= ——— —— 9 37„ “ ⸗ 5 5 17 / 4 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Litratur von Eduard Oftmann in Gießen Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zut Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Mrgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wid von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennihme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sunme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtittet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————.— auf 1 Monat: 1 Mt.— pf. 1 Mk. 55 Pf. 2 Mk.— Pf. 8 3 4 5„— 5 1„„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und G r ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſum Erſatz des Ganzen verp flichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —e Stun⸗ enmhme Sunme ſorgen. ene und muß der te, ver⸗ s, ſo iſt nd wird erleihen che die⸗ Sämmtliche Werke von Emilie Carlen. Aus dem Schwediſchen Dr. C. F. Friſch, Subrector am deutſchen National⸗Lyceum in Stockholm. 1—— 5 1 Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1848. Eine Nacht am Bullarſee. Roman von Emilie Carlén. Aus dem Schwediſchen von Dr. C. F. Kriſch, Subrector am deutſchen National⸗Lyceum in Stockholm. Erſter Theil. Erſtes bis ſechstes Bändchen. —— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1848. Einleitung. Biele Winter hindurch ſah man, wie ein einſames Licht ſeinen ſchwachen Schein über eine der öͤden Ebenen von Halland warf. Es wurde gewoͤhnlich gegen vier Uhr Morgens angezündet, und nachdem es gleich dem Irrlichte eine Weile hin und her gewandert hatte, ſo verblieb es zuletzt an einem beſtimmten Punkte, von wo es gleich einem Leuchtfeuer zu Lande den Neiſenden, die um dieſe Zeit über die Ebene fuhren, den Weg zeigte. Dieſes Licht leuchtete in einer kleinen Wohnung, die an einem der mit Heidekraut bedeckten Hügel, welche die genannte Ebene begränzen, aufgeführt war; es leuchtete hier einer Mutter, die regelmäßig an jedem Morgen um vier Uhr ihre Tagesarbeit begann. Nur die Hände einer Mutter ermüden nicht, wenn ſie von vier Uhr Morgens bis um zehn Uhr Abends arbeiten; nur die Augenlider einer Mutter werden nicht ſchwer unter dieſen peinigenden und einfoͤrmigen Arbeiten; nur die Ein⸗ bildungskraft einer Mutter iſt lebendig und reich genug, um dieſen Stunden Flügel zu verleihen und ſie mit ſchim⸗ mernden, roſigen, lächelnden Träumen auszuſchmücken. Welche irdiſche Liebe kann ſich meſſen mit der Liebe einer Mutter? Sie brauſet nicht, ſie ſiedet nicht, ſie dürſtet nicht, ſie wirft ſich nicht in den Abgrund, wenn ſie aus dem Himmel hinausgeſtoßen iſt. Sie hat ihren eigenen Himmel, in welchem ſie ſelbſt dann noch bleibt, wenn äußere und innere Stürme die Mauer der reichen Hoffnungen, von der ſie einſt umgeben war, zerbrochen und zertrümmert haben. Ja ſelbſt dann noch, wenn außer dem Tode keine Hoffnung mehr übrig iſt, ſelbſt dann noch lächelt die Liebe der Mutter aus ihrem entbloͤßten Himmel herab und ſegnet das Kind, welches ſie aller ihrer lichten und ſeligen Träume beraubte. Bei dem Scheine des oben erwähnten Lichtes arbeitete Frau Hedwig von Carleborg. Ihr Platz war nicht immer in einer kleinen, aller andern Zierrathen entbehrenden Hütte geweſen, als ſolcher die ein Schoͤnheit und Kunſt liebender Sinn ſelbſt in der Armuth ſich durch eigene Talente und einen feinen und geläuterten Geſchmack zu verſchaffen im Stande iſt. Zu Reichthum und Glanz geboren, mußte Hedwig ihrer Jugendliebe entſagen. Der arme, unbedeutende Carleborg wagte es nicht, ſeine Anſprüche zu der vornehmen Tochter eines ahnenreichen Hauſes zu erheben; nur ſeine Wünſche konnten in kühner Einbildung dieſes Ziel erreichen. Endlich, lange Zeit darauf erreichte er es aber dennoch in der Wirklichkeit. Hedwigs äußeres Leben ging eine Zeitlang durch glän⸗ zende, mit Blumen geſchmückte Landſchaften, in welcher Tauſende von Springbrunnen des Vergnügens ihre glim⸗ mernden Strahlen warfen— doch die Blumen welkten dahin, die Strahlen der Springbrunnen hoͤrten auf zu ſpielen, und das glänzende Colorit, welches über der Landſchaft geruht hatte, machte einer wolkengrauen, ver⸗ worrenen Nebelluft Platz, die Gewitter, Zerſtörung, Ruin verkündete. Ruhig betrachtete Hedwig die Ankunft des Sturmes, ruhig ſtand ſie da, als dieſer alles um ſie her zu Boden warf. Und als ſie, die vornehme, die glänzende Hedwig, da ſaß, als die arme Wittwe eines Mannes, deſſen pracht⸗ liebender Sinn ihr ganzes Vermogen vergeudet hatte, da war der Abſtand nicht mehr ſo unermeßlich zwiſchen ihr und Carleborg. Auch er hatte inzwiſchen ein anderes Band geknüpft, war aber ebenfalls wieder frei geworden; und endlich am ebe der ſegnet Träume rbeitete , aller ſolcher in der en und Hedwig eutende nehmen r ſeine reichen. doch in glän⸗ velcher glim⸗ velkten auf zu er der , ver⸗ Ruin irmes, Boden edwig, dracht⸗ e, da en ihr nüpft, ch am 9 Ziele, gelobten ſie ſich in ſeliger Freude, ihre Armuth mit einander zu theilen— ihre Herzen theilten ſie längſt mit einander. Was ſie geweſen war— daran dachte ſie inzwiſchen jetzt ſehr wenig. Sie dachte nur daran, was ſie ward: zum zweiten Male Wittwe und Mutter, die mit großer Verantwortlichkeit belegte Erzieherin zweier Söhne, eines eigenen und eines Stiefſohnes. An einem kalten Februarmorgen finden wir ſie ſchon wie gewöhnlich an ihrem Platze vor dem Spinnrade. Mit dieſer Ewigkeitsarbeit verſorgte ſie ſich ſelbſt und bezahlte ſie den Unterricht ihres Sohnes. Ihr Stiefſohn hatte von ſeiner Mutter ein eigenes kleines Vermoͤgen, welches hin⸗ reichend war, um mit den Zinſen deſſelben ſeine Erziehung zu beſtreiten. Während des langen Herbſtes und des noch längeren Winters ſpann Frau Hedwig täglich eine beſtimmte Anzahl kleiner Rollen des feinſten Garnes. Wenn dann aber der Früͤhling kam, ſo bauchte und bleichte ſie ihr Garn und überſchlug mit der reinſten Freude, wie viele Ellen ſie von dem Pfunde erhalten würde; denn die Hauptquelle ihrer Einkünfte beſtand in dem Verkauf der Gewebe, welche ſie während des Sommers zubereitet hatte. Dieſe Gewebe waren alljährlich ſchon im Voraus beſtellt und bezahlten ſich gut; denn gekannt und geſchätzt, wie Frau Hedwig von Carleborg war, hätte ſie von Vielen Hülfe erhalten können; da jedoch Niemand es wagte, ihr eine ſolche anzutragen, ſo hatte man ſich gewöhnt, auf ihre Arbeit einen hohen Preis zu ſetzen. Es waren nun ungefähr neun Jahre vergangen, wäh⸗ rend welcher ſie Winter aus und Winter ein auf einem und demſelben Stuhle, vor einem und demſelben Kamine ge⸗ ſeſſen und auf einem und demſelben alten Spinnrade ihre Rollen geſponnen hatte. Sie begann hiemit in dem Jahre, da ſie Wittwe wurde, und noch nie war ihr Muth er⸗ ſchüttert worden. Wenn ihr der Arm erſtarrte, ſo lächelte 10 ſie und dachte mit himmliſcher Freude an alle ſeligen Tage, mit denen ihr Juſtus ihr vielfach alle ihre Mühe vergelten würde. Schon vor ungefähr ſechs Jahren, da ihre Soͤhne die Schule in der Stadt beſuchten, hatte Frau Hedwig eine kleine Bank gebildet, ſo daß ſie nachher durch ihre an⸗ haltende Arbeit nicht nur im Stande war, ihren Juſtus dort zu unterhalten, ſondern ſogar alljährlich etwas in die große Sparkaſſe für ſeine akademiſche Reiſe zu legen— eine Epoche, die nach aller Berechnung nach anderthalb Jahren eintreffen mußte. In dieſem Augenblicke waren die beiden Jünglinge— Leonard neunzehn und Juſtus ſechzehn Jahre alt— auf Beſuch zu Hauſe; doch die Ferien waren zu Ende, und eben der heutige Tag zu ihrer Abreiſe beſtimmt. Während Frau Hedwig das Spinnrad fleißig umher⸗ ſchnurren ließ, eflogen ihre Blicke oft nach der Thür des Zimmers hin, in welchem die Soͤhne ſchliefen. Bald ſah ſie, wie der freundliche, aber ernſte Stief⸗ ſohn mit ſeinem ruhigen, häßlichen Geſichte ihr entgegen⸗ lächelte, bald ſah ſie, wie die ſchoͤnen, ſeelenvollen Augen ihres Juſtus feurig und ſchalkhaft ihr Herz und ihre Seele durchdrangen, und ſie wurde froh und angenehm bewegt, als ſie ſich erinnerte, wie kindlich der ſechzehnjährige Sohn bisweilen war, wie oft er ihr die Zeit verplauderte, ſo daß ſie nicht wußte, wohin ſie floh. Doch unwillkürlich oͤffneten ſich ihre Lippen zu einem leichten Seufzer, wenn das Gedächtniß ihr auf der andern Seite vor die Seele führte, wie oft dieſe Augen von Thränen feucht geweſen und Betrübniß und bitteres Leiden ausgedrückt hatten. Welches konnte wohl das Leiden dieſes Kindes ſein? Kein anderes, unmöglich irgend ein anderes, als die ſprechende Unruhe, welche ſich ſeiner bisweilen bemächtigte, wenn er alle Aufopferungen und liebesreichen Sorgen der Mutter herzählte. „Es iſt eine kleine Schwäche in der Conſtitution meines Juſt erſt er ſ Jung Maꝛr hat, rad Soh Doe Mut ſetzer neue oder theit ſchn war alter luſt Fra eine Wal wäh wie Fenf Geſe als Roff ach, mit war gen Tage, vergelten Soͤhne die dwig eine ihre an⸗ en Juſtus das in die legen— underthalb ke waren ad Juſtus doch die zu ihrer ig umher⸗ Thür des ſte Stief⸗ entgegen⸗ en Augen lihre Seele n bewegt, —rige Sohn uderte, ſo willkürlich eer, wenn die Seele ht geweſen kt hatten. ein? Kein ſprechende „wenn er ler Mutter ion meines 11 ☚ Juſtus,“ ſagte Frau Carleborg zu ſich ſelbſt;„wenn er ſich erſt an Koͤrper und Seele vollkommen entwickelt, ſo wird er ſchon ſtark werden! O, wie liebt er mich, mein armer Junge— wie beſorgt iſt er für mich! Wenn er erſt ein Mann iſt und einen geachteten Platz in der Geſellſchaft hat, ſo wird er kommen und ſagen:„Wirf nun das Spinn⸗ rad weg, mein Mütterchen, und laß dich nieder bei einem Sohne, der Dich auf ſeinen Händen tragen will!“... Doch nein: ſo ſagt er gewiß nicht, ſondern:„Nun, liebe Mutter, wollen wir das alte, liebe Spinnrad in eine Ecke ſetzen; nun mag es ſich ausruhen, während Du in Deiner neuen Heimat ausruhſt, Du und die alte Monika!“ Frau Hedwig war nicht gewohnt, ſich eine Betrübniß oder eine Freude zu denken, welche nicht die alte Monika theilte, Monika, deren Spinnrad zwar nicht ganz ſo ſchnell umſchwenkte, wie das ihrer Herrin— denn Monika war ſchon ein gutes Stück Weges in das Alter gekommen — das aber dennoch ſo hurtig flog, wie es je von einer alten Dienerin getreten wurde, die mit brennender Herzens⸗ luſt für Andere arbeitet. Von dieſen lächelnden Bildern umgeben, ſchwebten Frau Hedwig's Gedanken ab und an und ſuchten irgend einen feſten Wunſch für die Zukunft des Sohnes und die Wahl ſeiner Studien feſtzuhalten. „Doch nein, es ſoll mir gleich ſein; er mag frei wählen; und hat er erſt einmal ſeinen Entſchuß gefaßt, wie wird er dann arbeiten, um ſein Ziel zu erreichen!“ Das Ziel?— unmsöglich konnte ſie es laſſen, das Fenſter der Einbildung ein wenig zu öffnen. Bald ſaß der geliebte Sohn als ein Dolmetſcher des Geſetzes vor dem gewaltigen Richtertiſche, bald flog er als ein junger und hurtiger Krieger auf einem feurigen Roſſe vor dem Fenſter vorüber, an welchem ſie ſtand— ach, wie ſchoͤn, wie prächtig war er nicht, wenn er ihr mit dem Säbel ſeinen Gruß zuwinkte— bald wiederum war ſein Vorzimmer von leidenden Kranken belagert, welche 12 von dem geprieſenen und weit berühmten Doctor Carleborg— ſpäterhin Medizinalrath und Ritter von Carleborg— Hülfe und Linderung erwarteten; bald wiederum verwandelte er ſich in einen großen und berühmten, in allen Ländern be⸗ kannten, von Orden und Ehrenzeichen überhäuſten Gelehrten. So ſchmückte der Mutterſtolz alle Wege aus, die Juſtus wandern ſollte; es gab nur einen, vor welchem ſie zurückbebte, nämlich der geiſtliche. Frau Hedwig war ſelbſt von Herzen gottesfürchtig und unterhielt ſich mit ihren Soͤhnen eher zu viel als zu wenig über Gegenſtände der Religion; doch die Geiſtlichen liebte ſie nicht: ſie hatte in einer längſt verfloſſenen Zeit gegen ein Individuum Abnei⸗ gung gefaßt, eine Abneigung, die ſie ſpäterhin unbewußt auf den ganzen Stand übertragen hatle. Als eben Frau Hedwig's Gedanken bei dem berühmten Gelehrten weilten, ſo ging die Küchenthür leiſe auf und Monika trat mit einem neugebackenen Roggenbrode in der Hand herein. „Sehen Sie, liebe Frau, wie geſegnet ſchön es ge⸗ rathen iſt!“ Bei dieſen Worten wendete die noch immer ſchöne und edle Frau Hedwig ſich um zu der alten Monika; ihre Augen begegneten einander und lächelten— es war das Zuſammentreffen zweier guten Seelen. „Gute Monika!“ „Das ſoll ihnen ſchmecken, meine ich, und die Pfann⸗ kuchen auch! O, das wird ein vortrefflicher Eßkober!... Soll ich auch den Kaffee bald aufſetzen?“ „Ja, thu' das! heute ſtehen ſie gewiß früh auf, und da es der Reiſetag iſt, ſo laß uns echten Kaffee kochen!“ „Echten Kaffee? Nein, ſieh, darauf laſſe ich mich nicht ein: die jungen Herren brauchen ihn nicht beſſer zu haben, als die gnädige Frau! Und wenn wir nun heute echten Kaffee tränken, ſo müßten wir hernach ein Paar Tage reine Kartoffeln und rothe Rüben trinken.“ „Nun gut, Monika; thue wie Du willſt!“ Reinlich angenel ſchloß, Träum wenn it geringſt vielem ſelbſt in S erwiede eborg— — Hülfe ndelte er dern be⸗ elehrten. us, die chem ſie ar ſelbſt it ihren inde der hatte in Abnei⸗ nbewußt rühmten auf und e in der es ge⸗ ſchöne ka; ihre war das Pfann⸗ ber!... uf, und kochen!“ ch mich eeſſer zu n heute n Paar 13 Als die Zeit bis gegen ſechs Uhr fortſchritt, ſo ſchob Frau Hedwig das Spinnrad weg, und während Monika auf dem Kamine ein prächtiges Feuer anzündete, ſo daß der Schein bald über das ganze Zimmer flammte, deckte Frau Hedwig ſelbſt den Kaffeetiſch und nahm dann froh und freundlich ihre Arbeit wieder vor. Das Zimmer, in welchem ſie ſaß, erhielt nun durch die erhöhte Erleuchtung ein faſt lebhaftes Ausſehen. Die ſonſt dunkelgrauen Wände nahmen eine angenehme Röthe an, und die alten Gemälde, theils in Oel gemalt, theils in Tuſche gezeichnet— ſämmtlich Erinnerungen an beſſere Tage— ſahen recht friſch und zierlich aus. Die Möbeln, obgleich an ſich ſelbſt ſo ärmlich wie moͤglich, hatten den⸗ noch einen Anſtrich von Eleganz, weil ihr Ueberzug von alten, ſteifen, ſeidenen Kleidern aus den Zeiten der Groß⸗ mutter ſchwatzte; und wenn man die vortrefflich unterhal⸗ tenen grünen Gewächſe in den Fenſtern, die ſchneeweißen Gardinen und einen überwiegenden Geiſt von Feinheit und Reinlichkeit hinzuaddirte, ſo war dieſes Zimmer wirklich angenehm, beſonders wenn es eine ſolche Beſitzerin um⸗ ſchloß, wie Frau Hedwig, welche mit allen ihren kindiſchen Träumereien— vor welchen ſie ſich geſchämt haben würde, wenn irgend ein Anderer außer Gott und ihr ſelbſt die geringſte Ahnung davon gehabt hätte— eine Frau mit vielem Verſtande war und eine Würde behauptete, die ſelbſt in der Armuth Achtung gebot. Schon hatte ſich eine Weile in dem inneren Zimmer Bewegung verſpüren laſſen. Ploͤtzlich flog die Thüre auf, und ein Jüngling, ſchlank und geſchmeidig wie die junge Birke, eilte auf Frau Hed⸗ wig zu, ſchlang ſeine Arme um ihren Hals, und küßte ihre Lippen und Hände mit einem Ausdrucke von unend⸗ licher, liebevoller Kindlichkeit. „So ſoll es ſein!“ ſagte ſie, ſeine Liebkoſungen ſanft erwiedernd.„Jetzt iſt mein Juſtus ſo wie ich ihn wünſche; fröhlich und hurtig. Ich will nicht einmal fragen, was Dir geſtern Abend fehlte.“ „Geſtern Abend?“ „Ja! Oder haſt Du es ſchon vergeſſen, wie traurig Du warſt, und daß Du ſogar vielleicht geweint haben würdeſt, wenn Leonard Dich nicht ausgelacht hätte?“ „Ja, das hatte ich wirklich vergeſſen. Es kommt bisweilen etwas uͤber mich: doch geſtern Abend war das eben nicht ſo wunderlich, da ich heute reiſen muß.“ „Heute aber biſt Du wieder fröhlich: alſo hatte ja die Reiſe keinen Theil an Deiner Betrübniß!“ „Vielleicht iſt es ſo, und dann weiß ich nicht, was es war. Ich grüble nie über etwas, das traurig und langweilig iſt. Thue ich nicht Recht daran, liebe Mutter?“ „Ich weiß nicht, mein Sohn, ob ich Dir darin Recht geben kann. Bisweilen könnte es wohl rathſam ſein, ein wenig darüber zu grübeln, um ſich ſelbſt beſſer beherrſchen zu können, und weißt Du, mein Juſtus, ich glaube, es könnte nicht ſchaden, wenn Du in dieſer Hinſicht ein wenig ſtreng gegen Dich ſelbſt wäreſt.“ „Wie ſoll dieſe Strenge zugehen, mein Mütterchen? Laß mich nur wiſſen, was ich zu mir ſelbſt ſagen ſoll, und ich will es ſo mürriſch, ernſt und ausführlich ſagen, wie nur ein alter Mentor im Stande iſt, wenn er zu ſeinem zitternden Schüler redet.“ „Das wäre wiederum nicht die beſte Art. Du ſollſt nur in Deinem Innern recht gründlich nach der Quelle dieſer ſonderbaren und ungerufenen Betrübniß forſchen, welche bisweilen eben ſo plötzlich über Dich kommt, als ob ſie aus der Luft käme.“ „Ach, meine ganze Betrübniß hat keinen andern Grund, als daß ich nicht auch mit der Luft fahren kann. Wenn Du mich nicht auslachen wollteſt, ſo würde ich ſagen: ich bin ſehr traurig darüber, daß ich ſechzehn Jahre alt bin.“ „Und warum denn das, mein Sohn? Willſt Du mir das ſagen, während wir auf Leonard und den Kaffee warten“ dazu it melodt 15 „Nach dem Frühſtück will ich's Dir ſagen, liebe Mutter! Jetzt muß ich für Monika ein wenig ſpinnen. Es iſt ſo luſtig, wenn ſie uͤber einen Schelmenſtreich boͤſe wird.“ Und augenblicklich ſaß er vor dem Spinnrade der 4 alten Monika und begann tapfer darauf loszuſpinnen, und kommt dazu ihre alte Lieblingsarie nach ihrer eigenen Lieblings⸗ ar das melodie zu ſingen: .„Alonzo der Tapfre, ſo nannte man ihn, lhatte ja Und ſie Imogene die Schöne...“ 1„Juſtus! wie kannſt Du es über Dein Herz bringen, t was an dem letzten Morgen Deines Hierſeins die gute Seele rig und zu ärgern?“ utter?„Um ſie wieder gut zu machen. Oder, liebe Mut⸗ in Recht ter, haſt Du jemals Augen geſehen, die ſo herzlich und ſein, ein ſo gut ſind, als Monika's, wenn ſie gut iſt?“ herrſchen„Alonzo der Tapfre, ſo nannte man ihn, aube, es Und ſie Imogene die Schöne...“ in wenig Jetzt kam Monika mit der Kaffeekanne in der einen und einem Teller voller Brezeln in der andern Hand herein⸗ terchen? geſegelt. oll, und„Fi, Herr Juſtus! daß Sie ſich nicht zu gut halten, gen, wie am letzten Morgen über die alte Monika zu ſpotten und 1 ſeinem noch dazu das Garn zu verderben! Stehn Sie auf— haben Sie die Gewogenheit, aufzuſtehen! Herr Leonard be⸗ du ſollſt trägt ſich nicht ſo; er hat die Ermahnungen auf eine an⸗ Ouelle dere Art aufgenommen!“ forſchen,„Monika, Monika!“ ſagte Juſtus mit einer ſo un⸗ mt, als beſchreiblich einnehmenden und weichen Modulation der 1 Stimme, daß die Alte wie angewurzelt ſtehen blieb, als andern lauſchte ſie auf eine herrliche Muſik.„Monika, Monika! en kann. es thut mir leid, daß ich Dich betrübt habe! Ach, gute, h ſagen; liebe Monika! ich meinte es ja nicht böſe!“ alt bin.„Nun, Herr Gott! wer weiß das nicht! Nun ſo Du mir ſpinnen Sie denn in Gottes Namen, und ſingen Sie mei⸗ arten nethalben von Imogene der Schönen. Singen Sie nur, 4 — — 16 ſingen Sie! doch ſtellen Sie nicht die Stimme auf die Art, denn da kann Juſtus Stock und Stein zum Weinen bringen.“ „Ich wollte, daß ich das konnte!“ rief Juſtus aus, indem er fröhlich aufſprang und Monika's Kopf mit bei⸗ den Händen ergriff;„da ſollten ſie ſich müde tanzen; aber wollen ſchon ſehen, ob ich nicht eines Tages hinunterfahre in die Unterwelt und die Leier des Orpheus heraufhole!“ „Was ſagt er in Gottes Namen! Nehme Er ſich in Acht, Herr Juſtus: es taugt nie, mit ſolchen Dingen zu ſcherzen!— Herr Leonard!“(ſie wendete ſich an die ge⸗ ſchloſſene Thür)„Herr Leonard! haben Sie die Güte, her⸗ auszukommen!“ Einige Minuten ſpäter zeigte ſich ein unterſetzter Jüngling mit ſtarkem und geſundem Aeußern. Seine Züge hatten dieſe Herzensgüte, welche gewiſſen Geſichtern aufgedrückt iſt, und dieſen geſunden, ruhigen Verſtand, der ſeinen geraden Weg zu gehen pflegt, ohne es für noth⸗ wendig oder wünſchenswerth zu erachten, die Maſſe von verwirrenden Gebüſchen zu erforſchen, welche ſich an der Seite hinſchlängeln. Dabei ſah er keinesweges einfältig aus, und man meinte überzeugt zu ſein, daß er in die Reihe dieſer glücklichen Menſchen treten würde, welche ein ganzes Leben durchwandern können, ohne auf irgend eine Art von Abenteuern zu ſtoßen, ſofern nämlich nicht die Bahn eines Andern ſich zufälliger Weiſe mit der ihrigen kreuzt, wodurch es ſich wohl ereignen kann, daß einige Steine, welche der Bahn des Einen zugehören, auf die des Andern herüberrollen. Leonard war nicht ſchoͤn. Seine Naſe hatte eine kleine beſcheidene Plattheit, die Augen waren klein, aber klar und von der mildeſten dunkelgrauen Farbe, die Stirn nie⸗ drig, das Haar ſtraff, gelb und ſchlicht und der Mund ziemlich breit. Trotz aller dieſer Mängel beſaß Leonard dieſe unnennbare Anmuth, welche den Häßlichſten angenehm macht, und welche ſelbſt dann nicht verſchwand, wenn er neben Ju Augenblie deſſen Ar Schönhei Herrſchaf tian darſ Zwi Soͤhnen Mutterlie Blicke, Beiden, ſeinen K. verzehrte. / geliebten irgend ei daß dieſe Gymnaf „Jo lernt ha zu ſehen men 3— nach Up 1„ das We nach nic Eine N uſtus aus, f mit bei⸗ zen; aber unterfahre raufhole!“ Er ſich in Dingen zu an die ge⸗ Güte, her⸗ unterſetzter n. Seine Geſichtern ſerſtand, der für noth⸗ Maſſe von ſich an der es einfältig ß er in die welche ein irgend eine ich nicht die der ihrigen daß einige en, auf die te eine kleine , aber klar e Stirn nie⸗ d der Mund ſaß Leonard en angenehm d, wenn er 17 neben Juſtus ſtand, deſſen geſchmeidiger Wuchs in jedem Augenblicke die anmuthigſten Abwechſelungen zeigte, und deſſen Antlitz in ſeiner erſten, lebhaften und glänzenden Schönheit, da das Kind noch mit dem Jünglinge um die Herrſchaft ſtritt, eine Illuſion der Schöpfungen eines Ti⸗ tian darſtellte. Zwiſchen dieſen beiden Jünglingen, ihren geliebten Soͤhnen— denn ſie hegte auch gegen Leonard die wärmſte Mutterliebe— ſaß nun Frau Hedwig und theilte ihre Blicke, ihr Lächeln, ihre aufmunternden Worte zwiſchen Beiden, wahrend jeder von ihnen mit dem beſten Geſchmack ſeinen Kaffee und Monika's Stolz, die ſchoͤnen Brezeln, verzehrte. „Wenn wir nun wieder ſo beiſammen ſitzen, meine geliebten Söhne, ſo haſt Du, Leonard, Dich gewiß für irgend etwas beſtimmt. Dein Vormund hat mir geſagt, daß dieſer Termin der letzte Deines Beſuches auf dem Gymnaſium iſt*). „Ja, nun meine ich wirklich auch, daß ich genug ge⸗ lernt haben kann, um auf einem Gute nach den Leuten zu ſehen und die Rechnungen zu führen.“ „Du bleibſt alſo dabei, eine ſolche Condition zu neh⸗ men— Du willſt alſo nicht ſtudiren und Deinen Bruder nach Upſala begleiten?“ „Wozu ſollte ich mich mit dem Studiren quälen und das Wenige, das ich habe, durchbringen, um vielleicht her⸗ nach nichts zu haben? Da weiß ich etwas Beſſeres. Habe *) In Schweden theilt man ſowohl auf den Univerſitäten als auch auf den Gymnaſien das Jahr, welches nicht wie in Deutſchland mit Oſtern, ſondern mit Neujahr beginnt, in zwei Termine ein. Bei den Gymnaſien ⸗ wird von den Abiturienten kein Examen gefordert, ſondern dieſes muß man bei der Univerſität ablegen, weßhalb auch ſehr viele Studenten gar kein Gymna⸗ ſium beſucht haben. A. d. Ueb. Eine Nacht am Bullarſee. I. 2 ich erſt einige Jahre bei andern Leuten die Landwirthſchaft gelernt, ſo daß ich Alles tüchtig kenne, ſo kaufe ich mir ein Stück Land und pflanze für mich ſelbſt Kohl und Kar⸗ toffeln, und dann kann Mutter bei mir wohnen bis Juſtus ſich bis zu einem Lectoramte ſtudirt hat— denn ich kann mir denken, daß er mit nichts Geringerem zufrieden iſt.“ „Ich begnüge mich nicht damit, Lector zu werden,“ ſagte Juſtus ernſthaft. „Nun, wie hoch willſt Du denn, mein Sohn?“ „Ich will ein Tabouret im Staatsrathe haben!“ „Behüte Gott, welch ein Ehrgeiz! danke Gott, lie⸗ bes Kind, wenn Du in einer kleinen Stadt Bürgermeiſter wirſt! Bedenke, wie arm Du biſt 1“ „Nun? wer war wohl ärmer als der Sohn des Käthners, der den Stock wegwarf, mit welchem er die Schafe hütete, um ſpäterhin den Biſchofsſtab zu umfaſ⸗ ſen? Wir haben allzu viele Beiſpiele, wie unbemittelte Jünglinge ſich zu hohen Chrenſtellen empor gearbeitet haben, als daß die Armuth für ein Hinderniß gelten koͤnnte, wenn Einer ſo hoch ſtreben will, als die Flügel ihn zu tragen vermögen.“ „Wenn aber nun die Flügel unterweges erſchlafften und er ganz einfach herunterfiele 2“ bemerkte Leonard in ſeiner trocknen, proſaiſchen, aber gutmüthigen Weiſe. „Was thuts?“ entgegnete Juſtus—„was hat er dabei verloren, daß er flog, ſo weit er konnte 2“ „Nur den Muth, denke ich, nachher unbemerkt in einen Nebenweg einzuleiten, wohin die Flügel, nachdem ſie ein wenig umgepflaſtert worden ſind, ihn möglicher Weiſe tragen könnten.“ „Du irrſt, und darüber wundere ich mich nicht.“ „Warum aber,“ fragte die Mutter vorwurfsvoll, „ſagſt Du das in einem ſolchen überlegenen Ton? Lieber Juſtus! Leonard hat ohne Zweifel Recht.“ „Ja, ſo ſehr hat er Recht, wie derjenige, der gerade ſo weit ſieht, als die Augen ihm ihre Dienſte nicht ver⸗ ſagen!“ nen bre⸗ „T fragte L auf die „Laß ih dann al verſchied Wege; geht es verzweif 7/ rade der iſt. Dt Geſchme einigen verkauft im For Vorſatze kleine E hatteſt, und da den Ha in der blicklich nate lar ſes me 4 1 irthſchaft e ich mir und Kar⸗ bis Juſtus ich kann eden iſt.“ werden,“ (Sohn des hem er die zu umfaſ⸗ nbemittelte gearbeitet ten koͤnnte, gel ihn zu erſchlafften Leonard in Weiſe. vas hat er remerkt in , nachdem möoͤglicher nicht.“ drwurfsvoll, kon? Lieber der gerade e nicht ver⸗ 19 ſagen!“ antwortete Juſtus mit einer hohen Roͤthe auf ſei⸗ nen brennenden Wangen. „Was ſiehſt Du denn, der Du die Augen verſchmähſt?“ fragte Leonard, indem er einen ſanften verſoͤhnenden Blick auf die Mutter warf, einen Blick, der zu ſagen ſchien: „Laß ihn nur: ich weiß recht gut, daß er es nicht boͤſe meint.“ „Ich ſehe ſo viel, daß wenn die Flügel erſchlafften und der Flug gehemmt wurde, ſo ruht der Fliegende aus, dann aber verſucht er von Neuem ein, zwei, dreimal in verſchiedenen Richtungen zu fliegen. Es gibt viele große Wege; kommt er auf dem einen nicht zum Ziele, nun ſo geht es wohl auf dem andern. Mit einem ſtarken Willen verzweifelt man nie. „Doch,“ wendete Frau Hedwig ein,„nun trifft ge⸗ rade der Fall ein, lleber Juſtus, daß Dein Wille nie ſtark iſt. Du weißt, wie oft Du Deine Gedanken und Deinen Geſchmack wechſelſt. Weißt Du wohl noch, wie Du vor einigen Jahren Sirupscaramelen kochteſt und in der Schule verkaufteſt, um Dir die Mittel zu verſchaffen, Unterricht im Fortepianoſpielen zu nehmen, und wie es mit dem Vorſatze ging? Ich will es Dir ſagen: Als Du eine kleine Summe geſammelt, ja, wirklich zuſammengedarbt hatteſt, ſo verſchenkteſt Du ſie an den, der zuerſt kam, und damit ſtürzten alle Deine ſchoͤnen Luftſchloͤſſer über den Haufen. Damals wollteſt Du ein Muſiker werden, in der Welt umher reiſen und Concerte geben; und augen⸗ blicklich warfſt Du ohne Bedenken weg, woran Du Mo⸗ nate lang geſammelt hatteſt.“ „Warf ich es weg, da ich es Einem gab, der das Geld nothwendiger gebrauchte als ich 2 „Das war nicht ganz recht von mir geſagt, mein Juſtus! Wenn man jedoch auf Koſten ſeiner Ausſichten ſein gutes Herz, ſein ſtets mahnendes Gefühl befriedigen will, ſo wird der Arme nicht weit kommen; und eben die⸗ ſes meinte ich, ohne daß ich darum im Allergeringſten Deine Handlung aus dem moraliſchen Geſichtspunkte tadeln will; im Gegentheil: ſie war ſchoͤn und verdienſtvoll.“ „Wer hat aber wohl gewagt, zu behaupten, daß dar⸗ um die Spiellectionen aufhörten?“ fragte Juſtus mit einem Lächeln voll ſchelmiſcher Froͤhlichkeit. „Das hat Leonard geſagt— überdies haſt Du ſpä⸗ terhin kein Wort darüber geſagt.“ „Eben darum, weil ich um ſo mehr daran gedacht habe— doch das iſt mein Geheimniß, und ich verwahre es noch ein wenig.“ Frau Hedwig lächelte ohne weiter etwas zu fragen. Und nachdem die kleine zufriedene Familie von dem Früh⸗ ſtücktiſche aufgeſtanden war, ging Leonard, um von ſeinem Vormund, der in der Nähe wohnte, Abſchied zu nehmen. Monika brachte den Eßkober in Ordnung, und die Mut⸗ V ter blieb allein mit dem Sohne ihres Herzens. — „Jetzt haben wir ein Stündchen, das uns ganz allein gehört! Sage mir nun, mein geliebter Juſtus, warum fürchteteſt Du, daß ich Dich auslachen koͤnnte? Derglei⸗ chen konnteſt Du aber doch unmöglich fürchten; denn Du weißt gewiß, daß Deine Mutter es nicht uͤber ihr Herz bringen kann, über dasjenige, was Dir Kummer verur⸗ ſacht, zu lachen. Du biſt alſo traurig, weil Du ſchon ſechzehn Jahre alt biſt 2“ „Ja,“ antwortete Juſtus,„denn in einem ſolchen Alter kann man keine Sirupcaramelen mehr kochen. „Nicht ſo, Juſtus! Jetzt keinen Scherz: nun mußt Du ernſthaft reden!“ „Ich rede wirklich Kenafe Salande 4 naih amelen verkaufen konnte, hatte ich eine gute kleine nige buneede Wenn ich das eine nicht mehr darf, ſo hört die zweite auf und mit ihr ſehr viel. 4 eine Un „2 deſt? H ſtohlen vermutl wäre.“ „8 Scheing Unrecht Worten ſtohlen, Leonard tadeln ll.“ ß dar⸗ 6 mit u ſpä⸗ gedacht rwahre fragen. Früh⸗ ſeinem nehmen. 2 Mut⸗ nz allein warum Derglei⸗ denn Du ihr Herz er verur⸗ du ſchon n ſolchen en. un mußt ich noch ute kleine — darf, ſo 21 „Viel, mein armer Juſtus?“ „Viel— mein Mufikunterricht.“ „Wie? haſt du wirklich Unterricht im Klavierſpielen gehabt? Du fingſt alſo damit an, als Du Dir wieder eine neue Kaſſe zuſammengeſpart hatteſt?“ „Ich hoͤrte nie damit auf; ich traf nur auf eine neue Quelle.“ „Welche, mein Sohn?“ Juſtus ſchwieg. „Ich hoffe, mein Kind, daß dieſe außerordentliche Neigung zur Muſik Dich nicht zu Thaten zog, die Du mir nicht mittheilen darfſt?“ 3 „Wenn Du nur nicht traurig wirſt und mir Vor⸗ würfe machſt!“ 5 „Nein, nicht den geringſten, hoffe ich— rede!“ „Ich verkaufte meine Uhr.“ „Wie? die Uhr Deines Vaters? Und Du ließeſt mich immer glauben, daß ſie Dir geſtohlen wäre! In der That, mein Sohn, das betrübt mich wirklich um ſo mehr, als ich immer geglaubt habe, Du wäreſt nicht im Stande, eine Unwahrheit zu ſagen.“ „Wußte ich's nicht, daß Du mich mißverſtehen wür⸗ deſt? Habe ich wohl jemals geſagt, daß mir die Uhr ge⸗ ſtohlen wäre? Habe ich einmal geſagt, daß ich ſolches vermuthete? Ich habe ja nur geſagt, daß die Uhr weg wäre.“ „Juſtus, mein Kind! um Gottes willen keine ſolche Scheingründe zur Bemäntelung deſſen, was Recht oder Unrecht iſt! Es iſt wahr, Du haſt mir nicht mit klaren Worten erzählt, daß Du glaubteſt, die Uhr wäre Dir ge⸗ ſtohlen, aber Du haſt auch gar nichts dagegen geſagt, als Leonard und ich hin und her riethen. Siehſt Du nicht ein, daß dieſes ſehr unrecht war?“ „Ich ſehe ein, es war traurig, daß ich nicht die Wahrheit ſagen konnte; hätte ich das aber gethan, liebe Mutter, da hätteſt Du gewiß die Uhr wieder einkaufen wollen, und ich hätte Dir große Koſten verurſacht.“ Frau Hedwig ſchüttelte betrübt das Haupt. Ihr Herz war beklemmt. Endlich fragte ſie:„Wurde es Dir denn gar nicht ſchwer, Dich von dieſer Uhr zu trennen, die Dein Vater getragen hat?“ „Nein, nicht eben darum: ich war ſo klein, als Va⸗ ter ſtarb, daß ich mich ſeiner kaum entſinne; aber es that mir weh um meiner lieben Mutter willen.“ „Das reichte ja aber doch nicht hin, Dich zurückzu⸗ halten!“. „Ich konnte auf keine andere Art länger fortfahren, Unterricht zu nehmen, nachdem ich das erſparte Geld ver⸗ ſchenkt hatie. ſuind wäre Dir ein armer Unglücklicher be⸗ gegnet, als Du mit dieſem Gelde zurückkehrteſt, ſo hät⸗ teſt Du es gewiß wieder verſchenkt 2 „Ich bin froh, daß mir kein Solcher begegnete, denn es wird mir ſchwer, denjenigen ohne Hülfe zu laſſen, der übler daran iſt als ich ſelbſt.“ „Aber laß uns nur den Fall ſetzen, daß Du Gele⸗ genheit gehabt hätteſt, auch dieſes Geld wegzugeben, was wäre wohl daraus geworden? Siehſt Du nicht ein, daß auf der einen Seite das Bedürfniß, der Güte, ja der Schwäche Deines Herzens zu genügen, und auf der andern dieſes Verlangen Deine Spielſtunden fortzuſetzen, Dich zu⸗ letzt zu einer noch ſchlimmeren Handlung hätten zwingen können?“ „Liebe Mutter, nenne es keine ſchlimme Handlung! Ich verkaufte, was mein war— das Recht hat jeder Menſch mit ſeinem Eigenthume— und wenn ich nicht er⸗ zählte, daß ich die Uhr verkauft habe, ſo geſchah das zu keinem ſchlechten Zwecke. Ich will nie etwas Schlechtes thun, ich werde nie etwas Schlechtes thun.— Doch vielleicht glaubſt Du mir auch das nicht?“ „Wohlan, mein Kind, ich glaube Dir! Doch ſollſt Du mir heilig verſprechen, nie etwas zu unternehmen, wo Du zu fr Muſi wiß; nicht Mütt ich n terrie der dingt ich k und einen anwe Juſt das ich l bekat Com ich warr klein knab Sto ſchie nich wür nrückzu⸗ tfahren, eld ver⸗ cher be⸗ ſo hät⸗ te, denn ſſen, der zwingen andlung! hat jeder nicht er⸗ h das zu Schlechtes — Doch doch ſollſt men, wo 23 Du nicht den rechten Weg klar ſiehſt, ohne mich um Rath zu fragen. Hätte ich gewußt, daß Deine Neigung zur Muſik wirklich ſo außerordentlich wäre, ſo hätte ich ge⸗ wiß Mittel geſchafft, dieſelbe zu befriedigen.“ „Das wußte ich ja vorher, und eben weil ich das nicht wollte, ſo half ich mir ſelbſt. Aber liebes, beſtes Mütterchen, ſei nur nicht boͤſe! das erſte Geld, welches ich mit Unterrichtgeben verdiene, da ich bald anfange Un⸗ terricht zu ertheilen, will ich anwenden, um die Uhr wie⸗ der einzulöſen; denn ich habe ſie unter keiner andern Be⸗ dingung verkauft, als daß ich ſie wieder einlöͤſen darf, wenn ich kann.“ „Gott ſei gelobt!— ſo ſage mir doch, wo ſie iſt, und wie theuer Du ſie verkauft haſt. Ich habe eben jetzt einen kleinen Ueberſchuß in der Sparkaſſe, den wir dazu anwenden koͤnnen.“ „Nein, gewiß nicht; das geſchieht nimmermehr!“ rief Juſtus lebhaft aus.„Ich ſage weder das Eine noch auch das Andere; frage mich nicht! die Uhr ſoll dereinſt, wenn ich lebe, wiederum dort ſtehen, wo ſie ſtand, ehe ich ſie bekam.“ Er deutete auf ein kleines Uhrgehäuſe auf der Commode der Mutter. „So muß ich Dir wohl Deinen Willen laſſen— ich bin auf jeden Fall weit ruhiger. Aber ſage mir, warum Deine ſechzehn Jahre Dich hindern, aus Deinem kleinen Handel Gewinn zu ziehen?“ „Mit ſolchen Dingen handeln nur kleinere Schul⸗ knaben. Man würde mich auslachen, und das will ich nicht.“ „Es wäre zu Deinem Nutzen, wenn Du dieſen kleinen Stolz erſtickteſt und ſie lachen ließeſt.“ „Unmöglich, liebe Mutter! was ſich nicht ſchickt, das ſchickt ſich nicht; ich will an einen andern Ausweg denken.“ „Könnteſt Du nicht kleinere Kinder unterrichten?“ Juſtus ſchüttelte den Kopf.„Nein, das hielte ich nicht aus. Man würde mir ſchimpflich bieten, und ich würde mich zu Tode plagen, um ſechs Schillinge in der 24 Stunde zu verdienen. Ich gebe keinen Unterricht eher, als bis man mir wenigſiens einen Reichsthaler Banco gibt. Dann iſt die Uhr bald eingelöſt; und nachdem ich das gethan und mir ein Inſtrument zuſammengeſpielt habe, ſo gebe ich keine einzige Stunde mehr!“ „Wie, mein Sohn? Du wollteſt alles dieſes Geld Deine kleine Erſparniſſe, weggeworfen haben, ohne Nutzen daraus zu ziehen?“ „Ich habe nicht für den Nutzen geſpielt, liebe Mut⸗ ter; nein, keinesweges, ſonvern nur um zu genießen.“ „Wenn bloß nicht dieſe Neigung der Grund Deiner oft wiederkommenden Betrübniß iſt! Sage mir, mein liebes, theures Kind! ahnſt Du irgend eine Urſache dieſes Uebels?“ „Nein, das thue ich nicht. Ich fühle nur, daß mich bisweilen ein drückender Schmerz überfällt. Bin ich dann draußen, ſo laufe ich über das Feld und in den Wald, und es iſt mir, als wollte ich laufen bis an das Ende der Welt. Und wenn ich dann Athem hole, ſo dichte ich Töͤne, welche ich bisweilen aufſchreibe und ſpiele, wenn ich allein bin. Aber es iſt einerlei, ob ich ſie ſpiele: ich kann ſie doch.“ „Das alles geht über, mein Sohn, wann Du älter wirſt und ſowohl die phyſiſche als auch die geiſtige Ent⸗ wicklung vollendet iſt.“ „Geht über?“ rief Juſtus aus.„Nein, Gott ſoll mich davor bewahren, denn da könnte ich niemals glück⸗ lich ſein. Ich bedarf der Traurigkeit, um die Freude recht zu kennen, und ich verſichere, ich wollte mich für keine Goldgrube in Leo's Seele verſetzen. Ich würde ſterben, wenn ich gezwungen wäre, immer die eine Stunde gleich der andern hinzuleben und immer gleiche Gedanken zu hegen, immer gleich gut, beſcheiden und dumm...“ „Juſtus, Juſtus, nicht wahr! Leo iſt ein vortrefflicher Jüngling; er wird ſich gewiß nie in demjenigen irren, was Recht iſt. Ich meines Theils wünſchte, Du hätteſt etwas ſtande. niſſe; Kenntt die beſ den. niſſe z dieſe k nen ha mir w dieſen geboren immern willen, kann? ganz g und all Deine tragen, B ſterung t eher, Banco dem ich lt habe, s Geld Nutzen e Mut⸗ en.“ Deiner „ mein e dieſes aß mich ch dann Wald, Ende der chte ich venn ich ich kann du älter ge Ent⸗ ott ſoll 3 gluͤck⸗ de recht ür keine ſterben, de gleich nken zu 7ʃ efflicher n irren, hätteſt 25 etwas weniger Feuer und mehr von ſeinem ruhigen Ver⸗ ſtande. Deine Lehrer geben Dir zwar die allerbeſten Zeug⸗ niſſe; doch wozu nützt es Dir, wenn Du Dir auch alle Kenntniſſe der ganzen Welt erwirbſt, wenn Du Dir nicht die beſte erwerben kannſt, nämlich das Gelernte anzuwen⸗ den. Glaube mir, das iſt weit mehr, als viele Kennt⸗ niſſe zu beſitzen, die man nicht fruchtbar macht.“ „Und wie kommt meine gute, meine beſte Mutter auf ſolche Gedanken, daß ich meine Kenntniſſe nicht fruchtbar machen ſollte?“ „Darum, geliebtes Kind, weil Du Dich auf ſo viele Dinge werfen willſt. Deine Phantaſie iſt zu feurig, ſie führt Dich hierhin und dorthin. Doch ich habe nicht das Recht, Dich zu beunruhigen: Du wirſt mir mit Gottes Hülfe beweiſen, daß dieſe Unruhe ungegründet war!“ „Ja, ganz gewiß, liebe Mutter, verlaß Dich darauf!“ antwortet er mit dieſem ſanften muſikaliſchen Tone, den ſein ungewöhnlich ſchoͤnes Organ hervorzubringen vermochte, und deſſen Macht er ſchon ſeit langer Zeit zu ſeinem Vor⸗ theile anzuwenden verſtand.„Ich bin ja kaum noch ein Jüngling, ich will verſtändig, ruhig, nachdenkend werden; ich will arbeiten, o, ſo fleißig, ſo fleißig, um Dir alle dieſe kleinen Rollen zu vergelten, die Du für mich geſpon⸗ nen haſt. Doch iſt es wunderlich, iſt es lächerlich, wenn mir wie jetzt die Thränen in die Augen kommen, da ich dieſen kleinen Fuß, welcher gewiß nicht für das Spinnrad geboren wurde, von frühem Morgen bis zum ſpäten Abend immerwährend treien und treten ſehe, und das um meinet⸗ willen, damit ich leben und mir Gelehrſamkeit erwerben kann? Aber behalte ich das Leben, ſo ſoll dieſer Fuß ganz gewiß einmal auf dem weichſten ſeidenen Kiſſen ruhen, und alle Deine Hoffnungen, alle Deine Beſtrebungen, alle Deine Gebete ſollen Früchte tragen— ja, ſie ſollen Früchte tragen, und ich will ſie fruchtbar machen!“ Bei dieſen Worten, die Juſtus mit lebhafter Begei⸗ ſterung ausſprach, warf er ſich in die Arme ſeiner Mutter; und von ihren Thränen und Segenswünſchen überſtrömt, Augen, in denen verblieb er lange ſtumm, während ſeine ein ſchwärmeriſches Feuer flammte, mit unbeſchreiblicher Zärtlichkeit auf dieſer Mutter ruhten, die er über Alles liebte. „Gott hat Deine Gelübde vernommen, mein Juſtus, und in ſeiner Langmuth wird er Dir Deinen kindlichen Stolz nicht zurechnen, ſondern nur auf den Wunſch Dei⸗ nes Herzens ſehen.“ — In der Stunde des Abſchiedes, als Leonard ſchon auf dem Skjutskarren ſaß, wollte Frau Hedwig ihrem Sohne ein kleines Paquet in die Hand ſtecken.„Mein Sohn, erzeige mir die Freude und nimm dieſes zu Deinen theuren Spielſtunden— glaube mir: ich kann es ſehr gut entbehren!“ „Nicht einen Heller über das Gewoͤhnliche nehme ich, meine geliebte Mutter, und das habe ich ſchon erhalten! Es wäre eine Sünde und eine Schande von mir, da ich mich nicht ſelbſt zum Stundengeben bequemen will, Dein theuer und ſchwer verdlentes Geld zu nehmen, um damit meinen eigenen Unterricht zu bezahlen. Nein, ich danke!“ „Juſtus, mein Sohn! wie kannſt Du mir in dem Augenblicke des Abſchiedes etwas abſchlagen?“ „O,“ ſagte Juſtus, und ſeine Lippen und Blicke lächelten wiederum voll kindlicher Freude und Luſt,„liebe Mutter! wie kannſt Du in dem Augenblicke des Abſchie⸗ des meinen Fehlern ein Kiſſen unterlegen wollen?“ „Ja, Du verſtehſt die Kunſt mich zu entwaffnen! Nun ſo ſtrebe denn vorwärts, ſo gut Du kannſt, mein armer Junge! Und Du, mein Leo!“ ſagte ſie, indem ſie den hochgeſchätzten Stiefſohn noch einmal umarmte,„habe * Du in Juſtus dem er druck den B rathen ſchen 2 2 währen Augen ren do 7 indem die 5 ger de die F komm erſtrömt, in denen reiblicher der Alles Juſtus, kindlichen aſch Dei⸗ ard ſchon vig ihrem 1.„Mein u Deinen es ſehr gut nehme ich, n erhalten! nir, da ich will, Dein um damit ich danke!“ mir in dem 1 und Blicke Luſt,„liebe des Abſchie⸗ len?“ entwaffnen. annſt, mein le, indem ſie armte,„habe 27 Du immer eines von Deinen klugen, ruhigen Augen auf Juſtus!“ „Ja, Mutter! verlaſſe Dich auf mich. Wir werden immer gut mit einander fertig.“ „Das glaube ich wohl,“ ſagte Juſtus, welcher, nach⸗ dem er der alten Monika den letzten vertraulichen Hände⸗ druck gegeben hatte, auf den Karren ſprang und ſich neben den Bruder ſetzte:„wer koͤnnte wohl in Uneinigkeit ge⸗ rathen mit Dir, der ſich nie ärgern läßt?“ „Möge ſtets ein ſolcher Frieden zwiſchen Euch herr⸗ ſchen, meine geliebten Söhne!“ Mit dieſem frommen Wunſche der Frau Hedwig, während Monika mit dem Zipfel der Schürze vor den Augen das Heck oͤffnete und ſich verneigte, rollte der Kar⸗ ren dahin. „So, meine liebe gnädige Frau!“ ſagte die Alte, indem ſie das Heck langſam wieder zumachte,„nun hat die Freude ein Ende, und nun verlohnt ſich's nicht län⸗ ger der Mühe, daß Sie hier in der Kälte ſtehen und die Füße erfrieren laſſen, um ihnen nachzuſehen, ſondern kommen Sie nun hübſch herein!“ „Liebe Monika, ich ſpinne mich bald wieder warm!“ „Aber, gnädige Frau, wenn ich meinen Willen haben darf, ſo ſollen Sie heute einen kleinen Feiertag machen und keinen einzigen Tritt thun. Manchmal muß man auch ein wenig ausruhen, und das paßt gerade heute, da Sie betrübten Muthes ſind. So! kommen Sie doch nur! Ich habe ein Kiſſen auf den Sofa gelegt und den kleinen Tiſch davor geſetzt und vielleicht habe ich auch wohl noch ein Buch!“ „Gute, herzensgute Monika! Du weißt recht gut, daß dies mein angenehmſtes Vergnügen iſt. Und Du haſt ein Buch nach Deinem Geſchmack angeſchafft— was kann das ſein?“ „Ich habe es nicht nach meinem Geſchmacke an⸗ geſchafft,“ lächelte Monika, indem ſie die Thür oͤffnete und die behaglichen Zurüſtungen zeigte, welche ſie in der kleinen Schlafſtube der Frau Hedwig gemacht hatte, welche dem Zimmer der Jünglinge gegenüber lag,„ſondern als ich letzthin mit den Zeitungen auf dem Gute war, ſo bat ich das Fräulein, mir ein Buch zu leihen, das meine liebe Frau heute, da ſie wieder in die alte Einſamkeit zurückkäme, unterhalten und ermuntern könnte.“ „Monika!“ ſagte Frau Hedwig gerührt,„wer eine ſolche Dienerin hat, wie Du biſt, der iſt wahrlich ſehr glücklich. Möchteſt Du nur ſo lange leben wie ich!“ „Ja, ja, liebe Frau! ich werde ſo alt wie Methu⸗ ſalem: jetzt bin ich fünfundfünfzig Jahre und habe noch nicht den geringſten Anfall von Krämpfen gehabt, und ich hoffe noch zwanzig Jahre eben ſo hurtig zu ſein. Jetzt legen Sie ſich auf den Sofa! Es ſind drei ganze Theile und die fordern Zeit.“ „Ich ſpare mir dieſe Freude für den Nachmittag auf. Ich will wenigſtens erſt meine Rolle voll haben.“ „Arbeitsbiene!“ murmelte Monika, indem ſie hinaus⸗ ging, um nach den Herren ein wenig aufzuräumen. In ihre Zukunftträume vertieft, welche gleichwohl heute zufolge der mit Juſtus gehabten Unterredung ihr nicht ſo klar wie gewoͤhnlich leuchten wollten, ſaß Frau Hedwig wiederum vor dem immerwährend rummelnden Rade. Sie hörte es nicht, daß die Thür leiſe geöffnet wurde, und eben ſo leiſe Schritte ſich ihrem Stuhle näherten; plötzlich aber ſchlagen ſich ein Paar Arme um ihren Hals und mit einem heftigen Aufruf erkannte fie ihren Juſtus. „Mein Gott, Kindl wie kommt das?“ „Ich mußte um Alles in der Welt zurück, und ſehen, ob meine liebe Mutter über unſer Geſpräch betrübt iſt. Ich hatte keine Ruhe, und ſo ſiel mir denn ein, ich könnte den Richtweg über Brunsbo gehen, während Leo⸗ nard herumfuhr.“ „Ach, Du zäͤrtliches, liebendes, heftiges Herz!“ ) Und Augen warme deſſen leicht: . 3 lich der lung ih kommen ganzen Deine mißverf ganze 2 c J Meilen nur ur kann. wie ein einmal hätte ie hätte et Monika ſtus ſtil „ Un D ie in der e, welche ndern als r, ſo bat as meine inſamkeit ‚wer eine rlich ſehr ich!“ e Methu⸗ habe noch , und ich in. Jetzt e Theile nittag auf. ℳ ie hinaus⸗ nen. gleichwohl edung ihr ſaß Frau ummelnden ſe geöffnet n Stuhle Arme um rkannte fie rück, und äch betrübt an ein, ich ihrend Leo⸗ ges Herz!“ 29 Und Frau Hedwig öffnete ihrem ſchönen Sohne, deſſen Augen faſt eben ſo beredt waren wie ſeine Stimme, mit warmer Mutterfreude die Arme. „Biſt Du auch wirklich nicht traurig? Ach, Gott ſei gelobt, ich ſehe keine Thränen! Du verſtehſt alſo Alles, was ich neulich ſagte, nicht falſch? Ich entſinne mich deſſen nicht ſo genau mehr; aber ich fühlte, daß es viel⸗ leicht meine liebe Mutter beunruhigen könnte.“ Frau Hedwig wagte nicht zu geſtehen, daß dies wirk⸗ lich der Fall geweſen war; ſie meinte, die letzte Hand⸗ lung ihres Juſtus beweiſe hinlänglich, daß ſie ihm voll⸗ kommen vertrauen könnte, und darum ſagte ſie mit der ganzen Kraft der Ueberzeugung:„Sei ruhig, mein Kind! Deine Mutter kennt Dich allzu gut, als daß ſie Dich mißverſtehen könnte. Nun aber mußt Du ja die ganze Meile im Schnee wandern, Du armer Junge!“ Ich frage nichts darnach und ſollte ich auch fünf Meilen bis über die Kniee im Schnee wandern, wenn ich nur um deinetwillen, meine liebe Mutter, ruhig ſein kann. Jetzt bin ich's, und darum fühle ich mich ſo leicht wie ein Vogel, ſpann meine Flügel aus und fliege. Noch einmal lebe wohl, geliebte Mutter!... Doch ach, Eins hätte ich beinahe vergeſſen! Monika vertraute mir, ſie hätte etwas in Ordnung— ruhe heute! Nicht wahr: das Spinnrad bekommt ja heute Ferien?“ „Ja, das ſoll es. Gott ſegne Dich, mein Sohn, mein theurer, geliebter Junge!— Gott ſegne Dich!“ „Lebe wohl!. Dank, Dank, Dank!.„. lebe wohl, lebe wohl, mein Mütterchen!“ Mutter und Sohn trennten ſich. Doch vor den Fenſtern des Zimmers, in welchem Monika, die von gar nichts wußte, aufräumte, ſtand Ju⸗ ſtus ſtill und ſang mit Monika's eigener Molodie: „Alonzo der Tapfre, ſo nannte man ihn, Und ſie Imogene die Schöne...“ Die Alte waͤre beinahe in Ohnmacht gefallen. Sie dachte ſchon daran, daß Juſtus' Geiſt ſich offenbarte zum Zeichen, daß der liebe Junge nicht alt werden würde. Doch nun vernahm ſie ein friſches und munteres Geläch⸗ ter vor dem Fenſter, und ſah, wie eine Geſtalt, welche mit dem jungen Herrn Juſtus alle mögliche Aehnlichkeit hatte, ſchnell wie ein Wirbelwind vorüberſprang und über die Ebene hinwegeilte. rte zum. würde. Geläch⸗. „welche ulichkeit und üͤber Erſtes Zuch. Oernwik. Von glänzender Engel Geſang Träumt ſie in des Jammers Thalen, In der Betäubung Zwang. Stagnelius. Ur Einleitt Landſtu Herrenft drückte, dieſes V len recht ebenfalls Von den haupten, ausdrückt ten und zu fällen weglichke Die Gattin, Nachbarſt Der nen Seeſ zuſammen Blicken d letzt im Gütern a hinabverir Elne Nac Erſtes Kapitel. Ungefähr ſieben Jahre nach dem Morgen, welcher die Einleitung unſerer Erzählung bildet, wollte ein moderner Landſturmwagen durch die uralte Allee eines altadligen Herrenſitzes. Inzwiſchen erblickte man weder an dem Wagen ein adliges Wappen, noch an den Perſonen, die in demſelben ſaßen, irgend einen ariſtokratiſchen Geſichtszug. Es war ein ältlicher, etwas korpulenter Mann, deſſen Geſicht den Fehler hatte, daß es weiter gar nichts aus⸗ drückte, als ein deutliches Verlangen zu gähnen, und dieſes Verlangen befriedigte denn auch der Mann biswei⸗ len recht gründlich, ohne ſich von ſeiner Nachbarin, einer ebenfalls corpulenten Dame, im Mindeſten ſtoͤren zu laſſen. Von dem Geſichte dieſer Dame konnte man dagegen be⸗ haupten, daß es eine ſolche Maſſe verſchiedenartiger Dinge ausdrückte, daß man weder beim erſten, noch beim zwei⸗ ten und dritten Blicke im Stande war, ein anderes Urtheil zu fällen, als daß die Dame eine außerordentliche Be⸗ weglichkeit beſitzen müßte. Die Reiſenden waren der Herr Conſul Löwe und Gattin, welche eben jetzt von ihren erſten Viſiten in der Nachbarſchaft nach Hauſe zurückkehrten. Der Herr Conſul hatte als Kaufmann in einer klei⸗ nen Seeſtadt nach und nach ein ſo anſehnliches Vermoͤgen zuſammengeſpart(welches er gleichwohl vor den neidiſchen Blicken der Welt zu verbergen gewußt hatte), daß er zu⸗ letzt im Stande geweſen war, eines von dieſen alten Gütern anzukaufen, die ſich jetzt immer öfter und oͤfter hinabverirren und in bürgerliche und Bauerhände gerathen. 3 Elne Nacht am Bullarſee. I. Zu dieſer großen und längſt beabſichtigten Erhoͤhung war ihm ſeine Frau auf die treueſte und muſterhafteſte Weiſe behülflich geweſen. In ihren jungen Jahren, da noch Keines von ihnen daran dachte, daß ſie einſt ſo große Rollen in der Welt ſpielen würden, führte Löwe ſelbſt ſeine kleine Schaluppe, und brachte ſeine Waaren nach Hauſe, während ſeine Frau in eigener Perſon zum Verkauf Häringe einſalzte, Anjovis einlegte und Fiſche trocknete. Nach und nach wurden Schaluppen und Galeaſſen, Schoner und Briggen daraus, deſſen ungeachtet aber ſtand der Rheder mit blaugefrornen Fingern ſelbſt in ſeinem Laden, wog ſeinen Kaffee, ſeine Grütze, ſeinen Sirup und maß ſeinen Branntwein, wäh⸗ rend ſeine Frau fortfuhr, ihren eigenen Handel zu erwei⸗ tern und ihre Anjovis, ihre Makrelen und ihren vortreff⸗ lichen Hummerkaviar auszuſchiffen. In ſo eifrigen Händen mußte das Vermögen noth⸗ wendig wachſen; und als es mittelſt mehrer glücklicher Wrakcommiſſionen nebſt einigen dito glücklichen Lieferun⸗ gen für Rechnung der Krone zu einer ſolchen Höhe heran⸗ gewachſen war, daß man einen kleinen Anfang mit der künftigen Größe machen zu können vermeinte, ſo wurden Buchhalter und Hausmamſell angenommen. Und da Herr Loͤwe im Stande war, Geld vorzuſchießen und immer mit gleichem Eifer die Geſchäfte Anderer betrieb, ſo wurde er endlich zum Vice⸗Conſul ernannt. Von dieſem Augen⸗ blicke wollte die Conſulin Löwe keine Makrelen mehr ſal⸗ zen und keinen Kaviar mehr machen; das mochte nun ihretwegen thun, wer da wollte. Sie betrachtete ihre rothgeſchwollenen Finger, und meinte, daß es jetzt Zeit ſein koͤnnte, dieſe in Roſenwaſſer und Haferſchleimbäder zu legen, ſofern ſie ſich jemals in einem weißen Damen⸗ handſchuh verſtecken ſollten. Nun weiß aber Jedermann, wie ſchwer es iſt, in ſeinem eigenen Lande Prophet zu werden. Dieſes erfuhr auch der Herr Conſul ſehr oft, wenn man nie welche aufzutre man ſie daß keir ſich als zu Gun Dieſer Freunde um ſo Immern kauf ang Doch ker lich der wurde. es in A ähnliche furchtgeb fühlte ſi Perſon griffen. Sol Stadt be vornehmf auf ſeine die ſich Vergnüg zu ſehen. Erhoͤhung errhafteſte von ihnen der Welt ſchaluppe, eine Frau „Anjovis )h wurden n daraus, gefrornen fee, ſeine in, wäh⸗ zu erwei⸗ vortreff⸗ gen noth⸗ glücklicher Lieferun⸗ Phe heran⸗ mit der ſo wurden da Herr d immer ,ſo wurde m Augen⸗ mehr ſal⸗ ochte nun cchtete ihre jetzt Zeit hleimbäder n Damen⸗ es iſt, in oft, wenn 35⁵ man nicht ſein Geld leihen wollte; und die Frau Conſul, welche bisher nie Zeit gehabt hatte, in den Societäten aufzutreten, war ganz außer ſich, als ſie bemerkte, daß man ſie dort mit einer gewiſſen Herablaſſung empfing, und daß keine einzige von den Damen, welche gewohnt waren ſich als vornehm zu betrachten, geſonnen war, ihre Rechte zu Gunſten der„aufgeputzten Häringſalzerin“ abzuſtehen, Dieſer Titel kam ſogar durch Freunde und Freundes Freunde zu den Ohren der Frau Conſul, und reizte ſie um ſo mehr, als ſie wirklich ihre Ahnen von einem ehr⸗ lichen Häringpacker ableitete. „Aber das ſoll ihnen eingebracht werden, das ſoll ihnen eingebracht werden! Wenn wir erſt unſer großes Gut gekauft haben, ſo wird die Conſulin gar nicht mehr daran denken, daß es Spießbürgerfrauen in der Welt gibt.“ Und nun hatte der Mann keinen Tag länger Ruhe, bis der ſeit Jahren überdachte Gutshandel zu Stande kam. Immerwahrend ſollte er Reiſen machen und alle zum Ver⸗ kauf angekündigten Güter im Oſten und Weſten beſehen. Doch keines von allen war ſchön genug gebauet, bis end⸗ lich der alte Herrenſitz Oernwik zum Verkauf ausgeboten wurde. Die Frau Conſul beliebte ſelbſt hinzureiſen, um es in Augenſchein zu nehmen, und als ſie das faſt ſchloß⸗ ähnliche Gebäude erblickte, welches ſich grau und ehr⸗ furchtgebietend erhob, ſo bückte ſie ſich im Wagen und fühlte ſich von der tiefſten Ehrfurcht vor ihrer eigenen Perſon als der künftigen Beherrſcherin dieſes Gutes er⸗ griffen. Sobald der wichtige Kauf abgeſchloſſen und in der Stadt bekannt geworden war, ſo kamen verſchiedene der vornehmſten Frauen auf Viſite. Doch ſieh! wer ſich jetzt auf ſeine hohen Pferde ſetzte, das war die Frau Conſul, die ſich gar nicht recht entſinnen konnte, wann ſie das Vergnügen gehabt hatte, die Frau L—n die Frau M— zu ſehen. Sie kannte ſo wenige von den Damen der 36 Stadt, weil ſie unglücklicher Weiſe immer die Caprice gehabt hatte, lieber ohne Geſellſchaft zu ſein, als ſolche zu ſuchen, welche nicht mit ihren ſimplen Gewohnheiten übereinſtimmte. Doch bei dem Abzuge von der Heimath ließ die Frau Conſul den Ton, der ihr dort anſtehen konnte, gänzlich zurück. In demſelben Augenblicke, da ſie den Fuß in die ariſtokratiſchen Mauern von Oernwik ſetzte, hielt ſie es für ihre Pflicht, ſich in den Ton hineinzuſtudiren, welcher der vornehmen Welt angehören mußte, und welcher Ton natürlich allzu fein war, als daß er die Anwendung ſol⸗ cher Ergießungen geſtatten konnte, welche ſich nur fuͤr die ehemalige Kleinſtädterin und weiland Kaviarhändlerin paßte. „Mein Freund!“ hatte ſie bei dieſer feierlichen Ge⸗ legenheit zu ihrem Manne geſagt,„wir müſſen der Welt zeigen, daß wir Leute ſind, die nicht nach Häring riechen. Es iſt einerlei, was man geweſen iſt; uns geziemt es jetzt zu zeigen, was wir ſind; und ich hoffe, mein lieber Löwe, Du wirſt es nie vergeſſen, daß Du verantwortlich biſt für Deine eigene und Deiner Familie Würde!“ „Und ich,“ entgegnete der Conſul mit der Würde, welche eine ſo wichtige Aufforderung heiſchte,„ich hoffe, daß ich meine Pflicht gegen die bürgerliche Geſellſchaft jetzt eben ſo wenig wie bisher vergeſſen werde!“ Und dieſe beiden Leute, die bis jetzt gute, ehrliche und glückliche Menſchen geweſen waren, denen nur einige kleine eitle Hoffnungen aaklebten hinſichtlich der Vorzüge, welche ihnen ihre gemeinſamen Arbeiten in der Zukunft beſcheren ſollten, wurden nun als Inhaber des bedeutenden Gutes eine aufgeblaſene, dummſtolze, hoffährtige Herr⸗ ſchaft, welche nie aufhoͤren konnte, ſich lächerlich zu machen durch ein ſtetes Beſtreben, die Art und Weiſe der Vor⸗ nehmen nachzuäffen, ſo weit dieſelben zu ihrer Kenntniß gelangten. Wenn aber das Glück in allen oͤkonomiſchen Hinſich⸗ ten un das S Hoffnu ter, w ſul ebe gezeich wirklich Erbin Mädch floß ni aber d S Löwe allein ſich da welches daß ſi liebte f den bre ſelben naldini Fürſt! entzücke ſchichte Lafonte wiedern haften modern I werthen zenden ſtiegen, Evelina Löwe d dabei ie deren f die Caprice als ſolche wohnheiten eß die Frau , gänzlich n Fuß in ‚hielt ſie en, welcher elcher Ton endung ſol⸗ nur für die arhändlerin lichen Ge⸗ nder Welt ng riechen. emt es jetzt mein lieber antwortlich tde!“ er Würde, „ich hoffe, Geſellſchaft e, ehrliche nur einige r Vorzüge, er Zukunft bedeutenden etige Herr⸗ zu machen e der Vor⸗ r Kenntniß hen Hinſich 37 ten unſer eitles Paar begünſtigt hatte, ſo hatte dagegen das Schickſal ſich vorbehalten, ſich bei ihrer vornehmſten Hoffnung in die Quere zu ſetzen. Sie hatten eine Toch⸗ ter, welche zufolge der eigenen Aeußerung der Frau Con⸗ ſul eben ſo ſchön war wie irgend eine Venus, ſie mochte gezeichnet oder in Stein gehauen ſein. Und ſchön war wirklich die junge Evelina. Dazu war ſie als die einzige Erbin des großen Vermögens ihrer Eltern ein reiches Mädchen. Doch trotz Jugend, Schoͤnheit und Reichthum floß nichts deſto weniger von der jungen Erbin ihre einzige, aber dabei auch faſt unermeßliche Betrübniß her. Schon in dem jetzt ſo entfernten Zeitpunkte, da Frau Lowe in Abweſenheit ihres Mannes„mit der Schute“ allein im Laden ſaß und auf Kunden wartete, hatte ſie ſich daran gewöhnt, Romane zu leſen, ein Vergnügen, welches ihr mit den Jahren in dem Grade theuer wurde, daß ſie oft darüber ihrer Nachtruhe entſagte. Anfangs liebte ſie am höchſten die zwoͤlf ſchlafenden Jungfrauen, den braunen Mann im Walde und mehre andere in dem⸗ ſelben Geiſte; darauf kam die Räuberſerie: Rinaldo Ri⸗ naldini, Moraldo Moraldini und Carlo de Francheci, Fürſt der Banditen im Teufelsthale, um ihr den Kopf zu entzücken und zu verrücken. Doch hatten alle dieſe Ge⸗ ſchichten längſt den entzückenden und häuslichen Idyllen Lafontaine's Platz machen müſſen, und dieſe hatten darauf wiederum ihre Herrſchaft über den Geſchmack der launen⸗ haften Dame zu Gunſten der Produkte der neueren und modernen Literatur abtreten müſſen. In eben dem Verhältniſſe, wie der Geſchmack der werthen Frau ſich verändert hatte, waren auch ihre glän⸗ zenden Hoffnungen auf die Zukunft höher und hoͤher ge⸗ ſtiegen, und als ſich nun deutlich zu zeigen begann, daß Evelina eine wahre Venus werden würde, ſo verband Frau Löwe dieſen Umſtand mit dem künftigen Gute, und ſpielte dabei in Gedanken ſämmtliche intereſſante Scenen durch, deren ſie ſich aus den Romanen entſann, und in welchen „ auf irgend eine Art von ſchoͤnen, reichen Erbinnen und ihren Freiern gehandelt wurde. Doch, wie geſagt, das Schickſal hatte beliebt, einen Knoten in den Faden zu ſchlagen: die ſchoͤne Evelina war die Verzweiflung ihrer Eltern, anſtatt ihr Stolz und ihre Freude zu ſein. Die junge Dame hatte nämlich einige kleine Fehler, die ſogar an einer Erbin als nicht ganz wünſchenswerth erſcheinen konnten. Sie war nämlich zuſolge des Regiſters, welches ihre zärtliche Frau Mutter ſelbſt über dieſe Fehler aufgeſetzt hatte,„dumm, einfältig, träge, unbeweglich, langweilig, ohne Begriffe, kurz eine wahre ſteinerne Venus.“ Nun hatte zwar der Conſul und die Frau alles gethan, was in der Macht zärtlicher Eltern ſtand, um dieſe unglücklichen Mängel der Natur zu ändern und ihnen abzuhelfen; aber ſie weigerten ſich mit der eigenſinnigſten Feſtigkeit, veredelten und vermittelten Maßregeln Raum zu geben. Evelina wurde aus der einen Schule in die andere geſchickt, And in jeder derſelben bemühte ſich die Vorſtehe⸗ rin mit Ruhm und Fleiß, die erſten Gründe der Erzie⸗ hung in Cvelina's Kopf einzutrichtern; aber es wurde ihr ſo äußerſt ſchwer, etwas zu begreifen; was ſie inzwi⸗ ſchen erſt einmal gefaßt hatte, das behielt ſie. Da dieſes Wenige gleichwohl keinesweges den Hoffnungen der Frau Löͤwe entſprach, ſo wurde Evelina in eine große Erzie⸗ hungsanſtalt geſchickt, wo ſie ſechs Jahre blieb, und wo ſie endlich ein wenig Fortepiano ſpielen und ſich einiger Maßen mit der franzoͤſiſchen Sprache durchhelfen lernte — die beiden Gegenſtände, welche Frau Löwe zu Haupt⸗ bedingungen der Geſchenke gemacht hatte, welche ſie außer der Penſionsabgabe zu geben beliebte. Als aber nun Evelina auf großartige Weiſe aus der Erzlehungsanſtalt genommen wurde, um in die Welt hin⸗ aus, das heißt: nach Oernwik, geführt zu werden, ſo zitterte und bebte die zärtliche Mutter vor Schrecken. und hin! thun. auf die heit wort ſieh merk nicht der und bedie wore Siel alt antn lich daß thal⸗ Jah hund und und das Doc Klei mein Stu zigen lich hat, binnen und eliebt, einen Fvelina war lz und ihre eine Fehler, ſchenswerth ss Regiſters, dieſe Fehler ubbeweglich, ne Venus.“ Frau alles ſtand, um n und ihnen genſinnigſten egeln Raum die andere ie Vorſtehe⸗ der Erzie⸗ es wurde s ſie inzwi⸗ Da dieſes n der Frau roße Erzie⸗ b, und wo ſich einiger helfen lernte zu Haupt⸗ he ſie außer eiſe aus der e Welt hin⸗ werden, ſo Schrecken. 39 Evelina konnte zwar nach den Zeugniſſen, die ſie aus der großen Erziehungsanſtalt mitbrachte, Fortepiano ſpielen und Franzöſiſch ſprechen; doch kein Menſch konnte ſie da⸗ hin bringen, weder das Eine, noch auch das Andere zu thun. Sie ſaß ſtill in ihrem Winkel mit der Stickerei auf dem Schoße, denn ſie arbeitete ſehr wenig, und ließ die Mutter toben, weinen, bitten, flehen, ihr ihre Träg⸗ heit vorwerfen, ohne auf das Alles etwas anderes zu ant⸗ worten, als ein langgezogenes„Herr Gott!“ oder„ah— ſieh doch!“ Aber keine von dieſen Antworten enthielt eine merkliche Betrübniß oder Ungeduld: ſie drückten gar nichts aus. Die Frau Conſul aber drückte ſich ungefähr folgen⸗ der Maßen aus— wenigſtens war das Thema immer ein und daſſelbe, obgleich ſie ſich verſchiedener Variationen bediente: „Meine liebe, meine ſüße Evelina, mein gutes Kind! woran denkſt Du, daß Du Dich auf dieſe Weiſe beträgſt? Sieh mich an, mich, Deine Mutter; ich bin doch ſchon alt— ſitze ich wie ein Bild ohne zu reden und ohne zu antworten? Und ich und Dein Vater, die doch ſo ſchreck⸗ lich viel an Dich gewendet haben— weißt Du wohl, daß die Penſionsabgabe jährlich zweihundert fünfzig Reichs⸗ thaler Banco betrug? weißt Du, wie viel das in ſechs Jahren ausmacht? Weißt Du, daß wir jährlich über hundert Reichsthaler Banco als Douceur gegeben haben; und noch dazu haben wir Noten angeſchafft und Bücher und Zeichnenapparate und Nähſachen und alles übrige, das kein Menſch in einer ganzen Woche herzählen kann? Doch das alles, ſo theuer es auch war, iſt doch nur eine Kleinigkeit in Vergleich mit meinen Thränen. Ja, ja, meine liebe Evelina, ich habe mehr denn eine lange Stunde gelegen, um deinetwillen mein Kopfkiſſen mit ſal⸗ zigen Thränen benetzt.... Meinſt Du, daß es menſch⸗ lich iſt, da Dir unſer Herrgott eine ſolche Geſtalt gegeben hat, und Deine arme Eltern Dir ihr ganzes Vermögen 40 geben wollen, daß Du dennoch eine arme an ihren Flü⸗ geln beſchnittene Gans ſein und bleiben ſollſt? Nein, mein Kind! erhebe dein Haupt, breite die Flügel aus, nimm den Ton und die Manieren an, die einer Erbin geziemen! Denn, Du mein lieber, guter gnädiger Gott! fährſt Du auf dieſe Weiſe fort, ſo ſage ich offen, es wäre weit beſſer geweſen, wenn wir das Geld dazu angewendet hätten, Dich in ein Taubſtummen⸗Inſtitut zu ſetzen, was wir zm Ende vielleicht doch noch thun müſſen, ſofern wir nicht ſogar gezwungen ſind, geradezu an das Irrenhaus zu denken.“ Bei einer ſolchen Anſpielung, wie die letztgenannte, geſchah es wohl bisweilen, daß es gleichſam zuckte in Evelina's ſchoͤnen, friſchen Lippen, die an Weichheit dem üppigſten Purpurſammet glichen; damit aber hoͤrten auch alle Zeichen der Bewegung auf.. Daß gleichwohl dieſes junge Mädchen von ihrer Ge⸗ burt an weder für das Inſtitut noch für das Irrenhaus beſtimmt geweſen war, das konnte man daraus ſchließen, daß ſie, trotz der Behauptung ihrer Mutter, ſie entbehrte jeder Art von Gefühl, dennoch eine große und beſtimmt ausgeſprochene Neigung zu einer von ihren Mitſchülerin⸗ nen, einem Mädchen, deſſen Charakter in jeder Hinſicht von dem ihrigen verſchieden war, gezeigt hatte. Die ſeelenvolle, lebhafte Conſtance Waller übte einen ſo merkwürdigen Ein⸗ fluß auf die ſtumme Erbin aus, daß Evelina in ihrer Geſellſchaft bisweilen ſogar lächeln und gleichſam dieſe Stummheit vergeſſen konnte, die ſonſt deutlich ihr aus⸗ ſchließliches Bedürfniß war. Unglücklicher Weiſe verließ Conſtance die Erziehungsanſtalt ein paar Jahre früher als Evelina, und von dieſer Trennung an ließ die letztge⸗ nannte ſich durch gar nichts mehr beleben. Die Vorſteherin hatte dieſes an die Frau Conſul Löwe geſchrieben und ſie darauf aufmerkſam gemacht, daß die Geſellſchaft der Conſtance Waller ſehr wohlthätig für Evelina werden koͤnnte. Doch bis jetzt hatte Frau Loͤwe ihre ei⸗ beſte er Conſtan der eitl angenel ihre To den ihr Seite f der Sch würde ſie ſich wofür keinen! N Frau C wir anf noch ir langen ſante al lich Fu⸗ ſinne de Plunder Hauſe e zu erha Plunder deutige ihrer Y laſſen i auserſel möblirt De Evelyn aber Fr hren Fluü⸗ 2 Nein, ügel aus, ner Erbin ger Gott! „es wäre ngewendet Ben, was ofern wir Prrenhaus genannte, zuckte in heit dem rten auch hrer Ge⸗ rrrenhaus ſchließen, entbehrte beſtimmt ſchülerin⸗ ſicht von elenvolle, gen Ein⸗ in ihrer am dieſe ihr aus⸗ 2 verließ rüher als e letztge⸗ u Conſul acht, daß hätig für kau Loͤwe 41 ihre eigene Geſellſchaft und ihr eigenes Beiſpiel für das beſte erachtet, und nicht durch ein ſolches Anliegen ſich bei Conſtance's Eltern in eine Obligation ſetzen wollen, die der eitlen Frau ſehr unangenehm ſein mußte, ja noch un⸗ angenehmer, da ſie nicht einſehen konnte, welchen Vortheil ihre Tochter davon haben konnte, wenn man ein mit allen den ihr fehlenden Vorzügen begabtes Mädchen an ihre Seite ſetzte, ein Mädchen, das noch überdieß von Seiten der Schönheit eben ſo reich ausgerüſtet war. Ueberdieß würde ſie eine große Verantwortlichkeit übernehmen, wenn ſie ſich mit dem Kinde armer und fremder Leute beſchwerte, wofür man nach alter Gewohnheit immer Schande und keinen Dank erhielte. Noch einen Zug von Evelina oder Evelyn, wie die Frau Conſul ſie nun zu benennen für gut erachtete, wollen wir anführen, weil derſelbe bewies, daß ſie ihren eigenen ſtillen Geſchmack hatte: Als die Herrſchaft auf Oernwik ankam, ſo ſtanden noch in einigen Zimmern die Möbeln ſo, wie ſie ſeit langen Zeiten dort geſtanden hatten. Es waren intereſ⸗ ſante alte Moͤbeln, welche in einem Antiquitätsladen wirk⸗ lich Furore gemacht haben würden, in dem hohen Kunſt⸗ ſinne der Frau Conſul Löwe dagegen„alter verbrauchter Plunder“ hieß, der unwürdig wäre, jetzt noch in dem Hauſe eines reichen und hochvornehmen Hauſes einen Platz zu erhalten. Doch zu dieſem„alten und verbrauchten Plunder“ zeigte Evelyn eine ſo entſchiedene und unzwei⸗ deutige Neigung, indem ſie zu dem allergroͤßten Aerger ihrer Mutter begehrte, daß man ihr dieſe Zimmer über⸗ laſſen möchte anſtatt derjenigen, welche die Frau Conſul auserſehen und mit allen moͤglichen modernen Zierathen möblirt hatte. Da inzwiſchen dieſes die erſte Bitte war, welche Evelyn ausgeſprochen hatte, ſo wurde ihr dieſelbe gewährt; aber Frau Löwe machte ein fürchterliches Weſen über den niedrigen Sinn, die dumme Liebhaberei und die ſchafköpfige Einfalt ihrer Tochter. Doch es iſt Zeit, zu unſrer Herrſchaft zurückzukehren, welche wir in dem neuen eleganten Wagen am Anfange der langen alten Allee antrafen.. Wie ſchon erwähnt iſt, hatten ſie ihre erſten Viſiten in der Nachbarſchaft abgeſtattet. „Mein lieber Alter!“ bemerkte die Frau,„Du gähnſt ſchrecklich, und das ohne das Schnupftuch vorzuhalten!“ „O, liebe Petronella, wir ſind ja allein!“ „Allein oder nicht allein, darf man nie ſeinen Ton vergeſſen; und überdieß darfſt Du auch nicht, wenn wir Tote⸗a⸗Tote ſind, Petronella ſagen— wer in Gottes Namen heißt in unſern Zeiten noch Petronella? Kannſt Du nicht Nelly ſagen?“ „Nelly— ja, ich will verſuchen; eigentlich aber thue ich es nicht gerne, denn ich muß dabei immer an unſre arme Nelly denken, die wir vor drei Jahren todt ſchießen laſſen mußten. Ach, ich hielt ſo viel von dem Thierchen! es war die ſchönſte Hündin, die man nur ſehen wollte.“ 5 „Mein Freund! ſagte die Frau mit vieler Würde, „wie kannſt Du wohl den Namen Deiner Frau mit dem eines ſolchen Parvenü, wie ein Hund iſt, vergleichen? das iſt wirklich unter Deiner und meiner Würde.“ „Vergieb mir, Pet.... Nelly, wollte ich ſagen! Sonſt aber war es keine Vergleichung.“ „Da ich jetzt eben daran denke, mein beſter David, ſo will ich auch, falls Du es erlaubſt, Dich daran erin⸗ nern, daß Du Dich in Geſellſchaften nie ſo ausdrückſt, wie heute beim Kammerherrn, da Du zu mir ſagteſt; Es war nicht ſo; Du haſt das vergeſſen!“ vergeſſ „/ ren in auszud ausdrt Du be oder: dächtn ſo ode aimab meiner . 7 darin glaube haben greife ſollte. Affair geſtrar bei un Auslä mit il der A Anſtri 1 chafkoͤpfige ſckzukehren, n Anfange ten Viſiten Du gähnſt zuhalten!“ ſeinen Ton wenn wir in Gottes 2 Kannſt ntlich aber immer an Jahren todt gel von dem n nur ſehen eler Würde, au mit dem eichen? das ich ſagen! eſter David, daran erin⸗ ausdrückſt, nir ſagteſt; 43 „War es denn etwa falſch, daß Du die Anekdote vergeſſen hatteſt?“ „Ich ſpreche gar nicht von dem Wahren oder Unwah⸗ ren in meiner Erinnerung, ſondern von Deiner Art Dich auszudrücken. Du hätteſt denſelben Gedanken etwa ſo ausdrücken können: Nelly, meine Liebe! ich glaube, wenn Du beliebſt, daß Dein Gedächtniß ſich ein wenig irrt. oder: Nelly, mein Engel! erlaube mir, Deinem Ge⸗ dächtniſſe zu aſſiſtiren; ich will mich entſinnen, daß es ſich ſo oder ſo verhielt. Auf die Weiſe drücken ſich Leute aus, die Erziehung genoſſen haben.“ „Der Kammerherr und ſeine Familie ſind recht an⸗ genehme Leute!“ brach der Conſul ab; denn er wollte gern von dem erſten Gegenſtande abkommen. „O ja, ſie ſind charmant— bediene Dich vor Allem ſo oft Du kannſt dieſes Wortes, mein Freund: es iſt ſehr modern... Aber Baron G— s Familie auf Bröllinge iſt noch charmanter. Die Freiherrin war ſo aimabel, daß ſie meinte, ich hätte etwas Ausländiſches in meiner Ausſprache.“ „Nach dem Ton zu urtheilen fürchte ich eher, es lag darin eine Pique.“ „Eine Pique?— Behüte Gott, wie kannſt Du nur glauben, daß eine Dame mit ihrer Welt ſo wenig Savoir haben und ſo lächerlich piquiren koͤnnte! Noch dazu be⸗ greife ich gar nicht, worin die Pique eigentlich liegen ſollte. Du weißt, daß in dem Jahre, da Du die große Affaire mit dem Engländer hatteſt, als das große Schiff geſtrandet war, er ſtets an unſerm Tiſche aß und immer bei uns im Hauſe war. Wenn man ſo vertraulich mit Ausländern umgeht, wie ich offen geſtehen kann, daß ich mit ihm that, ſo bleibt immer ſo viel ſitzen, daß man in der Ausſprache und in der Haltung einen ausländiſchen Anſtrich bekommt.“ „Vielleicht— vielleicht.., doch ſieh! dort geht 44 Mamſell Charlotte unter den Blumenhecken auf dem Hofe ſpazieren... Evelyn iſt nicht bei ihr.“ „Ja, ich ſehe: unſre kleine gute Bonne geht dort.“ „Daß Du, meine Liebe, unſre alte Hausmamſell eine Bonne nennſt, iſt wirklich ſehr ſonderbar. Soll eine ſolche nicht eine Art von Gouvernante ſein? Und nun darf wohl kein Menſch verlangen, daß Mamſell Aſp, der Du ſo vieles übertragen haſt, auch ein ſolches Amt übernehmen könnte, falls es noͤthig ſein ſollte?“ „Mein beſter David, es iſt vielleicht das Beſte, wenn Du mir das Recht überläßſt, hierüber zu urtheilen! Mamſell Aſp iſt in ihrer Jugend Gouvernante geweſen: ſie iſt zu ſchwach als Haushälterin, und ihr feines, faſt vornehmes Aeußeres macht ſie am dienlichſten zu dieſem Amte, ihre übrigen liebenswürdigen Eigenſchaften unbe⸗ rechnet. Du ſiehſt ja überdieß, daß Evelyn, wenn ſie irgend Jemandem einen Vorzug gibt, am liebſten ihre kleine Vaggabonne leiden mag.“ „Wie? Vagabund? Ich bitte Dich, liebe Nelly, mir zu erlauben, wenn ich Dir erkläre, daß Du Dich dießmal beſtimmt irrſt. Vagabonden nennt man ſolche Männer, welche verſchwenden, zu ſtark leben und ſich zu Grunde richten.“ „Das Wort mag meinethalben mehre Sachen bedeu⸗ ten, ſo wie wir auch in unſrer Sprache mehre Bedeu⸗ tungen für ein Wort haben; doch ganz beſtimmt iſt es, daß Bonne eine Art von Gouvernante oder Vorbild für junge Damen iſt. Eine Bonne hat man in allen vornehmen Häuſern, und was das Wort Vagga bedeutet, ſo will ich mich entſinnen, daß es ein Schmeichelwort iſt, als wenn wir ſagen: liebe gute, beſte Bonne, oder: liebe, ſüße Vaggabonne.“ „Aber, liebe Nelly!...“ „Mein beſter Freund, als ich noch Kind war, ſo hatte meine Mutter, obgleich nur eines Häringpackers Tochter, dennoch ganz gute Begriffe, denn ſie war mit einem E in der — nein eilf wa nehmen weilen der Fal zu erken kann.“ D der We Gebäud geträun jetzigen Ei einer al er alles der Fra parodire Di peten v mit gro rungen unbedeu waren. erwähne daß He dem Hofe ht dort.“ nſell eine ine ſolche darf wohl r Du ſo ernehmen ſte, wenn urtheilen! geweſen: eines, faſt zu dieſem en unbe⸗ wenn ſie bſten ihre be Nelly, Du Dich nan ſolche nd ſich zu en bedeu⸗ ke Bedeu⸗ mt iſt es, Vorbild in allen bedeutet, eichelwort ane, oder: war, ſo ingpackers war mit 45 einem Schiffskapitän verheirathet; und ſie ließ mich daher in der Schule der alten Mamſell Ogrén acht oder zehn — nein, bei Gott, ich glaube, es waren eilf— ja praͤciſe eilf waren es— eilf Stunden in der franzöſiſchen Sprache nehmen. Du ſiehſt alſo wohl ein: wenn ich mich bis⸗ weilen irren ſollte, was aber wenigſtens dießmal nicht der Fall iſt, ſo bin ich mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, zu erkennen, daß es nicht leicht aus Unwiſſenheit geſchehen kann.“ Der Conſul ſchwieg, denn in dieſem Augenblicke hielt der Wagen vor der Ehrfurcht gebietenden Fagade dieſes Gebäudes, deſſen ehemalige Bewohner gewiß nie davon geträumt hatten, daß Oernwik eines Tages zu ſeiner jetzigen Unbedeutſamkeit herabſinken könnte. Zweites Kapitel. Ein Freund des Geſchmackes und der Gediegenheit einer alten Zeit wäre zu Thränen gerührt worden, wenn er alles Außerordentliche geſehen hätte, das der Kunſtſinn der Frau Conſul erfunden hatte, um die alte Groͤße zu parodiren. Dieſe hohen, dunklen Zimmer, welche theils mit Ta⸗ peten von Brocat oder gewirkten Zeugen überzogen, theils mit großen Schlachtſtücken und auch bibliſchen Schilde⸗ rungen bemalt waren, ſahen verwundert herab auf alle unbedeutende Flitter, welche um ſie her ausgeſtreuet waren. Es verlohnt ſich nicht der Mühe, einzelnes zu erwähnen, beſonders da man ſich leicht vorſtellen kann, daß Herrſchaften, wie die neuen Ankömmlinge, es höchſt 46 nothwendig erachten ſollten, Alles zu entfernen, was einen Anſtrich von Plunder hatte. Selbſt die Wände würden ohne Zweifel moderniſſirt worden ſein, wenn nicht ihre Koſtbarkeit ſo ſehr in die Augen gefallen wäre, daß ſogar die Frau Conſul ihnen verzeihen mußte, daß ſie ſchon ein wenig„paſſirt“ waren. Durch dieſe Reihe von Zimmern— in moddiſche Lei⸗ chengewänder gehüllte Geiſter— wanderten nun der Herr und die Frau mit langſamen Schritten, und athmeten Zug für Zug den wolluſtvollen Anblick ihrer großen Wand⸗ ſpiegel, ihrer prächtigen Kronleuchter, ihrer magnifiken, mit Seidenzeug in allen Farben des Regenbogens über⸗ zogenen, Möblen ein. Die poetiſchen Ausſichten, welche ſich durch die Fenſter darboten, vor welchen hie und da das prachtvolle Gitterwerk uralter Kaſtanien natür⸗ liche Jalouſieen bildeten, fielen nicht in ihre Augen; deſto mehr aber verſank das werthe Paar in tiefe Beſchauung der glänzenden Draperien, welche von Innen die hohen Fenſter von Oernwik beſchatteten. Das alltägliche Zimmer, wie man den gewöhnlichen. Sammelplatz der Familie nannte, hätten ſie zwar ohne weitere Umſtände erreichen können, wenn ſie gleich von dem Hausflur hinein gegangen wären; doch der Geſchmack des Herrn und der Frau vereinigte ſich in dem Bedürf⸗ niſſe, auf dieſem Wege mit ſteten Unterbrechungen ſich dem Ziele zu nahen, wo ſie ſich in Ruhe niederlaſſen konnten. „Was hat der Kammerherr gegen dieß Alles aufzu⸗ weiſen?“ ſagte der Conſul. ſul„Was iſt Bröllinge dagegen?“ ſiel die Frau Con⸗ ul ein. „Ich glaube, meine beſte Nelly, daß nur Wenige es ſo haben koͤnnen!“ „Wenige, mein Freund— ja gewiß: ſehr Wenige! Vielleicht koͤnnen Viele prachtvolle Zimmer haben; doch dieſen Geſchmack, dieſe übertriebene Bequemlichkeit, dieſen Comfort— gebrauche dieſes Wort recht oft, mein Lieber; Freiherr die Arti „„Brölli Größe, ein ſehr Plunder Ich bin und Vor Gute in „Un wieder zu „daß ich Doch laß unſre Bor Evelyn k oder in i „Do „Ach Freiherrit einen Ca ja unſre digſten un Charlotte Man neigte ſich ihr neuer einem To wie die P kommen n as einen oderniſirt rin die ſul ihnen „ waren. iſche Lei⸗ der Herr athmeten n Wand⸗ agnifiken, ins über⸗ , welche hie und n natür⸗ en; deſto eſchauung ie hohen ar ohne ſich dem konnten. ſes aufzu⸗ au Con⸗ Wenige Wenige! n; doch it, dieſen t, mein öhnlichen 47 Lieber; man wendet es in dem gebildeten Style an! Die Freiherrin beliebte zu ſagen, unmittelbar darauf, als ſie die Artigkeit hatte, meine ausländiſche Ausſprache anzu⸗ merken:„„Broͤllinge hat zwar nicht Oernwik's Groͤße weder in Arki— Arki!...““ „Architektur?“ half ihr der Conſul. „Nun, mein Beſter, mein lieber Löwe! Du wirſt doch wohl glauben, daß ich weiß, was ich ſagen wollte 2 „„Bröllinge hat zwar nicht Oernwik's Architektur oder Größe, iſt aber dennoch recht confortabel““— das iſt ein ſehr ſchönes Wort!“ „O ja, es geht wohl an; was ſind aber alle Wörter Plunder gegen das Reelle, welches wir vor Augen haben. Ich bin nicht länger ärgerlich darüber, daß Du mit Bitten und Vorſtellungen über mir lagſt, daß ich mich auf einem Gute in Ruhe begeben ſollte.“ „Um Gottes willen, mein beſter Löwe! komme nie wieder zum Vorſchein mit einem ſolchen Poͤbelausdrucke, „daß ich mit Bitten und Vorſtellungen über Dir lag!“... Doch laß uns weiter promeniren, mein Beſter! Ich glaube, unſre Bonne erwartet ihren Antheil an unſern Neuigkeiten. Evelyn kümmert ſich leider nicht um dasjenige, was außer oder in ihr paſſirt.“ „Das iſt bedauernswürdig!“ „Ach, es iſt ſchrecklich! Doch wir wollen die artige Freiherrin um Rath fragen: vielleicht kennt ſie irgend einen Caſus, der ihr gleicht... Aber ſieh, hier kommt ja unſre gute Bonne und präſentirt mir die liebenswür⸗ digſten und unſchuldvollſten Blumen. Guten Abend, liebe Charlotte!— ich hoffe, Evelyn befindet ſich wohl?“ Mamſell Charlotte,„die kleine, gute Bonne,“ ver⸗ neigte ſich mit aller Anmuth und Geſchmeidigkeit, welche ihr neuer Stand und ihr Amt forderten, indem ſie mit einem Tone der ehrfurchtsvollſten Unterthänigkeit fragte, wie die Promenade und die Viſite„Ihro Gnaden“ be⸗ kommen wäre. Dieſes intereſſante„Ihro Gnaden“ hatte die Bonne im Hauſe in Gang gebracht, und dieſe ſinnreiche Er⸗ findung hatte denn auch den Verſtand und das Genie der Bonne in den Augen der Conſulin hoch über die ein⸗ fachen Eigenſchaften einer Hausmamſell erhoben. Mamſell Charlotte Aſp war von Natur nicht ſchlecht, ſondern im Gegentheil eine gute Seele, die nie mehr als zwei Beſtrebungen in dieſer Welt gehabt hatte, nämlich erſtlich einen Mann zu bekommen, von welcher Beſtrebung man unglücklicher Weiſe ſchon annehmen konnte, daß ſie fehlgeſchlagen war, und zweitens mit einem Gran von Verſtand ſich ſo zu Gute zu ſehen, daß ſie in ihrem Alter weder Hunger noch Kälte zu fürchten hätte. Zur Erfüllung dieſer ihrer genannten wichtigen An⸗ gelegenheiten ſah ſie einen ſichern Ausweg, wenn ſie ſich fortwährend in der Gunſt ihrer jetzigen Gebieterin beibe⸗ halten koͤnnte— und dieſes wurde ihr nicht im Mindeſten ſchwer, da ſie in ihrem Charakter dieſe angeborne glück⸗ liche Biegſamkeit beſaß, welche bereit iſt, ſich in jede Art von Formen gießen zu laſſen, ohne dadurch im Mindeſten ihren urſprünglichen Charakter zu verlieren, weil dieſer ſo vielſeitig iſt, daß er nie in einer beſtimmten Form bleibt. In ihrer Jugend hatte Mamſell Charlotte einen kleinen Anſtrich von ſogenannter Bildung und Erziehung erhalten, weßhalb ſie, nachdem ſie zuerſt in mehreren vor⸗ nehmen Häuſern als eine Art von Mittelding zwiſchen Brodeuſe und Kammerjungfer conditionirt hatte, zuletzt einen Gouvernantenplatz in einer angenehmen Bürgerfamilie annahm, woſelbſt es ihr auch einiger Maßen gelang, ein gewiſſes Syſtem der Gleichheit in Gang zu bringen, und wo ſie ohne Zweifel ſogar eine Heirathsangelegenheit mit dem Sohne des Hauſes zu Stande gebracht haben würde, wenn nur nicht ihre allzu frühe Sicherheit den Plan ver⸗ rathen, und alſo nicht nur dieſer Angelegenheit, ſondern ſogar auch ihrer Gouvernantenſtelle ein Ende gemacht ſchwerſt ſonderh cenzen, Triump lotte wu ferner a deren ſie Immer ſondern fleißig C hielt nac Löwe, Lob ihr aber die Beurthei bald den und ſie woſelbſt ſollte, i für die Eine Na die Bonne eiche Er⸗ Genie der rdie ein⸗ ht ſchlecht, mehr als , nämlich Beſtrebung „daß ſie Gran von hrem Alter btigen An⸗ un ſie ſich erin beibe⸗ Mindeſten rne gluͤck⸗ in jede Art Mindeſten l dieſer ſo rm bleibt. ſotte einen Erziehung reren vor⸗ Plan ver⸗ t, ſondern e gemacht 49 Dieſem Unglücke folgte ein bedenklicher Zeitpunkt in dem Leben der Mamſell Charlotte; es war ein, den ſchönen Künſten geweihter Zeitpunkt, in ſo fern nämlich dieſe ſich während ihrer Reiſen ſmit einer fahrenden Provinztruppe offenbarten, da ſie oft auf improviſirten Theatern die ſchwerſten Partien in Pantchmimen ausführte, welche in⸗ ſonderheit ihre ſchwache Seite waren. Unter den Reminis⸗ cenzen, welche ihr aus dieſer Periode vorzugsweiſe vor⸗ ſchwebten, war jener ſelige Abend, an welchem ſie eine ſchlummernde Bacchantin vorſtellte— eine Rolle, deren ſie ſich noch ſo gut entſann, daß ſie dieſelbe jeden Augenblick repetiren konnte. Doch dieſe glänzenden Tage mit ihren äußern Triumphen und geheimen innern Leiden— Mamſell Char⸗ lotte wußte recht gut, daß auch ſolche vorhanden geweſen waren— hatten nun ein Ende genommen; und es war ferner auf keine Revenüe von den wenigen Reizen zu hoffen, deren ſie ſich in ihren jungen Tagen hatte rühmen können. Immer erfindungsreich verlor ſie gleichwohl nicht den Muth, ſondern warf ſich auf die Haushaltungswiſſenſchaft, ſtudirte fleißig Cajſa Warg*½) anſtatt der Pantomimen, und er⸗ hielt nach mehren Conditionen einen Platz beim Conſul Löwe, in deſſen Hauſe ſie ſchon drei Jahre mit großem Lob ihr Amt als Hausmamſell ausgeführt hatte. Da aber die Conſulin, wie man weiß, eine Frau mit klarer Beurtheilungskraft war, ſo mußte ſie norhwendig ſehr bald den großen Werth der Mamſell Charlotte einſehen, und ſie beſchloß daher bei dem Umzuge nach Oernwik, woſelbſt Evelyn ihren Eintritt in das Vaterhaus halten ſollte, ihre vortreffliche Hausmamſell in eine„Bonne“ für die junge Erbin umzuſchaffen; und eben in dieſer *) Ein altes in Schweden ſehr beliebtes Haushaltungs⸗ (Koch⸗) Buch unter dem Titel: Hjelpreda i hus- hollningen, Eine Nacht am Bullarſee. 1. 4 glücklichen Eigenſchaft bot nun die verſtändige Mamſell alle ihre Kräfte auf, um ſich in der Gunſt ihrer Patronin zu befeſtigen. 1 Ein anderes Geheimniß, von welchem außer Mamſell Charlotte und der Frau Conſul ſelbſt kein Menſch im ganzen Hauſe etwas wußte, war, daß die„kleine, gute Bonne“ bei weitem weniger bei ihrer jungen Manſell, als bei ihrer werthen Herrin zu thun hatte; denn bei dieſer mußte ſie an jedem Morgen, nota bene innerhalb verſchloſſener Thüren, kleine Bruchſtücke aus dem Leben einer vornehmen Dame ſpielen und deklamiren. Bonne zeigte bei dieſen Scenen der aufmerkſamen Conſulin, wie die ſelige Gräfin B. complimentirte, wenn ſie in eine Ge⸗ ſellſchaft trat, oder wie ſie bei großer Societät in ihrem Hauſe ihre Gäſte mit Verneigungen und Lächeln empfing, dieſelben aber immer dem Range und der Würde eines Jeden anzupaſſen wußte. Da ſaß Bonne im Sopha und nahm eine ungemein elegante und noble Haltung an, welche die Conſulin gegenüber auf ihrem Sopha mit der ſtrengſten Genauigkeit copirte. „Geben Sie Acht!“ ſagte Bonne, indem ſie ſich mit großer Leichtigkeit und ungemeiner Anmuth von der Cau⸗ ſeuſe erhob;„hier haben wir einen großen Mann, einen vornehmen Diplomaten mit ſeiner Familie“— Bonne ſenkte ihr Haupt mit entzückendem Effekt, während ihr nunmehr etwas dünner Körper ſich zu einem Gruße er⸗ hob, der den der Gräfin B. auf's Haar wiedergab. Nach dem Diplomaten traten Leute verſchiedenen Standes in verſchiedener Würde auf, und dieſes zeigte ſich denn auch klar in ihren nuancirten Verbeugungen, ihren ganz und halb offenen, ja bisweilen ganz geſchloſſe⸗ nen Augen, ihrem in unendlichen Gradationen ausge⸗ bildeten Lächeln, von dem einnehmendſten und entzückendſten bis hinab auf das kalte, vornehme, ſtumme und ſteife— Bonne wußte Namen für alle Arten des Lächelns. Doch wir vergeſſen uns... M ſich zu⸗ digen, da die friedenl Mamſe unterha „2 es ganz etwas hiedurch ſagt, 0. zu ihren Ich bin iſt; dock prinirt; zeiung g wenn es Dinge z nicht daf kleine lie „S wiederte zwungen Täuſchun während Akkord n anzuſchla zigen Al e Mamſell r Patronin er Mamſell Nenſch im eine, gute Mamſell, denn bei innerhalb dem Leben en. Bonne ſſulin, wie in eine Ge⸗ it in ihrem ln empfing, Zürde eines Sopha und altung an, ha mit der ſie ſich mit n der Cau⸗ ſann, einen — Bonne ährend ihr Gruße er⸗ rgab. erſchiedenen ſeeſes zeigte beugungen, z geſchloſſe⸗ unen ausge⸗ -itzückendſten nd ſteife— Ins. 51 Mamſell Charlotte, welche es für ihre Pflicht hielt, ſich zuerſt, ungeachtet der Frage nach Evelyn, zu erkun⸗ digen, wie ihre Beſchützerin ſich befände, ſagte jetzt— da die Conſulin durch einen gnädigen Blick ihre Zu⸗ friedenheit mit dieſer Aufmerkſamkeit erklärt hatte— Mamſell Evelyn hätte ſich dieſen Nachmittag mit Spielen unterhalten. „Wie?“ rief der Conſul ſo angenehm überraſcht aus, daß er ſogar gegen alle Gewohnheit ſeiner Frau das Wort vom Munde wegnahm,„hat ſie geſpielt? Ach, Herr Gott! das war angenehm zu hören!“ „Warum,“ entgegnete die Frau, welche wußte, daß es ganz unter aller guten Erziehung iſt, ſich über irgend etwas verwundert zu zeigen,„warum findeſt Du Dich hiedurch ſo ſürprinirt, mein Lieber? Habe ich nicht ge⸗ ſagt, Evelyn würde eines Tages vernünftig werden und zu ihrem„Müſſart“ und ihrem lieben„Bletthofen“ greifen? Ich bin charmirt, daß meine Prophezeiung eingetroffen iſt; doch kann es mir nicht einfallen, über eine Sache ſür⸗ prinirt zu werden, die ich vorhergeſehen habe.“ „Nelly, mein Schatz! ich habe keine ſolche Prophe⸗ zeiung gehört.“ „Das kommt daher, mein lieber David, daß Du, wenn es Dir ſo beliebt, eine gewiſſe Leichtigkeit haſt, Dinge zu vergeſſen. Ich bedauere dieſes, kann jedoch nicht dafür. Welche Arie, meine gute Bonne, hat die kleine liebe Evelyn geſpielt?“ „Sie hat nicht nach Noten zu ſpielen beliebt,“ er⸗ wiederte Bonne, etwas verlegen darüber, daß ſie ge⸗ zwungen war, die Frau Conſul aus ihrer angenehmen Täuſchung zu reißen;„es hat ihr Vergnügen gemacht, während des ganzen Nachmittags nur einen einzigen Akkord mit einigen kleinen, unbedeutenden Veränderungen anzuſchlagen.“ „Wie? an einem ganzen Nachmittage nur einen ein⸗ zigen Akkord? Wenn ſie nur die Taſten nicht ſo ſehr 52 verſucht hat, daß eine Saite geſprungen iſt! Solche Unordnung iſt ganz unverzeihlichz und das hätte Bonne ihr ſagen ſollen!“ „Ich habe mir wirklich einige Male die Freiheit ge⸗ nommen, mit Mademoiſelle Evelyn zu reden; doch ſie hat nicht darauf gehört.“ „Ja, ja, das ſieht ihr ähnlich; doch hoffe ich, ſie wird auf mich hören!“ Und nun rauſchten Ihro Gnaden dahin und riſſen höchſt unſanft die Thüre des Alltagszimmers auf, woſelbſt das neu gekaufte Inſtrument nach Anordnung der Bonne einen Platz erhalten hatte, um zu zeigen, daß es nicht bloß um der Parade, ſondern des täglichen Gebrauchs willen da wäre. Dieſes mit rothen Tapeten bekleidete und mit rothen Gardinen drapirte Zimmer konnte als eine Art von Ex⸗ poſition für alle neumodiſchen Luxusartikel in Glas, in Bronze, von dem Größten bis zu dem Kleinſten dienen, damit wenn Fremde in das Alltagszimmer geführt würden, dieſelben recht überzeugt werden moͤchten, daß die Herr⸗ ſchaften auf Oernwik allzufeine Gewohnheiten hätten, um nur dann Putzzimmer zu gebrauchen, wenn ſie Fremde hätten. Die zahlloſen Kleinigkeiten bildeten nach der eige⸗ nen Behauptung der Frau Löwe den eigentlichen Cam⸗ fert— wie das Wort bisweilen in der Eile aus dem Munde der nach aller Art von vornehmen Phraſen jagenden Conſulin kam— dieſe Kleinigkeiten gehörten zu ihrer Lebensluft, denn,„meine Herrſchaften! die Gewohnheit iſt die zweite Natur.“ Es war ein großer, ein wunderbarer Gegenſatz, hier in der Mitte dieſes durch einander gerührten Plunders das ſchoͤne, reine Bild einer verſchämten Veſtalin zu er⸗ blicken. Evelyn ſaß vor dem Inſtrument, worauf ihre kleine weiße Hand noch immer leiſe den einen Accord anſchlug; doch an der geſpannten Aufmerkſamkeit, womit ſie auf den ein derſelbe ſcheinlie der ihr auf we lag, ſe Buſen, rein un ihren g inwohne W ſtehen— vorzwin liebten Bedürfn gebroche We ſie, we verſteine Ideales: Und zarteſte: die wund wahnſinn mals der oft in de mals der Du denn unterläßt, ! Solche itte Bonne Freiheit ge⸗ och ſie hat ffe ich, ſie und riſſen uf, woſelbſt der Bonne ß es nicht Gebrauchs mit rothen rt von Ex⸗ Glas, in ſten dienen, hrt würden, die Herr⸗ hhätten, um ſſie Fremde hder eige⸗ hen Cam⸗ e aus dem en jagenden zu ihrer hewohnheit enſatz, hier In Plunders alin zu er⸗ ihre kleine anſchlug; it ſie auf 53 den einförmigen Ton lauſchte, konnte man bemerken, daß derſelbe mehre Nuancen hervorbrachte, obgleich ſie wahr⸗ ſcheinlich vergebens den Ton hervorzubringen ſich bemühte, der ihr vorſchwebte, denn ihr bleiches, ſchoͤnes Antlitz, auf welchem noch eine, faſt an Erſtarrung gränzende, Ruhe lag, ſenkte ſich immer tiefer herab auf den jungfräulichen Buſen, der ſo weiß war wie der Schnee der Alpen, und rein und kalt wie das Eis auf ihren Spitzen, und in ihren großen, dunklen Augen glänzte eine Thräne, welche inwohnenden Schmerz verrieth. War es eine unbewußte Sehnſucht, ſich ſelbſt zu ver⸗ ſtehen— eine Sehnſucht nach Tonen, die ſie nicht her⸗ vorzwingen konnte, nach vertraulichen, wohlbekannten, ge⸗ liebten Toͤnen— was ihr dieſe Thräne abpreßte und dieſes Bedürfniß ſchuf, welches noch immerwährend in dem halb⸗ gebrochenen Accorde klagte? Wer wußte das? Vielleicht wußte ſie es ſelbſt nicht, ſie, welche dort ſaß gleich einer verkorperlichten, aber verſteinerten Offenbarung des vom Dichter geträumten Ideales? Und dieſes Weſen, dieſe arme Evelyn, welche die zarteſte und klügſte Behandlung erfordert hätte, war durch die wunderliche Laune des Schickſals in ſo unbegreiflich wahnſinnige Verhältniſſe geworfen worden, daß ſie nie⸗ mals den Grundton des Accordes finden ſollte, den ſie ſo oft in der Einſamkeit anſchlug, ja daß ſie vielleicht nie⸗ mals den Grundton ihres eigenen Weſens finden ſollte. „Nun, meine liebe Evelyn, ich muß geſtehen, Du haſt eine eigene Gabe, Dich nicht distrahiren zu laſſen! Hörſt Du denn nicht, daß Deine Eltern kommen? Weißt Du denn nicht, daß ein gut erzogenes Mädchen es nie unterläßt, den Eltern entgegenzueilen und ſie willkommen zu heißen? Du aber ſitzeſt lieber da und klimperſt und klimperſt immer mit denſelben Taſten ſo lange, bis Du ſie entzwei haſt. Warum ſpielſt Du nicht Deinen Blett⸗ hofen und übſt Dich, damit Du Dich hoͤren laſſen kannſt, wenn der Baron von Bröllinge und der Kammer⸗ herr unſre heutige Viſtte erwiedern 2 mußt Du Dich üben, denn ich fordere Du bei unſerem großen Gaſtmahle eine Vor allen Dingen es von Dir, daß Arie ſingſt. Du kannſt ſingen, Evelyn— Du konnteſt als Kind ſingen.. Aber was in Gottes Namen bedeutet das? Du haſt geweint? geweint! Nun, da will ich doch gar nichts mehr wiſſen — ein ſolches Mädchen, wie Du, weint? Ein Mädchen in Deiner Lage, mit Deinem Aeußern, mit Deinen Reich⸗ thümern, mit Deinen Auſpicien, das iſt, Parol donnoͤr, das Unmöglichſte, das Undenkbarſte, das man ſich denken kann— weißt Du das, ma chère Evelyn?“ „Ja, ja!“ antwortete Evelyn, u noch tiefer. nd ihr Haupt ſank „So? Du weißt es? Mademeiſelle weiß, daß ſie auf alle Weiſe ihre Pflichten nonchalirt, und dennoch fährt ſie damit fort? Evelyn, Evelyn! ich ha lte es für eine un⸗ erläßliche Pflicht, die ich mir ſelbſt ſchuldig bin, Dir, mein zärtlichſt geliebtes Kind, zu ſagen , daß Du in dieſer Hinſicht ganz unrichtige Prinzipien aufgefaßt haſt. Biſt Du nicht auch ſelbſt davon überzeugt? „Ja, ja!“ ſtotterte Evelyn. „So? Ein ſolches Geſtändniß iſt in der That ſehr naiv, hoͤchſt naiv; doch laß mich nun auch wiſſen, warum Du mit der Kenntniß dieſer beklagenswerthen Fehler die⸗ ſelben noch immer feſthältſt? Du wirſt die Güte haben zu obſerviren, daß es mir, Deiner Mutter, gebührt, von⸗ dieſem ſonderbaren Caſus Notiz zu nehmen! „Von welchem Caſus?“ 14 „Wie Du frägſt! Von Deinen Prinzipien und dem Nonchalanten in Deinem Weſen!“ Evelyn ſchwieg. quete mail, wolle, alles i Dein 2 welche Gerech ein ade meſſen Halstüc ginge f Mutter ſagen, nicht z keit, 1 was he ſie ver dankba⸗ — Vo da, we geſehen bekümn ſie ihre Rand ₰ perſt und bis Du en Blett⸗ ren laſſen Kammer⸗ ngſt. Du ſingen.. t geweint? ehr wiſſen Mädchen en Reich⸗ ol donnoͤr, ſich denken nnoch fährt ir eine un⸗ bin, Dir, u in dieſer haſt. Biſt That ſehr en, warum Fehler die⸗ Güte haben bührt, von n und dem 5⁵ „Alſo erklärſt Du Dich durch Dein gewöhnliches Schweigen, das heißt, ſo viel als: Du glaubſt Recht zu aben? O mein bedauernswürdiges Kind! wie ſehr ſchmerzt beie Eigenſinn Deine zärtliche Mutter! Blicke um Dich her, Evelyn! di Inſtrument, welches Dein Vater für fechshundert Reichsthaler Banco gekauft hat— bedenke, mein Kind, ſechshundert Reichsthaler Banco!— die Pa⸗ quete von Noten, dieſes Meer von ſchönen Muſtern, Stra⸗ mall, Perlen, ſilbernen und goldenen Fäden und Zephyr⸗ wolle, dieſen ganzen theuren Zeichnenapparat— alles, alles iſt ja für Dich, einzig und allein für Dich und Dein Vergnügen gekauft! Aber noch nicht genug damit: welche Garderobe haſt Du nicht? Ich bin mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, zu erkennen, daß es vielleicht kaum ein adeliches Fräulein gibt, mit welchem Du Dich nicht meſſen könnteſt. Solche Kleider, ſolche Shawls, ſolche Halstücher, Kragen und Spitzen, Armbänder und Bro⸗ chen, alles...“ „Meine liebe Nelly! meine liebe Nelly!“ unterbrach ſie der Conſul, welcher meinte, ſeine theure Ehehälfte ginge etwas zu weit in ihrem Eifer. „Was meinſt Du, mein Lieber? Habe ich nicht als Mutter ein Recht dazu, dieſem unglücklichen Kinde zu ſagen, daß diejenige, welche Alles das hat, was ſie hat, nicht zu weinen braucht? das iſt die größte Undankbar⸗ keit, von welcher je ein Menſch hat reden hören! Und was haben wir wohl für Freude von Allem, das wir an ſie verſchwendet haben? Iſt ſie wohl jemals froh und dankbar? Liegt nicht das Paquet mit dem neuen Schleier — Voile wollte ich ſagen— noch eben ſo unangerührt da, wie es heute ankam? Hat ſie ihn wohl länger an⸗ geſehen, als ich ihn ihr vor die Augen hielt? Nein, ſie bekümmert ſich um gar nichts, nicht einmal darum, daß ſie ihre leidende und bekümmerte Mutter an den äußerſten Rand der Verzweiflung bringt.“ Jetzt ſank die Conſulin ganz ermattet in ihren gro⸗ ßen, bequemen Lehnſtuhl, und begnügte ſich damit, durch einige bedeutungsvolle und myſtiſche Verhandlungen zwi⸗ ſchen dem Schnupftuche und den Augen anzuzeigen, in welchem Grade ihre Gefühle verletzt waren. Evelyn's einzige Bewegung war, daß ſie von dem Inſtrumente aufſtand und ſich in eine Ecke neben dem Fen⸗ ſter ſetzte, wo ſie mit einer Blume, die ſie bewußtlos aus der Vaſe zog, den ganzen Abend ſtumm ſitzen blieb und die Blume zwiſchen den Augen und den Lippen auf⸗ und abbewegte. Brittes Kapitel. Ungefähr eine Woche nach dieſem Auftritte ſaß die Frau Conſul Löwe in dem angeführten Zimmer und plau⸗ derte vertraulich mit der Mamſell Charlotte, welche ihr gegenüber ſitzend an einem Putz für ihre Beſchützerin ar⸗ beitete. Die beiden Damen waren allein. „Höre, meine gute Bonne!“ ſagte die Conſulin nach einer kleinen Unterbrechung,„ich bin gerade heute in einer ſehr distrahirten Laune. Evelyn ermüdet mich ganz und gar, und ich brauchte wirklich etwas zur Ermunterung. Haſt Du nichts Neues gehoͤrt?“ „Ja, Ihro Gnaden! Wiſſen Sie: ich höoͤrte eben heute Morgen von einer Broͤllinger Käthnerfrau, daß der einzige Sohn ganz unvermuthet nach Hauſe gekomman iſt, und den Baron und die Freiherrin überraſcht hat.“ „Der Tauſend! ja, das war gewiß eine Ueberra⸗ ſchung; denn hätten ſie ihn erwartet gehabt, ſo hätte die Freiherr der jung „K ſinnen ſi ſehr vert „G iſt er au „Je er hat n eine Dar „Je wenn ſie „De wollte w wirklich; Vollſtänd „Un mit Nac und auch Lage zu „Un zu einem Ueberraſe Ankunft d ken Sie, einig gem nit, durch ngen zwi⸗ eigen, in von dem dem Fen⸗ ßtlos aus blieb und auf⸗ und 2 ſaß die und plau⸗ velche ihr tzerin ar⸗ ulin nach ein einer ganz und unterung. oͤrte eben ,„daß der nmen iſt, t. 2 Ueberra⸗ hätte die 57 Freiherrin ſicherlich etwas davon geſagt. Er iſt ja etwas, der junge Baron— was ſſt er eigentlich?“ „Kammerjunker, wie man ſagt. Ihro Gnaden ent⸗ ſinnen ſich wohl, daß neulich Jemand ſagte, er wäre ein ſehr verſirter und inſtruirter Mann?“ „Gewiß, meine gute Bonne— und ohne Zweifel iſt er auch ausgezeichnet ſchön?“ „Ich entſinne mich nicht, das gehoͤrt zu haben.“ „Gleichviel— es kann nicht fehlſchlagen, daß er es iſt. Der Baron, der Vater, hat ohne alle Frage in der Blüthe ſeiner Jugend eine ſehr ſtattliche Figur gehabt— er hat noch etwas davon übrig— und die Freiherrin iſt eine Dame von ſehr charmanten Geſichtszügen.“ „Ich bin überzeugt, daß der junge Baron mitkommt, wenn ſie die Viſite der Herrſchaften erwiedern.“ „Das iſt ſehr wahrſcheinlich, ja, faſt gewiß. Ich wollte wünſchen, daß Evelyn anders wäre, das wollte ich wirklich; denn mit ihrer Schönheit...“ „Mit ihrem Reichthum!“ fiel die Bonne ein. „Und mit ihrer Bildung,“ fügte die Conſulin der Vollſtändigkeit wegen hinzu,„ließe ſich Manches denken.“ „Und auch durchſetzen!“ erklärte Mamſell Charlotte mit Nachdruck. „Ja, ja, meine gute Bonne! das gäbe wahrhaftig eine Partie, welche von keiner Seite zu verachten wäre, und ich meines Theils habe es mir gelobt, meine Evelyn nie zu verheirathen, wenn ſie nicht wenigſtens Freiherrin wird. Das iſt eine Sache, die ich mir ſelbſt ſchuldig bin und auch allen unſern Anſtrengungen, um in unſere jetzige Lage zu kommen.“ „Und Ihro Gnaden haben, ſollte ich meinen, Recht zu einem ſolchen Streben.... denken Sie: wenn dieſe Ueberraſchung nur eine Finte wäre, um die unerwartete Ankunft des Herrn Kammerjunkers zu myſtificiren! den⸗ ken Sie, wenn die alten Herrſchaften ſchon mit dem Sohne einig geworden wären, die celebre Erbin zu fangen!“ —— 58 „Wahrhaftig, meine gute Bonne, Du ſprichſt nicht ſo übel! Ich glaube wirklich, das kann Grund haben. Es war mir wirklich ſo, als ob die Freiherrin ganz un⸗ beſchreiblich artig wäre: ſie erkundigte ſich zweimal nach Evelyn und bedauerte, daß ſie nicht mitgekommen war.“ „Ja, ja, das bedeutet etwas bei einer ſolchen Dame! Wie waren denn ihre Faconen als ſie ſprach? ſah ſie gleichgültig aus, als ſagte ſie eine gewöhnliche Artigkeit, oder lag in ihrer Miene eine gewiſſe Theilnahme?“ „Eine tiefe und intereſſirte Theilnahme; und ſte be⸗ liebte zu ſagen, es ſei höͤchſt unangenehm, daß ſie keine Schöneß im Hauſe hätten, welcher Mangel die Urſache wäre, daß Bröllinge für Evelyn nicht ſehr angenehm ſein könnte. Ich weiß nicht präciſe, was ſie unter dieſer Schö⸗ neſſe verſtand, doch bin ich überzeugt, daß es nichts Be⸗ leidigendes für die Erbin dieſes Gutes enthalten konnte.“ „Nein, im Gegentheil: wie Ihro Gnaden ſich ge⸗ wiß ſelbſt entſinnen werden, bedeutet jeunesse Jugend: ſie bedauerte alſo, daß ſie keine jungen Leute im Hauſe hatte.“ „Ja, ſo iſt's— ja, jetzt entfinne ich mich ſehr gut der Bedeutung des Wortes, und ich fühle mich ſehr ge⸗ ſchmeichelt über das Talent der Freiherrin, es anzuwenden ... Aber was iſt das für ein Gelaufe im Veſtibule?— Wiſſen die Leute denn nicht, daß dies ein adeliches Stamm⸗ gut iſt, und daß ich von allen meinen Leuten eine gewiſſe Aufmerkſamkeit auf das Schickliche fordere?“ „Ich höre Wagengeraſſel, Ihro Gnaden— ohne Zwei⸗ fel Fremde!“ 1 Der Bediente— die Herrſchaften hatten bis jetzt noch nicht mehr als einen ſolchen— meldete, daß ein Wagen mit vier Pferden auf den Hof gefahren käme. „Herr Jeſus!“ rief die Conſulin in ihrem ehemali⸗ gen unſchuldigen Tone aus; doch augenblicklich ſich faſ⸗ ſend, befahl ſie mit Würde, den Herrn Conſul benachrich⸗ tigen zu und ſich „V hier ſitze und mic „A hier und ein.. und den ſie ſehen zu empf barraſſir Barons es in gr. lich iſt, dann all Ingwer — ia, zu thun Theebror liebe, bl Bonne während glücklich alles ver Sie war ihre Be lich änd Ab in ihrer ihrem A eichſt nicht ind haben. ganz un⸗ Limal nach en war.“ den Dame! 2 ſah ſie Artigkeit, ne?“ und ſie be⸗ ß ſie keine die Urſache enehm ſein jeſer Schö⸗ nichts Be⸗ en konnte.“ n ſich ge⸗ zugend: ſie im Hauſe ch ſehr gut ch ſehr ge⸗ anzuwenden eſtibule?— es Stamm⸗ eine gewiſſe ohne Zwei⸗ en bis jetzt te, daß ein n käme. im ehemali⸗ ch ſich faſ⸗ benachrich⸗ 59 tigen zu laſſen, ſelbſt aber augenblicklich hinunter zu eilen und ſich auf den unterſten Treppenſtein zu ſtellen. „Was meinſt Du, meine liebe Bonne— ſoll ich hier ſitzen bleiben oder ſoll ich in den großen Salon gehen und mich dort ſetzen?“ „Wenn ich vorſchlagen darf, ſo bleiben Ihro Gnaden hier und nehmen Ihren bequemen Platz auf dem Sofa ein... ſo iſt's recht! den linken Fuß auf den Schemel und den Kopf zurückgelehnt an das Kiſſen. Da können ſie ſehen, daß Ihro Gnaden nicht ungewohnt ſind, Viſiten zu empfangen, und daß Sie nicht im Allergeringſten em⸗ barraſſirt werden, ſollte es auch ſogar die Familie des Barons auf Broͤllinge ſein... Ich eile hinaus, um, wie es in größeren Häuſern für Perſonen meines Ranges üb⸗ lich iſt, im Saale zu empfangen.“ „Gut, Bonne! gut, meine liebe Bonne! Beſorge uns dann alle mögliche Arten von Leckereien, den gezuckerten Ingwer und die Pfirſichen nicht zu vergeſſen, und— und — ja, ja— ſchnell, Bonne! Du weißt ſchon, was Du zu thun haſt! Und zum Thee alle moͤgliche Arten von Theebrod, die wir haben.... doch, wo in aller Welt ſollen wir die Evelyn ſuchen? Nun, ſo lauf', Bonne lauf'!“ Und Bonne lief. In der Einſamkeit mit ihrer geſchmeichelten Eigen⸗ liebe, blieb die Conſulin in der ſtudirten Stellung, welche Bonne gebilligt und beſtätigt hatte, und ſie würde ſich während dieſes Vorſpieles ihrer Triumphe unbeſchreiblich glücklich gefühlt haben, wenn nicht die Furcht, daß Evelyn alles verderben möchte, ſie unaufhörlich beunruhigt hätte. Sie war in Verzweiflung, daß ſie nicht Zeit gehabt hatte, ihre Befehle zu ertheilen, und daß ſich dieß jetzt unmög⸗ lich ändern ließ. Aber ſie mußte ſich faſſen: es paßte nicht einer Dame in ihrer Lage, Spuren von häuslichen Bekümmerniſſen in ihrem Antlitze zu tragen; daher überließ ſie Evelyn und 60 ihr Auftreten der Gunſt des Schickſals, und nahm dieſe ſanfte, lächelnde und anmuthige Miene an, die Bonne bei den kleinen, geheimen Repetitionen„die entzückende Miene der Gräfin“ zu nennen beliebte. Endlich rauſchte es an der Thür: die Conſulin ſaß ſteif und unbeweglich wie ein Bild— damit nämlich die Fremden ſehen ſollten, wie wirklich und natürlich vornehm ſie in ihrem Hauſe wäre. Als aber nun die Flügelthüren wirklich geöffnet wurden, und die Herrſchaften von Bröllinge, begleitet von einem jungen und blaſſen Manne, der eigentlich weder häßlich noch ſchön zu nennen war, eintraten, und der Conſul ihnen mit vielen Verbeugungen und Complimenten folgte, ſo er⸗ hielt endlich die Conſulin die Freiheit, von ihren Gliedern Gebrauch zu machen, obgleich ſie, ihrer neuen Würde zu Ehren, ſich dieſer Vergünſtigung ſo zurückhaltend wie mög⸗ lich bediente. „Mein Sohn, der Kammerjunker!“ präſentirte der Baron, ein einfacher Mann nach der alten Mode, der ſich nie um den Vorzug bekümmerte, den er von ſeinem Titel erndtete. Er war ein echter Soldat geweſen, und jetzt war er ein echter Landjunker, der nicht öfter als zu jedem Reichstage daran dachte, daß er daneben auch noch Baron war. Noch dazu war Bröllinge ein allzu unbedeutendes Gut, um ihn zu einem Ariſtokrafen in dem großen Sinne des Worts zu machen; doch hätte er auch zehn, ja zwanzig ſolcher Güter gehabt wie Bröllinge, ſo würde er nichts⸗ deſtoweniger geweſen ſein, was er war und eben ſo oft auf dem Felde oder auf der Landſtraße ſtill geſtanden und mit einem Tageloͤhner oder einem kleinen Kinde geſprochen haben. Die Freiherrin G.— war in jeder Hinſicht eben ſo achtungswerth und herablaſſend, wo von Herablaſſen die Rede ſein konnte; dazu war ſie eine gebildete, liebenswür⸗ dige und geiſtreiche Frau, dſie gleichwohl, ſo artig und liebenswürdig ſie auch ſein mochte, immer wußte, wer ſie war. W er nicht aus ſein in die 4 theile er mein biü⸗ Nieman ſogenang Anſpruc Herr C macht h „J Kaufes dem er den Mu Do⸗ Anſpielu „Gewiß, kapitäne facilen recht the „Nb er ſich e möglichen Engel, aſſiſtiren, tersſon z9 „M einem iſt allzu können.“ Jetzt nahm dieſe Bonne bei nde Miene hte es an ch wie ein llten, wie auſe wäre. et wurden, von einem er häßlich onſul ihnen gte, ſo er⸗ Gliedern Würde zu wie mög⸗ entirte der e, der ſich nem Titel und jetzt zu jedem noch Baron endes Gut, Sinne des ja zwanzig er nichts⸗ ben ſo oft anden und geſprochen ht eben ſo blaſſen die lebenswür⸗ artig und ußte, wer 61 Was den Sohn, den Baron Mar betrifft, ſo ſchien er nicht aus der Art geſchlagen zu ſein; denn ſofern man aus ſeinem Benehmen ſchließen durfte, machte ihm kein in die Augen fallender Eigendünkel Kummer; im Gegen⸗ theile erſchien er in den Augen der Conſulin als„unge⸗ mein bürgerlich.“ Gleichwohl würde außer der Conſulin Niemand ſeine Einfachheit ſo genannt haben, denn die ſogenannte Bürgerlichkeit hatte längſt aufgehört, an ihrer Anſpruchsloſigkeit erkennbar zu ſein. „Die Herrſchaften haben es ſo prächtig, daß es von lauter Seide um ſie her rauſcht: man ſieht meiner Seel, Herr Conſul, daß ſie vortheilhafte Affairen zur See ge⸗ macht haben!“ ſagte der Baron gutmüthig. „Ja, ich kann mich rühmen, daß ich ſo ziemlich guten Kaufes dazu gekommen bin!“ entgegnete der Konſul, in⸗ dem er auf eine nicht im mindeſten unzweideutige Weiſe den Mund zuſammenkniff. Doch die Conſulin, welche mit ihrem feinen Takte Anſpielungen auf Schmuggelei witterte, fiel ſchnell ein: „Gewiß, mein Freund, haſt Du durch Deine Schiffs⸗ kapitäne Gelegenheit gehabt, die ſolideſten Waaren zu facilen Preiſen zu requiriren, aber dennoch ſind ſie Dir recht theuer geworden.“ „Nelly, mein Engel!“ erwiederte der Conſul, indem er ſich entſann, wie er inſtruirt war, ſich bei künftigen möglichen Widerſprüchen auszudrücken;„Nelly, mein Engel, wenn Du mir erlaubſt, Deinem Gedächtniſſe zu aſſiſtiren, ſo wirſt Du Dich erinnern, daß ich durch Pet⸗ tersſon zweimal...“ „Möbelſeide einverſchrieb!“ fiel die Frau ſchnell mit einem Blinzeln ein.„Ich weiß recht gut, daß dieſer Petersſon ein ſehr inſtruirter Mann war, der ſelne Ein⸗ käufe mit Verſtand betrieb.... Doch dieſer Gegenſtand iſt allzu unbedeutend, um unſre Gäſte unterhalten zu können.“ Jetzt wendete die Conſulin ihre ganze Aufmerkſam⸗ ——— 62 keit auf die Freiherrin, und ſprach in den gewählten Aus⸗ drücken ihren Glückwunſch über die Ankunft des Herrn Kammerjunkers aus.„Das war gewiß eine unvergleich⸗ lich agreable Surpriſe?“ „Ach ja, unendlich angenehm: es war ein kleines zwiſchen dem Vater und Mar abgekartetes Geheimniß... Erhalten wir aber nicht das Vergnügen, die Tochter des Hauſes zu ſehen?“ „Ich danke Ihro Gnaden auf das Allverbindlichſte für dero aimable Erkundigung! Unglücklicher Weiſe iſt der Charakter meiner kleinen Evelyn ein wenig kränk⸗ lich... ein wenig ungewöhnlich.... mit einem Worte... ein wenig unbegreiflich.“ Bei dieſer unerwarteten Erklärung der mütterlichen Lippen blickten ſowohl die Freiherrin, als auch der Baron Max mit einem Ausdrucke unfreiwilliger Verwunderung auf die Wirthin; und Frau Loͤwe, welche in ihrer un⸗ endlichen Beklemmung über Evelyn's Erſcheinen oder Ausbleiben— ſie fürchtete das Eine faſt eben ſo ſehr wie das Andere— es für noͤthig erachtet hatte, einen Wink über die Wahrheit fallen zu laſſen, ſchloß nun ſchnell aus der intereſſirten Aufmerkſamkeit, die ſie gewann, daß ſie die Sache an dem rechten Ende ergriffen haben müßte, und daß es vielleicht, beim Lichte beſehen, zum guten Tone gehören möchte, wenn junge Mädchen ſo ſtumm ſäßen, wie andre Wandzierden. „Ich will hoffen,“ ſagte die Freiherrin,„daß von keiner ernſten Krankheit die Rede iſt.“ „Nein, Gott ſei gelobt! ſie iſt vollkommen geſund; aber ſie iſt ſo— o— or.“— Die Frau Conſulin war ſo unglücklich, daß ſie das Wort nicht hervorbringen konnte, welches nach ihrem Dafürhalten vor fremden Ohren am feinſten die Art von Evelyn's Verſteinerungszuſtande aus⸗ drücken mußte. Dieſes Wort ſchwebte ihr vor, aber es war ihr nicht möglich, es auszuſprechen, bis Baron Mar, der eine genaue Beſchreibung der eitlen, nach feinem Tone jagenden peinigend dem er a „Ja das Wor gedenke, dennoch, Menſchen „Se dem der fallene S einer tief Ent Faden vo Mamſell vollen Pr kam. Wäl friſchunge Bonne di bald ſicht ſtende An finden wo gen wäre. Frai Himmel Miene, w Martyr; gen gezier Bar⸗ Evelyn zu Umgegend folgte mit und ſchlot deutlichen Blten Aus⸗ des Herrn nvergleich⸗ ein kleines mniß... ochter des rbindlichſte Weiſe iſt nig kränk⸗ Worte... nütterlichen der Baron wunderung mihrer un⸗ deinen oder en ſo ſehr atte, einen nun ſchnell ewann, daß aben müßte, zum guten ſo ſtumm „„daß von nen geſund; onſulin war ingen konnte, Ohren am uſtande aus⸗ vor, aber es Baron Mar, feinem Tons 63 jagenden Frau gehoͤrt hatte, und nun ihr Erroͤthen, ihre peinigende Verwirrung bemerkte, ſie endlich befreite, in⸗ dem er auf gutes Glück das Wort„originell“ ausſprach. „Ja, ja, ſo war es! Es kommt ſelten vor, daß ich das Wort nicht finden kann, deſſen ich mich zu bedienen gedenke, denn Distraction iſt eben nicht meine ſtarke Seite; dennoch, meine Herrſchaften, gibt es vielleicht keinen Menſchen, der nicht bisweilen ſeine Distraktionen hat!“ „Sehr wahr!“ bemerkte die Freiherrin lächelnd, in⸗ dem der brave Mar artig das in Distraction niederge⸗ fallene Schnupftuch der Conſulin aufnahm und es ihr mit einer tiefen Verbeugung überreichte. Entzückt und glücklich wollte ſie eben den abgeriſſenen Faden von Cvelyn's Originalität wieder anknüpfen, als Mamſell Charlotte hinter dem Bedienten, der den über⸗ vollen Präſentirteller trug, durch die Thür herein geſegelt kam. Während die Freiherrin ſich von den reichlichen Er⸗ friſchungen ſervirte, erhielt die Conſulin Gelegenheit, der Bonne die Frage ins Ohr zu flüſtern, ob nicht Evelyn bald ſichtbar werden würde, erhielt jedoch die wenig trö⸗ ſtende Antwort, daß Evelyn in ihren Zimmern nicht zu finden wäre, ſondern wahrſcheinlich in den Park gegan⸗ gen wäre. Frau Löwe ſeufzte, wendete erſt die Augen gen Himmel und dann auf ihre treue Charlotte mit einer Miene, welche zu ſagen ſchien:„Nun wohll ich bin ein Martyr; ich will verſuchen zu leiden, wie es einer Heili⸗ gen geziemt!“ Baron Mar, welcher urnbeſchreiblich neugierig war, Evelyn zu ſehen, deren Schönheit ſchon in der ganzen Umgegend zu einem allgemeinen Geſpräche geworden war, folgte mit Aufmerkſamkeit dem Mienenſpiele der Conſulin, und ſchloß aus demſelben eben ſo klar, als wenn er mit deutlichen Worten vernommen hätte, daß ſeine Neugierde, welche durch die ſonderbare Aeußerung der Mutter noch geſteigert worden war, unbefriedigt bleiben würde. Um auf eine feine Art alle weitere Fragen abzulei⸗ ten, welche über Evelyn gemacht werden konnten, ſchlug die Conſulin einen Spaziergang in den Garten vor, und ihr Vorſchlag wurde mit Freuden angenommen. Viertes Kapitel. Der Garten auf Oernwik war kein ſonniger, lachen⸗ der Blumengarten mit breiten, geſandeten Gängen und offenen von jungen Bäumen in ihrer erſten Schönheit und mit ihrem ſchlanken Wuchs umkränzten Plätzen, ſondern eher ein großer verwachſener Park, wo uralte Linden ihre gewaltigen Kronen an einander ſchmiegten und Ge⸗ woͤlbe bildeten, welche ſo dicht waren, daß kaum ein Re⸗ gentropfen ſich hindurch ſchleichen konnte, während der Duft der Blätter und Blumen die Luft mit den anmu⸗ thigſten Wohlgerüchen erfüllte. Herrlich, ehrfurchtgebietend war der Anblick dieſer Rieſenſtämme, welche reihenweiſe ſich ſo weit erſtreckten, als das Auge reichen konnte. Hie und da krümmten ſich die Maſſen und führten zu geheimnißvollen Grotten, von denen einige kunſtreich zu Abbildungen ungleicher Felſen geordnet waren, und die ganze Illuſion derſelben wieder⸗ gaben, andere aber gigantiſchen Gottheiten geweihten Tempeln nachgebildet waren, welche ihre jetzt zur Haͤlfte verwachſenen Eingänge bewachten. Eine andere niedrigere Abtheilung beſtand nur aus Lauben, auf deren einſt zierlichen Raſenbänken das Gras jetzt ellen geflochten die Däm ſo ſtark im Stand die in die jenigen, merten, Theeſervie Ein durch die unbeſchrei men, in „Da ſtehende L nicht neu hier an, denken kon Arbeit ben „Um „moderniſt der Beſitze nicht das Geſtalt un „O! „Und wirklich m nicht mehr neuangeleg treten, in Garten oh hören zu n Ganz Conſulin, hoͤre, ſich Eine Nach tter noch e. abzulei⸗ „ ſchlug vor, und r, lachen⸗ ingen und nheit und , ſondern te Linden und Ge⸗ n ein Re⸗ hhrend der en anmu⸗ lick dieſer geweihten zur Hälfte nur aus das Gras 65 jetzt ellenhoch wuchs, während die zu Dächern zuſammen⸗ geflochtenen Zweige ſich ſo oft um einander warfen, daß die Dämmerung unter dieſen ehemals ſonnigen Gewölben ſo ſtark war, daß man mit der größten Anſtrengung nicht im Stande war, einen einzigen der vielen Namen zu leſen, die in die ſteinernen Tiſche geritzt waren, um welche die⸗ jenigen, welche jetzt ruhig in dem Familiengrabe ſchlum⸗ merten, ſich mehr als einmal bei der Bowle oder dem Theeſervice geſammelt hatten. Ein kleiner ehrfurchtsvoller Schauder ging gleichſam durch die heutige Geſellſchaft. Es liegt ein Gefühl von unbeſchreiblicher Bedeutung in der Betrachtung dieſes ſtum⸗ men, in ſeinem Schweigen beredten Alterthumes. „Das alles ſieht abſcheulich aus— dieß war der ſtehende Lieblingsausdruck der Conſulin über alles, was nicht neu ausſah. Wir kamen dieſen Frühling zu ſpät hier an, als daß wir in dieſem Jahre an eine Renovation denken konnten. Nun im Herbſt wollen wir mit dieſer Arbeit beginnen, und das iſt wahrlich keine Kleinigkeit.“ „Um des Himmels willen,“ rief Baron Max aus, „moderniſiren Sie nicht dieſes Heiligthum! Wäre ich der Beſitzer von Oernwik, ſo würde ich an dieſem Garten nicht das Geringſte mehr thun, als ihn in ſeiner antiken Geſtalt unterhalten.“ „O!— meinen Sie das, Herr Baron?“ „Und ſo,“ fuhr Max fort,„ruft mit mir die ganze wirklich moderne Welt. Das Neue, das Neumodiſche iſt nicht mehr modern. Es iſt eben ſo langweilig, in einen neuangelegten Garten zu kommen, als in ein Zimmer zu treten, in welchem alles ſo neu iſt, daß es rauſcht. Ein Garten ohne alte Bäume und ein Sofa ohne Falten ge⸗ hören zu meinen Präventionen.“ Ganz beſtürzt und ein wenig beleidigt, erklärte die Conſulin, daß es zwar nicht zu ihren Gewohnheiten ge⸗ hoͤre, ſich„ſurpriniren“ zu laſſen, daß ſie aber wirklich Eine Nacht am Bullarſee. 1. 5 die Averſion des Herrn Barons recht ſonderbar fände. „Doch eigentlich ſollte ſie mich nicht ſurpriniren,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihren Vorſatz vergaß, das Geſpräch nicht auf Evelyn zu leiten;„denn, unbegreiflich genug, hat der Herr Baron einerlei Geſchmack mit meiner Toch⸗ ter, welche ein paar abſcheuliche Neſter in der oberen Etage dem Schlafzimmer und Kabinete vorzieht, das ich ihr ſelbſt auserſehen habe, und worin wenigſtens der kleine Comfort iſt, über den wir disponiren können, und den der Herr Baron ſo übel angewendet findet, weil er neu iſt.“ „So etwas zu äußern iſt keinesweges meine Abſicht geweſen, und ich konnte mir auch vernünftiger Weiſe nimmermehr die Kühnheit erlauben, die comfortable und ausgeſuchte Eleganz in dem charmanten Etabliſſement der Herrſchaften zu tadeln. Alles muß ja einmal neu ſein; und ich wollte nur ſagen, daß erſt dann der Lurus ſich recht mit der Annehmlichkeit vermählt, wenn man aus der Formation und der geringeren Steifheit der Moͤblen erſieht, daß ſie nicht bloß zur Parade daſtehen.“ Mit einem verſoͤhnenden und höchſt befriedigten Lächeln ſenkte die Conſulin ihr Haupt vor dem jungen Manne, der durch ſeine hochtrabenden und berechneten Phraſen ſchon den Anfang gemacht hatte, ihre Einbildung nach der Facon zu formen, die er ihr zu geben beabſichtigte. Während dieſes Geſpräches zwiſchen der Conſulin und dem Baron Mar ging der Conſul mit der Freiherrin und dem Baron voraus. Letzterer erzählte mit großer Lebhaftigkeit von dem vorigen Beſitzer von Oernwik, und wie das Gut durch Vormundſchaften, langes Verpachten und nachläͤßige Pächter in ſeinen jetzigen Verfall gera⸗ then war. Jetzt öffneten ſich die Baummaſſen, und man ſtand vor dem großen, von hohen Linden umkränzten Teiche, auf deſſen Oberfläche einige ſchlanke Schwäne ſegelten. Auf der andern Seite des Teiches erhob ſich ein Hügel, deſſen Rondel von einer großen, weißen, marmor⸗ nen Ur ſtumme weiblich an den men ge um die werkes auf ihr weißen S Ba und die dieſe in W dieſe A Andern Blick, w ſeitigen? bemerkt En Würde Schweig ſchlecht meine kl gewöhnli „ wenn m ſie nun Freiherri Do die Conſ ein eigen einzige S liſchen O „Er bar fände. n,“ fuhr Geſpräch ich genug, einer Toch⸗ der oberen ht, das ich 3 der kleine nd den der r neu iſt.“ ine Abſicht iger Weiſe ortable und ſſement der l neu ſein; Lurus ſich n man aus der Moͤblen ten Lächeln en Manne, in Phraſen dung nach eabſichtigte. r Conſulin Freiherrin mit großer rnwik, und Verpachten -rfall gera⸗ man ſtand zten Teiche, ſegelten. ob ſich ein n, marmor⸗ 67 nen Urne geziert war. Neben dieſer Urne erblickte die in ſtummer Bewunderung ſtehen bleibende Geſellſchaft eine weibliche Geſtalt in liegender Stellung, den Kopf ſo feſt an den Fuß der Urne gedrückt, als wäre er damit zuſam⸗ men gegoſſen. Es war Evelyn, deren einer Arm ſich um die hervorſpring enden Ornamente des antiken Meiſter⸗ 2 werkes ſchlang, während ihre weichen ſeidenen Locken theils auf ihren unbedeckten Hals herabſielen, theils über den wxißen Marmor verbreitet lagen. Sie ſchien zu ſchlummern. Baron Marx athmete kaum; ſogar der alte Freiherr und die Freiherrin blickten mit entzücktem Erſtaunen auf dieſe in dem alten Park hervorgezauberte Feeſcene. Weder der Conſul noch ſeine Frau hatten Sinn für dieſe Art von Schönheiten, welche ſo mächtig auf die Andern wirkte. Doch das werthe Paar wechſelte einen Blick, welcher das Vergnügen ausdrückte, das ihre gegen⸗ ſeitigen Obſervationen ihnen ſchenkten, und nickten ſich un⸗ bemerkt zu. Endlich, da die Conſulin einſehen mochte, daß ihre Würde als Mutter und Wirthin ihr nicht erlaubte, das Schweigen länger fortdauern zu laſſen, ſagte ſie mit ſchlecht verhehltem Stolze:„Es iſt meine arme Tochter, meine kleine Evelyn, welche dort liegt und nach ihrer gewöhnlichen Weiſe träumt.“ „Sie iſt ſo ſchoͤn, daß ſie gewiß nicht dabei verliert, wenn man ſie träumend ſieht!“ meinte der alte Baron. „Sie iſt unbeſchreiblich reizend in dieſer Lage, mag ſie nun ſchlafend oder wachend träumen!“ äußerte die Freiherrin. Doch der Baron Mar, deſſen Urtheil ſonder Zweifel die Conſulin am allerliebſten eifa een hätte, beobachtete ein eigenſinniges Stillſchweigen. Doch wendete er keine einzige Secunde ſeinen Blick von der ſchönen, faſt himm⸗ liſchen Offenbarung ab. „Evelyn, mein Kind!“ rief die Conſulin mit ihrer ſanfteſten Stimme,„komm, meine liebe Evelyn! Zwar biſt Du nicht ſo gekleidet, daß Du Dich vor ſo angenehmen Gäſten zeigen kannſt; doch ſind die Herrſchaften wohl ſo gütig, daß ſie Dich entſchuldigen.“ Kein Laut war zu vernehmen, keine Bewegung zu bemerken an der Erſcheinung auf dem Hügel. „O, laſſen Sie, ich bitte, wecken Sie ſie nicht,“ ſagte Mar, indem er unbewußt ſeine Hand auf den Arm der Conſulin legte. Und ſie, die allzu gut wußte, daß Evelyn ganz nach der Vermuthung des alten Barons ſich am beſten ausnahm, wenn man ſie während ihres Trau⸗ mes betrachtete, war nicht länger eigenſinnig, nachdem ſie nun ihren Gäſten einmal die gebührende Hoͤflichkeit erwie⸗ ſen hatte, Evelyn wecken zu wollen. Als aber ein neues Schweigen eintrat, ſo meinte die unermüdliche Wirthin, es ſei ihre Pflicht, daſſelbe durch eine paſſende gefühlvolle Phraſe zu unterbrechen, und rief daher mit einem Male zufolge des von Bonne erhaltenen Unterrichts ganz naiv aus. „Sie gleicht wirklich einer ſchlummernden Bacchantin!“ Plöͤtzlich blickten der Baron, die Freiherrin und Mar verwuͤndert unſere Conſulin an. Dieſe fühlte ſich unge⸗ mein geſchmeichelt durch die allgemeine Aufmerkſamkeit, und glaubte einen ausgezeichneten Fund in dieſem Gleich⸗ niſſe gemacht zu haben, für welches ſie heimlich dem glänzenden Theaterleben ihrer Rathgeberin dankte. Keiner hielt es inzwiſchen der Mühe werth, einer ſo geiſtreichen Mutter zu widerſprechen; nur der alte Ba⸗ ron blinzelte ein wenig mit den Augen und ſagte ſchelmiſch: „Hätten wir einen Maler zur Hand, der die junge Dame abzeichnen könnte, ſo wäre die Frage, ob ſein Gewiſſen ihm erlaubte, ſeiner Zeichnung dieſe Rubrik zu ertheilen.“ „Ich will aber doch hoffen,“ meinte die Conſulin mit einem kleinen Anſtrich von Hochmuth,„daß ſein Ge⸗ wiſſen gar nichts dabei leiden würde.“ Die Freiherrin wechſelte mit ihrem Sohne einen Blick, Falle, deutige gehalte 35 ſelben vor, n griff d dieſen Bildes eine ſo geſehen als er unterbr berichti 8 des 6 ſchädlic L ! Zwar biſt angenehmen ften wohl ſo ewegung zu ſie nicht,“ uf den Arm wußte, daß Barons ſich ihres Trau⸗ nachdem ſie ichkeit erwie⸗ ls aber ein unermüdliche eine paſſende daher mit Unterrichts Bacchantin!“ tin und Max e ſich unge⸗ fmerkſamkeit, eſem Gleich⸗ jeimlich dem nkte. werth, einer der alte Ba⸗ te ſchelmiſch: junge Dame ſein Gewiſſen zu ertheilen.“ die Conſulin daß ſein Ge⸗ Sohne einen 69 Blick, den die Wirthin aber nicht bemerkte; und ſelbſt im Falle, daß ſie ihn geſehen hätte, würde ſie das unzwei⸗ deutige Lächeln für einen ihrer Feinheit gezollten Tribut gehalten haben. Da man aber doch nicht ewig auf einem und dem⸗ ſelben Flecke ſtehen bleiben konnte, ſo ſchlug der Conſul vor, man ſollte umkehren. Bei dieſem Signale aber er⸗ griff den Baron Max ein unbeſchreiblicher Widerwillen, dieſen Zauberort zu verlaſſen, ohne eine Bewegung des Bildes an der Urne, ohne dieſe Züge, die im Schlafe eine ſo erhabne und verklärte Reinheit beſaßen, lebendig geſehen zu haben. Er bereuete daher ſeine Uebereilung, als er vorhin die Bemühung der Mutter, ſie zu wecken unterbrochen hatte, und um wo möglich ſeinen Fehler zu berichtigen, äußerte er eilfertig: „Wenn nur nicht die Abendkäͤlte und die Feuchtigkeit des Graſes für die Geſundhelt der Mademoiſelle Löwe ſchädlich werden können!“ „Ach mein Gott! ja, das koͤnnen ſie gewiß!“ rief die zärtliche Mutter, und nun erhob ſie ihre Stimme zu dem gellendſten Discant:„Evelyn, Evelyn, Evelyn! ſo wache doch auf! Du erkälteſt Dich ja in der Abendluft— Evelyn!“ Jetzt begann Leben in das Bild zu kommen. Erſt bewegte ſich langſam der eine Arm, der bis jetzt nach⸗ läſſig auf dem Knie gelegen hatte, darauf der andere, welcher um die Ornamente der Urne geſchlungen geweſen war, und nachdem ſo ein paar Secunden die Arme zu⸗ ſammengeflochten und über das Haupt geſtreckt geweſen waren, erhob ſich die Geſtalt langſam und ſtand nun lebendig, aber dennoch unbeweglich auf der Anhöhe und warf einen äußerſt gleichgültigen Blick auf die Geſellſchaft an der andern Seite des Teiches. Athemlos hatte der Baron Max jede Bewegung be⸗ trachtet; und als ſie jetzt ſo ruhig, ſo kalt, ſo gleich⸗ gültig mit der Glorie der Unſchuld und der Schönheit 70 um die weiße Stirn daſtand, ſo verbeugte er ſich tief und ehrfurchtsvoll, während ſeine Augen ſie umſchwebten und die beredteſte Bewunderung ausdrückten; ſie aber war nicht im Mindeſten genirt durch ſeine brennenden Blicke, ſondern verblieb ruhig auf ihrem Platze und erwiederte ſeinen Gruß nur mit einer faſt unmerklichen Senkung des Hauptes. „Komm, liebe Evelynel geh um den Teich!“ vief die Conſulin, indem ſie winkte und Schnupftuch und Sonnen⸗ ſchirm bewegte.„Komm! komm ſchnell— und ſteh nicht länger da, als wäreſt Du angeſchloſſen!“ Sie bewegte ſich und ſchritt den Fußſteig herab. Ihr Wuchs hatte die edelſte Vollendung: jeder Theil ſtand in Harmonie mit dem Ganzen; doch dem Gange fehlte völlig dieſe elaſtiſche Leichtigkeit, welche der Jugend eigenthüm⸗ lich iſt. Steif und langſam bewegten ſich die Füßchen über das Gras; endlich aber hatten dieſelben ſie doch um den Teich herum getragen, hier blieb ſie ſtehen und ſuchte aus ihrer Erinnerung die Verneigung zu widerholen, welche der Tanzmeiſter ihr mit unermüdlichem Fleiße endlich bei⸗ gebracht hatte, obgleich Evelyn's tiefer Ernſt und ihre langſamen und genirten Bewegungen dieſer Art von Com⸗ pliment alle Anmuth raubten. „Sieh, meine gute, liebe Evelyn! Hier ſind unſre guten Nachbarn auf Bröllinge, der Herr Baron, die Frau Freiherrin und der junge Baron, der Herr Kammer⸗ junker! Es iſt äußerſt angenehm, mein Kind, daß wir uns eines ſo intereſſanten Umganges erfreuen können! Geh nun zu der Freiherrin, und zeige, daß Du mit Deinen kleinen Sonderbarkeiten dennoch ein Mädchen biſt, das Erziehung genoſſen hat! Evelyn gehorchte mechaniſch und trat der Freiherrin, welche ſie mit einem Ausdrucke unbeſchreiblicher Theilnahme betrachtete, um einige Schritte näher.„Das arme, ſchoͤne Kind,“ dachte die Freiherrin von G—,„iſt gewiß weder originell noch ſonderbar, ſondern halb wahnſinnig!“ Doch verände als Ev leen, ruhig u alt iſt.“ „5 ſie eine welche „darf i in dem E 8„ Evelyn den Ko über di er ſich tief imſchwebten ie aber war ddeen Blicke, erwiederte benkung des )!“ rief die nd Sonnen⸗ d ſteh nicht herab. Ihr eil ſtand in fehlte voͤllig eigenthüm⸗ lie Füßchen ſie doch um und ſuchte olen, welche endlich bei⸗ t und ihre t von Com⸗ ſind unſre Baron, die er Kammer⸗ d, daß wir önnen! Geh⸗ mit Deinen n biſt, das Freiherrin, Theilnahme arme, ſchöne gewiß weder nig!“ Doch veränderte die Freiherrin augenblicklich dieſe ihre Meinung, als Evelyn auf ihre ſanfte Frage, ob ſie dieſe alten Al⸗ leen, Bäume und Grotten liebte, ohne ſich zu beſinnen ruhig und klar antwortete:„Ja, ich liebe alles, was alt iſt.“ „Darf ich fragen,“ fuhr die Freiherrin fort, indem ſie eine Mildigkeit und eine Klarheit in ihren Ton legte, welche Evelyn's ſchlummernde Gefühle zu wecken ſchienen, „darf ich fragen, Mademoiſelle Evelyn, was Sie eigentlich in dem Alten lieben?“ Evelyn ſchwieg einige Augenblicke.„Ich liebe es darum, weil es nicht jung iſt.“ „Das heißt mit andern Worten: Sie lieben das Junge nicht— und doch ſind Sie ſelbſt jung!“ „Es iſt ſo langweilig, jung zu ſein!“ antwortete Evelyn, und ein halber Seufzer ſtahl ſich hervor aus den Korallenlippen, indem ſie mit der Hand ſich langſam über die Stirne ſtrich. Es war ein Wunder, daß Evelyn ſo viel ſagte; doch bald ſollte ſie von Neuem in ihre Verſteinerung zurück⸗ ſinken. „Was in des Himmels Namen ſagſt Du, mein Evelynchen! Ja, Du biſt mir gerade ein Mädchen in einer ſolchen Lage, daß Du zu denken brauchſt, es iſt langweilig jung zu ſein, Du, die ohne Prahlerei geſagt, alles bekommen kann, worauf Du nur mit dem Finger zeigſt! Ich bin faſt ganz decontenenſirt, daß Du in Gegen⸗ wart der Freiherrin Deine Converſation nicht im Aller⸗ geringſten überlegſt, ſo daß Jeder ſich darüber wundern muß, der die Umſtände Deiner Eltern kennt oder nur davon reden gehoͤrt hat.... Doch entſchuldigen Sie,“ wendete ſich die Conſulin an die jetzt wirklich unzufriedene Freiherrin,„ſie iſt erſt neulich aus der Penſion gekommen! Wenn mein Evelynchen erſt eine Zeitlang zu Hauſe gk⸗ weſen iſt, ſo wird ſie, wie ich hoffe, ihre Lage beſſer beurtheilen und ſchätzen und auch ihre Meinung darüber beſſer ausdrücken lernen.“ Nach dieſer unberufenen und wie gewöhnlich einfälti⸗ gen Erklärung der Mutter brachte Niemand weiter ein Wort aus Evelyn heraus; und als man wieder in das Beſuchzimmer trat, ſo ſetzte ſie ſich in ihren Winkel in der einen Fenſterniſche und ſpielte wie gewoͤhnlich mit einigen aus der Blumenvaſe gezogenen Blumen. Da jeder von dem fremden Theile der Geſellſchaft bei ſich im Stillen ſeine Betrachtungen über den Auftritt anſtellte, den man ſo eben vor Augen gehabt hatte, ſo entſtand eine kleine Lücke in der Unterhaltung, die gleich⸗ wohl hinlänglich übertüncht wurde durch die Aufmerkſam⸗ keit, welche die Beſuchenden hiebet dem Ameublement des Zimmers zollten; jetzt aber bat die Wirthin um die Er⸗ laubniß, den Weg zu dem großen Salon zeigen zu dür⸗ fen. Hier war der Thee ſervirt und alles ſo außerordent⸗ lich neu und blitzend, daß es faſt den Augen wehe that. Die Conſulin erwartete einige bewundernde Aus⸗ rufungen; als aber dieſe ausblieben, ſo beliebte ſie ſelbſt ihre Hoffnung zu äußern, daß die Arrangements in dieſem Salon vielleicht nicht ganz verunglückt wären. „Sie fſind in jeder Hinſicht ausgezeichnet!“ erklärte die Freiherrin verbindlich; und der Baron verſicherte gut⸗ müthig, daß dieſer Salon genug enthielte, um damit zwei andere Zimmer zu füllen. Nur Max ſchwieg. Er war verdrießlich, weil man das Beſuchzimmer verlaſſen hatte, wo Evelyn geblieben war. Die Conſulin, welche wiederum bei guter Laune war, wollte noch ferner zu erkennen geben, daß man ſich in einem vornehmen Hauſe befände.„Sieh, hier kommt unſre gute Bonne ſelbſt, um uns den Thee zu ſerviren! Die gute Vaggabonne meiner Tochter officiirt bisweilen an dem Platze einer Vicewirthin: ſie iſt ein ſehr liebenswür⸗ diges und gebildetes Frauenzimmer.“ Die Fremden ließen ſich nicht einmal ein Lächeln zu Schulder wurde b⸗ Erröthen der jetzt Weiſe zu mußte, dieſes W freiete de womit ſe Bahn br. beſiegt u ſie im 6. Viſite, dauernde paſſendes erſte ſu Fremden In ſchicken! ſonders in Eveln gers und nicht ein Alphabet Fingern griff nich — und g darüber h einfälti⸗ veiter ein er in das Winkel in nlich mit zeſellſchaft n Auftritt hatte, ſo die gleich⸗ fmerkſam⸗ ement des n die Er⸗ n zu dür⸗ ßerordent⸗ vehe that. nde Aus⸗ ſie ſelbſt in dieſem erklärte herte gut⸗ amit zwei Er war ſen hatte, er Laune man ſich er kommt ſerviren! weilen an ebenswür⸗ ächeln zu 73 Schulden kommen. Doch die kleine„gute Vaggabonne“ wurde bis unter die Haare hinauf roth, und aus dieſem Erröthen verſtand endlich die Conſulin, daß ihr Mann, der jetzt auf eine hoͤchſt anſtändige und achtungswürdige Weiſe zu huſten begann, doch wohl Recht gehabt haben mußte, als er ſie früher auf die unrichtige Anwendung dieſes Wortes aufmerkſam machte. Glücklicher Weiſe be⸗ freiete der feine Takt der Freiherrin und die Leichtigkeit, womit ſie einen neuen Gegenſtand des Geſpräches auf die Bahn brachte, die gepeinigte Conſulin davon, daß ſie als beſiegt und bekümmert erſchien. In der That aber war ſie im Geheimen äußerſt bekümmert, daß bei dieſer erſten Viſite, von welcher ſie ſich für die Zukunft einen fort⸗ dauernden Umgang verſprochen hatte, irgend etwas Un⸗ paſſendes vorgefallen ſein moͤchte; und ehe ſie noch in ihre erſte ſuperbe Laune zurückgekommen war, nahmen die Fremden Abſchied. Fünftes Kapitel. In der Nacht, welche dieſen Triumphen und Mißge⸗ ſchicken der eitlen Frau folgte, beſchäftigte ſie ganz be⸗ ſonders ihre Denkkraft mit der Erfindung eines Mittels, in Evelyn, dieſe ſteinerne Venus, dieſe Klippe des Aer⸗ gers und Anſtoßes, die nichts begreifen lernen wollte, ja nicht einmal ſo viel, als den kleinſten Buchſtaben in dem Alphabete, das doch Eva's Toͤchter ſonſt an ihren fünf Fingern kennen, ein wenig Leben zu bringen.„Sie be⸗ griff nicht einmal, daß der junge Baron ſich vergafft hat — und der Himmel tröſte mich,“ ſo ſchloß die Conſulin — 74 die vertraute Ueberlegung mit ihrem eigenen lichten Ver⸗ ſtand:„die Gans wird ſelbſt alles zu Nichte machen, und ich habe dann das ganze Leben hindurch im Schweiße meines Antlitzes gearbeitet, ohne eine Gräfin oder Frei⸗ herrin aus ihr gemacht zu haben!“ Die Conſulin fühlte bei dieſer peinigenden Ausſicht, bei dieſem unwürdigen Ende eines edlen und eremplari⸗ ſchen mütterlichen Beſtrebens, wie ihre Augen ſich mit Thränen füllten, und ihr Herz zitterte.„Ich will mit Charlotte zu Rathe gehen!“ hieß es nun ganz einfach; denn ſeit dem vorhergehenden Abende ſchloß ſie für immer den Titel„Bonne“ aus, weil dleſer ihr den großen Aer⸗ ger zugezogen hatte, ſehen zu müſſen, wie eine Dienerin über ihre Herrin erröͤthete In einem vertraulichen Tote⸗à⸗Tôte mit ihrer Rath⸗ geberin, welches gleich nach dem Frühſtück am folgenden Morgen Statt fand, entwickelte Frau Löwe alles, was beim Teiche vorgefallen war, wo Evelyn als eine ſchlum⸗ mernde Bacchantin auf den jungen Baron einen„horriblen“ Eindruck gemacht hatte— einen Eindruck, der mit eini⸗ ger Klugheit behandelt in kurzer Zeit zu einer Liebe er⸗ wachſen müßte, ſtärker als ſie je in einem Ritterromane gemalt wäre. „Doch, meine liebe Charlotte!“ hieß es weiter,„ſage mir, wenn Du kannſt, was man mit einem ſolchen Weſen anfangen ſoll! Als wir ſie endlich aufgeweckt hatten und ſie zu uns herabkam, und die Freiherrin die Güte hatte, ihr mit ihrem leichten Tone einige einfache und un⸗ gekünſtelte Fragen vorzulegen, über die alte Anmuth der Grotten und Bäume: kannſt Du Dir wohl vorſtellen, was ſie antwortete?... Ach mein Gott, welche Pein ich da litt!.... Ja, ſie liebte das Alte, weil es nicht jung wäre, und ſie ſelbſt wäre betrübt darüber, daß ſie ſo jung wäre. Nein, es war noch ärger: es iſt langweilig jung zu ſein! ſagte ſie, die unglückliche Gans!“ Mamſell Charlotte beſann ſich einige Augenblicke und „ antwor „Befeh ſage?“ „ ner Ma ſulin ne gen zur zu koͤnn 6 „ moiſelle gekomm bloß da Alter u „A koͤnnte d Leben in „3 glücklich dann die barn ſeh nichts ü ſelbſt ſo alle Bed ein vorr Feinheit erklärte wollte, erſten F ſolche 9 Erlaubr einen T cher di anſtatt fuhr die ichten Ver⸗ nachen, und Schweiße oder Frei⸗ n Ausſicht, exemplari⸗ n ſich mit ) will mit inz einfach; für immer roßen Aer⸗ e Dienerin hrer Rath⸗ folgenden lles, was ne ſchlum⸗ horriblen“ r mit eini⸗ r Liebe er⸗ tterromane iter,„ſage chen Weſen eckt hatten die Güte he und un⸗ inmuth der tellen, was zein ich da nicht jung ſie ſo jung ngweilig 142 nblicke und 75 antwortete darauf mit tiefer Betonung eines jeden Wortes: „Befehlen Ihro Gnaden, daß ich offen meine Meinung ſage?“ „Ja, meine beſte Charlotte, das thue ich kraft mei⸗ ner Macht dieſen Befehl zu geben— ſprich!“ die Con⸗ ſulin neigte ſich gegen das Sofakiſſen und ſchloß die Au⸗ gen zur Hälfte, um deſto beſſer jeden Buchſtaben auffaſſen zu koͤnnen. „Da erkläre ich denn, daß die Langeweile der Made⸗ moiſell e Evelyn— da wir nun doch wenigſtens ſo weit gekommen ſind, daß ſie Langeweile zu haben meint— bloß daher kon umt, weil ihr ein erheiternder, für ihr Alter und ihren Charakter paſſender Umgang fehlt.“ „Wie, Charlotte? Du meinſt alſo wirklich, man könnte durch die Annahme einer Geſellſchaftsdame einiges Leben in ſie bringen?“ 730 wage mir vorzuſtellen, daß dieſer Verſuch ein glückliches Reſultat haben wuͤrde. Auf jeden Fall können dann dis Herrſchaften auf Bröllinge und die übrigen Nach⸗ barn ſehen, daß Ihro Gnaden mit Ihrem lichten Blicke nichts überſehen haben. 4 „Wahr, Charlotte, ſehr wahr! Doch bin ich mir ſelbſt ſo viel Gerechtigkeit ſchuldig zu erkennen, daß ich alle Bedenklichkeiten in dieſem Falle einſehe. Das müßte ein vornehmes Mädchen ſein⸗ aus deren Umgang ſi ſie alle Feinheit und Politur einholen könnte, die ihr jetzt fehlt.“ Ich ei nicht, ob ſie eben vornehm zu ſein brauchte,“ erklärte un ſre ehemalige Bonne, der es gar nicht gefallen wollte, daß ſie in dem Hauſe, in welchem ſie ſelbſt den erſten Foviriſenplag zu behaupten geſonnen war, eine ſolche Nebenbuhlerin erhalten ſollte.„Mit Ihrer Gnaden Erlaubniß fürchte ich, daß ein vornehmes Mädchen ſich einen Ton von Ueb erlegenhe heraus nehmen koͤnnte, wel⸗ cher die Mademoiſelle Evelyn ganz zurückſtoßen würde, anſtatt ſie ihrer Geſellſchafterin zu nähern. Noch dazu,“ fuhr die geſchliffene Favoritin fort,„meine ich, es würde ein wenig ärgerlich klingen, den ewigen Fräuleintitel zu hören, während die Tochter des Hauſes Mamſell heißt.“ „Wahr, meine liebe Charlotte, wieder wahr!“ be⸗ kräftigte die Conſulin,„Deiner Klugheit entgeht nichts. Meiner Meinung nach müßte es aber wenigſtens ein häß⸗ liches Mädchen ſein.“ „Warum denn das?“ fragte Charlotte, indem ſie ſich ſtellte, als verſtände ſie den hohen Ideengang ihrer Herrin nicht. Die Conſulin lächelte geſchmeichelt.„Lege ein häß⸗ liches, gewaſchenes, ſeidenes Tuch neben ein neues und ſchönes, und ſieh dann, ob dieſes nicht noch ſchöner wird, weil das häßliche daneben liegt.“ „Ach, nun verſtehe ich! Haben aber Ihro Gnaden, die gewöoͤhnlich Alles ſo richtig beurtheilen, nicht den Um⸗ ſtand bedacht, daß gerade eine ſchoͤne Geſellſchaftsdame, je ſchöner, je beſſer, den Inſtinkt der Mademoiſelle Eve⸗ lyn zum Wetteifer wecken würde; und ich verſpreche, wenn dieſer nur erſt geweckt iſt, ſo ſollen nicht zehn Schönheiten zuſammen genommen die Mademoiſelle Evelyn über⸗ treffen.“ „Du kennſt mich ſo genau, meine gute Charlotte, daß ich mich gewiß nicht darüber wundere, daß Du ſchon im Voraus dieſen meinen Gedanken errathen haſt. Ja, ich habe ihn ſchon lange gehegt, und beſtimme mich alſo für eine ſchöne Geſellſchaftsdame. Doch dürfte ſie kein ganz unbedeutendes Weſen ſein, das kein Menſch beachtet; denn erſtlich ſchickt es ſich nicht, in ein Haus mit unſerm Anſehen eine ſolche Perſon in unſern näheren Umgangs⸗ kreis einzuführen, und zweitens würde es bedeutende Koſten verurſachen, da Evelyn's Geſellſchaftsdame beinahe eben ſo gekleidet ſein müßte, wie ſie ſelbſt.“ „Theuer würde es gewiß,“ erklärte Mamſell Char⸗ lotte,„wenn Sie ein mittelloſes Mädchen hernähmen; dach gerade ein Haus mit dem Anſehen, welches das Ihrige ſchon hat und noch mehr erhält, muß den Ton geben. wie Ihr hatte, n man ſie wortlicht die Pflie diejenige / Reiche will mir tig zu ſ eben ſo „I das und Mademo und nun zu treffen dern der falls ich zu Rathe paſſendes a welche b ſonnen n. Conſulin maligen kleinen 2 Das himmelw förderung leintitel zu ſell heißt.“ hahr!“ be⸗ geht nichts. g ein häß⸗ indem ſie gang ihrer e ein häß⸗ neues und öner wird, „Gnaden, den Um⸗ haftsdame, ſelle Eve⸗ eche, wenn ſchönheiten yn über⸗ Charlotte, Du ſchon aſt. Ja, mich alſo ſie kein beachtet; dit unſerm Umgangs⸗ bedeutende ne beinahe ſell Char⸗ rnähmen; lches das den Ton 77 geben. Die ſelige Gräfin von B., in deren Hauſe ich, wie Ihro Gnaden wiſſen, einen ſehr vortheilhaften Platz hatte, nahm mehre ſchoͤne arme Mädchen auf; und als man ſie fragte, warum ſie ſich mit ſo großer Verant⸗ wortlichkeit belaſtete, ſo antwortete ſie nachläßig:„„Es iſt die Pflicht der Vornehmen und Reichen, ihre Fittige über diejenigen zu ſtrecken, die des Schattens entbehren!⸗“ „Das war ausgezeichnet ſchoͤn und glücklich geſagt! Reiche mir mein Annotationsbuch, gute Charlotte: ich will mir die Worte aufſchreiben. Und um recht aufrich⸗ tig zu ſein, ſo ſehe ich gar nicht ein, warum ich nicht eben ſo gut den Ton geben ſollte, als eine Gräfin.“ „Ja, ich ſollte wohl meinen, Ihro Gnaden koͤnnten das und zwar mit Ehren! Ueberdieß iſt das Herz der Mademoiſelle Evelyn ſo gut, daß ſie ſich ganz gewiß weit leichter zu einem armen, als zu einem reichen Mäd⸗ chen hingezogen fühlt.“ „Das habe ich ſchon längſt eingeſehen und erkannt; und nun kommt es nur darauf an, eine glückliche Wahl zu treffen. Ich glaube, es würde nicht ſo übel ſein, ſon⸗ dern der Freiherrin auf Bröllinge ziemlich ſchmeicheln, falls ich„ſans Fagon“ in aller Vertraulichkeit mit ihr zu Rathe ginge und nachhörte, ob ſie nicht zufällig ein paſſendes Süſchett kennte.“ Das war gar nicht nach dem Geſchmack der Bonne, welche bei ſich die Wahl ſchon beſtimmt hatte und ge⸗ ſonnen war, ihren Wunſch durchzuſetzen, ſelbſt wenn die Conſulin nicht ſelbſt dieſe Frage geweckt und der ehe⸗ maligen Schauſpielerin Gelegenheit gegeben hätte, ihre kleinen Talente zu entwickeln. Das Motiv, welches ſie leitete, war inzwiſchen himmelweit verſchieden von den Mitteln, die ſie zur Be⸗ förderung deſſelben anwendete. Trotz ihres einſchmeichelnden Weſens und der gewiß nichts weniger als ehrenvollen Liſt, die ſie anwendete, um ſich zu ihrem eigenen künftigen Glücke und Nutzen in der Gunſt ihrer Beherrſcherin zu erheben, hatte Mamſell Charlotte gleichwohl von Natur ein gutes und wohlwollen⸗ des Herz, das immer noch ſeine Gewalt über ſie behaup⸗ tete, beſonders da ſie dieſer Gutmüthigkeit genügen konnte, ohne ihre eigenen Vortheile zu gefährden. Jetzt war es in der Wirklichkeit ſo, daß Mamſell Charlotte gegen die arme Evelyn eine wahre und uneigen⸗ nützige Zuneigung fühlte, und daß ſie mit Unruhe und Betrübniß ſah, wie dieſe von ihrer Mutter ſo unver⸗ ſtändig behandelt wurde; denn Mamſell Charlotte hatte Verſtand genug, um einzuſehen, daß die Conſulin nicht lange Zeit brauchte, um ihre Tochter wirklich halb ver⸗ rückt zu machen. Charlotte wußte auch, daß ihreſelbſt die Eigenſchaften fehlten, Evelyn's Charakter zu verſtehen und zu behan⸗ deln; aber nichts deſto weniger lag in ihrem ganzen Be⸗ nehmen eine Zärtlichkeit und ein Mitleiden, das Eve⸗ lyn's ausdrucksloſem Auge bisweilen einen halbfreundlichen Blick, oder ihren Lippen ein halbes Lächeln entlockte. „Armes, armes Kind!“ ſagte Charlotte oft, wenn ſie ſah, daß Evelyn mit einer gewiſſen Zärtlichkeit die Wange auf den Deckel eines kleinen Käſtchens von Eben⸗ holz legte, welches ſie oft und lange betrachtete,„arme Evelyn! Sie hat Niemand, den ſie lieben kann, und darum liebt ſie dieſes Käſtchen, das ſie aus der Schule mitgebracht hat. Gewiß meint ſie etwas damit, das Niemand verſteht und Niemand erfahren darf!“ Doch Charlotte erfuhr bald genug das Geheimniße des Käſtchens. Eines Tags, da Evelyn, welche den Schlüſſet zu dieſem Käſtchen ſtets bei ſich irug, denſelben zufällig im Schloſſe vergeſſen hatte, nahm Charlotte die Gelegsnheit wahr, um ſich mit dem Inhalte bekannt zu machen; denn ſo weit ging ihre Delikateſſe keineswegs, daß ſie das Recht des Beſitzes für ein Hinderniß hielt, ihre Neu⸗ gierde zu befriedigen. Sie öffnete in aller Eile dieſes Käſtchen chelt won nur einer ablegten, net hatte Cha halbvoller profanen in ihrem oben ern Sprache wurde; d gegen Ev Worte o verſtanden verſtehen „Do ſelbſt,„ Charlotte Namen d in Evelyr drückten! weigerten mal ausſt „Sie Waller ſe Evel legte ſich eine Art, Von günſtige( da dieſe rigkeiten künftigen die Conſu ein Widen Mamſell ohlwollen⸗ ie behaup⸗ jen konnte, Mamſell d uneigen⸗ nruhe und ſo unv er⸗ otte hatte ſulin nicht halb ver⸗ genſchaften zu behan⸗ anzen Be⸗ das Eve⸗ reundlichen lockte. oft, wenn lichkeit die von Eben⸗ e,„arme ann, und der Schule amit, das — Geheimniß chlüͤſſet zu ufallig im zelegsnheit hen; denn ſie das ihre Neu⸗ kile dieſes 79 Käſtchen, das ſo oft von Evelyn's weißer Hand geſtrei⸗ chelt worden war, fand jedoch weiter nichts darin, als nur einen Brief, deſſen abgenutzte Kanten das Zeugniß ablegten, daß Evelyn ihn in ihrer Einſamkeit oft geöff⸗ net hatte. Charlotte konnte natürlich nicht zufrieden ſein mit halbvollendeter Arbeit; daher durchlief ſie ſchnell mit ihren profanen Blicken den einzigen Brief, welchen Evelyn je in ihrem Leben erhalten hatte. Er war von der ſchon oben erwähnten Conſtance Waller, und athmete eine Sprache und ein Gefühl, wodurch Charlotte tief gerührt wurde; denn jedes Wort drückte die Liebe der Briefſtellerin gegen Evelyn aus, obgleich es ſo ausſah, als ob dieſe Worte oft etwas zu poetiſch waren, um von Evelyn verſtanden zu werden, da Charlotte ſelbſt ſie nicht recht verſtehen konnte. „Doch gleich viel,“ ſagte die gute Charlotte bei ſich ſelbſt,„ſie ſoll ihre gute Freundin haben.“ Und als Charlotte nun einige Tage ſpäter gleichſam zufällig den Namen der ehemaligen Mitſchülerin nannte, ſo zuckte es in Evelyn's Gliedern. Sie blickte auf, und ihre Augen drückten die Bitte aus, welche ihre Lippen auszuſprechen weigerten, daß Charlotte den geliebten Namen noch ein⸗ mal ausſprechen möchte. „Sie liebten alſo die junge Mamſelle Conſtance Waller ſehr?“. Evelyn ſah noch einmal auf: eine matte, feine Röthe legte ſich auf ihre Wangen; ſie ſeufzte leiſe, aber auf eine Art, die ſehr beredt war. Von dieſem Tage an erwartete Charlotte nur eine günſtige Gelegenheit, ihren Plan durchzuſetzen, und nun, da dieſe gekommen war, da ſie ſo glänzend alle Schwie⸗ rigkeiten beſtegt hatte und bereit war, den Namen der künftigen Geſellſchaftsdame auszuſprechen, da warf ſich die Conſulin ſo ganz ohne Weiteres auf einen Weg, wo ein Widerſpruch gar nicht rathſam war, denn ihre leb⸗ haften Augen ſpielten ſchon bei der angenehmen Vorſtellung eines vertraulichen„Familienarrangements“ zwiſchen ihr ſelbſt und der Freiherrin. „Ja,“ ſagte die Conſulin,„ich bin überzeugt, ſie wird dieſe Delikateſſe von meiner Seite auf das Aller⸗ höchſte ſchätzen, und mir in der Wahl gewiß ihren Rath nicht entziehen.“. „Ich zweifle nicht,“ wendete Charlotte ein,„daß ſie ſich geſchmeichelt fühlen wird— wer ſollte das nicht durch das Vertrauen Ihrer Gnaden— aber...“ „Nein, jetzt will ich kein Aber, meine liebe Char⸗ lotte! Du wirſt wohl zugeben, daß Niemand competenter ſein kann, über dieſe Sache zu urtheilen, als die liebens⸗ würdige, grazioͤſe Freiherrin von G. 20 „Das gebe ich gerne zu, nämlich nächſt Ihro Gnaden ſelbſt, entgegnete die geſchmeidige Bonne;„denn, recht oder unrecht, ſetze ich immer das Urtheil Ihrer Gnaden über das anderer Leute.“ „Ach, meine liebe Charlotte, nur Deine Liebe zu mir veranlaßt Dich zu dem Glauben, daß mein Urtheil ſo großen Werth hat.“ „Mein Gott, wie können Ihro Gunaden ſo beſcheiden ſein! Ich gehe ſogar noch weiter und ſage, daß es eigent⸗ lich unter der Wuͤrde einer Dame wie Ihro Gnaden iſt, ſich anders als nur zum Scheine mit Andern zu be⸗ rathen.“. „Sehr wahr, Charlotte; und auf dieſe Weiſe denke ich auch die Freiherrin nur zu conſultiren.“ „Gut, dann bin ich zufrieden! Mir war ſo bange, die Freiherrin moͤchte vielleicht zu ihrer Geſellſchaftsmamſell ſagen, wie die ſelige Gräfin B. zu mir zu ſagen pflegte, wenn einige von den reichen Bürgerfrauen aus der Nach⸗ barſchaft ſie beſuchten, um ſie über tauſenderlei Dinge um Rath zu fragen:„„Meine liebe Charlotte!““ ſagte ſie, „ndieſe guten Leute find doch recht luſtig, da ſie meinen, wir wüßten Alles beſſer als ſie ſelbſt, weil wir einen Titel führ mit Danl „Ach Conſulin Freiherrin und vor c wohl begt einer ſoge ſchaft und Oernwik, Bröllinge zwanzigſte das zweite Gerechtigk meinen ei ein paſſend weiter nich gute Gleich Familien Jetzt Sie und hatte hängige Lo tigen Alt werden vei im Minde frauen“ a nun, da war, glau den Gewir ſie daher Gnaden c Wahl tre Waller, d Evelyn.“ Eine Nach Vorſtellung viſchen ihr rzeugt, ſie das Aller⸗ ihren Rath n,„daß ſie nicht durch liebe Char⸗ vompetenter die liebens⸗ hro Gnaden eenn, recht rer Gnaden e Liebe zu nein Urtheil beſcheiden 3 es eigent⸗ Gnaden iſt, ern zu be⸗ Weiſe denke r ſo bange, aftsmamſell gen pflegte, der Nach⸗ Dinge um „ſagte ſie, ſie meinen, wir einen 81 Titel führen. Sie werfen ihr eigenes Urtheil weg, um mit Dankbarkeit dem unſrigen zu huldigen!““ „Ach ſo! das beliebte ſie zu ſagen?“ entgegnete die Conſulin ſtark erröthend.„Doch ich verſpreche, daß die Freiherrin von G. nicht ſo von mir ſagen ſoll! Zuerſt und vor allen Dingen, meine liebe Charlotte, wirſt Du wohl begreifen, welch' ein koloſſaler Unterſchied iſt zwiſchen einer ſogenannten, reichen Bürgerfrau aus der Nachbar⸗ ſchaft und der Beſitzerin des großen adelichen Herrenſitzes Oernwik, welches ſo viele Bauerhöfe unter ſich hat, daß Bröllinge vor Freude weinen koͤnnte, wenn es nur den zwanzigſten Theil von Oernwiks Domänen hätte; und für das zweite, meine liebe Charlotte, bin ich mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, zu erkennen, daß ich Gottlob ſtets meinen eigenen Willen gehabt habe; und wenn ich nur ein paſſendes Mädchen wüßte, ſo ſollte die ganze Viſite weiter nichts ſein, als eine Proforma⸗Artigkeit, um das gute Gleichheitsverhältniß zu befeſtigen, das zwiſchen unſern Familien eingetreten iſt.“ Jetzt endlich durfte Mamſell Charlotte wieder athmen. Sie hatte eingeſehen, daß das Spiel verzweifelt ſtand, und hatte einen Zug gewagt, der, wenn man ihre ab⸗ hängige Lage und ihr zärtliches Mitleiden mit ihrem künf⸗ tigen Alter bedenkt, wirklich heldenmüthig genannt zu werden verdiente: und dennoch zitterte ihre Stimme nicht im Mindeſten, als ſie das fürchterliche Wort„Bürger⸗ frauen“ ausſprach. Sie hatte vortrefflich geſpielt; und nun, da der kühne Verſuch über alle Maßen gelungen war, glaubte ſie nur die Hand ausſtrecken zu dürfen, um den Gewinn einzukaſſiren. Ohne alle Präludien ſprach ſie daher ihre einfache Ueberzeugung aus, daß Ihro Gnaden ohne Zweifel keine glücklichere und paſſendere Wahl treffen könnte, als in Madmoiſelle Conſtance Waller, der ehemaligen guten Freundin der Mademoiſelle Evelyn.“ Eine Nacht am Bullarſee. 1. 6 „Ich weiß nicht, wie es kommt,“— die Naſe der Conſulin bekam hiebei einige ärgerliche Falten—„daß ich das Mädchen nie habe leiden koͤnnen, obgleich ich ſie gar nicht kenne... kann Charlotte das begreifen?“ „Nein, gewiß nicht; doch Ihro Gnaden Prävention gegen Mademoiſelle Waller erinnert mich an“— und nun mußte die arme ſelige Gräfin von B. wieder her⸗ halten—„einen faſt ganz ähnlichen Caſus mit meiner ehemaligen Herrin, der Gräfin. Sie fühlte einen ſonder⸗ baren Abſcheu, ein gewiſſes junges Mädchen in ihr Haus zu nehmen; das Ende des Liedes aber war ſo, daß die junge Luiſe T. ſo unterthänig und aufmerkſam wurde und ſich die Zufriedenheit der Gräfin in allen Dingen ſo ſehr erwarb, daß dieſe ſpäterhin in ihren Abendzirkeln mehr denn einmal betheuerte, ſie wollte niemals wieder eine Perſon in ihr Haus nehmen, gegen welche ſie nicht im Anfange ein wenig Abneigung fühlte.“ Dieſen Fall fand die Conſulin ungemein originell; und da ſie im Uebrigen ſchon ihre Partie genommen hatte, die Freiherrin nur aus Artigkeit um Rath zu fragen, ſo verſprach ſie ihrer getreuen Charlotte, ſich be⸗ ſtimmt für die kleine Perſon, welche ſie nicht leiden konnte, zu decidiren.. Sechstes Kapitel. An einem ſchönen Vormittage der folgenden Woche ließ die Conſulin ihren Wagen vorfahren und fuhr nach Broͤllinge. Schon der Anblick des nur einſtoͤckigen Hauptgebäu⸗ des mit den anſpruchsloſen Flügelgebäuden ſteigerte ihren Muth b konnte, traulichk ſchloß, d neigt ſeit merjunke hatte de nichts ge ter comp ſulin ha überſchrit der Wag Der welcher druck her Hofe ein wiß eben auf der kam der Leute pa entwickelt Bediente peitſche ir wik, als und Eleg dort ſt a dern er lich und v Veſtibule, Camelien menſtrauß gegengehü Als ſie in al hatte, da zücken an Naſe der Prävention — und ieder her⸗ nit meiner den ſonder⸗ n ihr Haus , daß die wurde und en ſo ſehr keln mehr ieder eine nicht im originell; genommen Rath zu e, ſich be⸗ icht leiden den Woche fuhr nach auptgebäu⸗ gerte ihren 83 Muth bis auf den Punkt, daß ſie gar nicht begreifen konnte, warum nicht die Freiherrin über eine ſolche Ver⸗ traulichkeit entzückt werden ſollte. Wenn ſie auch daraus ſchloß, daß man auf der einen Seite nicht ganz abge⸗ neigt ſein ſollte, an eine Verbindung zwiſchen dem Kam⸗ merjunker und der Erbin von Oernwik zu denken— was hatte denn das zu bedeuten? Es war beweislich gar nichts gethan, was die Würde der Erbin oder ihrer Mut⸗ ter compromittiren konnte: alſo... die Ideen der Con⸗ ſulin hatten ſchon um ein gutes Stück die Grenzlinie überſchritten, welche ſie mit ihrer Favoritin gezogen, als der Wagen durch das Gitterthor fuhr. Der erſte Anblick, welcher ihrem Auge begegnete, und welcher auf ihr ganzes Herz einen äußerſt angenehmen Ein⸗ druck hervorbrachte, war ein Bedienter, welcher auf dem Hofe ein ſchwarzes Reitpferd umherführte, das ganz ge⸗ wiß eben der Baron Max geritten hatte, denn dieſer ſtand auf der Treppe, mit der Reitpeitſche in der Hand. Alles kam der Conſulin unendlich vornehm und recht für große Leute paſſend vor. Ihre eigene bewegliche Einbildung entwickelte das Gemälde ſogleich auf die Weiſe, daß der Bediente, das Reitpferd und der Baron mit der Reit⸗ peitſche in der Hand durch einen Zauberſchlag nach Oern⸗ wik, als einem in jeder Hinſicht für das Großartige und Elegante paſſenderen Orte, verſetzt wurden. Doch dort ſtand der Baron nicht länger auf der Treppe, ſon⸗ dern er flog in einem Sprunge„unendlich graziös, männ⸗ lich und vollkommen gentil,“ dieſelbe hinauf und hinein in den Veſtibule, in welcher Evelyn froͤhlich, mit einem Kranze von Camelien in ihren lichten Locken und einem großen Blu⸗ menſtrauße in der Hand, eine lächelnde Flora, ihm ent⸗ gegengehüpft kam und in ſeine ausgebreiteten Arme ſank. Als eben die Conſulin aus einer kleinen Laube, welche ſie in aller Eile auf dem Hofe von Oernwik errichtet hatte, das alles betrachtete, und mit mütterlichem Ent⸗ zücken an dem reichem Glücke ihrer Kinder ſich ergoͤtzte, 84 wurde ſie aus dem lieblichen Traume der Phantaſie in der improviſirten Laube zu der Wirklichkeit erweckt. Doch war das Erwachen, wenn ſie auch wohl gewünſcht hätte, daß es ſpäter gekommen wäre, keinesweges unangenehm, denn es war ja die Stimme ihres künftigen Schwieger⸗ ſohnes, des Baron Mar, welche ihr zurief:„Herzlich will⸗ kommen, Frau Conſul Löwe!“ „Ich hoffe, daß ich nicht auf irgend eine Weiſe genire?“ „Auf eine ſolche Weiſe kann die Frau Conſul Löwe gewiß nie kommen!“ Und ohne ſich weiter mit Complimenten aufzuhalten, führte Mar die gute Frau in die Zimmer ſeiner Mutter. Die Conſulin war ganz zufrieden, als man ihr mel⸗ dete, daß der alte Baron nicht zu Hauſe wäre, denn das gab ihr groͤßere Freiheit in ihren Operationen. Auch war ſie noch nicht lange dort geweſen, und hatte kaum die erſten Begrüßungen abſolvirt, ſo erklärte ſie mit einem myſtiſchen Blicke auf den Baron Max, daß eine ganz eigene Angelegenheit ſie heute nach Broͤllinge geführt hätte. Sogleich entfernte ſich der junge Baron mit einer leichten Verbeugung; und jetzt genau, ſo wie ſie es ſich vorgeſtellt hatte in dem vertraulichen Sofa neben der Frei⸗ herrin ſitzend, bemühte ſich die Conſulin, mit möglichſtem Takt und möglichſter Familiarität einen Gegenſtand zu verhandeln, welcher, man mochte ihn wenden ſo viel man wollte, ſich dennoch ſchwer begreiflich machen ließ, war⸗ um er unter die Augen der Freiherrin gelegt werden ſollte. „Ich fühle mich außerordentlich geſchmeichelt,“ ſagte die Freiherrin, in deren Tone aber doch eine gewiſſe Zu⸗ rückhaltung lag, welche die Wärme der Conſulin etwas abkühlte,„ich fühle mich außerordentlich geſchmeichelt von Ihrem Vertrauen, beſte Frau Löwe, und wünſche nur, daß ich demſelben entſprechen koͤnnte.“ „ 4 „ gen Hi nicht z Reiche wie die um dü und M richtig 5 mußte lichen Faſſung die reie nicht ſe gefalle den?2 ſie nich Max d ſie ihre und vie nen, w gar ei mit der V Kopf f ben. ſich en Lebens! herrin hoher zu thu Dinge, 3 jenigen herrin zantaſie in eckt. Doch iſcht hätte, nangenehm, Schwieger⸗ erzlich will⸗ eine Weiſe onſul Loͤwe ufzuhalten, er Mutter. n ihr mel⸗ „denn das Auch war kaum die mit einem eine ganz e geführt mit einer ſie es ſich der Frei⸗ nöglichſtem enſtand zu viel man ieß, war⸗ gt werden elt,“ ſagte ewiſſe Zu⸗ ulin etwas 8⁵ „Ach!“ rief die Conſulin aus und blickte andächtig gen Himmel,„es gibt ſo manche Bürde, welche die Welt nicht zu faſſen, nicht zu begreifen vermag! Selbſt die Reichen und Mächtigen haben eben ſo gut ihren Kummer, wie die kleineren Leute.“ „Das iſt ein ebenſo alter als wahrer Satz, und dar⸗ um dürfen wir kleineren Leute auch niemals die Reichen und Mächtigen beneiden. Ein Jeder hat, wie Sie ſehr richtig bemerkten, vor ſeiner eigenen Thüre zu fegen!“ Die Conſulin erblaßte vor Verdruß. Dieſen Stich mußte ſie verſtehen; doch war er ſo ſcharf trotz der freund⸗ lichen Stimme, die ihn ausſprach, daß ſie beinahe die Faſſung verloren hätte. Sie, ſie, die Conſulin Löwe, die reiche Beſitzerin des adligen Gutes Oernwik, ſollte ſie nicht ſelbſt reich und mächtig ſein? Sollte ſie es ſich gefallen laſſen, mit zu den kleinen Leuten gezählt zu wer⸗ den? Nein, das war wirklich etwas zu ſtark; und hätte ſie nicht an die Bewunderung gedacht, die der Baron Mar der ſchlummernden Bacchantin gezeigt hatte, ſa wäre ſie ihres Weges gereiſ't, und die Freiherrin hätte daſitzen und vielleicht einmal mit einer langen Naſe zuſehen kön⸗ nen, wie ein anderer Baron oder Graf, oder warum nicht gar ein ausländiſcher Marquis oder Fürſt oder Herzog mit der ſteineren Venus abreiſ'te. Während alle dieſe Gedanken der Conſulin durch den Kopf flogen, brannten ihre Wangen in verſchiedenen Far⸗ ben. Endlich erholte ſie ſich wenigſtens ſo weit, daß ſie ſich entſinnen konnte, wie ſehr es gegen alle Welt⸗ und Lebensweisheit ſtritt, ſich beleidigt zu zeigen. Die Frei⸗ herrin ſollte ſehen, daß ſie es mit einer Dame von allzu hoher Stellung im Leben, von allzu erhabenem Charakter zu thun hatte, als daß ſie ſich beleidigt fühlen könnte durch Dinge, die ganz unter ihrer Würde waren. „Nun, meine beſte Frau Löwe, wie war es mit dem⸗ jenigen, das Sie mir vertrauen wollten?“ fragte die Frei⸗ herrin lächelnd. „O, ich ſitze nur und denke nach, ob nicht der Ge⸗ genſtand für Ihro Gnaden Ohren allzu unbedeutend iſt; es handelt ſich nur um meine Tochter.“ Bei dem letzten Worte nahmen die Züge der Frei⸗ herrin einen Ausdruck von Intereſſe und Herzlichkeit an, welche der Conſulin nicht entgingen, obgleich ſie beides auf ein falſches Conto ſchrieb. Sie, die ſich ſo gerne einbilden wollte, daß ſämmtliche Mütter mit Söhnen auf die Erbin von Oernwik ſpeculirten, war überzeugt, daß auch die Freiherrin als eine zärtliche Mutter, wenn auch fein und vorſichtig, dieſes ebenfalls thäte. Doch die ſicht⸗ bare Aufmerkſamkeit der Freiherrin floß aus keiner andern OQuelle, als aus der innigen Theilnahme, die Evelyn ihr eingefloͤßt hatte. Das junge Mädchen hatte ſeit ihrem Beſuche auf Oernwik ihrer Seele ſtets vorgeſchwebt, und die Freiherrin hatte mit ihrem Gatten und ihrem Sohne über die be⸗ dauernswürdige Lage geredet, in welcher Evelyn wegen des gänzlichen Unvermögens ihrer Eltern, ihren Charakter und ihr ganzes Weſen zu begreifen, lebte. Die Freiherrin war vollkommen überzeugt, daß in dieſem ſtummen Koͤrper eine Seele ſchlummerte, welche dereinſt tiefe Gefühle ent⸗ wickeln könnte. „Haben Sie die Güte, Frau Löwe, und reden Sie offen! die Mademoiſelle Evelyn hat unſere ganze Theil⸗ nahme geweckt.“ „Wirklich? Meine Tochter iſt ſehr beneidenswerth, mit ihrer unbedeutenden Perſönlichkeit einigen Eindruck ge⸗ macht zu haben; und ich theile das Vergnügen, welches ſie gewiß hierüber empfinden würde, wenn es nicht un⸗ glücklicher Weiſe ihre Gewohnheit wäre, ſich allzuwenig um andrer Leute Meinung zu kümmern. Ich weiß nicht recht, welche Eigenheiten Evelyn haben mag, glaube je⸗ doch— das heißt ich hoffe wenigſtens— daß ihre Kälte und Gleichgültigkeit nicht aus Hochmuth herfließt über den Platz, auf welchem ſie ſich durch die vielleicht nicht ganz unbedeu zwar zu heit gen iſt, den gehe ich Gerechti ich lebe, im Geg ſolche W als ſtolt Ehre ge keine vo gen Me nie die Gefühler würdig rein wie „ gott keit bin, kan Mittelm mindeſte wenn m entbehre ten hat mir abe vorigen wunderlt es mein herrin äußerſter „U „3 nämlich und geb 87 t der Ge⸗ unbedeutende Stellung ihrer Eltern befindet. Ich will eutend iſt; zwar zu ihrer Entſchuldigung ſo weit gehen, der Wahr⸗ heit gemäß zu geſtehen, daß dieſer Platz im Stande der Frei⸗ iſt, den Hochmuth eines Kindes zu erregen; doch weiter lichkeit an, gehe ich auch keinen Schritt, denn ich bin mir ſelbſt die ſie beides Gerechtigkeit ſchuldig zu erkennen, daß ich ihr, ſo wahr h ſo gerne ich lebe, niemals ein Beiſpiel von Stolz gegeben, ſondern öhnen auf im Gegentheil ſtets gepredigt habe gegen allen Stolz über zeugt, daß ſolche Vorzüge, wegen welcher der Menſch eher demüthig wenn auch als ſtolz ſein ſollte. Und wie ich ſchon zu erwähnen die h die ſicht⸗ Ehre gehabt habe, wage ich mit Sicherheit zu hoffen, daß ner andern keine von dieſen Urſachen meine Evelyn allen andern jun⸗ velyn ihr gen Mädchen ihres Alters ſo ungleich macht.“ „Davon bin auch ich überzeugt: ſie hat gewiß noch eſuche auf nie die allerflͤchtigſte Bekanntſchaft mit einem von dieſen Freiherrin Gefühlen gehabt, die ein ſo junges Weſen höoͤchſt bedauerns⸗ er die be⸗ würdig machen würden. Ihre Seele iſt gewiß eben ſo yn wegen rein wie ihre Schoͤnheit.“ Charakter„O ja, was die Schoͤnheit betrifft, ſo hat unſer Herr⸗ Freiherrin gott keine Schande. Ich ſelbſt, obgleich ich ihre Mutter nen Koͤrper bin, kann erkennen, daß ſie eher etwas über als unter der efühle ent⸗ Mittelmäßigkeit iſt; nichtsdeſtoweniger iſt Evelyn nicht im mindeſten eitel über dieſe Gabe, welche zwar recht gut iſt, reden Sie. wenn man ſie hat, aber doch von den Reichen ſich leichter nze Theil⸗ entbehren läßt, als von den Armen; denn in unſern Zei⸗ ten hat leider das Geld die überwiegende Macht. Um denswerth, mir aber nun die Freiheit zu nehmen, wieder auf unſern indruck ge⸗ vorigen Gegenſtand zurückzukommen, nämlich auf Evelyn's , welches wunderlich verſchloſſenes und unbegreifliches Weſen, ſo war nicht un⸗ es meine Abſicht, mir die Meinung der gnädigen Frei⸗ allzuwenig herrin über einen Punkt auszubitten, der für mich von weiß nicht äußerſter Wichtigkeit iſt.“ glaube je⸗„Ueber welchen Punkt, beſte Frau Loͤwe?“ ihre Kälte„Ich bin in Streit zwiſchen zwei Fragen: ob ich t über den nämlich ſo bald wie möglich meiner Evelyn eine paſſende nicht ganz und gebildete Geſellſchafterin ſchaffen oder ob ich die Ei⸗ 88 genheiten ihres Charakters ihren alten Gang gehen laſſen ſoll, bis ſie verheirathet wird, da es denn natürlich in dem Intereſſe ihres Gatten liegt, ſie ſelbſt nach der Form zu bilden, die er am meiſten an ſeiner Lebensgefährtin liebt.“ Jetzt meinte die Conſulin ein ſo feines und geiſtrei⸗ ches Spiel geſpielt zu haben, daß wohl kein Menſch ſie hierin übertreffen könnte, und ſchon jetzt kitzelte ihren Stolz der Gedanke an die Ver⸗ und Bewunderung der Bonne bei der Erzählung dieſer denkwürdigen, und für die Zu⸗ kunft gewiß höchſt wichtigen Stunde. Für dieſen Augen⸗ blick aber war es natürlicher Weiſe nothwendig, Notiz davon zu nehmen, wie die Freiherrin„ihre Talente ſentirte.“ „Beſte Frau Löwe! da Sie die Artigkeit gehabt ha⸗ ben, meine Aeußerung über dieſe Sache zu begehren, ſo will ich gerne geſtehen, daß ich eine paſſende Geſellſchaft von einem jungen Mädchen gleichen Alters als ſehr vor⸗ theilhaft für die Mademoiſelle Evelyn halte; doch möchte es ſchwierig ſein, dieſe Wahl mit der gehoͤrigen Sorgfalt zu treffen. Nach meinem Dafürhalten müßte es eine Ge⸗ ſellſchafterin mit ſanftem und froͤhlichem, dabei aber doch feſtem Charakter und vor allen Dingen mit dieſer Herzens⸗ güte ſein, welche machte, daß ſie verträglich wäre mit den Schwierigkeiten, die ſich etwa ihren Bemühungen, Made⸗ moiſelle Evelyn aufzuheitern, in den Weg legen könnten.“ „Was die Verträglichkeit betrifft, ſo hoffe ich wird's damit nicht eben ſchwer werden; denn wir denken gewiß nichts umſonſt zu verlangen— Gottlob! das brauchen wir nicht!“ „Doch die Zärtlichkeit und Verträglichkeit, die man für Bezahlung gibt, wird niemals auf Mademoiſelle Eve⸗ lyn einwirken. Die wahre Zärtlichkeit, die wahre Ver⸗ träglichkeit koͤnnen Sie nicht belohnen: die muß ſich ſelbſt bezahlen.“ „Meine beſte, gnädigſte Freiherrin! Ich ſage offen, es gehört nicht zu meinem Likoͤr...“ o Himmel! unſre Frau ha über ihr beinahe geſetzt w neuen T irgend e reit, in Obligati ſie hätte ihrer Re dieſer O denn, G „I die Aeuf Recht he jedes jur zen tief! und, n über Me trauen k Aut einen Ae von ihre hinreißer auf ihre ſchlug. macht h Neuem: „A. zimmer Evelyn den— es thut wirklich nutzes. hat Eve gehen laſſen natürlich in h der Form ensgefährtin und geiſtrei⸗ Menſch ſie ihren Stolz der Bonne für die Zu⸗ 2ſen Augen⸗ dig, Notiz te ſentirte.“ gehabt ha⸗ egehren, ſo Geſellſchaft ls ſehr vor⸗ doch möchte en Sorgfalt es eine Ge⸗ ei aber doch ſer Herzens⸗ äre mit den gen, Made⸗ en könnten.“ e ich wird's enken gewiß as brauchen it, die man noiſelle Eve⸗ wahre Ver⸗ ß ſich ſelbſt ſage offen, nmel! unſre 89 Frau hatte kaum dieſes Wort, dieſen infamen Kleinſtädter über ihre Lippen gleiten laſſen, ſo wäre ſie vor Aerger beinahe in Ohnmacht geſunken; doch die Rede mußte fort⸗ geſetzt werden, und in der Verwirrung machte ſie einen neuen Bock...„in einer Obligations⸗Verbindlichkeit bei irgend einem Menſchen zu ſtehen...“ Jetzt war ſie be⸗ reit, in Wuth überzugehen: im Lerikon ſtand ja, daß Obligation und Verbindlichkeit gleiche Bedeutung hatten; ſie hätte beinahe den Athem verloren, ehe ſie das Ende ihrer Rede erreichte...„und ich will und werde mich dieſer Obligation entledigen, falls ich dieſelbe übernehme, denn, Gott ſei gelobt! alles läßt ſich mit Geld bezahlen!“ „Ich fürchte, daß es nicht ganz ſo iſt, und ich fürchte, die Aeußerung dieſer Geſinnung, die ich zu tadeln kein Recht habe, die ich jedoch mit Betrübniß vernehme, würde jedes junge Mädchen mit reinen Sitten und reinem Her⸗ zen tief beleidigen, welchem man das gewiß ſehr ſchwierige und, wie ich vermuthe, im Anfange undankbare Werk, über Mademoiſelle Evelyn Einfluß zu gewinnen, anver⸗ trauen könnte.“ Aus dieſer Antwort erſah die Conſulin, daß ſie noch einen Aerger zu ertragen hatte. Sie ſah ein, daß ſie ſich von ihrer Eitelkeit und Prahlſucht etwas zu weit hatte hinreißen laſſen, und daß dieſes beſtändige Zurückkommen auf ihre Reichthümer keinesweges bei der Freihrrrin an⸗ ſchlug. Um alſo den unangenehmen Eindruck, den ſie ge⸗ macht hatte, etwas zu mildern, begann ſie daher von Neuem: „Ach, das glaube ich! Wenn wir ein junges Frauen⸗ zimmer fänden, das ſich einzig aus Liebe meiner armen Evelyn annähme, ſo würde ich eine Mutter für ſie wer⸗ den— ja das wollte ich— eine liebevolle Mutter; denn es thut Einem in der Seele wohl, zu denken, daß es wirklich Ausnahmen geben kann von den Regeln des Eigen⸗ nutzes. Und um nun die ganze Wahrheit zu ſagen, ſo hat Evelyn ſich in ihrer Penſionszeit eine Freundin er⸗ worben in einem guten, armen Mädchen, deren Eltern jetzt ſo zurückgekommen ſind, daß ſie wahrſcheinlich nichts dagegen haben, ihre Tochter in ein Haus zu geben, das ihrer ſchutzloſen Jugend einen Schutz gewähren kann. Conſtance Waller ſoll ein gebildetes und liebenswürdiges Mädchen mit lebhaftem Character ſein. Sie liebt meine Evelyn und iſt die Einzige geweſen, welche ſie jemals dahin gebracht hat, von ihrem eigenſinnigen und ewigen Schweigen abzulaſſen.“ „Nun dann iſt ja alles vortrefflich; da iſt ja die Wahl ſchon gegeben!“ „Gewiß— o ja, warum nicht, wenn meine gnädige Freiherrin meint, daß ich dieſe junge Perſon annehmen und nicht, wie ich eben ſagte, die Fortſetzung der Educa⸗ tion meiner Evelyn ihrem künftigen Gatten überlaſſen ſoll.“ Ueber die Lippen der Freiherrin verbreitete ſich ein feines Lächeln.„Vielleicht,“ ſagte ſie,„würde ſich dieſer höchſt verbunden erachten, wenn er ſeines Antheils an der Mühe überhoben wäre: ich glaube, die Männer ſehen die Erziehung am liebſten vor der Verlobung abgethan. Ueber⸗ dieß iſt ja Mademoiſelle Evelyn ſo jung, daß es wohl noch Zeit haben möchte, an eine Partie für ſie zu denken.“ Noch einmal mußte die Conſulin ihren Verdruß er⸗ ſticken: ihr feiner Hamen war vergeblich ausgeworfen, die Freiherrin ſchien ihre Hoffnung auf ein intereſſantes„Fa⸗ milienarrangement“ nicht einmal zu begreifen, und gänz⸗ lich unzufrieden mit ihrem Beſuche und ihrer ganz un⸗ nöthigen Herablaſſung, mit Ihrer Gnaden zu Rathe zu gehen, machte ſie ſich bereit, eine Zuſammenkunft abzu⸗ brechen, welche ihr bewieſen hatte, daß die Freiherrin von G— eine Dame von höchſt mittelmäßigem Geſchmack, mittelmäßiger Lebensklugheit und Bildung war; und dieſe Dreifaltigkeit wurde noch mehr bewieſen durch ihre lächer⸗ liche Unhöflichkeit, mit keinem einzigen Worte weder ihren Wunſch auszuſprechen, die Familie des Conſuls bald auf Broͤllinge zu ſehen, noch ihre eigene Hoffnung, mit den Ihrigen ſprechen Neit und unſre Vorſtellur unſchmack dieſer letz der Freih daß ſie zu unterh „Wt als ſie Wagen ſe Ein ſo ſchlägt d Oernwik! Unm ſuche ſchr an den digſte und geſagt,„ gegen die Evelyn g länger de Mademoiſ die natürl gen und 2 foliirt wu⸗ ſprach auc deren Eltern inlich nichts geben, das ihren kann. denswürdiges liebt meine ſie jemals und ewigen da iſt ja die heine gnädige on annehmen der Educa⸗ erlaſſen ſoll.” itete ſich ein de ſich dieſer theils an der ner ſehen die ethan. Ueber⸗ aß es wohl e zu denken.“ Verdruß er⸗ geworfen, die eſſantes„Fa⸗ , und gänz⸗ rer ganz un⸗ zu Rathe zu enkunft abzu⸗ ie Freiherrin m Geſchmack, ar; und dieſe )ihre lächer⸗ eweder ihren ſuls bald auf ang, mit den 91 Ihrigen bald wieder auf dem prächtigen Oernwik ein⸗ ſprechen zu dürfen. Nein, kein ſterbendes Woͤrtchen ſagte die Freiherrin; und unſre vornehme Frau Loͤwe war weit entfernt, ſich die Vorſtellung zu machen, daß ihr eigner ſchlechter Ton, ihre unſchmackhafte und unmäßige Eitelkeit, die beſonders bei dieſer letzten Zuſammenkunft deutlich in die Augen fielen, der Freiherrin die Bekanntſchaft ſo zuwider gemacht hatten, daß ſie ſich nicht im Geringſten darnach ſehnte, dieſelbe zu unterhalten. „Wollen ſehen,“ ſagte die Conſulin bei ſich ſelbſt, als ſie ganz aufgeregt wiederum in ihrem prächtigen Wagen ſchaukelte,„wollen ſehen, wer am meiſten verliert! Ein ſo unbedeutendes Gut wie Bröͤllinge— was ver⸗ ſchlägt das gegen unſer pompöſes und ariſtokratiſches Oernwik!“ Unmittelbar nach dem verunglückten Vormittagsbe⸗ ſuche ſchrieb der Conſul Löwe auf Begehren ſeiner Frau an den Landskamrér Waller, und bat auf das inſtän⸗ digſte und allerartigſte—„denn,“ hatte die Conſulin geſagt,„große Leute müſſen ſich immer herablaſſend zeigen gegen die Kleinen und Armen“— daß es ſeiner Tochter Evelyn geſtattet ſein möchte, einige Monate oder auch länger der Geſellſchaft der guten und liebenswürdigen Mademoiſelle Conſtance genießen zu dürfen, eine Bitte, die natürlicher Weiſe mit einer Menge von Verſprechun⸗ gen und Vorſpiegelungen in ſo glänzender Einfaſſung inter⸗ foliirt wurde, daß es Eltern, ſie mochten ſein, welche ſie wollten, faſt unmöglich wurde, der Verſuchung derſelben zu widerſtehen. Die Antwort fiel nicht nur günſtig aus, ſondern ſie ſprach auch die ganze Verbindlichkeit und Dankbarkeit aus, 92 in welcher Conſtance's Eltern wegen eines für ihre Toch⸗ ter ſo vortheilhaften und angenehmen Antrages zu ſtehen glaubten. „Dieſe Leute ſind nicht ganz ohne geſunden Menſchen⸗ verſtand,“ ſagte die Conſulin zu ihrer Vertrauten,„wenig⸗ ſtens haben ſie eben ſo viel davon, wie viele andere Leute, deren Pflicht es wäre, mehr zu haben... Doch laß hören, meine liebe Charlotte, wozu Du räthſt: ſollen wir Evelyn vorbereiten auf dieſe Ueberraſchung, welche die Zärtlichkeit und Liebe ihrer Eltern für ſie erdacht hat, oder ſollen wir uns zu einer vollſtändigen Sürpriſe entſchließen?“ „Sollten nicht Ihro Gnaden über dieſe Sache, welcht wirklich die wichtigſte iſt, mit der Freiherrin auf Brol⸗ linge zu Rathe gehen?“ fragte die Favorite, welche au dem Schweigen der Conſulin wohl ſchloß, daß ſie mit der eben citirten Auctorität unzufrieden war, aber doch nicht recht hinter das Nähere kommen konnte, denn der Hoch⸗ muth der Conſulin hatte es ihr zum Geſetz gemacht, ſogan ihrer lieben Charlotte dieſes zu verſchweigen. Als aber nun die Frage der lieben Charlotte ſo gan à propos kam, daß Ihro Gnaden weder Zeit hatte, ihrn feinen Ton, noch ihre Selbſtbeherrſchung zu Rathe n ziehen, ſo hieß es ohne weitere Umſtände:„Wie? i ſollte dieſe kleine einfältige Gans um Rath fragen? 3t muß Dir ſagen, meine liebe Charlotte, daß es von de ner Seite ſehr wenig Verſtand beweiſ't, mit einer ſolchen Frage zum Vorſchein zu kommen! Ich halte es für gan unter der perſönlichen Würde, die ich mir ſelbſt ſchuldi bin, mich mit einer Perſon von einer ſolchen Beſchrän heit, wie die Freiherrin ſie hat, zu conſultiren!“ „Da dieſes die Meinung Ihrer Gnaden iſt,“ erwi derte Charlotte,„ſo will ich gerne— da Ihro Gnade beliebt haben, mich mit der Erlaubniß zu beehren, ma Urtheil auszuſprechen— ſagen, daß ich eine völlig un erwartete Ueberraſchung für das Dienlichſte erachte. Sc Mademoi Bewegun „Ga vielleicht falt ihrer „Und Gefühle „Se prätendire Eindruck möglichen „Ge das, ſond Art von vorgreiflie ſinn und leicht ente Hoffnung inſofern ff der Deme die eigent terliche E fällt.“ „Liel zweifelt ſe Schlag tl muß ſie n die Dankb ich meiner „Nei gewiß die dieſem Ar r ihre Toch⸗ ges zu ſtehen den Menſchen⸗ aten,„wenig⸗ andere Leute, ch laß hören, en wir Evelyn ie Zärtlichkeit „oder ſollen chließen?“ Sache, welche rin auf Bröl⸗ e, welche aut aß ſie mit der ber doch nicht enn der Hoch⸗ gemacht, ſogan rlotte ſo gan it hatte, ihrn zu Rathe n :„Wie? it fragen? It ß es von de it einer ſolchan te es für gan ſelbſt ſchuldi en Beſchraͤnt iren!“ n iſt,“ erwi Ihro Gnade beehren, ma eine völlig un erachte. So 93 Mademoiſelle Evelyn jemals dahin kommen, eine Art von Bewegung zu zeigen, ſo geſchieht es gewiß dann.“ „Ganz richtig, Charlotte! Ich glaube, und zwar vielleicht nicht ganz ohne Grund, daß dieſe zärtliche Sorg⸗ falt ihrer Eltern ſie mit Staunen erfüllen wird.“ „Und der Anblick der Mamſell Waller wird ihre Gefühle beleben.“. „Sehr ſchoͤn, ſehr ſchön! doch geſtehe ich offen: ich prätendire, daß mein Verhalten als Mutter den ſtärkſten Eindruck machen ſoll! Habe ich nicht das Recht und allen möglichen Grund, ſolches zu fordern?“ „Gewiß haben Ihro Gnaden das Recht, nicht nur das, ſondern ſogar noch vieles Andere zu fordern— jede Art von Forderung iſt Ihrer Gnaden natürliches und un⸗ vorgreifliches Recht— voch mit Ihrer Gnaden Scharf⸗ ſinn und tiefer Menſchenkenntniß kann es Ihnen nicht leicht entgehen, einzuſehen, daß man ſich keine allzuhohe Hoffnung von dem Nutzen dieſes Experimentes machen darf, inſofern ſie nicht vor allen Dingen erſt von dem Anblicke der Demoiſelle Conſtance erſchüttert wird. Darin liegt die eigentliche Ueberraſchung, während dagegen die müt⸗ fefnehe Sorgfalt täglich gleich dem Thau des Himmels ällt.“. „Liebe Charlotte, Du ſiehſt wohl ein, daß ich ver⸗ zweifelt ſein würde, wenn nicht das Experiment den erſten Schlag thäte; nachdem jedoch der Schlag gefallen iſt, ſo muß ſie natürlicher Weiſe fragen, woher er kam— denn die Dankbarkeit iſt wohl nicht mehr als ihre Pflicht, ſollte ich meinen!“ „Nein, gewiß nicht! Und Mademoiſelle Evelyn wird gewiß die Dankbarkeit nie ſtärker gefühlt haben, als in dieſem Augenblicke der Ueberraſchung!“ Siebentes Kapitel. Seit dem Beſuche der Familie G— auf Oernwik hatten die Jagdwanderungen des Barons Marx ſich immer gekreuzt, und ſehr oft ereignete es ſich, daß ihn eine kleine Zerſtreutheit in den weitläuftigen Park führte, der dem alten Herrenſitze angehoͤrte. Wie der Baron erfahren hatte, daß auch Evelyn in dem Park Beſuche abzuſtatten pflegte, wiſſen wir nicht! ſo viel aber wiſſen wir, daß er verſteckt hinter den Bäu⸗ men, ſie dort mehrmals, und jedes Mal mit einer hoͤher ſteigenden Bewunderung ſah. Es fiel ihm niemals ein, ſie anzureden, oder auch hinzugehen und zu erforſchen, welchen Eindruck ſein An⸗ blick auf ſie hervorbringen koͤnnte. Er wollte nur dieſe ſchönen, unbeweglichen Züge ungeſtört betrachten, welche ſelbſt dann, wenn ſie voͤllig allein war, nicht die geringſte Veränderung zeigten, außer wenn ein ſtarker Wind die Zweige der alten Bäume erſchütterte und ihr Laub in eine praſſelnde Bewegung ſetzte. Da blickte ſie empor, konnte mehrere Minuten lang ihre Augen auf die ſchwan⸗ kenden Kronen heften und mit einer Art von Begierde auf die daraus entſtehende Muſik lauſchen. Wenn aber der Wind die Zweige in Ruhe ließ, die Muſik ſchwieg und die Blätter wiederum in ihrer vorigen ſtillen, traumarti⸗ gen Erſtarrung lagen, ſo ſank auch Evelyn wiederum zurück in ihre vorige Erſtarrung und entſchlummerte oft neben einem Baumſtamme. So wie Evelyn ſich in ihren kleinen Variationen ge⸗ zeigt hatte, ſo ſtand ſie ſchon in dem Album des Barons auf jedem zweiten Blatte; und an den Tagen, da Cvelyn ſich in de dieſer klei Doch den Baro Wed nern hatte ginelles Aber er l lebhafte J ſeiner Vor Ohne Verdienſte Bahn eine ſich feſt v⸗ rathen.( er ſelbſt z den ausſch in Verſuch Worten, e Familie n als zu die blitzen, un nen Hoffnn gend auf Sowe verwandt junge Bar er hatte ſch Eltern ſow nicht nur machen, ſo⸗ liche, und den gänzlie einzig und Bis z ſchieden geb if Oernwik ſich immer n eine kleine , der dem Evelyn in wir nicht! r den Bäu⸗ einer hoͤher „oder auch ick ſein An⸗ ee nur dieſe ten, welche die geringſte er Wind die hr Laub in ſie empor, die ſchwan⸗ Begierde auf nn aber der ſchwieg und traumarti⸗ n wiederum mmerte oft iationen ge⸗ des Barons „ da Evelyn 93 ſich in dem Parke nicht ſehen ließ, war die Betrachtung dieſer kleinen Entwürfe ſeine vornehmſte Beſchäftigung. Doch hier dürfte der Ort ſein, einige Worte über den Baron Mar zu ſagen. Weder in ſeinem Aeußern, noch auch in ſeinem In⸗ nern hatte dieſer junge Mann etwas Romantiſches, Ori⸗ ginelles oder etwas im allergeringſten Ungewoͤhnliches. Aber er hatte ein Herz, ein gutes, warmes Herz, eine lebhafte Phantaſie, viel Gefühl und einen Charakter, der ſeiner Vortrefflichkeit wegen ſchon allgemein geſchätzt wurde. Ohne Reichthum, aber dennoch ſowohl durch ſeine Verdienſte als auch ſeine Relationen auf der gewählten Bahn eines anſtändigen Auskommens verſichert, hatte er ſich feſt vorgenommen, nie um des Geldes willen zu hei⸗ rathen. Er ſtrebte nach keinem hoͤheren Glücke, als das er ſelbſt zu erwerben ſich zutraute, und wurde nie von den ausſchweifenden Träumen eines vermeſſenen Ehrgeizes in Verſuchung geführt. Baron Max war, mit wenigen Worten, einer von dieſen Söhnen, zu welchen man einer Familie mit größerer Ueberzeugung Glück wünſchen kann, als zu dieſen genialiſchen Lichtern, welche eine Zeitlang blitzen, um vielleicht unter zwanzigen kaum eine der küh⸗ nen Hoffnungen zu rechtfertigen, welche man in ihrer Ju⸗ gend auf ſie bauete. Sowohl von väterlicher, als auch mütterlicher Seite verwandt mit einer Menge adelicher Familien, konnte der junge Baron immer auf eine gute Partie rechnen; aber er hatte ſchon längſt auf eingetroffenen Erinnerungen ſeinen Eltern ſowohl mündlich als auch ſchriftlich erklärt, daß er nicht nur wünſchte, eine gute und paſſende Partie zu machen, ſondern auch, wenn es ſo weit käme, eine glück⸗ liche, und daß er bei der Wahl von allen Nebenumſtän⸗ den gänzlich unabhängig ſein und ſich von nichts als einzig und allein von der Liebe hiebei leiten laſſen wollte. Bis zu dem heutigen Tage war die Wahl unent⸗ ſchieden geblieben, und wenn auch von der Möglichkeit, daß dieſe Wahl auf Evelyn, die ſchöͤne Träumerin, fallen könnte, noch kein Gedanke in ſeiner Seele aufgedämmert war, ſo erfüllte ſie doch ſeine Phantaſie und nahm einen großen Theil ſeines Gefühls und ſeiner Gedanken in Beſchlag. Ueberzeugt, daß nur ſein Kunſt⸗ und Schönheitsſinn durch ihren erſten Anblick gereizt worden ſei, fand er ſtets einen paſſenden Vorwand, ſeine Ausflüge fortzuſetzen, oder, wie er es nannte, ſeine Kunſtgenüſſe zu erneuern. „Die Betrachtung dieſes Mädchens,“ ſo ſagte er zu ſich ſelbſt,„iſt gleichbedeutend mit der Betrachtung eines Gemäldes, deſſen merkwürdige Figurent uns ſo feſſeln, daß wir kaum unſre Blicke davon losreißen können. Dieſe Evelyn iſt eines von den Meiſterſtücken des größten Meiſters; doch das Bild iſt in der Form erſtarrt, und wird wahr⸗ ſcheinlich nie Leben erhalten. Sonderbar genug ſchwebte ihm kein einziges Mal der Gedanke an Pygmalion oder irgend ein anderes my⸗ thiſches Sinnbild vor, in welchem er ein Vorbild ſeines eigenen Verhältniſſes zu dieſem jungen Mädchen hätte er⸗ blicken konnen, welches Verhältniß er als eine wirkliche Mythe betrachtete, die zu heilig war, als daß ſie durch eine directe Annäherung hätte profanirt werden dürfen. Die Freiherrin von G— hatte gar keine Ahnung davon, daß das ſtete Mißgeſchick ihres Sohnes auf der Jagd aus der natürlichen Urſache herfloß, daß er niemals jagte. Doch eine Andere, nämlich die klarſehende Mamſell Charlotte, deren Aufmerkſamkeit ſich nach allen Richtun⸗ gen hin erſtreckte, hatte mehrmals einen Schatten von ihm auf ſeinen kleinen Promenaden in dem Park von Oernwik gewahrt, und ſie ahnte nicht allein, ſondern ſie fühlte ſich ſogar überzeugt, daß die Jagd nur ein Vor⸗ wand war, unter welchem er ſich vom Hauſe entfernte, und eben ſo überzeugt war ſie, daß dieſes Bedürfniß einzig und allein um der Mademoiſelle Evelyn willen entſtanden war. Aber für's Erſte wollte die kluge Charlotte dieſer ihre gut zu ve wenden, ſtillenden5 Auf kannten Z Max war noch tiefer Sie Baumſtam und nun, Zerpflücken hatte. Ih zu ſein, der ohne daß ſ Zuletz! gung: ſie etwas hinm Thräne. „O C flüſterte es Doch Schritte na wollte, wur teter war. und in dem wie einen( „Iſt d dachte Mar. heit dieſer wohl ſeine Eindruck au eine unausſt wie ſich Ev belebte, ihr Eine Nacht n, fallen dämmert hm einen anken in cheits ſinn fand er rtzuſetzen, neuern. gte er zu ung eines o feſſeln, nen. Dieſe Meiſters; ird wahr⸗ iges Mal eres my⸗ ild ſeines hätte er⸗ wirkliche Mamſell Richtun⸗ entfernte, Bedürfniß iyn willen Charlotte 97 dieſer ihre Entdeckung nicht mittheilen, denn dieſe war gut zu verſchweigen, und bei einer Gelegenheit anzu⸗ wenden, da die Laune ihrer Herrſcherin eines kräftigen, ſtillenden Mittels bedurfte. Auf einer dieſer dem jungen Mädchen voͤllig unbe⸗ kannten Zuſammenkünfte zwiſchen Evelyn und dem Baron Mar war dieſer der Zeuge eines Auftrittes, der ihr Bild noch tiefer in ſeine Seele grub. Sie ſaß wie gewöhnlich mit dem Kopf an einen Baumſtamm gelehnt; ihre Blicke waren zu Boden geſenkt, und nun, wie ſo oft zuvor, beſchäftigte ſie ſich mit dem Zerpflücken einiger Blumen, die fie um ſich her geſammelt hatte. Ihre Seele ſchien auf einer weiten Auswanderung zu ſein, denn über eine halbe Viertelſtunde war verfloſſen, ohne daß ſie ein einziges Mal das Auge erhoben hatte. Zuletzt bemerkte Mar gleichwohl eine leichte Bewe⸗ gung: ſie erhob die Hand zu der Wimper und wiſchte etwas hinweg— es konnte nichts anders ſein, als eine Thräne. „O Gott! ſie hat einen Schmerz— ſie fühlt ihn!“ flüſterte es in ſeinem Innern.„Wenn ich näher ginge?“ Doch während er noch über das Gewagte in dieſem Schritte nachdachte, den ſein Feingefühl nicht recht billigen wollte, wurde er von etwas überraſcht, das noch unerwar⸗ teter war. Ein leiſer Ausruf entfuhr Evelyn's Lippen, und in demſelben Augenblicke ſah Mar ein Weſen, leicht wie einen Geiſt, herbeieilen und Evelyn ans Herz ſchließen. „Iſt denn dieſer Park mit lauter Feen bevoͤlkert?“ dachte Mar. Doch ſo glänzend und friſch auch die Schön⸗ heit dieſer letzten Offenbarung war, ſo zogen ſich gleich⸗ wohl ſeine Blicke ſogleich von dieſer zu ihr, die den erſten Eindruck auf ſein Gefühl hervorgebracht hatte, und empfand eine unausſprechlich theilnehmende Bewegung, als er ſah, wie ſich Evelyn's matte, bleiche Wange mit einigen Roſen belebte, ihre Augen eine kindliche, reine Seligkeit aus⸗ Eine Nacht am Bullarſee. I. 7 98 drückten, und ihre Lippen ein„Ach!“ ausſprachen, deſſen milder, ausdrucksvoller Klang in ſeiner Seele vibrirte und dort mehre Saiten anſchlug. „Meine Evelyn, meine geliebte Evelyn! ich bin's, ich, Deine eigne alte, alte Conſtance, welche kommt, um Dich, Du Träumerin, zu wecken!“ „Dank!“ ſagte Evelyn ſanft, doch mit einem leichten Seufzer.„Es iſt gut zu erwachen!“ „Aber, Evelyn, wie ſchön Du biſt! Du biſt ein wirklicher Engel— weißt Du, daß Du es biſt?“ „Ein Engel?“— Cvelyn ſchüttelte leiſe das Köpf⸗ chen—„ich habe noch nie einen Engel geſehen.“ „Ach vergieb! ich bin einfältig, daß ich ſo zu Dir rede! Doch ſage mir, ob Du jetzt froh, recht von Herzen froh biſt, weil wir nun wieder bei einander ſein koͤnnen 2 Und Conſtance, auf deren Geſichte ſich eine milde, wär⸗ mende Freude ſpiegelte, warf ſich jetzt nieder neben Evelyn, deren Hand ſich willig in die ihrige ſchloß. „Ich bin ſehr froh— doch wäre ich noch froher, wenn ich Dein Geſicht recht erkennen könnte.“ „Wie, geliebte Evelyn? erkenneſt Du es nicht? Be⸗ trachte es nur genau, ſo ſiehſt Du gewiß, daß es eine paſſable geſchwiſterliche Aehnlichkeit hat mit demjenigen, das noch in Deiner Erinnerung leben muß.“ „Ich höre wohl, daß Du Conſtance biſt; aber den⸗ noch...“ ſie bewegte die Hand langſam über die Stirn. „Nun?— dennoch?“ ...„dennoch finde ich nicht das Bild, das mir im⸗ merwährend Geſellſchaft geleiſtet hat.“ „O, das iſt ſehr betrübt! Doch ich werde dieſem Bilde bald ähnlich, welches die drei Jahre ein wenig zu verändern beliebt haben. Evelyn! haſt Du keine Ver⸗ änderung an Dir ſelbſt bemerkt?“ „Ich weiß nicht.“ „Haſt Du gar nicht daran gedacht?“ „Vielleicht— doch“.. „ dann k 3 1 „ ſchön n 91 glücklie 5 einem! ich glü B Worte fühlte und ſie ihrem ſchwer Seelen Anſtren noch üh horchen 1 D verſage wäre, ſie ſich hatte, 1 jedoch wollte Tochte hen, deſſen bibrirte und ich bin's, tommt, um hem leichten Du biſt ein t2“ das Köpf⸗ n.“ ſo zu Dir von Herzen n koͤnnen?“ nilde, wär⸗ eben Evelyn, och froher, nicht? Be⸗ daß es eine demjenigen, ; aber den⸗ er die Stirn. das mir im⸗ eerde dieſem in wenig zu keine Ver⸗ 99 „Doch?“ „Nichts.“ „Nein, Evelyn, ſo darfſt Du mich nicht abſpeiſen! und, ſiehſt Du, es fällt mir in dieſem Augenblicke ein, Du könnteſt vielleicht recht viel gedacht haben!“ „Ich?“ „Ja, Du! Wenn Du hier ſo allein biſt, beleben dann keine Gedanken Deine Einſamkeit?“ „Bisweilen.“ „Siehſt Du? Und dieſe Gedanken ſind gewiß recht ſchön und edel?“ „Nein, traurig.“ „Und warum nur das, liebe Evelyn? Du biſt ja ſo glücklich?“ „Ich?“ Evelyn's Auge erhob ſich langſam, aber mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck gen Himmel.„Ich? bin ich glücklich?“ Baron Mar, den bis jetzt das Erſtaunen, ſo viele Worte aus Evelyn's Munde zu vernehmen, gefeſſelt hatte, fühlte in dieſem Augenblicke das Bedürfniß niederzufallen und ſie anzubeten, ſo rein und erhaben erſchien ſie ihm in ihrem heiligen Schmerze. Aber er fühlte, daß er ſich ſchwer verging gegen dieſe beiden jungen unſchuldigen Seelen, welche ſich hier gegenſeitig ergoßen, und ſo große Anſtrengung es ihm auch koſtete, ſo vermochte er es den⸗ noch über ſich, der mahnenden Stimme der Ehre zu ge⸗ horchen, und er zog ſich zurück. Wenige Minuten ſpäter war die Scene verändert. Die Conſulin konnte ſich nicht länger das Vergnügen verſagen nachzuſehen, wie das„Experiment“ abgelaufen wäre, und an der Seite der Mamſell Charlotte näherte ſie ſich dem Orte, wohin ſich Conſtance vorweg begeben hatte, und wo die beiden jungen Mädchen jetzt ſaßen. Da jedoch die Conſulin nicht ihrer Erwartung gemäß— ſie wollte nämlich ihre Ausſaat augenblicklich erndten— ihre Tochter lächelnd und aufgeräumt erblickte, und ſie nicht 100 mit ausgebreiteten Armen ihr entgegeneilen ſah, um auf das herzlichſte für die Güte ihrer geliebten Mutter zu danken, ſondern vielmehr bei ihr die alte ruhige Steifheit wiederfand— denn die Farbe der Wange und der Aus⸗ druck des Auges waren allzu unbedeutende Zeichen, als daß ſie die mütterliche Aufmerkſamkeit erwecken konnten— war ſie ſo erzürnt, daß ſie ohne Rückſicht auf ihren neu⸗ angekommenen Gaſt mit überlauter Bitterkeit ausrief: „Ja, das verlohnt ſich auch wohl der Mühe mit einem ſolchen Klotze zu erperimentiren! Hat nicht Mademoiſelle Conſtance Dir geſagt, daß ich ſie eingeladen habe, um Dir eine Ueberraſchung, eine wirklich große Freude zu bereiten? Wo iſt aber nun die Freude? Ich bekomme nicht einmal ſo viel wie ſchönen Dank!“ Die Züge der jungen Conſtance drückten bei dieſem Angriffe die lebhafteſte Beſtürzung aus, vermiſcht mit einer keinesweges unbedeutenden Portion Unwillen; dagegen brachte er bei Evelyn die Wirkung hervor, daß der Glanz des Auges ſich wiederum verdunkelte und die eben auf ihrer Wange keimende Roſe ſich eilfertig unter den Schnee⸗ lilien verbarg. Mamſell Charlotte that alles, was man von ihrem erkannten Talente billiger Weiſe erwarten konnte, um die Conſulin an den feinen Tact und die Schuldigkeiten vor⸗ nehmer Leute gegen ſich ſelbſt zu erinnern; doch alle Blicke und Winke waren vergebens. Die Conſulin war um ſo mehr gereizt, als der Neid ihr deutlich offenbarte, daß Conſtance noch ſchöner war als Evelyn, und der In⸗ ſtinkt ihr bei dem erſten Blicke auf Conſtance's freie Stirn und etwas ſtolzes Haupt ſagte, daß ſie hier keines⸗ wegs das demüthige, ſanfte, ewig dankbare und ſtets ge⸗ horſame Weſen wiederfinden würde, das Mamſell aus der großen Vorrathskammer der ſeligen Gräfin B— requi⸗ rirt, und auf welches dankbare Weſen die Conſulin ſich ganz beſtimmte Rechnung gemacht hatte, um vor der Welt ihre Großmuth als Beſchützerin zeigen zu können. 1 als d war, „das fühle tief n Conſte daran äußert ſagen mich Erziel dürfte geſcha ihrer gen he einzulc J Conſta Geiſt Bemül Orkan weilen Sinn Munde „fieht der Be Ihro als die darauf, den mi , um auf Mutter zu e Steifheit der Aus⸗ eichen, als konnten— ihren neu⸗ it ausrief: mit einem dademoiſelle habe, um Freude zu ch bekomme bei dieſem cht mit einer n; dagegen ß der Glanz ie eben auf den Schnee⸗ von ihrem gkeiten vor⸗ ; doch alle donſulin war offenbarte, & ſtance's freie hier keines⸗ nd ſtets ge⸗ Namſell aus B— requi⸗ 101 „Meine beſte Frau Löwe!“ ſagte endlich Conſtance, als die Conſulin, welche von Neuem in Fahrt gekommen war, für einen Augenblick ihren Lungen Ruhe gewährte, „das alles kann gewiß keine frohen oder dankbaren Ge⸗ fühle bei der armen Evelyn erwecken. Sehen Sie, wie tief niedergeſchlagen und verſteinert ſie nun daſitzt!“ Und Conſtance wäre faſt in Thränen ausgebrochen, indem ſie daran dachte, was dieſe Mutter täglich bewirken mußte. „Meine kleine Freundin,“ beliebte die Conſulin mit äußerſt vornehmem Tone zu antworten,„es thut mir leid ſagen zu müſſen, ich habe es ſtets als eine Pflicht gegen mich ſelbſt betrachtet, zu glauben, daß ich in Betreff der Erziehung meiner Tochter die competenteſte Richterin ſein dürfte; und wenn mich mein Gedächtniß nicht trügt, ſo geſchah es, um Evelyn's Geiſt zu erheltern und nicht um ihrer Mutter Reprochen zu machen, daß wir das Vergnü⸗ gen hatten, die Mademoiſelle Conſtance in unſern Kreis einzuladen.“ Mit warmer Roͤthe auf ihren Wangen entgegnete Conſtance:„Ich kann aber gar nicht hoffen, Evelyn's Geiſt zu erheitern, wenn nicht ihre ganze Umgebung meine Bemühungen theilen will.“ Mamſell Charlotte, welche nun an den Zuckungen der Wimpern merkte, daß bei der Conſulin ein foͤrmlicher Orkan im Anzuge war, eilte mit dieſer Kühnheit, die bis⸗ weilen zu einer Tugend werden kann, im buchſtäblichen Sinn des Wortes ihrer werthen Herrin das Wort vor dem Munde wegzunehmen. „Auf ganz Oernwik,“ ſagte die liſtige Charlotte, „ſieht gewiß Niemand das Zärtliche und Verſtändige in der Bemerkung der Mademwoiſelle Waller beſſer ein, als Ihro Gnaden, welche Gottlob in der ganzen Umgegend als die zärtlichſte der Mütter bekannt iſt; es beruht nur darauf, daß Sie, beſte Mademoiſelle, näher bekannt wer⸗ den mit Ihrer Gnaden Weiſe. Die vornehmen Damen haben immer etwas Charakteriſtiſches in ihrer Weiſe, wel⸗ ches zu verſtehen eine kleine Uebung erfordert.“ Mit einem feinen Unterſcheidungsvermoͤgen begabt, war es für Conſtance Waller nicht ſchwer, den wohlge⸗ meinten Wink zu verſtehen. Hätte aber ihr Gefühl nicht ſo ſtark für Evelyn geſprochen(der ſie natürlicherweiſe am beſten dienen konnte, wenn ſie vor allen Dingen erſt ihre Mutter zu gewinnen ſuchte), ſo würde ſonder Zweifel ihre angeborne Reizbarkeit und die nicht unbedeutende Selbſt⸗ ſtändigkeit in Conſtance's Charakter bewirkt haben, daß ſie die Beſtrebung nach der Gunſt der Frau Loͤwe ver⸗ ſchmäht hätte, beſonders da dieſe ſchon in ihrer Achtung geſunken war. Aus Rückſicht auf Evelyn unterdrückte ſie daher ihren Verdruß und antwortete mit einer kleinen Modulation der Stimme, welche der Conſulin den angenehmen Ge⸗ danken an eine verſchämte Reue einflößen konnte:„Es ſollte mir ſehr leid thun, wenn ich etwas geäußert hätte, das der Frau Conſul nicht angenehm wäre; doch ſtimme ich vollkommen ein in die Vermuthung der Mademoiſelle Aſp, daß dergleichen nicht in Frage kommen kann, wenn ich erſt die Ehre haben werde, die Wünſche der Frau Conſul näher kennen zu lernen, denn es wird während meines Aufenthaltes auf Oernwik natürlicher Weiſe eben ſo ſehr meine Pflicht ſein als mir zum Vergnügen gerei⸗ chen, dieſelben zu erfüllen.“ Ohne das Steife und Geſchraubte in der Wortfügung zu bemerken, und nicht einmal ahnend, daß ein Bemühen in Frage kommen koͤnnte, fühlte die Conſulin augenblick⸗ lich ihre Würde verſoͤhnt und reichte mit faſt halber Herz⸗ lichkeit Conſtancen ihre Hand, indem ſie lächelnd ſagte:; „Es iſt ſchoͤn, wenn die Jugend ihre Schuldigkeit kennt; und ich werde ſtets froh ſein, ſo lange Evelyn ein ſolches Beiſpiel vor Augen hat.“ Nach dieſen Worten, die Frau Löwe für ausgezeichnet glücklich und geſchickt gewählt hielt, glaubte ſie, es würde den be allein ihrer ſie no drauße gewiß 2 nach d keine A kann e es zien ein bel immer A über d der V erſte 9 beſchw ſich ni Gefühl 6 von ih türlich folge wohlhe wollen Feind feſtigte Gewa eiſerne Grenz Löwe, die Ar ſie mit letzt ge ſich in Zeiſe, wel⸗ n begabt, n wohlge⸗ rfühl nicht erweiſe am Nerſt ihre weifel ihre de Selbſt⸗ aben, daß Loͤwe ver⸗ r Achtung daher ihren Modulation ehmen Ge⸗ ante:„Es aßert hätte, och ſtimme ademoiſelle dann, wenn der Frau d während Weiſe eben lügen gerei⸗ augenblick⸗ ſalber Herz⸗ elnd ſagte: chuldigkeit Evelyn ein lusgezeichnet ſe, es würde 103 den beſten Effect machen, wenn ſie Conſtance und Evelyn allein ließe, und daher entfernte ſie ſich an dem Arme ihrer Charlotte mit einem freundlichen Kopfnicken, indem ſie noch die beiden Mädchen ermahnte, nicht zu lange draußen zu bleiben, denn die Mademoiſelle Conſtance würde gewiß recht gern ihr Zimmer ſehen wollen.“ „Charlotte!“ ſagte Frau Löwe,„laß uns eine Tour nach der andern Seite des Parkes machen. Ich bin zwar keine Liebhaberin von langen Promenaden, doch bisweilen kann es recht gut ſein; denn im Ganzen genommen iſt es ziemlich langweilig, wenn man gewohnt geweſen iſt, ein bewegliches und thätiges Leben zu führen, und nun immer ſteif im Sofa ſitzen muß.“ Mamſell Charlotte war auf das Höchſte verwundert über dieſen Ausbruch von Natürlichkeit. Mit Ausnahme der Vorleſungen, die ſie mit Evelyn hielt, war dieſes das erſte Mal ſeit der Zeit, da die Conſulin ſich die große, beſchwerliche Pflicht, vornehm zu ſein, auferlegte, daß ſie ſich nur im Geringſten dahin neigte, ihren naturlichen Gefühlen zu folgen. Die arme Conſulin würde gleich ſo vielen andern von ihren Schweſtern der zehrenden Langweile, der unna⸗ türlichen Spannung entgangen ſein, welche in dem Ge⸗ folge einer gänzlich veränderten Lage iſt, wenn ſie die wohlhabende, ehrliche und thätige Bürgerfrau hätte bleiben wollen; doch die Eitelkeit, dieſer bitterſte, hartnäckigſte Feind des Weibes, griff ſo lange das nicht ſehr ſtark be⸗ feſtigte Herz an, daß dieſes ſtch endlich auf ewig in die Gewalt des Siegers ergab; und iſt es erſt unter dem eiſernen Scepter der Eitelkeit, ſo gibt es kaum noch eine Grenze für die neuen Bedürfniſſe und Wünſche. Frau Löwe, die ihre Eitelkeit auf keine andere Weiſe, als durch die Ausbreitung der Reichthümer befriedigen konnte, welche ſie mit ihrem Manne ehrlich erworben hatte, wurde zu⸗ letzt ganz verwirrt und verhert durch das ewige Beſtreben, ſich in einer falſchen Stellung zu zeigen. Eingeklemmt 104 in den Schnürleib der Vornehmheit, konnte ſie nicht an⸗ ders als mit der größten Mühe und Beſchwerde athmen: denn immer war etwas zu fürchten, zu ſtudiren, zu beob⸗ achten, um ſich gehörig auf ihrem Platze zu zeigen, als wenn man dort geboren und ſeine ganze Lebenszeit zuge⸗ bracht hätte. Aber in der Mitte dieſes Studiums, welches die beſſeren Gefühle tödtete oder wenigſtens erſtickte, fühlte die von Hoffahrt und Uebermuth aufgeblaſene Frau eine Leere, die der Anblick aller ihrer Spiegel, Kronleuchter, ſeidenen Gardinen und prächtigen Möbel nicht zu füllen vermochte. Mehr als einmal, wenn ſie ſich in ihrer iſo⸗ lirten Pracht auf der üppigen Ottomanne wiegte, war ſie genöthigt, im tiefſten Schweigen zu erkennen, daß ſie glücklicher war in jenen Zeiten, als ſie noch in ihrem Laden ſtand, ihren Anſchovis würzte und ihren Hummer⸗ kaviar bereitete. Eben dieſe Symptome bemerkte die Conſulin auch an ihrem Manne; doch bis jetzt waren ſie noch nicht auf den Punkt gekommen, daß ſie vor einander ihre Mißgriffe erkannten. Im Gegentheile bildeten ſie ſich ſelbſt ein, was ſie fühlten, wäre nur eine Folge der Neuheit ihrer Stellung: dieſe Leere würde ſich wohl geben, wenn ſie ihre Rollen erſt beſſer einſtudirt hätten. Wie ſchon erwähnt, war es heute das erſte Mal, daß die Frau Löwe ihre geheimen Gefühle in Worte ein⸗ kleidete; auch waren dieſe kaum ihren Lippen entſchlüpft, als ſie unzufrieden mit ihrer Offenherzigkeit, ſich in aller Eile hinter ihren eingebildeten feinen Formen verſchanzte; Mamſell Charlotte hatte nicht Zeit, den Gegenſtand auf⸗ zunehmen, als die Conſulin den Faden ſchon wieder an⸗ geknüpft hatte: „Ja, ich habe immer, obgleich ich es Gottlob nie noͤthig gehabt hätte, meine Freude daran gefunden, eine kleine Motion in meinem Hauſe zu nehmen, und dieß iſt dabei eben nicht ſchlechter gefahren. Doch gewiſſe Ver⸗ hältniſſ ich bin in der wir jet Tochter Charlo der jun Gnaden einen ge Augen, wollen, daß er d wegen l Bild kan entdeckt etwas ta „C nicht an⸗ e athmen: ,zu beob⸗ zeigen, als szeit zuge⸗ velches die tte, fühlte Frau eine ronleuchter, t zu füllen mihrer iſo⸗ te, war ſie , daß ſie in ihrem Hummer⸗ aſulin auch nicht auf e Mißgriffe ſt ein, was Stellung: ihre Rollen erſte Mal, Worte ein⸗ entſchlüpft, ch in aller ewiſſe Ver⸗ 10⁵ hältniſſe haben gewiſſe Pflichten in ihrem Gefolge, und ich bin es meiner jetzigen Stellung ſchuldig, ihren Werth in der bürgerlichen Geſellſchaft zu kennen. Doch reden wir jetzt nicht von mir: ich lebe wieder auf in meiner Tochter, und wirke alſo nur für ſie und, meine liebe Charlotte! ich geſtehe, daß ich bei dem erſten Anblicke der jungen Conſtance Waller eine Furcht empfand, von der ich gleichwohl hoffe, daß ſie ſich nicht rechtfertigen wird. Ihr letztes Benehmen war recht anſtändig.“ „Es war im höchſten Grade voller Achtung und ſprach den Kummer eines guten Herzens aus, durch ein jugendliches Verſehen eine Perſon beleidigt zu haben, der man Achtung und Ehrfurcht ſchuldig iſt.“ Die Conſulin nickte vergnügt, äußerte aber gleich darauf etwas über ihre getäuſchte Hoffnung, daß ſie an Evelyn keine augenblickliche Veränderung geſehen hatte. „Nur Ihre eigene ſtarke Unruhe hinderte Ihro Gnaden zu bemerken, daß Mademoiſelle Evelyn's Geſicht einen ganz andern Ausdruck hatte, als gewoͤhnlich: ihre Augen, ihre Wangen, ihr ganzes Weſen hatten wirklich eine gewiſſe Lebhaftigkeit.“ „Lebhaftigkeit? unmoͤglich! Sie ſagte ja kein ſter⸗ bendes Wort und bewegte ſich nicht von der Stelle.“ „Das iſt wohl wahr; doch alles Uebrige war da, denn, wie Ihro Gnaden zu wiſſen belieben, können die Augen Leben und Glanz, die Lippen Farbe haben, und die Seele oder der Geiſt, oder wie wir es nennen wollen, kann ſich bei dem Menſchen ſichtbar zeigen, ohne daß er darum zu ſprechen oder ſich von der Stelle zu be⸗ wegen braucht. Ein Gemälde zum Beiſpiel oder ein Bild kann weder reden noch ſich bewegen, und dennoch entdeckt man ja ein Leben darin, ſo fern es nämlich etwas taugt.“ „Charlotte! was plauderſt Du da für Peterſilie? Kannſt Du auch in Bildern und Gemälden Leben ent⸗ decken?“ „Nun, das müſſen Ihro Gnaden doch wohl wiſſen, da Sie ſo viele ausgezeichnete Gemälde von großen Meiſtern beſitzen, die kein Menſch betrachten kann, ohne das Leben in den Figuren und Dekorationen zu bewundern. Die ſelige Gräfin von B. pflegte oft zu ſagen, wenn ſie vor einem ſchonen Gemälde in der Galerie ſtand:„„Es iſt mehr Leben in dieſem Gemälde, als in manchem Menſchen!““ „Ja— o ja— gewiß— kann wohl ſein— und noch dazu ſind unſre Gemälde ſo übermäßig theuer, daß ihnen nichts von Allem fehlen kann, was großen Gemälden zugehört. Was ich eben ſagte, das bezog ſich nur auf kleinen Plunder, Kleinigkeiten, die nicht größer ſind, als meine Hand. Auf Broͤllinge haben ſie weiter nichts als ſolche Lappen— und wer köͤnnte darin wohl Leben ent⸗ decken?“ „Verzeihung, Ihro Gnaden! Die ſelige Gräfin äußerte einmal elwas, wovon der Präſident, ihr Bruder, behauptete, daß es ganz vortrefflich wäre. Sie ſagte näm⸗ lich— denn die Gräfin liebte dergleichen Redensarten,— „„ich finde mehr Ausdruck,““ ſagte ſie,„„in dieſem kleinen Gemälde,““— dieſes war nicht größer, als der Deckel auf Ihrer Gnaden Nähkäſtchen—„„als in allen Gemälden der ganzen Galerie zuſammen genommen.““ „Welch' ein lächerlicher Geſchmack!“ rief die werthe Frau aus.„Ich meines Theils... doch, Charlotte, was in Gottes Namen hat das zu bedeuten?“ unterbrach ſie ſich ſelbſt, indem ſie auf einen an der Seite des Ganges liegenden Mannshandſchuh deutete. „Und dieß hier?“ rief Charlotte, indem ſie ein Papier aufhob.„Sehen Sie nun nur ſelbſt, Ihro Gnaden, ob nicht ein Gemälde, ſo klein es auch ſein mag, Leben⸗ haben kann, da man den Gegenſtand zu erkennen und zu ſehen glaubt. Wer iſt das, Ihro Gnaden?“ Die Conſulin nahm das Papier in die Hand, wen⸗ dete es gegen die Sonne, ſtarrte es erſtaunt an und ſagte dann Verwt „„ hat das ., iſt ja ra 2„J licher 2 nlcht ge 5 Herr Co ſie laſſen Bäume Papier z alte ehr wer ſollt es wagen Die Nachdruch „Se Artiſt, r gehört ha weder von wohl bis an ſpekuli gerne ver bekannten hl wiſſen, n großen nn, ohne ewundern. wenn ſie d:„„Cs manchem n— und heuer, daß Gemälden ch nur auf r ſind, als nichts als Leben ent⸗ lige Gräſin ihr Bruder, e ſagte näm⸗ ensarten,— „„in dieſem ßer, als der als in allen mmen.“ 14 f die werthe Charlotte, ¹unterbrach e Seite des dem ſie ein hro Gnaden, mag, Leben ennen und zu 7 Hand, wen⸗ an und ſagte 107 dann in einem Tone tiefer, uub n in Tone ti egreiflicher, unfaßlicher Vamuaberuge„Wie ähnlich das eſſ chereunf fliche ,„ Ja wohl, ja!“ meinte Charlotte, die gewi ſehr 5 ihre Entdeckung noch geſpart hätte, ſie vnoſß ehr Feriagenn eü üd ſie di⸗ Unmoͤglichkeit einſah, dieſelbe u konnen; gleichwohl mit dem möglich hö Gewinn; nfei es ja auch ſelbſt!“ ndauih cſen „Sie ſelbſt? meine Evelyn? Wie? Wer? hat das zu bedeuten?“ f ſe Mert. was „Ihro Gnaden fanden ja dieſen Hand r iſ ja hn na f ja dieſen Handſchuh— der „Ja wohl, ja— der Tauſend! es iſt ei i licher Boivinhandſchuh. E dned ezoier wir deher Wieihin ſchuh. Er kann dem Buchhalter wohl „Nein, gewiß nicht!“ Waeriei Mann ebenfalls nicht?“ „ Noch weniger; und noch dazu zei zeichnet weder der Herr Conſul noch der Buchhalter dergleichen Entwürfe; kerlaſſen bie Mademoiſelle Evelyn ſitzen und ſich an die ume lehnen, ſo viel ihr ällig i ae zeene iel ihr gefällig iſt, ohne ſie auf das „Doch, Charlotte, dieß iſt denn ch, och der 4— alte ehrwürdige und adeliche Park des hsb Bauaehe wer ſollte ſich hier in dieſen Park einſchleichen, wer ſollte es aden Weine Tochter abzuzeichnen?“ 4 ie Conſulin äußerte di nacaee ſulin äußerte dieſes mit großem und tiefem „Sehen Ihro Gnaden das nicht ſelbſt ein?“ „Ich fange an zu ahnen: es iſt ire aun 3 — f 3. ſt irgend ein 3 Auiſ uwelcher von Cbeln außerordenilicher Schonheit gehört hat und nun ihr Portrait ſtehlen will weder vor den Titel eines Buch„umie muß vor d ches zu ſetzen, wie man woßl beuihe lun thut, oder auch, um es vielleicht geradezu 1 ſpekulirende Eltern zu verkaufen, die eine häßliche Tochter heme verheirathet ſehen moͤchten, und daher vielleicht dem un⸗ annten Freier ein fremdes Portrait anſtatt des ihrigen ſenden wollen. Dergleichen habe ich in vielen Romanen geleſen, und Evelyn kann eben ſo gut ſein, als irgend eine andere, um bei ſolchen Dingen mit zu ſein.“ „Wenn ich mich aber nicht gar ſehr irre, ſo iſt hier von einem weit zärtlicheren Roman die Rede.“ „Was willſt Du ſagen?“— die Conſulin ſpitzte die Ohren und kniff die Mamſell Charlotte ſachte in den Arm—„ſollte möglicher Weiſe...“ ...„Ein Liebhaber hier lauern, meinen Ihro Gnaden?“ „O, das meinte ich gewiß nicht!“ entgegnete die Conſulin vor Freude zitternd, denn nun begann ſie einen, wenn auch nur ſehr kleinen Faden zu erhalten, den ſie mit den Fäden zuſammen ſpinnen konnte, an denen ſie einen ſo großen Ueberfluß hatte.„Bedenke, liebe Char⸗ lotte! bedenke Evelyn's Ruf.“ „Ich habe ſchon Alles bedacht, und glaube nicht, daß ihr guter Ruf jemals in Gefahr kommen kann mit einem ſolchen Liebhaber; Ihro Gnaden errathen wohl, daß der Handſchuh dem Baron Max gehört?“ „Dem Baron Max?“— Jetzt waren die kühnſten Hoffnungen der Conſulin übertroffen.„Wie? Baron Max, der nur ein einziges Mal auf Oernwik geweſen, der nie mehr als zwei⸗ oder dreimal mit Evelyn geſprochen und kaum zwei elende Sylben von ihr zur Antwort er⸗ halten hat? Er ſollte dennoch verliebt ſein, in dem alten Parke umherwandern und grübeln, Portraite der Erbin ſkizziren und den Handſchuh in den Büſchen vergeſſen? ...Nun, Du lebendiger Laſſe— o mon Dieu e ver⸗ beſſerte ſie ſich, erſchreckt über ihre Vergeßlichkeit, doch froh, daß keine andern Ohren als die ihrer treuen Char⸗ lotte dieſen vertraulichen Ausdruck aus ihrer Jugendzeit vernommen hatten—„mon Dieu! da wollte ich wohl ſehen, was die Freiherrin, das kleine hoffährtige Stück— ei, eil ein neuer Klecks!— für ein langes Geſicht machtl Doch ich will ihr den Rath geben, ich, daß ſie den Löffel in die ſowohl zu gut, ich!.. heute hi L doch Kl. mein To „ Ac ſind Sie hohe Gej beſitzen!“ „Ich und werde Stunde b ſtets zu t Frau vom Fin Charlotte. „Ne würdig Herrin; d bewahren mit meing ja die jun „O Mit Dei „Ja, Entwurf habe ich ſich in de ich ſage Romanen ls irgend 4 e, ſo iſt e.“ ſpitzte die te in den inen Ihro egnete die ſie einen, n, den ſie denen ſie iebe Char⸗ aube nicht, n kann mit wohl, daß die kühnſten ie? Baron vik geweſen, n geſprochen Antwort er⸗ n dem alten e der Erbin n vergeſſen? Dieu!“ ver⸗ ichkeit, doch treuen Char⸗ er Jugendzelt llte ich wohl tige Stüͤck— Heſicht macht ſie den Löffll 10⁰9 in die beſte Hand nimmt— Klecks über Klecks!—„denn ſowohl meine Tochter, als auch mein Park ſind ein wenig zu gut, um Gegenſtände des Scherzes zu ſein, das ſage ich!... Ach, wer doch nur wüßte, ob er oͤfter als heute hier geweſen iſt!“ „O, ich könnte wohl das Eine und das Andre ſagen; doch Klatſcherei iſt immer meine Prevention, meine Peſt, mein Tod geweſen.“ „Liebe Charlotte! es iſt mir nicht moͤglich, länger in dieſem neuen Indiennekleide auszuhalten; es ſitzt mir nicht zu Dank— doch glaube ich, es würde Dir mit einer kleinen Aenderung ganz vortrefflich paſſen.“ „Ach, beſte gnädige Frau! wie gut und großmüthig ſind Sie doch!— Ja, wenige Menſchen haben wohl das hohe Gefühl und den tiefen Werth, den Ihro Gnaden beſitzen!“ „Ich belohne nur die Treue und den wahren Werth, und werde das ſtets thun; und zum Andenken an dieſe Stunde bitte ich Dich, meine liebe Charlotte, dieſen Ring ſtets zu tragen!“ Frau Loͤwe zog einen kleinen ſchmalen Juwelenring vom Finger und legte ihn in die Hand der Mamſell Charlotte. „Nein, theuerſte gnädige Frau! ich bin ganz un⸗ würdig dieſer Probe der Freigebigkeit meiner geehrten Herrin; doch dem Dienſte der Treue geweiht, will ich ihn bewahren, und meine erſte Probe ſei, zu ſagen, daß ich mit meinen eigenen Augen... doch ſieh! dort kommen ja die jungen Damen!“ „O, laß ſie kommen— kehre Dich nicht daran! Mit Deinen eigenen Augen, ſagteſt Du?“ „Ja, Ihro Gnaden! mit eben dieſen Augen, die den Entwurf des Portraits der Mademoiſelle Evelyn entdeckten, habe ich mehr denn einmal geſehen, wie der Baron Max ſich in den Park geſchlichen hat, um in der Ferne— ich ſage weiter nichts, Ihro Gnaden!— in weiter, ge⸗ 1¹⁰0 höriger Ferne, und ungeſehen von der Mademoiſelle Evelyn, ſahren ſich in dem Glanze ihrer Schöͤnheit zu ſonnen. Seele! einen „Gut, gut, Charlotte, Du treue, zarte kunf⸗ Liebe u Wirſt Du nicht einmal eine wirkliche Bonne bei den künf⸗ Er tigen kleinen Fräulein von G., meinen gellebten Enkelinnen, Erziehu ſo will ich nimmermehr Großmutter heißen! doch vn doch der überlegen wir heute Abend weiter; laß uns nun Käſcher lichen G dehen, ſo daß win vor den Midchen nuhe alſe don. uhe a men. Mein Gott, mein Gott! wie will ich dit Landgut die Freiherrin triumphiren, die nicht weiter ſieht, uis die Landkam Raſg reiche Ich waines heils din mir ſelen die Ge audfen rechtigkeit ſchuldig, zu erkennen, daß ich vom erſten uen Mutter ſ blick an geahnt habe, wie der Baron in Evelyn ver lieht Moralitä war. Sie war auch entzückend, meine kleine„Bacchantin, nicht beſſ als ſie dort oben auf der Anhöͤhe lag und 94 Kpſchen werthen ſo lieblich auf den Arm ſtützte... Ach, Char vle e ertraut u gibt Augenblicke in dem Leben einer Mutter, welche die Frau rührend ſind!— doch laß uns nun gehen! laß un aufopfernd gehen!“ ihr volle 5 und ſanft, daß eine I hohen Pfl woͤhnliche A fie hemühn tes apitel. danke!“ w Ach 3 des Abend 7 n 4 Händen z1 Conſtance Waller, deren Schickſale mächtig in ri und für 3 letzten Abſchnitte dieſer Erzählung eingreifen, hatte zu der guten Me Zeit, da wir zuerſt als die einzige Freundin dei arftenn Alles Evelyn ihre Bekanntſchaft machen, noch nicht ihr 6 gehoͤrt, ka zehntes Jahr zurückgelegt, und dennoch hatte ſie ſchon zeigte ſie und ſchmerzhaft die Wechſel des Schickſales rfaheen, ſolches erfe Als die älteſte unter einer großen Schaar von Ge⸗ und Thrän ſchwiſtern wurde Conſtance, deren nußerorpentliche de lauten Za haftigkeit und friſche Schönheit ſchon in ihren Kin e 5 1 1 Evelyn, Seele! den künf⸗ nkelinnen, h pſtl- n raſcher auſe kom⸗ ich über t, als die t die Ge⸗ en Augen⸗ an verliebt cchantin,“ Koͤpſchen arlotte! es welche tief laß uns ötig in vie ſatte zu der der armen cht ihr ieb⸗ le ſchon tief rfahren. ar von Ge⸗ ntliche Leb⸗ ren Kinder⸗ 111 jahren die Aufmerkſamkeit fremder Leute auf ſich zog, von einem entfernten Anverwandten väterlicher Seite, von einem alten Hageſtolz, dem Kammerrath Waller, mit Liebe umfaßt. Er unterhielt Conſtance ſieben Jahre lang in der Erziehungsanſtalt, welche auch Evelyn beſuchte; da je⸗ doch der Kammerrath kein beſonderes Vertrauen zu weib⸗ lichen Erziehungsanſtalten hatte, ſo nahm er alljährlich zwei Monate lang Conſtance nach Hauſe zu ſich auf ſein Landgut, das nur einige Meilen von dem Wohnorte des Landkamrérs Waller entfernt war; denn da er noch we⸗ niger Vertrauen zu der Leitung hatte, welche Conſtance's Mutter ihren Kindern gab, ſo hielt er dafür, daß die Moralität ſeines kleinen Lieblings in eben ſo guten, wo nicht beſſeren Händen war, wenn ſie ſeiner alten ehren⸗ werthen Haushälterin, der verwittweten Paſtorin G., an⸗ vertraut würde. Frau Waller war eine in jeder Hinſicht zärtliche und aufopfernde Mutter— in ſo weit ließ der Kammerrath ihr volle Gerechtigkeit wiederfahren— doch allzu weich und ſanft, allzu gutmüthig um recht begreifen zu koͤnnen, daß eine Mutter noch nicht Alles gethan hat, was ihre hohen Pflichten heiſchen, wenn ſie ihren Kindern die ge⸗ woͤhnliche Pflege angedeihen läßt, die der Körper begehrt, ſie gewöhnt zu ſagen:„ja, ich bitte!“ oder:„nein, ich danke!“ wenn ihnen etwas geboten wird, oder ihre Kleider des Abends ordentlich zuſammen zu legen, mit gefalteten Händen zu beten:„Gott, der Du die Kinder liebſt!“ und für ihre Eltern, ihre kleinen Geſchwiſter und alle guten Menſchen zu beten. Alles Uebrige, das zu einer vernünftigen Erziehung gehört, kam ihrer Meinung nach von ſelbſt. Ueberdieß zeigte ſie ſich ja auch als eine ſtrafende Mutter, wenn ſolches erforderlich war; denn mit der Ruthe in der Hand und Thränen in den Augen drang ſie bei vorfallenden lauten Zänkereien mitten in die ſchreiende Schaar und 1 1 11² rief Allen zu, ſie möchten doch um Gotteswillen ſtill ſein. Hiebei fiel ein Hieb hierhin und ein anderer dorthin; und wenn nun die Kinder ſämmtlich betheuerten:„Ich war es nicht, liebe Mutter! ich nicht!“ da fing die zärtliche Seele überlaut an zu weinen und appellirte an ihre Ab⸗ kömmlinge, ob ſie meinten, daß es Recht wäre, ihre Mut⸗ ter zur Verzweiflung zu bringen.„Ich bin überzeugt, meine geliebten kleinen Engel, daß Ihr es alle bereut, ja, das thut ihr! und da ihr nun artig ſein und nicht wei⸗ nen wollt, ſo will ich euch eine Schüſſel voll Pfannkuchen backen laſſen, und damit koͤnnt Ihr nach Belieben ſchalten und walten.“ Bei andern Gelegenheiten, wenn der Vater bis in ſein Arbeitszimmer hinauf das Brauſen der Stürme ver⸗ nahm, die im Erdgeſchoſſe hauſ'ten, ſo kam er mit dem Stock unter dem Arme herab in die Kinderſtube, und nun ergriff gewöhnlich die ganze Schaar außer Conſtance die Flucht, und ſchiffte ſich unter Sofa, Betten, Tiſchen und Schränken ein. „Nun biſt Du es wohl wieder?“ pflegte dann der Vater mit verſtellter Strenge— denn Conſtance war ſein Liebling— zu dem wilden Mädchen zu ſagen, das eben ſo gut wie einer von den Knaben das Steckenpferd ritt, und im Kampfe Püffe austheilte.„Nun richteſt Du wohl wieder dieſen fürchterlichen Lärm an?“ „Wir ſpielen ja nur, lieber Vater!“ konnte dann wohl die kleine Naſeweiſe antworten,„darauf ganz un⸗ genirt ihren Ritt fortſetzten, wobei bie braunen ſeidenen Locken ihr um die Schulter flogen und die dunklen Augen vor Freude und kindlichem Triumph blitzten, daß ſie allein zu bleiben wagte. Wenn es dann, wiewohl ſelten eintraf, daß das vä⸗ terliche Anſehen Grund zu haben vermeinte, ſich nach⸗ drücklicher zu zeigen, ſo preßte dennoch kein Schmerz eine Thräne aus Conſtances Augen, keine Bitte aus ihren Lip⸗ pen. War die Strafe überſtanden, ſo zeigte ſie ſich eine 8 halbe T vergeſſen ſchon w angenon ihrem 2 welche; ten hatt Fehltritt hätte ſie Na die Auff allen De wickeln allmälig noch bisn tobenden eine Sar ihre ganz Vie Seele ge faſſen, ä 1 einen ein ter, ihrg fühlte kei Doch da obgleich Gefühl, gewann d ausſchlief lichkeit g⸗ Eine Na ſtill ſein. hin; und Ich war zärtliche ihre Ab⸗ hre Mut⸗ berzeugt, ereut, ja, licht wei⸗ unnkuchen ſchalten er bis in urme ver⸗ mit dem und nun ſtance die iſchen und dann der war ſein das eben pferd ritt, Du wohl nnte dann fganz un⸗ en ſeidenen klen Augen ß ſie allein aß das vä⸗ ſich nach⸗ chmerz eine ihren Lip⸗ ſie ſich eine 11³ halbe Viertelſtunde niedergeſchlagen; dann aber war alles vergeſſen, und ehe die Viertelſtunde voll war, hatte ſie ſchon wieder das vorige wilde, muntere, lächelnde Weſen angenommen. Keine Halsſtarrigkeit zeigte ſich jemals in ihrem Benehmen, kein kleinlicher Dünkel, keine üble Laune, welche zu verſtehen gab, daß ſie ungerechter Weiſe gelit⸗ ten hatte, doch auch keine Erinnerung an die eigentlichen Fehltritte: von dieſen ſchien ſie ſo wenig zu wiſſen, als hätte ſie dieſelben nie begangen. Nachdem Conſtance in die Erziehungsanſtalt und unter die Aufſicht ihres Onkels gekommen war, und als vor allen Dingen ihr eigener reifender Verſtand ſich zu ent⸗ wickeln begann, ſo verſchwand der kindliche Uebermuth allmälig vor einer bezaubernden Fröhlichkeit, die wohl noch bisweilen einen lebhaften, ja wohl gar hie und da einen tobenden Charakter annehmen konnte, aber doch immer eine Sanftmuth verrieth, deren Wärme wohlthätig auf ihre ganze Umgebung wirkte. Vielleicht aber eben darum, weil ihre frohe, gute Seele geneigt war, mit Zärtlichkeit alle Menſchen zu um⸗ faſſen, äußerte ſie keine entſchiedene Vorliebe gegen irgend einen einzelnen. Sie liebte herzlich ihren Vater, ihre Mut⸗ ter, ihren Onkel und die alte mütterliche Paſtorin, und fühlte keine hoͤhere Freude, als ihnen allen zu gefallen. Doch daneben wollte ſie der ganzen Welt gefallen, und obgleich jeder von dieſen vier Leuten es auf ihr Herz, ihr Gefühl, ihren Kopf, ja ſogar auf ihre Fehler anlegte, ſo gewann dennoch keiner von ihnen den Vortheil, ihre Liebe ausſchließlich zu beſitzen: ſie hegte eine töͤchterliche Zärt⸗ lichkeit gegen Alle. Aber dieſer Mangel an Liebe, den im Stillen alle Vier bei Conſtancen beklagten, weckte und nährte vier ab⸗ günſtige Feuer.„Wem,“ ſagte der Vater,„iſt ſie wohl die hoͤchſte Liebe ſchuldig, wenn nicht mir, mir, ihrem rechten Vater, der ihre erſten Schritte leitete und durch Eine Nacht am Bullarſee. J. 3 8 114 tauſend väterliche Aufopferungen ihr Herz gewinnen und beſitzen ſollte?“ „Ach, ach, ach!“ ſeufzte die gutmüthige Mutter, „wer kann ſie ſo lieben wie ich, die ich ſie unter meinem Herzen getragen und ſo viele langen Nächte an ihrer Wiege durchwacht habe? Wer wird ſie wohl jemals ſo lieben, wie ich?— und dennoch liebt ſie michenicht mehr, als Perin Vater, ihren Onkel und die alte gute Paſto⸗ rin G—.“ „Es iſt bitter,“ erklärte dieſe zweite Mutter,„daß ſie jetzt, da der Verſtand eben ſo wie ſie ſelbſt in die Höhe geſchoſſen iſt, nicht ſo viel Klugheit haben ſoll, um einſehen zu können, wem ſie es eigentlich zu danken hat, daß ſie iſt, was ſie iſt, ein kluges, gutes und liebenswür⸗ diges Mädchen. Wir würden wohl geſehen haben, was aus ihr geworden wäre, wenn ſie alle Ferien zu Hauſe bei den Eltern verlebt hätte! Doch Undank iſt der Welt Lohn. Sie ſieht es nicht ein, daß ich allein alle ihre Fehler allmälig hinweggeſchliffen habe: ſie begreift nicht, daß ich ſie klüger und eigentlicher liebe, als alle die an⸗ dern drei zuſammengenommen!“ Am ärgſten und gefährlichſten wurde aber der Neid im Herzen des alten Hageſtolzen. „Ich, der ich mein ganzes Leben lang keinen Men⸗ ſchen gehabt habe, den ich lieben konnte, und den niemand geliebt hat, ich hegte die Hoffnung, daß dieſes Mädchen mit ihrer lebhaften, warmen Seele es verſtehen ſollte, die Zärtlichkeit eines alten Mannes und ſeine Sorge für ihre Jugend zu ſchätzen. Doch was habe ich dafür, daß ich Liebe und alle Art von Ueberfluß an ſie verſchwendet habe?— Nichts! Sie iſt dankbar, das liebe Kind, das iſt ſie ganz gewiß, und ſie liebt mich auch, das thut ſie ebenfalls gewiß; aber ſie empfindet dennoch keine höhere, lebhaftere Dankbarkeit und Liebe gegen mich, als gegen ihre Eltern, bei denen ſie gleichwohl nicht nur ohne Er⸗ ziehung geblieben, ſondern wahrſcheinlich, ja gewiß ſchlecht erzogen kunft eig der Wel ner Trei mich ſell Frö alle dieſe begreifen Worte il herzlich l anderes 3 Doc .Schmerze Seele zue hin ihr L Sie gebracht, menſchenli allen unbe Conſtance Seele die außer ihr nicht Eve ter jungen gleich eing Ein inwo Wohlwoll Herz geleg ſcheinlich etwas gel wäre und hätte. W. Conſtance⸗ dem Licht belebte A Auge erkl nen und Mutter, meinem an ihrer emals ſo ht mehr, e Paſto⸗ r,„daß ſt in die ſoll, um nken hat, benswür⸗ en, was zu Hauſe der Welt alle ihre eift nicht, e die an⸗ der Neid nen Men⸗ n niemand Mädchen ſollte, die e für ihre , daß ich rſchwendet Kind, das as thut ſie nne höhere, als gegen ohne Er⸗ viß ſchlecht 115 erzogen worden und zum groͤßten Nachtheile für ihre Zu⸗ kunft eigenſinnig und rechthaberiſch geworden wäre. Nein, der Welt Lohn iſt nichts als Undank!— ich glaube mei⸗ ner Treu, ſie liebt meine Haushälterin eben ſo ſehr, wie mich ſelbſt!“ Fröhlich, liebevoll, gut und lächelnd, ſuchte Conſtance alle dieſe Streitigkeiten auszugleichen. Sie konnte nicht begreifen, welche Vorwürfe die Blicke und die dunklen Worte ihr eigentlich machten. Wie ſollte ſie, die Alle ſo herzlich liebte, ſich verſtellen können, daß man ihr nichts anderes zum Vorwurf machte, als Mangel an Liebe?“ Doch bald kam ein Zeitpunkt, der ſie mit tiefem Schmerze die Wahrheit einſehen lehrte, und da nahm ihre Seele zuerſt die ſelbſtſtändige Richtung an, welche ſpiter⸗ hin ihr Leben und ihre Handlungen auszeichnete. Sie hatte ſieben Jahre in der Erziehungsanſtalt zu⸗ gebracht, und ſich während dieſes Zeitraums mit ihrem menſchenliebenden Herzen vor allen an die ſonderbare, von allen unbegriffene Evelyn angeſchloſſen, und die zärtliche Conſtance ſreute ſich, daß ſie in dieſer ſchlummernden Seele die Saamenköͤrner beleben konnte, welche ſie, aber außer ihr auch niemand, in derſelben fand. Sie liebte nicht Evelyn mit dieſer Art von Freundſchaft, welche un⸗ ter jungen Mädchen oft vorkommt, ſondern es war zu⸗ gleich eine Art von mütterlicher und geſchwiſterlicher Liebe. Ein inwohnendes Bedürfniß, Evelyn zu beleben, mit ihrem Wohlwollen die Eisrinde zu erweichen, welche ſich um ihr Herz gelegt hatte, führte ſie ihr ſtets näher; und wahr⸗ ſcheinlich hätte Evelyn mit ihrer trägen Faſſungsgabe nie etwas gelernt, wenn nicht Conſtance ihre Lehrerin geweſen wäre und unaufhörlich für ihren Zweck zu wirken geſucht hätte. Wie angenehm und befriedigend wurde nicht auch Conſtance's Mühe belohnt, daß ſie nach dem Golde und dem Lichte in Evelyn's Seele ſuchte, wenn ihr Blick eine belebte Aufmerkſamkeit zeigte, oder eine Thräne in ihrem Auge erklärte, daß in der Tiefe dieſer Seele eine Dank 116 barkeit, eine Liebe wohnte, die zwar noch keine Worte ge⸗ funden hatte, die ſolche vielleicht nie finden ſollte, die aber nichtsdeſtoweniger dort unvermindert brannte! Es war eine dem Pinſel eines Correggio würdige Gruppe, dieſe beiden jungen und ſchönen Weſen neben ein⸗ ander zu ſehen, wenn Conſtance das Feuer ihres lebhaften Geiſtes dämpfte, Ruhe in ihre Bewegungen und nachdenk⸗ lichen Ernſt in ihre ſchelmiſchen Augen legte— ſie zu ſehen, wenn ſie ihre friſche Wange, eine glänzende Dah⸗ lia, an Evelyns ſchwanenweiße Schulter legte, und dieſer allmälig klar und deutlich machte, was ſie in ihrem lan⸗ gen Penſum nicht begreifen konnte, was ihr aber dennoch aufgegeben war zu lernen. Conſtance's dunkle Locken miſchten ſich hiebei mit Evelyn's hellen, glänzenden Flech⸗ ten eben ſo wie ihre Stimmen— Evelyn's weiche, tief rührende, Conſtance's volltönendere und klarere— ſich beim Leſen vermiſchten, wenn Evelyn jedes Wort und jede Erklärung, die von Conſtance's Lippen floß, leiſe nach⸗ agte. Aber dieſem für Evelyn ſo wohlthätigem Leben machte der oben angedeutete Zeitpunkt ein Ende. Conſtance erhielt die Nachricht, daß die Kränklich⸗ keit ihres Onkels ihre Rückreiſe einen Monat vor der ge⸗ wöhnlichen Zeit forderte. Sie war immer ſechs Wochen um Weihnachten und ſechs Wochen um Johannis zu Hauſe und Conſtance ſah ein, ihr Onkel müßte ernſtlich krank ſein, da er jetzt von dieſer Regel eine Ausnahme machte. Tief bekümmert verließ ſie die Erziehungsanſtalt; ſie ahnte wohl, daß ſie dieſelbe auf jeden Fall bald verlaſſen ſollte, aber keinesweges, daß dieſes jetzt und für immer geſchähe. Evelyn war dieſer regelmäßigen Trennungen gewohnt, und ſagte daher kein Wort; doch ihr Blick wurde matt, ihre Seele ſchwerer als gewöhnlich; und nachdem ſie wäh⸗ rend der ſechs langen Wochen und noch weit länger von Tag zu Tag ſich ſtill nach Conſtance's Schritten geſehnt hatte, kümme wenigſt mal di derkäm Güte g wir all E gab au doch wi geiſtlos man au ſie beleb chen, da trotz all begreifli Käſtchen hatte, u koſ'le ſie hielt. C kelt der geworden Oernwik Wa ſeufzte mißten bemühte mürriſch bettläge mehr ver Die Mu Erden g und er ſeine Lic Ob borte ge⸗ die aber würdige eben ein⸗ lebhaften nachdenk⸗ — ſie zu nde Dah⸗ und dieſer zrem lan⸗ r dennoch le Locken den Tlah ichen tie — ſich — Cund. jede leiſe nach⸗ ben machie Kränklich⸗ or der ge⸗ hs Wochen 4 zu Hauſe ſtlich krank me machte. anſtalt; ſie ld verlaſſen für immer n gewohnt, durde matt, em ſie wäh⸗ laͤnger von tten geſehnt 117 hatte, ohne dieſelben jemals zu vernehmen, ſo blickte ſie be⸗ kümmert und ängſtlich um ſich her, und überwand zuletzt wenigſtens inſoweit ihre angeborene Trägheit, daß ſie ein⸗ mal die Vorſteherin ftagte, ob Conſtance nicht bald wie⸗ derkäme. „Nein, mein armes Kind!“ hatte dieſe mit vieler Güte geantwortet,„ſie kommt nicht wieder; doch wollen wir alle uns bemühen, ſie Dir zu erſetzen!“ Evelyn klagte nicht, fragte nicht, weinte nicht und gab auf keine merkliche Weiſe ihre Betrübniß zu erkennen; doch wurde ſie immer träger, und zuletzt faſt eben ſo geiſtlos wie bei ihrer Ankunft. Nichts— und mochte man auch jedes nur erſinnliche Mittel anwenden— konnte ſie beleben oder ihr ein Lächeln abzwingen. Ein Brief⸗ chen, das Conſtance ihr geſchrieben hatte, welches ſie aber trotz aller Zureden nicht beantwortete, bildete ihre einzige begreifliche Freude, denn dieſen Brief verſchloß ſie in ein Käſtchen, das ſie von Conſtance zum Geſchenk erhalten hatte, und wenn ſie ſich ganz unbemerkt glaubte, ſo lieb⸗ koſ'te ſie ganz ſtill das Käſtchen, welches ihr Alles ent⸗ hielt. Es war eben jenes Käſtchen, das die Aufmerkſam⸗ kelt der Mamſell Charlotte erregt hatte, und die Urſache geworden war, daß man Conſtance eingeladen hatte, nach Oernwik zu kommen. Während aber Evelyn in der Erziehungsanſtalt ſtill ſeufzte und ſich nach der geliebten und ſchmerzlich ver⸗ mißten Freundin ſehnte, ſaß dieſe neben ihrem Onkel und bemühte ſich, durch tauſend Aufmerkſamkeiten den alten mürriſchen Mann zu zerſtreuen, welcher ohne jetzt ſchon bettlägerig zu ſein, dennoch fühlte, daß es nicht lange mehr verziehen würde, bis es mit ihm zu Ende wäre, Die Muſik, das einzige, welches er außer Conſtance auf Erden geliebt hatte, war ihm nun ein ſtetes Bedürfniß, und er war nie ruhig, außer wenn ſeine liebe Conſtance ſeine Lieblingsſtücke ſpielte und ſang. Obgleich der Kammerrath, genau gerechnet, einen 118 näheren Verwandten hatte, als den Landskamrér, ſo hatte dennoch weder dieſer noch auch ſeine Frau jemals daran gezweifelt, daß der Kammerrath ſein bedeutendes Vermö⸗ gen einem Andern als ihr hinterlaſſen würde, die er ſo viele Jahre lang als ſeine Tochter gehalten hatte. In dieſem Falle war gleichwohl der Kammerrath nie recht einig mit ſich ſelbſt. Er hatte bis jetzt kein Teſta⸗ ment aufſetzen wollen, weil er meinte, daß eine ſolche Handlung das Vorzeichen des Todes wäre, und überdieß der Ueberzeugung war, er würde noch immer Zeit genug haben, ſeinen Willen zu erkennen zu geben, wenn er nur erſt ſeine Wahl beſtimmt hätte. Zuerſt, als er Conſtance zu ſich genommen hatte, war es ſeine beſtimmte Abſicht geweſen, ihr ſein ganzes erworbenes Vermögen zu ſchenken; doch ſeit der Zeit, da der Gedanke bei dem Kammerrath ſtets wiederkehrte, daß Conſtance gewiſſer Maßen undankbar wäre, weil ſie nicht ihren Wohlthäter über alles andere auf Erden liebte und ehrte, von dieſem Zeitpunkte ſagte er oftmals in Gedanken zu ſich ſelbſt:„Kann ſie meine Liebe entbehren, ſo braucht ſie auch mein Vermögen nicht! der arme gute Didrik Wilſon“(der arme und arbeitſame Sohn einer Halb⸗ ſchweſter des Kammerraths)„würde ganz gewiß, falls ich mich ſeiner angenommen und ihn erzogen hätte, was ich, gleichwohl ſonderbarer Weiſe nicht gethan habe, obgleich er mein nächſtes Fleiſch und Blut iſt, mich auf eine ganz andere Weiſe behandelt haben! Ich habe dem armen Jun⸗ gen bisweilen ein Paar hundert Reichsthaler geſchickt, da⸗ mit er ſich durchſchlagen könnte, und er hat mir dafür eine Erkenntlichkeit gezeigt, als hätte ich ihm ein Paar Tauſend geſchenkt. Sie dagegen, von welcher Didrik und alle Welt geglaubt haben, daß ſie meine Erbin werden würde, ſie hat mich alljährlich vier hundert Reichsthaler Banco gekoſtet, und noch dazu habe ich ſie gekleidet wie die Tochter eines reichen Mannes— was habe ich für das A wie ſie zeugt ſtance zeigte gegen war ſa tröſtend ein Kl Erbin, keit nel nutzen, werden ich das E Sparſä Mutter wegge D nicht g davon, doch w E von ke daß ei haft g zu rufe dem Dank trauen Zärtli wirſt? Briefm gen V ſeiner ſo hatte ls daran Vermoͤ⸗ die er ſo rrath nie in Teſta⸗ ne ſolche überdieß heit genug an er nur nen hatte, ein ganzes Zeit, da ehrte, daß l ſie nicht liebte und Gedanken ſo braucht ſute Didrik iner Halb⸗ ‚falls ich , was ich , obgleich eine ganz rmen Jun⸗ ſchickt, da⸗ mir dafür n ein Paar Didrik und bin werden Keichsthaler ekleidet wie abe ich für 119 das Alles? Nichts als eine ſolche Liebe und Dankbarkeit, wie ſie ſie für jeven andern hegt!“ Nun aber wollte der Kammerrath wenigſtens über⸗ zeugt ſein, daß er keine Ungerechtigkeit beginge. Con⸗ ſtance wurde nach Hauſe gerufen, und der Kammerrath zeigte ſich auf alle Weiſe ungeduldig und langweilig gegen ſie, um zu prüfen, wozu ihre Liebe taugte. Sie war ſanft, geduldig, aufopfernd, und dennoch immer froh, tröſtend und ermunternd.„Sie iſt ein geſegnetes Kind, ein Kleinod,“ ſagte der Kammerrath;„ſie wird meine Erbin, und niemand anders! Didrik erhält eine Kleinig⸗ keit nebenbei, denn das Vermögen würde keinen beſonders nutzen, wenn es getheilt würde. Es darf nicht getheilt werden: Conſtance ſoll es allein haben— morgen mache ich das Teſtament!“ Ehe es aber morgen wurde, kam Nachricht von Sparſätra, dem Hofe des Landkamrérs, daß Conſtance's Mutter erkrankt wäre, und nun war Conſtance wie hin⸗ weggeweht von dem Lehnſtuhle des Onkels. Da hieß es denn:„Die Undankbare: weil ich noch nicht ganz in den Klauen des Todes liege, ſo läuft ſie davon, weil der Mutter nur ein Finger weh thut... doch warte— warte!“ Es war wirklich mit der Krankheit der Frau Waller von keiner Bedeutſamkeit, und man konnte annehmen, daß ein wichtiger Nebengrund eben ſo ſehr wie der nam⸗ haft gemachte Anlaß gegeben hatte, Conſtance nach Hauſe zu rufen; denn als dieſe ſich bald wieder anſchickte, zu dem Onkel zurückzukehren, dem niemand etwas ſo zu Dank thun konnte, wie ſie, da ſagte ihr Vater im Ver⸗ trauen: ich hoffe, mein Kind, daß Du mit aller erdenklichen Zärtlichkeit Deinen geliebten und geehrten Onkel umfaſſen wirſt?“ Jetzt, da der Landskamrér durch den häufigeren Briefwechſel zwiſchen dem Kammerrathe und ſeinem jun⸗ gen Verwandten zu fürchten begann, das Erbe könnte ſeiner Tochter entgehen, dachte der kluge Mann nicht 120 länger an etwas ſo Kleinliches wie den Neid über ihre Liebe. Er wünſchte zu Gott, Conſtance moͤchte zeigen, daß ſie ihren Onkel über alles in der Welt anbetete. Conſtance dagegen verſtand ihn nicht, ſondern ant⸗ wortete mit ihrer gewöhnlichen Offenherzigkeit:„Ich umfaſſe ihn mit der Liebe und Dankbarkeit, die ich ihm von Jugend auf gewidmet habe.“ „Das iſt vielleicht nicht ganz genug, mein Kind; ich glaube, Dein Onkel fordert und hat auch ganz gewiß ein Recht zu fordern, daß Du vor allen Andern ganz beſon⸗ ders ihn liebſt!“ „Warum denn das, lieber Vater? Ich kann meinen Onkel nicht höher lieben als meine Eltern, die ich ſo herzlich liebe; und dennoch liebe ich meine Eltern nicht höher, als den Onkel: ich gehoͤre Euch Allen.“ „Ja, ja, mein Kind! doch, ſiehſt Du, der Onkel iſt jetzt alt; alte Leute haben ihre Sonderbarkeiten, und bringſt Du ihn nicht zu dieſer Ueberzeugung, die ihm wirklich lieber iſt, als die ganze Welt, ſo... ſo— geſchieht es vielleicht, oder, richtiger geſagt, iſt es ſehr wahrſcheinlich, daß er den Didrik Wilſon zu ſeinem Erben einſetzt.“ „Was koͤnnen wir dabei thun?“ fragte Conſtance höchſt unſchuldig.„Der Onkel kann ja ſein Vermögen geben, wem er will!“ „Aber er gibt es am liebſten Dir, das weiß ich gewiß.“ „Nun da thut er es wohl auch.“ „Er thut es nicht, mein Kind, wenn Du ihm nicht zeigſt, daß Du ihn herzlich liebſt.“ „Mein Gott! das zeige ich ihm ja in jeder Stunde und in jedem Augenblicke!“ „Auf Deine Art, ja— doch ſprich mit ihm davon; laß ihn verſtehen, daß Du...“ „Daß ich?“ „Ach, meine liebe Conſtance, Du biſt und bleibſt doch f alt iſt, derſchu daß D zeugen den Vo 8 5 fange i ſelbſt, mit der zu verſ den Di Glück l Onkel gungen gewiß Un S bei dem auf die ihres H ſagte: Kind, könnte! vor dem theurer meine Freuden dazu ge ſein, als Zärtlicht ber ihre zeigen, ete. ern ant⸗ „Ich ich ihm ind; ich ewiß ein z beſon⸗ meinen e ich ſo ern nicht Onkel iſt en, und die ihm . ſo— es ſehr m Erben Conſtance ermögen weiß ich hm nicht Stunde davon; bleibſt 121 doch für immer ein Kind! Wenn man ſechzehn Jahre alt iſt, ſo ſollte es doch wohl endlich Zeit ſein, die Kin⸗ derſchuhe auszuziehen. Kannſt Du denn nicht begreifen, daß Du mit lebendiger Beredtſamkeit Deinen Onkel über⸗ zeugen mußt, wie er vor allen Andern in Deinem Herzen den Vorrang hat?“ „Ach ſo!“ entgegnete Conſtance hoch erröthend,„nun fange ich an zu verſtehen! Und mein Vater räth mir ſelbſt, die Liebe zu meinen Eltern zu verläugnen, um da⸗ mit den alten Mann zu betrügen und mir ſein Vermoͤgen zu verſchaffen! Doch auf dieſen Vorſchlag, lieber Vater, den Du mir ganz gewiß nur thuſt, weil Du für mein Glück beſorgt biſt, gehe ich nimmermehr ein. Iſt der Onkel nicht geneigt, ſein Teſtament unter andern Bedin⸗ gungen zu meinen Gunſten zu machen, ſo bleibe es ganz gewiß ungemacht. Ich kann nicht heucheln!“ Und Conſtance heuchelte nicht. Sie kam zurück; ſie ſaß eben ſo unermüdet wie ſonſt bei dem Bette ihres Onkels; wenn aber das Geſpräch auf die Eltern fiel, ſo verbarg ſie nicht die Gedanken ihres Herzens, und als der Onkel eines Tages ganz offen ſagte:„Du lohnſt mir nicht mit der Dankbarkeit, mein Kind, die ich von Dir zu fordern das Recht haben könnte!“ da antwortete Conſtance, indem ſich ſich gerührt vor dem Stuhle des Greiſes niederwarf:„Iſt das mein guter, theurer Onkel, den ich eben ſo hoch ehre und liebe, wie meine eigenen Eltern, der mir dieſes ſagt!“ Und Con⸗ ſtance weinte voͤr Schmerz. „Ja, ja, Kind! wie Deine Eltern— doch ich bin Dir wohl etwas mehr geweſen, als ſie?“ „Sieben Jahre lang,“ entgegnete Conſtance,„haſt Du, lieber Onkel, alles gethan, was ſie gewiß mit Freuden gethan haben würden, wenn ſie das Vermögen dazu gehabt hätten— kann irgend ein Herz dankbarer ſein, als das meinige, für das alles und für die väterliche Zärtlichkeit und Sorge, die keine Dankbarkeit zu belohnen 122 vermag? Doch zuvor hatte ich ſie ſchon neun Jahre lang lieben gelernt; neun Jahre lang hatten ſie ſchon Nachſicht gehabt mit allen meinen Fehlern.... ich kann nicht undankbar ſein! Koͤnnte ich meiner Eltern vergeſſen, ſo würde Gott meiner vergeſſen, und mein guter Onkel mich nicht länger lieben können.“ „Gut, gut!“ antwortete der Onkel mit einer Kälte, die tief in Conſtancens Herz ſchnitt,„gut! ſprechen wir nicht weiter davon!“ Noch an dieſem Tage ſchrieb er an den nachgelaſ⸗ ſenen Sohn ſeiner Halbſchweſter, einen vater⸗ und mutter⸗ loſen Jüngling, der keinen Menſchen auf Erden beſaß, welchen er lieben konnte, und lud ihn zu ſich ein. Der Kammerrath hatte ihn ſeit langer Zeit nicht geſehen; aber jetzt gefiel ihm der Jüngling dermaßen, daß ſeit ſeiner Ankunft kaum vierzehn Tage verfloſſen waren, als ohne ſein Wiſſen das Teſtament ſchon zu ſeinen Gunſten auf⸗ geſetzt war. Conſtance erhielt nur einige hundert Reichs⸗ thaler— Nadelgeld. Zwei Monate nach dieſen Anordnungen ſtarb der Kammerrath, den Conſtance bis an ſeinen letzten Augen⸗ blick mit gleicher Zärtlichkeit pflegte. Als er beinahe ſchon die Sprache verloren hatte, ſchien er gleichſam von einer plötzlichen Reue ergriffen zu ſein und murmelte einige unverſtändliche Worte von Aenderung und Theilung; doch aus dieſer Aenderung und Theilung wurde nichts, denn er konnte ſeinen Willen nicht mehr ausführen, und er ſtarb, ohne daß man denſelben mehr als geahnt hatte. Jetzt war Conſtance eben ſo arm wie früher, aber ihre Laune wurde dadurch nicht ſchlechter. Im Gegentheil war ſie leicht wie der Vogel auf dem Baume, weil ſie nicht demjenigen das Erbe entriſſen hatte, welcher mehr Recht dazu hatte, als ſie. Doch der anſpruchsloſe Can⸗ didat der Medizin, der ſo plötzlich ein reicher Jüngling geworden war, dachte bei dem Anblick der ſchͤnen Ver⸗ wandten, daß ſich dieſes Mißverhältniß wohl auf irgend ein W der La das Lei A Tode d Conſta plötzlich ſtimmt glaubte Vetter⸗ 8 nun al Widerd zu, dar eheliche in dieſ erſt ſe Conſta S diente mit eb Jahre ſich de ſichern. N geſchla Vorſat gewoge von de Begrif J nung tenden umzuſe kamrér Hoffnu Jahre ie ſchon .8. ich Eltern in guter Kälte, hen wir ichgelaſ⸗ mutter⸗ n beſaß, n. Der geſehen; daß ſeit ren, als ſſten auf⸗ Reichs⸗ arb der Augen⸗ beinahe ſam von nurmelte heilung; de nichts, hren, und Zegentheil weil ſie her mehr loſe Can⸗ Jüngling nen Ver⸗ uf irgend 123 ein Weiſe ausgleichen laſſen könnte, und ſo dachten auch der Landskamrér und ſeine Frau, und ſie fühlten darum das Leiden in der Betrübniß doch nicht ganz entmuthigend. Als aber der junge Mann ein halbes Jahr nach dem Tode des Onkels wieder kam und mit flehender Liebe um Conſtance's Herz und Hand bat, da hatte die gute Zeit plötzlich ein Ende; denn Conſtance erklärte auf das be⸗ ſtimmteſte, ſie wollte ſich jetzt noch nicht binden, und ſie glaubte überdieß kaum, daß ſie jemals die Gefühle ihres Vetters erwiedern könnte. Die Eltern, ja ſogar die ſanfte, gute Mutter, ſagten nun alles, was Eltern zu ſagen pflegen, wenn ihre Toͤchter Widerwillen gegen eine reiche Parthie zeigen. Sie gaben zu, daß Conſtance's Jugend ſie noch abhalten müßte, eine eheliche Verbindung zu ſchließen; doch davon war ja auch in dieſem Augenblicke keinesweges die Rede. Didrik ſollte erſt ſeine Studien vollenden, und zur Verlobung war Conſtance alt genug, denn ſie war ſiebzehn Jahre. Doch alles, was man dafür und dawider ſagte, das diente zu gar nichts: Conſtance blieb bei ihrer Weigerung mit eben demſelben Eigenſinne, womit ſie vor einem halben Jahre ſich geweigert hatte, durch eine erheuchelte Liebe ſich des Erbes nach dem Ableben ihres Onkels zu ver⸗ ſichern. Nachdem ſich Didrik Wilſon auf das tiefſte nieder⸗ geſchlagen entfernt hatte, obgleich er noch immer den Vorſatz feſthielt, ſpäterhin nachzuhören, ob ihm das Glück gewogener ſein könnte, ſo begann für Conſtance ein Leben, von deſſen Vorhandenſein ſie bis jetzt noch keinen rechten Begriff gehabt hatte. In Schulden verſunken, die er jedoch durch die Hoff⸗ nung auf das Erbe der Tochter nebſt der daſſelbe beglei⸗ tenden Vormundſchaft bisher ſo ziemlich zu verbergen und umzuſetzen das Glück gehabt hatte, ſtand nun der Land⸗ kamrér, nachdem auch der reiche Schwiegerſohn und die Hoffnung auf ſeine Hülfe zu Waſſer geworden war, ganz 124 rathlos da. Seine Angelegenheiten befanden ſich auf dem kritiſchen Punkt, den man unrettbar nennt, und dicht auf einander folgten Auspfändungen und Executionsauctionen. Eine koſtſpielige Haushaltung nebſt vielen Kindern und einer Gattin, welche zwar die ergebenſte und zärtlichſte, aber auch die rathloſeſte war, vermehrte noch die Beküm⸗ merniſſe des Landkamrér's, und beſonders weh that es ihm, zu ſehen, wie ſeine Tochter, ſeine geliebte Conſtance, gleich den Dienſtmädchen jede Arbeit verrichtete; doch weit entfernt, ſie zu loben und zu erheitern, war er ſtets düſter gegen das freundliche Mädchen, das trotz alle dem dennoch immer ein frohes und troſtreiches Wort auf den Lippen hatte. Ja ſogar die Laune der Mutter wurde allmählig ärgerlich. Sehr oft hieß es:„Gott helfe uns mit der Conſtance, die ihr eigenes Glück nicht verſteht! Sie hätte andere Tage haben können, als hier zu Hauſe zu liegen und ihren ohnehin ſchon genug beläſtigten Eltern zur Laſt zu fallen!“— Oder:„Ich moͤchte gewiß nicht an Deiner Stelle geweſen ſein, mein gutes Kind: ſeinen eigenen und ſeiner Eltern Wohlſtand zweimal— mein Gott, zweimal!— in ſeinen Händen gehabt und dennoch von ſeinen Händen geworfen zu haben!“ Auf ſolche Vorwürfe antwortete Conſtance freundlich: „Ach, liebe Mutter, ſei Du nur darum nicht traurig! Gott hilft uns wohl zu irgend etwas auch ohne das Erbe des Onkels. Ich habe ja ſo viel gelernt, daß ich nun ſelbſt eine Erziehungsanſtalt anlegen kann, und darin können wir dann auch die kleinen Schweſtern erziehen, ſo koſtet ihr Unterricht nichts.“ Doch gute Freunde— und Waller hatte deren viele — trennten die kleinen Schweſtern: zwei derſelben wur⸗ den in gute wohlhabende Häuſer aufgenommen, und für die Knaben wurde es ebenfalls ſo geordnet, daß ſie in der großen Schule der Stadt bleiben konnten. Und nun, da er wieder im Stande war zu athmen, da die Haushal⸗ tung ſo bedeutend vermindert war, erheiterte ſich der Landka an Ho des Cr finden gen To D ſten G vernan lange zu falle menlebe derjenig ſie gefe gekehrt D gemacht Zeiten, beſten verließ Zukunft De flößte innigem Empork und dac ritterlich mit ſilb tenden es auf Portrait nicht w Treppe Burghen höchſt bi gegen ka hieß. af dem ht auf tionen. en und lichſte, Zeküm⸗ hat es iſtance, ; doch er ſtets lle dem auf den wurde lfe uns jerſteht! Hauſe läſtigten darin für die 125 Landkamrér faſt ganz, als er den an Verſprechungen und an Hoffnungen fuͤr Conſtance's Zukunft ſo reichen Brief des Conſuls Löwe erhielt, wenn ſie ſich nämlich darein finden könnte, auf Oernwik als Geſellſchafterin der einzi⸗ gen Tochter des Conſuls zu leben. Dieſer Vorſchlag erfüllte Conſtance mit den frohe⸗ ſten Gefühlen. Sie brauchte alſo keinen Platz als Gou⸗ vernante anzunehmen, woran ſie in ihrem Geiſte ſchon lange gedacht hatte, um nicht länger den Eltern zur Laſt zu fallen; ſie durfte als Schweſter mit derjenigen zuſam⸗ menleben, der ſie von ganzem Herzen ergeben war, mit derjenigen, die ſich mit ſo unbeſchreiblichem Intereſſe an ſie gefeſſelt hatte, und zu der ihre Gedanken ſo oft zurück⸗ gekehrt waren. Die kleinen erforderlichen Znrüſtungen waren bald gemacht— Conſtance's Garderobe war noch ſeit den Zeiten, da der Onkel die Ausgaben dafür beſtritt, in dem beſten Zuſtande— und mit einem zärtlichen Abſchiede verließ ſie ihre Eltern in der ſichern Hoffnung, daß ihre Zukunft nun ſo ziemlich geſichert wäre. Der erſte Anblick des alten, prächtigen Oernwik flößte Conſtance ein Gefühl von tiefer Ehrfurcht und innigem Vertrauen ein. Sie vergaß, was ſie von dem Emporkommen der jetzigen Beſitzer vernommen hatte, und dachte ſich einen alten hochgewachſenen Herrn mit ritterlichem Anſtande, eine edle und würdige Matrone mit ſilberweißen Locken und einer reinen, Ehrfurcht gebie⸗ tenden Hoheit in dem Blicke. Doch ſolche Bilder gab es auf Oernwik nicht mehr, wo nicht unter den alten Portraiten auf dem Boden, und Conſtance fühlte ſich nicht wenig überraſcht, da der Wagen vor die große Treppe fuhr, und nicht der hochgewachſene ritterliche Burgherr, ſondern ein kleiner gutmüthiger Mann mit höchſt bürgerlichen und anſpruchsloſen Geberden ihr ent⸗ gegen kam und ſie im Namen ſeiner Tochter willkommen hieß. 126 Nachdem Conſtance, die ſich augenblicklich in die Veränderung fand, alles geſagt hatte, was der Augenblick an Artigkeit und Dankbarkeit heiſchte, und der Conſul ſie noch einmal ſeines herzlichen Wunſches verſichert hatte, daß ſie eine angenehme und liebe Heimath auf Oernwik finden möchte, ſo erſchien Mamſell Charlotte, um ſich der neuen Hausgenoſſin anzunehmen und ſie bei der Conſulin einzuführen, welche mit der Miene einer Theaterkönigin auf dem Fauteuil ſaß. Der erſte Anblick der Conſulin machte auf Conſtan⸗ cen einen eben ſo widerlichen, als unauslöſchlichen Eindruck, und es war ihr unmöglich, ſich herzlich zu zeigen gegen dieſes aufgeputzte Weib, das ſich mit einer ſolchen Zie⸗ rerei und einer ſo närriſchen, Ehrfurcht gebietenden Hoheit erhob, als ob ſie eine Supplicantin empfänge und nicht einen theuren Gaſt, die Freundin und Geſellſchafterin ihrer Tochter. „Willkommen, meine kleine Freundin!“ war ihre erſte gnädige Aeußerung, welche von Conſtancen gleich⸗ wohl mit einem ſo kalten:„ich danke!“ erwiedert wurde, daß die Conſulin, augenblicklich eine unbehagliche Beklem⸗ mung fühlend, ihre gute Bonne anſah und ſie fragte, ob es nicht das Beſte wäre, wenn ſie ſogleich Evelyn auf⸗ ſuchten, die vermuthlich im Parke wäre. Mamſell Charlotte fand das ganz in ſeiner Ordnung, und Conſtance, welche vor Sehnſucht brannte, Evelyn wiederzuſehen, erklärte ſich augenblicklich bereit. Nachdem man eine Weile ſpaziert hatte, erhielt ſie auch auf Zurathen der vorbedächtigen Charlotte die Er⸗ laubniß, ihre Freundin allein aufſuchen zu dürfen. Ihro Gnaden und die Favorite kamen, wie man weiß, erſt etwas ſpäter nach. Als Beſuchzi Entdecku Baron ſie, da( Mädchen und in d Mademo Evelyn r ter wird Con Reue übe beugte ſie der Danld dieſelbe u Wie haben, derung il Die ſulin geſa nur Dem moiſelle zur Bean natürlich doch Mad fluß nicht ſofern nich heit einſel neter Güt moiſelle C n die enblick Lonſul ſichert h auf rlotte, ſie bei einer onſtan⸗ ndruck, gegen n Zie⸗ Hoheit d nicht n ihrer ar ihre gleich⸗ wurde, Neuntes Kapitel. Als ſich zur Theeſtunde die Familie von Neuem im Beſuchzimmer verſammelte, war die Conſulin durch die Entdeckung des Handſchuhes und der Handzeichnung des Baron Marx in eine ſo angenehme Laune gerathen, daß ſie, da Conſtance begleitet von Evelyn eintrat, dem jungen Mädchen ſogar entgegen zu gehen, ihre Hand zu ergreifen und in dem freundlichen Tone zu äußern beliebte:„Beſte Mademoiſelle Conſtance! thun Sie nun für meine arme Evelyn was in Ihren Kräften ſteht, und Evelyn's Mut⸗ ter wird dagegen zwei Toͤchter zu haben vermeinen!“ Conſtance, welche glaubte, daß dieſe Worte durch Reue über die vorhin gezeigte Kälte veranlaßt wurden, beugte ſich gänzlich verſoͤhnt mit kindlicher und einnehmen⸗ der Dankbarkeit herab auf die Hand der Conſulin, küßte dieſelbe und ſagte leiſe:„Ich werde das Meinige thun!“ Wie würde es Conſtancen's edles Gemüth geſchmerzt haben, wenn ſie geahnt hätte, daß die ploͤtzliche Verän⸗ derung ihren Grund in bloßer Berechnung hatte! Die allmächtige Charlotte hatte nämlich zu der Con⸗ ſulin geſagt:„Sein Sie überzeugt, Ihro Gnaden, daß nur Demoiſelle Conſtance hinreichenden Einfluß auf Made⸗ moiſelle Evelyn beſitzt, um ſie zum Reden oder wenigſtens zur Beantwortung einer Rede zu bewegen, ohne welches natürlich kein Liebhaber aus der Stelle kommen kann; doch Mademoiſelle Conſtance wird ganz gewiß ihren Ein⸗ fluß nicht geltend machen, das läßt ſich leicht begreifen, ſofern nicht Ihro Gnaden mit Ihrer gewoͤhnlichen Fein⸗ heit einſehen, was noth thut, nämlich ſie mit ausgezeich⸗ neter Güte und ganz ſo zu behandeln, als wäre ſie Made⸗ moiſelle Evelyn's Schweſter.“ 128 „Ja, ja,“ hatte die Conſulin bedachtſam auf dieſen werthvollen Rath geantwortet,„ich ſehe wohl ein, wie nothwendig es iſt, Evelyn zum Reden und Antworten zu vermögen, ſo daß er ſehen kann, daß er ſich keinesweges in eine... eine... gleichviel! verliebt hat; ich er⸗ warte ein ganzes Wunder von der Liebe.“ „Erwarten Sie nicht das geringſte von der Liebe, Ihro Gnaden!“ hatte Charlotte die Kühnheit gehabt ein⸗ zuwenden,„ehe und bevor nicht das Herz und das Ge⸗ müth der Mademoiſelle Evelyn ſo von der Mademoiſelle Conſtance bearbeitet ſind, daß ſie irgend einen Eindruck aufnehmen kann.“ „Nun ſo will ich die Mamſell Conſtance gewinnen— Du weißt, daß ich kann, wenn ich will!“ „Ihro Gnaden brauchen nur zu wollen, um alles durchſetzen zu koͤnnen.“..... „Wenn ich vorſchlagen dürfte,“ fuhr die Conſulin in ihrer mütterlichen Liebenswürdigkeit fort,„ſo würde es mir zum groͤßten Vergnügen gereichen, wenn ich ganz einfach Conſtance ſagen durfte, ſofern nämlich Sie, meine liebe Mademoiſelle Waller, Evelyn's Mutter mit dem Namen„Tante“ beehren wollen.“ „Ach, das will ich mehr denn gerne! Ich bin ja ein armer Zugvogel, der hieher gekommen iſt, um Schutz zu ſuchen; und ſo lange man mich mit freundlichen Tönen lockt, bleibe ich gerne in dem Schatten der alten Wälder des prächtigen Oernwik und bei meiner kleinen lieben Waldtaube!“— Conſtance ſtreichelte Evelyn's feine Hand und die ſchönen blonden Locken. Nach dem Thee führte die Conſulin ihren Gaſt durch ſämmtliche Zimmer und hatte ihre Freude an Conſtance's ungekünſtelter Bewunderung, welche ſie gleichwohl nicht abhielt, zum Erſtaunen der Frau Löwe über das Eine und über das Andere ihre Anmerkungen zu machen— Anmerkungen, die gleichwohl von einem ſo feinen und natürlichen Geſchmack für das Paſſende zeugten, daß Mamſe gab, de E doch na lich blie Conſuli Ueberles ſie ſäm fröhliche ſtance v ſtände, einigen und ſpie ſang da kaliſches es ſich hören lo Co anſtalt, ertheilen * Di Sie eilt nun erſt fältige Evelyn es mein ſich höre Do von Nei allermin Vergnüg „T fragte 6. Eine N dieſen , wie ten zu sweges ich er⸗ Liebe, bt ein⸗ as Ge⸗ moiſelle kindruck nnen— n alles Conſulin pürde es h ganz , meine lit dem ja ein ßchutz zu Tönen Wälder lieben e Hand hſt durch nſtance's hl nicht ſas Eine chen— inen und n, daß 129 Mamſell Charlotte der Conſulin wohlbedächtig einen Wink gab, daß es nöthig ſein könnte, dieſelben anzuwenden. Evelyn ſchleppte ſich zwar mit durch die Zimmer, doch nahm ſie an den Berathungen keinen Theil, und end⸗ lich blieb ſie ungeſtört in ihrem Winkel ſitzen, als die Conſulin mit Conſtancen und Charlotten eine weitläuftige Ueberlegung eröffnete über die große Mittagsmahlzeit, die ſie ſämmtlichen Nachbarn zu geben beabſichtigte. Die fröhliche, in alle Arten von Vergnügungen verliebte Con⸗ ſtance verſprach, alles aufzubieten, was in ihrer Macht ſtände, um die geſellſchaftliche Freude zu erhöhen. Mit einigen Sprüngen war ſie am Fortepiano; öffnete daſſelbe und ſpielte einen leichten und lebhaften Tanz auf, und ſang dann ein Lied aus Precioſa; und wenn ihr muſi⸗ kaliſches Talent auch nicht allzu groß war, ſo konnte es ſich doch mit vielem Vortheile in einer Geſellſchaft hoͤren laſſen, die keine übertriebene Anſprüche mitbrachte. Conſtance's Onkel hatte ihr ſowohl in der Erziehungs⸗ anſtalt, als auch zu Hauſe während der Ferien Unterricht ertheilen laſſen, und eine achtjährige Uebung, vereint mit Luſt und Eifer hatte ſie in ihrer Heimath zu einem hal⸗ ben Mirakel gemacht. Die Conſulin war entzückt bis in den dritten Himmel. Sie eilte auf Conſtance zu und umarmte ſie, als wäre ſie nun erſt angekommen.„Ach!“ dachte die eitle und ein⸗ fältige Mutter,„ich gebe mir nicht eher Ruhe, als bis Evelyn das alles gelernt hat— und auf jeden Fall gibt es meinem Hauſe Anſehen, wenn dort ein Talent iſt, das ſich hören laſſen kann!“ Doch bald verließ Conſtance das Inſtrument, um ſich von Neuem an Evelyn anzuſchließen, welche nicht das allermindeſte Zeichen gegeben hatte, daß ihr das Spiel Vergnügen machte. „Wollen wir nicht hinaufgehen in Dein Zimmer?“ fragte Conſtance—„ich möchte es ſo gerne ſehen.“ Eine Nacht am Bullarſee, J. 9 130 Bei dieſem Vorſchlage zog ſich etwas über Evelyn's Lippen, das einiger Maßen einem Lächeln glich; und als die beiden Mädchen die beiden Zimmer betraten, die Eve⸗ lyn bewohnte, und Conſtance die Hände zuſammenſchlagend heftig ausrief:„Mein Gott! welch ein intereſſantes altes Neſt! Dieſe beiden Zimmer gefallen mir tauſendmal beſſer als unten die ſämmtlichen prächtigen Zimmer zuſammen genommen!“— da ergriff Evelyn die Hand ihrer Freun⸗ din und drückte dieſelbe leiſe— ſie konnte ihre Dankbar⸗ keit nicht beſſer erklären. Evelyn's Heiligthum war auch wirklich, wie Con⸗ ſtance ſich ziemlich proſaiſch ausgedrückt hatte, ein intereſ⸗ ſantes altes Neſt. Das äußere Zimmer war lang und ſchmal mit zwei tief in der Mauer liegenden Fenſtern, und hatte unläugbar bei flüchtiger Betrachtung ein düſte⸗ res und odes Ausſehen. Doch wollte man ſich damit vertraut machen, ſo verlor ſich dieſe Düſterheit oder ver⸗ ſchmolz wenigſtens in eine geheimnißvolle Anmuth, ein dunkles, feſſelndes Intereſſe. Die Wände, verſehen mit einer Menge in hervorſpringenden, von Stuckaturarbeiten überhäuften Säulen verborgenen Schränken, waren mit bibliſchen Stücken bemalt, die zum Theil gut erhalten, zum Theil aber von der Zeit übel mitgenommen waren. Um einen großen Coloß— ECvelyn's Schlafſtelle, groß genug, um ein Dutzend ſo ſchlanke Geſtalten aufnehmen zu koͤnnen— hingen in tiefen Falten ſchwere ſteife Gar⸗ dinen von rothem und gelbem Brokat herab, verſehen mit Franſen und Troddeln von gleichen Farben, und hie und da getragen von ehemals vergoldeten Schnüren. Stühle, Tiſche und das ſämmtliche Hausgeräth flüſterten von einem faſt eben ſo ehrwürdigen Alter, als die alte Toilette mit 4 5 ihren hundert mit verſchiedenen Holzarten eingelegten und mit kunſtreichen meſſingenen Beſchlägen verſehenen Schub⸗ fächern, die in der einen Pyramide neben der andern von dem Fußboden emporſtiegen. Das eine kleinere Zimmer innerhalb dieſer Schlaf⸗ kam Niſch von d den. pflegt Grup zogen Söhn oft E ſelbſt der er pfende ſchiene dieſer Ausdr ſie ſich einer Kind h Mutter 3 Gefühl trachte jungen ſucht n ſeufzen A Zimme hohen geweſe Boden Zimme ferplat lich En eine N Evelyn's und als die Eve⸗ chlagend tes altes al beſſer uſammen Freun⸗ Dankbar⸗ die Con⸗ n intereſ⸗ lang und Fenſtern, ein düſte⸗ cch damit oder ver⸗ uth, ein ſehen mit urarbeiten varen mit erhalten, en waren. lle, groß aufnehmen teife Gar⸗ rſehen mit d hie und Stühle, von einem oilette mit legten und en Schub⸗ der andern eer Schlaf⸗ 131 kammer war achteckig, und in allen Ecken mit tiefen Niſchen verſehen, in welchen ehemals Bilder geweſen waren, von denen jetzt aber nur noch Ueberreſte trauernd da ſtan⸗ den. In einer dieſer Niſchen, welche ganz leer war, pflegte Evelyn ſtundenlang in der Betrachtung zweier Gruppen, die ganz beſonders ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zogen, verſunken zu ſitzen; die eine war Laokoon mit ſeinen Söhnen und die andere Niobe, ihre Kinder beſchützend. Bei dem Anblicke der erſtgenannten Gruppe zitterten oft Evelyn's feine Glieder, wenn ſie im Mondſcheine, ſelbſt ein Bild, dort in ihrer Niſche ſaß und dieſe Schau⸗ der erweckenden Schlangen anſtarrte, welche oft den käm⸗ pfenden Laokoon zu verlaſſen und ſich zu ihr zu begeben ſchienen. Dann aber wendete ſie ängſtlich ihren Blick von dieſer Gruppe zu der andern; und der goͤttliche, der heilige Ausdruck in dem Antlitze der Niobe, ihre Stellung, da ſie ſich über das Kind beugt, erfüllte Evelyn's Seele mit einer ſanften, aber unverſtandenen Sehnſucht. Dieſes Kind hatte eine Mutter, die es zärtlich ſchützte— dieſe Mutter hatte etwas, das ſie ſchützen konnte. In ſolchen Augenblicken, da ſie mit unverſtandenen Gefühlen das herrliche Geſicht der Niobe recht lange be⸗ trachtet hatte, ſchlich ſich eine Thräne in das Auge des jungen Mädchens, und eine Sehnſucht, eine bittere Sehn⸗ ſucht nach etwas Vollkommenem, etwas, das ſie nur er⸗ ſeufzen konnte, bewegte ſich in ihrer Seele. Außer dieſen antiken Kunſtwerken gab es in dieſem Zimmer einige Vaſen von ſeltener Schoͤnheit, welche einen hohen Werth gehabt haben würden, wenn ſie nur— ganz geweſen wären. Doch ſo wie ſie waren, mit und ohne Boden und Handgriffe, hatte Evelyn ſie in der Mitte des Zimmers auf einem großen alten Tiſche mit einer Schie⸗ ferplatte geordnet. Und auf dieſen Tiſch, den man füg⸗ lich Evelyn's Spielhaus nennen koͤnnte, hatte ſie auch eine Maſſe von alten auf dem Boden und in den Zimmern, 13² in denen noch etwas dergleichen übrig war, aufgeſuchte merkwürdige Sachen zuſammengetragen. „Weißt Du, meine liebe Evelyn,“ ſagte Conſtance, vertieft in die Betrachtung aller dieſer ſonderbaren alter⸗ thümlichen Kunſtſchätze, welche jetzt die einbrechende Som⸗ merdämmerung verhüllte,„weißt Du: ich möchte hier in keiner Herbſtnacht allein bleiben— es iſt wirklich ein wenig unheimlich in Deinem Reiche!“ „Unheimlich?“ „Ja, unheimlich! Ich betheure, daß dieſe Gruppen in ihren Niſchen mich zu Tode ängſtigen würden. Hörſt Du hier nie etwas pauſchen? Ich meine, das muß ſo ſein.“ „Das habe ich nie gehört, außer wenn der Wind die Zweige der großen Bäume gegen das Fenſter ſchlägt.“ „Hu!... ich höre es ganz deutlich!“ Conſtance trat ans Fenſter. Die Sonne war jetzt hinter dem dunklen Rande der Berge hinabgeſunken, und unter dem hoch belegenen Fenſter erblickte man die gigan⸗ tiſchen Laubgewölbe des Gartens und Parkes, gleichſam vereinigt zu einer unermeßlichen grünen Maſſe, auf welche der Abendthau ſchon ſeine glimmenden Perlen ge⸗ worfen hatte. Tief unter dieſen Gewölben lag der Teich mit der Anhöhe und der großen weißen Urne, alles ein⸗ gefaßt in eine erroͤthende Abendwolke. Die Schwäne be⸗ endeten eben ihre letzte Reiſe für heute und ſchwammen auf das Häuschen zu, das ſie freundlich in ſeinem Schoße aufnahm. 3 „Das iſt ein ſchoͤnes, ein prächtiges Gemälde, ein göttliches Gemälde!“ ſagte Conſtance. „Ja,“ erwiederte Evelyn faſt unhörbar,„es iſt göttlich!“ „Aber dennoch moͤchte ich hier nicht wohnen— laß uns hinaus gehen in das Schlafzimmer!... Wie kannſt Du in dieſem Bette ſchlafen? Es iſt mir, als ſähe ich, wie alle Deine kleinen Kiſſen und Du ſelbſt in dieſer eigenen Du do 8 VI C 1/ worten lichkeit könnteſt große mer, pflegen 9 „2 Miene, „ aber Di wir hab ſchelten. c Du ſollt Du Dir und noch könnteſt! „Je 7 geſuchte nſtance, n alter⸗ de Som⸗ hier in klich ein Gruppen Hörſt muß ſo er Wind ſchlägt.“ war jetzt en, und ie gigan⸗ gleichſam der Teich ſalles ein⸗ ſähe ich, in dieſer 133 eigenen Kammer verſchwinden... Im Winter erfrierſt Du dort.“ „Nein, ich glaube nicht, daß ich erfriere.“ „Du glaubſt es nicht?— wie kannſt Du ſo ant⸗ worten, liebe Evelyn, ſo ernſt, als wäre es eine Mög⸗ lichkeit, daß Du an einem Morgen erfroren da liegen könnteſt? Du wäreſt gewiß ganz zufrieden, wenn Du das große Oernwik vertauſchen koͤnnteſt mit der kleinen Kam⸗ mer, welche wir junge Mädchen nicht eben zu lieben pflegen?“ „Meinſt Du den Sarg?“ fragte Evelyn mit einer Miene, die man verklärt nennen konnte. „Ja wohl, liebe Evelyn! Du liebſt das Leben nicht, aber Du mußt es lieben lernen!“ „Ich liebe den ſchwarzen Sarg mit den weißen Sternen höher. Entſinnſt Du Dich des jungen Mädchens, das in der Erziehungsanſtalt ſtarb? Sie lag ſo ſchoͤn da in ihrem weißen Leichengewande— ich denke oft an ſie.“ „Das iſt höchſt unrecht von Dir, geliebte Evelyn!... Setze Dich nun hier neben mich auf dieſen alten Stuhl: der paßt gerade für uns beide als Sofa. So— ſchoͤn: wir haben Platz genug! Nun muß ich Dich ein wenig ſchelten. Was haſt Du für Gruͤnde, Dir den Tod zu wünſchen?“ „Ich habe nicht geſagt, daß ich ihn wünſche, ich wünſche gar nichts.“ „Nun was haſt Du denn für Grund, ihn zu lieben, da Du ihn dem Leben vorziehſt?“ „Es iſt ſo ermüdend, zu leben.“ „Ja, Du kannſt wirklich ſonderbare Dinge ſagen! Du ſollteſt müde ſein zu leben, Du, die Du nie, wenn Du Dir ſelbſt überlaſſen biſt, das allergeringſte thuſt, und noch viel weniger etwas, wovon Du müde werden könnteſt!“ „Ich bin es müde, nichts zu thun.“ „Das war doch endlich ein gutes, ein geſegnetes 134 Wort! Gleich morgen fangen wir an, mit einander zu arbeiten, und ich bin überzeugt, Du wirſt dann bald ſo viel beſſer, daß Du Dir dieſe traurigen Gedanken aus dem Sinne ſchlägſt.“ „Aber es iſt langweilig, zu arbeiten.“ „Wie? langweilig, zu arbeiten, langweilig nichts zu thun? Weißt Du, Evelyn, es iſt ſündhaft, ſo zu ſein, wie Du biſt!“ „Glaubſt Du das? Glaubſt Du, daß ich ſündige?“ „Gewiß thuſt Du das, da Gott Dir eine Seele ge⸗ geben hat, womit Du denken kannſt, ein Herz, welches mit ſo vieler Zärtlichkeit erfüllt iſt, daß es andere ge⸗ winnen koͤnnte, und da er Dir noch überdieß reiche Mittel verliehen hat, nützliche Dinge um Dich her zu wirken, Dinge, durch welche Du geſegnet werden könnteſt.“ „Ich wollte gerne, daß mich jemand ſegnete.“ „Vielen, vielen Segen koͤnnteſt Du erndten, liebe Evelyn, wenn Du nur nützlich ſein wollteſt. Höre auf zu träumen, werde thätig, nimm Theil an demjenigen, was ſich um Dich her bewegt, und Du wirſt daraus lernen, wie Du am beſten Andern dienen kannſt. Nun aber bin ich überzeugt, daß Du kommſt und gehſt, ohne einmal daran zu denken, wie viele Dankbarkeit Du Deinen Eltern ſchuldig biſt.“. Evelyn blickte auf.„Bin ich undankbar?“ „Ich weiß, daß Du es in Deinem Herzen nicht biſt, doch ſelbſt Deine Mutter muß es glauben. War es nicht ein großer Beweis ihrer Zärtlichkeit gegen Dich, daß ſie die einzige Freundin holen ließ, welche Dich verſteht und welche Du verſtehſt?“ „Ja, das war des Dankes werth, und ich werde danken! Ich will meine Mutter lieben, doch..“ „Still! hier kommt Mamſell Charlotte... Heute Abend reden wir weiter!“ N Charlo war, n Barone man e zweien beide ſe genug D ſchuh aufzuhe Geſellſ von we feinen wander neben erklärer hörte i Geſellſ den we wo ſie der He kritiſche Freiher das ſe Vergni keit ſell zuführe D gab, d der zu hald ſo en aus chts zu in, wie ndige?“ eele ge⸗ welches ere ge⸗ Mittel wirken, 4* Zehntes Kapitel. Nachdem in dem geheimen Conſeil zwiſchen Mamſell Charlotte und ihrer Gebieterin gehörig überlegt worden war, wie man den Handſchuh und die Handzeichnung des Barons Mar wohl am beſten anwenden könnte, ſo blieb man endlich nach hundert verſchiedenen Vorſchlägen bei zweien derſelben ſtehen, welche gleichwohl der Conſulin beide ſo„piquant“ erſchienen, daß ihr die Wahl ſchwierig genug wurde. Der erſte beſtand darin, die Zeichnung und den Hand⸗ ſchuh ſorgfältig bis zu dem bevorſtehenden Gaſtmahle aufzuheben, da dann die Conſulin in Beiſein der ganzen Geſellſchaft ganz naiv ihren Fund im Parke erzählen ſollte, von welchem ſie mittelſt einiger myſtiſchen und beſonders feinen Winke andeuten koͤnnte, daß ſie vielleicht einem wandernden Liebesritter gehörten, wobei ſie aber doch da⸗ neben auch im Stande wäre, mit größerm Nachdruck zu erklären, daß ſie ihres Theils glaubte, die Zeichnung ge⸗ hörte irgend einem armen Artiſten. Damit inzwiſchen die Geſellſchaft, die natürlicher Weiſe höchſt neugierig gewor⸗ den war, mit ihren Vermuthungen ſtehen bleiben könnte, wo ſie wollte, ſo ſollten ſowohl die Zeichnung, als auch der Handſchuh hervorgeholt werden; und ſich in dieſem kritiſchen Augenblicke die Miene und das Betragen der Freiherrin von G— und des jungen Barons zu denken, das ſchenkte der Conſulin ſchon im Voraus ein ſolches Vergnügen, daß ſie hoͤchlich bezweifelte, ob die Wirklich⸗ keit ſelbſt im Stande wäre, eine größere Wirkung herbei⸗ zuführen. Da inzwiſchen Charlotte ziemlich deutlich zu verſtehen gab, daß dieſe Handlungsweiſe die Familie auf Broͤllinge 136 vielleicht in dem Grade beleidigen könnte, daß ſie für im⸗ mer mit Oernwik bräche— Charlotte wagte nicht zu ſagen: mit der Conſulin— ſo fand dieſe ſich gezwungen, den andern Vorſchlag in Ueberlegung zu ziehen, nämlich bei einem freundſchaftlichen Beſuche auf Bröllinge die ge⸗ fundenen Sachen abzugeben. Dieſes wäre ohne Zweifel übereinſtimmender mit den Forderungen des Zartgefühles und des guten Tones, und könnte eben durch das bewie⸗ ſene„Zartgefühl“ vielleicht weit mehr bewirken, als wenn man die Sache oͤffentlich behandelte. Nach langer Ueberlegung entſchloß ſich daher unſre Frau hiezu. Die Freiherrin von G— warf einen Blick voller Verwunderung auf die glänzende Oernwiker Equipage. Es war ihr faſt, als hätte die letzte Viſite die Frau Loͤwe überzeugen müſſen, daß man ſich nicht im mindeſten nach ihrer Geſellſchaft ſehnte. „Da iſt unſre närriſche Nachbarin,“ ſagte der alte Baron, der ſehr erbaut zu ſein ſchien von dieſer„närriſchen Nachbarin.“—„Liebe Ebba! empfange ſie gut! Ich ſehe es Deiner Miene an, daß Du das nicht beabſichtigſt; doch würde ich es nicht gerne ſehen, wenn ſie hier bei uns Gelegenheit erhielte, ihre Talente für das Vornehme zu entwickeln.“ „Ich hoffe, mein Lieber,“ entgegnete die Freiherrin mit lichtem Erröͤthen,„Du weißt, daß ich“. ...„daß Du eine vortreffliche und verſtändige Frau biſt, aber doch immer eine Frau, welche es nie vergißt, daß zwiſchen ihr und dieſer ſpießbürgerlichen, herzensguten Conſulin ein Abſtand von einigen Faden beſteht. Bemühe Dich n den ein Gaſte D Seiten es heiſe entgege könnte haben. Manne ganz ſo blicklich Schluß Baron legenhei herrin die Ein Huldig. „5 „eine ſ Beſchw daß der meiner weites Art edl Schönh während hebung des Wi ſuls un Complit daß es r im⸗ ht zu ungen, imlich ie ge⸗ weifel fühles bewie⸗ wenn unſre iherrin 137 Dich nun aber um Deiner ſelbſt willen, die Zahl der Fa⸗ den einzuziehen, während ich hinunter gehe und Deinem Gaſte den Arm reiche.“ Der ehrliche Kriegsmann, der einzig und allein von Seiten des Dienſtes, und auch hier nur wo die Pflicht es heiſchte, an„Fadenzahl“ dachte, eilte der Conſulin entgegen, welche ſchon herzlich bekümmert fürchtete, ſie knte ihre bedeutungsvolle Viſite vergebens gemacht haben. Gemäß dem Winke des geliebten und geachteten Mannes empfing die Freiherrin Ebba die Conſulin nicht ganz ſo abgemeſſen wie neulich; und dieſe, welche augen⸗ blicklich in Ordnung war, Eindrücke anzunehmen und Schlußſätze zu ziehen, bildete ſich ſogleich ein, daß der Baron Mar ſeine Zeichnung vermißt und in der Ver⸗ legenheit, ſeine geheime Flamme verrathen zu ſehen, der Frei⸗ herrin alles entdeckt und von dieſer mit Freudenthränen die Einwilligung erhalten hatte, der reichen Erbin ſeine Huldigung darbringen zu dürfen. „Doch,“ fügte die Conſulin wohlbedächtig hinzu, „eine ſolche Schönheit iſt denn doch wohl nicht ohne alle Beſchwerde zu haben! Ich denke es den Leuten zu zeigen, daß der Eine ſo gut iſt als der Andre— Broͤllinge iſt meiner Treu nicht größer als einige von den unter Oern⸗ wik gehörenden Bauerhoͤfen.“ Indem die Conſulin dieſe Gedankenverbindung ver⸗ folgte, nahm ſie Platz auf dem Sofa und breitete ihr weites ſeidenes Kleid mit großartiger Zierlichkeit, einer Art edler Würde aus, welche der Mutter einer reichen Schönheit, nach deren Hand man ſtrebte, anſtehen konnte, während ſie bald mit einer Senkung, bald mit einer Er⸗ hebung des Hauptes die freundſchaftlichen Erkundigungen des Wirthes und der Wirthin nach dem Befinden des Con⸗ ſuls und der Conſulin erwiederte. Als dann aber die Complimente ein Ende genommen hatten, ſo meinte ſie, daß es eigentlich ihr ſelbſt oblag, dieſe„Familien⸗ 138 Conferenz“ zu eröffnen, von welcher ſie die Hoffnung hegte, daß ſie ein beſſeres Reſultat haben würde, als die vorhergehenden an eben dieſem Orte. Nachdem unſere Conſulin zu dem Ende ihre mit dem ausgezeichnetſten franzöſiſchen Eau de Cologne gefülltes kriſtallenes Riechfläſchchen geoͤffnet und in der Zerſtreut⸗ heit ſtatt an dem Fläſchchen lange an dem goldenen Stöpſel gerochen hatte, begann ſie folgender Maßen: „Meine Herrſchaften— mein gnädigſter Herr Ba⸗ ron, meine gnädigſte Frau Freiherrin!— obgleich das Anliegen, welches mich heute hieher geführt hat, eigent⸗ lich ſo zarter Natur iſt, daß es kaum für Damenohren paßt, ſo halte ich es dennoch für eine Pflicht, die ich mir ſelbſt ſchuldig bin, dem Herrn Baron nicht das wichtige Vertrauen zu entziehen... doch vielleicht errathen die Herrſchaften ſchon, wovon wir zu reden haben?“ „Nein wahrhaftig, meine Gnädige! ich meines Theils gewiß nicht,“ entgegnete der Baron hoͤchſt neugierig und beluſtigt.„Und ich zweifle auch, daß meine Frau in dieſer Hinſicht klüger iſt.“ „Sofern es ſich nicht,“ fiel die Freiherrin ein,„von der Wahl einer Geſellſchaftsdame für die Mademoiſelle Evelyn handelt, über welchen Punkt Frau Löwe ſchon früher mit mir zu Rathe zu gehen beliebte.“ „Nein,“ erwiederte die Conſulin feierlich,„hier han⸗ delt ſich's von einer ganz andern Wahl! Evelyn's Ge⸗ ſellſchaftsdame, ein talentvolles und elegantes Mädchen, iſt ſchon angekommen, und wir haben allen Grund zu hoffen, daß ihre belebende Geſellſchaft wohlthätig auf Evelyn wirken wird.“ „Freut mich herzlich!“ erklärte der Baron.„Made⸗ moiſelle Evelyn iſt wirklich eine ſolche Schoͤnheit, daß ſo⸗ gar ein alter Soldat wie ich ſie nicht ohne Bewunderung ſehen kann.“ Die Conſulin lächelte.„Ach, Evelyn hat ſchon mehre Bewunderer! Eben in Anlaß dieſer wichtigen und unendle Ausdru liche P ſo gut nicht g Vifiten 8 7„ bei, de Sohne Sicherl mit ihr irgend bekannte — die fnung ls die it dem flltes ſtreut⸗ Stöpſel r Ba⸗ ch das eigent⸗ nohren ich mir vichtige hen die Theils ig und dieſer hoffen, Evelyn ‚Made⸗ daß ſo⸗ 139 unendlich ſenſitiven Sache“— die Conſulin hatte gehört, daß man ſagte„delikat wie eine Senſitiva“— meinte daher, der letztere Ausdruck ſei die rechte franzoͤſiſche Benennung des erſteren—„wünſchte ich mit Ihnen zu raiſonniren... denn eigentlich iſt es eine höchſt kritiſche Sache mit einem geheimen Liebhaber!“ „Wie?“ fragte die Freiherrin mit dem Ausdrucke ungemiſchter Verwunderung,„ſollte Mademoiſelle Evelyn Aen geheimen Liebhaber haben? Das kann kaum möͤglich ein!“ „Ja, das iſt nicht nur möͤglich, ſondern ſogar voͤllig gewiß, obgleich Evelyn, das arme Kind— ich bin mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, es zu erkennen— von ihrer Eroberung nicht mehr Begriff hat, als der kleine Vogel dort im Käfig.“ „Wie kann ſie da einen Liebhaber haben?“ „Wie? Braucht eine junge Dame zu wiſſen, aus welcher urſache ſie einen Liebhaber hat? Da gibt es ſchon Andere, welche die Augen offen haben und wiſſen warum. Eine Perſon, ein junger einnehmender Mann, iſt mehrmals im Parke im Gebüſch geſehen worden, und ſoll, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, in der Ferne Evelyn's Schoͤn⸗ heit verſchlungen haben. Ich ſollte als Mutter mich dieſes Ausdrucks nicht bedienen; doch mir gefällt dieſe zimper⸗ liche Prüderie nicht, welche verlaugnet, was Andere eben ſo gut ſehen, wie wir ſelbſt. Gleichviel!— es kann wohl nicht gut mehr denn einen Grund zu ſolchen geheimen Viſiten geben?“ „Nein, ſo ſollte man glauben!“ ſtimmte der Baron bei, der nicht glauben konnte, daß es ſeinem eigenen Sohne galt. Doch die Freiherrin, welche ſchon aus der Sicherheit und der ſonderbaren Grille der Conſulin, ſich mit ihren vertraulichen Ergüſſen ſtets an ſie zu wenden, irgend eine Speculation und daneben auch eine ihr un⸗ bekannte Unvorſichtigkeit von Seiten ihres Sohnes ahnte — die Freiherrin meinte Grund zu haben, ein kleines 140 Mißtrauen zu zeigen, und deutete an, daß es gewiß nur eine Klätſcherei wäre, an die man nicht glauben dürfte. „So? Klätſcherei?“ wiederholte die Conſulin, vor Zorn erröthend, daß man ſie nicht verſtehen wollte.„Da Ihre Gnaden das glaubt, ſo halte ich es für meine Pflicht gegen mich ſelbſt, meine Behauptung durch Beweiſe zu bekräftigen; und zugleich nehme ich mir die Freiheit zu erklären, daß weder ich noch meine Tochter gewohnt ſind, uns auf dieſe höchſt indelikate und öffentliche Weiſe beleidigen zu laſſen!“ Indem die Conſulin dieſe kraftvolle Rede beendigte, öffnete ſie ihren Strickbeutel und legte mit einer belei⸗ digten und triumphirenden Miene den Handſchuh und die Zeichnung auf den Tiſch. Jetzt begann auch der Baron die Sache zu begreifen. Er erkannte augenblicklich die Hand ſeines Sohnes, und es bedurfte nicht einmal der überſtrichenen und beklecksten Worte auf der Kehrſeite, um ihn zu überzeugen, daß Marx dieſes Blatt aus ſeinem Album ausgeriſſen hatte. Da er jedoch einſah, daß ſeine Frau dieſe Angelegenheit am beſten durchführen würde, ſo nahm er ſeine Parthie und erklärte, daß er ganz auf die Seite der Conſulin überginge, und daß die Sache eigentlich unter den Rich⸗ terſtuhl der Damen gehörte,„denn hier ſind Sie die beſte Richterinnen!“ ſagte er, indem er ſich entfernte. „Aha!“ dachte die Conſulin bei ſich ſelbſt,„der Baron verlor die Contenance! Man fühlt, daß man die Chre einer edlen und ſtolzen Familie verletzt hat und weiß, daß es nur eine Satisfaktion gibt.“ „Es iſt ſchwer, ohne vorhergegangene Unterſuchung zu richten!“ meinte die Freiherrin mit einer Sicherheit, welche die Conſulin nicht wenig verdroß.„Ein Hand⸗ ſchuh, eine kleine, wahrſcheinlich in einer bloßen launen⸗ haften Anwandlung entworfene Skizze— wer kann daraus auf den Eigner der beiden Gegenſtände ſchließen? Ich wenigſtens kann es nicht!“ verſam Dort wahrſe können / erniedr dote n jungen Welt d Wichti vermiß mit ſei den ein legt; d ſie nich Ruf ar geheime kann, 1 zuwend Ich ſal hatten, beſte w ruhen ß nur fte. vor Ihre Bflicht iſe zu reiheit wohnt Weiſe ndigte, belei⸗ nd die greifen. „ und ecksten „daß hatte. genheit Parthie onſulin Rich⸗ ſie beſte launen⸗ daraus 2 Ich 141 „So wird wohl die Frage in der Societé, welche wir an einem Tage in der nächſten Woche auf Oernwik verſammelt zu ſehen hoffen, entſchieden werden müſſen. Dort werde ich dieſe intereſſanten Artikel vorzeigen, und wahrſcheinlich finden ſich Viele, die das Räthſel löſen können.“ „Wollen Sie, Frau Loͤwe, wirklich Ihre Tochter ſo erniedrigen und ſie zu einer Heldin in einer ſolchen Anek⸗ dote machen? Hätte ich das Glück, die Mutter eines jungen Mädchens zu ſein, ſo ſollte mich nichts in der Welt dazu vermögen, einer ſolchen Kleinigkeit die geringſte Wichtigkeit beizulegen. Derjenige, welcher dieſe Sachen vermißt, wird natürlicher Weiſe ohne andrer Leute Zuthun mit ſeinen Beſuchen aufhoͤren.“ „Ich bin höchſt verwundert, zu hoͤren, daß Ihro Gna⸗ den eine Ehrenſache mit dem Namen einer Kleinigkeit be⸗ legt; doch halte ich es für eine Pflicht gegen mich ſelbſt, ſie nicht ganz ſo zu betrachten, und meine, daß ich Evelyn's Ruf am beſten ſauvire, wenn ich offen ſage, daß ich jede geheime Intrigue, die in meinem Park geſpielt werden kann, meiner Societé Preis gebe.“ „Jetzt, meine beſte Frau Lowe, kommen Sie mir mit Ihren geſchickten Argumenten wirklich ſo nahe auf den Leib, daß ich gezwungen bin, mich für beſiegt zu erklären, und das Geheimniß meines Sohnes zu verrathen, ſo leid es ihm auch thun mag.“ „Aha!“ nickte die vor ſeligen Empfindungen ſtrah⸗ lende Conſulin, ſind wir endlich bei der Hauptſache!... Ihro Gnaden haben wirklich ein bewundernswürdiges Talent, die Karten zu miſchen.“ „Wozu verlohnt es ſich der Mühe, dieſes Talent an⸗ zuwenden, wenn man eine ſo geſchickte Mitſpielerin hat? Ich ſah gleich ein, daß Sie die ganze Sache durchſchauet hatten, wollte aber dennoch einen Wink geben, daß es das beſte wäre, ſie noch unter dem Schleier der Anonymität ruhen zu laſſen.“ Die Conſulin war entzückt, zu gleicher Zeit aber auch verlegen. Die Freiherrin geſtand ja auf die ernſthafteſte und offenſte Weiſe die ganze Sache ein; ſie erkannte auch, daß die Mutter ihrer künftigen Schwiegertochter eben ſo klar ſähe, wie ſie ſelbſt... Doch dieſer Schleier— was konnte er bedeuten? Gleichviel— die Sache bedurfte kei⸗ nes Schleiers mehr, und darum fand die Conſulin für gut, mit einfacher Herzlichkeit zu ſagen:„Meine gnädige Freiherrin! laſſen Sie uns offen reden, wie die Umſtände, nachdem die Entdeckung nun einmal gemacht iſt, von uns beiden erheiſchen!“ „Herzlich gerne! Ich ſage gewiß nichts Neues, wenn ich erwähne, daß mein Max derjenige iſt, welcher den Oernwiker Park einige Male beſucht hat, um, wenn ſich eine Gelegenheit dazu darbote, Mademoiſelle Evelyn in ihren ſchöͤnen, ihr ſelbſt unbewußten Stellungen zu copiren. Dieſer Einfall wurde von Ihnen ſelbſt, Frau Löͤwe, ver⸗ anlaßt, als wir Mademoiſelle Evelyn auf der Anhöhe er⸗ blickten, und die Frage entſtand, wie ſie ſich wohl am beſten auf einem Gemälde ausnehmen würde. Mar, wel⸗ cher Ihre Tochter als ein wirkliches Kunſtwerk betrachtet, entſchloß ſich zu der Arbeit, welche, ſobald ſie fertig ſein würde, zu einer Ueberraſchung für die Frau Conſul Löwe ſelbſt beſtimmt war.“ Mit unbegreiflicher Verwunderung und zunehmender Niedergeſchlagenheit vernahm die Conſulin dieſe Erklärung, welche ihr gewiß unter andern Verhältniſſen ſehr ſchmei⸗ chelhaft hätte ſein koͤnnen, jetzt aber, da ſie ſich größere Hoffnungen gemacht hatte, ſich ganz in dieſer Maſſe von Kleinigkeiten verlor, die der Rede nicht werth waren, und zwar um ſo weniger, als ſie nicht gewiß wußte, ob es ſich wirklich ſo verhielt. Und nun ohne der Conſulin Zeit zu laſſen, ihren Aerger über ihre getäuſchte Hoffnung auszudrücken, fuhr die Freiherrin fort:„Jetzt iſt die kleine Intrigue auf eine befriedigende, für keine Mutter beleidigende Weiſe ge⸗ löſ't; mit e ten M nach teuer C bracht wunde Dame gelten meinte Gefühl liche u er auch hafteſte e auch, eben ſo — was fte kei⸗ llin für gnädige nſtände, von uns 8, wenn her den enn ſich velyn in copiren. we, ver⸗ höhe er⸗ vohl am ax, wel⸗ etrachtet, ertig ſein ſul Löwe ehmender rklärung, r ſchmei⸗ ) größere Naſſe von aren, und te, ob es en, ihren ken, fuhr e auf eine Weiſe ge⸗ 143 löſ't; denn jede Dame mit Bildung und Aufklärung und mit einer aus andern Quellen als aus Romanen geſchöpf⸗ ten Menſchenkenntniß wird einſehen, daß kein junger Mann nach einer halbſtündlichen Bekanntſchaft ſich in ein Aben⸗ teuer von der angedeuteten Art ſtürzt. Jetzt war die arme Frau Löͤwe auf den Punkt ge⸗ bracht, wo ſie ſtehen bleiben mußte: jetzt war ſie über⸗ wunden. Ganz unbeſchreiblich gerne wollte ſie für eine Dame mit Bildung, Aufklärung und Menſchenkenntniß gelten; doch um dieſes mit einigem Scheine zu koͤnnen, meinte ſie nicht ſelten gezwungen zu ſein, ein inſtinktartiges Gefühl erſticken zu müſſen, welches ſie über das Schick⸗ liche unterrichten wollte. In dem jetzigen kritiſchen Augen⸗ blicke band ſie die Macht, welche die Ueberlegenheit der Freiherrin auf ſie legte, und ſie zwang ſich zu dem Glau⸗ ben, ſie würde einen ſchlechten Ton verrathen, wenn nicht auch ſie es für eine Lächerlichkeit anſehen wollte, daß die Parkbeſuche des Barons Max mehr oder weniger bedeuten koͤnnten, als eine kleine Artigkeit, deren Frucht eine Artig⸗ keit gegen ſie ſelbſt ſein ſollte. Indem ſie alſo von einem Extreme in das andere überging, begann ſie ſelbſt zu lachen und zu verſichern, daß ſie ſelbſt die Sache nie von einer andern Seite an⸗ geſehen hätte, daß man ſich aber recht gut bisweilen mit einem kleinen unſchuldigen Scherze beluſtigen koͤnnte. Hätte ſie nur eine einzige Secunde von Ernſt, von einer wirk⸗ lichen Beleidigung träumen können, ſo würde ſie ſich ge⸗ wiß ganz anders benommen haben. Ja, ſie war ſich⸗ ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, zu erklären, daß ſie in dieſem Falle gewiß nicht über die Luſtwandlungen des Barons Mar geſcherzt haben würde. Mit lächelnder Miene und lächelnden Lippen ſchieden die Damen von einander, und die Freiherrin verſprach ſchon vorläufig, daß die Einladung zu dem Gaſtmahle mit vieler Dankbarkeit angenommen werden würde. Als die Conſulin in ihrem Wagen ſaß, war der alte 144 Baron, der auf das Feld gegangen war, noch nicht zurück⸗ gekehrt. Doch mit ſtarkem Herzklopfen ſah die Freiherrin durch das Fenſter ihren Sohn, der am Morgen zu einem Bekannten geritten war, jetzt ſchon zurückkehren, anhalten und mit der Conſulin plaudern. Dieſes kleine Geſpräch konnte ſehr leicht die feine Intrigue der Freiherrin kreu⸗ zen; doch ſchien es gut abzulaufen, denn die ſchwanken⸗ den Federn auf dem Hute der Conſulin nickten noch einen Abſchied als der Wagen dahin rollte. Einige Augenblicke ſpäter trat Maxr in das Zimmer ſeiner Mutter. Er fand ſie mit einer Miene voll tiefen Ernſtes in der einen Sofaecke ſitzen, „Wie iſt es möglich, liebe Mutter!“ begann Mar, „daß eine ſolche Geſellſchaft, wie die der vornehmen Con⸗ ſulin Dich ernſthaft gemacht haben kann?“ „Was ſagte ſie Dir, Max?“ „Wer das begreifen könnte! Sie ſagte eine Menge myſtiſcher Worte von einem kleinen naiven Scherze und vankte ſchon im Voraus für eine Surpriſe, die ſie beſſer kennen muß als ich.“ „Und was antworteteſt Du?“ „Daß ich entzückt wäre, ihr eine Surpriſe bereiten zu können, wenn ich nur wüßte, von welcher Art. Da verwies ſie mich an Dich, liebe Mutter— und hier bin ich!“ „Und hier haſt Du die Surpriſe!“ verſetzte die Frei⸗ herrin, indem ſie mit einer ſchnellen Bewegung das Schnupftuch vom Tiſche hinwegzog, und ſo der Hand⸗ ſchuh und die Zeichnung ſichtbar wurden. Baron Max erröthete ſtark. Er hatte ſo viele Zeich⸗ nungen entworfen, daß er dieſe noch gar nicht vermißt hatte und glaubte, daß ſie im Portefeuille ruhte; und noch weniger hatte er in der Gemüthsſtimmung, in welcher er den Park von Oernwik verließ, an eine ſo unbedeutende Sache gedacht, wie ein Handſchuh doch iſt. „Lieber Max!“ begann die Freiherrin,„Du machſt, daß ick ſelbſt ſ daß m anſehen armen Vaters gen haf prahlen Mädche zu mein und Unf dieſes 4 es mit! ſtalt, nä gen, es betrachte Deiner Abſicht, Du kenn mir wer ſich ſelb konnte, meine S Ma ſelbe mel mir leid, meine U ſetzt hat arme C Tochter die für d für die „S und ich ſolche Ve Eine Na zurück⸗ reiherrin zu einem anhalten Geſpräch rin kreu⸗ hwanken⸗ och einen Zimmer oll tiefen ann Max, men Con⸗ ne Menge cherze und ſie beſſer ſe bereiten Art. Da und hier te die Frei⸗ egung das der Hand⸗ viele Zeich⸗ icht vermißt runa und in welcher Unbeveutende „Du machſt, daß ich mich nicht allein Deiner, ſondern auch meiner ſelbſt ſchäme! Um Dich von der Lächerlichkeit zu retten, daß man Dich für einen Mann von ganz legeren Sitten anſehen müßte, da Du ohne Rückſicht auf die Ehre dieſes armen Weſens mehr denn einmal in dem Parke ihres Vaters geweſen biſt, ſie abgezeichnet und dieſe Erinnerun⸗ gen haſt liegen laſſen, um mit Deinen Heldenthaten zu prahlen, bin ich genöthigt geweſen, vor der Mutter dieſes Mädchens, die ein Recht hatte, ungehalten zu ſein, mich zu meiner Schande herabzulaſſen, mich ihrer Einfältigkeit und Unwiſſenheit zu bedienen, um ſie hinſichtlich der Art dieſes Abenteuers hinter das Licht zu führen. Sie ſah es mit den Augen des Inſtinktes in ſeiner rechten Ge⸗ ſtalt, nämlich als einen Skandal. Ich habe ſie gezwun⸗ gen, es nicht als eine Galanterie gegen ihre Tochter zu betrachten, ſondern als eine artiſtiſche Liebhaberei von Deiner Seite, und ich habe ihr geſagt, Du hätteſt die Abſicht, ihr mit Evelyn's Portralte aufzuwarten. Mar! Du kennſt mich hinlänglich, um zu wiſſen, wie ſchwer es mir werden würde, den Kampf der einfältigen Närrin mit ſich ſelbſt anzuſehen, ehe ſie von dem Richtigen abgehen konnte, um mit dem Ausſehen von gutem Tone auf meine Seite zu treten!“ Max ergriff die Hand ſeiner Mutter und führte die⸗ ſelbe mehrmals ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen.„Es thut mir leid, unbeſchreiblich leid, meine liebe Mutter, daß meine Unbedachtſamkeit Dich in dieſe peinigende Lage ver⸗ ſetzt hat; und faſt noch mehr thut es mir leid, daß die arme Conſuli in, welche das Recht hat, die Chre ihrer Tochter zu ſchützen, auf eine Weiſe mißleitet worden iſt, die für die Zukuͤnft bei ihrem Mangel an Unterſcheidung für die ſchoͤne Evelyn ernſthafte Folgen haben kann.“ „Solche Geſenhungen machen Dir Ehre, mein Sohn; und ich geſtehe, ich wollte viel darum geben, wenn keine ſolche Verantwortlichkeit, wie Du ſelbſt andeuteteſt, auf mir Eine Nacht am Bullarſee. I. 10 146 ruhte. Indeſſen will ich es nun als meine Pflicht an⸗ ſehen, durch einen näheren Umgang mit der Familie ſo viel wie möglich auf die Hausmutter einzuwirken; und wenn ſie es erlaubt, ſo will ich nachdem Du gereiſ't biſt, Evelyn auf eine Zeitlang zu uns einladen. Dieſes junge Mädchen intereſſirt mich ſo ſehr, daß ſie es mir auf jeden Fall angenehm macht, wenn ich ihr durch meine Be⸗ mühungen nützlich werden kann.“ „Ohne Zweifel wäre das ein Werk der Barmherzig⸗ keit, denn ihre Seele leidet einen Schmerz, den ſie ſelbſt nicht kennt. Sie iſt ſehr unglücklich, ſehr bedauerns⸗ würdig.“. „Und tief bedauert?“ ſiel die Freiherrin ein.„Mar! willſt Du geſtehen, daß Du trotz der Ruhe, womit Du ſprichſt, für dieſes Mädchen eingenommen biſt?“ „Wie ſollte ich das läugnen wollen oder nur zu läug⸗ nen verſuchen! Doch iſt mein Gefühl für ſie, wie Du wohl einſehen wirſt, ganz gleich bedeutend mit der Ver⸗ ehrung, die ich irgend einem Meiſterwerke der Kunſt zolle, welches ich meiner Einbildung nicht tief genug einprägen kann.“ „Ich habe gegen Deine Erklaͤrung nur eine Einwen⸗ wendung zu machen. Hätteſt Du in dieſem wunderbaren Mädchen einzig und allein ein Meiſterwerk der Kunſt er⸗ blickt, ſo wäreſt Du wahrſcheinlich nimmermehr auf die Idee verfallen, Deine Promenaden mit dem Schleier des Geheimniſſes zu umhüllen. Da hätteſt Du nicht geſagt: „liebe Mutter! ich gehe heute auf die Jagd,“ ſondern ganz einfach:„ich verſchaffe mir Gelegenheit, die Antike in dem ſchönen Geſichte, den ſchönen Formen und den faſt eben ſo ſchönen Stellungen der Mademoiſelle Löwe zu ſtudiren.““ „Gegen dieſe Anmerkung, liebe Mutter, habe auch ich eine Einwendung zu machen,“ entgegnete Mar lächelnd. „Iſt es moͤglich, ein lebendiges Kunſtwerk zu ſtudiren, wie ein todtes? Eine kleine unſchuldige Myſtification ver⸗ werden Gehein ſelben fluſſes ſten Ue anlaſſen 22 geben, die Ver Löwe li einer C Tochte G einer G rufung die Fre dem S cht an⸗ nilie ſo n; und iſ't biſt, s junge znuf jeden ine Be⸗ mherzig⸗ ſie ſelbſt dauerns⸗ „Mar! omit Du zu läug⸗ wie Du der Ver⸗ unſt zolle, einprägen Einwen⸗ underbaren Kunſt er⸗ hr auf die chleier des ht geſagt: „“ ſondern die Antike en und den diſelle Löwe habe auch ar lächelnd. zu ſtudiren, fication ver⸗ 147 liiht ſelhſ dem gewöhnlichſten Genuſſe einen erhoͤhten eiz.“ „Ich laſſe es dahin geſtellt ſein, ob irgend etwas, das der Myſtification bedarf, als unſchuldig angeſehen werden kann; doch ſchon in dem Zugeſtändniſſe, daß das Geheimnißvolle in Deinen Promenaden den Genuß der⸗ ſelben erhoͤht, liegt ein vollkommenes Erkennen ihres Ein⸗ fluſſes auf Dein Gemüth.“ „Nun wohl, meine gute, geliebte Mutter! Iſt denn aber doch nicht alles die unſchuldigſte Sache von der Welt? Ich hielt mich immer wenigſtens zwanzig Schritte von der ſchoͤnen Veſta entfernt: nie habe ich mit ihr ge⸗ redet, nie den Verſuch gemacht, auch nur den allergering⸗ ſlen Uebergang zu einem romantiſchen Abenteuer zu ver⸗ anlaſſen.“ „Dagegen haben ſich andere Perſonen die Mühe ge⸗ geben, dieſes Abenteuer, zu welchem Du ſo leichtſinnig die Veranlaſſung gegeben haſt, zuſammen zu binden. Frau Löwe ließ ſich nicht ſehr zweideutige Winke entfallen von einer Genugthuung, die ganz proſaiſcher Natur war.“ „Vielleicht wollte ſie nichts weniger, als daß ich ihre Tochter heirathen ſollte?“ fragte Mar lebhaft. „Gewiß war ihre Einbildung auf etwas dergleichen gefallen. Ich glaube wohl, dieſes eitle Weib würde dem Vergnügen, ſagen zu können:„meine Tochter, die Frei⸗ herrin von G—,“ ohne Bedenken das Glück, ja das Leben dieſes bedauernswürdigen Kindes aufopfern.“ „Glaubſt Du denn, Mutter,“ entgegnete Mar in leiſem, verändertem Tone,„ſie würde mit mir um jede Art von Glück betrogen werden? Sollte wohl Frau Löwe nicht eine ſchlechtere Wahl treffen können?“ „Mar! wovon träumſt Du nun? Ich redete von einer Einbildung, und Du antworteſt mir mit einer Be⸗ rufung auf die Wirklichkeit. Bls jetzt, mein Sohn,“ fuhr die Freiherrin mit mütterlicher Zärtlichkeit fort, und gab dem Sohne ein Zeichen, neben ihr Platz zu nehmen,„bis 148 jetzt haſt Du Dich nicht aufgelegt gefühlt, eine Wahl zu treffen— laß mich nicht glauben oder, richtiger geſagt, fürchten, daß derjenige, der als Jüngling keine Thorheit begangen hat, es nun thun will, da er zu einem Manne herangereift iſt!“ „Gleichwohl habe ich es als eine wirkliche Wahrheit vernommen, daß dergleichen einmal im Leben eintreffen ſoll; doch glaube ich kaum, daß es jetzt in Frage kommen wird, denn ſo weit ich ſehen kann, wäre eine Hochzeit mit einem jungen, ſchönen und reichen Mädchen eben nicht die größte Thorheit, die ein unbemittelter Kammerjunker be⸗ gehen koͤnnte.“ „Es wäre ein Glück, das im höchſten Grade erſtrebt zu werden verdiente, ſofern nämlich die Braut noch mit drei Vorzügen begabt wäre, nämlich Bildung, Verſtand und guter Familie.“ „Dieſe Vorzüge aber ließen ſich wohl herausgleichen. Um mit der Bildung anzufangen, ſo würde es ohne Zwei⸗ fel ein eben ſo neues als reiches Vergnügen ſein, ſelbſt das Licht der Bildung in dieſer reinen und unſchuldigen Seele zu verbreiten. Ja, ich ſage, ſchon dieſes müßte ein Glück verleihen koͤnnen, das die gewöͤhnliche Liebe nicht einmal zu ahnen vermag. Was aber den Verſtand betrifft, ſo fehlt er gewiß nicht, deſſen bin ich ſo feſt überzeugt, daß ich meine, ſie habe mehr davon, als viele von dieſen Närrinnen, welche ſie belächeln würden, wenn ſie ſie dort ſitzen ſähen, die ſchönen, gedankenvollen Augen auf einen gewiſſen Gegenſtand gerichtet, in ihrer Seele nach der Löſung des Räthſels ſuchend, welches ſie jetzt noch nicht verſtehen kann, das ſie aber zu verſtehen ſtrebt und wohl dereinſt verſtehen wird. Und was endlich den Umſtand betrifft, daß ſie nicht von guter Familie iſt, was wir ohne Umſchweife mit ſeinem rechten Namen benennen koͤnnen, daß ſie nicht von adelichem Herkommen iſt: ſo wird der⸗ gleichen nie auf mich bei einer ſo wichtigen Frage, wie eintreff und iſt zu koͤn ſollte, tes Gl 8 ſeines daß er der M dieſes geblieb lichen, ponirer tragen eigentl ſchon g zahl zu geſagt, Thorheit Manne zahrheit intreffen kommen zeit mit nicht die nker be⸗ erſtrebt noch mit Verſtand gleichen. e Zwei⸗ 149 die Wahl meiner künftigen Lebensgefährtin am allerge⸗ ringſten einwirken.“ „Aber, mein lieber Mar!“ erwiederte die Freiherrin und verbarg eine kleine Unruhe in ihrer Stimme nicht, „ſage mir, warum wollen wir dieſen Gegenſtand ſo feier⸗ lich behandeln? Du haſt ſelbſt geſagt, daß Du in Evelyn Löwe nur ein Kunſtwerk bewunderſt und verehrſt; und da ich nicht weiß, daß man ſich mit dergleichen verheirathet, ſo glaube ich, wir laſſen es bei demjenigen beruhen, was ſchon geſagt iſt. Deine Ehre verbietet es Dir, die ge⸗ heimen Beſuche im Park noch ferner fortzuſetzen, und da⸗ mit hat der ganze kleine Roman ein Ende.“ „Meine liebe, beſte Mutter! Vielleicht endet er hier doch noch nicht; und ich würde glauben, nicht ganz recht zu handeln, wenn ich nicht jetzt, da wir einmal über die⸗ ſen Gegenſtand reden, geſtände, daß aus dieſem unbegreif⸗ lich tiefen Intereſſe, das mir die ſchöne, ſtumme Evelyn einflößt, eine Liebe entſtehen kann, die nach nichts Höherem ſtrebt, als derjenige zu werden, der ihr erſtes Gefühl weckt. Ich ſage nicht, daß dieſes eintreffen wird und eintreffen ſoll, aber ich ſage, daß es eintreffen kann; und iſt es einmal eingetroffen, und glaube ich ſie gewinnen zu koͤnnen, ſo ſehe wenigſtens ich nichts, das mich abhalten ſollte, für dasjenige zu arbeiten, das ich für mein groͤß⸗ tes Glück hielte.“ Die Freiherrin antwortete nicht. Es war während ſeines ganzen Lebens kaum zwei⸗ oder dreimal eingetroffen, daß er ſich ſo beſtimmt über etwas geäußert hatte, das der Mutter weniger angenehm geweſen war; war aber dieſes geſchehen, ſo war er auch feſt bei ſeiner Meinung geblieben. Im Allgemeinen ſchien er einer dieſer freund⸗ lichen, friedlichen Charaktere zu ſein, die ungerne op⸗ poniren, und lieber ſelbſt kleine Unannehmlichkeiten er⸗ tragen, als daß dieſe auf Perſonen übergehen, die ihnen eigentlich näher geweſen wären. Galt es dagegen, einen ſchon gefaßten Entſchluß durchzuſetzen, ſo ſagte Mar nie 150 Alles, was er zu thun gedachte, um denſelben ans Tages⸗ licht zu ſchaffen; ſondern er begnügte ſich damit, den Weg zu bahnen, bis er frei wurde, und fragte nie darnach, wie langſam es ging, wenn er nur das vorgeſteckte Ziel crreichte. Die Freiherrin kannte den Charakter ihres Sohnes aus dem Grunde; und obgleich ſie ſeine keimende Neigung zu Evelyn für eine ſo große Thorheit hielt, als je ein junger Mann zu begehen im Stande war, der ſein Glück bei einer Familie, die ſeiner eigenen anſtand, machen konnte, ſo hegte ſie dennoch ſo viel Achtung gegen dieſen Sohn, daß ſie nicht noch einmal von einer Thorheit redete, nachdem ſie ihn abgehoͤrt hatte. Nachdem ſie eine Weile geſchwiegen, ſagte ſte nur, indem ſie aufſtand, um ſich in das Beſuchzimmer zu begeben und durch das Fen⸗ ſter zu ſehen, ob ihr Mann nicht käme:„Dein Vater hat durch Frau Löwe einen Theil der Sache gehoͤrt— Dir liegt es nun ob, ſie zu erklären.“ „Ich erneuere ungerne dieſes Geſpräch,“ entgegnete Mar, deſſen Stirne ſich bei der Vorſtellung eines neuen Examens leicht runzelte;„doch von ganzem Herzen über⸗ laſſe ich es Dir, liebe Mutter, dem Vater Alles zu ſagen, was ich jetzt geäußert habe, doch mit dem ehrfurchtsvollen Zuſatze, daß ich wünſche, nicht weiter darüber befragt zu werden, bis ich etwas zu antworten weiß, und kommt eine ſolche Zeit, ſo werde ich der erſte ſein, der da redet.“ Bei dieſen Worten führte Max die Hand der Mutter an ſeine Lippen und verließ das Zimmer. Bei dem guten und vollkommen ehelichem Verhält⸗ niſſe, das zwiſchen der Freiherrin und ihrem Gatten ſtatt⸗ fand, dauerte es nicht viele Stunden, bis alles, was ſie durch das Geſpräch mit dem Sohne erfahren hatte, von ihrem Herzen auf ihre Lippen übergegangen war; und nachdem der Baron mit Aufmerkſamkeit zugehört hatte, war ſeine Antwort folgende: „Liebe Ebba! ſei darüber nicht unruhig: Marx iſt ein ru Unbed einer laß de dem gift, woller und u L Freihe Zimm und dachte einem mocht Tages⸗ en Weg arnach, kte Ziel Sohnes teigung s je ein n Glück machen n dieſen orheit ſie eine und, um as Fen⸗ ater hat — Dir itgegnete s neuen gen über⸗ zu ſagen, htsvollen efragt zu umt eine edet.“ r Mutter Verhält⸗ ten ſtatt⸗ was ſie atte, von ar; und atte, war Max iſt 151 ein ruhiger und vernünftiger junger Mann: er begeht keine Unbedachtſamkeit; und findei er ſein künftiges Glück mit einer Gattin, die weder reden noch antworten kann, ſo laß das ſeine Sache ſein. Vielleicht kann er ſie zu Bei⸗ dem vermögen; und erhält er dereinſt Oernwik als Mit⸗ gift, ſo hat er ſein Glück keinesweges verſchlafen. Wir wollen alſo die Sache ihren ruhigen Gang gehen laſſen, und uns um nichts bekümmern!“ Während dieſer Ueberlegungen in dem Kabinette der Freiherrin ſaß der Baron Mar gedankenvoll in ſeinem Zimmer. Er dachte an dasjenige, was eben zwiſchen ihm und ſeiner Mutter vorgefallen war; doch am meiſten dachte er an den Ausdruck in Evelyn's Antlitz, als ſie mit einem dieſer Blicke, die kein Menſch wieder zu geben ver⸗ mochte, fragte:„Ich? Bin ich glücklich 2“ Zweites Buch. Mutter und Sohn. Mit Angſt erwartet ſie Die Taubenpoſt des Herzens. Tegnér. von derur Früh gab. kleine iſt zu dies weſen 6 raſſelt des 2 ihre d kleiner 0 erſten ſogar ziehen womit ten, u G felhaft folgen gilbten die Lie zel, i hanger den Se ſie bei Eilftes Kapitel. Der Schnee iſt geſchmolzen auf den beeiſeten Ebenen von Halland, die Heide blüht, frei wirbelt der Sand wie⸗ derum über das flache Land. Es iſt Frühling, eben jener Frühling, der dem Gute Oernwik ſeine neuen Bewohner gab. Frau Hedwig von Carleborg ſitzt noch immer in ihrem kleinen Hauſe unter dem großen Hügel. Das Spinnrad iſt zwar in dieſem Augenblicke nicht im Gange, doch iſt dies in den letzten ſieben Wintern keinesweges träger ge⸗ weſen, als in allen vorhergehenden. Der Sommer iſt nahe, und ſtatt des Spinnrades raſſelt nun der Webeſtuhl von des Morgens um vier bis des Abends um acht Uhr; dann aber hält Frau Hedwig ihre Ruheſtunde unter zwei Hangelbirken, die auf ihrem kleinen Hofe getreulich ineinander gewachſen ſind. Dieſe Birken waren von ihr und Carleborg in den erſten Tagen ihrer glücklichen Ehe gepflanzt worden; und ſogar die ſcharfen Winde, welche über dieſe öden Ebenen ziehen, hatten Nachſicht gehabt mit dieſen Schößlingen, womit zwei Gatten ihre Liebe und ihre Treue ſymboliſir⸗ ten, und hatten dieſelben weder verheert noch verſtümmelt. In dem Jahre, da Carleborg dahin ging, ſah es zwei⸗ felhaft aus, ob nicht die von ihm gepflanzte Birke ihm folgen würde. Sie war erſchlafft und neigte ſich mit er⸗ gilbten Blättern und vertrockneten Zweigen zur Erde; doch die Liebesthränen der Frau Hedwig wäſſerten ihre Wur⸗ zel, ihre Hände banden die in träger Erſtarrung herab⸗ hangenden Zweige auf, ihre Blicke zählten mit Angſt je⸗ den Schößling, der ſein Haupt neigte, und ſchon ſchauderte ſie bei der faſt ſichern Vorſtellung, das Bild zu verlieren, 156 welches auf Erden die treueſte, die reinſte Liebe wieder⸗ gab, als plötzlich die Birke wiederum neue Schößlinge zu treiben und alle Zeichen eines zurückkehrenden Lebens zu geben begann. Jetzt ſank Frau Hedwig auf ihre Kniee und dankte in unſäglicher Rührung ihm, der ihr dieſe Freude gelaſ⸗ ſen hatte. So lange die beiden Birken grünten und bei einander ſtanden, ſo lange lebte noch das Glück, der Glaube und die Hoffnung in ihrem geduldigen und zu⸗ friedenen Herzen. Zwar wohnte immer ſeit dem Hingange ihres Gatten die eine Hälfte ihrer Seele im Himmel; doch darüber verlor nicht die Erde ihren Himmel, ſo lange ſie noch die heiligen Pflichten einer Mutter und dieſe beiden geliebten Birken beſaß, welche die Geſchichte einer Liebe bildeten, die in ſich ſelbſt Alles geweſen war. In dieſen ſtillen Augenblicken, die ſie hier verlebte, laß Frau Hedwig die Briefe immer von Neuem, welche ihr Juſtus von Zeit zu Zeit an ſie ſchrieb. Seit mehr denn drei Jahren hatte ſie aber keinen von dieſen hochfliegenden und bezaubernden Träumen mehr geträumt, welche ehemals der Zeit Flügel verliehen und das Spinnrad in eine ſo blitzesſchnelle Bewegung verſetzt hatten, als hätte der leichte Fuß eines Geiſtes daſſelbe berührt. Frau Hedwig hatte jetzt, anſtatt zu träumen, reflectiren und bisweilen grübeln gelernt. Die Zukunft ihres Juſtus war immer das Myſterium, in welchem ſie ſich eben ſo lebhaft und tief wie früher verirrte; doch die immer deutlichere Verſchiedenheit zwiſchen dem Traume und der Wirklichkeit zog oft leichte Wolken über Frau Hedwig's klare Stirne. Bald werden wir ſie ſelbſt über dieſen Gegenſtand, der ſich mit allen Fäden ihrer Seele verband, reden hören. Es war eine herrlich ſchöne Maiſtunde, einer von die⸗ ſen lieblichen Abenden, welche an der Grenze des Juni den Uebergang von dem Frühling in den Sommer an⸗ kündig ten ih auf d nen T an we 6 Geſich vollkor die al um ſie der fr und il der ka über d ter ihr goſſen Hügel, frieden Grashe digte. cher di die Be eindran ſchlagen ſchen d Seite wieder⸗ inge zu bens zu dankte e gelaſ⸗ und bei ck, der und zu⸗ dingange Himmel; mel, ſo tter und Heſchichte geweſen verlebte, , welche von die⸗ des Juni mmer an⸗ 157 kündigen. Das Heidekraut und das junge Laub vereinig⸗ ten ihren Duft: ein leichter Staubregen hatte das Gras auf dem Scheitel des Hügels erfriſcht, und vor der grü⸗ nen Bank unter dem Birkengewoͤlbe ſtand ein kleiner Tiſch, an welchem Monika beſchäftigt war. Es iſt ein wohlthuendes Gefühl, in ein menſchliches Geſicht zu blicken, welches mit der umgebenden Natur in vollkommener Harmonie ſteht. Dieſe Harmonie bildete die alte, treufeſte Monikäa. Arm wie dies öde Gemälde um ſie her, hatte ſie dennoch ihre Lichtpunkte. So wie der freundliche Sonnenſtrahl die beiden Birken beleuchtete und ihnen eine Friſche verlieh, die merklich abſtach von der kalten Landſchaft, ſo leuchteten auch Monika's Augen über die einfachen ländlichen Zurüſtungen, welche ſie un⸗ ter ihren Händen hatte. Ihr gutes, reines Weſen, um⸗ goſſen von einem innigen Frieden, repräſentirte den alten Hügel, welcher ehrfurchtgebietend in ſeiner Armuth, ſo zu⸗ frieden daſtand mit ſeinen kleinen, dünnen, mattgrünenden Grashalmen, und Zufriedenheit mit dem Geringen pre⸗ digte. Und Monika's Herz war der Friedensengel, wel⸗ cher die fächelnde Palme über dieſen Ort hielt, in welchen die Bekümmerniſſe dieſer Erde eben ſo gut wie anderswo eindrangen, wo ſie aber nicht bleibenden Wohnſitz auf⸗ ſchlagen durften, ſo lange der Engel mit der Palme zwi⸗ ſchen dem Hügel und der weiten Ebene auf der andern Seite ſchwebte. Doch die liebliche, milde Heideblume, die arme Toch⸗ ter der Wüſte, die liebevoll von ihrer Schoͤnheit den wil⸗ den Ebenen mittheilte, das war Frau Hedwig, die in die⸗ ſer Wüſte ihre Jugend und ihre Schoͤnheit begraben hatte, um ſich ausſchließlich dem höchſten und heiligſten Berufe der Erde, dem Berufe einer Gattin und einer Mutter, zu widmen..... Bald ſtand die edle Frau an der Seite ihrer treuen Monika. Dieſe hatte nicht ſehr gealtert— ihr leichter Sinn gab dem Alter keine Zeit, ſich bei ihr einheimiſch zu 158 machen— doch auf der feinen Wange der Frau Hedwig lag ein von ſeiner Hand gezeichneter kleiner Schatten, und auf ihrer weißen Stirn hatten ſich einige feine Falten ge⸗ bildet. Vlelleicht aber war es doch nicht das Alter, wel⸗ ber ſoſelben angelegt hatte: Frau Hedwig war nicht o alt. „So, liebe Frau! nun wollen wir zufrieden ſein mit unſerem Looſe und uns nicht vor der Zeit ängſtigen! Hat es nicht oft genug weit länger gedauert, ehe ein Brief kam— ja, das hat es!— und ehe wir's uns verſahen, ſo war er daz und wenn ich mich nun recht beſinne, ſo iſt noch gar nicht ſo ſchrecklich lange her, ſeitdem wir einen Brief hatten!“ „Nein, Monika, das iſt wohl wahr; doch aus dieſem Briefe habe ich geahnt, was kommen wird, wo nicht in dem nächſten, ſo doch in dem darauf folgenden.“ „So laſſen Sie es kommen! Wer iſt wohl im Stande, alles das auszuſpüren und zu erforſchen, was ſich in dem Kopfe eines jungen Menſchen hin⸗ und herbewegt? Herr Juſtus iſt nun ein für allemal nicht ſo wie andere Leute.“ „Nein,“ ſeufzte Frau Hedwig, ver iſt nicht wie an⸗ dere Leute!“ „Weil er beſſer iſt als andere Leute!“ ſiel Monika tröſtend und beruhigend ein.„Wer ſchützte den Armen ſo wie er? wer hatte in ſeinen jungen Tagen ein ſolches Herz? wer hat eine ſolche Stimme zum Reden wie er? Der Kranke könnte geſund werden, wenn er ihn hört; und wenn er ſingt, ſo beugen ſich ſogar die Kobolde im Hü⸗ gel und fangen an ihm nachzuſingen. Ich ſage, ich, ob⸗ gleich der Sinn des Herrn Juſtus in viele Häfen ſteuert, ſo darf dennoch Niemand verzweifeln, daß er zuletzt den rechten erreicht!“ „Gebe Gott, Du hätteſt Recht, Monikal gebe Gott, ich koͤnnte Deinen einfachen und glücklichen Glauben thei⸗ len! Früher war ich ſtets vergnügt: jetzt will ich grü⸗ beln— und doch; welche Mutter iſt wohl ſo geliebt wor⸗ den w der ar hieher 7 welche dennos gnädit ich ihn dem der S nahe gleich ſagt' e wecken ſchwar ſagt' glaubſ hinein! bis in dedwig n, und en ge⸗ , wel⸗ nicht ein mit u! Hat n Brief erſahen, ne, ſo dem wir 3 dieſem nicht in Stande, in dem liebt wor⸗ 159 den wie ich! Um meinetwillen, um mich zu ſehen, ging der arme Junge zu Fuß den langen Weg von Upſala bis hieher.“ „Und obgleich das erſt zwei Jahre her iſt— und welcher Sohn thut ihm das nach?— ſo können Sie dennoch ſolche traurigen Gedanken hegen? Herr Gott, gnädige Fraul ich vergeſſe es in meinem Leben nicht, als ich ihn in dem kleinen grünen Jagdrocke mit dem Ranzen auf dem Rücken und dem großen Stock in der Hand dort bei der Scheune ankommen ſah! Ich wäre vor Freuden bei⸗ nahe umgefallen, doch er ließ mir keine Zeit dazu, denn gleich war er da und umarmte mich altes Weib. Monika,“ ſagt' er— und das mit accurat dieſer Stimme,„die mich wecken könnte, wenn ich in meinem Grabe läge mit der ſchwarzen Erde vier Ellen hoch über mir,— Monika,“ ſagt' er,„Gott ſegne Dich, alte, gute, liebe Monika! glaubſt Du, Mutter erſchrickt allzu ſehr, wenn ich gleich hineinlaufe?“— Ach, liebe Frau! Sie hörten die Stimme bis in das innerſte Zimmer hinein; man brauchte Sie nicht weiter zu fragen— und war das nicht ein Zuſam⸗ mentreffen, das die Engel im Himmel mit guter Luſt hätten anſehen können?“ Die Thräne, welche an Frau Hedwig's Wange leiſe hinabſchlich, war ihre einzige Antwort. „So trinken Sie nun Thee und geben Sie den armen Blumen auf dem Beete einen freundlichen Blick— ſie ſollen wohl auch etwas haben, da ſie ſich die Mühe geben, hier mitten in der Heide zu wachſen! Ich denke, man muß ſchönere, einfache Narciſſen weit ſuchen; ſie ſind wohl ſo prächtig, wie man ſie je ſehen kann, beinahe ſo wie unſere doppelten.“ „Und Du, Monika, Du haſt ſie aufgezogen! Du denkſt immer an alle mögliche Freude für mich!“ „Gott tröſte uns vor Freude, die ich erdenken kann! Es iſt wohl unſer Herrgott, der uns das Gute ſchickt, und wir Armen ſammeln nur die Körner auf, welche er 160 ausſtreut.. Aber was iſt das für eine geoße Staub⸗ wolke, die ſich dort auf der Heide erhebt 2... Nun, nun! dereinſt kommt wohl auch Herr Juſtus mit Pferden und Wagen und Kutſcher und Lakeien den Weg daher gefahren und hält hier ſtill und fragt nach der alten Monika— bloß nach der alten Monika— denn ſehen Sie, gnädige Frau! Sie ſind da ſchon zu Herrn Juſtus gezogen und leben und regieren in Liebe und Herrlichkeit; Monlka aber liebt dieſen Erdfleck und will bis an ihren Tod darauf bleiben.“ „Wir werden ſchon hier bei einander bleiben müſſen, liebe Monika!“ fiel Frau Hedwig ein.„Doch ſonſt habe ich noch nie gehoͤrt, daß Du ſolche eitle Träume gehabt haſt, als womit ich mich wohl bisweilen unterhalten habe.“ „Iſt es mir denn nicht erlaubt, ebenfalls ein wenig eitel zu ſein? Ich ſage ja damit noch nicht, daß es geſchieht, oder daß es ein Glück wäre, wenn es geſchähe; denn wer weiß, welchen Nutzen ein ſolches Glück für Herrn Juſtus haben würde; aber man kann ja wie die Kinder ſich bisweilen mit Kartenhäuſern unterhalten: ſie nehmen keinen Schaden, wenn ſie einſtürzen.“ „Das wohl nicht, Monika; doch ſiehſt Du, wenn wir lange gebaut haben, ſo ermüden wir endlich und ſind traurig, weil ſie nie ſtehen wollen— es wäre beſſer gar keine Kartenhäuſer zu bauen.“ „Nun ſo laſſen wir das Spiel ruhen! Jetzt aber wollen wir nur zuſehen, was die Wolke, welche mir immer vor Augen ſteht, bedeuten mag. Es iſt mir immer ſo, als ob ſie uns anginge.“ „Liebe Monika! nichts als ein Kartenhaus!“ „Vielleicht, vielleicht! Doch ich habe meinen Glauben für mich, und bald werden wir ſehen, was er taugt!... Ahal was ſagt' ich? Jetzt kommt die Wolke auf uns zu! Herr Juſtus kann es nicht ſein; aber es gibt ja noch Einen, der dies kleine Haus ſein elterliches nannte; und ich b Juſtu ner ſ ſpäter ſohnes Hauſe condit hin al mütter anzule liebſten L ſchöner das G die Gr. vollen Geſund grauen drückten Humor lichen 6 weil be als die Eine 9 161 Staub⸗ und ich ſage kein Wort mehr, als wofür ich einſtehe, wenn Nun, ich behaupte, daß Herr Leonard kommt.“ 3 4„Gebe Gott, Du hätteſt Recht, Monikal Nächſt Pſoayr Puins gibt es kein Weſen auf Erden, das hier willkomm⸗ 5 ner ſein kann.“ 11 ſchen Und Monika hatte Recht; denn einige Minuten ſehan ſpäter war Frau Hedwig von den Armen ihres Stief⸗ nichkeit; ſohnes umſchlungen. 4 4 ihren Seit mehr denn drei Jahren war Leonard nicht zu 43 Hauſe geweſen. Beinahe ſieben Jahre lang hatte er nun müſſen conditionirt, und zwar zuerſt als Buchhalter und ſpäter⸗ uſt habe hin als Bruksverwalter*); jetzt war er entſchloſſen, ſein mſt h bt mütterliches Erbtheil bald in einem eigenen kleinen Gute 4 geha 4 anzulegen, und ſich unabhängig ſeiner angenehmſten und 3 habe. liebſten Beſchäftigung, dem Landbau, zu widmen. in weng Leonard war ſeit der Zeit, da wir ihn ſahen, nicht ab es ſchöner geworden; doch trug ſein Geſicht jetzt deutlicher Kichihe das Gepräge der Tüchtigkeit und Gemüthsruhe, welche wi 3 die Grundzüge ſeines Charakters bildeten. Seine kraft⸗ wie 2 vollen, feſten Glieder ſprachen in jeder Proportion von ilten: ſie Geſundheit und jugendlicher Stärke. Aus ſeinen großen grauen Augen blitzte nie ein Fünkchen von Genie, doch du, enn drückten ſie ſehr oft ein jovialiſches Vergnügen und dieſen un ſind Humor des Herzens aus, der keines Zuſatzes von glück⸗ eſſer gar lichen Einfällen bedarf, um uns ein Lächeln zu entlocken, traber weil bei einem wahren Humor die Lippen weniger lächeln, 35 er als die Seele. *) Brukliſt ein Hüttenwerk auf dem Lande, mit welchem gewöhnlich Landwirthſchaft verbunden iſt. Der Aus⸗ Glauben druck iſt unüberſetzt geblieben, weil der Beſitzer eines gt!... ſolchen den Titel„Brukspatron“ führt, und hier auf uns Leonard„Bruksverwalter“ genannt wird, was in ibt ja deutſcher Ueberſetzung ſich nicht gut ausnehmen würde. 9 Anm. d. Ueb. annte; 3 nannte; Eine Nacht am Bullarſee. I. 11 162 „Ach, mein guter vortrefflicher, artiger Junge! welche herzliche Freude, Dich ſo geſund und munter zu ſehen!“ ſagte Frau Hedwig, als die erſte Begrüßung und das Theetrinken beendigt waren.„Du ſiehſt gerade ſo aus wie ein glücklicher Menſch, mein Leonard!“ „Ja du guter Gott, liebe Mutter! es iſt ſchön, wenn jeder Menſch darnach ausſieht, was er iſt.... Nun,„ alte Monika, Du ſiehſt ja ſo aus, als koͤnnteſt Du auf meiner Hochzeit tanzen!“ „Hochzeit?“ wiederholte Monika und ſpitzte die Ohren.„Sollten Sie, Herr Leonard— Gott ſegne Sie! Sie ſind immer ein guter und reeller Herr geweſen — ſollten Sie ſchon daran denken?“ „Darauf kannſt Du Dich verlaſſen, Monika, daß ich ſchon ein paar Jahre daran gedacht habe; doch iſt es noch nicht weiter damit gekommen, als bis an die Gedanken; doch wie es nun iſt, ſo muß ich wohl hinaus und mir die Toͤchter des Landes beſehen. Denn will man ſeinen eigenen Herd haben, ſo gehöoͤrt dazu auch eine Frau, die Einem arbeiten hilft— nicht wahr, liebe Mutter?“ „Ja mein Leonard! Einem Jüngling mit Deinem Charakter empfehle ich die Ehe, da Du doch Dein eigner Herr werden willſt; wäreſt Du aber nicht ſo geſetzt, ſo würde ich ſagen, warte bis Du älter wirſt!“ „Ich glaube wirklich kaum, daß das Alter mich geſetzter macht; und habe ich erſt eine kleine Freundin, die kochen und backen kann wie Monika, und die ein ſo guter Geiſt im Hauſe wird, wie Du, Mutter, ſo laufe ich ihr nicht mit dem Herzen davon.“ „Aber Du verlangſt von ihr doch wohl auch etwas mehr, mein Leonard? Du willſt wohl auch eine Geſell⸗ ſchafterin an ihr haben? Eine Ehe würde höchſt lang⸗ weilig werden— meinſt Du das nicht auch?— wenn man weiter nichts thäte, als nur kochen und backen und e! welche mſehen!“ und das de ſo aus bön, wenn .. Nun, t Du auf ſpitzte die Bott ſegne er geweſen nika, daß ; doch iſt bis an die vohl hinaus Denn will dazu auch vahr, liebe nit Deinem Dein eigner geſetzt, ſo Alter mich e Freundin, d die ein ſo ſo laufe ich auch etwas eine Geſell⸗ höchſt lang⸗ 2— wenn nnd backen und „ 163 das Haus hüten. Etwas Höheres mußt Du wohl auch mit in das häusliche Glück hineinziehen?“ „Nun meinethalben, liebe Mutter; doch ja nicht all⸗ zuviel von der Art, ſofern es mit dem Uebrigen recht gut gehen ſoll. Verſteht ſich: Liebe muß da ſein, ſo ein wenig zum Hausbedarf; doch Gott bewahre uns vor aller hochtrabenden Liebe! Ich will eine junge, frohe, gute, hübſche und arbeitſame Frau haben— reich braucht ſie nicht zu ſein.“ „Mit ſo vielen Tugenden, wie Du forderſt, mußt Du natürlich auch etwas nachſchenken; und es freut mich, daß Du am liebſten den Reichthum entbehren willſt.“ „Ja, liebe Mutter; doch dazu habe ich meine trifti⸗ gen Gründe! Wäre ich ſelbſt reich, ſo glaube ich, ich würde kein armes Mädchen haben wollen; da ich aber nur mit genauer Noth ſo viel habe, daß ich geborgen ſein kann, ſo verlohnt es ſich der Mühe nicht, eine Frau zu ſuchen, von welcher ich zu hoͤren bekommen könnte, daß ich meinen Wohlſtand durch ſie erhalten habe. Gleich und Gleich geſellt ſich gern: haben wir Beide ein wenig, ſo helfen wir uns; und hat ſie nichts, ich aber etwas, ſo wird ſie mit ihren fleißigen Händen erſetzen, was da fehlt. Will die Frau in ihrem Kreiſe thätig ſein ſo wie der Mann in dem ſeinigen, ſo kann das Geringe Wohlſtand werden, und das bald genug.“ „Und wenn man nun zu Wohlſtand gekommen iſt? fiel Frau Hedwig lächelnd ein. „Dann kann man dabei ſtehen bleiben und ſich nach einigen Beluſtigungen und Bequemlichkeiten umſehen, die man bisher nicht gehabt hat, und dann kann man etwas thun für ſolche, welche unaufhörlich arbeiten, ohne daß es vorwärts gehen will.— Doch liebe Mutter,“ unter⸗ brach er ſich in vertraulichem Tone, denn Monika war jetzt hineingegangen, um in Uebereinſtimmung mit dem Rathe ihres eigenen Verſtandes eine etwas feſtere Mahlzeit an⸗ zurichten—„was macht Juſtus, dar Schlaukopf? Ich 164 habe ihm öͤfter geſchrieben und ihn tüchtig ausgeſcholten, doch er beliebt mir gar nicht zu antworten. Reist er im Herbſte hinauf und macht ſein Hofgerichtseramen?“ Frau Hedwig antwortete mit einem leichten Seufzer und einem leiſen:„Gott allein weiß es!“ „Das wäre denn doch wohl der Henker, wenn er auch jetzt keinen Ernſt davon machen ſollte! Ich glaubte wahrhaftig etwas ganz Anderes, da er zuerſt nach Upſala fuhr. Das iſt nun ſchon über fünf Jahre her, und noch hat er keine Lebensbahn gewählt. Doch habe ich gehöͤrt, er hätte ſehr ehrenvolle Zeugniſſe gehabt, ſowohl da er Magiſter wurde, als auch in den Prüfungen, denen er ſich unterzog, als er ſich auf die Medizin geworfen hatte.“ „Er hat Glück gehabt in allen ſeinen Verſuchen; wäre er bei der Mathematik geblieben, die ein halbes Jahr lang ſein Steckenpferd war, und nachher in das topographiſche Corps oder das Landmeſſungs⸗Comptoir getreten, ſo hätte ich in meinem Vetter H— einen Gön⸗ ner gehabt, der ihm dort einen ſichern Platz geſchafft haben würde; ja er hatte ſchon verſprochen, alles für Ju⸗ ſtus zu thun. Doch wie Du weißt, warf Juſtus ſich nun auf die Bergbaukunde, die wiederum in ihrer Ordnung der Jurisprudenz Platz machen mußte. Doch wenn ich mich nicht allzu ſehr täuſche— und leider hat die Ge⸗ wohnheit an dieſe Umſattelungen mich gelehrt, ſie ſchon lange vorher zu ahnen— ſo erhalte ich bald einen Brief, der mir anzeigt, daß er ſich noch einmal hinſichtlich ſeines Berufes getäuſcht hat.“ „Aber, großer Gott! das iſt ja ganz ſchrecklich, voll⸗ kommen raſend! Liebe Mutter! haſt Du ihm nicht recht ernſthaft ſeine verrückte Flüchtigkeit vorgehalten?“ „Ganz gewiß, mein Sohn, ſowohl mit Strenge, als auch mit Sanftmuth; doch Du weißt ſelbſt, ob irgend eine Macht ihn zurückhält, wenn er das Bedürfniß fühlt, ſich in einen neuen fieberhaften Zuſtand zu werfen. Sein Geiſt iſt ſo lebhaft, ſeine Seele ſo unermeßlich durſtig, daß von Bef ſich Beſ Sch niß aus Kop wied blick⸗ daß vielle in d. auf halte wenn ſuche anle ſtand mit ſo w werd unrul einen die i zu be und von und ſcholten, t er im 2 Seufzer wenn er glaubte )Upſala ind noch gehoͤrt, hl da er denen er hatte.“ erſuchen; n halbes in das Lomptoir nen Gön⸗ geſchafft für Ju⸗ ſich nun ſie ſchon en Brief, ſich ſeines lich, voll⸗ lenge, als ob irgend niß fuͤhlt, en. Sein durſtig, 165 daß ſie ſich nie ſatt trinken kann, und ſein Charakter iſt von der Beſchaffenheit, daß er ihn nie in dem ruhigen Beſitze der erworbenen Kenntniſſe läͤßt.“ „Und mit dieſem Durſt nach Kenntniſſen erwirbt er ſich dennoch nicht ſo viele Kenntniſſe, daß er ſich mit Beſtimmtheit auf etwas Beſonderes legen kann! Es iſt Schade und Sünde, ſo daß ich vor Aerger und Betrüb⸗ niß weinen muß, well er mit einem ſolchen Kopfe nicht aus der Stelle kommen kunn!“ „Ich hoffe gleichwohl zu Gott, daß dieſer unruhige Kopf, dieſes unruhige Herz dereinſt den verlornen Weg wiederfinden wird. Vielleicht hat er ihn in dieſem Augen⸗ blicke ſchon gefunden, vielleicht iſt es nur eine Einbildung, daß ich eine neue Veränderung in ſeinen Anſichten ahne: vielleicht beendet er, wie geſagt, ſeinen juridiſchen Curſus in dieſem Herbſte und reist hinauf nach Stockholm. Auch auf dieſem Wege, wenn er nur Kraft genug hat auszu⸗ halten, werden ihm, wie ich hoffe, keine Goͤnner fehlen, wenn er ſie nur nicht von ſich hinweg ſtoͤßt.“ „Ja, doch eben das fürchte ich. Wenn Andre Gönner ſuchen und wünſchen, ſo will er ſich ſeinen eignen Weg anlegen; doch peue Wege anzulegen koſtet Geld, und Ver⸗ ſtand und Beharrlichkeit gehört ebenfalls dazu. Wenn er mit den Pfunden wucherte, die Gott ihm verliehen hat, ſo würde er ganz gewiß weit gehen— was er aber nun werden wird, das weiß nur Gott.“ „Lieber Leonard, dieſer Zweifelmuth ſchmerzt und be⸗ unruhigt mich! Du darfſt nicht vergeſſen, daß Du mit einem armen ſchwachen Weibe, mit einer Mutter redeſt, die ihrer ganzen Kraft bedarf, um ſich bei ihrer Arbeit zu beruhigen und zu tröſten.“ „Ach, meine gute, geliebte Mutter! wie gedankenlos und dumm ſchwatze ich hier! Glaube mir: es kam nicht von Herzen. Du weißt, ich kann meine Worte nicht fein und gut zuſammenlegen; Gott aber weiß, daß ich's 166 nicht boͤſe meine. Ich ſchwatzte in den Wind; ich ließ mich hinreißen von einem blinden Verdruſſe, der ſich vielleicht nur davon herſchreibt, daß ich Juſtus nicht zu beurtheilen verſtehe. Ich wollte wünſchen, daß ich es könnte— doch was er zu viel hat, das habe ich zu wenig.“ „Dank, mein Sohn! Ich verſtehe Dich ſehr gut; Du brauchſt Dich nicht zu entſchuldigen; doch, ſiehſt Du, es that mir weh, daß Du Juſius jetzt vielleicht weniger liebteſt als ſonſt.“ „Ich ihn weniger lieben? Ich verlange nichts beſſeres, als daß er eine Probe forderte, wie ſehr ich ihn liebe. Ich ſage nicht zu viel, wenn ich behaupte, ich wollte ihm herzlich gerne mein ganzes kleines mütterliches Erbtheil abtreten, wenn er es nur annehmen wollte. Er wird nie die Armuth ertragen lernen; ich dagegen würde mich ohne einen Pfennig mit meinen geſunden Armen wieder empor arbeiten. Glaubſt Du nicht, Mutter, daß dieß meine Herzensmeinung iſt?“ „Ich glaube jedes Wort aus Deinem Munde, mein Sohn! Du beſitzeſt dieſe Einfachheit in Worten, Ge⸗ danken und Schluͤſſen, an der niemand irre wird. Mit Juſtus dagegen iſt es ein Unglück, daß er ſeine Worte oft in ſolche Formen fügt, daß man den Sinn ſuchen muß, ohne ihn immer zu finden. Er mißbraucht die Gabe der Rede, er mißbraucht ſogar das ſchoͤne Organ, das unſer Herr ihm verliehen hat, um diejenigen Herzen einzuſchläfern, welche er gewinnen will. Ach, wie fürchte ich für ſeine Zukunft!“ „Und ſo habe denn ich, der ich, das weiß Gott, in keiner andern Abſicht kam, als um meine geliebte Mutter zu erfreuen und aufzuheitern, ſtatt deſſen durch mein unglückſeliges Geſchwätz die Unruhe nur vermehrt! das kann ich mir nie verzeihen; das wird mir die angenehmen Tage verbittern, die ich in dem kleinen theuren elterlichen Hauſe verleben wollte.“ 3 167 „Du haſt nichts hervorgerufen, was nicht ſchon da war; und ich bin überzeugt, daß dieſe Tage, ſo lange ich Dich behalten darf, für uns wahre Freudentage werden.“ Leonard beugte ſich tief hinab auf die Hand der geliebten und geehrten Stiefmutter.„Gib mir heute Abend einige von Juſtus Briefen mit in mein Zimmer 12 bat er freundlich.„Laß mich dieſelben in der Einſamkeit mit mir ſelbſt prüfen!“ „Herzlich gerne, mein Kind! Ich will Dir hervor⸗ ſuchen was er ſchrieb, als er die Medizin fahren ließ, und was er im folgenden Jahre ſchrieb, als er die Bergbau⸗ kunde übergab, um ein praktiſcher Juriſt zu werden; und Du wirſt aus dieſen Briefen erſehen, daß wenigſtens eine ſtärkere Macht dazu gehört, als die meinige, um auf ihn einzuwirken.“ Nachdem Frau Hedwig dieſe Worte geäußert hatte, ſtand ſie auf, nahm den Arm ihres Sohnes und ging mit ihm einigemal auf und ab. Nun fiel die Rede auf Leonard's beabſichtigten Gutshandel und ſeinen warm aus⸗ geſprochenen Wunſch, daß ſeine gute Mutter dann zu ihm ziehen möchte. Doch Frau Hedwig ſchlug liebevoll dieſe ſchöne Bitte ſeines Herzens ab: ſie mußte allein ſein, um ſtets fur Ihn arbeiten zu können, der ihre ganze Seele erfuͤllte. 8 Als Mutter und Soöhn ſich am Abende trennten, erhielt Leonard die beiden verſprochenen Briefe, welche wir im nächſten Kapitel mittheilen. * 168 Zwülftes Kapitel. „Meine innigſt geliebte Mutter! Als ich noch ein Kind war— warum iſt dieſe Zeit mit ihrem himmliſchen Schlummer voller Hoffnung und Verlangen verſchwunden? warum koͤnnen wir uns nicht immer mit dieſen kleinen Wünſchen begnügen, die damals ſo leicht befriedigt wurden? Warum? Nur ein Thor fragt ſo: ich könnte eben ſo gut fragen: warum wurde ich ſo geboren? Keine Antwort wird erfolgen weder auf die eine noch auf die andere Frage. Wir leben und athmen in Räthſeln... wir ſelbſt ſind Räthſel. Als ich noch ein Kind war, ſo hatte ich bisweilen ein mächtiges Verlangen, Gras, Blumen, Früchte, ja ſogar Inſekten zu zerreißen, obgleich ich dabei über meine eigene Bosheit weinen konnte. Ich wollte hineindringen in ihr innerſtes Leben, ich wollte ſehen, wie ſie geſchaffen wären; ich wollte ihr Räthſel wiſſen, und ich erfuhr— nichts. Die Jahre kamen und gingen; meine Sehnſucht wurde niemals geſtillt; doch wußte ich nicht, wornach ich mich ſehnte, und ich warf mich willenlos von dem Einen auf ein Anderes, in der Hoffnung, das Ziel gefunden zu haben, welches meine Seele füllen ſollte. In einem Anfalle dieſer inwohnenden Krankheit, die wir Milzſucht nennen, in dieſem Ueberreiz der Sinne, welche die Seele in eine Nußſchale zwängt, wo ſie ſich ohne den mindeſten Erfolg anſtrengt und abmüht heraus⸗ zukommen, in dieſer Zeit, die, der Himmel ſei gelobt! nun überſtanden iſt, verſtel ich auf die wahnſinnige Idee, daß das Studium der Medizin mir alle Schleuſen öffnen würde, durch welche mein Geiſt zu kommen ſich ſehnte. Jetzt nicht ( dieſes men i nur digen C wenn verſcht iſt, do ſenſche Zeit, 4 von al Haus foͤrmig zwunge Fragen Forſch mir de nicht d lage — Da mir ern ſo iſt e J. Mutter mein C Wünſch an denn arbeiten meine zärtlichf zinnuch Do ieſe Zeit ung und ans nicht damals hor fragt de ich ſo die eine thmen in 169 Jetzt habe ich viele von dieſen Schleuſen geoͤffnet— doch nicht bin ich gekommen, wohin ich zu kommen wünſchte. Es ekelt mir, den menſchlichen Körper zu diſſeciren— dieſes Uhrgehäuſe, welches, da das Uhrwerk herausgenom⸗ men iſt, der Forſchung zwar ein weites Feld, aber doch nur wenig oder gar nichts gewährt, das dieſelbe befrie⸗ digen kann. Ich moͤchte vor Verzweiflung wahnſinnig werden, wenn ich den Nutzen der koſtbaren Zeit bedenke, die ich verſchwendet habe... Doch alles, was bisher geſchehen iſt, darf ich nicht bereuen: es iſt das Studium der Wiſ⸗ ſenſchaft geweſen; aber ich ſchaudere und zittere vor der Zeit, die da kommen wird, wenn ich fortfahre. Tauge ich wohl dazu, die Zeit mit der toͤdtendſten von allen Beſchäftigungen hinzubringen: ſtundenlang von Haus zu Haus zu gehen, um ungefähr die gleichen ein⸗ foͤrmigen Fragen zu widerholen, während ich ſelbſt ge⸗ zwungen bin, jedem, der mir begegnet, tauſend einfoͤrmige Fragen zu beantworten? Nachtwachen bei der Lampe der Forſchung ſind nicht im Stande, die Pein zu erſetzen, die mir der Tag bringen würde. Augenſcheinlich tauge ich nicht dazu, Arzt ex professo zu werden; und darum— lage nicht, betrübe Dich nicht, theure, geliebte Mutter! — Darum begnüge ich mich mit den Einſichten, die ich mir erworben habe. Kann ich der Menſchheit damit nutzen, ſo iſt es gut; doch hier ſtehe ich ſtille. Ich ſehe Deinen betrübten Blick, meine gute, geliebte Mutter; dieſer Blick dringt in mein Herz, er dringt in mein Gewiſſen und ſagt mir, daß ich die brennendſten Wünſche meiner Seele den Deinigen opfern muß. Wohl⸗ an denn: befiehl, und ich werde dieſer für das Tagelohn arbeitende Sklave! Ich werde dabei leiden; aber es iſt meine Pflicht, die Wünſche der verehrungswürdigſten, der hinenchſten⸗ der aufopferndſten unter allen Müttern zu er⸗ üllen. Doch was ſage ich: hegte wohl je dieſe geliebte Mut⸗ 170 ter andere Wuͤnſche, als., die mit meinem Glücke übereinſtimmten? Wollte ſie wohl jemals meinem freien Willen das drückende Band eines Befehles auferlegen? O vergieb, gute, gute Mutter, daß ich ſo denken konnte! ... Vergieb mir, und höre, was jetzt in mir lebt!“ Ich erwähnte im Anfange meines Briefes das Ver⸗ langen, welches ich früh empfand, alles zu unterſuchen. Nachdem ich in dem menſchlichen Koͤrper geforſcht habe, und dieſer nichts unerforſchtes mehr für mich hat, will ich eindringen in die Eingeweide der Gebirge. Sie ſind nicht ſo leicht durchſucht: unzählige und unſägliche Mühen werden mir begegnen; doch eben dieſe Mühen und Schwie⸗ rigkeiten liebe ich; mit ihnen wünſche ich zu kämpfen und ſienendlich zu beſiegen. Nurzſo lange, als ich einen Kampf zu beſtehen habe, bin ich glücklich. So lange der Kampf dauert, ſind alle meine Nexpen geſpannt; kaum iſt be, ſo ſinken ſie „erſchlafft Aiſammen. Mache mir keine Vorwürfe darüber, geliebte Mutter! Iſces die Schuld des Windes, daß er mit Allem in der Natur ringen will? Iſt es die Schuld der Natur, daß ſſie in erſterbenden Tönen ihren Schmerz ausklagen muß, wenn eine mächtigere Kraft ihr beftehlt, ſich in Ruhe zu begeben und zu erſtarren? So laß mich denn gehen und mir einen Namen er⸗ werben unter den Männern, die ihr Leben der Bergbau⸗ lhs gewidmet haben; laß mich gehen, um dieſes Ver⸗ langen zu dämpfen, das in mir brennt; laß mich trinken zaus der Quelle der Weisheit, bis ich meinen Durſt ge⸗ ſtillt habe oder auch vielleicht ſterbe, weil dieſer Durſt nie geſtillt werden kann! Sprich mir nicht von meiner Armuth, von den un⸗ erſchwinglichen Unkoſten, die mir dieſer langſame und ſchwierige Curſus verurſachen wird: ich habe dieſe Schwie⸗ rigkeiten gemeſſen, und eben weil ſie groß ſind, ſo lache ich über ſie und fordere ſie heraus. L ſchen, noch i von ei nigt ſ trage in nei endlich Mittel weihe 4 und ke über beweg Mutte fühle Lipper denn der m komme Deine lebe n zweite L trauiſe hören daß es und ad ſo kon nung Gott; verſteh n Glücke :m freien ferlegen? n konnte! lebt!“ das Ver⸗ tterſuchen. cht habe, hat, will Sie ſind he Mühen d Schwie⸗ npfen und hen habe, ſind alle ſinken ſie e Mutter! em in der itur, daß gen muß, a Ruhe zu tamen er⸗ Bergbau⸗ ieſes Ver⸗ iich trinken Durſt ge⸗ eſer Durſt dn den un⸗ gſame und eſe Schwie⸗ , ſo lache 171 *£ Bis jetzt habe ich den ſo oft ausgeſprochenen Wün⸗ ſchen, daß ich in der Muſik Unterricht ertheilen ſollte, noch nicht nachgegeben. Nur der Gedanke, meine Ohren von einem ungeſchickten Anfänger zerreißen zu laſſen, pei⸗ nigt ſie ſchon; doch dieſe Pein iſt Wolluſt, denn ich er⸗ trage ſie freiwillig. Ferner will ich in der Mathematik, in neueren Sprachen, in Allem Unterricht ertheilen; und endlich kann ich hungern, wenn es nöthig iſt, um die Mittel zu dieſem Studium, dem ich mich von heute an weihe, zu erwerben. Dieſes ſchreibe ich in der Stille der Nacht. Bleich und kalt ſtehen die Sterne am Himmel und hohnlächeln über meine Fieberhitze... moͤgen ſie lächeln, dieſe un⸗ beweglichen Wächter, wenn Du es nur nicht thuſt, meine Mutter! Theure, geliebte Mutter, ſegne Du mich! Ich fühle Deinen K jmeiner Stirn; ich höre, wie Deine Lippen meinen aahean.. mir wiyd ſo wohl, denn Du biſt mir Nahe, das fühle ich an dem Frieden, der mich zu umwehen beginnt. Lebe wohl! Ein Tag-wird kommen— laß mich es wenigſtens hoffen— wo ich Dir Deine Mühe, Deine Liebe lohnen kann! Noch einmal: lebe wohl! ich ſchicke auch eine Umarmung für meine zweite Mutter, meine alte Monika.“ Leonard hatte dieſen Brief mit ungefähr jener miß⸗ trauiſchen Miene geleſen, mit welcher wir Perſonen an⸗ hören, von denen im Stillen das Gerücht im Gange iſt, daß es mit ihrem Verſtande ziemlich bedenklich ausſieht; und als der gute Leonard ihn bedächtig zuſammenlegte, ſo konnte man es ihm deutlich anſehen, daß er ſeine Mei⸗ nung nicht verändert hatte. „Ich bedauere ihn von ganzem Herzen, das weiß Gott; aber ich will ſelbſt verrückt werden, wenn ich es verſtehe, wie ein Menſch ein Vergnügen daran finden 172 kann, alle geſunde Vernunft von ſich zu ſtoßen: ich mei⸗ nes Theils habe nicht ſo viel als ein Fünkchen dergleichen in dieſem Briefe finden koͤnnen. Armer Juſtus! Ich glaube kaum, daß man es für Mangel an brüderlicher Liebe anſehen kann, wenn ich wünſche, daß Du dieſes Feuer je eher je lieber ausarbeiteteſt, um in Dein Grab hinab zu ſteigenz denn ich glaube kaum, daß Du mit Deinem Suchen aufhörſt, ehe Du dort biſt.“ Bei dieſen einfachen Schlußſätzen feuchtete eine große Thräne Leonard's Auge, und ein Seufzer hob ſeine Bruſt; denn er dachte dabei nicht allein an Juſtus, ſondern auch an dieſe zärtliche Mutter, die um ihn alle ihre ſchönen, hoffnungsreichen und glänzenden Träume geſponnen hatte. Nachdem er ſich eine ganze Viertelſtunde dieſen Be⸗ trachtungen hingegeben hatte, ergriff Leonard den zweiten Brief, und dieſer war, wie man aus ſeiner veränderten Miene ſehen konnte, bedeutend mehre nach ſeinem Ge⸗ ſchmacke. Dieſer Brief lautete folgender Maßen: „Trockne Deine Thränen, geliebte Mutter! wirf Deine Bekümmerniſſe von Dir; ich habe ſie gefühlt; ſie haben auf meinem Herzen gebrannt, ſie haben mich aus meinem phantaſtiſchen Traume geweckt— ſieh, hier haſt Du mich friſch und geſund wieder! Ich bin krank geweſen, nicht korperlich, wohl aber geiſtig; ich habe nach Allem greifen wollen, und zuletzt doch nichts feſthalten können. Zehn Monate habe ich gebrannt an der neuen Flamme, zehn Monate lang habe ich mit mehr denn menſchlichen Anſtrengungen über das neueröffnete Feld gejagt: ich würde auf dem Wege geſtürzt ſein— ich habe aufhören müſſen. Will man auf der zuletzt von mir gewählten Bahn fortgehen, ſo muß man nicht immerwährend die Armuth vor Augen haben; denn dieſe ruinirt Einem alles, ja ſo⸗ gar die Hoffnung. W ohne: men. Pflicht erkenne Platz 3 dieſe F denen Seele daß ich Schuld bärmlich gen hin der unv mich ih Ab meine a einſtürze anwende Zinnen ein klein ſelbſt, menſche Ich noch off gemeint, mein P als wen M ſchaften angreife nächſten reiſe ich *) Lan ich mei⸗ eleichen s! Ich derlicher u dieſes in Grab Du mit ne große e Bruſt; ern auch ſchönen, en hatte. eſen Be⸗ zweiten ränderten nem Ge⸗ r! wirf ühlt; ſie mich aus hier haſt vohl aber nd zuletzt Flamme, nſchlichen jagt: ich aufhören ten Bahn 2 Armuth s, ja ſo⸗ 173 Wäre ich reich geboren, ſo hätte ich alles ſtudirt, ohne mich einem beſtimmten Fache ausſchließlich zu wid⸗ men. Nun aber bin ich arm geboren, und es iſt meine Pflicht, die ich wenigſtens in dieſem Augenblicke kenne und erkenne, eine Bahn zu wählen, die mir Brod und einen Platz in der bürgerlichen Geſellſchaft ſichert. Zwar iſt es faſt demüthigend, zu denken, daß alle dieſe Forſchungen, alle dieſe Mühen, alle dieſe verſchwun⸗ denen Kämpfe und Siege als todte Capitalien in meiner Seele liegen bleiben ſollen; doch iſt es wohl meine Schuld, daß ich ſie nicht fruchtbar machen kann? iſt es meine Schuld, daß ich arm bin, daß der Mangel an dem Er⸗ bärmlichſten von allen Dingen mich in meinen Anſtrengun⸗ gen hindern ſoll? Nein, es iſt nicht meine Schuld: es iſt der unverſoͤhnliche Wille meines Schickſals... ich muß mich ihm unterwerfen. Aber nicht ſtehe ich muthlos da und ſehe zu, wie meine aufgerichteten Gebäude, das eine nach dem andern, einſtürzen. Noch ſind Materialien übrig, und ich will ſie anwenden, nicht um endloſe Thürme zu bauen, deren Zinnen zu den Planeten emporſtreben, ſondern um mir ein kleines warmes Haus aufzuführen, in welchem ich ſelbſt, nichts anderes als ein Menſch, für meine Mit⸗ menſchen wirken und arbeiten kann. Ich habe die Bahnen, unter denen mir die Wahl noch offen ſteht, ſorgfältig erwogen, und habe zu finden gemeint, daß ich nirgends in einem eingeſchränkten Kreiſe mein Pfund ſo fruchtbar für die Menſchheit machen kann, als wenn ich die juridiſche wähle. Mit den Vorkenntniſſen, die ich in allen Wiſſen⸗ ſchaften beſitze, werde ich bald, wenn ich's mit Kraft angreife, meine Studien abſchließen; und nachdem ich im nächſten Herbſt miein Hofgerichtseramen beſtanden habe, ſo reiſe ich auf's Ting.*) Ich will für Sieben arbeiten, *) Landgericht. 174 und es wird nicht lange dauern, ſo erhalte ich Aufträge und vielleicht bald einen glücklichen Accord zu einem Ge⸗ richtsſprengel. Dieſe Vorſpiegelungen enthalten nichts Lockendes; ſie haben ſogar ihre Proſa, und dieſe wäre gewiß äußerſt widerlich, wenn ſie nicht durch den Gedanken an die Myſterien, die ich durchſchauen werde, die Wunden und Peſtbeulen der Geſellſchaft, welche ich unterſuchen, und zu deren Heilung ich meine ganze Denkkraft, mein ganzes Leben anwenden werde, verherrlicht würden. Durch die geheimnißvollen Labyrinthe der Proceſſe will ich mir Wege ſuchen, die noch Keiner vor mir betreten hat, und unter den verſchleierten Intriguen der Criminalverhoͤre will ich die verborgenen Verbrechen aus ihren Gräbern heraufzwingen, ſie ſollen ihre Leichentücher abwerfen und die blutigen von Dolch und Gift zeugenden Inſchriften aller Welt vor Augen legen. Dieſer Beruf, wenn gleich oft hart, iſt dennoch nicht ohne Annehmlichkeit, denn er muß die Nerven reizen und ſpannen. Nachdem ich zu dieſem Entſchluſſe gekommen bin, fühle ich mich ruhig: der Fieberanfall hat mich verlaſſen; ich werde gleich Andern ein Mann im Staate. Ich werfe meine glänzenden Träume von mir— ſie hätten doch nie eine Form erhalten— um mich der Menſchheit und meinen Pflichten zu weihen; und werde ich dabei nicht glücklich, ſo werde ich doch wenigſtens nicht unglücklich, denn ich weiß, daß ich nun die Bahn gewählt habe, die meine Mutter ſtets wünſchte, und auf welcher ihre Ge⸗ bete, verbunden mit meiner eigenen Arbeit, mir den Weg leicht machen werden. Lebe wohl, geliebte Mutter! Iſt nicht ſchon dieſer Brief der ſicherſte Beweis meiner Bekehrung, meines feſten Willens, alles zu verweiſen, was ſich nicht für einen Jüngling paßt, der ſich in dem Gedränge mit An⸗ melte lange! beſchäft gerichte Monat in den ſehen, von wi nichts er die legen S und be ſeiner dern GC ſeiner ſetzte haſt, mich i 3 zu Ha 175 Aufträge dern durcharbeiten will? Schreibe bald, theuerſte Mutter, nem Ge⸗ und erkläre, daß Du zufrieden biſt mit Deinem ndes; ſie Juſtus. 3 äußerſt N. S. Freue Dich, alte Monika, daß Dein theu⸗ n an die res Goldkind vernünftig geworden iſt, daß er ausgeträumt nden und hat und daß ſein angenehmſter Traum künftighin ein Platz hen, und am Richtertiſch iſt.“ in ganzes durch die ich mir hat, und„Darin war doch wenigſtens etwas Verſtand!“ mur⸗ nalverhoͤre melte Leonard bei ſich ſelbſt.„Laß mich nachdenken: wie Gräbern lange hat er ſich denn nun ſchon mit der Jurisprudenz verfen und beſchäftigt? Ungefähr ſieben Monate! Und im Herbſt Hof⸗ Inſchriften gerichtseramen... doch bis dahin haben wir noch vier Monate— was kann er ſich bis dahin nicht noch Alles moch nicht in den Kopf ſetzen? Ich muß ihm ſchreiben, ich muß reizen und ſehen, was ſich thun läßt; doch Mutter darf nichts da⸗ von wiſſen; ſie darf nichts ahnen, und vor allen Dingen mmen bin, nichts davon ahnen, wie ſehr ich ihre Furcht theile, daß h verlaſſen; er die juridiſchen Studien bald zu den andern in die Kiſte Ich werfe legen wird.“ hätten doch Schnell benutzte er die Gelegenheit, da er nun warm nſchheit und und belebt und ganz frei von allen Geſchäften war, die dabei nicht ſeiner Denkkraft hinderlich ſein und ſich auf einen beſon⸗ unglücklich, dern Gegenſtand beziehen konnten; er nahm daher aus lt habe, die ſeiner Schatulle die erforderlichen Schreibmaterialien und her ihre Ge⸗ ſetzte ſich, um an ſeinen Bruder zu ſchreiben: gir den Weg „Mein lieber Juſtus! ſchon dieſer Obgleich Du ſeit langer Zeit nicht für gut erachtet ung, meines haſt, meine Briefe zu beantworten, ſo hindert dieß doch ſich nicht fur mich im Geringſten nicht, wiederum bei Dir anzuklopfen. inge mit An⸗ Du erſiehſt aus der Ueberſchrift des Briefes, daß ich zu Hauſe bei unſerer geliebten Mutter bin, und Du wür⸗ 176 deſt Grund haben, Dich über mich zu beklagen, wenn ich Dich nun ohne Nachricht ließe. Du ſollſt ſie auch wirklich wahrer und aufrichtiger von mir erhalten, als von ihr ſelbſt. Schon vor langer Zeit habe ich an den freundlichen Briefen der Mutter ein Bemühen, froh und ruhig zu ſein, entdeckt; und Du weißt, wenn ich etwas entdecke, ſo iſt es nicht nur in der Einbildung, ſondern auch in der Wirklichkeit vorhanden. Woher kam dieſes Bemühen, womit ſie die Stelle der ſonſtigen Ruhe, der ſonſtigen frohen Zuverſicht zu füllen ſuchte? Es kam aus Kummer über Dich, Juſtus, aus tiefem, großem, nur allzu gegründetem Kummer; dann aber trat wiederum eine Zwiſchenzeit von einer beſ⸗ ſeren Art ein: ſie ſah von Neuem das Leben— hiemit iſt Dein und folglich auch ihr Leben gemeint— in lich⸗ teren Farben, und allmälig offenbarte ſich von Neuem ihr zufriedenes, von Natur ſo hoffnungsreiches Gemüth. Ich dankte inbrünſtig Gott dafür, und betete recht aus dem Innerſten meiner Seele, daß dieß ſo bleiben moͤchte. Doch vor mehr denn einem Monate nahmen ihre Briefe wiederum unbewußt die alte Farbe an. Sie ſprach darin eben nicht ſehr viel von Dir: es ruhte über jeder Zeile eine ſtille geduldige Betrübniß; doch niemals ſprach ſie darin weder Furcht noch Vorwürfe aus gegen denje⸗ nigen, der ſie immerwährend in dieſer gefährlichen⸗Span⸗ nung hält. 9— Dennoch ahnte 16, ſie gleichſam eine Witterung zu erhalten begann von einer neuen, von Deiner Seite be⸗ vorſtehenden Veränderung und ich warf meine Arbeiten von mir, um nach Hauſp zu reiſen und nachzuhoͤren, ob auch ich mir etwas eingebildet hätte. Doch das war nicht der Fall: es iſt keine Einbildung. Ich habe Deine Mutter leidend angetroffen, und ſie kann es mir nicht verbergen, daß ſie mit geheimer Angſt fürchtet, daß ihr gewöhnliches unglückliches Schickſal bald wiederum in Deinem Wankelmuthe hervortreten wird. Noch ſolche begreif Ueberz ich für wieder ſpielen ſolche für All es nich frage ie ter alle Mutter geworfe haſt! U eenn ich wirklich hr ſelbſt. indlichen ruhig zu entdecke, h in der ie Stelle rſicht zu „Juſtus, eummer; einer beſ⸗ — hiemit in lich⸗ teuem ihr üth. Ich aus dem chte. men ihre Witterung (Seite be⸗ Arbeiten hhoͤren, ob das war , und ſie ner Angſt lickſal bald ten wird. 177 Noch ſagen Deine Briefe nichts Beſtimmtes, doch für eine ſolche Mutter wie ſie, gibt es Sympathien, die eben ſo begreiflich ſind; und ich, der ich mich bemühe, ihr die Ueberzeugung einzufloͤßen, daß ſie ſich ſelbſt täuſcht, ſogar ich fürchte, daß Dein unglückſeliger, beſeſſener Kopf ſich wieder in die Quere werfen, und Dir wieder einen Poſſen ſpielen wird. „Um dieſem zuvorzukommen, um Dich zu einem andern Kampfe aufzufordern, als Du bis jetzt gekämpft haſt, ſchreibe ich Dir und bitte Dich, zu bedenken, ob Du vor Gott und Dir ſelbſt verantworten kannſt, daß Du eine ſolche Reihe von Jahren ungenutzt verfließen ließeſt; denn für Alles, was Du gelernt haſt, gebe ich nicht viel, da es nicht nützlich angewendet werden kann. Demnächſt frage ich Dich: wie willſt Du vor Gott und unſerm Va⸗ ter alle ſchlafloſen Nächte verantworten, die Du Deiner Mutter verurſacht, allen Kummer, den Du in ihr Herz geworfen, alle Thränen, die Du ihren Augen abgepreßt haſt! Ungerne möchte ich Dich beleidigen, indem ich noch das Letzte hinzufüge: doch um Dich zu wecken, muß ich das auch: haſt Du an alle ermüdenden, in Arbeit verleb⸗ ten Tage gedacht, die ſie für Dich hingeſchleppt hat— hingeſchleppt in geduldiger Erwartung, daß Du ſie ihr dereinſt vergelten würdeſt? „Juſtus! lege die Hand auf Dein Herz und frage Dich ſelbſt, wie Du ihre Arbeit vergolten haſt! Antworte mir nicht, daß Du ihr mit Deiner unendlichen Liebe ge⸗ lohnt haſt— denn Du würdeſt lügen. „Es iſt wahr, Du liebſt ſie zäͤrtlich; doch eine wirk⸗ liche ſohnliche Zärtlichkeit wie ſie von Dir zu fordern das Recht hat, offenbart ſich nicht in dem Erguſſe einer Maſſe von halbverrückten Phraſen, auch nicht in einer ganzen Ueberſchwemmung von glühenden Worten. Die wahre ſohnliche Zärtlichkeit offenbart ſich in der Handlung, in dem Beſtreben, ihre Hoffnungen zu erfüllen und in dem Eine Nacht am Bullarſee. I. 12 ſtarken Bemühen, die unglücklichen Verſuchungen und den mehr denn unglücklichen Wankelmuth, der in Deiner Seele vorhanden iſt, zu überwinden. Thuſt Du das, ſo zeigſt Du, daß Du ſie liebſt, ſo zeigſt Du Dich als einen Sohn, der einer ſolchen Mutter würdig iſt. Doch ſo lange bis ſich Dein Charakter nicht wirklich entwickelt und Hoffnung von Deiner Geneſung gibt, kannſt Du ihr weder Deine Geneſung zeigen, noch auch im Stande ſein, ſie wirklich zu lieben; denn in einem ſolchen unaufhörlichen Rauſche liebſt Du nur dasjenige(es ſei was es wolle), was Deine Eitelkeit und Deine Nerven am meiſten reizt. „Glaube, mir, Juſtus: Du biſt nicht berufen, ein gro⸗ ßer Mann, ein großer Charakter zu werden! Und der Fehler liegt keinesweges in Deiner Armuth— denke an dasjenige, was Du einſt als Knabe ſagteſt:„Die Armuth lähmt keinem Menſchen die Flügel!“ und darin hatteſt Du Recht. Was Dir fehlt, das iſt— Genie. „Ja, erzittere, erſtaune, verſuche es, Dich mit der Hoffnung zu tröſten, daß ein ſo mittelmäßig ausgerüſtetes Weſen, wie ich, unmoͤglich im Stande iſt, Dich zu erreichen und zu begreifen; auch darin haſt Du Recht. Höre aber auch eine andere Wahrheit: das wirkliche Genie braucht ſich nicht unbegreiflich zu machen, weil es ſich ſelbſt begreift, und ſich daher auch Andern begreiflich zu machen ver⸗ ſteht. „Meine ewige, unmaßgebliche Ueberzeugung iſt, daß Du eine von dieſen geiſtigen Mißgeburten biſt, die halb auf die Welt gekommen ſind und zufolge dieſes Unglücks alles ſchief ſehen von ſich ſelbſt an bis herab auf das Kleinſte in der natürlichen Kette der alltäglichen Ereig⸗ niſſe. Ja, Juſtus! Dein Genie iſt dieſes Halbgenie, das unaufhörlich aufwärts ſtrebt, das ſeine Ohnmacht nicht kennen will, das aber dennoch trotz ſeiner eigenen gehei⸗ men Wuth dieſelbe kennt. Gäbe es nicht dieſe Ohnmacht und könnteſt Du Deine halbe Kraft beſiegen und dieſelbe ganz machen, was koͤnnte Dich wohl zuruͤckhalten, wenn Du D mein( Dich legen, beleucht nach w mir, 3 auf irg zu halte kein Lich Zeit, 2 noch übt zeugung treten ha Bedeutu⸗ und den er Seele ſo zeigſt n Sohn, unge bis Hoffnung er Deine wirklich Rauſche as Deine ein gro⸗ Und der denke an Armuth n hatteſt ) mit der gerüſtetes ichen und aber auch nd dieſelbe ten, wenn 179 Du Dich auf eine Hoͤhe ſchwingen wollteſt, zu welcher mein Gedanke kaum zu dringen vermag,— was könnte Dich wohl hindern, Dich ſo auf Eine Viſſenſchaft zu legen, daß Deine Forſchungen ſie mit einem neuen Lichte beleuchteten und Deinem Namen allen den Glanz verliehen, nach welchem Du in Deinen Träumen trachteſt? Glaube mir, Juſtus, glaube mir: nichts würde Dich hindern! „Nun aber, da Deine verunglückten Verſuche, Dich auf irgend einer der Leitern, die Du ſchon betreten haſt, zu halten, Dich ſchon ſollten überzeugt haben, daß Du kein Licht für die Welt werden kannſt, nun wäre es Zeit, Deine Kräfte zu wägen und nachzuforſchen, was noch übrig iſt, ehe Du Alles verſchwendeſt. Meine Ueber⸗ zeugung iſt, Du könnteſt auf der Bahn, die Du nun be⸗ treten haſt, Glüͤck, Ehre und Anſehen in der gewöhnlichen Bedeutung dieſer Wörter gewinnen. In einem engern Kreiſe konnte Dein Genie Dir und Andern nützlich wer⸗ den, wenn es nicht verſchmähte, alle unglücklichen und un⸗ formlichen Auswüchſe hinwegzuſchneiden und zu brennen, und kommſt Du nur einmal zur Beſinnung und zum Nach⸗ denken über Deinen wirklichen Zuſtand, kommſt Du nur zu der wohlthätigen Ueberzeugung, daß es beſſer iſt, ein kluger und wohlbeſtellter Beamter zu werden, als ein halb⸗ verrückter Gelehrter zu ſein, ſo biſt Du gerettet— und ſei überzeugt, daß ich keine Aufopferung für zu theuer hal⸗ ten werde, die dazu etwas beitragen kann. „Brauchſt Du Geld? Lege dieſen verrückten Hochmuth ab, der Dich bis jetzt abgehalten hat, mein Vermögen zu benutzen! Ich bin noch faſt zu jung, ein eigenes Landgut anzugreifen: ich will mir einen Hof pachten. Das wird ja doch ebenfalls ein eigener Herd, und er ſoll auch der figt werden, wenn Deine Studien Dir Zeit übrig aſſen. Deine Mutter hat noch jetzt aus den Zeiten, da ſie in der großen Welt lebte, einige Relationen, welche Dir nützlich werden können; verſchmähe nicht dieſe Quellen, 180 wirf Dich mit Ernſt und Beſtändigkeit auf den Lebens⸗ plan, den Du umfaßt haſt, und ich will Dich mit brü⸗ derlicher Liebe ſegnen. „Ich bitte Dich, werde mir nicht böſe, denn Du magſt es werden oder nicht, ſo tröͤſte ich mich immer mit der Ueberzeugung, daß ich meine Pflicht erfüllt habe; doch würde ich mich mehr freuen, als ich mit Worten auszudrücken vermag, wenn Du die Rathſchläge, welche wenigſtens aus einem Dir warm ergebenen Herzen gefloſſen ſind, einiger Rückſicht würdigteſt. Antworte mir mit dem Allererſten; und faͤllt die Antwort ſo aus, wie ich ſie wünſche, ſo ſollſt Du über meine Kaſſe disponiren und auf meiner Hochzeit eine Rede halten. Leonard.“ Nachdem er dieſen Brief beendigt hatte, legte ſich Leonard ruhig zu Bette und erwachte am folgenden Mor⸗ gen nicht früher, als da Frau Hedwig ſchon einige Stun⸗ den mit dem Webeſtuhle geraſſelt hatte. Dreizehntes Kapitel, * Eine Woche verlebte der geliebte Stiefſohn in dem mütterlichen Hauſe, und jeden Abend, da Frau Hedwig entſchlummerte, ohne den lange erſehnten Brief von Juſtus zu erhalten, dankte ſie Gott, daß ſie ſich an Leonard's treuem, freundlichem Herzen kröſten, daß ſie in ſeine ruhige, klare Seele blicken konnte, wenn ihre eigene immer nebliger wurde. Leonard, welcher ſich in der Hoffnung auf die guts Wirkung, die ſein Brief hervorrufen ſollte, ſchon ſtolz und glückli Beſtin auf de an die konnte, und al ſchien unmög Leonar wollte, düſtere „0 Abende Brief Monik⸗ hinter ſchwöre E wohnhe er eine auf me halten deren davon, ſonders Braut und ih Lächeln gut fün Brief tanzen genug ihr He nika, u Lebens⸗ mit brü⸗ Du magſt er mit der be; doch szudrücken gſtens aus nd, einiger Ullererſten; e, ſo ſollſt er Hochzeit „legte ſich lenden Mor⸗ inige Stun⸗ ohn in dem Frau Hedwig f von Juſtus an Leonard's ſie in ſeine eigene immer auf die gute hon ſtolz und 181 glücklich fühlte, redete nun ſtets und mit vollkommener Beſtimmtheit über Juſtus und ſeine künftigen Ausſichten auf der jurldiſchen Bahn. Er überredete ſeine Mutter, an diejenige Perſon zu ſchreiben, von welcher ſie hoffen konnte, daß ſie für ihren Sohn wirken wollte und koͤnnte; und als alle dieſe Vorkehrungen ergriffen waren, ſo er⸗ ſchien es der Frau Hedwig und ihrem Stiefſohne faſt als unmöglich, daß ihre Pläne ihnen nicht glücken ſollten, ja, Leonard ging ſo weit, daß er mit ſeiner Mutter wetten wollte, ſie hätte ein Geſpenſt geſehen, als ſie dießmal ihre düſtere Bilder gehabt hättr. „Sieh', hier haben wir einen Beweis!“ rief er am Abende vor ſeiner Abreiſe, indem er der Mutter einen Brief entgegen hielt.„Sieh' hier: ich riß ihn unſerer Monika in der Eile weg, und ſie kommt nun ärgerlich hinter drein. Ach, Monika! möchte er nur gut ſein, ſo ſchwöre ich, Du ſollſt auf meiner Hochzeit tanzen!“ Es war ſonderbar, daß der gute Leonard die Ge⸗ wohnheit hatte, immer von ſeiner Hochzeit zu reden, wenn er eine recht große Freude ausdrücken wollte.„Du ſollſt auf meiner Hochzeit tanzen, ſingen, trinken, eine Rede halten oder mit dabei ſein—“ das waren die Worte, deren er ſich gerne bediente. Er wußte aber ſehr wenig davon, wie freudenvoll dieſe Hochzeit werden würde, be⸗ ſonders da er noch nicht einmal eine Ahnung von der Braut hatte. „Was meinſt Du, Monika?“ fragte Frau Hedwig, und ihre Lippen bewegten ſich auf eine Weiſe, die für ein Lächeln hätte gelten können, ſofern man es nicht eben ſo gut für ein krampfhaftes Zucken anſehen wollte.„Iſt der Brief ſo, daß Du auf Leonard's Hochzeit tanzen kannſt?“ „Ich verſpreche gar nichts und bin zu alt, um zu tanzen! erwiederte Monika mit einem Tone, der deutlich genug zu erkennen gab, daß heute keine Ahnung der Freude ihr Herz hob. Sie verſtand eigentlich, die alte, liebe Mo⸗ nika, nie die Briefe ihres jungen Herrn; aber ſie verſtand 182 daß dieſelben ihrer geliebten Herrin bald Traurigkeit, bald Freude ſendeten, und ſie wußte auch, daß dieſer Wechſel ſich von dem ſteten Wechſel ſeines Gemüthes herſchrieb. „Monika's Stirne prohezeiet ſchlechtes Wetter, liebe Mutter; doch daran kehren wir uns nicht! Geh' Du nun in's Schlafzimmer, und lies den Brief erſt allein; nach⸗ her komme ich mit zum Schmauſe; die Bewirthung mag ſchlecht oder gut ſein.“ „Nein, Leonard, wir wollen ihn mit einander leſen! Kein Sohn kann wärmer ſein als Du— komm', mein Kind!“ Doch der Stiefſohn beſaß allzu viel Zartgefühl, als daß er nicht das Bedürfniß eines Mutterherzens hätte ahnen ſollen, beſonders da der Ausgang ſo zweifelhaft war, wie jetzt. Er ließ ſich daher nicht überreden. Frau Hedwig ging allein in das Schlafzimmer. Sobald ſie die eine Thüre hinter ſich verſchloſſen hatte und Monika die andere— denn auch Monika wollte allein ſein, um zu überlegen, wie ſie am beſten ihre Her⸗ rin beruhigen und tröſten koͤnnte, wenn wieder ein dummer Knoten in's Garn gekommen wäre— ſo begann Leonard an der kleinen Uhr, die auf der Commode der Frau Hed⸗ wig ſtand, die Minuten zu zählen. Und eben der Anblick dieſer Uhr, der Uhr ſeines Vaters, beruhigte ihn, denn ſie führte ihm unwillkührlich die Schul⸗ und Gymnaſienzeit ins Gedächtniß zurück, ſo wie auch die Sirupscaramelen, die Spiellectionen, die verkaufte Uhr, über welche Juſtus ſie lange in dem Glauben gelaſſen hatte, daß dieſelbe ge⸗ ſtohlen wäre.„Er hielt doch Wort,“ ſagte Leonard mit innigem, frohem Vergnügen,„er hielt doch Wort, wie ein Kerl: das erſte, was er that, da er das Gymnaſium verließ, beſtand darin, ſo viel Geld zuſammenzuſpielen, daß er die Uhr wiederkaufen konnte, und das war, wenn auch eben kein ſchöner, ſo doch wenigſtens ein ſicherer Zug von Ehre und Rechtſchaffenheit. Er kann doch alles, was er will, wenn er es nur recht will. Ja, ja, wäre er jetzt nur ſo lernt he Hoffnut würde, gleich armer; könnte!: Viertel Le zieren, Aufmer glaubte Schloß ihre Sf und Un machte acht To war. zu ſpät wig's“ mindeſte verſucht O „* nung n ſtehen: ſagen, ſchrieb; ſeiniger ſchickt. auf, de wenn wiſſen, dieſer der ol eit, bald Wechſel ſchrieb. er, liebe Du nun a; nach⸗ ung mag er leſen! m', mein fühl, als ens hätte weifelhaft en. nmer. erſchloſſen ika wollte ihre Her⸗ n dummer n Leonard Frau Hed⸗ er Anblick , denn ſie enaſienzeit caramelen, ſche Juſtus pieſelbe ge⸗ bymnaſium nzuſpielen, war, wenn cherer Zug alles, was are er jetzt onard mit 183 nur ſo wie im Anfange, da er in kurzer Zeit ſo viel ge⸗ lernt hatte, daß er Magiſter werden konnte, und ſolche Hoffnung erregte, daß er wenigſtens Profeſſor werden würde, ſo haͤtte es keine Noth; denn Genie hat er, ob⸗ gleich er damit nicht weiter kommt— armer Juſtus, armer Juſtus!... Nun aber ſollte ich meinen, der Brief könnte wohl zehnmal geleſen ſein— nun hat es eine volle Viertelſtunde gedauert.“ Leonard huſtete, begann im Zimmer umher zu ſpa⸗ zieren, und bald ein wenig härter aufzutreten, um die Aufmerkſamkeit ſeiner Mutter auf ſich zu ziehen. Endlich glaubte er zu vernehmen, wie die Hand der Mutter das Schloß an der Thüre berührte, glaubte zu hören, wie ihre Stimme ſeinen Namen leiſe ausſprach. Mit Furcht und Unruhe klopfte er an; doch in dieſem Augenblicke machte er ſich den Vorwurf, daß der Brief, den er vor acht Tagen ſchrieb, nicht ſchon weit früher abgegangen war.„Ich hätte ihn nicht ſparen ſollen, bis es vielleicht zu ſpät iſt!“ „Komm herein, mein Sohn!“ flüſterte Frau Hed⸗ wig's Stimme; doch dieſe Stimme verkündigte nicht den mindeſten Theil von der Hoffnung, die er ihr einzureden verſucht hatte. „Nun, Mütterchen, wie ſtehts? Wir wollen die Hoff⸗ nung nicht ſinken laſſen, denn was auch in dem Briefe ſtehen mag, ſo iſt dennoch Hoffnung da. Ich will Dir ſagen, daß ich an dem Abende meiner Ankunft an ihn ſchriebz und hätte er dieſen Brief vor dem Abgange des ſeinigen erhalten, ſo hätte er ihn vielleicht nicht abge⸗ ſchickt. Wie es auch ſein mag, ſo verlaſſe ich mich dar⸗ auf, daß mein Brief in ein gutes Erdreich fällt, und erſt wenn wir darauf Antwort erhalten haben, können wir wiſſen, wornach wir uns zu richten haben.“ „Das wiſſen wir jetzt ſchon, mein Leonard, obgleich dieſer Brief nur eine Vorbereitung iſt auf einen Schlag, der ohne Zweifel wichtiger und härter wird als irgend 184 einer der vorhergegangenen, da er ſich nie der Vorſicht bedient hat, einen Vorbereitungsbrief zu ſchreiben.“ Frau Hedwig ſagte dieſe Worte mit anſcheinender Ruhe; doch ihr Herz zitterte vor Schmerz und Angſt, und ihr Haupt mit der Hand ſtützend, verbarg ſie ihre Thränen, während Leonard folgendes las: „Geliebte Mutter! „Vergieb mir, daß ich in unſerm Briefwechſel wieder⸗ um eine Lücke habe entſtehen laſſen; dieſe Lücke aber habe ich Tag und Nacht mit meinen Seufzern ausgefüllt. „Ich habe ſchreiben wollen, aber nicht können; ich habe es verſuchen wollen, das Geheimniß meiner Seele, dieſen Engel, dieſen Geiſt, der mich ſtets verfolgt, der neben mir geht, wenn ich gehe, der bei mir ruht, wenn ich ruhe, der mich begleitet bei allem meinem Thun, in meinen Träumen, ja ſelbſt in meinen Phantaſien, wenn ich auf meinem Inſtrumente ſchwärme, zu ſchildern, ich habe Dir dieſes Geheimniß anvertrauen wollen; doch eine innere Stimme, der ich glauben muß, ſagt mir, daß die Zeit dazu noch nicht gekommen iſt. „O, wie leide ich! „Nein, meine Mutter! nein, ich habe Unrecht, daß ich klage— wer kam wohl jemals ohne Kampf zu einem Siege? Und wenn ich fühle, wie meine Stirn von einem kalten Schweiß gefeuchtet wird, wenn ich fühle, wie eine widerſpenſtige Hand mich umfaßt und mir zuruft:„ſteh ſtill, ſteh ſtill!“ ſo reiße ich mich los! denn dort jenſeits erblicke ich ein großes, ein glänzendes, ein unermeßliches Ziel... und dieſes Ziel kann das meinige werden, iſt aber noch weit entfernt— ich darf Dir nicht ſagen, meine Mutter, wie weit— ſondern nur, daß ich meinen Ent⸗ ſchluß gefaßt habe, wenn ich nur die ſämmtlichen Kräfte meiner Seele erſt in meiner Gewalt habe, ſo werden ſie ſich ſchon in die Hoͤhe arbeiten. „Geliebte, geliebte Mutter! weine jetzt nicht über „— mich: andern geht er Deinen Sohn 8 greifen dieſes nennt- nicht, 1 Biſſen haben k dürfniß zu ſetzer können zu koͤnn machen. W ter, übe das Gl wohl lei können; meine L bin, den Stolz 1 ſagt ma hat, näu kommen „A Hätte ic lachen. jenige, d der reing fromme Tagen F denn nich Vorſicht 1 einender Angſt, ſie ihre wieder⸗ ber habe allt. ich habe e, dieſen eer neben ich ruhe, meinen mich auf habe Dir e innere die Zeit zu einem on einem wie eine cht, daß 185 mich: vielleicht löſ't ſich dieſer Traum auf gleich ſo vielen andern, die ich ſchon hatte. Geht er dagegen vorwärts, geht er mit Sieg und Jubel, o dann ſollſt Du mitten in Deinem Schmerze Freudenthränen weinen und Deinen Sohn ſegnen. „Warum, meine Mutter, ſollen wir uns ſo wenig be⸗ greifen und verſtehen... warum ſtets zurückkommen auf dieſes Hauptthema, welches man Arbeit für das Brod nennt— für Brod, und immer nur Brod? Du weißt nicht, meine Mutter, daß ich an ſo manchem Tage keinen Biſſen Brod gehabt habe; nicht darum, weil lch ihn nicht haben konnte, ſondern darum, weil ich bisweilen das Be⸗ dürfniß empfinde, meinen Körper auf die ſtrengſte Diät zu ſetzen— wer weiß, wozu es nützlich ſein kann! Es können Verhältniſſe eintreten, die das Vermögen entbehren zu koͤnnen zu einer nothwendigen Bedingung für das Leben machen. 3 Wie glücklich wäre ich, wenn ich Dich, meine Mut⸗ ter, überzeugen koͤnnte, daß ein Amt, ein Stück Brod für das Glück nicht erforderlich iſt! Doch davon werde ich wohl leider nie einen Andern als mich ſelbſt überzeugen können; und ich verachte mich, ja ich möchte bisweilen meine Bruſt in Stücke reißen, weil ich nicht im Stande bin, den einfachen, geraden Weg einzuſchlagen und der Stolz und die Freude meiner Mutter zu werden. So ſagt man ja, wenn der Sohn ſein glänzendes Ziel erreicht hat, nämlich— ein beſchwerliches Amt mit dem Ein⸗ kommen von einigen hundert Reichsthalern. „Was für ein Juriſt würde ich wohl werden können? Hätte ich nicht Mitleiden mit mir ſelbſt, ſo würde ich lachen... Nein, ich lache nicht! Was war wohl das⸗ jenige, das mich zu dieſer Thorheit trieb? War es nicht der reinſte von allen Beweggründen: der Wunſch, der fromme und reine Wunſch, meiner Mutter in ihren alten Tagen Freude und Unabhängigkeit zu bereiten? Bin ich denn nicht ein Elender, der nicht mit der Erfüllung ſeiner 186 Verpflichtungen fertig werden kann? Und welche Verpflich⸗ tung iſt wohl heiliger, als die Verpflichtung zu einer ſol⸗ chen Mutter? „Wohlan denn: ich will noch fortkämpfen... die Luſt iſt dahin; doch ich will ſie erſetzen mit der Kraft meines Willens. Ich will, wenn ich kann, dieſen Traum fahren laſſen, der mich zu andern Pflichten, großen, hei⸗ ligen Pflichten winkt. „Habe Mitleiden mit mir, meine Mutter! o, binde mich nicht an die trioiale, meiner Seele, meinem Cha⸗ rakter ſo wenig paſſende Beamtenbahn! Glaube mir: ich gehöre nicht zu denjenigen, die dort ihr Glück finden... mein Pfund iſt nicht für einen ſolchen Wirkungskreis. „Ich weiß, wie viel, wie unerhoͤrt viel ich mit dieſer Freiſprechung verlange. Ach, wie gerne gäbe ich die eine Hälfte meines Lebens, wenn nicht dieſe Freiſprechung ganz nothwendig wäre für das Beſtehen der andern Hälfte! „Mutter, arme Mutter! weißt Du wohl, daß ich weine, weil Deine ſchoͤnen, herrlichen Träume in Rauch aufgehen? Doch wenn ich zu reden wagte, wenn ich die Decke von dem Innerſten meines Herzens heben dürfte: dann würdeſt Du nicht verzagen, meine Mutter! Du würdeſt ſehen, daß, obgleich ich ſo unglücklich bin, nicht wie Andere werden zu koͤnnen, dieſes Herz dennoch unver⸗ dorben iſt, und daß es unter allen ſeinen Verirrungen und Selbſttäuſchungen dennoch immer nach dem Guten geſtrebt hat. „Ich erwarte geduldig und demuthsvoll Deine Ant⸗ wort, meine Mutter! Doch ſage ich: Leben und Tod hängt ab von dem Beifalle, den Du ertheilſt! Beſiehl mir, dieſes toͤdtende Studium fortzuſetzen— und ich werde es fort⸗ ſetzen, aber gleich einer Maſchine ohne Willen und Kraft; gib mir dagegen die Freiheit, gib mir Luft zum Athmen, und Du wirſt ſehen, wie ſich der junge Adler emporſchwingt in das Blaue und dereinſt Dir einen unverwelklichen Lorbeer bringt als er er bisl „ bedenke lege. N merkſar „ terte ſi „4 rathen, lichkeit, ihn wo iſt es u ten, di fürchte, die Par warmen „Y Hauſek worin e leicht ei Herrn, nicht, m verlänger „E wenn D pflich⸗ her ſol⸗ . die Kraft Traum n, hei⸗ „ binde m Cha⸗ mir: ich den.. ereis. iit dieſer die eine ung ganz aͤlfte!, ſeine Ant⸗ Cod hängt nir, dieſes es fort⸗ nd Kraft; men, und ngt in das eer bringt 187 als er auf irgend einer von den Bahnen erndten konnte, die er bisher durchfliegen wollte. „Lebe wohl, meine Mutter! Ehe Du Dich entſchließeſt, bedenke reiflich, daß ich jetzt mein Leben in Deine Hände lege. „Juſtus von Carleborg.“ Nachdem Leonard dieſen Brief zweimal mit Auf⸗ merkſamkeit durchleſen hatte, trat er auf ſeine Mutter zu, warf ſeine Arme um ihren Hals und drückte ſie ſtumm an ſein Herz. Leonard hatte kein Wort weiter zu ihrem Troſte, aber er miſchte ſeine Thränen mit den ihrigen. „Haſt Du mir irgend einen Rath zu geben?“ ſtot⸗ terte ſie. „Hier kann nur Gott rathen! Ich würde zur Strenge rathen, wenn ich nicht fürchtete, daß in der Leidenſchaft⸗ lichkeit, die nun über ihn gekommen iſt, ein Widerſpruch ihn wahnſinnig machen könnte. Auf der andern Seite iſt es unmöglich zu verſtehen, was er mit allen den Wor⸗ ten, die er niedergeſchrieben hat, eigentlich meint. Ich fürchte, liebe Mutter, Du mußt ihm den Willen laſſen, die Partie zu ergreifen, welche er will, da alle Deine warmen Bitten nichts gefruchtet haben.“ „Meine Abſicht iſt, ihn dahin zu bringen, daß er nach Hauſe kommt. Gelingt mir nur dieſes, ſo daß ich erfahre, worin eigentlich ſein neuer Plan beſteht, ſo kann ich viel⸗ leicht einigen Einfluß auf ihn haben.“ „Ach, wäre ich nur ſchon mein eigener Herr, ſo ſetzte ich mich augenblicklich auf den Wagen und reiſ'te Tag und Nacht bis ich in Upſala wäre; nun aber habe ich meinen Herrn, dem meine Zeit rechtlich gehört, und ich wage nicht, meine Abweſenheit über den feſtgeſetzten Tag zu verlängern.“ „Es würde auch zu gar nichts dienen, mein Leonard, wenn Du reiſ'teſt! Er ſteht jetzt auf einem Punkte, wo 188 ihm kein Menſch räth; nur Gott allein weiß, was Recht iſt. Inzwiſchen glaube ich ſo feſt, wie ich auf Gottes Wort baue, daß in demjenigen, was er jetzt vorhat, es mag nun ſein, was es wolle, weder etwas Sündhaftes noch Unrechtes liegt, obgleich es über meinen Verſtand geht.“ „Sündhaft kann es gewiß nimmermehr ſein: es iſt nur Etwas, das ihm wieder den Weg kreuzt; es iſt ge⸗ wiß ſein böſes Schickſal, welches macht, daß er niemals fortkommt in demjenigen, was er unternimmt. Niemals habe ich in meinem Leben einen ſo unglücklichen Toll⸗ häusler geſehen, ja nicht einmal davon reden hören. Vielleicht hat er nun die Aſtronomie in ſeinem Kopfe— er träumt wohl von der Entdeckung eines neuen Mondes, weil er ſagt, daß ſein Ziel ſo hoch liegt.“ „Nein, das glaube ich nicht: ich möchte eher glau⸗ ben, daß er die Abſicht hat, Schriftſteller zu werden, und daß er ein ähnliches Ziel meint. Er hat einen ſo großen Ueberfluß ſowohl an Phantaſie, als auch Poeſie, daß ich mich lange gewundert habe, daß er nicht dieſe Quelle zum Ableiter ſeines Ueberfluſſes geſucht hat.“ „O, denke nur nicht daran, daß er ſich Zeit geben ſollte, ein Buch zu ſchreiben! Er iſt noch nie beharrlich geweſen, als nur damals, da er ſeinen Muſikunterricht nahm: damals wußte er wenigſtens, was er wollte— doch welchen Nutzen hat er daraus gezogen?... Ach, liebe Mutter! es fällt mir ein, daß er vielleicht dabei iſt, irgend ein großes merkwürdiges Stück zu componiren, das ihn groß und unſterblich machen ſoll— daß es etwas Außergewöhnliches iſt, das ſieht man wohl. Vielleicht ſo⸗ gar... mir geht ein neues Licht auf— ja, ſo iſt's! es kann nicht anders ſein! er hat beſchloſſen, Schauſpieler und Opernſänger zu werden!“ „Nimmermehr! dazu iſt er zu ſtolz; eher, da es eine Idee iſt, welche ſeine reizbare Einbildung verfolgt, be⸗ thört ihn die Vorſtellung, daß es ihm vorbehalten iſt, eine wi mein a wird er brennen Hauſe gen; u war, ſe und inb Sohnes eine Li Liebe ei klagt, hat, w Nein, n ſie hat — bald erkennt, hin und Winde l „J dem Ta⸗ lichkeit undzwan Einzigen in das Liebe ſel ten gefol gern im deln ſol Deinen ſtand es iſt ſi ge⸗ Lemals iemals Toll⸗ 1... pfe— ſdondes, glau⸗ en, und großen aß ich lle zum t geben harrlich nterricht dollte— . Ach, pabei iſt, ren, das s etwas eicht ſo⸗ ſo iſt's! auſpieler es eine 189 eine wichtige inechaniſch Entdeckung zu machen. Ach, ach! mein armer, armer Iige! was es auch ſein mag, ſo wird er ſich nicht Raſt, nicht Nuhe gönnen, bis er ſein brennendes Verlangen geſtillt hat!“ Der ganze Abend, der letzte, an welchem Leonard zu Hauſe war, verfloß unter Vermuthungen und Ueberlegun⸗ gen; und erſt als er am folgenden Vormittage gereiſ't war, ſetzte ſich Frau Hedwig, nachdem ſie ihr Herz warm und inbrünſtig zu Gott erhoben hatte, um den Brief ihres Sohnes zu beantworten. „Mein Juſtus! mein theures, geliebtes Kind! „Unter Wachen, unter Thränen und Gebeten habe ich mich bereitet, dießmal mit Dir zu reden. „Du weißt, mein Sohn, wenn es auf Erden irgend eine Liebe gibt, welche alles entſchuldigt, ſo iſt es die Liebe einer Mutter. Du weißt ſelbſt, ob die meinige ge⸗ klagt, ob ſie Dich mit fruchtloſem Jammer beunruhigt hat, wenn meine Seele bebte und voller Unruhe war. Nein, mein Juſtus! dieſe Liebe hat nicht geklagt, denn ſie hat zu ſich ſelbſt ſagen können: laß ihn ſchwärmen — bald wird die Zeit kommen, da er das Bedürfniß erkennt, feſte Wurzel im Leben zu ſchlagen und nicht länger hin und her zu ſchwanken gieich dem Rohre, das vom Winde bewegt wird. „Jetzt ſind bald vierundzwanzig Jahre verfloſſen ſeit dem Tage, da Gott mir das hohe mit ſo vieler Verant⸗ lichkeit vereinte Glück ſchenkte, Mutter zu werden. Vier undzwanzig Jahre lang haben meine Gebete für meinen Einzigen gebrannt— und welche Gebete! Du haſt nicht in das Herz Deiner Mutter blicken und die unſägliche Liebe ſehen koͤnnen, mit welcher ſie Deinen erſten Schrit⸗ ten gefolgt iſt; Du haſt nicht ſehen koͤnnen, wie ſie ſich gern immer auf den Weg geworfen hätte, den Du wan⸗ deln ſollteſt, um alles hinweg zu ſchaffen, woran Du Deinen Fuß ſtoßen zönnteſt, und wie ſie, da die Betrüb⸗ 190 niß ihr Herz ſchwarz kleidete, und ſie mit dem zarten Sproͤßlinge ihres kurzen irdiſchen Glückes allein in der Welt ſtand, dennoch fühlte, daß ſich in ihrem innerſten Weſen eine lebendige Kraft erhob, eine Kraft, die mäch⸗ tig wurde, den Schmerz zu lindern und ſie fühlen zu laſſen, wie vieles Glück ſie noch auf Erden zu erndten hätte, wenn ihre Ausſaat gediehe. „Doch eben auf dieſer Ausſaat beruhte alles. „Kann es unter den Schmerzen, wirklichen oder ein⸗ gebildeten, wohl irgend einen geben, der ſich vergleichen läßt mit der Qual einer Mutter, die gezwungen iſt, zu ſich ſelbſt zu ſagen:„Deine Ausſaat war nicht gut! Du hatteſt die zarte Pflanze unter deiner Obhut; doch du hatteſt deinen wichtigen und verantwortlichkeitsvollen Platz nicht erfüllen können, du haſt das Unkraut wachſen laſſen, ohne es mit der Wurzel auszureißen, und nun iſt es ſo hoch emporgewachſen, daß es den zarten Keim erſtickt hat— das iſt dein Fehler, dein eigener Fehler!“ „So, mein Juſtus, ſo hallt es beſtändig wider in meiner Seele, und dieſe Stimme muß wohl Recht haben. „Ich häͤtte mit harter Hand die erſten Keime aus⸗ reißen ſollen, welche mich ſpäterhin bei ihrem Heranwach⸗ ſen eine künftige Seelenkrankheit ahnen ließen. Doch wie ſchwer iſt es nicht, die böſen Keime von den guten zu unterſcheiden! Mein Herz ſchlug vor eitlem Mutterſtolze, wenn ich Dich, ein Kind, mit einem Enthuſiasmus, dem ich hätte mißtrauen ſollen, von der Zukunft und von allem, was Du werden, von allem, was Du ausführen wollteſt, erzählen hörte. Ich hielt die ſtete Veränderlich⸗ keit in Deinen kindlichen Phantaſien nur für den Ueber⸗ fluß einer hoch begabten Natur, und dachte in meinen glänzenden Träumen— denn in meiner ſtrafbaren Un⸗ kunde träumte auch ich von Ehre und Glanz:— wenn er erſt das Alter erreicht hat, da das Uebermaß ſeiner jungen Kraft ſich gelegt hat, ſo wird er dieſe auf einem Punkte concentriren, und ich werde leben, um in meinem Soht Män chen, rigkei haben 2 für ſe Deine ſo me wurfe ben er ich die haftete Vernu entgege eine fa 6 ſenderle gel zu Beredt ſchon f wenden tigen zu eine derbare Neigu den ein achten Charak in Dir rege m hielt di einſamq dem E 191 zarten. Sohne eines von dieſen glänzenden Muſtern von großen in der Männern zu ſehen, die alle Zeiten bewahren, und wel⸗ chen, geboren in der unbemitteltſten Stellung, die Schwie⸗ rigkeiten und Anſtrengungen nur als eine Leiter gedient haben, auf der ſie empor klommen. „Ich verhehle Dir nicht, mein Juſtus, daß ich mich für ſehr tadelnswerth halte, da ich den wahren Zuſtand Deiner Seele nicht näher unterſuchte, und ich habe um ber eina ſo mehr Anlaß, mir dieſe Selbſtverblendung zum Vor⸗ gleichen wurfe zu machen, als ich mehr denn einmal aus derſel⸗ iſt, zu ben erweckt wurde, ohne doch erwachen zu wollen, wenn t! Du ich die vielen Schwächen ſah, die Deinem Charakter an⸗ Üoch du hafteten, und von denen ein unpartheiiſcher Ausſchlag der ſen Platz Vernunft mir hätte ſagen ſollen, daß ſie Deiner Energie laſſen, entgegen arbeiten oder, was noch ſchlimmer iſt, derſelben ſt es ſo eine falſche Richtung geben würden. erſtickt„Demnach fuhr ich fort mich ſelbſt zu täuſchen, tau⸗ ſenderlei Entſchuldigungen zur Bemäntelung Deiner Män⸗ vider in gel zu erfinden; denn unglücklicher Weiſe hatteſt Du die ſt haben. Beredtſamkeit der Geberde, des Blickes und der Stimme me aus⸗ ſchon früh in Deiner Gewalt und wußteſt ſie auch anzu⸗ ranwach⸗ wenden. doch wie„In der in phyſiſcher und pſychiſcher Hinſicht ſo wich⸗ guten zu tigen und folgereichen Entwickelungsperiode des Knaben terſtolze, zu einem Jünglinge, in dieſem Alter, das tauſend wun⸗ nus, dem derbare Veränderungen in dem Charakter und in den und von Neigungen an das Tageslicht kehrt, in dieſem Zeitpunkte, usführen den ein wachſames Mutterauge nicht ſtreng genug beob⸗ inderlich⸗ achten kann, weil er es iſt, der gewoͤhnlich den ganzen n Ueber⸗ Charakter, die ganze Zukunft beſtimmt, entwickelte ſich meinen in Dir eine Kränklichkeit der Seele, die meinen Kummer aren Un⸗ rege machte, obgleich er nur vorübergehend war, denn ich — wenn hielt dieſe Niedergeſchlagenheit, dieſes Verlangen nach aß ſeiner einſamem Grübeln nur für ein natürliches Vorſpiel zu feinem dem Ernſte, der in der Zukunft an die Stelle Deines oft meinem 192 bis zur Uebertreibung lebhaften und freien, ja bisweilen leichtſinnigen Charakters treten würde. „Wieder griff ich fehl: dieſe Krankheit der Seele, der Einbildung, der Nerven— ich weiß nicht, zu welcher Klaſſe ſie gerechnet werden muß, fürchte aber, daß Dein ganzes Weſen angegriffen iſt— nahm zwar zu während der erſten Jahre Deiner academiſchen Laufbahn, doch konnte ich noch immer die Hoffnung behalten, bis Du Dir den Magiſtergrad erworben hätteſt. Alle Pläne, die Du bis⸗ her gemacht und wieder verworfen hatteſt, rechnete ich nicht; denn ich hoffte, wenn es erſt ſo weit kommen würde, daß Du einen Lebensplan wählen ſollteſt und müßteſt, ſo würdeſt Du ohne Zweifel Deine ganze ſchlummernde Kraft ſammeln, ſo mächtig ſie iſt, wenn Du ſie wirklich an⸗ wenden willſt, um Dir mit dieſem Ernſte und Muthe des Willens einen Weg zu bahnen. „Nie aber täuſchte ich mich mehr, als in dieſer Hoff⸗ nung. Bis zu jener Zeit war es die Schwäche in Dei⸗ ner Seele, die Veränderlichkeit in Deinem Charakter, was ſtets dem ſtarken Sporn entgegen arbeitete, den Deine feurige Einbildung Dich fühlen ließ; doch von dieſer Zeit an mußt Du, obgleich Du es mir immer verborgen haſt, in irgend eine Verbindung gekommen ſein, die mächtig auf Dich eingewirkt hat, ohne daß Du ſelbſt es gemerkt haſt, denn da würdeſt Du das Joch augenblicklich abge⸗ ſchüttelt haben. Ich habe ſchon früher mit Dir über die⸗ ſen Gegenſtand geredet: Du haſt geläugnet; doch das beweiſ't nichts anderes, als daß Du ſelbſt nicht weißt, wie Du ein Spielball in einer ſtärkeren Hand geweſen biſt; ich aber glaube es, ich glaube, daß Deine ange⸗ borne Reizbarkeit nach und nach durch irgend einen ge⸗ fährlichen Umgang geſchickt vergrößerr worden iſt, bis dieſelbe jetzt gegen ein gewiſſes Ziel angetrieben, ſtehen bleibt, um einer Erſchlaffung Platz zu machen, die viel⸗ vicht vie letzten geſunden Kräfte Deiner Jugend ertödten wird. „3 eine Pfl felbſt ſch rück zu Erinnert weißt, dung ſto Du es g Sohn, k glückſelig bin ich durch die ſinnigen den Du zeugung wird m dulden; ſchen kan⸗ Sophiſter es mit S Höhe ent Punkte ar ner falſche daß Du berechnen ohne Wir ſolche zu den letzten rückſichtsle myſtiſchen „Mei wenigſtens Elne Nach sweilen ele, der welcher iß Dein während h konnte Dir den Du bis⸗ )nete ich en würde, üßteſt, ſo nde Kraft eklich an⸗ duthe des eſer Hoff⸗ in Dei⸗ kter, was en Deine pieſer Zeit s gemerkt lich abge⸗ über die⸗ doch das licht weißt, d geweſen peine ange⸗ 193 „Ich beſchwöre Dich, ich flehe Dich, daß Du als eine Pflicht, die Du Deiner Mutter und vor allem Dir ſelbſt ſchuldig biſt, dieſes ſorgfältig unterſuchſt! Gehe zu⸗ rück zu Deiner erſten Upſala⸗Zeit, durchſpähe alle Deine Erinnerungen, und ich bin überzeugt, wenn Du nicht ſchon weißt, was ich meine, ſo wirſt Du auf eine Verbin⸗ dung ſtoßen, die Dir gefährlich geweſen iſt, ohne daß Du es geahnt haſt. Gewinnſt Du dieſe Aufklärung, mein Sohn, kannſt Du Dir einen Weg bahnen durch dieſes un⸗ glückſelige Labyrinth, in welchem Du verirrt biſt, ſo bin ich überzeugt, Du wirſt noch den Muth haben, durch die Unterdrückung dieſer phantaſtiſchen halb wahn⸗ ſinnigen Träume auf dem ehrenvollen Wege zu bleiben, den Du aus eigenem freiem Willen und voller Ueber⸗ zeugung gewählt haſt; denn nie und zu keinen Zeiten wird mein Sohn die Erniedrigung fremder Feſſeln dulden; und ich, Deine Mutter, deren Liebe nichts täu⸗ ſchen kann, ich ſage Dir: es ſind gefährliche, verführeriſche Sophiſtereien, welche die Keime, die Du— ich erkenne es mit Schmerz— in Dir trägſt, zu dieſer unglückſeligen Höhe entwickelt haben. „Es kann gar nicht in Frage kommen, Dir ein Ver⸗ ſprechen, das ich nie begehrte, zurück zu geben. Siehſt Du denn nicht ein, mein Juſtus, als Du in dieſem Punkte an mich appellirteſt, daß Du da nur einem Dei⸗ ner falſchen Impulſe gehorchteſt? Du ſpiegelſt Dir vor, daß Du durch dieſe Aufopferung, die Du ſchon vorher berechnen konnteſt— denn die Befehle einer Mutter ſind ohne Wirkung, nachdem ihre Bitten aufgehört haben, eine ſolche zu beſitzen— gleichſam das Recht erkauft haſt, den letzten Reſt von Vernunft wegzuwerfen, um Dich dann rückſichtslos und unaufhaltſam auf den Irrweg Deiner myſtiſchen Spitzfindigkeiten zu ſtürzen. „Mein Juſtus! wenn Du noch— und dieß iſt doch wenigſtens etwas, das ich, Gott ſei gelobt! nicht be⸗ Elne Nacht am Bullarſee. I. 13 194 zweifle— wenn Du noch Liebe gegen mich hegſt, ſo fliehe ſo ſchnell Du kannſt zu mir! Ich habe Reiſegeld beigelegt und beſchwoͤre Dich bet meiner Liebe, bei dem Andenken Deines Vaters, dem Heiligſten, das ich kenne, augen⸗ blicklich nach Hauſe zu kommen! „Kannſt Du mir Dein jetzt mit ſchwärmeriſchen Wor⸗ ten umhülltes Räthſel löſen und daſſelbe mit dem Lichte des Verſtandes beleuchten, und finde ich, daß es etwas enthält, das für Dich nützlich iſt, ſo ſei überzeugt, daß ich über meine getäuſchte Hoffnung in Betreff Deiner juridiſchen Bahn kein Wort ſagen werde. Du bleibſt im⸗ mer frei in Deinen Handlungen, und Dir kommt es nur zu, den Rath Deiner Mutter zu prüfen. „Leonard iſt zu Hauſe geweſen; wir haben mit ein⸗ ander über Deinen Brief nachgedacht und ſind einig ge⸗ worden, daß es ein vorübergehendes Fieber ſein muß, das jetzt in Dir tobt. O, wie gut, wie liebevoll und wie großmüthig iſt er, der vortreffliche Leonard! Er liebt mich ſo, daß ich ſtolz darüber ſein kann, und Dich liebt er als der wärmſte Bruder. Ich weiß, daß er Dir geſchrie⸗ ben hat, doch was er geſchrieben hat weiß ich nicht; gewiß wirſt Du, mein Juſtus, die Ergießungen dieſes freundlichen und treufeſten Herzens nicht rückſichtslos bei Seite werfen. „Gott ſegne und beſchütze Dich, mein geliebtes Kind! Ich zähle die Stunden bis zu Deiner Ankunft, und er⸗ innere Dich daran, daß, wenn Du nicht kommſt, Du tief und bitter diejenige verletzeſt, welche Tag und Nacht Gott für Dein künftiges Glück anruft. „Deine Dich liebende Mutter „Hedwig von Carleborg.“ Welche Anſtrengung koſtete es wohl nicht dieſer zärt⸗ lichen und liebenden Mutter, mitten unter den überfließen⸗ den und überſiedenden Gefühlen ihres Herzens dieſen ruhi⸗ gen, mehr mit Gedanken als mit Gefühlen erfüllten Brief zu ſchreiben! doch ſie fürchtete, ſie wuͤrde, wenn ſie ſich ſo zeig bald it verzeih jetzt in anſtren hatte, dieſer; Zärtlich ſeines nicht g c „ gemacht nun nich inußte, ſchenkt „S etwas re „A Hedwig Letzte ebe O Wahl ge aber nich Monika 7 „O letzten W bei dem von Ihng deuten. gedacht, ſchön, daß Herrn Ju weichen G Menſchen mich wirk hoͤren ſtar o fliehe eigelegt ndenken augen⸗ n Wor⸗ n Lichte s etwas 31 daß Deiner eibſt im⸗ t es nur mit ein⸗ 195 ſo zeigte, wie ſie wirklich war— erſchüttert, verzweifelt, bald in Thränen zerſchmelzend, bald vor Sehnſucht, vor verzeihender Zärtlichkeit brennend— noch mehr die ſchon jetzt im höchſten Grade geſpannten Saiten ſeiner Seele anſtrengen. Nachdem ſie jedoch den Brief abgeſchickt hatte, da ſank der ſtarke Muth, der ſie beim Schreiben dieſer Zeilen aufrecht gehalten hatte, und in unſäglicher Zärtlichkeit erwog ſie alle dieſe geheimnißvollen Worte ſeines Briefes, die ſie in ihrer Antwort zu berühren nicht gewagt hatte. „Herr, du mein Gott! hat er's denn ſo ſchlimm gemacht, der arme, liebe Junge?⸗ fragte Monika, die nun nicht länger ſchweigen konnte, ſondern daran erinnern mußte, daß ihr ſonſt ſtets das Vertrauen freiwillig ge⸗ ſchenkt wurde. „Schlimm— ja, Monika, er iſt leider in Begriff etwas recht Schlimmes zu thun!“ „Ach ſo!“ erwiederte Monika weit ruhiger, als Frau Hedwig ſich vorgeſtellt hatte,„ihm iſt alſo wohl dieß Letzte eben ſo überdrüſſig geworden, wie alles Andre?“ „Ohne Zweifel erfahren wir bald, daß er eine neue Wahl getroffen hat: er bereitet mich darauf vor, ſagt aber nicht, was es iſt. Willſt Du den Brief höͤren, Monika?“ „O nein; das kann ganz einerlei ſein, denn bei dem letzten Worte bin ich eben ſo klug über den Sinn, wie bei dem erſten— es iſt genug, gnädige Frau, wenn ich von Ihnen den Inhalt erfahre; Sie koͤnnen ihn doch deuten. Uebrigens aber habe ich bei mir ſelbſt immer gedacht, daß dieſer letzte Weg nicht taugte, und es war ſchön, daß er das bei Zeiten ſah, denn wenn ich mir den Herrn Juſtus mit ſeinem menſchenfreundlichen Herzen und weichen Gemüthe an dem Nichterſtuhle denke, wo er Menſchen zum Leben und Tode richten ſoll, ſo überläuft mich wirklich ein Schauder. Zu dergleichen Dingen ge⸗ hoͤren ſtarke Leute, und Herr Juſtus könnte nach einem 196 ausgeſprochenen Todesurtheile gegangen ſein und ſich wahnſinnig gegrübelt haben. Dergleichen habe ich ſchon einmal geſehen, als ich in meiner Jugend bei dem Richter Granſtedt diente, der den Verſtand verlor, weil er in ſolche Reue und Gewiſſensqual kam, daß er ſich gar nicht zu helfen wußte.“ „Gute, gute Monika! jedesmal wenn Juſtus einen andern Beruf wählt, ſo hat Dein Herz nicht nur Ent⸗ ſchuldigungen für ihn, ſondern Du ſuchſt ſogar ein verbor⸗ genes Glück in ſeiner Unbeharrlichkeit. Wie ſehr mußt Du ihn lieben, um einen ſolchen Vorrath von Liebe in Deinem Herzen zu haben!“ „Nun ja wohl,“ erwiederte Monika ein wenig ver⸗ legen,„ja wohl liebe ich ihn, verſteht ſich; aber ich habe dennoch recht darin, daß dieß nicht für ihn paßt. In mir habe ich einen feſten Glauben,— und ich wollte wünſchen, daß meine liebe Frau ihn ebenfalls hätte— daß, wie lange auch Herr Juſtus hin und her fliegt und fährt, ſo trifft er zuletzt doch den rechten Weg, den unſer Herrgott ihm beſtimmt hat, wenn er einſieht, daß die Stunde ge⸗ kommen iſt. Wächſ't nicht ſo mancher Baum ganz allein, ganz abgeſondert von allen andern Bäumen; man meint weinen zu müſſen, weil er ſo elend und jämmerlich aus⸗ ſieht; aber ehe man ſich's verſieht, ſo wächst dieſer ein⸗ ſame Baum in die Höhe und breitet ſeine Zweige aus gleich einem reichen Manne, der ſich auf ſeine hohen Pferde ſetzt, und nun wachſen ſogleich rund umher kleine Büſche auf, welche froh ſind, in dem Schatten des ver⸗ achteten Baumes leben zu dürfen.“ Als Monika aufhoͤrte zu reden, ſo lag auf ihrem Geſicht ein Lächeln, welches nicht unzweideutig ihren Stolz darüber zu erkennen gab, daß ſie im Stande geweſen war, ſich ſo auszudrücken, und Frau Hedwig mußte mit einem matten Lächeln verſichern, daß Juſtus ſelbſt es nicht hätte beſſer machen koͤnnen. Als aber Monika, dieſe herzensgute Seele, ihre Arbeit 1 ind ſich ch ſchon Richter eil er in gar nicht us einen nur Ent⸗ n verbor⸗ eehr mußt Liebe in venig ver⸗ c ich habe t. In mir wünſchen, , ihre Arbeit 197 wieder vorgenommen hatte, ſo ſank Frau Hedwig zurück in ihren tiefen Kummer. Sie hatte es mit keinem Worte berührt, daß ſie hoffte, Juſtus bald zu Hauſe zu ſehen; denn wenn dieſe Hoffnung fehl ſchlüge, ſo wäre es beſſer für Monika, nichts davon zu wiſſen. Nach vierzehn ewigen, in angſtvoller Erwartung gezählten Tagen kam die Antwort, und Frau Hedwig ahnte dieſelbe ſchon, da ſie den Brief in der Hand hielt, denn die Schwere deſſelben bewies, daß das überſendete Reiſegeld ihr zurückgeſchickt wurde. Mit zitternder Eile brach Frau Hedwig das Siegel. Sie hatte richtig gerathen. Um das Geld war ein Pa⸗ pier gewickelt, das nur folgende Worte enthielt: „Ich bin erſchüttert: ich will mich beſinnen.... Gib mir einen Monat! dann ſchreibe ich wieder. Juſtus. Frau Hedwig wagte es nicht, aus der erkünſtelten Ruhe dieſer unzuſammenhängenden Worte das Allergeringſte zu hoffen; ſie hatte es ſchon erfahren, daß eine ſolche Ruhe nur eine um ſo größere Revolution vorherſagte. Doch wollte ſie ſich gerne vorſpiegeln, daß in den faſt herben, ihrem Sohne ſo unähnlichen Worten Ernſt und Sinn läge.„Vielleicht,“ ſo ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„iſt es mir gelungen, ihn zu rühren und zu wecken; vielleicht iſt der Augenblick nahe, an welchem er dieſe unwürdigen Feſſeln von ſich wirft, die ihm ſeine Schwäche angelegt hat; vielleicht wird er mit der ganzen vereinten Stärke ſeines guten Kopfes, ſeiner brennenden Seele, ſeiner tiefen Reue feſt fortſchreiten auf der begonnenen Bahn. O mein Gott, mein Gott, wenn es meinen ſchwachen Worten, meiner gränzenloſen Liebe vorbehalten wäre, dieſes Werk zu vollbringen, ſo wollte ich in meinem übri⸗ gen Leben alle moͤgliche Pein erdulden!“ Doch wir wollen ſie nicht zählen, alle dieſe in ſteten 198 Wechſel der Hoffnung, Furcht und Sehnſucht, dahin ſchreitenden Tage: der eine war gleich dem andern, denn da war keiner, an welchem nicht das Herz der Frau Hedwig ſich zermalmt oder erhoben fühlte, je nachdem ihr Verſtand oder ihre Einbildung die Oberhand erhielt. Wir begnügen uns, den entſcheidenden Brief vorzulegen, welcher erſt zu Anfange des Auguſtus ankam. Vierzehntes Kapitel. „Unausſprechlich theure und geliebte Mutter! „Eben aufgeſtanden von dem Krankenbette, auf wel⸗ ches meine wilden, peinigenden Kämpfe mich zuletzt ge⸗ worfen haben, gehe ich, Dir zu ſagen, meine Mutter, daß endlich Dein Sohn ſich ſelbſt gefunden hat. „Gleich einem irrenden Sterne an dem dunklen nächt⸗ lichen Himmel ſchwebte ich bis jetzt hin und her, ohne zu ſehen oder nur zu ahnen, welches Ziel dem Sterne vor⸗ herbeſtimmt war, nachdem er ſo viele Kreiſe durchlaufen hatte, die ihm von Ewigkeit her vorgeſchrieben waren. „Wie himmliſch ſelig und ſchön iſt daher dieſe Stille nach den brauſenden Stürmen, die mich aufregten, nach den heißen Winden, die meine Seele verbrannten und mein Herz vertrockneten! Nun, o Mutter, ſind alle Kaͤmpfe beendigt, nun habe ich auf ewig Abſchied genommen von⸗ allen dieſen formloſen oder unfoͤrmlichen Phantomen, die mich in ſtetem Wechſelreize erhielten. Meine Phantaſie gaukelt mir keine hohe Würden und Ehrenſtellen weiter vor: die Poſaunen, welche die ſchmet⸗ ternden Töne meines künftigen Ruhmes in meine Ohren toͤnten, ſind verſtummt; mein Herz ſchafft nicht länger entzt die ſind den, zulet punk reine in w und Die Azur durch des 1 wir Durſt — di das k des um 2 Unru Zeit meine zeit g Werk 200. dern vermag. Mögen die Verſuchungen kommen— ich fordere ſie heraus, ich trotze ihnen; ich will ihnen zeigen, was der Wille eines Menſchen vermag, wenn er belebt iſt von einer Begeiſterung, die jede Leidenſchaft unter die Füße tritt. Ja, ich werde ſiegen— mit jubelnder Stimme rufe ich: zum Kampfe! zum Kampfe! Ich athme ſchon den Duft des grünenden Lorbeers, der für mich an dem fernen Ufer wächſt, wo.... „Nein, ich will mich nicht verrathen! Niemand, Nie⸗ mand, nicht einmal Du, theure Mutter, darf auf mich ein⸗ wirken— nicht einmal Du würdeſt das können. Doch ich bin in Rückſicht meiner früheren Unentſchloſſenheit ſchul⸗ dig, Dir, meine Mutter, zu zeigen, Leonard und mir ſelbſt zu zeigen, daß ich die erforderliche Feſtigkeit beſitze, und nun mich von allen lockenden Zungen zu trennen, die mir zuflüſtern zu eilen und nicht eine koſtbare Zeit zu verlieren, ſo verlaſſe ich Upſala auf ein Jahr und nehme Condition ... bedenke, meine Mutter, Condition als Informator! „Ich habe ſtets einen unbeſchreiblichen Widerwillen gegen dergleichen Dienſte gehegt, und nun hege ich den Verdacht, daß nur mein Stolz ſich damit nicht befreun⸗ den konnte. Ich bin nicht länger ſtolz, wenigſtens nicht ſo, wie ich geweſen bin; doch werde ich immer auf mich ſelbſt Werth zu ſetzen wiſſen, denn wer keinen Werth in ſeinen eigenen Augen hat, der vermag auch ſchwerlich, ſich bei Andern Werth zu verſchaffen. „Ehe ich aber dieſen Brief abſchließe, meine geliebte Mutter, bleiben noch zwei wichtige Gegenſtände zu be⸗ rühren übrig. „Wenn jemals irgend ein Sohn ſich geſehnt hat, ſein brennendes Haupt an eine Mutterbruſt zu legen, ſo bin ich es. Ja, dieſes Glück würde für mich ein unausſprechli⸗ ches ſein; dennoch habe ich zwei Gründe, weswegen ich daſſelbe noch um einige Monate hinausſchiebe: der eine iſt, daß ich durch die Unterdrückung dieſes Wunſches den erſten Schritt auf der Bahn der Selbſtbeherrſchung thue, auf dieſe vielle werd uns willk ſchein eine bei S abgeb wenn Tagen iſt, u Frage legſt! 2 Brief habe i da ich ob D ich m läugng Umga kurz große 7 dieſes ſtimm erwäh hat, ten. weſen Geiſt für die weit e en— ich en zeigen, er belebt unter die Stimme me ſchon han dem und, Nie⸗ mich ein⸗ Doch ich eit ſchul⸗ mir ſelbſt ſitze, und 1, die mir verlieren, Condition formator! ziderwillen ge ich den ſt befreun⸗ ſtens nicht auf mich Werth in erlich, ſich ne geliebte de zu be⸗ t hat, ſein ſo bin ich ausſprechli⸗ swegen ich eer eine iſt, 3 den erſten thue, auf 201 dieſer Bahn, die für mich eine Reihe unterdrückter Wünſche, vielleicht ſogar eines Tages unterdrückter Leidenſchaften werden ſoll; der zweite und wichtigſte Grund iſt, daß ich uns nicht beide dem Schmerze Preis geben will, der un⸗ willkührlich entſtehen muß aus unſern gegenſeitigen, wahr⸗ ſcheinlich gleich fruchtloſen Bitten, da Du unaufhoͤrlich eine Erklärung begehren willſt, die ich eben ſo inſtändig bei Seite zu ſetzen bitten werde bis ich dieſelbe freiwillig abgebe. Alſo jetzt keine Reiſe zu Dir; doch im Winter, wenn ich die Condition erhalte, die mir gerade in dieſen Tagen durch einen Bekannten halb und halb verſprochen iſt, werde ich ſicherlich erſcheinen. Jetzt zu dem letzten Punkte, der Beantwortung jener Feage, die Du mir mit ſolchem Ernſte an das Herz egſt! „Von dem Augenblicke an, liebe Mutter, da ich den Brief erhielt, in welchem Du mir dieſe Frage vorlegſt, habe ich in jedem Augenblicke während meiner Krankheit, da ich volles Bewußtſein hatte, in meiner Seele geforſcht, ob Deine Ahnung irgend wie gegründet ſein kann und ich muß geſtehen, daß dieß moglich iſt; ja, ich will nicht läugnen, es iſt ſogar wahrſcheinlich, daß mein näherer Umgang mit Jemanden, deſſen Bekanntſchaft ich wirklich kurz vor dem von Dir erwähnten Zeitpunkte machte, einen großen Einfluß auf meine Handlungsweiſe gehabt hat. „Doch zu gleicher Zeit, da ich offen bekenne, daß mir dieſes erſt jetzt klar geworden iſt, gebe ich auch die be⸗ ſtimmte und treufeſte Verſicherung, daß von Seiten dieſes erwähnten Mannes kein abſichtlicher Vorſatz ſtattgefunden hat, durch ſeine Unterredungen mein Urtheil irre zu lei⸗ ten. Dieſe Unterredungen ſind nur darum verwirrend ge⸗ weſen, weil ich nicht eher im Stande war, den hohen Geiſt zu durchdringen, der ſie belebte, als bis meine Seele für dieſen Eindruck empfänglich wurde, und dieß übte, weit entfernt von der geringſten Berechnung, gerade da⸗ „ 20²2 durch, daß es ſichtlich nicht war, eine ſo große Gewalt auf mein Gemüth aus. „Ich kann in kein näheres Detail über dieſe Bekannt⸗ ſchaft eingehen: ſie war eigentlich keine Freundſchaft, ſon⸗ dern nur ein Austauſch von gegenſeitigen Dienſten und von Ideen, die vielleicht eines Tages ſolche Früchte tragen Verden, daß der unbewußte Saäͤemann ſtolz darüber ſein ann. „Fragſt Du mich, meine Mutter, warum ich Dir dieſen Umſtand verhehlt habe, ſo kann ich Dir nichts An⸗ deres antworten, als daß ich dabei nur einem unerklärli⸗ chen Inſtinkte gehorchte. Etwas— ich weiß nicht was, verſchloß meine Lippen jedesmal, wenn ich auf dem Wege war, die weſentlichen Dienſte zu erwähnen, welche dieſer Mann mir auf die uneigennützigſte und feinfühlendſte Weiſe zu leiſten Gelegenheit gehabt hat. Jetzt, da der eine Ideen⸗ gang dem andern folgte, iſt es ſehr leicht gegangen, doch verſchweige ich mit Fleiß ſeinen Namen, denn es koͤnnte vlelleicht eines Tages meiner geliebten Mutter einfallen, an ihn zu ſchreiben und ihm Rechenſchaft abzufordern über den Einfluß, den ſeine Worte und Gedanken auf mich ge⸗ äußert haben. „In dieſem Augenblicke, meine geliebte Mutter, da ich in Begriff bin, meinen Brief zu ſchließen, erhalte ich die Nachricht, daß mir die erwähnte Condition geworden iſt, und innerhalb vierzehn Tage reiſe ich ab, um dieſelbe an⸗ zutreten. „Es iſt ein reiches bürgerliches Haus in***, das des Conſuls Löwe, und das Gut ſoll eines von dieſen alten Ueberbleibſeln ſein, deren Aeußeres allen denen an⸗ genehm iſt, welche gefühllos ſind bei den luftigen Täu⸗ ſchungen der Jetztzeit. Ach, wie glücklich wäre ich, wenn mich in der neuen Heimath ein Brief von meiner gelieh⸗ ten Mutter erwartete! Ich würde das als ein gutes Zei⸗ chen betrachten und denken: wo der Geiſt einer Mutter Die dort nem meh die Ruh gehe meine kann um e dieſen Glück e Gewalt Bekannt⸗ haft, ſon⸗ n und von hte tragen rrüber ſein n ich Dir nichts An⸗ unerklärli⸗ nicht was, dem Wege elche dieſer ndſte Weiſe eine Ideen⸗ ingen, doch n es koͤnnte r einfallen, fordern über uf mich ge⸗ tter, da ich galte ich die eworden iſt, dieſelbe an⸗ ** ⁵, das von dieſen n denen an⸗ uftigen Täu⸗ re ich, wenn teiner gelieb⸗ in gutes Zei⸗ einer Mutter 203 Dich ſchützend umſchwebt, dort kannſt Du ſicher wohnen, dort muß auch Gottes Geiſt ſein. „Lebe wohl— o, lebe wohl! Sei zufrieden mit Dei⸗ nem Sohne, meine Mutter; er wird Dir keinen Kummer mehr machen. Hörſt Du es nicht an den Friedenstönen, die in meiner Seele klingen, an der ſtillen, wohlthuenden Ruhe in meinen Worten, daß ich geheilt— für immer geheilt bin? „Dein „Juſtus.“ „Nachſchrift. Ach, welchen Kampf koſtet es nicht meinem Herzen, daß ich Dir nicht jetzt ſchon Alles ſagen kann; doch mit welchem ſchoͤnen Triumphe ſage ich nicht um ein Jahr: ſiehſt Du, meine Mutter! ich habe noch dieſen Wunſch— ihn willl ich jetzt ausführen, er ſoll mein Glück werden! „Grüße Monika, die treue Seele, welche nie den Glau⸗ ben an mich verlor; ſage ihr, ſie ſoll zu Gott beten, daß ſie den Tag erlebt, an welchem ſie etwas ſchaut, daß es werth iſt, dafür noch einige Tage länger gelebt zu haben. „Ich ſtrecke Dir meine Arme entgegen, geliebte Mut⸗ ter; ich falle Dir zu Füßen, ich fühle Deinen Kuß auf meiner Stirn; und in dieſem Augenblicke erfüllt es mein Herz mit einer unnennbaren Freude, daß ich ſagen kann: B nie haben die Lippen eines andern Welbes dort ge⸗ ruht.“ Bei der Durchleſung dieſes Briefes, der beſonders im Anfange die ſtreitigſten Gefühle weckte, wurde Frau Hed⸗ wig von kalten Schauern geſchüttelt, welche durch jede Fiber in die innerſte Tiefe ihres Herzens drangen. Sie vermochte eben ſo wenig den myſtiſchen Juhel 204 des Sohnes über den beendigten Kampf mit ſich ſelbſt zu verſtehen, als ſie im Stande war, ihre eigenen Gefühle zu begreifen. Arme Frau Hedwig! Sie hatte kein einzi⸗ ges ungemiſchtes Gefuͤhl, nicht einmal das heiligſte— die Dankbarkeit einer Mutter an die Vorſehung über die Geneſung eines geliebten Kindes aus einer Krankheit, von welcher ſie erſt etwas erfahren hatte, nachdem dieſelbe überſtanden war! Nein, nicht einmal dieſe Dankbarkeit war frei von Schmerz; denn unwillkürlich kam ein grau⸗ ſamer Gedanke und miſchte ſich in ihren Dankbarkeits⸗ ſeufzer:„Wäre es wohl nicht beſſer geweſen, o Gott! wenn dieſe zerriſſene, vielleicht nur für kurze Zeit geheilte Seele den Frieden bei Dir gefunden hätte?“ Bald aber machte ſie ſich wiederum bittere Vorwürfe über einen Ge⸗ danken, der ihr die bitterſten Thränen koſtete, und ſeufzte reuevoll:„Vater, Vater! erbarme Dich mein— lehre mich klar ſehen, lehre mich das Beſte ſehen!“ Und da ſie fortfuhr, zu leſen, da ſie dieſes! junge Herz, das von einer Idee, einer Täuſchung oder einer wirk⸗ lichen Inſpiration begeiſtert, ſich feſten und frohen Mu⸗ thes emporſchwang zu dem Tempel, welchen dieſe Inſpi⸗ ration erbaut hatte, immer mehr und mehr enthüllt ſahr — als ſie zwar viele Ueberſpannung ſah, aber doch nichts, das von einem frühen Verderben an Seele und Gemüth zeugte, da wurde ſie allmälig ruhig: was da kommen ſollte, war ja doch wenigſtens nicht die Folge einer Uebereilung, da er beſchloſſen hatte, ſich ein ganzes Jahr zu bedenken. „in Jahr iſt jetzt ſo gut, wie zwei,“ rechnete Frau Hed⸗ wig,„denn er wird daſſelbe entfernt von Upſala verleben, alſo nicht berührt werden von der Gefahr, die ihn dort umgibt.“ Mit dieſer Gefahr meinte Frau Hedwig den Ein⸗ fluß jenes Umganges, den Juſtus erkannt hatte, ohne ihn näher anzugeben. O, wie dankte ſie Gott, dieſe arme Mutter, daß der geliebt ein f mende beliebt, Uj Winter alten E zu ſeine widerſte leicht g eine W Fieberp ſelben e dieſer 2 ganzen wirken, ten und Zukunft Je Ueberleg was gel ſich zu viele Ur in dieſe friedigen intereſſan improvif „Acd kbarkeit grau⸗ arkeits⸗ Gott! geheilte ald aber inen Ge⸗ ſeufzte hre mich ſes junge ner wirk⸗ en Mu⸗ verleben, ihn dort den Ein⸗ ohne ihn r, daß der 20⁵ geliebte Sohn endlich einmal den Staub abſchütteln und ein fröhliches und angenehmes Familienleben beginnen würde!„Wahrſcheinlich—“ ſo weiſſagte das Mutterherz —„wird er als Kind im Hauſe betrachtet werden.“ Ihr Juſtus— noch immer dachte ſie mit ſtolzer Mutterfreude daran— hatte ein ſo ſchöͤnes Aeußeres, eine ſo einneh⸗ mende und gewinnende Art und Weiſe, daß er nicht allein beliebt, ſondern vor allen Dingen geliebt werden würde. Und dann— Gott iſt gut— würde es ja wieder Winter. Dann, wenn er neben ihr in dem vertraulichen alten Sofa ſäße, wenn ſie in zärtlichen, klugen Worten zu feinem ſohnlichen Gefühle redete, würde er ihr nicht widerſtehen. Sie erführe ja dann Alles und würde viel⸗ leicht glücklich in ſeinem Glücke, ſofern daſſelbe irgend eine Wirklichkeit verſpräche. Wäre es dagegen nur eine Fieberphantaſie, vor der Krankheit genährt und in der⸗ ſelben entwickelt, ſo würde gewiß, beſſer als alles andere, dieſer Aufenthalt in einem fremden Hauſe während eines ganzen Jahres, dieſe ganz neuen Verhältniſſe auf ihn ein⸗ wirken, weil ſie ihn in einen ruhigeren Ideengang einführ⸗ ten und vielleicht auf die eine oder die andere Art ſeine Zukunft entſchieden. Je weiter Frau Hedwig in ihren Gedanken und Ueberlegungen kam, deſto beſſer gelang es ihr— denn was gelingt nicht einer Mutter, wenn ſie hoffen will— ſich zu überzeugen, daß ſie eigentlich ſeit lange nicht ſo viele Urſache gehabt hätte, für Juſtus ruhig zu ſein, als in dieſem Augenblicke. Ihre tief beklemmte Bruſt wurde wirklich leichter, und ſie rief Monika herein, um ihr mündlich den Inhalt des Briefes mitzutheilen, und Monika fand denſelben ſo be⸗ friedigend, daß ſie ſogleich einen großen und merkwürdig intereſſanten Traum uͤber die Zukunft des Herrn Juſtus improvifirte. „Ach, Monika! der Himmel ſegne Dich, Du uner⸗ 206 müdliche und theure Monika! Vielleicht— vielleicht be⸗ kommſt Du zuletzt dennoch Recht!“ „Gewiß bekomme ich Recht!“ antwortete Monika mit ſo überzeugendem Tone, als wäre ſie die Göttin des Schick⸗ ſales, die Norne ſelbſt, welche den Lebensfaden des jun⸗ gen Mannes ſpann. Drittes Buch. Der Informator. .. die Sprache nicht in Worten beſteht, Wie ein Strahl von Seele zu Seele ſie geht; Ein ſtiller Klang, gehört von reinen Sinnen, Hat jeden Puls geſtimmt und jeden Nerv gerührt. Atterbom. D wie d werden an we bürger! ſeinen „d weiter!“ „D 4 Eine N Fünfzehntes Kapitel. Da es vor allen Dingen nothwendig iſt, zu erfahren, wie die Herrſchaften Löwe eines Informators benothigt werden konnten, ſo kehren wir zurück zu dem Zeitpunkte, an welchem Oernwik zum erſten Male während ſeiner bürgerlichen Periode einen großen Geſellſchaftskreis in ſeinen Mauren aufnehmen ſollte. Früh Morgens an dieſem wichtigen Tage, da die Frau Conſul endlich in einer ariſtokratiſchen Societät die Wirthin ſpielen durfte, meinte ſie ſich ſelbſt ſchuldig zu ſein, noch einmal innerhalb verſchloſſener Thüren und un⸗ ter dem Siegel der Verſchwiegenheit mit der Mamſell Charlotte einige kleine Uebungen durchzumachen, welche dienlich ſein konnten, ihrem Tone, ihrer Rede und ihrer Haltung einen vornehmen Anſtrich, oder mit einem Worte: etwas von der ſeligen Gräfin B—, zu geben. „Ich glaube,“ ſagte unſre ehemalige Bonne, indem ſie ſich ungenirt mit einem der koſtbaren Shawls der Con⸗ ſulin drapirte,„daß dieſe Stellung“— Mamſell Char⸗ lotte ließ ſich in den Divan nieder—„den meiſten Effekt macht, wenn ſie eintreten. Dieſe kleine noble Neigung auf das eine Kiſſen wird Ihrer Gnaden Figur ein unver⸗ gleichliches Air ertheilen. Doch müſſen Ihro Gnaden ſich in Acht nehmen, daß Sie mit der Rückenlehne in keine Be⸗ rührung kommen, denn das iſt ein unfehlbares Kennzeichen von ſchlechtem Tone, weil nur Leute aus der untern So⸗ cietät ſich den Reizen der nachläſſigen Stellung hingeben.“ „Das alles weiß ich ja ſchon, liebe Charlotte— weiter!“. „Demnächſt,“ fuhr Mamſell Charlotte fort und Eine Nacht am Bullarſee. I. 4 14 ſ machte eine graciöſe Schwenkung mit dem Kopfe,„ſtellen wir uns vor, daß die vornehmen Damen, die Freiherrin auf Bröllinge, die Kammerherrin auf Reffſtaholm und die Oberſtin auf Lenhult, hier rechts im Sofa ſitzen. Jetzt iſt es Ihrer Gnaden ſchwere Pflicht als Wirthin die Con⸗ verſation ungezwungen zu unterhalten, doch immer über Kleinigkeiten, ſo lange die Präſentationsceremonie dauert, während welcher Ihro Gnaden ſich faſt in jeder Minute gezwungen ſehen, ſich zu erheben, um jeder der eintreten⸗ den Perſonen einige verbindliche Worte zu ſagen.“ Jetzt erhob ſich Mamſell Charlotte, indem ſie mit vieler Würde, doch ſo als geſchähe es, ohne daß ſie ſelbſt es wußte, den an der einen Seite zur Hälfte herabgefallen nen Shawl von Neuem ordnete, was nach der Verſiche⸗ rung der Conſulin eine außerordentliche Wirkung hervor⸗ brachte, indem der ganze Hals, mit Fraiſette, Schmuck und Roſetten dadurch in vollkommene Anſchauung kam, ohne daß ſolches im Mindeſten die Abſicht zu ſein ſchien. „Dieſe Art von Converſation iſt einfach,“ fuhr Mam⸗ ſell Charlotte fort;„willkommen, Herr Baron! ich bin charmirt, Sie hier zu ſehen!“...„Ach, Herr Major von 2—, welche Freude für meinen Mann, die Bekannt⸗ ſchaft eines ſo celebren Induſtrie⸗Betreibers zu machen!“ „Sieh da, meine beſte, ſüßeſte Frau Arngrén!“— dieſes wird geſagt mit einer geringen Neigung zu dem Unmerklich⸗Herablaſſenden, denn die Herrſchaften Arngrén gehören zu den kleinen Leuten, und darum muß in dem Gruße und in dem Tone eine feine Grenzlinie gezogen werden. Wenn es ſich nun aber ſo trifft, daß der Baron von G—, der Kammerherr oder der Oberſt noch nicht gekommen ſind, ſondern daß eine von dieſen Frauen an der Spitze ihrer Familie eintritt, ſo gehen Ihro Gnaden ihr auf dieſe Weiſe entgegen: fünf Schritte der Baronin, vier der Oberſtin, doch nicht mehr als drei der Kammer⸗ hen n⸗ denn obgleich ein Kammerherr mit einem Ober⸗ en in gleichem Range ſteht, ſo iſt doch der Kammer⸗ herr einige ich w. pfange auch und d „Ich uns w Freude unſerm darauf ſamen die blit den der einer g ich die di 1 „ſtellen reiherrin und die n. Jetzt die Con⸗ ner über e dauert, r Minute eintreten⸗ 7 1 ſie mit ſie ſelbſt cabgefalle⸗ Verſiche⸗ ng hervor⸗ Schmuck rung kam, ſein ſchien. uhr Mam⸗ an! ich bin err Major Frauen an ro Gnaden ſer Baronin, 211 herr arm und der Oberſt reich, und das macht immer einigen Unterſchied. Doch jede von dieſen Damen glaube ich würde die ſelige Gräfin B— auf gleiche Weiſe em⸗ pfangen haben, eine ungefähr ſo tiefe Verneigung— wenn auch vor der Freiherrin auf Broͤllinge einige Zoll tiefer— und die Bewillkommnung ungefähr für alle drei gleich: „Ich bin auf das allerhoͤchſte verbunden für die Ehre, die uns wiederfährt!“— oder:„Ich kann meine lebhafte Freude nicht genug ausdrücken über das Vergnügen, das unſerm Hauſe wiederfährt!“ und dergleichen mehr; und darauf laden Ihro Gnaden mit einer würdigen und lang⸗ ſamen Bewegung der Hand, die jedoch ſo ſein muß, daß die blitzenden Ringe ſichtbar ſind, dieſe Damen, die Zier⸗ den der Socletät, ein, im Divan Platz zu nehmen.“ „Eigentlich,“ ſagte die Conſulin, als die Repetition zu Ende war,„iſt nichts überflüſſiger, als dieſer kleine Scherz, da ich von Natur einen ſolchen Anſtand beſitze, der ſeinen Platz überall weiß... Aber höre, Charlotte! bei Tiſche— ich glaube, es gehört jetzt zu den Regeln der Mode, ſeine Gäſte nicht zu perſuadiren zuzulangen?“ „Gott behüte uns, daß Ihro Gnaden ſich einen ſol⸗ chen Fehler gegen eine feine Erziehung zu Schulden kom⸗ men laſſen ſollten, irgend einen Menſchen zu perſuadiren, daß er nur ſo viel nimmt, wie ein Glas Waſſer! Auch zhne Perſuaſion wird Ihrer Gnaden leckerer Tiſch Abgang nden.“ „Und das Geſpräch bei Tiſche?“ „Muß dem Strome folgen, den die mehr oder weni⸗ ger lebhafte Laune der Ereigniſſe und der Gäſte ihm geben. Nur im Anfange, da gewöhnlich eine gewiſſe langweilige Trägheit die Gemüther ergreift, gebührt es einer gebildeten Wirthin, einige paſſende Gegenſtände aufzufindenz doch müſſen Ihro Gnaden ſich hiebei ſehr hüten, kein Wort über das Wetter fallen zu laſſen, und käme auch Schnee mitten im Sommer. Demrächſt halte ich die dießjährige Erndte für das unpaſſendſte; dagegen 212 aber könnten Ihro Gnaden ſich mit Vortheil über das Einnehmende und Großartige in dieſer ganzen Gegend mit ihren Seen und Wäldern äußern, und das leitet natürlich ein auf Jagd und Fiſcherei. Sollte das Ge⸗ ſpräch ſpäterhin auf Literatur und ſchöne Kunſt übergehen, ſo müſſen Ihro Gnaden äußerſt vorſichtig ſein, denn das ſind eigentlich gefährliche Klippen. Wird über Gemälde geſprochen, und wäre es auch über ſolche, die in Ihren eigenen Salons hangen, ſo fällen Sie kein Urtheil, ſon⸗ dern nehmen Sie eine Miene an, die es zweifelhaft macht, ob Ihro Gnaden die Frage nicht gehört haben oder nicht offen ein Urtheil abgeben wollen. Was die Literatur be⸗ trifft, ſo rathe ich zu ähnlicher Enthaltſamkeit.„Es iſt mir noch nicht möglich geweſen, das Buch zu leſen!“ oder wenn es ſchon eine altere Arbeit iſt:„es iſt ſchon ſo lange her, da ich es las, daß ich es nicht wage, mich auf mein Gedächtniß zu verlaſſen!“ Und iſt zuletzt von dem Werthe dieſes oder jenes Verfaſſers vor einem andern die Rede, ſo müſſen Ihro Gnaden mit einem feinen Lächeln erklären, daß Sie es ſich zu einem Geſetze gemacht haben, Niemanden den Namen Ihres Lieblingsſchriftſtellers anzu⸗ vertrauen: dadurch vermeiden Ihro Gnaden Disputationen, welche trotz Ihres hellen und richtigen Blickes über bei⸗ nahe alle Gegenſtände dennoch etwas genannt fallen könnten.“ Nachdem die Conſulin nun dieſes alles eingeübt hatte und Mamſelle Charlotte von einem lebendigen Lexikon in eine ordentliche und erfahrne Haushälterin umgewandelt war, ging die glückliche Wirthin hinein zu ihrem Manne, der bei dieſer neuen Lage der Dinge zu einer ſolchen Null hinabgeſunken war, daß er ſelbſt nicht im Stande war zu begreifen, daß er ſelbſt noch dieſer Mann ſein koͤnnte, deſſen Wort für einige Dutzend See⸗ und Arbeitsleute, die durch ihn ihr Auskommen gehabt hatten, ein Königswort ge⸗ weſen war. O, welch ein Magnat war er nicht damals, wenn er in Stock und K vor de den Hu ſen den redete, auf, m Haupte mit we hatten, mächtige deutſamt dummes ihn auf ſelbſt kei und der er ſich z haufen. „N Würde?“ ten eintr⸗ „Ich entgegnet Conſulin „W zwei Sot ein Nam ber auf d daß Du Dir, ma Tage, w unſer eige bei ſchlech „„Ver trüben wi er das Gegend leitet as Ge⸗ rgehen, unn das hemälde Ihren il, ſon⸗ t macht, der nicht atur be⸗ „Es iſt leſen!“ ſchon ſo mich auf von dem dern die in Lächeln Lexikon in ewandelt Im Manne, plchen Null de war zu nte, deſſen , die dur gswort ge⸗ als, wenn 213 er in ſeinem flatternden grauen Sommerrocke mit dem Stock in der Hand nach der Werfte wanderte und Schiffer und Kaufleute anredete! Der reiche Schiffsrheder, er, vor dem ſich die Schiffscapitaine ſchon in weiter Ferne den Hut zogen, und vor dem die Steuermänner und Matro⸗ ſen den Hut in der Hand hielten, ſo lange er mit ihnen redete, bis er ſelbſt durch ein gnädiges:„ſetze den Hut auf, mein Junge!“ die Erlaubniß zur Bedeckung ihres Hauptes ertheilte... er— dieſer Mann, Conſul Löwe, mit welchem Hunderte von Menſchen Geſchäfte gehabt hatten,— ſaß nun da, zwar immer noch ein reicher und mächtiger Mann, aber doch im Ganzen eine große Unbe⸗ deutſamkeit, weil er ſelbſt fühlte, daß ſein unglückliches, dummes Verlangen, ein vornehmer Mann zu werden, ihn auf einen Platz geworfen hatte, wo ihm alles, er ſelbſt keinesweges im geringſten Raume verkehrt erſchien; und der ganzen Herrlichkeit ſchon herzlich müde, wünſchte er ſich zurück unter ſeine geliebten Häringtonnen und Salz⸗ aufen. h„Nun, mein Alter! ich hoffe, Du fühlſt heute Deine Würde?“ begann die Conſulin, indem ſie zu ihrem Gat⸗ ten eintrat und in ſeinem großen Lehnſeſſel Platz nahm. „Ich bin heute nicht bei Laune, liebe Petronella!“ entgegnete der Conſul mit einer Gleichgültigkeit, daß die Conſulin vor Schrecken zitterte. „Wie, mein Freund? Du beliebſt mir in einem Athem zwei Sottiſen zu ſagen: Du nennſt mich Petronella— ein Name, der gut genug ſein könnte für die alten Wei⸗ ber auf der Werfte— und Du ſagſt mir ganz ungenirt, daß Du bei ſchlechter Laune biſt! Das iſt unrecht von Dir, mein beſter David, mich an einem ſo wichtigen Tage, wie der heutige iſt, verwirrt zu machen: es iſt ja unſer eigentlicher Eintritt in die Welt— und Du willſt bei ſchlechter Laune ſein!“ „Vergieb, Nelly! Du weißt, daß ich Dich nicht be⸗ trüben will; doch kann ich nicht dafür, wenn ich rein 214 herausgeſagt meine, wir handelten als ein Paar Narren, da wir es uns in den Kopf ſetzten, vornehme Leute wer⸗ den zu wollen. Glücklicher ſaß ich im Zimmer neben meinem Laden, als in dieſen Glasſchränken; und glücklicher würde ich ſein, wenn ich ſtatt dieſer Bäume, die nun hier gleich Schildwachen ſtehen und mir die Ausſicht weg⸗ nehmen, die Maſten meiner Schiffe, ſähe. Doch auch um die Ausſicht kümmere ich mich nicht: ich betrachte dieſe Karten weit lieber, denn darauf kann ich ja die Namen aller Ortſchaften leſen, zu denen ſonſt meine Fahrzeuge ſegelten.“ „Nun, ich geſtehe, das ſieht ganz ſo aus, als ob wir heute ſehr vergnügt ſein würden— und Du ſollſt den Wirth ſpielen!“ „Ja, ſpielen, das iſt der rechte Ausdruck! Wir beide, Du und ich ſpielen ein Spiel, über welches unſre Nachbarn ſicherlich ins Fäuſtchen lachen. Ich verſtehe ſie nicht und ſie verſtehen mich nicht, und aufrichtig geſagt, ſo glaube ich, daß es Dir eben ſo geht.“ „Ganz im Gegentheil, mein Lieber: ich habe, Gott ſei gelobt! ſowohl das angeborne als auch das erworbene Air, welches das Kennzeichen einer Dame von Stande iſt.“ „Ja, Nelly, von Deinem Stande!“ „Keine Impertinenzen, David! Ich bin Frau und Wirthin auf dem großen adelichen Oernwik und bin mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, zu glauben, daß ich dieſe mit großer Verantwortlichkeit verbundene Würde völlig trage und wohl gar im Nothfalle allein trage, falls Du es für gut findeſt, zu vergeſſen, daß ein Mann mit dem Vermögen und dem bürgerlichen Anſehen des Conſuls Löwe und mit einer Tochter, deren Schönheit bald fünf⸗ zig Meilen in die Runde ausgeprieſen wird, eine Perſon iſt, welche Anſprüche hat, zu den Großen gerechnet zu werden.“ „Da Du unſrer Tochter erwähnſt, liebe Nelly, ſo will ich aufrichtig geſtehen, ich wünſche zu Gott, daß wir eit nehm nehmen oder ar Heimat glücklich Früchte Welt da „N zu ernſt: gerſohn arren, e wer⸗ neben cklicher ie nun ſt weg⸗ uch um te dieſe Namen ahrzeuge als ob du ſollſt kl Wir des unſre erſtehe ſie g geſagt, be, Gott lerworbene ande iſt.“ erechnet zu Nelly, ſo Gott, daß 215 wir einen guten Mann für ſie fänden, er mag nun vor⸗ nehm ſein oder nicht; der ſollte hier die Wirthſchaft über⸗ nehmen und ich koͤnnte dann in der Einſamkeit leben; oder auch zögen wir, Du und ich zurück in unſre alte Heimath, wo wir uns ſo wohl befanden, und wo wir glücklich und geliebt waren.“ „Wie? ich ſollte zurückziehen in dieſes elende Loch, wo die Damen weder von Rechts noch von Links wiſſen, oder welche die vornehmſte iſt oder nicht?“... Nein, ich danke recht ſehr! dieſe Stadt war gut genug, ſo lange ich noch in meinem Incognito lebte und wie es einer recht⸗ ſchaffenen und ehrlichen Hausfrau ziemt, dir half unſer Vermoͤgen zuſammen zu bringen; doch nun, da ich die Früchte davon genießen will, ſoll mich auch nichts in der Welt dahin bringen, zurück zu ziehen.“ „Nun nun, Nelly! nimm nur die Sache nicht gar zu ernſt: wir müſſen ja auf jeden Fall erſt einen Schwie⸗ gerſohn haben.“ „Jawohl, ja, gerade ſo! doch um einen Schwieger⸗ ſohn— nämlich einen vornehmen Schwiegerſohn— zu erhalten, iſt nothwendig, daß wir unſer Haus öffnen und zu leben beginnen, damit die Leute den Schatz ſehen, welchen wir bewahren. Dieſes Leben iſt auch unumgäng⸗ lich nothwendig, um die blöde und linkiſche Evelyn an das Geſellſchaftsleben zu gewöhnen. Du weißt wohl, mein Lieber, ſo wie ſie jetzt iſt, könnte ſie kaum ja ſagen, wenn Jemand ihre Hand begehrte.“ „Das Alles iſt ſehr wahr, meine Liebe, und ich ſehe, daß es jetzt wie immer nach Deinem Willen gehen muß. Habe ich mich nicht immer nach Deinem Willen gerich⸗ tet— was?“ „Mein lieber David? kein Was: ſo ſagt man nur unter den Spießbürgern im Kruge; ſonſt aber wäre ich höchſt ungerecht, wenn ich nicht erkennen wollte, daß Du auf die Gattin Werth zu ſetzen weißt, mit welcher Dich Gott in ſeiner Güte geſegnet hat.“ 216 „Dagegen aber, beſte Nelly, weißt Du ja auch, wenn ich bisweilen— nur zum Scherz— gezeigt habe, daß ich auch einen eigenen Willen haben konnte, ſo habe ich dieſen immer durchzuſetzen gewußt.... weißt Du das wohl, liebe Nelly 2 „Ich will hoffen, mein Freund, Du wirſt mich an nichts erinnern, das ſich nicht für zwei Gatten in unſrer Lage geziemt! Unter vornehmen Leuten ſind keine brutalen Scenen, keine Ausbrüche ſchlechter und zorniger Laune gebräuchlich: was man auch in ſeinem Innern empfindet, ſo ſagt man dennoch nichts, das die Ohren beleidigt.“ „Das läßt ſich recht gut machen, meine Liebe, wenn die Hauptſache nur Hauptſache bleibt. Du weißt, daß ich nur um Deinetwillen— bei Gott einzig und allein um Deinetwillen— darauf einging, meine Geſchäfte nieder⸗ zulegen und dieſes Gut zu kaufen.“ „Fahre fort— ich höre Dich!“ „Und da wir nun in Gottes Namen einmal hier ſind, ſo weißt Du auch, daß es nicht um meinetwillen, ſondern um Deinet⸗ und um Evelyn's willen geſchieht, daß ich darauf eingehe, ein vornehmer Mann zu ſein, dar⸗ auf eingehe, den Wirth zu ſpielen, wenn Du Geſellſchaft bitteſt.“ „Sehr vortrefflich ausgedrückt, David, ſehr paſſend geſagt!“ „Doch, Nelly, zur Belohnung dafür fordere ich. „Lieber David, entſchuldige, wenn ich einfalle! das war ein nicht ſo paſſendes Wort— Du wollteſt ſagen, daß Du wünſchteſt.“ „Ja, wenn das Wort eben ſo viel wirkt, ſo wün⸗ ſche ich, daß Du noch heute— falls Du nämlich mich als einen guten Wirth ſehen willſt— einem Vorſchlage beiſtimmſt, den ich Dir thun will.“ „O, lieber David, davon laß uns morgen reden! Doch willſt Du nothwendig etwas ſagen, ſo mach ſchnell, denn einig ten, ehrlic ligen Mau luſt, Blidb aus Petter tersſor menzu hat ei mag.“ Petter und er wir di arme, aus de ßen Fei für ſie ten— umherg großen ſich, n Sache drückt zum En ihrer kl. allzu ſi ordnung De noch die ſaß, all „, wenn e, daß habe ich Du das mich an unſrer brutalen r Laune npfindet, digt.“ de, wenn ßt, daß llein um e nieder⸗ mal hier netwillen, geſchieht, ein, dar⸗ eſellſchaft hr paſſend ich...ℳ lalle! das eſt ſagen, ſo wün⸗ llich mich Porſchlage 217 denn ich habe ſo viel zu thun, daß ich Dir eigentlich nur einige Augenblicke zu ſchenken habe.“ „Das iſt bald geſagt! Ich habe einen Brief erhal⸗ ten, der mir die Nachricht gibt, daß Pettersſon, mein alter ehrlicher Pettersſon, der beſte unter allen meinen ehema⸗ ligen Schiffern, auf der Lowiſa Charlotta mit Mann und Maus untergegangen iſt... das war ein großer Ver⸗ luſt, ſowohl an dem Manne als auch an dem Fahrzeuge! Blidberg, der den Schooner von mir kaufte, erhält wohl aus der Aſſecuranz ſeinen Schaden erſetzt; doch Frau Pettersſon, die in knappen Umſtänden da ſitzt— Pet⸗ tersſon war zu redlich, um etwas für ſich ſelbſt zuſam⸗ menzulegen— und drei vaterloſe Knaben dazu hat, ſie hat einen Verluſt erlitten, den ihr nichts zu erſetzen ver⸗ mag.“ „Ja wohl, Gott weiß es, das war ſehr traurig: Pettersſon ſchmuggelte ja für uns die meiſten Waaren ein, und er ſchaffte mir ja das prächtige Seidenzeug, womit wir die Moͤbeln im großen Salon überzogen.... die arme, arme Frau!“— Frau Löwe wiſchte eine Thräne aus dem Auge und ſagte darauf mit einer gewiſſen gro⸗ ßen Feierlichkeit:„Es iſt unſre Pflicht, lieber David, etwas für ſie zu thun. Wenn wir an eine Einſammlung däch⸗ ten— das iſt jetzt ſehr modern— und wenn Evelyn umherginge mit einem Kranze auf dem Kopfe und unſerm großen ſilbernen Korbe auf dem Arme.... verſteht ſich, nachdem erſt Jemand auf eine rührende Weiſe die Sache vorgetragen hätte, zum Beiſpiel Baron Max: er drückt ſich vortrefflich aus... das nähme ſich gewiß zum Entzücken aus, zu ſehen, wie er unſere Evelyn auf ihrer kleinen Bettelreiſe begleitete... ach ja, das wäre allzu ſüß, allzu ſchoͤn: das überträfe alle Arten von An⸗ ordnungen.“ Der Conſul, welcher weder Romane geleſen hatte, noch die Hälfte von der Crfindungsgabe ſeiner Frau be⸗ ſaß, alles zu begreifen und anzuwenden, der Conſul, ſagen 218 wir, war ſo erſtaunt über dieſen Vorſchlag, daß er mit tiefem Abſcheu betheuerte, ſo lange er ſelbſt noch einen Heller beſäße, ſollte nimmermehr ſeine Tochter mit oder ohne Kranz umhergehen, um für die Wittwe ſeines ehe⸗ maligen Schiffers Unterſtützung zuſammenzubetteln.„Nein, Petronella, daraus wird nichts! Willſt Du das Unglück der armen Frau Pettersſon erzählen, ſo thue es meinet⸗ halben— doch wir ſind Gott ſei Lob und Dank ſelbſt im Stande, ihr eine hülfreiche Hand zu reichen.“ „So laß es dabei bewenden, lieber Alter: ſchicke ihr eine kleine paſſende Unterſtützung, und nun lebe wohl— es iſt Zeit, daß wir uns anziehen.“ „Was ſagſt Du da, Nelly?— Ich habe ja noch nicht ausgeredet! Wäre von nichts anderem als von Un⸗ terſtützung die Rede, ſo weiß ich nicht, wozu dieſe Prä⸗ ludien dienen ſollten.“ „So rede denn aus!— Ich hoffe, Du wirſt mit nichts zum Vorſchein kommen, das ich abſchlagen muß?“ „Darin thuſt Du, wie Du beliebſt, Nelly: ich ſage nur, daß in dieſem Falle mein Fuß nicht zum Mittags⸗ tiſche kommt, und daß ich auch ferner zu keinen Schmäu⸗ ſen weiter das Geld hergebe.“ Die Frau Conſulin erröthete ſtark.„Du biſt auf dem Wege, Dich zu vergeſſen, mein Freund!“ ſagte ſie mit eremplariſcher Sanftmuth.„Vielleicht findeſt Du es paſſend, mit dieſen ſogenannten Präludien aufzuhoͤren?“ „Sehr gerne: ich ſchreibe morgen an Frau Petters⸗ ſon, daß wir ihren jüngſten Sohn Carl, der nun zwoͤlf Jahre alt iſt, zu uns in's Haus nehmen, und daß wir ihm eine Erziehung geben, die wir vor dem ſeligen Pet⸗ tersſon verantworten koͤnnen, wenn wir ihn einſt treffen.“ „Ich hoffe, mein geliebter David,“ antwortete Frau Löwe mit einem kleinen unſchuldigen Zittern der Stimme, „Du wirſt bedenken, daß alle die Tage und Nächte, an denen ich mich in meiner Jugend müde arbeitete, nicht den Zweck haben ſollten, ein Vermögen zu ſammeln, das r mit einen t oder s ehe⸗ „Nein, nglück neinet⸗ lbſt im icke ihr vohl— ja noch don Un⸗ ſe Prä⸗ birſt mit muß?“ ich ſage Petters⸗ un zwoͤlf Stimme, ächte, an te, nicht meln, das man hernach an anderer Leute Kinder wegwirft, ſo lange man noch ein eigenes hat? Hilf der Frau Pettersſon in Gottes Namen ſo gut Du vermagſt, doch denke nicht an etwas ſo Ungereimtes, als uns die Verantwortlichkeit und die unerhörten Koſten aufzubürden, daß wir ihren Carl erziehen, der meiner Meinung nach recht gut zur See gehen kann wie ſein Vater.“ „Iſt das Dein letztes Wort, Nelly, ſo entſchuldige mich bei den Gäſten— denn da es doch künftig keine Societäten weiter gibt, ſo iſt es das beſte, wenn ich auch von der erſten wegbleibe.“ „Mein lieber Alter, mein beſter David! ich bitte Dich, bedenke Doch nur...“ „Und ich bitte Dich, Nelly, bedenke; wenn Du auch eine tüchtige Hausfrau und eine gute Wirthin geweſen biſt, ſo waren es dennoch unläugbar meine glücklichen Ge⸗ ſchäfte, welche unſer Vermögen gründeten, und der ſelige Pettersſon war gerade einer von den Schiffern, deren Glück und große Chrlichkeit am meiſten einbrachte; noch dazu war Pettersſon derjenige, welcher mir das ſchoͤne Wrackgeſchäft verſchaffte, das zuerſt uns in den Stand ſetzte, an unſere großen Pläne zu denken. Und darum ſiehſt Du, Nelly, iſt es mein feſter Vorſatz, etwas von dieſer meiner Schuld an den Jungen abzutragen; er war ſeines Vaters Augapfel— ich will mich entſinnen, daß er einen guten Kopf hat: er ſoll ſtudiren und uns Ehre machen.“ „Aber ſo bedenke doch nur, was es heißt, einen Pflegeſohn zu erziehen— Du weißt, was Evelyn's Pen⸗ ſion koſtete!“ „Wir brauchen ihn ja nicht in Penſion zu ſchicken; ich glaube, es würde ſehr angenehm ſein, ihn hier im Hauſe zu haben.“ „Einen ſolchen Toͤlpel in unſerem Hauſe? Vielleicht denkſt Du noch, in Deinen alten Tagen Schulmeiſter zu werden?“ 220 „Nein, nicht ich; aber ich denke, mit dem jungen Brollinger Baron zu reden, daß er uns einen Informator, einen Studenten aus Upſala oder Lund, ſchafft.“ Jetzt ſchwieg die Conſulin einen Augenblick und über⸗ legte. Jetzt begann die Sache ſo zu werden, daß man ſie von einer andern und zwar von einer höͤchſt intereffan⸗ ten Seite betrachten konnte; und wäre dieſe Sache nur nicht unzertrennlich geweſen von Unkoſten, gegen die ihre in gewiſſen Fällen angebornen haushälteriſchen Grundſätze heftig anſtritten, ſo wäre es wohl ſo piquant wie nur immer möglich geweſen, wenn man ſagen könnte:„Einer von den ehemaligen Capitainen meines Mannes iſt mit Schiff und Leilten zu Grunde gegangen, und ich habe die rüh⸗ rende Freude gehabt, meinen guten Löwe überreden zu können, daß er einen unter den vaterloſen Soͤhnen in un⸗ ſer Haus aufnehmen will. Wir denken einen Informator anzuſchaffen und dem Knaben eine unſerem Vermoöͤgen ent⸗ ſprechende Erziehung geben zu laſſen.“ Die Wirkung einer ſolchen Eroͤffnung mußte noch weit größern Effekt hervor⸗ bringen, als Evelyn's Auftreten mit dem ſilbernen Korbe! „Wir werden in der ganzen Gegend wegen unſers Reich⸗ thums und unſerer hohen Geſinnung ausgeſchrien... doch die Unkoſten, die Unkoſten!... für ſich ſelbſt und der⸗ gleichen Dinge, die nicht zu vermeiden ſind, Geld aus⸗ zugeben, das iſt eine Nothwendigkeit, iſt eine Pflicht. Doch dieſes kann vermieden werden...“ Hier erlitten die Ge⸗ danken der Conſulin eine Unterbrechung, und dießmal würde ſie trotz der Bewunderung, die ſie zu wecken hoffte, höchſt zufrieden geweſen ſein, wenn ſie die Eitelkeit ihrem Geize hätte opfern dürfen.— „Lieber David! laß uns doch wenigſtens die Ueber⸗ legung bis morgen verſchieben.“ „Nein, mein Liebe, jetzt, in dieſem Augenblicke muß es abgemacht werden!“ „Und Du wäreſt wirklich im Stande, uns ſo zu compromittiren, daß Du nicht zu Tiſche gingeſt 7 Alles ich h⸗ jedem jedoch den if in der war, 1 wohlbe ausließ Quere ſich ſelb Seite d 1„C wieder! Di 221 „Liebe Nelly! Du haſt ja eine ſchreckliche Eile, das Alles zu wiederholen. Du kennſt mich ja hinlänglich: ich habe nicht öoͤfter einen eigenen Willen als vielleicht in jedem vierten oder fünften Jahre einmal— wenn es ſich jedoch trifft, daß dieſer mit dem Deinigen ganz verſchie⸗ den iſt, ſo weißt Du wohl...“ Die Conſulin wußte allzu wohl, daß ihr guter Mann in dergleichen beſonderen Fällen ein wirklicher Trotzkopf war, und ſie wußte noch Eins, nämlich daß ſie, weil er wohlbedacht immer nur kleine Flüſſe aus der Geldkiſte her⸗ ausließ, gar nichts ausrichten koͤnnte, wenn er ſich in die Quere ſetzte. Sie mußte daher,„als eine Pflicht, die ſie ſich ſelbſt ſchuldig war,“ die Sache von der moglichſt beſten Seite anſehen. „Gib mir eine Viertelſtunde, David! Ich komme wieder!“ Die Conſulin flog, um Mamſell Charlotte aufzuſu⸗ chen, welche eben jetzt im Speiſeſaale ſtand und unter ihrer Aufſicht den Tiſch aufblühen ließ. „Ein Wort!“ flüſterte die Conſulin, und die Damen verfügten ſich in ein Seitenzimmer, woſelbſt Frau Löwe in größter Eile die Laſt ihres großen Kummers nebſt den großen Schwierigkeiten und Vortheilen deſſelben auf die Mamſell Charlotte wälzte, deren Pflicht es war, in allen Dingen die hellſte und beſte Seite aufzuſuchen; und dieß⸗ mal that ſie das um ſo natürlicher und glücklicher, als ſie bei dem erſten Worte von einem Informator ſich augen⸗ blicklich entſann, daß ſie nicht älter war als dreißig Jahre und eigentlich nicht älter ausſah als wäre ſie erſt ſechs⸗ undzwanzig, hoͤchſtens ſiebenundzwanzig, und daß zwiſchen den Infoörmatoren und Geſellſchaftsfrauenzimmern immer kleine intereſſante Intriguen geſpielt worden ſind. „Nun, was ſagſt Du, liebe Charlotte?— Ich bin höchſt neugierig, das zu hoͤren.“ „Ich ſage, Ihro Gnaden, daß ich nie etwas ſo Glück⸗ liches gehörk habe, um den Vorwand zur Requiſition — 5“— . 222 eines Informators zu erhalten.... ein Informator— mein Gott! was iſt wohl eigentlich ein Haus— ich meine: ein großes, vornehmes Haus— ohne Informa⸗ tor? Das Verhältniß einer ſolchen Perſon zu der Familie gibt Anlaß zu tauſend kleinen Ereigniſſen und Diſſipatio⸗ nen, beſonders im Winter, da es vielleicht dem Herrn Conſul und Ihro Gnaden belieben moͤchte, ihre kleine Spielpartie zu haben, wie es in allen ariſtokratiſchen Häu⸗ ſern gebräuchlich iſt. Ich entſinne mich eben jetzt, was die ſelige Gräfin B— einmal ſagte:„Liebe Charlotte!“ ſagte ſie,„ein Haus ohne Informator iſt wie ein Salon ohne Spiegel; das Eine iſt eben ſo nothwendig wie das Andere!“ „Nun, Gott ſei gelobt! wir brauchen weder an Spie⸗ geln noch an Informatoren Mangel zu leiden!“ Sechzehntes Kapitel. Das große Mittagseſſen auf Oernwik lief ſo glück⸗ lich ab, wie man nur wünſchen konnte. Die Conſulin führte ihre ungleichen Partien mit ſo vortrefflicher Auf⸗ faſſung und ſo gutem Gedächtniſſe durch, daß ſie nicht mehr als nur einen ſehr kleinen Fehler beging, daß ſie nämlich, als ſie zu dem Major L— ſagen wollte:„Ach welche Freude für meinen Mann, die Bekanntſchaft eines ſo celebren Induſtrie⸗Betreibers zu machen!“ ſtatt deſſen äußerte:„ach, wie entzückt wird mein Mann ſein über die Bekanntſchaft mit einem ſo celebren Induſtrie⸗Ritter!“ Das Lächeln, welches hiebei über die Lippen einiger unter den Anweſenden flog, nahm die Conſulin auf als einen Beifall über ihren bewunderungswürdigen Tonz dor— — i forma⸗ Familie ſipatio⸗ Herrn kleine en Häu⸗ t, was rlotte!“ n Salon wie das an Spie⸗ o glück⸗ ſe dlun icher Auf⸗ ß ſie nicht g, daß ſie lte:„A chaft eines ſtatt deſſen ſein über je⸗Ritter!“ ppen einiger alin auf als 223 doch Viele, welche die Conſulin nicht näher kannten, wun⸗ derten ſich höchlich über ihre Kühnheit, mit einer ſo un⸗ ſchuldigen Miene einen ſolchen Sarkasmus oder, noch ſchlimmer, die ärgſte Wahrheit zu ſagen. Der Major ſelbſt aber hatte die Artigkeit, ſich von der guten Meinung der Conſulin geſchmeichelt zu finden. Die Geſchichte von dem„Schiffer meines Mannes“ nebſt dazu gehörigem Schiffbruche, Frau und Kinder brachte einen ganz ungemein großen Effekt hervor; denn die Conſulin verſtand es, auf die rührendſte Weiſe von den ausgezeichneten Verdienſten des ſeligen Pettersſon zu reden, weswegen ſie auch ihren Mann überredet hätte, einen von den Söhnen des ehrlichen Pettersſon als Pflege⸗ ſohn aufzunehmen; und da ihr Mann den Grundſatz hätte, ihr nie etwas abzuſchlagen, ſo ungereimt es auch immer ſein moͤchte, ſo wüßte ſie, daß es gerade heute ſeine Ab⸗ ſicht wäre, ſich der glücklichen Gelegenheit zu bedienen, um mit einer ſachkundigen Perſon über einen Gegenſtand, der nun in Frage käme, zu raiſonniren, nämlich wie man recht bald einen guten und geſchickten Informator erhalten könnte; die Sache litte nämlich keinen Aufſchub, denn es würde der armen Wittwe eine unendliche Freude machen, wenn ſie ſähe, daß einer der ehemaligen Rheder ihres Mnes ſich ihrer in ihrer großen Bekümmerniß ent⸗ änne. Was aber über Alles die Aufmerkſamkeit der Gäſte auf ſich zog, das waren die beiden jungen Mädchen: die Eine, eine tanzende Nymphe, bekränzt mit den reichſten Roſen jeglicher Anmuth, die Andre, eine idealiſirte Offen⸗ barung einer träumenden Hebe. „Wie ſchöͤn ſie iſt! wie ſchön ſie ſind!“ flüſterten Alle der Conſulin in's Ohr; und nickend und blinzelnd flüſterte ſie dagegen mit dem Tone der Beſcheidenheit, den ſie für heute anzunehmen für geeignet fand:„O ja— ja wohl! unſer Herrgott hat wirklich keine Schande; und ich bin mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, zu erkennen, —— 224 daß wenigſtens Evelyn's Erziehung nicht verſäumt wor⸗ den iſt, obgleich ſie trotz dem mehr einem Gemälde als einem Menſchen gleicht.“ „Sie iſt ein Kunſtſtück!“ ſagte Einer;„eine Venus!⸗ ſagte ein Anderer;„ein Engel in köͤrperlicher Geſtalt!“ erklärte ein Dritter.... Evelyn ſtellte ſo viele Dinge vor, daß Niemand daran dachte, ſie koͤnnte ſich ſelbſt, einen armen kleinen verlaſſenen Vogel vorſtellen, der nicht weiß, unter weſſen Flügeln er Schutz ſuchen ſoll. In einem weißen Tüllkleidemit einer geſchmackvollen Gar⸗ nitur, und zarte Roſenknospen von Conſtance in die lichten Locken geflochten, ſaß Evelyn dort, wie ſie pflegte, unbeweglich auf ihrem Stuhl in der Ecke. In Ermangelung ihrer gewöhnlichen Beſchäftigung, Blumen zu zerpflücken, drehte ſie an den Franſen, an dem koſtbaren violettblauen Shawl, den ihre Mutter um ſie geworfen hatte. Conſtance, welche artig und lächelnd die eine Einladung nach der andern annahm und ſich zu den vornehmen Damen hinſetzte, wurde daher oft von Evelyn getrennt; doch dieſe lauſchte in allem Gemurmel, welches ſie umgab, auf keine andern Toͤne, als diejenigen, welche von Conſtance's Lippen kamen. Conſtance's Worte, ihr ſilberklares, jugendlich friſches Lächeln, fand ein leichtes Echo in Evelyn's Innerem, ob⸗ gleich keine Bewegung ihre Empfindungen verrieth. Ohne beſondere Widerrede ließ Conſtance ſich über⸗ reden, ihr Talent auf dem Fortepiano hören zu laſſen— ja, ſie ließ ſich ſogar überreden, zu ſingen; nun aber wurde die Conſulin unruhig: denn nun kam auf Conſtance's An⸗ theil allzu viele Aufmerkſamkeit und auf Evelyn's allzu geringe. Zum Glück für die angenehme Laune der Wir⸗ thin, welche wirklich bei dem lebhaften Beifall, den Con⸗ ſtance erndtete, im Begriffe war, ſie zu verlaſſen, ſah ſie nun, wie Baron Mar dieſe Gelegenheit benutzte und nach einigen kleinen Umwegen, die ſie in ihrer mütterlichen Zärtlichkeit treulich obſervirte, ſich auf dem Stuhle neben Evelyn niederließ. 8 bewun Liebha auf B zuziehe wollen doch d hielt e⸗ ließ. Gedanke Eve einem B terbreche ſtützte de Eine N. t wor⸗ lde als zenus!“ eſſtalt!“ Dinge 9 ſelbſt, der nicht len Gar⸗ ie lichten in allem Toͤne, als ch friſches nerem, ob⸗ ſeth. ſich über⸗ laſſen— laber wurde ance's An⸗ llyn's allzu der Wir⸗ den Con⸗ ſen, ſah ſie e und na ütterlichen tuhle neben 22⁵ Jetzt konnte die Conſulin Conſtancen nicht laut genug bewundern, um die Aufmerkſamkeit von Evelyn und ihrem Liebhaber— wie ſie trotz ihrer letzten ärgerlichen Vifite auf Bröllinge den Baron Max noch immer nannte— ab⸗ zuziehen. Natürlich hätte ſie unbeſchreiblich gerne hören wollen, was er der ſteinernen Venus zu ſagen haben koͤnnte, doch das mußte ſie ſich aus dem Sinn ſchlagen, denn ſie hielt es für noch weit nothwendiger, daß man ſie ungeſtört ließ. Mit himmliſcher Seligkeit bemerkte ſie gleichwohl, daß Evelyn wenigſtens nicht ſchlief, denn ſie erhob ihr Haupt zur Hälfte und blickte den Baron an. Doch nur Baron Mar bemerkte mit großem Schmerze das Schwebende und Lebloſe in dieſem Blick, von dem er doch wußte, daß er bisweilen einen Ausdruck haben konnte. „Mademoiſelle Evelyn! lieben Sie nicht die Muſik?“ fragte er, indem er das eine Ende ihres Shalws, das auf den Fußboden herabgefallen war, aufnahm, und die rei⸗ chen Franſen deſſelben in ſeinen Händen behielt.* „Bisweilen!“ antwortete Evelyn. „Und welche Muſik gefällt Ihnen am beſten?“ „Ich weiß nicht.“ „Das heißt: die Muſik, welche aus der Seele kommt?“ Evelyn ſah ihn an und es fuhr ein kleiner glänzen⸗ der Schimmer über die dunklen blauen Augen; doch ver⸗ ſchwand derſelbe augenblicklich wieder. „Eine Muſik,“ fuhr Mar fort, verſuchend in ihre Gedanken einzudringen,„welche nicht nach Noten ſpielt?“ Evelyn's ſchönes Haupt bewegte ſich gleichſam zu einem Beifallsnicken. „Einige einzelne Töne aus dem Herzen, die wir auf dem Inſtrumente wieder finden wollen 2 „Ja!“ ſagte Evelyn leiſe; nun aber verſank ſie wie⸗ der in eines von dieſen Stillſchweigen, die ſich nicht un⸗ terbrechen ließen. Sie neigte die Stirn auf die Hand und ſtützte den Arm auf das Fenſterbrett. Eine Nacht am Bullarſee. I. 15 226 Baron Mar verſank in ihre Anſchauung; er hörte nicht, daß Conſtance ihre Arie beendigte, daß Andre ſich an das Inſtrument ſetzten; er ſah nur einen einzigen Ge⸗ genſtand, bis ihn Jemand auf die Schulter klopfte. Mar drehte ſich ſchnell um und erblickte den Conſul Löwe, welcher mit artiger Freundlichkeit fragte, ob er ſich's ausbitten dürfte, mit dem Herrn Baron oben auf ſeinen Zimmern ein Paar Worte reden zu dürfen, ſofern ſolches nicht für unartig angeſehen werden könnte, ſo lange die Muſik dauerte. „Keinesweges, Herr Conſul!“ entgegnete Max, der ein unbewußtes, aber doch ſehr ſtarkes Beduͤrfniß empfand, bei dem Conſul gut zu ſtehen; und mit noch einem lange⸗ weilenden Blicke auf ſie, die ſichtbarlich nicht im mindeſten auf ihn Achtung gab, verfügte er ſich mit ſeinem Wirthe hinauf in das zweite Stockwerk, wo dieſer nach einigen vorhergehenden Präludien ſeine ergebenſte Bitte um einen guten Rath in Betreff eines Informators ausdrückte. Und dieſe Sache konnte denn auch wirklich in keine beſſeren Hände gerathen; denn Baron Mar hatte viele Bekannt⸗ ſchaften in Upſala und mit dem größten Vergnügen ver⸗ ſprach er, ſogleich dorthin zu ſchreiben. Hierauf lenkte der Baron das Geſpräch ganz geſchickt auf den Edelmuth des Conſuls, ſich des verwaiſeten Knaben anzunehmen, und entdeckte mit wirklichem Vergnügen, daß von Seiten des Conſuls dieſe Handlung nicht im Gering⸗ ſten auf Eitelkeit und Prahlerei hinauslief. In ſeiner Freude, daß ihm Jemand zuhöoͤren wollte, vergaß der Con⸗ ſul ſein Amt als Wirth dort unten, um ſich ganz dem in⸗ tereſſanten Baron Max zu weihen. Er erzählte verſchie⸗ dene Geſchichten von den ungewöhnlich großen Verdienſten des ſeligen Pettersſon als Schiffer und Schmuggler, und fügte hinzu, daß beſonders die letzteren ihm ſelbſt große Verbindlichkeiten gegen Petterſon's Wittwe und Kinder auferlegten, und daß er trotz des Widerwillens ſeiner Frau gegen die Sache dieſelbe dennoch in gehörige Ordnung ge⸗ lichkeit ſamkeit Einfluß jetzt lie ihr nie denn i könnte, und mu loſ't w ſtand d gab m Geld ſagen, Handels liche G machte den Ta r hoͤrte dre ſich gen Ge⸗ Conſul „ ob er oben auf I, ſofern ſo lange Max, der empfand, nem lange mindeſten m Wirthe ch einigen um einen lickte. Und e beſſeren Bekannt⸗ nügen ver⸗ nz geſchickt ten Knaben Verdienſten huggler, und ſelbſt große und Kinder g ſeiner Frau (Ordnung ge⸗ 227 bracht hätte;„denn ſehen Sie, Herr Baron!“— hiebei erhielten die Züge des Conſuls eine gewiſſe Selbſtzufrie⸗ denheit—„wenn es mir einmal einfällt, einen eigenen Willen zu haben, ſo habe ich ihn niemals halb.“ „Das iſt auch ganz in ſeiner Ordnung!“ erklärte Max; dann aber warf er einige vorbereitende Fragen hin, unter andern, ob der Herr Conſul von ſeiner Jugend auf den Handel geliebt hätte. „Handelsgeſchäfte ſind immer mein Leben geweſen von meinen Knabenjahren an, da ich mit Fiſchangeln, Meſſern und dergleichen Kleinigkeiten handelte. Ich hei⸗ rathete früh, weil ich mir als Buchhalter eine Kleinigkeit geſammelt hatte, und Petronella und ich halfen uns dann treulich, das Kleine zu vermehren, womit wir begonnen.“ „Und dazu muß in der That Geſchicklichkeit und Glück gehört haben.“ „Gewiß, gewiß, Herr Baron! doch weder Geſchick⸗ lichkeit und Glück hilft viel ohne Arbeitſamkeit und Spar⸗ ſamkeit. Aus dieſer Zeit ſchreibt ſich auch der große Einfluß her, den Petronella— oder Nelly, wie ſie ſich jetzt lieber nennen hoͤrt— uber mich gewann, ſo daß ich ihr nie als nur im äußerſten Nothfalle zuwider handle; denn ich wäre ärger, als je ein Bär, wenn ich vergeſſen könnte, wie das arme gute Weib damals arbeitete und litt und mit ihren Augen überall war, damit nichts verwahr⸗ loſ't würde. Wir machten unſre Affairen zuſammen: ſie ſtand dem Laden vor, wenn ich nicht zu Hauſe war, und gab mir viele Speculationen an, worauf ich ſchweres Geld verdiente. Wenn die Frau ſo iſt, will ich Ihnen ſagen, ſo wird das eine wirkliche Compagnieſchaft, eine Handelsgemeinſchaft.“ „Die gar nicht hindert, daß daneben auch das häus⸗ liche Glück aufblüht.* „Nein, behüte Gott! unſer Glück in Geſchäften machte uns einander immer theurer; denn nachdem wir den Tag über uns im Schweiße unſeres Antlitzes müde 228 gearbeitet hatten, ſo trafen wir uns Abends in dem klei⸗ nen Kämmerlein. Ach, Du mein Gott und Herr, wie nett war dieſes Stübchen! blau mit einer Spiegel⸗Lam⸗ pette und zwei Silhouetten meines Vaters und meiner Mutter. Petronella hielt dieſes Stübchen auch wirklich ſo nett wie einen Puppenſchrank, und, wie geſagt, wenn wir uns dort trafen und vertraulich und freundlich unſere Bücher durchſahen, die Kaſſe zählten und beſprachen, wie gut es uns bis hieher gegangen war und wie gut es ge⸗ wiß noch ferner gehen würde, ſo... doch entſchuldigen Sie, Herr Baron, daß ich von dieſen Dingen plaudere — es war eine ſo glückliche Zeit!“ „Das ſieht man wohl, Herr Conſul, an der Rüh⸗ rung, welche die Erinnerung daran in Ihnen hervorruft. War die Demoiſelle Evelyn damals ſchon geboren?“ „Nein, erſt etwas ſpäter. Wir hatten zwei Kinder vor Evelyn, die zu dem Herrn gingen, ehe ſie hier auf Erden zu gehen begonnen hatten, und wir dachten ſchon, daß wir keines mehr bekommen würden, wofür wir ar⸗ beiten konnten, als Gott uns in ſeiner Güte die Freude beſcherte, daß wir noch einmal die Wiege vom Boden her⸗ abholen mußten. Als Evelyn geboren wurde, hatte ich ſchon einige bedeutendere Geſchäfte gemacht, Fahrzeuge und Häuſer gebaut und mit verſchiedenen auswärtigen Häuſern Handel eröffnet. Es war in einem blühenden Zeitpunkte, und wir ſparten daher auch nichts, um ſie als ein Mädchen zu erziehen, das dereinſt ein recht anſehn⸗ liches Erbtheil erwarten konnte. Doch, Herr Baron! nichts iſt wahrer, als das alte Sprichwort: der Menſch denkt und Gott lenkt. Evelyn gab keine Hoffnung, daß ſie etwas lernen wollte.... wir haben vielen Kummer gehabt über dieſes unſer theures und einziges Kind.“ In Allem, was der gute Mann bisher geſagt hatte, beſonders in dieſen letzten Worten, lag ſo viele einfache Offenheit, daß Max wirklich davon gerührt wurde und nicht anders konnte, als in ſeinem Herzen bedauern mußte, daß neuer milie Gewe hältne Refle⸗ ſam Max Ton die W lag,, ihrer war, d mal, d lange, Verſta falls g Früh ſchäfte mit ih bekame beſſer d ſie anr lich au gen ei wie wi ſein. ¼ Schule ſchickte ſie re und M lich kei ſteheri haben, n klei⸗ r, wie el⸗Lam⸗ meiner wirklich t, wenn h unſere hen, wie t es ge⸗ huldigen plaudere der Rüh⸗ ervorruft. 2“ ei Kinder e hier auf tten ſchon, r wir ar⸗ ie Freude Boden her⸗ hatte ich Fahrzeuge uswärtigen blühenden um ſie als 229 daß die wachſenden Reichthümer eine ſolche Menge von neuen Bedürfniſſen geſchaffen hatten, daß die einfache Fa⸗ milie, um dieſelben zu befriedigen, aus ihrem Kreiſe, ihren Gewohnheiten herausgetreten war, um in andern Ver⸗ hältniſſen alles zu finden— nur nicht das Glück. Dieſe Reflexionen waren aber in dieſem Augenblicke nur gleich⸗ ſam eine Einleitung zu demjenigen, was für den Baron Max die Hauptſache war. „Kann es moͤglich ſein,“ ſagte er, und legte in ſeinen Ton eine wohlwollende Herzlichkeit, welche weit mehr als die Worte erklärte, daß nichts Unbehöriges in der Frage lag,„kann es möoglich ſein, daß Demoiſelle Evelyn von ihrer früheſten Kindheit an eben dieſes wunderbare Weſen war, das ſie jetzt iſt?“ „In ihrer früheſten Kindheit hofften wir nicht ein⸗ mal, daß wir ſie jemals ſo ſehen würden: es dauerte ſo lange, ehe ſie anfing zu reden, ehe ſie irgend eine Art von Verſtandesgaben entwickelte, daß alle Leute und wir eben⸗ falls glaubten, ſie würde nie wirklich Menſch werden. Früh und ſpät waren wir, meine Frau und ich, mit Ge⸗ ſchäften überhäuft, und hatten daher nicht viele Zeit übrig, mit ihr zu plaudern; als ſie aber drei Jahre alt war, ſo bekamen wir eine alte gute Perſon in's Haus, welche ſich beſſer auf ſie verſtand und ſo lange mit ihr ſpielte und ſie anreizte, daß ſie ſich endlich einiger Maßen verſtänd⸗ lich ausdrücken lernte. Bisweilen zeigte ſie in vielen Din⸗ gen einen großen Verſtand, bisweilen aber ſchien ſie— wie wir meinten aus Halsſtarrigkeit— taub und ſtumm zu ſein. Als ſie älter wurde, ſchickten wir ſie aus der einen Schule in die andere; als aber nichts helfen wollte, ſo ſchickten wir ſie in eine wirklich große Penſion, woſelbſt ſie recht ſchöne Dinge gelernt hat, wie die Vorſteherin und Mademoiſelle Conſtance bezeugen. Hier hat ſie wahr⸗ lich keine großen Proben davon gezeigt— doch die Vor⸗ ſteherin hat auch erklärt, ſie würde gar nichts gelernt haben, wenn nicht Mademoiſelle Conſtance, die wir jetzt 230 hier haben, die Güte gehabt hätte, Wohlgefallen an Eve⸗ lyn zu finden, und wenn ſie nicht ihre ſchwache Auffaſ⸗ ſungsgabe unterſtützt hätte.“ „Es iſt alſo ein unſchätzbares Glück, daß ſie diejenige wieder erhalten hat, welche einen ſo glücklichen Einfluß auf ſie ausgeübt hat. Sonſt hat ſie aber wohl nie irgend ein Zeichen gegeben von...“ Der Baron brach ab und ſchwieg aus Zartgefühl. „Von Geiſtesſchwäche meinen vielleicht der Herr Ba⸗ ron? Nein, ſie hat immer alles verſtehen und begreifen können, was ſie begreifen wollte, und wenn ſie auch weiter nichts antwortet, als Ja und Nein, ſo iſt das doch nie an unrechter Stelle. Mademoiſelle Conſtance iſt viel⸗ leicht zu jung, um ein ſicheres Urtheil zu haben; ſonſt aber iſt ſie ein Mädchen von ſo großen Naturgaben, daß man ſich wahrſcheinlich auf ſie verlaſſen kann, und ſie ſagte mir noch geſtern, als ich einige Worte über die Fortſchritte ſagte, die Evelyn ſchon dieſe Woche gemacht hätte— denn wirklich antwortet ſie jetzt auf alles, wenn auch nur kurz,— ängſtigen Sie ſich nicht für Evelyn, Herr Con⸗ ſul!“ ſagte das liebe Mädchen,„Evelyn hat eben ſo viel Verſtand wie irgend eines von uns, und vielleicht gar noch ein wenig mehr; aber ſie hat einen ſolchen Ueberfluß an Gefühl, daß dieſes dem Verſtande noch den Weg ſperrt. Und noch dazu hat ſie ſich nun einmal gewöhnt, ſo ganz alles bei ſich zu behalten, daß ſie nur langſam oder all⸗ mälig lernen kann, in der Mittheilung Wohlgefallen zu finden!“ Was die Conſulin geſagt haben könnte, falls ſie zu⸗ fällig dieſe allzu offenherzige Rede gehört hätte, das iſt ungewiß; vielleicht hätte ſie es für eine Pflicht erachtet, die ſie ſich ſelbſt ſchuldig wäre, vor Schrecken in Ohn⸗ macht zu fallen, da es nicht mehr in ihrer Macht ſtand, ihre Vornehmheit und Würde, welche die unbedachtſame Vertraulichkeit ihres Mannes ſo ganz auf die Seite warf, auf eine beſſere Art zu retten. Das Gewiſſe aber iſt, ſie würd hätte geſel Heira getha Herze dem lich, i Fiſchz er die tern z hatten. tur de zu ſpä C vergeſſ ſeinem über Corrid nahm, Wirthe ſie an neugie Augen Sie ſel Geſchm Komm nen, es A faſt ve und zu Baron GA mern, an Eve⸗ Auffaſ⸗ diejenige Einfluß ie irgend ) ab und Herr Ba⸗ begreifen ſie auch das doch iſt viel⸗ onſt aber daß man ſagte mir ortſchritte hätte— auch nur derr Con⸗ en ſo viel eicht gar Ueberfluß zeg ſperrt. „ſo ganz oder all⸗ efallen zu lls ſie zu⸗ e, das iſt t erachtet, in Ohn⸗ acht ſtand, edachtſame zeite warf, ber iſt, ſie 231 würde ganz beſtimmt behauptet haben, ihr armer David hätte in ſeiner Einfalt und Unbekanntſchaft mit feineren geſellſchaftlichen Gewohnheiten ihren ganzen vortrefflichen Heirathsplan verdorben. Nun aber hatte der Conſul gerade das Gegentheil gethan, denn aus allem, was er in dem Entzücken ſeines Herzens, einmal frei und ungeſchraubt reden zu dürfen, dem Baron Mar erzählt hatte, ſah dieſer klar und deut⸗ lich, daß wenigſtens von Seiten des Vaters keine Art von Fiſchzug beabſichtigt wurde, und mit tiefem Intereſſe folgte er dieſen Eröffnungen, welche bewieſen, daß Evelyn's El⸗ tern zwar vielen Willen, aber allzu wenig Geſchick gehabt hatten, durch die Erziehung gut zu machen, was die Na⸗ tur der Tochter verſagt oder richtiger, womit dieſelbe all⸗ zu ſpät bei ihr entwickelt hatte. Conſul Loͤwe, der lange genug ſeine übrigen Gäſte vergeſſen hatte, dachte nun endlich an dasjenige, was zu ſeinem Frieden diente. Doch tröſtete er ſich einigermaßen über ſein Verſäumniß, als er mit dem Baron in den Corridor trat, und unten ein Leben und ein Geräuſch ver⸗ nahm, aus welchem abzunehmen war, daß man mit dem Wirthe nicht allzu ſtreng rechnete. „Aha!“ ſagte der Conſul, als Baron Mar, indem ſie an einer halb offenſtehenden Thür vorbeigingen, einen neugierigen Blick hinter ſich warf,„ach, warten Sie einen Augenblick! Blicken Sie hierher, Herr Baron, ſo ſollen Sie ſehen, daß das Mädchen ebenfalls ihren beſtimmten Geſchmack haben kann, wenn ſie beſtimmt ſein will... Kommen Siel dieß ſind Evelyn's Zimmer: ich ſollte mei⸗ nen, es ſind ein paar wirkliche Antiquitäten,“ Neugierig, aber dennoch eingenommen von einer faſt verſchämten Furcht, diejenigen Gegenſtände zu ſehen und zu betaſten, die Evelyn täglich ſah und benutzte, trat Baron Marx nach der Anweiſung des Conſuls ein. Es war ſtill wie das Grab in dieſen dunklen Zim⸗ mern, aus denen die letzten verſchwindenden Strahlen der 232 Sonne ſchon Abſchied genommen hatten, um die Däm⸗ merung einer Sommernacht zurück zu laſſen, welche um ſo myſtiſcher war, als ſie ſich durch die laubreichen Lin⸗ denkronen vor den Fenſtern durchſchmiegen mußte. Als Mar das altmodiſche Gardinenbett erblickte, wel⸗ ches nur zur Hälfte die feinen ſchneeweißen Kiſſen ver⸗ hüllte, auf denen Evelyn's ſchoͤnes Haupt ruhen ſollte, zog er ſich unwillkührlich zurück.„Wir dürfen nicht hie⸗ her gehen!“ ſagte er in einem Tone, den ſogar der Con⸗ ſul Loͤwe, der ſonſt eben keinen überflüſſigen Vorrath an Feingefühl hatte, ſehr gut verſtand. „Nun ſo können wir doch wenigſtens in das andere Zimmer gehen und nachſehen, wie ſie allen ihren Plunder aufgeſtellt hat... In dieſem Zimmer iſt ſie am liebſten; denn das arme Kind hält ſo viel von den alten halbzer⸗ ſchlagen Bildern, die hier in den Ecken ſtehen und grin⸗ ſen— ſehen Sie nur, ſehen Sie! die Bilder ſind meiner Treue nicht im Geringſten zu gut, um mit alten eaſſirten Gallionsbildern Brüderſchaft zu trinken!“ Der Baron trat leiſe über die Schwelle der acht⸗ eckigen Kammer. Die Gruppe des Laokoon war das erſte, was ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog; als aber dann ſein Blick über die andern Niſchen hinglitt, ſo blieb derſelbe ruhen auf einer, über welche der Abendhimmel ſein bleiches Licht brach. Max warf einen fragenden Blick auf den Conſul, welcher dabei den Finger auf die Lippen legte, als wollte er ſagen: es iſt keine Ein⸗ bildung. Und es war keine Einbildung, obgleich die Phantaſie kaum ein geiſtigeres Gebilde ſchaffen konnte, als Evelyn in ihrem weißen Kleide auf einem Schemel in der Niſche ſitzend. Sie ſtarrte ununterbrochen die ſchrecklichen Schlan⸗ gen an, welche ihre Blicke in gleichem Grade zu feſſeln ſchienen, als ſie ihre Seele mit Schrecken erfüllten. Be⸗ ſonders war dieß der Fall in der Dämmerung, wo ſie ihr zu wachſen und ſich allmälig auszudehnen ſchienen, bis ſi lich auch einen und ganze Grau jetzt e ſie do eine T glückli empfa mit ei welche aus ih erſchier doch in den W hatte, Kindes dankens ner Ge ches B da ſie herabge Weges alle ſei Barons 2 dieſer die Zei 3 flüchtig „G er auf Däm⸗ lche um hen Lin⸗ te, wel⸗ ſen ver⸗ ſollte, icht hie⸗ der Con⸗ rrath an 8 andere Plunder liebſten; halbzer⸗ und grin⸗ d meiner caſſirten , ſo blieb ndhimmel Phantaſie Nls Evelyn zu feſſeln lllten. Be⸗ , wo ſie ſchienen, 233 bis ſie endlich ihre Füße erreichten, welche ſie darum gewoͤhn⸗ lich ſo weit wie möglich zurückzog. Evelyn's Geſicht drückte auch in dieſem Augenblicke einen geheimen Schrecken aus, einen Schrecken, der ihr gleichwohl Genuß zu ſchenken ſchien, und als Max ihrem Blicke folgte, ſo glaubte er den ganzen Wechſelgang dieſer unbeſchreiblichen Gefühle zwiſchen Grauen und Genuß zu faſſen. Er ſah ein, daß Evelyn jetzt ein ganz anderes Leben lebte, als dasjenige, worin ſie dort unten unter den Menſchen lebte, und Mar fühlte eine Thräne in ſeinem Auge, als er ſah, wie dieſes un⸗ glückliche junge Weſen, das gewiß das ganze Bedürfniß empfand, die Feſſeln ſeiner Seele gebrochen zu ſehen, ſich mit einem geheimen Verlangen an dieſe Kunſtwerke hing, welche vielleicht geeigneter waren als Menſchenworte, ſie aus ihrem Schlummer zu wecken. Selbſt ihre Schoͤnheit erſchien ihm als zu heilig für irgend eine Leidenſchaft; doch in dieſem Augenblicke erneuerte er mit feſtem Willen den Wunſch, der ſich ſchon in ſeinem Herzen gebildet hatte, der Führer, Freund und wo möglich Gatte dieſes Kindes zu werden. Und bei dem Blitze dieſes letzten Ge⸗ dankens ſchwebten ſeinem geiſtigen Auge eine Menge ſchö⸗ ner Geſichter vor, welche ihm ſämmtlich Evelyn's liebli⸗ ches Bild zeigten, wenn auch nicht ſo ſtumm wie jetzt, da ſie dort ſaß in der tiefen Niſche, der Kranz nachläſſig herabgeſchoben auf die eine Seite der weißen Stirn. „Wir müſſen vielleicht an die Fortſetzung unſeres Weges denken!“ ſagte der Conſul, welcher merkte, daß alle ſeine Winke und alles Zupfen an dem Frack des Barons keine Aufmerkſamkeit erregten. „Ich bitte um Entſchuldigung, Herr Conſul; doch dieſer Anblick kann machen, daß man mehr vergißt als die Zeit!“ flüſterte Max..... In der Treppe begegnete ihnen Conſtance, welche flüchtig grüßend hinauf eilte. „Suchen Sie Evelyn?“ fragte der Couſul, indem er auf die Thür ihres Zimmers deutete,„Sie iſt in 234 eine ihrer Niſchen eingekrochen und wie ich glaube ein⸗ geſchlafen.“ Conſtance blickte verwundert erſt den Conſul, dann den Baron an: es erſchien ihr gar nicht unwahrſcheinlich, daß der Conſul Loͤwe ſo wenig Zartgefühl bewieſen hatte, einen fremden Mann in Cvelyn's Heiligthum einzuführen. Max, welcher augenblicklich den ausdrucksvollen Uebergang ihres Blickes von Froͤhlichkeit in Unzufrieden⸗ heit bemerkte, eilte, ſich zu entſchuldigen ſo gut er konnte, indem er ehrfurchtsvoll ſagte: „Der Herr Conſul, welcher die Thür offen ſah und glaubte, daß Mademoiſelle Evelyn unten wäre, hatte die Güte, mir einige Antiquitäten in dieſen Zimmern zeigen zu wollen; da wir dieſelben aber ſchon benutzt fanden, ſo flohen wir ſo eilig davon, daß ich kaum ſo viel rettete, wie das Andenken an eine— Offenbarung.“ Ohne eine andere Antwort als eine kleine Bewegung von Ungeduld ſetzte Conſtance ihren Weg fort und erſchien erſt eine halbe Stunde ſpäter im Salon. Sie kam allein und trug mit einnehmender Art der Conſulin Evelyn's Entſchuldigung ſo laut vor, daß die Anweſenden ſie hören konnten. „Da es das erſte Mal iſt, daß ſie ſich in dem größern Societätsleben gezeigt hat,“ lächelte Frau Löwe mit ſanf⸗ ter Würde,„ſo muß man ihr wohl ihre Freiheit laſſen, liebe Conſtance!“ Doch Conſtance durfte wahrlich keine Freiheit haben! Sie würde zum Beiſpiel herzlich gerne mit dem Baron Mar geredet haben, welcher ihr den ganzen Tag keine große Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte, jetzt aber die Abſicht zu haben ſchien, ſeine Verſäumniß wieder einzu⸗ holen. Das war aber ſo wenig in dem Geſchmack der Frau Löwe, daß ſie das eine Mal nach dem andern Con⸗ ſtance zu ſich rief, um ihr einen vertrauten Auftrag zu ertheilen. Auf dieſe Art gelang es ihr denn auch wirk⸗ lich, die Annäherung des Barons zu verhindern; hätte junges Freiheit vier⸗Au bediente 23⁵ de ein⸗ ſte jedoch den Anlaß dieſer ſeiner Bemuͤhungen errathen koͤnnen, ſo würde ſie ſicherlich eine ganz entgegengeſetzte „ dann Handlungsweiſe gewählt haben.... heinlich, Endlich war der große Tag zu Ende. n hatte, Und nun, nachdem der letzte Wagen abgefahren war, uführen. nachdem die Conſulin ſich in ihr Zimmer begeben und (ksvollen Conſtance, als ſie ihr freundliches und ehrfurchtsvolles ufrieden⸗„gute Nacht“ ſagte, einige ganz unerwartete Zurechtwei⸗ konnte, ſungen und Ermahnungen erhalten hatte,„ſich nicht allzu familiär mit Männern zu zeigen, was ſich nie für ein ſah und junges Mädchen ſchickte,“ hatte endlich die Conſulin ihre hatte die Freiheit, deren ſie ſich auch eilfertigſt zu einem Unter⸗ zeigen zu vier⸗Augen mit ihrem Orakel, ihrem theuren Handlexrikon fanden, bediente. el rettete,„Was ſagſt Du, Charlotte? was urtheilſt Du?“ rief ſie, indem ſie ſich nach Athem haſchend auf einen Zewegung ſchwellenden Lehnſtuhl hinabſenkte.„War nicht unſre d erſchien Societät ſo, wie ſie einem Hauſe mit dem Tone anſteht, am allein wie ich dem meinigen gegeben habe— das heißt nämlich Evelyn's ein Ton, wie er in allen feinen Zirkeln gefunden wird— ſie hören und was insbeſondere mich betrifft, ſo bin ich mir viel⸗ . leicht ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, zu erkennen, daß m größern wahrſcheinlich nicht jede Wirthin ihren mit großer Ver⸗ mit ſanf⸗ antwortlichkeit ſo erfüllt... ich ſage nicht mehr als ſol“ eeit laſſen,„Ich betheuere, daß die ſelige Gräfin B= ſich un⸗ moͤglich mit größerer Würde und Grace hätte führen kön⸗ Freiheit nen: Ihro Gnaden übertrafen ſich ſelbſt: Und demnächſt mit dem muß man geſtehen, daß Mademoiſelle Conſtance ebenfalls nzen Tag das ihrige that.“ aber die„Conſtancel— o ja— ſie ſpielte und ſang nicht per einzu⸗ ſo übel; doch Du höͤrteſt wohl, daß ich ihr meine An⸗ hmack der merkungen gab... ich vermuthe, Du ſahſt, wie lebhaft dern Con⸗ ſie war, als Baron Max anfing, ſie zu courtoiſiren 2 uftrag zu„Rein, wahrhaftig, davon ſah ich nicht das geringſte ch wirk⸗ Zeichen; im Gegentheil, ich ſah, wie er ſeine Augen ſo n; hätte ———— 236 unverwandt auf Fräulein Evelyn heftete, daß die Frei⸗ herrin wirklich einige Male erroͤthete.“ „That ſie das?... o, ſuperb!... charmant! ... Doch ſiehſt Du wohl ein, daß es ſich auf keinen Fall ſchickt, wenn Conſtance von den jungen Herrn, welche dieſes Haus beſuchen, ſich courtiſiren läßt, ſo lange Evelyn's Wahl noch unentſchieden iſt— alle Herren der ganzen Geſellſchaft drängten ſich ja zu ihr und wollten mit ihr converſiren!“ „Ach, Herr Gott, Ihro Gnaden! das alles kommt ja einzig und allein daher, daß Keiner mit Fräulein Evelyn reden kann— deſto mehr ſieht man ſie an— und was die Converſation zwiſchen dem Baron und Made⸗ moiſelle Conſtance betrifft, ſo vernahm ich hinlänglich da⸗ von, um verſichern zu können, daß ſie ſich einzig und allein auf Fräulein Evelyn bezog.“ „Glaubſt Du das, liebe Charlotte? Wüßte ich, daß ſie über nichts anderes geſprochen hätten, ſo ſollte es mir herzlich wehe thun, daß ich gegen das gute Mädchen ſo ſtreng geweſen bin.“ „Denken Sie doch nur nach, Ihro Gnaden, und ihr eigener heller Verſtand wird weit deutlicher reden, als meine Worte es können. Vor allen Dingen belieben Ihro Gnaden zu obſerviren, daß der Baron Max ſich erſt gegen das Ende berufen fühlte, die Mademoiſelle Conſtance auf⸗ zuſuchen.“ „Ja, doch nun geſchah es um ſo eifriger— das mußt Du geſtehen.“ „Das thu ich. Doch woher kam dieſer Eifer?“— Ja, nachdem Mademoiſelle Evelyn die Soctetät verlaſſen hatte und er alſo ſeine Augen nicht länger an ihr weiden konnte, ſo wurde es ihm ein Bedürfniß, ihren Namen aus⸗ zuſprechen und etwas von ihr zu hoͤren. Als ich einmal zufällig am Ofen vorbei ging, wo der Baron und Made⸗ moiſelle Conſtance ſtanden, ſo hoͤrte ich, wie er ſagte: „Es muß eine unbeſchreibliche Selbſtbefriedigung ſein, irgend neide fluß, mühu 2 ſie mi den g machen „himm gabſt 2 mich w delte!“ „2 „koͤnnte anſtehen Wink z lange zu lieblichen die Art Dame v Im der Barg einen all Wa noch ſehr Herrn, ſo lange rren der wollten s kommt Fräulein ſie an— nd Made⸗ glich da⸗ inzig und le ich, daß Kädchen ſo erſt gegen ſtance auf⸗ er— das kifer?“— t verlaſſen ihr weiden amen aus⸗ ich einmal zund Made⸗ er ſagte: gung ſein, 237 irgend einen Eindruck in ihr hervorzurufen, und ich be⸗ neide Ihnen, Mademoiſelle Waller, wirklich einen Ein⸗ fluß, den Sie nur durch die edelſte und anhaltendſte Be⸗ mühung gewonnen haben können.“ „Himmliſcher Gott!“ rief die Conſulin aus, indem ſie mit der ganzen unſchuldigen Nachläſſigkeit, welche in den glänzendſten Tagen des Häringſalzens und Caviar⸗ machens ſtatt gefunden hatte, die Hände zuſammenſchlug, „himmliſcher Gott! welche Thörin ich war! Aber warum gabſt Du mir denn nicht einen kleinen Wink? Ich hätte mich wahrlich gehütet, ſo zu handeln, wie ich nun han⸗ delte!“ „Behüte Gott!“ entgegnete Mamſell Charlotte, „könnte es mir, einer ſo untergeordneten Perſon, wohl anſtehen, in einer ſolchen Geſellſchaft Ihro Gnaden einen Wink zu geben? Doch ich wette, wir brauchen nicht lange zu warten, ſo haben wir ihn wieder hier.“ Getröſtet durch dieſe Ausſicht und in ihrer lebhaften Einbildung ſich eine ganze Maſſe von neuen Ausſichten ſchaffend, ging die Conſulin zuletzt zu Bette, um in einem lieblichen Traume noch mehr die Belohnung zu finden für die Art und Weiſe, womit ſie heute ihre Rolle als eine Dame von Stand und mit Erziehung durchgeführt hatte. Siebenzehntes Kapitel. Im Verlaufe der nächſtfolgenden Wochen erneuerte der Baron Mar ſeine Beſuche ſo oft, daß man ihn bhald einen alltäglichen Gaſt auf Oernwik nennen konnte. Was ſein Hofmachen betraf, ſo mußte daſſelbe den⸗ noch ſehr eingeſchränkt bleiben. Es hätte moͤglicher Weiſe 238 — wenn nicht die Conſulin an dem Abende der Foôte aus Fehlgriff der Conſtance jene ganz unverdienten Vorwürfe ertheilt hätte— durch den Kanal der Freundſchaft gehen können... denn ſich direct mit Evelyn in Verbindung zu ſetzen, erſchien ganz fruchtlos.... nun aber wollte auch das nicht gehen; denn Conſtance war gegen den Baron immer etwas kurz und zeigte ſich auch gegen die Conſulin nicht allzu freundlich, denn dieſe hatte ſie an einer Seite zu verletzen gewagt, wo junge Mädchen nicht ohne ihre kleine Eitelkeit ſein können. Ueberdieß meinte Conſtance die Gränzen des Paſſenden und Unpaſſenden weit beſſer beurtheilen zu koͤnnen, als die Conſulin Loͤwe. Alſo, obgleich der Baron faſt jeden Tag, oder doch wenigſtens jeden zweiten Tag nach Oernwik kam und er ſo oft er es vorſchlug in Evelyn's Geſellſchaft ſpazieren gehen konnte, ſo diente ſolches dennoch zu gar nichts; denn Evelyn war ſtets ſtumm, wenn niemand ſie anredete, und redete ſie jemand an, ſo antwortete ſie nur mit ihren kleinen einſylbigen Wörtern trotz der ewigen Wiederholung der Conſulin:„Evelyn, mein Kind! hoͤrſt Du denn nicht, daß der Herr Baron Dir die Ehre erweiſ't, Dich zu fragen?“ 3 Baron Max hätte herzlich gerne die Conſulin erſuchen wollen, ſich gar nicht in die einförmige Converſation zu miſchen; doch da von einer ſolchen Unhöflichkeit die Rede gar nicht ſein konnte, ſo fuhr die Conſulin mit ihren fleißigen Bemühungen fort, ihm zurecht zu helfen. „Das geht nicht aus der Stelle!“ ſagte unſre Frau eines Tages ganz vertraulich zu Conſtance, als ſie beide allein waren. „Was geht nicht aus der Stelle?“ „O, liebe Conſtance, zeige Dich nur nicht ſo unbe⸗ greiflich; ſage mir lieber, warum Du mit einem ſolchen Eigenſinne fortfährſt, gegen den angenehmen Baron Max ſo zurückſtoßend zu ſein? Ich ſollte wirklich denken, daß ſeine kann.“ 2 Max folge, ich der nichts „ Worten mer na ertheilen „58 werth, alte Lei Al augenbli dem Gl ungerech ſehen, lich un achtungg das mich wie ich benswün betrübt um wied Du ein während ſich ſtets ſuchen „ 1 Fote aus Vorwürfe aft gehen erbindung her wollte gegen den gegen die tte ſie an dchen nicht leß meinte Inpaſſenden ulin Loͤwe. oder doch im und er t ſpazieren gar nichts; ie anredete, mit ihren jederholung denn nicht, „ Dich zu lin erſuchen perſation zu it die Rede denken, daß 239 ſeine Converſation Niemandem unangenehm vorfallen kann.“ „Ich weiß nicht, wie die Converſation des Baron Mar ſein kann; ich weiß nur, daß ich den Vorſchriften folge, die Sie, Tante, für gut fanden mir zu geben, als ich den Baron zum erſten Male ſah.“ 1 „Nun, nun, liebes Kind, ein junges Mädchen darf nichts ſo lange nachtragen.“ „Ich verſtehe nicht, Tante, was Sie mit dieſen Worten meinen— ein junges Mädchen muß ſich ja im⸗ mer nach den Rathſchlägen richten, die erfahrne Perſonen ertheilen.“ „Ja wohl, mein Kind! und es iſt ſehr achtungs⸗ werth, daß Du daran denkſt— doch, liebe Conſtance, alte Leute können ſich ja eben ſo gut irren, wie die jungen!“ Als Conſtance dieſe Worte hörte, ſo erhob ſie ſich augenblicklich von dem Stuhle und indem ihre Augen von dem Glücke ſtrahlten, welches ſie empfand, ſich von einer ungerechten Anſchuldigung der Coquetterie gerechtfertigt zu ſehen, flog ſie der Conſulin in die Arme und ſagte herz⸗ lich und warm:„Dank, Dank! Wenn irgend etwas achtungswürdig iſt, ſo iſt es dieſes großmüthige Erkennen, das mich wieder ſo frei und ungezwungen machen wird, wie ich vorher war!“ „Gut, gut, meine liebe Conſtance! Du biſt ſo lie⸗ benswürdig, daß man nicht anders kann, als man muß betrübt ſein, wenn man Dich anders ſieht; und alſo— um wieder auf den Baron Max zu kommen— verſprichſt Du ein wenig mehr mit ihm zu plaudern?“ „Ich verlange nichts beſſeres: er iſt ein junger, an⸗ genehmer und in meinem Geſchmacke recht liebenswürdiger Mann. Es iſt mir ſchwer genug geworden, ihm immer⸗ während ein fremdes Geſicht zu zeigen, beſonders da er ſich ſtets ſo intereſſirt gezeigt hat bei meinen kleinen Ver⸗ ſuchen mit Evelyn.“ „Ja, Du Liebe, das kannſt Du wohl ſagen!. Doch 240 das iſt nicht wunderlich: Du ſollſt wiſſen... doch— Du haſt ſelbſt ſchon geſehen, was ich Dir ſagen wollte.“ „Was meinen Sie, Tante?“ fragte Conſtance nach⸗ denklich. „Du haſt alſo nicht bemerkt, daß ſeine Bemühungen an Dich zu kommen aus dem Verlangen entſpringen, über Evelyn zu ſprechen?“ „Ja, das glaube ich wirklich bemerkt zu haben.“ „Nun, da kannſt Du ja auch verſtehen, daß er ſich in Evelyn verliebt hat!“ „Wie? verliebt in Evelyn?“ rief Conſtance mit einem allzu natürlichen Ausdruck der Verwunderung aus. „Findeſt Du das ſo ſchrecklich merkwürdig? Ich dächte doch, Evelyn wäre ſchön genug, und auch reich genug, um ein ſolches Gefühl zu rechtfertigen!“ „Ganz gewiß, beſte Tantel— Es kommt mir nur ſo wunderbar vor, daß ſich Jemand in Evelyn verliebt, weil Niemand im Stande iſt, ihren eigentlichen Werth zu kennen und zu beurtheilen.“ „Aber liebe Conſtance, Du merkſt wohl, daß er alles thut, was in ſeinen Kräften ſteht, um denſelben gründlich kennen zu lernen. Ich betheuere, es iſt meine Ueberzeu⸗ gung, daß obgleich er eben ſo gut wie die ganze Welt davon gehort hat, welches Erbe Evelyn zu erwarten hat, er dennoch nicht aus Eigennutz nach ihrer Hand ſtrebt.“ „Das glaube ich auch,“ antwortete Conſtance,„wenn er nämlich darnach ſtrebt; auf der andern Seite aber glaube ich kaum, daß Baron Marx der Mann iſt, welcher Evelyn's Gefühl weckt.“ „Das iſt mir ein allzu ſonderbarer Glaube! Er iſt wohl ein ſo angenehmer und achtungswerther Mann, als nur ſehend ein Mädchen ſich zu ihrem Gatten wünſchen kann?“ „Ja, achtungswerth iſt er; doch Evelyn denkt noch an gar keinen Gatten: der Baron intereſſirt ſie nicht im Allermindeſten.“ nur er wirbt; ſchuldi geben 2 eine o für ihr 7„ die hiel zweifle, Puncte ich zwe ihre Ho bemerkt es natüt Evelyn dern ihr „doch— n wollte.“ ance nach⸗ mühungen ntſpringen, aben.“— daß er ſich ſtance mit erung aus. dig? Ich auch reich 77 uit mir nur e verliebt, Werth zu aß er alles n gründlich Ueberzeu⸗ ganze Welt warten hat, und ſtrebt.“ ince,„wenn Seite aber iſt, welcher bbe! Er iſt Mann, als n wuͤnſchen denkt noch ſie nicht im 241 „Sie wird ſich ſchon um ihn intereſſiren, wenn es nur erſt ſo weit kommt, daß er ſich um ihre Hand be⸗ wirbt; denn wir ſind es uns ſelbſt und unſerer Würde ſchuldig, daß wir einem ſolchen Mann keinen Abſchlag geben— er muß Ja haben!“ „Von Evelyn?“ „Von Evelyn oder ihren Eltern, das iſt einerlel— eine ſolche Närrin wie ſie dankt Gott, wenn andre Leute für ihr Glück und ihre Zukunft ſorgen.“ „Beſte Tante, daran zweifle ich!“ fiel Conſtance ein, die hiebei ihren Verdruß unmoͤglich verbergen konnte.„Ich zweifle, daß Evelyn, wenn es bis zu einem entſcheidenden Puncte kommt, ſich wie eine Puppe behandeln läßt, und ich zweifle ſogar daran, daß der Baron Mar jemals um ihre Hand anhalten wird; denn wenn er, wie Sie ſelbſt bemerkt haben, dieß nicht aus Eigennutz thut, ſo ſollte es natürlicher Weiſe aus Liebe geſchehen— und wenn er Evelyn wirklich liebt, ſo begehrt er nicht ihre Hand, ſon⸗ dern ihr Herz.“ „Meine liebe Conſtance!“ rief die Conſulin aus, die jetzt ſtark erröthete,„ich weiß nicht, was ich von dieſen allzu ſonderbaren Vorausſetzungen denken ſoll! Ich will zwar nichts Schlimmes urtheilen, doch halte ich es für meine Pflicht, Dich zu erinnern, daß Deine Worte wirk⸗ lich eine Zweideutigkeit haben, und dieſe kann nicht ſehr ehrenvoll ſein für“...„Dich,“ wollte die Conſulin in der Heftigkeit ſchon ſagen, doch beſann ſie ſich zum Glück noch und verbeſſerte:...„für Dein gutes Urtheil.“ Hier kam ein kleiner Aufenthalt in das Geſpräch. Hätte die Conſulin ausgeſagt, was ſie wollte, ſo würde nichts in der Welt etwas über Conſtance vermocht haben, noch einen Tag länger auf Oernwik zu verweilen; doch nun, da ſie die Geiſtesgegenwart der Conſulin ſah, konnte ſie nicht anders, als herzlich über ihre verbiſſene Angſt lächeln, und Conſtance war nahe daran, aus einem Anfall Eine Nacht am Bullarſee. I. 16 242 von Verdruß in einen Anfall von Munterkeit überzugehen; doch ſie wählte die Mittelſtraße, indem ſie nach einer Pauſe lächelnd ſagte:„Sein Sie überzeugt, meine beſte Tante, wenn ich Ihre Wünſche auch nicht foͤrdern kann, ſo werde ich denſelben doch auch gewiß nicht entgegen arbeiten! Von heute an werde ich die Sache recht prüfen, Evelyn's Herz behutſam unterſuchen, und mich wenigſtens ſo offen gegen den Baron zeigen, wie er wünſchen kann, um ſich durch mich derjenigen zu nähern, die ſeine Gedanken beſchäftigt.“ „Dann, meine theure, ſüße, liebenswürdige Conſtance! thuſt Du auch alles, was eine aufrichtige und wahre Freundin für die andere thun kann, und in dieſem Falle kannſt Du es auch mit um ſo größerer Ruhe thun, als Du vollkommen überzeugt ſein darfſt, daß Evelyn's Glück in keine beſſern Hände gerathen kann. Baron Max hat einen ſo guten, ſanften und feſten Charakter, daß es keiner beſſern Bürgſchaft bedarf für ſeine Fähigkeit, Evelyn zu einer der glücklichſten unter den Weibern zu machen.“ „Doch, meine gute Tante! wenn ich das alles zu⸗ gebe und verſpreche, wovon wir jetzt geredet haben, ſo müſſen auch Sie mir verſprechen, die Sache nicht durch Anſpielungen zu verderben, die zu früh Evelyn wecken könnten, denn das wäre gefährlich; und um alles in der Welt hoͤren Sie gar nicht darauf, wenn der Baron mit ihr ſpricht und ſie auf ihre gewöhnliche Art antwortet, ja ſehen Sie nicht einmal dahin, denn auch die ſtete Wach⸗ ſamkeit thut das ihrige. Der Baron fühlt dann, daß er keine Freiheit hat, nach den Eingebungen des Augenblickes zu handeln.“ „Obgleich ich nicht ſo präciſe weiß, ob Du hierin Recht haſt, liebe Conſtance, ſo befolge ich dennoch Deinen Rath— Du ſollſt ſehen, welches Vertrauen ich auf Dich ſetze!“ 6„Und Sie, liebe Tante, ſollen ſehen, daß ich mich Ihres Vertrauens würdig beweiſen werde!“ entgegnete kam, Linden ( Inter dem e erſtem ſie nich nahm moiſell Schütz nächſte „ ich hah trag g0 jungen wenn a der die für ſei zu faſſe 77 oder we .27, mich ni „„G kümmer Herr B „J wiß ein Juſtus rzugehen; ner Pauſe ſte Tante, ſo werde jten! Von lyn's Herz ffen gegen ſich durch ſchäftigt.“ Conſtance! ind wahre eſem Falle thun, als Evelyn's garon Max ter, daß es Fähigkeit, Weibern zu s alles zu⸗ haben, ſo nicht durch lyn wecken alles in der Baron mit ntwortet, ja tete Wach⸗ unn, daß er Augenblickes b Du hierin noch Deinen ich auf Dich aß ich mich entgegnete 243 Conſtance, indem ſie freundlich nickend das Zimmer ver⸗ ließ. Als Baron Max das nächſte Mal nach Oernwik kam, fand er Evelyn und Conſtance uuter einer der großen Linden auf dem Hofe ſitzen. Es war das erſte Mal, da er Evelyn mit einigem Intereſſe bei ihrer Handarbeit beſchäftigt ſah; und nach⸗ dem er die jungen Damen begrüßt und aus Conſtance's erſtem Blicke und erſtem Worte abgenommen hatte, daß ſie nicht ſo zurückhaltend ſein wollte wie gewöhnlich, ſo nahm er ſich die Freiheit, zu fragen, was denn die De⸗ moiſelle Evelyn ſo eifrig beſchäftigte. „Sie arbeitet an einem Carton für ihren künftigen Schützling, den Pflegeſohn des Conſuls, den wir in der nächſten Woche erwarten.“ „Nun, der Informator wird auch bald nachkommen; ich habe dem Conſul eben zu melden, daß mir mein Auf⸗ trag gelungen iſt. Die Herrſchaften Löwe erhalten einen jungen philosophiae magister, einen ſehr achtungswerthen, wenn auch, wie ich hoͤre, etwas excentriſchen jungen Mann, der die Akademie auf ein Jahr zu verlaſſen wünſcht, um für ſeine künftige Lebensbahn einen beſtimmten Entſchluß zu faſſen.“ „Das waren gleich recht intereſſante Neuigkeiten— oder was meinſt Du, Evelyn? „Ich weiß nicht, ob ſie intereſſant ſind: ich verſtehe mich nicht darauf!“ entgegnete Evelyn. „Sage lieber, daß Du Dich ſehr wenig darum be⸗ kümmerſt, was andre Leute intereſſant nennen... Doch, Herr Baron, wie heißt denn unſer Magiſter?“ „Ich meine, ſein Name iſt gut genug— er hat ge⸗ wiß einige Verwandtſchaftsähnlichkeit mit ſeinem Beſitzer: Juſtus von Carleborg!“ 244 „Juſtus von Carleborg!“ wiederholte Conſtance und gab mit einem kleinen Kopfnicken ihre Zufriedenheit zu erkennen.„Ich bin zufrieden mit dem Namen— was meinſt Du, Evelyn?“ „a l⸗ „Ja?— weißt Du, liebe Evelyn, das iſt doch wohl eine zu kleine Meinung... doch, ſieh da kommt der wanii und die Tante; wir wollen hoͤren, was ſie dazu agen.“ Nun gab es in der Eile eine kleine(wie die Con⸗ ſulin etwas offenherzig behauptete)„Societé en famille.“ Der Baron theilte ſeine Neuigkeiten mit, und erhielt da⸗ gegen eine unendliche Menge von artigen Dankſagungen zurück, beſonders von der Conſulin, welche nicht wußte, wie ſie im Stande ſein könnte, ſich hinlänglich alle Ver⸗ bindlichkeiten abzubürden, in welchen ſie und ihr Mann ſtänden. Um inzwiſchen die Sache auszugleichen, drückte ſie ganz naiv den Wunſch aus, der Baron möchte ſelbſt die Güte haben, ihr zu helfen, um ein Mittel dazu aufzu⸗ finden. „Ich werde das gute Verſprechen der Frau Conſulin im Gedächtniß behalten!“ erklärte der Baron mit einer artigen Verbeugung. Conſtance aber, welche über die Conſulin erröthete, war froh, daß ſie ein anderes Geſpräch beginnen konnte: ſie fürchtete, der Baron würde ſehr be⸗ deutend den Geſchmack an ſeiner platoniſchen Liebe ver⸗ lieren, wenn er den feinen Haken der Conſulin allzu grob hervorſtecken ſähe. Darin aber irrte ſie ſich: wenn dieſe Alluſſionen dem Baron mißfielen— und das thaten ſie wirklich— ſo kam dennoch nichts weiter in Verwirrung, als ſein Zartgefühl, ſein Entſchluß jedoch keinesweges, denn dieſer war nunmehr ſo feſt wie ein Beſchluß ſein kann, der nicht von dem Willen eines Einzelnen abhän⸗ ig iſt. A Was den Baron Marx beherrſchte, war eine eigene Art von Liebe, eine Liebe frei von aller Leidenſchaft, viel⸗ leicht ſie au 4 ſen ge behrlic ſollte weder „Wie „muß ſie mu⸗ wollte dern ar mel he nüſſe d Leuten Hauſe denn ih wollte, ſance und denheit zu n— was doch wohl ommt der s ſie dazu die Con⸗ famille.“ erhielt da⸗ nkſagungen cht wußte, alle Ver⸗ ihr Mann ei, drückte öchte ſelbſt dazu aufzu⸗ au Conſulin mit einer e über die es Geſpräch de ſehr be⸗ Liebe ver⸗ allzu groh wenn dieſe thaten ſie Verwirrung, keinesweges, heſchluß ſein Inen abhän⸗ eine eigene ſchaft, viel⸗ 245 leicht aber nicht ganz frei von Egoismus, ſo wahrhaft rein ſie auch war. Dieſes Kind zu wecken, es zu leiten, von dieſem We⸗ ſen geliebt, angebetet zu werden, ſich demſelben ſo unent⸗ behrlich zu machen, daß es in ihm ſeine ganze Welt ſehen ſollte— das war ein ſo beneidenswerthes Ziel, daß er weder Zeit noch Mühe ſparen wollte, um es zu erreichen. „Wie groß, wie tief und heilig,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „muß nicht eine auf ſolchen Grund erbaute Liebe werden; ſie muß jede Art von Zartlichkeit in ſich vereinigen!“ Er wollte in ihr nicht allein die ſchoͤne Gattin lieben, ſon⸗ dern auch eine Tochter, eine Schweſter, einen vom Him⸗ mel herabgeſtiegenen Engel, den er gebildet hatte, die Ge⸗ nüſſe der Erde zu theilen und zu beleben. Höchſt ſelten verweilten die Gedanken des Barons May bei dem Reichthum, den Evelyn ihm zuführen würde, und wenn er ſich darüber freute, ſo war es nur um ſeiner Eltern und Evelyn's ſelbſt willen: ſie wäre ja nicht die Gattin eines armen Mannes, und er ſchwelgte ſchon in der Vorſtellung von der Zeit, da er ihren Geſchmack ge⸗ bildet und ſie mit allem Schoöͤnen und Herrlichen in dem Reiche der Kunſt umgeben hätte, in welchem ſie, ſelbſt das ſchönſte Kunſtwerk, als eine lebende Erklärung der Macht und des Sieges der Liebe daſtände. An Conſtance's Rath denkend, die Sache ihren eige⸗ nen Gang gehen zu laſſen, ſchlug die Coſulin ihrem Manne einen Spaziergang auf das Feld vor, und ließ den jungen Leuten die Wahl, ihnen Geſellſchaft zu leiſten oder zu Hauſe zu bleiben. „Gewiß ziehen die jungen Damen einen Spaziergang in den Park vor?“ meinte der Baron, der jetzt wie im⸗ mer die Hoffnung hatte, einen günſtigen Augenblick erſpähen zu können, da er Evelyn's Aufmerkſamkeit wecken könnte. Conſtance gab ihre Zuſtimmung, und Evelyn ging mit, denn ihr war es immer einerlet, wohin man ſie führen wollte, wenn nur nicht die Rede davon war, in der Nach⸗ 246 barſchaft einen Beſuch abzuſtatten: da ſagte ſie ganz be⸗ ſtimmt:„Ich will zu Hauſe bleiben!“ und hievon konnte kein Verſuch ſie ableiten. Zum erſten Male ſiel es dem Baron Max ein, durch eine kleine Vertraulichkeit den immer noch gleich großen Abſtand zwiſchen ihm und der Geliebten ſeiner Gedanken zu vermindern. Er bot ihr ſeinen Arm, wie ein artiger Herr thut, wenn er ihn einer Dame anbietet; da aber Eve⸗ lyn nicht das geringſte Zeichen gab, daß ſie ihn verſtand, ſo ging er ſo weit, daß er ihre Hand ergriff und dieſelbe mit einer brüderlichen Freundlichkeit in ſeinen Arm legte. Evelyn leiſtete bei dieſem unerwarteten Verfahren keinen Widerſtand, blickte jedoch den Baron mit einer, Miene voll kindlicher Verwunderung an; und er, der ſich äußerſt glücklich fühlte, durch ſeine Kühnheit wenigſtens eine Art von Gefühl geweckt zu haben, begann nun ohne alle Entſchuldigung— denn ſolche würde die Sache voll⸗ kommen verdorben haben— mit ſeiner ſtummen Beglei⸗ terin die Hauptallee hinab zu wandern. Conſtance aber, die an Evelyn's anderer Seite ging und mit faſt eben ſo geſpannter Aufmerkſamkeit wie der Baron ſelbſt den Er⸗ folg dieſes Verſuchs betrachtete, ſah, daß der Hauptzweck ausblieb. Evelyn's Arm ruhte auf dem des Barons Mar ungefähr ſo wie ein Stück Holz auf ſiedendem Blute und ſpringenden Pulſen ruht— das Holz läßt nicht auf ſich einwirken es zittert nicht, es bebt nicht bei der Berührung mit⸗dem Leben: es iſt und bleibt todt. Evelyn's Arm blieb todt bei der lebendigen Umfaſ⸗ ſung; den leiſen Druck ſeines Armes fühlte der ihrige nicht einmal, und als er ſich zu ihr hinabbeugte und ſeine Augen die zärtlichen Gefühle ausdrückten, die ihn nun durchbebten, da errothete Evelyn nicht einmal, noch weniger empfand ſie das Bedürfniß, ihren eigenen Blick vor den Flammen in dem ſeinigen zu ſenken— es war allzu deut⸗ lich, daß ſie nicht das Mindeſte verſtand und daß Baron Max eines C zu der kleine jenigen ten, Schme ſich do nicht Conſtat Antlitze trug zu vermoch beſchloß wagen. G / einige ſeine taſche deſſen„ von Oe Cq während Vergnü welche zwiſchen ihres 2 wurf na nur noc ganz be⸗ n konnte n, durch ) großen Gedanken n artiger aber Eve⸗ verſtand, d dieſelbe om legte. Verfahren mit einer. „der ſich venigſtens nun ohne ache voll⸗ Beglei⸗ ance aber, ſt eben ſo t den Er⸗ dauptzweck rons Mar Blute und zt auf ſich Berührung en Umfaſ⸗ der ihrige und ſeine ihn nun ſch weniger ck vor den allzu deut⸗ daß Baron 247 Mar ſehr geringe Hoffnung hatte, vor Evelyn die Rolle eines neuen Prometheus ſpielen zu koͤnnen. Doch wir haben geſagt, daß der Baron Mar nicht zu der Anzahl derjenigen Leute gehörte, die ſich durch kleine Schwierigkeiten abſchrecken laſſen, auch nicht zu den⸗ jenigen, die ſich nie Zeit laſſen wollen, und ſtets fürch⸗ ten, das Ziel nicht zu erreichen. Er konnte wohl den Schmerz fehlgeſchlagener Wünſche empfinden, aber er troͤſtete ſich doch mit der Wahrſcheinlichkeit, daß dasjenige, was nicht mit dem erſten Male gelang, ſpäterhin gelingen konnte; und was nun Evelyn insbeſondere betraf, ſo ſtand es eben ſo feſt in ſeinem Kopfe wie in ſeinem Herzen, daß ſie ſeine Gattin werden ſollte, und wäre ſie nur das erſt, ſo wäre es Zeit genug, zu experimentiren. Ein kleines ärgerliches, faſt boshaftes Lächeln auf Conſtance's Lippen in dem Augenblicke, da er in ihrem Antlitze eine Bürgſchaft ſeiner Hoffnungen ſuchen wollte, trug zwar dazu bei, ſeinen Muth etwas herabzuſtimmen, vermochte ihn aber doch nicht ganz zu erſticken, und er beſchloß, noch einen Verſuch in einer andern Richtung zu wagen. „Sollte es wohl den Damen Vergnügen machen, einige Zeichnungen nach der Natur zu ſehen?“ Er führte ſeine Begleiterinnen an eine Bank und zog aus der Nock⸗ taſche ſein Album, das er ſtets bei der Hand hatte und deſſen Blätter faſt ſämmtlich eine Ausſicht in der Gegend von Oernwik darſtellten. Conſtance blätterte und plauderte, lobte und verwarf, während Evelyn langſam und, wie es ſchien, nicht ohne Vergnügen alle dieſe verſchiedenen Plätze wiederfand, welche ſie ſich ſelbſt unbewußt lieben gelernt hatte. In⸗ zwiſchen belohnte noch immer kein beſonderer Ausdruck ihres Beifalls den unruhigen Künſtler. Der eine Ent⸗ wurf nach dem andern wurde weggelegt, und bald war nur noch ein einziger übrig, den Max in der Hand hielt, 248 und nach einigen Augenblicken mit einem geheimen Winke Conſtancen hinter Evelyn's Rücken zeigte. Conſtance verſtand die Frage in dem ſprechenden Blicke des Barons und obgleich eine plöoͤtzliche Ueberra⸗ ſchung in ihrem Antlitze merklich war, da ſie die Augen auf dieſe Skizze heftete, ſo nickte ſie dennoch ihren Beifall auf eine Weiſe, welche zu ſagen ſchien:„der Verſuch iſt zwar kühn; doch nur zu! Wagen gewinnt!“ Und ohne ein Wort zu ſagen, legte der Baron die Zeichnung auf Evelyn's Schooß. Sie nahm dieſelbe eben ſo gleichgültig auf wie die übrigen; als aber ihre Augen ſie eine Weile genauer be⸗ trachtet hatten, ſo begann eine gewiſſe Unruhe bei ihr merkbar zu werden und ein gewiſſes Zittern ihre Glieder zu bewegen; zuletzt entfuhr ihren Lippen ein leiſer Aus⸗ ruf, ſie zog den kleinen Fuß, den ſie auf den Raſen aus⸗ geſtreckt hatte, näher an ſich und ſenkte das Haupt, als fühlte ſie eine Furcht, dieſen Entwurf länger zu betrach⸗ ten, welcher ſie ſelbſt darſtellte, ſo wie Max ſie am Abende der Fôte auf dem Schemel in der Niſche geſehen hatte, den leichten Kranz auf die Stirn hinabgeglitten, die Locken nachläſſig auf die eine Seite herabwallend und vor allen Dingen mit dem Ausdrucke einer lebenden Unruhe, einem mit Entzücken gemiſchten Grauſen in den Geſichtszügen, da ſie den Blick auf der Gruppe des Laokoon ruhen ließ. Die ganze Zeichnung war ein getreues, aus dem Gedächt⸗ niſſe copirtes Bild des achteckigen Kabinettes, des Heilig⸗ thumes Evelyn's. Mit ſtummer, aber doch beredter Angſt folgte Mar den Eindrücken des jungen Mädchens. Seine und Con⸗ ſtance's Blicke begegneten ſich, und beide ſchienen ſich gegen⸗ ſeitig ermuntern zu wollen, obgleich keiner Evelyn's ſtille Rührung unterbrechen wollte. Endlich blickte ſie mit einer Miene von unbeſchreib⸗ licher Scheu auf, fuhr mit der Hand über ihr eigenes Bild und ſah darauf Conſtance ſo zärtlich fragend und unruhig „Das E ſie mit wunderurn denn dief weniger ben iſt.“ Wie von Miß Worte in zu begrei Winke echenden Ueberra⸗ e Augen Beifall rſuch iſt aron die wie die nauer be⸗ bei ihr Glieder ſer Aus⸗ aſen aus⸗ rupt, als betrach⸗ m Abende zen hatte, die Locken vor allen ihe, einem chtszügen, uhen ließ. Gedächt⸗ es Heilig⸗ olgte Mar und Con⸗ ſich gegen⸗ lyn's ſtille unbeſchreib⸗ ihr eigenes agend und 249 unruhig an, daß dieſe ſich zu ihr hinabbeugte und flüſterte: „Das hat ihm gewiß geträumt!« Evelyn ſchüttelte den Kopf: dieſe Erklärung befrie⸗ digte ſie nicht. „Dieſes Stück iſt aus dem Gedächtniß gezeichnet!“ ſagte Max, welcher ſehen wollte, ob nicht der Verdruß ihre Wange färben würde. „Aus dem Gedächtniß?“ wiederholte Evelyn. „Aus dem Gedächtniß!“ entgegnete Max und firirte ſie mit der ganzen Stärke ſeines ſanften und ernſten Blickes. Doch Alles war vergebens: Evelyn's Wimpern ſan⸗ ken ſchlaff hinab über die dunkelblauen Sterne, und ihr Ton hatte keinen andern Ausdruck, als eine geringe Ver⸗ wunderung, da ſie dieſe Worte ausſprach:„Wer hatte denn dieſes Gedächtniß?⸗ „Ich bin derjenige, der kühn und glücklich genug iſt, die Erinnerung an eine Erſcheinung zu bewahren, die ich zwar nur einige Minuten ſah, die aber darum doch nicht beniger unauslöſchlich in meinem Gedächtniſſe verblie⸗ ben iſt.“ Wiederum ſchüttelte Evelyn ihre Locken zum Zeichen von Mißtrauen; doch jetzt flüſterte ihr Conſtance ein Paar Worte in das Ohr: da ſchien ſie denn das Geheimniß zu begreifen und nickte mechaniſch, ohne das geringſte Zei⸗ chen von Unzufriedenheit oder Zufriedenheit. „Sie kann einen Menſchen in Verzweiflung bringen!“ ſtand in Max Auge zu leſen, während Conſtance's Blick ein gewiſſes Mitleiden über ſein geſtraftes Selbſtvertrauen ausſprach. „Erlauben Sie, Fräulein Evelyn, daß ich die Zeich⸗ nung behalten darf?“ Er nahm die Zeichnung auf, welche ſie, wie es ſchien, ohne Abſicht hatte fallen laſſen. „Ich?“ erwiederte ſie mit einem Blicke der ſtumpfe⸗ ſten Gleichgültigkeit—„ſie gehoͤrt mir ja nicht!“ „Dennoch,“ ſiel Conſtance helfend ein,„kannſt Du 250 ſie begehren, wenn Du Dein Bild nicht in den Händen des Herrn Barons ſehen willſt.“ „Das iſt einerlei— laß uns hineingehen!“ war Evelyn's einzige Antwort. Und hiemit endigte der erſte Verſuch des Baron Max, Evelyn foͤrmlich und offen zu courtiſiren. „Wie liebenswürdig und gut iſt doch der artige Ba⸗ ron Mar!“ ſagte Conſtance am Abende jenes Tages zu ihrer Freundin—„meinſt Du das nicht auch, liebe Cvelyn?“ „Wie ſollte ich das wiſſen koͤnnen?“ „Und wie gut hatte er nicht Dein Blld getroffen?“ „Hatte er?“ „Du warſt ja nicht traurig darüber?“ „Nein, gewiß nicht!“ „Auch nicht böſe?“ „Böſe 2⸗ „Ja, es war doch ein wenig kühn von ihm.“ „Meinſt Du?“ „Wäre ich in Deiner Stelle geweſen.“ „Nun 2 79. ſo hätte ich's vielleicht nie verziehen.“ 14 „Ach, beſte Evelyn, wenn ich doch einmal den Tag erleben könnte, da ich hörte, daß Du mit etwas Anderem antworteſt, als mit Ja und Nein, O und Nun!“ „Arme Conſtance! ich langweile Dich allzu ſehr!“ äußerte Evelyn mit ſo herzlichem Kummer, daß Conſtance ſie zärtlich in ihre Arme ſchloß. „Und wäreſt Du auch doppelt ſo ſchweigſam, ſo müßte ich Dich dennoch lieben!— doch ſage mir, beſte Evelyn, ſiehſt Du denn niemals irgend ein Bild in Dei⸗ nen Tr den Bo W ſah ein, werden W. ſah, de brüſtete von dem um das ſieht ma „daß Ba er A, ſo aber den rechtigkeit Werth ei weiß; de welche di „doch wä ſohn, dem Händen 1“ war 3 Baron rtige Ba⸗ Tages zu ich, liebe etroffen?“ zm.“ en.“ nal den Tag as Anderem un!“ allzu ſehr!“ aß Conſtance weigſam, ſo e mir, beſte Bild in Dei⸗ 251 nen Träumen? wäreſt Du wohl nicht ebenfalls im Stande, den Baron Max aus dem Gedächtniſſe zu zeichnen?“ Wieder ſchüttelte Evelyn den Kopf, und Conſtance ſah ein, daß das ihr aufgetragene Geſchäft nicht ſehr leicht werden würde. 1 Wer aber die ganze Sache als ſchon abgemacht an⸗ ſah, das war die Conſulin, die ſich in ſtolzen Träumen brüſtete und ſchon im Voraus den größten Genuß hatte von dem Tage, da die Freiherrin zu Kreuze kriechen und um das Glück ihres Sohnes bitten würde;„denn ſo viel ſieht man wohl,“ ſagte ſie vertraulich zu ihrem Manne, „daß Baron Marx nicht am Gängelbande geht, und ſagt er A, ſo wird ſeine Mutter wohl B ſagen müſſen! Was aber den alten Baron betrifft, ſo bin ich ihm die Ge⸗ rechtigkeit ſchuldig, zu geſtehen, daß er vollkommen den Werth einer Verbindung mit unſerem Hauſe zu ſchätzen weiß; da ich aber nun ſehe, daß wir diejenigen ſind, welche die Macht in Händen haben, ſo ſollen ſie auch wahrhaftig von uns kein Wort weiter zu hören bekommen: wir brauchen, Gott ſei Dank! unſere Tochter nicht aus⸗ zubieten!“ „Nein, da haſt Du Recht,“ erwiederte der Conſul; „doch wäre der Baron ein ſchöner und reeller Schwieger⸗ ſohn, denn ſo ein Baron er auch iſt, ſo gefällt er mir.“ Achtzehntes Kapitel. „Willkommen, Carl! willkommen mein Junge!... Hier ſiehſt Du Deinen Vater, und hier Deine Mutter— ich hoffe, Du ſollſt über nichts zu klagen haben.— Dein rechter Vater, Carl, das war ein tüchtiger Kerl; werde 25⁵² Du das auch, und wir wollen ſchon zuſehen, daß wir Dir in der Welt forthelfen.“ „Ja, mein Kind!“ fügte die Conſulin hinzu, indem ſie ihm ihre Hand zum Kuſſe hinreichte,„mache Dich der außerordentlichen Großmuth Deiner Pflegeeltern gegen Dich armes, verlaſſenes Kind werth, und Du wirſt finden, daß Du nichts bei dem Tauſche verloren haſt!“ „Ich ſollte ergebenſt grüßen von Mutter und ſo unter⸗ thänigſt danken!“ erwiederte Carl, der ſich ſeiner von der Mutter hundertmal wiederholten Inſtruktion entſann, deren er ſich nun zu bedienen für billig erachtete, da er für dieſe Rede keine beſondere Lehre erhalten hatte. „Und Du willſt immer ein artiger, guter und lern⸗ begierigrr Knabe ſein?“ fragte der Conſul. „Ja, behüte!“ verſicherte Carl, indem er die gelbe Perrücke aus den Augen ſtrich und ſich auf ſeine beſte und artigſte Weiſe verbeugte. „Und,“ fiel die Conſulin ein,„Du willſt Dich auch befleißigen, ſtets ein feines und anſtändiges Betragen zu beobachten 2 „Ja, behüte!“(Neue Verbeugung.) „Es ſchickt ſich nicht, mein Kind,“ fuhr die werthe Frau fort, welche ſich befugt fand, eben ſo gerne gleich als erſt ſpäter mit ihren neuen Pflichten zu beginnen,„es ſchickt ſich nicht, mit ſo großer Sicherheit ſeine Zuverſicht und Hoffnung auszuſprechen! Ein angenommenes Kind, wie Du, Carl..“ „Nelly, Nelly! „Ich weiß, was ich ſage, mein lieber David!— Ein angenommenes Kind, wie Du, Carl, muß ſich vor allen Dingen befleißigen, durch ein beſcheidenes und de⸗ muthsvolles Weſen ſeinen Pflegeeltern zu gefallen. Siehſt Du nicht ſelbſt, mein Kind, das Richtige in dieſer An⸗ merkung ein?“ „Ja, behüte!“ „Wenn Du das aber einſiehſt— und es würde mir leid thi anſtänd ſchäften „S Junge! griffe zu welcher dieſes, n bin... froh, als daß wir u, indem Dich der n gegen ſt finden, ſo unter⸗ r von der inn, deren a er für und lern⸗ die gelbe beſte und Dich auch etragen zu die werthe rne gleich innen,„es Zuverſicht enes Kind, David!— iß ſich vor es und de⸗ len. Siehſt dieſer An⸗ würde mir 253 leid thun, daran zu zweifeln— ſo mußt Du Dich auch anſtändiger ausdruͤcken!“ „Wenn ich wüßte, wie ich mich ausdrücken ſollte, ſo...“ Carl fingerte verlegen an der Mütze. Er war nicht im Stande, es in ſeinen Kopf zu bringen, daß die prächtige Frau im Sofa jene Frau Löwe war, die er bei ſeinen Beſuchen auf der Werfte in allen Arten von Ge⸗ ſchäften hatte hin und her laufen ſehen. „Sieh, das war einmal eine paſſende Antwort, mein Junge! Ich will auch gewiß nicht unterlaſſen, die Fehl⸗ griffe zu berichtigen, welche bei Dir zufolge der Lage, in welcher Du Dich befunden haſt, ganz natürlich ſind— dieſes, mein Kind, iſt etwas, das ich mir ſelbſt ſchuldig bin.... Aber, mein lieber Carl, Du warſt wohl ſehr froh, als Du hoͤrteſt, daß Du hierher kommen ſollteſt?“ „Halte ſtets feſt an der Wahrheit, Junge!“ das war der Grundſatz, welchen der ſelige Capitän Pettersſon gei⸗ ſtig und koͤrperlich ſeinen Söhnen einzuimpfen geſucht hatte, und mit wenigen kleinen Ansnahmen hatte Carl dieſelbe auch immer vor Augen gehabt. Nun aber hatte ihm ſeine Mutter beim Abſchiede geſagt:„Carl, mein Sohn! ſo ſchwer es auch Dir und nir wird, von einan⸗ der zu ſcheiden, ſo verbirg dennoch Deinen Kummer und Deine Unruhe, wenn Du hinkommſt, und zeige Dich ver⸗ gnügt; und wenn ſie Dich etwa fragen, ob es Dir lieb war, zu ihnen zu kommen, ſo antworte um alles in der Welt nicht nein— bedenke das, Carl, und wenn Du auch gerne weinen möͤchteſt!“ Jetzt ſtand alſo Car zwiſchen zwei ſtreitenden Mäch⸗ ten: das Andenken an ſeteen Vater mahnte ihn, der Wahr⸗ heit gemäß zu bekennen, daß er ſehr traurig geweſen wäre, von Mutter, Geſchwiſtern, Heimath und Mitſchülern zu ſcheiden, daß er drei ganze Tage lang geweint hatte; doch die letzten Worte der Mutter, ihre letzte Ermahnung war wohl auch eine Sache von Werth, und da er nach dem Tode des Vaters doch eigentlich nur dem Befehle der 254 Mutter zu gehorchen hatte, ſo verſuchte Carl ſeine Phy⸗ ſiognomie zu einer großen Höhe von Zufriedenheit hinauf zu ſteigern, indem er gleichwohl etwas langſam ſtotterte: „Ja, ja wohl!“ „Gut! ſuperbe, mein Junge! Nun aber ſollſt Du in Dein Zimmer gehen und dort bleiben bis man Dich zu Tiſche ruft. Liebe Charlotte! ich übergebe den Karl in Deine Hände: gib Du ihm ein wenig Frühſtück und dann einige Inſtruktionen für ſein künftiges Leben! Adieu, mein lieber Carl!... Du brauchſt nicht ſo weit vorzu⸗ treten, wenn Du Dich verbeugſt, mein Kind!“ „Meine liebe Nelly!“ ſagte der Conſul, da der neue Pflegeſohn ſich unter dem Schutze der Mamſelle Char⸗ lotte entfernt hatte,„ich weiß nicht, ob dieſes die rechte Art und Weiſe war— viielleicht ein wenig mehr Herz⸗ lichkeit?“ „Wie— mehr Herzlichkeit? Du irrſt Dich, David, und erlaubſt mir wohl, Dir zu ſagen, daß dergleichen Süßlichkeiten unter Leuten mit Erziehung gar nicht ge⸗ bräuchlich ſind. Ich habe mir vorgenommen, mich in meinem Benehmen gegen dieſes Kind ſtets als eine gute Pflegemutter zu zeigen; dabei aber ruhig und beſonnen; mit einem Worte ſo wie meine Würde es heiſcht.“ „Gib ihm aber wenigſtens nicht allzu viele Ermah⸗ nungen im Anfange— ich meinte, er war recht nett und anſtändig!“ „Nun was iſt denn das weiter? wir haben ja eine recht bedeutende Summe zu ſeiner Kleidung geſchickt! Was aber die Ermahnungen betrifft, ſo entſchuldigſt Du wohl, wenn ich hierin meinen eigenen Weg gehe. Ich ſollte denken, daß ich mich ein wenig auf die Erziehung verſtehe!“ 1 „Hm, Nelly, mein Engel, ich glaube kaum, daß die Erziehung Deine ſtarke Seite iſt.“ „David! ich hoffe, es wird nicht Deine Abſicht ſein, eine Fr lang De ... ſte ſeine Er — er ſo das Bar „G. Tag; do ihm zuk verfahren den ein 9 dern als „Ja das Sein. demjenigen Dich in V „Um rathen, de auf meine bin ich mi ne Phy⸗ it hinauf ſtotterte: ſollſt Du nan Dich den Karl ſtück und u! Adieu, eit vorzu⸗ der neue lle Char⸗ die rechte eehr Herz⸗ h, David, dergleichen nicht ge⸗ mich in eine gute beſonnen; ht.“ e Ermah⸗ t nett und den ja eine geſchickt! uldigſt Du gehe. Ich Erziehung m, daß die lbſicht ſein, 25⁵ eine Frau zu beleidigen, die über fünfundzwanzig Jahre lang Deine Beſtrebungen und Deine Arbeiten getheilt hat!“ „Gott ſoll mich behüten, Dich beleidigen zu wollen! Da aber Carl ſchon zwölf Jahre alt iſt, ſo glaube ich, ... ſtelle ich mir vor... es wäre das beſte, wenn wir ſeine Erziehung in die Hände ſeines Informators legten, — er ſoll doch wohl etwas thun für das große Honorar, das Baron Max ihm zugeſagt hat!“ „Gewiß ſoll er etwas thun, das iſt ſo klar wie der Tag; doch eben weil er als Informator wiſſen ſoll, was ihm zukommt, ſo darf er nicht nach Belieben mit Carl verfahren: es bleibt meine unerläßliche Pflicht, über Bei⸗ den ein Auge zu haben; und uns ſoll Carl vor allen An⸗ dern als Pflegeeltern gehorchen und ehren.“ „Ja wohl, liebe Nelly; aber der Lehrer hat ebenfalls das Seinige zu ſagen, und es taugt nicht, daß Du Dich demjenigen widerſetzeſt, was er vorſchreibt— ich ermahne Dich in Voraus, das nicht zu thun, denn da gibt es nichts anderes als ewige Spektakel: dergleichen Herren ſind ſteif im Nacken wie der T— ſelbſt.“ „Um ſo beſſer! Ich wollte doch keinem Menſchen rathen, der an meinem Tiſche ißt, und mein Geld nimmt, auf meinen Willen keine Rückſicht zu nehmen; übrigens bin ich mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig zu erkennen, daß ich immer gewußt habe, was Recht iſt, und ich hoffe, jetzt nicht weniger klar zu ſehen.“ „Ja, liebe Nelly, gewiß ſiehſt Du klar; doch das Sprüchwort ſagt:„Viele Koöche verderben den Brei.“ „Ich weiß nicht, mein Lieber, wie Du Dich eines ſolchen Pobelausdruckes bedienen kannſt! doch erkläre ich feierlich: wenn wir nicht unſere Würde in Acht nehmen, ſo thut der Herr Informator, was ihm beliebt und wird ſelbſt Herr. Ein Informator in einem großen und ange⸗ ſehenen Hauſe iſt eigentlich nicht mehr als Deine Laden⸗ diener; ſie gehorchten Deinen Befehlen— das muß auch 256 der Informator, und ich erinnere Dich, mein Beſter, Deine Perſon ſtets vor Augen zu haben!“ „Was bedeutet aber das Alles, Nelly?— was ſoll ich denn eigentlich thun?“ „Wie Du nur fragſt! Du ſollſt den überlegenen Ton annehmen, der Deinem Range als Conſul, als Beſitzer des großen Oernwik und vor allen Dingen Deinem Range als Hausherrn zukommt. Das habe ich Dir ſchon mehr⸗ mals erklärt.“ „Das iſt gut und ſchön zu ſagen; doch gib mir einige Beiſpiele!“ „Recht gerne. Wenn er eintritt und ſich verbeugt, ſo erhebſt Du Dich nur ſehr wenig oder ſagſt:„Ent⸗ ſchuldigen Sie— ich ſitze hier eben bei den Zeitungen!“ und ſo bleibt er denn am Ofen ſtehen und erwartet de⸗ müthig den Augenblick, da Du das Blatt weglegſt.“ „Aber, Nelly, das iſt ja pure Unhöflichkeit!“ „Keinesweges, es iſt der Ton, den wir nun annehmen müſſen— oder was ſagſt Du, Charlotte?“ fragte die Conſulin, indem ſie vor der eintretenden Favorite die Ver⸗ haltungsbefehle wiederholte, die ſie ſo eben ihrem Manne in Betreff des erwarteten Magiſters gegeben hatte. „Wenn Ihro Gnaden mir zu erlauben belieben, eine Meinung zu äußern, ſo ſollen Sie nicht meine eigene, ſondern die der ſeligen Gräfin B— vernehmen. Dieſe pflegte immer zu ſagen:„Es iſt lächerlich, zu ſehen, wie Leute ohne Erziehung ihre Informatoren behandeln. Ein Informator iſt ein Mitglied des Hauſes und kein Be⸗ dienter, wie man ihn in altmodiſchen Zeiten betrachtete.“ Bei dieſer Erklärung verſtummte die Conſulin: ſie, die keine Gelegenheit gehabt hatte, mit ihrer Zeit fortzu⸗ ſchreiten, glaubte ſteif und feſt an die Heiligkeit der inter⸗ eſſanten Scenen, die ſie in gewiſſen alten Romanen hatte ſpielen ſehen zwiſchen den Herrſchaften und den Informa⸗ toren, und welche Scenen ſie ſich ſo beſtimmt vorgenom⸗ men hatte, in ihr Haus einzufüͤhren, daß ſie trotz des drohend nicht un Eine ſie einfach d Glas N als delik und wer „N geben: n „M vornehme Wein tri Forderund irgend 3 privilegien Wen nahm, ſo zu ſchleich daß die S nicht über Acht Abende g ſammelt i * Evelny ſie hielt d zu Träume deres als einem mu gleiten; d Conſulin f Eine Nach er, Deine was ſoll genen Ton 6 Beſitzer em Range von mehr⸗ mir einige verbeugt, t:„Ent⸗ eitungen!“ wartet de⸗ egſt. annehmen fragte die 1 de Ver⸗ em Manne tte. ieben, eine ne eigene, en. Dieſe ſehen, wie deln. Ein S kein Be⸗ etrachtete.“ nſulin: ſie, Zeit fortzu⸗ der inter⸗ nanen hatte Informa⸗ vorgenom⸗ ie trotz des 257 drohenden Unglückes, für altmodiſch gehalten zu werden, nicht unterlaſſen konnte, an Mittel zu denken, wodurch das Eine ſich mit dem Andern verbinden laſſen könnte. „Auf jeden Fall,“ ſagte ſie in entſcheidendem Tone, „muß eine Linie gezogen werden, und das geſchieht ganz einfach dadurch, daß Löwe künftig wie bisher Mittags ſein Glas Wein allein trinkt: das iſt eine eben ſo anſtändige als delikate Art, dem Magiſter zu zeigen, wer der Herr und wer der Informator iſt.“ „Nein, liebe Nelly, ich bitte Dich, die Ideen aufzu⸗ geben: weit lieber trinke ich keinen Tropfen!“ „Mein Gott! ſoll denn von allem, was ich ſage, und vornehme immer das Gegentheil geſchehen? Du mußt Wein trinken, mein Lieber; und trotz dem, daß ich die Forderungen eines guten Tones eben ſo gut kenne, wie irgend Jemand, ſo will ich keine allzu große Gleichheits⸗ privilegien auf Oernwik angenommen wiſſen.“ Wenn die Laune der Conſulin dieſen Farbenton an⸗ nahm, ſo hielt der Conſul es für das beſte, ſich hinwe zu ſchleichen; und Mamſell Charlotte hatte viele Mühe, daß die Folgen, welche ſie ſelbſt hervorgerufen hatte, ſich nicht über ihr eigenes Haupt zogen. Acht Tage nach dieſer wichtigen Ueberlegung an einem Abende gegen das Ende des Auguſt ſaß die Familie ver⸗ ſammelt in dem alltäglichen Wohnzimmer. ⸗ CEvelyn nähte an ihrem Carton, oder richtiger geſagt: ſie hielt denſelben in der Hand, weil ſie, wie gewöhnlich zu Träumereien aufgelegt, die Augen auf etwas ganz an⸗ deres als die Arbeit geheftet hielt. Conſtance ließ in einem muntern Walzer ihre Finger über das Fortepiano gleiten; der Conſul unterhielt ſich mit Patiencelegen, die Conſulin fluſterte mit Mamſell Charlotte, und der junge Eine Nacht am Bullarſee. I. 17 258 Herr Carl ſaß, mit der Theetaſſe in der Hand, kerzenge⸗ rade auf einem Stuhle.(Wegen eines kleinen Verſehens gegen die Erziehungsmethode der Conſulin mußte er eine halbe Stunde nach der übrigen Geſellſchaft trinken.) „Nun, David! was ſagen denn die Karten heute Abend? Kommt der Gönner auch morgen noch nicht, ſo ſage ich, er ſollte wiſſen, daß es außer ihm noch mehre Magiſter in der Welt gibt... Aber, Evelyn! Schläfſt Du, Mädchen, oder was thuſt Du? Haſt Du gehört— Evelyn, ſo höre doch!— haſt Du gehört, frage ich, daß Baron Max in der nächſten Woche nach Stockholm zu⸗ rückreiſ't?“ „Nein, ich weiß nicht!“ „Aber ich weiß, daß Du zu der Art von Leuten ge⸗ hörſt, die nichts davon wiſſen würden, wenn der Mond auf ſte herabfiele! Sollte es Dir denn wohl nicht im Min⸗ deſten wehthun, die Geſellſchaft des Baron Mar zu ver⸗ lieren?“ „Mir?“ „Evelyn, ich bedaure Dich! Du entſinnſt Dich doch nie der Reprochen Deiner Mutter! Habe ich Dir nicht geſagt, mein geliebtes Kind, daß es ſich nicht ſchickt, die Phraſen Anderer ſo mit der Veränderung von Dir und Mir und Dich und Mich zu wiederholen? Ich bin voll⸗ kommen überzeugt, Evelyn, wenn Du nachdenkſt, ſo ent⸗ ſinnſt Du Dich gewiß, daß dergleichen Fahrläſſigkeit ganz den Forderungen der Bildung widerſpricht... meinſt Du nicht, Evelynchen?“ „Ja, Mutter!“ „So ſoll es ſein, mein Kind; immer daran denken, was Mutter ſagtl.., Liebe Conſtance, nicht ſo laut, wenn es Dir beliebt! dieſer Walzer hat den Fehler, daß er meine Nerven ein wenig erſchüttert... Carl, lege den Theelöffel nicht oben auf die Taſſe! vergiſſeſt Du Dich nun ſchon wieder?. Sol laß ihn offen liegen: Du mußt Dir Deine einfältigen kleinſtädtiſchen Manieren ab⸗ gewöhrt nicht ſe Du dar dankeſt Meine vertraut Du nich Barons „J iſt, nach fentlichke diejenige muß.“ „Je tigen Me bin.. — es iſt Jeder, de „U ſchaften! ſo als w .. So Patience, los und Nilsſon! ſind im kerzenge⸗ zerſehens eer eine en.) ten heute nicht, ſo ch mehre Schläfſt gehört— ich, daß holm zu⸗ keuten ge⸗ Mond auf im Min⸗ r zu ver⸗ Dich doch Dir nicht ſchickt, die Dir und bin voll⸗ ſt, ſo ent⸗ igkeit ganz meinſt Du an denken, laut, wenn r, daß er „lege den t Du Dich iegen: Du nnieren ab⸗ 259 gewöhnen.. Nun, mein Gott, ſo bücke Dich doch nicht ſo: Du ſtoͤßeſt ja mit der Naſe auf den Stuhl! Du darfſt mir nicht ſo nahe kommen, wenn Du für etwas dankeſt; das babe ich Dir weniaſtens zehnmal geſagt... Meine liebe Charlotte!“— die Conſulin bückte ſich wieder vertraulich zu dem Ohr ihrer Freundin herab—„glaubſt Du nicht, daß die Freiherrin vor der Abreiſe des jungen Barons eine Viſite bei uns abſtattet?“ „Ich ſollte glauben, ſie wird wiſſen, was ihre Pflicht iſt, nachdem der Baron Mar der Sache eine ſolche Oef⸗ fentlichkeit gegeben hat. Auf jeden Fall wird ſie immer diejenige ſein, welche ſich vor Ihro Gnaden zuletzt bücken muß.“ „Ja, mit Gottes Hülfe werde ich ja in dem wich⸗ tigen Momente nicht vergeſſen, was ich mir ſelbſt ſchuldig bin... doch was iſt das für ein ſonderbares Geraſſel? — es iſt kein Wagen, und ich ſollte meinen, daß ein Jeder, der auf einem Karren fährt, ſo viel Verſtand haben müßte, daß er nicht auf den inneren Hof kommt... Was kann das ſein?— Nilsſon! wo biſt Du?... Ach, Conſtance, ſo hämmere doch nicht ſo auf dem Fortepiano, wenn es Dir beliebt!“ „Der Bediente trat ein und rapportirte die Ankunft des Magiſters. „Der Magiſter!“ riefen auf einmal Alle und erhoben ſich etwas neugierig von ihren Stühlen. „Um Gottes Willen kein Embarras, meine Herr⸗ ſchaften! Jeder behalte ſeinen Platz und ſeine Contenance, ſo als wenn nichts, nicht das Mindeſte vorgefallen wäre ... So, David, ſo ſitze doch ſtille! bleib' bei Deiner Patience, ſage ich; und Du, Conſtance, ſpiele Du darauf los und kehre Dich an gar nichts!... Nun wahrhaftig, Evelyn hat ſich davon geſchlichen! Wer ſah es, da Evelyn ging? doch das iſt ſo ihre Gewohnheit!... Hörſt Du, Nilsſon! gehe Du hinaus und ſage:„Die Herrſchaften ſind im Wohnzimmer und Ihro Gnaden läßt grüßen und 260 ſagen, der Herr Magiſter brauchte ſich heute Abend mit dem Umkleiden keine Beſchwerde zu machen: er iſt will⸗ kommen!“ „Sollte wohl ich nicht eigentlich ſelbſt...“ bemerkte der Conſul, indem er auf dem Stuhle hin und herrückte. „Du ſollteſt eigentlich ſelbſt beſſer als ich wiſſen, was Dir zuſteht; doch, mein Beſter, da Du es für den Augen⸗ blick zu vergeſſen ſcheinſt, ſo erlaube mir, Dich daran zu erinnern!... Pſt! es kommt Jemand!.... Scharre nicht mit den Füßen, Carl! Keiner darf embarraſſirt ſein — mein Gott! es iſt ja das groͤßte Bagatell von der Welt! Spiele, Conſtance! ſpiele!“ Die Thür aing auf; doch keinesweges der Informa⸗ tor, ſondern Nilsſon wurde von Neuem ſichtbar. „Der Magiſter läßt ſich entſchuldigen: er befindet ſich nicht ganz wohl und bittet in ſeine Zimmer geführt zu werden.“ „Ich bin mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, zu ge⸗ ſtehen, daß ich dergleichen noch nie gehört habe!“ ſagte die Conſulin vor Verdruß zitternd.„Doch wenn..“ „Um Gottes willen, Ihro Gnaden, das gehöͤrt zu einem guten Tone! Er kann doch wohl in ſeinen Reiſe⸗ kleidern nicht hereinkommen? Natürlich muß er erſt in ſeine Zimmer gehen.“ „Nun gut! Nilsſon! führe den Magiſter in ſein Loge⸗ ment; grüße ihn aber und ſage, er würde die Herrſchaften verbinden, wenn ſein Uebelbefinden ihn nicht hinderte, um neun Uhr ſich beim Souper einzufinden.“ Nilsſon ging, und die Conſulin ließ ihren Blick auf Charlotte fallen mit einem Ausdrucke, welcher dieſe auf⸗ forderte, kein Lob zu ſparen.— Und Charlotte ſparte auch nicht. Sie verſicherte, es wäre äußerſt ſelten, eine ſolche Preſence d'Esprit mit ſo vieler Eleganz vereinigt zu finden, und der Magiſter würde ohne Zweifel einſehen, mit welcher Societé er es zu thun hätte, und daher gewiß nicht unterlaſſen, ſich einzufinden, wenn er Falle m „C an;„in einige C winnen, verſtehſt! und ehrf fuhl einft nicht um eine einzi Eben ſchlagen. Die wieder ha Arbeiten halten mu bend mit iſt will⸗ bemerkte herrückte. iſſen, was en Augen⸗ daran zu Scharre aſſirt ſein von der Informa⸗ find et ſich geführt zu g, zu ge⸗ e!“ ſagte enn...2 gehört zu nen Reiſe⸗ er erſt in ſein Loge⸗ errſchaften nderte, um Blick auf dieſe auf⸗ ſicherte, es prit mit ſo iſter würde es zu thun inzufinden, 261 wenn er nämlich nicht ernſtlich krank wäre, in welchem Falle man ihn entſchuldigen müßte. „Es iſt jetzt erſt halb acht,“ merkte die Conſulin an;„in anderthalb Stunden kann jeder Menſch, der nur einige Gewalt uber ſich ſelbſt hat, Kräfte und Muth ge⸗ winnen, in dem Falle nämlich, daß Blödigkeit... Du verſtehſt!— das Aeußere von Oernwik iſt ſo pompoͤſe und ehrfurchtgebietend, daß es gar leicht ein ſolches Ge⸗ fuͤhl einfloͤßen kann. Doch, meine liebe Charlotte! iſt er nicht um neun Uhr hier, ſo wird unſer Souper auch nicht eine einzige Minute aufgeſchoben!“ Neunzehntes Kapitel. Eben hatte die Stutzuhr dreiviertel auf neun ge⸗ ſchlagen. Die Damen— Evelyn ausgenommen, die Niemand wieder hatte herunter locken koͤnnen,— ſaßen mit ihren Arbeiten um den Divantiſch, auf welchem eine ſchoͤne Lampe ihren Schein mit dem ſchimmernden Lichte des Kronleuchters vereinigte. Die Conſulin ſaß mit ihrer hohen, gebietenden Würde im Sofa und betrachtete bald die Fertigkeit, mit welcher Conſtance die Sticknadel durch den Stramin laufen ließ, bald die Geduld der Mamſell Charlotte mit der verrwirrten Seidendocke, welche Carl halten mußte. „Charlotte!“ ſagte die Conſulin und erhob ſich einen halben Zoll, um ihren Worten ein groͤßeres Gewicht zu geben,„wie ich ſagte: das Serviren darf keine einzige Minute über neun Uhr aufgeſchoben werden!“ „Wie Ihro Gnaden befehlen; doch...“ 26² Charlotte hatte nicht Zeit, ihre Meinung auszuſpre⸗ chen, denn Nilsſon ſtand jetzt wieder kerzengerade in der Thür und verkündigte, daß der Magiſter ihm auf dem Fuße folgte. Die Conſulin ſank tief hinab in das Sofa und hatte nur noch Zeit, ein Buch verkehrt zu faſſen, über welches ſie ſich eifrigſt herabneigte, als Juſtus von Carleborg ein⸗ trat und ſich mit dieſer angebornen Würde, dieſem freien und feinen Weſen, dem ſelbſt der einfältigſte Hochmuth ſchwerlich widerſtehen kann, verbeugte. Auch war es eine ganz unfreiwillige Bewegung, da die Conſulin, dem Bei⸗ ſpiele Conſtance's und Charlotte's folgend, aufſtand und ſich eben ſo tief verneigte, als gälte es dem Baron Mar ſelbſt. „Ich heiße Sie auf Oernwik willkommen, Herr Ma⸗ giſter!“ ſagte der Conſul, indem er ihm mit aller ihm moͤglichen gravitätiſchen Vornehmheit die Hand reichte... „Hier ſehen Sie meine Frau, die Geſellſchaftsdame meiner Frau, Mademoiſelle Aſp und die Freundin meiner Toch⸗ ter, Mademoiſeile Conſtance Waller— der Kleine dort iſt Ihr künftiger Discipel.“ Nach dieſer förmlichen Präſentation näherte ſich Juſtus von Carleborg ſeiner Patroneſſa und ſagte in einem melodiſchen und verbindlichen Tone:„Ich wäre ſehr zu bedauern geweſen, wenn ich mich zum zweiten Male zu einem unvorſätzlichen Ungehorſam gezwungen ge⸗ ſehen hätte: haben Sie daher die Güte, Frau Loͤwe, und entſchuldigen Sie den ſchon begangenen, da ich mich nicht ſogleich einſinden konnte!“ Trotz dem angenehmen Wohllaute in dem Organe, das dieſe Worte ausſprach, würde Frau Löwe ſich be⸗ ſtimmt durch den Ausdruck„Frau Löwe“ anſtatt„Frau Conſulin“ oder noch beſſer„Ihro Gnaden“ wie es ſehr gut hätte heißen können, beleidigt gefunden haben, wenn nicht die Perſon, welche vor ihr ſtand, ohne Widerſpruch der ſchönſte Mann geweſen wäre und noch dazu in ſeiner Weiſe habt hät verbirgt. Zu beliebte zu erklät der Her⸗ ſeine Kr Herr M „3 borg na einer Se ſetzte— Krankhei haben me „Di meinte de ſein, den Die welchem die Fein „Un dem koq Jetztzeit Die szuſpre⸗ e in der auf dem und hatte welches vorg ein⸗ em freien Hochmuth c es eine dem Bei⸗ ſtand und ron Max Herr Ma⸗ aller ihm reichte... ne meiner ner Toch⸗ eine dort herte ſich ſagte in Ich waͤre m zweiten dungen ge⸗ Loͤwe, und mich nicht n Organe, he ſich be⸗ latt„Frau ie es ſehr ben, wenn Widerſpruch u in ſeiner 263 Weiſe dieſe ſogenannte unbewußte Anſpruchsloſigkeit ge⸗ habt hätte, welche nicht ſelten eine bewußte Ueberlegenheit verbirgt. Zufolge eines ihr ſelbſt nicht ganz klaren Umſtandes beliebte daher die Conſulin mit einnehmender Herablaſſung zu erklären, ſie würde ihres Theiles untroſtlich ſein, falls der Herr Magiſter aus Artigkeit vergeſſen hätte, was ſeine Kräfte erlaubten.„In der That,“ fuhr ſie fort,„der Herr Magiſter ſieht ſehr blaß aus!“ „Ich bin erſt vor Kurzem“— der Magiſter Carle⸗ borg nahm bei dieſen Worten mit einem Lächeln und einer Senkung des Hauptes den Stuhl an, den Carl hin⸗ ſetzte—„von einer ſchweren und ziemlich langwierigen Krankheit aufgeſtanden, und eben die Folgen derſelben haben meine Reiſe verzögert.“ „Die Landluft wird Ihnen gut thun, Herr Magiſter,“ meinte der Conſul,„ich kann mir denken, es muß ſchön ſein, den Bücherwurm einmal abſchütteln zu koͤnnen.“ Die Conſulin gab ihrem Mann einen Blick, aus welchem er abnehmen könnte, daß in ſeinen Worten nicht die Feinheit lag, wovon ſie ſtets predigte; doch Juſtus entgegnete artig:„Es iſt ganz beſonders ſchön, wenn man die Stubenluft mit einer ſolchen Luft austauſchen kann, wie ſie hier um Oernwik herrſcht. Ich habe wenige Oerter geſehen, die an Naturſchönheit dieſe Gegend auf⸗ wägen.“ „Und die Bauart ſelbſt,“ fiel die Conſulin ein,„iſt vielleicht ebenfalls der Aufmerkſamkeit nicht ganz un⸗ würdig?“ „Darin herrſcht der ſchwerfällige Styl einer ver⸗ floſſenen Zeit und floͤßt Ehrfurcht und Sicherheit ein: ich meines Theils ziehe dieſe Silhouetten der Vorfahren dem koqueten Enſemble in der leichten Architektur der Jetztzeit bei weitem vor.“ Die Conſulin nickte der Mademoiſelle Charlotte mit dieſem vertraulichen Blicke zu, welcher zu bedeuten pflegte: —— 264 „merke Dir dieſe Worte! ich will ſie mir für ein anderes Mal ins Gedächtniß ſchreiben.“ Conſtance, die von dem neuen Gaſte noch nicht be⸗ merkt worden war, fühlte ſich ſo gefeſſelt von dem Klange in ſeiner Stimme, daß ſie mit der größten Ungeduld den Augenblick abwartete, da er ſein Geſicht von der Con⸗ ſulin abwenden würde; doch ſonderbar genug verſpürte er hiemit keine Eile, und Conſtance hatte daher Zeit genug, ſeinen Wuchs und ſeine Haltung zu muſtern. Der Wuchs war hoch, ſchlank und gerade; es lag in demſelben keine Fülle der phyſiſchen Kraft, aber aus jedem Theile ſprach eine Weichheit und Geſchmeidigkeit, die ſich auch in allen Bewegungen des Körpers, ſo un⸗ merklich ſie ſein mochten, abſpiegelte; die Haltung aber drückte, wenigſtens in dieſem Augenblicke, die ruhige Selbſt⸗ ſtändigkeit eines Menſchen aus, der ſeinen Standpunkt kennt und der da weiß, daß er demſelben ſeinen Werth verleiht, und nicht dieſer ihm die geringſte Würde gibt. Nicht eher, als in dem Augenblicke, da man zu Tiſche gehen wollte, fiel das Auge des Magiſters Carleborg auf Conſtance; doch ſei es nun aus Zufall oder Abſicht, ſein Blick weilte nun ſo lange auf ihr, daß ſie beinahe ihre Faſſung verloren hätte. Sie hatte den Muth gehabt, ſich dieſem Blicke aus⸗ zuſetzen, ſie war ihm begegnet, mit dem Vorſatze, die Per⸗ ſon zu betrachten, welche ihr eine ſolche Gleichgültigkeit zeigte; nun aber fragte ſie ſich mit Verdruß, was ſie da⸗ bei gewonnen hätte. Sie war nicht im Stande geweſen, einen einzigen von ſeinen Geſichtszügen vollkommen aufzu⸗ faſſen: nur die dunklen in ihre Seele dringenden Augen hatte ſie geſehen, oder richtiger geſagt, gefühlt; doch der Eindruck, den dieſe Augen hinterlaſſen hatten, war weit entfernt, angenehm zu ſein— Conſtance empfand einen inſtinktartigen Abſcheu, ihnen noch einmal zu begegnen. Bei Tiſche erhielt ſie ihren Platz dem Informator gegenüber, und während einer Pauſe in der Unterhaltung, die von führt wi Conſtance ling auf Zeit ein Es l ſo freundl Frage gaͤl darin hätt Conſt len durchd da der hel braunen L durchdring „Ich dieſem Ha erkuͤnſtelter für ſeine A Schoͤnheit welche aller gungen. 6. einem Bild ausdrücken an gegen d ſolches Bild geregt, als anſtellen kön anderes nicht be⸗ Klange duld den er Con⸗ pürte er genug, es lag ber aus eidigkeit, ſo un⸗ ng aber Selbſt⸗ undpunkt n Werth gibt. zu Tiſche vorg auf cht, ſein ahe ihre icke aus⸗ die Per⸗ zuͤltigkeit 3 ſie da⸗ geweſen, n aufzu⸗ n Augen doch der ar weit nd einen egnen. formator chaltung, 265 die von Seiten der Conſulin mit großer Lebhaftigkeit ge⸗ führt wurde, wendete ſich der Magiſter Carleborg an Conſtance mit der Frage, ob ſie, gleich ihm, ein Fremd⸗ ling auf Oernwik wäre, oder ob ſie ſchon eine längere Zeit ein Mitglied der Familie geweſen wäre. Es lag in dieſen Worten eine ſolche Einfachheit, eine ſo freundliche und offene Theilnahme, daß der Ton der Frage gänzlich alles Unpaſſende nahm, das möglicher Weiſe darin hätte liegen können. Conſtance war gezwungen aufzuſehen und dieſen dunk⸗ len durchdringenden Augen zu begegnen, welche ihr jetzt, da der helle Lichtſchein ſein bleiches ovales, von den langen braunen Locken umſchattetes Antlitz beleuchtete, doppelt durchdringend erſchienen. „Ich habe das Glück, mich nicht als Fremdling in dieſem Hauſe zu betrachten!“ erwiederte Conſtance mit erkünſtelter Freundlichkeit: denn was konnte der Mann für ſeine Augen, und was konnte er dafür, daß ſeine Schoͤnheit— denn ſchön war er— zu der Art gehörte, welche alles andere weckt, nur keine angenehmen Bewe⸗ gungen. Conſtance ſuchte in ihren Erinnerungen nach einem Bilde, das die unheimlichen und widrigen Gefuhle ausdrucken konnte, welche ſie von dem erſten Augenblicke an gegen dieſen Menſchen empfand; doch ſie konnte kein ſolches Bild finden, und eigentlich war ſie auch allzu auf⸗ geregt, als daß ſie mit Ruhe eine Nachforſchung hätte anſtellen können. Dagegen konnte die Conſulin und Mamſell Charlotte, auf welche alles einen ganz andern Eindruck hervorbrachte, ihre Augen kaum abziehen von dieſem bleichen intereſſan⸗ ten, faſt ſublimen Geſichte, über welches eine tiefe Ruhe, ein gedankenvoller Ernſt, eine durchgreifende Sanftmuth ihr Licht und ihre Schatten warf. Schärferen Blicken als den anweſenden würde es gleichwohl ſo vorgekommen ſein, als ob dieſes Geſicht jetzt ſich vielleicht nur ſeines aͤrmlichſten Alltagskoſtüms bediente, als würde es ſich in 266 tauſend verſchiedenen, nach dem Willen der Seelen nüan⸗ cirten Formen zeigen können, von der heiligen Gloria der idealen Schoͤnheit bis zu dem gefährlichen Blick der Schlange, ja bis zu der in verführeriſchem Blumennegligee verhüllten Sinnlichkeit hinab. Als man von Tiſche aufgeſtanden war, ſah die Con⸗ ſulin ein, was ſie ſich ſelbſt und ihrem künftigen Anſehen ſchuldig war, und indem ſie Carl bei der Hand nahm und ihn dem Magiſter vorſtellte, ſagte ſie:„Jetzt, Herr Ma⸗ giſter, habe ich Ihnen unſern Pflegeſohn zu recomman⸗ diren. Um ihn ſo viel wie möglich der Aufſicht und dem Schutze ſeines Gouverneurs zu übergeben, habe ich es für paſſend erachtet, daß er künftig das Zimmer bewohnt, welches innerhalb des Ihrigen liegt.“ Die Augenbraunen des Magiſters Carleborg zogen ſich bei dieſen Worten leicht zuſammen, doch ſein Ton hatte einen eben ſo ſanften und inſinuirenden Wohllaut wie vorher, als er ruhig aber beſtimmt erwiederte:„Ich werde es ſtets für meine Pflicht erachten über meinen Discipel zu wachen; doch bin ich gezwungen, zu bekennen, daß ich nicht im Stande bin, dieſe Wachſamkeit ſo weit zu treiben, um ihn ſtets unter meinen Augen zu haben. Ich bin gewohnt allein zu wohnen und kann hierin keine Einſchränkung machen.“ „Es war nur von dem inneren Zimmer die Rede!“ beeilte ſich der Conſul hinzuzufügen, da er auf dem Ge⸗ ſichte ſeiner Gattin Anzeichen zu Ungewitter bemerkte. Der Magiſter verbeugte ſich achtungsvoll, erkühnte ſich aber dennoch zu erwiedern:„Es iſt nur Ein Ein⸗ gang zu dieſen beiden Zimmern vorhanden; folglich mochte es ſchwer ſein, ſie zu theilen.“ Jetzt hatte die Conſulin ſo viel Selbſtbeherrſchung über ſich gewonnen, daß ſie mit gebietender Hoheit ant⸗ worten konnte:„Herr Magiſter! obgleich ich mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig bin, zu erkennen, daß ich noch nie gehoͤrt habe, daß nicht zwei Zimmer ſich zwiſchen zwel Perſonen allzu gro ſtatten. Menge, ſe gen; dock Wünſchen über unſe wir den „So habe, wer mitzutheil Tage über Geſundhei „Da als wollte wenig.. wunderlich „Ich Frau Con gen, will paßt.“ in nüan⸗ oria der lick der nnegligee die Con⸗ Anſehen nahm und ſerr Ma⸗ comman⸗ und dem ch es für bewohnt, arg zogen ſein Ton Wohllaut te:„Ich er meinen bekennen, it ſo weit zu haben. ierin keine ie Rede!“ dem Ge⸗ merkte. „erkühnte Ein Ein⸗ lich möchte herrſchung Hoheit ant⸗ mir ſelbſt ich noch nie iſchen zwei 267 Perſonen theilen laſſen, ſo iſt doch die ganze Sache eine allzu große Bagatelle, um weitere Verhandlungen zu ge⸗ ſtatten. Wir haben Gott Lob auf Oernwik Zimmer in Menge, ſo daß wir alſo nicht nöthig haben, damit zu kar⸗ gen; doch hoffen wir für dieſe unſre Complaiſance, Ihren Wünſchen entgegenzukommen, auf eine vergrößerte Aufſicht über unſern Pflegeſohn... Wie früh Morgens können wir den Unterricht beginnen laſſen?“ „Sobald ich einen Plan überdacht und fefſtgeſetzt habe, werde ich nicht unterlaſſen, denſelben meinem Carl mitzutheilen; doch muß ich mir ausbitten, für ein Paar Tage über meine Zeit ſelbſt disponiren zu dürfen: meine Geſundheit iſt der Ruhe ſehr bedürftig.“ „Das, mein lieber Magiſter, artet ſich vielleicht ſo, als wollte es etwas weniger glücklich werden... ein wenig.. ein wenig... mit einem Worte ein wenig wunderlich!“ „Ich bedaure von Herzen, daß es Ihnen ſo vorkommt, Frau Conſulin; um jedoch meine Bereitwilligkeit zu zei⸗ gen, will ich meine körperliche Schwäche zu überwinden ſuchen, ſobald die Herrſchaften mir den Curſus mitzuthei⸗ len belieben, der, wenn ich nach der Eile ſchließen darf, natürlich längſt für Carl's Studien beſtimmt iſt.“ Jetzt wechſelten der Conſul und die Conſulin einen Blick, der ihre gegenſeitige Unſchlüſſigkeit bei dieſer Wen⸗ dung verrieth; und ſeine Pflicht fühlend, jetzt das Wort zu nehmen, ſagte der Conſul Löwe in entſcheidendem Tone: „Sie haben eine Woche lang frei zur Befeſtigung ihrer Geſundheit und um ſich einzuwohnen und mit ihrem Dis⸗ cipel bekannt zu machen. Bis dahin köͤnnen wir über⸗ uan was am beſten für Carl's Neigung und Charakter paßt.“ 3 „Du ſprichſt ganz meine Meinung aus, lieber Da⸗ vid; und nun wollen wir dem Herrn Magiſter eine gute Nacht und die angenehmſten Träume wünſchen!“ Conſtance, die nach dieſer Freundlichkeit von Seiten 268 der Conſulin ſich auf nichts weniger gefaßt gemachtzhatte, als auf einen Handkuß und dazu gehörigen Ausdrucken der tiefſten Dankoarkeit, ſah das alles in einer einzigen tiefen und artigen Verbeugung verſchwinden, nach welcher Magiſter Carlevorg, ohne ein Wort weiter zu ſagen das Zimmer verließ. „Das iſt mir ein ſteifer Herr!“ rief die Conſulin aus, ſobald die Thür ſich wieder verſchloſſen hatte—„ich moͤchte nur wiſſen, was er ſich einbildet! Aber er mag warten: ich denke mich von keinem Informatoren regieren zu laſſen, und wäre er auch ſchoͤn und großmüthig wie ein Apollogott, und hätte er ſich auch zehn Magiſtergrade in Philoſophie und Geographie erworben, denn, Golt ſei Lob und Dank! als Frau auf Oernwik braucht man nicht zu couchen vor einem ausgewäſſerten, beſtäubten, einge⸗ kleiſterten... „Nelly, Nelly, meine Liebe; Nelly, mein Engel, Du wirſt zu warm, mein Schatz!“ „Darin haſt Du recht, David!“ entgegnete die Con⸗ ſulin, welche in Conſtance's Geſicht etwas las, das ihr beſſer als Worte ſagte, was ſie ſich ſelbſt ſchuldig war— „ſo ſehr Recht, mein Beſter, daß ich mich ſelbſt darüber wundere, wie eine Dame mit meinen Lebensanſichten ſich über das ungebildete Weſen eines armen unbedeutenden Studenten ereifern konnte. Es thut mir leid um den jungen Mann— bei Gott, es thut mir weh, daß ein ſo hübſcher Jüngling noch in einem ziemlich vorgeſchrittenen Alter die Folgen einer verſäumten Erziehung empfinden ſoll.“ „Ich glaube kaum, meine Liebe, daß dieſem Men⸗ ſchen die Erziehung fehlt: ſeine Art zu grüßen und ſich zu benehmen gehört zu den ungezwungenſten, die man ſehen kann— er ſieht ja aus wie ein Graf!“ Was bedeutet die kleine äußere Politur, die ſich ein Jeder ſchaffen kann!... Was meinſt Du, Charlotte? Haſt Di ziehung; „Ja Gnaden Zuerſt ve über das Befehle können; 3 Ihro Gne Unterricht Beweis, d digen Aeu um Ihro zu danken. immer in fühlt, und ehrfurchtsve Ihro Gnaßd Dieſe die Schwä ſelbſt; und ihren ſchon halben Bli rüber: ſie Fall konn! begannen, ungeneiat, tigkeit ſchul dieſer Air Du, liebe „O„ btehatte, Sdrucken einzigen welcher gen das Conſulin —„ich er mag regieren hig wie tergrade Gott ſei nan nicht „einge⸗ gel, Du die Con⸗ das ihr zwar— darüber hten ſich eutenden um den iß ein ſo yrittenen mpfinden m Men⸗ und ſich nan ſehen ſich ein zarlotte? 269 Haſt Du etwas an dem Manne bemerkt, das von Er⸗ ziehung zeugt?“ „Ja, meiner Meinung nach— und das werden Ihro Gnaden gewiß auch bald finden— war da ſehr viel! Zuerſt vor allen Dingen die Art, wie er ſein Bedauern über das Mißgeſchick vorbrachte, daß er nicht gleich dem Befehle Ihrer Gnaden, heraufzukommen, hätte nachleben können; zweitens ſeine Nachgiebigkeit, da er ſah„ daß er Ihro Gnaden mißfiel, und trotz ſeiner Kränklichkeit den Unterricht gleich beginnen wollte: der dritte und größte Beweis, daß er nicht nach Ihro Gnaden feinen und wür⸗ digen Aeußerungen gleich vorſtürzte wie ein Ladendiener, um Ihro Gnaden die Hand zu küſſen und allerergebenſt zu danken. Ein Mann mit wirklicher Erziehung legt immer in ſeine Verbeugung die Verbindlichkeit, die er fühlt, und ich geſtehe, daß ich noch nie eine tiefere und ehrfurchtsvollere Verbeugung geſehen habe, als die er vor Ihro Gnaden machte.“ Dieſe Antwort der Mamſell bewies deutlich, daß ſie die Schwächen ihrer Gebieterin beſſer kannte, als dieſe ſelbſt; und trotz dem, daß der neu angekommene Magiſter ihren ſchon etwas veralteten Reizen kaum ſo viel wie einen halben Blick geſchenkt hatte, war ſie keineswegs boͤſe da⸗ rüber: ſie war ihrerſeits um ſo entzückter. Auf keinen Fall konnte Charlotte geſtatten, daß„Geſchichten“ begannen, ehe ſie wenigſtens erfahren hatte, welche Art von Menſch der Magiſter eigentlich war, Die Conſulin, durch die Geſchicklichfeit der Favorite zurückgeführt auf den Nunkt, wo dieſe ſie haben wollte, ſagte lächelnd, indem ſie ihren Blick von dem Einen auf den Andern gleiten ließ:„Nun gut; ich bin nicht ganz ungeneiat, nachzugeben, und ich bin mir ſelbſt die Gerech⸗ tigkeit ſchuldig, zu erfennen, daß ich wenige Männer mit dieſer Air von Nobleſſe geſehen habe— oder was ſagſt Du, liebe Conſtance?“ „O, ich ſage, meine gute Tante, wenn es eine be⸗ 270 ſondere Air für die Nobleſſe gibt, ſo kann ihn nichts hin⸗ dern, ſie zu haben, da er ſelbſt ein Edelmann iſt.“ „Edelmann?“ wiederholte die Conſulin—„ein Edel⸗ mann?“ „Ja wohl, Tante: es ſtand ja auf dem Briefe, der geſtern ankam, von Carleborg.“ „Bei Gott, meine Herrſchaften, das iſt ein recht intereſſanter Caſus! Baron Max hat zwar kein Wort da⸗ von geſagt, daß er ein Edelmann iſt; doch dieſes„von Carleborg“ klingt äußerſt vornehm, und es kann wohl möglich ſein, daß er von einem alten Adel iſt.“ „Ob er von altem Adel iſt, läßt ſich ſchwer ſagen,“ fiel das Lexikon der Conſulin ein,„daß er aber ein Edel⸗ mann iſt, das verſteht ſich von ſelbſt, denn wie Ihro Gnaden wiſſen, ſetzen in Deutſchland nur Edelleute ein von vor ihren Namen, obgleich es hier in Schweden nicht ſo üblich iſt.“ „Ja, das verſteht ſich, liebe Charlotte, und das hat auch kein Menſch beſtreiten wollen; doch man kann ja unmöglich an alles denken! Die Summe iſt nun die, wenn alles wohl geſichtet iſt, ſo wird man finden, daß der arme Kerl ein ſogenannter Pauvre⸗Honteur iſt. Wer kann ſich da noch wundern, daß er Erziehung genoſſen hat, und ſeine beiden Zimmer für ſich haben will!... Carl! Carl!.... ſieh da, der Toͤlpel iſt auf ſeinem Stuhle eingeſchlafen!... Carl, wach auf!... Sol das war Recht!. Hörſt Du, Karl, mein Kind! Du ſollſt Deinem Lehrer ſtets mit tiefer Ehrfurcht begegnen, und Dich nie durch Ungehorſam ſeiner Ungnade verdient machen— verſtehſt Du mich?“ „Ja, behüte!“ ſagte Carl, indem er ſich die Augen rieb— Carl würde in dieſem Augenblicke zu Allem ja geſagt haben. „Nimm ihn mit Dir, meine gute Charlotte!“ die Conſulin winkte einen gnädigen Abſchied, küßte Conſtance auf die ihres Me „Ich Conſtance Geberden mir nie h moiſelle( vergeſſen, ſind! Seh der Favor gemißbrau „Wer ſelben Ton ligen Dorn über den 2 den Ihro und Geſchi nicht von j Ein Günſtl zum Guten die Hand g hts hin⸗ in Edel⸗ iefe, der ein recht Wort da⸗ ſes„von unn wohl r ſagen,“ ein Edel⸗ wie Ihro lleute ein eden nicht d das hat kann ja nun die, den, daß iſt. Wer z genoſſen will!... auf ſeinem ... Sol Kind! Du begegnen, de verdient die Augen a Allem ja otte!“ die Conſtance 271 auf die Stirn und verließ das Zimmer an dem Arme ihres Mannes. „Ich bin mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig,“ ſagte Conſtance, in jugendlichem Leichtſinne den Ton und die Geberden der Conſulin annehmend,„zu erkennen, daß ich mir nie habe eine Vorſtellung davon machen können, Made⸗ moiſelle Charlotte wäre im Stande bis zu dem Grade zu vergeſſen, was Sie ihrer und meiner Stellung ſchuldig ſind! Sehen Sie denn nicht ein, daß Sie die Privilegien der Favoritenſchaft faſt bis zu einer unglaublichen Höhe gemißbraucht haben?“ „Wenn Ihro Gnaden,“ erwiederte Charlotte in den⸗ ſelben Ton einfallend,„die Gnade haben, ſich der unzäh⸗ ligen Dornen und Demüthigungen zu entſinnen, welche über den Weg einer armen Favorite herabregnen, ſo wer⸗ den Ihro Gnaden gar leicht einſehen, daß nur Kühnheit und Geſchicklichkeit die Favorite retten können, damit ſie nicht von jenen zerriſſen und von dieſen zermalmt wird. Ein Günſtling, der ſeine Macht zu nichts anderem als zum Guten anwendet, und der, falls er ſeine Wünſche zur Beförderung des Guten ſchlecht und recht vorſtellte, nicht nur gar nichts erreichen, ſondern ſogar ſeine Rolle bald genug ausgeſpielt haben würde, iſt wohl nicht allein entſchuldigt, ſondern auch genöthigt, ſich aller Waffen zu bedienen, welche ihre kleine Feinheit und Erfahrung an die Hand gibt; und ich hoffe, Ihro Gnaden werden mir um ſo eher hierin Recht geben, als Ihro Gnaden ſich zu entſinnen geruhen, doß ich einzig und allein durch dieſe unſchuldigen Waffen die Mademoiſelle Conſtance hieher ins Haus ſchaffte.“ „Ach, gute Mamſell Charlotte, ich hätte ſchon längſt ahnen ſollen, daß kein Andrer dazu im Stande geweſen wäre!“ Und Conſtance reichte unſrer ehemaligen Bonne die Hand mit einem Ausdrucke von ſo inniger und ſtrah⸗ lender Dankbarkeit, daß Charlotte mit einer Thräne im 272 Auge ſich abwendete, um Carl aufzuwecken, der zum zwei⸗ ten Male mit der Wange an dem Ofen eingeſchlafen war. „Ich wage zu prophezeien,“ ſagte Conſtance,„daß aus dem Herrn Carl kein großes Licht wird: er kennt kein groͤßeres Vergnügen, als im Schlafe des großen Glückes zu vergeſſen, an welches ſeine Pflegemutter ihn immerwährend erinnert.“ „Das geſchieht, um von den Genüſſen zu träumen, die er zu Hauſe hatte, und die ihm gewiß weit mehr galten als ſeine jetzigen. Er iſt ein guter Junge, obgleich ich glaube, er würde dem eigenen Metier des ſeligen Ca⸗ pitäns Pettersſon mehr Ehre machen, als irgend einer von den Lebensbahnen, wozu die Conſulin ihn wechſelsweiſe beſtimmt. Doch, Mademoiſelle Conſtance! was ſagen Sie von dem Lehrer— aus ihm wird man gewiß nicht ſo leicht klug, wie aus unſerm guten Carl!“ „Ich ſage, daß ich mich unwohl befinde, wenn ich nur an ihn denke: er hat ja die allerſonderbarſten und und unbegreiflichſten Augen, die ich jemals an einem Menſchen geſehen habe... Doch, gute Nacht, beſte Mamſell Charlotte!— der arme Carl ſchläft zum dritten Male ein, wenn wir uns ſeiner nicht erbarmen.“.. „Ich befinde mich unwohl, wenn ich nur an ihn denke!“ hatte Conſtance geſagt; und demnach wendeten ſich alle ihre Gedanken nur um dieſen Punkt. Die ſon⸗ derbaren und unbegreiflichen Augen glänzten überall in allen Ecken und Winkeln, wohin ſie ihre eigenen warf— ja ſogar wenn ſie die Wimpern über dieſelben herabließ mit dem ſtrengen Vorſatze, nicht wieder in ihre ſtete Phantaſie zurückzufallen, glühten ſie ſo durchſichtig klar in ihrer wunderbaren Dunkelheit, daß ſich in ihnen ihr eigenes Bild ſpiegelte. Mit einem leichten Schauder zog ſie die Decke über das Haupt. Es gibt Inſtinkte, die ſich nicht erklären laſſen. In e ſulin, ni formators Hauſes zu Verfügung zweiten Y liebten Mi richteten R Krankheit matt und Seele ſchie E 8 w Lichter gel herrlichen aber ſah e einſtrömte Wänden u zum zwei⸗ afen war. ce,„daß er kennt s großen nutter ihn träumen, veit mehr , obgleich ligen Ca⸗ einer von chſelsweiſe ſagen Sie ß nicht ſo wenn ich arſten und an einem acht, beſte nm dritten .4. ar an ihn h wendeten Die ſon⸗ überall in n warf— rrabließ mit e Phantaſie ir in ihrer igenes Bild Decke über laſſen. 273 Zwanzigſtes Kapitel. In einem der beiden netten Zimmer, welche die Con⸗ ſulin, nicht eben ſo ſehr für die Bequemlichkeit des In⸗ formators, ſondern um die Macht und das Anſehen des Hauſes zu zeigen, dem Magiſter Carleborg zu ſeiner freien Verfügung geſtellt hatte, ſaß dieſer, nachdem er zum zweiten Male den zärtlichen, ermahnenden Brief der ge⸗ liebten Mutter durchleſen hatte, auf dem bequem einge⸗ richteten Ruheſofa. Seine Hand ſtützte die feine von der Krankheit etwas eingefallene Wange und das Auge war matt und ausdruckslos auf den Fußboden gerichtet— die Seele ſchien eben ſo ſehr zu ruhen, wie der Körper. Es war finſter in dem Zimmer— Juſtus hatte die Lichter geloͤſcht, um ſich nur von dem bleichen Glanze des herrlichen Auguſtusmondſcheines leuchten zu laſſen— jetzt aber ſah er nicht, wie dieſer durch die hohen Fenſter her⸗ einſtroͤmte und den ſtarken Contraſt zwiſchen den alten Wänden und den modernen Möbeln, vor allen Dingen aber den großen Contraſt beleuchtete, welcher zwiſchen dem Jünglinge, wie wir ihn vor ſieben Jahren ſahen, und dem Manne in ſeiner erſten Jugendkraft ausſprach, nicht ſo, wie er uns in dieſem Augenblicke erſcheint, wie er aber dennoch war— denn dieſe leichte ſchlummernde Erſchlaffung iſt nur einer von den Zuſtänden der Ruhe, in welchen der Geiſt, der allzu viele Früchte treibt, bisweilen nach Wachen und den Mühen der ewigen Arbeit ſeine Nahrung wieder nimmt. Die faſt kindlich hüpfende Fröhlichkeit, welche bei dem Knaben und dem Jünglinge durch die düſtre Trau⸗ rigkeit, den unverſtandenen Schmerz, der früh ſeine Seele Eine Nacht am Bullarſee. 1. 18 274 trübte, hervorbrach, war ſchon längſt untergegangen vor einer überhandnehmenden Richtung auf das Ernſte— doch nicht auf den Ernſt, der wohlthuend ſein ruhiges, faſt ſcheinendes Licht über die Seele wirft und derſelben ohne Anſtrengung von ihrer Seite den Wegweiſer vor ſich zeigt, ſondern auf jenen Ernſt, der in der Dunkelheit umher⸗ ſchwärmt und ſtets ſich bemüht, ſeine im Schatten ver⸗ borgenen Leitſterne zu entdecken, die ſich aber neckend bald ſo nahe zeigen, daß der Schwärmer entzückt am Ziele zu ſein wähnt, bald ſich weiter und weiter entfernen, und ſeine Nerven und Lebensgeiſter zu neuen Anſtrengungen, neuen Träumen, neuen Verirrungen der ſtets ſich täuſchen⸗ den Einbildung ſpannt. Es iſt ſonder Zweifel ein großes Unglück, mit dieſer produktiven Einbildung geboren zu werden, welche nie länger Raſt und Ruhe hat, als während ſie ſchafft. Sie find ſo ſchön, ſo klein und unſchuldig, die erſten Schöpfungen. In ihrem Rahmen von lächelndem Grün gleichen ſie einem ſchönen Kinde, welches in einem Blumengarten ſtehend nicht zu wiſſen ſcheint, welche von allen den herrlichen Blumen es ſich zur Zierde ſeines Spielhauſes zueignen ſoll. Doch ſo wie das Kind, nachdem es die erſte Blume gebrochen, ſchmeichelnd und bittend auf die andern blickt, ſo blicken auch die kleinen unſchuldigen Schöpfungen nach ihren ge⸗ ahnten Brüdern und Schweſtern— ſie wachſen und wach⸗ ſen von Sandkörnern zu Bergen empor; und nachdem Berge auf Berge gethürmt worden ſind bis zu einer Höhe, gegen welche der Koloß auf Rhodus eine Spielſache ge⸗ weſen ſein würde, ſo ſitzt der ſchaffende Geiſt dort oben auf den Zinnen und ſchwenkt ſich gleich einem hinaufge⸗ worfenen Pygmäen wirbelnd in der Luft umher. Wenn der Pygmäe den leeren Raum durchtanzt hat, welcher ihm als das Ziel ſeiner luftigen Fahrt beſcheert worden iſt, ſo fällt er herab und wird an den Felſen zerſchmettert... So auch die bis zur höchſten Höhe der Schwärmerei em⸗ porgetriebene Seele: wenn ſie die Spitze ihrer Schöpfungen erreicht: geſchaukel ſen des L das Erwe nicht lang Geiſt ſich ewigen A ſten Licht den Welle Sklave, n Unter die Erde einheimiſch unheilbarer Eine Verfͦ unendlich i tem dieſer ſtrömt, ohr eigenes Bi zu verzehre Armu ſind die U zu wecken fugigkeit ſ aber,“ ſo f ſtets nach das wiſſen ſteskrankhei und verſtä Ziele fuͤhre auch Frau ngen vor — doch ges, faſt ben ohne ich zeigt, t umher⸗ atten ver⸗ kend bald Ziele zu nen, und engungen, täuſchen⸗ mit dieſer velche nie afft. Sie höpfungen. ſie einem ehend nicht n Blumen oll. Doch gebrochen, ſo blicken ihren ge⸗ und wach⸗ d nachdem einer Hoͤhe, ielſache ge⸗ dort oben hinaufge⸗ her. Wenn at, welcher eert worden hmettert... irmerei em⸗ Schöpfungen 275 erreicht und einen Augenblick auf den Zinnen derſelben geſchaukelt hat, ſo ſinkt ſie erſchlafft hinab unter die Fel⸗ ſen des Lebens und erwacht aus ihrem Taumel. Doch das Erwachen iſt ſo ſchwer, ſo kalt, ſo bitter, daß es nicht lange dauert, ehe der auf ſeinen Reiſen verzärtelte Geiſt ſich zu einer neuen Luftfahrt rüſtet. Unter dieſem ewigen Wechſel von der ſchwärzeſten Nacht bis zum hell⸗ ſten Licht bahnt er ſich ſeinen Weg, heute dem Winde und den Wellen unterthan, morgen Herr über ſie beide: heute Sklave, morgen Koͤnig. Unter den tauſenden von verödenden Krankheiten, welche die Erde erfüllen und ſich unter den Kindern derſelben einheimiſch machen, gibt es vielleicht keine furchtbareren, unheilbareren, als diejenigen, welche die Seele angreifen. Eine Verfinſterung des Verſtandes dürfte unter dieſen ſo unendlich wunderbar nüancirten Krankheiten noch bei wei⸗ tem dieſer Lichtfluth vorzuziehen ſein, welche aus und ein⸗ ſtrömt, ohne ſo lange zu verweilen, daß die Seele ihr eigenes Bild während ihrer anhaltenden Arbeit, ſich ſelbſt zu verzehren, erblicken kann. Armuth, Verbindlichkeiten, Zwangpflichten— das ſind die Univerſalmittel, welche bisweilen den Träumer zu wecken und ihn zugleich zur Erkenntniß der Gering⸗ fugigkeit ſeiner Kräfte zu bringen vermoͤgen.„Warum aber,“ ſo fragt er wieder,„warum iſt mir dieſer unruhige, ſtets nach oben ſtrebende Geiſt geworden, wenn nicht dazu, daß ich alles zertreten und zermalmen ſoll, was hindernd in meinem Wege ſteht und geht?“ Was wohl aus unſerm Helden hätte werden können, wenn eine ſtarke und kraftvolle Hand die erſten ausſchwei⸗ fenden Träume ſeiner Jugend gezügelt und geleitet hätte, das wiſſen wir nicht; doch hoffen wir, daß bei den Gei⸗ ſteskrankheiten, welche der ſeinigen gleichen, eine motivirte und verſtändige Erziehung zu einem großen und guten Ziele führen kann. Jetzt wiſſen wir nur, daß, ſo lebendig auch Frau Hedwigs Liebe gegen ihren Sohn, ſo groß 276 auch ihr Wille, ſo anhaltend auch ihre Anſtrengung war, ſeine wankelmüthige Seele zu wecken, zu leiten und zu ſtützen, dieſe Bemühungen dennoch zu ſchwach waren: ſo innig dieſe fromme, zärtliche und kluge Mutter ihren Ju⸗ ſtus auch liebte, ſo blind gehorchte ſie dennoch den Winken, welche die wechſelnden Winde ſeines Willens hinwarfen. Es iſt gewoͤhnlich, daß Leute mit dieſen unglücklichen Charakteren eine an Kühnheit gränzende hohe Meinung von ſich ſelbſt haben. Bei dem Jünglinge fällt ſolches nicht ſo ſehr in die Augen: ſeine Schwärmereien erhalten einen poetiſch⸗glänzengen Anſtrich; ſein Ehrgeiz, ſo aus⸗ ſchweifend er auch ſein mag, iſt doch eingefaßt in ein Medaillon von glänzenden Edelſteinen, Hochſinn, Frei⸗ heitsgefühl, Jugendmuth und lebhaftes Blut. Bei dem Manne dagegen, von welchem dieſer glänzende Stoff all⸗ mälig abgefallen iſt, da er die Beſtrebungen ſeines Chr⸗ geizes ſtets von den in tauſend ungleichen Geſtalten ſich ihm entgegenſtellenden Wiederwärtigkeiten zurückgeſchleudert geſehen hat, erwecken dieſe halbverrückten Phantaſien, dieſe in der Luft aufgeführten Nieſengebäude ein Mitleiden, das bisweilen in Verlachen übergeht.— Wenige laſſen ſich Zeit, um in die Welt des Phantaſten einzudringen, um zu unterſuchen, auf welche Art der mit Genie und Kennt⸗ niſſen begabte Geiſt allmälig im Laufe der Jahre im Kampfe mit ſich ſelbſt untergegangen iſt. Der unermeßliche Durſt eines unbefriedigten Ehr⸗ geizes treibt ihn vorwärts, ohne ihm jemals Zeit zu geben, ſeine Kräfte zu wägen— dieſe verlaſſen ihn: da drückt die verletzte Selbſtliebe ihren Sporn ſo ſtark ein, daß ſie ſich von Neuem erheben müſſen; ſie machen einige glän⸗ zende Capriolen, baͤumen ſich und ſetzen ſogar die Selbſt⸗ liebe in Erſtaunen... doch— von Neuem ermatten ſie, ermatten und erheben ſich wieder, bis endlich kein Sporn mehr im Stande iſt, ihnen wirkliches Leben zu ertheilen, Iſt dieſes unglückliche Stadium eingetreten, ſo ent⸗ kleidet die Schwärmerei ſich jeglicher Poeſie. Das halb geborn tobt n Wahnſ Härte lächeln heben i glänzen daß ma zu werf vorgehen nunft ur — mit verrückt, ten einzu ſehen ver 1 Ja, niemand gung war, en und zu waren: ſo ihren Ju⸗ Winken, hinwarfen. glücklichen Meinung llt ſolches en erhalten , ſo aus⸗ aßt in ein nn, Frei⸗ Bei dem Stoff all⸗ eines Ehr⸗ eſtalten ſich geſchleudert taſien, dieſe tleiden, das laſſen ſich ingen, um und Kennt⸗ im Kampfe digten Ehr⸗ eit zu geben, : da drückt ein, daß ſie einige glän⸗ rdie Selbſt⸗ ermatten ſie, kein Sporn zu ertheilen. ten, ſo ent⸗ Das halb 277 geborne, jetzt gebrochene Genie fühlt ſeine Ohnmacht und tobt nun in ſeinen Feſſeln zügelloſer als der wirkliche Wahnſinn in den ſeinigen. Da zeigen denn mit unſanfter Härte die Menſchen mit den Fingern auf den Unglücklichen, lächeln, ſpotten über ihn und, was noch ärger iſt, ſie er⸗ heben ihn durch unwürdige Schmeichelei empor zu dem glänzenden Tempel der Eitelkeit. Da geſchieht es denn, daß man— ohne nur einen einzigen Blick in die Seele zu werfen, wo tauſende von moͤrderiſchen Scharmützeln vorgehen, wo tauſende von Schlachten zwiſchen der Ver⸗ nunft und der zerfleiſchten Eigenliebe ausgekämpft werden — mit Verwunderung ausruft:„Iſt denn der Menſch verrückt, daß er ſicht wie eine Windmühle, um den Leu⸗ ten einzubilden, er ſei ein Licht, welches doch niemand zu ſehen vermag!“ Ja, dieſe Seele war wirklich einſt ein Licht, das niemand zu ſehen vermochte, nicht darum, weil es ver⸗ borgen war, ſondern darum, weil das Licht ſo viele flat⸗ ternde Seitendochte hatte, daß der Schein des einen ſich in dem Scheine des andern brach, bis man zuletzt das Hauptlicht unmöͤglich mehr zu unterſcheiden im Stande war. Doch wir eilen hinweg von allen dieſen Lichtern und Schatten, ehe wir ſie, wie leider ſehr oft der Fall iſt, in die düſtere Nacht hinab ſinken ſehen, wo weder Licht noch Schatten mehr zu finden iſt— in dieſe Nacht, wo der lebensmüde, allein umirrende Geiſt ſo oft darüber weint, daß er ſeine Illuſionen nur auf eine einzige Art wieder⸗ finden kann.... Mit einer glühenden Phantaſie, mit einem tiefen Gefühl vereinigte Juſtus von Carleborg die hoffnungs⸗ reichſten, um nicht zu ſagen, glänzendſten Anlagen; und ſein Genie, halb oder ganz, würde ſich einen Weg gebahnt haben, der den erſten edlen Träumen ſeiner Seele nicht un⸗ würdig geweſen wäre, ſofern nur die Kräfte dieſer Seele die Bürde hätten tragen können, welche die Armuth und — 278 gezwungene Entbehrungen ihm auflegten. Nachdem er je⸗ doch in einem Alter von nicht ganz zwanzig Jahren ſich auf eine ehrenvolle Art den Magiſtergrad erworben hatte, ſo begann für ihn dieſer endloſe Kampf zwiſchen dem un⸗ gezügelten Ehrgeize, welcher ſchnell und hoch vorwärts wollte, ohne Rückſicht zu nehmen auf die Hinderniſſe, welche vorhanden ſein konnten, und der Armuth, welche mit eiſerner Hand und erhabener Stirn daſtand und keinen Zoll breit wich, ſondern ihm ruhig und kalt zeigte, daß er nur leiſe, Schritt für Schritt, und auch dann nur durch große, unermeßliche Entbehrungen, die Spitze errei⸗ chen koͤnnte, zu welcher der junge Adler fliegen wollte. Geſchlagen und in ſeine verwundete Eigenliebe und in ſeine gegen alle Hinderniſſe und gegen jeden Stillſtand gefühlvolle Reizbarkeit eingeklemmt, glaubte er ſtets weni⸗ gere Schwierigkeiten auf der einen Bahn zu bekämpfen zu haben, als auf der andern, glaubte ſich auf der erſten geirrt zu haben, und die andere würde bei ihm einen feſteren Muth finden, einen Muth, der im Stande wäre, jedes Hinderniß aus dem Wege zu räumen. Doch dieſer feſte Muth hatte ſich bei ihm bisher noch nie für die Dauer offenbart. Wenn er eine Idee umfaßte, ſo warf er ſich auf dieſelbe mit einer Heftigkeit oder richtiger: mit einer Wuth, welche machte, daß er ſeine geſpannten Nerven, ſeine emporgetriebene Phantaſie für einen unwiderſtehlichen Ruf hielt, und ſein guter Kopf, ſein außerordentliches Gedächt⸗ niß kannte nie die geringſte Schwierigkeit, ſo lange der Wille und die Seelenkraft beide belebten. In wenigen Monaten lernte er ſo viel, wie nüchterne Menſchen nicht in einem halben Jahre wieder verdaut haben, und in einem halben Jahre ſo viel, als wozu Andere mehre Jahre bedurften. Unglücklicher Weiſe überlebte ſeine Energie aber nie das halbe Jahr: hatte er ſo lange an einem Gegenſtand gearbeitet, ſo begannen die kleinen Dornen ihn von Neuem zu peinigen. Da fühlte er ploͤtzlich, daß er den Koͤrper ausgehungert hatte, während die Seele von ihrem eigenen Leben Pauſe lingen lager a erreiche verzwei irgend er näm Erde h dieſe W verfloſſe wieder De daß die zu bekaͤt vermöge entſpran größte der ang Charakt beugen noch de benutzt, nicht z Ueberſpa Ei Juſtus kunft de noch nie nach un Juſtus Geſprä unſeres Folgen. Au daß die dem er je⸗ gahren ſich rben hatte, n dem un⸗ vorwärts Hinderniſſe, th, welche und keinen eigte, daß dann nur pitze errei⸗ wollte. enliebe und Stillſtand ſtets weni⸗ kämpfen zu der erſten inen feſteren väre, jedes dieſer feſte die Dauer varf er ſich : mit einer terven, ſeine hhlichen Ruf hes Gedächt⸗ ge der Wille en Monaten ht in einem inem halben bedurften. gie aber nie Gegenſtand von Neuem den Koͤrper vrem eigenen 279 Leben lebte, und wenn er nicht ſtehen bleiben und eine Pauſe machen wollte, um ſich gleich andern armen Jüng⸗ lingen vorwärts zu helfen, daß er ſich auf das Kranken⸗ lager arbeiten würde, ſtatt die glänzende Ehrenſäule zu erreichen, welche ſeine Träume ſo oft errichtet hatten. Da verzweifelte er, da hatte er ſich wiederum geirrt, da ſollte irgend eine neue Lebensbahn ihre Thore öffnen, nachdem er nämlich zuvor eine Zeitlang ganz nüchtern auf der Erde hatte leben und des Koͤrpers pflegen müſſen. Auf dieſe Weiſe waren nun die letzten drei oder vier Jahre verfloſſen— ein großer, unerſetzlicher Diebſtahl, der nie wieder hergeſtellt werden konnte und ſollte. Doch wäre es vergeblich, wenn man läugnen wollte, daß die Seele unſers Juſtus noch mehre Schwachheiten zu bekaͤmpfen hatte, als diejenigen, welche aus ſeinem Un⸗ vermögen, die Stoßſteine der Armuth hinwegzuräumen, entſprangen. Seine ärgſte, unglücklichſte Schwäche, das größte Hinderniß für ſein Fortkommen in der Welt war der angeborne Wankelmuth ſeines Charakters— dieſes Charakters, welcher trotz ſeines Stolzes ſich vor dem Winde beugen ließ, und trotz ſeiner Zuverſicht zu ſich ſelbſt den⸗ noch der Heber wurde, welcher, von einer andern Hand benutzt, ihn an Abgründe führte, deren Tiefe ſeine Auge nicht zu meſſen vermochte, obgleich ſeine Seele in ihrer Ueberſpannung ſich über denſelben emporſchwang. Einige Jahre nach ſeiner Ankunft in Upſala hatte Juſtus eine Bekanntſchaft gemacht, welche auf ſeine Zu⸗ kunft den gefährlichſten Einfluß äußerte. Wir wollen jetzt noch nicht die Geſpräche enthüllen, deren Sophismen ſich nach und nach wie in einer ununterbrochenen Kette um Juſtus ſchloßen. Der von ihm nie geahnte Zweck dieſer Geſpräche wird in einem ſpäteren Theile der Geſchichte unſeres Helden eben ſo klar vor Augen liegen, wie ihre Folgen. Aus ſeinem letzten Briefe an die Mutter wiſſen wir, daß die ſtets wechſelnden Kämpfe ihn auf das Kranken⸗ 280 lager geworfen hatten, auf welchem er endlich zu einer klaren Anſicht über die Beſtimmung ſeines künftigen Lebens gekommen zu ſein glaubte; und daß dieſe Anſicht in ſeiner Seele feſtere Wurzeln geſchlagen hatte, als alle vorher⸗ gehenden, ließ ſich mit Sicherheit daraus ſchließen, daß er ſich ſelbſt ein ganzes Jahr zur Prüfung ausgeſetzt hatte, daß er es über ſich gewonnen hatte— was bisher nur ſeine Verachtung geweckt hat— als Informator ſeinen Lebensunterhalt und eine Summe Geld zu erwerben, die zu dem Berufe, welchen er wäͤhlte, erforderlich war. Das Wort„Geld“ hatte in ſeinen Ohren immer einen widrigen Klang gehabt, ſofern es nicht in einer un⸗ vermeidlichen Verbindung zwiſchen ihm und ſeinen feurig⸗ ſten Wünſchen ſtand. Als Knabe hatte er Sirupscara⸗ melen gekocht, um ſeinen Muſtikunterricht beſtreiten zu können; doch ſo wie er damals die erſparte Summe einem armen, unglücklichen Mitmenſchen geſchenkt hatte, ſo konnte er auch heute noch den Schilling verſchenken, den er ſich durch Arbeit verdient, oder den er ſich geborgt hatte. Er konnte unmöglich den Werth des Geldes ſchätzen lernen, ſo oft er auch mit bitterem Aerger die ſchwere Feſſel fühlte, welche der Mangel dieſes Mittels zu Böſem und Gutem ihm auferlegte, und welche Feſſel wahrſcheinlich ſein ganzes Leben lang ihn ihre Schwere fühlen laſſen würde. Alſo war denn Juſtus jetzt— aus freiem Willen und mit Ueberzeugung von dem Nutzen, den dieſe Auf⸗ opferung ſeiner Zukunft geben würde— wohlbeſtellter Informator in dem hochbürgerlichen Hauſe; und falls er eben jetzt, da er in ſtumme Erſchlaffung verſunken iſt, in ſich etwas empfindet, das einem Wunſche ähnlich ſieht, ſo iſt es kein anderer, als daß ſein gewoͤhnlicher Geiſt der Ungeduld ihn nicht ergreifen, ſondern daß er ſich ruhig und geduldig in die Umſtände fügen möchte, obgleich dieſe ihm, nach dem Anfange zu urtheilen, wahrlich nicht ſehr angenehm zu ſein ſcheinen. deckung Weiſe ſeine ge Conſul vornehn in ihren und froͤl von Bei Anderer ſchlimme ſtreng, ſtrengung ſetzt hatt Frau ha glücklich der Natun an dasjen gann von ch zu einer igen Lebens öt in ſeiner alle vorher⸗ ließen, daß eſetzt hatte, bisher nur nator ſeinen verben, die h war. ren immer n einer un⸗ nen feurig⸗ Sirupscara⸗ eſtreiten zu mme einem e, ſo konnte den er ſich hatte. Er tzen lernen, were Feſſel Böſem und ahrſcheinlich ihlen laſſen iem Willen dieſe Auf⸗ vohlbeſtellter und falls er unken iſt, in hnlich ſieht, er Geiſt der r ſich ruhig bgleich dieſe h nicht ſehr 281 Vor nicht ſo vielen Jahren würde Juſtus die Ent⸗ deckungen, welche er hier machte, auf eine ganz andere Weiſe betrachtet haben: er hätte mit dem guten, durch ſeine große Stellung aus dem Gleichgewichte gekommenen Conſul wirkliches Mitleiden empfunden; er hätte über den vornehmen Ton der Conſulin und über ihre Bemühung, in ihrem neuen Stande ſich ein Air zu geben, mit gutem und froͤhlichem Herzen gelächelt. Jetzt konnte ihm keines von Beiden einfallen: er lachte nie über die Schwachheiten Anderer, nicht einmal bei ſich ſelbſt; er that etwas, das ſchlimmer war— er verdammte ſie, verdammte ſie ſo ſtreng, als wäre er ſelbſt frei von jeglicher Schwäche. „Welch' ein Paar!“ Mit dieſen halbausgeſprochenen Worten riß er ſich aus der Erſtarrung, in welche die An⸗ ſtrengungen der Reiſe und die erſchopften Kräfte ihn ver⸗ ſetzt hatten.„Welch ein Paar! dieſer Mann und dieſe Frau hätten in dem Kreiſe, worin ſie geboren waren, glücklich ſein können, und nun werfen ſie ſich ohne Ueber⸗ legung hinaus, in ein Leben voller Thorheiten und ziehen es vor, ſich zu Carrikaturen zu machen, ſtatt achtungs⸗ werthe Menſchen zu ſein und zu bleiben!“ Er trat an das Fenſter und blickte hinaus in das ſchöne Nachtſtück. Rund um den ſchoͤnen Teich ſtand eine doppelte Reihe rieſenhafter Buchen, die eine außerhalb, die andere abgeſpiegelt in dem Teiche, über deſſen Spiegel der Mond eine lange Silberbahn gezogen hatte, die ihren magiſchen Glanz über das die weiße Urne umgebende Ge⸗ büſch zurückwarf— doch hoch über den gewaltigen Baum⸗ gipfeln ſaß der Mond ſelbſt und betrachtete das alte er⸗ grauete Gebäude. Das Gemälde, welches vor ſeinen Blicken ausgebreitet lag, wirkte wohlthätig auf ſeine Sinne: Juſtus betrachtete daſſelbe mit dieſem Gefühle, welches bei den Schönheiten der Natur ſo leicht auflodert. Jetzt dachte er nicht länger an dasjenige, was unten vorgefallen war: ſein Blick be⸗ gann von einem neu belebten Feuer zu ſtrahlen, ſeine 28² Pulſe bewegten ſich in fieberhafter Unruhe, ſein Herz ſchlug, ſeine Bruſt ſchwoll; denn in einer Nacht, ſo klar, ſo ſchoͤn, ſo ſtill wie dieſe, mußte er die ganze Außenwelt vergeſſen, um einzig und allein auf die Töne der geheim⸗ nißvollen Sprache zu lauſchen, welche ſein eigener Geiſt redete. Das war gerade eine Nacht für Phantaſien, für große, weitausſehende Zukunftspläne, wenn der Entſchluß gefaßt wäre und er mit ruhiger Seele und gefaßtem Muthe und unverrückbarer Standhaftigkeit ſeinen Schick⸗ ſalen entgegen ginge— dieſen wunderbaren, geheimniß⸗ vollen, mit unglaublichen Mühen und Entbehrungen ver⸗ webten Schickſalen. Doch in der Mitte des Labyrinthes, in welches ſeine Einbildung nun gerathen war, als eben die ſanfte Gluth in ſeinem Auge einen Anſtrich von wildem Feuer erhalten hatte, ſtand plötzlich vor ſeiner Erinnerung das Bild des ſchönen Mädchens mit dem klaſſiſch geformten Profil, den edlen, feinen Zügen, über denen eine ſo friſche und glän⸗ zende Farbenpracht ausgebreitet lag. Eine leichte Röthe fuhr über Juſtus bleiches Antlit, einige Falten bildeten ſich auf ſeiner Stirne: er ſchien un⸗ zufrieden darüber zu ſein, daß dieſes Bild ſich ſo rückſichts⸗ los zwiſchen ihn und ſeine Träume zu ſtellen wagte. Dennoch konnte er ſich den Genuß nicht verſagen, jeden beſonderen Theil dieſes Phantomes zu prüfen, welches jetzt eben ſo klar vor ihm ſtand, als er vor einer Stunde die Wirklichkeit vor Augen gehabt hatte; doch je länger er in die Anſchauung dieſes herrlichen Antlitzes verſank, deſt tiefer wurden die Falten an der Stirn; denn in dem Ge⸗ nuſſe lag Schmerz, eine geheimnißvolle Qual, die ſeine Bruſt zuſammenzog, obgleich ſie ihn zugleich daran er⸗ innerte, wie glücklich es war, daß er— ſo gefühlvoll, ſo glühend für Alles, was er umfaßte— noch nie mit der gefährlichſten unter allen Leidenſchaften in Kampf gerathen war.„Ja, das iſt mehr denn glücklich, denn was wäre wohl aus meinem Entſchluſſe geworden? Jetzt dagegen,“ ſo dach ſuchen bedeuten anderes meines chen ſie Reine 4 nen me nicht! d Samme zu berül leiht mi Strahlen Lilien w die zarte welche d tlitze her⸗ Korallen Lippen. drüſſig, ſein Herz ht, ſo klar, Außenwelt der geheim⸗ gener Geiſt ntaſien, für er Entſchluß d gefaßtem inen Schick⸗ geheimniß⸗ hrungen ver⸗ welches ſeine ſanfte Gluth euer erhalten das Bild des a Poofil, den he und glän⸗ eiches Antlitz, er ſchien un⸗ ſo rückſichts⸗ tellen wagte. eſagen, jeden welches jetzt r Stunde die länger er in derſank, deſto n in dem Ge⸗ ual, die ſeine eich daran er⸗ gefühlvoll, ſo h nie mit der ampf gerathen enn was wäre zetzt dagegen” 283 ſo dachte er weiter, indem er ſich erhob, um die Ruhe zu ſuchen, welche Leib und Seele bedurften,„jetzt dagegen bedeuten dieſe Geſichte— ſie ſind und werden nie etwas anderes— weniger denn nichts! Wenn ich mit der Kraft meines Willens gebiete, daß ſie weichen ſollen, ſo gehor⸗ chen ſie unterthänig... doch warum ſollte ich das thun? Reine Offenbarungen der Unſchuld und der Schönheit kön⸗ nen meine Gedanken nicht entweihen— nein, gewiß nicht! dieſe rabenſchwarzen Locken haben die Weichheit des Sammets, die ich ſehr wohl fühlen kann, ohne ſie jemals zu berühren; der dunkle, funkelnde Glanz dieſer Augen leiht mir das Bild der erſten Schöpfungsminute, da die Strahlen des Lichtes die Finſterniß theilten. Saron's Lilien waren nicht feiner und glänzender als ihre Wange, die zarte Röthe der Roſe iſt nicht ſchöner, gls die Roſen, welche die leichten Bewegungen des Blutes in ihrem An⸗ tlitze hervortreiben, und unter den prachtvollen Farben der Korallen iſt keine ſo prächtig, ſo voll, ſo roth, wie ihre Lippen.... doch ſchon bin ich dieſer Erſcheinung über⸗ drüſſig, welche matt iſt gegen diejenige, die meine eigene Phantaſie hervorrufen kann. Dieſes junge Mädchen hat in ihrem inneren Weſen etwas, das unerklärbar wirkt, faſt Furcht einflößt... Sie ſoll nicht länger ein Gemüth in Anſpruch nehmen, das ſich nur ſehr ſelten verweichlichen⸗ den Gedanken hingeben darf!“ Und ſeine Einbildung, gehorſam der ſtarken Macht, welche jetzt die Herrſchaft über ſeine Seele behauptete, tauchte wiederum hinab in den Kanal, wo er ſeinen Ge⸗ fühlen und ſeiner ganzen Denkkraft die Erlaubniß gab, ſich in den Strahlen des Glanzes, den er um die Zukunft gezogen hatte, zu baden und zu ſonnen. Auf dem Spie⸗ gel des Kanales ſtand ſein eigenes Bild in hundert ver⸗ ſchiedenen Gemälden; doch kein einziges Mal leitete ihn die Liebe bei der Hand. Erſchien in den Nebenpartien dieſer Gemälde der Umriß irgend eines ſchönen weiblichen Weſens, ſo war dies nie in der Eigenſchaft einer Gelieb⸗ 284 ten, ſondern den weiblichen Figuren wurde es immer nur geſtattet, als Erſcheinungen, als Genien, als Schutzengel aufzutreten. Doch in dieſen Eigenſchaften zogen ſie einen nicht geringen Theil ſeiner Aufmerkſamkeit auf ſich, be⸗ ſonders wenn die Natur bisweilen die Ordnung ſo um⸗ warf, daß es der Schutzengel war, der zu den Füßen des Beſchützten lag und zu ihm emporblickte mit Augen, welche weit ſchöner waren, als diejenigen, welche an„die erſte Schoͤpfungsminute“ erinnerten. Endlich verblichen die Bilder.... da ſank denn auch der Schwärmer in eine Ruhe, deren er ſo ſehr be⸗ durfte. Einundzwanzigſtes Kapitel. Da Juſtus gewohnt war, dem Schlafe nur ſo viele Stunden zu ſchenken, als unumgänglich für die Nothdurft des Köoͤrpers erforderlich war, ſo konnte er auch heute nicht über die ſelbſtgeſchaffenen Gewohnheiten gebieten, ſo gerne er auch ſeine Ruhe verlängert hätte. Er ſtand auf, um draußen in der freien Luft des ſchoͤnen Morgens zu ge⸗ nießen... ach, es waren ja nur noch ſo wenige übrig, dann kam der Herbſt und raubte mit ſeinen unſanfften Winden der Erde ihre letzte Schöͤnheit! Wohl zwei ganze Stunden lang ſchwärmte er um⸗ her in dem alten Parke; die Luft, die Sonne, die Mor⸗ genlieder der Vögel belebten ſeine Seele, die ſich willig vor aller Herrlichkeit öffnete, die ſeine Augen ſchauten. Seine Stimmung wurde ſanfter, da er an diejenigen dachte, mit denen er nun zu leben berufen war: er nahm ſich vor, Nachſicht zu haben mit den Schwächen, die ihm nicht ge falls ne Menſche welcher erlaubte, zeigen. in das H hinaufzuf er weiter chem er zimmer d In zu öffnen chem er mußte. Reizbarken Geklimper die unbeg dem Grad genblick l⸗ ſelnden A Endl ſehen, we riſchen E Er öͤffnete Staunen erblickte und Unru und ſich erkennen l „Iſt Seelenwa eine von ſich in die immer nur Schutzengel en ſie einen uf ſich, be⸗ ing ſo um⸗ Füßen des igen, welche u„die erſte a ſank denn ſo ſehr be⸗ nur ſo viele ie Nothdurft h heute nicht ten, ſo gerne ind auf, um rgens zu ge⸗ wenige übrig, hen unſanften irmte er um⸗ ne, die Mor⸗ die ſich willig gen ſchauten. an diejenigen var: er nahm ichen, die ihm 285 nicht gebührten, zu ſehen, und er ging ſo weit, daß er, falls nur die geringſte Hoffnung vorhanden wäre, dieſe Menſchen von der Eitelkeit und Hochmuthsepidemie, von welcher ſie ergriffen waren, kein einziges vernünftiges und erlaubtes Mittel ſparen wollte, ihnen ihre Irrthümer zu eigen. Pig Indem er auf dieſe Weiſe mehr über die Leitung der Pflegeeltern als des Pflegeſohnes nachdachte, kehrte Juſtus in das Hauptgebäude zurück; doch anſtatt die halbe Treppe hinaufzuſteigen, die in ſeine eigenen Zimmer führte, ging er weiter in den Haupteingang, denſelben Weg, auf wel⸗ chem er geſtern Abend in das gewoͤhnliche Geſellſchafts⸗ zimmer der Familie eingeführt worden war. In dem Augenblicke, da er die Thür dieſes Zimmers zu öffnen beabſichtigte, überraſchte ihn ein Ton, vor wel⸗ chem er unwillkührlich die Finger in die Ohren ſtecken mußte. Seine in hohem Grade ausgebildete muſikaliſche Reizbarkeit litt eine wahre Pein durch dieſes einfoͤrmige Geklimper, welches aber dennoch zu gleicher Zeit durch die unbegreifliche Einförmigkeit ſeine Aufmerkſamkeit in dem Grade auf ſich zog, daß er ſeine Ohren einen Au⸗ genblick lang dem monotonen, klagenden Laute der abwech⸗ ſelnden Anſchlagung zweier Taſten Preis gab. Endlich konnte er es nicht länger unterlaſſen nachzu⸗ ſehen, wer es ſein könnte, der mit einem ſolchen barba⸗ riſchen Eigenſinne bei ſeiner unglücklichen Muſik verharrte. Er öffnete die Thür, blieb dann aber in ehrfurchtsvollem Staunen ſtehen, als er Evelyn's himmliſch reines Antlitz erblickte und den unbeſchreiblichen Ausdruck von Schmerz und Unruhe ſah, der aus den träumenden Augen redete und ſich ſogar in der lauſchenden Stellung des Hauptes erkennen ließ. „Iſt denn Rafael's himmliſche Madonna zu einer Seelenwanderung auf Erden verdammt worden, oder hat, eine von den Prieſterinnen der Veſta den Befehl erhalten ſich in dieſen Formen zu offenbaren?“ ſo fragte ſich Ju⸗ 286 ſtus, indem er ſeine blauſchwarzen, dunkelglühenden Augen auf Cvelyn heftete mit einem Ausdrucke, der ihren Blick magnetiſch zu ihm emporhob. Bei dem unerwarteten Anblicke bewegte ſich leine Muskel in Evelyn's Antlitzz doch nach einigen Secunden, wäh⸗ rend welcher ſie ohne Unterbrechung Juſtus, der noch immer an den Thürpfoſten gelehnt auf der Schwelle ſtand, angeſtarrt hatte, bewegte ſie die Hand langſam über die Augen, als wollte ſie ſich von einer Täuſchung befreien. Juſtus männliche Schoͤnheit war nicht ſo ſehr die der männlichen Kraft als vielmehr die ideale Offenbarung der Kraft des Geiſtes: es lag etwas zu gleicher Zeit Stren⸗ ges, aber dennoch himmliſch Sanftes und Reines in dieſen Zügen. Empfand Evelyn die Kraft davon? Sie zog die Hand hinweg von den Augen und erhoh von Neuem den Blick gegen ihn, der aus lauter Verwun⸗ derung über ihr Benehmen nicht dazu kam, ſie durch etwas anderes als eine tiefe Verbeugung zu begrüßen. Jetzt ſtand Evelyn auf und begann ſich langſam der Thür zu nähern, in welcher Juſtus ſtand. Als ſie einige Schritte gegangen war, blieb ſie ſtehen und ſchien ſich zu bedenken; bald aber ging ſie weiter, blieb von Neuem ſtehen, und kam ihm endlich ſo nahe, daß ſie ihn mit der Hand berühren konnte. Da ſtreckte ſie die Fingerſpitzen aus und fuhr mit denſelben zweimal über ſeine bleichen Wangen; doch bei dieſer Berührung flammte ſeine Wange und brannte ſein Blut. Evelyn betrachtete das mit beſon⸗ derer Aufmerkſamkeit, ſie hielt lange ſeinen firirenden Blick aus; doch zuletzt mußte ihr Auge ſich vor der geheimnißvollen Macht in dem ſeinigen ſenken, und als Evelyn's Wimpern zum erſten Male vor dem brennenden Blicke eines Mannes ſanken, flog die Helle eines Morgen⸗ gewölks über ihr Antlitz. Es war Evelyn's erſtes Errö⸗ then, ihre erſte Bewegung: ein Lächeln voll unbeſchreib⸗ licher Anmuth oͤffnete ihre Lippen zur Hälfte, darauf auslöſch die Nach warteten So einen pr feine ſch machte e die über abfallend licher Co der edlen Ausſicht Uebereinſt Als gewiſſen iden Augen hren Blick eine Muskel den, wäh⸗ der noch welle ſtand, m über die ag befreien. ehr die der nbarung der Zeit Stren⸗ es in dieſen m und erhob er Verwun⸗ , ſie durch ſegrüßen. langſam der ls ſie einige chien ſich zu von Neuem ihn mit der Fingerſpitzen ſeine bleichen ſeine Wange 4s mit beſon⸗ en fixirenden ſich vor der en, und als m brennenden eines Morgen⸗ erſtes Erro⸗ l unbeſchreib⸗ alfte, darauf 287 nickte ſie Juſtus freundlich zu und ging an ihm vorbei zur Thür hinaus. In ſeinem eigenen Zimmer hatte Juſtus kaum Zeit gehabt, ſeine Gedanken über den wunderbaren und un⸗ auslöſchlichen Eindruck, den er empfunden, zu ordnen, als die Nachricht kam, daß die Herrſchaften beim Frühſtück warteten. Sobald der Bediente gegangen war, warf Juſtus einen prüfenden Blick in den Spiegel; der einfache, aber feine ſchwarze Rock erhoͤhte ſein bleiches Geſicht und machte es intereſſanter; hiemit war er nicht unzufrieden; die über der Stirne getheilten und zu beiden Seiten her⸗ abfallenden Haare hatten zwar einen Anſtrich von geiſt⸗ licher Coqueterie; doch dieſe war ſo übereinſtimmend mit der edlen ovalen Geſichtsform und geſtattete eine ſo freie Ausſicht auf die hohe Stirn, daß man es wegen der Uebereinſtimmung mit dem Ganzen ſehr gerne verzieh. Als er in den Speiſeſaal trat, ſo war der erſte Anblick, der ſeine Augen traf, daß er die beiden entzücken⸗ den jungen Mädchen Arm in Arm an einem der Fenſter ſtehen ſah. Conſtance's Schönheit erſchien ihm jedoch von allzu weltlicher, um nicht zu ſagen profaner Art zu ſein, als daß ſie Evelyn den Preis hätte ſtreitig machen können, in deren Antlitz die Reinheit einer Heiligen mit dem reinen Glanze eines irdiſchen Engels zuſammenfloß. „Meine Tochter Evelyn!“ präſentirte die Conſulin ...„Verneige Dich, mein Kind: Du ſiehſt hier den Magiſter Carleborg, Carl's Informator!“ Evelyn gehorchte mechaniſch und verſuchte darauf wie vorher am Morgen ihre Augen auf ihn zu heften; doch mit einer Art unbeſtimmter Betrübniß empfand ſie, daß ſie dazu nicht mehr im Stande war. „Ich habe ſchon die Ehre gehabt, auf einen Augen⸗ blick das Fräulein Löwe zu ſehen!“ entgegnete Juſtus, welcher vermuthete, daß Evelyn's Stillſchweigen von einer gewiſſen Blödigkeit herrührte, die gleichwohl von der 288 andern Seite ihm nicht geſtatten konnte, das zufällige Zuſammentreffen ein Geheimniß bleiben zu laſſen. „Ach ſo!“ ſagte die Conſulin, indem ſie in dem Hochſitze Platz nahm,„Evelyn hat heute Morgen wohl ſchon den Park beſucht? Ich habe Dir doch ſchon geſagt, Evelyn, daß es ſich ganz und gar nicht für junge Mäd⸗ chen mit Erziehung paßt, ſo gleich den Viehmägden mit der Sonne aufzuſtehen!“ „Obgleich ich das Vergnügen gehabt habe, das Fräu⸗ lein Löwe im Geſellſchaftszimmer zu treffen und nicht im Parke, ſo moͤchte ich doch gerne fragen, warum das Glück,— die aufgehende Sonne zu begrüßen, nur dem Perſonal des Viehhofes vorbehalten ſein ſoll?“ beliebte Juſtus einzu⸗ fallen. Die Conſulin, Conſtance, Mamſell Charlotte, der Conſul, ja ſogar Carl blickten empor zu demjenigen, der mit dieſer allerunſchuldigſten und unverſchämteſten Drei⸗ ſtigkeit der Conſulin in ihrer mütterlichen Würde zu trotzen, ja ſie beinahe zu tadeln und Evelyn's Partie zu nehmen wagte. Der Conſul huſtete, wie unbedeutende und gutmi⸗ thige Leute in kritiſchen Augenblicken gewöhnlich thunz Charlotte, welche ſich vorgenommen hatte, nichts gehört zu haben, gab dem Knaben eine Zurechtweiſung über ſeine Art, die Gabel zum Munde zu führen; Conſtance aß ruhig, und Evelyn ſaß ſtumm und lauſchend da; die Conſulin und der Informator aber maßen ſich gegenſeitig mit Blicken, welche gegenſeitig anzuzeigen ſchienen, daß beide geneigt wären, ihre Würde ſtreng zu behaupten. Endlich faßte die Conſulin ſich ſo weit, daß ſie ein⸗ ſah, was fie ſich ſelbſt ſchuldig war: es war ihre Pflicht, ihre unerläßliche Pflicht, demjenigen einen derben Verweit zu geben, der ſich ſo weit über die Gränze ſeiner Stellung gewagt hatte. „Ich glaube, Herr Magiſter, Sie beliebten mir die Ehre zu erzeigen, daß ſie fragten, warum ein jungen . Mädche magd antwor dieſes d ſehenen Anſtande ſchmanj ſchöpf a dieſes G zu ſuche vorgeſchr In wie ſie dieſe Red ſchäpf, di paſſend m Conſtanca welcher Worten f worteten deutungs⸗ Den mer beſch die er in packen ſei Hiebei la dem Sch einen gutt einen Sch war gar ihn beſti Eine Na s zufällige en. ſie in dem orgen wohl hon geſagt, unge Mäd⸗ nägden mit , das Fräu⸗ nd nicht im n das Glück, Verſonal des zuſtus einzu⸗ arlotte, der jjenigen, der ateſten Drei⸗ Würde zu 's Partie zu und gutmi⸗ hnlich thun; nichts gehört ng über ſeine nce aß ruhig, die Conſulin gmit Blicken, beide geneigt „daß ſie ein⸗ eihre Pflicht, erben Verweit einer Stellung lebten mir die n ein jungen 4. 289 4,.*2, Mädchen mit Erziehung nicht eben ſo gut wie eine Vieh⸗ magd mit der Sonne hinauslaufen darf— und hierauf antworte ich: falls hierin irgend ein Glück liegt, ſo ſtreitet dieſes doch, vis-Aà-vis Mädchen aus gebildeten und ange⸗ ſehenen Häuſern, ganz gegen die Regeln des Anſtandes, und ich hatte gehofft, daß dieſes jedermann ſo bekannt ſein würde, daß es kein Gegenſtand des Zweifels und Mißverſtändniſſes ſein koͤnnte!“ „Nach der jetzt erhaltenen Aufklärung ſehe ich, daß das Mißverſtändniß in dem verſchiedenen Begriffe des Anſtandes ſelbſt liegt; doch geſtehe ich, es iſt ſehr ſchmerzhaft, zu glauben, daß die Gefühle, welche das Ge⸗ ſchöpf antreiben, ſich dem Schoͤpfer zu nähern, indem dieſes Geſchopf das Bedürfniß fühlt, ihn in der Natur zu ſuchen, gehemmt und in gewiſſe von der Convenienz vorgeſchriebenen Formen eingezwängt werden müſſen.“ In der That erſchrak jetzt ſogar Mamſell Charlotte, wie ſie auch ſpäterhin ihrer Beſchützerin erklärte; denn dieſe Rede über den Schöpfer, die Natur und das Ge⸗ ſchöpf, die ſo ganz zufällig kam, erſchien ihr eben ſo un⸗ paſſend wie ſie der Conſulin verrückt vorkam. Evelyn und Conſtance dagegen ſuchten mit ihren Blicken denjenigen, welcher mit ſo einfachen und ihnen ganz ungewöhnlichen Worten für ihre Gerechtſame redete. Seine Augen ant⸗ worteten den ihrigen, doch am längſten, tiefſten und be⸗ deutungsvollſten ruhten ſie auf Evelyn. Den ganzen Vormittag war Juſtus in ſeinem Zim⸗ mer beſchäftigt, denſelben die Gemüthlichkeit zu ertheilen, die er in der neuen Heimath wünſchte. Bei dem Aus⸗ packen ſeiner Bücher und Sachen mußte Carl ihm helfen. Hiebei leitete der Lehrer ein vorbereitendes Geſpräch mit dem Schüler ein, deſſen Folge war, daß Juſtus in Carl einen guten Knaben mit reinem Herzen, aber keinesweges einen Schüler erblickte, der ihm genügte. Carl's Kopf war gar nicht geeignet zu dem Curſus, den Juſtus fuͤr ihn beſtimmt hatte, auch war er nicht mit dieſer Leichtig⸗ Eine Nacht am Bullarſee. I. 19 Ne N 290 keit in der Einbildungskraft begabt, die im ⸗ X weſen wäre, einen vertraulichen Uebergang zwiſchen ihm und ſeinem Informator hervor zu rufen. Juſtus erzählte einige große Züge aus der Geſchichte, er erzählte mit Feuer, welche elektriſirende Wirkung die⸗ ſelben hervorgebracht hatten; doch ſo einfach und vortreff⸗ lich er ſie auch erzählte, ſo waren ſie dennoch nicht im Stande, den Knaben zu elektriſiren, ſondern dieſer ſchien faſt genirt zu ſein und wurde es ſichtbarlich immer mehr, je weiter Juſtus in ſeinen Bemühungen kam, die beſchränkte Fähigkeit des Knaben, das Große und Schoͤne in Gedan⸗ ken und Handlungen außzufaſſen, zu erhoͤhen. Als aber Juſtus endlich einlenkte und nach einem kleinen nicht eben befriedigenden Examen über die Kennt⸗ niſſe, welche Carl in der Schule erworben hatte, anfing ihn nach Vater und Mutter, Geſchwiſter und Vaterſtadt zu befragen, ſo erzählte Carl in ſeinem fließenden und angenehmen Provinzial⸗Dialekte ſeine ſämmtlichen Ver⸗ hältniſſe; und aus dieſen Erzählungen wurde es dem Ma⸗ giſter klar, daß der Conſul Löwe trotz des narrhaften Scheines, den er über und um ſich gezogen hatte, dennoch ein im Grunde redlicher, ehrlicher und gutdenkender Mann war, und daß man wirklich unrecht handelte, wenn man ihm nicht die Schwachheiten verzeihen wollte, die ſeine guten Seiten verdunkelten. Was Carl nun beſonders betrifft, ſo erhielt auch er durch dieſe Mittheilungen ein groͤßeres Recht zu der Sorgfalt ſeines Lehrers, und Ju⸗ ſtus nahm ſich vor, da er aus Carl doch kein Licht bilden könnte, ſo wollte er ihn wenigſtens zu einem feſten und verſtändigen Charakter, zu einem glücklichen Menſchen bilden. „Kinderchen!“ ſagte die Conſulin zu ihren Töchtern, wie ſie in vertraulichen Augenblicken Evelyn und Con⸗ ſtance zu benennen pflegte;„Kinderchen! es thut mir herzlich eines ge gelnden ſollte: d Entſchul genheit g Sonderb nicht das quentiren „M vielleicht mir das i*ſt es aug gehabt ho hoͤrt habe „Ach ich bin al genheit Notiz zu lange Ja Eatlede über ihn g S 8 viſchen ihm Geſchichte, lirkung die⸗ nd vortreff⸗ ch nicht im dieſer ſchien nmer mehr, beſchränkte in Gedan⸗ nach einem die Kennt⸗ tte, anfing -Vaterſtadt eßenden und tlichen Ver⸗ es dem Ma⸗ narrhaften ttte, dennoch kender Mann wenn man e, die ſeine in beſonders zeilungen ein s, und Ju⸗ Licht bilden n feſten und nſchen bilden. ren Töchtern, n und Con⸗ es thut mir 291 herzlich leid, daß meine Hoffnung, uns das Vergnügen eines gebildeten Umganges zu verſchaffen, an dem man⸗ gelnden Takte des jungen Mannes ſo augenſcheinlich ſcheitern ſollte: das Einzige, welches man möglicher Weiſe zu ſeiner Entſchuldigung anführen konnte, iſt, daß er gewiß nie Gele⸗ genheit gehabt hat, Damengeſellſchaften zu fre... fre...“ „Ganz wie Ihro Gnaden zu äußern belieben: ſeine Sonderbarkeit ſchreibt ſich ohne Zweifel daher, daß er nicht das Glüͤck gehabt hat, Damengeſellſchaften zu fre⸗ quentiren!“ „Meine liebe Charlotte, laß mich Dir ſagen, daß es vielleicht nicht ganz ſchicklich iſt, wenn Du ſo zu ſagen, mir das Wort von den Lippen wegnimmſt! Inzwiſchen i*ſt es augenſcheinlich, daß, wenn er mit Damen Umgang gehabt hat, dieſe gewiß den feineren Kreiſen nicht ange⸗ hoͤrt haben— oder was meinſt Du, Conſtance?“ „Ach, liebe Tante! erlaſſen Sie mir die Antwort: ich bin allzu jung und habe noch dazu ſelbſt keine Gele⸗ genheit gehabt, von dem Tone in den feinen Kreiſen Notiz zu nehmen!“ „Ich ſollte doch meinen, das heißt: ich vermuthete, Du hätteſt Gelegenheit dazu gehabt, da Du nun ſchon faſt zwei Monate lang auf Oernwik geweſen biſt!“ Das Zittern des Haubenbandes der Conſulin bedeutete der unvorſichtigen Conſtance nichts Gutes. „Liebe Tante!“ beeilte ſich Conſtance ihren Fehler zu verbeſſern,„ich berufe mich auf ihr eigenes Urtheil, ob es ſich denken läßt, daß ein Gänschen wie ich in zwei Monaten erwerben kann, wozu, wie man mir geſagt hat, lange Jahre gehören.... Um aber auf den Magiſter Carleborg zurück zu kommen, ſo ſtelle ich meine Meinung über ihn ganz zu Ihrer Dispoſition.“ „ Du kleine Plaudertaſche! es war gewiß ein Glück für Dich, daß Du ein wenig in die Welt hinauskommſt!... Doch um von dem Einen auf das Andere zu kommen, ſo vergiß ja nicht, Charlotte, was ich Dir geſagt habe: nicht mehr als ein 292 Weinglas kommt auf den Mittagstiſch! Mein Mann iſt alt und muß natürlich bei ſeinen alten Gewohnheiten bleiben; doch aus dieſem Grunde brauchen wir dem Informator keinen Wein zu halten, was eben ſo theuer als unnöthig ſein würde.“ „Wenn aber doch aus Artigkeit am erſten Tage? wagte Mamſell Charlotte zu mitteln.„Vielleicht geht es mit dem Weine eben ſo, wie beim Frühſtücke mit dem Liqueur und dem Porter: er ſchmeckte ja beides nicht einmal.“ „Hier iſt jetzt nicht die Rede davon, was ihm ſchmeckt oder nicht ſchmeckt— denn, gerade heraus geſagt, ſo verſtehſt Du wohl, daß es uns gar nichts ausmachen würde, ihm zwei und drei Gläſer Wein zu halten, wem er mir gefiele— doch der Kerl ſoll ein wenig gedemi⸗ thigt werden!”“ Nie aber hatte ſich die Conſulin ärger verrechnet, als diesmal. Weit entfernt, nur im Mindeſten genirt zu ſcheinen, weit entfernt, zu dem Serviette und dem Brode ſeime Zuflucht zu nehmen, ſah es aus, als ob der Magiſten Carleborg erſt da bemerkte, daß er kein Weinglas hatte, als er die Hand nach der Caraffe ausſtreckte, um ſich ſelbſt zu bedienen, und nun ſah, daß er nichts hätte, wor⸗ ein er es gießen konnte; doch auch in dieſem Augenblickt ſchien er die Abſicht dieſes Mangels nicht zu verſtehen, denn er ſagte in dem ruhigſten Tonie von der Welt zu dem Bedienten:„Ein Glas, mein Freund!“ und ſehtt dann ganz unbefangen ohne weitere Unterbrechung ſen Geſpräch mit dem Conſul fort. Nachdem der Bediente das Glas gebracht hatte, goß Juſtus nur einige Tropfen Wein in daſſelbe, füllte es darauf mit Waſſer und lerte es in einem Zuge. Alles war ſo eilfertig, ſo ungekünſtelt, ſo natürlich zuerſt de keineswe „liebe, Maßen: im Hauf bei Tiſch ich ſah, ſtolzen u kannſt di derſpiele Tiſch, ſo abwarten rann iſt alt und bleiben; doch rmator keinen g ſein würde.“ rſten Tage?“ Uleicht geht es ücke mit dem a beides nicht ihm ſchmeckt us geſagt, ſo ſts ausmachen halten, wenn venig gedemü⸗ ger verrechnet, rt zu ſcheinen, n Brode ſeine der Magiſter Veinglas hatte, ckte, um ſich ts hätte, wor⸗ em Augenblick t zu verſtehen, n der Welt zu d!“ und ſeztt erbrechung ſeh n der Bediente einige Tropfen daſſer und lerte t, ſo natürlih 293 geſchehen, daß die Conſulin nicht eher ein einziges Wort finden konnte, um ihre Verwunderung auszudruͤcken, als bis man von Tiſche aufgeſtanden und der Informator ſeines Weges gegangen war. Doch auch jetzt nicht einmal war ſie diejenige, welche zuerſt das Wort nahm, ſondern der Conſul ſelbſt; doch keinesweges bittend und mit der freundlichen Einleitung: „liebe, ſüße Nelly!“ ſondern ſchlecht und recht folgender Maßen:„Petronella, ein ſolches Spektakel will ich hier im Hauſe nicht zum zweiten Male haben! Ich ſaß da bei Tiſche und ſchämte mich wie ein Jammerlappen, als ich ſah, wie er, den Du demüthigen wollteſt, mit ſeinem ſtolzen und anſtändigen Weſen uns„Couche“ zurief! Du kannſt doch wohl ſehen, daß er kein Kerl für ſolche Kin⸗ derſpiele iſt— kommen keine Weingläſer über den ganzen Tiſch, ſo laß den Wein ganz weg!“ Nach dieſer Kraftanſtrengung eilte der Conſul in ſein Zimmer; denn er war nicht ohne ſeine kleine Furcht, daß er tüchtig begoſſen werden würde, wenn er das Sturzbad abwarten wollte, das ſeine Frau für ihn in Bereitſchaft hielt. „Was weiſſagſt und ſchließeſt Du aus dieſem An⸗ fange, Charlotte?“ fragte die Conſulin, indem ſie äußerſt erhitzt in den Divan ſank. „Daſſelbe, was Ihro Gnaden gewiß ſelbſt denken: ein trüber Morgen gibt einen heitern Tag!“ „Fi, Charlote, fi— das war ſehr ſimpel geſagt! dergleichen ſpießbürgerliche Redensarten darfſt Du mir nicht aufbürden; doch, aufrichtig geſagt, bin ich mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, zu erkennen, daß ich noch nie in meinem Leben etwas ſo makellos Unverſchämtes geſehen habe, als dieſen Magiſter, der gewiß meinte, daß ſich Alles für ihn ſchickt. Wäre nicht Carl unter meiner un⸗ mittelbaren Aufſicht, ſo würde mir wirklich ſchlecht dabei zu Muthe ſein— doch, Gott ſei gelobt, ich kenne meine Pflicht und denke ſie zu erfüllen!“ —— Zweiundzwanzigſtes Kapitel. „Mein lieber Max!“ ſagte die Freiherrin von G—, indem ſie vertraulich neben ihrem Sohne auf dem Sofa ſitzend ſeine Hand nahm und dieſelbe mit mütterlicher Zärtlichkeit drückte,„mein lieber Max! wie herrlich, wie froh ſind nicht dieſe kurzen Sommermonate verfloſſen! Ich werde viele lange, einſame Tage zählen müſſen, bis eine ſolche Zeit wiederkehrt!“ Baron Max druckte die Hand der Mutter an ſeine Lippen; doch die leichten Schatten auf ſeiner Stirn ſchie⸗ nen anzuzeigen, daß in ihm ein Kampf vorging. Einige Male öffnete er ſeine Lippen zur Hälfte; doch immer ſchloß er ſie wieder. „Es gibt wenige junge Männer,“ fuhr die Freiherrin fort, ohne ſich den Anſchein zu geben, als bemerkte ſie ſeine Verſtimmtheit,„die ohne eigentliches Vermögen Hoff⸗ nung haben koͤnnen, ſo früh ihr Glück zu machen wie Du. Um anderthalb oder höchſtens zwei Jahre biſt Du Richter!“ „Das iſt moͤglich!“ „Was kannſt Du Dir wohl beſſeres wünſchen? Du haſt Relationen, und glücklicher Weiſe keine unbedeuten⸗ den, aber Du haſt auch große eigene Verdienſte; und ich hoffe, daß kein Menſch ſo ungerecht ſein wird, Dir dieſe abzuſprechen, und zu behaupten, daß nicht ſie, ſondern Deine Relationen Deine Beförderung begründet haben.“ „Es iſt noch glaublicher, daß kein Menſch ſo unge⸗ recht ſein wird, zu behaupten, daß meine ſogenannten gro⸗ ßen eigenen Verdienſte mir gewiß noch nicht in mindeſtens zehn Jahren einen Richterſtuhl verſchafft haben würden.“ „Mein Sohn, Du beurtheilſt Dich ſelbſt allzu be⸗ ſcheiden!“ „3 nach ger ſich keine Juriſten Onkel, C Präſiden um mein nen Verd derbar ſe Du mit es nicht zu ſehen gleichen 4 von G—, dem Sofa nütterlicher errlich, wie verfloſſen! nüſſen, bis an ſeine Stirn ſchie⸗ ig. Einige och immer Freiherrin bemerkte ſie nögen Hoff⸗ en wie Du. u Richter!“ ſchen? Du unbedeuten⸗ te; und ich n, Dir dieſe te, ſondern et haben.“ ch ſo unge⸗ nannten gro⸗ mindeſtens en würden.“ sſt allzu be⸗ 295 „Ich beurtheile nicht mich, ſondern meine Verdienſte nach gewöhnlichem Maßſtabe, und ich weiß, daß dieſelben ſich keinesweges mit denen vieler anderer achtungswerther Juriſten meſſen können, die noch vielleicht ein halbes Du⸗ tzend Jahre als Copiſten wandern müſſen.“ „Mein lieber Max! ich betheure, daß Du ungerecht gegen Dich ſelbſt biſt.“ „Iſt dieß Deine wirkliche Ueberzeugung, liebe Mutter?“ „Bei meiner Ehre!“ „Nun gut: ſo gehe nicht davon ab! Schreibe an Onkel, Grafen A—, an Onkel, Ercellenz C—, an Onkel, Präſtdenten S— und ſo weiter, ſie ſollen ſich ferner nicht um meine Befoͤrderung bemühen, ſondern es hübſch mei⸗ nen Verdienſten überlaſſen, ſich vorwärts zu arbeiten!“ „Du biſt heute allzu ſonderbar, mein beſter Max!“ „Nein, liebe Mutter! kein Menſch kann weniger ſon⸗ derbar ſein als ich: Iſt es nicht weit ſonderbarer, daß Du mit Deinem feſten Vertrauen auf meine Verdienſte es nicht verſchmähſt, dieſelben durch Relationen unterſtützt zu ſehen? Ich bin vollkommen überzeugt, daß Du der⸗ gleichen Briefe nicht ſchreiben willſt!“ „Nein, ich geſtehe, daß ich dergleichen als eine mal⸗ placirte Eigenliebe betrachten würde!“ „Siehſt Du: nun erkennſt Du ja ſelbſt den Nutzen der Relationen! Es iſt doch luſtig, daß deſſen ungeachtet die Eigenliebe ſich damit ſchmeicheln will, es hätte auch ohne dieſe Relationen eben ſo gut gehen koͤnnen!" „Du biſt bei ſchlechter Laune, mein Sohn! Du weißt, daß Du ein hoffnungsvoller junger Mann biſt und findeſt dennoch ein Vergnügen daran, Dich und mich von dem Gegentheile zu überzeugen! Laß uns alſo hievon abbrechen und über etwas anderes reden! Bleibſt Du den ganzen Winter über in Stockholm, oder reiſeſt Du wie im vori⸗ gen Jahre hinab zu Onkel A—?“ „Um zu unterſuchen, welche von meinen drei häßli⸗ 296 chen Couſinen in dieſem Jahre am wenigſten haͤßlich iſt — meinſt Du das nicht, liebe Mutter?“ „Wenn Deine Couſinen häßlich ſind, ſo ſind ſie wenig⸗ ſtens recht liebenswürdige, gute und intereſſante Mädchen: jede von ihnen beſitzt Eigenſchaften, welche die Schoͤnheit um das Doppelte uͤbertreffen.“ „Ja, wenn Geld eine Eigenſchaft iſt!“ „Ich weiß nicht, ob man es ſo nennen kann, doch weiß ich, daß man es nicht verachten darf, weil man ſich einzig und allein dadurch ein comfortables Leben bereiten kann; und ein ſolches Leben an der Seite einer verſtän⸗ digen und gebildeten Gattin zu genießen, kann meines Er⸗ achtens kein Unglück ſein.“ „Ja, beſte Mutter, beinahe wohl, wenn nämlich die Liebe fehlt.“ „Mein beſter Mar, ich habe Dir immer ſo vielen Verſtand zugetraut!“ „Hoͤrt denn mein Anſpruch auf Verſtand darum ſchon auf, weil ich die Liebe in dem ehelichen Glücke für noth⸗ wendig erachte?“ „Das würde eine allzu gewagte Behauptung ſein, mein Sohn, und meine Worte koͤnnen keinen andern Sinn enthalten, als den aufrichtigen Wunſch, daß Du nicht die Zahl dieſer jungen Thoren vermehren moͤgeſt, welche im Stande ſind, dem flüchtigen Glücke, das ein Liebesrauſch gewährt, ihr ganzes Lebensglück zu opfern... doch ich glaube, wir kommen von den Hauptfragen ab: denkſt Du den Winter in Stockholm zuzubringen 24 „Nein, ich denke, wenn ich willkommen bin, zu Neu⸗ jahr das elterliche Haus wieder zu beſuchen.“ Eine leichte Röthe färbte die Wange der Freiherrin. Sie zauderte einen Augenblick mit der Antwort. „Dieſer Vorſchlag gefällt meiner Mutter nicht?“ „Wenn ich einzig und allein mein Herz zu Rathe zöge, ſo hätteſt Du mir nichts Erfreulicheres ſagen kön⸗ nen; doch, lieber Max, ich habe meine kleinen Bedenklich⸗ keiten, — es entſager mehren ſtets me ſtehen, habe, m ſind, in jungen 2 „Ac Verſtand nen? D haͤßlich iſ ſie wenig⸗ Mädchen: Schoͤnheit ann, doch lman ſich en bereiten er verſtän⸗ neines Er⸗ nämlich die r ſo vielen arum ſchon e für noth⸗ ptung ſein, ndern Sinn u nicht die welche im Liebesrauſch .. doch ich denkſt Du in, zu Neu⸗ Freiherrin. rt. nicht?“ 3 zu Rathe ſagen kön⸗ Bedenklich⸗ 297 keiten, die auch Du vielleicht nicht ganz überſehen darfſt — es ſcheint mir für uns beide beſſer zu ſein, wenn wir entſagen.— „Und mir,“ ſagte Mar, indem er die mütterliche Hand freundlich ſtreichelte,„mir ſcheint es beſſer zu ſein, wenn wir uns dieſer Entſagung nicht unterziehen. Aus mehren Gründen iſt das wirklich beſſer; denn ſo wie es ſtets mein innigſter Wunſch geweſen iſt, daß wir uns ver⸗ ſtehen, ſo will ich nicht verhehlen, daß ich die Abſicht habe, meine Bemühungen, die bisher ſo fruchtlos geweſen ſind, in dieſem Winter fortzuſetzen.“ „Aber, mein lieber Sohn, kann es denn wirklich Dein voller, wirklicher Ernſt ſein, Dich mit dem halbverrückten jungen Mädchen verheirathen zu wollen?“ „Ach, Mutter! wie kannſt Du mit Deinem hellen Verſtande und Deinem liebevollen Herzen Evelyn ſo nen⸗ nen? Doch ich weiß, daß Du nur aus mißverſtandener Liebe gegen mich ſo ungerecht ſein kannſt!... Setzen wir jedoch alle falſchen Illuſionen für meine Zukunft bei Seite, ſofern dieſe meine eheliche Verbindung betreffen; denn ich habe nie verhehlt, daß ich in dieſem Punkte keinen Menſchen auf mich einwirken laſſen will. Und wenn ich mich in unſere Küchenmagd verliebte, ſo würde ich ſie heirathen, ſofern nämlich die Möglichkeit da wäre, ihr ſo viele Bildung beizubringen, daß ich nicht noͤthig hätte, während der Pauſen meiner Liebesſeufzer zu gähnen.“ „Nun, ſiehſt Du, Mar, ſiehſt Du, Du biſt ſelbſt ge⸗ nöthigt, zu geſtehen, daß Bildung und Erziehung die Haupt⸗ ſache iſt?“ „Nein, das kann und werde ich nie geſtehen; doch geſtehe ich ſehr gerne, daß die Hauptſache an Werth und Genuß verliert, wenn ſie ſich nicht mit dieſen nothwen⸗ digen Nebenſachen verbinden läßt. Gleichwohl kommt der⸗ gleichen bei Evelyn gar nicht in Frage. Bei ihr kann der Mangel an Bildung und Erziehung nicht in Betracht kommen, da ſie ein ſo ganz eigenthümliches Weſen iſt, 298 daß beides da ſein kann und nicht da ſein kann, ohne daß man etwas davon weiß. Sie hat ihre eigene innere Bil⸗ dung, und dieſe iſt ſo fein und ſpielt in eben ſo vielen Farben, wie die Flügel eines Schmetterlings; doch dieſe Bildung iſt noch unentwickelt gleich dem Schmetterlinge in ſeiner Puppe und braucht Zeit, die Schale zu zerbre⸗ chen. Iſt aber dieſe Schale dereinſt gebrochen, begreift dieſe dunkle Seele ſich ſelbſt, da wird ſie nur einer ge⸗ ringen Nachhülfe deſſen bedürfen, was wir Erziehung nen⸗ nen, um ſich zu vervollkommnen.“ „Möglich, ſehr moͤglich, Max; aber dieſe ganze weib⸗ liche Offenbarung wird dennoch nie etlvas Reelles. Ihr wird ſtets eine linkiſche Blödigkeit anhaften: ſie wird nie eine Gattin für einen Mann, der ſich in der Welt zeigen will, keine Gattin, die in einem gebildeten Hauſe les Hon⸗ neurs machen kann.“ „Das kann wohl ſein; da aber eine ſolche Kleinig⸗ keit bei der Frage von einer ehelichen Verbindung nicht in Berechnung kommen kann, denn die Ehe iſt eine Einrich⸗ tung, die einen ganz andern Zweck hat, als les Houneurs zu machen, ſo...“ „Entſchuldige, mein beſter Mar, wenn ich keine ſolche Aeußerungen aus Deinem Munde hören kann! Iſt es denn eine Kleinigkeit, ob eine Frau ihr Anſehen zu vertheidigen weiß oder nicht, ob ſie in ihrem Hauſe den Ton zu geben verſteht oder nicht, und ob ſie im Stande iſt, ſich ſo zu benehmen, daß die Welt mit ihr zufrieden iſt und ihr Beifall gibt oder nicht?“ „Aus Furcht, Dein Mißfallen auf mich zu ziehen, kann ich in allen dieſen wichtigen Rückſichten nicht ſo auf⸗ richtig ſein, wie ich wünſchte... laß uns daher unſerm Geſpräche ſchnell eine beſtimmte neue Richtung geben! Sollte mein gutes, geliebtes Mütterchen es wohl für zu früh erachten, wenn wir auf Oernwik eine ſogenannte Hoͤf⸗ lichkeitsviſite abſtatteten? Es iſt ja ſo gebräuchlich, wenn man gebeten geweſen iſt, und es würde ſich ſo ſchoͤn paſ⸗ ſen, d mache? „0 digkeit noͤthig demjeni Hauſe t ſtändige gerade! wenn m und er ebenfalls fallen, ſo ohne daß nnere Bil⸗ ſo vielen doch dieſe netterlinge zu zerbre⸗ I, begreift einer ge⸗ ehung nen⸗ ganze weib⸗ elles. Ihr e wird nie Velt zeigen e les Hon⸗ he Kleinig⸗ ng nicht in ne Einrich⸗ 3 Houneurs ich keine kann! Iſt Anſehen zu Hauſe den im Stande hr zufrieden h zu ziehen, icht ſo auf⸗ aher unſerm ung geben! wohl für zu nannte Hoͤf⸗ chlich, wenn o ſchoͤn paſ⸗ 299 ſen, da ich heute Nachmittag meinen Abſchiedsbeſuch mache?“ „Es iſt nie meine Abſicht geweſen, mich dieſer Schul⸗ digkeit zu entziehen, doch habe ich gemeint, es ſei nicht noͤthig vor Deiner Abreiſe weiter daran zu denken. Nach demjenigen, was ich mir von Deinem Verhalten in jenem Hauſe vorſtellen kann, möchte es vielleicht eine allzu voll⸗ ſtändige Gewißheit über Deine Abſichten geben, wenn ich gerade heute... Du verſtehſt?“ „Vollkommen— und da es eben meine Abſicht war, eine ſo vollſtändige Gewißheit wie möglich zu geben, ohne mich ganz deutlich auszuſprechen, was ich bis zum Winter verſparen will, ſo könnte mir nichts angenehmer ſein, als wenn meine Eltern heute mit mir kämen.“ „Haſt Du vielleicht ſchon, ehe Du mich um meine Meinung fragteſt, Deinem Vater die Abſicht Deines Be⸗ ſuches mitgetheilt?“ „Ich habe kein Wort von meiner Abſicht geſagt, ſon⸗ dern ich fragte den Vater nur, ob er etwas gegen eine kleine Ausfahrt nach Oernwik für heute Nachmittag hätte, und er antwortete ſogleich:„nicht das Mindeſte— an dieſe Viſite hätten wir ſchon längſt denken ſollen!“ „Nun wohl, wenn Vater für die Sache iſt, ſo reiſe ich mit! Es beruhigt mich überdies gar ſehr, daß Du Dein Vorhaben noch bis zum Winter überlegen willſt. Glaube mir, mein geliebter Max! nicht Evelyn's geringer Stanr iſt die Urſache meines Widerwillens gegen dieſe Partie, ſondern ihr ſonderbares Weſen, welches, ſo inter⸗ eſſant es einem bloßen Betrachter auch vorkommen mag, dennoch in einem vertraulicheren Verhältniſſe gewiß ganz anders erſcheint. Wäre Deine Wahl auf Conſtance— ebenfalls ein bürgerliches Mädchen und arm dazu— ge⸗ fallen, ſo würde ich, trotz dieſer Armuth, mit Vergnügen meinen Beifall gegeben haben, denn dieſes Mädchen beſitzt ſonderbar genug außer ihrer ungewoͤhnlichen Schönheit alle Leichtigkeit und Grazie, welche von einer guten Er⸗ 300 ziehung und einem natürlichen feinen Verſtande zeugen. Ihre muſikaliſchen und übrigen Fertigkeiten ſind weit uͤber der Mittelmäßigkeit, und ihr einnehmendes, lebhaftes und leichtes Weſen werden ihr in jedem Kreiſe, worin ſie leben wird, zur Zierde gereichen. Um einer ſolchen Geliebten willen würde man einem Manne einige Thorheiten ver⸗ zeihen, ja, ſogar die, daß er das Vermögen vergißt.“ „Beſonders,“ ſiel Mar lächelnd ein,„da dieſe junge Dame auch das Verdienſt beſitzt, daß ſie ihrem Bewun⸗ derer keinen Anlaß gibt, um ihretwilleu eine ſo gefährliche Thorheit zu begehen.“ „Auch das, entgegnete die Freiherrin ebenfalls lächelnd. Obgleich frei und fröhlich, liegt in ihrem Weſen auch nicht das geringſte Zeichen zu einer Aufmunterung. Die⸗ ſes Mädchen wird ſich nimmermehr wegwerfen. Die Con⸗ ſulin erzählte mir im Vertrauen einige recht merkwürdige Züge, welche, wenn ſie auch nicht eben verſtändig waren, dennoch von vieler Beſtimmtheit und einem feinen Ehrge⸗ fühl ſprachen, und das ſind doch gewiß hoͤchſt achtungs⸗ werthe Eigenſchaften bei einem ſo jungen Mädchen. Sie war auserſehen zu der Erbin ihres reichen Onkels und verwirkte dieſes Vermögen abſichtlich dadurch, daß ſie es nicht über ſich zu bringen vermochte, dem Egoismus des alten Mannes, der überzeugt ſein wollte, daß ſie keinen Menſchen in der Welt ſo liebte wie ihn, zu ſchmeicheln. Wenige Perſonen würden der Verſuchung widerſtanden haben, einer ſolchen Schwäche zu ſchmeicheln: ſie wider⸗ ſtand und— wurde im Teſtamente ausgeſtrichen. Nach⸗ her bewarb ſich der neue Erbe um ihre Hand; doch ſie gab ihm den Korb, weil ſie glaubte, ſie ſei nicht im Stande, ſeine Liebe zu erwiedern.“ „Das alles iſt ſehr ſtreng Recht, weiter aber nichts! Es darf niemanden als etwas Bewundernswerthes erſchei⸗ nen, wenn ein ſo junges Gemüth alle Berechnungen ver⸗ ſchmäht und dem freien Gefühle folgt. Conſtance Waller iſt ein hochherziges, in jeder Hinſicht vortreffliches Mäd⸗ chen, 1 lyn— welche ungleich laſſen n tate zu Evelyn ſuchſt u Mädcher „3 gleich hi daß Du eher in den— Gelübde res übrig der ihm de zeugen. weit uͤber haftes und n ſie leben Geliebten heiten ver⸗ gißt.“ dieſe junge m Bewun⸗ gefährliche ls lächelnd. Veſen auch ung. Die⸗ Die Con⸗ nerkwürdige ndig waren, inen Ehrge⸗ ſt achtungs⸗ dchen. Sie Onkels und daß ſie es goismus des ßß ſie keinen ſchmeicheln. widerſtanden : ſie wider⸗ hen. Nach⸗ 8; doch ſie ſei nicht im aber nichts! tthes erſchei⸗ dnungen ver⸗ tance Waller fliches Mäd⸗ 301 chen, und ihr groͤßtes Verdienſt iſt ihre Liebe gegen Eve⸗ lyn— eine Liebe, welche ſogar der Unannehmlichkeit trotzt, welche ſie, wie ich oft bemerkt habe, aus Frau Loͤwe's ungleicher Art in ihrem Betragen empfindet... Doch laſſen wir Mademoiſelle Conſtance, um zu unſerem Reſul⸗ tate zu kommen, nämlich, daß Du, meine Mutter, gegen Evelyn etwas freundlicher biſt, ſie an Dich zu ziehen ſuchſt und es zum Herbſte ſo einrichteſt, daß die beiden Mädchen hier eine Zeitlang wohnen!“ „Ich will Deine Wünſche erfüllen, mein Sohn, ob⸗ gleich hoͤchſt ungerne; denn es iſt meine feſte Ueberzeugung, daß Du dieſes Mädchen nicht wirklich liebſt, und ſie Dir eher in Deinen Kopf als in Dein Herz geſetzt haſt.“ „Laß das, theure Mutter! die Liebe offenbart ſich in ungleichen Geſtalten und läßt ſich auf vielerlei Art diſſeciren; ein Theil derſelben kann aber nie diſſecirt wer⸗ den— laß alſo der Sache ihren Gang! Ich will dieſes Mädchen heirathen, oder... ich heirathe auch nie! Nun iſt es geſagt: und mag es aus dem Kopfe, dem Herzen, dem Gemüthe oder einer eigenſinnigen Ueberzeugung kom⸗ men— genug: ich halte mein Gelübde!“ Die Freiherrin war aufrichtig betrübt, daß ein ſo entſcheidendes Wort geſagt worden war: ſie kannte den Charakter ihres Sohnes und war überzeugt, daß er ſein Gelübde nie brechen würde— alſo blieb ihr nichts ande⸗ res übrig, als von allen Seiten den Gewinnſt zu prüfen, der ihm durch eine ſo verkehrte Wahl zufallen könnte. —-õʒ——ᷓ— ———ʒ—..,.,.,——C——— 30² Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Es war Nachmittags zwiſchen vier und fünf Uhr— auf dem Lande macht man frühe Viſiten— da wurde die Conſulin durch das Geraſſel von Wagenrädern aus der Erſtarrung geweckt, in welche das Benehmen des Infor⸗ mators bei Tiſche ſie noch immer hielten. „Charlotte, Conſtance, Evelyn!— doch die zu rufen dient zu gar nichts... Charlotte, Charlotte!— iſt denn kein Menſch da, der da hoͤrt, daß ein Wagen heraufkommt?“ Der ewig dienſtbare Geiſt, Mamſell Charlotte, ſtand ſchon vor dem Sofa. „Glaubſt Du, es koͤnnte möglich ſein?“... die Conſulin lächelte und nahm eine triumphirende Sieger⸗ miene an. „So wahr ich lebe— Ihro Gnaden haben Recht wie immer— es ſſt die freiherrliche Familie von Broͤl⸗ linge!“ „Gute Charlotte, man darf die Contenance nicht ver⸗ lieren: gieb mir mein Buch und mein Strickzeug! Ich höre, David iſt ſchon draußen— ſage den Mädchen, ſie ſollen herab kommen, und bitte Conſtance, daß ſie nach⸗ ſieht, ob Evelyn's Kragen auch rein iſt; ſie kann ihr auch die kleine hellblaue Schürze vorbinden... Gott ſei Lob und Dank, daß wir ſchon Kaffee getrunken haben, und daß der Herr Informator den ſeinigen hinauf bekommen hat! Nun wird er erſt zum Thee herabgenoͤthigt, und dann — hörſt Du, Charlotte!— dann wird ihm nächſt Carl zuletzt geboten!“. „Wenn er nun aber ſo ſitzt, daß es ſich nicht ver⸗ meiden läßt? Ihro Gnaden, die Alles ſo gut kennen, wiſſen ja rechnet, Quere z „Ich Menſchen in Beiſei Familie auf ſeine ... pſt Und heit, die der erſehn ihr dieſe 3 thüren ge herrin her ausrief:„ lieſeſt Du und ſeltene „Ah! ganzen Ad Platz vollk charmirt ü Es war a herrin au „So bezahlen, d Frieden die Hände in „Ja, Die Frau mutter, als Jahreszeit Einmachen Die bringen, d Ernſte beri⸗ nf Uhr— wurde die aus der des Infor⸗ ſch die zu arlotte!— ein Wagen lotte, ſtand aben Recht von Broͤl⸗ nicht ver⸗ zeug! Ich ott ſei Lob aben, und bekommen und dann nächſt Carl nicht ver⸗ 303 wiſſen ja, daß man es zu den Sitten kleiner Herrſchaften rechnet, mit dem Präſentirteller ins Kreuz und in die Quere zu laufen!“ „Ich hoffe, er wird nicht ſo ſitzen, denn ſo vielen Menſchenverſtand wird er doch wohl haben, daß er nicht in Beiſein fremder Leute und noch dazu einer freiherrlichen Familie über die Stränge ſchlägt, ſondern ſich anſtändig auf ſeinem Platze hält... doch ich hoͤre die Freiherrin ... pſft!“ Und die Conſulin las und ſtrickte mit aller Zerſtreut⸗ heit, die ſie ſich ſelbſt und ihrer Stellung als Mutter der erſehnten Erbin ſchuldig war, und natürlich erlaubte ihr dieſe Zerſtreutheit nicht, zu vernehmen, wie die Flügel⸗ thüren geöffnet wurden und das ſeidene Kleid der Frei⸗ herrin hereinrauſchte, bis endlich der Conſul verwundert ausrief:„Petro... Nelly, Nelly, mein Engel! was lieſeſt Du ſo eifrig? Siehſt Du nicht, welche angenehmen und ſeltenen Gäſte wir hier haben?“ „Ah!“ ſagte die Conſulin, indem ſie ſich mit dem ganzen Adel und der Groͤße einer Perſon erhob, die ihren Platz vollkommen kennt, ich bin hoͤchſt charmirt, unendlich charmirt über die Ehre, die heute Oernwik wiederfährt! Es war allzu charmant und obligeant, daß die gute Frei⸗ herrin auch einmal an Ihre Nachbarn zu denken beliebten!“ „So, Ebba!“ ſcherzte der Baron,„nun magſt Du bezahlen, daß Du ſo lange verſäumt haſt, was zu Deinem Frieden diente! Hilf Dir nun ſelber— ich waſche meine Hände in Unſchuld!“ „Ja, überlaß Du uns Frauenzimmer nur uns ſelbſt! Die Frau Conſul iſt ſelbſt eine allzu vortreffliche Haus⸗ mutter, als daß ſie nicht wiſſen ſollte, wie ſehr die jetzige Jahreszeit alle unſre Gedanken in Anſpruch nimmt mit Einmachen, Obſteinkochen und mehr dergleichen.“ Die Conſulin konnte es unmoglich in ihren Kopf bringen, daß die Freiherrin dieſe Sachen mit wirklichem Ernſte berührte; ſie glaubte daher eine Anſpielung darin 304 zu finden und antwortete daher in einem Tone verletzten Selbſtgefühles:„Ich kenne unglücklicher Weiſe die Größe dieſer Hinderniſſe nicht; denn dieſe Dinge überlaſſe ich meiner Haushälterin und meiner Hausmamſell!“ „Ja, das glaube ich wohl, meine beſte Frau Löwe; doch ſehen Sie, ich habe nur eine Koͤchin und eine ganz junge und unerfahrne Hausmamſell, und muß daher ſelbſt die Augen überall haben und wenn ich überdieß recht offenherzig ſein ſoll, ſo verlaſſe ich mich eigentlich auf keinen Menſchen ſo gut, wie auf mich ſelbſt.“ „O, behüte Gott! ich glaubte nicht, daß eine feine Freiherrin ſich zu ſolchen gewoͤhnlichen Dingen herablaſſen könnte!“ „Von Herablaſſung kann dabei nie die Rede ſein: was eine Hausmutter für ihr Haus zu wiſſen vermag, das iſt, ſollte ich meinen, ihre Pflicht zu thun, mag ſie nun Freiherrin oder Tageloͤhnerin heißen, und wenn auch ein größerer oder geringerer Reichthum groͤßere oder ge⸗ ringere Verpflichtungen auferlegen kann, in dem gewöͤhn⸗ lichen Sinne des Wortes zu„leben,“ ſo müſſen wir den noch annehmen, daß ſelbſt die reichſten und vornehmſten Damen ihre hausmütterlichen Pflichten haben, wenn dieſe auch niemals in Berührung kommen mit den ärmlicheren, die uns Hausmüttern der zweiten Ordnung zugefallen ſind.“ Zu allem Glück für die Conſulin, welche mit ſich ſelbſt nicht einig werden konnte, welche Antwort ſie nun zu geben hätte, kam jetzt der Baron Mar mit einer Gra⸗ tulation über die erſehnte Ankunft des Informators her⸗ vor.„Ich hoffe, die Herrſchaften werden Grund genug haben, zufrieden zu ſein!“ Dieſe Worte äußerte er in einem Tone, der ſowohl einen Wunſch, als auch eine Frage enthielt. „Wenn das auch nicht der Fall ſein ſollte,“ ent⸗ gegnete die Conſulin mit einer gewiſſen zweideutigen Feier⸗ lichkeit,„ſo koͤnne der Herr Baron doch vollkommen zeugt ſeit guten C Bar gleich die der Frau könnten, „denn,“ Carleborg iſt darübe gewoͤhnlich das Haus eine ſolche „Sel Worte: ich tief in ein beſten entt. ... Evel „We doch nicht ¹ Jetzt tete darau verletzten die Größe rrlaſſe ich au Löwe; eine ganz aher ſelbſt dieß recht ntlich auf eine feine herablaſſen Rede ſein: n vermag, n, mag ſie wenn auch te oder ge⸗ m gewoͤhn⸗ n wir den vornehmſten wenn dieſe ärmlicheren, fallen ſind.“ e mit ſich ort ſie nun einer Gra⸗ mators her⸗ rund genug der ſowohl llte,“ ent⸗ tigen Feier⸗ vollkommen 30⁵ zeugt ſein, daß wir ſolches nie auf die Rechnung unferes guten Commiſſionärs ſchreiben werden!“ Baron Mar lächelte verbindlich, nahm ſich aber zu⸗ gleich die Freiheit, zu hoffen, welche auch die Preventionen der Frau Conſulin nun im Anfange der Bekanntſchaft ſein könnten, daß doch gewiß alles glücklich ausſchlagen würde, „denn,“ fügte er hinzu,„der Charakter des Magiſters Carleborg iſt eben ſo untadelig wie ſeine Sitten und man iſt darüber einig, daß ſeine Kenntniſſe diejenigen eines gewoͤhnlichen Informators ſo ſehr übertreffen, daß man das Haus ganz beſonders glücklich preiſ't, in welchem er eine ſolche Stelle übernommen hat.“ „Sehr, ſehr moglich Herr Baron; aber— mit einem Worte: ich habe meine Aber! doch wollen wir nicht zu tief in einen Gegenſtand eingehen, den die Zukunft am beſten entwickelt... Sieh, da habe ich meine Mädchen! ... Evelyn, komm her und mache eine Verneigung vor Deiner guten Freundin, der aimablen Freiherrin!“ „Weche enorme Dummheit!“ dachte der Baron, und der Blick, den er mit Conſtance wechſelte, verrieth, daß ſie ſeine Gedanken theilte,„welche enorme Dummheit, ſie noch immer wie ein Kind zu behandeln, das man aus der Kinderkammer ruft, um vor den Fremden ſein Comp⸗ liment zu machen!“ Evelyn verneigte ſich ſteif und abgemeſſen wie ge⸗ wöhnlich und neben Conſtance's elaſtiſchem und freiem Gruße erſchien dieſe Verneigung noch ſteifer. Darauf wollte ſie ſich wie gewoͤhnlich in ihren alten Winkel zwiſchen dem Fenſter und der Wand zurückziehen; doch die Freiherrin ergriff ihre Hand mit der im ſanfteſten Tone ausgeſprochenen Anrede:„Liebe Mademoiſelle Evelyn, verlaſſen Sie uns doch nicht ſo eilig!“ Jetzt ſtand Evelyn ſteif und unbeweglich da und war⸗ tete darauf, was die Freiherrin ihr zu ſagen hätte; doch ſchnell ſchoqb der Baron Max einen Stuhl an die Seite Eine Nacht am Bullarſee. J. 20 306 des Sofa's. Die Freiherrin machte Evelynen ein verſtänd⸗ liches Zeichen mit der Hand und nun ſaß die arme Evelyn wie eine wirkliche Dame da, mit welcher man die Abſicht hat, zu converſiren, ohne ſich den Anſchein zu geben, als bemerkte man die ſchleppende Gleichgültigkeit, mit welcher ſie ihre kleinen netten Füße betrachtete, anſtatt ihre Blicke auf die Geſellſchaft zu richten. „Soll ich Dir Deine Stickerei geben, liebe Evelyn?“ ſagte Conſtance. „Sei ſo gut!“ „Sieh hier... ich glaube, die Freiherrin wird ſie ſogar ſchön finden!“ Und mit einem freundlichen, um dieſes Lob flehenden Blicke reichte Conſtance der Freiherrin die Arbeit; dieſe nahm dieſelbe und wußte mit ihrer liebens⸗ würdigen Einfachheit die Berufung auf ihren Geſchmack ſo zu behandeln, daß Evelyn gezwungen ward, wenigſtens darauf zu hoͤren. „Werden wir nicht den Magiſter ſehen?“ fragte der alte Baron, als der Kaffee geboten war und ſich noch immer kein Magiſter ſehen ließ. 4 „Er hat ſeine Portion längſt hinauf bekommen!“ erwiederte die Conſulin mit einer kleinen Nachläſſigkeit, die ohne Zweifel hier an ihrer richtigen Stelle war. „Koͤnnten wir nicht hinauf ſchicken und nachhören laſſen, ob es ihm Vergnügen macht, herunterzukommen?“ fragte der Conſul ſeine eheliche Hälfte. „Ob es ihm Vergnügen macht?— Ich glaube, mein Beſter, wir müſſen bis zur Theezeit warten; dann weiß er, warum man ihn rufen läßt— jetzt koͤnnte es ihm ein wenig ſonderbar vorkommen.“ „O, unmoͤglich!“ meinte der Baron.„Der Zweck iſt ja klar, nämlich daß es um der Geſellſchaft willen geſchieht!“ „Der Herr Baron ſind ſehr aimabel und erzeigen unſerm Informator allzu viele Ehre! Inzwiſchen könnte eine ſolche Invite für dieſes eine Mal ihm zu dem Glauben Anlaß g jeder bel Erlaubni Sicherhen weges al W treten, n nehmen u ſo glänze würde ſie mator ni ſchehen w mit dem⸗ beugung „Herr Ba G präſentirt ohne alle Familie de verſtänd⸗ ne Evelyn ie Abſicht eben, als t welcher hre Blicke Evelyn?“ n wird ſie um dieſes herrin die er liebens⸗ eſchmack ſo wenigſtens fragte der ſich noch kommen!“ war. ören laſſen, 2“ fragte ſaube, mein dann weiß es ihm ein 307 Anlaß geben, daß ihm hernach das Geſellſchaftszimmer zu jeder beliebigen Zeit offen ſteht; und eine ſolche Vertraul...“ Der Reſt des Wortes blieb der Conſulin im Halſe ſtecken, und darüber wird ſich vielleicht kein Menſch ſehr wundern, wenn wir mittheilen, daß derjenige, deſſen Auf⸗ nahme in den Geſellſchaftskreis in dieſem Augenblicke ver⸗ handelt wurde, jetzt ohne daß er eine Einladung oder die Erlaubniß dazu erhalten hatte, eintrat und zwar mit einer Sicherheit, welche hinlänglich bewies, daß er ſich keines⸗ weges als eine unbehörige Perſon erachtete. Wäre die Conſulin im Stande geweſen, dieſes Auf⸗ treten, welches eben ſo ungewöhnlich und wegen der vor⸗ nehmen und ſtattlichen Haltung des Eintretenden faſt eben ſo glänzend war wie ein Sternfall, vorherzuſehen, ſo würde ſie ihrem Manne Ordre gegeben haben, den Infor⸗ mator nicht zu präſentiren; da aber dieſes nun nicht ge⸗ ſchehen war, ſo hatte Juſtus(im ſchwarzen Frack und mit dem Hut in der Hand) kaum ſeine tiefe, artige Ver⸗ beugung gemacht, als der Conſul ſich beeilte, zu ſagen: „Herr Baron, Major von G—!— Frau Baronin von G— 1— Herr Baron und Kammerjunker von G—!— Herr Magiſter von Carleborg!“ Jetzt wäre die Conſulin beinahe in Ohnmacht gefallen. Welch ein Verdruß war es nicht ſchon, daß der Magiſter präſentirt werden ſollte! daß aber ihr Mann ſich ſo ganz ohne alle Erziehung bewies, daß er dem Informator die Familie des Barons präſentirte und nicht umgekehrt, das war wirklich zum Weinen. Hatte nicht Charlotte hundertmal erklärt, daß nur kleine Leute den großen vorgeſtellt würden, daß letztere gar nicht präſentirt zu werden brauchten, weil es ſich vermuthen ließe, daß Jedermann wüßte, wer ſie wären! Doch ehe die Conſulin ihre Faſſung wieder erhalten hatte, war der Magiſter Carleborg längſt in voller Unter⸗ haltung mit der ganzen freiherrlichen Familie vertieft. Nach einer leichten, aber um ſo artigeren Dankſagung an den Baron Max, dem er ſeine Stelle auf dem ſchoͤnen 308 Oernwik zu verdanken hatte, wendete ſich unſer Magiſter an den alten Baron, der ſichtbarlich und mit einer kleinen Ungeduld darauf zu warten ſchien, mit einem jungen Manne ſich zu unterhalten, der ſo ausſah, als ob er alles ſein könnte, nur kein blöder und demüthiger Informator, wozu doch die Conſulin ihn ſo unendlich gerne hatte machen wollen, trotz der Behauptung der Mamſell Charlotte, daß dieſe Race von Informatoren jetzt faſt ganz ausgeſtorben wäre. Doch nicht allein die beiden Baronen, ſondern auch die Freiherrin ſchien für den Magiſter Carleborg intereſſirt zu ſein; und nachdem ſie einige Augenblicke mit ſtummer Bewunderung ſeine ſchoͤnen Zuge, ſeine edle Geſichtsbildung betrachtet hatte, war es ihr, als ob er ihr nicht fremd wäre. Indem ſie in ihrem Gedächtniſſe ſuchte, fuhr ihr ſchnell wie der Blitz eine Erinnerung durch die Seele und ſobald es nur möglich war, ſeine Aufmerkſamkeit zu be⸗ gehren, ſagte ſie in verbindlichem Tone:„Herr Magiſter! wenn Sie meine Frage nicht für allzu zudringlich halten wollten, ſo möchte ich anhalten, fragen zu dürfen, ob nicht Ihre Mutter eine geborne C— krona, Tochter des Barons und Präſidenten C— krona war?“ „Ja, gnädige Freiherrin, das iſt vollkommen richtig!“ „Ach, da habe ich ja das Vergnügen, den Sohn einer meiner beſten Jugendfreundinnen zu ſehen! In der erſten Ehe der Freiherrin mit dem Baron von U—(ich war damals noch unverheirathet) hatte ich das Glück, ihre Bekanntſchaft zu machen. Ich hoffe, daß ich von keiner Perſon rede, die nicht mehr auf Erden iſt?“ „Nein, Gott ſei gelobt, meine Mutter lebt! Doch veränderte Verhältniſſe haben die ehemaligen glänzenden Zeiten ſo verwiſcht, daß ich ſehr bezweifle, ob Ihro Gnaden in der ärmlichen Frau Carleborg, der Wittwe eines achtungswerthen, aber armen Mannes, nur das Aller⸗ geringſte von der eleganten Freiherrin von U— wiederer⸗ kennen ſich viel dabei vo dagegen ſtellte er that dief ahnte od ſelbſt we eine Pra war, als klärung i Inzt Erklärung Lage bed Achtung empfinden eines Bar gerne, we weisheit haben:„ ſämmtlich verfiel er Magiſter ner kleinen gen Manne alles ſein ator, wozu te machen rlotte, daß usgeſtorben ndern auch zintereſſirt lit ſtummer ichtsbildung nicht fremd „fuhr ihr Seele und akeit zu be⸗ r Magiſter! glich halten dürfen, ob ochter des en richtig!“ Sohn einer n der erſten (ich war Glück, ihre von keiner lebt! Doch glänzenden hro Gnaden ittwe eines das Aller⸗ wiederer⸗ 309 kennen würden, mit Ausnahme eines gewiſſen Etwas, das ſich vielleicht nie verläugnet.“ Vor einem halben Jahre würde Juſtus ſich begnügt haben, das Erſtere zu bejahen, ohne das Letztere hinzuzu⸗ fügen, und hätte er es damals verſucht, einige Worte von der Wahrheit mit einzuflechten, ſo würden ſeine Wangen dabei von einer dunklen Schamröthe gebrannt haben. Jetzt dagegen unter dem Einfluſſe ſeiner neuen Lebensanſichten, ſtellte er die Wahrheit unverhüllt Allem voran; und er that dieß mit ſo vieler edler Freimüthigkeit, daß Niemand ahnte oder den Verdacht hatte— von welchem auch Juſtus ſelbſt weit entfernt war— daß hierin eine Cogquetterie, eine Prahlerei liegen könnte, die im Grunde nicht beſſer war, als der Stolz, welcher ehemals ſeiner offenen Er⸗ klärung im Wege geſtanden haben würde. Inzwiſchen nahm nun die ganze Geſellſchaft ſeine Erklärung mit geheimem Beifalle auf; nur die Conſulin nicht: ſie meinte, der Magiſter ſei außerordentlich lächerlich, wo nicht gar verrückt, weil er ſo ſeine Armuth und die veränderte Lage ſeiner Mutter auspoſaunte. Doch neben allen Unbehaglichkeiten, welche die Conſulin in dieſer ſeiner Lage bedauern mußte, konnte ſie nicht umhin, eine gewiſſe Achtung vor dem Sohne einer„doppelten Freiherrin“ zu empfinden— denn war ſeine Mutter nicht die Tochter eines Barons und verheirathet mit einem Baron! O wie gerne, wenn es nur nicht gegen alle Anſprüche auf Lebens⸗ weisheit angeſtritten hätte, würde unſre Frau gefragt haben:„Aber wie in Gottes Namen wurde ſie hernach mit Ihrem Vater verheirathet?“ doch tröſtete ſich die Conſulin damit, daß die Freiherrin von G— gewiß im Stande ſein würde, ihr über dieſes Kapitel einige kleine Aufklärungen zu ertheilen. Während des Laufes dieſes Abendes verſuchte Juſtus mehrmals, Evelyn in das Geſpräch zu ziehen; doch ſeine ſämmtlichen Bemühungen waren fruchtlos; und zuletzt verfiel er auf den ziemlich natürlichen Gedanken, daß es 310 mit ihrem Verſtande nicht allzu gut ſtehen müßte; und dieſer Gedanke wurde bekräftigt durch ihr ſonderbares Be⸗ nehmen am Morgen und durch die ewigen Ermahnungen der Conſulin:„Hoͤrſt Du, Evelynchen! wenn Jemand mit Dir redet, ſo antworte, mein Kind! Evelyn! ſitze doch nicht da, als gehörteſt Du gar nicht mit zur Geſellſchaft!“ Doch Evelyn fuhr fort, trotz aller Ermahnungen, Zeichen und Winke der Conſulin, zu ſitzen, als ob ſie gar nicht mit zur Geſellſchaft gehörte, bis ſie vielleicht ploͤtz⸗ lich eine beſtimmte unwiderſtehliche Plage empfand; denn ſie ſtand auf und ging in den angrenzenden Salon, wo ſie in einem Winkel Platz nahm, der von dem Feuerſchirm verſteckt wurde. Conſtance gab nicht Achtung auf ihre Entfernung, denn ſie war in dieſem Augenblicke mit dem alten Baron beſchäftigt, der ſie zu überreden ſuchte, ihr muſikaliſches Talent hören zu laſſen. Baron Max aber hatte es be⸗ merkt; doch gönnte er ihr allzu herzlich das Vergnügen, der ſo lange entbehrten Einſamkeit zu genießen, als daß er hätte ſagen wollen, wohin ſie ihre Zuflucht genommen hatte, und als Conſtance ſich umſehend ausrief:„So! Evelyn iſt ſchon geflohen!“ da war es der Baron Mar, welcher den kleinen Flüchtling auf das freundlichſte zu entſchuldigen ſuchte. Obgleich Juſtus ſich mit der Freiherrin unterhielt, ſo entging dennoch ſeiner Aufmerkſamkeit nichts; bald aber ſchwieg ſein Geſpräch, als Conſtance von dem alten Baron geführt, ſich an das Inſtrument ſetzte und ſich erſt in einigen unbedeutenderen Sachen, zuletzt aber in einer Arie hören ließ, die ihr den lebhaften Beifall der ganzen Ge⸗ ſellſchaft mit Ausnahme des Magiſters verſchaffte; dieſer aber drückte ſich nur durch eine ſtumme Verbeugung aus. Eine ſtumme Verbeugung kann gleichwohl bisweilen ein beredteres Lob enthalten, als die lauteſte Sprache; doch eine ſolche Verbeugung war die des Magiſters nicht — das ſah Conſtance ſehr gut, als ihr Blick zufällig auf ih noch n das V trieb d Sie, ſo ein ihres C ſie es wenigſt D ſelbe v Conſta „hackte, hatte, Leben e nach ein ſtance, dern eir die gere ſchön ſit und Ge tete noc Loͤwe u leiſe: kannter ches für Beſuchzi Salon c üßte; und rbares Be⸗ mahnungen gemand mit ſitze doch efellſchaft!“ mahnungen, ob ſie gar leicht ploͤtz⸗ fand; denn Salon, wo Feuerſchirm Entfernung, alten Baron muſikaliſches hatte es be⸗ Vergnügen, n, als daß t genommen ief:„Sol aron Maxr, nblichſte zu unterhielt, ; bald aber alten Baron ſich erſt in n einer Arie ihl bisweilen e Sprachez giſters nicht lick zufällig 311 auf ihn fiel— und eben darum, weil dieſelbe weder mehr noch weniger ausdrückte, als eine höfliche Dankſagung für das Vergnügen, welches ſie der Geſellſchaft bereitet hatte, trieb dieſe Verbeugung das Blut in Conſtance's Wangen. Sie, die in dem Hauſe des Onkels— des Onkels, der ſo ein alter Muſikkenner war— wegen ihres Spieles und ihres Geſanges ſo gefeiert und gelobt worden war— ſollte ſie es wohl nicht verdienen, daß man in die Verbeugung wenigſtens etwas Artigkeit legte? Doch weit entfernt, daß ihr Muth ſank, wuchs der⸗ ſelbe vielmehr bei dieſem Trotze des Herrn Magiſters. Conſtance wußte, daß ſie notenfeſt war, daß ſie niemals „hackte,“ und daß ſie noch dazu, wie man ihr oft geſagt hatte, mit einem Gefühle ſpielte, das ihrem Vortrage Leben ertheilte. Alſo—„er ſoll beſiegt werden!“ und nach einigen äußerſt glänzenden Präludien begann Con⸗ ſtance, nicht eine neue Arie, wie man erwartet hatte, ſon⸗ dern eine von dieſen entzückenden, herrlichen Volksmelodien, die gerade durch ihre Einfachheit, ihre rührende Poeſie ſo ſchön ſind. Conſtance ſang vortrefflich, ſang mit Gefühl und Geſchmack, ſang mit ihrem ganzen Herzen, und ern⸗ tete noch lebhafteren Beifall der ganzen Geſellſchaft ein; doch der Magiſter— er verbeugte ſich eben ſo ſtumm mit gleich höflichem Ausdrucke. „Er findet ein Vergnügen daran, mich zu reizen!“ dachte Conſtance—„ſein Beifallslächeln bedeutet alſo nicht viel!“ „Er muß wohl keine Muſik verſtehen 1“ flüſterte Frau Löwe und winkte der Freiherrin, dieſe aber antwortete leiſe:„Ich möchte eher glauben, daß er als ein Unbe⸗ kannter dem Talente der Mademoiſelle Conſtance, wel⸗ ches für ſich ſelbſt redet, noch nicht ſchmeicheln will.“ „Ganz richtig— welches für ſich ſelbſt redet!“ Während Conſtance ſpielte, waren die Lichter in dem Beſuchzimmer angezündet worden; in dem angrenzenden Salon aber, wohin der Baron Mar ſehr oft ſeine ſpä⸗ 312 henden Blicke ſendete, und wohin auch die des Magiſters Carleborg ſich verirrten, brannte in der Mitte des großen, tiefen Kronleuchters nur ein einziges Licht. Nach einigen Minuten verließ Conſtance das Inſtru⸗ ment, und würde ohne Zweifel ſich ſogleich entfernt haben, um Cvelyn aufzuſuchen, wenn ſie nicht von ihrem Er⸗ ſtaunen gefeſſelt worden wäre. Sie ſah nämlich, wie der Magiſter Carleborg ganz ungenirt ihren Platz einnahm, und ohne daß ihn Jemand gefragt hatte, ob er ſpielen könnte, und ohne daß ihn Jemand darum erſuchte, einige Accorde und Läufer mit einer Kunſtfertigkeit anſchlug, vor welcher ſie ſich ſetzen mußte. Er ſchien erſt prufen zu wollen, wozu das Inſtrument taugte, als hätte er es noch nicht hinlänglich gehoͤrt; bald aber wurde etwas Anderes daraus. Keine Sonate, keine Ouvertüre, keine Arie, nichts, wovon Jemand ſagen konnte, was es war; von dem Niemand wußte, ob es weltliche oder geiſtliche Muſik war: es waren die phantaſtiſchen Ergüſſe des Ge⸗ nies, des Gefühls, einer brennenden Einbildungskraft in Lauten, welche ohne Form und ohne Band aus einer Seele bildet, nicht die Kunſt gab ihnen ihre himmliſche Klar⸗ heit, ihre unvergleichliche Harmonie, welche ſich gleichwohl V V b floßen, gleich einer Aeolsharfe mit ihren wechſelnden Tönen. Nicht in der Hochſchule der Kunſt waren dieſe Toͤne ge⸗ V in der nächſten Secunde in brauſende Diſſonanzen auf⸗ löſ'te; es war der Sturm— es war Gott, der auf die⸗ ſen Saiten ſpielte. Eine ſolche Muſik war diejenige, welche der Magiſter Carleborg den todten Taſten entlockte. Dieſe unregelmä⸗ ßigen Sprünge von ſtarken, vollen, ſiedenden Tonſtroͤmen in dieſe ſchmelzenden, ſanft dahin ſäuſelnden Hauche, welche im Sommerwinde flüſtern, wechſelten ſo oft, daß Niemand an etwas anderes denken konnte, als mitzugehen auf die⸗ ſer rührenden und ſonderbaren Luftreiſe, bis plötzlich Baron Mar, ſich zu der Salonthür wendend, ausrief:„Mein Gott, welch ein himmliſcher Anblick!“ ur Geſellſc ausgeno das einſ cetten de leicht, Evelyn's Auge vo Arm zur ſie unauf fühlen ot den Bode geſehen l die Seite Doc dieſes An wunderba hatte; d aus:„4 errathen! habe ich, morgender ben; und Lob und. koͤnigliche das da iſt nun nicht Kaun entfahren, Muſik ſcht hineineilte, dieſe in ih Magiſters es großen, as Inſtru⸗ ernt haben, ihrem Er⸗ h, wie der einnahm, er ſpielen hte, einige anſchlug, erſt pruͤfen hätte er es zurde etwas ttüre, keine us es war; er geiſtliche einer Seele unden Tönen. e Toͤne ge⸗ gleichwohl lich Baron f:„Mein iſche Klar⸗ 313 Und der Anblick, der den Baron Marx und die ganze Geſellſchaft feſſelte, nicht einmal den Magiſter Carleborg ausgenommen, obgleich derſelbe, weit entfernt, ſeine Muſik zu zügeln, ihr eine noch größere und ſchmelzendere Schoͤn⸗ heit und Vollheit verlieh— dieſer Anblick verdiente gewiß das Epitheton, welches der Baron Mar ihm beilegte. Gerade unter dem tiefen Kronleuchter, in deſſen Mitte das einſam ſchimmernde Licht ſeine Strahlen in den Fa⸗ cetten des Kriſtalls brach, bewegte ſich in einem Tanze ſo leicht, daß man ihn mit Grund luftig nennen konnte, Evelyn's feine Geſtalt. Mit erröthenden Wangen, das Auge von einem wunderbaren Feuer ſtrahlend, und den Arm zur Hälfte über das herrliche Haupt erhoben, walzte ſie unaufhoͤrlich umher, ohne die geringſte Müdigkeit zu fühlen oder zu ahnen. Man hörte kaum, daß ihre Füße den Boden berührten, ja, man würde gar nichts von ihnen geſehen haben, wenn nicht das leichte Kleid bisweilen auf die Seite geflattert wäre. Doch nicht lange ſollten die entzückten Zuſchauer ſich dieſes Anblickes erfreuen, welcher in Verbindung mit der wunderbaren Muſik alle Lebensgeiſter in Spannung geſetzt hatte; denn ploͤtzlich rief die Conſulin gleichſam inſpirirt aus:„Herr Gott! daß kein Menſch Evelyn's Element errathen konnte: das iſt der Tanz, der Tanz— und das habe ich, Gott helfe mir, nie träumen können! doch ſchon morgenden Tages wollen wir einen Tanzmeiſter verſchrei⸗ ben; und wäre ſie ein armes Mädchen, was ſie, Gott ſei Lob und Dank! nicht iſt, ſo ſollte ſie augenblicklich in das königliche Ballet treten!... Ach, Evelyn, liebes Kind! das da iſt allzu ſchön, allzu ſüß!.... aber jage Dir nun nicht den Athem aus dem Halſe!“ Kaum war den Lippen der Conſulin das letzte Wort entfahren, ſo verſchwand der ganze magiſche Zauber: die Muſik ſchwieg, der Tanz hörte auf, und als Conſtance hineineilte, um Evelyn zu einem Sofa zu führen, ſo wurde dieſe in ihren Armen ohnmächtig. Als ſie wieder zur Be⸗ 314 ſinnung kam, da weinte ſie convulſiviſch, und dieſem Pa⸗ rorysmus folgte eben ſo ſchnell ein ſchallendes Gelächter und ein halbunterdrückter Jubel:„Ich habe ſie gefunden, ich habe ſie gefunden!“ „Ach!“ ſagte Baron Mar, und ein Stich des tiefſten Schmerzes fuhr ihm durch die Seele,„ſie hat ihre Toͤne gefunden— aber nicht durch mich!“ Inzwiſchen las man ſtummes Erſtaunen auf jedem Antlitze. Sollte dieſe Kriſis die Decke hinwegnehmen, die bisher auf Evelyn's Seele geruht hatte, oder ſollte ſie die Abſtumpfung ihres Gemüthes vervollkommnen? Vierundzwanzigſtes Kapitel. Aus dem tiefen und feſten Schlafe, der Evelyn's Augen in dieſer Nacht ſchloß— dieſe Nacht, welche Con⸗ ſtance in warmen Gebeten an ihrem Bette durchlebte— erwachte ſie mit klarem Blick, mit klarer Seele. Der goldrothe Schein der Morgenſonne hatte begonnen, die alten bibliſchen Wandſtücke zu beleuchten, und die ſchöne Rebekka mit dem Waſſerkruge ſtrahlte in einer Glorie, welche ſogar die erblichenen Farben auf Eleaſar's Geſichte als kleine Schatten erſcheinen ließ. Auf dieſem Punkte der Wand weilte Evelyn's Auge, ehe es auf Conſtance ſiel, welche vor den alten, ſchweren Bettgardinen etwas verborgen wurde. Lange und mit ſichtbarem, immer mehr und mehr geſteigertem Intereſſe betrachtete ſie das friſche, ſittſame Lächeln auf Rebekka's Lippen. Vielleicht waren dieſe Stücke von einem nicht namhaften Künſtler gemalt; doch hatte jede Figur troh aller Y lebendig wie die purte, Worted und die die ſtets eine ſan bendem himmliſt die See Leben m. O „— die Gar fühlſt D Un als dieſe gegenſeit gen! die Stirn d nicht ant „De als fühlt Alles we habe ode „En „Ja wöhnlich nicht wo Deine M dieſem Pa⸗ Gelächter e gefunden, des tiefſten ihre Toͤne auf jedem nehmen, die ollte ſie die 2 er Evelynes welche Con⸗ urchlebte— ele. tte begonnen, n, und die einer Glorie, ſar's Geſichte elyn's Auge, en, ſchweren ge und mit tem Intereſſe uf Rebekka's einem nicht e Figur troh 315 aller Mängel, welche die Zeit herbeigeführt hatte, einen lebendigen Ausdruck, und man meinte ſehr wohl zu ſehen, wie die erröthende Verſchämtheit Rebekka's Wange pur⸗ purte, indem ſie mit halb verwundertem Blicke auf die Worte des aus weiter Ferne kommenden Fremdlings lauſchte und die Hand nach den goldenen Spangen ausſtreckte. „Ach, wer doch wäre wie ſie!“ Als Evelyn dieſe Worte halblaut ausſprach, fuhr Conſtance unwillkührlich zuſammen. Evelyn's ſchöne Stimme, die ſtets ein wenig ſchleppend geweſen war, tönte jetzt wie eine ſanft hinrollende Muſik. Conſtance lauſchte mit be⸗ bendem Entzücken. Was war das für ein wunderbarer himmliſcher Ton, der in dieſen Worten klang? Es war die Seele, die erwachte Seele, welche der Stimme ihr Leben mittheilte. „O Evelyn, Evelyn!“ ſagte Conſtance, indem ſie die Gardine zurückwarf und ihre Arme ausſtreckte,„jetzt fühlſt Du, wie herzlich ich Dich liebe!“ Und welche Gruppe konnte ſchöner zu ſchauen ſein, als dieſe beiden edlen und reinen jungen Mädchen, die ſich gegenſeitig mit ihren ſchneeweißen Lilienarmen umſchlan⸗ gen! die Glorie der Keuſchheit, welche von nichts auf der Stirn der Jungfrau übertroffen werden kann, ruhte in ihrer ganzen unnennbaren Anmuth über ihnen. „Fühlſt Du jetzt nicht, wie herrlich lieb ich Dich habe?“ fragte Conſtance, da Evelyn ihr vor Rührung nicht antwortete. „Das habe ich ſtets gefühlt, jetzt aber iſt es mir ſo, als fühlte ich es klarer... doch ſage mir— Du, die Du Alles weißt— ob ich einen wunderbaren Traum geträumt habe oder ob etwas Wunderbares vorgefallen iſt?“ „Entfinnſt Du Dich etwas, Evelyn 24 „Jal... Es iſt mir, als hätte ich erſt wie ge⸗ wöhnlich und grübelnd in einer Ecke geſeſſen— ich weiß nicht wo— aber ich entſinne mich, liebe Conſtance, daß Deine Muſik mich müde machte: dieſe künſtlichen Dinge, 316 die ich nicht verſtehe und die mir Leiden verurſachen, ſchlä⸗ ferten mich zuletzt ein. Da träumte ich von meinen Tönen, die ich immer geſucht, aber nicht gefunden habe, und wo⸗ bei es mir immer ſo war, als wollte ich vor Schmerz weinen, weil ich ſie nicht finden konnte— und dennoch hatte ich ſie ja im Herzen. Mit einem Male aber oͤffne⸗ ten ſich meine Ohren, und in ſie hinein ſtroͤmte ein großes Meer der wunderbarſten Töne. Bald kamen ſie ſanft und leiſe herangeſchlichen gleich den Mondesſtrahlen, bald roll⸗ ten ſie mir entgegen gleich dem fernen Donner und dann immer näher und näher. Ich war ſo glücklich: ich glaubte in dieſen Tönen, die mich umgaben, verſchmolzen und auf⸗ gelöſ't zu werden. Doch ploͤtzlich erſtarkte ich wieder, denn ich erkannte meine Töne, welche ich— Du weißt es — lange, ſehr lange, ja, ſo lange ich mich entſinnen kann, in mir getragen habe. Ein Schwindel erfaßte mich: ich ſchwebte in der Luft, ich fühlte, daß ich immer höher und höher gen Himmel empor ſchwebte; aber hinein kam ich nicht, denn ehe ich ganz empor kam, ſo vernahm ich eine ſchneidende Stimme von der Erde— ich kannte ſie ſehr wohl— es war meine Mutter. Da war es vorbei, die herrlichen Stimmen ſchwiegen augenblicklich, ich ſank zu Boden und erwachte mit einem heftigen Weinen. Das iſt Alles, was ich weiß.... doch das kann ja nichts anderes ſein als ein Traum?" Bei dieſen letzten Worten warf ſie auf ihre Freundin einen Blick voll forſchender Angſt. Es lag in dieſer Angſt ein Kampf zwiſchen der Seligkeit des Glaubens und der Unterwürfigkeit, der Troſtloſigkeit, und in ihrem ſchoͤnen blauen Auge ſtand eine flehende Bitte, ſo rein, ſo heilig, wie das Gebet eines Kindes, um die Erfüllung ſeines höchſten und theuerſten Wunſches. „Theure Evelyn! Du haſt nicht geträumt: es war Jemand da, der Deine Töne ſpielte, und Dein Entzücken öffnete Deine Seele zum Empfange dieſer Flüchtlinge, welche Du bis jetzt nicht finden konnteſt. Die Erſchüt⸗ terung, ſamen C than, da ploͤttlich konnteſt.“ Eve ſie mit heit und weißer V ich Unrech „Nei 8 ˙8 2= chen, ſchlä⸗ nen Tönen, de, und wo⸗ or Schmerz und dennoch aber oͤffne⸗ ein großes e ſanft und „bald roll⸗ r und dann ich glaubte en und auf⸗ vieder, denn zu weißt es ſinnen kann, e mich: ich höher und ein kam ich hm ich eine nte ſie ſehr vorbei, die ich ſank zu einen. Das nn ja nichts hre Freundin dieſer Angſt dens und der jrem ſchoͤnen n, ſo heilig, üllung ſeines nt: es war in Entzücken Flüchtlinge, Die Erſchüt⸗ 317 terung, die hieraus folgte, wird ganz gewiß einen heil⸗ ſamen Einfluß auf Dich ausüben, ja, ſie hat es ſchon ge⸗ than, da Du, die Du Dich ſtets ſo einſilbig ausdrückteſt, ploͤtzlich alle dieſe Worte für Deine Gedanken finden konnteſt.“ Evelyn ſchwieg einen Augenblick; darauf aber fragte ſie mit einer unbeſchreiblichen Miſchung von Verſchämt⸗ heit und Neugierde:„War Er es?“ „Er?“ wiederholte Conſtance, indem ſie, Nachdruck auf das Wort legend, ihren Blick auf Evelyn weilen ließ. Ein feiner Purpur blitzte auf Evelyn's durchſichtig weißer Wange.„Warum ſiehſt Du mich ſo an? Hatte ich Unrecht zu fragen?“ „Nein, nein, gewiß nicht: ich wunderte mich nur, daß Du nicht mehr zu fragen brauchteſt— Du ſcheinſt mir ſchon zu wiſſen, was Du wiſſen wollteſt!“ Jetzt flog ein verklärtes Lächeln über Evelyn's An⸗ tlitz, welches ihre inwohnende Seligkeit verrieth.„Alſo Er war es— ich konnte mich nicht täuſchen! Er alſo weckte mich, Er ließ mich gen Himmel empor ſchweben, Er ſchenkte mir alle dieſe Worte.... ach, wie liebe ich ihn, wie liebe ich ihn!“ Conſtance erſchrak über die Stärke und die Wärme in dieſem offenen Geſtändniß. Sie glaubte wohl, daß Cvelyn keine andere Liebe als die der Dankbarkeit meinte, und verſtände; doch ihre Augen redeten lebhaft von einem weit hoͤheren und ſtärkeren Gefühle, das der Freundin um ſo mehr als ein wirkliches erſcheinen mußte, als Evelyn's ausgeſprochene Frage:„War Er es?“ ſchon anzeigte, daß ihre Seele einen tiefen Eindruck entgegengenommen hatte. Ungewiß, was ihre Pflicht als Evelyn's beſte und treueſte Freundin ihr in dieſem Wendepunkte vorſchriebe, ſagte ſie faſt gedankenlos:„Er iſt ein ſo junger Mann: er darf nicht glauben, Evelyn, daß Du ſo, ſo dankbar biſt— er würde ſich darüber etwas einbilden, und das würde Dir ſelbſt ſchädlich ſein.“ 318 „Glaubſt Du das 2“ Evelyn's Stimme verrieth ganz deutlich ihren Kummer. „Ganz gewiß! Du weißt ja, daß wir Mädchen unſre Gefühle immer ſorgfältig verbergen müſſen: ſie würden entheiligt werden, wenn ein Mann in dieſelben blicken dürfte.“ „Wenn ſie aber rein und gut ſind?“ „Auch dann, wenn ſie ſich mit demjenigen beſchäfti⸗ gen, der ſie nicht ſehen darf; denn obgleich Dein Gefühl ſo rein iſt, wie das Gold der Sonne, und einzig und allein Dankbarkeit— nichts anderes als Dankbarkeit— ſo darf er ſie dennoch nicht in Deinen Augen leſen.“ „Wäre es möglich, daß es etwas anderes ſein koͤnnte?“ fragte Evelyn zaudernd. „Nein, gewiß nicht!“ „Warum aber darf er denn meine Dankbarkeit nicht ſehen?“ ich Recht habe?“ „Ich weiß nicht, ob es mein weibliches Gefühl iſt oder etwas anderes, das mir ſagt, er wird dennoch ſehen, was ich verbergen ſoll. Ja, wenn er ſeine Augen nij mich heftet, da lieſ't er, was er will.“ „So ſchlage Deine Augen nieder!“ „Dann lieſ'l er in meiner Seele. Doch werde ich Deinen Rath befolgen, ſo viel ich kann; wenn es mir aber unmöglich ſein ſollte, ſo darfſt Du mir nicht boͤſe werden!“ „Da werde ich Dir nicht böſe, wohl aber traurig um Deinetwillen... Weißt Du wohl noch“— Con⸗ ſtance hielt es für nothwendig, dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben—„wem Du vor einem Augenblicke ähnlich zu ſein wünſchteſt, wen Du beneideteſt, da Du ſagteſt: ach, wer doch wäre wie ſie!“— Evelyn deutete auf die Figur, welche Rebekka vor⸗ ſtellte.„Dieſe... ſiehſt Du, wie friedevoll und froh ſie ausſieht? Ach, ſie waren gewiß in jener Zeit ſehr „Sagt Dir denn nicht Dein weibliches Gefühl, daß und Ideen glücklich ſich recht kommen Dir nicht noch bin vorgeſtern früh auf Hälfte der zu legen.“ Evely doch antwo „Du in einem h „Ja, „Ach, der währen errieth ganz dchen unſre ſie würden ben blicken en beſchaͤfti⸗ Dein Gefühl eeinzig und nkbarkeit— n leſen.“ ein koͤnnte?“ kbarkeit nicht efühl, daß s Gefühl iſt ennoch ſehen, e Augen auf werde ich es mir aber oͤſe werden!“ aber traurig u— Con⸗ 319 glücklich! Ich moͤchte wohl wiſſen, wie es iſt, wenn man ſich recht, recht glücklich fühlt!“ „Biſt Du denn das nicht in dieſem Augenblicke, da Du Dich über ſo Vieles zu freuen haſt, da Du fuhlſt, daß Du alles genießen, Dich über alles freuen kannſt?“ „Nicht über alles— ach nein, nein! Nur geſtern, und auch da nur für einige Augenblicke fühlte ich mich voll⸗ kommen glücklich: jetzt fehlt mir ſchon etwas, das ich Dir nicht ſagen kann, well ich ſelbſt es nicht weiß. Den⸗ noch bin ich glücklich, ſehr glücklich in Vergleich mit vorgeſtern... Doch wie kommt es, daß Du ſchon ſo früh auf biſt?“ „Ich bin um Dich, meine Evelyn, unruhig geweſen; darum blieb ich dieſe Nacht bei Dir und ſaß hier auf dieſem Stuhle. Da war auch jemand, der geſtern zu mir ſagte:„laſſen Sie ſie nicht allein!““ „Wer ſagte ſo?“ „Jemand, der ſich aufrichtig für Dich intereſſirt und über Deinen Zuſtand unruhig iſt; jemand, der Dir un⸗ endlich wohl will!“ „Mutter?“ „Sie will gewiß ebenfalls Dein Wohl von Herzen; doch findet ſie leider nicht immer das beſte Mittel. Doch derjenige, welcher ſo zu mir ſagte, war weder jemand von Deinen Eltern, noch auch die gute Mamſell Char⸗ lotte— Keines von ihnen wäre im Stande geweſen, die Päſi der zärtlichen Bekümmerniſſe in dieſe wenigen Worte zu legen.“ Evelyn's Haupt ſenkte ſich auf ihre Bruſt herab; doch antwortete ſie nicht. „Du willſt nicht ahnen, Evelyn?“ fuhr Conſtance in einem halb vorwurfsvollen Tone fort. „Ja, ich wollte wohl; doch— Du biſt ſo ſtrenge!“ „Ach, denke nun nicht wieder an ihn; denke an den, der während des ganzen Sommers alle Deine Gedanken und Ideen zu errathen ſuchte— denke an den freundlichen, 320 guten Baron Mar, der Dich liebt, Dich, Evelyn, mit Herz und Seele liebt!“ „Warum thut er das? Ich habe ihm nichts Gutes gethan... ich will nicht, daß er mich liebt!“ „Um ſo ſchlimmer für Dich, wenn Du keinen Werth auf ſeine Liebe ſetzeſt, die doch auf keine Weiſe eigennützig iſt! Du haſt ihm nichts Gutes gethan, und dennoch liebt er Dich.“ „Warum?“ „Darum, weil er Dich liebenswürdig findet, und darum, well vielleicht die Liebe ſo beſchaffen iſt, daß ſie unabhängig von unſerm Willen ihre Macht ausübt, und“.. Hier aber brach Conſtance plötzlich ab. Sie war ſelbſt jung und ohne große Erfahrung; doch hatte ſie einen klaren Verſtand, einen tiefen Scharfſinn, und beides ſagte ihr nun, daß ſie in ihrer guten Abſicht dem Baron Marx zu dienen, jetzt auf ein Capitel gerathen war, das für Evelyn ganz unpaſſend war. „Fahre fort, Conſtance!“ „Ueber dieſe Sache iſt weiter nichts zu ſagen: ich habe Dir alles geſagt, was ich weiß; und da der Baron Max es ſo herzlich gut mit Dir meint, ſo mußt Du freundlich und gut gegen ihn ſein, wenn er heute Vor⸗ mittag kommt— denn er kommt ganz gewiß und hoͤrt nach, wie es mit Dir iſt, ehe er reiſet.“ „Er reiſ't alſo 2“ „Morgen Nun aber hoͤre ich, daß Mamſell Charlotte kommt; ſie iſt geſchickt von Deiner Mutter... Ach, beſte Evelyn, vergiß es nie, wie gut Deine Mutter es meint, wenn ſie ſich auch nicht ſo ausdrückt, wie Du wohl wünſchteſt!“ Um die Frühſtückszeit fand ſich der Baron Mar ein. Magiſter Carleborg hatte ſich mit einem kleinen Uebel⸗ beſinden entſchuldigt und frühſtückte daher auf ſeinem Zimmer Dankbar ſelbſt kan hegte. Da bekannter anweſend in ſeinen durch der heute ſo das Glü⸗c zurufen, daß er w derjenige ſäule geg „Be Charlotte teſte und ſieht und wer hätte zes ſo wo eine Tanz nen wir j gehoͤrig a Ma daß es vi überlegen zu der ge wäre, ent Ein Conſul ſa er hatte e er zu ver⸗ gebietend: O liebt: ich Eine Na velyn, mit ichts Gutes 74 einen Werth eigennützig ennoch liebt findet, und iſt, daß ſie übt, und“... Sie war yh hatte ſie , und beides dem Baron n war, das du ſagen: ich der Baron ſo mußt Du heute Vor⸗ ſiß und hoͤrt aß Mamſell Mutter... eine Mutter ckt, wie Du on Mar ein. leinen Uebel⸗ auf ſeinem 321 Zimmer; dafür empfand die ganze Geſellſchaft eine große Dankbarkeit, Evelyn ausgenommen, welche gleichwohl ſelbſt kaum wußte, daß ſie einen entgegengeſetzten Wunſch hegte. Da ein zu gleicher Zeit ſo fremder und dennoch ſo bekannter und zum Hauſe gehoͤrender junger Mann nicht anweſend war, ſo fühlte man ſich vertraulicher, natürlicher in ſeinem gegenſeitigen Verhältniſſe, und als Baron Max durch den nicht verblümten Ausdruck ſeiner Freude, Evelyn heute ſo friſch und blühend zu finden, zum erſten Male das Glück hatte, ein Erröthen auf ihren Wangen hervor⸗ zurufen, ſo erhielten ſeine Hoffnungen einen ſolchen Schwung, daß er wenigſtens einen Augenblick vergaß, daß nicht er derjenige war, welcher den lebendigen Geiſt in die Bild⸗ ſäule gegoſſen hatte. „Bei Gott!“ flüſterte die Conſulin der Mamſell Charlotte in das Ohr,„wir erleben hier das charman⸗ teſte und effectvollſte Wunder! Sieh nur: ſie hört und ſieht und erröthet und ſchlägt die Augen nieder!.... wer hätte es ſich denken können, daß die Macht des Tan⸗ zes ſo wohlthätig wäre? Ich will den Baron bitten, uns eine Tanzmamſell aus Stockholm zu ſchaffen— dann koͤn⸗ nen wir ja zu Weihnachten Bälle anſtellen, ſo daß ſie ſich gehoͤrig austanzt!“ Mamſell Charlotte wagte einen demuthsvollen Wink, daß es vielleicht das Beſte ſein moͤchte, die Sache erſt zu überlegen: ſie ihres Theiles glaubte, daß jener Tanz nicht zu der gewöhnlichen Art gehoͤrte, ſondern eine Inſpiration wäre, entſtanden durch... Ein Blick der Conſulin gebot Schweigen, denn der Conſul ſaß da mit dem Glaſe nachdenklich in der Hand: er hatte eine Inſtruction erhalten, der arme Mann, die er zu vergeſſen ſuchte; doch ſeine Hälfte ſagte ehrfurcht⸗ gebietend:„Ich ſehe, daß mein Mann...“ „O, liebe Nelly, nicht ſo feierlich, wenn Dir's be⸗ liebt: ich wollte weiter nichts, als dem Herrn Baron eine Eine Nacht am Bullarſee. I. 21 3²22 glückliche Reiſe wünſchen, ſo wie auch ferner unſre Hoff⸗ nung ausſprechen, daß bei der Rückkehr dem Herrn Baron unſer Oernwik nicht weniger widerwärtig erſcheinen möge, als jetzt der Fall zu ſein ſcheint.... Herr Baron, ich habe die Ehre!“ „Die Augenblicke, welche ich auf Oernwik verlebt habe, ſind mir allzu theuer, als daß ich ſie je vergeſſen könnte; und ich bekenne offen, von den Wünſchen, deren Erfüllung mir zur größten Freude gereichen würde, iſt einer der lebhafteſten, bei meiner Rückkehr im nächſten Januar nicht gänzlich vergeſſen zu ſein!“ „Vergeſſen!“ rief oder beinahe ſchrie die Conſulin. „Niemals, Herr Baron! Es gibt Menſchen, welche man nie vergeſſen kann, und ich bin mir ſelbſt die Gerechtig⸗ keit ſchuldig, zu erkennen, daß ich auch kaum glaube, daß irgend jemand in unſerm Hauſe den Herrn Baron ver⸗ geſſen wird!“ „Heißt das wohl nicht allzu viel verſprechen, liebe Tante?“ ſcherzte Conſtance, welche meinte, das Geſpräch ginge nun ein wenig zu weit in das entſcheidende Gebiet hinein.„Ich meines Theiles muß anhalten, von der Verpflichtung freigeſprochen zu werden, den Herrn Baron von dem heutigen Tage an bis zum Januar in treuem Andenken zu behalten.“ „Ich hätte ſagen ſollen:„unſre Familie,“ entgeg⸗ nete die Conſulin mit beleidigter Würde; Du, meine liebe Conſtance, haſt Deine Freiheit!“ „Und dieſe wird die Erinnerung um ſo ſtärker bin⸗ den!“ bemerkte der Baron lächelnd,„oder was meinen Sie, Mademoiſelle Evelyn? vergeſſen wir nicht diejenigen leichter, welche wir uns verpflichten nicht zu vergeſſen, als diejenigen, welche wir Freiheit haben zu vergeſſen?“ „Darüber kann ich gar nichts ſagen,“ antwortete Evelyn ſchüchtern,„weil ſch noch nie ein ſolches Ver⸗ ſprechen gegeben habe; doch wenn ich das gethan hätte“ ... Sie ſchwieg, doch ihr Schweigen war beredt. „Natürlich war jetzt nur die Rede von einem Scherze Be deutlich nehmen; Aufmerk und da ſtand me „3. liſtigen bedeutun leiſer St Baron! Ereigniß hat! Sag eigentlich „Da Muſik. eine wild glecher tiefer an iuſre Hoff⸗ rrn Baron inen möge, Baron, ich wik verlebt je vergeſſen hen, deren würde, i im nächſten ie Conſulin. welche man e Gerechtig⸗ glaube, daß Baron ver⸗ echen, liebe as Geſpräch ende Gebiet „ von der Herrn Baron in treuem „“ entgeg⸗ Du, meine ſtärker bin⸗ was meinen ſolches Ver⸗ ethan hätte“ beredt. inem Scherze 323 und von der Art Vergeſſen, das nur unter Freunden und Bekannten vorkommen kann. Wäre dagegen die Rede von einem ernſten und feſten Verſprechen, ſo bin ich über⸗ zeugt, Mademoiſele Evelyn würde daſſelbe nie brechen wollen?“ „Ich fürchte, daß ich dazu nicht im Stande wäre!“ „Dafür, mein Kind, wage ich mich zu verbürgen,“ fiel Frau Lowe ein;„Du würdeſt nie ſo aus der Art ſchlagen können— frage Deinen Vater; wie Deine Mutter ihre Verſprechungen erfüllt hat!“ Bei dieſer Wendung des Geſpräches meinte Conſtance deutlich das Geraſſel eines Wagens in der Allee zu ver⸗ nehmen; ſie wußte, daß dieß etwas war, welches die Aufmerkſamkeit der Conſulin immer in Anſpruch nahm, und da das Frühſtück auf jeden Fall zu Ende war, ſo ſtand man auf und verfügte ſich in das Beſuchzimmer. „Ich fuͤrchte faſt,“ ſagte Baron Max mit einem liſtigen Blick auf Conſtance,„jenes Geraſſel iſt eine Vor⸗ bedeutung meiner Abreiſe— es wird wohl Zeit ſein, da⸗ ran zu denken!“ „O, nicht ſo früh, mein beſter Herr Baron! Wollen wir nicht ein wenig in den Salon gehen, ſo kann ich er⸗ fahren, was Sie zu meiner prächtigen Camelia ſagen, die der Gärtner heute aus der Orangerie heraufgeſchickt hat! Die Freiherrin liebt Camelien, und wenn der Herr Baron glaubt, daß es ihr nicht unangenehm wäre“... den Baron Mar an die Camelia führend, ſetzte ſie mit leiſer Stimme hinzu:„Ein Wort im Vertrauen, Herr Baron! Sagen Sie mir Ihre Meinung über das geſtrige Ereigniß und die erſtaunenswerthen Folgen, die es gehabt hat! Sagen Sie mir offenherzig, was kam meine Evelyn eigentlich an?“ „Das war ohne Zweifel die mächtige Kraft der Muſik. Der Vortrag des Magiſters Carleborg athmete eine wilde Poeſie und hatte einen ſo ſchneidenden und zu gleicher Zeit geheimnißvollen Einfluß, daß er um ſo tiefer anſchlagen mußte auf das verſchloſſene Weſen der 324 Demoiſelle Evelyn, weil ſie in dieſer Mufik einige Toͤne wieder zu finden glaubte, die ihr, wie ich gehört habe, aus früͤheren Zeiten vorgeſchwebt haben.“ „Ach, mein lieber Herr Baron! dieſe Töne haben ihr gewiß nie vorgeſchwebt, als nur geſtern, und da— obgleich ich meine, daß der Magiſter eigentlich keine Tanz⸗ muſik ſpielte— hat ſie, die arme Kleine, das ſo ver⸗ ſtanden. Ich bin mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, zu geſtehen, daß ich wenige junge Damen geſehen habe, die ſich im Tanze mit ſo vieler Grazie und Anmuth führten, wie Evelyn— ich glaube wenigſtens, daß auch ich als Mutter das unpartheiiſch ſagen kann!“ „Das koͤnnen Sie ohne Zweifel, Frau Conſul; doch wage ich mit unſrer nunmehr vertraulicheren Bekanntſchaft offen hinzu zu fügen, daß ich glaube, Demoiſelle Evelyn muß jetzt mit der äußerſten Vorſicht behandelt werden, faſt wie eine vom Tode gerettete Kranke, die nur lang⸗ ſam zum Leben wiederkehrt.“ „Mein beſter Herr Baron! das war mir etwas ganz Unerwartetes! Wann iſt wohl Evelyn geſund geweſen, wenn nicht in dieſem Augenblicke? Doch gebe ich zu, daß ſie ſich nicht allzu ſehr fatiguiren oder allzu lange hinter einander tanzen muß. Nathen ſie mir, einen Lehrmeiſter her zu nehmen?“ „Wozu denn einen Lehrmeiſter?“ fragte der Baron beſtürzt. „Nun, verſteht ſich zum Tanzunterrichte! Bisher iſt es ganz unmöglich geweſen, ſie dahin zu bringen, tanzen zu lernen; da nun aber ihre Neigung zu dieſem Genre der freien Künſte ſich jetzt ſo beſtimmt deeidirt hat— und man ja auch zugeben muß, daß Tanz unbedingt mit zu der Erziehung eines gebildeten Mädchens gehört— ſo iſt es auch meine Abſicht, weder Mühe noch Koſten zu ſpa⸗ ren, und wenn Sie zum Neujahr zurück kommen, ſo wollen wir die angenehmſten Soiréen haben.... ver⸗ laſſen Sie ſich auf mich!“ Baron Mar ſchwitzte beinahe vor Unruhe. Es gah, wie er denn; richtig vollkon Baron — alſ Eile e ſchonen len, u verſteh benutze Sie w eine ki jungen gewagt haltsor Evelyn wie die nige Toͤne hört habe, eöne haben und da— keine Tanz⸗ as ſo ver⸗ chuldig, zu habe, die h führten, uch ich als onſul; doch ekanntſchaft elle Evelyn helt werden, nur lang⸗ etwas ganz nd geweſen, ich zu, daß lange hinter Lehrmeiſter der Baron Bisher iſt ggen, tanzen mm Genre der hat— und dingt mit zu ört— ſo iſt oſten zu ſpa⸗ kommen, ſo .... ver⸗ zje. Es gab, 325 wie er glaubte, nur einen Ausweg, der Sache zu helfen; denn zu verſuchen, der Conſulin zu beweiſen, wie un⸗ richtig ſie ihre Tochter aufgefaßt hätte, würde nicht allein vollkommen vergeblich geweſen ſein, ſondern auch den Baron ſelbſt in ein allzu ungünſtiges Licht geſetzt haben — alſo nur ein Ausweg, und dieſer müßte in größter Eile eingeſchlagen werden:„Meine beſte Conſulin! ver⸗ ſchonen Sie mich, als Mann, über dieſe Dinge zu urthei⸗ len, welche nur der feine Blick der Damen zu würdigen verſteht; laſſen Sie mich lieber dieſe günſtigen Augenblicke benutzen, um ihnen eine Bitte meiner Mutter vorzutragen! Sie würde auf das höchſte verbunden ſein, wenn ſie auf eine kurze Zeit das Vergnügen des Umganges mit den jungen Damen haben könnte; und ſie hat hinzu zu fügen gewagt, daß ſie glaubte, eine Veränderung des Aufent⸗ haltsortes und der Umgebungen würden der Mademoiſelle Evelyn gewiß nicht ſchaden; auch verſpricht ſie dieſelbe wie die zärtlichſte Mutter zu behandeln.“ Dieſer Wunſch, Evelyn in das Haus ihrer Schwie⸗ gereltern zu introduciren— wie die Conſulin ſich in Ge⸗ danken ausdrückte— konnte nichts anderes bedeuten, als eine ernſte Vorbereitung zu der Brautwerbung, die man um Neujahr zu erwarten hatte; doch ſo überraſcht und geſchmeichelt die Conſulin ſich fühlte durch dieſe unver⸗ deckte Offenheit in den Abſichten des Barons, ſo würde es doch unvereinlich geweſen ſein mit der Pflicht, welche die Conſulin ſich ſelbſt ſchuldig war, wenn ſie gleich im erſten Augenblicke ihre Bereitwilligkeit gezeigt hätte. Sie machte ſich daher auf alle Weiſe wichtig, begehrte einige Augenblicke Bedenkzeit, um mit ihrem Manne ſich zu berathen. Aber nach allen dieſen Bedenklichkeiten, und nachdem Rath ſowohl von dem Conſul, als auch von der eigentlichen Räthin des Hauſes, der Mamſell Char⸗ lotte eingeholt worden war, ſo wurde mit aller moͤglichen Feierlichkeit, ohne nur im Mindeſten Conſtancen und noch weniger Evelyn um ihre Meinung zu fragen, das beſtimmte 326 Verſprechen ertheilt, daß die Conſulin um zwei Tage kleine ihre Mädchen der Freiherrin ſelbſt zuführen würde. neidiſe Mit dieſem Verſprechen reiſ'te der Baron ſo zufrie⸗.„ den und vergnügt ab, wie er ſich unter den jetzigen Ver⸗ nimmt hältniſſen fühlen konnte. Beim Abſchiede wagte er es Andrer noch, Evelyn einige zärtliche Worte zu ſagen; doch ent⸗ ringſter weder verſtand ſie ihn nicht, oder auch hatte der Inſtinkt welchen ſie ſchon gelehrt, nicht zu verſtehen, was ſie nicht beani⸗ ſo kam worten konnte. Deinen Er fühlte ſich nicht beleidigt über ihr Benehmen bei Variat dieſer Gelegenheit— was konnte er von Evelyn jetzt ſchon überdie mehr verlangen? Erſt nachdem ſie ſeine Gattin geworden gegend war, erſt nachdem er das Recht erhalten hatte, ihr zu Dich a zeigen, wie theuer ſie ihm war, erſt da hoffte er all⸗ der Fr mäalig das zäértliche Gefühl hervorzurufen, auf welches in N dieſem Augenblicke ſchon zu hoffen eine Ungereimtheit ge⸗ men; d weſen ſein würde. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Sobald der Baron gereiſ't war, rief die Conſulin Dir zu beide Mädchen und zeigte ihnen mit der Feierlichkeit, 1c, u welche die Sache heiſchte, an, daß die Freiherrin auf da Du Broͤllinge die Aufmerkſamkeit gehabt hätte, ſie zu einer Dich f Biſite auf einige Wochen zu invitiren,„ein Agrement, nehme meine Kinder, wozu Ihr beide allen moͤglichen Grund 75 habt, Euch Glück zu wünſchen!“ kann! „Ja, ich muß geſtehen,“ rief Conſtance lebhaft aus,. denn ſie hatte ihre eigene Bekümmerniſſe, und wünſchte mener nichts ſo ſehnlich, als Evelyn den Eindrücken entziehen zu keinen können, welche dieſe ſchon empfunden hatte,„es wird uns 5 ein außerordentliches Vergnügen machen, wenn wir eine zwei Tage ürde. ſo zufrie⸗ etzigen Ver⸗ agte er es ; doch ent⸗ der Inſtinkt nicht beant⸗ enehmen bei zjetzt ſchon in geworden ttte, ihr zu offte er all⸗ welches in eimtheit ge⸗ die Conſulin Feierlichkeit, eiherrin auf ſie zu einer Agrement, ſchen Grund lebhaft aus, nd wünſchte entziehen zu es wird uns nn wir eine 327 kleine Abwechſelung erhalten! Sie werden wohl nicht neidiſch, liebe Tante?“ „Gewiß nicht, beſte Conſtance! in meinen Jahren nimmt man weit mehr Rückſicht auf das Vergnügen Andrer, als auf ſein eigenes; und da ich nicht im Ge⸗ ringſten bezweifle, daß Du den angenehmen Zufluchtsort, welchen Du auf Oernwik haſt, unendlich hoch ſchätzeſt, ſo kann ich keinen Neid darüber empfinden, daß Du mit Deinem jungen, leichten Sinn, wie Du ja ſelbſt ſagſt, Variation liebſt. Das Haus des Barons von G— iſt überdieß nächſt dem unſrigen eines der gentilſten der Um⸗ gegend und ein in jeder Hinſicht gebildetes Haus: ich kann Dich alſo mit voͤlligem Vertrauen der mütterlichen Pflege der Freiherrin übergeben.“ Noch war kein Wort über Evelyn's Lippen gekom⸗ men; doch hoͤrte ſie mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu. „Warum antworteſt Du nicht, Evelyn?“ „Du haſt mich ja nicht gefragt, liebe Mutter!“ „Aber ich habe Dir etwas erzählt, das Dir ohne Zweifel Freude machen muß.“ Evelyn ſchwieg. „Ich fürchte, Evelynchen, Du biſt wirklich capriciös! Kann es nicht genug ſein, wenn eine Mutter wie die Deinige ſagt: man hat Dich hierhin oder dorthin einge⸗ laden, mein Kind! ohne nöͤthig zu haben, ſich ſpeciell bei Dir zu erkundigen, ob es Dir auch gefällt?... Nun ja, man muß wohl mit Dir ein wenig Nachſicht haben, da Du immer ſo ſonderbar geweſen biſt! daher frage ich Dich foͤrmlich, ob Du die Einladung der Freiherrin an⸗ nehmen und einige Zeit auf Bröllinge zubringen willſt?“ nen. das will ich nicht, wenn ich umhin kommen ann!“ „Ach ſo? Du willſt nicht? Weißt Du aber wohl, meine liebe Evelyn! in meiner Jugend hatten die Töchter keinen andern Willen, als den ihrer Eltern!“ „Ich ſagte ja auch, daß ich es nicht wollte, wenn 328 ich umhin kommen könnte!“ dieſe Worte ſagte ſie in einem unbeſchreiblich bittenden Tone. „Goͤnnen Sie ihr Zeit,“ bat Conſtance innig,„ſich an den Gedanken einer kleinen Entfernung zu gewöhnen: wenn wir nur erſt mit einander den Nutzen und das Vergnügen eines ſolchen Ausfluges überlegt haben, ſo wird ſie denſelben gewiß nicht langweilig finden.“ „Doch,“ ſagte Evelyn,„ich werde ihn immer lang⸗ weilig finden!“ „Warum denn, in des Himmels Namen?2“ rief die Conſulin aus.„Kannſt Du mir das ſagen, oder weißt Du es ſelbſt nicht?“ „Nein, das weiß ich nicht!“ „Nun, war es nicht wie ich ſagte? ich war über⸗ zeugt, daß Du keinen Grund hatteſt! Siehſt Du aber, mein Goldtäubchen, mein füßes, geliebtes Kind! Deine Mutter verſteht Dich, und hat das, Gott ſei Lob und Dank, wie es auch recht iſt, immer gethan, und darum kann ſie Dir ſagen, was Du ſelbſt nicht weißt, daß es weiter nichts iſt, als eine kleine Blödigkeit, unter fremden Leuten zu leben. Doch kannſt Du mir glauben, es gibt ſich das, wenn Du nur erſt einige Tage dort geweſen biſt! Ueberdieß haſt Du ja Conſtance— mit ihr kannſt Du Dich ja über die theure Heimath unterhalten.... une 14 Du Dir verſiehſt, ſo komme ich und beſuche 3 Dich 1 Evelyn's Bruſt hob und ſenkte ſich in zwangvoller Unruhe. Warum wollte man ſie zu einem Vergnügen zwingen, da ſie es ſelbſt für kein Vergnügen hielt? Sie that dieſe Frage nicht, doch ihr betrübter Blick ſprach dieſelbe deutlich genug aus. „Nun ſoll meine Evelynchen ſich nicht länger traurig zeigen, nicht länger ein Kind ſein! Vater billigt die Reiſe, Mutter billigt ſie, Charlotte billigt ſie und Con⸗ ſtance billigt ſie ebenfalls; und wäͤre es nicht unter meiner Würde, mich auf den Magiſter Carleborg in dieſer Sache zu berufen, ſo würde er gewiß, ſo einſeitig er auch ge⸗ weil er einzuſeh wird es tion eit den leic weil ge Eleganz müſſen! Al⸗ leborg jenes be welches ſie anred ſo weich zu ihm geſchehen zu ziehe volle Ru weilen auf ihr. „2 Sie, H Sache 3 mender gewinnen „3 trauen b teiiſch w „G Herrſcha e in einem nnig,„ſich gewöhnen: n und das haben, ſo 1 74 nmer lang⸗ 2“ rief die oder weißt war über⸗ ſt Du aber, nd! Deine ſei Lob und und darum ßt, daß es ort geweſen t ihr kannſt Iten.... und beſuche zwangvoller Vergnügen hielt? Sie Blick ſprach ger traurig billigt die ſe und Con⸗ nicht unter arg in dieſer einſeitig er nter fremden len, es gibt — 329 auch gewiſſe Sachen beurtheilt, dieſe wenigſtens billigen, weil er nicht umhin kann, Deinen Nutzen von derſelben einzuſehen!“ „Frage ihn!“ ſagte Evelyn mit einem gewiſſen Leben in der Stimme. „A la bonne heure, das werde ich auch! Er wird es doch nothwendig wiſſen müſſen, daß zur Educa⸗ tion einer jungen Dame nothwendig iſt, ſich bisweilen den leichten Zwang eines andern Umganges aufzuerlegen, weil gerade dieß ihr ſpäterhin die Sicherheit und ſeine Eleganz gibt, die jeder Dame von Stande eigen ſein müſſen!“ Als Evelyn beim Mittagstiſche den Magiſter Car⸗ leborg wiederſah, kam zum erſten Male in ihrem Leben jenes beſchwerliche und verdrießliche Gefühl über ſie, welches man Verlegenheit nennt; doch die Art, wie er ſie anredete, war ſo ſanft und voller Achtung, ſeine Stimme ſo weich und bezaubernd, daß Evelyn bald ihren Blick zu ihm zu erheben wagte. Kaum aber war das geſchehen, ſo vermochte ſie denſelben nicht wieder zurück zu ziehen, denn es ruhte ein ſo tiefer Ernſt, eine ſo fried⸗ volle Ruhe in ſeinem Auge, und dieſes Auge weilte bis⸗ weilen mit ſo unbeſchreiblich intereſſirter Theilnahme auf ihr. „Wir, ich und meine Tochter, ſind einig geworden, Sie, Herr Magiſter, zu unſerm Schiedsrichter in einer Sache zu nehmen!“ begann die Conſulin mit ausneh⸗ mender Anmuth; denn nun wollte ſie den Schiedsrichter gewinnen. „Ich ſchätze mich glücklich, mit einem ſolchen Ver⸗ trauen beehrt zu werden, und will verſuchen, ſo unpar⸗ teiiſch wie möglich zu ſein!“ „Gut! die Sache iſt folgende: da die freiherrlichen Herrſchaften auf Broͤllinge und wir auf einem ſehr inti⸗ 330 men Fuße leben, welcher, in Parentheſe geſagt, wahr⸗ ſcheinlich bald noch intim— doch das gehoͤrt nicht hieher — ſo iſt die Freiherrin ſo artig geweſen, Evelyn und ihre Geſellſchaftsdame auf einige Zeit zu ſich zu bitten; Evelyn aber findet für gut, die Einladung nicht für be⸗ luſtigend zu halten, und wäre am liebſten, wenn ſie nur dürfte, davon befreit. Jetzt iſt die Frage, Herr Magiſter, ob nicht Sie eben ſo gut wie wir Uebrigen einſehen, wie vortrefflich die Geſellſchaft der Freiherrin und eine Va⸗ riation im Allgemeinen für Evelyn ſein würde, welche die Einſamkeit allzu ſehr liebt?“ Als die Conſulin ihren inhaltsſchweren Vortrag ge⸗ endigt hatte, hafteten nicht allein ihre Augen ſondern auch die Augen der ganzen übrigen Geſellſchaft auf dem Magiſter Carleborg. Auch Evelyn erhob das ihrige zu ihm empor, und in dem ſcheuen Blicke lag ſogar eine nicht undeutliche, wenn auch ihr ſelbſt unbewußte Hoff⸗ nung, daß er zu ihren Gunſten antworten würde. Doch ganz im Gegentheil ſagte Juſtus, indem er mit einem ernſten, ja faſt ſtrengen Blicke das junge Mäd⸗ chen firirte:„Ich bin überzeugt, daß es hier keines Schiedsrichters bedarf, denn eine zärtliche und gute Tochter, wie Mademoiſelle Evelyn hält ganz gewiß ihren eigenen Wunſch für allzu leicht, als daß ſie ihn gegen den ihrer Mutter in die Wagſchaale legen moͤchte!“ Conſtance warf einen ärgerlichen Blick auf ihn, der ſich nicht ſcheuete, Evelyn's Gefühle ſo hart zu behandeln; Evelyn aber ſenkte ihr Haupt demuthsvoll und gehorſamt man ſah, daß ſie an keine weitere Einwendung dachte... Als man wiederum in das Beſuchzimmer gekommen war, ſo ſuchte Conſtance zum erſten Male Gelegenheit, dem Magiſter einige Worte zu ſagen. Es hatte ſo aus⸗ geſehen, als ob er ſie nicht ſehr bemerkte, und wie man weiß, hatte er auf ihre Muſik nicht Achtung gegeben: dieſe beiden Umſtände hatten Conſtance gereizt; doch ver⸗ gaß ſie ihren eigenen Verdruß und den Vorſatz, niemals aus eig reden,! erblickte. „Ut wundern Mademo einen Au fallen ko Evelyn ihrer kle hätte?“ gleitete, d ſetzte der und ein j denn kaun „Eve ſanfte Be digen, iſt unedel!“ „Vie. daß ein ge ſreiem Wi reiten.“ „Und ſter, für 9 agt, wahr⸗ nicht hieher Evelyn und zu bitten; icht für be⸗ denn ſie nur rr Magiſter, inſehen, wie nd eine Va⸗ rde, welche Vortrag ge⸗ ugen ſondern aft auf dem as ihrige zu g ſogar eine ewußte Hoff⸗ ürde. „ indem er junge Mäd⸗ hier keines ute Tochter, hren eigenen en den ihrer uf ihn, der du behandeln; dachte... t; doch ver⸗ latz, niemals d gehorſam: 331 aus eigenem Antriebe den großen und ſtolzen Herrn anzu⸗ reden, denn jetzt betraf es ja Evelyn. „Ich möchte wohl wiſſen,“ ſagte ſie halblaut, indem ſie an das Fenſter trat, vor welchem er ſtand,„wie jemand und noch dazu ein gänzlich Unbekannter, den Muth— ja ich kann kaum der Verſuchung widerſtehen, es Kühnheit zu nennen— haben kann, die arme Evelyn ſo ſcharf anzureden?“ Und bei dieſer nicht eben arti⸗ gen Frage blitzten Conſtance's dunkle Augen ſo, daß man in denſelben deutlich ihren unverſchleierten Verdruß erblickte. „Und ich nahm mir die Freiheit, mich ebenfalls zu wundern, wie diejenige, welche ſich die beſte Freundin der Mademoiſelle Evelyn nennt, es über ſich vermoͤgen kann, einen Ausſchlag zu tadeln, der nicht gerne anders aus⸗ fallen konnte— oder wäre es wohl für Mademoiſelle Evelyn ein größerer Gewinn geweſen, wenn ich fie in ihrer kleinen Oppoſition gegen die Mutter unterſtützt hätte?“ „Ich habe nicht das Urtheil getadelt— denn eben dieſen Rath hatte ich Evelyn ſchon gegeben, ſondern den Ton, womit Sie es fällten, den Blick, der daſſelbe be⸗ gleitete, der...“ Conſtance unterbrach ſich ſelbſt. .„Der auf Mademoiſelle Evelyn einwirkte?“ ſetzte der Magiſter Carleborg den abgebrochenen Satz fort, und ein feines und ſpitziges Lächeln berührte ſeine Lippen, denn kaum läßt ſich ſagen, daß es dort weilte. „Evelyn iſt ein weiches, ſchwaches Weſen, das eine ſanfte Behandlung nöthig hat: ſie ohne Abſicht zu belei⸗ digen, 5 ſchon eine Sünde: ſie mit Abſicht beleidigen, iſt unedel!“ „Vielleicht eher das Gegentheil; denn ich geſtehe, daß ein gewiſſer moraliſcher Muth dazu gehört, ihr mit freiem Willen, mit voller Ueberzeugung Schmerz zu be⸗ reiten.“ „Und dieſe Art von Muth fanden Sie, Herr Magi⸗ ſter, für gut anzuwenden?“ 332 „Richtig!“ „Zu welchem Zwecke, wenn ich fragen darf?“ „Zu dem Zwecke, den ich erreichte!“ „Sie zu beleidigen?“ „Sie zu biegen!“ „Welche Kühnheit! Konnten Sie ſich wirklich ſchon nach einer zweitägigen Bekanntſchaft einen ſolchen Einſluß zutrauen?“ „Hatte ich denn Unrecht?“ „Ohne Zweifel; denn ein Jeder, der ihr dieſelben Worte auf dieſelbe Weiſe geſagt hätte, würde in gleichem Grade auf ſie eingewirkt haben.“ „Bis geſtern, meinen Sie wohl?“ „Bis geſtern?“ wiederholte Conſtance mit glücklich geſpielter Verwunderung. „Wenn wir uns nicht verſtehen, oder wenn wir uns ſtellen wollen, als verſtänden wir uns nicht, ſo haben wir, wie ich glaube, mehr denn genug über dieſen Ge⸗ genſtand geſagt... doch glaube ich verpflichtet zu ſein hinzuzufügen, daß Evelyn's Vater es für nöthig erachtet hat, mir nach der Erſcheinung, die wir geſtern Abend hatten, alles mitzutheilen was Evelyn betrifft. Ich kenne alſo alles und wage zu behaupten, daß ich ihr Weſen vollkommen richtig aufgefaßt zu haben meine.“ Tief erroͤthend bei der Vorſtellung, daß er dieſes Weſen vollkommen aufgefaßt hätte, zögerte Conſtance einige Augenblicke mit ihrer Antwort. Darauf ſagte ſie mit Nachdruck: „Angenommen, daß Sie ſich ſchon einigen Einfluß über ſie verſchafft haben durch den zufälligen Eindruck, den Ihre Muſik auf Evelyn's Nerven ausübte, ſo frage ich Sie, Herr Magiſter: warum bedienen Sie ſich Ihres Einfluſſes auf eine ſolche Weiſe?“ „Um ihn zu befeſtigen; und was beſonders jenen „zufälligen Eindruck⸗ betrifft, ſo moͤchte derſelbe vielleicht nicht ganz ohne Zuſammenhang ſein mit einem anderen Zufalle. Sie hörten ja geſtern früh, daß ich am Morgen ahnte ſie den empfe flammende Augen jed von Neue gültigkeit „Um der Magifß ich glaube Geſpräche „Wa gewonnene „Sol ſchüttelte: „Seh Freundin; „In der Demoi gewoͤhnlich wiſſen.“ Dieſe daß man ihm ziemli arf?“ virklich ſchon chen Einfluß ihr dieſelben e in gleichem mit glücklich venn wir uns cht, ſo haben r dieſen Ge⸗ ichtet zu ſein öthig erachtet geſtern Abend Ich kenne ch ihr Weſen e.“ aß er dieſes rte Conſtance rauf ſagte ſie — nigen Einfluß ggen Eindruck, bte, ſo frage ie ſich Ihres elbe vielleicht inem anderen am Morgen onders jenen 333 ſchon lehenhet gehabt hatte, Mademoiſelle Evelyn zu ſehen?“ 3„Ah!“ Conſtance verachtete eine nähere Frage, doch ahnte ſie, daß Evelyn bei dieſem erſten Zuſammentreffen den empfangenen tiefen und ſtarken Eindruck allzu deut⸗ lich an den Tag gelegt hatte. Während Conſtance mit geſenkten Augen und glü⸗ henden Wangen die ſchoͤnen Ringe an ihren weißen Fin⸗ gern auf⸗ und abhob, wurde ſie faſt zudringlich von den flammenden Blicken des Magiſters betrachtet; als ſie ihre Augen jedoch wieder erhob, ſo hatten dieſe Blicke ſich von Neuem mit der undurchdringlichen Hülle der Gleich⸗ gültigkeit verſchl eiert. „Um meinen Eindruck zu befeſtigen!“ wiederholte der Magiſter.„Entſchuldigen Sie, Mademoiſelle Waller; ich glaube aber, wir thun am beſten, wenn wir in unſerm Geſpräche einige Schritte rückwärts gehen.“ „Warum, Herr Magiſter, wünſchen Sie denn dieſen gewonnenen Vortheil zu befeſtigen?“ „Um ihr zum Nutzen ſein zu können.“ „Recht ſchoͤn, recht gut!— und das geſchieht auf die Art, wovon Sie uns eben eine Probe gegeben haben?“ „Das geſchieht dadurch, daß ſie Zutrauen zu mir hat.“ „Soll ſie auf dieſe Art Zutrauen faſſen?“ Conſtance ſchüttelte mißtrauiſch ihr Haupt. „Wir werden wohl ſehen! Wer ſich Zutrauen er⸗ werben will, der muß ſeinen Einfluß geltend zu machen wiſſen.“ „Sehr offenherzig— wenn ich nun aber meiner Freundin unſer ganzes Geſpräch mittheilte?“ „In dieſem Falle hätte ich mich in dem Charakter der Demoiſelle Waller geirrt; da aber Fehlgriffe ſo ſehr Meahnaic ſind, ſo würde ich mich auch hierein zu finden wiſſen.“ Dieſe Antwort gab Juſtus mit einer ſolchen Ruhe, daß man hätte glauben koͤnnen, die ganze Sache wäre ihm ziemlich gleichgültig, wenn nicht ein halbverſtohlner 334 Seitenblick eine leichte Unruhe offenbart hätte; ob aber dieſe ſich auf einen Zweifel über ſeine gute Meinung bezog, die er von Conſtance hegte, oder auf eine Furcht, Evelyn möchte das jetzt geführte Geſpräch erfahren, das ließ ſich ſo leicht nicht errathen. Conſtance war verlegen, ja beinahe gedemüthigt— warum war ſie mit einer Drohung hervor gekommen, die ſie nie auszuführen dachte? Doch wollte und brauchte ſie ſich nicht zu rechtfertigen vor dieſem Manne, der die Abſicht zu haben ſchien, der Mentor der ganzen Familie zu wer⸗ den. Ohne ein Wort weiter zu ſagen, verließ ſie das Fenſter. Im Laufe des folgenden Tages— während Con⸗ ſtance, unterſtützt von der Conſulin und Mademoſſelle Charlotte ihre und Evelyn's Garderobe inventirte, um nach ſcharfer Muſterung auszuwählen, was mit nach Broͤl⸗ linge wandern ſollte— ſiel ein zweites Geſpräch zwiſchen dem Magiſter Carleborg und Evelyn vor. Es war in jener gefährlichen Stunde des Tages, da die untergehende Sonne ſich mit dem erſten, leichten Schatten der Dämmerung verſchmelzen will, in dieſer myſtiſchen Jahreszeit, da ſich die Sonne und der Mon⸗ desſchein des Auguſt begegnen. Evelyn ſaß auf einer Bank unter den hohen Pappeln des Hofes. Sie that nichts, doch ſah man deutlich, daß die Seele jetzt keineswegs an der Unthätigkeit der Hände Theil nahm. Die Farbe ihres Antlitzes wechſelte oſt, un Seußzer, bald leicht, bald ſchwer, zitterten über ihre ppen. Ploͤtzlich, obgleich ihr Auge ſich nicht von der Erde erhob, fuhr ein Zittern durch ihre Glieder. Sie lauſchte mit zurückgehaltenem Athem: das Herz, dieſes Herz, von welchem Evelyn bis jetzt kaum etwas gewußt hatte, be⸗ gann ſo gewaltſam zu klopfen, daß ſie mit Verwunde⸗ rung die ſtand vo Zauber erheben. „C theile?“ merei an Sie unverkent flammte, Juſt „Ich gegend z0 ſogar die ſpitzen he ſeltene S die Menſe Natur un redete. nein, er r Uyn keine wüßte,“ „Den wenn Mad ſtand erku „Ich? „Dur e; ob aber inung bezog, rcht, Evelyn das ließ ſich emüthigt— kommen, die brauchte ſie er die Abſicht nilie zu wer⸗ ließ ſie das ihrend Con⸗ Mademoiſelle dentirte, um it nach Broͤl⸗ räch zwiſchen des Tages, ſten, leichten Ul, in dieſer nd der Mon⸗ oohen Pappeln deutlich, daß it der Hände wechſelte oft, tten über ihre von der Erde Sie lauſchte ſes Herz, von ßt hatte, be⸗ it Verwunde⸗ 335 rung die Hand darauf legte. Sie gerieth in einen Zu⸗ ſtand voller Erſtaunen und Spannung, und wie von einem Zauber gebunden, konnte ſie weder fliehen noch ihren Blick erheben. 1„Erlaubt Mademoiſelle Evelyn, daß ich die Bank theile?“ erſcholl eine Stimme, deren muſikaliſche Schwär⸗ merei an Evelyn's geliebte Töne erinnerte. Sie vermochte nicht zu antworten; doch das reine, unverkennbare Glück, das auf ihrem ſchoͤnen Antlitze flammte, war eine hinlänglich beredte Antwort. Juſtus ſetzte ſich neben ſie, doch nicht allzu nahe. „Ich kehre eben von einer Wanderung aus der Um⸗ gegend zurück. Dieſer Ort iſt von Gott reich begabt: ſogar die flachen, oͤden Striche, die wir von den Berg⸗ ſpitzen herab entdecken, erhöhen durch den Kontraſt die ſeltene Schönheit der Gegend, und man ſollte glauben, die Menſchen, von einer ſo fruchtbaren und herrlichen Natur umgeben, müßten ebenfalls glücklich ſein.“ „Ich hoffe, ſie ſind es!“ antwortete Evelyn leiſe. „Hat Mademoiſelle Evelyn ſie in ihren Wohnungen beſucht?“ „Nein, ich beſuche Niemanden!“ „Und warum denn nicht? Vielleicht habe ich Unrecht, Ihnen eine ſolche Frage vorzulegen; doch, beſte Demoi⸗ ſelle Evelyn! wenn Sie dieſelbe nicht für unſtatthaft hiel⸗ ten, ſo würde es mich ſehr glücklich machen, wenn ich eine aufrichtige Antwort erhielte.“ Cvelyn ſuchte denjenigen anzuſehen, der ſo zu ihr redete. Kamen wohl dieſe Töne von den Lippen? Ach nein, er redete mit der Seele— und dennoch hatte Eve⸗ lyn keine andere Antwort zu geben, als daß ſie„nicht wüßte,“ weßhalb ſte Niemanden beſuchte. „Dennoch würde es die Leute ſehr glücklich machen, wenn Mademoiſelle Evelyn ſich bisweilen nach ihrem Zu⸗ ſtand erkundigte.“ „Ich?— ach, wie ſollte ich dazu kommen?“ „Durch die Menſchenliebe! Ich bin überzeugt, daß 336 dieſe keinen edleren und reineren Tempel gehabt hat, als Ihr Herz!“ Sie betrachtete ihn mit einem betrübten, ungewiſſen Blicke. Er verſtand ſie. „Ich ſah heute Mittag zu, da ſie eine ſchöne Roſe in ihrer vollen Reife betrachteten; hätten Sie jedoch die feine, anſpruchsloſe Knospe betrachtet, in welcher die Roſe zuerſt ſchlummerte, ſo würde dieſe Knospe geſagt haben:„Verſuche es nicht, mich durchdringen zu wollen; gieb mir Zeit, mein inneres Leben zu entwickeln— je länger es damit dauert, deſto ſicherer geht es nachher vorwärts!“ Und als die Knospe ſich allmälig öffnete und die friſche, herrliche Roſe ſich zeigte, um mit ihrer Schöoͤn⸗ heit die Menſchen zu erfreuen und zu beleben, da zeigte es ſich, daß die Knospe Recht hatte mit ihrer Bitte. Alles in dem Reiche der Natur, von dem Menſchen bis zur Blume hinab, muß Zeit haben, ſich zu entwickeln!“ Evelyn's Bruſt erweiterte ſich; ſie lauſchte mit An⸗ dacht.„Wen ſoll ich ſuchen?“ „Gott!“ antwortete ihr der junge Mann mit tiefem, begeiſtertem Tone. „Gott?“ wiederholte Evelyn, und erhob die ſanften biunen Ahgen gen Himmel empor.„Ach jaz; zeigen Sie mir ihn!“ helee Sie ihn in ſeinen Werken rund um uns her, hören Sie ihn in dem Säuſeln des Windes, in dem Ge⸗ ſange der Vögel, empfinden Sie ihn in der Wallung, die Ihren ſchweren Traum brach, und vernehmen Sie ihn in der Ahnung, welche flüſtert: Warum wurde mir dieſes Leben, wenn ich es nicht nützlich und Früchte treiben machen ſoll?“ „Ach, wie wohl thun mir dieſe Worte, dieſe Laute— wüßte ich nur wie.. Ich habe ſo wenig Verſtand!“ „Mademoiſelle Evelyn! Sie haben einen reichen und tiefen Verſtand, wenn er nur erſt Zeit hat ſich zu entwickeln und zu härten gegen vas noch reifere und tiefere Gefühl. wie ein Gott ſie lich zu kann. reiches unter O nicht gli und ihre und hart für ſich „Ar „Si Wochente Gute auf bas Kath nießen zu nichts ſag Arbeitende anhaltende bleibt. D noch trotz zu ihrem rer und ſ „Ich „Ge doch ſeien ehe der hat! Für mancherle Vater ein Andern ſo Ackers be Mutter D Armuth g Eine Naß t hat, als ungewiſſen ſchoͤne Roſe e jedoch die welcher die ospe geſagt nzu wollen; bickeln— je es nachher Hoͤffnete und ihrer Schoͤn⸗ n, da zeigte ihrer Bitte. Menſchen bis entwickeln!“ chte mit An⸗ n mit tiefem, ob die ſanften a; zeigen Sie um uns her, ,in dem Ge⸗ Wallung, die zmen Sie ihn irde mir dieſes üchte treibend dieſe Laute— nig Verſtand!“ einen reichen eit hat ſich zu ffere und tiefens 337 Gefühl. Dieſe beiden werden Ihnen aber das Wie ſagen: wie ein junges und edles Mädchen an dem Orte, wohin Gott ſie geſtellt hat, ihrem Willen und ihrer Kraft nütz⸗ lich zu ſein am beſten und thätigſten an den Tag legen kann. Nicht alle, Mademoiſelle Evelyn, haben ein ſo reiches und großes Feld, wie Sie. Ich habe heute einige unter Oernwik gehoͤrige Käthner beſucht: die Leute ſind nicht glücklich, denn ſie ſind von ihrer Armuth gedrückt und ihre edleren Gefühle ſind erſtickt durch ihre täglichen und harten Frohnen, die ihnen kaum Zeit übrig laſſen für ſich ſelbſt zu arbeiten.“ „Arbeiten ſie nicht für ſich ſelbſt?“ „Sie wiſſen ja, Mademoiſelle Evelyn, daß die meiſten Wochentage für den Käthner zu den Tageswerken bei dem Gute aufgehen, denn auf dieſe Weiſe bezahlt er das Recht, das Kath bewohnen und den kleinen Ertrag deſſelben ge⸗ nießen zu dürfen. Das iſt ein Geſetz, gegen welches ſich nichts ſagen läßt, da es gerecht iſt und die Kräfte des Arbeitenden abwägt, ſie ſo abwägt, daß ihm für ſeine anhaltende Arbeit etwas zu ſeinem Lebensunterhalte übrig bleibt. Doch wie viel, wie unendlich viel ließe ſich den⸗ noch trotz des ſchweren Looſes dieſer arbeitenden Familien zu ihrem Beſten thun! Keiner iſt im Stande, dieſes ſiche⸗ rer und ſchöner zu thun, als Sie, Mademoiſelle Evelyn!“ „Ich?“ „Gehen Sie zu den Leidenden, reden Sie mit ihnen; doch ſeien Sie nicht ſogleich bei der Hand mit der Hülfe, ehe der Verſtand den Urtheilsſpruch des Herzens geprüft hat! Für mancherlei Unglück und Schmerz gibt es auch mancherlei Mittel. Wenn Sie für den Einen bei Ihrem Vater eine kleine Verminderung ſeiner Frohnen, für den Andern ſogar eine beſondere Hülfe bei dem Pflügen ſeines Ackers bewirken, ſo koͤnnen Sie dagegen einer unglücklichen Mutter Troſt ſchenken, wenn dieſe von Seelenleiden und Armuth gebeugt ihre Kinder vergehen ſieht, und bei dieſen Eine Nacht am Bullarſee. J. 22 338 Kindern werden Sie gewiß ein fruchttreibendes Samen⸗ korn des Guten pflanzen, indem Sie mit mit ihnen über Gott reden und nach den ſanſten Eingebungen Ihres eige⸗ nen Herzens ſie in Glück und Unglück an Ihn glauben lehren. Ich kann nicht den tauſendſten Theil von allem Guten ausſprechen, das von Ihren Lippen und Händen ausgehen koͤnnte: die Menſchen werden glauben, daß ein Engel des Himmels ſie beſucht hat, und ihre Dankbarkeit, ihre verbeſſerte Stellung, welche Sie durch Ihren Einfluß bei Ihren Eltern nach und nach bewirken koͤnnten— denn nichts darf übereilt werden— das Alles würde Ihnen ein ſchöner, ein unnennbarer Lohn ſein für die Mühen, welche die Menſchenliebe heiſcht.“ „Ach, könnte ich das Alles jetzt gleich beginnen!“ „Nicht ſo, Mademoiſelle Cvelyn! Sie haben ja noch nichts mit eigenen Augen geſehen und können alſo nicht ſagen, weſſen Leiden und Bürden die größten ſind. Das iſt eine Sache, die ich ebenfalls nicht weiß, denn ich bin erſt zu kurze Zeit hier geweſen, als daß ich im Stande ſein ſollte, meine Forſchungen beendigt zu haben; wenn ich aber auch wirklich ſagen konnte:„dieſer oder Jener hat ganz beſondere Hülfe nöthig!“ ſo würde ich es den⸗ noch nicht ſagen; denn Sie ſelbſt, Sie müſſen ſuchen und urtheilen. Es iſt eine Kleinigkeit für den Reichen, Gutes zu thun, wenn ein Anderer die Stelle anweiſt, wohin er ſein Scherflein werfen ſoll; doch das iſt keineswegs die Abſicht mit der Anwendung der Gaben. Wer da gibt, muß nicht bloß die Hand öffnen, ſondern das Herz muß ebenfalls einigen Antheil an ſeiner Handlung haben und dieſelbe eigentlich leiten.“ „Aber ich ſoll ja nun ausreiſen!“ „Sie werden doch einen Weg von einer halben Meile wohl keine Reiſe nennen wollen? Oernwik's Beſitzungen gränzen ja, wie ich gehört habe, an Bröllinge, und da Sie jung und geſund ſind und gerne promeniren, ſo koͤnnen Sie ja eben ſo gut von Bröllinge als von hier ſcheines, heiligen Zeit him und dieſe Bei es Samen⸗ t ihnen über Ihres eige⸗ öhn glauben von allem und Händen en, daß ein Dankhbarkeit, hren Einfluß nten— denn vürde Ihnen die Mühen, beginnen!“ haben ja noch en alſo nicht n ſind. Das denn ich bin ch im Stande haben; wenn r oder Jener de ich es den⸗ jen ſuchen und deichen, Gutes eiſt, wohin er keineswegs die Wer da gibt, das Herz muß ng haben und er halben Meile k's Beſitzungen linge, und da vromeniren, ſo als von hiet 339 aus Nothleidende ſuchen. Unglückliche gibt es überall, und obgleich derjenige, welcher eigene Untergebene hat, vor Allen zuerſt verpflichtet iſt, an das Beſte dieſer zu denken, ſo beſchränkt doch dieſe Pflicht keinesweges die Menſchenliebe, ſich auch anderswo zu zeigen, wohin der Zufall, oder, richtiger geſagt, die Schickung der Vor⸗ ſehung ſie leitet.... doch der Thau beginnt zu fallen; und es iſt für Sie nicht gut, länger draußen zu ver⸗ weilen.“ Evelyn antwortete nicht; aber ſie zog den Shawl feſter um ſich und ſchickte ſich an, dem gegebenen Winke nachzukommen. Ihre herabgelaſſene Wimper öffnete ſich, und ſie wendete das herrliche Antlitz, mit Purpur über⸗ goſſen von einer innern heftigen Bewegung und faſt ver⸗ klärt in dem geheimnißvollen Lichte des bleichen Monden⸗ ſcheines, dem Magiſter zu, welcher, ergriffen von dieſer heiligen Schönheit und durchzuckt von einem zu gleicher Zeit himmliſchen und irdiſchen Feuer, ihre Hand faßte und dieſelbe einige Sekunden lang in der ſeinigen behielt. Bei dieſer kühnen Berührung fuhr Evelyn zuſammen: es wurde warm wie glühende Lava um das reine Herz des Engels; und als ſie gleich darauf ſeine brennenden Lppen auf ihrer Hand fühlte, da hätte ſie beinahe das Bewußtſein verloren. Doch ſeine ruhige, ſanfte und achtungsvolle Stimme ue ſe durch dieſe wenigen Worte ins Bewußtſein zurück: „Durch dieſen Kuß— rein und heilig wie mein Wunſch und mein Streben, den Armen in Ihnen, Mademoiſelle Evelyn, einen helfenden Engel zuzuführen— weihe ich dieſe kleine Hand ein zu dem edlen Werke, alle dieſe Un⸗ glücklichen zu leiten, ihnen zu helfen, ſie zu ſtützen... alle dieſe Unglücklichen, die einer himmliſchen Offenbarung in irdiſcher Geſtalt— oder warum kann ich nicht eben ſo gut ſagen: die einer irdiſchen Offenbarung in himm⸗ liſcher Geſtalt bedürfen!“ 340 Nachdem er dieſe Worte geſagt hatte, ſtand er auf, verbeugte ſich tief und verſchwand im Parke. GEvelyn wollte hineingehen, blieb aber dennoch unbeweglich ſitzen, bis Conſtance kam, um ſie aufzuſuchen... Zwei Tage ſpäter verließen Evelyn und Conſtance ihr theures Oernwik. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Wir legen hier dem Leſer nicht den erſten, ſondern den dritten von den Briefen des Juſtus von Carleborg vor, die er nach ſeiner Ankunft auf Oernwik an ſeine Mutter ſchrieb. „Es iſt wahr, geliebte Mutter, meine Laune iſt beſſer — und warum ſollte ſie nicht gut ſein, da mein Körper ſeine Geſundheit und meine Seele ihr ſo lange entbehrtes Gleichgewicht wieder gefunden hat? Ich würde mich bei⸗ nahe glücklich nennen, wenn nicht alles irdiſche Glück ſo weislich begränzt wäre, daß immer etwas zu wünſchen übrig iſt. „Dieſes Etwas, dieſes Unermeßliche, dieſes Ge⸗ heimnißvolle, wonach wir mit ſo unſäglichem Verlangen ſchmachten und uns ſehnen— was iſt es? Sage mir nicht, wie ſchon einmal zuvor, es ſei die Liebe zwiſchen zwei verwandten Weſen! Für mich wenigſtens iſt es dieſe nicht. Für mich würde die Liebe nie— wenn ſie auch wirklich käme— hinreichend ſein, um den unermeßlichen leeren Raum in meiner Seele zu füllen... nein, dieſer laßt ſich hier nicht füllen. Dieſes Verlangen, dieſe Sehn⸗ ſucht iſt das Verlangen und die Sehnſucht nach demjenigen, was uns Jenſeits treffen wird. Dieſes Myſterium iſt eben thümer, legte, z „—‿ ſie ſo ei denn der beläſtigt und heg tand er auf, ke. Evelyn heglich ſitzen, Conſtance ihr ſten, ſondern on Carleborg nwik an ſeine aune iſt beſſer mein Körper nge entbehrtes irde mich bei⸗ iſche Glück ſo zu wünſchen e, dieſes Ge⸗ dem Verlangen 2 Sage mit Liebe zwiſchen ens iſt es dieſe wenn ſie auch unermeßlichen . nein, dieſer en, dieſe Sehn⸗ ach demjenigen, ſterium iſt eben 341 das, was meinen Geiſt mit ſich hinwegreißt in die unbekannte Ferne und ihn raſtlos durch ihre Räume jagen läßt... einſt wird er doch wohl den Weg in ſeine Heimath nden. f„Du willſt, meine theure Mutter, etwas mehr hören über die Verhältniſſe, in denen ich lebe. „Ich habe Dir ſchon dieſes würdige Paar geſchil⸗ dert, nämlich meinen Prinzipal und meine Prinzipalin, zwei Opfer der alles verheerenden Eitelkeit und dieſer unſeligen Wuth, vornehm zu ſein, welche ſo oft einen Theil Mitglieder der Mittelklaſſe ergreift, wenn ihnen Bildung fehlt, und ſie daher keine andern Ableiter für die Reich⸗ thümer, die der Herr in ihre bisher arbeitſamen Hände legte, zu finden vermögen. „Ohne Zweifel aber wird dieſe Stellung, nach welcher ſte ſo eifrig geſtrebt haben, ihr Unglück, denn wie lange ſie auch dieſes äußerliche, mit alten Gewohnheiten ſo wenig übereinſtimmende Leben ertragen, ſo müſſen ſie doch endlich fühlen, daß ſie ſich eine Laſt auferlegt haben, die ſchwerer iſt, als ihre ehemalige Arbeit. Und ich fürchte, ihr Streben nach einem feinen und gebildeten Tone, nach dieſer vornehmen Mittelſtraße, die ihnen ſtets fehlt, und die ſie immerwährend ſuchen, wird eben ſo fruchtlos bleiben, wie das Suchen des Alchymiſten nach dem Steine der Weiſen. „Der Conſul iſt urſprünglich ein achtungswürdiger und ehrenhafter Mann, und würde auch ein ſolcher geblieben ſein, wenn er nicht den Platz verlaſſen hätte, auf welchen ihn das Schickſal ſtellte. Jetzt geht er hier wie ein Schatten ſeines eigenen Ich, und weiß vor lauter Unruhe ſich nicht ariſtokratiſch genug benehmen zu können, oder gar nicht, wie er ſich benehmen ſoll. Wäre nicht ſeine Frau, ſo würde inzwiſchen ſein Wahnſinn bald ein Ende haben; denn der arme Mann fühlt ſich ſchon im höchſten Grade beläſtigt von aller Würde, die er aufrecht zu halten hat, und hegt ohne Zweifel keinen ſehnlicheren Wunſch, als 342 ſo einfach und gerade heraus ſein zu dürfen, wie er es in ſeinem Kaufladen war. Was aber die Conſulin betrifft, ſo iſt ſie unheilbar angegriffen: ſie würde gewiß lieber ſterben, als des lächer⸗ lichen Glanzes entbehren, womit ſie ſich nicht allein mit⸗ telſt einer verſchwenderiſchen und oft geſchmackloſen Pracht, ſondern auch durch eine Athmoſphäre von vornehmer Ho⸗ heit umgibt, welche, ihrem Begriffe gemäß, ihr jetzt eigen ſein muß. Die Fehlgriffe, welche ſie hiebei begeht, können bisweilen ein Lächeln auf meine Lippen locken; öͤfter aber fühle ich Mitleiden mit ihr, beſonders darum, weil man als Waffen gegen ſie ſelbſt ihre eigene Schwachheit bei ihr anwenden muß, um etwas bei ihr durchzuſetzen. . Und dieſer Frau hat Gott einen Schatz von uner⸗ meßlichem Werthe anvertraut! Ich habe Thränen in meinen Augen gefühlt, wenn ich ſah, wie ſie die Gedanken und Gefühle ihrer Tochter mißverſtand, wenn ich ſah, wie ſie ſich eifrigſt bemühte, in dieſes unſchuldige, faſt heilige Weſen den Samen der Eitelkeit auszuſäen. Doch Evelyn zieht ſich zuſammen vor der Mutter: ſie verſtehen ſich nicht— und Gott gebe, daß ſie ſich nie verſtehen lernen! Dieſes junge Mädchen, welches vor meiner Ankunft nur als ein vegetirender Traum anzuſehen war, hat von dem Zeitpunkte an, welchen ich in meinem erſten Briefe ſchilderte, den einen Eindruck nach dem andern angenom⸗ men. Sie iſt für mich ein Studium von unbeſchreiblichem Intereſſe, und ich bin für ſie der Lehrer und der Engel, welcher ihr den Eingang in die neue Welt öffnet, in welche ſie Schritt für Schritt einzudringen ſehnſüchtig ver⸗ langt. Es iſt ein Gefühl voll unbegränzten Genuſſes, dieſe Allmacht zu beſitzen: ohne mich iſt ſie nichts, durch mich alles. Ich habe es mir auch zu einem heiligen Geſetze gemacht, dieſen mit großer Verantwortlichkeit ver⸗ hundenen Beruf gut zu erfüllen; denn auf mir beruht es, beherrſch ihrer entſchei der eit. treibend mir, ol „/ abweſen verſtänd zum Ga habe. hier me habe ihn doch ger Anzahl ihm doch nicht ſo verliere Roman mit unv eirt wer Seelen, ſegeln!“ O ſehe ſie Mädche weißt, e nichts, Einfluß es ebenf ſetzt; on ſehr ger liebe.“ wie er es ie unheilbar 3 des lächer⸗ allein mit⸗ loſen Pracht, rnehmer Ho⸗ ar jetzt eigen geht, können 3 öfter aber , weil man wachheit bei uſetzen. 6 von uner⸗ ffühlt, wenn ihrer Tochter igſt bemühte, Samen der ch zuſammen nd Gott gebe, einer Ankunft ar, hat von erſten Briefe ern angenom⸗ deſchreiblichem id der Engel⸗ lt öffnet, in ehnſüchtig ver⸗ zenuſſes, dieſe ich ts, durch einem heiligen ortlichkeit ver⸗ nir beruht es, 343 ihrer Seele die Richtung zu geben, die ihr Lebensglück entſcheiden ſoll; auf mir beruht es, die Behandlungsweiſe der eitlen, unvernünftigen Mutter unſchädlich oder Früchte treibend zu machen; mit einem Worte: es beruht auf mir, ob dieſes ungewöhnliche und herrliche Weſen in ſeiner Herrlichkeit, ob Evelyn ein Engel bleiben ſoll... Sie ſoll es— ich ſtrecke meinen Arm aus und halte ſie auf⸗ recht. „Evelyn hat, wie ich habe merken koͤnnen, in dem jetzt abweſenden Baron Mar von G-— einen Liebhaber. Er iſt ein verſtändiger, redlicher, vortrefflicher Mann, ſo wie ich ihn ihr zum Gatten wünſche, wenn ich erſt ihre Erziehung vollendet habe. Wenig ahnte er, da er mich hieher ſchaffte, welches hier meine wichtigſte Beſchäftigung werden würde. Ich habe ihn nur einige Stunden geſehen, fühle mich aber doch geneigt, ihn zu ſchätzen; denn obgleich er zu der Anzahl der ſogenannten Verſtandesmenſchen gehört, ſo fehlt ihm doch keinesweges Gefüͤhl; doch hat er davon wieder nicht ſo viel, daß er unglücklich werden oder den Muth verlieren wird, weil er nicht mit ſeiner Geliebten einen Roman ſpielen darf, ehe ſie ſeine Frau wird. Er kann mit unvergleichlich hoͤherer Bildung zu der Race klaſſifi⸗ eirt werden, zu welcher auch Leo gehört.... Selige Sret die in einer Nußſchale friedevoll durch das Leben egeln!“ „Du fragſt wohl auch nach Evelyn's Freundin? Ich ſehe ſie eben ſo oft als Evelyn— noch ſind die beiden Mädchen fortwährend auf Broͤllinge, woſelbſt ich, wie Du weißt, ein gerne geſehener Gaſt bin— doch weiß ich weiter nichts, als daß ſie und ich keinesweges von Sympathien beherrſcht werden. Ich fürchte, es gefällt ihr nicht, ihren Einfluß vermindert zu ſehen. Mir meines Theils gefällt es ebenfalls nicht, daß ſich Jemand meinem Willen wider⸗ ſetzt; oder richtiger: ich zeige denjenigen, die ſolches thun, ſeh gerne, daß ich die Hinderniſſe nur als reizende Sporen ebe.“ 344 „Nur vor Dir, meine theure, theure Mutter, beuge vwlllſt. ich mich in Demuth: Dein Wille, Deine Liebe herrſchen keinesn über mich, denn Dich liebe ich inbrünſtig, unausſprechlich. daß irg Nächſt Gott biſt Du das Heiligſte, das Hoͤchſte für ſoll. Deinen führt 2 „Juſtus.“ daß Du nur nic Frau von Carleborg an ihren Sohn.„. „Du weißt, mein geliebtes Kind, welches Feſt Deine eines ſo Briefe für mein Mutterherz ſind, obgleich ſie faſt immer ein Ma eine neue Veränderung Deines Innern darſtellen. Ach, ner flan mein Juſtus! wann wirſt Du endlich überzeugt ſein, wie aus: D viel ſicherer und beſſer es iſt, in einer Nußſchale, welche ſein, iſt trägt, durch das Leben zu ſegeln, als in einem Ballon, dieſes K der jeden Augenblick zu brechen droht— und zuletzt wirk⸗ die Hoff lich bricht? ner Bez „Zugleich mit Deinem Briefe erhielt ich auch einige zwungen Zeilen von Leonard. Er ſchreibt immer kurz, aber ſein laſſen! einfaches, treufeſtes Herz blickt aus jedem Buchſtaben her⸗ vor. Ich ſchließe ſein Schreiben bei. thue das „Ja, mein Sohn, ich weiß, daß Du mich liebſt, und ehe ich wüßte ich das nicht, ſo könnte ich mit keinem Muthe gegen die traurigen Ahnungen ankämpfen, welche bisweilen⸗ ein Zwa über mich kommen. Du liebſt mich zärtlich, mein Ju⸗ ſtus; Du liebſt Deine Mutter eben ſo, wie ſie Dich liebt — ich fühle das Beduͤrfniß, dieſes zu wiederholen, denn ſonſt müßte ich daran verzweifeln, auf Dich einwirken zu können, wenn einmal etwas ſehr Ernſthaftes in Frage kommt. „Ich weiß, daß Du des Glaubens biſt, Du bedürf⸗ teſt nie der Warnungen, denn Du ſetzeſt allzu großes Ver⸗ trauen auf Dich ſelbſt; doch die liebevolle Sorge einer aus der Mutter läßt ſich nicht zum Schweigen zwingen. Laß micch Rathe ge Dir alſo ſagen, daß ich weit mehr als alle Deine Schwär⸗ nie zufri mereien dieſen Ton der Sicherheit fürchte, womit Du das vollkomn Schickſal eines andern, Dir fremden Weſens entſcheiden dutter, beuge ebe herrſchen ausſprechlich. Hoͤchſte für iſtus.“ Sohn. s Feſt Deine e faſt immer ſtellen. Ach, igt ſein, wie chale, welche inem Ballon, zuletzt wirk⸗ h auch einige z, aber ſein ichſtaben her⸗ ch liebſt, und einem Muthe lche bisweilen⸗ , mein Ju⸗ ſie Dich liebt erholen, denn einwirken zu tes in Frage 4 Du bedürf⸗ großes Ver⸗ Sorge einer en. Laß mich deine Schwär⸗ omit Du das ns entſcheiden willſt. Erhebe Dich nicht zu einer Vorſehung: es kann keinesweges der Wille und die Abſicht des Hoͤchſten ſein, daß irgend eines ſeiner erſchaffenen Weſen ſo hoch ſteigen ſoll. Hüte Dich, hüte Dich, Juſtus! Dein Hochmuth führt Dich in die Irre, und ich, Deine Mutter, fürchte, daß Du dieſem armen, liebenswürdigen Kinde alles wirſt, nur nicht ihr rettender Engel. „Ein junger Mann kann nie der paſſende Lehrer eines ſo begabten Mädchens ſein, und am allerwenigſten ein Mann mit Deiner Heftigkeit, Deiner Reizbarkeit, Dei⸗ ner flammenden Phantaſie. Setze Dich der Gefahr nicht aus: Du biſt ihr nicht gewachſen— und ſollteſt Du es ſein, iſt ſie es wohl auch? Verrathe nicht die Gefühle dieſes Kindes, verrathe nicht das Vertrauen ihrer Eltern, die Hoffnung ihres Erkornen! Laß ſie in Ruhe mit Dei⸗ ner Bezauberung, und fliehe ſelbſt, damit Du nicht ge⸗ bnegen biſt, Dein Herz und Deine Ehre im Stiche zu laſſen „Du kommſt im nächſten Winter nach Hauſe? O, thue das um Alles in der Welt! Ich habe nicht Ruhe, ehe ich recht in Dein Weſen blicken und Dein Geheim⸗ niß von Dir nehmen kann. Es iſt faſt ſo, als läge jetzt ein Zwang auf Deinem Geiſte, ja, ſogar auf Deinen Ver⸗ irrungen: entweder fühlſt Du das Bedürfniß, Dich vor mir zu verbergen, oder es geht auch eine abwechſelnde Be⸗ leuchtung durch Deine Seele; es iſt dort bald Dämme⸗ rung, bald lichter Tag, und dadurch kommſt Du in eine Dir ſelbſt unbegreifliche Lage. „Wornach ſtrebſt Du?... Sprich, lege Deine Ge⸗ danken, ſie mögen ſein, welche ſie wollen, vor Deiner Mutter nieder: laß ſie dieſelben zerlegen und den Weizen aus der Spreu ſichten: dann wollen wir mit einander zu Rathe gehen. Du biſt Dir allein nicht genug, Du wirſt nie zufrieden ſein, dieſes ſo oft beſprochene Ziel nie für vollkommen gut halten, ehe Deine Mutter daſſelbe geprüft 346 und geſegnet hat. Theile es ihr alſo mit, und gleich wirſt Du es deutlicher vor Dir erblicken!“ „Erzähle mir auch von dieſer Conſtance, mit der Du keine Sympathie fühlſt! Du haſt mir nicht das Mindeſte von ihr geſagt, nicht einmal, ob ſie häßlich oder ſchön iſt — thuſt Du das aus Gleichgültigkeit oder aus Furcht, Dich über einen Gegenſtand einzulaſſen, wo Du Dich ſelbſt nicht zu Hauſe fühlſt? Ich habe bemerkt, daß Du ihrer gewöhnlich mit einer gewiſſen Art von Verdruß erwähnſt — erlaube mir, daß ich Dich von Neuem warne: mein Herz ahnt, daß Du von Gefahren umgeben biſt. Bis jetzt iſt es Dir gelungen, Dich vor einem Feinde zu retten, deſſen Macht ich ſtets gefürchtet habe... o, möchte es auch jetzt gelingen! „Den Gang meines eingeſchloſſenen, einförmigen Le⸗ bens kennſt Du ſo gut, daß ich nicht noͤthig habe, ein einziges Wort darüber zu ſagen. Gott ſei Lob und Dank, daß wir geſund ſind, Monika und ich; Monika, die nun in ihren alten Tagen gelernt hat, Karten zu legen und aus dem Kaffee zu wahrſagen, ſucht Dein Schickſal nach allen Richtungen hin zu erforſchen. Wenn Du wüßteſt, wie froh die gute Seele iſt, wenn ſie lauter Glück auf Deiner Lebensbahn ſieht! da bethören ihre lichten Hoff⸗ nungen auch mich— und warum ſollte ich nicht an die⸗ ſelben glauben? Mein Juſtus wird ſie dereinſt ſämmtlich erfüllen!“ „Deine Dich zärtlich liebende und treue Mutter Hedwig von Carleborg. Lies mit Aufmerkſamkeit Leonard's Brieſchen!u „Meine gute, beſte Mutter! Da ich gerade eine Gelegenheit nach Deiner Gegend finde, ſo ſchicke ich dieſen Brief in der achtungswürdigen Geſellſchaft ein Käſes, einer Butterbütte und eines Schin⸗ kens, welche Magnaten Du, meine liebe Mutter, als Re⸗ unter uns wirklicher erfahren, Juſtus l'e präſent Schink Dich b 5 mit an Mädche Grundſ Ich bea einem g geben; wir wo! bekomme habe, u der See wenn ſie „Al herzlich Kind in und Reig Du zufä ſo gib m meiner§ hinaus gleich wirſt mit der Du as Mindeſte eer ſchön iſt aus Furcht, Dich ſelbſt ß Du ihrer uß erwähnſt darne: mein u biſt. Bis de zu retten, , mochte es förmigen Le⸗ g habe, ein bb und Dank, lichten Hoff⸗ nicht an die⸗ ſt ſämmtlich ue Mutter rg. eſchen 10 347 präſentanten aller reſpektablen Käſe, Butterbütten und Schinken anzuſehen das Recht haſt, welche kommen und Dich beſuchen werden, ſobald ich mein eigener Herr bin. „Noch aber laſſe ich's wohl ein Jahr oder zwei da⸗ mit anſtehen: ich muß mich erſt nach einem hübſchen Mädchen umſehen; ſie ſoll mir ſagen, wo ihr jenes kleine Grundſtück, das wir kaufen wollen, wohl am liebſten wäre. Ich beabſichtige, wie Du hieraus erſehen kannſt, bis zu einem gewiſſen Punkte von der Obergewalt etwas abzu⸗ geben; und iſt ſie nur gut und ſüß und artig, ſo werden wir wohl ſehen, ob ſie nicht ein wenig zu viel zu ſagen bekommt. Ich fürchte wirklich, daß ich einige Neigung habe, unter dem Pantoffel zu ſtehen: es thut einem in der Seele wohl, die Freude eines guten Weibes zu ſehen, wenn ſie ihren Mann zum Guten leitet. „Alſo, meine geliebte Mutter, bete jetzt warm und herzlich füj mich, daß Gott, der Herr, mir ein ſüßes Kind in den Weg ſchickt, denn ich habe keine Zeit, Länder und Reiche zu durchreiſen, und darnach zu ſuchen. Wenn Du zufällig etwas von einem ſolchen ſüßen Kinde hörſt, ſo gib mir einen halben Wink, und dann wollen wir auf meiner Hochzeit tanzen, ſo daß die Freude zum Dache hinaus ſteigt! „Doch, alle Wetter! ich ſchwatze hier ja ſo viel von mir ſelbſt und vergeſſe darüber ganz zu fragen, wie Ju⸗ ſtus ſich in ſeiner neuen Heimath beſindet— der Vogel, der Tollhäusler, der auf alle meine Briefe nichts zu er⸗ wiedern beliebt! Ich bitte Dich, liebe Mutter, ſchilt ihn tüchtig durch. Herr Du, mein Gott, wie froh und glück⸗ lich wollten wir ſein, wenn er endlich einmal vernünftig würde und andern Leuten ähnlich ſein wollte;— denn, unter uns geſagt, liebes Mütterchen, er iſt ein rechter und wirklicher Narr, daß er ſich müde läuft, ohne jemals zu erfahren, wornach er denn eigentlich läuft. Doch, armer Juſtus! es iſt Schade um ihn, und in aller ſeiner Narr⸗ 348 heit liebe ich ihn dennoch ſo, daß ich ihm das Herz aus der Bruſt geben könnte. Dein treuer „Le o.“ „Das beifolgende Viertel enthält weiter nichts als Grüße an Monika; findet ſie aber ſonſt noch etwas unten auf dem Boden, ſo mag ſie auch das behalten.“ s Herz aus Le o.“ nichts als etwas unten n.“ — Viertes Buch. — Evelynn. Gleich der Taube Noah's aus der Arche, Ueberflog die Erd' mein Blick mit Sehnſucht, Etwas Menſchlich⸗Schönes zu erſpähen; Doch die Sündfluth ſtand zu hoch.—— Vitalis. „C an einen Bewegun Toͤchtern „D beſitzeſt; zu erkenr ſehe; ur aller Ew Dich aue Dich wol ihren kün Krankenn Siebenundzwanzigſles Kapitel. „Chorlotte, Charlotte!“ rief die Conſulin, als ſie an einem Abende mit flammenden Wangen und eilfertigen Bewegungen von Bröllinge zurückkehrte, wo ſie ihren Toͤchtern eine Viſite gemacht hatte—„Charlotte, Char⸗ lotte! haſt Du wohl je dergleichen gehört?.... doch löſe erſt mein Hutband und meine Haubenbänder auf!“ „Es muß wirklich etwas ſehr Wichtiges ſein, das Ihro Gnaden ſo in Extaſe ſetzen kann— ich bin ganz und gar Neugierde!“ „Du weißt, Charlotte, daß Du einigen Scharfſinn beſitzeſt; doch bin ich mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, zu erkennen, daß Du nicht durchſchauſt, was ich nicht ſehe; und da Du nie begreifen wirſt, was ich in aller Ewigkeit nicht gerathen haben würde, ſo will ich Dich auch auf keine Probe ſetzen... oder glaubſt Du Dich wohl im Stande, zu begreifen, was Evelyn bei ihren künftigen Schwiegereltern treibt?“ „Sie iſt vermuthlich eifrig beſchäftigt, unter der Lei⸗ tung her Freiherrin ſich zu ihrer künftigen Würde zu bilden?“ „Aha, meine liebe Charlotte! auf gewiſſe Art nicht ſo übel gerathen, nämlich als eine kleine feine Satyre auf die Wahrheit! Ja, Evelyn iſt wirklich dabei, ſich für ihren künftigen hausmütterlichen Beruf zu evertuiren: ſie, Evelyn— mag wer da kann eine ſolche Laune verſtehen— geht den ganzen Tag in den Käthnerhütten umher, theilt ihr Taſchengeld aus— was ſie Gottlob recht gerne thun mag— macht ſich bei Greiſen und alten Weibern zur Krankenwärterin und beginnt an die Kindererziehung in 35²2 verſchiedenen Zweigen die Hand zu legen, denn fie ſchränkt ſich nicht darauf ein, nur Kinderkleider zu nähen und aus⸗ zutheilen, ſondern ſogar auch Vorleſungen und Katechis⸗ musverhoͤre zu halten— das arme Kind! es hat mir ſelbſt eine unerhoͤrte Mühe gekoſtet, ihr den Katechismus einzutrichtern! 3 willigen Bewunderung ihres guten Herzens aus,„dieſe Entbehrungen, die Mademoiſelle Evelyn ſelbſt ſich auf⸗ erlegt, ſind eben ſo wunderbar als erhaben!... Wie froh ſind wohl nicht Ihro Gnaden geworden, als Sie fanden, daß die Gefühle ihrer Mademoiſelle Tochter eine ſo edle Richtung genommen haben!“ „O, ich kann eben nicht ſagen, daß ich ſo froh wurde, ſondern eher, daß ich erſtaunt war— und ich ſollte meinen, auch Du und alle, die Evelyn's Traͤgheit kennen, hätten eben ſo große Urſache es zu ſein!“ Charlotte ſah ein, daß ſie ſich vergangen hatte und aus ihrer gewoͤhnlichen Rolle gefallen war. Darum be⸗ eilte ſie ſich, ihren Fehler wieder gut zu machen, indem ſie mit wohlberechneter Langſamkeit wiederholte:„Erſtaunt, ſagen Ihro Gnaden? Nein, ich wurde ſo mit Schrecken geſchlagen, daß ich die ganze Sache für ein Wunderwerk hielt... und beim Lichte beſehen, müſſen Ihro Gnaden zugeben, daß es nicht viel weniger iſt!“ „Sage ich das denn nicht? ich ſage es ja in klaren, deutlichen Worten!“ „O, wie wird man im ganzen Lande von Ihro Gnaden reden, um einer ſo originellen, ſchönen und from⸗ men Tochter willen! Und wie viele Segnungen werden von den Hütten der Armen emporſteigen und auf Ihro Gnaden zurückfallen!“ „Ich brauche nicht zu ſagen, Charlotte, daß ich mit I den Armen Mitleiden habe: Du weißt am beſten, was ich that, da wir in der Stadt waren; und ich bin mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, Dich zu erinnern, daß ich 2 „O mein Gott!“ rief Charlotte mit der ganzen frei⸗ eigentt Freihe von ih wirklich die klei eigenen, wir näl das klei man nu räthe de „U fiel Cha abe— wirklich f denke nur beinahe, Eine Na⸗ ie ſchränkt und aus⸗ Katechis⸗ hat mir atechismus ganzen frei⸗ aus,„dieſe ſich auf⸗ 4.. Wie 1, als Sie Tochter eine ich ſo froh — unrd ich n's Trägheit ſein!“ en hatte und Darum be⸗ chen, indem :„Erſtaunt, nit Schrecken Wunderwerk (Ihro Gnaden ja in klaren, e von Ihro en und from⸗ 1 daß ich mit ich bin mit beſten 1 was znern, daß ich 353 in Evelyn's Herzen immer gute Vorſätze zu wecken ge⸗ ſtrebt habe.„„Sei nicht hochmüthig, mein Kind,““ habe ich zu ihr geſagt:„„es iſt nicht Dein Verdienſt, daß Gott Dir reiche Eltern geſchenkt hat!““ „Ja, dieſe edlen Grundſätze ſind Ihro Gnaden immer eigenthümlich geweſen— und ich bin überzeugt, daß die Freiherrin auf Broͤllinge ihnen nicht widerſprochen hat?“ „Nein, im Gegentheil lobte ſie Evelyn und ſprach von ihren ſchönen Bemühungen mit einer Rührung, die wirklich höchſt achtungswerth war... Und Conſtance, die kleine gute Conſtance, ſagte inſinuirend ſowohl in ihrem eigenen, als auch Evelyn's Namen:„pliebſte, beſte Tante, wir nähen der Freiherrin alle Leinwand auf, und,““ ſetzte das kleine ſchelmiſche Ding flüſternd hinzu,„damit kann man nur einen Puppenſchrank füllen, wenn man die Vor⸗ räthe der gnädigen Tante dagegen hält!““ „Und man kann nicht läugnen, daß ſie Recht hat!“ ſiel Charlotte mit einer ſprechenden Geberde ein. „Nein, gewiß nicht, das gebe ich ſelbſt zu, und darum wollen wir morgen in den Schränken eine General⸗ muſterung halten und noch obendrein, weil wir's Gott ſei Lob und Dank können, ein Stück neue Leinwand ſchicken.“ „Ach!“ ſeufzte Charlotte,„welch' ein ſchoͤnes Ge⸗ fühl es ſein muß, wenn man reich iſt und nun wie Ihro Gnaden zu ſich ſelbſt ſagen kann: ich brauche nur zu wollen, und dieſe armen Menſchen ſollen erfahren, daß auch ſie glücklich werden können!“ „O ja, der Reichthum und eine hohe Stellung im Leben haben ohne Zweifel ihr Agrement eben ſo ſehr wie ihre große Verantwortlichkeit... doch glaube nur nicht, daß es mit dieſem einzigen ſchon aus iſt; nein ich habe— laß mich nachdenken!— vier, nein fünf, ja wirklich fünf ganze Commiſſtonen an meinen Mann.. denke nur: Commiſſionen von Evelyn! Ja, ja, ich glaube beinahe, wäre es nicht wegen dieſer Commiſſionen ge⸗ Eine Nacht am Bullarſee. I. 23 354 weſen, ſo hätte ſie ihre Beluſtigungen noch verſchwiegen .. doch iſt es nicht ſonderbar, daß ſie bis jetzt kein Wort davon geſagt hat?“ „Es iſt ihr gewiß eine Freude geweſen, im Stillen arbeiten zu koͤnnen, bis ſie endlich einſah, daß ſie ſich nicht ohne Ihro Gnaden helfen konnte— und wenn es irgend eine Bitte an den Herrn Conſul iſt, ſo wird ſie wahrſcheinlich nicht abgeſchlagen!“ „Das glaube ich ebenfalls; überdieß denke ich mich perſönlich dafür zu intereſſiren— es iſt eine Pflicht gegen mich ſelbſt, die Ehre meiner Tochter zu ſchützen; und in der innigen Güte ihres Herzens hat ſie verſprochen, ſich bei dem Vater für mehre Käthner um Verminderung der Tagewerke, theilmeiſe auch um Unterſtützung für Einige und zum Theil um Hülfe beim Ackerbau fuͤr Andere zu verwenden. Ich ſage zu Allem, daß ich nur nicht begreife, wie ſie auf die Idee verfallen iſt, ſich um alle dieſe Dinge zu bekümmern, und woher ſie, die doch immer(Gott helfe mir, daß ich es als Mutter ſagen muß) ſo un⸗ empfindlich und bequem geweſen iſt, einen ſolchen Arbeits⸗ eifer bekommen hat!“ „Das iſt die Frucht der Geſellſchaft der Mademoiſelle Conſtance!“ „Nein, Charlotte; denke nach— da hätten dieſe Parorysmen früher kommen ſollen! Von jenem Abenbe an, da ſie tanzte, iſt ſie ſich gar nicht ähnlich geweſen... es iſt ein Wunder!“ „Ihro Gnaden haben Recht! Was aber der menſch⸗ liche Verſtand nicht zu entwickeln vermag, das muß man als eine goͤttliche Schickung betrachten... darf ich fragen, wie lange Ihro Gnaden den beiden jungen Demoiſellen noch erlauben, dort zu bleiben?“ „Auf die inſtändigen Bitten der Freiherrin noch eine Woche. Um die Mitte des Oktober will ich Evelyn nach Hauſe nehmen unter meine eigene Aufſicht; denn ſo groß mein Vertrauen auf die Freiherrin auch iſt— in welcher aufgenor ten und anwende Stimme G. und ein Mit wenig T Hauſe e⸗ „aber, n Unrecht! geſagt, Du weiß im Ganz migen§ kann.“ „„Es wiſſenheit unglückte giſter zu rſchwiegen jetzt kein im Stillen aß ſie ſich d wenn es S wird ſie ee ich mich fflicht gegen en; und in ochen, ſich nderung der für Einige Andere zu icht begreife, dieſe Dinge amer(Gott uß) ſo un⸗ en Arbeits⸗ ademoiſelle geweſen... der menſch⸗ f ich fragen, Demoiſellen enn ſo groß in welcher 3⁵⁵ Evelyn ihre zweite Mutter zu ſehen ſich gewöhnen muß — ſo iſt dennoch die eigene noch näher, und ich denke ſelbſt diejenige zu ſein, welche ſie ſpäterhin auf die Bewerbung des Barons Max prevenirt, welche ohne Zweifel zu erwarten iſt, wenn er im Januar nach Hauſe kommt.“ „Ja, das iſt ſo gut wie ſchon geſchehen! doch à propos die mütterlichen Sorgen— ich bin gewiß niemals die⸗ jenige, welche eine Anmerkung macht und am allerwe⸗ nigſten, wenn die Herrſchaften ſchweigen; doch möchte ich meines Theils wohl glauben...“ „Was denn?— Du machſt mich wirklich neugierig!“ „Da Ihro Gnaden die Güte haben, mir zu erlauben, daß ich meine Meinung ſage, ſo möchte ich beinahe glauben, daß der Informator den Carl vielleicht ein wenig negligirt. Der Herr Magiſter wird ſo unendlich wohl auf Broͤllinge aufgenommen, daß er genau gerechnet mehr Zeit mit Rei⸗ ten und Spazierengehen verbringt, als er beim Unterrichte anwendet.“ „Aber,“ ſagte die Conſulin mit etwas ſchleppender Stimme— denn von der Zeit an, da der Baron von G. und ſeine Freiherrin den Magiſter von Carleborg als ein Mitglied ihrer Familie behandelten, würde es allzu wenig Takt bewieſen haben, wenn die Conſulin, in deren Hauſe er„engagirt“ war, anders gehandelt hätte— „aber, meine liebe Charlotte, ich glaube, hierin haſt Du Unrecht! Der Gouverneur meines Pflegeſohns hat mir ſelbſt geſagt, daß der Unterricht auf ſolchen Promenaden— Du weißt, daß er den Carl oft mitnimmt— beſſer und im Ganzen lehrreicher iſt, als was man bei dem einfoͤr⸗ nigen Herſagen auswendig gelernter Dinge einholen ann.“ „Es iſt ſehr möglich, daß ich mich in meiner Un⸗ wiſſenheit irre!“ beeilte ſich Mamſell Charlotte, ihre ver⸗ unglückte Berechnung weislich zu übertünchen, den Ma⸗ giſter zu Hauſe zu halten. Charlotte wünſchte dieſes nicht 3⁵6 darum, weil ſie die allerentfernteſte Ahnung davon hatte, daß der Magiſter die wirkende Kraft war, welche Evelyn in Bewegung ſetzte, ſie ermunterte und ihre kleinen Ver⸗ ſuche leitete— nein, Charlotte wünſchte ſeine Anweſen⸗ heit einzig und allein aus dem einfachen Grunde, daß ſie ſich an dem ſchönen Manne nie ſatt ſehen und nie im Leben eine groͤßere Glückſeligkeit erlangen konnte, als wenn er bisweilen ein Paar freundliche Worte an ſie rich⸗ tete. Wenn er ſie dann je einmal um den unbedeutend⸗ ſten Dienſt erſuchte, ſo war ſie in dem ſiebenten Himmel; doch hätte ſie vor Aerger und Unmuth weinen mögen, wenn Einladungen von Bröllinge oder einiger von den übrigen Höfen ſie des anſpruchsloſen Glückes beraubten, mit welchem ſie ſo vollkommen zufrieden war. „Mein lieber Alter!“ begann die Conſulin beim Abendeſſen,„wir, Evelyn und ich, haben uns vorgenommen, Deine Menſchenliebe in Anſpruch zu nehmen! Vielleicht haben Sie, Herr Magiſter“— ſie wendete ſchnell ihren Blick nach der Seite hin, wo Juſtus ſaß—„nicht oft Gelegenheit gehabt, von einer Frau eine ſolche Bitte zu hören, wie diejenige, womit ich meinen Mann zu über⸗ raſchen gedenke?“ „Was in Gottes Namen, Nelly, mein Engell ſoll's denn nun werden?“ „Siehſt Du, Evelyn hat ſich jetzt einige kleine poe⸗ tiſche Grillen in den Kopf geſetzt: ſie will Deinen Unter⸗ gebenen helfen; ſie ſtudirt den Katechismus der chriſtlichen Menſchenliebe von Anfang bis zu Ende— und hier habe ich die Liſte ihrer Bitten, die ich Deiner Beherzigung zu recommandiren für meine Pflicht erachte!“ Die Conſulin überreichte mit dieſen Worten ihrem Manne ein Papier, welches die Namen derjenigen Per⸗ ſonen e arbeitet Tochter den We Finger? bar, da nach der für alle geſorgt ſeinige gleichen ehrliche ſeine nei denſelben der Inſp das fünf auch ein Gott, de gelegen, lange! könnte, on hatte, e Cvelyn nen Ver⸗ Anweſen⸗ , daß ſie id nie im inte, als ſie rich⸗ bedeutend⸗ Himmel; n mögen, von den beraubten, gel! ſolls kleine poe⸗ inen Unter⸗ chriſtlichen hier habe —rzigung zu ten ihrem igen Per⸗ 3⁵7 ſonen enthielt, für welche Evelyn die Nachſicht und Hülfe ihres Vaters auszuwirken ſuchte. Conſul Löwe ſaß ganz ſtill da; eine tiefe Rührung arbeitete in der Seele des guten Mannes. Seine ſtumme Tochter ſollte aus ihrer Betäubung erwachen, um ihm den Weg zu ſeinen Pflichten zu zeigen! War das Gottes Finger? Ja, ſo mußte es ſein; denn war es nicht ſonder⸗ bar, daß er, der doch in der Stadt und auf der Werfte nach dem Zeugniſſſe ſeines eigenen Gewiſſens wie ein Vater für alle ſeine Bootſchiffer mit ihren Frauen und Kindern geſorgt hatte, noch nie ſeit dem er dieſes große Gut das ſeinige genannt, daran gedacht hatte, er hätte hier die gleichen Pflichten, die gleiche Verantwortlichkeit? Der ehrliche Conſul ſchämte ſich, daß er ſich nicht ſchon in ſeine neuen Verhältniſſe hinein gedacht hatte, und ſich in denſelben mit ſeiner Unthätigkeit und Langeweile— denn der Inſpektor beſorgte faſt Alles— faſt ſo erſchien, wie das fünfte Rad am Wagen. Zugleich aber empfand er auch ein Gefühl der hochſten und innigſten Dankbarkeit zu Gott, daß Evelyn, die ſo lange gleichſam in Erſtarrung gelegen, ſich zu dem Grade erholt hatte, daß ſie nun ſo⸗ gar ihren eigenen Eltern zum Muſter dienen konnte. „Nun, mein Lieber, Du beſinnſt Dich ſchrecklich lange! Wäre es möglich, daß ein Mann den Muth haben könnte, die Bitte zweier aimablen Damen abzuſchlagen?“ „O nein, liebe Petro.. liebe Nelly wollte ich ſagen, ich denke an keinen Abſchlag, ſondern nur daran, daß es eine Schande für Dich und mich iſt, daß wir nicht ſelbſt ohne dieſes Kind... Du verſtehſt?“ Die Conſulin blickte und warf einen ſehr bedeutungs⸗ vollen Blick von ihrem Manne auf den Informator. Doch dieſer wendete ſich mit ſeiner gewöhnlichen freien Weiſe an den Conſul und ſagte in dem achtungsvollſten Tone, den er bisher angewendet hatte:„Herr Conſul! die Geſinnung, welche Sie eben äußerten, iſt ſo edel, ſo würdig bekannt und geſchätzt zu werden, daß ich, obgleich 358 in dieſem Hauſe nur in Lohn und Brod, den Ausdruch meiner Freude und Zufriedenheit nicht zurückhalten kann. Ginge eine ſolche Weckung durch viele Gutsbeſitzer, ſo würden die Seufzer der unglücklichen Arbeitsklaſſe weder ſo tief noch ſo ſchwer ſein!“ „O, Herr Magiſter!“ Der Conſul ſah ganz ver⸗ legen aus bei dieſer Gefühlsergießung des Informators. Die Conſulin aber lächelte und flüſterte der Mamſell Charlotte zu:„Dieſe Harangue war gar ſo dumm nicht; beſonders das von Lohn und Brod— das zeugt von einem hohen Grade von Modeſtie!“ Achtundzwanzigſtes Kapitel. Wer mit aufmerkſamem Auge Evelyn unter der im vorigen Kapitel angedeuteten Entwickelung ihrer Thätig⸗ keit gefolgt wäre, würde doch in dieſem Verlangen ſtets nützlich zu ſein eher eine fieberhafte Unruhe, als ein ruhiges und wohlthuendes Verlangen, überall, wohin ſie ging, Freude und Glück zu verbreiten, erblickt haben. Da ſie einmal zu dem Gedanken geweckt war, die Bekümmerniſſe Anderer zu lindern, ſo war es ihre ver⸗ mehrte Sorge, ſich ſo ſchnell wie möglich mit einem Theil der zu Oernwik gehoͤrenden Perſonen in Berührung zu ſetzen: und da ſie ſo weit gekommen war, daß ſie dieſes wollte, ſo verſchwand von ſelbſt die angeborne bloͤde Bangigkeit— ſie mußte Mittel finden. Schon an dem Tage vor ihrer Abreiſe nach Bröl⸗ linge unternahm ſie eine lange und weite Auswanderung. Man war es gewohnt, ſie bei ihren alten Träumereien im Parke zu vermiſſen, und darum vermißte man ſie auch jetzt nic Weges, Gott tho die ſie tr Dort wo künftigen Ein alte erzählte Geſchicht während Gut vor war. D Gefühl e in den 2 Beſitzern, mit Blu Eve ſelbſt das ſie bei ih helfen. groß, als hier grüt andere K. deutete e ſein ſollte ſanften 2 in ihrer Sie lichen B. ihrem V mung ge denken un ſie Hülfe ten Geda demjenige den erſten Ausdruck lten kann. eſitzer, ſo 1ſſe weder ganz ver⸗ mators. Mamſell nm nicht; von einem er der im ler Thätig⸗ ngen ſtets in ruhiges ng, Freude war, die ihre ver⸗ 359 jetzt nicht. Evelyn kannte kein beſtimmtes Ziel ihres Weges, doch glaubte ſie feſt, Gott würde ſie leiten, und Gott that dieß; denn eben in den beiden Käthnerhütten, die ſie traf, waren Thränen zu trocknen, Hunger zu ſtillen. Dort waren auch viele Dinge zu erfahren, die Evelyn's küͤnftigen Nachforſchungen zu großem Nutzen gereichtem Ein alter blinder Stammvater in einer dieſer Familien erzählte der theilnehmenden Evelyn den ganzen Theil der Geſchichte von Oernwik, welche die armen Untergebenen während der langen Reihe von Jahren betraf, da das Gut von dem einen Pächter an den andern gewandert war. Dieſe Geſchichte war eben ſo traurig als für das Gefühl ergreifend, obgleich keine ungewoͤhnliche Geſchichte in den Annalen dieſer Güter, welche unter eigennützigen Beſitzern, habſüchtigen Verwaltern oder ſaugenden Pächtern mit Blut geſchrieben werden. Evelyn ſchauderte, weinte und zitterte; ſie that ſich ſelbſt das heilige Gelübde, allen Einfluß aufzubieten, den ſie bei ihren Eltern haben koͤnnte, um dem Uebel abzu⸗ helfen. Doch das Uebel war zu tief gewurzelt und zu groß, als daß es ſich leicht hätte heben laſſen können; um hier gründlich zu helfen, ſah Evelyn ſehr wohl ein, daß andere Kräfte erforderlich waren, als die ihrigen. Doch deutete er, ihr Rathgeber, nicht an, daß ſie das Werkzeug ſein ſollte— und bei dieſer Erinnerung blitzte es in den ſanften Augen und ein Funke von geheimer Kraft flammte in ihrer Seele auf. Sie half nun mit eigenen Mitteln dem augenblick⸗ lichen Bedürfniſſe ab. Zwar hätte ſie angenblicklich mit ihrem Vater reden können, denn ſie war ſeiner Zuſtim⸗ mung gewiß; doch ſie hatte ſich vorgenommen, erſt zu be⸗ denken und genau zu prüfen, für welche und für wie viele ſie Hlfe begehren wollte. Auch ſchwebte es den verſchäm⸗ ten Gedanken dunkel vor, daß ſie zuvor noch mehr von demjenigen lernen müßte, der ihr über dieſe Gegenſtände den erſten Unterricht ertheilt hatte. 360 Aber auf Oernwik bot ſich keine Gelegenheit dazu dar: Juſtus ſuchte ſie nicht und von ihrer Verſchämtheit und Furchtſamkeit gehindert, ihm mit der geringſten Frage läſtig zu fallen, reiſ'te Evelyn nach Bröllinge ab. Die liebevolle Theilnahme und die beinahe elterliche Zärtlichkeit, mit welcher man ihr entgegen kam, wirkten wohlthuend auf Evelyn's Herz.„Ach, wie gut ſie ſind — ich weiß nicht, warum ſie mich ſo lieben* äußerte ſie bisweilen zu Conſtance. „Darum, weil Du gut biſt, und darum, weil ſie gut ſind!“ entgegnete Conſtance, welche ſie nicht aufmerkſam machen wollte auf dasjenige, was früh genug ſelbſt an ſich erinnern würde. Auf den Spaziergängen, welche die Mädchen nun mit der Freiherrin unternahmen, wurde oft die niedrige Thür der Käthnerhütten geöffnet. Wie freute ſich Evelyn, wenn ſie in ihrer Seele dachte:„So zufrieden mit ihrer Herrſchaft und ihren kleinen angenehmen Wohnungen, wie dieſe Leute ſind, ſollen auch die Untergebenen von Oernwik werden— und ich, ich will ihnen den Weg bahnen! Kann es wohl ein größeres Glück geben, als dieſes Bewußtſein?“ Als ſie ſich ſo fragte, ſagten ihre Lippen nein; doch einige dunklen, unentwickelten Gedanken ließen ſie ahnen, daß dieſes Glück noch erhöht werden konnte. Der Baron und die Freiherrin glaubten, und zwar mit gutem Grunde, daß der Anblick der ruhigen, frohen Wohlhabenheit auf dem gut bewirthſchafteten Bröllinge die Urſache der Neigung Evelyn's war, in eben dieſem Geiſte zu wirken; doch Conſtance, die Evelyn ſo innig liebte, mußte eben darum auch tiefer in dieſen ſonderbaren Um⸗ ſtand dringen, und ahnte bald, daß die Eingebung nicht von Evelyn ſelbſt herrührte. Nur mit Mühe erhielt Con⸗ ſtance die Erlaubniß, ſie zu begleiten, wenn ſie früh Mor⸗ gens ihre Schritte denjenigen Gegenden zuwendete, wo die Beſitzungen von Oernwik und Bröͤllinge aneinander gränzten; als ſie aber hier einmal ganz zufällig auf den Magiſter nicht weit zu gehen. Mädchen ſuchte der G auch ein Major o Gegenſtän es nützlich Augen ſte Oftn den und 2 im Parke redete den Dankbarke munterte, fener an, Fürbitten gen der F und daß d Frucht tri heimniß z Inſtus We von der ri gewöhnlich aber faſt auf Felder folgen ver⸗ walt der i als dieſelb merei athr dem Redn⸗ Und nicht dieſe ganzen Na nheit dazu rſchämtheit gſten Frage ab. e elterliche n, wirkten ut ſie ſind “ äußerte heil ſie gut ufmerkſam g ſelbſt an dchen nun ie niedrige ch Evelyn, mit ihrer ungen, wie n Oernwik en! Kann pußtſein?“ nein; doch ſie ahnen, und zwar n, frohen öllinge die eſem Geiſte nig liebte, baren Um⸗ bung nicht hielt Con⸗ früh Mor⸗ ndete, wo aneinander ig auf den 361 Magiſter Carleborg geſtoßen waren— was aber nachher nicht weiter geſchah— ſo begehrte Evelyn nie mehr allein zu gehen. Unzählige Male während des Aufenthaltes der Mädchen auf Broͤllinge, beſonders in der letzten Zeit, be⸗ ſuchte der Magiſter das gaſtfreie Haus des Barons von G—. Er war nicht allein ein gern geſehener, ſondern auch ein geachteter Gaſt; und mochte er ſich mit dem Major oder der Freiherrin unterhalten, ſo wußte er die Gegenſtände und den Vortrag immer ſo zu wählen, daß es nützlich und aufklärend für Evelyn ſein konnte, deren Augen ſtets mit ſtummer Andacht an ſeinen Lippen hingen. Oftmals wurden ſie bei den gemeinſamen Promena⸗ den und Wanderungen der Familie auf den ſchmalen Wegen im Parke vom Inſtinkt oder Zufall zuſammengeführt. Da redete denn Juſtus von Evelyn's Armen, von der warmen Dankbarkeit, welche ſie ſchon eingeflößt hatte; da rieth, er⸗ munterte, lobte er ihren Eifer und Fleiß und deutete of⸗ fener an, welche Leute ſeines Dafürhaltens am meiſten ihre Fürbitten verdienten. Es iſt wahr, daß dieſe Mittheilun⸗ gen der Form nach von unbeſchreiblicher Reinheit waren, und daß dieſelben in vielfacher Hinſicht eine edle und ſchöne Frucht trugen; aber nichtsdeſtoweniger waren ſie ein Ge⸗ heimniß zwiſchen ihnen beiden und gaben eben dadurch Inſtus Worten eine allzu gefährliche Kraft, wenn er bald von der ruhigen Sprache abwich, in welcher das Geſpräch gewöhnlich begann, um von einer poetiſchen, bald wilden, aber faſt immer leidenſchaftlichen Phantaſie hingeriſſen, auf Felder hinauszuſchweifen, wohin Evelyn ihm nicht zu folgen vermochte, ſondern athemlos, bebend unter der Ge⸗ walt der unruhigen Gefühlswogen— um ſo gefährlicher, als dieſelbe ſtets die drückende Luft der religioͤſen Schwär⸗ merei athmete— ihre Ohren, ihre Einbildung, ihre Seele dem Redner überließ. Und mit welchen Worten, mit welchen Tönen goß er nicht dieſe Liebe zu Gott, zu den Nebenmenſchen, zu der ganzen Natur in dieſes offene Gemüth, welches er weckte, 3 362 welches er bildete, in dieſes Weſen, das er beinahe nach der Macht ſeines Willens ſchuf— ja, ſie waren ſchön, ſie waren wunderbar, gleich ſeinen muſikaliſchen Toͤnen! Seine Muſik war ſein in Worte geſetztes Gefühl; ſeine Worte dagegen waren eine Muſik, die nicht immer ſeine Gefühle ausdrückte; denn dieſe waren bisweilen ſo, daß er ihnen nicht einmal bei ſich ſelbſt die Form der Worte zu geben vermochte. Nie kam in dieſen Geſprächen ein Buchſtabe vor von der Art der Liebe, welche den Mann und das Weib ver⸗ eint; das Grundthema derſelben war einzig und unverän⸗ derlich die Liebe des Schöpfers zu ſeinen erſchaffenen Weſen oder die gegenſeitige Liebe dieſer Geſchöpfe unterelnander. Und dennoch erröthete Evelyn und fühlte wie ihr Her klopfte, wenn wegen des ſchmalen Weges ihr Arm mit dem ſeinigen in Berührung kam, oder er ihr bei einer be⸗ denklichen Stelle die Hand reichte. Hätte Evelyn es gewagt, ſo würde ſie verſucht haben, nachzudenken, ob nicht auch ſeine Hand zitterte. Bis⸗ weilen kam es ihr ſo vor; doch da zitterte ſie vor Ver⸗ wunderung und Unruhe, daß ſie an dergleichen hatte denken kͤnnen.„Warum,“ fragte ſie ſich ſelbſt,„ſolite ſie wohl gezittert haben?“ Sie konnte ſich auf dieſe Frage keine beſſere Antwort geben als auf einige andere: Warum iſt der Blick in ſeinem Auge ſo verſchieden, bald ſo, bald ſo? Wie und wann ſind ſeine Augen am ſchönſten, wenn er ruhig und ernſt redet, oder wenn ſeine Worte ſich gleich⸗ ſam in das Herz brennen?“ Evelyn war für Juſtus gleichſam ein Spiegel, in welchem er alle wechſelnden Bewegungen ihrer Seele ge⸗ zeichnet ſah; und er ſah dieſelben mit Entzücken— denn er, der Schwärmer, war tief und lebendig von der Edel⸗ heit und der Reinheit ſeines Werkes überzeugt— doch auch mit Schrecken, wenn er gewiſſe unzweideutige Zeichen einer keimenden Liebe erſpähte. Er wollte Evelyn mit keiner irdiſchen Liebe lieben— dazu war ſie zu heilig— er wollte Abbilde zu chen, einen lichen We ſeine ſchör und Verr wirken ſol Juſtu des Worts hatte ihn ſein Herz wie er zue mehr. S und durch Wärme, zeigte, bez Zukunftsge wohl nicht emporgeſch über die F gen wollte Bei und wiede geſpannt i Leben lebte keit ſeine§ und mehr rechte Sei ſollte, dere von Natur Einfluſſe d den war i einnehmend verſchieden mereien ver einahe nach varen ſchoͤn, hen Toͤnen! ffühl; ſeine immer ſeine en ſo, daß der Worte abe vor von Weib ver⸗ id unverän⸗ fenen Weſen tereinander. ie ihr Her )r Arm mit dei einer be⸗ ſucht haben, terte. Bis⸗ ie vor Ver⸗ hatte denken lte ſie wohl Frage keine Warum iſt », bald ſo? n, wenn er ſich gleich⸗ Spiegel, in r Seele ge⸗ en— denn n der Edel⸗ igt— doch tige Zeichen Fvelyn mit u heilig— 363 er wollte nur des hohen Glückes genießen, ſie zu ſeinem Abbilde zu ſchaffen, ihrem Herzen ſeinen Geiſt einzuhau⸗ chen, einen reinen Geiſt, der in dieſem unſchuldigen, weib⸗ lichen Weſen jetzt im Kleinen und ſpäter im Großen für ſeine ſchöͤnen Pläne zu einer verbeſſerten Lage der Armen und Verwahrloſ'ten in phyſiſcher und geiſtiger Hinſicht wirken ſollte. Juſtus war noch ein in der eigentlichſten Bedeutung des Worts unverderbter Jüngling. Kein beſtimmtes Laſter hatte ihn befleckt oder die Dornen der Gewiſſensbiſſe in ſein Herz gedrückt, doch der moraliſch⸗reine Jüngling, ſo wie er zuerſt aus der Hütte der Mutter trat, war er nicht mehr. Seine kühne Einbildung trug ihn durch Himmel und durch Abgründe, und die ſanfte Ruhe, die beſonnene Wärme, die er in dem täglichen Leben des Umganges zeigte, bezahlte er mit in den abenteuerlichſten, coloſſalſten Zukunftsgedanken durchwachten Nächten, aus denen er gleich⸗ wohl nicht ſelten von den wilden und bizarren Sprüngen emporgeſchreckt wurde, die ſein launenhaftes Gemüth weit über die Form hinaus verſuchte, in welche er es einzwän⸗ gen wollte. Bei dieſen Ausflüchten, da die Seele ſtets bauete und wieder einriß, bei dieſen Ausflüchten, da jede Nerve geſpannt war und der Träumer ein ſo mannigfaltiges Leben lebte, daß ein einziger ſolcher Tag in der Wirklich⸗ keit ſeine Kräfte erſchöpft haben würde, wurde immer mehr und mehr dieſe Exaltation gegründet, welche zuletzt an die rechte Seite der Vernunft treten und die Waffe werden ſollte, deren er ſich faſt in jedem Kampfe bediente. Seine von Natur ſtarke Geſundheit widerſtand wunderbar dem Einfluſſe dieſer Lebensart: der Schlaf von wenigen Stun⸗ den war immer hinreichend, ihm dieſes würdige, edle und einnehmende Aeußere wieder zu geben, welches ſo ſehr verſchieden war von demjenigen, in welches ihn ſeine Träu⸗ mereien verſetzten. Doch ruhte in ſeinen Augen faſt immer 364 ein dunkelglimmendes Feuer, welches auf das Doppelleben hindeutete, das er führte. Auf den abwechſelnd düſtern und glänzenden Bahnen, die ſein Geiſt durchflog, erſchien ihm Evelyn immer wie der Engel, den Gott ſelbſt an ſeiner Herzensthür auf die Wache geſtellt hatte, um daſſelbe vor allen unreinen Ver⸗ irrungen zu bewahren; und es kam ihm faſt vor, als würde er einen Kirchenraub begangen haben, wenn er nur einen entfernten Gedanken gehegt hätte, den Engel in ein ſterbliches Weſen zu verwandeln. Dagegen geſchah es, daß gerade Conſtance— welcher er ſich zufolge ſeines fortdauernden widrigen Gefühls nie nahete, und an die er nicht ohne einen unzweideutigen Aerger denken konnte, weil ſie ſichtbarlich fortfuhr, eben ſo feindſelig gegen ihn geſtimmt zu ſein— von ſeiner Einbildung nicht ſelten her⸗ vorgerufen wurde. Er fand ein Vergnügen daran, an ihre Schoͤnheit zu denken, dieſelbe Zug für Zug zu pri⸗ fen; ihre Gleichgültigkeit erſchien ihm ſo reizend, daß er ſich mit der Erdenkung von hundert Mitteln zu der Be⸗ ſiegung derſelben beluſtigte. wie Eis, wenn er ſie wieder ſah und eine Stimme zu vernehmen glaubte, die ihm warnend zuflüſterte, dieſem Mädchen nie zu nahen. Dieſe geheimen Inſtinkte wurden auch von Beiden beobachtet, und ſie trafen ſich nur, wenn die Höflichkeit oder die Nothwendigkeit es forderte. Dagegen überzeug⸗ ten ſie ſich bald ohne Schwierigkeit, daß ſie eine gewiſſe gegenſeitige Furcht hegten. Conſtance zitterte zu ſehen, wie ein ſchleichendes Ungeheuer, dem ſie weder Form noch Namen zu geben wagte, ihre Freundin verſchlänge, welche ſich unglücklicher Weiſe immer willenloſer der Macht ihres erſten Eindrucks hingab; Juſtus dagegen zitterte zu ſehen, wie Conſtance, in deren feſtem und beſtimmtem Charakter er ſich nicht irrte, dieſer Macht entgegen arbeitete und ihm zuletzt Evelyn, dieſes reine, ſchöne Naturkind, entriſſe. Dieſes Unglück meinte er nicht tragen zu koͤnnen; er hatte . und dennoch war er kalt ja Evely! dieß woll Soj des Octol Die F „Sech Glück geha zens zu erft lichkeit und ſie wirklich Gefühl beſi tet, welche Ja, mein ein Mã oo habe ich gleich ich a verſchwunde bedeutende übrig, daß Doppelleben den Bahnen, immer wie hür auf die reinen Ver⸗ iſt vor, als , wenn er en Engel in gen geſchah folge ſeines und an die nken konnte, 3 gegen ihn t ſelten her⸗ daran, an zug zu prü⸗ end, daß er zu der Be⸗ war er kalt Stimme zu erte, dieſem von Beiden e Hoͤflichkeit n überzeug⸗ eine gewiſſe e zu ſehen, Form noch änge, welche Macht ihres te zu ſehen, Charakter ete und ihm d, entriſſe. en; er hatte 365 ja Evelyn zu ſeinem guten Engel erwählt— und über⸗ dieß wollte er fortfahrend der Gott des Engels bleiben. So ſtanden die Dinge, als die Mädchen um die Mitte des October nach Oernwik zurückkehrten. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Die Freiherrin von G— an ihren Sohn. „Sechs Wochen habe ich, mein theurer Mar, das Glück gehabt, einen der wärmſten Wünſche Deines Her⸗ zens zu erfüllen, nämlich gegen die junge Evelyn die Zärt⸗ lichkeit und Sorgfalt einer Mutter auszuüben. „Wie ich ſchon in meinem letzten Briefe an Dich er⸗ wähnte, ſchien ſie dieſe meine Bemühungen zu verſtehen, und zwar auf eine Weiſe, die mich immer mehr in dem Glauben an Deine Verſicherung befeſtigt hat, nämlich daß ſie wirklich ein eben ſo feines als tiefes und umfaſſendes Gefühl beſitzt. „Du wunderſt und freuſt Dich mit Recht über die unerwartete Richtung, die ihre Seele genommen hat. Ach, ſie iſt mehr denn ſchön, wenn ſie mit ihrem unſchulds⸗ vollen Lächeln, mit ihren ſchönen Augen, in denen ſich ein Himmel voller Güte abſpiegelt, dieſe Kleinen betrach⸗ tet, welche ſie vom Kopfe bis zu den Füßen bekleidet hat! Ja, mein Sohn, mein lieber Mar: jetzt bin ich ſelbſt von dieſem Mädchen bezaubert, und kannſt Du ſie gewinnen, ſo habe ich gar nichts mehr dagegen einzuwenden. Ob⸗ gleich ich aber ſagen kann, daß alle meine Einwendungen berſchwunden ſind, ſo bleibt dennoch immer eine nicht un⸗ bedeutende und, wie ich glaube, nicht unbegründete Furcht übrig, daß ſie nie für das eigentliche Leben paſſen wird. 366 „Wir haben bisweilen während der Zeit ihres Auf⸗ enthalts bei uns größere Geſellſchaften gehabt; mag aber der Geſellſchaftskreis enger oder weiter ſein, ſo zieht ſie ſich immer verſchämt zurück oder verſinkt mitten in dem lebhaften ſie umgebenden Geſpräche in dieſen Zuſtand der Betäubung, in welchem ſie bis an den Zeitpunkt, da die Wunderkraft der Muſik ſie weckte, ihre Tage verlebte. „Von dieſem Augenblicke an hängt ſie mit ſichtlicher Vorliebe an dem Magiſter Carleborg, und dieſer beſchei⸗ dene, ungekünſtelte und achtungswerthe junge Mann ver⸗ dient ihre Freundſchaft, welche er— denn das liegt nicht in ſeiner Natur— nie mißbrauchen wird. „Inzwiſchen muß ich Dir ſagen, mein beſter Mar, wäre er nicht ein Mann mit ſo edlen und ſtrengen Grund⸗ ſätzen, ſo könnte es wohl moͤglich ſein, daß dieſes unver⸗ hüllte, ganz unſchuldige Gefühl von ihrer Seite einen an⸗ dern Flug nähme— ja, ich darf Dir meinen Glauben nicht verhehlen, daß ihn dieſes nur ſehr geringe Mihe koſten würde. Doch er behandelt dieſes Kind mit dem exemplariſchſten Verſtande: ein liebender Bruder koͤnnte ſie nicht vorſichtiger und edler führen; und ich müßte mich ſehr irren, wenn er nicht durch die Conſulin einen Wink über Dein Verhältniß erhalten hätte, und das iſt für ihn mit ſeinem ſtrengen Ehrgefühle— ſelbſt in dem Falle, daß er ein zärtlicheres Gefuͤhl gegen Evelyn hegte, was ich jedoch zu glauben keinen Grund habe— hinlänglich, um ein ſacchen Gefühl gleich bei der Erſtehung deſſelben zu er⸗ icken. „Durch Conſtance, die ich noch immer gleich hoch! liebe, bin ich auf den Gedanken gekommen, daß nicht, wie meine Eigenliebe mir vorſpiegelte, der Anblick unſrer glücklichen Untergebenen in Evelyn die erſte Idee geweckt hat, auf Oernwik ebenfalls dieſes Glück zu ſchaffen, ſon⸗ dern daß dieſer Gedanke ihr ſchon vor ihrer Ankunft bei⸗ gebracht war und zwar von Carleborg. Iſt das wirklich der Fall, ſo iſt das Betragen des jungen Mannes bewun⸗ dernswü tadelt es ſchen Ve mit ihren redet. recht hat che Theil daß derje dieſen w mit ihr bald zu reden mu „Ein wirklich iſ den Carle ihr etwas gegen den iſt unmög lungen iſt beliebt, ja „Kan Conſulin, ihren verd ihres Auf⸗ ; mag aber ſo zieht ſie tten in dem Zuſtand der unkt, da die e verlebte. nit ſichtlicher ieſer beſchei⸗ 2 Mann ver⸗ as liegt nicht beſter Max, ngen Grund⸗ dieſes unver⸗ ite einen an⸗ nen Glauben eringe Mühe ind mit dem ruder koͤnnte hmüßte mich en Wink über für ihn mit Falle, daß er das ich jedoch lich, um ein ſſelben zu er⸗ er gleich hoch , daß nicht, Anblick unſrer Idee geweckt ſchaffen, ſon⸗ Ankunft bei⸗ das wirklich annes bewun⸗ 367 dernswürdig. Conſtance aber billigt daſſelbe nicht: ſie tadelt es, daß er über dieſe Gegenſtände, die keines myſti⸗ ſchen Vertraulichkeitsſchleiers bedürfen, nicht mit Evelyn, mit ihren Eltern, mit jedem, der es hoͤren will, offen redet. Ich glaube aber doch, daß Conſtance hierin Un⸗ recht hat, da Evelyn nie an einem allgemeinen Geſprä⸗ che Theil nimmt, ja kaum darauf hoͤrt; daher glaube ich, daß derjenige, welcher auf ſie einwirken und ihr Gemüth dieſen wohlthätigen Eindrücken öffnen will, nothwendig mit ihr allein und mit wohl abgepaßter Geſchicklichkeit bald zu ihrem Herzen und bald zu ihrem Verſtande reden muß. „Ein ſo gutes, ein ſo edles Mädchen, wie Conſtance wirklich iſt, kann unmöglich neidiſch ſein über den Vorzug, den Carleborg Evelyn gibt. Dennoch glaube ich, daß ihr etwas unmildes Urtheil aus einer kleinen Prevention gegen den Magiſter herfließt; woher ſich aber dieſe ſchreibt iſt unmöglich zu erklären, da es dieſem Manne ſchon ge⸗ lungen iſt, ſich allgemein in unſerm Kreiſe geachtet und beliebt, ja ich kann wohl ſagen geliebt zu machen. „Auf jeden Fall hätte ich Conſtance's Rath, Evelyn noch länger hier zu behalten, ſehr gerne befolgt; doch die Eltern ſehnten ſich nach ihr und das Mädchen ſelbſt wollte gerne nach Hauſe. Morgen werde ich mich erkundigen, wie meine Schützlinge ſich befinden, und erſt übermorgen ſchicke ich meinen Brief ab, nun dir einen willkommenen Gruß geben zu können. (Zwei Tage ſpäter.) „Kannſt Du Dir wohl vorſtellen, daß unſre gute Conſulin, welche noch ſo neulich eine Ehre darein ſetzte, ihren verdrehten Begriffen von Vornehmheit zufolge, den Ruheſofa und Roman nicht öfter zu verlaſſen, als wenn ſie ausfuhr, Viſtten annahm oder Viſiten machte, 368 jetzt angefangen hat, weit und breit über das Beiſpiel zu ſchwatzen, welches Leute in den höhern Societätskreiſen — arme Närrin!— denen zu geben verpflichtet ſind, deren Loos es geworden iſt, in dem unteren zu weilen— „ein Beiſpiel, das da verdient von Andern befolgt zu werden, denn durch uns, meine liebe gnädige Freiherrin, durch Leute aus unſrer Kaſte, ſoll die Aufklärung ver⸗ breitet werden.“ „Ich erſuchte ſie, mir mitzutheilen, welcher Plan ſie denn eigentlich beſchäftigte, und Du hätteſt ſehen ſollen, mit welcher Ueberlegenheit in Ton und Geberden ſie das Wort nahm. Natürlich war die Idee zu dieſem Plane in ihrem eigenen Kopfe entſtanden; Conſtance aber verſicherte, daß Evelyn denſelben bei ihrer Mutter geweckt hätte,„und woher Evelyn denſelben erhalten hat, das koͤnnen wir er⸗ rathen!“ ſagte Conſtance mit einer Miene, die mir an ihrem ſchönen Geſichte nicht recht gefallen wollte, denn die Idee iſt ſchön und verdient, wie die Conſulin ſagte, daß ſie auch von Andern befolgt wird. „Es handelt ſich nämlich darum, daß alle kleinen Mädchen zu Oernwik ſich woͤchentlich zweimal auf dem Hofe verſammeln ſollen, woſelbſt ihnen die jungen Damen, unterſtützt von Mamſell Charlotte, in der Religion und in allen Arten von Handarbeiten Unterricht ertheilen ſollen, wogegen die Kinder wechſelsweiſe woͤchentlich an zwei andern Tagen an allen häuslichen Geſchäften unter der eigenen Aufſicht der Conſulin, und in allerlei zur Küche gehoͤrenden Arbeiten unter der Oberaufſicht der Haushäͤl⸗ terin und der Mamſell Charlotte Theil nehmen ſollen. „Ich ertheilte dieſem Plane meinen ganzen herzlichen Beifall, und im Laufe des Geſpräches wurde er noch mehr erweitert und vervollkommnet, als Magiſter Carleborg einſiel:„Auf dieſe Weiſe haben die Damen vollkommen für ihr eigenes Geſchlecht geſorgt; da aber nicht einmal der unbedeutendſte Menſch im Stande ſein darf, ein ſo edles Beiſpiel wie das der Frau Conſulin zu vernehme, ohne der terung mich, fa erhält“ nach der der ande die Knab Weiſe w „W Gemüths der Conſ bieten des ſo wird d richt ſein Nutzen de es thut, Ende iſt, das Ganz heit die ei wird aber terhin ein then, daß gewachſen groͤßerte. „Lebe Eine Nach Beiſpiel zu elietätskreiſen gliichtet ſind, u weilen— n befolgt zu Freiherrin, llärung ver⸗ her Plan ſie ſehen ſollen, erden ſie das m Plane in verſicherte, hätte,„und nnen wir er⸗ die mir an vollte, denn nſulin ſagte, alle kleinen nal auf dem ngen Damen, Religion und theilen ſollen, ich an zwei en unter der ei zur Küche der Haushäl⸗ ꝛen ſollen. zen herzlichen er noch mehr er Carleborg m vollkommen nicht einmal darf, ein ſo u vernehmen, 369 ohne den Wunſch zu hegen, nach Kräften für die Erwei⸗ terung des Planes beitragen zu koͤnnen, ſo erbiete ich mich, falls dieſer Vorſchlag den Beifall der Herrſchaften erhält“— er machte eine beredte Verbeugung, zuerſt nach der Seite hin, wo die Conſulin ſaß, und dann nach der andern, wo der Conſul war—„an jedem Sonntage die Knaben zum Unterrichte zu verſammeln. Auf dieſe Weiſe wird auch für ſie geſorgt.“ „Wie Du Dir leicht vorſtellen kannſt, nahmen in der Gemüthsſtimmung, worin ſie ſich jetzt befanden ſowohl der Conſul als auch die Frau das uneigennützige Aner⸗ bieten des Magiſters Carleborg mit Dankbarkeit an, und ſo wird denn ſchon in der nächſten Woche dieſer Unter⸗ richt ſeinen Anfang nehmen. Ich bezweifle zwar den Nutzen deſſelben nicht, wohl aber, ſo wie auch dein Vater es thut, ſeine Dauerhaftigkeit. Wenn das kurze Jahr zu Ende iſt, in welchem die Hand des Magiſters Carleborg das Ganze leitet, ſo iſt wohl möglich, daß aus Gewohn⸗ heit die eine Abtheilung noch eine Zeitlang fortdauert; wird aber auch Conſtance abgerufen und es kommt ſpä⸗ terhin ein neuer Informator, ſo möchte ich faſt vermu⸗ then, daß die Conſulin allein dieſem Unternehmen nicht gewachſen iſt, und Evelyn mag dann vielleicht ſchon... doch, es verlohnt ſich der Mühe nicht zu weiſſagen— Gott allein kennt die Zukunft, und er wird für das Schickſal meines geliebten Sohnes alles zum Beſten leiten. „Dein Vater hegt eine große Vorliebe für dieſe Partie. Ich wage es nicht, ſeinen Wunſch genauer zu prüfen, denn ich fürchte wirklich— ſo gut und uneigennützig er auch iſt— auf irgend eine Art von Berechnung zu ſtoßen, wie vortheilhaft es für die Zukunft ſein möchte, wenn dereinſt Bröllinge mit ſeinen Beſitzungen Oernwik ver⸗ groͤßerte. „Lebe wohl, mein geliebter Mar! Deine Briefe ſind Eine Nacht am Bullarſee. I. 24 370 ſtets meine höchſte Freude. Ich zweeifle nicht, daß Du im nächſten Jahre einen Richterſtuhl erhältſt; ſollte aber aus Deinen Plänen hier in unſrer Nähe etwas werden, ſo iſt es Vaters Lieblingsidee und die meinige ebenfalls, daß Du alles Uebrige aus dem Sinne ſchlägſt und gyeiter nichts wirſt, als ein Gutsbeſitzer. „An allen Deinen Berechnungen und Hoffnungen nimmt inzwiſchen herzlich Theil Deine Dich warm und innig liebende Mutter Ebba von G— Dreißigſtes Kapitel. Wiederum waren einige Wochen vergangen. Die Art oder, richtiger geſagt, die Arten von Unter⸗ richtsanſtalten, deren die Freiherrin in ihrem Briefe an den Baron Mar Erwähnung gethan hatte, waren jetzt in vollem Gange; und obgleich der Magiſter Carleborg nur die Oberaufſicht über die ſogenannte Sonntagsſchule hatte, ſo hinderte ihn das keinesweges, den jungen Damen ſeine Hülfe anzutragen, und er entwickelte einen bewun⸗ derungswürdigen Grad von Geduld und Geſchicklichkeit, den Gemüthern und Herzen der jungen Zuhörer ſowoll durch Katechismusverhöre als auch in Unterredungen die Wahrheiten der Religion einzuprägen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß bei dieſem gemein⸗ ſchaftlichen Unterrichte eine Menge von kleinen an und für ſich ſelbſt unbedeutenden vertraulichen Mittheilungen den Lehrer und die Lehrerinnen gegenſeitig näherte; ſogar Conſtance mußte aufthauen unter dem Einfluſſe ſeiner warmen, wohlwollenden Reden, und zuletzt geſtehen, daß ſie ſich i ein edler Ev Vogel it aus dem Tage die Sel Vertraue um nicht ſulin den zu werde die Naſe Kopf geſ mer gan ihren Be⸗ Dankbark wollte— nungen d hatte fall lichen B hatte, der daß Du ſollte aber as werden, eebenfalls, und weiter Hoffnungen warm und G— en. von Unter⸗ Briefe an aren jetzt in rleborg nur untagsſchule chicklichkeit, orer ſowohl edungen die herte; ſogar fluſſe ſeiner ittheilungen eſtehen, daß 371 ſie ſich wahrſcheinlich geirrt hätte, und daß er ganz gewiß ein edler und ganz uneigennütziger Menſch wäre. Evelyn, die arme Evelyn, war verſtrickt gleich dem Vogel im Netze und machte nicht den kleinſten Verſuch, aus dem Zauberkreiſe zu kommen, welchen er mit jedem Tage dichter und dichter um ſie herzog. Sehr ſelten traf Juſtus ſie allein, weil Conſtance's Vertrauen zu dem eifrigen Lehrer noch allzu neu war, um nicht oft zu wanken; nun aber machte er der Con⸗ ſulin den Vorſchlag, Evelyn's Lehrer im Fortepianoſpielen zu werden; und die Conſulin, welche nie weiter ſah, als die Naſe reichte, und ſich noch dazu ſeit einiger Zeit in Kopf geſetzt hatte, daß Charlotte's Rathſchläge nicht im⸗ mer ganz ſicher wären, gab nicht nur ohne Bedenken ihren Beifall, ſondern ſie erklärte auch ihre überlaute Dankbarkeit für die Mühe, die der Magiſter übernehmen wollte— und das alles trotz der vorhergegangenen War⸗ nungen der Mamſell Charlotte, welche dieſe vorſichtig hatte fallen laſſen, wenn die Conſulin in ihren vertrau⸗ lichen Berathungen ihren Wunſch zu erkennen gegeben hatte, der Magiſter moͤchte dieſe Artigkeit anbieten. „Ich bin mir die Gerechtigkeit ſchuldig, zu glauben, daß ich ſelbſt der beſte und competenteſte Richter bin!“ ſagte ſie, als Charlotte noch einmal nach dem wirklichen Anerbieten des Magiſters Carleborg mit einer demüthigen Hinweiſung auf das eigene Urtheil der gnädigen Frau hervorzukommen wagte,„ob es wohl recht wäre, da man geſehen hätte, welchen ſtarken Einfluß der Magiſter auf Mademoiſelle Evelyn ausübte, ſie dieſem Einfluſſe noch ferner auszu⸗ ſetzen. So denke nicht nur ich,“ fügte Charlotte hinzu, „ſondern es iſt auch noch eine Andere da, die hierin gleich mit mir denkt!“ und Charlotte deutete mit einem Kopfnicken auf das Fenſter, wo Conſtance ſaß. „Was hat das zu bedeuten?“ ließ unſre gnädige Frau mit hoher Würde vernehmen—„hält man Rath gegen meinen Beſchlüſſe?“ 372 „Wer wollte nur dahinaus denken!“ erwiederte Con⸗ ſtance, indem ſie von dem Fenſtertritt herabſprang und ſich neben die Conſulin ſetzte.„Doch ſehen Sie, liebſte gnädigſte Tante, Evelyn iſt zu nervenſchwach für die Muſik, und die Muſik des Magiſters Carleborg iſt nicht für ſchwache Nerven!“ „Meine liebe Conſtance! Du biſt allzu einfältig, mein Kind! Als ob ſo große Stärke erforderlich wäre, auf dieſe Taſten zu klopfen!“ „Ja, auch dazu taugt die Schwäche nicht, wenn der Unterricht lange dauert; doch das Leiden, von welchem ich ſagte, daß es den Nerven ſchaden koͤnnte, iſt die See⸗ lenſpannung, welche die Muſik auf ein ſo gefühlvolles Weſen wie Evelyn äußern muß. Ich bilde mir ein, und das wohl nicht ganz ohne Grund, ihr Gemüth und ihre Phantaſie könnten dadurch in eine ſolche Spannung geſetzt werden, daß es für ſie gefährlich würde: ſie iſt ſo ſchwach, fein und zart, daß man ſie mit unbeſchreiblicher Behutſamkeit behandeln muß.“ „Wenn man ſo etwas merkt, ſo kann es noch früh genug ſein aufzuhören. Es iſt eine Pflicht, die ich nicht nur mir ſelbſt, ſondern vor allen Dingen meinem künfti⸗ gem Schwiegerſohne ſchuldig bin, kein Mittel zur Ent⸗ wickelung der feineren Erziehung meiner Tochter außer Acht zu laſſen; und es wäre in der That ſehr ehrend und angenehm für mich, wenn ich bei der Rückkehr einer gewiſſen Perſon Evelyn in einer glänzenden Arie auftreten laſſen könnte!“ „Ach, beſte Tante, denken Sie doch an dergleichen nicht: das lernt man weder in ſechs Wochen noch in ſechs Monaten; und Evelyn würde in ſechs Jahren keine Arie ſingen lernen— nein, nicht in ſechs Jahrhunderten— das können Sie mir aufs Wort glauben!“ „Ich muß geſtehen, liebe Conſtance, daß Da mich wirklich ſurprimirſt; und ich bin mir ſelbſt die Gerechtig⸗ keit ſchuldig, zu erkennen, daß ich nicht erwartet hätte, die Eige hier kor unſern; Magiſter derte bre Talentes Bei Augen; bergen ko blicklich! rung wät daß Evel koͤnnte, ſe kleiner Ir Die man deut ſpruch er paſſend, „Ich ligen A⸗ Cvelyn's „Abe doch, daß ſo origine derte Con⸗ prang und e, liebſte h für die g iſt nicht lltig, mein väre, auf wenn der n welchem t die See⸗ gefühlvolles mir ein, hemüth und Spannung :ꝛ ſie iſt ſo ſchreiblicher noch früh iee auftreten dergleichen keine Arie rtet hätte, ch in ſechs 373 die Eigenliebe würde Dich ſo weit treiben.. Doch ſieh, hier kommt gerade der Magiſter zur rechten Zeit, um unſern Zwiſt zu entſcheiden! Haben Sie die Güte, Herr Magiſter, und ſagen Sie mir, ob Evelyn ſechs Jahrhun⸗ derte braucht, um eine Arie ſingen zu lernen?“ Juſtus konnte ein Lächeln nicht unterdrücken; doch ehe er Zeit hatte zu antworten, fand die Conſulin für gut noch folgendes hinzuzufügen:„Ich hatte gehofft, da auch ich ein wenig zu wiſſen glaube, daß mit der muſi⸗ kaliſchen Grundlage, welche Evelyn in der Erziehungs⸗ anſtalt erhielt, wo wir ſie ſieben Jahre lang gehen ließen, und mit dem Unterrichte, den ſie nun profitiren darf, dazu nicht mehr als ſechs, höchſtens acht Wochen erfor⸗ derlich ſein dürften?“ „Da könnte man wenigſtens nicht läugnen,“ meinte Juſtus, daß ein ſo außerordentliches Fortſchreiten eines Talentes etwas höchſt Ungewöhnliches wäre.“ Bei dieſen Worten trafen ſich ſeine und Conſtance's Augen; und der triumphirende Blick, den ſie nicht ver⸗ bergen konnte oder nicht verbergen wollte, gab ihm augen⸗ blicklich die klare Hindeutung, daß dieß eine Herausforde⸗ rung wäre, und nun wollte er zeigen, wenn auch nicht, daß Evelyn in ſechs Wochen eine Arie fingen lernen koͤnnte, ſo doch daß ſie deſſen ungeachtet trotz Conſtance's kleiner Intrigue ſeine Schülerin werden ſollte. Die Conſulin, welche ſich durch ſeine Antwort, die man deutlich für einen halben, wo nicht ganzen Wider⸗ ſpruch erklären konnte, ein wenig beleidigt fühlte, fand es paſſend, einen entſchiedeneren Ton anzunehmen. „Ich glaubte,“ ſagte ſie,„da von einem freiwil⸗ ligen Anerbieten die Rede war, daß die Meinung wäre, CEvelyn's Ausbildung zu einer Ehrenſache zu machen!“ „Aber, meine gnädige Frau Conſulin, bedenken ſie doch, daß Mademoiſelle Evelyn an und für ſich ſelbſt ein ſo originelles und wunderbares Weſen iſt, daß die Magie, 374 welche ſie umgibt, zu koſtbar iſt, als daß ſie ſich in eine ſo unbedeutende Alltagsſache, wie das Abſingen einer Arie aufloſen ſollte, beſonders ſo wie man ſie von dieſen Tau⸗ ſenden kleiner Talente ausführen hört, die ſich für voll⸗ kommen halten und ohne Zweifel hoͤchſt verwundert ſein würden, wenn man ihnen ſagte, daß es einem wirklichen Muſikkenner ziemlich ſchwer werden würde, in ihren Arien einige Verwandtſchaft mit denjenigen zu erkennen, die ſie eigentlich ſingen wollten. Zu dieſer Art von brillanterer Muſik gehört nicht nur, daß die Stimme einen großen Umfang, große Schönheit und Biegſamkeit beſitzt, ſondern es wird auch dazu ein gründliches Studium der Muſik, ein gründlicher Unterricht— mit einem Worte: es wird dazu etwas erfordert, das man nicht ſo leicht haben kann, wenigſtens nicht in den Provinzen.“ Auf Conſtance's Wangen kam und ging die Roͤthe in immer ſtärkeren und ſtärkeren Flammen: ſie wußte, daß ihr Lehrer ein geſchickter und ein gründlicher Muſikus ge⸗ weſen war, und wenn auch die Worte des Magiſters zum Theil Wahrheit waren, daß er ſie doch eigentlich nur ge⸗ äußert hatte, um ſie zu beleidigen. Aber Conſtance konnte nicht vergeſſen, daß Juſtus trotz der Kälte, die er das erſte Mal für ihre Muſik gezeigt hatte, nachher mehrmals, wenn er auch kein Wort des Beifalls geäußert, in der unfreiwilligen Huldigung des Blickes ſeinen Beifall zu er⸗ kennen gegeben hatte, und ſie glaubte daher, daß der Verdruß gegen ſie an ſeinem Ürtheile größern Antheil hätte, als wirkliche Ueberzeugung. Die Conſulin, welche in Anſehung des vorhergegange⸗ nen Widerſpruches von Seiten Conſtance's nicht ohne Mitgefühl für dieſen Anfall war, den auch ſie als gegen das junge Mädchen gerichtet erachtete, meinte dennoch im Ganzen ein wenig in den Hoffnungen getäuſcht zu werden, welche ſie auf Evelyn's Unterricht bei dem Magiſter ge⸗ ſetzt hatte. Ehe ſie jedoch dieſe Unzufriedenheit in Worte kleiden Thema cher wir die ſich da uͤberd etwas U eine ſole chen ließ ſie zu e So wie worden ihrem G Formen haben G ſehr wen wie Den ſo muß! wird es auszudrü ſich in eine einer Arie dieſen Tau⸗ h für voll⸗ undert ſein wirklichen in ihren u erkennen, r Art von ie Stimme Biegſamkeit es Studium nem Worte: ht ſo leicht 67* S die Roͤthe wußte, daß Muſikus ge⸗ agiſters zum lich nur ge⸗ ſtance konnte die er das w mehrmals, ert, in der eifall zu er⸗ r, daß der zern Antheil rhergegange⸗ nicht ohne ie als gegen dennoch im zu werden, Magiſter ge⸗ eit in Worte 375 kleiden konnte, beeilte ſich Juſtus, das erſt halb entwickelte Thema wieder anzuknüpfen. „Da folglich, um die Muſik zu preſtiren, von wel⸗ cher wir eben redeten, eine Ueberlegenheit erforderlich iſt, die ſich nur durch vieljährige Uebung erwerben läßt, und da überdieß ſelbſt bei der allergrößten Fertigkeit immer etwas Unnatürliches darin bleibt, ſo halte ich dafür, daß eine ſolche Fertigkeit— vorausgeſetzt, daß ſie ſich errei⸗ chen ließe— die Mademoiſelle Evelyn nur entſtellen und ſie zu etwas Halbem, Unharmoniſchem machen würde. So wie Mademoiſelle Evelyn von der Natur ausgerüſtet worden iſt, ſo iſt ſie in ſo hohem Grade vollkommen in ihrem Genre, daß man ſie ſo wenig wie möͤglich in die Formen der Kunſt einklemmen muß. Unzählige Menſchen haben Gelegenheit gehabt, Concertmuſik zu bewundern, ſehr wenige dagegen hatten Gelegenheit, ein ſolches Weſen wie Demoiſelle Evelyn zu bewundern; und ſoll ſie ſpielen, ſo muß das nach keiner beſtimmten Methode geſchehen; ſie wird es unter meiner Leitung ſchon lernen, ihre Gefühle auszudrücken und ſich denſelben zu überlaſſen. Man wird daher bei ihr nur die Originalität der Natur bewundern.“ „Nun, mein beſter Magiſter, ſo laſſen Sie uns denn bei der natürlichen und originellen Muſik bleiben— ich beginne wirklich ſelbſt zu glauben, daß dieſe mehr zu Evelyn's Genre gehört, und ihr Geſang braucht darüber nicht verſäumt zu werden.“ 3 „Hat die Mademoiſelle Evelyn denn Stimme?“ „Als Kind hatte ſie, obgleich ſie ſpäterhin mit ihren wirklich ärgerlichen Capricen nicht hat ſingen wollen; aber Stimme muß ſie wohl haben, denn ich bin mir ſelbſt die die Gerechtigkeit ſchuldig, zu erkennen, daß ich in meiner Jugend eine ſehr beliebte Stimme hatle. Wie können ſie ja fragen— jetzt, da ſie angefangen hat, einiger Maßen zu werden wie andere Menſchen, wird ſie doch wohl nicht nöthig haben, die Wahrheit zu verläugnen?“ „Wenn ich mir die Freiheit nehmen dürfte, mit einem 376 kleinen Rathe aufzuwarten, ſo wäre es der, eine günſtige Gelegenheit abzuwarten. Bittet man ſie zu ſingen, un ihre Stimme zu prüfen, ſo wird der natürliche Ausdruck derſelben durch die Bloͤdigkeit Ihrer Tochter verſchwinden. Ueberlaſſen Sie mir dieſes: wir können ja inzwiſchen, wie verabredet, mit dem Spielunterricht beginnen.“ „Thun Sie wie Sie wollen, Herr Magiſter— ich überlaſſe Ihnen Alles!“ Der Magiſter verbeugte ſich, gab Conſtancen den triumphirenden Blick zurück und verließ das Zimmer. „Sie iſt verloren,“ dachte Conſtance,„wenn er die Freiheit erhält, ſtundenlang neben ihr zu ſitzen... Noch einen Verſuch!“ „Er iſt ohne Zweifel ein Mann mit Education, das muß man geſtehen!“ äußerte die Conſulin. „Er iſt ein Mann von zwei Farben, und ich meines Theils verabſcheue ſolche!“ „Was willſt Du damit ſagen, mein Kind?.... Verſtehſt Du eine ähnliche Aeußerung, Charlotte?“ „Ja, Ihro Gnaden, ich glaube wohl die Meinung der Mademoiſelle Conſtance einzuſehen. Einmal ſehen wir den Magiſter Carleborg als einen demüthigen Apoſtel, eifrig in ſeinem Berufe und ſtark in ſeinem Willen, Nutzen und Segen um ſich her auszubreiten; dann aber ſteht er da wie ein kühner Elegant und demonſtrirt und declamirt wie ein Acteur. Ohne Zweifel iſt er ein gefährlicher Menſch— er hat große Gaben, aber er verſchmäht es auch nicht, ſie anzuwenden.“ „Warum ſollte er ſie denn wohl nicht anwenden, da er ſie einmal erhalten hat? Und wenn er, von meinem Beiſpiele ermuntert, einigen Unterricht in meinen Schul⸗ anſtalten ertheilen will, ſo braucht er deßhalb eben ſo wenig ein Apoſtel zu ſein, als er ein Acteur zu ſein braucht, weil er ſeine Meinung über meine Tochter mit Lebhaftig⸗ keit und Eleganz ausdrückt!“ „Doch,“ ſagte Conſtance,„haben Sie, beſte Tante V V — um für eine nach He laubniß Magiſte ſchon eitn ſie ſich Die Du haſt Delicate „3 ſo lange Juſtus v ſondern; an die R leicht abe daß er di gen will ſich hiem — wenn ruhige u bindet, ga Natur g mißtraue Evelyn ſi „Ja jemals ſo Dingen ſ tet? Ma herabgeſe himmliſch Die ſo lange Macht au ne günſtige ngen, un e Ausdruck rſchwinden. diſchen, wie ſter— ich tancen den immer. venn er die ... Noch cation, das ich meines 52.... btte?“ e Meinung amal ſehen gen Apoſtel, len, Nutzen ber ſteht er d declamirt gefährlicher rſchmäht es wenden, da von meinem nen Schul⸗ alb eben ſo ſein braucht, t Lebhaftig⸗ beſte Tante 377 — um ganz offen zu reden— ſchon daran gedacht, was für eine Miene der Baron Mar machen wird, wenn er nach Hauſe kommt und nun erfährt, daß Evelyn die Er⸗ laubniß zu einem noch vertraulicheren Umgange mit dieſem Magiſter Carleborg erhalten hat, für welchen ſie ohnehin ſchon ein ſo bewunderungswürdiges Vertrauen zeigt, daß ſte ſich blind von ihm leiten läßt?“ Die Conſulin erroͤthete ſtark.„Ich hoffe, Conſtance, Du haſt nicht die Abſicht, etwas zu ſagen, das meine Delicateſſe beleidigen kann?“ „Ich habe nur die Abſicht, meine Pflicht zu erfüllen, ſo lange meine Rede noch Nutzen ſtiften kann. Magiſter Juſtus von Carleborg iſt eine Perſon, nicht nur doppelt, ſondern zehndoppelt, ja zwanzigdoppelt— ich glaube nicht an die Reinheit ſeiner ſchleichenden Menſchenliebe! Viel⸗ leicht aber iſt dieß doch zu ſtreng: es kann möͤglich ſein, daß er die Menſchen liebt und ihnen ſo viel Gutes erzei⸗ gen will, wie er vermag; daß aber ein ſo junger Mann ſich hiemit beſchäftigt, das iſt ſchon ſo ungewöhnlich, daß — wenn er damit das feine, bald geſchmeidige, bald ruhige und bisweilen wieder kalte, ja ſcharfe Weſen ver⸗ bindet, gegen welches ſeine bisweilen flammende und heftige Natur grell abſticht— man unmöͤglich anders als ihm mißtrauen kann und zittern muß, wenn man ſieht, daß Cvelyn ſich ſeiner kleinſten Laune hingibt.“ „Aber in des Himmels Namen, was kann denn ge⸗ ſchehen?— er wird ſie doch wohl nicht aufeſſen?“ „Ja, wenigſtens mit den Augen! Haben Sie ſchon jemals ſolche Augen geſehen? Und haben Sie vor allen Dingen ſeine Augen geſehen, wenn er ſie auf Evelyn rich⸗ tet? Man ſollte glauben, daß ein Erzengel vom Himmel herabgeſendet worden iſt, um ſie zu lehren, ſich unter ſeiner himmliſchen Macht zu beugen.“ Die Conſulin lachte und betheuerte, daß ſeine Augen, ſo lange ſie denen eines Erzengels glichen, keine gefährliche Macht ausüben würden. Ueberdieß wäre der Magiſter ein 378 allzu ehrenhafter und gut erzogener junger Mann, als daß er das Vertrauen einer Mutter täuſchen könnte;„und was Evelyn betrifft,“ fuhr die kluge Mutter fort,„ſo kannſt Du ganz ohne Unruhe ſein: ſie iſt ein Kind, das nicht einmal ſo viel weiß und begreift, wie die erſten Buch⸗ ſtaben in dem Alphabete, von welchem Du redeſt— ſie ſoll den Baron Max heirathen und auf ihre Art glücklich werden!“ „Und Sie bleiben alſo bei Ihrer Erlaubniß zu den Muſtkunterrichte, liebe Tante? Sie wollen den Rath nicht hören, welchen Evelyn's beſte Freundin gibt?“ „Beſte Conſtance! eine Mutter iſt immer die beſte Freundin ihrer Tochter, und aus Rückſicht gegen Dich ſelbſt darfſt Du nicht mehr ſagen! Ich verſtehe ſehr wohl, daß Du verdrießlich ſein mußt, weil der Magiſter Carleborg ſogar in meiner Gegenwart ſeine Gedanken über die bril⸗ lante Muſik geäußert hat. Dadurch aber darfſt Du Dich nicht zu dieſen Vorausſetzungen verleiten laſſen, die, um es ſo ſchonend wie möglich zu ſagen, man nicht von Dei⸗ nem Charakter erwartet. Ich verantworte die Sache ſelbſt beim Baron, und habe noch dazu mein Wort gegeben, welches ich nicht zu brechen beabſichtige.“* „Was das betrifft,“ ſiel Mamſell Charlotte ein,„ſo kann wohl eine Perſon in der Stellung Ihrer Gnaden für gut finden, eine Meinung zu ändern, ohne daß jemand das Recht hat, ſich darüber zu beklagen oder ſich beleidigt zu fühlen.“ „Das kann wohl ſein; doch eine Perſon in meiner Stellung iſt auch verpflichtet, auf die Wirkung des Bei⸗ ſpiels Rückſicht zu nehmen— ich will zeigen, daß ein Wort wirklich ein Wort iſt!“ Der Muſtkunterricht begann. Doch im Anfange ſchien Evelyn ſo blöde und der Lehrer ſo ganz und gar Lehrer zu ſein, daß ſich mit Grund keine einzige Anmerkung machen ließ. An Magiſter Eleven n jungen ſagte zw⸗ man aus wiſſes Zi dem Vor die Dam ſo könnte ganz in d ihren Leid füllen, wa für die U klärten F bezeugte, Mit um die ku in, als daß „und was „ſo kannſt das nicht rſten Buch⸗ edeſt— ſie ert glücklich niß zu dem Rath nicht er die beſte Dich ſelbſt wohl, daß r Carleborg ber die bril⸗ ſſt Du Dich I, die, um cht von Dei⸗ Sache ſelbſt ort gegeben, btte ein,„ſo Gnaden für daß jemand ſich beleidigt n in meiner ng des Bei⸗ en, daß ein öde und der aß ſich mi 379 Einunddreißigſtes Kapitel. An einem hellen und ſchönen Vormittage machte der Magiſter— welcher rückſichtlich der Leſeſtunden ſeines Eleven nie beſonders ordentlich war— den Vorſchlag, die jungen Damen auf einer Promenade zu begleiten. Er ſagte zwar nicht, wohin er ſie führen wollte; doch ſah man aus dem Wege, den er ſie führte, daß er ein ge⸗ wiſſes Ziel vor Augen hatte, und endlich kam er auch mit dem Vorſchlage heraus; ſo deutlich man auch ſehe, daß die Damen von der langen Wanderung ermüdet wären, ſo könnte man doch eine kranke Frau beſuchen, die dort ganz in der Nähe wohnte.„Die Geduld dieſer Frau in ihren Leiden,“ ſagte er,„hat meine tiefſte Bewunderung und Freude geweckt.“ In der dunklen Hütte waren außer der Kranken nur ihre Mutter, eine ſehr alte Frau, und ihre Kinder. Die Kranke war eine Wittwe und lebte mit ihrer Mutter und ihren Kindern auf einem kleinen Altentheile. So lange ſie noch Kräfte zum Arbeiten gehabt,, hatte ſie für alle Vier gearbeitet; doch dieſe übermenſchlichen Anſtrengungen hatten ſie auf das Krankenlager geworfen, und nun erwar⸗ tete ſie den Tod in der feſten Zuverſicht, daß Er, welcher ſie zu ſchwach erfunden hatte, länger den Beruf zu er⸗ füllen, welcher ihr auf Erden ertheilt worden war, gewiß für die Ueberlebenden ſorgen würde. Als ſie Juſtus erblickte, glitt ein Lächeln des ver⸗ klärten Friedens über ihre Lippen, und ein leiſes„Ach!“ bezeugte, daß er willkommen war. Mit Freuden bemerkten Conſtance und Evelyn, daß um die kranke Frau alles vorhanden war, was eine Kranke 380 nothwendig bedurfte, und der Blick, den ſie wechſelten, ſagte ihnen, weſſen Vorſorge es angeſchafft hatte. „Gottes Segen über ihn!“ rief die Alte aus. Er iſt ein Engel des Herrn!“ Juſtus ſchien dieſe Worte nicht zu hoͤren, doch ver⸗ ſchloß er ſeine Augen nicht vor demjenigen, was er in Evelyns Blicken las. „Warum,“ ſagte ſie leiſe zu ihm,„haben wir nichts von dieſen Unglücklichen erfahren?“ „Beſte Mademoiſelle Evelyn! Sie haben jetzt ſo vlele Schützlinge, daß ich bisher dieſe für mich behalten habe. Dieſes kleine Altentheil gehört nicht zu Oernwik; daß aber dennoch die Armen von der Hülfe erhalten würden, das wußte ich, und darum wagte ich es, Sie hieher zu füh⸗ ren, damit dieſe arme Mutter ruhig ſterben koͤnnte.“ Er ergriff Evelyns Hand und führte ſie an das Bett. „Seht, arme Frau,“ ſagte er,„dieſen ſanften Engel ſchickt Euch Gott zum Troſte; ſie wird nicht nur für Eure Seele beten, ſondern auch dafür ſorgen, daß Eure alte Mutter nicht vor Hunger oder Kälte umkomme.“ Evelyn beugte ſich über die Kranke. Niemand hörte, was ſie ihr zuflüſterte, als ſie aber ihr vor Thränen feuch⸗ tes Antlitz wieder erhob, ſo trug es das Gepräge einer heiligen Demuth, und in den bleichen Zügen der Frau ruhte eine ſelige Zuverſicht. Sie wendete den Blick von Evelyn auf Juſtus, und in dem Blicke lag die tiefſte Dankbarkeit; darauf betrachtete ſie ihre Mutter und ihre Kinder mit einem Blicke der innigſten Liebe. „Ach,“ dachte Conſtance bei ſich ſelbſt,„wie bitter iſt doch bisweilen das Gefühl der Armuth! Doch iſt nicht auch Er arm? und dennoch betrachtet dieſe ſterbende Mut⸗ ter ihn mit ſegnenden Blicken! Er iſt's, der ihren letzten Augenblicken den Frieden geſchenkt hat; hier kann von keinem Egoismus die Rede ſein— er muß ein guter Menſch ſein!“ V „A bat die verblieben himmliſch ſendeten. Als herabgeben in dem di leſen hätte „Irge ſingen!“ f zugemacht Mademoiſe Mademoiſe Kranken b och dieſe blieb gehen wagt wechſelten, e. us. Er iſt doch ver⸗ was er in wir nichts jetzt ſo viele halten habe. kz daß aber urden, das her zu füh⸗ onnte.“ in das Bett. nften Engel r für Eure Eure alte 8 — = — die tiefſte er und ihre 381 „Ach, leſen Sie mir doch heute auch etwas vor 14 hat die matte Stimme der Frau. Juſtus nahm die Bibel von dem Brette über dem Fenſter— man ſah, daß er es gewohnt war, ſie dort zu ſuchen— ſetzte ſich neben das Bett der Kranken und las einige Capitel, nicht ſo, daß die Worte todte Buchſtaben verblieben, ſondern ſo, daß ſie ein doppeltes Leben, eine himmliſche Weckung in die Sinne und Herzen der Zuhoͤrer ſendeten. Als er ſchwieg, ſaß Evelyn, den Kopf auf die Hand herabgebeugt und weinte ſtill. Sie wünſchte, daß ſie ſelbſt in dem dürftigen Bette gelegen, und daß er ihr ſo vorge⸗ leſen hätte. „Irgend jemand von uns ſollte nun ein geiſtliches Lied ſingen!“ flüſterte Juſtus, nachdem er die Bibel langſam zugemacht hatte.„Meine Stimme iſt zu ſtark, die der Mademoiſelle Conſtance faſt allzu weltlich... wenn Sie, Mademoiſelle Evelyn, die Güte hätten! Vor der armen Kranken brauchen Sie ſich nicht zu geniren— und ihr allein ſingen Sie vor. Jetzt warf Conſtance einen Blick voll unbeſchreiblicher Verachtung auf den Kühnen, der es nicht verſchmähte, einen ſolchen Augenblick zu einem ſolchen Zwecke zu be⸗ nutzen. Es iſt wohl wahr, daß die Kranke hiedurch nicht das Mindeſte verlor, aber ſie war nichts deſtoweniger das Mittel, deſſen er ſich bediente, um einen Wunſch erfüllt zu ſehen, der auf eine andere Weiſe wahrſcheinlich uner⸗ füllt geblieben wäre. Juſtus nahm Conſtances Blick nicht allein mit der vollkommenſten Ruhe an, ſondern gab ihn auch auf eine Weiſe zurück, als hätte er ausrufen wollen:„Schäme Dich, mich ſo in meinem Innerſten zu kränken— denke von mir keine ſo egoiſtiſche Nichtswürdigkeit!“ Doch Conſtance ließ ihre Ueberzeugung nicht beſtechen; dieſe blieb unerſchütterlich, obgleich ſie nicht ſo weit zu gehen wagte, daß ſeine Menſchenliebe eine bloße Maske 382 wäre. Nein, gewiß wirkte ſein gutes Herz für die arme Frau, obgleich er nicht verachtete, ſie wiederum für ſich wirken zu laſſen. „Ach, ich kann gewiß nicht ſingen— nein, ich glaube nicht, daß ich es kann!“ ſtotterte Evelyn. „Faſſen Sie nur Muth; die arme Frau wird ſehr dankbar dafür ſein!“... er reichte ihr das Geſangbuch.. „Dieſe einfachen Melodien haben Sie ſehr oft gehört ſo⸗ wohl in der Kirche, als auch, wenn die Schulknaben ihre Morgenlieder ſingen.“ „Ja, ich kenne wohl die Melodien, aber ich weiß nicht ſicher, ob ich auch Stimme habe.“ „Da bitte ich um Verzeihung, daß ich Sie mit mei⸗ nem Eigenſinn geplagt habe— ich glaube ſonſt, es wuͤrde für die ſterbende Mutter eine himmliſche Freude geweſen ſein, wenn ſie dieſe Friedenstöne von derjenigen vernom⸗ men hätte, die ihr das Verſprechen ertheilte, die Be⸗ ſchützerin ihrer Kinder zu werden.“ In ſeinen Worten lag zu gleicher Zeit eine Abbitte und eine erneuerte, noch wärmere Bitte. Evelyn empfand das Magiſche in ſeinem Blicke, ſchlug ein Lied auf, wen⸗ dete ihre Augen der Kranken zu, ſenkte dieſelben dann hinab in das Buch und begann ihren Geſang. Man vernahm zuerſt nur einige zitternde Töne, ſo ſchwach, daß man ſie kaum mit dem Sänſeln eines er⸗ ſterbenden Frühlingswindes vergleichen konnte; doch nach und nach nahmen ſie an Stärke und Klarheit zu, und ob⸗ gleich ſie immer in Vergleich mit Conſtances weich blie⸗ ben, ſo hatten ſie dennoch einen ſo unausſprechlich reinen, hellen und rührenden Klang, daß Juſtus und Conſtance davon hingeriſſen wurden, und eine Stimme der himm⸗ liſchen Seraphim zu hoͤren meinten. Niemand beunruhigte ſie da ſie geendigt hatte mit einem einzigen Worte; doch die Augen des Magiſters zwan⸗ gen ſie, die geſenkten Augenlider zu öffnen, und mehr bedurfte glücklich Vie der Kran Wort üb dieſes Um von dieſen ſowohl vo hatte. N und da a thun ließ, im Zuſan es will!“ Und die arme für ſich ich glaube wird ſehr ngbuch.. gehört ſo⸗ naben ihre r ich weiß mit mei⸗ hes würde de geweſen en vernom⸗ , die Be⸗ ine Abbitte n empfand auf, wen⸗ u, und ob⸗ weich blie⸗ lich reinen, Conſtance der himm⸗ hatte mit iſters zwan⸗ und mehr 383 bedurfte es nicht, um Evelyn zu überzeugen, daß ſie ſo glücklich geweſen war, ſeinen Beifall zu erndten. Viele Tage vergingen nach dem Beſuche in der Hütte der Kranken, ohne daß Juſtus beim Muftkunterrichte ein Wort über Evelyns Stimme fallen ließ. Er ſchien ſich dieſes Umſtandes gar nicht einmal zu erinnern, wenn man von dieſem Beſuche und den Maßregeln redete, die man ſowohl vor, als auch nach dem Tode der Frau ergriffen hatte. Nur dieſe Maßregeln ſchienen ihn zu intereſſiren; und da alles gethan war, was ſich für den Augenblick thun ließ, ſo ſchien auch er vergeſſen zu haben, was damit im Zuſammenhange ſtand. Aber an einem Abende, da die Dämmerung Evelyn und ihren Lehrer bei der langen Unterrichtsſtunde überraſcht hatte, an einem Abende, da Conſtance einer Einladung der Freiherrin auf Bröllinge gefolgt war, die Conſulin mit der Mamſelle Charlotte ihren geheimen Rath hielt, und der Conſul die Nachmittagspfeife auf ſeinem eigenen Zimmer rauchte— an einem ſolchen, in jeder Hinſicht bequemen Abende, der ſich ſo in die Mitte der übrigen einſchleicht, ohne daß jemand darauf Achtung gibt, ſagte Juſtus leiſe und vertraulich, aber als wäre es die ein⸗ fachſte und natürlichſte Sache von der Welt geweſen: „Singen Sie ein wenig, Evelyn!“ 3 „Singen Sie ein wenig, Evelyn!“ wiederholte das junge Mädchen in ihrem Innern mit vor Freude ſchlagen⸗ dem Herzen. So, in dieſem durch und durch einfachen und vertraulichen Tone hatte ſie ihn noch nie reden gehöͤrt — wie gut und herrlich klang das!„Ach, wenn er mich umer nur Evelyn nennete— ich kann ſingen, wenn er es will!“ Und Evelyn ſang eine kleine Arie aus ihrer Kindheit, 384 die ihr gerade einſiel, und ſie ſang ſo, wie die kleinen geflügelten Sänger ſingen. Es war dunkler geworden; das Schweigen, welches dem kindlich lieblichen, unſchuldfrommen Geſange folgte, wurde für Juſtus zu mächtig. Evelyn's ſchoͤnes Antlitz ſchien ihm von einem Heiligenſchimmer übergoſſen zu ſein.. er mußte ſich doch herabbeugen, tief zu ihr herabbeugen. „Dank!“ ſagte er leiſe und drückte ſeine brennenden Lippen auf ihre keuſche Stirn. Dem Mädchen entfuhr ein leich⸗ ter Ausruf— ſie wußte nicht, weßhalb— aber ſein Blick bezauberte ſie ſo mächtig, daß ſie von ſelbſt, indem eine unbeſchreibliche Verklärung über ihre Züge ſchwebte, ihre Stirne noch einmal ſeinen unheiligen Lippen zur Ve⸗ rührung darbot. In dieſem Augenblicke trat Carl ein und gleich darauf der Conſul; Juſtus begab ſich auf ſein Zimmer, und Eve⸗ lyn blieb beim Inſtrumente ſitzen, ohne ſich zu bewegen, ja faſt, ohne zu athmen. Am Tage nach dieſem Auftritte, als Evelyns Auge ſich verſchämt zu ihm erhob, zu ihm, der ſo viele ver⸗ ſchiedenartige Gefühle in ihre Seele geworfen hatte, fand ſie ihn ruhig, herzlich und gut, ſo wie er gegen ſie immer zu ſein pflegte— doch nicht mehr; nichts in ſeinem We⸗ ſen, nichts in ſeinem Blicke deutete hin auf das Ereigniß am geſtrigen Abende. Zu der Conſulin aber ſagte er mit der überzeugend⸗ ſten Sicherheit:„Die Stimme der Madmoiſelle Evelyn iſt ſehr angenehm, unendlich angenehm; und falls die Frau Conſulin und Mademoiſelle Evelyn ſelbſt es erlau⸗ ben, ſo ſoll es für mich ein großes Vergnügen ſein, dieſe Stimme auszubilden.“ „Ach, mein beſter Herr Magiſter Carleborg, das iſt in der That ſehr ſchmeichelhaft— und ich hoffe, mein Kind, Du wirſt auch ſelbſt die Güte des Herrn Magiſters zu ſchätzen wiſſen!“ Evelyn ſchwieg. Wie ſollte es gehen, wie konnte es b gehen, ſtritt ge⸗ terricht; „N nicht die Du nicht und da d Entſcheid warten, fang nahr der erſten Conſulin, zu hoͤren, wirklich b Mamſelle letztere ge hoͤren. Wär weſen, ſo Gift ſich hineinſenkt macht, d nen würde Conſtance ſelbſt kein Schönheit ſie mit na meine ga iſt ohne N Und Evelyn le Eine Na die kleinen u, welches nge folgte, nes Antlitz n zu ſein... erabbeugen. nden Lippen r ein leich⸗ aber ſein elbſt, indem ge ſchwebte, ſen zur Be⸗ lleich darauf , und Eve⸗ zu bewegen, elyns Auge o viele ver⸗ rg, das iſt hoffe, mein Magiſters e konnte es 385 gehen, wenn ſie jeden Tag fingen ſollte? Ihre Blöͤdigkeit ſtritt gegen das Verlangen an, von ihm im Singen Un⸗ terricht zu erhalten. „Nun, Evelyn?— man koͤnnte glauben, Du hätteſt nicht die geringſte Education genoſſen— warum antworteſt Du nicht? Ich ſehe es Dir ja an, daß Du fingen willſt; und da der Herr Magiſter die Artigkeit hat, Deine eigene Entſcheidung hören zu wollen, ſo laß darauf nicht länger warten, ſondern ſage Ja oder Nein!“ „Ich will verſuchen!“ „So, mein Kind, das war recht! Man verlangt nicht mehr.“ Doch der Geſangunterricht, welcher jetzt ſeinen An⸗ fang nahm, und vor welchem Evelyn ſo ſehr zitterte, war der erſten Unterrichtsſtunde ſo ganz und gar ungleich. Die Conſulin, welche äußerſt neugierig war, Evelyns Stimme zu hoͤren, verließ faſt nie das Zimmer, und geſchah das wirklich bisweilen, ſo war doch immer Conſtance oder Mamſelle Charlotte, oder ſogar der Conſul da, welcher letztere ganz entzückt war, ein Stückchen von Evelyn zu oͤren. 3 Wäre aber auch das ganze Zimmer voller Leute ge⸗ weſen, ſo hätte das doch nicht hindern koͤnnen, daß das Gift ſich mit jedem Tage immer tiefer in Evelyns Herz hineinſenkte; denn nun hatte Juſtus die Bemerkung ge⸗ macht, daß Evelyns Stimme mehr an Sicherheit gewin⸗ nen würde, wenn er ſie accompagnirte; und als erſt Conſtance ſeine Singſtimme gehört hatte, von welcher er ſelbſt kein Aufhebens zu machen ſchien, deren Kraft und Schönheit er aber doch ſehr gut anzuwenden wußte, ſagte ſte mit naivem Selbſtvertrauen zu ſich ſelbſt:„Es gehoͤrt meine ganze Kälte dazu, dieſem zu widerſtehen! Evelyn iſt ohne Rettung in ſeiner Gewalt— arme Evelyn!“ Und der eine Tag kam und entfloh nach dem andern. Evelyn lebte ihr Leben im Himmel; die Conſulin dagegen Eine Nacht am Bullarſee. 1. 25 386 — ſie triumphirte bei dem Gedanken an den Effect, den das Talent ihrer Tochter auf den Baron Mar hervorbrin⸗ gen würde, und konnte daher den Magiſter nie genug zum Fleiße ermuntern. Was Juſtus ſelbſt betrifft, ſo würde man vielleicht ſagen können, er ſtand und wiegte auf dem Rande des Luftballons, welcher ſeine ſämmtlichen Zukunftspläne umſchloß. Er wollte im Ballon emporſteigen und hoch, hoch hinauf gehen; doch zog ihn eine geheime Anziehungs⸗ kraft immer wieder nach unten zurück. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Der December mit dem Weihnachtsfeſte verging, der Januar kam und mit ihm der Baron Marx. Die Conſulin hatte Recht gehabt: ſie genoß eines wirklichen Triumphes, als Baron Marx faſt außer ſich vor Entzücken auf Evelyn's bezaubernden Geſang lauſchte und als ſie ſah, daß Evelyn, wenn auch noch immer mit einem Anſtriche von kindlicher Blodigkeit, nicht nur ant⸗ worten, ſondern ſogar einige kleine Fragen an ihn richten konnte. Als aber der Baron, nachdem er die Conſulin in gehöriger Ordnung complimentirt hatte, zu Conſtance trat und ihr einige herzliche und warme Worte über ihre mit Evelyn gehabte Mühe ſagte, und Conſtance erröthend ant⸗ wortete:„Wie koͤnnen der Herr Baron wohl glauben, daß ich ein ſolches Wunder hervorgebracht habe— der Ma⸗ giſter Carleborg hat die Ehre davon!“ da erröoͤthete die Wange des Barons nicht länger vor Freude, ſondern ſie erblaßte vielmehr vor Furcht, und ſpäterhin, da er ſelbſt die Ma über ſei er bewa zu reden hatte, de Um ohne Ze genoͤthigt ſolches a weiter er der erſten tiefer ver und die legenheit rührl un Schwiege ihr beſſer Conſul war alſo nie einen Nac monien, den ware tem Fall lyn verni ffect, den zervorbrin⸗ genug zum vielleicht em Rande kunftspläne und hoch, Inziehungs⸗ erging, der außer ſich ng lauſchte immer mit t nur ant⸗ ihn richten nſtance trat er ihre mit Slauben, daß der Ma⸗ ſrröthete die ſondern ſie da er ſelbſt öthend ant⸗ enoß eines Conſulin in V 387 die Macht beurtheilen konnte, die Juſtus von Carleborg über ſeine Schülerin ausübte, da erbleichte er vor Schmerz. „Doch,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„hier iſt keine Zeit zu verlieren— ſchon habe ich allzu lange gezaudert!“ Jetzt kam der Baron Marx wiederum täglich nach Oernwik, ja, er blieb dort ſogar mehre Tage wohnen; er bewachte jeden Blick und jede Geberde des Magiſters, ſah jedoch ſehr bald, daß dieſer ſich durch nichts in Furcht etzen ließ. ſes Inzwiſchen waren alle ſeine Verſuche, Evelyn allein zu treffen, fruchtlos. Gleichſam aus Inſtinkt nahm Eve⸗ lyn ſich in Acht, denn ſie merkte, daß der Baron ſie ſuchte— ſie merkte es trotz des Schweigens der Conſulin — und die Conſulin, obgleich ihr das Herz vor Begierde zu reden ſchwoll, ſchwieg darum, weil Conſtance verſichert hatte, daß alles„Preveniren“ die Sache verderben würde. Um alſo in den Genuß einer ungeſtoͤrten Unterredung ohne Zeugen zu kommen, ſah ſich endlich der Baron Mar genoͤthigt, ſich zuerſt an die Eltern zu wenden, obgleich ſolches anfangs nicht ſeine Meinung geweſen war; und je weiter er in ſeinem Vortrage fortſchritt— den er bei der erſten paſſenden Gelegenheit hielt— deſto tiefer und tiefer verneigte ſich die Couſulin, indem ſie ihr Franzöſiſch und die ſämmtlichen großen Antworten, die für dieſe Ge⸗ legenheit im Voraus überdacht waren, vergeſſend ganz ge⸗ rührl und glaubwürdig verſicherte, ſie glaubte nie einen Schwiegerſohn erhalten zu können, der ſie mehr ehrte und ihr beſſer geftele— eine Aeußerung, in welche auch der Conſul mit Herz und Ueberzeugung einſtimmte. Jetzt war alſo nur noch übrig, zu erfahren, ob auch Evelyn nie einen Mann erhalten konnte, der ih r beſſer gefiele. Nachdem von beiden Seiten alle gebräuchlichen Cere⸗ monien, die wir hier gleichwohl übergehen, beobachtet wor⸗ den waren, gab der Baron ſeine Furcht vor eben genann⸗ tem Fall zu erkennen; doch der Conſul hoffte, daß Eve⸗ lyn vernünftig ſein würde, und die Conſulin betheuerte, 388 es wäre unerhört, daß der Baron Evelyn's gänſtige Ge⸗ fühle nur in Frage ſetzen könnte.„Doch,“ fuhr die gute Frau fort,„halte ich es für eine mir unerläßlich zukom⸗ mende Pflicht, ſie auf die wichtige und intereſſante Wen⸗ dung vorzubereiten, welche ihr Schickſal nun nimmt: in dieſen wichtigen Augenblicken des Lebens iſt die zärtliche Mutter die Stütze der Tochter.“ In dieſem Falle aber wagte der Baron Marx andrer Meinung zu ſein. Er wollte nothwendig der Erſte ſein, welcher Evelyn's Ausſchlag aus ihrem eigenen Munde vernahm; und um vollkommen ſicher zu ſein, daß ſeine künftige Schwiegermutter ihm nicht zuvorkommen könnte, ſo hielt er als die größte Gunſt darum an, jetzt ſogleich Evelyn aufſuchen zu dürfen. „Meine Tochter iſt auf ihren Zimmern mit Con⸗ ſtance; da aber der Herr Baron unbedingt es auf dieſe Weiſe wünſchen— und es meine froheſte Hoffnung iſt, daß un⸗ ſere Wünſche ſtets in Einſtimmung ſind, wie ſie es in einer Familie ſein müſſen— ſo will ich Conſtance rufen laſſen, damit dann der Herr Baron mit dem Rechte, das einem Bräutigam zuſteht, Evelyn oben beſuchen können.“ „Ich fürchte nur, daß dieſe vielleicht etwas zu über⸗ eilte Vertraulichkeit— da die ſelige Hoffnung, die mir hier eben zu Theil wurde, ihr noch unbekannt iſt— mir mehr ſchaden als nutzen könnte; und wenn ich alſo wagen dürfte, mit noch einer Bitte zu kommen, ſo wäre es die, Mademoiſelle Evelyn herunterrufen zu laſſen, und mir zu vergoͤnnen, einen Augenblick mit ihr mich zu unterhalten.“ „Ich bin mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, zu er⸗ kennen, daß dieſer Vorſchlag wirklich mein innigſter Ge⸗ danke war; doch hinderte mich mein Zartgefühl, ihn aus⸗ zuſprechen. Indeſſen,“ fuhr die Conſulin fort, welche nach und nach wieder in ihren gewöhnlichen Ton zurückkam, „bin ich unendlich charmirt über unſere Sympathien!“ Mit ſeierlichen Schritten ging ſie zur Thür, klingelte und befahl d ſelle Ev D war, al G ſelbſt, zu ahne einer or werbung Gemütt hoͤchſt, N. der nied näherten wohnt an gar ſam, m ihr näh noch ne glaubte war. Al er mit „Verzei Unterre wollten 92 „8 389 befahl dem eintretenden Bedienten:„Bitte die Mademoi⸗ ſelle Cvelyn, allein in den großen Salon herabzukommen 42 Der Bediente begegnete Evelyn auf der Treppe; es war, als ſuchte ſie unten etwas. „In den großen Salon?“ wiederholte ſie bei ſich ſelbſt, ohne gleichwohl das Geringſte von der Wahrheit zu ahnen, denn ſie hatte ja keine Idee davon, wie es bei einer ordentlichen von Vater und Mutter erlaubten Braut⸗ werbung zuging. Sie trat daher auch ohne die geringſte Gemüthsbewegung in das prachtvolle Zimmer, war aber höchſt erſtaunt, Niemanden dort zu finden. Noch hatte ſie indeſſen nicht viele Minuten auf einer der niedrigen Ottomanen geſeſſen, als Männerſchritte ſich näherten... doch nicht die Schritte, welche Evelyn ge⸗ wohnt war, ſchon in der Ferne zu erkennen. Sie dachte an gar nichts, ehe der Baron die Thür öffnete und lang⸗ ſam, mit einer gewiſſen Feierlichkeit in ſeinem Weſen ſich ihr näherte. Da ſtand Evelyn auf und grüßte: ſie hatte noch nichts von der Ankunft des Barons gehört, und glaubte, daß er zufällig in dieſes Zimmer gekommen war. Als aber der Baron Max neben ihr Platz nahm, als er mit einer im hoͤchſten Grade erregten Stimme ſagte: „Verzeihen Sie mir— verzeihen Sie, daß ich um eine Unterredung gebeten habe, die mir auf andere Weiſe zu erhalten unmöglich war!“— da blickte Evelyn auf und antwortete mit einem Ausdrucke von Verwunderung;„Ich glaubte, meine Mutter hätte mich rufen laſſen!“ „Natürlich iſt es durch ſie und mit ihrem Beifalle, daß ich dieſes Glück genieße, welches ich für verdoppelt erachten würde, wenn ich zu hoffen wagte, daß Sie, Ma⸗ demoiſelle, mich wenigſtens ohne Mißfallen anhören wollten!“ „Wie kann ich das ſchon im Voraus wiſſen?“ „Dieſe Aeußerung ſcheint unglücklicher Weiſe anzu⸗ 390 deuten, daß Sie fürchten, ich könnte etwas ſagen, das Ihnen mißfällt.“ „Reden Sie, ſo werden wir ſehen!“ Sie ſprach dieſe Worte mit einer Sicherheit aus, die den Baron und vielleicht ſogar ſie ſelbſt in Erſtaunen ſetzte. „Erlauben Sie mir denn zu ſagen, daß ich Sie liebe— ja, daß ich Sie herzlich und innig geliebt habe von dem erſten Augenblick an, da ich Sie ſah, Evelyn ... und dieſer Augenblick, dieſe herrliche Erſcheinung auf dem Hügel bei dem Teiche wird mir ſtets in meiner Erinnerung gegenwärtig bleiben. Oft habe ich mich heim⸗ lich in den Park geſchlichen, um noch einmal einen Schim⸗ mer von dem Bilde aufzufangen, das in mein Herz ge⸗ drungen war; und wenn ich auch wirklich das eine oder das andere Mal hiezu Gelegenheit hatte, ſo konnte ich doch nie einen Blick auffangen, der mich hoffen ließ, daß Sie mich anders ſehen, als mit der größten Gleichgültig⸗ keit. Dennoch verlor ich den Muth nicht, denn ich ſagte zu mir ſelbſt:„Sie liebt Keinen, ſie ahnt nicht das Wort des großen Räthſels der Natur: die Zeit ändert ſo vieles, und Gott wird dereinſt vielleicht zulaſſen, daß ich derjenige werde, der...“ Ach, dieſer Gedanke war vermeſſen— ja, ich weiß, daß er es war— doch die Liebe, ſelbſt die ehrfurchtsvollſte, hat ihre Träume. Sein Sie aber über⸗ zeugt, Evelyn, daß ich, ehe ich mir die Höhe dieſes Glückes träumte, mir eine lange Zeit gedacht habe, in welcher ich tauſend Gelegenheiten finden würde, um zu zeigen, wie tief, ſtark und ernſt mein Wunſch war, derjenigen das Leben angenehm zu machen, die ſich meiner Zärtlichkeit anvertrauete.“ Evelyn ſchwieg. Sie ſchien ihre Gedanken zu ſammeln. May ergriff ihre Hand, und da ſie ihm dieſelbe nicht entzog, drückte er ſeine Lippen darauf.„Evelyn!... mein Gott! wäre es möglich, daß Du meine Liebe nicht verſchmähteſt, dürfte ich ſagen: verlaß Dich auf mich— ich werde Wenigen Dir geze entſchiede zens, die überlegt einem dü mehr frei „Se Max auf ihrer gar Verwirri ... daf keine We „Ol entgegnet genblicke als Schr Zimmer, uhalten. 3 Eve würdigen worfen h dieſer W Wahl. iebt habe Evelyn ſcheinung n meiner ch heim⸗ Schim⸗ Herz ge⸗ eine oder onnte ich ließ, daß ichgültig⸗ ich ſagte das Wort ſo vieles, derjenige neſſen— ſelbſt die ber über⸗ 391 ich werde nicht zu viel fordern, ich werde mich mit dem Wenigen begnügen, das Du mir geſtatten willſt, bis ich Dir gezeigt habe, ob ich mehr verdiene... O, dürfte ich dann ſagen: werde die Meinige, die Meinige in Leben und Tod!“ „Nein, nein!“ rief Evelyn aus und riß eilig ihre Hand weg,„ich will es nicht!“ „Nicht, Evelyn? Iſt alſo die Antwort ſo ſchnell entſchieden? verdient nicht der Antrag eines treufeſten Her⸗ zens, die Liebe eines ganzen Lebens, eine einzige Minute überlegt zu werden, ehe ſie verworfen wird?“ „Warum ſoll ich mich bedenken, da ich mein eigenes Herz nicht dagegen geben kann?“ „Jetzt nicht, das ſehe ich allzu wohl ein— habe ich aber nicht geſagt: prüfe mich! dereinſt...“ „Niemals!“ „Alſo,“ ſagte Max, indem ſeine Wange ſich mit einem düſtern Purpur überzog,„alſo iſt dieſes Herz nicht mehr frei— es hat alſo ſchon ſeine Wahl getroffen?“ „Seine Wahl?“ wiederholte Evelyn, und ſah zu Max auf mit einem Blick, in welchem das Geheimniß ihrer ganzen Seele und eine unausſprechliche, unentwickelte Verwirrung ſich ausſprach.„Glauben Sie, Herr Baron ... daß...“ Sie ſchwieg— arme Evelyn! Sie fand keine Worte, um auszudrücken, was ſie wiſſen wollte. „Ohne Zweifel bin ich ein ſchlechter Vertrauter!“ entgegnete Marx, deſſen getäuſchte Hoffnung in dieſem Au⸗ genblicke ihm nicht erlaubte, andere Gefühle zu empfinden, als Schmerz und Verdruß. Er ſtand auf und verließ das Zimmer, ohne daß Evelyn den Verſuch machte ihn zurück⸗ zuhalten. Evelyn war vollauf beſchäftigt mit den beiden merk⸗ würdigen Worten, die der Baron in ihren Ideengang ge⸗ worfen hatte, oder richtiger mit dem Sinne und Begriffe dieſer Worte.„Wahl.... ſeine Wahl.... meine Wahl... Wahl?“ Und jedes Mal, da ſie dieſen myſti⸗ 392 ſchen Ausdruck wiederholte, kam und floh das Blut von ihrem Antlitze. Hatte ſie denn ſchon dieſe Wahl getrof⸗ fen— hatte auch ſonſt ſchon Jemand gewählt?... Ihr Haupt ſank auf die Bruſt herab, ſie ſchloß die Augen, um Träume zu träumen, die ſie noch nie geträumt hatte, weil ſie noch nie empfunden hatte, was ſie jetzt empfand. Sollte ſie es wagen, ſich bei Jemand darnach zu erkun⸗ digen, was ſie jetzt fühlte— ſollte Jemand ſie darnach fragen, oder ſollte ſie in dieſem Chaos von ſeliger Em⸗ pfindung und Unruhe bleiben, ohne es zu begreifen, wie der Baron, für den ſie nicht das Geringſte empfand, ſie darein hatte verſetzen können? Während Evelyn dieſe Frage prüfte, die ihr un⸗ ſchuldsvolles Gemüth nicht zu beantworten vermochte, trat der Baron Max in das Zimmer, wo der Conſul und ſeine Gattin ſchon ihre Plätze auf dem Sofa eingenommen hatten und jeden Augenblick erwarteten, daß„ihre Kin⸗ der“ herauskommen ſollten, um den ſchon fertigen Segen entgegen zu nehmen.“ Doch ſchon bei dem erſten Anblicke des erſehnten Schwiegerſohnes erhob ſich die Conſulin beſtürzt; und ſie bedurfte ihres ganzen feinen Welttones, deſſen ſie ſich zu rühmen pflegte, um nicht aufzuſchreien oder geradezu in Ohnmacht zu fallen, als ihr der Baron Max verkündigte, daß ſein Antrag verworfen worden wäre. „Verworfen?“ wiederholte der Conſul mit ſprechen⸗ der Niedergeſchlagenheit,„das war wirklich unvernünftig von ihr, ſehr unvernuͤnftig!“ „Es iſt weiter nichts, als ihre blode Kindlichkeit, die den Herrn Baron mißgeleitet hat!“ erklärte die Conſulin, ſobald ſie ihre Gedanken geordnet hatte.„Ich glaubte faſt, daß es auf dieſe Weiſe gehen würde, da eine ſo wich⸗ tige Sache ganz unvorbereitet kam! Evelyn iſt ſo jung und in gewiſſen Fällen ſo außerordentlich unwiſſend, daß ſie von dem Verſtande Anderer geleitet werden muß; und wenn Sie, Herr Baron— wie ich hoffen will— bei der erſten haben, ſo ich vorſch die Geree hoffe ich rückzukon „Icl liches An ſagen, d gibt: und allzu gen es einem „Eir freiwillige die bitten vorſichtig Augenblig verwirrter plötzlich baren Fu war verä noch nich ausſchlief allen Leit und einen zu laſſen „W „De des Barc wagen kö „ „W dlut von etrof⸗ lt 8 ie Augen, mt hatte, empfand. zu erkun⸗ ie darnach liger Em⸗ eifen, wie pfand, ſie e ihr un⸗ ochte, trat und ſeine genommen „ihre Kin⸗ een Segen erſehnten t; und ſie ſie ſich zu eradezu in erkündigte, ſprechen⸗ vernünftig ichkeit, die Conſulin, 393 der erſten kleinen Widerwärtigkeit nicht den Muth verloren haben, ſondern mir erlauben, den Plan zu befolgen, den ich vorſchlug, und den ich, wie ich mir ſelbſt zu erkennen die Gerechtigkeit ſchuldig bin, für den beſten halte, ſo hoffe ich mit beſſeren und angenehmeren Nachrichten zu⸗ rückzukommen.“ „Ich bin nicht einmal ſtolz genug, um ein ſo freund⸗ liches Anerbieten abſchlagen zu wollen, muß aber doch ſagen, daß es nur geringe Hoffnung auf einen Irrthum gibt: unglücklicher Weiſe bin ich meines Mißgeſchickes nur allzu gewiß. Evelyn's Herz kann mir nicht gehören, weil es einem Andern gehört!“ „Einem Andern?“ rief die Conſulin mit einem un⸗ freiwilligen Ausdruck des Schreckens aus; und ohne auf die bittenden Worte des Barons zu hoͤren, daß ſie äußerſt vorſichtig ſein moͤchte, flog ſie hinaus und ſtand einige Augenblicke ſpäter vor Evelyn, welche in ihren ſeligen verwirrten Traum verſunken auf nichts Acht gab, bis ſie plötzlich bei folgenden Worten der Mutter zuſammenfuhr: „Haſt Du den Verſtand verloren, oder willſt Du, daß ich ihn verlieren ſoll?“ Evelyn betrachtete ihre Mutter mit einer unverkenn⸗ baren Furcht. Jeder Zug in dem Antlitze dieſer Mutter war verändert oder richtiger verzerrt. Ach, Evelyn wußte noch nicht, was es heißt, eine Mutter zu reizen, welche ausſchließlich eingenommen iſt von der erbärmlichſten unter allen Leidenſchaften, nämlich der Sehnſucht, einen Namen und einen Titel mit zuſammengerafften Reichthümern trauen zu laſſen!“ „Was iſt?“ ſtotterte Evelyn. „Das wollte ich Dich fragen! Du haſt den Antrag des Barons abzuſchlagen beliebt... wie haſt Du das wagen können?“ „Ich will ihn nicht haben!“ „Willſt ihn nicht haben?... Evelyn, ich zittere 8 394 und bebe! Ich ſehe, Du biſt jetzt verrückter als Du warſt, ehe Du klug wurdeſt!“ „Bin ich denn manchmal nicht klug geweſen?“ fragte Evelyn forſchend, indem ihr Blick mit Verwunderung und tiefem Schmerze in die Vergangenheit zurückſank. Frau Loͤwe, die gleich mancher andern Mutter ſich nie die Zeit gegeben oder nie feſten Willen genug gehabt hatte, das Weſen verſtehen zu lernen, das Gott ihr an das Herz gelegt hatte, um daſſelbe zu lieben und zu ſchützen, war jetzt weniger als ſonſt im Stande, alles Boͤſe zu ahnen oder zu verſtehen, das ihre unvernünftige Liebe, ihre verkehrte Erziehung und ihr völliges Unvermöͤgen, Evelyn zu verſtehen, bei dieſer bewirkt hatte. Alſo einzig und allein ihrem unüberwindlichen Verlangen folgend, Evelyn zu einer vornehmen Dame zu machen— was in Frau Löwe's Lexicon gleichbedeutend war mit einer glücklichen Dame— vergaß ſie vollkommen die Schonung, welche ſie einem ſo zarten Weſen wie ihre Tochter ſchuldig war, indem ſie ohne Bedenken antwortete: „Du fragſt mich, ob Du manchmal nicht klug ge⸗ weſen biſt— eben ſo gut hätteſt Du fragen können, ob Du es jemals geweſen biſt! Weißt Du denn nicht, daß Du mich von dem Tage an, da ich Dich zur Welt gebar, in Verzweifluug geſetzt haſt? denn es dauerte nicht lange, ſo bemerkte ich, daß Du ganz anders werden würdeſt als alle andere Kinder. Ich ſtelle es Gott anheim, wle ich gelitten und Alles, was ich nachher an Dich gewendet habe, von der einen Schule in die andere und zuletzt in der großen Erziehungsanſtalt, wo wir Dich ſieben Jahre lang hielten, in der Hoffnung, daß Du endlich ein Menſch werden und verſtehen lernen ſollteſt, was Deine zärtlichen Eltern für Dich gethan haben! Du ſollſt nicht glauben, daß wir zu unſerm Beſten gearbeitet und geſpart haben; nein, es geſchah für Dich, Evelyn, für unſer einziges ge⸗ liebtes Kind, unſer theures, ſchoͤnes Kind, welches wir glücklich ſehen wollten mit einem guten und vornehmen Manne, d Schoͤnheit thümer, dienen!“ Eveld Theil dieſe und ihr 2 inſtinktmäf geſetzten B wohl verſte Du behaft Stummhei warſt gewi Deinen ſo Alles, wa doch, wie ſchwinden! haſt Du ſehen zu k „Ja; tion ein, danken, unveränder mit meiner mit meinen — ihm m Gute, das Evely ten von ei ihr Buſen tete ihre mit einem mußte. Du warſt, 2“ fragte rung und rutter ſich ug gehabt ott ihr an u ſchützen, Boͤſe zu Liebe, ihre n, Evelyn einzig und d, Evelyn 3 in Frau glücklichen g, welche uldig war, gewendet zuletzt in ben Jahre ein Menſch zärtlichen t glauben, art haben; inziges ge⸗ elches wir 395 Manne, der Dir ein Anſehen geben koͤnnte, wie es Deine Schoͤnheit, die Du von Gott, und wie es Deine Reich⸗ thümer, die Du von Deinen Eltern erhalten haſt, ver⸗ dienen!“ Evelyn ſchien ganz gefühllos zu ſein für den letzten Theil dieſer Rede.„Von welcher Zeit an,“ fragte ſie, und ihr Blick haftete mit einem rührenden Ausdrucke auf der Mutter,„wurde ich ſo wig ich ſein ſollte— denn jetzt bin ich ja vollkommen klug?h „Das iſt ſchwer zu ſagen!“ entgegnete die Conſulin inſtinktmäßig ausweichend.„Gott hat alle meine unaus⸗ geſetzten Bemühungen angeſehen— und dann wirſt Du wohl verſtehen, mein Kind, daß die Art Krankheit, womit Du behaftet warſt, eigentlich in einer beinahe beſtändigen Stummheit und Gleichgültigkeit gegen Alles beſtand. Du warſt gewiß nicht unklug durch etwas anderes als durch Deinen ſonderbaren und eigenſinnigen Widerwillen gegen Alles, was andere Leute thaten und zu thun pflegten... doch, wie geſagt, Gott hat dieſe Fehler nach und nach ver⸗ ſchwinden laſſen, und jetzt, Evelyn, wenn Du nur wollteſt, haſt Du Verſtand genug, um Dein eigenes Beſtes ein⸗ ſehen zu können.“ „Ja; daß aber dem ſo iſt,“ fiel Evelyn mit Inſpira⸗ tion ein,„das habe ich nur einem Einzigen zu ver⸗ danken, und dieſen Einzigen bete ich daher an mit einer unveränderlichen und ewigen Liebe. Ja, ich bete ihn an mit meiner ganzen Seele, mit meinem ganzen Herzen, mit meinem ganzen Verſtande, mit allen meinen Sinnen — ihm wollte ich mein ganzes Leben geben für alles Gute, das er mir gethan hat!“ Evelyn war aufgeſtanden, ihre ſanften Augen flamm⸗ ten von einem magiſchen Glanze, ihre Wangen glühten, ihr Buſen hob ſich in mächtigen Wogen, und ſie betrach⸗ tete ihre verwunderte oder richtiger verſteinerte Mutter nitgeinem Blicke, vor welchem ſie den ihrigen ſenken mußte. 7 396 „Evelyn, Evelyn!“ ſtotterte die zitternde Frau,„Du meinſt Gott, mein Kind!... Du kannſt keinen Andern meinen?“ „Ich meine ſein Werkzeug: ich meine Ihn, den Gott in ſeiner unendlichen Gnade zu meiner Rettung geſchickt hat... ich meine den Magiſter Carleborg!“ „Himmel!“ rief die Conſulin und ſank auf den Stuhl...„Du ſchämſt Dich nicht, zu bekennen, daß Du einen armen elendigen Informator liebſt, der nicht mehr hat als die Kleider auf dem Leibe und vielleicht dieſe nicht einmal bezahlt hat?“ „Vor Ihm ſollte ich mich ſchämen? Nein, ich bin ſtolz auf ihn! Ich wäre glücklich, wenn ich zu ſeinen Füßen kriechen und dort als ſeine Sklavin liegen dürfte! Was thut's, daß er arm iſt? 8 — ich? Wenn mir dieſes Oernwik gehörte, ich gäͤbe es mit Freuden hinweg für einen einzigen Blick von ihm!“ Jetzt mußte die Conſulin glauben, daß Evelyn's Verſtand wirklich verrückt worden war, denn daß Cvelyn, rage ich nach Reichthum ihre arme, blöde Evelyn ſo ſprechen könnte, wenn ihre Liebe zu Carleborg etwas anderes wäre, als ein Gebilde ihrer Phantaſie, das war der Conſulin unmöglich zu glauben. Sie konnte nicht begreifen, daß eben ihre eige⸗ nen Erklärungen Evelyn's brennende Bewunderung des Informators auf ihren höchſten Gipfel getrieben hatten. Dieſer Mann, dem ſie ihren Verſtand, ihr Leben, das Glück, Gott und ihre Pflichten kennen gelernt zu haben, zu verdanken zu haben meinte, dieſer Mann war für Evelyn ein Gott; und da ihre Gefühle und allmälig erregten Sinne bis auf den Punkt gelangt waren, wo ſie jetzt ſich befanden, ſo ſiel der Schleier des Zweifels und der blöden Verſchämtheit weg. Sie hätte der ganzen Welt zurufen wollen:„Ihn, nur Ihn und keinen Andern liebe ich... Ihn, nur ihn will ich lieben, ſo lange ich lebe!“ Ohne ein Wort zu antworten, eilte die Conſulin hinaus und war eben auf dem Wege, ihrem Manne und dem Bar von Evel⸗ zu macher Allem,“ Qualen a „Gor unmoͤglich dem Baro⸗ für einen einen And darf, ſo n moiſelle C ihre Tocht „Auf Es wäre „Alle paar Wor Jahre ſo Gebieterin zu bereite handeln d nichts dad Charlotte ſultat der von ſchrech ſo eben u Frau,„Du nen Andern n, den Gott ng geſchickt ik auf den ennen, daß , der nicht d vielleicht in, ich bin ch zu ſeinen gen duͤrftel Reichthum ich gäbe es von ihm!“ ß Evelyn's daß Evelyn, wenn ihre ein Gebilde moͤglich zu i ihre eige⸗ nderung des eben hatten. Leben, das —— it zu haben, n war füt ind allmälig aren, wo ſie Zweifels und der ganzen Andern liebe e ich lebel“ ie Conſulin Manne und 397 dem Baron Marx die gemachte fürchterliche Entdeckung von Evelyn's bedauerungswürdiger Verſtandesverwirrung zu machen, als ſie glücklicher Weiſe ihrem„Alles in Allem,“ Mamſell Charlotte, begegnete, und vor ihr die OQualen ausſchütten konnte, die ihr Mutterherz beklemmten. „Gott behüte uns, Ihro Gnaden! Es kann wohl unmoͤglich Ihre Meinung ſein, mit dieſer Neuigkeit zu dem Baron zu gehen? Es wäre wahrhaftig aufmunternd für einen Liebhaber, zu hoͤren, daß ſeine Inklination für einen Andern ſchwärmt! Wenn ich meine Meinung ſagen darf, ſo möchte ich rathen, daß Ihro Gnaden mit Made⸗ moiſelle Conſtance reden und ihr die Commiſſion ertheilen, ihre Tochter auf andere Gedanken zu bringen.“ „Auf andere Gedanken bringen— woran denkſt Du? Es wäre wohl paſſender, einen Arzt kommen zu laſſen!“ „Allerbeſte gnädige Frau, reden Sie erſt nur ein paar Worte mit Mademoiſelle Conſtance: ſie iſt für ihre Jahre ſo unendlich klug, daß ſie gewiß einen beſſern Aus⸗ weg weiß!“ Es war nämlich ſo, daß Charlotte ſich der Gefahr nicht ausſetzen wollte, die Conſulin aus ihrem Irrthum in Betreff der Sinnesverwirrung Evelyn's zu reißen; da ſie aber auf der andern Seite einſah, daß ihre werthe Gebieterin in Begriff war, eine höchſt anſtößige Scene zu bereiten, wenn ſie nach eigenem Willen in dieſer Sache handeln dürfte, ſo wies ſie dieſelbe zu Conſtancen, die iie dadurch verlieren konnte, wenn ſie die Wahrheit agte. „Nun ſo rufe denn in Gottes Namen Conſtance!“ Und Conſtance kam vollkommen unterrichtet, denn Charlotte hatte ihr auf dem Wege zu der Conſulin das Re⸗ ſultat der Ereigniſſe dieſes Morgens mitgetheilt. „Conſtance, mein Kind! welch ein fürchterliches Un⸗ glück iſt über uns gekommen: Evelyn hat einen Anfall von ſchrecklicher Verſtandesverwirrung! Baron Max hielt ſo eben um ihre Hand an, und ſie beliebte ihm ohne 398 weitere Ueberlegung den Korb zu geben... was meinſt Du wohl— einen ſolchen Antrag, einen ſolchen Mann auszuſchlagen!“ „Das iſt ſehr übel, denn ich glaube, der Baron Max paßt zu einem Gatten für Evelyn— doch darin ſpricht ſich doch keine Verſtandesverwirrung aus?“ „Nein, darin würde ſich nur eine eigenſinnige und unglückliche Laune ausſprechen, wenn ſie nicht vor einem Augenblicke, da ich mit ihr den allerſonnenklarſten Ver⸗ ſtand redete, wie eine Wahnſinnige oder wie eine Perſon in der Fieberhitze aufgefahren wäre und angefangen hätte zu deklamiren... ach, ich kann es kaum ſagen!“ fuhr die Conſulin mit geſenkter Stimme fort...„Genug, ſie bildet ſich ein, daß ſie verrückt iſt vor Liebe zu dem Ma⸗ giſter, und ſie will gerne zu ſeinen Füßen kriechen wie ſeine Sklavin. Du hoͤrſt nun ſelbſt... was in Gottes Namen ſollen wir thun?“ „In dieſem Augenblicke,“ ſagte Conſtance ziemlich gefühllos für die Angſt der Conſulin,„iſt wohl nichts anderes zu thun, als die Sache ihren Gang gehen und ſich ſelbſt entwickeln zu laſſen; doch vor einigen Monaten, da der Muſtkunterricht noch nicht begonnen hatte, da waͤre es Zeit geweſen— entſinnen Sie ſich, Tante, daß ich damals warnte?“ „Was ſollen das für einfältige Alluſtonen ſein?“ fragte die Conſulin vor Aerger zitternd.„Du wirſt doch wohl nicht ſagen, daß... daß..“ „Ich will ſagen, daß Evelyn keinesweges in einer Verſtandesverwirrung geredet hat. Ja, beſte Tante, das will ich ſagen und noch hinzufügen, daß man Evelynen mit ihrem Charakter, ihrem Weſen und ihren Gefühlen dieſe Liebe nicht rauben kann, man mag ſich ſo viele Mühe geben wie man will, nachdem man ihrer Liebe alle moͤg⸗ liche Freiheit zu wachſen geſtattet hat.“ „Mein Gott, mein Gott— ich arme, hart geprüfte und unglückliche Mutter! Iſt das der Lohn für alles, was ich meiner J habe, 1 Welt zu Geberden Gott, D ſtrebt hal ſelbſt die wenige 8 ... denr bis jetzt hat, ſich geſunde 2 wie die W „O, wenn mar Evelyn w Augenblich zaubert w ich muß o wie ſehr e Verirrung Conſtanzch ſind, Evel lichkeit un hülfreiche ten. Geh Ein ſchöne Lip was meinſt chen Mann der Baron doch darin 1s?“ ' nſinnige und t vor einem arſten Ver⸗ eine Perſon angen hätte gen!“ fuhr „Genug, ſie u dem Ma⸗ kriechen wie in Gottes nee ziemlich wohl nichts gehen und n Monaten, tte, da wäre te, daß ich dnen ſein?? wirſt doch ges in einer Tante, das in Evelynen Gefühlen viele Mühe e alle moͤg⸗ art gepruͤfte n für alles, V 399 was ich an dieſes Kind geopfert, daß ich von der Jugend meiner Tage bis an den Abend meines Alters geſtrebt habe, um ihr Wohlſtand, Glück und Seligkeit in der Welt zu verſchaffen?“ klagte die Conſulin mit großen Geberden und ſtroͤmenden Thränen.„Conſtance, ich rufe Gott, Dich und die ganze Welt zu Zeugen, daß ich ge⸗ ſtrebt habe, meine Pflichten zu erfüllen— ja ich bin mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, zu erkennen, daß ich glaube, wenige Frauen haben ſie ſo erfüllt wie ich— und dennoch ... dennoch ſoll dieſes junge, unvernünftige Ding, das bis jetzt weder Begriffe, Gedanken noch Gefühle gehabt hat, ſich mit einem Male gegen mich und gegen alle geſunde Vernunft auflehnen!... Das iſt ein Wunder wie die Welt es noch nie gehört hat!“ „O, liebe Tante, was iſt es denn für ein Wunder, wenn man liebt, wo die Liebe ſelbſt der Lehrmeiſter iſt? Evelyn wurde ja gleichſam ein anderer Menſch von dem Augenblick an, da ſie von der gefährlichen Schlange be⸗ zaubert wurde... doch das war ein übereilter Ausdruck, ich muß es geſtehen, denn ich weiß im Geringſten nicht, wie ſehr er Schuld iſt an Evelyn's Verirrung.“ „Nun Gott ſei Lob und Dank, mein Kind! So jung Du auch biſt, ſo haſt Du doch den Muth, zu ge⸗ ſtehen, daß die Liebe unter gewiſſen Umſtänden eine große Verirrung ſein kann! Doch bei dieſer Denkungsweiſe, Conſtanzchen, wirſt Du mir gewiß, da wir genöͤthigt ſind, Evelyn's Krankheit als eine beklagenswerthe Wirk⸗ lichkeit und nicht als eine Phantaſie zu betrachten, eine hülfreiche Hand reichen, um dem Uebel entgegen zu arbei⸗ ten. Gehe hinein zu ihr, Conſtance, rede mit ihr, was Deine Vernunft Dir eingibt; und gelingt es Dir, ſo haſt Du mir die Mutterliebe, die ich Dir, wie Du wohl weißt, von dem erſten Augenblicke Deiner Ankunft bewieſen habe, auf das Vollkommenſte vergolten!“ Ein etwas ſpitziges Lächeln kräuſelte Conſtance’s ſchöne Lippen.„Was ſch thue,“ ſagte ſie, geſchieht einzig 400 und allein aus Liebe gegen Evelyn und aus vollkommenſter Ueberzeugung, daß ein ſo ruhiger, achtungswerther und vernünftiger Mann wie der Baron Max Gvelyn glück⸗ licher machen wird, als...“ „Liebe Conſtance, die Fortſetzung kannſt Du als überflüſſig ganz ſparen— Du weißt wohl, daß ſie allzu lächerlich iſt, um nur in Frage zu kommen!“* „Dieſe Ausdrücke, beſte Tante, ſollten Sie ganz leiſe ſagen! Man ſagt ja, daß die Wände Ohren haben: und wenn derjenige, auf den Sie anſpielen, ſie möglicher Weiſe vernehmen ſollte, ſo wäre weiter nichts nothwen⸗ dig, um ihn auf den Einfall zu bringen, zu zeigen, daß dieſe Lächerlichkeit ſich recht gut verwirklichen ließe.“ „Schweig, Conſtance— ich befehle Dir zu ſchwei⸗ gen! Ein armer Teufel von Magiſter, ein Pauvre honteur ſollte die Erbin von Oernwik bekommen!— Nein, er ſoll zum Hauſe hinaus, und das noch heutiges Tages!“ „Alſo wollen Sie die häuslichen Angelegenheiten dem öffentlichen Gelächter Preis geben?“ Conſtance machte eine ungeduldige Bewegung mit dem Haupte und verſchwand darauf. Die Conſulin aber folgte ihr von fern und ſchlich ſich vorſichtig an das Schlüſſelloch, um zu ſehen und zu hoͤren, wie Conſtanee ihren Auftrag ausführte. Evelyn ging, wie es ſchien, in fortdauernder heftiger Gemüthsbewegung in dem Zimmer auf und ab. Sobald ſie die Freundin erblickte, warf ſie ſich mit ungewohnter Heftigkeit in ihre Arme, ſagte aber kein Wort. „Laß uns verſuchen ruhig zu ſein, liebe Evelyn: ich weiß alles, was vorgefallen iſt!“ Und Conſtance, ihren Arm um Evelyn's Leib ſchlin⸗ gend, führte ſie mit ſich zu dem Sofa und brachte durch ihr eigenes ſanftes, aber doch ruhiges und bedächtiges Weſen ein wenig Ruhe in die Schwallwogen, weiche Evelyn's Seele erregten. „Du weißt alles, Conſtance? So ſage mir denn, wie es konnte E din erheb „De weiter nic „W „Da Der Bare er hat ein machen. unglücklich tiefe Betr ein Unglü wenn Du Gift einzu „Con erſten Me Du das Gift?“ „Ich verzehren! beſſer gew ſtande, ſieht ein, beſtegen h Eine Nac ommenſter erther und lyn glück⸗ Du als 3 ſie allzu ganz leiſe aben: und möglicher nothwen⸗ eigen, daß eße.“ zu ſchwei⸗ pre honteur Nein, er Tages!“ hheiten den vegung mit nſulin aber tig an das e Conſtance der heftiger ab. Sobald ungewohnter 4. Evelyn: ich Leib ſchlin⸗ rachte durch bedächtiges gen, welche ge mir denn, 401 wie es enden wird!“ Als ſie dieſe Worte ausſprach, konnte Evelyn gleichwohl ihren Blick nicht zu der Freun⸗ din erheben. „Das vermag ich nicht, meine arme Evelyn: ich vermag weiter nichts, als Dich von ganzem Herzen zu bedauern!“ „Warum denn bedauern?“ „Darum daß Du blind biſt und blind ſein willſt! Der Baron Mar iſt ein junger Mann von hohem Werthe: er hat einen wahren und feſten Willlen dich glücklich zu machen. Da Du ihn verwirfſt, machſt Du nicht nur ihn unglücklich, verurſachſt Du nicht nur Deinen Eltern eine tiefe Betrübniß, ſondern Du verurſachſt auch Dir ſelbſt ein Unglück, das am allerſchlimmſten zu werden droht, wenn Du Dir die Freiheit geſtatteſt, noch länger das Gift einzuſaugen, das ſchon ſo ſtarke Folgen gezeigt hat.“ „Conſtance!“ ſagte Evelyn erroͤthend und erhob zum erſten Male mit einigem Stolze das edle Haupt,„nennſt Du 5 beſte und reinſte Gefühl in meinem Herzen ein Gift?“ „Ich ſage noch mehr: ich ſage: dieſes Gift wird Dich verzehren! O Evelyn, glaube meiner Ahnung: es wäre beſſer geweſen, wenn Du verblieben wäreſt in dem Zu⸗ ſtande, worin Du früher warſt, als daß Du Dich ſo ohne Nachdenken einer Liebe hingibſt, die Dich unglücklich machen muß!“ „Warum ſagſt Du das? warum willſt Du mir wehe thun?“ „Um Dir zu helfen, um Dich zu retten.. doch ſage mir erſt: hat er von Liebe mit Dir geredet, Er?“ „Wenn man von Liebe nicht anders redet, als Baron Mar, da“.. Evelyn ſchwieg. Conſtance athmete leichter.„Siehſt Du, ſogar er, dem es ſonſt gewiß nicht an Kühnheit fehlt, ſelbſt er ſieht ein, daß dieſe Liebe allzu viele Schwierigkeiten zu beſiegen haben würde!“ Eine Nacht am Bullarſee. I. 26 40² „Welche Schwierigkeiten, wenn er einen Blick auf mich würfe?“ „Hältſt Du die beſtimmte und billige Weigerung Deiner Eltern für kein Hinderniß?“ „Weigerung? was koͤnnen ſie weigern?... haben Sie Macht über mein Herz?“ „Nein, wohl aber über Deine Hand: Du kannſt niemals ſeine Gattin werden.“ „O Gott!“ ſagte Evelyn, und üͤber ihre milden blauen Augen zog ſich ein feuchter Schleier,„wenn er mich zu ſeiner Gattin haben wollte— zu ſeiner Gattin! ... Nein, nein! wie kannſt Du dieſes Wort ausſprechen — wie kannſt Du glauben, daß er ſich nur im Geringſten um die arme Evelyn kümmert?“ In ihrem Innerſten dachte Conſtance:„Sein ganzes Betragen während dieſer fünf Monate kann, ſei es aus Liebe oder Eigennutz, keinen andern Zweck gehabt haben, als die jetzige Lage der Dinge herbeizuführen, denn welchen Nutzen könnte er wohl ſonſt aus dem Netze ziehen, das er um ſie her gewebt hat?“ Doch hütete ſich Conſtance weislich, ihre Gedanken laut werden zu laſſen. Sie ant⸗ wortete nur ganz kurz:„Ich glaube wohl, er würde mit Dir fürlieb nehmen.“ Jetzt trat eine kurze Pauſe ein. Was die beiden jungen Mädchen jetzt empfanden, das wußten nur die Engel: die Eine glühte vor Liebe, die Andere vor Freund⸗ ſchaft. Conſtance liebte Evelyn ſo innig, daß, wenn ſie ſich hätte überzeugen koͤnnen, eine Liebe zwiſchen einen ſolchen Manne wie Carleborg und einem ſo weichen Weſen wie Evelyn, nicht das Unglück der Letzteren werden müßte, ſie aus allen Kräften eben ſo ſehr für dieſelbe gearbeitet haben würde, als ſie nun dagegen anſtrebte. „Evelyn!“ ſagte ſie endlich,„haſt Du Muth, den Schmerz Deiner Eltern zu ſehen? Willſt Du nicht we⸗ nigſtens den Antrag des Barons weiter überlegen? Be⸗ denke,“ fuhr ſie ſo leiſe fort, daß die im Mebanzinne lauſchende denke, dar welches j Der Bar ein Ander wird es d bringen, d ruhige, w liebſt, un einſtimmt. „Du Conſtance, es mir iſt redeſt verg dem Baro werden wil mich zwing geregt, daß Und müthsbewe ganz unge nahe dara keit zu ver Conſt Kiſſen unte gann, und man wird 403 Blick auf huſchrde Leſäl ihre Wort nicht hoͤren konnte,„be⸗ denke, daß der Zwang, den Dir jetzt ein Gefühl auferlegt, Weigerung welches ſich ſelbſt nicht u dan ebdom afiüten ſerledt. hab Der Baron Marx wird Dich beſſer verſtehen, als irgend .. haben ein Anderer: er iſt ſo gut, ſo zart fühlend, ſo edel— er Du kann wird es durch ſeine Liebe und ſeine zarte Sorgfalt ſo weit 1 bringen, daß Du dieſe vollkommene Unabhängigkeit, dieſes bre milde ruhige, wohlthuende Wohlbehagen empfindeſt, welches Du ) w 1 liebſt, und welches ſo ſehr mit Deinem Charakter über⸗ 7 Ganin einſtimmt.“ 1„Du bitteſt mich ſo freundlich und warm, meine Keeſwech Conſtance, daß Du wohl glauben kannſt, wie ſchmerzhaft Geringſten es mir iſt ſagen zu müſſen: ſage nichts mehr— Du Sein aanſtz redeſt vergebens! Geh.. ſage meinen Eltern, ſage Sei 1 ai dem Baron Marx, daß ich lieber ſterben, als ſeine Gattin habt hadm werden will! Sage ihnen auch, daß ich ſterbe, wenn ſie n welchen mich zwingen. Und jetzt verlaß mich... ich bin ſo auf⸗ fudn de geregt, daß ich fühle, wie meine Kraft mich verläßt!“ d Gorſſane Und Evelyn, welche durch ihre vorhergehende Ge⸗ 6 müthsbewegung und darauffolgende Exaltation in einen würde nit ganz ungewöhnlichen Zuſtand verſetzt worden, war jetzt nahe daran, in einen Zuſtand von gänzlicher Gefühlloſig⸗ s die bedde keit zu verſinken. ten nur d Conſtance küßte ſie zärtlich auf die Stirn, ordnete ein vor Freunde Kiſſen unter ihrem Haupte, welches ſchwer zu werden be⸗ gann, und ging, indem ſie ihr zuflüſterte:„Sei ruhig, e.eru man wird Dich nicht mehr plagen.“ eichen Weſen erden müßte, V e gearbeitet Muth, den du nicht we⸗ legen? Be⸗ Nebenzimmer à Dreiunddreißigſtes Kapitel. Draußen ſaß die weinende Conſulin und rang die Hände— ſie hatte alles gehört. „Conſtance, Conſtance!“ „Meine beſte Tante, wir würden eine allzu große Verantwortlichkeit übernehmen, wenn wir noch einen ein⸗ zigen Schritt weiter gingen: meine Ueberzeugung iſ, Evelyn würde in dieſem Falle in ihren alten Zuſtand zu⸗ rückverſinken. Aus der Sache mit dem Baron wird nichts, und da er nicht über die Wahrheit getäuſcht werden kann, ſo iſt es am beſten, ihm gleich alles zu ſagen.“ „Du haſt gut reden, Du, für die das gar nichts be⸗ bedeutet, Du kannſt wohl decidirt ſein— für mich aber bedeutet es Alles!“ „Ich weiß es,“ entgegnete Conſtance kalt;„dennoch aber will ich hoffen, beſte Tante, daß Sie dieſem Alles nicht das Leben, vielleicht den Verſtand ihrer Tochter opfern wollen— Evelyn erträgt keine Erſchütterung weiterl” „Ich will allein ſein— verlaß mich, mein Kind!“ „Wie Sie befehlen! Doch, Tante, gehen Sie un Gottes willen nicht hinein zu Evelyn! Bedenken Sie, daß ich Sie davor warne, ſo wie ich Sie früher vor den Muſit⸗ ſtunden warnte! Verſprechen Sie mir auch(denn das ſt höchſt nothwendig), daß Sie den Magiſter Carleborg mi keiner Miene etwas merken laſſen; denn kommt Feuer i das Pulver, ſo wiſſen Sie ſelbſt, wie es dann geht!“ Die Conſulin winkte ungeduldig mit der Hand um Conſtance war genöthigt, das Zimmer zu verlaſſen. Als ſie in das Beſuchzimmer gekommen war, ſtam ſie eben und überlegte, das Haupt in die Hand gelegt, 1 Juſtus e pflegte. Ein tenden we zu thun, Herſte G heute etwe „Da fortzuſetze Als ten über ſ preßte ſei wegung, d laſſen hatt Inzt war, den — denn Scharfſich mit Evelh Schwäche zu überred waffnet dieſe einfe Ueberzeug vornehme matteten nd rang die allzu große einen ein⸗ zeugung iſt, Zuſtand zu⸗ wird nichts, verden kann, 1.“¹ ar nichts be⸗ ir mich aber lt;„dennoch jeſem Alles hrer Tochter rung weiter! zein Kind!“ hen Sie un n Sie, daß ich r den Muſt. (denn das ü Tarleborg mi nmt Feuer i un geht!“ der Hand um erlaſſen. en war, ſtam and gelegt, al 405⁵ Juſtus eintrat, wie er es oft an den Vormittagen zu thun egte. un 3Ein einziger Blick, den Conſtance mit dem Eintre⸗ tenden wechſelte, ließ ſie ahnen, daß das Gerücht ſich ſchon durch das ganze Haus verbreitet hatte. „Hier herrſcht ein ſonderbares und feierliches Schwei⸗ gen,“ ſagte Juſtus—„wo ſind die übrigen Damen?“ „Die Tante hat vermuthlich etwas in der Wirthſchaft zu thun, und Evelyn iſt noch auf ihrem Zimmer,“ ant⸗ wortete Conſtance mit einer Gleichgültigkeit, aus der kein Schlußſatz zu ziehen war. „Und der Baron und der Conſul?“ „Mein Gott, wie ſoll ich wiſſen, wo alle Menſchen nd?“ 1„Und wenn Sie es auch wüßten, ſo würden Sie es wohl für eben ſo überflüſſig erachten, mir zu ſagen, daß heute etwas Wichtiges vorgeht?“ „Da haben Sie Recht!“ Und ohne das Geſpräch fortzuſetzen, eilte Conſtance hinauf auf ihr Zimmer. Als Juſtus allein war, zog ſich ein düſtrer Schat⸗ ten über ſein Antlitz: ein gewaltſam unterdrückter Schmerz preßte ſeine Bruſt; nachdem er ſich aber der ſtarken Be⸗ wegung, die in ſeinem Innern vorging, eine Zeitlang über⸗ laſſen hatte, ſo nahm er ſeinen Hut und ſuchte die freie Luft. Inzwiſchen hatte die Conſulin, welche allein geblieben war, den Entſchluß gefaßt, ganz gegen Conſtance's Rath — denn die Conſulin vertraute am liebſten ihrer eigenen Scharfſichtigkeit— noch einmal, und zwar recht ernſthaft, mit Cyelyn zu reden, welche jetzt in dem Zuſtande der Schwäche, worin ſie ſich befand, natürlicher Weiſe leichter zu überreden ſein mußte, als zu jeder andern Zeit. Be⸗ waffnet mit ihrer„Mutterliebe“— ſo nannte nämlich dieſe einfältige und unvernünftige Mutter aus wirklicher Ueberzeugung ihre unſelige Eitelkeit und ihre Sucht nach vornehmen Verbindungen— trat ſie daher ein zu der er⸗ matteten Evelyn. 406 Es iſt unnöthig, alle abgenutzten Gefühlsausdrücke, deren ſie ſich bediente, hier zu wiederholen, auch übergehen wir dieſe Vorleſungen über die Pflichten der Kinder und die Rechte der Eltern, welche darauf folgten, als jene an dem Schweigen Evelyn's geſtrandet waren. Es ſel genug zu ſagen, als nichts von allem die arme Evelyn zu etwas anderem als einförmigen und zuletzt verwirrten Antworten vermochte, ſo verwandelte ſich die leidende, die beleidigte Mutter in ein von Wuth verblendetes Weib. Drohungen aller moͤglichen Art, in der am allerwenigſten verfeinerten Sprache geäußert und reichlich untermiſcht mit Ausdruͤcken aus einem längſt abgelegten Tone, hagelten auf Cvelyn, welche mit gefalteten Händen und flehenden Blicken lis⸗ pelte:„Nicht ſo— nicht ſo!“ „Ja, gerade ſo und nicht das Geringſte beſſer, Du Garſtige, die ihre Eltern bei der Naſe ziehen will!... Wirſt Du gehorchen— wirſt Du gehorchen, frage ich? Hörſt Du, Katze, Du liebeskranke Gans! ich frage Dich, ob Du gehorchen wirſt; denn ſonſt, hol' mich dieſer oder jener! ſollſt Du ſehen, daß Petronella Dejenberg ihren Willen geltend machen kann, ohne Dich zu fragen, Du.. 1 Du.. Du.. Du... Du.... „Ne... ne.. nein... „Herr Jeſus, ſie wird ohnmächtig... ſie iſt todt!“ Und mit einem durchdringenden Schrei ſank die alberne Mutter auf ihre Knie. Während der folgenden Stunden herrſchte eine Ver⸗ wirrung ſonder Gleichen auf Qernwik. Ein ſtarker Ader⸗ laß hatte Evelyn aus der tiefen Ohnmacht wieder ins Leben geruſen; doch erwachte ſie nur, um in eine neue zu fallen, und ihr Zuſtand wurde bald in einem ſolchen Grade hoffnungslos, daß die Conſulin nahe daran war, den Ver⸗ ſtand zu verlieren. V V Die fen, war Aerzte z gehabt, obgleich zurück; jetzt, da Aerzte ſ ihrer und zu ihrem thätig un ſaß und „Laß un⸗ nicht ſo nimmt, gewählt liebſten 2 Betrübni mann!“ bekomme nur das Und Abe daß ma ſprechen, In, ihrem 2 änderun welcher ſchied ge die Har ſo bega Wink a laſſen; 407 gausdrücke, Die beiden Nebenbuhler, wenn wir ſie ſo nennen dür⸗ übergehen fen, waren abgereiſt, jeder in eine andere Richtung, um einder und Aerzte zu ſchaffen— die Conſulin hätte ihrer gern zehn ls jene an gehabt, wenn ſie nur zu haben geweſen wären. Juſtus, ſei genug obgleich ſein Weg der längſte geweſen war, kam doch zuerſt zu etwas zurück; eine halbe Stunde ſpäter kam der Baron; und Antworten jetzt, da die Conſulin ihre Tochter in den Händen der beleidigte Aerzte ſah, fühlte ſie eine augenblickliche Linderung in Drohungen ihrer unſäglichen, herzzerreißenden Angſt, und indem ſie verfeinerten zu ihrem Manne trat, welcher, vor Betrübniß ganz un⸗ Ausdruͤcken thätig und vor Schrecken verſtummt auf einem Stuhle uf Cvelyn, ſaß und damit hin und her wiegte, flüſterte ſie ihm zu: Blicken lis⸗„Laß uns einig werden, lieber David! wenn uns Gott nicht ſo hart ſtraft, und uns unſer letztes geliebtes Kind beſſer, Du nimmt, daß ſie dann den erhalten ſoll, welcher ihr Herz will!... gewählt hat. In Gottes Namen, ich will lieber meinen frage ich? liebſten Wunſch opfern, als zuſehen, wie ſie ſtirbt vor frage Dich, Betrübniß und... Er iſt ja doch wenigſtens ein Edel⸗ dieſer oder mann!“ nberg ihren„Dank, Nelly! dank für die Worte! daran erkenne gen, Du... ich Dich wieder— und meinethalben mag ſie gerne den bekommen, den ſie will und den ſie lieb hat, wenn ſie nur das Leben behält.“ e iſt todt“ Und Evelyn behielt das Leben. die alberne Aber Wochen vergingen, ehe ſie wieder ſo ſtark wurde, daß man es wagen durfte, mit ihr über Gegenſtände zu ſprechen, die ſie aufregen konnten. Inzwiſchen behielt die Conſulin zwiſchen ſich und ihrem Manne das Geheimniß von der unerhörten Ver⸗ e eine Ver⸗ änderung des Schwiegerſohnes; als aber der Baron Max, tarker Ader⸗ welcher jetzt keinen Grund hatte länger zu bleiben, Ab⸗ wieder ins ſchied genommen und mit einem tief verletzten Herzen in eine neue zu die Hauptſtadt und zu ſeinen Arbeiten zuruͤckgekehrt war, olchen Grade ſo begann die werthe Dame den einen und den andern ar, den Ver⸗ Wink an Conſtance und Mamſell Charlotte fallen zu laſſen; gleichwohl verſtand keine von beiden die rechte Bedeutung dieſer Winke, denn ſie waren jetzt noch allzu 408 C myſtiſch. Eigentlich fehlte der Conſulin jedes Mal, wenn eiſernen ſie auf dieſes Kapitel kam, die Kraft, einen Umſtand in koͤnnen, Worten zu verrathen, welcher einmal ausgeſprochen alle von ihr ihre ſo lange genährten ſtolzen Hoffnungen über den einem Haufen werfen ſollte. der bür So wie gewiſſe ſchwache Leute ihren Muth durch das gerlichen Reizmittel der Traube ſtärken, ſo ſtärkte die Conſulin den von dieſ ihrigen dadurch, daß ſie ſich unaufhoͤrlich in dem Trau⸗ ab. B benſaft der Einbildung berauſchte, welchen ſie in ſo ſtarken einzige Portionen zu ſich nahm, daß es ihr gelang, ſich Stun. durch de denlang in einen Zuſtand von„hoher Seligkeit⸗ zu ver⸗ von weit ſetzen. ſten Gr Kein Menſch ahnte, was in ihr vorging, wenn ſie und die in dem großen Salon auf und ab wanderte und in Ge⸗ ſehr hoh danken das eine Mal nach dem andern ihr Haupt tief machte, herabbeugte. Dann ſah die Conſulin durch das Augen⸗ alten N glas der Phantaſie dieſe langen Wände mit uralten Fa⸗ Sdelman milienportraiten in koſtbaren Rahmen bedeckt; in der Mitte haben ſi der vornehmſten Wand aber hing unter einem grünen Flor ein Gemälde, das ein Bruſtbild, und gerade vor dieſem jetzt entſchleierten Gemälde ſtand eine Dame von übermenſchlicher Schoͤnheit und lehnte ſich an einen Mann in eleganter Hoftracht; ſie redeten mit einander, und das weit in dieſe Zukunft hinein lauſchende Ohr vernahm ſehr deutlich jedes ihrer Worte. „Iſt es dieſes Gemälde, mein Engel?“ ſagte der ann. „Ja, Geliebter,“ erwiederte die junge Dame, und benennt den Geliebten mit einem Namen aus den edelſten Familien des Landes,„ja, das iſt meine hohe Ahnenmut⸗ ter... betrachte dieſe Züge, und ſage mir Deine Meinung.“ „Sie ſind ſublim: ſie kündigen eine große, refignirte und ſtarke Seele an. Man ſieht es, daß dieſe Frau einen feſten Willen, einen wahren eiſernen Willen, hatte.“ och allzu ral, wenn mſtand in ochen alle über den durch das nſulin den em Trau⸗ ſo ſtarken ich Stun⸗ t“ zu ver⸗ wenn ſie nd in Ge⸗ Haupt tief 1s Augen⸗ ralten Fa⸗ der Mitte m grünen gerade vor Dame von inen Mann r, und das vernahm ſagte der dame, und en edelſten Ahnenmut⸗ nir Deine refignirte Frau einen atte.“ 409 „Du haſt recht, mein Abgott; dieſe Frau hatte einen eiſernen Willen; und ich bin ſtolz darauf, Dir ſagen zu können, was die Tradition uns als eine heilige Reliquie von ihrem Andenken aufbewahrt hat. Vor mehr denn einem Jahrhunderte war unſer altes Oernwik im Beſitz der bürgerlichen Familie Löwe; aber es gibt einen bür⸗ gerlichen Adel— ich meine den Adel der Seele— und von dieſem leitete meine edle Stammmutter ihren Urſprung ab. Bei unermeßlichem Reichthum hatte ſie nur eine einzige Tochter, deren Schönheit gleich einem Wunder durch das ganze Land berühmt war und die Jünglinge von weit und breit zu ihren Füßen lockte. Die vornehm⸗ ſten Grafen und Baronen wetteiferten um ihre Hand, und die Eltern hatten ſie für einen Bewerber aus einer ſehr hohen Familie beſtimmt, als man die Entdeckung machte, daß die reiche Erbin gleich den Heldinnen in alten Ritterromanen ihr ganzes Herz an einen armen Edelmann gehängt hatte. ‚Da, ſo erzählt die Legende, haben ſich auf dieſem alten Oernwik wunderbare Dinge ereignet. Die Erbin erkrankte, war dem Tode nahe, und in ihrer Angſt that die ſtarke und aufopfernde Mutter das heilige Gelubde— Du weißt, mein Geliebter, daß es in alten Zeiten gebräuchlich war, bei gefahrvollen Ereigniſſen und Unglücksfällen Gelübde zu thun, entweder Wallfahr⸗ ten anzutreten oder ſich große Entſagungen aufzuerlegen — wenn die Tochter das Leben behielte, den reichen Baron mit dem Korbe abziehen zu laſſen und den armen Edelmann zu ihrem Schwiegerſohn zu wählen.“ „Himmel, welche edlen und hohen Geſinnungen!“ ſagte der Hofmann, und betrachtete Frau Löwe's Bildniß mit bewundernder Ehrfurcht. „Sie hielt Wort,“ fuhr die junge Dame mit leichtem Stolze fort,„die göttlich ſchöne Erbin erhielt den Juſtus von Carleborg, einen tapfern und ritterlichen Mann, welcher im Jahre(die Jahreszahl ließ ſich natürlicher Weiſe nicht beſtimmen) im Kriege fiel, und in der Familie 410 hat ſich die Sage erhalten, daß auf Erden keine glücklichere Ehe zu finden geweſen iſt, als die ihrige war.“ „Die zweite folgt ihr jetzt hundert Jahre ſpäter!“ flüſterte der Hofmann und ſchlang ſeinen Arm um den Leib der Dame, und nun ſank das junge Paar von ge⸗ meinſamer gleicher Begeiſterung ergriffen auf die Knie vor dem Bilde der Ahnenmutter und ſagte folgendes: „Edle Mutter, Du, die Du den Muth hatteſt, eine neue Familie zu ſtiften, eine Familie, deren glänzende Thaten Du in Deinem Himmel geſehen haſt, Du, deren Geiſt über hundert Jahre Deine Abkoͤmmlinge umſchwebt hat— ſegne uns!".... Gerührt von dieſer ſchönen Schöpfung, die ſie ſelbſt hervorgerufen hatte, und mit jedem Tage mit derſelben vertrauter werdend, konnte die Conſulin die Bekanntmachung ihres Entſchluſſes, dem alten Oernwik eine neue Herrſcher⸗ familie zu geben, nicht länger aufſchieben. „Mein Kind,“ flüſterte ſie an einem Abend der Toch⸗ ter zu, als dieſe endlich ſo weit geneſen war, daß ſie oben aufliegen konnte, und in ihrer ſanften, kindlich reinen Schoͤnheit mehr einem Engel als einem irdiſchen Weſen ähnlich ſah,„mein Kind, wenn ich Dir weh gethan habe, ſo will ich's auch wieder gut machen! Baron Mar iſt abgereiſ't, doch er, den Du liebſt, iſt noch hier— und er ſoll der Deinige werden!“ Evelyn fuhr zuſammen: ihre durchſichtige, bleiche Wange wurde von der ſchoͤnen Röthe der Roſe gefärbt. „Er ſoll der Deinige werden, ſage ich, der Dei⸗ nige.. ſei nur ruhig und glaube Deiner Mutter!“ Evelyn konnte nicht antworten. Die Heftigkeit ihrer Gefühle war ſo groß, daß ſie beinahe wiederum das Be⸗ wußtſein verloren hätte; als aber dieſe Schwäche vorüber⸗ gegangen war, drückte ſie die Hand ihrer Mntter an ihre Lippen und feuchtete ſie mit Thränen eines unausſprechli⸗ chen Glückes, eines Glückes, das allzu unermeßlich war, als daß es ſich in Worten Luft ſchaffen konnte. b V und ihre den Mo rufen un geheim zärtlichen „Je die Frau trag am meine K Mann 3 ſeligkeit; rung iſt nehmen. hat oft reite ihn ſeiner wa „Ag Mann: Andere „Lig nicht ver blaß er icklichere ſpäter!“ um den von ge⸗ die Knie des: teſt, eine e Thaten heiſt über hat— ſie ſelbſt derſelben tmachung Herrſcher⸗ der Toch⸗ ſie oben ch reinen en Weſen han habe, Mar iſt r— und , bleiche e gefärbt. der Dei⸗ utter!“ gkeit ihrer ndas Be⸗ e vorüber⸗ er an ihre usſprechli⸗ ßlich war, 411 „Sei nur ruhig und geduldig, damit Du bald ge⸗ ſund wirſt! BAber noch darfſt Du ihn nicht ſehen.“ „Wann darf ich?“ „Wir werden ſehen— ſei nur ruhig!“ Arme Evelyn! Sie wünſchte, daß Pulſe und Herz hätten ſtill ſtehen mögen in ihrer Arbeit, damit Alle überzeugt wären, daß ſie ruhig war— doch die Pulſe ſchlugen, das Herz klopfte, die Glieder zitterten. „Was iſt vorgefallen?“ flüſterte Conſtance, die gleich darauf eintrat. „Du ſollſt es morgen erfahren, mein Kind— heute darfſt Du Evelyn nicht beunruhigen!“ An dieſem Abende wurde es zwiſchen der Conſulin und ihrem Manne abgemacht, daß der Conſul am folgen⸗ den Morgen den Magiſter Carleborg auf ſein Zimmer rufen und ihm dort in paſſenden Ausdrücken das bisher geheim gehaltene Reſultat der großen Aufopferung der zärtlichen Eltern anvertrauen ſollte. „Ich bin mir ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig,“ ſagte die Frau,„zu erkennen, daß ich wahrſcheinlich dieſen Auf⸗ trag am beſten ausführen würde; doch geſtehe ich, daß es meine Kräfte überſteigt, und ich wünſche, daß der junge Mann Zeit erhalten möge, ſelbſt ſeine unermeßliche Glück⸗ ſeligkeit zu dämpfen, ſo daß es nur eine paſſende Rüh⸗ rung iſt, ehe er kommt, um meinen Segen entgegen zu nehmen.. Aber, mein Lieber! die ſchrecklich ſtarke Freude hat oft eben ſolche Folgen als die ſtarke Betrübniß: be⸗ reite ihn langſam, tropfenweiſe auf den Rauſch vor, der ſeiner wartet!“ „Ach, Herr Gott, Mutter, er iſt kein Kind, der Mann; ich denke, er kann ſowohl das Eine als auch das Andere ertragen!“ „Lieber Löwe, mein Alter! das ſind Dinge, die Du nicht verſtehſt! Du wirſt doch wohl geſehen haben, wie blaß er waͤhrend ihrer Krankheit geworden iſt, und wie 412 er gelitten hat? Thue Du darum, wie ich geſagt habe — ſei vorſichtig!“ „Belieben Sie ein wenig mit mir in mein Zimmer hinaufzukommen, Herr Magiſter?“ ſagte der Conſul am folgenden Morgen nach dem Frühſtücke. Und während Juſtus ſichtbarlich überraſcht von dieſem Begehren mit ſeinem Prinzipale langſam die Treppe hinauf ſtieg, ſchüt⸗ tete die Conſulin vor den beiden Vertrauten ihr Herz aus. In dem Zimmer des Conſuls hatte Juſtus noch mehr Urſache zur Verwunderung, als er die Verlegenheit des Conſuls ſah und bemerkte, wie ſchwer es ihm wurde, das Geſpräch zu beginnen. Da er weit entfernt war, nur die mindeſte Ahnung von dem Zuſammenhange der Dinge zu haben, ſo begann Juſtus ſchon zu glauben, daß es ſich um nichts Geringeres handelte, als ihn ſeines Dienſtes zu ent⸗ laſſen; denn er wußte allzu gut, wie ſehr er in die Pläne des Conſuls und der Conſulin eingegriffen hatte. „Herr Magiſter!“ ſagte endlich der Conſul, indem er ſeine geheimen Concepte kurzweg abhieb,„meine Frau hat mich erſucht, Sie mit der äußerſten Vorſicht auf dasjenige vorzubereiten, was ich Ihnen zu ſagen habe; ich meines Theils aber glaube, daß Ihnen die Kraft keinesweges fehlt, ſich ſowohl in das groͤßte Unglück zu finden, als auch in— das größte Glück.“ „Ich hoffe, Herr Conſul, dieſes Ihr gütiges Urtheil zu rechtfertigen!“ „Ich glaube es! So ſetzen Sie ſich denn vertraulich hier neben mich auf den Sofa, und laſſen Sie uns als Freunde mit einander reden. Ich kann mir denken, daß Ihnen die Urſache der großen Verwirrung nicht ganz un⸗ ban unr iſt, die eine Zeitlang in unſerem Hauſe geherrſcht at 2 „In ſofern Sie die Bewerbung des Barons G— willen H redet ha Ton hör ich, die ſind von worden. unſerem uns übe an, der ſie denje liebte. jetzt ver aber erh Boden haben n hinein 3 „2 neswegg Sie beſt t habe Bimmer ſul am vährend en mit „ſchüt⸗ erz aus. ch mehr heit des rde, das nur die dinge zu ſich um zu ent⸗ e Pläne ndem er 413 und den für ihn ſchmerzhaften Abſchlag meinen, ſind mir dieſe Dinge in der That bekannt.“ „Und um recht aufrichtig zu ſein, Herr Magiſter, ſo dürften Sie vielleicht auch nicht ganz ohne Ahnung über den Grund zu Evelyn's Weigerung und ihren Wider⸗ willen gegen dieſe Partie ſein?“ „Herr Conſul!“ „O, nur keine Umſtände— rein heraus!... Sie wiſſen dieſen Beweggrund?“ „Ich betheuere!“ „Nun ja, Herr Magiſter, es kann recht ſchön ſein, daß Sie Unkunde vorſchützen, ehe ich bis zum Punkte ge⸗ redet habe; dann aber denke ich, wir werden einen andern Ton hören! Sehen Sie, Herr Magiſter, meine Frau und ich, die wir in unſerer Jugend arbeitſame Leute waren, ſind von Gott mit einem hübſchen Vermoͤgen geſegnet worden. Den groͤßten Segen aber hat er uns doch in unſerem einzigen Kinde verliehen, und da Evelyns Glück uns über Alles geht, ſo haben wir von dem Augenblicke an, der ſie auf das Krankenlager legte, beſchloſſen, daß ſie denjenigen erhalten ſollte, welchen ſie über alles Andere liebte... Jetzt habe ich bis zum Punktum geredet, und jetzt verſtehen Sie gewiß die Abſicht unſrer Unterredung!“ Nach Beendigung dieſer Worte war der Conſul ſchon in Begriff die Arme auszubreiten, ſo überzeugt war er, daß Juſtus ſich mit freudeſtrahlendem Auge an ſeine Bruſt ſtürzen würde. Doch dergleichen geſchah nicht. Eine Sekunde lang blitzte es in Juſtus Auge; dann aber erblaßte ſeine Wange, und ſein Blick ſenkte ſich zu Boden— die Ueberraſchung kam ſo heftig, daß er Zeit haben mußte, ſich in die Umwälzung eines ganzen Lebens hinein zu denken. „Was in Gottes Namen,“ rief der Conſul mit kei⸗ nesweges gedämpfter Verwunderung aus,„ich glaube gar, Sie beſinnen ſich, ob Sie ein Mädchen mit fünfzigtauſend 414 Reichsthalern zur Mitgift und Oernwik zur Erbſchaft ha⸗ ben wollen 2“ „Herr Conſull deuten Sie mein Schweigen nicht falſch: dieſes kam von dem ganz unvorherbereiteten Aner⸗ bieten eines Glückes, welches ſo groß iſt, daß ich nicht einmal in meinen Träumen an ſo etwas habe denken köͤn⸗ nen. Inzwiſchen erſuche ich Sie, es für keinen Undank und noch weniger für eine Beleidigung anzuſehen, wenn ich um einige Tage zur Ueberlegung anhalte. Dieſe Bitte ſchreibt ſich keinesweges daher, daß ich nicht die ganze Größe Ihrer edlen Aufopferung einſehen ſollte, einen ſo gänzlich unbemittelten Schwiegerſohn annehmen zu wollen, ſondern daher, weil ich mir ſchon einen Lebensplan von ſolcher Wichtigkeit entworfen habe, daß ich denſelben nicht anders als mit voller Vernunft abbrechen kann.“ „Wohlan denn,“ ſagte der Conſul, welcher, obgleich in ihm der Aerger kochte, ſich dennoch von dem Edlen und Achtungsvollen in dem Tone des Magiſters beherrſcht fühlte,„ſo kommen Sie denn übermorgen zurück, damit wir weiter überlegen koͤnnen— doch die Wahrheit zu ſagen, hatte ich dieß nicht erwartet,. Ich moͤchte wohl wiſſen, was Evelyn dazu ſagen wird!“ „Weiß ſie etwas von dieſem Schritte?“ Eine dunkle Röthe zog ſich langſam über Juſtus Antlitz. „Gewiß wird ihr meine Frau wohl einige Worte da⸗ von geſagt haben.“ „Herr Conſul! wenn ich eine Bitte wagen darf, ſo i*ſt es dieſe: laſſen Sie Ihre Tochter nichts von dem er⸗ fahren, was hier vorgegangen iſt... ſchonen Sie Ihre Tochter! Ich— ich muß Zeit zur Ueberlegung haben. Ich reiſe weg während dieſer beiden Tage... übermor⸗ gen um dieſe Zeit bin ich wieder hier!“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, verließ Juſtus das Zimmer. aber dach Er hat ſe arme, arn lich mach himmliſch „We ſie die ein —„kann das gibt die Freihe tage hier ten: wer Lob und Ich rathe Aber ich Und ſul, welch „Nu ſticke in wohl in erholen?“ „„ zwei Tage „Wie kommen, mich hinte die Wahr wie in Ge „Er denkzeit, aft ha⸗ nicht Aner⸗ h nicht en koͤn⸗ Undank „ wenn ſe Bitte e ganze einen ſo wollen, lan von en nicht obgleich Edlen eherrſcht , damit rheit zu moͤchte 415 „Es kann noch lange nicht zu Ende ſein!“ ſagte die Conſulin, indem ſie von Conſtance auf Charlotte blickte. „Der arme Mann— moͤge ihn Gott nur nicht vor Freu⸗ den ſterben laſſen!“ „Gott laſſe ihn den Engel glücklich machen!“ ſchluchzte Mamſell Charlotte. Conſtance ſchwieg; in ihrem Innern aber dachte ſie:„Nun ſteht er am Ziele und triumphirt! Er hat ſeine Karten vortrefflich geſpielt... O, meine arme, arme Evelyn! er wird Dich dennoch niemals glück⸗ lich machen, obgleich er Dich wohl jetzt in ein Meer von himmliſcher und irdiſcher Glückſeligkeit ſenkt!“ „Was glaubt Ihr,“ wiederholte die Conſulin, indem ſie die eine mütterliche Stellung nach der andern annahm —„kann es wohl noch nicht zu Ende ſein?.. Ja, das gibt einen Aerger für die Herrſchaften auf Broͤllinge! die Freiherrin war auch ziemlich ſüßſauer als ſie am Frei⸗ tage hier war; aber ich ließ mich das gar nicht anfech⸗ ten: wer die Macht in Händen hat, der nimmt, Gott ſei Lob und Dank! zum Schwiegerſohn wen er beliebt... Ich rathe, wir haben ſie bald hier... ja wirklich!... Aber ich hoͤre nur Loͤwe's Schritte!“ Und wirklich war es, wie man weiß, nur der Con⸗ ſul, welcher eintrat. „Nun, mein Freund? Nun? ſchnell!... Ich er⸗ flicke in meinen Gefühlen! Wie ging es?... Er iſt wohl in ſeine Zimmer gegangen, um ſich ein wenig zu erholen?“ „O, er nahm die Sache nicht ſo heiß; er begehrte zwei Tage Bedenkzeit!“ „Wie kannſt Du nur mit einem ſo unpaſſenden Scherze kommen, mein Freund? Ich verſtehe recht gut, daß Du mich hinter das Licht führen willſt, ſage aber doch lieber die Wahrheit! Er iſt in Ohnmacht gefallen... oder wie in Gottes Namen ſteht es?“ „Er that, wie ich ſage: er begehrte zwei Tage Be⸗ denkzeit, nicht aus Mangel an Dankbarkeit oder darum, 416 weil er nicht unſre Aufopferung, einen voͤllig unbemittelten Schwiegerſohn anzunehmen, einſieht— das waren ſeine eigenen Worte— ſondern weil er ſchon einen Lebensplan entworfen hat, der“.. „Schweig— ich brauche nicht mehr zu wiſſen!“ rief die gereizte Conſulin aus.„Ich will ihn augenblicklich wiſſen laſſen, daß er nicht nöthig hat, ſich zwei Minuten zu bedenken!... Ein ſolcher Menſch, ein armer Magi⸗ ſter, ſollte ſich unterſtehen, ſich zu beſinnen, ob er Evelyn, meine ſchoͤne, reiche Evelyn, haben will?... Charlotte, laß ihn augenblicklich herabrufen— ich will das Blatt vom Munde hinwegnehmen, ich, und ihn meine unvor⸗ greifliche Meinung wiſſen laſſen!“ „Aber Mademoiſelle Evelyn!“ wendete die gute Char⸗ lotte ſchluchzend ein. Obgleich Charlotte, wie man weiß, die allerallerkleinſte„Küſterliebe“ zu dem ſchönen Magiſter gehegt hatte, ſo war ſie dennoch nicht eiferſüchtig, ſie war zufrieden, die gute Seele, wenn ſie nur dann und wann einen Blick, ein Wort von ihm erhielt. „Charlotte hat Recht, liebe Tante,“ mittelte auch Conſtance.„Opfern Sie nicht Evelyn zum zweiten Male auf! Es iſt eine Charlatanerie von dem Magiſter Carle⸗ borg, zu zeigen, daß er gänzlich unvorbereitet war. Sie werden aber bald, da er zurückkommt, und in Gnaden ſeinen Entſchluß gefaßt hat, ſehen, wie dankbar er iſt— wenigſtens zu Anfang!“ ſetzte das mißtrauiſche Mädchen bei ſich ſelbſt hinzu. „Aber denke, wenn er ſchon verlobt wäre!“ „Das zu glauben, ſollte mir gar ſehr wehe thun— denn wiſſen Sie, Tante, ich mache mir keinen höheren Begriff von ſeinem Charakter, als daß ich denke, er wüͤrde in dieſem Falle ſeine erſte Geliebte ſitzen laſſen. Dieſer Mann will vorwärts in der Welt, und ich meine, er be⸗ ſinnt ſich nicht und nimmt es nicht ſo genau, ob er den Einen oder den Andern wegſtoßen ſoll, der ihm im Wege ſtehen koͤnnte.“ b Die ausdrück der Conf habe rech Großes nichts vo gen Tone für Dich zeugte es wie ein a pfindung, vollkomme ſeine Wü Ihro Gne wie Freih Glück bei auf mütte Familien, Um eigniſſen, äußern H Eine Na emittelten aren ſeine ebensplan ſen!“ rief enblicklich Minuten ler Magi⸗ er Evelyn, Charlotte, das Blatt ine unvor⸗ zute Char⸗ man weiß, n Magiſter ig, ſie war und wann ttelte auch eiten Male ſter Carle⸗ war. Sie in Gnaden r er iſt— de Mäͤdchen “ he thun— len höheren e, er würde ſen. Dieſer eine, er be⸗ ob er den m im Wege 4¹17 Dieſe Worte, welche Conſtance's harmvolle Gefühle ausdrückten, ſchlugen auf eine entgegengeſetzte Weiſe bei der Conſulin an: ſie nickte und ſagte:„Ich glaube, ich habe recht gerathen, als ich behauptete, es würde etwas Großes aus dem Manne werden... Sagte er denn aber nichts von Liebe und von Evelyn?“ „Von Liebe keinen Buchſtaben; aber er bat— und ich fühlte, daß es ihm von Herzen kam— wir ſollten Evelyn nichts von demjenigen ſagen, was heute früh vor⸗ gefallen iſt.“. „Sie ſoll auch nichts davon erfahren, das arme Kind! Ich ſage ihr nur mit meinem gewöhnlichen ruhi⸗ gen Tone: ſei ruhig, mein Kind, Deine Mutter ſorgt für Dich! Und dann, wenn ich es recht bedenke, ſo zeugte es von einem edlen Stolz, daß er nicht ſogleich wie ein armer Wahnwitziger, halbverrückt vor ſeliger Em⸗ pfindung, gelaufen kam. Er hat viel Takt, und wird vollkommen— ja, eben ſo gut wie der Baron Maxr— ſeine Würde als Erbe dieſes Gutes zu tragen wiſſen: Ihro Gnaden von Carleborg klingt übrigens eben ſo gut, wie Freiherrin von G—... Es war ein himmliſches Glück bei allem Unglück, daß er ein Edelmann iſt— auf mütterlicher Seite iſt er verwandt mit eben ſo edlen Familien, wie der Baron von G—!“ Vierunddreißigſtes Kapitel. Um Mitternacht am zweiten Abende nach den Er⸗ eigniſſen, die wir zuletzt geſchildert haben, hielt auf dem äußern Hofe von Oernwik ein Schlitten. Eine Nacht am Bullarſee. I. 27 418 Es war der Magiſter Carleborg, welcher von ſeiner Reiſe in die nächſte Stadt zurückkehrte, eine Reiſe, die er einzig in der Abſicht angetreten hatte, um entfernt von Oernwik mit ſeinen eigenen Gedanken ungeſtört ſein zu können. Wir ſehen ihn nun, auf ſeine Zimmer zurückgekehrt, mit langen, ungleichen Schritten auf und ab wandern. Die Unordnung in ſeinen ſonſt harmoniſchen Zügen, die tiefen Fulten zwiſchen den Augenbraunen, das Dunkel des Auges, alles zeugte davon, daß er auch jetzt nach den zwei Tagen noch keinen Entſchluß gefaßt hatte, und— nur die Nacht war ihm noch übrig. Wir haben uns eine lange Zeit enthalten, in dem Herzen unſers Helden zu forſchen; jetzt müſſen wir einen Blick in dieſes innere Leben werfen, weil nur dieſes die äußere Wirkungen erklärt. Wir wiſſen, daß ſeine unruhige Seele, ſein fragmen⸗ tariſches Genie ſich mit vereinter Kraft auf eine einzige, alle übrigen in ſich verſchlingende Idee geworfen, und daß er zur Prüfung ſeiner Standhaftigkeit das Schickſal herausgefordert hatte, ihm alle möglichen Prüfungen in den Weg zu werfen. Das Schickſal hatte den hingeworfenen Handſchuh aufgenommen. Gleich zu Anfange ſtellte es vor ſeine die Schoͤnheit liebenden Blicke zwei entzückende, aber doch in ſo hohem Grade verſchiedene Weſen, daß ſeine brennende Phantaſte beide aufzunehmen vermochte. In dem Herzen— ſo verordnete er— durfte kein Weib herrſchen, denn er war längſt mit ſich einig geworden, daß eine Frau, und wenn ſie auch die vereinte Schoͤnheit einer Venus und einer Juno und dazu die Tugenden ſämmtlicher Engel als Brautſchatz beſäße, dennoch ein Anhängſel wäre, das un⸗ bedingt der Freiheit, der Unabhängigkeit und den künfti⸗ gen Plänen eines Mannes hinderlich werden müßte, be⸗ ſonders „keit und Er was ma ſtimmte wagen ſe blitzenden milde o als von und woh dieſen an mehr bez der Keuf chens, d Kelche de Wir Eigenlieb Juſtus ei derjenige beherrſcht Doch dem Gut während das reine in ihrem die Veſta Weſen de da ja die eine ſolche dieſen ung len, dene ſchen in d Aber in ſeinem der ſtets fühle alle von ſeiner Reiſe, die entfernt von ört ſein zu rückgekehrt, b wandern. zügen, die Dunkel des t nach den e, und— n, in dem a wir einen r dieſes die n fragmen⸗ eine einzige, orfen, und s Schickſal rüfungen in Handſchuh Schoͤnheit n ſo hohem e Phantaſte rzen— ſo enn er war , und wenn 3 und einer Engel als re, das un⸗ den künfti⸗ müßte, be⸗ 419 ſonders desjenigen Mannes, dem die Freiheit, Unabhängig⸗ kkeit und Selbſtſtändigkeit über Alles ging. Er wollte ſich daher nicht demjenigen Preis geben, was man eine„Thorheit“ nennt; und da eine unbe⸗ ſtimmte Ahnung ihm ſagte, daß die Gefahr, falls ſie es wagen ſollte, zu kommen, eher von Conſtancens dunkeln, blitzenden Augen— dieſen Augen, die ihn ſtets ſo un⸗ milde oder ärgerlich anſchaueten— zu erwarten wäre, als von Evelyn's himmelblauen Sternen, die ſtets ſanft und wohlthuend glänzten, ſo ließ er ſich immer mehr von dieſen anziehen, und wurde von Tag zu Tage mehr und mehr bezaubert von der Kindlichkeit, der Schönheit und der Keuſchheit in dem ganzen Weſen dieſes jungen Mäd⸗ chens, das ſo rein war, wie der Thautropfen in dem Kelche der weißen Roſe. Wir haben ſchon erwähnt, daß ein andrer für die Eigenliebe ſo äußerſt gefährlicher Grund ebenfalls auf Juſtus einwirkte, nämlich das ſtolze Bewußtſein, daß er derjenige wäre, der ſie geweckt hatte, daß ſein Geiſt ſte beherrſchte, ſie leitete. Doch er wollte ſie zu nichts anderem leiten, als zu dem Guten; er wollte ihr ein Licht geben, womit ſie ſich während ihres ganzen künftigen Lebens leuchten konnte: das reine Licht der Religion, von ihm angezündet, ſollte in ihrem Herzen flammen. Er war der Oberprieſter, ſie die Veſtalin: wenn die Veſtalin nächſt dem höchſten Weſen den Oberprieſter anbetete, ſo konnte wohl darin, da ja dieſes Gefühl rein war, nichts Böſes liegen. Nein, eine ſolche Liebe war ſchön vor Gott, ſie war einer von dieſen unausſprechlichen himmliſchen und herrlichen Strah⸗ len, denen der Herr es erlaubt, zu kommen und dem Men⸗ ſchen in der Finſterniß zu leuchten. Aber im Laufe der Zeit wuchs Evelyn immer feſter in ſeinem Herzen. Die Unſchuld und der Engelglanz, der ſtets auf ihr ruhte, ſchied gleichwohl von dieſem Ge⸗ fühle alles ſinnliche Entzücken niederer Art ab. Zwar 420 flammte ſein Auge, zwar flogen ſeine Pulſe mit größerer Heftigkeit, als er ſah, wie in ihrem Herzen die Liebe er⸗ wachte und ſich entzündete und in dem verſchämten Blicke ſich unbewußt ausſprach; doch gelang es ihm faſt immer, jedes Verlangen nach einer Aenderung des jetzigen Ver⸗ hältniſſes zu unterdrücken;„denn,“ ſagte er unaufhoͤlich, gleichſam um ſich ſelbſt in ſeinem guten Vorhaben zu ſtärken,„ich würde es mir nie verzeihen koͤnnen, wenn ich dieſen Engel auf die Erde herabzöge!“ Sagte er aber wohl jemals zu ſich ſelbſt:„Ich werde es mir nie verzeihen können, wenn ich das Glück und die Zukunft dieſes Weſens zerſtoͤre, wenn ich das Gift der Liebe auf dieſen Schleichwegen in ihr Hecz dringen laſſe?“ Nein, das ſagte er nicht, denn er fühlte ſich ſtolz über das Gute, das er ihr gethan hatte; über die Mittel, deren er ſich zu ſeinem Zwecke bedient hatte, dachte er nicht nach. Ein Verſuch zur Gewinnung ihrer Hand war ihm nie eingefallen, ſo oft auch in der letzteren Zeit ihr lichtes, ſchoͤnes Bild ſich zwiſchen ihn und die Zukunft gedrängt hatte. So weit aber war die Liebe nicht gekommen, daß dieſelbe ſeinen großen Plan, mit welchem der Cheſtand ganz unvereinbar war, zu verrücken vermocht hatte; den⸗ noch aber hatte ſie ſchon mehr Unheil angerichtet, als Juſtus wünſchte, indem ſie mehrmals ſeine ernſten Ge⸗ danken geſtört hatte. So ſtanden die innern Angelegenheiten, als der große Umſturz auf Oernwik auch bei Juſtus einen Umſturz be⸗ wirkte. Der Tag, welcher die unglückliche Brautwerbung des Baron Max, die Niederlage der Conſulin und Evelyn's Erkranken ſah, war der erſte, welcher zu dem Gewiſſen des Magiſters redete, der erſte, an welchem er zu ſich ſelbſt ſagte:„Du biſt ſchuldig an dem Unglücke dieſes Kindes! Wenn ſie das Leben behält, ſo biſt Du ſchuldig — an allen wenn ſie Der Kuß kuß: er daß ſie Sei er die H und übe ſtand in Engel— End der Tode als er fle wenn ihr Baron re wieder ei um ſich ſchaffen; ſeines Leb das ganze Es ganzen H daß man aber ahn daß man Reichsth Oernwik Füh nicht glüc ſollte er millionen ſtolz, ſtol der nichts zwungeng Er In 422 klar, was er Evelyn ſchuldig war: nämlich mit vollem Rechte ein ganzes Leben— doch konnte er ihr dieſes geben? Hatte er ein Recht, ihr zu geben, was er ſchon zu einem unendlich höheren Zwecke beſtimmt hatte, als das⸗ jenige war, ſeine Tage in Ruhe an der Seite einer geliebten Gattin als Gatte, Vater und Hausvater hinfließen zu laſſen? Aber dennoch hatte dieſes Gemälde ſeine unaus⸗ ſprechlich ſchönen Partien. Evelyn war entzückend und Oernwik kein unbedeutendes Beſitzthum: viel konnte auch derjenige wirken, der über einen ſolchen Landſtrich herrſchte, über das Wohl und Weh ſo vieler Menſchen wachte... und dann die Ruhe, die Bequemlichkeit und das Ange⸗ nehme in dem Leben eines reichen Mannes— eines mit der ſchönſten Gattin von dem herrlichſten Charakter ver⸗ einten reichen Mannes! Und dann, welche unſägliche Freude, höher und reiner als alle andern, konnte ihm nicht die ſchnelle Wendung in ſeinem Schickſale vergönnen! War es nicht der ſchönſte Traum ſeiner Jugend geweſen, daß der müde Fuß ſeiner Mutter, welcher ſo lange Jahre um ſeinetwillen den einfoͤrmigen Spinnrocken ge⸗ treten hatte, endlich auf einem weichen Schemel ruhen ſollte, während ihre ganze geliebte Geſtalt auf dem be⸗ quemen Sofa ruhte! Jetzt konnte er dieſen Traum ver⸗ wirklichen: ſeine Mutter konnte ruhen auf dem weichen Sofa, auf welchem Evelyn mit kindlicher Zärtlichkeit, ja mit anbetender Liebe die Kiſſen für die Mutter ihres Juſtus ordnen würde... Und dann die alte Monika! Monika, Monika— wie würde ſich nicht ihr Herz freuen, wenn ſte in einem netten und warmen Zimmer ſäße und ein kleines Fräulein, Evelyn's Ebenbild, wiegte und dabei das alte, liebe Lied ſänge: „Alonzo der Tapfre, ſo nannte man ihn, Und ſie Imogene die Schöne!“ Bei dem Gedanken an dieſes himmliſche Familienleben, bei dem Gedanken an die unermeßliche Schuld, in welcher er ſtand bei ſeiner Mutter, dieſer ehrwürdigen und theuren Mutter, ihn ſo d hatte, w Gedanken daß er ſ ihres jub erhört un hatte, e „Ich ſteh ... ich will mein erbauen!“ Doch augenblic Blut für ſoll ich Entbehru Kraft, ruhig nie nießen? Herrſchaf mein We letzten K engen Ar So zwiſchen beherrſche ſchluß, Nacht fa Morgen bei dem Fünfunddreißigſtes Kapitel. Der Conſul und die Conſulin ſaßen in dem kleinen Salon neben einander auf dem Sofa. Sie hatten heute allein gefrühſtückt, um den Eindruck beim Wiedererſcheinen des Magiſters Carleborg um ſo feierlicher zu machen. „Es war ja um eilf Uhr, daß er hier ſein ſollte?“ ſagte die Conſulin mit leiſer Stimme.„Es iſt gleich eilf— es fehlen nur noch drei Minuten!“ „Die Uhr geht, glaube ich, ein wenig vor! Aber ich begreife nicht, warum uns ſo unruhig und ſonderbar zu Muthe iſt? Es iſt ja eine Sache, die keinen Zweifel leidet: er kann nicht ſo verrückt ſein und nein ſagen!“ „Nein, mein Freund! ſei Du in dieſer Hinſicht ganz ruhig: ich bin mir aber ſelbſt die Gerechtigkeit ſchuldig, zu erkennen, daß ich mich höchlich wundere über unſer... Sch!— er iſt da!... Siehſt Du, daß die Uhr richtig geht! Nimm eine beſſere Stellung an, mein Freund! Sieh mich an, und behaupte Deine Würde!“ Juſtus trat ein und verbeugte ſich tief und ehr⸗ furchtsvoll. Er war zum Erſtaunen blaß, und dieſe Bläſſe war noch merkbarer durch den ſchwarzen Anzug, den er immer vorzugsweiſe trug. Seine faſt außerordentliche Schöͤnheit hatte noch nie in einem höheren Grade ihre Macht uber Andere fühlen laſſen. In ſeinem großen, blauſchwarzen Auge ruhte ein Ernſt, eine Hoheit, womit ſich zu gleicher Zeit die ſanfte Demuth der Bitte und der gebietende Machtſpruch der Ueberzeugung paarte. Es war der Conſulin, welche ſich erhoben hatte, ganz unmöglich, mit ihrem überdachten:„junger Mann! Sie kennen das edle Opfer“ u. ſ. w., u. ſ. w. hervorzu⸗ kommen. zwar ſel einfachen Seene it wirrt, ur ſich hin er began Vertraue „Je Ihnen, d keit für men, un Sie mir nicht beze furcht ein ſo hoch ſe Hinderniff abhalten nicht zu kleinen inſicht chtigkeit ere über daß die n, mein BGürde!“ nd ehr⸗ iſſe war immer chönheit hht über hwarzen gleicher bietende m hatte, Mann! ervorzu⸗ 425 kommen. Und was den Conſul betrifft, ſo half er ſich zwar ſehr gut vorwärts, ſo lange er die Sache von der einfachen Seite betrachten durfte; kam es aber darauf an, eine Scene in einem großen Style zu ſpielen, da war er ver⸗ wirrt, und ſaß ſo wie jetzt ganz verwirrt da und ſchraubte ſich hin und her. Juſtus aber wartete auf keine Anrede: er begann ſelbſt mit aller Sicherheit, die ihm ſein kühnes Vertrauen auf die eigene Kraft einfloͤßte: „Ich bin gekommen, um Ihnen, Herr Conſul, und Ihnen, Frau Conſulin, meine tiefe und lebhafte Dankbar⸗ keit für Ihr edles Vertrauen abzuſtatten; ich bin gekom⸗ men, um Ihnen zu ſagen, daß ich das Glück, welches Sie mir gelobt haben, für ſo groß erachte, daß ich es nicht bezahlen koͤnnte mit der ſohnlichen Liebe und Ehr⸗ furcht eines ganzen Lebens. Wenn ich aber dieſes Glück ſo hoch ſchätze, ſo iſt es auch leicht zu begreifen, daß nur Hinderniſſe von der allerumfaſſendſten Groͤße mich würden abhalten konnen, daſſelbe zu ergreifen und für ewig feſt⸗ zuhalten. Es iſt nur Gott, der die Herzen der Menſchen prüft und richtet: er ſieht das meinige in dieſer Stunde, er ſieht, ob es vor Dankbarkeit brennt, wenn es zugleich vor Schmerz blutet, undankbar zu erſcheinen!... Als Jüngling habe ich meine Kraft ſchlecht angewendet: ich habe von dem einen Ziele zum andern geſchwärmt und immer geglaubt, das wahre gefunden zu haben, bis mir meine Reue genugſam gezeigt hatte, daß ich mich wieder⸗ um eines Irrthums ſchuldig gemacht hatte. Endlich er⸗ leuchtete mich Gott auf dem Lager der Plagen über den Beruf, den er für mich erſehen hatte— ich umfaßte ihn mit brennendem Eifer, aber ich wollte prüfen, ob ich ſtark wäre, und ich beſchloß der Ueberlegung eine längere Zeit zu widmen. Auf dieſe Weiſe kam ich hieher.... und nun urtheilen Sie ſelbſt, ob ich feſt bin in meinem Vorhaben, ſtark in meinem Willen, wenn ich, obgleich mich alles ermahnt, auf ewig hier zu bleiben, ich es dennoch nicht zu thun vermag ohne Reue und ohne Furcht, ob ich 426 im Stande bin, mit ſo getheilten Gefühlen Evelyn, dieſen reinen, himmliſchen Engel, glücklich zu machen! Inzwi⸗ ſchen iſt es mein letzter und unabänderlicher Entſchluß, mich offen an ſie zu wenden, und die Wahl ihrer Entſcheidung anheim zu ſtellen, und ich wage zu hoffen, wie dieſelbe auch ausfallen mag, daß ich dieſe ganze zarte Sache ſo zu behandeln wiſſen werde, daß dieſelbe ihrer ſchwachen Geſundheit nicht gefährlich wird. Mir bleibt alſo noch die Frage übrig, ob Evelyn's Eltern mir die größte Gunſt, um welche ich flehen kann, gewähren wollen, näm⸗ lich eine Unterredung mit ihr?“ Natürlich war die Conſulin im höchſten Grade ver⸗ letzt, verwundet und beleidigt: aber dabei war ſie auch ſo gerührt und eingenommen von ſeinem ehrfurchtsvollen Tone, ſo beſchäftigt, ihrem Gedächtniſſe jedes ſeiner ge⸗ äußerten Worte einzuprägen, und ſo ganz unter dem Ein⸗ fluſſe ſeines Auges und ſeiner Zunge, daß ſie, ſtatt ihrem erſten Gefühle, der Neugierde, zu gehorchen und zu fra⸗ gen, welche Art von Ziel er denn eigentlich meinte, daß ſie ſtatt deſſen aufſtand und mit aller Achtung, die ſie dem Baron May ſelbſt bewieſen haben würde— ja, Gott weiß, ob es nicht mit einer noch etwas größeren war— ant⸗ wortete:„Ihre Erklärung, Herr Magiſter, iſt in jeder Hinſicht ſo achtungswerth und delikat, wie wir Eltern zu verlangen das Recht haben können. Evelyn iſt auf den Beſuch nicht ganz unvorbereitet, und wenn Sie nur im Stande ſind, ihr die Ruhe, welche jetzt dahin iſt, wieder⸗ zugeben, ſo wollen wir uns mit jeder Entſcheidung be⸗ gnügen.“ Ein Kopfnicken und ein:„wie Nelly ſagt!“ drückte die Zuſtimmung des Conſuls aus, und nachdem Mamſell Charlotte abgeſchickt worden war, um nachzuſehen, ob Evelyn in Ordnung und bereit wäre, den Beſuch des Magiſters Carleborg anzunehmen und bald mit einer be⸗ jahenden Antwort zurückgekommen war, ſo ſtieg Juſtus die Treppe hinauf und ſtand mit einem leichten Zittern vor der Mal betr Als wurde die aus und ernſten V Das ſah aus obgleich e das Tages der Wand lenſchränk Dieſe Art Schränke beide eige denn, wie Gemach liquie ode ihre Zuflu Juſtt ein Uebern hatte ſich einen etwe Weſen, da nicht, woh rothen ſeird Sonnenlich Evelyn's in dem& rechtfertige Herzen eir trat, ſot und benge dieſen Inzwi⸗ 3, mich heidung dieſelbe ache ſo wachen o noch größte näm⸗ de ver⸗ e auch svollen ier ge⸗ Ein⸗ t ihrem zu fra⸗ e, daß ſie dem tt weiß, — ant⸗ in jeder ltern zu auf den nur im wieder⸗ ung be⸗ drückte Mamſell gen, ob uch des iner be⸗ Juſtus Zittern 427 vor der Thüre dieſer Zimmer, welche er nun zum erſten Mal betreten ſollte. Als er eben die Hand auf das Schloß legen wollte, wurde die Thüre von Innen geöffnet, Conſtance trat her⸗ aus und ließ ihn eintreten, indem ſie mit einer ſtillen und ernſten Verneigung an ihm vorbeiging. Das Zimmer, in welchem Juſtus ſich jetzt befand, ſah aus wie eine von Couliſſen gebildete Gallerie, und obgleich es faſt mitten am Tage war, ſo drang dennoch das Tageslicht nur ſo ſparſam herein, daß es den Figuren der Wandgemälde und den mit Basreliefs gezierten Säu⸗ lenſchränken einen ſonderbaren, dunklen Farbenton verlieh. Dieſe Art von Vorzimmer oder Gallerie war durch große Schränke von Evelyn's Schlafzimmer abgetheilt, obgleich beide eigentlich nur aus einem einzigen Zimmer beſtanden; denn, wie man weiß, bewohnte Evelyn das große äußere Gemach und behielt das innere Kabinet nur als eine Re⸗ liquie oder vielleicht als eine Betkapelle bei, wohin ſie ihre Zuflucht nahm, wenn ſie ganz allein war. Juſtus, welcher gehört hatte, daß Evelyn's Zimmer ein Ueberreſt aus einem entſchwundenen Zeitraum wären, hatte ſich doch nichts anderes vorgeſtellt, als daß dieſelben einen etwaigen Eindruck von dem ſchönen und herrlichen Weſen, das darin wohnte, angenommen hätten. Er wußte nicht, woher er die romantiſche Vorſtellung von purpur⸗ rothen ſeidenen Gardinen erhalten hatte, welche von dem Sonnenlichte durchbrochen einen bengaliſchen Glanz über Evelyn's lilienweiße Geſtalt werfen ſollten. Doch hier in dem äußeren Zimmer ſchien nichts ſeine Phantaſie rechtfertigen zu wollen; und da er mit heftig klopfendem Herzen eine Abtheilung des Schirmes zurückbog und ein⸗ trat, ſo verſchwand jeder Nebengedanke an Sonne, Licht und bengaliſche Flammen. Er gerieth in Verſuchung, 428 niederzufallen und anzubeten. Er blieb einige Augenblicke unbeweglich ſtehen. Dieſes Sagenzimmer, alt, dunkel, alles andern Schmu⸗ ckes als antiker Zierrathen, die mit den Wänden deſſelben verwachſen zu ſein ſchienen, entbehrend, glich mit ſeiner offenen Thür in das achteckige Cabinet, wo die halbzer⸗ brochenen Bilder gleich Geſpenſtern in ihren tiefen Niſchen ſtanden, einem verfallenen Tempel. Die große, von Säu⸗ len getragene und auf einer Erhöhung, zu welcher drei Stufen hinaufführten, ruhende Bettſtelle, ſchien eher ein Sarkophag zu ſein, als die Ruheſtätte eines lebendigen Weſens. Unten neben derſelben ſaß Evelyn, den Kopf an die dunklen Bettgardinen ſtützend: und wenn auch kein magiſch röthendes Licht ſeinen Schimmer über ihr marmor⸗ weißes Antlitz und ihr ſchneeweißes Kleid goß, ſo ver⸗ wandelten ſich doch ihre Lilien in Roſen, als ſie die Schritte des Mannes vernahm, den ſie anbetete. Und als er eintrat, als ſeine Blicke ſich an ihrer Geſtalt feſtſogen, als ſie zum erſten Male fühlte, daß ſie ihm theuer war — denn die Gluth ſeiner Blicke theilte ſich jeder von ihren Fibern mit— da waren auf der matten Wange keine Roſen mehr: da ſprangen Flammen empor aus dem Schnee und warfen Funken über die Züge der zitternden Jungfrau. Noch hatte Evelyn es nicht gewagt, ihre Augen recht zu erheben; aber ſie mußte ihre Blödigkeit überwinden, um ihres Glückes zu genießen, ihn zu ſehen, deſſen Anblick ſie ſo lange hatte entbehren müſſen. Sie ſah auf, und dieſer Blick, welcher ihr ganzes Herz entſchleierte, traf Juſtus wie ein Blitz vom Himmel, wie ein Blitz von Gott. In der nächſten Secunde lag er auf den Knien an Evelyn's Seite, ihre Hände feſt in die ſeinigen ge⸗ ſchloſſen, und ihr Haupt an ſeiner Bruſt ruhend. Arme, arme Evelyn! Secunden und Minuten vergingen... was wußte Evelyn davon— ſeine Lippen hatten an den ihrigen ge⸗ brannt! Jetzt aber erhob ſich Juſtus noch bleicher denn zuvor: ſondern ſogar in in ſeinen Weib an unermeß vermocht St Stimme ihm eine Kind nic auszufall weiß ich gentheil „Ni enblicke Schmu⸗ eſſelben t ſeiner halbzer⸗ Niſchen n Säu⸗ her drei eher ein dendigen Kopf an ſch kein rarmor⸗ ſo ver⸗ ſie die Und als eſtſogen, ner war on ihren ge keine Schnee ingfrau. en recht winden, Anblick uf, und te, traf litz von u Knien gen ge⸗ 3 wußte igen ge⸗ eer denn 429 zuvor: der Kuß brannte nicht allein auf ſeinen Lippen, ſondern auch auf ſeinem Gewiſſen; denn fühlte er nicht ſogar in dieſem Augenblicke, da er das Glück ſeiner Liebe in ſeinen Armen hielt, da er das ſchoͤnſte und keuſcheſte Weib an ſeine Bruſt drückte, daß ſie den großen, und unermeßlichen leeren Raum in ſeiner Seele nicht zu füllen vermochte! Still und behutſam legte er ihr Haupt wieder zurück, und betrachtete ſie mit Blicken einer innigen, ängſtlichen Zäͤrtlichkeit. Evelyn faltete ihre Hände über die Bruſt und ſah zu ihm empor mit einem Zlick voll flehender Unruhe. Ach, ſie hatte die plötzliche Veränderung in ſeinen Zügen nur allzu wohl verſtanden! „Evelyn, geliebte Evelyn!— erlaube mir, daß ich ſo vertraulich mit Dir rede, wie ein Bruder mit ſeiner Schweſter— ach, daß Du den Muth hätteſt, mich zu hören, den Muth, mir zu glauben, den Muth, Deinem eigenen edlen und hellen Verſtande zu gehorchen!“ „Ich habe Muth,“ antwortete ſie mit unausſprech⸗ licher Demuth,„ich habe Muth zu Allem, was Du be⸗ fiehlſt!“ „Nichts will ich Dir befehlen, Evelyn: im Gegen⸗ theil, Du biſt diejenige, die über mich gebieten ſoll!“ „Ich?“ wiederholte ſie mit dieſer Lieblichkeit in der Stimme, die ſich in dem Kinde ausſpricht, wenn man ihm einen Sieg verſpricht, von welchem gleichwohl das Kind nicht ahnt, daß er vorbereitet iſt, ſo und nicht anders auszufallen.„Ich ſollte über Dich gebieten dürfen— da weiß ich wohl, was mein erſter Befehl ſein würde.“ „Wie denn? „Daß Du mich niemals verläſſeſt!“ „Glaubſt Du das?“ ſagte er mit einem betrübten und beredten Lächeln...„Wenn es nun aber das Ge⸗ gentheil würde?“ „Nie, nie, wenn es auf mich ankäme!“ 430 „Wir werden ſehen!“ Er ſchwieg einige Augenblicke und ſchien zu überle⸗ gen. Evelyn betrachtete mit Aufmerkſamkeit ſeine geſenk⸗ ten Augenlider, ſeine hohe Stirn, zu deren beiden Seiten das ungewönlich lange ſchwarze Haar in wogenförmigen Locken herabſiel. Ach, ſie war glücklich, ihn nur ſehen zu dürfen! „Ich fühle das Bedürfniß,“ ſagte er zuletzt,„ſehr offenherzig zu ſein, theuere Evelyn, und von Dir ein eben ſo großes Vertrauen, wie ich es gebe, zurückzufordern. Sage mir— weißt Du, was in dieſen Tagen zwiſchen mir und Deinen Eltern vorgefallen iſt?“ „Nicht das Geringſte,“ antwortete ſie in dem über⸗ zeugenden Tone der Unſchuld. 3 „Was hat Dir denn Deine Mutter geſagt, das den Beſuch rechtfertigen kann, den ſie mir auf Deinen Zim⸗ mern abzuſtatten erlaubt hat, theure Evelyn!“ Jetzt floß eine durchſichtige, verſchämte Röthe über ihre Wangen, und ſo leiſe, daß er die Worte faſt erra⸗ then mußte, liſpelte ſie:„Schon vor mehren Tagen ſagte Mutter zu mir:„Du ſollſt glücklich werden, Evelyn— ſei ruhig, verlaß Dich auf mich!“— und geſtern ſagte ſie:„morgen ſollſt Du ihn ſehen!“ Juſtus war gerührt.„Deine Eltern,“ ſagte er nach einigem Schweigen,„lieben Dich warm, lieben Dich un⸗ ausſprechlich, da ſie die glänzende Verbindung mit dem Baron G— haben fahren laſſen koͤnnen, um ihren einzi⸗ gen, ihren höchſten Schatz einem in jeder Hinſicht ſo un⸗ bedeutenden Manne, wie mir, zu übergeben.“ Indem er dieſe Worte ausſprach, hatte er ſeinen Blick feſt auf Evelyn geheftet. Die Wirkung, welche er berechnet hatte: blieb nicht aus: Evelyn gerieth in das heftigſte Zittern, ihre Wangen liehen bald die Farbe des Lebens und bald die des Todes, und die Bewegung, welche ſie mit der Hand nach dem Herzen machte, zeigte hin⸗ länglich, wie heftig dieſes ſchlug. Zum erſten Male war der heili ausgeſpr die Sein Tod! „3. ihren Bl eint wer Vereinig „N hemmend würde ni⸗ mit einer gen ſollte mein Gl theure E Evel richtig be Kraft beu niß ſchlief „Rer a, zen!“ Evel⸗ Mädchen weiche!“ „Wer brauchteſt Lhebe⸗ die eidenſchaf Höhe und liert ſich überle⸗ geſenk⸗ Seiten örmigen ur ſehen t,„ſehr ein eben ifordern. zwiſchen m über⸗ das den en Zim⸗ the über aſt erra⸗ gen ſagte bvelyn— ern ſagte er nach Dich un⸗ mit dem en einzi⸗ t ſo un⸗ r ſeinen velche er in das arbe des , welche igte hin⸗ dale war 431 der heiligſte und geheimſte Traum ihrer Seele von ihm ausgeſprochen worden— es wäre alſo möglich, daß ſie die Seinige werden könnte, die Seinige in Leben und Tod! „Ja, geliebte Evelyn!“ ſagte er, ihre Gedanken in ihren Blicken leſend,„ja, wir koͤnnten für das Leben ver⸗ eint werden; doch glaube mir— o, glaube mir, dieſe Vereinigung würde nicht auf ewig Dein Glück ſein!“ „Nein,“ ſtammelte Evelyn, die beiden Thränen hemmend, welche ſich hervordrängen wollten,„denn ſie würde nicht das Deinige ſein— wie koͤnnteſt Du Dich mit einem ſo unbedeutenden Weſen glücklich fühlen?“ „Evelyn! ich nehme Gott zum Zeugen meiner Worte, daß, wenn mich jemals die Ehe mit einem Weibe vereini⸗ gen ſollte, ich keine auf Erden weiß, welcher ich lieber mein Glück verdanken wollte, als Dir, geliebte, geliebte, theure Evelyn!“ Evelyn lächelte unter Thränen.„Warum verſtößeſt Du mich denn?“ „Das thue ich nicht; ich will nur, daß Du mich richtig beurtheilen ſollſt, und daß Du auch Deine eigene Kraft beurtheilen und erwägen ſollſt, ehe Du ein Buͤnd⸗ niß ſchließeſt, das Reue in ſeinem Gefolge haben kann!“ „Reue?“ v R⸗ denn Du wohnſt nicht allein in meinem Her⸗ zen!“ Evelyn ſenkte das Haupt.„Wenn Du ein anderes Mädchen liebſt,“ ſagte ſie,„ſo iſt es billig, daß ich weiche!“ „Wenn ich nur ein Mädchen liebte, Evelyn, ſo brauchteſt Du nicht zu weichen; denn die reine und edle Liebe, die ich für Dich empfinde, iſt ſo erhaben über jede Leidenſchaft, daß ſie dadurch nicht das mindeſte von ihrer Hoͤhe und Stärke verlieren würde— und auch jetzt ver⸗ liert ſich meine Liebe nicht: dieſe gehört Dir für die Ewig⸗ 432 keit. Alſo nicht davon reden wir, denn ſie iſt Dein Eigenthum, Dein feſtes, Dein unwiderrufliches Eigenthum, „Warum wollen wir denn von etwas Anderem reden?4 fragte Evelyn mit einer ſo naiven und rührenden Unſchuld, daß ſie Juſtus beinahe aus ſeiner Faſſung gebracht hätte. „Darum... darum, weil Du ruͤckſichtlich meiner Freiheit eine Nebenbuhlerin haſt.“ „Und dieſe Nebenbuhlerin?“ ſeufzte ſie. „Iſt die ganze Menſchheit! Sieh, geliebte Evelyn, ich habe für ſie Pläne gebaut, große, herrliche Pläne, die mein Geiſt durchzuführen Kraft haben wird. Mein Herz iſt allzu groß, um nur ein Weib zu lieben: es will eine ganze vergeſſene Welt umarmen und beglücken, welche ſich nach der Befreiung ſehnt und dieſelbe erwartet. Du wirſt vernehmen von meinen Anſtrengungen, meinen Bemühun⸗ gen, meinen Leiden; aber, Evelyn, Du wirſt auch ver⸗ nehmen, wie meine Bemühungen dereinſt vom Glücke ge⸗ krͤnt werden: Du wirſt vernehmen, wie eine jubelnde Menſchenſchaar, fuͤr welche ich tauſendmal Leben und Blut geopfert habe, ſegnend in meine Fußſtapfen tritt, ſegnend ihre Hände gen Himmel empor ſtreckt und Gott für den⸗ jenigen anruft, der alles opferte, was die Erde als das hoͤchſte und reinſte Glück beſaß, um einzig und allein den großen, unermeßlichen Pflichten zu leben, die er übernommen hatte.“ „O Gott!“ liſpelte Evelyn und betrachtete den Schwär⸗ mer mit Begeiſterung. „Ja, meine Evelyn, meine reine, geliebte Evelyn! Gott wird Dir Muth geben zum Entſagen; er wird Dir Muth geben, zu glauben, daß der Mann, welcher nicht einmal in dem erſten Liebesrauſche zu ſeiner Ge⸗ liebten ſagt:„Du biſt mein Alles!“ nie, nie für den Himmel eines häuslichen Glückes paſſen kann. Doch iſt darum nicht die Liebe gleich licht und heilig? Sie iſt eine Vereinigung der Seelen; die Seelen ſind ja das⸗ jenige, was ſich gegenſeitig liebt, ſie wollen ſich ja be⸗ gegnen— und ſie koͤnnen ſich auch immer unabhängig — von 3 ſich ni ſche 2 auch ſ wird t nicht von di doch n Kunſt gen, g wenige was T roͤthen Du a dem ſch ſie verf „. zu brit biſt zu zu lebe bewege haſt. der ein kann. tiefes Schickſ laſſen h laſſe,“ bietung peinigen daß ſie und wo allen diſ Eine 433 ſt Dein von Zeit und Raum begegnen. Was thut's, daß man genthumn, ſich nicht mit den leiblichen Augen ſieht? Nicht dieſe irdi⸗ reden?u ſche Bekleidung iſt ja das, was wir anbeten: ſo ſchön ſie unſchuld, auch ſein mag, ſo zerfällt ſie dennoch mit der Zeit und ht hätte. wird von ihren Gebrechlichkeiten entſtellt. Wäre es alſo ) meiner nicht verächtlich, wenn man etwas anderes, als die Sinne von dieſer äußern Schönheit wollte berauſchen laſſen, welche doch nie vollkommener iſt, als daß nicht die meiſten großen elyn, ich Kunſtwerke eben ſo ſchön ſein koͤnnen? Schließe Deine Au⸗ ine, die gen, geliebte Evelyn, und ſage mir, ob Du mich darum ein Herz weniger liebſt! Es ſind meine Gedanken, es iſt mein Geiſt will eine was Du liebſt und rein und unwandelbar und ohne Er⸗ elche ſich röthen und ohne Scham ewig lieben wirſt, ſelbſt wenn Du wirſt Du als Gattin Dein Haupt an eines andern Mannes bemühun⸗ Bruſt legſt.“ auch ver⸗„Ich?“ rief Evelyn aus, indem ſie ſchaudernd aus Glücke ge- dem ſchmerzhaft ſeligen Rauſche auffuhr, in welchen er jubelnde ſie verſetzt hatte. und Blut f„Du, Du, Evelyn! wenn Du Muth haſt, das Opfer ,ſegnend zu bringen, ſo ſollſt Du es auch vollſtändig thun. Du für den biſt zu weich, um ohne einen feſten und männlichen Schutz as hoͤchſte zu leben; und überdieß bedarfſt Du, um denken und Dich großen, bewegen zu koͤnnen, einer groͤßeren Freiheit, als Du jetzt en hatte. haſt. Baron Marx iſt ein Mann, der Deiner würdig iſt, Schwaͤr⸗ der einzige, deſſen Armen ich Dich mit Ruhe übergeben kann. Er iſt edel, ſtark, reines Herzens, und hat ein Evelyn! tiefes und ſanftes Gefühl. Wenn Du nicht mit ihm Dein er wird Schickſal verbindeſt, ſo wirſt Du, nachdem ich Dich ver⸗ „welcher laſſen habe— wenn es dazu kommt, daß ich Dich ver⸗ V iner Ge⸗ laſſe,“ beeilte er ſich hinzuzufügen—„unzähligen Aner⸗ für den bietungen ausgeſetzt ſein, mit welchen Deine Eltern Dich Doch iſt peinigen, wenn Du auch aus herzlichem Wohlwollen(denn Sie iſt daß ſie gerne Deine Zukunft geſichert ſähen, iſt natürlich:) ja das⸗ und wo finden wir eine Bürgſchaft, daß irgend einer von ch ja be⸗ allen dieſen Glückſuchern, die ſich um die ſchöne und reiche Eine Nacht am Bullarſee. I. 28 434 Erbin reißen werden, ein einziges von den Verdienſten des Barons Max beſitzt?“ „Aber warum, warum ſoll ich denn gezwungen ſein, das Unmögliche zu thun? Kann ich Dich vergeſſen?“ „Nein, Evelyn, ich hoffe, Du wirſt das nie koͤnnen; doch, wie ich Dir ſchon erklärt habe, eine ſolche un⸗ ſchuldige Liebe läßt ſich mit Deinen neuen Pflichten ver⸗ einigen. Mar kannte Deine Neigung zu mir— ich weiß, daß er ſie kannte— und dennoch ſahſt Du, daß er zu⸗ frieden war mit dem Theile Deines Herzens, den Du ihm zu geben vermochteſt.“ „Ich habe ihm gar nichts zu geben:“ „Ja dennoch etwas, das Du ihm nicht zu weigern vermagſt: Deine Achtung, Deine Freundſchaft und Dein Vertrauen. Verbirg ihm nichts— ich bürge dafür, daß er Dich verſtehen wird. Er wird mit Dir von mir reden; und er wird Dir geſtatten, an ſeinem Herzen zu weinen, wenn der Schmerz der Sehnſucht Dich ergreift und ich weit hinweg bin jenſeit des Meeres!“ „Wenn Du weit hinweg biſt jenſeit des Meeres 74 wiederholte Evelyn zitternd. „Ja, eben dann bedarfſt Du eines Beſchützers, eines Freundes, eines Vaters, eines Bruders— mit einem Worte eines Mannes, der Dich leitet, der Dir helfen kann die reichen Gaben, welche Gott in Dein Herz legte, zu entwickeln... Mar iſt ein ſolcher Mann.“ „Gott, Gott! muß ich denn— muß ich denn unbe⸗ dingt— gibt es keine Wahl?“ Sie blickte auf zu ihm und in dieſem Blicke lag eine tiefe, flehende Pein. „Ja, Evelyn! es gibt eine andere Wahl. Wenn Du zu mir ſagſt:„laß alle dieſe großen, herrlichen Pläne 1 — für das Wohl der Menſchheit, die Dich nicht kennt und nicht liebt, fahren— bleibe bei mir, lebe gleich andern Männern ruhig am häuslichen Herde, und laß ſie ein⸗ ſtürzen dieſe Tempel, welche Du für Voͤlker errichtet haſt, die Dir nie danken werden! Was kümmert uns die Menſch⸗ heit? Sage Dir ja 6 lispelte 5 Ich ha zuletzt Evelyn daß ich Dich zu die ich innig, ſchwiege kraft ge größte Dir zu ſein ma lichen, Begeiſte auf Er nicht!. Ehe ei geweiht Helm d — ich g von Leid gehe, un rigkeiten mein W nſten des gen ſein, rgeſſen?“ können; Dlche un⸗ hhten ver⸗ ich weiß, iß er zu⸗ Du ihm u weigern und Dein afür, daß nir reden; u weinen, t und ich Meeres?4 ers, eines mit einem dir helfen derz legte, eenn unbe⸗ uf zu ihm in. dl. Wenn hhen Pläne kennt und ich andern z ſie ein⸗ ichtet haſt, ie Menſch⸗ 43⁵ heit? Bezahlt ſie uns, was wir fur ſie opfern?2.... Sage ſo, Evelyn, und ich bleibe hier bei Dir! Ich ſagte Dir ja, daß Du befehlen ſollteſt!“ „O, ich befehle nichts... ich will nur ſterben!“ lispelte Evelyn weinend. „Nein, geliebte Evelyn, ſo ruft nur die Schwäche! Ich habe die entſcheidende, vertrauensvolle Mittheilung bis zuletzt aufgeſpart, um Dir dadurch Kraft zu geben. Ich, Evelyn, halte Dich nicht für ſchwach: da ich vorausſetze, daß ich von Dir als Gattin abſtehen muß, ſo wähle ich Dich zu meiner Freundin, zur Vertrauten dieſer Pläne, die ich nicht einmal meiner Mutter, welche ich doch ſo innig, ſo unendlich liebe, mitgetheilt habe. Ich habe ge⸗ ſchwiegen, denn ich wollte meiner Stärke, meiner Seelen⸗ kraft gewiß ſein— jetzt bin ich es, denn ich habe die gröͤßte Verſuchung beſiegt, die Verſuchung, auf ewig bei Dir zu bleiben. Hoͤre mich, Evelyn!“— er ſtand auf, ſein männlich ſchönes Antlitz ſtrahlte von einer unbeſchreib⸗ lichen, einer brennenden, aus dem Himmel entſprungenen Begeiſterung—„weißt Du wohl, welcher mein Beruf auf Erden iſt? Ahnſt Du ihn? Nein, Du ahnſt ihn nicht!... O, Evelyn, Evelyn! ich werde— Miſſionär! Ehe ein Jahr vergeht, ſo bin ich zu einem Geiſtlichen geweiht; darauf, nachdem ich mich gerüſtet habe mit dem Helm des Glaubens und dem Schwerte des Geiſtes, gehe ich aus, um die Straße zu wandeln, die mir mein Mei⸗ ſter geheißen hat. Meere werden zwiſchen uns liegen, Evelyn, Meere und Wüſten, die ich durchwandern ſoll, um den geiſtig Blinden, die dort in der Finſterniß leben, das Licht Jeſu Chriſti zu bringen. Ich gehe—o ſchönes, ſeliges Loos, meinen Brüdern das Evangelium zu predigen! — ich gehe, um mich Tauſenden von Gefahren, Tauſenden von Leiden, Tauſenden von Unglücksfällen Preis zu geben; ich gehe, um gegen Tauſende von Liſten, gegen unerhoͤrte Schwie⸗ rigkeiten und ſchreckliche Anſtrengungen zu kämpfen, doch mein Wille, mein Muth, meine Beharrlichkeit und vor 436 allen Dingen meine brennende Ueberzeugung, daß Gott mit mir iſt, werden alles beſiegen. Unter Indiens Hei⸗ denthum will ich einen Tempel Chriſti erbauen; und der arme Miſſionär findet dort ſein Reich, wo eine ganze von ihm geſchaffene chriſtliche Gemeinde durch ihn Gott an⸗ beten lernt. Darauf ſchreitet das Werk des Herrn mit immer größerer und größerer Kraft vorwärts: mein Eifer, meine Kraft ſind bekannt geworden, ich habe mich mit unzähligen Mitgliedern der chriſtlichen Kirche in Verbin⸗ dung geſetzt. Man wird lauſchen auf meine Stimme, mein Geiſt wird neue, große Ideen finden, zu deren Ausfüh⸗ rung Andere mir helfen werden... Doch genug, genug!“ ... unterbrach er ſich ſelbſt, und ſenkte die blitzenden Augen, welche kühn in den noch verſchleierten Iſistempel der Zukunft dringen wollten...„genug! Du ſiehſt, wie es iſt, geliebte Evelyn! Du kennſt jetzt den brennendſten Wunſch meiner Seele, einen Wunſch, für welchen ich als Martyrer ſterben werde, oder auch.... doch— Du magſt richten, Du magſt entſcheiden, ob Du mich ent⸗ weder zurückhalten oder ob Du mich gehen laſſen willſt, wohin meine Beſtimmung mich ruft!“ „Ich werde Muth haben, zu entſagen!“ rief Evelyn aus, ergriffen von dem Enthuſiasmus des Schwärmers— „geh, geh mit Gott! Sollite ich Dich zurückhalten, ich, ich, die ich Dir Leben und Licht verdanke, ſollte ich Dich zurückhalten bei mir, während zahlloſe Menſchen auf die Frucht Deiner edlen Anſtrengungen warten? Nein, ich halte Dich nicht zurück: ich werde Dich ſehen in meinen Träumen, und in ihnen werde ich diejenige ſein, die Dir den Schweiß von der Stirne wiſcht!“— „O Evelyn, Evelyn! Wie groß iſt jetzt Deine Macht!“ — und wieder ſank Juſtus ihr zu Füßen.„Ich danke Dir, ich ſegne Dich für meine Freiheit... und dennoch empfinde ich erſt jetzt, wie theuer Du meinem Herzen biſt, wie hoch, wie rein ich Dich anbete! In dieſer Stunde, der einzigen, da es uns geſtattet iſt, die Seligkeit des Himme meinem mals D liebe, n Du in iſt der biſt, w Freiheit Andere der Sac denn ich immer ſ Weibes. gegen di / Wüſte, weich du druck der nehmen! dem Her „Ne mel,„n⸗ viel Mut ß Gott ens Hei⸗ und der anze von vott an⸗ errn mit in Eifer, lich mit Verbin⸗ ne, mein Ausfüh⸗ genug!“ blitzenden ſistempel ehſt, wie nnendſten auf die ein, ich n meinen die Dir Macht!“ ch danke dennoch Herzen Stunde, 437 Himmels und der Erde mit einander zu vermiſchen, be⸗ trachte ich Dich als meine Geliebte!“ Er drückte Evelyn feſt und lange an ſein Herz und bedeckte ihre Lippen und ihre Stirn mit heißen Küſſen. „Und mir, mir bleibſt Du treu?“ ſtammelte ſie, faſt erſtickt von dem berauſchenden Schmerze. „Wenn auch dereinſt die Stürme der Leidenſchaft meinem Herzen nahen ſollten, ſo ſollen ſie dennoch nie⸗ mals Dein Bild entweihen, Du Heilige! So wie ich Dich liebe, will ich nie ein Weib lieben: den Theil, welchen Du in meinem Herzen haſt, kann keine erhalten, denn es iſt der himmliſche Theil. Bedenke, daß Du die einzige biſt, welche mich zur Ehe hätte locken koͤnnen, und die Freiheit, welche Du mir geſchenkt haſt, ſoll mir keine Andere rauben: ich weihe ſie, ſo wie mein ganzes Leben, der Sache des Herrn.... Doch nun muß ich hinweg, denn ich bin ein Menſch, und ſo rein Deine Lippen auch immer ſein mögen, ſo ſind ſie dennoch die Lippen eines Weibes. Dieſe Stunde, die uns vereinte, ſie ſcheidet uns auch.. Dieſer Abend ſieht mich ſchon ferne von Oern⸗ wik!“ Evelyn ſtieß einen leiſen Schrei aus und ſank zurück gegen die ſchweren Bettgardinen. „Sei ſtark, ſei ſtark!“— Denke an die Kinder der Wüſte, zu denen ich eilen muß, und mache mich nicht weich durch Deine Klagen! Laß mich den lieblichen Ein⸗ druck der Willenskraft, die Du eben zeigteſt, mit mir nehmen! Segne mich, und laß mich gehen mit Dir, mit dem Herrn!“ „Nein, nein, noch nicht!“ rief ſie in wildem Tau⸗ mel,„noch nicht—. ich kann es nicht! Du, der Du ſo viel Muth beſitzeſt, zeige ihn auch gegen mich: toͤdte mich — o, toͤdte mich!... Ich will Deine Hände küſſen und Dich ſegnen mit meiner ganzen Seele!“ „Wie, Evelyn? Mich, denjenigen, der ausgeht, um das Licht des Evangeliums in die Finſterniß des Heiden⸗ 438 thums zu tragen, mich forderſt Du auf, dem Ausbruche Deines Schwindels zu gehorchen? So liebe ich es nicht, Dich zu ſehen— ſo biſt Du weder ein chriſtliches Weib, noch eine Freundin des armen Miſſionärs! Komm zu Dir ſelbſt und bedenke, daß der Menſch alles kann, was er will; bedenke, daß Dir das Vornehmſte, das Seligſte, das Hoͤchſte bleibt: Dein Glaube, der Glaube an Gott, an ſeine unermeßliche Liebe, die Dir nicht allein den Wahnſinn Deiner Liebe verzeihen, ſondern Dich auch Troſt finden laſſen wird, denn niemand, der mühſelig iſt und beladen und ihn ſucht, kehrt ohne Troſt zurück.“ „Vergib, ach, vergib mir... ſei nicht ſo ſtreng! Ich will geduldig ſein, ja, ja, ſehr geduldig; nimmermehr aber werde ich mich tröſten koͤnnen, wenn ich Dich er⸗ zürnt habe!“ „Das kannſt Du nicht mit Deinem Engelweſen! Aber ich muß mit mir ſelbſt unzufrieden ſein, daß ich nicht die rechten Worte finden konnte, um Dich ſtark zu machen. Ich war zu ſtolz, Evelyn, und ſagte in meinem Herzen: „wenn ſie ſieht, daß Du ihr das ganze Vertrauen Deiner Seele ſchenkſt, wenn ſie ſieht, welchem heiligen und hohen Zwecke ſie ihre Liebe opfert, ſo wird ſie ſtark werden und darin ihren Erſatz finden, Deine Freundin, Deine Ver⸗ traute, Dein guter Engel zu werden! Doch ich war zu ſtolz, als ich eine ſolche Macht zu beſitzen vermeinte!“ „Nein, Du warſt nicht zu ſtolz!“ ſagte ſie leiſe und mit rührender Lieblichkeit.„Du darſſt Dich nicht getäuſcht haben: ich will Dein guter Engel ſein, ach ja, Dein guter Engel! Sieh nun ſelbſt.—“ ſie erhob mit einem unbe⸗ ſchreiblich rührenden Ausdrucke ihre Augen zu ihm empor —„ſieh' ich verſuche es wenigſtens, Deiner Erinnerung würdig zu werden!“ „So ſoll es ſein— jetzt bin ich ruhig, jetzt weiß ich, daß Dein Herz mir mit warmen Gebeten, doch nicht mit Klagen folgt! Späterhin, ehe ich hinausreiſe, da ich alle meine Angelegenheiten geordnet habe, werden wir uns 4 noch e und ſo Tage, Evelyr Genuff daß un pen tri jeden F Evelyn Herz if wir nic wir au und au reiten. Wort: nete, ol die Hof Evelyn C geliebt meln, f horchen ich ein nach K „8 nun leb an biſt meines „L ihre St den woh sbruche s nicht, Weib, zu Dir was er Seligſte, n Gott, ein den cch Troſt iſt und ſtreng! nermehr Dich er⸗ nl Aber nicht die machen. Herzen: Deiner ſine Ver⸗ war zu nte!“ leiſe und getäuſcht lein guter etzt weiß och nicht wir uns 8 439 noch einmal ſehen: doch bis dahin, und nach jener Zeit, und ſo lange die Tan reichen, und nach dem Ende der Tage, begegnen ſich unſere Gedanken.. Dank, geliebte Evelyn! Dank für jeden Augenblick voll ſeligen und reinen Genuſſes, den Du mir bereiteteſt. Vergiß es niemals, daß unſere ſchönſten Freuden in den Hütten der Armen Knos⸗ pen trieben, und daß die Ausübung der Menſchenliebe auf jeden Fall ein ſchönes Band zwiſchen uns bleibt! Lebe ruhig, Evelyn, lebe glücklich! Du kannſt es werden, denn Dein Herz iſt ſanft und geduldig, und dieſes Herz weiß, daß wir nicht hienieden ſind, um ſtets zu genießen, ſondern daß wir auf Erden unſer Kreuz tragen, um uns zu reinigen und auf die edleren Genüſſe eines andern Lebens vorzube⸗ reiten... Und noch ein Wort, ein für mich wichtiges Wort: verzeihe demjenigen, der Dein Herz der Liebe öff⸗ nete, ohne Dir mehr zu ſchenken, als die Erinnerung und die Hoffnung dort oben! Wenn Du unglücklich wirſt, Evelyn, ſo kann mein Gewiſſen niemals ruhig werden!“ „Ich kann nicht unglücklich werden, nachdem ich Dich geliebt habe: alle Deine Worte in dem Herzen zu ſam⸗ meln, ſie zu behalten, ſie zu wiederholen und ihnen zu ge⸗ horchen— ſieh, das iſt der Zweck meines Lebens! Habe ich ein Recht, zu klagen, da auch ich in meinem Kreiſe nach Kräften wirken kann?2“ „Habe Dank, habe Dank für dieſe Worte!... Und nun lebe wohl! Ich ſegne Dich! Von dieſem Augenblick an biſt Du mir eine geliebte Schweſter, der Schutzengel meines Lebens!“ „Lebe wohl, lebe wohl!“ lispelte Evelyn, indem ſie ihre Stirn darbot, die er leiſe berührte... Lebe wohl ... o, lebe wohl!“ Er war verſchwunden. Ein Paar Augenblicke ſaß ſie aufrecht, den Blick auf den Ort gerichtet, wo er verſchwand; dann faltete ſie mit demuthsvoller Andacht die Hände, und, außer Stande, den wohlthätigen Strom der Thränen länger zu hemmen, 440 ſank ſie hinab auf das Kiſſen, weinte leiſe und betete. In ihrem Herzen aber war Licht und Frieden, denn auch der Schmerz hat ſeine Seligkeit, wenn er geläutert wird. In der Thür, welche die Galerie von dem Corridor trennte, wendete Juſtus ſich um und ſtreckte die Arme aus gegen das innere Zimmer. Eine geheime Stimme flüſterte ihm zu:„Noch iſt es nicht zu ſpät ¹“ doch eine mächtigere rief:„Flieh!“ Und die Thräne zerdrückend, die ſich in dem Winkel des Auges hervorſchleichen wollte, ging er leiſe hinaus und ſchloß die Thür. Nahe an dem Ende des Corridors ſtand er ſtill und klopfte an eine andere Thür. Dieſelbe wurde von Innen geöffnet, und Conſtance zeigte ſich. „Was bedeutet das 2“ fragte ſie erſtaunt.„Ich ſehe, daß es keines Glückwunſches bedarf!“ „Das bedeutet,“ erwiederte er, und ſeine Augenbrauen falteten ſich leicht zuſammen,„daß ich kein Charlatan war, der die Religion zum Deckmantel ſeiner Beſtrebun⸗ gen gebrauchte, in der Welt vorwärts zu kommen, und mir eine reiche und ſchoͤne Braut zu ſchaffen. Ich bin arm, aber entſage den Verſuchungen des Reichthums— ich habe ein Herz, und ich entſage dem Glücke.... Stehe ich jetzt gereinigt da 2° Conſtance ſchien beſtürzt zu ſein.„Was thun Sie denn, Herr Magiſter?“ „Ich laſſe mich als Geiſtlicher ordiniren und reiſe als Miſſionär nach Indien.“ „O!l“ Ein Zittern durchflog Conſtance's Glieder. „So laſſen Sie mich denn erkennen, daß ich Unrecht, ganz Unrecht gehabt habe— und laſſen Sie mich noch hinzufügen, daß ich warm überzeugt bin, daß Sie dort weit mehr an Ihrem Platze ſind, als hier... Doch, Evelyn, Evelyn 14 „Fürchten Sie nichts— ich habe ſie in einer Ge⸗ müthsſtimmung verlaſſen, die zwar ſchmerzhaf t iſt, aber 4 1 4 —,— betete. in auch tt wird. Lorridor e Arme Stimme och eine rückend, wollte, ſtill und konſtance Ich ſehe, enbrauen charlatan eſtrebun⸗ ten, und Ich bin hums— e.... thun Sie und reiſe Glieder. ) Unrecht, mich noch Sie dort Doch, einer Ge⸗ iſt, aber 441 voch nicht troſtlos. Ueberdieß,“ fügte er hinzu mit einem Blicke, der in Conſtance's Innerſtes drang,„hat ja Eve⸗ lhn eins Freundin, die für ſich und für ſie Kraft genug hat!“. An dem Abende dieſes Tages ſchrieb Juſtus aus der nächſten Stadt an ſeine Mutter: „Jetzt, meine Mutter, jetzt haſt Du mich bald bei Dir! Jetzt kann Dein Sohn mit erhabener Stirn und ſtolzem Muthe vor Dich treten und ſagen: ich bin bereit zu meinem Berufe— ich habe mächtige Verſuchungen überwunden— ich habe mich ſelbſt überwunden... mir fehlt nur Dein Segen. Um acht Tage bin ich zu Hauſe! O, wie ſehr bedarf ich es jetzt, mein Haupt an Deine Bruſt zu legen, den Ton Deiner ruhigen, klaren Stimme zu hoͤren! Lebe wohl, lebe wohl! Ich bleibe einen ganzen Monat bei Dir— wie ſchöoͤn ſoll nicht dieſe Zeit ſein Deinem „Juſtus.“ Ende des erſten Theils.