Net 7 Leihbibliothek ſ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur! von— 8 ſ 1 Eduard Ottmann in Gießen,* Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von d jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ſ 2—— auf 1. Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. Mk.— Pf. „. 3„ 3— 4— ſſ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ ſſ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 9 1. 7 der Leſer lun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleiheze Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— Em⸗ rgens d von Stun⸗ ahme imme ſtattet und Sämmtliche Werke von Emilie Carlen. Aus dem Schwediſchen von Dr. C. F. Friſch, Subrector am deutſchen National⸗Lyceum in Stockholm. 4 Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. * 1848. Eine Nacht am Vnllarſee. Roman von Emilie Carlén. Aus dem Schwediſchen von Dr. C. F. Friſch, ⸗ Subrector am deutſchen National⸗Lyceum in Stockholm. Zweiter Theil. Siebentes bis zwölftes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1848. Fünftes Buch. Das Geheimniß. — betrachte die klugen Blicke der Frauen! ...........„Verzeihe: Ich hab' meine eignen Gedanken!“ v. Braun. Eine Nacht am Bullarſee. II. 4* Erſtes Kapitel. „Wiederhole mir lieber alles, damit ich höre, ob Du es auch verſtanden haſt!“ „O, ich hab's recht gut verſtanden und weiß alles ... Zuerſt ſollte ich zu den Eltern aller Schulkinder gehen, und ergebenſt grüßen und fragen, wie ſie ſich befinden, und ob die Herrſchaften nicht die Güte haben wollten, morgen Abend um ſechs Uhr meine Frau mit ihrem Beſuche zu beehren und eine Taſſe Thee bei ihr zu trinken und ein Butterbrod zu eſſen— war es nicht ſo 2 „Ja, richtig— aber weiter, meine gute Agneta! weiter!“ „Dann ſollte ich bei Lagmann*) Lindgréns nach⸗ hören, ob ich nicht ein halbes Stiege Eier zu leihen bekommen koͤnnte, welche ſie in der nächſten Woche zu⸗ rück erhalten ſollten. Bei Frau Groberg ſollte ich zwei Pfund Butter leihen, bei Frau Pärman ein Pfund Reis, und beim Bürgermeiſter ſollte ich auf das Schul⸗ geld der kleinen Aurora um fünf Pfund Licht bitten..⸗ war es noch mehr?“ „Nein, dießmals nichts, außer in den übrigen Kauf⸗ läden, was Du wohl ebenfalls weißt?“. „Ja wohl, ich ſollte Proben von kleinen Häringen und Thee begehren, und zwar in allen Läden, mich aber in Acht nehmen, merken zu laſſen, daß ich ſchon anders⸗ wo Proben genommen hätte. „Schön! Du biſt ein gutes Mädchen, und wenn *) Deutſch: Landrichter; wöͤrtlich: Geſetzesmann. . Anm. d. Ueb. es Dir gelingt, wie ich hoffe, ſo bekommſt Du meine blaugeſtreifte Schürze. Aber bitte ſie alle, daß ſie um Gotteswillen meiner Tochter kein Wort ſagen; denn erfährt ſie das Mindeſte davon, ſo iſt's aus mit der ganzen Freude.“ „Verlaſſen Sie ſich auf mich: ich will ihnen ſchon Beſcheid ſagen! Nun aber laſſen Sie mich gehen, ehe ich's vergeſſe!“ „Wart' ein wenig, liebe Agneta! Um alles in der Welt, nimm die Kumme mit und leihe ein QWuartier Syrup bei der Arnberg! Ich habe wohl noch ein wenig übrig von dem, welchen ich in der vorigen Woche von der Doctorin lieh; doch das verſchlägt nicht zur Blaubeerencrème.“ Agneta nahm die Kumme und ging, war aber kaum die Treppe hinab geſtiegen, ſo kam ihre Herrin ihr außer Athem nachgelaufen.„Agneta, Agneta! wenn Du die Simmerman'ſche ſiehſt, ſo ſchaffe ſte nach Hauſe! Und hörſt Du: ſage beim Bäcker zu, obgleich ihr kleiner Nils ſo ſehr beſchwerlich iſt, daß er uns ſo viele Zeit und Mühe koſtet, da wir uns mit ihm allein beſchäf⸗ tigen müſſen, ſo kann er dennoch in der nächſten Woche kommen, wenn ſie mir morgen früh drei Safrankuchen und die Würzbrode ſchicken wollen— ſage, daß Du das übrige baar bezahlen willſt.... doch ſieh, hier haben wir ja die Simmerman! Mach nun ſchnell, Ag⸗ neta, und ſteh nicht lange und vergeude die Zeit, ſonſt wird es nichts mit der blaugeſtreiften Schürze, die noch gar nicht gewaſchen und ſo gut wie funkelnagelneu iſt!“ Jetzt endlich durfte die ſchwer beladene Agneta ſich hinweg begeben, und die werthe Herrin eilte, ihre zweite Abgeordnete, die celebre Laufmadam, die unſterbliche Simmerman, entgegen zu nehmen, welche in der ganzen Stadt umher geweſen war, um Taſſen, Gläſer und eine Unendlichkeit von diverſen Dingen zuſammen zu leihen. „Meine gute Simmerman! hat Sie nun alles be⸗ kommen— und wie klang es in den Nachbarshäuſern? man wunderte ſich wohl überall?“ „Ja, das mag Einer wohl wiſſen, daß ſie die Naſe in's Naſſe legen und ausfragen würden, ſo viel ſie er⸗ fahren konnten! Und hätte ich nicht bei der Poſtmeiſterin und der Apothekerin ſo gut geſtanden, wie ich's that, ſo wäre weder aus dem Einen noch aus dem Andern etwas geworden. Aber ich verſtehe mich darauf, mit den Frauen zu reden, und der iſt noch nicht geſchaffen, um auf Erden zu wandern, der ſich in die Quere ſetzen kann, wenn die Simmerman'ſche ordentlich loslegt... Sehen Sie hier die Leuchter der Poſtmeiſterin.. hier die Taſſen.. Theeloͤffel und die Zuckerzange oben drein! Und ein Pfund Käſe und eine Kappe braune Bohnen auf Loviſa's Schulgeld. Ich glaube faſt, ich habe meine Aufträge ausgerichtet! Und ſehen ſie hier von der Apo⸗ thekerin die Gläſer, die Präſentirteller und die Thee⸗ kanne und die Vanille und die Kardamomen und die eingemachten Himbeeren! Schicken Sie eine Andre, um das alles zuſammen zu ſchaffen! So viel aber will ich ſagen: die Apothekerin ließ ein Wort davon fallen, daß die Mamſell ſo gut ſein könnte, ihr eine neue Haube und einen neuen Kragen zur Kindtaufe bei Berglunds in der nächſten Woche apart zu nähen.“ „Zehn Hauben, liebe, vortreffliche Simmerman! Eine Frau wie die Simmerman giebt's in der ganzen Chriſtenheit nicht mehr, und daß Ihre Tochter frei gehen ſoll, ſo lange ich Schule halte, das ſchwöre ich!... Nun aber wollen wir nachdenken, woher wir einen Braten nehmen: ich muß einen Braten haben, und der darf nicht klein ſein; aber ich habe nicht mehr Geld, als ungefähr zu der Hälfte, denn die Schillinge ſollten unter ſo viele Hände vertheilt werden, daß ich nichts Großes bezahlen kann.. doch warte Sie, warte Sie, Madame Simmerman! gelingt uns nur unſ're Anrich⸗ tung, ſo daß die armen jungen Männer Gelegenheit —— haben, um ſie anzuhalten, ſo wäre es wohl der Henker ſelbſt, wenn vier Freier auf einem Brette Abſchlag be⸗ kommen ſollten; und nimmt ſie nur Einen von den Dreien— für den Vierten, dieſen Toujours⸗Lieutenant, der weiter nichts hat als ſeine Himmelsaugen, will ich nicht zwei Halme in's Kreuz legen— ſo ſind wir auf dem Trocknen; und kann ich im folgenden Jahre die Hochzeit ausſteuern, ſo ſoll Sie, Simmerman, ſchwarze Bombaſin zu einer Schürze, ein hübſches Tuch und eine neue Mütze haben, das verſpreche ich Ihr, und noch obendrein ein Douceur an Geld, das ſich gewaſchen haben ſoll!“ „O, ich will nimmermehr glauben, daß ſich nicht der Fleiſcher für's Erſte mit der halben Bezahlung be⸗ gnügen ſollte. Geben ſie nur das Geld her, ſo will ich ſchon mit ihm plaudern; und ich will nicht Simmerman heißen, wenn ich nicht einen Braten ſchaffe, ſo daß Sie und andre Leute dazu ſich ſatt daran eſſen können... Aber im Uebrigen, unter uns geſagt, iſt's wohl der T— ſelbſt, daß ſie ſo Kerlſcheu ſein ſoll, daß ſie es keinem Einzigen erlaubt, um ſie anzuhalten, und daß ſolche Colifeien angerichtet werden ſollen, um das eingefädelt zu bekommen!“ „Wollen Gott danken, Simmerman, wenn es ſo nur geht! Ehedem— o ja, es iſt noch nicht ſo lange her— da konnte ſie ſieben Antworten auf eine Frage geben: jetzt iſt's anders, und wer kann die Urſache einer ſolchen Veränderung ergründen? Wenn ſie nur nichts davon zu wiſſen bekommt! Ich bin höchſt er⸗ freut, daß die Majorin Minten ſie zu ſich bat, um ihr während dieſer Tage zu helfen, und ich glaube nicht, daß ſie vor morgen nach Hauſe kommt; dann aber will ich ihr ſagen laſſen, daß ich angelegentlich mit ihr zu reden habe.“ „Und da wird ſie große Augen machen, wenn ſie ſo viel Licht und den Saal voller Leute ſieht!“ g RSSAAee d eine einem ſolche fädelt es ſo lange Frage rſache e nur Zſt er⸗ m ihr nicht, er will ihr zu un ſie „Nein, es geht gar nicht an, daß ſie es nicht ein wenig vorher erfährt, damit fie Zeit hat, ſich anzuziehen und etwas zu ſich ſelbſt zu kommen.... Doch hier, meine gute, beſte Simmermann, iſt das Geld: ich ver⸗ laſſe mich auf Sie tauſendmal mehr als auf mich elbſt!“ 4, Simmerman unterließ auch nicht, die hohen Hoffnungen zu rechtfertigen, welche man auf ihre werthe Perſönlichkeit geſetzt hatte. Der Braten konnte für ein Wunderwerk gelten, wenn man in Erwägung zieht, daß er nur halb bezahlt war, und die ganze Anordnung, wenn man auch hier die zuſammengeliehenen Reſourcen der Anordnerin in Erwägung zieht, wurde ein Non plus ultra von gelungenen Föten. Der Thee wurde beſonders belobt.„Frau Schweſter! wo kaufen Sie Ihren Thee?—„Welche Art von Miſchung haben Sie gewöhnlich?“ waren Fragen, welche die Wirthin erröthend und lächelnd in den Wind zu ſchlagen ſucht, denn wie konnte ſie geſtehen, daß er aus Proben von wenigſtens zehn verſchiedenen Stellen beſtand? Ehe jedoch der Theetriumph in die Feierlichkeit des Tages Leben zu ſetzen Gelegenheit hatte, mußte die werthe Frau einen hoͤchſt peinigenden und unangenehmen Augenblick ertragen, nämlich ungefähr eine Stunde vor der Ankunft der Gäſte; da ſie ihre nach Hauſe be⸗ rufene Tochter erwartete. Das Lokal der Anordnungen beſtand aus zwei Zimmern, einem ziemlich großen Saale, in welchem man gewöhnlich arbeitete, und einem kleinen Gemache, dem gemeinſchaftlichen Arbeitszimmer der Mutter und Tochter. In dem feſtlich geſchmückten Saale ging die zärtliche Mutter gegen fünf Uhr auf und ab und ordnete die Theetaſſen und das Brod wenigſtens zum zehnten Male. Die dunkle Herbſtdämmerung war eingetreten, und zwei von den Lichtern der Bürgermeiſterin brannten ſchon in blank polirten meſſingenen Leuchtern, als ſich auf der Hausflur leichte Schritte vernehmen ließen. Die Mutter öffnete ſelbſt die Thür.„Willkommen, liebe Conſtance!“ „Was bedeutet das? Was wollen wir mit allen dieſen Lichtern und aller dieſer feierlichen Pracht?“ fragte eine Stimme, in welcher man kaum im Stande war, eine geſchwiſterliche Aehnlichkeit mit dem lebhaften und friſchen Silberklange in dem Tone der Conſtance Waller zu erkennen. „Ach, mein geliebtes Kind, frage doch nicht ſo kalt! Du verſtehſt wohl, daß ich Deinen Geburtstag habe feiern wollen! Laß mich nun Dich umarmen, und Dir Glück wünſchen an dieſem Tage, der, wie ich hoffen will, Dir ein frohes Feſt werden ſoll, wie er Deiner Jugend anſteht!“ „Wie er aber unſrer Armuth keinesweges anſteht! Glaube nicht, gute Mutter, daß ich undankbar bin— weit entfernt; doch warum wollen wir uns den An⸗ merkungen und dem Gelächter preis geben, da wir doch beides vermeiden können? Man wird uns tadeln wegen dieſer Ausgabe, und man hat ein Recht dazu!“ „Ich hoffe im Gegentheil, daß ſie uns recht herzlich danken ſollen. Es iſt ſo luſtig, jetzt im Herbſte einmal umzuſchwenken; die jungen Leute tanzen und die alten ſehen zu!“ „Tanzen?“ wiederholte Conſtance mit einem allzu deutlichen Ausdrucke der Mißbilligung.„Kommen hier denn noch Andere, als die Mütter der Kinder?“ „O ia, gewiß kommen auch einige Andre.... Sieh aber nicht ſo betrübt aus— wirſt Du denn nie in der Welt mehr vergnügt werden?⸗ „Wir wollen tanzen,“ fiel Conſtance ein,„und es iſt noch nicht anderthalb Jahre her, da wir den Vater zu Grabe geleiteten!“ „Liebes Kind, nicht brauchſt Du mich an den Tag zu erinnern! Mein Verluſt war wohl der unerſetzlichſte; doch habe ich mich tröſten und einſehen müſſen, daß was der Herr that, das war gut und zu rechter Zeit ommen, it allen fragte e war, en und Waller ſo kalt! g habe nd Dir hoffen Deiner nſteht! bin— n An⸗ r doch wegen erzlich inmal alten allzu n hier gethan. Wie wurde Vater nicht verzehrt von dem Kummer, daß er gezwungen war, immer größere und größere Schulden zu machen! Eine kurze Zeit ſah es aus, als wollte es heller werden, dann aber wurde es wieder finſter; und hätte er das Leben behalten.... Doch, liebes Kind, wir wollen uns unſre Freude nicht abſtchtlich verbittern! Gute Menſchen ſind uns ſowohl vor, als auch nach Vaters Hingange, mit Rath und That zu Hülfe gekommen; und obgleich ich die kleine Ulla, meinen Augenſtern, die dem Vater nachfolgte, nimmermehr vergeſſen kann, ſo ſehe ich dennoch ein, daß ſo Mancher mehr Urſache zu klagen hat: wir haben ja unſer Auskommen von der Schule. Es war eine Schickung von der Vorſehung, daß wir hierher zogen!“ „Ja,“ ſagte Conſtance, indem ſie mit ihrem feinen Händchen mechaniſch über die Stirne fuhr,„es war eine Schickung von der Vorſehung! Doch, liebe Mutter, wir ſind ja arm— woher iſt denn das alles gekommen? Wir ſollten keine Schulden machen!“ „Ach, laß mich doch nun ungeſtoͤrt meine Freude genießen! Du ſollſt nie ein Wort von der Schuld hören, denn das Wenige, was ich geliehen habe, das geht von dem Schulgelde vieler Kinder ab, nnd dann kannſt Du Dir nimmermehr vorſtellen, wie klug ich es gemacht habe. Beunruhige Dich über gar nichts, ſondern ſei noch einmal fröͤhlich mit den Fröhlichen— verſprich mir das, mein Conſtanzchen!“ „Man darf nicht mehr verſprechen, als man halten kann. Fröhlich, liebe Mutter, auf die Art wie Du es forderſt, kann ich nicht ſein; doch will ich verſuchen, mich nicht undankbar zu beweiſen.“ „Und nun geh in die Küchenkammer und kleide Dich, mein ſüßes Kind; kleide Dich mit Geſchmack und Anmuth... Du weißt, wie viel der Anzug thut, be⸗ ſonders im Tanze!“ „Ich kleide mich nicht zum Tanze, denn ich habe das Tanzen abgelegt!“ „Himmel! Das Tanzen abgelegt, Du, ein neun⸗ zehnjähriges Mädchen? Nein, das geht zu weit! Ich ſage: ich begreife Dich nicht: Du machſt mir wirklich großen Kummer!“ „Hüte Dich, liebe Mutter, daß uns Gott nicht ſtraft, wegen einer ſo leichtſinnigen Aeußerung! Der Tag könnte kommen, da ich Dir noch größeren Kummer mache, als den, daß ich nicht tanze!“ „Ach, mein Kind, Du biſt ſo ſtreng in Deinen Grundſätzen und Aeußerungen! Ich weiß recht gut, daß dieſes im Ganzen eine Kleinigkeit iſt; doch für heute, da ich um deinetwillen ein Feſt angeordnet habe, wäre es keine Kleinigkeit. Es würde mir ſehr ſchmerzhaft ſein, wenn man ſagte: Die arme Frau Waller! Sie hatte nichts für ihre gute Abſicht. Con⸗ ſtance verachtete dieſelbe und zeigte nicht einmal ſo viele Nachgiebigkeit und Achtung gegen ihre Mutter, daß ſie dieſes Gefühl verbarg: ſie machte ſich im Gegentheil eine Ehre daraus, es dadurch zu zeigen, daß ſie nicht tanzte!“ „Sei ruhig, Mutter! Es iſt wahr, daß ich nun⸗ mehr dieſe Art von Vergnügen nicht liebe; doch lieber, als daß ich ein ſolches Beiſpiel von kindlicher Undank⸗ barkeit gebe, will ich tanzen. Ich wünſche, daß Du mir dagegen verſprächeſt, nie wieder etwas dergleichen um meinetwillen anzurichten.“ „Das verſpreche ich gewiß, mein Kind! ich ver⸗ ſpreche alles, was Du willſt, wenn Du Dich jetzt nur wie geſagt, ohne Zeitverluſt anziehſt. Die Uhr iſt ein Viertel auf ſechs, und um ſechs Uhr haben wir die Fremden hier!“ neun⸗ ! Ich wirklich t nicht ! Der ummer entheil e nicht nun⸗ lieber, ndank⸗ Zweites Kapitel. Ein großer Theil der eingelade nen Gäſte hatte ſchon ihre Plätze eingenommen, als die Heldin des Feſtes eintrat. Conſtance trug ein weißes Kleid von Neſſeltuch ohne jeglichen Schmuck. Ihr glatt gekämmtes Haar bog ſich in einer anmuthsvollen Rundung um die ovale Wange, erhob ſich dann zu dem kleinen Ohre hinauf und fiel zu beiden Seiten in einer langen Locke auf den Hals herab— im Nacken wurden die reichen Flechten von einem ſchwarzen Perlenkamm zuſammengehalten. In dieſer ſo einfachen und prunkloſen Kleidung er⸗ ſchien jedoch ihre Schönheit weit imponirender als früher; und obgleich ſowohl ihr Aeußeres und ihr Weſen eine andere Farbe und einen andern Ton angenommen hatte, obgleich das lächelnde Jugendleben gleichſam vor dem Hauche eines ſtrengen und tiefen Ernſtes abgeſtreift zu ſein ſchien, ſo hatte dennoch ihre angeborne Anmuth nichts gelitten, was daraus hervorging, daß in dieſem Augenblicke wirklich vier junge Männer mit verzweifelter Anſtrengung um die Ehre ſtritten, ihre Kaltfinnigkeit zu beſiegen. Niemand wußte, niemand ahnte, niemand konnte ſich nur die entfernteſte Vorſtellung von Conſtancens außerordentlicher Veränderung machen. Doch ſchien dieſe eben ſo wenig von einer krankhaften Reizbarkeit, noch aus Milzſucht oder Betrübniß herzufließen. Sie ſah niemals traurig, niemals aufgeregt, niemals zerſtreut oder verſtimmt aus, ſondern nur ruhig und ernſt; ſtets ruhig, ohne Freude, ohne Schmerz. Und dieſer Zuſtand hatte nun ſchon mehre Monate, ja wohl ein halbes Jahr gedauert. ——9YT ——— Die Nachricht von dem Tode ihres Vaters traf Conſtance kurz nach dem Zeitpunkte, da wir vor etwas über anderthalb Jahren von Oernwik Abſchied nahmen. Damals war ſie trotz aller Ueberredungsgründe der Con⸗ ſulin nach Hauſe gereiſt, um die Betrübniß ihrer Mutter zu theilen, und ihr zu einer Hülfe und Stütze zu die⸗ nen, denn Conſtance wußte allzuwohl, daß ihre Mutter zu dieſen Frauen gehörte, die keine Art von Oekonomie in Ordnung bringen können. Obgleich aber Conſtances Herz einen Vater tief betrauerte, der ſich ſtets gütig und liebend gegen ſie gezeigt hatte, ſo mußte dennech ihre Vernunft geſtehen, daß ſein Hintritt für die Ueber⸗ lebenden das beſte war, und daher ging die Trauer in einen leichten Schatten über, welcher ſich allmälig, da ſie im Stande war, ihre Lage zu überſehen und Pläne für die Zukunft zu entwerfen, immer mehr und mehr unter dem Einfluß eines friſchen und thätigen Lebens auflöſte. Sie war mit ihrer Mutter in eine der größten Städte des Reiches gezogen, und es war ihnen hier mittelſt einiger alter Verbindungen gelungen, eine Schule einzurichten, welche eigentlich in allem, was den Unterricht betraf, von Conſtancen geleitet wurde. Als dieſes beſchwerliche Leben begann— welches ihr Stolz ihr zu einer Ehrenſache machte, der jährlichen Unterſtützung vorzuziehen, die der Conſul Löwe ihrer Mutter angetragen hatte— ſeufzte Conſtance des Ta⸗ ges wohl hundertmal, und ſie lachte bald und bald ver⸗ zweifelte ſie über die Trägheit und Stumpfheit ihrer Ele⸗ ven; doch dann war ſie auch wieder fröhlich, bewegte ſich ſo leicht wie der Vogel in der Luft und ſchrieb Briefe voll überſprudelnder Fröhlichkeit und luſtiger Vorleſungen an Evelyn, welche in ihnen immer ihre theure Con⸗ ſtance zu hören vermeinte. Dann aber kam eine andere Zeit; ſie hörte nach und nach auf, über die Kinder und über die Beſchwer⸗ lichkeiten der Schule zu klagen, ſie ſtand ihr ſtill und rs traf etwas ahmen. er Con⸗ Mutter zu die⸗ Mutter onomie ſtances gütig dennoch Ueber⸗ auer in ig, da Pläne d mehr Lebens rößten hier gelaſſen vor, tanzte und zwitſcherte nicht mehr wie die Vogel in der Luft und ſchrieb an Evelyn entweder Ab⸗ handlungen ſo ernſt und trocken, daß Evelyn dabei gähnte, oder auch Briefchen ſo kurz und inhaltslos, daß Evelyn ſeufzte. Ihre frohe, friſche Stimme nahm zwar nichts Krankhaftes an, klang aber doch nicht mehr ſo jung, und erhielt ſogar bisweilen einen Zuſatz von har⸗ tem, rauhem unb kaltem Metallklang. Jetzt war ungefähr ein Jahr ſeit der Zeit verfloſſen, da Frau Waller ſich in zee niedergelaſſen hatte. Schon in der erſten Woche eroberte Conſtance die Herzen eines jungen Kaufmannes und eines jungen Offtziers; doch obgleich dieſe beiden Männer vollkommene Cavaliere waren und der Kaufmann die beſten Ausſichten auf die Zukunft hatte, ſo blieb Conſtance ihnen abgeneigt, ob⸗ gleich ſie ſich dabei immer ſo benahm, daß es unſicher war, ob ſie nicht dereinſt im Laufe der Zeiten ein Fünk⸗ chen Hoffnung geben könnte. Seitdem aber die große Umwandlung in Conſtances Weſen eingetreten war, zeigte ſie beiden Anbetern eine ſo entſchiedene Kälte, daß dieſe gewiß eingeſehen haben würden, wie fruchtlos ihre Bemühungen waren, und die Bemühung aufge⸗ geben haben würden, ſich ſtets von Neuem zu bemühen, wenn nicht eben dieſe Kälte ihre eigene Waͤrme auf den höchſten Punkt getrieben hätte. Mitten in dieſen verzweifelten Bekümmerniſſen wur⸗ den ſie jetzt von einer Einladung der Frau Waller über⸗ raſcht, und in der Entzückung that nun jeder ſich ſelbſt das heilige Gelübde, trotz jedes Hinderniſſes, jeder Widerwärtigkeit, eine Erklärung zu wagen. Von den beiden andern Bewerbern ſagen wir für's erſte noch nichts; ſie ſind Reiſende in der Stadt, und die übrige Geſellſchaft wird daher genug über ſie zu ſagen wiſſen. Conſtance bewegte ſich bei ihrem Eintritte in den Saal mit dieſer Grazie und Ungezwungenheit, die ge⸗ wiſſen weiblichen Weſen angeboren iſt, ſie mögen ſich e in der anſpruchsloſen Kammer oder in dem blendenden, mit Leuten überfüllten Salon zeigen. Während ſie an der Reihe entlang ging, um die Glückwünſche entgegen zu nehmen, hatte ſie für jede der Damen einige ver⸗ bindlichen Worte als Dank für ihre Artigkeit, das„Im⸗ promptu“ der Mutter zu beſuchen; und um ihretwillen, um ihrer ſtolzen Demuth willen, welcher man von kei⸗ ner Seite beikommen konnte, wurde auf manchen Lippen das Lächeln unterdrückt, und die ſcharfen Pfeile, die ſchon begonnen hatten, gegen die erfindungsreichen An⸗ ordnungen der armen Frau Waller nach allen Richtun⸗ gen hin zu fliegen, wurden abgeſtumpft an der entwaff⸗ nenden Liebenswürdigkeit der Tochter. Wenn man ſie ſah, ſo hatte man nicht den Muth, boshaft zu ſein, denn viele waren der Frauen in der Geſellſchaft, welche Ver⸗ ſtand genug hatten, einzuſehen, daß Conſtance trotz der Herrſchaft, die ſie über ſich ſelbſt beſaß, von den Auf⸗ merkſamkeiten und Artigkeiten, deren Zielſcheibe ſie wider lhem eigenen Willen war, ſich auf das höchſte beläſtigt ühlte. „Sie iſt ein im höchſten Grade vernünftiges und vortreffliches Mädchen,“ ſagte eine Frau zu ihrer Nach⸗ barin,„und ich würde es einem Jeden übel nehmen, der ſo wenig Feingefühl hätte, es ihr merken zu laſſen, wie ſinnreich ihre Mutter ihre Armuth zu erſetzen weiß.“ „Ich meines Theils,“ entgegnete die Angeredete, „bewundere die Scharfſinnigkeit der Mutterliebe allzu ſehr, als daß ich ſie im Ernſt tadeln könnte, obgleich ich wiederum aufrichtig geſtehe, daß ich zu Hauſe recht herzlich lachte, als es mir einfiel, daß beim Souper jede von uns ihre Sachen wiederſehen würde.“ „Nun, was dieſes betrifft, ſo glaube ich nicht, daß in einem kleinen Scherze unter zwei Augen mit ſich ſelbſt oder unter vier Augen mit einer guten Freundin etwas Böſes liegen kann, wenn man ſich nur in Acht nimmt, denjenigen zu beleidigen, den es betrifft... Hatte aber Conſtance wirklich nicht die geringſte Ahnung von daß Maje ſie de hatte weiß Meir Welt daß leiſe nen, habe Kau der zu t wie tena Ha, ei, recht alte ſo k ja d dem nich ſo n ſage geſi der enden, ſie an tgegen e ver⸗ „Im⸗ villen, on kei⸗ Lippen 2, die in An⸗ ichtun⸗ twaff⸗ an ſie „ denn e Ver⸗ ötz der 3 Auf⸗ wider läſtigt s und Nach⸗ n, der n, wie iß." redete, allzu gleich recht bouper t, daß ſelbſt etwas immt, Hatte g von 15 demjenigen, was ihrer hier wartete? Ich habe gehört, daß ſie in den letzten Tagen bei Ihnen, meine gnädige Majorin, geweſen iſt.“ „Nein, meine ſüße Frau K— l ich betheuere, daß ſie davon nicht einmal die allerentfernteſte Vorſtellung hatte. Conſtances Gemüth beſchäftigt ſich, Gott allein weiß, womit; hätte ich nicht eine ſo ausgezeichnet gute Meinung von ihr, ſo...“ „So.... ach, fahren Sie fort, um alles in der Welt!“ 8, ſch!... reden Sie leiſe! mir iſt bange, daß uns Jemand betrachtet!... Nein, wir dürfen nicht leiſe reden! Laſſen Sie uns von etwas Anderem begin⸗ nen, und nachher hierauf zurück kommen!... Aha, da haben wir ja zwei von ihren Freiern: unſer junger Kaufmann ſteuert von der einen Seite auf ſie zu und der Lieutenant von der andern! Ja, jetzt bekommt ſie zu thun! Sie verneigt ſich wirklich charmant... ach, wie ſelig ſehen die aus!— Sie ſollen ſehen, der Lieu⸗ tenant läuft unſerm kleinen Silléen den Rang ab... Ha, ha, hal ſie retirirt ſich hinter den Theetiſch! Ei, ei, meine Herren! Dießmal zog die Schraube nicht!“ „Meine ſüße, gnädige Majorin! jetzt plaudert man rechts und links— haben Sie nun die Güte, jenes alte Gemälde dort vor uns an der Wand zu betrachten, ſo können wir ſprechen, ſo viel wir wollen. Es war ja die Rede von einem ſehr kitzlichen Punkte und von dem Urtheile der Frau Majorin über eine gewiſſe Perſon!“ „Ja, ich ließ eine Andeutung fallen, wenn ich nicht eine ſo ausgezeichnet gute Meinung von ihr hätte, ſo würde ich mich verſucht fühlen, Sie zu ändern.“ „Aber in des Himmels Namen, liebe Majorin, was ſagen Sie!“ „Ich? gar nichts; ich bewundere nur jenes Greiſen⸗ geſicht, beſte Frau K—; ſehen Sie, welche Falten an der Stirn!“ „Und welches Haar!“ fiel Frau K— ein, indem —— 3 — —— ——- ſie ihre Lorgnette darauf richtete; dann fuhr ſie leiſe fort:„Haben Sie Mitleiden mit meiner Unruhe, ich fühle eine ſolche Hochachtung für dieſes junge Mädchen, daß ich in Verzweiflung ſein würde, wenn ſie nicht alles wäre, was ſie zu ſein ſcheint!“ „Wir dürfen uns nicht übereilen! Seit mehreren Monaten zeigt ſich eine ſonderbare Veränderung in ihrem Weſen— oder iſt dieſe Veränderung vielleicht Ihrer Aufmerkſamkeit entgangen?“ „Weder der meinigen, noch der ihrer ſämmtlichen Bekannten; ich habe aber geglaubt, daß ihre und ihrer Mutter traurige Lage ſchuld daran wäre. „Nein, das kann nicht ſein. Zuerſt und vor allen Dingen war ihre Lage nicht beſſer, als ſie hieher kamen, und zweitens gehört Conſtances Charakter nicht zu der Art, daß er von dieſer Art von Unglück wie eine un⸗ verſchuldete, ehrliche Armuth iſt, gebeugt werden ſollte. Die Veränderung in ihrer Laune, ihrem Betragen, in ihrem ganzen Leben muß einen ganz andern Grund haben.“ „Ich bekenne, daß dieſe Worte mich in Erſtaunen ſetzen— ich wage es nicht, den Sinn derſelben zu er⸗ rathen.“ „Wohlan denn, ich will es verſuchen, einen Schlüſſel zu machen; wollen ſehen, ob es uns beiden dann ge⸗ lingt, das Räthſel zu löſen.... Laſſen Sie uns aber doch zuvor einige Worte mit unſern Nachbarinnen wech⸗ ſeln; ich will nicht, daß es ausſehen ſollte, als wären wir von unſerm Geſpräche intereſſirt.“ In der That waren jedoch die beiden Damen von ihrem Gegenſtande ſo intereſſirt, daß ſie die Nachbarin⸗ nen bald in Ruhe ließen, und die Majorin nahm, die Lorgnette auf das Greiſengeſicht richtend, von neuem das Wort: „Ich habe lange eine geheime Liebe geargwöhnt, und zwar erſtlich aus dem Grunde, weil ein armes Mäͤdchen ſich füglich nicht ſo angelegen zeigen kann, drei ehrenwerthe Vorſchläge los zu werden, wenn ſie dazu nicht i weil e und f ſchuldi Lieuten verſche dern f jorin, nicht chen, meine immer nigſten fertige verſtel men 2 gute ſonder und n Neuer gleich Wicht ſamkei Eine e leiſe he, ich ädchen, öt alles ehreren ihrem Ihrer atlichen d ihrer r allen kamen, zu der ne un⸗ ſollte. en, in aben.“ tkaunen zu er⸗ chlüſſel un ge⸗ s aber wech⸗ wären en von hbarin⸗ m, die neuem vöhnt, armes I, drei 2 dazu 17 nicht ihre triftigen Gründe hätte, und zweitens darum, weil es ſelten der Fall zu ſein pflegt, daß ein junges und freies Mädchen das kleine Vergnügen einer un⸗ ſchuldigen Courtoiſie von einem jungen und ſo hübſchen Lieutenant, wie unſer Adonis dort auf der Thürſchwelle, verſchmähen würde, wenn nicht ihr Herz für einen An⸗ dern ſpräche.“ „Ach ja, das iſt ſo wahr, meine beſte Frau Ma⸗ jorin, daß ich gar nicht begreifen kann, warum ich nicht ſchon längſt daran gedacht habe! Aber in Gottes Namen, wen ſollte ſie lieben— man hat ja doch kein Wort von einem fünften Courmacher gehört?“ „Es gibt viele Dinge in der Welt, von denen man nie etwas erfährt, und meines Erachtens ſind gerade diejenigen, welche das wenigſte Geräuſch von ſich ma⸗ chen, die allergefährlichſten.“ „Das iſt meiner Treu gar ſehr möglich; doch wozu ſollte hier wohl die Heimlichkeit dienen? Sie hat ja ihre Freiheit, zu heirathen, wen ſie will!“ „Die hat ſie gewiß; aber es gibt Liebeshändel, meine beſte Frau K—, in denen die Aufloͤſung nicht immer eine Hochzeit iſt!“ Bei dieſer kühnen Anſpielung hatte Frau K— we⸗ nigſtens die Güte, zu erröthen, ehe ſie nach einem eil⸗ fertigen Blicke um ſich her leiſe antwortete:„Ach, ich verſtehe, ſie iſt der Gegenſtand der Blicke eines vorneh⸗ men Mannes!“ „Ich habe nichts geſagt! Bedenken Sie, meine gute Frau K—, daß dieſer Gedanke nicht von mir, ſondern von Ihnen ſelbſt kam! Was ich als wahr weiß, und wofür ich mich verbürgen kann, iſt folgendes: Jetzt aber mußten ſie ihr lebhaftes Geſpräch von Neuem unterbrechen; denn die beiden Perſonen, welche gleich hinter einander eintraten, waren von allzu großer Wichtigkeit, als daß unſre Frauen ſie ohne Aufmerk⸗ ſamkeit hätten paſſiren laſſen können. Der erſte war ein junger, recht hübſcher Mann von Eine Nacht am Bullarſee. UI. 2 einem Aeußern und anſtändigen Manieren. Er war ſichtbarlich hier weit mehr zu Hauſe, als irgend einer von den Uebrigen, ſagte zu Frau Waller„Tante“ und zu Conſtance„Du“, und zeigte ſich überhaupt als eine Perſon, die der erſte Hahn im Korbe zu ſein glaubt. „Das iſt ganz gewiß der Doctor Wilſon!“ ſagte Frau K— mit prüfendem Blick.„Das iſt ein ausge⸗ zeichnet netter junger Mann, und nimmt ſie ihn nicht, ſo iſt ſie merkwürdig!“ „Beſonders, da er vor einigen Jahren ſchon einmal um ſie angehalten hat. Er iſt derjenige, welcher das große Vermögen ihres Onkels erhielt, und der ſich von dem Augenblicke an, da er es erhielt, alle erſinnliche Mühe gegeben hat, es mit ihr theilen zu dürfen.“ „Aeußerſt ſchön, wirklich ehrenwerth und großmü⸗ thig, beſonders daß er unermüdlich iſt und ſie wider ihren eigenen Willen in den Schooß des Glückes zu verſetzen ſucht!“ „Ja, es iſt zum Erſtaunen; doch die Liebe wirkt ſonderbare Wunder... vielleicht iſt es nicht das Kleinſte, wenn man ſieht, wie jener häßliche Herr, welcher jetzt kommt, ſich an die Seite dreier, ſo ſchöner und ele⸗ ganter Männer ſtellt, um das Herz der Spröden zu fangen. Ich bin überzeugt, daß nur die Liebe ihm den Muth gibt, den Seitenblicken und ſpöttiſchen Mienen zu trotzen, die über ihn herregnen.“ „Aha, der da, der da 2..Wie heißt er doch noch? was iſt er eigentlich?“ „Er heißt Carlberg, Carlbonn oder Carleborg— ich weiß wirklich nicht recht. Er ſoll Inſpektor, Ver⸗ walter oder ſo etwas ſein; aber er hat Geld und beab⸗ ſichtigt, ſich ein eigenes Gut zu kaufen. Uebrigens ſoll er ein ſehr achtungswürdiger Mann ſein.“ „Sehr gut und achtungswürdig, das habe ich auch gehört; aber, Du lieber Gott! mit ſeinem Aeußern hat er gewiß nicht viel Hoffnung an der Seite ſeiner drei Nebenbuhler!“ Werth ſie ihr — er grauer ſagen: iſt für mahlt „8 Major auf di welche komme die M 8 1 „ gute 2 zu kon Somm lohnun unſere Er war end einer nte“ und als eine glaubt. 1“ ſagte in ausge⸗ ihn nicht, on einmal elcher das r ſich von erſinnliche fen.“ großmü⸗ dider ihren u verſetzen eiebe wirkt 1s Kleinſte, elcher jetzt er und ele⸗ ppröden zu de ihm den en Mienen doch noch? arleborg— ktor, Ver⸗ und beab⸗ brigens ſoll abe ich auch Aeußern hat ſeiner drei 19 „Wer weiß, die Tüchtigkeit hat ebenfalls ihren Werth, und vielleicht träfe ſie die beſte Wahl, wenn ſie ihn nähme. Sehen Sie nur, wie er ſich vordrängt — er iſt meiner Treu nicht blöde! Seine freundlichen, grauen Augen ſcheinen zu den andern Courmachern zu ſagen:„Gleiches Recht, meine Herren! die Landſtraße iſt für Alle da, und wer zuerſt zur Mühle kommt, der mahlt zuerſt!“ Frau K— lachte über das glückliche Talent der Majorin, die Augenſprache zu überſetzen, während beide auf die Worte ihrer Nachbarin zur Linken lauſchten, welche wiederum ihrer Nachbarin erzählte, wie es ge⸗ kommen war, daß der Bruksverwalter Carleborg ſich in die Mademoiſelle Conſtance verliebt hätte. „Nun, wie ging es damit?“ „O, das iſt ſehr hübſch! Er pflegt immer, der gute Bruksverwalter, einigemal des Jahres zur Stadt zu kommen, um Getreide zu verkaufen. Im letzten Sommer blieb er hier länger als gewöhnlich— und weiß ein Menſch weßhalb? Ja, um nach einem Tage⸗ löhner zu ſehen, welcher gefallen war und das Bein gebrochen hatte, als er eine Tonne Roggen auf den Speicher trug. Aber das Gute hat immer ſeine Be⸗ lohnung im Gefolge: bei dem Tagelöhner bekam er unſere ſchöne Conſtance zu ſehen, deren kleines liebens⸗ würdiges Steckenpferd es ebenfalls iſt, ſtets Andern Hülfe zu bringen, obgleich ſie ſelbſt nichts hat. Sie kannte die Frau des armen Tagelöhners, welche Frau Wallers Waſchfrau iſt, und daher kam Conſtance oft in den Abendſtunden dahin, um ſich nach der betrübten Familie umzuſehen. Der Bruksverwalter, welcher das beſte und freundlichſte Herz von der Welt hat, verliebte ſich bis über die Ohren in den mitleidigen Engel, den er faſt täglich traf, und ſeitdem iſt er nun ſchon inner⸗ halb weniger Monate zum dritten Male in der Stadt, ohne daß der geringſte Zweifel über die Abſicht ſeiner Reiſen ohwaltet,“ „Entſchuldigen Sie,“ ſagte die Majorin, indem ſie ſich artig vorbeugte,„iſt es erlaubt, ſich nach dem Na⸗ men und der Wohnung des Tagelöhners zu erkun⸗ digen?“ „Beides iſt kein Geheimniß, mein gute Frau Majorin: der Tagelöhner, welcher jetzt wieder geſund und wohl⸗ auf iſt— Dank dem guten Herzen des ehrlichen Bruk⸗ verwalters, der für ihn den Arzt und alles Andere be⸗ zahlte— heißt Nicke Mattsſon, und wohnt an dem langen Plan dicht neben dem Geländer zwiſchen Lind⸗ bergs und Palmens Gärten.“ „Aha!“ ſagte die Majorin, indem ſie die Miene annahm, welche nichts ſagen will. Doch der Frau K. flüſterte ſie mit vertraulichem Blinzeln zu:„Die In⸗ trigue ſchürzt ſich— wir wollen bald unſer Thema wieder aufnehmen!“ Während die Damen auf eine paſſende Gelegen⸗ heit hierzu warten, wollen wir inzwiſchen einen Blick auf Conſtance und ihre Anbeter werfen. Drittes Kapitel. Der Thee war getrunken, Conſtance hatte keine Verſchanzung länger, und ging daher, um ſich neben eine junge Frau ihrer näheren Bekanntſchaft zu ſetzen; da aber dieſe zufällig dem Handelsſtande angehörte und als Schwägerin in einem nahen Verhältniſſe zu dem oben genannten Sillén ſtand, ſo glaubte dieſer das Recht zu haben, ſich Conſtance bis auf zwei Schritte zu nähern. Wer konnte es ihm wohl verdenken, wenn er mit ſeiner Schwägerin reden wollte? 3 Um Conſtance von einer ſo großen, ſichtbar ge⸗ mißbilli Wilſon um den da aber ſtance 1 Lieutene für gut nöthig ſondern Di wie ma alter F ſein, j Er war ſehen, den jun beiden ließen. blieb, ſi Entſchlt hatte, n Raum ſtance e nirt an em ſie m Na⸗ erkun⸗ ajorin: wohl⸗ Bruk⸗ ere be⸗ an dem 1 Lind⸗ Miene frau K. die In⸗ Thema Gelegen⸗ en Blick atte keine ch neben etzen; da e und als dem oben Recht zu u nähern. mit ſeiner htbar ge⸗ 21 mißbilligten Naſeweisheit zu retten, nahm der Doctor Wilſon einen Stuhl und ſetzte ſich an ihre andere Seite, um dem Kaufmanne wenigſtens die Stange zu halten; da aber dieſes Haſchen nach ihrer Aufmerkſamkeit Con⸗ ſtance noch beſchwerlicher werden mußte, ſo fand der Lieutenant, von ſeiner ritterlichen Geſinnung aufgefordert, für gut, ſich gerade vor ſie zu ſtellen, damit ſie nicht nöthig hätte, unaufhörlich rechts oder links zu ſehen, ſondern ihre Blicke und Worte zu theilen vermöchte. Dieſe Stellung hätte für drei recht gut ſein können; wie man aber weiß, waren der Herren vier, und unſer alter Freund Leonard ſchien keinesweges geſonnen zu ſein, jeden Gedanken an eigenen Vortheil aufzugeben. Er war zu klein, um über den Lieutenant hinweg zu ſehen, und faſt zu corpulent, um ſich zwiſchen ihn und den jungen Kaufmann zu drängen, beſonders da dieſe beiden Herren zwiſchen ſich gar keinen Platz übrig ließen. Da ihm alſo nur ein einziger Ausweg übrig blieb, ſich bemerkt zu machen, ſo faßte er ſchnell ſeinen Entſchluß, und ehe ein Menſch ſeine Abſicht geahnt hatte, war er an ihnen vorbeigeſegelt, hatte den kleinen Raum zwiſchem dem Stuhle des Doctors und der Con⸗ ſtance eingenommen, und lehnte ſich dann ganz unge⸗ nirt an die Lehne des erſtgenannten. Jetzt war Conſtance im buchſtäblichen Sinne des Wortes belagert, und war nicht im Stande, die Hälfte der intereſſanten Fragen und Anmerkungen zu beant⸗ worten, die auf ſie herabhagelten. „Darf ich die Ehre haben, um den erſten Walzer zu bitten?“ fragte der junge Kaufmann. „Der erſte Walzer,“ bemerkte der Lieutenant mit einem mitleidigen Blicke,„hat, ſeitdem ich letzt die Ehre hatte, Fräulein Wallers Geſellſchaft zu proſitiren, auf⸗ gehört à prendre zu ſein.“ „Ich ſollte meinen, er hätte früher aufgehört à prendre zu ſein!“ ſiel der Doctor ein, indem er mit einem zärtlichen Blicke an Conſtance appellirte.„Ent⸗ ſinnſt Du Dich nicht, daß ich vor mehren Monaten das Verſprechen erhielt, ich ſollte zum erſten Walzer den Vorzug haben, falls wir uns in dem gegenwärtigen Herbſt oder Winter in einer Tanzgeſellſchaft träfen?“ „Ich entſinne mich deſſen!“ „Aber das Verſprechen, welches ich erhalten habe,“ proteſtirte der Lieutenant mit der liebenwürdigſten Miene von der Welt,„läßt ſich doch ſo leicht nicht rückgängig machen!“ „Warum denn nicht?“ fragte Conſtance kurz. „Warum? O, Du mein Gott, eine ſolche Frage muß eine Dame thun, ſonſt läßt ſie ſich nicht erklären! Wann gab wohl der Sieger freiwillig die eroberte Fahne zurück? Ich ſollte meinen, er wird ſie lieber mit Leib und Blut vertheidigen, als daß er ſie feige aus den Händen gibt!“ „Recht ſchön!“ entgegnete der Doctor.„Wenn nun aber dieſer Sieger zufällig die Entdeckung machte, daß die Fahne durch einen Irrthum in ſeine Hände ge⸗ kommen wäre, ſo würden ihn wohl gewiſſe Ehrengeſetze verpflichten, fünf gerade ſein zu laſſen.“ „In Kriegszeiten weiß man nichts von Gerade und von Ungerade— man kennt nur ſeine Feinde!“ „Das alles,“ ſiel Conſtanee ein,„iſt ohne Wider⸗ rede recht naiv, und in jenen Zeiten, da ich noch mit Puppen ſpielte, wäre ich gewiß entzückt geweſen, einen Streit wie dieſen mit anzuhören, weil ich immer, da ich meine Puppen Balldamen agiren ließ, in der größten Verlegenheit war, welche Phraſen ich ihren Tänzern in den Mund legen ſollte; doch jetzt, wenn es den Herren beliebt“— die Kaltſinnige fuhr leicht mit dem Taſchen⸗ tuche über die roſigen Lippen—„glaube ich, wir reden von etwas Anderem!“ „Wenn ich einen Vorſchlag zur Güte machen dürfte,“ fiel Leonard ein, indem er ſich kühn vorbeugte, ſou... Er machte hier weislich eine Pauſe. „Nun, was häͤtten wir da zu erwarten?“ fragte Conſtan Ahnung ſpiegelte Sch buhlern ſchnell, mit ſein Art, do Herren erhalten tanzte, größten 2 Herr S zu dieſer gütiges Leo Uebriger mein Ze einmal ſchen lie tenant „ich we Hauſe us den nn nun te, daß nde ge⸗ ngeſetze ade und Wider⸗ och mit I, einen ner, da größten nzern in Herren Taſchen⸗ ir reden dürfte,“ ſou... fragte 23 Conſtance; und man konnte ſagen, daß wenigſtens die Ahnung von einem Lächeln ſich auf ihrem Antlitze ab⸗ ſpiegelte. Schon das war hinreichend, bei den andern Neben⸗ buhlern Eiferſucht zu erwecken, und dieſe wuchs eben ſo ſchnell, wie der Rieſe im Märchen, als unſer Leonard mit ſeiner gewöhnlichen Geradheit antwortete: „Wenn ich vorſchlagen dürfte, ſo ſollte die erſte Frage zuerſt beſeitigt werden, und zwar auf die Art, daß Mademoiſelle Waller, um keinen der beiden Herren zu beleidigen, die das Verſprechen zu dem Walzer erhalten zu haben behaupten, ihn mit keinem von ihnen tanzte, ſondern lieber einem dritten erlaubte, mit der größten Unterwürfigkeit darum anzuhalten.“ „Dieſer Vorſchlag war wirklich nicht übel; und da Herr Sillén ebenfalls die Artigkeit gehabt hat, mich zu dieſem Tanze aufzubieten, ſo nehme ich daher ſein gütiges Anerbieten mit Dank an!“ Leonard machte eine ſo fürchterliche Grimaſſe, daß die Uebrigen nicht anders als lachen konnten.„Gott iſt mein Zeuge,“ ſagte unſer guter Leonard, indem er noch einmal ſeinen Kopf vorreckte,„daß ich meine Mitmen⸗ ſchen liebe; doch ihnen in einem ſolchen Grade an die Hand zu gehen, das iſt noch nie meine Abſicht geweſen. Mademoiſelle Waller hat gewiß die Güte, mir einen Schadenerſatz zuzugeſtehen, und da dieſer nun nicht an⸗ ders als durch die erſte Quadrille gegeben werden kann, ſo erſuche ich Sie um die Erlaubniß, dieſelbe als mein Recht anſehen dürfen.“ „Ich hoffe,“ ſiel der Doctor ein, der es für paſſend erachtete, jetzt ſich ein wenig beleidigt zu zeigen,„daß Du, gute Conſtance, unſer Uebereinkommen nicht ganz vergeſſen wirſt!“ „Und ich hoffe gar nichts mehr,“ ſagte der Lieu⸗ tenant mit einer Miene voll intereſſanter Entſagung, „ich weihe mich künftig der Verzweiflung, bleibe zu Hauſe und ſtudire Goethe's Werther!“ ———————jjjj— —— Sichtbar beläſtigt, ſtand Conſtance auf unter dem Vorwande, mit einigen andern Gäſten reden zu wollen. „Ich hoffe,“ ſagte ſte mit hörbarer Verſtimmtheit,„der Abend wird lang genug ſein, um jedem, der es wünſcht, einen Tanz zu geſtatten!“ Es lag etwas ſo Kaltes und Zurückweiſendes in ihrem ganzen Weſen, daß das fröhliche Geſchwätz ſchwieg; und da jeder der vier Nebenbuhler ſich auf gleiche Weiſe zurückgeſetzt fühlte, ſo nahm auch jeder von ihnen eine Miene von verletzter Würde an, und begnügte ſich— da er ſeinen Verdruß über den Gegenſtand ihrer ge⸗ meinſamen Anbetung nicht ausſprechen konnte— den Andern die angenehmſten Sticheleien zu ſagen. Bei der erſten Quadrille war Leonard bei der Hand, als hätte ſein Recht ſich von ſelbſt verſtanden. Conſtance reichte ihm ihre Hand, und Leonard(welcher wirklich mit ſeinem ganzen warmen Herzen liebte) fühlte kaum noch, daß er auf Erden lebte, als er vor den Augen ſämmtlicher Nebenbuhler die beſtrittene Conſtance an den beſtimmten Platz führte. Während der erſten Pauſe im Tanze war Leonard etwas linkiſch und dachte darüber nach, wie viel leichter es wäre, nicht dumm und ängſtlich zu erſcheinen, wenn man Zeugen ſeiner Geſpraͤchigkeit hat, als wenn man ſich mitten im Geſellſchaftsgewimmel gewiſſer Maßen mit der Erkohrnen ſeines Herzens allein befindet. Endlich in der zweiten Pauſe hatte er wenigſtens 3 viel Muth, daß er mit einer Frage hervorkommen onnte: „Mademoiſelle Waller! beſuchen Sie noch bisweilen die Hütte des Nicke Mattsſon?“ Eine leichte Röthe färbte Conſtance's Wange, und nachdem ſie Leonard's Geſicht einige Augenblicke ſcharf firirt hatte, dort aber nichts anders las, als ſeine herz⸗ liche Theilnahme für die Familie, in welcher er ſie kennen gelernt hatte, ſo antwortete ſie ausweichend: „Ich bin nicht gewohnt, über die Beſuche, welche ich ihren 4 in den führen / gerühr ſtatt I C länger irre, ſolche „ ich die mein 8 Fall w nun di zu neh ſein, ohne d Worte waren 25 in den Wohnungen der Armuth ablege, Rechnung zu führen!“ „Um ſo beſſer,“ entgegnete Leonard, entzückt und gerührt von ihrer Anſpruchsloſigkeit,„da wird Gott ſtatt Ihrer Rechnung darüber führen!“ 3 Conſtance blickte wieder auf und betrachtete Leonard wieg; länger, als das erſte Mal.„Wenn ich mich nicht ſehr e Weiſe irre, Herr Bruksverwalter, ſo führen auch Sie keine en eine ſolche Rechnung!“ ſich—„Ach! tauſend Dank für eine ſo große Güte! Wenn rer ge⸗ ich dieſelbe jetzt noch nicht verdiene, ſo ſoll es nicht — den mein Fehler ſein, wenn es nicht für die Zukunft der Fall wird!“ Hand,„Dann kommt die Reihe an mich zu danken. Ich nſtance habe, wie man ſich auszudrücken pflegt, ein kleines wirklich Steckenpferd, und zwar die Unglücklichen und Leidenden: enkaum ich fühle mich ſelbſt nicht glücklicher, als wenn ich ihnen Augen einen Vertheidiger anwerben kann.“ ean den„Und dieſe Theilnahme iſt nicht durch Zeit und Raum beſchränkt?“ Leonard„Sie iſt niemals beſchränkt!“ leichter„Niemals?“ wiederholte Leonard.„Wenn ich aber , wenn nun dieſe ihre Theilnahme für mich ſelbſt in Anſpruch nn man zu nehmen wagte? Man kann eben ſo gut unglücklich Maßen ſein, ohne daß man arm iſt, wie man arm ſein kann, t. ohne daß man darum unglücklich iſt.“ nigſtens„Das iſt wahr, doch hoffe ich, Sie würden die kommen Worte, welche ich fallen ließ, ernſter beherzigen; ſie waren nicht geſagt, um einen Scherz hervorzurufen!“ sweilen Jetzt erröthete Leonard ſtark.„Verzeihen Sie,“ ſagte er leiſe; ich ſchäme mich wirklich über meinen ge, und Eigennutz, daß ich aus dieſer Gelegenheit Vortheil fe ſcharf ziehen wollte; doch ein armer Reiſender, wie ich...“ ne herz⸗ Die Muſik ſchwieg plötzlich. Leonard konnte ſeinen : er ſie Ohren nicht trauen, und dennoch war es ſo: die Qua⸗ eichend: drille war zu Ende, jeder Herr führte ſeine Dame an eche ich ihren Platz zurück, und voller Verzweiflung darüber, — ——— mitten in dem entſcheidenden Augenblicke abbrechen zu müſſen, folgte Leonard dem Beiſpiele der Uebrigen. Bei der Bewegung, die jetzt entſtand, winkte die Majorin ihrer Nachbarin, der Frau K—, ſich einen andern Platz zu wählen, und nachdem die Damen ſich glücklich in einer Ecke zwiſchen dem Ofen und einem Schranke niedergelaſſen hatten, nahmen ſie das in Folge einer Menge von kleinen Umſtänden abgebrochene Ge⸗ ſpräch wieder auf. „Endlich hoffe ich, wir werden doch einen Augenblick ungeſtört bleiben! Darf ich nun erfahren, meine liebe, gnädige Majorin, was Sie als wahr verbürgen zu können meinen?“ „Sehen Sie, liebe Frau K—, geſtern Nachmittag in der Dämmerung ſagte Conſtance zu mir, als ſie eben den Beſatz um die Capote meiner Eliſa genäht hatte —(Sie ſind ſehr glücklich, Frau K—, daß ſie keine Kinder haben, und alſo auch nicht wiſſen, welche ſchreck⸗ liche Mühe man hat, ſie immer heil, rein und ſauber zu halten!)“ „O, das kann beides ſein, glücklich und unglücklich, wie man's nimmt! Ach, wie gerne hätte ich nicht einen ſolchen kleinen, entzückenden Engel, wie Ihre Eliſa!— Ach, wie ſüß ſie wohl ſein wird in ihrer halbblauen Capote!“ „O der Tauſend! Sie haben alſo ſchon gehört, daß 9 dem Dinge hellblauen echten Thibet gekauft habe?“ „Das hörte ich ſchon vor acht Tagen von Frau Traßlin, die verzweifelt iſt, daß ſie ihrer Marie kürzlich eine Capote von braunem Orleans gemacht hat; doch obgleich ich es nicht über mein Herz bringen konnte, der armen Louiſa Traßlin offen meine Meinung zu ſagen, ſo dachte ich doch bei mir ſelbſt, es könnte ganz einerlei Majorit Waller dazu zie ſie iſt ſ Du nei Deine 2 behelfen „N 1„, wortete einer B zwei St „ „D mal um in unſer nicht dar wirklich längſt di haben!“ kte die heinen een ſich einem Folge ne Ge⸗ genblick e liebe, gen zu pmittag ſie eben t hatte e keine ſchreck⸗ ſauber 27 einerlei ſein, was das häßliche Kind an hat... Um aber wieder auf Mamſell Waller zurückzukommen, ſo ſoll es unbeſchreiblich intereſſant ſein, zu erfahren, was ſie ſagte.“ „Sie ſagte ſo:„„Liebe Tante, ich gehe in der Dämmerung ein wenig aus!““. „Sie wollte wohl nach Hauſe zur Mutter?“ Frau K—'s Miene aber gab das Zeugniß, daß ſie ſelbſt nicht an die Wahrheit ihrer Anmerkung glaubte. „Ich glaubte das wirklich auch,“ entgegnete die Majorin;„da ich aber wegen der Anordnungen der Frau Waller ein wenig unruhig wurde, ſo ſagte ich, und noch dazu ziemlich dringend:„Ach, liebe Conſtance!— ſie iſt ſo gut geweſen, mich zu erſuchen, ich moͤchte ſie Du nennen— geh' heute Abend nicht nach Hauſe; Deine Mutter kann ſich wohl ein paar Tage ohne Dich behelfen!““ „Nun?“ „„Ich denke nicht nach Hauſe zu gehen,““ ant⸗ wortete ſie,„ich habe nur ein kleines Geſchäft bei einer Bekannten, und bin in anderthalb oder höchſtens zwei Stunden wieder hier!““ „Ach, mein Gott, was wird das werden?“ „Du wirſt ſchon hören!... Ich bitte tauſend⸗ mal um Verzeihung, meine liebe, gnädige Frau K.! in unſerm eifrigen Geſpräche vergaß ich, daß wir ſelbſt nicht das vertrauliche Du anwenden!“ „Meine gnädigſte Frau Majorin, ich meines Theils habe nie wagen dürfen, ſo etwas zu proponiren— was ich aber ſtets gewünſcht habe, das weiß ich ſelbſt am beſten.“ „Mir kommt es gewiß nicht zu, dergleichen vor⸗ zuſchlagen; doch wenn es erlaubt wäre, ſo geſtehe ich, daß es mir ein großes Agrement ſein würde. Ich weiß wirklich nicht, warum wir, ſo alte Bekannte, nicht ſchon längſ die ſteifen und langweiligen Frauentitel abgelegt haben!“ Frau K. hätte ſehr wohl die Aufklärung geben können, dieſer Umſtand ſchriebe ſich wahrſcheinlich da⸗ her, daß ſie erſt ſeit einigen Wochen eine der reichſten Frauen in der Stadt war; doch ſie begnügte ſich da⸗ mit, gleich der Majorin dieſen Zufall unbegreiflich zu finden, und hierauf gingen die Damen auf das Haupt⸗ thema ihrer Unterhaltung zurück. „Du ſollſt hören, meine beſte Antonette! Ich konnte ſie natürlicher Weiſe nicht zurückhalten, da ſie ihren Wunſch ſo beſtimmt ausſprach; um jedoch recht ſicher zu ſein— Du verſtehſt!— daß ſie nicht zu der Mutter nach Hauſe ging, ſo ſagte ich meiner alten Brita ein Wort in's Ohr und ſie folgte ihr von fern.“ „Nun kommt's— ich bin wirklich neugierig!“ „Ich glaube, wenn ich mich nicht irre, Du wirſt es bald noch mehr werden! Wie geſagt, Brita folgte ihr von fern, und fand, daß ſie einige Nebengaſſen ein⸗ ſchlug, die ein junges Mädchen in der Dämmerung ge⸗ wiß nicht gern betritt, wenn ſie nicht eine Heldin iſt. Endlich blieb ſie auf dem öden Platze vor Palmens und Lindbergs Gärten ſtehen.“ „Ach, dort, wo Nicke Mattsſon wohnt! Ich ent⸗ ſinne mich, was Frau G. eben erzählte und Deiner Worte, daß jetzt die Intrigue ſich ſchürzte!“ „Ja, wollen ſehen, ob ich ſo in meiner Thorheit ſagte! Nicke Mattsſon iſt, wie ich jetzt ſehe, eine ältere Bekanntſchaft, und ſie hatte dort nicht zum erſten Male ihre Zuſammenkünfte.“ „Mit dem guten Bruksverwalter traf ſie ja we⸗ nigſtens ganz zufällig zuſammen, und noch dazu will er ſie zu ſeiner Frau haben.“ „Sch, ſch, meine Beſte! wir haben es jetzt nicht mit dem guten Bruksverwalter, ſondern mit einer ganz andern Perſon zu thun.“ „Das war etwas anderes!“ „Das wollte ich auch meinen! Sie ging wie ge⸗ ſagt zu Nicke Mattsſon hinein; doch das geſchah nicht geht ge entlang. „ vernahn merkte noch kei ſah ſie Mantel ſehen w das Hat her geb. Fenſterl geöffnet. Alles w mein R „A verwirrt geben ich da⸗ eichſten ich da⸗ flich zu Haupt⸗ unte ſie Wunſch ſein— „Hauſe s Ohr g 17 u wirſt 1 folgte ſen ein⸗ ung ge⸗ din iſt. ns und ſch ent⸗ Deiner 29 auf übliche Weiſe, wie andre Leute pflegen, wenn ſie irgendwo hinein gehen.“ „Wie in aller Welt, meine Liebe, machte ſie es denn?“ „Conſtance ſah ſich erſt ſehr ſorgfältig mehrmals um; darauf trat ſie an das Fenſter und klopfte dreimal leiſe an die Fenſterladen. Gleich darauf wurde die Thür von Innen geöffnet, und ſie verſchwand.“ „Ich bin auf das Höchſte erſtaunt!“ „Warte, warte— es kommt noch beſſer!“ „Noch beſſer?“ „Brita hatte ſich hinter einem Vorſprunge dem Geländer gegenüber geſtellt— Du entſinnſt Dich wohl aus Frau Gis Erzählung, daß Nicke Mattsſon's Hütte neben dieſem Geländer liegt, welches zwei Gärten von einander trennt, und der Weg auf dieſen öden Platz geht gerade daran vorbei und darauf Palmen's Stacket entlang.“ „Ja, ich weiß, ich weiß!“ „Brita ſtand noch in ihrem Erſtaunen da: plötzlich vernahm ſie in der Ferne Männerſchritte, und bald merkte ſie, daß dieſelben näher kamen; doch konnte das noch keinen Verdacht in ihr rege machen; dann aber ſah ſte einen hochgewachſenen Mann in einen weiten Mantel dermaßen eingehüllt, daß kaum die Augen zu ſehen waren. Dieſer ging eben ſo wie Conſtance auf das Haus zu, und nachdem er eben ſo wie ſie um ſich her geblickt hatte, klopfte er ebenfalls dreimal an den Fenſterladen, und darauf wurde augenblicklich die Thür geöffnet.“ „Ohl das iſt ein wenig zu arg!— und das iſt Alles wahr, jedes Wort?“ „Was denkſt Du, Antonettchen? Ich will hoffen, mein Ruf gehoͤrt nicht zu der zweideutigen Art!“ „Ach nein, beſte Amalie— ich war nur ein wenig verwirrt und— ich kann es nicht läugnen— auf das Höchſte betrübt. Denke in welchem Anſehen dieſes Mädchen überall ſteht!“ „Wer weiß das beſſer als ich, die ich ihr nicht allein mein Haus, ſondern auch mein Herz geöffnet habe! Doch wir dürfen nicht zu hart urtheilen, bevor wir mehre Beweiſe erhalten haben!“ „Ach, beſte Amalia, wie entzückend iſt Deine Mil⸗ digkeit! Aber ſage mir doch, ob Deine Brita, die ſo gut inſtruirt iſt, nicht ſehen konnte, welche Art von Mann es war— ich meine: welches Standes er wohl ſein konnte?“ „Nach Brita's Anſicht war er ein vornehmer Mann, denn ihm folgten zwei Perſonen dicht auf den Ferſen nach; dieſe ſahen aus wie verkleidete Bediente, obgleich ſte damals, wie es Brita vorkam, ſehr ſchlecht gekleidet waren.“ „Denke Dir, wenn... doch dergleichen kann un⸗ möglich in unſern Zeiten geſchehen!“ „Was denn?“ „Wenn das Alles eine Entführung bedeutete „O nein, Conſtance beſtimmt ſo vollkommen über ſich ſelbſt, daß ſte ſich kaum entführen zu laſſen braucht.“ „Das iſt wahr— aber war keine Livrée unter der Verkleidung zu ſehen, und wie lange ſtanden ſie Schildwache?“ „Keine Livrée war zu ſehen— dazu war es auch zu finſter— und von Schildwache ſtehen war auch die Rede nicht. Die verkleideten Bedienten klopften an und wurden eben ſo eingelaſſen, wie Conſtance und ihr Geliebter.“ „Ich erſtaune! That denn aber Brita gar nichts, um dem Geheimniſſe auf die Spur zu kommen?“ „Sie that mehr als man von ihrem Verſtande fordern konnte, wenn nicht unglücklicher Weiſe dergleichen Leute immer die Gewohnheit hätten, die Geheimniſſe Anderer auszuſpioniren.“ 1 „A wäre er Muth z wortung ſtatt an Hausthr ſollte g. „„und f Majorin gehen w einſieht, „Ja ſich mit wir nicht bringen dem Spi. „Wi aller Ste irgend e verrathen „Ker beſte Am traulichke könnten die wir z dieſes nicht habe! ör wir e Mil⸗ die ſo rt von r wohl Mann, Ferſen bgleich ekleidet nn un⸗ te!“ en über laſſen unter den ſie es auch nuch die ften an und ihr nichts, 2 erſtande gleichen eimniſſe 31 „Ach, die ſchlaue Brita!— eine ſolche Dienerin wäre etwas werth!“ „Sie iſt ein gutes Mädchen... Ich habe, Gott ſei Lob und Dank, ſtets treue und gute Leute, denn ich ſehe auf einige Reichsthaler gar nicht... Doch, um wieder auf die Geſchichte zu kommen: Brita beliebte Muth zu faſſen und meine Befehle auf eigene Verant⸗ wortung auszurichten. Sie ging an oas Haus; doch an⸗ ſtatt an die Fenſterladen zu klopfen, klopfte ſie an die Hausthür, worauf Nicke ſelbſt kam und öffnete.„„Ich ſollte grüßen von der Majorin Minten,““ ſagte ſie, „„und fragen, ob Mattsſon's Frau Zeit hat, für die Majorin zu waſchen!““ „Ach, die ſchlaue Brita!“ „„Das weiß ich meiner Seel' nicht!““ antwortete Nicke mit guter Miene.„„Ich bin allein zu Hauſe: meine Frau iſt heute auf Arbeit!““—„„O, das war Schade!““ ſagte Brita.„Wo iſt ſie denn? Wenn ich das erfahren kann, ſo will ich ſte ſuchen?...“— „„Ich ging heute ſo früh auf die Arbeit,““ hieß es jetzt,„„daß es mir nicht einſiel, zu fragen, wohin ſie gehen würde; wenn aber Jungfer Brita morgen früh einſieht, ſo erhält ſie Antwort.““ „Ja, das ſieht ſchön aus!— Himmliſcher Gott, ſich mit ſolchen Leuten abzugeben! Ich fürchte: wenn wir nicht dieſe Sachen näher erforſchen und in's Geleiſe bringen können, ſo ſteht Conſtance's Ruf dermaßen auf dem Spiele, daß alle ihre Freier verſcheucht werden.“ „Wir ſchließen alſo hiemit feierlich einen Bund, in aller Stille ihre Schritte zu bewachen— doch ohne irgend einem Menſchen auf Erden das Geheimniß zu verrathen!“ „Keinem Menſchen auf Erden! Wenn Du, meine beſte Amalia, mir die Ehre erzeigen und in aller Ver⸗ traulichkeit morgen bei mir Kaffee trinken wollteſt, ſo könnten wir uns näher über die Maßregeln berathen, die wir zu nehmen haben!“ „Meinen beſten Dank für die Einladung, liebe An⸗ tonette: ich komme!“ „Aber, liebe Amalia, ſah Brita ſie denn nicht wieder herauskommen?“ „Ja, nach Verlauf von etwas über eine Stunde kam erſt Mattsſon's Frau heraus und ſah ſich um; darauf öffnete ſie Conſtancen die Thür; und vielleicht wird das Letzte, welches ich mitzutheilen habe, unſre Bemühungen, dem Geheimniſſe auf die Spur zu kom⸗ men, nicht wenig erleichtern.“ „Ach, was iſt denn das Letzte?“ „Conſtance ſagte mit einem viel ſagenden Kopf⸗ nicken zu Mattsſon's Frau:„„Heute über acht Tage um halb ſechs Uhr!““ Viertes Kapitel. Frau K. war eben im Begriff mit einer großen Geberde zu wiederholen:„Heute über acht Tage um halb ſechs Uhr!“ als ein unwillkürlich kraftvolles Nieſen auf der andern Seite des Schrankes vermuthen ließ, daß noch eine dritte Perſon mit in das Geheimniß ein⸗ geweiht worden war. Die Majorin gab ihrer„beſten Antonette“ ein kleines fühlbares Zeichen mit dem Arme. Frau K. blickte ihre„liebe Amalia“ verwundert an; die Augen der beiden Damen waren doppelt ſo groß wie gewöhnlich geworden. „Ich geſtehe: das war ſehr unangenehm!“ ſagte endlich die Majorin. „Das ſage ich auch!“ erklärte Frau K. mengt!“ heimniſſ Hie der Dan dern Se niedergele ſollte er haben, ſe begreifen. „Um Fräulein gar alle nur ſehr, Eine Nach iebe An⸗ t wieder Stunde ich um; vielleicht 2, unſre zu kom⸗ n Kopf⸗ Tage um then ließ, mniß ein⸗ ſein kleines ſerwundert lelt ſo groß n!“ ſagte 33 „Es iſt nicht allein unangenehm, ſondern kann uns auch ſehr compromittiren.“ „Das kann es wirklich!“ „Wenn es nur nicht die ſchwatzhafte Frau M. iſt!“ „Oder die Gaſſenläuferin Frau C.!“ „Oder der abſcheuliche Aſſeſſor R., der ſich in Alles mengt!“ „Oder der unausſtehliche Capitän A., der alle Ge⸗ heimniſſe in der ganzen Stadt wiſſen will!“ Hier hörte die peinigende, rathende Verlegenheit der Damen auf; denn die Perſon, welche auf der an⸗ dern Seite des Schrankes geſeſſen hatte, trat aus ihrer myſtiſchen Verborgenheil hervor und ging ſo un⸗ ſchuldig und ſchläfrig an den Damen vorbei, daß ihre Geſichter ſich mit einem Male wieder erheiterten. „Gott ſei Lob und Dank!“ ſagte die Majorin leiſe; „es war kein anderer als der gute Bruksverwalter. Gewiß hat er geſchlafen, der arme Kerl!“ „Ja, das iſt wirklich ſehr wahrſcheinlichz nachdem er ſeinen Tanz mit Conſtancen getanzt, hat er nichts mehr zu erwarten gehabt, ſondern ſich dort in Ruhe niedergelaſſen. Er hat ganz gewiß nichts gehört; und ſollte er auch wirklich hie und da ein Wort aufgefangen haben, ſo kann er doch unmöglich den Zuſammenhang begreifen. Noch dazu hat er keine Bekannte, denen er es erzählen könnte.“ „Und wird wohl auf jeden Fall heute oder morgen reiſen— alſo haben wir von ihm nichts zu fürchten!“ „Nein, gar nichts.“ „Um Gottes willen noch eine Minute, theures Fräulein Waller! Rauben Sie mir nicht ſo ganz und gar alle Hoffnung— laſſen Sie mir doch ein wenig, nur ſehr, ſehr wenig davon!“ Eine Nacht am Bullarſee. I. 3 „Nein, Herr Sillén! ich kann Ihnen nicht die allergeringſte Hoffnung geſtatten: ich habe meine Ant⸗ wort ertheilt und zwar unwiderruflich. Haben Sie nun die Güte, mich zu verlaſſen— wir ziehen die Auf⸗ merkſamkeit auf uns!“ „Nur noch eine Sekunde!... Laſſen Sie mich nur erklären, daß mein ganzes zeitliches Gl...“ Conſtance erhob ſich und ging, ohne weiter ein Wort zu ſagen, in das Nebenzimmer, welches dem An⸗ ſcheine nach leer war; doch kaum hatte ſie die Schwelle überſchritten, ſo erhob ſich der Lieutenant, welcher ſich in einem Winkel hingekauert gehabt hatte, gleich einer Statue, die plötzlich Leben erhält. „O ihr himmliſchen Mächte, lächelt mir doch end⸗ lich mein Stern! Anbetungswürdige Conſtance! da der Augenblicke ſo wenige ſind, ſo muß ich ſie im Fluge ergreifen— verſtoßen, verſchmähen Sie nicht ein Herz, deſſen brennende Liebe die Millionen Hinderniſſe be⸗ ſiegen wird, welche ſich ſeinem Glücke in den Weg legen!“ Auf Conſtance's ſchönem, aber kaltem Geſichte lag ein unverkennbarer Zug von Müdigkeit.„Herr Lieute⸗ nant! ich bin ganz unempfindlich für alle Liebe und alle Aufopferungen einer brennenden Liebe— erlaſſen Sie mir daher eine Antwort, die Sie aus meinem Betragen ſchon längſt hätten abnehmen können!“ „Iſt aber in einem Alter von neunzehn Jahren eine ſolche Unempfindlichkeit möglich? Ach, ſchenken Sie mir nur Zeit, und ich werde ſie beſiegen!“ „Ich habe nichts zu ſchenken, als nur einen freund⸗ ſchaftlichen Rath, mit allen Gefühlsergießungen auf⸗ zuhören: bei mir ſind ſie ganz weggeworfen.“ „Wohlan denn; ich werde Sie nicht länger damit beläſtigen!“ ſagte der Lieutenant, der ſich trotz ſeines ſchwindelnden Gefühls beleidigt und verletzt fühlte.„Er⸗ lauben Sie mir den kleinen Troſt, daß Sie allen Ihren Anbetern daſſelbe Schickſal zu bereiten gedenken!“ „D kann!“ Gruß ſah Saal, n Die hübſchen Pauſe, er ſich b nehmen: einer Un Für kommen tend; die Sicherhe in der zu geliebte „Ne heute üb⸗ Doctor w ziges vert Jetzt bares So das Ihriz alles war ſchätzbare worden, genannter alles nur ſtand. nicht die ine Ant⸗ ben Sie die Auf⸗ eiter ein dem An⸗ Schwelle elcher ſich eich einer doch end⸗ el da der im Fluge ein Herz, rniſſe be⸗ den Weg ſeſichte lag err Lieute⸗ ge und alle laſſen Sie Betragen 3⁵ „Das iſt eine Sache, die ich nicht beantworten kann!“ und dem verabſchiedeten Liebhaber einen ſtummen Gruß ſchenkend, nahm ſie ihre Zuflucht wieder in den Saal, wo der Walzer jetzt eben begann. Diesmal tanzte Conſtance mit ihrem Vetter, dem hübſchen Doctor Wilſon, und kaum machte ſie die erſte Pauſe, ſo flüſterte ihr der Doctor eilfertig zu, indem er ſich bückte und ſich ſtellte, als wollte er etwas auf⸗ nehmen:„Geſtatteſt Du mir morgen einige Minuten zu einer Unterredung?“ „Nein, nicht morgen!“ entgegnete ſie in einem Tone, worin doch wenigſtens Nachdenken lag. Für denjenigen, der ſchon einmal einen Korb be⸗ kommen hat, iſt dieſer Ton mit Hoffnung gleich bedeu⸗ tend; die Hoffnung aber flößt Muth ein und der Muth Sicherheit. Alſo lag eine gewiſſe angenehme Sicherheit in der zweiten Frage des Doctors:„Alſo übermorgen, geliebte Conſtance?“ „Nein, auch dann nicht— doch um eine Woche... heute über acht Tage!“ „Dank, Dank, o tauſend Dank!“ „Warum dankſt du? Ich geſtatte nur eine Unter⸗ redung— bedenke, daß ich damit gar nichts verſpreche!“ Der Walzer begann und endigte, ohne daß der Doctor weiter Gelegenheit hatte, mit Conſtance ein ein⸗ ziges vertrauliches Wort zu wechſeln. Jetzt kam Frau Wallers intereſſantes und wunder⸗ bares Souper, bei welchem wirklich die eine der Frauen das Ihrige und die andere das Ihrige wiederſah; doch alles war von den Händen der Wirthin und der un⸗ ſchätzbaren Simmerman ſo kunſtreich zuſammengeflickt worden, daß niemand, der nicht in die Geheimniſſe des genannten Soupers eingeweiht war, ahnen konnte, daß nns nur aus geliehenen Sachen und Probebiſſen be⸗ and. Nachdem die Geſellſchaft nach dem Souper noch ein Tänzchen gemacht hatte, bereitete man ſich endlich zum Aufbruch. Herr Sillén und der Lieutenant, welche wuß⸗ ten, daß ſie ihre Rollen ausgeſpielt hatten, nahmen von Conſtance kurz und kalt Abſchied; der Blick des Doctors dagegen ſtrahlte vor neuerwachter Hoffnung, und er ſagte bedeutungsvoll:„Alſo heute über acht Tage!“ Conſtance mochte erwartet haben, daß auch Leonard etwas ſagen würde, nämlich etwas, das auf ſeinen Wunſch hingedeutet hätte, das bei der erſten Quadrille begonnene Geſpräch fortzuſetzen; doch er ſagte kein Wort, er betrachtete Conſtancen nur mit einem langen, herzlichen und prüfenden Blick, darauf verbeugte er ſich ſtill, ohne von einer Unterredung oder Rückkehr etwas zu erwähnen. Auf dem Hausflure ſtießen die großen Herbſthüte der Majorin und der Frau K— zuſammen.„Vergib, beſte, gnädige Amalial... Entſchuldige, meine gute Amalia!“ hieß es laut— fluͤſternd dagegen:„Meine beſte Freundin! ich verlaſſe mich darauf, daß Du mor⸗ gen bei mir Kaffee trinkſt!“ „Verlaſſe Dich darauf, meine Beſte, daß ich nicht verſäumen werde, mich einzufinden!“ „Garſtige Weiber!“ murmelte jemand, der ſich in dieſem Augenblicke vorbeidrängte, und dann ſich ſchnell hinaus auf die Straße retirirte—„garſtige Weiber! ich denke wohl ebenfalls, am Mittwoch Abend mit dabei zu ſein!— Ihr ſollt wahrhaftig dieſe Entdeckung nicht allein machen!“. Es war Leonard, welcher ungewöhnlich erhitzt ſo bei ſich ſelbſt murmelte. Er hatte bei ſeinem Vortreten aus dem Schrank⸗ winkel zwar Geiſtesgegenwart genug gehabt, um nicht zu zeigen, daß er in das geheimnißvolle Vertrauen über Conſtance mit eingeweiht worden war, aber er hatte doch genug gehört, um die ganze zweideutige Lage zu faſſen, in welche Conſtance dadurch geſetzt worden war, und er gab ſich ſelbſt das Gelübde, die Wahrheit her⸗ auszubringen⸗ Lec hegte, einen Li der Dur „N unmögli Sie hat iſt, ein können! beherrſch Prinzeſſe dennoch wem ſie gleich de ziert, n⸗ In in der Liebe zu Nacht. er an di denen er waren, der ein konnte er warum Leon tig werde nicht eige er thun in den B Er theilte ſie Was in ſeinen che wuß⸗ nahmen Blick des Hoffnung, aber acht daß auch das auf der erſten her ſagte nit einem verbeugte Rückkehr Herbſthüte „Vergib, eine gute „Meine Du mor⸗ jich nicht er ſich in ich ſchnell Weiber! mit dabei kung nicht erhitzt ſo Schrank⸗ um nicht auen über er hatte ſe Lage zu rden war, rheit her⸗ 37 Leonard, welcher für Conſtance die hoͤchſte Achtung hegte, wollte und konnte nicht glauben, daß ſie ſich in einen Liebeshandel eingelaſſen hätte, welcher der Decke der Dunkelheit bedurfte. „Nein,“ ſagte er mehrmals zu ſich ſelbſt,„es iſt unmöglich, ganz unmöglich, vollkommen unmöglich! Sie hat in ihrem Weſen, dieſes Mädchen, ſo arm ſie iſt, eine Würde und einen Adel, die nicht betrügen können! Aber es war dennoch gut, daß ich meine Zunge beherrſchte; denn wäre ſie auch ſchön wie die bezauberte Prinzeſſin des Märchens, ſo nehme ich meinen Matts dennoch aus der Schule, ſie mag den Kopf verrücken, wem ſie will, wenn ſie nicht nebſt der Schönheit zu⸗ gleich dasjenige beſitzt, was ein Mädchen am meiſten ziert, nämlich ein verſchämtes und reines Herz!“ In dem Zimmer, welches er bei ſeinem Aufenthalte in der Stadt immer bewohnte, verſchaffte ihm ſeine Liebe zum erſten Male in ſeinem Leben eine ſchlafloſe Nacht. Es war ſonderbar, daß alle Nebenbuhler, die er an dieſem Abende vor ſeinen Augen gehabt und von denen er längſt gewußt hatte, daß ſie ſeine Nebenbuhler waren, ihm nicht halb ſo vielen Kummer machten, als der eine Geheimnißvolle bei Nicke Mattsſon. Wer konnte er wohl ſein? Mit verkleideten Bedienten... warum mußten ſie denn gerade verkleidet ſein? Leonard konnte auf keine Weiſe mit der Sache fer⸗ tig werden, und fing ſchon an, darauf zu denken, ob es nicht eigentlich das beſte und ſicherſte ſein möchte, was er thun konnte, ſeine Gefühle und Heirathsſpeculationen in den Bach zu werfen, ehe ſie in den Fluß kämen. Er ging gründlich mit der Sache zu Wege und theilte ſie in beſtimmte Punkte!: Was wußte er eigentlich über Conſtance? Woher hatte er die Ueberzeugung gewonnen, daß ſie zu ſeiner Frau paßte? War es wohl rathſam und klug von einem Manne in ſeinen Umſtänden gehandelt, die Freierei um ein Mädchen fortzuſetzen, das, wenn alles um und um käme, einer beſchränkten Landwirthſchaft nicht vorſtehen könnte oder was noch ärger wäre, ſie geradezu ver⸗ achtete? Dieſe drei Fragen, welche Leonard's Verſtand auf⸗ ſtellte, um die Liebe zu umgarnen, und entſchieden in die Enge zu treiben, wurden von dem beſtochenen Herzen folgendermaßen beantwortet: „Was brauche ich mehr zu wiſſen, als daß ſie ein mitleidiges und gefühlvolles Herz und ein paar geſchickte und arbeitſame Hände hat?... Jenes habe ich ſelbſt mit meinen eigenen guten Augen bei dem unglücklichen armen Nicke Mattsſon geſehen; dieſes weiß die ganze Stadt, Ihr Fleiß und ihre Arbeitſamkeit, ihre Geduld, gegen die Armuth zu kämpfen und die Mutter zu unterſtützen, iſt um ſo achtungswürdiger, da es ihr frei ſteht, be⸗ heen und ohne Arbeit auf dem prächtigen Oernwik zu eben. „Demnächſt: woher habe ich die Ueberzeugung er⸗ halten, daß ſie zu meiner Frau paßt, da ich doch ſonſt immer eine muntere Frau haben wollte, mit der ich recht herzlich lachen könnte— denn für denjenigen, der da arbeitet und ſich's ſauer werden läßt, iſt die Froh⸗ lichkeit ein Hausbedürfniß. Hierauf läßt ſich weiter nichts antworten, als daß die Liebe mir dieſe Ueberzeu⸗ gung verſchafft hat, und wo die Liebe iſt, dort iſt man glücklich und zufrieden, wenn man auch nicht ſo viel lacht. Ueberdieß kann es mir ja möglicher Weiſe mit der Zeit gelingen, ſie munter zu machen, daß ſie wieden ſo wird wie ehemals. „Das letzte, ob ſie zu einer Hausmutter in eine ländlichen Haushaltung taugt, iſt am ſchwerſten, jt ganz unmöglich zu wiſſen, ehe man es verſucht hatt und da ich keine Verſuche darüber anſtellen kann, ſ muß ich es Gottes Vorſehung anheimſtellen. Iſt ſi nicht allzu unbegreiflich und will ſie nur einigermaßen ſo lernt ſie es wohl; und dann iſt ſie eine von dieſen ſtolzen ihrer? es geh heimni haben D wieder noch n „daß d nant Korbe oder je gut ſer geſchich D Anſehn mehr konnte zu reif Mittw nißvol ſein w Walle waren komme geweſe ſie die dankbe die zä gib m fühlen Natur und um vorſtehen adezu ver⸗ rſtand auf⸗ ſchieden in nen Herzen daß ſie ein r geſchickte ſelbſt mit chen armen nze Stadt, uld, gegen nterſtützen, ſteht, be⸗ Dernwik zu enigen, der die Fröh⸗ ſich weiter * Ueberzeu⸗ prt iſt man cht ſo viel Weiſe mit ſie wieder er in eine verſten, ji rſucht hatz kann, ſt en. Iſt ſe ligermaßen von dieſen 39 ſtolzen Charakteren, die gewiß nicht unter der Obhut ihrer Dienſtboten ſtehen wollen.... O, es geht ſchon, es geht ſchon, wenn ich nun nur erſt hinter das Ge⸗ heimniß gekommen bin und dann, wenn ſie— mich haben will!“ Dieſer allerletzte Einwurf ſetzte unſerm guten Leonard wieder ſo viele Grillen in den Kopf, daß ihm ſo etwas noch nie paſſirt war.„So viel ſehe ich,“ dachte er, „daß wir jetzt auf zwei reducirt ſind, denn der Lieute⸗ nant und der Kaufmann gingen ſichtbarlich mit dem Korbe unter dem Arme nach Hauſe. Doch der Fünfte, oder jetzt der Dritte, jener Unſichtbare, dürfte eben ſo gut ſein wie wir, ſofern nicht alles vielleicht eine Klatſch⸗ geſchichte, oder geradezu eine Erdichtung iſt.“ Da Leonard in hohem Grade gewiſſenhaft war in Anſehung ſeiner Geſchäfte, ſo ſah er ein, daß er ſchon mehr Zeit vergeudet hatte, als er ſeine eigene nennen konnte, und beſchloß daher, früh am folgenden Morgen zu reiſen, aber auch, daß er eben ſo gewiß vor dem Mittwoch Abende zu der von Conſtance zu ihrer geheim⸗ nißvollen Ausflucht feſtgeſetzten Zeit wieder in der Stadt ſein wollte. „Ich hoffe, meine geliebte Tochter,“ begann Frau Waller, nachdem alle überflüſſigen Lichter ausgelöſcht waren und man einigermaßen wieder in Ordnung ge⸗ kommen war,„daß Du mit Deinem Abende zufrieden geweſen biſt!“ „Meine gute Mutter!“ erwiederte Conſtance, indem ſie die Hand ihrer Mutter küßte,„ich würde ſehr un⸗ dankbar ſein, wenn ich nicht erkennen wollte, daß Du die zärtlichſte und unermüdlichſte Mutter biſt! Doch ver⸗ gib mir, wenn ich nicht im Stande bin, mich froh zu fühlen; die Menſchen verändern ſich eben ſo, wie die Natur ſich verändert!“ „Ach, meine liebe Conſtance! wirſt Du denn nie wieder glücklich werden?“ „Ich bin noch nie glücklicher geweſen, als ich jetzt bin!“ „Ach, mein Gott, Du ſetzeſt mich in Erſtaunen! Siehſt Du aus wie ein glücklicher Menſch— Du?“ „Ich weiß nicht, wie ich ausſehe, aber ich bin zu⸗ frieden mit meinem Looſe.“ „Nun, das iſt zwar ſehr gut; doch aufrichtig ge⸗ ſagt, liebe Conſtance, glaube ich, Dein Loos iſt nicht eben beneidenswerth, beſonders, da Du auf dem herr⸗ lichen Oernwik ſitzen und alles in Ueberfluß haben könnteſt. Und wie gerne will nicht die Conſulin dich dahin haben!“ „Ja, ich würde mich aber jetzt auf Oernwik nicht mehr glücklich fühlen!“ Fühlſt Du Dich denn glücklicher hier, wo Du vom Morgen bis zum ſpäten Abend ſitzen und arbeiten mußt? Doch darnach brauche ich ja nicht zu fragen. Der eine Freier verſchwindet bald nach dem andern!“ Conſtance ſchwieg. „Willſt Du denn nie heirathen?“ „Ja, ich glaube wohl, daß ich daran denken muß!“ „Ach, mein Gott, welche Worte, mein Kind! Du ſchenkſt mir neues Leben, wenn Du Ernſt daraus machſt. Haſt Du Dich für Einen unter ihnen beſtimmt?“ „Noch nicht, doch bald werde ich's thun.“ „Das heißt ſo viel, als daß das Herz aus der Rech⸗ nung wegbleibt; denn ſonſt brauchteſt Du nicht in die Wahl und in die Qual zu kommen!“ Conſtance antwortete nur mit einem halben Seufzer. „Glaube mir, mein theures Kind, daß ich Dich allzu hoch liebe, als daß ich Dir rathen will, auf dieſe Weiſe einen ſo wichtigen Schritt zu thun. Eine Ehe ohne Liebe iſt wohl möglich, doch iſt es ſehr bedenklich, Hand und Treue zu geben, wenn man nicht zu ſeinem Manne die geringſte Neigung empfindet; wenigſtens muß man eine ſo große Achtung gegen ihn hegen, daß man ihn über Andere ſetzt.“ „ bedenk mit G füllen, kann.“ daß m entſchli nen F licher ſind m erleuch 9 / wollen deten 2 mehr Fremdl enn nie tzt bin!“ ſtaunen! Ou?“ bin zu⸗ könnteſt. haben!“ pik nicht Du vom mußt? Der eine nmuß!“ ind! Du s machſt. 2 der Rech⸗ ht in die Seufßzer. ich Dich auf dieſe Line Ehe edenklich, u ſeinem enigſtens gen, daß 41 „Das glaube und das weiß ich: die Ehe iſt ſehr bedenklich; doch ich habe beſchloſſen, zu heirathen, und mit Gottes Beiſtand werde ich meine Pflichten ſo er⸗ füllen, daß ich es vor meinem Gewiſſen verantworten kann.“ „Es iſt aber doch recht ſonderbar, liebe Conſtance, daß man ſich ſo plötzlich zu einer ſo wichtigen Sache entſchließen kann. Du haſt, meine ich, ſehr lange Dei⸗ nen Freiern alles andere als Aufmunterung gegeben.“ „Laß uns davon nicht weiter reden“— ein plötz⸗ licher Farbenwechſel zitterte in ihrem Antlitze—„wir ſind müde und bedürfen der Ruhe: Gott wird mich erleuchten!“ „Möge er das thun, mein geliebtes Kind! Wir wollen inſtändigſt darum flehen mit Seele und Herz!“ Fünftes Kapitel. Während der Woche, die nun verfloß, wurden zwi⸗ ſchen der Majorin und ihrer Freundin häufige Zuſam⸗ menkünfte gehalten. Die beiden Damen hatten, um gewiß alles zu erfahren, was ſich ſowohl bei der Frau Waller, als auch bei Nicke Mattsſon zutrug, ein kleines, ſehr ge⸗ ſchicktes Spionirungs⸗Syſtem erfunden; aber aller Fleiß und jede Aufmerkſamkeit verblieb unbelohnt. Conſtance ging während der ganzen Wartezeit nicht ein einziges Mal aus, und bei Mattsſon war weder früh noch ſpät eine Spur von einem großen Herrn mit zwei verklei⸗ deten Bedienten zu ſehen, welche letztgenannten nun⸗ mehr ein untrennbares Anhängſel des unbekannten Fremdlinges geworden waren. „Mir iſt alles klar,“ ſagte zuletzt die Majorin, welche noch immer wie früher das Wort führte,„es iſt einer von unſern Grafen, ein Abkömmling der vorneh⸗ men Familien auf den umliegenden Gütern, und er kommt gewiß nicht vor dem letzten Tage, vielleicht ſo⸗ gar nicht vor dem letzten Augenblicke!“ „Du haſt ſehr Recht, gute Amalie: ſo und nicht anders muß es ſein, denn ſonſt würde Conſtance ſich gewiß nicht ſo ruhig verhalten. Ich möchte wohl wiſ⸗ ſen, was ſie ſagen würde, wenn ſie wüßte, daß wir ſie ſo ganz in unſern Händen haben. Ich fürchte wirklich, ſie würde in dieſem Falle einen verzweifelten Schritt thun. Dergleichen Dinge ſind ſehr kritiſch, und man muß äußerſt behutſam ſein.“ „Ja, das verſteht ſich von ſelbſt! Wollte Gott, daß es endlich Mittwoch wäre!“ Endlich erſchien dieſer ſo eifrig erſehnte Mittwoch. Nun aber glaubten unſre ungeduldigen Frauen, daß er nie ein Ende nehmen wollte, denn einen ſo langen Mitt⸗ woch hatten ſie noch nicht erlebt, obgleich er nur ein kurzer Herbſttag und das Zuſammentreffen auf halh ſechs Uhr beſtimmt war. Diesmal war die Reihe an Frau K-—, den Kaffee bei der Majorin zu trinken, denn ihr Haus lag dem oft erwähnten leeren Platze näher, zu welchem ſich die beiden Frauen, in Madamen verkleidet*) begeben woll⸗ ten, geführt von der erfahrenen Brita der Majorin, welche eine vollkommene Kenntniß der am wenigſten bemerkten dahinführenden Wege hatte. *) Unter„Frau“ verſteht man in Schweden eine verhet rathete Perſon höheren Standes und unter„Madame eine aus den unteren Ständen. Eine Frau trägt auf der Straße einen Hut und eine Madame ein kleing Tuch um den Kopf. Derſelbe Unterſchied in der Klei⸗ dung findet auch ſtatt zwiſchen einer Mamſell um einem Dienſtmädchen(Jungfer). Anm. d. Ueb. taſſe Frau teuer . einen baren mit v ſon's die F von d ſchend verkle mit E würfe nämli auf d mit d heime ſulin waren alle d Majorin, rte,„es iſt er vorneh⸗ , und er elleicht ſo⸗ und nicht ſtance ſich wohl wiſ⸗ daß wir ſie te wirklich, ten Schritt „und man Gott, daß Mittwoch. ien, daß er ngen Mitt⸗ er nur ein n auf halb den Kaffee s lag dem dem ſich die ggeben woll⸗ r Majorin, n wenigſten eine verhei⸗ r„Madame au trägt auf e ein kleine in der Klei⸗ Mamſell um m. d. Ueb. 43 In der Zeit, welche zwiſchen der dritten Kaffee⸗ taſſe und der Dämmerung verfloß, unterhielten ſich die Frauen damit, die ungereimteſten, intereſſanteſten Aben⸗ teuer zu erdenken, welche ihre Mühe belohnen ſollten. Vielleicht käme heute ein vermummter Herr in einem langen, mit Scharlach gefütterten, mit einem koſt⸗ baren Beſatz verſehenen Mantel; vielleicht hielte eine mit vier Pferden beſpannte Kutſche vor Nicke Matts⸗ ſon's Hütte; hierauf müßte Conſtance in einen bis auf die Füße herabwallenden ſchwarzen Schleier, begleitet von der ſchluchzenden und eine glückliche Reiſe wün⸗ ſchenden Madame Mattsſon heraustreten, während die verkleideten Bedienten auf einen Wink von Ihm in dem mit Scharlach gefütterten Mantel die Kutſchenthür zu⸗ würfen und ſich darauf eilfertig auf ihre Plätze begäben, nämlich der Eine als Lakei hinten auf und der Andre auf den Kutſchenbock neben den Kutſcher, welcher nun, mit der Peitſche klatſchend, mit dem Wagen, dem ge⸗ heimen Liebhaber und der entführten Geliebten davon jagte, ſo wie eine Sturmwolke über den Himmel oder eine Staubwolke über die Landſtraße fährt. Das war eine Phantaſie, welche ſogar der Con⸗ ſulin Löwe hätte Ehre machen können. Unſre Frauen waren auch ſo entzückt davon, daß ſie nicht öfter als alle drei Minuten einmal nachſahen, was der Uhrzeiger zu erzählen hatte. Aber es war wohl noch ein Anderer vorhanden, welcher, wenn auch nicht auf dieſelbe Weiſe electriſirt wie die neugierigen Damen, dennoch weit weſentlicher als ſie von den kommenden Ereigniſſen dieſes Abends intereffirt war. Wir meinen unſern Leonard, welcher an dieſem Nachmittage zwiſchen vier und fünf Uhr an⸗ gekommen war, um ohne Mitwiſſen der Frauen unter 1 1 dem tiefſten Incognito ihnen bei ihrer Entdeckungsreiſe Geſellſchaft zu leiſten. Während der letzten ſieben Tage hatte unſer ehr⸗ licher Leonard ſehr viel mit ſich ſelbſt zu thun gehabt in der lobenswerthen Abſicht, ſich ſelbſt zu beweiſen, daß er ohne Zweifel am klügſten handelte, wenn er für im⸗ mer von Conſtance abließe, von welcher ihm eine ge⸗ heime Stimme zuflüſterte, daß ſie doch wohl nicht die⸗ jenige Gattin ſein müßte, die ihm der Himmel beſtimmt hätte. Nun aber weiß Jedermann, daß dergleichen kleine, edelmüthige und warnende Stimmen immer— wenn ſie es mit Leuten zu thun haben, die von der Liebe oder einer andern herrſchenden Macht ergriffen ſind— zufrieden ſein müſſen, ein mißtrauiſches Kopf⸗ ſchütteln als Antwort auf ihre wohlgemeinte Warnung entgegen zu nehmen. Noch dazu war Leonard gleich andern mehr denn gewöhnlich guten Menſchen, etwas eigenſinnig und konnte oder wollte nicht einſehen, warum gerade er ein ſo feiger Haſe ſein und um eines geringen Widerſtandes willen augenblicklich einen ge⸗ faßten Vorſatz aufgeben ſollte. Wie vielen anhaltenden Fleiß erforderte es nicht, um ein Stück unfruchtbar Land in Cultur zu ſetzen? Sollte er alſo weniger Ge⸗ duld bei der Liebe und der Wahl einer Gattin zeigen, als er gegen die Erde hegte? Das Eine wäre ja eben ſo gut eine Gabe Gottes wie das Andere, und nichts in der Welt hätte man ohne Mühe und Anſtrengung. Auf dieſe Weiſe geſtärkt und von der einen und der andern Hoffnung angehaucht, unter welchen letzteren die vornehmſte war, daß die Frauen ſich getäuſcht hät⸗ ten und daß es ein ganz anderes Frauenzimmer gewe⸗ ſen wäre, welche bei Nicke Mattsſon die geheime Zu⸗ ſammenkunft mit dem Unbekannten gehabt hätte, trat Leonard dieſe Reiſe an, über welche er unwiderruflich beſchloſſen hatte, daß ſie von großer Wichtigkeit wer⸗ den ſollte: denn er wollte entweder betrübt mit einem Korbe oder, was damit gleichbedeutend war, mit der ungsreiſe nſer ehr⸗ n gehabt iiſen, daß r für im⸗ eine ge⸗ nicht die⸗ beſtimmt ergleichen mmer— von der ergriffen es Kopf⸗ Warnung urd gleich , etwas einſehen, um eines einen ge⸗ haltenden fruchtbar iger Ge⸗ n zeigen, e ja eben nd nichts trengung. inen und letzteren iſcht hät— ner gewe⸗ eime Zu⸗ tte, trat derruflich gkeit wer⸗ nit einem mit der 45 traurigen Ueberzeugung zurückkehren, daß Conſtance Waller nicht das Mädchen wäre, welchem ein ehrlicher Mann den Antrag machen könnte, ſein geringes Glück zu theilen, oder auch wollte er als ein glücklicher und ſtolzer Bräutigam mit dem Jaworte in der Taſche aus der Stadt reiſen. Mit klopfendem Herzen erwartete Leonard die be⸗ ſtimmte Stunde und zählte die Schläge der Uhr viel⸗ leicht mit noch größerer Ungeduld als die Frauen. Endlich wurde es dunkel. Noch war es zwar zu früh; doch— er konnte ja eben ſo gut hinausgehen und ſich umhertreiben, als im Zimmer ſitzen. Und alſo hüllte auch Leonard ſeinen Mantel dicht um ſich, lächelte aber dennoch, als er um die Ecke bog; denn es war ihm doch im Ganzen ſehr lächerlich, daß er eine ſolche Ro⸗ manrolle ſpielen und in den Mantel gehüllt angeſchli⸗ chen kommen ſollte, er, der noch nie Zeit gehabt hatte, einen Mantel um ſich zu hängen, außer wenn er Sonn⸗ tags in die Kirche fuhr, oder an Wochentagen in ſeinen Geſchäften ausreiſ'te; doch auch dann hängte er ihn nicht um ſich, ſondern ſteckte ſchlecht und recht die Arme hindurch, was aber jetzt, da er zum erſten Male in ſeinem Leben ſich auf Abenteuer begeben wollte, nicht anging. „Es iſt aber doch ſchwül wie der T— l, ein Ro⸗ manheld zu ſein und Naſe, Mund und Augen zu ver⸗ ſtecken, als hätte man den Huſten, den Schnupfen und Gott weiß was alles! Uff! die Geſchichte wird ſehr beſchwerlich... Wenn man mich nur nicht für einen umherſchleichenden Dieb hält und mich anruft!“ Mit dieſen Worten gab Leonard ſeiner Liebe Luft, indem er, ſich dem Platze und dem Geländer nähernd, im Schatten der noch nicht ganz entlaubten Bäume zu bleiben ſuchte. Endlich hielt er dafür, daß er für den Augenblick den beſten Entſchluß ergriff, als er hinter einer coloſſalen und ehrwürdigen Buche, die man faſt für einen Ab⸗ — — —— ——— 46 kömmling der berühmten Apoſtelbuche auf dem Om⸗ berge*) hätte anſehen können. Poſto faßte. Hier war er nicht allein vollkommen verborgen, ſondern konnte auch, wenn nicht der Mond ſich ganz in Wolken ver⸗ hüllte) alles ſehen, was ſich zutrug auf dieſem Platze, an deſſen einer Seite Nicke Mattsſon's Hütte lag, ganz ſo, wie man es auf dem Theater angeordnet ſieht. „Noch iſt es dunkel,“ murmelte Leonard:„der arme Nicke hat nicht Geld genug, um ſo früh Licht anzuzün⸗ den— oder... aha! ergebenſter Diener!... der Henker! hat man jemals den T—l geſehen! Sie haben meiner Seel' die Laden zugemacht, das Satanspack!“ Um ſeine Geduld zu ſtählen, begann Leonard ſeine Gedanken mit einer kleinen Vorſtellung zu beluſtigen, was nämlich Mutter und Monika wohl dazu ſagen würden, wenn ſie ihn bei dieſem Abenteuer ſähen; doch — nun miſchte ſich plöͤtzlich ein Seufzer unter ſein Lächeln. Frau Hedwig's Lippen hatten ſeit lange nicht mehr gelächelt, und wenn Monika lächelte, ſo geſchah es nur matt und aus alter, wohlwollender Gewohnheit. „Ich könnte es auch wohl bleiben laſſen, an Sachen zu denken, die nicht munter ſind, da ich eigens in einem Geſchäfte ausgegangen bin, wobei es von großer Wich⸗ tigkeit iſt, daß ich mich munter halte. Denke: wenn Conſtance wirklich käme, wenn jener hochgewachſene Herr, mit den verkleideten Bedienten wirklich gerade vor meiner Naſe mit ihr davon reiſ'te!... O nein; das geht auch nicht ſo leicht: ich würde wenigſtens her⸗ vorſpringen und ihr das Unweibliche und Unwürdige in einem ſolchen Betragen vorhalten; und vielleicht würde es mir gelingen, ſie wieder zur Vernunft zu bringen... doch ſt!l— was haben wir hier?... Einen Lichtſchein an der Ecke?... Aha: eine Laterne! die kam ein wenig ungelegen; ich wünſche ſie und den, *) Der höchſte Berg in der Provinz Oeſtergöthland, am Ufer des Wetterſees. Anm. d. Ueb. der ſie Aber n Straße „S Antonet „ der Abe wenig ich gan Jugend ein alte gehabt, leidigt glaube darf, w „der arme anzuzün⸗ Sie haben hen; doch nter ſein nge nicht geſchah wohnheit. n Sachen 3 in einem ßer Wich⸗ fe: wenn gewachſene ich gerade O nein; gſtens her⸗ Inwürdige vielleicht rnunft zu ier?... e Laterne! e und den, thland, am „d. U eb. 47 der ſie trägt, weit weg! wo der Pfeffer wächſt!... Aber man ſteht ſtill— vielleicht geht's eine andre Straße!“ „Hier müſſen wir die Laterne auslöſchen, beſte Antonette!“ flüſterte die Majorin. „Liebe Amalie! es iſt ſo unerhört finſter auf dem ſchaurigen Platze!“ „Ja wohl; doch es gehört gerade zur Charakteriſtik der Abenteuer, daß man es um ſich her finſter hat. Ein wenig Mondſchein kann wohl im Nothfall erlaubt ſein, doch ja nicht zu viel: warte nur noch einen Augen⸗ blick, ſo haben wir zu unſerm Vorhaben hinreichend davon.“ „Ja, ja; doch“... Beſte Antonette, Du biſt doch wohl nicht furcht⸗ am?“ „Das wohl eben nicht; aber doch— ℳ „Nimm ein Beiſpiel an mir, meine Liebe: ich bin, Gottlob, mit keiner ſolchen Frauenſchwäche behaftet, was ich ganz dem Umſtande zuſchreibe, daß ich in ſo früher Jugend verheirathet wurde. Du weißt, daß mein Mann ein alter Kriegsheld iſt; und ſeit dem erſten Augen⸗ blicke unſerer Bekanntſchaft hat er mich in ſo viele ſchreckliche und intereſſante Geſchichten von geheimen Recognoscirungen in der Finſterniß eingeweiht, daß ich ganz beherzt geworden bin und mich keinen Augenblick beſinnen würde, wenn es darauf ankäme, die Stellung des Feindes zu unterſuchen und mich an die Spitze einer ganzen Schwadron zu ſetzen.“ „ Ich wurde weder jung verheirathet, noch habe ich mich einer ſolchen martialiſchen Erziehung zu erfreuen gehabt, wie Du,“ entgegnete Frau K—, ein wenig be⸗ leidigt von dem überlegenen Tone der Majorin,„doch glaube ich kaum, daß es einer ganzen Schwadron be⸗ darf, wenn man recognosciren will!“ „Das kommt ganz darauf an, wie ſtark der Feind iſt, und wie viele Poſten er ausgeſetzt haben kann. Uebrigens wird man wohl nicht in Schwadronen rei⸗ ſen, ſondern, wie Du wohl verſtehſt— wenn nänlich Du, beſte Antonette, etwas davon verſtändeſt— in mehren Abtheilungen, auf verſchiedenen Wegen und“.. „Wir können unmöͤglich länger hier ſtehen bleiben,“ fiel die Wegweiſerin, die unſchätzbare Brita der Ma⸗ jorin, ein;„da könnten wir lieber nach Hauſe gehen!“ „Ach, Herr Gott! Ja, Brita! Du haſt Recht! Blaſe das Licht aus und ſchleiche Dich vorſichtig voran, ſo trippeln wir hinter drein!... Und nun, meine beſte Antonette, zuerſt vor allen Dingen Frieden und Einig⸗ keit, denn das iſt bei allen Recognoseirungen in Kriegs⸗ und Liebesſachen das Allernothwendigſte! So!l geh nun einige Schritte hinter mir, oder noch beſſer: geh Du voran hinter Brita, ſo bilde ich die Nachhut!“ Und der Zug bewegte ſich in der Dunkelheit lang⸗ ſam vorwärts; denn obgleich der Mond einige lichte Streifen auf den Platz herabwarf, ſo trat er doch nicht ſo ſehr aus der Wolke bervor, daß er die ſpionirenden Abenteuerinnen beleuchtete. „Höre, liebe Brita!“ ſagte die Majorin, indem ſie ihrer Vertrauten durch einen der Frau K— ertheil⸗ ten Seitenſtoß, den dieſe wiederum auf Brita trans⸗ portiren ſollte, ein Signal gab,„was ſagſt Du zu der großen Buche dort? Ich kenne ſie von Alters her— dort könnten wir alle drei Platz finden!“ „Es wäre beſſer, dem Hauſe näher zu kommen— der Schuppen dort unten an der einen Wand gibt ein gutes Verſteck— dahin können wir uns ſtellen; und kommt jemand, ſo ziehen wir uns hinter die andre Wand zurück.“ „Nun meinethalben!“ Und zu Leonard's unſäglicher Freude— er hatte ſeine Mitſpielerinnen erkannt und ſchloß aus ihren Be⸗ wegungen, daß ſie über eine Beſitznahme ſeines Platzes Rath buche ſprung Waller räumt käſtchen deten, Du das etwas Eine der Feind ben kann. ronen rei⸗ n nämlich deſt— in n und“.. n bleiben,“ der Ma⸗ ſe gehen!“ jgaſt Recht! ztig voran, meine beſte und Einig⸗ in Kriegs⸗ ol geh nun geh Du tl lheit lang⸗ inige lichte doch nicht pionirenden kommen— ind gibt ein lellen; und die andre — er hatte s ihren Be⸗ lines Platzes 49 Rath hielten— zogen ſie an der ſchützenden Apoſtel⸗ buche vorüber und verſchanzten ſich hinter dem Vor⸗ ſprunge von Nicke Mattsſon's Schuppen. Sechstes Kapitel. „Ach, welche Wohlthat, daß es Mittwochs⸗ und Sonnabendsnachmittage in der Welt gibt!“ meinte Frau Waller, nachdem ſie ihre kleine nette Reſidenz aufge⸗ räumt und ſämmtliche bibliſche Geſchichten und Näh⸗ käſtchen, die zuſammen eine anſehnliche Pyramide bil⸗ deten, auf einen Tiſch in einer Ecke des Saales ver⸗ pflanzt hatte. „Ja, ſie ſind gut gleich allen übrigen Tagen!“ entgegnete Conſtance. „Gleich allen übrigen Tagen, ſagſt Du?— O, ich ſollte doch meinen, daß ſie ein wenig beſſer ſind! Montags, Dienſtags, Donnerſtags und Freitags muß ich mich mit den Kindern von früh Morgens bis ſpät Abends langweilen; die Mittwochs⸗ und Sonnabends⸗ nachmittage verſchaffen Einem eine angenehme Ruhe⸗ ſtunde, ohne welche eine arme Lehrerin ihr mühevolles Leben nimmermehr aushalten würde... Doch höre, meine liebe Conſtance! da wir nun einige Freiſtunden haben, ſo könnteſt Du wohl ſo gut ſein, an meinem ſchwarzen ſeidenen Kleide die Aermel zu ändern. Ich weiß ganz gewiß, daß ich bei Hertens zur Kindtaufe gebeten werde, und die Aermel find ſo ſchrecklich alt⸗ modiſch!“ „Ich werde ſie gewiß ändern, liebe Mutter, ehe Du das Kleid brauchſt; doch heute Nachmittag habe ich etwas für mich ſelbſt zu beſorgen.“ Eine Nacht am Bullarſee. I. 4 1 50 „Was denn, liebes Kind— kann ich Dir dabei helfen? „Nein, meine gute Mutter! Ich muß ein wenig ausgehen!“ „Haſt Du etwas zu beſorgen? Nun, das kann ich Dir ausrichten, denn, ſiehſt Du, ich muß dennoch aus⸗ gehen, zum Goldſchmied Brandell, der mit mir über ſeine Tochter zu reden wünſcht; und ſo dachte ich den Stengel an meiner Tuchnadel reparirt und die Beulen aus dem Goldherzen herausgebracht zu erhalten: Du weißt wohl, daß die ſelige Ulla es ſo ſchlimm zerbiß, daß es nicht eher zu brauchen iſt, als bis ich es repa⸗ riren laſſe.“ „O Mutter! Was willſt Du mit der Lumperei?“ „Lumperei? Ja, ich danke! Iſt das eine Lumperei? Ich werde es gewiß behalten, bis ich etwas Beſſeres bekomme: das geſchieht vielleicht zu Deinem Hochzeit⸗ tage! Ein artiger und verſtändiger Schwiegerſohn be⸗ denkt immer ſeine Schwiegermutter; wenn auch nicht mit einem Herzen, ſo— ſo gibt es viele andere Schmuck⸗ ſachen, die da zieren und für eine bejahrte Frau paſſend ſein können.“ „Wie früh denkſt Du zu gehen?“ „Ich denke mich ſogleich auf den Weg zu machen, ſobald ich mich gekleidet habe: da komme ich ſo recht zum Kaffee; und da Du heute die Aermel meines ſchwarzen ſeidenen Kleides nicht ändern willſt, ſo könn⸗ teſt Du recht gut mit zu Brandell's kommen: von dort machſt Du Deinen Abſtecher und holſt mich dann auf dem Rückwege wieder ab.“ „Ich glaube, liebe Mutter, es wird das Beſte ſein, wenn Du Agneta mit der Laterne nachkommen läſſeſt; denn ich habe nachher Briefe zu ſchreiben. Du weißt ſelbſt, daß ich ſchon am vorigen Poſttage der Conſulin hätte antworten ſollen.“ „Das iſt ſehr wahr, mein Engel!— Ja, da wird wohl jede von uns ihren eigenen Weg wandern müſſen. Aber, l ſo brin ich den Gewebe zen ein Au Antwor ſie der vier ſta⸗ ſtance z des Grr Ale beitsſack auf ſuch ſich, um Taſche i ohne Un Als das klein Taſche. verlor ſi Endlich ſie vorh gleich eine Une Sie ſtille Ru verſchwa ruhe, di Mehrma wollte derbarer ir dabei n wenig kann ich och aus⸗ mir über 2 ich den e Beulen ten: Du n zerbiß, es repa⸗ mperei?“ umperei? Beſſeres Hochzeit⸗ rſohn be⸗ nuch nicht Schmuck⸗ au paſſend u machen, h ſo recht el meines ſo könn⸗ : von dort dann auf Beſte ſein, en läſſeſt; Du weißt Conſulin 1, da wird en müſſen. 51 Aber, liebes Kind, wenn Du in einen Kramladen gehſt, ſo bringe mir Proben von türkiſchrother Wolle mit: ich denke ein wenig zu kaufen, um an dem Ende des Gewebes, an welchem Agneta arbeitet, zu einigen Schür⸗ zen einſchlagen zu laſſen.“ Auf dieſen Vorſchlag gab Conſtance keine andere Antwort, als:„wenn ich dahin komme!“ darauf half ſie der Mutter bei ihrem Anzuge, und mit dem Schlage vier ſtand Frau Waller auf der Treppe und nickte Con⸗ ſtance zu, welche mit einer freundlichen Erwiederung des Grußes die Thür ſchloß. Als Conſtance allein war, legte ſie erſt alle Ar⸗ beitsſachen, die ſie vorgehabt hatte, ſorgfältig ein, dar⸗ auf ſuchte ſie Hut und Mantel vor, und dann ſetzte ſie ſich, um in einem kleinen Buche zu leſen, das ſie in der Taſche ihres Kleides gehabt hatte, und hiemit fuhr ſie ohne Unterbrechung fort, bis die Uhr fünf ſchlug. Als der letzte Schlag verklungen war, legte ſie das kleine Buch zuſammen und ſteckte es wieder in die Taſche. Ihr Haupt ſank auf die Bruſt herab und ſie verlor ſich entweder in Betrachtungen oder in Gebeten. Endlich aber erhob ſie ſich und ergriff den Hut, welchen ſte vorhin auf das Sofa gelegt hatte, ließ ihn aber gleich wieder fallen, als haͤtte ſich in ihrem Innern eine Unentſchloſſenheit geltend gemacht. Sie begann im Zimmer auf und ab zu gehen; die ſtille Ruhe, welche bisher ihr Antlitz beherrſcht hatte, verſchwand allmälig und machte einer ſprechenden Un⸗ ruhe, die man faſt Angſt hätte nennen können, Platz. Mehrmals fuhr ſie mit der Hand über die Stirne, als wollte ſie die Wolken verjagen, die dort vorhanden waren; doch dieſe blieben und häuften ſich mit jedem Augenblicke mehr an. „Es muß geſchehen; es läßt ſich nicht ändern: ich habe es beſchloſſen!“ ſagte ſie halblaut...„und wem außer Ihm“— hiebei flog ein Lichtſchimmer von ſon⸗ derharer Klarheit über ihre Züge—„kann ich mich anvertrauen? Es mag geſchehen— es muß geſchehen, ſo geht's nicht länger!“ Sie ergriff von Neuem den Hut und ſetzte ihn auf, nachdem ſie gleichwohl erſt zufolge eines ſonder⸗ baren Streites zwiſchen der dem Weibe angeborenen Gefallſucht und einer jetzt ſichtbarlich erſtrebten Gleich⸗ gültigkeit bald die Locken zurückgeworfen und um die Flechte im Nacken befeſtigt, und bald dieſelben wieder losgemacht hatte, ſo daß ſie geſchmeidig längs der feinen Wangen herabfallen durften, welchen Platz ſie auch zu⸗ letzt behielten, obgleich nicht ehe ſie ſich ſelbſt durch ein verächtliches Kräuſeln der Oberlippe dafür geſtraft hatte. Schnell— denn es war nun ſchon ziemlich ſpät geworden und es fehlten nur noch zehn Minuten an halb ſechs— warf ſie den Mantel um und ging, um Agneta zu rufen, welche die Thür verſchließen ſollte. „Ach, Herr Gott, Mamſellchen! Wollen Sie in dieſer ſchrecklichen Dunkelheit allein ausgehen? Laſſen Sie mich doch mit der Laterne vorleuchten!“ „Wozu ſollte das dienen?— wir haben ja Mond⸗ ſchein.“ „Ja, das iſt mir ein ſchöner Mondſchein— nicht anders als ob der Mond in einem Sack ſteckte!— Ich verſichere, es iſt wie in der pechſchwarzen Nacht.“ „O nein, beunruhige Dich nicht um meinetwillen, ſondern ſpule das Garn, wie meine Mutter Dir geſagt hat, und halte die Thür verſchloſſen, bis ich zurück⸗ komme!“ „Wenn ich aber, da Sie zurückkommen, nicht hier bin, ſondern die Frau hole, ſo kommen Sie ja nicht hinein!“ „Du gehſt nicht vor acht Uhr und da bin ich zu Hauſe. Du kannſt aber doch warten bis ein Viertel auf neun. Adieu, Agneta!“ eſchehen, etzte ihn ſonder⸗ eborenen Gleich⸗ um die n wieder er feinen auch zu⸗ bſt durch geſtr aft rlich ſpät nuten an ing, um ſollte. Sie in 2 Laſſen ja Mond⸗ — nicht teckte!— n Nacht.“ netwillen, dir geſagt ch zurück⸗ nicht hier e ja nicht bin ich zu ein Viertel 5³ Jetzt war der Mond wirklich, wie Agneta ſich aus⸗ drückte, nicht anders, als ſteckte er in einem Sacke, und weit entfernt, daß die Behauptung der Majorin Min⸗ ten,„daß es bald hinreichend hell werden würde,“ in Erfüllung gehen zu wollen ſchien, drohte das Abenteuer, worauf die Damen ſich gefaßt gemacht hatten, unter totaler Finſterniß eintreffen zu wollen. Glücklicher Weiſe hatten beide Frauen die vortrefflichſten Augen, und hätte Leonard die ſeinigen von einer Katze ge⸗ liehen, ſo hätten ſie unmöglich beſſer ſein können. Eine vollkommene Stille umgab Nicke Mattsſon's Häuschen. Endlich aber höͤrten beide Obſervationscorps an beiden Seiten des genannten Häuschens, daß ſich leichte Schritte näherten. „Meiner Treu,“ ſagte Leonard zu ſich ſelbſt, und der kalte Schweiß brach aus ſeiner Stirne hervor,„ich glaube wirklich, es wird Ernſt! Sie iſt es— ich würde ihren Gang in noch weit größerer Entfernung erken⸗ nen— ja, ſieh! da kommt ſiel das iſt ihre Größe, ihr Wuchs! Sie iſt's— ach, ſie iſt's! Großer Gott, wer hätte ſo etwas glauben können! Ginge ſie auf ganz rich⸗ tigen Wegen, ſo brauchte ſie nicht im Dunkeln allein zu gehen und zu lauſchen und ſich umzuſehen, als wäre ſie in Unruhe, daß jemand ſie ſehen und beſpähen möchte. Arme Conſtance, arme Conſtance! wenn Dich doch wenigſtens kein Andrer als nur ich beſpähte! doch dort ſtehen ein Paar böſe Weiber, die morgen mit Deinem guten Rufe abfahren, als wäre er an einen von den Beſenſtielen feſtgebunden, auf welchen am grünen Donnerſtagsabende die Hexen zum Schornſteine hinaus⸗ fahren*)... Ach, wenn doch noch Hoffnung da wäre: *) Die Volksſage von einer jährlichen Hexenfahrt nach dem Blocksberge(hier Blokulla geuannt) iſt in Schwe⸗ den eben ſo herrſchend wie in Deutſchland; doch wird dieſelbe nicht in der Nacht vor dem 1. Mai, ſondern am grünen Donnerstage angetreten. Anm. d. Ueb. ſie iſt ſo gut, ſo wohlthätig— die Menſchenliebe ver⸗ birgt ſich bisweilen eben ſo gut wie das Verbrechen... Wir werden ſehen— ja, ja, wir werden ſehen!“ ſchen, hier ei ſon ſo bedeute „Parole d'Honneur, unſre Recognoscirung geht 85 vortrefflich! dort haben wir nun unſre Heldin in der ſie wol 1 Schußweite, obgleich wir, verſteht ſich, unſre Bomben werden weislich ſparen, bis wir ſehen, wo wir ſie am beſten 92 anwenden können— oder was ſagſt Du, beſte Anto⸗ anderes nette? Dieſe Geſchichte, welche gewiß bald genug in gen M der Stadt cirkuliren wird, iſt wohl werth, daß man„ perſönlich eine Rolle dabei geſpielt hat?“ ſie nich „Ach, gute Amalial wie kannſt Du nur Deine gute.„] Laune beibehalten? Ich muß offenherzig geſtehen, daß Liebhal ich ſo betrübt bin wegen des armen Mäͤdchens, daß ich auf der mehr Luſt fühle, zu weinen, als zu lachen. Sie iſt die wohl b vornehmſte Hoffnung ihrer Mutter, und ein Skandal, letzten der ihren Ruf befleckt, raubt ihr gänzlich jede Gelegen⸗ 28 heit, ihn durch eine Heirath zu repariren.“ vielleich „Vielleicht nimmt der Herr in dem mit Scharlach„L gefütterten Mantel, über den wir zu Hauſe ſcherzten, ſie auf de f auf ſeinen Antheil und macht ſie zu einer vornehmen.„ Freiherrin... doch kein Wort mehr— ſie iſt bald ſo wiß gu nahe, daß ſie uns hören kann!“ Die verdachtloſe Conſtance, welche keine Ahnung aus?“ davon hatte, daß ihre Schritte der Gegenſtand ſo vieler„ Blicke, ſo vieler Ueberlegungen waren, ſchritt langſam aber w / ihrem Ziele zu. Als ſie Mattsſon's Häuschen erreichte, klopfte ſie gerade ſo, wie es nach der Erzählung der Majorin das vorige Mal zugegangen war, dreimal leiſe an die Fenſterladen; und ſie war kaum von dem Fenſter 2 V zurückgetreten, ſo knarrte die Hausthür leiſe auf ihren 2.„ alten roſtigen Angeln, und Madame Mattsſon, für linger einen Werktag ungewöhnlich fein gekleidet, öffnete ſelbſt mit einem Lichte in der Hand. ebe ver⸗ echen... 1 1 ing geht in in der Bomben m beſten ſte Anto⸗ genug in daß man deine gute then, daß 3, daß ich zie iſt die Skandal, Gelegen⸗ Scharlach erzten, ſie vornehmen iſt bald ſo Ahnung ſo vieler t langſam erreichte, ihlung der reimal leiſe em Fenſter auf ihren tsſon, für fnete ſelbſt 5⁵5 „Ich ſchwöre darauf,“ rief die Majorin, die kaum ihr Verlangen, an das Fenſter zu gehen und zu lau⸗ ſchen, bezwingen konnte,„ich ſchwoͤre darauf, daß es hier eine heimliche Trauung gibt, da Madame Matts⸗ ſon ſo gekleidet war— oder was könnte das ſonſt zu bedeuten haben? Verſtehſt Du es, Antonette?“ „Nicht das allergeringſte verſtehe ich, außer daß ſie wohl nicht ohne vorhergegangenes Aufgebot getraut werden können.“ „Da haſt Du ganz Recht; da iſt es wohl etwas anderes... Brital war Madame Mattsſon am vori⸗ gen Mittwoch auch ſo gekleidet?“ „Das weiß ich nicht, Frau Majorin, da bekam ich ſie nicht zu ſehen.“ „Nun, da kann ich verſtehen, daß der Rang des Liebhabers es fordert, daß auch die gute Mattsſon ſich auf dem ſtraffen Seile zeigt... doch nun ſollte er wohl bald hier ſein... Brital wie lange kam er am letzten Mittwoch wohl ſpäter als ſie?“ „O, ungefähr eine halbe Viertelſtunde oder auch vielleicht eine ganze— ich kann nicht ſo genau ſagen.“ „Und die verkleideten Bedienten folgten ihm dicht auf den Ferſen?“ „Das wohl auch nicht ſo ganz, denn ſie kamen ge⸗ wiß guter fünf Minuten ſpäter.“ „Und er war ein großer Herr und ſah vornehm aus 2 „Ich konnte nicht ſehen, wie er ausſah; groß aber war er, und hatte eine ſehr vornehme Haltung.“ „Ich glaube, ich bekomme Fieber, wenn ich hier länger ſtehen ſoll!“ murmelte Leonard.„Ich ſollte doch denken, daß der Liebhaber nun endlich kommen müßte — es iſt unartig, ſeine Dame warten zu laſſen... Aber wird nicht die Thür geöffnet? Ja, das wird ſie! — was hat das zu bedeuten?“ „Was hat das zu bedeuten?“ flüſterte auch die Majorin, ihre gute Freundin, Frau K, beim Arm faſſend.„Dort kommt ja unſre Heldin mit herabgelaſ⸗ ſenem Schleier wieder heraus!.. Was, in Gottes Namen, ſehe ich! da kommt ja auch Madame Mattsſon ſo angezogen, als wollte ſie in die Kirche, und der alte Mattsſon im Sonntagsſtaate!... Nein, nun ſteht mir der Verſtand ſtill, total ſtill, radical ſtill!... Mein Gott, man kann verrückt werden über ſolche Dummheiten!“ „Ich bin von Verwunderung ganz gelähmt! Sage mir nur, meine Liebe, was wollen wir nun beginnen?“ „O, ich ſollte meinen, das verſtände ſich von ſelbſt: wir gehen nach, wenn ſie nur erſt ein wenig weiter ent⸗ fernt ſind... Sieh, Conſtance und Madame Mattsſon gehen voran, und Mattsſon geht hinter her wie ein Bedienter!... Aber wo in Gottes Namen bleibt der Herr mit den verkleideten Bedienten?“ „Vielleicht ſollen dieſe armen Leute ſie bis an den Wagen begleiten, welcher wohl an einem andern Orte halten mag?“ „Du ſagſt etwas, Antonette, das wohl werth iſt beherzigt zu werden! Brita, ſchleich Dich nun längs dem Geländer— langſam wie eine Katze und geſchmei⸗ dig wie ein Aal, ſo kommen wir, Frau K— und ich nach! Aber ich ſage Dir: Du biſt unglücklich, wenn Du ſie aus den Augen läßt! Spürſt Du dagegen rich⸗ tig aus, wohin ſie ſich begeben, ſo bekommſt Du acht⸗ zehn Schillinge!“ Brita kam aus dem Schuppen als ſie eben die letz⸗ ten Worte ihrer Herrin vernommen hatte, verſtärkt mit dem Befehle:„Warte an der Ecke auf uns!“ Als dieſer Befehl ertheilt wurde, hatte Leonard ſich ſchon in Bewegung geſetzt; und ebenfalls längt dem Geländer hingleitend, hatte er nicht nur die Eckt erreicht, Conſtan mit ihr „D „Aber i bert wo auf Leo⸗ Hausrei merkſam ſo wahr ſein wil haftig n der Erd will dar gut nach „S dienten j umherſch ten?“ b wird ſie! auch die beim Arm erabgelaſ⸗ n Gottes Mattsſon d der alte nun ſteht ſtill!... ber ſolche mt! Sage deginnen?“ von ſelbſt: weiter ent⸗ e Mattsſon er wie ein bleibt der bis an den ndern Orte el werth iſt nun längs d geſchmei⸗ — und ich, llich, wenn gegen rich⸗ t Du acht⸗ ben die letz⸗ zerſtärkt mit 14 te Leonard falls längt zur die Eckt 57 erreicht, ſondern auch in die Quergaſſe eingelenkt, die Conſtance und ihre Begleiter wählten, als die Majorin mit ihrer guten Freundin dort anlangte. „Dort gehen ſie!“ flüſterte Brita, rechts deutend... „Aber ich begreife nicht, wie dieſe Figur hervorgezau⸗ bert worden iſt“— ſie deutete mit einem Kopfnicken auf Leonard's Schatten, welcher, da er jetzt an der Hausreihe der andern Seite hervordämmerte, der Auf⸗ merkſamkeit nicht länger entgehen konnte—„er kam, ſo wahr ich Brita heiße und ein ehrliches Mädchen ſein will, eben daher, woher wir kamen! Ich ſah wahr⸗ haftig nicht das Mindeſte, da ſchoß er gleichſam aus der Erde hervor und ſchlich ſich vor mich hin; und ich will darauf ſterben, daß er den armen Leuten eben ſo gut nachſpaͤht wie wir!“ „Sollte es wohl einer von den verkleideten Be⸗ dienten ſein, der ſich hier auf den Befehl ſeines Herrn umherſchleicht, um jeden Zudringlichen entfernt zu hal⸗ ten?“ bemerkte Frau K—. „Nein, ſie waren größer und ſahen zerlumpt aus!“ wendete Brita ein. „Vielleicht ein Polizeibedienter“— ſagte die Majo⸗ rin,„wer weiß, ob nicht der Herr Graf oder Baron, oder wer er ſonſt ſein kann, der unbekannte Liebhaber, wenn alles richtig geſichtet und beſehen wird, ein ver⸗ laufener mit Steckbriefen verfolgter Spitzbube iſt— Gott behüte das arme Mädchen!... Laß uns gehen, laß uns keine einzige Minute verſäumen!“ „Nein, liebſte, beſte Amalia, laß uns keine einzige Minute verſäumen! Aber meine Knie ſchwanken, ich bin recht erſchüttert!“ „Ach, meine Gute, Du biſt wirklich ein kleiner Kramsvogel! Aber ſieh, dort biegen ſie links um die Ecke — in des Himmels Namen, wohin wollen ſie? Jetzt gehen ſie ſchneller! Komm, komm, liebe Antonette, ſtrenge Dich an, ſonſt haben wir Alles umſonſt gethan!“ In ununterbrochener Stille ſetzten beide Parteien ihre Beobachtungen fort; die Majorin, Frau K— und Brita auf der linken Seite der Straße, Leonard auf der rechten. Noch wich Conſtance mit ihrer Begleitung einmal, zweimal, dreimal ab und beſchleunigte ihre Schritte im⸗ mer mehr. Auf dieſe Weiſe kam man endlich in einen andern, ebenfalls weniger beſuchten Theil der Stadt, aber doch wenigſtens in eine ordentliche Straße, und Frau K— hatte kaum noch einen Athemzug übrig, als ſie endlich in gehöriger Entfernung ſtehen blieben, weil ſie ſahen, daß diejenigen, denen ſie nachſetzten, vor einem großen altmodiſchen Hauſe ſtill ſtanden, in deſſen zweitem Stockwerke ein paar Fenſter erleuchtet waren, „Herr Jeſus!“ rief die Majorin aus, als Conſtance nach einigen Minuten in dieſes Haus trat,„ſollte unſer Roman auf dieſe Art ein Ende nehmen? Nun begreiſt ich Alles... armes, armes Mädchen!“ „O, mein Gott!“ ſeufzte Frau K—, welche eben⸗ falls das Geheimniß des myſtiſchen, wohlbekannten Hau⸗ ſes zu kennen ſchien—„ſie iſt erſt neunzehn Jahre.. welches lange, ſchreckliche Leben!— mich friert, wem ich nur daran denke! Laß uns nach Hauſe gehen, mein beſte Freundin, und zu Gott für ſie beten; ich glaube wir können jetzt nichts Beſſeres thun!“ „Ja, das iſt wahr! Komm, Brita! Du kannſt doc nicht durch die Wand ſehen. Eile daher ſchnell vorwen und ſetze den Theekeſſel auf!“ Auf der andern Seite der Straße ſtand Leonau und ſtarrte die beiden erleuchteten Fenſter an. Leonarde Antlitz war bleich, ſeine Stirn voller Falten, und da auch er das Ende des vermeintlichen Liebesabenteuerf verſtand, konnte man aus den Worten abnehmen, die ihm entfielen:„Ich glaube, ich hätte ſie lieber im Grab liegen ſehen!“ K— und d auf der ig einmal, chritte im⸗ hin einen der Stadt, raße, und übrig, als leben, weil etzten, vor in deſſen htet waren 3Conſtance ſollte unſen un begreif delche eben unten Hau⸗ Jahre.. iert, wem ehen, meim ich glaube kannſt doch Sechstes Buch. Der Fanatiker. Welch' ein Geſicht! Mich heben Geiſterſchwingen; Die Erde breitet unter mir ſich aus, Umſchlungen von der Schlang' in ſchwarzen Ringen, Der Menſchen Pfad iſt eitel Nacht und Graus; Sie rufen aus dem Staub mit dumpfen Stimmen: „O gib uns Licht!“ Grafſtröm. Con Treppen entlang, eine an Kau Zimmer, Klaſſe de Mattsſon menden u mit einen lichen, a⸗ dem Licht Zimmer i bis vierzi Dieſe Ausſehen verbreitete Zimmers; langarmig hatten die haft mit lich, gleich ligen Büc Der ſichtern ſie ſtand in grauen, Tapeten d verhärtet Schimmel Siebentes Kapitel. Conſtance und ihre Begleiter ſtiegen zwei finſtre Treppen hinauf, tappten darauf einen langen Corridor entlang, ſtanden am Ende deſſelben ſtill und berührten eine an der einen Seite herabhängende Glockenſchnur. Kaum erklang der dumpfe Laut der Glocke in dem Zimmer, ſo wurde die Thür von einem Manne aus der Klaſſe der Arbeiter geöffnet, welcher gleich dem Nicke Mattsſon in ſeinem Sonntagsſtaate war. Die Ankom⸗ menden und der ſchon Angekommene begrüßten einander mit einem ſtummen Kopfnicken und einem gemeinſchaft⸗ lichen, aufſteigenden Seufzer, worauf der Führer mit dem Lichte in der Hand ſie durch ein wenig erleuchtetes Zimmer in einen Saal führte, in welchem ſie dreißig bis vierzig Perſonen trafen. Dieſer Saal hatte ein geheimnißvolles nnd düſteres Ausſehen; das Licht der grauen Flußlampe an der Decke verbreitete einen unſichern Schein über die Mitte des Zimmers; an der Seite aber brannte hie und da in einer langarmigen Lampette ein einſames Licht; und um dieſe hatten die Anweſenden ſich gruppirt, nicht um ſich leb⸗ haft mit einander zu unterhalten, ſondern um unbeweg⸗ lich, gleich Mumien, auf ihren Stühlen ſitzend die hei⸗ ligen Bücher zu leſen, zu ſeufzen und zu beten. Der Anblick aller dieſer Menſchen, auf deren Ge⸗ ſichtern ſich eine ſteife und andächtige Feier abſpiegelte, ſtand in vollkommenem Einklange mit dieſen ſchwarz⸗ grauen, ungaſtfreundlichen Wänden, an deren ältlichen Tapeten die Feuchtigkeit in den ehmals friſchen Blumen verhärtet war, und dieſelben in einer Schichte von Schimmel begraben hatte. ——— ——ſſ“ Das Schickſal dieſer Blumen mag ein unedles, viel⸗ leicht aber doch nicht ganz uneigentliches Bild von dem Einfluſſe der verkehrten Religionsſchwärmerei ſein. Der arme, aber arbeitſame Familienvater oder die Familien⸗ mutter leben glücklich in ihrem einfachen Glauben, den ſte von ihren Vorfahren geerbt und als das koſtbarſte Teſtament gepflegt haben; plötzlich tritt einer von dieſen umherſchweifenden Rittern Chriſti auf, um mit dem Lichte ſeines Geiſtes dem Unerleuchteten zu leuchten und ſehr bald ſind der arbeitſame, glückliche Mann, die häus⸗ liche, wahrhaft gottesfürchtige und ungekünſtelte Frau in Kopf und Herz verwirrt und die friſchen Blumen ihres Glückes zerſtört und begraben unter der undurchdring⸗ lichen Schichte des Heiligenſchimmels. Wir meinen hier nicht dieſe bedauernswürdigen Ar⸗ men, dieſe faſt unheilbar unglücklichen Weſen, welche das Opfer des ſieberhaften Wahnſinnes, der elenden Kunſtgriffe und des erbärmlichen Eigennutzes eines ſoge⸗ nannten Bußpredigers geworden ſind— dieſe unzähligen Opfer, welche, nachdem ſie ſelbſt von der Raſerei be⸗ rührt worden ſind, gleich den mit der Waſſerſcheu Be⸗ ſeſſenen umherlaufen und vor Begierde zittern, ſich feſt⸗ zubeißen, wo ſie ankommen können, und die zuletzt An⸗ dere eben ſo wahnſinnig machen, wie ſie es ſelbſt ſind — nein, wir meinen hier die leſende Schwärmerei, führt fließt d oder fa gung, ſinnliche früömme einer m Gotte Do Gang d beweiſen Vo nen Sac nannten Standes gemiſcht. jenem B in einen gen falle gewiſſen Platz we einige B Plöt welche unglücklicherweiſe ihre lockende Poeſie hat; nicht die ganze aber die leſende Raſerei, deren roher Cynismus ſo ekelhaft iſt, daß man ſich mit Abſcheu hinwegwendet. ſeinen At überhören Eben ſo begränzt wie der Unterſchied zwiſchen dem urſachte; Fanatiker und dem Bußprediger iſt auch der Unterſchie ſteif und zwiſchen der frommen Schwärmerei und der frommen durch ein Leſerei*). Das Unglück, welches der Fanatiker herbei⸗ denke — ligen *) In dem Folgenden ſind nach dem Schwediſchen die der L Ausdrücke„Leſer,“„Leſerin,“„Leſerei“ im Dentſchen wun zä beibehalten worden, obgleich ſie ſich dort nicht vor⸗ finden; doch erklären ſie ſich leicht, wenn man daran bles, viel⸗ von dem ſein. Der Familien⸗ uben, den koſtbarſte von dieſen mit dem ichten und die häus⸗ telte Frau umen ihres zurchdring⸗ irdigen Ar⸗ n, welche eer elenden eines ſoge⸗ unzähligen Raſerei be⸗ man daran 63 führt— ſo fürchterlich es auch immerhin ſein mag— fließt doch wenigſtens aus einer gleich viel, ob wahren oder falſchen, ſo doch wenigſtens lebendigen Ueberzeu⸗ gung, einem tief ſchwärmenden, erhabenen und über⸗ ſinnlichen Glauben, wogegen das Unglück, welches der frömmelnde Bußprediger anrichtet, berechnet und auf einer menſchlichen Wage gewogen iſt, ob gleich es in Gottes Namen ausgeſäet wird. Doch wir wollen durch die Handlung, durch den Gang der Ereigniſſe unſre Meinung verdeutlichen und beweiſen. Von den Perſonen, die ſich in dem obenbeſchriebe⸗ nen Saale befanden, gehörten über die Hälfte den ſoge⸗ nannten vornehmen Klaſſen an; hier aber herrſchte kein Standesunterſchied; alle waren um und durch einander gemiſcht. Conſtance hatte ſich mit ihrer kleinen Bibel, jenem Buche, in welchem wir ſie zu Hauſe leſen ſahen, in einen Winkel geſetzt, wo ſie ſelbſt nicht in die Au⸗ gen fallen, von wo aus ſie aber um ſo beſſer einen gewiſſen Platz im Zimmer überſehen konnte. Dieſer Platz war bezeichnet durch einen Tiſch, auf welchem einige Bücher lagen, durch einen Stuhl und eine Art von Betſchemel, der vor dem von zwei Lichtern erhellten Tiſche ſtand. Plötzlich war es, als ginge ein Schweigen durch die ganze kleine Verſammlung; es war, als ob jeder ſeinen Athem zurückhielt, um nicht das Geräuſch zu überhören, welches die Schritte eines Ankommenden ver⸗ urſachte; und alle dieſe Geſichter, welche bisher nur ſteif und feierlich geweſen waren, erhielten nun, wie durch ein Zauberwerk, Leben, Ausdruck, ja faſt eine denken will, daß ſie abgeleitet ſind von„Leſen in„hei⸗ ligen Büchern.“ Das Weſen und die Beſchaffenheit der Leſerei in den verſchiedenen Nüancen, wie ſie nämlich in Schweden auftritt, wird der Verfolg dieſer Erzählung lehren. Anm. d. Ueb. Art von Glanz. Conſtances Wangen flammten, die Thränen drangen hervor aus ihren Augen und hinderten ſie am Sehen, als die Thür, welche in das innere Zim⸗ mer führte, geöffnet wurde und der erſehnte Lehrer her⸗ austrat. Anderthalb in ſtrenger Arbeit, Nachtwachen, An⸗ ſtrengungen und inneren Kämpfen verlebte Jahre hatten dem ſchoͤnen Antlitze unſers Juſtus von Carleborg dieſen Heiligenſchimmer ertheilt, welcher ſo ſtark zu den Sin⸗ nen redet, wenn er ſich im Verein mit Jugendkraft, Enthuſiasmus und flammender Schwärmerei zeigt. Ge⸗ kleidet in dem ſchönen Halbkaftan*), deſſen reiche und weiche Falten ſich an ſeine hohe und geſchmeidige Ge⸗ ſtalt ſchmiegten, begrüßte der junge Geiſtliche ſeine Gäſte durch eine Bewegung mit der Hand voller Würde und Anmuth; darauf nahte er langſam dem Betſchemel, auf welchem er niederkniete, ein Beiſpiel, welchem alle Uebrigen nachfolgten. Als er ſich dann erhob und an die Verſammelten wendete, da ſtrahlten ſeine Augen von einem Feuer, das zu gleicher Zeit Begeiſterung und Schauder erweckte, dem der Glanz deſſelben war faſt übernatürlich. Die Wir⸗ kung ſeiner Blicke hatte ſeine Zuhörer auch ſchon elektriſirt, ehe ſie noch mit ihren Augen und Herzen in buchſtäblicher Bedeutung des Wortes an ſeinen Lippen feſthangend, von dieſen ein einziges Wort vernommer hatten. Er ließ dem Augenblicke, da er anſing zu reden, immer ein ſpannendes Schweigen vorhergehen; und heut *) Die gewöhnliche Kleidung der Geiſtlichen in Schwe⸗ den, ähnlich der altdeutſchen Tracht. Der Talar iſ nicht üblich, ſondern bei geiſtlichen Verrichtungen ha⸗ ben die Geiſtlichen einen Mantel, der nur von den Schultern nach hinten hinabfällt. Die Läppchen ge⸗ hören ebenfalls zu der täglichen Kleidung. Anm. d. Ueb. O Wollet der auc hörbar ihn mit ach, w hätten i ihnen ge dieſen lo hohe St tyrerkror um frein ſein Blu hohen B *) Die lich Eine Na tten, die hinderten nere Zim⸗ ehrer her⸗ hen, An⸗ hre hatten org dieſen den Sin⸗ igendkraft, eigt. Ge⸗ reiche und eidige Ge⸗ ſeine Gäſte Würde und chemel, auf lchem alle erſammelten Feuer, das weckte, denn Die Wir⸗ vernommen ag zu reden, ; und heute in Schwe⸗ per Talar iß 65 vermuthlich darum, weil dieſes ſeine letzte Zuſammen⸗ kunft war, dauerte dieſes Schweigen noch länger und wurde noch peinigender als gewöhnlich. Nun aber öffneten ſich ſeine Lippen, und ſeine leiſe, aber doch ſo vollkommen klare und wohlklingende Stimme ſprach folgenden neuteſtamentlichen Spruch aus: „Was ſeid Ihr hinausgegangen, in die Wüſte zu ſehen? Wolltet Ihr ein Rohr ſehen, das der Wind hin und her wehet?. Oder was ſeid Ihr hinausgegangen, zu ſehen? Wollet Ihr einen Propheten ſehen? Ja, ich ſage Euch, der auch mehr iſt, denn ein Prophet. Denn dieſer iſt's, von dem geſchrieben ſtehet: Siehe, ich ſende meinen Engel vor Dir her, der Deinen Weg vor Dir bereiten ſoll!“*) Als ſchon der Laut dieſes kühnen Eingangsſpruches des Fanatikers verklungen war, vibrirte er doch noch hörbar in dem Innern ſeiner Zuhörer. Sie betrachteten ihn mit heiliger Ehrfurcht, mit bezauberter Andacht; ach, wie gerne wären ſie auf ihre Knie geſunken und hätten ihre Angeſichter auf die Erde gelegt, wenn es ihnen geſtattet geweſen wäre, ein einziges Haar von dieſen langen, glänzenden Locken zu küſſen, welche ſeine hohe Stirne beſchatteten, dieſe Stirn, welche die Mär⸗ tyrerkrone vielleicht bald zieren ſollte, wenn er hinginge, um freiwillig ſeine Jugend, ſeine Kenntniſſe, ſein Leben, ſein Blut für die heilige Sache des Erlöſers zu opfern. Nach einem neuen Aufenthalte fuhr der junge Geiſt⸗ liche fort: „Ehe ich einige Worte von mir ſelber rede, ehe ich Euch mein Lebewohl ſage, Euch Redlichen und Treuen, um hinzugehen und mich zu dem heiligen und hohen Berufe zu bereiten, der mir auf Erden vorgelegt *) Die vielen im Folgenden eitirten Sprüche ſind ſämmt⸗ lich nach Luthers Ueberſetzung angeführt. Anm. d. Ueb. Eine Nacht am Bullarſee. U. 5 ——— —— iſt, verlangt meine Seele mit Euch zu reden, Ihr mit mir verwandten Geiſter, um Euch einige Rathſchläge zu hinterlaſſen, die Euch eine Erinnerung an mich ſein können und an die Zuſammenkünfte, in welchen unſre andächtigen Seufzer vereint emporgeſtiegen ſind. Fürchtet nicht, Ihr Alten, daß meine Jugend zu viel fordern und im Gefühle Ihrer Kraft vergeſſen wird, daß die Eurige dahin iſt! Fürchtet nicht, Ihr Jungen, daß ich leichtſinnig das Wort führe, dieſen eitlen Um⸗ ſtändlichkeiten, dieſer vielbeſchäftigten Unthätigkeit, die ſich wichtig macht, ohne etwas anderes zu bewirken, als lauter Kleinigkeiten! Nein, ich ehre und lobe die unbe⸗ ſchäftigten Augenblicke, in denen die Hände und das Werk ruhen und nur der Geiſt thätig iſt, er mag nun Thaten abwägen und menſchlichen Wandel und menſch⸗ liche Schickſale überdecken, oder die Vergangenheit mit der Gegenwart vergleichen und die vielleicht drückenden Feſſeln des Augenblickes mit den unveränderlichen Roſen des Glaubens und der Hoffnung ausſchmücken.... Ich ehre, lobe und preiſe noch mehr die heiligen Augen⸗ blicke, da der Geiſt nicht vergleicht, nicht denkt, ſondern entfeſſelt in der höchſten Fülle der Andacht das allein ewige Weſen ſchaut und mit heiligem Schauder die Wunder der Allmacht, die Spuren ihrer hohen Weis⸗ heit, die unzähligen Beweiſe ihrer unendlichen Liebt betrachtet, und durchdrungen von heiliger Begeiſterung ausruft:„Alſo hat Gott die Welt geliebet!“ Tiefe Seufzer beantworteten dieſe erſte Abtheilung die beſonders für diejenigen, welche das Wort nach den Buchſtaben auffaßten, bequeme Sätze zu enthalten ſchien „Doch,“ fuhr er mit warmer und lebendiger Ueber⸗ zeugung fort,„zu dieſer klaren, ſeligen Anſchauung ge langt niemand, ehe er ein gutes Stück des ſchmalen Pfades zurückgelegt hat. Dieſen aber will ich Eut zeigen, meine Geliebten; damit Ihr ihn finden mögtt will ich Euch Rath ertheilen.“. Er ſtützte ſich, während er redete, leicht auf di eine E die S Blicke aus de 7/ ſchlug diente, mußte Rückſic kalt un gegen und ſtro der Ern fruchtlo iſt denn erſten 2 Unglaub der Deit des Erl. ſeiner B „„„„4 ſo wie 3 Vergebu bleiben, heißt: und Dei kleinſten ſöhnende ſchauen, erhältſt, verlieh. „„O *) Die (o tiſte 67 Ihr mit eine Seite des Tiſches, und ſeine Stellung war ſo edel, athſchläge die Senkung ſeines Hauptes ſo bezaubernd, daß die mich ſein Blicke der jungen Zuhörerinnen ihn keinen Augenblick hen unſte aus dem Geſicht verloren. nd. z„„Bruder, Schweſter!““— der junge Lehrer Jugend zu ſchlug nun einen Ton an, deſſen er ſich ſeltener be⸗ eeſſen wird, diente, da aber ſein Publikum ein gemiſchtes war, ſo r Jungen, mußte der Vortrag auf den verſchiedenen Geſchmack eitlen Um⸗ Rückſicht nehmen.—*)„„Bruder, Schweſter! Du wirſt igkeit, die kalt und träge, Du wirſt ohnmächtig in dem Kampfe wirken, als gegen eine ſtarke Verſuchung, Du ſiehſt Deine Gefahr die unbe⸗ und ſtrengſt alle Deine Kräfte an, Du lieſeſt die Worte e und das der Ermahnung und der Beſtrafung— doch Alles iſt r mag nun fruchtlos: Du biſt eben ſo kalt und ſchwach. Welches und menſch⸗ iſt denn der Fehler? Eben derſelbe, wie da Du bei der genheit mit erſten Beſſerung in derſelben Noth dalagſt, nämlich der drückenden Unglaube, der kalte, tödtende Nebel des Unglaubens, ichen Roſen der Deine Seele umhüllt. Du kennſt nicht das Recht ſen.... Ich des Erlöſers, Du ſchmeckſt nicht die Lebenswärme an gen Augen, ſeiner Bruſt, die Dir ſonſt Leben und Wärme verlieh. ukt, ſonden„„Hier wäre alſo wiederum das Heilmittel, Dich das allen ſo wie Du biſt nur in die Arme der Gnade und der chauder di Vergebung zu werfen, und dort ſo lange liegen zu ohen Weis bleiben, bis Du wiederum warm und ſtark wirſt, das lichen Lieb: heißt: Deine Augen von Dir ſelbſt, Deinem Elende Begeiſterunz und Deinen Sünden hinweg zu wenden, und ohne den kleinſten Seitenblick nur Gottes Herz und Chriſti ver⸗ Abtheilung ſöhnendes Blut und Fürbitte für Dich ſo lange zu ort nach den ſchauen, bis Du die Freude und den Frieden wieder hhalten ſchinn erhältſt, der Dir ehedem Liebe und Kräfte zur Heiligung udiger Ueben verlieh. ſchauung ge⸗„„O, könnte es mit göttlicher Schrift in alle a*) Die in dieſem Kapitel mit doppelten Citationszeichen nden möge(„) ausgezeichneten Stellen ſind theils aus dem„Pie⸗ 1 tiſten,“ thells aus der Miſſionszeitung entlehnt. eicht auf d Anm. d. Verf. treuen Herzen geſchrieben werden, daß die ganze Se⸗ ligkeit zuletzt auf einem Punkte ruht, nämlich in Ihm zu bleiben, der uns geliebet hat, denn da würde es gegen die Sünde der Mittel genug geben! „Das Leben ſtirbt ab, der Geiſt ſtirbt und die Kraft ſtirbt ab, wenn nicht ſtets das Herz in dem Garten unter den Roſen weidet, das heißt auf die Wunder der Gnade in Jeſu Wunden ſchaut und wiederum beſtändig ſchaut— wie der theure Herr ſelbſt meinte und ſagte: „Bleibet in mir und ich in Euch! Gleichwie die Rebe kann keine Frucht bringen von ihm ſelber, ſie bleibe denn am Weinſtock: alſo auch Ihr nicht, Ihr bleibet denn in mir. Ich bin der Weinſtock, Ihr ſeid die Reben. Wer in mir bleibet und ich in ihm, der bringet viel Frucht; denn ohne mich könnet Ihr nichts thun.““ „„Doch die Stunde der Verſuchung ſchlägt von Neuem. „Die Verſuchung zu einerlei Sünde wird imme ſtärker und in demſelben Grade der Unglaube und die daher fließende Ohnmacht immer größer. So fällt der arme Menſch von Neuem und geht durch Unglauben Schritt für Schritt hinweg von dem einzigen Erlöſen bis er endlich Alles für verloren hält; und nun, un das unruhige, rufende und klagende Bewußtſein zu tröſten, beginnt er ſich einen falſchen Troſt zu ſuche und eine Entſchuldigung für die ihm übermächtig ge⸗ wordene Sünde, oder auch vergißt er in dem allge⸗ meinen Unglauben und in der Weltluſt die letzten Ge⸗ danken an dasjenige, was er gehabt und verloren hatte— und ſo iſt es aus: er iſt todt. faul„Welches war nun hier der entſcheidende Todes all. „Es war der, daß er nach der Sünde nicht ſe gleich die Gnade der Verſöhnung ſuchte, daß er ſit nicht rein zu waſchen ſuchte in dem Blute des Lammet ſondern hinging, um ſelbſt ſeinen Schaden zu heilen Denn fiel— Leib u hätte g er ſogl Chriſtu Abtrün die Ve⸗ den W Tödtend len Pf das hei ſchon d der Si gehe D. ſchließe Gefühle flöheſt, beiführe ſuchung, zu werfe vorſätzli anze Se⸗ ) in Ihm würde es und die m Garten zunder der 3 beſtändig und ſagte: je die Rebe ſie bleibe Ihr bleibet r ſeid die ihm, der Ihr nichtz ſchlägt von wird imme nbe und die Ho fäͤllt de Unglauben Ben Erlöſen 69 Denn merket: es war wohl übel, daß er in die Sünde fiel— er hätte lieber wachen und gegen das Boöſe mit Leib und Blut kämpfen ſollen— aber ſehet, dieſer Fall hätte geheilet werden können durch die Gnade, wenn er ſogleich zu ihr ſeine Zuflucht genommen hätte, denn Chriſtus hat Gaben erhalten für die Sünder, ſelbſt die Abtrünnigen„daß er jedoch in dieſem Punkte ſich durch die Vernunft und durch den Teufel betrügen ließ und den Weg zur Verbeſſerung verfehlte, das wurde das Tödtende. „„Und hier haben wir nun wiederum den ſchma⸗ len Pfad vor Augen, nämlich den vor der Sünde, das heißt in der Stunde der Verſuchung oder wohl ſchon vorher, in Furchten zu watten, doch nach der Sünde, das heißt: wenn Du gefallen biſt, gehe Du dreiſtiglich hin zu dem Gnadenſtuhle, ver⸗ ſchließe Augen und Ohren vor der Vernunft und dem Gefühle, wirf Dich nur in den Strom der Gnaden und waſche darin alle Unreinlichkeit ab. Die Gefahren ſind, daß wir vor der Sünde allzu ſicher und dreiſt ſind, nach der Sünde aber allzu kleinmüthig und vor⸗ ſichtig. „„Zu der Wachſamkeit ſollte gehören, daß Du bei der erſtew eigenliebigen Einbildung vor Deiner Stärke bebteſt und den Fall fürchteteſt und ſogleich um Hülfe riefeſt, daß Du, ſo weit Dein Beruf es geſtattet, vor allen Gelegenheiten, Perſonen, Orden und Verhältniſſen flöheſt, von denen Du weißeſt, daß ſie Verſuchung her⸗ beiführen. Denn zu beten:„führe uns nicht in Ver⸗ ſuchung,“ ſich aber mit eigenem Willen in ihren Schoß zu werfen, das hieße des Herrn ſpotten und ſich ſelbſt vorſätzlich betrügen. „„Zu dem Glauben aber gehört es, daß Du, ſobald Du gefallen biſt, Dir nicht ſelbſt zu helfen ſuchſt, ſon⸗ ſt dern, als wäre es das erſte Mal, da Du Gnade ſuchſt, ſogleich mit Deinen Flecken hingehſt zu dem ewig rei⸗ nigenden Verſöhnungsblute und dort Deine Kleider wäſcheſt. Dieſe Uebung würde Deine Vernunft brechen, Dein Herz ſchmelzen und zermalmen und Dich zwingen, täglich mit dem Worte und dem Gebete umzugehen. „„Was nun durch dieſe Mittel nicht ausgerichtet wird, das thut der Treufeſte und„Wunderliche“ durch das Kreuz, wenn Du ihn darum bitteſt. „„Eine redliche Seele ſeufzet oft:„ich achte nicht was ich leiden müßte, wenn nur Gottes Werk in mir vorwärts ginge; o, daß Gott ſich ſelbſt mein Fleiſch tödten wollte, denn ſelbſt bin ich zu ſchwach dazu.“ Siehe, Bruder und Schweſter! ſolche Seufzer nimmt der treufeſte Gott mit beſonderem Wohlgefallen auf.... „„So viele Demuth ein Menſch gewinnt, ſo viele Heiligkeit und Gnadengaben erhält er auch. Fängſt Du aber an, das Wort gering zu achten und ihm un⸗ gehorſam zu werden, ſo läſſet Er Dich fallen in das hölliſche Feuer, ſeinen göttlichen Urſprung zu bezwei⸗ feln. Biſt Du nur redlich im Willen geheiligt zu wer⸗ den, ſo wird Dein Gott es wohl thun, wenn auch auf andre Art, als Du meinteſt.„Der Gott aber aller Gnade, der Euch berufen hat zu ſeiner ewigen Herrlich⸗ keit in Chriſto Jeſu, derſelbige wird Euch, die Ihr eine kleine Zeit leidet, vollbereiten, ſtärken, kräftigen gründen. Demſelben ſei Ehre und Macht von Ewig⸗ keit zu Ewigkeit. Amen!““ Hier hielt Juſtus von Carleborg inne. Er hatte ſich des Theiles ſeines Vortrages entledigt, der ihm bei dieſer letzten Zuſammenkunft als Lehrer oblag. Was er dieſer kleinen Verſammlung(welche, in heiliger An⸗ dacht aufgelöst, jedes Wort aus ſeinem Munde für ein Orakel hielt) weiter zu ſagen hatte, das betraf ihn be⸗ ſonders, und wollte daher eine kurze Zeit vergehen laſſen, ehe er ſein gegebenes Verſprechen erfüllte. Er ſetzte ſich an den Tiſch und blätterte in einigen Papieren, während ſeine Zuhörer mit geſenkten Häup⸗ tern auf den Augenblick warteten, da ſie von Neuem und zum letzten Male dieſe Stimme hören ſollten, welcht des To in ihre W daß die Blicke geben ein leie beobach Weſen ganz kle ſchienen dereinſt Als Bewegu ſchwach, er von ſtärker, Amt, n möchte, welchem dieſer ſi Andachts thumes Winde ſo ging brechen, wingen, ehen. gerichtet herliche“ öte nicht in mir u Fleiſch dazu.“ r nimmt auf.... ſo viele Fängſt ihm un⸗ n in das u bezwei⸗ t zu wer⸗ auch auf aber aller 1 Herrlich⸗ 0 die Ihr kräftigen don Ewig⸗ Er hatte er ihm bei ag. Was eiliger An— ide für ein raf ihn be⸗ ehen laſſen, in einigen kten Häup⸗ von Neuem lten, welch 71 des Tages vor ihren Ohren klang, und des Nachts in ihren Träumen wiederhallte. Während dieſer Unterbrechung geſchah es zweimal, daß die Augen des jungen Schwärmers und Conſtance's Blicke ſich begegneten; und hätte Jemand Achtung darauf geben können, ſo wurde er bemerkt haben, daß dabei ein leichtes Zittern die Glieder Beider elektriſirte. Er beobachtete, daß das Ruhige und Beſtimmte in ihrem Weſen einem erregten Gefühle, einer ſprechenden Un⸗ ruhe, einem merkbaren Ausdruck von Unſicherheit Platz gemacht hatte. Sie merkte, daß auf ſeinen Wangen die Farbe zweimal wechſelte, und daß ſeine Stirn ein⸗ mal, gleichſam aus einer innern geheimen Mißbilligung, ſich mit Falten belegte. Das Alles aber dauerte nur wenige Augenblicke, und bald erhob ſich Juſtus von Neuem, indem er ſeine ganz kleine Kirche mit Blicken maß, welche zu ſagen ſchienen:„ſo klein Du jetzt biſt, ſo groß ſollſt Du dereinſt werden.“ Als er diesmal anfing zu reden, überfuhr eine ſtarke Bewegung ſeine Antlitz, und die erſten Töne waren ſchwach, ja faſt zitternd; doch nach und nach, je mehr er von ſeinem Gegenſtande hingeriſſen wurde, deſto ſtärker, voller und klarer wurde ſeine Stimme. „„Das Herz liegt lange in den Banden der Sinne und der kalten Vernunft, ehe es ſich ſelbſt um dieſe brennende, nimmer ruhende Sehnſucht, die daſſelbe ver⸗ zehrt und ihm keine Ruhe läßt, zu faſſen und zu ver⸗ ſtehen vermag... In der ganzen Welt gibt es kein Amt, mit welchem ich den theuren Beruf vertauſchen möchte, welchen ich gewählt habe, keinen Platz, an welchem ich lieber ſtände, als auf dem Lehrſtuhle, mag dieſer ſich in dem chriſtlichen Tempel, dem beſondern Andachtsſaale befinden, oder in der Wüſte des Heiden⸗ thumes— und dennoch ſegelte ich lange gegen heftige Winde an... Weil Finſterniß in meiner Seele herrſchte, ſo ging ich hinaus auf die Felder und die Berge und warf mich nieder und betete, daß dieſe Finſterniß, welche meine friſche Jugendkraft dämpfte und gleichſam in Ketten gefangen hielt, weichen möchte; aber ſie wich nicht ſo ſchnell; ich wurde heimgeſucht von allerlei An⸗ fechtungen, bis ſich endlich meine Augen öffneten und den freundlichen Leuchtthurm erblickten, welcher von mir ungeſehen ſo nahe brannte, und welcher von dieſem Augenblicke an fortdauernd meinen Nachtwachen, meinen Gebeten und meinen Kämpfen geleuchtet hat— denn kein Sieg ohne Kampf. „„War denn mein früher, unverſtandener Wunſch wirklich der Deinige, o Vater? „„Du führteſt mich lange auf andern Wegen und ſchienſt mich bei manchem Lebensplane feſthalten zu wollen, für welchen ich eifrigſt arbeitete.„Doch da nun die Sonne aufging, verwelkete es, und dieweil es nicht Wurzel hatte, verdorrete es.“ Früh genug aber ſchaffteſt Du Rath und bahnteſt den Weg und ließeſt mich werden, was ich ferner nicht aufhören kann zu ſein, ſofern ich nicht gränzenlos unglücklich werden ſollte.“ Welche Blicke der Theilnahme, welche Blicke voll brennender Liebe betrachteten den Fanatiker, als er nun von ſich ſelber redete. Die jungen Zuhörerinnen beteten ihn an als ihren Abgott, und hielten die unruhigen Schläge ihrer Herzen für die Wirkung eines heiligen, Gott wohlgefälligen Gefühles; ſie glaubten das höchſte Weſen anzubeten, und ſie beteten den unvollkommenen Apoſtel an, aus deſſen ſchönen Lippen die Worte ein tauſendfältiges Leben erhielten.. „„Heute,““ fuhr er nach einer von dieſen Unter⸗ brechungen fort, welche er durch ſeine bloße Stellung nicht allein auszufüllen, ſondern auch ſo außerordentlich beredt zu machen verſtand,„„heute, Ihr geliebten Brü⸗ der und Schweſtern in Chriſto, habe ich Euch zum letzten Male zu einer beſondern Andachtsſtunde berufen. Ueber ein Kleines, ſo gehe ich von Euch, um mich in der Eit mit Ch diejenig gende 4 hin in Kreatur blinden welchen und we Geiſtes 5 ja ſogar die Zwie die ganz falls aus daß der kein and poſaunt jede neu ewigen Rechtfert nicht in I,, 1 viele St glaube Gambia terniß, ichſam e wich ei An⸗ en und on mir dieſem meinen — denn Wunſch gen und lten zu Doch da eeil es genug n Weg aufhören glücklich nruhigen s höchſte ſen Unter⸗ Stellung ordentlich 73 der Einſamkeit zu dem Berufe vorzubereiten, den ich mit Chriſti Hülfe beginnen und vollenden werde. „„Wer ſollte gehen zu den armen Heiden, wo nicht diejenigen, welche an ihrem eigenen Herzen die beſeli⸗ gende Kraft des Evangeliums erfahren haben:„Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Kreatur;“ wer ſollte ſich erbarmen über die armen, blinden Diener der Abgötterei, wo nicht diejenigen, welchen ſelbſt von Gott Barmherzigkeit widerfahren iſt und welche lebendige Tempel Gottes und des heiligen Geiſtes geworden ſind? „„Alles breitet ſich aus, wächſt und vermehrt ſich, ja ſogar das Böſe, die Sünde, die Lüge, der Irrthum, die Zwietracht— ſollte ſich denn Gottes Wort, das die ganze Welt mit Seligkeit erfüllen kann, nicht eben⸗ falls ausbreiten? Liegt es nicht in der Natur der Sache, daß der Geiſt des Chriſtenthums kein anderer iſt und kein anderer ſein kann, als der Miſſionsgeiſt? Man poſaunt Alles, jede profane Kunſt, jede Wiſſenſchaft, jede neue Entdeckung und Erfindung in der Welt aus, warum ſollten denn die Poſaunen der Gnade ſchweigen und verſtummen? Warum ſoll nicht die Entdeckung einer ewigen Erlöſung, eine für die ganze Welt geltende Rechtfertigung, auch in der ganzen Welt verkündigt und auspoſaunt werden? „„O, meine Brüder, meine Schweſtern, welche Noth, welcher Jammer, welche Abſcheulichkeiten herrſchen nicht in der Heidenwelt! „„Wer kann es ausſprechen und berechnen, wie viele Ströme von Menſchenblut der heidniſche After⸗ glaube dem Ganges und Sandusky, Mainusky und Gambia zu trinken gegeben hat— und ſie ſind immer noch nicht geſättigt! „„Wir haben unſere Städte und Doͤrfer mit Kir⸗ chen und Schulen, ſo vielen Lehrern, ſo vielen Unter⸗ richts⸗ und Gnadenmitteln, ſo viel Kenntniß von Gott und von Jeſu Chriſto; wir haben ſo vieles Licht und ſo viele Weisheit: und die armen Heiden ſind ohne dieſe Mittel, ohne Schulen, ohne Lehrer, ohne Lehrbücher, und darum ſo verfinſtert und unwiſſend in allen geiſtigen Dingen. O Chriſtenheit, dich wecken ſo viele Stim⸗ men, für dich wird ſo viele geiſtige Nahrung zube⸗ reitet! deine Kinder, deine Jünglinge und Töchter können ſo viel Nützliches lernen, früh zu Chriſtum gewieſen, in ſeinem Worte unterrichtet, confirmirt, geſegnet, zu ſeinem Abendmahlstiſche geführt werden. Doch ſiehe: die Söhne und Toͤchter der armen Heiden wachſen auf gleich den Thieren des Waldes, haben weder chriſtliche Eltern noch Lehrer, haben gar nichts! Keine Glocke erweckt ſie zu einem rührenden Gottes⸗ dienſte, einem erbaulichen Vortrage, einer chriſtlichen Unterweiſung. Die armen Schafe in der Wüſte gehen verloren, ohne die Stimme des guten Hirten zu hören, ohne ſeinen Namen zu kennen, der doch auch ſür ſie geſtorben iſt. „„Iſt nicht dieſes Alles— obgleich nur ein kurzer und ärmlicher Entwurf— hinreichend, um zu beweiſen, wie nothwendig die Heidenmiſſionen ſind? Ihr frucht⸗ tragender Nutzen hat ſich auch ſeit mehr denn vierzig Jahren, da dieſe Auswanderungen beſtanden haben, ge⸗ zeigt. Mehr denn viele Hunderttauſende von bekehrten Heiden erfreuen ſich der Kenntniß von Gott und von Jeſu Chriſto. „„Aber es iſt noch weit mehr zu thun, als was bis jetzt gethan iſt. Und das Verſprechen hat kein Ende, und es iſt bei weitem noch nicht erfüllt und reicht ſo weit als der Himmel und ſo weit als die Wolken rei⸗ chen: es ſteht feſt wie Gottes Berge und dauert bis der Letzte, der von einem Weibe geboren wurde, ein⸗ gegangen iſt in Gottes Reich. „„Ja, meine Brüder, meine Schweſtern! es iſt noch vieles zu thun übrig: die Erde iſt noch zum größten Theile in Nacht eingehüllt; tiefe Finſterniß ruht uber den Völkern und bedeckt die Länder der Heiden. Es gibt n Götzen 22 meiner gegang zu erfü mich vo meiner Komm, was ru Mithelf warten! „ tief inſp lange ſo alle Hin ich werd bunden wir baut begraben Apoſtel tief und in dieſer lich wag e dieſe bücher, eiſtigen Stim⸗ zube⸗ können wieſen, net, zu h ſiehe: ſen auf riſtliche Gottes⸗ riſtlichen te gehen u hören, h ſür ſie n kurzer beweiſen, frucht⸗ in vierzig als was ein Ende, reicht ſo n größten ruht über iden. Et 75 gibt noch weit mehr unbekehrte, blinde, todte und wilde Götzenanbeter als Bekehrte! „„Wachend und ſchlafend vernehme ich den Ruf meiner Brüder, dieſer Apoſtel des Herrn, welche aus⸗ gegangen ſind, um das Gebot ihres Herrn und Meiſters zu erfüllen. Ja, ich vernehme dieſen Ruf, er erreicht mich von entlegenen Geſtaden, er verfolgt mich bei meiner Arbeit, er ſchreckt mich auf aus meiner Ruhe. Komm, komm! tönt es unaufhörlich, komm, komm!— was ruhſt, was verziehſt du, da wir dich als einen Mithelfer in dem geringen Weinberge des Herrn er⸗ warten? „Doch,““ fuhr er nach kurzem Schweigen mit tief inſpirirter und kräftiger Stimme fort,„„doch nicht lange ſollt Ihr mich vergebens auffordern! Ich werde alle Hinderniſſe beſiegen, ich werde alle Bande brechen, ich werde Euch begrüßen, Ihr Geiſter, die Ihr ver⸗ bunden ſeid mit meinem Geiſte: gemeinſchaftlich wollen wir bauen an der Kirche des Herrn; und werden wir begraben unter ihren Trümmern, was ſchadet’s? Andre Apoſtel werden kommen, die Trümmer hinwegräumen und ſie von Neuem aufbauen, denn dieſe Kirche kann nicht ſterben: ſie wird leben, und ihre Thurmſpitze, ge⸗ brochen aus Chriſti Kreuz, wird dereinſt über die ganze Erde zu ſchanen ſein, und alle Völker der Erde werden um ſie her ihre Kniee beugen. So betet denn, betet, betet, meine Geliebten, für den Fortgang der Miſſionen in allen von der Finſter⸗ niß bedeckten Ländern— betet für dieſe Traͤger des evangeliſchen Lichtes, daß ihr Licht nicht erlöſche aus Mangel an Nahrung, und ſchenket mit warmem und willigem Herzen Eure Gaben der Miſſionsgeſellſchaft, welche Euch Gelegenheit verſchafft hat, zu zeigen, wie tief und lebendig Euer Eifer und Eure Theilnahme iſt in dieſer größten Angelegenheit der Menſchheit. End⸗ lich wage ich auch zu ſagen: betet für mich! Ich be⸗ darf und vertröſte mich Eurer Gebete; denn wohin ich gehe, dort ſind noch nicht viele Fahnen des Chriſten⸗ thums aufgepflanzt worden. Begleitet mich alſo mit Euren Seufzern und Fürbitten an die Geſtade des nachtſchwarzen Afrika— und mag ich dereinſt wieder⸗ kehren, um Euch zu danken für die Erleichterung, welche dieſe Seufzer und Gebete mir bereitet haben, oder mag ich Euch erſt dort oben danken, ſo... be⸗ denket, daß die Meere Chriſti treue Bekenner nicht trennen: überall bin ich mit Euch und Ihr mit mir.“ Hier ſchwieg der von heiligem Enthuſiasmus glü⸗ hende Schwärmer und verbeugte ſich tief vor den laut ſchluchzenden Zuhörern, welche von ihren Gefühlen hin⸗ geriſſen auf die Knie geſunken waren. Gleich darauf trat er an den Betſchemel und nach einigen üblichen Gebeten ſprach er mit ſchwebender und aufgeregter Stimme den Segen. Die Zuſammenkunft war aufgelöſ't. Die Leute drängten ſich vor, um ihn noch einmal zu betrachten und ſeine Hände zu berühren: Einige wollten ihm ſogar Geſchenke und Geld für die Beleh⸗ rung und den Troſt anbieten, welche ſie erhalten zu haben vermeinten; doch er wies dieſe Proben ihrer Dankbarkeit mit eben ſo vieler Sanftmuth als mit edler Würde von ſich, indem er— mit der einen Hand win⸗ kend, die andere auf die Bruſt legend und mit einem faſt verklärten Lächeln auf den Lippen— ſich in das innere Zimmer zurückzog. „ Jetzt verſchwand unter einem Gemurmel von fana⸗ tiſchen Ausrufungen die kleine Verſammlung, und Jeder ging ſeines Weges, außer Conſtance und Madame Mattsſon, welche noch auf der Schwelle zwiſchen dem Saale und dem kleinen Zimmer ſtehen blieben. Nach einigen Minuten, während welcher Conſtance's edles Haupt auf die Bruſt herabgeſunken war, erhob ſie ſich mit Entſchloſſenheit.„Liebe Mattsſon!“ ſagte ſie, indem ſie auf die Thür deutete, in welcher Juſtus verſchwun⸗ den wa ich muf Cor ſon und ſchloſſene Es geſchenkt von Neu gegriffen nach ein Faſten v geredet z die nur Er blickte. Inz: von vorn zu erhall weniger! Rathſchlä wenn auc ſtändigen vor Unged um des L werden ſch Aber und warm zogen wer in ich riſten⸗ o mit e des vieder⸗ erung, haben, . be⸗ nicht mir.“ s glü⸗ en laut en hin⸗ nd nach der und einmal Einige Beleh⸗ 77 den war,„klopfen Sie doch gefälligſt an jene Tdhür— ich muß, ich muß ein Paar Worte mit ihm reden!“ Achtes Kapitel. Conſtance's Bitte gehorchend, ging Madame Matts⸗ ſon und ſchlug ein Paar leichte Schläge an die ver⸗ ſchloſſene Thür. Es dauerte einige Minuten, ehe dem Rufe Gehör geſchenkt wurde, und als Juſtus von Carleborg ſich von Neuem zeigte, war er bleich, matt und ſichtbar an⸗ gegriffen, ſei es von der eben überſtandenen Anſtrengung, nach einer ſchlafloſen Nacht und einem faſt ganz in Faſten verlebten Tage eine ganze Stunde geſtanden und geredet zu haben, oder auch aus einer andern Urſache, die nur Gott und er ſelbſt kannten. bic Er ſchien überraſcht zu ſein, als er Conſtance er⸗ ickte. Inzwiſchen war es nichts Ungewöhnliches für ihn, von vornehmeren Damen, jungen und alten, Beſuche zu erhalten. Seine Zuſammenkünfte waren vielleicht weniger beſucht, als ſeine Wohnzimmer für beſondere Rathſchläge in geiſtigen Dingen, wobei die Rathſuchende, wenn auch nicht damit anfing, ſo doch mit einer ſo voll⸗ ſtändigen Beichte ſchloß, daß der junge Lehrer dabei oft vor Ungeduld ſeufzte, weil ſo manche ſolche Beichte eher um des Lehrers als um des Rathes willen abgelegt zu werden ſchien. Aber ſein Enthuſiasmus brannte noch allzu rein und warm, als daß er in den Schmutz hätte herabge⸗ zogen werden können, und manche Büßerin verließ ihn mit ſolchen Ermahnungen, daß ſie keine Luſt hatte, noch einmal in den Beichtſtuhl zu gehen. Das alles aber hatte mit dem jetzigen Beſuche nichts zu ſchaffen, und darum verbarg er nur mit genauer Noth ſeine Ueberraſchung. „Verzeihen Sie, Herr Magiſter Carleborg,“ ſagte Conſtance leiſe und demüthig, in einem Tone, der ſo ſehr verſchieden war von demjenigen, welchen ſie ehe⸗ mals auf Oernwik gegen ihn angewendet hatte, daß man ihn kaum wieder erkennen konnte,„daß ich es wage, Sie mit der Bitte zu beläſtigen, mir eine geheime Unterredung von einigen Minuten zu ge⸗ ſtatten!“ „Meine Thür ſteht Jedem offen, der Eintritt be⸗ ehrt!“ antwortete er ſanft; und indem er den Eingang in das Allerheiligſte öffnete, gab er der Madame Matts⸗ ſon einen Wink, im Saale zu warten. Ohne Verlegenheit und ohne Erröthen trat Con⸗ ſtance in dieſes Zimmer, das ſie als zu heilig betrach⸗ tete, um ein Gegenſtand der allergeringſten Ueberlegung zu ſein, ob es paſſend oder unpaſſend wäre. Sie hätte, mit ihrer Anſicht von der Sache, eben ſo gut überlegen können, ob es unpaſſend wäre, ohne Begleitung in die Kirche zu gehen. Wenn ſie jedoch ohne Verlegenheit und Erröthen eintrat, ſo geſchah es gleichwohl nicht ohne Herzklopfen, ohne eine Art von heiliger Athemlo⸗ ſigkeit bei dem Gedanken, daß ſie ſich jetzt allein, Stirn gegen Stirn, mit demjenigen befände, den ſie einſt ver⸗ abſcheut und in Verdacht gehabt hatte, um ihn ſpäter in ſeinen Handlungen um ſo tiefer anzubeten. Das Zimmer, in welches Conſtance eintrat und welches ebenfalls durch eine Lampe erhellt wurde, die aber nicht von der Decke herabhing, ſondern in der Mitte eines mit Büchern und Karten bedeckten großen runden Tiſches ſtand, trug denſelben Geiſt der Einfach⸗ heit, ja Dürftigkeit an ſich, wie das äußere Zimmer; nur zwei Luxusartikel unterbrachen die in die Augen fallend über y lauf w Stockn ſogar Hauſe wirrten dien ſi wenn artikel welches vorſtellt Il dieſes( des Er von C und tra Bucherl dem ver Vorhan welcher halbdund ſeinen d ſcher, d ihr ſtanl ger Aug te, noch e nichts genauer “ ſagte „der ſo ſie ehe⸗ te, daß 3 ich es mir eine zu ge⸗ ntritt be⸗ Eingang ne Matts⸗ rat Con⸗ Athemlo⸗ kin, Stirn ſen großen Einfach⸗ Zimmer; hie Augen 79 fallende düſtere Einförmigkeit: der eine war ein Piano, über welches die wunderbarſten Erzählungen im Um⸗ lauf waren. Die Wirthsleute, welche in dem unteren Stockwerke wohnten, betheuerten, daß es bei Nacht und ſogar an gewiſſen Abenden, da der Geiſtliche nicht zu Hauſe wäre, von ſelbſt die bald traurigen und ver⸗ wirrten, bald entzückenden und einſchläfernden Melo⸗ dien ſpielte, die der Eigner hervorzubringen pflegte, wenn er ſelbſt die Taſten berührte. Der zweite Luxus⸗ artikel war ein an der Wand hangendes Gemälde, welches den Kampf des Erzengels Michael mit Lucifer vorſtellte. Ihrer ſelbſt unbewußt, ſiel Conſtancens Blick auf dieſes Gemälde, und es kam ihr vor, als ob die Züge des Erzengels eine auffallende Aehnlichkeit mit Juſtus von Carleborg hätten. Sie wendete ihre Augen ab und traf nun ſtatt deſſen auf dem oberſten Abſatze des Bücherbrettes einen Todtenkopf, und hinter demſelben in dem verborgenſten Winkel gewahrte ſie einen myſtiſchen Vorhang von dunklem Zeuge an der Mauer befeſtigt, welcher zufolge der zuvor über das Zimmer erhaltenen Beſchreibung ein Hemde von Pferdehaaren und eine Geißel verhüllte. Conſtance fühlte wie ihre Knie wankten. Dieſes halbdunkle Zimmer mit dem flackernden Lampenſcheine, ſeinen düſtern Attributen und ſeinem bleichen Beherr⸗ ſcher, der in der ganzen Glorie eines Martyrers vor ihr ſtand, verwirrte ihre Gedanken. Sie bedurfte eini⸗ ger Augenblicke, um ſie zu ſammeln. „Was bin ich ſo glucklich für Sie thun zu kön⸗ nen?“ fragte er in lieblichem, ermunterndem Tone. „Iſt es eine Schweſter in Chriſto, welche zum Frieden ihrer Seele von dem Lehrer Rath fordert, oder iſt es Conſtance Waller, welche dem Juſtus von Carleborg durch ein freundliches Vertrauen zeigen will, daß ſie ihn nicht mehr haßt und ſcheut?“ „Ich weiß wirklich ſelbſt nicht, von welchem dieſer Beiden ich Rath zu begehren denke,“ erwiederte Con⸗ ſtance leiſe und erröthend bei der Anſpielung auf ehe⸗ malige Verhältniſſe;„ich weiß nur Eines, nämlich: wenn ich mich nicht vollkommen auf die Güte und Nach⸗ ſicht des Einen zu verlaſſen wagte, ich nimmermehr die Kühnheit haben würde, um die Aufmerkſamkeit des An⸗ dern für eine Angelegenheit zu bitten, die mich einzig und allein ſelbſt betrifft.“ „Sprechen Sie offen, Madewoiſelle Waller, und glauben Sie mir“— hier ſenkte ſich ſeine Stimme zu dieſer gefährlichen Miſchung der geiſtlichen und welt⸗ lichen Vertraulichkeit—„keines Menſchen Theilnahme kann aufrichtiger ſein.“ „Das wäre ein allzu kühner Glaube— derjenige, deſſen Theilnahme der ganzen Menſchheit angehört, kann nicht mehr denn einige flüchtige Augenblicke an das unbedeutende Individuum wegwerfen; doch ſchon dieſe ſind koſtbar genug, um durch eine ewige Dankbarkeit vergolten zu werden!“— „Mit den Ohren werdet Ihr hören, und werdet es nicht verſtehen, und mit ſehenden Augen werdet Ihr ſehen, und werdet es nicht vernehmen!“ murmelte Juſtus, indem eine Secunde lang ſein Blick auf dem jungen Mädchen ruhte mit einem Ausdruck, vor wel⸗ chem ſie in jeder Fiber zuſammen ſchauderte. „Darf ich reden?“ ſtotterte ſie. „Reden Sie!“ antwortete er, indem er ſich hinter dem Herrſchertone verſchanzte. Er ſetzte ſich ſelbſt und lud ſie durch einen Wink ein, einen andern Stuhl zu nehmen. „Meine Mutter iſt arm: es ſteht in meiner Macht, ihre Lage zu verbeſſern und ſelbſt in den Genuß eines in weltlicher Bedeutung ſorgenfreien Looſes zu kommen. Ich habe zwei annehmbare Heirathsanträge— ich aber bin unſchlüſſig in der Wahl!“ Ein leichtes Zucken in Juſtus' Lippen, welchen Conſtan niederge „J ſind nun wollen? „2 und... Juf ſah es ſ ſchwieg gültige lichen S ſeine Au in ihrer einen vo „Ich Stimme Wortes lernen, n hat und viel geli eine rein, ſondern eingeſetzt „We und gute lich leiden ihnen auf ſich ja er — ſie er! dem Lehre als diejen Achtung „Wa Eine Nac tte Con⸗ auf ehe⸗ nämlich: nd Nach⸗ mehr die des An⸗ ich einzig Uler, und timme zu ind welt⸗ heilnahme derjenige, hört, kann e an das ſchon dieſe ankbarkeit nd werdet en werdet murmelte auf dem , vor wel⸗ ſich hinter ſich ſelbſt bern Stuhl iner Macht benuß eines hu kommen. — ich aber in, welchen 81 Conſtance aber nicht bemerkte, weil ſie ihre Augen niedergeſchlagen hatte, ging ſeiner Antwort voran: „Ich meine von vieren gehört zu haben— welche ſind nun die zwei, welche Sie in Erwägung ziehen wollen?“ „Mein Vetter, der Doctor Wilſon, und.. und... und... der Bruder des Herrn Magiſters!“ Juſtus zeigte keine Ueberraſchung; im Gegentheile ſah es ſo aus, als wäre ihm dieſes bekannt, dennoch ſchwieg er lange, ehe er antwortete:„Haben Sie eine gültige Urſache bei der Hand zum Eintritte in den ehe⸗ lichen Stand ohne Liebe, oder“— er ſah ſie an, und ſeine Augen durchſpähten jede Ecke und jeden Winkel in ihrer Seele—„oder empfinden Sie Liebe gegen einen von dieſen Männern?“ „Ich habe noch nie,“ erwiederte ſie, und ihre Stimme zitterte leicht dabei,„die Bedeutung dieſes Wortes kennen gelernt und will ſie auch nie kennen lernen, weil mein Herz an der himmliſchen Liebe genug hat und ſich ſchmerzhaft betrüben würde, wenn dieſe der irdiſchen Liebe einen Theil des Raumes abtreten müßte.“ „Dennoch paſſen beide ſehr gut zuſammen: Wer viel geliebet hat, dem wird auch viel vergeben!— eine reine und unbeſleckte Liebe iſt nicht allein erlaubt, ſondern ſogar geboten: Gott hat ja ſelbſt die Ehe eingeſetzt!“ „Weil er ſie eingeſetzt hat, ſo iſt es eine weiſe und gute Einrichtung, daß zwei Perſonen gemeinſchaft⸗ lich leiden und mit Geduld die Bürde tragen, die er ihnen aufzuerlegen beliebt. Aber dieſe Pflichten laſſen ſich ja erfüllen, nicht wahr: ſie laſſen ſich ja erfüllen“ — ſie erhob einen verſchämten und fragenden Blick zu dem Lehrer empor—„ohne eine andere Art von Liebe, als diejenige, welche aus Wohlwollen und gegenſeitiger Achtung zwiſchen Eheleuten entſtehen muß?“ „Warum aber, frage ich noch einmal, die Feſſel Eine Nacht am Bullarſee. II. 6 der Freiheit vorziehen? Eine Ehe ohne Liebe iſt und bleibt eine Feſſel.“ „Ich bin in meinen jetzigen Verhältniſſen zu ſehr gebunden, ja ſogar in meinen Andachtsübungen! Die Menſchen ſind ſo geſchäftig, miſchen ſich in alles, wun⸗ dern ſich über alles: ich wage nicht einmal mit meiner Mutter über den Gegenſtand zu reden, welcher mir der theuerſte, der heiligſte und höchſte auf Erden iſt. Bin ich verheirathet und an einen andern Ort gezogen, ſo werde ich eine weit größere Freiheit haben: ich werde es wagen können, nach meinen Kräften zu wirken, ich werde verſuchen, die Samenkörner fruchttragend zu machen, welche bei mir ausgeſäet ſind; ich werde im Stande ſein, nicht allein meinem kranken und leidenden Micchriſten leibliche Speiſe zu bringen, ſondern ich werde es auch verſuchen, Troſt in ſeine Seele zu gießen— und wenn ich dann hie und da Segen ernte, ſo wirz er zurückfallen auf Ihn, der dort jenſeit des Meeres vieles Segens bedarf für ſeinen großen Beruf.“ „Und er wird ſagen zu den Winden: Nehmet mtt Euch meinen Seufzer und grüßet Amplia, meine Liebe im Herrn!“*) „Und die Winde werden wiederkommen und einen Gruß an Rufum, den Auserwählten in dem Herrn, mitführen!“ Nach dem Austauſche dieſer geheimnißvollen Worte aus dem letzten Capitel des Briefes Pauli an die Ri⸗ mer trat ein Stillſchweigen ein, welches Conſtance erß nach einigen Minuten brach, indem ſie leiſe fragten „Sind meine Gründe gut? Kann ich mit reinem Ge⸗ wiſſen meine Wahl treffen??“. „Ja, ſofern dieſe Gründe begleitet ſind von einen *) Nach dem Originale iſt hier„Amplias, meinen Lie ben“ auf dieſe Weiſe verwandelt, da hier natürlit das Maseulinum nicht paßt. Anm. d. Ueh. reinen Begeg Erfüll inbrün zu gel geben freiwil C ſchwere die Vo meine jetzt ab wird,! in dem die Sie meinen binden!“ iſt und zu ſehr en! Die es, wun⸗ it meiner mir der iſt. Bin ogen, ſo ich werde u wirken, ragend zu werde im leidenden n ich werde gießen— , ſo wird es Meeres uf.“ ehmet mi eine Liebe und einen bem Herr llen Worte an die Ri⸗ pnſtance erſ iſe fragte (reinem Ge⸗ von einen meinen Lit ier natürlit . d. Ueh. 83³ reinen und ſtarken Willen durch eine ſtets freundliche Begegnung, eine herzliche Freundſchaft und eine ſtrenge Erfüllung aller Pflichten dem erwählten Gatten die inbrünſtigere Liebe zu erſetzen, über welche kein Menſch zu gebieten vermag und die daher auch kein Menſch zu geben im Stande iſt, weil ſie ſich entweder ganz und freiwillig gibt oder auch ausbleibt.“ Conſtance ſeufzte tief, und gleichſam von einer ſchweren Bürde befreit, ſagte ſie:„Das waren auch die Vorſtellungen, welche ich mir ſelbſt machte, als noch meine Gedanken bei dieſem Gegenſtande verweilten; jetzt aber, da er mir fremd iſt und ewig fremd bleiben wird, habe ich nächſt dem Bedürfniſſe fur meine Seele, in dem Lichte des Herrn zu leben, keinen höheren Wunſch und keinen beſtimmteren Vorſatz, als treu und in chriſt⸗ licher Liebe alle Pflichten zu erfüllen, welche ich mit freiem Willen übernehme...“ „Da bleibt alſo nur noch die Wahl übrig! Ich habe nicht die Ehre, den Doctor Wilſon zu kennen, aber....“ Juſtus ſchwieg: er ſchien mit ſich ſelbſt nicht einig zu ſein, was er ſagen wollte. „Wilſon iſt ein achtungswürdiger Mann, aber mit etwas lebhaftem Gefühle.“ „Vielleicht möchte er in dieſem Falle“— die Worte des jungen Lehrers wurden eilfertiger und kürzer— „nicht ganz mit der ruhigen Antwort zufrieden ſein, die Sie ihm zu ertheilen, beabſichtigen!“ „Das eben fürchte auch ich; ich fürchte außerdem, er könnte vielleicht einer Gottesfurcht, welche jedes ir⸗ diſche Gefühl abhält, tiefere Wurzel zu ſchlagen, als nothig iſt, den Namen von Frömmelei und Leſerei bei⸗ legen und daran arbeiten, was er in ſeiner Blindheit meine Bekehrung nennen würde. Inzwiſchen fordere ich, ehe ich in eine Verbindung mit Jemanden trete, unter jeder Bedingung und jedem Verhältniſſe Freiheit in wenden Andachtsübungen— der Geiſt läßt ſich nicht nden!“ „Nein, der Geiſt iſt frei; und wenn der Raum auf Erden zu eng wird, ſo flieht er in das Haus ſeines Vaters, in welchem er viele Wohnungen hat, und wo er in treuem und ſeligem Umgange mit andern ihm verwandten Seelen weilt.“ Conſtance ſchwieg; und nur ein Seufzer entwand ſich ihrer Bruſt. Juſtus fuhr fort:„Soll ich einen Schlußſatz ziehen aus demjenigen, was wir jetzt geredet haben, ſo dürfte ich bei dem Abſchiede von dieſer Stadt nicht allein einer Schweſter in Chriſto, ſondern auch einer wirklichen Schweſter Lebewohl ſagen. Leonard und ich haben in der letzten Zeit— von dem Augenblicke an, da unſre Denkungsarten ſich beſtimmt ſchieden— in einem nicht ganz brüderlichen Verhältniſſe gelebt. Wir lieben ein⸗ ander zwar noch immer, aber wir finden kein Vergnügen mehr in unſerm Umgange. Inzwiſchen iſt dieſer Ge⸗ genſtand von ſo großer Wichtigkeit, daß ich, wie es auch meine Pflicht iſt, den kleinen Unwillen, den unſre Tren⸗ nung bei mir hervorgebracht hat, überwinden und ihn zuerſt ſuchen will. Iſt er in dieſem Augenblicke hier in der Stadt?“ „Ich glaube kaum. Meine Mutter ordnete ohne mein Wiſſen vor acht Tagen eines von dieſen Feſten an, die mir jetzt ſo zuwider ſind; da eröffnete er mir das Ver⸗ langen ſeines Herzens zur Hälfte. Er hatte es ſchon früher hinlänglich angedeutet, doch— ſeit jenem Abende hat er ſich nicht wieder blicken laſſen.“ In Juſtus ſtieg augenblicklich die Vermuthung auf, daß Leonard etwas von Conſtance's Theilnahme au ſeinen Conventikeln erfahren haben könnte; doch davon ſagte er nichts, ſondern er äußerte:„Er iſt ohne Zweifel derjenige unter den vier Nebenbuhlern, welcher für das Auge das am wenigſten angenehme Aeußeren, ja vielleicht auch den am wenigſten guten Kopf und das am we⸗ nigſten polirte Weſen hat. Dieſe Dinge bedürfen eben⸗ falls des Nachdenkens, und zwar um ſo mehr, als ſein nur 1 keine 2 1 7 tragen, trauens ſie auc immer Dankba Raum s ſeines und wo ern ihm entwand atz ziehen ſo dürfte feeiin einer virklichen haben in da unſre nem nicht eeben ein⸗ zergnügen dieſer Ge⸗ je es auch anſre Tren⸗ und ihn blicke hier bnete ohne ſten an, die (r das Ver⸗ es ſchon em Abende thung auf, Anahme an doch davon hne Zweiſel cher für das ja vielleicht ſas am we⸗ pürfen eben⸗ fhr, als ſein 8⁵ zns eeiden Glücksgüter eine thätige Hausmutter eiſchen.“ „In eben dieſen Dingen beſtehen in meinen Augen ſeinen größten Verdienſte.“ „Wirklich?“ Es blitzte in Juſtus' Auge. „Ja, denn ein Mann ohne Anſehen, ohne Genie, ohne Reichthümer; ein Mann, der ſeiner Gattin nur ein arbeitſames Leben anzubieten hat, der beſitzt für ſte keine Verſuchung.“ „Doch ſeine Redlichkeit, ſein ſtets männliches Be⸗ tragen, ſein Edelmuth, ſein warmes Herz, ſeine ver⸗ trauensvolle Zuverſicht ſind Eigenſchaften, welche, wenn ſie auch keine Verſuchungen zur Liebe ſind, dennoch immer dem Weibe, welches er ſich wählt, Achtung und Dankbarkeit gebieten!“ Juſtus ſagte dieſe Worte mit tiefem und ſtarkem Gefühle: es war, als hätte er ſich dadurch der Schuld entledigen wollen, welche ſein Gewiſſen ihm gab, wegen des ſtillſchweigenden Beifalles oder richtiger, der Auf⸗ munterung, welche er Conſtance zu dieſer Ehe gab. „Alſo, wenn er wiederkommt,“ ſagte Conſtance, indem ſie aufſtand,„wenn er wiederkommt und ſich die einzige Bedingung gefallen läßt, welche ich mache..“ „So“— über die bleiche Wange des Geiſtlichen flog eine ſtarke, rothe Wolke—„ſo ſegne Euch Gott!“ Auch er war aufgeſtanden; trat auf ſie zu und reichle ihr die Hand.... Keiner von ihnen fühlte, daß ihre Hände vor Fieberhitze brannten.„Leben Sie wohl!“ „Leben Sie wohl!“ Als Conſtance wieder auf die Straße herabkam, eilte ſie mit ſo ſchnellen Schritten davon, daß ſie eine Figur, die auf der andern Seite auf⸗ und abwanderte, gar nicht bemerkte. CEs war Leonard, welcher getreulich gewartet und die Zeit berechnet hatte, welche ſie dort nach den übrigen 3 4 1 II 1 86 Verſammelten allein zugebracht hatte. Jetzt kehrte er mit Verzweiflung im Herzen nach Hauſe zurück. Neuntes Kapitel. Juſtus von Carleborg war allein. Er hatte Conſtance bis an die äußere Thür be⸗ gleitet, und jetzt, da er in das innere Zimmer zurück⸗ kehrte, ſank er, mit einer ſtarken und leidenſchaftlichen Bewegung im Geſichte, auf die harte Bettmatratze und verbarg das Haupt im Kiſſen. So war denn Juſtus endlich einem Lebensziele ge⸗ treu geblieben— es war nur in ſofern verändert, als er es nunmehr verſchmähte, nach Indien zu gehen. Taugte es für ihn, dorthin zu gehen, wohin ſchon ſo viele Andere vor ihm gegangen waren? Nein, nach Africa mußte er: es konnte nicht ſchwer ſein, in Geſell⸗ ſchaft von Europäern an die Weſtküſte dieſes Welttheiles zu gelangen; von dort aber in das Innere dieſes geheim⸗ nißvollen Landes wollte er allein, bloß auf den Bei⸗ ſtand des Herrn und ſeinen eigenen ernſten Willen ver⸗ trauend, eine Bahn wandern, die unter den heißen Kämpfen voll überirdiſcher Freude ſein ſollte, eine Bahn, die eines für ſeinen heiligen Beruf brennenden Miſſio⸗ nars würdig wäre. Und mochte dieſe Bahn zum Leben oder zum Tode führen, ſo mußte ſie ihn unfehlbar zum Siege führen; dafür ſorgte er ſelbſt in ſeinen hochſlie⸗ genden Träumen. Er hatte um dieſes Zieles willen Evelyn's Liebe widerſtanden, ſo wie ferner den Verſuchungen des Reich⸗ thumes und eines unabhängigen Lebens, der Thränen und Bitten ſeiner Mutter und Leonard's Rathſchläge, Ermah dieſer lieren Monike Mutter eigenen reizten Du bif hätte w Gewiſſe mit tief hörlich En Chriſti weihung überſinn Vorſatze zu ſparz Himmel Um theils i dem vo engen K Herrſch ſich ſelb ließ er werden. und ſein unbewu Religio ſein, ob lung be ſeine b hrte er Thür be⸗ c zurück⸗ zaftlichen ratze und sziele ge⸗ dert, als u gehen. ſchon ſo einn, nach ſin Geſell⸗ Lelttheiles 2s geheim⸗ den Bei⸗ Pillen ver⸗ hen heißen ine Bahn, en Miſſio⸗ kum Leben hlbar zum n hochflie⸗ yn's Liebe des Reich⸗ r Thränen athſchläge, 87 Ermahnungen und ſteten Verſicherungen, daß er auf dieſer Bahn jede Hoffnung auf ein irdiſches Glück ver⸗ lieren würde. Er hatte der Prophezeiung der alten Monika widerſtanden, daß die Betrübniß ſeine geliebte Mutter bald in das Grab legen würde; ja ſogar ſeinem eigenen Herzen— welches mit dieſer unruhigen, ge⸗ reizten Gefühlfülle, die ihn ſtets verfolgte, ihm zurief: Du biſt nicht rein und würdig genug für dieſen Beruf— hatte er widerſtanden, um einer Stimme zu folgen, welche er als Gottes unmittelbaren Ruf betrachtete. Er empfing die Prieſterweihe. Das geſchah unge⸗ fähr ein Jahr nach ſeiner Abreiſe von Oernwik, und hätte weit früher geſchehen können, wenn nicht ſein Gewiſſen— denn Juſtus umfaßte ſeinen hohen Beruf mit tiefer, heiliger und ſchwärmender Ehrfurcht— unauf⸗ hörlich neue Vorbereitungen gefordert hätte. Endlich war der Augenblick da, und wenige Apoſtel Chriſti ſind wohl ſo begeiſtert geweſen bei ihrer Ein⸗ weihung von einer ſo flammenden, brennenden und überſinnlichen Andacht, einem ſo tiefen und unbegränzten Vorſatze, weder Leib noch Seele, weder Leben noch Blut zu ſparen, um des hohen Zieles werth zu ſein, dem Himmel Seelen zuzuführen. Um Gelegenheit zu haben, ſich eine kurze Zeit, theils in dem öffentlichen Predigen zu üben, theils in dem von ihm für ſo wichtig gehaltenem Punkte, in dem engen Kreiſe chriſtlicher Zuſammenkünfte die Macht ſeiner Herrſchaft über Andre, die Macht ſeiner Herrſchaft über ſich ſelbſt, ſeine Stimme, ſeine Geberden zu entwickeln, ließ er es ſich gefallen, für ein halbes Jahr Adjunkt zu werden. Doch bei einem Manne, mit ſeiner Phantaſie und ſeinen verſinnlichenden Begriffen, zerſchmolz bald ganz unbewußt der Schauſpieler mit dem Schwärmer und Religionslehrer, und daher konnte es eigentlich einerlei ſein, ob er ſich in einer höheren oder niedrigeren Stel⸗ lung befand: er mußte doch überall und immer durch ſeine bloß e Perſönlichkeit, ſeinem Heiligenſchein, ſeine Schönheit und ſeine Stimme, die er in tauſend ver⸗ ſchiedenen Variationen zur Vollkommenheit ausgebildet hatte, Aufſehen erregen und gefährlich, doppelt gefährlich werden, weil er ſchon fühlte, was er vermochte, und trotz ſeiner eingebildeten Beſcheidenheit das erſehnte Glück, ſchon jetzt einer von den Halbgöttern des Volkes im Kleinen zu ſein, ſeinem vollen Werthe nach würdigte. Ja, das Kleine gab ihm einen lieblichen Vorgeſchmack von dem Großen; das heißt von jener Zeit, da um ihn her unzählbare Schaaren ihre Kniee beugen und mit geſenkten Häuptern dem Laute der Worte lauſchen würden, welche auf dem Donner der Poſaune oder auf den ſanften Wogen des Gnadenfluſſes durch die Räume klangen. Die ſechs Monate waren nun bald zu Ende. Wäh⸗ rend derſelben hatte Juſtus in der Eigenſchaft eines Adjunkts— aber doch in ſeiner eigenen Wohnung woh⸗ nend— dem Paſtor in dieſer Stadt, wohin die letzten Ereigniſſe verlegt ſind, geholfen. Jetzt aber hatte er um Dienſtfreiheit angehalten, und ſein Wunſch war ihm gewährt worden. Er wollte frei ſein von Geſchäften, theils um in der Einſamkeit in der Berathung mit ſeinem Gott und ſich ſelbſt die erſte Selbſtprüfung anſtellen, theils um auf dieſe Weiſe deſto ungeſtörter die vorbereitenden ſtrengen Studien und Uebungen fortſetzen zu können, welche für ſeinen Miſſt⸗ onsberuf nothwendig waren. Zu jener Zeit, da Juſtus für ſeinen großen Plan ſchwärmte, gab es in Schweden weder ein Seminar für Miſſionare, noch hatte Schweden einen von ſeinen Söhnen auf das Inſtitut in Baſel zur Ausbildung geſchickt. Doch wenn dieſes ein ſchon von andern betretener Weg geweſen wäre, ſo würde Juſtus ihn nicht gwählt haben, denn ſeine Geduld konnte ſich nie mit einer mehr⸗ jährigen Vorbereitung vergleichen... In ſich ſelbſt, mit gründlicher Kenntniß deſſen, was ein ausgebildeter Miſſionseley wiſſen mußte, hatte er einen Curſus für ſich er oder d Hinſich Curſus mußte. D rückſich der Mr Weiſe er aber und Bi derlich ſeine W Freunde Geſpräc ohne es aller Kl Kraft ſe dringen wahren lagen. keit zu immer war zu Er kend ver⸗ sgebildet effährlich hte, und erſehnte es Volkes würdigte. geſchmack u um ihn und mit lauſchen oder auf e Räume de. Wäh⸗ aft eines ung woh⸗ die letzten ngehalten, Er wollte iſamkeit in ſt die erſte Weiſe deſto idien und nen Miſſi⸗ oßen Plan eminar für en Söhnen geſchickt. betretener cht gwählt einer mehr⸗ ſich ſelbſte usgebildeter Curſus für 89 8 ſich entworfen, wenn auch nicht nach dem Baſel'ſchen oder dem eines andern Inſtitutes, ſo doch einen in jeder Hinſicht ſtrengen und ohne Zweifel um ſo ſchwierigeren Curſus, als er das faſt Unmögliche ganz allein thun mußte. Die beabſichtigte Abſonderung von der Welt hätte rückſichtlich der Studien ſehr gut in dem ſtillen Hauſe der Mutter ſtattfinden können, in welchem er natürlicher Weiſe ſo einſam hätte leben dürfen, wie er wollte; da er aber einſah, daß ihre ſtete Sorgfalt, ihre Thränen und Bitten dem eigentlichen Werke ſeiner Heiligung hin⸗ derlich werden würden, ſo hatte er die Wahl getroffen, ſeine Vorbereitungszeit bei einem alten akademiſchen Freunde zuzubringen— bei jenem, deſſen verwirrende Geſpräche und Sophismen es Juſtus zu danken hatte, ohne es ſelbſt zu wiſſen, daß er trotz allem Leben und aller Klarheit ſeiner Phantaſie, trotz aller angeſtrengten Kraft ſeiner Seele nie die Dünſte und Nebel zu durch⸗ dringen vermocht hatte, welche zwiſchen ihm und dem wahren Lichte, dem einzigen ſeligmachenden Glauben lagen. Dieſer in gegenwärtigem Augenblicke vertraute Freund unſeres Juſtus, von welchem wir zu ſeiner Zeit reden werden, war Comminiſter in einer entlegenen, ſehr einſamen Gegend, wo es(ſo ſchwärmte Juſtus) gut war, in heiliger Geſellſchaft zu leben— der Freund war ein heiliger Mann; und ohne Zweifel würde Juſtus mit noch ſehnſüchtigerem Eifer ſich nach dem Wieder⸗ ſehen und dem damit verbundenen ſtrengen Leben ge⸗ ſehnt haben, wenn er nicht, wie er ſelbſt ſich ausdrückte, „von allerlei Verſuchungen angefochten geweſen wäre,“ welche eine ſolche Sehnſucht hinderten, Wurzelzu ſchlagen. Da er ging, um ausſchließlich für die himmliſche Selig⸗ keit zu ſtreben, ſo kleidete ſich das irdiſche Gluͤck in eine immer lockendere und verführeriſche Tracht, die ſchwer war zu ſehen, und eben ſo ſchwer, nicht zu ſehen. Er hatte geglaubt, daß die heilige Einweihung zu 90 ſeinem Amte ihn gegen alle dieſe nicht allein weltlichen, ſondern auch inneren Verſuchungen ſchützen würde; er hatte geglaubt, es läge eine vollkommen ausreichende Beſchwörungsformel darin, wenn man ſagen könnte: Ich bin ein Apoſtel Chriſti und rufe mit meinem Herrn aus: „mein Reich iſt nicht von dieſer Welt!“— Doch weder die heilige Tracht, noch auch die Beſchwörungsformel half etwas gegen das Uebel, welches er in ſeiner eignen brauſenden Einbildung, ſeinem glühenden Gefühle und ſeiner leidenſchaftlichen Seele in ſeinem Innern trug. Aber er konnte doch gegen den widerſpenſtigen Feind kämpfen, und das that er auf eine Weiſe, welche bewies, daß er von ganzem Herzen den Sieg wünſchte; denn er ſchauderte zuſammen bei dem bloßem Gedanken, daß ein irdiſches Gefühl, ein irdiſches Verlangen das himmliſche Verlangen unterdrücken möchte, welches ihn hinzog zu ſeinen Brüdern; dieſen Brüdern, die ihn aus den heißen Sandwüſten Afrika's zur Eile ermahnten. Wäre er nur jemals zu voller Klarheit über ſeine Beſtimmung gekommen, hätte er nur jemals das Chri⸗ ſtenthum in ſeinem einfachen Geiſte ohne Zuſätze von myſtiſchen Irrthümern ſehen können und wollen! Doch eine Maſſe von Schriften, herausgegeben von verſchie⸗ denen Sekten, Schriften, in denen er das Gold ſuchen und dieſes von den Schlacken, die rechten, tiefen Grund⸗ bedeutungen von den Paradoren ſcheiden wollte, hatten ſeinen Kopf ſo verwirrt und erhitzt, daß er ſich ver⸗ gebens einen Weg aus dem Labyrinthe ſuchte, in welches er ſich verwickelt ſah, und er war nie länger glücklich, als wenn er in ſeinen Gedanken in der Heidenwelt um⸗ herſchwärmte. Dort waren ja alle Bande zerriſſen, alle Irrthümer aufgelöſt; dort war er nur der demüthige Apoſtel Jeſu Chriſti, der nicht klügelte, nicht erörterte, ſondern der nur dasjenige glaubte, was er ſelbſt lehrte⸗ Als er an dem erſten Sonntage in wi predigte, ſo erblickte er Conſtanee in einer Bank unweit des Altars⸗ Die Ueberraſchung war gegenſeitig. S ſie ſich der Co entſchle nur der eben de Reichth war at obgleich daß ſie ſchon lä Als als ſie begeiſter aller w willen n daß„die und wel als alles derte ſich ohne das pfand, von wei wegen H Wandels ebenfalls nende Be deutung eeltlichen, ürde; er zreichende unte: Ich errn aus: voch weder ngsformel ner eignen fühle und jern trug. ſpenſtigen iſe, welche wünſchte; Gedanken, angen das velches ihn ie ihn aus nahnten. über ſeine das Chri⸗ Zuſätze von llen! Doch on verſchie⸗ Hold ſuchen fen Grund⸗ llte, hatten er ſich ver in welches er glücklich, denwelt um⸗ erriſſen, alle r demüthigt ht erörterte, ſelbſt lehrte⸗ ir predigte, des Altars, 91 Sie hatten einander nicht geſehen ſeit der Zeit, da ſie ſich auf Oernwik in eben dem Augenblicke trennten, der Conſtance den reinen und hohen Werth desjenigen entſchleierte, den ſie ſo hart beurtheilt hatte, daß ihn nur der Eigennutz und die Eigenliebe leitete. Aber in eben dem Augenblicke, da er der Liebe, Evelynen, dem Reichthume und der daraus fließenden Macht entſagte, war auch Conſtancens Bekehrung ſo vollſtändig, daß, obgleich ein ganzes Jahr dahingeſchwunden war, ohne daß ſte das Geringſte von ihm gehört hatte, ſte dennoch täglich an ihn dachte und ſich fragte, ob er wohl nicht ſchon längſt ſeine Handlung bereut haben könnte. Als ſie ihn jetzt als Lehrer die Kanzel betreten ſah, als ſie ſah und fühlte, wie er, ſelbſt begeiſtert, Andere begeiſterte, da verſtand ſie es, daß er die Entſagung aller weltlichen Vortheile um ſeiner heiligen Sache willen nicht bereuen konnte. Und da verſtand ſie auch, daß„die Seligkeit in Gott,“ von welcher er redete, und welche er ſonder Zweifel empfand, höher ſein mußte als alles andere Glück. Und ſie erſchrak und ſie wun⸗ derte ſich, daß ſie ein ganzes Leben hatte leben können, ohne das Bedürfniß zu empfinden, welches ſie jetzt em⸗ pfand, Gott zu ſuchen, deſſen Wort doppelt deutlich wurde, da es von ihm verkündigt wurde; von ihm, deſſen Blicke von der Kanzel herab ſie ahnen ließen, daß er ſie erkannt hatte. Da, nachdem die ganze Stadt wenigſtens einen Monat lang von nichts anderem geredet hatte, als von dem ſchönen, geiſtreichen und beredten Magiſter Carle⸗ borg, der bald als Miſſionär unter die Heiden gehen wollte, als die Kirche an jedem Sonntage beſonders von weiblichen Zuhörern überfüllt war, als ſein Ruf wegen Heiligkeit und eines tadelfreien und ungekünſtelten Wandels immer ſtieg, da konnte Conſtance nicht umhin, ebenfalls die Kirche immer zu beſuchen und dieſes mah⸗ nende Bedürfniß zu empfinden, in die rechte, wahre Be⸗ deutung des Wortes Gottes einzudringen, und jedes Mal, wenn ſie zurückkehrte, empfand ſie eine tiefere, bisher noch nicht gefühlte Seligkeit. Doch dieſe Seligkeit führte ihr keine Freude zu; ſie hatte nichts zu ſchaffen mit dem Irdiſchen: ſte kam von Gott, und darum mußte ihr Herz, ihr Sinn und ihre Neigung unabläſſig bei ihm ſein. Sie empfand Gewiſſensbiſſe darüber, daß ſie mehre Monate lang mit Blindheit geſchlagen geweſen war, und den Edelſten, der Vollkommenſten aller Menſchen verkannt hatte. Doch war nicht dieſe, daß man ihn verkannte und in Verdacht hatte, eine Aehnlichkeit zwi⸗ ſchen ihm und ſeinem hohen Vorbilde! Geſchah es wohl nicht jetzt noch, daß trotz ſeines reinen Wandels ein Theil der Leute, die es nicht beſſer verſtanden, ſagten, er ſei ein Leſer, ein Pietiſt, ein verrückter Schwärmer, und vermeinten, daß die Frauenzimmer, welche ſich an ihn ergeben, das heißt, ihre Herzen den hohen Wahr⸗ heiten, die er lehrte, geöffnet hatten, ſich keiner weniger gefährlichen Macht ergeben hätten, als dem Fürſten der Finſterniß ſelbſt! Conſtance beſtand einen langen Kampf mit ſich ſelbſt, ehe ſie ſich bei der Nachricht, daß er beſonden Zuſammenkünfte hielte, entſchließen konnte, eine der⸗ ſelben zu beſuchen; nachdem ſie aber durch Madame Mattsſon, ihre Wäſcherin, erfahren hatte, daß dieſe geheimen Zuſammenkünfte tauſendmal erbaulicher wären, als der öffentliche Gottesdienſt in der Kirche, und daß ſie noch dazu großentheils von Perſonen aus den vor⸗ nehmeren Klaſſen beſucht würden, ſo konnte ſie dem Verlangen nicht ferner widerſtehen, ſich von dem wirf⸗ lichen Nutzen derſelben zu überzeugen. Daß Conſtance dieſen Nutzen ſo groß fand, daß ſie nach dem erſten Beſuche, ſo viel ihr möglich war, es nie verſäumte, ſich in dieſen privaten Andachtsſtun⸗ den zu erbauen, verſteht ſich von ſelbſt, mochten die⸗ ſelben in der Wohnung des Lehrers oder, was auch bisweilen zur Vermeidung der Aufmerkſamkeit geſchah, in eine feiert W ſtance's Seele: Reinher war äu lag etw ſo weit Glück m Lebens ſie war und nich ihren P Zu derjenige ſelbſt, ei Veränder Anträge fordert, etiefere, Seligkeit ſchaffen im mußte läſſig bei ſie mehre eſen war, Menſchen man ihn hkeit zwi⸗ hes wohl indels ein n, ſagten, chwärmer, che ſich an den Wahr⸗ er weniger Fürſten der ff mit ſich beſondere eine der⸗ Madame „ daß dieſt cher wären, 2, und daß s den vor⸗ te ſie den dem wirk⸗ fand, daß nöglich war, ndachtsſtun⸗ mochten die⸗ was auch keit geſchah, 93 in einer der geringen Hütten der ärmeren Zuhörer ge⸗ feiert werden. Wir brauchen nicht hinzu zu fügen, daß Con⸗ ſtance's reines Herz und wirklich edle und hochgeſinnte Seele noch nie einen Verdacht über die vollkommene Reinheit ihrer Bekehrung gehegt hatte. Ihre Verirrung war äußerſt unglücklich, äußerſt gefährlich, und doch lag etwas Erhabenes in dieſer Verirrung, welche ſie ſo weit brachte, daß ſie der Hoffnung auf Liebe und Glück und allen Freuden und Vorzügen des äußern Lebens entſagen wollte, um ſich, jung und ſchön, wie ſie war, auf dem Lande an der Seite eines häßlichen und nicht geliebten Mannes zu begraben und ſich ganz ihren Pflichten als Gattin und Chriſtin zu weihen. Zu einer ſolchen Aufopferung— beſonders wenn derjenige, der ſie macht, früher das frohe, friſche Leben ſelbſt, ein wahres Weltkind geweſen, und noch in ſeiner Veränderung von Bewunderung, Liebe und vortheilhaften Anträgen umgeben geweſen iſt— wird entweder er⸗ fordert, daß die Seele durch große, tiefe und unheil⸗ bare Bekümmerniſſe gegen Alles, was die Welt, die Liebe und die Freude zu bieten haben, gleichgültig ge⸗ worden, und dadurch in dem Glauben befeſtigt iſt, daß die Hülfe nicht außer uns, ſondern in uns geſucht wer⸗ den muß, oder auch, daß das Herz und das Gemüth in ſolchem Grade unter den Einfluß der religiöſen Schwärmerei gerathen iſt, daß es mit Begeiſterung jede Gelegenheit ſucht, in ſich alle weltlichen Begierden und jede weltliche Freude zu ertödten. Je freier und leichter das Gemüth zuvor geweſen iſt, deſto weiter geht es nun in ſeinen Sophismen und in ſeiner Strenge gegen ſich ſelbſt. Wenn aber dereinſt dieſes Gemüth, dieſes Herz aus dem geiſtigen Traume erwacht, wenn es mit Schrecken und Verzweiflung ſieht, daß es anſtatt des einzigen wah⸗ ren Gottes ein Götzenbild angebetet hat, wohin gelangt es dann auf ſeinen von lauter Irrlichtern beleuchteten Wegen? Welche Kämpfe, welche Stürme, welche Qualene hat es dann zu beſtehen, dieſes gute und edle Herz⸗ dieſes im Grunde reine, aber doch verirrte Herz! Das Gefühl und die Phantaſie unſrer Conſtanc konnten ſich verirren, doch der Adel ihrer Seele, die Feſtigkeit und Stärke ihres Charakters mußten zwiſchen ihr und dem Leichtſinne ſtets eine Mauer verbleiben, wenn ſie auch dadurch nicht geſchützt wurde gegen die unruhigen Winde der Leidenſchaft. Und in dem Augen⸗ blicke, da ſie ſich zu einem Leben voller Entbehrungen, einem nur den Pflichten gewählten Leben entſchloß, mußte ſie ihren Entſchluß ohne Zweifel durchſetzen, denn Conſtance hatte einen Willen, der mächtig war gegen reden Feind auzukämpfen. Nur ſelten hatte ſie in dieſer zweiten Periode ihrer Bekanntſchaft den Juſtus von Carleborg in Geſellſchaften getroffen, und ſie hatten auch dann nicht viele Worte mit einander gewechſelt, ſondern gleichſam unbewußt die Zurückhaltung gegen einander beobachtet, als da ſie ſich auf Oernwik täglich trafen. Und unter vier Augen hatte ſie an dieſem Abende zum erſten Male mit ihn geredet. Niemand von Conſtance's Bekannten hatte die ge⸗ ringſte Ahnung von ihrer Bekehruug. Gewöhnlich machten diejenigen Damen, welche hingeriſſen worden waren— ſo genau ſie auch die Verſchwiegenheit in Be⸗ treff der Uebrigen beobachteten— kein Geheimniß aus ihrer Bekehrung: ſie poſaunten Carleborg's Heiligkei aus und konnten von gar nichts anderem reden, ſei es, daß ſeine äußere oder ſeine innere Schönheit den Gegen⸗ ſtand ihres Lobes bildete. Conſtance dagegen, welche vor Mitleiden über dieſe ſündigen Gefühlsergüſſe er⸗ jöthete, welche die Perſönlichkeit des Lehrers mit den hohen Lichte geiſtiger Größe und geiſtigen Glanzes die er um ſich her verbreitete, mit einander vermiſchte Conſtance verbarg ihr Geheimniß, denn ſie hatte ge⸗ hört, traute gefähr ſehen einen hatten, Magiſt wußte, für ret wenn e wenigſte in Sche Qualene dle Herz, rz! Conſtane eele, die zwiſchen erbleiben, gegen die m Augen⸗ ehrungen, entſchloß, tzen, denn war gegen rriode ihrer ſſellſchaften diele Worte unbewußt als da ſie vier Augen le mit ihn atte die ge⸗ Gewöhnlich en worden nheit in Be⸗ heimniß auß s Heiligket lden, ſei es den Gegen⸗ gen, welche lsergüſſe er⸗ rs mit dem ſen Glanzes⸗ ar vermiſchte ſie hatte ge⸗ 95 hört, wie man dem Geheimniſſe aller Andern miß⸗ traute, daſſelbe belachte oder verabſcheuete. Doch ſo allgemein bekannt und gefürchtet war die gefährliche Macht des Schwärmers, daß, wie wir ge⸗ fehen haben, die beiden ſpionirenden Frauen auf der einen und Leonard auf der andern Seite nur nöthig hatten, zu ſehen, daß Conſtance in das Haus ging, worin Magiſter Carleborg wohnte, und worin er, wie man wußte, ſeine Zuſammenkünfte hielt, um ſie ſogleich und für rettungslos verloren zu erachten. Es war ein wirkliches Glück, daß die Thätigkeit des Juſtus in dieſer Gemeinde ſo bald ein Ende nahm; denn trotz aller ſowohl angedeuteten Winke als auch beſtimmten Ermahnungen ſeines Vorgeſetzten würde er, wenn er noch ferner ſechs Monate dort geblieben wäre, wenigſtens die weibliche Bevölkerung der halben Stadt in Scheinheilige verwandelt haben. Es gab außer Conſtance kaum noch eine Einzige, welche das Bedürfniß fühlte, ihre Gottesfurcht in Hand⸗ lungen zu zeigen. Doch wir kehren zu unſerm Helden zurück. Zehntes Kapitel. Ueber eine Viertelſtunde blieb Juſtus ſo liegen und verbarg das Haupt in den Händen. Als er ſich endlich in eine ſitzende Stellung erhob und die Hände von dem Geſichte entfernte, ſo war dieſes zwar außerordentlich bleich, doch die Gemüthsbewegung, welche vorher ſich darin abgeſpiegelt hatte, war ver⸗ ſchwunden, und ſeine Augen trugen jetzt das Gepräge tiefer Betrübniß und ſprechenden Schmerzes. Er ſtand auf, nahm ein Licht in die Hand und ſtellte ſich vor das Gemälde, deſſen Figuren er beleuch⸗ tete, und woran ſeine Blicke ſich beinahe feſtſogen. Je länger er die imponirende Stellung des Erzengels betrachtete, deſto deutlicher wurde das Gefühl von Freude und Triumph, welches ſich in ſeinen Augen abſpiegelte. Er war ſelbſt derjenige, welcher mit ſeinem Fuße den Verſucher in den Abgrund ſtieß; er war ſelbſt derjenige, welcher mit ſeinem Fuße den Verſucher in den Abgrund ſtieß; er war ſelbſt derjenige, welcher mit der Reinheit auf ſeiner Stirn, der Reinheit in ſeinem Blick ihn in die Finſterniß zurück ſcheuchte; er ſelbſt, der nun herr⸗ ſchend daſtand und dem Fürſten der Finſterniß befahl, für immer zu weichen. Das Blut hatte begonnen in ſeine Wangen zurück zu kehren; ſein Gang, da er im Zimmer auf⸗ und ab⸗ wanderte, wurde leichter; er öffnete ſein Inſtrument und zauberte die Bilder und Gemälde von ſeinem künf⸗ tigen Miſſionarberufe in den afrikaniſchen Wüſteneien hervor, welche ſeine fruchtbare Einbildung längſt in ihm geſchaffen hatte. Jetzt erhielten dieſe Bilder Leben durch die Töne der Muſik: die Töne ließen ihn bisweilen das furcht⸗ bare Geſchrei der Wilden hören, da ſie ſich anſchickten, den kühnen Beſucher in ihrer Verblendung zu opfern. Dann aber ahmten ſie den Laut der Geſänge und der freudigen Ausrufungen der Neubekehrten nach, wem ſie die heiligen Lehren, durch welche der arme Miſſio⸗ nar ihnen unvergängliche Reichthümer verſchafft, ver⸗ ſtehen und faſſen gelernt hatten. Andre Töne ließen Völkerwanderungen vernehmen, da denn der treue Apoſte⸗, nicht fühlend, wie ſeine Füße brannten, wie ſeine Zunge vor Durſt verſchmachtete, in der Mitte des Volkes ein⸗ herſchritt, und lehrte und betete, und da ſeine Heilig⸗ keit ſo angeſehen war, daß das Gerücht davon wei umher über das Heidenland erſcholl und in allen Welt⸗ theilen wiederhallte. Und die Menſchen reiſten lange Wege ſeine L lingen mit ſc aber ſe ſondern zu zieh ſaßen? näher, berührte tend vor und wei Verwirr Ruf um nichts M worden, zurück. Eine Na und und beleuch⸗ eſtſogen. erzengels n Freude ſpiegelte. Fuße den derjenige, Abgrund Reinheit ick ihn in nun herr⸗ befahl, gen zurück ⸗ und ab⸗ Inſtrument inem künf⸗ Wüſteneien gſt in ihm die Töoͤne das furcht⸗ anſchickten⸗ zu opfern. ge und der ach, wem ſeme Miſſco⸗ ſſchafft, ver⸗ öne ließen (reue Apoſte 97 Wege, lange, ſchreckliche Wege, um ihn zu ſehen und ſeine Kleider zu berühren. Woher aber kam es, daß unter allen dieſen Fremd⸗ lingen ſich immer mehre und mehre weibliche Weſen mit ſchönen, entzückenden Zügen offenbarten, welche aber ſämmtlich nicht nur in ihrer irdiſchen Schönheit, ſondern auch in ihren Bemühungen, ſeine Blicke auf ſich zu ziehen, eine gewiſſe geſchwiſterliche Aehnlichkeit be⸗ ſaßen? Der arme Geiſtliche wußte es nicht und wollte es nicht wiſſen. Es war die Stunde ſeiner Anfechtung. Die ſchönen bezaubernden Weſen kamen ihm immer näher, ihr Athem umſchwebte ſein Geſicht, ihre Locken berührten ſchmeichelnd ſeine Wangen, ihre Lippen, leuch⸗ tend von Korallen und Purpur, ſchmiegten ſich warm und weich an die ſeinigen... In die Töne kam eine Verwirrung, eine Wuth, eine Angſt, eine Qual, ein Ruf um Erbarmen, und bald lag in dieſen Tönen nichts Menſchliches mehr, ſie gingen über in dieſe Art von Muſik, von denen die Leute ſagten, daß ſie ſich ſelbſt ſpielte, wenn der Fanatiker in den Armen des Schlafes ruhte. Wie dem auch ſein mag— ſi war fürchterlich dieſe Muſik, mit welcher der angefochtene Büßer den Verſucher auszutreiben ſuchte: ſein Rufen war wild, herzzereißend, durch Mark und Bein dringend, und ſeine Seufzer klagend wie die des Windes in der Herbſtnacht, wie die der Wogen im Sturm. Endlich gingen dieſe Seufzer, dieſes Rufen, in welchen man Menſchenrufen und Menſchenſeufzer deut⸗ lich zu hören vermeinte, in Gebete, inbrünſtige, bren⸗ nende, heilige Gebete über. Aus den Gebeten wurden Thränen, gepreßt aus dem blutenden Herzen des Büßers; dieſe Töne aber erſtarben leiſe, bis ſie zuletzt ſchwiegen. Er, der ſie hervorgebracht, war immer mehr angegriffen maübet, und ſank nun ganz ermattet auf den Stuhl zurück. Eine Nacht am Bullarſee. I. 7 98 Dergleichen Augenblicke in dem Leben des unglück⸗ lichen Schwärmers waren ſchon nicht ſelten. War er aber oft ſchwach geweſen, ehe er den großen Entſchluß faßte, ſo zeigte er jetzt wenigſtens Kraft in ſeiner Exal⸗ tation, in dem Verlangen, den Verſuchungen zu wider⸗ ſtehen, welche ihn hindern wollten, Verſuchungen, welche fürchterlich wurden durch die Heftigkeit ſeiner Gefuhle und das brennende Feuer in ſeiner Phan⸗ taſie... Es verging eine lange Zeit bis er ſich erholte; da verſchloß er mit einer Art von Schauder das Inſtru⸗ ment, und begann von Neuem ſeine Wanderung durch das Zimmer. „ Greif andere Saiten, mein Geiſt, wende dich hinweg von der Betrachtung der Gefahr der Sünde und dem künftigen Jammer des Sünders, damit nicht deine Worte von Thränen triefen! Der höchſte Schmerz, die höchſte Liebe von weltlichem Urſprunge darf nicht in die Wagſchaale gelegt werden gegen die Liebe, welche für Chriſti Sache flammt. Einige Jahre, um der irdiſche Schmerz iſt von Finſterniß bedeckt, um wenn das Gedächtniß ihn durch das Thal der Gräbe mit ſich nimmt in die Heimath des Lichts, ſo geſchieh es nur, um zu zeigen, wie reich er längſt belohnt worden iſt. „„O ſelige Zeit, wann kommſt Du?... Ji weiß es ja— wenn die Tagesarbeit vollendet iſt! „„Mein Geiſt fürchtet ſich nicht, in die Nacht der Todes zu treten, denn die Nacht geht dem Tage voran dieſem Tage, da ich die Bande ablegen darf, die mit an die Erde gefeſſelt, da ich auf gelösten Fittichen mit empor ſchwingen kann zu Dir, zu Dir, nach dem allei mein Herz ſich ſehnt, auch wenn es vor einer anden Sehnſucht zu ſchlagen glaubt. „Nein, das Theure, welches ich im Herzen tra und hienieden Keinem anvertrauen kann, das heftet ſt an die Sterne; denn ſo lange noch der Himmel ble und d niß d Lohn zählt! C doch in ging, ſeiner; und ſch Bilder Vergeſſ Am kaum ſei ſeine Th unglück⸗ War er Entſchluß ner Exal⸗ zu wider⸗ uchungen, eit ſeiner er Phan⸗ rholte; da 1s Inſtru⸗ ung durch vende dich der Sünde damit nicht te Schmerz⸗ darf nicht die Liebe, ahre, umd edeckt, und der Gräbe ſo geſchiehl gſt belohn einer anden erzen kraß 8 heftet ſi Himmel hit 99 und der letzte Stern erloſchen iſt, ſteht das Geheim⸗ niß der Menſchen dort oben geſchrieben und ihr Lohn verbleibt bei Dir, der ihre Qualen und Kämpfe ählt!““ 1 Es wurde Nacht in der Kammer des Fanatikers, doch in ſeiner Seele tagte es; und als er zur Ruhe ging, da umſchwebte ihn nur das reine, lichte Bild ſeiner geliebten Mutter und ein anderes eben ſo lichtes und ſchönes Bild, Evelyn's reines Bild; und dieſe Bilder führten ſeine ermüdete Seele der Ruhe und dem Vergeſſen ſeiner ſelbſt zu. Am folgenden Morgen hatte Juſtus von Carleborg kaum ſein einfaches Frühſtück eingenommen, als es an ſeine Thüre klopfte und er eine Stimme, die ihm aus den Tagen der Kindheit her bekannt und theuer war, fragen hörte:„Darf ich einkommen?“ „Ach ſo!“ ſagte Juſtus bei ſich ſelbſt,„er kommt mir zuvor!“ Er öffnete die Thür. „Willkommen, Leonard! Es iſt lange her, ſeitdem Du Dich meiner nicht erinnert haſt!“ „Wenn Du glaubſt, daß es lange her iſt, ſo irrſt Du Dich. Ich denke an Dich öfter, als es für meine Ruhe zuträglich iſt, denn jedes Mal, da ich an Dich denke, werde ich traurig, und oft hätte ich Luſt, für ſie zu weinen, deren Thränen täglich den Faden benetzen, den... doch Du verſtehſt mich!“ Die Stirne des Schwärmers legte ſich in Falten. „Biſt Du nur in der Abſicht gekommen, um mich zu beleidigen und mir Schmerz zu machen?“ „Ich weiß nicht, ob die Erinnerung an die Schmerzen und Thränen Deiner Mutter Dich beleidigen und Dir Schmerzen machen können— Du haſt lange gezeigt, daß Du beiden Theilen zu trotzen vermagſt.“ „Ich habe ihnen noch nie getrotzt: das kann — 100 man nicht Trotz nennen, wenn man zwiſchen zwei Pflichten ſtehend die heiligſte vorzieht. Doch das be⸗ greifſt Du nicht, Leonard, darum können auch Deine Worte mich nicht zum Zorn reizen. Gott aber ſieht mich, und er weiß, daß die Thränen meiner geliebten Mutter mein Herz brennen. O, was wollte ich nicht geben, wenn ich dieſe Thränen zu trocknen und meine Mutter zu überzeugen vermöchte, daß ich es nicht wage, dem unmittelbaren Befehl des Herrn zu widerſtehen! Er iſt's, der mich hinaus ſendet in die Wüſten, und ich, ſein Apoſtel, kann mich nur demüthigen vor ihm und ſeinem heiligen Willen gehorchen!“ Leonard ſchüttelte den Kopf.„Und jene Thränen, die Dein Herz brennen?“ „Still, Leonard! Dort brennen viele Qualen, ja, viele Qualen; doch es iſt Gottes Wille, meinen Glauben, meine Standhaftigkeit zu prüfen. Das Gold bewährt ſich im Feuer. Je mehr Qualen, deſto mehr Gebete, je mehr Gebete, deſto mehr Gnade!“ „Das iſt Alles recht gut! da es aber nunmehr zu Ende iſt mit der goldenen Zeit, da die Engel des Hern ſich auf Erden den Menſchen offenbarten, ſo kommen Deine Offenbarungen von den Geboten und Beſehlen des Herrn nur aus einem verirrten und ſchwärmenden Gemüthe; und es iſt eine Sünde und eine Schande daß Du dadurch gefühllos werden ſollſt für die Pflichten welche Du wirklich haſt, und über welche Du zu aller erſt nachdenken ſollteſt.“ „Nie, nie, ſo lange die Erde ſich in ihrer Bahr bewegt, hört die Offenbarung des Herrn für ſeine Aus⸗ erwählten auf! Wozu bedürfen die Gläubigen der Offen barungen in verſinnlichter Geſtalt? Sie haben ja de Glauben, dieſe göttliche Leuchte des Himmels, und f haben das prophetiſche Zeugniß ihres innern Berufet welches keine weltlichen Argumente umzuſtoßen verm gen, daß Chriſtus ſie berufen und erkohren hat, ſeinen Wege zu folgen und ſein Wort auszuſäen.“ —— „2 Stimm „2 Schmer „Wi Dich un nug, da Andere „S heit urt! „Ja den gröf Deine aller De Deiner„ Geſtalt an, und Hülfsmi anwende wirren, Deinen! Blicken das iſt h meres z1 „De chen zwei das be⸗ luch Deine aber ſieht geliebten e ich nicht und meine nicht wage, biderſtehen! n, und ich, r ihm und e Thränen, Aualen, ja en Glauben, old bewährt ehr Gebete, nunmehr zu el des Hern ſo kommen nd Befehlen chwärmendan ne Schande die Pflichten Du zu aller mihrer Bahr ür ſeine Aut gen der Offen haben ja de nels, undf nern Berufii ſtoßen vermi en hat, ſeinen 5 101 „Und dieſer Beruf iſt Dein?“ „Mein!“ rief Juſtus mit Begeiſterung,„und ihm opfere ich alles, Glück, Ehre, Menſchengunſt, alle welt⸗ lichen Vortheile, die Liebe, ja, wenn es gefordert wird, ſogar meinen Gewiſſensfrieden— denn vergeblich wäre es, wenn ich es läugnen wollte, daß ich noch nicht den Segen meiner Mutter erhalten habe.“ „Armer Juſtus!“ ſagte Leonard mit weicherer Stimme. „Beklage mich nicht! Es iſt ſchön, zu leiden: der Schmerz nagt, wenn er auch das Herz blutig reißt.“ Wieder ſchüttelte Leonard den Kopf.„Ich beklage Dich und ärgere mich über Dich; denn es iſt nicht ge⸗ nug, daß Du ſelbſt wahnſinnig biſt, Du machſt auch Andere verrückt.“ „So meinen die, welche gleich Dir in ihrer Blind⸗ heit urtheilen.“ „Ja, unter denen, welche, Gott ſei geprieſen! noch den größten Theil ausmachen, unter ihnen verurſachen Deine Bekehrungswerke ein großes Aergerniß. Mit aller Deiner Heiligkeit ſcheuſt Du es nicht, Dich aller Deiner Vortheile zu bedienen, ja ſogar Deine ſchöne Geſtalt und Deine bezaubernde Stimme wendeſt Du an, und doch ſollte ein wahrer Apoſtel Chriſti beide Hülfsmittel meiner Meinung nach verſchmähen.“ „ Du irrſt Dich! Alles, was ich habe, das habe ich von Gott, und ich habe kein Recht, das Geringſte zu verſchmähen.“ „Nun, das war wirklich köſtlich! Du geſtehſt alſo ohne Scham, daß Du Deine Geſtalt und Deine Stimme anwendeſt, um junge Damen zu verführen und zu ver⸗ wirren, daß Du mit der Süßigkeit Deiner Rede, mit Deinen berechneten Stellungen und Deinen gefährlichen Blicken ihre Köpfe und Herzen verdrehſt! Doch wiſſe, das iſt beinahe abſcheulich, um nicht etwas noch ſchlim⸗ meres zu ſagen!“ „Deine Beſchuldigung verdient kaum einer Wider⸗ legung. Wenn ich erkläre, daß der Menſch kein Recht hat, eine der Gaben zu verſchmähen, welche ſein himm⸗ liſcher Vater ihm in ſeiner Liebe verliehen hat, ſo iſt damit keineswegs gemeint, daß er ſie zu ſo kleinen und verächtlichen Zwecken anwenden ſoll. Junge und Alte, Männer und Frauen— alle ſind gleich vor ihm und in ſeiner Gemeinde.“ „Ja, vor ihm und in ſeiner Gemeinde— daran zweifle ich gewiß nicht; doch, ſo iſt's nicht vor ſeinem Apoſtel, wie Du Dich nennſt. Denn ſage mir: wie kommt es ſonſt, daß ſo viele junge Damen in Dich ver⸗ narrt und von der Leſerei angeſteckt worden ſind?“ „Auf den einen Theil Deiner Anmerkung weiß ich nichts zu antworten— von dem andern aber bitte ich mir aus, verſchont zu bleiben! Hier iſt nicht die Rede von Leſerei in der jetzigen niedrigen, unglücklichen und unwürdigen Bedeutung dieſes Wortes.“ „Wenn wir alſo Deine Anbeter nicht Leſer oder Pietiſten oder Frömmler nennen dürfen, ſo gefällt es Dir vielleicht beſſer, ſie bei dem Namen nennen zu hören, unter welchem ſie in der Stadt paſſiren, nänlich Carleborgsnarren. Genug, Juſtus, der Name bedeutet nichts, die Sache aber um ſo mehr. Ich wage nicht an die große Zahl dieſer jungen Mädchen zu denken, die Deine Lehren und Deine Augen verrückt gemacht haben; aber unter dieſen iſt Eine, die allzu gut war, um eine Schwärmerin zu werden.“ „Du meinſt wahrſcheinlich die Conſtance Waller?“ „Ja, eben ſie meine ich!“ entgegnete Leonard er⸗ röthend.„Und ich kann es lieber rein heraus ſagen, daß ich und ein Paar andere Perſonen ſie geſtern Abend beſpähten, und ich kann auch hinzufügen, daß man ihren Ruf gewiß nicht ſchonen wird, beſonders wenn noch jemand außer mir ihre unglückliche Unvorſichtig⸗ keit bemerkt hat, nach der Zuſammenkunft allein hie zu bleiben.“ „Ich hoffe, erwiederte Juſtus mit einem Selbſ⸗ gefüh viellen wird jung, Ein g auf ve lich de und 2 ihn be auf w deutige licher, ſtets, Stein noch ei ein Recht in himm⸗ t, ſo iſt leinen und und Alte, ihm und — daran vor ſeinem mir: wie Dich ver⸗ ſind?“ g weiß ich er bitte ich t die Rede aglücklichen Leſer oder gefällt es nennen zu en, nämlich der Name - Ich wage Mädchen zu gen verrüuck , die allzu .9 ce Waller?“ Leonard er⸗ eraus ſagen, geſtern Abend , daß man nders went Unvorſichtig ft allein hie einem Selhſ 103 gefühl, das mit der Demuth des chriſtlichen Apoſtels vielleicht nicht ganz vereinlich war,„mein Charakter wird in dem Rufe ſtehen, daß eine Dame, alt oder jung, mich ohne Gefahr ihres Rufes beſuchen kann! Ein geiſtlicher und ein weltlicher Mann ſtehen immer auf verſchtedenen Standpunkten. Gleichwohl iſt eigent⸗ lich der Geiſt, den ein Diener Chriſti in ſeinem Leben und Betragen zeigt, welcher ihn und diejenigen, die ihn beſuchen, vor dieſer Art von Tadel ſchützen muß, auf welchen Du vermuthlich anſpielſt.“ „Hm, hm, hm!“ murmelte Leonard mit einer zwei⸗ deutigen Bewegung des Mundes:„ein junger Geiſt⸗ licher, der Privatzuſammenkünfte hält, iſt und bleibt ſtets, und wäre er auch ein wirklicher Heiliger, ein Stein des Anſtoßes für junge Damen; und ich ſage es noch einmal: Conſtance Waller war allzu gut, um die Zahl der Heuchlerinnen zu vermehren!“ „Sie iſt keine Heuchlerin: ihre Gottesfurcht iſt eben ſo tief als ernſt!“ „O ja, das verſtehe ich recht gut; und um ſich im Glauben noch mehr zu ſtärken und zu befeſtigen, hat ſie das Bedürfniß, den geliebten Lehrer ganz allein zu hören.“. „Nicht um über Religionsſachen mit mir zu reden, ſuchte ſie mich auf, und ich füge hinzu, daß wir zum erſten Male ſeit unſerer Trennung von Oernwitk allein mit einander ſprachen.“ „Wirklich? Da alſo ihr Anliegen keine Religions⸗ angelegenheiten betraf, ſo brauchſt Du es vielleicht nicht zu verſchweigen, ſofern es nämlich nichts mit dem In⸗ ſiegel der Beichte zu ſchaffen hat!“ „Es hat weiter mit Nichts zu ſchaffen, als mit dem Rathe eines alten Freundes über eine ſehr wichtige An⸗ gelegenheit für ihre Zukunft.“ „O, der Tauſend! man fragt Dich alſo auch in weltlichen Angelegenheiten um Rath?“ ſtotterte Leonard, indem er ſo gut wie möglich ſeine Angſt über das, was er jetzt hören würde, zu verbergen ſuchte. „Wenn man mir dieſes Vertrauen ſchenkt, ſo weiſe ich daſſelbe nicht zurück; denn ich weiß keinen Grund, warum nicht ein Diener Gottes denen, die ihn darum bitten, eben ſo gut mit weltlichem, wie mit geiſtlichem Rathe dienen ſollte.“ „Und ſte wollte Deinen Rath hören über die wich⸗ tigſte von ihren wichtigen Angelegenheiten? Gott ſei gelobt— ſie iſt alſo nicht mit ewigen Ketten ge⸗ bunden!“ Ein ſonderbares, zu gleicher Zeit bittres und mildes Lächeln verdunkelte Juſtus von Carleborg's edle Züge; doch er antwortete nicht. „Nun, Juſtus! Du könnteſt wohl ein wenig offen⸗ herziger ſein! Du weißt gewiß ſehr gut, wie es mit mir ſteht— liebt ſie jemanden?“ „Nein!“ „O, ſo ſei doch nicht ſo kurz! Worüber begehrte ſie eigentlich Deinen Rath? „Ueber ihre Wahl?“ „Eines Gatten?“ „Ja!“ 3 „O, das läßt ſich hören! Hatte ſie ſich ſchon für einen Gewiſſen beſtimmt?“ „Sie hatte zwei ausgewählt, unter denen ſie Einem den Vorzug geben wollte.“ „Hoho, das war ſchon Einer zu viel: es wäre beſſer geweſen, wenn ſie gleich Einen genommen hätte; doch wer ſind dieſe Beiden? Höre, Juſtus! Du mußt jetzt unſre bisherigen Streitigkeiten vergeſſen, und Dich nur des Allerälteſten, unſrer Freundſchaft, erinnern— welche waren dieſe Beiden?“ „Doctor Wilſon und“... „O, ſo mach doch ſchnell und friß nicht die Worte auf!... Doctor Wilſon und.. 2 „Du ſelbſt!“ „ vor F werfen Geber wiß ni ſchmäh allzuwe Pein ku „U Rath er Du hat: nicht me ſich die as, was ſo weiſe Grund, darum iſtlichem die wich⸗ Gott ſei tten ge⸗ nd mildes dle Züge; nig offen⸗ ie es mit begehrte ſchon für ſie Einem Dich nur — welche die Worte 10⁵ „Ich? O Du lebendiger Gott!“ Leonard ſprang vor Freuden hoch auf, und wollte ſich in Juſtus Arme werfen; dieſer hielt ihn jedoch mit einer ziemlich kalten Geberde zurück. „Laß uns noch warten mit den Glückwünſchen!“ „Wenn Du ſo mitunter kaltes Waſſer über die Seelen gießeſt, die Du wärmſt, ſo befinden ſie ſich ge⸗ wiß nicht allzu wohl! Da Du aber meine Freude ver⸗ ſchmähſt, welche natürlicher Weiſe für Deine Heiligkeit allzuweltlich iſt, ſo verſchmähe es wenigſtens nicht, die Pein kurz zu machen. Du weißt ganz gewiß, welchen von den Beiden ſie wählt!“ „Ich weiß es!“ „Und Du biſt derjenige, welcher ihr bei der Wahl Rath ertheilt hat! Doch ich kann mir wohl denken, Du hatteſt kein Herz für mich, weil wir mit einander nicht mehr in dem alten Verhältniſſe ſtehen?“ „Was meinſt Du damit?“ „Daß Du vermuthlich auf mein Glück keine Rück⸗ ſicht nahmſt!“ „Und welches wäre denn Dein Glück 2 „Welche Frage? Kann man die Conſtance Waller kennen und fragen, ob es ein Glück wäre, ſie zu ſeiner Gattin zu bekommen?“ „Ja, wenn man ſie ſo genau kennt, wie ich, ſo kann man das; und eben der gegründete Zweifel, ob Du durch ſie Dein künftiges Glück erreichen könnteſt, machte mich unſchlüſſig in Betreff des Rathes, den ſie von mir begehrte.“ „O, es war nicht Zweifel,“ antwortete Leonard mit einer ſeinem Charakter ſonſt fremden Bitterkeit; „Du gönnteſt mir ein ſo großes Glück nicht!“ Wiederum flog ein ſonderbares Lächeln über die Lippen des jungen Geiſtlichen.„Haſt Du bedacht, Leonard, was Du ſagſt? Daß Du an mir zweifelſt, das kann ich Dir verzeihen, denn darin unterſcheidet ſich die irdiſche Liebe von der himmliſchen; daß, wenn 106 jene oft ungerecht iſt gegen die Menſchen, dieſe ſie ſanft und verträglich gegen Andre macht, ſo ſtreng ſie auch gegen ſich ſelbſt ſein mag; doch haſt Du bedacht, ob ein Mädchen, das beſchloſſen hat, der irdiſchen Liebe zu entſagen, und nur ihren chriſtlichen Pflichten als Gattin und Mitmenſch zu leben, Dir das Glück bereiten kann, nach welchem Dein Herz ſich ſehnt? Conſtance wird gewiß nie fehlen in einer einzigen von den Pflich⸗ ten, die ſie übernimmt; ſie wird eine wohlgeſinnte und zärtliche Gattin, eine arbeitſame Hausmutter, ein Se⸗ gen für Dich und Dein Haus werden— doch mehr nicht!“ „Mehr nicht? Was in Gottes Namen könnte ſie dann wohl mehr werden? Sollte ich wohl nicht zu⸗ frieden fein, eine junge, ſchöne, wohlgeſinnte und zärt⸗ liche Gattin zu bekommen, die eine arbeitſame Haus⸗ mutter und ein Segen für mich und mein Haus wer⸗ den will, ſo wäre ich nicht werth, ihre kleinſte Finger⸗ ſpitze zu küſſen!“ Ein halbunterdrückter Seufzer ſtahl ſich aus der Bruſt des Schwärmers.„Ein gottesfürchtiges Weih liebt weder ſpielende Schmeicheleien noch kindiſche Fröh⸗ lichkeit!“ „Nun, nun! was das betrifft, ſo würde man ſchon einig: wenn ich nur ſo glücklich werde, ſie zu bekon⸗ men, ſo hoffe ich, daß ich ſie gewiß munterer machen werde!“ „Deſſen darfſt Du, um nicht ſpäterhin über eim fehlgeſchlagene Hoffnung klagen zu dürfen, keinesweget gewiß ſein. Eine Bedingung bindet ſie auf jeden Fall an ihr Jawort: eine vollkommene freie Andachtse⸗ übung.“ „O, Herr Gott! ſie wird doch wohl nicht den ganzen Tag ſitzen wollen, um die Bibel zu leſen, ge⸗ heime Zuſammenkünfte zu halten oder in der Nachban ſchaft umher zu laufen und zu predigen— das wän in der That ſehr übel!“ zu th Chriſt chen à Du je auf C zu ſein nicht wiſſen ihren Achtun ſo möc bereut, war we übung ſtatten „S verheirg dieſe ſie treng ſie bedacht, hen Liebe chen als bereiten Conſtance en Pflich⸗ innte und ein Se⸗ doch mehr könnte ſie nicht zu⸗ und zärt⸗ me Haus⸗ Haus wer⸗ te Finger⸗ ch aus der tiges Weib diſche Froͤh⸗ e man ſchon zu bekom⸗ erer machen in über eine keinesweget f jeden Fall e Andachts⸗ hl nicht de zu leſen, ge⸗ der Nachbar⸗ — das wan 107 „Wozu ſie ſich aufgefordert fühlen wird, was ſie zu thun gedenkt zur Beförderung der Kenntniß von Chriſto und zur Ausbreitung derſelben über einen ſol⸗ chen Boden, wo ſie fehlt, das weiß ich nicht; tadelſt Du jedoch ihre Bemühungen, unter die Vielen, welche auf Chriſti Namen getauft ſind, ohne darum Chriſten zu ſein, Licht zu verbreiten, wo ſie kann, ſo begehſt Du nicht allein eine Sünde, für welche dereinſt Dein Ge⸗ wiſſen Dich anklagen wird, ſondern Du ziehſt Dir auch ihren Unwillen zu; und hat dieſer ſich erſt ſtatt der Achtung und des Wohlwollens bei ihr eingeſchlichen, ſo möchte die Pflicht ihr ſo ſchwer werden, daß ſie es bereut, ſich jemals derſelben unterworfen zu haben.“ Leonard ſtand ganz verdutzt da. Unendlich gerne wollte er auf jede vernünftige Bedingung eingehen, um die Hand des geliebten Mädchens zu erhalten, und er war weit entfernt, ſie abhalten zu wollen von der Aus⸗ übung des Guten, das ihre beſchränkten Umſtände ge⸗ ſtatten konnten; doch dieſe geheimen Zuſammenkünfte, das Predigen und alles dahin Gehörige, das mußte er von ſich zurückweiſen; denn wenn es auch gut wäre, ein gottesfürchtiges Haus in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes zu haben, ſo wollte er doch kein Bethaus halten., Er theilte Juſtus dieſe ſeine Gedanken mit, welcher darauf antwortete:„Siehſt Du: ich hatte Recht, als ich bezweifelte, daß eine gottesfürchtige Frau Dir an⸗ ſtehen würde!“ „Aber Du mein Gott, ſoll ſie denn nothwendig auf dieſe Art gottesfürchtig ſein?“. „Ich habe Dir ſchon geſagt, daß ich nicht weiß, auf welche Art ſie es zu ſein beabſichtigt; ich weiß nur, daß ſie ſtets gottesfürchtig bleiben wird, was ſie auch thun und laſſen mag.“ „Sie hat alſo nicht beſtimmt geſagt, daß ſie als verheirathete Frau in ihrem Hauſe ſolche abſcheulichen — vergib mir, lieber Juſtus!— ſolche ſonderbare Zu⸗ ſammenkünfte zu halten gedenkt?“ „Nein, das hat ſie nicht, und das wird ſie gewiß auch niemals thun!“ „Da wollen wir ſchon einig werden! Gebe nur Gott, daß Du als ein rechtſchaffener Bruder mit mir geredet haſt!“ „Glaubſt Du, daß Du mir dafür einige Dankbar⸗ keit ſchuldig ſein würdeſt?“ „Ja, eine ſo große Dankbarkeit, daß ich ſie mit Worten nie auszudrücken vermag: eine ſo große Dank⸗ barkeit, daß Du, ſo verrückt Du es auch immer treiben magſt, dennoch immer auf mein Herz zählen kannſt; und überdies eine ſo große Dankbarkeit, daß ich mit meinem Glücke nicht vollkommen zufrieden ſein würde, außer daß Du mich trauteſt und bei meiner Hochzeit eine Rede hielteſt!“ „So gebe denn Gott, daß Du mir nicht dereinſt das Glück zum Vorwurfe machſt, nach welchem Du jetzt ſo eifrig verlangſt; denn merke: als ich ſah, daß ihre eigene Wahl ſich nach Deiner Seite zu neigen ſchien, ſo gab ich derſelben durch einige vermittelnde Worte über Deinen Werth die Form, von welcher ich meinte, daß ſie am beſten mit ihrem Wunſche übereinſtimmte.“ Diesmal ergoß Lonard's Freude ſich nicht in Worten: er ſtreckte Juſtus ſeinen Arm entgegen, und dieſer ſchloß ihn ſchweigend an ſeine Bruſt. „Wann kann ich zu ihr gehen?“ fragte Leonard mit gehemmtem Athem. „Vermuthlich wenn Du es für paſſend erachteſt!“ „Da bin ich in der nächſten Stunde bei ihr, da⸗ mit ich heute Abend noch mit der Poſt an unſre Mutter ſchreiben kann!“ ( Conſte zu thu obglei⸗ waren Walle ſtance abgeha „( in den Zimme plötzlich Worte und inß nahm ohne z Abende „ ihren 7 mütterl büchern ſich ben Ordnu derwiſch lauſcht rührten dige von de in der ſeinen „ hare Zu⸗ e gewiß ebe nur mit mir Dankbar⸗ h ſie mit ße Dank⸗ r treiben n kannſt; ich mit in würde, Hochzeit öt dereinſt n Du jetzt daß ihre gen ſchien, de Worte ich meinte, nſtimmte.“ n Worten: dieſer ſchloß ſte Leonard erachteſt! ei ihr, da⸗ uſre Mutter 109 Eilftes Kapitel. Einige Minuten nach zwölf Uhr, zu der Zeit, da Conſtance, wie Leonard wußte, nichts mit der Schule zu thun hatte, eilte er in die Wohnung der Frau Waller; obgleich aber die Kinder ſchon nach Hauſe gegangen waren, ſo wurde er dennoch nur von der guten Frau Waller entgegen genommen, welche erklärte, daß Con⸗ ſtance für den Augenblick von angelegenen Geſchäften abgehalten würde. „Geſchäfte?“ wiederholte Leonard mechaniſch. Doch in demſelben Augenblicke vernahm er aus dem einen Zimmer die Stimme des Doctors Wilſon. Leonard wurde plötzlich bald roth, bald bleich; doch indem er ſich der Worte ſeines Bruders erinnerte, auf welche er ſich verließ, und indem er einſah, was der Anſtand von ihm forderte, nahm er augenblicklich Abſchied, und ging, doch nicht ohne zuvor um die Erlaubniß angehalten zu haben, am Abende wieder einſprechen zu dürfen. „Sie tödten mir noch am Ende das Mädchen mit ihren Freiereien!“ murmelte Frau Waller mit großer mütterlicher Zufriedenheit, indem ſie zwiſchen den Schreib⸗ büchern und den Nähkäſtchen hin und her wankte und ſich bemühte, dem Ganzen einen gewiſſen Anſtrich von Ordnung zu geben. Während ſie aber mit einem Fle⸗ derwiſch hie und da ein wenig Staub wegwiſchte, ſo lauſchte ſie bisweilen an der Thür und hörte mit ge⸗ rührtem Herzen, wie der hübſche und ſehr liebenswür⸗ dige Doctor Wilſon von ſeiner vieljährigen Liebe und von der Geduld redete, mit welcher er gewartet hätte, in der Hoffnung, daß Conſtancens Herz ſich endlich zu ſeinen Gunſten verändern würde. „Ja wohl, ja wohl, ja wohl!“ dachte Frau Waller, indem ſie mit dem Gänſeflügel über einen Haufen von Katechismen fuhr....„Hat man wohl jemals ver⸗ nommen, daß der Feuerſtein gerührt worden iſt und nachgegeben hat? Das Mädchen hat noch nie geliebt: es iſt immer ihre ſchwache Seite geweſen, nicht lieben zu können; und nun wird er's wohl hören, der ehren⸗ werthe junge Mann, daß ich recht habe, denn ich kenne ſie!“ Und wieder lauſchte Frau Waller. („Ich kann Dich nicht täuſchen, Didrik, und will es auch nicht; denn ich weiß nicht, wozu es dienen ſollte: ich habe Deinen Antrag reiflich erwogen, und fühle in meinem Innern— zu geſchweigen des Mangels der Liebe— eine Abgeneigtheit, welche keine weitere Ueberlegung zuläßt.“) „Alſo auch ihn, den vornehmſten nach Herrn Sillén, welcher eines der vornehmſten Handelshäuſer in der ganzen Umgegend erbt, ſchlägt ſie aus!— Das iſt doch wirklich allzu ſonderbar! Wenn ſie den jungen Kauf⸗ mann genommen hätte, ſo hätte ich hier in der Stadt bleiben und ein Haus machen können, trotz des beſtenz nun dagegen, da der Doctor(der reiche Doctor, der ein eigenes Landgut zu kaufen beabſichtigte, wo es ſehr an⸗ genehm geweſen wäre, ſich den Sommer über in Ruhe niederzulaſſen) ebenfalls abgewieſen iſt, ſo bleibt keiner weiter übrig, als der ehrliche Bruksbuchhalter, der wohl auch, verſteht ſich, ein paar Schillinge hat, aber dennoch im Vergleich mit den beiden andern keine Partie iſt, Ich wollte auf keinen Fall etwas geſagt haben, wenn er ſchön wäre wie ſein Bruder, der verruͤckte Prieſter — aber er iſt recht tüchtig häßlich und ſieht im Ganzen aus wie ein ehrlicher Bauer.“ Während Frau Waller das alles in ihrem Verdruß und Aerger abmachte, wurde in dem innern Zimmer abgemacht, daß der Doctor Wilſon weiter gar keine Hoffnung hätte, ſondern ruhig wieder nach Hauſe reiſen könnte Tage 7 großer lieber von T wird!“ brauch geben T Doctor daß er verlobt De einen 8 Herr de Unm zu vertu Hedwig Weiſe den er diren. Leg Nacken auf de zu werd betracht will— des Heu ſondern uns ſei. ifen von als ver⸗ iſt und geliebt: ht lieben er ehren⸗ ich kenne und will es dienen gen, und Mangels e weitere en Sillén, r in der as iſt doch gen Kauf⸗ der Stadt des beſtenz or, der ein 's ſehr an⸗ er in Ruhe leibt keiner , der wohl der dennoch Partie iſt. ben, wenn kte Prieſter im Ganzen em Verdruß en Zimmer gar kein Hauſe reiſen 111 könnte, was dann auch der Doctor noch an demſelben Tage zu thun beſchloß. Frau Waller weinte, als ſie von dieſer ihrer zweiten großen Hoffnung Abſchied nahm:„Ich glaube, mein lieber Didrik,“ flüſterte ſie dem Doctor, als eine Art von Troſt in's Ohr,„daß Conſtance dieß bald bereuen wird!“ „Wir wollen zu Gott hoffen, daß ſie das nicht braucht— mir aber hat ſie eine unheilbare Wunde ge⸗ eben!“ Trotz dieſer ſeiner Worte rächte ſich jedoch der Doctor Wilſon an ſeiner kaltſinnigen Baſe dadurch, daß er ſich einige Monate ſpäter mit einer Andern verlobte. Doch wir kehren zu Leonard zurück, welcher, ohne einen Feind geſchlagen zu haben, jetzt als alleiniger Herr des Freierfeldes daſtand. Um die langen Stunden zwiſchen zwölf und ſechs zu vertreiben, ſetzte er ſich hin, um den Brief an Frau Hedwig anzufangen— das Ende ließ ſich natürlicher Weiſe vor der Rückkehr von dem wichtigſten Beſuche, den er in ſeinem Leben abgeſtattet hatte, nicht expe⸗ diren. Leonard ſchrieb: „Geliebte, herzlich geliebte Mutter!“ „Nun kannſt Du glauben, ſitze ich hier ſteif im Nacken wie eine Maiſtange. Dennoch fühle ich mich auf dem Wege, vor Freude und Unruhe ganz verwirrt zu werden, ja wahrhaftig: von beiden; denn beim Lichte betrachtet— man mag die Sache anſehen wie man will— iſt es doch bedenklich, dem gnädigen Befehle des Herrn zu gehorchen, daß wir nicht allein wandeln, ſondern uns eine Gehülfin ſuchen ſollen, die um uns ſei. 112 „Aus dieſer Einleitung erſtehſt Du leichtlich, wor⸗ über der Text handeln wird, nämlich die Erklärung über eines jungen Mannes Weg an einer Magd, oder rich⸗ tiger geſagt:(Erſte Abtheilung) über die Nothwen⸗ digkeit dieſes Weges, und(zweiter Theil) über den Ausgang dieſes Weges. „Ich möchte wohl wiſſen, was Juſtus ſagen würde, wenn er dieſes ſähe; gewiß würde er verwundert aus⸗ rufen:„Da ſehe man, daß die brüderliche Verwandt⸗ ſchaft ſich niemals verläugnet! Wenn ſogar Leonard von der Begierde ergriffen wird, bibliſch zu reden, ſo zeigt ſolches mehr denn alles andere die Allmacht meines Einfluſſes. „Vergib mir, gute Mutter, wenn ich hier eine große Dummheit ſagte; ſie war aber wahrlich nicht übel ge⸗ meint, denn es iſt wirklich ſo, daß Juſtus heute auf mich oder, was noch mehr ſagen will, über meine ganze Zukunft einen ungemeinen, unerhörten, ja gerade her⸗ aus geſagt, unermeßlichen Einfluß ausgeübt hat. Welch ein ewiger, unverbeſſerlicher Schade, daß der Junge ein Mann Gottes von der Art der Heiligen werden ſollte! Wäre er ein kraftvoller, ehrlicher und redlicher Geiſtlicher geworden, einer von der Sorte, die ich verſtehe, und der ich gerne mein Opfer gebe, weil ein ſolcher für die Gemeinde eben ſo nothwendig iſt, wie die Gemeinde für ihn, ſo würde ich dagegen nichts Erhebliches einzuwenden gehabt haben; denn die Geiſt⸗ lichen haben in der Welt ganz gute Einkünfte, und kommen ſowohl in weltlicher als auch in geiſtlicher Macht weit genug; daß er aber ein Heiliger, ein Leſer, ein Schwärmer, mit einem Worte eine Art von Erzengel werden mußte, in den alle Weiber verrückt werden, wenn ſie ihn nur ſehen, und vollkommen wahnſinnig⸗ wenn ſie ihn hören— das kann ich nicht vergeſſen, obgleich ich jetzt recht eigentlich ſeiner unumſchränkten Macht die Freude zu danken habe, daß ich wenigſtens hoffen darf, heute Abend ein verlobter Mann zu ſein. 4 ſehen Glori was bekenn wenig geglar zu näl ſinne meinen ich nich und H. unſrer überzeu daß ſie beimiſe werben als in Geberd Glaub daß ſei hier kommern falls n zur E wendet 1/ Dir v Zuſam in das liebt b Eine ich, wor⸗ ung über oder rich⸗ othwen⸗ über den gen würde, dert aus⸗ Verwandt⸗ konard von I, ſo zeigt ht meines eine große t übel ge⸗ heute auf neine ganze gerade her⸗ hat. chade, daß er Heiligen drlicher und Sorte, die gebe, weil hwendig iſt gegen nichts n die Geiſt⸗ ünfte„ und n geiſtlicher r, ein Leſer, don Erzengel ückt werden, wahnſinnig, ht vergeſſen, umſchränkten h wenigſtens an zu ſein. 113 „Du weißt ſchon eben ſo gut wie ich, welches Auf⸗ ſehen er erregt hat, und Du weißt auch, daß dieſe ſeine Glorie uns für einige Zeit von einander getrennt hat; was Du aber nicht weißt, und was ich jetzt mit Schum bekenne, iſt, daß ich geglaubt habe, er wäre nicht ſo wenig ſcheinheilig in ſeiner Heiligkeit, daß ich ferner geglaubt habe, er fände Vergnügen daran, ja er zöge mit Fleiß alle jungen Frauensperſonen, die täglich unter verſchiedenen Vorwänden zu ihm ſtrömen, um ſich ein geiſtiges Labſal zu holen, in ſeine Netze und ſuchte ſie darin zu behalten. „Es war ſchlecht von mir, einen ſolchen Glauben zu nähren, beſonders da ich in meinem blinden Eigen⸗ ſinne ihn nicht näher unterſuchen wollte. Kannte ich meinen Bruder nicht von ſeiner Kindheit an, und wußte ich nicht: was er umfaßte, das umfaßte er mit Seele und Herz und nicht bloß mit den Sinnen? Jetzt nach unſrer heutigen Unterredung bin ich vollkommen und feſt überzeugt: er iſt wirklich von ſeinen Ideen ſo begeiſtert, daß ſich demſelben nicht die geringſte unreine Abſicht beimiſcht. Er übt ſich darin, dem Himmel Seelen zu werben, und die irdiſchen Engel erhalten nichts anderes, als in ihrem Gedächtniſſe ſeine Worte, ſeine Blicke und Geberden zu verwahren; ja, ich gehe ſo weit in meinem Glauben an ihn, daß ich faſt darauf zu ſchwören wage, daß ſeine geiſtliche Coquetterie— pfui Teufel, daß ich hier mit einem franzöſiſchen Lappen zum Vorſchein kommen ſollte!— daß ſeine geiſtliche Gefallſucht eben⸗ falls mit zu ſeiner Heiligkeit gehört und von ihm nur zur Erreichung ſeines großen Uebungszweckes ange⸗ wendet wird. „Was ich hier alles niedergeſchrieben habe, kommt Dir vielleicht ziemlich unzuſammenhängend vor; der Zuſammenhang aber beſteht darin, daß das Mädchen, in das ich verliebt bin— verliebt, gute Mutter, ver⸗ liebt bis über die Ohren!— von demſelben Wahnſinne Eine Nacht am Bullarſee. II. 8 114 befallen worden iſt, der über ſo viele Andere gekommen iſt, nämlich von dem religiöſen Wahnſinne, oder wie man ſich hier ausdrückt, von der Carleborgs⸗Narrheit. Juſtus hat dieſes Mädchen ſchon früher gekannt, und Du haſt ihren Namen ebenfalls ſehr oft in ſeinen Briefen von Oernwik gehört. Es iſt jene Conſtance Waller, welche als Geſellſchafterin bei der merkwürdigen,„ſtei⸗ nernen Venus“ war, die er zur Frau hätte bekommen können, wenn er nicht zu jener Zeit verrückt geworden wäre, wie ich es nenne. „O, Du mein himmliſcher Vater! das große, vor⸗ treffliche Oernwik, und noch obendrein eine ſchöne Frau! Ich hätte das Gut gepachtet oder es um die Hälfte be⸗ wirthſchaftet, und er hätte gleich einem Gotte in lauter Träumen leben koͤnnen, und nicht nöthig gehabt, etwas anderes zu thun, als ſeine Luftſchlöſſer zu bauen und wieder einzureißen. Und welches Paradies hätten wir dort angelegt: er und Venus, ich und Conſtance, und Du und Monika, und, behüte, das Conſulat, verſteht ſich, ebenfalls! Wir hätten eine eigene kleine Kolonie gebildet, beſonders wenn erſt eine Schaar von Liebes⸗ göttern, gleich einem Haufen junger Gänſe und Enten, von Monika gehütet, die Kolonie vermehrt und ihr Beſtand gegeben hätte. „Nein, nun komme ich auf einen Holzweg! Will ich nun auch anfangen, Romane zuſammen zu ſchmieren? Gleichwohl kann ich Dich verſichern, daß er nur aus der Ueberzeugung entſtanden iſt, wenn ich Oernwik gepachtet hätte, ſo würde dies für mich eben ſo vortheilhaft ge⸗ weſen ſein, wie für Juſtus der Beſitz des Gutes.... Doch ſtopp damit— ich muß den Brief durchlaufen und nachſehen, ob ich nicht über einen andern Gegen⸗ ſtand zu reden dachte, obgleich er mir davon lief.. Ja, nun bekam ich den rechten Faden zu faſſen: ich wollte reden von jener Gottesfurcht, die meine ſchöne Conſtance angeſteckt hat... es iſt wohl noch ein wenig zu früh, zu ſagen: meine; doch mir kann ja nichts Aerge nach es un „ und hi⸗ Sie ſ den vi nicht, bin keit jeden Freier in dieſe danken Es haͤn der And hält) zu von Bei⸗ arrheit. in lauter bt, etwas auen und ätten wir ance, und , verſteht e Kolonie don Liebes⸗ ind Enten, t und ihr 1 Will ich ſchmieren? nur aus der ik gepachtet heilhaft ge⸗ ütes.... durchlaufen ch ein wenig n ja nichts 115 Aergeres geſchehen, als daß ich dieſes Wort heute Abend nach meiner Rückkehr von ihr ausſtreichen muß, falls es unrichtig gebraucht ſein ſollte. „Alſo, geliebte Mutter, Conſtance iſt gottesfürchtig, und hiedurch abgehalten, eine irdiſche Liebe zu empfinden. Sie ſaß mit drei Freiern in der Hand und mich als den vierten im Schlepptau, ſie aber paßte(ich weiß nicht, ob dieſer Ausdruck am rechten Orte iſt, denn ich bin kein Spieler, glaube aber, daß er paſſen muß: auf jeden Fall klingt er gut); und nachdem nun die drei Freier ihren Abſchied erhalten haben— der letzte wird in dieſem Augenblick ausgetheilt— ſo fallen ihre Ge⸗ danken auf mich, oder werden wenigſtens auf mich fallen. Es hängt nämlich ſo zuſammen, daß ſie geſtern nach der Andachtsſtunde bei Juſtus(Du weißt, daß er ſolche hält) zurückblieb, um ſich mit ihm zu berathen, welchen von Beiden, den Doctor oder mich, ſie nehmen ſollte; und Juſtus hatte wenigſtens ſo viel von einem brüder⸗ lichen Herzen im Leibe— der Himmel belohne und ſegne ihn dafür mit ewigen Widerwärtigkeiten bei ſeinem Ent⸗ ſchluſſe, uns zu verlaſſen und hinweg zu reiſen zu den ſchwarzen Waldmenſchen!— daß er einen Wink fallen ließ, ich wäre kein Menſch mit einem ganz ſchlechten Charakter, ſondern ein ziemlich ehrenwerther Mann, mit welchem ein Mädchen wohl fertig werden könnte. „Heute früh, da ich von Eiferſucht und aller Art Bosheit beſeſſen zu ihm eilte— denn Herr Leonard hatte ſich geſtern Abend ein Vergnügen gemacht, Spion zu ſein— erzählte er mir alles redlich und offen, ging ſogar noch etwas weiter; denn er gab mir einen Wink davon, mein Vorhaben reiflich zu überlegen, und redete viel über die Gefahr für das häusliche Glück, wenn Mann und Frau... o, ich verſtand recht gut, was er meinte: ihre Göttlichkeit würde ſich übel ausnehmen, an der Seite meiner Weltlichkeit. Ich aber bin kein Narr, der ſich von ſolchen Dingen ſchrecken läßt: ihr wird die Kinderei gewiß bald genug zuwider, und dann, denke ich, wird ſie nichts dawider haben, in ihrem Manne einen muntern Geſellſchafter zu finden. „Schön aber war es von Juſtus gehandelt, daß er mich warnte. Und nun, da wir wieder die beſten Freunde ſind, könnten wir ſo manchen angenehmen Augenblick mit einander haben, wenn er nicht bald in jene Ein⸗ ſamkeit reiſen wollte, wo er ſeine ſogenannte„große Vorbereitung vorzunehmen gedenkt. Weißt Du auch, wohin? Ich weiß es zwar nicht ganz genau, ſollte es aber bei einem Manne ſein, mit welchem er in lebhaftem Briefwechſel ſtehen ſoll, ſo argwoͤhne ich, daß die heilige MWüſte weniger öde iſt, als er glaubt, weil ſie von einem Comminiſter Grave, dem ſcheinheiligſten und unwür⸗ digſten Prieſter, der je auf einer Kanzel geheuchelt hat, bewohnt wird. Man kennt hundert Anekdoten von dieſem Lichtelfen, und da ich heute gerade im Zuge bin, zu ſchwatzen, ſo will ich eine davon erzählen, die uns eine ziemlich klare Vorſtellung von dem wirklichen Gehalt des Mannes beibringen kann. „Als bemeldeter Paſtor Grave ſich um die Commi⸗ niſtratur bewarb, welche er gegenwärtig inne hat, und dort ſeine Probepredigt hielt, ſo geſchah es, daß die Blicke der Gemeinde bei dem Eingange in die Kircht ſich mit unglaublicher Theilnahme auf einen Mann rich⸗ teten, der unweit der Kirchthür Platz genommen hatte, wo er, bitter weinend, ſich in ſeinem Schmerze nicht daran zu kehren ſchien, ob er Aufmerkſamkeit erregte oder nicht. „Warum weint Ihr ſo, lieber Vater?“ fragte en mitleidiger Bauer, indem er mit einigen andern Ei⸗ gepfarrten in Begriff war, an dem Leidenden vorbei z gehen. „O, ich habe wohl Urſache, zu weinen,“ entgegnet der Angeredete mit lautem Schluchzen;„ich gehöre in dem Kirchſpiele zu Hauſe, wo jetzt noch der Paſte Grave Comminiſter iſt; nun aber, da ich ihn hiehe gefah nur gegen Paſtor entſch! doch d Mann Wahrl nicht e „ nicht ſ ein wa „ laßt ur geſtand wir ſei weinte früh z kann, ſe Manne „daß er Freunde ugenblick ene Ein⸗ große du auch, ſollte es lebhaftem die heilige von einem d unwür⸗ uchelt hat, von dieſem ee bin, zu e uns eine den Gehalt die Commi⸗ e hat, und s8, daß die die Kirche Mann rich⸗ mmen hatte hmerze nicht rkeit erregte eu fragte ein andern Ein⸗ den vorbei zi 2 entgegnet jich gehoͤre i h der Paſte ch ihn hiehe 117 gefahren habe, iſt mir ſehr bange, daß wir ihn wohl nur noch eine kurze Zeit behalten werden.“ „Die Bauern wechſelten einige Blicke, die deutlich gegenſeitige Verwunderung ausdrückten. Der Ruf des Paſtors Grave war ſo geweſen, daß ſie faſt einſtimmig entſchloſſen geweſen waren, ihn gar nicht zu wählen; doch dieſe Thränen, dieſe ungeheuchelte Betrübniß eines Mannes, der ſeiner Gemeinde angehörte, ſchien der alten Wahrheit das Wort zu reden, daß die Verleumdung nicht einmal des Redlichſten ſchont. „Saget mir,“ begann ein anderer Bauer,„es hat nicht ſo ganz gut über ihn geklungen— iſt er wirklich ein wahrer Mann Gottes?“ „Ich ſage kein Wort! Wählt Ihr ihn nicht und laßt uns unſern Paſtor behalten! So lange die Welt geſtanden hat, und ſo lange die Welt ſteht, bekommen wir ſeines Gleichen im Leben nicht wieder!“ Und wieder weinte und ſchluchzte der arme Bauer. „Die Bauern ließen ſich durch den niedrigen Betrug täuſchen, und wider alle Vermuthung erhielt Grave faſt einhellige Berufung. „So iſt der Mann, mit welchem Juſtus in vertrauter Verbindung ſteht, ohne ihn gleichwohl— was ich mit Gewißheit hoffe— recht zu kennen. Gefährlich aber muß es immer für Juſtus ſein, eine längere Zeit in der Geſellſchaft einer ſolchen Perſon zuzubringen. „Doch während ich das alles ſchreibe, iſt es ziemlich ſpät geworden. Ich habe das Mittageſſen verſäumt; jetzt gehe ich aus, um zu eſſen, und dann gleich nach ſechs Uhr gehe ich auf Freiersfüßen. Komme ich ſo früh zurück, daß ich den Brief noch auf die Poſt bringen kann, ſo ſoll er heute Abend abgehen; werde ich aber gar zu glücklich, ſo daß ich mich vergeſſe, dann mußt Du entſchuldigen.... Ach, wenn es nur erſt glucklich vorüber wäre!... Der Henker, ich habe noch gar nicht einmal darüber nachgedacht, was ich ſagen ſoll!. Ich wollte herzlich wünſchen, daß unſer Herr⸗ —— gott es ſo eingerichtet hätte, daß die Mädchen ſtatt unſer kämen und um unſre Hand anhielten— doch fieh, da wäre es vielleicht ungewiß geweſen, ob Conſtance zu mir gekommen wäre.... Courage, Leonard, du biſt kein Tropf! Ein gutes Herz, ein kleines nettes Gut mit Wald und See— denn beides ſoll mein Gut haben — und dazu ein Paar ſtarke, arbeitſame Hände, die eine Frau ernähren können... o, das taugt ſchon— we⸗ nigſtens wird oft Schlechteres ausgeboten... Doch ſie iſt ſo fein, ſie hat eine ſolche Würde, obgleich ſie nur ein junges Maͤdchen iſt, daß mir das wirklich läſtig iſt. Aber das iſt alles einerlei: wenn man freien will, ſo darf einem nichts läſtig ſein. das verſteht ſich von ſelbſt, da ich heirathen will, etwas, das ſich ebenfalls von ſelbſt verſteht, da ich meine eigene Wirthſchaft anfangen will, und nicht draußen und drinnen überall ſelbſt ſein kann. Und da ſich alſo alles von ſelbſt verſteht, ſo hoffe ich, daß auch meine Freierei von ſelbſt gehen ſoll. Lebe wohl ſo lange, liebes Mütterchen! Ich pflege mir ſonſt keinen Wein zu beſtehen; doch heute muß ich, meiner Seele, noch losſchlagen, und eine halbe Flaſche Madeira leeren... So, nun gehe ich! Gott ſei mit dir, Leonard!“ Zwülftes Kapitel. An dieſem Nachmittage nahm Conſtance nicht Theil an dem Unterrichte, ſondern ſaß allein in dem inneren Zimmer, beſchäftigt mit der ſchwerſten, bisweilen auch nutzloſeſten unter allen Arbeiten— einer gründlichen Selbſtprüfung. 1 Von Zeit zu Zeit hatte ſie das Bedürfniß gefühlt Und daß ich freien muß, die B Capit konnte ſo vie lich in für C L Aufop allen ren, n den he um ſie „ „daß e denn n müſſen ner wi en ſtatt och fieh, tance zu du biſt Gut mit tt haben die eine — we⸗ Doch ſie h ſie nur läſtig iſt. will, ſo eien muß, ill, etwas, ine eigene id drinnen alles von keierei von lͤtterchen! doch heute eine halbe ich! Gott nicht Theil dem inneren zweilen au gründlichen fniß gefühlt 119 die Bibel zur Hand zu nehmen, und ſie hatte auch ganze Capitel darin geleſen; trotz dieſer Beſchäftigung aber konnte ſie ſich ſelbſt nicht recht klar werden, was eben ſo viel heißt, als: es gelang ihr nicht, ſich unaufhör⸗ lich in dem tröſtenden Irrthum zu erhalten, daß ſie ſich für Gottes Sache opferte. Wo forderte oder verlangte wohl Gott eine ſolche Aufopferung, daß ein junges Mädchen, um ſich vor allen irdiſchen Lockungen und Verführungen zu bewah⸗ ren, wider ihre Neigung heirathen ſollte, und noch dazu den häßlichſten und unſcheinbarſten unter ihren Freiern, um ſich ſtets vor der Liebe bewahren zu können? „Es iſt wohl wahr,“ wendete die Schwärmerin ein, „daß er dergleichen weder befohlen, noch begehrt hat— denn welchen Werth hätte da das Opfer? Alle Opfer müſſen freiwillig ſein, wenn ſie ihm angenehm und ſei⸗ ner würdig ſein ſollen!“ Mit dieſem Einwande, der, hier angewendet, nur ein elendes Sophisma war, wies Conſtance das ge⸗ heime Gefühl von ſich zurück, welches ihr zuzuflüſtern wagte, daß auch ſie ihres Theils eine herzliche Zu⸗ friedenheit empfände, ſich mit einem Manne zu verei⸗ nigen, der kein Recht hätte, ihre Liebe zu fordern; da ſich aber dieſes Gefühl dennoch nicht ganz abweiſen ließ, ſo war Conſtance zu dem Geſtändniſſe gezwungen, daß die Freiheit des Herzens ihr eigentlich allzu ange⸗ nehm wäre, um ein Opfer zu heißen. Warum aber war ihr eine ſolche Freiheit angenehm, wenn nicht darum, daß ſie dabei das ganze Glück darin erblickte, ihr Herz dem himmliſchen Vater ganz ungetheilt ſchenken zu können? Wir würden Unrecht thun, wenn wir nicht erkennen wollten, daß Conſtance auch Leonards Glück und Zu⸗ kunft mit in Ueberlegung nahm; dies aber geſchah doch auf eine Weiſe, welche davon zeugte, wie weit ſie ſchon in ihrer Gottesfurcht gekommen war, daß ſie ſich näm⸗ lich mit Faſſung die Aufopferung des Individuums den⸗ ken konnte, wenn es auf die Erreichung eines höheren Zweckes ankam. Sie wollte ihr Herz dem himmliſchen Bräutigam rein, keuſch und ungetheilt ſchenken. Hatte der irdiſche wohl Grund oder Urſache, ſich zu beklagen, daß ſein Antheil gering war? Nein, eine ſolche Klage wäre eine ſchwarze Sünde geweſen. Er mußte wohl glücklich ſein können ohne dieſe Liebe, da er eine Gattin erhielte, die übrigens in allen Dingen ihm zu Willen ſein und ſo viel ihr möglich war, in Luſt und Noth beiſtehen wollte. „Ja,“ ſagte ſie, ich will ihn ehren und achten, den ich gewählt; will ſeines Hauſes warten und ihm auf jede Weiſe hold ſein; ich fühle, daß ich die Kraſt dazu beſitze; und wenn mir dieſelbe ja bisweilen fehlen ſollte, ſo will ich Ihn anrufen, der in ſeiner Liebe das Opfer angenommen hat und nicht zulaſſen kann, daß es durch eine zu ſpäte Klage oder Reue ſeiner unwürdig werde. „Leonard,“ fuhr ſie in ihren Gedanken fort,„hat keine Aehnlichkeit, woran man erkennen könnte, daß. ℳ Conſtance unterbrach ſich hier, ſie nannte keinen Namen; unwillkürlich aber faltete ſie ihre Hände, und ihr Auge, in welchem ſich eine innige und feurige Andacht ſpiegelte, ſenkte ſich leiſe zur Erde hinab....„nein, keine Aehn⸗ lichkeit— und das iſt ein glücklicher Umſtand, denn das Irdiſche und das Himmliſche dürfen keine Aehnlichkeit mit einander haben. Ich aber darf ihn Bruder nennen! O mein Gott, bin ich wohl eines ſo hohen Glückes würdig, Deinem theuerſten Jünger eine Schweſter zu ſein, ihm, der mit ſeiner lieblichen Stimme gleich den Harfen der Engel ſagte:„Und er wird ſagen zu den Winden: Nehmet mit Euch meinen Seufzer und grüßet Amplia, meine Liebe im Herren!“ „O, geſegnet ſei das Land, in welchem er auftreten wird! Könnten meine Thränen den Sand kühlen, über den ſein Fuß wandern wird, ſo wollte ich mein ganzes Leben in Thränen zubringen— doch dieſes Glück wäre allzug wache ſandt Edles Reiche Und ie Winde beten, will ich ſterniß 22 Eine K keiten! leichtſin falt, ei des Ta⸗ ſchwarz roſenro die Ahn ſo ſchet ihn in gehalte heit, n freude geöffne hoͤheren äutigam irdiſche daß ſein äre eine klich ſein ielte, die n und ſo n wollte. d achten, und ihm die Kraft en fehlen Liebe das inn, daß unwürdig fort,„hat „ daß.. n Namenz Auge, in t ſpiegelte, eine Aehn⸗ , denn das Aehnlichkeit der nennen en Glückes chweſter zu gleich den gen zu den und grüßet er auftreten ühlen, über nein ganzes Glück wäre 121 allzugroß für ein ſündiges Weib! Die Engel werden wachen über ihn, und der große Meiſter, der ihn ge⸗ ſandt hat, wird nicht zulaſſen, daß ſo viel Großes und Edles untergeht. Er wird leben, um die Gränzen des Reiches Chriſti auf Erden tauſendfältig zu erweitern l.... Und ich— ich ſende ihm meinen Gruß zurück mit den Winden und ſehe ihn in meinen Gedanken, meinen Ge⸗ beten, meinen Segenswünſchen; denn Tag und Nacht will ich Ihn ſegnen, ohne welchen ich noch in der Fin⸗ ſterniß wandeln würde! „Was war mein Leben, ehe ich Ihn kennen lernte? Eine Kette von eitlen Gedanken und gedankenloſen Eitel⸗ keiten! Mein Sinn genoß faſt ohne Unterbrechung einer leichtſinnigen Freude, eine Freude voll kindiſcher Ein⸗ falt, eine Freude ohne Endzweck, eine flüchtige Freude des Tages, der Stunde, der Minute.. O, welche ſchwarze Nacht umhüllte meine Seele, da ich in dem roſenrothen Lichte zu leben vermeinte! Was anderes, als die Ahnung von meiner unbewußten Sünde, machte mich ſo ſcheu vor Ihm, denn meine Augen waren gehalten, ihn in dem rechten Lichte zu ſehen, bis er in dem un⸗ vergeßlichen Augenblicke auf der Schwelle meines Zim⸗ mers ſtand und ſagte:„Ich gehe als Miſſionar nach Indien!“ Da, da verſtand ich ihn, da begriff ich, daß meine eigene, unendliche Unwürdigkeit mich bisher ab⸗ gehalten hatte, ihn zu erfaſſen, und ich hätte ihm ſo gern meine Bitte um Verzeihung zuflüſtern wollen; doch er entſagte der Demüthigung eines ſo unbedeutenden Weſens wie ich und der Erkenntniß ihrer Schuld, er entſagte der Liebe der unſchuldigen Evelyn, entſagte dem großen Reichthum ihrer Eltern und reiſte davon, um ſich erſt an den Blicken einer ſegnenden Mutter zu ſon⸗ nen und dann zu ſeinem heiligen Amte weihen zu laſſen .... Und Gott hatte Mitleiden mit meiner elenden Blind⸗ heit, mit meinem bethörten, von Leichtſinn und Welt⸗ frende belebten Herzen. Meine Augen wurden durch Ihn geöffnet, mein Herz lernte durch ihn ſeine Beſtimmung kennen; es empfand nun eine Freude, doch eine andere; eine himmliſche und geläuterte Freude!“ Und dieß war Conſtance, dieſes lächelnde, frohe, lebenswarme Weſen, das einſt mit ſeiner feurigen Seele die halbverſteinerte Evelyn belebt hatte— dies war Con⸗ ſtance, jetzt aber berührt von der allmächtigen Schein⸗ heiligkeit! In dem äußeren Zimmer war es ſtille geworden, die Kinder waren nach Hauſe gegangen, und Frau Waller wiederum mit ihrem ewigen Aufräumen beſchäftigt. Jetzt öffnete ſie leiſe die Thür und fragte:„Wie ſteht's mit Dir, mein Kind?“ „Danke, liebe Mutter! mit mir ſteht's gut.... Was iſt die Uhr?“ „Ein Viertel auf ſieben— Er wird wohl bald hier ſein... Aber, meine Conſtance, ich weiß nicht, ob ich mir etwas einbilde; aber es kommt mir ſo vor, als wäre nicht alles richtig!“ „Wie ſo?“ „O, ich kann nicht ſo ganz genau ſagen, wie und warum— es kommt mir nur ſo vor, und es iſt nicht richtig geweſen ſeit der Zeit, da Du ſo ſonderbar ver⸗ ändert wurdeſt. Ich weiß noch recht gut, daß ich gang anders ausſah an dem Tage, da ich Deinem ſeligen Vater das Jawort ertheilt!“ „Die Verhältniſſe ſind verſchieden, liebe Mutter; das Gefühl, welches Dich belebte, iſt mir fremd!“ „Das iſt leider nur allzu wahr; Du liebſt Keinen, Du!* „Weil,“ entgegnete die Schwärmerin mit glänzen⸗ den Augen,„weil ich eine höhere— ach, eine weit höhere Liebe in meinem Innern trage!“ „Wie, Conſtance? Du.... o, das iſt nimmermelr möglich!— Du ſollteſt lieben, vielleicht unglücklich lie ben, mein armes Kind?“ liebt h wer er lernteſt 85 ich lieb ewig!. Fr noch nie darüber Verſtan eine paf die äuß Ein = ₰ andere; „ frohe, en Seele var Con⸗ Schein⸗ orden, die u Waller tigt. Jetzt teht's mit gut... bald hier nicht, ob o vor, als , wie und es iſt nicht derbar ver⸗ aß ich ganz nem ſeligen be Mutter; remd!“ ebſt Keinen, nit glänzen⸗ eine weit nimmermeht glücklich lie 123 „Die Liebe, welche in meinem Innern brennt, kann nie unglücklich werden; denn ſie iſt eine Liebe, geſchützt vor jeglichem irdiſchen Schmerze!“ „Ich glaube Dich zu verſtehen. Er, den Du ge⸗ liebt haſt, iſt todt, obgleich ich nicht begreifen kann, wer er iſt! Aber wer war er denn, liebes Kind— wo lernteſt Du ihn kennen?“ „Ach, frage nicht ſo!“ bat Conſtance. Er, den ich liebe, iſt todt geweſen, aber er lebt wieder, lebt ewig!..Meine Liebe iſt nicht von dieſer Welt!“ Frau Waller war beſtürzt; ſo hatte Conſtance ſich noch nie verrathen, und die arme Mutter begann ſchon darüber nachzudenken? obwohl Conſtance noch bei gutem Verſtande ſein könnte. Sie wollte ſich davon aber auf eine paſſende und kluge Weiſe vergewiſſern, als es an die äußerſte Thür klopfte. Ein leichter Schauder flog über Conſtance hin.„Er iſt's, Mutter, er, er!“ Sie ergriff unwillkürlich den Arm ihrer Mutter und drückte ihn ſtark und auf eine Weiſe, welche bewies, daß die irdiſchen Schmerzen ihr nicht ganz unbekannt waren. „Du biſt im höchſten Grade aufgeregt, mein Kind! Ach, liebe, theure Conſtance, thue Dir doch keinen Zwang an, was Du gar nicht brauchſt! Du willſt den Bruksverwalter nicht— nein, Du willſt ihn nicht?“ „Ja, ja, ſage ich, Mutter! ich will ihn!“ „So nimm Dir wenigſtens eine Woche Bedenkzeit — Wilſon kommt gewiß noch einmal zurück! Ach, wie gut und liebenswürdig iſt er nicht, der füße Didrik, und reich und hübſch— und Du bekommſt ein Landgut und Equipage, und—“ „Nichts mehr davon, liebe Mutter!“ fiel Conſtance mit verändertem Tone ein— ein Ton, in welchem es ſich ausſprach, daß es ihr gelungen war, ihre Gefühle zu erſticken und dieſelben in die Feſſeln der kalten Strengigkeit einzuklemmen.„Ich bin kein Kind, keine Närrin— was frage ich nach ſolchen Spielereien? — 124 Jeder will auf ſeine Art glücklich werden, laß mir die meinige!... Geh, gute Mutter, und nimm ihn ent⸗ gegen, und laß ihn um einige Minuten herein kommen!“ „Conſtance, Conſtance!“ rief Frau Waller mit der geringen Kraft, deren ihre weiche Seele mächtig war, aus,„eine Mutter, die ihre Tochter liebt, läßt ſich nicht täuſchen! In dieſem Augenblicke kommt über mein Herz eine Beklemmung, ſo groß und fürchterlich, daß ſie mir ſo deutlich, wie Gottes eigene Stimme ſagt: Du be⸗ reiteſt Dir durch dieſe Heirath Dein Unglück! Höre mich, mein Kind, höre mich!“ „Ich höre nur die Stimme, welche in meinem In⸗ nern redet, und ſie beſiehlt mir das Gegentheil. Be⸗ unruhige mich nicht länger, liebe Mutter; ich gehorche einer Macht, die größer iſt, als ein irdiſcher Wille. Laß mich ſelbſt handeln; verlaß mich, gute Mutter; er möchte ſich ſonſt über dieſen ſonderbaren Empfang wundern!“ „In des Himmels Namen, Conſtance, beſinne dich — noch iſt es nicht zu ſpät!“ „Ja, es iſt zu ſpät denn ich will mich nicht län⸗ ger beſinnen!“ „Eigenſinniges Kind, moͤge Gott ſich Deiner er⸗ barmen!“ Frau Waller ging zur Thür und legte die Hand an das Schloß. Noch aber zauderte ſie einen Augen⸗ blick, denn ſie hoffte, Conſtance würde ein Wort ſagen Conſtance aber ſagte nichts; ruhig und ſtumm ſtand ſie mitten im Zimmer und winkte der niedergeſchlagenen Mutter, nicht länger zu zaudern. „Noch nie habe ich ſie ſo geſehen, und nimmermehr kann es recht mit ihr ſtehen!“ murmelte Frau Wallen, indem ſie endlich die Thür öffnete und ſich vor Leonan⸗ verneigte, der inzwiſchen von Agneta in das äußen Zimmer eingelaſſen worden war. Bei der feierlichen und verwirrten Miene der Frau Waller bekam Leonards friſcher Muth einen kleinen Stoßt er wi ſollte. einerle doch n daß C es iſt „. 77* rathen. bedarf wenn ſelben mir die ihn ent⸗ pommen!“ mit der tig war, ſich nicht nein Herz ß ſie mir Du be⸗ döre mich, einem In⸗ heil. Be⸗ ) dehorgh her Wille. e Mutter; kEmpfa eſinne dich nicht län⸗ Deiner er⸗ e die Hand nen Augen⸗ Vort ſagen uim ſtand ſie geſchlagenen nimmermehr rau Waller, vor Leonat das äußen ene der Frau lleinen Stoß 125 er wußte nicht, was er aus dieſen Zeichen ſchließen ollte. ſ„Ich habe... es iſt wahr“.. ſtotterte er ver⸗ legen...„ich habe ein gewiſſes Anliegen bei... bei.. „Bei Conſtance?“ „Oder bei ihrer Mutter— das iſt, glaube ich, einerlei!“ „Reden Sie erſt mit meiner Tochter— dann.... doch warten Sie noch einen Augenblick; mir iſt bange, daß Conſtance allzu aufgeregt iſt! Ich weiß nicht, aber es iſt etwas Wunderliches in ihrem Betragen.“ „Etwas Wunderliches— was denn?“ „Wenn ich das wüßte, ſo würde ich nicht umher⸗ rathen. Ach, Herr Bruksverwalter, eine wichtige Sache bedarf der Ueberlegung!“ „Sehr wahr, meine beſte Frau, und ich will Ihrer Tochter gewiß die Bedenkzeit nicht weigern, ſo lange ſie Dieſelbe wünſchen kann! Ich bin mehr denn glücklich, wenn ſie mein Anerbieten der Ueberlegung werth er⸗ achtet.“ Dieſer Ton gefiel der Frau Waller, obgleich ihre Unruhe dadurch nicht geſtillt wurde. Sie klopfte an die Thür des innern Zimmers. Leonard verſtand den Wink, verbeugte ſich tief vor der bekümmerten Mutter und trat beſß in den Raum, wo ſein Schickſal entſchieden werden ollte. Dreizehntes Kapitel. Conſtance ſtand noch eben ſo unbeweglich an der⸗ ſelben Stelle, wo die Mutter ſie verlaſſen hatte; als aber Leonard über die Schwelle ihres Zimmers trat, da erhob ſie ſich aus der ſchweren Erſtarrung, in welche ihre Seele einige Minuten verſunken geweſen war. „Willkommen!“ ſagte ſie zwar leiſe, aber doch mit feſter Stimme. „Ach, dürfte ich hoffen, willkommen zu ſein!“ er⸗ wiederte Leonard, der in ſeiner Eigenſchaft als Liebhaber einen halben Seufzer nicht zu unterdrücken vermochte. „Seien Sie überzeugt, daß ich nichts anderes ſage, als was ich meine, ſo bedeutungslos dieſes Wort auch im Allgemeinen ſein mag!“ Leonard ſchwig einen Augenblick. Er hatte ver⸗ geſſen, zu überlegen, ob er ſeines Morgenbeſuches bei Juſtus erwähnen ſollte, und war nun unſicher, ob er ein offenes Vertrauen zeigen oder ſich ſtellen ſollte, als ob er von gar nichts wüßte; da ihm aber die Verſtellung nie recht gelingen wollte, ſo beſchloß er, auch in dieſem Augenblicke nicht von ſeinem Charakter abzuweichen. „Beſte Mademoiſelle Waller! habe ich die Erlaub⸗ niß, ſo offenherzig zu ſein, wie ich wünſche?“ Conſtance antwortete durch eine Bewegung, die nicht mißverſtanden werden konnte. „Dank, herzlichen Dank! Ich wollte alſo ſagen, daß ich an dem Abende in der vorigen Woche, da ich die Ehre hatte, hier eingeladen zu ſein, zufällig einige An⸗ deutungen vernahm, die mich in das höchſte Erſtaunen ſetzten.“ Bei dieſen Worten ſchien auch Conſtance in Erſtaunen geſetzt zu ſein.„Einige Andeutungen?“ wie⸗ derholte ſie erröthend. „Ja; hier waren zwei Damen, von denen die eine der andern anvertraute, daß Sie bei dem armen Nicke Mattsſon geheime Zuſammenkünfte hätten; und man glaubte, dieſe Zuſammenkünfte beträfen“... Leonard hielt inne; er war ſchon ziemlich offenherzig geweſen. „Beträfen?“ „Ich wage es nicht zu ſagen!“ „O, ſagen Sie es rein heraus!“ „S Wahrhe Abend wurde kommen zu ſein, als ſich heilig, i bleibt!“ s trat, welche dar. doch mit in!“ er⸗ iebhaber nochte. res ſage, ort auch atte ver⸗ iches bei c, ob er ollte, als erſtellung in dieſem lichen. Erlaub⸗ ung, die agen, daß a ich die einige An⸗ Erſtaunen nſtance in en?“ wie⸗ en die eine men Nicke und man . Leonard geweſen. 127 „Wohlan denn, ſie beträfen einen Liebhaber!“ „Ach!“ ſagte Conſtance, und ein leiſer Ausruf des Schmerzes und der Gemüthsbewegung entfuhr ihr,„wie hat man mich ſo verkennen können!“ „Diejenigen, welche es thaten, erfuhren bald die Wahrheit. Man hatte ſpionirt und erfahren, daß geſtern Abend wieder eine Zuſammenkunft ſtattfinden ſollte, man wurde einig, der Sache noch näher auf die Spur zu kommen, und ich... ich beſchloß, ebenfalls mit dabei zu ſein, denn es iſt beſſer, vollkommen klar zu ſehen, als ſich nur mit dem Glauben durchzuhelfen.“ „Der Glaube muß aber doch das koſtbarſte ſein!“ ſagte Conſtance...„Doch es iſt wahr, hier betraf es ja nur die Tugend eines armen Mädchens, und da war es beſſer, vollkommen klar zu ſehen!“ „Ja, ſo glaubte ich auch, und darum beging auch ich das Verſehen, geſtern Abend von Nicke Mattsſons Wohnung Ihrer Spur bis in eine gewiſſe Straße, bis in ein gewiſſes Haus zu folgen”... Conſtances Gemüthsbewegung vergrößerte ſich. „Alle Menſchen,“ fuhr er fort,„wiſſen, wer in jenem Hauſe wohnt; alle Menſchen wiſſen, zu welchem Zwecke daſſelbe beſucht wird, wenn man ſo ſpät dort zwei Treppen hinaufſteigt.“ „Gut!“ ſagte Conſtance, indem ſie einen langen Blick auf Leonard heftete,„ich hoffe, dieſes Haus iſt heilig, ich meine ſo heilig, daß jeder Argwohn draußen bleibt!“ „Diejenigen, welche Sie hinein gehen ſahen, hatten ganz gewiß die vollſtändigſte Auflöſung des Räthſels, denn ſie entfernten ſich augenblicklich— nur ich blieb vor dem Hauſe ſtehen.“ „Um noch ferner zu ſpioniren?“ „Nein, deſſen bedurfte es ja nicht mehrv; ich blieb, weil ich ſo betrübt war, daß mir der Muth fehlte, eben⸗ falls meines Wegs zu gehen. Die Uebrigen, welche 128 dort oben waren, kamen zurück... ich... ich blieb noch immer, denn... denn“.. „Ich verſtehe: es waren noch nicht alle zurückge⸗ kommen! War aber dieſe Wache vereinbar mit demjeni⸗ gen, was man Forderungen der Ehre zu nennen pflegt?n „Hierüber weiß ich zu meiner Vertheidigung nichts anzuführen; ich weiß nur, daß es mir unmöglich war, mich zu entfernen, bis alle, die das Haus verlaſſen ſollten, gegangen waren, und ich artasgeſe Augen⸗ blick ab.“ 8 „Und dann?“ „Dann trieb ich mich noch eine Zeitlang umher, bis ich nach Hauſe kam;„ich wußte nicht recht, was ich eigentlich wollte; bald wollte ich vorwärts, bald wieder rückwärts. Endlich hatte ich einen guten Einfall, den ich auch ausführte, nämlich zu meinem Bruder zu gehen.“ Conſtance fuhr zuſammen. Es war faſt, als hätte es ſie beleidigt, daß Cokad„mein Bruder“ ſagte. War wohl dieſer Mann würdig, den Heiligen, den CEdlen ſeinen Bruder zu nennen? Gleich darauf aber fiel ihr wieder ein, was der Heilige über dieſen rechtſchaffenen und edeldenkenden Bruder geſagt hatte, und Conſtance ſah ihn augenblicklich in eben dieſem Lichte. Selbſt ſein offenes Vertrauen redete ihm das Wort. „Ja,“ fuhr Leonard fort, da er keine Antwort en hielt,„ich ging zu Juſtus, und eben ſein Rath hat mit Muth gegeben, meinem eigenen Wunſche zu folgen un Sie zu fragen, Mademoiſelle Waller, ob... ob Eit geneigt ſein können, die Hand und das Herz eines ſ unbedeutenden Mannes anzunehmen?“ „Ehe ich hierauf eine Antwort ertheile, ſo erlauban Sie auch mir eine Frage, Herr Bruksverwalter! Wan würden Sie ſich entſchloſſen haben, wenn Sie zufaäͤltz nicht zu dem Magiſter Carleborg gekommen wären?“ „Das weiß ich meiner Treu ſelbſt nicht, denn m die reine, einfache Wahrheit zu ſagen, ſo habe ſt großen Reſpect vor... hm!.. vor... ich bit um 2 zimme 1 es iſt fürchtt ſonnig es mit kann f tet und nicht Fromn thümlie und ert glauber Eine ich blieb zurückge⸗ tdemjeni⸗ n pflegt?“ ung nichts gglich war, s verlaſſen ſen Augen⸗ ang umher, ht, was ich bald wieder elinfall, den r zu gehen.“ t, als hätte ſagte. War den Edlen aber fiel ih echtſchaffenen nd Conſtance Selbſt ſen Antwort e⸗ Rath hat 13 u folgen mn ... ob Et Herz eines e, ſo erlaube walter! Woß i Sie zufällz en wären?“ icht, denn i ci habe i ... ich bit 129 um Verzeihung, aber ich meine, vor frommen Frauen⸗ zimmern!“ „Ach ſo!“ entgegnete Conſtance kalt,„Sie würden ſich lieber eine Gattin ohne Gottesfurcht wünſchen?“ „Nein, behüte mich Gott davor; aber ich denke, es iſt ungefähr derſelbe Unterſchied zwiſchen einer gottes⸗ fürchtigen und einer frommen Frau, wie zwiſchen einem ſonnigen und einem naßkalten Regentage, an welchem es mitunter ſtürmt und regnet. Die gottesfürchtige Frau kann fröhlich ſein, denn wer in aller Einfalt Gott fuͤrch⸗ tet und ſeine Pflicht erfüllt ſo gut er vermag, der braucht nicht traurig zu ſein. Ich weiß zwar nicht, wie die Fromme eigentlich iſt, aber gewiß hat ſie ihre eigen⸗ thümliche Gottesfurcht, bald kalt und ſtreng, bald heiß und erſtickend, blitzend und donnernd— denn ich muß glauben, daß die Jünger ſich nach dem Meiſter bilden.“ „Ja, es iſt wenigſtens glaublich, daß ſie ſich dar⸗ nach beſtreben!“ entgegnete Conſtance.„Doch, Herr Bruksverwalter, da Sie einen ſo ſcharfen Unterſchied ziehen zwiſchen der gottesfürchtigen und der frommen Frau, ſo kann ich nicht läugnen, daß mich die Abſicht Ihres Beſuches Wunder nimmt!“ „O, um alles in der Welt, verſtehen Sie mich nicht falſch— wir redeten ja davon, was da hätte ge⸗ ſchehen koͤnnen, falls ich nicht zu Juſtus gekommen wäre.“ „Wir redeten von einer Vergleichung und von wei⸗ ter nichts!“ „Nun, ſo laſſen Sie uns denn einzig und allein von einer Vergleichung geredet haben, Notabene von mir! Doch ſo, wie mir dagegen Juſtus diejenige be⸗ ſchrieb, nach deren Beſitz ich ſtrebte, ſo muß ich ihre Gottesfurcht ehren, ohne gezwungen zu ſein, die Folgen einer allzu weit getriebenen Frömmigkeit zu fürchten.“ „So wie er ſie beſchrieb?“ wiederholte Conſtance, und ihre Stimme zitterte ein wenig dabei. „Ja, ſo wie er ſie beſchrieb, muß ſie ein Segen Eine Nacht am Bullarſee. II. 9 130 werden; und wenn mir nun etwas entfahren iſt, das ich nicht hätte ſagen, ja vielleicht nicht einmal hätte denken ſollen, ſo ſein Sie überzeugt, daß es aus Un⸗ bedachtſamkeit geſchehen iſt. Ich bin geradezu ein Menſch, der nicht gewohnt iſt, ſeine Ideen zu verbergen, und,“ fügte er mit einem Eifer hinzu, der von dem beſten Herzen Zeugniß gab,„der gar leicht neue Ein⸗ drücke annimmt, wenn jemand ſich die Mühe machen wollte.“ „Ich danke für das Verſöhnende in dieſen Worten; aber wir müſſen dennoch ohne Rückſicht, ob wir uns dadurch beleidigen, zu einer gegenſeitigen Kenntniß unſrer gegenſeitigen Meinung gelangen, denn eine heute erhaltene Wunde läßt ſich heilen; ſpäterhin aber, wenn wir in veränderte Verhältniſſe treten ſollten, dürfte es ſchmerzhafter ſein.“ Leonard verbeugte ſich ſtumm zum Zeichen ſeines Beifalls. „Laſſen Sie mich alſo fragen, Herr Bruksverwal⸗ trr, ob Sie mich noch jetzt zu den Frommen— worun⸗ ter ſie vermuthlich die Scheinheiligen und Heuchelnden verſtehen— oder zu den wirklich Gottesfürchtigen zählen?“ „Ach, mein Gott, Mademoiſelle Waller! wie wäre es möglich, daß ich Sie für ſcheinheilig halten könnte? Die Scheinheiligen wollen das Heilige nicht, ſonden ſtellen ſich nur ſo, als wollten ſie es!“ „Nun gut; gehöre ich denn zu den Frommen?“ „Gute Mademoiſelle Waller, ſein Sie nicht allzt ſtreng und ſtrafen Sie mich nicht wegen meiner Worte⸗ Es wäre wirklich beſſer, mir eine Antwort auf dieſ Frage zu geben, als mir dieſelbe vorzulegen!“ „Und dieſe Antwort will ich geben— ja, eben einfach, wie ſie von mir begehrt wurde; ich gehöre den Frommen, aber nicht zu den. Scheinheiligen!“ „Zu den Gottesfürchtigen!“ ſtotterte Leonard. „Ich kenne keinen Unterſchied zwiſchen dieſen beide 1 Benel ſern und L Ruhe „ keine NI0 iſt, das nal hätte aus Un⸗ dezu ein verbergen, von dem neue Ein⸗ he machen n Worten; wir uns Kenntniß eine heute aber, wenn „dürfte es ichen ſeines ruksverwal⸗ — wornn⸗ Heuchelnden tesfürchtigen rl wie wäre lten könnte! cht, ſondern rommen?“ ie nicht allz neiner Worte ort auf dieſ 131 Benennungen; ſie enthalten beide Gott zu ehren in un⸗ ſern Herzen und in unſern Handlungen, in unſerm Thun und Laſſen— Gott, überall Gott, im Sturm, in der Ruhe, im Leben, im Tode!“ „Läßt aber dieſe tiefe Verehrung des Schöpfers gar keine Sympathie für das Erſchaffene zu?“ „Allerdings! Wir verehren Gott in dem geringſten Sandkorn, das er geſchaffen hat, und darum kann uns auch das Allerkleinſte nicht gleichgültig ſein.“ „Ja, ja, das iſt ſehr ſchön; doch da iſt es ja Er, und wiederum Er!“ „Ja, Er und wiederum Er!“ „Und Gatte, Haus und Hof— was ſind ſte denn der frommen Frau?“ „Haus und Hof find ihre irdiſche Welt; in der Ausübung ihrer alltäglichen Pflichten bereitet ſie ſich vor auf die himmliſche Seligkeit.“ „Auf dieſe Art aber findet ſie natürlich gar keine Art von Glück und Seligkeit in dem armen Hauſe!“ „Sie findet ein ſolches Glück, wie es jeder recht⸗ gläubige Chriſt während der Zeit ſeiner Prüfung in ſei⸗ nem Herzen empfindet.“ „Ach ſol Die Ehe gilt nur als eine Prüfung— das war nicht ſehr tröſtend!“. „Die Ehe gilt als eine von Gott geſtiftete Einrich⸗ tung, in welcher die Gatten ſich einig und treu die Bür⸗ den tragen helfen, welche die ewige und höͤchſte Liebe ihnen aufzuerlegen für gut erachtet.“ „Aber das Glück, das Wohlbehagen, die häusliche Freude, wo bleiben die— oder kommen ſie nie mit in die Rechnung?“ „Fragen Sie die Zukunft; ich weiß weiter nichts, als daß ich treulich zu erfüllen gedenke, was ich vor Gott verſpreche... doch unſre Gedanken und Geſin⸗ nungen ſind vielleicht allzu verſchieden, als daß ſie ſich jemals mit einander wohl befinden können?“ „Nein, nein, ſagen Sie das nicht; ich will ehrlich und redlich alles thun, was in meinen Kräften ſteht, um das Glück zu erreichen, um welches ich ſo inbrün⸗ ſtig zu Gott gebetet habe! In unſern Bemühungen für unglückliche Mitmenſchen werden wir uns immer begeg⸗ nen; wir werden uns an die Hand gehen, gute, und für die Armen dienliche Einrichtungen zu bereiten und einzuführen; von unſrer Thür ſoll niemand ungetröſtet und ungeholfen hinweggehen, den wir zu tröſten und dem wir zu helfen vermögen— das alles gebietet mir mein Herz und meine Pflicht als Chriſt, ohne daß ich darum fromm bin.“ „Die Wöͤrter haben verſchiedene Bedeutung. Den⸗ noch liegt in dieſen Geſinnungen eine wahre Frömmig⸗ keit; und wer ſo denkt, der wird gewiß auch nicht den Muth oder auch nur den Willen haben, ſeiner Lebens⸗ gefährtin eine freie und ganz ungeſtörte Andachtsübung zu weigern!“ Conſtance ſchwieg und heftete auf Leonard einen Blick, der weder bat, noch forderte, der aber für Leo⸗ nard etwas ganz Unwiderſtehliches hatte, denn noch nie hatte er einen ſolchen Blick erhalten, in welchem ein ſo entzückender Zauber lag. Conſtance war ſo ſchön, Leonard immer mehr be⸗ zaubert, immer weniger im Stande, der Stimme zu widerſtehen, welche flüſterte: Iſt ſie nur erſt die Dei⸗ nige, ſo wird ſie bald werden wie andre Leute. Ver⸗ wirrt nnd aufgeregt ſagte er daher endlich:„Ich weiß, daß ich nichts verweigern kann; doch bitte ich nur auf das inſtäͤndigſte, daß Sie... daß Sie unſer Haus, falle ich ſo ſagen darf, nicht zu einem allgemeinen Bethauſt machen— übrigens in Gottes Namen alles!“ „Ich habe keine ſo hohe Idee von mir ſelbſt un bin auch nicht mit hinreichender Begeiſterung begabt daß ich es für paſſend erachten ſollte, Verſammlungn und Zuſammenkünfte zu haben— ſolche zuſammen it halten, dazu gehört eine ganz andere Kraft. Ich kam nur im Kleinen wirken; doch gerade in dieſem Kleinen ſo wie ich Fr wort, zwiſche reiflich entſche „S Sie ſie dient a Sie... Als ſie die ganz ge ten ſteht, inbrün⸗ ungen für er begeg⸗ ute, und teiten und ngetröſtet töſten und bietet mir ne daß ich ng. Den⸗ Frömmig⸗ hnicht den ner Lebens⸗ dachtsübung nard einen der für Leo⸗ nn noch nie lchem ein ſo er mehr be⸗ Stimme zu erſt die Dei⸗ Leute. Ver⸗ 1„Ich weiß, ich nur auf Haus, falle nen Bethauſt es!“ nir ſelbſt und rung begabt, erſammlunge zuſammen i ft. Ich kam leſem Kleinen 133 ſo wie auch für mein perſönliches Thun und Laſſen will ich Freiheit haben, und ich bin zufrieden mit der Ant⸗ wort, die Sie mir auf meine Frage ertheilt haben. In⸗ zwiſchen thut man einen Schritt wie dieſen nicht ohne reifliche Ueberlegung, und ich fühle, daß ich heute nichts entſcheiden kann.“ „Wie— nichts entſcheiden? Ich verſichere, daß Sie ſich auf jedes meiner Worte verlaſſen können; wozu dient alſo jede weitere Ueberlegung?“ „Wenn Sie keine Bedenkzeit für nothwendig erach⸗ ten, Herr Bruksverwalter, ſo laſſen Sie uns die Sache gleich als abgebrochen betrachten!“ „Und das meinen Sie, ſollte ich thun? Aber ſehen Sie... ich disponire nicht ſo ganz über meine Zeit ſelbſt; mein Prinzipal erwartet meine Rückkehr— und... doch das iſt einerlei! Wann darf ich ſpäteſtens wieder ein⸗ ſprechen?“ „Uebermorgen, am Sonnabend Nachmittag!“ „Und denken Sie bis dahin nach, ob Sie in irgend einer beſondern Gegend des Landes am liebſten zu woh⸗ nen wünſchen; denn mir iſt es einerlei, wo ich mein Gütchen kaufe; die Sonne unſers Herrgottes ſcheint über⸗ all, und ich wollte gerne hiedurch den erſten Beweis geben, wie froh und willig ich nach meinen Kräften die Wünſche derjenigen erfülle, die ich ſo gerne die Mei⸗ nige nennen möchte!“ Conſtance dankte mit einem Blicke und einem Lä⸗ cheln, die zwar beide für denjenigen, der ſich beſſer darauf verſtanden hätte, nicht ſehr viel enthielten, worin aber für den mit Wenigem zufriedenen Leonard die Bürg⸗ ſchaft für das Glück eines ganzen Lebens lag. Als Conſtance wiederum allein war, ſo unterſuchte ſte die geheime Urſache, welche ſie gezwungen hatte, ganz gegen ihren ſchon gefaßten Entſchluß, noch eine 82 Bedenkzeit zu fordern; und das Reſultat dieſer Forſchung war die ſich ihr beinahe aufzwingende Gewißheit, daß ihr Gewiſſen auf Leonards Seite getreten war, doch nicht als ein Bundesverwandter ſeiner Wünſche, ſondern als ein Lobredner ſeiner Redlichkeit und ſeines Edelmu⸗ thes....„Laß ihn gehen“,“ bat das Gewiſſen,„laß den offenen, redlichen Mann ein beſſeres Glück ſuchen, als Du ihm zu geben vermagſt! Er glaubt an beſſere Zeiten für ſich und hofft darauf— wann aber wird die Zeit kommen, da Du dieſem Glauben entſprechen und ihn rechtfertigen kannſt? Stehe ab von ihm wie von den übrigen— lebe allein, lebe in dem Glauben, in der Hoffnung, in der Liebe und in der Erinnerung!“ Conſtancens Wangen färbten ſich ſtark bei dem letz⸗ ten Worte, und wider ihren Willen kam der Gedanke zurück auf dasjenige, was Leonard ihr im Anfange ihres Geſpräches mitgetheilt hatte. Man hatte ſie alſo aus⸗ gekundſchaftet und ſie wegen einer niedrigen und elen⸗ digen Liebesintrigue in Verdacht gehabt!„Nein!“ ſagte ſie,„ich muß hinweg aus dieſer Stadt, ich muß den Schutz eines Mannes haben, ich muß mich verheirathen, um Prüfungen und Schmerzen zu finden, die groß ge⸗ nug ſind, um mein Herz zu reinigen; denn noch iſt es nicht würdig, ſeines himmliſchen Bräutigams zu harren. Nein, nein!“ rief ſie plötzlich aus, indem ſie von einer heftigen Angſt ergriffen beide Hände gegen das Geſicht preßte,„denn wäre das der Fall, ſo würde ich nicht anſtehen, vor allen Menſchen, vor der ganzen Welt zu bekennen, daß er, dieſer Bräutigam, mein Alles iſt.. O, Erbarmen, Erbarmen!“ Die Schwärmerin ſank auf ihre Knie und rief laut:„Herr, wie elend bin ich! Hat nicht Dein herrlichſter Jünger in einer ſeiner Zuſammen⸗ künfte uns den Spruch vor die Seele gelegt:„Wer ſich mein und meiner Worte ſchämet, des wird ſich des Meu⸗ ſchen Sohn auch ſchämen, wenn er kommen wird in ſeiner Herrlichkeit, und ſeines Vaters, und der heiligen Engel!“ geweſen doch Ce geword in einer Flamme hen. V bei weit ihrem orſchung it, daß uar, doch ſondern Edelmu⸗ ſen,„laß k ſuchen, un beſſere wird die echen und ie von den n, in der g 1“ i dem letz⸗ Gedanke ange ihres alſo aus⸗ und elen⸗ in!“ ſagte ) muß den rheirathen, e groß ge⸗ noch iſt es zu harren. e von einer das Geſicht de ich nicht ken Welt zu Alles iſt... rin ſank auf bin ich! Hat Zuſammen⸗ t:„Wer ſich ich des Men⸗ men wird in der heiligen 13⁵ „Conſtance!“ rief die beſtürzte Mutter aus, indem ſie die Thür aufriß,„was bedeutet das Alles? Biſt Du von Deinen Sinnen? biſt du wahnſinnig gewor⸗ den?“ „Läſtere nicht!“ rief die Büßerin prophetiſch. „Gottes Arm wird uns erreichen!“ Ihr entfärbtes Antlitz ſank auf die Bruſt herab. Und auch Frau Waller betete, betete inbrünſtig für die Rettung und Geneſung ihrer Tochter, als ob dieſe Tochter eine Sterbende wäre. Ach, arme Mutter! wäre Conſtance eine Sterbende geweſen, ſo hätten Gebete ſie vielleicht retten können; doch Conſtance war Prieſterin in einem dieſer Tempel geworden, worin das irdiſche und das himmliſche Feuer in einer ſolchen Nähe neben einander brennen, daß ihre Flammen in jedem Augenblicke ſich zu vereinigen dro⸗ hen. Welche Gefahr, hier Wache zu halten.. beſſer, bei weitem beſſer befindet ſich das junge Mädchen auf ihrem Sterbebette. Vierzehntes Kapitel. Die erſten Schatten der Dämmerung hatten be⸗ gonnen, ſich über die ſtille Kammer des Fanatikers her⸗ abzuſenken. In der einen Ecke des ärmlichen Sofas ſaß er ſelbſt und ſah mit unverwandten Blicken zu, wie ein einſamer Mondſtrahl, welcher ſich auf der Zierde des Bücherbrettes, dem oben erwähnten Todtenkopfe nieder⸗ gelaſſen hatte, ſich beluſtigte, in den dunklen leeren Räumen Blindekuh zu ſpielen. Es war ein Genuß, würdig dem Geſchmacke des Juſtus von Carleborg, ſo mit geiziger Aufmerkſamkeit dem Mondſtrahle auf ſeinem Wege zu folgen und zu ſehen, wie er kam und in dieſem Labyrinthe verſchwand, worin ehemals ein anderes Licht, das Licht der Ge⸗ danken, geleuchtet hatte. „Was,“ fragte er zu ſich ſelbſt,„können dieſe ver⸗ trockneten Organe dem neugierigen Gaſte zu erzählen haben?“ „Wiſſe,“ ſo ließ er den Schädel antworten,„daß in dieſer Stirn einſt ein Geiſt wohnte, an deſſen Blitzen Millionen Weſen ihre ſchwachen Verſtandeskerzchen hät⸗ ten anzünden können, wenn ſie Weisheit genug gehabt hätten, mich zu hegen und zu pflegen; ſie aber ver⸗ ſchmähten es, das Licht meines Geiſtes zu ſehen und zu bewundern, ſie zogen die Finſterniß vor— und in der Betrübniß und im Schmerze über die Unmöglichkeit, mir ſelbſt eine Bahn zu brechen, deren Beſtimmung ge⸗ weſen wäre, in lauter ſtrahlendem Glanze zu gehen, legte ich mich hin und ſtarb— nein, ich ſtarb nicht— ich ruhe nur, bis ich wieder aufſtehe und mich unter einer neuen Form in einem andern Kopfe offenbare!“ „Und dieſe tiefen Augenhöhlen— was ſagen ſie 24 „Sie ſagen, daß aus ihnen einſt zwei magiſche Sterne blitzten, welche die Schönheit und die Anmuth beherrſchten und in Feſſeln legten... dieſe Wangen errötheten von der inwohnenden Kraft des Mannes.. und dieſe morſche Zahnreihe hatte auf ihren Lippen ein Lächeln, bei welchem ſo manches Weib über ihre ange⸗ borne Schwäche erröthete.“ „Welche ſind nun aber deine Triumphe?— Nichts als armſelige Märchen, auf welche der Mond kaum lau⸗ ſchen mag; denn ſie gehen ja ſämmtlich nach der alten ewigen Melodie, welche er ſchon ſeit dem Anfange der Schöpfung gehört hat. Könnte der Mond ſich über eine Sache verwundern, ſo wäre es gewiß darüber, daß ein und dieſelbe Krankheit von einem Menſchen auf den andern, von einem Jahrhundert auf das andere fortge⸗ erbt heit Zeit druck ſeines iſt ein ſie nu Raum ſtern, die ein auf pe Verach daß di ſelbſt i E borg ſi nig lei kſamkeit und zu ſchwand, der Ge⸗ dieſe ver⸗ erzählen ten,„daß en Blitzen ſchen hät⸗ ig gehabt aber ver⸗ en und zu nd in der böglichkeit, rmung ge⸗ zu gehen, eb nicht— mich unter fenbare!“ agen ſie 70 ei magiſche ſie Anmuth ſe Wangen Mannes... Lippen ein ihre ange⸗ 2— Nichts d kaum lau⸗ ch der alten Anfange der ich über eine ber, daß eint hen auf den ndere fortge⸗ 137 erbt hat, und daß es ſo fortgehen ſoll. Ja, dieſe Krank⸗ heit wird leben bis an den äußerſten Augenblick der Zeit— denn ſte heißt Eigenliebe!“ „Eigenliebe!“ wiederholte er noch einmal mit Nach⸗ druck, als begoͤnne er nun erſt über den tiefen Sinn ſeines Ideenganges nachzudenken.„Ja, die Eigenliebe iſt eine ſchreckliche Krankheit; eigentlich aber verbrennt ſie nur ſchwächere Gehirne: die ſtärkeren haben keinen Raum dafür. Es gibt zweierlei Arten von Kraftgei⸗ ſtern, eine ſelbſtſüchtige Art und eine ſelbſtaufopfernde; die eine will für ſich ſelbſt Früchte ſammeln und ſieht auf perſönliche Vortheile; die andere aber verwirft mit Verachtung jeden perſönlichen Vortheil, weil ſie einſieht, daß die erſte Bedingung für ein Genie Vergeſſen ſeiner ſelbſt iſt.“ Es leidet keinen Zweifel, daß Juſtus von Carle⸗ borg ſich zu der letzteren Art rechnete, und eben ſo we⸗ nig leidet es Zweifel, daß er wirklich in gewiſſen Fäl⸗ len ſich ſelbſt ganz zurückſetzte, um ſich einzig und allein den Plänen hinzugeben, welche ſein Geiſt zum Beſten der Menſchheit entwarf. Doch nicht immer reichte die⸗ ſer Geiſt oder die Kraft ſeines Willens aus, um ihn gegen die Macht zu ſchützen, die er ſtets beherrſchen zu können vermeint hatte— nein, ſogar in dieſem Augen⸗ blicke erfuhr er die Unzulänglichkeit Beider; denn indem er ſich anſtrengte, den Ideengang, welchen der Mond⸗ ſtrahl und der Todtenſchädel veranlaßt hatten, feſtzuhal⸗ ten und noch weiter zu verfolgen, ſo nahm derſelbe un⸗ vermerkt eine andere Richtung und in einem tiefen und bittern Seufzer zitterte über ſeine Lippen ein Name— der Name„Conſtance!“ Ein ſiedend heißer Schauder flog durch ſeine Glieder. Leonard hatte ihn am Morgen dieſes Tages beſucht und erzählt, daß Conſtance Anſtand genommen und be⸗ ſchloſſen hätte, erſt am Sonnabend Abende eine entſchei⸗ dende Antwort zu geben. Heute war es Freitag; es fehlten alſo noch vierundzwanzig Stunden, ehe Juſtus 138 den Ausgang dieſer Sache erfahren konnte, die ihm von ſo großer Wichtigkeit war. Warum aber war ihm die Vollziehung dieſer Ehe von ſolcher Wichtigkeit? War es um Leonard's, oder um Conſtance's oder um ſeiner ſelbſt willen? Nichts davon: es war um ſeines großen Werkes willen, mit einem Worte: Conſtance's Heirath war eine Nothwen⸗ digkeit um der Sache Chriſti willen. Um der Sache Chriſti willen— denn er, der vor Verlangen brannte, das Licht des Wortes in die fern⸗ ſtern Lande zu tragen, er kämpfte ſeit mehren Monaten mit einem immer mächtiger werdenden Feinde. Den erſten Samen zu dieſer großen und tiefen Lei⸗ denſchaft, welche in ſein Leben eingreifen ſollte, erhielt Juſtus von Carleborg ſchon bei ſeinem erſten Zuſam⸗ mentreffen mit Conſtance. Ein gemeinſamer Inſtinkt gebot ihnen gleichwohl, ſich gegenſeitig zu fliehen... ſte hatten das gethan, ſie waren geflohen, ohne zu ah⸗ nen, daß der Eine das böſe Schickſal des Andern war — doch ſie begegneten ſich wieder, nicht um ſich zu ver⸗ einen, ſondern um getrennt in den Flammen des Him⸗ mels zu brennen. Conſtance ſtand rein da mitten in dieſen Flammen, denn ſie glaubte nur das Urbild der ewigen Liebe an⸗ zubeten; er dagegen litt die Qualen der Leidenſchaft. Wir haben ihn in einer dieſer Stunden der Anfechtung geſehen, und brauchen daher nicht zu ſagen, bis zu wel⸗ cher Höhe die unterdrückte Leidenſchaft ſchon geſtiegen war und noch immer ſtieg durch die übermenſchlichen An⸗ ſtrengungen, die er zu ihrer Beſiegung machte; denn nie, in welcher lockenden Geſtalt ſie ſich auch zeigte, vermochte ſie die Macht der Idee, für welche er lebte, zu vernichten oder auch nur zu verkleinern. Was aber dieſe Leidenſchaft vermochte, das war mehr denn hinrei⸗ chend, Juſtus mit ſeinem ſchwärmenden Gemüthe auf den Gedanken zu bringen, Gott ſelbſt hätte die ſchreck⸗ liche Verſuchung zugelaſſen, um ſeine Standhaftigkeit und war ruf: ihm, verbe trium rück ſchaft Abrei verſuc denn konnte Schach neten ter, do weg, Haupt 3 dieſen Conſta ben zu ihm ei Herrn ja ſog her ge felte, würde. J hm von ſer Ehe 3, oder Nichts en, mit othwen⸗ der vor die fern⸗ Monaten iefen Lei⸗ , erhielt Zuſam⸗ Inſtinkt ehen... ne zu ah⸗ dern war ich zu ver⸗ des Him⸗ Flammen, Liebe an⸗ eidenſchaft. Anfechtung bis zu wel⸗ n geſtiegen hlichen An⸗ chte; denn nuch zeigte, he er lebte, Was aber denn hinrei⸗ emüthe auf die ſchreck⸗ indhaftigkeit 139 und ſeinen Glauben zu prüfen. Ja, dieſe Leidenſchaft war der Probirſtein ſeiner Echtheit für den heiligen Be⸗ ruf: vertriebe er ſie aus ſeinem Herzen, gelänge es ihm, ſte vor dem Gegenſtande, der ſie geweckt hatte, zu verbergen, ſo jubelten die engliſchen Heerſchaaren, ſo triumphirte Michael über den Lucifer und ſtieß ihn zu⸗ rück in den Abgrund. Erhielte dagegen dieſe Leiden⸗ ſchaft eine noch größere Macht über ihn, legte ſie ſeiner Abreiſe Hinderniſſe in den Weg, was ſie ohne Zweifel verſuchen würde, und hinderte ſie ſeine Heiligung— denn nur ein vollkommen reiner und heiliger Mann konnte die Fackel Gottes in dem großen heidniſchen Schachte umhertragen— dann, weh, o weh! dann öff⸗ neten ſich die Qualen der Hölle vor dem armen Strei⸗ ter, dann wendete der Herr ſein Angeſicht von ihm hin⸗ weg, und die Engel weinten und Lucifer erhob das Haupt, um nach Raub umzuſpähen. In dieſem Kampfe mußte er alſo ſiegen, und um dieſen Sieg vollſtändig zu machen, ſchien Gott ſelbſt Conſtancen den Entſchluß, ſich zu verheirathen, eingege⸗ ben zu haben. Daß ſie ſeinen Bruder wählte, das war ihm ein noch kräftigerer Beweis, daß die Sache des Herrn ſiegen ſollte; denn die Gattin eines Bruders war ja ſogar vor dem Gedanken heilig, und Juſtus war da⸗ her genöthigt, dieſe Ehe anzurathen, obgleich er bezwei⸗ felte, daß Leonard's Glück dadurch gefördert werden würde. In dem Augenblicke, da Juſtus einem innern Ver⸗ langen nachgab und den Namen Conſtance leiſe aus⸗ ſprach, war es ihm, als hätte eine Zauberformel ſein Herz berührt und ihm die Erlaubniß ertheilt, ſich unter den roſenrothen Täuſchungen in dem Paradieſe der Liebe zu ergehen. Gleich begierigen Bienen ſchwärmten ſeine Gefühle umher und ſogen das Gift aus den Kel⸗ chen der Blumen, und, verwirrt und betäubt, war er nahe daran, ſich ſelbſt in dieſem Rauſche zu verlieren, als er plötzlich durch ein Geräuſch in dem äußeren Zimmer geweckt wurde... es war ihm, als ob leichte Schritte ſich näherten. Wer, o wer konnte das ſein? .. Etwa Sie, welche kam, um ihn noch einmal um ſeinen Rath zu bitten? „O mein Gott, möchte ſie es nicht ſein?“ Das war das einzige Gebet, welches er zu Gott empor zu ſenden vermochte, überzeugt, daß es auch das angele⸗ genſte war— denn wer weiß, welchen Rath er ihr in dieſem Augenblicke ertheilt haben könnte!„O Schre⸗ cken, o Elend, o Tod, möchte ſie es nicht ſein!“ Nicht um ihrer Liebe willen, wenn er dieſe auch hätte erhal⸗ ten können, wollte er ihre Achtung opfern; noch weit weniger wollte er in ihren Augen den Heiligenſchimmer verlieren, der ihn jetzt umfloß...„Um deines Wer⸗ kes willen, mein Meiſter, mein Vater, nimm dieſe Ver⸗ ſuchung hinweg von mir!.. Doch dieſe Schritte— ſie kommen immer näher... ſtehen ſtill... ſtehen ill!“ Der Angſtſchweiß bedeckte ſeine Stirn. Fünfzehntes Kapitel. Die Thür wurde leiſe geöffnet. Juſtus verſtummte: ſte war es nicht, die Gefürchtete— dennoch aber war es ein weibliches Weſen. Schön wie eine himmliſche Erſcheinung nahte ſie langſam und blieb einen Augenblick unbeweglich vor ihm ſtehen; darauf aber ſank ſie— beleuchtet von dem Monde, deſſen keuſches Licht nicht reiner war, als der weiße Glanz auf ihrer Stirn— zu den Füßen des Fanatikers und erhob zu ihm einen Blick voller Un⸗ ſchuld und Vertrauen. inder net ſ Schy bedün den 1 Du f laß n noch gegen und welche kamſt, im St fen, n 6 drücke leichte 3 ſein? nal um 4 Das npor zu angele⸗ r ihr in Schre⸗ „ Nicht te erhal⸗ doch weit ſchimmer les Wer⸗ dieſe Ver⸗ hritte— .. ſtehen erſtummte: aber war g nahte ſie veglich vor et von dem ur, als der Füßen des voller Un⸗ 141 „O, geſegnet ſei deine Ankunft!“ rief er entzückt, indem er ſeine Hände über ihr Haupt ſtreckte.„Geſeg⸗ net ſeieſt du, mein Schutzengel, mein guter Engel, meine Schweſter! Evelyn, Du Heilige, Du Reine— ich bedürfte eher zu Deinen Füßen zu liegen, als Du zu den meinigen!“ „Mein Bruder,“ lispelte Evelyns ſanfte Stimme, Du ſiehſt mich alſo ohne Widerwillen?“ „Setze Dich hier auf dieſen Sofa, Evelyn, und laß mich Dir ſagen, wenn nicht Dein lichtes Bild mich noch umſchwebte, ſo würde ich nicht im Stande ſein, gegen die Feinde zu kämpfen, welche mich umringen und mich aus der hohen Kreisbahn ziehen wollen, in welche meine Beſtimmung mich erhoben hat. Doch Du kamſt, Du holder Engel, und keine irdiſche Macht ſoll im Stande ſein, ſeine Pfeile durch den Panzer zu wer⸗ fen, womit Deine keuſche Liebe mich umgürtet hat!“ Evelyn war beſtürzt über die Heftigkeit ſeiner Aus⸗ drücke, die wilde Flamme in ſeinem Blicke. „Du haſt alſo Feinde?“ „Ja, beſonders Einen— einen grimmigen, verhee⸗ renden, unerſättlichen Feind, einen Feind, welcher wacht, wenn ich ſchlafe, und welcher ſtets auf mein Verderben lauert.“ „Wer iſt er— darf ich darnach fragen?⸗ „Nein, Evelyn! Du darfſt darnach nicht fragen; denn nicht einmal der Laut von dem Namen dieſes Feindes darf Deine Ohren entweihen... Doch was bedeutet ein Name— ich rede hier von keinem äuße⸗ ren, ſondern von einem inneren Feinde— und Du, Evelyn, Du, das reinſte Weſen von allen, die ich kenne, Du ſollſt für mich beten— ohne Unterlaß, Evelyn, ohne Unterlaß!“ 3 „Habe ich wohl etwas anderes gethan in den letz⸗ ten achtzehn Monaten?“ „Ich glaube Dir: Du haſt gebetet für Deinen abweſenden Freund— und Du konnteſt es, ohne im Mindeſten den Rechten Deines Gatten zu nahe zu tre⸗ ten... doch ſage mir, wie kommſt Du hieher— wo⸗ her kommſt Du— wohin reiſeſt Du? Die Freude, Dich wieder zu ſehen, verwirrt mich: Du haſt Dich gar nicht verändert, Du biſt Dir ſo ähnlich, ſo verſchämt, lieblich, heilig wie ſonſt; doch Dein Körper iſt wie Deine Seele noch ſchöner geworden!“ „Ach,“ entgegnete ſie ausweichend,„denken die Jünger des Herrn an...“ „An was, theuerſte Evelyn?“ „An irdiſche Schönheit!“ „Ja, meine Schweſter, wie an Engelerſcheinungen — Gottes Mutter war ja ein Weib von der erhaben⸗ ſten, hinreißendſten Schönheit. Die geiſtige Schoͤnheit, welche ſich in der Reinheit der Geſichtszüge ausdrückt, darf jeder Menſch anbeten; denn dieſe Art der Schöͤn⸗ heit iſt der Typus des himmliſchen Urbildes... Doch, beſte Evelyn, ich habe noch keine Antwort auf meine Fragen erhalten!“ „Auf welche?“ Sie ſprach dieſe beiden Worte mit zitternder Stimme aus: ſie hatte die Fragen vergeſſen, denn auch ſie dachte, daß ſie den irdiſchen Typus des himmliſchen Ur⸗ bildes vor ihren Augen hätte. „Wie kamſt du hieher— warum in dieſem Augen⸗ blicke, gerade in dieſem, da ich deiner ſo ſehr bedurfte?“ „Eben darum,“ erwiederte ſie verſchämt,„wollte ich dich fragen.“ „Weißt du es denn ſelbſt nicht, meine Schweſter?¹ Evelyn erhob ihre ſchönen Wimpern, ihr Blick ver⸗ ſchmolz in dem ſeinigen.„Ich weiß es auf eine Art, doch nicht auf eine andere— glaubſt Du an Ahnungen! „Ganz gewiß: ſie ſind oft Offenbarungen einer uns beſchützenden Macht.“ „Ja, ja, ſo iſt's! flüſterte ſie, und ihr Haupt ſank auf die Bruſt herab, wie es ſonſt, wie es noch immer zu thun pflegte. da L wir auste ſter gel, 1 der; biswe 22 zu tre⸗ — wo⸗ Freude, Dich gar erſchämt, r iſt wie enken die heinungen erhaben⸗ Schoͤnheit, ausdrückt, er Schoͤn⸗ .. Doch, auf meine er Stimme auch ſie aliſchen Ur⸗ ſem Augen⸗ bedurfte?“ t,„wollte zchweſter” r Blick ver⸗ ff eine Art, ihnungen?“ ungen einer Haupt ſant noch immer 9₰ 148 „Du haſt alſo eine Ahnung gehabt, liebe Evelyn?“ „Ich habe viele gehabt von dem Augenblicke an, da Du mich verließeſt, von dem Augenblicke an, da wir...“ „Da wir die heiligſten Gefühle unſerer Herzen austauſchten, da ich Dich zum erſten Male meine Schwe⸗ ſter nannte und zu Dir ſagte: Werde mein guter En⸗ gel, Evelyn!“ „Ja, ſeit jenem Augenblicke ſah ich Dich nicht wie⸗ der; doch Dein Bild blieb bei mir, ſtets bei mir, und bisweilen redete es zu mir in Ahnungen.“ „O ECvelyn, Du glaubſt alſo, daß mein Geiſt Dich in dieſen Ahnungen umſchwebt?“ „Das iſt ja kein bloßer Glaube— iſt es nicht Gewißheit?“ fragte ſie und heftete einen ängſtlich forſchenden Blick auf ihn. „Du haſt Recht, ich fühle es, ich weiß es bei mir ſelbſt: unſre Geiſter ſind einander oft begegnet und werden ſich noch oft begegnen!“ Evelyn's Augen erhielten einen ſchöneren Glanz, ein Lächeln theilte ihre Lippen.„Erſt,“ ſagte ſie,„ba⸗ teſt Du mich in der Ahnung eben ſo, wie Du mich früher gebeten hatteſt, ich ſollte den Wunſch meiner Eltern erfüllen. Max kehrte bald zurück... ach, Du weißt nicht, wie gut er iſt gegen die arme Evelyn, die ihm keine Freude bereiten kann, ſondern nur Beſchwerde und Kummer macht!“ „Nein, meine Schweſter, das kannſt Du Keinem machen! Mar liebt Dich innig, er liebt Dich noch jetzt warm und treu— alſo iſt er glücklich.“ „Sind denn Alle glücklich, welche warm und treu lieben?“ fragte ſie leiſe. „Ohne Zweifel, wenn dieſe Liebe ſo rein iſt, daß ſie das Licht nicht ſcheut; die Liebe verträgt Alles, ſie glaubet Alles, ſie hoffet Alles, ſie duldet Alles; ſie iſt ſogar in ihrer Entſagung glücklich.“ 144 „Ich weiß das, und ſo liebt Max; ich aber glaube nicht, daß er glücklich, und das haſt Du mir wiederum in der Ahnung geſagt. Max ſieht mich bisweilen ſo ſanft, ſo mild, ſo gut an, daß ich ſtill und zufrieden mein Haupt an ſeine Bruſt lege; in mir aber lispelt eine Stimme: er iſt nicht glücklich!“ „Das muß ein Irrthum ſein, beſte Evelyn— Du hörſt, daß ich nicht gleicher Meinung bin mit der Ah⸗ nung, von welcher Du ſagſt, daß ich ſie Dir geſendet habe. Nur Deine eigene Anſpruchsloſigkeit und Dein Mißtrauen zu Dir ſelbſt machen, daß Du an dem Glüͤcke Deines Gatten zweifelſt.“ Evelyn ſchüttelte leiſe das Haupt. „Habe ich denn Unrecht gehabt in meiner erſten Ahnung, daß es für Dich am beſten ſein würde, das Herz und den Namen dieſes Mannes anzunehmen?“ „Nein, für mich war es das Beſte. Mutter hat wohl auch jetzt noch über vieles zu klagen, doch Mar hilft mir, antwortet für mich, iſt meine Stütze.“ „Und Evelyn liebt ihren Gatten?“ „Ich hoffe, daß ich es thue; aber dennoch klagt mein Gewiſſen mich an, daß...“ „Daß?“ „Daß ich mehr auf meine Erinnerungen lauſche, als auf ihn. Ich fürchte dieſe Sünde— iſt ſie nicht gefährlich, ſehr gefährlich?“ „Sind dieſe Erinnerungen böſe, meine Schweſter Rede offenherzig: Du redeſt nicht allein mit einem Freunde, einem Bruder, ſondern auch zu einem Diener Chriſti!“ „Evelyn zitter obgleich ſanft und mild, wie ſie ſich den Klang einer Poſaune des vorſtellte. „Meine Erinnerungen beginnen mit jenem Abende da ich wunderbar erwachte, und erſtrecken ſich bis an den Augenblick, von welchem wir eben redeten.“ te wie ein Espenlaub: dieſe Stimme, hatte eine Tiefe, einen Klang, Himmels 5 ſchuld Wang Gewiſſ betrafe men W gemäß, rem— nicht; o weit hi glaube ederum eilen ſo ufrieden lispelt 1— Du der Ah⸗ geſendet und Dein m Gluͤcke ier erſten ürde, das hmen?“ Kutter hat 145 Bei dieſem anklagenden Bekenntniſſe eines un⸗ ſchuldsvollen Herzens färbte eine leichte Röthe die Wangen des Fanatikers. Seine Antwort verzog einen Augenblick, während er ſich an den Tiſch wendend die Lampe anzündete. Evelyn's Wange war bleich geworden. „Ich kann mich nicht entſinnen, meine Schweſter, daß dieſe Erinnerungen etwas enthielten, deſſen Dein Gewiſſen Dich anzuklagen braucht! Unſre Geſpräche betrafen entweder das höchſte Weſen oder auch die ar⸗ men Weſen, für welche wir, unſrer chriſtlichen Pflicht gemäß, Verbeſſerungsplane entwarfen.“ „Bisweilen aber redeten wir doch von etwas ande⸗ rem— ich kann nicht ſagen wovon, denn ich weiß es nicht; aber Du trugſt auf Deinen Flügeln meine Seele weit hinweg.“ „Zu den Räumen des Himmels, zu dem Lichte— ja, dorthin wanderten wir mit einander!“ „Du aber nahmſt bisweilen meine Hand, Du be⸗ trachteteſt mich mit Blicken— o, wie lieblich waren dieſe Blicke. Sie ſind dasjenige, was mich beunruhigt, die Erinnerung daran, wie Du meine Hand nahmſt, wie Du ſie in der Deinigen hieltſt, wie Du ſie leiſe drückteſt, und... o, mein Gott!... ja, ſo wie Du ſie jetzt nimmſt, ſo wie Du mich jetzt anſiehſt, ſo...“ Feſtgehalten von einer magiſchen Bezauberung ſchie⸗ nen ihre Pulſe ſtille zu ſtehen, das Leben aufzuhören; ſie athmete tief, und ihr Blick hing faſt ſterbend an dem ſeinigen. Es vergingen einige Augenblicke. Da zog der Fanatiker ſeine Hand langſam aus der Hand des zitternden Opfers; ſeine Blicke, welche ein ganzes Geheimniß offenbart hatten, nahmen nun eine hohe und imponirende Würde an; ſeine Worte wurden beinahe ſtreng: „Hüte Dich, meine Schweſter, vor den Verfüh⸗ Eine Nacht am Bullarſee. I. 10 Sünde! Der Verſucher läßt uns viele Dinge gar nicht da ſind— ich meine: e da ſind, wie wir meinen. Dieſe allzu gefährlichen Irrthümer leben nur in unſrer eige⸗ nen Einbildung. Kann nicht ein Freund dem andern in das Auge blicken oder ſeine Hand drücken, ohne daß einer von ihnen ſich dieſen unſchuldigen Austauſch der Eindrücke ihrer Seelen zum Vorwurf zu machen braucht?... Doch ſei ruhig, armes, weiches Kind!“ fuhr er mit ſanfterer Stimme fort, als ein Paar Thränen ſich an Evelyn's Wangen herabſchlichen,„ſei ruhig, Du haſt Dir keinen Vorwurf zu machen: Deine Irr⸗ thümer ſind Irrthümer der Unſchuld, und Deine Erinne⸗ rungen ſind die Erinnerungen einer geliebten Schweſter an einen geliebten Bruder!“ „Doch warum, wenn ſie Irrthümer der Unſchuld ſind, warum ſage ich nichts davon, wenn Max mich ſo freundlich anſieht und fragt: Woran dachteſt Du in dieſem Augenblicke, Evelyn? ſage es mir?“ „Die angeborne weibliche Blödigkeit bindet Deine Zunge.“ „Woher nehme ich denn jetzt den Muth zu reden? „Aus Deiner Ueberzeugung, daß Du einem Diener Chriſti Deine Gedanken nicht zu verheimlichen brauchſt.. Beſuchſt Du mich um dieſer Deiner eingebildeten kleinen Sünden willen?“ „Nein, nicht eigentlich! In den letzten acht Tagen bin ich von einer unaufhörlichen Unruhe geplagt worden: Du biſt ſtets in meinen Gedanken geweſen, und die Ahnung flüſterte es mir in mein Ohr, daß Du mich wiederſehen müßteſt, daß es für Dich gut ſein würde, und daß ich Dich auf jedeu Fall wiederſehen müßte.“ „Wunderbar!“ murmelte der Schwärmer.„Wit aber konnteſt Du Deinen Wunſch erfüllt bekomme „Wir ſind auf anſrer Rückreiſe nach Hauſe. rungen der 3 ſehen und ahnen, die die nicht auf die Weiſt u2¹ Man iſt mit mir einige Wochen in der Hauptſtadt geweſen ¹ doch wäre was Oern Nähe kein Juge teſt!“ 4 heftig nicht fi füͤhlten * e Dinge meine: u. Dieſe rer eige⸗ andern ohne daß auſch der umachen es Kind!“ r Thränen ſei ruhig, Deine Irr⸗ ne Erinne⸗ Schweſter er Unſchuld dar mich ſo du in dieſen indet Deine zu reden linem Diener brauchſt.⸗ (deten kleinen acht Tagen ſein wuͤrde hen müßteen rmer.„Wit 147 doch ich wäre geſtorben, wenn ich gezwungen geweſen wäre, dort länger zu bleiben, und Mar, der nur will, was mir Freude macht, ließ uns wieder aufbrechen— Oernwik iſt der beſte Ort. Vorgeſtern, da wir in der Nähe dieſer Stadt waren, ſagte er:„„Evelyn, es wäre kein ſehr großer Umweg, wenn Du vielleicht Deine Jugendfreundin, Conſtance Waller, wiederſehen woll⸗ teſt 14⸗ Bei dieſem Namen fuhr Juſtus von Carleborg ſo heftig zuſammen, daß Evelyn inne hielt. ¹„Fahre fort, meine Schweſter!“ ſagte er endlich mit erzwungener Ruhe. „Konnte ich wohl anders als ja ſagen, da ich Conſtance ſo ſehr liebe? O, wie gut iſt ſie nicht gegen mich geweſen!... Doch— Conſtance iſt jetzt nicht mehr ſo wie ſonſt!“ Evelyn's Blick verdunkelte ſich, eine unausſprechliche Betrübniß klagte in ihrer Bruſt. „Nicht wie ſonſt?“ „Nein, weit entfernt! Wir kamen gegen Mittag hier an; ich ſehnte mich ſo ſehr, und Max ließ mich gleich nach dem Mittagseſſen zu ihr fahren. Während der Stunden, die ich bei Conſtancen verweilen würde, wollte er einen Jugendfreund beſuchen, der ebenfalls in dieſer Stadt wohnt. Er ſagte kein Wort von Dir, doch wußte er eben ſo gut wie ich, daß Du hier warſt. Man hatte geſagt, Du wäreſt ein Leſer, ein Pietiſt, ein Frömmler, ein Schwärmer, Du bezauberteſt die Leute— das letzte verſtand ich— und ich hoffte, Con⸗ ſtance ſollte mir erklären, was alles übrige bedeutete.“ „That ſie denn das?“ „Ich werde ſpäter darauf antworten. Sie war nicht froh, als ich kam, wenigſtens nicht ſehr. Wir fühlten uns fremd vor einander— Conſtance fremd vor mir, ihrer armen Evelyn! Mein Herz wollte brechen: es war mir, als hätte ich das Bedürfniß, ſte auf meinen Knien zu bitten, mir nicht ihre Liebe zu entziehen; doch ſie war ſo kalt, daß ich es nicht wagte.“ Juſtus verlor kein Wort; als aber Evelyn ſchwieg, da gab er weder durch eine Bewegung noch durch einen Blick den kleinſten Wink, daß ſie fortfahren ſollte: ſein Auge war geſenkt— er wartete nur. „Mache ich Dich betrübt?“ fragte Evelyn un⸗ ruhig. 8.ga, ich betrübe mich um Deinetwillen, Evelyn: Dein Schmerz iſt der meinige; doch hoffe ich, Du wirſt Dich geirrt haben. Demoiſelle Waller liebte Dich allzu ſehr, als daß ſte damit aufhören könnte.“ „Ich glaube nicht, daß ſie aufgehört hat, mich zu lieben, aber ſie thut das nicht mehr ſo wie früher. Ihre Worte waren ſo wunderlich— ſie iſt nicht mehr Con⸗ ſtance, die fröhliche Conſtance!“ „Die Zeit und die Umſtände verändern die Laune der Menſchen— Mademoiſelle Waller hat viel ge⸗ litten!“ „Das weiß ich; doch ſie will nicht nach Oernwiß kommen, ſo inſtändig ich ſie auch darum bat.“ „Und warum denn nicht?“ „Sie ſagt, Oernwik paſſe ſich nicht mehr für ſie, ſie würde ihre Stellung bald verändern und einen eigenen Kreis für ihre Thätigkeit erhalten.“ „O, ſagte ſie das?“ rief Juſtus aus, und eine brennende Wolke flog über ſein bleiches Geſicht. Evelyn betrachtete ihn mit ſtiller, unverkennbaret Verwunderung. Juſtus faßte ſich.„Ihre Wahl, theure Evelyn, betrifft eine mir ſo nahe ſtehende Perſon, daß ſie meine größte Theilnahme erweckt: mein Bruder iſt derjenige, welcher in dieſen Tagen ihr Ja zu gewinnen hofft.“ „O, nun verſtehe ich!“ ſagte Evelyn, dem Anſcheine nach mehr zu ſich ſelbſt, als zu ihm. „Was verſtehſt Du, meine Schweſter?“ „Ihre Gemüthsbewegung, da ich mich nach Die erkundigte. Auch ſie fuhr zuſammen, auch ſie erroͤtheie und daß „Thr ſehen von flüſte 1 Glan; eine traute ſuchten Dir h ternde weil m gewöh ſchwieg, h einen te: ſein lyn un⸗ Evelyn: Du wirſt dich allzu „mich zu her. Ihre nehr Con⸗ die Laune viel ge⸗ Oernwit 4⁴ hhr für ſee, und einen , und eine ſicht. erkennbarer ch nach Di ſie errothet 149 und ſah verwirrt aus... Ach, wie glücklich wird ſie, daß ſie Dich Bruder nennen darf!“ Juſtus wendete einige Augenblicke ſein Geſicht ab. „Thuſt Du denn das nicht auch, Evelyn?“ „Ja; doch darf ich Dich nicht hören, Dich nicht ſehen, wie ſie! Sie erzählte mir etwas Wunderbares von dem— was die Leute erzählen!“ fügte ſie faſt flüſternd hinzu. „Was denn?“ „Ihre Augen ſtrahlten von einem unbegreiflichen Glanze, ihre Wangen wurden hochroth, und ſie redete eine Sprache, die ich kaum verſtand, als ſie mir ver⸗ traute, daß ſie und viele andere Leute Dich heimlich be⸗ ſuchten. Sie redete von einer Kirche, die Du hier bei Dir haſt, von einem Tempel, in welchen man mit zit⸗ ternder Ehrfurcht, mit ſeliger Begeiſterung einträte, weil man Gott darin viel näher komme, als in den gewöhnlichen Tempeln. Sie ſagte mir, wie Du dort aufträteſt und lehrteſt, wie Du bisweilen erſchieneſt gleich dem Erzengel, der mit dem flammenden Schwerte den Eingang in das Paradies bewahrte, bisweilen aber als der einfache, chriſtliche Lehrer, welcher ſie einlüde zur Theilnahme an der Seligkeit des Glaubens, bis⸗ weilen als der Herold, der auf ſchwarzen Schwingen hinabführe in die Herzen der Menſchen, um ſie zu er⸗ ſchüttern, und bisweilen als der Dolmetſcher des hohen Berufes, welches auf Deinen Miſſionsreiſen Deiner harrte; und in allen dieſen Geſtalten imponirteſt Du auf gleiche Weiſe, Dein Geiſt ſenkte ſich herab in Deinen Blick, und mit Deinem Blicke legteſt Du die Menſchen in anbetender Verehrung zu Deinen Füßen, obgleich Hutihnen lehrteſt, daß ſte nur Deinen Meiſter anbeten ollten.“ Während Evelyn ſo redete, war ein Ausdruck von flammender Begeiſterung in dem Geſichte des Fanati⸗ kers aufgeſtiegen.„Ja,“ rief er aus, hier ſteht ſie, dieſe Kirche, in welcher ſich die Getreuen verſammelt haben; von hier find meine Worte ausgegangen, ihnen zur Erbauung und zum Segen; denn die Kraft des heiligen Geiſtes hat meine Kraft berührt und dieſelbe wachſen laſſen für die Menſchen, damit ſie meine Stimme hören und meine Worte faſſen!“ Evelyn bebte und ſtreckte ihre gefalteten Hände aus; ihr ward bange, ſie ertrug nicht die wilde Be⸗ geiſterung in ſeinem Auge, den durchgreifenden Umfang ſeiner Stimme— dieſe Art der Heiligkeit war allzu ſtark für ihre Nerven. Ohne Zweifel waͤre Juſtus bald in eine ſeiner fa⸗ natiſchſten Improviſationen gerathen und hätte in ſeiner Eigenſchaft als Hoherprieſter des myſtiſchen Tempels ganz vergeſſen, daß ſeine Rolle gegen Evelyn ſich nur auf die Rolle eines Bruders und Lehrers einſchränken müßte, wenn nicht ihr Erſchrecken ihn daran erinnert hätte, daß er als der künftige Miſſionär ſchon ſo hoch bei ihr ſtände, daß alles Licht, welches ihn noch über⸗ dieß umſtrahlte, allzu ſtark würde, als daß Evelyn daſſelbe ertragen könnte. Seine Züge nahmen alſo— durch eine von dieſen Anſtrengungen, die er durch ſeinen Willen ſich unter⸗ thänig zu machen gewußt hatte— ihre gewöhnliche ſanfte Schönheit wieder an, und ſeine Stimme, in denen noch einige Töne aus dem vorübergehenden Paroxismus vibrirten, erhielt bald wieder dieſe feſſelnde Lieblichkeit, welcher keiner zu widerſtehen vermochte. „Meine Schweſter,“ ſagte er,„bedarf nicht dieſer Myſterien, um heilig und gut zu ſein; ihr Herz iſt ein Tempel Gottes, ihre Seele iſt rein, wie das Waſſer des Kriſtalles, die Unſchuld wohnt in ihrem Blick, der Friede in ihrem Gemüthe— ſie iſt glücklich, denn ſie iſt den Engeln nahe!“ Evelyn'’s Herz, auf welchem der Fanatiker mit er⸗ fahrner Hand ſpielte, welchen Ton er wollte, zitterte unter der Seligkeit der Gefühle, welche er nun weckte, und mit erhabener Ueberzeugung rief ſie aus:„Da Du ſtance ſchon ſuchen Seine „ihnen aft des dieſelbe Stimme Hände ilde Be⸗ Umfang ar allzu ſeiner fa⸗ in ſeiner Tempels n ſich nur ſchränken erinnert von dieſen ſich unter⸗ ewöhnliche e, in denen aroxismus der Friede ſie iſt den 151 es ſagſt, ſo muß ich mir wohl nichts vorzuwerfen haben .. ich bin glücklich!“ „Ja, Evelyn, Du biſt es, denn die Stürme, welche das Menſchenherz aufregen, ſie nahen Dir nicht! Zu mir ſind ſie gekommen, und meine Seele preiſet Gott, der Dich herführte; aber bis jetzt haſt Du mir noch nicht geſagt, wie das zugegangen iſt.“ „Ich war ſo entzückt von Conſtance's Worten, daß, als der Wagen kam um mich zu holen, ich anſtatt nach Hauſe zu fahren, den Kutſcher hieher fahren ließ. Con⸗ ſtance hatte mir geſagt, wo Du wohnſt, und ich hatte ſchon vorher gehört, daß viele Frauenzimmer Dich be⸗ ſuchen. Ich habe doch wohl nicht unrecht gehandelt?“ „Nein, gewiß nicht: den Reinen iſt alles rein! Dein Beſuch war mir eben ſo, wie ehedem der Beſuch der Engel bei den Auserwählten. Du ſollſt für mich beten; ich bedarf Deiner Gebete, um meine Seele zu reinigen und ihre Heiligung zu vervollkommnen.“ „O, ſollten meine Gebete etwas dazu vermögen können? Biſt Du nicht tauſendmal reiner und beſſer als ich? Iſt nicht“... Evelyn brach plötzlich ab: ſo wie die Bildſäulen in Märchen, welche— nachdem ſie zu gewiſſen Stunden in der Nacht von ihren Fußgeſtellen herabgeſtiegen waren, Leben und Bewegung gehabt und gleich andern Menſchen reden gekonnt hatten— bei einem gewiſſen Glockenſchlage wieder unbeweglich auf ihren Plätzen ſtehen, ſo wurde auch Evelyn, die nun während einer Stunde außer ihrem eigenen Weſen zer⸗ ſetzt geweſen war, in einer Secunde zu einer unbeweg⸗ lichen Bildſäule verwandelt... das geſchah aber nicht durch Glockenſchläge, ſondern wurde bewirkt durch Schritte in dem äußern Zimmer. Juſtus von Carleborg war ſchnell aufgeſtanden. Seine Stellung enthielt zu gleicher Zeit die ganze Würde eines Geiſtlichen und auch die Ungezwungenheit eines fein gebildeten Weltmannes. Es war deutlich, daß ſein vielſeitiges Schauſpielertalent ſich nun auf einem neuen Felde bewegen ſollte. Es klopfte an die Thür. Juſtus öffnete augenblicklich, indem er mit der ruhigſten und freundſchaftlichſten Artigkeit ſagte:„Ich erwartete eben dieſen Beſuch— willkommen, mein beſter Herr Baron!“ Er reichte dem Baron Max ſeine Hand; dieſer aber, obgleich ſo zu ſagen zu einem Weltmanne ge⸗ boren, konnte dennoch ſich nicht eines geringen Grades von Verlegenheit erwehren, als er antwortete: „Der Ruf der heiligen Männer wandert weit um⸗ her, und es ſcheint in die Mode gekommen zu ſein, daß die Damen ſolche Wallfahrten machen, wie jetzt meine liebe Evelyn gemacht hat!“ „So weit ich die Abſicht habe faſſen können,“ ent⸗ gegnete Juſtus mit der liebenswürdigſten Ungezwun⸗ genheit, zugleich aber auch Ueberlegenheit, welche den Baron wiſſen ließ, wie wenig er ſich in ſeine kritiſche Lage zu finden gewußt hatte,„hat die Freiherrin, oder Evelyn, wie ſie mir zu ſagen geſtattet, während der Unterrdung mit ihrer Jugendfreundin ſich eines Mannes erinnert, welchen ſie von einem der wichtigſten Augen⸗ blicke ihres Lebens als ihren Bruder und Lehrer be⸗ trachtet; und dem mahnenden Gefühle nachgebend, dieſen Mann wieder zu ſehen, deſſen Rathe ſie vielleicht in ihrem Innern ihr jetziges Glück verdankt, iſt ſie ge⸗ gangen, um vor ihm eine Beichte abzulegen, welche die Engel hätten hören können und gewiß auch gehört haben.“ Max war glücklich, daß er ſeine Furcht von einer Leſerſcene nicht beſtätigt gefunden hatte; er dankte daher Juſtus von Carleborg mit einem Blicke und verzieh ihm gerne eine Ueberlegenheit, welche die edle Abſicht ge⸗ habt hatte, ihn zu beruhigen. — Evelz Stim zu H dunkl das n 2 Evely ſucht den H 8 nehm dennoc kleinen genheit eutlich, f einem nit der :„Ich in beſter ; dieſer unne ge⸗ Grades weit um⸗ ſein, daß tzt meine ien,“ ent⸗ ngezwun⸗ elche den e kritiſche rin, oder hhrend der s Mannes n Augen⸗ ehrer be⸗ lend, dieſen ielleicht in iſt ſie ge⸗ welche die nich gehört von einer linkte daher ſwerzieh ihm Abſicht ge⸗ 153 „Ich bin unruhig geweſen um Deinetwillen, meine Evelyn!“ ſagte er mit ſeiner herzlichen und guten Stimme,„und da ich Dich bei Conſtance nicht fand und zu Hauſe ebenfalls nicht, ſo kam ich hieher.“ „Vergib mir!“ bat Evelyn, in deren Seele eine dunkle Ahnung aufſtieg, daß ſie etwas gethan hätte, das nicht ganz recht war gegen ihren Mann. „Was ſollte ich Dir zu verzeihen haben, geliebte Evelyn?... Meine Unruhe entſprang nur aus Sehn⸗ ſucht... doch es wird ſpät: heute Abend dürfen wir den Herrn Magiſter Carleborg nicht länger ſtören.“ Juſtus verbeugte ſich und erklärte, daß, ſo ange⸗ nehm es ihm auch wäre, alte Freunde zu ſehen, er dennoch glaubte, daß Evelyn nach der Reiſe und der kleinen Gemüthsbewegung, worin ſie ſich befunden hätte, jetzt der Ruhe bedürfte. „Ja, das iſt ſehr wahr; doch morgen dürfen wir ja ſicher vor unſrer Abreiſe auf das Vergnügen rechnen, den Herrn Magiſter bei uns zu ſehen?“ „Ganz gewiß, mein beſter Herr Baron! Ich habe Evelyn noch einige Rathſchläge zu geben und bin über⸗ zeugt, daß ſie mir dieſelben nicht wird ſchenken wollen, denn ſie betreffen ihr irdiſches Glück.“ Evelyn ſenkte ihr Haupt und nahm die Hand an, welche Juſtus ihr zum Abſchiede bot.„Lebe wohl, meine Schweſter!“ ſagte er mit brüderlicher Offenheit, die ſo recht abgepaßt war für die Ohren eines Ehemannes; „vergiß nicht, daß Du mir Deine Gebete verſprochen haſt— die meinigen ſollen ſtets Dich umſchweben!“ Er nahm die Lampe und näherte ſich der Thür. Erſt jetzt erhielt Baron Max Gelegenheit, ſich in dem düſtern Heiligthume des Schwärmers umzuſehen; und trotz der beſonnenen Ruhe auf dem ſchoönen Antlitze des Juſtus, zog Mar ſeine Gattin in der größten Eile hinweg. Es war ihm, als wäre ſogar die Atmosphäre in dieſem Zimmer gefährlich und betäubend, und Mar fühlte, daß er nicht eher frei athmen konnte, als bis er ſeine junge Gattin in den Wagen gehoben, ſelbſt an ihrer Seite Platz genommen und ſchnell dem Kutſcher Befehl ertheilt hatte, zu fahren. Da erſt entfuhr ein:„Gott ſei gelobt!“ unwillkürlich ſeinen Lippen, indem er Evelyn's Haupt an ſeine Bruſt legend, ſanft ihre Locken ſtreichelte, ſo wie der Täuber ſeine Gattin nach dem ausgeſtandenen Schrecken liebkoſt, da er geſehen hatte, daß ſie nahe daran geweſen war, die Beute des Adlers zu werden. Evelyn leiſtete keinen Widerſtand bei dieſen Lieb⸗ koſungen; ob ſie aber Freude dabei empfand, oder ſie nur litt, das wußte weder er noch ſie ſelbſt.... Während das junge Paar zu Hauſe fährt und Juſtus wieder auf ſeinem Sofa ſitzt und damit beſchäftigt iſ, — ſich ſelbſt und den Eindruck, welchen er heute Abend empfunden und gemacht hat, zu analyſtren, wollen wir einen flüchtigen Rückblick auf die Verhältniſſe zu Oern⸗ wik werfen. Gleich nach der großen Auflöſung aller Pläne und Berechnungen der Conſulin, in Betreff der„neuen Fa⸗ milie,“ hatte Max von Juſtus einen Brief erhalten, worin dieſer auf eine offene und edle Art ſein ganzes Betragen und ſeine Zukunftspläne darlegte, welche letz⸗ teren ihm gänzlich alle Hoffnung auf ein häusliches Glück, ja ſogar den Wunſch eines ſolchen raubten. In dieſem Briefe theilte er auch dem Baron das Reſultat ſeiner Forſchungen über Evelyn's Charakter mit. Er geſtand, daß nach ſeiner Uerberzeugung die Liebe Evelyn's ſchlummernde Seele aus ihrer Betäubung geweckt hätte; er geſtand ſogar, daß er, obgleich unter religiöſer Verſinnlichung dieſe Liebe hätte leben und ſich von den Körnern nähren laſſen, die ihr Inſtinkt dann und wann aufſammelte;„denn,“ ſagte er,„wenn je⸗ mals der Zweck die Mittel geheiligt hat, ſo war es hier. Nur die Liebe konnte dem Bilde Leben ertheilen; nachd lieben der a lernt nämli weich Muth bemül höchſte Evelyt ungluc um eir ſolchen einen können fortlebe vermiſe kann di ihrer Befehl „Gott velyn's eichelte, andenen ie nahe werden. en Lieb⸗ oder ſie 1d Juſtus äftigt iſt, te Abend vollen wir zu Oern⸗ Pläne und neuen Fa⸗ erhalten, ein ganzes welche letz⸗ häusliches ubten. Baron das Charakter eugung die Betaͤubung leich unter 3 und ſt laſtinkt dann „„wenn je⸗ o war es n ertheilen; 15⁵ nachdem es aber dieſes Leben erhalten, nachdem Evelyn lieben, weinen, leiden, mit einem Worte die eine Hälfte der allgemeinen Fähigkeiten der menſchlichen Natur ge⸗ lernt hatte, ſo ſollte ſie auch die zweite Hälfte lernen, nämlich entbehren und entſagen. Ihre Seele iſt nicht weich: ſie wartet auf Gelegenheit, die Kraft und den Muth zu entwickeln, die ich in dieſelbe zu legen mich bemüht habe. Die Ehe, ſo wie wir dieſelbe aus dem höchſten und edelſten Geſichtspunkte betrachten, iſt für Evelyn geſchaffen. Allein würde ſie grenzenlos und unglücklich werden, denn ihr Herz iſt nicht groß genug, um einer tiefen Leidenſchaft Raum zu gewähren, ja, eine ſolche nur zu faſſen; doch wieder auch nicht klein genug, um einen Hauch des reinſten Geiſtes derſelben entbehren zu können. Idealiſirt wird die Liebe zu dem fernen Freunde fortleben und ſich mit allem Schönen und Idealiſchen vermiſchen, das ihr im Leben begegnet; doch wird und kann dieſe platoniſche Liebe von keiner Gefahr ſein, und wird ſich ihrer ſelbſt unbewußt wahrſcheinlich in die Liebe ergießen, womit ſie denjenigen umfaßt, der ihr Gatte, Freund und Beſchützer wird.“ 4 Max überdachte dieſen Brief und fand ihn diktirt von einer wahren und uneigennützigen Freundſchaft. Es lag darin nicht die geringſte Spur von einem Bemühen oder einer Aufopferung; und obgleich Mar vollkommen üͤberzeugt war, daß niemand nach dem Maßſtabe handeln konnte, nach welchem Juſtus von Carleborg gehandelt hatte, ohne von ſeinen Maßregeln ſtark intereſſirt zu ſein, ſo fühlte er ſich doch aufgefordert, zu glauben, daß dieſes Intereſſe zufolge der Geſinnung des ſchwärmeri⸗ ſchen Mannes jetzt nur Evelyn's Glück umfaßte; und es ſchmeichelte Mar und weckte die ſchon erblichene Hoffnung in ſeinem Herzen, daß Juſtus Evelyn's Zu⸗ kunft und Frieden ihm deutlich vermacht hatte. Nach einigen Monaten reiſte er zurück in die Hei⸗ math, um dort für ſein Glück zu arbeiten. Jetzt war Conſtance weg und Evelyn ſich wieder⸗ um allein überlaſſen mit einer Mutter, die trotz aller ihrer Liebe ihr das Leben verbitterte durch ihre drin⸗ genden Vorſtellungen, Bitten, Fragen und Vorwürfe, die bisweilen begleitet waren von heftigen Gefühlser⸗ güſſen, Thränen und Betheuerungen von der Zärtlich⸗ keit einer Mutter, wie die Welt ſie noch nie geſehen hätte, und nie mehr ſehen würde. Müde legte Evelyn ihr ſchweres Haupt auf die Hand, und es gab ſogar Augenblicke, in welchen ſie wünſchte, daß Max wiederkehren möchte. Hatte nicht Er, er, der ihr mehr war als die ganze Welt, er, den ſie ihren Bruder, ihren Freund nennen durfte, hatte nicht er geſagt, ſie müßte den Schutz des Barons an⸗ nehmen, weil dieſer Schutz ihr nothwendig ſein würde! In den zwei Monaten, welche zwiſchen der Abreiſe des Juſtus und der Rückkehr des Barons verfloſſen, war inzwiſchen die Conſulin keinesweges unthätig ge⸗ weſen; und hätte nicht die Favorite, die gute Manſell Charlotte, ihren Verſtand als einen Schild vor Evelyn geſtellt, ſo würde dieſe von ihrer Mutter mit drei oder vier Heirathsvorſchlägen geplagt worden ſein. Das Gerücht von dem Mißgeſchick, ſowohl des Barons Max, als auch des Magiſters Carleborg— es hieß natürlicher Weiſe, daß eine unglückliche Liebe zu der ſchönen Erbin den Conſul und ſeine Frau genöthigt hätte, ſich von dem Informator zu trennen und den Pflegeſohn in eine Penſion zu ſchicken— hatte ſchon mehre Speculanten von vornehmeren Familien in die Gegend von Oernwik gelockt; und die Conſulin Löwe öffnete ihr gaſtfreies Haus Allen;„denn,“ ſagte ſie zu ihrem lieben David, wenn dieſer ſich bisweilen die Frei⸗ heit nahm, eine Anmerkung dagegen zu machen,„es iſ nothwendig, daß ſie unter mehren wählen kann, und ich bin mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, zu erkennen, daß dieſe Maßregel die richtige ſein muß, weil man in dem häuslichen Umgange ſo gut merkt, ob es Liebe iſß oder fühler 6 allen der L theil ſelbſt empfo Evely⸗ kaum ſchmei für ei thaten Charlo Bunder machen E Erbin ſehnte Baron tz aller de drin⸗ orwürfe, fühlser⸗ Zärtlich⸗ geſehen auf die elchen ſie atte nicht , er, den te, hatte arons an⸗ in würde! er Abreiſe verfloſſen, thätig ge⸗ e Manſell or Evelyn t drei oder owohl des hatte ſchon lien in die ſulin Löwe ſagte ſie zu llen die Frei⸗ chen,„es i kann, umd u erkennen, weil man in es Liebe iſ 157 oder Eigennutz, daß ſie ſich auf Oernwik ſo charmirt ühlen!“ ni Als aber Evelyn eben anfing zu ahnen, daß ſie von allen Seiten mit Liebesnetzen umſponnen würde, kam der Baron Marx an, und er hatte einen dreifachen Vor⸗ theil vor allen Andern voraus. Er wurde von Evelyn ſelbſt geachtet, hoch geſchätzt von Conſtance und war empfohlen von dem Einzigen, deſſen Empfehlung bei Evelyn etwas galt. Noch dazu hatte der Baron ſich kaum auf Oernwik gezeigt, ſo trat die Conſulin, ge⸗ ſchmeichelt von ſeiner Beſtändigkeit und mit Vorliebe für eine alte Bekanntſchaft, auf ſeine Seite. Dieſes thaten auch ohne Bedenken der Conſul und Mamſell Charlotte, und daher ſahen ſich die neuen Sterne ohne Bundesverwandten gezwungen, dem alten Platz zu machen. Einige Wochen ſpäter war Max mit der jungen Erbin verlobt, und die Conſulin hatte endlich das er⸗ ſehnte Glück, ſagen zu konnen:„mein künftiger Schwie⸗ gerſohn, der Baron von G—!“ und was faſt noch ein wenig ſchärfer war: ſie durfte den alten Baron„Couſin“ und die Freiherrin„Couſine“ nennen, und erhielt von ihnen ebenfalls die Benennung„Couſine“ zurück. Während der Conſul ſich aufrichtig über das Glück ſeines Kindes freute— denn er liebte und ſchätzte den Baron Max wirklich— und die Conſulin mit der Mamſell Charlotte Luftſchlöſſer für die Zukunft baute, da ganze Schaaren von vornehmen Leuten auf Oernwik bei den Schwiegereltern des Barons von G—, einem der aus⸗ geſuchteſten und geſuchteſten Häuſer in der ganzen Pro⸗ vinz, zu Gaſte kommen würden, bemühte ſich der Baron Max, die Neigungen, den Geſchmack, das Herz und die Geſinnung ſeiner ſchweigſamen, aber doch ſtets freundlichen und ſanften Braut zu erforſchen. Ihre Neigungen waren wenige: ſie betrafen immer die Einſamkeit oder die Erfüllung der Pflichten gegen bedürf⸗ tige Mitmenſchen, die Juſtus ihr an's Herz gelegt hatte. Ihr Geſchmack war die Vermeidung aller Pracht. Ihr Herz öffnete ſich vorzugsweiſe dem Geheimniſſe, das es ver⸗ barg, wenn er darnach ſuchte, und ihre Geſinnungen, in ſo wenigen Worten ſie ſich ausdrückten, überzeugten ihn, daß ſie ohne Widerwillen die Seinige würde. Trotz der Kenntniß von dieſen Dingen, die ziemlich ſchnell erforſcht waren, hörte dennoch die Wißbegierde und das Forſchen des Barons nicht auf; denn bis jetzt hatte er noch nicht den mindeſten Anſchein eines inni⸗ geren Wohlwollens für ihn verſpürt. Nie widerſetzte ſich Evelyn ſeinen Wünſchen, nie weigerte ſie ihm die kleinen Gunſtbeweiſe, die ein Liebhaber ſo gerne for⸗ dert; doch ob er ihre Fingerſpitzen, ihre Lippen oder ihre Franſen des Shawls, den ſie trug, küßte, das war alles einerlei: Evelyn hatte für alle Liebkoſungen eine und dieſelbe Miene, und ihre Paſſivität weckte ſeine Verzweiflung, ohne daß er etwas ändern konnte. Das viele Ueberlegen in Betreff der Hochzeit, welche die Conſulin mit unermeßlicher Pracht feiern wollte, ſchien jedoch etwas auf Evelyn einzuwirken: ſie ſchien dabei nicht ganz ſo verſchloſſen zu ſein, wie gewöhnlich, und ſie äußerte einmal als Antwort auf Max Frage, ob es ihr ſo oder ſo beliebte:. „Nein, das iſt langweilig!“ „Sage mir nur ein Wort, wie Du es wünſcheſt, geliebte Evelyn, und ich werde mich glüͤcklich fühlen, Deinen Willen zu vollſtrecken!“ „Mutter wird böſe!“ „Ich übernehme es, ſie zu beſänftigen,“ verſicherte Max, entzückt, um irgend einen Preis von ihr, die er trotz dem, daß er allein liebte, immer mehr anbetete, ein kleines Vertrauen, eine Bitte zu erhalten—„ſage es mir, ſage es mir ſchnell!“ „Wenn aber Du böoͤſe würdeſt?“ wendete ſie blöde ein. „Ich?... Gott! wäre es möglich, Evelyn, daß Du darauf die geringſte Rückſicht nehmen könnteſt?“ fragt Stim verlo⸗ 1 iſt m daß tracht 7 1 heute Dir m „ zeit bi mir fi machte einige Mar h vor de öhr Herz 3 es ver⸗ nnungen, erzeugten ürde. e ziemlich ßbegierde mbis jetzt ines inni⸗ widerſetzte e ihm die gerne for⸗ ppen oder e, das war ingen eine deckte ſeine nte. zeit, welche rn wollte, ſie ſchien gewöhnlich, Nax Frage, ; wünſcheſt, lich fühlen, „verſicherte ihr, die er hr anbetete, en—„ſage ete ſie bloͤde Evelyn, daß könnteſt?“ 159 „Worauf ſollte ich denn ſonſt Rückſicht nehmen?“ fragte Evelyn mit einer ſo lieblichen und ſanften Stimme, daß der gute Baron Mar faſt ganz den Kopf verlor. „Ach, meine geliebte, meine theure Evelyn! das iſt mehr, als ich zu hoffen gewagt habe: ich fürchtete, daß Du mich mit der völligſten Gleichgültigkeit be⸗ trachteteſt.* „Da wäre ich ſehr undankbar!“ „Alſo, meine Evelyn!— aber nun darf ich Dich heute wohl nicht mehr fragen... Was war es, das Dir nicht gefiel?“ „Die vielen Leute, welche Mutter zu unſ'rer Hoch⸗ zeit bitten will. Conſtance kommt, und alle andern ſind mir fremde.“ „Meine Gedanken, geliebte Evelin, ſtimmen hierin ganz mit den Deinigen überein: dieſen Tag feiert man weit beſſer in der Stille 1....... Und in der Stille wurde er gefeiert, trotz des heftigen Widerſtandes, den die Conſulin im Anfange machte. Nichts in der Welt aber konnte ſie abhalten, am folgenden Tage ein großes Mittagseſſen mit darauf folgenden Ball anzurichten; und hier ſaß denn die arme Evelyn, in Seide und mit Juwelen geſchmückt, ſelbſt ein Juwel, eingefaßt in einer kalten und brillanten Ein⸗ faſſung. Sie jedoch zum Tanzen zu vermögen war ver⸗ gebliche Mühe, nachdem ſie, um den Wünſchen ihrer Mutter und ihres Gatten zu genügen, ſich von Mar einige Male in einem Walzer hatte herumführen laſſen. Mar hätte dieſen Walzer zu Ende tanzen wollen, denn vor den Tönen der Muſik verſchwand das Steife aus Evelyn's Bewegungen: ſie war ein Zephyr, der den Ballſaal durcheilte, um ſich dann zu verbergen. Damals aber hatte Conſtance noch nicht den Dunſt der Atmos⸗ phäre der Heiligkeit eingeathmet: ſie war die Heldin des Balles, die Gehuldigte, die Vergötterte; und ſo verdrießlich war die Conſulin über Conſtancen's Vorzug, daß nicht einmal das Vergnügen, ſagen zu können, „meine Tochter, die Freiherrin,“ im Stande war, dieſen ihren Aerger zu kühlen. Auch machte die werthe Frau nicht den geringſten Verſuch, Conſtance zurück zu halten, als die für ihren Aufenthalt auf Oernwik beſtimmte Friſt zu Ende war. Dieſer Beſuch war alſo Conſtance's letzter, obgleich die Conſulin ſpäterhin ſie oft und Evelyn noch öfter eingeladen hatten, zurückzukehren. Das junge Paar bewohnte eigene Zimmer und hatte nach der beſtimmten Anordnung des Barons Max, eine eigene Haushaltung. Evelyn ſchien damit zufrieden zu ſein, denn als er ihr ſagte:„Mir wird alles angenehmer ſein und beſſer ſchmecken, wenn Du es angeordnet haſt!“ ſo antwortete ſie:„Ich will verſuchen!“ Und nun begann Evelyn, in Allem geſtützt, ge⸗ rathen und beſchützt von ihrer Schwiegermutter, eine kleine Thätigkeit in dem häuslichen Kreiſe zu entwickeln. Die Conſulin proteſtirte anfangs gegen ſolche Anord⸗ nungen, welche— ſie war ſich ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, es zu erkennen— gänzlich überflüſſig waren, weil ſie ſelbſt ihrer Tochter alle ſolche Sorge ſparen konnte. Da aber nicht allein der alte Baron ſagte: „liebe Couſine, glauben ſie mir, dieſe kleine Sorge bringt unſrer kleinen Freiherrin mehr Nutzen, als aller mög⸗ licher Comfort!“ und die Freiherrin hinzufügte:„Ja, ſei überzeugt, beſte Nelly, daß ich meine Schwieger⸗ tochter nur aus Liebe zu häuslicher Thätigkeit aufmun⸗ tere!“ ſo ließ die Conſulin die Sache fallen und ver⸗ ſöhnte ſich immer mehr damit, weil durch dieſe Thei⸗ lung der Haushaltungen eine lebhaftere Zerſtreuung entſtand; denn man pflog ordentlich Umgang mit ein⸗ ander, und die Conſulin war natürlich immer gefeiert, wenn ſie anmelden ließ, daß ſie den Abend bei ihrem Schwiegerſohne und ihrer Tochter zuzubringen wünſchte, — ja, es freute ſie(was ſie auch ihrer lieben, ſtete — unzer Evel⸗ zu ft wenn des Mar Vater der 2 nehme zu ſetz war. engern geweſe einer. Hoffnu einem? ſchaften Sinne Alten Gutsb C ſeinem zu der er ung wo m einen Vorzug, können, ar, dieſen the Frau zu halten, beſtimmte , obgleich noch öfter und hatte Max, eine ffrieden zu igenehmer onet haſt!“ ſtützt, ge⸗ itter, eine entwickeln. che Anord⸗ erechtigkeit ſſig waren, rge ſparen aron ſagte: Sorge bringt aller möͤg⸗ ügte:„Ja, Schwieger⸗ keit aufmun⸗ en und ver⸗ dieſe Thei⸗ Zerſtreuung ang mit ein⸗ mer gefeiert, d bei ihrem gen wünſchte, lieben, ſtets 161 unzertrennlichen Charlotte triumphirend mittheilte), daß Evelyn jetzt gezwungen war, bei der Geſellſchaft ſtill zu ſitzen, was ſie gewiß nicht gethan haben würde, wenn die Haushaltungen vereint geweſen wären. Der im darauf folgenden Herbſte eintreffende Tod des alten Barons brachte den Entſchluß des Barons Mar zur Reife, den mehrmals geäußerten Wunſch ſeines Vaters zu erfüllen, und wenigſtens auf einige Jahre der Beamtenbahn zu entſagen, um Oernwik zu über⸗ nehmen und die große Landwirthſchaft in guten Stand zu ſetzen, wozu der Conſul Löwe gar nicht im Stande war. Der alte Baron, welcher, wenn auch in einem engern Kreiſe, ein einſichtsvoller und thätiger Landwirth geweſen war, hatte von dem Augenblicke an, da von einer Partie mit Evelyn die Rede geweſen war, dieſe in der Hoffnung favoriſirt, das große und das kleine Gut unter einem Beſitzer vereinigt zu ſehen, welcher beide bewirth⸗ ſchaften könnte. Max mit ſeinem praktiſchen Kopf und Sinne mußte dazu taugen; und er verſprach auch dem Alten vor dem Hingange deſſelben, ſich für immer als Gutsbeſitzer in Ruhe zu begeben. Conſul Löwe war mehr denn zufrieden, als er ſeinem Schwiegerſohne Oernwik verpachten konnte, und zu der Zeit, da wir den Baron Mar wiederfinden, hatte er ungefähr ein halbes Jahr beide Güter inne gehabt. Um wo möglich Evelyn aufzuheitern, deren Herz irgend einen geheimen Kummer litt— nämlich an den kleinen Gewiſſensbiſſen, die ſte in ihrer Beichte Juſtus anver⸗ traut hatte— beſchloß er, ſie auf einige Wochen nach Stockholm zu führen; ein Vorſchlag, von welchem die Conſulin das beſte Reſultat weiſſagte, wovon jedoch die Freiherrin, welche die wirkliche Wahrheit errieth, daß Evelyns erſte Neigung noch immer in ihrem Herzen fortlebte, nichts Glückliches ahnte. Sie widerſetzte ſich gleichwohl nicht, um nicht ihren Sohn zu beunruhigen, welcher froh war, einmal auf die Seite ſeiner Schwie⸗ Eine Nacht am Bullarſee. Il. 11 germutter treten zu können. Evelyn ließ über ſich ver⸗ fügen, als ob die ganze Sache ſie gar nicht anginge. Mag Max wünſchte es, und ſie würde ſich, wenn er es ge⸗ zu wollt hätte, in das Land der Hottentotten haben führen würd laſſen. traf Das ganze Reſultat dieſes Verſuches, dieſe Reiſe Juge nach Stockholm, lag in den wenigen Worten, die Cve⸗ nehm lyn zu Juſtus geſagt hatte:„Ich wäre geſtorben, wenn? Stun ich gezwungen geweſen wäre, dort länger zu bleiben!“ anſäß Mar merkte bald, daß unter Evelyns ruhiger Sanft⸗ Magi muth ſich eine Unruhe verbarg, und da ſie allem, was weckt ſie ſah und hoͤrte, gar keine Aufmerkſamkeit ſchenkte, ſo Frau, führte er ſie nach Hauſe zurück in der Ueberzeugung, ſeine daß ſie vom Heimweh angegriffen wäre. Was würde und fa wohl Marx geſagt haben, wenn ſie ihm die Ahnung, die ſeinen ſie plagte, anvertraut hätte, wenn er gewußt hätte, zählte, daß ſie ihr ganzes inneres Leben mit Juſtus zuſammen⸗ wäre e band, und gleichſam ſeine Seele in die ihrige aufnahm, ſchichte während ihr Blick ſtill und bisweilen gedankenvoll auf zwanzi dem zärtlichen, unruhigen Gatten ruhte? Würde er verführ wohl, wenn er um die kleinen Gewiſſensbiſſe Evelyn's zenden gewußt hätte, ihr vorgeſchlagen haben, Conſtance zu In beſuchen? Dachte er denn gar nicht daran, daß auch ſeine Juſtus in dieſer Stadt wohnte? Baron Ja, Max dachte daran; da er jedoch nicht die ent⸗ und w fernteſte Ahnung von Evelyn's innerm Zuſtand hatte, lyn der ſo glaubte er, das Wiederſehen ſowohl der Conſtance über di als auch des jungen Geiſtlichen würde eine wohlthuenee Wohnu Umſtimmung in ihrem Weſen hervorbringen. Inzwiſchen wäre ſe erwähnte er den Namen Juſtus nicht, denn er wollte fahren, vorher Gewißheit haben, in wie fern dieſer, den Ge⸗ daß we rüchten zufolge, welche über ihn, über ſeine Schwäͤr⸗ da flog merei, ſein Leben und ſeine Heiligkeit im Umlauf waren, und ba wirklich der Freund wäre, der ihm nützlich werden könnte; nicht ge und um ſich davon zu überzeugen, ließ er unter dem ſie mit Vorwande, einen Iugendfreund zu beſuchen, Cvelyn ausgeſp allein zu Conſtance fahren. Da 2 ſich ver⸗ anginge. r es ge⸗ en führen eſe Reiſe die Eve⸗ gden, wenn? bleiben!“ ger Sanft⸗ Llem, was chenkte, ſo erzeugung, as würde hnung, die ußt häͤtte, zuſammen⸗ e aufnahm, kenvoll auf Würde er e Evelyn's onſtance zu daß auch icht die ent⸗ ſtand hatte, er Conſtane wohlthuende Inzwiſchen un er wollte er, den Ge⸗ ine Schwaͤr⸗ mlauf waren, erden könnte; er unter dem hen, Evelyn 163 Bei der Nachfrage in dem Hauſe, welches der Magiſter Carleborg bewohnte, erfuhr Mar, daß er nicht zu Hauſe wäre und erſt gegen Abend zurückerwartet würde. Marx beſchloß jetzt, ſeine Gattin aufzuſuchen, traf jedoch unterweges zufällig auf einen wirklichen Jugendfreund, der mit aller Gewalt ihn in Beſchlag nehmen wollte, was ſich Mar auch wirklich für einige Stunden gefallen ließ. Von dieſem, der in der Stadt anſäßig war, erfuhr Max auf ſeine Nachfrage, daß der Magiſter Carleborg eine ſcharfe Partei gegen ſich ge⸗ weckt hätte. Jeder Ehemann zitterte für ſeine junge Frau, jede Mutter für ihre Tochter, jeder Liebhaber für ſeine Geliebte— der Fanatiker bezauberte ſie alle; und falls er nicht ſelbſt die Klugheit gezeigt hätte, mit ſeinen Zuſammenkünften aufzuhören, oder, wie man er⸗ zählte, die Abſicht hätte, die Stadt zu verlaſſen, ſo wäre es ohne Zweifel zur Klage und zu endloſen Ge⸗ ſchichten gekommen, denn ſchon zählte man fünfund⸗ zwanzig junge Frauen, die er mit ſeinen Augen, ſeinen verführeriſchen Stellungen und ſeiner ſanften, ſchmel⸗ zenden Stimme verhext häͤtte. In halber Verzweiflung über ſeine Dummheit, ſeine Frau ſelbſt hieher geführt zu haben, eilte der Baron zu Conſtance, um ſeinen Schatz wieder zu holen und wo möglich die Stadt zu verlaſſen, ohne daß Eve⸗ lyn den Juſtus wiederſehen konnte. Man urtheile nun über die Beſtürzung unſeres Barons, als er in der Wohnung der Frau Waller die Nachricht erhielt, ſie wäre ſchon vor einer halben Stunde von dort abge⸗ fahren, und als er darauf in ſeiner Wohnung erfuhr, daß weder ſie noch der Wagen zurückgekommen wären, da flog er zurück in die Wohnung der Frau Waller und bat mit Conſtance zu reden, die er das erſte Mal nicht getroffen hatte; und kaum hatte er Evelyn's und ſie mit ſtockender Stimme Magiſter Carleborg's Namen ausgeſprochen, ſo war er ſchon wieder weg. Das Uebrige iſt bekannt. Sechzehntes Kapitel. Unmöglich konnte Evelyn einem kleinen Verhoͤre entgehen; wie aber dieſes angeſtellt werden ſollte, hatte Max noch nicht entſchieden, als man ſchon zu Hauſe war, ſchon gegeſſen hatte, und Evelyn ſchon zu Bette gegangen war. Wäre Evelyn gewohnt geweſen, zu fragen, ſo wuͤrde ſie heute Abend gefragt haben, warum ihr Mann ſo unruhig wäre: er ging nämlich mit ernſtem Blicke, ſtill und verſchloſſen auf und ab; und Evelyn dachte— denn ſie ſah ſehr wohl dieſe Unruhe— daß ſie Schuld daran wäre; aber ſie wußte nicht, was ſie ſagen ſollte, obgleich ſie ſo gerne etwas geſagt hätte. „Du ſchläfſt nicht, Evelyn— liegſt Du nicht gut?“ fragte endlich der Baron, indem er zu ſeiner Gattin ging. „Ich habe noch gar nicht daran gedacht, wie ich liege.“ 3„Haſt Du vielleicht an etwas anderes gedacht?“ Er zog einen Stuhl an das Bett, ergriff ihre Hand und blickte ihr mit bittender Zärtlichkeit in's Auge. „Ich dachte an Dich!“ „Und was dachteſt Du? Willſt Du es Deinem Gatten ſagen?“ „Gerne: mir war bange, daß der Beſuch, den ich ohne Dein Wiſſen machte, Dir mißfallen hat.“ „Und wenn dem ſo wäre, geliebte Evelyn, würde dieß Dich auf irgend eine Weiſe betrüben?“ „Sehr, ſehr!“ liſpelte ſie, und ihre Hand erwiederte leiſe den Druck der ſeinigen. Aus dem Auge des Barons blitzte ein Freuden⸗ lich ſein, daß dieſes Kind, dieſes ſtrahl. Sollte es mög wun ohne ſollt, Liebe in ſe zu le Bitte der 2 Du e mit 2 friede ( Verhoͤre tte, hatte zu Hauſe zu Bette ſo wuͤrde Mann ſo Zlicke, ſtill dachte— ſie Schuld en ſollte, icht gut?“ (ner Gattin t, wie ich ind erwiederte in Freuden⸗ Kind, dieſts 2 165 wundervolle Weſen, welches ſein Herz ſo warm anbetete, ohne es jemals zu wagen, ſein Gefühl ganz zu zeigen, ſollte es möglich ſein, daß dieſes geliebte Weſen ſeine Liebe, wenn auch nur matt, erwiederte? „Meine Evelyn!“ ſagte er, indem er ſich bemühte, in ſeine Stimme eine ganz leidenſchaftsloſe Zärtlichkeit zu legen,„würde es Dich betrüben, wenn ich einige Bitten an Dich hätte?“ „Nein, das wäre mir lieb!“ „So ſage mir denn, ob es nur der Inſtinkt war, der Dir die eben geäußerte Furcht einflößte, oder ob Du eine Urſache weißt, die mir Anlaß geben könnte, mit Deinem Beſuche beim Magiſter Carleborg unzu⸗ frieden zu ſein 2 Evelyn ſchien nachzudenken. Eine leichte Purpur⸗ röthe, die erſte, welche eine Frage ihres Gatten hervor⸗ gerufen hatte, flog über ihre Wangen; endlich äußerte ſte folgende Worte, die Max nie wieder vergeſſen konnte: „Ich glaube, mein Gewiſſen ſagte es mir.“ Max bot alle ſeine Kraft auf, um weder von dieſer Antwort überraſcht noch aufgeregt zu erſcheinen. Mit ſeinem vorigen ruhigen Tone— er zitterte nur ein wenig— entgegnete er: „Du unſchuldsvoller Engel! wie, auf welche Weiſe verrieth ſich denn die Stimme, die Du höͤrteſt— ver⸗ nahmſt Du ſie ſchon ehe Du zu ihm fuhrſt?“ „Nein, nicht auf dieſe Weiſe; in dem Augenblicke aber, da ich Deine Schritte erkannte, war es als würde mein Blut verſteinert, und die Stimme ſagte: Du haſt durch dieſen Deinen Schritt Deinen Gatten beleidigt!“ Der Baron entfärbte ſich; er konnte unmöglich aus dieſem Bekenntniſſe Evelyn's erſehen, wie viel oder wie wenig dieſes wirklich enthielt. Alles, was er noch ferner erfahren konnte, hing ab von der Macht, die er über ſeinen Ton und ſeine Geſichtszüge hatte; denn wenn er ſie durch die geringſte Heftigkeit oder Leidenſchaftlichkeit — ſchreckte, ſo durfte er auf keine fernere Erklärung hoffen. „Wie ſehr danke ich Dir, meine Evelyn, für dieſe Offenherzigkeit, welche mir die unbefleckte Reinheit Deiner Seele ſo ganz unverhüllt zeigt! Du haſt Deinen Gat⸗ ten gewiß nie beleidigt, und hätteſt Du Dich an das Urtheil des Magiſters Carleborg gewendet, ſo hätte er Dir das ſicherlich auch geantwortet.“ .„Ja, er ſagte mir auch:„„den Reinen iſt alles rein!“ „Siehſt Du? was Dich beunruhigte, waren alſo nur Deine kleinen Grillen, und die Stimme hatte Un⸗ recht... Betrubte Dich aber meine Ankunft— empfan⸗ deſt Du vielleicht einen geheimen Wunſch, daß ich Dich nicht überraſchen möchte, weil es Dir war, als ob Dein Blut ſich verſteinerte, da Du meine Schritte hörteſt?“ „Ich weiß nicht... aber es war dennoch ſo!“ „Vielleicht unterbrach ich etwas, das Carleborg Dir ſagte, und das Du gerne zu Ende gehört hätteſt?“ „Nein, ich redete eben; doch hätte ich vielleicht gerne ſeine Antwort darauf gehoͤrt.“ „Das war ganz natürlich! Morgen ſiehſt Du ihn wieder.“ „Ja, ja!“ ſagte ſie mit einer Stimme, die eher zu viel als zu wenig Ausdruck hatte,„morgen ſehe ich ihn wieder!“ Mar fühlte einen Stich in ſeinem Herzen und ein dumpfer Seufzer flog ungehemmt über ſeine Lippen— er zog heftig ſeine Hand aus der ihrigen. Evelyn ſah ihn an, ſagte jedoch kein Wort. Es trat ein Schweigen ein. „Es iſt Zeit, zu ſchlafen!“ ſagte zuletzt Mar.„Biſt Du noch nicht ſchläfrig, geliebte Evelyn?“ Es erfolgte keine Antwort; Max aber höͤrte es an den unregelmäßigen Athemzügen, daß ſie noch nicht ſchlief. Er beugte ſich über ſie, und überwältigt von dem Gefühle, das ihn jetzt erregte, ſank er neben dem dete, mein denn Dein Dein mich wirkl klärung lür dieſe t Deiner en Gat⸗ an das hätte er iſt alles hatte Un⸗ empfan⸗ ich Dich ls ob Dein hörteſt?“ och ſo!“ Carleborg t hätteſt?“ h vielleicht hſt Du ihn die eher zu ſehe ich ihn zen und ein Lippen— Wort. Max.„Biſt hörte es an ke noch nicht rwältigt von er neben dem 167 Bette, in welchem das herrliche Bild ruhte, auf die Knie. Ueber Evelyn's Wangen ſchlichen zwei Thränen herab, welche bitter auf Max Herzen brannten. „Geliebte meiner Seele! warum weinſt Du? Habe ich Dir wehe gethan?“ „Du täuſchteſt mich!“ liſpelte ſie. „Ich?— wann ſollte ich Dich getäuſcht haben?“ „Jetzt! Du ſagteſt, daß mein Beſuch nichts ſcha⸗ dete, daß ich Dich nicht beleidigen köͤnnte, daß nur meine kleinen Grillen mich beunruhigt hätten, und dennoch...“ „Dennoch 2“ „Dennoch ſah ich, daß Du mich getäuſcht haſt: Deine Augen, Dein Seußzer, die Art, wie Du mir Deine Hand entzogſt, alles ließ mich fühlen, daß Du mich nur aus Großmuth in Unwiſſenheit über Dein wirkliches Gefühl erhalten wollteſt.“ „Nun gut, meine Evelyn, wenn ich etwas empfand, das einem Schmerze glich, ſo kam das nicht daher, daß ich Dir oder Deinem in jeder Hinſicht unſchuldigen Be⸗ ſuch mißtraute, ſondern daher, weil derſelbe meinem Herzen Erinnerungen zuführte, die ich in jenem Augen⸗ blicke nicht den Muth hatte, zu verweiſen.“ „Dieſe Erinnerungen betrüben Dich alſo?“ „Ich müßte Dich nicht ſo innig lieben, wie ich Dich liebe, Evelyn, wenn ich mich nicht beſtreben wollte, jeden Gedanken zu erſticken, welcher die bittere Wahr⸗ heit hervorrufen will, daß Du meine Gefühle nicht ge⸗ theilt haſt, ja ſie nicht theilſt. O vergib, wenn ich Dich beunruhige; in dieſem Augenblicke vermag ich meinen Schmerz nicht zu unterdrücken! Gott iſt mein Zeuge, daß ich es gewollt habe— Du haſt mich noch nie ſo geſehen— doch“.... Er ſchwieg aus Furcht, daß der Sturm noch ſtärker werden moͤchte. „Meine Ahnung!“ ſeufzte ſie;„ich habe längſt ge⸗ wußt, daß Du nicht glücklich warſt!“ „Evelyn! wie wäre es möglich, Dir alle Wunder der Liebe und der Eiferſucht zu erklären! Würden wohl die Seraphim meinen Klagen lauſchen, wenn ich mich an ſie wendete? Sie würden ihre Ohren verſchließen — ſo machſt Du es auch!“ Doch Evelyn ſchloß nicht ihre Ohren, nur ihre Lippen blieben geſchloſſen. In verſchämter und zit⸗ ternder Verwirrung wünſchte ſie etwas von dieſen Wun⸗ dern zu hören. „Schlummere nun— lege Dein Haupt auf meinen Arm, ich bin nicht ſchläfrig!“ „Ich auch nicht!“ ſtotterte Evelyn. „Aber Du willſt heute Abend gewiß nicht mehr reden— ſoll ich Dir etwas vorleſen?“ „Ich ſehe es lieber, wenn“... „Was?... o, daß Du etwas wünſchteſt, das ich erfüllen könnte!“ „Ich wünſchte, daß Du mir etwas erzählteſt!“ „Sehr gerne, ſehr gerne!... laß mich nach⸗ denken!“ „Keine Geſchichte!“ flüſterte Evelyn, welche oft entſchlummert war bei den intereſſanten Erzählungen durch welche Mar ſich bemühte, ihre Gefühle und Ideen zu wecken. Seine Liebe zu Evelyn war von unbe⸗ ſchreiblicher Tiefe und unbeſchreiblichem Umfange; es war nicht allein die Liebe des Mannes zu dem ſchönen Weibe, ſondern auch die Liebe eines Vaters, eines Bru⸗ ders, eines Freundes; und durch tauſend kleine Erfin⸗ dungen, die dieſe Liebe ihn lehrte, bahnte er ſich den Weg zu CEvelyns Aufmerkſamkeit. Unter dieſen Wegen war der Weg der Erzählungen und Geſchichten nicht der am wenigſten glückliche, und vielleicht Nax nicht der am wenigſten Glückliche, wenn Evelyn wie ein gutes, mn tes Kind ihr Haupt auf ſeinen Arm legte und auf das lauſchte, was die Erzählungen enthielten. Jetzt aber hatte ſie geſagt:„Keine Geſchichte!“ „Was willſt Du denn hören, meine Evelyn?⸗ „Etwas von demjenigen,“ entgegnete ſie ſo leiſe, —-— daß e „wov hören glühte lyn. und d „ T ſten Y erwach langen es eine Handel erfüllte ich für 1 en wohl ich mich ſchließen zur ihre und zit⸗ en Wun⸗ f meinen cht mehr ;, das ich teſt!”¹ nich nach⸗ welche oft zählungen, und Ideen von unbe⸗ fange; es em ſchönen eines Bru⸗ eine Erfin⸗ er ſich den ſſen Wegen n nicht der icht der am gutes, ſanf⸗ nd auf das ſchichte!“ velyn?“ ſie ſo leiſe, 169 daß er faſt gezwungen war, die Worte zu errathen, „wovon Du fürchteteſt, daß... daß die Seraphim nicht hören wollten!“ Mar fuhr zuſammen, ſeine Wange erröthete und glühte— welche Macht erhielt jetzt ſein Einfluß auf Eve⸗ lyn.„Willſt Du, daß ich von den Wundern der Liebe und der Eiferſucht reden ſoll?“ „Wovon Du willſt!“ Max war ſo überraſcht, daß er nur mit der äußer⸗ ſten Muhe ſeine Gefühle verbergen konnte. Für wen erwachte dieſer Inſtinkt— woher kam das geheime Ver⸗ langen, die Sprache der Leidenſchaft zu hören? War es eine dunkle Neugierde, oder ein bewußtes Gefühl? Handelte er recht oder unrecht, wenn er ihren Wunſch erfüllte?“ Er beſchloß, äußerſt vorſichtig zu ſein. „Was ſich nicht für die Ohren der Seraphim paßt, meine Evelyn, das paßt ſich auch nicht für die Deini⸗ gen! Der Mann kann ſeinen Schmerz nicht derjenigen klagen, die ihn nicht verſteht; er würde dort nur Ab⸗ geſchmack wecken und ſich ſelbſt erniedrigen. Doch kann er ſagen zu der Gattin, welche er anbetet: trotz der Qual, welche Deine Kälte mir zufügt, iſt es dennoch mein ſeliges Glück, zu wiſſen, daß Du mein biſt, zu wiſſen, daß nur ich das Recht habe, Dich mit meinen Sorgen zu umgeben. Ich bin glücklich in meinem Un⸗ glücke, ſo lange nichts meine bittern Erinnerungen weckt; ſollten ſie jedoch erwachen und ich wäre gezwungen, zu fürchten, daß ſie auch bei Dir erwacht waͤren, da würde ich fürchterliche Schmerzen empfinden, Schmerzen, an denen gleichwohl Du vollkommen unſchuldig wäreſt, weil die Eiferſucht ſie mir bereitete.“ „Mar ſchwieg und betrachtete ſeine Gattin. Eve⸗ lyns Athemzuge wurden kürzer; ſie lauſchte mit ſicht⸗ barer Begierde. „Du wirſt dieſes nie begreifen, Evelyn, denn die 1 Leidenſchaft, dieſer fürchterliche Feind des Mannes, wird Dir niemals nahen.“ „O!“ rief Evelyn aus und fuhr mit der Hand über die Stirn,„heißt er ſo, dieſer Feind, dieſer grimmige, verheerende, unerſättliche Feind, der ihn herabzieht aus ſeiner hohen Kreisbahn, welcher wacht, wenn er ſchläft, und ſtets auf ſein Verderben lauert, dieſer Feind, deſſen bloßer Name meine Ohren nicht entweihen durfte?“ Die Worte des Fanatikers waren allzu lebhaft in ihrem Gedächtniſſe zurück geblieben. „Was in Gottes Namen ſagſt Du, Evelyn!“ Max wußte nicht, ob er ſeinen eigenen Ohren, ſeinen eigenen Augen trauen ſollte. Evelyn, ſeine keuſche, reine Eve⸗ lyn, ſaß dort mit flammenden Blicken, und Angſt und Verwirrung auf ihrem Antlitze; ſie ſchien in einen traumähnlichen Zuſtand verſetzt zu ſein und antwortete nicht. „Evelyn!“ fuhr Mar fort in einem Tone, den er zuvor noch nie angewendet hätte, denn es lag ein be⸗ ſtimmter Befehl darin;„Evelyn, komm zu Dir ſelbſt und antworte: wer hat ſolche Worte zu Dir geredet, wie Du ſie eben wiederholteſt?“ „Wer anders als er, der mich um meine Gebete erſuchte!“ entgegnete ſie, indem ſie unterwürfig ihr Haupt ſenkte. „Er, der“... Mar hielt inne.„Evelyn!“ fuhr er mit erzwungener Faſſung fort,„glaube mir, kein rechtlich geſinnter Mann braucht für den Kampf gegen dieſen Feind den Schutz und die Gebete eines Weibes anzurufen, ſo rein ſie auch ſein moͤgen! Was kannſt Du, die Gattin eines Andern, für ihn ſein?“ „Sein guter Engel, jetzt und immer!“ „Aber ich fürchte, er iſt jetzt und immer Dein böſer Engel, Evelyn! Die Gedanken einer jungen und reinen Gattin dürfen auf dieſe Weiſe mit den Gedanken eines Mannes nicht zuſammentreffen!“ „Auch nicht im Gebete?“ gemi einen ſein habe denn in m zu di umſch ihn u das, wie ſi zu de s, wird und über eimmige, ieht aus r ſchläft, d, deſſen durfte?“ ebhaft in n!“ Max en eigenen leine Eve⸗ Angſt und in einen antwortete ne, den er gag ein be⸗ Dir ſelbſt ſir geredet, ine Gebete würſig ihr lynl“u fuhr mir, kein ampf gegen nes Weibes Was kannſt 2 limmer Dein jungen und en Gedanken 171 „Nein, auch da nicht; denn ſogar Gebete können gemißbraucht werden.“ „O, ſo laß mich denn ſterben!“ rief Evelyn mit einem ſo großen Schmerze aus, daß Marx fühlte, wie ſein eigenes Herz nahe daran war, zu brechen.„Ich habe mir meine Erinnerungen zum Vorwurfe gemacht, denn ſie waren nicht alle heilig, was ich ihm auch ſchon in meiner Beichte geſagt habe: doch nicht für ihn beten zu dürfen, nicht fühlen zu dürfen, daß ſein Geiſt mich umſchwebt, nicht glauben zu dürfen, daß der meinige ihn umſchwebt und in der Stunde der Gefahr behütet, das, das vermag ich nicht zu ertragen!“ Und Evelyn ſchluchzte laut in einer Verzweiflung, wie ſie ſich ihrer Seele noch nie bemächtigt hatte. Max war erſchüttert. Er hätte dem Fanatiker dieſes Schauſpiel zeigen und ſagen wollen:„ſieh hier ein We⸗ ſen, deſſen Zukunft Du in deiner Hand hatteſt, das Du zu dem Frieden der Erde und des Himmels hätteſt leiten können... aber durch Deine wilden, mit Blumen ge⸗ ſchmückten Sophismen haſt Du nicht nur ihr Herz ver⸗ wirrt, ſondern auch ihr Gemüth— Du haſt vor zwei Menſchen einen Abgrund geöffnet!“ Es verging eine lange und peinigende Zeit, ehe Mar ſo viel Gewalt über ſich ſelbſt erhalten konnte, daß er im Stande war, nachzudenken, welche Partei er zu ergreifen hätte, um das Uebel zu heilen. Eyelyn mußte um jeden Preis beruhigt werden; ſie war unſchuldig, und das ſcheinbare häusliche Glück, deſſen ſie bisher genoſſen, die kleine Macht, welche er über ſie beſeſſen hatte, mußten beide verſchwinden, wenn es ihm nicht gelang, ihr Vertrauen wieder zu gewinnen und ihr verletztes Gefühl ganz wieder zu verſoͤhnen. „Evelyn!“ bat er, und küßte die letzten Thränen von ihren Wimpern hinweg,„vergib meiner Heftigkeit, vergib mir alle unüberlegten Worte, die mir entfahren ſind— Du kannſt jetzt ſelbſt über die Macht der Eifer⸗ ſucht urtheilen!“ 172 „Ach, Max! Du dachteſt alſo nicht alles, was Du ſagteſt?“ „ Ja, Evelyn, damals in der Fieberhitze; doch jetzt Wicht, jetzt, da ich ganz ruhig bin. Wie kannſt Du wohl glauben, daß ich, der ich Dich über alles auf Erden liebe, Dir etwas abſchlagen ſollte! So bete denn für ihn— verſprich mir nur, daß Du auch bisweilen für mich beten willſt; Du ſiehſt wohl, daß ich Deiner Ge⸗ bete ebenfalls bedarf!“ „Ich will für Euch Beide beten!“ antwortete Eve⸗ lyn mit ſeligem Lächeln.„O, wie glücklich bin ich, daß Du mir das erlaubt haſt— Du biſt ſehr gut, ſehr gut!“ „Und Du haſt mir ganz verziehen, Evelyn— Du haſt noch jetzt eben ſo viel Vertrauen zu mir als ſonſt?“ „Weit mehr!“ „Und,“ ſagte Mar, indem er auf einen Gegenſtand überging, von welchem er wußte, daß er immer, wenn nichts anders half, ihre Gedanken von dem Ziele zurück⸗ führte, wohin ſie ſich verirrt hatten,„wenn mein froher Traum in Erfüllung geht— und der wird ganz gewiß erfüllt— dann, meine Evelyn, erhältſt Du noch ein Weſen, für welches Du beten kannſt, ein Weſen, das Deine ganze Liebe beſitzen will!“ Evelyns Züge nahmen bei dieſer Anſpielung von neuem die ruhige, jungfräuliche Klarheit an, deren Gepräge ſie immer trugen. Es war, als hätte der bloße Gedanke an das Wort„Mutter“ jedes unhei⸗ lige Gefühl hinweggehaucht, das ihr hatte nahen wollen. „Haſt Du denn wieder geträumt?“ fragte ſie, indem ſie mit zärtlichem und kindlichem Vertrauen ihrem Gatten ins Auge blickte. „Ja,“ erwiederte Max gerührt und froh, daß ſeine kleine Unwahrheit ihm mehr nützte, als alles, was er bisher geredet hatte, und mehr als alles andere Cve⸗ lyns Herz und Geiſt von dem ſchwärmeriſchen Geiſtlichen abziehen würde,„ja, ich habe wieder getränmt, daß ich Dich als eine junge Mutter ſah, o, ſo ſchön, Evelyn, haben die ih danken bildun Doch Stirn auf da dem Z abgem daß di ſchlumn das Du och jetzt du wohl f Erden denn für eilen für iner Ge⸗ tete Eve⸗ ich, daß hegenſtand ner, wenn ele zurück⸗ hätte der des unhei⸗ Geiſtlichen imt, daß ich ein froher n, Evelyn, 173 ſo ſchön warſt Du mit dem Kinde auf Deinem Arme, daß mir war, als könnte ich Dich nur auf meinen Knieen betrachten!“ „Gewiß,“ ſagte Evelyn mit einem Ausdrucke er⸗ habener Ueberzeugung,„gewiß wagen einer Mutter,& die ihr Kind an das Herz drückt, keine gefährlichen Ge⸗ danken zu nahen?“ „Und auch der unſchuldigen Gattin nicht, deren Ein⸗ bildung bei dem Glücke weilt, das ihrer wartet... Doch nun“— er drückte einen leichten Kuß auf ihre Stirn—„nun ſollſt Du endlich ſchlafen und im Traume auf das Wiegenlied lauſchen, welches Dein Herz ſingt ... Still, horch!.... ich täuſche mich nicht; in dem Zimmer hier über uns geht wirklich die Wiege ihren abgemeſſenen Gang! Stelle Dir vor, geliebte Evelyn, daß dieſe Wiege neben Dir ſteht, daß Dein Kind darin ſchlummert!“ „O nein; da dürfte es nicht in der Wiege liegen; ich hätte es immer neben mir!“ Und unter Gedanken, ſo ſchneeweiß, daß ſie mit Gedanken der Engel hätten verwechſelt werden können, entſchlummerte Evelyn. Da küßte Max leiſe ihre Lippen, zog vorſichtig ſei⸗ nen Arm zurück und betete zu Gott, daß die Hoffnung, die er ſeiner Gattin eingeflößt, und womit er die ge⸗ fährlichen Erinnerungen eingeſchläfert hatte, zur Ge⸗ wißheit werden möchten. „ Doch während ſie ruhig und ſanft ſchlummerte, wachte er, gemartert von den Qualen der Eiferſucht. Evelyn liebte den Carleborg inniger, als ſie ſelbſt ahnte — nur eine andere, eine heiligere Liebe vermochte ſie zu ſchützen und zu retten. Was aber ging in der Bruſt des ſchwärmenden Geiſtlichen vor? War Evelyn der Gehenſand ſeiner Liebe— ſo war ſie rettungslos ver⸗ oren. und Mar, der ruhige, verſtändige, aber tief füh⸗ lende Max war untröſtlich bei dem Gedanken, Evelyn dem Verführer ſelbſt entgegen geführt zu haben. Siebenzehntes Kapitel. „Ach, ſieh Conſtance!“ Dies waren die erſten Worte, die am folgenden Morgen über Evelyns Lippen gingen. Als ſie erwachte, ſaß Conſtance vor ihrem Bette und betrachtete ſie mit dieſem liebevollen Blicke, der von alten Zeiten her ihr Herz wärmte. „Ach, ſieh Conſtance!”“ Evelyn breitete ihre Arme aus, Conſtance drückte ſie an ihre Bruſt.„Liebſt Du mich noch, Evelyn?“ „Ach, ſo ſehr, daß ich im Traume geweint habe, weil Du ſo ganz anders warſt!“ Conſtance erröthete und verbarg ihre Wange an Evelyns Schulter. Wie konnte ſie, die von Gottes Geiſt Berührte, der armen Evelyn dieſes unheilige Wunder erklären, welches ſie Furcht und Bedenken trug, ſich ſelbſt zu erklären? Wie hätte ſie die Worte der Wahrheit über ihre Lippen bringen ſollen.„In dem Augenblicke, da ich Dich wie⸗ derſah, Evelyn, Dich hier wiederſah, wollte mein Herz ſtill ſtehen, mein Athem ſtocken; denn Du warſt ja die⸗ jenige, welche mit der ſündhaften Gluth einer irdiſchen Liebe den Anbetungswürdigen zu verehren wagte, dem man mit keinen andern Gefühlen nahen darf, als mit denjenigen, welche in dem Bade der Heiligung gereinigt ſind! Man faßt den hohen Geiſt des Juſtus von Carle⸗ borg nicht recht, bevor man den Geiſt ſeines Meiſters, der ihn geſandt, erfaßt hat. Geh daher Du, deren beſchr und d Apoſte und e engelſ Augen geh- zu, di D Lippen Herz für di ſchon ſchweſt ſtets v — wer men 1 beleuch bei der Evelyn folgenden erwachte, ee ſie mit n her ihr Arme aus. t Du mich eint habe, Lange an ührte, der in, welches erklären? hre Lippen Dich wie⸗ mein Herz rſt ja die⸗ er irdiſchen agte, dem als mit gereinigt von Carle⸗ n Meiſters, Du, deren 175 beſchränkte Liebe nie im Stande ſein wird, die Höhe und die Tiefe des großen, aufopfernden Herzens dieſes Apoſtels Chriſti zu meſſen, geh eilend hinweg von hier, und erinnere ihn nicht mit dieſen Taubenaugen, dieſem engelſanften Lächeln daran, daß auch der heiligſte Menſch Augenblicke von menſchlicher Schwäche gehabt hat! Geh, geh— verſuche ihn nicht, ziehe Dir nicht eine Sünde zu, die Du in Ewigkeit nicht abwaſchen kannſt!“ Nein, dieſe Worte hätte Conſtance nie über ihre Lippen bringen können; doch eben darum, weil ſte ihr Herz ganz erfüllten, ſo war in dieſem Herzen kein Raum für die Freude, die Evelyn erwartet und worauf ſie ſich ſchon gefreut hatte. Conſtance hätte Evelyn gerne dieſe ſchweſterliche Zärtlichkeit zeigen wollen, welche beide ſtets vereint hatte und beſonders von Conſtances Seite — wenigſtens bis vor ſechs Monaten— in dem war⸗ men und offenen Lichte, das ihre Handlungen immer beleuchtet, zu Tage gelegen hatten; dieſes aber war ihr bei der erſten Zuſammenkunft unmöglich geweſen. Evelyn befand ſich bei dieſer Zuſammenkunft in der Lage eines armen Halbblinden, der da ſucht und um ſich her taſtet, ohne den geſuchten Gegenſtand finden zu kön⸗ nen, von welchem er aber doch ganz beſtimmt weiß, daß er hier ſein muß. Sie wußte, daß Conſtances Herz noch das vorige war, daß dieſes Herz ſich nicht verän⸗ dern konnte; aber ſie wußte nicht, wie ſie es anfangen ſollte, um dieſes Herz zu finden, denn es war nicht in Eis und Schnee, ſondern in ſteife, fremde Formen ein⸗ gebettet, und die Worte, in welche ſie ihre Gefühle einkleidete, waren ſo ſonderbar und bisweilen ſo un⸗ zuſammenhaͤngend, daß Gvelyn mit Schmerzen an die entſchwundene Zeit dachte. Erſt als Evelyn ſich nach ihrem Freunde, ihrem Bruder erkundigte, wurden Conſtancens Lippen belebt. In einer Sprache, wovon Evelyn nicht die Hälfte verſtand, ſchilderte ſie ſeine Heiligkeit, die jetzt ſo weit entfernt war von allen niedrigeren Wünſchen und In⸗ tereſſen, wie der Himmel von der Erde. In myſtiſcheu Worten redeten ſie von ſeiner Gemeinde, von allen We⸗ ſen, welche ihn ſuchten, um Heiligung und Verſöhnung mit ſich ſelbſt zu gewinnen. Evelyn verſtummte über alles, was ſie hörte; und obgleich ſie, ſo lange Con⸗ ſtance redete, nicht zu der Idee kam, daß auch ſie ohne Begleitung ihn beſuchen könnte, ſo war ſie doch kaum in den Wagen gekommen, als ihr dies einſiel. Daß etwas Anſtößiges in einem ſolchen Schritte liegen könnte, daran dachte ſie um ſo weniger, als ſie ja nur that, was Andere thaten— und gewiß hatten alle dieſe An⸗ dern nicht die Hälfte von den Anſprüchen auf ſeinen heiligen Schutz, die ſie hatte; auch konnten dieſe An⸗ dern unmöglich ein ſo großes Bedürfniß haben zu beich⸗ ten, und endlich war es ja Gott ſelbſt oder der Meiſter, wie Conſtance ſich ausdrückte, welcher ihr den Weg zu ſeinen Jüngern zeigte, damit die Ahnung erfüllt werden möchte, welche ihr zugeflüſtert hatte, daß er ihrer Gegenwart bedurfte. Während Evelyn, wie wir wiſſen, ihren ſchnell ge⸗ faßten Entſchluß ausführte, ging Conſtance mitt ſich ſelbſt vor Gericht; und ohgleich ihr die Wahrheit nicht recht klar werden wollte, ſo merkte ſie doch, daß ſie auf einem unrechten Wege war, der einer nur nach der Gnade ihres Erlöſers ſtrebenden Sünderin nicht anſtän⸗ dig war. Nachdem ſie aber auf die heftige Erkundigung des Barons Mar nach Evelyn einmal Carleborgs Na⸗ men ausgeſprochen hatte, da vermochten weder die Bibel, noch das Gebet ſie vor den furchtbarſten und unbegreif⸗ lichſten Gewiſſensbiſſen zu ſchützen. Sie wußte es nur allzugut, daß bloß der abgeſchworne Feind der Men⸗ ſchen, der böſe Bewſther vor ihren Blicken unaufhörlich ſeine Gemälde aufrollte; aber ſie wußte auch, daß kein einziger Meiſter ſo grelle Farben, ſo ſchöne Beleuchtung, ſo dunkle Schatten zu bereiten wußte. Die Gemälde des böſen Verſuchers hatten eine bis zum Wahnſinn täuſchende Aehnlich keit mit der Wirklichkeit. War wohl . dieſes war e das 3 das C mit de der T das YN dringe bleiche tlitz.. oder n zitterte ſicht, ſ Waͤrme 7/ ſtͤhnte unerträ einem nyſtiſchen llen We⸗ rſöhnung nte über ige Con⸗ ſie ohne och kaum tel. Daß en könnte, nur that, dieſe An⸗ uf ſeinen dieſe An⸗ zu beich⸗ er Meiſter, n Weg zu llt werden er ihrer ſchnell ge⸗ it ſich ſelbſt nicht recht uß ſte auf nach der icht anſtän⸗ erkundigung eborgs Na⸗ r die Bibel, Hunbegreif⸗ ußte es nur d der Men⸗ unaufhörlich ch, daß kein Beleuchtung, die Gemälde m Wahnſinn War wohl 177 dieſes eine Illuſion von der Kammer des Heiligen, oder war es nicht eher die Kammer ſelbſt? Dort ſtand ja das Inſtrument, welches ſich ſelbſt ſpielte, dort hing das Gemälde, auf welchem der Erzengel ſeinen Streit mit dem Fürſten des Abgrundes auskämpfte, dort grinzte der Todtenkopf, und dort war der Vorhang, welcher das Myſterium verbarg, das kein fremdes Auge durch⸗ dringen durfte— und hier, dieſe hohe Geſtalt mit dem bleichen, von tiefen und ſchönen Gedanken belebten An⸗ tlitz... war es ein Schatten von Juſtus von Carleborg, oder war er es ſelbſt? Die Schwärmerin ſchauderte, zitterte und ſchloß die Augen, ſah aber dennoch das Ge⸗ ſicht, ſah, wie„der Heilige“ mit Blicken, die von einer Wäaͤrme glühten, welche nur der Verſucher menſchlichen Augen leihen kann, eine zu ſeinen Füßen liegende weib⸗ liche Geſtalt betrachtete, wie er ſie aufhob, und wie er zu ihr ſo liebliche Worte redete, als wären ſie mit Ho⸗ nig getränkt und von Blumenduft umhaucht. „Hebe Dich weg von mir, Du unſauberer Geiſt!“ ſtoͤhnte Conſtance unter dem erſtickenden Drucke ihrer unerträglichen Angſt,„hebe Dich weg und nahe nicht einem chriſtlichen Weibe, wenn ſie ihre Andacht hält und den alleinigen Helfer in aller Noth mit ihren Ar⸗ men umfaßt! Herr und Meiſter, erbarme Dich! Siehe, mein Herz iſt bereitet für Dich zu einem Tempel; ſiehe, Dein Bild ſteht dort umhaucht von der brennenden Liebe meiner Demuth— verſchmähe ſie nicht; ſie fleht um einen Blick von Dir!... Ach, wieder!... doch meine Augen ſind beſchleiert, die Gnade des Allerhöchſten be⸗ ſchattet ſiel Weine, Du gefallener Engel, Du arger Feind, daß Deine falſche und verführeriſche Luſt ver⸗ nichtet und zerſchmettert daliegt unter der Gewalt des Lichtes!“ Nachdem dieſe wohlthätige Einbildung über Con⸗ ſtances Gemüth Macht erhalten hatte, entſchlief ſie in der feſten Ueberzeugung, daß die heiligen Engel, welche Eine Nacht am Bullarſee. U. 12 mit Wohlgefallen ihren ſtarken Kampf geſchaut hätten, ihr zu Hülfe gekommen wären bei der Beſiegung des Verſuchers, und als ſie erwachte, da war ihre Seele noch ſo erfüllt von brennender Dankbarkeit, der dunklen Gefahr entgangen zu ſein, daß ſie von Neuem mit ihrer alten Liebe an Evelyn dachte, welche gewiß nur ein Werkzeug in Gottes Hand geweſen war, um dieſen herrlichen Sieg ihres chriſtlichen Glaubens hervorzu⸗ rufen. Da ſie es tief in ihrem Herzen fühlte, daß Evelyn Grund hätte, ſich zu beklagen, und da ſie es tief be⸗ reute, daß ſie dieſem unſchuldigen Kinde einen Schmerz zugefügt hatte, ſo eilte ſie früh Morgens zu ihrer Freundin; und da der Baron ſchon ausgegangen war, ſo trat ſie in Evelyn's Schlafzimmer, wo ſie dieſe nun beim Erwachen überraſchte. Wie glücklich war nicht Evelyn, als fie ihre Con⸗ ſtance wieder erkannte! Sie konnte ſich nicht ſatt ſehen an dieſen geliebten Zügen; und obgleich jetzt wie immer, wenn nicht ein außerordentlicher Fall eintrat, ihre Freude arm an Worten war, ſo war ſie doch keinesweges arm an Gefuͤhl. Conſtance hatte ſich ſowohl um Evelyn's als um ihretwillen vorgenommen, ſo viel wie möglich ihre vor⸗ malige Art und Weiſe anzunehmen— Evelyn würde ja auch nicht im Stande geweſen ſein, die neue zu be⸗ greifen; und obgleich es Conſtance nun gelang, eine ſchwache Copie von dieſem Ehemals hervorzubringen, welches ihr jetzt ſo außerordentlich widerlich vorkam, ſo war doch Evelyn mit dieſer Copie zufrieden und lächelte wie ein gutes Kind, als Conſtance noch ein⸗ mal ihre Locken ordnete und ihr half, ſich mit Geſchmacl zu kleiden, den nicht einmal die Heiligkeit ſelbſt ihr zu rauben vermochte. Sie wollte und konnte ſich nicht nach Evelynes „Beſuch bei Juſtus erkundigen, und Evelyn, die unge⸗ fragt nie etwas mittheilte, ſagte ebenfalls nichts da⸗ von, Ihr Geſpräch betraf zuerſt Oernwik und Evelyns * häus Verl daß ſcho dinne früh gega Nüae Eveln der und ckeln elektri dem vierten Eile Ihnen „„ müde entgeg ausgeſß zweife Magi eines a mit di kleidete einſtin Vertra mich dunklen it ihrer nur ein dieſen Schmerz zu ihrer gen war, dieſe nun ihre Con⸗ ſatt ſehen mer, wenn Freude arm an Gefühl. lang, eine hrzubringen, ich vorkam, rieden und e noch ein⸗ ſit Geſchmau ſelbſt ihr zu 179 häusliches Glück und dann Conſtance's bevorſtehende Verlobung, über welche ſie ihrer Freundin anvertraute, daß ſie an dieſem Abende abgeſchloſſen werden ſollte. Unter dieſen vertraulichen Mittheilungen waren ſchon ein Paar Stunden verfloſſen. Die beiden Freun⸗ dinnen, welche nach alter lieber Weiſe mit einander ge⸗ frühſtückt hatten, waren nun in das Beſuchzimmer hinaus⸗ gegangen, um dort den Baron zu empfangen; und Con⸗ ſtance war eben dabei, vor der aufmerkſam lauſchenden Evelyn das wirkliche Glück, das Evelyn unfehlbar in der Vereinigung mit einem ſo achtungswerthen, edlen und vortrefflichen Manne empfinden müßte, zu entwi⸗ ckeln und darzulegen, als beide plötzlich wie von einem elektriſchen Stoße berührt zuſammenfuhren. In dieſem Augenblicke redete der Baron Max in dem äußern Zimmer. „Es war ein fatales Mißgeſchick, Herr Magiſter, daß ich Sie nicht zu Hauſe traf! Ich habe heute mein Glück dreimal verſucht und war eben im Begriff, zum vierten Male zu verſuchen, als ich, da ich nur in aller Eile Evelyn über meine Abweſenheit beruhigen wollte, Ihnen auf der Treppe begegnete.“ „Dieſes beweiſt, Herr Baron, daß Ihr Mißgeſchick müde geworden iſt, Sie noch länger zu verfolgen!“ entgegnete Magiſter Carleborg mit der feinſten und ausgeſuchteſten Anmuth. „Aufrichtig geſagt, dürfte dieſe Sache noch einigem Zweifel unterworfen ſein. Inzwiſchen hoffe ich, Herr Magiſter, und bin überzeugt, Sie werden das Vertrauen eines armen Kindes nicht mißbrauchen können und wollen!“ „Herr Baron!“ erwiederte Juſtus von Carleborg mit dieſem Stolze, der den ritterlichen Edlen ſo gut kleidete, aber ſo wenig mit dem demüthigen Apoſtel über⸗ einſtimmte,„hätte ich jemals die Abſicht gehabt, das Vertrauen dieſes Kindes zu mißbrauchen, ſo würde nichts mich haben hindern können, es zu thun, und wären mir 180 nicht Evelyn's Wohlfahrt und Glück theurer geweſen, als eigene Wohlfahrt und eigenes Glück, ſo hätte ich ſie nicht in den Schutz vor dem ſtürmiſchen Leben ge⸗ ſetzt, das ihrer wahrſcheinlich in der Verbindung mit mir gewartet hätte, kurz, ich hätte ſie nicht Dem abgetreten, der ihr irdiſches Glück beſſer zu gründen vermochte.“ „Verzeihen Sie, Herr Magiſter!“ bat Mar, welcher ſich durch dieſe freie und offene Antwort überzeugt fühlte, daß er ſeinem ehemaligen Nebenbuhler Unrecht gethan hatte;„doch Evelyn's verwirrte Worte erſchreckten mich geſtern Abend! Bedenken Sie, daß die ganze Stadt die geheime Macht kennt, welche“... der Baron fühlte, daß die Höflichkeit forderte, den Reſt auszulaſſen. „Ich verſtehe, daß die ganze Stadt in ihrer Blind⸗ heit das Wort„Miſſionar“ als gleichbedeutend mit einem wahnſinnigen Schwärmer aufgefaßt hat. Doch ich bin nicht ſchuldig und verbunden, vor irgend einem Andern als dem, deſſen Sendung ich übernommen habe, über mein Verfahren und die Worte, die ich in ſeinem Namen rede, Rechenſchaft abzulegen. Alſo,“ fügte er mit dieſer Leichtigkeit hinzu, welche keinen Gegenſtand beſchwerlich, wohl aber überflüſſig erachtet,„könnten wir dieſes als beſeitigt anſehen!“ Der Baron Marx hätte gerne auch ſe ine Anſicht über die Frage von dieſer einſeitigen Rechenſchaft über die Worte und Handlungen eines geiſtlichen Mannes erklären wollen; doch vermerkte er an der feſten und artigen Kälte, welche auf dem Antlitze des jungen Geiſt⸗ lichen dem augenblicklichen Heiligenſcheine folgte, daß, wenn er den Verſuch wagte, mit den Waffen ſeines ruhigen Verſtandes gegen den Fanatiker in's Feld zu ziehen, dieſer bald ſeine ſämmtlichen Vernunftgründe auf die Spitzen ſeiner Spitzfindigkeiten ſpießen würde. Darum ſchwieg denn der Baron; und da er nach der vorhergegangenen Erklärung einen Mann beleidigt haben würde, welchen er lieber zu ſeinem Freunde alz zu ſeinem Feinde machen wollte, wenn er ihn nicht bei 181 Evelyn eingeführt hätte, ſo öffnete der Baron mit einer eueſeiß einladenden Bewegung die Thür des Beſuchzimmers, den ge⸗ in welchem die beiden jungen Damen— neben einander mit mir das errüichſt Tableau bildend— ſich ihren Blicken darſtellten. Atrden Mar hätte kaum ein vollkommneres Bild der Sicher⸗ nacieer heit ſehen können, als die Miene, in welcher der Ma⸗ t fuhlte 1 giſter Carleborg ſich anſchickte, in dieſes Zimmer einzu⸗ ethan treten. Dieſe Sicherheit war nur mit der vollkomme⸗ i0n mich nen unſicherheit zu vergleichen, mit welcher er in der Stadt die That eintrat, als er Conſtance erblickt hatte. 4 n fuͤhlte Doch bei ihm, der ſich ſchon gewöhnt hatte, die äußere Selbſtbeherrſchung zu einem von ihren höchſten er Blind⸗ Graden auszubilden, konnte dieſe Bewegung nur vor⸗ H erd uſß übergehend ſein; und wenn ihn demnächſt etwas für at. Doch eine Secunde verlegen machte, ſo war es vielleicht die d einem Wahl des Tones, der hier paſſend war, da er in der e habe Mitte ſeiner beiden Anbeterinnen ſtand, von denen die 8 inem Eine die höchſte Liebe unter dem Namen und der Ge⸗ in. ds er ſtalt des Juſtus von Carleborg anbetete(Evelyn's reines füdſends Gefühl war eigentlich der Ausdruck ihres Bedürfniſſes Nonnten einer höhern Liebe), wogegen die Andere den Juſtus nbð von Carleborg unter dem Namen und der Geſtalt Gottes verehrte. n e nici So ſchnell, ſo vorübergehend dieſe ſeine Gemüths⸗ ſh ſ unes bewegung auch geweſen war, ſo hatte ſie dennoch dem ſten und prüfenden Blicke des Barons nicht entgehen können. fe Geiſt⸗ Er hatte die vollkommene Ruhe geſehen, womit der den daß Magiſter Carleborg die Schwelle des Beſuchzimmers 1g r ſeines betrat; er hatte auch den Blitz bemerkt, der plöͤtzlich in ffen 8 4 ſeinem Auge brannte und wieder verſchwand. Dieſer 6 ſed dif Blitz konnte nicht Evelyn betreffen: der Magiſter war grün ja darauf gefaßt geweſen, ſie zu finden, und überdieß würde. nch war ſie nicht der Gegenſtand deſſelben. da er ddigt Ein tiefer Athemzug erleichterte die Bruſt des iun bele Barons. Er glaubte ſeine weiße Taube aus den Klauen des Adlers gerettet zu ſehen. 182 Der Baron war auf ein ſchlechtes Gleichniß ver⸗ fallen. Wenn der Adler ſich in weiten Kreiſen zu den Wolken empor ſchwingt, ſo läßt er bisweilen das leichte Opfer, das er mit ſich hinaufgenommen, fallen; doch wenn der Schwärmer eben dieſem Ziele zuſteuert, ſo hält er ſeine Opfer ſeſt, denn ſie ſind ja— für den Himmel beſtimmt. Die Verbeugung des Magiſters lieferte den voll⸗ ſtändigſten Beweis von ſeiner Kunſt, mehre Rollen zu gleicher Zeit ſpielen zu können; denn da dieſe Verbeugung, verbindlich und würdig, weltlich, vertraulich und brüder⸗ lich, ſich an Evelyn wendete, ſo war ſie ein Ausdruck ſeines Verhältniſſes zu ihr; dagegen aber, als ſie ſich an Conſtance wendete, nahm ſie das ganze Gepräge eines ernſten, ehrfurchtgebietenden, halb ſegnenden Frie⸗ densgrußes an. „Beſte Evelyn!“ ſagte er zu der jungen Freiherrin, indem er mit einer artigen Bewegung des Hauptes den Stuhl annahm, den ihm der Baron hinſetzte,„ich bin gekommen, um Dir Lehewohl zu ſagen und herzlich für die ſchweſterliche Probe Deiner Achtung und Deines Wohlwollens zu danken, die Du mir geſtern gabſt, als Du kamſt, um einen alten Freund zu beſuchen!“ Evelyn beugte ſich ein wenig vor, damit ihr kein Laut von der geliebten Stimme entgehen möchte. Die Worte kamen ihr zwar kalt vor in Vergleich mit denen, die er am geſtrigen Abende geredet hatte; doch vielleicht kam es ihr nur ſo vor: ſie mußte ſich vor falſchen Ge⸗ danken in Acht nehmen; denn er ſelbſt hatte ſie ja vor der Gefahr der ſonderbaren Fehlgriffe gewarnt, denen ſie ausgeſetzt war, wenn ſie die Dinge anders ſähe, als ſte waren. Sie glaubte alſo ganz unſchuldig, daß ſie ſich auch jetzt täuſchte. Ohne Zweifel waren dieſe kalten Worte ein Ausdruck der Zärtlichkeit; doch konnte ſie ihr Herz nicht von dem Wunſche abhalten, noch einmal die geſtrige liebliche Täuſchung zu erleben, da er ihre Hand ergri welch getät Furch redun in de dulatt bereut es nie iß ver⸗ zu den leichte Gepräge den Frie⸗ reiherrin, ſie ja vor nt, denen 5 ſähe, als „ daß ſie rihre Hand 183 ergriff, und ſie mit dieſem Zauberblick betrachtete, bei welchem in ihren Pulſen das Leben ſtockte. Juſtus merkte, daß auf Evelyn's Geſichte ſich die getäuſchte Hoffnung malte; und vielleicht war es die Furcht, daß ſie in ihrer Kindlichkeit ihrer letzten Unter⸗ redung erwähnen möͤchte, daß er gleichſam ſeinen Blick in den ihrigen ſenkte, als er mit einer größeren Mo⸗ dulation der Stimme hinzufügte:„Meine Schweſter bereut ja dieſe Güte nicht- darf ich hoffen, daß ſie es nicht thut?“ Evelyn's Auge glänzte von einer ſo ſchönen Freude, daß Max das ſchrecklichſte Herzklopfen bekam.„Wie ſollte es mir möglich ſein,“ ſagte ſie leiſe,„zu bereuen, daß ich glücklich geweſen bin!“ Als Evelyn dieß ſagte, ſo begegneten ſich unwill⸗ kührlich wie durch eine magnetiſche Kraft Conſtance's und Juſtus' Blicke. Eine Wolke von blutrothem Purpur floß über die Wangen der Schwärmerin, während das Antlitz des jungen Geiſtlichen weiß wurde wie der Schnee— die Stärke ſeiner Gemüthsbewegung ging faſt über ſein Selbſtbeherrſchungsvermögen. Doch kehrte die Farbe bald zurück; wer aber alles bezahlen mußte, was er eine Minute lang litt und genoß bei der An⸗ ſchauung der unbewußten, aber wilden Eiferſucht, die in Conſtance's ſchwarzem Auge ſtrahlte, das war die arme Evelyn. „Ich danke Dir, meine Schweſter, für dieſes Ge⸗ ſtändniß!“ ſagte er ſanft, aber förmlich.„Für einen chriſtlichen Lehrer gibt es keine größere und vollkomm⸗ nere Genugthuung, als die er empfindet, wenn er weiß, daß ſeine Ausſaat nicht auf den Fels gefallen iſt; für einen Freuno keinen höhern Genuß, als wenn er das Herz und die Augen des Freundes ſeinen theuerſten Pflichten auf Erden geöffnet hat— denn in ihrer Aus⸗ übung liegt auch der Himmel hienieden.“ 4 Jetzt konnte der Baron Marx, welcher dem Gange und den Nebengängen des kurzen Geſpräches gefolgt war, ſich von einer Einmiſchung nicht länger abhalten. Zitternd vor Aerger, ſeine Gattin ganz in der Gewalt des Fanatikers zu ſehen, behielt er dennoch Ruhe auf den Lippen und eine vollkommene Würde bei, als er fagte:„Verzeihen Sie, Herr Magiſter! falls meine Evelyn ihren Freund beſuchte, um Anweiſungen über ihre Pflichten zu erhalten, ſo war ihr Beſuch ganz über⸗ flüſſig, denn ſie hat ihre ſämmtlichen Pflichten ſo gut, ſo vollkommen erfüllt, daß ihr Gatte ihr ſeine Dankbarkeit nicht genug dafür bezeugen kann!“— Max ergriff die Hand ſeiner Gattin und küßte dieſelbe mit einem Ge⸗ fühle der innigſten Zärtlichkeit. Evelyn's Antlitz glänzte in der lieblichſten Röthe der Roſe. Ueber das Glück, vor demjenigen, deſſen gute Meinung ihr über alles theuer war, gelobt zu werden, vergaß ſie ſogar den Schmerz, welchen ſie eben empfunden hatte, als es ihr ſo vorkam, daß ſie von ihm faſt als eine Büßerin behandelt worden wäre. „Der liebende Gatte iſt ſtets gütig,“ bemerkte Juſtus, und legte dabei in ſein Betragen und in ſeinen Ton dieſe prieſterliche, halb ſtrenge, halb demüthige Schärfe, in deren Verſchanzung ſich ſo vieles ſagen läßt,„ſollte man aber eine Güte, die von Vollkommenheit redet, nicht lieber eine Uebertreibung nennen? Wer iſt vollkommen auf Erden? Wer war es ſeit der Zeit, da Chriſtus auf Erden wandelte? Wer wird es ſein, ſo lange noch die Finſterniß des Irrthumes ſo groß iſt wie jetzt? Bethoͤre ſich kein Sohn Adam's, keine Tochter Eva's mit der Vorſtellung von einer Vollkommenheit, welche ſich erſt entwickelt, da der Weg der Prüfung zu⸗ rückgelegt iſt und das Ziel Jenſeits winkt! Inzwiſchen,“ fügte er an Eveſihn gewendet milder hinzu,„ſind ihrer Wenige, welche ich gleich Dir rühmen können, meine Schweſter, ſchon hier auf Erden den Engeln ſo nahe zu ſein!“ Hätte Juſtus dieſen letzten Satz nicht hinzugefügt, 1 ſo hätte Baron Max gewiß Einwendungen gemacht; 1 1 jetzt ein ſamk Auge daß in d auf d Mag ihre geende wollte erſt je tritte auch Auffaff hierin öhalten. Gewalt uhe auf als er 3 meine en über nz über⸗ ſo gut, nkbarkeit rgriff die nem Ge⸗ en Röthe eſſen gute u werden, empfunden m faſt als bemerkte d in ſeinen demüthige eles ſagen ommenheit Wer iſt rüfung zu⸗ unzwiſchen,“ „ſind ihrer meine 185 jetzt aber begnügte er ſich damit, ſeine Zuſtimmung durch ein ſtummes Kopfnicken anzuzeigen. Seine Aufmerk⸗ ſamkeit war auch in dieſem Augenblicke getheilt: ſein Auge beobachtete Conſtance; und da er nicht wußte, daß auch ſie, oder richtiger eigentlich ſie, die Prieſterin in dem Tempel des Fanatikers war, ſo nahm es ihn auf das höchſte Wunder, daß durch die kurze Rede, die Magiſter Carleborg in ſeinem prieſterlichen Geiſte redete, ihre Züge einen ſo ſtarken Ausdruck erhielten. Als er geendigt hatte, ſo bewegten ſich Conſtance's Lippen, als wollte ſie etwas ſagen, doch daraus wurde nichts; und erſt jetzt fiel es dem Baron ein, daß ſie ſeit dem Ein⸗ tritte des Magiſters noch kein Wort geſagt und daß auch er nicht mit ihr geredet hätte. Doch wenn die Auffaſſung des Barons ſchnell war, ſo gab ihm Juſtus hierin nichts nach. „Mademoiſelle Waller,“ ſagte er, an Conſtance gewendet— und jetzt war wiederum der Weltmann da —„wenn wir“(er betonte das Wort wir gelinde) „nicht Gelegenheit gehabt hätten, uns ſeit dem ange⸗ nehmen Aufenthalte auf Oernwik öfter zu ſehen, ſo würde ich kaum im Stande ſein, meine Einſeitigkeit zu entſchuldigen, daß ich mich ſo ganz ausſchließlich mit unſrer jungen Wirthin beſchäftigt habe 1 Es war ſehr ſchwer für Conſtance, in einem ſolchen Ton zu reden mit— dem Heiligen; doch that ſie was ſie konnte, indem ſie mit erzwungenem Lächeln ſagte: „Ohne Zweifel hat Evelyn in der doppelten Eigenſchaft einer Wirthin und einer Freundin auch ein doppeltes Recht auf die Aufmerkſamkeit des Herrn Magiſters!“ Evelyn gab Conſtancen einen dankbaren Blick, und der Baron Max nahm ſich die Freiheit, zu erinnern, daß der Herr Magiſter Carleborg und Mademoiſelle Waller niemals rechte Sympathie für einander gehabt hätten. „Alſo,“ fuhr er in dem ruhigen Tone fort, welchergar nichts ſagt,„vermuthe ich, ſofern die Verhältniſſe ſich nicht geändert haben, daß Demoiſelle Conſtance über Evelyn's Vorzug nicht eiferſüchtig iſt!“ „Wäre ich ein Weltmann,“ ſiel Juſtus ein, indem er im Fluge die ſich hier darbietende Gelegenheit er⸗ griff, Conſtancen in einigen verſchiedenen Worten ſeine innerſten Gedanken deutlich zu machen, ſo würde ich bei dem kleinen Scherze, den der Herr Baron ſich erlaubte, mich zum Hochmuthe verſucht fühlen; als armer Miſ⸗ ſionar dagegen habe ich allen Hochmuth abgeſchworen, ſofern er nicht in dem Falle, da ich bei meinen Brüdern Eiferſucht erweckte, in geiſtiger Hinſicht erwacht. Die Eiferſucht“— ſein Blick ſchwebte über die drei Zu⸗ hörer mit einem unbeſchreiblich anſpruchsloſen und ſanften Ausdrucke hin—„iſt ja ein Zeichen von Erfolg, mein Erfolg iſt der Erfolg des Werkes des Herrn; und daher hoffe ich auf die Verzeihung meines Meiſters, wenn mich dieſe Art der Eiferſucht, die einzige, welche der demü⸗ thige Jünger des Herrn hegen kann, zu dem Hochmuthe der Zufriedenheit verleiten ſollte.“ Nach dieſen Worten erhob er ſich mit einer in je⸗ der Hinſicht edlen Haltung, ergriff Evelyn's Hand und drückte dieſelbe warm, ſo wie beim Abſchiede der Bru⸗ der die Hand der Schweſter drückte.„Meine Zeit iſt mir ſehr ſparſam zugemeſſen— ich muß Dich verlaſſen, gute Evelyn; doch ich thue es froh in der voͤlligen Ueberzeugung, daß die kleinen Bekümmerniſſe, welche Dein Herz drückten, jetzt verſchwunden ſind. Deine Er⸗ innerungen, meine Schweſter, ſind ſo fromm, daß ſie Deinen Frieden nicht zu ſtoͤren vermögen— doch muß ſtets die Gegenwart mehr Antheil an uns haben, als die Vergangenheit. Lebe daher glücklich in der Gegen⸗ wart, in der Hoffnung auf die Zukunft, und ſei über⸗ zeugt, daß, wenn Dein Glück wächſt, Niemand groͤßeren Antheil daran nehmen kann als ich!“ Das war eine Rede, wie ſie dem Baron Mar ge⸗ fiel; doch Evelyn wurde von dem Schmerze des Ab⸗ —— bittend Woche ſamkeit gedenk vorbei, ' Blick a M ligende einen f Zeit Il laubt, und me eine wi nce über n, indem nheit er⸗ rten ſeine de ich bei erlaubte, mer Miſ⸗ eſchworen, u Brüdern acht. Die drei Zu⸗ und ſanften folg, mein und daher wenn mich der demü⸗ Hochmuthe iner in 5 Hand und der Bru⸗ ne Zeit iſt h verlaſſen, er völligen ſſe, welche Deine Er⸗ um, daß ſie — doch muß haben, als der Gegen⸗ nd ſei über⸗ nd größeren V on Mar ge⸗ tze des Ab⸗ 187 ſchiedes ſo heftig ergriffen, daß ſie kaum im Stande war, ſich aufrecht zu erhalten. „Iſt es, iſt es,“ ſtotterte ſie,„das letzte Mal, daß“ ... Die Farbe der Lilie hatte ihre Wangen bedeckt. „Das braucht es nicht!“ antwortete er mit einem bittenden Blick auf den Baron.„Schon um einige Wochen verlaſſe ich dieſe Stadt, um mich in die Ein⸗ ſamkeit zu begeben, worin ich den Winter zu verleben gedenke— da geht mein Weg nicht weit von Oernwik vorbei, welches ich mit Freuden wiederſehe.“ War es der Inſtinkt, welcher Evelyn's flehenden Blick auf ihren Gatten fallen ließ? Max widerſtand demſelben nicht: der halb mißbil⸗ ligende Ausdruck ſeines Antlitzes verwandelte ſich in einen freundſchaftlichen und einladenden.„Wenn Ihre Zeit Ihnen, Herr Magiſter, einen kleinen Abſtecher er⸗ laubt, ſo bin ich überzeugt, daß ſolches nicht allein mir und meiner Frau, ſondern auch meinen Schwiegereltern eine wirkliche Freude ſchenken würde.“ „Da iſt es abgemacht!“ antwortete Juſtus, und die Stimme, mit welcher er dieſe Worte ausſprach, zitterte gleich tief in Evelyn's und Conſtance's Herzen. Doch Niemand faßte den ſiegenden Jubel, welchen die vier Worte in der Seele des Fanatikers hervorriefen. Ihm war es klar, daß Evelyn ihm vom Himmel zugeſchickt worden war: durch ſie ſollte er die Macht der Leidenſchaft vertreiben— Evelyn war ſein guter Engel. Hatte nicht ihre Abweſenheit ihm den Muth gegeben, vor Conſtance ſich auszuſprechen, welcher Wunſch für ihn der höchſte, der überwiegende war? Wenn Con⸗ ſtance je zuweilen, gebrannt durch das Feuer in ſeinem Blick, die Reinheit der Flamme, von welcher er brannte, verkannt hatte, ſo mußte ſie, gleich der armen Evelyn, gezwungen werden, zu glauben, daß der„Verſucher“ mit ihrer Einbildung ſein Spiel getrieben hatte. Doch in demſelben Augenblicke, da er, um Conſtance's künfti⸗ gen Frieden und ſeinen eigenen Gewiſſensfrieden zu retten, Evelyn's Ruhe in die andere Wagſchale warf, beſchloß er, nie wieder, wie er es an dem geſtrigen Abende gethan hatte, die Stärke ſeiner Macht über die⸗ ſes Kind zu prüfen, deſſen Vertrauen eine ſo unſchulds⸗ volle Reinheit beſaß; und gegeißelt von den Gewiſſens⸗ biſſen, die ihn ſchon die ganze Nacht gepeinigt hatten, ſetzte er feierlich, ja faſt prophetiſch hinzu:„Ich komme mit Frieden in Dein Haus, Evelyn; und der Segen, den ich mitbringe, ſoll nicht entweichen, wenn ich reiſe!“ Evelyn ſenkte ſich tief und bot ihm ihre Stirn, welche ſeine Lippen leiſe berührten. Darauf verbeugte er ſich vor Conſtance, erhielt von dem Baron einen Handſchlag und verließ das Zimmer. An demſelben Abende erhielt Leonard Conſtance's Jawort. Die Verlobung trug kein Gepräge von der friſchen Lebhaftigkeit der Freude, wohl aber ein herzliches und friedevolles Gepräge; und trotz demjenigen, was fehlte, fühlte ſich Leonard dennoch ſo glücklich, daß er ſich eine ſolche Freude, wie er ſie empfand, nie hatte vorſtellen können, als er mit ſeinem fleiſchigen Arme Conſtancess —— ſchlanken Körper umfaßte und von ihren Lippen den erſten Brautkuß entgegen nahm. Hätte aber Leonard in dieſem Augenblicke auf irgend ein Zeichen Acht geben können, ſo würde er ganz gewiß bemerkt haben, daß Conſtance's Miene ihm keinesweges die Hoffnung gab, ſie würde dem erſten Kuſſe— wenigſtens freiwillig— noch mehre andere folgen laſſen. Doch Leonard war zu⸗ frieden mit der Gegenwart und verbitterte ſich als ein weiſer Mann dieſelbe nicht durch Reflexionen über die Zukunft. Alles, was diesmal vorkam, war ſeine treu⸗ herzige Bitte, daß Conſtance ihm ihre Wünſche in Be⸗ treff der Gegend mittheilen möchte, in welcher er ein Gut kaufen ſollte, und hierauf antwortete Conſtance, wenn möcht ten C getre Pflich 1 derbar Grund ihr ge überdie ſo vie eines( dem T abgeleg den wa war, dem ro Leonard werkes Vorthei wickelte zu ſein, Handel Gut an dieſen No ehe wir in die, 2 ale warf, geſtrigen über die⸗ inſchulds⸗ zewiſſens⸗ gt hatten, ſch komme r Segen, ich reiſe!“ re Stirn, verbeugte ron einen Lonſtance's der friſchen zliches und was fehlte, er ſich eine e vorſtellen Conſtance's Lippen den ber Leonard Acht geben haben, daß effnung gab, reiwillig— ard war zu⸗ ſich als ein ien über die r ſeine treu⸗ nſche in Be⸗ elcher er ein te Conſtance, 189 wenn er wirklich auf ihre Neigung Rückſicht nähme, ſo mochte er eine der einſamſten und am wenigſten beſuch⸗ ten Gegenden wählen, denn ihr einziger Wunſch wäre, getrennt von dem Geräuſche der Welt Gott und ihren Pflichten zu leben. Die ganze Nacht dachte Leonard über dieſen ſon⸗ derbaren Wunſch nach, ohne einen wünſchenswerthen Grund deſſelben finden zu koͤnnen; doch da die Einſamkeit ihr gefiel, ſo konnte ſie ihm wohl auch anſtehen, der noch überdieß in ſeinem Ackerbau und ſeinen kleinen Reiſen ſo viele Zerſtreuung hatte. Er begann die Vortheile eines Gutshandels zu bedenken, der ſchon einmal auf dem Tapete geweſen, aber eben um der einſamen und abgelegenen Beſchaffenheit des Ortes abgebrochen wor⸗ den war. Dieſes Gut, welches noch jetzt zu kaufen war, lag in einem von den Häraden in Bohuslän, in dem romantiſchen Bullaren, begraben; und nachdem Leonard in Gedanken den Vortheil eines großen Säge⸗ werkes am Bullar⸗See überdacht hatte, deſſen friedliche Wogen das Ufer des Gutes beſpülten, ſo faßte er den Entſchluß, die Sache auf die Entſcheidung ſeiner Braut ankommen zu laſſen. Mit Gednld und Theilnahme hörte Conſtance alle Vortheile und Unannehmlichkeiten an, die Leonard ent⸗ wickelte. Inzwiſchen ſchienen jene ihr die uüͤberwiegenden zu ſein, und daher wurde abgemacht, daß Leonard den Handel abſchließen ſollte; und da zum Frühlinge das Gut anzutreten war, ſo wurde auch die Hochzeit auf dieſen Zeitpunkt feſtgeſetzt. Achtzehntes Kapitel. Noch eine Scene aus der Kammer des Fanatikers, ehe wir dieſelbe verſchließen, um den Bewohner derſelben in die„Wüſte“ zu begleiten. 190 Es war drei Wochen nach den zuletzt geſchilderten Ereigniſſen und am Abende vor der Abreiſe des Juſtus von Carleborg von dem Schauplatze ſeiner erſten geiſt⸗ lichen Thätigkeit. Es iſt wohl wahr, daß auch Oern⸗ wik's Mauern von einem noch früheren Debut hätten nachſagen können; doch dieſer Triumph war als ein ge⸗ heimerer von den Poſaunen des Gerüchtes nicht ausge⸗ ſchrieen worden, wogegen die hier geredeten Triumphe in jedes Mannes Munde und faſt in jedes Weibes Her⸗ zen waren. Den ganzen Tag von dem frühen Morgen an war ſein Zimmer von einer Maſſe demüthiger Supplikanten belagert geweſen, welche ſich dem Himmelreiche um eine gute Strecke näher wähnten, wenn ſie ihn um ſeinen Segen hatten bitten, ſich in dem Glanze ſeines Blickes hatten ſonnen und an den Toͤnen der Engelmuſik, die von ſeinen Lippen kam, hatten laben können. Hatten ſie noch dazu ſeine Kleider berühren oder ſeine Hand auf ihrer Schulter, ihrem Haupte fühlen können, ſo konnten ſie mit dem Panzer des Glaubens angethan, ruhig und ergeben davon gehen, denn ſie waren gerei⸗ nigt von ihm, dem Edlen und Beherzten, der jeder Ge⸗ fahr die Spitze bot, um ihre Brüder jenſeit der Meere zu erretten. Viele kamen auch, um ſich beſondere Gewiſſens⸗ rathſchläge zur Ausſöhnung ſtreitiger Pflichten zu holen. Da war ein Mann, der einmal einen Diebſtahl began⸗ gen hatte, welcher jetzt ſein Gewiſſen beſchwerte; dort war eine Ehefrau, die von ſündigen Liebesgedanken an einen abweſenden Freund gequält wurde; dort eine an⸗ dere, die ſchon längſt ihre Treue verrathen hatte, ohne darum ihrem Manne das Verbrechen zu verrathen; hier eine Milchverkäuferin, die zehn Jahre lang für ihre Al⸗ nehmer Waſſer in die Milch gemiſcht hatte; dort ein armer Mann, der bei einer allgemeinen Epidemie Lei⸗ chenträger geweſen war, und nun von den Geviſſens⸗ qualen daran erinnert wurde, daß er in der großen —— 191 hilderten 6 Verwirrung Perſonen eingeſcharrt hatte, die noch ſchwache 6 Juſtus Lebenszeichen von ſich gegeben; und dort endlich ein ten geiſte alter ehrlicher Seemann, welcher plötzlich die Vorſchrif⸗ ch Oern⸗ ten des Geſetzes aus einem andern Geſichtspunkte ſah, at hätten als er ſie bisher betrachtet hatte, und deſſen Herz da⸗ ls ein ge: her von einer Menge Branntweinfäſſer und Stückgüter ht ausge⸗ beunruhigt wurde, die er hatte einſchmuggeln helfen. Triumphe Allen dieſen beſondern geheimen Gewiſſensſachen eibes Her⸗ war das innere Zimmer geöffnet, und mit einer Auf⸗ merkſamkeit, einer Theilnahme, die man exemplariſch n an war nennen konnte, hörte der junge Geiſtliche jede Selbſt⸗ pplikanten anklage mit an. Zwar ertheilte er hier bisweilen den e um eine Gewiſſen, die noch nicht weich genug waren, einen kräf⸗ um ſeinen tigen Hieb; aber dennoch heilte er die Wunden, welche nes Blickes zu verbluten drohten, und theilte mit liebevoller Sanft⸗ muſik, die muth Rath, Vorſchriften, Ermahnungen aus, je nach⸗ n. Hatten dem es nothwendig und erforderlich war, und jedem eine ſeine Hand beſondere Vergebung, wenn alle Sünden, je nach der können, ſo Beſchaffenheit derſelben, nicht allein durch eine wirkliche Bangethan, und lebendige Reue verſöhnt waren, ſondern auch durch aren gerei⸗ einen weltlichen Erſatz, wo ein ſolcher geleiſtet werden r jeder Ge⸗ konnte.. tder Meere Jetzt aber waren die Tagesbeſchwerden abgeſchloſſen, das Gelaufe auf der Treppe hatte ſchon längſt aufge⸗ Gewiſfens⸗ hört, denn er hatte den Wunſch geäußert— und er en zu holen. brauchte nur einen ſolchen zu äußern, um augenblicklich ſtahl began⸗ Gehorſam zu finden— daß Niemand ihn am Abende werte; dort: ſuren möchte, und jetzt dachte er nach über ſeine letzte gedanken an noch übrige Pflicht, nämlich ſeiner zukünftigen Schwä⸗ ort eine an⸗ gerin Lebewohl zu ſagen, und ging mit gekreuzten Armen hatte, ohne im Zimmer auf und ab. Der flammende Schein des rrathen; hie Feuers im Ofen beleuchtete nicht nur das Inſtrument, für ihre Al⸗ den Schaͤdel und den Kampf des Erzengels mit dem Für⸗ te; dort ei ſten der Finſterniß, ſondern auch die Kämpfe, deren Ab⸗ Fpidemie Lei⸗ wechſelungen in der geſpannten, ja faſt wilden Miene, en Gewiſſens auf dem Geſichte des Schwärmers zu leſen waren. der großn Er hatte ſeit dem förmlichen Beſuche, den er am Tage nach der Verlobung in Leonard's Geſellſchaft ab⸗ legte, Conſtancen nicht wiedergeſehen, und bei jener Ge⸗ legenheit hatte er ſeine Selbſtbeherrſchung und ſeine Schauſpielerkunſt bis zu einer unglaublichen Höhe ge⸗ trieben. Er hatte ſich nicht nur gezeigt als ein Geiſt⸗ licher, mit dem Segen auf den Lippen, und als der ge⸗ waltige Prophet, welcher prophezeiete von dem Gluͤcke und dem Frieden der Kinder Gottes auf Erden, wenn ſie, ſtreng gegen ſich ſelbſt, aber Andere mild beurthei⸗ lend, bei der Erfüllung ihrer ausgedehnten Pflichten mit einander wetteifern; ſondern er hatte ſich auch gezeigt, als ein zärtlicher und vertraulicher Bruder, der mit ſeinem Bruder über die weltlichen Angelegenheiten einig war, und der den ſchon gefaßten Entſchluß der Verlobten vollkommen billigte, ſich in einer ſtillen und entlegenen Gegend niederzulaſſen, wo ſie der Bereitung ihres eigenen Glückes und dem Wohlbefinden ihrer Mitmen⸗ ſchen ausſchließlich leben konnten. Nach Leonard's Abreiſe war es indeſſen Juſtus je⸗ den Augenblick ſchwer auf das Herz gefallen, daß er nicht ſeinem Verſprechen gemäß, das er ſowohl ihm als auch der Frau Waller gegeben, die Damen beſucht hatte, wie man es von einem ſo nahen Anverwandten erwarten konnte; doch mit jedem Tage, da er dieſe den Aeußern nach einfache Handlung aufſchob, wurde es ihm ſchwerer und ſchwerer. In Leonard's Geſellſchaft und in jenem Augenblicke, auf welchen er durch Gebet, Anſtrengung und vor allen Dingen durch den Beſuch, den ihm ſein guter Engel gemacht hatte, ſo gut vorbe⸗ reitet und geſtählt war, hatte es ſich thun laſſen, und das um ſo eher, als die eine und die andere unhemm⸗ bare Gemüthsbewegung damals mit Grund auf die Rechnung der Bruderliebe oder der natürlichen Rüh⸗ rung, die der wichtige Augenblick ſelbſt hervorrief, ge⸗ ſchrieben worden war; doch jetzt, da alles Nothwendige ſchon geſagt, da die Sache ſchon alt und abgemacht war, ließ ſich hiemit keine Gemüthsbewegung bedecken; und Gefi von ange bezw ſuch konn. gions fung Gemi fühlte dieſem unmit ( ſchaft, elende, Eine haft ab⸗ ener Ge⸗ nd ſeine Höhe ge⸗ in Geiſt⸗ der ge⸗ m Gluͤcke en, wenn beurthei⸗ ichten mit h gezeigt, ,der mit eiten einig Verlobten entlegenen ung ihres r Mitmen⸗ Juſtus je⸗ en, daß 4. hl ihm als nen beſucht verwandten r dieſe dem wurde es Geſellſchaft rch Gebet, den Beſuch, gut vorbe⸗ laſſen, und e unhemm⸗ nd auf die lichen Rüh⸗ vorrief, ge⸗ MNothwendige d abgemacht ng beveini 193 und die Furcht, das Mißtrauen zu ſich ſelbſt— zwei Gefühle, die ſonſt in dem Katechismus, welchen Juſtus von Carleborg in ſeinem Kopfe hatte, nicht ſehr viel angewendet wurden— hinderten ihn trotz des faſt un⸗ bezwingbaren Verlangens, das ihn hintrieb, einen Ver⸗ ſuch zu wagen, bei welchem er in Gefahr gerathen konnte, aus ſeiner Rolle als bloßer Bruder und Reli⸗ gionslehrer zu fallen. Was aber heute Abend der Gegenſtand ſeiner Prü⸗ fung war— wenn er ſich nämlich in ſeiner aufgeregten Gemüthsbeſchaffenheit einer ſolchen Prüfung gewachſen fühlte— das war die Frage, ob er heute Abend, in dieſem Augenblicke, gehen, oder ob er bis morgen früh unmittelbar vor der Abreiſe warten ſollte. Eine mächtige Stimme, die Stimme der Leiden⸗ ſchaft, rief ſtürmiſch: „Geh heute Abend, geh jetzt und laß noch einmal Deinen Geiſt, ehe er ſich in das Leichengewand der Entſagung hüllt, in dem überſinnlichen Genuſſe ſchwel⸗ gen, ihr nahe zu ſein!... geh und laß Deine Augen ſich weiden an dem Anblicke aller dieſer Reize, die je⸗ den Mann zum Wahnſinn treiben können!... geh und ſpiegle Dein Bild in dieſen Sonnen, worin unbe⸗ wußt die Wolluſt des Himmels und der Erde verſchmilzt, in der Flamme, an deſſen Feuer Dein Herz verzehrt wird, um doch immer wieder aufzuleben und aufs Neue verzehrt zu werden!... geh', und laß Deine Ohren der Seele den Laut dieſer Stimme zuführen, die da macht, daß Deine Fibern zittern, ſchaudern und bren⸗ nen!... geh, um ihr eine Umarmung zum Abſchiede zu geben— als Bruder kannſt Du das Recht haben, ſie in Deine Arme zu drücken und ſie einige Augen⸗ blicke lang an Deine Bruſt zu preſſen, während Du vernimmſt wie die Wogen brauſen, während Deine Lippen den ihrigen begegnen!... O, Himmel und Hölle! wohin verirre ich mich— wohin ſtürmſt Du, ſündige, elende, verlorne Einbildung!“ Eine Nacht am Bullarſee, II. 13 194 Er warf ſich auf ſeine Knie und betete wilde, bren⸗ nende Gebete um Erlöſung aus den ſchimpflichen Ban⸗ den, die ſeine Seele in die Tiefe der Finſterniß herab⸗ zogen.„O, du ſündige Wolluſt der Erde,“ murmelte er bei ſich ſelbſt in halber Fieberhitze,„du bodenloſer Abgrund der Verdammniß, du biſt dennoch ſchön, ja, ... ſchöner als ſelbſt der Him... 1“ Er erblaßte, er zitterte, der Angſtſchweiß brach aus auf ſeiner Stirn .„O Chriſtus, mein Meiſter, ich bin nicht würdig, Deinen Namen auszuſprechen, mich hinzuſchleppen zu Deinen Füßen, um Deine Wunden zu küſſen— und dennoch, hätteſt Du mir nicht den großen Auftrag an⸗ befohlen, hinzugehen und Deine Heerde zu ſammeln, ſo opferte ich gerne die Hälfte meines irdiſchen Lebens, die Hälfte meines Antheils an der Seligkeit, um als Gatte in einer reinen und keuſchen Liebe dieſes Weib in meine Arme ſchließen zu können. Doch nun, nun muß das Opfer vollendet werden! Gehorchte nicht Abraham unterthänig und demüthig Deinem Befehle, o Gott, ſeinen Sohn, ſein Blut zu opfern— wie ſollte ich denn nicht gehorchen, da Du mir befiehlſt, meine ir⸗ diſche Liebe zu opfern, ſie aus meiner Bruſt zu reißen, und ſie blutig und zerfetzt, wie ſie iſt, Dir zu Füßen zu werfen und auszurufen: ſieh hier, mein Herr und Meiſter, hier gebe ich Dir den größten Schatz, den ich verwahrte... nimm ihn und gib mir dafür Deinen Frieden, den Frieden, der höher iſt denn alle Vernunft, der die Wunden des Herzens heilt, die Stürme des Ge⸗ fühls beſänftigt und in das Brauſen der Leidenſchaft Schweigen bringt!... O, gib mir, gib mir dieſen Frieden, und ich ſegne Dich, mein Meiſter, und opfere Dir alle meine Tage, alle meine Nächte, meine Sehn⸗ ſucht, meine Gedanken, meine Träume, alle meine Kräfte, meinen Leib, meine Seele!“ So betete der Fanatiker, ſo beugte er ſich demü⸗ thig in den Staub vor dem, deſſen Willen er zu ge⸗ horchen wähnte, da er, als es noch Zeit war für ſein irdif wide Glü ſich für der i den b bedeu deuten nagen Leben Sand So le Wollu löſer! Werth lige S Nein, Genu , bren⸗ un Ban⸗ jherab⸗ nurmelte odenloſer hön, ja, laßte, er er Stirn würdig, eppen zu n— und ftrag an⸗ nmeln, ſo n Lebens, , um als eſes Weib nun, nun chte nicht Befehle, wie ſollte meine ir⸗ zu reißen, zu Füßen Herr und ntz, den ich ür Deinen Vernunſt, ne des Ge⸗ Leidenſchaft mir dieſen und opfere eine Sehn⸗ eine Kräfte, ſich demuͤ⸗ er zu ge⸗ „ 195 irdiſches Glück zu arbeiten, das Angſtgeſchrei in dem widerſpenſtigen Herzen erſtickte und jede Hoffnung auf Glück und Liebe in der Zeit opferte und nicht nur für ſich— denn er konnte ſogar ihr entſagen— ſondern für ein ganzes Volk in den Heidenländern die Krone der unvergänglichen Liebe zu retten. „Wie,“ rief er aus, ergriffen und erhoben von den begeiſternden Gedanken an ſeine Beſtimmung,„was bedeutet wohl der Schmerz des Individuums, was be⸗ deutet ein Leben, zuſammengeſetzt aus den Qualen der nagendſten Martern, in Vergleich mit tauſend geretteten Leben? Nicht mehr als ein Tropfen im Meere, ein Sandkorn in dem Stundenglaſe der Vergänglichkeit... So leide denn, meine Seele, leide und athme in der Wolluſt Deiner Qualen; Du leideſt für Deinen Er⸗ löſer! Doch klage nicht, laß nicht Deine Seufzer den Werth des Opfers verkleinern, mit welchem Du unzäh⸗ lige Seelen aus der Tiefe der Finſterniß freikaufſt!... Nein, juble und frohlocke, meine Seele, ſchwelge in dem Genuſſe des Glückes, das Dir beſchert wurde, da Du das Kreuz auf Dich nahmſt! Trage es umher mit ſtol⸗ zem Haupte: der Herr ſieht Dich— und dereinſt, da Dein Werk vollendet iſt, legt er mit Liebe ſeine Hand auf Dein Herz.... wenn das Ziel erreicht iſt, da haſt Du Ruhe, Ruhe auf ewig!“ Das Auge des Fanatikers brannte immer dunkler, ſein Athem wurde kürzer, er glaubte das Säuſeln der himmliſchen Palmen, die Chöre der geretteten Seelen zu hören, welche ihn, den Retter, dort oben mit einem Siegeshymnus empfingen. Noch war jedoch die Stunde der Anfechtung nicht ganz vorüber. Mitten in dem himmliſchen Chore vernahm er plötzlich klar und rein eine Stimme, deren Sirenentöne ihn mit einem Male in den Zuſtand zurückverſetzten, aus welchem er ſchon gerettet zu ſein glaubte.„Was,“ ar für ſein, ſagte dieſe bezaubernde, verführende Stimme,„was haſt Du ſo lange auf Erden gethan? Wußteſt Du nicht, daß ich ſchon läugſt Dir vorangegangen war, daß ich ſelbſt im Himmel ohne Dich keine Seligkeit, keinen Frieden fand?... Komm, o komm, Du Seele meiner Seele— ſieh, ich breite meine weißen Flügel aus, um Dich zu umarmen, ſo wie ich oftmals während des ſchweren Erdenlebens meine welßen Arme nach Dir ausſtreckte! Doch Du flohſt, Du ließeſt mich dahin ſchwinden und tauſend Tode ſterben, ehe die Stunde der Erlöſung endlich ſchlug!... Fliehſt Du mir aber noch immer— verſchwindeſt Du?... Ach, Du nimmſt mich mit Dir— wohin, wohin?... Wir fahren als eine einzige Flamme durch die Welten— o, welche Fahrt!...Doch mir iſt es, als erkenne ich dieſe Räume, ich habe ſie ſchon einmal durchfahren!.... Wir ſenken uns immer tiefer und tiefer— welches Ge⸗ wicht hängt ſich wieder an uns?... ach, wir ſind auf der Erde!.. Sind wir aus dem Paradieſe verjagt worden, oder iſt das Paradies hieher verſetzt worden? ... Ja, hier muß es ſein, hier, hier, wo wir nun unſere Herzen gegen einander ſchlagen, unſere Lippen vereint fühlen...!“ Die wilde Phantaſie des Fanatikers hatte ihren Culminationspunkt erreicht; er ſchleppte ſich hin zu dem dunklen Vorhange, und ſchon tappte ſeine Hand an den Falten deſſelben umher, welche die Geißel verbargen, als ſtille, bedächtige Schritte im Saale ſich näherten. Auch jetzt waren es Schritte eines Frauenzimmers. Juſtus von Carleborg erhob ſich heftig. Dieſe Schritte, welche er unter tauſenden erkannt haben würde, machten ihn plötzlich nüchtern: es war ihm gerade ſo, wie wenn ein Windhauch die erſtickenden Dünſte eines glühend heißen Sommertages vertheilt. Er wiſchte den Schweiß von ſeiner bleichen Stirn und verſuchte dam der Kommenden einige Schritte entgegen zu gehen; aber er blieb unbeweglich mit geſenktem Haupte ſtehen. Füf ſam. See Gru ſcha Soh Mut ahne verne ſchön eſt Du in war, eligkeit, u Seele Flügel während nach Dir ch dahin Stunde mir aber zu nimmſt ahren als , welche ich dieſe n!.... elches Ge⸗ r ſind auf eſe verjagt t worden? o wir nun ere Lippen verbargen, näherten. enzimmers. ftig. Dieſe aben würde, i gerade ſo⸗ Oünſte eines wiſchte den rſuchte dann u gehen; aupte ſtehen, 197 Im nächſten Augenblicke lag der Sohn zu den Füßen der Mutter. Wir überſpringen die erſten Minuten dieſes Zu⸗ ſammentreffens, welches, gleich einem Blitzſtrahle, in die Seele des Fanatikers einſchlug, dieſelbe bis in ihre Grundfeſten erſchütterte und ihren Luftkreis von den ſchädlichen Dünſten reinigte, welche ſie umnebelt hatten. Die Thränen der Mutter badeten und reinigten den Sohn: der von himmliſcher Liebe glühende Blick der Mutter ließ ihn das wirklich Himmliſche auf Erden ahnen; ihre oft unterbrochenen Ausrufungen ließen ihn vernehmen, daß die Stimme einer Mutter dennoch die ſchönſte iſt und am beſten das Herz heilt. Endlich ſaßen ſie in Ruhe auf dem Sofa mit ver⸗ ſchlungenen Armen, Wange an Wange; und der Schein des Lichtes zeigte ihnen, ſobald ſie ihre Häupter erho⸗ ben, die Veränderung, welche das letzte halbe Jahr auf ſie hervorgebracht hatte. Juſtus hatte nämlich ſeine Mutter kurz nach empfangener Prieſterweihe auf der Reiſe in die Stadt, worin er ſich jetzt befand, beſucht. Frau Hedwig beſaß dieſe edle und feine Schön⸗ heit, welche eigentlich nie altert; doch ihre Geſichts⸗ züge waren abgefallen und zuſammengeſunken und zeig⸗ ten in einer lesbaren Schrift, was die zehrende, nie ruhende Angſt vermag. Was das ſchöne Geſicht des Sohnes betrifft, ſo hatte es nichts von ſeinem Zauber verloren; aber der erhabene Ausdruck von hoher Rein⸗ heit, welcher damals auf den Zügen des Neugeweihten ruhte, war verſchwunden. Die Gluth in ſeinem Auge, der wechſelnde Uebergang von der Röthe in Bläſſe auf ſeiner Wange gab das Zeugniß, daß ſeine thätige Ein⸗ bildung nie ruhte, ſondern in raſtloſem Eifer durch Fin⸗ ſterniß und Licht eilte. „Ach, mein Juſtus, mein Kind, geliebtes Kind 198 meines Herzens, welche Freude, Dich wieder in meine Arme zu ſchließen! Ich habe gezittert vor Furcht, daß ich zu ſpät kommen könnte!“ „Zu ſpät?“ ſtotterte Juſtus, indem er die Hand der geliebten Mutter an ſeine Bruſt preßte. „Ja— morgen wärſt Du ja nicht mehr hier ge⸗ weſen!“ Juſtus athmete leichter; er fürchtete das Unmög⸗ liche, nämlich daß die Mutter ſeinen Seelenkampf ahnen möchte.„Morgen, geliebte Mutter, wäre ich zwar nicht mehr hier geweſen, aber dennoch hätten wir uns auf jeden Fall getroffen, denn ich wäre auf dem Wege zu Dir geweſen.“ „O, was ſagſt Du, mein Kind!— Du willſt alſo wirklich Deine Vorbereitungszeit in dem Hauſe Deiner Mutter, bei ihrem Herzen verleben? Du willſt ihr er⸗ lauben, daß ſie nach den Eingebungen ihres geringen Verſtandes, aber doch unter Gottes Beiſtand zu Deiner Vernunft, zu Deinem Herzen rede?“ „Nicht ganz ſo war es gemeint! Niemals kann mein Herz ſich verſchließen vor den Worten der zärt⸗ lichſten Mutter, und wenn auch dieſe Worte gegen die⸗ jenigen ſtritten, die meine eigene Vernunft oder, was noch mehr iſt, die meine Pflicht redet; doch obgleich Deine Worte, meine Mutter, mir ſtets die theuerſten verbleiben werden von allen, die von menſchlichen Lip⸗ pen kommen, ſo gibt es dennoch eine Sache, auf welche ſie nicht einwirken können, weil ſie es nicht dürfen. Glaube mir, geliebte, geliebte Mutter! von dem Ziele, welches feſt ſteht wie ein Fels, oder beſſer, feſt wie Gottes eigenes Wort in meiner Seele, von dieſem Ziele zieht mich keine irdiſche Macht ab, ſonſt hätte ich es längſt verlaſſen— denn wiſſe, ich habe einen mächtigen Kampf gekämpft, um den Sieg zu behalten: ich habe das heiligſte Glück, die heiligſten Rechte des Menſchen geopfert... ich ſage, ich habe ſie geopfert: das Geſ nich Ver dieſe tiefe da ſ mit ſeiner ſein, nes geſag Wege koſtet 8 Hedw Sterl den 2 ihren meine zt, daß Hand jier ge⸗ Unmög⸗ f ahnen ch zwar wir uns m Wege illſt alſo e Deiner t ihr er⸗ geringen Deiner 199 Geſchehene wird niemals ungeſchehen, und ich will nicht, daß mein Opfer vergeblich ſein ſoll!“ Frau Hedwig glaubte, daß er auf ſein voriges Verhältniß mit Evelyn hindeutete; doch hatte ſie vor dieſem Augenblicke nie geahnt, daß ſeine Bruſt eine tiefe Leidenſchaft verhehlte. In demſelben Augenblicke, da ſie dieſes bemerkte, verſtand ſie auch, daß ein Mann, mit dem phantaſtiſchen Charakter ihres Sohnes, der ſeinem Berufe, mochte dieſer nun eingebildet oder wahr ſein, den Brand der Leidenſchaft geopfert und ſein eige⸗ nes Herz zermalmt hatte, ſich niemals, wie er ſelbſt geſagt hatte, von irgend einer irdiſchen Macht von dem Wege abbringen laſſen würde, welcher ihn ſo viel ge⸗ koſtet hatte. Aber wenigſtens etwas wollte, etwas mußte Frau Hedwig ausrichten, um ihrem eigenen Herzen auf dem Sterbebette Ruhe zu verſchaffen; denn wenn ſie auch den Muth hatte, dem unſäglichen Glücke zu entſagen, ihren Sohn bei ſich oder wenigſtens in ihrer Nähe zu haben, wenn ſie auch den Muth hatte, zu dem ſtets mit Sehnſucht klopfenden Herzen zu ſagen:„Still, ſtill, Du darfſt ihn hier nicht mehr ſehen, denn ehe er zu⸗ rückkehrt, hat Gott ſich Deiner Qualen erbarmt!“ ſo hatte ſie doch nicht Muth, ſich der ſchweren Laſt der eigenen Vorwürfe Preis zu geben, und ihnen mußte ſie erliegen, wenn ſie nicht wenigſtens zu ſich ſelbſt ſagen konnke:„Vater! Du ſiehſt, daß ich Alles gethan habe, um ihn zurückzuhalten; und da es nicht gelungen iſt, ſo war er ſicherlich von Dir berufen, und den Weg, welchen Du ihm vorgeſchrieben haſt, ſegne ich in dank⸗ barer Demuth, obgleich mein Herz vor Betrübniß bricht!“ „Mein Juſtus!“ ſagte ſie zärtlich,„wir wollen hierüber nie wieder ein Wort wechſeln; wir wollen es als entſchieden betrachten; doch um der Ruhe Deiner Mutter willen, welche Dir, das weiß ich gewiß, theuer 200 iſt, komme ich mit zwei Bitten zu Dir, die Du nicht abſchlagen kannſt, nicht abſchlagen darfſt!“ „O, ſage ſie, geliebte Mutter, beſiehl!— und nachdem wir in der Hauptſache Frieden haben, ſo will ich lieber ſterben, als Deinem Willen ungehorſam ſein! Sei überzeugt, ich habe ſo viel gelitten, daß ich ge⸗ zwungen war, Deinen Bitten zu widerſtehen, meine Mutter, daß Du gewiß längſt Erbarmen mit mir ge⸗ habt haben würdeſt, wenn Du gewußt hätteſt, wie viel mir dieſer Widerſtand gekoſtet hat!“ „Ich habe ja erſt in dieſem Augenblicke die Stärke und die Kraft Deines Willens kennen und beurtheilen gelernt; jetzt weiß ich, daß meine Bitten vergeblich ſind; darum,“ fuhr ſie fort, da ſie ſah, wie ein blut⸗ gefärbter Schimmer über Juſtus' Antlitz leuchtete,„dar⸗ um ſchweigen ſie. Wir verbergen unſere gegenſeitigen Kämpfe in unſere Herzen, überzeugt, daß wir ſie ohne Worte zu ſchätzen wiſſen. Doch, nun, mein Kind, zu demjenigen, worin ich nicht nachgeben kann; denn ſchlägſt Du mir auch dieſe Bitten ab, ſo muß ich fürch⸗ ten, daß Du mich nicht mehr liebſt?“ „Wohlan, meine Mutter, ſage her!“ Juſtus war gezwungen, aus der Einleitung die eine dieſer Bitten zu ahnen, und er machte ſich mit Unruhe darauf ge⸗ faßt, ſeine Furcht beſtätigt zu ſehen. .„Meine erſte Bitte iſt, daß Du nicht an den Ort reiſeſt, wohin Du zu reiſen Dir vorgenommen haſt, ſondern dieſen Winter über bei mir bleibſt, wo Du nicht nur ſo einſam leben und ſo viel ſtudiren kannſt, wie Du willſt, ſondern wo Du auch Gelegenheit haſt, Deine Geſundheit zu befeſtigen, was zu ſo vielen Mühſelig⸗ keiten wohl nothwendig iſt. Die zweite Bitte iſt die, daß Du erſt Deine phyſiſchen und geiſtigen Kräfte auf einer kleineren Miſſionsreiſe prüfeſt, ehe Du an die große denkſt. Geh als Miſſionär nach Lappmarken, und Du wirſt dort Wirkſamkeit genug für Deine raſtloſe Seele ſinden. Wenn Du von dort zurückkehrſt, wenn Du Dein runge werde welche dern 2 dann nicht n ich Di Deiner ſprechl erſehnt Ich ha ſchieht an für Plan, ü lei Beſ jenigen liebte geraubt meinen nicht und o will n ſein! ich ge⸗ meine mir ge⸗ vie viel Stärke rtheilen ergeblich lin blut⸗ e,„dar⸗ nſeitigen ſie ohne Kind, zu n; denn ſch fürch⸗ ſtus war er Bitten nrauf ge⸗ den Ort nen haſt, Du nicht nſt, wie aſt, Deine Mühſelig⸗ e iſt die, Kräfte auf arken, und ne raſtloſe ſu an die ſt, wenn 201 Du Gelegenheit gehabt haſt, in geringerem Maßſtabe Deine Standhaftigkeit und Deinen Muth in Entbeh⸗ rungen und Mühſeligkeiten zu meſſen und zu prüfen, ſo werde ich ruhig und glaube feſt, daß die Begeiſterung, welche Dich jetzt hebt, nicht von Dir ſelbſt kommt, ſon⸗ dern von Gott.“ Mehre Minuten ſaß der Sohn in tiefen Gedanken; dann aber ſagte er warm und zaͤrtlich:„Ich waͤre nicht werth, Dein Sohn zu heißen, meine Mutter, wenn ich Dir nicht etwas Großes opfern wollte. Ich will, Deinem Begehren nachkommen, und um Deiner unaus⸗ ſprechlichen Liebe willen, meine theure Mutter, dieſe erſehnte Reiſe noch ſechs Monate länger verſchieben. Ich hatte beabſichtigt im Frühlinge zu reiſen; nun ge⸗ ſchieht es im Herbſte, und die Zwiſchenzeit wende ich an für den ſchönen und, wie ich hoffe, ſegensreichen Plan, den Du mir vorgeſchlagen haſt. Durch dieſe klei⸗ nere Miſſion, die gleichwohl nur als ein Schatten von derjenigen zu betrachten iſt, die meiner nachher wartet, können wir beide das hoͤchſte Reſultat erhalten. Du, meine Mutter, wirſt überzeugt, daß meine Sendung, wie ich Dir ſchon geſagt habe, von Gott kommt; ich finde eine glückliche und paſſende Gelegenheit, mich für meine künftige Wirkſamkeit zu bilden und durch aller⸗ lei Beſchwerden und Entbehrungen den Körper zu dem⸗ jenigen auszubilden, was er ſein muß. Alſo, meine ge⸗ liebte Mutter, ſei das abgemacht!“ „Habe Dank von meinem ganzen Herzen! durch dieſe Deine zärtliche Nachgiebigkeit bereiteſt Du mir nicht allein Frieden für meine noch übrigen Tage, die des Friedens wohl bedürfen, nachdem das Glück, Dich zu ſehen, mir geraubt iſt, ſondern Du bereiteſt mir auch Ruhe für meinen letzten Augenblick... Und nun, mein einziger, geliebter Juſtus! nachdem Du mir das Höchſte bewilligt haſt, dasjenige, wofür Deine Mutter Dich ſo lange ſie lebt, und dann noch vom Himmel herabſegnen wird, ſo gewährſt Du mir ja auch das weniger Wichtige?“ 20² Das Haupt des Fanatikers ſank auf ſeine Bruſt herab.„Meine Mutter,“ ſagte er leiſe,„ich muß hin⸗ weg, ich muß in dieſe Wildniß, wo ich nur in mir ſelbſt und in Gott leben kann! Ich fühle ſelbſt, daß meine Seele nicht rein iſt: ſie bedarf der Heiligung, das Herz bedarf der Abwaſchung von ſeinen Irrthümern, die Ein⸗ bildung von ſeinen Flecken. Gewähre mir dieſe Zeit! Ich habe gelitten, ſchrecklich gelitten— ich muß, ich muß nothwendig allein ſein. Ich muß lange ſuchen, ehe ich mich ſelbſt wiederfinde, und zu dieſem Suchen gibt es außer Gott nur einen einzigen Menſchen, der mir in meiner Schwäche beiſtehen kann. Denn glaube mir, dieſe Schwäche heiſcht andere Hilfsmittel, als die ſanften und nachſichtigen Ermahnungen einer zärtlichen, liebevollen Mutter!“ Mit lauſchenden Sinnen hatte Frau Hedwig ihrem Sohne zugehört und ſeine Züge betrachtet. Sie zitterte, ſie ſah allzu deutlich die Spuren der verſchiedenen Ver⸗ heerungen des moraliſchen Leidens, welche die Selbſ⸗ beherrſchung übertüncht hatte.„Juſtus 1“ rief ſie aus, indem ſie den ſo zärtlich geliebten Sohn an ihre Bruſt die m angel dem 2 eigene nennt mit fo „ ſein C und te Namer nur m nicht meine Wande die Qu untergt nen inn drückte,„fühlſt Du nicht, daß ich Dich beſſer verſtehen entfern werde, als irgend ein anderes menſchliches Weſen? laß ihn Oeffne die Wunden Deines Herzens! Sind es Reli⸗ würdige gionszweifel, iſt es Zweifel an Deiner eigenen Stärke, Menſch iſt es Leidenſchaft, iſt es Wahnſinn oder ſind es Ge: Sohn wiſſensbiſſe über die Art, womit Du ſchon durch Deinen Fe brennenden Fanatismus Deine Macht ausgeübt haſt (ich weiß, daß Du Deine Macht ausgedehnt und früchte: ihres tragend gemacht haſt)— was es auch ſein mag: ſage ſie tief es mir! Fürchte nicht, daß ich zu nachſichtig ſein etde richten, ich werde Deine Vergehungen prüfen, ich werde Muth haben, Dich anzuklagen und ſie Dir vorzuhalten. Aber ich werde auch für Dich und mit Dir beten können, ſo zu retten wie kein Anderer vermag.“ „O, meine Mutter! woher alle dieſe ſchrecklichen auf 8 Vorausſetzungen? Es ſind keine ſolche Gewiſſensbiſſe E e Bruſt uß hin⸗ ir ſelbſt ß meine das Herz die Ein⸗ ſe Zeit! nuß, ich e ſuchen, Suchen hen, der n glaube , als die zärtlichen, vig ihrem ie zitterte, denen Ver⸗ die Selbſt⸗ lef ſie aus, ihre Bruſt r verſtehen mag: ſagt ſein werde: werde Muth halten. Abet n können, ſo ſchrecklichen ewiſſensbiſt 203 die meine prieſterlichen Pflichten betreffen; was die ſe angeht, ſo iſt meine innigſte Ueberzeugung, daß ich ſie dem Willen meines Herrn und Meiſters und meinem eigenen beſten Verſtande gemäß erfüllt habe. Man nennt mich einen Pietiſten, Leſer, Schwärmer, weil ich mit feuriger, mächtiger Kraft von Gott rede, ſo wie ſein Geiſt es mir eingibt, und nicht mit todter Seele und todten Worten, wie ſo viele reden. Doch welchen Namen die Welt mir gibt, das bedeutet wenig, wenn nur mein Werk fortſchreitet und man mir die Achtung nicht zu verweigern wagt, die mein Wandel— ja, meine Mutter, ich wage zu ſagen: die Reinheit meines Wandels verdient. Alſo nicht aus dieſer Quelle fließen die Qualen, welche mich verfolgen und meine Kraft untergraben; nein, dieſe Qualen werden mir von mei⸗ nen innern Feinden zugeſchickt; ſie ſind es, welche Stür⸗ me in meiner Seele erregen, die mich zu Kämpfen auf⸗ fordern, deren Beſtehung Rieſenkräfte erfordert. Aber dieſe Qualen, dieſe Kämpfe, dieſe Stürme durfen nicht in Deinen Ohren wiederhallen, meine Mutter! Dein Sohn iſt rein, aber dennoch nicht rein— nein, weit entfernt!... Zwinge ihn nicht, vor Dir zu erröthen, laß ihn gehen: er wird zurückkehren mit ſtolzem Haupte, würdiger, ſein Kreuz zu tragen, würdiger, der leidenden Menſchheit Chriſti Troſt zu bringen, würdiger, Dein Sohn zu heißen!“ Frau Hedwig ſaß ſtumm vor Sorge bei dem Schmerz und der Betrübniß, die ſich in den edlen Zügen ihres Sohnes ausſprachen.„O, mein Gott!“ ſeufzte ſie tief gebeugt,„er wird Dich noch mehr zu Grunde richten, dieſer Mann, zu welchem Du fliehſt!“ „Welcher, meine Mutter?“ „Paſtor Grave... Um Dich von dieſem Ungeheuer zu retten, bin ich hieher gereiſt?“ Ein nicht undeutliches Mißvergnügen lagerte ſich auf Juſtus Stirn.„Es iſt alſo das Schickſal dieſes edlen Mannes, überall verkannt zu werden! Doch, er 204 leidet dieſes Schickſal gemeinſchaftlich mit hohen Vor⸗ Kaugien, mit heiligen Märtyrern, mit dem Erlöſer e 1* „Juſtus! Um Gottes willen, ſprich nicht den Namen Jeſu und die Namen heiliger Märtyrer aus, wenn Du den Namen eines der niedrigſten Weſen, eines der un⸗ würdigſten Geiſtlichen, die jemals ihr Amt entweiht haben, ausſprichſt! Ich weiß Vieles von dieſem Manne, aber ich weiß auch, daß Deine unbegreifliche und eigen⸗ finnige Blindheit Dir nicht erlauben wird, meinen An⸗ gaben Glauben beizumeſſen, und dennoch iſt Gott mein Zeuge, daß ſie wahr ſind!“ „Ach, meine Mutter, verſchone mich mit dieſen Märchen, welche— ich betheuere es eben ſo heilig— grundlos ſind, oder wenn ſie wirklich Grund haben, von einer ganz ſchiefen Anſicht hervorgerufen werden, die daher kommt, weil die Menſchen nicht im Stande ſind, die Tiefe einer ſolchen Seele zu beurtheilen!“ „Es iſt wahr, mein Sohn, keine menſchliche Macht mißt die bodenloſe Tiefe der Seele dieſes Mannes, denn dieſe Tiefe iſt allzu finſter, als daß man ſie mit den Augen ſehen köoͤnnte; doch ſeine Handlungen, ſeine falſche, feile Gottesfurcht, ſein ſündiger, ſcheinheiliger..“ „Meine Mutter, meine Mutter, ich kann nicht mehr hören; meine eigene Ehre und mein Vertrauen zu dem Manne, den Du ſo ſchmähſt, halten mich davon ab; überdieß würden ſelbſt die ſkandalöſeſten Geſchichten, welche die durch ſeine überlegene Natur erweckte Bos⸗ heit und Verläumdung erfinden können, nicht im Stande ſein, mich ein haarbreit von meiner Ueberzeugung von ihm oder von meinem Entſchluſſe einige Monate in dem einſamen, von der Welt entlegenen Winkel zuzubringen, wo dieſer Mann, welcher einem Biſchofſtuhle Ehre ma⸗ chen würde, als ein armer Comminiſter ſeine Tage verlebt“ „Arm?“ murmelte Frau Hedwig mit einem leiſen, ausdrucksvollen Kopfſchütteln—„o, er ſorgt ſchon da⸗ für, daß die Armuth draußen vor ſeiner Thüre bleibt!“ 82 2. Mutte mir n zu rei vielleic mir me auf eit rege m entgege Mann ſala au und er Vor⸗ Erlöſer Namen enn Du der un⸗ entweiht Manne, d eigen⸗ nen An⸗ ott mein 82 nit dieſen heilig— d haben, n werden, m Stande ilen!“ che Macht t ſchon da⸗ ure bleibt“” 20⁵ „Noch nie habe ich gehoͤrt, daß meine geliebte Mutter ſo harte Urtheile gefällt hat!... Doch ſage mir nun auch, wie Du ahnen konnteſt, daß ich zu Grave zu reiſen beabſichtigte?“ „Es war theilweiſe nur meine eigene Vermuthung; ich wußte ja, daß Du ſeit längerer Zeit mit die ſem Manne in Verbindung ſtehſt, und Du entſinnſt Dich vielleicht, daß Du einmal bei dem Beſuche, den Du mir machteſt, da Du Oernwik verließeſt, ſeinen Namen auf eine Weiſe ausſprachſt, die meine Aufmerkſamkeit rege machte; und obgleich Du meinem Vertrauen nicht entgegen kommen und geſtehen wollteſt, daß er derjenige Mann iſt, der ſeit Deiner erſten Studentenzeit in Up⸗ ſala auf Dich eingewirkt hat, ſo ahnte ich es dennoch, und habe mir darum einige Nachrichten über ihn zu verſchaffen geſucht, die unglücklicher Weiſe die Meinung, welche ich ſchon von ihm hatte, nur allzuſehr beſtätigen. Doch es war nicht nur meine Vermuthung, daß Du zu dem Paſtor Grave wollteſt, auch Leonard ahnte es und er ſchrieb mir davon in demſelben Briefe, worin er mir ſeine Verlobung meldete.... Doch davon her⸗ nach!.... Genug, er regte den vorher gefaßten Ver⸗ dacht noch mehr an; ich verließ meine Einſamkeit und meine alte, liebe Monika, deren troſtreiche Liebe mir das beſte Reſultat meiner Reiſe gelobte, und kam hier an, um— eine abſchlägige Antwort zu erhalten.“ „Die aber doch durch den Beifall gemildert wurde, der Dein wichtigſtes Begehren erhielt, meine liebe Mut⸗ ter. Selbſt Monika, die alte, gute Seele, wird Dich überzeugen können, daß ein ſechsmonatlicher Aufſchub, eine ſechsmonatliche Entfernung von dem Ziele, dem ich mich zu nähern vor Begierde brenne, von meiner Seite eine Aufopferung iſt, die nur eine Mutter wie die mei⸗ nige von der tiefen Ehrfurcht ihres liebenden Sohnes erhalten konnte.“ Dieſe Worte, welche Juſtus in dem innigſten, über⸗ zeugendſten Tone ausſprach, und die er mit einer Um⸗ armung begleitete, banden Frau Hedwigs Zunge. Sie ſeufzte, ſchwieg, und lehnte ihr Haupt an einen Sohn, für welchen ſie ſo viele Jahre lang gebetet und gear⸗ beitet, über den ſie in frohem Mutterſtolze ſich gefreut, und über welchen ſie nun in den letzten Jahren ſo viel geweint und gelitten hatte. „Meine gute, geliebte Mutter! iſt es denn nicht ſchön, an die unzähligen Segenswünſche zu denken, die dereinſt auf Deinen Juſtus und von ihm auf Dich zurück⸗ fallen werden? Iſt er nicht herrlich, groß, göttlich, dieſer Beruf, der meiner wartet, und iſt nicht Deine Seele, meine theure Mutter, groß genug, um einige Augenblicke irdiſcher Freude den armen Weſen opfern zu können, die Dir einſt im Himmel für Deine Auf⸗ opferung danken werden?“ „Schwärmer! ich muß Dir meine Ohren verſchlie⸗ ßen! Da ich von Dir nicht mehr gewinnen kann, als ich ſchon gewonnen habe, ſo laß uns auch heute Abend nicht mehr von einer Sache reden, die ſich nicht ändern läßt! Wir reiſen ja morgen mit einander! Du begleiteſt mich nach Hauſe...o mein Gott, wie wird ſich Mo⸗ nika freuen!“ „Ja, meine Mutter, ich begleite Dich erſt ordent⸗ lich und ſicher nach Hauſe, und bleibe dann etwa vier⸗ zehn Tage bei Dir, ehe ich mich in andere Gegenden begebe.“ „Es iſt heute Abend wohl zu ſpät, um Leonards Braut zu beſuchen?— Der gute Junge wäre mir ge⸗ wiß entgegen gekommen, wenn er eine Ahnung von meiner Reiſe gehabt hätte— doch morgen.... Ich glaube faſt, wir müſſen unſre Reiſe um einen Tag auf⸗ ſchieben; denn ich möchte gerne dieſes klarſehende junge Mädchen näher kennen lernen, welche meinen guten Leonard dreien andern Freiern vorzog. Gewiß iſt, daß ſie ihre Wahl, da ſie nun einmal gemacht iſt, nie be⸗ reuen wird.“ 6 5 leiſer, wigs würde wäre. ſten in zu hab jetzt v nicht a beherrſ was we niß noc Ei regen nicht bi Leonard, billigten beſſer, ette die er Um⸗ 2. Sie Sohn, d gear⸗ gefreut, ſo viel nn nicht ken, die h zurück⸗ göttlich, zt Deine m einige n opfern ine Auf⸗ verſchlie⸗ begleiteſt ſich Na⸗ ſt ordent⸗ ſtwa vier⸗ Gegenden Leonards e mir ge⸗ ung von 207 „Das wollen wir hoffen!“ antwortete Juſtus mit leiſer, aber doch ruhiger Stimme; hätte aber Frau Hed⸗ wigs Haupt jetzt an der Bruſt des Sohnes geruht, ſo würde ſie geglaubt haben, er litte an Eklampſie, und wäre Juſtus nicht gewohnt geweſen, auch bei den ſtärk⸗ ſten innern Stürmen die Geſichtszüge in ſeiner Gewalt zu haben, wo ſolches nothwendig war, ſo würde er ſich jetzt verrathen haben. Doch er verrieth ſich nicht, denn nicht allein ſein eigener Vortheil forderte dieſe Selbſt⸗ beherrſchung, ſondern auch die Ruhe ſeiner Mutter— was wäre wohl daraus geworden, wenn dieſe Betrüb⸗ niß noch zu allen übrigen gekommen wäre. Einſehend, daß es eine gerechte Aufmerkſamkeit er⸗ regen konnte, wenn er den Vorſchlag ſeiner Mutter nicht billigte, den ſowohl ihre mütterliche Pflicht gegen Leonard, als auch ihre von der Reiſe angegriffenen Kräfte billigten, fuhr er augenblicklich fort:„Das iſt um ſo beſſer, als ich eigentlich das Bedürfniß fühle, dieſe Nacht ein paar Stunden zu ruhen, was ich aber ge⸗ zwungen geweſen wäre zu unterlaſſen, um einige von den Rechnungen der Kirche zu vollenden, die ich vor meiner Abreiſe in Ordnung gebracht haben muß. Mor⸗ gen, wenn ich Dich zu Frau Waller gebracht habe, bleibt mir dazu, ſo wie auch zu einigen andern kleinen Geſchäften, die mir noch übrig ſind, Zeit genug übrig.“ Dieſe kleine Erklärung klang allzu natürlich, als daß ſie das geringſte Mißtrauen hätte erregen können; und nachdem Juſtus ſeine Mutter in das Wirthshaus zurückgeführt, ihre Abendmahlzeit beſorgt, und mehrere Stunden, bis ſchon die halbe Nacht verfloſſen war, bei dieſer zärtlichen Mutter zugebracht hatte, verließ er ſie in dem Glauben, daß auch er nach Hauſe ging, um zu ruhen. Wie Juſtus ruhte, iſt leicht zu erachten, doch äu⸗ ßerte die Anweſenheit der Mutter dieſelbe wohlthätige Wirkung wie Cvelyns; ſie hielt die Leidenſchaften und die Anfechtungen in einem beſchränkteren Raume gefeſſelt. Neunzehntes Kapitel. Was ſich am folgenden Tage bei Frau Waller zu⸗ trug, braucht nur in der Kürze angedeutet zu werden. Frau Hedwig, welche von der Mutter mit der höchſten Artigkeit und von der Tochter mit der innigſten Rührung empfangen wurde, fand die Braut über alle Beſchreibung liebenswürdig und einnehmend, denn heute wollte Conſtance noch einmal einnehmend und liebens⸗ würdig ſein. Sie wollte nicht allein der Mutter ihres Verlobten gefallen, ſondern beſonders der Mutter des Mannes, deſſen ſtarker Geiſt den ihrigen zu der ſeligen Höhe em⸗ porgehoben hatte, auf welcher ſie jetzt ſtand. Doch aus Inſtinkt enthielt ſich Conſtance, von Juſtus in einer andern Eigenſchaft zu reden, als in der ihres künftigen Verwandten; und recht ſchlimm war ſie nur ein einziges Mal daran, als nämlich Frau Hedwig ſelbſt ſagte: „Sage mir doch, meine geliebte Tochter— denn dieſen Namen gebe ich Dir ſchon jetzt— mißbilligſt Du nicht den fanatiſchen Vortrag des Juſtus? Ich habe zwar ſelbſt noch nie die Freude gehabt, ihn auf der Kanzel zu ſehen und zu hören; doch weiß ich, daß ſeine edle, warme und ſchwärmeriſche Seele ſich da auf eine Weiſe ergießen muß, welche gewiß für viele Zuhörer gefähr⸗ lich geweſen iſt.“ „Ich glaube gewiß, daß Conſtance das auch weiß entgegnete Frau Waller,„denn“.. Ein ſchneller, ihr von der Tochter geſendeter, zu gleicher Zeit bittender und unzufriedener Blick hinderten die Mutter, ihren Satz ſo zu vollenden, wie ſie wohl beabſichtigt haben mochte, und ſie änderte. ihn daher folgendermaßen ab: ‚denn ſie hat oft Gelegenheit gehabt, ihn zu hören.“ junges Mann ſteht. ter ha F dem ſi licher menſch für De dann a wir nä den ſin ich in? Leonard Juſtus aller zu⸗ werden. mit der innigſten über alle enn heute liebens⸗ Verlobten Mannes, Höhe em⸗ Doch aus in einer künftigen n einziges bſt ſagte: henn dieſen Du nicht abe zwar 3 Annp ſeine edle, eine Weiſe er gefähr⸗ 209 „Und mein Urtheil“— Conſtance blickte Frau Hed⸗ wig offen und herzlich in die Augen—„iſt dieſes: ein junges, unerfahrenes Mädchen kann unmöglich einen Mann beurtheilen, der ſo wie er zwiſchen zwei Parteien ſteht. Nur Gott, ſein eigenes Gewiſſen und ſeine Mut⸗ ter haben das Recht, ein Urtheil über ihn zu fällen.“ Frau Hedwig küßte Conſtances ſchöne Stirne, in⸗ dem ſie freundlich erwiederte:„Obgleich er als Geiſt⸗ licher und öffentlicher Redner dem Ürtheile ſeiner Mit⸗ menſchen unterworfen ſein muß, ſo danke ich Dir doch für Dein Feingefühl, meine Tochter! Wir wollen erſt dann auf den Gegenſtand wieder zurückkommen, wenn wir näher mit einander bekannt und vertrauter gewor⸗ den ſind— und das wollen wir ſchon werden, wenn ich in Deine neue Heimath komme oder Du mit Deinem Leonard in das kleine Haus kommſt, in welchem er und Juſtus ihre Kinderjahre verlebt haben.“ „O, wie ſehne ich mich dahin!“ rief Conſtance mit einer Lebhaftigkeit, die vielleicht für Leonards ruhige Braut allzu groß war. Juſtus, der ſeine Mutter in Frau Wallers Woh⸗ nung geführt hatte, holte ſie auch am Abende von vort wieder ab; doch zuſammengelegt betrug dieſe Zeit nicht mehr, als eine einzige Stunde, und dieſe Zeit verfloß in gewöhnlichen, bedauernden Ergießungen, daß ſeine Geſchäfte ihm nicht erlaubten, den ganzen Tag in dem Familienkreiſe zu verleben. Am folgenden Morgen ging der Abſchied von Con⸗ ſtancen unter den Augen ſeiner Mutter vor ſich und war daher ſo, wie er zwiſchen einem künftigen Schwa⸗ ger und einer Schwägerin ſein mußte, aber doch ver⸗ ſtärkt durch einige redende Blicke und einige myſtiſche Worte, welche ſie an den Gruß an„Amplia, meine Liebe in dem Herrn“ erinnerten, den Juſtus an jenem merkwürdigen Abende ceitirt und mit den Winden zu überſenden verſprochen hatte. Und eben ſo wohl, wie Eine Nacht am Bullarſee. I. 14 210 Conſtance die halbe Erinnerung daran auffaßte, eben ſo ſchnell und myſtiſch wußte ſie einen Wink von dem Gruße an„Rufum, den Auserwählten in dem Herrn“ wiederzugeben, welche ſie mit den wiederkehrenden Win⸗ den zurückzuſenden verſprochen hatte. In dieſem unheiligen Mißbrauche, die bibliſchen Sprüche ſelbſt zu Dolmetſchern einer verheimlichten Lie⸗ besflamme zu machen, lag ein unnennbarer Zauber für dieſe beiden Menſchen, von denen die Eine ihre Ver⸗ irrung noch nicht kannte und der Andre darnach ſtrebte, ſie unter dem Mantel der Heiligkeit zu verbergen. „Dieſes edle Mädchen wird das Haus meines red⸗ lichen Leonard zu einem irdiſchen Paradieſe machen!“ weiſſagte Frau Hedwig. Juſtus antwortete:„Ja, wenn nämlich ein Para⸗ dies auf Erden blüht!“ Der Anblick der alten theuren Heimath, des ſtillen, friedlichen Hauſes unter dem Hügel, auf welchem er als Knabe ſo manchen frohen und wehmuthsvollen Traum geträumt hatte, ſtimmte die Seele und das Gemüth unſers Juſtus um in einen Heimathston, in einen Ton voller Frieden und Glück. Der Anblick der theuren, freundlichen, mütterlichen Monika, die nie alterte, we⸗ nigſtens nicht, was das Gemüth betraf, erweckte in ihm alle friſchen Bilder ſeiner Kindheit, und faſt hätte er noch einmal das alte Lieblingslied der alten Monika ge⸗ ſungen: „Alonzo, den Tapfern, ſo nannte man ihn, Und ſie Imogene die ſchöne!“ Was Monika ſelbſt betrifft, ſo konnte nichts der innigen, herzenswarmen Freude gleich kommen, die ſie empfand, ihren Liebling, ihren lieben, lieben Juſtus, wiederzuſehen, welcher trotz ſeiner prieſterlichen Wuͤrde und ſeines heiligen Miſſionsberufes, vor welchen beiden Moni vertre trauli in ſei 6 Frau Kinde haben frieden volles Wande 4 7 vertran vertau Grübel machen Himme ſtab en e, eben von dem Herrn“ hen Win⸗ bibliſchen hhten Lie⸗ auber für hre Ver⸗ ch ſtrebte, gen. eines red⸗ machen!“ ein Para⸗ des ſtillen, em er als ihn 7 nichts der en, die ſie ben Juſtus, en Würde chen beiden 241 Monika tiefe Ehrfurcht empfand, ſich mit der früheren, vertraulichen Behandlung begnügen mußte. Dieſe Ver⸗ traulichkeit war auch ſeine Freude, denn ſie hüllte ihn in ſeine glücklichſten Erinnerungen ein. Doch ſchon nach einigen Tagen verſtanden ſowohl Frau Hedwig als auch Monika, daß die friſchen, frohen Kinderbilder in der Geſellſchaft des Juſtus keine Ruhe haben würden; er war gleich zärtlich, dankbar und zu⸗ frieden wie in den erſten Stunden, doch ſein gedanken⸗ volles Auge verkündigte, daß ſeine Seele ihre irrenden Wanderungen wieder begonnen hatte. „Ach, lieber Herr Juſtus, bat Monika, die den vertraulichen Namen nie ablegte und mit„Magiſter“ vertauſchte,„ſchlagen Sie ſich nun einmal alle dieſe Grübeleien aus dem Sinne, die einem wirklich bange machen können! Herr Juſtus wird wohl ſogar noch im Himmelreich über etwas zu grübeln haben.“ „Ja, ja, Monika, das kann wohl kommen,“ meinte Juſtus erröthend,„wenn nicht Deine Gebete und die meiner Mutter mich aus den Feſſeln erlöſen, die ich vielleicht ſelbſt dahin mitnehme. „Ach ſo, Herr Juſtus! Sind Sie ein Prediger und reden mir wie ein armer Gefangener davon, Feſſeln mitzunehmen? Soll nicht der los und ledig ſein, der in dem Saale unſers Herrn Raum erhält, ſo habe ich es wohl niemals richtig verſtanden.“ „O, Monika, Du hältſt Dich zu ſtreng zum Buch⸗ ſtaben— willſt Du denn nicht der Einbildung auch etwas geſtatten?“ „Nein, ſehen Sie, das laß ich bleiben— und das ſage ich Ihnen, Herr Juſtus! wenn Sie mir nicht nach dem Buchſtaben predigen, ſo...!“ „Nun ereiferſt Du Dich, alte, liebe Monika! Weißt Du denn nicht: Der Buchſtabe tödtet, aber der Geiſt macht lebendig?“ „Ja, Sie ſind mir ſo recht ein lebendiger Geiſt!“ murmelte Monika, ein wenig ärgerlich, daß ſie ſich nicht ſo ausdrücken konnte, wie ſie wollte,„und das ſage ich Ihnen, Herr Juſtus, daß Sie mir nur nicht den Buchſtaben verachten, ſondern ſich und Andre darnach halten, denn da weiß Einer doch wenigſtens, woran er ſich hält!“. „Sei überzeugt, Monika, daß er Dich verſteht!“ ſiel Frau Hedwig ein, welche ſah, daß auf der gerun⸗ zelten Stirn ihrer alten Dienerin eine Wolke von Un⸗ ruhe aufſtieg.„Er wird ſchon beide Theile zu vergleichen wiſſen!“ „Sieh, die Mutter verläugnet ihren Sohn nicht!“ ſagte Juſtus mit ſanftem Lächeln und einem Blick, worin Frau Hedwig ſeine ganze ſeelenvolle ſohnliche Liebe abgeſpiegelt ſah. Ach, wie glücklich war Frau Hedwig, ſo lange es ihr noch geſtattet war, ſich in dieſem Blicke zu ſpiegeln! .. Doch die Augenblicke eilten dahin, und bald legte der Schmerz des Abſchiedes ſein Gewicht auf die warme Mutterbruſt. ½2 as ſage cht den darnach oran er V erſteht!“ I gerun⸗ von Un⸗ egleichen Kngt. Siebentes Buch. ſohnliche— lnge e ſpiegeln 2 ald legte Der Frömmler. pdie warme Religion iſt eine ſchöne Fabel, Erfunden nur, das Volk in Zaum zu halten— Mein Gott iſt nur mein Ich, wenn es genießt. Franzén. 1 erkenn keit v die Co ſich v und do auf ei David und ac 1 ein, y Favori heit ſo fallen; wenige eines urtheil D Gedan Du nu mit de abzube zutheile licher„ 7/* Du dig . über e die Fr Zwanſigſtes Kapitel. „Ich bin mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, zu erkennen, daß ich dieſe intereſſante und gebildete Artig⸗ keit vielleicht einiger Maßen verdient habe!“ äußerte die Conſulin, indem ſie mit ihrer vornehmſten Würde ſich von ihrem Manne an Mamſell Charlotte wendete und darauf wieder ihren Kopf ſenkte, um die Augen auf einem offenen Briefe ruhen zu laſſen.„Indeſſen, David, mein Freund, iſt und bleibt es doch ſehr artig und achtungswerth, daß er auf dieſe Art daran denkt!“ „Das iſt wahr, Nelly, es iſt ſehr artig!“ „Aber dafür koͤnnen auch,“ ſiel Mamſell Charlotte ein, welche noch immer unverändert die Stelle einer Favorite beibehielt,„wenige Perſonen mit ſolcher Sicher⸗ heit ſolche Worte äußern, wie Ihro Gnaden ſie eben fallen zu laſſen beliebten— und vielleicht gibt es auch wenige Perſonen, die eben ſo gut wie er den Werth eines edlen und uneigennützigen Wohlwollens zu be⸗ urtheilen und zu ſchätzen verſtehen.“ Die Conſulin nickte majeſtätiſch.„Du drückſt Deine Gedanken nicht übel aus, mon amie! Doch beliebſt Du nun zu meiner Tochter der Freiherrin zu ſchicken, mit der Bitte, daß ſie die Güte haben möchte, ſich her⸗ abzubemühen zu ihrer Mutter, welche ihr etwas mit⸗ zutheilen hat— denn dieſe delikate Sache muß natür⸗ licher Weiſe durch mich kommen!“ „Oder auch durch ihren Mann, liebe Nelly, wenn Du die Sache für ſo delikat hältſt.“ „Mein Freund, Du erlaubſt wir wohl, daß ich dar⸗ über entſcheide! Geh, Charlotte— es iſt mein Wunſch, die Freiherrin ſo bald als möglich zu ſehen!“ Nach einigen Minuten kam Manſelle Charlotte mit einer Entſchuldigung von dem Baron zurück; die Frei⸗ herrin hätte ſich am Nachmittage nicht ganz wohl be⸗ funden, weßhalb der Baron nicht wagte, ſie durch die kalten Corridore und Treppen gehen zu laſſen. „Mein Gott, wie unvorſichtig, unpäßlich zu ſein, und mir, ihrer Mutter, kein Wort zu ſagen! Doch will ich hoffen, daß nur mein lieber Herr Baron ſich der⸗ gleichen in ſeiner Zärtlichkeit einbildet— es pflegt eben nicht Evelyns Art zu ſein, ſich ſchlecht zu befinden. In⸗ zwiſchen, liebe Charlotte, muß ich Dich bitten, noch einmal hinzuſchicken und anmelden zu laſſen, daß ich um eine Viertelſtunde meine Tochter zu beſuchen wünſche.“ „Welche unnöthigen und ſonderbaren Umſtände Du doch erfinden kannſt, Nelly! Wenn Evelyn ſich nicht wohl befindet, ſo ſollte ich meinen, Du könnteſt ohne weiteres zu ihr hinauf gehen; das paßt am Beſten zwi⸗ ſchen Mutter und Tochter.“ „Für die Conſulin Löwe und ihre Tochter, die Frei⸗ herrin von G— aber paßt es beſſer, die Formen der Convenienz zu beobachten. Man iſt gezwungen, einige Rückſicht auf ſeine Stellung zu nehmen!“ „Wenn das Deine Meinung iſt, Nelly, wenn es Deine aufrichtige Ueberzeugung iſt, daß man gezwungen iſt, Rückſicht auf ſeine Stellung zu nehmen, ſo laß uns doch in Gottes Namen, wenn auch auf eine andere Art, auf die unſrige Rückſicht nehmen! Ich bin es nun ſo herzlich müde, dasjenige zu ſein, was man einen vor⸗ nehmen Mann nennt, daß mich ſowohl aller dieſer Plun⸗ der, der uns umgibt, als auch das geſchäftsloſe und unerträgliche Leben, das ich führe, anekelt. Jetzt, da Dein hoͤchſter Wunſch erfüllt iſt, daß Evelyn Freiherrin genannt wird, und ſie, Gott ſei Lob und Dank! einen in jeder Hinſicht achtungswerthen und braven Mann bekommen hat, ſo weiß ich wahrhaftig nicht, warum wir hier wie ein paar alte Narren gehen und uns von den Leuten heimlich auslachen laſſen wollen... Ich ſehe es Di hatte der B Brief, len, man l — hol men, d otte mit ie Frei⸗ vohl be⸗ urch die zu ſein, doch will ſich der⸗ egt eben den. In⸗ en, noch aß ich um vünſche.“ tände Du ſich nicht iteſt ohne eſten zwi⸗ die Frei⸗ rmen der n, einige wenn es gezwungen o laß uns ndere Art, es nun ſo einen vor⸗ heſer Plun⸗ ftsloſe und Jetzt, da Freiherrin ank! einen den Mann t, warum Id uns von .. Ich ſehe 217 es Dir an, Nelly, daß Du ungeduldig wirſt; ich aber hatte es mir ſchon vorgenommen, mit Dir zu reden, ehe der Brief kam, und darum will ich, daß weder der Brief, noch Dein Beſuch bei Evelyn mich hindern ſol⸗ len, rein von der Leber weg zu ſprechen. Spuckt man lange auf einen Stein, ſo wird er naß, geht der Krug lange zu Waſſer, ſo zerbricht er. Du haſt nun zwei Jahre lang nichts anderes gethan, als mir Vor⸗ leſungen gehalten über Bildung und Ton und Takt und Welt und lauter ſolchem Plunder, von denen wir beide gerade gleichviel verſtehen; jetzt aber bin ich's müde — hol' mich der Henker, Petronella, nun bin ich's müde!“ „Mein Freund,“ fiel die Conſulin mit großer Sanft⸗ muth ein,„ich fürchte, Du befindeſt Dich nicht ganz wohl! Ich habe wirklich ſchon ſeit lange einige kleine Symptome an Dir bemerkt, die mich einen unglücklichen Zuſtand in Deiner Organiſation ahnen laſſen!“ „Das iſt wahr, Nelly! ich befinde mich nicht wohl; es iſt wahr, ich leide an Leib und Seele, und gewiß werde ich binnen Kurzem vor Langeweile ſterben, wenn wir nicht dieſem Elende ein Ende machen!“ „Ohne Zweifel wird Dir, mein Freund, der Doctor eine Brunnenkur, Pyrmonter oder dergleichen, verſchrei⸗ ben, und zu gleicher Zeit wird es wohl nöthig ſein, daß wir ein heilſames und wohlthätiges Bad beſuchen.“ „Ja, mich von dem Brunnen zum Bade ſchleppen — das iſt alles einerlei; denn Du willſt Deinen Ton und Deine verrückten Dummheiten überall haben, wo⸗ hin Du kommſt... nein, das taugt nicht! Wenn Du noch einen kleinen Reſt Deiner alten Liebe übrig, haſt, ſo laß uns Oernwik verlaſſen und in irgend eine See⸗ ſtadt ziehen. Da Du die Stadt nicht leiden kannſt, in welcher wir ſo glücklich waren und ſo vortheilhafte Ge⸗ ſchäfte machten, ſo magſt Du wählen, welche Dir am beſten anſteht— laß mich nur wieder die Seeluft ath⸗ men, die Werfte beſuchen, mit den Schiffern, Matroſen 4 G 1 I 218 und Leuten plaudern, die ich verſtehe, und zum Ver⸗ gnügen wieder ein Paar Schuten haben!“ Jetzt erblaßte die Conſulin, denn die Krankheit ihres Mannes nahm einen allzu unangenehmen Charakter an. „Mein lieber Löwe! Du leideſt an Hypochondrie, mein Freund, und damit ſind fixe Ideen verbunden, die man nicht loswerden kann— hätteſt Du eine geſunde Or⸗ ganiſation, ſo verſieleſt Du nicht auf dergleichen. Du, der Beſitzer des ariſtokratiſchen, magnifiken Oernwik, der Schwiegervater eines von den Baronen des Reichs, verwandt mit einer der edelſten Familien und in intimem Umgange mit der vornehmſten Societät, Du wollteſt vielleicht in dem alten leinenen Kittel in einer Werfte auf und ab patſchen und mit den Seeleuten plaudern? Mein beſter Löwe, mein lieber, theurer David, glaube mir— Du biſt krank, ſehr, ſehr krank!“ „Ja, ja, Nelly; aber Du biſt Schuld daran: wäre nicht Deine unſelige und unerſättliche Eitelkeit ge⸗ weſen...“ „David!“ rief die Conſulin feierlich aus,„ich bin es mir ſelbſt ſchuldig, Dich nicht ein Haarbreit weiter gehen zu laſſen! Es gibt Gränzen, die ſelbſt ein Kran⸗ ker nicht überſchreiten darf, und mein Gewiſſen ſagt mir, daß nur eine Art von Fieberphantaſie Deine jetzi⸗ gen Aeußerungen entſchuldigen kann. Ich bin gleich⸗ wohl allzu erhaben über alle Kleinlichkeiten, als daß ich darauf etwas geben ſollte: wenn Deine Laune beſfer wird, ſo weiß ich, daß Du ſelbſt es bereuſt... doch nun laß uns dieſen peinigenden Gegenſtand abbrechen: es iſt Zeit, daß ich meine Tochter beſuche. Nimm Du Deine Karten, mein Freund, und vertreibe die Zeit mit Deiner lieben Patience!“. Die Conſulin ſtand auf und ging hinaus, indem ſie artig mit der Hand winkend ihren Mann grüßte, welcher am Ofen ſtehen blieb. „Sie iſt ſo in ihrer Bezauberung,“ ſagte der arme Mann,„daß weder Vernunft, noch Drohungen oder Bit⸗ ten fi leiſe zehren eine es wa wik hi Zimme an der D Fehlgr Gattin ſcheinli Auszah iſt eine wenn ſi dern ga gerichtet Kante il ſternd z geſchält Evoa immer i len; do ſchob lei als ſie 1 ihres M ſo ſchnei intimem wollteſt r Werfte laudern? d, glaube ſan: wäre elkeit ge⸗ „ich bin eit weiter ein Kran⸗ iſſen ſagt eine jetzi⸗ rin gleich⸗ ls daß ich ine beſſer ... doch abbrechen: Nimm Du Zeit mit 1s, indem n grüßte, der arme oder Bit⸗ — 219 ten ſie herausreißen! Petronella, Petronella!“ fuhr er leiſe fort und mit einer Rührung, die ſeinen durch die zehrende Langweile und Unthätigkeit eingefallenen Zügen eine unausſprechliche Betrübniß verlieh,„Petronella, es war ehemals anders! Gerne gäbe ich ganz Oern⸗ wik hin, wenn ich nur wieder in dem kleinen blauen Zimmer ſitzen könnte, wo die Silhouetten meiner Eltern an der Wand hingen!“ Der Conſul Löwe bezahlte theuer den begangenen Fehlgriff, als er glaubte, das Glück läge da, wo ſeine Gattin daſſelbe mit grellen Farben ausmalte; und wahr⸗ ſcheinlich konnte es nicht lange dauern, ſo mußte er die letzte Auszahlung hier in der Welt thun— die Langweile iſt eine Krankheit, welche nicht ſo leicht vorübergeht, wenn ſie im Herzen ſitzt. In einem kleinen Salon, worin Behaglichkeit und Bequemlichkeit ſich vermählt hatten— denn dieſer Sa⸗ lon war nicht nach den Vorſchlägen der Conſulin, ſon⸗ dern ganz nach dem Geſchmacke des Barons Max ein⸗ gerichtet— ſaß Evelyn in einem Ruheſeſſel, über deſſen Kante ihr Mann ſich herabbeugte, und ſie zärtlich flü⸗ ſternd zu überreden ſuchte, einen Apfel zu eſſen, den er geſchält hatte und ihr auf einer Meſſerſpitze hinreichte. Evelyn liebte vor allem Obſte die Aepfel und pflegte immer in der Herbſtdämmerung einen ſolchen zu ſchä⸗ len; doch heute Abend wollte es nicht ſchmecken. Sie ſchob leiſe die Hand zurück, welche ihr den Apfel bot; als ſie aber das kleine Mißvergnügen auf dem Antlitze ihres Mannes gewahrte, ſo ſagte ſie freundlich:„Nun ſo ſchneide denn ein kleines Schnittchen ab!“ „Dank, geliebte Evelyn! Nun eſſe ich mit gutem Appetit das Uebrige ſelbſt, und dann will ich, wenn Du beliebſt, Dir etwas vorleſen... doch das iſt wahr: Mutter kommt gleich herauf; ich habe Dir noch nicht geſagt, daß ſie herſchickte und Dich bitten ließ, hinun⸗ terzukommen.“ „Das habe ich nicht gewußt!“ „Da Du unpäßlich warſt, ſo wollte ich Dich nicht gehen laſſen! doch nun haben wir wohl bald.... o, ſieh, da haben wir ja die Mutter!“ Der Baron klin⸗ gelte, ließ Licht bringen und bot ſeiner Schwiegermutter einen Stuhl neben ſeiner Frau an. „Ich hoffe, Du biſt nicht ernſtlich krank, mein Evelynchen— Du, mein guter Mar, wirſt auch allzu leicht unruhig!“ „Ich glaube nicht, daß ich krank bin,“ entgegnete Evelyn,„es iſt nur eine Unruhe, eine Art von Froſt im Herzen.“ „Nichts anders, mein Kind?— Das bedeutet ge⸗ wiß nichts, gar nichts!“ „Aber es peinigt mich,“ antwortete Evelyn;„es iſt, als würde ein Unglück kommen!“ „Nichts als Einbildung, und ich bin überzeugt, daß Dein Gemahl Dir das auch ſchon geſagt haben wird... Aber Du fragſt nicht, was ich ſo à propos von Dir wollte?“ „Wir ahnten nicht, daß von etwas Beſonderem die Frage war!“ ſagte der Baron, welcher ſah, daß Eve⸗ his Augenlieder ſich müde über die ſchönen Augen egten. „Ja, es iſt wirklich etwas Beſonderes, doch will ich hoffen, daß es keines Menſchen Feingefühl beleidi⸗ gen ſoll.“ Verwundert durch dieſe Einleitung, erwartete der Baron Max mit der größten Aufmerkſamkeit die Fort⸗ ſetzung. Evelyn aber ſchien vollkommen gleichgültig zu ſein. Die Conſulin fuhr fort:„Ich ſage mit Fleiß „Feingefühl;“ denn es iſt meine Pflicht, die ausgedehnte Bedeutung dieſes Wortes zu erkennen. Mit demſelben iſt aber auch alles geſagt, was dazu erforderlich iſ daß e ſchuldi in An inhalte hinun⸗ ermutter k, mein nuch allzu ntgegnete von Froſt deutet ge⸗ lyn; nes überzeugt, agt haben à propos onderem die „daß Cve⸗ nen Augen , doch will fuhl beleidi⸗ rwartete der eit die Fott⸗ gleichgültig e mit Fleß ausgedehntt dit demſelben forderlich iſ⸗ 4 221 daß ein Jeder ſich erinnern mag, was er ſich ſelbſt ſchuldig iſt. Ich habe einen Brief erhalten, der zwar in Anſehung ſeiner Zeilen nur kurz iſt, ſonſt aber ſehr inhaltsreich, weil er zeigt, daß ſich bei gewiſſen Per⸗ ſonen die Dankbarkeit und Hochachtung immer in ſeiner Friſchheit beibehält.“ „Gewiß von Mademoiſelle Conſtance?“ „Nein, mein Herr Schwiegerſohn! nicht von ihr — ſie hat ja neulich ihre Verlobung avertirt. Dieſer Brief iſt von...“ Die Conſulin ſah ein, daß ſie ihrem feinen Takte einiges Räuspern ſchuldig wäre; doch eben ſo ſchnell beſann ſie ſich auch, daß Evelyn's Schwiegermutter, die Freiherrin von G—, bei ihrem letzten Beſuche über das Räuspern geſagt hatte, es wäre nicht nur die langweiligſte, ſondern ganz gewiß auch die abgenutzteſte von allen Vorbereitungsformeln, und darum änderte ſie auch ſchnell ihr Vorhaben und ſagte ganz kurz:„Nun ja, es iſt wohl nicht ſo wunder⸗ lich, wenn ich von Carl's Ergouverneur, dem Magiſter Carleborg, einen Brief erhalte.“ Evelyn fuhr ſo heftig zuſammen, daß ſie vom Stuhle aufſprang, und Baron Mar, der die Augen auf ſeine Frau gerichtet hatte, erröthete bis über die Ohren. Dennoch ſchien er ganz ruhig zu ſein, als er ſagte: „Ich weiß nicht, wer eine ſo einfache Sache wunderlich finden kann. Vielleicht nimmt er ſein Verſprechen zu⸗ rück, das er mir und Evelynen vor einiger Zeit gab?“ Evelyn's Blick war noch immer geſenkt; doch an den Zuckungen ihrer Augenlieder konnte man abnehmen, daß ihre Gleichgültigkeit aufgehört hatte, und daß ſie mit geſpannter Aufmerkſamkeit lauſchte. „Nein, im Gegentheile bekräftigt er es. Wenn Deine Nerven es erlauben, liebe Evelyn, das Leſen zu hören“(o wie bewunderte die Conſulin jetzt ihre be⸗ wunderungswürdige Feinheit)„ſo will ich ihn vorleſen.“ Baron Mar ſchien die Abſicht zu haben, etwas zu antworten; doch Evelyn hatte die Sache ſchon entſchie⸗ den mit einem:„Ich bin ja nicht im Allergeringſten nervenſchwach!“ Mar ſah leicht ein, daß der geringſte Widerſtand von ſeiner Seite Evelyn in eine noch grö⸗ ßere Reizbarkeit verſetzen würde; er ſchwieg daher in der Hoffnung, daß der Brief, als an die Conſulin ge⸗ ſchrieben, nichts Gefährlicheres enthalten konnte, als die bloße Gewißheit, daß er angekommen wäre. „Wie es Euch beliebt, meine Kinder!“ äußerte die Conſulin, indem ſie mit tiefer Betonung zu leſen begann: „Hochgeehrte Frau! („Die einfache, aber ausdrucksvolle Anrede zeugt von vielem Gefühl!“ unterbrach ſie ſich ſelbſt.) „Ein Jahr und neun Monate find verfſloſſen ſeit dem Augenblicke, da ich das Haus verließ, welches mei⸗ ner Erinnerung ſtets theuer bleiben wird. Der Fremd⸗ ling vergißt es nicht“(— ach, wie ſchoͤn er ſich aus⸗ drückt!—)„kann es nicht vergeſſen, daß er eine lieb⸗ liche, ſonnenbeglänzte Heimath fand“(— hörſt Du, Evelyn: eine liebliche, ſonnenbeglänzte Heimath!)„wo er nur das Recht hatte, eine höfliche Begegnung zu erwarten; er vergißt nicht, er kann nie vergeſſen die faſt mütterliche Gute, mit welcher Sie ihn umfingen, er iſt dankbar dafür und wird nie aufhören, es zu ſein. „Von der Sehnſucht ergriffen, noch einmal das mir ſo erinnerungsreiche Oernwik zu ſehen, kann ich dem Verlangen nicht widerſtehen, auf der Reiſe, welche ich jetzt anzutreten in Begriff ſtehe, die Herrſchaften zu beſuchen. Ich habe mir aber dieſe Freiheit nicht erlau⸗ ben wollen, ohne mich zuvor dem geneigten Andenken des Herrn Conſuls und der Frau Conſulin zu em⸗ pfehlen. „Wahrſcheinlich habe ich das Glück, meine perſön⸗ liche Aufwartung“(— das iſt ausgezeichnet ſchön ge⸗ ſagt!—)„ein Paar Tage nach der Ankunft dieſes Briefes zu machen. „Nebſt der Bitte, dem Herrn Conſul meinen Re⸗ ſpeet und dem Herrn Baron von G-— und ſeiner Frei⸗ herri abzuf achtu Frau ſagte überfli theilt „ zitterte bar— es Dir iſt, als denen d theilt; daß ich dieſe A eringſten re. ußerte die begann: rede zeugt Pſfe ſeit lches mei⸗ er Fremd⸗ ſich aus⸗ eine lieb⸗ hörſt Du, ath 9„wo egnung zu rgeſſen die umfingen; es zu ſein. nal das mir in ich dem welche ich ſchaften zu nicht erlau⸗ n Andenken lin zu em⸗ eine perſön⸗ et ſchoͤn ge⸗ kunft dieſes I meinen Re⸗ ſeiner Frei⸗ 223 herrin meinen ergebenſten und freundſchaftlichſten Gruß abzuſtatten, habe ich die Ehre, mit der tiefſten Hoch⸗ achtung und lebhafteſten Dankbarkeit zu verharren der Frau Conſulin verbundener „Juſtus von Carleborg.“ „Dieſer Brief verletzt gewiß das Feingefühl nicht,“ ſagte Baron Max;„ich meine nur, daß er ziemlich überflüſſig war, da er uns ſchon ſeinen Vorſatz mitge⸗ theilt hatte.“ „Mein lieber Max!“— die Stimme der Conſulin zitterte ein wenig und ſie ſelbſt erröthete nicht unmerk⸗ bar—„Du moͤchteſt möglicher Weiſe einſehen, wenn es Dir beliebt, daß dieſes nicht ganz ein und daſſelbe iſt, als wenn er uns, nämlich mir und meinem Manne, denen der Beſuch ohne Zweifel gilt, ſein Vorhaben mit⸗ theilt; und ich bin es mir ſelbſt ſchuldig, zu erkennen, daß ich mich ſehr gewundert haben würde, wenn er dieſe Artigkeit unterlaſſen hätte.“ „Nun, in ſolchem Falle,“ lächelte der Baron,„iſt es ja ſchön, daß Jedem Gerechtigkeit widerfahren iſt.. Vielleicht aber biſt Du müde, länger zu ſitzen, meine mrelhu⸗ Willſt Du Dich nicht ein wenig auf den Sofa egen?“ Der Baron reichte ſeiner jungen Frau die Hand, welche ſie mit einem gewiſſen Eifer ergriff; und als er ſie, ſeinen Arm um ihren Leib geſchlungen, zu dem Sofa führte, ſo fühlte er, wie ſie zitterte— in ſeinem Her⸗ zen zitterte der Schmerz und der unterdrückte Aerger, daß er Evelyn nicht hinwegzuführen wagte. Doch ſah er ein, daß je mehre Kräfte dieſer ſchweigenden Liebe entgegengeſetzt würden, deſto tiefer würde ſie Wurzel ſchlagen.„O!“ ſeufzte er bei ſich ſelbſt,„wäre doch det ſanatiſche Prieſter ſchon tief in den Wüſten von rika!“ „Ich hoffe, mein Evelynchen, Du wirſt nicht mit Unwillen einem Beſuche von Deinem alten Freunde und Nuſiklehrer entgegen ſehen?“ fragte die Conſulin.„Man —— — könnte aus Deinem Schweigen an etwas dergleichen denken!“ „Ach nein!“ rief Evelyn, und die Worte erhielten einen lieblichen ſchmachtenden Klang,„ich bin ſehr er⸗ freut darüber!“ „Nun, nun, der Mittelweg iſt der beſte, mein Kind, und da er ein Gaſt iſt in dem Hauſe Deiner Eltern und nicht in dem Deinigen, ſo brauchſt Du Dich nicht allzu ſehr zu geniren, wenn Du unpäßlich oder ſonſt nicht zu dem Geſellſchaftsleben aufgelegt ſein ſollteſt.“ Evelyn's Züge zeigten bei dieſen Worten eine Art von unbewußter Betrübniß, eine Unruhe, eine Furcht, die der ſtets wachſenden Aufmerkſamkeit ihres Gatten nicht entgingen.„Wir wollen hoffen,“ ſagte er,„Eve⸗ lyn wird vor der Ankunft des Magiſters ſo geſund ſein, daß ſie an den Vergnügungen der Geſellſchaft Theil nehmen kann!“ „Aber nun ſehe ich es Dir an, daß Du der Ruhe bedarfſt, mein Kind— lebe wohl, mein Evelynchen!“ — Die Conſulin küßte ihre Tochter auf die Stirn, reichte ihrem Schwiegerſohne die Hand und kehrte zu⸗ rück in ihre eigene Wohnung. „Alles ging vortrefflich!“ rief ſie ihrer Charlotte entgegen, ſobald ſie unter vier Augen waren; nund ich würde gegen mich ſelbſt höchſt ungerecht ſein, wenn ich nicht erkennen wollte, daß ich die Sache mit dem voll⸗ kommenſten Takte behandelte, der hier erforderlich war. Du kannſt glauben, mon amie, daß eine horrible Gei⸗ ſtesgegenwart dazu gehörte, weder zu viel noch zu wenig zu ſagen, ſondern nur gerade ſo viel, als noth⸗ wendig war, um Max zu benachrichtigen, daß, da ich die Sache übernommen hätte, er ganz ruhig ſein könnte, und um es Evelyn begreiflich zu machen— was mir auch wirklich gelang— daß ihre Würde es heiſchte, ſich auf keine Weiſe decontenencirt zu zeigen. Mit einem Werie; 6s war ein Caſus und erforderte... erfor⸗ derte.. ** 71 und ie nun e ſeiner göttlich die gel „2 wunder Würde De gleichen rhielten ſehr er⸗ in Kind, r Eltern dich nicht der ſonſt ſollteſt.“ eine Art e Furcht, 3 Gatten er,„Cve⸗ ſund ſein, jaft Theil V der Ruhe elynchen!“ die Stirn, kehrte zu⸗ Charlotte „und ich „ wenn ich dem voll⸗ lerlich war. rible Gei⸗ zu wenig als noth⸗ paß, da ich ſein könnte, was mir eiſchte, ſich Mit einem .. erfor⸗ 225 „Die ganze diplomatiſche Kunſt Ihrer Gnaden— und ich gratulire zu dem glücklichen Erfolge!“ „Das kannſt Du, liebe Charlotte! Doch laß uns nun einig werden, wo wir ihn logiren wollen; denn Du ſiehſt wohl ein, was ich meiner eigenen Würde ſchuldig bin, da dieſer Mann einmal zu meinem Schwie⸗ gerſohne auserſehen war!“ „Und da er noch dazu ſelbſt eine ſolche Würde be⸗ ſitzt und ihm ein ſolcher Ruf vorangeht! Man erzählt ſich die unglaublichſten und intereſſanteſten Dinge von ſeiner geiſtlichen Wirkſamkeit. Seine Predigten ſollen göttlich entzückend ſein und die Leute beinahe zwingen, die geheime Beichte von Neuem zu beginnen.“ „Auch ich habe darüber ſehr viel gehört, und es wundert mich nicht, daß er mit dieſer Haltung, dieſer Würde imponirend iſt... Doch was meinſt Du...“ Der Eintritt des Conſuls brach das Geſpräch ab, weil die Conſulin gerade auf ihn und ſeine Krankheit übergehen wollte. Mamſell Charlotte, welche alles ſo gut beurtheilen konnte, mußte wohl auch wiſſen, ob nicht der Magiſter der beſte Mann waͤre, den man hier⸗ über conſultiren könnte. Einunuzwanzigſtes Kapitel. Baron Marx kehrte von einem Vormittagsritt zu⸗ rück. Er war auf Bröllinge geweſen und hatte, ohne eigentlich ſeiner Mutter die Urſache des Kummers zu vertrauen, der auf ſeinem Herzen lag, doch mit einem Ausdrucke im Tone, den die Freiherrin ſehr gut ver⸗ ſtand, ihr ſeine herzliche Bitte mitgetheilt, daß ſie Eine Nacht am Bullarſee. Il. 15 226 einige Tage auf Oernwik zubringen möchte— man er⸗ wartete Fremde, einen alten Bekannten, den Magiſter Carleborg. Die Freiherrin brauchte nicht mehr zu wiſſen, um ihren Sohn ganz zu verſtehen. Sie verſprach ſchon am Nachmittage zu kommen; als er aber wieder weg⸗ geritten war, ſo ſeufzte es tief in dem Mutterherzen. Konnte Mar glücklich ſein? Seine Lippen hatten über tauſendmal dieſe Frage beantwortet, welche er in ihrem unruhigen Blicke geleſen hatte, und ihr Gatte war in der fröhlichſten Ueberzeugung geſtorben; doch die Ver⸗ nunft der Freiherrin, die kalte räſonirende Vernunft widerſprach den Hoffnungen, die ſie ſich ſo oft faſt mit Gewalt aufdringen wollte. „Sind Fremde hier?“ fragte der Baron, indem er auf ein abgeſpanntes Fuhrwerk deutend ſich vom Pferde ſchwang. „Ja, Herr Baron!“ antwortete der Stallknecht; „der Magiſter, der vor einem Jahre hier war, iſt eben angekommen!“ Mar eilte hinauf. In dem großen Vorſaale traf er einen Bedienten. „Weißt du, ob die Freiherrin unten iſt?“ fragte er ſo ruhig wie möglich. „Nein, ich ſollte aber hinaufgehen und fragen, ob nicht die Freiherrin die Güte haben wollte, zu der gnä⸗ digen Frau hinabzukommen!“ „Gut; den Auftrag richte ich aus!“ Und mit großen, leichten Schritten flog er die Treppe hinauf und in den kleinen Salon, wo Evelyn ſich aufzuhalten pflegte bei ihren Blumen und Vögeln, welche letzteren Mar ſie lieben gelehrt hatte, wo auch die Sammlung von Schnecken, Korallen und Kunſtſachen ſich befand, welche ihm Anlaß gab zu Beſchreibungen und Erzäh⸗ lungen, auf welche Evelyn lauſchte, und ſie nach und nach ihrem Gedächtniſſe einprägen lernte, ſo wie das Kind erſten ſeine die u welch Eveld von leucht daran hiebei ihre rung nachde weit! hen h haben, Liebe man er⸗ Magiſter ſſen, um ich ſchon der weg⸗ terherzen. tten über in ihrem e war in die Ver⸗ Vernunft t faſt mit indem er om Pferde tallknecht; r, iſt eben Bedienten. Und mit hinauf und ſo wie das 227 Kind durch Erklärungen über gewiſſe Spielſachen ſeine erſten Kenntniſſe und ſeine erſte Wißbegierde erhält. Wer in ſolchen Augenblicken den Baron Max und ſeine junge Gattin bei einander geſehen hätte; wer auf die unbeſchreibliche Geduld Achtung gegeben hätte, mit welcher er umherſpähte, um etwas aufzufinden, das Evelyn's Intereſſe wecken könnte, und wie ſein Auge von der reinſten Zufriedenheit, der innigſten Freude leuchtete, wenn er einen ſolchen Gegenſtand fand; wer darauf Acht gegeben hätte, wie Evelyn's feine Wange hiebei in bleicheren und dunkleren Roſen ſpielte, wie ihre großen blauen Augen ſeiner beſchreibenden Erklä⸗ rung mit Aufmerkſamkeit folgten, und wie ihre Lippen, nachdem er geendigt, ihn anlächelten— ein Lächeln, weit lieblicher als tauſend Worte; wer das alles geſe⸗ hen hätte, der würde nimmermehr den Muth gehabt haben, zu bezweifeln, daß eine ſo edle und uneigennützige Liebe wie die des Barons Max von G— einſt ihren ſchönen Lohn ſinden würde, nämlich: Evelyn's Herz. Das Auge des Barons überflog den Salon mit einem Blicke; doch Evelyn war nicht da, und ein um⸗ geworfener kleiner Tiſch, der in einer Fenſterniſche ſei⸗ nen Platz hatte, bezeugte, daß Evelyn das Zimmer eil⸗ fertig verlaſſen hatte. Sie hatte ſich nicht einmal Zeit gelaſſen, die umhergeſtreuten Nähſachen aufzunehmen. Der arme Marx brauchte keinen Leitfaden, um zu finden, bei welcher Art von Anblick Evelyn aufgeſprun⸗ gen war. Mit einem unterdrückten Seufzer richtete er den kleinen Tiſch wieder auf, deſſen ſchöne Scheibe er ſelbſt für Evelyn gemalt hatte; darauf ging er durch das Kabinet in das Schlafzimmer, wo er ſie ganz ge⸗ wiß zu finden hoffte. Doch auch hier war keine Evelyn. Verwundert und erſchrocken durcheilte Mar die übrigen Zimmer— alles vergebens. Unten war ſie nicht: nicht gut konnte ſie in der ſchmutzigen Witterung gusgegangen ſein, auch hätte ſie in dieſem Falle von 228 jemand bemerkt werden müſſen. Wo war ſie denn 2... Er ſtand einen Augenblick ſtill, um nachzudenken, und eilte dann über den Corridor nach der andern Seite des Hauſes, wo die beiden Zimmer lagen, die Evelyn vor ihrer Verheirathung bewohnt hatte, die aber nun im Herbſte weder geheizt noch beſucht wurden, nachdem Evelyn bei der Räckkehr von der Reiſe einmal darin geweſen war und Abſchied von ihnen genommen hatte; denn ſie hatte zu ihrem Manne geſagt:„ſie verwahren meine Erinnerungen, und Du weißt wohl, dieſe dürfen nicht dort hinein kommen!“ Hiemit meinte ſie ohne Zweifel die Wohnung, in welcher ſie mit ihrem Gatten lebte. Als Max an die Thüre kam, welche in dieſe Zim⸗ mer führte, ſo fand er dieſelbe halb offen. Wie ſchlug nicht ſein Herz von unſäglicher Angſt, als er hinein trat! Er ging eilfertig durch das erſte, welches mit ſeiner Kälte und den vom Reife beſchatte⸗ ten Fenſtern fürchterlich öde ausſah. Doch das zweite mit ſeinen morſchen Alterthümern und geſpenſterartigen Niſchen, in denen die verſtümmelten Kunſtwerke in einer Lage von Grabſtaub verhüllt gleich bleichen Geiſtern ſtanden, kam ihm noch weit unheimlicher vor, und bei⸗ nahe hätte er laut aufgeſchrien, als er Evelyn an ih⸗ rem alten Lieblingsplatze in der Niſche vor der Gruppe des Laokoon zuſammen gekauert antraf, jetzt aber nicht in wache Träume verſenkt, wie er ſie einſt in dem poe⸗ tiſchen Zwielichte einer magiſchen Sommernacht geſehen hatte, ſondern ſteif, unbeweglich, das Haupt auf die Bruſt geſenkt und die Hände feſt in einander gefaltet. Wer vermag zu ſagen, welche geheimnißvolle Macht Evelyn berührt hatte, ehe ſie in der kalten Niſche ohn⸗ mächtig war— wer vermag zu ſagen, ob es nicht am glücklichſten geweſen wäre, wenn der Tod mit einem Kuſſe ihre ſchuldloſe Seele hinweggeführt hätte? Eine brennende Thräne wand ſich aus dem Auge des Barons, als er Evelyn in ſeine Arme ſchloß und ſie ir ſein denne ſein welch heit gend ſtände würde 5 der ge konnte gekom Seine erſtarr Schwe es doch enn?... en, und n Seite Evelyn ber nun nachdem al darin n hatte; rwahren ſe dürfen ſie ohne n Gatten leſe Zim⸗ er Angſt, das erſte, beſchatte⸗ aas zweite Geiſtern und bei⸗ aber nicht dem poe⸗ ht geſehen pt auf die r gefaltet. lle Macht tte? dem Auge ſſchloß und 229 ſie in das Schlafzimmer zurücktrug; wie groß aber auch ſein Schmerz und ſeine Betrübniß war, ſo hatte er dennoch Muth genug, niemanden zu Hülfe zu rufen; ſein Stolz erhob ſich bei dem Gedanken an den Alarm, welcher entſtehen würde, wenn die Conſulin die Wahr⸗ heit erführe— ein Alarm, der in der ganzen Umge⸗ gend widerhallte und Evelyn und ihn ſelbſt zu Gegen⸗ ſtänden der Klatſcherei und der Verläumdung machen würde. Wie warm dankte er nicht Gott, als er allein mit der geliebten Gattin ihr ſeine ganze Sorgfalt widmen konnte, daß er gerade in dem Augenblicke nach Hauſe gekommen war, da ſie ſeiner Aufſicht ſo ſehr bedurfte! Seine Küſſe erwärmten ihre Lippen, ihre Wangen, ihre erſtarrten Hände; denn obgleich das zweiſchneidige Schwert der Eiferſucht ihn verwunden konnte, ſo war es doch nicht möglich, daß der Haß ſein Herz erreichte. Welche Schuld hatte wohl Evelyn, dieſes arme Weſen, daran, daß ſie nicht im Stande war, der Ma⸗ gie, welche den ſchwärmeriſchen Geiſtlichen umgab und von ihm ausging, zu widerſtehen, dieſelbe zu faſ⸗ ſen und zu begreifen? Welche Schuld hatte ſie wohl daran, daß dieſe unergründliche Kette, welche die menſch⸗ lichen Schickſale an einander fügt, ſich ſo geringelt hatte, daß ihre und Carleborg's Schickſale einander ſo nahe zu liegen gekommen waren, daß ſie ſich ſtets be⸗ gegnen zu wollen ſchienen? Nein, ſie hatte gar keine Schuld... Doch er, er— er mußte trotz des Adels und der Uneigennützigkeit, welche er bewieſen, trotz ſei⸗ ner Reinheitsglorie zu dieſen gefährlichen Zauberſchlan⸗ gen, dieſen Heiligen aus dem Abgrunde gehören, welche heraufgeſchickt ſind auf die Erde, um durch den gehei⸗ men Magnetismus ihrer Blicke junge, unſchuldige Her⸗ zen und ſo viele Seelen, als ſie zu ſammeln vermögen, an ſich zu ziehen. So ungefähr waren die Gedanken des Barons Mar, während er noch unausgeſetzt beſchäftigt war, Evelynen zum Bewußtſein zurück zu rufen. Endlich wurden die feinen Glieder von einem leichten Zucken erſchüttert; eine matte Roſe nahm wieder ihren Sitz auf den Wangen, und die Augen öffneten ſich. „O, meine Evelyn, Gott ſei gelobt, daß ich Deine Sterne wieder ſtrahlen ſehe! Liege nun ſtill und ruhe; wenn Du Dich aber erholt haſt, ſo...“ Evelyn ſah um ſich her mit einem Blick voll ſpre⸗ chender Verwunderung.„Sie ſind weg!“ ſagte ſie mit einer Stimme, woraus man abnehmen konnte, daß ſie ſich von einer fürchterlichen, peinigenden Furcht erleich⸗ tert fühlte. „Ja, alles Böſe iſt hinweg, wenn Du ſo ruhſt!“ ſagte Max, indem er ſeine Arme um ſie ſchlang und ihr Haupt an ſeine Bruſt lehnte.„Iſt es nicht wahr, Farnhn⸗ daß in meinen Armen Deine ruhigſte Heimath i 2 „Ja,“ lispelte ſte,„nun bin ich ſicher— hieher wagen ſie nicht zu kommen!“ „Wer?“ fragte Max forſchend. Evelyn ſchwieg, doch ihre Glieder begannen von Neuem zu zittern. „Ich will auch gar nicht mehr fragen, mein ſüßer Engel, ſei nur ruhig!— Denn iſt es nicht wahr: weder dein Vater noch auch deine Mutter brauchen etwas von dem Vorgefallenen zu wiſſen?“ „Nein, niemand, kein Menſch!— Aber was iſt denn vorgefallen?“ Max war etwas beſtürzt über dieſe Frage, die ihm wohl eigentlich zugekommen wäre; da er jedoch aus Evelyn's forſchendem Blicke abnahm, daß ihr Ge⸗ dächtniß ihr nur dunkel beiſtehen wollte, ſo ſagte er ausweichend:„Laß uns davon ſpäterhin reden! Jetzt mußt Du dich aller Gedanken entſchlagen, die Dich be⸗ unruhigen können, ſonſt wirſt Du nicht geſund bis heute Nachmittag, da meine gute Mutter kommt!“ „Ach, kommt ſie?“ 1 an ih ſich u in der ritt ic 2. forſche niemar Y Max: Fragen geräth, auf we E hineinz mit ei Endlich Zucken en Sitz h Deine d ruhe; oll ſpre⸗ e ſie mit daß ſie erleich⸗ »ruhſt!“ lang und cht wahr, Heimath. hieher unnen von ein ſüßer hr: weder etwas von eer was iſt rage, die er jedo ß ihr Ge⸗ p ſagte er en! Jetzt e Dich be⸗ d bis heute 231 Evelyn ſchien ſich mit einer wirklich kindlichen Liebe an ihre Schwiegermutter angeſchloſſen zu haben, welche ſich weit beſſer auf ſie verſtand, als ihre eigene Mutter. „Ich glaubte, Du ſehnteſt Dich nach ihr, weil ſie in der ganzen Woche nicht hier geweſen war, und darum ritt ich jetzt heute Vormittag hinüber.“ „Iſt es noch Vormittag?“ Sie blickte von Neuem forſchend um ſich her.„Es iſt ſchon ſo lange ſeit heute Morgen... Doch warum liege ich?“ unterbrach ſie ſich plötzlich, indem ſie ſich erhob.„Was war das, was niemand wiſſen ſollte? Iſt jemand angekommen?“ Mit der feſteſten und ruhigſten Stimme antwortete Mar:„Es iſt ſonderbar, meine Evelyn, daß Du ſo viele Fragen thuſt, ſo daß man wirklich in Verlegenheit geräth, welche man zuerſt befriedigen ſoll. Denke nach, auf welche von ihnen Du zuerſt Antwort haben willſt!“ Evelyn war alſo gezwungen, in ihr eigenes Weſen hineinzugehen; ſie ſchwieg eine Weile; darauf rief ſie mit einem Tone, der etwas unbeſchreiblich Schneidendes für den Baron Mar enthielt:„Ich ſaß am Fenſter... da grüßte Er mich!“ Ohne ſich die geringſte Verwunderung merken zu laſſen, oder durch ſeine Miene, ſeinen Blick, ſeine Ge⸗ berden irgend ein Intereſſe zu verrathen, ſiel Mar ein: „Was geſchah dann? Du ſprangſt auf— wohin woll⸗ teſt Du denn?“ „Wohin?“ Evelyn dachte nach.„Ich wollte hinab... ich wollte... ich wollte...„Nun ſloßen die Bilder in ihrer Erinnerung wieder in einander.„Was wollte ich?“... Sie ſah den Baron an mit einer Art von ungeduldiger Unruhe. „Du wollteſt vielleicht in deinen ehemaligen Zim⸗ mern etwas ſuchen?“ Evelyn ſchrie auf— es war ein Schrei, der Schrecken und klaren Begriff vereint ausdrückte. „Du wollteſt alſo dort hinein gehen?“ „Nein, das wollte ich nicht... warum ſollte ich 232 das?— Du weißt ja, daß ich dort meine Erinnerun⸗ gen begraben habe! Als ich aber hinaus kam in den Corridor, ſo hielt mich eine geheime Hand zurück, und es war“— ſie redete langſam und mit großer An⸗ ſtrengung—„als wenn eine geheime Stimme, die ich oftmals gehört habe, mir zuflüſterte:„Evelyn! Du ſollſt zuvor hingehen und deine Kammern beſuchen!““ „Eine unglückliche Phantaſie!“ ſagte Max. In ſeinem Innern aber ſah er ein, daß dieſe Phantaſte, wenn er ſeine Furcht für Evelyn's Geſundheit abſchied, recht glücklich geweſen war; denn ohne dieſelbe würde Evelyn ohne daß ſein Auge ihr gefolgt wäre, den Ju⸗ ſtus von Carleborg wieder geſehen haben. „Es war keine Phantaſie,“ entgegnete Evelyn, Aonhern ſeine, ſeine eigne Stimme, die mich gehen hieß!“ „Evelyn, meine Geliebte! Deine Seele nimmt immer mehr eine Richtung, vor welcher ich zitterel Welche überſinnliche Seherideen kommen über diche O, könnteſt Du ſie Dir aus dem Sinne ſchlagen!“ „Ich will, doch ich kann nicht: mein Geiſt gehört ihm— ich muß gehorchen!“ Max ſah ein, daß er für den Augenblick weder mit Vernunft⸗ noch mit Liebesgründen daß Mindeſte ausrichten würde; er faßte daher Muth, ſie noch ferner auf dieſen Irrpfaden zu begleiten, auf welchen er ſie mit Verzweiſlung erblickte. „Du gehorchteſt alſo der innern Stimme, meine Evelyn?“ „Ja, ich ging zurück und holte den Schlüſſel— ich ging hinein; und obgleich ein fürchterlicher Schau⸗ der mich ergriff und alle meine Glieder erſchütterte, ſo ſetzte ich mich dennoch in die Niſche— Du weißt wohl: die Niſche, gegenüber“.... Sie erblaßte und nickte leiſe mit dem Kopfe. „Ich weiß: der Gruppe des Laokoon gegenüber, die Du ſo oft bewundert haſt!“ ſchnel 1 beuge als ic ganne vor g. delte weiße ſanft einmal und ſ brannt Dir di näher Athem gen, do Haupt Bruſt; Biß in gelächt die Sch hantaſie, abſchied, e würde den Ju⸗ Evelyn, ſich gehen le nimmt zitter el ber dich? agen!“ eiſt gehöͤrt lick weder Mindeſte och ferner hen er ſie ne, meine chlüſſel— her Schau⸗ hütterte, ſo Du weiſt blaßte und gegenüber, 233 Hdeißi Du aber, was nun geſchah?“ fragte ſie ſchnell. „Nein, ich weiß nicht das Geringſte davon!“ „Ja, als ich da ſaß.... komm näher heran, beuge dich zu mir— ich wage es nicht laut zu ſagen— als ich ſaß und dieſe Rieſenſchlange betrachtete, ſo be⸗ gannen ſie nicht nur zu wachſen, wie ſie ſchon oft zu⸗ vor gethan haben, ſondern der Kopf der einen verwan⸗ delte ſich in... in ſeinen Kopf; es war ſeine ſchöne, weiße Stirne, ſeine ſchwarzen Locken, ſeine Augen, nicht ſanft und klar, ſondern dunkel brennend, ſo wie ſie einmal brannten, als ich ſie zu lange betrachtet hatte, und ſo wie ſie einige Secunden an jenem Abende brannten, da ich ihm meine Beichte ablegte! Denke Dir dieſes heilige Haupt, dieſe brennenden Augen an dem Körper der fürchterlichen, ungeheuer großen Schlange! Es war mir, als ob die Furcht mir blutige Thränen abpreßte, ich rang meine Hände: ich wollte das Haupt zu mir haben, aber ich ſchauderte, ich zitterte vor der Schlange. Endlich aber war es mir doch, als bäten die Augen mich mit ſolchen Blicken, denen ich nicht widerſtehen konnte, daß ich meine Furcht beſiegen ſollte. Da drückte ich die Augen zu, und nun hörte ich, wie es auf dem Fußboden kroch, wie es mir immer näher und näher kam und endlich ſo nahe, daß mein Athem ſtocken wollte. Mit Gewalt öffnete ich die Au⸗ gen, doch nur um vor Schmerz zu ſterben: das ſchöne Haupt, ſein Haupt, legte ſich mir liebkoſend an die Bruſt; in demſelben Augenblick aber, da ein ſcharfer Biß in mein Herz drang, vernahm ich ein wildes Hohn⸗ gelächter, und von meinem Blute gefärbt ringelte ſich die Schlange um meine Füße— ich glaube, daß ich wirklich ſtarb, und habe weiter keine Erinnerung.“ „Das war ein ſtarker und wilder Fiebertraum— Du weißt ja, daß Du Dich nun mehrere Tage nicht wohl befunden haſt. Du mußt liegen bleiben bis der Arzt kommt... und vor allen Dingen, Evelyn, meine 234 geliebte Evelyn! mußt Du Dich hüten, an dieſe Fie⸗ berphantaſte zu denken. Du kannſt heute nicht hinun⸗ ter gehen!“ „Soll er denn herauf kommen?“ fragte ſie leiſe. „Das geht unmöglich: das ſtreitet gegen allen Anſtand, und ich bin auch überzeugt, daß meine Eve⸗ lyn nicht darauf beſteht!“ „O ja, ja— ſonſt reiſ't er, ohne daß ich ihn zu ſehen bekomme!“ Marx wünſchte in ſeinem Herzen zu Gott, daß er das thun möchte; um aber Evelyn zu beruhigen, ant⸗ wortete er:„Nein, ich verſpreche Dir, daß Du ihn ſehen ſollſt; doch nicht heute— biſt Du nun zufrieden?“ „Was kann ich thun?“ antwortete ſie mit dem Tone einer ſtillen und unterwürſigen Klage. „Du ſollſt gar nicht nöthig haben, zu gehorchen, meine Evelyn, wenn Du wirklich allen Forderungen trotzen willſt, welche die Welt und die Schamhaftig⸗ keit von einer jungen Frau heiſchen. Sage ein Wort, und ich laſſe ihn ſogleich rufen!“ Die Stimme, mit welcher Max dieſe Worte aus⸗ ſprach, trug ein ſolches Gepräge von ernſter, obgleich nicht bitterer Unzufriedenheit, daß Evelyn ahnte und fühlte, ihr Mann könnte dennoch wohl ihr beſter Freund ſein; ſie antwortete daher demüthig und nachgebend; „Ich will warten, bis Du es willſt!“ „Dank, meine Evelyn! Du ſollſt ſehen, daß der⸗ jenige, welcher Deine Freude hoch über ſeine eigene und über alles andere ſetzt, Dich nicht täuſcht!“ Evelyn lächelte ſanft und drückte ihre Lippen leicht auf die Hand, welche der ihrigen liebkoſ'te. Bei dieſer freiwilligen Liebesbezeugung ſeiner Gat⸗ tin ſchlug das Herz des Barons mit einer eben ſo großen Lebhaftigkeit und Wärme, wie das eines Lieh⸗ habers. Es kam ihm in dieſem Augenblick ſo vor, wie er auch ſchon bisweilen bemerkt zu haben glaubte, daß Evelyn ihn höher liebte, als ſie ſelbſt verſtand. C dieſer nete. Perſon ob nich beliebte „ Cheil kurze 3 S 2 1 belebte ieſe Fie⸗ t hinun⸗ ſie leiſe. en allen ine Eve⸗ h ihn zu t, daß er gen, ant⸗ Du ihn frieden?“ mit dem gehorchen, hrderungen amhaftig⸗ ein Wort, Vorte aus⸗ , obgleich ahnte und ter Freund achgebend; , daß der⸗ eine eigene cht 1“ ippen leicht ſeiner Gat⸗ er eben ſo eines Lieh⸗ ſo vor, wie laubte, daß and. 5 gen und Beſchäftigung ihn verfolgt! Ich ſollte mein 235 Ein leiſes Klopfen an die Thür brachte ihn von dieſer flüchtigen Illuſion zu ſich ſelbſt zurück. Er öff⸗ nete. Es war Mamſell Charlotte, die dort in eigener Perſon ſtand, um im Namen der Conſulin zu fragen, ob nicht die Herrſchaften das Mittag unten zu ſpeiſen beliebten. „Evelyn iſt heute zu ſchwach, an einer Geſellſchaft Theil nehmen zu können; ich aber werde auf eine kurze Zeit das Vergnügen haben!“ Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Inzwiſchen ſaß der Magiſter Carleborg unten im Beſuchzimmer bei dem Conſul und der Conſulin, ſaß ſogar im Sofa, neben der Frau Conſulin ſelbſt. Denn ohne zu rechnen, daß dieſe Vertraulichkeit eine Sache war,„welche ſie ſich ſelbſt ſchuldig war“ vis-à-vis dem Manne, für deſſen zukünftige Nachkommen ſie einſt heabſichtigt hatte Stammmutter zu werden, hatte nun der Magiſter ſeiner weltlichen Air eine dito geiſtliche hinzugefügt, welche auf das gefühlvolle Gemüth der Conſulin einen tiefen Eindruck machte. „Ach!“ dachte ſie, als ihr Blick auf den Conſul ſiel, deſſen Züge bei der Abhörung der beredten Schil⸗ derung des Magiſters über die Miſſionsſache und die Pflicht jedes Menſchen, zu dem Fortſchritte dieſes großen Zweckes das Seinige beizutragen, ſich ſichtbar belebten;„ach, dieſer geiſtig reine Mann muß gewiß auf David einwirken und ihn von der unglücklichen Idee, der unglücklichen Krankheit befreien können, welche in der Geſtalt von Seeſtädten, Schiffen, Umzü⸗ 236 prächtiges, elegantes Oernwik verlaſſen, und mich in einer kleinen Wohnung von drei oder vier Zimmern niederlaſſen, wo ich weiter nichts ſähe und hörte, als David und ſeine Schiffer?... Nein, ich danke! Lie⸗ ber ſoll meine große Sparkaſſe ſich in Miſſionsgeld verwandeln; denn obgleich der Informator zu ſtolz war, um mit dem Douceur fürlieb zu nehmen, das wir ihm aufdringen wollten, ſo wird der Miſſionär es ſchon nehmen— er kommt wohl auch mit nichts nicht gut hinaus— und noch dazu nimmt er nicht für ſich ſelbſt, ſondern für den ſchönen Zweck! Ach, ich will es ſchon ſo fein einfädeln bei dieſem ſonderbaren, uner⸗ klärlichen Menſchen, der Evelyn und das große Oern⸗ wik fahren ließ, um hinauszugehen und das Geſetz und das Evangelium dieſen verrückten Heiden vorzupredigen, die ihn wohl gar vielleicht am Ende zum Dank für ſeine gute Abſicht noch todt ſchlagen!“ Was ſagte aber wohl der Conſul in ſeinem Herzen; Er ſagte:„Kann nicht dieſer wirkliche Mann Got⸗ tes die Petronella bekehren und ihr die Abſcheulichkeit ihrer unglücklichen und erbärmlichen Schwäche zeigen, ſo kann es niemand! Ich will mit ihm reden; und bringt er ſie dahin, daß ſie gutwillig eingeht auf un⸗ ſern Abzug von dieſem langweiligen Oernwik— ich wollte zu Gott wünſchen, daß ich es nie mit meinem Fuße betreten hätte, ſo langweilig und verdrießlich habe ich's hier— und daß ſie ſich noch obendrein da⸗ zu bequemen will, in einer kleinen Seeſtadt zu wohnen (in einer großen wäre es noch nicht beſſer als hier), wo ich wieder meine alte Beſchäftigung haben könnte, ſo ſollte der vortreffliche Mann, der ſich ſelbſt für ſeine gute Sache geopfert hat, nicht nöthig haben, auf die Hülfsquellen der Miſſionsgeſellſchaft zu warten! Ich habe Gottlob noch ſo viel in meiner QOuelle, daß ich allein im Stande bin, ihn nach der andern Seite der Weltkugel reiſen zu laſſen!“ Jetzt aber, da man hier bei einander ſaß, verbargen natürli und na noch w ſionsrei Thätig! zu beg ihrers die Zuſ halten, nach der vielleich der gan ſchloß d G—, de gervater Föte bei weſen w „3. junge F Bräutig haupte, ... mi meinte, nelles W redete,. nen ſuch Welt ni d mich in Zimmern hörte, als anke! Lie⸗ kiſſionsgeld r zu ſtolz n, das wir iſſionär es nichts nicht hht für ſich ich will es ren, uner⸗ roße Oern⸗ Geſetz und zupredigen, 1 Dank für tem Herzen: Mann Got⸗ ſcheulichkeit äche zeigen, reden; und eht auf un⸗ nwik— ich mit meinem verdrießlich bendrein da⸗ t zu wohnen als hier), aben könnte, bſt für ſeine hen, auf die darten! Ich Quelle, daß undern Seite ß, verbargen 237 natürlich beide ihre Pläne zu einer gelegeneren Zeit; und nachdem der Magiſter Carleborg zur Genüge, ja, noch weit daruͤber, alle Fragen über ſeine große Miſ⸗ ſionsreiſe beantwortet und erzählt hatte, daß er ſeine Thätigkeit mit einer kleineren Reiſe nach Lappmarken zu beginnen gedächte, ſo begann die Frau Conſulin ihrers Seits ihn mit einem weitläuftigen Bericht über die Zuſtände vor und nach Evelyn's Hochzeit zu unter⸗ halten, wobei ſie natürlich den großen Ball am Tage nach der Hochzeit nicht vergaß, welcher ohne Prahlerei vielleicht die brillanteſte Foͤte geweſen war, die man in der ganzen Provinz geſehen hatte—„wenigſtens,“ ſo ſchloß die Conſulin dieſen Bericht,„ſagte Couſin von G—, der ſelige Baron auf Bröllinge, Evelyn's Schwie⸗ gervater, er hätte ſeit ſeiner Jugend, da er auf einer Föte beim öſterreichiſchen Geſandten in Stockholm ge⸗ weſen wäre, nichts Aehnliches geſehen.“ „Bei dieſem glänzenden Feſte tanzte natürlich die junge Freiherrin auch wohl mit?“ „Nur einen Walzer mit dem entzückten, überſeligen Bräutigam. Aber ich ſage nicht zu viel, wenn ich be⸗ haupte, daß die ganze Geſellſchaft etwas... etwas ... mit einem Worte: etwas ungewöhnliches zu ſehen meinte, als Evelyn vorbeiflog. Ihr ſenſibles und origi⸗ nelles Weſen geſtattete ihr leider nicht, an dem Tanz⸗ vergnügen weiter Theil zu nehmen, obgleich ihre Schwie⸗ germutter, die Freiherrin, und alle Menſchen ihr die ausgeſuchteſten Artigkeiten über ihr Talent ſagten... doch laſſen wir die Féte, den Tanz und alle ſolchen Kleinigkeiten und eitlen Dinge, mein beſter Herr Ma⸗ giſter!“ unterbrach ſich plötzlich die Conſulin, indem ſie bedachte, daß dieſer Gegenſtand vielleicht allzu grell gegen den vorigen abſtach(beſonders in Betracht des Umſtandes, daß ſie mit einem ſogenannten heiligen Mann redete, einem Manne, den ſie noch obendrein zu gewin⸗ nen ſuchen mußte, und dem ſie folglich um alles in der Welt nicht mißfallen durfte)—„laſſen wir alle dieſe eitlen Dinge, ſage ich—“ die Conſulin ſeufzte tief und b andächtig—„was ſind ſie wohl gegen Evelyn’s häus⸗ liches Glück, von welchem ich gerne ſagen kann, daß es beiſpiellos groß iſt! Und oft wenn Couſine Ebba und ich hier vertraulich ſitzen und plaudern, ſo nicken wir uns zu, wenn wir unſere Kinder betrachten, und ſagen: „Gelobt ſei Gott, der zwei ſo gleichgeſtimmte Weſen vereinigt hat!“ Bei dieſen Worten führte die Conſulin des größern Effektes wegen das Schnupftuch an die Augen. „Es iſt mir eine große und herzliche Freude zu vernehmen, daß Evelyn ſo glücklich iſt, und daß ihre Seele, die ſich früher nicht anließ zu einer Gleichge⸗ ſtimmtheit mit.... ich kann wohl ſagen mit etwas anderem als den Engeln, jetzt eine mehr irdiſche Rich⸗ tung genommen hat, ſo daß ſie mit der Seele ihres Gatten verſchmelzen kann.“ „Ach, mein allerbeſter Herr Magiſter Carleborg! Sie drücken ſich wirklich mit eben ſo vieler Anmuth als Wahrheit aus, und obgleich ich mir ſelbſt und meinem befolgten Erziehungsſyſteme die Gerechtigkeit ſchuldig bin, zu erkennen, daß Evelyn's Seele, Gott ſei gelobit immer ſanft und engelgleich geweſen iſt, ſo muß ich ihr dennoch das Lob ertheilen, daß wenige Frauen ſich mit ſo vielem Verſtande und ſolcher Klugheit benehmen, wie ſie. Noch nie iſt zwiſchen ihr und ihrem Gemahle ſo viel wie ein halbes Wort ſchief gefallen, was doch ſonſt wohl, ſo gebildet man auch immer ſein mag, in jeder Ehe bisweilen vorfällt. Aber ihre Vereinigung iſt ſublim durch das Beiſpiel, welches ſie gibt, Evelhn allen Frauen, mein Schwiegerſohn, der Baron, allen jungen Männern. Und wer iſt wohl dabei am glück⸗ lichſten, wenn nicht wir Eltern, die wir zu uns ſelbſ ſagen können: unſere Bemühungen find gut ausgeſchla⸗ gen, der Herr hat unſere Beſtrebungen geſegnet und unſere Saat nicht auf das Steinigte fallen laſſen e „Meiner Seel'!“ ſagte der Conſul bei ſich ſelbſt Nelly eine! von 1 Schri fang! den z1 Unpäß men k „ die Coꝛ mit, d führe, als F behren. Evelyn wenig verliebt Evelyn könnte. te tief und yn's häus⸗ nn, daß es Ebba und nicken wir und ſagen: mte Weſen des größern gen. Freude zu nd daß ihre er Gleichge⸗ r mit etwas -diſche Rich⸗ Seele ihres Carleborg! Anmuth⸗ als und meinem keit ſchuldig t ſei gelobt! ſo muß ich Frauen ſich it benehmen, rem Gemahle n, was doch ſein mag, in Vereinigung gibt, Evelhn Baron, allen bei am glüc⸗ zu uns ſelbſt it anegeſhie eſegnet un 3 Whe 9 bei ſich ſelbſ 239 Nelly's Krankheit, die verdammte Eitelkeit, hat ſchon eine beſſere Richtung genommen: ſie fängt ſchon an von unſerm Herrgotte und von den Worten der heiligen Sahrif zu reden— ein ſchöner Anfang, ein guter An⸗ fang!“ Jetzt trat Mamſell Charlotte auf, um Ihrer Gna⸗ den zuzuflüſtern, daß die junge Freiherrin, von ihrer Unpäßlichkeit gehindert, nicht zum Mittage herabkom⸗ men könnte; der Baron würde ſie weiter entſchuldigen. „Ach, er verzieht ſie, er verzieht ſie total!“ ſagte die Conſulin laut und im Ganzen nicht unzufrieden da⸗ mit, daß der Magiſter, der allmächtige Magiſter, er⸗ führe, Evelyn könnte, obgleich ſie ihn ſo nahe wüßte, als Freiherrin von G⸗ ſeiner Geſellſchaft ent⸗ behren.„Sehen Sie, mein beſter Herr Magiſter,„wenn Evelyn nur ein gelindes Kopfweh bekommt oder ein wenig an Händen und Füßen friert, ſo bildet ſich der verliebte Chemann ſogleich ein, daß ſie krank iſt, und Cvelyn liebt ihn zu ſehr, als daß ſie ihm widerſprechen könnte. Ihre kleine ſogenannte Unpäßlichkeit iſt wirk⸗ lich eine rechte Lumperei, und es thut mir leid, daß Evelyn ſich davon abhalten läßt, herunter zu kommen und ihrem alten Freunde Willkommen zu ſagen... Doch was ſoll man von den Frauen ſagen, Herr Ma⸗ giſter Carleborg,“ lächelte die Conſulin mit einem Blicke voll entzückender Vertraulichkeit, mit einem Blicke, der auf die große verunglückte Stammbaum⸗Speculation hindeutete, was ſoll man von ihrer Flüchtigkeit ſagen?“ „Ich glaube, meine gnädigſte Conſulin, wir müſſen in dieſer Hinſicht denjenigen preiſen, der ihre Herzen ſo glücklich geſchaffen hat. Wie freudelos würde nicht das Leben des Weibes bleiben, wenn der erſte Schmerz ewig in ihrer Seele zittern ſollte?“ Dieſe Sprache ſtand der Conſulin nicht an; die⸗ ſelbe hatte den fatalen Fehler, daß ſie ihr gleichſam in einem Spiegel vor die Augen ſtellte, wie der Mann, der jetzt neben ihr ſaß und den ſie ſo gerne eine kleine —-—ÿ— 240 Demüthigung hatte fühlen laſſen wollen, gerade der⸗ jenige war, welcher ſie ſelbſt gedemüthigt hatte, als er das Glück verſchmähte, ihr Schwiegerſohn zu werden, und der noch dazu ſogar in dieſem Augenblicke ſie da⸗ durch demüthigte, daß er ihr den vertraulichen Blick noch zehnmal vertraulicher zurückgab. Ja, ein ſolcher Blick war wirklich ärgerlich, denn er ſagte ihr deutlich, ſie müßte ſich in Acht nehmen, denjenigen herauszufor⸗ dern, der einen ſolchen Blick geben könnte. Die Conſulin empfand in dieſem Augenblicke viel⸗ leicht zum erſten Male eine wirkliche Verlegenheit; ſie erhob ſich daher, ſtotterte eine Entſchuldigung von Wirth⸗ ſchaftsgeſchäften und entfernte ſich. Der Conſul hatte nichts verſtanden. Er wußte gar nicht, daß etwas vorgefallen war, ſondern ging fort⸗ während mit den Händen auf dem Rücken im Zimmer auf und ab. Die Ankunft des Barons Max und der Freiherrin Ebba am Nachmittage verhalfen der Conſulin wieder zu ihrer gewöhnlichen Laune. Der Magiſter Carleborg, in welchem die Damen ſeinem Rufe zufolge einen halbverrückten Frömnler, einen in Gedanken und Worten weit ausſchweifenden Schwärmer zu finden gefürchtet hatten, entwickelte, ohne ein einziges Mal in Religionsſachen zu gerathen, die ganze Feinheit und Anmuth eines Weltmannes in ſei⸗ nem Converſationston, doch ſo, daß er dabei keinen Augenblick weder die edle Würde, welche die Läppchen und der Kaftan ihm verliehen, noch dieſe edle Würde, welche in dem Bewußſein liegt, dieſe Symbole ſeines geiſtlichen Berufes tragen zu können, aus den Augen verlor. „Ich hoffe, meine Couſine, Du erlaubſt mir, Deine Meinung über dieſen Mann, den ehemaligen Gouverneut meine der F 2 nicht haben unmöt Leute ſtehe, wiß e⸗ ihn au „ redet, wir leb rade der⸗ tte, als er zu werden, icke ſie da⸗ ichen Blick ein ſolcher or deutlich, rauszufor⸗ ablicke viel⸗ genheit; ſie von Wirth⸗ Er wußte n ging fort⸗ im Zimmer Freiherrin in wieder zu die Damen Frömnler, ſchweifenden ickelte, ohne erathen, die nnes in ſei— dabei keinen die Läppchen edle Würde, mbole ſeines is den Augen ſt mir, Deine Gouverneur 241 meines Pflegeſohnes zu hören?“ flüſterte die Conſulin der Freiherrin zu. „Meine beſte Nelly! ich bin überzeugt, daß wir nicht anders als eine und dieſelbe Meinung von ihm haben können: er iſt bewunderungswürdig und kann unmöglich ein ſolcher Pietiſt ſein— vermuthlich ſind die Leute nur von ſeinen Predigten ſo entzückt, und ich ge⸗ ſtehe, es würde ein unſchätzbares Vergnügen und ge⸗ wiß ein Vergnügen von hohem Werthe ſein, wenn wir ihn auf der Kanzel ſehen dürften.“ „Meine beſte Couſine Ebba! das heißt, offen ge⸗ redet, mir das Wort vom Munde wegnehmen; doch wir leben, Gott ſei gelobt, in der ſüßen und glücklichen Harmonie, daß wir uns nicht beleidigt fühlen, wenn unſere Gedanken ſich ein wenig zu nahe kommen... Herr Magiſter Carleborg, mein beſter Herr Magiſter Carleborg! Haben Sie doch die Güte, uns ein halbes Ohr zu ſchenken! Wiſſen Sie wohl, was ich und meine Couſine ſagen? Wir ſagen, es würde ohne Zweifel das größte Glück ſein, wenn wir eine Predigt von Ihnen hören dürften; doch mit einer Bitte davon zu kommen, das wage nur ich, da ich im Vertrauen auf unſre alte Bekanntſchaft mir ſo gerne mit einem kleinen Vor⸗ zuge ſchmeicheln möchte!“ „Nun ich habe Urſache, mich geſchmeichelt zu fühlen, und wenn nicht der Paſtor etwas dagegen einzuwenden haben ſollte, ſo kann es mir nie einfallen, die Erfül⸗ lung einer Bitte abzuſchlagen, die auf eine ſolche Weiſe dargeſtellt wird.“ Dieſes Verſprechen erweckte Ergießungen einer ge⸗ meinſamen Dankbarkeit; alle waren neugierig, zu hoͤren, wie er wohl eigentlich predigte, dieſer ſonderbare, in⸗ tereſſante und ſchon ſo berühmte Mann. Von Evelyn war gar nicht die Rede, nachdem der Baron ſie entſchuldigt hatte; hierauf aber hatte Juſtus mit einer ſo offenen und brüderlichen Theilnahme Eine Nacht am Bullarſee. II. 16 geantwortet, daß Max ſich ſelbſt fragen mußte, ob dieſer Mann wirklich ein Abgeſandter der Finſterniß oder des Lichts wäre, und ob nicht vielleicht Max Unrecht hätte, ihn wegen einer Theilnahme an Evelyn's unglückſeliger Geiſtesverirrung in Verdacht zu haben. Während der Zeit ſaß Evelyn, die wechſelsweiſe von ihrer Schwiegermutter, ihrer Mutter und Manſell Charlotte, am meiſten aber von ihrem unruhigen Gat⸗ ten Beſuche erhielt, und lehnte den Kopf an ein kleines Kiſſen, das Conſtance ihr geſtickt hatte; und auf das Moos und die Blumen ſiel dann und wann eine kleine, klare Perle, die niemand ſehen wollte, und die vielleicht eben deßhalb um ſo bitterer Evelyn's Wange brennen mochte. „Evelyn ſoll ihre Spielſachen hervornehmen!“ ſagte die Conſulin und kam mit einem ganzen Armvoll Schne⸗ cken und Korallen, welche ſie auf den Tiſch legte. „Meine kleine Schwiegertochter ſoll ſich die Zeit damit vertreiben, etwas zu leſen!“ rieth die Freiherrin, indem ſie ihr ein Bändchen neulich erſchienener Gedichte gab, die eben ſo ſchön und lieblich waren, wie Evelyn ſelbſt. „Wenn ich rathen dürfte,“ ſagte Mamſell Char⸗ lotte,„ſo plauderten wir die Erkältung der kleinen Frei⸗ herrin hinweg!“ und ſogleich hatte Mamſell Charlotte ein Dutzend von Gegenſtänden der Unterhaltung bei der Hand. Als aber Max kam, ſo ſagte er zwar ebenfalls nichts über den kleinen Perlenfang, den Conſtances Kiſſen heute machte; aber er küßte die Perle hinweg, welche noch in Evelyn's Augenfranſe zitterte, und fl‚i⸗ ſterte zärtlich und liebevoll:„Morgen biſt Du geſund — morgen darfſt Du hinuntergehen!“ Evelyn aber weinte nicht aus Furcht, daß ſie nicht hinuntergehen dürfte, ſondern darüber, daß ſie begonnen hatte, über die unbegreifliche Phantaſie nachzudenken, ob dieſer oder des cht hätte, lückſeliger ſelsweiſe hſgtanee igen Gat⸗ ein kleines d auf das eine kleine, e vielleicht ge brennen ien!“ ſagte voll Schne⸗ h legte. ch die Zeit Freiherrin, er Gedichte wie Evelyn mſell Char⸗ kleinen Frei⸗ II Charlotte ung bei der r ebenfalls Conſtancès perle hinweg, te, und flü⸗ Du geſund daß ſie nicht ſie begonnen nnachzudenfen, 243 welche ihr das Bewußtſein geraubt hatte. War es keine Wirklichkeit geweſen— und ſie mußte dies ja als unmöglich erkennen— ſo lag ja eine Offenbarung in der Täuſchung. Was bedeutete aber dieſe Offen⸗ barung— was konnte ſie bedeuten? Noch immer glaubte ſie die bezaubernden Augen zu ſehen, und gleich darauf den ſcharfen Biß im Herzen zu fühlen, welcher alle ihre Lebensquellen öffnete und ſie im Tode verbluten ließ. Und war ihr Gefühl dabei Schmerz oder Genuß ge⸗ weſen? Sollte ſie Schmerz empfinden können, wenn der Tod von ihm käme? Nein, nein; was ſie erſchreckt hatte, das war nur die Schlange geweſen— warum ſollte auch ſein ſchönes, edles Haupt auf einem ſo ſchreck⸗ lichen Körper ſitzen? Sollte ſie ihn darüber befragen? Vielleicht konnte er ihr dieſes Geſicht deuten, er, der ſo vieles wußte! Aber ſie fühlte eine ſchamhafte Scheu, ihm zu beſchreiben, wie alles zugegangen war und was ſie vorher empfunden hatte— er hatte ſie ja gewarnt vor dieſen gefährlichen Phantaſien, die etwas Anderes ſehen wollten, als was wirklich vorhanden war.„Es iſt alſo das Beſte, zu ſchweigen,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt, „vielleicht meint das Max auch... Max iſt ja eifer⸗ ſüchtig—“ und bei dieſem Worte verwandelten ſich die Lilien auf Evelyn's Wange in blutrothe Georginen— „eiferſichtig auf... Ihn... O, ſo darf es nicht ſein— nur ich bin...“ Und nun verſchwanden die Georginen wieder, um den Lilien von Neuem Platz zu machen. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Juſtus war an einem Donnerſtage auf Oernwik angekommen. Am Freitage reiſ'te er vor dem Mittag⸗ eſſen zu dem Paſtor, um ihn um Erlaubniß zu bitten, 244 am folgenden Sonntage predigen zu dürfen; und ob⸗ gleich die Conſulin beim Frühſtück erzählt hatte, daß ihre kleine Freiherrin heute zu Mittag herabkommen würde, ſo ließ er ſich dennoch überreden, im Pfarrhofe zu bleiben, und kam erſt am Abende zwiſchen ſechs und ſieben Uhr zurück. An dieſem langen Tage, den Evelyn meiſtentheils unten in dem Salon ihrer Mutter verlebte, wurde ſie oft von einer Gemüthsbewegung heimgeſucht, die ihr ſonſt gänzlich unbekannt geweſen war: es waren näm⸗ lich einige kleine Anzeichen eines hervordämmernden Ver⸗ druſſes— ihr Freund, ihr Lehrer, ihr Bruder hatte ge⸗ wußt, daß er ſie treffen würde, und dennoch kam er nicht! Warum kam er nicht? Kehrt er ſich nicht mehr an ſie oder war er böſe auf ſie, weil er ſie geſtern ver⸗ gebens erwartet hatte? Marx bemerkte ſehr wohl die ſtumme Unruhe, und daß Evelyn bei dem geringſten Geräuſche lauſchte, und mit Augen, Ohren und ganzer Seele auf jedes ent⸗ fernte Geräuſch aufmerkſam war. Er ſuchte ſie auf tauſenderlei Art zu zerſtreuen; doch weder ſeine freund⸗ lichen Bemühungen, noch die mütterliche Zaͤrtlichkeit der Freiherrin noch die einfältige Geſchäftigkeit der Mutter feſſelten ihre Aufmerkſamkeit; nichts feſſelte ſie, bis endlich die Stimme des Conſuls ſich im Nebenzim⸗ mer hören ließ mit einem:„Nun herzlich wieder will⸗ kommen!— wir glaubten wirklich ſchon, daß der Probſt uns unſern Gaſt in vollem Ernſte abſpenſtig gemacht hätte!“ In dem nächſten Augenblicke brachte der Magiſter Carleborg nach einer leichten allgemeinen Verbeugun bei der Conſulin ſeine Entſchuldigung an, und ar ging er eben ſo freimüthig und leicht, als ob die Ge⸗ fühle der jungen Freiherrin ihm vollkommen unbekannt geweſen wären, zu dieſer, reichte ihr die Hand und ſagte ſo ruhig, wie der Wind am Sommerabende füüſtert: „Willkommen hier unten bei uns, beſte Evelyn! die Kran Herz 1 ließ d die S lens meine V ſo vert ſulin d ihren gleich wie gu da ich Verſpre lieben; nimmt, als ein unſern müſſen, und ob⸗ te, daß pkommen farrhofe echs und tentheils ourde ſie die ihr en näm⸗ den Ver⸗ hatte ge⸗ ) kam er cht mehr tern ver⸗ uhe, und ſchte, und edes ent⸗ ſie auf e freund⸗ ärtlichkeit gkeit der eſſelte ſie, debenzim⸗ eder will⸗ der Probſt 3 gemacht Magiſter rbeaug nd darau b die Ge⸗ unbekannt und ſagte e flüſtert: helyn! die 445 Krankheit iſt gnädig geweſen, denn ſie hat nicht das Herz gehabt, Deine Roſen zu berühren!“ „Sie hat hier wehe gethan!“ ſagte Evelyn und ließ die Hand über das Herz gleiten. „Gegen die Krankheiten, welche das Gemüth oder die Seele erregen, hat uns Gott den Muth des Wil⸗ lens gegeben— haſt Du dieſes Mittel angewendet, meine Schweſter?“ Voller Verwunderung über dieſe zu gleicher Zeit ſo vertrauliche und ungekünſtelte Sprache ſah die Con⸗ ſulin die Freiherrin an, welche wiederum die Augen auf ihren Sohn heftete. Der Magiſter Carleborg aber ſagte gleich darauf mit einem feinen Lächeln, welches bezeugte, wie gut er dieſe Blicke verſtanden hatte:„An dem Tage, da ich Oernwik verließ, tauſchte Evelyn und ich das Verſprechen aus, uns als Bruder und Schweſter zu lieben; und ſo lange ſie dieſes Verſprechen nicht zurück⸗ nimmt, werde ich glauben, daß ich das Necht habe, ſie als eine Schweſter zu betrachten und ihr den Namen einer Schweſter zu geben.“ „Ach, das Verſprechen nehme ich niemals zurück!“ rief Evelyn mit einer ihr ganz fremden Heftigkeit aus. „Es iſt auch gar kein Grund da, weßhalb Du das thun ſollteſt!“ ſagte Max ſanft, aber ernſt:„Die Liebe eines Bruders muß immer nützlich ſein, denn ſie iſt unparteiiſch und ſieht klar, was auch ſchon aus der Frage erhellt, die der Herr Magiſter Dir eben vorlegte, und worauf Du ihm noch die Antwort ſchuldig biſt.“ „Ich weiß es, ich habe ſie nicht vergeſſen— aber ich habe ſo wenig Muth!“ „Darum,“ entgegnete Juſtus, indem er neben Eve⸗ lyn Platz nahm und ſie mit der Zauberkraft ſeines Blickes betrachtete,„weil Du dieſen Muth vielleicht nur bei Dir ſelbſt geſucht haſt; wenn wir uns aber unter den Leiden in der Welt umher ſehen wollten, die vor unſern Blicken offen daliegen, ſo würden wir geſtehen müſſen, daß diejenigen, welche im Stande ſind, ſie zu — 246 ertragen, etwas nöthig haben, das weit über den mo⸗ raliſchen Muth geht. Alle, alle haben wir unſre eige⸗ nen Betrübniſſe, gegen welche wir im Kampfe zu kurz kommen würden, wenn wir nicht Muth holten von dem, der ihn allein kräftigen und aufrecht erhalten kann.“ „Entſchuldigen Sie, mein beſter Herr Magiſter Carleborg! Iſt aber das wohl nicht etwas zu ernſthaft für Evelyn?— ſie iſt zu weich, das arme Kind, als daß“... Ein Blick aus den ſchwarzen Augen des Magiſters Carleborg ſchlug herab auf die Conſulin und brachte ſie nicht nur zum Schweigen, ſondern verſetzte ſie auch in eine Art von unwillkührlichem Zittern. Einen ſolchen Blick hatte ſie noch nie aus einem menſchlichen Auge geſehen, auch hatte ſie noch nie den Klang einer ſolchen Stimme vernommen, als jetzt zu ihr redete. Dieſe Stimme war nicht laut und ſchneidend, ſondern leiſe und tief; aber dennoch hoͤrte man ſie im ganzen Zimmer und in der Tiefe jeder Seele. „Wollet Ihr meinen Lebenszweck erfahren und meine Klage vernehmen? Mein Lebenszweck iſt, die Weichen zu ſtärken— denn keiner darf ſo weich ſein, daß er nicht die Rede von den Geboten der Pflicht zu ertragen vermag. Meine Klage iſt über diejenigen, deren ſün⸗ dige Unterlaſſung mir ſo viel zu thun übrig gelaſſen hat!“ „Jetzt ſtel die Maske!“ flüſterte die Conſulin, alz ſie endlich wieder zu ſich ſelbſt gekommen war, der Cou⸗ ſine Ebba in's Ohr.„Jetzt ſieht man deutlich den wahnſinnigen Schwärmer!“ „So ſtreng dürfen wir nicht ſein! Zwar ſahen wir einen Schein von dem Schwärmer— doch ſieh, jetzt iſt er wieder der ſanfte, wohlwollende Bruder, der das Geſpräch fortſetzt, als wäre er gar nicht geſtört worden. Und ſieh, wie Evelyn lauſcht; ihr Auge erhält einen Glanz, welcher beweiſt, daß die Seele belebt iſt... Dieſes Geſpräch wird ihr nützlich ſein!“ — 0 Gaſtf nehm derum geſtör Max Geiſtl keit ei Marx liche einem in ihr Unterl der ne auf ſe ſtumm einand Er, f den mo⸗ re eige⸗ zu kurz von dem, unn.“ Magiſter ernſthaft ind, als Nagiſters rachte ſie eauch in n ſolchen hen Auge er ſolchen te. Dieſe dern leiſe n Zimmer und meine ſulin, als „der Cou⸗ -utlich den e Weichen , daß er 247 Die Ankunft zweier vornehmen Gäſte, welche die Gaſtfreiheit des Conſuls für dieſe Nacht in Anſpruch nehmen wollten, brachte bald in die Geſellſchaft wie⸗ derum dieſes Gleichgewicht, welches ſichtbarlich bei Allen geſtört war, außer bei dem Störer ſelbſt. Und hatte Max vorher im Geheimen die Kühnheit des jungen Geiſtlichen bewundert, unter dem Gepränge der Heilig⸗ keit eine ſo bittere Antwort zu geben, ſo bewunderte Mar nun ſein Beherrſchungsvermögen und die unglaub⸗ liche Leichtigkeit, mit welcher er ſich augenblicklich in einem neuen Verhältniſſe bewegte. Wer konnte wohl in ihm, der ſo geiſtreich und anmuthig in der weltlichen Unterhaltung das Wort führte, den Fanatiker ahnen, der noch vor einem Augenblicke mit dem Strafurtheile auf ſeinen Lippen aufgetreten war? Evelyn war ver⸗ ſtummt; Gott und die Welt floßen in ihren Sinnen in einander, wenn die Worte von Ihm kamen— Er, nur Er, ſtreng oder ſanft, überall Er! Arme Evelyn! Nach demjenigen, was vorgefallen war, blieb der Conſulin nur ein Ausweg, ihre eigene Würde aufrecht zu erhalten, nämlich zu glauben, daß der Magiſter Carleborg an einer Unordnung in ſeinen Sinnen litte, und ſie war ſich ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, zu er⸗ kennen, daß ſie immer geglaubt hatte, daß ſolches die Folge ſeiner wahnſinnigen Ideen ſein würde.„Weit entfernt, mich über ihn zu beklagen, meine beſte Ebba, bin ich ſo freigeſinnt, daß ich ihn ſelbſt bedaure! Ich bin vollkommen überzeugt, wenn er in ſeiner blinden Hitze einſehen könnte, daß er mich beleidigt hätte, ſo würde er ſich darüber gar nicht tröſten laſſen. Doch es iſt mein Wunſch, daß niemand auf dieſe ſenſitive Sache hindeutet— es iſt meine Pflicht als Menſch und als Wirthin, eine unabſichtliche Beleidigung zu verzeihen und gar nicht daran zu denken, daß ſie jemals Statt gefunden hat.“ „Das iſt achtungswerth und ſchön von Dir, meine 248 beſte Nelly, und macht Deinem Herzen und Deinem Verſtande große Ehre!“ „Es iſt bewunderungswürdig,“ flüſterte Mamſell Charlotte, die neben dem Sofa ſtand, auf welchem die Conſulin ſaß,„es iſt exemplariſch, und wird ihm ohne Zweifel die größte Ehrfurcht einflößen!“ Die Conſulin nickte und fühlte ſich nun ſo gehoben und zufrieden, daß ſie, um einen vollſtändigen Sieg zu erkämpfen, den Magiſter anzureden beſchloß, als wäͤre gar nichts vorgefallen; und ſie war noch mehr gehoben und zufrieden mit ihrem feinen Takt, als der Magiſter Carleborg aufſtand, um ihr zu antworten und mit der vollkommenen Artigkeit eines Cavaliers während der Aiuige Minuten dauernden Unterredung vor ihr ſtehen lieb. Am Sonnabend machte der Magiſter auf die Ein⸗ ladung des Barons Max einen Beſuch in der obern Wohnung, doch nur ſo kurz und ſo förmlich, daß er den Hut gar nicht aus der Hand ſetzte. Dieſer Beſuch ſchien nur dem Wirthe ſagen zu wollen:„Du ſiehſt, ich thue, was mir beliebt— ſei Du aber ruhig, ich will Dich nicht beunruhigen!“ Und Max mußte ſich geſtehen, daß er trotz ſeines Spähens und Wachens den Magiſter Carleborg auf kei⸗ nem einzigen Blick, keinem einzigen Wort ertappte, das verſtohlen genannt werden konnte; alles war ſo offen, ſo ungekünſtelt, ſo ganz natürlich, daß dagegen gar keine Anmerkung, geſchweige eine Klage, erhoben werden konnte. Den ganzen Nachmittag dagegen, da man glaubte, daß ihn die Predigt beſchäftigen würde, ſchwärmte er auf dem Inſtrumente, ohne daß er zu wiſſen ſchien, ob er einen oder keinen Zuhörer hatte. „Er holt wohl ſeine Concepte aus dieſem bizarren Wirrw eben ſ macht armen „8 auf, u Aber n erfüllen 0 7 Keiner über di Du ſie Deinem Namſell hem die m ohne V gehoben Magiſter mit der rend der en Sieg als wäre gehoben jr ſtehen die Ein⸗ ler obern daß er er Beſuch ſiehſt, ich ich will chien, ob bizarren Wirrwar!“ ſagte Mar leiſe zu ſeiner Mutter, welche eben ſo leiſe antwortete:„Gott behüte uns davor! Da macht er uns wohl alle todt, wie er's geſtern mit unſrer armen Conſulin machte!“ „Aber ſie ergriff die beſte Partie und lebte wieder auf, und ſo werden wir's wohl auch machen müſſen... Aber meinſt Du wohl, Mutter, daß ich Evelyns Bitte erfüllen und ſie mitnehmen darf?“ „Ja, ich glaube, er hat vollkommen Recht, daß Keiner ſo weich ſein darf, daß er nicht ein ernſtes Wort über die Gebote der Pflicht zu ertragen vermag— laß Du ſie immer mitkommen!“ Vierundzw anzigſtes Kapitel. Der Sonntag kam, er war grau und regneriſch, kalt und unangenehm; zur Kirche aber mußte doch alles, was Leben und Athem hatte, nicht allein aus dem Kirch⸗ ſpiele, zu welchem Oernwik gehörte, ſondern auch aus den umliegenden Kirchſpielen, ſo weit das Gerücht auf ſeinen ſchnellen Fittigen mit der merkwürdigen Nach⸗ richt geffogen war, daß der Magiſter Carleborg, der ehemalige Informator, der wirkliche Freund aller Armen und Bedrängten, heute predigen würde. Als die Familie des Conſuls Löwe ankam— Ju⸗ ſtus war ſchon früher abgereiſt, ohne daß ihn jemand an dieſem Morgen geſehen hatte— war die Kirche ſo voller Menſchen, daß man nur mit Mühe hindurch kom⸗ men konnte. Nicht nur die Bänke, ſondern auch die Gänge und ſogar die Fenſtervertiefungen waren ſo an⸗ gefültt, daß kein einziger Platz, wo ein Fuß Raum finden konnte, unbeſetzt war. 250 Der Gottesdienſt hatte noch nicht begonnen. Derſelbe wurde eingeleitet durch dieſes Flüſtern und Fragen, Umſehen und Mittheilen, welches in den Lan⸗ deskirchen eben ſo gewöhnlich als unangenehm iſt. Jetzt aber erſchallte in dem Tempel der Geſang, gemiſcht mit den Tönen der Orgel, und bald trat die hohe Geſtalt des Juſtus von Carleborg, umſchloſſen von den weiten Falten des Prieſtermantels, in den Altar, von welchem, da er ſich umwendete, ſein Blick mit ver⸗ klärtem Glanze auf die Verſammlung fiel. Woher nahm dieſer Mann die Macht, welche er ausübte— kam ſie nur von Gott? Ja, in ſolchen Au⸗ — genblicken, da er vor dem Altare des Herrn ſtand, kan ſie wirklich von ihm. Mit erweiterter und glühender Seele, mit einer von dem Geiſte Gottes erfüllten Seele ließ ſich der junge Geiſtliche herab auf den Betſchemel, und während er das Sündenbekenntniß vorlas, war ſeine majeſtätiſche Schönheit von einer Glorie umgoſſen, die niemand ſehen konnte, ohne den Einfluß derſelben zu fühlen. Noch höher aber ſtieg ſeine Macht, noch höher beherrſchte er jedes Gemüth, jedes Herz, da er ſeine tiefe, klangreiche Stimme erhob und ein Hallelujah er⸗ tönen ließ, das durch die Kirche zitterte, ein Hallelujah, bei welchem die ganze Gemeinde zitterte. Da verſtand man ſchon, warum die Leute ſo nach ihm liefen— war es nicht die Stimme eines Engels, welche ihnen die ge⸗ waltige Poſaune offenbarte? Evelyn ſaß unbeweglich da, doch nicht wie eine Bildſäule, ſondern als das verſinnlichte Bild einer Seele, welche auf der Reiſe durch unbekannte Zonen einige Minuten verweilt und rückwärts lauſcht. Der letzte Vers ſchwieg, und mit allgemeinen Seuf⸗ zern der Sehnſucht und der Ungeduld wurde der Predi⸗ ger empfangen, als er ſich etwas bleich, aber doch voll⸗ kommen ruhig auf der Kanzel zeigte. Juſtus von Carleborg hatte heute zu ſeinem Vor⸗ trage die Beantwortung dreier Aufgaben gewählt: das Urth Gott Punkte ten, ſe tionen ſonder: welche offnete das al den Fri D niß. wurden des tr „das e in Sie eines nenden folgen Grunde und da dieſe G daran ſelbſt d ſondern ten! B richtet geliehe beneide ſelbſt muth tionen der cen belaſte meinde auf G en. üůſtern und den Lan⸗ iſt. r Geſang, d trat die loſſen von den Altar, k mit ver⸗ welche er olchen Au⸗ ſtand, kam glühender llten Seele etſchemel, war ſeine goſſen, die rſelben zu noch höher a er ſeine lelujah er⸗ Hallelujah, a verſtand fen— war (nen die ge⸗ t wie eine einer Seele, nen einige einen Seuf⸗ der Predi⸗ r doch volr⸗ ſeinem Vor⸗ wählt: das Urtheil der Menſchen, eigenes Bewußtſein, Gottes Richterſpruch, und von dieſen drei Punkten aus griff er ſeine Zuhörer an, nicht mit Wor⸗ ten, ſcharf wie Spieße, nicht mit gewaltigen Geſticula⸗ tionen und nachdrucksvollen Schlägen auf die Kanzel, ſondern mit den Pfeilen der Sanftmuth und der Liebe, welche in die Herzen der Zuhörer ſauſten und dieſelben öffneten, als wären ſie bei der Warnung ſelbſt:„Höret das allgemeine Urtheil, aber höret es nicht allein!“ von den Friedenshauchen des Libanons berührt worden wären. Darauf kam die Anwendung der Pfeile der Betrüb⸗ niß. Wer widerſtand ihnen, wenn ſie von ihm gelenkt wurden— wer widerſtand der Klage von den Lippen des trauernden Lehrers, als er darüber redete, wie „das eigene Bewußtſein“ die Menſchen bethörte und ſie in Sicherheit gehen ließe, obgleich ſie an dem Rande eines Abgrundes gingen? Wer widerſtand ſeinen bren⸗ nenden Gebeten, ſeinen Thränen, da er gebot, ihm zu folgen, da er ihnen zeigte, auf welchem falſchen Grunde ihr gutes Urtheil uͤber ſich ſelbſt geruht hatte, und da er ihnen zeigte, wie beſonders die Citelkeit, dieſe Stammmutter ſo vieler anderer Sünden, Schuld daran war und iſt, daß unzählige Menſchen nicht nur ſelbſt den Weg zum Himmel aus den Augen verlören, ſondern ihn auch durch ihr Beiſpiel für Andere erſchwer⸗ ten! Inſonderheit war dieſe Klage an alle Mütter ge⸗ richtet— ſo bat er mit Worten, welche ihm die Engel geliehen haben mußten, die ihm die Seraphim hätten beneiden können, daß ſie Acht geben möchten auf ſich ſelbſt und aus ihren Herzen dieſe Eitelkeit, dieſen Hoch⸗ muth reißen ſollten, welche ſonſt in künftigen Genera⸗ tionen Früchte tragen und dereinſt ihre Gewiſſen mit der centnerſchweren Bürde nie ruhender Selbſtvorwürfe belaſten würden. Von dieſem Punkte, da der Prediger die ganze Ge⸗ meinde in ſeiner ſanften Gewalt hatte, ging er über auf Gottes Richterſtuhl. Jetzt verhüllte ſich der 25² Himmel mit Wolken, jetzt zuckten die Blitze, jetzt er⸗ klang eine Stimme aus den Wolken auf die Erde herab und erfüllte die Gottloſen mit einem Zittern, das keine menſchliche Sprache zu beſchreiben vermochte, denn es war Gottes Stimme, welche gewaltig redete und ihre Richterſprüche verkündigte. Doch noch einmal vertheilten ſich die Wolken, der Donner ſchwieg, die Sonne ging auf wie an einem neuen Schöpfungstage— und dort ſtand der junge Prediger, auf deſſen hoher Stirn einige Schweißtropfen zitterten, dort ſtand er im Namen ſei⸗ nes Meiſters und gebot Frieden, den Frieden Gottes, dieſen Frieden, welcher höher iſt denn alle Vernunſt, den Seelen der Geretteten, welche noch übrig waren, dieſen Rechtfertigen, welche ſeine Worte gehört hatten und ihnen folgten. Die Leute lauſchten in demüthigem Glauben, in heiliger, froher Rührung auf die Worte des Begeiſterten. Es war ihnen, als gehörten dieſe flammenden Augen keinem Sterblichen an, als kämen dieſe Worte, dieſe Stimme von oben herab, und da die Stimme immer leiſer und leiſer zuletzt in einem tiefen, andachtsvollen Seufzer hinſchmolz, ſo ging auch ein gemeinſamer Seufzer durch die ganze Gemeinde, ein Seufzer darüber, daß ſie zum erſten und zum letzten⸗ male von dieſer Kanzel herab einen Mann gehört hatte, von dem ſie ſo ganz hingeriſſen worden war. Nachdem er nach den letzten üblichen Ceremonien ihnen noch einmal ſein Hallelujah zum Lebewohl gegeben, ihnen ſeinen Segen ertheilt hatte, wobei ſeine Stellung, da er ſeine Hand nach ihnen ausſtreckte, die ſchönſte und beredteſte war, die man ſehen konnte, ſo ſtrömten die Leute zur Kirche hinaus und hätten ſich beinahe die Füße abgetreten, um noch einmal einen Blick auf ihn zu werfen, da er auf den Kirchhof hinaus treten würde, Es dauerte auch nicht lange, ſo kam er. Mit de⸗ müthigem Blick und edler Haltung ging er mit dem Hute in der Hand durch die Volksſchaar— die zu bei⸗ den Seiten eine Mauer bildete— grüßte rechts und links u len, di von ſei hatte— „N Deinen „J jetzt er⸗ rde herab das keine denn es und ihre vertheilten onne ging und dort tirn einige tamen ſei⸗ en Gottes, Vernunſt, rig waren, bört hatten emüthigem die Worte örten dieſe als kämen b, und da in einem ging auch meinde, ein um letzten⸗ ehört hatte, geremonien hl gegeben, e Stellung, ſie ſchönſte ſo ſtrömten ch beinahe ick auf ihn eten würde. Mit de⸗ mit dem die zu bei⸗ -rechts und 1 25³ links und ertheilte ihnen ſeinen Frieden mit den Strah⸗ len, die er aus ſeinen Augen, dem Lächeln, welches er von ſeinen Lippen fallen ließ. „Nun, ich bin mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, zu erkennen, daß ich in meinem Leben ſo etwas noch nicht geſehen habe!“ ſagte die Conſulin, als ſie von dem Wagen herab dieſen ganzen letzten Auftritt betrachtet hatte—„oder haſt Du, liebe Ebba, ſchon etwas der⸗ gleichen geſehen?“ „Nein, nie— er iſt in der That unerklärlich 1 „Ja,“ wiederholte die Conſulin, in deren Herzen noch einige von den Tönen der ſtarken Rührung vibrir⸗ ten, welcher ſie in der Kirche nicht hatte widerſtehen können;„er iſt unerklärlich!“ ,9 iſt ein wahrer Mann Gottes!“ ſagte der Con⸗ ſul leiſe. Baron Max trug Evelyn mehr als er ſie führte zu dem Wagen, in welchem das junge Paar allein fuhr. „Suche Dich zu beherrſchen, geliebte Evelyn— laß Deinen Willen ſtark ſein!“ „Ja,“ ſagte Evelyn, indem ſie ſich aus der Art oon ſonderbarer Betäubung erhob, in welche der letzte cheil der Predigt ſie verſetzt hatte,„ich will Willen und Muth haben— o, wie göttlich er iſt!“ „Er iſt aber dennoch nur ein hoch begabter Menſch,“ ſagte Max leiſe; bei ſich ſelbſt aber fügte er noch hin⸗ zu:„und ein arger, ein gefährlicher, ein unglücklicher Schwärmerl!.. Als die Kirchengäſte am Mittagstiſche ihren Lehrer wiederſahen, ſo lag noch zum Theil dieſer reine, demü⸗ thige Glanz auf ſeinem Weſen; darum erſtarben auf allen Lippen die zahlreichen Glückwünſchungen, womit man ihn hatte überhäufen wollen. Nur Evelyn trat vor und reichte ihm ihre Hand, welche er leicht drückte, 254 während ſeine Lippen das einzige Wort:„danke!“ in einem Tone flüſterten, daß Evelyn's ſchönes Antlitz ſich in einen Purpurſchleier hüllte. Juſtus von Carleborg las indeſſen in jedem Auge die Bewunderung, welche er eingeerndtet hatte, und der in ſeinem Innerſten ſtolze und eitle Mann genoß im Geheimen ſeines großen Triumphes, eines Triumphes, der ihm im Kleinen die unerhörten Triumphe vorher verkündigte, die ihm eines Tages zu Theil werden würden. Während des Mittageſſens wurde nur ein wenig geſprochen, denn Juſtus nahm ſeinen leichten und an⸗ genehmen Geſellſchaftston nicht wieder an. Er ſah ein, daß er nun allzu hoch ſtand, um nicht ſeine vortheil⸗ hafte Stellung beibehalten zu müſſen, und da er Oern⸗ wik mit dem gegebenen Eindrucke verlaſſen wollte, ſo benutzte er die Gelegenheit, bei Tiſche ſeine Dankbar⸗ keit über die auf ſeiner Reiſe genoſſene Gaſtfreundſchaft auszudrücken— am folgenden Morgen riefe ihn ſeine Pflicht weiter. d Während das Conſulat ſich beklagte und bedauerte, daß es ſeinen theuren Gaſt ſo bald verlieren ſollte, und beide im Geheimen darüber nachdachten, wie ſie Gele⸗ genheit finden ſollten, ihn, jedes für ſeine eigene Sache, anzuwerben, ſaß Evelyn ſtumm, ein Bild des ſtillen Schmerzes da; Baron Marx aber fühlte, wie ihm ein Stein von ſeinem Herzen gewälzt wurde, und der Blick, welchen er mit ſeiner Mutter wechſelte, zeigte ihm, daß hierin ihre Gedanken zuſammentrafen. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. An dieſem Abende beſchäftigte ſich Juſtus faſt aus⸗ ſchließlich mit Evelyn. —— N ſie ohr laſſen, Fertig wechſel begann Zeit, falt zu 94 einem „doch zu höre in eine ſter, d lung T das Al und hö daß es was G wie die Freude ſeinen Bruſt d ſeine? munter Sorgfa leiht. / bin ſeh 2 ſie find ernſt. Er „2 nkel“ in ntlitz ſich V dem Auge atte, und genoß im triumphes, he vorher lil werden ein wenig n und an⸗ Er ſah ein, te vortheil⸗ a er Oern⸗ wollte, ſo e Dankbar⸗ freundſchaft ſe ihn ſeine bH bedauerte, ſollte, und ie ſie Gele⸗ ene Sache, des ſtillen wie ihm ein d der Blick, te ihm, daß (us faſt aus⸗ 2⁵⁵ Nachdem er mit ihr über die Muſik geredet und ſie ohne lange Ueberredung vermocht hatte, hören zu laſſen, wie ſie die kleine unter ſeiner Leitung erworbene Fertigkeit unterhalten und ausgebildet hatte, dabei ab⸗ wechſelnd gelobt, berichtigt und Rath ertheilt hatte, ſo begann er ein kleines Examen über die Anwendung ihrer Zeit, und ob ſie noch fortführe, den Armen ihre Sorg⸗ falt zu widmen. „Oernwik hat keine Arme mehr,“ entgegnete ſie mit einem zärtlichen und herzlichen Blick auf ihren Gatten, „doch die Kranken und Unglücklichen beſuche ich!“ „Dieſes Zeugniß über Deinen Gatten iſt angenehm zu hören,“ ſagte Juſtus leiſe, indem er Evelyn bei Seite in eine Fenſterniſche führte,„und ich hoffe, meine Schwe⸗ ſter, daß Du ihm durch eine treue und innige Erfül⸗ lung Deiner Pflichten das Gute vergiltſt, das er für das Allgemeine wirkt. Es iſt ohne Zweifel das ſchönſte und höchſte Glück des Weibes, zu wiſſen und zu fühlen, daß es ihr allein vorbehalten iſt, für den Mann zu ſein, was Gott für die Gemeinde iſt, nämlich Alle s. So wie die Gemeinde ihren höchſten Frieden, ihre größte Freude in Gottes Armen ſucht, ſo ſucht auch der Mann ſeinen höchſten Frieden, ſeine höchſte Freude an der Bruſt der treuen Gattin: ſie iſt diejenige, welche ihm ſeine Mühen lohnt, die ihn bei ſeinen Beſtrebungen auf⸗ muntert, und die mit ihrer Liebe, ihrer freundlichen Sorgfalt der Wohnung Annehmlichkeit und Reiz ver⸗ leiht. Iſt dieſes Bild das Deinige, Evelyn?“ „Ach nein! ich fürchte, daß dem nicht ſo iſt! Ich bin ſehr dankbar in meinem Herzen, doch...“ „Fahre fort, meine Schweſter!“ „.. doch es wird mir ſo ſchwer, es zu äußern!“ „Du haſt ja aber doch Worte, Evelyn, wenn Du ſie finden willſt!“ ſagte er nicht ſtreng, wohl aber ernſt. Evelyn ſenkte das Haupt. „Brauche ich wohl zu ſagen, meine Schweſter, daß 256 eine Gattin nächſt der Liebe zu Gott, ihre Gefühle kei⸗ Du 8 nem würdigeren Gegenſtande weihen kann, als wenn ſie und d ihren Gattin liebt und ihm dieſes durch ihr Betragen ſpruch beweiſ't? Iſt es Dir nicht ein herrliches Gefühl, den Deinee Wünſchen Deines Mannes auf alle Weiſe zuvorzu⸗„ kommen?“ leiſe. „Er kommt ſtets den meinigen zuvor!“„ „Ihm Deine Sorgfalt zu widmen?“ vwiiſſſene „Er thut das gegen mich!“ zu übe „Das alles iſt zwar ſeine Pflicht; doch wenn Du hat, f ſie nicht theilſt, wenn Du nicht an alles denkſt, was viel w ihm gefallen kann, wenn Du nicht daran denkſt, Euer ſeine g Haus zu einem frohen und herrlichen Tempel des haus⸗ da kang lichen Glückes zu machen, ſo handelſt Du nicht nur un⸗ alles zu recht, ſondern ſogar ſündhaft.“ hat. 7 „Sündhaft?“ wiederholte Evelyn erblaſſend. zu gefa „Ja wohl, meine Schweſter! Eine Frau, die einen Mühe z Gatten hat, wie Du, kann mit dem Himmel im Herzen über ei ihre Pflicht erfüllen— wie gut, wie unendlich nach⸗ chen Ge ſichtig iſt er nicht, dieſer Dein Gatte! denke Dir Mil⸗ Evelyn, lionen Gattinnen vereinigt mit Männern, die keine ein⸗ math a zige von ſeinen Eigenſchaften beſitzen, und welche den. in jeder noch mit exemplariſcher Geduld, mit Sanftmuth und war es Entſagung ihre wichtigſte Pflicht erfüllen! Ich habe Ev viele ſolche Gattinnen geſehen und bewundert.“ flüſterte „Du haſt ſie bewundert?“ „Kehre Dich daran nicht, Evelyn: meine Be⸗ men G wunderung, die Bewunderung eines einzelnen Menſchen, ſchwebte wie unendlich geringe iſt nicht dieſe in Vergleich mit an wel dem eigenen Bewußtſein— ich meine kein falſches Be⸗ Wort!“ wußtſein, ſondern das Zeugniß unſeres Gewiſſens und das Bewußtſein, daß Gott uns ſieht und mit uns zu⸗„ frieden iſt. Entſinnſt Du Dich der Worte, die ich heute welche redete:„hört das allgemeine Urtheil, aber hört es nicht allein!“ Nein, Evelyn, niemals dieſes allein— und auch nicht das Urtheil eines einzelnen: prüfe es, und den him laß Deinen inneren Führer Dir dann zeigen, wie viel 2 —., 8 5 ühle kei⸗ wenn ſie Betragen fühl, den zuvorzu⸗ wenn Du ikſt, was nkſt, Euer des häus⸗ t nur un⸗ end. „die einen im Herzen lich nach⸗ Dir Mil⸗ keine ein⸗ es, und wie viel 257 Du Deinem eigenen Urtheile zu trauen wagen darfſt, und demnächſt läßt er ſich erkennen in Gottes Richter⸗ ſpruch, dem beruhigenden oder anklagenden Zeugniſſe Deines Gewiſſens.“ „Was ſoll ich denn thun, um...“ Cvelyn ſeufzte leiſe. „. um das beruhigende Zeugniß Deines Ge⸗ wiſſens zu erhalten? Du ſollſt zu allererſt die Trägheit zu überwinden ſuchen, welche nun wieder angefangen hat, ſich in Dein Weſen einzuſchleichen. Du ſollſt ſo viel wie möglich das Bild Deines Mannes und alle ſeine guten Eigenſchaften vor Deiner Seele haben, denn da kann es nicht fehlen, daß Du Dich aufgefordert fühlſt, alles zu erfüllen, was er von Dir zu fordern das Recht hat. Ferner ſollſt Du Dich auch angelegen zeigen, ihm zu gefallen, und durch eine einzige Aufmerkſamkeit die Mühe zu erleichtern ſuchen, welche er ſich gibt, um Dich über eine Menge von eben ſo intereſſanten als nützli⸗ chen Gegenſtänden zu unterrichten; und endlich, geliebte Evelyn, ſollſt du Wärme und Anmuth über Deine Hei⸗ math ausgießen. Dieſe Heimath iſt ſchön, zierlich und in jeder Hinſicht bequem und anmuthig— und dennoch war es mir, als ob mich dort oben ein wenig fror.“ Evelyn erblaßte von Neuem:„Worin lag das?“ flüſterte ſie. „In dem Gefühle, daß nicht der Geiſt einer war⸗ men Gattin, einer freundlichen Hausmutter darüber ſchwebte. Doch, meine Schweſter, ich habe eine Ahnung, an welche ich eben ſo feſt glaube, wie an Gottes Wort!“ „O!l welche denn?“ „Die Ahnung, daß von heute an die Hausgötter, welche bis jetzt gefehlt haben, bei Euch einziehen— und auf Dir, Evelyn, meine geliebte, zärtliche Schweſter, auf Dir, die ich meinen guten Engel nenne, beruht es, ob ich den himmliſchen Genuß haben werde, mich den Deini⸗ Eine Nacht am Bullarſee. U. 17 258 gen nennen zu können. O, gewähre mir ihn, Cvelyn, laß mich hoffen, daß, was mein Pflichtgefühl vielleicht etwas ſtreng, aber doch aus brüderlicher Zärtlichkeit zu Dir redete, nicht vergeblich geredet hat— laß mich Dein guter Engel geweſen ſein, der den Segen in Dein Haus gebracht hat! Wenn Du Deinen Gatten liebſt, ihm zu gefallen ſuchſt und Dich in allen Stücken in Deinen Pflichten befeſtigt, ſo haſt Du nicht nur meinen Beiſall, ſondern auch meine tiefe, meine herzliche Hochachtung und in verdoppeltem Grade meine brüderliche Liebe.. doch— das iſt eine Kleinigkeit gegen den Beifall Dei⸗ nes Gewiſſens, den Beifall Deines Mannes, den Bei⸗ fall Gottes. Sage, o ſage doch, mein Engel, meine Schweſter, meine gute Evelyn, daß Du mich nicht von Dir laſſen willſt, ohne meine Bitten erfüllt zu haben!“ Evelyn war hingeriſſen und begeiſtert.„Nein!“ ſagte ſie mit ſtrahlendem Blick und erhabener Stirn; „Du ſollſt nicht ungehört von mir gehen! Ich will und werde das werden, was Du ſagſt, ich will meinem Gat⸗ ten ſeine Liebe lohnen— ich werde... ſeinen, meinen eigenen, Gottes und Deinen Beifall erlangen!“ „So gebe ich Dir denn meinen beſten, meinen ſchön⸗ ſten Segen, und reiſe in dem beſeligenden Glauben, daß mein Herr und Meiſter mir geſtattet hat, etwas Gutes zu vollbringen!“ Seine Hand berührte leicht Evelyn's ſchönes Haupt; darauf gingen ſie von einander, beide in dem Ge⸗ nuſſe des beſeligenden Bewußtſeins eines guten Vor⸗ ſatzes. „Entſchuldigen Sie, Herr Magiſter!“ flüſterte die Conſulin, als man ſich am Abende trennen wollte;„ver⸗ ziehen Sie einige Augenblicke in dem kleinen Salon— ich wünſchte Ihnen ein Paar Worte zu ſagen!“ Prin; die C men, und r dem 2 geiſtlie ſtehen T ſprechl Antlitz entzück „Cvelyn, vielleicht lichkeit zu mnich Dein dHein Haus t, ihm zu n Deinen n Beifall, Liebe... ifall Dei⸗ den Bei⸗ el, meine nicht von u haben!“ „Nein!“ er Stirn; will und inem Gat⸗ n, meinen gen!“ nen ſchön⸗ Glauben, at, etwas es Haupt; dem Ge⸗ uten Vor⸗ lüſterte die llte;„ver⸗ Salon— 2en!“ 259 Der Magiſter verbeugte ſich, um ſeine ehemalige Prinzipalin zu erwarten, die dann auch ſehr bald kam. „Mein beſter Herr Magiſter Carleborg, haben Sie die Güte, hier auf dem Sofa neben mir Platz zu neh⸗ men, und verzeihen Sie, wenn ich in Folge der ſchönen und rührenden Predigt, die wir heute gehört haben, dem Bedürfniſſe ohne Zwang vor einem ſo würdigen geiſtlichen Mann mein Herz auszuſchütten, nicht wider⸗ ſtehen kann!“ Die Conſulin hatte eine andächtige, und unaus⸗ ſprechlich fromme Miene angenommen; doch auf dem Antlitze des jungen Geiſtlichen ruhte nicht länger dieſe entzückende, engelgleiche Sanftmnth, welche daſſelbe heute den ganzen Tag ausgezeichnet hatte— ſein Ton klang eher rauh als aufmunternd, als er fragte:„Womit kann ich zu Dienſten ſein, Madame?“ „Ach, ich bitte, nehmen Sie nicht übel— es be⸗ trifft meinen höchſten Frieden!“ „Iſt es ſo?“ entgegnete Juſtus freundlicher.„Es iſt alſo eine geiſtige Angelegenheit?“ „Das nicht ſo ganz— nein, nicht ſo ganz!“ „Was bildet denn, wenn ich fragen darf, den höch⸗ ſten Frieden der Frau Löwe?“ „Ich meinte den irdiſchen Frieden!“ „O! es betrifft alſo Evelyn's Erziehung?“ „Gewiß nicht! Ich bin mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, zu erkennen, daß ich in dieſer Hinſicht alles ge⸗ than habe, was man von einer zärtlichen Mutter ver⸗ langen kann!“ „Entſchuldigen Sie, wenn ich hierin von entgegen⸗ geſetzter Meinung bin! Wir ſind allein, und was wir ſprechen, das kommt nicht weiter; laſſen Sie mich alſo erklären⸗.. „Nein, um Gottes Willen! ich will nicht beichten! Wir wollen entweder nur von dem Gegenſtande reden, der mich hieher geführt hat, oder auch brauchen wir einander gar nichts zu ſagen!“ ——— — — — — 260 „Wohlan denn, laſſen Sie mich dieſes zuerſt hören — wir werden wohl einmal Gelegenheit haben, ſo lange mit einander zu reden, daß ich Zeit finde, meine Mei⸗ nung zu ſagen!“ „Was ich ſagen wollte, das betrifft meinen Mann; mein armer David leidet an der ſchweren Krankheit, die man Hypochondrie nennt.“ „Darüber wundere ich mich im Geringſten nicht!“ „Ich ſollte doch meinen, daß in unſrer Lage man ſich ſehr darüber wundern kann, und beſonders darüber, daß er jetzt die fire Idee bekommen hat, von neuem in eine kleine Seeſtadt zu ziehen und ſeine alten Geſchäfte wieder anzufangen.“ „Das iſt etwas ſehr Natürliches, wenn man ſieht, wie der redliche, ſonſt ſo thätige Mann hier vor Lang⸗ weile hinſtirbt.“ „Um Verzeihung, Herr Magiſter! wie iſt es mög⸗ liih daß jemand auf Oernwik vor Langweile hinſterben kann?“ „Einige Jahre ſpäter, Frau Conſul, werden Sie ſelbſt dieſe Frage am beſten beantworten können; denn glauben Sie mir, Madame, es wird ein Tag kommen, da dieſe glänzenden Flitter nicht mehr im Stande ſind, die Selbſtvorwürfe, dieſe Furien, dieſe Schatten, welche ſich aus dem Abgrunde erheben, um ihre Beute zu packen, zum Schweigen zu bringen! Ein Mann, der noch viele Jahre an ſeinem Platze hätte nützlich ſein können, iſt das Opfer Ihrer Eitelkeit geworden; die Tochter, welche Gott Ihnen anvertraut hat, hätte Ihre Einfalt und Selbſtliebe faſt dahin gebracht, daß ſie auf dem Wege war, die Zahl der Wahnſinnigen zu ver⸗ mehren, als noch der Herr ſich der Armen erbarmte, und mich, ſeinen Diener, ſendete, um ſie dem ſchlechten Boden, in welchem ſie wuchs, zu entreißen, und in einen beſſern zu verſetzen. Aber erhielt ich dabei die geringſte Hülfe von Derjenigen, die mich hätte ver⸗ ſtehen und mir meine Mühe hätte danken ſollen? Nein — n Ihren Evely⸗ hin ſie ſchon Zuſtan ſelbſt: Frau, nen, Gewal Sie ge ſehen k dern w Ihren Außenſ gerſohn werden Höͤren hören zu Ihn kehren t hören ſoo lange e Mei⸗ Mann; heit, die nicht!“ ige man darüber, euem in Geſchäfte an ſieht, or Lang⸗ es mög— inſterben rden Sie en; denn kommen, nde ſind, n, welche Beute zu ann, der Zlich ſein rden; die ätte Ihre ß ſie auf zu ver⸗ erbarmte, ſchlechten , und in dabei die hätte ver⸗ jen? Nein 261 — mit Ihrer Eitelkeit und Ihrem Hochmuthe, mit Ihren tauſend wahnwitzigen Thorheiten arbeiten Sie Evelyns Verbeſſerung entgegen, und hätte Gott ſpäter⸗ hin ſie nicht in ſo gute Hände geliefert, ſo würde ſie ſchon längſt wieder in ihren vorigen bedauernswürdigen Zuſtand zurückgefallen ſein. Denken Sie ferner an ſich ſelbſt: Sie waren eine würdige Gattin, eine redliche Frau, Sie hätten eine vortreffliche Frau werden kön⸗ nen, wenn nicht der Dämon der Eitelkeit Sie in ſeine Gewalt bekommen hätte. Sehen Sie nun, wohin er Sie gebracht hat; ſo weit, daß, wenn Sie ſich ſelbſt ſehen könnten, Sie vor Ihrer Entſtellung zurückſchau⸗ dern würden. Man lacht in der ganzen Gegend über Ihren Hochmuth, Ihre Sucht nach einer ſchimmernden Außenſeite; aber Ihr Mann, Ihr Kind, Ihr Schwie⸗ gerſohn, ſie lachen nicht— ſie leiden nur davon und werden ſo lange leiden, bis Sie ſich wecken laſſen. Hoͤren Sie die Stimme eines Rufenden in der Wüſte, hören Sie den Geiſt, der durch meine ſchwachen Worte zu Ihnen redet, hören Sie mich! Kehren Sie um, kehren Sie um! Erfüllen Sie die Bitte Ihres Gatten, ſchenken Sie ſich durch dieſe Nachgiebigkeit Frieden mit ſich ſelbſt, ein Verſöhnungsopfer demjenigen, was ſich verſoͤhnen läßt! Ich ſah, daß Sie ſchon heute Vormit⸗ tag bei dem allgemeinen Gottesdienſte gerührt waren; verſchmähen Sie nicht die Bitte des Freundes und des chriſtlichen Lehrers, ſie kommen von Herzen, laſſen Sie dieſelben dorthin zurückgehen— kehren Sie um, Frau Löwe, kehren Sie um!“* „Ja, kehre um, kehre um!“ erſcholl eine zitternde Stimme von der Thür. Conſul Löwe, welcher geſehen hatte, wie ſeine Frau dem Magiſter einen Wink gab, und welcher das Recht zu haben geglaubt hatte, zu er⸗ fahren, was dieſes bedeutete, hatte mit Staunen und Dankbarkeit auf die Worte des Geiſtlichen gelauſcht, welche ihm die Verlegenheit erſparten, ihn darum zu erſuchen.„Kehre um, kehre um, Petronella!“ rief der 262 gute, ehrliche, gerührte Mann,„und ich rufe Gott zum Zeugen an, daß kein Vorwurf wegen des Geſchehenen jemals über meine Lippen kommen ſoll! Werde wieder eine gute, ehrliche, einfache Gattin, wie ehemals, laß mich eine Freude haben an meinen Fahrzeugen, und . werden noch viele freudevollen Jahre mit einander eben!“ Frau Löwe war ſo erſchüttert, daß ihre Stimme nicht hörbar werden konnte. Sie ſchluchzte wie ein Kind, ſie rang ihre Hände, ſie wollte ſich das Haar ausrau⸗ fen; doch niemand erfuhr, was eigentlich aus dieſem wilden Paroxismus werden würde, denn ſie ſchwieg fort⸗ während. „Meine Sendung iſt beendigt!“ ſagte Juſtus. „Wollen die Frau Conſul mich noch ferner mit Ihrem Vertrauen beehren, ſo mögen Sie ſchreiben; werden Sie aber von heute an nicht von Ihrer Krankheit wieder hergeſtellt, ſo...“ Er ſchwieg. „Ja, ja, mein beſter Herr Magiſter, mit Gottes Hilfe!— ſie muß nur Zeit haben, ſich zu faſſen.“ Aber noch am folgenden Morgen hatte Frau Löwe ſich noch nicht ſo weit wieder erholt, daß ſie dem Ma⸗ giſter Carleborg Lebwohl ſagen konnte, ja nicht einmal ſo weit, daß ſie Ihrem Alles— in— Allem, ihrer lie⸗ ben Charlotte, ihre Gedanken mitzutheilen vermochte ſie ſchwieg und begehrte nur allein zu ſein. „Als wir,“ begann der Conſul, da er und Magiſter Carleborg in dem Zimmer des Erſtgenannten auf und abgingen und mit einander ſich unterhielten,„als wir das vorige Mal hier von einander Abſchied nahmen, ſo wagte ich es, eine Unterſtützung anzubieten, welche je⸗ doch der Magiſter Carleborg ausſchlug— hat auch der Miſſionär, der edle Mann, welcher hinausgehen und Andern wohlthun will, ein Recht dazu? Auch ich fühle das Bedürfniß, eine gute Handlung zu thun, und ich hoffe, daß die Summe, welche ich dem Miſſionär zu geben wünſche, eine Frucht tragen ſoll, die das viele will ich bar ant ten, de ich derſe ner gro „ wahrun vott zum chehenen e wieder als, laß en, und einander Stimme ein Kind, ausrau⸗ is dieſem ieg fort⸗ Juſtus. it Ihrem rden Sie it wieder it Gottes ſen.“ rau Löwe dem Ma⸗ ht einmal ihrer lie⸗ ermochte; Magiſter auf und „als wir ihmen, ſo welche je⸗ auch der ehen und ich fühle „ und ich ſſionär zu das viele 263 Gute verſöhnen kann, welches ich ſelbſt zu thun unter⸗ ließ, als ich aus Schwachheit vor Petronella's Bitten mit meiner Wirkſamkeit aufhörte.“ „Von dieſem Geſichtspunkte aus betrachtet, will ich mit Freuden eine Ausnahme von meiner Regel machen, für mich ſelbſt nie etwas anzunehmen. Viele, ja, wahr⸗ lich, viele ſind der Gaben geweſen, die man mir ange⸗ boten hat; doch ich habe immer geantwortet: gebt ſie der Miſſionsgeſellſchaft! doch Herr Conſul, die Ihrige will ich als den höchſten Beweis meiner Achtung dank⸗ bar annehmen, denn ſie wird mir einen Ausweg berei⸗ ten, das Ziel leichter zu erreichen. Jetzt aber bedarf ich derſelben noch nicht, erſt wenn ich fertig bin zu mei⸗ ner großen Reiſe, werde ich mich melden!“ „Gott beſtimmt über Leben und Tod! das Geld, Herr Magiſter, iſt ſichrer in Ihren, eines Mannes Got⸗ tes, Händen, als in den meinigen.— Nehmen Sie dieſe dreitauſend Reichsthaler Banco nebſt meinem warmen Wunſche und meiner Bitte, daß ſie Ihnen auf Ihrem gefährlichen Wege von Nutzen ſein mögen!“ „Aber dieſe Summe— nein, Herr Conſul, nein, die iſt allzu groß!“ „Wollen Sie mir denn meine Bitte wieder abſchla⸗ gen?“ fiel der Conſul halb ärgerlich ein.„Glauben Sie mir, daß ein Mann, der ſo an Geſchäfte gewöhnt iſt, wie ich, recht gut weiß, was er thut! dieſe Summe iſt ſchon lange für einen wohlthätigen Zweck abgezählt geweſen— betrüben Sie mich nicht!“ „Wohlan denn, es ſei! Ich will dieſe Summe bei meiner Mutter deponiren, dort iſt ſie in ſicherer Ver⸗ wahrung!“ Und nach einem treufeſten Handſchlage gin⸗ gen ſie mit einander hinunter, wurden aber auf der Treppe von dem Baron Mar eingeholt, welcher ohne ein Wort zu ſagen Juſtus in ſeine Wohnung führte. „Evelyn hat mir alles geſagt, was Sie geſtern mit ihr geredet haben. Verzeihen Sie mir den alten Groll, 264 den ich gehegt habe— jetzt bin ich feſt von der Grund⸗ loſigkeit deſſelben überzeugt!“ Juſtus nahm die dargereichte Hand an und ſagte mit einem offenen Blicke:„Ich ſchwöͤre, daß ich Evelyn nur als ein Bruder liebe, und daß ich immer nur an ihr Glück gedacht habe!“ 4 „Und nun wird ſie glücklich werden: ſie iſt es ſchon,“ lispelte Evelyn's Engelſtimme, indem ſie aus dem kleinen Kabinette zu den Männern heraustrat— „und das iſt Dein Werk, mein Bruder, Dein Werkl“ Kurz darauf erhielt Evelyn am Fenſter ſtehend den letzten Gruß ihres brüderlichen Freundes. Sie weinte, doch keine Thräne des Schmerzes. Sechsundzmanzigſtes Kapitel. Als der Fanatiker Oernwik hinter ſich gelaſſen hatte, ſo fühlte er, daß er unter dem unmittelbaren Einfluſſe des heiligen Geiſtes ſtand. Er fühlte ſich näm⸗ lich erfuüllt von dem befriedigenden Gefühle, zu wiſſen, daß er durch ſeine Macht etwas Gutes bewirkt hatte, etwas, das den innern Vorwurf vermindern konnte, wel⸗ ches ihm immer ſeinen erſten Aufenthalt auf Oernwik nagend in das Gedächtniß zurückführte,— dieſe Zeit, in welcher er ſich ohne Aufenthalt, fein und ſinnreich, dem hinreißend ſchönen Genuſſe hingab, die ſchlumern⸗ den Gefühle eines unſchuldigen Kindes zu wecken und auszubilden und dieſelben ſtets nach dem Einfluſſe ſeines Willens zwar zu keinem falſchen Ziele zu leiten, aber dennoch ſo abhängig von ihm, daß dieſes Weſen ſich immer betrachten mußte als ein Leben, ein Weſen aus ihm, eine arme Pflänze, die weder empor keimen noch Wurze hinwe Pfad Nein, war n heerend — abe gezoger gefühlt dieſe L ſchaffen als ſei Daß es liebe w das kon er begit ſchuldsv des Häu Leidenſch eines n hatte, d Vertrau Juſtus lobt zu Ko überzeu daß er Form g ihrer E und zär lichem G Lerdienſ r Grund⸗ und ſagte h Evelyn r nur an ſie iſt es ſie aus istrat— Werk!“ thend den e weinte, gelaſſen ittelbaren ſich näm⸗ zu wiſſen, rkt hatte, unte, wel⸗ Oernwik dieſe Zeit, ſinnreich, chlumern⸗ ecken und eſſe ſeines en, aber Zeſen ſich geſen aus men noch⸗ 265 Wurzel ſchlagen konnte, wenn er ſeine pflegende Hand hinwegnahm oder die Sonne ſeiner Blicke auf ihren Pfad ſich verfinſtern ließ. Hatte Juſtus von Carleborg jemals Evelyn geliebt? Nein, nicht, nicht mit der Liebe der Leidenſchaft— ſie war nicht das Mädchen, welches die glühenden, ver⸗ heerenden Siroccowinde in ſeiner Seele erwecken konnte — aber er hatte ſich doch unausſprechlich zu ihr hin⸗ gezogen gefühlt, er hatte ein unausſprechliches Bedürfniß gefühlt, ſie zu ſich zu ziehen. Zuerſt verglich er ſelbſt dieſe Liebe mit Gottes Liebe gegen das von ihm er⸗ ſchaffene Weſen. Späterhin glaubte er, daß Gott ſie als ſeinen guten Engel in die Welt geſendet hätte. Daß es aber eigentlich doch nur eine egoiſtiſche Selbſt⸗ liebe war, was ihn zu dieſem jungen Weibe hinzog, das konnte man aus der Grauſamkeit abnehmen, welche er beging, da er ſie bei ihrem Beſuche unter ihrer un⸗ ſchuldsvollen Beichte den ganzen Einfluß des Blickes, des Händedruckes fühlen ließ, den ſie nur mit Furcht und Schrecken in ihr Gedächtniß zurückrufen konnte. Dieſer Augenblick war bis jetzt der düſterſte in dem Leben des Juſtus; denn erfüllt von einer brennenden Leidenſchaft für Conſtance konnte es nur der Eindruck eines niedrigen Beweggrundes ſein, der ihn vermocht hatte, dieſes Kind, das ſich ihm mit ſo gränzenloſem Vertrauen näherte, zu bethören und mißzuleiten. Doch Juſtus hatte auch die Macht der Reue gefühlt und ge⸗ lobt zu vergelten, was er gegen Evelyn gefehlt hatte. Konnte er das wohl jemals? Er war ſelbſt davon überzeugt und rechnete es ſich als ein Verdienſt an, daß er jetzt ihre Sinne und Gedanken in eine andere Form gegoſſen hatte. Wollte Gott ihr geſtatten, in ihrer Ehe glücklich zu werden, wollte Gott die treuen und zärtlichen Bemühungen des Baron Mar mit glück⸗ lichem Erfolge krönen, ſo war das ja keines Andern Verdienſt, als das ſeinige, des Juſtus; denn hätte er ——— 266 das Gute nicht gewollt, hätte er es nicht befördert, wo wäre da die Gränze des Elendes geweſen, welches er auf dieſe Familie hätte herabziehen können? Bei dieſem Punkte in ſeinem Ideengange hielt gleichwohl der Schwärmer inne, um ſich ſeine eigene Schwäche und Unwürdigkeit vorzuwerfen, daß er im Stande war, ſich ſo von den Verführungen des Hoch⸗ muthes hinreißen zu laſſen. „Nie, nie,“ fuhr er fort, der Macht der neuen Gedanken nachgebend,„nie, Du reiner Engel, kann ich Dir genug Gutes thun, um das Böſe aufzuwägen, das ich Dir zugefügt habe!... Doch, biſt Du nicht ſchon längſt gerächt?“ Hier warf er ſich in einen neuen Ideengang ein.„Deine lieblichen blauen Augen würden nicht allein mein Bild aufgenommen haben, meine Seele würde vielleicht für immer freiwillig bei Dir geblieben ſein, wenn nicht ſie an Deiner Seite geſeſſen, wenn nicht ihre dunklen Augen, ihre ſchönen ſammetſchwarzen von unausſprechlichem Glanze ſtrahlenden Augen ge⸗ weigert hätten, mein Bild in ihren Spiegel aufzunehmen. Ich floh ſie, ich haßte ſie beinahe— und dennoch ſtand ſie immer ſchöner und ſchöner vor mir: es war eine irdiſche, eine gefährliche, eine verrätheriſche Schöͤnheit, die Schönheit einer Sirene, vor welcher die Deinige, Du arme Evelyn, erblich. Und dennoch war es mir, als hätte ich ſie nur im Traume geſehen bis zu jenem Augenblicke, da ich ſie in der Kirche wiederſah. Vierzehn Monate lang hatte ich die Macht dieſer Augen nicht anders als in der Einbildung gefühlt; dort aber hatten ſie mich ſtets verfolgt; doch von dem Augenblicke an, da ich wiederum unter ihrem Einfluſſe ſtand, da war auch das Schickſal meines Herzens entſchieden— es trat in die Feſſeln der Sklaverei und huldigte bald ſeinen Banden und bald verfluchte es dieſelben. Und dieſe Augenblicke, Augenblicke voll ſeliger, be⸗ rauſchender Begeiſterung, da ich mittelſt der Macht meines Geiſtes dieſe ſtolze Seele, dieſes aufrühreriſche Herz Sie ſo hohe E ſie wür wenn daß ſie Andern „ Du ar nicht, ſchleiche falſchen ehrſt, nachſen heißen befördert, „e welches 1? nge hielt ine eigene daß er im des Hoch⸗ der neuen kann ich ägen, das nicht ſchon nen neuen en würden eine Seele geblieben en, wenn tſchwarzen lugen ge⸗ zunehmen. moch ſtand war eine Schoͤnheit, e Deinige, ar es mir, zu jenem . Vierzehn ugen nicht aber hatten enblicke an, d, da war eden— es bald ſeinen ſeliger, be⸗ der Macht frühreriſche 267 Herz in meine Feſſeln— vor meine Füße legte... Sie ſoll aber doch nie ihren Wahn verlieren! Dieſe hohe Seele, welche nur den Meiſter anzubeten vermeint, ſie würde vergehen unter dem Centnergewichte der Scham, wenn ſie ſich in ihrer Nacktheit erblickte, wenn ſie ſähe, daß ſie eigentlich nur den Jünger anbetet, und keinen Andern. „Nein, liege Du zu den Füßen Deines Heilandes, Du arme, betrogne, getäuſchte Zauberin! Verlaß ihn nicht, höre nie die Stimme, welche ſich in Dein Herz ſchleichen und Dir zuflüſtern will: ſiehe, Du haſt einen falſchen Gott aufgeſtellt... Derjenige, den Du ver⸗ ehrſt, dem Du die heißen Seufzer Deiner Sehnſucht nachſendeſt, er ſchickt Dir nun mit dem Winde ſeine heißen Seufzer! Sein Herz zittert bei dem bloßen Ge⸗ danken an Dein Bild, ſo wie das Deinige zittert, wenn Du ihn bei dem öffentlichen oder dem Privatgottesdienſte auftreten ſiehſt. „O, was würde aus Dir werden, wenn Du ihn in ſeinen einſamen Stunden ſäheſt, da ſeine Seele die Deinige in ſich aufnimmt!.... Doch Du ſollſt ihn nicht ſehen in dieſen einſamen Stunden: mit ſeinem geiſtigen Kampfe will er Dich von dem Bewußtſein der Sunde freikaufen; er will Dich ganz reinigen dadurch, daß er Dein Bild aus dieſem Fegfeuer reißt, worin es jetzt brennt. Ja, ja, ich will es herausreißen! Wage es nicht, mir in den Stunden meiner Heiligung zu nahen! — o, ich beſchwöre Dich, weiche von mir, laß nicht Deine Gedanken den meinigen begegnen, ſuche mich nicht mit Deinen Blicken, miſche nicht Deine glühenden Seufzer mit den meinigen, denn da hat die Heiligung keine Macht— da find meine Buße, mein Kampf, meine Angſt vergeblich!“ Wiederum ſank auf die Seele des Fanatikers eine ſchwere und düſtere Nacht herab, eine Nacht, auf welche nüteen ſo verwirrender Morgen der Buße folgen 268 Während das innere Leben zwiſchen Nacht und Tag wechſelte, war auch Nacht und Tag zweimal übet erreiche die Erde gegangen, und die immer wildere, unange, daſſend nehmere und ödere Gegend war ein Anzeichen, daß er einem ſich der Wildniß oder, wie er es nannte, der„Wüſte,“ meilen dem Ziele ſeiner Reiſe näherte. ſent Je weiter und weiter er in dieſer ſteinigen, mit 25 kurzem Geſträuch bewachſenen Gegend ſortſchritt, welche“ gehoͤrte noch wilder und ſchwärzer wurde durch die geſchehenen habende Verſuche der Urbarmachung,*) deſto mehr erhob ſich wohnte ſein gebeugter Geiſt, denn derſelbe ſollte ja bald vereint würde, werden mit dem Geiſte, welchen er unter allen Menſchen⸗„ geiſtern am meiſten hochachtete. Aber noch an den„ Abende des dritten Tages hatte er keine Hoffnung, auf ſie thu den von der naſſen Herbſtwitterung faſt grundlos ge⸗ ſo gut, wordenen Wegen den Comminiſterhof vor der Nacht zu Put h „E *) Dieß bezieht ſich auf die in den waldreichen Provinzen„Jo Schwedens allgemein übliche Sitte, welche man begange „Swedjeland machen“ oder„ſwedja“ nennt, und welche Behüte darin beſteht, daß man ſämmtliche Bäume niederhaut, vergeſſen die beſten derſelben hinwegführt und darauf alle kleinern ih 9 und alle Aeſte anzündet. Der dadurch gewonnene, von der ihm geſ Aſche gedüngte, oft ganz felſige Boden gibt unn eine„W bis zwei Erndten, die gewöhnlich nur mager ſind,„O und darauf für einige Jahre eine erträgliche Vieh⸗ hat— weide, worauf man ihn wiederum der Natur überläßt. ihm ein Daß ſolche Stellen im Walde für das Auge höchſt iſt? Ja unangenehm ſein müſſen, begreift wohl der Leſer von nicken ſelbſt. Das Unangenehme dieſes Anblickes wird noch d v bedeutend vergrößert durch die vielen darauf ſtehenden— und die halb verbrannten und geſchwärzten Baumſtämme, aus„2 deren Länge man ſehr leicht ſchließen kann, ob der„S Holzfäller ein großer oder ein kleiner Mann geweſen rede ger iſt; denn nirgends will mau ſich beim Holzfällen CEhrfurch bücken und den Baum dicht an der Erde abhauen. Schuldi — Daß der Nutzen dieſes Verfahrens gering ſein rede we muß, ſpringt in die Augen. mit v. . 3 Anm. d. Ueb. umit rei er will; 6 3 1 4 Nacht und eimal über , unange⸗ en, daß er „Wüſte,“) ligen, mit ritt, welche geſchehenen erhob ſich aald vereint Menſchen⸗ ch an dem ffnung, auf rundlos ge⸗ er Nacht zu n Provinzen velche man , und welche niederhaut, alle kleinern nene, von der ibt nun eine mager ſind, gliche Vieh⸗ tur überläßt. Auge höchſt er Leſer von es wird noch auf ſtehenden ſtämme, aus unn, ob der ann geweſen n Holzfällen rde abhauen. gering ſein 1. d. Ueb. 269 erreichen. Er beſchloß alſo, um nicht zu einer ſo un⸗ paſſenden Zeit ſeinem Wirthe zur Laſt zu fallen, in einem Bauerhofe zu übernachten, welcher fünf Viertel⸗ meilen von dem iſolirt liegenden Comminiſterhofe ent⸗ fernt war. Dieſer Bauerhof, welcher unfern des Weges lag, gehörte nach der Ausſage des Skjutsjungen einer wohl⸗ habenden Wittwe, die denſelben mit ihrem Sohne be⸗ wohnte, und die ganz gewiß gaſtfrei gegen ihn ſein würde, da er zum Herrn Paſtor reiſen wollte. „Ihr liebt alſo Euren Paſtor ſehr?“ fragte Juſtus. „Das mag Gott wiſſen!“ antwortete der Junge, „ſie thun wohl beides ſo und ſo!....Aber ſein Sie ſo gut, lieber Herr, und ſagen Sie nicht, daß ich's ge⸗ ſagt habe, denn ſie meinen, es ſei gefährlich, über den Mann laut zu denken!“ „Er iſt ein heiliger Mann!“ fiel Juſtus ein. „Ja wohl, ja behüte!“ beeilte ſich der Junge, den begangenen Fehler zu verbeſſern,„er iſt gewiß heilig. Behüte Gott, unſer Paſtor iſt ein guter Herr— und vergeſſen Sie nicht, daß ich mit großer Ehrfurcht von ihm geſprochen habe!“ „Warum ſoll ich denn das nicht vergeſſen?“ „O, nur wenn er fragen ſollte, wer Sie gefahren hat— und ſollte nicht ich, der im vorigen Jahre von ihm eingeſegnet wurde, wiſſen, was er für ein Mann iſt? Ja, ja,“ fügte er mit einem glaubwürdigen Kopf⸗ nicken hinzu,„ich weiß es ſo gut wie irgend Einer, und vielleicht noch ein wenig beſſer!“ „Warum aber ſprichſt Du ſo ſonderbar?“ „Spreche ich ſonderbar? Gott behüte mich! ich rede gewiß recht und ſchlecht und in aller Demuth und Chrfurcht— ja, in großer Ehrfurcht, wie es meine Schuldigkeit iſt, wenn ich von unſerm heiligen Paſtor rede, welcher ſo ungeheuer lange Arme hat, daß er da⸗ mit reichen kann ſo weit er will, und daß er faßt wen er will; und die Finger braucht er als Zangen, womit 270 er die großen Sünder an den Ohren kneipt und ſie aus dem Sundenſchlamme heraufzieht. Ja, das iſt ein Prieſter den ganzen Tag!“ Juſtus bemerkte die verſteckte Heuchelei des jungen Bauerknaben und wollte daher das Geſpräch nicht weiter fortſetzen. Indeſſen ſielen ſeine Gedanken mit geheimem Mißvergnügen auf die Leute, welche nie ihre großen Männer vollkommen ſchätzen lernen, ſondern nur durch die Furcht im Zaum gehalten werden können.„Grave, dieſe edle, große Seele,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„dieſer durch ſein Herz und durch ſein Genie ſo erhabene Mann, der aus Liebe zu ſeinem großen Herrn und Meiſter geht, um mit Fleiß in den entlegenſten Gegenden zu predigen, dieſer Mann, deſſen erhabenen Eigennutz kein Menſch zu faſſen vermag, er wird geſchmäht und mißver⸗ ſtanden von Weſen, die nicht werth ſind, den Staub zu küſſen, über welchen ſein Fuß hingeſchritten iſt!.... Wie klein, wie unbedeutend, wie elend bin ich in Ver⸗ gleich mit ihm! Meine Seele brennt nicht allein vor Verlangen, das ſegensreiche Wort Jeſu Chriſti unter die Heidenvölker zu verbreiten, ſondern auch vor Ver⸗ langen, in allen Landen als ein großer Miſſionar, ein gewaltiger Dolmetſcher des Geſetzes und des Evange⸗ liums gelobt, gefeiert und geprieſen zu werden.... ach, ach, ich Sünder begnüge mich nicht damit, die große Ehre meines Meiſters in Demuth zu erhöhen, ich will ſelbſt in meinem Namen geehrt werden!... Was thut er dagegen? Er ſagt demüthig:„„Ich opfere meinen eigenen Namen und mein Anſehen— nur Jeſu Chriſto, meinem Herrn, gebührt die Ehre;““ geht ſeine Sache mit Sieg weiter, ſo mag man mich gerne ſchmähen und mit Füßen treten; ich bete mit meinem Erlöſer:„„Vater, vergib ihnen, ſie wiſſen nicht was ſie thun!““ „Nein!“ rief Juſtus in ſeiner Seele aus, nſie wiſſen nicht, was ſie thun, da ſie Dich mißverſtehen und verachten, der ſogar, um nicht für einen Solchen gehalten zu werden, welcher nach geiſtlicher Macht und geiſtlie gehen eigene ken— Dich, Sonne Leidenſ großen belacht, denswe „4 dem He Soll ic „3 hineinge hat.“ gewiſſen die Kli und ſie aus in Prieſter des jungen nicht weiter geheimem hre großen nur durch 2.„Grave, bſt,„dieſer ene Mann, dkeiſter geht, u predigen, ein Menſch ad mißver⸗ n Staub zu iſt!.... ch in Ver⸗ allein vor hriſti unter vor Ver⸗ ſſionar, ein rden.... it, die große en, ich will . Was thut fere meinen eſu Chriſto, ſeine Sache hen und mit „„Vater, 1“ aus, iſie mißverſtehen en Solchen Macht und 271 geiſtlichem Anſehen ſtrebt, nicht als Miſſionar hinaus⸗ gehen will. ‚Wir haben“, ſo ſchreibſt Du, ‚in unſerm eigenen Lande Heiden genug; laß mich im Stillen wir⸗ ken— mein Gott ſieht michle... Ja, Gott ſieht Dich, Du, deſſen Seele rein iſt und glänzt gleich der Sonne, nie entweiht von den ſchwülen Winden der Leidenſchaft. O, es iſt einerlei, ob die Welt Deine großen Bemühungen, welche ſie nicht zu faſſen vermag, belacht, verachtet und tadelt— Du biſt dennoch benei⸗ denswerth, denn Du biſt Gott nahe!“ „Hier haben wir den Bauerhof, Herr! Dort in dem Hauſe— dem beſten— wohnt Mutter Brital... Soll ich dort ſtill halten?“ „Ja,“ antwortete Juſtus.„Ich will aber erſt ſelbſt hineingehen und nachfragen, ob ſie ein Bett für mich Er ſtieg ab und warf einen langen Blick um ſich, der nicht befriedigt zu ſein ſchien, weil er mit der Be⸗ quemlichkeit zu vertraut war. Endlich beſiegte er einen gewiſſen, unbehaglichen Eindruck, legte die Hand auf die Klinke und trat ein. Das große, aber niedrige, von einem auf dem Kaminherde flackernden Reiſigfeuer erhellten Zimmer bot in Gemäͤlde dar, auf welchem ſein Blick verwundernd weilte. Auf einem alten eichenen Klotze ſaß eine ehrwür⸗ dige alte Frau von hohem Wuchſe, deren mißtrauiſcher und unzufriedener Blick ein ſchluchzend und bittend zu ihren Füßen liegendes und dieſelben umfaſſendes junges und ſchönes Bauernmädchen ſcharf betrachtete. In dem Augenblicke, da Juſtus eintrat, ſagte die alte Frau: „Und zu mir, in mein Haus kommſt Du, Sünderin, nachdem Dein Herr Dich in ſeiner ſtrengen Gerechtig⸗ keit hinweggejagt hat? Zu mir kommſt Du und bieteſt V mir Schandgeld, damit ich Dein Elend bedecken ſoll?... 272 Geh, geh— nimm Deinen Brief und Dein Geld— ich will mein Haus in Ehre haben!“ „Wer wagt es, den erſten Stein auf die Unglück⸗ liche zu werfen? Iſt es eine Chriſtin, welche ſelbſt der Gnade des Erlöſers bedarf?“ ſo erklang die tiefe Stimme des Juſtus von Carleborg von der Thür her. Die beiden Frauensperſonen wendeten ſich ſchnell um, und wahrſcheinlich meinten ſie einen von den En⸗ geln des Herrn gehört zu haben, denn ſie ſenkten ihre Häupter und verblieben ſo, bis Juſtus ſie von Neuem ſeine Stimme vernehmen ließ:„Ich bin ein geringer Diener Chriſti, welcher Euer Haus beſucht, gute alte Frau, und Eure Gaſtfreiheit um eine Nachtherberge anſpricht— laſſet ihn mit Frieden kommen; und was dieſe junge Büßerin betrifft, ſo redet wenigſtens mit ihr nicht anders, als in dem Geiſte der chriſtlichen Lieben Ihre Thränen geben ein Zeugniß von der Betrübniß ihrer Seele, und der große Herr und Meiſter gebietet uns, die Betrübten zu tröſten und nicht ſie in den Staub zu treten!“ Mutter Brita erhob ſich und entgegnete leiſe:„So ſteh denn auf, Anna, und bleibe die Nacht hier— ich will mich beſinnen!... Aber Gott beſſere mich!“ fuhr ſie, an Juſtus ſich wendend, fort:„welche Gaſtfreiheit kann ich einem ſolchen Manne bieten?“ „Für mich iſt das Schlechteſte gut genug, wenn es mir nur von einem frommen Herzen geboten wirdl' Die Bauerfrau, welche ſichtbarlich nicht zu den „Auserwählten“ gehörte, verneigte ſich dennoch tief⸗ denn ſolche Augen hatte ſie noch nie geſehen und eine ſolche Stimme noch nie vernommen. Das junge Mad⸗ chen zog ſich zurück in die dunkelſte Ecke des Zimmerz, wo ſie fortfuhr, leiſe zu weinen. „Was iſt Deine Schuld und Deine Betrübniß fragte Juſtus, als er ſich nach der Abreiſe des Skjuts⸗ jungen mit den beiden Frauensperſonen allein befand, und ſeinen Blick ſcharf auf Anna heftete. D Brita „Dieſes einem nen, d andern ſie nich Mädche tief in ſehen ⸗ Paſtor fälliges Unglück eld— Unglück⸗ elbſt der ie tiefe khür her. ſch ſchnell den En⸗ kten ihre n Neuem geringer gute alte htherberge und was ſtens mit hen Liebe! Betrübniß ler gebietet ſie in den leiſe:„So hier— ich nnich!“ fuhr aſtfreiheit iug, wenn ten wirdl“ ſcht zu den fennoch tief en und eine unge Mäd⸗ ss Zimmerz, Petrübniß?“ (des Skjuts⸗ lein befand, 273 Dieſe konnte kein einziges Wort erwiedern, Mutter Brita aber antwortete langſam und mit Nachdruck: „Dieſes Mädchen, welches das große Glück hatte, bei einem wahren Manne Gottes, unſerm Paſtor, zu die⸗ nen, der ſowohl in ſeinen Predigten, als auch in den andern Zuſammenkünften ſeiner Gemeinde vorhält, daß ſie nicht hören ſoll auf den böſen Verſucher; dieſes Mädchen iſt, obgleich ſie ihm ſo nahe ſtand, dennoch tief in Sunden verſunken; ſie kann nicht mehr hinauf⸗ ſehen zu ihren ſittſamen Schweſtern; darum hat der Paſtor Grave, welcher ebenfalls kein ſolches, Gott miß⸗ fälliges Aergerniß in ſeinem Hauſe dulden kann, die unglückliche hinweggetrieben, mit welcher er ſonſt im⸗ mer zufrieden geweſen iſt. Und was mich nothwendig verdrießen mußte, iſt, daß ihr Verführer, deſſen Namen ſie nicht bekennen will, ſie mit einem Briefe an mich geſchickt hat— einen Brief, den ich nicht eher ver⸗ ſtehen kann, als bis mein Sohn nach Hauſe kommt— dazu bringt ſie mir fünfzig Reichsthaler, die ich, eine ehrliche Frau, annehmen ſoll dafür, daß ich Anna eine Zeitlang bei mir behalte und nachher das Kind einakkor⸗ dire und darnach ſehe.“ „Derjenige, welcher Anna ſchickte, wußte wohl, daß er eine beſſere Wahl traf in der ſtrengen, recht⸗ fertigen Frau, als wenn er das Mädchen mit dem Briefe und dem Gelde an eine Andere geſchickt hätte, die keinen Einwand dagegen gemacht, nachher aber vielleicht dem ganzen Vertrauen ſchlecht entſprochen hätte“—(die ſtrenge Miene der Mutter Brita wurde leichter)„und will Mutter Brita mir nun den Brief geben, ſo will ich ihn leſen.“ Die alte Frau reichte ihm den Brief, und kaum hatte Juſtus ſeine Augen über die ſichtbarlich verän⸗ derte Handſchrift des Briefes fliegen laſſen, ſo konnte er nicht umhin, trotz ſeines beſten Willens und Wun⸗ ſches, ſich von einem Blendwerke getäuſcht zu glauben, die eigene Handſchrift Graves zu erkennen. Eine Nacht am Bullarſee, I, 18 274 Der Inhalt des Briefes war folgender: „Ein Unglücklicher, welcher, um nicht den gerechten Verdruß und billigen Aerger des Paſtors Grave auf ſich zu ziehen, ſeinen Namen nicht unter dieſen Brief zu ſetzen wagt, fleht zu Mutter Brita Bengtsdotter, deren Strenge und Rechtſchaffenheit in Jedermanns Munde iſt, daß ſie nur den kleinſten ihrer Finger auf dieſes arme, unglückliche junge Mädchen legt, um ſie zu ſchützen vor den Boshaften, welche ſie gewiß in ihrer Noth und tiefer Bekümmerniß werden verderben wollen. „Ich bin nicht ganz ohne Mittel, ſo daß ich nicht im Stande ſein ſollte, den Theil der Schuld wieder gut zu machen, welcher ſich wieder gut machen läßt. Hier⸗ mit erfolgen fünfzig Reichsthaler und in der Zukunſt mehr, wenn die Mutter Brita der Bedauernswürdigen ihre Hülfe verſpricht und nachher ſich ihres unglücklichen Kindes annimmt. Anna ſelbſt kann und darf ſolches in körperlicher Hinſicht nicht thun— denn ich würde hier auf Erden keinen Gewiſſensfrieden mehr haben, wenn ſie nicht in den Dienſt ihres guten Herrn zurückkommen dürfte— und damit ſie ſich ſeine Verzeihung wieder erwerben kann, rufe ich Euch an, Mutter Brita, achtungswür⸗ dige, und von Jedermann geachtete Frau, daß Ihr für die arme Anna bittet und dieſen heiligen Mann nicht eher laſſet, bis ſein gerechter und ergrimmter Zorn ſich etwas gelegt hat, und er die Sünderin wiederum zu Gnaden annimmt, für welches heilige und Gott wohl⸗ gefällige Werk die Hand des Herrn ſtets auf Euch und Eurem Hauſe ruhen wird. Ein unbe kannter Flehender.“*) Als Juſtus dieſen Brief geleſen hatte, ſiel er ihn *) Wahre Begebenheit. Anm. d. Verf. tsdotter, ſermanns Zukunft würdigen lücklichen rperlicher uf Erden nicht in dürfte— erwerben ſungswür⸗ Ihr für un nicht Zorn ſich derum zu ott wohl⸗ Euch und er.*³⁴) iel er ihm d. Verf. 275 beinahe aus der Hand. Er hörte nichts von Annas Schluchzen, nichts von den Verſicherungen der Mutter Brita, daß derjenige, welcher ein ſolches Vertrauen auf ſie ſetzte, ſich gewiß nicht getäuſcht ſehen ſollte— er hörte nur eine Frage, welche ihm ſchneidend durch das Ohr ging:„Kann es möglich ſein, daß Er, der Heiligſte, der Erhabenſte...?“ Nein, es iſt unmög⸗ lich, und tauſendmal unmöglich! Wäre er auch trotz ſeiner Reinheit und Sünde geſunken, ſo würde er den⸗ noch nicht auf dieſe freche, nichtswürdige Art diejenige getäuſcht und betrogen haben, deren Barmherzigkeit er anflehte— er würde dieſem armen unglücklichen Weſen nicht befohlen haben, mit einer doppelten Lüge ſeine Sünde noch zu vergrößern. Nein, es wäre ein Ver⸗ brechen, welches kaum durch die tiefſte Reue ſich ab⸗ waſchen ließe, wenn er nur einen ſolchen Verdacht hegte. Die Aehnlichkeit der Handſchrift konnte ja ein täuſchen⸗ der Zufall ſein. Graves Handſchrift hatte Aehnlichkeit mit vielen andern, weil er, der aus Barmherzigkeit für ſehr verſchiedene Leute Briefe ſchrieb, ſich auch verſchie⸗ dener Handſchriften bediente, um nicht ſeinen eigenen, und zu gleicher Zeit ſeinen edlen, wohlwollenden Eifer, Andern zu dienen, verrathen zu ſehen. Nach dieſen wohlgegründeten Schlußſätzen war Ju⸗ ſtus eben im Begriff, der weinenden Büßerin einige Worte des Troſtes zu ſagen, als die Thür geöffnet wurde, und ein anderes junges, noch ſchöneres, aber bedeutend bleicheres Mädchen als Anna eintrat, und die Anweſenden mit folgenden, in einem ſchleppenden Tone ausgeſprochenen Worten begrüßte:„Ich habe heute ein Gebet für Euch gebetet, ich habe gebetet, daß die Decke der Sünden von Eurem Antlitze fallen möge!“ „Geſegnet ſei Dein Eingang!“ entgegnete Mutter Brita und deutete auf einen Schemel vor dem Herde. Doch das junge Mädchen ſetzte ſich nicht, ſondern blieb ſtehen und betrachtete bald den Juſtus von Carle⸗ 276 borg, und bald Anna, welche ihr Antlitz noch tiefer in den gefalteten Händen verbarg. Die Fremde war ſo gekleidet, daß es ausſah, als wäre ſie auf einer längeren Wanderung begriffen. Ihr ſchlanker Körper war in einen kurzen, blauen Rock von ſelbſtgemachtem Wollenzeuge gehüllt, dicht zugeknöpft am Halſe, um welchen ſie, der Herbſtkälte zur Abwehr, ein weißes Kaninchenfell geſchlungen hatte. Ihre lich⸗ ten Locken, ſo ſchön und goldgelb, wie ſie kaum auf dem Haupte eines edlen Fraͤuleins wachſen, waren zum Theil zurückgeſtrichen unter ein um die Stirn gebun⸗ denes ſeidenes Tuch von ſchwarzer Farbe, über welchem ſie einen Strohhut von ungewöhnlich breiten Borden trug, der vermuthlich ihr wechſelsweiſe als Schutz gegen die Sonne und gegen den Regen diente, denn dieſes junge Mädchen war, wie Juſtus ſpäterhin erfuhr, ſtets auf Reiſen. In einer großen Taſche, die von einem großen Knopfe an der linken Seite des Rockes herab⸗ hing, trug ſie die Waaren, welche ſie zum Verkaufe umhertrug, und dieſe Waaren beſtanden in kleinen Bil⸗ dern und ſogenannten Lehrbüchern, Predigten und Miſ⸗ ſionszeitungen, woher das Mädchen den Namen Bibel⸗ Marie erhalten hatte. Es lag eine kurze, aber bittere Geſchichte in den Zügen dieſes Mädchens. Als ſie zuerſt eintrat, ſo trugen ſie das Gepräge von Betrübniß und Müdigkeit; allmälig aber wurden ſie lebhafter, und als ſie bald darauf zu Juſtus trat, um ihm ein Traktätchen anzubieten, ſo nahmen ſie et⸗ was Unwiderſtehliches an; ihre Stimme wurde tief, klangvoll, drohend, bittend— ſie wurde„die Stimme eines Rufenden“ in der Wüſte.“ „Kaufe, lies!— Der Herr offenbart mir, daß Du Einer von denen biſt, die es wohl bedürfen, das Wort zu verſtehen. Zwar iſt Dein Antlitz ſchön, Dein Blick ſanft und Deine Lippen ſind voller Roſen und Honig; aber wenn Du Dein Antlitz in dem Spiegel ſehen könn⸗ teſt, dern Blick könn. Rede hätte ſchon zum aber und i ihnen wenn ſeltene 2. mit n nem d jedoch mit ei nem tiefer in ſah, als en. Ihr Kock von geknöpft Abwehr, hre lich⸗ aum auf rren zum gebun⸗ welchem Borden atz gegen in dieſes ihr, ſtets on einem 's herab⸗ Verkaufe nen Bil⸗ 277 teſt, worin ich es erblicke, ſo würdeſt Du zurückſchau⸗ dern vor Dir ſelbſt! Wenn Du die Macht Deines Blickes fühlen könnteſt, ſo würdeſt Du ihn ſcheuen; könnteſt Du den Roſenhonig ſchmecken, welcher von der Rede Deiner Lippen ausgeht, ſo würde Dir ſein, als hätteſt Du Gift bekommen. So eile denn und nimm ſchon jetzt Gegengift, denn, ‚der Weg iſt ſchmal, der zum Leben führt, und Wenige ſind, die ihn finden; aber der Weg iſt breit, der zur Verdammniß abführet; und ihrer ſind Viele, die darauf wandeln’— und unter ihnen biſt Du; denn weit entfernt, daß es ſelten iſt, wenn die Menſchen zur Hölle fahren, iſt es noch weit ſeltener, wenn ſie gen Himmel fahren!“ „Schweig, wahnſinnige Schwärmerin!“ fiel Juſtus mit nachdrücklicher Stimme ein, und der Blitz aus ſei⸗ nem dunklen Auge traf die Bibel⸗Marie, welche ihn jedoch unerſchreckt entgegen nahm—„wiſſe, Du redeſt mit einem Diener Chriſti, mit einem Miſſionar!“ Bei dieſen letzten Worten ſanken ihre Augenlider herab auf die flammenden Augen, und ihre Kniee bo⸗ gen ſich zu einem unwillkürlichen Gruße. Und als Juſtus fortfuhr:„Ich gehe, um mit mei⸗ nem Bruder in Chriſto, dem Paſtor Grave, dem Manne, deſſen Namen Ihr alle ehrt, eine lange Zeit in Gebet zu verleben!“ Da ſank Bibel⸗Marie auf ihre Kniee und rief aus:„Heil Dir, daß Du ſeines Anblickes, ſeines heiligen Umganges genießen darfſt und vergib der armen Bibel⸗Marie, daß ſie in Deinem Antlitze falſch las! Und dennoch haben dieſe Augen, dieſer Mund eben.... doch— ich ſage nicht, daß Du betrogen haſt, auch nicht, daß Du betrügen wirſt.... ich ſage: lies, wache und bete, daß Du nicht in Anfechtung falleſt; denn verſucht wirſt Du werden, und verſuchen mußt Du... lies, lies, wache, bete und lies!“ Und Marie ſtreckte ihre gefalteten Hände empor zu Juſtus, welcher mit veränderter Stimme ſtotterte: „Steh auf, Prophetin! Deine Worte ſollen bei mir nicht — auf den Fels fallen— wer Andere bekehren will, der darf nicht hochmüthig ſein und ſich ſelbſt für ſündlos halten!“ Sie ſtand auf, verbeugte ſich tiefer vor dem jun⸗ gen Geiſtlichen, ſchüttelte traurig das Haupt über Anna und war verſchwunden, ehe Mutter Brita daran denken konnte, ſie zurückzuhalten. „Wohin geht ſie in der kalten Nacht?“ fragte Juſtus. „Sie ging wohl nur in das nächſte Haus, wo ſie gewöhnlich ihr Nachtquartier zu nehmen pflegt.“ „Iſt dieſes junge Mädchen wohl ihrer Sinne ganz mächtig?“ „Ja wohl, aber ein großes Unglück hat ihren Sinn ganz von der Welt abgewendet. Vor zwei Jahren war ſie gleich der Lilie des Feldes, und in Liebe vereint mit einem jungen Bauer, welcher ſie über alles auf Erden liebte; da— ſie diente ebenfalls damals bei unſerm Paſtor, der neulich hieher gekommen war— da ging es ihr gerade ſo wie dieſer Anna, oder es ging ihr noch weit ſchlimmer; der Verlobte, welcher ſah, daß es aus war mit ſeinem Glücke, daß dieſes unter die Füße getreten war, hatte keinen Frieden mehr auf Er⸗ den... er ging und erſchoß ſich. Da hätte denn Maria beinahe ihren Verſtand verloren; doch der Paſtor Grave öffnete ihr das Herz und die Augen vor der Reue und der Heiligung. Damit aber ging es nicht ſo ſchnell, ihre Errettung war lange und ungewiß, und ſie war hart augefochten von dem Böſen, der ſich ihr, wie ſie ſelbſt ſagt, bald als eine große ſchwarze Katze offen⸗ barte, welche ſie kratzte— nun, nun, man verſteht wohl, daß es der Bergkater war— bald wieder als ein kleines Eichhörnchen, welches ſtets vor ihr herhüpfte. Aber ſie las und betete Tag und Nacht, bis der Böſe von ihr ausfuhr, welches ſie dem Paſtor Grave eben⸗ falls zu verdanken hat. Als ſie bekehrt war, ſo wurde ſie ganz wie eine Heilige, und jetzt iſt Bibel⸗Marie, will, der ir ſündlos dem jun⸗ über Anna ran denken 2“ fragte us, wo ſie gt.“ Sinne ganz ihren Sinn zahren war vereint mit auf Erden bei unſerm da ging s ging ihr ſah, daß unter die ihr auf Er⸗ enn Maria aſtor Grave Reue und ſo ſchnell, ind ſie war r, wie ſie wieder als r herhuͤpfte. s der Böſe rave eben⸗ „ſo wurde bel⸗ Marie, 279 wie wir ſie nennen, täglich auf der Wanderung, um göttliche Bücher zu verkaufen und für den Himmel See⸗ len zu erretten. Auf dieſe Weiſe vermeint ſie mit Recht nicht nur ihr eigenes Verbrechen zu verſöhnen, ſondern auch dasjenige, welches er beging, deſſen Liebe und Glauben ſie täuſchte und dazu zwang, ſich ſelbſt das Leben zu rauben.“ „Und kennt man denn den Verführer dieſer Un⸗ glücklichen ebenfalls nicht?“ fragte Juſtus, der nicht im Stande war, ſich eines leichten Schauders zu erwehren. „Nein, ſie hat es ſo wie Anna auf der Bibel ge⸗ ſchworen, daß ſie es verſchweigen will— und ſo wie Bibel⸗Marie ihren Eid gehalten hat, ſo wird wohl auch Anna den ihrigen halten; denn von unſerm Paſtor ha⸗ ben ſie, Gott ſei gelobt! die Wichtigkeit des Eides ge⸗ lernt.“ Juſtus antwortete nicht, ſondern begehrte in das kleine Nebenzimmer einzugehen, in welchem die Wir⸗ thin dem Gaſte nach beſten Kräften ein Lager bereitet hatte. Hier in der Einſamkeit auf ſeinem Bette überlegte er noch einmal alles, was er an dieſem ſeinem erſten Abende in der„Wüſte“ erlebt hatte, und er mußte ſich ſelbſt geſtehin, daß er an einem Orte, den er faſt als eine Heimath der Unſchuld betrachtet hatte, und wohin er gekommen war, um ſich zu heiligen und gegen ſeine eigenen boſen Begierden und Anfechtungen zu befeſtigen, gerade ſolche Dinge am wenigſten zu treffen geglaubt hatte. Und dieſes Mädchen, dieſe Bibel⸗Marie, mit ihrem bleichen, inſpirirten Geſichte, was hatte ſie geſagt, was hatte ſie zu ſagen ſich erkühnt!„Nein, ich will beten, ich will beten— mich drückt dieſe Luft; ſie iſt die Luft der Reue, welche mich faſt erſtickt! Da ich, ich, der ich ihn ſo gut kenne, mich des Argwohnes nicht enthal⸗ ten kann, was will ich denn wohl von Andern ſagen?“ Und in tiefer Trauer über ſich ſelbſt und ſeine 280 eigene Rechtfertigung verlebte Juſtus über die Hälfte der Nacht in wachen Träumen. Als er am folgenden Morgen in der erſten Daͤm⸗ merung heraus kam, um ſeine Reiſe fortzuſetzen, ſaß Anna immer noch in ihrem Winkel. „Die Unglückliche hat die ganze Nacht nicht ge⸗ ſchlafen,“ ſagte Mutter Brita,„ſondern dieſelbe in Gi⸗ beten, Buße und Thränen hingebracht, und mein Herz müßte von Stein ſein, wenn ich mich ihrer nicht an⸗ nehmen wollte!“ Juſtus warf einen durchdringenden Blick auf die ſchöne Büßerin, und es kam ihm faſt ſo vor, als hätte die Heuchelei und die Lüge ihren Wohnſitz in den leich⸗ ten Falten aufgeſchlagen, welche die Betrübniß zwiſchen ihren Augenbraunen gebildet hatte. Er empfand einen unerklärlichen Widerwillen gegen das Mädchen und konnte nicht unterlaſſen, ihr vor ſeiner Abreiſe noch in einem ſtrengen Tone zuzurufen:„Mache Dich der Güte dieſer achtungswerthen Frau würdig— betrügſt Du ſie in Deiner Reue, ſo wird Gott Dich ſtrafen!“ Annas Blick ſcheute ſich vor dem warnenden Aus⸗ drucke in Juſtus Auge; als ſie ihn aber zu Boden ſenkte, ſo lag darin ein Anſtrich von Spott, den gleichwohl die Dämmerung verbarg. Gleich darauf war Juſtus auf dem Wege in die wirkliche Wüſte— ein Name, den wir auch dem Wohn⸗ orte des Comminiſters künftig beilegen wollen. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Juſtus von Carleborg hatte eine von dieſen See⸗ len, deren unbedingtes Bedürfnif in ſtarken und er⸗ ſchütte mäßig alle n ſeinen glückli ÜUnglü⸗ leben, Seele, einen ſinken. D ahnlich einmal denn in geweſer konnte Hätte e glocke d Kloſtere den em Glück mit der bet voll und kni eines DM geweſen geopfertz haben, chung!“ Gl verwirkl eine na etwas 6. einer h lich wam „ W 2 Hälfte der en Däm⸗ ten, ſaß nicht gr⸗ be in Ge⸗ nein Hetz nicht an⸗ ck auf die als hätte den leich⸗ 3 zwiſchen fand einen dchen und den Aus⸗ 281 ſchütternden Gemüthsbewegungen beſteht. Ein gleich⸗ mäßiges, ruhiges und ſtilles Leben, und hätte es auch alle menſchliche Glückſeligkeit in ſich begriffen, würde ſeinen Widerwillen erweckt, ihn ermüdet und alſo un⸗ glücklicher gemacht haben, als ſelbſt das allergrößte Unglück ihn hätte machen können. Ein ſtetes Wechſel⸗ leben, ſtete Reizungen— das war nothwendig für dieſe Seele, um nicht, überſättigt von geiſtiger Nahrung, in einen Zuſtand von Erſchlaffung, von Erſtarrung zu ver⸗ ſinken. Die todte Gegend, welche er durchreiſte, das grab⸗ ähnliche Schweigen, welches die Wüſte umgab, nicht einmal von dem Flattern eines Vogels unterbrochen— denn in der Wüſte war kein Baum, der groß genug geweſen wäre, daß ein Vogel ſein Neſt darin bauen konnte— erfüllte ihn mit einem angenehmen Grauſen. Hätte er jetzt nur das Geläute einer entfernten Kloſter⸗ glocke vernommen und die Mauern eines alten grauen Kloſters über dieſen felſigen, unbeſchreiblich armen Bo⸗ den emporſteigen geſehen, ſo wäre ohne Zweifel ſein Glück vollſtändig geweſen. Da würde er, nachdem er mit den heiligen Brüdern die Meſſe und das Abendge⸗ bet vollendet, die Nacht allein in der Kirche zugebracht, und knieend auf einem Grabſteine— der den Staub eines Mannes bedeckte, deſſen Leben das eines Heiligen geweſen, deſſen irdiſche Gefuͤhle ſämmtlich dem Herrn geopfert worden waren— verdoppelte Kraft gefunden haben, zu beten:„Vater, führe mich nicht in Verſu⸗ chung!“ Gleichſam um dieſen Wunſch ſeiner Einbildung zu verwirklichen, erſchien plötzlich, da der Weg ſich um eine nackte Anhöhe krümmte, in dem dunklen Herbſtnebel etwas Großes und Graues, das der Vorſtellung von einer halb eingeſtürzten Kloſtermauer nicht ganz unähn⸗ lich war. „Was iſt das da?“ fragte er lebhaft. „Das iſt der Berg!“ antwortete der Skjutsbauer. — — —— — 282 „Der Berg?— warum heißt es bloß der Berg?“ „Wir haben nur einen einzigen Berg.“ „Aber es ſieht ja aus wie eine Mauer!“ „Das ſieht ſo aus von dieſer Seite, an der andern aber, wo der Pfarrhof liegt, ſind gleichſam Stufen, ſe daß man hinaufſteigen kann.“ „Und dort ſieht man wohl weit umher?“ „Das thut man wohl!“ „Viſt Du nie auf dem Berge geweſen?“ „Ich bin nicht vorwitzig!“ „Aha!“ ſagte Juſtus immer lebhafter,„vielleicht meinen die Leute, daß es dort auf dem Berge nicht gan richtig iſt?“ „Das kann wohl ſein!“ „Nun, mein Alter, ſei doch nicht ſo wortkarg! Kannſt Du mir nicht etwas davon erzählen, was die Leute glauben?“ „Wir glauben das, was Vater und Großvater ver uns geglaubt haben.“ „Und das iſt?“ „Die reine Wahrheit!“ „Gut!— und die Wahrheit?“ „Iſt wohl eine Lüge— ſo ſagen die Herrenleut ja immer!“ „Ich hüte mich, dem Glauben eines Menſchen nahe zu treten, was ich auch denke— rede alſo fimf heraus!“ „Nun, meinethalben!... Vor vielen hundert Jahrn wohnte hier im Kirchſpiele und eben in dieſem Pfar⸗ hofe ein Paſtor; dieſer war ſehr vertraut mit“... dar Bauer nickte...„Sie verſtehen wohl! Der Paſtor hatte von ſeiner früheſten Kindheit an gottlos gelebt um war noch in ſeinen alten Tagen ſo ſchlimm, daß er d vierte Frau zu Tode peinigte, welche doch gehofft hatte ihn zu überleben und über alle Morcheln zu regieren welche der Alte hinterlaſſen würde. Da dachte er damf wieder daran, in den Brautſtuhl zu gehen; denn u ſtand dem.. keine ſich no aber d liche I Ende er ſein an un betrüg ſagte wie au hatte Tod ve Nagel nicht n tet hat der Berg?“ 144 der andern Stufen, ſo 2 2 ,„vielleicht ge nicht gam ſo wortkarg! en, was die roßvater vur Herrenleutt Menſchen rede alſo ful (undert Jahre dieſem Pfarr⸗ mit“... da Paſtor hatte gelebt um m, daß er die gehofft hattg n zu regiern, achte er dam en; denn i 283 ſtand ſo geſchrieben in dem Contrakt zwiſchen ihm und dem..(Sie wiſſen wohl, wen ich meine!) daß dieſer keine Macht haben ſollte über den Paſtor, ſo lange er ſich noch eine junge und ſchöne Frau ſchaffen könnte; aber das fünftemal wollte es nicht gehen; jedem chriſt⸗ liche Mädchen war ſo angſt vor dem Paſtor, daß er am Ende der Wittwerzeit noch ohne Braut war, obgleich er ſein halbes Vermögen als Brautgabe geboten hatte. „Unter großem Jammer und Pein wollte er ſich nun an unſern Herrn wenden; doch unſer Herr ließ ſich nicht betrügen, und der Böſe auch nicht.„Die Zeit iſt aus,“ ſagte er,—„mache Dich reiſefertig!“ da war der Paſtor wie außer ſich und lief ſchnell auf dieſen Berg. Er hatte gehört, daß derjenige, welcher ſich einen ſchnellen Tod verſchaffen koͤnnte, ehe der Böſe ihn mit einem Nagel berührte, der ſollte geborgen ſein. Aber es ging nicht nach der Ausrechnung; er, den er ſo ſehr gefuͤrch⸗ tet hatte, packte ihn bei der Bruſt, und von dieſem Augenblicke an hat man den Paſtor nie wieder geſehen. Er wurde im Berge eingeſchloſſen und in einen großen ſchwarzen Kater mit einem weißen Flecken an der Bruſt verwandelt, und der weiße Flecken bedeutet ſo viel als das Merkzeichen, daß der Boͤſe dort anpackte. Der Pa⸗ ſtor aber ſitzt dort noch heutiges Tages, und in den Herbſtnächten hat man geſehen— das ſah mein Groß⸗ vater, und mein Vater und ich auch in meiner Jugend — daß vier Stück weißgekleidete Frauenleichen ohne Augen, aber mit kleinen, brennenden Lichtern im Kopfe oben auf dem Berge mit einem ſchwarzen Kater getanzt haben. Das waren die vier Frauen, welche immer viermal des Jahres kamen, um ihn zu verſpotten und mit ihm zu tanzen von dem Schlage zwoͤlf Uhr an, bis der Hahn im Pfarrhofe krähte.“ „Haben denn dieſe Erſcheinungen nun aufgehört?“ „Ja, ſo lange Paſtor Grave hier iſt, wagen weder die Geſpenſter, noch der Kater zu tanzen, denn er iſt ein Mann, der Macht hat, zu löſen und zu binden. Und dann, ſo erzählt die Sage, daß der alte Sünder Erlöſung erhalten ſollte, wenn ein wirklicher heiliger Mann ſiebenhundert neun und neunzig Gebete für ihn geſprochen hätte— aber er darf nicht öfter beten, alz in jeder grünen Donnerſtags⸗ und in jeder Weihnachts⸗ nacht, und da geht es auch nicht ſo ſchnell, denn ſolche Gebete ſollen gut und mit großer Andacht geſprochen werden.“ „Der Paſtor Grave hat doch wohl keine ſolchen Gebete geſprochen?“ fragte Juſtus. „Ja, dreimal, und in der nächſten Weihnachtsnacht wird es das vierte Mal; und ſo lange das dauert und wir einen heiligen Mann hier haben, ſo weicht aller Anhang des Böſen von uns. Derjenige, über welchen Grave betet, der wird ſo gehärtet, als wenn er ſich in Eiſen und Stahl kleidete.“ „Was meinſt Du damit— betet er über gewiſe Perſonen?“ „Ja wohl, das iſt ganz gewiß, obgleich kein Menſih es wiſſen ſoll, und ich hätte wohl damit ſchweigen kön⸗ nen; aber gebetet hat er über Mehrere. Hätte er nicht über Bibel⸗Marie gebetet, ſo wäre ſie nimmermehr in den Glauben gekommen. Herr! nicht daß Sie es nach⸗ zuſagen brauchen, aber es gibt Leute, die darauf ſchwi⸗ ren, daß Grave ſelbſt geſagt hat, ſo lange die Gebet für die Erlöſung des Paſtors dauern und der ſchwarz Kater nicht tanzen muß, ſo darf er ſtatt deſſen umher⸗ gehen und ſuchen, wen er verſchlinge— wer alſo der ſchwarzen Kater geſehen hat, der läßt über ſich beten.” „Und dieſe Gebete,“ ſtöhnte Juſtus,„dieſe Gebete — koſten ſie den Leuten etwas?“ „Nein, nicht den Armen, nein, behüte Gott, nicht den Allerärmſten! Aber der Seelſorger muß auch leben, ſagt Grave, und kein Menſch kann wohl verlangen, daß der, welcher Einem ſo große Dienſte erzeigt, es gan umſonſt thun ſoll. Er taxirt doch wenigſtens keinen Men⸗ ſchen; Heiligket Juf andern 1 „Unt gewinnen, punkten a ſen; bald lte Sündet jer heiliger ete fuͤr ihn beten, alz Weihnachts⸗ denn ſolche geſprochen eine ſolchen hnachtsnacht dauert und weicht aller über welchen an er ſich in über gewiſt Sie es nach⸗ arauf ſchwi⸗ die Gebet ſich beten⸗ „dieſe Gebete Gott, nicht auch leben, -rlangen, daß t, es gan keinen Men⸗ 285 ſchen; ſie können geben, was ihnen das Herz und die Heiligkeit gebietet.“ Juſtus fühlte, wie ihn der eine Schauder nach dem andern überlief. Wie?— wenn alles dieſes nur einen Schimmer von Wahrheit hätte? und konnte er das wohl gänzlich bezweifeln? „Iſt der Paſtor Grave in ſeiner Gemeinde allge⸗ mein beliebt?“ fragte Juſtus nach einigem Still⸗ ſchweigen. „Beliebt?“ der Bauer ſchüttelte den Kopf.„Sie haben vielleicht gehört, daß er von hier wegzukommen ucht?“ iih„Nein, das habe ich nicht gehört.“ „Ja, ja, ſo iſt'sl“ ninns „Und Du glaubſt, er thut es darum, weil er nicht beliebt iſt?“ „Ich glaube gar nichts, Herr!— haben Sie die Güte, nicht zu vergeſſen, daß ich gar nichts geglaubt habe! Paſtor Grave iſt ein heiliger Mann, und ſollte er nicht ſo ſehr beliebt ſein, ſo iſt er um ſo mehr ge⸗ fürchtet, und ich denke, beides iſt ihm einerlei; denn wer ſo viele Feinde gegen ſich hat— und daß unſer Paſtor dieſe hat, das weiß Einer wohl— der muß auch gefürchtet ſein... Nun aber, Herr, ein Wort im Vertrauen! Ich habe mich von Ihrem ehrlichen Geſichte verführen laſſen, mehr zu ſagen, als was klug war, und...“ „Sei ohne Furcht! Meine Chrlichkeit hat noch keinen Menſchen betrogen, und ſoll auch Dich, der ſich darauf verlaſſen hat, gewiß nicht betrügen!“ „Gut, Herr!— vielleicht ſoll ich nun ein wenig raſcher fahren?“ Juſtus wollte eigentlich nur Zeit gewinnen, um ſeine Gedanken zu ſammeln und zu ordnen, wollte Zeit gewinnen, um Grave's Charakter von den Geſichts⸗ punkten aus, die er kannte, zu betrachten und zu prü⸗ ſen; bald aber mußte er bei dem demüthigenden Schluß⸗ — 286 ſatze ſtehen bleiben, daß er daraus kein Ganzes zu bilden vermochte, denn ihre Bekanntſchaft war allzu fragmen⸗ tariſch, als daß ſie ein anderes Reſultat hätte liefern können, als: Grave ſtände allzu hoch, als daß die Pri⸗ fung zu ihm hinauf reichen könnte. Mißmuthig, verſtimmt, in einem Zuſtande von Zweifel und Angſt erblickte Juſtus endlich die Schorn⸗ ſteine des Daches, unter welchem er ſeine Prüfungs⸗ und Vorbereitungszeit zu verleben beſchloſſen hatte. Was die öde Beſchaffenheit ſelbſt betraf, ſo konnte er ſich gar nichts Vollkommneres wünſchen, denn der ver⸗ fallne Pfarrhof glich einem am Fuße des Berges er⸗ bauten Rabenneſte, und der ſchwarzgraue, nackte Boden, welcher ſich Hügel an Hügel, Scholle an Scholle wel⸗ lenförmig ausbreitete, glich einem unermeßlichen Kirch⸗ hofe mit einer Menge von Gräbern. Dieſe Gräber aber flößten ein melancholiſches Gefühl ein: ſie hatten ja keine Kreuze. Juſtus von Carleborg hatte ſeit drei Jahren den Mann nicht geſehen, zu welchem er ſich gemahnt und berufen gefühlt hatte, zu fliehen, und welcher ihn zu⸗ gleich aufgefordert hatte, nicht zu zaudern— und doch, trotz der Veränderung, welche dieſe drei Jahre hervor⸗ gebracht hatten, trotz alles auf der Reiſe Gehörten und mit eigenen Augen Geſehenen, bedurfte es nicht mehr, als daß dieſer Mann ſich auf der Schwelle ſeiner Thü zeigte, daß er ſein durchdringendes Auge, welches gleich⸗ ſam von einem dünnen Häutchen beſchleimt war, daß gewiſſer Maßen den wahren Schein deſſelben verbarg auf Juſtus richtete, um augenblicklich zu bewirken, daß dieſer die Entdeckungen ſeines Geſichtes und ſeines Ge⸗ höres vergaß und in die Arme eilte, welche Grave ihm entgegenſtreckte. „Willkommen, theurer Bruder, in dem armen Hauſe des armen Hirten! Weltliche Fröhlichkeit und unreine Freude gedeihen nicht unter dieſem niedrigen Dachez ſucheſt Du aber Deinen Erlöſer, willſt Du Dich freum mit den ſichts ſe Bruder Juf nen; er düſtern Wände j denn all plumpen dieſer 2 Verfalle empfand, dienen, So war Sammlu bare wer Juſtus ſe farbiger hoͤlzernen um der ſagte Gr Leckereien er fromm Bruder, gering be gen will, der muß „Ja vieler ge eine von nur entb finden!“ Paſt Himmel. ess zu bilden u fragmen⸗ ätte liefern aß die Prü⸗ iſtande von die Schorn⸗ Prüfungs⸗ oſſen hatte. » konnte er inn der ver⸗ Berges er⸗ ackte Boden, Scholle wel⸗ lichen Kirch⸗ ieſe Gräber : ſie hatten Jahren den gemahnt und ſcher ihn zu— — und doch, ahre hervor⸗ zehörten un nicht mehr, ſeiner Thüt elches gleich⸗ t war, das ben verbarg, vewirken, daß id ſeines Ge⸗ he Grave ihn armen Hauſe und unreine rigen Dache; u Dich freum 287 mit dem Herrn und Dich in dem Glanze ſeines Ange⸗ ſichts ſonnen, ſo ſei willkommen, Bruder in Chriſto, Bruder im Glauben— geſegnet ſei Dein Eingang!“ Juſtus war allzu aufgeregt, um antworten zu kön⸗ nen; er ließ ſich von dem Wirthe in den niedrigen düſtern Saal führen, deſſen ehemals weiß übertünchte Wände jetzt beſchmutzt und löchericht waren, und mehr denn alles andere, ja ſogar noch mehr denn die plumpen, unangeſtrichenen Möbeln bewieſen, daß dieſer Mann Gottes in dem Schmutze und dem Verfalle, der ihn umgab, eine Art von Wolluſt empfand, denn er mußte ja den Leuten zum Beweiſe dienen, wie ſehr er alle Eitelkeit der Welt verachtete. So war ſein Zimmer— dieſes war nämlich immer das Sammlungszimmer— ſo war auch ſein Tiſch(der ſicht⸗ bare wenigſtens). Es war eben Frühſtückszeit, und Juſtus ſah mit geheimer Bewunderung, wie ein dunkel⸗ farbiger Brei nebſt einigen Stücken Häring auf einem hölzernen Teller eingebracht wurde.„Gib uns heute um der Feierlichkeit willen ein wenig Käſe und Butter!“ ſagte Grave zu der großen Küchennymphe, welche dieſe Leckereien vorſetzte, und ſich an Juſtus wendend, fuhr er fromm fort:„Du weißt aus vorigen Zeiten, mein Bruder, daß ich die Bedürfniſſe des Leibes immer als gering betrachtet habe— wer ſeinem Meiſter nachfol⸗ gen will, der nicht hatte, da er ſein Haupt hinlegte, der muß entbehren können!“ „Ja,“ rief Juſtus, der durch die Ueberreizung ſo vieler geweckten und wieder gehemmten Eindrücke in eine von ſeinen Eraltationen verſetzt war,„er muß nicht nur htbehren können, ſondern auch ſeine Freude darin finden!“ Paſtor Grave erhob ſeine umnebelten Augen gen Himmel.„Segen, Segen über den jungen Diener des Herrn, der ſo aus ſeiner Seele redet: es iſt erbaulich für Gottes Volk, ihn zu ſehen und zu hören!... Komm daher, ehrlicher Vater Jonas Jansſon— mein 288 Tiſch ſteht allen meinen Pfarrkindern offen— und nimm Theil an unſerer Mahlzeit!“ Und nachdem Grave ein kurzes Gebet geſprochen, befand ſich Juſtus unmittelbar aus dem Skiutskarren an den Frühſtückstiſch verſetzt, wo wir ihn laſſen wol⸗ len, um, ehe wir in unſrer Erzählung weiter gehen, dem Wirthe einige beſondere Capitel zu widmen. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Wer dieſen Grave zum erſten Male ſah, der mußte ſich darüber wundern, daß er jemals im Stande gewo⸗ ſen war, Vertrauen einzuflößen, und wer zum erſten Male ſeine Stimme hörte, der glaubte, das Ziſchen einer unter den Steinen hingleitenden Schlange zu hu⸗ ren. Sowohl das Aeußere, als auch die Stimme waren, ohne daß jenes eigentlich häßlich und dieſe unmännlich genannt werden konnte, in ſolchem Grade widrig, daß man vor beiden einen innern Abſcheu empfand— und dennoch gab es Leute, welche auf die Tüchtigkeit dieſes Mannes, auf ſeine Gottesfurcht, auf ſeine Üneigenni⸗ tzigkeit ein unbegrenztes Vertrauen ſetzten. Das ungewöhnlich lange und dünne Geſicht des Paſtors Grave war von einem flachsgelben Haarſchwall umgeben, den er nach vieljähriger Uebung endlich ſo weit gebracht hatte, daß er in einem gehorſamen Schei⸗ tel über der niedrigen Stirn lag, von welcher er einem Johanniskopfe nachahmend— ſich auf die Schul⸗ tern hinabringelte, um allen Zügen des Geſichtes volle Freiheit zum Wirken zu geſtatten. Und wie dieſe Züge — die ſchmale, fein gebogene Naſe, der ſchneckenförmige Mund und die ganze verabſcheuungswürdige Miene einer ſcheinhe war nit ren Se Demutk umſtrah ten, das heimen Wo doch ga — ſo e die Gen dern die jemals dete, ve um ſie z noch nie durch eit ſeiner fru nur umſg private Er viele Ja und nimm geſprochen, kjutskarren laſſen wol⸗ iter gehen, men. der mußte ande gewe⸗ zum erſten das Ziſchen. inge zu hi⸗ nme waren, unmännlich vidrig, daß and— und igkeit dieſts Uneigenni⸗ Geſicht des Haarſchwall g endlich ſo amen Schei⸗ lcher er die Schul⸗ ſichtes volle e dieſe Züge eckenförmige Miene einer 289 ſcheinheiligen Demuth, die ſo himmelweit verſchieden war nicht allein von der chriſtlichen Demuth eines wah⸗ ren Seelſorgers, ſondern auch von der überſinnlichen Demuthsglorie, welche die edle Stirn des Fanatikers umſtrahlte— wie dieſe Züge beim erſten Anblicke wirk⸗ ten, das weiß man: ſie erweckten Ekel, Furcht und ge⸗ heimen Schauder. War aber der erſte Eindruck erſt überwunden— doch gab es Leute, welche ihn nie überwinden konnten — ſo ergab ſich Mancher auf Gnade und Ungnade in die Gewalt dieſes Mannes. Niemand konnte dem An⸗ dern die Urſache davon erklären, denn niemand geſtand jemals vor dem Andern, welche Mittel Grave anwen⸗ dete, von denen nie das eine gleich dem andern war, um ſie zu umgarnen. Als öffentlicher Redner hatte er noch nie Andere gerührt, als ſolche, welche entweder durch ein vorhergegangenes laſterhaftes Leben ſich von ſeiner frommen Wuth erwärmt fühlten, oder auch ſolche arme ſchwache Menſchen, welche nicht im Stande ſind, dasjenige zu prüfen und zu unterſuchen, was man ihnen einſchenkt, ſondern nur entgegen nehmen, bis ſie nahe daran ſind zu erſticken, wobei denn der Seelſorger ſte nur umſchüttelt, bis ſie Muth und Kräfte genug fühl⸗ ten, die Kur noch einmal durchzumachen. Grave's geiſtlicher Thätigkeit war eine andere vor⸗ angegangen, welche eigentlich ſeinen erſten Ruf als einen merkwürdig ordentlichen, zuverläſſigen und uneigen⸗ nützigen Mann begründet hatte. Wir wollen erklären, worin dieſe eigentlich nur private Thätigkeit beſtand. Er hatte ſich nämlich bei der Univerſität in Lund viele Jahre als ein alter Student aufgehalten und ſich dort ſelbſt in eine eigenthümliche Art von Amt inſtal⸗ lirt, nämlich als„Freund der Bekümmerten.“ In dieſem weit ausgedehnten Amte, das ſich nicht nur auf Geldbekümmerniſſe, Kleiderbekümmerniſſe, Speiſe⸗ Eine Nacht am Bullarſee. II, 19 290 bekümmerniſſe und Eramenbekümmerniſſe, ſondern auch auf Liebesbekümmerniſſe, Krankheitsbekümmerniſſe und geiſtige Bekümmerniſſe— Grave wußte Rath und Aus⸗ wege für alle Arten von Bekümmerniſſen— nahm man natürlicher Weiſe ſeine Hülfe oft in Anſpruch, und nie⸗ mand wußte zu ſagen, daß er für die Angelegenheiten irgend Jemandes auch nur das geringſte Procent ge⸗ nommen hatte. Er war„der Freund der Bekümmer⸗ ten;“ dieſer Titel war ſein Stolz; und übrigens glaubte man, er müßte eigenes Vermögen beſitzen, um ſeine unbedeutenden Bedürfniſſe befriedigen zu können. Grave aber, der keinen Pfenning beſaß vor dem Antritte ſeiner uneigennützigen Profeſſur, die vor ſeiner Zeit noch gar nicht vorhanden geweſen war, wurde allmählig ein wohlhabender Mann, der ſeine weitläuftigen Geſchäfte immer mehr und mehr erweitern konnte. Grave beſaß oberflächliche Kenntniſſe in vielen Gegenſtänden, welche ihm von großem Nutzen waren, aber er hatte auch eine Art von Genie, oder richtiger geſagt, einen unbegreiflichen Inſtinkt, die Charaktere und Launen zu verſtehen, mit denen er in Berührung kam, und dies war ihm von noch weit größerem Nutzen, Doch lagen ſeine allervornehmſten Hülfsmittel bei der Ausführung ſeiner vielen verſchiedenen Pläne in den vielen verſchiedenen Verbindungen, worin er die Leute zu einander zu ſtellen wußte. Verlangte der reiche, der vornehme Jüngling eine große Anleihe auf eine längere oder kürzere Zeit, ſo wendete er ſich an keinen ſchmutzi⸗ gen Wucherer, ſondern an den humanen ehrlichen Grave, welcher alles ausführte und zwar keineswegs gegen irgend ein beſonderes Prozent für ſich— Grave hatte es nämlich ein für alle Male abgemacht, daß er dieſen von den Wucherern erhielt, denen er ſo ſichere Kunden verſchaffte— ſondern nur gegen das Verſprechen eines kleinen Gegendienſtes. Dieſer Gegendienſt war dann der, einige Wochen ſpaͤter, kleine einem welchen Bitte n „Freun ſchlagen dem ar! Kellerm Jetzt ſte in Verk gen dad andern( zuletzt d einen S wohl ni etwas z ſo viele meiſter Was ab der Die chen des 291 ndern auch ſpäter, da Grave wußte, daß Geld vorhanden war, eine rniſſe und kleine Summe— keineswegs Grave ſelbſt— ſondern und Aus⸗ einem unglücklichen armen Studenten zu leihen, für nahm man welchen Grave's Menſchenliebe ſich intereſſirte. Die „, und nie: Bitte wurde gewährt— konnte wohl ein Menſch dem legenheiten„Freunde der Bekümmerten“ eine ſolche Kleinigkeit ab⸗ Procent ge⸗ ſchlagen?— und wer war froher als Grave, wenn er Bekümmer⸗ dem armen Teufel, der in der Klemme war, weil er den ens glanbte Kellermeiſter nicht bezahlt hatte, das Geld geben konnte! um ſeine Jetzt ſtand ſowohl der Kellermeiſter als auch ſein Kunde nen. in Verbindlichkeit zu ihm. Jener mußte ſich der ſeini⸗ beſaß vor gen dadurch entladen, daß er von der einen Woche zur r, die vor andern Grave's eigene unbezahlte Rechnung vergaß und veſen war, zuletzt dieſelbe wohl ſogar noch hübſch quittirte, ohne „der ſeine einen Schilling erhalten zu haben— denn es wäre -r erweitern wohl nichtswürdig, von dem armen dienſtwilligen Grave etwas zu nehmen, der nun im Laufe einiger Monate in vielen ſo viele unſichre Forderungen, auf welche der Keller⸗ tzen waren, meiſter gar nicht mehr gehofft, hatte eintreiben helfen. der richtiger Was aber den Kunden, den Studenten, betrifft, ſo war araktere und der Dienſt, welchen Grave— ſtets unter dem Verſpre⸗ hrung kam, chen des ſtrengſten Schweigens— ihm abforderte, von rem Nutzen. ganz anderer Beſchaffenheit. ttel bei der Grave hatte es ſchon ſeit langer Zeit auf die Ar⸗ äne in den nuth dieſes Jünglings angelegt gehabt— die Armuth er die Leute ſelbſt aber würde ihm bei ſeinen Intriguen wenig ge⸗ reiche, der nutzt haben, wenn nicht der genannte Student einen eine länger: ausgezeichneten Kopf gehabt hätte. Mit dieſem mußte den ſchmutzi: er nun bezahlen, nämlich auf die Art, daß er(natür⸗ chen Grave, lich um ſeine Dankbarkeit gegen Grave zu beweiſen und wegs gegen ſich der ferneren Hülfsleiſtung dieſes Menſchenfreundes Grave hatte würdig zu beweiſen) einem von Grave's Schützlingen, aß er dieſen einem äußerſt reichen, aber auch äußerſt dummen Stu⸗ here Kunden denten beim Schreiben für das Examen half. Solche rechen eines Verdienſte gehörten zu den größeren; denn obgleich der anrme Student weiter nichts erhielt als ein Abendbrod nige Wochn und das Vergnügen, einen Theil ſeiner Dankbarkeit⸗ 292 ſchuld an Grave abgetragen zu haben, ſo nahm doch dieſer ſeine Gebühren von demjenigen, welchem er die Hülfe geſchafft hatte— und indem er auf dieſe Weiſe die Armen um der Reichen willen und umgekehrt nach den Umſtänden beſchützte, bewegte ſich Grave's Dienſt⸗ willigkeit in einer ſteten Wechſelkette. Die Liebescommiſſionen, welche oft viele und feine Intriguen erforderten, erlaubten ihm„große Dienſte“ anzunehmen, welche umgeſetzt in der zweiten, dritten und vierten Hand guten Ertrag lieferten. Für arme Kranke hatte er immer einen Arzt unter ſeinen Freun⸗ den, einen, der bisweilen Dienſte von dem„Freunde der Bekümmerten“ bedurfte, bei der Hand. Wenn nun der Kranke das Leben behielt, ſo war ſeine Schuld für Grave's uneigennützige Pflege faſt unendlich; ſtarb er dagegen, ſo wurde Grave ſein Homme d'Affaires und nicht ſelten ſein Erbe. Und was endlich die geiſtigen Bekümmerniſſe betrifft, ſo war Grave auch hierin eine Hülfe in der Noth: den Kranken las er allerlei heilige Schriften vor, den Sterbenden predigte er Bekehrung, und den grübelnden Seelen, welche ſich ſelbſt ſuchten, entwickelte er die Gedanken und Anſichten auf die klare und einfache Art, daß ſie nicht ſelten am Ende ganz verrückt wurden. Nachdem er eine lange Reihe von Jahren den Be⸗ fümmerten gedient hatte, ging es doch zuletzt nicht beſſer, als daß er bei der Betreibung einer Liebesintrigue zwi⸗ ſchen zwei Nebenbuhlern ſich den einen zum Feinde machte. Dieſer lauerte auf Rache und erſpähte daher, daß Grave in einem von ſeinen Aemtern als Bevoll⸗ mächtigter der rechten Erben eines verſtorbenen Stu⸗ denten ſich nicht ganz ſo aufgeführt hatte, als das Ge⸗ ſetz und die Menſchenliebe gebieten. Grave, dem ſein Ruf das Höchſte war— denn auf den Kredit deſſelben lebte er ja— fühlte ſich gröblich beleidigt, das heißt mit andern Worten: er ſah ein, daß es Zeit wäre, ſei⸗ nen Matts aus der Schule zu nehmen; und ehe man nur da des„F Lundag dort, zu mac ren Zi meinde wollte, I das in ſelbſt mals Geld a geſchah die Ver der Be Ur war, w lichen? zigen r ſeligte leidenſe zwar n. reiferen weit ül für das feln, Deine mir de er bald durchſe heitsge immer keinem verände nur ei nahm doch chem er die dieſe Weiſe ekehrt nach de's Dienſt⸗ e und feine ße Dienſte“ en, dritten Für arme nen Freun⸗ n„Freunde Wenn nun Schuld für h; ſtarb er lffaires und die geiſtigen hierin eine erlei heilige Bekehrung, lbſt ſuchten, auf die klare Ende ganz ren den Be⸗ nicht beſſer, ntrigue zwi⸗ zum Feinde dähte daher, als Bevoll⸗ rbenen Stu⸗ als das Ge⸗ 2, dem ſein dit deſſelben „ das heißt t wäre, ſei⸗ nd ehe man 293 nur daran gedacht hatte, ſo waren die wenigen Sachen des„Freundes der Bekümmerten“ eingepackt und er hatte Lundagard im Rücken. Er reiſte nun nach Upſala, um dort, wie er jetzt beſchloß, ſein theologiſches Examen zu machen. Von dieſer Zeit an ſtrebte er keinem höhe⸗ ren Ziele nach, als der zweite Seelſorger in einer Ge⸗ meinde zu werden, wo das Wort, ſowie er es predigen wollte, gute Früchte tragen konnte. In Upſala ſetzte er, wenn auch in geringerer Skala, das in Lund begonnene Geſchäft fort. Er konnte nun ſelbſt— obgleich dieſes Selbſt natürlicher Weiſe nie⸗ mals an das Tageslicht kam— gegen gute Zinſen Geld ausleihen, und eben in einem ſolchen Geſchäfte geſchah es auch, daß Juſtus von Carleborg ſich durch die Vermittelung eines andern Studenten an den„Freund der Bekümmerten“ wendete. Um von einem Charakter, der ſo leicht zu erforſchen war, wie der Charakter des Juſtus von Carleborg, wirk⸗ lichen Nutzen zu ziehen, ſchwärmte der von keinem ein⸗ zigen reinen, geſchweige denn einem edlen Gefühl be⸗ ſeligte Grave ſo umher mit dem poetiſchen, immer leidenſchaftlichen Jünglinge, daß dieſer in Grave eine zwar nicht gleichgeſtimmte, aber doch eine durch den reiferen Verſtand und die uneigennützige Menſchenliebe weit über ihn erhöhte Seele gefunden zu haben glaubte. Juſtus von Carleborg konnte bei ſeiner Wärme für das Gute Grave's reine Abſichten gar nicht bezwei⸗ feln, als dieſer zu ihm ſagte:„Ich will verſuchen, Deine Verſchreibung prolongirt zu erhalten, wenn Du mir den kleinen Dienſt erzeigſt“... und nun mußte er bald ein Muſikſtück, bald ein litterariſches Stück durchſehen, bald eine Abhandlung, bald ein Gelegen⸗ heitsgedicht, bald eine Rede ſeceiben... verſteht ſich immer für einen von Grave's Freunden.„Ich kann keinem Menſchen eine Bitte abſchlagen!“ hieß es un⸗ veränderlich; und auf dieſe Weiſe wurde Juſtus nicht nur eine gewiſſe ökonomiſche Hülfsquelle für Grave— 294 das hätte nichts zu bedeuten gehabt— ſondern er wurde durch die Gelegenheiten, welche dieſe Kleinigkei⸗ ten für Grave herbeiführten, ſeinen Charakter zu ſtudi⸗ ren, ein Spielball in der Hand dieſes ſchändlichen Mannes; denn Grave's Scharfblick ſah augenblicklich den ungeheuren Vortheil ein, welchen er in einer Zu⸗ kunft aus dieſem Charakter ziehen könnte. Er war derjenige, welcher die eigene unglückliche Unbeſtändigkeit des Juſtus unterblaſen hatte, welcher, wenn Juſtus nach einem Ziele ſtrebte, wohl anfangs mit ihm ſchwärmte und die glänzende Schönheit dieſes Zieles ſah, aber allmälig die Farben geſchickt erbleichen ließ, und hierauf Juſtus in andere bizarre Ideen einführte, wobei er jedoch nie vergaß, ihn bisweilen durch die drückende Kraft der Gelderinnerungen zu wecken. Man fragt vielleicht: wozu nützte dieß dem Grave? Sehr viel: um eine Phantaſie zu erſchlaffen und zu ermüden, welche er ſo lange gejagt hatte, daß ſie ſich endlich zu Schuſſe kommen laſſen mußte. Wäre dieſes erſt geſchehen, ſo ließ ſich erwarten, daß ſie ſich auch ſollte anwenden und bilden laſſen zu dem Nutzen des⸗ jenigen, der ſtets ſolcher Schwärmer bedurfte, beſonders eines ſo beſchaffenen, wie Juſtus von Carleborg war.. Zu welchem Zwecke er ihn anwenden wollte, werden wir ſpäterhin mittheilen. Sollte ſich jedoch der Schwär⸗ mer nicht nach der Schule des Meiſters bilden laſſen wollen, ſo— wehe ihm; denn nächſt der Begierde, Geld zu ſammeln und unter dem Schleier der Rechtſchaffen⸗ heit ſeine ſchändlichen Laſter zu verbergen, hatte Grabe keine größere Leidenſchaft, als alles Gute, welches er weder als Mittel noch als Zweck anwenden konnte, zu zerſtören, zu tödten, zu vernichten. Dieſer Mann war keineswegs ſchlecht aus Zufall, er war ſchlecht aus Grundſatz: er war das Princip des Böſen auf Erden, und darum kannte er ſeinen Zweck und wurde— ein frommer Geiſtlicher, ein heuchleriſcher Bußprediger. Juſtus von Carleborg, der bei allem ermüdet und ſondern er Kleinigkei⸗ er zu ſtudi⸗ ſchaͤndlichen ugenblicklich a einer Zu⸗ unglückliche e, welcher, anfangs mit dieſes Zieles leichen ließ, n einführte, n durch die becken. dem Grave? fen und zu daß ſie ſich Wäre dieſes ſie ſich auch Nutzen des⸗ e, beſonders vorg war.. lte, werden der Schwär⸗ bilden laſſen gierde, Geld echtſchaffen⸗ hatte Grave welches er konnte, zu Mann war ſchlecht aus auf Erden, rde— ein prediger. ermüdet und 295 durch ſeine anhaltenden Studien, ſeine Entbehrungen und die ſieberartige Spannung, in welcher er ſo lange gelebt, den Athem faſt verloren hatte, verzweifelte bei⸗ nahe daran, ob er wohl jemals irgend ein beſtimmtes Ziel erreichen oder feſthalten könnte. Da ſchleuderte Grave, mit welchem er er noch immer, obgleich dieſer ſchon längſt die Academie verlaſſen hatte, in vertrauli⸗ chem Briefwechſel ſtand, gleich einem Blitze in die Seele des Halberſtarrten den Gedanken, es gäbe auf Erden nicht mehr denn ein einziges und ſchönes Ziel, welches der Anſtrengung werth wäre, nämlich der Miſſionsberuf. Er ſagte kein einziges Wort davon, ob Juſtus für dieſen Beruf paßte, nein, keine Silbe; aber er erzählte von einem Freunde, welcher lange in der Einſamkeit umhergeirrt wäre, und ſich eine bleibende Stätte ge⸗ ſucht hätte, ohne ſie finden zu können— er erzählte, wie dieſer Freund in ſeinem Innern eine Offenbarung von Gott erhalten hätte über den Beruf, der ſeiner jenſeits der Meere wartete. Ruhig, gläubig und ſich auf die Offenbarung verlaſſend, hätte der Schwankende ſich mit neuer Kraft erhoben, hätte nach Bekämpfung vieler entgegenſtehender Schwierigkeiten ſein Land ver⸗ laſſen, und ſchriohe nun von den Geſtaden Indiens an die Zurückgebliebenen über Alles.... Hier erfolgte eine Beſchreibung, bei welcher Juſtus faſt den Athem verlor, ſo erfüllt war ſie von hohen Dingen und großen Wundern, welche der junge Miſſionar ſchon ausgerich⸗ tet hatte. Dieſe Mittheilungen, welche er von Zeit zu Zeit auf die Nachfragen des Juſtus erneuerte, lagen und keimten in ſeinem Innern, und wirkten zuletzt ſo heftig auf ſein exaltirtes Gemüth und ſeine ſchon angegriffe⸗ nen Nerven, daß er zuletzt, wie wir wiſſen, auf eine längere Zeit erkrankte. In dieſem Zuſtande der Schwäche wurde ihm alles klar: nun erhielt auch er Offenbarun⸗ gen von Gott— und ſo feſt war ſein Glaube, die Idee von ſeinem Miſſionsberufe wäre einzig und allein durch 3 296 eine göttliche Offenbarung in ihm entſtanden, daß er, ſobald er die Feder führen konnte, dieß an Grave ſchrieh, und dieſer, weit entfernt, ihn aus ſeiner Selbſttäuſchung zu reißen, machte dieſelbe dadurch noch vollſtändiger, daß er in ſeiner Antwort erzählte, er habe, wunderbar genug, zu derſelben Zeit einen höchſt ſonderbaren Traum ehabt. 3 Er hätte nämlich zu ſehen gemeint, er ſelbſt als ein alter Mann ſtudirte eine Miſſtonszeitung, in welcher er die Erzählung von den weltbekannten Leiden, Ver⸗ folgungen und wunderbaren Errettungen läſe, die ſeinen vorerwähnten Freund bei ſeinen Miſſtonswanderungen auf der heidniſchen Erde getroffen hätten; doch überall, wo der Name ſeines Freundes hätte ſtehen ſollen, ſtand Juſtus von Carleborg; dieſer war der weit berühmte, weit er⸗ wähnte Miſſionar, deſſen mit geringen Mitteln, aber mit der Kraft eines unbeweglichen eiſernen Willens aus⸗ geführte Rieſenwerke eine Welt in Erſtaunen ſetzten. „Als ich erwachte,“ ſo ſchloß der liſtige Verführer, „glaubte ich, daß nur mein Geiſt, der Dich ſtets um⸗ ſchwebt, mich verwirrt hätte; doch heute, da ich Deinen Brief erhielt, beuge ich mich in Demuth vor meinem Meiſter, deſſen Kraft groß iſt in den Schwachen... Faſt aber reut es mich, daß ich über dieſe weltlichen Dinge geſchrieben habe— bedenke, daß es ein Traum, ein bloßer Traum war; und ſollte(der Herr hat ja ſchon oft ſolche große Dinge gethan) das alles Dir in der Wirklichkeit begegnen, ſo mußt auch Du es als einen eitlen Traum betrachten, denn Deine Seele, welche von einer himmliſchen Flamme brennt, iſt allzu rein, als daß ſie ſich von irdiſchem Verlangen nach Ruhm und Ehre ſollte beſudeln laſſen. Nur Jeſu Chriſti Ehre mußt Du ausbreiten, nur ſie muß Dich, ſein Werkzeug, mit Kraft, mit Muth, mit energiſchem Willen erfüllen, O, hätte ich Deine Gaben, junger Mann, Du ſollteſt nicht allein gehen, um ſo heilige, ſo unermeßliche Erndten zu halten! Aber der Herr theilt: ich ſitze hier, der ge⸗ ringe T dem W Sp die ſich überſtan etwas d in Grar Reiſe ſo Erfahru Vaterlar hätte; vatzuſan ebenfalls üben„ machen. Gra zu komm Er, ſchweifen vorgeſtell ſeinem ohne irg ſeiner S ralität, ſo wie ſe Berufes n, daß et, ave ſchrieb, ſttäuſchung llſtändiger, wunderbar ren Traum ſelbſt als in welcher den, Ver⸗ die ſeinen nderungen iberall, wo and Juſtus e, weit er⸗ teln, aber illens aus⸗ en ſetzten. Verführer, ſtets um⸗ ich Deinen ör meinem chen... weltlichen in Traum, err hat ja es Dir in du es als lle, welche allzu rein, ach Ruhm Friſti Ehre Werkzeug, erfüllen. Du ſollteſt de Erndten r, der ge⸗ 297 ringe Diener.... doch— keiner iſt gering, der in dem Weinberge arbeitet.“ Späterhin, als Juſtus ſchon die erſten Verſuchungen, die ſich ſeinem Vorhaben in den Weg legen wollten, überſtanden hatte, welches Vorhaben, ohne daß Juſtus etwas davon ahnte, in Betreff ſeiner Ausführung ganz in Grave's Händen lag, war er es, der ihm rieth, die Reiſe ſo lange aufzuſchieben, bis er ſich eine gewiſſe Erfahrung in ſeinem prieſterlichen Berufe und in ſeinem Vaterlande als öffentlicher Redner einigen Ruf erworben hätte; auch hatte Grave es Juſtus gerathen, die Pri⸗ vatzuſammenkünfte zu eröffnen, um ſich— was Juſtus ebenfalls vortrefflich fand— in der großen Kunſt zu üben, ſeine Macht über die Menſchen geltend zu machen. Grave aber hatte die Sache ganz anders berechnet: durch dieſe Zuſammenkünfte hatte er einen bedeutenden Schritt in ſeinem großen, niedrigen Plane vorwärts zu kommen gehofft. Er, der die feurige Seele, die leidenſchaftliche und ſchweifende Einbildung des Juſtus kannte, hatte ſich vorgeſtellt, daß eben dieſe Privatzuſammenkünfte in ſeinem Zimmer, dieſe myſtiſchen geiſtlichen Berathungen, ohne irgend einen Rath und ohne beſondere Winke von ſeiner Seite— womit er noch gar nicht kommen durfte — von ſelbſt auf Juſtus einwirken, ihm vieles, was er bisher noch nicht verſtand, erklären und ihn unmerklich dahin bringen ſollten, das irdiſche Credit und Debet dem himmliſchen zu nähern und endlich beide ganz mit einander zu verwechſeln. Hier aber zog die reine Mo⸗ ralität, die gänzliche Uneigennützigkeit des Schülers, ſo wie ſeine hohe und ſchwaͤrmeriſche Auffaſſung ſeines Berufes einen ungeheuren Querſtrich über Graves Be⸗ rechnungen. Doch was war ein einziger Querſtrich für einen ſolchen Mann? Juſtus mußte eingeübt werden, die Zu⸗ ſammenkünfte, die Privatbeichten und ſein wachſendes 298 Anſehen, beſonders unter den weiblichen Gemeindemit⸗ gliedern, ſo zu benutzen, wie er ſollte, denn nur ſo konnte Grave's Ziel erreicht werden. Grave's edle Abſicht war, aus dem Juſtus von Carleborg einen großen Prieſter der Frommen, einen großen Propheten in ſeinem eigenen Lande zu machen, deſſen großer Meiſter jedoch Grave ſelbſt immer bleiben wollte. Sie wollten mit einander, mit der Schönheit, dem Enthuſiasmus und dem Genie des Einen, und der Ruhe, der Liſt und der Berechnung des Andern, eine Compagnieſchaft bilden, die recht hübſche Dinge aus⸗ richten und ihre Macht weit und ſo geheim über das Land verbreiten könnte, daß daraus ein Orden, ein „Leſer⸗Orden“ entſtände. Wenn es ſich jedoch unglüͤck⸗ licher Weiſe fände, daß Juſtus ſich hiezu nicht bearbeiten ließe, ſo wäre es noch Zeit genug, an das Miſſions⸗ werk zu denken, deſſen Grave ſich nothgedrungen hatte bedienen müſſen, theils weil es das einzige Mittel war⸗ Juſtus zur Wahl des geiſtlichen Standes zu beſtimmen, theils weil es ſeiner Schwärmerei ſo vollkommne Nah⸗ rung ertheilte. Schriftlich konnte er inzwiſchen nicht ſo vollkommen 1 wirken, wie er wünſchte, und daher fand Grave auf Veranlaſſung einiger halben Hindeutungen von Seiten ſeines Schützlinges über eine„innere widerſtrebende Kraft“ gerathen, das Pulvermagazin anzuzünden, dat Juſtus in ſeinem Kopfe trug. Poſttäglich gingen nun die verwirrendſten Beſchret⸗ bungen über die Höhe der Reinheit und Heiligenglorie ein, welche einen zu einem ſo hohen Berufe erwählten Apoſtel umſchweben müßte:„Verſucht Dich das Fleiſch und die Welt, mein Bruder, ſo ertödte Deine Lüſte mi dem Schwert des Glaubens— ſieh ſie nicht an dieſt ſchönen Lockerinnen zur Sünde: der Satan iſt's, welcher ihnen ihre verrätheriſchen Reize verleiht! Die Engel in Himmel würden ſich auf ihre Angeſichter werfen und blutige Thränen weinen, wenn einer von den Auser⸗ wählten Dich ſe weiß w Menſche der Of Werden Du, de und die fleuch Herrn ö er wird lichen 6 eifrig ſ Fall, wie Di denken, länge Schlack fündige Einſam wenn d Deine ſie Dir bewahr denke, einmal geringe wohl d meindemit⸗ nn nur ſo Juſtus von amen, einen zu machen, mer bleiben Schönheit, en, und der ndern, eine Dinge aus⸗ n über das Orden, ein och ungluͤck⸗ t bearbeiten 6 Miſſtions⸗ ungen hatte Mittel wan, beſtimmen, mmne Nah⸗ vollkommen Grave auf von Seiten iderſtrebende zünden, das en Beſchrei⸗ eiligenglorit e erwählten das Fleiſch ne Lüſte mit cht an dieſe ſt's, welcher die Engel in werfen und den Auser⸗ 299 wählten des Herrn auf dem Wege ſtrauchelte. Kreuzige Dich ſelbſt, mein geliebter Bruder, damit Dein Geſicht weiß werde und glänzend vor dem Herrn und vor den Menſchen, Deinen Brüdern, zu denen der Herr Dich in der Offenbarung ſeiner großen Gnade berufen hat! Werden Dir aber die Anfechtungen übermächtig, fühlſt Du, daß die Verſuchungen des Teufels Dir die Kraft und die Geſundheit Deiner Seele rauben wollen, o ſo fleuch zu dem Geringſten unter den Jüngern unſers Herrn und Meiſters, fleuch zu Deinem Bruder in Chriſto: er wird Dir unter die Arme greifen und Dich unglück⸗ lichen Sünder wieder aufrichten, denn ſein Gebet ſoll eifrig ſein und inbrünſtig vor dem Herrn. Auf keinen Fall, mein theurer Bruder, darfſt Du jetzt, angeſteckt wie Du es biſt, an den hohen und wichtigen Beruf denken, wozu Du auserkohren biſt, bevor Du nicht eine längere Zeit Dich geheiliget und von Dir alle Schlacken der Welt und den Schmutz Deiner eignen ſündigen Verirrungen abgewaſchen haſt, und in tiefer Einſamkeit mit Dir ſelbſt zu Rathe gegangen biſt. Und wenn die Zeit kommt, daß der Geiſt Dich ruft, wenn Deine Anfechtungen Dir keine Ruhe laſſen wollen, wenn ſte Dir Tag und Nacht Bilder vorgaukeln— der Herr bewahre mich davor, ſie näher zu bezeichnen— dann denke, wie ich Dich gebeten habe, und wie ich Dich noch einmal und tauſendmal bitte, an den von der Welt ab⸗ geſchiedenen Winkel, in welchem Dein Bruder Deiner zu Deiner Reinigung harrt, in welchem er mit ſeinem geringen Pfunde das Licht des Segens, das klare, ſchimmernde Licht des Wortes Gottes über ein Volk ausgießt, welches in der Finſterniß gewandert hat, welches aber, wie ich feſt zu ihm hoffe, durch mich ein ſehendes Volk, ein Volk Gottes werden wird. „Heiliger Gedanke! Meine Hand zittert, meine Knie beugen ſich vor dem, der ſo große Dinge thut mit ſeinem geringen Diener... und doch— wie unbedeutend iſt wohl das, was ich thue und thun kann, gegen das Un⸗ Züge aus der vorhergegangenen Thätigkeit Grave's alz Seelſorger eine vollſtändigere Ueberſicht ſeines Charak⸗ ters zu geben. Grave's erſte geiſtliche Wirkſamkeit war als Adjunkt aller A bei einem alten Geiſtlichen Ankunft von ſeiner Gemeinde ſo geliebt und geachtet gekomm worden war, daß dieſelbe als den höchſten Beweis ihrer ſo ſehr Liebe damals in Begriff war, zu einem Wittwenſitze— Verleun der bisher noch nicht in dem Kirchſpiele vorhanden ge⸗ wurde. weſen war— ein kleines Gehöft anzukaufen, um damit lahmer ann zu belohnen, welcher ihr üͤber zwanzig Jahre 300 524 ermeßliche, was mein Bruder ausführen wird, wenn er ſehhes ſich der Kraft des Heiligen Geiſtes in ſeinem Herzen würdig erhält!“ - So ſchrieb der böſe Geiſt des Juſtus von Carle⸗ borg, und da es ihm nicht gelang, ſeine Moralität zu ein gaſ verderben und ſeinen Charakter zu beſudeln, ſo gelang 1 es ihm doch wenigſtens, ſeine Begriffe zu verwirren, ſeinen wilden Fanatismus anzuzünden und dadurch ſeine ſeiner( Leidenſchaft bis zum Wahnſinne zu bringen. Wir haben die Folgen davon in den Scenen geſehen, deren Zeugen ſichert Ei ſtratur, Paſtor ſammel⸗ Furcht u wir in dem Zimmer des Fanatikers waren. Jetzt ſtand ihn As Juſtus an dem Wendepunkte, wo der Geiſt ihn rufen deſſen 2 mußte, den Kampf gegen die Leidenſchaft auszukämpfen. ſeinen? Er ſchied von der Welt, von den Lorbeeren, die er ſchon zu Di erndten begonnen hatte, und ging in die Wüſte, um ſich Erdichtt rein zu waſchen. welcher Ehe wir aber ſehen, wie ihm dieſes gelingt, dürfte ginal de Hes an ſeinem Orte ſein, durch die Berührung einiger lebt no S 5 S 8 5 Neunundzwanzigſtes Kapitel. „ welcher bis auf Grave⸗s Stirn; d, wenn er dem Herzen von Carle⸗ oralität zu ſo gelang verwirren, adurch ſeine Wir haben ren Zeugen Jetzt ſtand ihn rufen zukämpfen. er ſchon zu ſte, um ſich ingt, dürfte ung einiger Grave's alz es Charat⸗ als Adjunkt if Grave's d geachtet eeis ihrer wenſitze— handen ge⸗ um damit nzig Jahre I 4 k lahmer und lahmer mit dem ſchon einmal ſo feſt be⸗ 301 ſeines Lebens geopfert hatte, und ſeine letzten Tage ſorg⸗ loſer zu machen, da er die Zukunft ſeiner Gattin ge⸗ ſichert ſah. Eine vorhergegangene lange und karge Commini⸗ ſtratur, viele Kinder, Unglücksfälle, große Schulden und ein gaſtfreies Haus waren die Urſachen, daß der alte Paſtor in zwanzig Jahren für die Seinigen nichts hatte ſammeln knnen. Wie glücklich war er alſo, der Liebe ſeiner Gemeinde dafür danken zu können, daß er ohne Furcht und Unruhe den Befehl erwarten konnte, welcher ihn zu der großen Rechenſchaftsablage erwartete! Aber er ſollte zuvor noch ein Unglück erleben, über deſſen Wunden nur der Tod und vielleicht kaum dieſer ſeinen Friedensſchleier breiten konnte. Die Erzählung, welche wir hier liefern, iſt keine Erdichtung. Noch heutiges Tages lebt die Familie, in welcher die Ereigniſſe vorgefallen ſind— auch das Ori⸗ ginal der Copie, welche wir in Grave darſtellen wollen, lebt noch, lebt als ein Schandfleck für ſich ſelbſt und das Stift, deſſen Mitglied er iſt. Von dem Augenblicke an, da der damalige Adjunkt Grave in dem bisher ſo friedlichen Pfarrhofe ankam, war es, als hätte ein unſichtbarer böſer Geiſt ſowohl im Hauſe als in der Gemeinde alles verändert und auf alles eingewirkt. Man ſah nichts, man ahnte gar nicht, woher es kam, denn der ſchweigſame, ſtille und friedliche Adjunkt miſchte ſich, ſo viel man merken konnte, in gar nichts; aber dennoch verbreiteten ſich Gerüchte, boͤſe, beleidigende, entehrende Gerüchte, welche die Leute gegen einander in Harniſch brachten. Klätſchereien und Irrungen aller Art arbeiteten bald im Stillen, bald mit offener Stirn; und nach einigen Monaten war es ſchon ſo weit gekommen, daß der alte Paſtor ſelbſt, der Hirte, welcher ſo ſehr beliebt geweſen war, ein Ziel der Schmähungen, Verleumdungen und tauſend gemeiner Inſinuationen wurde. In den Kirchſpielsberathungen ging es immer 30² ſchloſſenen Einkaufe des Wittwenſitzes; bei Graves An⸗ kunft ſtand die Frage ſo:„wo derſelbe angekauft werden ſollte;“ jetzt aber war ſie unmerklich zu ihrem erſten Ausgangspunkte zurückgekommen, nämlich:„ob ein Wittwenſitz angekauft oder für die Propſtin ſtatt deſſen ein beſtimmter Anſchlag feſtgeſetzt werden ſollte.“ Doch nichts kam zu Stande, und es nagte tief an dem Herzen des Propſtes, dieſe Veränderung, dieſe Kälte zu ſehen, die er nicht im Stande war zu begreifen. Doch der Schmerz ſollte bald noch tiefer greifen. Plöͤtzlich kam eine von dreißig Bauern unterzeich⸗ nete Schrift, in welcher ſie ihren alten Seelſorger ſo grob zu beleidigen wagten, daß ſie forderten, er ſollte die ganze Seelſorge dem Magiſter Grave überlaſſen, und ihm die Pfarre verpachten. Aufgeregt und erſchüttert zeigte der Propſt dieſe Schrift ſeinem Adjunkt, dem es, unbegreiflich genug, immer noch gelang, ihn mit ſeiner Unparteilichkeit, ſeiner einfachen Reinheit zu blenden; und Grave, welcher, „vor Schrecken verſtummt“ zu ſein ſchien, beklagte die Verirrten und verſprach alles zu thun, was in ſeinen Kräften ſtehe, um ſie zu dem Gefühl von Pflicht und Recht zurückzuführen. Der Propſt zerriß das Papier und ſagte in einem Tone, der in jedem Andern als Grave die Stimme des Gewiſſens geweckt haben würde:„Ich vergebe ihnen, ſie haben es nicht von ſich ſelbſt— doch ſo lange ich lebe, und Gott mir Geſundheit und Seelenkräfte ver⸗ leiht, will ich ihr Seelſorger bleiben!“ Wiederum verging eine Zeit. Die ſchimmernde Decke, welche über Grave's Weſen ruhte, begann dünner zu werden, ſo daß ſowohl der Propſt, als auch die weit mißtrauiſchere Propſtin bemerkten, aus welcher Quelle alle dieſe Ränke entſprangen. Bald war nicht mehr die Rede davon, die Liebe der Leute zu rauben— ſogar die Liebe der Kinder wurde den Eltern entzogen durch die ſchreckliche Macht der Frömmelei, der Leſerei und der Scheinl wollte geben; endlich dem Be Forderu fügte„ Abſetzun begehre iſt uns Commer ders we gehabt! ſehen, gürtet, fachen und Ge eines de haben, auch, m das Her ihn der daß ihn daß er gut wuß raleram folger m Herz daß zu wollg tief und Adjunkt Braves An⸗ -uft werden drem erſten „obb ein ſtatt deſſen lte.“ Doch dem Herzen e zu ſehen, Doch der unterzeich⸗ eelſorger ſo , er ſollte überlaſſen, vopſt dieſe lich genug, rteilichkeit, de, welcher, eklagte die in ſeinen flicht und in einem lange ich nde Decke, dünner zu ſch die weit t mehr die ſogar die n durch die i und der er Quelle kräfte ver⸗ 303 Scheinheiligkeit. Der Propſt war alt, der Körper wollte der Betrübniß ſeiner Seele keine Stütze mehr geben; er unterlag immer mehr und mehr und erhielt endlich den letzten Schlag, als ein neuer Brief von dem Bevollmächtigten der Eingepfarrten ankam mit der Forderung: wenn er ſich nicht in den vorigen Vorſchlag fügte, ſo würde die Gemeinde beim Conſiſtorium ſeine Abſetzung und die Ernennung Grave's an ſeiner Stelle begehren. Die Gefühle, welche ſich der Bruſt des alten Mannes bemächtigten, beſchreiben oder deuten zu wollen, iſt uns ganz unmöglich, und ſie bedürfen auch keiner Commentare, denn ſie verſtehen ſich von ſelbſt, beſon⸗ ders werden diejenigen ſie begreifen, welche Gelegenheit gehabt haben, einen Patriarchen in ſeiner Gemeinde zu ſehen, zu ſehen, wie die Liebe der Gemeinde ihn um⸗ gürtet, zu ſehen, wie er mit ſeiner Liebe in dem ein⸗ fachen Geiſte Chriſti die Gemeinde umgürtet, wie Lehrer und Gemeinde Eins ſind— Diejenigen, welche dieſes, eines der rührendſten und ſchönſten Verhältniſſe geſehen haben, die uns das Leben darbieten kann, die verſtehen auch, wie ſcharf der Pfeil verwundete, welcher gegen das Herz des Lehrers gerichtet war. Nicht wirkte auf ihn der Inhalt der Drohung; denn er wußte ſehr wohl, daß ihn das Conſiſtorium nicht abſetzen konnte, ohne daß er einen Dienſtfehler begangen hatte, und eben ſo gut wußte er, daß Grave, der ſein zweites oder Paſto⸗ ralexamen nicht gemacht hatte, auf keinen Fall ſein Nach⸗ folger werden konnte— aber ſeine Gemeinde hatte ein Herz dazu gehabt, ihn ſo tief und unheilbar verwunden zu wollen! Und ſie hatte ihr Ziel erreicht: ſie hatte ihn tief und unheilbar verwundet. Ermüdet und entmuthigt, erhob ſich ſeine Kraft nicht wieder— er willigte ein, die Seelſorge abzu⸗ geben. Von dieſem Augenblicke an wurde der demüthige Adjunkt, obgleich immer unter der Decke der Hei⸗ 304 ligkeit, der wahre Tyrann und Plagegeiſt des alten Propſtes; und es dauerte nicht lange, ſo brachte er es dahin, daß der Propſt ihm die Paſtoralia für weniger als die Hälfte ihres Ertrages abtrat. Daß es aber doch wenigſtens die Hälfte wurde, das hatte der Propſt einzig und allein der raſchen Ein⸗ miſchung ſeiner Frau zu verdanken; dieſes aber zog ihr auch Graves ſchrecklichſten Haß zu, einen Haß, welcher bald darauf eine Frucht trug, von welcher wir gar gerne hoffen möchten, daß ſie die einzige in ihrer Art iſt. 3 Konnte wohl nunmehr der alte Propſt noch einen einzigen Tag Ruhe haben? Die Leſerei hatte in der Gemeinde Wurzel geſchlagen, und die zahlloſen Ränke und Intriguen, welche mit ſchrecklicher Macht um ſich gegriffen hatten, waren ſo in einander verſchlungen, daß ſie ihm den Verſtand zu rauben drohten. Er ent⸗ ſchloß ſich zu einer längeren Reiſe, um, wie er zu Hauſe ſagte, ſeine Geſundheit zu ſtärken; dagegen aber äußerte er zu einem der abtrünnigen Eingepfarrten, welcher ihm auf dem Wege begegnete, und von Reue ergriffen, da er den alten Lehrer abreiſen ſah, ihn de⸗ müthig und eifrig bat, er möchte wieder umkehren: „Nein! Ihr habt es gewollt: ich gehe hinweg, um mir ein ruhigeres Grab zu ſuchen, als ich hier finden kann!“ Und er ging hinweg, um ſich ein ruhigeres Grab zu ſuchen— er ſtarb auf dieſer Reiſe. In weiter Ferne von dem Kirchhofe, wo er ſelbſt ſo oft mit be⸗ thräntem Auge die letzten Schaufeln voll Staub auf einen vorangegangenen Freund geworfen, wo er dabei ſo oft zu ſich ſelbſt geſagt hatte:„hier wirſt auch Du einſt im Frieden ruhen!“— in weiter, weiter Ferne von der Erde, wo Gattin und Kinder auf ſeinem Grabe hätten weinen können, ruhen jetzt ſeine Gebeine. Und dieſes Werk betrieb in der Finſterniß ein fromme Heldenth Seh Als derer Me ſchlimme Commint des Abg Tode bel und Ger würdiges laſſen; i licher M ſchändlich nehmung ſucht re⸗ lich war in Betre De Neigung Antritt nicht be und no war. 2 bald die ſetzte ni tag tra Kirche lud; de doch wi einen, drückten läufig geſchickt beſſer Fehlerh Eine t des alten rachte er es für weniger lfte wurde, raſchen Ein⸗ aber zog ihr daß, welcher er wir gar ge in ihrer noch einen atte in der loſen Raͤnke acht um ſich derſchlungen, n. Er ent⸗ wie er zu agegen aber ngepfarrten, d von Reue ſah, ihn de⸗ c umkehren: hinweg, um hier finden igeres Grab In weiter oft mit be⸗ Staub auf wo er dabei irſt auch Du veiter Ferne einem Grabe ebeine. inſterniß ein 30⁵ frommer Prieſter— es war ſeine erſte geiſtliche Heldenthat! Seht hier die zweite: Als der Propſt davon gegangen, war noch ein an⸗ derer Mann übrig, der dem Adjunkten Grave ſtets ein ſchlimmer Dorn im Auge geweſen war, nämlich der Comminiſter, welcher als ein großer und warmer Freund des Abgeſchiedenen ſowohl vor als auch nach ſeinem Tode beleidigende Ausdrücke über Grave's Gottesfurcht und Gerechtigkeit und vor allen Dingen über ſein nichts⸗ würdiges Betragen gegen den alten Propſt hatte fallen laſſen; überdieß arbeitete der Comminiſter als ein recht⸗ licher Mann auf alle Weiſe Grave entgegen in ſeinen ſchändlichen Anmaßungen und eigenmächtigen Unter⸗ nehmungen. Daß ein ſolches Benehmen Grave's Rach⸗ ſucht reizen mußte, war natürlich, und eben ſo natür⸗ lich war auch, daß er nicht in Verlegenheit ſein konnte in Betreff der Mittel zur Ausführung ſeiner Rache. Der Comminiſter hatte unglücklicher Weiſe eine Neigung zu dem Glaſe, die gleichwohl vor Grave's Antritt der geiſtlichen Regierung des Kirchſpieles gar nicht bekannt, oder richtiger keines Menſchen Munde und noch weniger jemanden zum Aergerniß geweſen war. Aber Grave, der alles erforſchen konnte, hatte bald die ſchwache Seite des Comminiſters erſpäht, und ſetze nun alle Werkzeuge in Bewegung. Jeden Sonn⸗ tag traf der Comminiſter auf ſeiner Reiſe nach der Kirche irgend einen Eingepfarrten, der ihn zu ſich ein⸗ lud; die Schwäche ſiegte über das Rechtsgefühl— doch wie und durch welche unabläſſige Mittel auf der einen, wie und durch welche Bekümmerniſſe und unter⸗ drückten Aerger auf der andern, das würde allzu weit⸗ läufig ſein zu verfolgen— genug: einmal, da die Ab⸗ geſchickten ſo glücklich geweſen waren, ihren Auftrag beſſer als gewöhnlich auszurichten, ſiel endlich eine Fehlerhaftigkeit in der Kirchenceremonie vor. Jetzt war Eine Nacht am Bullarſee. II. 20 306 Grave's Spiel gewonnen: der Comminiſter wurde au⸗ geklagt, abgeſetzt, gerieth mit Frau und acht Kindern in die bitterſte Armuth, und wurde genau ſechs Monate nach dem Tode des Propſtes in das Irrenhaus ge⸗ bracht: Reue, Kummer und Selbſtvorwürfe hatten ſei⸗ nen Verſtand verfinſtert. Grave aber ſah ſich um— hier war wiederum ein gutes Stück Arbeit gethan. Und nun wollen wir noch ſein drittes Probeſtäck beſchauen. Doch lag zwiſchen demſelben und den bei⸗ den vorhergehenden eine ganze Brut von Verbrechen, welche ihre Häupter nie in das Licht erhob, denn ſie hatten ihre Sympathien in der Finſterniß. Wenn es nicht den Begriff allzu ſehr entweihen hieße, ſo würden wir ſagen: Grave liebte eine von den Töchtern des verſtorbenen Propſtes— genug: er liebte ſie mit einer Liebe, welche beſitzen oder ſich in Rache wälzen wollte. Die junge Ammi fürchtete ſich vor den wilden Blicken des Adjunkten, ſie verſtand die ſelben nicht, denn ſeine Liebe fand keine Erwiederung in ihrem Herzen; doch ſeine Macht als Bußprediget hatte auch ſie umſtrickt und ſie ſehr oft auf ſein Zim⸗ mer geführt zu den Privatbetſtunden oder wie er ſte be⸗ nannte, zu den„Zuſammenkünften der Engel.“ So lange der Propſt lebte und zu Hauſe war, äußerte Grave keinen Buchſtaben über ſeine Abſichten mit Ammi— er wußte ſehr wohl, daß der Propft⸗ wenn Grave auch die Abſicht gehabt hätte, das arme Mädchen zu heirathen, ſeine Einwilligung verſagen würde— als er jedoch todt war, ſo wagte er es, die Trauer der Tochter durch Reden über ſeine Liebe und über den Erſatz zu kränken, den ſie in ihm finden würde, wenn ſie ihr Schickſal ſeinen Händen anvertrauete. Ammi floh bang und angſtvoll von dem Zimmer des A lockt h theilen ihre T als G ſproche daß 6. Propſt dreißig für ihr A Meiler irgend mal ſe eine al gewor! A in ihre Leute, einer ſt lernen wurde an⸗ Kindern in chs Monate renhaus ge⸗ e hatten ſei⸗ r wiederum 3 Probeſtück und den bei⸗ Verbrechen, bb, denn ſie ar entweihen bte eine von — genug: e oder ſich in ürchtete ſich verſtand die⸗ Erwiederung Bußprediget uf ſein Zim⸗ vie er ſie be⸗ gel.“ Hauſe war, ne Abſichten der Propft, 2, das arme ng verſagen te er es, die ie Liebe und inden würde, ertrauete. dem Zimmer 307 des Adjunkten, wohin er ſie durch den Vorwand ge⸗ lockt hatte, er wollte ihrem kindlichen Herzen Troſt er⸗ theilen, zu ihrer Mutter hinab; und die Mutter, welche ihre Tochter lieber auf der Bahre ſehen wollte, denn als Grave's Gattin, willigte in Ammi's heftig ansge⸗ ſprochene Bitte, ſie weit, weit weg zu ſchicken. Ohne daß Grave eine Ahnung davon hatte, ordnete die Propſtin dieſe Angelegenheit und hatte das Glück, über dreißig Meilen von der Heimath entfernt einen Platz für ihre Tochter zu finden. Ach, konnte wohl eine Entfernung von dreißig Meilen ſie vor Grave's Rache ſchützen? konnte wohl irgend etwas die Mutter ſchützen, ſie, die ſchon zwei⸗ mal ſeine Berechnungen durchkreuzt hatte, ſie, die ſchon eine alte Schuld bei ihm hatte, welche jetzt noch größer geworden war? Ammi war abgereiſ't. Die Propſtin pries Gott in ihrem Herzen; die Leſerei aber fuhr fort, und die Leute, welche in ſteter Bezauberung lebten, bedurften einer ſtarken Erweckung, ehe ſie denjenigen verabſcheuen lernen konnten, welchen ſie ſo hoch über alle Menſchen, ja faſt über Gott geſetzt hatten. Einige Wochen nach Ammi's Abreiſe verbreitete ſich erſt ganz im Stillen, dann immer lauter und lau⸗ ter ein verabſcheuungswürdiges Gerücht, obgleich kein Menſch wußte, woher es kam; daß die Propſtin ge⸗ zwungen geweſen wäre, Ammi wegzuſchicken, um ihre Schande zu verbergen. Alle Menſchen wüßten ja, daß ſie den Paſtor Grave geliebt hätte: ſte wäre wie wahn⸗ finnig nach ſeinen Predigten gelaufen und hätte auch ſehr oft den„Zuſammkünften der Engel“ beigewohnt. Die Propſtin war ganz außer ſich, ſie rief dem Paſtor Grave und hielt ihm mit der Strengheit, ja vielleicht Bitterkeit einer beleidigten Mutter vor, daß er aus Rache dieſe ſchwarze, dieſe grauſame, ſchreckliche Ver⸗ läumdung verbreitet hätte, welche auf Ammi's Ruf, ſo 308 eilfertig ſie auch zurückkommen möchte, einen vielleicht unverbeſſerlichen Schatten werfen würde. Der freche, herzloſe Prieſter betrachtete mit ſteifer Ruhe die qualvolle Unruhe der Mutter.„Woher,“ ſagte er mit einer Stimme, welche jedes Wort zu einem Dolchſtiche machte,„woher wiſſen Sie, Frau Propſtin, daß dieſes Gerücht eine Verläumdung iſt?“ „Elender!“ Die Propſtin ſank auf einen Stuhl— ihre Füße wollten ſie nicht länger tragen. Grave hohnlachte.„Schlug Mamſell Ammi ſelbſt dieſe Reiſe vor, oder that ſie es nicht?“ „Gott, mein Gott! iſt es nicht genug, daß er mir meinen Gatten, mein Auskommen, die Liebe der Ge⸗ meinde geraubt hat, will er mir nun auch den Glau⸗ ben an die Reinheit meines Kindes rauben!... Doch nein, es iſt unmöglich— o, meine Ammi, meine Aumi, Du biſt rein!“ Grave ſchwieg. „Sie iſt rein wie das Licht der Sonne!“ Kein Wort ging über die Lippen des Geiſtlichen. „Geh, Teufel! geh und zittere! die Thränen einer Mutter, die Thränen eines ſchutzloſen Kindes ſollen Dir einſt auf dem Gewiſſen brennen und vor Gottes Thron gelten, wenn ſie auch hier nicht gelten!... Doch vergeſſen Sie nicht, daß Sie ſelbſt erkannt haben!...“ „Rufen Sie dieſe Stühle zu Zeugen, Madame?“ — ich ſehe hier keine andern!“ Die Propſtin vermochte kein Wort zu erwiedern. Grave verließ das Zimmer. Welche Angſt, welche unerträgliche Augſt für die arme, unglückliche Mutter! Sie ſelbſt hätte ihre Ue⸗ berzeugung von Ammi's Unſchuld beſchwören köonnen — würden aber auch Andere es glauben? Dieſes ſchutz⸗ loſe, junge Kind ſollte der bittern Rache des grauſa⸗ men Mannes geopfert werden: er ſcheute ſich nicht, ſeinen eigenen Namen verabſcheut zu machen, wenn er dadurch Famili D Ammi, ſende d Gegend mag ſie die An Gemütl welche einen„ die Pro Ammi Die Propſtin hörlicher ſchweige worfen, halten h zu der vielleicht mit ſteifer „Woher,“ zu einem Propſtin, Stuhl— mmi ſelbſt aß er mir e der Ge⸗ den Glau⸗ .. Doch ine Ammi, Geiſtlichen. ſinen einer des ſollen or Gottes ſt erkannt adame?“ -rwiedern. wenn er lten!... 309 dadurch nur das Einzige vernichten konnte, das dieſer Familie noch übrig geblieben war— ihre Ehre. Die Propſtin ſchrieb noch an demſelben Tage an Ammi, um ſie zurückzurufen, ſo bald ſie ſich eine paſ⸗ ſende Reiſegeſellſchaft ſchaffen könnte, was in dieſer Gegend nicht die leichteſte Aufgabe war; und man mag ſich die Gemüthsſtimmung denken, in welcher ſie die Antwort auf ihren Brief abwartete. Aber dieſe Gemüthsſtimmung war eine Wolluſt gegen diejenige, welche ſpäter erfolgte, als Ammi's Antwort von dem einen Poſttage zu dem andern ausblieb. Jetzt ſchrieb die Propſtin an die Hausmutter in dem Hauſe, worin Ammi ſich aufhielt— wiederum keine Antwort! Die fürchterliche Unruhe hatte um dieſe Zeit die Propſtin nach wochenlanger tödtlich zehrender, unauf⸗ hörlicher, nie ruhender Furcht— denn Ammi's Still⸗ ſchweigen mehrte dieſelbe— auf das Krankenlager ge⸗ worfen, ſonſt würde nichts dieſe muthige Frau abge⸗ halten haben, ſelbſt zu reiſen. Was war nun zu thun? Je weiter die Erzählung von ihrer eigenen Betrübniß, von ihrer Krankheit und Verzweiflung ſich verbreitete, deſto überzeugendere Zuſätze erhielten dieſe Zeichen, dieſe Beweiſe, daß ſie Ammi's Schande wußte, theilte oder wenigſtens erkannte. O, das war ſchrecklich! Wenn ſie ſich einer fremden Hülfe bediente, und nachher alles als wirklich befunden wurde!... Dieſes Schwei⸗ gen, dieſes Schweigen!... Ihre Angſt ſtieg endlich zu der ſchrecklichſten Höhe, daß ſie wieder zu Grave ſchickte. Er weigerte, zu kommen; ſie ſchrieb, ſie flehte — er antwortete nicht; doch er, welcher ein Meiſter in allen Künſten der Hölle war, er ließ es auf ſeinen geheimen Wegen zu den Ohren der Mutter kommen, daß er, Grave, einen Brief erhalten hätte. Da ſchrieb die Propſtin von Neuem an ihn, und nun kam er, aber kalt, ſteif, wortkarg, mit einem Hohnlächeln auf den dünnen Lippen. 310 „Um Gottes Barmherzigkeit willen, antworten Sie! Haben Sie Nachricht von Ammi?“ Er that weiter nichts, als daß er einen Brief aus der Taſche zog und, denſelben in ſeiner Hand haltend, der Mutter die letzte Zeile zeigte: „wenn nicht die Verzweiflung mich bis dahin getödtet hat. „Ammi.“ „Alſo Wahrheit!“ die Propſtin ſank zurück auf ihr Lager.„Geben Sie mir den Brief!“ ſtotterte ſie. Er ſteckte ihn kalt in die Taſche. „Dieſer Brief ſoll kein Zeuge gegen Sie werden— nein, ich ſchwöre es; denn lieber, als daß ich die einzige Genugthuung fordere, die möglich wäre, will ich Ammi in der Schande ſehen, welche Sie über das Mädchen geworfen haben. Ich ſuche keine Rache: Gott wirz rächen, was ich nicht berühren kann, ohne das Elend noch mehr über mein Haus zu ziehen. Geben Sie mir nur den Brief— ich bin ſtark!“ Es war natürlich, daß er ihr den Brief nicht gab⸗ denn dieſer lautete folgender Maßen: „Ihr Brief, Herr Magiſter, den Sie mir im Namen meiner Mutter geſchrieben haben, hat mein Herz erſchüte tert. Guter Gott, ich wußte nicht, was den Leuten angekom⸗ men war, daß ſie mich mit ſo ſonderbaren mißtrauiſchen Blicken betrachteten! Meine Betrübniß, die ich nicht im Stande war zu verbergen, und die einen ſo natürlichen Grund hatte, in meiner jeden Poſttag getäuſchten Hof⸗ nung, Briefe von Hauſe zu erhalten, vergroͤßerte ihr ſonderbares Betragen, anſtatt ihnen Mitleiden gegen mich einzuflößen. Doch ſo ſehr ich auch über dieſe peinigende Veränderung nachdachte, ſo würde ich dennoch nie mir die Urſache derſelben errathen haben, wenn nicht Ihr theilnehmender Brief mich darüber aufgeklärt hätte. O, wie ich gewe than, d erdichten nicht) ſo Gott ſo das fürch welche a legen köl ſie befieh mich ſogl weiſung der mir aber es der Dilig wenn ick wenn ſie wiß ſelb⸗ einen Ve „Un Verzweif Wel den ſah, arme An war nur ohne ein Als Reiſegeſe Poſttage hielt ſie krank we das die nichts de Conditior daß ſiej antworten Brief aus nd haltend, h bis dahin rück auf ihr rte ſie. ewerden— die einzige II ich Ammi 1s Mädchen Gott wird das Elend n Sie mit fnicht gab, im Namen erz erſchüt⸗ en angekom⸗ ißtrauiſchen cch nicht in natürlichen ſchten Hof⸗ rößerte ihr eiden gegen über dieſe ich dennoch wenn nicht eklärt hätte. 3¹41 O, wie habe ich ſeit geſtern zu Gott gebetet, wie habe ich geweint, wie habe ich gelitten! Was hatte ich ge⸗ than, daß die Menſchen eine ſo ſchreckliche Geſchichte erdichten ſollten— und gegen wen(Sie ſagen das nicht) ſollte ich mich ſelbſt, meine Ehre und meinen Gott ſo vergeſſen haben? O, es iſt fürchterlich, und das fürchterlichſte iſt, daß meine Mutter, meine Mutter, welche auf die Unſchuld ihrer Tochter einen Eid ab⸗ legen könnte, nicht daran glaubt, nicht ſchreibt! Doch ſie befiehlt mir nach Hauſe zu kommen, und ich mache mich ſogleich reiſefertig. In A— werde ich ihrer An⸗ weiſung zufolge mich nach dem andern Briefe erkundigen, der mir über eine Reiſegeſellſchaft Nachricht geben ſoll; aber es iſt auf jeden Fall ſchwer für mich, allein auf der Diligence zu reiſen... Doch— das iſt einerlei, wenn ich nur nach Hauſe komme zu meiner Mutter: wenn ſie mir nur in die Augen blickt, ſo wird ſie ge⸗ wiß ſelbſt betrübt ſein, daß ſie im Stande geweſen iſt, einen Verdacht auf ihre Tochter zu werfen. „Um zehn Tage bin ich zu Hauſe, wenn nicht die Verzweiflung mich bis dahin getödtet hat. „Ammi.“ Welche ſchändliche Cabale, geſpielt, ohne daß jemand den ſah, welcher die Fäden in der Hand hatte! Die arme Ammi ſollte gar nicht nach Hauſe kommen: ſie war nur verführt, eine Reiſe zu machen— und zwar ohne eine Reiſegeſellſchaft. Als ſie nach A— kam, wo ſie den Brief und die Reiſegeſellſchaft finden ſollte, ſo mußte ſie erſt ein Paar Poſttage warten, und als der Brief endlich kam, ſo er⸗ hielt ſie in demſelben die Nachricht, daß ihre Mutter krank wäre, krank aus Kummer über Ammi's Unglück, das die ganze Umgegend für wahr hielt, daß jedoch nichts deſto weniger ihre Mutter ihr beföhle, in ihre Condition zurück zu kehren, denn neue Umſtände machten, daß ſie jetzt nicht nach Hauſe reiſen könnte. 312 „Ich weiß nicht,“ ſo ſchloß dieſer Brief,„ob t Ihnen vertrauen darf, betrübtes junges Mädchen, wen das Gerücht als Ihren Mitſchuldigen anklagt; die Welt iſt voller Bosheit, den Menſchen ſcheint nichts mehr heilig zu ſein. Ich bin derjenige, den man anklagt, ic, der Diener des göttlichen Wortes, ich, der Freund der Betrübten und Bekümmerten! O Sünde der Welt, o Elend, o Peſt, o Tod, wie lange willſt Du Dein freches Haupt erheben!... Doch ich leide und ſchweige, demn ich weiß, daß mein Erlöſer lebt, und in meinem reinen Bewußtſein trage ich meinen Troſt.... Aber Du, junges Mädchen, für Dich iſt es, um Deine Unſchul⸗ krone zu retten— wenn ſie ja in den Augen der Welt noch zu retten iſt— für Dich iſt es nothwendig, daß Du meinen Namen verſchweigſt. Verbrenne dieſe beiden Briefe, welche ich in frommem Mitleiden und inniget Theilnahme an Deinen Kummer Dir geſchickt habe; und ſo gewiß Du ein ſeliges Ende haben und nicht der⸗ einſt vergehen willſt in dem brennenden Schwefelpfuhſ, in welchem die Verlornen liegen und ſich vor Schmerzen krümmen, ſo ſchwöre in Deinem Herzen einen Eid— ich hoͤre ihn bis hieher, denn die rechten Diener des göttlichen Wortes haben ſtarke Ohren— daß Du nicht meinen Namen ausſprichſt noch ſagſt, wer Dich zu dieſe Reiſe bewogen hat; Du kannſt wohl begreifen, daß ſolches nicht um meinetwillen nothwendig iſt, ſonden einzig und allein um Deinetwillen, damit nicht die Rede der böſen Zungen wahr werde, wenn ſie ſagen können; Ganz gewiß iſt es wahr: ſie hat Briefe mit ihm ge⸗ wechſelt, hat Verbindungen mit ihm gehabt! Alſo um b alle Beweiſe gegen Dich ſelbſt zu entfernen, ſo verbrenne die Briefe! Wiſſe, daß ich mir gewiß Mittel verſchaffen werde zu vernehmen, ob Du mir hierin ungehorſam ge⸗ weſen biſt— und ich ſage: es wäre Dir beſſer, augen⸗ blicklich zu ſterben, als die Rache Gottes auf Dich her⸗ abzuziehen, indem Du Dir die Rache ſeines Dieners zuziehſt.“ Da Am heit, vo⸗ Conditio Kälte er Zweck d ihre Pri weſenhei Mädchen um dieſe war, h als ſie Sprache einer ſch zwiſchen Briefwe näͤmlich dazu vor zu verro Zwecke? noch we — ſo jt unerſätt! groß, da geheime noch me nommen immer d Intrigut Ammi's Andern. Am Ammi, Schutze in einem auf eine Stachel ief,„ob ich ädchen, wen gt; die Welt nichts mehr anklagt, ich, Freund der der Welt, o Dein freches weige, denn einem reinen . Aber Du, ne Unſchul⸗ gen der Welt vendig, daß dieſe beiden und innige hhickt habe ad nicht der⸗ wefelpfuhl, Schmerzen nen Eid— Diener des ß Du nicht ich zu dieſer reifen, daß ſt, ſondern cht die Rede en können: verſchaffen lehorſam ge⸗ ſſer, augen⸗ f Dich her⸗ es Dieners 313 Das Ende dieſer Geſchichte war folgendes: Ammi kehrte nach einer vierzehntägigen Abweſen⸗ heit, von Kummer beinahe ihrer Sinne beraubt, in ihre Condition zurück. Sie wurde mit Gleichgültigkeit und Kälte empfangen, konnte über ihre Reiſe und über den Zweck derſelben ſo unvollkommen Beſcheid geben, daß ihre Prinzipalin an die Propſtin ſchrieb, Ammi's Ab⸗ weſenheit erwähnte und ſagte, ſie könnte das junge Mädchen nicht länger behalten. Auf die Propſtin, welche um dieſe Zeit eben von ihrem Krankenbette aufgeſtanden war, hatte dieſer Schlag eine entſcheidende Wirkung; als ſie aber dann Ammi's beifolgenden Brief, dieſe Sprache der Unſchuld las, ſo fühlte ſie ſich wieder von einer ſchrecklichen Laſt befreit, obgleich eine große Kluft zwiſchen der Unterbrechung und Wiederanknüpfung ihres Briefwechſels lag, die kein Menſch begreifen konnte, nämlich Ammi's Reiſe. Die Mutter glaubte, daß ſie dazu von irgend Jemand aufgefordert war, den ſie nicht zu verrathen wagte.. doch von wem und zu welchem Zwecke? Ammi wagte es für ihr Leben nicht, denjenigen noch weiter gegen ihre Familie zu reizen, deſſen Haß — ſo jung ſie auch war, ſo verſtand ſie doch dieſes— unerſättlich ſein würde. Ihr Unglück war ja ſchon ſo groß, daß dieſes Geſtändniß, ſie wäre in einer Art von geheimer Verbindung mit ihm geweſen, der Wahrheit noch mehr Stärke gegeben, als das Dunkel hinwege⸗ nommen haben würde. Dieſer Punkt verblieb daher immer dunkel; und nur der Propſtin, welche eine neue Intrigne von Grave zu durchſchauen glaubte, wurde Ammüs Unſchuld ein Glaubensartikel— doch keinem Andern. Ammi, die unſchuldige, unglückliche, betrogene Ammi, deren beſudelter Ruf ſie auf immer von dem Schutze des geliebten Geburtsortes ſchied, erhielt zwar in einem fremden Hauſe eine neue Heimath, doch nur auf eine kurze Zeit. Der unſichtbare, aber ſcharfe Stachel des Schmerzes hatte ihr Herz getroffen, und 314 elf Monate nach dieſen Ereigniſſen wurde Ammi 1 Tode mit ihrem Vater vereinigt. Kurz vor ihrem Hin⸗ gange ſagte ſte zu der Mutter, welche gekommen war, um ihrer zu pflegen:„Iſt es nicht wahr, liebe Mutter, daß auch Du ihm verzeihen willſt?“ Jetzt wußte Ammi alles und die Mutter alles; doch nur ſie, nur ſie allein. „Wenn ich könnte, ſo wollte ich auf Deine Bitte mir Mühe geben, ihm zu verzeihen!“ „Ja, thue es auf meine Bitte: ich ſterbe ſo ruhig, wenn ich weiß, daß um meinetwillen keine Rache mehr auf Erden übrig iſt!“ Und die Mutter gelobte es der ſterbenden Tochter, daß ſie ihre Bitte zu erfüllen ſuchen wollte— ob ſie dazu im Stande geweſen iſt, das weiß nur Gott; doch noch immer ſteigen tiefe und ſchwere Seufzer empor aus ihrer geplagten Braſt. Sie kann unmöglich ſich der Erinnerung erwehren, daß ſie eine glückliche Familien⸗ mutter war mit der Hoffnung eines wenigſtens dürftigen Auskommens, wenn Gott dereinſt den um viele Jahre älteren Gatten hinwegrufen würde— ſie kann ſich un⸗ möglich der Erinnerung entſchlagen, daß eine Schlange unter dem Schutze des Prieſtermantels ſich in ihrem nicht lät pfarrer in das glücklich Commin die Rän Mutter welche 1 worden ſeinem. ſchwarzen wurden, ihm die vermocht ſamkeit: beiten wu kreis zu abreiſen Bullaren gedachte, Do anzuknüt Hauſe einſchlich und das Glück in demſelben mordete. Und dieſes war Grave's dritte Heldenthat— er hatte alles ſo klug eingefädelt. Man glaubte, daß er an dem Falle des jungen Mädchens Schuld war, doch dieſes blieb nur ein Glaube.... wer konnte es be⸗ weiſen, wer das Wort„ſchuldig“ ausſprechen? Nur ſein Gewiſſen; doch Grave's Gewiſſen beſchwerte in nicht; es ſchlief den Schlaf des Todes. Der einzige Nachtheil, den er von dieſer Geſchihe hatte, war der, daß er der Einkünfte verluſtig ging, welche er während der Wittwenjahre von der Pfarre hätte haben können; ſo viel wenigſtens wirkte die Proy⸗ ſtin; und die Leute, welche durch ihre Decke zu ſehen begannen, konnten bald ihren Abſcheu gegen denjenigen V Da bleibſel 52 hab Ammi im ihrem Hin⸗ ommen war, iebe Mutter, alles; doch V Deine Bitte be ſo ruhig, Rache meht den Tochter, e— ob ſie Gott; doch r empor aus ich ſich der e Familien⸗ ns dürftigen viele Jahre unn ſich un⸗ ne Schlange h in ihrem den mordete. nthat— er bte, daß er war, doch onnte es be⸗ chen? Nur chwerte ihn er Geſchichte lluſtig ging, der Pfarre te die Proy⸗ cke zu ſehen denjenigen 315 nicht länger verbergen, welcher den bejahrten Ober⸗ pfarrer von ſeiner Heerde getrieben, den Comminiſter in das Irrenhaus gebracht und die ſchöne Ammi un⸗ glücklich gemacht hatte. Da meldete ſich Grave zu der Comminiſtratur in der„Wüſte,“ und erhielt ſie durch die Ränke, welche oben in Leonard's Brief an ſeine Mutter erwähnt worden ſind; doch Grave's Feinde, welche längſt durch ſeine Heuchelei und Leſerei gereizt worden waren, hatten die jetzt mitgetheilten Zuͤge in ſeinem Charakter erſpäht, und ſein Betragen in dieſer ſchwarzen Intrigue, deren Fäden niemals ganz entwirrt wurden, erweckten einen ſolchen Abſcheu gegen ihn, daß ihm die göttliche Partei kaum den Rücken frei zu halten vermochte. Da er alſo einſah, daß man ſeiner Wirk⸗ ſamkeit und ſeinen klugen Maßregeln ſtets entgegen ar⸗ beiten würde, ſo beſchloß er, ſich einen andern Wirkungs⸗ kreis zu ſuchen, und wollte eben in ver folgenden Woche abreiſen, um in demſelben Kirchſpiele in dem Härade Bullaren,*) worin das Gut lag, das Leonard zu kaufen gedachte, ſeine Probepredigt zu halten. Doch es iſt Zeit, den Gang der Ereigniſſe wieder anzuknüpfen. Dreißigſtes Kapitel. Das magere Frühſtück war beendigt; doch die Ueber⸗ bleibſel blieben heute ſo wie immer zum Beſten und zur .») Das Kirchſpiel Nafverſtad, welches das ganze Härad Bullaren umfaßt, hat gar keine Comminiſtratur. Wir haben jedoch für Grave's Wirkſamkeit eine ſolche ent⸗ 346 Verpflegung derjenigen, die nachkommen konnten, auf dem Tiſche ſtehen. Niemand war ſo gering, daß er nicht zu dem Ge⸗ nuſſe einiger Löffel des wohlthätigen ſchwarzen Breiez, welcher auf dem eigenen gaſtfreien Tiſche des Paftorz Grave ausgetheilt wurde, gelangen konnte; denn ni⸗ mand war ja ſo gering, daß er nicht einige Bekannte hatte, denen er erzählen konnte, daß der heilige Mam ſelbſt gleich dem ärmſten Arbeiter lebte, daß er es nicht beſſer haben wollte, als die Armen, und daß er, ein bloßer armer Comminiſter, ſeinen frugalen Tiſch Kon⸗ menden und Gehenden offen halte, damit ein Jeder ſein Erquickung in der Wüſte finden möchte, nicht nur in Betreff der Seele, ſondern auch des Körpers.„Demn ein Diener des Herrn“— dieſes waren Grave's eigene fromme, von Vielen citirte Worte—„ſoll nicht ſei irdiſches Gut für ſich allein behalten: er ſoll den Hung⸗ rigen ſpeiſen, den Nackenden kleiden und den Obdachl⸗ ſen beherbergen!“ Die beiden letztgenannten Pflichten erfüllte Grau auf die Weiſe, daß eine alte Hütte mit etwas Stroh darin den Gäſten oder Obdachloſen eingeräumt war wo ſie ſich ungefähr eben ſo gut befanden, wie drauße auf dem offenen Felde; die Nackten dagegen mußten ſich begnägen mit etwas weniger Gediegenem, aber wei Erhabnerem; denn ſie erhielten nämlich auf ihren An⸗ theil die Hoffnung, daß ihr Seelſorger dafür ſorgen würde, daß die„Edelgeſinnten“ in der Gemeinde künf⸗ tig an ſie dächten. Wenn ſie nun aber in der Erwar⸗ tung dieſes Reſultates erfrören, ſo ließ ſich dabei ne⸗ türlich gar nichts thun, denn jedes Ding muß ſein Zeit haben, um reif zu werden, ſei es in der Natu oder in den Herzen der„Edelgeſinnten.“ lehnt, weil es am Perathenften iſt einen ſolchen Mam auf entlehntem Boden zu haben. Anm. d. Verf. „Ich auch einf welcher n ſtus nur hatte hin von ſchau gewöhnli genehmen wahrer u ich in me petitſchna „Ich Aber der ſon,“ wel in der H „Nein, Deinen 6 für Dich Als führte G Schlaf⸗ zimmer a gar nicht „Hie pfangen, legenheite meinen t drücken!“ Stirn vor ſchen Frö „Der Auftrag, Bruder it „Ja, Erfahrner rieth,„ich „Ehe konnten, auſf t zu dem Ge⸗ arzen Breiez, des Paſtotz e; denn nie⸗ ige Bekannt heilige Mam ß er es nitht daß er, en Tiſch Kon⸗ in Jeder ſeine nicht nur in dvers.„Dem rave's eigen, oll nicht ſein oll den Hung⸗ den Obdachb⸗ rfüllte Grabe etwas Strah eräumt wa, wie draußen ꝛgen mußten m, aber weit uf ihren An⸗ dafür ſorgen neinde künf⸗ der Erwar⸗ ch dabei na⸗ J muß ſeine n der Natur ſolchen Mam n. d. Verf. 317 „Ich hoffe, mein Bruder, daß dieſe geſunde, wenn auch einfache Speiſe Dich erwärmt hat!“ ſagte Grave, welcher mit geheimer Freude zugeſehen hatte, wie Ju⸗ ſtus nur mit Mühe den magern, geſchmackloſen Brei hatte hinunterbringen können, und noch dieſen Zuſtand von ſchaurigem Unbehagen beizubehalten ſchien, welcher gewöhnlich auf eine Reiſe an einem kalten und unan⸗ genehmen Herbſtmorgen zu folgen pflegt.„Als ein wahrer und aufrichtiger Beeiferer der Nüchternheit habe ich in meinem Hauſe nicht einmal ſo viel wie einen Ap⸗ petitſchnapps für meine Freunde.“ „Ich trinke nie Branntwein!“ entgegnete Juſtus. Aber der Skjutsbauer,„der ehrliche Vater Jonas Jons⸗ ſon,“ welcher an der Thür ſtand und die lederne Mütze in der Hand hin und her drehte, dachte bei ſich ſelbſt: „Nein, nein, Du geizige Kracke! Du behältſt wohl Deinen Schnapps und die andern Gaben Gottes dazu für Dich ſelbſt!“ Als die beiden geiſtlichen Herren allein waren, führte Grave den Gaſt in ſein eigenes Zimmer, ſeine Schlaf⸗ und Studierſtube, welche dem großen Beſuch⸗ zimmer an Einfachheit, Unannehmlichkeit und Düſterheit gar nicht nachgab. „Hier, mein Bruder, pflege ich diejenigen zu em⸗ pfangen, welche mich in beſonderen, wichtigeren Ange⸗ legenheiten ſuchen. Laß mich daher hier noch einmal meinen theuren Bruder an das Herz eines Bruders drücken!“ Er umarmte Juſtus, der ſeine brennende Stirn von den kalten, feuchten Fingern des heuchleri⸗ ſchen Frömmlers berühren ließ. „Der Herr gebe Dir ſeinen Segen zu dem großen Auftrag, den Du nun zu erfüllen gehſt, mein Bruder, Bruder in Chriſto!“ „Ja,“ entgegnete Juſtus in leiſem Tone, der dem Erfahrnen ſeinen ganzen erregten Seelenzuſtand ver⸗ rieth,„ich habe das Bedürfniß, glücklich dabei zu ſein!“ „Ehe Du, geliebter Bruder, mit mir über die ſe, 318 wie ich vermuthe, geiſtlichen und weltlichen Angelegen⸗ heiten redeſt— denn die weltliche Rechenſchaftsablegun muß der Bekehrung vorangehen, das weißt Du, wenn ich ſoll dazu beitragen können, daß dieſe wirklich un lebendig werde— ſo, mein Bruder, laß mich zuyer auf alte ſchwediſche Weiſe als Wirth in dieſer genig⸗ ſamen Wohnung Dir einen Willkommen zutrinken ⸗ Und augenblicklich ſtand auf dem Tiſche eine aus den Schranke geholte Flaſche voll des„edelſten Weinen und zwei Glaͤſer. Vermuthlich ſprach ſich die Ueberraſchung des Ge⸗ ſtes auf ſeinem Geſichte aus, denn Grave beeilte ſich hinzuzuſetzen:„Der Wein iſt eine edle Gabe, die der Erlöſer ſelbſt nicht verſchmähte— warum ſollten dem wir, ſeine Diener, es thun, wenn wir ihn ſelten un nur bei fröhlichen und wichtigen Gelegenheiten gemie ßen? Ich bin, wie ich eben ſagte, ein eifriger Freun der Nüchternheit; doch arbeite ich nur an gegen den ve⸗ dammten Teufelstrank, den Branntwein, welcher da gemeinen Mann und den Bauern in's Verderben ſtünz und ſeinen Verſtand umnebelt. Ein Glas Wein mag niemand, der es haben kann, ſich entziehen, denn ſtärkt die Kräfte; und für denjenigen, welcher in ein mühſeligen Arbeit thätig iſt, wie in dieſen böſen un unrechtfertigen Tagen die Diener des Herrn, iſt es not⸗ wendig, ſeinen Kräften eine körperliche Stärkung zu geben, denn die körperliche Stärke iſt nothwendig, m die geiſtliche recht fruchtbringend zu machen.“ Inzwiſchen hatte Grave die Gläſer gefüllt; 1n indem Juſtus mit dem Wirthe anſtieß, ſagte er mi Nachdruck:„Dieſes leere ich als ein dankbarer Gaß mein Freund und Bruder; doch von dieſem Augenblick an, wie langer Zeit, ſchmecke ich keinen Tropfen der⸗ gleichen. In dem Schwachheitszuſtande des Körpenz berauſcht der Wein und bringt das Blut in Gährung, das meinige iſt ohnehin heiß genug— ich bin hiehe gekommen, um es abzukühlen!“ „A ſei gelol Grave, er die 2 die Glät Zeiten. „N das mie Rede ſer waſchung dem herr Erlöſers in den 6 „N. Freundſe als Geif richteſt, höchſten, Paniere zu dürfe er hat d licher ei mich! I meiner 2 denn me⸗ ſich ſelbſt „D. n Angelegen⸗ chhaftsablegung ßt Du, wem wirklich und 3 mich zuvo dieſer genig⸗ n zutrinken! eine aus den iſten Weinen hung des Ga⸗ ee beeilte ſich Gabe, die der ſollten dem ihn ſelten un nheiten genie friger Freuh gegen den ve⸗ welcher de erderben ſtür s Wein mau hen, denn à lcher in einn. ſen böſen un , iſt es nott⸗ Stärkung thwendig, un en.“ gefüllt; 1n ſagte er mi nkbarer Gaß m Augenblich Tropfen der⸗ des Körpet in Gährung; ich bin hiehet 349 „Aber Dein Körper befindet ſich ja, der Himmel ſei gelobt, in keinem verſchwächten Zuſtande!“ ſagte Grave, indem er ſich den Anſchein gab, als verſtände er die Meinung des Juſtus nicht; denn die Flaſche und die Gläſer wurden wieder verwahrt— bis auf beſſere Zeiten. „Noch nicht,“ entgegnete der Fanatiker;„bis jetzt fühle ich noch Kraft und Elaſticität in jedem Nerv; doch getheilt unter anhaltenden Studien, Faſten, Ge⸗ beten und Kreuzigen des Fleiſches wird wahrſcheinlich...“ Er ſchwieg. „Mein Bruder, Dein Blick ſagt wirklich etwas, das mich aufmerkſam macht. Sollte nicht allein die Rede ſein von einer nur allgemeinen Heiligung, Ab⸗ waſchung und Vorbereitung zu Deinem heiligen Berufe, dem herrlichen Miſſionsberufe, dem eigenen Berufe unſers Erlöſers— ſollte es etwas Beſonderes ſein, das Du in den Schooß der Freundſchaft niederlegen willſt?“ „Nicht in den Schooß der Freundſchaft— nein, die Freundſchaft iſt nachſichtig— ich fordere, daß Du mich als Geiſtlicher hörſt und daß Du mich als Geiſtlichen richteſt, als einen Mann, der darnach als nach ſeinem höchſten, beſeligendſten und einzigen Glücke ſtrebt, dem Paniere Chriſti folgen und ſein Kreuz auf ſich nehmen zu dürfen.“ „Mein Freund, mein Bruder!“ und der Schein⸗ heilige ließ ſeinen Blick traurig zu Boden ſinken,„darf ich dem nicht entgehen? der Freund kann milde ſein— er hat das Recht, es zu ſein— dagegen als Geiſt⸗ licher einen Geiſtlichen beurtheilend... o verſchone mich! Ich kann in dieſer heiligen Eigenſchaft nicht von meiner Pflicht abgehen: da werde ich vielleicht ſtreng, denn meine Grundſätze ſind ſtreng!“ „Ich weiß das und eben darum fühlte ich das Be⸗ dürfniß, hieher zu kommen. Man iſt zu ſchwach gegen ſich ſelbſt: dieſer Miſſionsberuf erfordert...“ „Du weißt, Bruder, was er fordert, und ich 3²0 weiß, daß dies alles— unberechnet die weltlichen Kenntniſſe, in deren Mannigfaltigkeit Du vielleicht nöthig haſt, Dich noch mehr zu vervollkommnen— ſich bei Dir findet, nämlich ein klar ſehender Verſtand, ein brennender Sinn für die Sache Chriſti, eine Aus⸗ dauer, eine Kraft, die nie wankt und die von Millionen Widerwärtigkeiten nicht zu Boden gedrückt wird. Ueber⸗ dieß wird dazu erfordert, daß derjenige, welcher den Auftrag des Meiſters ausführen will, nicht allein in ſeinem Wandel und äußeren Leben, ſondern auch vor allen Dingen in der hohen Reinheit des Herzens und des Gedankens, in einer vollkommenen Befreiung von allem Niedrigen, Gemeinen und Materiellen ihm ähnlich zu ſein ſtreben muß. Für den Miſſionar— ich rat hier von dem großen, dem wahren Miſſionar, der hin⸗ ausgeht, um Seelen für das Reich ſeines Herrn auzu⸗ werben, zu berufen und zu verſammeln— für ihn gitt es keine beſondern Intereſſen: ſeine Intereſſen liegn ſämmtlich in dem Fortgange der Sache Gottes... O, ſelig er, der in ſeiner Reinheit einen Panzer hat, vmn welchem die irdiſchen Begierden abprallen— ſelig en deſſen Seele weiß iſt gleich dem Schnee auf dem Ge⸗ birge und deſſen Herz keuſch iſt gleich den Träumen da reinen, verſchämten Jungfrau!“ „Aber der Verſucher?“ murmelte Juſtus. „Es iſt wahr, mein Bruder, Keiner, der geboren iſt von unſerm ſündigen Geſchlechte, entgeht dem Teufi und ich habe in meinen Briefen oft hingedeutet auf die Anfechtungen, welche der junge Jünger Chriſti beſondet fliehen muß; doch dieſe Anfechtungen, welche für Dich nicht anders vorhanden ſind als in den Erzeugniſſen der Einbildungskraft, die der Teufel Dir vorgaukelt laſſen ſich durch Arbeit, Gebet und Kampf überwinden. Danke Gott, theurer Bruder, daß Du nicht in der Wirklichkeit dieſe Macht und Gewalt der Sünde fühlſt ſondern daß Du nur durch den Verſucher aller Menſchen einen Begriff davon erhalten haſt!“ . Ju nun ab folgte; unauslö wenn ſie meinem ich beſta hätte; meiner mit Bil ſchauder der Angf Elend a geheimn⸗ göttere,! daß ich ſie den2 nicht me wäre; 1 ich ſelbſt bisweilen eine Sch dieſem a⸗ ſchaft, d es am feo im Stan Händedri meiner L wieder z Beichte i geweſen voller Re Kind ver Gatten— wenn ich noch jetzt Eine Nach ie weltlichen Du vielleicht lkkommnen— der Verſtand, i, eine Aus⸗ von Millionen wird. Ueber⸗ welcher den ccht allein in dern auch vor Herzens und Zefreiung von n ihm ähnlich r— ich ra nar, der hin⸗ Herrn anzu⸗ für ihn gibt tereſſen liegen hottes... O, nzer hat, von n— ſelig en auf dem Ge⸗ Träumen der iſtus. , der geboren ht dem Teufel deutet auf die riſti beſundat Alche für Dic Erzeugniſſe ir vorgaukel, f überwinden. nicht in der Sünde fühlſ eller Menſchen 321 Juſtus ſchüttelte ſein ſchönes Haupt.„Wenn es nun aber kein bloßes Phantom wäre, das mich ver⸗ folgte; wenn eine irdiſche, gewaltige, brennende, durſtige, unauslöſchliche Leidenſchaft durch mein Herz ſtürmte; wenn ſie mich ſogar hinwegſtehlen wollte von Gott und von meinem Berufe; wenn ſie in den tauſend Kämpfen, die ich beſtanden habe, mich beinahe zum Wahnſinne gebracht hätte; wenn ſie die Pflichten meiner Tage, die Ruhe meiner Nächte geſtört hätte; wenn ſie meine Phantaſie mit Bildern erfüllt hätte, vor denen ich vor Seligkeit ſchauderte und zitterte, um mich nachher unter der Geißel der Angſt und der Reue in Buße und Klagen über mein Elend aufzulöſen; wenn endlich ſie, welche ich unter dem geheimnißvollen Schleier der Religion liebe, anbete, ver⸗ göttere, mir entgegengekommen wäre, ohne ſelbſtzuverſtehen, daß ich der Gegenſtand ihrer Anbetung bin, während ſie den Meiſter anzubeten glaubt; wenn ſie noch dazu nicht mehr frei wäre; wenn ſie die Verlobte eines Andern wäre; wenn dieſer Andere mein Bruder wäre; wenn ich ſelbſt dieſe Verlobung angerathen hätte, um doch bisweilen das Recht zu haben, ſie zu ſehen und als eine Schweſter zu lieben; und wenn ich endlich trotz dieſem allem, trotz der raſenden, wahnſinnigen Leiden⸗ ſchaft, die mein Herz täglich zu Aſche verbrennt, um es am folgenden Tage von Neuem erſtehen zu laſſen, im Stande geweſen wäre, durch einen Blick, einen Händedruck(einzig und allein um mich von der Kraft meiner Macht zu verſichern) die Liebe einer Andern wieder zu erwecken, welche mir in ihrer ſchuldloſen Beichte ihre Gefühle verrieth; wenn ich im Stande geweſen wäre, dieſe elende Handlung gegen ein Kind voller Reinheit zu begehen, und wenn noch dazu dieſes Kind verheirathet wäre mit dem achtungswürdigſten Gatten— wie, wenn ich dieß alles hätte thun können: wenn ich ſie beide hätte lieben können, wenn ich ſie noch jetzt liebte, die Eine mit einer egoiſtiſchen Heiligen⸗ Eine Nacht am Bullarſee. I. 21 322 liebe, die Andere mit dem wildeſten Sturme der Leiden⸗ ſchaft, mit einer Liebe, welche Gott, der Vernunft, der Ehre trotzt; wenn... o— ich vermag nicht mehr! Der Frömmler, welcher Juſtus während ſeinen Herzensergießung mit unverwandten Blicken betrachte hatte— mit Augen, in denen Juſtus nicht den trium⸗ phirenden, den freudereichen Sieg über dieſe ſo über alle Hoffnung gegangene Eraltation las— der Frömmlen ließ nun, da Juſtus ſchwieg, ſein Haupt auf die Bruſ hinabſinken; ſein Geſicht nahm dieſen Ausdruck von Abſcheu an, welcher mehr als Worte enthält und darum dieſe überflüſſig macht. „Wohlan denn!“ ſagte Juſtus ungeduldig,„bin ich nicht ein würdiger Jünger Chriſti, um ſein Licht auf Erden zu verbreiten? der Miſſionar hat keine he⸗ ſonderen Intereſſen— ſie liegen ſämmtlich in den Fortgange der Sache Gottes; in ſeiner Reinheit hat er ja einen Panzer, an welchem die irdiſchen Begierden zurückprallen; ſeine Seele iſt weiß gleich dem Schner des Gebirges, ſein Herz keuſch gleich den verſchämtn Träumen der reinen Jungfrau!“ „Sünder, unſeliger Sünder! ſchmähe nicht mein Worte, daß Du ſie ſo wiederholſt! Die Nacht hat ihn ſchwarzen Rabenfittige um Deine Seele geſchlagen: Du biſt auf dem Wege, Dich von dem Satan gan wegführen zu laſſen— ich weine über Dich, mein Bruder, mein Herz iſt zerſchlagen!... doch redel lege Dein ganzes Leben, die Entſtehung und den Fortgang Deiner ſündigen Leidenſchaften vor meine Augen; be⸗ ſchreibe mir genau dieſe Werkzeuge des Teufels in Enget geſtalten, deren er ſich bedient hat, um Dich, den reinen, keuſchen Nachfolger Chriſti, zu einem ſeiner elendeſten Sklaven zu machen... Und ich— o, wie thöricht iſ der Menſch in ſeinen Gedanken— ich habe zu mir ſelbſ geſagt: Heiliger Erlöſer! wenn einmal ein vollkommn reiner Jüngling ausgeht, um Deine Gebote in den Heidenländern umherzutragen, ſo wird es weit umſet ſchallen; den jung iſt mein habe!’. ſchlumme Früchten weiß und den Flar nicht me Deine 2 machen! Opfer m ſie heral wieder ö Bruder: die Wahf löſer lebt Wã war der Fegefeuer Perſonen lieferte, ganz and gottſelige locken; ur anbietung menkünfte hätte der Angſtgeſch gelang es und in de als aber und zu d Conſuls Naubbegi er folgen 4 Ich de der Leiden⸗ Vernunft, der nicht mehr! ihrend ſeiner ken betrachtet ht den trium⸗ dieſe ſo über der Froͤmmlet auf die Brußt Ausdruck von ält und darum eduldig,„bin um ſein Licht hat keine be⸗ atlich in den Reinheit hat hen Begierden ) dem Schner n verſchämte ze nicht mein tacht hat ihn e geſchlagen: u Satan gan Dich, mein och rede! lege den Fortgang Augen; be⸗ rfels in Engel h, den reinen, iner elendeſten vie thöricht i zu mir ſelbt in vollkommen hebote in den s weit umhe 323 ſchallen; mit Wohlgefallen wirſt Du herabſehen auf den jungen Arbeiter im Weinberge und ſagen:„‚Dies iſt mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe!... O, thörichte Gedanken! gehet hin und ſc=lummert! Dieſer Sohn hat ſich verirret in ſündigen Früchten und böſen Leidenſchaften; ſein Antlitz, das ſo weiß und ſcheinend war vor Dir, iſt roth geworden bei den Flammen der ſchrecklichen Wolluſt der Erde; er iſt nicht mehr, der er war!... Doch— Deine Liebe, Deine Barmherzigkeit kann ihn noch weiß und rein machen! O, mein Erlöſer, mein Gott; ſiehe an das Opfer meiner Gebete, den Thau meiner Thränen, daß ſie herabfallen mögen auf ſein Herz und es vor Dir wieder öffnen!... Rede, mein Bruder, rede vor einem Bruder in Chriſto— doch rede offen; denn nur durch die Wahrheit kann es Dir klar werden, daß Dein Er⸗ löſer lebt!“ Während der nun folgenden vollſtändigen Erzählung war der geizige, unkeuſche Prieſter in einem wirklichen Fegefeuer. Die Beſchreibung der beiden weiblichen Perſonen, welche Juſtus mit einem hinreißenden Feuer lieferte, war mehr als einmal auf dem Wege, einen ganz andern Ausruf als den des Abſcheues und der gottſeligen Beſtürzung der Bruſt des Sünders zu ent⸗ locken; und die Beſchreibung dieſer Geſchenke und Geld⸗ anbietungen, welche nach Eröffnung der Privatzuſam⸗ menkünfte faſt über Juſtus hatten herabregnen wollen, hätte den Lippen des Geizhalſes beinahe ein lautes Angſtgeſchrei und kraftvolle Vorwürfe entlockt. Doch gelang es ihm noch, alle ſeine Eindrücke zu hemmen und in die Einfaſſung der Scheinheiligkeit einzupaſſen; als aber Juſtus zu ſeinem letzten Beſuche auf Oernwik und zu dem letzten großen Anerbieten von Seiten des Conſuls kam, da zitterte Grave vor Gewinnſucht und Naubbegierde und ſeine Stimme war ſehr unſicher, als er folgende Worte hervorſtotterte: „Ich hoffe, mein Bruder, daß Du dem Teufel 324 nicht Macht gelaſſen haſt, Dir noch mit einer andem Verſuchung zu kommen? der Hochmuth iſt eine ſchwer Sünde vor dem Herrn, und die Gaben, große und kleine, welche um ſeinetwillen und zur Beförderung des Wachs⸗ dieſes thumes ſeines Reiches dargeboten werden, darf kein veſe Chriſt ausſchlagen, am wenigſten derjenige, welcher iyer Gr gleich Dir, mein Bruder, dieſer Hülfsquellen zur Er⸗ großen und gut für ihre r ' reichung des großen Zieles bedarf!“ der an. Eine leichte Röthe färbte Juſtus von Carleborgt ihn Ha Stirne: velches „Um dieſes Zieles willen, aber auch nur darun, Schuld beugte ich meine Seele in Demuth, und nahm von dem nicht als Conſul Löwe dieſe allzu große Summe an.“ Mundes, wieder umkehrt von dem Pfade der Eitelkeit verblende Und dieſes junge Weib, ſeine Tochter, die ohne Deinen türlichen Beiſtand lebendig todt geweſen ſein würde, haſt Du 4„Allzu groß ſagſt Du, mein Bruder? Thateſt Du 25 dem Manne nicht viel Gutes? Biſt Du es nicht, den ſolcher er er es zu danken hat, daß ſeine Untergebenen zuerf ſung der einen kleinen Dämmerſchein von Glück zu fühlen be⸗ bhunn in kamen? Biſt Du es nicht, dem er es zu danken hat, far beze wenn ſeine Gattin, erſchüttert von der Rede Deines ein Lüg ihr nicht Leben ertheilt und ſie zu einem Ebenbilde eingen Gottes geſchaffen?“ ſen Geg⸗ „O,“ ſeufzte Juſtus,„ich ſchuf ſie zu einem Chei, dem Sch bilde meiner ſelbſt!“ Kurzem „Du thateſt in dieſer Sache das Höchſte, was du der Ge. vermochteſt. Deine Abſicht war rein von Anfang an, nugen und da Du von dem Reichthum und von der Liebe at dem Ger ſtandeſt, da zeigteſt du, wo Deine Beſtimmung lag keit haͤte Dann bei dem beſondern Zuſammentreffen in Deiner Sache de Wohnung kann ich Dich nicht freiſprechen von alln his Du ꝛ Schuld, denn es iſt holdſelig, wenn ein Weib mit be⸗ Nenſchen decktem Haupte betet, und Dir wäre beſſer geweſen, Hände ge wenn Du durch die Macht Deiner Blicke und Geberdan ſeu 1a8 ihr die Decke vom Herzen geriſſen hätteſt, als ſie ihn 3„Ich innerſte Gedanken verrieth. Doch haſt Du ſchon einen einer anden eine ſchwer ße und klein, g des Wachs⸗ n, darf kein nige, welcher ellen zur Er⸗ 1 Carleborg nur darun, ahm von dem 1.“ 2 Thateſt du es nicht, dem ebenen zuerſt u fühlen be⸗ ; danken hat, Rede Deines der Eitelkeit ohne Deinen de, haſt Du em Ebenbilde einem Ehen⸗ ſte, was Du eſſer geweſen, nund Geberde 325 großen Theil Deiner Schuld an ſie durch die weiſen und guten Rathſchläge bezahlt, welche Du ihr nachher für ihre Pflichten gabſt, ſo daß ich hoffe, in Betreff dieſes Weibes wird Dein Gewiſſen bald ſchneeweiß werden.“ Grave fand, daß Evelyn in der Eigenſchaft als der gute Engel des Juſtus von Carleborg und in ihrem übrigen, vergleichungsweiſe unbedeutenden Einfluß auf ihn von ſo geringem Werthe war, daß das Böſe, welches Juſtus dieſem Kinde zugefügt hatte, eine leichte Schuld in der Wagſchaale war— leicht, weil es ſich nicht als ein Hebel für ſeine Leidenſchaft anwenden ließ. „Dieſes Weibes?“ wiederholte Juſtus leiſe. „Ich ſage Dir, mein Bruder, in einer Sache von ſolcher erſtaunenweckenden Bedeutſamkeit, wie die Erlö⸗ ſung der Seele, iſt es äußerſt wichtig, daß jeder Irr⸗ thum, in welchen geweckte Seelen fallen können, ihnen klar bezeichnet werde. Der Satan heißt in der Schrift zein Lügner und ein Vater der Lügen; und wenn ſein verblendeter, und hinterliſtiger Einfluß ſich mit der na⸗ türlichen Neigung des menſchlichen Herzens zum Selbſt⸗ betruge verbindet, ſo iſt die Gefahr wirklich groß.... Doch, mein Bruder, laß uns noch nicht gleich über die⸗ ſen Gegenſtand reden, laß mich erſt zurückkommen von dem Schmerze meiner Betrübniß— wir wollen ihn in Kurzem wieder aufnehmen mit aller Wichtigkeit, die der Gegenſtand heiſcht. Jetzt, um uns zu beruhigen, mögen wir lieber von dem Geringeren ſprechen, ja von dem Geringſten, ſofern es nicht auch ſeine Bedeutſam⸗ keit hätte durch den Zuſammenhang, worin es mit der Sache des Herrn ſteht. Wo denkſt Du, mein Bruder, bis Du reiſeſt die Summe zu placiren, welche ein edler Menſchenfreund Dir zu dem großen Zwecke in Deine Hände gab— denn dieſelbe unfruchtbar liegen zu laſ⸗ ſeu, dazu, meine ich, haſt Du nicht das Recht!“ „Ich habe gedacht, ſie meiner Mutter in Verwah⸗ 326 rung zu geben; in ihrer Hand wird ſie geſegme werden!“ „Wenn Du ſie unfruchtbar liegen laſſen willſt, ſ iſt ſie wohl nicht ſehr groß?“ Es war ſichtbarlich für Juſtus peinlich, von Geh zu reden;, da er aber nicht umhin konnte, Grayet Meinung zu verſtehen, ſo nannte er die Größe ie Summe.. — Mit Mühe dämpfte Grave das verächtliche Feug, welches in ſeinem Auge aufflammte, als er bei der K⸗ hörung dieſer bedeutenden Zahl ſogleich in Gedanke einen unermeßlich glänzenden Credit für Rechnung in künftigen Compagnieſchaft berechnete. Ja, Juſtus wu ein Vogel Phönix, den er nicht loslaſſen durfte. Mit welchem unermüdlichen Eifer, mit welcher b⸗ ſpielloſen Geduld hatte nicht Grave gearbeitet, m dieſen jungen Mann zu gewinnen, in welchem er glet im erſten Augenblicke den Stoff zu einem großen Pii⸗ ſter der Frömmler, nämlich von der feinen Art, geahu hatte! Hätte er nicht tauſendmal mehr als was nolh wendig war— Genie, Fanatismus, Selbſtliebe, ein übertriebene Gefühlvollheit, eine lockende Schönhen eine glühende Einbildung, ein leicht gereiztes Bin⸗ eine ungleiche Laune, eine wankende Seele, einen ſchwr⸗ chen Glauben, einen unerſättlichen Ehrgeiz, eine gering Kraft, aber gewaltſame Leidenſchaften! Dieſer Jün ling war alſo für Grave eben ſo viel, wie eine reitt Grube: er enthielt ſo vielen Stoff, daß er nur i Zweifel ſein konnte, auf welchen er es zuerſt anlegn müßte, um Ertrag daraus zu ziehen. Unglückliche Weiſe aber hatte Juſtus außerdem noch zwei anden Eigenſchaften, welche Grave mit ſcheelem Auge betrach tete, nämlich ein ſtrenges Ehrgefühl und ein feinfif⸗ lendes, zartes Gewiſſen. Erſt ſpäterhin fand Grab⸗ ſelbſt in dem letzteren einen Vortheil und einen Bun⸗ desverwandten, nachdem es ihm erſt im Wege geweſen war ur und zu W handlu⸗ Juſtus worden les zu durch d des Se berfluß aus m. gar ni obgleie Grave terliſtie lich ho derei, den N greifen ſelbſt; nachder gehört Leiden Sünde geriſſer von de einem Abgrun D den An Brande nete in ihm ge werden liegen, Händern ( ſie geſegu aſſen willſt, ſ lich, von Geh unte, Grayve die Größe da ichtliche Feue⸗ er bei der Ar⸗ ) in Gedanken Rechnung ia Ja, Juſtus wu 1 durfte. nit welcher be⸗ gearbeitet, i Achem er gleit n großen Pri⸗ en Art, geahnt als was nott⸗ Selbſtliebe, en de Schönhei⸗ Pereiztes Bm e, einen ſchwe iz, eine gerine Dieſer Jüng wie eine reic baß er nur zuerſt anlege Unglücklichn ch zwei anden Auge betrach und ein feinfüt⸗ in fand Grate nd einen Bun⸗ Wege geweſtt b 327 war und ſo lange das Gelingen ſeiner Pläne erſchwert und zurückgehalten hatte. Wir haben aber ſchon geſehen, daß Grave's Be⸗ handlung ſich als vollkommen zweckmäßig bewährte; Juſtus war dadurch ſchon bis zu einem Punkte gebracht worden, auf welchem für ſeinen teufliſchen Mentor vie⸗ les zu gewinnen war, aber auch vieles zu verlieren durch das, ſo zu ſagen, Defecte in dieſer Compoſition des Schöpfers. Von manchen Arten war dort ein Ue⸗ berfluß, von welchem Grave kaum wußte, was er dar⸗ aus machen ſollte, von gewiſſen Arten dagegen war gar nichts vorhanden, ja nicht der geringſte Stoff; und obgleich dieß glücklicher Weiſe dergleichen war, was Grave ſelbſt in Ueberfluß beſaß, nämlich Betrug, Hin⸗ terliſtigkeit, cyniſcher Leichtſinn, Geiz, ein in ungewöhn⸗ lich hohem Grade entwickeltes Organ für Ränkeſchmie⸗ derei, ſo folgte daraus noch keinesweges, daß Juſtus den Nutzen eines klugen Austauſches einſehen und be⸗ greifen würde. Nein, Grave zweifelte und verzweifelte ſelbſt; aber er zweifelte und verzweifelte jetzt weniger, nachdem er mit gefräßiger Aufmerkſamkeit die Beichte gehört und geſehen hatte, wie Juſtus zwiſchen der Leidenſchaft der Pflicht, zwiſchen der Lieblichkeit der Sünde und der Macht der Gewiſſensqual hin und her geriſſen wurde, nachdem er geſehen hatte, wie Juſtus von dem Wahnſinne des Fanatismus beherrſcht und in einem Wirbel umgetrieben wurde, welcher ihn in den Abgrund zu reißen drohte. Der Heuchler, welcher ſcheinbar zurückſchauderte, den Apoſtel Chriſti, den jungen Miſſionar von dem Brande der wilden Leidenſchaft angeſteckt zu ſehen, ſeg⸗ nete in ſeinem Innern dieſe Leidenſchaft, welche, von ihm geſchickt behandelt, im höchſten Grade einträglich werden mußte— doch ließ er dieſelbe jetzt zur Seite liegen, um nicht den augenblicklichen Vortheil aus den Händen zu laſſen. „Dieſe Summe, mein Bruder, iſt allzu groß und —— 328 zur Beförderung der Chre des Meiſters allzu wichtig, als daß man ſie einem iſolirt wohnenden Frauenzimmer in die Hände geben kann. Nicht daß ich daran zweiſle, daß dieſes Geld in der Hand einer ſo liebevollen Mutter geſegnet werden wird“— Grave kannte die innige Liebe, die Juſtus gegen ſeine Mutter empfand, und hi⸗ tete ſich daher ſorgfältig, die kindliche Zärtlichkeit zu verletzen—„aber wenn ſie beſtohlen würde, welche Qual für dieſe vortreffliche und achtungswerthe Frau, zu wiſſen, daß die Mittel, durch welche ihr geliebter Sohn ſich die Freiheit verſchaffen ſollte, Seelen für den Himmel zu werben, bei ihr ihm entzogen wur⸗ den... und wie würde nicht dieſer Sohn es beklagen, daß er auf das Gewiſſen einer angebeteten Mutter dieſe Sorge geworfen hätte, welche Männern zukommt und nicht den Frauen! Das alles ſehe ich ein, und da ich zu gleicher Zeit auch weiß, daß meine Uneigennützigket nicht bezweifelt werden kann, ſo erbiete ich mich, dieſe Summe auf eine Weiſe auszuſetzen, daß ſie ſich bis zu der Zeit, da Du ihr bedarfſt, vergrößert haben wird Juſtus fand dieß Anerbieten ſo offen und redlich, ſo wie auch das Raiſonnement über die Mutter ſo klar, daß er, ohne ſich eine Secunde zu beſinnen, ſeine Brief⸗ taſche in Grave's Hand legte. „Dieſes unbegränzte Vertrauen rührt mich!“ ſagte Grave, welcher eigentlich nur durch die unbegreifliche Gleichgültigkeit, die Juſtus für dieſe Sache zeigte, bis zu Thränen gerührt wurde.„Ein Mann, der Geld⸗ angelegenheiten auf eine ſolche Weiſe behandelt, ſollte ſich in der That glücklich ſchätzen, einen Freund, einen Vater zu haben...„Ja,“ ſagte er laut nach einigem Schweigen,„es rührt mich, dieſes Vertrauen, denn ich ſehe, daß es vollkommen iſt. Doch es ſoll ordentlich und geſetzlich ſein: ich ſetze mich gleich hin, um die Verſchreibung zu machen... Du willſt wohl Bürgen haben?“ „Bürgen?“ wiederholte Juſtus—„ſolches verſtehſt Du beſſ den We ſtrebt, i daher al darf; f denn ich auf meit „Un die Vert mache n. Summe höriger „Er Ich hab meiner ben hab derung a fühlt Me daher er Fall eine „O, ländiſch verſtellten ich über nicht das auf ſeine — und dem Vol Lehrzeit, hat, dann der große er iſt des würdig u Gra er eben u heit war, cher nach zzu wichtig, auenzimmer ran zweiſle, ellen Mutter die innige nd, und hi⸗ rtlichkeit zu rde, welche erthe Frau, hr geliebter Seelen fir zogen wur⸗ es beklagen, ten Mutter rn zukommt und da ich gennützigkeit mich, dieſe ſich bis zu aben wird“ und redlich, tter ſo klar, ſeine Brief⸗ nich!“ ſagte ibegreifliche zeigte, bis der Geh⸗ deelt, ſollte eund, einen ach einigem n, denn ich ordentlich n, um die hl Bürgen es verſtehſt 329 Du beſſer! Dieſes Geld, das einem armen Miſſionar den Weg zu dem Ziele bereiten ſoll, nach welchem er ſtrebt, iſt gewiſſer Maßen ein heiliges Geld; gib ihm daher allen möglichen Schutz, den es zur Sicherheit be⸗ darf; frage mich aber nicht nach meiner Meinung, denn ich verlaſſe mich mehr auf Deine Klugheit, als auf meine eigene.“ „Und Du ſollſt auch nicht betrogen werden! Nimm die Verſchreibung ſo wie ſie jetzt iſt— Du ſiehſt, ich mache mich verantwortlich für dieſe bei mir deponirte Summe— wir wollen ſie mit dem Allererſten mit ge⸗ höriger Sicherheit verſehen.“ „Ein kleiner Theil aber muß abgezogen werden. Ich habe Dir noch nicht geſagt, mein Bruder, daß ich meiner geliebten Mutter das heilige Verſprechen gege⸗ ben habe, erſt noch, ehe ich nieine große Miſſionswan⸗ derung antrete, eine kleinere anzunehmen: meine Mutter fühlt Mitleiden mit den armen Lappen, und ich will daher erſt zu ihnen gehen— das wird mir auf jeden Fall eine nützliche Lehrzeit ſein!“ „O, geſegnet ſei dieſe edle Mutter, dieſe ſo vater⸗ ländiſch geſinnte Frau!“ rief Grave mit keinesweges verſtellter Freude aus.„Sie hat Recht; ſie macht, daß ich über uns Beide erröthen muß!.. Sollte wohl nicht das eigene Vaterland des Miſſionars zu allererſt auf ſeine Bemühungen Anſprüche haben? Ja, ſo iſt es — und nachdem er den Samen der Unſterblichkeit unter dem Volke der Lappmarken ausgeſäet und eine ſchöne Lehrzeit, wie Du ſelbſt es ſo würdig nannteſt, beendigt hat, dann mag er gehen, und ihn unter den Kindern der großen Wuüſte pflanzen! Segen über dieſen Vorſatz, er iſt des großen Meiſters würdig, er iſt Deiner ſelbſt würdig und ihrer, die ihn Dir gab!“ Grave's Begeiſterung iſt leicht zu verſtehen. Als er eben um paſſende Mittel in der größten Verlegen⸗ heit war, wie er eine Sache aufhalten ſollte, aus wel⸗ cher nach ſeiner Abſicht nur im höchſten Nothfalle 330 etwas werden ſollte, da kam ja der Zufall ſelbſt, un ihm zu dienen, der Zufall in dem eigenen Wunſche der Mutter. Arme, bedauernswerthe Mutter! warum vernahmſt du nicht in deinem Herzen eine andere Stimme, eine Stimme, die da hätte rufen müſſen: halte ihn nicht zurück, laß ihn reiſen! Was kann ihm dort winken?— nur der Tod und vielleicht der Tod eines Martyrerz, welcher ſeinen Landsleuten das Recht geben würde, ihm einen Seufzer des Schmerzes, eine Thräne der Zärtlichkeit zu weihen. Dagegen was wartet ſeiner hier? Vielleicht etwas, das weit gefährlicher iſt, als ſelbſt der Tod! Juſtus ſchien ermattet zu ſein von der Reiſe umd dem Geſpräche, und daher ſchlug Grave, welcher Zeit gebrauchte, um ſeinen Gewinn und ſein Betragen gegen Juſtus zu berechnen, vor, dieſe Gegenſtände heute nicht weiter vorzunehmen, ſondern Juſtus ſollte auf ſem Zimmer gehen und dort die Ruhe ſuchen. Das Zimmer, welches der Wirth ſeinem Gaſe angewieſen hatte, war eine kleine, ärmliche Dachkan⸗ mer, die faſt wie eine Mönchszelle eingerichtet warz und als Juſtus in der Einſamkeit ſich vor dem übn dem Bett hangenden, Chriſti Kreuzigung darſtellenden Gemälde auf die Knie warf, ſo fühlte er, wie gleich⸗ ſam eine Grabeskälte ſein Herz umfaßte. Seine Ge⸗ bete wollten nicht lebendig werden, es war ihm, als wenn Jeſu verklärter Blick ſich von ihm abwendete, als ob er ſagte:„nicht hier ſollſt du mich ſuchen, nicht hier ſollſt du mich finden!“ Der Verwirrte glaubte, daß das Gemälde in un⸗ richtiger Beleuchtung des Lichtes hinge; er brachte daſſelbe daher an einen andern Ort; doch ſo oſt er dieſen Ort auch veränderte, ſo ſiel das Licht nie ſo⸗ wie er namen die im ſchlaffu wenn kamme weckt EC zum 2 keine beſetzt Nachm verlebt Beſcha er eine weſen Schme Seele ſeine a dieſer aller d meßlich der w Wüſte Auch an den die we ſchwar gebens punkten Wohlfo ſie And lich ha rigkeite chen ko Brüder nicht ſe ſelbſt, un Vunſche der a vernahmſt imme, eine e ihn nicht winken?— Martyrerz, eben würde, Thräne der artet ſeiner her iſt, als r Reiſe und welcher Zeit ragen gegen heute nicht te auf ſen inem Gaſte he Dachkan⸗ ichtet war, r dem über darſtellenden wie gleich⸗ Seine Ge⸗ r ihm, als wendete, als /, nicht hier älde in un⸗ er brachte ſo oft er icht nie ſo, 331 wie er es haben wollte. Betrübt, von noch neuen und namenloſen Schmerzen niedergebeugt, kämpfte er gegen die immer mehr und mehr überhand nehmende Er⸗ ſchlaffunng, und gewiß wäre er zuletzt eingeſchlafen, wenn nicht ein räuſpernder Laut auf dem einer Polter⸗ kammer gleichenden Boden vor ſeinem Zimmer ihn er⸗ weckt und ihm einen Beſuch angekündigt hätte. Es war das Dienſtmädchen, welches kam, um ihn zum Mittagstiſche zu rufen, welcher, wenn auch auf keine Weiſe verſchwenderiſch, doch bei weitem beſſer beſetzt war, als der Frühſtückstiſch. Grave war am Nachmittage in Amtsgeſchäften abweſend, und Juſtus verlebte daher dieſe Zeit allein in ſeiner Zelle, wo ſeine Beſchäftigung mehre Stunden lang darin beſtand, daß er eine vor ihm liegende Weltcharte über das Miſſions⸗ weſen betrachtete. O, wie oft hatte er nicht, wenn der Schmerz ihn drückte, wenn die Milzſucht ſich in ſeine Seele lagerte und der Zweifel an der eigenen Kraft ſeine an Hülfsmitteln reiche Phantaſie verdunkelte, vor dieſer Karte geſeſſen und Muth und Licht geholt aus aller dieſer Finſterniß, aus allen dieſen großen, uner⸗ meßlichen, ſchwarzen Räumen, in welchen hie und da der weiße Punkt, das weiße Kreuz als eine in der Wüſte aufgepflanzte Standarte des Chriſtenthums ſteht! Auch jetzt ſollte er nicht vergebens mit ſeinem Blicke an den Geſtaden hinirren und mit klopfendem Herzen die weißen Wege betrachten, welche um die mitternacht⸗ ſchwarze Urmutter gezogen worden waren. Nicht ver⸗ gebens ſollte ſein Blick haften an allen dieſen Miſſtons⸗ punkten, wo ſeine Vorgänger, aller eigenen zeitlichen Wohlfahrt entſagend, nur das Glück empfanden, daß ſie Andern eine ewige Seligkeit bereiteten. Wahrſchein⸗ lich hatten auch ſie große äußere und innere Schwie⸗ rigkeiten zu bekämpfen gehabt, ehe ſie das Ziel errei⸗ chen konnten, an welchem ſie nun ſtanden.„O, meine Brüder, meine Brüder!“ ſo klagte er,„warum bin ich nicht ſchon an Eurer Seite? Sieh dieſe unermeßlichen 33²2 Landſtriche, ſchwarz, ſchwarz, o ſo ſchwarz, daß nicht die Thränen von Jahrhunderten ſie weiß zu bleichen ver⸗ mögen.... und ſieh, wie einſam ſie dort ſtehen, dieſe weißen Kreuze, und wie ſie wirken und wirken! Da⸗ hin kommt doch nach und nach die eine Heidenſchaar nach der andern, um an ihrem Fuße ihre Knie zu beu⸗ gen und Jeſu Namen ausſprechen zu lernen... Jeſu Name, du heilige Loſung beim Eingange in das ewige Reich, ſollſt du nicht auch für mich genug ſein— ſol⸗ len nicht bei dem Klange dieſes Namens, in ſo vielen Zungen bekannt, die düſtern Mächte aus meiner Seele entweichen? Ja, ja! ſie müſſen weichen— und wenn ſie ihre Häupter verborgen haben, und tief, tief hinah⸗ geſunken ſind, um nie wieder emporgerufen zu werden, dann komme ich, ein troſtreicher Bruder, zu Euch, die Ihr meiner harret! Da komme ich gleich einem Strahl von der Feſte des Himmels, gleich einem Donner in der Nacht zu denen, die meiner nicht harren!“ Er rollte die Karte zuſammen und ſchlug die Offenbarung Johannis auf, dieſes Buch, welches er liebte und wohl tauſendmal geleſen hatte: „Und ich ſah einen andern ſtarken Engel vom Himmel herabkommen; der war mit einer Wolke be⸗ kleidet, und ein Regenbogen auf ſeinem Haupt, und ſein Antlitz wie die Sonne, und ſeine Füße wie Feuer⸗ pfeiler; Und er hatte in ſeiner Hand ein Büchlein aufge⸗ than; und er ſetzte ſeinen rechten Fuß auf das Meer und den linken auf die Erde; Und er ſchrie mit großer Stimme wie ein Löwe brüllet; und da er ſchrie, redeten ſieben Donner ihre Stimmen. Und da die ſieben Donner ihre Stimmen geredet hatten, wollte ich ſie ſchreiben. Da hörte ich eine Stimme vom Himmel ſagen zu mir: Verſiegle, was die ſsben Donner geredet haben; dieſelbigen ſchreibe nicht. Ut und au Un Ewigke darinne das M mehr ſe Engels, den dar ſeinen Un Bauch g ſein wie Und Engels Munde mete mi Und den Völ Königen ſeine Kn gegen i ärmliche dießmal Unruhe zeichnete. aß nicht die leichen ver⸗ tehen, dieſe ken! Da⸗ eidenſchaar nie zu beu⸗ ... Jeſu das ewige ein— ſol⸗ n ſo vielen einer Seele und wenn tief hinah⸗ zu werden, 1 Euch, die nem Strahl Donner in 19 ſchlug die welches er Engel vom Wolke be⸗ daupt, und wie Feuer⸗ llein aufge⸗ das Meer ein Löwe Honner ihre 333 Und der Engel, den ich ſahe ſtehen auf dem Meer und auf der Erde, hob ſeine Hand auf gen Himmel, Und ſchwur bei dem Lebendigen von Ewigkeit zu Ewigkeit, der den Himmel geſchaffen hat und was darinnen iſt, und die Erde und was darinnen iſt, und das Meer und was darinnen iſt, daß hinfort keine Zeit mehr ſein ſoll; Sondern in den Tagen der Stimme des ſiebenten Engels, wenn er poſaunen wird, ſo ſoll vollendet wer⸗ den das Geheimniß Gottes, wie er hat verkündiget ſeinen Knechten und Propheten. Und ich hörete eine Stimme vom Himmel aber⸗ mal mit mir reden und ſagen: Gehe hin, nimm das offene Büchlein von der Hand des Engels, der auf dem Meer und auf der Erde ſtehet. Und ich ging hin zum Engel und ſprach zu ihm: Gieb mir das Büchlein. Und er ſprach zu mir: Nimm hin und verſchlinge es; und es wird dich im Bauch grimmen, aber in deinem Munde wird es ſüß ſein wie Honig. Und ich nahm das Büchlein von der Hand des Engels und verſchlang es; und es war ſüß in meinem Munde wie Honig; und da ich es gegeſſen hatte, grim⸗ mete mich's im Bauch. Und er ſprach zu mir: du mußt abermal weiſſagen den Völkern, und Heiden, und Sprachen, und vielen Königen.“ Nachdem Juſtus von Carleborg dieſes Capitel ge⸗ leſen hatte, ſtrahlte wiederum ſein Auge von jenem Feuer, das von oben kommt. Noch einmal bogen ſich ſeine Knie vor dem Gekreuzigten, deſſen Blick ſich nun gegen ihn wendete. Darauf warf er ſich auf ſein ärmliches Lager und ſuchte eine Erquickung, die ihn dießmal nicht floh, obgleich ſie dieſelbe fieberhafte Unruhe hatte, welche immer ſeinen Schlaf aus⸗ zeichnete. Einunddreißigſtes Kapitel. Einige Tage waren ſeit der Ankunft des Fanati⸗ kers in dem einſamen Comminiſterhofe verfloſſen. Sie waren dahin gefloſſen in einer Art von Er⸗ ſtarrung, ohne eine merkwürdige Unterredung zwiſchen ihm und ſeinem Wirthe; denn immer wenn Juſtus das unterbrochene Geſpräch wieder anzuknüpfen ſuchte und über den Gegenſtand zu reden wünſchte, der vor allen übrigen ihm ſtets ſchwer auf der Seele lag, ſo meinte Grave, daß Juſtus erſt durch eigene Betrachtungen einige Selbſtbeherrſchung gewinnen müßte. An einem Abende aber, da ihn Grave in ſein ſogenanntes Ar⸗ beitszimmer eingeladen hatte, und Juſtus über ſeinen Seelenzuſtand geiſtliche Rathſchläge erwartete, wurde er von folgenden Worten überraſcht, welche Grave ohne alle Vorbereitung äußerte: „So wie jeder Chriſt in ſeinem Herzen ein Taber⸗ nakel*) haben muß, ſo bedarf auch der in dem Wein⸗ berge ſtets arbeitende und oft ermüdete Seelſorger eines materiellen Tabernakels, wo er allen Bekümmerniſſen und Mühen, die ſeinem Pfade folgen, entfliehen kann, um allein mit ſich ſelbſt und ſeinen Gedanken zu Gott flehen zu können in Gebet und in Anrufung um neue Kraft... Sieh hier, mein Bruder! ich will vor Dir kein Geheimniß haben— ſieh hier mein Heiligthum, mein kleines Tabernakel!“ *) Dieſes aus der ſchwediſchen Bibelüberſetzung entlehnie Wort iſt hier und im Folgenden unüberſetzt geblieben, weil die von Luther ſtatt deſſen angewendeten Aus⸗ drücke:„Hütte, Stiftshütte, Wohnung“ nicht ſo wohlklingend ſind. Anm. d. Ueb. Ut deſſen Bläſſe W ſuchen, chen St was J dem V chen er begäbe, um Be vollkom Tabern vollkom ſehen u dunkel ein etn wagen die Ein war die Unterre Eitelkeit der vor es Fanati⸗ öſſen. et von Er⸗ ug zwiſchen Juſtus das ſuchte und r vor allen ſo meinte trachtungen An einem anntes Ar⸗ über ſeinen ein Taber⸗ dem Wein⸗ ſorger eines immerniſſen ieehen kann, en zu Gott g um neue ill vor Dir eiligthum, ng entlehnte tzt geblieben, ndeten Aut⸗ “ nicht ſi . d. Ueb. 335 Und Grave öffnete die Thür eines Zimmers, auf deſſen Schwelle Juſtus ſtehen blieb, während Röthe und Bläſſe auf ſeinen Wangen wechſelten. Wir wollen eine Beſchreibung dieſes Zimmers ver⸗ ſuchen, dieſes Tempels der geheimen Orgien dieſes fre⸗ chen Sünders, in welches er jetzt unkundig alles deſſen, was Juſtus ſchon wußte, dieſen kühn einführte, unter dem Vorwande, daß es der Zufluchtsort wäre, in wel⸗ chen er ſich bei Bekümmerniſſen und Beſchwerlichkeiten begäbe, um denſelben zu entfliehen und im Gebete Gott um Beiſtand anzuflehen. Daß Juſtus dieß nicht gleich vollkommen glauben konnte— auf der Einrichtung des Tabernakels ruhte nämlich ein Geiſt von nicht ganz vollkommener Heimlichkeit— das hatte Grave einge⸗ ſehen und berechnet; doch aus demjenigen, was Juſtus dunkel von der Wahrheit ahnen würde, wollte Grave ein etwaiges Licht darüber erhalten, was er ferner wagen durfte. War aber gar nichts zu wagen, war die Einweihung des Schülers noch weit entfernt, ſo war dieſes nichts deſto weniger das paſſendſte für die Unterredung, welche nun ſtattfinden ſollte. Der Zufluchtsort des frömmelnden Geiſtlichen von den Irrthümern und Sorgen der Welt war urſprüng⸗ lich ein Zimmer, das eben ſo häßlich und unwohnlich war, wie die übrigen; aber es war verändert, aufs Neue geboren. Woher war dieſe neue Geburt gekom⸗ men, worin beſtand dieſelbe? Das müſſen wir zuerſt unterſuchen. Von dem erſten Tage an, da Grave in Ausübung ſeines geiſtlichen Amtes trat, von dem erſten Tage an, da er als Wucherer, Ränkemacher, Teufelsbeſchwörer, Nüchternheitseiferer, Eheteufel, Eheſtifter, kurz als der berühmte„fromme Prieſter“ auftrat, hatte er ſich zu einer Regel gemacht— und Grave war ſeinen Regeln immer treu— ſcharf und gewaltig zu predigen gegen alle Citelkeit als ganz unpaſſend und unwürdig demjenigen, der vor allen Dingen die Seligkeit ſeiner Seele ſuchen 336 muß. In den Privatvorleſungen führte er dieſen Ge⸗ genſtand noch weiter durch, und hiebei wurden s Hülfstruppen die Hölle mit ihrem ganzen Perſonal herbeigerufen, ſo daß die erſchrockenen Frauensperſonen, anſtatt ſich der glänzenden Kleider, der prächtigen ſei⸗ denen Tücher— der koſtbaren Brautgeſchenke— zu bedienen, ſich ſo gut wie in Sack und Aſche kleideten. Doch verſchieden von einem andern bekannten Gei⸗ ſtesbruder, welcher in ſeinem Feuereifer ein Auto⸗da⸗ſt anbefahl, in welchem alle überflüſſigen Gegenſtände des Putzes feierlich verbrannt wurden, ſagte Grave, an welchen die Bekümmerten ſich wendeten:„Laſſet die Greuel der Sünde hier bei mir! Meine Seele erbarmt ſich Euer, Ihr Elendigen! ich will ſie zernichten dieſt Augenweide des Satans und dabei für Euch beten, damit Gott der Allerhöchſte in ſeiner großen, unend⸗ lichen Barmherzigkeit Euch verzeihe, daß Ihr ſie bis jetzt 38 der Blindheit Eurer Unwiſſenheit gebraucht habt!“ Und die Weiber brachten ihm alle ihre Putzſachen und erhielten unter ſtrömenden Thränen und mit zut Erde geſenkten Antlitzen ſeine glaubwürdige Verſicherung, daß der Satan von dieſem Augenblicke an im Staube kriechen und ſie gar nicht anzuſehen wagen ſollte. Alſo getröſtet gingen ſie gleichſam in einem Rauſche himm⸗ liſcher Verklärung nach Hauſe. Inzwiſchen war in dem Laufe dreier Jahre Graves Vorrath ſo angewachſen, daß er ſeine Lieblingsidee mit dem„Tabernakel“ ausführen konnte, und mit Hülfe ſeiner letzten Favorit⸗Sultanin hatte er ſelbſt— dem Grave ließ ſich auch herab, ein Tapezirer zu ſein— das genannte Zimmer mit den zuſammengenähten ſeide⸗ nen und wollenen Tüchern dekorirt. Die letzteren, welche die ſchwere Draperie ausmachten, hatten die unteren Wände bilden müſſen, wogegen die erſteren zu dem oberen Theile dieſer Art von Zelt angewendet worden waren— wegen Grave's erneuerter Veränderung des Wo ſie an vereinigt zenen S frauen u gen pfleg halten m Lampe m über die die heidn wegen ih⸗ tempel e⸗ Schreibti allerlei a⸗ war dort liche Bü Rücken n. Bücher b der kleine vortrefflich in dieſem fen, näm dieſen Ge⸗ wurden als i Perſonal ensperſonen, ichtigen ſei⸗ henke— zu he kleideten. annten Gei⸗ Auto⸗da⸗fe Gegenſtände e Grave, an „Laſſet die eele erbarmt nichten dieſt Euch beten, ßen, unend⸗ Ihr ſie bit t gebraucht Putzſachen nd mit zur erſicherung, im Staube ſollte. Alſo (uſche himm⸗ hre Gravos ſingsidee mit mit Hüuͤlfe bſt— denn zu ſein— ähten ſeide⸗ ie letzteren, hatten die erſteren zu angewendet eränderung 337 des Wohnortes war das Tabernakel beweglich— wo ſie an der Decke in einer langgeſtreckten Spitze ſich vereinigten. Von der Decke hing eine koſtbare Lampe herab. Die Ketten, welche dieſe Lampe trugen, von wel⸗ cher ſich ein angenehmer Geruch und eine klare Flamme über das Zimmer verbreitete, waren von Silber und, wie die Welt zu wiſſen behauptete, aus lauter geſchmol⸗ zenen Schnallen und Herzen, ſo wie ſie die Bauer⸗ frauen und Bauermädchen als Halsgeſchmeide zu tra⸗ gen pflegen, zuſammengeſetzt. Wie es ſich damit ver⸗ halten mag, laſſen wir unentſchieden— genug, die Lampe machte einen guten Effekt, wenn ſie ihr Licht über die niedrigen elaſtiſchen Sophas, die bibliſchen und die heidniſchen Bilder ergoß, welche(gewiß aber nicht wegen ihres Kunſtwerthes) einen Platz in dieſem Götzen⸗ tempel erhalten hatten, der auch einen wunderbaren Schreibtiſch beſaß, deſſen geheimnißvolle Schiebladen allerlei ausgeſuchte Leckereien in ſich ſchloſſen. Ferner war dort ein wunderbarer Bücherſchrank, deſſen ſämmt⸗ liche Bücher in der obern Abtheilung aus bloßen Rücken mit vergoldeten Titeln religiöſer und gelehrter Bücher beſtanden, aber eigentlich nur die Vorderſeite der kleinen Flaſchenfutter bildeten, worin Grave ſeine vortrefflichen Weine verwahrte. Endlich war noch etwas in dieſem Zimmer, das wir nicht unerwähnt laſſen dür⸗ fen, nämlich eine Art von Inſtrument— Grave kannte ſehr wohl den Einfluß der Muſik auf den Menſchen— eine Harmonika, welcher er den Namen„Engelbild“ gegeben hatte. Auf dieſer Harmonika ſpielte er ſeinen Zuhoͤrern und beſonders den Confſirmanden vor, bis ſie ganz verrückt waren; und dieſe Art von Muſik nann⸗ ten die Zuhörer„Engelmuſik“; ſie kannten keine Töne, die ſo durch das Herz, ja durch Mark und Bein dran⸗ gen, als wenn Grave, der heilige Prieſter, auf dem Engelbilde die Engelmuſik ſpielte. Eine Nacht am Bullarſee. I. 22 338 Wir ſagten oben: Juſtus von Carleborg blieb m⸗ beweglich auf der Schwelle dieſes Zimmers ſtehen; eiſ als Grave ihn leiſe hineinſchob, ſetzte er den Fuß auf die ſonderbarſte von allen Matten, auf dieſe bunte und ſchillernde Muſterkarte von allen übriggebliebenen Zeug⸗ ſorten, auf dieſe Kloſterarbeit, welche in ihren tauſen ineinander gefügten Kreuzen, Rauten, Vögeln und Her⸗ zen nicht allein Grave's Geſchmack beurkundete, ſeu⸗ dern auch bewies, daß er es verſtand, ſein Harem i ſtrengem Fleiß anzuhalten. Vielleicht war es aber nicht ſo ſehr die Verwu⸗ derung über die ungewoͤhnliche Einrichtung des Zin⸗ mers, was Juſtus verſtummen machte, als vielmehr der Umſtand, daß der erſte Anblick dieſes Zimmers plötzlih in ſein Gedächtniß gewiſſe Bilder zurückrief, die er, mi ſeinen eigenen Gedanken und Gefühlen beſchäftigt, gäng⸗ lich vergeſſen hatte. Dieſe Bilder, die verzweifelte Anm die arme Bibel⸗Marie, die Legende des Bauers von den verwünſchten Paſtor mit den vier geſpenſterhaften Fraum, der große Bergkater, für welchen Grave zu beten pflegte alles bewegte ſich, kam und verſchwand gleich den F⸗ guren in einem Schattenſpiele, und das ganze gemein Kämmerlein ſchien ihm der Spiegel zu ſein, in welchen das Schattenſpiel aufgeführt wurde. „Wie ſteht's mit Dir, mein Bruder?“ „Warum,“ antwortete Juſtus,„hat dieſe Art uu Tempel den Namen eines Tabernakels erhalten?“ Der beinahe ſtrenge Ton, womit die wenigen Wan ausgeſprochen worden waren, ließ den Heuchler auget⸗ blicklich ſeine Rolle auffaſſen.„Warum wundert Di das, mein Bruder?“ fragte er.„Hieß nicht Gott Me ſen ein Tabernakel in der Wüſte errichten? Bract nicht das Volk dahin alles Schöne, das es hatte, un iſt es nicht ein ſchöner Gedanke, die himmliſche Ih eines Tabernakels, worin wir unſer Antlitz in einn Wolke verbergen oder nach dem Bedürfniſſe unſte innern Stimme vor Ihn treten können,— iſt es nit mit ein Zuhöre opfer Geiſtlich ſolchen „, nicht all „ O verblend rg blieb m⸗ ſtehen; eiſ den Fuß auf ſe bunte und ebenen Zeug⸗ hren tauſen) eeln und Her⸗ undete, ſon⸗ in Harem i die Verwun⸗ ng des Zin⸗ vielmehr der mers ploͤtzli f, die er, mi häftigt, gäng⸗ veifelte Anna, uers von den zaften Frauen, beten pflegte gleich den F ganze gemein in, in welchen 29 dieſe Art von halten?“ wenigen Won euchler auget⸗ wundert Dih icht Gott M ten? Brat es hatte, un immliſche Ii utlitz in ein ürfniſſe unſe — iſt es nich 339 ein ſchoͤner Gedanke, dieſe Idee verſinnlichen zu köͤnnen, ſei es auch in einem noch ſo geringen Grade?“ „Das Tabernakel, welches Moſes auf den Befehl des Herrn errichtete, war nicht das Eigenthum eines Einzelnen; es gehörte dem Volke!“ „Dennoch war aber Aaron, der Prieſter, dort allein mit ſeinem Gotte eingeſchloſſen!... Dieſer Pfarrhof gehört der Gemeinde. In dieſem kleinen Tabernakel habe ich ja auch das Recht, mich allein mit meinem Gotte einzuſchließen!“ „Und allerlei Opfer zu opfern?“ äußerte Juſtus mit einem ſcheuen Blicke. Etwas, das einem Erröthen glich, färbte die gelb⸗ liche Wange des Froͤmmlers. Dennoch antwortete er mit einer Ruhe, mit einer Ueberzeugung, die ſeinen Zuhörer in noch größere Verwirrung brachte:„Heb⸗ opfer und Brandopfer ſind nicht für den chriſtlichen Geiſtlichen; doch ſo lange ſeine Gedanken ſich noch aus⸗ ſorechen können, bringt er ſein Dankopfer Ihm, der ſein Beſtreben ſegnet!“ „Vergieb mir!“ ſagte Juſtus, indem er ihm die Hand reichte;„ich weiß kaum, was ich ſagte, auch weiß ich nicht, warum ich bis jetzt verſchiedenes vergeſſen habe, das ich auf der Herreiſe ſah und hörte— ich hätte Dir ſchon ſagen müſſen, daß darunter vieles war, welches einen fürchterlichen Schein von Möglichkeit, ja Wahrſcheinlichkeit hatte.“ „Kann nicht der Vater der Lüge die Lüge weiß machen wie Schnee? Gibt es wohl irgend einen Men⸗ ſchen in einem ſchweren und große Verantwortlichkeit auferlegenden Amte, den nicht die Verleumdung erreicht? Haſt Du glauben können, mein Bruder, daß ich einem ſolchen Looſe entgehen würde?“ „Nein, das habe ich nicht geglaubt; doch ich habe nicht allein gehört, ich habe geſehen!“ „Der Vater der Lüge kann uns auch die Augen verblenden... Doch rede, mein Bruder; denn ſo 340 unerwartet mir dieß auch vorkommen könnte von einen Manne, der mich kennen ſollte, bin ich dennoch zu jeder Antwort bereit. Niemand darf glauben, er ſei zu groß, ſich zu verantworten, am allerwenigſten der Geiſtliche, deſſen größte Zierde die Demuth iſt.“ „Fühlte ich nicht in meiner Seele ein ſo großes Bedürfniß, auf Dich zu trauen, ſo würde ich ſchwei⸗ gen; aber ich kann es nicht— ich muß Gewißheit haben!“ „So fordere denn dieſe Gewißheit, mein Bruder— ich hoffe, Du ſollſt nicht vergeblich darum bitten!“ „Ich hatte die Abſicht, ſchon am Abende vor mei⸗ ner Ankunft hier einzutreffen; doch ſchlechte Wege un der kurze Tag waren meinem Vorhaben hinderlich. Ich begehrte Nachtherberge in einem Bauernhofe und kan noch gerade zur rechten Zeit, um ein paar chritliche Worte zu den Bitten hinzuzulegen, welche ein vor der Hausmutter auf den Knieen liegendes junges Maädchen ſchluchzend hervorſtotterte. Die Bauerfrau ſagte mi, daß dieſes junge Mädchen bei Dir gedient hätte, um daß Du ſie um ihres Fehlers willen weggejagt hätteſt Sie ſagte mir auch, daß der Verführer des Mäͤdchens ihr Geld geſchickt hätte und einen Brief, welchen ſie nicht leſen könnte; dieſen Brief gab ſie mir— umd wie kann ich es wagen, Dir zu ſagen, daß die Hand⸗ ſchrift dieſes Briefes... vor meinen Augen...“ „Meiner Handſchrift ähnlich ſah?“ „Ja, ſo war es! Doch dieſe Schändlichkeiten, die warme Bitte des Verführers, daß die Bauerfrau Dein Mitleiden anrufen möchte, Dich der Unglücklichen wieder anzunehmen— dieſes abſcheuliche Gaukelſpiel konnte doch nicht von Dir ſein?“ „Sachte, ſachte, junger Bruder! Wie geringe Mühe würde es mir nicht koſten, wenn ich die Abſccht hätte, Dich hinter das Licht zu führen— aber, Juſtut, ich will es nicht! So höre denn: dieſe Handſchrift, dieſer Plan, dieſes Mädchen waren— mein!“ gekomm Grunde wort zu ich mich nicht eb — hör da noch mein G. brannte heilige E liche S großen? O, meit e von einen dennoch zu uben, er ſei venigſten der iſt.“ in ſo großes e ich ſchwei⸗ ß Gewißheit n Bruder— bitten!“ ade vor mei⸗ te Wege und nderlich. Ich ofe und kan ar chriſtliche ein vor der ges Maädchen u ſagte mir, hätte, und ejagt hätteſt es Mäͤdchenz welchen ſe mir— und ß die Hand⸗ gen... lichkeiten, die ierfrau Dein lichen wieder lſpiel konnte Wie geringe h die Abſicht aber, Juſtus, Handſchrift, in!“ 341 „Dein— Dein!“ ſtotterte Juſtus, und eine bren⸗ nende Röthe ergoß ſich über ſein Antlitz. „Ja wohl, mein!— Haſt Du träumen können, daß ich mehr wäre, denn ein armer, ſündiger Menſch? ... Da nun aber dieſer Gegenſtand einmal zur Sprache gekommen iſt, ſo will ich Dir ſagen, aus welchem Grunde ich es immer unterlaſſen habe, Dir eine Ant⸗ wort zu geben, wenn Du mich fragteſt, warum ich, der ich mich ſo warm für das Miſſionsweſen intereſſirte, nicht ebenfalls für dieſelbe hinausreiſete. Wohlan denn — höͤre jetzt mein Geheimniß! In meiner Jugend, da noch die Verſuchungen der Sünde in Weibesgeſtalt mein Gemüth und mein Herz nicht berührt hatten, da brannte meine Seele vor lebendigem Eifer für dieſe heilige Sache Gottes; ich war glücklicher, als die menſch⸗ liche Sprache auszudrücken vermag, wenn ich an die großen Dinge dachte, die ich ausführen würde.. O, mein Bruder!“(hier ſenkte Grave ſein Haupt mit allen Zeichen einer tiefen und reſignirten Betrübniß) „Hinderniſſe thürmten ſich auf in meinem Wege: was fragte ich darnach— ich würde ſie zermalmt haben; doch nun warf mein eigenes ſchwaches Herz ein Hin⸗ derniß auf, das ich nicht zu beſiegen vermochte. Ich hatte ein Mädchen geſehen, ein Mädchen von niedriger Herkunft, welche mich bezauberte, welche mich in ihren Netzen ſo lange feſthielt, bis ich betrogen war und in meinem Herzen eine Wunde hatte, welche lange, allzu lange blutete. Als ich erwachte von meinem Rauſche — von dieſem elenden, nichtswürdigen Rauſche, der die herrlichſten Gedanken meiner ganzen Seele verſchlungen hatte— da ergriff mich die bitterſte Selbſtverachtung: ich hatte nicht mehr die Kraft, das große Unternehmen auszuführen, und ich fühlte mich auch deſſelben ſo un⸗ würdig, daß ich in eine Gefühlloſigkeit verſank, die mich ganz verzehrte. Da opferte ich meine Pläne und fand meine einzige Freude darin, nur für Andere zu leben. Man nannte mich den Freund der Bekümmer⸗ 342 ten— und mein Gewiſſen gibt mir das Zeugniß, daß ich es wirklich war. Was meine Liebe betraf, ſo konntt ſte mich nicht lange in ihren Feſſeln behalten, denn ſit war keine hohe und reine Liebe, würdig großer und an⸗ haltender Kämpfe. Glücklicher Weiſe war ſie von einer niedrigeren, für mich alſo weniger gefährlichn Art; doch der Schmerz über meine Ergledrigung, zwi Jahre lang eine entehrende Verbindung unterhalten au haben— eine Verbindung, die alle meine edlen Hof⸗ nungen unterbrach— dieſer Schmerz, obgleich alle Andern außer mir verborgen, machte mich lange, ſett lange unentſchloſſen, welchen Lebensweg ich waͤhlen ſollte. Endlich aber erwachte eine Stimme in mit welche rief: obgleich Du nicht mehr würdig biſt, nicht mehr die Kraft beſitzeſt, den hohen Traum deiner I⸗ gend auszuführen, ſo werde wenigſtens ein Apoſte Chriſti in deinem eigenen Lande— die Kirche deſſelhen bedarf Männer gleich dir!... Und nun, mein Be der, was ſoll ich weiter ſagen? Ich habe mich bemüßt die Pflichten meines ſchweren Amtes zu erfüllen; mn mit unſäglicher, mit himmliſch brennender Freude ſch ich in Dir eine neue Entwickelung meiner Jugen jedoch verherrlicht— denn mir war nicht Dein Geiß Dein Enthuſiasmus, Deine Macht, die Menſchen u bezaubern und hinzureißen, verliehen worden. Urthei daher über den Schrecken, der mich ergriff, da ich Di hörte! Ich ſagte zu mir ſelbſt:„Wiederum Einer, du auf dem Wege iſt, dir untreu zu werden!“ Und mii Herz ward verfinſtert von Betrübniß; denn große R⸗ nigkeit des Herzens und Gedankens wird gefordert bor dem, der Segen haben ſoll mit dem Worte, das über die Meere trägt. Ich bin ſtrenge gegen mich ſeltt— geweſen, ich habe daher das Recht, auch gegen Andn ſtrenge zu ſein, beſonders gegen Dich, mein Bruden deſſen unglückſelige Verirrung weit gefährlicher iſt 46 die meinige: bei mir war es nur ein untergeordnenn Sinnenrauſch, bei Dir aber ſind Sinne und Seele zu gleich verpeſ beizt T Eile i in Ju zu ma 3 irrung einer gehabt welche und di Beſchr ſelbſt ſogar den we D 1* denkſt, licher „nein, ſeinem geugniß, daß af, ſo konnt ten, denn ſie eßer und an var ſie von gefhrlin rigung, zui nterhalten zu e edlen Hof⸗ öögleich allen h lange, ſeht ich wäͤhle mme in mu, dig biſt, nich m deiner I⸗ 3 ein Avyoſt eirche deſſelba , mein Bro⸗ mich bemült erfüllen; un ler Freude ſah einer Jugend ht Dein Geit, Menſchen i den. Urtheit ff, da ich Dit um Einer, da 1“ Und men unn große Rei gefordert ba Vorte, das a gen mich ſeltt gegen Anin mein Bruden ihrlicher iſt a ſuntergeordnein und Seele ſe 343 gleich angegriffen— Deine ganze Einbildung iſt ein verpeſtetes Sündengeſchwür, das gebrannt und wegge⸗ beizt werden muß.“ Dieſe elende Erdichtung, welche, Grave in aller Eile improviſirte, um den Verluſt, welchen er nahe war in Juſtus Vertrauen zu erleiden, doppelt wieder gut zu machen, erreichte ihre Abſicht vollkommen. Jetzt ſaß Juſtus gedemüthigt da, er, deſſen Ver⸗ irrungen weit gefährlicher waren; hatte er nicht nach einer Pönitenz von nur einigen Monaten die Kühnheit gehabt, ſich der hohen Sendung würdig zu erachten, welcher Grave nach ſeiner Unwürdigkeit entſagt hatte und dieß mit einer Selbſtanklage, deren Hoheit alle Beſchreibung übertraf? Juſtus erröthete: er kam ſich ſelbſt klein vor in Vergleich mit dieſem Manne, der ſogar in ſeiner Erniedrigung vor ihm groß gewor⸗ den war. Der heuchleriſche Prieſter triumphirte. „Ich geſtatte es nicht, daß Du jetzt an Dich ſelbſt denkſt, mein Bruder!“ fuhr er fort mit einer Art zärt⸗ licher Unruhe, welche man nicht mißverſtehen konnte— „nein, jetzt nicht; aber Du ſiehſt, wie der Menſch in ſeinem unbekehrten Zuſtande immer bereit iſt, Andere zu richten, ehe er noch ſich ſelbſt gerichtet hat. Das aber iſt die Macht, welche Satan ausübt; und weit entfernt, mit Dir, mein Bruder, deßhalb unzufrieden zu ſein, daß Du mich in die Nothwendigkeit verſetzt haſt, Dir meine großen Schwächen zu entblößen, de⸗ müthige ich mich vielmehr vor dem Willen deſſen, der ſolches geſtattet hat. Mein Beiſpiel wird Dir beiſtehen, den Weg zu halten; Du ſollſt Dich auf mich ſtützen, und ich will die Leuchte Deiner Füße ſein... Doch gewiß haſt Du mir noch mehre Fragen vorzulegen— thue es ohne Furcht, damit alles rein ſei zwiſchen uns!“ „Der Zweck mit dieſem Briefe 2“ „Kannſt Du darnach fragen, mein Bruder? Wer muß vor der Welt und den Menſchen ſein Licht leuch⸗ —— — 344 tend erhalten, wenn nicht derjenige, we lcher die Keuſt, ſagen: heit und die Reinheit predigt?“ will, „Aber... voor der „Ich will ja nicht meine Ehre, nicht mein Ar kann. ſehen bewahren— o nein, es iſt etwas weit Theureres— wünſch⸗ es iſt die Ehre und das Anſehen des Meiſters, deſſen lichen Kleid ich trage, welches ich zu entweihen kein Rech! werde habe.“ e „Aber“... B. „Iſt mein Gemüth von der Sünde verfinſtert wor⸗ Hi den, ſo mag ich mich auf mein Angeſicht werfen und vollen bekennen, daß ich nicht beſſer bin als meine Brüder— ſten Fal aber doch iſt es meine erſte Pflicht, Mittel zu finden, Entehr meine Berirrungen den Augen der Welt zu entziehen“ unſelige „Aber“... „Oder gibt es einen Einzigen von einem Weibe Erſtaun 4 Gebornen, der nicht irgend eine Gebrechlichkeit zu ſammen bedecken hat? Du zum Beiſpiel, mein Bruder, woll⸗„N teſt Du Deine Gedanken, die Träumereien Deiner Ein⸗ und ihr bildung vor den Weſen, die Dich anbeten, entſchleiert griffen ſehen?“ Schickſa Das letzte„Aber“, welches Juſtus hervorbringen„T konnte, verſtummte auf ſeinen Lippen. Grave „Nun wohl, mein Bruder, hat die nothgezwungene„N Unwahrheit irgend einem Menſchen geſchadet? Nahn doch au ich den Namen eines andern Mannes an und beſchmutzte Brief h denſelben? Nein, ich beſchmutzte nur mich ſelbſt, da„J ich von der Noth gezwungen wurde, zu einem Betruge fiel Gre meine Zuflucht zu nehmen. Doch“— er erhob einen ein,„w ſcheinheiligen Blick gen Himmel—„es war meine ich für Strafe; ich habe ſie gelitten!“ Menſche „Aber dieſes junge Mädchen ſoll ja wieder kom⸗ mich al men— warum denn nicht lieber der Aufforderung Pauli drängen gedenken: es iſt beſſer freien, denn Brunſt leiden?“ vernicht „Ich könnte Dir mit einem andern Spruche Pauli verzeihen antworten:„„Es iſt dem Menſchen gut, daß er kein gene O Weib berühre,““ aber ich will Dir meine Ueberzeugung für die die Keuſſh, mein An⸗ heureres ters, deſſen kein Recht finſtert wor⸗ werfen und Bruder— l zu finden, entziehen.“ inem Weibt echlichkeit zu ruder, wol⸗ Deiner Ein⸗ entſchleiert ſelbſt, da em Betruge erhob einen war meine 345 ſagen: die Mutter, welche der Hirt ſeiner Heerde geben will, muß ſo ſein, daß er vor Gott für ihr Herz und vor der Welt für ihre Handlungen verantwortlich ſein kann. Dieſes Mädchen iſt noch nicht ſo, wie ich ſie wünſche; doch hoffe ich zu Gott, ſie zu einem vortreff⸗ lichen Weibe zu erziehen,— und gelingt mir das, ſo werde ich ſie dereinſt zu meiner Frau nehmen.“ „Doch— Bibel⸗Marie?“ ſiel Juſtus plötzlich ein. Bei dieſem Namen erblaßte Grave. Hier konnte er nicht länger den offnen, vertrauens⸗ vollen Freund ſpielen; hier mußte er ſich in den tief⸗ ſten Falten der Moͤnchskutte verſtecken, denn an Marie's Entehrung haftete auch ein Selbſtmord, eine ganze unſelige Geſchichte. „Warum,“ ſo fragte er mit dem Ausdrucke großen Erſtaunens,„warum nennſt Du dieſen Namen im Zu⸗ ſammenhange mit unſerm vorigen Raiſonnement?“ „Nur aus Inſtinkt: ich ſah dieſe Bedauernswürdige, und ihre halb wahnſinnigen und verrückten Worte er⸗ griffen mich tief— die Bauerfrau erzählte mir ihr Schickſal.“ „Wo ſtand denn ich in dieſem Schickſale?“ fragte Grave frech. „Nicht in Worten, von Menſchenlippen geredet— doch auch dieſe Unglückliche hat bei Dir gedient! Der Brief hatte meinen Kopf ſchon verwirrt.“ „Ja, er muß Dich in der That verwirrt haben!“ fiel Grave mit dem Ausdrucke des tiefſten Schmerzes ein,„weil Du Dir haſt vorſtellen können, daß ich, der ich für dieſe undankbaren, von der Sünde verirrten Menſchen mein Herz hingeben wollte, im Stande wäre, mich als ein Schurke zwiſchen ein verlobtes Paar zu drängen und ihr unſchuldiges, ihr einziges Glück zu vernichten!... Nein, Juſtus, Bruder, Dir dieſes zu verzeihen, wird mir ſchwer! Doch meine vorhergegan⸗ in gene Offenheit mag Dir mehr ſein als eine Bürgſchaft für die Verſicherung, die ich Dir mit dieſem Handſchlage 346 gebe, daß in Anſehung dieſer Marie keine Schuld auf mir haftet. Es iſt wahr, ſie diente in meinem Hauſe, als ſie ihre Treue verrieth, und es iſt wahr, daß ſe mir unter dem Siegel der Verſchwiegenheit den Nama⸗ ihres Verführers geſtanden hat; aber ich werde ihn nie verrathen— nicht aus Rückſicht gegen ihn, denn e hätte es verdient— doch er iſt ein Ehemann und ſein Frau liebt ihn. Wenn ich ihn verriethe, ſo würde ic das Glück einer ganzen Familie vernichten, denn N weißt wohl, daß Marie's Bräutigam ſich aus Ver⸗ zweiflung erſchoß und daß das arme Mädchen beinahe wahnſinnig geworden wäre!“ „Ja, ja, es iſt ſchrecklich!“ „Ja wirklich, es iſt ſchrecklich— und es wür mir gewiß ſchwer werden, ſo über dieſe Sache zu ſpre chen, wenn ſie mich näher anginge.“ „Das verſtehe ich— und gelobt ſei Gott, daß d darüber reden kannſt! Vergib mir, Bruder, vergit ich weiß nicht, woher mir der fürchterliche Gedanke kam „Woher kommen die argen Gedanken, mein Brude, wenn nicht von dem Geiſte der Finſterniß? Mir iſte gleichwohl gelungen, dieſem armen Mädchen das Lih des Verſtandes zu retten und ihre Seele dem einziga Bedürfniſſe zu öffnen, welches im Stande ſein kam dieſelbe zu füllen. Iſt es nicht ein ſchöner, ein heilign Anblick, dieſes junge Mädchen gereinigt und gläuk mit ihren Bibeln umherwandern zu ſehen und zu be trachten, wie ſie Seelen zum Himmel zu leiten ſutz und dadurch ſowohl ihre eigene als auch des Verſta⸗ benen Schuld abzuwaſchen vermeint?“ „Ja, es iſt eine würdige Heiligung und ſie wid ganz gewiß viele Seelen auf ihrer Miſſion gewinnenle doch um nun dieſen Gegenſtand abzuſchließen: man he mir eines von dieſen Maͤrchen erzählt, die auf dem Land ſo gewöhnlich ſind: aber man hat es gewagt, etwas Eit ehrendes hinzuzufügen: man behauptet, daß Du ühn diejeni böſen G 9 2 Du he es bed Als ic den S. Völler mein2 Herr Gomorn eine ſt gehörte Geiſtli Verbef überſeh man ſi nicht a einem mit de weins Schuld auf einem Hauſt, ahr, daß ſie t den Nama verde ihn mi hn, denn a ann und ſeim ſo würde ich en, denn Da ch aus Ve⸗ dchen beinaht nd es wür Sache zu ſpre Gott, daß d uder, vergite Gedanke kam mein Bruden 2 Mir iſte chen das Lich dem einziga nde ſein kam c, ein heilige t und gläuki en und zu le zu leiten ſuch ) des Verſtor⸗ und ſie win gewinnen! eßen: man ha auf dem Land gt, etwas En⸗ daß Du ühe 347 diejenigen beteſt, welche glauben, daß ſie von dem böſen Geiſte des Berges beſeſſen ſind.“ Gravelächelte— ein bitterſüßes Lächeln des Mitleidens. „Mein Bruder,“ ſagte er,„Du biſt noch jung, Du haſt noch keine Erfahrung davon, wie vieler Mittel es bedarf, um die Gottloſigkeit im Zaume zu halten. Als ich dieſe Gemeinde entgegennahm, da war ſie in den Sumpf der Sünde verſenkt: überall hörte man von Völlerei, Lügen, Zank, Flüchen und Aberglauben— mein Bruder, es war ein ſolcher Zuſtand, daß unſer Herr gezwungen war, von dieſem neuen Sodom und Gomorrha ſein Antlitz hinwegzuwenden. Es gehörte eine ſtarke Hand dazu, die Zügel zu faſſen, aber es gehörte dazu auch eine Weltkenntniß, die vielen jungen Geiſtlichen ganz natürlich fehlt, und die darum in ihrem Verbeſſerungseifer dieſe unzähligen kleinen Wunden überſehen, welche doch erſt geheilt werden müſſen, ehe man ſich an den Hauptſchaden wagen darf. Da ich alſo nicht auf einmal alles Boöſe zerſtören konnte, welches in einem Vierteljahrhundert gewachſen war, ſo begann ich mit dem Wichtigſten, nämlich den Gebrauch des Brannt⸗ weins abzuſchaffen, welcher ohne Zweifel die Wurzel und der Urſprung einer Menge ſchrecklicher Verbrechen iſt. In demſelben Augenblicke aber, da ich als ein ſtrenger Eiferer für die Nüchternheit auftrat, zog ich mir den Haß und die Rache der Herrenleute und eines Theiles der reicheren Bauern zu— was ſollten ſie jetzt mit ihren Brennereien, dieſen gewinnabwerfenden Quellen des Abgrundes, anfangen, da die Leute nüchtern ge⸗ worden waren und keinen Branntwein mehr trinken wollten? Wie geſagt: ich bekam eine ganze Liga gegen mich und war gezwungen, um das eigentliche Volk auf meiner Seite zu behalten, nicht nur bei dem Aberglauben deſſelben ein Auge zuzudrücken, ſondern auch dieſen als einen Hebel zu ſeiner Bekehrung anzuwenden. Ach, mein Bruder, Du haſt noch nicht mehr geſehen, als nur die ſchönſte Seite von dem Berufe des Apoſtels; 348 Du würdeſt zittern und beben, wenn Du im Stanze wäreſt, Dir einen Begriff zu machen von ſeinen Kämpfen in dieſen ſogenannten chriſtlichen Gemeinden, und wie er ſich nur Zoll für Zoll des Erdreiches bemächtigen kann, in welches er Gottes reines Wort ſtreuen ſoll Der Comminiſter, welcher vor mir hier war, ein alter Säufer, welcher fünfundzwanzig Jahre lang mit den Bauern trank, reizte ſie zu Streitigkeiten unter einanden und war im Geheimen ſelbſt ihr Advokat— dieſer Mann, dem Gott es gnädiglich verzeihen möge, richtete in dieſen fünfundzwanzig Jahren ſo viel Böſes an, daß wenig⸗ ſtens eine eben ſo lange Zeit erforderlich iſt, um alles wieder in's Gleichgewicht zu bringen.“ Was ſollte Juſtus denken, was konnte er woß gegen ſolche Gründe anführen? Grave geſtand ja fai alles ein und dennoch ging es damit ſo, daß alles Schwarze in ſeinem Munde weiß wurde. Noch war aber eine Sache übrig, von welcher Juſtus hoffte, daß daß er ſie für eine niedrige Verleumdung erklären würde „Deine Worte, mein Bruder, verleihen Dingen die ich bisher noch nicht vollkommen durchdacht habe ein neues Licht... Weißſt Du aber wohl, daß die Bekehrung dieſer Leute ſie nicht abhält, ſich mit der Lüge zu beſudeln? Man ſagt, Du läßt Dich dafür be zahlen, daß Du ſie von dem ſogenannten ſchwarzen Bergkater oder von den Anfechtungen des Satans he⸗ freieſt— doch ſagen ſie dieſes nicht als eine Läſterung: Wt in ihrer Blindheit ſcheint es ihnen billig zu ſein, daß Du ihnen eine ſolche Wohlthat nicht umſonſt erzeigen kannſt“ „Und darin haben Sie Recht! Ich ſage nicht wie die Kinder der Welt: wozu habe ich mir Kenntniſt L erworben, wenn ſie mir nicht in einem künftigen Alte gute Früchte tragen ſollen. Ich ſage vielmehr: ſ k ärmlich mein Tiſch iſt, glaubſt Du wohl, daß diet kleine Comminiſtratur mir erlauben würde, ihn allen Armen, die da kommen und gehen, offen zu halten! Nein, ich würde gezwungen ſein, meine Thür den be⸗ dürftig nicht d beſſer rigen Manch derung ich kar welche bekümn ſonſt a kleinen darbrin oder he „T kürlichen Grade im Stande nen Kämpfen en, und wie bemächtigen ſtreuen ſol. ar, ein alter aang mit den nter einanden dieſer Mann⸗ htete in dieſen daß wenig⸗ iſt, um alles inte er woll eſtand ja fa o, daß alle . Noch war is hoffte, daß klären würde ihen Dingen, rchdacht habe, ohl, daß die ſich mit dar ich dafür he⸗ en ſchwarzen 3 Satans be⸗ ne Läſterung: ſein, daß Du eigen kannſt age nicht wit tir Kenntniſt unftigen Altet vielmehr: ſt hl, daß dieſ de, ihn allen n zu halten! Thür den bi⸗ 349 dürftigen Kindern der Noth zu verſchließen, wenn ich nicht die Gaben der Wohlhabenden oder wenigſtens der beſſer Geſtellten entgegennehmen wollte, um den Hung⸗ rigen Speiſe und den Nackenden Kleider zu geben. Manchen Geldbeitrag lege ich auch ab für die Beför⸗ derung der Sache der Miſſion und des Wortes Gottes: ich kaufe Bibeln, Miſſtonszeitungen und Bücher ein, welche dienlich ſind, die Seele eines um ſeine Seligkeit bekümmerten Chriſten zu wecken. Dieſe theile ich um⸗ ſonſt aus und erſtatte alſo den Gebern tauſendfältig die kleinen Gaben, welche ſie mir für meine Bemühungen darbringen, indem ich ihre Gewiſſen entweder wecke oder heile.“ „Darin,“ ſagte Juſtus mit einem gewiſſen unwill⸗ kürlichen Schauder,„liegt aber etwas in höchſtem Grade Abſcheuliches!“ „Hüte Dich, mein Bruder, daß nicht der Herr Deinen Hochmuth ſtraft! Soll es abſcheulich für Dich ſein, die Gaben anzunehmen, welche um ſeinetwillen dargebracht werden, um ſeinen dürftigſten und gedrück⸗ teſten Kindern zu dienen und um Mittel zu liefern für die Verbreitung ſeines Wortes? Ich habe Dir über dieſen Gegenſtand meine Meinung ſchon geſagt und ich füge mit Rückſicht auf das Miſſionsweſen hinzu, daß ich mit Handlungen wirke, der ich weiß, wie langſam Worte und Gedanken Früchte tragen. Dadurch, daß ich Mittel erhalte, Miſſionszeitungen zu verbreiten, verſtehen die Leute, was ich über dieſe Sache ſage und geben ihren Brüdern freiwillig. Und von dieſer Gemeinde hat durch mich ſowohl die Miſſions⸗ als auch die Bibel⸗ geſellſchaft ſo manchen Beitrag erhalten und den Kindern in den armen Lappenſchulen iſt ſo manches Kleid zuge⸗ kommen.“ „Vielleicht, vielleicht habe ich Unrecht; da gleich⸗ wohl Niemand ein Recht hat, über die Anwendung dieſer Gaben Rechenſchaft zu fordern, ſo könnte man glauben, daß Du ſie aus eigener Habſucht nähmeſt— und es 350 iſt in der That ein großer Muth erforderlich, ſich mit ſeinem bloßen Selbſtbewußtſein zu begnügen.“ „Das iſt wahr, mein Bruder!“ entgegnete Grape mit einer Senkung der Stimme, welche tiefe Rührung beweiſen ſollte;„es gehört ein großer Muth dazu; dar Muth aber würde gewiß nie ausreichen, wenn wir nicht auch das Zeugniß Gottes hätten.. Doch, es iſt ſpät geworden, mein Bruder; ich hatte gedacht, der Gegen⸗ ſtand unſres Geſpräches ſollte ein ganz anderer werden, aber nun halte ich es für unpaſſend, uns noch weiter aufzuregen— am Abende vor meiner Abreiſe wollen wir das Verſäumte wieder einholen und von demjenigen reden, was am nächſten Dich betrifft. Verzeihe Got es denen der Gemeinde(ſo wie ich es ihnen verzeihe) die mich hinwegtreiben in dem Augenblicke, da mein Werk ſchon gute Früchte zu treiben beginnt... ahn — erhalte ich das geſuchte Amt, ſo komme ich wieda in eine eben ſo einſame Gegend und, wie ich gehünt habe, zu einer eben ſo ſündhaften Heerde, wie mein jetzige iſt, und ſo wird denn auch dort meine Arbit im Herrn eine reiche Ernte tragen. Indeſſen, mer Bruder, bin ich unbeſorgt für diejenigen, welche ich hie laſſe; denn ich bin überzeugt, Deine Predigt wird ſi hinreißen mit dieſer— wenn ich mich ſo ausdrücka darf— höheren, dieſer Macht des poetiſchen Geiſten welche mir fehlt.“. „Ich werde reden nach meinem Vermögen.. Aber, mein Bruder, es flammt ein Licht auf vor meine Augen: Bullarn... Bullarn— es iſt wirklich dieſts Härad, worin mein Bruder ſein Gut zu kaufen gedent Du wirſt alſo der Seelſorger in der Gemeinde, worn er!...“ Juſtus ſchwieg; auf das warme Errothan folgte ein leichenähnliches Erblaſſen. „Wo ſie wohnen wird!“ fuhr Grave fort und he⸗ tonte die vier Worte ſcharf. Er vermochte die unbe⸗ ſchreibliche Zufriedenheit kaum zu verbergen, welche dieſ Nachri ſeinen leiten zeugen, raiſonir gewonn ich, ſich ni en 44 gnete Grae efe Rührung th dazu; de enn wir nicht h, es iſt ſpit „der Gegen⸗ derer werden, 3 noch weiter breiſe wollen in demjenigen Berzeihe Gott ien verzeihl) cke, da men nt... aba me ich wiede vie ich gehün , wie meim meine Arbei ndeſſen, man welche ich hie kedigt wird ſe ſo ausdruckn iſchen Geiſten bermögen.. uf vor meing wirklich dieſt aufen gedenkt neinde, worn rme Erroͤthen e fort und be⸗ chte die unbe en, welche dieſ 351 Nachricht in ihm erweckte. Er ſollte alſo alles unter ſeinen Augen haben; er ſollte die geringſte Handlung leiten können— welch ein unermeßlicher Vortheil vor einem Leiten in der Entfernung! Juſtus antwortete nicht. Er ſtand auf, um ſich zu entfernen. Grave hielt ihn nicht zurück. Mit welchem Chaos in den Gedanken fand ſich nicht der Fanatiker in ſeiner einſamen Zelle wieder! Das erhaltene Gift bedurfte eines Gegengiftes und heiſchte daſſelbe; aber er fand nicht das rechte. Er unternahm es, Grave's Sätze zu zergliedern, er wollte ſie mit der Unparteilichkeit der Vernunft zergliedern; doch wo fand er dieſe Unparteilichkeit? die Vernunft, das Rechts⸗ gefühl, die Ehre reichte kaum mehr hin, ihn zu über⸗ zeugen, daß er nicht aus bloßem geiſtlichem Hochmuthe raiſonirte. Der Frömmler hatte alſo ſchon bedeutend gewonnen. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Zwiſchen dem Abende, an welchem das zuletzt an⸗ geführte Geſpräch ſtattfand, und dem Dienstage, der zu Grave's Abreiſe beſtimmt war, um in Bullarn ſeine Probepredigt zu halten, ſiel der Sonntag ein und an dieſem Tage ſollte Juſtus ſeinen Freund zum erſten Male öffentlich hören. In ſeiner eigenen innerſten Ueberzeugung erkannte Juſtus, was Grave mehrmals von ſich ſelbſt geſagt hatte, daß ihm alle poetiſche Erhebung und aller En⸗ thuftasmus abging. Grave war ein Bußprediger in der vollſten und ſtrengſten Bedeutung des Wortes und Juſtus erröthete und brannte vor Verwunderung und vor Ver⸗ druß, als er hörte, wie Grave mit dieſen gewiſſen 3⁵² Bußpredigern eigenen Unverſchämtheit einzelne Perſona antaſtete. Dich fährt und fliegt! er wird Dich auch nagen bißz Dir das Fleiſch von den Knochen fällt, ſo wie Du mich genagt haſt, bis Du mich aus dieſer Gemeinde bringeſtt Höret aber auch ihr mich, ihr anderen großen Sünden, und ihr, meine Auserwählten, die ihr euch habt reinigen laſſen von dem Blute des Lammes, höret die theurn Worte der heiligen Schrift: ‚Die Aelteſten oder Geiſ⸗ lichen, die wohl verſtehen, die halte man zwiefache Ehre werth, ſonderlich die da arbeiten im Wort un in der Lehre. Denn es ſagt die Schrift: Du ſollſt den? Ochſen nicht das Maul verbinden, der da driſcht; un ein Arbeiter iſt ſeines Lohnes werth. Wider eine Aelteſten oder Geiſtlichen nimm keine Klage auf. Die da ſündigen, die ſtrafe vor Allen, auf daß ſich auch die Andern fürchten!.. Habt ihr verſtanden, ißr Abtrünnigen? Die da ſündigen, die ſollen vor Alle geſtraft werden, auf daß ſich auch die Andern fürchten! Ihr könnet die Worte leſen in der erſte Epiſtel St. Pauli an den Timotheum in fünften Capita, Vers 17, 18, 19 und 20.. Wenn aber die Za kommen wird, daß ich von euch hinweggehe, da werden eure Gewiſſen erweckt werden, und ſie werden, aber zu ſpat mit den Zähnen knirſchen und klappern wie die Verdammte in dem Abgrunde der Hölle mit den Zähnen knirſche und klappern, und ihr werdet klagen und weinen und rufen: Weh, weh, daß ich nicht hörte, da noch die Stimme in mein Ohr rief! daß ich nicht ſah, da noh der Herr ſein großes Netz auswarf, um aufrühreriſcht Seelen zu fangen!... Aber ich, der ich ferne bin, ich will dennoch, obgleich ihr es nicht verdient, für euch beten, ihr Sünder! Wenn ich ein großes Gerjäuſc höre, wie wenn das Meer brauſet und gegen die Felſa ſchlägt, ſo weiß ich, daß es eure Gebete ſind, die in weiten Ferne mich anrufen, daß es Eure Gewiſſensbiſſe ſin, „Ich ſehe wohl, Jan Nilsſon, wie der Satan in die eu den fi ihr vo euch h den He komme eure 9 der hei Gnade kommer ſeid un leben, gelium ſondern die gri Gnade aus für ganzen Eine N eAlne Perſonen er Satan in ch nagen bit wie Du mic inde bringeſtt yßen Sünder, habt reinige die theurn n oder Geiſ⸗ an zwiefacher m Wort und Du ſollſt den driſcht; un Wider einen ge auf. Die daß ſich auc rſtanden, ihr een vor Alle die Andern in der erſten nften Capitel aber die Zei he, da werden aber zu ſpat, Verdammten nen knirſchen d weinen und da noch die ſah, da noch aufrühreriſche ich ferne bin, ient, für euch ßes Geräͤuſch en die Felſen „die in weiter ensbiſſe ſind, 35³ die euch umherjagen, daß ihr nicht wiſſet, wo ihr Frie⸗ den finden könnet... So ſuchet mich denn, ihr Elenden, ihr von der Sünde Angeſteckten, da ihr mich noch bei euch habet— ſuchet, ſuchet, doch nicht mich, ſondern den Herrn, welchen ich euch will finden helfen! Kommet, kommet, damit ihr frohlocken und jauchzen könnet über eure Rechtfertigung, damit ihr es fühlen möget, wie der heilige Geiſt euch einhüllt in das Wohlgefallen ſeiner Gnade— denn iſt nur der heilige Geiſt über euch ge⸗ kommen, ſo daß ihr recht unter die Gnade gekommen ſeid und gelernt habt, nicht allein nach dem Geſetze zu leben, ſondern auch nach demjenigen, was das Evan⸗ gelium gebietet, und nicht allein nach dem Evangelium, ſondern auch nach dem Geſetze, ſo möget ihr eben ſo gut die größten Sünder ſein wie die kleinſten, denn die Gnade unſers Herrn und Erlöſers reicht ſehr wohl aus für alle ſeine treuen Kinder. Ihr wiſſet ja, daß Jeſus Chriſtus für uns Alle gelitten hat und wenn ihr nur ſeine Knie habt umfaſſen können, ſo bedecket er eure Gebrechlichkeit!“ „Seht da, meine Brüder, wie lieblich euer Loos iſt: Chriſtus wurde Menſch um unſertwillen— ja, Menſch... ſeliger Gedanke! Ihr ſeid alſo verwandt mit ihm— kann es einen größeren Anſpruch auf Recht⸗ fertigung geben? Die Engel ſelbſt können ausrufen: o, wären wir doch Menſchen!“ „Aber denket nicht an alle dieſe Seligkeit, ehe ihr euch den Schmutz abgewaſchen habt... ‚Sehet zu, wachet und betet, denn ihr wiſſet nicht, wenn es Zeit iſt!’ ſo ſagt er ſelbſt in ſeinem heiligen Evangelium. Ja, wachet und betet und kommet zu mir, daß ich euch den Schmutz abwaſchen möge, ſo daß eure Antlitzer leuchtend werden vor dem Herrn!“ Nach einer in dieſem Style gehaltenen Predigt wurde der öffentliche Gottesdienſt beendigt; aber den ganzen Tag bis ſpät am Abende war Grave überlaufen Eine Nacht am Bullarſee. U. 23 354 von Solchen, die geiſtliche Hülfe ſuchten. Er hichf gleich am Nachmittage eine Art von Zuſammenkunſt mi den Auserwählten, welche Juſtus von einem angrenzen den Zimmer ſah und hörte. Bei dieſer Zuſammenkunft ging es ſo zu, daß ſi ſämmtliche Auserwählte, ſobald Grave in den Sai trat, worin ſie verſammelt waren, mit wilden Geberzen — Zeichen der Betrübniß und der Reue— mit da Geſichtern auf die Erde warfen, wo ſie klagend un ſeufzend liegen blieben, bis der„fromme Paſtor,“ welce es ebenſo gemacht hatte, ſich erhob und ihnen die hi⸗ geſetzten Baͤnke anwies, während er ſich ſelbſt an einn Tiſch ſetzte, auf welchem neben einigen neuen Schriſta die vertheilt werden ſollten, die Bibel lag. Es iſt keineswegs unſre Abſicht, alle verrückten un verabſcheuungswürdigen Verdrehungen des göttliche Wortes darzuſtelleu, welche dieſer nichtswürdige Geit liche ſich erlaubte— ſei es genug geſagt, daß dieſſe Probeſtück, welches wir aus ſeinem öffentlichen Vortra gegeben haben, nur in ſehr geringem Maße zu ba gleichen war mit dem jetzigen, in welchem die Ausa⸗ wählten bald in den Schwefelpfuhl hinabgeſenkt, balda himmliſchen Leuchtfeuern getrocknet wurden. Zuletzt al kam über dieſe Auserwählten eine ſo unſinnige Freuk daß ihre Augen von der Begeiſterung des Wahnſin zu ſtrahlen begannen. Der Geiſt war in ſte gefahra — ſie fühlten ihn deutlich: ſie waren geheiliget u konnten ſelbſt predigen. Hierauf kamen die geheimen Opfer und die geheina Beichten. Hievon bekam Juſtus nichts zu ſehen, denn diß Myſterien wurden in Grave's eigenem Zimmervorgenomnen in welches immer nur Einer zur Zeit eingelaſſen wunde Als alles ſtill und ein Ende genommen und keitn von den Auserwählten mehr da war, als nur Grau allein, ſo wurde Juſtus herbeigerufen. Dieſer komnt kaum den Ausdruck ſeines tiefen Aergers und Abſcheuet zuruͤckhalten, erſtlich über dieſe Predigtweiſe und dan zitterte wir und und das Du wol hinwegg meine I ruf mir Dich ja wenigſten ben, die Wenn T wenn au zu verbe n. Er hieh menkunft mi m angrenzen zu, daß ſih in den Saal lden Geberde e— mit da klagend un aſtor,“ welch ihnen die hi⸗ eelbſt an eine uen Schrift g. verrückten un des göttliche vürdige Geit⸗ gt, daß dieſt icchen Vortran Maße zu va⸗ em die Ause⸗ eſenkt, balda . Zuletzt ala nnige Freu s Wahnſinna ſte gefahr geheiliget un vorgenommen belaſſen wurde en und keine s nur Grat⸗ Dieſer konnt und Abſcheutt 35⁵⁵ über dasjenige, was er vor ſich ſah, nämlich dieſen mit Speiſen, Kleidungsſtücken, Luxusartikeln und Kleingeld überlaſteten Tiſch— ein Jeder hatte nach beſtem Ver⸗ mögen ſeine Abwaſchung bezahlt. „Ich ſehe Deine Gefühle, Bruder!“ begann Grave in einem Tone, welcher den Anſchein haben ſollte, als zitterte er vor Bewegung,„und mein Herz blutet, daß wir uns ſo wenig verſtehen! Wenn ich geizig wäre, und das Gut Andrer an mich zu reißen ſuchte, glaubſt Du wohl, mein Bruder, ich würde da nicht dieſes alles hinweggeſchafft haben, ehe Du hereinkamſt? Wenn es meine Abſicht wäre, Dir zu verbergen, wie mein Be⸗ ruf mir gebietet die Sünder zu wecken, ſo hätte ich Dich ja bitten können, nicht in die Kirche zu gehen— wenigſtens hätte ich Dir nicht ſelbſt Gelegenheit gege⸗ ben, die nachherige beſondere Zuſammenkunft zu ſehen. Wenn Du alſo nachdenkſt, mein Bruder, ſo mußt Du, wenn auch mit Mühe, Dich überzeugen, daß derjenige, welcher ſo offen handelt, keinen Grund haben kann, ſich zu verbergen. Es war meine Abſicht, Dir auf Koſten Deines Zartgefühls, ja ſelbſt auf Koſten Deiner Freund⸗ ſchaft, wenn dieſe wankend gemacht werden kann, zu zeigen, ſo vielerlei die Kräfte ſind, ſo vielerlei ſind auch ihre Wirkungen. Meine Gaben ſind Strengheit: die Erfahrung hat mich geläutert, die Härte der Menſchen hat mir Wunde auf Wunde geſchlagen, und das Un⸗ glück, oder für Chriſti Sache vielleicht eher das Glück, hat es gewollt, daß ich gerade in ſolche Gemeinden kommen ſollte, wo man mit ſtrengem Willen, ernſter Kraft, aber doch immer lebendiger Liebe gegen dieſe Abtrünnigen, am beſten auf ſeinem Platze iſt. Klage daher das Schickſal und nicht mich deßwegen an, daß ich nothgedrungen den Acker des Herrn mit einem zwei⸗ ſchneidigen Schwerte pflüge; meine Thränen“— es ſtand Grave nicht übel an, eine gewaltſam hervorbre⸗ chende oder, richtiger geſagt, gewaltſam hervorgepreßte Thräne zu zerdrücken—„meine Thränen, Bruder, ſind 356 der Thau geweſen, welcher nachher in die Furchen 36 fallen iſt und ſie erfriſcht hat. Hätteſt Du vor vi Jahren dieſe Gemeinde geſehen, ſo würdeſt Du kam glauben, daß es dieſelbe war, welche Du heute ſahſt Die Nüchternheit iſt auf die Branntweinswuth gefolg in welcher man damals ſogar Mordthaten beging; da Haus des Herrn, welches ehemals ein Sammelplatz de Sünde war, um zu kaufen und zu verkaufen und all möglichen Schlechtigkeiten zu betreiben, die mein Mun nicht auszuſprechen vermag, iſt wiederum geworden wau es ſein ſoll— ein Bethaus; die Zahl der Proeeſſe ha abgenommen, die Cheleute leben in Frieden, die Kin der werden erzogen in der Zucht, und die Nachtmahl⸗ jugend wird ſo vorbereitet, daß ſie nicht ſchon am Tan darauf ihr Gelübde vergeſſen hat. Ueberdieß haſt A geſehen, daß es mir gelungen iſt, dem Himmel ein große Anzahl Seelen zu retten. O, glaube mir, mi Bruder, es würde mir nicht gelungen ſein, ſo gwiß Dinge mit den mittelmäßigen Gaben, die auf ma Loos gefallen find, auszurichten, wenn ich nicht in Strengheit der Kraft zu Hülfe gerufen hätte! Da der Du nicht nur die Schönheit des Körpers, ſonden auch die Anmuth des Weſens beſitzeſt— wir woln es nicht fälſchlich verſuchen, die Einwirkung der äͤußm Gaben auf die Sinne zu läugnen— Du, der Dun Stimme haſt, welche die Engel des Himmels Dir ze liehen haben müſſen, Du mit Deinem gluͤhenden Ge fühle, Deinem warmen Enthuſiasmus, Du kannſt ai eine andere und, ich erkenne es gerne, auf eine Get wohlgefälligere und würdigere Weiſe in dem Weinbag arbeiten; aber ich, mein Bruder, ich nehme mein 9— wiſſen zum Zeugen, daß ich nach den Gaben, die it erhalten, nach den Kämpfen, die ich gehabt, nach da Guten, das ich gewollt habe, daß ich an meinem Pla gerade ſo und nicht anders in dem Dienſte mein Herrn geweſen bin, was ich ſein konnte. Du vit groͤßer werden, zu Dir werden dereinſt Schaaren ſi men, un nere Ge von bit Selbſtli „8 daß ich ich nicht der erw großen, und aus Du haf Name w Dich nie jeder Ii Recht h. Juf ſetzte er ich Dein halte. Macht d den nütz Zweifel leihen ko Art des der Wor nicht nu⸗ Du dadr „Vo einem N Tiger v wenn ich ſchied zw Unterſchi die darar Ich bega Gedanker Furchen ge⸗ Du vor zue eſt Du kaun u heute ſahſt wuth gefolgt beging; da mmelplatz der ufen und alt de mein Mun geworden wa r Proeeſſe ha dden, die Kin⸗ e Nachtmahle⸗ ſchon am Tag rdieß haſt A Himmel ein ube mir, mat ſein, ſo guf die auf ma ich nicht i hätte! d pers, ſondm wir woln ng der äuße (u, der Du d nmels Dir ge glühenden Ge Du kannſt mi auf eine Git dem Weinkben hme mein Ge Gaben, die it abt, nach der ienſte mein nte. Du wit Schaaren ſirt meinem Pat 357 men, und geſegneſt ſeieſt Du, daß der Herr Dir ſchoͤ⸗ nere Gaben ertheilt hat!“ „Mein Bruder!“ ſiel Juſtus ein, und ein Gefühl von bitterem Mißvergnügen kämpfte mit der geweckten Selbſtliebe,„Du ſchmeichelſt mir!“ „Da biſt Du wenigſtens der Erſte, welcher ſagt, daß ich ſchmeichle— und um Dich zu überzeugen, daß ich nicht ſchmeicheln will, füge ich hinzu, daß der Beſitz der erwähnten Vorzüge weit entfernt iſt Dich zu einem großen, einem heiligen Manne zu machen. Berühmt und auspoſaunt kannſt Du werden mit demjenigen, was Du haſt, mit demjenigen, was Du biſt; doch Dein Name wird nicht weiter gehen, als Du, wofern Du Dich nicht zu dem Standpunkte erhebſt, nach welchem jeder Jünger Chriſti mit Deinen Gaben zu ſtreben das Recht hat.“ Juſtus ſchwieg einen Augenblick; dann aber ver⸗ ſetzte er mit Selbſtbeherrſchung:„Vergib mir, wenn ich Deine vorhergehende Erklärung nicht für vollſtändig halte. Wohl kann ich einſehen, daß Du bisweilen die Macht der Strengheit nöthig haſt, und daß dieſelbe bei den nützlichen Dingen, die Du wirken willſt und ohne Zweifel auch gewirkt haſt, Dir Anſehen und Hülfe ver⸗ leihen kann; doch ſowohl in Deiner eigenthümlichen Art des Vortrages, als auch in Deinen Erklärungen der Worte der heiligen Schrift liegt etwas, das ich nicht nur mißbillige, ſondern ſogar verabſcheue, weil Du dadurch“.... „Vergib auch mir, mein Freund!“ ſiel Grave mit einem Nachdrucke ein, welcher zu erkennen gab, daß der Tiger verwundet werden konnte,„vergib auch mir, wenn ich Dich daran erinnere, daß der große Unter⸗ ſchied zwiſchen unſern Jahren auch ganz natürlich einen Unterſchied ſowohl für unſere Studien, als auch für die daraus entſtehenden Reflexionen herbeiführen muß. Ich begann dieſe Bahn, wenigſtens mit dem Gange des Gedankens, vor fünfundzwanzig Jahren; denn von —-— ——— 3⁵⁸ meinem fünfzehnten Jahre an bis zu meinem vierzigſten in welchem ich jetzt ſtehe, habe ich mein Leben, mein Zeit, meine Kräfte dieſem Dienſte geweiht. Ich halt nicht allein in den todten theologiſchen Studien un durch dieſelben gelebt, ſondern in ihrem Geiſte un durch denſelben, und Du wirſt wohl wiſſen, daß it tiefer in ihn eingedrungen bin, als nur bis an ſi Oberfläche. Du dagegen zählſt noch nicht mehr dem zwei Jahre von dem Zeitpunkte an, da Du Dich n dem geiſtlichen Berufe entſchloſſeſt. Laß uns daher aus hören, über Gegenſtände zu ſtreiten, wo unſere Anſichte und Gedanken unwillkürlich verſchieden ſein müſſen, wenn Du aber nach zehn oder fünfzehn Jahren, in Falle wir dann noch beide leben, mich aufs Na herausfordern willſt, ſo werde ich den Handſchuh au nehmen— jetzt nicht!“ Das Blut in Juſtus war in Begriff überzukochen denn obgleich Grave der einzige Menſch war, deſn Macht ihn bezwang, ſo war doch dieß allzu viel ſi ihn, der gewohnt war, Andere zu beherrſchen; dennh bezwang er ſich: es wurde ihm klar, daß er ja hiehn gekommen war, um ſich zu demüthigen, nicht nur ſe daß er eine äußerliche Demuth lernte, ſondern auch ſ daß er ſich im Herzen demüthigte. „Habe ich Dich verletzt, mein junger Bruder,“ fu Grave fort; denn ſein Falkenblick ſpähte in Juſtu Auge und ſah, welche unendliche Mühe es ihm koſten ſein aufbrauſendes Gefühl zu zügeln,„ſo bitte ich dit um Verzeihung; doch über Religionsangelegenhei ſollten Freunde niemals ſtreiten; denn nichts fitt leichter zur Kälte, weil nichts mit größerer Hitze ver theidigt wird. Möge ein jeder Achtung haben vor da Sätzen, der Ueberzeugung und der Erklärung des Anden wohl wiſſend, daß ſich das Wort auf mancherlei Wei dolmetſchen läßt, und daß Jeder vor unſerm Herrn u Meiſter für ſich verantwortlich iſt!“ Nach dieſer mit lieblicher Sanftmuth und mit alle Würde, nen Erk nahm di Um Scene z herein, Speiſen Segen, ſollſt D — und und Sy Da theilung die Her nen Tiſe bei ähn theilte, Küche h nicht go alſo ein geben, die geſe ihnen i Menſch ſache in Mehl a auch vo zum N und ur immer m vierzigſten Leben, mein t. Ich hab Studien um Geiſte un ſen, daß in bis an die ht mehr dem Du Dich n ns daher auf— ſere Anſichta ſein müſſen, Jahren, in ) aufs Neu andſchuh auf überzukoche war, deſtr allzu viel ſi chen; dennot er ja hieht nicht nur ſe dern auch i s ihm koſtete bitte ich Dit gelegenheite nichts fißt rer Hitze ver⸗ haben vor in g des Anden ncherlei Wi rm Herrn m und mit alle 359 Würde, die Grave in ſeiner Macht hatte, ausgeſproche⸗ nen Erklärung, reichte er ſeine Hand hin, und Juſtus nahm dieſelbe, ohne ein einziges Wort zu erwiedern, an. Um eine paſſende und angenehme Veränderung der Scene zu bewirken, rief Grave nun ſein Dienſtmädchen herein, und nachdem er auf die vortreffliche Zufuhr an Speiſen gedeutet hatte, ſagte er halblaut:„Allen dieſen Segen, den fromme Menſchen zu uns gebracht haben, ſollſt du unter die Armen vertheilen; trage ſte weg — und vergiß vor allen Dingen nicht Niſſe in Waßbo und Swen in Stättan!“ Das Dienſtmädchen wußte ſehr gut, was die Aus⸗ theilung unter die Armen bedeutete, und trug daher die Herrlichkeiten ſogleich hinaus, um ſie für den eige⸗ nen Tiſch des Paſtors aufzuheben; denn obgleich Grave bei ähnlichen Gelegenheiten immer denſelben Befehl er⸗ theilte, ſo ſagte er doch gleich darauf, wenn er in die Kuche hinauskam:„Dieſe Geſchenke, mein Kind, ſind nicht ganz ſo, wie die Armen gewohnt ſind; es wäre alſo eine Sünde, ihnen einen Geſchmack an Dinge zu geben, welche ihnen nachher einen Widerwillen gegen die geſegnete Nahrung einflößen könnten, deren Genuß ihnen ihre eigene Arbeit oder die Barmherzigkeit der Menſchen geſtattet. Setze ſie daher wegen dieſer Ur⸗ ſache in die Speiſekammer; nimm aber doppelt ſo viel Mehl aus dem Mehlkaſten und koche Brei, und nimm auch von dem verſalzenen Häring und wäſſere ihn aus zum Nutzen und Bedürfniß derjenigen, die da kommen und uns beſuchen— denn den Hungrigen ſollſt Du immer ſpeiſen, mein Kind, vergiß das ja nicht!“ „Sieh nun, mein Bruder,“ ſagte Grave, da das Dienſtmädchen mit der letzten Laſt hinausgewandert war,„wie ich das Uebrige vertheile, und ich glaube nicht, daß mein Tag ohne Nutzen geweſen ſein wird. Dieſe kleinen, unbedeutenden Schmuckſachen, welche nur Citelkeit einflößen, ſo wie auch dieſes Geld werden unter die Bibelgeſellſchaft und eine beſondere wohlthätige 360 Stiftung für ſchutzloſe Wittwen und Krüppel, in welche ich der Wortführende bin, vertheilt. Alle Kleidunge⸗ ſtücke dagegen wandern in die Lappenſchulen; und mein Herz, welches demjenigen, der nur äußerlich urtheilt erſtarrt und abgenutzt erſcheint, freut ſich ſo herzlic auf alle Seufzer der Dankbarkeit, welche durch dieſt Gaben emporſteigen werden, daß ich darüber ſogar den Schmerz vergeſſe, meine Handlungsweiſe von dem ei⸗ zigen Freunde verkannt zu ſehen, deſſen Hochachtung mit wirklich am Herzen liegt!“ Jetzt war Juſtus derjenige, welcher mit warmen Blick und warmer Hand Grave's vorherigen Handſchlan b zurückgab, jetzt war er es, der leiſe und mit Nachdrut ſagte:„Du hatteſt Recht, als Du neulich ſagteſt: ſi bereit iſt der Menſch zu richten, ehe er ſich ſelbſt ge⸗ richtet hat! Ich, der ich nicht den Muth habe zu dieſer freiwilligen Erniedrigung, welche Du mit muſterhaſter Entſagung übernimmſt, ich habe kein Recht, Dich zu tadeln!“ Und immer dichter und ſtärker wurde der Nebe, mit welchem der Frömmler den Fanatiker umhüllte. Juſtus von Carleborg's ſtolze Seele, edles Ge⸗ müth und warmes Herz blutete an tauſend Wunden, die ihm der eyniſche Prieſter verſetzte. In ſeiner Ver⸗ blendung hielt er ſich für unvermögend, den Grundton in Grave's Weſen zu begreifen; doch eben darum, weil dieſer Grundton ſo leicht zu finden war, fand Juſtus ihn nicht, denn er ſuchte ihn immer dort, wo er nicht war. De daß er chen in deren J immerw ihn und das gro Grave's Weib be waſchen geſagt: danken Blut in kunde lo dieſes B werden wüſtung ich mich Leidenſch und Bli ich Zeit fohlen l haben! „O wage, d dieſes 2 ich mich ich Dir ſchwarze mir und in welchen Kleidungs⸗ ; und mein ich urtheilt ſo herzlich durch dieſe r ſogar den on dem ei⸗ achtung mit nit warmen Handſchlan it Nachdrut ſagteſt: ſo ch ſelbſt ge⸗ be zu dieſer muſterhaſta umhüllte. edles Ge⸗ d Wunden, ſeiner Ver⸗ n Grundton darum, weil and Juſtus wo er nicht t, Dich zu der Nebe, Dreiunddreißigſtes Kapitel. Den ganzen Montag ſaß Grave ſo beſchäftigt, daß er erſt am Abende im Stande war, ſein Verſpre⸗ chen in Betreff der geiſtlichen Rathſchläge zu erfüllen, deren Juſtus über die Hinderniſſe bedurfte, welche ſich immerwährend zwiſchen ihn und die Heiligung, zwiſchen ihn und ſeine vollkommene und ernſtliche Bereitung auf das große Ziel erheben wollten. Wohl hundertmal hatte ſich Juſtus der Worte Grave's über Evelyn erinnert, daß er, was dieſes Weib beträfe, bald hoffen dürfte, ſein Gewiſſen rein zu waſchen, und wohl hundertmal hatte er zu ſich ſelbſt geſagt:„er wird es mir verbieten, jemals meinen Ge⸗ danken dieſer Andern nahen zu laſſen, ihr, welche mein Blut in Fieberbrand verſetzt, wenn ich nur eine Se⸗ kunde lang ihr Bild hervorrufe. Ja, ich weiß, daß dieſes Bild zerſchmettert, zerriſſen, verbrannt, vernichtet werden muß— kann aber wohl mein Herz dieſe Ver⸗ wüſtung überleben? Du, mein Herr und Meiſter, dem ich mich geopfert habe, gib Du mir Muth; denn dieſe Leidenſchaft, der ſogar das Glück verſagt war, Worte und Blicke auszutauſchen, wird mich ſonſt tödten, ehe ich Zeit gehabt habe, das Werk, welches Du mir be⸗ fohlen lhaſt, zu vollenden, ja ehe ich es werde begonnen haben! „O Elend, Elend, daß ich Solches zu bekennen wage, daß ich vor Dir, o Herr, zu klagen wage, wie dieſes Bild ſich vor meine Augen ſtellt, nicht nur wenn ich mich meinen Studien hingebe, ſondern auch wenn ich Dir nahe! Ja, auf den Blättern der Bibel, auf der ſchwarzen Miſſtonskarte, ſteht dieſes Bild ſtets zwiſchen mir und meinen Pflichten, zwiſchen mir und dem Ge⸗ 362 bete, zwiſchen mir und meinem Gewiſſen— o weh, weh! nimm es hinweg, damit ich Ruhe finden möge! Juſtus hatte gewünſcht, daß das bevorſtehende Ge⸗ ſpräch auf ſeinem Zimmer Statt finden möchte; Grape aber lud ihn ein, in das„Tabernakel“ zu kommen, in⸗ dem er ſcheinheilig erklärte, da der Gegenſtand an ſich ein trauriger wäre, ſo wäre es eine Schuldigkeit, einen Ort zu wählen, der nicht durch ſeine Duſterniß die Seele allzuſehr mit ſeiner Schwere herabdrückte. „Ich weiß gleichwohl nicht,“ entgegnete Juſtus, „wie es kommt, daß meine Seele hier wirklich mehr herabgedrückt wird, als an jedem andern Orte! Dieſes kleine Gemach enthält etwas, das die Gefühle, welche ich tödten möchte, eher unterhält als erſtickt. Dieſtz Gemälde zum Beiſpiel, dieſe Judith, kann ich nict ohne Herzklopfen ſehen; denn immerwährend— ſei es nun Täuſchung oder Wirklichkeit— kommt es mir vor, als hätten ihre ſchönen Zügen eine täuſchende Aehn⸗ lichkeit mit den Zügen derjenigen, die ich immer noch vor Augen habe.“ Das Gemälde, auf welches Juſtus deutete, ſtellt Judith dar, nicht im Gebete während der Nacht vor dem großen Tage, da ſte das Haupt des Holofernes opferte, ſondern in dem Augenblicke, da ſie von Schün⸗ heit und Schmuck ſtrahlend, mit der Abſicht zu gefallen, vor ihm auf den Knieen lag, und er unter ſeinem Pur⸗ purteppich ſaß und mit brünſtigen Blicken ihre Schön⸗ heit betrachtete. „Wenn das wahr iſt, mein Bruder, wenn dieſ Judith, deren ſchwarze Augen eine wunderbare Miſchung des Heiligen und Irdiſchen, des Sinnlichen und Ueba⸗ finnlichen haben, dem Weibe, welches Dir beſſer wäͤn nie geſchaut zu haben, ſo ſehr ähnlich iſt, ſo halte ich das für ein Zeichen von Gott zur Rettung Deiner Seele.“ Juſtus konnte ſeine Verwunderung nur durch einen Blick ausdrücken; dieſer war aber beredt. 1„ o weh, o den moͤge tehende Ge⸗ hte; Grave ommen, in⸗ and an ſich gkeit, einen iſterniß die ückte. ete Juſtus, rklich mehr rte! Dieſes hhle, welche ckt. Dieſes n ich nicht d— ſei e es mir vor, ende Aehn⸗ immer noch atete, ſtellte Nacht vor Holofernes von Schön⸗ zu gefallen, ſeinem Pur⸗ ihre Schön⸗ wenn dieſe re Miſchung und Ueber⸗ beſſer wäre ſo halte ich ung Deiner durch einen 363 „Du verſtehſt mich nicht, mein junger Bruder; Du haſt wenig gelebt und kennſt nicht die Mittel, durch welche man die geiſtliche Geſundheit wieder erlangt. Doch laß mich Dir einige Fragen vorlegen... Zu der Zeit, da Du zuerſt dieſes Weib, dieſe verführeriſche Judith ſahſt— es iſt mir ſehr lieb, einen andern Na⸗ men als ihren rechten gefunden zu haben— empfandeſt Du nicht damals neben dem ſonderbaren Widerwillen, wel⸗ chen Du gegen ſie hegteſt, ein unwiderſtehliches Ver⸗ langen, Deine Gedanken mit ihr zu beſchäftigen?“ „Ja, ihre dunklen Augen, welche gleich der Sonne ſtrahlten, aber dennoch dunkel waren wie die Nacht, folgten mir überall; ihr Geſang, der mir kaum erträg⸗ lich vorkam— wenigſtens ſtellte ich mich ſo, denn es machte mir ein unerklaͤrliches Vergnügen, ſie zu reizen— erklang unaufhörlich in meinen Ohren; die ſtolze Gleich⸗ gültigkeit, mit welcher ſie allein mich behandelte, ver⸗ urſachte mir eine unerträgliche Pein.... und den⸗ noch war ſie mir verhaßt— warum, das weiß ich nicht.“ „Ich will es Dir ſagen, mein Bruder, mein Sohn! Ich, der ich in die Tiefe der Menſchenherzen geblickt habe, zeige Dir an, daß dieſe Widerſpenſtigkeit von der Prophezeihung kam, welche jeder Menſch in ſeiner eige⸗ nen Bruſt trägt: ſie warnt nicht mit der Kraft des Wortes, ſondern mit dem Gefühl und der Ahnung. Außer dieſer geheimnißvollen Macht hätteſt Du Dich im erſten Augenblicke in ihre Gewalt gegeben und alſo in eine gewöhnliche, irdiſche Liebe die hohe, überſinn⸗ liche Liebe zu jener Elenden, die dort in den finſtern Heidenländern ihres geiſtlichen Erlöſers harren, ertränkt. O, Preis der Prophezeihung in Deiner Bruſt, welche Dich gebunden hielt; Preis auch Dir, der ihr gehorchte, denn ich bin überzeugt— war es nicht ſo?— daß Muth dazu gehörte! Stellten ſich nicht Deiner Einbil⸗ dung dieſe reizenden Formen dar, welche man für das höchſte Ideal körperlicher Schönheit halten könnte— —— —— 364 ich meine Judith, dieſes heilige Heldenweib, welches beitrug zu der Rettung ihres Volkes, und welchem der Herr in ſeiner hohen Gnade dieſe wollüſtige Schön⸗ heit verliehen hatte, um das Herz des Holofernes zu bezaubern?... So ſchön aber kann wohl ſie nicht ſein, welche der Herr Dir zur Prüfung in Deinen Weg kommen ließ?“ „O,“ ſagte Juſtus, deſſen Züge während dieſer Rede immer feuriger und feuriger geworden warm, „was iſt dieſe Judith gegen meine Judith!... Ha, meine Judith würde nicht nur zwanzig Holoferneſe verführen können, ſie würde, wenn fie es wollte, den Erzengel ſelbſt verführen, im Fall dieſer auf die Erde herabſtiege!“ „Der Himmel ſei uns gnädig! er vergißt, daß er von der erwählten Braut ſeines Bruders redet!“ Graye faltete ſeine Hände mit einer Art von Rührung. „Vergib mir!“ ſtotterte der Fanatiker und ſenkte ſeine Stirn,„ich weiß nicht, was ich ſagte— es kommt bisweilen ein Schwindel über mich!“ „Moͤge der Herr ſeine Hand über Dich halten, mein Sohn! Du bedarfſt in der That einer ſtrengen, einer harten, ja einer ſehr harten Kur, wenn Dein Geiſt, welchen Du dem Dienſte unſers Herrn und Mei⸗ ſters geweiht haſt, ſo würdig werden ſoll, wie er da⸗ mals war, als Du Dich zu Deinem himmliſchen Berufe entſchloſſeſt!... Aber Du haſt mir nicht geſagt, ob Du— damals als Deine Augen von einer glücklichen Decke verhüllt wurden, ſo daß es Dir war, als köonnteſt Du jenes Weib gar nicht leiden— ob Du ſie damals oft in Deiner Einbildung ſaheſt?“ „Sagte ich das nicht?— es war nicht meine Ah⸗ ſicht etwas zu verbergen. Sie lebte unaufhörlich in meinen Träumen. Evelyn, meinen lichten, guten Engel, dachte ich mir nie anders, als einen Engel: das war eine überſinnliche Liebe; dennoch aber hätte ich vielleich für das Glück dieſes Kindes alles geopfert, wenn nicht Judith leidigt Macht, zuruͤckge wußte ihr ſag Herzens verließ, Ich wu hatte, geheime daher e ein Erſe ſensbiſſ als ich und der ſchien teſt die und da meiner ſollen, als ich Es wa zu eine Mädche habt h zum er daß ſie gewiß meinig b, welche deen ge Schön⸗ lofernes zu I ſie nicht Deinen Weg rend dieſer den waren, 1. Ha, Holoferneſſe wollte, den if die Erde ißt, daß er et!“ Grapbe rung. und ſenkte —es kommt dich halten, er ſtrengen, venn Dein n und Mei⸗ wie er da⸗ chen Berufe geſagt, ob glücklichen als konnteſt ſie damals meine Ahb⸗ fhörlich in iten Engel, : das war h vielleicht wenn nicht 365 Judith— dieſer Name gefällt auch mir, denn er be⸗ leidigt Niemanden— wenn nicht Judith mit ihrer Macht, die ich freilich damals noch nicht kannte, mich zuruͤckgehalten hätte.“ „Doch wann— entſinnſt Du Dich deſſen?— wann wurde Dir dieſe Macht enthüllt?“ „Dieſes Augenblickes, ſo kurz er war, entſinne ich mich ſehr wohl, er kann nie in meiner Erinnerung ſterben. Ich kam von der armen Evelyn, welche, be⸗ geiſtert von meinen Worten, mir die Freiheit wieder gegeben hatte, die ich in ihre Hände legte— ach, ich wußte ſehr wohl, wie ſie entſcheiden würde, wenn ich ihr ſagte, daß eine ältere Pflicht, die Pflicht meines Herzens, mich auf die Miſſionsbahn riefe! Als ich ſie verließ, ſo klopfte ich an Conſtance's Thür; ſie öffnete. Ich wußte, wie ſehr ſie mich verkannt und verachtet hatte, weil ſte geglaubt hatte, ich intriguirte wegen geheimer Abſichten auf Evelyn's Hand. Es machte mir daher ein unausſprechliches Vergnügen— ja, es war ein Erſatz, der mich ſogar ſchadlos hielt für die Gewiſ⸗ ſensbiſſe, welche ich um Evelyn's willen empfand— als ich ihr ſagen konnte, daß ich für immer Evelyn und der Hoffnung auf häusliches Glück entſagte. Sie ſchien im höͤchſten Grade erſchrocken zu ſein. Du hät⸗ teſt dieſen Blick ſehen ſollen, welchen ſie erſt in meine und darauf in ihre eigene Seele ſenkte, um den Grund meiner Handlungsweiſe zu ſuchen; Du hätteſt ſie ſehen ſollen, als ich ſagte:„bin ich nun gerechtfertigt?“ und als ich weiter ſagte:„ich gehe hinaus als Miſſionär!“ Es war nur ein Augenblick, doch dieſer war hinreichend zu einer gänzlichen Umſtürzung. Ich wußte, daß dieſes Mädchen, welches augenſcheinlich denſelben Inſtinkt ge⸗ habt hatte wie ich, als ſie ſo zitternd und demüthig zum erſten Male von meinem Blicke beherrſcht da ſtand, daß ſie, ohne es vielleicht ſelbſt zu wiſſen, doch ganz gewiß mir ihre Seele verpfändete... Sie nahm die meinige im Austauſche hin— was kann ich noch weiter 366 ſagen? Als ich ſie etwas über ein Jahr ſpäter in der Kirche wieder ſah, wie ich Dir erzählt habe— es war damals, als ich zum erſten Male in der Stadt predigte, woſelbſt mein Schickſal ſich entwickelte— da fühlte ich es, daß der Austauſch, welchen wir gemacht hatten, für das Leben galt; damals begann dieſer Rieſenkampf der Liebe, damals ſang er ſeine verführeriſche Sirenenge⸗ ſänge von dem Glücke der Ehe in einem ruhigen, un⸗ bemerkten Leben. Doch gelang es mir, der Fahne, welcher ich geſchworen hatte, der Fahne meines Erli⸗ ſers, wenigſtens meine äußere Freiheit zu retten; es gelang mir, vor den Augen dieſer Judith nicht nu meiner Leidenſchaft, ſondern auch meinen Geſichtszügen, meiner Stimme Gewalt anzuthun— ich gewann den fürchterlichen Sieg über mich ſelbſt, daß ich ihr zu da Ehe mit meinem eigenen Bruder rieth.“ „Ich preiſe Deinen guten Willen, mein Bruder — er iſt ohne Zweifel ſtark geweſen— aber mein Geiſt iſt dennoch betrübt, denn ich fürchte, Du handel⸗ teſt unweiſe, da Du eine neue Bürde auf Dein Herz warfeſt. Hatte nicht Deine Liebe Dir genug wehe ge⸗ than— mußte ſie auch noch ein Verbrechen werden! Das iſt eine Sünde, welche ich kaum auszuſpechen ver⸗ mag, die Sünde, ſeines Bruders Weib zu lieben, eint Sünde, welche, wie ich Dir ſchon geſagt habe, eine ſtrenge Buße heiſcht.“ „Bin ich denn nicht bereit dazu? habe ich dem nicht ſchon die fürchterlichſten Kämpfe beſtanden? Was koſtete es mir nicht, ſie zu verlaſſen, ſie vielleicht für immer zu verlaſſen, ohne daß meine Lippen, meine Augen reden durften? Ich will mich jedoch nicht meiner Stärke rühmen— nein, ich war zweimal nahe daran zu unterliegen; aber er, deſſen Dienſt ich mich geweißt habe, rettete mich, das erſte Mal durch Evelyn und das zweite Mal durch meine Mutter.“ „d, er wird Dich armen Beter auch nun und für immer retten, wenn Du den Muth haſt, tief in die Wunde werde! beginne Erlöſer⸗ können, Du ihn Du haf der grö keines machen befreien Buße h Buße v taſie die es aus, Erinner redet, den zitt äter in der — es war dt predigte, fühlte ich hatten, fit enkampf der Sirenenge⸗ uhigen, un⸗ der Fahne, eines Erlö⸗ retten; es nicht nur eſichtszügen, gewann den ihr zu der ein Brudet aber mein Du handel⸗ Dein Her g wehe ge⸗ en werden? ſpechen ver⸗ lieben, eine habe, eine . be ich denn den? Waz ielleicht für pen, meine nicht meiner nahe daran rich geweiht Evelyn und un und füt tief in die 367 Wunde zu ſchneiden, damit alles böſe Fleiſch entfernt werde! Während ich entfernt bin, ſollſt du Dein Werk beginnen!“ „Habe ich es denn nicht ſchon längſt begonnen? Mein Antlitz hat in Schweiß gebadet und meine Glieder haben gezittert unter der Marter der Geißel; ich habe gefaſtet, gebetet, mich im Staube zu den Füßen meines Erlöſers gekrümmt— o, noch hat er mich nicht gehört!“ „Er hört nicht ſogleich, und er hat Dich nicht hören können, weil Du alles gethan zu haben glaubteſt, als Du ihn anriefeſt, daß er Dich vergeſſen lehren mochte. Du haſt alſo für Deine Bekehrung weniger gethan, als der gröbſte Sünder: Du haſt geglaubt, daß Du ſelbſt keines Verdienſtes bedürfteſt.“ „Was ſoll ich denn thun?“ „Du ſollſt den Muth zeigen, mit Deiner Bekehrung auf den Grund zu gehen! Höre mich: ſo lange Du feige fliehſt vor dem Bilde, das Dich verfolgt, wird es die doppelte Macht über Dich beſitzen; ſo lange Du glaubſt, daß Deine Wunde nur dadurch geheilt wird, daß Du ſie zu vergeſſen ſuchſt, ſie, welche dieſelbe gab, wird Dir das Vergeſſen unmöglich ſein— denn es gehört ein für allemal zu unſrer ſündigen Natur, daß das Verbotene uns unwiderſtehlich iſt. Wenn Du alſo mit dieſer Bekehrungsmethode fortfährſt, ſo wird Deine Leidenſchaft Dich endlich ſo zu ihrem Sklaven machen, daß Du Dich nie aus ihren elenden Feſſeln befreien kannſt. Strenger körperlicher Kreuzigung und Buße hedarf es zwar, doch muß ihr eine noch ſchwerere Buße vorangehen.“ „Welche?“ 3 „Gehe täglich in dieſes Zimmer, gib Deiner Phan⸗ taſie die Freiheit, bei dieſem Bilde zu verweilen, ſchmücke es aus, ſo viel Dir beliebt, lebe in dem Rauſche Deiner Erinnerungen, höre ihre Stimme, wenn ſie Dich an⸗ redet, ihre Schritte, wenn ſie Dir naht, höre ſogar den zitternden Laut des Schlages ihres Herzens, wenn 368 ſie zu Dir emporblickt... mit einem Worte— es n mir widerlich, dieſe Sprache zu reden, aber der Hen der Allerhöchſte gibt mir zur Rettung Deiner Serl Muth dazu— alſo mit einem Worte: laß Deine Phan⸗ taſte ausraſen, denn das iſt das einzige Mittel, jaſſ gewiß ich Dein Freund und ein erfahrner Mann bi, das einzige Mittel zur Wiedererlangung Deiner geiſ⸗ lichen Geſundheit.“ „Aber auf dieſe Art werde ich ja zuletzt wahnſinnigle „Die Buße und die Geißel bringen ſchon wiede Licht in Deinen Verſtand und das Leſen der heiltge Schrift reinigt und läutert“ „Der Meiſter ſelbſt ermahnt aber, die Verſuchun zu fliehen und nicht ſie herbeizurufen— darum ſchein es mir, als läge eine doppelte Sünde in dieſer Buß⸗ übung.“— .„Aber der Erloͤſer ſelbſt ließ es ja zu, daß der Teufel ihn verſuchen durfte— Du thuſt das auch un zu dem beſten Zweck. Es iſt eine nothgedrungne Sünde, und überdieß iſt die Sünde eben ſo nothwendig für ü Reue, wie die Reue für die Gnade.“ Juſtus ſchüttelte den Kopf mit einem mißtrauiſchen und traurigen Ausdrucke. „Kann ein Krebsſchaden geheilt werden, ohne daß man den Krebs ſelbſt hinwegſchneidet? Wird ein menſch⸗ liches Herz von ſeiner ſchrecklichſten Schwäche geheilt ſo lange derjenige, welcher die Macht darüber hat, nicht hinausgetrieben wird? Wenn Dir Deine Einbildung nichts Neues und Bezauberndes mehr zu bieten hat, ſo. wirſt Du Ekel empfinden vor allem Sündigen und Elenden, das in den gefährlichen Lockungen der Leidet ſchaft liegt: Du erhebſt Dich, Du wunderſt Dich über Deine eigene Schwäche, Du erwachſt wie aus einen Traume, einer Betäubung, aber Du erwachſt mit ge⸗ ſtärkten Kräften. Du brauchſt nicht mehr zu beten: Herr, überhebe mich dieſes bittern Kelches!— das Bild, welches Dich verfolgte, iſt verſchwunden, ſeine Macht iſ eine ſchr und auf boten he Reich, nehmen, ſolchen 2 Du dieſe der irdiſe Zukunft, nichten, ich, Dei Deinen2 ihn um zu werde heilig, h Grave ſ dieſem I füllen m willſt; m ſelbſt bef bekriegen ſoll, er: keit ſeine Und licher, ein aus, ein wendigen licher ma denn nur zu der w Sittlichke gegen de womit de Chriſti 1 Grave e Eine Na dte— es i eer der Hen deiner Seel Deine Phan⸗ tittel, ja ſ Mann bi, Deiner geiſ⸗ vahnſinnigl' ſchon wiede der heiliga Verſuchun arum ſchein dieſer Buß zu, daß der as auch un ingne Sünde endig für di nißtrauiſchen n, ohne daß p ein menſch⸗ läche geheil, ber hat, nicht Einbildung lieten hat, ſt tndigen und der Leiden⸗ ſt Dich über ſe aus einen chſt mit ge⸗ r zu beten: es!— das nden, ſeine 369 Macht iſt vernichtet, ſeine Gewalt gebrochen; Du haſt eine ſchreckliche, aber eine radikale Kur überſtanden; und auf Deine große Reiſe, welche Gott ſelbſt Dir ge⸗ boten hat zur Einſammlung neuer Bekenner für ſein Reich, wirſt Du das Bewußtſein eines Sieges mit⸗ nehmen, der eines Mannes würdig iſt, welcher einen ſolchen Weg betritt... O, ich ſehe Dich ſchon, wie Du dieſe verächtlichen Feſſeln, dieſe ſündigen Feſſeln der irdiſchen Liebe, welche nahe daran waren, Deine Zukunft, die Zukunft eines großen Miſſionars zu ver⸗ nichten, wie Du ſie mit Füßen trittſt— wie Du, ſage ich, Deinen Fuß darauf ſetzeſt und mit freier Stirn Deinen Blick zu dem Vater der Welten emporhebſt und ihn um Segen bitteſt zu dem Auftrage, deſſen Märtyrer zu werden Du Dir ein Recht erworben haſt! O, heilig, heilig, heilig, Herr Gott, Herr Gott allmächtig!“— Grave ſtreckte ſeine Hände über Juſtus aus—„gib dieſem Manne Deine Gnade, damit er alle Dinge er⸗ füllen möge, welche Du durch ihn ausgerichtet haben willſt; mache ihn zu einer ſtarken Macht, damit er ſich ſelbſt beſiege, ehe er hinausgeht, um Deine Feinde zu bekriegen, denn wer Dein Panier im Streite führen ſoll, er mag zuſehen, daß es nicht durch die Unreinig⸗ keit ſeines Herzens befleckt werde!“ Und er, der alle dieſe Worte redete, war ein Geiſt⸗ licher, ein Geiſtlicher legte alle dieſe laſterhaften Schlingen aus, ein Geiſtlicher machte die Sünde zu einer noth⸗ wendigen Bedingung für die Gnade Gottes, ein Geiſt⸗ licher machte ſeine eigene Sache zu der Sache Gottes; denn nur dadurch, daß er die Leidenſchaft des Fanatikers zu der wildeſten Höhe reizte, nur dadurch, daß er ſeine Sittlichkeit mordete, konnte er ein Gegengewicht beſitzen gegen den feurigen, den edlen, enthuſiaſtiſchen Eifer, womit der Jüngling die Miſſionsſache, die eigene Sache Chriſti umfaßt hatte. Wir haben aber geſagt, daß Grave einen Raub, von welchem er ſich ſo viele Vor⸗ Eine Nacht am Bullarſee. U. 24 ——— 3 370 theile verſprach, nicht loslaſſen konnte; mit Juſtus var Carleborg, dem brennenden Fanatiker, als einem Spie⸗ ball in ſeiner Hand, konnte er das kühnſte Ziel erreichen, die hohen Träume dieſes jungen Thoren durften mu dann in Frieden bleiben, wenn er auf keine beſeen Art angewendet werden konnte. Sei es ferne von uns, Juſtus von aller Schuh frei zu ſprechen, da er ganz im Gegenſatze zu den klagenden Weheruf der innern Stimme ſich der geſt⸗ lichen Kur hingab, welche Grave ihm vorſchrieb— m wollen nur daran erinnern, daß es ſich wohl begreife läßt, wie er mit der Leidenſchaft und einer zu einn ſolchen beklagenswerthen Höhe emporgetriebenen Eru⸗ tation als Bundesgenoſſen in die hölliſche Falle gin mit der feſten Ueberzeugung, daß er auch ſo für Sache ſeines Meiſters kämpfte, daß er dafür kämpft um bald reingewaſchen und ſtark hingehen und das Wa ausführen zu können, für welches er kein Opfer geſchet hatte. Vierunddreißigſtes Kapitel. Als Grave nach einer vierzehntägigen Abweſenzet in die Wüſte zurückkehrte, fand er den Büßenden i einer Gemüthsſtimmung, einem Seelenzuſtande, mi welchem jeder Andere Mitleiden gehabt haben witte, Grave aber empfand kein Mitleiden, ſondern berechnen nur den großen Gewinn und darum verſchloß er de Tag zu Tag, von Woche zu Woche, ſeine Augen imm feſter und überließ den Unglücklichen ganz ſich ſellt Er ſah nicht— denn er wollte nicht ſehen— wie di brennende Röthe, welche auf Juſtus’ Wangen ſchimmente wie das wilde, flammende Feuer, welches bisweilen in ſeinem loͤſchende gab; er über die nicht hö daß es bisweiler zu führe Juſtus' denn es Phantaſt Frauenzi ſich höre „Seancer Die weſenheit macht. ſich noch ſich ſeine — 371 Juſtus vn ſeinem Auge brannte, einer Todtenbläſſe, einem er⸗ ſeinem Spite löſchenden Blick, einer tiefen, ſchweren Milzſucht Raum iel erreichen, gab; er hörte nicht die Seufzer und Gebete, welche durften un über die Lippen des Fanatikers gingen, denn er wollte keine beſſe nicht hören; er ſtellte ſich auch, als bemerkte er nicht, daß es mit dem Faſten ſo weit ging, daß der Büßer aller Schuh bisweilen nicht einmal Kraft genug hatte, die Geißel atze zu den zu führen; ja er wollte es ſelbſt nicht merken, daß des lich der geit Juſtus' Sinne allmälig anfingen, ſich zu verwirren; rieb— m. denn es ſchadete ja im Geringſten nicht, wenn ein kohl begrefn Phantaſt ein wenig verrückt war. Wie ſollten nicht die iner zu ein Frauenzimmer in die Kirche ſtrömen, worin ein ſolcher iebenen En ſich hören ließ— wie ſollten ſie nicht in ſeine beſondern e Falle gitz„Seancen“ ſtrömen! lch ſo für d Die Predigt, welche Juſtus unter Grave's Ab⸗ afür kämpſt, weſenheit gehalten, hatte ein unerhörtes Aufſehen ge⸗ (und das M macht. Grave wußte das und bat daher, daß Juſtus Opfer geſche ſich noch einmal hören laſſen möchte, damit auch er f ſich ſeines glücklichen Erfolges freuen möchte. „Nein!“ entgegnete Juſtus,„ich bin nicht würdig 1 — dieſe ſchreckliche Kur droht mich ganz zu vernichten.“ „Ohne Zweifel läßt ſich alles mißbrauchen— dieſe Faſten ſind in der That zu ſtrenge. Meinſt Du noch 3 1 nicht, daß das Uebel gewichen iſt 2⸗ 3„Gewichen?“ wiederholte Juſtus, und ein bitteres —— . Lächeln entſtellte ſeine Lippen;„nein, es hat mit fürch⸗ n Abweſenhit terlicher Stärke zugenommen: eine neue, eine ſchrecken⸗ Büßenden i erregende Pein iſt hinzugekommen, um meine Martern zuſtande, u zu vergrößern.“ haben wünt„Welche, mein Bruder? Dein Blick erſchreckt mich!“ dern berechner„Sei ruhig, ich will es nicht verrathen, wie es iſt iſchloß er da in dem Reiche der Verdammten; ich will Dir nur ſagen, Augen imm daß man ſich dort einer andern Geißel bedient. Ha, inz ſich ſebtz Du haſt noch nicht erfahren, was Eiferſucht iſt... en— wie de ich möchte dieſen Holofernes in Stücke zerreißen wegen geen ſchimmat des Blickes, womit er Judith betrachtet!“ bisweilen in„Ich verſtehe, Du armer Sünder! Dieſer Blick 372 zeigt Dir allzu deutlich, wie Dein Bruder die lebendig Judith betrachtet.“ Juſtus fuhr plötzlich zuſammen, ein Fieberſchaun ſchüttelte ſeine Glieder und ohne ein Wort zu ſagen floh er in ſeine einſame Zelle, wo er ſich vor den Erlöſer niederwarf und von Neuem ſeine Bußübun begann. Der Heuchler lächelte, denn alles ging nach Wunſt Die Predigt aber konnte er ihm nicht ſchenka, denn ganz gewiß mußte dieſelbe einen vortrefflicha Opfertag einbringen— verſteht ſich für die Sache dn Miſſion. Ein ſolcher Zweck war auch der einzige, welche Juſtus dahin bringen konnte, aufzutreten; und wa Grave in dem Geiſte behandelt, welcher auf den Rel⸗ gionsſchwärmer anſchlagen mußte, ſetzte Grave enilit ſein Vorhaben ſiegreich durch. Noch einmal— es da gegen das Ende der Weihnachtszeit*)— nachdem ſich zwei Monate lang in der Wüſte aufgehalten hatz, ſollte Juſtus von der Kanzel herab die Gemeinde en⸗ zücken; und die Leute, welche gehört hatten, wie ſi der heilige junge Mann täglich unter Faſten, Gebt und Bußübung auf den Miſſionsberuf vorbereitat, ſtrömten in großen Schaaren herbei, alle wollten ia jungen Heiligen, den Engelprieſter, den von Gott Aus⸗ erwählten ſehen, welcher zu den Heiden wandern wolh, um ſich dort von wilden Thieren oder wilden Menſchn verſchlingen zu laſſen, was einerlei war, da er nun doß einmal ein Märtyrer werden ſollte. Das alles hatte Grave auf gehörige Weiſe 4 Umlauf geſetzt. Dennoch war er weit entfernt, di außerordentliche Wirkung zu ahnen, welche Juſtus mit ſeinen Gaben hervorbrachte; und als er dieſen jungen *) So nennt man in Schweden die Zeit vom 25. zember bis zum 13. Januar, im Ganzen 20 Tage⸗ Anm. d. Ueb. Mann z da fiel ſchon ſo werden der alte es ſahen nug, Fr mit den die Leute dieſer M zu ſein Grave's er werde Lande ge für dieſe Gewiſſen⸗ Carlebortg reichend Wenn es noch die Saitenſpi ſonders 1 Falle kon rigkeiten pital— entzückte der Kirch mit der w die lebendig Fieberſchau et zu ſagen ich vor den Bußubun rach Wunſch. ccht ſchenken, vortrefflichn e Sache de gge, welche 1; und om uf den Rel⸗ zrave endlit l— es va nachdem n halten hatt emeinde ent⸗ ten, wie ſi iſten, Gebe vorbereiten, wollten ia n Gott Au⸗ ndern wollt den Menſcha er nun doch ge Weiſe i entfernt, di e Juſtus mit dieſen junge vom 25. De n 20 Tage. im. d. Ueb. b 373 Mann zum erſten Male auf der Kanzel ſah und höoͤrte, da fiel ſeine Bewunderung zurück auf ihn ſelbſt, der ſchon ſo lange hatte vorherſehen können, was aus ihm werden würde. Grave weinte vor lauter Entzücken: er, der alte eingefleiſchte Heuchler wußte ja, daß die Leute es ſahen und hörten— und hatte er nicht Grund ge⸗ nug, Freudenthränen zu weinen? Dieſer Mann, der mit den ihm zu Theil gewordenen vereinigten Gaben die Leute nicht nur hinriß, ſondern wahnſinnig machte; dieſer Mann, welcher alles durch ſeinen freien Willen zu ſein glaubte, war nichts anders als ein Rohr in Grave's Hand, und was er noch nicht war, das ſollte er werden. Nie, nie durfte ein ſolcher Schatz aus dem Lande gehen, um den Heiden vorgeworfen zu werden; für dieſe war es gut genug, wenn man ihnen einen Gewiſſensſtoß von gröberer Natur ſchickte! Juſtus von Carleborg war erſchaffen, geboren, erzogen und deutlich von Gott auserſehen zu— einem frommen Prieſter; und die Miſſion ſollte ſich beſchränken auf ein Expe⸗ riment in den Lappmarken, welches auch vielleicht hin⸗ reichend ſein konnte, ſeinen brennenden Eifer abzukühlen. Wenn es aber nicht ſo ging, ſo hatte Grave immer noch die Leidenſchaft für„Judith“ übrig: das war ein Saitenſpiel, deſſen Töne gewiß anſchlagen mußten, be⸗ ſonders nach der letzten Bußübung— und im ärgſten Falle konnten tauſend natürliche Hinderniſſe und Schwie⸗ rigkeiten in den Weg kommen.„Dieſes Löwe'ſche Ca⸗ pital— hm... ein Falliſſement des Hauſes, worin es eingeſetzt iſt Juſtus verſteht von Geſchäften nicht mehr als ein Kind— o, da wird ſchon Rath werden!“ Und warum ſollte kein Rath werden, da Grave die Fäden in ſeiner Hand hielt? „Mein Bruder... ich könnte wohl ſagen, mein Meiſter!“ rief der von ſeinen nichtswürdigen Plänen entzückte Grave aus, indem er nach der Rückkehr aus der Kirche Juſtus in ſeine Arme ſchloß,„ich ſage Dir mit der vollſten Ueberzeugung meiner Seele— und der 374 Geiſt des Herrn redet aus dem Munde des Geringſte unter ſeinen Dienern— ich ſage Dir, Du biſt gebore zu einem großen Redner, zu einem großen Manne, un Dein Name wird auch groß werden unter den Menſchen Ich habe nun vierzig Jahre gelebt und noch nie ſii ich, was ich heute ſah: die ganze Gemeinde hing ſtill, daß ſie kaum zu athmen wagte, mit ihren Auge an Deinen Lippen und alle Herzen zitterten, ja, zitte ten, wie wenn der Wind das Laub der Espe berißſ — ihre Thränen ſtrömten wie ein erfriſchender Tha⸗ ihre Bruſt ſchwoll von der Hoffnung der Seligkeit.. ſage mir, ob Du es nicht fühlteſt, wie der heilige Gei in Deine Seele einging und dort ſeine Feſte nahnf Du glicheſt dem Engel, welcher mit dem Buche in i Hand daſtand und bekleidet war mit einer Wolke, m ſein Antlitz wie die Sonne und ſeine Füße wie Feun⸗ pfeiler, und der ſeinen rechten Fuß auf das Meer ſiz und den linken auf die Erde. Ja, ſo warſt Du, a ſtarker Engel, den der Herr geſendet hat, ſein Volkg erwecken, doch nur lieblich und leiſe, in einer Eng weckung.“ Juſtus wußte, welche ſeine Gaben waren, wen der Geiſt über ihn kam und überdieß war Graye Enthuſiasmus allzu natürlich, als daß er den geringint Verdacht hätte zulaſſen können. Es heilte das geguit und verwundete Herz des unglücklichen Juſtus, daß Gnt ihn wenigſtens auf der Kanzel nicht verließ. Aber hierauf ſtrömten von allen Seiten Leute he⸗ bei, welche mit dem heiligen Miſſionar, wie man Juſtt nun nannte, zu reden, und Grave, der ſtets mit ſeinn rechten Fuß über der Höoͤlle und mit dem linken ibn dem Pfuhl des Eigennutzes ſtand, Grave ſagte:„Mi Bruder, mein Sohn, mein Jünger, der mein Meiſe geworden iſt, gönne Dir dieſe Zerſtreuung in Deinn ſtrengen Buße— es wird Deine eigenen Schmeze lindern, wenn Du die Schmerzen Andrer linderſt! I „ beſchwöt ſchuldig Und immer j oder an⸗ geworde bitten, Und Frieden, jungen welcher ſchüttelte rinnen f ſie fande mit ihne die ſchöt Miſſion des Gei war eine ihren W Bekümn s Geringfie biſt gebora Manne, un en Menſchen noch nie ſih einde hing ihren Auga n, ja, zitte⸗ Espe beriht hender Tha⸗ Seligkeit. heilige Gei Feſte nahn Buche in Wolke, u e wie Feun⸗ s Meer ſez arſt Du, a ſein Volln einer Eng varen, wen war Grari den geringſe das gequät ſtus, daß Git 2 ten Leute ha⸗ ie man Juſti ts mit ſeinen m linken üln ſagte:„Mi mein Meiſte ng in Deim en Schmerze linderſt! I 375 beſchwöre Dich bei der Uebung, die Du Deinem Berufe ſchuldig biſt, nimm wenigſtens einige Wenige an l4 Und dieſe Wenigen, welche Grave auswählte, waren immer junge, ſchöne Bauerfrauen, welche um der einen oder andern Urſache willen mit ihren Männern uneinig geworden waren und die nun kamen, um Juſtus zu bitten, daß er Frieden in ihrer Che ſtiften möchte. Und er ſtiftete Frieden, einen wirklichen, wahren Frieden, denn er redete zu dem Herzen und Gefühl der jungen Frauen, er redete Gottes Wort; doch Grave, welcher draußen ſtand, biß ſich auf die Lippen und ſchüttelte verdrießlich den Kopf. Noch ſchönere Büße⸗ rinnen fanden ſich ein und ſuchten Gewiſſensruhe, und ſie fanden ſie, denn es war ihnen, als redete Gott ſelbſt mit ihnen. Nun kamen keine Frauen mehr, nun kamen die ſchönen Mädchen an die Reihe: was ſie zu dem Miſſionar führte, waren Liebesgeſchichten und Weckungen des Geiſtes, Eiferſucht und Heirathspläne. Doch alles war einerlei— er ſah kaum hin auf ihr Geſicht, auf ihren Wuchs; er ſah nur die Falſchheit, Betrübniß und Bekümmerniß ihrer Herzen; und da die eine bezaubernde Nymphe nach der andern mit dem Schnupftuche vor den thränenvollen Augen und das Herz voll feſten Willens, auf dem Wege des Guten zu wandern, den Fanatiker verließ, da war Grave mit Aerger und Furcht erfüllt. Er hatte gemeint, es wäre nun endlich Zeit, daß die Bußübungen Frucht tragen ſollten; aber obgleich ſie viele und fürchterliche Früchte trugen, ſo waren es doch nicht ſolche, wie Grave ſie berechnet hatte. Hier arbei⸗ tete ihm theils der moraliſch reine Eindruck, den Juſtus durch die Erziehung genoſſen hatte, theils der phanta⸗ ſtiſche Flug ſeiner Seele und ſeines Gemüthes entgegen, denn dieſer Flug war zu hoch, als daß er einen ſolchen Fall thun konnte. „Nun, nun!“ ſagte Grave bei ſich ſelbſt;„man muß dem Narren wohl Zeit gönnen und dem Zufall auch etwas überlaſſen!“ 376 Und iſt es nicht wunderlich, daß die Zufälle ſal chen Leuten, wie Grave, immer geneigt find.— Kaun haben dieſe ihre Barmherzigkeit angerufen, ſo koumt ihnen augenblicklich ein Zufall mit weit offenen Arma entgegen. Die Art von Zufall, welcher ſich ſo zu ſagen i Grave's Arme ſtürzte, war aber kein unbedeutenden ſondern einer von denjenigen, welche Samen von un⸗ ermeßlichen, unberechenbaren Folgen in ſich tragen. Es kam ein Brief von Leonard an, worin dieſe meldete, daß der Mann, von welchem er das kleine Gu Trollhatten gekauft hätte, geſonnen wäre, den Winta und das Eis zu ſeinem Abzuge anzuwenden; dahe hätte Leonard nach reiflicher Ueberlegung mit ſein Braut es paſſend gefunden, ſich ebenfalls dieſer Jat⸗ reszeit zu ihrem Einzuge zu bedienen, weil die Wege über die Berge zu jeder andern Zeit, als da mar Schlitten anwenden könnte, ſehr ſchwierig für da Transport von Hausgeräthſchaften waͤren. Zufolge die ſer Umſtände, welche der verſtändige und bedachtſam⸗ Leonard einer bedeutenden Aufmerkſamkeit werth erach⸗ tet hatte, beſonders da er auf dieſer Schlittenbahn un auf dieſem Eiſe mancherlei Dinge ſchaffen konnte, di dann zum Frühlinge gethan waren, hatte man de Entſchluß gefaßt, die Hochzeit am erſten März zu feiern, und nun folgten nicht eine, ſondern wohl hundert Auf⸗ forderungen und Bitten, daß Juſtus, ſofern er Leonan jemals geliebt hätte und wirklich ſein Glück wünſchte, unbedingt kommen und die Trauung verrichten müßte Das war nicht allein Leonard's Wunſch, Forderung⸗ Bitte, ſondern auch Conſtance's höchſter Wunſch umd der höchſte Wunſch der geliebten Mutter, welche Leonar zur Hochzeit abholen wollte, und Leonard hatte ihre Einwilligung dazu unter keiner andern Bedingung en⸗ bald pli letzteres Zufälle ſol d.— Kaun ſo kommt enen Armen zu ſagen i bedeutenden ien von un⸗ tragen. vorin dieſt 3 kleine Gu den Winta den; dahe mit ſeint dieſer Jah⸗ il die Wege als da mu ig für da Zufolge die bedachtſam werth erach⸗ tenbahn un konnte, die e man da undert Auf⸗ er Leonath ck wünſchte, hten müßte. Forderung⸗ Wunſch um lche Leonan hatte ihre dingung er⸗ rz zu feiern b 377 halten können, als daß er ſich ausdrücklich verbürgt hätte, daß die zärtliche Mutter dort auch den ſo theu⸗ ren und ſo hochgeliebten Sohn treffen ſollte. „Schlage es nun ab, wenn Du kannſt,“ ſo ſchloß Leonard;„ſchlage es nun ab, Du, der Du alle Men⸗ ſchen liebſt, Deiner Mutter, Deinem Bruder, Deiner Schweſter dieſe Probe Deiner Liebe und Ergebenheit zu ſchenken! Nein, Du kannſt es nicht abſchlagen— und von Deiner Hand entgegengenommen wird mein Lebens⸗ glück mir nichts anderes tragen können als Frieden und Freude.“ Dieſen Brief hatte Juſtus in Grave'’s Hände ge⸗ legt, ohne ein Wort zur Erklärung hinzu zu fügen, und darauf hatte er ſich in dem„Tabernakel“ einge⸗ ſchloſſen, woſelbſt er mehrere Stunden verblieb, wäh⸗ rend welcher Zeit ihn Grave bald auf⸗ und abgehen, bald plötzlich ſtehen bleiben hörte— an welchem Platze letzteres geſchah, das wußte Grave recht gut— und die heftigen Athemzüge und die gewaltigen Schläge des Herzens bis in das angrenzende Zimmer zu hören vermeinte. Es ahnte ihn, daß Juſtus einen von ſeinen Phantaſiekämpfen mit dem verhaßten Holofernes hielt, welcher ruhig unter ſeinem Purpurteppich ſaß und ſeine unheiligen Blicke auf die heilige Judith warf. „Er ſoll hin!“ hatte Grave zu ſich ſelbſt geſagt, und da er es geſagt hatte, ſo ſtand es feſt wie ein Fel⸗ ſen, daß Juſtus hin mußte. Ja, Juſtus mußte hin, nicht allein damit ſeine wahnſinnige, unglückliche Lei⸗ denſchaft auf den höchſten Punkt des Wahnſinnes ge⸗ trieben würde, ſondern auch damit Grave, der keine einzige Gelegenheit verſäumte, in Juſtus einen Bun⸗ desgenoſſen erhalten möchte, der für ſeine Sache wir⸗ ken konnte. Es war nämlich ſo, daß es ſeine kleinen Schwie⸗ rigkeiten hatte, die fragliche Comminiſtratur zu erhalten. Zwar war es Grave gelungen, mit auf die Wahl zu kommen, doch das bedeutete nicht viel. Jetzt mußte er 378 zu dieſer Wahl alle Kräfte in Bewegung ſetzen; dem er konnte es ſich ſelbſt nicht verhehlen, daß ſeine Pre⸗ digt— obgleich er ſeinem Auftreten die abenteuerlich⸗ ſten Gerüchte hatte vorangehen laſſen, welche ſämmtlich bis auf ein Haar denjenigen glichen, die wir in der Anekdote wiederfinden, die nach ſeiner Wahl in der „Wüſte“ cirkulirten— dennoch nicht das Aufſehen ge macht hatte, welches er ſich prophezeit. Er hatte gleich⸗ wohl... dieß war natürlich... in dieſer Predigt nicht gewagt, ſeine beſten, ſeine eigentlichen Gaben zu entwickeln; dieſe wollte er ſparen, und es hatte eigent⸗ lich nicht viel zu bedeuten, welchen Eindruck die Prohe⸗ predigt machte, wenn er nur hernach bei den Leutn Eingang fand; und wie man weiß, ließ er ſich ſo hin⸗ länglich Zeit, daß er die Sinnesſtimmung wohl einige Maßen erforſchen konnte. Er gewann auch viele A⸗ hänger, aber er ſah auch deutlich, daß der Oberpfarren der Gemeinde, ein Mann nach dem wahren Geiſt Chriſti, ihm nicht geneigt war; jetzt kam es darauf an, ob ſie einander die Hand reichen oder ſich als Feinde betrachten ſollten. Derjenige, welchen er am meiſten z gewinnen gewußt hatte, war inzwiſchen der ehemalgge Beſitzer von Trollhatten, auf deſſen Stimmen er gan beſtimmt rechnete; da dieſer nun aber abzog, ſo konnte es zweideutig ſein, wie es mit der Abſtimmung gehen würde, und daher war es von der äußerſten Wichtigkei daß Juſtus ſeinen Bruder für den neuen Paſtor gewann, nicht weil Leonard Stimmen zu vergeben hatte— die Wahl mußte ſchon entſchieden ſein, ehe das Gut alt geſetzlicher Beſitz in Leonard's Hand kam— aber Leonan konnte an verſchiedenen Orten für den beſten Freund ſeines Bruders wirken. Bei dieſen Berechnungen war nur ein Aber, näm⸗ lich daß Leonard, wie man ſich aus dem Briefe an Frau Hedwig entſinnen wird, den Grave von ganzem Herzen haßte und verabſcheute, was dieſer gewiß auch in Ju⸗ ſtus' Brief würde haben einfließen laſſen, wenn er nicht gefürcht vielleicht ſeiner R S „Taber und G jetzt de hitze zu an dieſ 379 tzen; dem ürchtet hätte, der Heuchler würde, wenn dieſer Brief jeine hr⸗ zefur— ſeine Hände fiele, Juſtus aus Rache an enteuerlich⸗ 1 2 F 2 ſami ſeiner Reiſe hindern. vir in der ahl in der— ufſehen ge⸗ zatte gleich⸗ ſer Predigt Gaben zu atte eigent die Prole⸗ Spät am Abende klopfte Grave an die Thüre des den Leuten Tabernakels“. Dort war es ſchon lange ſtill geweſen, ſich ſo hin und Grave täuſchte ſich nicht in ſeiner Vermuthung, vohl einiſm jetzt den Juſtus in einem Zuſtande von halber Fieber⸗ viele Ai⸗ hitze zu finden— er dachte nur an Faſten und hatte Fünfunddreißigſtes Kapitel. Oberpfaun ieſem Tage kaum das Geringſte verzehrt. ren Geiſt Kr bieſunrend gen Bruder!“ erſcholl Grave's ſchein⸗ daraufm heilige Stimme. als Feind Juſtus ſchob den Riegel hinweg. ꝛ meiſtenn Als Grave mit dem Lichte in der Hand das bleiche e ehemalig Antlitz des Fanatikers beleuchtete, ſo war er einen Au⸗ ten er gaf genblick wirklich erſchrocken: der Glanz der Augen war „ ſo koum ſo unnatürlich, daß man zwei rollende Feuerkugeln zu nung gehen ſehen glaubte; das Haar, das lange ſeidenweiche Haar, Wichtigkei ringelte ſich in wilder Unordnung um das Haupt; die tor gewan, dern auf ſeiner Stirn waren geſpannt und dunkelblau, atte— n Anun hesdi ſchien er ſich ſo viele Luft zu erkämpfen, s Gut al als zum Athmen erforderlich war. Es war unheimlich, ber Leonan zu ſehen, wie dieſe ſonſt engelgleichen Züge zum Kampf⸗ ſten Freun platze ſtürmiſcher Spiele geöffnet waren. „Mein Bruder“— Grave fuhr mit der Hand an Aber, näm⸗ ſeine Augen, nicht um die Thräne zu verbergen, welche efe an Fran er langſam an der Wange herabrinnen ließ, ſondern zzem Herzen um ſie zu zeigen—„mein Bruder, Du betrübſt mich!“ uch in Ju⸗„Laß mich in Ruhe!“ antwortete Juſtus kurz. enn er nit„Nimmermehr, mein Bruder, ſoll man von mir 380 ſagen, daß ich in der Stunde der Noth denjenigen uet, ließ, welchen ich über alles liebe! Ich habe Dir lange genug, ja, ich ſehe es, Freiheit gelaſſen, allein zu ſein komm zu Dir ſelbſt, mein Bruder! und willſt Du nicht meine Stimme hören, ſo höre die Stimme des Meiſters, welche Dich ruft!“ „Die Stimme des Meiſters?— ach, rede mir nicht von ihm! Hörte er wohl meine Stimme, da ich mich im Staube zu ſeinen Füßen krümmte und ihn un meine Erlöſung flehte? Nein, er verwarf mich! Wohlan denn, jetzt verwerfe ich ihn... das geht ſo in der Ordnung; ich erlöſe mich ſelbſt!“ „Sünder!“ rief Grave aus mit einer Stimme, heiſer und dumpf wie eine Stimme aus dem Reiche der Todten,„Sünder, wagſt Du es, Deinen Meiſter zu ver⸗ läugnen, Wagſt Du es, nicht allein Dein Herz, ſon⸗ dern auch Deine Seele unter die Gewalt der irdiſchen Leidenſchaften zu legen?“ „Meine Seele gehört mir; ich thue damit, was mit beliebt— geh!“ „O nein, nein, mein Bruder, armer, verlorner, theurer Bruder! ſie gehört nicht Dir— höͤrſt Du: ſe iſt eine Anleihe von Gott, die Du wieder abtragen mußt, oder... Mein Bruder! laß uns über andere Dinge reden, über Deine Miſſton zu den Lappen— et iſt Dir nicht nützlich, länger unthätig zu ſein. Du haſt eine ſtrenge Bußübung beſtanden; doch alles muß ein Ende haben, und die unausſprechliche Barmherzigkeit des Herrn wird das Uebrige thun. Willſt Du nicht bald reiſen, mein Bruder?“ „Nein, ich will nicht reiſen!“ „Aber Du haſt Dich ja ſo eifrig geſehnt nach die⸗ ſer ſchönen Wirkſamkeit!“ „Meine geiſtliche Kur iſt noch nicht beendigt— ſagteſt Du mir nicht, wenn Judith's Bild von mir wiche, und ich mich muthig und ſtark erhöbe, ſo wäre dieſes das Zeichen zur Wiederkehr der Geſundheit? Nun wohl— als zuvo „Eë Satans als ich der Sieg nigen; gen, wor hoffen.“ „Je Inſtus. „2 in der j zu ſeher fordern: fung bei mehr th Du im ſterlichen Abgötte nen Bre Satan Verblen derjenig Meiſter⸗ ſteht zu Ju wies, n enigen ver⸗ Dir lange n zu ſein— ſt Du nicht es Meiſters, e mir nicht da ich mich d ihn um h! Wohlen t ſo in der r Stimme, Reiche der ter zu ver⸗ Herz, ſon⸗ er irdiſchen t, was mit b verlorner, rſt Du: ſee abtragen ber andere ppen— es . Du haſt s muß ein mherzigkeit Du nicht t nach die⸗ bendigt— von mir , ſo wäre heit? Nun 381 wohl— bin ich jetzt nicht zehnmal mehr wahnſinnig als zuvor?... Ich kann alſo noch nicht fertig ſein.“ „Es iſt wahr, mein Sohn, die Verblendungen des Satans haben über Dich eine ſchlimmere Macht gehabt, als ich denken konnte; dennoch dürfen wir hoffen, daß der Sieg in unſre Hände kommt und nicht in die ſei⸗ nigen; denn iſt erſt das Uebel bis zu der Höhe geſtie⸗ gen, worauf es jetzt ſteht, ſo dürfen wir auf eine Kriſis hoffen.“ „Ich habe eben an eine ſolche gedacht!“ murmelte Juſtus. „Mein Sohn, mein Sohn, ſteh auf! Ich glaube in der jetzt erhaltenen Einladung einen Finger Gottes zu ſehen. Dey Herr will von Dir ein großes Opfer fordern: Du ſollſt ſte trauen! Wenn Du dieſe Prü⸗ fung beſtanden haſt, ſo biſt Du geläutert; das wird mehr thun, denn Faſten und Bußübungen; denn biſt Du im Stande geweſen, in der Ausübung Deines prie⸗ ſterlichen Amtes das Weib, welches Du in ſündhafter Abgötterei liebſt, mit einem Andern, mit Deinem eige⸗ nen Bruder, zu vereinigen, ſo biſt Du frei, ſo hat der Satan nicht länger Macht über Dich, ſo werden ſeine Verblendungen und Bezauberungen hinwegfallen, denn derjenige, welcher in dem Dienſte ſeines Herrn und Meiſters einen ſolchen Heldenmuth bewieſen hat, der ſteht zu hoch für den Fürſten der Finſterniß.“ Juſtus ſchwieg; die ſchwere Arbeit der Bruſt be⸗ wies, wie er nach Beherrſchung kämpfte. „Ueberdieß, mein Bruder, wie kannſt Du das Re⸗ fultat der gemachten Verſuche erfahren, ehe Du Gele⸗ genheit gehabt haſt, ſie zu prüfen? Kann wohl nicht dieſe wahnſinnige Verfolgung der Judith ein bloßer Betrug der Sinne ſein, die ſich ſehr gut durch die über alle Vernunft getriebene Bußübung erklären läßt, wel⸗ cher Du Dich ganz gegen meine Ermahnungen hinge⸗ geben haſt? Beſonders ſind es dieſe Faſten, welche Deinen Körper ermatten und Deine Begriffe verwir⸗ 382 ren. Beginne wiederum eine mäßige oder, richtige geſagt, eine richtige Lebensweiſe, beſchäftige Dich nicht ſo ganz ausſchließlich mit geiſtlicher Lectüre, wie du jetzt thuſt— in der praktiſchen Bibelerklärung biſt Du hinlänglich zu Hauſe— ſondern ſetze Deine übrigen Studien fort, vor allen Dingen Deine Sprachübungen, welche Dir von unberechenbarem Nutzen werden müſſen, und bleibe auf Deinem Zimmer, ohne Judith's Bih wieder zu ſehen!“ „Ohne dieß Bild kann ich nicht mehr leben!“ „Siehſt Du, ſiehſt Du?... es iſt wie ich ſagel O, geprieſen ſei der Herr! Begreifſt Du nicht, mein armer verirrter Bruder, daß Du nicht mehr dieſe Con⸗ ſtance anbeteſt, ſondern nur einen Schatten von ihr, Muth, mein Bruder! Deine geiſtliche Erlöſung aus den Feſſeln der Sünde iſt nahe; es bedarf weiter nichts mehr, als daß Du dieſes Weib wieder ſiehſt, um Dich zu überzeugen, daß nicht mehr ſie Dich umſchwebt, ſon⸗ dern ein Phantom in ihrer Geſtalt.“ Dieſes Raiſonnement ſchlug heftig an auf Juſtusz mit Begierde griff er nach der falſchen Hoffnung, dem ſie ſah aus, als wäre ſie eine wirkliche. Er mußte ſcch ſelbſt geſtehen, daß dieſes ſtrenge Leben, welches er ge⸗ führt hatte, nachtheilig auf ſeinen Organismus und dieſer wiederum auf die Seele einwirken konnte; den⸗ noch äußerte er nichts, was einem Beifall ähnlich ſah. Da begann Grave von Neuem: „Alles kann zu dem Beginne Deines Miſſionsbe⸗ rufes gerade zu jener Zeit in Ordnung ſein; und van der Hochzeit begibſt Du Dich nicht wieder hieher zu⸗ rück— Du taugſt nicht länger für die Einſamkeit— ſondern ſetzeſt Deinen Weg gegen Norden fort, wohin Dein Beruf Dich führt. Ach, wie wohl wird Dir nicht ſein, ſelbſt da Dein Herz leidet, wenn Du mit Deinem Meiſter ſagen kannſt:„mein Reich iſt nicht von dieſer Welt!“ Nein, Juſtus, Bruder, Deine Pfunde ſind allzu groß, um ſie an ſo geringe und unbedeutende Dinge z Glück ur dem erſte ner ſämn heit. W ſteht au wirſt Di len, die auferſtar Betrübt, dig leide lernen! ſelbſt ge welche d an den De weniger die Geſt hatten Da Du, der ligen E Vorſehn dem Au großes ſie ahnt ſtanden wenn fühlſt, in Deir wenn e bare S Herrn Stimm e, richtiger Dich nicht , wie Du ng biſt Du ne übrigen. rchübungen, den müſſen, dith's Vid leben la ie ich ſagel nicht, mein dieſe Con⸗ n von ihr? löſung aus veiter nichts t, um Dich hwebt, ſon⸗ auf Juſtus; nung, demn mußte ſich lches er ge⸗ b nismus und unte; den⸗ ähnlich ſah. Miſſionsbe⸗ 1; und von hieher zu⸗ nſamkeit— ort, wohin rd Dir nicht nit Deinem von dieſer Pfunde ſind unbedeutende 383 Dinge zu vergeuden, wie an Dein eigenes zeitliches Glück und Dein eigenes Herz— dieſes Herz wird von dem erſten März an die Heimath Deiner Brüder, Dei⸗ ner ſämmtlichen Glaubensgenoſſen, ja der ganzen Menſch⸗ heit. Wer viel geliebt und viel gelitten hat, der ver⸗ ſteht auch die Leiden Anderer. O, wie willkommen wirſt Du ſein bei allen mühſeligen und beladenen See⸗ len, die den Herrn ſuchen— Du ſelbſt, geheilt und auferſtanden aus dem Bade der Reinigung, wirſt den Betrübten ein Erlöſer werden, durch welchen ſie gedul⸗ dig leiden und der Ankunft des großen Erlöſers harren lernen! Ach, ſchon dieſe Belohnung iſt es werth, ſich ſelbſt geopfert zu haben, wie viel mehr aber diejenige, welche des jungen Helden, des jungen Kämpfers Chriſti, an den Geſtaden von Afrika wartet!“ Der Glanz in dem Auge des Schwärmers war weniger wild geworden und wurde jetzt beinahe ſanft; die Geſichtszuge ebneten ſich, die Spiele der Dämonen hatten ein Ende; denn der Engel blickte wieder hervor. Da fuhr Grave fort:„Selig, dreifach ſelig biſt Du, der Du bei Deiner erſten Auswanderung den hei⸗ ligen Segen einer Mutter empfangen darfſt— die Vorſehung ſelbſt hat dieſes Zuſammentreffen gerade in dem Augenblicke bereitet, in welchem Dein Geiſt ſein großes Jubelfeſt feiern ſoll. Sie, die Gute, die Reine, ſie ahnt gar nicht, welchen ungeheuren Kampf Du be⸗ ſtanden, welchen ungeheuren Sieg Du gewonnen haft, wenn Du aber ihren reinen Kuß auf Deiner Stirne fühlſt, ſo wirſt Du vernehmen, daß der Geiſt Gottes in Deinen Geiſt eingeht, und Du wirſt es fühlen, wie wenn eine leichte, unſichtbare Hand das ganze unſicht⸗ bare Schattenſpiel von Dir hinwegführte, welches der Herr dem Satan erlaubt hat, zu Deiner vollkommenen Bekehrung aufzuführen.“ „Nun ſo ſei es denn beſchloſſen im Namen meines Herrn und Meiſters!“ rief Juſtus mit begeiſterter Stimme.„Er fordert dieſes Opfer und ich bringe es 384 ihm als Buße für alle ſündigen und ſchwarzen Gedan⸗ ken, über welche meine Seele in dieſen letzten Stunden gebrütet hat!“ „O mein Bruder, ich ſehe, wie ein großer Nebel von Deinen Augen fällt! Du warſt verſetzt in dieſen Zuſtand, von welchem Paulus äußert:„Der natürliche Menſch vernimmt nichts von dem Geiſte Gottes: es iſt ihm eine Thorheit, und kann es nicht erkennen, denn es muß geiſtlich gerichtet ſein;“ jetzt aber biſt Du in dem ſeligen Zuſtande, von welchem er ſagt:„der Geiſ⸗ liche aber richtet Alles und wird von Niemand ge⸗ richtet!“ An dem Tage nach dieſem Geſpräche ſchrieb Juſtus an Leonard und gab das begehrte Verſprechen; doch von dieſem Augenblick an, obgleich er ſich der gewöhn⸗ lichen Pönitenz nicht mehr ſo ſtrenge hingab, nahmen ſeine Verſtimmtheit und ſeine zerſtörende Milzſucht zuß letztere hatte nun ihren Grund in dem Zweifel, welchen er nicht zu heben vermochte und den nichts zu heben im Stande war, ehe er Conſtance wieder geſehen hatte, nämlich der furchtbare Zweifel, ob ſie es war oder ein gaukelndes Luftbild, was ihn in unzerbrechlichen Feſſeln gebunden hielt. Wenn Grave's Vermuthung richtig war, daß ihn nunmehr ein bloßes Blendwerk regierte, ſo konnte Con⸗ ſtance’s Anblick ihm kein Leid mehr thun, ſondern ihn im Gegentheil das ſtolze und ſelige Gefühl empfinden laſſen, daß er nun die ſo lang erſehnte geiſtige Freiheit wieder erlangt hätte; wenn aber Grave und er ſelhſt ſich täuſchten, wenn es kein Blendwerk war, ſondem Conſtance ſelbſt, was ihn mit ſeinem Anblicke ver⸗ folgte, peinigte und verbrannte, dann wehe, o wehe, wehe ihm, der ſich dieſer barbariſchen, dieſer übet⸗ menſchlichen Prüͤfung Preis gab; welche ihn völlig vernichte dem We haben ſtehen. Die ſchlaflos cher er ſein Ha⸗ aber ſtie ten und war ein dieſes F auch ver gaß nier Wo „Wüſte“ Wahl ſi nen Zer herbei. Eine N. en Gedan⸗ n Stunden eßer Nebel in dieſen natürliche tes: es iſ nen, denn biſt Du in „der Geiſt⸗ emand ge⸗ rieb Juſtus chen; doch er gewöhn⸗ 6, nahmen lzſucht zu⸗ el, welche 3 zu heben ehen hatte, r oder ein hen Feſſeln r, daß ihn onnte Con⸗ ondern ihn empfinden ige Freiheit !d er ſelbſt r, ſondern blicke ver⸗ 2, o wehe, ieſer übet⸗ ihn völlig 385 vernichten, ja ſogar in ſeiner Blöße darſtellen konnte vor dem Weibe, in deren Augen er wenigſtens den Troſt haben wollte, nächſt Gott... über Gott... zu ſtehen. Die Nächte des Schwärmers waren düſter und ſchlaflos, ſeine Tage ſieberhaft; die Spannung, in wel⸗ cher er lebte, beugte ſeine Kraft und machte oft, daß ſein Haupt ohnmächtig auf die Bruſt herabſank. Dann aber ſtieß Grave ſeinen Sporn wieder in den Ermatte⸗ ten und zwang ihn, ſich von Neuem zu erheben. Es war ein jämmerliches, ein bitteres, ein elendes Leben dieſes Fegefeuer, dieſe Heiligung, dieſe Reinwaſchung; auch vergaß Juſtus dieſe Zeit niemals— nein, er ver⸗ gaß niemals die„Wüſte.“ Während Grave ſeine Intriguen ſowohl in der „Wüſte“, als auch in Bullaren für die bevorſtehende Wahl ſpielen ließ und Juſtus langſam an ſeiner eige⸗ nen Zerſtörung arbeitete, kam das Ende des Februar herbei. Eine Nacht am Bullarſee. U. 25 Achtes Buch. Die Hochzeit. O, daß von meinem Willen in der Bruſt Die Hälfte nur in Kraft verwandelt würde. Nicander. „Nei ſine Ebbe Perſon zu — ja, de Menſchen laſſen. 3 ſeiner Le einem W „Abe Fenſter h Dein Her nie habe naten ſich haben ode traurig, 1 „Ach Frau, es dem Her⸗ hinunter auch denke herrin ſag „We dern an d ihrem jetz hoffe, ſich laſſen!( Geſetz un und Couf kleine Fre da ihr R Lob und 1 Sechsunddreißigſtes Kapitel. „Nein, meine Couſine, nein, meine gnädigſte Cou⸗ ſine Ebba! ich habe auch Pflichten gegen meine eigene Perſon zu erfüllen, und ich bin es mir ſelbſt ſchuldig — ja, das bin ich wahrhaftig— den wahnfinnigen Menſchen mir nicht mehr vor die Augen kommen zu laſſen. Ich betheuere, daß er nahe daran war, mit ſeiner Leſerei meine Grundſätze umzuſtoßen... mit einem Worte, nahe daran, mich verrückt zu machen!“ „Aber ſo ſieh doch nur ein einziges Mal zum Fenſter hinaus, liebe Nelly, und Du wirſt fühlen, daß Dein Herz nicht länger auf ihn böſe ſein kann! Noch nie habe ich geſehen, daß ein Menſch in einigen Mo⸗ naten ſich ſo verändert hat; er muß ſchrecklich gelitten haben oder auch krank geweſen ſein... Iſt es nicht traurig, meine beſte Mamſell Charlotte?“ „Ach, beſte, gnädige Freiherrin, gnädigſte gnädige Frau, es iſt ganz unerhört! Man ſieht es wohl an dem Herrn Conſul und dem Herrn Baron, welche hinunter geeilt ſind, um ihn zu empfangen, daß ſie das auch denken.... und was wird wohl die junge Frei⸗ herrin ſagen?“ „Wenn ſie nicht meinen Rath vergeſſen hat, ſon⸗ dern an die außerordentliche Vorſicht denkt, welche ſie ihrem jetzigen Zuſtande ſchuldig iſt, ſo wird ſie, wie ich hoffe, ſich den verrückten Schwärmer nicht nahe kommen laſſen! Es könnte ihm meiner Treu einfallen, ihr das Geſetz und das Evangelium zu leſen, wie letztens— und Couſine Ebba weiß, ob meine Tochter, die arme kleine Freiherrin, ſolches in einer Zeit ertragen kann, da ihr Ruhe nothwendig iſt.... Ich höre, Gott ſei Lob und Dank, keine Schritte im Salon!“ 390 die Herren den Magiſter Carleborg in ein Gaſhinn geführt; denn das Erſte, deſſen er bedarf, iſt geng Ruhe.“ „Geh Du, Charlotte, und erkundige Dich darnach Gib mir aber erſt meine Tropfen: ich komme in ein ſo ſtarke Gemüthsbewegung, wenn ich nur von ih reden höre, daß ich mich gleich unwohl fühle— ja, in fürchte faſt, ich muß zu Bette gehen.... Ach, Chm⸗ lotte, mach ſchnell... fuͤhre mich zu dem Divan. ein Kiſſen!... Es wird mir ſchwarz vor den Augen. Tropfen... Waſſer.... Waſſer!“ Und die Conſulin ſank auf den Divan in der 1 berzeugung, daß es ihr gelungen wäre, ſowohl die e ſine Ebba als auch die Mamſell Charlotte zu überze gen, daß ſie wirklich in einem allzu„ſenſitiven“ 4 ſtande wäre, als daß ſie ſich dem Anblicke des gefätt lichen Geiſtlichen ausſetzen könnte. Und ſo viel muß man als Wahrheit ſtehen laſſe die Conſulin empfand in einem hohen Grade Junt vor Juſtus und ſeinem geheimnißvollen Einfluſſe, in ſie ſogleich ein Schauer überlief, wenn ſie nur an in und an jenen Abend dachte, da er ihr das Geſetz n das Evangelium geleſen hatte. Nach einer Viertelſtunde trat der Conſul mit ui lich betrübter Miene ein. „Nelly, meine Liebe! unſer vortrefflicher Magſi hat einen recht langen Umweg gemacht, um uns Freude zu bereiten...“ „David!“ fiel Frau Löwe ein, indem ſie ſich u großer Würde aus der halbliegenden Stellung e „ſiehſt Du denn nicht, daß die bloße Nachricht von ſi⸗ ner indelikaten Ankunft meine Nerven in eine Kriſt verſetzt hat? Ich bitte Dich, David, daß Du bedente ehe Du Deiner Gattin der verrückten Neigung zu de verrückten Prieſter aufopferſt!“ Couſine Ebba hatte das Zimmer ſchon verlaſen „Wahrſcheinlich,“ entgegnete die Freiherrin,„hale nur M nirte d 27 gen fr zu kon reiſen. ſchlecht bei W dennoch ſoll zu ſeines „ wenn wenn das w dig, 1 ſetzen.“ ( 22 Er kor wir he zur 9 hat.. .„ iſt, d bleibe / 7 Schwi ſein, errin,„habe Gaſtzimm rf, iſt gen dich darnach mme in ein nur von iſr hle— ja, it . Ach, Cha Divan en Augen, in der vohl die Can zu überze ſitiven“ 34 e des gefäßt ſtehen li hrade Furt Einfluſſe, d e nur an in 1s Geſetz m ſul mit wit cher Magiſt um uns ſi n ſie ſich unſ ellung erhe richt von ſt⸗ eine Kritt Du bedeni gung zu der on verliſn 391 nur Mamſell Charlotte war zugegen, und vor ihr ge⸗ nirte die Conſulin ſich nicht. „Meine liebe Nelly, er bleibt leider nur bis mor⸗ gen früh hier— er hatte gehofft, ſchon geſtern Abend zu kommen, iſt jedoch gezwungen geweſen, langſam zu reiſen. Mit ſeiner Geſundheit ſteht's ſchlecht, verdammt ſchlecht; er ſieht aus, als hätte er achtnndzwanzig Tage bei Waſſer und Brod geſeſſen, der arme Kerl! Und dennoch muß er nothwendig morgen hinaus, denn er ſoll zum erſten März in* ſein, um die Trauung ſeines Bruders mit Conſtance zu verrichten.“ „Ich wünſchte, er müßte ſchon heute Abend reiſen; wenn er ſich aber einbildet, daß ich ihn annehme, oder wenn Du Dir das einbildeſt, ſo irrt Ihr Euch beide, das will ich Dir nur ſagen; ich bin es mir ſelbſt ſchul⸗ dig, mich nicht noch einmal ſeinen Grobheiten auszu⸗ ſetzen.“ „Das kann wohl Dein Ernſt nicht ſein, Nelly! Er kommt nicht vor der Theezeit, denn ich und Max, wir haben ihm beide den Rath gegeben, ſich ſogleich zur Ruhe zu begeben, ſobald er ein wenig gegeſſen hat.. aber nachher, Nelly, verſtehſt Du wohl...“ „Ich verſtehe, daß ein jeder ſich ſelbſt der Nächſte iſt, daß ich krank bin und in meinem Schlafzimmer bleibe!“ „Iſt das Dein letztes Wort, Nelly?“ „Mein ſetztes!“ „Nun, da muß ich wohl hinaufgehen zu meinem Schwiegerſohre und Evelyn bitten, heute Wirthin zu ſein, oder auc können wir alle oben eſſen.“ „Davor nimm Du Dich in Acht— Du weißt, welche Macht orl über Evelyn hat: er könnte machen, daß ſie vor Schrecken den Tod nähme, und das wäre ein ſchönes Enie mit allen unſern Hoffnungen! Evelyn muß eingeſchloſſen werden, das iſt mein Rath; er darf ſie gar nicht ſchen— geh und ſage das meinem Schwiegerſohne!“ 39² „Nein, ſo wahnſinnig bin ich nicht! Adieu, Nelly, Willſt Du ſelbſt eine Närrin ſein, ſo will ich wenigſteng Deiner Tochter nicht den Auftrag geben, dem Beiſpiele ihrer Mutter zu folgen.“ „David, David! welche Sprache!— Ach, man hört wohl, wer Dich in ſeine Gewalt bekommen Bat!... Aber hüte Dich, ich verlaſſe in meinem Leben Oernwit nicht, wenn Du mich auf dieſe Art reizeſt!“ „Ach, Du wirſt ohnehin nicht aus dieſem Palaſt Deiner Thorheiten hinwegziehen!“ „Habe ich Dir nicht verſprochen, daran zu denken, wenn wir hier erſt alles überſehen haben? Ich hege große Achtung gegen Ebba, doch bin ich mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, zu glauben, daß ich am meiſten berechtigt bin, meinen eigenen Enkel oder meine Enkelin zur Taufe zu tragen!“ „So, ſol biſt Du nun ſchon wieder bei dem Ca⸗ pitel? Was hat das hier zu thun?“ „Das gehört ſo viel hieher, als daß, wenn Du mich nicht vorſichtig behandelſt, Du mich ſo weit bringſt, daß ich mich auch nachher nicht um Deine Pläne be⸗ kümmere. Sei darum ein kluger Mann, David, ein weiſer Mann— thue mir zu Willen, und es kann wohl möglich ſein, daß ich im nächſten Frühling über's Jahr darein willige, in eine von den größern Seeſtäd⸗ ten zu ziehen.“ „Wie? nicht eher? Du ſagteſt ja, ſobald Evelyn....“ „Ich ſage, ſobald Evelyn außer Gffahr iſt und der ſchützenden Pflege einer Mutter enbehren kann, will ich anfangen an die Sache zu denken. Nun, liebet David, meinſt Du, ich werde nachher weniger Zeit zur Ueberlegung nöthig haben? Sei billig, mein Lieber, und bedenke, daß ich aus Liebe, bloß aus Liebe zu Dir, ſo viel verſprochen habe!... Aber, Garlotte, ſo gib mir doch meine Tropfen!...Ach, ſi iſt hinausge⸗ gangen! Ich kann mir wohl denken, deß die Haushäl⸗ terin nicht gut genug iſt, dem Herrr Magiſter eine kleine E⸗ gene Gef chen Kle finde mie „O, der Conf Es die Anku Evelyn. auf ihren gelegt, u eintrat un Er ſe Sofa und zärtlich w mernde G über ihre einen Tra in Schlaf Augenblich Es war e in Erfüllu die Linde Band ein jetzt in de Der ſeiner Br ſchönen, b licheren C ſich an de cheln des chen Glü „Sal ſie vertrau leu, Nelly; wenigſtens n Beiſpiele Ach, man en hat!.. u Oernwit m Palaſte den ken, Ich hege ſelbſt die am meiſten ne Enkelin dem Ca⸗ wenn Du eit bringſt, Pläne be⸗ avid, ein es kann ing über's i Seeſtäd⸗ elyn....“ r iſt und ren kann, un, lieber iger Zeit ein Lieber, de zu Dir, te, ſo gib hinausge⸗ Haushäl⸗ iſter eine 393 kleine Erfriſchung zurecht zu machen, ſondern meine ei⸗ gene Geſellſchaftsdame muß hinausfliegen und nach ſol⸗ chen Kleinigkeiten ſehen! Klingle, mein Lieber! ich be⸗ finde mich mit jedem Augenblicke ſchlechter und ſchlechter!“ „O, ich will es ihr im Vorbeigehen ſagen!“ Und der Conſul ſchlich ſich behende zur Thür hinaus. Es war niemand im ganzen Hauſe, der nicht um die Ankunft des Magiſters Carleborg wußte, außer Evelyn. Sie hatte ſich gleich nach dem Mittageſſen auf ihren kleinen Ruheſofa in dem entfernten Kabinette gelegt, und ſchlummerte noch ſanft und ſtill, als Max eintrat und mit leiſen Schritten über die Matte hinſchlich. Er ſetzte ſich auf den niedrigen Stuhl neben den Sofa und neigte ſich lauſchend auf ſie herab. Wie zärtlich war nicht ſein Blick, als er die ſchön ſchlum⸗ mernde Geſtalt betrachtete! Ein leiſes Wiegenlied ſchwebte über ihre Lippen. Mar verſtand, daß die Engel ihr einen Traum zugeführt hatten, in welchem ſie ihr Kind in Schlaf wiegte, und ſeine Bruſt wurde in demſelben Augenblicke zuſammengepreßt, da es vor Glück ſchwoll. Es war eine Hoffnung da, daß Evelyn's ſchöner Traum 9 in Erfüllung gehen ſollte, eine Hoffnung, daß, ehe noch die Lindenblüthen ausſchlagen würden, das heiligſte Band ein Glück befeſtigt haben würde, welches ſchon jetzt in der Knospe ſtand. Der leichte Seufzer, welcher ihm unbewußt ſich ſeiner Bruſt entwand, weckte Evelyn. Sie ſchlug ihre ſchönen, blauen Augen auf, welche jetzt einen weit lieb⸗ licheren Glanz erhalten hatten. Das Lächeln, welches ſich an den Purpurrand der Lippe ſchlich, war das Lä⸗ cheln des Glückes, aber eines unbeſchreiblichen, kindli⸗ chen Glückes. „Sahſt Du, was mir träumte 2“ fragte ſie, indem ſie vertraulich ihre Hand in die Hand des Gatten legte. 394 „Ich ſah es, geliebte Evelyn, und es thut 1 wirklich leid, daß ich mich hieher ſetzte und Dich dadurt weckte.“ „O, ich kann ja eben ſo glücklich träumen, wen ich wach bin— da hilfſt Du mir. In dieſem Kabinet machen wir eine kleine, nette Wohnung— nicht wahr) Hier iſt's ſo ſtill und ruhig!“ „Ja, hier iſt's am beſten; wir wolleu es ganz ua möbliren... das wird Dir gewiß Freude mae nicht wahr, meine Evelyn?“ „ Ach ja, das wird mir eine unbeſchreibliche Freu machen! Wir könnten das nun gleich im Frühlin thun, und nachher will ich hier immer ſitzen und nähen. „Nein, da gewöhnſt Du Dich allzu ſehr an Dein kleinen Tempel; Du ſollſt nur bisweilen hergehen, wen Du ein unnennbares Bedürfniß fühlſt, vor Glück beten oder zu weinen, oder um bisweilen zu träͤum wie jetzt.“ „Du haſt Recht, Du haſt immer Recht— 9. weißt alles beſſer als ich!... Aber kann ich nit wohl ſo an mein Glück gewöhnen, daß ich es mit mehr als ein neues empfinde?“ „Das iſt ſo mit dem Menſchen: je ſparſamer mn das Glück genießt, um ſo höher ſteigt es.“ „Wenn aber das Glück, an welches ich deuſ, wirklich erſcheint, ſo kann ja eine Mutter ſich nie ſt daran gewöhnen, daß ſie es in dem einen Augenblit weniger empfindet, als in dem andern? „Nicht eine ſolche Mutter, wie Du es wirſt, meir Evelyn! Du wirſt gewiß nie ermüden oder Dein Glit vermindert finden!... Doch ſo angenehm dieſes Ge ſpräch auch iſt, das uns beide ſo glücklich macht, ſage mir doch, ob Du nicht einen andern Gegenſtan weißt, der Dir beinahe eben ſo lieb iſt?“ „Eben ſo lieb?“ wiederholte Evelyn, indem ſie mi dem Ausdrucke heiliger Begeiſterung die Hände falten „nein, ſolches gibt es nicht!“ „8 4/ Glanz Frau c wie ich die ihre „U eine ſo hat wie Ihm— mehr!* „2 kehrt— kommt lyn, bi führe il bald, ſ Antwor Zeit, ſo — Er glücklich mals D Dir ni hätte ſ wäreſt nicht ſe Evelyn das D antwor dem G ſagen, hat! D 395 3 Doch demnächſt das liebſte 2ℳ Dich dadunt„Ach Marx!“ 5 ein leichter Nebel verdunkelte den Glanz in Evelyns Auge—„ich weiß, daß es keine „wen Frau auf Erden gibt, die einen ſo guten Gatten hat — wie ich!“ Und Evelyn drückte leiſe die Hand, welche niicht wahtſ die ihre umſchloſſen hielt. „Und gibt es wohl auf Erden einen Mann, der les ganz m eine ſo fromme, unſchuldvolle und engelgleiche Gattin ude mache hat wie ich? Lächle nun gerne wieder und ſprich von viin das ſchmerzt mich nicht— nein, jetzt nicht mehr „Wenn er einmal von der großen Miſſion zurück⸗ kehrt— o, wie will ich bis dahin für ihn beten— ſo kommt er wohl hieher; und wenn er dann fragt: ‚Eve⸗ gehen, wen lyn, biſt Du glücklich!“ ſo nehme ich ſeine Hand und r Glück g führe ihn in dieſes kleine Zimmer; und geſchieht das liche Freu n Frühling und näͤhen r an Dein zu träum bald, ſo ſage ich:„Blicke hieher, Du bedarfſt keiner Antwort!? Kommt er aber erſt nach langer, langer Reccht— d Zeit, ſo ſage ich:„Hier ſtand die Wiege meines Kindes!⸗ enn ich ni— Er wird die Worte gewiß verſtehen und wiſſen, wie ich es nit glücklich ich bin, war und ewig ſein werde.“ „Wenn er dann aber fragt:„Evelyn! ſeufzt nie⸗ arſamer mn mals Dein Herz nach der entflohenen Zeit— ſagt es Dir nicht, daß dieſes Glück noch weit unermeßlicher s ich demn, hätte ſein können, wenn Du meine Gattin geweſen wſich nie wäreſt?““ Augenblite„Ach nein, Max, ſo kann er nie fragen— nein, 3 nicht ſol Vielleicht aber könnte er ſagen:„Glaubſt Du, wirſt, min Evelyn, daß Du nun das höchſte Glück erlangt haſt, 3 Dein Glit das Dein Herz zu empfinden im Stande iſt?⸗“ n dieſes Ge„Nun gut, geliebte Evelyn! was würdeſt Du darauf ch macht, antworten?“ n Gegenſtan Evelyns Wange wechſelte einen Augenblick zwiſchen dem Glanze der Roſe und des Rubins.„Ich würde ndem ſie mi ſagen, daß ich Gott für das danke, was er mir gegeben dände faltein hat!“ Mar drückte ſie ſchweigend an ſeine Bruſt. Jetzt 396 lagen Evelyns Gedanken und Gefühle offen vor ihm da; ſie hatte kein Geheimniß mehr vor ihm und darun konnte er ſo feſt an ihre Worte glauben wie an Gottes Wort. „Er wird aber nie ſo fragen, Max!“ fuhr ſie nach kurzem Bedenken fort;„denn er ſagte ja in jenem Augenblicke— Du weißt wohl!— ich würde mit ihm niemals vollkommen glücklich werden, weil ich eine Nebenbuhlerin hätte in der ganzen. Menſchheit... Ach ja, ſein Herz war zu groß und zu edel, als daß er es nur einer Einzigen haͤtte ſchenken können: er ſchenkt es Allen; und wir Alle, die einen Theil daran haben, wollen für ihn und ſein Werk beten.“ „Was er Dir ſagte, Evelyn, das iſt wahr: eine ſolche Seele, ein ſolcher Charakter, wie Er hat, ſchweiſt allzu weit aus, um ſich immer an dem häuslichen Herde warm zu fühlen; und die Gattin, welche mit einem ſolchen Manne vereinigt würde, könnte kein häusliches Glück erhalten. Sein Gemüth iſt von ſeinem großen Auftrage, ſeine Tage ſind von Arbeit, ſeine Nächte von Wachen erfüllt. Ich fürchte, daß ſeine körperlichen Kräfte dabei leiden!“ „Ja, das iſt gewiß; doch er fühlt nur die Seele — wankt auch ſeine Geſundheit wirklich, ſo wird ſie ſchon wieder ſtark.“ „Wie kannſt Du das ſo beſtimmt wiſſen, Evelyn?“ „Sollte ich das nicht wiſſen? Er ſoll ja erſt ſeinen Beruf auf Erden erfüllen, ehe er ſie verlaſſen darf!“ Als Evelyn dieſe feſte Hoffnung ausſprach, ſtand Max nicht länger an, ihr die Neuigkeit zu verrathen, welche er mitbrachte.„Höre, meine Geliebte!“ ſagte er, indem er mit ſanftem Lächeln ihre ſchönen, weichen Locken ſtrich,„haſt Du nicht neulich eine Ahnung von ihm gehabt?“ „Ja!“ rief Evelyn und erhob ſich heftig,„ich habe wirklich eine Ahnung gebabt, obgleich ich erſt jetzt daran denke. Geſtern Abend in der Dämmerung, da ich ſaß und mit wie es ka ſpielte, el hörte ich auch in e wollte Di richt kom mit der welche wi ſeiner N. „Gatten Seligkeit Schneelil Roſen un „M gemacht und denr ſo große geringſte kann, die „Ac mir eine ſo ruhig Geringſt will gar renden 2 Ma gewaltſa Farbenw fuhr.§ vollkomn Max vie an Gottes hr ſte nach vor ihn nd darun in jenen mit ihm ich eine beit.. als daß nnen: er heil daran air: eine t, ſchweiſt hen Herde nit einem zäuslich m großen ächte von -rperlichen die Seele wird ſie Evelyn?“ rſt ſeinen n darf!“ ſch, ſtand errathen, ¹“ ſagte , weichen ktzt daran a ich ſaß 397 und mit einem ſonderbaren Gefühle— ich weiß nicht, wie es kam— dieſe Taſten berührte, welche ich immer ſpielte, ehe ich meine Töne fand, da war es mir, als hörte ich ſeine Stimme in den Worten, die er einmal auch in einer ſolchen Abenddämmerung zu mir ſagte: „Singe mir etwas vor, Evelyn!*... Warum aber fragſt Du mich ſo?— Du thuſt das gewiß nicht ohne Urſache?“ „Ich kann das nicht leugnen, geliebte Evelyn! ich wollte Dich darauf vorbereiten, daß ich mit einer Nach⸗ richt komme, die Dir angenehm iſt.“ „O, er iſt wohl nicht hier?“ Evelyn fuhr ſchnell mit der Hand über die Stirn. Welche geheimnißvolle, welche wunderbare Kraft lag nicht in der bloßen Ahnung ſeiner Nähe! Konnte wohl ſelbſt in den Armen ihres „Gatten die junge Gattin ſich eines Schauders von Seligkeit, eines unerklärbaren Schauders erwehren? Schneelilien zogen über ihre Wangen und verjagten die Roſen und die Rubinen. „Meine theure Evelyn! ich fürchte, daß ich's ſchlecht gemacht habe; Du hätteſt gar nichts erfahren ſollen; und dennoch hatte ich nicht das Herz dazu, Dir eine ſo große Freude vorzuenthalten. Aber bedenke, daß die geringſte Gemüthsbewegung uns die Hoffnung rauben kann, die für uns beide eine ſo himmliſche Freude iſt!“ „Ach, ich würde vor Betrübniß ſterben, wenn ich mir einen ſolchen Vorwurf machen müßte! Aber ich bin ſo ruhig, ſo ruhig— fühle, das Herz ſchlägt, nicht im Geringſten ſchneller als gewöhnlich, oder wie?— Ich will gar nicht mehr fragen,“ ſagte ſie mit einem rüh⸗ renden Ausdruck,„ehe ich vollkommen ruhig bin!“ Mar legte die Hand auf ihr Herz— es ſchlug gewaltſam: er ſenkte ſein Haupt, damit ſie nicht den Farbenwechſel ſehen moͤchte, welcher über ſein Geſicht fuhr. Hätte der Beſuch des Magiſters Carleborg ein vollkommenes Geheimniß verbleiben können, ſo würde Marx vielleicht ſein Gefühl ſo weit überwunden haben, 398 daß er Juſtus geſtanden hätte, er wagte es nicht, ſeiner Gattin den Beſuch mitzutheilen; da es jedoch wahr⸗ ſcheinlich war, daß ſie, wenigſtens nach ſeiner Abreiſe, durch die Unbedachtſamkeit der Conſulin erfahren würde, er wäre da geweſen, ſo zog Max die Wahrheit vor— denn könnte nicht nachher Evelyn gegen ihn mißtrauiſch werden und ſich die Vorſtellung machen, daß ihm die Eiferſucht ſeine Vorſicht diktirt hätte? Nein, Evelyns Vertrauen war ihm theurer als alles Andere: er wollte ſich um keinen Preis dem Verluſte deſſelben preisgeben. „Bin ich jetzt nicht ruhig?“ fragte ſie und heftete einen flehenden Blick auf ihren Gatten.„Ach, Marxz ich bin gewiß ruhig.“ „Du wirſt es mit jedem Augenblicke immer mehr und mehr— und warum ſollte auch wohl eine Schweſter unruhig werden, wenn ſie einen theuren Bruder wie⸗ derſehen darf? Sie kann ſich ja nur glücklich fühlen!“ „Ja, nur glücklich! Aber wie kommt es, daß.. A „Er reiſ't nach***. Jetzt kannſt Du Grüße an Deine liebe Conſtance ſchicken: Magiſter Carleborg witd die Trauung verrichten.“ „Ach, wie glücklich wird Conſtance, daß ſie ihren Gatten aus ſeiner Hand empfangen darf!“ „Moͤchte ſie es werden!“ Ein anderer Gedanke ſlog aber plötzlich durch die Seele des Barons, da er ſich des letzten Morgens in*r erinnerte, und wie Juſtus plötzlich verändert worden war, als er Conſtance bei Evelyn traf, und wie auch Conſtance verändert worden war. Wenn Mar noch ferner ſein jetziges Ausſehen, ein Ausſehen, das von großen Seelenmartern und endloſen Kämpfen zeugte, dazu legte, ſo erſchrak er. Sollte er wirklich Con⸗ ſtancen lieben? da mußte er, wenn man nach der Verheerung urtheilen wollte, welche dieſe Liebe bewirkt hatte, bis an Wahnſinn lieben. Und dennoch war er eines Opfers und eines weit größern Opfers fähig, als das erſte war; denn eine ruhige, leidenſchaftliche Liebe, wie Evelyn ſie ihm eingeflößt hatte, war im Verein mit ganz Oernwit nur gleich e den Kämpfe Max k wilden Her und zwei H zur Chre nicht faſſen dahin getric und ihr He Hier Sollte Con den Bruder Nein, Conf gegründet, Conſtance 1 welches ſie ſie mußte, merei war, und heiligſt Mann, die gang, welch Mann, der leicht ſogar in ſeinen Gewiſſen ſch wohl!... nicht ſtreng Adel und d Fanatismus fürchterlich „Warn fragte Evel „Nein „An i „Ja, antwortete tt, ſeiner ßtrauiſch ihm die Evelyns er wollte eisgeben. d heftete 3 Mar! ner mehr Schweſter ider wie⸗ fühlen!“ daß.. A ie Juſtus Oernwik 399 nur gleich einer Feder in Vergleich mit der Liebe, welche in den Kämpfen der Leidenſchaft und der Religion erzeugt war. Mar konnte dieſe wilde, unglückliche Liebe, dieſen wilden Heroismus faſſen, welche ſich und ſie opferte und zwei Herzen auf einen Scheiterhaufen legte, wo ſie zur Ehre Gottes brennen mochten; aber er konnte es nicht faſſen, warum der Fanatiker von dem Wahnſinne dahin getrieben werden konnte, ſein eigener Henker, ſein und ihr Henker zu ſein. Hier aber ſtand Mar ſtill in ſeinen Gedanken. Sollte Conſtance ihrer Liebe bewußt ſein und dennoch den Bruder des Geliebten zu ihrem Gatten wählen? Nein, Conſtance's Moralität war tief in ihrem Herzen gegründet, ihr Gefühl der Sittlichkeit unbeſtechlich. Conſtance mußte das geheime Band gar nicht kennen, welches ſie mit dem Bruder ihres Verlobten verband, ſie mußte, ſo hingeriſſen ſie von der Religionsſchwär⸗ merei war, in Juſtus von Carleborg nur den würdigſten und heiligſten von Jeſu Jüngern erblicken.„O, dieſer Mann, dieſer Mann,“ ſo beendigte Max ſeinen Ideen⸗ gang, welcher der Wahrheit ſehr nahe kam,„o, dieſer Mann, der die Herzen zweier Frauenzimmer, ja viel⸗ leicht ſogar ihr Leben, das Schickſal von vier Menſchen, in ſeinen Händen hat— kann er ruhig ſein, kann ſein Gewiſſen ſchlafen? Nein, es ſchläft nicht, das ſieht man wohl!... Und dennoch, wenn man ſeine Handlungen nicht ſtreng prüft, ſo muß man an die Reinheit, den Adel und die Hohheit ſeiner Gedanken glauben. Dieſer Fanatismus, dieſes gewaltſame, zerſtörende Leben muß fürchterlich ſein! Er bezahlt ſeine Siege theuer l „Warum ſchweigſt Du, Max? Biſt Du mir böſe?“ fragte Evelyn mit ſteigender Unruhe. „Nein, ich dachte an ihn, an ſie!“ „An ihn und an ſie?“ „Ja, an den Bräutigam und an die Braut!“ antwortete Mar, der nun wieder zu ſich ſelbſt kam. 400 antwortete Max, der nun wieder zu ſich ſelbſt kan „Gebe Gott, daß Conſtance ihren Gatten recht glückit machte!“ „Sollte ſie das nicht, ſie, die ſo gut und ſo ven nünftig iſt?“ „Mich würde ſie nicht glücklich gemacht haben!“ „Ach,“ antwortete Evelyn mit einem entzückenden Lächeln,„wie kannſt Du das wiſſen?“ „Ja, das weiß ich ganz beſtimmt: ſie iſt vernünſtt und gut, aber ſie iſt auch ſtolz und verläßt ſich allg ſehr auf ſich ſelbſt. Dergleichen Charaktere gefallen dar Manne nicht.“ „Was gefällt ihm denn beſſer?“ „Anmuth, Sanftmuth und kindliche Reinheit. An Mann will dem Gegenſtande ſeiner Liebe Schutz geben, Conſtance bedarf deſſen nicht— nur Gott und in eigenes Herz können ſie ſchützen... Doch, Eveln, wann willſt Du Deinen Bruder, Deinen Freund, ſehen’ „Ach, ſo bald wie möglich!“ „Alſo zur Theezeit und hier bei uns?“ „Ach, bei uns!“ „Ja, Mutter will ihn nicht annehmen, und dan nur bis morgen früh bleibt, ſo müſſen wir ihm ii Gaſtfreundſchaft erzeigen, die Niemand auf Oernvi vermiſſen darf.“— „Da darf ich alſo ſeine Wirthin ſein“ rief Eveln mit der ungekünſteltſten Freude aus.„Ich will nit ſputen, ich will... laß mich denken!“ und ſie ſtütte den Kopf auf die Hand und überlegte mit ſich ſelbſt. „So ſoll es ſein, theure Evelyn!“ äußerte Ma,, entzückt, daß dieſer Plan ſo glücklich ausgeſchlagen war „er wird Dich nicht immer unthätig in dem Salon Deiner Mutter ſehen; er wird Dich in Deinem eigenen Hauſe ſehen und kann ſich alſo ſelbſt überzeugen, ol nicht in der Geſtalt der jungen Hausmutter ein freund⸗ licher Genius über dieſem Hauſe ſchwebt!“ „Ach, er ſoll ſehen... ich habe in meinen wedanken wie glück Evel Geſchäfti Vor Gaſtwohn tete die W an ſeinen umhin, d welches e Oernwik verrieth, ſeinem V In Lichtſtrah viel als: werk in d ſollen dieß erhalten, blitzen, d dieſe ſchla und ſo wi Seele, m gungen d lebt, win Er v Eine Nach ſelbſt kan echt glücklit und ſo va ht haben!“ entzückende iſt vernünftt äßt ſich alln gefallen da teinheit. Da Schutz geben hott und in och, Eveln. und, ſehen 2 , und dan wir ihm in h will mich nd ſie ſtütze ſich ſelbſt. ußerte Ma, ſchlagen war dem Salon erzeugen, dh ein freund⸗ in meinen 401 wedanken ſchon meine kleinen Anordnungen gemacht. Ach, wie glücklich wollen wir ſein!“ Evelyn eilte hinaus. Noch nie hatte ſie eine ſolche Geſchäftigkeit gezeigt. „Du Engel?“ ſeufzte Mar;„moͤchte meine Liebe Dich vor aller ferneren Gefahr ſchützen können!“ Siebenunddreißigſtes Kapitel. Vor dem hohen Spiegel in einem Zimmer der Gaſtwohnung ſtand Juſtus von Carleborg und betrach⸗ tete die Veränderung, welche die letzten fuͤnf Monate an ſeinem Aeußern bewirkt hatten. Er konnte nicht umhin, dieſes Aeußere mit demjenigen zu vergleichen, welches er vor dritthalb Jahren bei ſeiner Ankunft in Oernwik beſaß, und ein leichtes Zucken in den Muskeln verrieth, daß er einſah, die Muſterung könnte nicht zu ſeinem Vortheile ausfallen. In der nächſten Secunde zog ſich gleichwohl ein Lichtſtrahl über ſeine ſtolze Stirn, und dieſer ſagte ſo viel als:„Iſt nicht dieſe körperliche Hütte ein Spiel⸗ werk in der Hand der Seele? Wenn ich es will, ſo ſollen dieſe eingefallenen Wangen ihre Anmuth wieder erhalten, ſo ſollen dieſe matten Augen von einem Feuer blitzen, das noch Strahlen von ſich werfen kann, ſo ſoll dieſe ſchlaffe, gebeugte Geſtalt ſich von Neuem erheben und ſo wie ehedem ihre Würde tragen... Es iſt die Seele, welche ſich in der Anmuth und in den Bewe⸗ gungen des Körpers abſpiegelt— ſo lange der Geiſt lebt, wird das Werkzeug leben!“ Er vertauſchte ſeinen Platz vor dem Spiegel mit Eine Nacht am Bullarſee, II. 26 40² einer Sofaecke; und während er die Rückkehr des Barong Mar und des Conſuls erwartete, welche ihn beide ver⸗ laſſen hatten, um ihm Gelegenheit zur Ruhe zu gönnen, welche er gleichwohl nicht fand, war er zu einigen Reflexionen über die ſonderbare Laune gezwungen, welche ihn nach Oernwik führte, obgleich er die„Wüſte“ ſ ſpät verlaſſen hatte, daß er jeder Stunde bedurfte, un am Tage vor der Hochzeit nach* zu kommen, wo er ſeine Mutter zu treffen verſprochen hatte und für ſich und ſeine eigene Erholung auch wohl die kurze Zeit nöthig haben konnte. Weit entfernt, daß ſeine Reiſe, wie er dem Conſul geſagt hatte, durch ſeine ſchwache Geſundheit verzögert worden war, hatte er ohne Rückſicht auf dieſelbe zwei Nächte zu Hülfe genommen, um nach Oernwik zu ge⸗ langen und dort einige Stunden ruhen zu können. Aber bis zu dieſem Augenblicke hatte Juſtus, ſo zu ſagen, jede Erklärung mit ſich ſelbſt geſcheut. Er hatte erſt nach ſeiner Abreiſe von der„Wüſte“ den Entſchluß gefaßt, dieſen Umweg zu machen, alſo wußte Grave nichts davon; und nachdem er ſich dazu entſchloſſen hatte, war er ohne Raſt und Ruhe ſo ſchnell wie möͤglich vorwärts geeilt. Jetzt aber war er hier, und während er ungeduldig darauf wartete, ſeine eigene Geſellſchaft los zu werden, war er, wie wir angeführt haben, ge⸗ zwungen, in ſein Inneres zu gehen und die Urſache zu unterſuchen. War es die Sehnſucht, Evelyn, ſeinen guten Engel, zu ſehen, oder war es Feigheit, eine feige Flucht, um gleichſam die Stunden auszudehnen, welche ihm noch übrig blieben, ehe er gezwungen war, einen Ort wie⸗ der zu ſehen, in welchem er ſchon ein großes Opfer gebracht hatte, und wo er nun das größte bringen wollte? Er geſtand es ſich, daß es eine Miſchung von dieſen beiden Bedürfniſſen war, welche vielleicht gleichwohl nur üͤber einen noch dunklen Plan brüteten, einen Plan, den nicht geiſtliche verrieth verberge Mißtrau Sieges, chen Juf Stärke, hatte, b Grave's ſeiner N reiſen, ſie auszuſetz geordnet, — ein nach alle Qualen Evelyns nicht ſei u gewit 1 Doc die Hoch Oernwik chen er konnte, Trauung Geiſtliche übrig, ei ſamkeit: ſeiner N wiſſen. „W in einem ja dadu ruhigen, beſuch in 2 des Barong beide ver⸗ zu gönnen, zu einigen gen, welche „Wüſte“ ſo edurfte, um mmen, wo nd für ſich kurze Zeit dem Conſul t verzögert eſelbe zwei wik zu ge⸗ önnen. ſtus, ſo zu „Er hatte Entſchluß ßte Grave oſſen hatte, ie moͤglich d während Geſellſchaft daben, ge⸗ Urſache zu ten Engel, lucht, um ihm noch Ort wie⸗ zes Opfer e bringen von dieſen leichwohl nen Plan, 403 den nicht allein ſein weltlicher Stolz, ſondern auch ſein geiſtlicher Muth zu entſchleiern ſich ſcheute; denn er verrieth alle Schwäche, welche er vor ſich ſelbſt ſo gerne verbergen wollte, das ganze unterwegs gefaßte tiefe Mißtrauen gegen Grave's Rath hinſichtlich des hohen Sieges, den er zu erkämpfen ging. Dieſer Plan, wel⸗ chen Juſtus mit der Kraft ſeiner wieder erwachenden Stärke, ſeiner wiederkehrenden Vernunft entworfen hatte, beſtand in nichts geringerem, als ganz gegen Grave's Rath, ganz gegen das Verſprechen, welches er ſeiner Mutter und Leonard gegeben hatte, nicht hinzu⸗ reiſen, ſich nicht der unerhörten Anſtrengung der Trauung auszuſetzen. Er wollte— dieß war jetzt noch ein un⸗ geordneter Wunſch, aber doch auf jeden Fall ein Wunſch — ein Paar Wochen in Ruhe auf Oernwik weilen, um nach allen in dem Fegefeuer der Wüſte ausgeſtandenen Qualen unter dem Einfluſſe der reinigenden Blicke Evelyns— wie himmliſch wohlthätig mußten dieſelben nicht ſein— ſeine ganze und volle Seelenkraft wieder zu gewinnen. Doch woher einen Vorwand nehmen, da er auf die Hochzeit ſeines Bruders reiſen wollte? Wenn er auf Oernwik krank werden ſollte, ſo mußte der Brief, wel⸗ chen er mit der morgen abgehenden Poſt abſchicken konnte, wenigſtens fünf bis ſechs Stunden vor der Trauung ankommen, und man konnte alſo einen andern Geiſtlichen nehmen. Aber noch blieb ein Hinderniß übrig, ein Hinderniß von großer überwiegender Bedeut⸗ ſamkeit: die Betrübniß und die herzzerreißende Unruhe inen Mutter, ihn ſo weit von ihr entfernt krank zu wiſſen. „Wenn ich,“ warf er dagegen ein,„wenn ich ihr in einem Briefe alles anvertrerute!— Ich könnte ſie ja dadurch nicht allein wegen meiner Geſundheit be⸗ ruhigen, ſondern auch die Zeit für meinen Abſchieds⸗ beſuch in der Heimath beſtimmen!“ „Doch nein, nein!“ wendete er wieder ein,„es 404 wäre unwürdig, auch noch dieſe Laſt auf ihr vorher ſchon ſo niedergebeugtes Herz zu werfen. Wie ſchreck⸗ lich würde ſie nicht leiden, wenn ſie wüßte, daß ihre Söhne Nebenbuhler ſind; wenn ſie wüßte, daß die ſtürmiſchen Wogen in meinem Innern, in meiner Seele, ſich mit Allem vermiſchen, und Alles überſchwemmen, ja ſogar meine heiligſten Gedanken, welche doch einzig und allein für Ihn aufgeſpart ſein ſollten, deſſen Kreuz ich auf mich genommen habe!“ Und in ſtummer Verzweiflung, daß er keinen Aus⸗ weg finden konnte, rang der Fanatiker die Hände. Da traf gleichſam ein Hohngelächter ſein Ohr: es war Grave's Stimme.„Sünder!“ klang es,„biſt Du ſo ſchwach, ſo feige und kleingläubig, daß Du gar nichts thun willſt, um Dich von Deinem geiſtigen Feinde und von dieſer wahnſinnigen Liebe zu befreien, welche nur ein Blendwerk des Fürſten der Finſterniß iſt? Du liebſt dieſe Conſtance nicht mehr— nein, Du liebſt nicht diejenige, welche innerhalb weniger Tage die Gat⸗ tin Deines Bruders wird... hörſt Du: die Gattin Deines Bruders! Nein, keine Andere, als Judith, hat Deinen Geiſt verwirrt; nur in der Luft, in der Phan⸗ tafie beſteht Deine Liebe. Conſtance iſt todt, todt für Dich— geh daher muthig hin: der Sieg wartet Dei⸗ ner!“... O— gebe es dort oben auch wohl die ge⸗ ringſte Gerechtigkeit, wenn er nicht nach ſo vielen tau⸗ ſend Gebeten, ſo vielen Bußübungen, unter welchen ich geſeufzt habe, meiner warten ſollte? Der kalte Schweiß brach auf der Stirn des Schwär⸗ mers hervor, ſein Kopf begann ſich zu verwirren... da vernahm er ein leiſes Klopfen, und Juſtus zerbrach mit großer Kraftanſtrengung die lähmenden Feſſeln; er ſtand auf und öffnete die Thür, durch welche der Ba⸗ ron hereintrat. „Das muß eine kurze Ruhe geweſen ſein, mein beſter Herr Magiſter!“ begann Max mit einem theil⸗ nehmenden Blicke.„Ich fürchte“— Max hatte es ſich vorgen klaren fürchte lange D ſicht de ſtance,“ über d brauch weiß, ders 2 komme von ih den re⸗ Augen ten; ſein C noch: gründe Spähr und be Baron ſpräch alles e dieſem ſterlich an de bringe ihr vorher gie ſchreck⸗ „. daß ihre „daß die iner Seele, chwemmen, doch einzig eſſen Kreuß einen Aus⸗ ände. Da : es war biſt Du ſo gar nichts en Feinde n, welche 3 iſt? Du Du liebſt e die Gat⸗ die Gattin udith, hat der Phan⸗ todt für artet Dei hl die ge ielen tau velchen ich 3 Schwaͤr⸗ rren... 3 zerbrach feſſeln; er der Ba⸗ in, mein em theil⸗ te es ſich 405 vorgenommen, um ſeiner eigenen Ruhe willen einen klaren Blick in dieſes Geheimniß zu werfen—„ich fürchte, Conſtance bekommt Gewiſſensqualen über die lange Reiſe, welche Sie ihretwegen machen!“ Das Blut ſtieg empor, ſo daß es das bleiche Ge⸗ ſicht des Magiſters in rothe Wolken einhüllte.„Con⸗ ſtance,“ ſagte er mit Selbſtbeherrſchung, denn nur über das Blut konnte er nicht befehlen,„Conſtance braucht keine Gewiſſensqualen zu bekommen, denn ſie weiß, daß ich, ſo gerne ich auch ihre und meines Bru⸗ ders Bitten erfülle, daß ich dennoch beſonders darum komme, weil ich meine Mutter wieder zu ſehen und von ihr Abſchied zu nehmen wünſche, ehe ich gen Nor⸗ den reiſe.“ „Verzeihen Sie, wenn ich etwas ſagte, das nicht ganz in dem Geſchmacke des ernſten Miſſionars war— ich dachte nur daran, daß der ritterliche Magiſter Car⸗ leborg ehemals einer Dame keinen billigen Wunſch abgeſchlagen hätte; durch meine Frau, welche mit Ihrer künftigen Schwägerin in Briefwechſel ſteht, weiß ich, daß ſie ihren Bräutigam aus der Hand eines alten Freundes entgegen zu nehmen hofft.“ Juſtus lag auf einer geiſtigen Folter. Einige Augenblicke ſtarrte er den Baron an, ohne zu antwor⸗ ten; es erſchien ihm als eine Unmöglichkeit, daß Mar ſein Geheimniß durchſchaut haben konnte— und den⸗ noch: Warum dieſen Blick, der ihn durch und durch er⸗ gründen zu wollen ſchien? Ja, dieſer Blick ging auf Spähung aus; und Juſtus war im Begriff, gereizt und beleidigt durch die zudringliche Vertraulichkeit des Barons, durch eine harte und ſtolze Aeußerung das Ge⸗ ſpräch abzuſchneiden, als der Baron ſelbſt, welcher nun alles erfahren hatte, was er wiſſen wollte, ſich beeilte, dieſem zuvorzukommen, indem er mit Evelyn's ſchwe⸗ ſterlichem Gruß hervortrat und mit ihrer Einladung an den Herrn Magiſter, den Abend bei ihnen zuzu⸗ bringen. 406 „Mit dem allergroͤßten Vergnügen, ſobald ich bein Herrn Conſul eingeſprochen habe!“ Juſtus ſchien da Auftritt ganz vergeſſen zu haben, welcher an dem let⸗ ten Abende ſeines Aufenthaltes auf Oernwik Statſ gefunden hatte; aber eine nicht unbedeutende Verlegen⸗ heit in dem Weſen des Barons erinnerte ihn daran, und ohne im allergeringſten unruhig zu werden, ſagte er mit ſeiner gewöhnlichen Sicherheit:„Ich verſtehel die Conſulin befindet ſich nicht wohlzund würde viel⸗ leicht durch den Beſuch eines Fremden allzu ſehr beun⸗ ruhigt werden. „Was ſoll man thun?“ ſagte Baron Mar lächeln,, „Meine Schwiegermutter hat ſchwache Nerven, und wie ich vernommen, haben Sie, Herr Magiſter, dieſt Nerven nicht ſehr geſchont.“ Juſtus liebte keinen Scherz; ſelbſt der unſchuldigſt war ihm zuwider, wenn es ſolche Dinge galt. Jeti aber liebte er gar keine Art des Scherzes, und die al⸗ gemeſſene Kälte, womit er die kleine Alluſton des Be⸗ rons aufnahm, ſagte dieſem, daß es ohne Zweifel das beſte ſein würde, ihr Beiſammenſein unter vier Auge ſo bald wie möglich zu beendigen, weßhalb er vorſchlug ſich ſogleich in ſeine Wohnung zu begeben. „Um eine Viertelſtunde habe ich die Ehre, mich unter die Leitung des Herrn Barons zu ſtellen!“ Ju⸗ ſtus verbeugte ſich achtungsvoll, ja faſt demüthig; und dennoch lag in dieſer Verbeugung eine Abweiſung, die Max verſtehen mußte und welcher er auch nachkam, in⸗ dem er bei ſich ſelbſt etwas murmelte von der Unbe⸗ greiflichkeit und Sonderbarkeit„einer ſolchen Compo⸗ ſition— ein religiöſer Schwärmer, ein wahnſinniger Phantaſt, arm wie eine Kirchenmaus, aber mit einer Air wie eines Fürſten, wenn er es verſchmäht, als Er⸗⸗ engel aufzutreten.“ Juſtus, welcher die angeborne Würde in ſeinen Manieren bis zu einer Ueberlegenheit ausgebildet hatte, welche ſich überall geltend machte, wenn er ſie anwen⸗ den wo Aeußer verlaſſe dieſe ſe Waffe, konnte, zen.( in der hätte, D ſeine d vollend welche und th Worte (denn Augen trotz de dennoch nehmen Baron O 1 hef ig oder ſt und u und d ſeines hielt; cheln tiſche ihrer beide ganze Orang Evelyr ausſpr uld ich bein ſchien den an dem let⸗ nwik Stat. e Verlegen⸗ ihn daran, erden, ſagte h verſtehe! würde viel⸗ ſehr beun⸗ ax lächelnd erven, und giſter, dieſ unſchuldigſe galt. Iezt und die al⸗ on des Ba⸗ Zweifel da vier Auge er vorſchlug, Fhre, mih len!“ Ju⸗ rüthig; und eiſung, die achkam, in⸗ der Unbe⸗ n Compo⸗ ahnſinniger r mit einer ht, als Erz⸗ in ſeinen vildet hatte, ſie anwen⸗ 407 den wollte— denn ſie wurden ſowohl von ſeinem Aeußeren, als auch von ſeinem Organ und der ihn nie verlaſſenden freien Artigkeit unterſtützt— Juſtus kannte dieſe ſeine Macht vollkommen, und in ihr fand er die Waffe, mit welcher er ſtets den äußern Schein retten konnte, und dieſen zu retten, lag ihm beſonders am Her⸗ zen. Er wäre vor Pein geſtorben, wenn ihn jemand in der elenden, troſtloſen, verzweifelten Lage erblickt hätte, in welcher er ſich ſelbſt ſah. Die freie Viertelſtunde wendete er an, nicht allein ſeine äußere, ſondern auch ſeine geiſtliche Toilette zu vollenden; er ebnete von Neuem ſeine Geſichtszüge, welche theils durch ſeine eigenen wechſelnden Gedanken und theils durch die von dem Baron hingeworfenen Vorte ganz in Unordnung gerathen waren; und dieſes (denn er wollte, daß Gvelyn ihn immer mit gleichen Augen anſehen ſollte) gelang ihm ſo vortrefflich, daß trotz der olivenfarbnen Bläſſe, die ſeine Wangen deckte, dennoch ſein Aeußeres vielleicht anmuthiger und ein⸗ nehmender war als jemals, da er an der Seite des Barons Max in den ſchön erleuchteten Salon trat. Der Anblick, welcher hier ſein Auge traf, wirkte heftig auf ihn ein. Er war gewohnt geweſen, Cvelyn, ſei es ſitzend oder ſtehend, nur als eine bewunderungswürdige, ſchöne und unbewegliche Wandzierde zu ſehen, bis er kam und durch die magiſche Wirkung ſeines Wortes oder ſeines Blickes den Zauber löſ'te, welcher ſie gebunden hielt; jetzt aber ſah er ſie, von einem glückſeligen Lä⸗ cheln umſtrahlt, vor einem ſchön angeordneten Thee⸗ tiſche ſitzen und ihren kleinen Wortvorrath zwiſchen ihrer Schwiegermutter und dem Conſul theilen, welche beide vor dem munter kniſternden Feuer ſtanden. Die ganze Scene, dieſer helle Salon, zur Hälfte eine Orangerie und zur Hälfte ein Spielhaus mit allen Evelyn gehörenden Kleinigkeiten, und die ſchöne, un⸗ ausſprechlich reizende Frau, vor dem Theetiſche, hatte 408 eine ſolche Miſchung von reiner Häuslichkeit, Poeſie Anmuth und Behaglichkeit, daß der aus dem Lande der Unreinen kommende Juſtus ſich auf eine wohl thätige Weiſe berührt und gehoben fühlte. Als aber Evelyn, von Roſen und Lilien übergoß⸗ ſen, nie gewohnt, ihre unſchuldigen Gefühle zu hem men, ihm entgegen eilte; als ſein Blick ihre ſchön⸗ Geſtalt überfuhr und als er ahnte, was ihre verſchän⸗ ten, geſenkten Wimpern beſtätigten, da durchbebte ißr ein Schauder, und eine Stimme in ſeinem Innern ricf „Hinweg, hinweg von hier! Jetzt iſt ſte zu heilig fir deinen Blick; die Engel haben ihre Flügel über ſie gt⸗ breitet... hinweg, hinweg! dein Weg geht abwärts— hier darfſt du nicht weilen!“ Evelyn reichte ihm ihre alabaſterweiße Stirn. „Willkommen, mein Bruder, willkommen zu uns!“ Ac, eigner Segen geveeſen ſie glaubte, es wäre Gottes wenn die Lippen des heiligen Miſſionars ſie berühn hätten. Juſtus legte jedoch nur ſeine Hand auf ihre Stin und flüſterte leiſe:„der beſte Segen, den mein Hen beſitzt, iſt für Dich, Evelyn!“ Jetzt erſt erhob Evelyn ihren Blick zu ihm empor, und in demſelben lag eine ſo kindlich fürchtende Unruhe, daß er, der ihre Gedanken ſo wohl verſtand, ſich ſchnell bückte und, da er ſich ſelbſt als allzu unheilig erſchien, um jetzt ihre keuſche Stirn zu berühren, einen leichten Kuß auf das ſeidenweiche Haar drückte. Eine Bewe⸗ gung durchflog Evelyn's Glieder; darauf ergriff ſie ihn bei der Hand und führte ihn näher herein in das Zim⸗ mer, und nachdem er zuvor der Freiherrin von G=, welche er immer mit einer zuvorkommenden, ehrfurchts⸗ vollen Artigkeit behandelt, ſein Compliment gemacht hatte, nahm er bald mit den Uebrigen Platz an dieſem entzückenden Theetiſch, welchen Evelyn ſelbſt geordnet hatte, und an deſſen oberem Ende ſie nun ſelbſt praͤſ⸗⸗ dirte gl Feſttage Ale freudevo Blicke ſ tete, al fragende recht— mit prü⸗ keit, Ele da zum nicht en der glü⸗ hätteſt! 410 „Ja, ich bin ein wenig nachläſſig geweſen un habe oft vergeſſen, daß die Arbeit mit dem Tage auf hören muß.“ „Begleiten Sie die Neuvermählten in ihre Hai math, Herr Magiſter, oder ſetzen Sie Ihre Reiſe gleit gegen Norden fort?“ fragte die Freiherrin von G- Die bloße Erwähnung dieſes fürchterlichen Worte „die Neuvermählten“ ſiel auf ſein Herz, als wäre jed Buchſtabe ein ſiedender Bleitropfen geweſen, und nu mit großer Mühe konnte er die Faſſung beibehalten „Nein, ich muß mir dieſes Vergnügen verſagen: ihn Heimath liegt mir allzu weit aus dem Wege.“ Mar, welcher mit der Seelenpein des Juſtus M⸗ leiden hatte, ſchlug vor, Evelyn ſollte ihrem ehemaliga Lehrer etwas vorſpielen; und etwas Wohlthätiger und Beruhigenderes hätte Max kaum erdenken können Juſtus ſtand hinter dem Stuhl der jungen Frau und als ſie geendigt hatte, ſagte er lieblich bittend, ſ wie die Stimme in ihrer Erinnerung lebte:„Singt ein wenig, Evelyn!“ Sie wendete ſich ſchnell um.„Ach! ſo hörte i vorgeſtern Abend Deine Stimme— ich wurde ſo frohl” Und ohne auf ſeinen verwunderten Blick zu antworten, ſang ſie das kleine Lied, welches ſie ihm zu alleref vorgeſungen hatte. Die Erinnerung an die verfloſſenen Tage, vergl⸗ chen mit der Gegenwart, ſprach ſo ſtark zu dem Herzen des Magiſters, daß er zu Evelyn's Füßen hätte finken und ſie um ihren Segen bitten wollen... Ac. wenn er ihre Lippen auf ſeiner Stirn hätte fühle! dürfen— ein ſolcher Kuß würde ihn gereinigt und Ju⸗ dith's Macht gebrochen haben! Dieſer ganze Abend, an welchem auch Juſtus einige ſeiner ſchönſten Phantaſten auf dem Inſtrumente hören ließ, war ihm gleich einer Oaſe zwiſchen zwei Wüͤſten: er kam aus einer Wüſte und wanderte nach einer an⸗ dern— ja, wandern mußte er; denn Evelyn's Frieden durfte ni geſtört n ſtören m Weſen, dieſe We Gewalt. Andern blicke, h dem ſond Verhältn die Klag machen, Alſe ſein Gef Mutter, den mit ſen, mi gern für dennoch dennoch geheime vorhande dunkle V * plauder ehrenwa faßt ha eweſen un Tage auf ihre He Reiſe gleitz von G- hen Worte wäre jeda , und m beibehalten agen: ihn ge.“ zuſtus Mi ehemaligen hlthätigene ken könna ngen Frau bittend, ſe e:„Sing o hörte ich e ſo frohl' antworten, zu allereiſ ge, vergli⸗ dem Herzen hätte ſinken ... Ac⸗ ätte fühlen igt und Ju⸗ (uſtus einigt mnente hören pei Wuſten: einer an⸗ n's Frieden 411 durfte nicht noch einmal geſtört werden. Und dieſer konnte geſtört werden: wider ſeinen eigenen Willen konnte er ihn ſtören mit ſeinen Blicken, ſeinen Worten, ſeinem ganzen Weſen, das mächtig auf ſie einwirkte; denn dieſe Blicke, dieſe Worte, dieſes Weſen war nicht immer in ſeiner Gewalt. Evelyn war ſchön, und er, obgleich von einer Andern bezaubert, konnte in einem unbewachten Augen⸗ blicke, hingeriſſen von ihrer kindlichen Lieblichkeit und dem ſonderbaren, eben ſo vertraulichen als gefährlichen Verhältniſſe, in welchem ſie zu einander ſtanden, durch die Klagen des Auges oder der Lippen ihr bemerklich machen, daß der Hauch der Reue ihn berührt hatte. Alſo: er mußte hinweg, denn eigentlich war doch ſein Gefühl für Evelyn, nächſt ſeiner Liebe zu ſeiner Mutter, das Heiligſte in ſeiner Bruſt; es war verbun⸗ den mit ſeiner Religion, mit Gott, mit ſeinem Gewiſ⸗ ſen, mit den beſten Gefühlen ſeiner Seele; er hätte gern für Evelyn's Glück ſein Leben geopfert... und dennoch— o Schwäche des menſchlichen Herzens!— dennoch empfand er in der Tiefe ſeines Herzens eine geheime Eiferſucht darüber, daß außer ihm noch jemand vorhanden war, der ſie glücklich machen konnte. Eine dunkle Vorſtellung von dieſer Schwäche war es auch, was ihn zur Flucht aufforderte. Juſtus ſagte dem Conſul und dem Baron ſeine Abſicht, ſo früh zu reiſen, daß er ſchon an dieſem Abende Abſchied nehmen mußte. „Wenigſtens nicht von uns Männern!“ ſagte der Baron.„Gewiß werden wir, mein Schwiegervater und ich, nicht verſäumen, ein kleines Frühſtück mit ihnen einzunehmen.“ „Doch bis dahin, oder heute Abend...?“ ſagte der Conſul mit einem freundlichen Kopfnicken. „... Wollen wir über das Eine oder das Andere plaudern!“ ſiel Juſtus ein, welcher gegen den wirklich ehrenwerthen Mann eine aufrichtige Freundſchaft ge⸗ faßt hatte. 412 Evelyn hatte das Geſpräch gehört und ſagte me einem zur Hälfte ſcheuen, zur Hälfte flehenden Blick 4 ihrem Gatten:„Warum dürfen wir denn nicht auch. Sie ſchwieg. „Frage den Herrn Magiſter ſelbſt, geliebte Evelhe ſo wirſt Du erfahren, daß er fürchtet, aufgehalten i werden; und ſobald Damen mit dabei ſind, ſo könne die Männer nie die Macht haben, ſich zu ſputen.“ „Ach,“ ſagte Evelyn halb mißmuthig,„könnta wir nicht...“ „Ja, ich fürchte wirklich, daß der Herr Barg Recht hat; die Verzögerung einer einzigen Stunde, einer halben, kann die Urſache ſein, daß ich nicht 1 rechter Zeit ankomme.“ Evelyn ſagte kein Wort— es wäre undankbar ge weſen, nicht zufrieden zu ſein, da er dieſen langen Un⸗ weg gemacht hatte, um ihr einige frohe Stunden 1 bereiten; einen Wunſch aber mußte er ihr doch wenig⸗ ſtens noch erfüllen, und dieſer Wunſch war ihr ſo äht⸗ lich, daß man ſie daran wieder erkannte. Juſtus ſoll nothwendig ſeine Blicke in jenes kleine Kabinet werfen. Evelyn wollte nämlich durch den Mann, welchen ſie ſt fromm anbetete, Gottes Segen auf ſich herabziehen, von dieſem Manne hatte ſie es ja gelernt, Gott zu fi⸗ den und zu lieben! „Fühlt man jetzt hier gleichſam eine Kälte?“ fragke ſte ſanft, als ſie an ſeiner Seite durch die Zimmer der geſchmackvollen Wohnung wanderte— ſie wollte ihm ihre Blumen zeigen, und dieß war Evelyn's erſte und vielleicht einzige Liſt. „Nein, meine Schweſter! Gott ſei gelobt! jett fühlt man hier dieſe angenehme Wärme, welche ſoga auf den armen reiſenden Fremdling ihre Strahlen wiiſt und ſeinem Herzen wohlthut.“ „Iſt Juſtus von Carleborg ein Fremdling in Eve⸗ lyn's Hauſe?“ fragte ſie leiſe.„Kann er es jemals werden?“ Ein b wollte Evel „O, al hier ein Fr „Vergt haſt Recht; in Deinem „Und lyn mit ein „Nein — und Du keine ander auch noch brannt hat für Dich ü „Dank beneiden!? Evelyn ſch dasjenige, „Was „Daß werden— „Ja, man ſich ſe Hinreißung Worte, die ſie rührt, nicht nur d vermag, di Gott an de „Ja, ſprachſt eir ein Frauer ſo frage: i ich gehorch über mich d ſagte m en Blick t auch.. bte Evelh gehalten 1 ſo könn puten.“ , nkönnta Herr Barn Stunde, ich nicht 4 dankbar ge langen Ur⸗ Stunden n doch wenin hr ſo ähn. uſtus ſolle net werfen. lchen ſie ſt erabziehen, zott zu fin⸗ te?“ fragte Zimmer der wollte ihn 3 erſte und elobt! jett elche ſogar ahlen wirft ig in Eve⸗ es jemalt 413 Ein bitteres Lächeln verſchloß ſeine Lippen; er wollte Evelyn nicht einmal anſehen. „O, antworte mir, ich werde unruhig; kannſt Du ier ein Fremdling werden?— ſage nicht ſo!“ „Vergib mir, Evelyn! ich bin ſo zerſtreut! Du haſt Recht; ich kann nie ein Fremdling werden, weder in Deinem Hauſe, noch in Deinem Herzen— nein, nie!“ „Und auch ich nicht in dem Deinigen!“ ſagte Eve⸗ yn mit einem ſtolzen und ſichern Lächeln. „Nein, und würde mein Herz auch noch ſo arm — und Du weißt wohl, Evelyn, daß der arme Miſſionar keine andere Heimath beſitzt— und würde dieſes Herz auch noch ſo leer und kalt, nachdem es einmal ausge⸗ brannt hat, ſo bleibt doch darin immer noch ein Platz für Dich übrig... ja, bei Gott immer!“ „Dank, Dank! Wie Viele werden mir dieſen Platz beneiden! Iſt es nicht wahr, was ſie ſagen, daß.. 2“ Evelyn ſchwieg plötzlich ſtill; ſie wußte nicht recht, ob dasjenige, was ſie ſagen wollte, recht ſchicklich wäre. „Was ſagen ſie?“ fragte Juſtus. „Daß alle Frauenzimmer von Dir hingeriſſen werden— doch darüber darf man ſich nicht wundern!“ „Ja, Evelyn, meine Schweſter! darüber müßte man ſich ſehr wundern, wenn man mit dieſer Art von Hinreißung mich ſelbſt meinte; nun aber ſind es die Worte, die ich im Auftrage meines Meiſters rede. Was ſie rührt, das iſt ſein Wort; und damit es mir gelinge, nicht nur den weiblichen Theil, ſondern ſo weit ich es vermag, die ganze Gemeinde zu wecken, ſo ertheilt mir Gott an dieſen Sabbathtagen die Gnade ſeines Geiſtes.“ „Ja, das verſtehe ich— aber.. aber.. Du ſprachſt einmal von Stürmen und Kämpfen: war es ein Frauenzimmer, welches... 2 Ach, vergib, daß ich ſo frage: ich hatte keine Abſicht damit, nein gar keine; ich gehorchte nur dem Verlangen, welches augenblicklich über mich kam!“ ———— 414 „Und warum, theure Evelyn, gehorchteſt Du ihm! Geſchah es aus Neugierde?“ „Nein, ich wollte Dich tröſten!“ „Du?“ Juſtus legte einen unbeſchreiblichen Nach⸗ druck auf dieſes Wort. „Ja, ich! ich bin ja Deine Schweſter!— Bin ich nicht... 2“ „Du biſt mein guter Engel— ja, Evelyn, das biſt Du, und darum habe ich Dir geſagt, daß ich Deiner Gebete, Deiner frommen, reinen Gebete bedarf. Aber glaube mir, es iſt nicht für Dich, etwas von den Stür⸗ men zu hören, welche ich meinte!“ „Ich will ſie ja nicht hören; ich will nur wiſſen, was ich Dich fragte!“ „Evelyn! haſt Du den Muth, ein ſolches Ver⸗ trauen entgegen zu nehmen, ein Vertrauen, das ich nicht einmal meiner Mutter gegeben habe? „Prüfe mich!“ „Wohl, Evelyn, meine Schweſter! Wenn es nun ein Frauenzimmer wäre, das alle dieſe verbrecheriſchen Kämpfe in mir erregt hätte, welche mir ſo viel gekoſtet haben— was würdeſt Du dann ſagen?“ „Ach, ich weiß nicht!“ Ein feuchter Nebel ver⸗ dunkelte ihre Augen.„Mußt Du denn unbedingt un⸗ glücklich werden? mußt Du entſagen?“ „Evelyn! kannſt Du ſo fragen? Der Platz, welcher nicht von Dir eingenommen wurde, den ſoll Keine einnehmen! Habe ich Dir das nicht ſchon geſagt? Mein Glaube gehört dem Zwecke, für welchen ich ſo viele und große Aufopferungen gemacht habe, dem Zwecke, für welchen ich ſterben werde... Doch frage mich nicht weiter: es gibt Schmerzen, die zwiſchen der Seele und Gott geheim bleiben müſſen.“ „Ich werde Dir ſtets gehorſam ſein, mein Bruder, ſtets! Ich wollte nur, wenn Du es mir ſagen wollteſt, eine einzige Sache wiſſen!“ erwiederte Evelyn mit ver⸗ ſchämter Unruhe. „We „Weiß geſagt, wo Dich und „Nein und dieß l ewig in m mein feuri möchte, au dieſe... rein und l wanderung Ein L über Evelr auf dem W gehaucht. ſeligender wandern- ich alſo ih ſachen kand Dir geling „Und ſo, Evelyn Evely Augen zu „In! worüber S Dir nur d ſelbſt Dir zwei Gege lich meine meine See deſſen zu ſammentref Du ihm! hen Nach⸗ — Bin ich , das biſt ch Deiner erf. Aber den Stür⸗ ur wiſſen, ches Vei⸗ „das ich in es nun echeriſchen el gekoſtet tebel ver⸗ dingt un⸗ 3, welcher oll Keine geſagt? en ich ſo abe, dem voch frage iſchen der n Bruder, m wollteſt, mit ver⸗ 415 „Welche Sache meinſt Du? „Weiß ſie, ahnt ſie, haſt Du ihr etwas davon geſagt, was es Dir gekoſtet hat, daß ſie ſich zwiſchen Dich und Gott ſtellte?“ „Nein, gewiß nicht! Ich habe nur eine Vertraute, und dieß biſt Du, meine Schweſter, Du, die Du auf ewig in meinem Herzen bleiben wirſt. Mein höchſter, mein feurigſter Wunſch iſt, daß ich im Stande ſein möchte, aus meiner Bruſt bis auf die letzte Erinnerung dieſe...Andere zu reißen; denn nur Dein Bild iſt rein und lauter genug, um mich auf meinen Miſſions⸗ wanderungen begleiten zu können.“ Ein Lächeln voll der ſchönſten Klarheit ergoß ſich über Evelyn's Lippen: die kleine Eiferſucht, welche ſie auf dem Wege war zu empfinden, war gänzlich hinweg⸗ gehaucht. O, welch ein froher, freudenvoller und be⸗ ſeligender Gedanke: ihr, nur ihr Bild durfte mit ihm wandern— er wollte kein anderes haben! Sie verblieben einige Minuten in tiefem Schweigen. Darauf ſagte Evelyn mit ihrer kindlichen, engelreinen Stimme:„da es ſo iſt, daß ſie von nichts weiß, und ich alſo ihr durch meine Gebete keinen Kummer verur⸗ ſachen kann, ſo will ich oft beten, ja oft, oft, damit Dir gelingen möge, was Du ſelbſt ſo ſehr wünſcheſt!“ „Und was Du ſo ſehr wünſcheſt— iſt es nicht ſo, Evelyn?“ Evelyn ſenkte, tief und verſchämt etrothend die Augen zu Boden. „In dieſem Wunſche liegt nichts, meine Schweſter, worüber Du unruhig zu werden brauchſt: er iſt bei Dir nur der Ausdruck eines Gefühls, das die Engel ſelbſt Dir eingeflößt haben. Da ich ausſchließlich nur wei Gegenſtände meiner irdiſchen Anbetung habe, näm⸗ lich meine Mutter und Dich, meine Schweſter, ſo iſt meine Seele frei, um mit verdoppelter Kraft das Werk deſſen zu wirken, der mich geſandt hat; und dieſes Zu⸗ ſammentreffen mit Dir, Evelyn, hat mir wohlgethan 416 — ja, es hat mir wohlgethan!..... Doch laß uns nun in den Saal zurückkehren— es möchte Dei⸗ nem Manne nicht gefallen, daß wir ſo lange allein ſind!“ „Ach, Max gönnt mir ſo gerne dieſe Freude; wir verſtehen unſre Blicke, und ich ſah ihn an, ehe ich Dich bat, mit mir zu kommen. Max wußte recht gut, was ich wollte, was ich wünſchte; denn an alles, was wir jetzt beſprochen haben, dachte ich damals nicht.“ „Was wollteſt und wünſchteſt Du denn, Evelyn?“ „Ach, eigentlich gar nichts“— Evelyn's Stimme zitterte vor Bewegung—„ich wünſchte nur, daß Du einige Augenblicke in dem kleinen Kabinete neben dieſem Zimmer verweilteſt.“ Juſtus betrachtete ſie mit einem tiefen, unendlichen Blicke; er errieth den Zuſammenhang in ihren Gedan⸗ ken; und als er in das kleine Kabinet trat, ſagte er ſanft und leiſe: Evelyn, meine geliebte Schweſter! Du haſt dieſes kleine Zimmer zu einem beſondern, einem heiligen Zwecke beſtimmt— iſt es nicht ſo?“ Evelyn verblieb ſtumm; doch ſogar ihr Schweigen war beredt. „Und Du haſt geglaubt“— jetzt wurde ſeine Stimme tiefer und ausdrucksvoller—„Du haſt ge⸗ glaubt, daß mein Hierſein dieſer Wohnung Glück brin⸗ gen würde?“ „Ach ja, ich wollte, daß Dein Geiſt ſie umſchwe⸗ ben ſollte, denn dann wird auch Gottes Geiſt und der Geiſt deſſen, welchen Du den Meiſter nennſt, hier ſein.“ Als Evelyn ſo redete, fuhr eine mächtige Bewe⸗ gung durch die Bruſt des Fanatikers.„Meine Schwe⸗ ſter,“ rief er mit Begeiſterung aus,„ich danke Dir— o, ich danke Dir von meiner ganzen Seele für dieſen Glauben, welcher mich in meinen eigenen Augen auf⸗ richtet; und damit mein Geiſt es wage, dieſes Zimmer zu umſchweben, in welchem ſchon jetzt Deine heiligſten Gedanken und Gefühle wohnen, will ich ihn reinigen! Ja, Er treuen( inbrünſt derfinden Sti und als nete, lo digſte C welches dieſe W kränken nachdenk und frei Die nen Lau⸗ gen Eve und der herrin. ihr Soh wahr, liebſten hatte ſo gutgelau merkt; borg ent nicht un der Con nachzuſe die Freih brauch Umſtänd. Du, lie ihre kind Eine No Doch laß chte Dei⸗ ge allein eude; wir e ich Dich gut, waz was wir 44 t. Evelyn?“ 3 Stimme daß Du den dieſen nendlichen n Gedan⸗ eſter! Du n, einem Schweigen rde ſeine haſt ge⸗ Plück brin⸗ umſchwe⸗ und der s Zimmer heiligſten reinigen! ſagte er für dieſen lugen auf 41¹7 Ja, Evelyn! dieſer Geiſt, der mit ſeinen warmen, treuen Gebeten für Dich und alles, was Dir theuer iſt, inbrünſtia beten ſoll, dieſer Geiſt wird ſich ſelbſt wie⸗ derfinden!“ Still kehrten ſie in das Geſellſchaftszimmer zurück; und als Evelyn's Auge dem Blicke ihres Gatten begeg⸗ nete, las Max in demſelben nur das reinſte, unſchul⸗ digſte Glück. Er wußte, daß Evelyn ihm jedes Wort, welches geſagt worden war, mittheilen würde; und daß dieſe Worte nichts enthalten, das ihn beleidigen oder kränken konnte, das ſah er auch an dem ernſten und nachdenkenden Weſen des Juſtus und an dem offenen und freimüthigen Blicke, welchen dieſer um ſich warf. Die Freiherrin Ebba dagegen, obgleich ſie der klei⸗ nen Launen, oder richtiger der vielen kleinen Abweichun⸗ gen Evelyns von den Forderungen des Geſellſchaftslebens und der ſogenannten Erziehung gewohnt war; die Frei⸗ herrin Ebba konnte ſich nicht recht darein finden, daß ihr Sohn dieſe Freiheiten zuließ, welche zwar, das iſt wahr, bei Evelyn nicht viel bedeuteten, aber doch am liebſten abgeſchliffen werden mußten. Die Freiherrin hatte ſowohl Evelyns fragenden Bilck, als auch das gutgelaunte Zeichen aus den Augen des Barons be⸗ merkt; und als Evelyn ſich mit dem Magiſter Carle⸗ borg entfernte, ſo ſchüttelte die gute Dame den Kopf nicht unmerklich, und da auch in demſelben Augenblicke der Conſul ſich zu ſeiner Chehälfte hinunter begab, um nachzuſehen, wie das Thermometer jetzt ſtände, ſo nahm die Freiherrin die Gelegenheit wahr und ſagte:„Es iſt dah wohl nicht Recht, mein beſter Max, daß ſie ſo ganz allein“... „Es iſt nicht Recht nach den Forderungen des Ge⸗ brauches, daß eine junge Chefrau ſich ſo ohne alle Umſtände mit ihrem ehemaligen Geliebten entfernt, meinſt Du, liebe Mutter; aber in jeder Hinſicht müſſen wir ihre kindliche und offene Freiheit als den ſicherſten Be⸗ Eine Nacht am Bullarſee. I. 27 — — 418 weis anſehen, daß dieſer Geliebte, wenn er nänlich überhaupt ſo betrachtet werden kann, ihr jetzt wirklich nur ein geliebter Bruder iſt.“ „An dem Letztern will ich nicht zweifeln; die Re⸗ ligionsſchwärmerei des armen Magiſters macht ihn ge⸗ wiß nicht disponibel für Gefühle, welche auf keinen Fall tief geweſen ſein können, da er den Muth gehabt hat, ſie ſeinem Miſſtonsberufe zu opfern. Iſt es aber auch in jeder Hinſicht Recht, daß Evelyn in ſolchen Dingen immerwährend ein Kind bleibt? Du haſt ſonſt doch ſo viele Macht über ſie!“ „Ja, Gott ſei gelobt, das habe ich! aber dieſe Macht iſt mir allzu viel werth, als daß ich ſie an Klei⸗ nigkeiten vergeuden ſollte. Evelyn wird niemals eine Frau für das Geſellſchaftsleben, und wird in keiner andern Hinſicht eine Zierde der Societät werden können, als daß ſie die Schönſte iſt.“ „Wer weiß, was ſie werden könnte, wenn Du ſelbſt es wollteſt!“ „Ach, liebe Mutter! iſt denn das Glück, deſſen ich jetzt genieße, nicht groß genug? Glaube mir, ich ver⸗ lange nichts mehr, und glaube mir auch, daß dieſes Glück von allzu zarter Natur iſt, als daß ich es für etwas auf's Spiel ſetzen will, das noch immer nur ein Schein bleibt.“ Während ſich das jetzt Geſchilderte in dem zweiten Stockwerke ereignete, ging eine andere Scene in dem erſten vor. „Nimm den Schirm weg, Charlotte... ſo! Ich glaube, mein Fieberanfall iſt bald vorüber. Stelle Dich hier neben den Sofa, mein lieber David, und ſage mir Wort für Wort wie er ausſah und was er ſagte. Ich kann mir denken— und da bedarf es gar keiner Frage— daß er natürlich ſehr beſtürzt war, da —— bin mit daß au⸗ Menſch für gar ſcheulich dem He will!“ / worden / zu bele thin in „— wenn e Du kör Sofa ſ „§ Deine denkt, „9 thäte. tes, de Glückes das hin er, als auf Oe Wahrhe darf, d angenon „N angenon nämlich wirklich die Re⸗ ihn ge⸗ f keinen ) gehabt es aber ſolchen haſt ſonſt ber dieſe an Klei⸗ nals eine in keiner nkönnen, war, da 41¹9 Du ihm anzeigteſt, daß ich ihn nicht annehmen könnte?“ „Das kann ich eben nicht ſagen; nein, er war nicht ſehr verwundert.“ „Ach ſo! er war nicht ſehr verwundert? Nun, ich bin mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, zu erkennen, daß auch ich mich nicht beſonders wundere, daß ein Menſch, ſo ohne alle Erziehung und feine Lebensart für gar nichts Gefühl hat, ja nicht einmal für den ab⸗ ſcheulichen Skandal, daß er nicht angenommen wird in dem Hauſe, welches er mit ſeinem Beſuche beehren will!“ „Was ſagſt Du, Nelly— iſt er nicht angenommen worden, wenn auch Du nicht“ 2 „David, ich hoffe, Du haſt nicht die Abſicht, mich zu beleidigen— bin ich, oder bin ich nicht die Wir⸗ thin in dieſem Hauſe?“ „In dieſer Wohnung, mein Schatz!“ „In dieſem Hauſe, meine ich! Was will das ſagen⸗, wenn ein ſolches Kind wie Evelyn die Wirthin agirt? Du könnteſt eben ſo gut eine große Puppe auf den Sofa ſetzen.“ „Hoͤre, meine Liebe; Du biſt nicht ſehr artig gegen Deine Tochter, und ich glaube, daß Mar hierin anders denkt, als Du.“ „Ich würde ihm ſehr böſe ſein, wenn er das nicht thäte. Es gebührt dem präſumptiven Erben dieſes Gu⸗ tes, denjenigen, durch welche er in den Beſitz ſeines Glückes gekommen iſt, die größte Achtung zu zeigen; das hindert jedoch nicht im Allermindeſten, daß ſowohl er, als auch die ganze Welt erkenne, wer eigentlich auf Oernwik Wirthin iſt— und darum iſt es eine Wahrheit, in welcher kein Buchſtabe geändert werden darf, daß Magiſter Carleborg in dieſem Hauſe nicht angenommen worden iſt.“ „Nun, ſo iſt er wohl wenigſtens von dem Wirthe angenommen worden, ſollte ich meinen?“ 42²⁰ „Auch das nicht, da er bei Deinem Schwiegerſohne zu Gaſte iſt und nicht bei Dir... doch gleichviel— ich komme wirklich durch Deinen Eigenſinn in Schweiß, David!— Charlotte, gib mir die kühlende Limonade! — gleichviel, ſage ich, er muß aber doch wohl durch Blicke ſein Bedauern, ſeine Surpriſe verrathen haben?“ „Er ſagte nur, er bedauerte, daß er nicht die Ehre haben dürfte, Dir ſein Compliment zu machen.“ „So leger mir ſein Compliment zu machen— es ſchickt ſich gewiß für ihn, einen armen Adjunkten, ſich ſo unehrerbietig über ſeine ehemalige Prinzipalin zu äußern! Doch ich verachte den Kerl, ich verachte ihn vollkommen, und hoffe, auch Evelyn wird ihre Würde als meine Tochter aufrecht zu halten gewußt haben, daß ſie ihm eine gebührende Kaͤlte gezeigt hat!“ „O, Evelyn iſt ja ein Kind— warum willſt Du Dich auf ſie verlaſſen!“ „Keine Sarkasmen, keine Piquen, oder ich ziehe nie hinweg— hoͤrſt Du, David!— beſtimmt niemals!“ „Nun, nun, Nelly, komm endlich zu Dir ſelbſt! ich bin wirklich unzufrieden mit Dir! Ich wäre gar nicht heruntergekommen, wenn ich nicht glaubte, Du wäreſt beſſer... ja, wirklich, ich glaubte, Du wäreſt wieder ſo vernünftig geworden, daß Du den Magiſter auf einen Augenblick ſehen wollteſt!“ „Ich?— nein, nie!... Sage ihm, ich verſtände ſehr wohl, daß dieſe Geſandtſchaft von ihm käme; ſage ihm aber auch, ich wäre eine allzu aufgeklärte Dame, um eine Leſerin zu werden; an mir wäͤren ſeine ver⸗ rückten Phraſen verloren!... Geh, David!— ich bin ſo matt, und bedarf der Einſamkeit!“ Der ehrliche Conſul, welcher ſeine Hoffnung in Rauch aufgehen ſah, ging ſtill und geduldig ſeines Weges. „Was iſt Deine Meinung, Charlotte? Glaubſt Du nicht, daß ſein Hochmuth eine tüchtige Niederlage erleidet, wenn er ſich von derjenigen Perſon zurückge⸗ erſohne diel— hweiß, onade! ldurch aben?“ ie Ehre — es n, ſich alin zu hte ihn Würde en, daß llſt Du icch ziehe emals“ ſelbſt! äre gar te, Du u wäreſt Magiſter verſtände ne; ſage e Dame, eine ver⸗ 1— ich nung in g ſeines Glaubſt tiederlage zurückge⸗ — 421 ſetzt ſieht, deren Achtung und Gewogenheit in dieſem Hauſe ihm natürlich über alles am Herzen liegen muß?“ „Ja,“ entgegnete die Favorite, welche ſich für jeden Preis das Glück erkaufen wollte, den vergötterten jun⸗ gen Geiſtlichen zu betrachten,„ich glaube wirklich, es wird ihm in ſo hohem Grade leid thun, daß ſeine ſchwache Geſundheit darunter leidet; und wenn ich meine Meinung ſagen dürfte, ſo glaube ich, es würde mehr mit Ihrer allgemein bekannten Großmuth und Ihrer allgemein gerühmten edlen Geſinnung überein⸗ ſtimmen, wenn Ihro Gnaden ihn mit einer Einladung überraſchten.“ „In Deinen Worten, meine beſte Charlotte, liegt nichts Böſes, und ich zweifle wirklich nicht, daß ſeine Geſundheit leiden wird— reizbare Seelen wie die ſei⸗ nige fühlen alles tief— aber, Charlotte, obgleich ich glaube, daß der arme Mann an jenem Abende, da er mich bekehren wollte, einen Anfall von Wahnſinn hatte, ſo bin ich es dennoch mir ſelbſt und meiner Würde ſchuldig, nicht das Geringſte nachzugeben... ich kann ihn alſo nicht ſehen!“ „Aber Damen von Ihro Gnaden Stande und Stellung erlauben ſich vieles, das nicht für Andre iſt.“ „Gewiß— das alles iſt ſehr wahr, meine gute Charlotte— aber ich habe nun einmal meinen Ent⸗ ſchluß gefaßt, und die geringſte Aenderung darin könnte ihn auf den Glauben führen, ich huldigte ſeinem ver⸗ rückten Eifer.“ Mamſell Charlotte antwortete nicht, denn da ſie die Hoffnung aufgeben mußte, den idealiſchen Geiſtli⸗ chen, ihr Orakel zu ſehen, ſo kehrte ſie ſich auch nicht weiter daran, der wahnſinnigen Eitelkeit ihrer Gebie⸗ terin zu ſchmeicheln. Mamſell Charlotte war nunmehr ſo feſtgewachſen an ihrem Plaze, daß ſie keinen Bruch zu fürchten hatte, und daher erlaubte ſie es ſich bis⸗ weilen, da ihr mühevoller Beruf ihr zuwider war, durch 4²² zu geben, daß ſte müde war. „Nun, was ſagſt Du, Charlotte?“ „Gar nichts, Ihro Gnaden!“ „Es iſt doch achtungswerth, ſollte ich meinen, in ſeinen Grundſätzen feſt zu ſein!“ „Befehlen Ihro Gnaden Ihre Chokolade?“ Juſtus hatte Abſchied genommen von Evelyn, ei⸗ nen ſchönen, ruhigen, milden Abſchied; aber er hatte es nicht gewagt, ſeinem Wunſche gemäß den Kuß zu begehren, den ihre Lippen auf ſeine Stirn drücken ſoll⸗ ten. Es war ja genug mit demjenigen, was ſie ihm in dem kleinen Zimmer geſagt hatte:„Ach ja, ich wollte, daß Dein Geiſt dieſe kleine Wohnung umſchwe⸗ ben ſollte, denn dann wird auch Gottes Geiſt und der Geiſt deſſen, welchen Du den Meiſter nennſt, hier ſein!“ Ja, dieſe Worte waren hinreichend; in dieſem ſchönen Glauben hatte ſie ihr heiligſtes Verkrauen, ihre heiligſte Ueberzeugung ausgedrückt— ſie, der reine Engel, ſah ihn Gott nahe ſtehen. In dieſer Nacht ſchlief Juſtus ſeit langer Zeit zum erſten Mal wieder einen ruhigen Schlaf, welcher durch keine wilden, verwirrten Träume geſtort wurde; Evelyn und ſeine Mutter ſaßen bei ihm, Judith's Macht war vernichtet— ach, es war eine ſchöne, eine himmliſche Ruhe! Er wünſchte beim Erwachen, daß dieſer Schlaf wochenlang gedauert hätte. Doch ſein vergeblicher Wunſch diente zu nichts: er mußte hinweg, weit hinweg von dieſer reinen und glücklichen Wohnung zu neuen Käm⸗ pfen, zu neuen Siegen. Die Unterredung mit dem Conſul war lang, und nachdem Juſtus erfahren hatte, wie geringe die Hoff⸗ nung des Conſuls war, ſeine Lieblingsidee erfüllt zu ſehen, bemühte er ſich, einen Geiſt zu erwecken, welcher Schweigen oder einen halben Widerſpruch zu erkennen den Ta⸗ leihen k waren mit frei auch tr ſeine A daß Lü ſelbſt he Max be duld— M geworde ſchlag. Mein Oernw ehe ich Ruhe ſt ner Ev dahin 1 t, hier dieſem en, ihre rreine eit zum r durch Evelyn ht war imliſche Schlaf Wunſch den Tagen des armen Mannes Troſt und Frieden ver⸗ leihen konnte. Und ſo rührend, ſo kraftvoll und warm waren ſeine Beweiſe für den Satz: was wir einmal mit freiem Willen beſchloſſen haben, das köͤnnen wir auch tragen; ſo innig, ſanft und wohlwollend waren ſeine Aufforderungen, die Kraft nicht weichen zu laſſen, daß Löwe mit aufgerichtetem Haupte ſagte:„Gott ſelbſt hat Sie in unſer Haus geſchickt, Herr Magiſter! Max beſitzt vielen Verſtand, viele Güte und viele Ge⸗ duld— doch ſo kann er nicht reden!“ Max und Juſtus, die an dieſem Abende„Brüder geworden waren,“ gaben einander einen warmen Hand⸗ ſchlag.„Wann,“ fragte Max,„ſehen wir Dich wieder? Mein Herz iſt ſo voller Vertrauen, daß ich ſage: ſieh Oernwik als eine Heimath an!“ „Wenn ich von meiner erſten Miſſionsreiſe zurückkehre, ehe ich die zweite antrete, will ich an Deinem Herde Ruhe ſuchen und mich an dem Glanze der Blicke Dei⸗ ner Evelyn ſonnen!“ Achtunddreißigſtes Kapitel. „Noch gebe ich die Hoffnung nicht ganz verloren; aber, der Henker, wir ſind am Ende gezwungen, ihr um drei Stunden gute Nacht zu ſagen— das ſind wir, meine liebe, gute, ſüße Mutter!— wenn er ſich bis dahin nicht einzufinden beliebt, der Schelm!“ Wir brauchen wohl kaum zu erwähnen, daß Leonard dieſe Worte zu ſeiner Mutter ſagte, und er hatte eben daſſelbe wohl wenigſtens zwanzigmal geſagt, wäh⸗ rend er zwiſchen der Wohnung ſeiner künftigen Schwie⸗ germutter und den Zimmern ſchräge gegenüber, die er —— 424 und Frau Hedwig bewohnte, welche letztere in der ſichern Hoffnung, ihren Juſtus zu treffen, mit ihrem lieben Stiefſohne nach**r gekommen war. Frau Hedwig ſaß ſtill und betrübt in der Ecke des Sofas. Es that ihr weh, daß ſie an Leonard's Ehren⸗ tage nicht froh ſein konnte; doch außer der unausſprech⸗ lichen Angſt um Juſtus— welcher ſchon am geſtrigen Mittage hätte ankommen ſollen und noch jetzt, drei Stunden vor der Trauung, nichts von ſich hatte hören laſſen— außer dieſer Angſt war noch mehr vorhanden, was Frau Hedwig's Gemüth drückte, und das war, nachdem ſie Conſtancen nun zum zweiten Male geſehen hatte, die Ungewißheit, ob ihr Leonard durch dieſe CEhe wohl wirklich glücklich werden würde. Wenigſtens ver⸗ ſprach die Hochzeit, wenn man nach den Ausſichten ur⸗ theilen wollte, nicht beſonders fröhlich zu werden; und was den ſo oft verſprochenen Tanz an Leonard's Eh⸗ rentage betrifft, ſo war derſelbe gänzlich eingezogen worden— gewiß nicht von Leonard ſelbſt, denn et hätte von Herzen gern ein Tänzchen gemacht und mit dem größten Vergnügen geſehen, daß die Gaͤſte ſich fröhlich um ihn her bewegt hätten; doch hatte Con⸗ ſtance trotz ſeiner dringenden Vorſtellungen ihm ſeinen Wunſch nicht gewähren wollen. Sie hatte erklärt, eine Hochzeit wäre etwas allzu Ernſtes und Wichtiges, als daß man dabei eine ſo leichtſinnige Zerſtreuung wie Tanz vornehmen dürfte. „Aber ſo ſage doch etwas, Mütterchen! ſage doch nur ein Wörtchen!“ fuhr Leonard etwas ungeduldig fort, als Frau Hedwig ſchwieg. „Was ſoll ich ſagen, mein Kind, das ich nicht ſchon geſagt habe? Nachdem mein Herz voll Bewe⸗ gungen zwiſchen Furcht und Hoffnung, Freude und Un⸗ ruhe ausgeſtanden hat, iſt nun ſeit geſtern Mittag, da er hier ſein ſollte, die peinigendſte Unruhe mein Loos geworden. Vergebens frage ich mich: Was kann ihn geweſen, es bleibt Juſtus d „Ja zu verſpr vikariren und dahe zu wünſche ſprechen; „Haſ ſehen?“ „Nei „Die „Das zählte, ſi ſein und ſte bis da Leonards ſichern lieben cke des Ehren⸗ zſprech⸗ eſtrigen „ drei hören —— handen, 3 war, geſehen eſe Che ns ver⸗ ten ur⸗ 1; und 's Ch⸗ gezogen enn et nd mit ſte ſich e Con⸗ ſeinen t, eine s, als ng wie ge doch eduldig nicht Bewe⸗ nd Un⸗ ag, da n Loos nn ihn 425 aufhalten? Und meine Angſt antwortet: nichts anders als eine Krankheit!“ „Ach nein, Mütterchen; darüber können wir ruhig ſein; wäre ein ſolches Unglück geſchehen, ſo hätten wir einen Expreſſen gehabt!“ „Einen Expreſſen? woran denkſt Du? Ja, wenn es hier in der Nähe eingetroffen wäre; doch Du ſiehſt wohl ein, daß er auf einem ſo langen Weg an vielen Orten krank werden kann, ohne daß ein Expreſſer zu uns kommt... Aber Du biſt doch wohl ſo vorſichtig geweſen, mit einem andern Geiſtlichen zu reden? denn es bleibt uns jetzt nur ſehr wenig Hoffnung übrig, daß Juſtus die Trauung verrichten kann.“ „Ja, der Paſtor B— hat die Güte gehabt, mir zu verſprechen, in dem ſchlimmſten Falle für Juſtus zu vikariren; aber Conſtance mag den Paſtor B— nicht, und daher iſt das noch ein Grund mehr für mich, zu wünſchen, daß er keine Gelegenheit erhält, ſein Ver⸗ ſprechen zu erfüllen.“ „Haſt Du Conſtancen noch nach dem Frühſtück ge⸗ ſehen?“ „Nein; aber die Schwiegermutter ſagte es.“ „Die Braut ſitzt wohl ſchon bei ihrer Toilette?“ „Das glaube ich kaum; die Schwiegermutter er⸗ zählte, ſie hätte verlangt, bis um ſechs Uhr allein zu ſein und nicht geſtört zu werden; und ich fürchte, daß ſte bis dahin nicht an das Kleiden denkt.. Man konnte nicht umhin, zu bemerken, daß Leonard die letzten Worte in einem Tone äußerte, in welchem eben keine Zufriedenheit lag. „Ihr Gemüth iſt natürlich mit dem wichtigen Schritte beſchäftigt, den ſie heute thut,“ entgegnete Frau Car⸗ leborg;„es iſt ſo mit allen jungen Mädchen, welche die hohen Pflichten fühlen und bedenken, die ſie zu übernehmen im Begriffe ſtehen.“ „Ja, ja, ſo iſt es wohl!“ Ein Seufßzer erleichterte Leonards Bruſt. 426 „Du biſt ſelbſt ſo feinfühlend und verſtändig, mein Sohn, und kannſt daher dieſes Verfahren Deiner Braut nicht mißbilligen; es würde Dir mißfallen und Dich beleidigen, wenn ſie dieſes ſchäkernde kindiſche Benehmen oder dieſe gedankenloſe Gleichgültigkeit zeigte, welcher alles einerlei iſt.“ „Das iſt wahr, liebe Mutter; dieß wäre nicht gut; doch gibt es auch noch etwas anderes, das... das— ach, es iſt ſo peinigend zu ſagen— das für den Bräutigam nicht erfreulich ſein kann, und wenn er auch noch ſo gerne herzlich froh ſein wollte; ich meine dieſen Ernſ, welcher wirkliche Eisberge um ſich her bettet... Nun, nunl jetzt bin ich ein Narr; es verlohnt ſich nicht der Mühe, von Dingen zu reden, die ſich nicht an einem Tage beſſern laſſen; und obgleich ich nicht an meinem Hochzeittage tanzen darf, ſo darf ich vielleicht nachher um ſo mehr auf Roſen tanzen... nicht wahr, Müt⸗ terchen?“ „Ja wohl, mein Leonard! Es wäre ſonderba, wenn nicht Deine gute und frohe Laune auf Deine Frau Einfluß haben ſollte— ich hoffe es von ganzem Herzen, denn ſie iſt ein vortreffliches Mädchen, Deine Conſtance.“ „Ja, Du mein Herr und lebendiger Gott! ſie iſt nur allzu vortrefflich!... Aber ich ſehe, mein Müt⸗ terchen, daß Du immerwährend nach dem Fenſter ſiehſt und lauſcheſt! Nein, verlaß Dich darauf, ich werde es ſchon hören! Das iſt ein verdammtes Spektakel; ich bin ſo verdrießlich, daß ich vor Aerger weinen möchte, wenn es nicht ſo raſend wäre, an ſeinem Hochzeittage zu weinen... Still, um das brennende Leben!... es fährt! Aber dieſe mit Duft bedeckten Doppelfenſter belieben mir eine Florhaube aufzuſetzen— ich muß hinaus!... Ach, ſo verdrießlich— der Schlitten biegt um die Ecke! Noch einmal angeführt— und wir haben nun bald bloß zwei Stunden übrig! Ich muß wohl bald anfangen, mich in Parade zu ſetzen.“ „Ja, es wird Zeit!“ — Fre nehmend leiden. Wunſch lichen§ Umſtänd nur die gann er, Angriff i Ja, wal fenden 3 öden Hei ich es vo Bitte ab Wenn n abſchlage bereden, ig, mein er Braut und Dich zenehmen welcher iccht gut; das— räutigam )noch ſo en Ernſt, .. Nun, nicht der an einem i meinem t nachher hr, Müt⸗ onderbar, eine Frau m Herzen, onſtance.“ t! ſie iſt ein Müt⸗ ſter ſiehſt werde es l; ich bin hte, wenn ittage zu ſen!... ppelfenſter ich muß tten biegt vir haben wohl bald 427 Frau Hedwig ſaß da in der immer mehr überhand nehmenden Unruhe und empfand die größten Seelen⸗ leiden. Wie gerne, wenn ſie nur gewagt hätte, ihren Wunſch auszuſprechen, wäre ſie ganz von dieſer feier⸗ lichen Handlung hinweggeblieben, welche unter ſolchen Umſtänden ihr unerträglich lang werden mußte; doch nur die kleinſte Anſpielung auf einen ſolchen Wunſch würde den ehrlichen Leonard ſo betrübt haben, daß Frau Hedwig kein Herz dazu hatte. Noch eine Viertelſtunde ging Leonard auf und ab. Endlich brach er das Schweigen.„Liebe Mutter,“ be⸗ gann er,„ich muß ſagen, daß Du Dich noch auf einen Angriff in Betreff meines Reiſevorſchlages bereiten mußt! Ja, wahrhaftig! je mehr ich an den nun bald eintref⸗ fenden Zeitpunkt denke, da ich mit Conſtancen in der öden Heimath allein wohnen werde, um ſo härter finde ich es von Dir, daß Du mir meine ſo herzlich gemeinte Bitte abſchlägſt, mit uns an den Bullarſee zu kommen. Wenn nur Juſtus hier wäre! Ihm kannſt Du nichts abſchlagen— und er würde Dich gewiß zu demjenigen bereden, was ich vergeblich von Dir erbettelt habe.“ „Nein, Leonard! Dazu ſoll Juſtus mich eben ſo wenig bereden als Du— das iſt ein Vorſatz, den mir die Klugheit vorſchreibt. Du mußt mir glauben, wenn ich Dir ſage, daß ihr euch ſchneller und leichter kennen lernet, wenn kein Zwiſchenglied da iſt... Doch ſtill! nun fährt es wirklich! Laufe hinunter, guter Leonard!“ — und die immer mehr ermattete Frau Hedwig konnte ſich kaum noch aufrecht erhalten. Aber noch einmal hatte die Hoffnung ſie getäuſcht; und bald war der Bräutigam gezwungen, ſich von der geliebten Mutter zu trennen, weil beide an ihren Anzug denken mußten. Die Uhr ſchlug halb ſechs, als Leonard fertig war und zu ſeiner Mutter zurückkehren wollte. Da erhielt 428 er die Nachricht, daß ſeine Braut mit ihm zu ſprechen wünſchte, und er eilte augenblicklich wie ein Pfeil über die Straße, obgleich er in ſeinem Innern dachte, daß es ein ſonderbarer Zeitpunkt zu einer Unterredung wäre; doch ſie wollte ihn gewiß fragen, ob er noch nichts von Juſtus gehört hätte. In dem äußern Zimmer— die Hochzeit ſollte im Hauſe nebenan in einem gemietheten Locale gefeiert werden— ging Frau Waller ſchon gekleidet umher und hatte mit ihrem ewigen Aufräumen zu thun. „Conſtance iſt im andern Zimmer, ſie will mit Dir reden, aber ſie hat den Schlüſſel ausgezogen— wir wollen anklopfen!... Oeffne, mein Kind: Dein Bräutigam iſt hier!“ Im nächſten Augenblicke ging die Thür auf und Leonard trat in ein Zimmer, worin gar nichts auf eine Brauttoilette, ja auf irgend eine Art von Toilette hin⸗ deutete, ſo fern man nicht etwas dergleichen unter einer großen Serviette ahnen wollte, die über das Bett ge⸗ breitet war. Und dennoch waren bis zur Trauung nur noch anderthalb Stunden übrig! Wenn Conſtance ſchon am Morgen, da ſie ihren Bräutigam zuletzt geſehen hatte, ſehr ernſt und kalt ausſah, ſo war dieſes Ausſehen nun ſo feſt gefroren, daß ihre Perſon, ihr Geſicht, ihre Stellung und ihr ganzes Weſen das treueſte daguerrotypiſche Gemälde einer ſtrengen Puritanerin darſtellte, welche noch nie das Fenſter der Welt im Geringſten geöffnet und noch nie einem Hauch von dem frohen Sonnenſcheine dort draußen erlaubt hatte, zu ihr einzudringen und ihre Wangen zu liebkoſen. „Ich habe mir gedacht, mein lieber Leonard,“ be⸗ gann ſie in einem Tone, der glücklicherweiſe etwas mehr Wärme beſaß als ihr Aeußeres,„daß wir die halbe Stunde, welche uns noch übrig iſt, ehe die weltlichen Angelegenheiten uns in ihre Macht bekommen, nicht — —* würdiger binnen ku Menſchen Andacht ſ Man raſcht wa fühl, we ihrer rech herzlicher geliebte C bei ihm g „Dar Seufzer ſt wahren F Tage ihre alſo an di große Ver übernehme doch mit ſprechen eil über te, daß g wäre; chts von ollte im gefeiert her und mit Dir — wir Dein auf und auf eine ette hin⸗ ter einer Bett ge⸗ nur noch ſie ihren und kalt gefroren, und ihr Gemaͤlde noch nie und noch eine dort und ihre ard,“ be⸗ was mehr die halbe weltlichen en, nicht 429 würdiger anwenden könnten, als wenn wir, die wir binnen kurzer Zeit unſre Gelübde vor den Augen der Menſchen ablegen wollen, dieſelben jetzt durch eine kurze Andacht ſchon vorher vor Gott niederlegen.“ Man ſah es Leonard an, daß er ein wenig über⸗ raſcht war; doch er unterdrückte augenblicklich das Ge⸗ fühl, welches dieſe religiöſe Handlung nicht ganz an ihrer rechten Stelle finden wollte, und antwortete mit herzlicher und inniger Liebe:„Ich verſichere Dich, meine geliebte Conſtance, daß meine Gedanken heute ſehr oft bei ihm geweſen ſind!“ „Daran zweifle ich gar nicht; doch dieſe flüchtigen Seufzer ſind nicht genug. Wollen unſre Herzen eines wahren Friedens genießen, ſo bedürfen ſie an jedem Tage ihres Umganges mit Gott, und um wie viel mehr alſo an dieſem wichtigen Tage, an welchem wir eine ſo große Verantwortlichkeit, ſo heilige und ernſte Pflichten übernehmen! Dieß iſt unſre erſte gemeinſame Betſtunde; doch mit Gottes, des heiligen Geiſtes und unſers Mei⸗ ſters Beiſtand wird es nicht die letzte ſein, in welcher wir unſere Seelen mit einander Troſt finden laſſen.“ Nach dieſen Worten, welche— wir ſind genöthigt, es zu geſtehen— Leonards Muth herabſtimmten, anſtatt ihn zu erheben— trat Conſtance an einen kleinen Tiſch, auf welchem einige Bücher in ſtreng ſektireriſchem Geiſte und eines derſelben geöffnet lagen. Sie winkte Leonard, ſich neben ſie zu ſetzen und bat ihn, indem ſie ſelbſt das Haupt auf die gegen den Tiſch geſtützte Hand legte, er moͤchte laut leſen. Sie hatte die Seite gezeichnet, wo er anfangen ſollte: es war eine Betrachtung für Eheleute und betraf beſonders die Verträglichkeit, welche ſie ſich gegenſeitig ſchuldig wären, falls das wichtigſte aller Bedürfniſſe, die Sorge für die Rettung der Seele, das Suchen der Seele nach Licht, bei dem Einen früher erwachte, als bei dem Andern; und Leonard trug dieſes zwar nicht mit der Stimme ſeines Bruders Juſtus vor, aber doch 43⁰ mit ſeiner eigenen guten und gleichmäßigen Stimme, welche an einen wuͤrdigen und chriſtlichen Hausvater erinnerte. Conſtance weinte nicht während er las und zeigte auch keine andere Zeichen der Rührung; als aber Leonard das Buch zumachte, verrieth ihre Stimme eine große Betrübniß, als ſie ſagte: 3 „Der Buchſtabe iſt todt, wenn der Geiſt ihn nicht zu beleben vermag!“ eeurd ſah mißvergnügt aus; doch antwortete er nicht. Gleichwohl hatte Conſtance Recht: der Buchſtabe bleibt todt, wenn der Geiſt ihn nicht belebt. Aber Conſtance's eigener Geiſt war nicht länger zufrieden mit der einfachen, ruhigen Sprache, welcher ein tiefes, doch nicht übertriebenes Gefühl ſein mildes Leben leiht, ſonſt würde ſie ſich nicht ſo ausgedrückt haben; denn obgleich dieſe Worte, welche Leonard ihr vorlas, eine fremde und geheimnißvolle Bedeutung hatten, ſo war dennoch ſeine Seele mit ihnen, denn er verſtand ſie nach ſeinem Glauben. Aber dieſen Schwärmern und Schwärmerinnen, welche ihre überreizten Sinne bald an den Schmelzöfen der Liebe, bald an denen des Abgrundes auffriſchen müſſen, iſt es nothwendig, daß die Worte nicht gele⸗ ſen, ſondern deklamirt und von beredten Stellungen und einer ausdrucksvollen Mimik begleitet werden, wodurch die⸗ ſelben erſt Werth und volles Leben erhalten können. Hören ſie dagegen die Worte ſogar aus ihren eigenen geliebten Andachtsbüchern auf eine andere Weiſe, ſo bleiben auch dieſe Worte ohne ihre wunderthätige Kraft. Conſtance erklärte inzwiſchen dieſen Umſtand ſo, daß Leonard, welcher noch nicht von dem„Geiſte“ berührt worden war, auch natürlicherweiſe keine Macht über ſeine Stimme beſitzen konnte— daher kam ihre Betrübniß, denn ſie hatte es ſich heilig gelobt, auf jede Art an ſeiner Er⸗ löſung zu arbeiten. Jet dere St mit ſtum Sie emg welche ij erſchütte wahren, für ihrer und für empfinde in Thrä⸗ den Glan was bed Lippen, ſank.„E anſehen! Leor nicht ſo ihm ſon „Conſtan nicht ſo guten u Die drangen ihr Vo⸗ anders andern Stimme, ausvater ad zeigte Leonard ne große hn nicht 4 ortete er zuchſtabe t. Aber eden mit fes, doch iht, ſonſt obgleich mde und och ſeine ſeinem nerinnen, melzöfen uffriſchen ht gele⸗ ngen und durch die⸗ n. Hoͤren geliebten ben auch Conſtance Leonard, worden Stimme denn ſie einer Er⸗ 43¹ Jetzt nahm ſie ſelbſt das Buch und ſchlug eine an⸗ dere Stelle über eben denſelben Gegenſtand auf; doch mit ſtummer Verzweiflung fühlte auch ſie ihre Ohnmacht. Sie empfand wohl eine fürchterliche Angſt, eine Angſt, welche ihren Augen Thränen entpreßte und ihre Glieder erſchütterte; doch war dieſe Angſt weit entfernt von der wahren, der rechten Angſt, die eine bekümmerte Seele für ihren eigenen Frieden, für ihre eigene Reinigung und für den Frieden und die Reinigung eines Andern empfindet; denn in dieſem Falle würde ſich die Angſt in Thränen der Seligkeit mit einem frohen und hoffen⸗ den Glauben aufgelöst haben.„Mein Gott, mein Gott! was bedeutet dieſe Finſterniß?“ flüſterten ihre bleichen Lippen, indem ihr Haupt auf die gekreuzten Arme herab⸗ ſank.„Sollteſt Du dieſen Bund nicht mit Wohlgefallen anſehen?“ Leonard konnte das junge, ſchöne, blaſſe Mädchen nicht ſo bewegt, ſo erſchüttert ſehen, ohne ſelbſt eine ihm ſonſt ungewöhnliche Erſchütterung zu empfinden. „Conſtance!“ ſagte er und ergriff ſanft ihre Hand,„bebe nicht ſo: Gott iſt gut; er wird uns ſegnen und unſern guten und reinen Vorſatz anſehen!“ Dieſe ſo einfachen, aber doch ſo warmen Worte drangen wie ein Stich durch Conſtance's Herz. War ihr Vorſatz rein, war er gut?— Ja, er konnte nicht anders ſein. „Laſſet uns beten!“ ſagte ſie, indem ſie ſich heftig erhob und zwei kleine Kiſſen vor den Tiſch auf den Fußboden warf. Sie ließ ſich ſelbſt auf das eine nieder und unwillkürlich ſenkte ſich auch Leonard auf das andere. „Jetzt entſtrömten Conſtance's Lippen unzuſammen⸗ hängende Worte; ihre innere Arbeit— wann dieſes Wort hier erlaubt ſein kann— war ſo mächtig, daß ſie ihren ganzen Körper erſchütterte; ſie lag mit dem Ge⸗ ſichte auf der Erde und Leonard glaubte zuletzt, daß ſte krank war, denn die eine krampfhafte Zuckung nach der andern zog ſie immer tiefer und tiefer herab.„Um 4³² Gottes Barmherzigkeit willen, laß es nun ein Ende haben!“ ſagte er mit redender Unruhe,„erlaube mir, daß ich Dir helfe— ich bitte, ich bitte Dich von ganzem Herzen zu bedenken, daß Du Dich bald, ja ſchon um eine Stunde, vor fremden Blicken zeigen ſollſt!“ Einige Augenblicke antwortete Conſtance nicht; dann aber nahm der Parorismus ab und zuletzt erhob ſie ſich und ſtand eben ſo ernſt und düſter wie vorher vor ihrem Bräutigam, dem ſie nun die Hand reichte, welche ſie ihm eben entzogen hatte. Verlaß mich nun, guter Leonard! Ich hoffe, daß ſpäterhin, wenn unſere Gefühle erſt in größere Sympathie mit einander ge⸗ kommen ſind, unſre Andachtsſtunden uns beſſere und herrlichere Früchte tragen werden! Wir können von der erſten nicht mehr begehren, als einen in noch höherem Grade befeſtigten Vorſatz, über uns ſelbſt zu wachen und uns den Pflichten zu weihen, die wir binnen Kurzem vor Gott und den Zeugen, welche wir dazu eingeladen haben, beſchwören wollen.“ „Und welche wir mit treufeſtem Herzen halten wol⸗ len!“ ſagte Leonard, indem er Conſtance's Hand an ſeine Lippen drückte. Er hatte ſchon den Schlüſſel an der Thür in ſeiner Hand, als ſie ihn mit einem leiſen Laute zurückhielt— man konnte nicht ſagen, ob es ein Huſten, ein Seufzer, oder eine Art von Bitte ſein ſollte. „Haſt Du mir noch etwas zu ſagen, Conſtanzchen?“ „Ich wollte nur fragen, ob Dein Bruder... ob... „Ach nein, wenn er nicht gekommen iſt, während ich hier war! Wo er aber auch ſein mag, ſo ſei Du überzeugt, daß ſein prieſterlicher und brüderlicher Segen uns dennoch im reichlichſten Maße folgt, wenn er auch unſre Hände nicht zuſammenlegt. Ich weiß, ſein Herz iſt eben ſo betrübt wie das meinige, daß er mir in dieſer Stunde nicht nahe ſein kann.“ Conſtance ſenkte ihr Haupt— das war ihre ganze Antwort. V V von N ſich aus eine Ge Dich ül drängen die heil Du vor Jünger Deine( worden der übe mein H bittern viette U nahm Eine öherem ten wol⸗ Hand an lüſſel an m leiſen b es ein n ſollte. azchen?“ der... während ſei Du r Segen er auch in Herz in dieſer re ganze 433 Leonard verſchwand. Sobald Conſtance wieder allein war, ſtürzte ſte von Neuem auf ihre Knie; dumpfe Seufzer rangen ſich aus ihrer Bruſt, indem ſie mit leiſer Stimme das eine Gebet nach dem andern ſprach.„O Herr, erbarme Dich über mich Sünderin! Welche wilden Schmerzen drängen ſich in mein Innerſtes— warum verläſſet mich die heiligende Kraft Deines Geiſtes? warum verbirgſt Du vor mir Dein Antlitz? Vater, Erlöſer, Erretter! hörſt Du mich nicht?... Nein, nein, Du hörſt mich nicht! Du wälzeſt nicht die Laſt hinweg, Du ſagſt mir nicht, was es iſt! Es wird doch Deinem herrlichſten Jünger nichts Böſes widerfahren ſein?. Nein, Deine Engel bewachen ihn— er iſt nur aufgehalten worden... ja, aufgehalten!. Doch ſollte er wie⸗ der über Oernwik gereiſ't ſein— ſollte er..2. mein Herr und Meiſter, beſänftige Du dieſe grauſamen, bittern Qualen! Gehöoͤren ſie dem Hochzeittage an oder bin ich es allein, welche ſte empfindet? Warum aber empfinde ich ſie? Ich wandere ja auf Deinen Wegen — ich will ſtets auf Deinen Wegen wandern— ich will den Mann, mit welchem ich mein irdiſches Schickſal vereinige, Dir zuführen! O ſeliger Gedanke: eine Seele von mir für Dich gerettet... für Dich!“ „Conſtance! die Uhr iſt zehn Minuten über ſechs: Du mußt Dich anziehen, mein liebes Kind! die Braut⸗ jungfern kommen bald, und da Du ihre Hülfe abge⸗ ſchlagen haſt, ſo mußt Du wenigſtens zeigen, daß Du ohne ſie gekleidet werden kannſt— Jungfer Lina iſt draußen!“ „Laß ſie hereinkommen, liebe Mutter!“ antwortete Conſtance, indem ſie ſich erhob und mit feſten Schritten auf das Bett zuging, von welchem ſie die weiße Ser⸗ viette hinwegnahm. Unter derſelben lag der Brautanzug. Conſtance nahm die Krone in ihre Hände, betrachtete ſie lange, Eine Nacht am Bullarſee, U. 28 1 434 und als eine Perle von ihren Wimpern in die Myrten⸗ zweige herabſiel, da ſeufzte ſie leiſe:„O, daß man lieber dieſe Krone auf den Deckel meines Sarges legte!“ Neununddreißigſtes Kapitel. Der Schein der Kronleuchter und der Candelaber erleuchtete ſchon den Hochzeitſaal, die Gäſte hatten ſchon begonnen, ſich zu verſammeln, und in dem Fond des Saales, dicht vor dem für das Brautpaar beſtimmten Sofa war die Matte ausgebreitet, dieſe Matte, welche den Schemel und die bedeutungsſchweren Kiſſen trug, auf welchem bald zwei Menſchen knien ſollten, um ſich mit Gelübden nicht allein für das Leben, ſondern für die Ewigkeit zu verpflichten. Es liegt trotz der ſchimmernden Lichter, trotz der Blumen, der Wohlgerüche und der geſchmückten Gäſte, eiwas Unheimliches in den langen Minuten, die dem Eintreten des Brautpaares, dem Beginne der feierlichen Handlung vorangehen. Dieſes Brautgemach erſcheint uns nur darum ſo erleuchtet zu ſein, um es der Reflexion recht anſchaulich zu machen... und wo könnten wir tiefere, ernſtere, reichere Reflexionen anſtellen, als hier, mit dieſem Brautſtuhle, dieſem Brautkiſſen vor unſern Blicken?— Nicht einmal in dem Leichenzimmer, wo unſre Augen ſich auf die ſchwarze Bahrendecke ſenken; denn dort begegnet uns nur der Tod, das Ende aller Dinge. Hier dagegen, vor dieſer dunkelrothen Decke, begegnet uns das Leben mit Prolog und Drama, und weit im Hintergrunde auch ein Schimmer von dem zweiten Stücke, das heute aufgeführt werden ſoll, worin die Nacht an die Stelle des Tages tritt und wo die dunkle, Kämpfe Zu verſamme deren Re weilten, theilweiſe aufgeputz treten, kleinen ben. Di ſie ſind: Repräſen kanntſcha etwas er Leute bet Dankbar ſeine Ver „Mo indem ſie gerte,„ ken könne wir uns Heldin ti „Un knnen, damalige in Linda aufgefan Conſtanc 43⁵ dunkle, ſchwarze Dämmerung Leben, Sonnenſchein, Kämpfe und Stürme in ihre Schatten hüllt. Zu allem Glück für die Stimmung in dem hier verſammelten Kreiſe waren doch viele Hochzeitgäſte da, deren Reflexionen bei ganz andern Gegenſtänden ver⸗ weilten, und wir können den Inhalt dieſer Reflexionen theilweiſe gleich erfahren, wenn wir zu dieſen beiden aufgeputzten und in jeder Hinſicht prächtigen Damen treten, welche neben einander an einer von den in die kleinen Zimmer führenden Thüren Platz genommen ha⸗ ben. Dieſe Damen begrüßen wir als alte Bekannte; ſie ſind: die Majorin Minten und Frau K—, oder die Repräſentantinnen dieſer Art von Damen, deren Be⸗ kanntſchaft man immer in Anſpruch nimmt, wenn man etwas erfahren will, das die Angelegenheiten anderer Leute betrifft, und denen man dennoch als Zeichen der Dankbarkeit für ihre wohlwollende Dienſtfertigkeit nur ſeine Verachtung ſchenkt. „Meine gnädigſte Freundin!“ ſagte Frau K—, indem ſie an der Straußfeder in ihrem Kopfputze ſin⸗ gerte,„wer hätte es ſich im verwichenen Herbſte den⸗ ken können, als wir unſer kleines Abenteuer hatten, daß wir uns kein halbes Jahr ſpäter bei der Hochzeit unſrer Heldin treffen würden?“ „Und, beſte Antonette, wer hätte es ſich denken können, daß die arme Frau Waller, welche zu dem damaligen Schmauſe jeden Biſſen zuſammenlieh, jetzt in Lindahl’'s großem Lokale Hochzeit anrichten kann?— Ja, das koſtet etwas!“ „Natürlich beſteht der Schwiegerſohn die Hochzeit!“ „Der Schwiegerſohn?— O, ich glaube kaum, daß der gute Mann ſolchen Ueberfluß 48 Geld hat! Aber weder der Schwiegerſohn, noch auch die Mutter beſteht die Hochzeit; die Simmerman, welche, wie Du weißt, bei Frau Waller aus⸗ und einläuft, hat es auigefangen, daß der Conſul Löwe, in deſſen Hauſe Conſtance eine lange Zeit geweſen iſt, die Koſten her⸗ — ———, 436 gibt. Von ihm ſoll Frau Waller eine große, ja eine recht anſehnliche Summe Geld erhalten haben; und die Freiherrin von G—, Conſtances gute Freundin, hat weißes Seidenzeug hergeſchickt; doch heißt es, daß die Braut ſich deſſen nicht bedienen wird, ſondern daß ſie das ſchwarze Zeug vorzieht, welches ihr der Bräutigam geſchenkt hat.“ „War das nicht anſtändig, ſehr anſtändig von die⸗ ſen Löwes? Darüber wundere ich mich aber gar nicht, daß Conſtance dieſes weiße Seidenzeug liegen ließ; erſt⸗ lich und vorzüglich, weil ſie ein armes Maͤdchen iſt, und dann für eine Frau in dem wahren Bauerlande— wer weiß, ob es dort recht paſſend geweſen ſein würde. Und noch dazu ſtand es einer ſo göttlichen Betſchweſter nicht an.. Mein Gott, beſte Amalie, wie bedauere ich den armen Mann, der ſie zur Frau bekommt! Kannſt Du wohl glauben, daß ſie etwas anderes zu thun denkt, als Tag aus da ein die Bibel zu leſen und geiſtliche Lieder zu ſingen?“ „Du ſagſt etwas ſehr Beachtenswerthes, meine liebe Antonette! Doch iſt er zu bedauern, ſo iſt ſie es gewiß nicht weniger; dieſes ſüße, liebenswürdige und reizende Mädchen in eine Betſchweſter, in eine Leſerin verwan⸗ delt!— man moͤchte weinen, und viele ſind in Wahr⸗ heit der Thränen, die um des berüchtigten Prieſters willen fallen, der nicht nur ſie, ſondern auch ſo viele Andere verdarb... Nun, à propos! er kam nicht zur Hochzeit!“ „Nein, er that es nicht, und das iſt ſehr gut; denn nun werden ſie doch recht chriſtlich getraut; ich bin nicht im Stande, ſolche Schwärmer und Leſer als wirkliche Geiſtliche anzuſehen, obgleich ihre Anhänger ſie als Götter betrachten.“ „Ja, gerade ihre Göttermacht iſt dasjenige, was ſo traurige Folgen und Verheerungen hinterläßt; hier gibt es ja viele Frauenzimmer, welche beinahe wahn⸗ finnig geworden ſind... Wenn ich nur begreifen könnt und möge Aeuß Scha Frau daß doch gleich Letzte 7 keine daß ſ bekom nach einem keinen . 2 lich, d wählte händle zende könnte, wie ſolche Entzückungen ſchmecken! Ich hörte und ſah den Magiſter Carleborg ſehr oft; doch Gott möge es mir verzeihen, ich hatte ſo viel mit ſeinem Aeußern zu thun, daß ſeine Worte mir gar keinen Schaden zufügten!“ „Ja, ein merkwürdiger Menſch iſt er!“ ließ ſich Frau K— mit liſtigem Blick vernehmen.„Sie ſagen, daß Conſtance den Bruder eigentlich darum heirathet; doch iſt es allzu boshaft, dergleichen nachzuſagen, ob⸗ gleich ich gewiß weder die Erſte bin, noch auch die Letzte, die ſo etwas ſagt.“ „O, meine liebe Antonette, damit brauchſt Du gar keine Umſtände zu machen; ich habe ebenfalls gehoͤrt, daß ſie den Bruder nimmt, weil ſie den Heiligen nicht bekommen konnte... Nun ja, es ſchmeckt doch immer nach Vogel, ſagte die alte Frau und kochte Suppe von einem Zaunpfahl, worauf ein Auerhahn geſeſſen hatte — es iſt beſſer, die Schwägerin des Erzengels, als gar nicht mit ihm verwandt zu ſein.“ „Ich meines Theils, gute Amalie, kann dergleichen doch kaum von der edelgeſinnten Conſtance glauben!“ „Ich auch nicht— behüte mich Gott in Gnaden! nein ganz im Gegentheil; aber weder Du noch ich können etwas dabei thun, wenn die Leute plaudern! Nein, gebe Gott, daß man im Stande wäre, alles der⸗ gleichen zu verhüten, denn eigentlich macht eine ſolche Veſchuldigung ihren religiöſen Begriffen keine große hre.“ „Und leider auch ihrem Feingefühle nicht; da aber Conſtance ein ſo fein fühlendes Mädchen iſt— wie je⸗ der Menſch weiß— ſo hat das Geſchwätz der Leute keinen Grund.“ „„Nur ein Umſtand iſt und bleibt ſonderbar, näm⸗ lich, daß ſie gerade den unbedeutenden Brucksverwalter wählte, da ſie mit dem Doctor Wilſon— den Groß⸗ händler Sillén auch nicht zu vergeſſen— eine ſo glän⸗ zende Partie hätte machen können; und dennoch ver⸗ 438 ſchmähte ſie beide.... Man kann ja doch nicht um⸗ hin, wenn man fragt: warum?“ „Wie Du ſagſt, gute Antonette, man kann nicht umhin ſo zu fragen! Es iſt eigentlich recht traurig, daß ein junges Mädchen zu einem Warum Anlaß gibt; nachdem ſie es aber gethan, und nachdem ſie während ihres ganzen Brautſtandes ausgeſehen hat, als läge ſie ganz in Eis, ſo... Nun, nun, wir wollen nicht richten; doch ich rufe Gott zum Zeugen, daß ich die arme Frau Waller bedauere; ſie hat ihre bitteren Thränen über die Partie geweint; es wurde ihr ſchwer, zu ſehen, daß ein geliebtes Kind ſich ſelbſt unglücklich machte... Doch ſieh! dort haben wir die Schwie⸗ germutter! Man ſieht es ihr an, daß ſie einmal Frei⸗ herrin und eine vornehme Dame geweſen iſt; ihre Ge⸗ ſichtssüüge ſind ſchön und erinnern an den Erzengel. Nun weiß ich keine Gäſte mehr, auf die man zu warten brauchte, und ſo wird denn die Trauung wohl gleich beginnen!“ „Ja, ſie ſieht wirklich vornehm aus, beſonders neben der Frau Waller, dem guten Schäfchen, das nicht viel Weſen von ſich macht; doch auch ſie hat keine recht frohe Miene an dem Ehrentage der Tochter... Aha! ſie bedauert, daß der Magiſter nicht kam— und der Frau Carleborg zittert die Hand ein wenig, da ſie die Theetaſſe nimmt. Das iſt ganz natürlich, denn wie die Simmerman mir berichtet hat, glauben ſie, daß er un⸗ terwegs krank geworden iſt.“ „Unkraut vergeht nicht!... Doch was iſt das dort bei der Thür für ein Gelaufe und Geflüſter? Warum kommt der eine Marſchall ſo zu den beiden Müttern angeſegelt, wenn nicht mit einer Neuigkeit? Wir werden ſehen, daß dieß etwas bedeutet!“ Und es bedeutete wirklich etwas; denn ehe eine Minute verfloſſen war, ſo ging es wie ein Lauffeuer von Mund zu Munde:„die Trauung wird eine halbe Stu komn iſt's gew ſcher Frar ich ihr Leor gib in(. tucht vor der als war tenz daß borg liche Sel man war gekg die der perb Bra t um⸗ mnicht raurig, gibt; ährend ige ſie nicht ich die itteren ſchwer, lücklich Schwie⸗ [ Frei⸗ re Ge⸗ rzengel. warten l gleich ſonders s nicht ne recht . Aha! und der ſie die wie die er un⸗ iſt das flüſter? beiden nigkeit? he eine auffeuer ne halbe 439 Stunde aufgeſchoben; Magiſter Carleborg iſt ange⸗ kommen!“ „So, in Gottes Namen!“ ſagte die Majorin;„nun iſt's alſo aus mit der chriſtlichen Trauung! Er wird gewiß eine Rede halten, ſo daß wir Alle nach den Ta⸗ ſchentüchern greifen müſſen.... Und ſie, die arme Frau Carleborg, wie roth und blaß ſie wird! Wenn ich ſie nur im Allergeringſten kennte, ſo ginge ich zu ihr und redete mit ihr!... Aber ſieh, dort geht ja Leorin, der zweite Marſchall!... Liebe Antonette! gib ihm doch einen Wink— ich weiß, er hat Umgang in Eurem Hauſe!“ Frau K— gab ein kleines Zeichen mit dem Schnupf⸗ tuche, und Herr Leorin ſtand gleich darauf kerzengerade vor den Damen. 4 „Was ging dort vor, beſter Herr Leorin? Erhält der Paſtor B— Abſchied von ſeinem zukünftigen Amte als trauender Geiſtlicher?“ „Ja, meine Gnädige! Als die Braut ſchon hier war— ſie iſt mit ihren Brautjungfern in einem Sei⸗ tenzimmer— da kam ein Eilbote mit der Nachricht, daß der Bruder des Bräutigams, der Magiſter Carle⸗ borg, angekommen iſt; und nun iſt wohl nichts natür⸗ licher, als daß der Bräutigam verlangte, ſeine künftige Seligkeit noch ein wenig aufzuſchieben.“ „Schalk!“ flüſterte Frau K— drohend,„wie kann man ſo boshaft ſein!... Aber ſagen Sie mir doch: warum hat er ſo lange auf ſich warten laſſen?“ „Seine Geſundheit ſoll ein wenig auf Decadance gekommen ſein; es geht bisweilen ſo mit den Heiligen — ſie ſtrengen ſich allzu ſehr an.“ „Nun? die Braut iſt wohl zum Entzücken 2“ fiel die Majorin ein. „Unbeſchre iblich! Haben Ihro Gnaden die Königin der Nacht mit ihren Zofen geſehen? Das gibt ein ſu⸗ perbes Schauſpiel: die ſchwarzgekleidete, königinähnliche Braut hat eine unnachahmliche Haltung, und die nym⸗ 440 phenähnlichen Brautjungfern in ihren weißen Gace⸗ kleidern bilden eine paſſende Aufwartung... Doch entſchuldigen Sie, meine Damen! Die Pflicht ruft mich hinweg!“ Und der Marſchall war hinweggeweht. —— Vierzigſtes Kapitel. Die feſtgeſetzte halbe Stunde war verfloſſen; alle Damen, welche Uhren beſaßen, hatten die Minuten ge⸗ nau gezählt. „Sieh, Antonette, Frau Carleborg erhält ein Zei⸗ chen von unſerm Marſchall!... ſie kommt hieher! ... Ah, ich verſtehe! er will wohl erſt hier in dieſem Nebenzimmer die Mutter begrüßen!... Du ſitzeſt am nächſten an der Thür, lauſche recht aufmerkſam, ob Du nicht etwas hören kannſt!“ In demſelben Augenblicke ſchwebte die würdige Ge⸗ ſtalt der Frau Hedwig von Carleborg an den Plauder⸗ taſchen vorbei, und verſchwand in der erwähnten Thür, an welche Frau K—, vermuthlich, damit ihr ſteifer Beſatz ſich nicht an den ſeidenen Franſen der Majorin auf⸗ hängen möchte, ihren Stuhl ſo nahe wie möglich her⸗ an zog. Ein gedämpftes und dennoch hörbares„Ach!“ er⸗ reichte ſogleich die Ohren der lauſchenden Damen, und dieſes einzige Wort verrieth ſo vielen bittern Schmerz, daß die Damen einander ganz gerührt anſahen. Dennoch konnte nichts ſie abhalten, noch ferner zu lauſchen. „Sei ruhig, meine Mutter! ich bin viel, viel beſſer; doch war es nothwendig, daß wir uns erſt trafen!“ 5 Frau K F Haltun Ausſeh ſte ahn änderun ſondern konnte zwei S Kämpfe mahnte dort vo gegebe der Mu bezaube von den wirrend In ſich zul wenige nung ve We lich gen äußere ſchilder blick der welchen Mutter Hauche Bruſt ſeiner G ſtrömte 441 ace⸗„Juſtus! Juſtus!..“ HDoch Die unzufriedenen Blicke der Majorin und der nich Frau K-— erklärten, daß ſie weiter nichts hören konnten. Fünf Minuten ſpäter trat wiederum mit edler Haltung dieſe Mutter ein, welche von dem krankhaften Ausſehen ihres Sohnes ſo erſchüttert worden war. Ach, ſie ahnte es doch noch nicht, daß dieſe unerhörte Ver⸗ änderung nicht die Folge einer körperlichen Krankheit, ſondern des Kampfes der Seele war; ſie ahnte nicht, konnte glücklicher Weiſe nicht ahnen, daß er noch vor zwei Stunden auf der letzten Station dieſen wilden Kämpfen beinahe hätte unterliegen müſſen. Die eine Kraft mahnte ihn vorwärts, die andere zog ihn zurück; und was alle dort vor ihm ſtand, das war nicht ſein, dem Leonard ge⸗ gegebenes Verſprechen; nicht das Zuſammentreffen mit der Mutter, ſondern was ihm winkte, das war„Judith's“ Zei⸗ bezauberndes Bild, von der Brautkrone umſchloſſen und her! von den Furien der Eiferſucht mit allen die Sinne ver⸗ eſem wirrenden und blendenden Reizen ausgeſchmückt. am In einem Zuſtande von halbem Wahnſinn hatte er Du ſich zuletzt in den Schlitten geworfen, und war nur wenige Minuten, nachdem Frau Carleborg ihre Woh⸗ Ge⸗ nung verlaſſen, in die Stadt gekommen. der⸗ Welche mächtigen Anſtrengungen nachher erforder⸗ hür, lich geweſen waren, um Gleichgewicht in die Seele und eſatz äußere Ruhe auf ſein Geſicht zu bringen— ſolches zu auf⸗ ſchildern, wollen wir nicht einmal verſuchen. Der An⸗ her⸗ blick der Mutter milderte den herzzerreißenden Eindruck, welchen Leonard geweckt hatte. An der Bruſt dieſer er⸗ Mutter, ſeine Arme um ſie geſchlungen, fühlte er einige und Hauche von Ergebenheit und Entſagung durch ſeine ierz, Bruſt wehen; es wurde ihm beſſer, als ihre Lippen auf noch ſeiner Stirn ruhten und ihre Segnungen ihn über⸗ ſtrömten. viel Doch die Form behauptete ihr Recht, die Zeit eilte, erſt die Hochzeitgäſte warteten, das Brautpaar wartete. Frau Hedwig ging wieder hinein. 442 Einige Augenblicke blieb er allein in dem verſchloſ⸗ ſenen Zimmer; ein fürchterliches Spiel begann mit ſei⸗ nen Geſichtszügen. Er ſtützte ſeine Stirn auf die Hand, er ſchien nach einem Platze zu ſuchen, auf welchen er ſich ſtützen konnte, er fühlte nach, ob er die Kirchen⸗ agende bei ſich hätte, und wollte gehen; doch er tau⸗ melte beinahe gegen die Thürpfoſten. „Herr Magiſter!“ erſcholl eine Stimme von draußen. „Im Augenblick!“— Er ging zu der entgegenge⸗ ſetzten Thür hinaus, um von der andern Seite einzu⸗ kommen................ In dem Augenblicke, da die Flügelthüren aufgingen, und der Schein aus dem ſtark erleuchteten Hochzeitſaale das Auge des Magiſters von Carleborg traf, in dem⸗ ſelben Augenblicke, da er die dunkelrothe, ſeidene Matte, den Brautſtuhl und die Kiſſen erblickte, war es gleich⸗ ſam, als ob der hohe Geiſt, den er ſo unermüdlich an⸗ gerufen hatte, ſich auf ihn herabſenkte. Er erſchien ſich ſelbſt wie einer der hohen Martyrer: mit ſeligem, unausſprechlichem Beben ſpürte er, daß Chriſti Frieden ſeinem Herzen nahte; und als er, den Prieſtermantel leicht mit dem einen Arme tragend durch den Saal ſchritt und rechts und links grüßte, da war dort kein einziger Blick, der nicht auf ſein ſchones, von ſchim⸗ merndem Heiligenglanz verklärtes Antlitz geheftet war. Die bleichen Züge hatten Farbe erhalten, die mat⸗ ten, dunkelglühenden Augen warfen einen großen, ruhi⸗ gen und tiefen Blick im Saale umher, die zuſammen⸗ geſunkene Geſtalt hatte ſich aufgerichtet, und edel und feſt war die Haltung, mit welcher er ſich dem Fond des Saales näherte, wo die beiden Mütter auf dem Sofa ſaßen, den nach der Trauung das Brautpaar einnehmen ſollte. Die Blicke der Mutter und des Sohnes begegneten ſich; die ſeinigen waren ſanft und tröſtend, die ihrigen llächelten vor ſeligem Stolze, während eine unausſprech⸗ liche Rührung ſie durchzitterte. Es war das erſte Mal, da ſie Amte Amts ponir. doch als d menſch diſchen nach währe 2 ſich i gewol wig ſprin Stim derun mende hin den B nach letzt Nacht Das pende das e einer —y—wW— 443 Mbhiſ da ſie ihren Juſtus in der Ausübung des prieſterlichen Hand, Amtes ſehen ſollte, das erſte Mal, da ſie ihn in der chen er Amtstracht ſah, das erſte Mal, da ſie ſah, wie er im⸗ irchen⸗ ponirte.. er tau⸗ Der Bräutigam war kurz vor ihm hereingetreten; doch jetzt hatte kein Menſch Augen für etwas anderes, außen. als den wunderbaren Anblick. Er glich ja kaum einem genge⸗ menſchlichen Weſen, dieſer Geiſtliche mit ſeinen überir⸗ einzu⸗ diſchen Geſichtszügen. . Eine neue Bewegung entſtand an einer der Sei⸗ gingen, tenthüren.. 94 eitſaale„Es iſt die Braut!“ flüſterte Frau Hedwig und n dem⸗ ſah ihren Sohn an, welcher mit jetzt wieder veränder⸗ Matte tem, ſtumpfem, ſterbendem Blick erſt ſie anſtarrte und gleich⸗ dann in den leeren Raum hinausſchaute, während er ich an⸗ nach der Agende zu ſuchen ſchien, die er gleichwohl erſchien während der ganzen Zeit in der Hand gehalten hatte. eligen,„ Juſtusl Mein Gott“...1 Frau Hedwig erhob Frieden ſich in Todesangſt. rmantel„Sei ruhig, meine Mutter— ich habe es ja ſelbſt Saal gewollt!“ flüſterte er mit einem Tone, den Frau Hed⸗ rt kein wig noch nie zuvor gehört hatte; doch hatte ſie Saiten ſchim⸗. ſpringen gehört, und meinte nun dieſen Ton in der et war. Stimme des Sohnes zu vernehmen. ie mat⸗ Der Zug von der Seitenthür begann ſeine Wan⸗ , ruhi⸗ derung durch den großen Saal. Der immer näher kom⸗ mmen⸗ mende Schein von den Candelabern der Marſchalle fuhr del und 4 hin und her vor den Augen des Geiſtlichen; er trat an ond des den Brautſtuhl, erhob ſeine Augen und heftete dieſelben n Sofa nach einigem unbeſtimmten Hin⸗ und Herſchweben zu⸗ nehmen letzt auf die Braut, welche wirklich der Königin der Nacht mit ihren Zofen gleichend, langſam daher ſchritt. egneten Das Geräuſch, welches ihr langes, ſchwarzes, ſchlep⸗ ihrigen pendes Kleid an dem Fuß boden verurſachte, war faſt zſprech⸗ das einzige, welches dieſe eher einem Leichenzuge als te Mal, einer Brautſchaar gleichende Gruppe hervorbrachte. Der Bräutigam war der einzige, welcher ſichtbar⸗ 444 lich ſich von der ſchweren Atmoſphäre nicht niederdrücken laſſen wollte. Zwar ſah er nicht ganz ſo aus, wie er ſich ſelbſt wohl hundertmal als Bräutigam gedacht hatte; aber er ſah dennoch aus wie ein Menſch, der den Muth hat, zu ſich ſelbſt zu ſagen, was Juſtus zu ſeiner Mut⸗ ter geſagt hatte:„Ich habe es ja ſelbſt gewollt!“ und in dieſen Worten lag für den guten Leonard eine ſolche Kraft, daß er frohen Muthes der Braut entgegen trat und ſie mit einem warmen und treufeſten Blicke be⸗ grüßte. „Ich will Dir ſagen, daß dieß etwas Merkwürdi⸗ ges iſt!“ flüſterte die Majorin leiſe wie ein Geiſterhauch. „Siehſt Du, wie auf Conſtances Stirn die Schweiß⸗ tropfen hervorbrechen? Siehſt Du, wie der Magiſter in der Agende ſucht und ſucht? Er ſieht eher aus wie ein Geſpenſt, als wie ein Menſch! Und der Bräutigam, wie erſchrocken er zuſieht, daß ſein Bruder die Blätter umwendet; er glaubt gewiß gerade ſo wie ich, daß er das Trauungsformular gar nicht findet!“ „Gott ſei Lob und Dank!“ athmete Frau K— hinter dem Taſchentuche an ihre Freundin gewendet,„er fängt anl... Doch achl er iſt ganz gewiß krank!“ Die feierliche Handlung begann wirklich, und nun war es unmöglich, noch ferner ein Wort zu ſagen. Aber über jeden Herrenhut, jedes Damenſchnupf⸗ tuch erhoben ſich Augen, welche ſehen wollten; denn einen ſolchen Geiſtlichen, eine ſolche Braut hatte noch niemand geſehen, und einen ſolchen Klang in den Trau⸗ ungsworten hatte noch nie jemand gehört. Bald erſchollen ſie tief, voll, klar und rein, ſo daß ſie wie Silbertöne klangen; bald wurden fie leiſe, zitternd und ſchwach bis zum Hinſterben, und bald wa⸗ ren es nur halb röchelnde Laute aus einer zum Erſticken zuſammengepreßten Bruſt. Dieſes letzte war beſonders der Fall, als der Geiſtliche mit dem Trauringe in ſei⸗ ner Hand das Gebet ſprach, welches er zu ſagen pflegt, ehe der um es „ Majori reden- unbegr den die feierlich Augenb Waller meinem dieſem zwiſchen ihn zu demjeni Abbild genblick Eit 445 ehe der Bräutigam dieſes Wahrzeichen entgegennimmt, dcken um es der Braut an den Finger zu ſtecken*).— zatte:„Jeſus! welchen Blick ſie wechſelten!“ würde die Muth Majorin ausgerufen haben, wenn ſie gewagt hätte, zu Mut⸗ reden— und es war in der That ein wunderbarer, ein und unbegreiflicher, ein fürchterlicher Blick, der einzige, ſolche den die Braut und der Geiſtliche während der ganzen ¹ frat feierlichen Handlung wechſelten. Es war gerade in dem Augenblicke, da die Braut flüſterte:„Ich Conſtance Abbild war... Ach, warum mußte in demſelben Au⸗ genblicke auch ſein Blick auf ſie fallen? Ein ſchreckenvolles Zittern durchſchauerte Beide; ſie e be⸗ Waller nehme jetzt Dich Leonard von Carleborg zu ürdi⸗ meinem Ehegatten“ u. ſ. w. Sie hatte nicht eher zu zauch. ddieſem Blicke Muth gehabt; nun aber mit dem Ringe weiß. zwiſchen ihren und des Bräutigams Fingern glaubte ſie iſter ihn zu haben; ſie fühlte, daß ſie Kraft und Stärke von 13 wir demjenigen holen mußte, der in ihren Augen Gottes 4*) Nach ſchwediſchen Gebräuchen werden bei der Verlo⸗ t,„er bung die Ringe gewechſelt; bei der Trauung aber iſt nk!“ der Bräutigam mit, einem andern Ringe verſehen, nun welchen nach dem vorgeſchriebenen Ritual beide Ver⸗ lobte anfaſſen, und folgende Worte dem Geiſtlichen . nachſprechen:„Ich N. N. nehme jetzt Dich N. N. nupf⸗ 2u meiner Ehegattin, Dich zu lieben in Noth und Ä denn Luſt, und als ein Wahrzeichen gebe ich Dir dieſen noch Ring.“—„Ich N. N. nehme jetzt Dich N. N. zu A Trau⸗ meinem Ehegatten, Dich zu lieben in Noth und Luſt, 6 und als ein Wahrzeichen empfange ich dieſen Ring!“ Hierauf ſteckt der Bräutigam der Braut den Ring an , ſo den vierten Finger der linken Hand, an welchem zu⸗ leiſe, vor ſchon der Verlobungsring ſitzt, während der Geiſt⸗ wa⸗ liche betet:„Im Namen des Vaters, des Sohnes ſticken und des heiligen Geiſtes! Amen!“— Ehefrauen tra⸗ nders gen daher immer zwei glatte Ringe an dieſem Finger, in ſei⸗ zu denen wohl noch ſpäterhin für die erſten Kinder fiegt einige hinzukommen. 85 Anm. d. Ueb. hatten ſich ſelbſt gegenſeitig in ihren Augen geſehen. Es war nur ein Blitz, eine aus dem geiſtigen Leben er⸗ faßte Offenbarung; doch dieſer Blitz glich einem zwei⸗ ſchneidigen, durch die Luft ziſchenden Schwerte und fiel ſchwer herab zwiſchen ſie und ihre Gewiſſen. Ein zweiter angſtvoller Blick von dem Bräutigam beeilte die Ceremonie. Die heilige Handlung war geendigt. Die Gäſte holten tief Athem; als nun aber der alten Sitte gemäß der Geiſtliche zuerſt der Braut zum Glückwunſche die Hand reichen ſollte, da ging ein ein⸗ ziger ausdrucksvoller Ruf durch die Brautſchaar. Die Kraft des Juſtus von Carleborg war erſchöpft; er ſankt ohnmächtig auf den Stuhl hinab, vor welchem er ſo eben ſeinen Bruder und die Geliebte ſeines Herzens ge⸗ traut hatte. Ende des zweiten Theils. —— 2 ͤſſ