A Sämmtliche Werke von Emilie Carlen. 1 Stuttgart. 3 Verlag der Franck 8 1 8 Ein Jahr. Novelle von Emilie Carlén. Aus dem Schwediſchen von Dr. C. F. Friſch, Subrector am deutſchen Nationol⸗Lyceo in Stockholm. Fünf Bändchen. Stutt gart. Verlag der Frauckh'ſchen Buch 18, 4. Erſtes Kapitel. „Die Uhr ſchlug ja ſchon vor zehn Minuten eins! zer kann ein ſolches Zaudern an einem ſol chen Tage erklären?“ „Ich... Julia, mein Engel!“ antwortete der Pro⸗ tokolls ⸗Seeretair von B—, indem er ſich lächelnd ſeiner jungen, ſchönen Gattin ncherte, welche am Fenſter ſaß und ungeduldig auf die Straße hinab blickte. „Wirklich? ſo laß eimmal! hören!“ „Als unſer Ri ittmeiſter Wittwer wi urde, ſo war er, wie Du weißt, ein Jahr verheiräthet geweſen, das heißt genau elf Monate länger, als nothwendig iſt, um gründ⸗ lich beunen zu lernen, daß die Damen nie zu dem be⸗ ſtimmten Glockenſchlage fertig werden. Er kaunte daher auf wenigſtens zwanz zig Reſervmin iten rechnen“ 8 das wagſt Du mir zu ſagen, mir, die nun ſchon eine ganze Vertelſund fertig geweſen iſt? O, Hher„ich will beſtimmt ein gutes Gedächtniß haben, wir d as nächſte Mal aus wollen!“ Das reizende Weib begleitete ihre Worte mit einer higen, aber höchſt ungnädigen Miene, in welcher Feichtuhl ein nicht parteiiſcher Beohachter vielleicht Wenigſtens eben ſo viele gefallſüchtige Unart, als ſchone Kindkerzteit entdeckt haben würde. anberin! nach fünf Monaten thälſt H Du mich noch iinmer in gleicher Bezauberung!“ Der entzutkte Manet woßtts die Zatverin in ſeine Arme ſchließen. 8 „Nein, nein!“ rief Julia mit keinesweges gezierter Unruhe,„Du zerknitterſt mir das Kleid! Ach, das iſt ja auch eine Idee zum Weinen, auf's Land zu reiſen um ſich trauen zu laſſen, wenn man die ſtattlichſte Hochzeit in der Stadt feiern kann!“ „Wo die Kleider nicht Gefahr laufen, die kleinſte Falte zu bekommen?“ 3 „O ja, auch darauf ſollte man Rückſicht nehmen, denn wie die Toilette ausſehen ſoll, nachdem man auf ſo herrlichen, tiefen Wegen eine ganze Meile gefahren iſt und das Vergnügen gehabt hat, in einer Viertelſtunde wenigſtens zwanzigmal gegen einander geſtoßen zu werden, das kann jeder leicht einſehen, der da meint, es verlohne ſich der Mühe, an ſolche Kleinigkeit zu denken. Doch, ſiehſt Du, mein ſüßeſter Rudolf, ein Jeder hat ſeine Ideen.“ 1 „Und um aufrichtig zu ſein, Julchen, finde ich dieſe ganz natürlich. Ludwig iſt Wittwer: Lavinia verlor ihren Verlobten vor um zehn Monaten; beide haben alſo ihre Erinnerungen, welche beſonders an einem Tage, wie der heutige, gewiß keine unbedeutende Rolle ſpielen werden.“ „Doch geſtehe, mein Rudolf, daß ſie eine ganz eigenthümliche Art haben, ihre Erinnerungen zu behandeln! Er verliert eine Frau, von der Gott und die ganze Welt weiß, daß ſie nicht liebenswürdig war; man ſagte auch nicht, daß ſie ein Engelleben mit einander gelebt hatten: man wollte im Gegentheil behaupten, daß der barſche Rittmeiſter den Herrn im Hauſe recht tapfer ſpielte. Nichts deſto weniger hat ihn die gute ſelige Frau mit ihrem 8 hinterlaſſenen Reichthume und den beiden kleinen Zwillin⸗ gen kaum allein gelaſſen, ſo giebt es eine Trauer, eine Trauer ſo tief, bitter und langwierig wie... wenn... wenn zum Beiſpiel... Du mich verloren häͤtteſt! Nunl vagenen war mein gnädiges Fräulein Schwägerin dem iebenswurdigſten und ſchönſten jungen Manne jemals geſehen habe... Ja, das hilft er war ſchöner als Du und beſtimmt * 22 erter 3 iſt um hzeit inſte nen, f ſo iſt unde den, ohne ganz eln! Velt auch ten: eſche chts rem in⸗ eine gerin anne hilft mmt 9 ſchönerzals der Rittmeiſter; auch war zwiſchen dem armen Gotthard und Lavinia eine Liebe, von der ich glaubte, ſie ſollte zu der Art gehören, über welche ich ileſen habe, daß ſie ein Stuck in die Ewigkeit hinein keicht. Doch was geſchieht? Der Bräutigam hat kaum in den vier Brettern die ewige Ruhe gefunden, ſo hört ſie auch mit einem Mal auf zu trauern. Ich wäre wirklich vor Ver⸗ wunderung beinahe in Ohnmacht gefallen, als ich ein Paar Tage uach dem Begrbn ſſe zu ihr ging um ſie zu tröſten, und ſie ſo ruhig, ſo kalt, ſo gle chgültig fand, als hätte es in der ganzen Welt keine ſolche Perſon ge⸗ geben wie Gotthard L—.“ „Und doch, Du kleine Schwätzerin, iſt wenigſtens Ludwig's B Zetragen ganz natürlich. Man ſieht es biswei⸗ len erſt raehhe er ein, was man verloren hat; dagegen iſt Lavinia's Betragen höchſt ſonderbar. der aller Art uwn Leich tſinn fremd um zu vergeſſen.“ „Und dennoch liebte ſie gerade auf d haſt Du, mein beſter Rudolf, ſeit dem uch nur einen Schein von Betrübniß geſe hen ſich die ganze Stadt darüber gewundert.“ „Das glaube wohl. Der Stadt wird das Wun⸗ i e cht.“ 8 ilen hat ja aber die wie zum Beiſpiel in der billigen welcher man ſieben Monate nach Gotth jard's Berlobung mit dem Rittmeiſter hörte, man wenigſtens geſtehen— eine Zeichen an ihr mit ſeiner Liebe läſtig zu falle glaube, daß gerade dieſer Um⸗ enlſchieden hat; denn ſo weit ich mich at Lavinia ihn nie aufgemuntert, von der ag abzugehen, die er ihr nun zwei Monate Hat. eifrig ein,„bei welcher ich mich ſcho it hätte. Denke Dir nur eine ſo ange⸗ zur ſſation, wenn unſer Lielhaber zu ſeiner ge⸗ beſ Vormittagsaufwartung ankor... Guten 3 nehme C wöhnliche Morgen, beſte Lavinia!“.„Guten Mn guter Lud⸗— wig 1...„Ich hoffe, Du haſt gut geſchlafen 2.... Sehr ſag 3 gut!⸗... Befiehlſt Du, daß wir heute Vormittag ein ſte 3 wenig promeniren?... Nein, ich danke!’ oder:„Ja, do ich danke!.. O, das iſt ja zum Entzücken! Aber fährt zu 4— es nicht auf der Straße?— Ja, in der That! Nun, ein ich ſterbe vor Neugierde, den Rittmeiſter als Bräutigam be und Lnvinia als Braut zu ſehen. Ich habe nicht die da CEhre haben dürfen, ſie zu beſuchen, ſeitdem ſie begann S ſich zu kleiden... Aber was ſehe ich? iſt er verruͤckt? † ſe Mein Gott, vier ſchwarze Pferde! O, ein ganz voll⸗ w kommner Begräbnißſtaat!“ ni „Du biſt zu kindiſch, mein Engel: das ſind ja die iſ allerſtattlichſten und ſtolzeſten Wagenpferde, die man ſehen m kann— ſeine eigenen, die er von Roſenborg hat kommen N laſſen, um die junge Herrſcherin dorthin zu führen.“ 8 b „Ja um dort zu ſitzen und gleich ihrer Vorgängerin vor Laugerweile zu ſterben. „Still, geliebte Julia, wie kannſt Du ſo reden! Ich muß hinab und nachhören, ob Schweſter Lavinia in Ord⸗ 4 nung iſt— der Wagen hält gleich an.“ ſ „Rudolf! wie?... warte! Du wirſt doch wohl f uichht meinen Shawl, meine Ueberſchuhe und meinen Man⸗-⸗ tel hier laſſen? Nimm alles mit hinab in den Saal, ſo kann er ja ſehen, dieſer artige Bräutigam, wie ein Eh e⸗ —,--—— mann ſich betragen muß.“ Nudolf griff in der Eile nach Mantel und Shawl und eilte die Treppe hinab, um den künftigen Schwager zu begrüßen, während Julia oben bliehaund ihm laut nachrief:„Rudolf, Rudolf, Du vergaßef meine Ueber⸗— ſchuhe, lieber Rudolf!“ Doch nun mußte ſie ſelbſt dieſe kleine in der Eile wergeſſene Unaufmertſamfeit vergeſſen, um an das Fenſter — —.— erin Ich drd⸗ ohl an⸗ ſo he⸗ awl ger aut her⸗ File ſter 11 zurück zu eilen und recht gründlich den Rittmeiſter zu beſchauen, deſſen Wagen jetzt vor dem Hauſe anhielt. ¹ „Wirklich,— er iſt heute recht gentil! Volle Uniſorm — ſie ſteht ihm ſehr gut... Nun, kein Menſch kann ſagen, daß er nicht ein Mann iſt, der ſich zu tragen ver⸗ ſteht; vielleicht verſteht er es nur ein wenig zu gut... doch da ſehe man nur: ich glaube gar, er hat dem Tage zu Ehren ein Sonnenſcheinlächeln aufgeſetzt!... Welch ein Gruß: ordentlich ein Stück von Herzlichkeit mit da⸗ bei... O, höchſt aimabel, mein Herr! Nur Schade, daß es vielleicht etwas ſpät iſt, ſich der Gunſt einer Schwägerin zu recommendiren, die man bis jetzt allzu ſehr vernachläſſigt hat... Ach, welch ein prächtiger, welch ein göttlicher Wagen! Es iſt ſchlimm, daß Rudolf nicht reich genug iſt, ſich Cquipage zu halten... Nun, er iſt doch tauſendmal liebenswürdiger ohne, als der Ritt⸗ meiſter mit Pferden und Wagen... Aber was macht Rudolf, daß er nicht kommt und mich holt? Ich gehe beſtimmt nicht hinab, ehe er... „Julchen, Julchen 1“ rief Rudolf unten. Keine Antwort; Julia hörte nicht. „Komm herab, mein Engel! Lavinia iſt in Ordnung.“ Unmöglich! der Engel hatte ſich's in den Kopf ge⸗ ſetzt, dem Rittmeiſter zu zeigen, daß nicht alle Ehefrauen ſich regieren und befehlen ließen. Nun aber kam Rudolf die Treppe nahm augenblicklich die Eigenſinnige auf den trug ſie in den Saal hinab. Hier ſtand der pon Julia ſo ſehr gehechelte Bräuti⸗ gam, der Rittmei Ludwig von C ſtöld, ein Mann von noch nicht d Jahren, aber ſo ernſtem Aeußern, daß man hätte glällben können, er hätte eutweder nie einen Jugendfrühling erlebt oder auch delſelben ſehr früh Seine männlich ſchönen Zuge zeigten herauf, geflogen, Arm und verblühen geſehen. gleichwohl in dieſem Augenblicke etwas zu gleicher Zeit Anmuthiges und Herzlich die ſtrahlenden Augen ein es, und wenn man auch nicht es frohen und glücklichen Bräue⸗ 12 tigams entdecken konnte, ſo verriethen gleichwohl die Blicke, welche er bisweilen auf die verſchloſſene Thür eines inne⸗ ren Zimmers richtete, ein belebtes und erregtes Gefühl, ein Gefühl, das willig und bereit war, einen angenehmen Eindruck entgegen zu nehmen. „Du ſiehſt, Ludwig,“ ſcherzte Rudolf, indem er ſeine ſchöne Bürde auf einen Stuhl ſetzte,„wie man unartige Kinder behandelt, wenn ſie nicht gutwillig folgen wollen.“ „Meine Ueberſchuhe!“ rief Julia und ſtreckte ihre kleinen Füßchen hin. „Hätteſt Du ſie nicht mitnehmen können, Du kleine Unordentliche?“ Und wieder ſprang der verliebte Mann die Treppe hinauf. „Iſt nicht Nudolf ſehr liebenswürdig und aufmerk⸗ ſam?“ fragte Julia und warf einen triumphirenden Blick auf den Rittmeiſter. „Ja, ſehr!“ antwortete dieſer, ſah aber dabei un⸗ ausſtehlich gleichgültig aus. „Der Menſch tödtete mich beſtimmt, wenn ich ſo ungluͤcklich wäre, ſeine Frau zu ſein!“ dachte Julia und erhob ſich, um an Lavinia's Thür zu klopfen. Doch in demfelben Augenblicke wurde dieſelbe von Innen geöffnet, und man konnte ſagen, daß ſich eine Statue von Alabaſter, umſchloſſen von einer ſchwarzen Draperie, auf der Schwelle zeigte. 'immel, wie bleich Du biſt, Lavinia!“ rief Julia mit wirklicher Unruhe aus. Lavinia warf ihrer Schwägerin einen lächelnden Blick zu, und trat darauf dem Braͤutigam e Schritte näher. Bei ihrem erſten Anblicke blitze in ſeinem Auge; doch bald hüllte ſich der Blitz in einen Schleier ſchmerz⸗ hafter Beſtürzung ein. 3. Ihre tiefe Verneigung war für eine Braut eine ziemlich ſonderbare und ſteiſe Art zu grüßen; und wenn auch die Verbeugung des Rittmeiſters nicht weniger förm⸗ lich war, ſo hatte doch ſein Ton eine bei ihm ungewöhn⸗ eine über ſonn 13 liche Wärme und Mild heit, als er ihre Hand an ſeine Lippen d drückend ſagte:„Ich bin Deiner Geſundheit wegen betrübt— vielleicht hälſt Du morgen die Reiſe nicht aus?“ „Ja, ganz gewiß! Ich bin nicht krank, mein beſter Ludwig, ſ ſondern nur—“ ihre Stimme zitterte unmerklich— „ein wenig aufgeregt, was Du gewiß ganz natürlich fin⸗ den wirſt. 7 Der Rittmeiſter erwiederte die Dempegung, welche ahnen ließ, daß vollkommen begriffen hatte.„Vielleicht beſiehlſt Du, daß wir ein wenig warten?“ „Nicht um meinetwillen!“ Sie ging zurück in Zimmer, und kam nach einigen Minuten reiſefertig Julia war ganz ſtill und verſtimmt gewor war deutlich, daß der Rittmeiſter ſich nicht o Mühe gab, das Vorbild zu beachten, welches er in Ru⸗ dolf hatte. „Das wird eine allzu intereſſante Hochzeitsfahrt!“ flüſterte ſie ihrem Manne zu, als dieſer ihr in den Wagen half. Die Braut ſaß ſchon zur Rechten, dicht ein gehüllt t in einen großen Schleier; der Bräutigam nahm ihr über Platz, und zuletzt ſtieg Rudolf ein, deſſen ſonnenwarmer Blick von einer Wolke verfinſtert ſchien als der bei dne B Zlicke auf ſei ne eigene genöthigt war, einen Vergleich anzuſtellen zwiſe glücklichen Ehe, in welcher er lebte und der wahrſchein⸗ lich kühlen und gezwungenen, die Lavinia erwarfts Als eben Rudolf zu dem peini zenden So kommen war, ſah er, wie fait ittmeiſter 5 ait, die auf Rudolf's triderlehes Herz einen ang znehmen Eindruck machte, einen eil ſeines Mantels ausbreitete, ſo daß er an der Seite des Wagens, an welcher Kavinia ſaß, und gegen die der Herbſtwind vornehmlichſt ſpielte, einen Vorhang bildete. Lavinia dankte nicht für dieſe Artigkeit, und ſelbſt zeigte er es durch keinen Blick an, daß dieſelbe ihr geweiht war; daß jedoch die Anordnung ihm ſelbſt nicht gerne gelten konnte, war natürlich, denn er ſeines Theils wäre ja beſſer geſchützt geweſen, wenn er auch die andere Hälfte des Mantels behalten hätte. Julia's und Rudolſ's Augen begegneten ſich. Die ſeinigen lächelten, die ihrigen hatten einen etwas ſpöttiſchen Ausdruck, als wollte ſie ſagen:„Nun, nun, man iſt ja 48 nicht alle Tage im Jahre Bräutigam!“ Zweites Kapitel. Eine Meile von der Stadt entfernt gab es ein ſchön gelegenes Wirthshaus, das von den Stadtbewohnern im Winter zu Schlittenpartien, im Sommer zu Mittagen und Bällen im Grünen benutzt wurde, im Herbſt aber wenig beſucht war. Dennoch ſollte es heute die Merkwürdigkeit erleben, innerhalb ſeiner Mauern eine vornehme Hochzeit oder viel⸗ mehr richtiger eine vornehme Trauung feiern zu ſehen: denn zufolge der einhelligen Uebereinkunft der Hochzeitgäſte wäre es allzu lächerlich, wenn dieſe ſonderbare Anordnung Anſpruch auf den Namen einer Hochzeit machen wollte. Als der Wagen des Rittmeiſters anhielt, waren der Mittagstiſch, das Trauzimmer, der Geiſtliche und die Zeu⸗ gen ſchon in Ordnung. Und die Glücklichen, welche ein⸗ gelaben waren, der Ceremonie beizuwohnen, überrechneten ſchon in Gedanken— ehe man noch etwas geſehen hatte— die Maſſe von interreſſanten Vacheuaen, womit am aläen Morgen Freunde und Bekannte erfreut werden wllien. 3 die lung todt dem rum dieſe 3ganz ehrer aber der ſetzt, ein Mei würd habe Aller dem entwe ſte er tere moni gegen und Laun Verh beſon geliel den 2 pielte, ſelbſt eeiht gerne wäre Hälfte Die tiſchen iſt ja ſchön rn im n und wenig rleben, r viel⸗ ſehen: eitgäſte dnung ollte. ten der e Zeu⸗ je ein⸗ chneten atte— nit am werden .15 In der Erwartung des Brautpaares flüſterten ſich die Damen ihre gegenſeitigen vertrauungsvollen Mitthei⸗ lungen hinter dem Schutze der fächelnden Schnupftücher zu. „Ach, wie ſehr bedauere ich ſie.“ „O, im nächſten Jahre um dieſe Zeit iſt ſie ſchon todt: ſie ſah ja aus wie eine halbe Leiche, als ſie aus dem Wagen ſtieg.“ „Aber ſage mir, meine Liebe, wenn Du kannſt, wa⸗ rum ſie ſogleich bereit war, mit ausgeſtreckten Händen dieſe Partie anzunehmen? Sein Charakter iſt ja in der ganzen Gegend kein Geheimniß mehr.“ „ Doch, doch, meine Liebe, er ſoll ein von Herzen Hrenwerther Mann ſein.“ „Was hilft das? Er iſt wohl ſtreng gerecht, dabei aber unerbittlich eigenſinnig, ſtill, langweilig, ein Menſch, der auf die Geſellſchaft ſeiner Jagdhunde mehr Werth ſetzt, und ſich bei ihnen lieber befindet, als bei ſeiner Frauz ein Herr, der gehorcht ſein will... gehorcht, ehe er ſeine Meinung ganz ausgeſprochen hat.“ „O, was das betrifft, ſo hat er viele Brüder! Doch würde Lavinia, wie ich glaube, nicht ſo bald geheirathet haben, wenn ſie ſich in dem Hauſe ihres Bruders im Allergeringſten wohl befunden hätte. Da ſie aber nach dem Tode der alten Tante keine andere Wahl hatte, als entweder zu heirathen oder bei Rudolf zu bleiben, ſo zog ſie erſteres vor; denn mit der Verſchiedenheit der Charak⸗ tere zwiſchen ihr und Julia konnte ſie mit dieſer nie har⸗ moniren. Und da man weiß, wie ſchwach Rudolf ſtets gegen den geringſten Wunſch ſeiner Schweſter geweſen iſt, und wie ſchrecklich ſchwach er jetzt gegen Julia's geringſte Laune iſt, ſo wollte wohl Lavinia ſie nicht länger in ein Verhältniß ſetzen, das immer ungleich bleiben mußte.“ „Das iſt aber doch ein allzu unbedeutender Grund, beſonders nach dem neulich erlittenen Verluſte des ſo innig geliebten Bräutigams. Ihre natürliche Trauer bis an den Begräbnißtag und ihr darauf bewieſener Kaltſinn ſind e 1 1 V V 1 Räthſel, die kein Menſch löſen kann. Einen Grund von Bedentung hat dieſe Veränderung ganz gewiß gehabt.“ Du haſt natürlich wohl von einem vertraulichen Ge⸗ ſpräche gehört, das kurz vor ſeinem Tode zwiſchen ihnen Statt gefunden haben ſoll?“ „Still!... ſch!“ Die Thüre ging auf, und an dem Arm ihres Bru⸗ ders trat Lavinia mit feſten Schritten auf die Tabourete zu, vor welchen Ludwig ihr von einer andern Seite ent⸗ gegen kam. Sie war jetzt nicht ſo blaß wie zuerſt. Die Reiſe und die letzte Anſtrengung eines feſten Willens hatten ihr nicht nur die entflohene Lebensfarbe wieder gegeben, ſon⸗ dern ſogar auch ein Paar feine Roſen, welche ihre Schön⸗ heit bis zur Vollendung erhoben. Die hohe, wohlgebildete Geſtalt des Rittmeiſters war prächtig an der Seite der ſchlanken Braut; ſeine ſchwar⸗ zen Locken ertheilten ſeinem dunklen, faſt bronzfarbigen Antlitze einen noch ſchärferen Schatten; und als jetzt ſeine Augen ſich zu Lavinia erhoben, ſo lag in ihnen ein ſo larer Blick von heiligem, treufeſtem Vertrauen, daß die Roſen auf ihren Wangen ſich immer mehr purpurten, während das Zittern in den feinen Gliedern ſtets zunahm. Auch ſie erhob nun ihre Augen zu ihm; doch in den dunkelblauen Spiegeln zeichnete ſich ein ſichtbares Miren ab, das ſich weit ſchied von der Offenheit in den Biiffen, in welchen ſie ſich eben geſpiegelt hatte. Ihre Stimme, un nuch ſchwach, war dennoch feſt, als ſie ihr Gelübde usſprach. und nun war die Ceremonie beendigt; die Neuvermähl⸗ ten empfingen die Glückwünſche der Gäſte. Man ging zum Mittagstiſche. Die Mahlzeit war nicht angenehm. Tyaſte und Re⸗ den fehlten nicht, aber Niemand war im Stande, in den Wein und in die Worte einen Tropfen Leben zu gießen. Seder wünſchte, daß es nur zu Ende wäre, daß es Abend tre, und daß man wiederum zu Hauſe bei ſich wäre, um von 7 Ge⸗ hnen Bru⸗ urete ent⸗ Reiſe 1 ihr ſon⸗ chön⸗ war war⸗ digen ſeine n ſo 3 die arten, aahm. den ützen Fen, nme, übde ähl⸗ 17 wenigſtens ungeſtört ſagen zu können:„Mein Gott, welche Hochzeit, welch ein Brautpaar!“ Und doch hatte man über keinen Fehler gegen die Form zu klagen. Der Rittmeiſter redete artig, achtungs⸗ voll, ja faſt zärtlich zu ſeiner Braut; ſie antwortete ihm freundlich, bisweilen ſogar durch ein Lächeln. Aber es ging mit dieſen Worten, dieſem Lächeln, wie mit den Toaſten und dem Wein: es konnte kein Leben hinein⸗ kommen. „Wie ungleich dieſe Hochzeit der Deinigen iſt, liebe Julia!“ flüſterte eine der oben erwähnten Damen Julien in's Ohr, als man ſich wieder in dem Geſellſchaftszimmer ſammelte. „Ja, das glaube ich wohl,“ erwiederte die junge Frau mit ihrem gewöhnlichen ſorgloſen Uebermuthe;„wir hatten die Sache beſſer angefangen: wir hatten als erſten Gaſt die Liebe eingeladen. Hier dagegen... Aber à propos, meine beſte Louiſe, Du haſt wohl nicht zufallig ein Schnupftuch übrig? Meines habe ich unter den Be⸗ mühungen, mein Gähnen zu verbergen, ganz zerknittert. Gott ſei Lob und Dank, daß ſie morgen früh Sie haben ſich das ſogenannte große Fruhſtück ver das heißt: Keiner darf ſich die Mühe machen, ihnen Gluct zu wuͤnſchen.“ 3 „Ich glaube auch kaum, daß Jemand die Abſicht hat e u thun. Und ich bin überzeugt, daß es beſſer iſt, im Stzuzhn für ſie zu beten.“ „Damit will ich den Anfang machen, ſobald wir in den Wagen kommen, denn ganz beſtimmt ſchlafe ich dann gleich ein. Der Kaffee, die Converſation, die Theeſervirung, das Feuer im Ofen— alles war ſchläfrig wie Julia. End⸗ lich blintte der Mond am Himmel und gab das Signal zur Rückrelſe Erſt Et iam ein wenig Bewegung, ein wenig fröh⸗ in die Leute. Die Damen erhielten Gelegen⸗ heit, unbemerkt ſich die Arme zu druͤcken zu einem Zeichen Carlen Ein Jahr. 2 liches Leben 18 des gegenſeitigen Vergnügens, das ſie empfanden, den tra gen Rittmeiſter die Rolle eines aufmerkſamen Ehemanne ſpielen zu ſehen. Er ſelbſt that ſeiner jungen Frau der Shawl und den Mantel um; erhielt aus ihrer Hand die ſchon abgelöste Krone nebſt dem Kranze; und nachden er beide Artikel mit eben ſo großer Gleichgültigkeit, als wäre ihm ein Schnupftuch in Verwahrung gegeben, in die Rocktaſche geſteckt hatte, rief er den Bedienten, die Ueberſchuhe zu knöpfen. 4 „Ich wußte wohl, daß dieſer Bär nicht weiter gehen würde!“ flüſterte Julia.„Ja, dergleichen iſt recht hubſche am Hochzeitstage!... Arme, arme Lavinia!“— Als man in den Wagen ſtieg, ſo nahm Rudolf ohne ſich den Schein zu geben, als bemerkte er den Tauſch, den Platz ein, welchen Ludwig auf dem Herwege gehabt hatte. Dieſer äußerte darüber kein einziges Wort; er wurde im Gegentheil noch ſtiller als zuvor. Julia legte ſich bequem rücklings an und ſuchte ſo gut wie möglich ihre Umgebungen zu vergeſſen, während Lavinia ſich vor⸗ wärts beugte und an dem Arme ihres Bruders, ja oft an ſeiner Schulter, gegen welche ſie ihr Haupt lehnte, eine Stütze fand. Ihre Hand, die jetzt zu brennen be⸗ gann, ruhte in der ſeinigen. „O meine Lavinia!“ ſagte Rudolf ſo leiſe, daß nur ihr Ohr den Laut auffaſſen konnte, mein Herz iſt ge⸗ preßt! Sieben Monate lang haſt Du Dich gezwungen, unnatürlich zu ſein— Du leideſt!“ 1 „Nein bei Gott! ich habe mich nicht dazu gezwungen! Glaube nicht, daß ich getrauert habe und noch weniger, daß ich Gotthard betrauere— nein, nein!“ „Ich furchte,“ ſagte Rudolf laut,„daß Du trotzt Deiner eigenſinnigen Behauptung Dich dennoch übel be⸗ findeſt. Fühle, Ludwig!“— er übergab Lavinia's Hand ihrem Gatten—„iſt das nicht Fiebergluth?“ 8 „Ja, es kommt mir faſt ſo vor!“ antwortete Ludwig weder warm noch kalt.„Du mußt den Mantel feſt zus ſammen halten, beſte Lsvinja!“ Und indem er die Hand ſeiner er ſich zurück „Der ſind a . 2 ſichrer werde 9 Angſt nung, beinah augenl her m beſter Deiner denen L nichts. von 2 achten Befehl S ungew Eigenf chenen er den den tra Hand die nachden keit, alt ſeben, in nten, die ter gehen ht huͤbſch olf ohne i Tauſch, Be gehabt Vort; er (ulia legte e möglich ſich vor⸗ „ ja oft bt lehnte, unen be⸗ daß nur 6 iſt ge⸗ zwungen, wu weni⸗ u trotz übel be⸗ Is Hand Ludwig feſt zu⸗ ie Hand 19 ſeiner Gattin ohne den geringſten Druck losließ, wendete er ſich hinaus und befahl dem Kutſcher raſcher zu fahren. „Herr Rittmeiſter, der Weg iſt ſchlecht!“ wendete der Kutſcher ein. 3 „Er iſt untadelig— fahr' zu!“ „Nein, um alles in der Welt, nimm den Befehl zurück!“ rief Julia aus, indem ſie ſich ſchlaftrunken erhob. „Der Weg iſt ja voller Unebenheiten und die Brücken ſind an mehren Stellen ſchadhaft.“ „Der Kutſcher iſt ſicher, und die Pferde ſind noch ſichrer.“ „Ja, das iſt ſehr gut; aber ich bin ängſtlich und werde krank, wenn wir auf dieſe Art fahren ſollen!“ Rudolf, der an Julia's Stimme hörte, daß ſie in Angſt war, und in Anſehung einer gewiſſen frohen Hoff⸗ nung, ſie jeder Art von Unruhe auszuſetzen fürchtete, war beinahe zur Hälfte böſe darüber, daß der Rittmeiſter nicht augenblicklich ihrer Bitte gehorchte. Sein Ton war da⸗ her mehr erregt als artig, da er eilig einſiel:„Mein beſter Ludwig! da der Wunſch einer Dame nicht hinreicht, Deinen Willen zu beſiegen, ſo muß ich meine Bitten mit denen meiner Frau vereinigen!“ Lavinia hatte kein Wort geſagt und ſagte auch nun nichts. Sie hatte gehört, daß ihr Gemahl zu der Klaſſe von Männern gehörte, welche das Leben für geringer achten, als ihr Anſehen, und daher nie einen gegebenen Befehl zurücknehmen. Ob es einen Grund zu dieſer Behauptung gab, kann ungewiß ſein; doch diesmal wenigſtens bewies er keinen Eigenſinn; denn kaum hatte Rudolf den laut ausgeſpro⸗ chenen Worten ein Paar leiſe geſagte hinzugefügt, ſo rief er dem Kutſcher zu: „Fahre langſam, Schritt für Schritt!“ Dann aber öffnete unſer Rittmeiſter ſeinen Mund lar bia man 18 der Nähe des Tbyres war. nnht 5d Jetzt fragte er Lavinia, vb auf ih 15 ge w di ſchn N 1 82 uch 1 r ba 3 5 zu fahren. 4 Ae te, ſchns 20 „Nein, nicht venn ich mich auf den Kutſcher und das Sielenzeug verlaſſen kann.“ der pi „Das freut mich!“ 4 ſcchmieg „O, Du biſt keine Heldin!“ meinte Julia. letzte h „So will ich mich bemühen es zu werden; denn ich gekehrt weiß, daß Ludwig nicht gerne anders fährt.“ blicke; Dieſe Aufmerkſamkeit, dieſe Art von Anerkennung Schme ſeiner Herrſchaft ſchien auf die in dieſem Augenblicke kei⸗ dem ſa neswegs angenehme Gemüthsſtimmung des Rittmeiſters kräuſelt einen angenehmen Eindruck zu machen.„Ich werde mich dem S bemühen,“ ſagte er,„Deinen guten Vorſatz auf keine allzu zeitlicht harte Probe zu ſtellen; doch danke ich Dir von Herzen T dafür.“ 4 mmarmo Nachdem ſie zu Hauſe in der Stadt eine leichte Seufze Abendmahlzeit eingenommen hatten, plauderten ſie noch peinige eine Weile mit einander, und dann bat ſich Julia es aus, D für dieſen Abend Lavinia's Kammerjungfer ſpielen zu dürfen. Dreimal erhob ſich Lavinia von ihrem Stuhle, um„8 ihrem Bruder eine gute Nacht zu wuͤnſchen. Das Blut O, ich Schme Noch ſ geirrt!“ 8. 8 L ſtrömte in ihre Wangen und wich darauf wieder von dene felben auf eine Weiſe, die von einem faſt unbezähmbaren Schmerz zeugte. Endlich da ein Blick aus Ludwigs ru⸗ higem Auge ſie traf, faßte ſie ſich, umarmte Rudolf, begruͤßte ihren Mann leicht und verließ mit ihrer Schwä⸗ gerin das Zimmer. Stande bringen zitternd Drittes Kapitel. Eine halbe Stunde war verfloſſen, als Julia mit leichten Schritten aus der Brautkammer ſchlich die Braut allein ließ. 25 Lapiniae neben einem hohen Chiffan gen die kalte Marmorſcheibe. Das weiße , als ihre Wange, welcher nicht ein ttmeiſters rde mich ſeine allzu in Herzen lie leichte ſie noch h es aus, u dürfen. lhle, um as Blut von den⸗ ähmbaren dwigs ru⸗ Rudolf, r Schwa⸗ Julia ſich chlich um nier und eiße Kleißt ht einma 21 der purpurrothe Shawl, der ſich um ihre Schultern ſchmiegte, eine Idee von Farbe zu leihen vermochte: die letzte halbe Stunde hatte die ſämmtlichen Roſen hinweg⸗ gekehrt. Nichts deſto weniger war ſie in dieſem Augen⸗ blicke zum Entzücken ſchön, als ſie dort ſtand mit dem Schmerze und der Verzweiflung in ihrem Antlitze, mit dem ſammetweichen Arm über dem Kopfe, in deſſen ge⸗ kräuſelten ſeidenen Wogen die Hand ruhte, beleuchtet von dem Schimmer der in den Candelabern flackernden Hoch⸗ zeitlichter. Thränen, durchſichtige Thränen, zitterten von der marmornen Wange auf die marmorne Scheibe herab⸗ Seufzer erhoben die Bruſt. Das Gehör war zu einer peinigenden Klarheit geſteigert. Die Gedanken entwickelten ſich ungefähr folgender Maßen: „Was habe ich gethan— was habe ich gewagt! O, ich habe mich ſchrecklich in dem Mittel geirrt, den Schmerz auf immer aus meiner Seele zu reißen... Noch ſchlimmer: ich habe mich in meiner eigenen Stäcrke geirrt!“ In dem angränzenden Zimmer näherten ſich Schritte. Lavinia blieb unruhig ſtehen, ſichtbarlich außer Stande, weder einen Ton noch eine Geberde hervorzu⸗ bringen. Nur ſie ſelbſt konnte aus dem immer heftiger zitternden Herzen beurtheilen, bis zu welcher Höhe ihre Unruhe ſtieg Der Rittmeiſter trat ein. Der Ort, an welchem Lavinia ſtand, fiel nicht ſo⸗ gleich in die Augen; nachdem jedoch die Blicke des Bräu⸗ tigams verwundert über den Fond des Zimmers geglitten waren, ſo wendete er ſich um und trat unwillführlich einen Schritt zurück, als er die weiße unbewegliche Ge⸗ ſtalt gewahrke. Haͤtte ſie nicht den rothen Shawl gehabt, ſo wuͤrde er ſich haben eibilden können, daß er ſeine Verſtorbene, nicht aber ſeine lebende Gattin vor ſich he. Einige Sckunden betrachtete er ſie, nicht mit den Augen eines Bräutigams, ſondern eines Kenners, der Zukung vor einem bewundernswürdigen Kunſtwerke ſteht. Endlich, lichkeit da er keinen Funken von Leben in Lavinia's Weſen be⸗ 7„ merkte, ſo ſagte er leiſe:„Ich kam zu früh— ich will faſt la in das Nebenzimmer zurückkehren.“„ „Ludwig!“ ſtehen. „Gute Larinia!“ Er trat zu ihr, führte ſie zum deutlich Sofa und ſetzte ſich neben ſie. nicht⸗ Sie warf auf ihn einen Blick voll der tödtlichſten jeder d Unruhe. daß X „Du fuͤrchteſt Dich vor mir?“ ſagte er, und ſeine doch I Stimme hatte einen Ausdruck, wie Lavinia ihn noch nie ſeeltes gehört hatte.„Ich bin nicht ſteif, hart und rauh gegen 7 diejenigen, welche mich verſtehen wollen; doch bis jetzt ich dar hat es noch niemand gewollt. Darum bin ich geworden„ was ich bin, ein Fremdling den ſanſteren und ſchöneren„ Gefühlen. Du... meine Lavinia, ſollſt mich ſie kennen als ru lehren!“„ „Ich?“ Sie ſchauderte unwillkührlich zuſammen. teſt, d „Haſt Du mir das nicht gelobt, da Du gelobteſt)„ meine Gattin, die Mutter meiner Kinder zu werden.“ nicht, „Ich gelobte, die Mutter Deiner Kinder zu werdeng bleiber und das will ich auch mit meiner ganzen Seele. Doch zu gel wie ſoll ich im Stande ſein, Dir Gefühle einzufloßen, und F die Dir bis jetzt gefehlt haben? Das vermag nur die 1 Liebe; und ſo lange ſie Dir fremd iſt— was ſie gewiß noch immer bleiben wird— ſo... ſo..“ Das Auge des Rittmeiſters, das eben geglänzt hatta„ wurde wieder dunkel. liches „Warum ſagſt Du das, theure Lavinia? So Du d meine Hoffnung nicht, und Deine Worte widerſtreitent ſchnurſtracks meinen Hoffnungen. Als ich Deine Ham begehrte, ſo geſtand ich offen, daß nicht die Liebe, ab doch der freie Wunſch des Herzens, meine Wahl beſtimm Ich kannte Dich als ein Mädchen, das die volle, warmt Achtung eines Mannes verdiente, und hoffte, daß d 7 komm ers, der Endlich, Peſen be⸗ ich will ſie zum bödtlichſten und ſeine noch nie uh gegen bis jetzt geworden, ſchöneren ſie kennen nmen. gelobteſt, erden.“ zu werden, ele. Doch inzuflößen, g nur die ſie gewiß änzt hatte 2 So if viderſtreiten eine Ham liebe, abg — beſtinmt lle, warm , daß d 23 Zukunft mir dieſe Gefühle ſchenken würde, deren Lieb⸗ lichkeit mir bis dahin fremd geweſen war.“ „Und Dir bis jetzt fremd iſt!“ fügte Lavinia mit faſt lautloſer Stimme hinzu. Wohlan denn, da Du ſo willſt, ich muß es ge⸗ ſtehen. Gleichwohl gibt es Angenblicke, in welchen ich deutlich empfinde, daß es anders werden könnte, wenn nicht Du ſelbſt, gute Lavinia, mit ſolcher Sorgfalt vor jeder vertraulicheren Annäherung flöheſt. Du biſt ſo ſchön, daß Dich kein Mann ohne Bewunderung ſehen kann, doch Du willſt nicht, daß dieſe Bewunderung in ein be⸗ ſeeltes Gefühl übergehen ſoll.“ „Das iſt wahr, Ludwig; denn wie unglücklich würde ich dann nicht ſein!“ „Unglücklich?“ „Ja, jal Aber Dein Blick iſt jetzt nichts weniger als ruhig; Du weißt ja, ich ſagte Dir, daß... daß...“ „Daß Du um Deinen Verlobten nicht mehr trauer⸗ teſt, daß er nicht mehr in Deinem Herzen lebte.“ „Das iſt auch wahr; doch ich verſchwieg ebenfalls nicht, daß die Liebe uns wahrſcheinlich für immer fremd bleiben würde, und daßt ich nicht im Stande wäre, Dir mehr zu geben, als was Du ſelbſt erboteſt, nämlich Achtung und Freundſchaft.“ „Ich will mich gleichwohl entſinnen, daß Du mir noch etwas mehr gelobteſt!“ „Etwas mehr?“ „Ja, etwas, worauf ich recht eigentlich unſer haus⸗ liches Glück zu bauen hoffte, nämlich Vertrauen. Haſt Du das vergeſſen?“ „Nein, Ludwig; dieſes kann ja aber erſt allmählig kommen.“ „Ich meines Theils würde es lieber ſehen, wenn wir jetzt gleich den Anfang damit machten.“ „Wie meinſt O u 2“ „Ich meine: da uns einmal die Liebe fehlt, ſo iſt es um ſo nothwendiger, kein einziges der theuren Ge⸗ fühle von uns zu ſtoßen, die ſtatt ihrer das Glück unſerer Ehe bereiten ſollen. Das Vertrauen iſt das beſte, das heiligſte von allen, und um uns mit demſelben bekannt zu machen, ſo bitte ich Dich jetzt, mir auf Dein Gewiſ⸗ ſen eine Frage zu beantworten, die für mich von der äußerſten Wichtigkeit iſt. Glaubſt Du nicht, daß eine Ehe ohne Liebe glücklich werden kann?“ Lavinia ſchwieg; es war deutlich, wie ſchmerzhaft die Antwort ihr vorkam. „Ich könnte wohl Dein Schweigen für eine Antwort nehmen; doch kann ein Schweigen mißverſtanden werden — Du mußt Dich deutlicher erklären, Lavinia!“ „Da Du es beſiehlſt, ſo bin ich gezwungen, zu ſa⸗ gen, daß ich in jener Zeit, da Du meine Hand begehr⸗ teſt, glaubte, es müßten Achtung, Freundſchaft und Ver⸗ trauen im Verein mit einem feſten Willen einen hinläng⸗ lich ſtarken Grund bilden, um darauf eine glückliche Ehe erhauen, zu können. Jetzt aber bin ich überzeugt, daß dieſes ein Irrthum, ein Erzeugniß mangelnder Erfahrung, unzulanglicher Selbſtprüfung war.“ „Und ſeit wie lange biſt Du über dieſen Irrthum aufgellärt worden?“ Der Rittmeiſter wollte Nuhe in ſei⸗ nen Ton legen; aber es wollte ihm nicht gelingen. „An dem Tage unſeres erſten Aufgebotes.“ „Und Du ſchenkteſt mir nicht dieſes Vertrauen, das vor Allem mir damals hätte gehören muſſen?“ Er welchem ſie zittern mußte.„Du ſchenkteſt mir dieſes Bertrauen nicht, ſondern ließeſt mich ſtatt deſſen glauben, ich würde eine Gattin finden, die wenigſtens den Wunſch hätte, mein Glück zu bereiten! Du ſchwurſt mir heute Deine Gelübde... doch es iſt wahr: ich entſinne michtt jetzt, daß ich ſah, wie Du errötheteſt— errötheteſt vor dieſen falſchen Schwüren.“ „Ludwig, Ludwig! ich betheure, daß ſie nicht ſo gemeint waren!“ „Und ich betheuere, daß ſie ganz bedeutungslos wa⸗ ihm z ggen k will, rief e ſprang heftig auf, und warf Lavinia einen Blick zu, vor d 5 ren. nicht daß n. dieſes ten ni Geger als ſi CEhe ſich ſe 3„blieb ner T Deine 7 nachſu — 7 ¹ 3 wohl abende reiſe i glückl glaub „Du trenn welch wenig ihre g enteh hegte lich 3 wir. unſerer e, das bekannt Gewiſ⸗ on der ß eine erzhaft ntwort werden zu ſa⸗ begehr⸗ nd Ver⸗ inläng⸗ he Ehe „ daß ahrung, rrthum in ſei⸗ dieſes lauben, Vunſch heute e mich eeſt vor 25 ren. Man kann ohne Liebe heirathen; aber man darf nicht heirathen, wenn man ſchon vorher überzeugt iſt, daß man unglücklich werden wird. Das Weib, welches dieſes glaubt, welches die zärtlicheren Gefühle ihres Gat⸗ Wten nicht zu gewinnen wünſcht und ſtrebt, ſondern im Gegentheil die Möglichkeit derſelben fürchtet, ſie hat, als ſie ihm vor Get delobte, Glück und Unglück mit ün zu theilen, ſowohl ihn als auch die Hungfin der Ehe ſo grauſam ver höhnt, daß er unmöglich dazu ſchwei⸗ gen kann, dafern er nicht das Letzte und Einzige verlleden will, das ihm noch bleibt, nämlic ch die Achtung gegen ſich ſelbſt!“ Er ging in ſtarker Gemüthsbewegung auf und ab, „blieb aber zuletzt vor Lavinia ſtehen, die mit erſchrocke⸗ ner Verwirrung die Worte hervorbrachte:„Ich verſtehe Deine Andeutung ni icht!“ „Sie iſt leicht zu verſtehen. Wir wollen Scheidung nachſuchen.“ „Das kann Dein Ernſt nicht ſein.“ „Ja, bei dem lebendigen Gott! der Gegenſtand mag wohl ungewöhnlich genug ſein, um ihn an dem Hochzeit⸗ abende zu verhandeln; doch das bedeutet nichts. Morgen reiſe ich allein; Roſenborg iſt ſchon Zeuge einer un⸗ glücklichen Ehe geweſen. O, ich war ein Narr, als ich glaubte, ich könnte dort das Glück einführen! Lavinia!“ rief er mit tiefer, bitterer, harmvoller Betrübniß aus, „Du haſt mich tödtlich beleidigt— wir müſſen uns trennen!“ „Du wi illſt mich alſo entehren!“ rief Lavinia aus, welche durch die Angſt und die Scham vor einem ſolchen, wenige Stunden nach der Trauung beſchloſſenen Schritt ihre ganze Kraft wieder erhielt.„Du willſt uns Beide entehren!“ „Es iſt nicht meine Schuld, daß ich muß. Ich hegte n meiner Seele einen brennenden Wunſch, gluck⸗ lich zu werden, und glaubte, daß die Verluſte, welche wir Beide erlitten haben, uns einander nahern ſollten 5 — ſͤſſſ — .. doch Du— handelteſt Du recht, als Du mir Dein Jawort, Deine Gelübde gabſt, obgleich Du ganz andere Gedanken, ganz andere Hoffnungen hegteſt?... Warum willſt Du meinen Namen tragen, warum Dich einem Manne, den Du kaum ertragen kannſt, als Gattin hingeben, da Du ſchon vorher im Stande biſt, mit die⸗ ſer eiſigen Gleichgültigkeit, dieſer ſchrecklichen Kälte unſre Zukunft abzuwägen und zu berechnen? „Deine Leidenſchaft verwirrt Dich, Ludwig!“ ent⸗ gegnete Lavinia, und einige leichte Falten verdunkelten ihret reine Stirn.„Auf Deine erſte Frage habe ich ſchon geantwortet, als ich erklärte, daß ich mich ſelbſt getäuſcht hatte: doch die Entdeckung kam zu ſpät, um nützlich zu werden. Was dagegen,“ fuhr ſie tief erröthend fort, „die zweite Frage betrifft, ſo ſollten Dir Deine Augen darauf ſchon die ſicherſte Antwort gegeben haben. Als Du in dieſes Zimmer trateſt, ſo vermochte ich mich kaum aufrecht zu erhalten; und wenn ich es jetzt kann, ſo kan ich es nur darum, weil ich nichts weiter zu befürch habe.“ 1 Nachdem Lavinia dieſe Worte geäußert hatte, blish es einige Augenblicke vollkommen ſtill in der Brautkammer, Vor dem von Neuem belebten Bilde ſtand der Bräutigam mit gerunzelten Augenbraunen und hart zu⸗ ſammengepreßten Lippen. „Nein, Du haſt nichts zu befürchten!“ ſagte er mitt 3 eiskaltem Tone, verbeugte ſich und wollte das Zimmer verlaſſen. In dieſem Augenblick gewann das ſtarke Weib einen ſchweren Sieg uber ſich ſelbſt. Der Stolz rief laut: „laß ihn gehen; zeige ihm Deine Gleichgültigkeit!“ doch das Nachdenken ertheilte einen andern Rath. „Gieb nns nicht Preis!“ bat ſie mit Unruhe.„Wir werden der Gegenſtand von tauſend umherfliegenden Anek⸗ doten! So lange Du dieſe Thüre nicht öffneſt, ſo langett bleiht das hier Vorgefallene innerhalb dieſer vier Waͤnden. * Wenn gen eb 1/ wenn chen; ſchützt I treff Du dieſen der dem wir nicht geſu wäre gegen fahr! Unve könn habe denn u mir u ganz 2 m Dich Gattin nit die⸗ e unſre !“ ent⸗ ten ihre ſchon etäuſcht tzlich zu ud fort, Augen n. Als ſch kaum ſo kann ffuͤrchten e, blieb kamme and der hart zu⸗ e er mit Zimmer eib einen jef laut: t!“ doch e.„Wir en Anek⸗ ſo lange. Wänden. 27 Wenn Du dagegen gehſt, ſo weiß die ganze Stadt mot⸗ gen eben ſo viel, wie wir ſelbſt.“ „Die ganze Stadt erfährt ja auf jeden Fall alles, wenn Du hier bleibſt.“ „Ich will nicht bleiben!“ antwortete Lavinia, und ihre Stimme, obgleich ſie ſich weder hob noch ſenkte, flößte doch die Ueberzeugung von ihrem ſeſten Willen ein. „Willſt Du nicht?2“ wiederholte der Rittmeiſter mit einiger Betonung. „Nein, Ludwig, ich will es beſtimmt nicht! Reiſeſt Du von mir hinweg, ſo reiſe ich nach. Ich bin nicht Deine Gattin geworden, um mich als eine Närrin bela⸗ chen zu laſſen. Ich habe das Recht, mich von Dir be⸗ ſchützt und mit Achtung behandelt zu ſehen.“ „Du ſcheinſt zu glauben, daß meine Worte in Be⸗ treff der Scheidung nur ein Scherz waren? Doch magſt Du wiſſen, daß ich über dergleichen nie ſcherze, und in dieſem Augenblicke am allerwenigſten dazu aufgelegt bin.“ „In dieſer Hinſicht, beſter Ludwig, kannſt Du ganz ruhig ſein; ich bin eben ſo überzeugt, daß Du Dein Wort zu halten gedenkſt, als ich überzeugt bin, daß Du nicht überredet werden wirſt, daſſelbe zu brechen. Aber Du mußt erkennen, wenn dieſe Scheidung gleichzeitig mit der Trauung begönne, ſo würden wir uns nicht allein dem Gelächter der ganzen Umgegend Preis geben, ſondern wir wurden uns auch durch eine Handlung entehren, die nicht den entfernteſten Anſpruch haben kunnte, von der geſunden Vernunſt gebilligt zu werden „Weiter! weiter!“ „Eine Scheidung nach einer Ehe von zwölf Stunden wäre die tiefſte Erniedrigungz nach zwölf Monaten da⸗ gegen könnte ſie gelten als die Folge einer traurigen Er⸗ fahrung, welche man ſich dann uͤber ſein gegenſeitiges Unvermögen, ſein Glück zu ſchaffen, erworben haben könnte. Und obgleich ich ſtets diejenigen ſtreng beurtheilt habe, welche ſo heilige Bande zerreißen, ſo ſtimme ich dennoch nach Verlauf dieſer Zeit Deinem Vorſchlage beilu — beleidigt: ich vergaß ihn la „Wohlan denn! ſei es alſo beſchloſſen, daß wir während eines Jahres vor der Welt als Eheleute erſchei⸗ nen, um nachher eine Feſſel zu brechen, die unter dieſen Verhaltniſſen ſchwerer wird als die Kette des Galeeren⸗ D ſklaven. Inzwiſchen laſſe ich dem ruhigen Verſtande, Protokt 5 mit welchem Du die Sache aufgefaßt haſt, Gerechtigkeit auf die wiederfahren. Auf dieſe Art erſparen wir uns Beide Hohn ſtreckte und Erniedrigung.“ 2* „Und noch dazu,“ fiel Lavinia nicht ohne Verdruß biſt D. ein,„kann es Dir vielleicht zu einer kleinen Linderung immer! gereichen, wenn Du weißt, daß Du nicht allein an die Abſchie Kette geſchmiedet biſt.“ ſtill vo „Vergieb mir, gute Lavinia; aber meine Gefühle 13 willſt Du weder verſtehen, noch kehrſt Du Dich daran eben ſi ſie zu verſtehen. Doch wollteſt Du mir als noch eine der Au Probe Deines Vertrauens ſagen, ob Du den Gotthard 7 mit dieſer hohen, tiefen und reinen Liebe liebteſt, deren Du da ein Weib wie Du fähig ſein muß?“ 4 ſehen? Sa, ich liebte ihn ſo.... doch erwähne ſeiner kannſt nicht!“ Ihr ganzes Weſen gab ein Zeugniß von Schmerz 5 nfrie und Abſcheu.— 5 Beruhige Dich, ich habe noch nie zuvor bei Dir dieſe Zeichen von Sturm und Leidenſchaft geſehen. Icht weiß nun, wie Du liebſt, und wie Du ſogar noch nach dem Tode haſſeſt, wenn Du beleidigt wirſt.* Lavinia's hlitzendes Auge ſank zur Erde hinab; ein Zittern ſchlich ſich durch ihre Glieder.„Ich wurde nicht f „Behalte Deinen Schmerz, ſtolzes Weib! Der Tod ) 3 3 ebnet zuletzt dennoch alles... Nun aber bitte ich Dich, E ruhe einige Stunden, ſo daß Dir morgen nicht die Kräfte ſ. Neiſe fehle 8 f; jer auf den Sof ert! zur Reiſe fehlen. Ich werfe mich hier auf den Soſugu gute Nacht!“* 1 So endete der Hochzeittag. Es war der fünf und zwanzigſte September.— 4 29 Viertes Kapitel. Die Uhr ſchlug am folgenden Morgen acht, als der tan Protokolls⸗Secretair ſeine junge Frau mit einem Kuße htigkeit auf die blühende Wange weckte, und noch im Schlafe e Hohn ſtreckte ſie ihm ihre Arme entgegen.— „Guten Morgen, geliebter Rudolf! Ach, wie früh herdruß biſt Du immer auf— und ich dagegen verſchlafe mich derung immer! Aber, in Gottes Namen! ſie ſind wohl nicht ohne an die Abſchied gereist? Es kommt mir im ganzen Hauſe ſo ſtill vor.“ 3 4 efühlen„Beunruhige Dich nicht, mein Engel! ſie ſchlafen daran eben ſo gut wie Du. Ich dachte es mir vorher, daß eh eine der Aufbruch nicht ſo früh vor ſich gehen würde.“ otthard„Und dabei ſetzeſt Du eine Miene auf, als glaubteſt deren ſeiner n 4 dB. em — ried erde eſchweige denn e vas mehr?“ ſchmerz zufrieden werden, geſchweige denn etwas mehr „Ich weiß nicht, geliebte Julia! da ich aber geſtern ei Dir 4 Ich ſprach einige herzliche ₰ 3 h nach Worte mit ihm. Und trotz ſeines gewöhnlich ſo ver⸗ 3 ein lir die Verſicherung gab, ich könnte für Lavinia’s Zu⸗ „ hne Unruhe ſein, und ſeinen Worten, die das e nicht ge der Wahrheit trugen, vollen Glauben beimeſſen.“ r Tod„Und welche waren denn ſeine Worte, mein Ge⸗ „ 1 Kräfte„Nudolf, ſagte er,„ſei überzeugt, daß ich den fa— Nerth Deiner Schweſter zu ſchätzen weiß, und daß es n vorzüglichſtes Bemühen ſein wird, die Achtung und f und erzliche Wohlwollen beizubehalten, welches ſie, wie hoffe, ſchon für mich hegt.“ „Achtung und Wohlwollen?“ wiederholte Julia ver⸗ ——— = — ͦ — ſelbſt biſt.“ drießlich.„Wäreſt Du damit zufrieden, Rudolf? Him⸗ mel!— Du hängteſt Dich in der Verzweiflung, wem üͤckend ich Dir nichts Beſſeres zu ſchenken hätte.“ 5 u ſe 6„Ja, für mich wäre es zu wenig, und wenn ich Ds me auch kein ſo ſtrenges Mittel ergriffe, Du kleines Eigen⸗ E liebchen, ſo gäbe ich doch nicht viel fuͤr das Leben, wem für ein Du die Liebe wegnähmeſt. Doch Andere, welche nich gewöhnt worden ſind, täglich im Himmel zu Gaſt blick 4 zu ſein, können recht gut auf der Erde fertig werden Es und daher darfſt Du mir die Hoffnung nicht rauben den Ju daß ſie auf ihre Art glücklich werden.“ Rudolf; „Nein, mein armer Rudolf! das wäre wirklich ſeh Liebe ſchlecht gehandelt. Aber ich ſah geſtern Abend euſch Dich u einen Ausdruck in den Augen Jemandes, und dieſer ver ſchwebte prach nicht viel. Indeſſen wollen wir ſehen, was un Nu der Morgen bringt. Ich hoffe, Jungſer Beata hat alls Kuß au zum Fruhſtück in Ordnung? Blicken „Vielleicht, mein Engel, ſollteſt Du doch ſelbſt ein Se Auge darauf werfen! Ich habe wirklich ein Paar Malz Beinen da Lavinia nicht zu Hauſe war, den Tiſch nicht vollkon lich gekl men gentil geordnet gefunden. Dergleichen darf der Rite ſtand ſie meiſter nicht ſehen; er darf nicht glauben, daß mei wirklich Schiweſter hier die ordnende Hand allein gehabt hat.“ kinmal „Was in des Herrn Namen willſt Du damit ſagenlſchälte Du wirſt doch wohl nicht begehren oder fordern, daß icuhe die ich ſo ſchwach bin, ſchon ſo früh Morgens wie ei Sklavin in der Wirthſchaft arbeiten ſoll?“ „Du eine Sklavin? Lieber als daß ich zugaͤbe, da tworte Du Deine Wirthſchaft auf ſolche Weiſe beſorgen müßteſtee Frau wollte ich arbeiten, daß ich zwei Haushälterinnen, das gar⸗ heißt, zwei Mißhaushalterinnen halten könnte. Nein Kuc theure, geliebte Julia! ich wünſche nur, daß Du m ae Deinen klaren, ſchöͤnen Augen überſchaneſt, was zu e nad innern Wirthſchaftsdetails gehört; denn da weiß ich, Alles eben ſo harmoniſch und ſchön wird, wie „Schmeichler!,. Soo halte mich doch nicht länger ai 31 „Ach, wie kann ich anders, wenn Du eine ſo ent⸗ zückend liebenswürdige Miene aufſetzeſt? O Julia, ich muß allzu ſchwach ſein, denn wahrhaftig, ich weiß nicht, ab wenn Du mehr als einen einzigen Fehler haſt.“ es Eigen⸗ Einen Fehler?— Das iſt ſchon zu viel; doch was ven, wen für einer könnte das ſein?“ elche nich„Daß Du, meine Geliebte, mich in einem Augen⸗ zu Gaſt blick vergeſſen läßt, wenn ich einen entdeckt hätte.“ g werdent Es war ein weiblich ſchöner und einnehmender Blick, t rauben den Julia jetzt ihrem Gatten ſchenkte.„Ich verſtehe, Rudolſ; und ich verdiente nicht den kleinſten Theil Deiner lrklich ſehn Liebe, wenn ich es nicht ſo einzurichten ſuchte, daß Du ebenfall Dich nie mehr des Fehlers entſänneſt, der Dir eben vor⸗ dieſer ven ſchwebte.“ was un Rudolf drückte ſeiner jungen Gattin einen herzlichen hat alls Kuß auf die Stirn, und verließ ſie darauf mit zögernden Blicken. hſelbſt 4 B S aar Malz Bein lf? Him⸗ ng, wenn wenn ich ll wie eine kleine Lichtelfe war Julia auf den ie hatte ſie ſich ſo ſchnell und dabei doch ſo zier⸗ nen.. zt vollkon lich gekleidet. Eine halbe Stunde war kaum vergangen, ſo f der Ritt ſtand e ſchon im Speiſeſaale und fand, daß der Tiſch daß mein wirklich eineordnenden Blickes bedurfte. Und da ſie t hat.“ einmal in der Fahrt war mit ihren hausmütterlichen Ge⸗ nit ſagen ſchälten, ſo ging ſie ſogar hinaus in die Küche, um nach⸗ n, daß ichuhören, ob Jungfer Beate die gegebenen Befehle genau s wie ein efolgt hätte. „S ja, ich habe es ſo gemacht, wie es ſein muß, gaͤbe, daßttwortete dieſe mit einer Miene, welche anzeigte, daß n müßteſtae Frau hier ſehr wenig zu ſagen hatte;„und es dient unen, das gar nichts, daß die gnädige Frau hier ſteht und ſich te. Nein, Kücheufeuer verbrennt!“— Worte, die man recht Du anat uüverf Ben könnte mit:„Es dient zu gar nichts, daß das zu andige Frau hier im Wege ſieht und uns bei der 3 ich, deß rbeit hinderlich iſt.“* wie Du 9 nein, Beate, ich weiß, daß ich mich auf Dich mich ſelbſt verlaſſen kann!“ antwortete die junge. ie a eranfl nger auf Frau mit aller möglichen Würde und kehrte höchſt u den in den Saal zurück. Natürlich hörte ſie nicht, daß Jungfer Beate mun melte:„Wäre hier kein Sicherer, auf den man ſich ven laſſen könnte, ſo bekäme hier wohl kein Menſch ein 2 Biſſen Speiſe zu ſchmecken!“ freuet wig, i — bewegte Rudolf klopfte dreimal an die Thür der Neuve n. mählten.— ſagte S „Lavinia fuhr auf aus dem leichten Morgenſchlun 1n mer. Sie lag mit dem Geſicht nach der Seite gewendz ſeine ann a an welcher der Sofa ſtand; ihr erſter Blick fiel dahz kan auf dieſen. Doch beinahe hätte ſie vor Schrecken la Deine aufgeſchrien— der Sofa war leer. liebe L. „Großer Gott!“ ſagte ſie halblaut,„er iſt gereis„8 der verabſcheuungswürdige Menſch hat mich zum Hoh in dem und Spott hier gelaſſen!“ S „Beurtheile mich beſſer!“ antwortete eine Stimn chen, ganz in ihrer Nähe. reiches „Erröthend ſah Lavinia ſich um. auf der „ Ihr Gemahl hatte ſich ganz zur Reiſe umgekle auf die äußerſte Kante des Paradebettes geworfen. Mein Gott, beſter Ludwig! vergieb, vergieb!“ „Genire Dich nicht!“ entgegnete der Rittmeiſter n bewundernswürdiger Gleichgültigkeit.„Die Verzeiht eines ſo verabſcheuungswürdigen Menſchen bedeutet 4 ger als nichts; da jedoch die Abſicht eben die war, und Spott zu vermeiden, ſo dürfte wohl auch dieſer nicht die Wahrheit ausplaudern.“ 3 ——— hörte, erkenne Neues Klopfen an die Thür. „Es iſt bald Mittag, meine Herrſchaften!“ „Oho, guten Morgen!“ rief der Rittmeiſter, ſich ganz ordentlich ſtellte, als erwachte er erſt in di Augenblicke.„Ich bin ſogleich zu Deinen Dienſten ber Bruder!“* „Wie be ſindeſt Du Dich, mein liebes Schweſterchen 33. „Ich danke recht ſehr, erwiederte L Lavinia, doch ſo leiſe, daß Rudolf genöthigt war, ſeine Frage zu wieder⸗ holen. „Meine Frau ſagt, ſie befindet ſich ganz wohl und freuet ſich uͤber das ſchöne Reiſewetter!“ antwortete Lud⸗ wig, indem er mit einigen Umſtänden ſich im Zimmer bewegte, um ſchnell angekleidet t zu werden. „Ich komme gleich zurück, um Dich abzuholen!“ ſagte Rudolf. „Vortrefflich!“ meinte der Rittmeiſter indem er⸗ auf ſeine Frau einen ſatiriſch lächelnden Blick warf.„Ich kann alſo meine Retraite dort hinaus nehmen⸗ um nicht Deine Verſe hämtheit zu verletzen, während Du aufſtehſt, liebe L Lavinia!“ iſt gereis„O, das iſt nicht nöthig!“ entgegnete ſie, und ſaß 1 in demſelben Augenblicke vor der Toilette. Sie warf die kleine Spitzenmütze, das ein zige Zei⸗ ne Stimn chen, daß ſie geruht hatte, ab und begann eilfertig ihr reiches ſchönes Haar aufzulöſen, welches bald bis beinahe auf den Fußboden hinab um ſie herflatterte. umgekleid Schweigend betrachtete ſie der Rittmeiſter. rfen. Berlegenheit und Verdruß vereint hatten auf Lavinia's —rgieb!“ feine Wangen die glänzende Corallenfarbe und dem durch⸗ tmeiſter n dringenden Glanze des Auges einige ſcheuen Schatten Verzeihm verliehen. Pfeilgeſchwind flog d der Kamm durch die glän⸗ eutet wel z Wogen; und ſo beſchäftigt war der Ehemann, war, Ha den Bewegungen ſeiner Gattin zu folgen, daß er kaum zum Hoß dieſer M örte, als Rudolf zum zweiten Male ſeine Ankunſt zu erkennen gab. „Rudolf wartet!“ ſagte Lavinia und warf einen 1 nicht unzweideuti gen Blick über den Spidgel auf die Thür zeiſter,„Ich. d erſtehe! Da es jedoch ohne Zweifel ſowohl ſt in dieß das erſte ch das letzte liſt, da ich bei Deiner enſten, Kailette auweſend bin, ſo ſolltef Du es eigentlich mit eini Sekunden nicht ſo genau nehmen. Du haſt ein weſterchen augezeichnet ſchönes Haar... Doch lehr wohl auf eine Ein Jahr E kurze Zeit! Wir reiſen, ſobald wir das Frühſtück einge nommen haben.“ fi „Ich werde in Ordnung ſein!“ Eine Stunde ſpäter zeigte ſich Laviniag im Sagl allein ſo friſch, anmuthig und liebenswürdig, daß Rudolf un Nieman Julia kaum ein Auge von ihr verwenden konnten. Welt„A ein Unterſchied zwiſchen ihrem geſtrigen und heutigt und fitt Ausſehen!. dieſem 1 Wie hätte aber auch ein Menſch die Wendung ah De nen können, die ihr Schickſal genommen hatte! G theilen brauchte nicht länger vor unſeliger Jurcht zu zittern, de Zimmer ſie gezwungen ſein ſollte, von einem Manne, für welche Worte ihr Herz vollkommen kalt war, Liebloſungen zu leide 7 ja zu erwiedern. Sie ſollte als ſeine Gattin gelten, ohl bewegt, wünſche 4 es eigentlich zu ſein— nach einem Jahre ſollte ſie ſi ſein— frei und unabhängig ihren Wohnort nach eigeng aber wer Gefallen wählen, ungetadelt von der Welt allein leh Gebete dürfen. O welch ein Glück, welch ein unendliches Gluf ruhig ſe⸗ Aber für dieſes Glück wollte ſie auch dankbar ſcca„N ein Jahr lang wollte ſie den Zwillingstöchtern des Ri wie auch meiſters die zaͤrtlichſte Mutter, in ſeinem Hauſe Mean Wo ordentlichſte Hausmutter und ſo viel in ihren Kräff manne ſtand ihm ſelbſt eine angenehme Geſellſchafterin ſ lichem C Doch wenn das Gerücht die Wahrheit redete, ſo wü leben.“ er den geſellſchaftlichen Talenten ſeiner Frau eben m„ wiel zumuthen. Wie man ſagte, ſo füllten der W kann nich die Jagd, die Hunde die Zeit vollkommen, welche ſich ſelbſt Dienſt und die Oberaufſicht über das Gut übrig ließen An „Im nächſten Frühlinge,“ ſagte Ludwig, indem gute Bür nach der Dankſagung das Glas auf den Tiſch ſetzte, ns, Dein warten wir unſere Freunde auf Roſenborg.“ „Vorher,“ entgegnete Rudolf,„erwarten wir G zu Weihnachten bei uns“ „Nicht ſo bald, mein liebſter Schwager: meine id nen Töchter dürfen mich an dem Weihnachtsabende u vermiſſen. Doch will ich Lavinia nicht abhalten, ſie es wünſchen ſollte...“ anig liel erſten mn deſt als i 8— 1 3 3⁵ ſtück einga„Ich glaube kaum“ fiel die junge Frau ein, indem ſie ihrem Manne einen lächelnden Blick zuwarf,„daß es für Hausmütter paſſend iſt, an dieſem Feſte ihr Haus im Sagl allein zu verlaſſen. Reiſen wir nicht Alle, ſo reiſet Rudolf un Niemand!“. len. Well Alſo nicht eher als zum Frühlinge 2“, ſagte Rudolf d heutigz und. fckhrte ſeine Schweſter an das Fenſter, da man in dieſem Augenblick vom Tiſche aufſtand. ndung ah Der Rittmeiſter ging hinaus um den Befehl zu er⸗ zatte! S theilen vorzufahren, und Julia verließ ebenfalls das ittern, di Jimmer um ihrem Manne Gelegenheit zu geben, ein Paar für welch Worte mit Lavinia allein zu ſprechen. zu leide„Theure, geliebte Schweſter!“ ſagte Rudolf innigſt elten, oh bewegt, Dich begleiten heute nicht die warmen Segens⸗ lte ſie ſi wünſche einer zärtlichen Mutter, eines liebenden Vaters; ach eigen aber wenigſtens eines Bruders beſte Wünſche und heiligſte allein leb Gebete nimmſt Du mit! O, meine Lavinia! kann ich ches Glut ruhig ſein 214 1 1 nibar ſei„Das kannſt Du, mein guter, mein theurer Rudolf! n des R wie auch meine Ehe ausfällt, ſo war ſie ja meine eigene Hauſe freie Wahl, und mit einem Manne wie Ludwig, einem ten Kraft Manne von ſo ſtrengem Ehrgefühl, ſo feſtem und männ⸗ fterin ſelichem Charakter muß eine Frau hoffen können gut zu ſo wi leben.“ dae e ,V 2 eben u„O, das iſt allzu wenig!“ rief Rudolf aus.„Ich der Wkann nicht zufrieden ſein mit dieſem Looſe für Dich, da welche ich ſelbſt ſo glücklich bin.“—— rig ließen„Und ich, mein Rudolf„ glaube mindeſtens eben ſo indem gute Bürgſchaft für mein Glück zu haben, wie Du für 4 ſetzte das Deinige. Gebe Gott— ich ſage dies aus dem In⸗ Sie merſten meiner Seele!— daß Du nie unglücklicher wer⸗ 3 eſt als ich!“ u wir 68„O, wenn Du ſo redeſt, ſo muß ich wohl glauben, laß Dein Glück größer iſt, als Du eingeſtehen willſt. abende a brauche ich nicht länger für Dich zu fürchten. alten, Lavinia's Blick ſuchte mit Zärtlichkeit den des ſo annig liebenden Bruders.„Rudolf,“ ſagte ſie,„glauhe meine f mir nun in der Abſchiedsſtunde, nun⸗ da kein Fünkche mein tl von Neid in meinen Worten liegen kann: Du biſt z ſeiner ſchwach gegen Julia!“ mand „Zu ſchwach?“ tet wer „Ja, und ich fürchte, Du wirſt es dereinſt bereug zes ſeirn Sie iſt gut, liebenswürdig, ja bisweilen entzückend; abf„2 8 ſie iſt ein entzückendes, ein muthwilliges Kind, und M obgleich les haſt Du Dir ſelbſt zu danken, wenn ſie Dir nit dagegen immer gleich liebenswürdig erſcheint. Es verurſacht u men! 2 einen bittern Schmerz, Dir dieſes ſagen zu müſſen; de und wo koſtete es mir auch einen Theil Deiner brüderlichen Lic und liet ſo muß ich dennoch in dieſem Augenblicke offen reden.“ ganz an „Und mich, meine Lavinia, ſchmerzt es, daß 1 La in dieſem Augenblicke, da mein Herz ſo voller Liebe u braucht Bekümmerniß iſt, in daſſelbe eine Qual werſen wil Augenb 8 die mir fremd iſt. Warum kannſt Du meine Julia u lia ein. lieben? Mag ſie ein muthwilliges Kind ſein, ſo iſt D dennoch, wie Du ſelbſt ſagſt, ein entzückendes Ki flog er Und glaube mir, ſie iſt ſo gut, ſo weich, mir ſo im ergeben, daß ich ſie mit Verſtand leite wohin ich wil 4„Nun ſo gebe denn Gott, daß Du ſie mit Verſti leiteſt, und gebe Gott, daß ſie ſich ſtets Deinem 8d und warmen Herzen, Deinem Glauben und Deinem I trauen würdig zeige! Vielleicht entwickelt ſie herrli bis jetzt noch ungeborne Eigenſchaften wenn ſie Mu La wird und noch ein Weſen erhält, welchem ſie ihre zärtlichſ und ihre Sorge mittheilen kann.“ ſter, die „Ja ohne Zweifel wird ſie verehrte werden. Ach, Lavinia, Du mußt ſie lieben and il mehr denn einmal verletzt, wenn ich zwiſchen Dir und ſie ihr Kaͤlte ſah, Kalte zwiſchen den beiden Weſen, die wenn 2 ſo nahe am Herzen liegen, daß ich mit beiden zu gezwungen bin!“ Ja, Rudolf, dieſe dann noch vollkomm ; es hat Augenblicke waren nicht nicht glücklich, und waren in der Zukunſt Deinem lichen Glücke gewiß ſchädlich geworden. Jetzt gb dieſe leichten Wolken von deinem Himmel verſchwußt 37 Fünkche mein theurer Bruder! Ein Mann, welcher liebt und von u biſt z ſeiner Frau herzlich wieder geliebt wird, darf weiter Nie⸗ mand neben ſich haben, durch den ſeine Gefühle abgelei⸗ tet werden können. Das Band muß ein vollkommen gan⸗ nſt bereug zes ſein.“ ckend; abt„Vielleicht haſt Du nicht ſo ganz Unrecht, Lavinia; d, und W obgleich ſich ſowohl mein Herz, als auch meine Vernunft e Dir nit dagegen empört... Doch ich hore Deinen Mann kom⸗ rurſacht m men! Ich hochachte ihn, und glaube, wenn er den reinen nüſſen; de und wohlthätigen Einfluß der Anwefenheit einer geliebten klichen Lich und liebenden Gattin erſt recht ſchätzen lernt, ſo wird er en reden.“ ganz anders werden.“ es, daß 1 Lavinia empfand einen Stich in ihrem Herzen; doch ler Liebe u brauchte ſie keine Antwort zu ertheilen; denn in dieſem perfen wil Augenblick trat der Rittmeiſter und gleich darauf Ju⸗ Julia m lia ein. n, ſo iſt Der Wagen fuhr vor, und einige Minuten ſpäter kendes Ki flog er mit den Neuvermählten davon. mir ſo im in ich wil— mit Verſt Deinem 5.. Hunnem 2 Fünftes Kapitel. ſie herrlt n ſie Mu Lavinia hatte noch nicht volle ſechzehn Jahre alt die ſie ihre Gzärtlichſte, die vortrefflichſte Mutter verloren, eine Mut⸗ ter, die ſie mit ihrer ganzen reichen Seele anbetete und vollkomnverehrte, eine Mutter, welche mit ſicherer und ſanſter „des hat Hand ihre erſte Jugend geleitet, ihren Verſtand gebildet 3 hen Dir und ſie ſchon früh ſo zu bilden geſucht hatte, daß ſie, zeſen, die wenn Widerwärtigkeiten und Bekümmerniſſe auf ſie ein⸗ 32— drängen, nicht die Stütze verlieren möchte, welche ſie in ſich ſelbſt beſaß. en nicht Die Trauer über dieſen bittern und unerſättlichen einem erluft wirkte ſtarf auf Lavinia's tiefes und gefühlvolles deßt abeser. Ihr Vater war ſchon fruher geſtorben, und verſchwuder Einzige, der ihr nun noch auf Erden zu lieben übrig iden zu t herzliche Rudolf— war weit an fernt. Zwar hatte er zu dieſer Zeit ein Amt in d Hauptſtadt, aber als Junggeſelle konnte er der geliebn Schweſter keinen Platz bei ſich anbieten. Lavinia nahm daher das freundliche Auerbieten ein alten Tante zu ihr zu ziehen an, ein Anerbieten, d ihr um ſo erwünſchter kam, als ſie weit entfernt i von dem Wunſche nach jeglicher Art von Zerſtreum und ſie nirgends in der Welt ſo ungeſtört ihre Betril niß und ihren Schmerz ausweinen konnte, als beiſ und be alten Tante Schönberg, welche mit Ausnahme ein ſamkeit 8 betagter Kaffeeſchweſtern und einiger eben ſo betag Hageſtolze für ihre Abendpartie ſelten einen Menſcheu ſich annahm. Nicht fehlten Lavinien andere Vorſchläge, unter deß ſie hätte wählen können. Sie war nicht reich, bezog d ihr doch von dem kleinen Capitale, das die Mutter ihr trübni terlaſſen, eine hinlängliche Rente, um uberall für Lavini bezahlen zu können und doch hinlänglich zu ihrer Kleid! den übrig zu behalten. Sie war dazu ſchön, gut erza eine ſie häuslich, verſtändig, gebildet und liebenswürdig. ihrem wetteiferte daher mit einander, ihr ſein Haus und„ Geſellſchaft ſeiner Töchter anzutragen. Als aber Laut lang! ſolches dankend ablehnte, um zu der alten langweiltt lichen Tante zu ziehen, welche allein in ihrem ſchönen get merkte, Hauſe ſaß und„nie einen Andern etwas von dem Gu dem S mit genießen laſſen wollte,“ ſo ſagte man,„Lavinia h„ bei weitem ſchlauer, als man von Ahr gedacht hätte ſe ein wüßte recht gut, was ſie thäte, Weßhalb ſie die Einſt„vermi keit liebte“ und ſo weiter. Alters In dem großen, reich, wenn auch altmodiſch m X lirten Hauſe, in welches Lavinia nun einzog, wat— leer, kalt und freudenleer wie in einem großen Grabz it d ich der Die Wittwe Schönberg lebte hier allein mit itt m denn blieb— der frohe, Favoriten, nämlich ihrem alten Papagei, ihrem f Dienſtmaͤdchen, ihrer alten Katze und ihrem alten M. Sashe 5 5 Lavinia allein war jung in dieſer Sammlung von N weit en lmt in d er geliebn Zerſtreuun hre Betriͦ als bei ihme ein ſo betag (Nenſcheut „unter den „ bezog d tter ihr h zrer Kleidi gut erzog ürdig. N. aus und aber Lact langweil hönen graß⸗ n dem Gi „Lavinia cht hätte! die Einſt modiſch m zog, wat zen Grabz in mit it ihrem alten M ng von N trall für 39 quitäten; und damit ſie ſich alſo nicht ganz zu Tode langweilen möchte, ſo ſchenkte ihr Tante Schönberg gleich in den erſten Wochen einen allerliebſten weißen Hund, ein Paar Kanarienvoͤgel und zwei Goldfiſche. Jetzt war es ja rein unmöglich, auch nur an Lan⸗ geweile zu denken; denn dieſe neuen Bewohner mußten Lavinien allzu viel Vergnügen und allzu viel zu thun geben, um ihr Zeit übrig zu laſſen, ſich zu langweilen. Lavinia war dankbar für dieſe Güte ihrer Tante, und begann ſogleich ſich mit der ganzen verlaſſenen Ein⸗ ſamkeit ihres Herzens an die Geſellſchafter zu feſſeln, welche ihr geſchenkt waren Dennoch vermochten ſie nur für Augenblicke das junge Mädchen zu unterhalten. Viele Stunden— wie dieſelben auch unter Arbeit, der Tante und den Favoriten getheilt werden mochten— wurden ihr dennoch tödtend lang. Denn ſo tief auch die Be⸗ trübniß war, ſo ließ ſie doch der Langweile Platz; und Lavinia wäre ganz gewiß daran geſtorben, wenn ſie nicht den angenehmen Briefwechſel mit ihrem Bruder und eine ſichre und geſchätzte Zuflucht in ihren Büchern und ihrem Piano gehabt hätte. 8 „Ich fürchte, mein Kind, Dir wird hier die Zeit lang! pflegte die Alte bisweilen zu ſagen, wenn die tag⸗ lichen Gaͤſte ſich des Abends entfernt hatten, und ſie be⸗ merkte, wie Lavinia gähnend und mit der Nätherei auf dem Schoße am Fenſter ſaß. „Vielleicht, liebe Tante,“ ſagte Lavinia, nachdem ſie eine Zeitlang dieſer Behauptung widerſprochen hatte, „permiſſe ich den Umgang ſolcher, die mit mir gleichen Alters ſind“ „Lade recht gerne, wenn es Dir Vergnügen macht, des Abends einige junge Mädchen zu Dir ein, und habe Du Deinen kleinen Kreis in Deinen Zimmern, ſo wie ich der meinigen habe— nur daß es immer ſtill bleibt; denn Heräuſch, Gelächter und Gelaufe ſind nicht meine Sache. † Boß dieſem Vorſchlage belebt ſuchte Labinia ſich einen 8 ſte erhielt an kleinen„ſtillen Kreis“ zu bilden, in welchem man wech⸗ ſelsweiſe las, arbeitete und plauderte. Doch die jungen Mädchen fanden dieſe Societäten allzu einförmig; man konnte zu keiner rechten Harmonie mit einander kommen — und ſo war Lavinia bald wieder allein. „Nein,“ ſagte ſie an einem Abende zu ſich ſelbſt, „ich muß einen andern Zufluchtsort wählen; die Lange⸗ weile iſt eine allzu tödtende Pein. Mutter ſagte:„man muß ſie zu unterdrücken ſuchen.“ Sie, die Alles wußte, ſie wußte auch, daß die Langeweile einen ſchädlichen Ein⸗ fluß auf mein Weſen haben würde. Wenn die Betrüh⸗ niß in Langeweile übergeht, ſo wäre es eine Entheiligung, wenn man nicht in die natürlichen Verhältniſſe zurück⸗ kehrte. Wenn man dagegen das Bedürfniß fühlt, wie⸗ derum zu ihr zurückzuſliehen, ſo weht ſie uns mit einem friſchen Hauche an. Die Betrübniß iſt zu edel und zu rein, um mit der Müdigkeit verwechſelt zu werden, welche aus einem unthätigen und einförmigen Leben ent⸗ ſteht.“ Schon am ſenden Morgen wollte ſie mit der Tante Schönberg darüber reden, als die Alte zu ihrer größten Ueberraſchung mit dem Vorſchlage von einer Brunnenreiſe hervor kam. Und kaum acht Tage ſpater war die alte Dame mit Lavinia und ſämmtlichen Favori⸗ ten, den Papagei ausgenommen, in den Reiſewagen ge⸗ packt. „Es war,“ ſo erklärte die Tante,„jetzt gerade zehn Jahre her, ſeitdem ſie ihr gemüthliches Haus verlaſſen hatte, und dieſe Aufopferung hätte ſie nimmermehr machſt 4 können, wenn es nicht um Lavinia's willen, und um ſſit zu ermuntern geſchehen wäre. 7 Und Lavinia wurde wirklich ermuntert. Zum erſten Male— aber ſie war nun auch ſieszeht Jahre alt— fühlte ſie den Vortheil ſchön zu ſein, Si erhielt Bewund 8 und Huldigung wo ſie ſich Zeigten Kar ehrende Heirathsvorſchläze, doß kein ſie heiſt woh „Jet Einf nicht Sie work mit zu b⸗ in G Perſt nach wie i wech⸗ jungen ; man ommen ſelbſt, Lange⸗ „man wußte, hen Ein⸗ Betrüh⸗ eiligung, zurück⸗ hlt, wie⸗ nit einem el und zu werden, eben ent⸗ mit der e zu ihrer von einer age ſpäter en Favori⸗ rwagen ge⸗ gerade zehn s verlaſſey ehr machft und um ſſit uch ſieszeht ſein/ Si ſich eigten chläße, do 41 keinen, den ſie annehmen konnte; denn das Einzige, was ſie nicht fand, war ein Herz wie ſie es finden wollte. „Ich habe gethan was ich konnte und meine Pflicht heiſchte!“ ſagte die Tante mit Reſignation, als ſie wieder wohlbehalten zu Hauſe in ihrem großen Lehnſtuhl ſaß. „Jetzt mag ſie heirathen oder auch in der gewöhnlichen Einſamkeit leben!“ Doch Lavinia that keines von beiden: ſie heirathete nicht, lebte aber auch nicht mehr in der alten Einſamkeit. Sie hatte ſich nun einen Einfluß bei der alten Tante er⸗ worben, deſſen ſie ſich ſtets mit vieler Klugheit, dabei aber mit der achtungsvollſten Zärtlichkeit bediente, um es ſo zu bekommen, wie ſie es haben wollte. Sie ging jetzt oft in Geſellſchaften, vermochte die Tante bisweilen, einige Perſonen bei ſich einzuladen, und ſo wurde es nach und nach lebhafter in dem„Grabe“ der Tante Schönberg, wie man das Haus überall nannte. 3 Als der Winter kam, ſo fanden ſich auch neue Freiet ein; denn die Reichthümer der alten Tante wurden ſchotte allgemein zu Lavinia's häuslichen Tugenden hinzu additte doch Lavinia bedachte ſich und verwarf ſo lange, daß bit ganze Stadt ſchon wiſſen wollte, ſie würde zuletzt heh ganz ohne Mann bleiben. So ſtanden die Sachen, als Frau Schaͤnberg an einem Nachmittage den gewöhnlichen Beſuch von ihrem Doctor erhielt, welcher aus Dankbarkeit für die reichliche jährliche Abgabe, die ſie ihm beſtand, ihr regelmäßig dreimal in der Woche die Aufwartung machte— nicht um Necepte zu ſchreiben, denn die alte Dame war faſt nie krank, ſondern um ihr die kleinen Neuigkeiten mitzu⸗ theilen, die es etwa in der Stadt geben konnte. Diesmal wußte der Doctor zu erzählen, daß er in einer großen Verlegenheit wäre, aus welcher ihn kein Menſch befreien wollte. Er hatte nämlich einen Brief von einem jungen Edelmanne erhalten, welcher wegen der geſunden Seeluſt in die Stadt ziehen zullte. Da aber ſeine Geſundheit gar ſehr angegriffen und ſeine Laune⸗ eben darum wenig geſellig war, ſo wünſchte er ſich ein Paar Zimmer in einem Hauſe, wo er vor allem Geräu⸗ ſche ſicher ſein und in Ruhe wohnen konnte, ohne auf irgend eine Weiſe beläſtigt zu werden. „Da werden gewiß ſehr Viele den Verdienſt haben wollen?“ äußerte Frau Schönberg, die gar nicht begrei⸗ fen konnte, daß der Doctor etwas ſo Vermeſſenes in ſei⸗ nem Sinne hätte, als ihr einen Miethsmann zu ertheilen. „Ja gewiß können Viele den Verdienſt haben wollen; aber kein Menſch kehrt ſich daran, zum Beſten des armen ) Barons L— klöſterlich eingezogen zu leben. Und wahr⸗ haftig, ich weiß gar keinen paſſenden Ort für ihn, wenn n erbarmen wollen. Sie, Frau Schönberg, ſich nicht über ih Er ſieht gar nicht darauf, was es koſtet, denn er iſt reich; und da hier Zimmer und Abgeſchiedenheit genug ſind und ſein Bedienter übrigens derjenige iſt, welcher die Auf⸗ wartung beſorgt, ſo weiß ich nicht, warum ich nicht hof⸗ fen ſollte, meinen künftigen Patienten in ſo gute Hände zu bekommen!“ Ja, ich weiß ebenfalls kein Hinderniß,“ entgegnete 4„3 die gute alte Frau, welche ſehr viel Vertrauen und ein „Ich habe wenig Schwaͤche gegen ihren Doctor beſaß. wohl noch nie einen Miether im Hauſe gehabt; da jedoch mein Haus das einzige iſt, welches paßt, ſo mag er hier wohnen. Wir werden uns gegenfeitig nicht beläſtigen.“ „Tauſendmal den verbindlichſten Dank, meine aller⸗ beſte Frau Schönberg! Da ſehen wir die Sache als abgemacht an!! 1 Ein Paar Wochen ſpäter zog der junge Reiſende in ſeine ſtille Wohnung ein; ungewöoͤhnlichen Gelaufe auf Alten, und es verfloßen vier Tage, im Allergeringſten in ihren angene oder Lavinia in ihren Grübeleien über den armen en geſtört wurden. Doch ſi an einem Nachmittage gerade zwiſchen ppielſtunde mieldete der Bediente du Beſu der Auge Ernf ſich ſobal er of keinen heit weile heit len i Stud zwei er zu ſelben Schu Stun ihre mit d viel; traf der C ſchma ſtieg, nen die C Zeit gen ſ Schö ſie ih nicht ſich ein Geräu⸗ hne auf ſt haben t begrei⸗ s in ſei⸗ lertheilen. wollen; es armen nd wahr⸗ hn, wenn n wollen. iſt reich; ſind und die Auf⸗ nicht hof⸗ ite Hände entgegnete und ein „Ich habt da jedoch ag er hiet äſtigen.“ eine aller⸗ Sache als Keiſende in eſten etwat altes beim die Tanke päftigungen nen Kram de zwiſchen ediente di 43 Beſuch des Barons L—, und einige Minuten ſpäter trat der Miether ein. Er war ein ſchöner Jüngling mit ſchwärmeriſchen Augen und einem feinen Zuge von ſtillem nachdenklichem Ernſte auf der Stirne. In ſeinem ganzen Weſen ſprach ſich das Bedürfniß aus, nicht leidend zu erſcheinen; und ſobald die erſteu Begrüßungen vorüber waren, ſo erklärte er offen, daß ſein Wunſch nach einer einſamen Wohnung keinesweges ſeinen Grund in einer geſchwächten Geſund⸗ heit habe, welche nicht ſchwächer wäre, als daß er bis⸗ weilen Geſellſchaft ertragen könnte, ſondern daß er Frei⸗ heit haben wollte, dieſe nach eigenem Geſchmacke zu wäh⸗ len und ſich beſonders in der Stille dem Vergnügen ſeiner Studien hingeben zu können. Nach dieſem erſten ganz kurzen Beſuche, der Anfangs zwei bis dreimal in der Woche wiederholt wurde, ſtattete er zuletzt regelmäßig an jedem Tage eine Viſitte zu der⸗ ſelben Zeit ab, und ſo gewohnt wurden ſowohl Tante Schönberg als auch Lavinia der feſſelnden Anmuth dieſer Stunden, daß ſie ſich oft lächelnde Blicke zuwarfen, wenn ihre Augen ſich bei der Uhr begegneten. Baron L— ging des Abends nie aus.„Man muß mit dem Leben haushälteriſch umgehen, wenn man nicht viel zu verſchwenden hat,“ pflegte er zu ſagen Lavinia traf ihn alſo in keinem von den fröhlichen Abendkreiſen der Stadt; bisweilen aber ſah ſie ihn bei einem Mittags⸗ ſchmauſe, und faſt an jedem Morgen, wenn er zu Pferde ſtieg, um eine halbe Stunde ſpazieren zu reiten. Die wohlehuende Luft der Stadt oder die Ordinatio⸗ nen des Doctors ſchienen einen glücklichen Einfluß auf die Geſundheit des Barons auszuuͤben, und nach einiger Zeit wurde er ſo geſellig, daß er auch an den Vormitta⸗ gen ſeinen Wirthinnen aufwartete. Da inzwiſchen Tante Schönberg die alte gute Gewohnheit hatte— von welcher ſie ihrem Miether zu Liebe keinesitges abſtehen wollte— nicht eher aufzuſtehen, als zwiſchst if und zuulf lihr, ſo 44⁴ mußte Lavinia ihn bei dieſen Beſuchen allein entgegen nehmen... Da jedoch Lavinia's Verlobung mit dem Baron Gotthard L— eine längſt bekannte Sache iſt, ſo wollen wir uns mit keiner unnöthigen Entwicklung und Darſtel⸗ lung aufhalten, wie dieſes Verhältniß entſtanden iſt. Der Baron war jung, aber kein Anfänger in der Liebe. Er hatte ein Herz, das bereit war, für jeden ſchönen Gegenſtand zu brennen, und ſein Aeußeres, ſein Anſtand, ſein einnehmender Ton, ja ſelbſt ſeine ränklich⸗ keit machten ihn intereſſant, beſonders für ein Mäadchen, das tiefer Eindrücke fahig und noch unbekannt iſt mit der ſchwärmeriſchen Poeſie in ihrem erſten Erwachen. 3 Lavinia's Gegenliebe war bald das Ziel, welches er 5 zu erreichen ſtrebte, und ſein Wunſch blieb weder der Stadt noch ihr ſelbſt ein Geheimniß. Aber Lavinia ver⸗ 8 ſchenkte ihr Herz nicht gleich bei dem erſten Sturme: ſte hatte allzuviele Anerbietungen ausgeſchlagen, um ſo ganz ohne Ueberlegung ihre Treue einem Manne zu ſchenken, von welchem ſo hoch auch ihr Gefühl für ihn ſprach, die Vernunft dennoch den Ausſchlag fällte, daß er ihr kein dauerndes Glück bereiten würde. Aber wenn Lavinia dies heiligſte Geheimniß ihrer Seele verbergen konnte, ſo war doch Gotthard ein Lieh⸗ haber, der daſſelbe endlich hervorzulocken verſtand. Und als er zärtlich und mild mit liebeglühenden⸗ Worten über ſein leeres Leben klagte, das nicht erhellt würde von der Sonne, die alles erwärmt und belebt;— als er ſagten „So allein ich in der Welt ſtehe, und ſo allein ich faſt ſeit meiner Geburt geſtanden habe, fühle ich dennoch, daß Deine Liebe meinem Leben Jahre hinzufügen würde. Ja ich würde nicht im Stande ſein, von einem ſolchen Him⸗ mel hinwegzuſcheiden, und ſtürbe ich dennoch, ſo ver⸗ tauſchte ich ja nur den einen mit dem andern!“— und ls er daraufs bat: Schenke mir dieſes Leben, ſchent i 3 die eligkeit, die Liebe, oder ſtoße mich Dir hinweg, und laß mich wiſſein ob ie ſie er ſchen! welch finden lendu legio ihrem zu be lichke daß welch barte Leben Gegen war, Platz Gottl ſeinen Laune nicht lebens 2 zur 2 und warf. 4 Sie 1 gehör fürcht entgegen Baron wollen Darſtel⸗ iſt. r in der ür jeden res, ſein ränklich⸗ Näadchen, t iſt mit rwachen. delches er beder der iinia ver⸗ urme: ſie ſo ganz ſchenken, i ſprach, ß er ihr niß ihrer ein Lieb⸗ Ind. Und arten über von der er ſagten n ich faſt noch, daß lürde. Ia ſtoße mich ch wiſſem . ſchente 45 ob ich arm und elend ſterben muß!“— da widerſtand ſie endlich nicht länger. Und als ſie ihr Herz, ihre Liebe ſchenkte, ſo ſcheukte ſie ihm einen ganzen Himmel, in welchem nunmehr kein einziger Gedanke an den Tod Platz finden konnte. Sie wurden verlobt. Aber das Glück wollte Lavinien in noch höherer Vol⸗ lendung entgegen lächeln. Rudolf erhielt ein einträgliches Amt bei einem Col⸗ legio der Stadt, und nun fehlte um ſo weniger an ihrem Glücke, als Gotthard's Geſundheit ſich immer mehr zu befeſtigen ſchien. „ Siehſt Du?“ ſagte er, indem ſein Blick voll Zärt⸗ lichkeit auf ihr ruhte,„ich hatte Recht, als ich ſagte, daß Deine Liebe mir das Leben zurück geben würde.“ „Und die Deinige,“ erwiederte ſie mit einer Stimme, welche die Tiefe und den Reichthum ihrer Gefühle offen⸗ barte,„ſollte mich erſt lehren, daß das Leben wirklich Leben iſt.“ Baron Gotthard von L—, der einen lange Zeit der Gegenſtand aller Geſpräche in den Geſellſchaften geweſen war, mußte jetzt dem neuen Protokolls⸗Secretair von B— Platz machen, welcher, wenn auch nicht ſo ſchön wie Gotthard, dennoch durch ſeinen angenehmen Umgang, ſeinen offenen Charakter und ſeine ſtets frohe und gute Laune mehre Sympathien gewann. „Sie berauben mich Deiner bald!“ äußerte Lavinia nicht ſelten, wenn ſie alle blitzenden Augen ſah, die dem lebensfrohen Rudolf folgten. „Ja, es iſt ſchon aus mit mir!“ rief er eines Tages zur Antwort.„Ich bin verwundet in meinem Herzen, und Leben und Tod hängt ab von ihr, die den Pfeil warf.“ Lavinia zitterte vor dieſer Eröffnung ihres Bruders. Sie wußte, daß er zu derjenf Klaſſe von Mannern gehörte, welche die Liebe ſtarrbliſt zu machen pflegt, und fürchtete daher doppelt, einen Namen zu hoten, den ſie nicht billigen konnte.„Wer iſt's Rudolf? willſt Du mir's die W ſagen 2. „Die himmliſche, entzückende, kindliche, kleine Julia werden T.“ Tag, als geg „O, das geht nimmermehr gut! Haſt Du Dich noch aus, nicht erklärt, Rudolf, ſo beſchwöre ich Dich, mir zu einlief, glauben, daß dieſes Mädchen ſich nicht für Dich paßt. 8 5 Sie iſt in allzugroßer Freiheit aufgewachſen, ſie iſt zu Septen alt um noch ein Kind zu ſein, und obgleich ſie ein er⸗ wachſenes Maͤdchen iſt, ſo iſt ſie dennoch weiter nichts, N als ein Kind.“ gereist „Sie iſt diejenige, welche ich liebe und zu meiner darüber GCattin haben will!“ entgegnete Rudolf verſtimmt. verf „Da Du in einem ſo entſchiedenen Tone ſprichſt, ſo muß ich ſchweigen; wenigſtens aber kannſt Du mir wohl verſprechen, daß Du Dich erſt einige Monate bedenken Go willſt. Lerne ſie näher kennen!“ Lhe⸗ 50 „Liebe Lavinia! Deine Liebe gegen mich macht Dich Lufrui blind, und Du würdeſt in aller Ewigkeit keine finden, die licts ſich für mich paßte. Darum, ſiehſt Du, muß ich ſelbſt ſlille zu wählen; denn wenn man auch zehn Jahre lang ginge di K und ein Mädchen ſtudirte, ſo würde man ſie doch nicht Leib a kennen lernen, ehe man mit ihr verheirathet wäre. Alſo 8 ſ dient das Warten zu nichts.“ i ht Und Rudolf wartete nicht: einige Wochen ſpäter war wa die ſchöne Julia ſeine Braut. ſein ſe Jetzt kam die Zeit für Lavinia's Hochzeit mit Gott⸗ Panut heaard herbei. Dieſe ſollte gegen das Ende des Auguſts nnne d gefeiert werden, wenn er von ſeiner Badereiſe zurückkehrte voll H Der Baron hatte ſich bemüht, Lavinia und ihr ſein Ha Tante zu uͤberreden, ihn auf dieſer Reiſe zu begleitennt nicht 4 aber die Tante betheuerte, ſie hätte ſchon ſo viele Neiſen werden aufhielt — gemacht, als ſie zu machen beabſichtigte, und Lavinia, La gerne ſie auch die Bitte ihres Bräutigams erfüllt habe h, da würde, mußte in G gelung einer paſſenden Reiſeg Wunſch daß ihre ſellſchaft zu Hauſe bleiben. Sechs Wochen ſind zwar keine lauge Zeit, wenn aht ſagte er du mir's ne Julia Hich noch mir zu ich paßt. ſie iſt zu e ein er⸗ er nichts, u meiner t. prichſt, ſo mir wohl bedenken acht Dich inden, die ich ſelbſt ang ginge doch nicht re. Alſo päter war mit Gott⸗ 6 Auguſte rückkehrte und ihre begleiten; ele Reiſen avinia, ſot üllt haben n Reiſege 1 wenn abe 47 die Wochen auf der Wage der Liebe gewogen werden, ſo werden ſie dennoch immer ſchwer. Und Lavinia, die jeden Tag, jede Stunde wog, verlor faſt ihren ganzen Muth, als gegen Ende des Auguſt von Gotthard die Nachricht einlief, daß ſeine Geſundheit, ſtatt beſſer zu werden, ſich ſo bedeutend verſchlimmert hätte, daß er nur ſehr langſam zurückkehren könnte, und gewiß erſt in der Mitte des September zu erwarten wäre. Rudolf würde ihm ſehr gerne augenblicklich ſentgegen gereist ſein, wenn er ſeine Reiſeroute gewußt hätte; darüber ſand ſich jedoch in Gotthard's Briefe nicht die geringſte Spur: im Gegentheil ſtand dort ausdrücklich, daß ihn kein Brief mehr an dem Badeorte, wo er ſich aufhielt, treffen würde. Der September verging zur Hälſte, er verging ganz, ehe Gotthard ankam. Mit heftig klopfendem Herzen flog Lavinia dem geliebten Kranken entgegen; doch da ſie ihn erblickte, ſo war ihr Herz nahe daran, vor Schrecken ſtille zu ſtehen. War das ihr ſchöner, ihr herrlicher Gotthard? Hatte die Krankheit ihn ſo verheert und entſtellt? Seele und Leib ſchienen zu leiden, und von einer Hochzeit konnte nicht weiter die Rede ſein. Gotthard ſelbſt ſagte auch kein Wort davon. Er war ſo wunderbar verändert, daß Lavinia ihn ſelbſt in ſeinen beſten und lichteſten Augenblicken nicht wieder er⸗ kannte. Und wenn ſie ihn mit ihrem gutmüthigen, lieb⸗ lichen Lächeln zu beleben ſuchte, wenn ihre Lippen Worte voll Hoffnung und Liebe redeten, ſo ſchüttelte er leiſe ſein Haupt und ſagte betrübt:„Nicht hier, Lavinia, nicht hier: ich habe es nicht verdient ſo glücklich zu werden. Ich will nun ſterben— das iſt das Beſte!“ Lavinia's Betrübniß war tief, grenzenlos; denn ſie ſah, daß er ſterben wollte, daß er nicht einmal den Wunſch hegte, geſund zu werden, gar nicht daran dachte, daß ihre Schickſale ſich vereinigen ſollten. Und dennoch ſagte er oft:„Hätte Gott es gewollt, wären wir ſchon weſen!“ lange mit einander verheirathet geweſen— o wie viel leichter und ſchoͤner wäre mir dann der Tod nicht ge⸗ Dieſe Worte kamen ihr vor wie ein Widerſpruch. Hätte er es wirklich gewünſcht, daß ſie als Gattin ſeiner pflegen und um ihn trauern ſollte, da es ihm leichter und ſchöner wurde in dieſem Verhältniſſe zu ſterben— warum begehrte er denn nicht, daß dieſes geſchah Glaubte er vielleicht, daß ſie es für ein Opfer halten würde? Sie hätte ihr weibliches Zartgefuͤhl überwinden und ihm einen Wink geben können, wie bereitwillig ſie wäre ihnen Beiden dieſen letzten Troſt zu ſchenken, wenn Gott⸗ hard arm geweſen wäre. Aber ſie konnte nicht ihre Furch überwinden, daß die Welt einen ſolchen Schritt falſt beurtheilen würde, wenn ſie ſich nun dazu entſchlöße. Darum ging der eine Tag nach dem andern, d eine Woche nach der andern hin, bis endlich Monat daraus wurden, ohne daß man ein Wort darüber ſprach das Verhältniß zu ändern. Doch ſaß keine Gattin treuet geduldiger, unermüdlicher an dem Krankenlager ihrt aatten, als Lavinia, an dem ihres Verlobten, und d keine Schwermüthigkeit ſich mit der Krankheit verein ſo erhielt ſie Blicke zum Dank, deren Sprache ihr ja Aufopferung erſetzte. Des Tages hatte ſie Lächeln un liebliche Worte, des Nachts in ihrer Einſamkeit Seuſß und Thränen. 3 „Die Betrübniß tödtet ſie!“ ſagten ihre Bekannt Doch die Betrübniß tödtete ſie nicht. Gleich nach Weihnachten kam die große Prüfu welche Lavinia zwar längſt vorhergeſehen hatte, weln ſie aber doch, da ſie kam, ohne Muth, ohne Stütze faß Am Abende vor ſeinem Hingange— Gotthard wuß daß er den folgenden Tag nicht erleben würde— bat um eine vertrauliche Unterredung mit ſeiner Braut. Anweſenden gingen hinaus, und als Lavinia allein ſeinem Wer ſaß un haben! B d ſein Kopf auf ihrem Arme ſo flu Hand „Lavin irre. duldig die Bit heute: meine l Du den nicht eh ihn abe diene ich Vo dauerns nahm L das beg — Gottha „Ach, Dein und e der To ſchloß, A auf G wachte Willen Brief, Lippen größer Car rſpruch. i ſeiner leichter rben— geſchah! r halten nden umd ſie wäre un Gott⸗ re Furch itt falſc hlöße. dern, d h Monat ver ſprach tin treuet iger ihr , undd t vereint e ihr ja ächeln un eit Seuſtt Bekann 2 Prüfum tte, welch Stütze fat hard wißt bat raut. 1 alleim Arme ru 49 ſo flüſterte er leiſe, indem ſeine bleichen Lippen die geliebte Hand berührten, welche ſie ihm anf ein Zeichen darreichte: „Lavinia, ich habe Deine Liebe nicht verdient!“ „O, mein Gotthard!“ ſagte ſie innig,„Du redeſt irre. Wer verdiente wohl mehr als Du, der Du ſo ge⸗ duldig keideſt, daß ſich einige Augenblicke von Seligkeit in die Bitterkeit miſchten, welche ich nicht zu entfernen ver⸗ mag und wollte ich Dir auch mein Leben ſchenken!“ „Nein, ich rede nicht irre, geliebte Lavinia! Und auch Du— o, das iſt das Bitterſte von Allem— auch Du wirſt Dich davon uberzeugen. Nicht jetzt, nicht heute: ich habe nicht den Muth dazu; und wenn Du meine letzte, meine innigſte Bitte erfüllen willſt, ſo brichſt Du den Brief, welchen Du in meinem Schreibpulte findeſt, nicht eher als am Tage nach meinem Begräbniſſe! Nimm ihn aber ſchon jetzt, da ich es ſehe— dieſe Strafe ver⸗ diene ich!“ Von einem Schmerze, den ſie in ihrer jetzigen be⸗ dauernswürdigen Lage nicht zu deuten verſuchen wollte, nahm Lavinia den Brief und gab ihm heilig und willig das begehrte Verſprechen. „Fühlſt Du nicht ſchon Kälte gegen Deinen armen Gotthard?“ fragte er mit unruhig forſchendem Blick. „Ach, warte ein wenig, laß ihn erſt kalt werden, da Dein Herz und Deine Augen noch Wärme für ihn uübrig haben!“ Bei dieſen Worten vergaß Lavinia alles außer ihm, und er war ihr einziger, ihr unaufhörlicher Gedanke, bis der Tod ihn ihren Armen entriß und in die ſeinigen ſchloß, bis das Grab ihn in ſeinem Schoße barg. Als aber der zweite Morgenſtrahl der Januarſonne auf Gotthard's ſchneebedeckten Grabhügel ſchien, ſo er⸗ wachte Lavinig aus dem ſchweren Traume, um dem letzten Willen ihres Gotthard nachzukommen. Sie nahm ſeinen Brief, betrachtete ihn lange und innig, und über ihre Lippen ſchwebte das Gebet, daß ihr Schmerz nicht noch größer werden möchte, als er ſchon war. 4 Carlen. Ein Jahr. Als das Siegel brach und ſie das Blatt entfaltete Julia f da verdunkelte die Thräne ihr Auge, ſo daß ſie kaun welche einen einzigen Buchſtaben zu leſen vermochte; doch all ſtändige mählig verſchwand der wolkige Schleier, Flammen von Feuer glommen in ihrem Blicke, und als ſie den Brif vinia, zum dritten Male durchgeleſen hatte, ſo erhob ſie ſich wollte, Es war, als hätte ihre Seele plötzlich die Trauer abge⸗ frohen worfen, als hätte ſie mit dem vulkaniſchen Seufzer, da Schwäc ſich ihrer Bruſt entwand, den letzten Liebesſeufzer aus Das He t geathmet. und fro an kam Gotthard's Name niemalz und mi 1— Von dieſem Tage ſelbſt die Erinnerung unnatürlich wurde, Verhältniſſe in welche ſie ſich in welchen ſie ſich noch an ihrem 1 wir zuerſt ihre Bekanntſchaft machten. Lavinia Drei Monate nach Gotthard's Tode verlor ſie ihl aller Li Tante. Fran Schönberg hatte mit Ausnahme einer g Julia u ringen Dispoſition für Rudolf, als ihre Üniverſalerdt reich ar Lavinia eingeſetzt— ein Vorzug, der gleichwohl nich Un und am allerwenigſten in dem geget überflut im Stande war, wärtigen Augenblicke, ihr die Freiſtätte zu erſetzen, die ſ zu krän in dem Hauſe ihrer Tante gehabt hatte. Jetzt konnte ſ da ſie es nicht länger abſchlagen, bei ihrem natürlichen Beſchuͤtzez neuer 8 ihrem Bruder, zu wohnen, der neulich Julig's gluͤcklich zu kom Gatte geworden war. legte, Rudolf hatte gehofft, daß ſein Glück ſich verdoppet La würde, wenn Lavinia das dritte Glied ihres kleinen Ku ſes werden würde. Doch darin hatte er ſich geirrt. Lauitſ war allzu ernſt, zu häuslich; mit einem Worte: ſie zu groß für Julia, welche kein Vergnügen daran fan von etwas Anderem als von Bällen, Schauſpielen, Moh und Liebe zu reden, wohlverſtanden von ſolcher Liebe t 51 entfaltete Julia für die einzig wahre hielt, das heißt diejenige, ſie kaun welche ſich in tauſend kleinen Aufmerkſamkeiten und be⸗ dooch all ſtändiger Geſchäftigkeit um den geliebten Gegenſtand offenbart. mmen von Mit dieſem Charakter war Julia allzu klein für La⸗ den Brif vinia, die vor allen Dingen kein Wort von Liebe hören b ſie ſich wollte, und die ferner in dieſer Zeit ihres Lebens zu den auer abge frohen Beſchäftigungen, welche die Welt ihrer jungen zufzer, da Schwägerin waren, nicht die geringſte Neigung hatte. eufzer aus Das Haus zu ordnen, ſo daß Rudolf ſich darin behaglich und froh füͤhlte, zu leſen, ihre Lieblingsſtücke zu ſpielen me niemal und mit Perſonen ſich zu unterhalten, welche ein Geſpräch ewöhnlicht von einiger Bedeutſamkeit führen konnten, das waren auch ſchw Lavinia's einzige Vergnügungen, und mit jedem Tage es Willen gab ſich die Verſchiedenheit in den Charakteren und den chmerz, Neigungen der Schwägerin mehr und mehr zu erkennen. n ſie hiebe Rudolf mit ſeiner offenen, leicht gerührten Seele Folge de ſtand zwiſchen Beiden; doch war er gegen Lavinia zu hatte, un aufmerkſam, ſo wurde Julia neidiſch; gab er ſich dagegen befand, n dem Einfluſſe ſeiner Gattin allzu ſehr hin, ſo beklagte ſich Lavinia zwar nicht, aber Rudolf verſtand ſie, und trotz lor ſie in aller Liebe und aller ſpielenden Lebhaftigkeit, mit welcher ie einer g Julia um ihn hertanzte, wurde ihm ſein Haus nicht ſo niverſalert reich an Gluck, wie er gehofft hatte. zwohl nich Un dieſe Zeit, da Lavinia es am tiefſten empfand, daß ſie dem geget überflüſſig war, und dennoch nicht, ohne Rudolf auf das tiefſte tzen, die t zu kränken, aus ſeinem Hauſe ſcheiden konnte, zu einer Zeit, tt konnte da ſie das Bedürfniß eines neuen Lebens, neuer Pflichten, Beſchutz neuer Thätigkeit fühlte, um aus einer Gemüthsſtimmung 3 gluͤcklich zu kommen, die immer ſchwerere Feſſeln auf ihre Seele 8 legte, kam der Rittmeiſter von C- ſköld in der Stadt an. verdoppi Lavinia hatte ihn ſchon bisweilen geſehen und wußte, leinen Kn daß er ein ehrenwerther und achtungswürdiger Mann war, rrt. Lavin wenn ſie auch weiter nichts zu ſeinem Vortheile kannte. te: ſie ¹ Und weil er ſo wenig zu bieten und ſie ſo wenig zu geben daran ſu hatte, fo erſchien ihr die Vereinigung mit ihm, da er llen, Ma nach Verlauf einiger Zeit um ihre Hand anhielt, wirklich 5 Liebe, nicht nur wünſchenswerth, ſondern ſogar willkommen. Es war bekannt, daß ſeine erſte Ehe nicht glücklit ſenwän geweſen war, weil ſie weder glücklich noch ungluͤcklif ſchenden geweſen war; doch hoffte Lavinia das Beſte, und war, A dieſes t ſie ihr Wort gab, entſchloſſen, die übernommenen Pflich in wele ten nach ihrem beſten Vermögen zu erfüllen. Aber birgt, näher die Zeit rückte, in welcher dieſe Pflichten erfü Stunde werden ſollten, um ſo mehr ſchauderte ſie und fühlte ſtt zurückgeſtoßen von der kalten Artigkeit, der beſtimmitman g Gleichgültigkeit in Ludwig's Weſen. Zwar fehlte iſo ausd außere Aufmerkſamkeit keinesweges; aber es war eine todt La Aufmerkſamkeit; und nie fiel es ihr ein, daß ſein Betrag Deine vielleicht größtentheils in ihrem eigenen ſeinen Grund hatt Inzwiſchen war der Schritt einmal gethan und.„2 winia, welche ein allzu leicht verletztes Gefühl für da„J Urtheil der Welt„beſaß, hatte keine Kraft oder keinDu das Willen ihn wieder rückgängig zu machen. Sie ſagte Eine Ge ſich beſtändig vor, daß es erträglicher werden würde, wemoch ärg ſie ihn erſt näher kennen lernte. So kam endlicheiͤdaß ſein Hochzeitabend herbei, welcher aber, wie wir geſehen habtpon aller das Spiel veränderte. Und nun, mit einer Scheidun„G. vor Augen, fühlten ſie ſich wenigſtens im Anfange michämten freier und natürlicher in ihrem neuen Verhältniſſe zu ſigeſtern 2 ander, als der Fall geweſen ſein würde bei der Gewißhganz übe einer unauflösbaren Vereinigung. neiner w nermehr — reiwillig aß... Sechstes Kapitel. 52. f 3 zeiß, da „Dieſe Gegend muß im Sommer göttlich ſein, häre har ſie ſogar im Herbſte ſo viele Reize haben kann!“ ſaßeit geſan Lavinia und beugte ſich ſo weit ſie konnte aus dem Waßg„Un heraus, um ſich recht umſehen zu können. Lahrheit „Es wurde mich ſehr freuen, wenn Du das meinte denn ich kenne keinen Punft auf Erden, den ich diß voorziehe. Dieſe mit Fichten und Tannen bekleideten F 53 cht glückliz ſenwände wecken meine Ehrfurcht, das Brauſen der rau⸗ unglücklif ſchenden Waldſtröme ſchlägt meine Seele mächtig an, und ad war, d dieſes tiefe von Wieſen und Laubhö zern umſchloſſene Thal, denen Pflich in welchem Roſenborg ſich vor neugierigen Blicken der⸗ . Aber birgt, weckt und erhält Gedanken, die mir in einſamen chten erfü Stunden weit lieber ſind, als jede Geſellſchaft.“ dHfühlte ſtt„Man hat Unrecht gehabt,“ dachte Lavinia,„als beſtimmitman glaubte, er ſei kalt und todt für alles. Wer ſich fehlte ſo ausdrückt, dem fehlt das Gefühl nicht.“ ar eine todt Laut aber äußerte ſie:„Wie freue ich mich, daß Du ein Betrag Deine Heimath ſo liebſt!“ Brund hatt„Zetzt biſt Du nicht aufrichtig, Lavinia!“ an und K.„Wie?“ ühl für de„Ich ſage: Du biſt nicht aufrichtig; denn wäreſt oder kein Du das, ſo würdeſt Du ſicherlich das Gegentheil ſagen. Sie ſagte Eine Gattin, welche für ihren Mann Abſcheu, oder, was vürde, wemoch ärger iſt, gar nichts empfindet, wünſcht gewiß, endlich idaß ſeine Heimath der Ort iſt, welchen er am wenigſten eſehen habtwon allen zu ſeinem beſtändigen Aufenthalte wählt.“ Scheidun„Guter Ludwig,“ entgegnete Lavinia mit einer ver⸗ Unfange mſchämten Röthe auf der Wange,„Dieſes Wort, das mir niſſe zu iigeſtern Morgen entfiel, kam mir, ich weiß nicht wie, er Gewißhganz übereilt und ganz außer dem Zuſammenhange mit neiner wirklichen Denkart in den Mund. Ich kaun nim⸗ nermehr Abſcheu empfinden gegen denjenigen, welchen ich reiwillig gewahlt habe, beſonders da ich weiß, daß... aß... „Das Band nur ein Jahr drücken wird.“ „O nein, daran dachte ich nicht... ſondern da ich heiß, daß, obgleich man mir geſagt hat, Dein Charakter ch ſein, hare hart und vielverlangend, man doch nicht die Wahr⸗ ann!“ ſaſeit geſagt hat.“ dem Waß„Und woher weißt Du, daß dieſes Gerücht nicht die ahrheit iſt? Du haſt ja doch wohl ſchon einige Er⸗ as meintithrung gemacht?⸗ n ich dieß„Eben dieſer Erfahrung verdanke ich meine Ueber⸗ leideten Ungung. Ich glaube, Du biſt aus Grundſatz unbiegſam, 54 nicht aber aus Härte; und da ich feſt uͤberzeugt bin, d Deine Grundſätze von der Ehre diktirt werden, ſo bint auch ohne Furcht.“ Die Lippen de angenehmen Lächeln; Und Du würdeſt mi 6 Nittmeiſters öffneten ſich zu eim doch antwortete er nichts. 7 r Unrecht thun,“ fuhr Lavit fort,„wenn Du glaubteſt, ich hätte Deinen Schutz u Deinen Namen in der unnatürlichen Hoffnung angend men, daß Deine Heimath Dir durch mich zuwider wer ſollte. Ich will im Gegentheil verſuchen, ſie Dir m angenehmer zu machen.“ „Welcher Spott! Doch, warum denn nicht? 1 Mancher iſt nicht glücklich in der Eitelkeit etwas Schüt zu beſitzen, das Andere bewundern und beneiden kön ſelbſt wenn man weiß, daß der Schatz, welcher Belu derung und Neid erweckt, nur ein geborgtes Eigenth iſt? Es iſt wohl wahr, daß dieſes Glück nur klein wenn man es vergleicht mit demjenigen, deſſen ſich Menſch erfreut, der ein wenn auch noch ſo unbedeuten 3 Kleinod beſitzt, das er bewahren, an das er ſich ge nen und das er endlich als einen Theil von ſich ſ lieben kann. Wenn man aber nur glücklich genng um ſich vor Vergleichungen in Acht zu nehmen, 1 gnügt man ſich beſcheiden mit ſeinem Looſe.“ „Mein guter Ludwig!“ entgegnete Lavinia von d Andeutungen gepeinigt,„ich bitte Dich zu bedenken ich wuͤnſche nicht mehr nöthig zu haben, Dich data erinnern, daß Dein eigener Wille das Verhältnißt vorgebracht hat, welches zwiſchen uns beſteht. 3 dieſes Verhältniß nun einmal ſo iſt wie es iſt, ich erde wenig mit Deinem Charakter über Du verſuchen wollteſt es zu änder d etwas nicht ändern kann und nicht hut man wahrſcheinlich am beſten, we Daß 74 Gewiß war dieſe Antwort zu einem Manne, ſanft ſie wurde davon auge 1 überze Wang die w etwas ner er der S allmä wande 2 rakter L zwiſch jetzigen dieſes müths nie m ſich ge noch Ganzer Sollte Sollte ganz traurig S geben, könnte wuͤnſch leicht e S ugt bin, d u, ſo bint ich zu eim s. fuhr Lavit Schutz u ng angench wider wer ſie Dir m nicht? 1 ttwas Schut neiden köng ellcher Bei tes Eigenth nur klein deſſen ſich unbedeuten er ſich get von ſich ſ lich genug ehmen, ſe 77 nia von d bedenken; Dich data erhältniß teht. Da es iſt, ſo ter überein ändern. d nicht i en, wenuf — Manne 1 n augent 4 „ 55 überzeugt, als ſie ſah, wie ſich die friſche Röthe auf der Wange ihres Gatten in eine Art von Farbe verwandelte, die weder blau, noch weiß, noch gelb war, aber doch etwas von allen dieſen Farben enthielt, und als ſie fer⸗ ner eine Art von Tönen hörte, welche das heſtige Zittern der Stimme anfangs unverſtändlich machte, die ſich aber allmählig in Worte, kurze, leiſe, beſtimmte Worte ver⸗ wandelten, die folgender Maßen lauteten: „Sei ruhig, ich werde nie wieder von meinem Cha⸗ rakter abgehen!“ Lavinia erblaßte. Sie fühlte, wenn jetzt nichts da⸗ zwiſchen käme, wenn er ſie unter dem Einfluſſe ſeiner jetzigen Gemüthsſtimmung in ſeinem Hauſe einführte(und dieſes begann ſchon ſichtbar zu werden), daß dieſe Ge⸗ müthsſtimmung dann anhaltend werden und ſich' ielleicht nie mildern laſſen würde. Aber was wollte ſie jetzt wohl ſagen, wie ſollte ſie ſich gegen dieſen Mann am beſten benehmen, den ſie eben noch gegen ſeinen Ruf vertheidigt hatte, der doch im Ganzen genommen vielleicht nicht ganz grundlos war? Sollte ſie verſuchen, den Gegenſtand fallen zu laſſen? Sollte ſie bekennen, daß ſie etwas geſagt hätte, das nicht ganz recht war? Oder ſollte ſie ſich bange, unruhig, traurig zeigen, wie ſie wirklich war? Sie verwarf Alles. Das Erſte würde ihr einen Anſtrich von Leichtſinn geben, welcher ihrem Charakter fremd war; das Zweite könnte leicht zu Erklärungen führen, die auf keine Weiſe wunſchenswerth wären, und das Dritte würde ihm viel⸗ leicht ein allzu beſtimmtes Uebergewicht ſchenken. Sie bemühte ſich daher vor allen Dingen die Faſ⸗ ſung zu behalten, und nach einigen Augenblicten, eha ſie ihrer Stimme gewiß war, ſagte ſie in einem Tone, wel⸗ her ihr tiefes Vermögen, die große Wichtigkeit von der rechten Anwendung der Stimnie aufzuſaſſen und anzu⸗ wenden, erkennen ließ(ihre Stimme war zu gleicher Zeit ſanft, achtungsvoll, feſt und klar mit dem allerleichteſten Anſtrich von gedämpfter Verwunderung):„Ludwig, Du biſt unzufrieden; aber ich wage dennoch zu hoffen, daß Du mich nicht dadurch kränkſt, daß Du dieſes Gefühl mit Dir in die Wohnung nimmſt, welche uns eine ge⸗ meinſame werden ſoll.“ 3 „Fahre um die Kirche!“ rief der Rittmeiſter mit ſeinem ganzen vollen und tiefen Baß, als der Kutſcher ſchon den linken Zügel anzog, um wie gewöhnlich in die Allee einzubiegen. Der Weg um die Kirche war nur eine halbe Meile länger! Lavinia begriff nicht recht, was dieſer Befehl bedeu⸗ ten ſollte. Die Schornſteine von Roſenborg waren ſchon durch die Bäume zu ſehen, und jetzt ſchlug man einen ganz entgegengeſetzten Weg ein! Wollte er ihr einige Anlagen zeigen, oder wollte er ſich erſt abkühlen, ehe er nach Hauſe kam? Inzwiſchen ſagte ſie nichts. Hatte er die Antwon vergeſſen, oder wollte er keine geben? Lauter Fragen, auf welche keine Antwort zu erhal⸗ ten war, und Lavinia mußte ſich ſelbſt geſtehen, daß da Anfang nicht viel verſprechend war. Der Wagen rollte ſchnell dahin; der Rittmeiſter war ſtill und Lavinig ebenfalls. Endlich lag die Kirche, en alter düſterer Tempel aus der Vorzeit, umſchattet von hohen Bäumen, deren ergilbte Kronen dem Gebäude en noch ernſteres und düſtreres Gepräge verliehen, vor ihnen „Halt!“ erſcholl die Stimme des Rittmeiſters, al der Wagen an dem ſchmalen Fußpfade vorbeieilte, da auf den Kirchhof leitete. 4 Bei dieſem„Halt!“ ausgeſprochen in einem Ton den man unmöglich wieder geben konnte, ſchauderte L vinig unwillkührlich zuſammen. Sie wußte ſelbſt nuh was ſie glaubte, was ſie fürchtete; aber eine unendlich Angſt preßte ihre Bruſt.— 3 „Wenn es Dir beliebt, ſo beſehen wir mit einattt das Grab meiner Frau!“ 4 Lo lieber: nade z handen D den Fu S ber un Gras ten Ha Kreuze decke ki und gr 9. mit ein deutete, Denkm ſie— Lo dieſes 2 welche und je verweil preſſen. 2 Dich a betreten ruhigen aber ies ſten fü müſſen, lichſten gebört, leicht ſie an den vig, Du en, daß s Gefühl eine ge⸗ iſter mit Kutſcher cch in die be Meilt hl bedeu⸗ ren ſchon nan einen hr einige hlen, ehe Antwon zu erhal⸗ „ daß da ſter wa irche, en jattet von bäͤude en vor ihnen ſters, al heilte, da nem Tont uderte La⸗ llbſt nicht unendlich t einatde 57 Lavinia machte ſich ſogleich bereit aufzuſtehen; weit lieber wuͤrde ſie es zwar geſehen haben, dieſer Prome⸗ nade zu entgehen, doch dazu war kein Vorwand vor⸗ handen. Der Rittmeiſter reichte ihr den Arm und ſie gingen den Fußſteig hinauf. Schon hatten die Herbſtwinde die Blumen der Grä⸗ ber unſanſt abgeriſſen und umher geſtreut, das grüne Gras von dem ſchützenden Raſen ſchon bis auf den letz⸗ ten Halm hinweggeführt, und hie und da die ſchwarzen Kreuze herabgebeugt, ſo daß ihre Spitzen die graue Erd⸗ decke küßten. Ueber der ganzen Landſchaft lag der ſchwere und graue Schleier des Herbſttages.“ 5) „Hier,“ ſagte der Rittmeiſter, indem er auf einen mit einem hohen eiſernen Geländer umgebenen Grabplatz deutete, deſſen Inneres mit Anpflanzungen und einem Denkmale von ſeltener Schönheit geziert war,„hier ruht ſie— hier ſchläft meine arme Charlotte!“ Lavinia lehnte ſich an das Gitter und betrachtete dieſes Plätzchen, welches die Mutter der Kinder umſchloß, welche ſie nun als ihre eigenen entgegen zu nehmen ging; und je länger ihr Blick auf den Runen des Grabſteines verweilte, um ſo mehr ſchien ihr Herz ſich zuſammen zu preſſen. „Es kommt Dir vielleicht wunderlich vor, daß ich Dich auf dieſen Beſuch einlade, ehe Du noch das Haus betreten haſt, welches Charlotte vor zwei Jahren mit der ruhigen, friedevollen Heimath vertauſchte, die ſie hier hat; aber ich hielt dieſen Ort vor allen andern am geeignet⸗ ſten für dasjenige, was ich Dir zu ſagen habe.“ —Der Ueberſetzer glaubt bier die Anmerkung machen zu müſſen, daß der Monat S pteiber in Schweden, die allernörd⸗ lichſten Gegenden etwa ausgenommen, noch zu den freundlicheren gebört, daß daher die Verfaſſerin ſich in der Zeit geirrt und viel⸗ leicht ſtatt des 27. Septembers an den 27. Oktober oder beſſer an den 27. November gedacht hat. Anm, des Ueberſ. 58 Lavinia blickte auf. Ludwig's Geſicht war ernſt und beſtimmt; aber keine von den Bewegungen, die ſie vor Kurzem dort geſehen hatte, regte ſich jetzt. „Das Gerücht hat Dir nicht vorgelogen, als es ſagte, daß mein Charakter hart und viel verlangend iſt. Wie ich aber ſchon an unſerm Hochzeitabende erwähnt habe, würde er nicht hart und kalt ſein können gegen denjenigen, der mich verſtände. Ich hatte gleichwohl Unrecht, als ich ſagte, daß noch kein Menſch dieſes ge⸗ wollt hat: ich glaube, Charlotte wollte mich verſtehen, doch zwiſchen unſern Charakteren war zu gleicher Zeit eine zu große Gleichheit und eine allzu große Ungleich⸗ heit, als daß es je ſo hätte werden können, wie es ſollte Ich glaube kaum, daß zwiſchen Ehegatten ein rechtes Glück beſtehen kann, wenn ſie ſich nicht in Gedanken, Charakter und Anſichten ſcheiden; nur die Liebe allein, die reine Liebe nämlich, muß ſie vereinigen. Und i dies der Fall, ſo werden die Ungleichheiten, wie ich s verſtehe, ſich unmerklich nach einander bilden, ſo daß keine ſcharfen Ecken entſtehen, doch ſtets mit Beibehaltumg ſo großer Verſchiedenheit, daß das tägliche Leben durg allzu große Uebereinſtimmung nicht trivial wird.“ Lavinia war noch nicht mit ſich ſelbſt einig gewor⸗ den, was ſie eigentlich auf dieſe Mittheilung antworte ſollte, als ihr Gemahl, ohne dieſe Antwort zu erwarten ohne nur daran zu denken, fortfuhr: Zwar habe ich nun nach langen hartnäckige Kämpfen es theilweiſe ſo weit gebracht, daß ich die m. türliche Heftigkeit, das wilde Aufbrauſen meines ias ters, zügeln kann; doch vereint mit einem Weibe, woi ches flammt da ich flamme, Eis wird, wenn ich GCh werde, und von Neuem brennt wie ich, wenn eine un Streitfrage entſteht, würde ich zuletzt... Genug; i brauche dies Bild nicht zu vollenden, Du verſtehſt t Und nun verſtehſt Du, warum ich zwei Jahre lang bitterer Trauer ausſchließlich dem Andenken meiner he gen Fran gelebt habe. Hier auf dieſem Grabe“— ſ 8 4 Stin vinic Sole lang zu it Klar dort ſie v ſtand den nicht nicht war auf mit Stie genſ ergr einn ich floh bliet Alte Be nach ten löſe ihre daß war ernſt ie ſie vor , als es ngend iſt. erwähnt nen gegen gleichwohl dieſes ge⸗ verſtehen; eicher Zeit Ungleich⸗ e es ſollten in rechtes Gedanken, ebe allein, Und iſt wie ich d un, ſo daß ſeibehaltung beben durch d.“ nig gewor⸗ antworten u erwarten hartnäckigen ich die n nes Charah Veibe, we enn ich GCh n eine neu Genug, it verſtehſt a Fre lang ſ meiner ſet be“— ſet 59 Stimme wurde ganz außerordentlich weich—„hier, La⸗ vinia, hier habe ich geweint, Thränen der Reue geweint! Solche Thränen brennen auf das Herz und verſiegen nur langſam.“ Er ſchwieg. Lavinia aber vermochte nicht ihren Blick zu ihm zu erheben, vermochte kein Wort zu ſagen. Der Klang ſeiner Stimme drang ihr in die Seele und weckte dort ein herzliches Wohlwollen, ein inniges Mitleiden... ſie verſtand ihn jetzt, ſie verſtand, was er ſelbſt mißver⸗ ſtand mit dieſen Verſchiedenheiten im Charakter und in den Anſichten. Aber jetzt wenigſtens konnte ſie ihm dies nicht ſagen. Nach einigen Augenblicken fuhr er fort:„Das war nicht Alles, was ich Dir ſagen wollte. Die Erfahrung war mir eine theure Lehrerin geweſen, ich glaubte mich auf ſie verlaſſen zu können, und mit beruhigter Seale, mit der Gewißheit, daß Charlotte, gleich mir, längſt die Stiche verziehen hätte, welche unſere Charaktere ſich ge⸗ genſeitig zugefügt hatten, erhob ich mich von Neuem, ergriffen von einem ernſten und innigen Verlangen, noch einmal nach dieſem Glücke zu ſuchen, von deſſen Daſein ich mich uͤberzeugt hielt, obgleich es mir bis dahin gee. flohen war. Ich ſah ſo manches Weib; aber mein Herz blieb kalt; die Liebe wollte nicht kommen, und in einem Alter von neun und zwanzig Jahren habe ich noch keinen Begriff von dieſem Gefühle, über welches ich tauſendmal nachgedacht habe, ſo wie man über einen künſtlichen Kno⸗ ten nachdenkt, den man ſich auf alle erdenkliche Weiſe zu löſen bemüht, ohne daß der Verſuch gelingen will. Noch einmal unterbrach er ſich. Lavinia zitterte, ihre Bewegung wurde immer größer; aber ſie verſtand, daß ſie nur hören, nicht aber antworten durfte. „Als ich zuerſt von Dir hörte, Lavinia, da wurde mein Intereſſe durch die Schilderung Deines Betragens nach dem Tode Deines Verlobten geweckt. Ein Weib, das ſo über ſeinen Willen gebieten kann, muß einen merkwür⸗ dig ruhigen Charakter haben. Natürlich hat ſie einen Grund von tiefer Bedeutung für ihre Handlungsweiſe— nes(. um ſo merkwürdiger: ein junges Mädchen, das die Stimme höher der Vernunft und das Gründe zu hören vermag, wo das es her Gefühl ſpricht, gibt die beſte Hoffnung, eine vortreffliche welche Gattin zu werden. Dieſe Gedanken beſchäftigten mich ſo abhan lange, bis ich beſchloß, Dich zu ſehen Deine Schönheit 4 zog, wie ich Dir ſchon geſagt habe, meine Bewunderung neuen auf ſich; doch, vergib mir, Deine Schönheit war zu kalt, Die 7 um etwas mehr zu wecken. Dein verſchloſſenes Weſen, zitterte Dein ruhiger Ernſt machten ebenfalls keinen wohlthätigen ſeine( Eindruck auf mein Gemüth; aber Deine weibliche Guͤte, etwas 6 Dein ſchöner Ordnungsſinn gefielen mir um ſo mehrz und da dieſe Eigenſchaften ſich mit einem Gedanken ver⸗ ernſte Wleinten, der ſtets wiederkehrte: ‚ſie und keine Andere paßt thateſt für mich! ſo hielt ich um Deine Hand an in dem feſten zu füg Borſatze, nicht nur ſelbſt glücklich zu werden, ſondern ten he auch mit allen meinen Kräften Dein Glück— Seligkeit darauf wage ich nicht mehr zu ſagen— zu bereiten. Unſre ge⸗ ſchütter genſeitigen Verſpie hungen waren nicht überſpannt, keine wir in ſchwindelnden Hoffnungen beſtachen unſre Vernunft, ich ſo unb ponnte alſo hoffen, mich nicht allzu ſehr zu verrechnen nern er — und nichts deſto weniger,“ fuhr er in einem unaus⸗ ich viel Wrrechlich ausdrucksvollen Tone fort,„verrechnete ich mich! zeugung unſre Verlobungszeit führte uns einander nicht näher. einmal Ich ſah recht gut, daß Du es nicht wünſchteſt, und von ihr dachte: ſind wir erſt vereinigt, ſo wird ſie in meinem noch da Herzen leſen und mich beſſer beurtheilen, als ſie jetzt eine ger thut... Was darauf folgte, brauche ich nicht zu wie⸗ ich gar derholen; Deine ſtumme Betrübniß, Deine allzu große mit vol und unbedachtſame Aufrichtigkeit riefen ſchon an unſerm daß es Hochzeitabende eines von dieſen Ausbrüchen des Zornes zeigen, hervor, die ich ſo oft zurückzukaufen gewünſcht habe. lange a ich ſage es nicht von dieſem,“ ſetzte er eilfertig mit einen Doch ſe düſtern, ſcharfen Errothen hinzu,„denn mit der Geſin⸗ an, dar nung, die Du hegſt, muͤſſen wir den gefaßten Entſchluß für den beſten halten; ſondern ich ſage es, um Dich da⸗ Erklätu⸗ 7 weiſe— Stimme wo das treffliche mich ſo Schönheit underung zu kalt, 3 Weſen, lthätigen he Güte, o mehr; aken ver⸗ dere paßt em feſten ſondern Seligkeit Unſre ge⸗ it, keine unft, ich errechnen unaus⸗ ch mich! t näher. eſt, und meinem ſie jetzt zu wie⸗ zu große unſerm Zornes abe... nit einem r Geſin⸗ ntſchluß Dich, da⸗ ſen mets 61 nes Charakters zurückkehren kann, und daß es immer in höherem oder geringerem Grade von Dir abhängen muß, es hervorzurufen oder zurückzuhalten— eine Sache, von welcher unſer häuslicher Frieden natürlicher Weiſe ganz abhangen muß. Ich...“ Der Rittmeiſter ſchien die Abſicht zu haben, einen neuen Satz zu beginnnen, aber er hielt plötzlich inne. Die Farbe kam und floh auf ſeinem Geſichte, die Lippen zitterten, er warf einen ſchnellen und ſcheuen Blick auf ſeine Gattin, welche ſtotternd ſagte:„Du wollteſt noch etwas ſagen, glaube ich!“ „Ja wohl, ja; doch deſſen bedarf es nicht. Deine ernſte Berufung auf meinen Charakter, die Du neulich thateſt, beweist hinlänglich, daß ich nichts weiter hinzu zu fügen brauche. Deſſen ungeachtet, obgleich wir Gat⸗ ten heißen, mußt Du Dich hüten, noch ferner Dich darauf zu berufen. Meine Seele erfuhr dabei eine Er⸗ ſchütterung, welche das Verlangen hervorrief, hier, ehe wir in unſere Wohnung eintraten, Dir zu zeigen, wohin ſo unbedachtſame Worte führen können. In meinem In⸗ nern erkenne ich es, wenn ich mich geirrt habe, und daß ich vielleicht bisweilen auf Koſten meiner eigenen Ueber⸗ zeugung bei einer gefaßten Idee verblieben bin; doch nicht einmal von meiner Gattin, ja vielleicht am aberwenigſten von ihr dulde ich es, daß ſie darauf hindeutet. Und liegt noch dazu nicht nur eine Art von Spott, ſondern ſogar eine gewiſſe Ueberlegenheit in dieſer Hindeutung, ſo könnte ich gar leicht dahin getrieben werden, auf's Neue und mit vollem Ernſte bei der Ueberzeugung zu verbleiben, daß es keines ganzen Jahres bedarf, um der Welt zu zeigen, daß zwei Menſchen ſchon nach einigen Stunden lange genug bei einander verlebt zu haben vermeinen. Doch ſei diefes genug davon! Ich ſehe es Deinem Blicke an, daß Du beleidigt biſt: um ſo beſſer alſo verſtehſt Du, was ich vor Kurzem fühlte. Aber ich bin Dir die Erklaͤrung ſchuldig: wenn ich auch Deine verſöhnenden Worte ohne Erwiederung ließ, ich dennoch dieſelben be⸗ rückſichtigte; denn nun führe ich Dich in Deine künftige ſchma Wohnung mit einer Gemüthsſtimmung ein, die Dir nicht weg; ſchaden kann.... Und nun eine Bitte— die erſte und anden vielleicht auch die letzte, die ich an Dich richte—: ſei zwar zärtlich gegen meine Kleinen; ſei ſo, daß Du immer ru⸗ Klüfte hig an dem Orte weilen kannſt, wo wir jetzt ſtehen, und Stand meine verdoppelte Achtung und Aufmerkſamkeit werden angen, Dir gehören!“— „Ich muß geſtehen,“ ſagte Lavinia leiſe,„daß Du ſiräme meine Gefühle auf vielfache Weiſe aufgeregt haſt. Da borg ſ aber die Eindrücke allzu ſchnell auf einander gefolgt ſind, Vergej um ſich unterſcheiden und zu einer beſtimmten Richtſchnut zu ſtei für mein Urtheil über dieſen Augenblick ordnen zu laſſen ſetzen ſo ſchiebe ich daſſelbe auf und will nur ſagen, daß i ſee que Deinem Worte nachzukommen ſtreben will in Allem, was nicht gegen meine eigene Ueberzeugung von den Grenzen unſicher gewiſſer Verhältniſſe ſtreitet. Was aber Deine Bitte hi konnte, ſichtlich der Kinder betrifft, ſo werde ich dieſelbe ſtets mi 54 den äußerſten Kräften meiner Seele zu erfüllen ſuchen ſagte d Dieſe Pflicht wird mir eine eben ſo theure als hei Jo ige ſein.“ 2 1 ſeneinines Antwort ſchien den Rittmeiſter ſo ziemlt ſülerhe zu befriedigen in ſofern es die Worte betraf; doch er hätte ie mißte er in ihrer Stimme dieſen feinen und herzlicht jemals Ausdruck von herzlicher Achtung, welche ſie in dieſelbe La⸗ hineinlegen konnte, und welcher ihn ſchon ſo ſehr feſſet Sprichn und ihm ſo ausgezeichnet gefiel, daß er jetzt, da er ausbli dennoch eine Unzufriedenheit fühlte, über welche ſich gleichw Wagen gar nichts ſagen ließ. 1 wenden, Ohne ein Wort weiter zu ſagen, führ er ſie jie eſen w von dem Kirchhofe hinweg; und Lavinia's Gefühl, bitten. ſie ſich wiederum auf den weichen Wagenkiſſen„8 ſetzte, war dieſes:„Dies iſt erſt der zweite Tag; urze Be noch elf Monate und acht und zwanzig Tage!.. die Wag eine Jahr ſcheint ſo lang werden zu wollen wie zeherchte u Doch wir werden ja ſehen!“ Anſtatt des großen und ebenen Weges kam jebzt „Lie 63 e künftige ſchmaler und vom Herbſtregen übel zugerichteter Neben⸗ Dir nicht weg;z die Räder ſchnitten bald auf der einen bald auf der erſte und andern Seite tief ein, und dazu kamen Anhöhen, die te—: ſei zwar wegen der wilden und pittoresken Abgründe und immer ru⸗ Klüfte an ihren Seiten poetiſch ſchön, aber von dem rehen, und Standpunkte, den Lavinia jetzt inne hatte, keineswegs eit werden angenehm zu ſchauen waren. . An einer Stelle hatte einer der mächtigen Wald⸗ „daß Du ſtröme, deren majeſtätiſches Brauſen der Herr auf Roſen⸗ haſt. Da borg ſo ſehr liebte, den Einfall gehabt, mit völligem efolgt ſind, Vergeſſen alles Maßes über das ihm angewieſene Bett Richtſchnu zu ſteigen, alles hinwegzuräumen, was ſich ihm entgegen n zu laſſen ſetzen wollte, und ganz einfach einen kleinen paſſabeln Land⸗ n, daß i ſee quer über den Weg zu eröffnen. Allem, watß Der Kutſcher hielt ſtill und ſah ſich um. Da es den Grenzet unſicher war, ob der auſgelöste Weg unten Stand halten Bitte hin fonnte, ſo wagte er ohne Beſehl nicht weiter zu fahren. be ſtets mi„Der Weg iſt ja fürchterlich ſchlecht, Johnſon!“ llen ſuchen ſagte der Rittmeiſter. re als ha Johnſon antwortete hierauf nichts anders, als ein ſchleppendes:„Ganz ſchrecklich, Herr Rittmeiſter!“ nahm ſo ziemli dabei aber eine Miene an, welche deutlich ſagte:„Das doch ver hätte ich vorher ſagen können, wenn nur kluge Leute d herzlicht jemals etwas ſagen dürften!“ in dieſelbe Lavinia war ſo ängſtlich, daß ihr, wie das alte ſehr feſſt Sprichwort ſagt, das Herz beinahe an der Kehle ſaß; er ausblit dennoch zwang ſie ſich, ruhig zu erſcheinen, denn der gleichwe Wagen konnte an dem Platze, wo er jetzt ſtand, weder venden, noch konnte ſie, wenn ſolches auch möglich ge⸗ eer ſie jeweſen wäre ges über ſich bringen, ihren Mann darum efühl, ſbitten. iſſen zuͤrei„Halt, und ſpanne das eine Pſerd aus!a war der Tag; afkurze Befehl, den der Rittmeiſter ertheilte, indem er ſelbſt 1... didie Wagenthür öffnete und hinausſprang. Johnſon ge⸗ wie üherchte und führte das Pferd vor. iebe Lavinia! willſt Du Dich nun mir anver⸗ kam jebt ſtrauen? Ich ſehe es Dir an, daß Du Dich fürchteſt im — 64 wirklich keine Gefahr vorhan⸗ Wagen zu ſitzen, obgleich wollte den iſt.“. Zügel „Wenn Du das ſagſt, ſo fürchte ich mich nicht, und Alben erreic bleibe ruhig ſitzen.“ „Da es gleichwohl allzu unritterlich von mir wäre, t— alln des B Deinen Muth— ſo ſehr er mir auch gefäll ſehr in Anſpruch zu nehmen, ſo wirſt Du mir gew Ponire das Vergnügen nicht verſagen, auf dieſe Weiſe hinüber⸗ Slie ige zuſetzen.“ Er ſchwang ſich bei dieſen Worten auf das Pfeth T hob Lavinia zu ſich hinauf ſo leicht, als ob ein Wind ſi ſtern, genommen hätte, und ritt Schritt für Schritt durch da nem F improviſirte Meer. nicht o Doch ſiehl als der große Reiſewagen hinüber ſollt in der ſo ging es nicht ſo leicht. Die Unterlage von Steing wechſel und Balken war durch die hinweggeſpülte Erde faſt bla⸗ ſchien geworden, und als der Wagen etwa die Mitte erreich mantex hatte, ſo ſaß die eine Achſe feſt. Die ſtarken ſchöng deien 9 Pferde begannen bei dem ungewöhnlichen Widerſtande di grin ſchnauben und ſich ein wenig zu bäumen. Noch d loichſi Augenblick, und der Wagen wäre zerbrochen. weinen „Halt' die Pferde an!“ 2 Den Rock abwerfend war der Rittmeiſter ſchnell eugt 1 Waſſer und mit einigen tüchtigen Griffen mit ſen Pate muskelſtarken Händen kam die Achſe wieder in die Höht Kr 2 und er ſtand triefend von Waſſer und ſchwitzend von Hau 19 Anſtrengung neben dem geretteten Wagen, den er ge pig beſchaute, ohne nur an ſich ſelbſt im Mindeſten denken. „Damit hat's keine Noth!“ ſagte er zuletzt und an Lavinia wendend, die mit geheimer Frende ihn trachtet hatte, äußerte er:„Sei nun ſo gut und ſ auf— ich kann meinen Dienſt als Cavalier nicht richten!“ Sobald der letzte Zipfel von Lavinig's oberhalb des Fußtrittes verſchwunden war, machte einer leichten Verbeugung die Wagenthür zu, un he ſie Zeit hatte zu fragen, ob er nicht auch 8 * 65 vorhan⸗ wollte, ſchon auf dem Kutſchbocke, wo er ſelbſt die Zägel ergriff. Hierauf ging die Reiſe ohne weitere . Abenteuer glücklich von Statten bis man den Herrenſitz nicht, un erreichte. So wie eine große Fondcouliſſe bei dem Aufziehen des Vorhanges das Auge des Zuſchauers mit ſeiner im⸗ ponirenden Schönheit ſchlägt, ſo ſtellte ſich auch Lavinia's Blicken das mild ſchöne und von Seiten der Natur groß⸗ artige Roſenborg dar. 8 das Pferz Das weiß überworfene Haus mit ſeinen hohen Fen⸗ Wi d ſt ſtern, ſeinem Balkon an dem erſten Stockwerke und ſei⸗ b deh n nem Frontiſpice an dem zweiten deutete auf Bequemlichkeit, durch de nicht aber auf Lurus hin. Und des Lurus konnte es auch in der That entbehren, da es rund umher mit den ab⸗ wechſelndſten Gemälden prunkte. Das ganze liebliche Thal ſi blt ſchien nebſt einem ſtarken und prächtigen Bache, welcher e faſt b munter durch daſſelbe tanzte, von den mit Wald beklei⸗ itte erreit deten Rieſenarmen getragen zu werden, während hie und ken ſchon da eine dunkelgraue Kluft mit ihren nakten Wänden derſtande gleichſam aus dem mütterlichen Buſen verſtoßen einer Noch weinenden Stieftochter glich, deren Thränen zuletzt auf der rauhen Wange erſtarrt waren. 1 Auch die Kunſt war nicht unthätig geweſen, das be⸗ er ſchnell zeugte der prächtige Garten, die Gänge in dem wilden mit ſein Parke und die kleinen Werder in dem Bache. in die Ha Jetzt fuhr der Wagen in den Hof und hielt vor dem tend von Hauptgebäude. den er geit Mindeſten mir wäre, t— allu mir gewiß e hinüber⸗ nüber ſollte don Steine etzt und.. ledt ihn Siebentes Kapitel. gut und lier nicht h Auf dem unterſten Abſatze der halbkreisförmigen Treppe avinia's Kſtanden zwei Perſonen von beſonders achtungswerthem machte ei leußeren. Die eine war ein Mann von mittleren Jah⸗ zu, und aaten mit hannen flachsgelben Haaren, welche in einen großen t auch font Calen. Ein Jahr. 5 Wirbel auf die eine Seite gelegt waren. Er hielt die lich eine Hand in den Aufſchlägen des Rockes an der Bruſt fü 3 eingeſteckt, während die andere mit dem Hute einen Cir⸗ 9 kel beſchrieb gleich demjenigen, den ſein eigener ſchlanker Frau und magerer Körper bildete. 3 als Die ſprechende Ehrerbietung in dieſer Art zu grüßen, ſtan 1 deren Steifheit durch die unverwüſtliche Ruhe in dem ü4 Geſichte des Mannes noch erhöht wurde, war keinesweges enb. geringer als die der neben ihm ſtehenden reſpectablen ſut Dame; denn ſie bewerkſtelligte ihren Gruß nicht allei Diin mit Ceremonie, ſondern auch mit einer Biegſamkeit, das der 3 man nur die weiße geſteifte Haube und die beiden Kang das nenlocken an jeder Seite derſelben aus der Wolke, welch mer die weiten Kleider bildeten, hervorblicken ſah, als ſie ſih 8 in einem Knire herabſenkte, der wenigſtens einige Secu, wünſt den dauerte. Ihr Lavinia konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Layr „Befinden ſich die Kinder gut?“ waren die erſtn den a Worte des Rittmeiſters, und als hierauf ein zwiefachen „ja, Gott behüte, Herr Rittmeiſter!“ erfolgte, ſo hieß vinia weiter, indem er nickte und mit der Hand grüßte:„Mai 3 Inſpektor, der Feldwebel Stark und meine Hausvorſteßz als n rin, Frau Brunsberg!“ Und hiemit war er vom Kutſth und f bock herab, um ſelbſt die Wagenthür zu öffnen. bel „Der Herr Rittmeiſter haben, wie ich ſehe, den u es Far dern Weg zu nehmen beliebt!“ ſagte der Inſpektor da er leiſem, anſpruchsloſem Tone und ſchickte einen Blick, iR nehme nicht ganz frei war von Unzufriedenheit, auf die noch cher C ſenden Kleider des Nittmeiſters. Kirrchl „Nun, die Ehrenpforte wird wohl ein wenig h zwiſch ſchämt ausſehen!“ fügte Frau Brunsberg hinzu; u„ſollen der Ton verrieth, daß ſie trotz der Achtung vor ihn des B Herrn ſo ziemlich gewohnt war, ihre Meinung genß benhei heraus zu igen. „Wollen ſie morgen bewundern!“ ſagte der Rittt ſter mit einem Ausdrucke voll Güte, der berechnet u eine k die Betrübniß wieder gut zu machen, die er ſeinem ſo lan 8 7 veranl 6 hielt die der Bruſt nen Cir⸗ ſchlanker u grüßen, in dem einesweges ſpectablen icht allenn mkeit, daß den Kanc⸗ lke, welch als ſie ſit ge Secu ken. die erſte zwiefachen ſo hieß n zte:„Ma usvorſteht om Kutſch he, den an ſpektor m Blick, d ie noch ieß wenig k 67 lichen Inſpektor und ſeiner hurtigen Haushälterin zuge⸗ fügt hatte. Inzwiſchen war man die Treppe hinaufgekommen. Frau Brunsberg öffnete ſowohl die Thüren des Tambours als auch des großen ſchönen Saales; doch der Rittmeiſter ſtand ſtill an der Schwelle und ſagte: „Erlaube, gute Lavinia, daß ich Dich hier einige Au⸗ genblicke verlaſſe, ſofern Du es nicht vorziehſt, während ich mich in aller Eile umkleide, ſelbſt die Bekanntſchaft Deiner kleinen Töchter zu machen.“ Er deutete dabei mit der Hand auf die inneren Zimmer und eilte hinauf in das zweite Stockwerk in die kleinen hübſchen Giebelzim⸗ mer, die er als Wittwer bewohnt hatte. Nun machte Frau Brunsberg die Thüre zu und wünſchte mit freundlichem, faſt hausmütterlichem Tone „Ihro Gnaden“ zu allem Glücke und Wohlbefinden will⸗ kommen, worauf ſie es dem eigenen Belieben Ihrer Gna⸗ den anheim ſtellte, ob ſie die Kinder holen ſollte, oder... „Ach nein; ich ſuche ſie auf wo ſie ſind!“ ſagte La⸗ vinia und begann eilfertig die Reiſekleider abzuwerfen. Das Zimmer war ſo hell, freundlich und angenehm, als man es nur an einem Herbſttage wünſchen konnte; und fein und blank und häuslich bequem war jedes Mö⸗ bel. Doch in Lavinia's Innern war es ſchwer und kühl; es fam ihr faſt ſo vor, als hätte ihr Gatte Recht gehabt, da er auf ihre Hoffnung, ihm ſeine Heimath noch ange⸗ nehmer machen zu können, verwundert antwortete;„wel⸗ cher Spott!“ Dazu kam noch die Abhandlung auf dem Kirchhofe, welche, wie es Lavinia dünkte, den Schwalg zwiſchen ihnen noch erweitert hatte.„Woher,“ dachte ſie, „ſollen Vertrauen und Sicherheit kommen, wenn man je⸗ des Wort auf der Wage des Zartgefühls und der Erge⸗ benheit abwägen muß? Wir werden ſchon ſehen!“ „Dieſer Saal,“ erklärte Frau Brunsberg, die ſich veranlaßt fand, der jungen, ſchweigſamen Gebieterin ſelbſt eine kleine Standrede zu halten,„iſt der Speiſeſaal; doch ſo lange ich dem Haushalte des Herrn Rittmeiſters vor⸗ ein bedeutendes leichter. In ihrem Innern dankte geſtanden, haben wir hier nicht anders als bei Gaſtmah⸗ len gedeckt. Auf der andern Seite des Hausflures iſt der alltägliche Speiſeſaal; und obgleich das Mittagseſſen ge⸗ wiß vor einigen Stunden beſſer war, ſo hoffe ich dennoch, es wird Ihro Gnaden nach der Reiſe ſchmecken.“ „Es iſt ohne Zweifel vortrefflich!“ Lavinia warf einen halben Blick in den Spiegel, ſchlug den Shawl um ſich und bat, ſie zu den Kleinen zu führen. Frau Brunsberg ging voraus durch ein Paar hübſche nicht nur mit Geſchmack, ſondern auch mit wirklichem Kunſtſinn möblirte Zimmer, ein Beſuchzimmer und einen Salon. Hinter dieſen lag das Schlafzimmer, deſſen großes Paradebett mit ſeinen vergoldeten Sphinren um ſchweren rubinrothen Gardinen Lavinia's Blicken in ſchar⸗ fem Contraſt die bleiche Geſtalt ihrer Vorgängerin dar⸗ ſtellte. Sie ſchauderte faſt zuſammen vor dem Gedanken, daß ſie in dieſem Bette ſchlafen ſollte. „Dieſes Zimmer,“ ſagte ſie, indem ihr Blick langſam von den rothen Bettvorhängen auf die Toilette, den Soft und die Fauteuils ſchweifte,„bewohnte wohl die erſt Frau meines Mannes.“ „Nein, behüte! die ſelige gnädige Frau hat niemalt weder in dieſem Zimmer geſchlafen noch ein einziges von den Möbeln geſehen, die hier jetzt ſtehen. Die Herrſchaf⸗ ten hatten damals das Schlafzimmer an der andern Seite des Saales, wo noch alles ungerührt ſteht wie damals da die gnädige Frau lebte; ja ich kann wohl ſagen: da Herr Rittmeiſter hat nicht das Allergeringſte, nicht ein⸗ mal eine Schachtel oder eine Flaſche von dort hieher gi bracht. Die Sachen ſollen dort ſtehen bleiben für kleinen Fräulein. Dies hier aber iſt neu von dem E bis zum Letzten.“ Lavinia athmete tief auf, und ihre Bruſt wurde ihrem Manne für die feine und zarte Aufmerkſa und als in demſelben Augenblicke ein freundlicher Sa nenſtrahl ſeinen Schimmer ſowohl auf die Sphinxe auf d Lavin geſehen ein ſch und a haglich / der S berg, i das m lebhafte alabaſte 94 Evelina thun ge die Güt berg ih ſie ſelbſ das der konnte. Die aus Lav kleine ge ander an bare Me Auf müthige müht, ne „, alles wer Layi haſtmah⸗ 3 iſt der eſſen ge⸗ dennoch, ia warf hawl um r hübſche virklichem und einen e—, deſſen iren um in ſchar⸗ erin dar⸗ Gedanken, langſam den Soft die erſte t niemalt ziges von Herrſchaf⸗ ern Seite e damals, agen: dei nicht ein hieher ge n für em Erſai erkſamfen 69 auf die rubinrothen Draperien warf, ſo nahm alles für Lavinia eine ganz andere Farbe an, als worin ſie es eben geſehen hatte. Sie mußte geſtehen, daß dieſes Zimmer ein ſchönes und vollkommenes Bild häuslicher Zierlichkeit und anmuthiger Behaglichkeit war— wenn nur die Be⸗ haglichkeit kommen wollte. „Dieſes kleine Kabinet trennt das Schlafzimmer von der Stube der kleinen Fräulein!“ erklärte Frau Bruns⸗ berg, indem ſie die Thüre eines kleinen Kabinetes öffnete, das mit ſeinen netten Möbeln, ſeinem Bücherſchranke, ſei⸗ nen Gemälden und Blumen der jungen Frau als die Krone von Allem erſchien. Es war ſo klein, ſo häus⸗ lich, ſo ruhig, ſo herzlich freundlich dieſes kleine Zimmer, daß ſie ſich in ihm heimiſch fühlen mußte. „Die Kleinen ſind ſo ſtill, daß ſie gar nicht zu hören ſind!“ ſagte Lavinia, die ſich in ihren Gedanken ein Paar lebhafte Seraphe mit rothen Wangen, blonden Locken und alabaſterweißen Formen vorgeſtellt hatte. „O ja, ſie ſind nicht ſehr geräuſchvoll. Die kleine Evelina kann wohl der alten Brita bisweilen genug zu thun geben; doch Charlotte iſt ſehr ſtill... Haben Sie die Guͤte, Ihro Gnaden!“ Und nachdem Frau Bruns⸗ berg ihrer jungen Herrin die Thür geöffnet hatte, eilte ſie ſelbſt zurück in die Küche, um dem Uebel abzuhelfen, das der Verzug auf die Mittagsmahlzeit angerichtet haben konnte. Die lebhaften Seraphe verſchwanden augenblicklich aus Lavinia's Einbildung, als ſie die Augen auf zwei kleine gelblich bleiche Weſen heftete, welche ſtill neben ein⸗ ander auf einer großen Matte ſaßen, worauf eine unzähl⸗ bare Maſſe von Spielſachen ausgebreitet war. Auf einem Schemel vor den Kleinen ſaß eine gut⸗ nuthige alte getreue Dienerin, und war unaufhoͤrlich be⸗ muüht, neue Mittel zu ihrer Unterhaltung zu erfinden. ther 3 phinxe W „O, Ihr armen, armen Waiſen— könnte ich Euch alles werden, was ich wollte!“ Lavinia zog die zarten Zwillinge an ihre Bruſt und 70 fühlte ſich glücklich, daß ſie nicht weinten und kein Zeichen von Furcht oder Widerſtreben gegen ihre Liebkoſungen zeigten. In dieſem Augenblicke hatte ſie alles vergeſſen; ſie dachte nur an ihre neuen hohen Pflichten und gab ſich ſo gänzlich der mahnenden Stimme ihres Herzens hin, daß ſie mit den beiden Kleinen auf dem Schoße ſitzen blieb— die kleine Charlotte legte ihre gelblich bleiche Wange an die weiße Schulter des ſchönen Weibes, und Evelina ſpielte mit ihren lichtbraunen Sammetlocken— als die Thür leiſe aufging und der Rittmeiſter in derſel⸗ ben erſchien. Ein Lächeln, das ſchönſte und lieblichſte, welches La⸗ vinia dort je geſehen, ſchwebte jetzt über ſeinen Lippenz und die junge Stiefmutter fühlte ein wenigſtens nicht un⸗ ſeliges Zittern durch ihre Glieder fliegen, als er ſeiner Rührung nachgebend ihr nicht die Kinder von dem Schoßt nahm, um ſie an ſeine Bruſt zu drücken, ſondern ſeim Arme um ſie alle drei ſchlang. „Ich habe Dir mein Verſprechen gegeben,“ flüſtern Lavinia bewegt,„und glaube mir, Ludwig, ich werde d heilig halten!“ „Das will ich keine Seeunde bezweifeln; vor alla waren es die klagenden Blicke dieſer armen Kinder, welcht meinen Entſchluß befeſtigten, ihnen eine zärtliche Wärte⸗ rin zu geben.“ Gleich darauf, nachdem Lavinia in aller Eile ihrn Anzug gemuſtert hatte, ging man zu der ſpäten Mittage⸗ tafel, und die junge Frau fühlte ſich ſehr froh, als ſi drei Couverts erblickte. Der Feldwebel ſtand ſchon an ſeinem Platze ſtill wie eine Bildſäule mit der Hand ah der Bruſt. Bei dem Verhältniſſe, in welchem die beiden Galtt ſich zu einander befanden, war es beinahe unmöglich, d ihre erſte Mahlzeit ſich durch Fröhlichkeit auszeichnet konnte. Keine ſcherzhaften Hindeutungen, keine ſpielen Worte kamen über ihre Lippen: ſie fühlten beide, daß Formlichkeit und Abgemeſſenheit zunahm, ohne daß ſt * mit verhq ande meiſt er gl tor n mit Telle weſen mene wäͤrti meiſte ſten f denn 1 gemas 1 herau näml rer N angeb halb 42 ich w weg nnß in Zeichen bkoſungen vergeſſen; und gab 3 Herzens hoße ſitzen ich bleiche ibes, und etlocken— in derſel⸗ welches La⸗ en Lippen 3 nicht un⸗ s er ſeinen dem Schoßt udern ſeim „“ flüſtert hh werde a vor allan er, welche che Wärte⸗ Eile ihrn (n Mittags⸗ oh, als ſ ſchon n r Hand ah den Gattz öglich, 8 auszeichnet e ſpielendt ide, daß daß fts 71 zu hindern vermochten. Lavinia konnte nicht gerne die mit dem Hauſe Bekannte ſpielen, was eine junge neulich verheirathete Dame in einem andern Verhältniſſe und mit anderer Gemüthsart ſogleich hätte thun können. Der Ritt⸗ meiſter empfand eine peinigende Verlegenheit dabei, daß er gleichſam der Wirth ſeiner eigenen Frau war. Verſtimmt wendete er ſich zuletzt an ſeinen Inſpek⸗ tor mit der Frage, ob etwas vorgefallen wäre. Bei dieſer Frage blickte der gutmüthige Feldwebel mit einer Miene voll unruhigen Vorgefühls von ſeinem Teller auf. Er war vier Jahre bei dem Rittmeiſter ge⸗ weſen, und hatte ſich während dieſer Zeit eine vollkom⸗ mene Kenntniß ſeines Charakters erworben. Der gegen⸗ wärtige Augenblick und die Laune, in welcher der Ritt⸗ meiſter eben war, ſchienen dem Feldwebel die ungünſtig⸗ ſten für die Beantwortung der erhaltenen Frage zu ſein, dennoch mußte er antworten. „Eine Sache iſt vorgefallen, Herr Rittmeiſter!“ „Nun, was denn?“ „Nils Jönsſon auf Nortop hat ein kleines Verſehen gemacht.“ „Was bedeutet das? Er hat wohl kein Verſehen mit meinem Wildpret gemacht?“ „Herr Rittmeiſter, er hat zwei Haſen geſchoſſen!“ „Das war recht fatal, ſehr fatal; doch er wußte dle Strafe. Sie haben ihm wohl ſchon aufgeſagt?“ „Nein, eine ſolche Dreiſtigkeit konnte ich mir nicht herausnehmen, beſonders da ich dachte... ich ſtellte mir nämlich vor, der Herr Rittmeiſter wuͤrden vielleicht bei Ih⸗ rer Rückkehr diesmal nicht ſo ſtreng ſein.“ Und aus Menſchenliebe überwand der Feldwebel ſeine angeborne unbsholfene Blödigkeit ſo ſehr, daß er einen halb bittenden Blick auf Lavinia werfen konnte. „Ich verſtehe!“ ſagte der Rittmeiſter;„man glaubte, ich wuͤrde von meinen Grundſätzen abgehen, weil ich hin⸗ weg geweſen bin und Hochzeit gehalten habe. Aber ich muß ſagen, daß dies keineswegs der Fall iſt; und da Nils Jönsſon noch nicht aufgeſagt worden iſt, ſo muß ich Sie bitten, ihm vor morgen Mittag dieſen meinen un⸗ wiederruflichen Beſchluß zu melden!“ Der Feldwebel drehte ſich auf ſeinem Stuhle hin und her und wagte es noch einmal auf die gnädige Frau zu ſchielen.„Herr Rittmeiſter, er hat vier Kinder!“ „Und wenn er auch vierzig hätte, ſo bleibt es doch dabei!“ der Rittmeiſter füllte ſein Glas und leerte es mit einer Ruhe, die in Lavinia das Blut in heftige Wal⸗ lung ſetzte. 3 „Beſter Ludwig,“ ſagte ſie freundlich,„iſt es dem ſo gefährlich, ein Paar Haſen zu ſchießen?“ Bei dieſer Frage begegneten ſich unwillkührlich, nicht die Blicke des Gatten und der Gattin, ſondern die des Inſpektors und der Haushälterin— Frau Brunsberg ſtand vor einem Ecktiſch und ſchnitt den Vogel vor— und dieſe Blicke ſagten ſo deutlich als Blicke ſagen können „Wollen ſehen, wie das zieht! giebt er das erſte Mil nach, ſo giebt's hier eine andre Regierung.“ „Doch die Antwort des Rittmeiſters ſchien keinen weges die Morgendämmerung einer neuen Regierung verſprechen.„Meine Liebe!“ ſagte er artig, aber kalt „Du kannſt ſo fragen, weil Du noch nicht die Geſetz keunſt, die ich auf meinem Gute zur Aufrechthaltung d Ordnung geſtiftet habe. Bei Strafe der Aufkündig ſind ſämmtliche unter Roſenborg gehörenden Leute gewaß auf meinen Jagdmarken keinen einzigen Schuß⸗ zu thul Uebertritt nun aber deſſen ungeachtet Jemand das Verbc ſo ſollte ich meinen, daß die Folge ſein eigener Fehler iſt „Ganz gewiß, guter Ludwig; vielleicht ſind aber dos mildernde Umſtände vorhanden, die Du nicht kennſt.“ „Wenn ich dieſelben ergebenſt vorzuſtellen waß dürfte,“ ſagte der Inſpektor,„ſo ſind ſolche milderndet Umſtände in der That vorhanden. Die alte Mutter i krank, die Kinder waren krank, es fehlte und... Noth führt leicht in Verſuchung.“— „Kam er hieher und begehrte Hülfe ohne ſie zut halten ſeinen viellei ner T ihm n 7 Nun 4 ſaßen C Sie muthe 6. Kaffee einzel L ab, ur Kunſt mehr ſchloſſ jeder ihr ein fühllon alles „wie der lel 32 / recht in griff h bittend dem h an der Und d die ſie pmuß ich neinen un⸗ tuhle hin dige Frau der!“ bt es doch rte es mit tige Wal⸗ t es dem rlich, nicht ron die des Brunsberg gel vor— en können; erſte Mal ien keinen⸗ gierung z aber kalt die Geſetzt haltung da ffkündigum te gewamt 5. zu thun das Verbet Fehler it d aber do kenuſt.“ llen wag milderndit Mutter la ind... t ie ſie zu 1 — 73 halten?“ der Rittmeiſter warf einen ſcharfen Blick auf ſeinen Inſpektor. „Nein, Herr Rittmeiſter! er begehrte keine Hülfe; vielleicht ſchämte er ſich, da er noch mit einem Reſte ſei⸗ ner Tagwerke im Buche ſteht und der Herr Rittmeiſter ihm noch dazu ſchon vorher geholfen haben.“ „Noch ein Grund weniger zu ſeinem Verbrechen... Nun aber kein Wort weiter von der Sache!“ Bei dem Kaffeetiſche, der im Salon ſervirt war, ſaßen die beiden jungen Gatten allein und ſtill. Dies war Lavinia's erſtes Auftreten als Wirthin. Sie bot ihrem Manne den Kaffee mit einer höchſt an⸗ muthsvollen und einnehmenden Geberde. Doch der Rittmeiſter lächelte nicht einmal und der Kaffee wurde wieder hinausgetragen, ohne daß mehr denn einzelne Worte gewechſelt waren Lavinia erhob ſich und ging einigemal auf und ab, um die Gemälde und einige antike Zierden von hohem Kunſtwerthe zu betrachten, und ihre Augen ſprachen mehr als ihre Lippen(obgleich auch ſie nicht gänzlich ver⸗ ſchloſſen blieben) die Bewunderung aus, welche nicht nur jeder beſondere Theil, als auch die Anordnung des Ganzen ihr einflößte. Aber auch hiebei ſchien der Rittmeiſter ge⸗ fühllos zu bleiben: es ſah aus, als wüßte er, daß alles gut war, und ſchien gleichſam fragen zu wollen: „wie kann man ſich über todte Gegenſtände freuen, wenn der lebendige Geiſt fehlt?“ Lavinia nahm wieder Platz bei dem Tiſche. „Guter Ludwig!“ begann ſie plötzlich,„wenn ich mit recht innigem Herzen für den armen Mann bitte“— ſſie er⸗ griff hiebei die Hand ihres Mannes und drückte ſie zärtlich bittend)—„wäreſt Du wohl im Stande, es mir an dem heutigen Tage abzuſchlagen?... Bedenke, Ludwig! an dem erſten Tage, da wir zuſammen bei uns ſindi“ Und das ſchöne Weib, welches ſehr gut die Macht kannte, die ſie in ihren Augen hatte, ſah auf ihren Gatten mit einem Blicke, bei welchem die Farbe auf ſeinen Wangen wechſelte. Sie merkte ſeine Rührung und wagte ſchon zu hoffen. Es war ein ſo ſchöner, ſo himmliſcher Gedanke, daß ihr erſter Tag in dieſem Hauſe durch eine gute Handlung ausgezeichnet ſein ſollte. Doch, o weh! die Röthe auf Ludwig's Wange ver⸗ ſchwand, er zog ſeine Hand leiſe aus der ihrigen, und ſagte halblaut, doch mit dieſem einnehmenden Ausdruck in ſeiner Stimme, den Lavinia zuvor ſchon ein Paar Male gehört hatte:„Lavinia! hätteſt Du bei Tiſche nichts geſagt — das war gleichſam ein Verſuch Deine Macht zu zei⸗ gen— ſo wäre Dein Verlangen nicht ſchon abgeſchlagen geweſen. Nun aber, da dies ſowohl in Gegenwart des Inſpektors als auch der Haushälterin geſchehen iſt, wirſt Du wohl einſehen, daß es nicht in meiner Macht ſtieht, dieſen Abſchlag zurückzunehmen. Ganz anders wäre es geweſen, wenn Deine Bitte ſo zärtlich und gut wie jetzt unter vier Augen gekommen wäre; da würde ich eben wegen der Bedeutung dieſes Tages eine Ausnahme von der beſtimmten Regel gemacht haben. Und ohne über eine Art von Schwäche zu erröthen, hätte ich zu dem ehrlichen Feldwebel ſagen können: ‚wegen der Bitten meiner Frau verzeihe ich!““ „Aber, guter, beſter Ludwig! warum nahmſt Du nicht ſchon bei Tiſch auf meine Fürſprache Rückſicht, wenn ſir etwas gewirkt haben könnte?“ „Darum, Lavinia, weil ſie damals, wie du Dich voll⸗ kommen richtig ausdrückſt, eine Fürſprache war und nicht, wie jetzt, eine warme, aus dem Herzen kommende Bitte. Auf keines Menſchen Fürſprache gehe ich von den Grund⸗ ſätzen ab, die ich einmal als Recht erkannt und gepriſt habe. Was dagegen die Bitte einer Gattin wirkt, iſt unmöglich zu berechnen: das beruht auf dem Ton, den Blick, der Geberde und... Doch es dient ja zu nichts, weis ter davon zu reden; der Mann hat gefehlt und die Strat wird wendig ihnen trat u lich au Dieſe Schlaf Rittme G Rittme wenden Plund⸗ gen ſo nicht ſ YT Sachen konnte. kam er bald di zu ruh feſſelte. ſeiner! Poſt: Theil d wurde zangen hoffen. ke, daß ndlung ge ver⸗ n, und usdruck r Male geſagt zu zei⸗ ſchlagen art des , wirſt tt ſteht, väre es wie jetzt ch eben me von ber eine hrlichen meiner ich voll⸗ und nicht, e Bitte. Grund⸗ gepruſt pirkt, iſ on, dem hts, wei⸗ ie Straitt 75 wird vollzogen. Strenge und Ordnung ſind eben ſo noth⸗ wendig wie Gerechtigkeit und Mildheit.“ Der Rittmeiſter ſtand auf um zu ſeinen beiden kleinen Töchtern hineinzugehen, welche er ſichtbarlich ſehr hoch liebte. Lavinia ging in das Schlafzimmer, um ihre Klei⸗ der auszupacken. Als aber beide in dieſes Zimmer traten, ſo begegnete ihnen Frau Brunsberg, welche von der andern Seite ein⸗ trat und einige Sachen unter dem Arme trug, die ſie zier⸗ lich auf einen neben dem Bette ſtehenden Armſtuhle legte. Dieſe Artikel beſtanden in nichts Geringerem als dem Schlafrocke, der Morgenmütze und den Pantoffeln des Rittmeiſters. Erröthend blickte Lavinia zum Fenſter hinaus. Der Rittmeiſter aber ſagte, ſchnell ſich nach einer andern Seite wendend:„Frau Brunsberg! laſſen Sie gefälligſt dieſen Plunder wieder auf mein Zimmer tragen. Ich will mor⸗ gen ſo früh auf die Jagd gehen, daß ich meine Frau nicht ſtören mag.“ Mit großen Augen ſammelte Frau Brunsberg die Sachen wieder zuſammen und ging hinaus ſo ſchnell ſie konnte. Auch der Rittmeiſter verließ das Zimmer in dem⸗ ſelben Augenblicke. Als Lavinia am folgenden Morgen in ihrer neuen Heimath erwachte, ſo begann ſie ihren Tag auf eigene Hand und hatte gute Zeit ihr Garderobe auszupacken und zu ordnen. Der Rittmeiſter war auf die Jagd gegangen und kam erſt zur Mittagsſtunde wieder nach Hauſe; und ſo⸗ bald dieſelbe vorbei war, ſuchte er den Saalſofa auf um zu ruhen— eine Unterhaltung, die ihn bis zur Theeſtunde feſſelte. Jetzt ſchien er wohl die Abſicht gehabt zu haben, ſeiner Frau Geſellſchaft zu leiſten; aber da kam eben die Poſt: Zeitungen und Briefe beſchäftigten ihn den größten Theil des Abends. Der Theil, welcher ihm uübrig blieb, wurde dem Spielen mit den Kindern gewidmet, und er 76 war ganz beſonders unterhalten, ſie in ihrem kleinen Wa⸗ gen im Saale hin und her zu ziehen. Darauf erſchien ein neuer Morgen, ein neuer Jagd⸗ tag und ein neuer Abend, ſo daß ohne Variationen die Woche wie in eine Form gegoſſen zu Ende ging. Der letzte Tag bot aber doch die kleine Verſchiedenheit dar, daß ein Paar Herren der Nachbarſchaft auf Viſite kamen. Doch auch hieraus entſtand keine Behaglichkeit, kein Le⸗ ben, wenigſtens nicht für Lavinia; denn ſobald der Thee getrunken war, ſpazirten die Herren in„den Saal um Tivoli zu ſpielen, und es wurde endlich der jungen Frau ſo ſchläfrig, in dem angränzenden Zimmer zu ſitzen und dem eintönigen Rollen der Kugeln zuzuhören, daß ſie in das kleine Kabinet ging und ſich hier ſetzte, um zu denken und zu rechnen; aber wie lange ſie dachte und rechnete, ſo überraſchte ſie ſich zuletzt auf ein Paar Thränen. Hier die Gedanken, welche dieſe auf Lavinia's Wange ſo ſeltenen Gäſte hervorlockten:„Ich gehe hier ſo fremd, als wäre ich in einem Wirthshauſe, das ich um einige Stunden verlaſſen ſoll. Ich erröthe vor Furcht, er könnte meine Unthätigkeit in ſeinem Hauſe mißdeuten, und ich erröthe vor Furcht, er könnte einen falſchen Schlußſatz daraus ziehen, wenn ich anfänge umher zu gehen und anzuordnen, wie ich gerne möchte und wie ich thun muß, wenn ich nicht vor Langweile ſterben ſoll... O, hiet⸗ aus wird nichts anderes als lauter Mißverhältniß! i Furcht, dieſe Unruhe, dieſes Unbehagen wird mich peinigen bis ich krank werde!“ Sie neigte ihr Haupt gegen das kalte Fenſterbreit und athmete tief und langſam, gleichſam um die be⸗ klemmte Bruſt zu erleichtern.. „Guter Gott, wie lange Jahre bin ich nicht blos ein Fremdling in dem Hauſe geweſen, das ich mein nanntel Ich ſehnte mich ſo warm, ſo mit ganzer Seele darnach ein eigenes zu erhalten; ich verheirathete mich daher. und nie war mir wohl ein Haus fremder, als die Dieſer Mann— wie iſt er eigentlich? Iſt er gut, 4 4 1 F er ein habe, ſein ei wohl Hälfte in ſein die zw zuſchaf jetzt b „ mehr? ſtärkte C FI ſich erl 0 21* mag?“ und da ſelbſt e 2 dem S und es mit bef werde, 77 en Wa⸗ er ein Mann von weit größerem Werthe, als ich geahnt habe, oder iſt er nur ein ſelbſtſüchtiger Deſpot, der immer Jagd⸗ ſein eigenes Ich voran ſetzt?... O, es verlohnt ſich ien die wohl kaum der Mühe, dieſes zu ergründen. Die eine . Der Hälfte des Jahres würde vielleicht kaum hinreichen, mich elit dar, in ſeinen Charakter und in ſeine Ideen hineinzuſtudiren; kamen. die zweite würde wohl noch weniger hinreichen ihn um⸗ kein Le⸗ zuſchaffen und alle ſcharfen Ecken abzuſchleifen; die ihn er Thee jetzt bisweilen unausſtehlich machen... Nein, ich muß nal um dieſes meiner Nachfolgerin überlaſſen! Etwas aber will n Frau ich dennoch verſuchen— ſie wird mir's danken.“ en und„Befehlen Ihro Gnaden für den Abend ein Gericht 3 ſie in mehr?“ fragte Frau Brunsberg, indem ſie ihre neuge⸗ denken ſtärkte Haube durch die Thüre der Kinderſtube ſteckte. rechnete,„Ja, das wäre gut,“ antwortete Lavinia, indem ſie en. ſich erhob:„etwas Leichtes— z. B. Pfannkuchen 2 Wange„Der Rittmeiſter ißt keine Pfannkuchen.“ Hfremd,„Nun, ſo nehmen wir Sahne und Stachelbeeren 24 einige„Wie Ihro Gnaden befehlen; doch...“ r könnte„Iſt auch das ein Gericht, welches mein Mann nicht und ich mag?“ chlußſatz„Leider Gottes, nein; das wäre ſonſt behende genug.“* hen und„Ja, da weiß ich nichts anderes als Plättchen.“ un muß,„Plättchen!“ Frau Brunsberg ſchüttelte bedenklich O, higr⸗ das Haupt. 4 ! Dieſe 8., Da ſcheint es Alcht werth zu ſein, daß ich etwas peinigen. vorſchreibe!“ ſagte Lavinia halb lächelnd, halb verdrießlich. „Ich kenne den Geſchmack meines Mannes nicht, wünſche nſterbreit aber, daß demſelben in allen Stücken nachgelebt werde, die be⸗ und daher muß ich Sie bitten, Frau Brunsberg, daß Sie ſelbſt etwas angeben!“ blos ein„Dank, gute Lavinia!“ erſcholl eine Stimme von nannte! dem Schlafzimmer her.„Ich kam um Dich aufzuſuchen, darnach und es macht mir Freude ſagen zu können, daß ich immer aher.. mit beſonderem Geſchmacke mit demjenigen fürlieb nehmen 6 dieſes werde, was Du anbefohlen haſt!“ Er kußte ihre Hand gut, it.. 4 3 un ſah ſie mit einem Blicke der freundlichſten Herzlich⸗ eit an. Frau Brunsberg, die gleich darauf verſchwand, dachte in ihrem Sinne:„O ja, Einer kann ſie wohl fragen, doch wie viel ſie ſich darum kümmert, was angerichtet wird, das ſieht man wohl!“ „Habt Ihr Euer Spiel ſchon beendigt?“ „Nein, noch nicht; aber ich fürchte, Du haſt ſchreck⸗ liche Langeweile, hier ſo allein zu ſitzen!“ „O nein! Ich habe nie Langeweile wenn ich allein bin.“ „Das freut mich zu vernehmen!“ erwiederte Ludwig mit merklich kälterem Tone. Es war deutlich, daß La⸗ vinias Antwort ihn beleidigt hatte, und ſie ſelbſt bereutz nun was Sie gethan hatte. Sie konnte nicht begreifen, welch ein böſes Verlangen über ſie gekommen war, ihren Mann zu überzeugen, daß ſie ſeine Geſellſchaft nicht in. Allergeringſten vermißte. Ein Paar Augenblicke verblieben Beide ſtill und wuß⸗ ten nicht was ſie thun ſollten; beide warteten auf einn Fortſetzung des Geſpräches; da jedoch dieſe Erwartung nicht erfüllt wurde, ſo ging Ludwig wieder hinaus, um die Spielenden aufzuſuchen. Sowohl in dieſer erſten als auch in der darauf fob genden Woche offenbarte ſich bei dem Rittmeiſter eim ſprechende Verlegenheit bei allen den unzähligen Fällen in denen der Ehemann mit ſeiner Frau zu Rathe gehen muß. Da er jedoch von Tag zu Tag vergeblich gewartt hatte, daß Lavinia den Anfang damit machen ſollte, i ihrem eigenen Hauſe heimiſch zu werden, ſo ergriff er zu⸗ letzt ſeine Partie und wendete ſich wie früher an Frau Brunsberg, welche gleichwohl wiederum in ihrer Ordnum meinte,„die gnädige Frau verſtände das wohl am beſten⸗ Bei ſolchen Antworten, die Frau Brunsberg im A fange für ganz beſonders paſſend hielt, erröthete d 4 er und zog ſeine Augenbraunen auf eine ſolche We zuſammen, daß die kluge Pausſean bald einſah, die gm Trau ſei keine Autorität, auf die man ſich berufen ahf 8* die 1 welch ging, zu de die F ſchlie nächf bring daß in ih ders wenn zu de und! er ſie auf e dageg wo ſtarrte ausſel ſeinen 6 der 1 Nachb wendit Herzlich⸗ nd, dachte al fragen, ngerichtet ſt ſchreck⸗ llein bin.” te Ludwig daß La⸗ öſt bereute begreifen, var, ihren nicht im. und wuß⸗ a auf eine tung nich , um diß arauf fob⸗ eiſter eim en Fällen⸗ riff er zu⸗ 79 die man um Rath fragen dürfte. Und die gnädige Frau welche ſelbſt merkte, wie es mit jedem⸗Tage immer ſchiefer ging, nahm ſich wohl hundertmal vor, an eine Aenderung zu denken, änderte aber doch nichts; denn ſtets kam ihr die Frage wieder in die Quere:„Was wird Ludwig daraus ſchließen? Ja, vielleicht, daß ich ihm den Sinn mit dem nächſten fünfundzwanzigſten September in Vergeſſenheit bringen will! Die nächſte Folge dieſer ſchiefen Verhältniſſe war, daß beide, ſowohl der Herr als auch die Frau, die Luft in ihrem Hauſe mitten in dem kalten Herbſte ganz beſon⸗ ders ſchwül fanden. Er nahm daher nicht ſelten, ſelbſt wenn ſeine Geſchäfte ihm Zeit übrig ließen, ſeine Zuflucht zu den einſamen Junggeſellenzimmern, wo er mit Leſen und Rauchen ſo manche Stunde verlebte, welche er, wie er ſich mit einem Seufzer erinnerte, noch vor kurzer Zeit auf eine ganz andere Art zu verleben gehofft hatte. Sie dagegen floh in das kleine freundliche Lieblingskabinet, wo ſie am Fenſter ſitzend auf die düſtern Felſenwände ſtarrte und ſich wunderte und wieder wunderte, wie es ausſehen könnte, wenn der Frühling käme und ſie mit ſeinem friſchen Grün bekleidete. Die abgeſchiedene Lage des Gutes Roſenborg und der Mangel an Nachbarſchaften, wenigſtens angenehmen Nachbarſchaften, hätte es zu einer um ſo größeren Noth⸗ wendigkeit machen ſollen, Behaglichkeit in der Heimath zu ſchaffen; und was konnte aus dieſer Heimath werden, in welcher nichts an Bequemlichkeit und Geſchmack fehlte, wenn ein Hauch von Liebe durch ihre Räume geweht und dem ſeelenloſen Leben ertheilt hätte? Doch trotz aller dieſer Nebel draußen und drinnen, trotz der Langweile, trotz der Unbehaglichkeit fühlten die Neuvermählten kein Beduͤrfniß, keinen Wunſch, die Ge⸗ ſellſchaft zu ſuchen, welche zu erhalten war. Jedesmal wenn der Rittmeiſter einen lahmen Wer⸗ ſuch machte, die wenigen Piſiten zu beginnen, hatte La⸗ einie Kopfſchmerzen; und hatte er ihr den ganzen Tag nicht freundlich angelächelt, ſo that er es jetzt. Man ſaß kame daß der Rittmeiſter mit einer Art von Entzücken die wil war n kommene Nachricht entgegen nahm, daß er wiederum d en. ſen läſtigen Höflichkeiten entging, die der Gebrauch doß ſich ſe ich. Viſite entging, die der⸗asein gereſe lich ſel vorſchrieb. Viſiten waren immer ſeine Pein geweſen verqaͤt und nun, da er ſie der Ordnung wegen ſelbſt vorſchlu e. d betrachtete er ſie mit noch größerem Widerwillen. Um zu hä an allen dieſen Abenden, die zum Viſitenmachen beſtimn Th il! geweſen waren, ohne daß etwas daraus geworden wie heil! aß er unten bei ſeiner Gattin und ſah zu, wie ſchne ihre kleinen weißen Finger mit der Nadel über die Arbe flogen— eine Beſchäftigung, die ihm als äußerſt ang nehm erſchien, obgleich weder ein Wort, noch eine Mig verrieth, daß er es ſo fand. Was ihr Geſpräch an ſolchen Abendſtunden betri 4 ſo beſchränkte es ſich gewöhnlich auf die Kinder und ch und Menge von Umſtänden, die mit denſelben in Zuſamm ſage g hang ſtanden. Bisweilen jedoch, wenn dies nicht ausn la 6 chen wollte, ſo erzählte der Rittmeiſter einige Bruchſtut baß 5 aus ſeinem vormaligen Reiſeleben, und hielt ſich dabei h Herrich ſonders bei der Beſchreibung von Ausſichten und Rutnt kurſch und ähnlichen Dingen auf. Hiezu, und um alles 1 fudem anſchaulich zu machen, gebrauchte er bisweilen einen B tagstiſet ſtift und ein Stück Papier; und wenn es ſo weit ku 3 8. daß der Herr und die Frau ihre Köpfe vertraulich Hauſe 7 den Tiſch an einander neigten, ſo floß das Geſpräch nur ungezwungen, ſondern ſogar lebhaft, und der erſtie Druck, der ihnen ſonſt ſtets auf dem Herzen lag, ſich von ſelbſt auf. Kam aber dann wieder der nach Morgen, ſo ſah man ſich von Neuem ganz fremdt und erinnerte ſich des am vorigen Abende Vorgefalbt nummie eines Traumes.— 3 Auf dieſe Weiſe, indem man an dem einem vor Langweile und an dem andern vor Verwundent ihen wollte, daß es doch nicht ſo langweilig g ſchlich die Zeit allmälig daßin, und ſie ſchienen derwundert zu ſein, als ſie eines Tages d 8¹ Man ſah kamen, daß von dem Jahre ſchon ſechs Wochen verfloſſen n die wil waren. derum die„Es iſt ſonderbar,“ ſagte der Rittmeiſter, als er bei rauch doß ſich ſelbſt die Sache überdachte,„daß man ſechs Wochen geweſen vergahnen und doch noch im Stande ſein kann, den Muth vorſchlug zu haben, noch ferner ſechs und vierzig zu vergähnen! llen. Un.„Gott ſei Lob und Dank! es iſt doch ſchon der achte en beſtim Theil!“ dachte Lavinia. orden w wie ſchne die Arbe ißerſt ang eine Mi Achtes Kapitel. nden betr„Treten Sie nur herein, Herr Feldwebel! abgeſtäubt her und eit Zuſamma nicht ausn Bruchſtit ch dabei und Runn alles ni (n einen W o weit kan traulich in heſpräch uit der erſticken lag, liſ ar der näͤch und geputzt haben Sie ſich genug! Treten Sie näher, ſage ich! Es iſt eine wahre Schickung des Himmels, daß Sie heute nach Hauſe kommen, ſo daß Einer ein vernünftiges und reelles Wort reden kann, während die Herrſchaften nicht zu Hauſe ſind!“. Dieſe kleine Rede hielt die werthe Frau Brunsberg, indem ſie mit eigenen kunſtſertigen Händen einen Mit⸗ tagstiſch für zwei Perſonen deckte. Es war ein Sonntag, die Hausvorſteherin allein zu Hauſe, und der Feldwebel, der wätzrend der letzten vier⸗ zehn Tage in den Geſchäften ſeines Herrn verreist gewe⸗ ſen, war eben aus dem Wagen geſtiegen, als er ohne alle weiteren Complimente von ſeiner guten und treuen Freundin angehalten und entführt wurde. Cs hatte lange, ja vielleicht ein Paar Jahre, zwi⸗ ſchen dem Inſ ktor Stark und Frau Margaretha Bruls⸗ berg ein faſt zurtliches Verhältniß Statt gefunden, Voch daß es bis dato noch zu keiner Erklärung gekommen warr pder vielleicht nie zu 4 t ſolchen kommen ſollte, das w orgefallen einem I wenigſtens nicht Frau? aretha's Fehler. Denn fo⸗ ihre eigene Würde und hamtheit es erlaubten, h hge ſite es den Feldwebel verſtehen laſſen, daß die Partie icht 4 Caxlen. Ein Jahr. 6 8 8 4 82 nur für vollkommen paſſend erachtet werden könnte— ſie ſie ſogar faſt nothwendig wäre, um nicht den Läſtermäͤn⸗ lern Spielraum zu laſſen. och ſiehe, Stark, in jeder Hinſicht ein beſcheidenen und ſtiller Mann, war in Liebesſachen einfältiger als ein Kind. Er verſtand weder ihre feinen Andeutungen, noch auch die reelleren Beweiſe ihrer Gunſt, wenn ſie aus da verborgenen Tiefe ihrer Commode ihre Eß⸗ und Ther löffel, ihre Tiſchgedecke und die OQuittungen ihrer Ein⸗ ſetzungen in die Sparbank, hervorholte. Doch die Widerſpenſtigkeit des Herrn Stark hatt ihren Grund nicht in dem Mangel ſeines Willens, de guten Vorſchlag der Frau Brunsberg zu verſtehen. C. war jetzt ein Mann zwiſchen vierzig und fünfzig Jahre und dachte nicht ſelten, wenn er mit einem andern In ſpektor in der Nachbarſchaft ſeine Pfeife rauchte, darm wie ruhig und behaglich dieſer es hatte. Stark hatten wohl ebenfalls auf gewiſſe Weiſe ruhig und behaglich ſo lange Frau Brunsberg dem Hausweſen auf Roſenbon vorſtand und ſein Zimmer, ſeine Möbeln und übrigt Sachen in Ordnung hielt; doch ſie wegzöge, R ſollte er es gewiß erfahren, was es hieße, in ſeinen alte Tagen allein zu ſtehen. . Von dieſer bir Furcht ſagte er ihr wohl in ret vertrauten Augenblicken das Eine und das Andere, m ſie theilte dieſelbe uneigennützig; doch zu dem Wageſtück ihr eine Veränderung des gegenwärtigen Verhältniſt vorzuſchlagen, dazu fehlte ihm der Muth gänzlich; dar es ſiel ihm nie ein, daß ein Frauenzimmer, und am al wenigſten die kluge, angenehme und ehrbare Frau Brun berg die Güte haben wollte, ſeine Tage zu verſchönern. „So? die Herrſchaften ſind alſo nicht zu Hauſet nnber ein, und dieſe belngſrtig und reichlich ſäßt „Der Propſt war in der Woche hier und lud war ja die Wittwe eines Unteroffiziers— ſondern daß⸗ Feldwebel nahm den erhotenen Platz der Wirttt 1/ geweſer 1/ über d Ramſta hier eb ter uns Paar t 1/ men, gebenſt 7 / G V7. und nie Augen, und kei der Rit D ſeine A 3„4 iſt gera wird, u anderes Gefühl nte— ſie ndern daß⸗ Läſtermäu⸗ eſcheidenen er als en gen, noch ie aus da und Ther⸗ ihrer Ein tark hatt illens, da tehen. C ig Jahre undern In ſte, daran rk hatte behaglich Roſenbon nd übrig egzöge, d einen alt hl in ret ndere, m Wageſtück Perhältniſſt zlichz den lid am alle au Brun ſchönern. 83 auf heute zum Mittag ein; und da die gnädige Frau in die Kirche gehen wollte, ſo reisten ſie früh.“ „Nun; ſonſt ſind ſie wohl wie gewöhnlich nicht aus⸗ geweſen, kann ich mir denken?“ „Ja, meiner Seel', es kam in der vorigen Woche über den Rittmeiſter wie das Nieſen: am Dienſtage auf Ramſtafors und am Freitage auf Klefwa. Fremde haben hier ebenfalls nicht gefehlt; dennoch aber glaube ich, un⸗ ter uns geſagt, daß vieles fehlt... Herr Feldwebel! ein Paar türkiſche Bohnen?“ „Hm!“ ſagte Stark,„es iſt mir ebenfalls ſo vorgekom⸗ men, als wäre es nicht ſo ganz... nein, ich danke er⸗ gebenſt— nicht mehr— keine Bohnen mehr!“ „Wiſſen Sie was, Herr Feldwebel?“ „Nein!“ „Ja, obgleich ich hören und nicht hören und ſehen und nicht ſehen kann, ſo ſage ich's doch ſo hier unter vier Augen, da wir hier in der beſten Vertraulichkeit ſitzen, und kein Menſch es hören kann, ich ſage es rein heraus, der Rittmeiſter... ja, ja, ich ſage es, ich.“ Der Feldwebel legte das Meſſer hin und verdoppelte ſeine Aufmerkſamkeit. „Herr Feldwebel, ich behaupte, ich, der Rittmeiſter iſt gerade ein ſolcher Mann, mit dem keine Frau fertig wird, und darum...“ „Darum? ja!“ Stark nickte und war ſichtbarlich ſchon vor der Hand einverſtanden mit jedem Schlußſatze, den Frau Margaretha hinzufügen konnte. „Daxum wird aus ſeinen Ehen nimmermehr etwas anderes als Elend und Langweile. Sie hahen nicht mehr Gefühl für einander, als ein Paar Steine haben würden.“ „Gott behüte uns!“. „Wie ich ſage; und obgleich ich gewiß nicht verliebt bin, ſo ſage ich doch auf mein Gewiſſen, falls ich je wie⸗ der heirathete, ſo würde ich wohl beſſer darauf achten, was der Prieſter Einem vorſagt, und dann ſo könnte es —— —— ——· 4 mir nimmermehr einfallen, das Meinige gehen zu laſ⸗ ſen, wie es wollte, ſo wie die gnädige Frau thut.“ lich „Hm, was das betrifft— hm, hm!— ſo weiß ſie d 3 ne wohl, daß die Haushaltung auf Roſenborg recht gut ging den 4t ehe ſte her kam. ſag 4 f „Das iſt wahr, und ich will nicht läugnen, daß ich M e die Pique verſtehe, die ſchön und gut gemeint war; aber tska wenn ſie ſich auch noch ſo ſehr auf mich verlaſſen könnte, den uin ſo müßte ſie doch wohl wenigſtens ſo viel thun, als zwit weſ ir Strohhalme ins Kreuz legen, um den Leuten zu zeigen, en. daß ſie hier Frau im Hauſe iſt und nicht ich.“ Art vor „Vielleicht iſt die gnädige Frau... es ſchickt ſich r gewiß nicht ſo zu ſagen, aber es könnte doch möglich ſein, ei ee daß ſie, jung und fein wie ſie iſt, nicht recht erfahren heibenei wäre und..“ am De „Damit hat's keine Gefahr! Das glaubte ich in da tan Anfange auch, und dachte daher, ich will ſie einmal auf mehr al den Puls fühlen; denn iſt keine andere Noth da, ſo richt liſcher 4 ich's ſchon ſo fein ein, daß ſie nicht verſteht, wie ich we anädic 5 ter ſehe als die Naſe reicht. Ich habe oft genug jung 4 di Frauen gehabt, die kaum wußten, ob die Eier geleg ich ſtan würden oder auf den Bäumen wüchſen. Aber ſehen Siz wollte o wenn ich Ihnen ſo viel ſagte wie: zauf welche Art be fehlen Ihro Gnaden, daß ich das oder das Gericht koche! und es dann wieder hieß:„laſſen Sie mich erſt hören Frau Brunsberg, wie Sie es zu kochen pflegen! i wußte ich immer, wie es an der Zeit war, und erzählt ihnen die ganze Sache vom Anfang bis zu Ende. An dieſe Weiſe ging es denn täglich, bis ſie zuletzt ſo 1 gelernt hatten, daß ſie im Stande waren, mir das a⸗ befehlen, waszzch ihnen eingeübt hatte.“ 1 Der Felbſbebel lächelte auf eine Art, welche ſeh Bewunderung über die Weisheit in dieſem Verfahren uo kommen ausdrückte. Und befriedigt durch die ſtille Au digung fuhr Frau Brunsberg fort: Doch ſieh! der Knoten ſitzt nun eben da, da Frau nicht zu dieſer Art gehört. Als ich weiß ſie dut ging daß ich r; aber könnte, als zwei i zeigen, ſchickt ſich glich ſein, erfahre e ich in (nmal auf ſo richt e ich wer nug jung kier gelegt ſehen St je Art be chht koche! erſt hörm legen!“ d nd erzähte nde. Au letzt ſy u das anzu welche 6 fahren uu ſtille H a, daß s ich uit 2* 54 8 4 8⁵ lich neulich fragte: ‚Wie befehlen Ihro Gnaden, daß ich den à la Daube, den Fiſchpudding und was es weiter war, koche?“ ſo antwortete ſie gleich: ſo und ſo, und das ſagte ſie reel ohne ſo viel wie eine halbe Meſſerſpitze voll Muskatenblüthe zu ſtottern. ‚Doch,“ ſagte ſie,„im Uebri⸗ gen machen Sie es wie Sie pflegen, Frau Brunsberg, ich bin mit dem Eſſen immer ausgezeichnet zufrieden ge⸗ weſen.“ „Wie vernünftig!“ meinte der Feldwebel mit einer Art von ſtiller Andacht. „O ja, ſie iſt eine vortreffliche Dame; wenn ſie nur zeigen wollte, wozu ſie taugt; doch davon bekommt der Rittmeiſter nie etwas zu wiſſen. Vorgeſtern, oder ob es am Donnerſtage war— nein, am Mittwoch war es— da kam ſie hinab in die Küche; ſie iſt wahrhaftig nicht mehr als dreimal dort geweſen— Herr du mein himm⸗ liſcher Vater, dreimal in zwei Monaten! und die ſelige gnädige Frau war dort wenigſtens dreimal in der Woche, ja bisweilen vielleicht ſogar dreimal am Tage... Nun, ich ſtand und rührte einen Brodpudding zuſammen und wollte eben die Cier zerſchlagen, da hörte ich wie die Gans in der Pfanne zu ziſchen begann, als wäre ſie toll und beſeſſen: die Köchin Lena, dieſes Vieh, hatte zu viel Feuer untergelegt... Haben Sie die Gute, Ihro Gna⸗ den!’ ſagt' ich und reichte ihr ohne Umſtände die Schüſ⸗ ſel und den Quaſt; und wahrhaftig ſie begann ſo geſchickt zu rühren und zu ſchlagen, als wäre ſie eine alte Haus⸗ hälterin, bis zufällig der Rittmeiſter herein kam und ſie ſah... Sobald ich ſeine Schritte hörte, hielt ich die Gans nicht länger auf der Gabel feſt, dern ließ ſie quatſch in die Pfanne zurückfallen, denn ich wollte ſehen, wie es ihm geſiele, die junge Frau in Arbeit zu ſehen... „Behüte! ſagt' er, liebe Lavinia, ich glaube kaum, daß wir uns hier jemals getroffen haben!’ Und mit dieſen Wotten(denn er ſah ſogleich, daß die gnädige Frau iit Geſichtz roth wurde wie ein Puderhahn) zog er ſich rucl⸗ waärts wieder hinaus. Und ſie war ebenfalls nicht faul die Küche zu verlaſſen, wenn auch auf einem andern Wege“ „Das war ſehr ſonderbar— ſie brauchte ſich doch wohl nicht zu ſchämen?“ „Das iſt's ja eben, ſage ich, was ich nicht begreife⸗ Aber es wird auch bei Gott dem Rittmeiſter ſchwer, daß er ſich in ſolchen Haushaltungsfragen an mich wenden muß, die er früher immer mit der ſeligen gnädigen Frau beſprach. So letztlich, als Korn nach der Mühle geſchich werden ſollte— ich ſchämte mir beinahe die Augen aus dem Kopfe, als er bei Tiſche in Gegenwart der gnädigm Frau mich fragte, wie es mit dem Waizenmehl, mit da Grütze und ſo weiter wäre, ob ich auch Verſtärkun brauchte, und ob ich mehre Spezereien brauchte, dag ke nun doch in die Stadt ſchicken wollte, und ſo weiter Die gnädige Frau ſaß wirklich da wie das fünſte Ra ſich de am Wagen. Verrückter aber ging es doch noch vor ein kann ie gen Tagen zu, da ich zufällig aus dem Wege war mn gnädig der Spinnmeiſter Wolle haben ſollte. Die Wollkamm ſchönen hatte die ſelige gnädige Frau ſtets unter ſich. Nun gu hofft i Lotta lief zur gnädigen Frau; doch ſie hatte weder de daß er Scchluſſel, noch wußte ſie das Geringſte von der Wall ſichte: und Lotta mußte zum Rittmeiſter gehen, und dieſer muß 8 ſelbſt hin— o, es war wohl das erſte Mal— wahrn ⸗ 3 „Lotta abwog.“ ſo hal „Hm, hm!l daraus werde ich nicht klug! Geht d hatte, Rittmeiſter noch immer ſo viel auf die Jagd? Ich gla wenn faaſt, er thut es meiſtens darum, weil ihm hier zu Hat tigkeit die Zeit lang wird.“ ganz „Ja, ich fann mich nicht entſinnen, daß er ſent und 4 dig un ja, we an einem H ſo gelaufen iſt; doch in dieſen letzten Wochen iſt er doch nicht ſo oft aus geweſe er, Herr du mein Gott! wir plaudern hier ja ſ der Bouillon kalt wird.“„ „Ja, ja, ſo geht's, wenn man in gen Zug ich kann nicht begreifen, warum ber Rittm gnädige Fran nahm, wenn er ſie nicht leiden mocht nicht faul en Wege. ſich doch t begreife. wer, daß ch wenden igen Frau le geſchich Augen aut gnädige I, mit da zerſtärkung hte, da n ſo weiten fünfte Na ) vor ein e war u Vollkamm Nun gut weder da der Wol ieſer muß — währe Geht de Ich glaut r zu Hau er jemi ieſen beit eweſen ja ſo lan Zug ko 1n ttmeiſtet i mochte. 87 „Das iſt das Sonderbarſte von der ganzen Geſchichte, und ich glaube poſitiv, daß er ſie doch ein wenig leiden mag, obgleich er bisweilen ſteifer und kälter iſt als die Stein⸗ bilder im Salon und ebenſo unbeweglich dazu; er kann ja ſtundenlang ſitzen und ſie nicht einmal ſo viel„eksti⸗ miren“, daß er ein Wort mit ihr ſpricht.“ „Aber wie ſollte er dennoch— hm...“ „Ja, zwei Morgen, da ich im Salon zu thun hatte, habe ich ihn neben dem Ofen im Beſuchzimmer ſtehen und in den Spiegel ſchielen ſehen, denn in dieſem kann man durch die Schlafzimmerthüre, die immer halb offen ſteht, das Fenſter und die Toilette ſehen.“ .„Iſt das denn ſo merkwürdig?“ ſagte der Feldwebel ſehr verwundert. O, das iſt eben nicht merkwürdig; aber er beſieht ſich das Fenſter und die Toilette wohl nicht ſo ſehr, kann ich mir denken, als vielleicht ſchlecht und recht die gnädige Frau ſelbſt, die dort jeden Morgen ſitzt und ihre ſchönen Haare kämmt. Und als ich geſtern ganz unver⸗ hofft in's Zimmer trat— meiner Seel', ich wußte nicht, daß er da war!— ſo wurde er roth wie Blut im Ge⸗ ſichte und ſagte, er ſuchte ſein Schnupftuch. 1 „Sollte denn wohl ſie ihn nicht leiden mögelt?“ .„Das begreife wer da kann! Wenn er bei ihr ſitzt, ſo habe wenigſtens ich, wenn ich etwas dort zu thun hatte, nicht viele Worte von ihnen vernommen, außer wenn von den Kindern die Rede war. Und die Gerech⸗ tigkeit muß man ihr angedeihen laſſen, daß ſie gegen dieſe ganz wie eine rechte Mutter iſt: ſie näht ihnen Kleider und Puppen, ſie ſpielt mit ihnen und hat ſie faſt beſtän⸗ dig um ſich.. Aber was wollte ich doch ſagen?... ja, wenn er nicht zu Hauſe iſt, beſonders nun in der letz⸗ ten Zeit, ſo muß ihr doch die Zeit lang werden; denn ſie iſt mehrmals in den Saal hinausgegangen und hat ſich an's Fenſter geſtellt, obgleich ſie gewiß dort nie geſtnten hat, wenn er mach Hauſe gekommen iſt— außer hinter der Gardine. Aber leiden mag ſie ihn doch i denn thäte ſie das der fertig.“ „Ganz richtig— es iſt klar wie der Tag, daß ſie nicht für einander paſſen.“ „Wenigſtens gibt es gewiſſe andere Leute, die viel⸗ leicht beſſer als Mann und Frau paſſen.“ „Sehr wahr— zum Beiſpiel die Herrſchaften auf Klefwa.“— „,0, die brauchen wohl eben nicht zum Beiſpiel zu dienen!“ entgegnete Frau Brunsberg halb ärgerlich, in⸗ dem ſie aufſtand und eine von den Dienſtmädchen rief, um das Mittageſſen abzutragen. Der Feldwebel ging gleich darauf in ſein Zimmer, erſchien jedoch bald wieder mit ſeiner Pfeife, denn er hatte ſo würden ſie gewiß beſſer mit einan⸗ ein für alle Male die Erlaubniß erhalten, beim Kaffee zu rauchen. Frau Brunsberg war jetzt dabei, in ihrer Commode aufzuräumen— ihre gewöhnliche Sonntagsarbeit, wenn keine Fremde f Roſenborg waren. „Komm bie, mein lieber Herr Feldwebel, und helfen Sie mit dieſe Kleinigkeiten einwickeln! Bei Gott, die daßſhaſen ſind ſo gütig gegen mich geweſen, daß ich bald, oder richtiger in jedem Augenblicke mit Lein⸗ wand und Silber meine eigene Wirthſchaft anfangen kann!“ Während Frau Margaretha Brunsberg ihre gutge⸗ meinte aber undankbare Arbeit fortſetzt, dem geiſtlich blin⸗ den Liebhaber die Augen zu öffnen, welcher ganz artig und einfältig daſitzt, das Papier glatt ſtreicht und die Löffel einwickelt, wollen wir die Neuvermählten auf ihre Reiſe zur Kirche begleiten..— An berg hit M Paar. „Man ſtehen, Nein, junge d Augen! meiſter, ſie wohl Schönhe De gen dieſe wöhnlich ſeine Fr wäre. Augenbl ihren M ſchienen ertappter kalte Hö In nämlich ruhe, da hatte ar reichte de t einan⸗ daß ſie die viel⸗ ften auf iſpiel zu⸗ lich, in⸗ zen rief, Zimmer, er hatte daffee zu Lommode t, wenn lel, und ei Gott, en, daß hit Lein⸗ n kann!“ gutge⸗ ich blin⸗ nz artig und die uf ihrer 89 Neuntes Kapitel. An der Seite ihres Mannes ſtieg Lavinia den Kirch⸗ berg hinauf. Mit Bewunderung betrachteten die Leute das ſchöne Paar. Unter ſich aber flüſterten einige Bauersfrauen: „Man erzählt, es ſoll nicht alles gut zwiſchen ihnen ſtehen, und ſehr verliebt ſehen ſie auch wirklich nicht aus. Nein, anders war es, als der Baron auf Klefwa ſeine junge Frau nach Hauſe fuͤhrte: ſie konnten kaum die Augen von einander hinweg bekommen; aber der Ritt⸗ meiſter, der Unartige, ſieht ſeine Frau kaum an, obgleich ſie wohl zehnmal ſchöner iſt, als die Freiherrin in ihrer Schönheitszeit war.“ 4 Der Rittmeiſter, zu deſſen Ohren einige Anmerkun⸗ gen dieſer Art drangen, wurde noch abgemeſſener als ge⸗ wöhnlich. Doch mußte er einen unvermexkten Blick auf ſeine Frau werfen, um zu ſehen, ob ſie Wirklich ſo ſchön wäre. Nun aber wollte das Unglück, daß in dieſem Augenblicke auch Lavinia einen unvermerkten Blick auf ihren Mann warf. Ihre Augen begegneten ſich, und ſie ſchienen beide überraſcht zu ſein, daß ſie ſich auf etwas ertappten, das noch fremder war, als die gewöhnliche kalte Höflichkeit, die nicht ſeltene Verlegenheit. In dem erwähnten gemeinſamen Augenbeſuche lag nämlich eine gewiſſe Unruhe; eine gewiſſe bängliche Un⸗ ruhe, daß die Leute ſo viel wiſſen ſollten. Sichtbarlich hatte auch Lavinia etwas gehört, und unwillkührlich reichte der Rittmeiſter ſeiner Frau den Arm, da ſie jetzt den letzten ſteilen Abhang hinaufſtiegen. Die eine von den Kirchenbänken, die Roſenborg zu⸗ gehörten, war auf dem Chore, und man befand ſt derſelben ſo abgeſchieden wie in einer Theaterloge. jungen Herrſchaften hatten ſich ſurecht geſetzt, und nia erhob ſich wieder von dem ſtillen ehisa ls be dem Chore gegenüber in einem ähnlich gebauten Stuhle ein junges, ſchönes, aber ſehr blaſſes Frauenzimmer er⸗ blickte, deren Wangen aber ſchnell von einer leichten Wolke gefärbt wurden, als ſie mit einer langſamen, faſt demuthsvollen Senkung ihres Hauptes den tiefen und achtungsvollen Gruß des Rittmeiſters erwiederte. Seitwärts warf Lavinia einen Blick auf ihren Mann; doch ſeine Augen ruhten noch auf dem Frauenzimmer in der Bank gegenüber, und als er ſich darauf zurückzog und ſich an die Rücklehne legte, ſo entfuhr ſeinen Lippen ein Seufzer. Als die Bänke ſich nun immermehr mit Menſchen füllten, ſo bemerkte Lavinia mit Verwunderung, daß das junge Frauenzimmer immer mehr mit einer faſt zudring⸗ lichen Aufmerkſamkeit beläſtigt wurde. Man betrachtete ſie von allen Seiten, man warf die Augen bald mit dem Ausdrucke der Verwunderung, bald mit einem übertriebenen Bedauern zu ihr auf, und aus den herrſchaftlichen Stühlen vorne im Chore ſchoß un⸗ ter den Hüten der Mamſellen mancher Blick von durch⸗ bohrender Schärfe auf das junge bleiche Mädchen herauf, deren Augen ſich immer tiefer in das Pſalmbuch ſenkten. „Ich bitte Dich, meine Liebe,“ ſagte der Rittmeiſter und beugte ſich mit einer redenden Geberde zu ſeiner Frau,„ſei ſo gütig und grüße das Frauenzimmer in ſchwarzen Hute hier gegenüber, wenn ſie wieder aufſieht!“ „Wer iſt ſie denn?“ fragte Lavinia.* „Ein junges unglückliches Mädchen, das.. doch bedarf ſie wohl einer andern Fürſprache, als daß ſie un⸗ glücklich iſt?“ „ und daß Du Dich für ſie intereſſirſt?“ Wie Du beliebſt; ich intereſſire mich wirklich Der Rittmeiſter wendete ſich von ſeiner Frau bei weitem weniger liebenswürdigen Miene, Stuhle nmer er⸗ leichten nen, faſt fen und Mann; mmer in kzog und ippen ein Menſchen daß das zudring⸗ warf die ng, bald und aus ſchoß un⸗ on durch⸗ n herauf, h ſenkten. Nittmeiſter zu ſeine mmer im heiterte anders dageger halten! her ka betracht ſich erd nicht fi dieſe S einem Johnſon D reines, Theilna 5 „8₰ des ſan 93 heitertem Blick.„Sollte es möglich ſein, daß Du jetzt anders denkſt, als da ich Dich in der Kirche bat, ſie zu grüßen? „Ich hatte nicht Zeit, etwas zu denken, ober um ganz aufrichtig zu ſein, ich wurde von ſo vielen Gedan⸗ ken überraſcht, daß ich zu keinem Schluſſe kam. Jetzt dagegen— ach, ich bitte Dich, beſiehl dem Kutſcher zu halten!“ „Erſt muß ich Dir aber ſagen, daß dieſes arme Mädchen, die Tochter eines verſtorbenen Comminiſters dieſer Gemeinde, zu den gefallenen Engeln gehört. Da⸗ her kam die Unverſchämtheit, mit welcher man ſie zu betrachten ein Recht zu haben vermeinte, als ſie einmal ſich erdreiſtete in Gottes Haus zu kommen, als ob es nicht für Alle da wäre. Die Heuchlerinnen! Ich kann dieſe Sicherheit, dieſen Stolz nicht ausſtehen, der von einem Mangel an Herz und Erziehung zeugt... halt, Johnſon!“ Der Wagen hielt. „Mamſell Rehnman!“ ſagte der Rittmeiſter und beugte ſich ſo weit aus dem Wagen hinaus, daß die Kirchleute ſowohl vor als hinter ihnen ihn hören mußten,„meine Frau frägt, ob nicht Mamſell Marie mit uns fahren will? der Weg iſt ſchlecht!“ Das Mäadchen wendete ſich um, und Lavinia erſtaunte über den Eindruck, den die Unbekannte auf ſie machte— oder kam dies vielleicht daher, weil dieſe ſelbſt ſehr ver⸗ legen und tief erſchuͤttert war? Marie Rehnman heftete ihr Auge nur eine Sekunde auf Lavinia; aber dieſer kurze Blick enthielt dennoch eine ſo warme Dankbarkeit, ein 5 reines, herzliches und verſchämtes Gefühl, daß Lavinia's Theilnahme ſich verdoppelte. „Ich danke unendlich,“ ſagte ſie mit einer Stimme des ſanfteſten Wohllautes;„aber ich bin nicht müde, nicht im mindeſten!“ Und ohne eine neue Einladung abzuwar⸗ ten, verneigte ſie ſich tief und ging weiter. Fahr' zu, Johnſon!“ Und wie ein Blitz fuhren ſie an der ſchönen Fuß⸗ gängerin vorüber. „Die verſcheuchte Taube war froh, den Kopf unter ihrem eigenen Flügel verſtecken zu können,“ ſagte der Rittmeiſter.„Inzwiſchen danke ich Dir für Deine Güte, liebe Lavinia! Ich hoffe, der armen Marie wird es gul ſein, daß Du ihr und allen, die es geſehen habe, gezeigt haſt, daß Du ſie nicht verachteſt.“ „Behüte mich Gott davor! Ich weiß ja nichts von ihrem Unglücke.“ „Kein Menſch weiß etwas davon; aber man verachtet ſie um ſo mehr, weil man nichts weiß, nichts errathen kann.“ „Das iſt in der That allzu grauſam!“ „Maria iſt gefallen; doch iſt ſie weder hierhin noch dorthin gereiſ't, um ihre Schande zu verbergen. Sie iſ zu Hauſe geblieben und hat lieber gelitten, geweint um gleichr ſich in den Staub treten laſſen, hat lieber zugelaſſen, daz durchge die giſtigen Zungen ihren Ruf zerriſſen, die giftigen Blitt gen G ſich in ihr Herz einbrennten, als daß ſie ihr Kind, dieſe trat, 1 Andenken an ihre Liebe und ihr Unglück, von ſich ge ihr ſo laſſen hat.“ A „Arme, arme Mariel wie bitter, wie ſchrecklich muß ſellen, nicht ihr Leben ſein 1 blicke, 1 „Ohne Zweifel wäre der Tod einem ſolchen Leben eine N bei weitem vorzuziehen; doch in ihrem frommen und chriſ⸗ 5 lich ergebenen Gemüthe— Marie iſt von der achtunge nicht g wertheſten und vortrefflichſten Mutter erzogen— find dem T nicht einmal ein Wunſch nach Befreiung Raum: ſie glaub Jagd verdient zu haben, was ſie leidet. Aber wie ganz and J würde ſie wohl handeln, wenn die Reihe einmal an die ihre ſtolzen Mitſchweſtern käme, die ihr nun ſo veräͤ lich den Rücken zeigen!“ 1 Je mehr Lavinia ihren Mann reden hörte, d größer wurde ihre Ueberzeugung von der Unrichtigkeit vechſelnden Gedanken, die ſie anfangs gehegt hatte. Do ehe der Abend kam, ſollte ſie ſchon wieder in dieſen önen Fuß⸗ Kopf unter ſagte der heine Güte, bird es gut abe, gezeigt nichts von an verachte ts errathen ierhin noch n. Sie iſ geweint um elaſſen, daß tigen Blick Kind, dieſes on ſich ge fecklich muß ſchen Leben und chriſt⸗ r achtungs⸗ — finde : ſie glaub ganz ander ral an dieß ſo verächt oörte, deſß chtigkeit de ſatte. Doß dieſen 6 95 genſtand hinein geworfen werden, nur mit dem Unter⸗ ſchiede, daß der Weg, den ſie Anfangs nicht ſehen konnte, jetzt bezeichnet und gebahnt war, und der Einbildung einen großen Raum übrig ließ auf demſelben hin und her zu ahren. fuſ In der Mittagsgeſellſchaft, an welcher die Neuver⸗ mählten von Roſenborg und viele der Kirchengäſte mit ihnen Theil nahmen, wurde verſchiedenes über„die unglück⸗ liche Perſon“ Marie Rehnman geflüſtert. Und man war höchlich verwundert, daß gewiſſe Perſonen, beſonders ſolche, von denen man meinte, ſie thäten am beſten nichts zu ſehen, ſo„horribel familiär“ geweſen wären. Aber es läge etwas Lächerliches darin, daß der Hochmuth gewiſſer Perſonen ſo ſtark wäre, daß ſie meinten, ſie könnten nie etwas Unpaſſendes thun. Von dieſen kleinen geheimnißvollen Mittheilungen war gleichwohl noch kein einziges Wort bis zu Lavinia hin⸗ durchgedrungen, als ſie, ermüdet von dem einförmi⸗ gen Geſpräche um ſich her in das leere Schlafzimmer trat, um einen blühenden Roſenſtock zu betrachten, der ihr ſo angenehm durch die Thür zuwinkte. An dieſes Zimmer aber ſtieß die Kammer der Mam⸗ ſellen, und von hier aus hörte ſie nun in dem Augen⸗ blicke, da ſie ſich hinabbeugte, um dem ſchönen Gewächſe eine Roſe zu rauben, folgende Worte: „Wie ich ſage, er läßt ſich durch ſeine Verheirathung nicht geniren, ſondern fährt fort, ſie zu beſuchen unter dem Vorwande— behüte Gott!— daß er auf die Jagd geht.“ Mit einer heftigen Bewegung erhob Lavinia das Haupt und blickte auf die Thür, von welcher ſie dieſe allzu deutlichen Worte gehört hatte... Noch hatte inzwi⸗ ſchen kein Name ihr Ohr erreicht; ſie wollte glauben, daß ſie ſich getäuſcht hatte: das Geſagte betraf ſie nicht, konnte ſie nicht betreffen. Doch nach einigem Flüſtern begann die vorige Stinme von Neuem: „Und gerade vor der Naſe ſeiner Frau ſo ſchamlos zu ſein ſie zu grüßen! Marie, die Gans, hatte doch noch wenigſtens ſo viel Scham im Leibe, daß ſie voth wurde, ſobald ſie ihn zu ſehen bekam. Ich ſaß gerade ſo, daß ich alles ſehen konnte. Und dann war es wohl für eine Frau der gemeinſte Skandal, den man ſich denken kann, daß er in ihrem Namen ſeine Mattreſſe einlud, mit ihr in einem Wagen zu fahren.“ 5 „Ja, ich geſtehe,“ äußerte eine andere Stimme,„daß ich die arme Frau C- ſtöld von Herzen bedauere. Sie ſcheint gar nicht davon zu träumen daß ſie mit dem ſchamloſeſten Manne verheirathet iſt, der noch je eine Frau betrogen hat; und ſo lange es ihm gelingt, ſie ſo zu hab⸗ ten wie bisher, kann ſie auch nichts erfahren, denn Frau Brunsbeig iſt meiner Treu ſo inſtruirt, daß ſie, wie ſie immer ſelhſt ſagt, ſehen und nicht ſehen, hören und nicht hören kann. Aber gewiß kann man ſich ärgern, wenn man die Sicherheit des Herrn Rittmeiſters ſieht: er nimmt ſich einen Ton heraus, als ließe es ſich gar nicht denken, daß irgend ein Menſch es wagen könnte zu bezweifeln, daß ſein Thun und Laſſen(und wäre es auch noch ſo toll) verſtändig und paſſend iſt. Ja, ich glaube ſogar, er iſ hochmüthig genug zu glauben, daß gerade ſeine Offenhet gegen Marie Rehnman ihn über jeden Verdacht erhebt.“ „O nein, Du, ſo dumm iſt er nicht!“ entgegnete di Erſte.„Er weiß es gewiß recht gut, daß er nicht den ganzen Gegend eine Naſe drehen kann; doch ſo, wie a nun einmal die Sache genommen hat, weiß er auch, daß Niemand es wagt, ihm zu zeigen was alle Menſchut wiſſen.“ Nach dieſen Worten entſtand in dem innern Zimma eine kleine Bewegung, und Lavinia, die ſo erſchüttert war daß ſie faſt nicht von der Stelle konnte, wußte kaum, uß ſie wieder in das Beſuchzimmer kam. 4 Als ſie ſich eben geſetzt hatte, um mit aller mögliche Faſſung der Propſtin zuzuhören, und mit ihr einige wich tigen Angelegenheiten der Haushaltung zu verhandetze Abſcheu ſie zu b Gattin Unwillke der ſie Dr nicht re Stellun Stimme angeneh Wagini allein, Leib un ſchamlos och noch ) wurde, ſo, daß für eine en kann, mit ihr me,„daß ve. Sie mit dem eine Frau o zu hal⸗ in Frau , wie ſi und nicht denn man immt ſich aken, daß eln, daß ) ſo toll) ar, er iſ Offenhei erhebt.“ egnete di nicht dar », wie a auch, daß Menſchu a Zimma ttert war kaum, u naans nige wich erhandeth 6 4* 97 trat der Rittmeiſter aus dem Zimmer der Herren ein und fragte ſeine Frau, ob er befehlen ſollte, daß vorgeſpannt ürde. inm„O, es iſt noch allzu früh!“ verſicherte die Propſtin. Doch Lavinia, die nichts Hoheres wuͤnſchte, als ſo ſchnell wie möglich dieſes ſchrecklichen Zwanges erledigt zu werden, erklärte augenblicklich, daß ſie fertig wäre, und daß ſie für diesmal dem Vergnügen länger zu bleiben entſagen müßte, weil ſie den ganzen Tag von den fürch⸗ terlichſten Kopfſchmerzen gepeinigt worden wäre. Eine Viertelſtunde ſpäter ſaßen die Herrſchaften im Wagen. SSDie beiden Gatten lehnten ſich in die beiden Ecken des Wagens, und man vernahm keinen andern Laut als den der raſſelnden Räder. Endlich änderte der Rittmeiſter die Stellung und ſtreckte den Arm ſo weit aus, daß derſelbe Lavinia's Leib berührte. In dieſem Augenblicke war es ihr aber ganz unmög⸗ lich, ſich in eine ſolche Vertraulichkeit zu finden. So ruhig ihr Aeußeres zu ſein ſchien, ſo völlig erregt war ihr Inneres. Sie fühlte einen mit Verachtung gemiſchten, Abſcheu gegen dieſen Mann, der es ſo kühn gewagt hatte, ſie zu beleidigen, daß er ſogar begehrt hatte, ſie, ſeine Gattin ſollte öffentlich die Mamſell Rehnman grüßen... Unwillkührlich entzog ſie ſich der Berührung ſeines Armes, der ſie durch Mantel und Kleid brannte. Doch der Rittmeiſter verſtand Lavinig's Bewegung nicht recht. Er glaubte, ſie wollte nur eine bequemere Stellung haben, und ſagte mit der weichen, einnehmenden Stimme, welche, obgleich ſie von ihm kam, ihr ſo höchſt angenehm war:„Lehne Dich an meine Schulter, beſte Lavinia!“ Und mit dieſen Worten berührte er ſie nicht allein, ſondern er ſchlang wirklich ſeinen Arm um ihren Leib und rückte ihr näher, damit ſie ihr Haupt ſo anleh⸗ nen könnte, wie ſie es am beſten fand. Lavinia beabſichtigte ſich mit einem:„nein, ich danke, ich ſitze gut!“ noch weiter in die Ecke zurück zu ziehenz Carlén, Ein Jahr. 1 . 98 doch ehe noch dieſe Wabte über ihre Lippen gekommen waren, lag ſchon ihr Haupt ohne alle Mitwirkung von ihrer Seite an Ludibig's Schulter, und ſie dachte jetzt: „Ich bin gezwungen, es einige Minuten zu ertragen, um ihn nicht zu beleidigen... Aber was fällt ihm heute Abend ein?“ ollte es möglich ſein, daß er eine ver⸗ brecheriſche Verbindung unterhielte? Sollte er wohl mei⸗ nen Vorſchlag; ihr einen Platz in unſerm Wagen zu bie⸗ ten, angenommen haben wenn darin etwas Kränkendes für mich gelegen hätte? Es muß alles Verläumdung ſein... Doch was es auch ſein mag— habe ich wohl ein Recht, ſeine Treue zu fordern? Noch zehn Monate, und es iſt alles vorbei, und meinetwegen mag er alſo erne ſeine Maitreſſe behalten, wenn er mich nur nicht durch ſolche Anſprüche wie heute beleidigt... Gleich⸗ wohl fordert vielleicht auch unſer Verhältniß eine gewiſſe Deliateſſe... Sie erröthete wirklich, als ſie ihn erblickte — das iſt etwas, welches ich ſelbſt ſah, und nicht bloß von Andern hörte.“ Wiährend die ſich hin und her kreuzenden Wider⸗ ſprüche Lavinia's Seele beſchäftigten, verging die eine Minute nach der andern, bis der Wagen einen Stoß er⸗ hielt, der ſie daran erinnerte, die Stellung zu ändern. „Jetzt iſt der Weg ſo eben,“ ſagte der Rittmeiſter, „Ich genire Dich nur!“ 3 „Wenn Du den Platz nicht ſelbſt zu unbequem ſin⸗ 1 Daß er nicht begreifen will, wie viel mehr ich genirt bin!“ dachte Lavinia, meinte aber dennoch, könnte es nicht abſchlagen, ihr Haupt wiederum an ſei nz unbegreiflich D vinia a mußte. ſitzen; — und daß da daß die A neue S D ihre A ſtarke⸗ ihr Er würde hätte, ſchlang machte ommen ig von e jetzt: en, um n heute ne ver⸗ hl mei⸗ zu bie⸗ inkendes umdung ch wohl Monate, er alſo ur nicht Gleich⸗ e gewiſſe erblickte ccht bloß Wider⸗ die eine Stoß er⸗ ndern. ttmeiſter, zigt wer⸗ ichen: es n.* zuem fin⸗ mehr ich noch, ſie man ſeine egreifliche zebrauchte und zwat * 1 99 Der Rittmeiſter ſchien wirklich zu ſchlafen, und La⸗ vinia athmete ſo leiſe, daß er von ihr daſſelbe glauben mußte. Jetzt aber ermüdete Lavinia, ſo unbeweglich zu ſitzen; ſie mußte nothwendig den Arm ein wenig bewegen — und zu ihrer allergrößten Beſtürzung füͤhlte ſte nun, daß das Herz ihres Mannes ſo ſchnell und ſtark klopfte, daß die Schläge einander faſt jagten. Augenblicklich mußte der unglückliche Arm ſich eine neue Stellung ſuchen. Die gemachte Entdeckung hatte inzwiſchen nicht nur ihre Wangen gefärbt, ſondern auch ihr eigenes Herz in ſtarke Bewegung geſetzt. Doch um wie viel ſtärker würde ihr Erröthen wohl geweſen ſein, um wie viel ſchneller würde ihr Herz geſchlagen haben, wenn ſie daran gedacht hätte, daß er, deſſen Arm leicht und nachläßig ſie um⸗ ſchlang, vielleicht in dieſem Augenblicke dieſelbe Entdeckung machte, und ſich eben ſo wunderte wie ſie. Falls Lavinia's Gedanken in dieſe Richtung gerathen wären, ſo würden ſie die Wahrheit vollkommen getroſſen haben. „Er ſchläft nicht,“ ſagte ſie,„warum ſtellt er ſich denn ſo?... warum ſchlägt ſein Herz ſo, wie... wie ich mir nie habe vorſtellen können, daß es im Stande wäre zu ſchlagen... das iſt wirklich... wirklich wun⸗ derbar!“ „Sie ſchläft nicht,“ ſagte er.„Ihr Herz ſchlägt— doch warum? Iſt ſie verlegen, beunruhigt, beläſtigt? Fehlt ihr vielleicht der Muth zu ſagen: zes peinigt mich ſo zu ſitzen?... Oder wäre es möglich, daß ſie... unmöglich, unmöglich!“ Lavinia erhob ſich.„Ich bin jetzt nicht im mindeſten ſchläfrig. Sieh, Ludwig, wie romantiſch dort am Wald⸗ ſaume das Licht ſchimmert.“ „Dort iſt die Wohnung der armen Marie Rehnman; dort wohnt ſie mit ihrer Mutter.“ Wie durch einen Zauberſchlag war Lavinia's Selbſt⸗ tauſchung verſchwunden; doch bemühete ſie ſich, die plötz⸗ ſeinem kalten aber feſten Charakter nicht im Stande zu liche Veränderung nicht in der Stimme laut werden zu laſſen, als ſie fragte:„Du nimmſt alſo einen herzlichen ſie ſie Antheil an dem Schickſale des armen Mädchens?“ tete il „Ja, ich intereſſire mich innig für ſie. Niemand gung. weiß oder ahnt gleichwohl wie herzlich.“ 4 „Wie herzlich?“ blicklic „Ja, ich ſage ſo, gute Lavinia; denn in dieſem brannt Augenblicke, dem erſten wahrhaft vertraulichen zwiſchen ſelten uns, will ich Dir geſtehen, daß ich eine Zeitlang daran die ver dachte, Marie zu meiner zweiten Gattin zu wählen. Ihre der tie häuslichen Tugenden, die Reinheit ihres Herzens und ihre ein S angeborene Anmuth machten es mir möglich, bei dieſen des Zo Gedanken zu verweilen.“ NY Lavinia war nahe daran, von dem Vertrauen ihres eine I Mannes erſtickt zu werden. Mit Mühe ſtotterte ſie her⸗ welche vor:„Warum änderteſt Du denn Deinen Entſchluß 20 wollten „Weil ſie, ſchon ehe ich mit meinen Ueberlegungen verſpern zu einem Entſchluſſe gelangt war, unwürdig wurde, mei⸗ 6 nen Namen zu tragen.“ berg 4 „Welch ein hartherziger Barbar, welch ein verächtli⸗ 24 cher Egoiſt!... und ich glaubte, die Leute hätten ſich aus Bosheit wider ihn verſchworen!... Nein, auf keinen Mann kann ein armes Weib ſich verlaſſen!... Ludwig ſchien mir gleichwohl mit ſeinem Ernſte, ſeiner Offenhein ſein zu betrügen, und übertrifft ſie zuletzt noch Alle.“ Da Lavinia auf ſeine letzten Worte keine Antwort gab und weiter keine Frage that, ſo ſchwieg Ludwig, be⸗ leidigt durch iihre Gleichgültigkeit bei einem Vertrauen, das nur ſeine vorhergehende Gemüthsſtimmung hatte her⸗ vorrufen können. Lavinia war noch weniger angelegen⸗ den Gegenſtand von Neuem zu verhandeln, und ſo kam man in einer Stimmung nach Hauſe, welche die Ein⸗ ſamkeit zu dem Liebſten von Allem machte. 4 „Meine Kopfſchmerzen haben in einem ſolchen Grade zugenommen, daß ich um Entſchuldigung bitten muß wenn ich nicht zu Tiſche komme!“ ſagte Lavinia, inden erden zu 101 erzlichen ſie ſich leicht vor ihrem Manne verneigte. Er beantwor⸗ 4 tete ihr Compliment nur mittelſt einer ſtummen Verbeu⸗ Niemand gung. 4 Als ſie verſchwunden war, ſo warf er ſich augen⸗ blicklich auf einen Sofa im Saale. Seine Wangen n dieſem brannten', ſeine Augen hatten einen Glanz, der dort zwiſchen ſelten zu finden war, und auf ſeinem Antlitze wechſelten ug daran die verſchiedenartigſten Ausdrücke. Bald fuhr eine Wolke len. Ihre der tiefſten Niedergeſchlagenheit über daſſelbe, bald wieder und ihre ein Schein der lebhafteſten Freude und dann ein Blitz ei dieſen des Zornes. Man ſah es deutlich, daß ſeine Seele darnach ſtrebte, uen ihres eine Maſſe der verſchiedenartigſten Gefühle zu ordnen, e ſie her⸗ welche ſich alle zu gleicher Zeit einen Auslauf bahnen oluß 2⁰ wollten, aber ſo ſchnell, daß ſie ſich gegenſeitig den Weg rlegungen verſperrten. irde, mei⸗„Es iſt ſervirt, Herr Rittmeiſter!“ ſagte Frau Bruns⸗ berg, indem ſie mit ihrem freundlichen Lächeln eintrat. verächtli⸗„Danke! ich bin aber nicht hungrig. Laſſen Sie ätten ſich mir nur ein Glas Milch auf mein Zimmer bringen.“ f keinen„Sieh ſo, mein lieber Herr Feldwebel!“ verkündigte . Ludwig die werthe Hausfrau, indem ſie wieder die Schwelle des Offenheit, Speiſeſaales betrat,„nun ſteht es, Gott ſei Lob und Stande zu Dank, ſo, daß man das Eſſen abſchafft! Es ſchmeckt Alle.“ nicht, kann ich denken, weil die gnädige Frau nicht Luſt Antwort hat zu Tiſche zu kommen. Und doch weiß ich noch recht udwig, be⸗ gut, daß er den Appetit nicht Verlor, wenn die ſelige Vertranen, gnaͤdige Frau ſolche Einfälle hatte. Nun, ich weiß kein hatte her⸗ Wort, denn ich kann, Gott ſei Lob und Dank, ſehen angelegen, und nicht ſehen und hören und nicht hören. Aber gibt id ſo kam es hier nicht am Ende ein lebendiges Spektakel, ſo ſollen e die Ein⸗ ſie mich eine Gans nennen! Sind Sie, Herr Feldwebel, ſeh jemals von einer Geſchaftsreiſe— und noch dazu chen Grad von einer ſo langen und weiten wie dieſe— zurückgekom⸗ itten muß men, ohne ſogleich vorgefordert zu werden?“ 4 nia, inden„Nein, wahrhaftig, ich kann mich nicht entfinnen.“ „Nein, nein— ich entſinne mich ebenfalls nicht, 10² wann er nicht nach den Kindern gefra immer ſein erſtes Wort waren. gt hätte, die ſonſt ——— - Zehntes Kapitel. In dem Kabinette vor dem längſt niedergebrannten Feuer ſaß einige Stunden ſpäter Lavinia. Sie hatte die Kleidung, welche ſie am Tage getragem, abgelegt und ſich in eine kleine blaue ſeidene Kontuſche gehuͤll die ſich anmuthig an ihren freien und geſchmeidigen Wuch ſchmiegte. Das Haar ringelte ſich frei um die Schulter, und die kleinen Füße, die ſich in wattirten Pantoffeln verhargen: ruhten an dem Kranz des Ofens. Sie ſaß gedankenvoll an dem Tiſche auf welchem eine Lamp rannte, deſſen Schein nicht nur auf ſie fiel, ſonden auch auf ein Käſtchen von Ebenholz, welches vor ihr ſtand und deſſen Schlüſſel ſie mechaniſch zwiſchen de Fingern hin und her gleiten ließ. Lavinig's ſchöne Züge, gewöhnlich von einer ſanfte und klaren Ruhe gezeichnet, offenbarten in dieſem Auge⸗ blicke die ganze Unordnung in ihrer eele: über in Wangen, welche jetzt roth und heiß brannten, floße langſam ein Paar Perlen herab, welche ſich unter d ſchützenden Augenfranſen hindurch geſchlichen hatten. Noch nie hatte ihr Herz ſo heftig wie in dieſt Augenblicke die Bitterkeit empfunden, allein zu ſte kein Weſen zu beſitzen, zu welchem ſie mit Vertrau fliehen konnte. Und doch— ein ſolches Weſen gehabt, ſo wurde ſie nichts deſto w geer ihren Schmerz für ſich behalten haben; deun Seele war allzu ſtolz, inem menſchlichen Auge die Wunde rgend ei iwollen, die nun ſchon beinahe zehn Monate 1 ihrer Bruſt gebrannt hatte. hätte Lavinia auch wirt allzu verſchloſſen, als daß hätte entdit das ſelte halte ſeine tiren ſein ab. dieſe Ludw noch ihr ſ oder eine ze ſonſt ebrannten getragen, he gehuͤlt gen Wuchz Schulter, Pantoffeln Sie ſaß ne Lamp l, ſonden s vor inn biſchen de ner ſanfte ſem Auga⸗ über ig aten, floßt d 1 zu ſteha nt Vertran auch wirtt 4 ſogar die niedrigſte Seele nicht den Muth haben wuͤrde.“ 1 03 „Und dieſes, dieſes noch dazu!“ ſeufzte ſie, indem ſie das alte und das neue Verhältniß mit einander verwech⸗ ſelte... Iſt es wahr, fährt er fort ſie zu beſuchen, ſo halte ich es hier kein Jahr aus!... Da ich den Namen ſeiner Gattin trage, ſo muß er dieſen Titel auch reſpek⸗ tiren, obgleich es mir im Uebrigen ziemlich gleichgültig ſein kann.“ Und ihr Haupt ſank immer tiefer auf die Bruſt hin⸗ ab.„Ich begreife dieſes nicht!“ Lavinia konnte und wollte nicht begreifen, warum dieſe Sache ihr nicht gleichgültig ſein ſollte. Sie hatte Ludwig gewählt, weil er ſie weder mit Aufmerkſamkeit noch mit Anſprüchen beläſtigte. So wie er damals vor ihr ſtand, erſchien er ihr nichts weniger als intereſſant oder liebenswürdig, was aber vielleicht doch großentheils eine Folge der geiſtigen Finſterniß war, welche die Be⸗ trübniß— trotz ihrer Bemühung ſie zu verbergen— über ihre eigene Seele geworfen hatte. Inzwiſchen, ſo unbegreiflich, ſo ſonderbar es ihr auch vorkam, ſo konnte ſie es ſich doch ſelbſt nicht verhehlen, daß er von dem Tage ihrer Vereinigung an, oder richtiger von dem Augen⸗ blicke an, da er ſo beſtimmt ihre Scheidung abkündigte, füͤr ſie ein Intereſſe erhalten hatte, welches— ſein Cha⸗ rakter mochte ſich offenbaren in welcher Form er wollte— dennoch die Urſache war, daß er ihre Gedanken beſchäftigte. „Ich verabſcheute ihn von Anfang an nicht,“ hieß es ferner in den Commentaren der Begebenheiten dieſes Tages,„weil ich damals noch gar nichts für ihn fühlte... Jetzt dagegen verabſcheue ich ihn um ſeiner Handlungs⸗ weiſe willen... doch dieſes Herzklopfen auf der Rückreiſe, woher kam das?.. Ich weiß es nicht und will es auch nicht wiſſen— nein, ich will es nie wiſſen... Und den⸗ noch kommt es mir ſo vor, als wäre es meine Schuldig⸗ keit, ſeinen offenen Worten nicht zu mißtrauen, beſonders da es unmöglich wäre, daß ein Mann mit ſeinem Cha⸗ rafter von ſeiner Gattin etwas verlangen könnte, wozu 75 Schnell, gleichſam um den Strom ihrer Gefühle mmen oder nach einer andern Richtung hin abzu⸗ leiten, ſetzte Lavinia den Schlüſſel in das Käſtchen. Ihr unruhiges und mehr denn gewöhnlich unbefriedigtes Ge⸗ müth empfand das Bedürfniß neuer Gegenſtände für den Gedanken, und zum erſten Male ſeit der Zeit, da ſie Ludwig Treue ſchwur, öffnete ſie dieſes Käſtchen, in wel⸗ chem jener Brief verwahrt war, den ſie von ihrem Bräu⸗ tigam an dem Tage vor ſeinem Tode erhalten hatte. Als ſie denſelben entfaltete, ſo erſchütterte ein Schau⸗ der ihr ganzes Weſen, und mehrmals ſchien ſie auf dem Wege zu ſein, ihn ungeleſen wieder hinzulegen. Ein bitterer Hohn über eigene Qual machte, daß ſie endlich ihren Widerwillen beſiegte. Sie begann zu leſen. Ihre Züge drückten hiebei Sturm und Leidenſchaft aus, die Bruſt hob ſich unruhig, die Farbe auf der Wange wurde immer ſtärker. In dieſem Augenblicke heftiger Spannung, da ſie ganz in der Vergangenheit lebte, wurde in dem Corridor eine Thür, die in das Kinderzimmer führte, vorſichtig geöffnet und der Rittmeiſter trat ein, um wie gewöhnlich, ehe er ſich zur Ruhe begab, die bleichen Lilien zu küſſen, welche auf ihren kleinen Betten ſchlummerten. Ludwig, der weit entfernt war von dem Gedanken, daß er in dieſer ſpäten Stunde noch Licht in dem Kabi⸗ nette ſehen würde, ſchlich ſich leiſe an die nur angelehnte Thür. Welch ein Anblick traf hier ſeine Augen! Er konnte Lavinia erſchien ihm ſo ſchön in ihrem zu dä kaum athmen. qualvollen Schmerze, daß er ſie ſo noch nie geſehen hatte. Doch warum ſo aufgeregt?... hal— ein Brief!“ Der Rittmeiſter wußte recht gut, daß er niemals an glei ſeine Frau geſchrieben hatte; und wäre dieſer Brief auch wirklich von ihm geweſen, ſo würde er gewiß nicht auf dieſe Weiſe behandelt worden ſein. Der Brief konnte nut⸗ von einem Einzige Gotthard unbewußt über Lavinia's Lippen glitt, ſo be n ſein... und da nun der Namt deckte ſ verände ſehen l geweſen „ immer ihres S Nun, nur V unglück meinem in der M unterdre 1 er geſel einer ſi warf, den Ni ſagte:, wurde.“ Ar Saal Servire an wel auftrat. zefühle abzu⸗ Ihr es Ge⸗ ür den da ſie in wel⸗ Bräu⸗ te. Schau⸗ auf dem te, daß gann zu denſchaft auf der , da ſie Corridor vrrſichtig vöhnlich, u küſſen, Hedanken, im Kabi⸗ ngelehnte Er konnte in ihrem hen hatte. ief!“ jemals an Brief auch nicht auff onnte nut der nan tt, ſo best 10⁵ deckte ſich Ludwig's Stirn mit Runzeln und ſein Geſicht veränderte ſich auf eine Weiſe, daß wenn Lavinia es ge⸗ ſehen hätte, ſie im höchſten Grade erſtaunt und erſchrocken geweſen ſein würde. „Ach ſo!“ murmelte er,„ſie denkt alſo doch noch immer an ihn, während ich ſie wegen ihrer Vernunft, ihres Selbſtgefühles, ihrer ſtolzen Weiblichkeit bewundere! Nun, wenn ich hätte träumen können, daß dieſes Alles nur Verſtellung wäre, ſo wäre aus dieſer verrückten, unglücklichen Verbindung nie etwas geworden. Doch bei meinem Leben, ich will ihr Gelegenheit verſchaffen, ihn in der Einſamkeit zu beweinen!“ Mit einer Geberde wilden Zornes und gewaltſam unterdrückten Aergers entfernte er ſich. Hätte er nur noch einige Minuten gewartet, ſo würde er geſehen haben, wie Lavinia mit dem ganzen Ausdrucke einer ſprechenden Verachtung den Brief auf den Tiſch warf, würde er gehört haben, wie ſie mit einem Tone, den Niemand mißverſtehen konnte, halblaut dieſe Worte ſagte:„dem Himmel ſei gedankt, daß ich nicht ſeine Frau wurde.“ Am folgenden Morgen, da der Rittmeiſter in den Saal trat, empfing ihn Lavinia am Kaffeetiſch. Das Serviren deſſelben bot faſt die einzigen Gelegenheiten dar, an welchen die junge Frau einigermaßen als Wirthin auftrat. Obgleich Lavinia ein glückliches Talent hatte, Andern ihre Gemüthsbewegungen zu verbergen, ſo konnte ſie gleichwohl jetzt kaum verhehlen, was ſie empfand, als ihr Mann ſo duſter und ſtreng eintrat, daß ſie ſich nicht entſinnen konnte, jemals ein ſolches Eislager auf ſeinem Geſichte geſehen zu haben. Die wechſelnden Veränderun⸗ gen, welche ſeine Laune in den letztverfloſſenen zwei Monaten offenbart hatte, konnten ſicherlich fur lauter Sonnenſcheinblicke genommen werden, im Vergleich mit der Art, die ſich nun wahrſcheinlich zeigen würde. Sein kurzes„guten Morgen lu klang wie das Sau⸗ ſen eines kalten Nordwindes, ſein Blick drückte nichts anderes aus, als die vollkommenſte Gleichgültigkeit. „Aber, mein Gott! was hat ihn ſeit geſtern Abend ſo verändern können 2 1 war ihre erſte ſtille Frage— und die laut ausgeſprochene:„Haſt Du nicht gut geſchlafen, beſter Ludwig?“ Und ſie ſah ihn freundlicher an, als ſie jemals gethan hatte, denn in dieſem Augenblicke hatte ſie Marie Rehnman gärzlich vergeſſen. „Ja, ich habe das Glück immer gut zu ſchlaſen!“ antwortete er noch rauher eben des freundlichen Blickes wegen, der, wie er wußte, nicht anders als lügen konnte. „Aber es kommt mir faſt ſo vor, als befändeſt Du Dich nicht ganz wohl! Es liegt etwas in Deinem gan⸗ zen Weſen, das mich beunruhigt.“ „Du biſt allzu gut, meine Liebe, daß Du einen Ge⸗ danken an etwas ſo Unbedeutendes als mein Ausſehe verſchwendeſt; übrigens befinde ich mich ganz wohl!“ fehlen 4 4* H Herr? Lavinia, welche einſah, daß jede fernere Frage Reizbarkeit nur noch vermehren würde, ſagte kein mehr. Die Herrſchaft trank und ſchwieg. Ein Dienſtmädchen kam um das Kaffeeſervice hinau zu tragen. Ritttmeiſter; und einige Minuten ſpäter trat die her rufene Hausvorſteherin ein. „Meine beſte und liebe Frau Brunsberg!“ lag eine wirklich einnehmende Artigkeit in dem Toue, welchem er jetzt redete—„ich kann mich nicht beſtin entſinnen, ob ich jemals gedankt habe für die Verſtän keit und die Sorgfalt, womit Sie meinem Hauſe ſtnden haben, ſeitdem ich Wittwer geworden bin ſollte dieſes nicht geſchehen ſein, ſo habe ich es nu geſſen. Was ich jetzt zu ſagen habe iſt nur, d 8 3 „Bitte Frau Brunsberg herzukommen!“ ſagte d hoffe„ meiner handhe einer l meiner ihre j den K habe den W 2 Beden Sache . 77 keine habe confus hatte. Ordnn ſchwu „Erla weil i )mit der as Sau⸗ tte nichts eit. en Abend ge— und fen, beſter ſie jemalz ſie Mari ſchlafen!“ n Blickes en konnte. ündeſt Du nem gan⸗ einen Ge⸗ Ausſehe vohl!“ Frage ſeig kein W. vice hinan ſagte d ie herbeig 9g1“ Tonue, m ht beſtim ur, daß 107 hoffe, Sie werden auch künftig und beſonders während meiner bevorſtehenden Abweſenheit alles auf dieſelbe Weiſe handhaben, und daß um zwölf Uhr meine Wäſche zu einer längern Reiſe in Ordnung iſt.“ „Die Wäſ⸗ che des Herrn Rittmeiſters?“ „Nun ja,“... eine plötzliche Röthe ergoß ſich über ſein Geſicht...„haben Sie vielleicht die Verwahrung meiner Wäſche abgetreten?“ Frau Brunsberg warf einen unruhigen Blick auf ihre junge Herrin; doch Lavinia, obgleich ſie auf glühen⸗ den Kohlen ſaß, ſagte mit vollkommener Würde:„Ich habe von Frau Brunsberg noch nicht die Schlüſſel zu den Wäſcheſchränken begehrt.“ „Das glaubte ich auch! Woher aber kam denn die Bedenklichkeit in Ihrem Tone, Frau Brunsberg?— Die Sache iſt ja ſo einfach und klar wie möglich.“ „Verzeihen der Herr Rittmeiſter: ich hatte gewiß keine Bedenklichkeiten; denn, Gott ſei Lob und Dankl ich habe meine Sachen immer ſo in Ordnung, daß nichts eehllen ſoll, wenn die gnädige Frau zu inventiren oder er Herr Rittmeiſter zu reiſen befiehlt. Aber nehmen der Heerr Rittmeiſter nicht übel, ich wurde gleichſam ein wenig confus, da ich noch von keiner langen Reiſe etwas gehört hatte. Jetzt eile ich augenblicklich und bringe alles in Ordnung!“ Und ſogleich war Frau Brunsberg ver⸗ ſchwunden. „Du reiſeſt!“ ſagte Lavinia ſobald ſie allein waren. „Erlaubſt Du mir, daß ich nach der Urſache frage 2 „Sehr gerne: ich ſuche mir anderswo eine Zuſlucht, weil ich's zu Hauſe nicht länger aushalten kann.“ „Darüber wundere ich mich nicht, mein beſter Lud⸗ diig; da ich mich aber noch ſehr gut entſinne, mit wel⸗ chen warmen Farben Du auf unſerer Herreiſe Deine Hei⸗ math ſchilderteſt, ſo muß ich bedauern, daß Dir dieſelbe durch die Unbehaglichkeit, welche ich verurſache, zuwider gewor⸗ den iſt. Könnten wir daher nicht an etwas anderes denken 2 „Woran denn?“ „Du weißt wohl noch, daß Rudolf uns einlud, das Weihnachtsfeſt bei ihm zu feiern, und obgleich ich meines Theils gar nicht daran gedacht habe, dieſes Aner⸗ bieten anzunehmen, ſo bin ich dennoch bereit zu dieſem Beſuche, ſofern Du mir verſprichſt, auf Roſenborg zu bleiben.“ „Du verfügſt natürlich über Deine Zeit, wie es Dir beliebt; was aber meine Reiſe betrifft, ſo iſt ſie nun ein⸗ mal unwiderruflich beſtimmt. Vielleicht möchteſt Du auch wohl Rückſicht nehmen wollen auf die unangenehmen Ge⸗ rüchte, welche entſtehen könnten, falls wir beide reiſ'ten!“ „Deine jetzige ſo ganz unvermuthete Reiſe iſt wahr⸗ ſcheinlich allein hinreichend, ſolche Gerüchte in Umlauf zu ſetzen. Aber, Ludwig, ich habe ja nicht Unrecht, wenn ich behaupte, daß noch geſtern dieſe Idee in Deinem Kopfe nicht entſtanden war? Ich möchte wünſchen, daß Du aufrichtig genug gegen mich ſein könnteſt und wol⸗ teſt, um mir die eigentliche Urſache Deines Entſchluſſes mitzutheilen— denn daß er nicht daher kommt, weil Du es hier nicht aushalten kannſt, glaube ich zu wiſſen.“ „Ich bin rückſichtlich der Stellung, in welcher wir uns zu einander befinden, ſchon allzu aufrichtig geweſen. Und nun ſage ich offen, daß ich jedes Wort des Ver⸗ trauens, jeden Augenblick der Vertraulichkeit bereue. Ihrer ſind zwar nur wenige geweſen, aher dennoch zu viele!“ Und indem Ludwig heftig huf und abgehend dieſt Worte ausſprach, funkelte ſein Auge, ſein ganzes Weſen verrieth Aufruhr. Manches Weib würde bei dieſem eben ſo heftigen als beleidigenden Anfalle entweder in einen Strom von Thränen zerfloſſen ſein oder mit dem ruhigen und kalten Stolze einer Theaterkönigin das Zimmer verlaſſen haben. Noch mehre hätten aber vielleicht ihrem Verdrußet Luft gegeben und in Worten, welche die Gemüthsbewe⸗ gung zu wählen nicht geſ tattet hätte, den geworfenen Pfeitl geringe dann 1 ſind. weihen ren zu welche Gatten, einzige gefährlig „ leiſer al Gefühle die Urſa hat. D erfahren haben, u Ver Gattin ſt da er in gung häu „die ſelig benommer rührt du vinia ſein Nach ſcher übe ſein Auge verſtehen gangenen gem Schl der ſeinig zeihen!“ kräftig zurückgeſchleudert; Lavinia aber gehörte zu der 109 geringen Anzahl von Frauen, welche der Vernunft ſelbſt dann noch gehorchen, wenn Gefühl und Seele aufgeregt einlud, ſind. Nur einen Augenblick konnte ſie dem Nachdenken eich ich weihen; aber dieſer war hinreichend, ſie aus den Gefah⸗ Aner⸗ ren zu retten, welche dieſer Augenblick herbeiführen, und dieſem welche ſowohl für ihre eigene Würde als für die ihres org zu Gatten, ſo wie auch für ihre gegenſeitige Achtung, das einzige wirkliche Band, das zwiſchen ihnen vorhanden war, es Dir gefährlich werden konnten. un ein⸗„Mein guter Ludwig!“ ſagte ſie weder lauter noch du auch leiſer als gewöhnlich;„ich bin vollkommen fähig, Deine nen Ge⸗ Gefuͤhle zu begreifen, obgleich ich nicht im Stande bin, iſ'ten!“ die Urſache zu durchſchauen, welche dieſelben jetzt geweckt t wahr⸗ hat. Da es aber Dein Wunſch iſt, daß ich davon nichts lauf zu erfahren ſoll, ſo glaube ich, Du wirſt eine Urſache dazu „ wenn haben, und daß ich nach derſelben nicht fragen darf.“ Deinem Verlegen, ja faſt beſchämt blieb Ludwig vor ſeiner en, daß Gattin ſtehen. Dieſe Behandlung hatte er nicht verdient, d woll⸗ da er in ſeinem blinden Zorne Beleidigung auf Beleidi⸗ ſchluſſes gung häufte; und als er nun plötzlich daran dachte, wie veil Du„die ſelige Charlotte“ ſich bei einer ſolchen Gelegenheit n.“ benommen haben würde, ſo wurde er faſt noch mehr ge⸗ rührt durch die ebenſo edle als würdige Art, womit La⸗ vinia ſeinem Zorne begegnet war. Nach einigen Augenblicken war er nicht mehr Herr ſcher über ſeinen Willen; ſeine Hand ergriff die ge⸗ ſein Auge betrachtete ſie mit Blicken, die ſie eben fo venig id dieſe verſtehen konnte, als ſie die Veranlaſſung des Vorherge⸗ Weſen gangenen Auftrittes verſtanden hatte. „Vergieb mir!“ ſagte er leiſe;„vergieb mir Lavinta!ℳ Von ganzem Herzen, Ludwig, ſei deſſen überzeugt!“ „Doch das iſt noch nicht genug,“ fuhr er nach eini⸗ gem Schweigen fort, indem er noch immer ihre Hand in der ſeinigen behielt;„Du mußt noch mehr thun, als ver⸗ eihen!“ hsbewe⸗„Was denn, beſter Ludwig?“ n Pfeil„Vergeſſen, daß ich mich ſelbſt vergeſſen kounte. In zu det 5 da Dein Verſtand, Dein zartes und ſelt bei dieſem Augenblicke, feines Gefuͤhl— ich weiß nicht, wie ich mich ausdrucken ſoll foll und will daher nicht ſagen: den Faden fand, mit wel⸗ ſollte be chem Du mich leiten kannſt(denn Du biſt zu klug und auch zu gut, um dergleichen zu wollen), ſondern da Du die einzig mögliche Art fandeſt, mich zu dem Gefühle des Rechten zurückzuführen— in dieſem Augenblicke empfinde durch L ich zum erſten Male in meinem Leben das Bedürfniß zu Ab 85 geſtehen, daß ich Unrecht gehabt habe. Doch Du weißt ſehen; h nicht, was mich in dieſen Zuſtand verſetzt hat: Lavinig, eſche⸗ Du hätteſt mir nie heucheln ſollen!“ fe ehen „Ich Dir heucheln, Ludwig?“ Jetzt wußte ſie nicht Pneun im Mindeſten, wo ſie den Faden aufnehmen ſollte.„Ic dn eEi bin ja im Gegentheil, wie Du mir ſelbſt bei einer Gele⸗ ungeth 1 genheit geſagt haſt, allzu offenherzig geweſen.“ niß 8 „Erinnere mich nicht an jene Stunde, in welcha niß de b Du gerne hätteſt noch offenherziger ſein können! Den ven 11 laß mich Dir ſagen, Lavinia, ein Weib wie Du hätt wne s einſehen ſollen, wohin es führen würde, wenn ich d Ich Wahrheit entdeckte.“ 7d „Ich betheuere heilig, Ludwig, daß ich kein Wor ſem Ge von dem verſtehe, was Du ſagſt!“ ſollen.“ 8 „Nicht?... o ja, Lavinig, Du verſtehſt mich ret„Da gut, obgleich Dein Stolz Dir nicht geſtattet zu erkenne fiel 2 daß Du ſowohl mich als auch die Welt betrogen haſtt auch fein „Ludwig, Ludwig!“ eine Weif „Ja, wahrhaftig, ſo iſt es, und mein Blut begin löͤßt. 5 wieder allzu warm zu ſieden, wenn ich daran denke, n. 5b geſchickt Du Deinen Vorſatz durchgeführt haſt! H Du mich nicht mit dieſem milden und feſten Blicke, ich ſo gerne glauben wollte, verſichert, daß Du Hein Verlobten nicht mehr betrauerteſt, haſt Du mich nt verſichert, daß er in Deinem Herzen todt wäre? wohl, Lavinid! fannſt Du das auch ohne zu errö dieſem Augenblicke ſagen?“ „Nein, ich kann es nicht ſagen ohne zu errött in ich fühle, wie das Blut auf meinem Geſichte i 111* ſelt bei der ſo unerwarteten Beſchuldigung, daß ich Dich ſollte betrogen haben. Aber nichts deſto weniger betheuere ich heute was ich Dir damals ſagte, und ich ſielle mir vor, Ludwig, daß es Deine Pflicht iſt mir zu glauben, und wenn ich auch noch ſo ſehr erröthete!“ Bei dieſer Erklärung fuhr ein ſchmerzhafter Stich durch Ludwig's Seele. Hatte er ſie nicht am vorigen Abende ſelbſt ſitzen und über Gotthard's Brief weinen ge⸗ ſehen; hatte er ſie nicht bis zur Verzweiflung aufgeregt geſehen und Gotthard's Namen ausſprechen gehört? deſ⸗ ſen ungeachtet ſaß ſie ja jetzt ſo ruhig, ſo offen, mit ſie nicht Blicken, welche um Vertrauen baten, ja Vertrauen forder⸗ te.„30 ten. Eine ſolche Heuchelei an ihr, welche ſeine innigſte iner Gel⸗ ungetheilte Achtung zu ſchenken ihm ſchon zum Beduͤrf⸗ niß geworden war, fügte ihm mehr Böſes zu, als er ſelbſt in welchg erilären konnte, zerſtörte die ſämmtlichen vorhergegange⸗ nl Den nen guten Eindrücke und hinterließ nur Kälte und Bit⸗ Du hätz terkeit. nn ich de„Ich merke, daß Du mir nicht glaubſt!“ 1„Das muß ich geſtehen... doch laß uns von die⸗ kein Wer fen Gegenſtande abgehen; er hätte nie berührt werden ollen.“ mich reth„Da er aber nun einmal zur Sprache gekommen iſt,“ u erkenna fiel Lavinia ein,„ſo halte ich dafür(ſo ſchmerzhaft es gen haſt auch ſein mag), daß es beſſer iſt, fortzufahren, als auf „eine Weiſe abzubrechen, die unerklärten Verdacht zurück lut begi läßt. Du findeſt das Begehren ja wohl nicht unbillig, denke, n wenn ich darum anhalte zu erfahren, woher Du die eben haft! geaͤußerte Ueberzeugung erhalten haſt?“ Blicke, d„Gewiß nicht unbillig, dagegen aber völlig überflüſ⸗ Du Dein ſig; denn was Du auch ſagen könnteſt, ſo behielte die mich un Sache dennoch in meinen Augen ein und daſſelbe Aus⸗ bäre? Mſehen. Beunruhige Dich aber nicht darüber, daß ich erröthen Dem Geheimniß entdeckt habe! In den Augen der Welt würde dieſes Dich bei weitem mehr geehrt haben, als zu erron die erküͤnſtelte Kälte, die Du gezeigt haſt, denn die Welt eſichte etwürde nie das Verlangen begriffen haben, welches Dich rtes und usdruͤcken mit wel⸗ klug und n da Du fühle des empfinde ürfniß zu Du weißt Lavinia, . ’ 112 zwang, in der Hoffnung damit durch zu kommen, den allernatürlichſten von unſern Gefühlen Gewalt anzuthun.“ „Verſtehſt Du dieſes denn?“ fragte Lavinia, vor einer Bewegung zitternd, die ſie beinahe nicht mehr in unterdrücken vermochte. „Vielleicht errathe ich's.“ „Nun wohl! wenn dieſes der Fall iſt, ſo mußt Da um ſo feſter überzeugt ſein, daß meine Kälte und Gleich⸗ gültigkeit, weit entfernt erkünſtelt zu ſein, im Gegenthell der Ausdruck meiner ‚natürlichſtene Gefühle geweſen iſt Wenn ich mir aber etwas vorwerfe, ſo— iſt es wirklich der Umſtand, daß ich es verſchmähte, eine Betrübniß zu heucheln, die ich nicht fühlte. Die Menſchen würden mich in dieſem Falle milder beurtheilt haben.“ „Ich bin erſtaunt,“ ſagte Ludwig bitter,„über de Muhe, welche Du Dir gibſt, mich hinter das Licht n führen! Mit wenigen Worten könnte ich Dir die Wahr⸗ heit zeigen— doch das iſt ganz unnöthig.“ Es verhielt ſich aber ſo, daß Ludwig nicht geſtehn wollte, wie und auf welche Weiſe er ſeine Entdeckung ge macht hatte. Lavinia konnte dadurch auf den Gedanne verfallen, daß er ſie zu belauſchen pflegte, und die Furch ihr eine für ihn ſo erniedrigende Ueberzeugung beizubri gen, hielt ihn zurück, dieſe Wahrheit zu ſagen, die ſein Ueberzeugung nach ihre Sicherheit vernichten würde. Unmittelbar nach den letzten Worten hatte Ludm das Zimmer verlaſſen, und Lavinia ging in das ihrih um die Veranlaſſung dieſes Mißverſtändniſſes zu überleg und zu ergründen; denn es war ihr eine Pein zu wiſſe daß es in der Abſchiedsſtunde Statt finden ſollte, ja ſoht der Hauptgrund der Reiſe war. 4 „Aber,“ dachte Lavinia, indem ſie ſich bekümn auf den Sofa ſetzte,„was iſt die Urſache dieſer Heſtigte womtt er dieſe ganze Sache behandelt? Ob ich i Gotthard trauere, was thut ihm das, was leidet er durch, er der für mich nicht das geringſte Gefühl k außer der Achtung, und nach demjenigen, was ich iſa ſchwere erfahre ſich ſo Maitr ſchon r laſſen Vernu habe ni 1 Hand, gute N Je Kopf; geſtrigen Tiſche war all ihrem hatte er Ausdru⸗ welche ‿ Gefühl ſtand z ſollen nicht ge er ſich auf jer icht g ar nen, den nzuthun.“ nia, vor mehr zu mußt Du id Gleich⸗ Gegenthell eweſen iſ es wirklich trübniß zu ürden mich „uber d ss Licht zi die Wahr⸗ cht geſtehn. deckung ge⸗ Gedanie die Furc beizubrn , die ſeim würde. tte Ludn das ihrig u überlegt zu wiſſe te, ja ſeß bekümm r Heſtigte b ich leidet er Gefühl t. vas ich 113 erfahren habe, kaum dieſe? Was kümmert es ihn, der ſich ſogar nicht ſchamt noch immerwährend ſeine ehemalige Maitreſſe zu beſuchen? Nein... kommt mir dieſes ſchon wieder vor die Seele? O daß ich es nicht bleiben laſſen kann, an dieſe Thorheiten zu denken, obgleich meine Vernunft ſich ſträubt zu glauben, daß dieſe Marie Rehn⸗ man jemals ſeine Geliebte geweſen iſt! Auch hier muß ein Mißverſtändniß obwalten.“ Ein leichter Schrei aus dem Kinderzimmer unter⸗ brach Lavinia's Gedanken, und rief ſie augenblicklich dahin, „Es war nichts, Ihro Gnaden!“ ſagte die Wärte⸗ rin, die alte Brita;„ſie wollten nur beide mit der Ko⸗ karde an der Mütze des Rittmeiſters ſpielen.“ „Wie iſt die Mütze hieher gekommen?... Ich habe nicht gehört, daß er heute hier geweſen iſt.“ „Ich glaube, der Herr Rittmeiſter hatte ſie in der Hand, als er geſtern Abend hier war, und den Kindern gute Nacht ſagte.“ Jetzt fuhr ein klarer Schimmer durch Lavinig's Kopf; ſie entſann ſich, daß die Thür des Kabinettes am geſtrigen Abende halb offen geweſen war, als ſie am Tiſche ſaß und Gotthard's Brief vor ſich hatte. Hiedurch war alles erklärt. Die Gemuüthsbewegung, welche er auf ihrem Geſichte geſehen, die Thränen, welche ſie vergoſſen, hatte er Gotthard gewidmet geglaubt, hatte er fuͤr den Ausdruck der Verzweiſtung und der Betrübniß gehalten, welche ſie vor den Augen der Welt zu verbergen ſuchte. O weh, wieder ein Mißverſtändniß, und ein um ſo iſt ſchwereres, als es ſich nicht heben ließ; denn weder ihr Gefahl noch ihre Delikateſſe erlaubten ihr den Gegen⸗ ſtand wieder aufzunehmen. Wozu hätte es auch dienen ſollen— was hatte ſie beweiſen können? Er hätte ihr nicht geglaubt, wenigſtens in der Gemuthsſtimmung, worin er ſec gegenwaͤrtig befand; und einige Duntelheit mußte auf jeden Fall jeder Erklärung anhaften, weil ſie ſich nicht ganz an der Wahrheit halten, nicht die erſte, die arleu. Ein Jahr. 8 3 114 eigentlichſte Urſache ihres aufgeregten Zuſtandes ſagen einmal konnte.. von ihr Ein Paar Stunden ſpäter kam Lavinia mit den Kin⸗ wiſſen dern in den Saal um Abſchied zu nehmen. Ludwig war hilft.“ tief gerührt bei dem Abſchiede von ſeinen Kleinen und De hielt ſie lange und warm in ſeinen Armen. Seiner Frau die Ver reichte er nur die Hand, und der Ton war weder warm hielte. noch kalt, als er wünſchte, daß er ſie bei ſeiner Rückkehr„D wo nicht vergnügt, ſo doch wenigſtens geſund antreffn Brunsbe möchte.... 3 Thür J Lavinia bemühte ſich nicht einmal, Herzlichkeit in fer der den Abſchied zu bringen. Sie war uberzeugt, daß a. ohne ſolche Bemühung es für Verſtellung gehalten haben ich komt würde, und überdies war ſie ſelbſt allzu ſehr verletz, und gaf um noch einen Verſuch machen zu wollen, die uble Laum allzu fo ihres Mannes einzuſchläfern. Doch w und da —— ihn zuſa De „Sol nun iſt's gekocht und ragouſirt!“ murmelt vollkomn „Frau Brunsberg, als der Reiſewagen mit dem Hern einen zä davon rollte.„Was ſagen Sie, Herr Feldwebel,. berg, u L dieſer ganzen Geſchichte?“ at „Hm, hm! was ſoll ich ſagen? Zu den Zeiten du mit eine ſeligen gnädigen Frau nahm man doch auf andere An andere ſ Abſchied.“ 4„Y „Ja, mein himmliſcher Vater! damals nahm er oß⸗ dentlich und herzlich Abſchied, wenn auch aus keiner an dern Urſache, ſo wegen des Vergnügens, von allem Ga keife hinweg zu kommen. Sie küßten und umarmten wie 5 chriſtlichen Gatten anſteht; und ſo viel weit wentt ich heirathete.. ℳ * 1 dn Feldwebel ſeufzte und wagte einen halben enblick. 4 „»Ja, jaz ich kann ſehen⸗ und nicht ſehen hören und nicht hören; doch ſo viel weiß ich, da wirklich Schade um den Rittmeiſter iſt. Denn e 115 s ſagen einmal ſo mit den Männern, wenigſtens mit einem Theile von ihnen, daß ſie weder von Rechts noch von Links ben Kin, wiſſen, wenn man ihnen nicht ein wenig auf den Weg vig war hilft.“ ten und Der Feldwebel ſpitzte die Ohren und äußerte leiſe ier Frau die Vermuthung, daß es ſich ganz auf dieſe Weiſe ver⸗ er warm hielte. Rückkehr„Die gnädige Frau klingelt und verlangt mit Frau antreffn Brunsberg zu ſprechen!“ rapportirte in der halboffenen Thür Jungfer Lotta, oder, wie ſie auch hieß, die Jung⸗ chkeit n fer der gnädigen Frau. daß er„Der Tauſend! was weht jetzt für ein Wind? Nun en haben ich komme! Geh Du zu Deiner Arbeit und ſteh nicht hier verletz, und gaffe!... Mein lieber Herr Feldwebel, das iſt ein le Laum allzu fataler Huſten, der iſt auf der Reiſe gekommen. Doch wir wollen heute Abend ein wenig Iſopsthee kochen, b und da ich ebenfalls Bruſtſchmerzen habe, ſo koͤnnen wir ihn zuſammen auf meinem Zimmer trinken. Der Feldwebel verbeugte ſich mit dem Ausſehen der murmelt; vollkommenſten Zufriedenheit; und nachdem ſie ihm noch m Hemn einen zäͤrtlichen Blick zugeworfen hatte, ging Frau Bruns⸗ ebel, u. berg, um ſich bei ihrer Herrin einzufinden. Lavinia ſaß an einem Fenſter des Schlaßzimmers Beiten da mit einer der kleinen Stieftöchter auf dem Schoße; die dere At andere ſaß auf dem Tiſche. „Meine liebe Frau Brunsberg!“ begann ſie in einem m er or. Tone, der bisher noch nicht vor Frau Brunsberg's Ohre geklungen hatte,„ich habe mich erſt etwas einwohnen wollen, ehe ich in allen Stücken in meinen wichtigen Beruf einträte; doch von heute an übernehme ich ſelbſt ich die Oberaufſicht üͤber das Haus, und will Sie daher er⸗ ſuchen, morgen um neun Uhr alle Schlüſſel in Bereit⸗ ſchaft zu haben. Die Wäſcheſchraͤnke will ich ſchon heute inventiren.“. „Wie Ihro Gnaden befehlen; ich hoffe, es ſoll alles in Ordnung ſein. „Und wir wollen uns ſchon,“ fuhr Lavinia mit ihrer 0 gewöhnlichen verbindlichen Freundlichkeit fort, denn das„1 Schwierigſte, dasjenige, was ſie am Meiſten gefürchtet Rittmei hatte, war geſagt;„wir wollen uns ſchon in die Herr⸗ man ſie ſchaft theilen, meine beſte Frau Brunsberg! Sie, die ſich„1 ſchon ſo zunentbehrlich hier im Hauſe gemacht haben, müſ⸗ Elende ſen es nothwendig auch bei mir werden.“ 96 benſte Dienerin, Ihro Gnaden! Mit Got⸗ Weiſe „O, erge tes Hülfe werde ich auch künftig meinen Pflichten nach⸗ darüber kommen!“ Herrſche Ja, daran zweifle ich im Mindeſten nicht... doch aber ich ſieh! dort iſt Jemand auf dem Hofe und wünſcht gewiß thigkeit mit Ihnen zu ſprechen. Dieſe alte Frau kommt mi bar der ihrem Topfe ein Paar Male in der Woche; ich kenn geht do ſie ſchon.“ Sonne. „Es iſt auf Roſenborg immer gebräuchlich geweſen, in Sör wenigſtens ſo lange der Rittmeiſter hier Herr geweſen ſt, ihn in daß die Armen auf ein Gericht Eſſen haben rechnen kön⸗ Korn zu nen, wenn ſie mit einem Topfe oder einem Korbe gekon⸗ mer gef men ſind. Und ich hoffe, Ihro Gnaden nehmen diet Rittmei Gewohnheit nicht übel!“ im Lebe „Im Gegentheil; wir wollen gemeinſchaftlich da 9 armen Leuten Gutes thun. Aber ich glaubte, dieſe alt meine Frau wäre vielleicht die alte Mutter, von welcher da Roſenb Feldwebel ſagte, als er von dem Koſſathen erzählte, dn ſo arm die beiden Haſen geſchoſſen hatte.„ Als Lavinia dieſen Gegenſtand wieder aufnahm, ſ ein ſo etröthete ſie; aber ſie wollte nothwendig wiſſen, ob Lu er ſich wig ſeinen Willen durchgeſetzt hätte. So lange er noh Rittmei zu Hauſe war, hatte ein Gefühl von Scham ſie zurüt Beichte gehalten, einen Andern als ihn ſelbſt zu fragen. Ein beſſer; Frage an Ludwig ſelbſt dagegen hätte leicht einen G Nieſen. danken von neuem erwecken oder beſchleunigen könnett keit— der ſchon ſchlummerte. 3 D nein, behüte, Ihro Gnaden!“ antwortete 8 Prunsberg;„ſie ſind ſchon alle ausgezogen.“— „So geſchah es alſo doch 2 Lowinia zitterte vor Schmerz über Ludwig's M 117 nn das„Ja, meiner Treu, es geſchah! Wenn der Herr ffürchtet Rittmeiſter ſich etwas in den Sinn geſetzt hat, ſo kanm ee Herr⸗ man ſich immer darauf verlaſſen, daß es geſchieht.“ die ſich„Und wo ſind ſie denn nun— vielleicht im größten n, müſ. Elende?“ „Da hört man's, daß Ihro Gnaden die Art und eit Got, Weiſe des Herrn Rittmeiſters noch nicht kennen, und en nach⸗ darüber darf man ſich auch eben nicht wundern, da die Herrſchaften erſt kürzlich zu einander gekommen ſind; . doch aber ich will es ſonſt, wenn Ihro Gnaden meine Freimü⸗ ht gewiß thigkeit nicht übel nehmen, rein heraus ſagen: ſo ſonder⸗ nmt mi bar der Herr Rittmeiſter auch bisweilen ſein kann, ſo ch kenn geht doch kein beſſerer und edelmüthigerer Herr unter der Sonne. Er hat dem Nils ſelbſt bei dem Nämndemann geweſen, in Söreſtad einen neuen Kathen geſchafft und ſich für weſen it ihn in allen Stücken verbürgt. Ja, er hat ihm ſogar hnen kön. Korn zur Ausſaat geſchenkt. Und ich ſage was ich im⸗ be gekon⸗ mer geſagt habe: wer nicht unter einem Herrn wie der men diee Rittmeiſter leben und auskommen kann, der kommt hier im Leben nie auf einen grünen Zweig.“ ftlich da„Ich bin ſehr erfreut, ſolches zu hören. Aber, dieſe alt meine beſte Frau Brunsberg! wenn die Koſſathen unter elcher du Roſenborg es ſo gut haben, warum war denn dieſer äihlte, du ſo arm?? „Ja, wiſſen Sie, Ihro Gnaden, das kam daher, nahm, ſe ein ſo tuchtiger Arbeiter Nils auch war, ſo gut verſtand , ob Luh er ſich auch darauf, jeden Schilling zu vertrinken. Der ge er noß. Rittmeiſter hatte ihn wegen dieſer Sache oft genug in der 1 5 Beichte, und da wurde er immer für eine kurze Zeit beſſer; dann aber kam es immer wieder über ihn wie das Nieſen. Und obgleich der Feldwebel in ſeiner Gutherzig⸗ keit— denn er iſt nun einmal ſo unmenſchlich mitleidig alle Menſchen— von Armuth, und Krankheit ſtwatzte, ſo glaube ich doch ganz einfach, daß er ein wenig zu viel im Kopfe hatte, da er die Haſen ſchoß; denn wenn er bei richtigem Verſtande geweſen wäre, ſo * häͤtte er lieber die Hand ins Feuer geſteckt, als gegen den Befehl des Rittmeiſters gehandelt.“ „Gut, gut, meine beſte Frau Brunsberg! ich will Sie nun nicht länger aufhalten. Gleich nach dem Mit⸗ tageſſen beginnen wir unſere Arbeit!“ Frau Brunsberg verſchwand, und mit einem freu⸗ digen Gefühle, das die unbehagliche Erinnerung an den Auftritt am Morgen ganz bedeutend milderte, dachte La⸗ vinia jetzt an ihren Gatten. Verhielt es ſich nicht ſo, wie ſie ſchon längſt geahnt hatte, daß er beſſer war, als er ſcheinen wollte? Mit neubelebten Lebensgeiſtern ordnete ſie nun ihren Entſchluß, während ſeiner Abweſenheit alles bisher Ver⸗ ſaäumte wieder einzuholen. Wenn er dann(nur Gott allein wußte gleichwohl, wann das geſchehen ſollte) wie der nach Hauſe käme, ſo wäre ſie in die hausmütterli⸗ chen Pflichten ſchon ſo eingeübt, daß ſie dieſelben in alle Ruhe erfüllen könnte ohne zu erröthen oder verlegen i ſein, wenn er ſie dabei überraſchte. Elftes Kapitel. An demſelben Tage, da der Rittmeiſter Roſenborg ver⸗ ließ— man näherte ſich dem Ende des November— ſch Maria Rehnman mit ihrer Mutter in ihrem angenehnm und geräumigen Alltagszimmer. 3 2 Frau Rehnman ließ das Spinnrad fleißig kreiſ und den feinen gelben Faden ſich aufwickeln; Maria ſchni von kleinen grünen Taſſetſtucken kleine feine Blätter au welche ſie auf die weiße Servietts auf ihrem Näh ausbreitete. 3 3 Zwiſchen dem Spinnrade und dem Tiſche ſtand Wiege, in welcher ein Kind ſchlummerte. Die hl. junge weiſe zuſamm Haube ls gegen ich will em Mit⸗ em freu⸗ g an den achte La⸗ nicht ſo, war, alz nun ihren her Ver⸗ nur Gott llte) wie smuͤtterli⸗ n in alln rlegen iu bborg ver⸗ ber— ſch ngenehme ig kreiſe ria ſchnit lätter aus Nähiſſt ſtand in Die bleitt 4 8 119 junge Mutter und die alte Großmutter blickten wechſels⸗ weiſe dahin und bewegten mittelſt eines Schnures die Wiege, ſobald ſich ein Laut von dorther vernehmen ließ. Durch das ganze Zimmer, von den Bewohnern bis zu dem alten rothgeblümten, feingeſtopften kattunnenen Vorhang des Bettes, und von dieſem zu der ganzen Reihe von Blumentöpfen in den beiden Fenſtern und den vor denſelben ſtehenden Schemeln, ging ein Hauch von Wohl⸗ behagen und demüthiger Genügſamkeit. Nirgend aber offenbarte ſich dieſer Hauch angeneh⸗ mer, als auf dem Antlitze der alten Paſtorin. In ihrer Jugend war ſie bekannt geweſen als die größte Schön⸗ heit, und noch heutiges Tages lag eine Feinheit und Durchſichtigkeit in ihren Zügen, die noch bedeutend durch den frommen Glanz in ihrem dunklen Auge erhöht wurde. Das ganz ſilberweiße Haar war oben auf dem Kopfe zuſammengebunden, und ertheilte ihr, wenn die weiße Haube darübergeſetzt wurde, ein ehrfurchtgebietendes Aus⸗ ſehen. Doch wie ſie ſich auch kleidete, flößte dieſe ein⸗ fache, würdige Frau ſtets Ehrfurcht einz denn eine wahre, eine demuthsvolle Frömmigkeit ſprach aus jedem ihrer War Ihr ganzen Leben war Liebe und Demuth ge⸗ weſen. „Ach, Du Kind!“ ſagte ſie mit einem ſanften Blicke auf Maria, welche ſich fleißig auf die Arbeit hinabbeugte, „warum gibſt Du Dir heute ſo viele Mühe, mir Deine Augen zu verbergen?“ „Meine Augen, liebe Mutter?“ Maria bemühte ſich, die Mutter anzuſehen; aber es wurde nur ein halber Blick, und darin lag eine Bitte, nicht aufſehen zu dürfen. Miein liebes Kind, was fällt Dir nun ein, daß Du Dich vor mir ſcheueſt? Komm hieher, ſetze Dich zu mir und erzähle mir alles. Du haſt mich nicht recht anſehen wollen, ſeitdem Du geſtern aus der Kirche kamſt, nnd eben dort ſollteſt Du Demuth und Glauben gelernt haben.“ G 6 Ach, liebe Mutter!“ Ein leiſer Seufzer hob Mu⸗„ riens Bruſt. ſehe w „Kommſt Du denn nicht?“ fromme „Der Leichenkranz, Mutter!“... Und die Arme nur in bachte:„o, wäre er mein eigner!“ Doch welch ein bit⸗ willſt, terer Gedanke ſchlich ſich nicht wiederum in ihr Herz: und D „wenn ich ſterbe, ſo heftet man keinen Kranz auf meinen ſchmerz Sargdeckel!“ und nun, überwältigt von den ſtürmenden vergnut Gefuͤhlen, warf ſie die Arbeit weg und eilte in die aus⸗ was er gebreiteten Arme ihrer Mutter. An ihrem Buſen klopſtt„9 Mariens Herz ruhiger, und hätte es auch noch ſo heſtig liſche G geklopft, ehe es dieſen Hafen erreichte. welches „Mein Kind, mein armes Kind, vertraue mir alles! anders Wurde Deine Andacht geſtern geſtört?“ lichere „Ja, nicht nur geſtört, ſie wurde ſo zerſtört, daß geliebte ich nicht einmal beten konnte.“ zu habe „Was Du gefürchtet haſt, iſt alſo eingetroſſen! Wi. hörte jo rum haſt Du dieſen Schmerz in Deiner Bruſt verſchloſe heilige ſen? hatte ich nicht das Recht ihn zu theilen? Ich halt lernte ſi Dir ja geſagt, Du darfſt nicht allein leiden!“... ur 8 Nutter, das war nicht leicht zu ſagen!“ Marz verabſch hatte ſich auf einen Schemel neben dem Lehnſtuhle der daß er Mutter geſetzt und legte nun ihre brennende Wange in Morgen ihren Schoß. 7 — Arme Marie, mein armes kleines Kind, ich hätt mit tiefe Dich nicht allein gehen laſſen ſollen!“ wenn D „Gott ſei gelobt, Mutter, daß Du nicht bei mit der geri warſt! Wie hätte ich es da ertragen ſollen, alle dieſe Blick, die Bitte dieſe kalten, bittern, höhnenden Blicke zu ſehen, die mich als ein verachtetes, ein gefallenes Weſen bezeichneten Nein, es war ohnehin ſchwer genug.“ 4 Jetzt war es das Auge der Mutter, welches daß Blick der Tochter ſcheuete, als dieſe ihre bethrä Augen erhob, denn auch die Mutter hatte Thrä Thränen voll tiefen, innigen Schmerzes. 4 Ach, Mutter! wie mußt Du leiden um me willen! das iſt meine bitterſte, meine härteſte Straͤfe. hob Ma⸗ die Arme ) ein bit⸗ hr Herz: if meinen ürmenden die aus⸗ en klopfte ſo heſtig nir alles! ſtört, daß ſen! Wa⸗ ver ſchloſ⸗ Ich habe !“ Marz ſtuhle der Wange in ich hätt t bei mit eſe Blicke , die mich zeichneten lelches dei ſbethräntet Thräneh ligen 121 „Ja, wenn ich Dich troſtlos, heftig und unruhig ſehe wie heute, da leide ich. Aber wenn Du nur meine fromme, meine geduldige Marie ſein willſt, wenn Du nur in Deinem eigenen Herzen Troſt haben und glauben willſt, daß Gott die Reinigkeit Deines Herzens anſteht und Dir darum einen Fehler vergibt, den Du lange und ſchmerzhaft beweint haſt, dann bin ich zufrieden und vergnügt; denn alle Betrübniß kommt von dem Herrn, und was er auferlegt, das will ich geduldig tragen.“ „Aber ich, meine Mutter, ich habe nicht dieſes eng⸗ liſche Gemüth; ich leide ſtets bitter durch das Unglück, welches ich mir zugezogen habe. Und wie wäre es auch anders möglich? Giebt es wohl auf Erden eine ſchreck⸗ lichere Pein, als die, über eine von allen Menſchen ſo geliebte und geachtete Mutter, wie Du, Schande gebracht zu haben? Es lag kein Fehler in meiner Erziehung, ich hörte ja, ſo lange ich mich entſinnen kann, fromme und heilige Lehren, und ich hörte ſie nicht allein, ſondern ich lernte ſie auch durch das Beiſpiel der zärtlichſten Mutter ... und doch... doch... O, es iſt alles ein wilder verabſcheuungswürdiger Traum; aber das Schlimmſte iſt, daß er nicht vergeht wie andere Träume, wenn ich des Morgens erwache!“ 4 „Einſt, geliebtes Kind! glaube mir, einſt, wenn Du mit tieferer Demuth den Schmerz ertragen gelernt haſt, wenn Deine Seele ſo ruhig geworden iſt, daß nicht mehr der geringſte Hauch des Windes ſie bewegt, einſt wird die Bitterkeit Deines Traumes verſchwinden und Dir Ruhe gönnen ſowohl am Tage, als auch in der Nacht. Aber noch haſt Du viel zu bekämpfen, ehe Du dieſes Ziel er⸗ reichſt. Am ſchwerſten wird es Dir, demuthsvoll und ruhig eine der härteſten Strafen zu ertragen, welche Dein Fehler mit ſich brisgt: ich meine die Kälte und den Hohn Deiner Penenfcha Aber weißt Du, Kind, wüßten die Menſcheik recht, wie grauſam ſie ſind, wenn ſie mit gleich⸗ gültiger Verachtung oder unt einem Lächeln voll zweideu⸗ Mäleidens auf ein Weſen herabblicken, das ſchon von allen Qualen der Betrübniß und der Reue niederge⸗ beugt iſt, ſo würden ſie es nicht thun. Nein, meine ge⸗ 8 liebte Marie, ſei Du überzeugt, wenn ſiesnur im Stande beweiſ wären, ſich eine Vorſtellung davon zu ſchaffen, wie ſehr Schade ein ſolcher Blick ſchmerzt, welche Macht er hat, die Pla, Leben.“ gen des armen Opfers zu vervielfältigen: ſie wollten den 7 ſchweren Stein nicht auf die Bürde legen.“ Marien „Ich wünſche, daß ich es glauben könnte, liebe Mut⸗ 7 ter; denn mein Herz, welches nahe daran war bei dem ſöhnt; jenigen zu brechen, was ich geſtern leiden mußte, würde Zukunf ſich dann zu einem Schimmer von Troſt erheben können.“ nicht 1 „Das kann es, mein Kind! Fliehe Du zu Deinen und G Gotte, Deiner Mutter und Deinen reinen, frohen Erinn. Dein rungen aus der Kindheit! An dieſes Andere wirſt du ſage m Dich bald gewöhnen. Alles läßt ſich tragen, wenn mau der Die nur nicht weichlich iſt.“ 8 „Aber warum, warum ſollen die Menſchen ſich grüßie freuen, einem Nebenmenſchen Schmerz zu bereiten? Habe 4 wohl ich mich jemals gefreut, wenn ich einen Wurm in wenn ten und zuſehen konnte, wie er ſich in der Todesqul weſen krümmte und wand?“ denken „Du darfſt Deine Mitmenſchen nicht allzu ſehr ver. Ach d kennen, Marie! Sie freuen ſich nicht über ihre Grau⸗ böſen ſamkeit; ſondern ſie denken nur nicht daran. Bei einen Theile iſt es Hochmuth über eigene Tugend; bei einm ihnen f Theile ein Verlangen, durch Strenge gegen Andre da als ihr Mangel eigener Reinheit zu übertünchen; bei noch A er an dern iſt es ein Leichtſinn, der ihnen nicht geſtattet Gutz Frau 1 und Böſes zu prüfen; doch bei den Meiſten kommt dien Weg 9 Hochmuth nur von Gedankenloſigkeit. So Mancher h 2 nachher in der Zukunft, als erſt die Verſuchung und darau ihr aus die Sünde und die Betrübniß vor der Thüre ſtanden, d 6 höhnenden Blicke bereuet, welche er auf Andere gerichtz ebles u hat, und in ſeiner eigenen Bruſt die Bitterkeit derſeltit vor mit kennen gelernt. Gebe Gott, daß Keiner von Allen, R ſo la geſtern Dein Herz verletzten, einſt doppelt erfährt, unt eine G 2 emn ſolcher Blick vermag!“ niederge⸗ neine ge⸗ Stande wie ſehr die Pla⸗ llten den ebe Mut⸗ bei dem⸗ e, würde können.“ 1 Deinem n Erinne⸗ wirſt Du venn man ſchen ſich n2 Halt Vurm tre⸗ Todesqual ſehr ver⸗ hre Grau⸗ Bei einen bei einen ndre da noch Am⸗ ſttet Gute⸗ mmt dieſe lancher hut und dar anden, d te gerichta derſelbe Allen, N fihrt, w 86 123 „O, Gott bewahre ſie davor!“ Dank, meine Tochter, Dank für dieſen Ausruf! Er beweiſ't, daß die Reinheit Deines Herzens noch keinen Schaden gelitten hat. Und alles Uebrige endigt mit dem Leben.“ „Aber ihr Leben, das Leben dieſes armen Kindes?2 Mariens Blick fiel mit unendlicher Betrübniß auf die Wiege. „Che ſie erwächst ſind die Menſchen ſchon längſt ver⸗ ſöhnt; und da ſo gut für ihre zeitliche Wohlfahrt in der Zukunft geſorgt iſt, ſo können wir ſicher ſein, daß ſie nicht nöthig haben wird ihr Brod zu ſuchen. Tugend und Gottesſurcht wollen wir Beide ihr beibringen, und Dein Unglück wird ihr zum Schutze gereichen... Doch ſage mir, mein Kind! war denn kein einziger Menſch da, der Dir ein Zeichen gab, daß er Dich noch kannte?“ „Keiner außer ihm, der mich immer kennt. Er grüͤßte, obgleich ſeine junge Frau neben ihm ſaß.“ „Ich bin überzeugt, er würde Dich gegrüßt haben, wenn auch die ganze Kirche voller Standesperſonen ge⸗ weſen wäre. Aber was konnte wohl ſeine Frau davon denken, da ſie Dich ſo von allen Seiten begafft ſah? Ach, die Leute laufen immer ſo gerne und ſo ſchnell mit böſen Gerüchten!“ „Aber weißt Du, Mutter, ich glaube, es iſt zwiſchen ihnen ſchon zu einer Art von Erklärung gekommen; denn als ihr Wagen mich auf dem Kirchwege einholte, ſo hielt er an, und der Rittmeiſter fragte mich im Namen ſeiner Frau, ob ich mit ihnen fahren wollte, ſo weit wir einen Weg hätten.“ „Ach, Gott ſegne ſie dafür, wenn der Vorſchlag von ihr ausging! Aber wie ſah ſie aus, die junge Frau? „So ſchön, Mutter, ſo ſchön, daß ich nie ein ſo edles und ſchönes Geſicht geſehen habe. Und als ſie ſich vor mir verbeugte und mir einen Platz im Wagen anbot, ſo lag in ihrer Miene und in ihrer Geberde ein Reiz, eine Güte, daß ich es nie vergeſſen kann.“ Ach welche angenehme und gute Nachricht! Wir können alſo hoffen, daß nur böſe Zungen das Geruücht verbreitet haben, daß ſie nicht glücklich mit einander ſind. Blickte er freundlich und gut auf ſie?“ 5 „Das weiß ich nicht; ich hatte nicht Beſtnnung ge⸗ nug, darauf Acht zu geben. Aber es iſt mir, als ſchwebte es mir vor, daß ſie in der Kirche nicht glücklich ausſah.“ Das Geräuſch eines kleinen zweirädrigen Wagens, der in dieſem Augenblicke auf den Hof fuhr, unterbrach das Geſpräch. Maria eilte an das Fenſter, um durch die Blumen zu ſehen, wer das ſein konnte.„Ach,“ rief ſie mit deutlicher Unzufriedenheit aus,„es iſt die ärgerliche Kamrerin von Ekſta! Sie würde wahrlich heute nicht herkommen, wenn ſie nicht etwas Schlimmes von geſtern zu ſagen hätte.“ „Wiſche Deine Thränen ab, Kind, und ſitze ruhig bei Deiner Arbeit! Die Kamrerin iſt ja eine ſolche unglück⸗ liche Klatſchſchweſter, die keinen Menſchen in Ruhe laſſen kann. Sie meint es nicht ſo böſe wie es klingt; und noch dazu mußt Du Dich in der Geduld üben. Zeige ihr aber um alles in der Welt Deinen aufgeregten Zuſtam nicht; unſre Reue und unſer Schmerz gehören nur Gott und unſern einſamen Stunden. Demüthig müſſen wit ſein gegen alle Menſchen; aber wir dürfen dabei doch nicht vergeſſen unſre kleine Würde ich Acht zu nehmen.“ Nach dieſen Worten ſtand Frau Rehnman auf umd ging ihren Beſuch zu empfangen. Sie begegnete der An⸗ kommenden ſchon in der Thür. 3 „Ol Dienerin, meine beſte Frau Paſtorin! Welche ungeheure Ewigkeit, ſeitdem wir uns nicht geſehen haben — ich glaube wahrhaftig, damals hatte der Kuckuk noch nicht gerufen. Gott weiß, woher es kommt, daß die Zeit niemals zureichen will, ſondern daß man immer ſo viet zu thun haben ſoll, daß man keinen Augenblick übrig bie hält, um ſich nach ſeinen Freunden umzuſehen. Tauſen ſo geſund und blühend Mamſell Marie ausſiehtet Und mit einer großen Schwenkung, um nicht die Wisztt zu ſehen— was eine große Feinheit ausdrücken ſollte nahm d ſo wen möchten merken. „8 ſagte F daß ſie 9 7/T nicht, Ameuble kann, und hör nützliche — ich n „J Rehnma ohne ſie was geſ D ſell Ma wie befa wie tha der Fre ihrem E zwie erſ antworte Leute bi Menſche Wange iſt, Leu⸗ „ lauf, 1 dieſe T. Herrſche Gerücht der ſind. rung ge⸗ ſchwebte ausſah.“ Wagens, nterbrach durch die rief ſie rgerliche ute nicht n geſtern tze ruhig unglück⸗ he laſſen und noch heige ihr Zuſtand nur Gott iſſen wir bei doch ehmen.“ auf und der An⸗ Welche en haben ckuk noch die Zät er ſo viel übrig ber Tauſend usſteht t ie Wi ſollte 125 nahm die Kamrerin Platz im Lehnſtuhl, deſſen Lehne ſie ſo wendete, daß ihre Augen nicht in Gefahr kommen möchten, etwas gegen den Willen der Wirthiunen zu be⸗ merken. „Zieh die Wiege ein wenig näher an Dich, Kind!“ ſagte Frau Rehnman, welche hiedurch anzeigen wollte, daß ſie die bewieſene Delicateſſe nicht billigte. „Ach, ich bitte um Verzeihung: ich ſah in der Eile nicht, daß die Herrſchaften eine Vermehrung in ihrem Ameublement erhalten hatten! Nun, Herr Gott! ich kann, wie Frau Brunsberg ſagt, ſehen und nicht ſehen und hören und nicht hören. Das ſind meiner Seel'’ zwei nützliche Dinge. Ich hoffe, daß der Kleine oder die Kleine — ich weiß nicht wie ich ſagen ſoll— ſich wohl befindet?“ „Ja, ſie iſt, Gottlob, geſund!“ antwortete Frau Rehnman und warf einen milden Blick auf das Kind, ohne ſich den Schein zu geben, als verſtände ſie mehr als was geſagt wurde. „Das iſt glücklich, ſehr glücklich! Aber liebe Mam⸗ ſell Marie, da wir hier doch ſo im Vertrauen ſprechen, wie befand ſich das arme Würmchen geſtern? Mein Gott, wie that es mir leid in der Kirche! Ja, ich ſagte zu der Freiherrin auf Klefwa, denn ſie winkte mir in ihrem Stuhle zu ſitzen: ‚Man ſieht es richtig,“ ſagt ich, zwie erſchüttert und erregt Mamſell Marie iſt.... Ja, antwortete die Freiherrin, ‚ich hätte große Luſt auf die Leute böſe zu werden, welche ſich nicht ſchämen, ſo wenig Menſchenverſtand zu zeigen!““ „Ja, iſt es nicht wahr,“ ſiel Marie ein, auf deren Wange eine hochrothe Roſe flammte,„daß es eine Pein iſt, Leute zu ſehen, die alles Feingefühl vergeſſen 2 „O, meine liebe Mamſell Marie, das iſt ſo der Welt⸗ lauf, und es wird leider Gottes immer gebräuchlicher, dieſe Tugend zu vergeſſen. Doch à propos haben die Herrſchaften heute ſchon etwas Neues gehort?“ „Wir haben nichts gehört und kummern uns auch nicht um dasjenige, was hei Andern vorfaͤllt!“ antwor Augenblicke von Roſenborg. Ich wollte in der Vorbeit Frau Rehnman, indem ſie die ſchlimme Neuigkeitskrämerin mit einem Blicke ſo voll ruhiger und ſtiller Würde be⸗ trachtete, daß der Wortſchwall der Kamrerin einige Se⸗ eunden lang verſiegte. Doch kam er wieder in Gang. „O, dieſes, meine liebe gute Frau Rehnman, kamn man wohl kaum bei Andern nennen; denn wie wir Alle wiſſen, ſtehen ja die Herrſchaften in fortwährender freund⸗ ſchaftlicher Verbindung mit dem Rittmeiſter auf Roſenbotg. „Ja, ſo viel mir bekannt, iſt dies wahr. Er iſ immer gütig und theilnehmend gegen uns arme einſam Frauenzimmer geweſen.“ „Nun, nun, liebe Frau Paſtorin! das iſt wohl nicht mehr als ſeine Schuldigkeit!“ „Es iſt wahr, der ſelige Vater hat den Rittmeiſte beinahe ganz erzogen, und auf Rehnman'’s Sterbebette gelobte er, nie ſeine Hand von uns abzuziehen; aber es giebt viele Leute, die an ſolche Verſprechungen nachher weiter nicht denken.“ „Ja, ja, es kommt wohl darauf an, wie ſich die Verhältniſſe nachher geſtalten; aber es verlohnt ſich nicht der Mühe, von dem Schnee zu reden, der im origen Jahre gefallen iſt, wenn man ſo vielen anderen Stoff zu Unterhaltung hat. Was ſagen die Herrſchaften davon, daß der Rittmeiſter heute über Hals und Kopf hinweg⸗ gereiſſt iſt, und wahrſcheinlich erſt nach mehreren Monaten wiederkommt?“ „Davon haben wir nichts gehört.“ „Aber die Urſache zu ſeiner Reiſe.. ach, ach, das iſt das Schlimmſte von allem! Bei Gott, meine Damet es thut mir in der Seele weh, daß ich die Erſte bin die dieſe fatale Sache erzählt! Aber ich komme in dieſent fahrt von Lundby einſehen und mich nach den Kopfſchmet⸗ i der gnädigen Frau erkundigen— ſie war geſtern int ropſthofe ſehr krank— aber das Uebel fährt noch imme ſo daß ſie mich nicht entgegen nehmen konnte, 4 ich ſage nachdem Di zu ſchöp zählung „N. daß des Jahre b Frau ni zu thun konnte Aber ich Mamſell G „ bekannt Unpäßlie „ war voll in die Anblick Tode al Ohnmac war, do de⸗Colog men Sie wollte mu digen Er „O ſagte M ein Läche Frau K daß man A Alt ſich Aber wa Wene a n erröthen 4 127 krämerin ich ſage auch nichts davon, daß ſie ſich nicht zeigen wollte, ürde be⸗ nachdem ich das Eine und das Andere erfahren habe.“ nige Se⸗ Die Kamrerin hielt einen Augenblick inne, um Athem zu ſchöpfen und zu beobachten, welche Wirkung ihre Er⸗ zählung machte. Doch bis jetzt war nichts zu bemerken. n, kann„Nun, meine Herrſchaften, Sie entſinnen ſich wohl, wir Alle daß des Stadthalters Brita vor ihrer Verheirathung drei r freund. Jahre bei mir auf Ekſta diente? Und da nun die gnädige ſenborg. Frau nicht entgegen nahm und Frau Brunsberg im Hauſe Er iſß zu thun hatte, ſo ſah ich bei Brita ein; und ſiehe! ſie einſane konnte meiner Seel' buchſtabiren und zuſanunen legen. Aber ich fürchte, ich verletze nur die zarten Gefühle der vohl nicht Mamſell Marie, wenn ich fortfahre?“ „Ich habe nicht die Ehre mit Frau von C—ſköld tittmeiſtt bekannt zu ſein; was können alſo meine Gefühle mit ihrer terbebette Unpäßlichkeit zu ſchaffen haben?“ aber d„Sehr viel, ſollte ich meinen. Die gnädige Frau nachhe: war vollkommen geſund geweſen, als ſie geſtern Morgen in die Kirche reiſite, aber ſie muß durch irgend einen e ſich N Anblick dort— ich weiß gewiß nicht welchen— ſo zum ſich nich Tode alterirt worden ſein, daß ſie nahe daran war in n Borign Ohnmacht zu fallen, was am beſten daraus abzunehmen Stoff zuu war, daß ſie immerwährend den Pfropfen aus der Eau⸗ u daywn, de⸗Cologne⸗Flaſche zog. Aber, beſte Mamſell Marie, neh⸗ hinweg⸗ men Sie es ſich um Gottes willen nicht zu Herzen! Ich mehreren wollte mir lieber die Zunge abbeißen, als mit meiner unſchul⸗ digen Erzählung das allergeringſte Aergerniß veranlaſſen.“ „Das iſt wirklich eine allzu lächerliche Beſorgniß!“ ach, das ſagte Marie, indem ſie durch eine gewaltſame Anſtrengung Damen ein Lächeln auf ihre bleichen Lippen hervorzwang.„Die erſte bit Ftau Kamrerin hat eine ſo angenehme Erzählungsgabe, in dieſen daß man ſich nicht anders als unterhalten fühlen kann.“ r Vorbei⸗„Ach, welch ein feiner Verſtand, welch eine glückliche pfſchme⸗ Art ſich zu faſſen! Ich bewundere Sie, Mamſell Marie! eſtern Aber was wollt ich doch ſagen ½... ja, dieſe kleine luſtige och imm Sreue auf der Landſtraße. Nun, nun, Mamſell Marie nte, unß erröthen Sie nur nicht ſo ſchrecklich! Gewiß war es ein 4 4 128 3 wenig fühn von dem Rittmeiſter; aber wir wiſſen, daz„M dieſer Herr thut was ihm einfällt. Die Folge war um einem Lä auf jeden Fall voraus zu ſehen. Als ſie nach Hauſ Kumlin kamen ging Jedes in ſein Zimmer. Die gnädige Fra bracht h hatte betheuert, ſie käme nicht mit einem Fuße in den die Frau Speiſeſaal, und da wollte er ebenfalls nicht eſſen, ſonden Ma⸗ ging zornig ſeines Weßß Am ſolgenden Morgen wurd gekoſtet, der Feldwebel bei guker Zeit gerufen, um Ordres zu zuhalten; empfangen; denn der Rittmeiſter hatte beſchloſſen, in ange ſie, der legenen Affairen, wie es hieß, nach Stockholm zu reiſan Als Nun gut; als die Herrſchaften ſich am Morgen im Saal von dem trafen, und die kleine Lotta, die Schweſter der„Statz nicht län halterin,“ den Kaffee abgetragen hatte, ſo gab es in nen,„ich heftiges Geſpräch, von welchem Lotta das Eine und im Erzählun Andre hören konnte. Und obgleich ich nicht von der A Einfall, bin, daß ich mit Erzählungen von den Dienſtboten mein wie Du! Nachbarn umherfliege und fahre, ſo kann ich doch meim zict begi agen. Ohren unmöglich verſtopfen, wenn ich ſie höre. Der Rir⸗ 4 meiſter hatte ſeiner feinen Frau laut und deutlich geſag„Ich daß er jedes Wort bereuete, das er mit ihr gewechſit von dieſe und jeden Augenblick und jeden Tag, den er mit ihr ge mag, ſo lebt hätte, und obgleich ihrer nicht eben ſo ſehr viele ge⸗ daß alles weſen wären, ſo wären es doch zu viele, da ſte um e„Abo ſchwerer geweſen wären, und daß er nun, weil er's ſ einer ſole Haufe nicht länger aushalten könnte, gezwungen win dit und ſich eine andre Heimath zu ſuchen. Als er darauf gege edanken, Mittag reiſ'te, ſo hatte er von ihr einen eben ſo kalig untſtehen Abſchied genommen, als hätte er ihr ein Gefäß deh Waſſer in's Geſicht gegoſſen, ja ärger als wäre ſie ain wildfremde Perſon geweſen. Auch ſtand ſie dort ſo i n ſchrocken, daß ſie bis auf's Härchen einer lebendigen ähnlich war, die ſich nicht von der Stelle bewegen kang Jetzt hielt die Kamrerin inne, weil ſie im buch lichſten Sinne des Wortes in Gefahr war, den A at verlieren; und nur dieſer Umſtand hinderte ſie, tzaͤhlung der„Statthalterin“ noch mehre Verbe gen hinzuzufuͤgen. 8 iſſen, daß war um ach Hauſt dige Fra ße in der u, ſonden gen wund Ordres zu , in ange zu reiſen im Saal⸗ er„Stat⸗ ab es zen te und das on der An ten meina doch mein Der Rii⸗ lich geſag gewechſett nit ihr ge r viele ge ſte um ſ veil er's n igen wäng rrauf gege n ſo Ka Gefäß vel äre ſie ein ort ſo 8 nweißt Du wohl, daß Du Dein Gelübde nicht brechen 129. „Marie, mein Kind!“ ſagte Frau Rehnman mit einem Lächeln, das, ſo gutmüthig es auch war, der Frau Kumlin doch beinahe das Gallenfieber an den Hals ge⸗ bracht hätte,„gehe hinaus und beſorge ein wenig Thee; die Frau Kam'rer wird heiſer!“ Maria ſtand auf. Es hatte ihr ſchon lange Mühe gekoſtet, das unerträgliche Geplapper der Kamrerin aus⸗ zuhalten; doch der ermahnende Blick ihrer Mutter warnte ſie, der Boshaften keinen ſolchen Triumph zu geben. Als aber der Karren der Kamrerin Kumlin wieder von dem Hofe rollte, da bezwang Maria ihren Schmerz nicht länger.„O mein Gott!“ klagte ſie unter Thrä⸗ nen,„ich glaube, daß wenigſtens ein Theil von dieſer Erzählung wahr iſt! Vielleicht war es wirklich ſein eigener Einfall, mir einen Platz in ſeinem Wagen anzubieten; wie Du weißt, Mutter, iſt er ſo ſtolz, daß er wirklich nicht begreift, was auch kein Anderer Muth hat ihm zu ſagen.“ 4„Ich, mein Kind, glaube im Gegentheil gar nichts von dieſer Klätſcherei. Wie es ſich aber auch verhalten mag, ſo können wir weiter nichts thun als Gott bitten, daß alles bald wieder gut werde.“ „Aber, liebe Mutter! wenn er nun wirklich wegen einer ſolchen Urſache gereist iſt! Er iſt ſo leicht belei⸗ digt und gereizt. Ach, ich leide ſchrecklich bei dem bloßen Gedanken, daß um meinetwillen Uneinigkeit zwiſchen ihnen Intſfehen ſoll! Wenn ich es doch wagte, mit ihr zu reden!“ „Woran denkſt Du, liebes Kind? Entweder iſt ja alles zwiſchen ihnen erklärt, und da haſt Du weiter gar nichts zu ſagen, oder auch hat ſie nichts gehört, und da bedarf ſie keiner Erklärungen. Ueberdies, liebe Marie, darfſt. Verlaſſe Du Dich auf den Verſtand und das Feingefuͤhl des Rittmeiſters. Erfährt ſie dieſe unglückſeli⸗ gen Gerüchte— ich begreife gleichwohl nicht, wie irgend 9 Carlén. Ein Jahr. 3 130 ein Menſch ſchamlos genug ſein könnte, nur darauf hin weilen e zudeuten— ſo bringt er gewiß Alles wieder in in ſamen A Dre rechte Geleis.“ „Ja, wenn ſie nun aber Verdacht hegt, ohne iß Ludwig laut werden zu laſſen?“ der Rück „Wie Du Dich plagen kannſt, mein liebes Kin nung dar Wenn ich für dieſe Deine neue Unruhe eine Lindern fen würd wüßte, ſo würde ich ſie gerne ſuchen! Aber ohne d beängſtige Rath und die Einwilligung des Rittmeiſters iſt es ga⸗ An unmöglich, daß Du Deine Hand in die Sache leg und ſchn kannſt. Du würdeſt ihn dadurch auf das höchſte betrübe Schritte und beleidigen.“ 8 ten. We „Das will ich um alles in der Welt nicht— angemeld überlaſſe Gott alles!“ ſtellte ſich „Du kannſt nichts beſſeres thun, mein Kind! I ihren vor wollen Beide für ihr Glück beten!“ und errö ſie, daß zu haben. Doch der Zwan 3 4 des Gefü Zwölftes Kapitel. telene Eine Getheilt zwiſchen ihren mütterlichen und hausmüt Begruͤßur lichen Pflichten und Geſchäften, fand Lavinia, daßi Schweſter Zeit dahin floh, wo nicht eben angenehm, ſo doch wan ja bei we rer Ehe. nahmſt!“ Mannes ein„Und wo 131 arauf hie weilen einige Hauche von Wehmuth auf die langen ein⸗ er in d ſamen Abende warf. Dreimal, doch jedes Mal nur ganz kurz, hatte ohne i Ludwig geſchrieben, doch in keinem Brief ein Wort von der Rückkehr geſagt. Lavinia konnte daher gar keine Ah⸗ ebes Kim nung davon haben, ob dieſelbe bald oder erſt ſpät eintref⸗ Lindern fen würde. Das Gewiſſe aber war: ſie empfand eine r ohne d beängſtigende Furcht, ſo oft ſie daran dachte. iſt es gu Anu einem Nachmittage— ſie ſaß ganz häuslich hache legs und ſchnitt Deckzeuge zu— wurde ſie durch männliche te betrüt Schritte überraſcht, welche ſich der Kabinetsthür naͤher⸗ ten. Wer anders als Ludwig konnte ſo direkt und un⸗ nicht—i angemeldet herein kommen? Lavinia's innerem Auge ſtellte ſich augenblicklich die Stunde des Abſchiedes mit dind! A ihren vorhergehenden Auftritten; doch indem ſie ſich ſchuell und erröthend erhob, um ihm entgegen zu gehen, fühlte ſie, daß ihre Pflicht es heiſchte, keine Erinnerung davon zu haben. Doch wie ſchnell, wie freudig verwandelte ſich nicht der Zwang zu einer offenen und natürlichen Aeußerung des Gefühls, als nicht Ludwig, ſondern Rudolf, ihr innig geliebter Bruder, vor ihr ſtand! Eine warme und treufeſte Umarmung war ihre erſte hausmüt Begrüßung.„Ach, meine Lavinia, meine gute, geliebte nia, daß Schweſter! laß mich Dich anſehen! der Tauſend! Du ſiehſt doch wen ja bei weitem beſſer aus, als da Du Abſchied von uns nahmſt!“ annes einte„Und warum ſollte ich das nicht?“ ut gewont„Warum? O, ich weiß nicht; ich war nur ängſt⸗ dieſe Atz lich und unruhig. Ich bin hieher gekommen, um einige en wäre, vertrauliche Augenblicke mit Dir zu verleben,— aber Tage leitz moch heute Abend muß ich wieder reiſen.“ machen.„Das kann unmöglich Dein Ernſt ſein, mein guter mmte S Nudolf: Du kannſt kein Herz dazu haben, mich ſo ſehr ſagte off zu betrüben, nachdem Du mich erſt ſo ſehr erfreut haſt! eeg iſtle Wis leid wird es Ludwig thun, daß er nicht zu Hauſe iſt! und die 8, Kleinigkeit!— Der Beſuch galt nicht ihn, ſondern Dir, einzig und allein Dir!“ ſchmerzhafte Veränderung. Rudolf's Worte waren ihm ſelbſt ſo ſonderbar mn⸗ ähnlich, verriethen ſo viel Eilfertigkeit, ſo viel Ernſt, daß Lavinia verwundert fragte:„Haſt Du eine beſtimmte Ur⸗ ſache zu Deiner Reiſe gehabt?“ „Sind wir hier ſicher?“ fragte er dagegen.„Es i ſo ſchön und freundlich überall auf dieſem Roſenborf und doch,“ fügte⸗ er leiſe hinzu,„ſollen hier nicht d Freude und das hausliche Glück eingekehrt ſein.“ „O!“ rief Lavinia aus, und ihre Wange erbleicht vor Schmerz;„ſind die böſen Gerüchte der Bosheit un des Neides ſchon ſo weit geflogen, daß ſie im Stam geweſen ſind, Deine Ohren zu vergiften? Doch Du ſieſf nun ſelbſt, mein theurer Rudolf, daß mein Ausſehen die ſem Gerüchte widerſpricht!“ „Dein Ausſehen war lange nicht der Spiegel di Seele, und ich war gefaßt darauf, daß Du mir au jetzt Dein Herz verſchließen würdeſt.“ Lavinia legte ihren Arm in Rudolſ's Arm und fühn ihn in das Schlafzimmer.„EChe wir weiter gehen, ma geliebter Bruder, mußt Du mir erſt verzeihen, daß ih ein wenig uber Deine eigenen Verhältniſſe wiſſen ul Wie befindet ſich Julia?“ 1 Rudolſ's Geſichtszüge untergingen eine „Ich weiß nicht; aber ich fürchte das Aergſte, fürchte, ich kann mich nicht langer als ein Paar Stun aufhalten, und daß ſchon dieſe mir ſehr theuer zu ſte kommen.“ Mein Gott, Du erſchreckſt mich beinahe! W krank, als Du reisteſt?“. Nein, damals nicht, doch... ach, Lap er warf ſich auf den Sofa und fuhr mit der Hand die Stirn—„es war nicht ganz gut als ich ue Zuam erſten Male ſtand Julia in einem fremde meinen Augen; aber... es war nur eine 4 ſchnell 1n Laß uns das Recht „Deinen welchen l Du mir „Und weigern n ſelbſt ſogl daß wir nu dafür zu unſere Na weil er en nehmende verbindet, um ihretw für eine überraſcht, denken mü „Ach chen Ding. ohne etwa Laſſe Thes eiſe um zu ich gehe 1 Geruüchte e „Wie Minuten; dieſem Aus vorgenomm auch die K Als ſ iht f 133 Tchr dh Laß uns eilen, um über Dich zu reden! Ich habe ja erbar un das Recht— habe ich nicht?(er lächelte betrübt)— Frnſt, dä„Deinen Kummer zu theilen? Ach, Du weißt nicht, um mmte U welchen hohen Preis ich dieſes Recht gekauft habe, das Du mir nie, nie weigern ſollteſt!“ „Es i„nd das ich Dir auch jetzt, mein Rudolf, nicht toſenbor) weigern würde, wenn ich Kummer hätte! Aber Du wirſt nicht d ſelbſt ſogleich einſehen, ſobald ich Dir alles geſagt habe, „ daß wir nur der gewöhnlichen Dienſtbefliſſenheit der Leute erbleicht dafür zu danken haben. Es verhält ſich damit ſo„daß vsheit un unſere Nachbarn Ludwig hochachten, aber ihn nicht lieben, in Stan weil er entweder nicht im Stande iſt, gegen ſie dieſe ein⸗ Du ſict nehmende Freundlichkeit zu zeigen, welche uns die Leute zſehen de verbindet, oder auch ſich gar nicht die geringſte Mühe um ihretwillen machen will... doch, mein Gott, was piegel u für eine Wirthin bin ich! Du haſt mich wirklich ſo mir am überraſcht, daß ich vergeſſen habe, woran ich zuerſt hätte denken müſſen, nämlich eine Erfriſchung für Dich!“ und fühn„Ach, ich bitte Dich, unterbrich uns nicht mit ſol⸗ chen, un chen Dingen! Doch um nicht Dein Haus zu verlaſſen, n, daß i ohne etwas genoſſen zu haben, ſo ſollſt Du mir eine biſſen vl Laſſe Thee geben, wenn ich reiſe, und das geſchieht prä⸗ eiſe um zwei Stunden. Aber ſei nun auch offenherzig— hnelle un ich gehe nicht davon ab: ich will wiſſen, woher ſolche Geruchte entſtehen!“ gſte, ja th„Wie Du willſt!“ ſagte Lavinia, als ſie nach einigen r Stun Minuten zurückkehrte und eine Ruhe zeigte, die ſie in e zu ſeeße dieſem Augenblicke nicht beſaß. Sie hatte ſich aber feſt orgenommen, nicht die Wahrheit zu erkennen, und wenn ¹ Warſſ auch die Klätſcherei noch ſo viel zu ſagen wüßte. Als ſie nun neben dem Bruder auf dem Soſa ſaß, wiuia! ſo legte er vertraulich, aber mit einer Heftigkeit, welche 5 al bezeugte, daß er mehr litt, als er ſagen wollte, ſeinen Arm um ihren ſchlanken Leib.„Lavinia!“ ſagte er leiſe, nden Lennman ſagt, Du ſeieſt unglücklich, Ludwig ſei kalt und Täuſcht unfreundlich gegen Dich, und ſein eigenes Haus ſei ihm eigene Worte, d hatte; und erf nann mein Fehler; denn ich, Rudolf, muß mir 134 ſelbſt ſchon ſo unerträglich geworden, daß er von Dir ge⸗„Ja flohen iſt.“ lich vor, Jetzt bedurfte Lavinia ihrer ganzen Faſſung, damt Dich zu Rudolf nicht ſo tief in ihre Seele blicken möchte, beſon⸗ Deine S ders da ſie durch dieſelben erinnert wurde an Ludwig will wiſſ aß er hinwegreiste, weil er es nicht län hältniſſe ger aushalten könnte. Er hatie dieſes gleichwohl in einn„M Gemüthsſtimmung geſagt, welche die Worte unzuverläßtz und ernſt machte; er hatte ſelbſt bekannt, daß er Unrecht gehauz cher erken füllt von dieſer Hoffnung, welche dieſe lete: nach dene Erinnerung ihr verlieh, bereitete ſich Lavinia darauf ur) glaube m dem Gerüchte auf das Beſtimmteſte zu widerſprechen. daß ich d „Du ſchweigſt, meine arme Schweſter?“ bürdet,d „Vor Erſtaunen, vor Schmerz ſchweige ich, Rudolſ ein Läche Es thut mir herzlich weh zu hören, daß Ludwig, du bitteren Deiner Achtung ſo würdig iſt, ſo beurtheilt wird— um betrifft, ſ warum? Darum weill einige böſe und plauderhafte Zun ihn wohl gen ein Vergnügen, oder beſſer geſagt, ein Bedürfuß aber ich! darin finden, ſeine einfachſten Worte und Handlungen möglich! verdrehen. Er iſt ein Mann von ernſtem Charakter, in habe, wo mit ſeiner Frau eben nicht viel tändelt; nichts deſto wen meinethal ger aber iſt er beſſer, zärtlicher und nachſichtiger, als ſtt Dein Ver vielleicht verdient. Doch die Menſchen, welche nur i abſchlagen Außenſeite der Dinge, oder beſſer gar nichts ſehen, ſonde„Da ſich mit Vermuthungen begnügen müſſen, weil wir u mehr entl außer dem Hauſe faſt noch gar nicht gezeigt haben, wehe ich Dir auf dieſe Weiſe ihre Scharte aus. Sie halten Ludu einer Hin für hochmüthig, weil er in den Geſellſchaften, welche d hüte Dich Umgegend darbietet, kein Vergnügen ſindet; und un Nuhe Der zu rächen, tröſtet man ſich damit, daß man ſag mache ſeine Frau unglücklich. Wie oft iſt er mit mit offenem Vertrauen entgegen gekommen! dann zwiſchen uns kein ſo inniges Verhältniß entſtand iſt, wie es hätte werden können, ſo iſt das nicht 5 1 5 orwurf machen(dies mag aber zwiſchen uns Ve ben), daß ich mich nicht gauz recht benommen 135 n Dir ge„Ja, ja, es kommt mir nicht ſo ganz unwahrſchein⸗ lich vor, wenn ich die Gründe bedenke, aus welchen Du g, damit Dich zu Deiner Verlobung entſchloſſeſt. Sollte es daher e, beſon, Deine Schuld ſein, daß... mit einem Worte: man Ludwige will wiſſen, daß Ihr faſt in einem ganz fremden Ver⸗ nicht län, hältniſſe zu einander lebet.“ l in eine„Mein beſter, geliebter Rudolf!“ entgegnete ſie ſanft zuverläßtz und ernſt,„ich weiß, daß Du ſelbſt der Erſte biſt, wel⸗ cht gehakt cher erkennt, daß es in einer Ehe Umſtände geben kann, dieſe letze nach denen Niema nd zu forſchen das Recht hat. Doch arauf 39) glaube mir: wir ſind ſo weit entfernt unglücklich zu ſein, lechen. daß ich dieſer einfältigen Klätſcherei, die uns Leiden auf⸗ bürdet, von denen wir ſelbſt nicht einmal träumen, nur h, Rudol ein Lächeln geſchenkt haben würde, wenn ſie Dir nicht dwig, da bitteren Schmerz zugefügt hätte. Was Ludwig's Reiſe rd— u betrifft, ſo war dieſelbe von Geſchäften veranlaßt, welche rhafte Zu, ihn wohl noch einige Wochen enrfernt halten mögen; Bedürfuz aber ich bin überzeugt, daß er ſeine Rückkehr ſo viel als dlungen möglich beeilt. Und jetzt, nachdem ich Dir alles geſagt rrakter, di habe, was mich betrifft— und herzlich bitte ich Dich, deſto wa meinethalben ruhig zu ſein— ſo kannſt Du mir wohl er, als 6 Dein Vertrauen in Betreff Deiner Angelegenheiten nicht che nur di abſchlagen?? den, ſonden„Da ich Dich kenne und weiß, daß Dir keine, Bitten eil wir m mehr entlocken, als was Du ſelbſt ſagen willſt, ſo muß rben, wehn ich Dir wohl glauben. Und da ich dieſes wenigſtens in ten Luduz einer Hinſicht thue, ſo will ich nur noch eins ſagen: , welche d hüte Dich, geliebte Schweſter— ich ſage nicht: mit der und um ſ Nuhe Deines Mannes zu ſpielen, denn das kann Deine in ſagt, Abſicht gewiß nicht ſein— aber hüte Dich, wenn Du je er mit u ein dauerndes Glück zu ſinden wünſcheſt, daß er gegen Und un Dich nicht den Verdacht faßt, als hätteſt Du zu Deiner ß entſta Handlungsweiſe weniger edle Beweggrunde gehabt. In cht ſein, Ludwig's Charakter liegt, wie Du eben ſelbſt ſagteſt, viel nir ſelbſt Ernſt. Er wird ſtreng bei einem bloßen Verdacht.“ uns B„D ja, das weiß ich nur allzu wohl. Doch ich um nicht nach ſeiner derſtehe ihn und achte ihn zu hoch, 136 Achtung zu ſtreben... Aber nun genug von uns! Jezt iſt die Reihe an Dir!“ „Ja, jetzt iſt die Reihe an mir, und ich will mein Vertrauen vollkommner geben, als Du das Deinige gabſt. Denn ich, Lavinia, habe nicht dieſes Bedürfniß, alles in mir ſelbſt zu verbergen. Ich kann nicht leben ohm Liebe, ich liebe die Theilnahme, ich liebe alle warmen, ſanften Gefühle, und ich würde vergehen bei dem bloße Verſuche, in einer tiefen und großen Betrübniß— veot welcher der Himmel mich bewahren möge!— mich um durch den Troſt aufrecht zu erhalten: kein Menſch ſieht Deine Wunde; was bedeutet es alſo, wenn ſie auch noch ſo ſehr ſchmerzt, Du kannſt ja nicht mehr, als daran ſterben!“ „Jeder Menſch hat ſeine eigenen Anſichten!“ ſagt Lavinia, indem ſie Rudolf's Hand zärtlich drückte.„Wem Du aber, mein geliebter Bruder, unglücklich würdeſt, ſ würde ich dieſes Unglück tiefer empfinden, als ich men eigenes empfunden habe.“ „Ich glaube es beinahe; aber bis jetzt ſteht, Got ſei gelobt! das Unglück noch nicht vor meiner Thin⸗ Als ich von Hauſe reiſ'te, waren nur einige leichte Woln ken vorhanden, welche mich ahnen ließen, daß in der Zr⸗ kunft möglicher Weiſe ein Sturm ſich zuſammen ziehen könnte.“ „Ich errathe was Du ſagen willſt: Julia war nitt zufrieden mit Deiner Reiſe zu mir? Ach, ſie liebt Diß zu ſehr; und leidet bei dem erſten Schein der Furcht daß ſie genöthigt ſein ſoll, von Dir getrennt zu ſein Sie klagte, ſie bat, ſie zeigte ſich entzückend— und A ließeſt Dich doch nicht bewegen?“ „Nein, ich ließ mich nicht bewegen— und kanni Du nun noch ſagen, daß meine Liebe ſchwach iſt?2“ „Nein, nun muß ich geſtehen, daß Du auch ſtat ſein kannſt; aber es ſchmerzt mich, daß Deine Handlun aus Liebe und Unruhe zu mir und nicht aus wirklich Ueber; fen, o / Verſta ſtrebter ſein n beleidi wurde für un 1 erſten Beweg geduld der Un welche lohnen beiden C „Du l wie ich ſage, deuten Grund nem von würde daß i reichte welche Lavini ns! Jest will mein ige gabſt. niß, alles eben ohm warmen, em bloßen — vor mich nur enſch ſieht auch noch als darm „!“ ſagt 2.„Wem ürdeſt, ſe ich men teht, Got ner Thin ichte Wol⸗ in der Iu⸗ nen ziehn war nicht liebt Dih der Furchi at zu ſein — und A und kaum iſt 2 ½ auch ſtet 2 Handlun s wirkliche 137 Ueberzeugung floß. Du hatteſt gewiß keine Zeit zu prü⸗ fen, ob dieſe Handlung ſonſt nützlich wäre?“ „Ja, Lavinia; ich prüfte ſie mit den Augen des Verſtandes; denn ehe ihre Thränen mich zu erweichen ſtrebten, was Anfangs vielleicht eben nicht ſchwer geweſen ſein möchte, hatte ihr Betragen, hatte ihre Sprache mich beleidigt. Ich war gezwungen, ſo ſchwer es mir auch wurde, ihr einmal zu zeigen, daß ihr Wille nicht immer für uns Beide Geſetz ſein kann.“ „Aber Du haſt es ſchon bereut— ich ſah ees im erſten Augenblicke, mein Rudolf!— und jede Deiner Bewegungen überzeugt mich noch jetzt, da Du Deine Un⸗ geduld zu verbergen ſuchſt, daß Du vor Verlangen nach der Umkehr brennſt. Ich glaube Dir alſo die Aufopferung, welche Du ſchon für mich gemacht haſt, nicht beſſer be⸗ lohnen zu können, als wenn ich Dir die eine von den beiden Stunden erlaſſe, die Du mir verſprochen haſt.“ Ein leichter Farbenwechſel flog über Rudolf's Wange. „Du haſt Recht, ſo ſehr recht, daß ich nur nicht weiß, wie ich Dir ſoll danken können! Da ich Dir aber alles ſage, ſo wirſt Du meinen ſchnellen Aufbruch nicht miß⸗ deuten, auch nicht glauben, daß Mangel an Liebe der Grund dazu iſt!“ „Nein, nie, theurer Rudolf, könnte ich dergleichen glauben; Du haſt mir ja vom Gegentheile allzu viele und ſichere Beweiſe gegeben! Doch was meinſt Du mit dem Alles?“. „Ich meine dieſes kleine Billet, das ich erſt in mei⸗ nem Cigarrenfutteral fand, als ich ſchon einige Meilen von Hauſe entfernt war. Julia hatte wohl geglaubt, ich würde es eher öffnen; doch ich war nicht in der Laune, daß ich einmal rauchen mochte. Lies es!“— Rudolf reichte ſeiner Schweſter ein zuſammengefaltetes Papier, welches er aus der Bruſttaſche zog. Mit dem Vorgefühl einer Unannehmlichkeit nahm Lawinia dieſes Unterpfand des unbeſchränkten Vertrauens 138 ihres Bruders. Was ſie aber las, das übertraf bei wei⸗ tem ihre Furcht. „Der Inhalt des Billets war folgender: „Garſtiger, geliebter, verabſcheuter, vergötterter Rudolf! Du haſt aufgehört, Deine Julia zu lieben, da Du wegen einer Kinderei, ſo unbedeutend und winzig, daß ſie kaum den Boden meines Fingerhutes bedecken würde, eigenſinnig von mir hinwegreiſeſt, obgleich ich weine, bitte und bettle, ſo daß Steine und Bäume dadurch gerührt „werden könnten, daß Du zu Hauſe bleiben ſollſt. Soll Dir denn Deine Schweſter immer mehr ſein, als Deine Gattin? Meinſt Du, daß dies recht iſt? Meinſt Du, ich könnte mich mit einer ſolchen Gleichgül⸗ tigkeit begnügen? Doch handle, mein Herr, handle wie Du willſt! Reiſe, bleibe da, überlaß mich meiner Verzweiflung— Du wirſt ſchon ſelbſt die Folgen ſehen! Du weißt ſelbſt, ob es gefährlich iſt, mich jetzt zu reizen und zu peinigen. In dieſem Augenblicke, da ich unter Aerger, Betrüb⸗ niß und Unruhe ſchreibe, fühle ich mich ſo krank, daß ich kaum die Feder zu halten vermag. Aber ich denke Dir davon nichts zu ſagen. Du wirſt ſchon ſehen, wenn Du nach Hauſe kommſt! Vielleicht ſehen wir uns hier auf Erden nicht mehr: vielleicht bin ich dann ſchon todt. Armer Rudolf mein! da wirſt Du es wohl bereuen, daß Du Lavinia vorzogſt Deiner eigenen kleinen Julia. N. S. Radolf! wenn Du dieſes lieſeſt, ſo kehrſt Du zurück— wenn Du noch ein Fünkchen Liebe übrig haſt! Es iſt Deine Pflicht zurückzukehren— hörſt Dul Und kommſt Du nicht, ſo ſehen wir uns gewiß nicht mehr.“ „Du ſahſt wohl Julia noch, nachdem ſie dieſes Billet geſchrieben hatte, welches ich in keiner Hinſicht billigen kann?“ äußerte Lavinia, die kaum ihrer Unruhe über den Ausgang Herrin werden konnte; denn wenn es deutlich ulia aus kindlicher Bosheit und unüberlegtem ſchädlie ruhe n „ dem A derung ſage n umkehr war( ſetzen, nem er ger G waͤre. kleine wei⸗ udolf! a Du , daß vürde, „bitte erührt r t iſt? ichgül⸗ willſt! ng— ſelbſt, inigen. getrüb⸗ daß ich ke Dir wenn is hier n todt. n, daß g. kehrſt übrig ſt Dul ß nicht Billet billigen ber den deutlich erlegtem 13³ Eigenſinn alle dieſe Vorausſetzungen gehabt hatte, ſo war es faſt eben ſo klar, daß, als ſie ſah, daß ihr letzter Verſuch nichts fruchtete, die ſieberhafte und heſtige Unruhe, mit welcher ſie die Rückkehr ihres Mannes erwartete, ſte in eine Gemüthsbewegung verſetzen würde, die wenigſtens ſchädlich, ja äußerſt wichtig werden könnte. Lavinia bebte wirklich vor dem Umſtande, daß Rudolf nicht ſogleich, nachdem er das Billet geleſen hatte, umgekehrt war; doch hatte ſie allzu viele Macht üͤber ſich ſelbſt, um dieſe Un⸗ ruhe merken zu laſſen. „Ich ſah ſie,“ entgegnete Rudolf nachdenkend, in dem Augenblicke, da ich abreiſ'te, und fand keine Verän⸗ derung an ihr. Vielleicht aber war ich da blind. Aber ſage mir Deine Meinung! Meinſt Du, ich hätte ſogleich umkehren ſollen? Wenn alles nur ein kleiner Scherz war(und das war es gewiß), um mich in Furcht zu ſetzen, ſo habe ich am richtigſten gehandelt, daß ich mei⸗ nem erſten Plane folgte. Doch wenn— großer, gnädi⸗ ger Gott! ich wage es kaum zu denken!— wenn es wäre.. nein, ich wuͤrde wahnſinnig... Ach, dieſes kleine Billet, ſo boshaft es iſt, ſo iſt es gleichwohl ein entzückendes Abbild ihres kindlichen und naiven Muth⸗ willens.“ „Ja, das iſt es leider: ein allzu treues Abbild! Aber auf jeden Fall, da ſie nun ihre kleine Strafe erhalten hat, ſo iſt es Zeit an die Belohnung für die ausgeſtan⸗ dene Unruhe zu denken, und je eher Du reiſeſt, um ſo eher kannſt Du Deine, jetzt, wie ich vathe, bußfertige kleine Magdalena umarmen. Du haſt inzwiſchen ſchon zwei Vortheile gewonnen: erſtlich hat ſie erfahren, daß Du Dich nicht immer blind durch Deine Liebe leiten läſſeſt, und zweitens hat ſte geſehen, daß dieſe Liebe doch edel genug iſt, um nicht dem Gedanken an ihren Unver⸗ ſtand Raum zu geſtatten. Und es wird ihr gefallen und ſie verſöhnen, wenn ſie erfährt, daß Du Dich hier nur eine Stunde aufhieltſt.“ „Ja, ich hoffe es. Und im Sonznistzz vollen 140 wir Deine Gaſtfreiheit in Anſpruch nehmen; denn Du biſt allzu klug und gut, um meiner lieben Julia die Eiferſucht anzurechnen, welche ihre heſtige Zärtlichkeit ge⸗ gen mich hervorgerufen hat.“ „Sei überzeugt, daß mir dies nie einfallen kann, und laß uns nun hinausgehen und Thee trinken, während friſche Pferde vorgeſpannt werden. Ludwig's Kutſchpferde fliegen dahin wie der Blitz! „Und,“ flüſterte Rudolf, indem er ſie noch einen Augenblick zurückhielt,„ich kann alſo ruhig reiſen— Du biſt nicht unglücklich?“ „Möge nie ein Menſch unglücklicher ſein!“ verſicherte Lavinia mit der Stärke der Ueberzeugung. Dreizehntes Kapitel. Mit dem Poſttage nach dem eilfertigen Beſuche des Protokolls⸗Sekretairs auf Roſenborg kam ein Brief an, welcher über die Frage, die Lavinia ſich ſchon zehnmal ſelbſt vorgelegt hatte, einige Aufflärung gab, nämlich: „wird er wohl Kraft genug haben, aus dieſem Verſuche Nutzen zu ziehen, oder wird er in ſeine gewöhnliche Schwäche zurückverſinken?“ In dem erſten Falle meinte ſie, er habe einen Schritt von ungeheurer Bedeutung auf ſei⸗ ner künftigen Glücksbahn vorwärts gethan, und in dem zweiten, er ſei von dem Punkte, auf welchem er ſtande mehr denn drei Schritte rückwärts gegangen. Denn nach⸗ dem er einmal eine Handlung voll Kraft gezeigt hatte, ſo konnte ihr Verhältniß nicht wieder in das vorige Geleis kommen— es mußte ſteigen oder fallen; von und mit dieſer Handlung mußte einer der beiden CEhegatten ein entſchiedenes Uebergewicht über den andern erhalten. sinin ſolite nicht lange in Ungewißheit darüber weſen . verabſ falſche auch i 3 nug gleichſ erheben nunſt, berecht daß n. dem h gegeng Mann um ſe ſehen, ſtehen gelobt nicht trotzen mit ei in Du iag die eit ge⸗ kann, ährend hpferde einen — Du ſicherte iche des rief an, zehumal Fämlich: Verſuche öhnliche einte ſie, auf ſei⸗ in dem er ſtand, in nach⸗ hatte, ſo e Geleis und mit tten ein en. daruber 141 ſchweben, nach welcher Seite hin die Wagſchale den Aus⸗ ſchlag gab. Rudolf ſchrieb: „O, wie ſehr verachte ich allen Egoismus! Wie verabſcheue ich von Seele und Herzen dieſe ſchwachen, falſchen, verwirrenden Prinzipien, welchen zu huldigen auch ich ſchwach, blind und thöricht genug geweſen bin! Ich meine diejenigen Principien, welche ſich oft ge⸗ nug geltend machen in dem Rechte des Mannes, ſich gleichſam zu einer Art von Regenten über ſeine Frau zu erheben. Sobald ſie fehlt aus Kindlichkeit, aus Unver⸗ nunft, aus ſpielvollem Trotze, ſogleich glaubt der Herr berechtigt zu ſein, die Zügel zu ergreifen, um zu verhüten, daß man nicht auf der Reiſe durch die Ehe auf einen dem häuslichen Glücke und dem häuslichen Anſehen ent⸗ gegengeſetzten Weg gerathe. Als ob ein kluger und guter Mann dieſes erbärmliche Anſehen anzuwenden brauchte, um ſeine Wünſche oder ſelbſt ſeinen Willen erfüllt zu ſehen, wenn denn doch nothwendig ein Wille in ihm ent⸗ ſtehen ſoll! Es iſt zu bejammern, ja, meine Lavinia, ich ſage: es iſt zu bejammern, daß der Mann durch eigene unglück⸗ ſelige Anſichten oft die Steine des Anſtoßes bildet, gegen welche das häusliche Gluck ſich allmälig abſchleift, bis es zuletzt verſchwindet oder ſich zu einem bloßen paſſiven Ertragen desjenigen, das man nicht zu ändern vermag, umbildet. Der Himmel, die Erde und mein eigenes Herz ſeien gelobt— meine Ehe, mein häusliches Glück ſollte ſo nicht untergehen. Ich war ein Thor, der auf ſeine Macht trotzen wollte... Ich hätte dieſen Trotz büßen können mit einer Reue, die keine Zeit zu lindern im Stande ge⸗ weſen wäre. Vernunft, Bedachtſamkeit, Erwägung der Umſtände iſt keine Schwäche. Ich hätte Julia’s Zuſtand bedenken ſeollen, ich hätte bedenken ſollen, daß ich, um mich recht maännlich zu zeigen, ein Spiel wagte, in welche „ ich alles 142 hätte verlieren können. Und Gott weiß, daß ich mit Ge⸗ fühlen der tiefſten und lebendigſten Dankbarkeit mich wie⸗ derum in dem Beſitze eines Glückes befinde, deſſen Höhe und Umfang ich erſt jetzt zu meſſen verſtehe. Ich will es nicht einmal verſuchen, die Gefühle zu beſchreiben, mit welchen ich, nachdem ich die ganze Nacht gereiſ't hatte, mich geſtern gegen Mittag meiner Heimath näherte. Meine Einbildung war ſo ſehr verdüſtert von ſchwarzen Bildern, daß ich meine Julia ſchon als eine gebrochene Lilie auf ihrem weißen Bette liegen ſah. Denke Dir alſo meine Gefühle— ich will ſie nicht Frende, Glück, Entzücken nennen, denn dieſe Worte ſind ſämmt⸗ lich ſo matt, daß ſie gar nichts ausdrücken— nein, denke Dir die heilige, gränzenloſe, überſchwengliche Seligkeit, die mein ganzes Weſen durcheilte, als meine Julia, friſch wie eine eben aufgebrochene Roſe, froh, lebhaft und ent⸗ zückend in meine Arme ſlog. Da hatte ich gewiß keine Zeit, an Verſtand, Ermah⸗ nungen und kalte Berechnungen zu denken! Ich konnte nur eine Berechnung machen; aber dieſe gab mir hinrei⸗ cheng, zu thun. Julia's Küſſe waren wärmer als jez nicht der kleinſte Schatten von Wolke und Unmuth war mehr uüͤbrig. Ich höre, ich ſehe, ich verſtehe Dich, meine theure Schweſter, wenn Du dieſes mit einer Miene ließeſt, die ich mir nur allzu gut vorſtellen kann.„Ach, der arme Rudolf!“(habe ich nicht ein gutes Gehör, da ich in einer ſolchen Entfernung hören kann 2)„nun iſt er ganz ver⸗ rückt, nun iſt ihm gar nicht zu helfen 15 Ja, nun iſt mir gar nicht mehr zu helfen, Du ſteine harte Göttin der Weisheit, die Du die Macht der wahren Liebe entweder vergeſſen oder auch nie gekannt haſt. Doch urtheile, ob es wohl in der ganzen Welt eine liebenswürdigere Büßerin gegeben hat als ſie, deren Bild ſogar jetzt, da ich hier ſitze und an Dich ſchreibe, mich unaufhörlich umſpielt. Höre nur— ich will jetzt zu ihrem eigenen unſchuldigen Bekenntniſſe übergehen! 2 traulic auszuſ ſtimmt auf d hinein, und.. hinzu, ergeben ſchung S 5 geſenkte fürchten Blick, wenn f S Verfahr theurer lit Ge⸗ ch wie⸗ 1 Höhe ihle zu e Nacht deimath ert von ls eine Denke Frende, ſämmt⸗ u, denke heligkeit, a, friſch ind ent⸗ Ermah⸗ ) konnte hinrei⸗ als je; uth war ee theure ßeſt, die er arme in einer anz ver⸗ Du ſtein⸗ wahren d ſt. Velt eine ren Bild be, mich zu ihren 143 Wir ſaßen im Schlafzimmer auf dem kleinen der. traulichen Sofa. Ich hatte die Abſicht, ſie ein wenig auszuſchelten, und begann daher in einem Tone, der he⸗ ſtimmt einen Funken von Ernſt an ſich hatte, wenigſtens auf der Oberfläche...„ZJulia!“ aber weiter kam ich nicht... „Mein geliebter Rudolf!“ rief ſie aus und blickte mit den lieben, ſchelmiſchen Augen tief in mein Herz hinein,„wenn Du ſchiltſt, ſo ſterbe ich vor Betrübniß, und... noch einer andern Urſache!“ fügte ſie ſo lieblich hinzu, daß ich kaum umhin konnte, mich augenblicklich zu ergeben. Doch fragte ich mit der möglichſten Selbſtbeherr⸗ ſchung:„Nun? und aus welcher andern Urſache denn 2“ „Vor Scham!“ Du hätteſt das feine Erröthen auf ihrer W ge, ihr geſenktes Haupt und vor allen Dingen dieſen Blick voll fürchtender forſchender Zärtlichkeit ſehen ſollen, dieſen Blick, der mehr denn Millionen Bitten enthielt... Ach, wenn ſie ſo iſt, ſo muß ich ſie anbeten! „Haſt Du Reue empfuͤnden, geliebte Julia?“ .„Ja wohl, tauſendmal oder wohl gar noch after, denn es iſt eben ſo oft geſchehen, als ich mit meinem Verfahren unzufrieden geweſen bin. Du ſollſt hören, theurer Rudolf!“ „Als Du wegwarſt, da glaubte ich erſt beſtimmt, Du würdeſt augenblicklich wieder kommen. Ich empfand da eine ſo boshafte Freude über Deine Angſt, daß ich ſie gerne noch vermehren wollte... Ja, ja, garſtiger, geliebter Ruvolf! das ſollteſt Du dafür haben, daß Du das Herz hatteſt, mir etwas abzuſchlagen.... Nun, kannſt Du wohl errathen, auf welchen Poſſen ich verfiel? Za, ich ging ſchnell zu Bette, und nahm mir vor, bei Deher Rücktehr recht tüchtig krank zu ſein. Als es aber zu lange währte, ſo wurde ich ſo ungeduldig, daß ich betheuere, ich wäre beinahe in vollem Ernſte krank ge⸗ worden... Und darüber hätte man ſich auch nicht viel wundern können: während ich lag, war von dem Hof⸗ 144 rathe eine Einladung zum Thee angekommen. Sie hat⸗ ten reiſende Freunde erhalten, und ich wollte für mein Leben gern hin. Aber, ſagte ich zu mir ſelbſt, wenn ich nun aufſtehe und gehe, und er käme dann nach Hauſe, ſo wäre das äußerſt ärgerlich. Doch wiederum, falls er nicht kommt, hier zu liegen und zu lauſchen und zu gäh⸗ nen und Langeweile zu haben, das wäre auch recht ein⸗ fältig, da ich inzwiſchen lachen und vergnügt ſein könnte. Und als es nun ſo ſpät wurde, daß ich noch gehen konnte, und Dnu nicht kamſt, ſo wiſchte ich Thränen ab, ſtand auf, waſchte mich mit ⸗Eau⸗de⸗Cologne, zog mich an und ging... Aber ich verſichere Dich, meine Gedanken waren ſo geſtört, daß ich gar nicht vergnügt ſein konnte. Ich mochte ſprechen mit wem ich wollte, ſo ſtandeſt Du immer vor mir; und ich wünſchte unaufhörlich, der Souper möchte zu Ende ſein und ich glücklich nach Hauſe kommen; denn es war ja doch möglich, daß Du ſchon vort ſein könnteſt, und mir eine frohe Ueberraſchung be⸗ reiten wollteſt. Aber ach, ach, ach! wie ſehr täuſchte ich mich! Unſre ſchöne Wohnung war leer und kalt wie ein Grab. Ich war ſehr betrübt. Und dieſe Nacht, dieſe garſtige, garſtige Nacht, die erſte, die ich durchwacht habe... Doch, es fällt mir ein, daß ich Dir nichts mehr erzählen darf.“ „Ach ja, ſüße, geliebte Julia!“ bat ich warm und eifrig,„vertraue mir Alles 12 „Nun, ſo muß ich Dir wohl erzählen, daß es 1⸗ ſcheulich iſt und Einen ordentlich bange machen kann, wenn man ſo unaufhörlich wachend da liegt und die gang Nacht hindurch phantaſirt. Unaufhörlich redete in ma nem Innern eine Stimme und ſtellte mir vor— ja, be weitem beſſer als was Du ſt vermagſt— wie unke dachtſam und leichtſinnig ich gehandelt hätte. Ich wat auch ſo ängſtlich und bange, daß ich vor Unruhe ſchwibtt und ſo dachte: nun, nun, kommt er zurück, ſo ſoll nf erſt ſehen, daß ich auch ein wahrer Engel ſein kannl. Run aber wurde es zuletzt Tag, die Leute kamen i gingen, Je mehr tung un gelingen denn De friedenhe peinigen bei und gen, Re bald zu ſein möc Ueberzeu Ich entſ Vorſätze 18 de lich ſün⸗ Zuſtand Jetzt rol übte wol immer wohl, geweſen gehalten den, da ie hat⸗ r mein „ wenn Hauſe, falls er zu gäh⸗ ꝛecht ein⸗ könnte. u konnte, , ſtand mich an Gedanken r konnte. ndeſt Du ich, der ch Hauſe Du ſchon hung be⸗ uſchte ich t wie ein cht, dieſe urchwacht Dir nichts varm umd aß es al⸗ den kann die ganze in mai⸗ — ja, be wie unbe Ich wat ze ſchwitt ſo ſoll i kann. kamen un 145 gingen, und meine unartigen Gedanken kehrten zurück. Je mehr ich mich anſtrengte, etwas zu meiner Unterhal⸗ tung und Beluſtigung zu erfinden, ohne daß mir etwas gelingen wollte, um ſo ärgerlicher wurde ich auf Dich; denn Du allein warſt ja die Urſache dieſer ganzen Unzu⸗ friedenheit, dieſer üblen Laune, die mich faſt zu Tode peinigen wollte. So kam wiederum eine neue Nacht her⸗ bei und mit der Dunkelheit fanden ſich ernſte Betrachtun⸗ gen, Reue, Thränen und Gebete zu Gott ein, daß Du bald zurückkehren und Deiner armen Julia nicht böſe ſein möchteſt; und es war mir faſt ſo, als hätte ich die Ueberzeugung erhalten, Du würdeſt heute wieder kommen. Ich entſchlief und erwachte mit den beſten und ſchönſten Vorſätzen. Aber gewiß wohnte ein kleiner böſer Geiſt in mitz denn Du kannſt glauben, daß von Neuem die wirk⸗ lich ſündhafte Idee über mich kam, Dich durch einen Zuſtand von Machtloſigkeit und Erſchlaffung zu erſchrecken. Jetzt rollte ich dieſen kleinen Sofa vor den Spiegel und übte wohl zwanzig verſchiedene Situationen ein, die eine immer noch betrübter als die andere, und ich glaube wohl, ich waͤre mit der einundzwanzigſten zufrieden geweſen, wenn nicht plötzlich Dein Wagen vor der Thüre gehalten hätte. Aber da war ich ſo außer mir vor Freü⸗ den, daß ich in einem Augenblicke Alles vergaß und Dir entgegen eilte.“ Lavinia! kannſt Du ſie ſtreng beurtheilen? Nein, das kannſt Du nicht, und noch weniger for⸗ dere ich, daß Du es thun ſollſt. So wie unſer Herr nun einmal mein Weibchen erſchaffen hat, ſo finde ich ſie uͤberaus entzückend. Ach, mir ſoll es nicht im Min⸗ deſten ſchwer werden zu vergeſſen, daß ſie mir nur ein einziges Mal anders erſchienen iſt! Dieſes frohe, un⸗ ſchuldsvolle, muthwillige Kind muß man kennen, um es recht behandeln zu können; und ſage Du was Du willſt, ich glaube es zu verſtehen. Und nun lebe wohl, geliebte Schweſter! An der Cartén. Ein Jahr. 10 146 3 Bauer meines Glückes zweifle ich nicht, ſo fern Gott mir geſtattet, daß ich meine geliebte Julia behalten darf; an Deinem Glücke aber zweifle ich, denn ich rathe, fürchte und ahne, daß es nur auf Deinen Lippen vor⸗„ handen iſt.“ webel, „Er kann Recht haben,“ ſagte Lavinia, indem ſie ſchöne C mit einem tiefen Seuſzer den Brief zuſammen legte,„3. „es koſtet mir alſo wenigſtens keinen Schmerz, wenn es kommt!“ aufhört.... Ach, mein armer Rudolf— nun iſt unſerm wirklich aus mit Dir!“ Csheils h in Ruhe bald ein daß ſie D mehr an ten Heft zitterte 3 tha's for „ dem gut gnädige: zimmer.“ ſehen iſt reiſen: ſehen.“ Vierzehntes Kapitel. Es war Sonntag, der Tag vor dem Weihnachts⸗ Abende. Auf Roſenborg war alles in feſtlicher Ordnung vn den geputzten Zimmern der Herrſchaft bis hinab auf die Speiſekammern und die wohnlichen Stuben der Dienſt⸗ boten. Lavinia hatte ſelbſt mit Leitung der geübten Haus⸗ X vorſteherin die gewaltigen Weihnachtsberge geordnet, welche „ Bei am folgenden Tage ſowohl auf dem Feſttiſche als auch daß ſie an die Armen ausgetheilt werden ſollten. Und nun ſaßen webel je in lieblicher Eintracht Frau Brunsberg und ihr ſchweig⸗ berg fur ſamer Liebhaber in ihrem Heiligthum und unterhielten ſter hin ſich darüber, was wohl die ſelige gnädige Frau gu⸗ ſagt haben würde, wenn es dem Rittmeiſter eingefalle wuäre, an einem der beiden Weihnachts⸗Abende, dar Herrin auf Roſenborg war, nicht zu Hauſe zu fein. „Was die jetzige gnäͤdige Frau betrifft,“ ſagte Fr Margaxetha,„ſo glaube ich nicht, daß ſie es ſe Herzen nimmt. Es iſt gerade ſo, als ob ihr ei ſom Herzen ſiel, als er reiste. Schwenkt ſie erm im Hauſe umher, daß es eine Freuf rn Gott en darf; ) rathe, den vor⸗ adem ſie n legte, wenn es nun iſt's eihnachte⸗ nung von »auf die r Dienſ⸗ en Haus⸗ let, welche als auch 147 ſehen iſt! Ja ja, ihretwegen mag er gerne kommen und reiſen; ſie gehört zu den Leuten, die alles ruhig mit an⸗ ſehen.“ „Das iſt ſehr achtungswerth,“ bemerkte der Feld⸗ webel,„denn die Nuhe iſt doch, genau genommen, eine ſchöne Sache.“ „Ja, beſonders wenn man über die erſte Jugend kommt!“ entgegnete Frau Brunsberg vertraulich.„In unſerm Alter iſt es eine geſegnete Sache; und ich meines Theils habe daran gedacht, mich in einer von den Stadten in Ruhe zu begeben. Die gnädige Frau wohnt ſich hier bald ein, und iſt im Uebrigen eine ſo tüchtige Frau, daß ſie ſich wohl ohne mich helfen kann.“ „O, das iſt ganz unmöglich— das geht nimmer⸗ mehr an!“ fiel der Feldwebel mit einer ganz ungewohn⸗ ten Heftigkeit in Stimme und Geberden ein, und er zitterte zum erſten Male ein wenig vor Frau Margare⸗ tha's forſchendem Blicke. „Ich hoffe doch, es wird gehen!“ antwortete ſie mit dem guten Takte, den die Gelegenheit forderte.„Die guadige Frau nimmt ſich ſtatt meiner ein jüngeres Frauen⸗ zimmer.“ „Die gnädige Frau, ja...“* Bei dieſen Worten, von denen man ſagen konnte, daß ſie das Bedeutungsvollſte enthielten, das der Feld⸗ aun ſaßen webel je in ſeinem Leben geſagt hatte, fand Frau Bruns⸗ rſchweig⸗ berg fur gut, mit einer gewiſſen Verſchämtheit zum Fen⸗ nterhielten ſter hinaus zu ſehen.„Ich glaube nicht, mein beſter Frau ge⸗ Feldwebel, das heißt, ich weiß nicht ob irgend Jemand eingefala außer der gnädigen Frau meine unbedeutende Perſon ver⸗ e, da miſſen würde.“ fein.„Keiner außer der gnädigen Frau ſollte eine ſo un⸗ agte Frau entbehrliche Perſon vermiſſen? O, was das betrifft, ſo...ℳ s ſehr u Hier aber brach Stark plötzlich ab und ſah zu dem an⸗ ein Stt dern Feuſter hinaus. e ſich mn„Darf ich eine Priſe anbieten?“ Frau Brunsberg Freude zi Richte ihm die Doſe und knupfte auf dieſe Weiſe den Fa⸗ 148 den wieder an, den ihr einfältiger Liebhaber in ſeiner„Elſtar ewigen Blödigkeit abgeriſſen hatte.„Haben Sie die Güte, mata d Herr Feldwebel! Dieſer Schnupftabak iſt ausgezeichnet W gut, ich habe ihn zufällig für dreißig Schillinge das ſaß im Pfund gekauft. Nun in der letzten Zeit mag ich den Piano. groben Schnupftabak lieber, obgleich mir ſonſt der feine E in allen meinen Tagen beſſer gefallen hat. Aber ſehen können, Sie, das kommt daher, wenn man lange und vertrau⸗ in freie lich mit einer Perſon umgegangen iſt, ſo nimmt man, ſchöne ohne daß man es bemerkt, den Geſchmack derſelben an“ ſchöne: „Ja ja, ganz ſo; ja, ſehr wahr! und mein Schnupf⸗ nen zu tabak iſt ſehr glücklich! Doch wenn nun— was Got Töne t verhüte!— Sie Ihre Hand von... von... don dieſen in Roſenborg abzögen... ſo...“ Laute d Der Feldwebel mußte wieder zum Fenſter hinam ſehen; denn Frau Brunsberg hatte ja einmal geſagt: „Es ſtärkt den Verſtand, wenn man in Gottes freit Natur hinausblickt.“ Hätte ſie aber bei der Gelegenheit, da ihr dieſe Weisheitsregel als nützlich und anwendbar erſchien, vor⸗ ausſehen können, wie unvernünftig ſchlecht ſie dereint angewendet werden könnte, ſo hätte ſie wahrlich ihn dem Ve Lippen lieber verſchloſſen gehalten, als ſo thörichte Won unmögli ausgeſprochen.„2 „Nun, mein lieber Feldwebel! ich bin wirklich nei⸗ verſtehe gierig zu erfahren, was in dieſem Falle eintreffen würde willko DDooch ſo neugierig auch die werthe Frau war, ſt ohne de mußte ſie ſich dennoch bequemen, auf die Fortſetzung zu offen 1 warten, bis ihr Stern klarer leuchtete, als in dieſen Augenblicke, da einer der elftauſend Zufälle, welche in mer bei der Hand ſind, ſich liebenden Herzen in den W zu legen, der Zuſammenkunft ein Ende machte. Un das alles kam daher, daß der Feldwebel zum Feu hinaus ſah. 1 3. Haͤtte er nicht„aus Gottes freier Natur“ wollen, ſo würde vielleicht in der Ang ſein 6 Bekenntniß entſchlüpft ſein, ehe 5 149 mſeiner„Elſtauſend“ Zeit gehabt hätte, hinter die kleinen Com⸗ e Guͤte, mata des ehrlichen Mannes ein Punktum zu ſetzen... ezeichnet Während ſich dieſes in den untern Regionen zutrug, ige das ſaß im Salon die junge Herrin von Roſenborg vor dem ich den Piano. eer feine Es war ſchon zu dunkel um die Noten ſehen zu er ſehen können, und ihre Muſik beſtand in dieſem Augenblick nur vertrau⸗ in freien Phantaſien, aus denen am Ende eine alte und ut man, ſchöne Volksmelodie herauftauchte. Lavinia miſchte ihre ben an. ſchöne und weiche Stimme in dieſe Töne, und die ſchö⸗ Schnupf⸗ nen zu gleicher Zeit wehmuthsvollen und lebensfrohen das Got Töne thaten ihrem Herzen wohl und erfüllten es mit .. von dieſen innigen und geſunden Gefühlen, die ſo gerne bei dem Laute der ächten nordiſchen Töne erwachen. hinau Als Lavinia geendigt hatte, ſo vernahm ſie ein lei⸗ geſagt: ſes, aber doch ausdrucksvolles„Dank!“ hinter ſich. Sie ttes freit ſprang auf und erblickte— ihren Mann. Die Ankunft des Rittmeiſters hatte ſo unpaſſend das ihr dieſe Geſpräch in Frau Brunsberg's Zimmer unterbrochen. ten, vor⸗„O, willkommen zu Hauſe, mein guter Ludwig!“ e dereinn Lavinia ſprach dieſe Worte ſo herzlich aus, daß Ludwig rlich ihn dem Verlangen, die dargereichte Hand leiſe zu drücken, zte Wom unmöglich widerſtehen konnte. 3„Bin ich wirklich willkommen? Sei aufrichtig! doch klich neu⸗ verſtehe mich nicht falſch: ich meine nicht von Herzen n würde willkommen— denn das könnteſt Du nicht ſagen war, ſe ohne der Wahrheit zu nahe zu treten— laß mich nur ſſetzung u offen wiſſen, ob es Dir keinen Zwang, kein Unbehagen in dieſen verurſacht, daß ich vielleicht ein wenig unerwartet an⸗ welche in⸗ komme?“ den Wihi. Ich bin ſo weit entfernt von dieſen Gefühlen, daß chte. un ich faſt überzeugt war, Du würdeſt heute oder morgen um Feuſa kommen. Du ſagteſt ja einmal, Du wollteſt am Weih⸗ uachtsabende Dich nicht von den Kindern trennen.“ ur'” Mu„So iſt's auch wirklich. Ich habe ſchon allzu lange Ingſt ſeiugt von ihnen getrennt gelebt; und da ich gewiß das Heim⸗ einer N weh bekommen hätte, wenn ich noch einige di Heimath hätte vermiſſen ſollen, ſo habt Ihr mich nun Dieſe“ wieder. Ich habe ſchon bei den Kleinen eingeſehen— Ecke z Gott ſei gelobt, ſie ſind ja geſund und artig!“ gehört „O, da haſt Du ſie gewiß aufgeweckt; denn es iſ 22 noch nicht lange her, ſo ſang ich ſie mit einem Liedchen in erſte Schlaf. Aber, mein beſter Ludwig! was darf ich Dit Dir ab anbieten— beſiehlſt Du Mittagseſſen oder Kaffee? Oder ich Dir erſt das Eine und dann das Andere?“ 3„ Der Rittmeiſter, welcher auf dem ganzen Wege den ſingſt widrigen Eindruck gefürehtet hatte, ſich wieder fremd in dem„8 eigenen Hauſe zu fühlen, war ganz angenehm überraſcht der Re⸗ von der natürlichen Leichtigkeit, womit dieſe Fragen her⸗ bisweil vorkamen. Es war ein Gefühl voll frohen Friedens nach ſingen, Hauſe zu kommen, da außer per Haushälterin noch eine tarre be andere Perſon ſich um ihn bekummerte, und obgleich er mein kl wirklich ſchon zu Mittag gegeſſen hatte, ſo konnte er dem„1 Vergnügen nicht widerſtehen zu erfahren, wie Lavini aufmert ſich weiter benehmen würde, und mußte alſo noch einmal Ei hungrig werden.„Vielleicht würde ein kleines Mittagseſſen in Eile nicht ſchaden!“⸗ La cs ſoll ſogleich bereit ſein!“ Lavinia eilte die Treppꝛ: aufmert leicht hinab, um ſelbſt mit Frau Brunsberg zu reden, ſchob ſ und kam darauf zurück, um Ludwig Geſellſchaft zu leiſten, über, bis der Tiſch gedeckt wäre. angene „Ich mache Dir nur Umſtände!“ ſagte der Rittmi⸗ geplaud ſter halb froh, halb verlegen. erlebt; „Was ſagſt Du?— Das ſind angenehme Um⸗ F ſtände!“ Und Lavinia, die vielleicht doch nicht ſo gan Bedien frei war, wie ſie ſich ſtellte, ging hin und machte da lange Inſtrument zu, um etwas zu thun zu haben. Cceller dO nein, ich bitte Dich, thue das nicht! Ich hatzt aber er Deine ſchöne Stimme ſo wenig gehört, daß Du mir nung ij wellen die Freude machen mußt, mir etwas vorzuſin Doch. „Mit dem größten Vergnügen! Doch zu ſo einfact Melodien, wie die, welche Du eben hörteſt, ſcheint Begleitung einer Gunitarre die beſte und ſchöͤnſten nglücklicher Weiſe ſpiele ich nicht Guitan ch nun hen— n es iſt dchen in ich Dir 2 Oder zege den d in dem verraſcht gen her⸗ ens nach noch eine gleich er e er den Lavini h einmal ttagseſſen ie Treppe zu reden, zu leiſten, Nittmi⸗ ehme Um⸗ t ſo gam machte das Ich habe 151 Dieſe“— Lavinia deutete auf eine ſolche, die in der Ecke zwiſchen dem Fortepiano und der Wand ſtand— „gehörte wohl Deiner erſten Frau?“ „Meine Frau“— der Rittmeiſter ſchloß das Wort erſte aus—„ſpielte nicht dieſes Inſtrument; wenn es Dir aber Vergnügen machen ſollte es zu lernen, ſo könnte ich Dir wohl einige Anweiſungen ertheilen.“ „Wie, lieber Ludwig? Du ſgpielſt ſelbſt? Gewiß ſingſt Du auch— und das haſt Du mir nicht geſagt?“ „O, ein ſo geringes Talent, wie das meinige, war der Rede nicht werth. Vielleicht können wir aber doch bisweilen, wenn ich jemals wieder aufgelegt werde zu ſingen, uns zuſammen verſuchen. Was jedoch die Gui⸗ tarre betrifft, ſo iſt ſie mir zu weich; ich übertrage daher mein kleines Talent gerne auf Dich.“ „Und ich nehme Dich beim Wort und verſpreche ſehr aufmertſam zu ſein!“ Einen Augenblick ſpäter ſaß der Rittmeiſter vor dem in Eile angeordneten Mittagstiſche. Lavinia wanderte hin und her, und ihr Auge ſah aufmerkſam nach, ob auch nirgend etwas ſehlte. Endlich ſchob ſie einen Stuhl hin und ſetzte ſich Ludwig gegen⸗ über, um ein junges Huhn zu tranchiren, und ſo leicht, angenehm und häuslich wurde während der ganzen Zeit geplaudert, daß er noch nie eine ſo angenehme Mahlzeit erlebt zu haben vermeinte. Frau Brunsberg war mit keinem Fuße oben, der Bediente ging aus und ein, und als er einmal etwas zu lange draußen blieb, ſo ſetzte Lavinia ſelbſt einen neuen Teller hin und bot ihrem Manne den Nachtiſch. Hiebei aber erhielt ſie von ihm einen Blick, der beinahe Unord⸗ nung in das ganze angenehme Verhältniß gebracht hätte. Doch ergriff ſie ihre Partie und ſah nicht mehr als was wirtlich vorhanden war; denn ohne Zweifel mußte ſie diesmal„Geſichter“ geſehen haben. ppaͤter am Abende erzählte Lavinig, daß Rudolf a geweſen wäre; doch ſon ſehr ſie ſich auch bemühte, — 152 die Worte zu wählen und zuſammen zu fügen, ſo wurde es dennoch ſchwer, eine natürliche Urſache zu dieſer Ertra⸗ tour zu finden. Der Rittmeiſter, welcher während der ganzen Zeit die beſte Laune nicht nur gezeigt, ſondern auch wirklich gehabt hatte, war mit einem Male gedankenvoll; und in⸗ dem er die Kinder, die er beide auf ſeinem Schoße ge⸗ habt hatte, ſanft niederſetzte, ſagte er ernſt:„Ich brauche kaum zu fragen, ob er ein Anliegen hatte; denn es ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt, daß kein Menſch zehn Meilen(dreißig Stunden) hin und zurück reist, um bloß eine kurze Viſite von einer Stunde zu machen.“ „Nicht um eine Viſite von einer Stunde zu machen, guter Ludwig, wohl aber, um eine Stunde ver⸗ traulich mit einer Schweſter verplaudern zu können, die man liebt.“— „Wohl kaum macht Jemand eine ſolche Reiſe, un ſeine Geliebte nur eine Stunde zu treffen; gilt es aber einer Schweſter, ſo erlaubſt Du mir wohl, wenn ich glaube, daß das Verlangen nach einem Wiederſehen, das ſo karg zugemeſſen werden muß, nothwendig einen beſonders wich⸗ tigen Grund gehabt hat.“ „Und wenn dem ſo wäre, Ludwig?“ Lavinia's offe⸗ ner Blick ſuchte nun ſelbſt das Auge ihres Gatten, indem ſie den Bitten der kleinen Evy nachgab, die ſich an ſe ſchmiegte und rief:„nimm mich, nimm mich!“ ſie auf⸗ nahm und der kleinen Charlotte, welche mit einem Leh⸗ lingshunde des Vaters ſpielte, einen Schemmel hinſchoh. „Wenn dem ſo wäre,“ wiederholte Ludwig,„ſo ſiehſt Du wohl ein, daß meine Gedanken bei keinem angeneh⸗ men Gegenſtande weilen können. Er wollte ſich vielleicht erkundigen, wie Du Dich als Strohwittwe befandeſt?“ „Und er reiste in der Ueberzeugung, daß ich mich ſo wohl wie möglich befand.“ „Und doch, Lavinia, als wir ſchieden... „.. war es nicht beſonders gut, willſt Du woß ſagen? Ich geſtehe das ein, Ludwig; da ich aber h 7 — ſtimmt ich, Di Ich wa mußte Gerücht „ kaum D iſt es p gehen?“ Evelina Abende zu mach in welch Ohren meine K und Lof Kinder, mer beg kehrte ſſt und die 2 herzlich gegen ſi G 153 wurde ſtimmt wußte, daß Du damals Unrecht hatteſt, ſo hoff.⸗ Extra⸗ ich, Du würdeſt wohl einmal davon überzeugt werden. Ich war alſo nicht ſo niedergeſchlagen; und Rudolf n Zeit mußte ſelbſt geſtehen, daß mein Ausſehen dem falſchen eirklich Gerüchte nicht entſprach, welches ihn hergeführt hatte.“ ind in⸗„Gute Lavinia, Du berührſt ſo viele Dinge, daß ich ße gee kaum Deinem Gedankengange zu ſolgen vermag... doch drauche iſt es wohl nicht Zeit, daß die Kinder in ihr Zimmer es ver⸗ ehen?“ dreißig„Evy will bei Mama bleiben!“ rief augenblicklich e Viſite Evelina, und Charlotte rief eifrig:„Das will ich auch! ich auch! ich auch!“ nde zu Der Rittmeiſter hatte nicht das Herz dazu, an dieſem dde ver⸗ Abende gleich nach ſeiner Rückkehr ſein Anſehen geltend den, die zu machen; aber Lavinia ſagte in einem ſanſten Tone, mn velchem aber doch ein beſtimmter Ernſt lag, der den ſe, un Ohren des Rittmeiſters ausnehmend gefiel:„Nicht ſo, es aber meine Kleinen! Wenn Papa etwas ſagt, ſo dürfen Evy glaube, und Lottchen nicht eigenſinnig ſein. Geht nun gleich ſo karg und ſagt artig gute Nacht!“ rs wich⸗ Obgleich ſichtbarlich ungerne, gehorchten doch die Kinder, und nachdem ſie ſelbſt ihre Töchter in ihr Zim⸗ g's off⸗ mer begleitet und ſie der alten Brita übergeben hatte, ſo n, inden kehrte ſie zu ihrem Manne zurück, welcher noch da ſaß ch an ſee und die Thür anſtarrte, durch welche ſie ſich entfernt hatte. ſie auf⸗„Die Kinder lieben Dich ſchon ſo ſehr!“ ſagte er em Liet⸗ herzlich.„Du biſt zu gleicher Zeit verſtändig und gut hinſchob. gegen ſie.“ „ſo ſiehſt„Gäbe Gott, ich könnte Alles ſein, was ich wollte angeneh⸗ und wünſchte!“ vielleicht„Arme, arme Würmchen! ſie müſſen allzu früh ler⸗ nen Verluſte zu verſchmerzen!“ „Ihren erſten Verluſt kann ihnen nichts erſetzen!“ 3 entgegnete ſie erröthend.„Was den zweiten betrifft, ſo ſoſfe ich...“ Sie ſchwieg in ſprechender Verlegenheit. „per wird ſich erſetzen laſſen?“ fuhr der Ritt⸗ meiſter fort, indem er ſie mit einem Ausdrucke ernſter kung hervorbringen, beſonders in einem Augenblicke, da Betrübniß anſah.„Nein, glaube das nicht! Zweimal 8 ahnen habe ich den Verſuch gewagt— damit iſt's aber auch dern zu Ende... Doch nicht darüber wollten wir reden. Kabin Du ſagteſt eben etwas, dus meine Aufmerkſamkeit rege las, machte.“ mals „Was denn?“ dung „Deine Behauptung, daß ich beſtimmt Unrecht hatte recht: in dem Gegenſtande, welchen wir an dem Morgen vor aruckes meiner Abreiſe verhandelten. Ich wollte gerne wiſſen, enthiel wozu es Dir nützen kann, gute Lavinia, daß Du mir den Glauben an etwas beizubringen ſtrebſt, was nicht ich ſa vorhanden iſt.“ eher d „Es kann mir zu nichts helfen, Ludwig, Dich auf ſache; eine falſche Spur zu leiten; das ſollteſt Du ſelbſt ein⸗ leſen, ſehen. Und Du mußt geſtehen, daß man bis zu Thränen Brief aufgeregt ſein kann, ohne daß es aus Betrübniß, Gefühl! je wid über einen Verluſt oder aus Liebe zu ſein braucht. Aerger, mir tr Unwille, ein verletztes Selbſtgefühl können dieſelbe Wir⸗ ten ka wir durch die ſonderbarſten Widerſprüche, die ſich bei uns finden, von dem Verlangen ergriffen werden, noch einmal die bittern Erinnerungen durchzuleben, welche unſere Ge⸗ müthsbewegung hervorgerufen haben.“ „Du deuteſt hier etwas an, deſſen Sinn mir nuicht ganz klar iſt.“ „Ich ſollte vielleicht nicht ſo offenherzig ſein, gutet Ludwig, als ich jetzt bin; doch in der Ueberzeugung, Du wirſt meinen Wunſch, vor Dir in keinem ſchlechterm Lichte als zuvor da zu ſtehen, richtig deuten, kaun ich Dir geſtehen, daß ich ſchon ehe Du reisteſt die Urſache Deiner plötzlich über Dich gekommenen Idee errathen hatte, nämlich, ich hinge an Gotthard gegen meine be⸗ ſtimmt ausgeſprochene Verſicherung noch immer mit den. Gefuhle der Zärtlichkeit.“ mir, „So?“ ſagte der Rittmeiſter, und ſein ganzes Weſen men drückte Unruhe, Verlegenheit und Neugierde aus. er mi „Deine Mütze war im Kinderzimmer und ließ mihh wohl 7 155 Zweimal ahnen, daß Du am Abende zuvor, da Du bei den Kin⸗ ver auch dern warſt und ihnen gute Nacht ſagteſt, mich in dem r reden. Kabinette ſaheſt, wo ich ſaß und Gotthard's letzten Brief keit rege las, dieſer Brief, der— ich verſichere es heilig— da⸗ mals zum erſten und einzigen Male ſeit unſerer Verbin⸗ dung aus dem Schreine geweſen iſt. Und wenn Du nun cht hatte recht nachdenkſt, ſo glaube ich, falls Du Dich des Ans⸗ rgen vor⸗ druckes in meinem Geſichte eutſinneſt, daß dieſes nicht e wiſſen, enthielt, was Du ſehen wollteſt.“ Du mir„Nein, Lavinia, Gott weiß es am Beſten, daß, was das nicht ich ſah, nicht durch meinen Willen geſchah, ſondern eher durch eine andere Wirkung. Inzwiſchen— die Ur⸗ Dich auf ſache zu Deinem Verlangen ſeinen Brief noch einmal zu ſelbſt ein⸗ leſen, mag nun ſein, welche ſie wolle— Du hatteſt den Thränen Brief an einem Abende vor Dir, da es mir mehr denn 3, Gefühl je widerlich war zu glauben, daß Du Deinen Spott mit . Aerget, mir triebeſt. Es iſt wahr, daß es faſt für lächerlich gel⸗ elbe Wir⸗ ten kann, wenn ich auf dieſe Art rede, ich, der ich kein blicke, d Recht zu Deinem Herzen habe und nie ein Recht dazu h bei uns erhalte. Nichts deſto weniger iſt es nun ſo, daß ich wäh⸗ ch einmal rend dieſes Jahres Anſprüche auf Deine Treue habe, und nſere Gi⸗ daß ich durch den Gedanken leide, Du könnteſt mich durch ddie Verſicherung betrogen haben, daß Dein Gefühl keinem mir nicht Andern gehört.“ „Doch nun, Ludwig,“ ſtotterte Lavinia,„glaubſt Du ein, guttt mir nun?“ gung, Du„Ich wollte Dir glauben, aber ich kann nicht helfen, ſchlechtermn daß eine Stimme in meinem Innern daran erinnert, daß „kann ich es nur ein einziges Mittel gibt, durch welches ich voll⸗ die Urſacht kommen und für immer überzeugt werden kann. Gleich⸗ e errathen wohl fürchte ich, daß Du nicht darauf eingehen willſt.“ meine be..„Wenn ich kann und darf, ſo thue ich es gewiß.“ er mit dem„Schon die Verbindung dieſer beiden Worte ſagt mir, daß Du weder Willen noch Neigung haſt, vollkom⸗ men gereinigt vor meinen Augen zu ſtehen!“ antwortete er mit unterdrückter Heftigkeit. Jttzt biſt Du ungerecht, Ludwig! Suche eine an⸗ zes Weſtn dere Erklärung meiner offenen Erklärung auf, wenn Du vermagſt. Wäre mir Deine gute Meinung gleichgültig geweſen, ſo hätte ich natürlich geſchwiegen.“ „Lavinia ſprach dieſe Worte mit einem Tone aus, der bei weitem wärmer war, als ſie ſelbſt ahnte. Ludwig's Auge erhellte ſich. Er verließ ſeinen Platz am Ofen und ſetzte ſich neben ſeine Frau auf den kleinen Sofa, welcher ſchräge mitten im Zimmer ſtand— dieſer Sofa, auf welchem nur zwei Perſonen Raum hatten. Lavinia machte Platz, damit er ſitzen könnte— oder damit ein kleiner Raum zwiſchen ihr und ihm entſtände. Ludwig ergriff ihre Hand, und während er ſie einige Secunden in der ſeinigen hielt, heftete er ſeinen Blick auf ihre geſenkten Augenlieder. Er empfand ein unbeſtimm⸗ tes Gefühl von Glück, das ungefähr gleich war demjeni⸗ gen, welches er an jenem Abende empfand, da er mit ihr von dem Pfarrhofe nach Hauſe reiste, jetzt jedoch bedeu⸗ tend erhöht durch den Genuß zu ſehen, wie das Blut in leichten Wogen über ihre Wangen ſtrömte.„Oder dachte er,„iſt es vielleicht der reflectirende Widerſchein des Feuers?“ Doch nein, nicht das Ofenfeuer flammte auf ihrer Wange; denn auch als er durch ihren Vorwand ſie bewog, ſich nach der andern Seite zu wenden, ſo dauerte das Farbenſpiel noch immer fort. „Wenn es möglich wäre,“ ſagte er endlich,„daß meine Meinung Dir nicht gleichgültig iſt, ſo ſchlage mir nicht ab, was ich eben jetzt von Dir erbitten wollte: ſchenke mir eine Probe Deiner Achtung, die ich nie ver⸗ geſſen werde— gieb mir den letzten Brief Deines Per⸗ lobten!“ „Unmöglich!“ rief Lavinia aus und zog mit einet elektriſchen Bewegung ihre Hand aus der ſeinigen. „Unmöglich?“ wiederholte er erbleichend. „Höre mich, Ludwig, und ſei billig! Dieſer Briij iſt— demüthigend für mich. Ich will nicht— verſtehſt Dul— ich will nicht, daß Du ihn ſehen ſollſt.“ Lavinia hatte noch nie eine ſo gewaltſame Gemütht⸗. erſchütt erſchütt Heftige durch ſet ſtand l frornen ſchendern Sinne lich ſta zu ſchn D ſchlichen ſten al Perſön nicht de in dem Und we Rittmei Gattin angenel ausrief noch n einer eine geſſen, meiſter enn Du ichgültig dne aus, en Platz kleinen — dieſer atten. — oder entſtände. ſie einige Blick auf abeſtimm⸗ demjeni⸗ r mit ihr ch bedeu⸗ Blut in „Oder,“ ziderſchein flammte Vorwand enden, ſo ich, daß hlage mit en wollte: h nie ver⸗ ines Ver⸗ mit einer en. Titel ‚der Graf⸗ bezeichnet?“ fragte Lavinia, angenehm 157 erſchütterung gezeigt. Ludwig aber war kaum weniger erſchüttert, doch nicht mehr bitter, ſondern überraſchend. Heftiger als ein Sturmwind fuhr dieſe Erſchütterung durch ſeine Seele, warf alles über den Haufen, was Wider⸗ ſtand leiſtete, und ſchmolz ohne Umſtände alle alten ge⸗ frornen Begriffe und Formen. Ein Hauch von berau⸗ ſchender Freude umzitterte ihn; es war ihm, als ob ſeine Sinne ſich verwirrten, als ob er träumte; und recht deut⸗ lich ſtand vor ihm nur Eins: der Wunſch, daß er nicht zu ſchnell geweckt werden möchte. Doch wer kommt dort ſo ſtill über die Matte ge⸗ ſchlichen, wenn nicht der Feldwebel, der nicht im minde⸗ ſten ahnte, daß er in dieſem Augenblicke keine geringere Perſönlichkeit repräſentirte, als die Nemeſis ſelbſt! Hatte nicht der Rittmeiſter vor einigen Stunden den Feldwebel in dem Vorſpiele ſeiner eigenen Brautwerbung geſtört? Und wenn man nun auch nicht behaupten konnte, daß der Rittmeiſter die Abſicht hatte, ſich um die Hand ſeiner Gattin zu bewerben, ſo wurde er dennoch auf eine ſo un⸗ angenehme Art geſtört, daß er im möglichſten Aerger ausrief:„Was tauſend T=—l giebt's?“ Verblüfft durch eine ſolche Zurechtweiſung, die er noch nie zuvor gehört hatte, zog der Feldwebel ſich mit einer Verbeugung zurück, indem er in der Thür nur das eine Wort„der Graf“ ausſprach. „Zum Henker! Ich hatte meiner Seele ganz ver⸗ geſſen, daß er mir auf den Ferſen war!“ ſagte der Ritt⸗ meiſter aufſpringend und in einem ganz veränderten Tonc. „Das blaue Gaſtzimmer iſt ja wohl geheizt? Führen Sie ihn dorthin, Herr Feldwebel, bis ſein gewöhnliches Jimmer in Ordnung giſetzt iſt. Ich komme jm Augen⸗ blicke nach!“ 4 „Soll geſchehen, Herr Rittmeiſter!“ Der Feldwebel erſchwand. „Wer iſt derjenige, den der Feldwebel mit dem bloßen 158 erleichtert durch dieſe Unterbrechung, die nie zu einer paſ⸗ zeugung ſenderen Zeit hätte kommen können. weil wi „Einer von meinen alten guten Freunden, Graf fühlen, Adrian B-=, welcher gewöhnlich des Sommers eine Zeit⸗ mehr fi lang auf Roſenborg zu Gaſte iſt, und der auch jetzt, wenn Du nichts dagegen haſt, einige Wochen hier ver⸗ weilt. Ich traf ihn zufällig auf meiner Rückreiſe, und legte ſogleich Beſchlag auf ihn. Doch vor einigen Stun⸗ den trennten wir uns, weil er in der Eile diverſe Gruße auf Kleſwa beſtellen wollte, und ich es nicht ungerne ſah, daß ich ein wenig früher als er eintreffen konnte. Dieſes iſt gleichwohl nun, wie Du einſiehſt, von keinem beſondern Di Nutzen geweſen, da ich es ganz vergeſſen habe, ihn Dei ſi auf Roſ ner Gunſt zu empfehlen. Er iſt ein einfacher, liebens⸗ ſtellunge würdiger, angenehmer Mann, welcher es verdient häͤtte, und wel daß das Glück, da es ihm einen Grafentitel verlieh, ihm gen Ma auch etwas geſchenkt hätte, womit er denſelben aufrecht ger bezo halten könnte.“ w Gre „Iſt er arm?“ Seite de „Nicht eigentlich ganz arm, aber doch etwas derglei⸗ genblicke chen; und ich brauche ihn kaum bei Dir zu empfehlen:ein. Se Du ſollſt ſehen, er thut es ſelbſt.“ Ausnahn „Bei mir bedarf es gewiß keiner andern Empfehlung, keine ein als daß er dazu beiträgt, Dir Dein Haus angenehm zu kennte. machen.“ Regelmä „Sprich dieſes Wort nicht in ſolcher Bedeutung aus, einwirkte. gute Lavinia!“ ſagte Ludwig, und ſein Auge glänzte. dadurch! „Ich habe nun von meinem Hauſe eine veränderte Ueber⸗ Sei zeugung erhalten: Du haſt ihm eine andere Farbe ver⸗ liehen.“ 1 MNichts mehr davon, Ludwig! Du hatteſt Grun Militaͤrp zur Unzufriedenheit— aber ich will verſuchen, Dir ferner jung: er keinen Anlaß dazu zu geben.“ ſſdas Lebe „Jetzt biſt Du wirklich gut, mehr denn gut... lind ten ſein, Rudolf... dieſes Eine beunruhigt mich...“ 4 „Nein, beunruhige Dich darüber nicht; Du eine Verſicherung bauen: Rudolf reiste in der — erinnerte barte un 159 der paſe zeugung von hier ab, daß unſere Nachbarn bloß deßhalb, weil wir es unterlaſſen haben, uns durch ſie intereſſirt zu „Graf fühlen, ſich dadurch gerächt haben, daß ſie ſich um ſo ne Zeit⸗ mehr für uns intereſſiren.“ h) jetzt jer ver⸗— e, und Stun⸗ Grüße 3... Dne. Fünfzehntes Kapitel. Dieſes. eſondern Die Perſon, welche jetzt kam, um den häuslichen Kreis hn Dei⸗ auf Roſenborg zu vermehren, war ſehr ungleich den Vor⸗ liebens⸗ ſtellungen, welche Lavinia ſich in aller Eile gebildet hatte, ut hätte, und welche ihr ſelbſt unbewußt ſich auf einen ſchönen jun⸗ eh, ihm aufrecht derglei⸗ pfehlen: pfehlung, nehm zu dung aus, glänzte. te Ueber⸗ lirbe ver⸗ t Grun ir ferner gen Mann, einen freien, lebensfrohen und lebhaften Krie⸗ ger bezogen. 4 Graf Adrian von B—, ſo wie er ſich jetzt an der Seite des Rittmeiſters vorſtellte, flößte in dem erſten Au⸗ genblicke keine hohen Begriffe von ſeiner Perſönlichkeit ein. Sein Wuchs war edel; doch ſein Geſicht hatte mit Ausnahme der graublauen, tiefen und ſprechenden Augen keine einzige Partie, welche man anders als häßlich nennen konnte. Dennoch lag in dieſer Häßlichleit zugleich eine . Regelmäßigkeit, ein Styl, der vortheilhaft auf das Ganze einwirkte. Es war eine bewußte Häßlichkeit, die nicht dadurch noch merkbarer wurde, duß ſie ſich ſelbſt fremd war⸗ Sein ruhiges, verbindliches und achtungsvolles Weſen erinnerte an keine gewiſſe Manier, und außer dem Schnurr⸗ barte und der Haltung war an ihm nichts, das eine junge Militärperſon ahnen ließ. Er war auch nicht mehr ganz jung: er hatte wenigſtens ſeine dreißig Jahre geſehen, und —— das Leben des Gedankens hatte zwiſchen die leichten Fal⸗ ten ſeiner Stirne ſein Siegel geſetzt. „Sieh hier, liehe Lavinia, den Freund, den ich auf er Laudſtraße aufgeſiſcht habe! Doch halte ich es füt menie Pflicht, keine Reden weiter zu halten, weil Du ſelbſt “ 160 die Verdienſte des Grafen entdecken und einſehen ſollſt, voller An um wie viel die Einſamkeit auf Roſenborg durch ſeine je glückl Gegenhart gemildert werden wird.“„N. „Ich fürchte,“ erwiederte Graf Adrian mit einer tie meiſter, fen Verbeugung,„daß ich meinen Eintritt mit der wenig ſeinem 3 dankbaren Rolle eines Rathgebers beginnen muß; gleich⸗„W wohl kann mir mein Gewiſſen nicht erlauben, Ludwigs haben?“ Aeußerung zu hören, ohne ihn vor dem Unritterlichen in„Vo ſeiner Handlungsweiſe zu warnen, da er ſo rückſichtsles auf Dein fordert, daß die gnädige Frau Entdeckungen machen ſoll,„W welche— ich verſichere es— nicht leicht ſind.“ ich mich „Wenn es mir aber gelingt,“ fiel Lavinia lächeln Geſichte ein;„ſo habe ich davon einen doppelten Gewinn: den ceiſche Ve einen erndte ich in der Dankbarkeit meines Mannes, well mir denn ich mich nicht opponire gegen ſeinen wirklich recht klugen geringſten Vorſchlag, ſelbſt zu urtheilen; den zweiten in der Verwun⸗„W derung des Herrn Grafen, wenn es mir trotz der War⸗ meiſter, d nung vielleicht gelingt, Verdienſte aufzuſpüren, über welche Eigenſcha der Herr Graf vielleicht ſelbſt in Unkunde ſchweben könnt ausdrückli „In dieſem Falle iſt es natürlicher Weiſe meine erſte„D Pflicht— denn man iſt ſich ſelbſt der Nächſte— de es möglie gnädigen Frau alles mögliche Glück zu wünſchen.. könnte ma Da es inzwiſchen heute ſchon ziemlich ſpät war, un Natur en Lavinig noch uberdies verſchiedene hausmütterliche Pſite jede ihrer ten zu beſorgen hatte, ſo machte ſie an dieſem Abende keim Dein eige andere Entdeckung, als daß der Graf, mit Ludwig var⸗ herzigkeit glichen, eben nicht viel gewinnen konnte. W Lavinia war noch nie auf den Gedanken verfallen, ihren Mann mit einem Andern zu vergleichen, fand at jetzt, da ſie dieſes that, dieſe Beſchäftigung recht intereſſant ja ſo intereſſant, daß ſie oft mit allzu getheilter Aufmant ſamkeit dem Gaſte zuhörte. 3 Es iſt nicht leicht zu wiſſen, ob Ludwig dieſe gewiß aber iſt, daß er noch nie zuvor es auf die alletz entfernteſte Weiſe verſucht hatte, mit irgend einem andett Manne um die Aufmerkſamkeit einer Dame zu. wetteifen Wahrſcheinlich wußte er es ſelbſt nicht, daß er jetzti ſollſt ſch ſeine ner tie⸗ wenig gleich⸗ Ludwig,s lichen in ſichtslos chen ſoll, b lächelm inn: den nes, weil ht klugen Verwun⸗ der War⸗ ber welche lidwig vet⸗ verfalln 161 voller Arbeit damit war, und daß er um ſo belebter wurde, je glücklicher er hierin war... „Nun wie gefällt Dir meine Frau?“ fragte der Ritt⸗ meiſter, als er nach dem Souper bei dem Grafen auf ſeinem Zimmer ſaß. „Willſt Du eine vollkommen aufrichtige Antwort haben?„ Wollkommen aufrichtig— Du weiſßt, ich ſetze Werth auf Dein Urtheil!“ „Wohlan denn! ich muß Dir alſo ſagen: obgleich ich mich nicht entſinne, je ein Weib mit einem ſchöͤneren Geſichte und mit Formen, die mich lebhafter an die medi⸗ ceiſche Venus erinnern, geſehen zu haben, ſo gefällt ſie mir dennoch nicht— nein, ſie gefällt mir nicht im Aller⸗ geringſten!“ „Wie iſt das wohl nur möglich?“ fragte der Ritt⸗ meiſter, der es ganz 6 gar vergaß, er müßte in ſeiner Eigenſchaft als Lavinia's Mann zu beſcheiden ſein um ſo ausdrücklich ſeine Verwunderung zu erkennen zu geben. „Du weißt, Ludwig, ich will gerne in Allem ſo weit des möglich iſt, die Natur entdecken Bei Deiner Frau könnte man lange ſuchen, ehe man die geringſte Idee don Natur entdeckte. Ja, ich gehe ſo weit, daß ich behaupte, jede ihrer Bewegungen iſt ſtudire. Doch bedenke daß Dein eigener Wille meine vielleicht allzu ſtrenge Oſfen⸗ herzigkeit hervorgerufen hat.“ „Was dieſelbe hervorgerufen hat iiſt von geringerer Bedeutung. Sage mir: worauf ſtützeſt Du Dein Urtheil? Ich weiß, Du pflegſt es, nicht ſo loſe hinzuwerfen.“ „Inzwiſchen kann es doch ſo ausſehen, da ich es nach einer Bekanntſchaft von nur einigen Stunden mit Deiner Gatn ausſpreche. Aber ich will mit gleicher Aufrichtig⸗ keit ſagen, daß eben ihr Betragen gegen Dich mich auf 1 dieſe Gedanken gebracht hat.“ hr Betragen gegen mich?“ 0n wohll Gegen Dich, ihren Gatten, ſollte 3 Gin Jahr. 11 16² dooch wohl ganz natürlich und wahr ſein; doch mir weny ſtens kam es ſo vor, als ob ſie es nicht war. Denn n ihre Augen verriethen(was ſie doch wohl zu verratla das Recht hatten), daß Deine Aufmerkſamkeit, Deine le⸗ terhaltung ſie entzückten, ſo legte ſie nichts deſto wenig in ihre Antworten und in ihr ganzes Weſen etwas Freu⸗ es ein, ganz ſo, als ob ſie gleich einem verſchämten Mit bhen ſich fürchtete, ihre Gefuhle zu verrathen. Und die Art von Coqueterie bei dem Eheweibe iſt nicht meine Sache Während der Rede des Grafen brannten die Flan⸗ men auf den Wangen des Rittmeiſters immer ſtärin „Biſt Du überzeugt, beſter Adrian,“ ſagte er mit ein Stimme, deren vertraulicher und ungewöhnlich ſanſn Ton den Grafen ganz beſonders Wunder nahm, att Du vollkommen überzeugt, daß Du das alles geſehen haftt „Ja, eben ſo überzeugt, als ich davon bin, daß it Dich in einem Verhältniſſe geſehen habe, welches ich zu ſehen fürchtete.“ „Wirklich?... Welches meinſt Du?“ „Als verliebter Mann. WMich?.. Woran denkſt Du? Glaubſt Du ſei verliebt? Du weißt wohl, mein beſter Adrian, ich das noch nie geweſen bin und nie werden kann!“ „ Ja, ich weiß recht gut, daß Du vor Deiner zwii Verheirathung die Macht dieſes Gefühls nie empfum haſt; daß Du es aber jetzt empfindeſt— und z n keinem geringen Grade— ſolches zu läugnen, wi wirklich allzu lächerlich. Und warum wollteſt Du at läugnen, daß Du eine Frau liebſt, die ſo ſchön un nehmend iſt, deren einziger mir bekannter und angemerkter Fehler wahrſcheinlich aus keiner andern herfließt, als aus dem Verlangen, r Biach übe Herz zu vermehren.“— A Wieder ein Irxthum! Das as, we in Lavinia's Art und Weiſe angemerkt haſt, iſt liche an ihr in dem Verhältniſſe mit mirz 1½ dagegen Sonnen 62 „ das? man nit hält ſich Fremde nur die „J das wir ſagen, ſ lich ſein ger Gaf Dinge, lich ſein noch do ſtrengen hätte, de ich es Schlußſ ſchen m wöhnlich eigenthü Ueberein datirt, te 8ꝗ„B nir weni⸗ Denn i verratha Deine lu⸗ to wenign was Freu⸗ mten Ma⸗ Und dieh ine Sache: die Flan⸗ ner ſtärin r mit eine lich ſanſer ahm, mM eehen haft din, daß it lches ich n libſt Du, Aldrian, w kann!“ iner zweit empfum und zu gnen, mi ſt Du a ön und i ſpielt. Doch willſt Du nicht Dein Vertrauen noch durch 163 dagegen in ihren Augen entdeckt haſt, das ſind nur kleine Sonnenblicke, die ihr gutes Herz nicht zurückhalten kann.“ „O, wirklich?“ rief der Graf mit verſtelltem Ernſte aus. „Allzu wirklich, mein Freund!. Doch was bedeutet das? Man lebt noch eigentlich nicht unglücklich, weil man nicht liebt. Man erträgt ſich gegenſeitig, man unter⸗ hält ſich mit einander und iſt ausnehmend zufrieden, wenn Fremde uns die Freude machen und nicht ſehen, daß wir nur die Außenſeite zeigen.“ „Mein lieber Ludwig! Mit Deinem Charakter iſt das wirklich ein recht ungewöhnlicher, ja ich kann wohl ſagen, ſehr ſchlechter Scherz— und Ernſt kann es unmög⸗ lich ſein.“ „Höre, Adrian! Du biſt nicht allein ein ſcharfſinni⸗ ger Gaſt, ſondern Du bleibſt auch lange unſer Gaſt, zwei Dinge, die Dir bald zur Entdeckung der Wahrheit behulf⸗ lich ſein würden. Da Du aber mein Freund biſt und noch dazu ein redlicher, ſchweigſamer Mann mit allzu ſtrengen Begriffen von Ehre, als daß ich zu frchten hätte, daß Du mein Vertrauen mißbrauchen wirſt, ſo will ich es Dir ſparen, Dich bei Deinen Entdeckungen und Schlußſätzen ſtufenweiſe zu verwundern. Die Ehenzwi⸗ ſchen mir und meiner Frau gehört keinesweges zu der ge⸗ wöhnlichen Art— ja ich kann wohl ſagen, daß ſie ganz eigenthumlich in ihrer Art iſt: zufolge eines gegenſeitigen Uebereinkommens, das ſich vom Hochzeittage ſelbſt her datirt, trägt unſre Verbindung nur den Namen einer Ehe.“ *„Biſt Du wahnſinnig?“ 3 „Vollkommen bei Verſtande! Nun aber ſiehſt Du wohl ein, daß Lavinia, in die ſonderbare und ſchwere Lage verſetzt, zu einem Manne in dem vertraulichſten und frem⸗ deſten Verhältniſſe zu ſtehen, nicht anders kann, als ein wenig unngtürlich werden“ „Ich muß im Gegentheile geſtehen— wenn Du Dir nicht einen Spaß mit mir machſt und mir ein Mähr auftiſcheſt, daß ſie ihre ſchwierige Rolle ausgezeichnet eine Bollſtändigkeit vergrößern, wodurch ich im Stande ſchneller ſein könnte Dich zu verſtehen?“ wäre. Mein, ich habe jetzt alles geſagt was ich ſagen kam, uns then die Urſache dieſes Verhältniſſes bleibt zwiſchen ihr un Gleichgi mir. Und nun erſuche ich Dich: laß uns nie wieda anzuvert hierüber ſprechen! Doch laß ihr Gerechtigkeit widerfahren De denn ſie iſt, das heißt: ich glaube, ſie iſt ein herrlicht empfund Weib.“ Erinner! 3„Sage mir nur Eines, wenn Du kannſt: weſſen ii jenige a⸗ der Fehler?“ mühte f „Keines oder Beider, wie Du es erklären willſt daß ſein Wir können beide nicht dafür, daß wir nicht im Stanz inzwiſche ſind uns zu lieben.“ ſo verſu „Wenn ich hierin anderer Meinung bin, ſo iſtg. firen, in wohl am beſten, wenn ich meine Schlußſätze für mitz kommen ſelbſt behalte; denn ein freiwilliges Uebereinkommen zu⸗ aus, da ſchen zwei vernünftigen Menſchen muß ſich doch wohl au konnte, Selbſtprüfung gründen.“ in einem 3„O,“ dachte der Rittmeiſter, indem er ſich erhet Als und dem Grafen zum Abſchied die Hand reichte,„dat ſchäftsgen war eben nicht viel Zeit vorhanden.“ 1 am Ende Wozu man aber vor dem beſagten Uebereinkomme auf alle keine Zeit gehabt hatte, das kam nach, und eben jetzt, ul dieſe neu der Rittmeiſter in der Einſamkeit auf ſeinem Zimmer wa konnte er von dieſer Selbſtprufung nicht abgehen. Dot l beſchränkte er ſich nicht bloß darauf, die ſtarken Erſchl terungen, welche er an dieſem Abend erfahren hatte, Uen allen Seiten zu prüfen: er mußte auch in ihrer tieſfe Tiefe die Worte erwägen, mit denen Lavinia ſeine ihm den Brief zu geben, beantwortet hatte.„Höre m Ludwig, und ſei billig! Dieſer Brief iſt— dem fuͤr mich. Ich will nicht— verſtehſt Du— icch nicht, daß Du ihn ſehen ſollſt!“ 4 Ich verſtehe nicht,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, de dieſe Aeußerung einen ſo außerordentli auf mich machte und noch macht. Es lag · etwas, das mir den Glauben an ihre Glaubw 165 n Stand ſchneller wieder gab, als ihr Brief im Stande geweſen wäre. Aber wünſchen wir am wenigſten denjenigen, die gen kann, uns theuer ſind, oder eher denjenigen, für welche wir nur ihr un Gleichgültigkeit empfinden, etwas für uns Demüthigendes ie wiede anzuvertrauen?“ derfahren Der Rittmeiſter, welcher noch nie eine Demüthigung herrlicht empfunden hatte, ließ es ſich jetzt ſehr ſauer werden, alle Erinnerungen aus ſeinem Leben durchzumachen, um das⸗ weſſen i jenige aufzuſpüren, welches er zu finden ſuchte. Doch er mühte ſich vergebens ab und ärgerte ſich zuletzt darüber, den wilſt daß ſeine Erfahrung ſo arm ſein ſollte. Da der Sache m Stan inzwiſchen für den Augenblick unmöglich zu helfen war, ſo verſuchte er es, verſchiedene Verhältniſſe zu improvi⸗ ſo iſt ſiren, in denen Demüthigungen verſchiedener Art vor⸗ für mitz kommen könnten; und dieſe Verſuche fielen ſo glücklich nmen zu aus, daß er bald mit vollkommener Gewißheit beſtimmen wohl af konnte, Lavinia würde die letzte Perſon ſein, der er ſich in einem ſo beſchaffenen Falle anvertrauen wollte. Als alle dieſe Gedanken am Ende verſtändigen Ge⸗ ſchäftsgedanken Platz machten, ſo begann der Rittmeiſter am Ende über jene ſich zu ſchämen und ſie dem zufolge -reinkomme auf alle Art zu verlächerlichen. Doch ſo ſehr er auch n jetzt, u dieſe neuen naſenweiſen Gefühle— die er keineswegs als mmer wa ſeine eigenen zu erkennen willens war— geißelte, ſo hen. Daß ließen ſie ſich dennoch nicht unterdrücken, ſondern kehrten, ſen Erſchu ſobald ſie verjagt waren, trotzig wieder zurück und miſch⸗ ten ſich mit der unerhörteſten Naſenweisheit in alle Kar⸗ toffeln⸗ Getraide⸗ und Viehſpeculationen, ja ſogar in die gigantiſche Maſſe von Anordnungen, die am folgenden Tage ertheilt werden ſollten. Ain ich klug— oder bin ich verrückt?“ war zu⸗ Petzt die Frage des Rittmeiſters,„oder hat Adrian mich mit ſeinen verdammten Grillen angeſteckt? Ich... ich wäre nach einem Vierteljahre..2 O nein— das wäre ein Stuck aus dem Tollhauſe— es iſt, Gottlob! ein allzu großer Wahnſinn, um in Frage zu kommen, wenn man nach Verlauf von drei Vierteljahren die Abſicht hat.. ſich erhet hte,„daß Ludwig, höre mich und ſei billig! dieſer Brief iſt Lar demüth... So, zum T—, bin ich ſchon wieder da?... ordentlich Aff, wie heiß und beklommen iſt es hier! Ich muß Herr im die Klappe aufmachen... Daß dieſes Pack nicht mäßig nicht, da zu heizen weiß!... und mich unter zwei Decken in ein ſetzt hätt Schwitzbad zu legen— ach ſo, es iſt nur eine Falte!„W Nun gleich gut! Ein ſolches Spektakel von einer Decke, Ludwig! wie dieſe, iſt ſo dick wie ſieben... Adrian iſt ein Pot, digung der arme Schlucker, und hält ſich daher für verpflichtet, zum Grr alles raſend zu ſehen; doch mit einem Gran Verſtand nich der verfängt man ſich nicht in ſolchen Netzen...„Und ich würde, n will nicht, verſtehſt Du! ich will nicht, daß Du ihn ſehen geſtärkt! ſollſt!’— Ach, welche verdammte, welche elende Schwäche! geweſen Ich möchte wohl wiſſen, wie lange ich an dieſer Phraſe„Di kauen werde... Und kein Waſſer mehr— die ganze recht von Caraſſe leer— radikal leer!“ mich ſchu weſen bin mich als „Sie Sechzehntes Kapitel. Plnan eingelegt Die Uhr war beinahe zehn am folgenden Morgen, als der Rittmeiſter, welcher erſt ſpät erwacht war, in den Saal trat, in welchen er den beſtimmten Vorſatz mit⸗ brachte, alles was am geſtrigen Abend vorgefallen waͤr als nicht vorgefallen anzuſehen. 1 Er fand ſeine Frau im reizendſten Negligee Grafen Adrian gegenüber, dem ſie in dieſem Augenblic eine Taſſe Kaffee reichte. „O, das ſieht ja recht aminirt aus!“ ſagte der mann; doch die Worte kamen ſichtbarlich etwas fällig und gezwungen hervor, denn es fiel ihm zufälſß ein, daß er nun ein Gemälde aus Lavinia's künftigent Leben geſehen haͤtte— dieſem Leben, das wahrſch — Zeitpunkte, an welchem ſie ihre Freiheit altzu ſchnell folgen würde. 3 167 rief iſt Lavinia verſtand ihn unrecht. Da ſie ſeine außer⸗ da?. oordentliche Genauigkeit hinſichtlich ſeines Anſehens als ch muß Herr im Hauſe kannte, ſo glaubte ſie, es geſiele ihm mäßig nicht, daß man ſich vor ſeiner Ankunft zum Frühſtück ge⸗ in ein ſetzt hätte. Falte!„Wenn Du den Herrn Grafen anſiehſt, mein beſter Decke, Ludwig!“ ſagte ſie in einem Tone, der zwiſchen Entſchul⸗ in Poet, digung und Scherz, ſchwebte, und indem ſie ihre. Hand pflichtet, zum Gruße ausſtreckte,„ſo wirſt Du einſehen, daß ich Verſtand mich der größten Unbarmherzigkeit ſchuldig gemacht haben ‚Und ich würde, wenn ich nicht ſeine Geduld mit einer Taſſe Kaffee ihn ſehen geſtärkt hätte. Der Herr Graf iſt wirklich auf dem Wege chwäche! geweſen drittehalbmal zu gähnen.“ r Phraſe„Dieſe Anklage iſt wahrhaftig weder edel noch ge⸗ ie ganze recht von der gnädigen Frau, da der Fehler, deſſen ich nich ſchuldig zu machen drittehalbmal auf dem Wege ge⸗ weſen bin, einzig und allein aus dem Verlangen entſtand, mich als guten Geſellſchafter zu zeigen.“ „Siehſt Du, ſiehſt Du!“ rief Ludwig wieder fröhlich geſtimmt aus— erſtlich weil er die ganz überflüſſige Entſchuldigung verſtand, die Lavinia in ihre Aeußerung eingelegt hatte, und dann weil er auch die Veranlaſſung Morgen, zu dem Scherze des Grafen Adrian verſtand—„ſiehſt ar, in du Du, daß ich Recht hatte, als ich behauptete, Du würdeſt rſatz mis ſeine liebenswürdigen und häuslichangenehmen Eigenſchaf⸗ llen war, ten ſehr bald entdecken? Doch was ſagen die Herrſchaf⸗ ten zu einer kleinen Luſtfahrt hente Vormittag? Wäre es wohl nicht gut, wenn wir die Schlittenbahn benutzten, die uns unſer Herr heute Nacht geſchickt hat?“ „Ich bin bereit!“ ſagte Lavinia. Doch der Graf bethenerte, daß er nichts Widrigeres und Ahſcheulicheres kennete, als nachdem man ermüdet und durchgerüttelt an⸗ akommen wäare, ſchon Tags darauf unter der veränderten Soerm einer Luſttour aufgefordert zu werden, die Land⸗ raße von neuem abzureiben— wogegen er nichts Vor⸗ teefflichares und Angenehmeres wüßte, als an einem ſolchen Lage ſich mit ſeinen alten getreuen Begleitern Shakspeare gligee dem lugenblich 168 und Schiller auf dem bequemſten Sofa, den er finden einwir fönnte, in Ruhe niederzulaſſen... Durch das Fenſter, mir ſ wenn das Feuer im Ofen flammt,“ fügte er hinzu,„er⸗ ſchöne ſcheint meinen Augen der Schnee am herrlichſten“ Schne „Und im Sofa,“ entgegnete der Rittmeiſter in einem Duſt, Tone, welcher ärgerlich ſein ſollte, im Ganzen aber großt einen Zufriedenheit ausdrückte,„ſiehſt Du gewiß die prächtige den il Winterlandſchaft! Was meinſt Du, wenn die Sonme wir 1 aufblickt, welch einen Anblick das gewährt, nota bene Winte draußen?“ vanhrh⸗ „Ich glaube, wir könnten die Kinder mitnehmen, laſſen! wenn wir nicht weit reiſen,“ ſchlug Lavinia vor.„Es„ würde ihnen gut thun und ſicherlich viel Vergnügn nicht e machen.“„ „Ja, aber es iſt beinahe zu kalt,“ meinte der Rit⸗ Sache meiſter;„wir ſparen das auf für einen andern Tag. Un ſen ger da wir alſo allein ſind, ſo kann ich Dich in meinem ge⸗„ wöhnlichen Schlitten fahren— ſofern Du den Deckſchlittn„macht nicht vorziehſt.“ ich hab „Nein, behüte, ich finde es weit angenehmer, die 5 Luft einzuathmen ſo friſch wie ſie von dem Walde und auf Re von den Bergen kommt.“... L „Wir haben wieder Sonnenſchein bekommen,“ ſagt dunkelh Frau Brunsberg, indem ſie dem Feldwebel zunickte un„ mit der Hand auf den hinwegeilenden Schlitten deutetezt daß m „und da es nun um Weihnachten immer Sonnenſtillſtan an die iſt, ſo wünſche ich.. nun, nun, ich kann Gott ſei Leh dem m und Dank! ſehen und nicht ſehen...“ vorwär „Ich hoffe, Dich friert nicht!“ der Rittmeiſter ſtopftt unaufhörlich die Decke hinab, doch immer ſo ſchlecht ſie nicht liegen blieb. 3 „Nicht im Allergeringſten. Doch ſieh, guter Lud wie göttlich ſind dieſe Felſen; ich liebe ſie in ihrer W terkleidung— und doch müſſen ſie unvergleichlich ſoh ſein in ihrer Sommerpracht lu 3 3 Das kommt auf den Geſchmack an— oder ric vielleicht auf die Umſtände, welche auf unſern G 2„ gangen! als die „ er finden Fenſter, zu,„er⸗ 4 in einem der große prächtige e Sonne vota bene itnehmen, or.„Es zergnügen der Rit⸗ Tag. Un einem ge⸗ eckſchlitte hmer, de Valde und en,“ ſagte nickte und ei deutete enſtillſtam tt ſei Lot ſter ſtopſt hlecht, 1 mit einer recht ſchwierigen Frage beginnen: was iſt die 169 einwirken und ihn bilden. So zum Beiſpiel fommt es mir ſo vor, als hätte ich meine alten Klippen noch nie ſchöner geſehen als gerade heute. Dieſe kleinen wogigen Schneehügel in den dunklen Spalten, dieſer feine weiße Duſt, der in den grünen Kronen glänzt, geben ihnen einen Anſtrich von Jugend, welcher friſcher iſt als der, den ihnen der Sommer verleiht. Inzwiſchen vereinigen wir uns beide in dem Gefühle, daß man eine ſolche Winterlandſchaft nie zu oft ſehen kann; und wir wollen wahrhaftig die Schlittenbahn nicht unbenutzt vergehen laſſen!“ „Nein, das wäre Schade... doch fahren wir jetzt nicht etwas zu weit?“ 8 „Das kommt wohl ebenfalls darauf an, wie man die Sache betrachtet— wir ſind ja noch keine Stunde drauſ⸗ ſen geweſen!“ 1. „Aber eine Stunde zurück,“ meinte Lavinia ſcherzend, „macht zwei Stunden! Es iſt heute Weihnachtsabend, und ich habe einige Kleinigkeiten zu thun.“ „Ach ja, das iſt wahr!... Aber... wie ſieht es auf Roſenborg am nächſten Weihnachtsabende aus!“ Lavinia wendete ſich auf die Seite und ſah auf den dunkelblauen Rand hinter dem Gebirksrücken. „Vergieb mir!“ ſagte er leiſe.„Aber es iſt ja ſo, daß man am Weihnachtsabende niemals unterlaſſen kann, an die Jahre zu denken, welche entflohen ſind, und nach⸗ dem man bei ihnen verweilt hat, ſo fliegt der Gedanke vorwärts.“ „Ich glaube es iſt im Allgemeinen ſo, daß die Ver⸗ gangenheit und die Zukunft mehr Antheil an uns haben, als die Gegenwart.“ „O, das war ſehr übel geſprochen! Ich möchte Dich wohl zur Verantwortlichkeit ziehen, wegen einer ſo ganz unchriſtlichen Aeußerung!“ 3 „Und ich würde in dieſem Falle meine Vertheidigung Gegenwart? die fliehende Minute gehört ſchon der Ver⸗ nähen gangenheit an— die kommende iſt Zukunft.“ ſteht un „Wenn Du Dich ſo erklärſt, dann habe ich nichts auch ih u ſagen; denn da verweilen gewiß Deine Gedanken eben. ſie wer falls bei dieſem Abende. V W genehm Und der Abend war voller Friede und voller Freude. Wolken Der Rittmeiſter ſelbſt tanzte mit ſeinen Kleinen un Se den Weihnachtsbaum, und ſeine Blicke ſtrahlten vor Ent⸗ ihren K zücken, als Charlotte und Evelina fröhlich von ihm zu waren Lavinia, und von ihr zum Grafen Adrian liefen, welcher gewidme letztere ſich ſchon mit den jungen Erbinnen von Roſenborg zulaſſen recht vertraulich gemacht hatte. nahm u „Ach, Gott ſei gelobt! ich habe ſie doch wenigſtens einmal am folg lebhaft geſehen gleich andern Kindern!“ ſagte Ludwig und ſtarkes drückte einen Kuß auf die Haud, mit welcher Lavinia von Jet der Tanne eine Traube für die kleine Evy herabnahm. ihre Pfl „Das iſt Dein Werk— ganz Dein Werk!“ Zwilling Lavinia's Auge ſtrahlte von einer Freude, die ſie war ver nicht zu verbergen vermochte.„Gieb Charlotte etwas ab, Sonnen Evychen!... Sol... Ich meine, es iſt ſo ſchön, wenn ſie von Kindheit auf alles mit einander theilen lernen; dadurch ſollen ſie, hoffe ich, in Zukunft bewahrt werden, ein Gefühl von Neid zu empfinden.“ ſgebracht „Habe Dank für dieſe zarte Sorgfalt, beſte Lavinia! ſoſigkeit Doch ſage mir nun, was haſt Du aus ihnen gemacht?“*. Herzen fuhr er fluſternd fort.„Sie waren nicht im mindeſten ſchön— und nun, wenn nicht die Baterliebe mich ganz blind gemacht hat, ſind ſie wirklich ſchön 44 „O, das ſind bloße Frauenzimmer⸗Z antwortete Lavinia aufgeräumt; Du glaubſt nicht, r ſehr die Toilette den Kleinen aufhilft, welche die Nat werliehen hat. Hier war Niemand, der für die Faarbe zu wählen und die Kleider nett und zierlich Freude. en um r Ent⸗ hm zu velcher eenborg einmal ig um nia von bnahm. die ſie vas ab, , wenn lernen; werden, Lavinia! nacht 20 nindeſten ch ganz künſtelu cht, wie Natu Kinder erlich zu 171 nähen verſtand. Jetzt, da die Sache auf guten Füßen ſteht und ſie etwas geſellſchaftlicher geworden ſind, erſcheint auch ihr Aeußeres in ſeinem rechten Lichte. Glaube mir, ſie werden mit der Zeit recht hübſch. 3 War der Weihnachtsabend ruhig, fröhlich und an⸗ genehm verfloſſen, ſo begann der Weihnachtstag mit Wolken, die ſich nicht ſo bald vertheilen ſollten. Schon am Vormittag klagte die kleine Charlotte über ihren Kopf: ein brennendes Fieber kam hinzu; und nun waren alle Gedanken des Rittmeiſters ihr ausſchließlich gewidmet. Das Uebel, weit entfernt in der Nacht nach⸗ zulaſſen, in welcher Ludwig und Lavinia beide aufblieben, nahm mit ſolcher Schnelligkeit zu, daß der Arzt, welcher am folgenden Morgen ankam, ſogleich erklärte, daß ein ſtarkes Scharlachfieber im Anzuge begriffen wäre. Jetzt bedurfte Lavinia ihrer ganzen Sorgfalt, um ihre Pflege richtig zwiſchen der kranken und der geſunden Zwillingsſchweſter zu theilen. Doch alle ihre Vorſicht war vergebens: auch Evy erkrankte, und alſo wurde das Sonnenlicht, welches auf einige Stunden hervorgeblickt hatte, wieder gänzlich verdunkelt. Der Rittmeiſter, zwiſchen den Betten ſeiner beiden Töchter hin und her gehend— ſie waren in ein Zimmer gebracht worden— bot ein ſolches Bild von Hoffnungs⸗ loſigkeit und Betrübniß dar, daß ſein Anblick Lavinia's Herzen tief ſchmerzte. Sie ſah, daß ſeine ganze Seele von den Kindern erfüllt wurde, und daß in dieſer Seele kaum Platz war für einen einzigen Gedanken, ein einzi⸗ ges Gefühl, das nicht von ihnen ausging oder zu ihnen zurückkehrte. Dieſe Art von Gefühlserſchlaffung für alles Andere beleidigte ſie eben nicht, aber ſie fühlte dennoch, daß ſie in der jetzigen Zeit weit, vielleicht zu weit zurückgeſetzt war. Er ſah kaum, wie ſie ſich Nacht und Tag abmühtez 172 er wurde ungeduldig, wenn ſie nicht unaufhörlich, in je⸗ der Secunde bei der Hand war; er hatte, mit einem Worte, völlig vergeſſen, daß Lavinia nicht auf ewig und vollkommen ſeine Frau war. Und Lavinia war allzu edel, als daß ſie nicht ebenfalls waͤhrend dieſer Zeit alle andere Umſtände hätte vergeſſen und ſich nur des einzigen erinnern ſollen, nämlich daß ſie jetzt unentbehrlich war. 1 Der Rittmeiſter verließ das Krankenzimmer ſelbſt höchſt ſelten. Und wenn Lavinia ihn mit innigem Drin⸗ gen bat, er möge ſich eine kurze Ruhe gönnen, ſo ant⸗ wortete er nur dadurch, daß er auf die Kinder deutete, welche auch immer nach ihm riefen, ſobald er von dem einen Bette zu dem andern ging. Bei der Pflege der Kinder bewies er eine unerhörte Geduld. Es that ihm in der Seele weh— doch dieſe ſeine Betrübniß kannte Lavinia nicht— daß er in dem letzten Monate von ſeinen kleinen Lieblingen getrennt geweſen war; und während der vielen und langen Wochen ihrer Krankheit bereute er ſehr oft dieſe neue Ehe, die ihm ſo wenig Glück bereitet hatte, daß er vor Langweile die Heimath verlaſſen mußte. Ludwig hatte in ſeiner großen Betrübniß die Urſache ſeiner Reiſe, und daß dieſe Urſache von ihm ſelbſt und nicht von der Langweile in der Hei⸗ math ausgegangen war, gänzlich aus dem Gedächtniſe verloren. Dieſe unbewußte Ungerechtigkeit, die 4 ſo oft in dem Charakter der Männer ausſpricht, dieſes Vermögen ſich mit Leichtigkeit von einer Sache zu überzeugen, die nie vorhanden geweſen iſt, bildet nur allzu oft die unbe⸗ kannte Urſache einer Menge in der Zukunft fühlharet Wirkungen. Lavinia's immer bleicher werdende Wangen ſagten es Allen außer Ludwig, daß ſie ſich beinahe mehr ange griffen hätte, als ſie ertragen konnte, und Frau Bruns⸗ derg, welche mit ihrer glücklichen Eigenſchaft„ſohen und nicht ſehen zu können,“ eine ganze Menge mehr als Andre ſah, nahm endlich ohne Umſtände das Blatt det dem 1 meiſter Namen das Le T lange auf ſe Schoß und ge meinen das ge geh D L ruhig das au und w nicht n auch ke S auf der die kein in je⸗ einem dig und zu edel, andere rrinnern r ſelbſt 1 Drin⸗ ſo ant⸗ deutete, von dem lege der heſe ſeine n letzten geweſen en ihrer e ihm ſo veile die r großen e Urſache der Hei⸗ dächtniſſe o oft in Bermögen gen, die die unbe⸗ fühlbarer en ſagten ehr ange⸗ u Bruns⸗ ſehen und mehr als Blatt vor 173 dem Munde weg, und ſagte ganz offen, ſo daß der Ritt⸗ meiſter es hören konnte:„Aber, in des lebendigen Gottes Namen! Ihro Gnaden wollen ſich doch wohl nicht ſelbſt das Leben nehmen?“ Dadurch plötzlich zur Beſinnung geweckt, welche lange genug geſchlummert hatte, blickte Ludwig beſtürzt auf ſeine Frau, welche die kleine Charlotte auf ihrem Schoße hatte.„Gute Lavinia! ich vergeſſe Dich ja ganz und gar über meine armen Kleinen! Vergieb, o vergieb meinen Egoismus! Ach, Du ſtrengſt Dich allzu ſehr an; das geht nicht ſo— gieb mir die kleine Charlotte und geh Du und lege Dich ein wenig im Kabinette!“ Lavinia hörte es der Stimme an, daß ſie wohl un⸗ ruhig aber doch nicht warm war.„Und warum ſollte ſie das auch ſein?“ fragte ſie ſich ſelbſt„Was bin ich ihm, und was iſt er mir? Nichts! Und ſind erſt die Kinder nicht mehr— und gewiß gehen ſie dahin— ſo iſt hier auch kein Menſch mehr, der meiner bedarf.“ Sie trat in ihr kleines Lieblingszimmer und verſuchte auf dem Sofa zu ruhen. Doch in ihr war eine Unruhe, die keine Ruhe geſtattete; und außer Stande zu ſchlafen, ging ſie in den Salon, um, falls der Graf dort wäre, mit ihm, der in der letzten Zeit in immmer höherem Grade in ihrer Gunſt geſtiegen war, ein wenig zu plaudern. Zwar hatte ſie ihn während dieſer Woche der Be⸗ trübniß nicht eben ſehr oft getroffen, wenn es aber ge⸗ ſchah, ſo fühlte ſie ſich gluͤcklich, ruhig und zufrieden, denn das Weſen des Grafen Adrian war ſich immer gleich: freundlich, achtungsvoll, zuvorkommend, von einem inwohnenden Wohlwollen, einem inwohnenden Frieden geſtempelth Wenn Lavinia aus war und in der friſchen Luſt fuhr, ſo war gewöhnlich der Graf ihr Kutſcher, und ſie waren daher allmälig in das vertrauliche Ver⸗ hältniß gekommen, welches ganz natürlich entſteht, wenn man in einem Hauſe zuſammen und vor allen Dingen ſehr, doch muß ich bei gutem Muthe ſein, wenn ich ihn unter Umſtänden lebt, welche machen, daß man aus der gewöhnlichen Ordnung kommt. chen Als Lavinia in den Salon trat, ſaß der Graf in wenn nachdenkender Stellung mit der Feder in der Hand und Papier vor ſich an einem Tiſche. Da er aber nicht in Geringſten zerſtreut war, ſo blickte er auf und warf ſe⸗ Wunſ gleich die loſen Papiere in ſein Portefeuille. muß „Ich bin überzeugt,“ ſagte Lavinia,„daß Sie, Hen erford Graf, einen angenehmen Zeitvertreib vorhatten, und zerſtre ich ſollte daher augenblicklich wieder umkehren. Aber um die Wahrheit zu ſagen, ſo bedarf auch ich ebenfalls der doch! Zerſtreuung; und da ich nicht ſchlafen konnte, was ge⸗ Sie 1 wiß das beſte geweſen wäre, ſo kam ich hieher in d b t ereite Hoffnung, daß Sie eine ſolche erfinden würden.“ kereite „Wenn die gnädige Frau ſich hier auf die Cauſeuſe ein W ſetzen“— der Graf rollte den kleinen Sofa ſogleich ver her je den Ofen—„ſo will ich Ihnen etwas vorleſen. Waz i0, bi halten befehlen Sie? Stagnelius*) zum Beiſpiel?“ „O nein, das iſt nicht werth. Ich liebe Stagneliut vorleſe Stuhl leſe nr jetzt würde ich nur milzſüchtig werden.“ „Haben Sie vielleicht irgend einen beſondern Befehl, gnädige Frau?“ „Das nicht; doch wenn ich meinen Wunſch ausſpref chen dürfte, Herr Graf, ſo ſähe ich es am liebſten, wenn Sie die Güte haben wollten, mir etwas aus dem Ma⸗ nuſcripte vorzuleſen, das Sie bei meinem Eintritte ſe ſchnell verbargen.“ „Dieſes,“ entgegnete der Graf erröthend,„enthäl leider nichts, das die gnädige Frau unterhalten und tw⸗ muntern kann.“ 8-“ „Wer weiß, Herr Graft Ueberſetzen 8 s etwas?“. **) Einer der ausgezeichnetſten ſchwediſchen Dichter, geb. 176 geſt. 1823. Sammtliche Werke, 3 Theile, hergusgegeben uiſ Hammarſköld, 2te Auflage. Stockh. 1830— 33, 4 aus der Graf in Hand und nicht in warf ſe⸗ Sie, Hert en, unmd Aber um enfalls der was ge⸗ er in der 71 Cauſeuſe gleich vor en. Was Stagneliuk nn ich ihn en Befehl ch ausſpre⸗ dsſten, wenn dem Ma⸗ Lintritte ſi d, venthäl ten und we b. vielleit ter, geb. 1 sgegeben Angenbliek, unentſchloſſe 175 „Das habe ich wohl früher gethan; doch die fragli⸗ chen Papiere enthalten nur einige eigene Phantaſten, wenn ſie nämlich dieſen Namen verdienen können.“ „Phantaſien, die ich unmöglich hören darf 24 „Im Gegentheil, gnädige Frau, iſt es mein höchſter Wunſch, ſie Ihnen einmal vorleſen zu dürfen. Doch muß ich geſtehen, daß dazu ein günſtigerer Augenblick erforderlich iſt, als dieſer, da natuͤrlich Ihre Gedanken zerſtreut ſein müſſen.“ 6 „Ich geſtehe, daß Sie Recht haben, Herr Graf! doch wurde es mir ein wahres Vergnügen ſchenken, wenn Sie mir nur eine halbe Seite vorleſen wollten.“ „Kann ich Ihnen, meine Gnädige, ein Vergnügen bereiten, ſo thue ich's gerne; da aber noch kein Menſch ein Wort aus dieſen Papieren gehört hat, und mir da⸗ her jedes andere Urtheil als mein eigenes fehlt, ſo muß ich bitten, daß Sie es für keine allzu große Kühnheit halten wenn ich ein Paar kleine Bruchſtücke daraus vorleſe.“ Graf Adrian öffnete das Portefeuille, ſchob einen Stuhl neben den Sofa und war eben im Begrif ſeine Vorleſung zu beginnen, als der Rittmeiſter eintrat und mit ſchlecht verhaltenem Verdruſſe fragte:„Ruhſt Du hier ungeſtörter als in Deinem Kabinette? Ohne ihre Lage im Mindeſten zu ändern antwortete Lavinia ruhig aber nicht unfreundlich:„Der Körper be⸗ durſte der Ruhe weniger, als die Seele, und der Graf wollte eben die Güte haben, mir ein wenig vorzuleſen.“ „Wenn es ſo iſt, ſo will ich nicht ſtören!“ Er zog ſich zuruck. Lavinia erhob ſich zur Hälfte. Sie ſchien einen n ſein, ob ſie ihrem Mann folgen ob ſie bleiben ſollte. Sie ſah den Grafen an, der ſchon mit einem halben Seufzer das Portefeuille wie⸗ der geſchloſſen hatte. „Er iſt ſo erregt, ſo unruhig, der arme Ludwig!“ r ſagte der Graf ihn ſanſt entſchuldigend.„Wenn ich es wagen dürfte einen Vorſchlag zu thun...“ „Welchen?“ „So gingen Sie, gnädige Frau, wieder zu ihm und beruhigten ihn. Er iſt für dieſes Ueberſehen gewiß ſehr dank⸗ bar, ſobald er wieder ſeiner ſelbſt vollkommen mächtig iſtz „Dank! der Rath war gut und ſtimmt vollkommn überein mit meiner eigenen Neigung!“ antwortete Lavinig, indem ſie dem Grafen einen guten und dankbaren Blick gab und dem Rittmeiſter nacheilte. Dieſer ſtand noch im Schlafzimmer, wo er ſich ungewöhnlich blaß an den Ofen lehnte, als ob er da ſtände und über etwas nach⸗ ſönne. „Hier haſt Du mich ſogleich wieder!“ ſagte Lavinia mit einer ſo innigen Stimme, daß Ludwig augenblicklih entwaffnet war und ihre Hand ergriff, die er herzlich drückte. „Vergieb, vergieb, daß ich bin wie ich bin! Ich kann nicht dafür: die etrübniß meines Herzens macht mich ungerecht.“ 2 Du biſt nicht ungerecht, ſondern nur leicht gereizt, mein guter Ludwig!“ „Leider bin ich beides! Was meinſt Du wohl, daß ich in dieſem Augenblicke dachte? Ich ſagte zu mir ſelbſt wäre ſie die eigene Mutter der Kinder, ſo hätte ſie es nimmermehr über ſich vermocht hinaus zu gehen, ſich hin zu ſetzen und mit einer fremden Perſon zu converſiren⸗ da doch.. Mit einem Worte: Du ſiehſt, ich war un⸗i gerecht.“ „Ja, ich fürchte wirklich, daß ich diesmal mit Di halten muß. Graf Adrian, Dein beſter Freund, da Dir ſo viele Theilnahme bewieſen hat, daß mehrmalt um Deine Unruhe zu ſtillen in die Stadt gereist und den Doctor um Nath gefragt hat— kannſt Du in wohl eine fremde Perſon nennen? Ich fordere, daß Au mir glaubſt, Ludwig, wenn ich betheure, daß da ich bi⸗ weilen das Krankenzimmer verlaſſe, es einzig und allen in der füllung Du ſuch ſagen? L wollte, ben, d jedoch i Salon, und dor nicht, ſ „l Dir zu mit mir Laß mie Ue Stimme Nacht ich mein A in das ſelbſt Lu und bal 177 ich es in der Abſicht geſchieht, um neue Kräfte zur beſſern Er⸗ füllung der mir ſo theuern Pflichten zu holen... Doch Da ſuchteſt mich— hatteſt Du mir etwas Beſonderes zu hm und ſagen?“. hr dank⸗„O nein, nichts anderes, als daß ich nachſehen tig iſtz wellte, ob Du ſchliefft Es machte mir Freude zu glau⸗ kommſn ben, daß Du einige Ruhe haben könnteſt, da ich Dich Lavinka, jedoch nicht in dem Zimmer fand, ſo ging ich in den en Blick Salon, und nun bitte ich Dich dorthin zurück zu gehen noch in und dort zu bleiben ſo lange Du willſt. Thuſt Du das an den nicht, ſo glaube ich, daß Du unzufrieden biſt“ as nach⸗„Und wenn Du, Ludwig, mir nicht erlaubſt, mit Dir zu den Kindern zu gehen, ſo glaube ich, daß Du Lavinia mit mir unzufrieden biſt. Das könnte ich nicht ertragen. enblicklih Laß mich nun mit gehen.“ herzlich Ueberwunden von dem ſchmeichelnden Tone in ihrer Stimme, ſagte er leiſe:„So komm denn! Doch in dieſer Ich kam Nacht darfſt Du nicht wachen— hörſt Du! Da muß acht mich ich meinen Willen haben!“ K „Wollen ſehen!“ meinte Lavinia, Wind Beide kehrten ſt gereizt,, in das Zimmer der beiden kleinen Kranken zuruck, wo⸗ ſelbſt Ludwig ſich von Neuem ſeinem Schmerze hingab ohl, daß und bald dieſe kleine Unterbrechung vergaß.... nir ſelbſt So, während draußen der Schnee bettete und der tte ſie 8 Wind ſcharf durch den Wald ſauste und ſeine Stöße über , ſich hu das Thal nach Roſenborg ſchickte, bettete die Todeskälte onverſiren, hohe Schneetriften zwiſchen die warmen Herzen, welche war un⸗ in demſelben ſchlugen. Doch von fernem Lande kam ein (Cipote, welcher nach einem fünfwöchentlichem Kampfe l mit Du Fle Kindlein hinaufholte in den blauen Feſtſaal. eund, daß mehrmale treist um Du ihn „ daß Du da ich bit⸗ und allein Carlén. Ein Jahr. 12 * Siebzehntes Kapitel. Seit dem Ende der letzten Krankenwoche waren mehrere Wochen verfloſſen. Die Zwillingstochter des Rittmeiſters ruhten an de Seite ihrer Mutter ſanft und ſtille; doch in der Bruſt des Vaters war es leer und kalt und ſchwer: die Trauer hatte mit ſtarker Macht auf's Neue ſeine Seele berühtt und in demſelben einen Schmerz zurückgelaſſen, der ihn bitter nagte. Die Trauer glich nicht im geringſten derjenigen, die er um ſeine erſte Gattin empfunden hatte. Dieſe hatte er nie geliebt, auch betrauerte er in ihr nur ein Weſen, von welchem er wußte, daß es weder ſelbſt glücklich ge⸗ weſen war noch glücklich gemacht hatte. Er war ihr Gatte geworden, weil die beiderſeitigen Eltern die jungen. Leute gebunden hatten, ehe ſie ſich ſelbſt binden konnten. Hätte das Gefühl des Rittmeiſters fuͤr eine Andere ge⸗ ſchlagen, ſo würde er gewiß einen Ausweg geſucht haben das Band zu löſen; da jedoch das Herz ſchwieg, ſo hatte er keinen Grund gefunden ein Wort zu brechen, welches zwar ſein Vater ſtatt ſeiner gegeben hatte, ihm aber eben deswegen um ſo heiliger war— denn der Vater war todt. 5 Hatte aber der Rittmeiſter von ſeiner erſten Gattin nie die Liebe kennen gelernt, ſo fühlte er ihre ſanſteſte Töne von dem Augenblicke an, da er die kleinen Walſen an ſeine Bruſt ſchloß; und es iſt möglich, daß von dieſe Zeit an ein glücklicheres Verhältniß eingetreten ſein wurdz wenn Charlotte das Leben behalten hätte. Ludwig liebte ſeine Kinder mit einer innigen, ſowoll väterlichen als auch mütterlichen Liebe. Sie hatten ihn ſeine beſten Gefuhle eingeflößt, ſie hatten in ihm den Be griff einer reinen und tiefen Liebe geweckt, und es kan ihm nun nach ihrem Hingange ſo vor, als hätte ſiß Zeit de Herz f und G T Glück, zufallen alter e Geſchle er woh er hoff B blenden und bef er ſtieß ſchloſſen nicht äu jetzt bei Schwin wahnſir hatten Lavinia etwas d Scheidu gehabt, Un ſtand, viele S naten, Blicken weſen m als die tragen Betrub auf ſen er ihn 4 waren an der⸗ er Bruſt Trauer berührt der ihn igen, die eſe hatte n Weſen, icklich ge⸗ war ihr ie jungen. konnten. ndere ge⸗ icht haben „ ſo hatte , welches ihm der Vate ten Gattin ſauſteſten dein würd en, ſowoh hatten ihn m den Ve 179 4 Herz für immer alle Anſprüche auf künftige Gemüthlichkeit und Glück verloren. 7 Bisher hatte er noch davon träumen können, daß dieſes Glück, welches ihm im Leben verſagt war, ſeinen Töchtern zufallen würde— er hatte träumen können, wie er, ein alter ergrauter Einſiedier unter zwei jungen, blühenden Geſchlechtern umher wandelte... doch nun— was hatte er wohl nun, wovon er träumen, wofür er leben, worauf er hoffen konnte?... Nichts! Bisweilen kam Lavinia's Bild, umſchwebt von dem blendendem Schimmer eines friſchen und neuen Lebens, und beſuchte ihn in ſeiner ſelbſtgewählten Einſamkeit; doch er ſtieß es unſanft von ſich. Was einmal geſagt und be⸗ ſchloſſen war, das war geſagt und beſchloſſen und ließ ſich nicht ändern. In der Gemüthsſtimmung, worin er ſich jetzt befand, fürchtete er, daß er eine Zeitlang von einem Schwindel erfaßt geweſen war. Oder was waren es für wahnſinnige Träume geweſen, die er gehabt hatte? wie hatten ſie eine ſolche Macht über ihn gewinnen können? Lavinia, ſie, dieſes Weib von Eis, von Granit, ſollte ſie etwas anderes gefühlt haben, als das Verlangen nach der Scheidung? Nein— nein— er hatte Fieberphantaſien gehabt, wenn er ſich etwas anderes eingebildet hatte. Und nun war es klar, daß Lavinia an dieſen Um⸗ ſtand, der in dem Laufe der ſechs Monate ihrer Ehe ſo viele Veränderungen angenommen hatte, ſehr viel dachte. Seit dem Tode der Kinder, alſo ſeit faſt zwei Mo⸗ naten, hatte ſie von ihrem Manne keinen einzigen von den Zlicken erhalten, die ihr bisher ſo ſchwer zu begreifen ge⸗ weſen waren, die ſie aber dennoch im Ganzen beſſer begriff, als die ruhige, laue Höflichkeit, welche er in ſeinem Be⸗ tragen nun wieder angenommen hatte. Nicht einmal ſeine Betrubniß durfte ſie theilen. Nachdem die erſte und heftigſte Zeit derſelben vorüber war, und der Schmerz nur noch auf ſeiuem Antlitze, in ſeinen Bewegungen zuckte, ſo ſchloß er ihn in ſich ſelbſt ein, und brachte den großten Theil des Tages entweder in ſeinem Zimmer oder auf der 9 Jagd zu. 1 ſo heft Lavinia kam nicht auf den Einfall, ihr eigenes Be⸗ vorzub tragen ſo ſtreng zu prüfen, wie ſie es geſollt hätte. Wenn daß.. ſie das gethan hätte, ſo würde ſie eingeſehen haben, daß„ auch ſie größtentheils ihr voriges kaltes und verſchloſſenes redeſt!⸗ Weſen gegen Ludwig wieder angenommen hatte, und daß grauble es eigentlich ihre verletzte Eigenliebe war, welche ſie hin⸗ Ehre derte, ſeine Gemüthsſtimmung mit Nachſicht und Gerech, um Die tigkeit zu beurtheilen. niich be Zuletzt würde ſie gewiß in der alten Form feſtgefroren Freund fein, wenn nicht Graf Adrian mit ſeinem klaren Blicke„ beobachtet hätte, wie ſich ihre Stellung nach und nach ligkeit! entwickelte, und unaufhörlich dieſe beiden Weſen, welche ſo lang ſich von einander los zu reißen ſtrebten, trotz des inwoh⸗ ſie verg nenden Gefühles, welches in ihren Seglen gegen dieſes e Losreißen kämpfte, mit einander zu vergleichen und z ſollte ſi einander zu führen geſucht hätte. drucke. Nun aber mußte der Graf reiſen: er hatte es einigen raſende Verwandten verſprochen, den Frühling bei ihnen zu ver⸗ daß Dr leben, und erſt nach Beendigung der Kriegsübung wollte winnſt.“ er nach Roſenborg zurückkehren.„ „Ich bitte dich,“ ſagte der Rittmeiſter, als er an gegnete einem Morgen den Grafen beſuchte,„reiſe jetzt nicht den Tit Wenn Du mein Freund biſt, ſo bleib 47 ſechs A „Bruder, ich kann nicht— es iſt wirklich unmöglich.”„2 „Ausfluchte! Was bedenutet ein ſolches Verſprechen! 1, Das iſt ja von gar keiner Bedeutung; doch Dir wird hir Doch die Zeit lang, ſonſt hätteſt Du kein ſolches Verſpreche verdirbt gegeben.“ 8 nun gu „Wenn es nun gerade das Gegentheil wäre?“ der Graf mit einer düſtern Wolke auf dem Geſich „Das Gegentheil?“ wiederholte der Rittmeiſter, jeder Tropfen Blut ſchien von ſeiner Wange zu verſe den—„das Gegentheil?“ , Nun ja, ich ſage nur wennl... dennoch überreden zu bleiben?“ 181 auf der„Haſt Du“— die Stimme des Rittmeiſters zitterte ſo heftig, daß er kaum im Stande war, die Worte her⸗ nes Be⸗ vorzubringen—„haſt Du Deine Zeit ſo gut hingebracht, . Wenn daß...27 een, daß„Bedenke Dich und komme zu Dir ſelbſt, ehe Du hloſſenes redeſt!“ fiel Graf Adrian ein, deſſen Wange jetzt ebenfalls und daß graubleich wurde.„Kennſt Du mich als einen Mann von ſie hin⸗ Ehre oder nicht? Haſt Du Gewalt genug über Dich ſelbſt, Gerech⸗ um Dich zu entſinnen, daß ich es bin, ſo ſage nichts, das mich beleidigen könnte! Du weißt ſelbſt, daß dann unſre ggefroren Freundſchaft für ewig gebrochen wäre.“ en Blicke„Doch ſie, ſie... ahnt ſie? Bei meiner Seelen Se⸗ und nach ligkeit! Thut ſie das, kann ſie hier in meinem Hauſe, , welche ſo lange ſie noch den Namen meiner Frau trägt— kann s inwoh⸗ ſie vergeſſen... gen dieſes„Biſt Du pon Deinen Sinnen? Sie? ahnen? Was n und zu ſollte ſie ahnen?“ fragte er mit plötzlich verändertem Aus⸗ drucke.„Laß Du ſie nur nicht ahnen, daß Du eine ſo es einigenn raſende Idee gefaßt haſt; denn da kann ich Dir ſagen, n zu ver⸗ daß Du einen Charakter wie den ihrigen, nie, nie ge⸗ ng wollte winnſt.“ „Ich verlange ſie ja auch nicht zu gewinnen,“ ent⸗ als er an gegnete der Rittmeiſter mit Kälte; ich fordre nur, daß ſie etzt nicht! den Titel reſpectirt, welchen ſie noch während der übrigen ſechs Monate tragen wird.“ nmöglichn„Welche ſechs Monate meinſt Du?“ rſprechen!), ich weiß nicht, was ich ſage... es war nichts. wird hiet. Doch gleichviel, zmein beſter Adrian, der eine Scherz zerſprechen verdirbt nicht den andern. Du wollteſt mich prüfen... nun gut, ich bin nicht im allergeringſten eiferſüchtig.“ re?“ ſagt„Du haſt auch keine Urſache dazu!“ entgegnete der ſichte. Graf in einem Tone offener, bruͤderlicher Herzlichkeit. neiſter, un„ch hatte nur die Abſicht, Dich durch dieſe kleine Pru⸗ verſchwitet fung zu überzeugen, daß man Dich ſehr leicht aus Deiner eingebildeten Gefühlloſiakeit herausrütteln kann. Nur ein wenig Eiferſucht, und Deine Liebe, die ſchon längſt ſtärker gehrannt hat, als Du glaubſt und Dir ſelbſt geſtehen 182 willſt, würde zu einer Flamme anwachſen, die Dich ver⸗ 1 3 zehrte. Du willſt wohl nicht länger vor mir, Deinem alten Freunde, eine Sache läugnen, welche meines Erach⸗ tens Dich nicht geniren ſollte, vor der ganzen Welt offen zu er⸗ kennen, nämlich daß Du Deine Frau gerade ſo liebſt, wie man liebt, da man zum erſten Male verliebt iſt?“ Der Rittmeiſter holte tief Athem, und indem er ſich auf den Sofa warf und mit der Hand über das Geſicht fuhr, ſagte er mit kurzen Unterbrechungen, als ob die einer großen Gemüthsbewegung folgenden Schwallwogen ihm einen Theil der Stimme geraubt hatten:„Adrian! Du biſt ein Satan!“ „Sage lieber Dein guter Engel; denn kommt hier kein ſolcher dazwiſchen, ſo wäreſt Du zufolge einer ver⸗ rückten Urſache, die ich nicht kenne, im Stande, Dein gan⸗ zes künftiges Glüͤck hinweg zu werfen, und nicht blos Dein Glück, ſondern auch das ihrige, das Glück des ſchönen und edlen Weibes.“ „Das Glück dieſes ſchönen und edlen Weibes darſſt Du nicht mit dem meinigen in einem Athemzuge nennen; doch auf jeden Fall verdienſt Du wegen Deiner guten Abſichten ein volles Vertrauen, und wenn Du mir bei Deiner Ehre ſchwörſt, daß dasjenige, was Du mir vor einem Augenblicke ſagteſt, gar keinen Grund hat, ſo will das ganze Verhältniß vor Deine Augen legen.“ „Iſt es für Dich nöthig,“ ſagte Adrian mit einem Ausdruck von verletzter Würde,„daß ich bei meiner Chre ſchwöre? Iſt es zwiſchen uns bis auf den Punkt gekommen, daß Du nicht mehr meinem bloßen Worte glaubſt? Habe ich jemals an dem Deinigen gezweifelt?“. „Auch ich will nicht länger zweifeln; ich glaube Dir obſchon Du, bei Gott, ausſahſt wie die perſonificirte Waht⸗ heit, als Du mit dieſer Unwahrheit zum Vorſchein kamft, welche, dem Himmel ſei Dank! nichts anderes war. Doch hätteſt Du ſie geliebt, hätteſt Du meine Frau geliebte häͤtteſt Du Ehre, Freundſchaft und Glauben verrathen hätte ſie Dich lieben können, während, während. und die kurz, w müſſen Blut g „ der Gr „ Deinen habe zu ſchreibli jetzt ab⸗ wahrſch geweckt ſich ſeit Seele d „S alles ve Un Hochzeit Chegeſe der A geweſen aber di werden, In die ſchlo Ma weder alſoup ch ver⸗ Deinem Erach⸗ mzu er⸗ liebſt, iſt?“ er ſich Geſicht ob die llwogen Adrian! mt hier ner ver⸗ ein gan⸗ cht blos ſchönen es darſſt nennen; er guten mir bei mir vor „ſo will nit einen ner Ehre ekommen, ſt? Habe aube Dir tte Waht ein kamſt⸗ ir. Doch u geliebt verrathen, ſrend.. und die Folge iſt geweſen, daß Ihr Euch nach ſechs Mo⸗ 183 kurz, wir hätten beide eine Reiſe über die Gränze machen müſſen, ich hatte mich nicht ehrer beruhigt, als bis ich Blut geſehen hätte!“ „Und das alles, Du Thor, ohne zu lieben?“ ſagte der Graf lächelnd „Wenn ich liebe, ſo hat kein Anderer als Du mit Deinen Dummheiten dieſe Gefühle hervorgerufen. Ich habe zwar ſchon vor längerer Zeit Bewegungen von unbe⸗ ſchreiblicher und verſchiedenartiger Beſchaffenheit empfunden; jetzt aber waren ſie zur Ruhe eingegangen, und hätten wahrſcheinlich ewig geſchlummert, wenn Du ſie nicht geweckt hätteſt, denn ſo viel kannſt Du wohl ſehen, daß ſich feit dem Tode der Kinder eine Kälte uber ihre ganze Seele gelegt hat. Sie zählt nur die noch übrigen Tage.“ „Darüber kann ich klarer urtheilen, wenn Du mir alles vertraut haſt. Rede jetzt!“ Und Ludwig erzählte alles, die Brautwerbung, den Hochzeitabend mit ſeinem Beſchluſſe, und dem Inhalt ihrer Chegeſchichte bis zu ſeiner Reiſe, ſein Heimweh während der Abweſenheit und den Eindruck bei der Rückkehr, da er mit Gefühlen inniger Freude bemerkte, wie Lavinia in die hausmütterlichen Pflichten eingetreten war. „Das iſt, bei Gott, eine höchſt tolle Geſchichte!“ ſagte der Graf, auf deſſen Geſicht während der Erzählung des Rittmeiſters ſehr verſchiedene Bewegungen zu bemerken geweſen waren.„Meinem Beduünken zufolge hat Euch aber die Gewißheit, einander bald und für ewig los zu werden, dazu verholfen, daß Ihr gegenſeitig klarer ſeht. In dieſem Augenblicke, da Ihr Euer Uehereinkommen ſchloßet, welches Du erwähnt haſt, ſahet Ihr Euch gewiſſer Maßen als einander fremde Perſonen an. Kein Zwang, weder Gefühl noch Herz band Eure Hände; Ihr konntet alſounparteiiſch Eure gegenſeitigen Eigenſchaſten deurthei⸗ len, welche bei einem ſo nahen Zuſammenleben und ſo ſonderbaren Verhältniſſen in die Augen fallen mußtenz naten näher und inniger vereinigt findet, als ſonſt viel⸗ die Pfle leicht nach ſechs Jahren der Fall geweſen ſein würde.“ gebunde „Du findeſt ein merkwürdiges Vergnügen daran,„S Dinge vorauszuſetzen, die nur in Deiner Einbildung vor⸗ unter d handen ſein können; wenn wir aber auch des Spaßes geforder halber annehmen wollten, daß Du Recht hätteſt, ſo wäre that?“ es ja nur ein Unglück mehr, da es zu ſpät iſt...“„N „Das Glück kommt nie zu ſpät, ſollte ich meinen; begreifli und ich bin vollkommen überzeugt, daß die Liebe, welche ſie gewi nach der Hochzeit beginnt, von weit dauernderer, ſichre aber der und edlerer Beſchaffenheit iſt, als manche Liebe, welche die ten, de Hochzeit herbeigeführt hat.“ mehrma „Alles wahr, vollkommen wahr, in ſo fern man ſchon ich ſie von Anfang an... doch es dient zu nichts, hievon zu daß Du reden. Noch nie habe ich mein gegebenes Wort gebre⸗ betracht chen, und auch Lavinia hat keinen ſolchen Charakter, daß„ ſie das ihrige bricht. Nein, ſie will es nicht, beſtimmt väterlich nicht. Sie hat einmal gegen mich Abſcheu empfundenz ich unge und wenn ſie ſpäterhin einiger Maßen auf andere Ge⸗ mit mei anken gekommen iſt, ſo iſt es mit dieſem Eindrucke jezt: war, wi wieder vorbei.“„ „Ich glaube nicht nur das Gegentheil,“ meinte der Betrübr Graf,„ſondern bin ſogar überzeugt davon.“ von ihr „Und worauf,— ſage mir ausführlich— worauf„ gründeſt Du dieſen Schlußſatz? Sprich nicht von den war die Zeichen, d u am erſten Abende obſervirteſt; ſie waren Vorwur nur zufällige Launen, oder Gott weiß was. Es hat ſih für mei ſchon gezeigt, daß ſie nichts bedeuteten.“ wuäre e⸗ 4„Es hat ſich im Gegentheil gezeigt, daß ſie vielit bedeuteten. Was ich ſpäterhin beobachtet habe, das ſf folgendes geweſen.“ 4 3„Nun?271 „Zuerſt und vor allen Dingen hätte kein Erzeng und noch viel weniger ein Weib(Du entſchuldigſt n Oſffenherzigkeit) alle Deine Prätentionen und Dein ſö'hne aushalten können, als die Kleinen krank lage ſern nicht ein wärmeres Gefühl, als einzig und ſt viel⸗ de.“ daran, g vor⸗ Spaßes o wäre 4 neinen; welche ſichrer lche die in ſchon von zu gebro⸗ ter, daß beſtimmt pfundenz dere Ge⸗ ucke jetzt einte der worauf von den ie waren hat ſch ſie vielts , das iſ Erzengi gſt meite Dein lagen, ſ. und a 185⁵ die Pflichten einer Stiefmutter ſir an das Krankenzimmer gebunden hätten.“ „Du machſt mich roth! Ich werde doch wohl nicht unter dem Einfluſſe meiner ſtarken Gemüthsbewegungen geſordert haben, daß ſie ſich aufopfern ſollte, wie ſie that?“ „Nicht eben beſtimmt in Worten, aber dennoch ſehr begreiflich. In dieſer Periode waren Deine Gefühle für ſie gewiß nicht verſchwunden, denn dazu waren ſie zu feſt, aber dennoch waren ſie ſo tief in den Hintergrund getre⸗ ten, daß ſie ihr wenigſtens nicht deutlich waren. Und mehrmals, wenn ſie ſich unbemerkt glaubte, überraſchte ich ſie in Thränen— es that dem edlen Weibe weh, daß Du ſie nur als die Krankenwärterin Deiner Töchter betrachteteſt“ „Bei Gott, es iſt mir nie eingefallen, daß meine väterliche Zärtlichkeit ſo gedeutet werden könnte! doch wenn ich ungerecht gegen ſie geweſen bin und wenn es auch nicht mit meinem Willen geſchehen iſt(und daß dies der Fall war, wirſt Du wohl einſehen), ſo vergißt ſie es nie.“ „Sie hätte es ganz gewiß vergeſſen, wenn nicht Deine Betrübniß, ſtatt Dich zu ihr zu führen, Dich noch weiter von ihr entfernt hätte.“ „Du haſt Recht, Adrian! In den erſten Wochen war dieſes wirklich der Fall; denn ich kongte mich des Vorwurfes nicht erwehren, daß ein erwachendes Gefühl für meine Frau— nein, nicht meine Frau, denn da wäre es natürlich geweſen— ſondern die erwachende Liebe zu einem Weibe, das nur ein Jahr lang dieſen Na⸗ men tragen wird, einen Theil der Gefühle geſtohlen haben ſollte, die meinen Kindern ausſchließlich gehört haben müßten.“. 5 „Ich verſtehe, daß Du in der enſten Heftigkeit Dei⸗ nes Schmerzes, da Dir dieſe Kinder, welche Du ſo innig iebteſt, entriſſen wurden, ſo denken und fühlen konnteſt; aber ich verſtehe dagegen nicht, daß Du, nachdem die Vernunft und das ruhige Nachdenken begonnen hatten 186 ihre Macht über Deine Seele wieder einzunehmen, nicht woran d den Muth hatteſt, einen Unterſchied zwiſchen dieſen Gefüh⸗ das So len zu machen und einzuſehen, daß ſie ſich gegenſeuig Mi nicht ſchaden konnten, da ſie beide edel waren.“ mit wel Bei dieſen Worten legte der Rittmeiſter ſeine Hand den Tiſe in die des Grafen Adrian und drückte ſie ſtark.„Was N Du da ſagſt, das thut mir wohl: ſchon in dieſer letzten„A Woche bin ich ſelbſt auf dieſen Gedanken gekommen. Dein W Doch antworte mir offen: habe nicht ich, oder hat nicht haſt in? Lavinia ſich merklich verändert?“ gewicht „Ich geſtehe, daß ſie es in ihrem äußeren Betragen mit aller gethan hat, und ich habe ſie bisweilen nicht allein ſteif, kläre mi ſondern ſogar eiskalt gegen Dich gefunden; aber obgleich„E der Schnee auf der Wange wohnt, ſo glüht es dennoch klärung im Herzen. Wenn Deine Schritte im äußern Zimmer zu Male lie hören ſind, ſo würde ich ſie vernehmen, und wäre ich auch ein Pati⸗ taub, nicht durch den geringſten Laut, wohl aber an dem ich nicht Ausdrucke ihrer Augen, dem Zittern ihrer Hand oder einer ich Dir ſchnell verſchwindenden Wolke auf ihrem Geſichte.“ —„Großer Gott, wenn es ſo wäre, wenn Du Dich nicht irrteſt!... Aber in des Himmels Namen! wie ſoll ich es verſtehen, daß Du ſie ſo genau obſervirteſt? Wann haſt Du Gelegenheit gehabt, alle dieſe Beobach⸗ tungen zu machen, welche wahrhaſtig die ganze Höhe Deiner Freundſchaft heiſchen?“ Graf Adrian wendete ſich um und warf ein Klii⸗ dungsſtück auf die Seite, welches ihm im Wege lag und nahm eine bequemere Lage ein.„O,“ ſagte er,„Du Freundſch weißt, ich kann nicht gerne eine längere Zeit mit Leuten„Di leben, ohne ein wenig über die Verhältniſſe zu reflectiren, ſtand, et welche ſich vor meinen Augen entwickeln. Außerdem entz da... ſinnſt Du Dich wohl, daß ich bisweilen Deiner Frn vorgeleſett habe; bei mehren ſolchen Gelegenheite meine Eigenliebe einen nnd den andern Stoß erhalt A und ich, mein beſter Adrian, bin dagegen faſt eiſet⸗ ſuchtig geweſen auf die Höhe der Aufmerkſamkeit, ſie Dir gewidmet hat. Sie hat mir geſagt.. Nachſich thun; un Schmerz ner Ga nicht Gefüh⸗ enſeitig Hand „Was letzten ommen. at nicht zetragen in ſteif, obgleich dennoch mer zu ich auch an dem der einer 74 du Dih en! wie rvirteſt? Beobach⸗ aze Höhe ein Klei⸗ lag und er,„DA it Leuten eflectiren⸗ rdem ent⸗ rer Frau eiten hut erhalten faſt eifer⸗ t, welht .. Abet 187 woran denkſt Du? Ich glaube, Du willſt ſtatt der Feder das Sofakiſſen ſchneiden.“ Mit vieler Faſſung legte der Graf das Federmeſſer mit welchem er in Gedanken geſpielt hatte, wieder auf den Tiſch. „Nun, was hat ſie denn geſagt?“ „Adrian! wenn ich es nicht für unmöglich hielte, Dein Wort zu bezweifeln, ſo würde ich zweifeln— Du haſt in Deiner vollkommenen Selbſtbeherrſchung ein Ueber⸗ gewicht über mir; aber ich habe Dich nun ſchon zweimal mit allen Zeichen einer Gemüthsbewegung betroffen. Er⸗ kläre mir die Urſache derſelben!“ „Es könnte mir leicht einfallen, Dir keine ſolche Er⸗ klärung zu geben; weil aber ein Menſch, der zum erſten Male liebt, eiferſüchtig zu werden beginnt, eigentlich als ein Patient in Fieberphantaſien zu betrachten iſt, ſo will ich nicht ſo geuau mit Dir rechnen— nur Eins will ich Dir im Voraus ſagen: mißtraueſt Du meinen Wor⸗ ten, ſo beleidigſt Du mich zum Tode!“ „Laß hören! laß hören!“ „Meine erſte Gemüthsbewegung veranlaßte die Furcht, Du möchteſt in der Gemüthserſchütterung, worin Du Dich eben befandeſt, Dinge ſagen, die keines Freundes Nachſicht verzeihen könnte. Du warſt nahe daran, es zu thunz und ich, den nicht die Leidenſchaft trieb, fühlte mit Schmerzen, daß der Schritt, den ich für Dein und Dei⸗ ner Gattin Gluck gewagt hatte, vielleicht unſre alte Freundſchaft vernichten könnte.“ Dieſes glaube ich; doch nun, da ich im Begriffe kan etwas zu erzählen, das ſie über Dich geäußert hat, .. „Ja, da empfand ich wiederum eine Bewegung, die ich zeineswegs läugne, eine Bewegung, die mein ganzes Biut in Umlauf ſetzte, mit einem Worte, eine unbe⸗ ſchreihliche Bewegung.“ „Wirklich? Du wirſt ſehr warm!“ „Nicht nur warm, ſondern ich ſchwitze vor Angſt und Unruhe, ſo intereſſirt(bin ich von dieſen Aeußerungen; denn ich weiß vorher, daß) ſie nicht mich perſönlich betref⸗ fen, ſondern die Arbeit, welche ich ihr vorgeleſen habe. Sie hat bei mehren(Gelegenheiten Urtheile darüber ge⸗ fällt, die meine Befcheidenheit mir kaum erlaubte, dem Gedächtniſſe einzuprägen; doch waren dieſe Urtheile dem Verfaſſer geſagt. Was ſie dagegen Dir geſagt hat, iſt mir von unendlich höherem Werthe, denn es muß unpar⸗ teiiſch ſein; und ihr Urtheil iſt in allen übrigen Fällen ſo fein und richtig, daß ich... doch genug über mich — jetzt wirſt Du die Beweggründe meiner Bewegung verſtehen!“ „Ja, mein beſter Aldrian, ſo ziemlich; und ich kann Dich auch mit der Nachricht erfreuen, daß ihre Aeuße⸗ rungen die günſtigſten waren— ja, ſie ſelbſt enthielten wirklich wahre Lobeserhebungen.“ Das Antlitz des Grafen Adrian wurde in dieſem Augenblicke wirklich ſchön.„Vergieb mir, Ludwig, aber halte mich nicht für lächerlich, wenn ich Dich bitte, daß Du Dich ihrer eigenen Worte zu erinnern ſuchſt!“ „Ich glaube wohl, daß ich ſie werde wiedergeben können; ſie floſſen in die Antwort auf eine von mir hin⸗ geworfene Aeußerung ein, in welcher Aeußerung vielleicht ein kleiner Verdruß liegen mochte, daß Du nicht auch mich zum Schiedsrichter gewählt hatteſt.„Wenn Du ge⸗ recht ſein willſt,“ ſagte ſie,„ſo darfſt Du Dich dadurch nicht beleidigt fühlen; ich kann die Gefühle des Grafu Adrian ſehr gut verſtehen. Er iſt hinſichtlich ſeiner Ar beit ſo beſcheiden, daß er nicht im Stande iſt, den Ge⸗ danken zu ertragen, ſie durch den geißelnden Scherz ein ſcharfen Freundes zerfetzt zu ſehen. Inzwiſchen braucht r dieſe Furcht gar nicht zu hegen; denn ſoltteſt Du ſat Trauerſpiel einmal zu leſen bekommen, ſo würdeſt Du te kennen, daß er unbedingt den Beruf hat, ein dramatiſche Autor zu ſein. Er hat nicht nur die ſchönſten Wer aufgeſtellt in einer edlen und poetiſchen Foßz⸗ ſondern hat auch Gedanken, und das Wichtigſte von Aſtem, er hat * klares T nen, ſo Andern We Rittmeiſt doch auf Ludwig zu Adria Art von Nachrich „Un nennſt, n „Se Vertraue nerte ſich gearbeitet hatte, d faſſer ſel Sei an welch 4 ungen; betref⸗ mhabe. eer ge⸗ 2, dem lle den at, iſt unpar⸗ Fällen er mich wegung ich kann Aeuße⸗ athielten dieſem ig, aber itte, daß 1u dergeben mir hin⸗ vielleicht iccht auch 1 Du 1 dadurch s Grafan einer Ar den Ge⸗ herz eints m brauchie t Du ſeit gelernt hätte ang mit d NN 189 2 klares Talent, die Handlung zu entwickeln und zu ord⸗ nen, ſo daß das Eine als eine unumgängliche Folge des Andern erſcheint.“ Wenn Lavinia auch nicht genau jedes der von dem Rittmeiſter angeführten Worte geäußert hatte, ſo war doch auf jeden Fall ihr Urtheil ſo günſtig geweſen, daß Ludwig(es für keine Gewiſſensſache hielt, ihre Aeußerung zu Adrian's Befriedigung zu überſetzen. Es war eine Art von unbewußtem Opfer der Dankbarkeit für die Nachrichten, welche Ludwig ſelbſt erhalten hatte. „Und das haſt Du, der Du Dich meinen Freund nennſt, mir verſchweigen können?“ „Schwiegſt Du nicht vor mir? ſollte ich Dir mein Vertrauen aufzwingen?“ Der Graf antwortete nichts. Er war ſichtbarlich allzu glücklich, um an Widerſpruch zu denken. Ludwig betrachtete ihn mit Theilnahme. Er erin⸗ nerte ſich, daß Adrian viele Jahre lang an dieſem Stücke gearbeitet hatte, welches nach Ludwig's Meinung nie etwas anders werden würde oder könnte, als ein Ableiter des großen Ueberfluſſes von Gefühlen und Phantaſien, über die der Graf in jüngeren Jahren zu disponiren ge⸗ habt hatte. Daß dieſes Stück in den langen Jahren ſich ſo umgebildet hätte, bis es eine ganz neue Seele erhalten hatte, das wußte der Rittmeiſter nicht, und kaum der Ver⸗ faſſer ſelbſt. Sein Trauerſpiel, der reizende Traum ſeiner Jugend, an welchem er ſo viele Zeit und Mühe verwendet hatte, war endlich zu einer Vollendung gekommen, die er zu ahnen begann, ohne es zu wagen daran zu glauben Doch wie ſollte er, der von Natur höchſt anſpruchslos war, es über ſich gewinnen, irgend einen Menſchen um ein Urtheil darüber zu bitten? Schon dieſes ſetzte ja voraus, daß er es fuͤr ein Kunſtwerk hielt; und wahrſcheinlich würde es Der vertraute und freundſchaftliche Um⸗ Frau, die er bald ſchätzen und achten beim Alten Plehe ſein, wenn er nicht Lavinia kennen lernte, hob nach und nach ſeine Unentſchloſſenheit zu einem Schritte, den er ſelbſt innigſt wünſchte— und ſie wurde ſeine Vertraute.„N „Weißt Du,“ rief nach ziemlich langem Schweigen bloßen( der Rittmeiſter aus,„ich möchte um alles in der Welt„W kein Verfaſſer ſein! Dieſe peinigenden Gefühle einer ge: Ich gla reizten Unruhe würden mir das Leben rauben; und Du Doch w wirſt trotz der Herrſchaft, die Du über Dich ſelbſt be⸗ ſtande at ſitzet, für immer unglücklich, wenn Dein Stück mit zuzufüge Gleichgültigkeit aufgenommen wird.“ ein über „Aufgenommen wird?“ wiederholte der Graf mi uung, de einem unbegreiflichen Ausdrucke.„Es iſt mir wirklich vorgezog noch nicht eingefallen, daß es dahin kommen könnte, auf⸗ genommen zu werden.“ „Nun, ich muß ſagen! Warum haſt Du denn eine halbe Lebenszeit an dieſe Arbeit verwendet?“ „Um ein Ziel zu haben, ein Ziel„auf welches mein Herz, meine Seele, meine Gedanken, meine Phantaſie ſich ruhig richten kann, wenn alles um mich her kalt und un⸗ angenehm iſt. Du weißt ja, Ludwig, daß mein Leben Als nicht oft reich an Freuden geweſen iſt; und doch, um ſaal trat wie vieles bittrer wuͤrde es geweſen ſein, wenn ich nicht das Ziel meine Bekümmerniſſe, meine Eindrücke in die Worte der lich vor Perſonen hätte einlegen können, die ich auf meiner Sceut brachte handeln ließ! Das iſt mein Troſt, geweſen, und— ſo ertheilte egoiſtiſch Dir auch dieſer Troſt ſcheinen mag— dieſet daß ſie u Troſt hat mir erſetzt, was ich habe entbehren müſſen:„Es einen warmen eigenen Herd, ein liebendes Herz.“ fragte de „Doch,“ ſiel Ludwig ein,„da dieſes Werk nun vollende ſogleich iſt, ſo ſcheint es mir billig zu ſein, daß Du zuſiehſt, wit Brunsbe es noch mehr Frucht bringen kann, zum Beifpiel: Ehrz ten verſ Gewinn.“ „Es iſt noch bei weitem nicht vollendet genug, un mir Ehre und Ruhm zu geben, und ich muß geſahe 4 daß ich vor dem bloßen Worte Gewinn ſchaudere. Wi ich ſollte meine beſten, meine heiligſten Gedanken, der zu einem ie wurde ſchweigen der Welt einer ge⸗ und Du lbſt be⸗ btück mit Braf mit wirklich inte, auf⸗ denn eine ches mein ntaſie ſich t und un⸗ eiin Leben voch, un ich nicht Worte der ner Scent ind— ſo — dieſet n müſſen: 4 vollendet ſiehſt, uit iel: Ehr, enug, 3 geſtehen ve. 29 nken, du 191 Schatz, woran ich mein ganzes Leben hindurch geſammelt habe, für Geld verkaufen?“ „Nun ſo verſchenke es und begnüge Dich mit der bloßen Ehre!“ „Wir wollen ſehen; erſt will ich's gehörig durchſehen. Ich glaube aber, daß ich mich niemals davon trenne.. Doch wir ſind jetzt allzuweit von unſerm erſten Gegen⸗ ſtande abgekommen, zu welchem ich auch nichts weiter hin⸗ zuzufügen habe, als daß Du es gut überlegen mußt, ob ein uͤbereiltes und wahnſinniges Uebereinkommen der Hoff⸗ nung, das Glück eines ganzen Lebens gründen zu können, vorgezogen werden darf.“ Achtzehntes Kapitel. Als die Herren um die Mittagszeit in den Speiſe⸗ ſaal traten, ſo flogen ihre Blicke verwundert umher, ohne das Ziel zu finden, welches ſie ſuchten. Sie, die gewöhn⸗ lich vor ihnen dort war, fehlte heute. Frau Brunsberg brachte die Entſchuldigung der gnädigen Frau vor und ertheilte die Nachricht, ſie hätte ſo heftige Kopfſchmerzen, daß ſie nicht im Stande wäre zu Tiſche zu kommen. „Es iſt wohl nicht gefährlich, will ich hoffen? fragte der Rittmeiſter, welcher bei ſich anſtand, ob er nicht ſogleich zu ſeiner Frau gehen ſollte. Als jedoch Frau Brunsberg jetzt hinzufügte:„Ihro Gnaden ſagten, Sie woll⸗ ten derſuchen ein wenig zu ruhen,“ ſo ſetzte er ſich; doch verrieth während der Mahlzeit ſein ganzes Weſen eine große Zerſtreutheit. Ludwig blieb auf ſeinem Zimmer allein bis der aſfee ſervirt wurde. Da aber Lavinia ſich auch jetzt 1 ch nicht zeigte, ſo nahm ſeine Unruhe zu.„Ich muß ihr gehen; ſie kann es nicht übel nehmen!“ Verſtimmt aber doch wiederum in dem Innerſten ſei⸗ betrübt nes Herzens durch Adrian's Mittheilungen erhoben, ſchlich Fall iſt er ſich leiſe durch die Zimmer. Die letzte Thür war ge⸗ ſchen, da ſchloſſen. weg zu Er klopfte an. Es „Entſchuldige“ ſagte Lavinia drinnen,„ich befinde in dieſen mich nicht wohl; ich will mich legen!“ nur für Der Ton hatte zwar faſt ganz die gewöhnliche artig, preßte ſie Lauheit, enthielt aber dabei doch etwas, das als eine bi⸗ Sofakiſſer ſtimmte Weigerung gelten konnte.„Gi Der Rittmeiſter flammte augenblicklich auf: konnte dendem( ihn wohl etwas abhalten, in das Zimmer ſeiner eigenn ſie lange Frau zu gehen? Sie wollte ſich ja erſt legen, hatte Deinem ſich alſo noch nicht gelegt. Er mußte hinein— und e etwas in ging hinein. Du mir Lavinia ſaß nachläßig ausgeſtreckt auf dem einen Ec⸗„Es ſofa. Ihr Antlitz war ungewöhnlich blaß; als aber Lud⸗„Du wig gegen ihren Willen die Thur öffnete, ſo rann ain aber rath blutrother Schimmer über ihre Wangen. In ihrem Blich„Kei brannte ein Feuer, das alle mögliche Aehnlichkeit mi ihr ganz „Nic Aerger hatte. Ludwig faßte dieſen Ausdruck ſehr gut auf; ließ ſic denn, ſo aber doch nicht zurückhalten. einen Bri „Die Furcht erlaubte mir nicht, Deinem Wunſce Du ſollſt nachzukommen!“ ſagte er und gab ſich Muhe, die Stimmt Lavir zu zwingen, damit ſie nicht das Herz allzu-ſehr verrathen blaß, und möchte. birge, als „Mein Uebelbefinden iſt allzu unbedeutend, um An würdige ſpruch auf irgend eine Art von Furcht zu machen— Dir beliel bitte, daß Du es nicht der Muhe werth erachteſt, Dic deuten, ſo damit zu beſchäftigen!“ 3 meiner Mit ganz ungewöhnlicher Fügſamkeit faßte ſich de Rittmeiſter in dem ganz neuen Verhaltniſſe, ſolche Aiß drücke von Lavinia zu vernehmen. „Mein Wille, falls er auch wirklich Dir zu Geſt len zu ſein wünſchte, richtet in dieſer Hinſicht nichts i mein Vermögen aus. Wenn ich Dich krank ſehe ie blicklich in bei außero in welchen eine kaum Carleén eſten ſei⸗ ;, ſchlich war ge⸗ 1 h befinde he artige eine be⸗ : konnte r eigenen en, hatte — und e einen Ec⸗ aber Lm⸗ rann ei rem Blickt chkeit mit ; ließ ſic n Wunſche die Stimm verrathen „ um Ar⸗ hen= f teſt, d tte ſich de ſolche Auß⸗ 193 betrübt— ich weiß nicht recht, welches von beiden der Fall iſt— ſo kann ich nicht umhin wenigſtens zu wün⸗ ſchen, daß es in meiner Macht ſtehen möchte, beides hin⸗ weg zu ſchaffen.“ Es lag eine ſo einfache und überzeugende Wahrheit in dieſen Worten, daß Lavinia's Auge ſich erhellte; doch nur für einen Augenblick. In dem darauf folgenden preßte ſie ein kleines Billet, welches ſie in der unter dem Sofakiſſen verborgenen Hand hielt, hart zuſammen. „Gute Lavinia!“ fuhr Ludwig mit herzlich überre⸗ dendem Ernſte und mit einer Stimme fort, wie Lavinia ſie lange nicht gehört hatte,„Deine Seele will heute Deinem ſtarken Willen nicht gehorchen! Es bewegt ſich etwas in Dir— haſt Du ſo viel Vertrauen zu mir, daß Du mir ſagen willſt was es iſt?“ „Es iſt nichts, Ludwig!“ „Du willſt mich hinter das Licht führen! Wenn ich aber rathe— erlaubſt Du mir das?“ „Keineswegs!“ rief ſie mit einer Heftigkeit aus, die ihr ganz unähnlich war—„es bedarf deſſen gar nicht!“ „Nicht?“ ſagte der Rittmeiſter beleidigt.„Wohlan denn, ſo will ich Dir ohne zu rathen ſagen: Du haſt einen Brief von Rudolf gehabt, und er räth Dir wohl, du ſollſt unter ſeinen Schutz zurückkehren?⸗ Lavinia fuhr zuſammen. Ihre Wange wurde todten⸗ blaß, und ihr Ton war fälter als der Schnee der Ge⸗ birge, als ſie antwortete:„Du beſitzeſt eine bewunderns⸗ würdige Geſchicklichkeit, alles anfzufaſſen; und da es nun Dir beliebt hat, mein Uebelbefinden auf dieſe Weiſe zu deuten, ſo muß ich anhalten, daß Du je eher je lieber zu meiner Reiſe Vorkehrungen treffen läßt!“. Die Farbe des Rittmeiſters verwandelte ſich augen⸗ blicklich in dieſe wunderbare bunte Miſchung, welche ſie bei außerordentlichen Erſchütterungen annahm. Sein Auge, in welchem noch vor einem Augenblicke Sanftmuth und eine kaum unterdrückte Zartlichkeit geherrſcht hatten, flammte Carlen. Ein Jahr. 13 1 4 4 nun vor Zorn Dennoch verſuchte er es durch eine An⸗ ſtrengung, die ihm unglaublich viele Mühe koſtete, mit dem Scheine der Ruhe folgende Worte zu äußern: „Wenn Du nicht, ehe wir uns morgen beim Früh⸗ ſtück treffen, dieſen Deinen Entſchluß zurückrufſt, ſo ſtehen um zwölf Uhr Er ſtand auf und verließ das Zimmer. Lavinia verbarg ihr Haupt tief in den Kiſſen. Dieſe Reiſe, das wußte ſie allzu gut, war in jetzigen Umſtän⸗ den das Signal zu der ewigen Trennung. „Wohlan denn!“ flüſterte ſie bei ſich ſelbſt, und er⸗ hob von Neuem das Haupt,„was bedeutet ein halbes Jahr früher oder ſpäter?— Es ſoll ja doch geſchehen! um Lavinia's Betragen und Gemüthsſtimmung recht beurtheilen zu können, müſſen wir in der Erzählung einige Stunden zurückgehen. Um dieſelbe Zeit, da das Geſpräch zwiſchen dem Grafen Adrian und dem Rittmeiſter in dem Zimmer des Grafen vorfiel, wurde noch ein anderes in Lavinia's Ka⸗ binette gehalten. „Verzeihen, verzeihen Sie, beſte allergnädigſte, gui⸗ dige Frau! daß ich ſo mitten am blanken Vormittagt mir die große Freiheit nehme, in der Vorbeifahrt meint Aufwartung zu machen. Um aber die reine Wahrheit t ſagen, ſo habe ich ein Anliegen, das ich keinem Anden anvertrauen könnte.“ 4 „Es bedarf nicht ſo vieler Entſchuldigungen, Frmn Kamrerin!“ antwortete Lavinia mit dieſer abgeſchnittenet Höflichkeit, deren Sinn nicht ſehr zweideutig iſt.„Womi kann ich zu Dienſten ſein?“ Sie bot der Frau Kama Kumlin einen Stuhl, welchen dieſe unter erneuerten neigungen in Beſitz zu nehmen eilte. 3 „Ja nun werde ich die Chre haben, der gnädige 4 Pferde und Wagen zu Deiner Diſpoſition!“ woltteſt, Frau die Tochter eine rech die Erzi Tochter Fräulein Brautſch mehr Ha ſind, da intim ge pathien, ſehen, u Andere ſehen Si wollte n überraſch derswik „Un Lavinia gue der *„ „Weißt I Muſter ſenborg traurigen ſo bekann Großmut Riddersn ter. Nu Familie; Meine ſe ſchmidt och nu ſo meint glaube, außer in ine An⸗ ete, mit 4 n Fruͤh⸗ ſo ſtehen oſition! u. Dieſe Umſtän⸗ und er⸗ n halbes ſchehen!“ ung recht frzählung chen dem mmer des nig's Ka⸗ gſte, gni⸗ ormittagt hrt mein ahrheit zu n Ander en, Frn ſchnittenen „Wem 195 Frau die Sache zu ſagen! Es iſt nämlich ſo, daß meine Tochter Sophie, welche Gottlobh nach mein en Umſtänden eine recht ſorgfältige Erziehung genoſſen hat— ich habe die Erziehung ſtets für die Hauptſache gehalten— meine Tochter Sophie, ſage ich, hat von ihrer guten Freundin, Fräulein Karin auf Ridderswik, das Vertrauen erhalten, ihr Brautſchnupftuch zu nähen. Fräulein Karin könnte gewiß mehr Hände bekommen, als zu ihrem Schnupftuche nöthig ſind, da ſie aber ſeit ihrer Kindheit mit meiner Sophie intim geweſen iſt: ſie haben in allen Dingen ſolche Sym⸗ pathien, daß es eine wahre Freude iſt ſie zuſammen zu ſehen, und darum war es unmöglich, daß irgend eine Andere als ihre liebe Sophie den Auftrag erhielt. Aber ſehen Sie nun, meine beſte, gute, gnädige Frau! nun wollte meine Tochter ihre Freundin mit einem Muſter überraſchen, das nicht unter den Sammlungen auf Rid⸗ derswik iſt, und da dachten wir hin und her.“ „Und dabei fiel die Wahl auf mich?“ beeilte ſich Lavinia zu ſagen, um, wie ſie ſich einbildete, die Haran⸗ gue der Kamrerin Kumlin zu beendigen. „Ganz richtig, Ihro Gnaden! Ich ſagte zu Sophie: Weißt Du,“' ſagt' ich, ‚wenn irgend Jemand ſinguliere Muſter hat, ſo muß es gewiß die gnädige Frau auf Ro⸗ ſenborg ſein.’ Doch da dachten wir auch ſogleich an den traurigen Umſtand, daß wir nicht die Ehre hatten hier ſo bekannt zu ſein, wie auf Ridderswik. Fräulein Karin's Großmutter, dieſe ſüße, alte, ehrwuürdige Freiherrin auf Ridderswik, iſt allzu aimabel gegen mich und meine Toch⸗ ter. Nun, nun, die Freiherrin kennt das Alter meiner Familie; Gott ſei Dank, ſie braucht ſich nicht zu ſchämen! Meine ſelige Großmutter war eine geborne von Wolf⸗ ſchmidt und meine Mutter ein Fräulein von Aedelhjorta. och nun wiederum auf die Muſtergeſchichte zu kommen, ſo meinte Spphie:„Weißt Du, Mutter,“ ſagte ſie, ich glaube, wir können Frau von C- ſköld nicht beläſtigen, Außer im letzten Nothfalle; wenn Du daher ſo gut ſein wollteſt, da du doch einmal ausfährſt, erſt bei der armen 1 6 Marie Rehnman nachzuhören.... Ich hoffe Ihro Gna⸗ den haben die Gute und entſchuldigen, daß ich hier ganz dreiſt Sophiens Worte wiederhole. Es iſt ſonſt vielleicht nicht recht delikat, den Namen der Mamſell Rehnman in Dero Preſence zu nennen; doch, bei Gott, es iſt ſehr ſchwer, recht verblümte Redensarten zu finden, wenn man von einer gewiſſen Perſon redet.“ Obgleich im höchſten Grade von der dummdreiſten Vertraulichkeit der Klätſcherin beläſtigt, behielt dennoch Lavinia ihre gewöhnliche Faſſung.„Meine beſte Frau Kamrerin!“ ſagte ſie mit einem kleinen Anſtriche von vornehmer Würde,„es iſt nicht ehrend für mich, wenn ich ſo laut meine Menſchenliebe bezweifeln höre. Ich hege eine warme Theilnahme für das unglückliche Mäͤdchen; und meine Ohren ſind mit keiner ſo übertriebenen Ver⸗ ſchämtheit behaftet, daß es mich peinigt, wenn ich nur ihren Namen nennen höre.“ „Wehe mir, gute, gnädige Frau, wenn es mir je⸗ mals eingefallen iſt, Dero großmüthige und ſchonende Gefuhle in dieſer delikaten Sache zu bezweifeln! Und ich meines Theils bin allzu aufgeklärt, allzu ſehr über allen Hochmuth erhaben, und habe Gottlob, allzu viel mit der Welt gelebt, als daß ich nicht jetzt wie ſonſt mit jedem gefallenen Mitmenſchen ſollte reden können, beſonders mit der kleinen, armen, unglücklichen Marie. Denn, wie Frau Rehnman, die alte Ehrenfrau, bisweilen zu ſagen pflegt: ‚man ſoll nicht Steinchen auf unſern Herrn werfen, . 41 ſonſt wirft er Steine zurück. „Das iſt gewiß ſehr wahr; doch glaube ich, Frau Kamrerin, wir kommen jetzt, wie Sie eben ſelbſt bemett⸗ ten, allzu weit ab von der Muſtergeſchichte“ „Nein, beſte, gnädige Frauf Eben dahin will ſch jetzt kommen. Ich beſuchte heute früh die guten Damei auf Kullen. Die Alte war nicht zu Hauſe, und, bein lebendigen Gott! ich konnte kaum die Thränen zuriha ten, als ich die Mamſell nach dieſem letzten Kummer mah den ſowohl ich und alle andern klugen Lente für sin 5 himmliſe was ich „N ihres Ki Gegend hier in „ Ihre bei Seel' vi Doch un Ihro G daß in 2 das arme den Vor⸗ keine rec dieſe für Jetz Bund Tiſche au zung aus Billet mi erpreß w gnädige ſind wah Ja, ſo ſtehen!“. Die lich lang lets die „Nu ſagte La zurück ſe o Gna⸗ er ganz vielleicht tehnman iſt ſehr nn man ndreiſten dennoch te Frau ſche von ), wenn re. Ich Nädchen; ien Ver⸗ ich nur mir je⸗ ſchonende Und ich ber allen mit der nit jedem ders mit nn, wie zu ſagen n werfen, ), Frau t bemert⸗ will ich n Damei nd, bein zurückhalt amer ſh für ein 197 himmliſche Wohlthat hielten— Ihro Gnaden wiſſen, was ich meine?“ „Natürlich meinen Sie den Kummer über den Tod ihres Kindes. Das Scharlachfieber hat leider in dieſer Gegend große Verheerungen angerichtet, das haben wir hier in allzu hohem Grade erfahren müſſen.“ „Ja, das mögen Ihro Gnaden wohl ſagen, die Sie Ihre beiden kleinen Stieftöchter verloren. Es war meiner Seel' viel, was der Herr Rittmeiſter auf einmal verlor! Doch unſer Herr ſieht, was das Beſte iſt. Aber ich will Ihro Gnaden nicht länger aufhalten; ich will nur ſagen, daß in Anſehung der traurigen Umſtände Mamſell Marie, das arme Mädchen, nun ſeit langer Zeit keine Arbeit von den Vornehmen gehabt hat, woher es denn kam, daß ſie keine recht modernen Muſter hatte. Aber ſie lieh mir dieſe für den Fall, daß ich keine beſſeren finden ſollte.“ Jetzt zog die Kamrerin aus ihrem Arbeitsbeutel ein Bund Muſter, die ſie ſehr geſchickt um ſich her auf dem Liſche ausbreitete, und dabei mit der glücklichſten Beſtür⸗ zung ausrief: „O der Tauſend! ſie hat in der Eile dieſes kleine Billet mit eingelegt! Nun habe ich noch die Beſchwerde, erpreß wieder nach Kullen zu ſchicken. Aber ach, beſte, gnädige Frau! welch ein ſchönes Bett! Ich glaube, das ſind wahre Löwen und eine veritabel echte Vergoldung. da⸗ ſ ſoll es bei Leuten ſein, die ſich auf etwas ver⸗ ſtehen!“... Die Kamrerin wendete ſich mit dem Kopfe hinläng⸗ lich lange um, damit Lavinia an der Aufſchrift des Bil⸗ leis die Handſchrift ihres Mannes erkennen konnte. „Nun muß ich wohl gehen und meine Muſter holen!“ ſagte Lavinia, als die Kamrerin ihren Kopf auf den Diſch zuruͤck ſchwenken ließ. Acch, meine ſüße, gnädige Fraul ich bin allzu ob⸗ ligirt, es iſt wirklich eine ausgezeichnete Guͤte! und wenn ich hoffen könnte, Ihnen bisweilen einen Gegendienſt er⸗ 198 weiſen zu können, ſo würde es mir höchlich ſchmeicheln und eine große Freude ſein!“ Sobald Lavinia an die Commode gegangen war und der Kamrerin den Rücken zugewendet hatte, ließ dieſe un⸗ vermerkt das Billet auf die Matte gleiten, ſchob es mit dem Fuße unter Lavinia's Fußſchemel und ſteckte dann die Muſter wieder in den Arbeitsbeutel. 3 Unter den Muſtern der„ſüßen gnädigen Frau“ fand die Kamrerin natürlicher Weiſe bald das richtige und be⸗ gab ſich hinweg ohne Gewiſſensbiſſe über ihre doppelt nichtswürdige Handlung. Zu dem Billete war ſie auf folgende Art gekommen: Als Maria Rehnman ihr Nähkäſtchen durchſuchte, war ſie auf einige Augenblicke hinausgerufen worden; ſie hatte den Deckel zugemacht, aber das Käſtchen nicht ver⸗ ſchloſſen. Eine kleine unſchuldige Neugierde auf einige Muſter konnte nicht gefährlich, noch viel weniger unehrlich oder geraden Weges ſchändlich ſein. Alſo tauchte der Falkenblick der Kamrerin hinab in die kleinen Fächer des Käſtchens und brauchte nicht lange zu tauchen, ſo hatte er einen Halt gefunden an dem erwähnten kleinen Billete, das ſichtbarlich in den letzten Zeiten geſchrieben und mit einem ſchwarzen Siegel verſehen war. Augenblicklich bes fand ſich der Fund in der Taſche der neugierigen Kam⸗ rerin; und als Maria wieder einkam, ſo ſaß ſie dort ſe unſchuldig wie ein Lamm und ſpielte mit der Katze— eigentlich aber ſpielte die Katze mit dem Lamme. Die tief gebeugte Maria ahnte nichts, dachte an nichts; doch die Kamrerin Kumlin dachte daran, daß 8 noch ganz vor Kurzem eine Zeit gegeben hatte, da M Rehnmann als Muſter von Tugend, Schönheit und Am muth betrachtet worden war, und daß die Kamrerin mals oft bittern und unauslöſchlichen Aerger empfu hatte, ihre geliebte Tochter, ihre ſo gut erzogene S. zurückgeſetzt und in allen Dingen als ſo ſehr unter M Nehnmann ſtehend, betrachtet zu wiſſen, daß von gar keintt Vergleichung zwiſchen beiden die Rede ſein könnte. 3 „A immer „obgleich gut un wolle Andre. Was nu reri, no in den wuͤrde, den geh Un dieſes, der Eil Kamreri laſſigkeit Nichts k Nie, nie noch hat zweiten trauen Sie hat ſie durch Die ſie ſich Weberka weben n dem W die„St neicheln var und dieſe un⸗ es mit te dann iu“ fand und be⸗ doppelt kommen! rchſuchte, rden; ſie nicht ver⸗ uf einige unehrlich uchte der ächer des ſo hatte n Billete, und mit icklich be⸗ gen Kan⸗ ie dort ſe Katze— dachte an , daß da Marz rerin da empfunden ne Soph 199 „Aber ſolche ſcheinheiligen Tugendmuſter kommen immer zu Fall!“ damit tröſtete ſich die Kamrerin jetzt, „obgleich,“ wie ſie ſich ferner auszulaſſen pflegte,„ſie zu gut und wohlwollend war, um nur daran denken zu wollen; daß Maria ſich für beſſer gehalten hatte, als Andre. Dieſer Fehler hatte ſich nun ſelbſt geſtraft.“ Was nun beſagtes Billet ſelbſt betraf, ſo fand die Kam⸗ rerin, nachdem ſie ſich einige Büchſenſchüſſe vom Hofe entfernt, in den Beſitz ſeines Inhaltes geſetzt hatte, dieſen von ſo bedeutungsvoller Beſchaffenheit, daß es faſt um der armen Frou C-ſtöld willen eine Gewiſſensſache geweſen ſein wuͤrde, wenn ſie das Billet nicht auf eine feine Art an den gehörigen Ort geſchafft hätte. Und was konnte nun wohl auf Erden feiner ſein als dieſes, da doch Maria ſelbſt glauben mußte, ſie hätte in der Eile das Billet mit den Muſtern eingewickelt; die Kamrerin dagegen hatte aus einer gleichen kleinen Nach⸗ laſſigkeit daſſelbe zufäͤllig auf die Matte fallen laſſen! Nichts konnte ja einfacher und natürlicher ſein als dieſes! Nie, nie konnte ſie förmlich angetaſtet werden, und den⸗ noch hatte ſie die Freiheit, in der allerſtillſten Stille jeder zweiten Klatſchfreundin den Inhalt des Billets anzuver⸗ trauen— was konnte ſie für Maria's Nachläſſigkeit? Sie hatte ſogar das Herz dazu, Maria zu bedauern, daß ſie durch eigene Unvorſichtigkeit ihre Geheimniſſe ausbreitete. Die Kamrerin Kumlin war gereiſ't, doch zuvor hatte ſie ſich noch mit der„Statthalterin“ über die Wahl des Weberkammes berathen, womit ſie nächſtens ihren Drillich weben wollte. Bei dieſer Berathung ſiel gleichwohl außer dem Weberkamme noch manches intereſſante Wort, das die„Statthalterin,“ welche nach dem Zeugniſſe der Kam⸗ terin ſowohl buchſtabiren als auch zuſammen legen konnte, in ihrem Herzen bewegte, um es dereinſt zu ſeiner Zeit mit guter Erndte wieder zu ihrer alten Herrin zu tragen. Nachdenkend ſtützte inzwiſchen Lavinia ihren Kopf mit der Hand; aber ſie mochte die Augen zudrucken oder nicht, ſo half es doch nicht: uberall ſah ſie dieſe Auf⸗ ſchrift. Demoiſelle Maria Rehnman klang es be⸗ ſtändig in ihren Ohren. Sie hatte ſich auch ſeit ſeht langer Zeit nicht mit Maria beſchäftigt. Das Band, welches zwiſchen dem Rittmeiſter und ihr ſein oder rich⸗ tiger geweſen ſein konnte, von welcher Art es auch ſein mochte, gehörte der Vergangenheit, nicht der Gegenwart an. Ludwig's Gefühle ſchienen gegen das Ende des erſten Vierteljahres eine Richtung angenommen zu haben, welche Lavinia nicht mit Gleichgültigkeit betrachten konnte; doch die Richtung, welche ſie während der Krankheit der Kinder und beſonders nach ihrem Tode offenbart hatten, hatte ihr ſo manchen Seufzer, ja ſo manche Thräne gekoſtetz denn dieſe ſtille, myſtiſche und verſchämte Sympathie zwiſchen zwei ſo nahe vereinten und doch ſo ſehr getrennten Perſonen hatte einen Reiz, für welchen Lavinia immer weniger kalt wurde. Ludwig's edles Herz, ſein männlicher, wenn auch ſtrenger Charakter, ſein wirklich warmes Ge⸗ fühl verdeckten die Fehler, welche ihm angeboren waren. Was hatte nun der armen Maria Rehnman’'s Name hiemit zu thun?„Die böſe Kamrerin!“ dachte Lavinig. Es war vermuthlich irgend ein altes Billet von Ludwig Wittwerzeit, das ſie aufgeſchnüffelt hatte, und wenn f auch noch ſo neu war, ſo handelte es gewiß von unwich⸗ tigen Dingen. Doch war ihr alles nicht recht von dem Nähzeugt bis zum Fußſchemel. Letzterer erhielt einen Stoß, um dem Fuße eine bequemere Stellung zu verſchaffen... und was bedeutete nun das?— war es wieder eine Einbil⸗ dung?—„Demoiſelle Maria Rehnman!“ Lavinia bückte ſich.„Mein Gott, da iſt ja wiedt dieſes abſcheuliche Billet! die Kamrerin hat es verloren.. oder hat ſie es vielleicht abſichtlich hier gelaſſen?“ Nur einige Augenblicke ruhte es in Lavinia's Schoß während welcher ſie es mit Gefühlen des gemiſchteſten Inhaltes betrachtete.„Wenn ich es leſe, ſo kann ich mich wahrſcheinlich überzeugen, daß er vollkommen unſchuſdig iſt. Leſe ich es nicht, ſo geht mir die einzige möglicht Gelegen! Doch w zu wiſſe gewiſſer deutet e opfernde Sie erblaßte überfloge „H zu beun Eiferſuch ihr ein lich noth Do meine gr ligte, we ich geſtel es giebt man ſie Ma Was ka beſuche? wir beide gegenſeit 4 Die Hand ge ihre Tau täuſchen einfättige zeigt hat ſich bei Blicken dazu hat Ueberdies Jes be⸗ ſeit ſehr 3 Band, der rich⸗ ruch ſein egenwart es erſten I, welche te; doch r Kindet n, hatte gekoſtetz ympathie etrennten a immer unnlicher, mes Ge⸗ n waren. 's Name Lavinia. Ludwig wenn es unwich⸗ Nähzeuge toß, um 1... und e Einbil⸗ 1 ja wieder rloren n 2„ 's Schoß niſchteſten ich mich unſchudig 201 Gelegenheit, eine Gewißheit zu erhalten, aus den Händen... Doch wenn nun etwas da ſtände, was beſſer wäre, nicht zu wiſſen?..Gleich viel! ich muß es wiſſen! Es iſt gewiſſer Maßen ein Kirchenraub; doch mein Frieden be⸗ deutet ebenfalls etwas. Ich bin keine reſignirende, auf⸗ opfernde Romanheldin.“ Sie entfaltete das Billet, und erblaßte, erröthete und erblaßte von Neuem, indem ihre Augen folgende Zeilen überflogen: „Höre auf, beſte Marie! Dich über dieſen Gegenſtand zu beunruhigen. Meine Frau iſt ſo weit entfernt von Eiferſucht und Verdacht, daß es wirklich lächerlich wäre, ihr ein Vertrauen aufzuzwingen, welches, wenn es wirk⸗ lich nothwendig ſein ſollte, immer noch früh genug kommt. Doch ich verſtehe Dein reines weibliches Gefühl, meine gute Marie, und würde der Erſte ſein, der es bil⸗ ligte, wenn es nöthig wäre; doch es iſt nicht nöthig, und ich geſtehe, daß ich damit am beſten zufrieden bin, denn es giebt Dinge, die ſtets Schmerz verurſachen, ſo ſchonend man ſie auch berühren mag. Marie! Du darſſt mir nicht verbieten zu kommen! Was kann mehr recht und billig ſein, als daß ich Dich beſuche? Du arme, unglückliche Marie! In der Lage, worin 9 9 wir beide uns befinden, können wir uns doch wenigſtens gegenſeitig tröſten. Ludwig C=— ſköld. Dieſe vor nicht vollends einem Monate von Ludwig's Hand geſchriebenen Zeilen zerſtörten alles, was Lavinia ihre Täuſchung nannte. Jetzt konnte ſie ſich nicht mehr täuſchen— alles war klar außer der unbegreiflichen und einfältigen Leichtgläubigkeit, welche ſie ihres Theils ge⸗ zeigt hatte. In dieſem Augenblicke ihren Mann zu ſehen, ſcch bei Tiſche ſeinen und des Grafen Adrian's ſpähenden Blicken auszuſetzen, das fühlte ſie zwar allzuviel gewagt, dazu hatte ſie noch nicht Macht genug über ihre Gefühle. ſberdies gebrauchte ſie Zeit, um nachzudenken und die möglicht Att ihres Betragens, die ſie nun annehmen wollte, zu — prüfen und zu beſchließen. Um Zeit und dieſe Herrſchaft über ſich ſelbſt zu gewinnen, blieb ſie in ihrem Zimmerz und in ſolchem Grade hatte ſich das Blut hinaufgedrängt in ihren Kopf, daß ſie vollkommen darauf rechnen konnte, ihr Uebelbefinden würde wenigſtens Frau Brunsberg täuſchen. Aus dem Strome der Eindrücke, welchem Lavinia ſich nun hingab, ſtiegen einige in beſtimmter Gedanken⸗ form in ihr auf. Ein ſolcher Menſch war alſo Ludwig, dieſer ſtolze, redliche und wohldenkende Mann, den ſie ihrer Achtung ſo würdig gehalten hatte! Einmal hatte er die Abſicht gehabt, dieſe Maria Rehnman ſich zur Frau zu nehmenz doch er gab ſie lieber der Schande Preis. Er, der noch nie die Macht der Liebe kennen gelernt hatte, war den⸗ noch im Stande geweſen, mit ſo großer Geſchicklichket dieſe Intrigue zu ſpielen, welche er noch immer untet⸗ hielt— doch dies war eine Sache, über welche das Billet keine Aufklärung ertheilte. Aber auf jeden Fall war ti zu viel, in jeder Hinſicht zu viel! Jetzt kamen die Fragen. „Soll ich ganz einfach ihm das Billet geben ohn eine Erklärung zu ſordern?“ Dieſes war gewiß der geradeſte Weg eine ſolche zu erhalten; da ſie jedoch das Billet noch einmal las, und dieſes den Wunſch verrieth, daß dieſe Erklaͤrung nie in Frage kommen möchte, ſo fühlte ſie, daß ſie trotz ihres Verdruſſes nicht den Muth hatte, dieſen Mann zu dee müthigen, welcher, nachdem er einmal vor ſeiner Frm hatte erröthen müſſen, ſie nachher nie hätte lieben können. Bei dieſem Schlußſatze, über den Lavinia ſo ſchnel wie möglich hinglitt, brannte ihre Wange von noch höheret Röthe.„Ich bin wirklich wahnſinnig!“ ſagte ſie i einem halb verächtlichen, halb mitleidsvollen Lächeln un nahm von Neuem mit einiger Anſtrengung den Fads ihres Gedankenganges auf. 5 „Iſt es auf der andern Seite klug, iſt es recht, di⸗ ſen Slandal, den Alle kennen, ſtill zu ertragen— zu tragen, Zartgefü gebeten hier übe giebt es Wegen Na ſchloß ſi Partie e zu füberz gewiß d Jet das Bill daß dieſe gehabt. An wenden? die bost Adrian? MNann, verbot d treu; de ſchlaue; konnte d einer gl mußte— übrig, u ten geſt kehrte ſi den Auf W ſuchte, unterbra danken. Es Lavinia: hatte. derrſchaft Zimmerz gedrängt u konnte, täuſchen, Lavinia hedanken⸗ ſer ſtolze, Achtung ee Abſicht nehmen; der noch war den⸗ hicklichket ner untet⸗ das Billat l! war g eben ohnt ſolche zu las, um ng nie in trotz ihres in zu de iner Fru en können. ſo ſchnel öch höhern te ſie mit icheln, un den Fada recht, di 203 † tragen, daß er ohne Rückſicht auf die Forderungen des Zartgefühles, ſeine Beſuche fortſetzt, obgleich ſogar ſie ihn gebeten hat damit aufzuhören? O, es iſt allzu ſchwierig, hier über Recht und Unrecht zu urtheilen! Und doch giebt es nicht mehr als eine Wahl zwiſchen dieſen beiden Wegen— reden oder ſchweigen!“ Nach einem hartnäckigen und ſchweren Kampfe ent⸗ ſchloß ſie ſich endlich zum Schweigen; und nachdem dieſe Partie einmal ergriffen war, ſo wurde es ihr leichter ſich zu füberzeugen, daß dieſelbe, von mehren Seiten betrachtet, gewiß die beſte wäre. Jetzt war nur noch übrig ein Mittel zu erfinden, das Billet in Maria's Hände zurück zu ſchaffen, ohne daß dieſe ahnen konnte, Lavinia hätte es in den ihrigen gehabt. An wen ſollte ſie ſich mit dieſem ſchwierigen Auftrage wenden? Um alles in der Welt wollte ſie ſich nicht an die boshafte Kamrerin wenden... Vielleicht Graf Adrian?... Unmöglich! Er war wohl ein zuverläßiger Nann, aber Lavinia's eigenes Gefühl für das Paſſende verbot dieſe Wahl. Frau Brunsberg war zuverläßig und treu; doch ſie war eine Frau und noch dazu eine recht ſchlaue; ſie würde alles verſtehen, denn unglücklicher Weiſe konnte das Billet— da es als verloren und von irgend einer gleichgültigen Perſon gefunden, angeſehen werden mußte— nicht verſiegelt werden. Nur ein Einziger blieb übrig, und Lavinia war überzeugt, daß ſie nun den rech⸗ ten geſunden hatte. Der Feldwebel, der gute Mann, kehrte ſich an nichts als was man ihm ſagte— er würde den Auftrag ausrichten. Wahrend ſie aber nun eifrig nach einem Vorwande ſuchte, wie ſie an ihn kommen und mit ihm reden könnte, unterbrach Ludwig's unerwarteter Eintritt alle ihre Ge⸗ danken. Es war unglücklich für ſie beide, daß er kam ehe avinia's Seele ihr ganzes Gleichgewicht wieder erhalten hatte. Sie ſah es als eine Handlung von Eigenmacht 204 an, daß er wider ihren Willen in ihr Zimmer drang— wozu ihn aber doch nur die lebhafte Unruhe veranlaßte— und da ſie noch nicht überlegt hatte, wie ſie nach dem⸗ jenigen, was vorgefallen war, ihn treſſen könnte; und dar Augenblick, der Zufall, der harmvolle Schmerz, den dieſer Augenblick in ſeinem Gefolge gehabt hatte, alles trug dazu bei, ihr eine für ihren Charakter gänzlich fremde Reizbar⸗ keit zu geben. Erſt als ihr Mann die Thür hinter ſich geſchloſſen hatte, erſt als das Echo in ihrem Ohre ſeine letzten Worte wiederhallte:„Wenn Du nicht, ehe wit uns Morgen beim Frühſtück treffen, dieſen Deinen Ent⸗ ſchluß zurückrufſt, ſo ſtehen um zwölf Uhr Pferde und Wagen zu Deiner Diſpoſition!“ erſt da empfand ſie mit Angſt im Herzen die unberechenbare Wichtigkeit des Schrittes, den ſie gethan hatte— einer der wenigen Schritte in ihrem Leben, da das Gefühl den Herm der Vernunft und des Nachdenkens geſpielt hatte. Eine Weile verdrängte dieſe letzte Bekümmerniß voll⸗ kommen die erſte. Endlich kehrten Gedächtniß und Be⸗ ſinnung zurück. Nothwendig mußte etwas bei dem einm gethan werden, ehe ſie ſich dem andern hingeben durfte. Gegen ſieben Uhr trat Frau Brunsberg mit Thee ein. Jetzt hatte Lavinia ihren Entſchluß gefaßt. „Meine beſte Frau Brunsberg!“ ſagte ſie in ihrem freundlichſten Tone,„ich fühle, daß ich dieſe Nacht kein Auge zumachen kann, ohne erſt ein wenig friſche Luſt einzuathmen. Es kann lächerlich ſein, zu dieſer Tagee⸗ zeit auszureiſen; doch ich muß. Sein ſie daher ſo gütig, den Herrn Feldwebel zu bitten, daß er vor einen kleinen Schlitten ſpannen läßt. Er kann mich ſelbſt fahren, wem er ſo gut ſein will; denn, ſehen Sie, liebe Frau Bruns⸗ berg! da es jetzt um die Zeit iſt, da mein Mann und der Graf ſich mit ihrem lieben Tivoli unterhalten, ſo will ich nicht gerne, daß ſie geſtört werden ſollen.“ „Ja, aber beſte gnädige Frau, kann das auch geſund fein? Und dann weiß ich auch nicht, ob der Feldwebcl es wagt, ſelbſt zu „Do geben!“ Widerſpr die Nach Fra⸗ und beid die Wette mermehr geweſen! „Ab einige Leu und da ſteht, als der Stell Der eine feine nun ſchor Freierei z Und den; denrn ſie des A blätterte, dieſer„ei die Bruſt Na ten vorge für die J aang— laßte— ch dem⸗ und der en dieſer rug dazu Reizbar⸗ nter ſich hre ſeine ehe wir nen Ent⸗ rde und fand ſie gkeit des wenigen u Herm niß voll⸗ und Be⸗ em einen en durfte. Thee ein. in ihren racht kein iſche Luſt r Tages⸗ ſo gütig en kleinen ren, wem u Bruns⸗ tann un n, ſo will ch geſund Feldwelil 20⁵ es wagt, ein Pferd zu nehmen, da der Herr Rittmeiſter ſelbſt zu Hauſe iſt, ohne erſt um Erlaubniß zu fragen.“ „Das iſt meine Sache: ich habe ja den Befehl ge⸗ geben!“ erwiederte Lavinia in einem Tone, der keinen Widerſpruch duldete. Um eine Viertelſtunde erwarte ich die Nachricht, daß es vorgeſpannt iſt!“ 4 Frau Brunsberg richtete den erhaltenen Auftrag aus, und beide, ſie ſelbſt und der Feldwebel betheuerten um die Wette, daß die ſelige gnädige Frau dergleichen nim⸗ mermehr gewagt haben würde, wenn der Herr zu Hauſe geweſen wäre. „Aber es iſt ſo, mein lieber Herr Feldwebel: für einige Leute ſchreitet die Zeit vorwärts— ſie machen hie und da Aenderungen— während ſie für andere ſtille ſteht, als ſtände ſie auf einem Felſen, und ſich nie von der Stelle bewegt!“ Der Feldwebel verſtand nicht ſo viel, als daß dieſes eine feine Alluſion auf den Umſtand ſein ſollte, es wären nun ſchon ſeit der Zeit drei Monate vergangen, da die Freierei zuerſt auf den Roſt gelegt worden war. Und aus dieſer Freierei ſollte gewiß nie etwas wer⸗ den; denn vergebens wunderte ſich Frau Brunsberg, wenn ſie des Abends aus verſchiedenen Urſachen im Kalender blätterte, wie wohl der Tag heißen möchte, an welchem dieſer„einfältige Stümper“ wieder ein wenig Muth in die Bruſt bekommen möchte. Nach der beſtimmten Viertelſtunde war der Schlit⸗ ten vorgefahren und Lavinia unten. Mondſchein und eine füt die Jahreszeit ziemlich gute Schlittenbahn begünſtig⸗ ten die Fahrt. „Mein beſter Herr Feldwebel!“ ſagte Lavinia, als ſie ein wenig außerhalb der Allee waren,„ich habe eine Bitte an Siel Wollten Sie mir wohl einen kleinen Dienſt erzeigen 20 —8,89, Herr Gott! wie können Ihro Gnaden ſo fragen? Ich wollte gewiß alles thun, wenn ich nur alles könnte, was ich will.“ 206 „Keiner kann es beſſer. Die Kamrerin Kumlin welche heute Vormittag hier war, verlor in meinem Zim⸗ mer ein Billet, welches ſie zufällig von Kullen mitgenom⸗ men hatte. Ich habe es natürlicher Weiſe nicht geleſen; da gleichwohl die Eignerin es glauben könnte, ſo wunſchte ich, wir veränderten die Sache ganz unſchuldig ſo, daß Sie es auf der Treppe gefunden hätten, da Sie gleich nach der Abreiſe der Kamrerin in die obere Wohnung gehen wollten.“ „Ach ſo?— ich fand es auf der Treppe! Gut, Ihro Gnaden, darin liegt nichts Böſes, ſo weit ich ſehen kann.. Doch was that ich dann damit?— das weiß ich wahrhaftig nicht!“ „O, das iſt leicht zu verſtehen. Ich rathe, daß Sie es auf der einen Seite für Ihre Pflicht hielten, das Bille nicht zu leſen, und auf der andern es ſo bald wie mäg⸗ lich wieder auf Kullen abzugeben, wo man vielleicht ſchon unruhig iſt, weil man es vermißt. Mit einem Worte, mein beſter Herr Stark! es würde mir äußerſt angenehn ſein zu wiſſen, daß es Morgen früh in den Händen der Mamſell Rehnman wäre.“ Lavinia zog das Billet hervor und überlieferte es dem Feldwebel, welcher es einſteckte mit den Worten; „Gut, Ihro Gnaden, es ſoll geſchehen!“ „Und kein Wort zu irgend Jemanden von dem⸗ jenigen, was wir hier geſprochen haben 1“ „Beſtimmt nicht, Ihro Gnaden!“ „Eben weil ich wußte, Herr Feldwebel, daß ich mich auf ihr Wort verlaſſen konnte, ſo wendete ich mich au Sie und an keinen Andern.. Doch ich glaube, es be⸗ ginnt kalt zu werden; wenden wir alſo am Kreuzwegel Als der Schlitten wieder die Allee heraufkam, ſe ſtand der Rittmeiſter ſelbſt da und öffnete den Thonwh⸗ der Rittmeiſter ſelbſt nahm, ohne ein Wort zu is N Lavinia in ſeine Arme und trug ſie die Treppe hinauf. Während dieſer wenigen Secunden, da Lavinia die kurzen, gewaltſamen Athemzüge, die ſtürmiſchen Schlt ſeines He ihre See ſelbſt wa ger Zeit! Keir hatte, w er in den dankenvol „Du 6s, fras „O, ben und zur rechte kleine Lu ihre Rück „Etr tag ganz „Ich Augen nie perte ein und lobte Dennoch Tiſche ſaf ſeines Leb das einfe Kumlin, em Zim⸗ tgenom⸗ geleſen; vunſchte ſo, daß ee gleich Vohnung 21 Gut, ich ſehen das weiß daß Sie das Billet wie moͤg⸗ icht ſchon n Worte, angenehm änden dar lieferte e Worten; von dem⸗ zich mich h mich an be, es be⸗ euzwegel ifkam, ſ Thorwa⸗ das einförmige Trauerſpiel ſeines eigenen Lebens; und 207 ſeines Herzens vernahm, ging eine ganze Revolution durch ihre Seele. War in dem Billet Wahnſinn, oder war ſie ſelbſt wahnſinnig? Hatte ſie nicht ſchon einmal vor lan⸗ ger Zeit dieſe Zeichen erfahren— konnten ſie betrügen 24 Kein Wort wurde gewechſelt. Als Ludwig geſehen hatte, wie Lavinia in das Schlafzimmer ging, ſo kehrte er in den Saal zurück, wo er den Grafen Adrian ge⸗ dankenvoll beim Tivolitiſche antraf. „Du verſchwandeſt ſo mit einem Male— was gab 6s?“ fragte der Graf. „O, nichts beſonderes. Ich hörte ein Pferd ſchnau⸗ ben und ging hinunter auf den Hof, wohin ich noch eben zur rechten Zeit kam, um zu ſehen, wie meine Frau eine kleine Luſtfahrt im Mondſcheine machte. Ich erwartete ihre Rückkehr und hob ſie vom Schlitten— das iſt alles.“ „Etwas iſt entzwei— Du biſt Dir ſeit heute Mit⸗ tag ganz unähnlich geweſen!“ „Ich bin ſchläfrig, Bruder, ſchläfrig, daß ich die Augen nicht offen halten kann. Supire Du allein und entſchuldige mich!“ Und Graf Adrian ſupirte allein, das heißt er klap⸗ perte ein wenig mit Meſſer und Gabel auf dem Teller und lobte die Coteletten, aß aber weniger als wenig. Dennoch ſaß er ganz geduldig da, bis alles zu Ende war; denn er war gewohnt, ſeine Gemüthsbewegungen nicht Herren werden zu laſſen über die kleinen Gewohn⸗ heiten des täglichen Lebens. Als er aber auf ſeinem Zimmer war und vor dem Tiſche ſaß, auf welchem die beſte und liebſte Geſellſchaft ſeines Lebens, das Manuſcript ſeines Trauerſpieles offen lag ſo empfand er den Einfluß einer ſpannenden Unruhe ainer Unruhe, die ihm ſogar die bekannten Sätze ſei⸗ nes einzigen Vertrauten ſo undeutlich machte, daß er am Nande verſchiedene Kreuze machte zu einem Zeichen, daß er dieſes ſpäterhin beſſer prüfen wollte. Endlich gingen ſeine Gedanken über zu einem ernſten Nachdenken uͤber 4 4 208 ohne eigentlich beſtimmt den Wunſch auszuſprechen, daß bald ein Kreuz darauf geſetzt werden möchte, ſetzte er doch mit einem wehmuthsvollen Blicke auf den Sternenhimml hinter dieſen Gedanken ein Fragezeichen. Neunzehntes Kapitel. Daß weder Ludwig noch auch ſeine Gattin in dieſer Nacht dem Schlafe viele Stunden widmeten, verſteht ſich von ſelbſt. Ludwig hatte während der halben Stunde, die ar auf dem Hofe hin und her wanderte und Lavinia's Rück⸗ kehr erwartete, die ganze Macht ſeiner neuen Gefühle kennen gelernt. Er war von allen möͤglichen Vorſtellun⸗ gen gepeinigt worden, er hatte geglaubt, ſie wäre ſchon geflohen, und er wäre ihr gerne nachgeeilt; doch hattz er noch Beſinnung genug übrig zu warten, bis die Zet zu einer gewöhnlichen Promenade zu Ende ſein könnte. Als er aber die Rückkehr des Schlittens vernahm, als er das Pferd ſchnauben hörte und Lavinia's weißen Schleier erblickte, ſo hätte er beinahe durch einen Aus⸗ ruf ſeine gränzenloſe Gemüthsbewegung verrathen. Doch Vermochte er es über ſich, dieſen Ausruf zurück zu halten, denn er hatte ſich vorgenommen, mit keinem Worte auf ſie einzuwirken. Jetzt da er allein war und mit ſich ſelbſt ſtreng zu ſſ Gericht ging, mußte er gleichwohl geſtehen, daß vielleicht ein falſches Ehrgefühl Lavinia dahin bringen könnte, einen Schritt zu vollenden, zu welchem die erſte Idee nur durch einen angenblicklichen Eindruck geweckt worden war. und eben ſo fo daß er U Lage zu v Zurücknah ſen mußte Und nämlich, d ſo ſtolze wählen. „O, das Wort nung allzu nur einer reist— n den... zurückkehre geht doch: lüſterte die früh Mor tete-à-tét wenn er es bei dem Schweigen bewenden ließe, wenn kein verſöhnendes Wort von ſeiner Seite der Sache wi⸗ der aufhuͤlfe, ſo mußte er geſtehen, daß anch ihn ein 209 u, diß ben ſo falſches Ehrgefühl zurückhielte, offen zu geſtehen, er doch daß er Unrecht gehaht hatte, ſie in eine ſo ſchwierige hhimmal Lage zu verſetzen, in welcher ſie ſich entweder durch eine Zurücknahme ihres Begehrens demüthigen oder auch rei⸗ ſen mußte, ſie mochte wollen oder nicht. 3 Und noch ein drittes Bekenntniß mußte er ablegen, nämlich, daß ſehr geringe Hoffnung vorhanden wäre, eine ſo lhutze Frau, wie Lavinia, wuͤrde die Demüthigung wählen. 8 1d, hätte ſie mich nie dahin gebracht! Doch... das Wort iſt geſagt, und es wuͤrde mich in ihrer Mei⸗ in dieſer, nung allzu tief herabſetzen, wenn ſie ſähe, daß ich mich ſteht ſich nur einer leeren Drohung bedient hätte. Wenn ſie aber rist— wenn ſie reist!... Ich kann wahnſinnig wer⸗ die er den... Unter ſolchen Umſtänden würde ſie nimmermehr zs Rück⸗ zurückkehren. Sie kann es nicht, und ich.. Vielleicht Gefühle geht doch noch alles glücklicher, als ich jetzt ſehen kann!“ orſtellun⸗ flüſterte die Hoffnung, welche bisweilen die Geſtalt eines äre ſchon früh Morgens heraufgeſchickten Billets und bald eines och hatte téts-a-téte kurz vor dem Frühſtück annahm. die Zet Der Rittmeiſter klingelte ungewöhnlich früh. Es könnte war ihm, als müßte dieſer Tag viel eher beginnen als hm, als alle andere, weil auf dieſe Weiſe eine um ſo längere 3 weißen Zit bis zum Frühſtück übrig bliebe. Wie aber auch der nen Aus⸗ Nittmeiſter die Zeit ausdehnte, ſo ging dennoch die eine n. Doc Minute nach der andern hin, ohne daß ein Billet oder u halten, eine Botſchaft ankam, und bald war nichts als das letzte Corte auf Viertel vor der Frühſtücksſtunde übrig. „Sie nimmt nichts, keinen Buchſtaben zurück; ſie ſtreng zu iſ alizu ſtolz, ihrem Mann dieſen Beweiß von Achtung vielleicht in geben. Sie hält dies für eine deſpotiſche Laune von nte, einen mir, nach welcher ſie ſich nicht zu richten braucht... nur durch Und dennoch iſt ſie meine Frau, ſie ſollte Rückſicht neh⸗ var. In men auf meinen Willen, ja es wäre ihre Schuldigkeit ze, wenn dies zu ihun!“ zache wi⸗ immer heftigerer Unruhe ging er in ſeinem Zim⸗ 9 ihn en Cariéen. Bin Jahr. 14 210 mer auf und ab. Nie, nie war der eigenſinnige Mam ſo ſehr durch die Folgen des deſpotiſchen Eigenſinnes ſch⸗ nes Charakters geplagt und gepeinigt worden.„Es war gleichwohl keine Laune!“ ſagte er ferner zu ſich ſelbſt „Nein, bei Gott! es war meine Ueberzeugung; denn nach dem Betragen, das ſie ſich geſtern erlaubte, gab es mr eine Art zur Verſöhnung: ein offenes Geſtändniß, daß ſie mich beleidigt hatte.“— Nun flüſterte zwar das Gewiſſen des Rittmeiſters, daß ſie dies wahrſcheinlich ſchon geſtern Abend gethan haben würde, wenn es ihr nicht als eine Forderung det⸗ gelegt worden waͤre. Warum ſollte ſie derſelben gehor⸗ chen— gehorchen!... nein ſolches Wort konnte fir Lavinia nie in Frage kommen; und den Mann, welcher es ihr rückſichtslos zu verſtehen gegeben hatke, daß ſi ihre Gefühle beſiegen müßte, um dieſelben den ſeinigen zum Opfer zu bringen, würde ſie nimmermehr lieben, denn gäbe es keine vollkommene Gleichheit in der Chi⸗ ſondern der Eine wäre verpflichtet, geduldig jedes Joch zu ertragen, das der Andere auflegen wollte, ſo wütde das Ganze ein unwürdiges Joch. Alle dieſe neuen Gedanken ſtellten ſich dem Rittme⸗ ſter mit lebendiger Klarheit vor die Seele. Und er gelobte es ſich heilig, wenn er diesmal aus der Verlegenheit käme, in welche ihn ſeine leicht gereizte Heftigkeit verſetzt hätte, ſo wollte er ſich künftighin i Acht nehmen. Er wollte ja— und dieſes war die auf⸗ richtige Sprache ſeines Herzens— er wollte ja keint andere Macht über ſeine Gattin beſitzen, als die ihn eigene Vernunft und ihr Gefuhl geſtattete. Alle anden Macht wäre verabſcheuungswürdig und konnte ihm ut ie geringſte Befriedigung geben Doch nun mußte i ein Sklave ſeines Wortes ſein— das war ſeine eben ſe feſte Ueberzeugung, ob gleich er in jeder Secunde erwarte zum Frühſtuck gerufen zu werden. Und er wurde gerufen. 23 „Alſo vorbei— ganz Vorbei! Sie hat es verſchit * mir de ſoll es den ſind M Lavinia pier lag und ſtar ſchon z0 nicht un bitten, von Sei Unrecht konnte, ſtimmund niger ald von, Lu Gattin. einem g. daß ihr hatte. er glaub wäre., ein ande für eine mit Abſch „Il ge Manmn innes ſe⸗ „Es war ch ſelbſt. henn nach b es nur niß, daß ttmeiſters, d gethan rung vor⸗ en gehor⸗ onnte für , welcher „ daß ſe ſeinigm ör lieben, der Che, edes Joch ſo würd Rittme⸗ esmal aut ht gereizt ftighin i r die auf⸗ ja kein die ihr lle anden ihm me mußte a ne eben ſt 3 erwartſ iñ 211 mir den geringſten Wink zu geben. Wohlan denn! ſie ſoll es nicht ſehen, wie ſchwer mir dieſe Stunden gewor⸗ den ſind!“ 8 Mit der Feder in der Hand ſaß um dieſelbe Zeit Lavinia vor ihrem Schreibpult. Ein Blatt reines Pa⸗ pier lag vor ihr. Sie blickte auf die Uhr, ſie ſetzte ſich und ſtand wieder auf. Sie hatte das Alles wenigſtens ſchon zwanzigmal durchgemacht. Ihre Seele wollte ſich nicht unterjochen laſſen; ſie konnte nicht um Verzeihung bitten, nicht ihr Begehren zurücknehmen ohne einen Wink von Seiten Ludwigs; ſie konnte nicht bekennen, daß ſie Unrecht gehabt hatte, da ſie nicht die Urſache bekennen konnte, welche ſie in eine ſolche außerordentliche Gemüths⸗ ſtimmung verſetzt hatte. Und nun vermochte ſie es we⸗ niger als jemals; denn es war nicht allein die Frage da⸗ von, Ludwig vor der Schande zu bewahren, vor ſeiner Gattin zu erröthen— es war die Frage davon, ihn vor einem ganz natürlichen Verdachte zu bewahren: nämlich, daß ihr ganzes Betragen ſich von Eiferſucht hergeſchrieben hatte.... Wie?— Eiferſucht?... Nie, nie durfte er glauben, daß ſie einer ſo unerhörten Schwäche fähig wäre.„Man kann nicht eiferſüchtig ſein, ohne zugleich ein anderes Gefühl zu hegen, und man kann kein ſolches für eine Perſon hegen, die man vor ſechs Monaten faſt mit Abſcheu betrachtete— und nach noch ſechs Monaten...“ „Ihro Gnaden, das Frühſtück iſt ſervirt!“ „Schon? Iſt's ſchon ſo ſpät? Sind die Herren ſchon unten?⸗ 7Det Graf noch nicht, aber der Herr Rittmeiſter c.“ Ilitzesſchnell flog ihr der Gedanke durch den Kopf inunter zu eilen und durch ein Paar freundliche Worte es bedurſte kaum mehr als eines— die ganze wißrige Sache abzumachen. Ach! das war doch 4 mehr als ſie vermochte— lieber zwei Worte auf dem Papiere. „Nun, in Gottes Namen denn!“ Sie warf ſich ſeitwärtatauf den Stuhl, ergriff die Feder und tauchte ein.... „Unmöglich!“ Und nun lag die Feder weit weg auf V der andern Ecke des Pultes.„Ich muß reiſen!... Eine Abbitte überſteigt meine Kräfte...Ich mache mich krank...Nein, ich verachte jeden Kunſtgriff!“ Sie warf den Shawl über die Schultern und trat in den Saalz hier aber drehte ſich vor ihren Augen alles im Kreiſe herum. „Die gnädige Frau haben heute eine ſuperbe Farbe!“ ſagte Graf Adrian, indem er ihr einen Stuhl darbot. „Ich hoffe, die Kopfſchmerzen ſind über 2“ „Ja, ich bin heute völlig geſund. Sei ſo gut, Lud⸗ wig, und gib mir Deine Taſſe!“ Er reichte ſie ihr über den Tiſch.. Ihre Hände kamen in Berührung. Unwillkührlich ſahen beide auf. Lavinia's Blick war verſöhnend, Lud⸗ wig's düſter— alles konnte unmöglich mit einem Blicke abgemacht ſein. Mit heftigem Herzklopfen ſah Lavinia ein, daß ſie ihrem Schickſal nicht entgehen konnte, den ſie hatte die Bedeutung der Blicke ihres Mannes kennen gelernt. Dieſes Schickſal hatte ſie ſeit geſtern Nachmittag in ihrer eigenen Hand gehabt; jetzt empfand ſie die Folgen ihrer Unbiegſamfeit.... Und dennoch hätte ſie es ſelbſt in dieſem Augenblicke, obgleich ſie ganz wohl wußte, wie ſehr ſie Ludwig beleidigt hatte, nicht über ſich vermögen bönnen, die vier Worte niederzuſchreiben:„Ich will nicht reiſen“ Das Frühſtück näherte ſich ſeinem Ende— die Ver⸗ ſtimmtheit nahm zu. Da kam dieſer himmliſche Segen des Landes— ds Poſtfelleiſen. Der Rittmeiſter öffnete daſſelbe während man noch bei Tiſche ſaßz unter andern Briefen war auch jeder h aus:„ währen Dich an N.) „A wiß nick fen und und zu zu bleibe „O wortete wie ſeine iff die eg auf ee mich ad trat n alles Farbe!“ darbot. , Lud⸗ kührlich „ Lud⸗ Blicke daß ſie atte die gelernt. in ihrer en ihrer ſelbſt in te, wie ermögen ill nicht ie Ver⸗ — dse während ar guch, 213 einer von Rudolf da. Mit Begierde griff Lavinia dar⸗ nach, denn ſie freute ſich über jeden Gegenſtand, der ihre Gedanken vartheilen konnte. Einige Augenblicke war es völlig ſtill im Zimmer; jeder hatte etwas zu leſen. Plötzlich aber rief Lavinia aus:„Mein beſter Ludwig! Du mußt mir eine Bitte ge⸗ währen: Du mußt mir bewilligen, um einige Stunden nach A— zu reiſen! Sieh hier! lies! Julia ſchwebt in der größten Gefahr, und mein armer Rudolf iſt vielleicht ſchon in dieſem Augenblicke Wittwer!“ Der Rittmeiſter nahm den Brief und überflog fol⸗ gende faſt unleſerlich geſchriebene Zeilen: „Lavinia! ich flehe Dich an: komme augenblicklich hieher! Der Himmel hat mir einen Sohn geſchenkt; doch nur Gott weiß, wie viele Stunden ich noch meine angebetete Gattin behalten darf. Der Arzt giebt beinahe keine Hoffnung. Die Poſt geht in dieſem Augenblicke ab— Du haſt den Brief morgen— übermorgen Abend biſt Du hier, um Dich anzunehmen Deines halb wahnſinnigen Nudolf. 2 N. S. Ludwig kann es nicht abſchlagen. „Was ſagſt Du, guter Ludwig? Ich brauche ge⸗ wiß nicht“— jetzt hatte Lavinia in Gegenwart des Gra⸗ fen und des Feldwebels es ſehr leicht ſich auszudrücken und zu erklären—„ich brauche gewiß nicht länger weg zu bleiben, als vierzehn Tage!“ „O, es bedarf ja keiner Beſtimmung der Zeit!“ 1 wortete er in einem Tone, der eben ſo ausweichend w wie ſeine Blicke. „Ganz nach Deinem Wunſche, mein guter Ludwig! Ich ſchreibe ſobald ich dort bin, da können wir wohl überlegen— vielleicht braucht es kaum der vierzehn Tage.“ MNan ſtand vom Tiſche auf. Der Rittmeiſter reichte ſeiner Fran den Arm und führte ſie in die Schlafſtube. „Iſt es Dein voller Ernſt, Dein wirklicher Wunſch, um vierzehn Tage oder ſobald Deine ſchweſterliche Pflicht es geſtattet, zurück zu kommen?“ „Kannſt Du nur fragen?“ „Ich kann wohl noch mehr fragen— ich kann fra⸗ gen! wann hätteſt Du zurückkehren wollen, wenn nicht ſo zu rechter Zeit dieſer Brief dazwiſchen gekommen wäre und Deiner Reiſe einen vernünftigen Vorwand gege⸗ ben hätte?“ „In dieſem Falle, Ludwig,“ ſagte ſie in ihrem lieb⸗ lichſten, verführeriſchſten Tone,„wäre wohl nichts aus der Reiſe geworden... denn gewiß hätteſt Du den Grumd meines Schweigens verſtanden und Dich als einen groß⸗ müthigen Sieger gezeigt.“ Bei dieſen Worten, da ihr Erröthen und ihre Ver⸗ wirrung ſie unwiderſtehlich machten, hatte Ludwig ſie bei⸗ nahe im Sturm an ſeine Bruſt gedrückt. Nie hatte er ſo vollkommen das Unedle in ſeinem Egoismus gefühlt, dieſes engliſche Weib wird mich heilen!“ dachte er mit ſeligen, frohen Gefühlen. Doch während er die kurze Ewigkeit dachte, genoß und vergaß, verblieben ſeine Lippen geſchloſſen. „Ich ſehe, Ludwig, Du biſt mir wieder gut!“ fuhr Lavinia fort, welche nun ſah, daß der Sieg im Begrif ſtand in ihre eigenen Hände überzugehen, und ihn nun ganz behende durch die Macht eines leichten Lächelns ganz an ſich riß.„Laß nun den Feldwebel ſich bereit machen mit mir zu reiſen!“ „Den Feldwebel?— vertrauſt Du Dich nicht lieber meiner Führung an?“ 3 Jetzt jagte auf Lavinig's Wangen die eine Wolke die andere.„Ich glaube wirklich, mein guter Ludwig, falls Du nichts dagegen haſt, daß es aus mehren Gründen am beſten iſt, wenn ich allein reiſe!“ 8 „Da mag es auch ſo geſchehen; doch nichts ſoll mich abhalten, wenigſtens den größten Theil des Weges u zu kommen; dann mag der Feldwebel Dich weiter hrin⸗ gen. U. Stark r Weges — 4 verhüte ſo bald 9 „Doch wird ke zurrückk und ich ner biſt Rückſich Wunſch Du ſol Ei und das Z1 G verlaſſ wande Lunſch, Pflicht ſie bei⸗ hatte er gefühlt, ener mit pie kurze ne Lippen tt!“ fuhr n Begrif ihn nun elns ganz it machen icht lieber Wolkedie vig, falle ünden am ſoll mi Ceges mi eiter brin⸗ 215 gen. Und bei Deiner Rückkehr geht es auf dieſelbe Weiſet Stark reist nach A-—; ich treffe Dich auf der Mitte des Weges“ 8 „Dank, guter Ludwig! Wenn aber— was Gott verhüte!— wenn aber Rudolf allein iſt, ſo kann ich nicht ſo bald zurückkommen, als ich.. „Als Du verſprochen haſt,“ fiel der Rittmeiſter ein. „Doch denke nicht gleich an das Aergſte! Auf jeden Fall wird keine Zeit beſtimmt. Wann Du nach Roſenborg zurrückkehren willſt, ſo biſt Du zu jeder Zeit willkommen, und ich ſage nur: je eher es geſchieht, um ſo willkomme⸗ ner biſt Du. Doch verlange ich, daß Du hierauf keine Rückſicht nimmſt Du ſollſt ganz und gar Deinem eigenen Wunſche und den Umſtänden folgen— mit einem Worte: Du ſollſt frei ſein!“ Ein Paar Stunden ſpäter war alles in Ordnung und das Ehepaar auf dem Wege. Zu gleicher Zeit reiste auch Graf Adrian. & Zwanzigſtes Kapitel. 5 Gegen das Ende des März hatte Lavinia Roſenborg verlaſſen. Jetzt ſtand der Mai in ſeinem grünen Ge⸗ wande da, und noch immer hatte der Rittmeiſter nicht den Brief erhalten, der ihm den Tag der Rücktehr ſeiner Gattin melden ſollte. Julia s Leben, das wirklich an dem letzten Haare gehangen hatte, war gerettet, doch wegen der ſteten Ab⸗ wechſelungen in der Laune der jungen Frau, ging es mit der Geneſung ſo äußerſt langſam, daß Lavinia eine Woche nach der andern dahin ſchwinden ſah, ohne daß ſie es nur wagte, ein Wort von ihrer Rückreiſe zu ſagen. SDie allergeringſte Unvorſichtigkeit,“ hatte der Doctor ——— 216 mehrmals geſagt,„kann ſie in dieſelbe Gefahr zurückwer⸗ fen; ſie muß mit der äußerſten Behutſamkeit behandelt werden.“ Bei ſolchen Worten war Lavinia's ganze Macht über Rudolf nothwendig, um ihn nur einiger Maßen zu be⸗ ruhigen. Er war halb wahnſinnig bei der bloßen Vor⸗ ſtellung, daß nur etwas geſchehen könnte; und daß be⸗ ſtimmt tauſend unvorhergeſſene Dinge geſchehen würden, wenn Lavinia ſie verließe, das wußte er vorher, und er war nicht eher ruhig, als bis Lavinia verſicherte, ſie dächte gar nicht an ihre Abreiſe. Wie wachte nicht Rudolf, wie arbeitete er, wie litt er durch Julia's tauſend ungereimte Einfälle! 3 Bald durſte er nicht in einer ſo großen Nähe von ihr athmen, denn es war ja unartig, ihr die wenige Luft wegzunehmen, deren ſie ſo ſehr bedurfte; bald war es unanſtändig, daß er ſo weit von ihr entfernt ſaß— das that er gewiß nur, damit ſie nicht ſehen ſollte, daß er gähnte und müde wäre. Bald wollte ſie beſtimmt, daß er ihr laut vorleſen ſollte— und das hatte doch der Dor⸗ tor ſtrenge verboten; wagte aber Rudolf nur ein einziges Wort davon zu ſagen, ſo fühlte ſie augenblicklich Symptome des kalten Fiebers, und da griff er in halber Verzweiflung nach dem Buche. Glucklicher Weiſe war ihr Vorſchlag ihr nun ſchon alt geworden, und ſie begann ſtatt deſſen zu weinen über die Art, wie ſie ihren„geliebten, ange⸗ beteten Rudolf“ peinigte. Doch wiederum hatte keine Fran jemals gelitten wie ſie litt— es gab doch wohl eine Gränze für die Schmerzen Andrer; doch ſie wußte am beſten, ob es eine ſolche für die ihrigen gäbe. 1 „Meine geliebte, angebetete Julia, weine nicht! der Doctor ſagt, das iſt das gefährlichſte von Allem.“ Und Rudolf betrachtete ſie mit Blicken der bittendſten Angſt. 4„Ach ſol biſt Du nun ſo deſpotiſch, daß Du ſor⸗ derſt, ich ſoll Dir ſogar in den Stücken gehorchen, worin ich nicht gehorchen kann? Mein Gott, mein Gott, wis ungeree Schlu S wenn ſo leite und Ge ſie, und gerin g von ihr ihre gu Ar Anfang Je In der geweſen gen, ſch wieder machen. D ihren rückwer⸗ dehandelt acht über n zu be⸗ gen Vor⸗ daß be⸗ würden, und er ſie dächte wie litt ähe von nige Luſt d war es — das daß er mt, daß der Doc⸗ einziges ymptome wweiflung Vorſchlag att deſſen u, ange⸗ eine Frau dohl. eine ußte am icht! der 1.“ Und Angſt. Du for⸗ n, worin ott, wi 217 ungerecht doch die Männer ſind!“ Und nun ging das Schluchzen erſt recht an. Solche Auftritte konnten gleichwohl nur eintreffen, wenn Lavinia nicht im Zimmer war; denn war ſie dort, ſo leitete ſie ſtets durch eine kluge Wendung der Worte und Gedanken alle gefährlichen Punkte ab. Rudolf ſegnete ſie, und Inlia, die ſonſt eben nicht viel von ihrer Schwä⸗ gerin gehalten hatte, gewöhnte ſich nun ſo daran, alles von ihr zu erhalten, daß ſie kaum auf einige Minuten ihre gute Wärterin entbehren konnte. Auf dieſe Weiſe verfloß die Zeit, bis man in den Anfang des Mai hinein kam. Jetzt hatte der Arzt Julia außer aller Gefahr erklärt. In den beiden letzten Wochen war ſie ſogar ſchon auf geweſen; und um ihre Geſundheit vollkommen zu befeſti⸗ gen, ſchlug der Doctor vor, ſie ſollte, ſobald ihre Kräfte wieder etwas zugenommen hätten, eine Reiſe auf's Land machen. Daß die Wahl auf Roſenborg fiel, wohin Lavina ihren Bruder und ihre Schwägerin im Namen ihres Mannes einlud, war ganz natürlich; aber vergebens war nun auch jede Bitte, ſie noch länger zurück zu halten, beſonders da Ludwig in ſeinem letzten Briefe mit einer gewiſſen kalten Kürze vermeldet hatte, daß er wohl der Hoffnung entſagen müßte, ſie noch vor der Rückkehr von dem Uebungslager zu treffen, welches erſt am Tage nach Johannis zu Ende wäre. Doch mit der umgehenden Poſt benachrichtigte ihr Lavinia, daß ihre Pflicht bei Ru⸗ dolf und Julia nun erfüllt wäre, und daß ſie die Ankunft des Feldwebels erwartete. 3 ‧—,— Mit Gefühlen, die unmöglich zu beſchreiben ſind, ſah Labinia durch das Fenſter des Zimmers, das ihr Braut⸗ pemach geweſen war, die Ankunft deſſelben Wagens, der ſte am Morgen nach der Hochzeit hinweggeführt hatte. Statt des ſtattlichen Rittmeiſters war jetzt zwar nur der gute, beſcheidene Feldwebel auf demſelben; doch auf jeden Fall fühlte ſie, wie ihre Thränen ſtrömten, ihre Bruſt ſich bald vom Seligkeitsgefühl erweiterte und bald von Schmerz zuſammengepreßt wurde. Zu welcher merkwürdigen Höhe hatte nicht die Zeit ihre Gedanken verändert! Dachte ſie wohl jetzt mit Schrecken, mit Betrübniß an Roſenborg und ſeinen Beſitzer? Nein, ſie dachte an ihn mit einer Unruhe, einer Verwirrung, einem Herz⸗ klopfen, wodurch alle ihre Bemühungen, ſich zu beruhigen, überwältigt wurden, und wodurch ſich mehr denn deutlich verrieth, wie ſchwer die lange Trennung ihr geworden war. Doch plötzlich verſchwanden alle ſonnenbeglänzten Bilder, um einem einzigen ernſten und düſtern Gedanken Raum zu geben— ſollte nicht eben dieſer Wagen um einige Monate, um ein— zwei— drei— vier— großer Gott! um vier und einen halben Monat— ſie hieher oder anders wohin führen, um vielleicht nie, nie... „O, es wäre nicht das ſonderbarſte,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt;„iſt nicht ſchon das ſonderbarſte, das wunder⸗ barſte eingetroffen!... Er wird um keinen Preis ſein Verſprechen brechen wollen; und ich, die ich es entgegen genommen habe, ich kann es mit noch weniger CEhre zu⸗ rückgeben. Ueberdieß..“ Dieſes Wort, welches für Lavinia eine ganz beſondere Bedeutung angenommen hatte und nichts anders beſagte, als Maria Rehnman's Namen mit unauslöſchlichen Buch⸗ ſtaben geſchrieben, miſchte ſich ſtets, ſo ſtreng ſie es auch verwies, mit Ludwigs Namen, und trotz dem, daß ſie ſt oft die ruhige Sprache des Billets in ihr Gedächtniß zu⸗ ruckrief, ſo athmete darin doch immer eine allzu große Höhe der Vertraulichkeit. Bisweilen fragte ſie ſich wohl: „kann Ludwig täuſchen?— hat er mir nicht in klaten deutlihen Worten geſagt, daß er noch nie geliebt hat Doch Lavinia mochte ſich fragen und antworten ſo ſte wollte: eins ſtand dennoch immer da, nämlich unumſtöf in irgen aber,“ t nicht ein das weiß Mit empfing Roſenbor auch noc dieſer n entgegen Gnaden Frühling zu gleich Das doch ihr es ganz auf das Bei es beſchl borg ein 2„H nicht eb uumt. var nur och auf en, ihre nd bald die Zeit etrübniß achte an n Herz⸗ ruhigen, deutlich geworden glänzten Gedanken gen um großer te hieher te ſie zu wunder⸗ reis ſein entgegen Ehre zu⸗ beſondere beſagte, een Buch⸗ ees auch daß ſie ſo hhtniß zu⸗ lzu große ich wohl: in klaren, 219 unumſtößliche Gewißheit, daß Ludwig mit dieſem Mädchen in irgend einer Verbindung geſtanden hatte.„Gewiß aber,“ tröſtete ſie ſich, hat er ſie in meiner Abweſenheit nicht ein einziges Mal beſucht— nein, das hat er nicht, das weiß ich gewiß!“ Mit einem allzu natürlichen Ausſehen von Freude empfing ſie den Boten der mit Grüßen von Ludwig und Roſenborg kam. Der Feldwebel hatte außer den Grüßen auch noch eine Entſchuldigung von ſeinem Herrn, daß dieſer nicht ſelbſt im Stande war,„Ihro Gnaden entgegen zu kommen; doch es war— hm, hm— Ihro Gnaden nehmen nicht übel— ſo große Eile mit der Frühlingsarbeit, daß der Herr Rittmeiſter und ich nicht zu gleicher Zeit abkommen konnten.“ Das war für Lavina zwar eine kleine Mißrechnung; doch ihr Mann hatte nun ſo lange auf ſie gewartet, daß es ganz billig war, wenn ſie nun ebenfalls etwas länger auf das Vergnügen, ihn wieder zu ſehen, warten mußte. Bei dem Abſchiede von den theuren Verwandten war es beſchloſeen worden, daß ſie um Johannis auf Roſen⸗ borg eintreffen ſollten, um dort wenigſtens einen Monat zu verweilen. „Mein Gott!“ ſagte Julia, zum erſten Male auf Lavinia's eheliches Verhältniß anſpielend,„wie zufrieden ſiehſt du aus, daß Du wieder zu Deinem Rittmeiſter reiſen kannſt! Ich glaubte im vorigen Jahre nicht Dich ſo zu ſehen!“ „Würdeſt Du nicht froh ſein, Deinen Mann wieder zu ſehen, falls Du ſo lange von ihm getrennt geweſen wäreſt?“ Hml“ dachte der Feldwebel,„zu Hauſe haben wir nicht eben ſo viel Freude geſehen; doch wenn ſie jetzt kemmt, ſo kommt das Gute nie zu ſpät.“ SDa Lavinia ihre Vaterſtadt an einem Nachmittage kerließ, ſo kam ſie an dieſem Tage nur einige Meilen. Am folgenden Morgen aber war ſie früh auf, um zu Mittag auf Roſenborg zu ſein; und da der Feldwebel mit ſeiner gutgemeinten Langſamkeit ihr allzu viel Zeit zu verſchwenden ſchien, ſo half ſie ſelbſt die Sachen zu⸗ ſammen ſuchen. Endlich war man in Ordnung, und nun rollte der Wagen auf dem hügligen, mit dichten Gehölzen zu beiden Seiten begränzten Wege dahin. „Mein beſter Herr Feldwebel!“ ſagte Lavinia, ich hoffe, mein Mann hat ſich die Zeit bisweilen durch Be⸗ ſuche bei den Nachbarn verkürzt 2“ „Nein, Ihro Gnaden, daraus iſt meiner Seele nicht viel geworden! Er hat faſt nie eine andere Erquickung gehabt, als des Abends eine Promenade nach Kullen.“ Lavinia's Blut kam in ſo heftigen Umlauf, daß ſe kaum zu athmen vermochte. Das war doch eine Beleidigung ſonder Gleichen. Gerade während der Zeit, da ſie entfernt war, hatte ſie das Recht gehabt(das Verhältniß mochte ſein welches es wollte), auf Feingefühl zu zählen. Und ſtatt deſſen verlebte er jeden Abend bei dieſem jungen Mädchen, wel⸗ ches Lavinia, ſonderbar genug, erſt von dieſem Augenblick an mit wahrem Abſcheu zu betrachten begann. Die ſtolze Frau, welche geglaubt hatte, ſie ſei eben ſo erſehnt, wie ſie ſich ſelbſt geſehnt hatte, fühlte ſich i dieſem Augenblicke zermalmt und gedemüthigt; und häͤtte ſie ſich nicht dem fürchterlichſten Hohne und Geliächter ausgeſetzt, ſo würde ſie umgekehrt ſein und dieſes Roſen⸗ borg, worin ſie noch unglücklicher geworden war, als da ſte es zum erſten Male betrat, nie wieder geſehen haben, Jetzt verſtand ſie, warum die letzten Briefe ihts Mannes ſo kurz und ſo kalt geworden waren. Es kan keinesweges von gerechtem Verdruſſe, weil ſie ſo lanſe ausblieb, ſondern daher, weil ſeine alte Liebe von Neuen aufgeflammt war. Und um ſeine Gleichgültigkeit recht zu zeigen, wollte er nicht einmal ſeiner allzu überflüſſtget Gattin entgegen reiſen. müſſen!“ und wein „Ihr und wend ihr im V meiner T Lavit und ſah! glänzende eilen. T Ludn verabredet wenigſtene jede ſelige ſchnell un Als ſchrak er i derjenige, harmvolle wohl den Hoflichkeit oder richt „Und ich, ich,“ ſeufzte ſie in unbeſchreiblich drüce d der Angſt,„weiß für den Augenblick nirgends zu bleibe Welche Schande, welch' ein Aerger, zuruckkommen viel Zeit cchen zu⸗ und nun Gehölzen nia,„ich urch Be⸗ eele nicht rquickung ullen.“ „daß ſe Gleichen. hatte ſie n welches att deſſen hen, wel⸗ lugenblick e ſei ehen lte ſich i und haͤtte Gelächtet ſes Roſen⸗ r, als da zen haben, riefe ihrs Es kan e ſo langt on Neuen gkeit recht verflüſſiget h drüder⸗ u bleiben ommen ii 221 müſſen!“ Sie lehnte ſich gegen die eine Ecke des Wagens und weinte leiſe. „Ihro Gnaden! Ihro Gnaden!“ rief der Feldwebel aus und wendete ſich mit einer Eilfertigkeit, die bei ihm wirk⸗ lich Lebhaftigkeit heißen konnte, auf dem Kutſchenbocke zu ihr im Wagen;„ſehen Sie, Ihro Gnaden— ich denke, meiner Treu, das war ſo übel nicht!“ Lavinia ſah auf, beſchattete mit der Hand ihre Augen und ſah den Rittmeiſter, ja wirklich ihn mit vor Freude glänzenden Augen aus dem Gehölze dem Wagen entgegen eilen. Doch unruhig blieb er vor demſelben ſtehen. Ludwig hatte mit dem Feldwebel dieſe Ueberraſchung verabredet, welche, wie er ſich ſchmeichelte, ſeiner Frau wenigſtens einiger Maßen angenehm ſein mußte. Doch jede ſelige Hoffnung, die in ſeiner Bruſt gereift war, ſank ſchnell und ganz darnieder. Als ſein erſter Blick dem ihrigen begegnete, ſo er⸗ ſchrak er über den Ausdruck in ihrem Geſichte. Es war eben derjenige, den er am Tage vor ihrer Abreiſe geſehen harte: harmvoller Verdruß, bitterer Schmerz; und dieſes waren auch wirklich Lavinia's Gefühle im gegenwartigen Augen⸗ blice. Sie ſah in dem Auftreten ihres Mannes nur ei⸗ nen Betrug von der unverſchamteſten Art. Er hatte ſich wohl den Armen ſeiner Maitreſſe entriſſen, um die läſtige Höflichkeitspflicht gegen ſeine Frau zu erfullen. Die Röthe oder richtiger die Flammen loderten auf Lavinia's Wangen und trockneten die Thränen, welche dort vor einem Augen⸗ blicke gezittert hatten. „Du haſt Dich allzu ſehr bemüht, wirklich allzu ſehr!“ ſpotterte ſie. „Es ſieht wirklich ſo aus!“ entgegnete Ludwig. Doch ſagte er dieſes nicht mit dem Ausdrucke der ſonſtigen Hef⸗ igteit und des flammenden Zornes, ſondern in einem Tone melancholiſcher Betrübniß. avinia ſchwieg. Der Abſchied von den Deinigen iſt Dir ſehr 222 ſchwer geworden; Deine Thränen ſind noch nicht ge⸗ nun in trocknet.“. derunge „Das iſt ja ganz natürlich.“. noch pl „Sehr natürlich— und vielleicht wünſcheſt Du, un zeigte, Dich Deinen Erinnerungen ungeſtört hingeben zu können, vollkomt von meiner Geſellſchaft befreit zu ſein? Ich hätte ſonſte Zeilen 1 — Der Rittmeiſter warf bei dieſen Worten einen bedeu⸗ ſchickt h tungsvollen Blick auf den Kutſchenbock—„die Abſicht„T gehabt, Dir die meinige aufzudringen!“ ſolche T Lavinia ſah die Wichtigkeit ein, den äußern Schen weit ent beizubehalten, und zwang ſich daher zu einem Lachen, das der Muͦ unnatürlich ſchneidend in Ludwig's Ohren klang.„Ich hofe zurückkel mein beſter Freund, Du verſtehſt einen kleinen böſen nicht ſtl Scherz und beraubſt mich nicht des beabſichtigten Vergnü⸗ es geſeh gens! Sei ſo gut und ſteige auf!“ ſo komn Der Rittmeiſter, welcher in dieſem Augenblicke keinen Ohren höhern Wunſch hatte, als ſeine Reiſe in entgegengeſetzte gleichvier Nichtung fortſetzen zu können, war ebenfalls genothigt, in ihren auf dem Altare der Nothwendigkeit zu opfern. Doch ſtze, ihr während ſein Kopf brannte und ſchwindelte, griff eint ich wier eiskalte Hand ſo hart um ſein Herz, daß es ihm vorkamn, lebte, 1 als hörten die Schläge deſſelben plotzlich auf. zu werde Noch nie hatte Ludwig einen Schmerz empfunden, ihr dieſe der dem jetzigen nur im Allerentfernteſten gleich kam. Au, worden dieſes Wiederſehen hatte er während fünf langer Wochen tauſend ſchöne Vorſtellungen geknüpft. Um deſſelben wil⸗ len hatte er willig die Sehnſucht nach ihr, die tödtende Langweile ertragen, welche jetzt, da ſie entfernt war, ihn Faſſung recht gezeigt hatte, was im Hauſe fehlte. Und wenn at zum zwe — was er nicht unterlaſſen konnte— aus der kleinen als das Scene ſchließen durfte, die vor der Trennung zwiſhn. ihnen ſtatt gefunden hatte, ſo mußte ja dieſes Wiederſehn ihm einen Erſatz geben für alles, was ſie ihm durch iht⸗ Entfernung geraubt hatte. Was ihn am bitterſten ſchmerzte, das war die zeugung, Lavinia wäre nicht das ſeſte Weib mit dem re Herzen, wofur er ſie gehalten hatte. Ihr Charakter 223 nun in der letzten Zeit in vielfachen launenhaften Verän⸗ derungen an das Licht getreten, von denen die eine immer . noch plötzlicher und unvorhergeſehener als die andere ſich Du, um zeigte, von denen jedoch keine die letzte übertraf, welche können, vollkommen den zwar wenigen aber doch freundlichen te ſonſt“ Zeilen widerſprach, die ſie ihm am letzten Poſttage zuge⸗ i bedeu⸗ ſchickt hatte. Abſicht„Was hat ſie wohl in ſo wenigen Tagen auf eine ſolche Weiſe verändern können? Ihr Herz iſt nicht nur n Schen weit entfernt von mir, ſondern ſie achtet es nicht einmal chen, das der Mühe werth, den Unwillen, die Betrübniß, womit ſie Ich hoff zuritehrt, zu verbergen. Ach, ſie hätte dieſes Verſprechen en böſen, nicht ſklaviſch erfüllen ſollen! Tauſendmal lieber hätte ich Vergni⸗ es geſehen, daß ſie gar nicht gekommen wäre, als daß ſie ſo kommt.... Irgend Jemand muß ihre Seele, ihre cke keinn Ohren vergiftet haben... kann es Rudolf ſein?.. engeſetzte gleichviel wer es iſt! Es iſt beſſer, daß ich dieſe Mängel genöthigt, in ihrem Charakter entdecke, während ich noch Kraft be⸗ 1. Doch ſitze, ihr Bild aus meinem Herzen zu reißen, als wenn griff eine ich wiederum eine Zeitlang in betrügeriſchen Träumen n vorkam, lebte, um nachher auf immer zum Schmerze verurtheilt zu werden.... Ach, wie viel lieber hätte ich gleichwohl mpfunden, ihr dieſen Schmerz gewidmet, ſo ſchwer er mir auch ge⸗ kam. An worden wäre, als ſie für unwürdig gehalten!“ r Wochen In den erſten Minuten, nachdem der Wagen wieder elben wile in Gang gekommen war, ſchwiegen beide. e tödtende Doch während dieſes Schweigens hatten beide ihre war, ihn Faſſung wieder gewommen. Lavinia fühlte, daß ſie nun d wenn N zum zweiten Male, und zwar in noch weit höherem Grade her kleinm a das erſte, ihrem Manne Anlaß zur Unzaſtisdenh eit g zwiſchn gegeben, daß ſie ihn durch dieſe neue Probe ihrer uner⸗ Viederſehe Nrlichen Veränderlichkeit beleidigt hatte, und ſie beſaß huntängliche Kenntniß ſeines Charakters, um einſehen zu nnen, wie gerade der Umſtand, daß er nicht aufflammte, die Ue e Unzufriedenheit, eine Betrübniß bedeutete, welche zu dem r waͤren, um in Verdruß auszudunſten. Hätten he rakter ner wirklichen Ehe mit einer ganzen Zukunft vor 224. Augen gelebt, ſo würde ſich Lavinia keine Secunde be⸗ „dacht haben, die verborgenſten Winkel ihrer Seele zu er⸗ öffnen, um Erklärung zu bitten, und ihre Eiferſucht zu geſtehen. Doch wozu verlohnte es ſich der Mühe für vier bis fünf Monate? das Geſchehene konnte lieber als eine Einleitung der gegenſeitigen Unzufriedenheit gelten, worauf man bald die verabredete Scheidung gründen wollte. „Vielleicht, meine beſte Lavinia,“ ſagte Ludwig, indem er einen neuen Gegenſtand anhob,„würde es Dir Vergnü⸗ gen machen, bei einem beliebigen Badeorte die Zeit hin⸗ zubringen, da ich bei der Uebung bin?“ Bei dieſem Vorſchlage erröthete Lavinia über das ganze Geſicht. „Ich danke Dir für Deine Aufmerkſamkeit, mein be⸗ ſter Ludwig! und würde mit wirklichem Vergnügen Ge⸗ brauch davon machen, wenn ich es nicht für meine Pflicht erachtete, auf Roſenborg als Wirthin zu bleiben für die Gäſte, welche Du eingeladen haſt.“ „Ah, ich dachte nicht daran, daß wir Gäſte erhalten werden! Wann kommen ſie?“ „Um Johannis, ſofern wir nicht wegen Deines angenehmen Vorſchlages die Einladung zurück nehmen müſſen.“ „Du haſt zu befehlen! Ich bin entzückt bis in den dritten Himmel über alles, was Du vornimmſt, und will nur noch einen kleinen unbedeutenden Vorſchlag hinein⸗ ſchieben. Wenn Roſenborg ſich der Gegenwart Deines Bruders und Deiner Schwägerin erfreut, ſo laß uns das Haus voll Fremde bitten von allen Seiten her: wir wol⸗ len ſie veinſtigen und uns ſelbſt mit. Das ſoll ein friſches, muntres, herrliches Leben werden, Vergnügungen zu Lande und zu Waſſer, zu Pferde, zu Wagen und zu Fuß, Baͤlle Geſellſchaftsſchauſpiele und Idyllen im Grünen, kurz ein Leben als ware jeder Tag der letzte.“ „O, das wird göttlich! Ich weiß nicht, woher Du eine ſo reiche Phantaſie erhältſt, mein beſter Ludwig!“ „Die bekam ich in dieſem Augenblicke, mein ngelt Als ich ganze N ich jetzt Du kan trivialen Dir mitt Gleichwo weil ich ihrer und flogen ſie im Stand — da ich mich in meine O zaubernde ſcheiden alles dieſ riren mu zunehmen wiederum Carlé nde be⸗ zu er⸗ ucht zu he für ber als gelten, wollte. indem Zergnü⸗ eit hin⸗ ber das nein be⸗ zen Ge⸗ e Pflicht für die erhalten Deines nehmen 3 in den und will hinein⸗ t Deines uns das wir wol⸗ friſches, zu Lande ß, Balle kurz en 225 Als ich geſtern Abend von Hauſe reiste— ich bin die ganze Nacht gereist. um ſo aufgeräumt zu werden, wie ich jetzt bin— da war ich bei halbmelancholiſcher Laune. Du kannſt nicht glauben, welche einfältigen und höchſt trivialen Ideen damals über mich kamen; wollte ich ſie Dir mittheilen, ſo lachteſt Du Dich darüber zu Tode! Gleichwohl kann ich Dir dieſes Vergnügen nicht verſchaffen, weil ich mich ihrer nicht mehr entſinne, ſo viele waren ihrer und ſo verruckt dazu waren ſie. Alle mit einander flogen ſie ihres Weges— ſo eilfertig, daß ich jetzt nicht im Stande ſein würde, auch nur eine einzige zu ertappen — da ich aus meinem Verſteck im Walde hervoreilte und mich in dem Scheine Deiner feurigen Blicke ſonnen und meine Ohren und meine Seele an dem Tone Deiner be⸗ zaubernden Stimme ergötzen konnte. Du biſt nicht be⸗ ſcheden genug, als daß Du nicht einſehen ſollteſt, wie alles dieſes ſogar ein ſo träges Weſen, wie ich bin, inſpi⸗ riren muß.“ Jedes Wort drang wie ein Stich durch Lavinia's Herz. Da Ludwig, der ernſte und gefühlvolle Ludwig, auf dieſe Weiſe ſatyriſiren und ſcherzen konnte, ſo mußte er in einer ſonderbaren Stimmung ſein. Welche Gefühle aber hatte er wohl gehabt, als er von Hauſe reiſ'te? Brauchte Lavinia ſich dieſe Frage vorzulegen? Ihre zunehmende Angſt beantwortete ſie. Dann aber tönten wiederum die Worte des guten Feldwebels in ihren Ohren. Es wurde nun das junge Paar immer düſtrer und düſtrer. Die Gedanken kreuzten ſich und flogen mit ſchwarzen Schwingen über ſchwarze Wege, während die roſentothen Aoppen ſich lebhaft theilten, um Worte ohne Meinung zu wechſein, während die treueren Augen Meinungen ohne Porte wechſelten. 5⁸ Ach, Ludwig, wie vortrefflich ſteht Dir das Scherzen aun Ich hetheuere, daß ich entzückt bin über eine Eigen⸗ ſchaſt welche Du ſo boshaft geweſen biſt mich nie ahnen zu laſſen. Hat man nicht, offen geredet, weit mehr Ver⸗ Carlen. Ein Jahr. 13. 226 gnugen, wenn man die Gegenſtände ſo durch einandet wirft wie Volant, als wenn man ſie ganz ernſthaft ab⸗ mißt und aufzieht? Wir befinden uns beſtimmt weit beſſer dabei, wenn wir dieſe neue Methode feſthalten... Doch wir ſprachen ja eben von unſern bevorſtehenden Vergnü⸗ gungen— haſt Du zufällig auch ein Boot für unſre Luſtfahrten zur See?“ „Ich habe eine kleine höchſt elegante Drachenſcheicke, die eben geſtern vom Stapel lief. Sobald wir Geſell⸗ ſchaft bekommen, wollen wir ſie augenblicklich verſuchen.“ „O, was das betrifft, ſo gläube ich kaum, daß wir auf Geſellſchaft zu warten brauchen. Wäre es nicht für den erſten Anfang eine recht herrliche Idylle, wenn Du und ich..“ „Ach, woran denkſt Du, meine Liebe— ein ver⸗ heiratheter Mann mit ſeiner Frau! Dazu gehört wirklich mehr Phantaſie und Poeſie, als auf mein Loos gekommen iſt, um daraus auch nur die Nachahmung einer Idylle zu ſchafſen“ „Wenn wir aber zum Zeitvertreib verſuchten, ein zärtliches Hirtenpaar zu ſpielen?“ „Bei meiner Ehre! ich glaube kaum, daß es uns gelingen würde, in die Rollen hinein zu kommen. Ich ſehe voraus, wir würden uns ſchon bei der Repetition zu Tode gähnen.“ „Pfui! Du biſt ſehr unartig! Verräthſt Du auf dieſe Weiſe unſre gegenſeitigen Geheimniſſe, ſo muß ich hitten, daß Du eben ſo gut zu Deiner gewöhnlichen Lamt zurückgehen kannſt!“ „Um Verzeihung! es iſt wenigſtens dreißig Grad warm— wenigſtens kommt es mir ſo vor— und wet kann es da aushatten ernſt zu ſein 4 3 In dieſem unglücklichen und falſchen Verhältuiß ni herten ſie ſich der Heimath. 3 Als aber Lavinia ſah, wie ſich die grünenden Berge von Roſenborg vor ihren Augen erhoben, als ihre Augen Schöne und Poetiſche beſ und ihre Seele alles unendlich * Der rihendem griff, d der ihr ſo empfe bedentung dachte vi jetzt nicht Auch mächtigen ſeine vern Noch ertheilte und Gol in die gr und Gro auch die ſie wurde ſpiegel de angezünde dem Waf Es e das ruhie Noſenbore glänzte. dem ſanft Bergen g ihm ſein ihren Ueb daſſelbe ſe zu ſein. Uebe. aus mehr lockten da anderung Ritur, we inander daft ab⸗ it beſſer . Doch Vergnü⸗ r unſre nſcheicke, Geſell⸗ ſuchen.“ daß wir iicht fuͤr enn Du ein ver⸗ wirklich fommen dylle zu ten, ein es uns en. Ich tition zu Du auf muß ich een Laune 227 griff, das die Natur an dieſem Orte niedergelegt hatte, der ihr die glücklichſte Heimath hätte werden können, ſo empfand ſie einen Widerwillen gegen alle Faden und bedeutungsloſen Worte, die weggeworfen waren, und dachte viele ſchönen, guten Gedanken, die ſie gleichwohl jetzt nicht auszuſprechen wagte. Auch der Rittmeiſter ſchwieg; auch er empfand den mächtigen Einfluß der Natur, und in ihnen ſonnte ſich ſeine verwundete und tief verletzte Seele. Noch verweilte die Sonne auf den Berggipfeln, und ertheilte ihren grünen Fichtenkronen Millionen Rubinen und Gold, während die dunkleren, tieferen Theile ſchon in die graue Dämmerung hinabſanken welche ihre Klüfte und Grotten noch romantiſcher machte. Indeſſen ſchien auch die Dämmerung nicht dauernd bleiben zu wollen: ſie wurde ſchnell verjagt, als der prachtvolle Reflerions⸗ ſpiegel den glänzenden Schein eines auf der andern Seite angezündeten Feuers deſſen leichte Funken in Flocken auf dem Waſſer tanzten, zurück zu werfen begann. Es erhob das Gemuth, dieſes Schauſpiel zu betrachten, das ruhige Thal zu ſehen, in deſſen Mitte das weiße Noſenborg mit ſeinen von dem Feuer gerötheten Fenſtern glänzte. Zwiſchen wogenförmigen Hügeln ruhend, mit dem ſanfteſten Grün bedeckt, von grauen Felſen, grünen Bergen geſchützt und genährt von zwei Waldbächen, die im ſein kriſtallklares Waſſer zu trinken gaben und dann ihren Ueberfluß dem Fluſſe zuführten, der mitten durch düht ſchnitt, ſchien dieſes kleine Thal beneidenswerth zu ſein.— Ueber dieſe Landſchaft erklangen eben jetzt die Töne aus mehreren entfernten Hirtenſchalmelen. Die Hirten locken das Vieh zur Heimreiſe zuſammen. SD!“ rief Lavinia aus, ohne etwas von der Ver⸗ anberung in ihrem Tone zu wiſſen,„welche Luft, welche Nitur, welch ein Geiſt voller Größe!“ Der Rittmeiſter ſah ſie an mit einem Blicke voll iidendem Ernſt. Es lag ein ſtiller Vorwurf in dieſem * 228 Blicke, den Lavinia ſo überſetzte:„Gehorchſt du jetzt wieder einer neuen Einwirkung?“ Lavinia, die eigentlich die am wenigſten launenhafte der Weiber war, litt unausſprechlich davon, in dieſem Augenblicke, da alles rein und friſch ſein ſollte gleich der Natur, in einem ſo zweideutigen oder, noch ſchlimmer, in einem unzweideutigen Lichte vor ihm zu ſtehen, vor ihm, deſſen Achtung ihr trotz allem, was er gegen ſich hatte, immer nothwendiger wurde. Still und niedergeſchlagen kamen ſie in der herrlichen Heimath an, und kein Lächeln ſchwebte eher über Lavinia's Lippen, als da ſie Frau Brunsberg erblickte, die hell im⸗ Geſichte wie ein Lenzgewölk knirend da ſtand. „O, auf das Allerherzlichſte willkommen, Ihro Gna⸗ den! Gott ſei gelobt, daß Ihro Gnaden nach Hauſe kamen! Ich ſage es gerade heraus, ich— die ich doch, unſer Herr ſei gelobt und gedankt! ſehen und nicht ſehen kann— der Herr Rittmeiſter war nahe daran, das Sehn⸗ ſuchtsfieber zu bekommen.“ Die letzten Worte glitten der Frau Brunsberg über die Lippen, als ſie eben die Thüre des feſtlich geſchmückten Saales ſchloß, deſſen ſtattliche Blumen ihren friſchen Duft der eintretenden Hausmutter entgegen ſendeten. Der Rittmeiſter war auf dem Hofe geblieben, um einige Worte mit dem Statthalter zu reden. „Das Sehnſuchtsſieber?“ wiederholte Lavinia mit einem gezwungenen Lächeln, indem ſie den Hut abnahm und vor dem Spiegel die geſchmackvolle Reiſekleidung ordnete.„So voll Eigenliebe darf ich wohl nicht ſein, meine liebe Frau Brunsberg!“ „Ja, ich verſichere Sie, Ihro Gnaden, das können Sie! Es hat mir richtig wehe um ihn gethan, wenn et ganze Stunden lang allein in Ihrem Kabinette geſeſſen und bald das Eine, bald das Andere beſehen und unge⸗ wendet hat.“ 4 „Aber die Nachbarſchaften?“ Lavinia mußte ſich n wenden, um ihr Erröthen zu verbergen. 8 ein klein hat er n daß es e ich; aber Noc ſuch gen wie ſie Theiles 1 ſie in ge genau pr Wochen ihrem eig dem Ritt ſelbſt nich wäre.„ ein Theil fältiger iſ Zufo Brunsber geſchickt So zurufen, lleine Ka wie öde i iſ; es ſie In, in d ſo oft hir Herr Rit dann der ders inter zu macher meinen, d zu mir l du jetzt nenhafte dieſem eich der mer, in or ihm, chh hatte, errlichen avinia's hell im⸗ do Gna⸗ ) Hauſe ich doch, hht ſehen Sehn⸗ erg über hmückten friſchen en. den, um nia mit abnahm ekleidung icht ſein, s können wenn et geſeſſen id umge⸗ ſich im⸗ 229 „Ja, davon hat er, wahrhaftigen Gott, nicht viel ge⸗ habt: er iſt am liebſten zu Hauſe geweſen; und viele prächtigen Veränderungen im Garten, auf den Felſen⸗ wegen und den kleinen Werdern hat er angeordnet; und ein kleines Boot, das im verwichenen Jahre gebauet iſt, hat er malen und am Steven ſo hübſch vergolden laſſen, daß es eine Freude zu ſehen iſt. Ja, ja; ich ſage nichts, ichz aber Ihro Gnaden werden wohl ſehen.“ Noch nie zuvor hatte Frau Brunsberg einen Ver⸗ ſuch gemacht,„die Herrſchaften zuſammen zu paſſen,“ wie ſie ſelbſt es nannte; da ſie jedoch ihres eigenen Theiles mit Vereinigungsgedanken beſchäftigt war, ſo hatte ſie in gewiſſen Angelegenheiten ein klares Auge; und ſo genau prüfte ſie das Betragen ihres Herrn in dieſen fünf Wochen ſeines Strohwittwerthumes, daß ſie zehnmal mit ihrem eigenen ſchweigſamen Liebhaber wettete, es ginge dem Rittmeiſter präciſe ſo, wie andern Perſonen, daß er ſelbſt nicht wußte oder begreifen könnte, wie verliebt er wäre.„Denn es iſt ſo, mein lieber Herr Feldwebel, daß ein Theil der Männer, Gott helfe mir! blöder und ein⸗ fältiger iſt als die Gans, die dort auf dem Teiche ſchwimmt!“ Zufolge dieſer geſunden Schlußſätze faßte Frau Jrunsberg den Vorſatz, überall, wo es ſich thun ließe, geſchickt und unvermerkt zu helfen und unterzublaſen. So zum Beiſpiel pflegte ſie oft ganz unſchuldig aus⸗ zurufen, wenn ſie zu dem Rittmeiſter in das erwähnte lleine Kabinett trat und ihn zu Tiſche rief:„Herr Gott! wie öde iſt es doch, da die gnädige Frau nicht zu Hauſe iz es ſieht gerade ſo aus, als ob die eine Wand fehlte! Ja, in dieſem Fenſter ſehe ich ſie, wenn ich will, wie ſie ſo oſt hinter der Gardine ſtand und hinaus ſah, ob der Herr Rittmeiſter nicht bald von der Jagd käme.“ Sagte dann der Rittmeiſter:„das konnte ſie wohl nicht beſon⸗ ders intereſſiren?“ ſo ſchien Frau Brunsberg große Augen zu machen.... Nicht intereſſiren?... Ja, ich ſollte meinen, daß ſie es intereſſirte, weil ſie mehr denn einmal in mir herunter geſprungen kam, um nachzuhören, ob Au alles in Ordnung wäre und nichts fehlte, weder unter noch auf dem Zimmer des Herrn Rittmeiſters.“ ſagten Doch ſieh nun, da die gnädige Frau wieder da war Ludwig und Frau Brunsberg zu ſehen hoffte, welche guten Früchte Hand. die Ausſaat ihres Verſtandes tragen und vielleicht ein drückte gutes Beiſpiel bewirken könnte, ſo wußte die gutmüthige, ſchwand wirklich wohlmeinende Seele wirklich nicht, was ſie an⸗ La fangen ſollte, da der Wind ſich ſo gedreht hatte. Augen⸗ Unruhe blicklich, da der Rittmeiſter ſo viel mit dem Statthalter eine ſo zu ſprechen hatte, verſtand ſie, daß es nicht alles gang ſo geme war; aber ſie konnte nicht begreifen, worin das Zerbrochene etwas, beſtand, und obgleich ſie und der Inſpektor ihre Köpft ſhmore — Er zuſammen ſteckten, und das eine Stück mit dem andern zuſammen ſetzten, ſo wollte doch nichts paſſen. als.. No die Fra einen I Lavinia hatte gute Zeit nicht nur die kleinen von der Reiſe verurſachten Mängel zu überſehen, ehe ihr Mann wieder eintrat, ſondern ſie konnte auch noch einen 1 Blick auf ihr Inneres werfen, in welchem Dunkelheit endlich und Licht wechſelten. ſollte, Sie ſtand am Fenſter im Salon, blickte hinaus in ſi, den lenzfriſchen Abend und lauſchte auf das Spiel des 2 Windes mit den Baumzweigen, lauſchte auf die zucken⸗ hoch a den Schläge ihres eigenen Herzens. gleichſa „Ich bin ſo ſchläfrig, daß ich die Augen kaum offen wiederu halten kann!“ ſagte der Rittmeiſter mit erzwungenem Gähnen, indem er ſich am andern Ende des Salons in einen Lehnſtuhl warf.„Frau Brunsberg fällt in Ungnade, wenn ſie mit dem Abendeſſen zu lange wartet 14 „Ich will nachſehen, wie es damit iſt!“ antwortete Lavinia, die ſogleich aus dem Tone ihres Mannes ſchloß⸗ daß er wenigſtens heute Abend mit ihr auf keinen beſſern Fuß zu kommen wünſchte. Frau Brunsberg, die recht wohl einſah, was ihr oblag, hatte die Abendmahlzeit früh in Ordnung. Di Herrſchaft ſetzte ſichz doch man gähnte mehr als man aß, und erklärte ſich auf beiden Seiten höchſt glücklich, daß man ausſchlafen konnte. Augen⸗ tthalter es ganz brochene e Köpfe andern nen von ehe ihr bch einen punkelheit iinaus in ppiel des e zucken⸗ um offen zungenem Salons in Ungnade, utwortete es ſchloß n beſſern was ihr ng. Di man aß, ich, daß reiste. 231 Auch waren ſie kaum vom Tiſch aufgeſtanden, ſo ſagten ſie einander gute Nacht; in der Thür aber kehrte Ludwig noch einmal um und reichte ſeiner Frau die Hand.„Lebe wohl, Lavinia— Gott ſegne Dich!“ Er drückte die Hand ſtark, küßte dieſelbe eilfertig und ver⸗ ſchwand. Lavinia fühlte, ſie wußte nicht welche ſchreckliche Unruhe in ihrer Seele.„Warum wünſchte er mir auf eine ſo feierliche Weiſe gute Nacht? Noch nie hat er es ſo gemacht. Es lag in ſeinem Tone, ſeinem Händedruck etwas, das... O mein Gott! es muß ſich alles ver⸗ ſchworen haben, um mich zu mißleiten und zu bethören — Er kann nicht ſchuldig ſeinz er liebt keine Andere als... Nachdem ſie die halbe Nacht zugebracht hatte, um die Frage zu prüfen, ob es recht wäre oder nicht, ihm einen Wink zu geben, was die Leute ſagten, ſo kam ſie endlich zu dem Schlußſatze, daß dieſes davon abhangen ſollte, ob er ſeine Beſuche auf Kullen noch ferner fort⸗ ſetzte. Als Lavinia erwachte, ſo brannte die Sonne ſchon hoch am Himmel. Die dunkelrothen Gardinen waren gleichſam durchbrochen von einem glimmenden Netze, das wiederum erröthende Wolken auf die weiße Bettdecke warf. „Ach wie herrlich iſt hier das Erwachen!“ war ihr erſter Gedanke; der zweite war:„Ich habe mich gewiß verſchlafen— vielleicht wartet Ludwig auf Kaffee!“ Sie klingelte. Jungfer Lotta trat ein. „Wie ſpät iſt es?“ fragte ſie mit einer Freundlich⸗ t, die ſich von der Seele über das ganze Geſicht ver⸗ breitete. „Halb zehn, Ihro Gnaden!“ „d, Cott tröſte mich— da hat wohl der Rittmei⸗ ſter längſt Kaffee getrunken?“ „Ja, ich glaube wohl, daß er Kaffee trank ehe er 232 „Reiste?“ „Ja, Ihro Gnaden! der Rittmeiſter reiste heute Morgen um halb fünf Uhr. „Bitte Frau Brunsberg zu mir zu kommen!“ Waͤhrend der Minuten, da Lavinia allein war, wäre ſie von ihrer Gemüthsbewegung beinahe erſtickt worden. „O, nun verſtehe ich: darum, weil er beſchloſſen hatte zu fliehen, war er ſich ſelbſt den ganzen Tag ſo ungleich: darum nahm er Abſchied, ſtatt mir gute Nacht zu wuͤn⸗ ſchen. Doch er iſt wahrſcheinlich nur auf einige Stun⸗ den weggereist: noch vor Mittag oder ſpäteſtens vor Abend iſt er gewiß wieder hier. Es fann unmöglich anders ſein!“ „Guten Morgen, Ihro Gnavden! Nun haben Ihro Gnaden gewiß ſehr gut geſchlafen— aber das war auch nothwendig nach der Reiſe.“ „Ja, ich fühlte mich geſtern ungemein müde. Doch es war artig von Ihnen, Frau Brunsberg, daß Sie ſelbſt mir die Kaffeekanne hieher brachten. Ich muß ja doch, wie ich höre, heute allein trinken. Ludwig iſt gereist— kommt er zu Mittag wieder?“ „Nein, behüte! er iſt nach W gereist, und faͤhrt von dort direct zum Uebungslager.“ Lavinia wurde bleich wie die weiße Nachtkleidung. „Ich kann mich nicht entſinnen, gehört zu haben, daß er ſo bald weg mußte.“ „O, ich kann mir denken, er hat wohl nicht das Herz gehabt zu erzählen, daß er einen Brief erhalten hat, der ihn plötzlich nach W ruft. Als er vorgeſtern der gnädigen Frau entgegen fuhr, da hatte er nicht an⸗ ders gedacht, als daß er bis Mitte Mai zu Hauſe blei⸗ ben würde.Aber Ihro Gnaden ſehen nicht das kleine Billet, das neben der Zuckerdoſe auf dem Präſentirteller liegt. Dort ſteht wohl Alles.“ 7/* leſen, ehe ſie allein war, ſo legte ſie es neben ſich, in⸗ dem ſie an Frau Brunsberg noch einige Fragen richtets aus ſchre Ach, ſieh da!“ Lavinia riß das kleine dünne Billet an ſich; da ſie es jedoch nicht über ſich vermochte, es zu „Ja nicht eher Thür klo fragte dre mit dem die er fü augenblich Rittmeiſte meine M cher hier nach W- das iſt denke auc unruhigen Zeilen.. meinte ich Rittmeiſte der Kaffe ... Do er iſt wo Lavi unerwart niger dar welches i mich ent fruher, Uebung ben, den „K heute „wäre orden. i hatte gleich: wün⸗ Stun⸗ Abend ſein!“ i Ihro r auch d fährt eidung. t, daß ht das thalten geſtern ſcht an⸗ ſe blei⸗ kleine tirteller Billet⸗ es zu 9, in⸗ ichtets, 233 „Ja, ſehen Sie, Ihro Gnaden, ich wußte ebenfalls nicht eher etwas, als bis es geſtern Abend ſpat an meine Thür klopfte. ‚Sind Sie noch auf, Frau Brunsberg?. fragte draußen der Rittmeiſter; und da ich eben ſaß und mit dem Feldwebel über einige Commiſſionen ſprach, die er für mich auf der Reiſe beſtellt hatte, ſo öffnete ich augenblicklich und fragte: ‚Was befehlen Sie, Herr Rittmeiſter?... Ich wollte Sie bitten,⸗ ſagt' er, ‚mir meine Mantelſäcke packen zu helfen; denn der Brief, wel⸗ cher hier auf mich wartete, enthielt den Befehl, ſogleich nach W= zu reiſen. O, der Tauſend!' ſagt' ich, das iſt ſehr traurig für die gnädige Frau.“... Ich denke auch heute Abend meine Frau damit nicht zu be⸗ unruhigen,“ ſagt' er, ‚ſondern ich ſchreibe lieber einige Zeilen....„O, behüte Gott! das iſt allzu ſchimpflich,“ meinte ich. Und ſo packten wir was das Zeug hielt, der Rittmeiſter, der Feldwebel und ich. Um vier Uhr ſtand der Kaffee auf dem Tiſche, und um halb fünf fuhr er ... Doch der Kaffee hat zu lange geſtanden, ſehe ichz er iſt wohl ſehr ſtark— er ſchmeckt Ihro Gnaden nicht 24 Lavinia war dankbar für dieſe Behauptung, die ein unerwartetes Zartgefühl verrieth; und ſie war nicht we⸗ niger dankbar dafür, daß Frau Brunsberg ſich gleich darauf mit dem Kaffeeſervice entfernte. Sobald ſie ſich allein ſah, brach ſie das Billet, wel⸗ ches nur folgende Zeilen enthielt: „Zufolge des Empfangs, den ich geſtern erhielt ſehe ich es fur abgemacht an, daß das einzige Vergnügen, welches ich Dir bereiten kann, darin beſteht, wenn ich mich entfernt halte. Ich reiſe daher vierzehn Tage fruher, als. ich nöthig hütte. Nach dem Ende der Uebung kehre ich zurück, weil wir dann nicht nöthig ha⸗ ben, den Zwang der Einſamkeit zu fürchten. Von W— aus ſchreibe ich an Rudolf und erneuere die Einladung. Ludwig. „Kein einziges liebevolles Wort! Hätte er die Feder 4 1 4 4 4 1 234 in Eis und Schnee getaucht, ſo könnte er nicht kälter ſchreiben.“ Lavinia ließ das Billet fallen und den Kopf auf 8 das Kiſſen ſinken.„Wiederum ſechs Wochen entfernt!“ Einundzmwanzigſtes Kapitel. Trotz der reichen Genüſſe, welche Lavinia mit ihrem offenen gefühlvollen Gemüthe täglich in einer Natur wie die um Roſenborg haben mußte, konnte dennoch kein Ge⸗ mälde, ſo ſchön ſie auch war, ſo ſehr ſie auch von der⸗ ſelben augenblicklich hingeriſſen wurde, aus ihrer Brußt die ſtille Sehnſucht reißen, welche dort ſchon lange ein Gaſt geweſen war. Das Gedächtniß führte ihr getreu⸗ lich Ludwig's Bild zurück, und wurde, wie gewöhnlich n beſſerer Fürſprecher, als er ſelbſt geweſen ſein würde, Jetzt hatte Lavinia den feſten Vorſatz gefaßt, ſich über ſein Verhältniß mit Mademoiſelle Rehnman ſichere Nachrichten zu verſchaffen. Eines Tages, da ſie eigentlich keinen beſtimmten Vorſatz gehabt, aber doch ſchon ſo lange erwogen hatte, daß ſie denſelben jetzt eben ſo gut ausführen könnte, als ſpäterhin, ſetzte ſie ihre Promenade ſo weit fort, daß ſie zuletzt das rothe Dach erblickte, unter deſſen Schutz das Geheimniß ruhte, nach deſſen Schlüſſel ſie ſo lange vergebens geſucht hatte. Hier uͤberlegte ſie noch einige Minuten, blieb aher nichts deſto weniger ihrem Vorſatze getreuz denn wollte ſie nicht ſelbſt etwas thun, um Licht in die Sache zu bringen, ſo wurde ſie ohne Zweifel ſtets in Finſternß ſchweben. Jede Gewißheit war überdies der tauſend⸗ fältigen ſinnreichen Pein ihrer Ungewißheit vorzuziehen Bald lag das kleine Haus vor ihr. Auf int *& 4 1 grünen ſaß die neben ih deren V heganne Al ſe auge unbeſchr den ſtiller u gen, w ſowohl der Beſe gewöhn! angeneh⸗ die gute Herzlich machte Garn lo „A Lavinia 9 ſpruchsl und leb ſo wür Gatten dung g N die ſie und au halb e ſtand da, ſo ſprechli mals 3 ſachte. ht kälter opf auf fernt!“ it ihrem atur wie kein Ge⸗ von der⸗ er Bruſt inge ein getreu⸗ wöhnlich n würde. äßt, ſich n ſichere ſſtimmten een hatte, nte, als ort, daß n Schutz ſo lange lieb aber in wollte Sache zu Finſternß tauſend⸗ zziehen luf eina 235 grünen Bank unter den beiden blühenden Apfelbäumen ſaß die ehrwürdige Frau Rehnman und wickelte Garn; neben ihr ſaß mit ihrer Stickerei beſchäftigt Maria, auf deren Wangen die Roſen wiederum Knoſpen zu treiben hegannen. Als die beiden Damen Lavinia erblickten, ſo ſtanden ſt augenblicklich auf; und Frau Rehnman, die in ihrer ubeſchreiblichen Einfachheit dennoch den beſten Takt hatte — den feinen Takt eines guten Herzens— ging mit ſtiller und freundlicher Artigkeit der jungen Frau entge⸗ gen, welche ſie zwar noch nie geſehen hatte, aber doch ſowohl an der Röthe auf ihren Wangen, als auch an der Beſchreibung erkannte, welche ſie von Lavinia's un⸗ gewöhnlicher Schönheit erhalten hatte. „Ich glaube wirklich,“ ſagte die alte Paſtorin mit angenehmer Freundlichkeit,„wir haben das Vergnügen, die gute Gattin unſers ehrenhaften Rittmeiſters zu ſehen, Herzlich und innig willkommen!“ Und die alte Frau machte augenblicklich Platz auf der Bank, worauf viel Garn lag. „Ach, bemühen Sie ſich doch nicht ſo ſehr!“ bat Lavinia mit einer unbeſchreiblich wohlklingenden Stimme. Das reine und gute Antlitz und die ſanfte und an⸗ ſpruchsloſe Würde der alten Frau nahm ſie mächtig ein, und lebendig drängte ſich ihrem Herzen der Gedanke auf; ſo würde die Mutter nicht die Frau empfangen, mit deren Gatten ihre Tochter einmal in einer ſtrafbaren Verbin⸗ dung gelebt hat. Nun aber wendete Lavinia ihren Blick zu derjenigen, die ſie in Gedanken oft ihre Nebenbuhlerin genannt hatte, und augenblicklich verſuchten die Furien des Zweifels das halb erloſchene Feuer auf's Neue anzuſchüren. Maria ſtand nicht nur mit blutrother Farbe auf den Wangen da, ſondern ihr ganzes Weſen verrieth auch eine unaus⸗ ſprechlich peinigende Verwirrung, obgleich ſie ſich mehr⸗ Pnuns durch ſichtbare Anſtrengungen davon zu befreien dte 236 „Marie, mein Kind, gehe hinein und ſchaffe der Frau ein Glas Waſſer mit Himbeerenſaft zur Erquickung nach der Wanderung.“ Maria ging, aber mit deutlicher Beſchämung über ihr Betragen, ſich ſo vor Lavinia gezeigt zu haben, deren Antlitz gleich einem Spiegel Maria's Erröthung und Verwirrung wiederzugeben begonnen hatte. „Meine beſte junge Frau!“ begann die Paſtorin, nachdem Maria hinter der mit Laub beſtreuten kleinen Ausbaute vor der Hausthür verſchwunden war,„man muß Nachſicht haben mit ſolchen armen gefallenen Kin⸗ dern, wie meine Tochter iſt. Es gehört mit zu ihren furchtbarſten Strafen, daß ſie ſelbſt in den freundlichſten und mildeſten Blicken Schmach und Unwillen zu leſen vermeinen. Und noch muß wohl eine lange Zeit verfließen, ehe mein gutes Kind im Stande iſt, einen Fremdling ohne die ſtärkſte Gemüthsbewegung hier eintreten zu ſehen. „Guter Gott!— meine beſte Frau Rehnman, ſie wird doch wohl nimmermehr glauben, daß ich... 2“ „Sie glaubt gewiß nichts dergleichen, nein, gar nichts Böſes, meine gnädige Frau; ſie wird nur biswei⸗ len verwirrt. Wie ſollte ſie Böſes denken können von derjenigen, die ſo edel war, ihr einen Platz neben ſich anzubieten, während alle andern— und eben das macht ſie ſo ſcheu— ihr nur Hohn und Verachtung zeigten!“ „Nicht alle,“ ſagte Lavinia faſt athemlos—„es wäre ungerecht, das zu ſagen.“ „Sehr wahr: der Rittmeiſter grüßte. Ach ja, er iſt immer gütig und wohlwollend gegen uns geweſen, und hat Marie immer wie eine Schweſter behandelt. „Ich entſinne mich, daß mein Mann mit vieler Freund⸗ ſchaft von Mamſell Rehnman geredet hat.“ „Ja, er iſt, Gott ſei gelobt! einer von der Art ſel⸗ tener Freunde, die nicht weggehen, wenn der böſe dag. kommt. Mein ſeliger Mann hatte die Ehre gehabt, der Lehrer des Rittmeiſters zu ſein, und ſeit der Zeit hat wi ſchen ihnen eine beſtändige Freundſchaft geherrſcht, obgleichder 8 Rittmeiſt unſerer Roſenbo Hochzeit hof; und warmer Er hiel dieſem k Gott ſei Herr un bußfertig nicht gen „Ac Lavinia der ehem moiſelle reichen „Ja eben ſo ſieht er ein Her Die gna rathet g ich abe uaffe der nickung ig über deren ig und aſtorin, kleinen „man en Kin⸗ u ihren dlichſten u leſen ffließen, emdling ſehen.“ n, gar biswei⸗ en von ben ſich 3 macht eigten!“ —„es , er iſt n, und Freund⸗ Art ſel⸗ ſe Tag bt, der at zwi leich der 237 Rittmeiſter lange Zeiten, ja Jahre auf Reiſen und von unſerer Gegend entfernt war. Darauf aber kaufte er Roſenborg— das that er anderthalb Jahre vor ſeiner Hochzeit— und nun kam er oft auf den Komminiſter⸗ hof; und als mein Alter ſtarb, ſo verſprach er ihm mit warmer Hand, mich und Marie niemals zu verlaſſen. Er hielt auch Wort. Der Rittmeiſter verhalf uns zu dieſem kleinen Hofe, der, Gottlob! mein eigener iſt; und hier habe ich mit meiner Marie manchen angenehmen und frohen Tag verlebt bis das große Unglück kam, und Gott ſei gelobt, auch nachher noch manchen, denn unſer Herr und Gott iſt gnädig und nimmt ein reuiges und bußfertiges Herz an. Er hat auch von uns ſeine Hand nicht genommen.“ 8 „Ach, das thut er gewiß auch künſtig nicht!“ fiel Lavinia mit warmer Ueberzeugung ein.„Und wenn auch der ehemalige geſellſchaftliche Umgang fehlt, ſo hat Made⸗ moiſelle Rehnman in dem Umgange ihrer Mutter einen reichen Erſatz dafür.“ „Ja, ich kann Gottlob! mit Freuden ſagen, daß ſie eben ſo denkt; und im Uebrigen hat ſie auch nicht große Urſache, über den Verluſt ihrer ehemaligen Bekannten zu trauern, da doch der beſte ihr geblieben iſt. Wenn der Rittmeiſter zu Hauſe iſt und eine Stunde übrig hat, ſo ſihht er noch immer nach wie vor bei uns ein. Welch ein Herz, welch ein Menſchenwerth bei dem Manne! Die gnädige Frau iſt erſt ſo kurze Zeit mit ihm verhei⸗ rathet geweſen, daß Sie ihn kaum kennen gelernt haben; ich aber kenne ihn und ſage mit meiner innigſten Ueber⸗ zeugung: die Frau, welche mit einem ſolchen Manne ver⸗ einigt iſt, kann Gott nie in ihrem Leben genug danken!“ „Und doch,“ ſiel Lavinia ein, den günſtigen Augen⸗ blick kühn im Fluge ergreifend,„hat auch er der Ver⸗ 8 leumdung nicht entgehen können.“ „Wenn einer von Gottes Engeln auf die Erde her⸗ abſtiege, ſo wurde er der Verleumdung nicht entgehen, wie viel weniger alſo ein armer ſündiger Menſch, und 3 238 wäre er auch der beſte. Der Rittmeiſter hat ſeine Feh⸗ ler, er iſt nicht vollkommen, und dieſe Fehler ſtoßen leider Andere vor den Kopf. Er hat ſich ſeinen Nachbarn nie recht angeſchloſſen;z daraus kommt am Ende Unwille und Verdruß: ſie verleumden ihn wo ſie Gelegenheit dazu haben, mit oder ohne Grund. Das iſt der Welt Lauf, meine junge Frau!“ „Sie verſteht mich, will ſich aber nicht darauf ein⸗ laſſen. O, könnte ich ihr Vertrauen gewinnen!“ Lavinia dachte hin und her auf Mittel ihre Abſicht zu erreichen; doch ſo einfach dieſe alte Frau ausſah und auch wirklich war, ſo war es dennoch unmöglich, ihr beizukommen. . Jetzt kam Marie mit der lange verzögerten Erfri⸗ ſchung. Doch kaum hatte Lavinia's Blick ſie getroffen, ſo flogen die verrätheriſchen Wolken von neuem über ihr Geſicht, und die Hand, womit ſie den Präſentirteller hielt, zitterte ſo heftig, daß ſie ihn eilig von ſich ſetzen mußte. Es verfloſſen einige Augenblicke in drückendem Schweigen. Lavinia verſuchte es, mit Maria, welche nun ihre Arbeit wieder zur Hand genommen hatte, ein Geſpräch anzuknüpfen; doch alle Antworten, welche ſie erhielt, waren kurz und geſchraubt. Zuletzt fühlte ſie, daß ſie nicht länger einen Vorwand zum Verweilen finden konnte, und als ſie ſich erhob, ſo erbot ſich die Paſtorin, ſie ein Stück Weges zu begleiten— ein Vorſchlag, den Lavinig mit Freude und Dankbarkeit annahm. Anfangs verhandelten ſie nur die Gegenſtände, welche die umgebende Natur ihnen darbot, und Frau Rehnman ſprach ihre Gefühle auf eine Weiſe aus, welche ihre Be⸗ gleiterin verſicherte, daß das warme Gemüth der alten Frau noch ein ehen ſo großes und klares Auffaſſungsvet mögen hatte, wie in ihrer Jugend; als nun aber ze Waldſtrom durch die Bäume hervorzublicken begann, d ſagte ſie, Lavinia freundlich zunickend:„O, ich glaube mit meinen Augen zu ſehen, wenn der Rittmeeiſter vom Uebungsl junge Fr vor Kurz immer vr auch ſein als je ein vor, da e er hätte herzlich l wir wußt that uns erhalten O, in Lavinig alte würd welche vie geboten, d vinia's) S geleitet he ſie mit ſo Hatt von ſeiner bereiten n ſeiner See ſich in e wandeln! rung wät geweſen. Aber Zärtlichke bereitunge in Gedan das Ande! ſiſten, da ne Feh⸗ V n leider darn nie ille und iit dazu lt Lauf, auf ein⸗ Abſicht ſah und ich, ihr n Erfri⸗ ffen, ſo iber ihr er hielt, mußte. hweigen. nun ihre eſpräch erhielt, daß ſie konnte, , ſie ein Lavinia 239. Uebungslager zurückkehrt, wie froh er da ſein wird, ſeine junge Frau umherrudern zu können! Während er hier vor Kurzem als Strohwittwer umherging, ſo fing er immer von der Zeit zu reden an, und davon handelte auch ſein letztes Wort; und ich verſichere, er war ſo froh, als je ein junger Bräutigam ſein kann, als er Tages zu⸗ vor, da er der gnädigen Frau entgegenreiste, uns erzählte, er hätte ſein kleines Drachenſchiff fertig. Wir mußten herzlich lachen über ſeine Ungeduld, ich und Marie, denn wir wußten, wie unähnlich ihm dieſer Eifer iſt; und es that uns herzlich weh, als wir erfuhren, daß er Befehl erhalten hätte, an dem Tage Ihrer Ankunft zu reiſen.“ O, welche troſtreiche Freude weckte dieſe Mittheilung in Lavinia's Bruſt, ſie ſegnete ihren Beſuch, ſie ſegnete die alte würdige Frau, welche ohne ſich auf Dinge einzulaſſen, welche vielleicht geheime Verhältniſſe ihr zu verſchweigen geboten, dennoch auf die feinſte und zarteſte Weiſe ihre(La⸗ vinia's) Furcht gehoben und ihre Gefühle auf einen Punkt geleitet hatte, wohin ſie ſelbſt ſo gerne ſtrebten, und wo ſie mit ſo vielem Vergnügen weilten. Hatte Ludwig in Gegenwart der Mutter mit Maria von ſeiner Sehnſucht und von der Freude, die er ſeiner Frau bereiten wollte, geredet, ſo herrſchte dieſe auch allein in ſeiner Seele; denn es ließ ſich nicht denken, daß die Liebe ſich in eine ſo ruhige Art von Freundſchaft hätte ver⸗ wandeln können. Zu einer ſo außerordentlichen Verände⸗ rung wäre doch wenigſtens eine längere Zeit erforderlich geweſen. Aber, o Gott! wie war er belohnt worden für ſeine Zättlichkeit, ſie zu überraſchen und für alle frohen Vor⸗ bereitungen, die er ſowohl in der Wirklichkeit als auch n Gedanken zu ihrem Vergnügen bereitet hatte! Ach, das Andenken daran mußte unfehlbar die letzte Zeit ver⸗ ten, da ſie noch als die Herrſcherin auf Roſenborg an⸗ ehen wurde. 4 und Lavinia's letzte Worte waren:„Ich bin überzeugt, dieſem S daß wir uns noch ſehr oft treffen werden!“ Sohn). Doch ehe Ludwig nach Hauſe käme, ehe ſie erführe, abgeriſſen wie er dieſen erſten Beſuch aufnehmen würde, wollte ſie noch nich denſelben nicht erneuern... die Güte Die Zeit verging. Der Johannistag kam immet gen ſitzen näher. mein Ge Endlich erſchien der Tag, welcher ihr die Freude Ma ſchenken ſollte, ihre Geſchwiſter wieder zu ſehen; doch ge⸗ reichen 2 rade an dieſem Tage war ſie in einer unbeſchreiblich trau⸗ ihr gewi rigen Stimmung.. auch ihre Es war ihr faſt ſo, als hätte ſie kein Recht, ſie in„Er dieſem Hauſe entgegen zu nehmen, welches ihr eigentlch Noc ein fremdes Haus war Doch Ludwig hatte ſie ja herz⸗ ſeine Br lich eingeladen; wenn ſie alſo die Pflichten einer guten unter ihr Wirthin erfüllte, ſo erfüllte ſie auch ſeinen beſtimmte„W Wunſch. Schwäge Und doch, ungeachtet dieſes Troſtes, ungeachtet ihrer mütterlich großen Freude, konnte ſie kaum ihre Thränen zurüͤckhal⸗ kleinen F ten, als man ihr meldete, daß ein fremder Wagen in der„O, Allee ſichtbar wäre. daß ich i Ehe Lavinia unten war, hatte der Wagen ſchon un haſt Du das Rondel gelenkt und hielt eben vor der mit Blumen⸗ drücke ihr töpfen gezierten Treppe. worden- auf einen ... Li Bweiundzwanzigſtes Kapitel. ns Koin AHBithin „Laoinia, meine beſte Lavinia! ich bin höchſt entzuück Dir gle über Dein charmantes Feenſchloß, aber ich betheuere, it wat in Verzweiflung über alle unerhörten Berge man paſſiren muß, um hieher zu kommen... Et, Rudolf, mein Herr! ſo ſpringe doch nicht köpflings nus dem Wagen: Du erdrückſt ja den Sexaph“( berzeugt, erführe, oollte ſie n immer e Freude doch ge⸗ lich trau⸗ zt, ſie in eigentlich ja herz⸗ ier guten eſtimmten htet ihrer zurückhal⸗ n in der ſchon um Blumen⸗ 241 dieſem Schmeichelnamen bezeichnete Julia gewöhnlich ihren Sohn)...„Nein, ſieh! welch ein Spektakel! der Beſatz abgeriſſen von meinem Kleide— muß mit! Nun? Iſt's noch nicht aus mit den Umarmungen? Willſt Du nicht die Güte haben mir zu helfen— oder ſoll ich im Wa⸗ gen ſitzen bleiben? Rudolf! Rudolf! biſt Du taub? O mein Gott! er iſt ganz von Sinnen!“ Man hörte es Julia's geſunder Stimme und ihren reichen Wortvorrathe an, daß die Krankheit gänzlich von ihr gewichen war. Sie hatte ſowohl ihre Körper⸗ als auch ihre Seelenkräfte wieder erhalten. „Entſchuldige, mein Engel!“ Noch einmal preßte Rudolf die geliebte Schweſter an ſeine Bruſt, und nun eilte er zu ſeiner Frau, um ſich unter ihre Befehle zu ſtellen. „Willkommen, willkommen, Julia, meine liebe Schwägerin! Nein ſieh, wie beſchäftigt ſie iſt in ihren mütterlichen Angelegenheiten! Aber nun gieb mir den lleinen Herrn, damit Du Dich beſſer bewegen kannſt!“ „O, ich bin ſo verliebt in meinen kleinen Jungen, daß ich ihn kaum eine Minute von mir laſſen kann. Da haſt Du ihn! Um Gottes willen nimm Dich in Acht... drücke ihn bei Leibe nicht! Iſt er nicht hübſch groß ge⸗ worden— iſt er nicht ſchön wie ein Engel auf Rafael's Gemälden? Aber ſo ſchwer, Dul ich kann mich an ihm zu Tode ſchleppen.“ „Bekommt ihn denn nicht die Amme auch bisweilen auf einen Augenblick?“ „Liebe Lavinia,“ lächelte Julia, indem ſie mitleidig das Köpſchen ſchuͤttelte und an dem Arme der jungen Wirthin in den geräumigen Saal trat,„man hört es Dir gleich an, daß Du nicht Mutter biſt; Die Amme terde, wenn übrigens unſre ſchönſten und heiligſten hwerden heißen können. Aber, Sophie, wo Carlen. Ein Jahr. 16 t Seele den geringſten Autheil an der Be⸗ Du? Sophiel komm nun her und nimm den Se⸗ 242 raphl löſe ihm die Kleider auf und trage ihn hier draußen„D im Saale umher, ſo daß er ſich ein wenig abkühlt! ehe Du Mein Gott, wie heiß iſt er! Kühle ihn ab, hörſt u! Fahne 3 — ſchnell, ſchnell!... Nein, halte ihn nicht ſo hoch, Augen t und ſchwenke ihn nicht ſo fürchterlich: begreifſt Du denn fangen h nicht, daß ihm alles Blut zu Kopfe ſteigt? Fächele ihn„Ab mit dieſem Schleier... ſo gut... ſo ſoll's ſein... hört, de ſo nur mehr!“ Mädchen Jetzt ſchwebte auf Lavinia's Lippen ein Lächeln, das die eine? zwar ſanft und gut, aber doch nicht ohne eine kleine Zwei⸗ mit dem deutigkeit war. St Julia merkte nichts; denn nachdem ſie ſich der müt⸗ Glück, dc terlichen Sorgen erledigt hatte, flog ſie rund umher, aus ich bether einem Zimmer in das andere, um ihre Neugierde zu be⸗ unbegreif friedigen. Sollen n Rudolf dagegen hatte Lavinia's Lächeln bemerkt und„Ni flüſterte ihr in das Ohr: akeine Ungerechtigkeit mehr! von ihren Ich verſichere Dich, ſie iſt jetzt alles, was ſie ſcheint— Che erzo wielleicht ein wenig übertrieben, das kann ſein, übrigens und die t ber ein Engel an Vollkommenheit, die zärtlichſte Gattin, ger Men⸗ die aufopferndſte Mutter.“ gabe und „Gott ſei Lob und Dank 17 in Stand Lavinia eilte Julien nach, welche ihr fröhlich ent: niſſen ein gegen rief:„Ich „O, ich wundere mich nicht im geringſten mehr dar⸗ nicht den über, daß Du Deine Heimath anbeteſt: ich bin ganz ent⸗ fönnen m zückt. Das iſt ein Geſchmack, eine Eleganz, eine Bequem⸗ Und was lichkeit und ein Comfort, der auf meinen ganzen Beifall! der Beſch Beſchlag legt. Ich will nur wünſchen, daß ich ſerii werden könnte mit...“ 3 „Dem Thee?“ fiel Lavinia ſcherzend ein— nia ich verſichere Dich, er iſt gut.“ 4 „Den Thee meinte ich eben nicht; doch gleich ueh wir derſtehen uns. O, ich verzweifle vor Sehnſucht, Iſt ich ſehe, Wie weit Du mit ſeiner Erziehung gekommen Aber Du biſt gar nicht neugierig zu ſehen, wie ſe i er mit der meinigen gekommen iſt?“ 243 draußen„Deine Erziehung war, meine ich, ſchon vo lendet, bkühlt! ehe Du, wie die Poeten ſich ausdrücken, unter Hymens iſt Du! Fahne zu treten beſchloßeſt; und ich würde kaum meinen ſo hoch, Augen trauen, wenn ich ſähe, daß Du auf's Neue ange⸗ du denn fangen hätteſt in die Schule zu gehen.“ hele ihn„Aber, meine liebe Julia! haſt Du wohl jemals ge⸗ in... hört, daß die Erziehung eines Frauenzimmers mit der Nädchenzeit als beendigt gelten kann? Das iſt ja nur In, das die eine Abtheilung derſelben: die zweite beginnt von und ne Zwei⸗ mit dem Augenblicke, da ſie in den heiligen Eheſtand tritt.“ 3„Still, ſtill!— es iſt bei meiner Ehre ein großes der müt. Glück, daß Rudolf draußen iſt und nach den Sachen ſieht; her, aus ich betheuere, daß ich krank würde, wenn er hörte, welche e zu be⸗ mmbegreiflich einfältigen Anſichten Du ausſprechen kannſt. Sollen wir uns von unſern Männern erziehen laſſen 24 eerkt und„Nicht ganz ſo ſagte ich. Eine Sache iſt, daß die Frau t mehr! von ihrem Manne, und die zweite iſt, daß ſie durch die heint— Ehe erzogen wird. Die Ehe iſt eine ſo reiche Schule, übrigens und die tägliche Erfahrung ein ſo ſtrenger und verſtändi⸗ Gattin, ger Mentor, daß, wenn wir nur eine ziemliche Faſſungs⸗ gabe und einen ziemlich guten Willen beſitzen, wir leicht in Stande ſein werden, einen großen Vorrath von Kennt⸗ hlich ent⸗ niſſen einzuholen.“ „Ich meines Theils,“ rief Julia lachend aus,„ſetze nehr dar⸗ nicht den geringſten Werth auf ſolche Kenntniſſe: die ganz ent⸗ kännen mir nicht das allergeringſte Vergnügen bereiten. Bequem⸗ Und was den Nutzen betrifft, ſo halte ich auch dieſen von n Beiſallt der Beſchaffenheit, daß ich ihn gerne entbehren kann.“ ich fertig„Und ich habe leider das Gegentheil geglaubt! Ru⸗ nſterte mir vor einem Augenblicke zu, Du wäreſt wia ch die allerzärtlichſte Gattin, die allerunermüdlichſte Mutter.“ Nun ja, liebe Lavinia, das alles bin ich, weil ſich's rade ſo paßt. Ich liebe Rudolf, ich liebe meinen kleinen angen, ich liebe meine Pflichten und opfere mich ihnen n Dieſes aber kommt von meinem guten H erzen und t im Allergeringſten aus irgend einer Art von Stu⸗ n, einem Pflichtzwange oder dem ausgeſprochenen b 244 Wunſche eines Andern. Ich gehorche meiner Anſicht nach b bint 4 ſo nur dem Inſtinkte, das heißt, meinem eigenen Willen.“ beſſer ge „Das iſt vielleicht gewiſſer Maßen beſſer, wenn Du N 1 nur vollkommen überzeugt ſein könnteſt, daß Du nie von Ale. De 3 4 3 4 ö eile; den einem weniger guten Willen beherrſcht würdeſt. Wenn Secunde wir aber annehmen, daß Du einmal aufhören könnteſt, in Jo Rudolf verliebt zu ſein, würdeſt Du da auch aufhören, von Ler Deine Pflichten ſtreng zu erfüllen 24 Faden fü „Pfui, wie garſtig Du da ſprichſt! Zuerſt und vor Nechanit allen Dingen kann ich nimmermehr aufhören, meinen Mann den Ma zu lieben; denn die Liebe— das haſt Du doch wohl unmerklie tauſendmal gehört und geleſen— iſt ewig, wenn ſie beſtimmt gut und rein iſt. Alſo iſt es unmöglich. Und zweitens R. kann es Rudolf, Gott ſei Lob und Dank! nie einfallen, jden Fa zu verlangen, ich ſollte zu ſeiner Sklavin herabſinken, chen gefe was vielleicht manche andere Herren von ihren Frauen ſun verlangen.“ ihen Aus „Ei, ei, meine beſte Julia! das iſt eine ganz ver⸗ ich will altete Redensart. Die Sklavinnen haben ihre Zeit längſt licheres 4 überlebt; die Männer kennen jetzt wohl etwas beſſeres als N das. Die Sklavin war eine Art von Haus⸗ und Laſtthien„3 das nicht länger ging, als wohin die Peitſche— ich meint: ganz 3 den eiſernen Willen des Hausherrn— es trieb; hier blib Rudolf alſo der Kreislauf ſtets ein und derſelbe. Die Maͤnner 3o unſerer Zeit haſſen Ketten und Sklaverei. Die Frau muß anr ſtatt deſſen eine Schule durchmachen, in welcher ſie die nicht we beredte und unſchätzbare Augenſprache lernen kann; und Wäſßt verſteht ſie dieſe recht, ſo wird ſie durch einen ſeidenen R. Faden ſo fein wie ein Haar geleitet, und zwar, ohne daß darun ein einziger Menſch merke, daß ſie einen Schritt in andrer Vellkomn Richtung geht, als ſie ſelbſt will.“ N Während dieſer kleinen Vorleſung hatte Julia miten N im Zimmer geſtanden. Jetzt aber warf ſie das Köpſchett„NR zurück, ſteckte die Finger in beide Ohren und betheuerte hi höherem Allem, was wahr und heilig war, daß ſie kein Wort me bringen. von einem ſo„abſcheulichen Vertrauen“ hören wollten„O „Dieſes iſt aber nur die eine Hälfte!“ verſicherte La⸗ b ht nach illen.“ nn Du nie von Wenn nteſt, in ufhören, und vor n Mann ch wohl venn ſie zweitens infallen, abſinken, Frauen anz ver⸗ it laͤngſt ſeres als Laſtthier, ſch meine ſier blieb Maͤnner rau muß r ſie die un; und ſeidenen ohne daß in andrert lig mitten hüheren Werthe als Deine Penſionsanſtalt vor die Augen tingen.“ 245 vinia.„Hätteſt Du nur noch drei Secunden Geduld ge⸗ habt, ſo würde ich etwas geſagt haben, das Dir vielleicht beſſer gefallen könnte.“ „Nun ſo opfere ich noch drei Minuten auf— doch eile; denn ſonſt ſchenke ich Dir nicht ſo viel wie eine halbe Secunde!“ „Ja, ſiehſt Du: in der vortrefflichen Penſionsanſtalt, von der ich eben redete, lernt man auch ſelbſt den ſeidenen Faden führen, und durch eine Art von feinem und geheimem Mechanismus— den man gleichwohl aus Beſcheidenheit den Mann nicht verſtehen läßt— wird auch er ganz unmerklich in eine andere Richtung geleitet, als die er beſtimmt hatte.“ „Nun das läßt ſich doch endlich einmal hören! Aber auf jeden Fall iſt das nur eine unſichtbare Gleichheit; derglei⸗ chen gefällt mir nicht. Ich wünſche, daß Gott und die ganze Welt ſehen ſoll, wie ich nicht nöthig habe, derglei⸗ chen Auswege zu erfinden, um dahin zu kommen, wohin ich will. Hörſt Du— haſt Du wohl jemals ein glück⸗ licheres Paar geſehen, als mich und Rudolf?“ „Nächſt mir und meinem Mann.“ „Ja wohl; ich habe gehört, die Herrſchaften leben ganz wie Turturtauben! Doch ernſthaft: hältſt Du nicht Rudolf für den glücklichſten von allen Ehemännern?“ „Ich glaube wirklich, daß er ſelbſt ſich dafür hält.“ „Und das iſt die Hauptſache, obgleich ich eben ſonſt nicht weiß, warum nicht auch Andre das glauben können. Weißt Du aber auch, warum er glücklich iſt?“ „Nein, ich geſtehe, daß ich das nicht weiß, wenn nicht nrum, weil er in Dir den Inbegriff aller möglichen Lolltommenheiten ſieht.“ „Nicht darum iſt er beglückt.“ Micht?— warum denn?“ Nun will ich Dir ein Geheimniß von unendlich „Ol wirklich?“ 246 „Nudolf iſt der überſeligſte der Männer, weil ich ihn ge⸗ lehrt habe, ausſchließlich allen meinen Launen zu huldigen; und ich verſichere Dich, ihm würde ein Theil ſeines Glückes, einen Theit ſeines eigenen Selbſts fehlen, wenn ich ploͤtzlich auf den Einfall käme, ſo klug und verſtändig zu werden, wie ein großer Theil von Frauen in ihrer bedauernswürdigen Be⸗ ſchränktheit zu ſein für ihre höchſte Pflicht erachtet. Sobald ich nicht meine kleinen liebenswürdigen Capricen zeige, ſo glaubt Rudolf augenblicklich, daß ich traurig oder krank bin, und iſt ſogleich bereit, Himmel und Erde zu erregen. Auf dieſe Weiſe, welche nie berechnet iſt, ſondern kommt wie ſie will und kann— denn wie Du weißt, gehorche ich immer dem Augenblicke— leite ich ihn wohin mir beliebt. Er iſt derjenige, welcher es vermeidet, mir zu⸗ wider zu ſein, weil er glücklich iſt, ſo lange ich mir gleich bin, das heißt in der einen Minute anders als in der andern... So ſollteſt Du es auch machen!“ „Nein, davor werde ich mich in Acht nehmen.“ „So? Und warum denn, wenn ich fragen darf?— Ich ſehe wenigſtens keinen Grund.“ „Ich aber ſehe ihn. Wenn eine ſolche deſpotiſche Regierung eine gewiſſe Zeit ſo fortgedauert hat, ſo muß ſie nothwendig zuletzt zu einer Revolution führen. Darauf polgt im beſten Falle, daß aus der Monarchie eine Re⸗ publik wird; aber man kann nicht ſicher ſein, daß nicht die Republik wiederum von einer neuen monarchiſchen Re⸗ gierung verdrängt wird, nur mit dem Unterſchiede, daß nur er und nicht ſie am Steuer ſitzt. Ich meines Theils würde mich nie mit dergleichen Staatsumwälzungen der⸗ tragen können, welche noch obendrein den Fehler hahen, daß ſie uns mit den klarſten Gründen beweiſen, wie thöricht wir damals handelten, als wir noch die Macht in un Händen hatten.“ 3 „Mein Gott, meine Damenl ich glaube, Ihr ſeid i das Gebiet der Politik gerathen: Regierung, Monarchit, Republik— in der That, Ihr ſeid allzu liebenswürdig!t 8 N„Sa, Lavinia will mich in die allerliebenswürdigſte ſen Politik, Regierur ſagte Ju Arme u In um alles Hu Lavinia her geſt Platz fü der Zug im Wege die ihr kamen, und pfli um ihr zu ſchm Bruſt h. hören ko hüte vo fremde H ſo muß man wo vor Alle ſehen, a über den einen S ſaß, mit und die Bei ihn ge⸗ ldigen; Hlückes, lich auf wie ein ſerregen. kommt gehorche hin mir mir zu⸗ ir gleich Sin der eſpotiſche ſo muß Darauf eine Re⸗ aß nicht chen Re⸗ de, daß 8 Theils gen ver⸗ r haben, thöricht n unſern r ſeid u onarchie, würdig!’ vürdigſte um alles für ihre Landſejour in Ordnung zu bringen. 247 Politik einweihen; doch ich bin nicht im Stande, andere Regierungsformen zu faſſen, als die ich ſelbſt ſchaffe!“ ſagte Julia, indem ſie mit einem ſchelmiſchen Lächeln die Arme um den Hals ihres Mannes ſchlang. In den erſten Tagen hatte Julia vollauf zu thun, Hundertmal wurde in den beiden Gaſtzimmern, die Lavinia für ſie in Ordnung geſetzt hatte, alles hin und her geſtellt. Beſonders konnte ſie nie einen recht guten Platz für die Wiege erhalten: bald war die Sonne, bald der Zug vom Fenſter und bald der Zug von der Thür im Wege. Doch während dieſer ungeheueren Beſchwerden, die ihr bald ſehr angenehm, bald ganz unausſtehlich vor⸗ kamen, jagte ſie mit Rudolf in den ſchönen Parken umher und pflückte Blumen, von welchen ſie dann Kränze wand, um ihr eigenes und das Köpfchen des„Seraph's“ damit 6 zu ſchmücken. Unbedingt mußte ſie auch lernen, eine kleine Ziege ſelbſt zu melken. 4 Da der Kleine ohne allen Widerſpruch eine ſchwache Bruſt haben mußte— was man ja ſchon an der Stimm hören konnte— ſo mußte er auch täglich einige Finger⸗ hüte voll Ziegenmilch trinken; und nichts durfte durch fremde Hände gehen,„denn,“ agte Julia,„iſt man Mutter, ſo muß man es auch wirklich ſein!“ Und überdies konnte man wohl unmöglich— wenigſtens meinte Rudolf, und vor Allen Julia ſelbſt, es— ein romantiſcheres Gemälde ſthen, als wenn Julia mit ihrem kleinen Strohhute ſchief über den Locken— ſie hatte ſich blos für ländliche Scenen einen Strohhut beſtellt— auf einem Schemel im Grünen ſaß, mit dem kleinen, allzu kleinen Milcheimer im Schoße und die Ziege vor ſich.“ Bei disſen kleinen unſchuldigen Repräſentationen war 55 ——õyy ööͤͤn 248 es Rudolf's Pflicht, außer den lebhaften Beifallsäußerun⸗ D d gen, die ſich bald in Gelächter, bald in Küſſen, bald in als alle kleinen Poſſen zeigten, die unregierliche Ziege zu halten; war, und wenn es dann geſchah, daß Julia von dem Nektar und um aus dem Milcheimer beſpritzt auf das Grasbett taumelte, waͤre n ſo jauchzte ſie vor Freuden laut auf: es war ja ſo länd⸗ dem La lich, ſo herzlich idylliſch, daß man nicht anders konnte, ſollte. als über alles zu lachen, und ſich über alles zu freuen. erfinden Und acht runde Tage lang war Julia jede Stunde,„L jeden Augenblick in Entzücken. In dieſem Fieber ließ ſie vermöge aber auch nichts unverſucht.„S In der einen Minute war ſie in der Küche, um mit einen E Frau Brunsberg zu plaudern und dem Kleinen Zwiebac⸗ Lebens. brei zu kochen— etwas, das der Frau Brunsberg zu weiligen ihrem Verdruſſe nicht anvertraut wurde— in der zweiten„2 war ſie mit Lavinia in der Milchkammer, um Milch ab⸗ Acht, d zurahmen und ſelbſt für Rudolf die delikateſte dicke Milch Du kan zuzubereiten. Bald ſaß ſie verſtändig mit ihrem Strick⸗ angeneh zeuge in der Hand draußen auf der Gartenbank und redete„ mit dem Feldwebel über die Landwirthſchaft, bald ging dächtnif ſie in die Kathen und theilte an alle armen Kinder, die virklich Mangel daran litten, von den Kamiſolen, Windeln u. ſ. w. Vorten des Seraphs aus; bald war ſie zu Pferde, bald im Wa⸗„S gen, bald im Boote; bald kletterte ſie auf den Bergen daß er umher, ordnete Grotten, Bänke, neue Fußſteige u. ſ. w. kleines anz; bald war ſie im Garten, und ſetzte tauſendmal die nehmen Geduld des geduldigſten unter allen geduldigen Menſchen, wenigſte des Feldwebels, auf die Probe, welchen ſie, eben weil er„H ſo herzlich gelangweilt ausſah, mit ſich überall umher⸗ das? K. ſchleppte, um ſein Urtheil zu hören und ihm ihr eigenes laſſen?⸗ 5 über die zahlloſen Vorſchläge, die ſie auf die Bahn brachtet,„3 mitzutheilen. eldweb Auch betrachtete der Feldwebel— wie er auch ſeinet: angt, d guten Freundin, der Frau Brunsberg im Vertrauen mit„S theilte— ſie faſt wie einen kleinen böſen Geiſt, weil ſitz Deſpot wie er ſagte, an einem einzigen Tage mehre Einfälle hatte poniren gls ſogar die ſelige gnädige Frau in einer ganzen Woche. äußerun⸗ bald in halten; n Nektar aumelte, ſo länd⸗ 3 konnte, freuen. Stunde, rließ ſie um mit Zwieback⸗ öberg zu r zweiten Nilch ab⸗ ke Milch 1 Strick⸗ nd. redete ald ging ider, die u. ſ. w. im Wa⸗ Bergen u. ſ. w. dmal die Nenſchen, weil er umher⸗ r eigenes brachte, ſch ſeiner uen mit⸗ weil ſie⸗ lle hatte Woche. 8 249 Doch ſieh, als nun die acht Tage zu Ende waren, und als alles, ſowohl Denkbares als auch Undenkbares, verſucht war, ſo warf ſich Julia am neunten Nachmittage müde und unſchlüſſig auf einen Ruheſofa, und verſicherte, ſie wäre nicht im Stande zu begreifen, was man hier auf dem Lande die übrigen drei oder vier Wochen anfangen ſollte.„Laß hören, meine beſte Lavinia, ob Du ein Mittel erfinden kannſt, ihnen Flügel zu ertheilen!“ „O, wir wollen wohl hoffen, daß die Herren etwas vermögen, wenn ſie kommen!“ „Die Herren?“ fragte Julig und erhob ſich auf dem einen Ellenbogen mit einem halben Funken zurückkehrenden Lebens.„Kommt denn noch Jemand außer Deinem lang⸗ weiligen Mann?“ „Mein langweiliger Mann? Nimm Du Dich in Acht, daß Du nicht für dieſe Behauptung geſtraſt wirſt! Du kannſt Dir gar nicht vorſtellen, wie unterhaltend und angenehm Ludwig ſein kann, wenn er will.“ „Ach, wie argerlich iſt es doch, ein allzu gutes Ge⸗ dächtniß zu haben! Ich verſichere Dich, es betrübt mich wirklich, daß dieſer kleine Umſtand mich abhält, Deinen Vorten ſo vollkommen zu vertrauen, wie ich gerne wollte.“ „So? Wenn ich Dir nun aber erzählen könnte, daß er bloß zu unſrer Unterhaltung und Beluſtigung ein kleines Drachenſchiff gebaut hat, das wir in Beſitz zu nehmen eilen wollen ſo bald er hier iſt, ſollte nicht das wenigſtens etwas beweiſen?“ „Himmel! Ein kleines Drachenſchiff? Wo hat er zns⸗ önnen wir es nicht gleich vom Stapel laufen aſſen? „Ja wohl! der Drache iſt eingeſchloſſen, und der Feldwebel bewacht den Eingang. Ich habe es nie ver⸗ langt, das kleine Fahrzeug einmal zu ſehen.“ „O, welch eine Scheinheilige Du biſt, und welch ein Deſpot iſt Ludwig, daß er nicht alles, worüber er zu dis⸗ voniren hatte, zu unſerer Unterhaltung während ſeiner Abweſenheit vorgeben konnte! Doch höre: wen verſtehſt Du unter den Herren? wer kommt noch außer ihm?“ „Graf Adrian von B—, der gute Freund meines Mannes, von dem ich oft erzählt habe.“ „Vortrefflich! Doch Du haſt nie geſagt, daß er eben jetzt kommen würde.“ „Ich ſparte dieſe Neuigkeit auf, um etwas in Be⸗ reitſchaft zu haben, womit ich Dich tröſten und erquicken könnte, wenn Du Symptome von Langweile bekämſt. Ich wußte im Voraus, daß ſie nicht ausbleiben würden.“ „Du biſt immer verſtändig, vortrefflich und vorſichtig. Doch nun laß mich auch hören, ob der Graf ein ange⸗ genehmer junger Mann iſt? Iſt er ſchön, artig, liebens⸗ würdig, luſtig, und vor allen Dingen verſteht er ſich darauf, uns Damen mit Anmuth anzubeten?“ „Wahrhaftig, ich glaube kaum, daß er eine andere Gottheit als die Dichtkunſt anbetet. Er iſt inzwiſchen ein wirklich liebenswürdiger und angenehmer Mann. „Und das kannſt Du ſagen, wenn er einen ſo ſchlechten Geſchmack zeigt? Da ich aber doch hier draußen auf dem Lande nichts zu thun habe, ſo will ich die Arbeit üͤber⸗ nehmen, ihn zu bekehren. Ich dulde kein Heidenthum— ich opfere mich auf für ſeine Veredlung.“ „Aber ich,“ ſagte Rudolf, der in dieſem Augenblicke eintrat,„ich dulde nicht, daß Du Dich für den ſchwierigen Miſſionsberuf aufopferſt.“ „Hul welcher gräßliche Eigennutz! Willſt Du es mir vielleicht abſchlagen, die ſchönen Pflichten einer barm⸗ herzigen Schweſter zu erfuͤllen? Du hörſt ja, daß der Graf ein armer Heide iſt; und es wäre wahrlich eine ſehr geringe Chre für mich, da wir unter einem Dache leben werden, ihn ſo bleiben zu laſſen.“ 4 „Ein Wagen!“ rief Lavinia und fuhr zuſammen „ſollte er es ſein 20. Eine heftige Röthe bedeckte ihr Antlitz. Sie zitterie von der verſchiedenartigſten Gemüthsbewegung. Sie waren in völliger Uneinigkeit geſchieden— wie ſollten ſie ſich nun wie und wan Schwäge Ludwig's Lav hinaus. Es ſelbſt, er hatte, de wieder g blickes ge Erſte, di Kau durch di entgegen Beiß Beider T den Umſt Gegenwa konnte, loren, de Arme un flüſterte de in ih ihr Haup Nndolf h „We icht anch „Se a!, verſtehſt m?“ meines er eben in Be⸗ rquicken iſt. Ich n.“ arſichtig. n ange⸗ liebens⸗ er ſich e andere ſchen ein ſchlechten auf dem eit über⸗ hum— genblicke wierigen Du es er barm⸗ 251 nun wieder ſehen? Die wenigen Zeilen, die Ludwig dann und wann geſchrieben hatte, gaben keine Aufklärung darüber. „Was ſicht Dich an?“ rief Julia aus, welche ihre Schwägerin mit Verwunderung betrachtete.„Verſetzt Ludwig's Ankunft Dich in ein ſolches Fieber 2“ Lavinia beruhigte ſich, ſtand auf und ſah zum Fenſter inaus. ) Es war wirklich ſein Wagen; es war wirklich er ſelbſt, er, den ſie auf eine ſo unedle Weiſe empfangen hatte, da er ihr entgegen kam. Jetzt mußte ſie dieſes wieder gut machen— und der Eingebung des Augen⸗ blickes gehorchend, flog ſie die Treppe hinab, und war die Erſte, die ihn auf dem Hofe empfing. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Kaum hielt der Wagen, ſo hüpfte auch Ludwig, beſiegt durch die Freude, daß ſeine Frau ihm auf dieſe Weiſe entgegen kam, herab und eilte auf ſie zu. Beider Augen ſtrahlten von unverſchleiertem Glücke, Beider Wangen brannten; und ehe noch ein Gedanke an den Umſtand, daß ihre Bewegung in Rudolf's und Julia's Gegenwart geſchah, in Lavinia's Seele Wurzel faſſen konnte, hatte ſie beinahe ihre ſämmtlichen Gedanken ver⸗ loren, denn zum erſten Male ſchloß Ludwig ſie in ſeine Arme und drückte einen Kuß auf ihre Lippen.„Vergieb!“ füſterte er leiſe, obgleich faſt eben ſo athemlos wie ſie, die in ihrer tödtenden Verlegenheit kaum im Stande war, ſihr Haupt von ſeiner Schulter zu erheben,„vergieb!— 7 KNadolf hätte ſich ſonſt gewundert... Welche Zärtlichkeit!“ rief Julia ungeduldig.„Kommt iſttt auch an uns bald die Reihe? „Sei artig und freundlich gegen unſre kleine kindiſche lale bat Lavinia, indem ſie ſich der Umarmung ihres 25² Mannes entzog. Eben ſo leiſe antwortete er:„Sei ruhig: heute wären alle Kindereien der ganzen Welt nicht im Stande mich zu reizen!“ Lavinia ſchien dieſe Worte nicht zu hören, ſondern eilte zu dem Grafen Adrian, der ſich mit einer höchſt un⸗ gewöhnlichen Langſamkeit von dem Wagen herab verfügte. Nachdem der Rittmeiſter mit Rudolf einen kräftigen Handſchlag ausgetauſcht und Julia's Fingerſpitzen gekußt hatte— eine Artigkeit, die gewiß eben ſo ſehr entweder auf Rechnung ſeiner Eigenſchaft als Wirth geſchrieben werden mußte, oder auch auf Rechnung der guten Laune, in welche ſein eigener glücklicher Stern ihn verſetzt hatte — wurde Graf Adrian präſentirt; doch Julia fand den Grafen ſo ungemein häßlich, daß ſie ſogleich beſchloß, ihn in ſeinem unbekehrten Zuſtande verbleiben zu laſſen. Eine Stunde nach der Ankunft der Herren, da ſie den Reiſeſtaub gehörig abgewaſchen, ſich in feine Cavaliere umgeſchaffen und ein kleines Mahl eingenommen hatten, verſammelte ſich die ganze Geſellſchaft in dem Salon. Mit dem Sommerwinde, der durch die offene Balkon⸗ thüre herein wehte, ſtrömte auch der Duft von dem Blumenparterre ein, und Ludwig und Rudolf nahmen auf den Stühlen dieſes Balkons Platz. „Roſenborg iſt ein wirkliches Paradies, mein theuerſter Bruder!“ ſagte Rudolf; und ein Paar Töne leiſer fügte er hinzu:„jetzt ſehe ich auch mit Entzücken, daß gar nichts fehlt.“ Der Rittmeiſter erröthete. Er dachte daran, was Rudolf wohl um drei Monate ſagen würde, und da er hiedurch ſelbſt darauf kam, nachzudenken, wie gering die Freude geweſen war, welche die verfloſſenen drei Viertel⸗ jahre ihm geſchenkt hatten, ſo verfinſterte ſich ſein Blick, und ſeiner Seele ſchwebten von Neuem die Stunden ganz lebendig vor, die Lavinia's Reiſe in ihre Vaterſtadt vor⸗ angegangen und nachgefolgt waren. Damals hatte etwas über ſie Macht erhalten, das jetzt verſchwunden war. „Doch wer weiß,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„ob ich nicht ſchon mo Einfluß „J den Bal komme!“ „In vertraulie gehen, e Ümſtände mit einer „Jo würde el Jul da ſie in keiten n nie den „Al ſcherzte fange au auf mein Si In und eine umſtimn Nähkäſt letzteren höriger De Frau. 4„T Lavinia holen— ein wer bönnteſt ruhig: icht im ſondern chſt un⸗ eerfügte. räftigen gekuͤßt entweder ſchrieben Laune, tzt hatte and den loß, ihn n. „da ſie Lavaliere hatten, alon. Balkon⸗ don dem nahmen theuerſter ſer fügte daß gar an, was nd da er ering die Viertel⸗ in Blick, den ganz jadt vor⸗ tte eiwas den war. ich nicht 253 ſchon morgen überzeugt werde, daß ſie auch heute dem Einfluß einer Laune gehorcht hat!“ „Ich hoffe,“ ſagte Julia, indem ſie ihr Füßchen auf den Balkon ſetzte,„daß ich den Herren nicht ungelegen komme!“ „Im Gegegentheil!“ erklärte Ludwig, entzückt, einer vertraulichen Zuſammenkunft mit ſeinem Schwager zu ent⸗ gehen, einer Zuſammenkunft, die unter den gegenwärtigen Umſtänden nicht ſehr angenehm ſein konnte.„Darf ich mit einem Stuhle aufwarten?“ „Ja, ich bin ſehr verbunden— doch ein Fußſchemel würde ebenfalls nicht ſchaden!“. 2 Julia war höchſt zufrieden zu wiſſen, daß Ludwig, da ſie in ſeinem Hauſe ein Gaſt war, dieſe kleinen Artig⸗ keiten nicht gerne verweigern konnte, die ſie früher noch nie den Einfall gehabt hatte zu begehren. „Allzu viel, allzu viel für einen ungeübten Cavalier!“ ſcherzte der Rittmeiſter.„Es hilft ſich wohl zu einem An⸗ fange auch mit dem Stuhle allein?“ „Was höre ich!... Lavinia! ich glaube, auch Du haſt keinen Fußſchemel?“ 1 „Ich brauche keinen, denn ich gehe und ſetzte mich auf meinen Lieblingsplatz in der Cauſeuſe!“ Sie eilte faſt, um dieſelbe zu erreichen. Inzwiſchen hatte der Graf mit einer Dienſtfertigkeit und einer Anmuth, die Julien gänzlich zu ſeinen Gunſten umſtimmten, einen Fußſchemel gebracht und darauf mit Nähkäſtchen, Hut und Paraſol aufgewartet, welchen letzteren Rudolf, dem erhaltenen Befehle gemäß, in ge⸗ höriger Art über ihr halten mußte. 5 Der Rittmeiſter warf einen lächelnden Blick auf ſeine rau. „Willſt Du Dich nicht ebenfalls hierher ſetzen, liebe Lavinia, ſo will ich unſere großen chineſiſchen Fächer bolen— es wäre angenehm füͤr Dich, wenn auch Du en wenig mit den Artigkeiten Deines Mannes prahlen bönnteſt!“ 3 3 254 „O, es iſt nicht werth, daß ich mich verwöhne,“ fiel Lavinia mit gleichem Tone ein;„Du würdeſt bald ſolcher Aufwartung überdrüſſig werden; und wenn ich jemals fühlen ſollte, daß ein unwiderſtehliches Verlangen nach dem chineſiſchen Fächer mich ergreift, ſo ernenne ich den Grafen Adrian zu meinem Ritter.“ „Hüte Dich davor!“ ermahnte Ludwig.„Es könnte ſich ereignen, daß ich eiferſüchtig würde.“ „O, Du biſt immer ruhig, mein Freund: ich glaube, Du würdeſt es nicht ſo übel nehmen. Aber ich fürchte, der Graf ſelbſt fühlt ſich von meiner Gunſt nicht ſo ge⸗ ſchmeichelt, als ich erwartet hatte; und ich wage zu be⸗ haupten, daß die Freunde des Grafen Adrian ihn nicht eher wieder erkennen, als bis er nach dem Uebungslager und den Reiſeſtrapazen gründlich ausgeſchlafen hat, und aus dieſem Grunde verſchiebe ich die Ernennung bis morgen.“ Nur der Rittmeiſter bemerkte den leichten Farben⸗ wechſel des Blutes auf den Wangen des Grafen Adrian, und auch nur er, der den Grafen ſo gut kannte, bemerkte den Zwang in ſeinem Tone und in ſeinen Worten, als er ſich einige Schritte von dem Balkon in den Salon hinein entfernend äußerte:„Ich bin ſo vollkommen wach und bereit den Befehlen meiner ſchönen Wirthin zu gehorchen, daß ich dieſelben nur erwarie.“ „Aber ich habe ja geſagt,“ fiel Ludwig munter ein, „daß ich mich aller Untreue widerſetze; und der geringſte Auſtrag iſt Untreue, da ich ihn dafür erkläre.“ „Nein, Schwager, das wird allzu deſpotiſch!“ rief Julia aus.„Oder nein, ſüßer Rudolf! Du biſt doch Juriſt; würdeſt Du Dich wohl erdreiſten, eine ähnliche Bekanntmachung auszufertigen?“ „Ja, es könnte wohl möglich ſein, daß ich Dich eines Tages mit einer ſolchen Einſchränkung überraſchte. Gleich⸗ wohl geſchieht es nicht eher, als bis Du die Anzahl Deiner Einfälle einſchränkſt— in dieſem Augenblicke iih fuͤr fühle ich zu tragen „, entzückend barkeit, Ludwig, „Ja neigter, S Frau ſich dungsreic werden, ich auch abſetze.“ „Ich nun wied men war ob mein deſpotiſche „La ger—„ Dich alle reſſen D Dich her recht häl „Ac „ich bede ſo ſchlech Veiſpiel; in ſelbſt dem Gru nen Will zufrieden u nehm „B warf ih vor die , ſiel ſolcher jemals könnte glaube, fürchte, ſo ge⸗ zu be⸗ n nicht Adrian, ſemerkte als er hinein ſch und porchen, ter ein, eringſte 1“ rief iſt doch ihnliche h eines geenblicke 255 8 fühle ich mich kaum im Stande, die Laſt derſelben allein zu tragen.“ „O, Du biſt ein göͤttlicher, ein liebenswürdiger, ein entzückender Mann, und ich gelobe Dir aus reiner Dank⸗ barkeit, daß ich nie an Einfällen ärmer werden will! Ludwig, Du hörſt— nimm Dir daran ein Beiſpiel! 4 „Ja, ich höre; doch unglücklicher Weiſe bin ich ge⸗ neigter, Beiſpiele zu geben, als zu nehmen. Und da meine Frau ſich nicht rühmen kann, die Hälfte Deines Erfin⸗ dungsreichthumes zu beſitzen, ſo hoffe ich damit fertig zu werden, die Laſt ihrer Einfälle allein zu tragen, weßhalb ich auch den Grafen Adrian noch vor ſeiner Inſtallation abſetze.“ bed lege Proteſt ein!“ erklärte der Graf, welcher nun wieder in ſeine gewöhnliche Geſellſchaftslaune gekom⸗ men war.„Die gnädige Frau belieben zu entſcheiden, ob mein projektirtes Ritteramt durch den Willen eines deſpotiſchen Mannes aufgehoben werden kann?“ „Lavinia, Lavinia!“— Julia drohte mit dem Fin⸗ ger—„ich erinnere Dich daran, daß Du jetzt nicht blos Dich allein, ſondern auch eines der vornehmſten Inte⸗ reſſen Deines Geſchlechtes repräſentirſt; und ich muß Dich herausfordern, wenn Du unſere Würde nicht auf⸗ recht hälſt.“— 2 „Ach,“ entgegnete Lavinia mit erkünſtelter Betrübniß, ſich bedaure, daß unſre gemeinſamen Angelegenheiten in ſo ſchlechte Hände gerathen ſind. Ich gebe ein ſchlechtes Veiſpiel; doch was ſoll ich thun? Die Herrſchaften ſehen za ſelbſt, daß mein Herr Mann die Regierungskunſt aus dem Grunde verſteht. Ich wage es nie, mich gegen ſei⸗ nen Willen zu opponiren, und folglich muß ich wohl riieden ſein, ihn und keinen Andern zu meinem Ritter u nehmen.“ Gleich Anzahl Bravo!“ riefen Mann und Bruder; doch Julia 7/„ warf ihr in ſpielendem Ernſte ihren kleinen Handſchuh vor die Füße.„Du Verächtliche! ich müßte mich eigent⸗ iith fur beſudelt halten, eine Nähnadel mit Dir zu bre⸗ chen; doch gleich viel! Morgen um elf Uhr treffen wir uns im Pavillon, um unſre Kräfte im Wettnähen zu prüfen. Wir nehmen jede ein Schnupftuch für Rudolf und ſäumen es; gewinne ich, ſo ſind meine Anſichten entſchieden die richtigen; gewinnſt Du dagegen, ſo gehe ich darauf ein, zu glauben, daß Deine Anſichten recht gut ſein müſſen, wenigſtens für die, welche nichts beſſeres zu erfinden wiſſen.“ „Aber ich, meine Herrſchaften, der ich hier abgeſetzt, verhöhnt und beleidigt ſtehe, ich will Rache haben!“ de⸗ klamirte der Graf.„Unſer, mein und Ludwig's, Streit muß ſogleich abgemacht werden durch einen ehrlichen Ringkampf unten auf dem Grasplane. Gewinnt er, ſe glaube ich, daß er und kein Anderer geſchaffen iſt, der Ritter ſeiner Frau zu ſein; doch gewinne ich“— hiebet eerhielten dem Grafen unbewußt ſeine Augen einen höheren Glanz—„ſo ſoll er geſtehen, daß das Schickſal in dieſer Angelegenheit zu meinen Gunſten auch ein Wörtchen mit einzuſprechen hat.“ „Darauf gehe ich ein!“ antwortete Ludwig, und ſeine erröthende Wange, ſein feuriger auf Lavinia gerichteter Blick ließen ſie ahnen, daß ein gewiſſer Ernſt in dem Scherze lag, und daß Graf Adrian einen größern Antheil an dem Vertrauen ihres Mannes hatte, als ſie ſich bis jetzt hatte vorſtellen können. 1„Welche herrliche, welche vortreffliche Idee!“ rief Julia aus, froh, daß ſie das Nähkäſtchen wieder zumachen konnte.„Laßt uus ſogleich hinunter auf den Hof gehen!” Und dahin eilte die ganze Geſellſchaft. Die weiche Grasmatte in dem Rondel ſollte der Kampf⸗ platz ſein.. Die Damen nahmen Platz auf dem grünen Schau⸗ kelbrette an der Flieder⸗ und Caprifolienhecke; Rudolf warf ſich als Kampfrichter auf einen Gartenſtuhl, wahrend die beiden Kämpfer einander gegenüber eine Stellung ein⸗ nahmen, die ſie zu nicht unwurdigen Herkulesſöhinet machte. Ihr kraftvoller und muskelſtarker Wuchs erſchien im vortl leicht vor Abendpur machte. „De lia in Le doch nun lich einne gerin ſche ſo viele Lavi auf das „Ja in... denn nun mit echten „Es welche atl Dich dara laſſen mu „O, Ddu das?. „Ich Weißt Dr ſo häͤßlich du ſollſt „Abe macht? lich ſtark!. „‚Der welchen S „Par Abe Der Graf „Das hann ihm Larlen. effen wir ähen zu Rudolf Anſichten ſo gehe recht gut eſſeres zu abgeſetzt, en!“ de⸗ „ Streit ehrlichen t er, ſo iſt, der — hiebei höheren in dieſer tchen mit und ſeine erichteter in dem Antheil ſich bi rief Julia zumachen fgehen!“ r Kaͤmpf⸗ 1 Schau⸗ Rudolf während ung ein⸗ lesſöhnen Z erſchien 257 im vortheilhafteſten Lichte, und über Ludwig's ſchönes, leicht von den dunkeln Locken beſchattetes Geſicht goß der Abendpurpur einen Schimmer, der ihn wirklich ſchön machte. „Der Tauſend, Du! wie ſchön er iſt!“ flüſterte Ju⸗ lia in Lavinia's Ohr.„Er war wohl immer ſtattlich, doch nun, da er Leben in ſich bekommen hat, iſt er wirk⸗ lich einnehmend. Und Du“— Julia kniff ihre Schwä⸗ gerin ſchelmiſch in den Arm— machſt ebenfalls jetzt nicht ſo viele Schwierigkeiten mehr!“ Lavinia's Auge glitt von Julia ab und heftete ſich auf das grüne Rondel. „Ja, er iſt ſchön,“ ſagte ſie bei ſich ſelbſt;„er ſt... Lavinia kam nicht weiter in ihren Betrachtungen; denn nun begann der Kampf, und zwar, wie es ausſah, mit echtem Ernſte. „Es iſt allzu luſtig, allzu angenehm— ſieh nur, welche athletiſchen Stellungen und Angriffe! doch bereite Dich darauf, Lavinia, daß Dein Mann den Sieg von ſich laſſen muß!“ „O, das ſollte ich nicht glauben— woraus ſchließeſt Du das?“ „Ich ſehe es an den Augen des Grafen Adrian.„.. Weißt Du, ich nehme meine Worte zurück. Er iſt nicht ſo häßlich, wie er mir zuerſt vorkam, wenigſtens jetzt nicht. du ſollſt ſehen, daß er ſiegt!“ 1 „Aber merkſt Du, welchen Ausfall Ludwig jetzt macht? Graf Adrian ſchwankt. Ludwig iſt ungewöhn⸗ lich ſtark!“ „Der Graf iſt um ſo geſchmeidiger— ſahſt Du, uſchen Stoß Dein Mann jetzt erhielt?“ „arirte, willſt Du ſagen! Ludwig iſt gewandter!“ „Aber nicht ſo ruhig, wie gewöhnlich, meine ich. der Graf kämpft mit größerer Kaltblütigkeit.“— „Das glaube ich wohl: Der Ausgang des Kampfes kann ihm ganz gleichgültig ſein.“ Larlen. Ein Jahr 17 258 „Ja, was die Sache betrifft, ſo wirſt Du wohl auf jeden Fall Deinen lieben Mann zu Deinem Cavalier be⸗ halten; alſo... ei! ei! ei!“ Mit dieſem dreifachen Ausrufe endigte Julias Rede, als der Graf Adrian, ſo lang er war, zu Boden ſtürzte, und der Rittmeiſter als Sieger da ſtand. „Alles iſt recht und ehrlich zugegangen!“ erkläͤrte Rudolf.„Jetzt kommt es nur darauf an, ob Lavinia ſich mit einem Preiſe für ihren Kämpfer verſehen hat.“ Während Julia hineilte, um dem Grafen Adrian einige tröſtenden und verbindlichen Worte zu ſagen, da ſie nun meinte, es ſei ſehr Schade um ihn, ſo näherte ſich Ludwig lebhaft ſeiner Gattin und ſich den Schweiß ven der Stirn wiſchend ſagte er:„Nimmſt Du mich nun zu Deinem Ritter an, und meinſt Du nun an den kleinen Aufmerkſamkeiten genug zu haben, die ich zu leiſten im Stande bin?“ „Das kommt darauf an, ob Du Dich verpflichtet, als ein Mann aus den ſchönen Tagen der Chevalerieſchule Dich in den Willen Deiner Dame zu fügen, ſo oſt ſe das Recht haben will, einen ſolchen auszuüben!“ „Das war eine abſcheulich ſtrenge Bedingungl doch erlaubſt Du mir wohl die Frage, ob es unmöglich iſt auf eine andere Weiſe Deine Gunſt zu gewinnen?“ „Völlig unmöglich.“ „So mag's denn ſein! doch ermahne ich Dich, odet richtiger geſagt, ich bitte darum als eine große Gnadef daß Du von der Dir ertheilten Macht nicht zu oft Ge⸗ brauch machſt.... Wo iſt aber nun die Preisbeloh⸗ nung?“ der Hand hatte. „Hier— in Ermangelung einer beſſern!“ antwortelz ſie und ſenkte den Blick auf die Stickerei, welche ſie iu eine ha nug, ih ſagte ſie daß die kommen, ſcchon ge ich mein We Julia fo ſcherzen; kam, ade tröſtete, als vorh ſter laut Erlaubni zu ſein.“ „Ni „da ich! — und wäre er ſo muß zeigen; d diesmal Der Julia jul kam in d „Ich ſagte ſie Verheugu libe entg inn geſtat Die iege am der richt „Wie? etwas, woran Du ſchon vorher gedacht hoftt Eine Jagdtaſche, wenn ich mich nicht irve,... geudht 8 von Dir fuͤr mich?“ „Cs iſt ja etwas ſo Einfaches!“ Laviniais Blick ruh „Ach tii Julia Riffen. vohl auf alier be⸗ i ſagte ſie ganz Julia's daß die Frau u Boden kommen, Ueberraſchungen bereit haben? Rudolf hat mich ſchon geſcholten, weil ich nicht ſo fleißig geweſen bin, daß erkläre ich meine Ar einia ſich Währen t.“ Julia fort, mit dem beſiegten Kämpfer auf dem Rondel zu Adrian ſcherzen;z und ob es nun von Iulia's belebender Kraft gen, da kam, ader ob herte ſich tröſtete, genug: der Graf ſchien bei beſſerer Laune zu ſein, weiß ven als vorher, u h nun zu ſier laut heraus, ihm Revange zu geben, weil er nun die n kleinen, Erlaubniß erhalten hatte, der Ritter der Frau von B— iſten im zu ſein.“ deiſt„Nun,“ erpflichtet,„da ich heute eine halbe Secunde in dem ſeinigen; nug, ihm beinahe das Athmen zu benehmen; darauf aber 259 doch war dies ge⸗ gleichgültig:„Iſt es denn nicht gebräuchlich, ien für ihre Männer, wenn dieſe nach Hauſe beit fertig habe. d dieſer kleinen Scene am Schaukelbrette fuhr er ſich mit philoſophiſcher Nuhe im Unglücke nd bald forderte ſeine Stimme den Rittmei⸗ flüſterte der Rittmeiſter ſeiner Frau zu, doch einmal ein vollſtändiger Narr ſein ſoll lerieſchue— und wahrhaftig mir kommt dieſer Abend ſo vor, als 8 ſo oſt ſe wäre er von meinem ganzen übrigen Leben losgeriſſen— 4 ſo muß ich mich wohl noch einmal in den Schranken 7 ung! doch zeigen; doch, öglich iſt, Miesmal geht n 29 Der Rittmeiſter hatte allzu wahr prophezeit, und Julia jubelte dich, oder inm in das Gras zu beißen. ße Gnade,„Ich wu u oft Ge⸗ ſagte ſie zu dem Grafen, welcher lächelnd und mit tiefen Jreisbeloh⸗ Verheugungen le entgegen antwottae ihm geſtattete, AAch Go JVulia, pl Kifen. 3 Die Ankunft eines kleinen Hirtenknaben mit einer cge am Leitſeile unterbrach die ländlichen Vergnugungen, er richtiger geſagt, erhöhte dieſelben. fügte er in noch leiſerem Tone hinzu, mir der Sieg ganz gewiß aus den Händen.“ vor Entzücken, als an Ludwig die Reihe⸗ ßte wohl, daß ich Glück bringen würde!“ die Aeußerungen ihrer geſchmeichelten Eigen⸗ nahm, die er, ſo gut ſein Charakter es in gleichem Tone beantwortete. tt, mein kleiner Junge, mein Seraph!“ ötzlich von ihren mutterlichen Gefühlen er⸗ 260 Sie hatte in der Freude, deren ſie nun mehre Stun⸗ den genoſſen, den Seraph, den Zwibackbrei und alles andere gänzlich vergeſſen. Augenblicklich war ſie verſchwunden; doch es dauerte nicht lange, ſo erſchien ſie wieder mit dem neuen Stroh⸗ hute, coquet vor dem Spiegel angepaßt, auf dem Kopfe, dem kleinen Milcheimer in der Hand und mit einer weißen muſſelinen Schürze zum Zeichen ihrer Häuslichkeit. „Darf ich bitten, meine Herren, daß Sie ſich ent⸗ fernen! Jetzt muß das Vergnügen der Pflicht weichen,“ ſagte ſie mit einer einnehmenden Geberde. „Was ſoll jetzt daraus werden 2“ fragte Ludwig und blickte verwundert auf den feierlichen Aufzug der jungen Dame. „Hörſt Du denn nicht?“ autwortete Lavinia lächelnd. „Julia will die mütterlichen Pflichten erfüllen, welche ſie ſich ſelbſt vorbehalten hat. Kommen Sie, meine Herren, kommen Sie!“ Lavinia eilte vor ihnen hinein. Die Herren aber waren kluͤger: ſie blieben im Haus⸗ flur, wo ſie lachend das ganze kleine Spektakel mit an⸗ ſahen. Als aber Julia von der frei gelaſſenen Ziege mit dem Abendeſſen des Kleinen zurückkehrte, ſchien ſie unge⸗ mein verwundert zu ſein, die Herren noch draußen zu finden, und nahm eine Miene verletzter Würde an, als ſie mit einem ſehr kurzen Gruße an ihnen vorbei ging. Bald hörte man, wie ſie durch alle Zimmer in der Gaſtwohnung lief und dem Seraph etwas vorſang, denn dieſer ſollte nun auf die Milchkur Motion haben. Endlich waren alle die wichtigen und zaͤrtlichen Geſchäfte abgemacht, und ſo kam ſie denn roth, warm und athemlos auf den dritten Ruf zu Tiſche.— „Ludwig, mein beſter Schwager!“ war ihr erſtes Wort, ſobald man ſich geſetzt hatte,„was erſinnſt Du wohl morgen zu unſerm Vergnügen? alle Tage Kampfſpiele haben. Doch Lavinia hat mir en zählt, daß Du auf einen Drachen brüteſt; dieſen will Wir können nichtt vor allen mir einfä „Wi und am a Gedanken hörlich lie „Ja Hinſicht nachdem beendigt winnt, d igenen H „Dre der Rittm füge nock Seegerin gerudert; erachtet, ſ gehöriger von den 2 Dieſe „Und ich mir de vor, daß daß wir heit trinke Nach kit die die Gäſte Ludn 261 Stun⸗ vor allen Dingen morgen probiren— und weißt Du was d alles nir einfällt vorzuſchlagen?“ 3„Wie wäre es wohl möglich, daß irgend ein Menſch, dauerte and am allerwenigſten ich, errathen könnte, welchen lichten Stroh⸗ Gedanken Du jetzt wieder erhalten haſt, Du, die unauf⸗ Kopfe, örlich lichte Gedanken in ihrem Kopfe bewegt?“ weißen„Ja, ich ſchmeichle mir, nicht allzu arm in dieſer . Hinſicht zu ſein, und mein Vorſchlag zu morgen iſt: ich ent⸗ nachdem Lavinia und ich unſer Wettnähen im Pavillon ſichen,“ beendigt haben, ſo ſoll diejenige, welche den Sieg ge⸗ winnt, die erſte ſein, welche allein und von Ludwigs vig und eigenen Händen in dem Drachenſchiffe gerudert wird.“ jungen„Drachenſchnicke, wenn's Dir beliebt!“ berichtigte der Rittmeiſter.„Doch der Vorſchlag iſt gut, und ich lächelnd. fäge noch einen zweiten hinzu, nämlich: nachdem der elche ſe Stegerin die ihr zukommende Ehre geworden iſt, ſo weit Herren, gerudert zu werden, als ſie zu beſtimmen ſelbſt für gut achtet, ſo ſchiffen wir uns ſammt und ſonders mit dazu gehöriger Mittagsmahlzeit ein und begeben uns auf einen m Haus⸗ uon den Werdern. mit an⸗ Dieſer Vorſchlag erhielt allgemeinen Beifall. Ziege mit„Und wenn unſre Drachin noch nicht getauft iſt, wie ſie unge⸗ ih mir denken kann,“ ſagte Graf Adrian, ſo ſchlage ich rußen zu vor, daß wir beim Mittagseſſen die Sache abmachen, ſo an, als daß wir wiſſen unter welchem Namen wir ihre Geſund⸗ i ging. hit trinken ſollen.“ eer in der Nachdem die Geſellſchaft unter Scherz und Munter⸗ ng, denn ket die Abendmahlzeit eingenommen hatte, ſo nahmen die Gaſte von dem Wirthe und der Wirthin Abſchied. Ludwig und Lavinia blieben allein in dem Salon. Einige Augenblicke waren ſie ſtill. Das Lächeln, welches wäahrend des ganzen Aben den Lipnen 262 Heuher e⸗ welche die Gegenwart der Fremden eingeflößt atte. Ludwig verſchloß die Thüren zum Balkon, ein Ge⸗ ſchäft, das er ſo lange auszudehnen wußte, als Lavinia zu thun hatte, um die Stühle in Ordnung zu ſetzen und höchſt ernſthaft und ordentlich den Ueberzug auf dem Sofa, welcher zerknittert worden war, zu glätten. „Ich kann mich nicht von Dir trennen, Lavinia ſagte endlich Ludwig mit einer Stimme, die ganz anders klang, als ſie am ganzen Abende geweſen war,„ohne Dich zu fragen, welchem eigenen glücklichen Zufalle ich Deine heutige Huld zu verdanken habe. Wie Du weißt, ſo bin ich durch keinen Sonnenſchein verwöhnt worden, und hege daher eine geheime Furcht, daß den heutigen Sonnenſchein bald dieſe Wolken verjagen, welche kommen und fahren, ohne daß ich im Stande bin zu erforſchen, was ſie herbei gerufen und wieder abgeleitet hat.“ „Du willſt ſagen, Ludwig, daß Du mich launenhaft gefunden haſt?“ „Ich will gerne vergeſſen, was ich gefunden habe, und hege nur den herzinnigſten Wunſch, daß Du mich nicht mehr durch eine Veränderlichkeit ſchmerzeſt, welche— vergieb meiner Aufrichtigkeit— welche bei Dir zu finden mich ſehr geplagt hat.“ „Ich bin beinahe ſicher, Ludwig, daß Du ſie ferner nicht mehr bei mir finden und Dich alſo nicht weiter darüber zu beklagen haben wirſt. Aber es thut mir leid, daß Du ürſache dazu gehabt haſt. Eigentlich bin ich von Natur weder launenhaft noch veränderlich; was aber auf mich einwirkte, das war von ſolcher Beſchaffenheit, daß ich... Verlegen ſchwieg Lavinia. Ach, wozu ſollte ſie jetzt, da alles ſo ruhig war, die alte Geſchichte von Marig Rehuman wieder an's Tageslicht ziehen? Damit 1 e es ja Zeit genug, bis ſie allein waren, oder bis di ſtände es heiſchten. 4 3 „Von welcher Beſchaffenheit?“ willſt, Glaube ich Dich entgegen Y „ mehr. ich Dir ſo tiefen blicken.“ „A reisteſt. erfuhr, „N und bog lag,„ ſprichſt: La⸗ weniger Neiſe. „I wig mit beugte ſ kehrte er behalten N ngefloͤßt ein Ge⸗ Lavinia zen und n Sofa, avinia“ anders „„ohne falle ich u weißt, worden, heutigen kommen forſchen, 1 unenhaſt en habe, Du mich delche— u finden ie ferner zt weiter mir leid, mich von aber auf zeit, daß 1 ſie jetzt, n Marin nit hattz die Unn 263 „Vergieb, Ludwig, ich kann es nicht ſagen! Da Du aber ſo edel biſt, daß Du dieſe Augenblicke vergeſſen willſt, ſo laß uns auch nicht mehr darüber ſprechen. Glaube mir, ich habe ganz beſonders die Art bereut, wie ich Dich empfing, da Du ſo von Herzen freundlich mir entgegen kamſt.“ „Wirklich? Du haſt es bereut? da begehre ich nicht mehr. Doch ich will Dein Vertrauen bezahlen, indem ich Dir ſage, daß ich noch nie in meinem Leben einen ſo tiefen Schmerz empfunden habe, als in jenen Augen⸗ blicken.”“ „Aber Du ſtrafteſt mich auch, als Du ohne Abſchied reisteſt. Ich war wirklich betrübt, als ich am Morgen erfuhr, daß Du weg warſt.“ „Nimm Dich in Acht, Lavinia!“ ſagte er flüſternd, und bog ſich über ihre Hand, die auf der Sofalehne lag,„Du weißt nicht, was Du thuſt, wenn Du ſo ſprichſt: Dein Ton berauſcht mich!“ Lavinia zog die Hand hinweg. „Guter Ludwig!“ ſagte ſie in einem Tone, der nichts weniger als berauſchend war:„Du biſt müde von der Reiſe. Laß uns an den Abſchied denken!“ „Ja, laß uns an den Abſchied denken!“ ſagte Lud⸗ wig mit gedämpfter Heftigkeit.„Schlaf wohl!“ Er ver⸗ beugte ſich und ging an die Thür; doch auf der Schwelle kehrte er noch einmal um und fragte ſchnell:„Wie lange behalten wir unſre Gäſte?“. „Noch einen Monat, falls Du ſie gerne ſiehſt!“ „Herzlich gerne. Aber ſage mir doch, ob es Dir nicht ſcheint, daß es recht närriſch iſt, wenn alte Kerle auf's Neue Knaben werden? Ich fürchte, ich halte es nit aus, dieſe Rolle noch einen ganzen Monat zu pielen.“— „ Haſt Du alſo heute Abend eine Rolle geſpielt, guter eudwig? Ich dachte, Du wäreſt wirklich ſo aufgeraumt, daß Du Dir bisweilen einige kleine Ausfluchte in das Gebiet des Scherzes erlauben könnteſt. Oder iſt die ge⸗ 264 ſellſchaftliche Freude, ſo anſpruchslos wie ſie an einem vergnügten Abende auf dem Lande erzeugt wird, unpaſſend für Männer?“ „Vielleicht iſt ſie das nicht; aber dieſe Poſſen ſind mir immer fremd geweſen, und obgleich ſie heute Abend ziemlich natürlich gingen— was ich mich faſt zu geſte⸗ hen ſchäme— ſo bin ich doch vollkommen überzeugt, daß ſie mir unausſtehlich werden würden, wenn es lange dauern ſollte.“ „Das wird wohl von Deiner Gemüthsſtimmung ab⸗ hangen.... Doch wenn ich mich nicht irre, ſo huſtet Frau Brunsberg im Beſuchzimmer— wir haben einige Kleinigkeiten zu überlegen!“ „Gewiß habe ich, ſeitdem ich in dieſes Haus kam, ſo manchen Tag der Sonnen⸗ und Mondfinſterniß erlebt,“ ſagte Frau Brunsberg, als ſie von der Frau zurückkam, und auf dem Hausflure den Feldwebel traf, welcher ganz friedlich da ſaß und ſeine Pfeife rauchte;„doch ſo wahr ich Margaretha Brunsberg heiße und bis an meinen Tod eine ehrliche Frau bleiben will, ſo etwas, wie heute, habe ich noch nie geſehen.“ „Ich auch nicht— und iſt zum Erſtaunen, das iſt wahr.“ „Zum Erſtaunen? Es iſt ja ſo, als könnten Einem Mond und Sterne bei ſolchen Dingen auf die Naſe herab⸗ fallen. Umarmung, Küße, Ringen, Spektakel!... Nun, nun! ich ſage nichts, kein einziges Wort, denn Gott ſei gelobt, ich kann ſehen und auch nicht ſehen; doch ſo viel kann ich mit Sicherheit prophezeien, daß hier etwas richtig Tolles und Beſeſſenes bevorſteht, und ſpucken Sie mir in das Geſicht, wenn wir nicht bald anderes Wetter bekommen!“ 4 74 „Dieſe kleine... kleine... S 2 ganze über di Gott! Menſch Der Ri⸗ hafte K Graf di „⁸ abkühlen Er ſah lieber F als der liches E hat ebe Die gut „J blickte n tion an hm.. „J. Menſch geben, n „D Der Augenbl „Fr geben, de „Di volle St aus den eine ſteif anem le einem daſſend n ſind Abend geſte⸗ rzeugt, lange ng ab⸗ huſtet einige das iſt Einem herab⸗ . Nun, Hott ſel ſo viel richtig ken Sie Wetter 3 einem leichten Schlag auf ſeine Schulter erwiederte. 265 „Windfahne, ja— ja, eben ſie iſt die, welche das ganze Haus verrückt macht. Ich ſage nun gewiß nichts über die Umarmung und die Küſſe, ldenn, Herr du mein Gott! es iſt gewiß um keinen Tag zu früh, daß ſie als Menſchen zu leben beginnen... doch alles Uebrige... Der Rittmeiſter und Graf Adrian, die ſonſt beide ſo ernſt⸗ hafte Kerle ſind... doch ſtill! kommt dort nicht der- Graf die Treppe herab?... Ja, ſo iſt's wirklich.“ Graf Adrian ging vorbei, wünſchte freundlich eine gute Nacht, und verſchwand in der Allee. „Wetter! ſo ſpät!“ ſagte der Feldwebel. „Er will ſich wohl nach dem Scharmützel ein wenig abkühlen.... Meiner Treu, er geht in den Park!— Er ſah ſo betrübt aus, der arme Graf. Ja, ja, mein lieber Feldwebel! kein Menſch weiß, wo der Schuh drückt, als der ihn anhat. Der Graf verſteht es wohl ein fröh⸗ liches Schild auszuhängen! aber ich glaube doch, er hat eben ſo gut ſeinen Kummer als andre Leute.“— Die gute Frau ſeufzte zweimal mit tiefem Nachdruck. 4 „Ich hoſſe, Frau Brunsberg“— der Feldwebel blickte mit einem bekümmerten Blicke ſeine alte Inclina⸗ tion an—„ich hoffe, Sie leiden nicht von... hm... ...“ „Ja, ja, das thne ich meiner Seele! Iſt wohl ein Menſch frei von Bekümmerniſſen? Aber es wird ſich ſchon geben, wenn ich mich in Ruhe begebe.“ „Dieſe Zeit... hm... dieſe Zeit...“ Der Feldwebel kam nicht weiter; denn in dieſem Augenblick rief eine Stimme in der Küche: „Frau Brunsberg! wollen Sie mir nicht den Lachs geben, der in Waſſer gelegt werden ſoll?“ 5 „Die hat auch eine ungewöhnlich ſcharfe und geräuſch⸗ volle Stimme!“ bemerkte der Feldwebel, nahm die Pfeife aus dem Munde und machte ſeiner werthen Freundin eine ſteife Verbeugung, welchen Abſchiedsgruß dieſe mit 266 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Der Pavillon, den Julia für das Wettnähen der Damen beſtimmt hatte, war auf einem der ſchönen Hügel erbaut, die ſich in der Nähe des Fluſſes erhoben. Durch die Fenſter erblickte man auf der einen Seite einen ſteilen Felſen, auf der zweiten den Park, auf der dritten das Haus und den Garten, und auf der vierten duͤrch die Glasthüre den mit Bäumen beſchatteten kleinen Fluß, auf welchem eben jetzt das kleine grüne Drachen⸗ ſchiff— ein ſchmales wie eine Schnicke geformtes Fahrzeug mit einem vergoldeten Drachenkopf im Vordertheil, einem kleinen Sommerzelte und einer kleinen Flagge— ſanſt auf der hochblauen Oberfläche wiegte. In der Mitte des Pavillons ſtand ein großer runder Tiſch, um welchen die Geſellſchaft jetzt verſammelt ſaß, doch ſo ſtill, daß außer den frohen Tönen einiger Luft⸗ ſänger kein andrer Laut zu vernehmen war, als derjenige welcher ſich hören ließ von den fliegenden Nähnadeln der Damen, von dem Kniſtern der Zeitungsbläͤtter, worin die Herren laſen, und dem leiſen Geplätſcher im Fluſſe, wenn ein Fiſch auffuhr oder eine Ente mit den Federn ſchlug. Julia hatte die ſtrenge Bedingung gemacht, daß kein Menſch reden dürfte, ſo lange die Wette unentſchieden war, um nicht die Aufmerkſamkeit zu theilen; und zum Glück für die Herren paßte es ſich ſo gut, daß in dem⸗ ſelben Augenblicke, da man ſich zur Reiſe in den Papil⸗ lon anſchickte, der Poſtbote mit Zeitungen und Brieſen ankam. Unter ſolchen Umſtänden würden ſie Geduld gehabt haben, doppelt ſo lange zu ſchweigen. 3 Doch bedarf es wohl kaum der Erwähnung, daß unſere Herren allzu artig waren, um nicht von Zeit zu Zeit aufzuhlicken und nachzuſehen, wie heute die Louſt des Schickſals fallen wollten; und Ludwig meinte Sis⸗ 4 der Spro weilen wende. S wirklic keit be rothe ſie fröl wieſen, und die iſt, we rechte worben ſchen, ſeine R 0 noch vie neswegse das Dr welche Be einen B er verſö dern zu Do ſiehſt ja⸗ ten deut der Gra nach den „G. „Du, 3 die Reih 1 trage ich verg lich theil O „—‿ lche Lel en der Hügel Seite zuf der vierten kleinen rachen⸗ hrzeug einem ſanft runder elt ſaß, rLuft⸗ erjenige eln der drin die , wenn ſchlug. aß kein ſchieden nd zum u dem⸗ Pavil⸗ Briefen gehabt g, daß Zeit zu ie Looſe ite Dis⸗ 267 weilen, daß Lavinia nicht ihre ganze Geſchicklichkeit an⸗ wendete. 4. Sei es nun, daß ſie dies nicht that, oder d wirklich in ihren kleinen Fingern eine größere Geſchicklich⸗ keit beſaß, genug, bald ſah man die letztgenannte das rothe ſeidene Schnupftuch im Triumph ſchwenken, indem ſie frͤhlich ausrief:„Ihr ſeht, ich habe nicht nur be⸗ wieſen, daß die Methode, nach welcher Lavinia die Rechte und die Würde des Weibes repräſentirt, unter aller Kritik iſt, während dagegen die meinige die einzig wahre und rechte iſt, ſondern ich habe mir auch den Anſpruch er⸗ worben, als erſte Göttin auf dem Drachenſchiffe zu herr⸗ ſchen, weßhalb ich den Herrn Rittmeiſter bitten muß, ſeine Ruder ſogleich in Bereitſchaft zu halten!“ „Ich bin überwunden, ich erkenne es; denn mir ſind noch vier Nadelſtiche übrig; dagegen aber denke ich kei⸗ neswegs Dein Recht als erſte herrſchende Gottheiten über das Drachenſchiff zu erkennen: Du biſt nur die Erſte, welche es verſuchen wird.“ Bei dieſen Worten erhielt Lavinia von ihrem Manne einen Beifallsblick, aus welchem ſie abnehmen konnte, daß er verſöhnt ſei mit dem Mißgeſchick, ſie nicht zuerſt ru⸗ dern zu können. Doch Julia rief tapfer:„Keine Widerſetzlichkeit! Du ſiehſt ja, daß ich ſchon gekrönt bin!“ und bei dieſen Wor⸗ ten deutete ſie auf die ſchönen Blumenſträuße, welche ihr der Graf Adrian, Rudolf und der Rittmeiſter, der Eine nach dem Andern, überlieferten. „Gerechtigkeit in allen Stücken!“ ermahnte NRudolf. „Du, Julia, weihſt das Drachenſchiff ein; darauf faunt die Reihe an Lavinia, den Namen ſeiner Beherrſchert 7 tragen. Minerva befiehlt, daß die Göttinnen der Erde ch vergleichen und die ihnen verliehene Macht ſchweſter⸗ lich theilen ſollen!“ 8 „O, Du zunwürdiger und ungeſchickter Dollmetſcher der Sprache der Weisheit! Meineſt Du, Minerva könnte ſlthe Lehren erfinden? Doch gleich viel! Sie iſt allzu aß Julia ——— —— alt und langweilig, um ſich mit ihr einzulaſſen— wer redet wohl jetzt noch von der Minerva? Oder was ſagen Sie, meine Herren? Es iſt nothwendig zu hören, wie die Stimmen der Pluralität fallen.“ „Ich,“ ſagte der Rittmeiſter,„habe es immer für eine heilige Pflicht erachtet, das Alter zu ehren; doch in dem Falle, daß Minerva wirklich zu alt ſein ſollte, um in dieſer kritiſchen Frage einen annehmlichen Nath abzugeben, ſo laſſet uns an ihre junge moderne Schweſter, Frau Juſtitia, appelliren— ſofern wir nicht der Kürze halber geradezu die Worte Rudolfs, ihres er⸗ klärten Repräſentanten, als von ihren Lippen ausgegan⸗ gen, annehmen wollen. „Aha,“ ſagte Julia leicht erröthend,„ich merke, daß die Wagſchale jetzt gleich wiegt— wollen ſehen, wo⸗ hin ſie zuletzt den Ausſchlag giebt! Belieben der Herr Graf ihr einen kleinen Stoß zu geben?“. Und Julia's Lächeln war ſo bezaubernd, daß es den Hartherzigſten hätte beſiegen müſſen. Da ich noch nie in meinem Leben,“ entgegnete der Graf, das Glück gehabt habe, meine Stimme zu einer Wahl abzugeben, ſo fuͤhle ich mich natürlicher Weiſe auf das höchſte geſchmeichelt, zu einer Commitée eingeladen zu werden, welche über Göttinnen entſcheidet. Doch zur gleicher Zeit bin ich auch faſt zur Verzweiflung gebracht, mir von einer derſelben eine Ungnade zuzuziehen, weßhalb ich demüthigſt mein Geſuch um Befreiung von dieſem Stimmenrechte einreiche.“ 6 „Keinesweges!“ äußerten Julia und Lavinia zu glei⸗ 31 cher Zeit.„Die Sache läßt ſich auf keine andere Weiſe entſcheiden.“ „Und wir verpflichten uns im Voraus,“ fügte Julia hinzu, die aus der bedeutungsvollen und verbindlichen daß der Sieg ihr zufallen würde,„uns nicht beleidigt zu fühlen, Verbeugung des Grafen abzunehmen glaubte, wie auch die Wahl ausfallen mag. Ich meines Theil halte de ganz un „N der Gre rigen H Und ſchr mane an tene Dr All ihr bein höchſt u hüpfte ſ „Lr „habe b Er wendete, ſchwimm lebt: mit Zurückge Na⸗ Rittmeiſt zu zei ger tung zu Manteln keit holer wer agen wie für Fren; ſein ichen derne nicht s er⸗ egan⸗ nerke, „wo⸗ Herr es den te der einer ſe auf eladen öch zu bracht, eßhalb dieſem u glei⸗ 4 Weiſe Julia ndlichen aß der 4 fühlen, Theils 269 halte dafür, daß ein ſo kleinliches Gefühl als Verdruß ganz unter unſerer Würde iſt.“ „Nach einer ſo großmüthigen Erklärung,“ entgegnete der Graf,„ſtehe ich nicht länger an, mich mit den üb⸗ rigen Herren zu vereinigen.“ „Nun ſo theilen wir als Schweſtern! Doch mein erſtes Recht wird mir wohl Niemand rauben wollen?“ Und ſchnell wie der Wind riß ſie den Hut von der Otto⸗ mane an ſich und eilte die Treppe hinab auf das beſtrit⸗ tene Drachenſchiff zu. Allle drei Herren verfügten ſich eilfertig nach, um ihr beim Einſteigen behülflich zu ſein; doch mit einer höchſt ungnädigen Geberde ſchlug Julia dies ab und hüpfte ſelbſt hinein. „Liebe Lavinia!“ rief der Rittmeiſter ſeiner Frau zu, „hhabe bei unſerer Rückkehr alles in Ordnung.“ Er ergriff die Ruder; und als die goldene Drachin ſich wendete, und auf dem durchſichtigen Spiegel des Fluſſes zu ſchwimmen begann, wurde Julia's Muth wiederum be⸗ lebt: mit ſtolzem Kopfnicken grüßte ſie die auf der Treppe Zurückgebliebenen. Nach einer halben Stunde, während welcher der Rittmeiſter ſeine ganze Kraft aufbot, ſich unterhaltend zu zeigen, landete das kleine Fahrzeug von Neuem, und nun ſtand außer den wartenden Freunden eine ganze Reihe von Körben auf der Landungsbrücke. „Liebe Lavinia,“ waren Julia's erſte Worte,„ich muß Dir Recht geben! Ludwig kann unendlich angenehm ſein, wenn er will; wir haben eine höchſt angenehme Promenade mit einander gemacht.“ 1 Lavinia ſchien auf Julia's Geplauder gar nicht Ach⸗ tung zu geben, ſondern rief dem Bedienten, der mit den Manteln kam, zu, er ſollte zurück eilen und eine Kleinig⸗ ſcitt holen, die vergeſſen war. „Unterdeſſen können wir mit dem Einladen den An⸗ ſang machen!“ ſchlug der Rittmeiſter vor.„Darf ich —— Keſſel liege, damit die gnädige Frau ſie nicht vergeſſen möge, 3 an Schweden bedient man ſich zum Klären des Kaffees all⸗ 270 Dir die Hand geben, liebe Lavinia, ſo könnteſt Du es Die hier ſelbſt ordnen ſo wie Du es haben willſt.“ Graf ur Und inzwiſchen ſpringe ich hinauf und ſehe mich Kei nach dem Kleinen um, und gebe ihm meine Waſeellilien, einig gen um damit während meiner Abweſenheit zu ſpielen. und die Julia war wieder wie ein Hauch auf dem feſten und Kaf Lande, ergriff Rudolf's Arm und eilte mit ihm hinweg. Es „Und ich,“ ſagte der Graf,„ſetze mich in Bewegung ein Lüft und hole die Cigarrenladen!“ Das Be „O nein, Herr Graf! können Sie dies nicht holen ufern, d laſſen?“ fragte Lavinia verſchämt erröthend bei dem Ge⸗ ſaet war⸗ danken, daß ſie bei einer ſolchen Beſchäftigung mit ihrem an einem Manne allein ſein ſollte.„Wenn Sie die Güte haben Drachin wollen, mir die Körbe zu reichen, ſo nimmt Ludwig ſie Ma an— mir ſind ſie zu ſchwer.“ immer d „Aber ſie ſind Dir doch nicht zu ſchwer, um ſie von man ſich der einen Seite auf die andere zu bringen!“ ſiel Ludwig Tag gehe ein, den dieſes Erröthen in die Wolken des Himmels von Inn verſetzte.„M „Das iſt etwas ganz Anderes!... Aber hörſt Du, Steuerru Ludwigl ſetze ſie doch nicht ſo! Die Flaſchen konnen ja iſt die R entzwei gehen! Graf Adrian! ich meine, Ludwig zeigt gar„Deo keine Geſchicklichkeit zum Einpacken— wollen Sie nicht war aug die Gute haben, uns zu helfen, damit uns die Körbe verſicherte feſt ſtehen, ohne dabei zu viel Platz wegzunehmen?“ gut fortf Endlich war alles in gehöriger Ordnung, und nun„Ne kam Frau Brunsberg herab, um der Abfahrt zuzuſehen Du Dich und der gnädigen Frau ins Ohr zu flüſtern, wie viel dolf ſchon gemahlenen Kaffee auf den herabgeſchickten Kaffeekeſſel zu nehmen ſei, und daß die Klärhaut*) ſchon in dem — gemein eines Stückchens getrockneter Fiſchhaut, gewöhnlich Hecht⸗ haut, die man mit dem Kaffee kocht. Der Ueberſ. hat nie in Deutſch⸗ land von dieſem Klärungsmittel des Kaffees gehört, und fu deßhalb dieſen ſchwediſchen Gebrauch zum Verſtändniß an. . Anm. des Ueberſ. 271 Diesmal waren zwei Ruderer erforderlich, und der u es Graf und Rudolf machten den Anfang. mich Kein Bedienter war mit; denn die Herren waren llien, einig geworden, daß ſie nicht müde werden könntenz und die Damen wollten eigenhändig den Tiſch bedienen feſten und Kaffee kochen. Es war ein ſehr heißer Tag; doch bisweilen ſäuſelte urg ein Lüftchen aus den Laubhainen in das Zelt herein, Das Boot ſchwankte einher zwiſchen den herrlichſten holen ufern, die in der Pracht aller Farben ſchillerten, ſo über⸗ 1 Ge⸗ ſtet waren ſie von Blumen, und hie und da fuhr man ihrem an einem kleinen Werder vorbei, der lockend die goldene haben Drachin zur Ruhe einlud. 3 ig ſie Man war längſt, wie es bei ſolchen Gelegenheiten immer der Fall iſt, einig geworden, daß man ſo viel ie von man ſich entſinnen könnte, noch nie einen ſo angenehmen udwig Tag gehabt hätte; es war ſowohl von Außen als auch mmels von Innen eine ſo reine, ſo herzliche, ſo jubelnde Freude. „Meine Herren!“ ſagte Ludwig, indem er von dem t Du, Steuerruder aufſtand, njjetzt könnt Ihr müde ſein; jetzt nen ja ſt die Reihe an mir, die Ruder zu nehmen!“. gt gar„Damit bin ich zufrieden!“ entgegnete Nudolf, und nicht war augenblicklich an Julia's Seite. Der Graf aber Körbe verſicherte, daß er noch nicht müde wäre, ſondern recht 4 gut fortfahren könnte, mit dem einen Ruder zu arbeiten. d nun„Neinz daraus wird nichts!“ erklärte Ludwig.„Setze zuſehen Du Dich an's Steuer; denn Du ſiehſt ja wohl, daß Ru⸗ ie viel dolf ſchon hinlänglich beſchäftigt iſt 2 feekeſſel„Das iſt purer Hochmuth!“ ſcherzte Graf Adrian. in dem„Sch hoffe, die Herrſchaften kennen alle die große Schwach⸗ a möge. hätsſünde des Rittmeiſters: um ſich ſo kraſtig zu zeigen wie zwei, will er allein rudern.“ ſe ſchnell als Graf Adrian und Rudolf zuſammen; denn ſiner von beiden war ein Nuderer. Mochte es nun aber olge der Wärme oder der Anſtrengung ſein, genug: Stirn des Rittmeiſters fing an eine große Menge 3 Und der Rittmeiſter ruderte allein und zwar doppelt — telu mußte. kleiner Perlen zu zeigen, und da hieß es denn:„Liebe V„Wi Lavinia, erbarme Dich!“ Eine kleine Bewegung mit dem Servietten Larſe deutete an, welche Art von Barmherzigkeit er hinauf, wünſchte. late, 1 Lavinia erhob ſich und fuhr mit ihrem Taſchentuche htiom einigemal über Ludwig's von der Sonne verbranntes Geſicht. Juli „Dank, Dankl doch iſt noch ein kleines Werk übrig, hhe dn wegen deſſen ich Dich bemühen muß: ſei doch ſo gut und Göt ſtreiche mir die Haare in die Höhe! ſie fallen mir ja ganz ar im ein in die Augen herab.“ ſeigen im „Das läuft ja ſchnurſtracks gegen unſer neues Ueber⸗ unterthan einkommen: ich bin ja diejenige, welche das Glück erhält, gigen.“ Dir aufzuwarten!“ Wa Spielend leicht blies ſie die Locken auf; doch dabei ibel! W hatte Ludwig ſich keines einzigen Blickes zu erfreuen...„Sie zuletzt die Geſellſchaft; und nachdem man eine gute unbedachtf Stunde gebraucht hatte, um bald einen paſſenden Lager⸗ Kle platz zu wählen, bald zu verwerfen, ſo wählte man zuletzt tfühlen nach reiflicher Ueberlegung eine Vertiefung zwiſchen zweiſtrecklich! gruͤnenden Hügeln, deren Bäume Kühlung und Schatten Sier verliehen. 9 Jetzt wurden die Geſchäfte zur Anordnung des Feſtes auf mehrere Hände vertheilt. Lavinia machte die kalte Schale zurecht, Rndolf ſchnitt den Vogel*), Julia und Graf Adrian deckten auf dem Grasplane und Ludwig ſortirte die Weine. Bald entſtand zwiſchen dem Herrn und der Frau ein Streit, weil ſie allzu viel zur kalten Schale verlangte, und daher von dem Weinſchenken, dem dies die allergrößte Freude machte, jeden Tropfen erbet An der ſchönſten Bucht des ganzen Fluſſes landete ſpalte. D „Sie ——— 6 ten Wort icht deg * Unter Vogel verſtebt man in Schweren allgemein vor weiſe Auerhähne und Birkhähne, dann auch wohl Haſelhut Schneehuhner und Schnepfen, nie jedoch kleine Vögel. 3 Anm. des Ueberſ. „Liebe it dem keit er entuche ranntes übrig, ut und a ganz Ueber⸗ erhält, h dabei ien... landete ie gute Lager⸗ n zuletzt een zwei Schatten es Feſtes die kalte ilia und Ludwig Herrn r kalten 273 „Wir müſſen einige Blumen zur Verzierung der Servietten haben!“ erklärte Julia, und eilte den Hügel hinauf, wohin Graf Adrian ihr pflichtſchuldigſt nach⸗ folgte, um das Verbrechen zu verſöhnen, welches er im Pavillon begangen hatte. „O, wozu eine arme abgeſetzte Göttin begleiten?“ ſagte Julia und ſtellte ſich, als ſähe ſie die Blumen nicht, welche der Graf ihr hinreichte. „Göttinnen können gar nicht abgeſetzt werden, erklärte er in einem Tone, der ſehr glücklich gewählt war;„ſie ſrigen im Gegentheile immer höher in den Augen ihrer unterthanen, wenn ſie ſich großmüthig gegen einander higen.“ 3„Wahrhaftig, als wilde Blumen ſind dieſe nicht ſo übell Wo fanden Sie dieſelben?“ „Sie ſtanden ganz anſpruchslos hier in der Fels⸗ ſpalte. Die Blätter ſcheinen noch zu zittern, weil eine unbedachtſame Hand ſie zu berühren wagte.“ „Kleinigkeit! Ich glaube nicht, daß die Blumen ſo aartfühlend ſind... doch die Sonne brennt mich ganz ſchrecklich!“ „Sieh, hier bin ich mit dem Paraſol, mein kleiner Paradiesvogel!“ Rudolf kam die Anhöhe herauf geeilt; denn er hatte kinen beſondern Geſchmack, den Paradiesvogel mit einem hheſungenen Ritter auf eigene Hand umherflattern zu ſhen. Er war keineswegs eiferſüchtig; denn er wußte, daß sin Julia's Weiſe lag, alle jungen Männer, die ihr in de Weg kamen, zu beſchäftigen und ſich ſelbſt mit ihnen zu beſchaftigen; aber er wollte dennoch gern ſeine eigen lugen mit dabei haben; denn Julia war ein Kind, NMemand wußte, wie ihre hingeworfenen und unü in Worte gedeutet werden konnten. Es war da d Müicht des Ehemannes, ſeinen Schatz und ſeine Gerecht ame zu bewachen. Carlén. Ein Jahr. 18 e ⸗ 274 3„Ich meinte, Du warſt mit einer andern Art von Vogel beſchäftigt!“ ſagte Julia, in deren Köpfchen zum erſten Male eine Ahnung entſtand, daß Rudolf meinte, er müßte den Wächter ſpielen; und ihr Blick ruhte wenig⸗ ſtens nicht zärtlich auf dem dienſtfertigen Manne. „Wenn ich auch beſchäftigt wäre, zehn Vögel zu zerkerben, ſo dürfte ich wohl Dich, undankbares Schel⸗ mengeſicht, nicht dem Winde und der Sonne Preis geben!“ „Oder Wind und Wogen?“ fiel Julia ſchnippiſch ein. Rudolf war ſehr ärgerlich, daß er nicht über ſein Blut gebieten konnte, welches jetzt die unverzeihliche Dummheit beging, ihm zu Kopf zu ſteigen. „Wenn,“ ſagte er, da jetzt der Graf ſich entfernte, „wenn dem wirklich ſo wäre,“— er nahm nun einen Ton an, welcher halb Scherz und halb Ernſt war— „ſo würde ich dennoch, meine kleine Zauberin, nur eine meiner erſten Pflichten erfüllen.“ „Duiſetzeſt mich in Erſtaunen! Meinſt Du denn, daß ich mich nicht ſelbſt beherrſchen kann, ſondern daß Du nöthig haſt mich zu begleith und zu bewachen wie ein Kind oder wie eine— Gans( „Ein zärtlicher Mann betrachtet ſich immer als die Ehrenwache ſeiner Frau.“ „Du wählſt Deine Ausdrücke ſehr lächerlich! Seit welcher Zeit haſt Du die Ehre Deiner Frau bewacht?" „Seit dem ſeligen Augenblicke, da Du mir das Recht dazu gabſt. Aber Du verdrehſt ja meine Worte, in denen nichts liegt, was Dich beleidigen könnte. Wür⸗ —— t, oder was Du vornehmeſt, ſagteſt und thaͤteſt èu „Das will ich nicht eben behaupten; da ich aben kei Dankl ſo ziemlich weiß, wie ich mich zu beträ⸗ gen habe, was ich ſagen, thun und laſſen muß, ſo meine nh Du brauchteſt hier auf dem Lande nicht mehr als in deſt Du es lieber ſehen, wenn Du einen Mann hätteſt, der ſich gar nicht daran kehrte, ob Du gingeſt Ai der Stadt die Schürze zu ſpielen. Ich mag dergleichen nicht; das muß ich Dir ſagen!“ . dieſen meinen Glück, lieber meinem ur Rudolf traulich ſich au hatte. und nu plauder men zu denen, A aufſchla theuert nöthigt wenn T hewahre Nitter!“ Un rt von n zum nte, er wenig⸗ gel zu Schel⸗ geben!“ ſcch ein. der ſein eihliche tfernte, n einen var— ur eine u denn, ern daß hen wie als die ! Seit vacht? nir das Worte, Wuͤr⸗ hätteſt, eſt odet teſt 0. 1 ch abet, u betri⸗ ſo meine r als in rgleichei 5 aufſchlagen?“ fragte Lavinia von unten.„Ludwig be⸗ 275 „Julia, meine geliebte Julia! nicht dieſen Blick, nicht dieſen Ton! Du ſchmerzeſt und betrübſt mich und raubſt meinem Herzen alle Freude!“ „Nun ſo muß ich Dir denn wohl wieder einen kleinen guten Blick geben! Aber höre, Rudolf! laß mich nie wieder b merken... pſt!... der Graf kommt wieder... Nein! wie iſt's möglich! Sie haben ein bewundernswerthes Glück, Herr Graf, die ſchönſten Blumen zu finden! Ach, lieber Rudolf! geh Du und hole das Garnknäuel, das in meinem Nähkorbe liegt, ſo hilft mir wohl der Herr Graf inzwiſchen kleine Sträußchen zu einem Kranze ordnen. Es fällt mir ein, daß ich mich mit einem ſolchen ſchmücken muß, um mich Dir, mein Liebling, angenehm zu machen!“ Und die kleine Boshafte triumphirte und lächelte, als Nudolf ging. Inzwiſchen lud ſie den Grafen Adrian ein, ganz ver⸗ traulich neben ihr Platz zu nehmen, nachdem ſie ſelbſt ſich auf das von ihm ausgebreitete Taſchentuch geſetzt hatte. Zwiſchen ihnen lagen die Blumen ausgebreitet, und nun begann man unter Julia's unausgeſetztem Ge⸗ plauder und Scherz eine Auswahl zwiſchen denjenigen Blu⸗ men zu treffen, die für den Kranz abgelegt werden und denen, die den Mittagstiſch zieren ſollten. „Aber ſage mir: willſt Du dort oben Winterquartier theuert, daß er vor Hunger ſtirbt, und daß er ſich ge⸗ nöthigt ſieht, die Serviette ohne Blumen zu gebrauchen, wenn Du nicht bald kommſt.“ „So geht es mir auch!“ erklärte Rudolf.„Ueber⸗ dies iſt in dem Korbe kein Knäuel. Komm herab, liebe Julta!“ 1 1 „O) welche hungrigen Geſchöpfe!“ ſagte Julia! „Wir müſſen uns wohl am Ende doch über ſie erbe 1 und den Kranz bis zum Nachmittage aufſparen. Doch bewahren Sie die Blumen gut; ich übergebe ſie meinem Ritter!“ 3 1 Und wiederum tanzte ſie die Anhöhe herab und war — während der Mahlzeit ſo liebenswürdig, ſpielend und zärtlich gegen ihren Mann, daß ſie den armen Rudolf ganz verwirrte und bezauberte; Lavinia dagegen war nicht ganz munter, denn ihr Blick war dem Bruder gefolgt, ſowohl als er hinaufging, als auch da er zurückkam, und ihr gefiel Julia's Betragen gegen den Grafen Adrian nicht, obgleich es ſo ganz vollkommen Julia's Weiſe war, daß man ſich nicht darüber wundern konnte. Ludwig hatte gar nichts bemerkt. Er war im Uebri⸗ gen heute der froheſte und angenehmſte Wirth, den man ſich nur wünſchen konntez und nachdem der Toaſt für die Damen getrunken war, ſo erinnerte er den Grafen Adrian an die geſtern von ihm geweckte Frage hinſichtlich des Taufens der Drachenſchnicke. „Eigentlich,“ meinte der Graf,„ſollte ſie wohl den Namen einer unfrer Schutzgöttinnen erhalten; um aber keinen Samen der Zwietracht wegen des Vorranges aus⸗ zuſtreuen, ſp...“ „... ſtehen wir davon ab!“ entſchied Lavinia. „Wollen wir ſie nicht nach Frithjofs Schiff nennen? ſchlug Julia vor. „Gut, gut! Ellida ſoll ſie heißen! So ſei es!l und nun wurde ein Toaſt für Ellida und noch viele glück⸗ liche und angenehme Touren während dieſes Sommers getrunken. Am folgenden Tage ſollte ihr Name nebſt dem Datum ihrer erſten Reiſe feierlich an das Hintertheil gemalt werden. „Und da wir nun hier im Grünen verſammelt ſind und keine Salonanſprüche zu machen haben, ſo ſinge ich ein Lied zu Ellida's Ehren.“ Man wußte nicht, ob man ſeinen Augen und Ohren nen ſollte, als man ſah, daß der Rittmeiſter die Gui⸗ ergriff, welche für Julia mitgenommen worden war. DSane Stimme war weit beſſer denn mittelmaßig⸗ und er ſang mit Geſchmack eines von Frithjofs Lederh Ein doppeltes Echo von den Felſen wiederholte jedes Wort. wie ei des M der, di Waſſer die Be vor ih von ſei Herz ſ A Bäume an's L. mit El Ludwig fluſterte deres, ringſter Ludwig 7 Du mi Du ni geben 21 Willen d und Rudolf r nicht efolgt, n, und Adrian e war, Uebri⸗ n man aſt für Grafen ichtlich hl den n aber s aus⸗ 6 20 8 10u 1 ei es! gluck⸗ ommers e nebſt tertheil elt ſind nge ich Ohran ie Gui⸗ en war. lmäͤßig, Liedern. e jedes 277 „Das nenne ich mir eine wirkliche Ueberraſchung le rief Julia in die Hände klatſchend aus, als der Rittmei⸗ ſter geendigt hatte.„Ich möchte doch ſehr gerne wiſſen, wwarum Lavinia mit dieſem Talente ihres Herrn und Man⸗ 3 nes ſo geheim geweſen iſt!“ „Weil ich ſelbſt nicht eher als in dieſem Augenblicke Gelegenheit gehabt habe, darüber zu urtheilen!“ ſagte La⸗ vinia, deren Bruſt ſich unruhig hob.„Doch zur Strafe dafür verurtheile ich ihn zu noch einem Liede bei unſrer Rückreiſe im Mondſcheine.“ Und als der Abend kam, als die kleine Geſellſchaft zurückkehrte, nachdem ſie einen der glücklichſten Tage in Gottes herrlicher Natur verlebt hatte; als Ellida leiſe wie ein Schwan auf dem von dem glänzenden Strahle des Mondes verſilberten Fluſſe dahin glitt; als die Wer⸗ der, die Ufer, ja ſelbſt das Schilf ſich in dem hochblauen Waſſer abſpiegelten, da ſang Ludwig noch einmal, und die Berge und die Felſen ſangen ſchöner, heller denn zu⸗ vor ihr Echo zu den überſtrömenden Gefühlen, die ſich von ſeiner Seele, ſeinen Augen einen Weg in Lavinia's Herz ſuchten. Als Ellida beim Pavillon im Schatten ſeiner hohen Bäume landete, und Jeder ſeiner Dame behülflich war an's Land zu ſteigen, außer dem Grafen Adrian, der ſich mit Ellida begnügen und ſie feſtbinden mußte, da führte Ludwig ſeine Gattin an die dunkelſte Seite der Allee und fluüſterte ihr zu:„Sage mir— doch ſage mir nichts an⸗ deres, als die Wahrheit!— haſt Du heute wohl den ge⸗ ringſten Schimmer von Glück empfunden?“ „Haſt Du nicht Deine Augen bei Dir gehabt, guter Ludwig?“ „Sehen iſt etwas anderes als hören; doch nun ſuchſt Du mir wieder auszuweichen, wie Du immer thuſt, wenn Du nicht antworten willſt oder auch keine Antwort zu geben haſt.“.. „Und Du zeigſt eine ſolche Neugierde, daß ich nicht Willens bin, eine Antwort zu geben!“ 278 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. In ſteter Abwechſelung ländlicher Vergnügungen flogen drei Wochen ſchnell dahin. Aber aus dieſem wogenden, bunten und frohen Leben, das auf der Oberfläche lag, keimten ſchon einige giftige Kriech⸗ pflanzen auf und ſchlangen ſich unvermerkt um die Blumen. Wohl waren dort Keime zur Entwickelung ſowohl des Guten, als auch des Boͤſen vorhanden, ehe jemals Julia's klare Augen über Roſenborg geleuchtet hatten, doch gewiß hatte auch Frau Brunsberg nicht Unrecht, als ſie behauptete, daß man ſeit jener Zeit beſtimmt fühlte, wie etwas Tolles und Beſeſſenes bevorſtände. Doch wir müſſen alle dieſe kleinen Kräfte, die von mehreren Seiten für und gegen einander arbeiteten, in größerer Nähe betrachten. In jener Nacht, da die Geſellſchaft von der erſten Luſtfahrt auf Ellida zurückkehrte, ereignete es ſich, daß Julia vor einigen am Tage erhaltenen Mückenſtichen nicht ſchlafen konnte. Ihre lebhafte Seele, die niemals und kaum wenn ſie ſchlief, Ruhe hatte, war nun gezwungen, ſich ſelbſt Geſellſchaft zu leiſten; denn Rudolf, obgleich oftmals beunruhigt, war durch die Ruderarbeit ſo müde geworden, daß nicht einmal die Stimme des„Engels“ ihn zu wecken vermochte. „Alſo ſchwärmten Julia's Gedanken auf eigene Hand umher und verweilten bei wenigſtens hundert Gegenſtänden, die aber ſämmtlich ſo wenig unterhaltend waren, daß ſie zur Hälfte auf ſich ſelbſt böſe wurde, weil ſie, die doch Andre ſo ziemlich gut unterhalten konnte, nicht im Stande ſein ſollte, ſich ſelbſt einige ſchlafloſe Stunden zu verkuͤrzen. ddem ſie nun mit den Fingerſpitzen ungeduldig üͤher die immer mehr anſchwellenden Beulen auf ihrer feinen Wange fuhr, ſo begann ſie darüber nachzudenken, wozu wohl eigentlich vie Muͤcken geſchaffen wären. Dieſes Nach⸗ enken, welches zu vielen anmerkungswürdigen Schluß⸗ ſätzen hätte Anlaß geben können, gab ſie jedoch ſchnell wieder leiteter hatte ſchrieb um Ge von L ſcheuch Scene Rudol bringen Grafer men z mich b die Eh konnte möchte er end lange noch l ſtand Graf artig, gut! d Rudolt ſuchtig unerm S ſie, al⸗ dunger deutlich des G das K druͤcken ingen n, das riech⸗ imen. zwohl mals atten, recht, timmt e von n, in erſten „daß nicht und ingen, gleich muͤde igels“ Hand inden, aß ſie e doch Stande ürzen. güber feinen wo Nach⸗ chluß⸗ ſchnell ſie, als Rudolf endlich, beunruhigt v 279 wieder auf, als die Mücken ihr Gedächtniß auf die Urſache leiteten, wodurch ſie die unerträglichen Stiche erhalten hatte— eine Urſache, die auf Rudolf's Rechnung ge⸗ ſchrieben wurde, weil er dem Grafen Adrian gerufen hatte, um Gott weiß was zu ſehen, als eben der Graf mit einem von Laubzweigen verfertigten Fächer die Mücken hinweg⸗ ſcheuchte. Die genannte Erinnerung zog ihrer Seits die kleine Scene auf dem Hügel wieder an das Tageslicht, wohin Rudolf unter dem Vorwande, ihr den Sonnenſchirm zu bringen, nachgelaufen gekommen war, weil ſie mit dem Grafen dorthin gegangen war,„um einige armſelige Blu⸗ men zu pflücken.“—„O, das war allzu närriſch... mich bewachen... und über die Schuldigkeit des Mannes, die Ehrenwache ſeiner Frau zu ſein, Reden halten! Was konnte er wohl mit der ganzen Geſchichte meinen? Ich möchte wohl wiſſen. Sollte es wohl möglich ſein, daß er endlich eiferſüchtig geworden wäre, was ich ſchon ſo lange gewünſcht habe? Himmel! das wäre luſtig! und noch luſtiger, wenn er eiferſüchtig wäre auf einen Gegen⸗ ſtand wie der Graf, häßlich wie... ja ja, mein lieber Graf iſt wirklich ſehr häßlich; und wäre er nicht ſo artig, zeichnete er mich nicht aus vor... Nun, gleich gut! der Menſch hat keinen üblen Geſchmack; und wollte Rudolf mir das Vergnügen bereiten, recht tüchtig eifer⸗ ſüchtig zu werden, ſo könnte ein höchſt intereſſantes, ein unermeßlich intereſſantes Abenteuer daraus werden. 4 So lange Julia wach war, hatte ſie A zu thun, um tauſend Veränderungen in zu erſinnen. Um ſogleich den Anfang damit zu dungen erwachte, gleichſam im S deutlich und lebhaft mehrmals hi des Grafen Adrian auszuſprechen das Kiſſen zerbiſſen, um ein mz drücken, als Rudolf ſich erh 280 1 lauſchen, welche er mit halb unterdrückten Seufzern be⸗ gebun antwortete. kleine „Gut, gut!“ dachte Julia.„Dies giebt nicht allein M eine vortreſſliche Zerſtreuung, wenn andere ſeltner werden, zu ko ſondern wir wollen uns auch im folgenden Winter jedes zuverl Mal krank lachen, wenn ich ihn an dieſe Zeit erinnere.“ Art v Zufolge dieſes leichtſinnigen Beſchluſſes zeigte ſich nun ſicchtlic Julia mit jedem Tage durch den Grafen immer mehr d diejeni und mehr intereſſirt, und dieſer war ſeiner Seits ſichtbar⸗ wäre, lich unterhalten von Julia's Geſellſchaft, obgleich es noch und A Jemanden gab, der etwas anderes glaubte, und mit nicht nun ir ganz guten Augen die falſche Stellung des Grafen be⸗ wig n merkte, ſo wie auch ſein Beſtreben, ſich luſtig und galant Zimme zu zeigen, was ſonſt gar nicht in ſeinem Charakter lag. G Eine Menge Kleinigkeiten erinnerten den Mitmeiſne fährlic mehr denn tauſendmal an den ſonderbaren Scherz ode richtiger die ſonderbare Art von Prüfung, welche ſich a mal Graf Adrian hinſichtlich der Urſache ſeiner Abreiſe erlaubt hatte— eine Prüfung, welche alle Leidenſchaften Ludwig's geweckt und ihm ein Vorgefühl von der Pein der Eiferſucht gegeben hatte. Doch Adrian hatte ja bei eben dieſer Gelegenheit ſein Ehrenwort gegeben, und an dieſem konnte Ludwig nicht zweifeln. Nun aber ſammelte er ſorgfältig und fleißig alle Erinnerungen von jenem Tage bis zu dem heutigen, und kannte ſo entſtanden folgende Thatſachen: merkte 12 Der Graf hatte verſchiedene Vorwände aufgeſucht, ſonder Verſprechen, nach Roſenborg zurückzu⸗ zu ge zen; doch zuletzt hatte er, wahrſcheindc i t zu erregen, nachgegeben. i erſten Abend hatte er, ſoweit 1 in Bemühen offenbart, nicht in alln la zu wuuem 8 oppelten Gedanken wernhe Rede war. der ganzen Zeit ſich durch eim n Julia's ſämmtliche Schri jern be⸗ dt allein werden, ter jedes nnere.“ ſich nun er mehr ſichtbar⸗ es noch mit nicht kafen be⸗ nd galant kter lag. dittmeiſtet herz oder e ſich ein⸗ -— er Abreiſt denſchaften der Pein utte ja bei , und an leißig alle tigen, um aufgeſucht, g zurückzu⸗ ihrſcheinlic 281 gebunden, ohne zu ſehen oder zu bemerken, wie ſehr ihre kleinen Koketterien en⸗ Bemühungen erleichterten. Um aber in ſeinen Entdeckungen einen Schritt weiter zu kommen, da die angeführten Punkte dennoch nicht als zuverläſſig gelten konnten, ſo beſchloß Ludwig, ſich jene Art von Erfahrung zu verſchaffen, welche der Graf hin⸗ ſichtlich der Lavinia erworben zu haben vorgab, nämlich diejenige, daß wenn der Graf auch völlig taub geweſen wäre, er doch Ludwig's Annäherung an Lavinia's Wangen und Augen abnehmen konnte. Natürlich wurde die Frage nun in entgegengeſetztem Verhältniß aufgenommen. Lud⸗ wig wollte Adrian's Geſicht ſtudiren, wenn Lavinia in's Zimmer trat. Es war ein Unglück, daß der Rittmeiſter dieſes ge⸗ fährliche Mittel erfand. Schon das erſte Experiment ge⸗ lang nur allzu gut. An einem Morgen, da Ludwig unter irgend einem Vorwande den Grafen früher als gewöhnlich mit ſich in den Saal hinuntergeſchafft hatte, wohin Adrian gewöhn⸗ lich nicht eher kam, als da die ganze Geſellſchaft ſchon verſammelt war, ſollte die Prüfung angeſtellt werden. Außer ihnen war nur ein Bedienter im Zimmer, welcher eben ten Frühſtücktiſch gedeckt hatte, als Ludwig, der ebenfalls ſchon in der Entfernung den Gang ſeiner Frau kannte, ſchnell ſeitwärts an Adrian hinaufblickte und be⸗ merkte, daß ihm nicht nur das Blut in's Geſicht ſtieg, ſondern daß er auch, um demſelben Zeit zum Zurücktreten zu geben, ſich am Fenſter ſo beſchäftigt ſtellte, daß er Lavinia's Ankunft nicht zu hören ſchien, ehe ſie ſelbſt ihm ihren freundlichen Morgengruß zurief. Aber die wenigen Secunden waren hinreichend ge⸗ weſen, dem Grafen ſeine Faſſung wieder zu geben, und Ludwig mochte ſein Antlitz prüfen ſo viel er wollte: dort war weiter gar nichts zu leſen. „Ich habe auf Fieden Fall genug geleſen, und wuͤnſchte ihn zum...“ Der RNittmeiſter beſann ſich.„Keine ebennilung!“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Cinmat ſ du Mal. Er iſt ein Mann von Ehre; fühlt er, daß er fliehen muß, ſo flieht er; und ſagt er nun etwas von Reiſen, ſo bin ich wenigſtens nicht derjenige, welcher ihn hindert.. 3 Lavinia ahnte nichts; ſie war nicht im Stande zu bisweilen funkelten und auf ihr mit einem Ausdruck haf⸗ teten, vor welchem ihr wirklich bisweilen Angſt wurde. Jetzt hatte ſie unmöglich zu irgend einer Unzufrieden⸗ Zeit Anlaß geben können: ſie war ſtets gleichmäßig, freundlich und aufmerkſam, Maria Rehnman war ſaſt ganz vergeſſen— und doch ſah ſie oſt genug Wolken auf Ludwig's Stirn, welche ſie zu verjagen ſuchte, ohne gleich⸗ wohl immer in ihrer Bemühung glücklich zu ſein. Wer aber von Allen am meiſten Urſache hatte, ſich zu beklagen, das war Rudolf. Außer der Tortur, die er bei Julia's täglichen gefall⸗ ſüchtigen Künſten erlitt, mußte er die ganze Pein der geheimen Tortur erleiden, welche ſie erfunden hatte, um ſeine Eiferſucht zu wecken, zu unterhalten und noch hef⸗ fortwährend mit immer größerer Wärme im Schlafe den Namen des Grafen Adrian ausſprach, und daß ſie, ſo oſt ſie mit ihrem Manne von dem Grafen redete, ihr Gefühl mit unüberlegter Oſſenheit verrieth und ſich oft abwendete, um eine Röthe zu verbergen, die nicht vorhanden war, wo nicht vor Freuden, daß ihr Plan von dem Glücke mit dem möglichſten Erfolge gelrönt zu werden ſchien. Dennoch ging nach Julia's Geſchmack die Entwickelung der Intrigue viel zu langſam. Verdacht gegen ſeine Gattin zu faſſen, welche er — ihm ſehr oft zeigte, daß ſie ihn über Alle liebte. ſchuldigenden Seele.„Sie meint nichts mit dem Leiden, e mir zufügt, ja ſie ahnt es nicht einmal. O, wis begreifen, aus welcher geheimen Urſache Ludwig's Augen tiger anzufachen. Dieſe Tortur beſtand darin, daß ſie Rudolf wollte und konnte es nicht über ſich gewin⸗ und welche— trotz ihrer vielen kleinen Fehler „Julia iſt ein Kind,“ hieß es in ſeiner ſtets ent⸗ würde ſtände! klagen möglich fahren ſie vor von E Funken zehren 6 nicht um eir zu jag ſollte, mit ih nunftg (C Strah 8 aber g wegen in ihr warf Unterh und ve 8 7 Nudol (dieſe wegen Adria meint, wirklie iß er von rihn de zu lugen haf⸗ de. eden⸗ äßig, ſaſt 1 auf leich⸗ ſich efall⸗ der „ um hef⸗ ß ſie e den o oft hefühl ndete, war, e mit 4 elung ewin he er wie fehler ent: eiden, würde es ihr Herz peinigen und plagen, wenn ſie es ver⸗ meint, die Worte bekänien ein ganz ſtände! Armes Julchen! ich kann Dich deſſen nicht an⸗ klagen, das Dir ſelbſt unbekannt iſt! Und wäre es auch möglich, daß ihre Gefühle einen flüchtigen Eindruck er⸗ fahren hätten, ſo verſchwindet doch dieſes von ſelbſt, wenn ſie vorſichtig behandelt wird. Dagegen könnte eine Ahnung von Eiferſucht, eine Ahnung, daß ich ihr mißtraue, den Funken zu einer Flamme anfachen, die uns beide ver⸗ zehren würde.“ Da es ſich jedoch bald zu zeigen begann, daß Julia nicht nur ihren Mann, ſondern auch ihr Kind vergaß, um einzig und allein früh und ſpät nach Zerſtreuungen zu jagen, bei welchen der Graf ſtets an ihrer Seite ſein ſollte, ſo beſchloß Rudolf, ſo ſchwer es ihm auch wurde, mit ihr zu reden und einige ſanfte und freundliche Ver⸗ nunftgründe anzuwenden. Ein heißer Julinachmittag warf ſeine brennenden Strahlen über Roſenborg. Der Rittmeiſter war am vorigen Tage verreist, wurde aber gegen Abend zurückerwartet; Graf Adrian hielt ſich wegen Kopfſchmerzen auf ſeinem Zimmer; Lavinia war in ihrer Haushaltung beſchäftigt, und in ſchlechter Laune warf ſich Julia, die auch ihren Rudolf nicht zu ihrer Unterhaltung bereit fand, verdrießlich in eine Sofaecke und verſuchte zu ſchlafen. 8 „Willſt Du, daß ich Dir etwas vorleſen ſoll?“ fragte Rudolf. 3 „“ nein, Du haſt keine angenehme Declam (dieſe hatte aber Rudolf wirklich, und Julia hatte ihe wegen ſchon oft gelobt). Ach, wie vortrefflich liest Gr Adrian! Es iſt ein Ausdruck in ſeiner Stimme, daß ma Leben, al wirklich haben“* „ Ja, jaz; alles was der Graf Adrian thut, das iſt vortrefflich; ich weiß es recht gut!“ antwortete der gut⸗ müthige Mann mit einem Verſuch zum Scherz.„Doch in Ermangelung ſeiner Stimme...ℳ „Ich weiß nicht,“ ſagte Julia, indem ſie ſich der Liſt bediente, mit dem Taſchentuche über das Geſicht zu fahren, „warum Du in einem ſo ſundecharen Tone von dem Gra⸗ fen redeſt? Du weißt wohl, daß ich mich um ihn gar nicht bekümmere, es gibt gewiß keinen Menſchen, der ihn mit gleichgültigeren Augen anſieht. Doch... doch... da ich ihn nicht hören kann, ſo leſe ich ſelbſt. Gid mir das Buch, das dort auf der Commode liegt!“ „Und mich willſt Du a lio nicht hören?“ „Nein!“ „Julchen! Du biſt...“ Rudolf hielt inne. „Nun was bin ich denn? Ich bin ſchläfrig wie im⸗ mer, wenn ich Langweile habe.“ „Soll ich Dir den Kleinen holen, Sonſt machte es Dir immer ſo viel Bergnüigen mit ihm zu ſpielen; doch nun ſeit einiger Zeit...“ „So!l kommſt Du nun mit Vorwürfen?“ Eben weil Julia's eigenes Gewiſſen ihr Vorwürfe machte, wurde ſie nun gereizt und fuhr gedankenlos fort:„Ich glaube, es iſt kein Mann mit ungereimteren Pretentionen geſch affen, als Du! Soll ich mich denn an dem großen Zungen 1 ganz zu Tode ſchleppen und ihn den ganzen Tag auf den Armen tragen? Bloß der Umſtand, daß Du mit neehleichen zum Vorſchein kommſt, beweist am beſten Deine „Und Deine Liebe beweiſ't ſich in Deiner Antwort⸗ ine Julial Du darfſt auch nicht allzu kindiſch und leicht ki ſolche ein Ma „ zitterte wenn nimmſt Du gu Phanta ich Die fen nich hören 2 argere aft ſein, ſo daß dadurch die Reinigkeit Deines s verloren geht. Ich fühle, daß auch meine deine Gränze haben kann.“ 4„Was willſt Du eigentlich damit ſagen? Vor w gebe ich mir ſolche Blößen, daß ich die Reinigkeit mein Benzens verliere 2 8 285 as it„Sch glaube nicht, daß es eine Perſönlichkeit iſt: gut⸗ i nur Deine Eitelkeit, Deine Unbedachtſamkeit.“ Dochh 3„8„ Du wagſt nicht mit der Wahrheit herauszu⸗ — kommen!“ rief Julia, ihre Verſchämtheitsrolle ganz ver⸗ er Liſt geſſend aus.„Sage lieber: vor dem Grafen Adriau! ihren, Ich weiß doch, daß Du es auf jeden Fall denkſt.“ Gra⸗ KRn!dolf erblaßte.„Nein!“ ſagte er mit Feſtigkeit; n gar„das denke ich nicht; aber ich denke, es iſt von Dir viel⸗ r ihn leicht kühn und nicht ſehr klug, meine geliebte Julia, eine ... ſolche Idee hinzuwerfen.“, mir„Kühn? warum denn das? Iſt nicht der Graf ein Mann, der die Eiferſucht eines Gatten wecken kann?“ „Das weiß ich nicht; ich weiß nur“— und hiebei zitterte Rudolf's Stimme,— daß Du am beſten thuſt, wenn Du Dich vor ſolchen Vorausſetzungen in Acht e im nimmſt! Es ſteht einer verheiratheten Frau ſchlecht an, unter der Form des Eruſtes mit Dingen von dieſer hte es Vichtigkeit zu ſcherzen.“ doch 1„Nudolf! woran denkſt Du? Du vergißſt, daß 5 zu Deiner Gattin ſprichſt! Weißt Du das? 4.— „Ich weiß, daß ich zu einem verzogenen und verzär⸗ telten Kinde rede. Doch glaube mir, Julia, es iſt Zeit ur Dich, nicht weiter zu gehen. Ich habe gegen Dich eine ungemeine Geduld bewieſen; aber ich weiß ja, daß Du gut, zärtlich und rechtdenkend biſt, obgleich Deine Phantaſte Dich bisweilen auf Abwege führt. Nun bitte ich Dich: treibe Dein gefallſüchtiges Spiel mit dem Gra⸗ fen nicht weiter! Sobald er es entdeckt, ſo wird er auf⸗ 3 hören Dich zu achten, und— was Dir vielleicht eine noch aͤrgere Strafe iſt— Deine Unbedachtſamkeit wird Dir zuletzt die Achtung Deines Mannes rauben.“ Rudolf! ich glaube beſtimmt, ja, beſ ſtimmt Nlan ich, Du biſt verrückt geworden.“ 3 Jetzt begann Julia zu weinen und ich zu beklagen daß ſie nicht in ihrer letzten Krankheit geſtorben wa Hätte ſie es damals ahnen können, daß ſie leben wuͤrde, um eine ſulche Erniedrigung zu kifahren ſo häͤtte 286 gewiß nicht nach einem ſo herrlichen Leben geſehnt. Doch laß und ſte könnte auch wohl noch jetzt ſterben, wenn es dahin betrifft käme, daß ihre unſchuldigſten Handlungen gemißdeutet und mir, g. verdreht würden. tereſſen „Meine theure Julia! ſo unvernünftig darfſt Du wagen, nicht reden. Verſprich mir nur, daß Du Dich künftig ſchafft.“ mit der Würde benehmen willſt, die einem Eheweibe zu⸗„ kommt, und wir wollen Frieden auf immer ſchließen; ja, ſichtig ich verſpreche es Dir heilig— auf immer!“ 4„ „Nun was ſoll ich denn eigentlich laſſen?“ Dir du Das iſt viel, ſehr viell Begnüge Dich mit meinem Vorſicht Arm wenn wir ſpazieren gehen, laß mich Deinen Son⸗ dem W nenſchirm, Deinen Shawl, Deine Blumen tragen, laß hier ſch mich laufen, wohin es Dir beliebt; zeige aber, daß u ſie an j leben kannſt, ohne daß der Graf jeden Augenblick m und ihr Dich zu ſein braucht.“ Je 5„Eine ſolche Veränderung würde höchſt einfältig ſein, gebildete um nicht zu ſagen lächerlich, und den Grafen zu dem Do Glauben bringen, daß ich ihn auf irgend eine Weiſe aus⸗ ſie ausr gezeichnet habe.“ aauch ih Daran kann er wohl nicht zweifeln, ſofern er ſene es war Augen gehabt hat; doch zu Deinem Glück iſt, nicht immer ihn zu die Seele mit, wenn die Augen auf Dir ruhen.“ zu dem „Du willſt doch wohl nimmermehr behaupten, daß er haben u mich für zu unbedeutend hält, um ſeine Aufmerkſamkeit zu gewinnen? Doch warum ſollte ich Dir nicht eine ſolche Artigkeit zutrauen können?“ „Ich meinte nur, daß er zerſtreut iſt... doch jetzt reden wir nicht von dem Grafen, ſondern von Dir! Willſt Du meine Bitte erfüllen?“ t „Nein!““ „Du mußt Dich beſſer beſinnen; denn, wie ich Dir ſchon geſagt habe, es kommt ſo weit, daß auch mein Geduld eine Gränze haben kann.“ „Was denn weiter? Laß uns an die Gränze kon 2 ch glaube kaum, daß dies wünſchenswerth wäre; Doch laß uns lieber das Alles vermeiden! Was ich Dich bitte, dahin betrifft unſer beiderſeitiges künftiges Gluck; und glaube und mir, geliebte Julia, ſo lange es noch Zeit iſt: dieſe In⸗ teereſſen ſind zu theuer, um ſie an einen Zeitvertreib zu Du wagen, der Dir nur ein augenblickliches Vergnügen ver⸗ unftig ſchafft.“ 3 3 e zu⸗„Rudolf, willſt Du mir's erkennen: Du biſt eifer⸗ ; ja, ſüchtig auf den Grafen!“ 3„Ich glaube kaum, daß ich es ſchon bin, doch, um Dir durch die vollkommenſte Aufrichtigkeit und Offenheit Vorſicht anzurathen, ſo will ich geſtehen, daß ich auf einem on⸗ dem Wege bin es zu werden. Doch meine Julia“— , laß hier ſchlang Rudolf ſeinen Arm um ihren Leib und zog Du ſie an ſich—„wird zu handeln wiſſem, wie ihre Pflicht kk um und ihre Liebe gebieten!“ 1 Jetzt freute ſich Julia und triumphirte in ihrem ein⸗ ſein, gebildeten Siege. 1 n dem Doch weit entfernt ihren Mann zu beruhigen, gabh ſie ausweichende Antworten, laue Liebkoſungen, ſo ſehr auch ihr Herz ſich dem ſeinigen entgegen ſehnte. Aber ſeine es war ja doch ſo unendlich angenehm, ihn zu prüfen, mmer ihn zu peinigen, um ihn dann durch einen Zauberſchlag zu dem Glücke zu erheben, das er für ewig verloren zu haben wähnte. Julia, ein Weib ohne alle Erfahrung und ohne aandre Grundſätze, als die ihre Laune ihr vorſchrieben, und, das ſchlimmſte von allem, eines von dieſen bedauerns⸗ iett wurdigen Weibern, die in ihrer erſten Jugend den Vor⸗ Dir! zug einer vernünftigen Erziehung entbehrt hatten, war weit entfernt zu ahnen, oder der Möglichkeit nur ein augenblickliches Nachdenken zu weihen, daß ein Man mit Rudolf’'s gutmüthigem und nachgiebigem Charakter im Stande ſein könnte, einmal ſeine Bande zu zerbre und ſich als einen vollkommenen Gegenſatz deſſen zu zeigen, was er jetzt war. 4 „Von heute Abend an bleibt der Graf au⸗ 288 Spiele— meine Geliebte! beruhige mich mit dieſem Ver⸗ ſprechen!“ „Nun kommſt Du an die Reihe, Nudolf, kindiſch zu ſein! Mit dem Grafen kann ich nichts verändern, ohne mich ſowohl vor ihm, als vor mir ſelbſt lächerlich zu machen.“ „Nicht einmal um die Ruhe Deines Gatten willen 2“ „Ach, wie luſtig Du doch ſein kannſt!“ Nun begann Julia zu lachen, zu ſchelzen und ſich von ihrer bezauberndſten Seite zu zeigen; doch Rudolf's Ohr war gleichſam taub vor den ſchmeichelnden Tönen, denn mit unendlichem Schmerze glaubte er zu entdecken, daß Julia nicht aus bloßem Eigenſinne ihren Einfall mit dem Grafen feſthielt... Während es ſich oben im Gaſtzimmer zu ernſthaften Gewitterwolken zuſammenzog, ſaß Lavinia, die eben mit einigen häuslichen Geſchäften fertig geworden war, an einem Fenſter im Saale, von welchem man die weiteſte Ausſicht nach der Allee hin hatte. 4 3 Ludwig konnte vielleicht nicht eher, als etwas ſpät m Abende zuruckkommen; aber dennoch war dieſes Fen⸗ ſeer heute in Lavinia's Geſchmack das beſte. Morgen haben wir den fünfundzwanzigſten!“ ſagte ſie halblaut, indem ein leiſer Seufzer über ihre Lippen flog. Zum erſten Male kam dieſes Datum herbei, ohne daß Lapinia eine erſchütternde Unruhe empfand: wahrend der letzten Wochen war es ihrer Seele eine Gewißheit, geworden, daß dieſes Datum zwei Monate ſpäter, anſtatt das Glück zu vernichten, das ſie nun ſtill und Schimmer von Vernunft beſaße, um ſich durch die Erfüllun Leiſchämt in ihren Herzen trugen, es herrlich entwickeln wuͤrde. Ja Lavinia ging ſchon ſo weit, daß ſie es als eine Möglichkeit annahm, Ludwig konnte ſchon vor den Anbruche des fünfundzwanzigſten September, an ihren Verſtand und an ihr Herz appellirt haben, ob dieſes einen aes übereilten Gelubdes unglücklich zu machen. Täglich Wagen zollte⸗ rung d erſten heit, m ſo viele und lel güͤltigke „L da Sie Sonne war ei fand— eben Lo „3 und ſeh „C den ſcho V früher nachhöre befinden ich vor, Allee un Graspla alle mög Sie daz „S die Gna Ver⸗ ndiſch ndern, erlich len 2“ id ſich ndolf's Tönen, decken, ill mit thaften en mit r, an weiteſte as ſpät s Fen⸗ ¹ ſagte Lippen „ ohne vahrend ewißheit ſpäter, till und twickeln n ihren es einen 289 zollte Ludwig ihr dieſe feine Aufmerkſamkeit, dieſe Vereh⸗ rung des Herzens, die ein Liebhaber dem Gec ing des genſtande ſeiner erſten Träume weiht. Zwar ſuchte er ni heit, mit ihr über dieſe Gefühle ſo viele wie möglich, um ſie zu und lebendige Gefühle an die Stelle der ehemaligen Gleich⸗ gültigkeit und Lauigkeit getreten waren. „Sie müſſen vortreffliche Augen haben, gnädige Frau, da Sie es aushalten können, hier zu ſitzen und in die Sonne zu ſehen!“ ſagte Graf Adrian, der auf dem Wege war einzutreten, aber auch— da er den Saal beſetzt fand— wiederum auf dem Wege ſich zurückzuziehen, als eben Lavinia ſich umwendete. „Ja, meine Augen ſind nicht ſchlecht: ich ſitze hier und ſehe aus nach Ludwig.“. „Gewiß können Sie Ihre Augen noch ein Paar Stun⸗ den ſchonen, denn ſchwerlich kommt er vor ſieben Uhr.“ „Vielleicht kommt er nicht früher; oft aber kommt er⸗ früher als er beſtimmt hat. Ich will hinaufſchicken und nachhören laſſen, wie ſich Rudolf und Julia in der Hitze befinden; und wenn ſie Luſt haben auszugehen, ſo ſchlage ich vor, daß wir zu den großen Buchen am Ende der Allee unſre Zuflucht nehmen. Dort auf dem angenehmen Grasplatze iſt es doppelt ſo kühl als hier, und wir koͤnnen alle möglichen Erfriſchungen mitnehmen— oder was ſagen Sie dazu, Herr Graf?“ 3 „„Ich erſuche Sie, gnädige Frau, zu reden, aber er ſuchte „Das heißt als überflüſſig? Auf den Vorſchlag denke ich mich aber keineswegs einzulaſſen: die ſchwüle Luft im. Zemmer iſt gewiß für den Kopf ſchädlicher als die Luft im Freien, wo man doch wenigſtens von b einem kleinen Hauche erfriſcht wird. Ich hoffe, Herr Graf, Ste begungen ſich damit, das vierte Rad rfüllung Täglich Zeit zu Zeit von — vier zu werden 1. Der Graf verbeugte ſich ſchweigende Carlen, Ein Jähr.—— 19 e eine Gelegen⸗ überzeugen, daß warme daß ſie mir heute die Gnade erzeigen und mich wie das fünfte Nad gm Wogen betrachten.“ 290 Lavinia ſchickte in die obere Wohnung. ſ mich Julia ſtand in dem Augenblicke, da Jungfer Lotta wesh ihren Auftrag ausrichtete, vor dem Spiegel und badete ken Sie fühlte nicht die ge⸗ ihre geſchwollenen Augenlieder. welche ſie ge⸗ ringſte Luſt, mit Lavinia ſpaziren zu gehen, wiß mit einer Menge nicht gar angenehmer Fragen be⸗ f ganz läſtigen würde; und da überdies von keiner andern Perſon erthe als„Ihro Gnaden“ die Rede war, ſo war es für ſie durch eben kein Verluſt, von der Promenade abzuſtehen. Weib 3„Grüße meine Schwägerin und ſage, daß ich heute nicht mehr im Stande bin auszugehen; ich will mich hin⸗ hyſter legen und ein wenig leſen.“ oder „Du hätteſt aber doch mitgehen ſollen!“ ſagte Ru⸗ volf, der aus dem andern Zimmer kam, als das Mädchen beſten ſich entfernt hatte.„Ich wollte herzlich wünſchen, daß pfui! 1 Du Dich mit Lavinia über den Gegenſtand berietheſt, der eine uns nun beide aufregt: das würde Dir vieles erklären, ſich ſ was jetzt dunkel iſt.“ geben „Glaubſt Du das?“ Julia rollte mit einer Miene* Bitter voller Ungeduld ihre Locken auf. Weg, „Das glaube ich! Lavinia ſieht mit ruhigem Blicke oft ge in die Dinge; ſie hat Verſtand und iſt unparteii ch.“ nicht „Ja, ſie iſt wirklich unparteiiſch, und es fehlt nun( nichts mehr, als daß Du ſie in Deine thörichten Grillen der in einweihſt.“ Minu „Mir fehlt der Muth, es zu thun; mir fehlt der verna Muth, Dich einer Sache zu beſchuldigen, von der ich ſelbſt noch nicht überzeugt bin; doch D u ſollteſt Dich dem Rathe einer Schweſter, einer Freundin anvertrauen.“ „Nein, ich kann mir ſelbſt rathen; dabei habe ich hörſt auch einen Rath von mir an 3 2u ochen na Ludwig G ſprochen haben, n mich dennoch genöthigt, hierin eine Aenderung zu treffen Lotta weshalb ich Dich bitten muß, an Deine Sachen zu den⸗ adete ken— wir reiſen im Anfang der nächſten Wochel“ e ge⸗ Jetzt war⸗ Julia ſtumm vor Erſtaunen. . ge⸗ Rudolf ſollte einen Machtſpruch wagen— Rudolf n de⸗ ganz einfach Aenderungen machen, ihr Winke, ja Befehle derſon ertheilen, wie... wie... nein, das war zu arg! das ur ſie durch Vergötterung und Schmeicheleien verwöhnte junge Weib konnte gar keine Worte finden. 4 3 heute Sie wußte nicht recht, ob ſie in einem Anfalle von hin⸗ hyſteriſchem Schmerz aufſchreien, ob ſie in Ohnmacht fallen, oder ob ſie glauben ſollte, es wäre Zeit zu. gehorchen.“ Ru⸗ Nein, ſo ſchnell, ſo erbärmlich konnte ſie nicht ihre aͤdchen beſten Tage überlebt haben. Gehorchen?— o nein, o 7 daß pfuil ihre Macht waͤre ja für immer dahin, wenn ſie ii, der eine ſo jammervolle Partie ergriffe... Doch wenn ſie flaren, ſich ſtellte, als wollte ſie gehorchen, als wollte ſie nach⸗ geben, bis ſeine Laune wieder beſſer wäre, und dann durch Miene„ itten, Thränen... nein! niemals! das war ja der Weg, den andere Frauen finden konnten, über den ſie ſo Blicke oft gelacht hatte... nein, ſie verſchmähte ihn, wollte ſich 5 nicht zu Künſten herablaſſen, welche ſie verachtete. lt nun Ehe Julia ihren Entſchluß gefaßt hatte, war Rudolf wie⸗ Grillen der in das andere Zimmer gegangen, dort aber erſt einige Minuten geweſen, als er die leichten Schritte ſeiner Gatttin hlt der vernahm. Rudolf's Herz klopfte vor Freuden.„Sie der ich kommt, ſie bittet!— o mein Julchen! Ich wußte wohl, ich dem daß Dein Herz unverdorben war. 1.ℳ Jetzt war Julia im Zimmer. . Doch anſtatt in die Arme ihres Mannes zu eilen, habe ich iß ſie ſchnell Hut und Handſchuhe an ſich, welche auf dem LTiſche lagen. 4 Nudolf ahnte etwas, war augenblicklich am Fenſter und ſah den Grafen an Lavinia's Seite die Allee hin⸗ abgehen.“.. „Wohin denkſt Du zu gehen?“ fragte er faſt ſtreng. 292 „Wie Du frägſt! Du bateſt mich eben, ich ſollte mit f obg Lavinia ſpaziren gehen!“ ſagt „Ja, aber ſie geht nun nicht allein, und Du darfſt die Dich nicht ſo ſehr erniedrigen, daß Du ſo läufſt, nachdem des Du ganz beſtimmt geweigert haſt.“ d „Nun, das waͤre doch luſtig, wenn ich nicht einmal 4 lot ausgehen dürfte! Du nimmſt wohl nicht übel, wenn ich's zu! ddennoch thue?“ von Sie knüpfte das Hutband feſt und eilte auf die Thür zu. von 6„„Du gehſt nicht aus der Stelle, das ſei Dir geſagtl! Ver Rudolf nahm ihr ſelbſt den Hut ab, warf ihn nach⸗ e läſſig hin und gab ihr einen Blick, daß ſie halb bewußt⸗ lage los— und zwar ganz unvorbereitet— auf den Stuhl ſank. ſchal —— wig Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Von dem Augenblicke an, da Lavinia und Graf Abrian auf der Grasmatte unter den Buchen Platz ge⸗ nomme⸗ hatten, war kaum eine halbe Viertelſtunde ver⸗ floſſen, als ſie den Jagdwagen des Rittmeiſters in ſtarker Fahrt den abſchüſſigen Weg herabrollen hörten. Ludwig hatte, ſo groß auch die Entfernung war, dennoch ſeine Frau und den Grafen ſchon erkannt, aber auch mit demſelben Blicke geſehen, daß Rudolf und Julia nicht dabei waren. „Sonderbar, ſonderbar!“ murmelte er.„Jetzt ſucht er nicht auszuweichen, da er weiß, daß ich nicht vor Abend zurückkehren würde... Warum iſt ſie mit ihm allein ————— 69 ausgegangen? warum ſind nicht Rudolf und Julia mit?* Dieſe Fragen folgten einander ſo ſchnell, daß Ludwig erſt, nachdem er ſie ſich vorgelegt hatte, üͤber die unglück⸗ lichen und kühnen Gedanken erſchrack, welche ſie enthielten. —Aber obgleich er über ſich ſelbſt zu lächeln verſuchte, 293 4 obgleich eine innere Stimme ihm die einfache Wahrheit mit ſagte:„ſie ſind mir entgegen gekommen,“ ſo erhielt dennoch die Wahrheit kein Gehör; denn was er von den Gefühlen rfſt V des Grafen wußte, das wußte er mit Sicherheit, und„hätte dem Adrian nur gewollt, ſo hätte er ſehr leicht von der 6 Nothwendigkeit abkommen können, ihr allein Geſellſchaft 3 mal zu leiſten“... Demnächſt hieß es:„Lavinia iſt ebenfalls ch's von ſeiner Geſellſchaft allzu ſehr intereſſirt— ſie war es von dem erſten Augenblicke an.“ zu. Und nun traten alle möglichen grundloſen Bilder aus der gtl“ Vergangenheit hervor, bis zu der Zeit, da die Kinder krank ach⸗ lagen. Warum, da ſie an jenem Tage ruhen wollte, ge⸗ ußt⸗ ſchah das nicht auf dem bequemen Sofa in ihrem eige⸗ ſank. uen Zimmer, ſondern im Salon, wo ſie... 2 „Nein, nun geht's geradewegs zum T— l!“ und Lud⸗ wig gab den Pferden ein Paar Hiebe, ſo daß ſie eher dahin flogen, als liefen.„Ach, die Scene dort im Grü⸗ nen ſieht höchſt vertraulich und angenehm aus! Ich hätte gar nicht nöthig gehabt, die armen Thiere beinahe zu Tode zu jagen, um bald zu Hauſe zu ſein—= ſie befindet ſich auch ohne mich recht gut.“ Graf„Und immer heißer braunte Ludwig's Blut, beſonders ge⸗ da er nun ſah, wie der Graf ſeiner Frau zum Aufſtehen her die Hand reichte.:„Das hätte auch wohl doppelt ſo ſchnell a geſchehen können, wenn es überhaupt nöthig geweſen wäre!... Ach ſo!... ſie wollen mir entgegen kom⸗ men!— nun das war wohl auch ſchwer zu vermeiden!“ „Willkommen, beſter Ludwig! willkommen zu Hauſe!“ hm Lavinia entgegen, und grüßte ihren Mann freund⸗ mit Hand und Blicken.„Ich ahnte, daß Du uns überraſchen würdeſt; und da ich ſehe, wie warm Du biſt, ſo will ich mich mit meinem Vorbedacht wirklich ein veni groß thun: ich habe etwas Abki hlendes für Die Ordnung!“— „Ja, ja, ich weiß: das iſt ja eben Dein Tal ut!⸗ antwortete Ludwig, der in ſeiner erregten Gemüt sſti war, mung in dem wohlgemeinten Ausdruck ſeiner Frau eine Art von Spott zu finden meinte. Er warf dem Bedienten die Zügel zu, ſprang aus dem Wagen und befahl vorweg zu fahren. Lavinia war auf's höchſte erſtaunt. Statt einem Blicke zu begegnen, der vor Freude und Dankbarkeit ſtrahlte, ſtatt ihre kleine Artigkeit verſtanden und geſchätzt zu ſehen, begegnete ihr ein Blick, der zwar brannte, aber doch nicht wärmte und eine Sprache, die allzu ge⸗ zwungen war, um im geringſten natürlich zu ſein. oder Verluſt gehabt!“ dachte ſie und bemühte ſich, in ihr ganzes Betragen eine Ungezwungenheit zu legen, die ihn verſichern konnte, daß er ſie nicht beleidigt hätte. Sie war überzeugt, daß es ihm ſpäterhin leid thun würde, daß er ſie die Folgen ſeiner mitgebrachten üblen Laune hatte fühlen laſſen.„Das kann auf keinen Fall eine Gewohnheit werden,“ ſo tröſtete ſie ſich ſelbſt;„denn noch nie hat er wegen eines ſolchen Anlaſſes zu Hauſe ſich verſtimmt und übelgelaunt gezeigt.“ Graf Adrian, der einen allzu kurzen Gruß erhalten hatte, ſchien inzwiſchen nicht einen ſo großmüthigen Ent⸗ ſchluß gefaßt zu haben. Im Gegentheil lag eine gewiſſe gereizte Stimmung in ſalnem Tone, als er ſagte:„Die gnädige Frau entwickelt immer ein bewundernswürdiges Talent, den Geſchmack ihres Gatten zu errathen. Ich bin überzeugt, daß Ludwig das Bedürfniß eines kühlen⸗ den Trankes noch nie in höherem Grade gefühlt hat.“ Lavinia war betrübt, daß der Graf ſich beleidigt fühlte, er, der ſtets der perſonificirte Verſtand warz und noch betrübter wurde ſie, als ſie die Blicke voll wachſen⸗ ₰½ Inzwiſchen traf der ganz unerwartete Fall ein, Ludwig kein einziges Wort erwiederte, etwas, wofür ihm Lavinia— welche die Heſtigkeit ſeines Charakters ſo genau kannte— in einem ſolchen Grade dankbar war, daß ſie ſelbſt ſeinen Arm ergriff, und mit einer Anmuth „Er hat in ſeinen Geſchäften einen großen Verdruß den Zornes ſah, den der Graf und ihr Mann wechſelten. — „ und einſe webt entfe er ſi nur Vere errat ein ſ blicke verm mand daß macht eine aus nem rkeit hätzt inte, ge⸗ druß ihr ihn Sie ürde, kaune eine noch ſich zalten Ent⸗ ewiſſe ühlen⸗ it.“ glleidigt 3 und achſen⸗ jſelten... 1, daß ir ihm ers ſo r war, lnmuth — 295 und Freundlichkeit äußerte, welche ſogar die Eiſerſucht einſchläferte:„Roſenborg und alles was darin lebt und webt verliert ſeine Annehmlichkeit, wenn der Herrſcher entfernt iſt.“ „Ich wäre ſchon zufrieden,“ antwortete er, indem er ſich zaͤrtlich und vertraulich zu ihr herab neigte,„wenn nur eine einzige Perſon mich vermißt hätte!“ Sein Ton verrieth die augenblickliche, aber mächtige Veränderung, die in ihm vorgegangen war. 8 „Wenn Dich keine einzige Perſon entbehrt hätte, ſo errathe ich. Lavinia beendigte ihre Periode durch ein ſolches ſchalkhaftes Lacheln, welches in gewiſſen Augen⸗ blicken einem ſchönen Weibe ſo vortrefflich gut anſteht. „Was erräthſt Du in dem Falle, daß mich Niemand vermißt hätte?“ „O, nichts anderes, als daß Dir dann gewiß Nie⸗ mand entgegen gekommen wäre, dem Du zeigen könnteſt, daß Du, auf Deiner Reiſe keine glücklichen Geſchäfte ge⸗ macht haſt.“ „Dank, Dank! Aber Du darfſt nicht glauben, daß ich dieſen ſchwachen Männern angehöre, die jeden Ver⸗ druß, der ſie trifft, an den Seinigen zu Hauſe auslaſſen. Nein, das iſt meine Art nicht. Jetzt habe ich nach dazu ſehr glückliche Geſchäfte gemachts mein Korn zu einem hohen Preiſe verkauft. Doch vergieb!— Dergleichen iſt zu tridial für Dich!“ „Warum denn das, mein guter Ludwig? Wenn Du glaubſt, daß es mich genirt, von Deiner Oekonvomie re⸗ den zu hören, ſo irrſt Du Dich eben ſo ſehr wie ich eben, da ich meinte, Deine Laune wäre nicht gut.“« „Was meine Seele verfinſterte war nur ein Gedanke — er kam und fuhr. Aber weißt Du, theure Lavinia! es iſt ein großes Glück, daß Du Dich auch dann gut gegen mich zeigſt, wenn ich es gar nicht verdiene. Bei einem andern Verhalten von Deiner Seite könnte meine Seelenſtimmung, wenn ſie ſo reizbar iſt, wie ſie jetzt war, ſich leicht für uns beide in Kummer verwandeln. 296 Du ſtreichſt die Wolken mit ſo leichter Hand hinweg, daß ich kaum weiß, wie ſie verſchwinden. Ich merke nur, daß es wieder hell wird.“ „Ach!“ ſagte Lavinia fröhlich,„das iſt alles Dein eigenes Verdienſt. Eutſinneſt Du Dich noch wohl der Lection, die Du mir auf dem Kirchhofe gabſt an dem erſten Tage, da ich meine neue Heimath in Beſitz nahm?“ „Haͤtte ich Dich damals ſo gut gekannt wie jetzt, ſo würde ich meine Rede geſpart haben; denn überflüſſigere Worte ſind wohl noch nie weggeworfen worden.“ „Alſo,“ ſagte Lavinia mit leichter Betonung, indem ſie verſtohlen auf die andere Seite des Weges blickte, wo der Graf Adrian ſchweigend hinſchritt und die neuen Gräben betrachtete—„alſo würdeſt Du jetzt Deiner Frau eine kleine„Hindeutung“ erlauben, ſalls ſie meinte, daß Du in einer Hinſicht Unrecht gehabt hätteſt?“ „Warum nicht?“ erwiederte Ludwig erröthend, da er ſich nur allzu gut ſeiner Aeußerung erinnerte, daß er „keine Hindeutung leiden könnte, am allerwenigſten von ſeiner Frau“...„Eine verſtändige Gattin kann alles was ſie will, denn ſie will nichts anderes, als das Gute. Doch worin habe ich denn Unrecht gehabt 2“ „Du warſt ſo unfreundlich gegen den Grafen Adrian — er iſt verdrießlich, und Du beſanftigſt ihn nicht.“ „War denn ſeine Aeußerung freundlich?“ „Nein, das behaupte ich nicht; aber es lag etwas darin, das ich nicht recht verſtand, und eben ſo auch in Deinem Blick. Guter Ludwig, der Graf iſt Dein Gaſt la „Glaubſt Du nicht, Lavinia, daß ich ſchon ſehr viel that, als ich nicht antwortete?“ „Das glaube ich nicht nur, ſondern ich weiß esz und Du kannſt Dir gar nicht vorſtellen, welch einen gu⸗ ten und angenehmen Eindruck dieſe Deine Herrſchaft über Dich ſelbſt auf mich machte. Ach, ſage jetzt nur ein freundliches Wort! Ich habe keine Argumente, ſondein nur eine herzliche Bitte.“ Ludwig ſeufzte, und Lapinia, die nicht ahnen konnte, mit ſe Deine Frau gegen ſchaft wohl beſchle 297 was ſich alles in der Bruſt ihres Mannes bewegte, ſah mit Verwunderung, welche Gewalt er ſich anthat, um ihrer Bitte nachzukommen. 4 Endlich aber ſagte er doch freundlich, indem er auf 3 die andre Seite hinüberblickte:„Entſchuldige, mein beſter 6 Bruder— ich vertiefe mich ſo ſehr in das Geſpräch mit m 2 meiner Frau, daß ich Dich ganz vergeſſe.“ t, ſo Mit einem verſöhnenden Lächeln wendete ſich der Graf um, und in ſeinem Geſichte lag ein ſchmerzhaſter Zug, der Ludwig rührte. Doch Adrian ließ ihm keine Zeit, einen neuen Gegenſtand zu beginnen, denn er ſagte mit ſeinem ruhigen, herzlichen Tone:„Plaudre Du mit 84 Deiner Frau, Bruder! Ich gehe vorweg nach Hauſe zu Frau Frau Brunsberg's Fliederthee, den ich nur aus Artigkeit daß gegen Deine Frau ſtehen ließ, da ſie keine andere Geſell⸗ ſchaft hatte. Ich habe mich heute den ganzen Tag nicht „da wohl befunden.“ Und mit einem freundlichen Kopfnicken aß er beſchleunigte er ſeine Schritte.. di 7„Biſt Du nun zufrieden?“ alle „Ach ja, Ludwig! ich fühle mich dankbar und ſtolz, Gute. 1 da Du mir erlaubſt zu glauben, daß meine Meinung annd mein Rath einigen Werth bei Dir haben.“ „O, ſie haben nur einen allzu hohen Werth! Weißt Du: es iſt ein Gefühl, als würde man gleichſam von Adrian 74 2. Neuem geboren, wenn man fühlt, wie unſer moraliſches etwas Veſen allmählig ſeine Form verändert und alle diejenigen uch in Saiten entwickelt, die bisher verborgen waren und es aſt la wielleicht für ewig geblieben wären, wenn nicht ein freund⸗ zr viel licher Sonnenſtrahl in die Finſterniß geſtrömt und ſie er⸗ hellt hätte. Was am wunderbarſten auf mich einwirkt, iſt das glückliche Gefühl, daß ich hier keine Lang⸗ vei ud kein Unbehagen mehr fuͤhle. Dieſe beiden ſter üben eine zerſtörende Wirkung über die Seele eerwandeln das Blut in Eis und trüben den Cha ſo, daß man ſich ſelbſt und Andern unausſtehlich Glaube mir, eben dieſe beiden Feinde, von wel⸗ ich mich bisher nie befreien konnte, macht, 298 zu demjenigen, was ich war, und urtheile nun ſelbſt, wie innig und herzlich meine Dankbarkeit ſein muß gegen diejenige, welche durch ihre Anweſenheit ſie täglich weiter und immer weiter vertreibt!“ Lavinia fühlte ſich ſo gerührt, daß ſie kein einziges Wort hervorzubringen vermochte. Schweigend gingen ſie weiter. Diesmal wurde die Limonade vergeſſen, denn nun brauchte Ludwig nichts mehr, als einen Blick aus dem ſtrahlenden Auge ſeiner Gattin. „Was bedeutet das?“ ſagte Lavinia und deutete auf Frau Brunsberg, welche den Herrſchaften bis vor dem Hofe entgegen kam. „Gott ſei gelobt, daß die gnädige Frau kommt! Willkommen, Herr Rittmeiſter! allerergebenſt willkommen, wollte ich ſagen; aber ich wills nur rein heraus ſagen: der Herr Protokolls⸗Secretair hat mir den Kopf ganz ver⸗ wirrt gemacht. Wir haben wohl fünfzehn Sorten für die gnädige Frau angewendet, die durch dieſe ſchreckliche Wärme ohnmächtig geworden und dann in ein ſolches Weinen gefallen iſt, daß ich beim lebendigen Gott glaube, ſie hat in jedem Auge eine Quelle.“ Lavinia ließ den Arm ihres Mannes los, flog über den Hof, die Treppe hinauf und in Julia's Schlafgemach. Hier lag Rudolf vor dem Sofa auf den Knien und badete die Schläfe und Wangen der angebeteten Gattin mit Waſſer, Eſſig, Kampferſpiritus, Franzbranntwein und Eau⸗de⸗Cologne, das eine um das andere. Doch nichts wollte helfen; Julia's Augen ſchienen wirklich in Quellen verwandelk worden zu ſein, ſo unaufhörlich ſtrömten ſie. „Was in des Himmels Namen iſt das 2“ fragte Lavinia. „O“ klagte Julia,„ich kam in einer unglückſeliget Stunde in Dein Haus! Mein Herz, mein Kopf brennt — ich will ſterben!“ 1 „Vergieb, o vergieb, meine geliebte, meine theure, Julia! Ich kann es mir doch nimmermehr ſelbſt ver⸗ zeihen, daß ich Dich in dieſen Zuſtand verſetzt habe. „8 „„2 einigen „ O, Du heraus, Deine reine, l — erſuche Zimmer es in d wenn ſi nen Mo „3 gemacht nnausſte Dich v üßt, iſt, um as ſie 3 8„ And ich cher, ab das Leb ehdrr⸗ S Lavinia wig's L 85 2 5 — ſte auf dem ommt! mmen, ſagen: z ver⸗ en für 299 „D u?“ fragte Lavinia.„So ſage doch, was es iſt? „Was ſoll ich ſagen?... Ich redete mit Julia vVon einigen Kindereien... und...“ „So? Du redeteſt mit mir von einigen Kleinigkeiten 2 O, Du liſtiger, böſer Mann! ſo ſage es doch lieder rein heraus, daß Du durch Deine fürchterliche Eiferſucht und Deine Verrücktheiten mich getödtet haſt— das iſt die reine, klare Wahrheit.“ „Meine beſte Julia!“ ſagte Lavinia faſt ſtreng,„ich erſuche Dich, daran zu denken, daß im angränzenden Zimmer einer von den Dienſtboten ſein kann, und daß es in der That wenig ehrenhaft für Dich ſein würde, wenn ſie hörten, daß Du Dich auf dieſe Weiſe über Dei⸗ nen Mann äußerſt!“ 7 „Ja, das kannſt Du ſagen, die Rudolf zu demjenigen gemacht hat, was er nun iſt: mißtrauiſch, ſtreitſüchtig, unausſtehlich! Aber glaube nur nicht, weil Du gehſt und eckliche Dich vor Deinem Mann demüthigſt und Dir einbilden ſolches glaube, og über gemach. ien und Gattin ein und h nichts Quellen ten ſie. läßt, daß ein Weib nur deshalb in die Welt gekommen iſt, um ſich zu demüthigen und ſich unterdrücken zu laſſen, glaube nur nicht, daß ich auf ſo etwas eingehe!“ „Ach vergieb ihr, vergieb ihr um Gottes willen!“ bat Rudolf.„Sie iſt krank und aufgeregt; ſie weiß nicht was ſie ſagt, die arme Kleine!“ „d ja, ich weiß das ſehr gut,“ ſchluchzte Julia; mind ich weiß auch, daß dieſes Roſenborg ein unglückli⸗ cher, abſcheulicher Ort iſt, der ſchon einer jungen Frau das Leben geraubt hat. O ja, davon hat man wohl gehört!“ „Still, um des Himmels willen ſtill!“ ermahnte Lainia mit dem Finger auf den Lippen.„Ich höre Lud⸗ wig’s Schritte draußen.“ a„So? meinſt Du, daß ich mich auch vor ihm fürchte? 24 e er ich will gar keine Vorleſung hoͤren!“ Sie warf ſich uf die andere Seite. buu„Ich muß auf einige Augenblicke hinaus! fluſterte avinig. 8— 300 Rudolf hielt ſie in größter Seelenangſt zurück.„Wie Charakt ſoll das endigen?“ Du änd „Ganz gewiß ſo, daß ſie morgen ſo entzückend J und bezaubernd iſt, daß Du dieſen ganzen Auſtritt Blick in vergiſſeſt.“ Rudolf. Rudolf antwortete nicht; er ſchüttelte nur den Kopf( über en mit einem Ausdrucke von unendlichem Kummer. ſuut n 3 Als Lavinia die Thür öffnete, ſo fand ſie ihren 9 Mann vor dem zunächſt ſtehenden Tiſche, geſtützt auf deſſen einer B. Platte. Seine Miene bezeugte, daß er jedes Wort gehört B hatte, daß Julia einen äußerſt unangenehmen Eindruck kunn, da auf ihn gemacht hatte. iheilen u „Großer Gott, welch ein Weib! Wäre ſie mein... ſe ſich u wäre.. 1 2.„. „Nun aber iſt ſie nicht Dein!“ unterbrach ihn La⸗ affr 4 vinia und zog ihn mit ſich von der Thür hinweg.„Ich bin herzlich betrübt um Rudolf's willen.“ „Was iſt er aber auch für ein Mann, daß er ſich nicht in Reſpekt ſetzen kann! Ich ſah noch nie in meinem Leben eine ſolche Schwäche— auf den Knien zu liegen und Verzeihung zu erbetteln, wenn ſie wie eine Furie tobt!“ „Bedenke daß er liebt, guter Ludwig! Die Liebe macht...“ Lavinia ſchwieg plötzlich. Sie wollte ſagen:„die Lavi Liebe macht den Mann ſchwach;“ aber ſie hütete ſich, den acctig be Satz zu vollenden. Am „O, fürchte Dich nicht, den alten Glaubensartikel die junge auszuſprechen! Alles kommt ja auf die Anwendung an.“ porgefalle „Ich weiß nicht, mein beſter Ludwig, ob wir jetzt Leben vo derſelben Meinung ſind. Ich wollte ſagen: Die Lähe macht jeden Mann mit Rudolf's weichem und ſanſtem Charakter ſchwach bis zur Unvernunft. Noch einige ſolche Scenen, wie die heutige, und Julia bildet ſich in ihr einen kleinen Haustyrannen. So wie er gepeinigt un gereizt worden iſt, ſo wird er ſeiner Seits peinigen und reizen, wenn die Liebe erloſchen iſt.“ „Dein Blick ſieht mit ſcharfer Klarheit in Rudolf 301 „Wie Charakter. Geſtehe aber, daß Du eine kluge Frau biſt: Du änderteſt gewiß etwas an dem begonnenen Satzel“ ickend„Ich bexichtigte ihn.“ Sie ſah ihm mit einem offenen Auſtritt Blick in's Auge.„Als ich redete, ſo dachte ich nur an Rudolf. Ich glaube Dich hinlänglich zu kennen, um a Kopf überzeugt zu ſein, daß die Liebe Dich nie in dieſer Be⸗ deutung des Wortes ſchwach machen wird.“ ihren„Meinſt Du denn, gute Lavinia, daß ſie es in irgend deſſen einer Bedeutung des Wortes könnte?“ gehört„Vielleicht— wenn man es nämlich Schwäche nennen kindruck kann, daß man durch dieſes Gefühl ſich ſelbſt beſſer beur⸗ theilen und kennen lernt...“ Sie erröthete ſtark, als nein.. ſe ſich unterbrach. Audwig lächelte, drückte ſeiner Frau die Hand und ihn atfernte ſich mit einem freundlichen Kopfnicken. „Ich er ſich meinem t liegen 8 tobt!“... ſe Liebe Siebenundzmanzigſtes Kapitel. — 2. 2 Lavinia hatte Julia's Krankheitsanfall vollkommen richtig beurtheilt. 4 Am folgenden Morgen zeigte ſich beim Kaffeetiſche die junge Dame geſund, froh und ungenirt, als ob nichts g an. orgefallen wäre und den gewöhnlichen Gang in dieſem wir jettt Leben voller Kindereien und Kleinigkeiten, das ſie ſtets ſührte und in dem ſie ſich ſo glücklich fühlte, geſtört hätte. Sie war in ſo hohem Grade gegen Rudolf freund⸗ ich, zärtlich und aufmerkſam, daß ſie ihm ſogar ſein garrenfutteral holte; und wenigſtens ein Viertel des ſess wendete ſie an, um mit dem„Seraph“ umzuſchwen⸗ ien Brei zu kochen und ſich mit einer Menge mütter⸗ licher Pflichten abzuarbeiten. Sie ſchien jetzt den Grafen Adrian kaum zu ſehen; dieſer aber bemerkte eine ſo intereſſante Veränderung gar nicht, welche er vielleicht für abſichtslos hielt. Doch Nudolf, der ſchwache, ſchwache Rudolf, konnte ſah es alle dieſe ſchönen Früchte des feinen Verſtandes und guten Ru Herzens ſeiner Julia nicht ſehen, ohne ſich tief gerührt zu Bitterer fühlen; und als er ſich nun am Abende mit der kleinen( Schatten vielfarbigen Tauſendkünſtlerin allein befand, ſo ſagte er das Bett ſelig und dankbar: Sie „Heute iſt alles verſöhnt! Sei immer ſo, geliebte„G Julia! und ich ſtreiche den geſtrigen Tag für ewig in die Aem 0 meinem Gedächtniſſe aus.“ Doch Julia ſtrich ihn nicht aus in ihrem Gedächtniſſe. Bewegun Indem ſie Rudolfs Liebkoſungen erwiederte und ihn„92 mit rührender Verſchämtheit verſicherte, ſie glaubte am geſpielter geſtrigen Abend durch den Schrecken einen Anfall von„Ni Wahnſinn gehabt zu haben, ſo dachte ſie über Mittel 21 wN Ou wier nach, ihn recht nachträglich wieder zu erſchrecken. Hatte t ſie bis jetzt nur zu ihrem Vergnügen und um für den Du wüß Winter etwas zu lachen zu haben intriguirt, ſo wollte ſie gute Lau es jetzt aus Rache. 5* unter Rudolf ſollte vor Angſt zittern lernen, und dann fort:„3 ſollte er es lernen Gott zu danken, daß er ſich über nichts„Ich anders zu beklagen hatte, als über die kleinen unſchuldigen„Du Launen ſeiner Frau. Zeichen e „Jag, Zwei Tage lang fuhr Julia noch fort, die entzückene Rolle einer Büßerin zu ſpielen und ſo ihre Herrſchaft meine Se über Rudolf zu befeſtigen, daß man ſah, er war nun ver⸗ ſunen liebter und verſtrickter als je. ſſbliief ich Doch war es ihr unmöglich, Ludwig's und Lavinia Schlafe, Gefühle nach ihrem Willen, ja nicht einmal nach ihrem Wunſche zu biegen und zu formen. Lavinia war artig, aber nicht ſchweſterlich, und Ludwig wich ihr ſichtharlich aus, ſo viel die Höflichkeit erlaubte. ———ũY 303 gr Der Morgen des dritten Tages kam. 9 g Julia ſchlief länger als gewöhnlich— wenigſtens konnte ſah es aus als ſchliefe ſie noch. guten Rudolf ging blaß wie der Tod im Zimmer umher. hrt zu Bitterer Kummer, bebende Furcht warfen ihre wechſelnden kleinen Schatten über ſein ſchönes Antlitz. Endlich trat er an gte er das Bett und ſtrich mit der Hand über die Stirn ſeiner Frau. Sie fuhr auf. eliebte„Guten Morgen, geliebter Rudolf!“ Sie ſtreckte ihm vig in die Arme entgegen. Doch Rudolf betrachtete ſie ſtarr ohne die geringſte htniſſe. Bewegung zu machen, ihre Liebkoſung zu erwiedern. nd ihn„Was iſt Dir?“ fragte ſie und ſah ihn an mit gut bte am geſpielter Beſtürzung. all von„Michts!“— 1. Mitiel„Ach! ſoll ich nun wieder unglücklich werden? biſt Hatte Du wieder unzufrieden mit mir? Und doch, Rudolf! wenn für den Du wüßteſt... wenn Du ahnteſt, wie ſchwer mir meine ollte ſie gute Laune, meine frohen Blicke koſten!“ Sie ſtellte ſich, 5* unterdrückte ſie ihre Verzweiflung und fuhr langſam d dann ſort:„Ich bin nicht mehr von Herzen froh wie ſonſt.“ nichts„Ich weiß es!“ antwortete er bitter. 1„Du weißt es?“ Julia ſank zuſammen mit allen Zeichen einer tödtlichen Angſt. gückende„Ja, Julia! dieſe Nacht hat alles verrathen, was rrſchaft neine Seele ſchon längſt zu fürchten und zu ahnen be⸗ un wer⸗ ſennen hatte... Als Du meinteſt, ich ſchliefe, da ſchlief ich nicht: ich hörte Dich weinen, und nicht im inig's Schlafe, wie ſonſt, einen Namen hervorpreſſen, den ich itet nicht wiederholen will, weil ich es nicht über mich mag, Deine Wangen vor Scham erröthen zu ſehen.“ aulia hielt beide Hände vor das Geſicht und verbarg nn den Kiſſen. D, was thuſt Du? Iſt denn keine Hoffnung nehr da, daß ich mich geirrt habe? So ſprich doch, aus Varmherzigkeit: ſprich!“ Er ſank neben ſie hin, preßte ihre Hände in die puldigen 304 ſeinigen, und bettektet in unzuſammenhängenden Worten um ein Wort, ein einziges troſtreiches Wort. Aber Julia fuhr ſort zu ſchweigen und ihr Geſicht zu verbergen; gleichwohl ſah ſie durch die Finger Ru⸗ dolſ's gränzenloſe Qual und... lächelte darüber. Und doch liebte dieſes Weib ſo hoch, wie ſie lieben konnte. „Wohlan denn!“ fuhr er fort,„es iſt eine Kinderei, ein Traum, eine Phantaſie— o ja, eine Phantaſie, die ſehr bald verſchwinden wird. Ich will Dich behandeln wie ein krankes, verirrtes, aber doch immer unausſprechlich geliebtes Kind, deſſen Geneſung keinem Zweifſel unter⸗ worfen ſein kann. Meine Julia! verſprich mir, daß Du mit Vertrauen in meine Arme fliehen willſt, und die Ver⸗ ſuchung wird Dir nicht nahen. Gieb mir dieſe Hoffnung, und noch, noch kann alles gut werden!“ „Ach, was vermag ich 2“ ſtotterte Julia. „Viel, viel! Noch kann die Liebe zu Deinem Gatten nicht gänzlich erloſchen ſein, noch ſind einige Funken übrig... nicht wahr? Es muß wahr ſein! O, Julia, Julia! hörſt Du?— Es muß wahr ſein!“ „Nichts iſt wahr, außer daß ich gränzenlos unglück⸗ lich bin.“. „Rudolf's Antlitz zeigte bei dieſen Worten, daß ſein Lelden eine unerhörte Höhe erreicht hatte. n Julia regte ſich ein Gefühl, nicht der Unent⸗ ſchloſſenheit, ſondern des Mitleides, und ſie nahm ſich vor, ihn nur dieſen einen Tag der Tortur zu unter⸗ werfen. Doch mußte dieſe vollſtändiger werden, ehe ſie ihn wieder auf die Spitze des Himmels erhob. In Rudolſ's verſtörter Seele war nun⸗ ein einziger klarer Gedanke: Julia ſo bald wie möglich aus der ge⸗ fährlichen Nähe des Grafen Adrian zu führen.. Er wollte, er konnte ſein Ungluck nicht als unheil⸗ bar⸗denken; denn er war uberzeugt, wenn Julia nicht mehr täglich neue Nahrung ihres fluchtigen Gefühls fände ſo würde dieſes von ſelbſt verſchwinden und ihr He Vorten Geſicht er Ru⸗ lieben inderei, 1 ſie, die handeln pvrechlich unter⸗ daß Du die Ver⸗ offnung, Gatten Funken .. D) 1“. unglück⸗ daß ſein er Unent⸗ nahm ſich zu unter⸗ c, ehe ſie 8 „ 0 77 Lu G. gen. 2 „2 „2 auf dem ſten Luf Er aber for / fahrten habe ich E ſchuldigte 1 ſoll von „W „Ab ein? und denk im 1„De ſh, daß ſondern 4 4 1 309 „Im nächſten Monate ſagſt Du? „In der nächſten Woche meine ich.“ 3 Ludwig zog ſeine Uhr und beſah ſie. 1 Ganz ungekünſtelt that Lavinia daſſelbe mit der ihri⸗ gen. Die Uhr war zehn Minuten auf ſechs. „Welch ein herrlicher Nachmittag.“ „Ach ja, unendlich herrlich! Wir wollen ihn draußen auf dem Waſſer genießen, und wenn Du nur im gering⸗ ſten Luſt dazu haſt, ſo rudere ich Dich ein wenig!“ Er warf ſeiner Frau von der Seite einen verſtohlenen aber forſchenden Blick zu. 3 „Du weißt ſelbſt, beſter Ludwig, daß unſere Aus⸗ fahrten mir viel Vergnügen machen; doch heute Abend habe ich keine Zeit lange draußen zu ſein.“ „Weßhalb denn nicht?“ „Einige kleine Geſchäfte in der Wirthſchaft!“ ent⸗ ſchuldigte ſie. „Und Frau Brunsberg— 2“ „Ja, ſie iſt gewiß in jeder Hinſicht vortrefflich; doch ich mache einen Theil der feineren Beeren ſelbſt ein.“ „Wozu ſoll das dienen?“ fiel er ſpitzig ein.„Wer ſoll von den Beeren eſſen?“ „Wir wollen alle miteinander davon eſſen, hoffe ich.“ „Aber legt man denn nicht eigentlich für den Winter ein? und wenn dieſer kommt, ſo ſteht Roſenborg öde. Ich denk im Herbſt nach Stockholm zu ziehen.“ „Denkſt Du das?“ ſagte Lavinia, die nun leicht ein⸗ ſch, daß Ludwig an keinem körperlichen Uebelbefinden, ſondern an etwas ganz anderem litt. Doch war ſie zu lug, um ihre Verwunderung merken zu laſſen und zu „umn einen beißenden Zuſatz zu machen, was ſie ſelbſt thun gedächte. 8* Doch Ludwig war jetzt in einer Laune, die wo mög⸗ ihre Geduld erſchüttern kontte. „Ich glaube,“ fuhr er fort,„ich we nich bei Anordnung wohl befinden, und ich denke, ſchon an einen angenehmen Wohnort 310 „Nein, noch nicht.“ „Wirklich— das iſt allzu wenig bedachtſam. Zwei Monate fliegen ſchnell dahin und ich halte es für abge⸗ macht, daß Du Dich nicht in Rudolſ's Haus niederlaſſen willſt.“ „Nein beſtimmt nicht... doch, mein guter Ludwig, iſt dies nicht ein widerlicher Gegenſtand?“ „Nichts iſt widerlich, meine Liebe, wenn man ſich nur daran gewöhnt, und Du weißt es ſelbſt, ob mir die Zeit gefehlt hat mich an dieſen Gegenſtand zu gewöhnen!“ Lavinia konnte ſich von allen dieſen Ausdrücken, von denen ſie wußte, daß ſie nur auf Ludwig's Lippen vor⸗ handen waren, unmöglich beleidigt fühlen. Aber es pei⸗ nigte ſie, dergleichen zu hören, und darum war ſie herz⸗ lich froh, als ſie einige friſche, rothe Himbeere erblickte, die am Grabenraine ſtanden. Sie pflückte ſchnell einige ab und reichte ſie Ludwig mit den freundlichen Worten: „Darf ich Dir anbieten?“ „Ich bin ſehr dankbar; aber ich aß heute Mittag ſo viele Beeren, daß ich jetzt nicht im Stande bin, eine einzige zu eſſen.“ Dieſes beleidigte ſie. Dennoch aß ſie ihre Him⸗ beeren ohne etwas zu ſagenz und es wurde weiter kein Wort gewechſelt, bis man an den beſtimmten Ort kam, wo man mit der Heuerndte begonnen hatte und die Mäd⸗ chen roth und froh mit den Harken in der Hand ſich ver⸗ neigten. Während der Rittmeiſter und ſeine Frau hier einen Augenblick ruhen, können wir einen Blick rückwärts wer⸗ fen auf den Beſuch des Erſtgenannten in dem Zimmer des Grafen Adrian. Wie Ludwig ſchon erzählt hatte, war der Graf nicht da; Ludwig aber war ſo bekannt mit dem Lokale, daß er ſich ohne Hülfe des Wirthes⸗ zurecht finden konnte Er trat daher an den Tiſch um nachzuſehen, ob nicht in dem Futterale Cigarren vorhanden wären. Dieſes Fui⸗ teral war auf die Brieftaſche des Grafen geworfen, un häusll haͤtte: Verdie 8„ 4 nichts als Lu zuſamr tiſcher ohne erſten 8 ſich he in eine drohte. .„ wig ve werde Bis da der Ru E. lange, daß er Wahnſ in ſein Aber i ſtrengu Krafte. es auch zu hoh Angeſi 9 lichkeit einſchle haben, moͤchte udwig, nan ſich mir die öhnen!“ es pei⸗ ſie herz⸗ erblickte, ll einige Worten: Nittag ſo in, eine hre Him⸗ eiter kein Ort kam, die Mäd⸗ ſich ver⸗ hier eine därts wet⸗ n Zimmer Graf nicht kale, daß en konnie b nicht in dieſes Fu⸗ rfen, und aichts abhalten! Guter Ludwig, bleibe hier eine halb 311 als Ludwig es aufhob, ſo fand er darunter ein kleines zuſammengefaltetes Papier liegen.„Vermuthlich ein poe⸗ tiſcher Erguß!“ dachte Ludwig und entfaltete das Papier ohne andere Abſicht als einen flüchtigen Blick auf den erſten Satz zu werfen. Doch kaum erblickte er die Handſchrift, ſo ſchlug er ſich heftig vor die Stirn und las die unzweideutigen Sätze in einer Spannung, die ihm den Verſtand zu rauben drohte. Sie lauteten folgender Maßen: „Um ſechs Uhr bin ich im Pavillon. Ich habe Lud⸗ wig verſprochen, mit ihm auf's Feld zu gehen; doch werde ich Gelegenheit finden, die Zeit nicht zu verſäumen. Bis dahin um des Himmels willen keine Unvorſichtigkeit: der Ruf eines Weibes iſt ihr Alles! Lavinia.“ Es dauerte, wie man ſich entſinnen wird, ziemlich lange, ehe Ludwig ſich wieder ſo weit beherrſchen konnte, daß er im Stande war, hinunter zu gehen. Er glaubte jetzt Herr geworden zu ſein über den Wahnſinn, über die Wuth; er glaubte in ſein Geſicht, in ſeine Stimme Ruhe und Seelenfrieden gelegt zu haben. Aber in ſeinem Innern kochte das Blut, und ſeine An⸗ ſtrengung, Lavinia zu täuſchen, überſtieg beinahe ſeine Krafte. Dennoch mußte er ſich bezwingen, und wenn es auch ſein Leben koſten ſollte; denn der Tod war kein zu hoher Preis für die Gewißheit, ſein Schickſal von Angeſicht zu Angeſicht, Auge gegen Auge zu ſchauen „Ach, meine Liebe!“ ſagte er mit verſtellter Freund⸗ lichkeit— eine Freundlichkeit, die allen ihren Verdacht einſchläfern ſollte, wenn er ja ſchon etwas ſollte geäußert haben, was in ihr die Furcht reger gemacht hätte, ſie mochte entdeckt werden,„wie fatal iſt es doch, daß Deine häuslichen Geſchäfte Dich hindern ſollen auszufahren: ich unſerer Ellida heute Abend ſo gerne einen kleinen Derdienſt gegönnt.“ „Wenn Du es ſo aufrichtig willſt, ſo ſoll mich auch 312 oder dreiviertel Stunden, ſo gehe ich voraus und mache mich bereit bis Du kommſt!“ „O das wäre ſchön; doch könnte es wohl ſein, daß ich mich hier ein wenig länger aufhielte. Das bedeutet ja nichts: gerade ſpäter am Abend iſt es auf dem Waſſer am allerſchönſten.“. „Das iſt wahr!— So lebe denn wohl auf eine kurze Zeit!“ Sie winkte ihrem Manne freundlich zu und ging. So lange ſie noch zu ſehen war, blieb Ludwig un⸗ beweglich ſitzen; doch als ſie verſchwunden war, ſüürzte er ſich in das Gebüſch und warf ſich mit dem Geſichte auf die Erde. Die Qualen, welche er litt, als er dieſes Weib zu verlieren fürchtete, welches er nicht nur bis zum Wahn⸗ ſinn liebte, ſondern auch als einen Engel von Reinheit anbetete, waren ſo über alle Beſchreibung, daß er, um ſich von ihnen zu befreien, ſich ſogleich vor den Kopf geſchoſſen haben würde, wenn er ſich nicht zuvor in Rache und Blut hätte kühlen wollen. „Ach, Du Verräther, Du hinterliſtiger Verräther! hätteſt Du mir das Herz aus der Bruſt geriſſen, ſo hätte es weniger geſchmerzt, als daß Du mir dieſes Weib ent⸗ riſſeſt!... Und ſie— ſie— die edle, die ſtolze Lavinia — ſie iſt ſo tief geſunken, daß ſie von ihm Schonung ihres Rufes erbetteln muß... Und mich— haben ſie beide betrogen, verſpottet, verlacht! Der elende, leicht⸗ gläubige Narr, der von einem ganzen Leben voller Se⸗ ligkeit träumte— warum ſollte er nicht träumen dürfen? In einem ſolchen Zuſtande war er ja ſo friedlich, daß man in Ruhe die Pläne entwerfen konnte, die man um zwei Monate ausführen wollte... Doch wartet, war⸗ tet!... Bei meiner Seelen ewiger Seligkeit! aus die⸗ ſen Plänen wird nichts— nein, aus ihnen wird nichtsla Er zog die Uhr...„Wie auch die Seeunden ſchlei⸗ chen!— ich mußg ihnen Zeit gönnen; ich bin gezwungen zu warten.“ J Gehör Da he ſichtig, G dinen ging n nachzu doch d der Tl C ſchen, bewegꝛ einzigen nen ar komme hallte. „ 1 „ 4 nun Dich Augen ein n ſchlag Zeuge 313 mache Mit der größten Mühe konnte er ſeiner Vernunſt Gehör ſchaffen bis die Uhr ein Viertel auf Sieben war. Da half es nicht länger: er mußte nach Hauſe; doch vor⸗ n, daß 8 ſichtig, auf Umwegen. edeutet Waſſer if eine ich zu Endlich ſtand der Pavillon vor ihm. ig un⸗ Bei dem erſten Blicke auf die herabgelaſſenen Gar⸗ ſtürzte dinen hätte er vor Wuth beinahe laut aufgeſchrieen. Er eſichte ging nicht mehr, er flog; doch ſtand er bisweilen ſtill, um nachzuforſchen, ob man ihn auch ſähe und belauſchte; eib zu doch alles ſchien ſtill zu ſein— und jetzt ſtand er vor Wahn⸗ der Thür. Reinheit Er wollte das Ohr an dieſelbe legen, er wollte lau⸗ r, um ſchen,... doch das diente zu nichts, denn ſeine Gemüths⸗ n Kopf bewegung war ſo außerordentlich, daß er ſelbſt dann kein n Rache einziges Wort verſtanden haben würde, wenn man drin⸗ nen auch noch ſo laut geredet hätte. rräther! Er drehte den Schluſſel um. ſo hätte Die Thür war von Innen verriegelt. eib ent⸗„Ach ſo!“ murmelte er.„Doch ſo ungelegen ich auch Lavinia kommen mag, hinein muß ich!“ chonung„Er ſchlug einen Schlag an die Thür, daß es wider⸗ aben ſie hallte.. leicht:„Wer iſt da?“ fragte Lavinia's Stimme von Innen. ler Se⸗„ Nur ich bin's, meine Theure! Ich glaubte, es wäre dürfen? nun Zeit zu fahren. Habe die Güte zu öffnen, falls es h, daß Dich nicht genirt!“ „SIch komme ſogleich, guter Ludwig: warte nur einige Augenblicke!“— 1 3 „Oeffne!“ rief er mit einer Stimme, in welcher kaum ein menſchlicher Laut mehr übrig war,„öffue, oder ich ſchlage die Thüre ein, und das ganze Haus wi i Zeuge Deines Skandals!“ 4 t, war⸗ 314 „Biſt Du von Deinen Sinnen?“ fragte Lavinia, indem ſie den Riegel zurückſchob. Ludwig ſtürzte mit einem Ungeſtüm hinein, daß er beinahe ſeine Frau umgelaufen hätte. Doch nie ſah man einen Menſchen mehr von Schrecken geſchlagen, als Ludwig, da er ſtatt des Grafen Adrian vor ſich das Bild einer Perſon erblickte, die noch geſtern Rudolf war, jetzt aber, ſo wie er umher ging und in Thränen und Schluchzen aufgelöst die Hände rang, den vollkommenſten Typus von erbaͤrmlicher Schwäche, Elendig⸗ keit, Kraftloſigkeit und Vernichtung darſtellte. „Was geht hier vor?“ waren Ludwig's erſte Worte, als er im Stande war ſolche zu finden. „Wie Du ſiehſt, iſt hier ein Menſch zur Verzweiflung gebracht. Doch was geht vor, da Du auf dieſe Weiſe Deine Frau aufſuchſt?“ „Sage mir erſt— ich beſchwöre Dich!— wann verabredeteſt Du mit Rudolf dieſe Zuſammenkunft, und warum mußte ſie ſo geheimnißvoll ſein?“ „Vor einigen Stunden, und daß ſie ſo geheimnißvoll ſein mußte, darüber magſt Du ſelbſt urtheilen.“ „Vergieb mir, Lavinia, und beantworte mir noch eine Frage!— glaube mir, es iſt von der äußerſten Wichtig⸗ keit, daß Du ſie beantworteſt: auf welche Weiſe geſchah Eure Verabredung?“— „Schriftlich, weil Rudolf ſein Zimmer nicht verlaſſen wollte und noch weniger mich dort in Julia's Beiſein entgegen nehmen konnte.“ „Und war ich unwürdig, Dein Vertrauen zu theilen?“ „Das Vertrauen gehörte Rudolf, nicht mir. Er bat mich zu ſchweigen, wie Dn hier ſiehſt.“ Lavinia zog ein kleines Billet hervor und reichte es Ludwig mit einem fragenden Blick auf Rudolf, der einen ſtummen Beifall nickte.. 1 Mit Begierde durchflog Ludwig folgende Zeilen: „Lavinia, meine geliebte Schweſter! Komm um ſechs wiſſen? Uhr in ein Un Julia giebt i Du fir als Di ſelbſt d eine R S erſt üb frechen. U. nicht zu Julia, Ludwig mit eir Wahrh Rudolf Adrian nicht im werben dung v Pfande 1 77 nicht li „ ganze „Nie, es wien Unglü ſeht g etwas der Za winia, daß er Frecken ldrian geſtern ind in , den endig⸗ Worte, eiflung Weiſe einem eifall er Zahl derieniaen Frauen, welche die Liebe ihres Gatten 315 uUhr in den Pavillon. Ich habe in dieſem Augenblick ein Unglück entdeckt, härter als ich zu ertragen vermag. Julia betrügt mich, Julia liebt den Grafen Adrian, Julia giebt ihm um ſieben Uhr ein téte- à-téte im Pavillon Du findeſt dieſes Billet mit größerer Ruhe geſchrieben, als Du vielleicht erwartet hätteſt, und ich würde mich ſelbſt darüber wundern, wenn ich nicht fühlte, daß in mir eine Revolution auszubrechen im Begriff iſt. Sage Ludwig nichts: er iſt ſo heftig; wir müſſen erſt überlegen. Doch mit dem Grafen will ich ſelbſt ſrechen. Rudolf.“ Ueberwältigt von Scham, von einer Freude, die er nicht zu verrathen wagte, und von einer Bitterkeit gegen Julia, dieſen Schmetterling unter den Weibern, ſtand Ludwig einige Secunden unbeweglich; dann aber rief er mit einer Stimme, deren Ausdruck die ganze Kraft der Wahrheit und der Ueberzeugung hatte:„Sei ein Mann, Rudolf! waſſne Dich gegen Dich ſelbſt und nicht gegen Adrianz denn ich ſchwöre es bei meiner Ehre, daß er nicht mehr daran denkt, die Gunſt Deiner Frau zu er⸗ werben, als ich. Und wenn er auch eine ſolche Einla⸗ dung von ihr erhalten hat, ſo ſetze ich mein Wort zum Pfande, daß er nicht kommt!“ „Wie kannſt Du denn das mit ſolcher Zuverſicht wiſſen?“ fragte Lavinia. S „Ich weiß es. Für das Weib, welches der Mann nicht liebt, redet die Vernunft— er kommt nicht!“ „Aber ich habe ſie dennoch verloren, auf ewig das ganze Glück meines Lebens verloren!“ klagte Rudolf. „Nie, nie— ſelbſt wenn ſie ihn vergeſſen könnte— kann es wieder werden, wie es war! O, welches fürchterliche unglück— nie wieder werden wie es war!“ „Und ich, mein Herzeusbruder! ich glaube, das iſt ſehr gut; denn bei meiner Ehre! Deine Schwäche iſt etwas zu weit gegangen. Julia gehört leider nicht zu 316 und ihre eigenen Pflichten zu ſchätzen verſtehen: ſie eignet ſich nicht einmal den Schein der Pflichten an.“ „Ach, ſie war ein Engel!“ „O, ſo ſprich doch nicht eine ſolche Thorheit in dem⸗ ſelben Augenblicke aus, da ſie Dir zeigt, daß ſie alles iſt, nur kein Engel! Sie verdient es nicht, daß Du einen Seufzer, eine Thräne an ſie verſchwendeſt. Halte Du ſie künftig kurz und ſtreng, und vielleicht, wenn dieſe Kinder⸗ phantaſie(denn bei ihr iſt es weiter nichts) verdräͤngt iſt, wird ſie ſich ändern, und durch ein verbeſſertes Betragen und eine vernünſtigere Liebe die Mühe vergelten, welche Du an ihre Verbeſſerung verwendet haſt.“ Während Ludwig vor Rudolf Reden hielt, auf welche dieſer nicht ſonderlich zu hören ſchien, und Lavinia ſtumm in dem Divan ſaß und über das Betragen ihres Mannes nachdachte, glitt der Stundenzeiger der Zahl Sieben immer näher, und endlich ſo weit darüber hinweg, daß es als wahrſcheinlich erſchien, der Graf würde nicht zu dem Stelldichein kommen. „Sieh da!“ rief Ludwig aus, indem er zwiſchen den Gardinen hindurchblickte;„ſieh da kommt er; doch er kommt nicht hieher! Er geht nach Hauſe, und zwar ſo ruhig, daß er gewiß an keine Liebes⸗Bewegung denkt. Ich gehe hinaus. Wir müſſen dies alles naͤher kennen lernen— und, Rudolf, fürchte Du gar nichts: es giebt keinen Menſchen mit ſtrengerem Ehrgefühl als Adrian.“ Ohne auf die halben Einwendungen zu achten, welche Lavinia und Rudolf hinwarfen, eilte Ludwig hinweg⸗ um auf einem Umwege dem Grafen zu begegnen. „Lieber Bruder! ich glaubte ſchon, Du wärſt uns davon gelaufen!“ „Noch nicht,“ ſagte Adrian mit einem halben Läͤ⸗ cheln;„doch kann man wirklich ſagen, daß Du prophetiſch vedeſt.,“ geſchaffe immer man ve ſtehe, „6 trifft,“ fach, Ich ha ſeiner Räfſtal theuerſ eine M gen zu haſt, zufällie Fehlgr in den wirklie aber ſchließ haſt d * einige Fenſte Billet ſchon wie ie kein⸗ 31¹7 eignet„Prophetiſch?— „Ja; denn ſchon morgen denke ich aus Deinem El dorado zu deſertiren.“ n dem⸗„Ein ſchönes Eldorado, meiner Treu!— ich glaube, les iſt, ein böſer Geiſt hat Roſenborg in ein neues Babylon um⸗ einen geſchaffen! Unzählige Irrungen kommen hier vor, die eine Du ſie immer noch ungereimter und toller als die andere, und Kinder⸗ man verſteht ſich gegenſeitig ſo wenig, daß ich ſogar an⸗ ngt iſt, ſtehe, Dir die einfachſte Frage vorzulegen.“ etragen„Sofern dieſe Frage die Urſache meiner Reiſe be⸗ welche trifft,“ entgegnete der Graf nachläſſig,„ſo iſt ſie ſo ein⸗ fach, daß ich ſie gewiß nicht unbeantwortet laſſen will. 8 welche Ich habe von C—hjelm ein Anerbieten erhalten, während ſtumm ſeiner ausländiſchen Reiſe eine Art von Oberaufſicht über Nannes Räfſtaholm zu übernehmen.“ immer„So ſehr ich Dich auch vermiſſen werde, mein es als theuerſter Bruder”“— der Rittmeiſter dachte natürlich an zu dem eine Menge andrer Dinge—„ſo bin ich dennoch gezwun⸗ gen zu bekennen, daß Du nicht die Frage beantwortet zen den haſt, die ich Dir vorzulegen dachte. Du biſt wohl nicht doch er zufällig— um zur Sache zu kommen— durch einen war ſo Fehlgriff oder einen andern Zufall mit einer Einladung dentt. in den Pavillon auf heute Abend beglückt worden?“ kennen„Gewiß habe ich ein Billet in Verwahrung, das es giebt wirklich eine Einladung in den Pavillon enthält; daß ich rian.“ aber dieſelbe nicht auf mich bezog, kannſt Du daraus welche ſchließen, daß ich die Stunde verſäumt habe.“ hinweg,„SOder die Stunde?“ fiel Ludwig ein—„denn Du haſt doch wohl zwei Billete erhalten?“ 5 „Ich habe gar keines bekommen; als ich aber vor einigen Stunden in der einen Gartenallee unter dem Fenſter im Frontiſpiee ſpaziren ging, ſo kam ein kleines Billet vor meine Füße geflogen. Es war, wie Du wohl ſchon wiſſen wirſt, von Deiner Frau unterzeichnet, und, wie ich vermuthe, für Deinen Schwager beſtimmt, obgleich kein Name darauf ſtand.“.“ 318 „Und ein anderes Schreiben haſt Du bei Deiner Billet Ehre nicht erhalten?“ war, w „Was hat das zu bedeuten?“ fragte der Graf und erwähn richtete ſeine geiſtreichen Augen auf den Rittmeiſter. ladungs „Wenn Du auch im Stande ſein ſollteſt, gegen Deinen W beſten Freund Argwohn zu hegen, ſo wirſt Du doch wohl woher nicht wahnſinnig genug ſein, Dir vorzuſtellen, daß Deine im Fen Frau mich zu geheimen Zuſammenkünften einladet?“„8 „Nein, nein, mein beſter Adrian! hier iſt jetzt nicht„ die Rede von meiner Frau, ſondern von einem gewiſſen ſchriftlie unverſtändigen Dämchen, deren Gunſt auf Dich gefallen„2 iſt, vermuthlich ohne Dein Wollen, aber vielleicht nicht.„ ganz ohne Deine Schuld.“ hängt! „Ach ſo!“ ſagte der Graf kalt, indem er eine Miene ſchichte voll mitleidiger Verwunderung annahm,„bin ich ſo glück⸗ immer lich geweſen— ich, der ich mich in meinem ganzen Leben Billet nicht habe rühmen können, die Eiferſucht eines einzign Ne Mannes erregt zu haben— daß ich jetzt zwei eiferſüchtig villon. gemacht habe? Ihr erzeigt mir allzu viel Ehre!“ „Zwei?“ fragte der Rittmeiſter ſtolz. Ich hoffe, täuſcht Du wirſt nicht glauben, daß ich eiferſüchtig bin 2 in Ang „Ja, um aufrichtig zu reden, ſo habe ich wirklich ſeiner C etwas dergleichen geglaubt und aus Aerger darüber mehr⸗ lich ein, mals exrothet wie ein Schulknabe. Da wir uns indeſſen„C beide geirrt haben, ſo iſt es um ſo beſſer. Was war kann ſi aber das andere, wovon Du ſagen wollteſt?“ ſo weni „Das Rendezvous mit Julia.“. 1 ligen G „Davon weiß ich, bei Gott! nichts. Sollte mir ein— hit ſie ſolches augetragen worden ſein?“ 4 ſder letz „Im Scherz natürlich“— antwortete der Rittmeiſter, fluſterte nug, g. läugnet Segenſt ih woh uffng auf fün nicht ahnend, wie nahe er der Wahrheit kam—„aber ich vermuthe faſt, daß ſie die Billete verwechſelt und an⸗ ſtatt desjenigen, welches ſie für Dich in Bereitſchaft hielt, Dir das hinabgeworfen hat, welches Rudolf von meiner Frau erhalten hatt⸗. Doch... ſo kann es auch wieder nicht ſein.“ Der Nitimziſter erinnerte ſich nun, daß Laviuias Deiner raf und tmeiſter. t nicht gewiſſen gefallen ht nicht Miene Leben leinzigen rſuchtig hoffe, 2 wirklich mehr⸗ 1 indeſſe as war 319 war, welches Rudolf in dem ſeinigen ſchon als abgemacht erwähnt hatte. Folglich war keine Verwechslung der Ein⸗ ladungsbriefe möglich. 1 Wo war denn aber Julia's Billet geblieben, im Fenſter gelegen haben und zufäͤllig herabgefallen ſein. „Ich verſtehe das alles nicht!“ „Ich auch nicht. Und Du haſt weder mündlich noch ſchriftlich eine Einladung erhalten?“ „Bei meiner Ehre weder mündlich noch ſchriftlich.“ „Da mag auch der T— l wiſſen, wie es zuſammen⸗ hängt! Verſprich mir aber, nichts von der ganzen Ge⸗ ſchichte zu ſagen— es iſt ein Spektakel von Julia, die immer ſolche Einfälle im Kopfe hat— und gieb das Billet an Rudolf, dem rechtmäßigen Beſitzer deſſelben.“ Nach dieſen Worten eilte Ludwig zuruck in den Pa⸗ villon.. „Alles iſt ein Scherz, mein Bruder! Du biſt ge⸗ täuſcht oder haſt Dich auch ſelbſt getäuſcht!“ rief er dem in Angſt wartenden Rudolf zu.„Der Graf hat bei ſeiner Ehre betheuert, daß er weder mündlich noch ſchrift⸗ lich eine Einladung erhalten hat., „Ein Scherz?— nein; einen ſo teufliſchen Scherz kann ſie nimmermehr erdacht haben; ja ein Scherz iſt um ſo weniger möglich, als ich ohne ihr Wiſſen dieſen unſe⸗ ligen Gefühlen auf die Spur gekommen bin. Sehr oft hat ſie im Traume ſeinen Namen ausgeſprochen, und in der letzten Nacht, da ſie glaubte, ich ſchliefe, lag ſie und 8 fluſterte Worte, die ich nicht zu wiederholen vermag. Ge⸗ ung, genng: es iſt kein Scherz: weder widerſprach noth läugnete ſie heute Morgen, als ich m hr ub 8 Scgenſtand redete. Und welche Bekräftigung g wohl noch, da ich in dem uſſingg, in welchem ſie das Zu ſfunf Uhr verändette?“. ſammentreffen on ſieben Billet eben auf Veranlaſſung des Rendezvous geſchrieben woher war Lavinia's Billet gekommen? Letzteres mußte Blumenſtranße Bill 320 „Bei Gott, das wird immer verwickelter— das Furcht wird ernſthaft!“ fiel lebhaft der Rittmeiſter ein. Leichtſin „Wie erhieltſt Du den Strauß, mein armer Rudolf?⸗ ſchrecklie fragte Lavinia ſchnell.„Davon haſt Du mir noch nichts anch ich geſagt!“ geſſen n „Sie hatte ihn in der Hand, als ſie aus dem Ka⸗(Kudwig binette kam; dabei ſchien ſie ſo zweifelmuthig zu ſein, ob auf ſei ſie gehen ſollte oder nicht, daß ich zuletzt Verdacht ſchöpfte Strafe und ſie bat, mir die Blumen zu geben. Ihr Widerſtand welchen und ihre ſichtbare Angſt ſteigerten natürlich meinen Ver⸗ und Rei dacht bis zur Gewißheit. Nach mehreren Vorwänden wenn ſis war ſie endlich doch genöthigt, mir den Strauß hinzu⸗ hörte G halten, und da entdeckte ich ein Papier, das darin ver⸗ S borgen war.“ feſten S „Ich habe einen Verdacht, vor welchem ich mich nur von aber ſelbſt ſchäme,“ ſagte Lavinia mit unſicherer Stimme; von mel „und dennoch fürchte ich, daß ich mich nicht irre!“ Er „Welchen?“ riefen beide Männer zugleich aus. Lur „Ich glaube nicht, daß ſie für den Grafen das faſſen. Mindeſte fühlt, ſondern daß alles ein überlegter Plan hier wie ihrer allzu unruhigeg Erfindungskraft iſt. Sie hat un⸗ können!⸗ glücklicher Weiſe an der Idee Gefallen gefunden, Dich„3 vor Eiferſucht gedemüthigt und zermalmt zu ſehen, und wann 8 ſie hat kein Mittel geſcheut, Dich auf den Punkt zu brin⸗ glaube i gen, wo Du jetzt ſtehſt.“ 3 ich glau Rudolf wurde ganz blauweiß. ſache fü „Wenn das wäre,“ ſagte er langſam,„ſo waͤre es geben.“ ärger, als alles andere! Ich wäre nicht im Stande, ein Lar Weib mit ſo teufliſchem Leichtſinn zu lieben. Die Bitten, lichen un welche ich an ſie verſchwendet, die Angſt, welche ſie in Vetrübn meinem Herzen geleſen hat, deſſen Marter ich ihr entbloͤßt hatte no habe, würden eine Tigrin rühren.... Nein, waͤre das Wa Billet geſtern geſchrieben, ſo hätte ich es glauben können, bald gen doch heute... nach demjenigen, was heute Morgen vor⸗ beleidigt, gefallen war— nein, es iſt ganz unmöglich!“ ühr Man Auch ich hoffe zur Ehre des Weides, daß Lavinig O. ſich geirrt hat; doch, beim allmächtigen Gott! wenn dieſe Carle — das udolf?" nichts bem Ka⸗ ſein, ob ſchöpfte derſtand en Ver⸗ rwänden ß hinzu⸗ rin ver⸗ ich mich timme; 2 18. fen das er Plan hat un⸗ n, Dich en, und zu brin⸗ wäre es inde, ein 321 Furcht gegründet iſt, wenn Julia aus rein fündhaftem eichtſinn Dir alle dieſe Torturen bereitet und dieſes ſchreckliche Spektakel angerichtet hat, von deſſen Folgen anch ich einen Theil abbekommen habe, den ich nie ver⸗ geſſen werde, und deſſen letztes Ende noch ungewiß iſt“ (Ludwig ſah, welchen Eindruck ſein wahnſinniges Betragen auf ſeine Frau gemacht hatte),„da muß ſie auch eine Straſe erhalten, die dem grauſamen Hohne entſpricht, welchen ſie mit Gefühlen getrieben hat, deren Heiligkeit und Reinheit ihnen ein Schutz hätten ſein ſollen, ſelbſt wenn ſie es für erlaubt hielt, ihrem Gatten eine ſo uner⸗ hörte Geringſchätzung zu zeigen.“ „Sei ruhig!“ antwortete Rudolf, und ging mit feſten Schritten an die Thür.„Iſt ſie ſchuldig, ſo kann nur von einer einzigen Strafe die Rede ſein— nein, nie von mehr als einer Strafe!“ Er entfernte ſich. 3 Ludwig ſuchte in der Thür die Hand ſeiner Frau zu ſaſen...„Einen einzigen gütigen Blick! Sobald es hier wieder ruhig iſt, hoffe ich Dir alles erklären zu können!“ 4 „Ich werde Deine Erklärung annehmen, Ludwig, wann Du es für gut finden wirſt ſie zu geben; doch glanbe ich Dir von vorne herein ſagen zu können, daß ich glaube, es wird Dir ſchwer werden, eine guͤltige Ur⸗ ſache für den Angriff auf die Ehre Deiner Frau anzu⸗ geben.“ Lavinia äußerte dieſe Worte nicht in einem verdrieß⸗ lichen und beleidigten Tone, ſondern in einem Tone voller Betrübniß und Ernſt, ſo daß Ludwig nicht den Muth hatte noch mehr zu ſagen. Ware ſie boſe geweſen, ſo würde ſie ſich vielleicht bald genug hahen verſoͤhnen laſſen. Leider war ſie aber daß eleidigt, betrubt, und in ſolchem Grade verſtimmt ar Mann verzweifelt war. 3 9e wie verdammte er in ſeinem Herzen die unbedacht⸗ Ein Jahr.. 21 . 322 ſame Julia, die Urſache dieſer ganzen unermeßlichen Re⸗ volution! „Folge Rudolf!“ flüſterte Lavinia:„er i*ſt außer ſich; man darf ihn nicht aus den Augen laſſen.“ Der Rittmeiſter gab ein ſtummes Zeichen des Beifalls. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Rudolf hatte einige Secnnden vor der Thuͤr geſtan⸗ den, die in Julia's Zimmer führte. Er lehnte ſich an den Thürpfoſten und ſchien ſich zu bemühen, allen ſeinen Muth, ſeine ganze Kraft zu ſam⸗ nneln, um öffnen und ſeinem Schickſal entgegen gehen zu onnen. Endlich kam der Schlüſſel in das Schloß— ein leiſes Umdrehen, und die Thür ging auf. Er trat ein. Julia ſaß in dem liebenswürdigſten und ungenirteſten Muthwillen auf dem Sofa und blätterte in dem„Maga⸗ zin für Kunſt, Neuigkeit und Moden.“ Sie war während der langen Zwiſchenzeit vor Neu⸗ gierde beinahe vergangen, ehe ſie erfuhr, wie ihre kleine Commödie endigen würde; als ſie aber endlich Rudolfs Schritte vernahm, ſo eilte ſie, eine Stellung einzunehmen, welche ihr am beſten zu paſſen ſchien fuͤr eine Perſon, die noch nicht weiß, welche Rolle ſie zu ſpielen hat: alles kam darauf an, ob die Geſchichte ſchon entdeckt war. ſchwach noch rauh, weder kalt noch lau war, in wel aber doch etwas lag, welches Julia nicht zu begreif fähig war, obgleich ſie doch den geheimen und ſia Einfluß davon eben ſo vollſtändig fuüͤhlte—„was ſ Du zu ſagen?4 „Julia!“ ſagte Rudolf mit einer Stimme, die weder 7 zeugt Tage gewich ſichtigt / Augen nun kl dennock Zeit u kleinen Du im geword ich ein u. war jo kleine „5 ſo feien den M hier ha mer R für ein heute g erwache Un 323 hen Re⸗„Was ſollte ich zu ſagen haben?“ „Ich erſuche Dich mich anzuſehen— vielleicht über⸗ ger ſich; zeugt Dich mein Geſicht beſſer als meine Worte, daß die . Tage des Scherzes und der Kinderei auf ewig von uns 1 Beifalls. gewichen ſind! Was haſt Du gemeint, was haſt Du beab⸗. ſichtigt?“ „Gemeint— beabſichtigt?“ „Keine Ausflüchte!— Graf Adrian lacht in dieſem Augenblicke über uns: er hat kein Billet erhalten!“ „Hat er nicht?“ ſagte Julia, und begann ſo laut, herzlich und ungezwungen zu lachen, daß Rudolf ſie mit 2 Schrecken und Verwirrung betrachtete.„Alſo iſt es Dir r geſtan⸗ nun klar geworden, Du närriſcher, eiferſüchtiger, aber — dennoch ſtets geliebter Rudolf! daß Du die ganze lange bf Zeit und beſonders heute als ein guter Narr vor den kleinen feinen Künſten Deines Weibchens gelaufen biſt? Da gehen zu Du im Stande warſt zu glauben, daß ich Dir untreu 1 3 geworden wäre, ſo konnteſt Du auch wohl verſtehen, daß 1 3— ei ich einen ſolchen Schimpf rächen würde!“ Und Julia begann immer ärger zu lachen— es 5 4 war ja das allerläͤcherlichſte, unſchuldigſte und netteſte henirteſten ileine Poſſenſpiel, von dem man jemals gehört hatte. „Maga⸗„Aber, Nudolf, ſo lache doch mit, und ſteh nicht vor Neu⸗ ſo feierlich da, als ob Du nie in Deinem Leben mehr den Mund verziehen wollteſt! Gieb mir Deine Hand: hre kleine hier haſt Du mich ganz wieder! Ach, mein armer ar⸗ Rudolfs mer Rudolf! was machſt Du als eiferſüchtiger Mann für eine tragikomiſche Figur! Ich glaube, Du kemmſt heute gar nicht wieder zu Dir ſelbſt! So erwache doch, erwache!— Menſch, Du biſt ja wieder mitten im Himmel!“ unehmen, e Perſon, hat: Alles war Und ſie fuhr fort, ganze Ströme von Worten zu die weder dem ganz vernichteten Rudolf zu reden. Plötzlich mit in welchet len Zeichen des tiefſten Abſcheues ſtieß er ſie von ſich, ee und ſank ſelbſt faſt halb bewußtlos auf einen Stuhl. das ſaß„Steht es ſo?“ rief Julig, gereizt durch dieſen Er⸗ AWa”lg, der ſo ganz anders war als ſie harechnet hatt ceell es mit einer großen Tragödie endigen? Nimm di 324 in Acht, Rudolf! Du weißt, ich habe die Geduld eines Engels und eines Kindes, aber auch Engeln und Kindern kann ſie reißen. Stößeſt Du mich von Dir, wenn ich ſage, daß ich Dich allein mit meinem ganzen Herzen liebe, ohne daß irgend ein Andrer ſich rühmen kann, nur meine Theilnahme geweckt zu haben, da machſt Du bald das Spiel zum Ernſt; denn Du weißt ſehr wohl, ich haſſe und verabſcheue alle Tyrannei. Die Liebe ſoll frei ſein: ſie leidet keine Feſſeln.“ „Still, Weib!“ donnerte Rudolf und ſprang auf vom Stuhle in einem ſolchen Zuſtande von Wuth, daß Julia ſich ſchnell verbarg. Er ging auf und ab, ſeine Bruſt arbeitete gewaltig, das Blut ſchien aus den Augen hervorſpritzen zu wollen, die Naſenlöcher erweiterten ſich, die Lippen zogen ſich zu⸗ ſammen.. Er war fürchterlich. „„Das geht nimmermehr gut!“ dachte Julia und fühlte zum erſten Male, wie eine zitternde Furcht durch ihre Glieder ſchlich. Da aber Rudolf nichts weiter ſagte, ſo glaubte ſie, die Gefahr ſei vorüber, und wollte ſich ihm naͤhern n ihn durch Liebkoſungen zu beruhigen; doch mit einer il⸗ den Geberde fuhr er zurück, und deutete ihr mit der Hand an, ſie ſollte ihn in Ruhe laſſen. Julia verſtand jedoch nicht die Gefahr des Punktes zu beurtheilen, um welchen die Ereigniſſe ſich drehten. „Ach, Nudolf, Rudolf!“ ſagte ſie, wie kannſt Du gegen Deine arme Julia ſo hart ſein? Du weißt za, daß ich ſo kindiſch, ſo unverſtändig bin, daß ich Dich aber über Alles liebe. Es geſchah ja nur, um mich von Dei⸗ ner Liebe zu überzeugen, daß.. ℳ „Daß Du mich in die, Hölle ſchickteſt?“ Ach, mein Freund, das geſchah ja nur des Contra⸗ ſtes wegen und um Dich dann in den Himmel zuruck zu führen.“ 4 3 3 4 „Geh— es iſt zu ſpät... zu ſpät... hörſt Da: — ☚ es iſt Dich nen eine . ſie in alles — t Figur würde Rudo einem lich, bewier Muhe möcht nen k reden die TW chen geben Toile Auflo Ludw Wort in de Tage traute 325 es iſt zu ſpät! Geh— ich werde wahnſinnig, wer dind Dich länger ſehe! Verbrecherin, ſtrafwürdiger dur indern nen elenden, Deinen unerhörten Leichtſinn, als durch 1 1 ic eine wirkliche Untreue!“ mebr,„Nun glaube ich wahrhaftig,“ rief Julia aus, indem hld das ſie in ihrem aufflammenden Aerger alle Vernunnft und d eines ſe un alles Nachdenken vergaß,„nun glaube ich wahrhaſtig“ he. fß— ſie lachte bitter und höhniſch—„daß Du keine üble Figur unter der Bevölkerung eines Tollhauſes machen würdeſt!“ 3 ag ani Bei dieſen Worten fuhr ein Zucken, ein Beben durch h, daß Rudolf's ganzes Weſen— Julia hatte ſein Herz mit walti einem glühenden Eiſen berührt, der Schmerz war entſetz⸗ wollh, lich, und das wilde Gelächter, das er zuſammen preßte, ſich zu⸗ bewies, daß dieſer Schmerz ihm den letzten Reſt der mit Muͤhe zuſammen gehaltenen Denkkraft koſtete. Mit dumpfer Stimme ſagte er endlich:„Vielleicht ſa und möchte es Dir doch in der Länge der Zeit zu viele Thrä⸗ 4 durch nen koſten, wenn Du ſtets von dem armen Wahnſinnigen reden hörteſt, dem der teufliſche Leichtſinn ſeiner Frau ubte ſie die Vernunft geraubt hat! Ich will's daher kürzer ma⸗ r un ht nund Deiner kleinen hübſchen Comödie ein Ende ben! ur hl. 8 Er warf ſich über ein Raſirmeſſer, das auf dem mitae Toilettentiſche lag, und es iſt ſchwer zu wiſſen, welche en, um Auflöſung Julia's Intrigue erhalten hätte, wenn nicht Ludwig, der ſich in dem Nebenzimmer befand und jedes ſt Du Wort gehört hatte, die Thüre aufgeriſſen hätte und ihm daß in den Arm gefallen wäͤre.. dh⸗ aber. Mitt einem gellen Schrei ſtürzte Julia zu Boden. „Nun was ſagte ich, was ahnte ich 24 Tage nach dieſem Auftritte Frau Brunsberg ihren trauten.„Jetzt iſt die ganze Codille weg, der Graf 326 die Andern weg— aber ich glaube wahrhaftig, ihr Weg iſt nicht ſo roſenroth wie auf der Herreiſe— und die Herrſchaft geht hier umher wie ein Paar Geſpenſter und nicht wie lebendige Menſchen.“ „Ja, wie ein Paar Geſpenſter!“ ſeufzte der Feld⸗ webel. „Daß dieſe Windfahne Unglück mitbrächte, das ſah ich von dem erſten Tage an, da ſie hier umher zu flat⸗ tern begann; und was für ein Teufels Spektakel es dort auf dem Gaſtzimmer auch geweſen ſein mag, ſo war es kein Scherz— der Kerl ſah ja am folgenden Tage ganz ſo aus als wäre er verrückt!“ Durch die Vorſicht des Rittmeiſters, das Nebenzim⸗ mer zu bewachen, blieb dasjenige, was dort vorging, dem ganzen Hauſe ein Geheimniß. Und nach einigen Stunden, welche Julia in ihrem eigenen Zimmer in Angſt und Reue zubrachte, gelang es den Bemuhungen des Schwagers und der Schweſter, all⸗ mahlig die Wogen zu ſtillen und zu ebnen, welche Ru⸗ dolf's ſonſt ſo fromme und ruhige Seele aufgerührt hat⸗ ten. Er war nun bis zur Erſchlaffung ermattet und ließ ſich handthieren wie ein Kind. „Du wirſt Dich wieder erholen!“ ſagte Ludwig, welcher ſich bemühte, wieder einigen Troſt in die Seele des armen Rudolf zu gießen. „Vielleicht— doch aus iſt es mit aller Freude im Leben: ich bin aller Liebe und aller Hoffnung abgeſtor⸗ ben. Ich gebe ihr einen hinlänglichen Unterhalt— alles was ich habe; aber ich will nicht länger mit ihr zuſam⸗ men leben. Ich fühle es hier“— er legte die Hand auf die Stirne—„daß noch einige Auftritte von dieſer Art 8 den kleinen Reſt von Vernunft, welchen dieſer letzte übrig. gelaſſen hat, ganz ein Ende machen würden.“— Niemand wagte es, ihm, an dieſem Abende zu wi⸗ derſprechen; aber ſowohl Ludwig als auch Lavinia waren überzeugt, daß er am folgenden Morgen anders geſinnt ſein wuͤrde. 8 Lavinie reiten muthes 1 leiden gen; lingen 1* blicke d mir: winnern einer Hingel vergeſſ — 1 Was l fürchten „ ſündha Manne fremd Fünkch ſeine ti ten, d Bei G um ſo 98 zu ver langwe die So muß ie „= mit ab Seufze 8 Weg lid die er und Feld⸗ as ſah u flat⸗ s dort vwar es e ganz benzim⸗ , dem ihrem ſang es r, all⸗ he Ru⸗ t hat⸗ nd ließ eudwig, Seele de im geſtor⸗ alles 327 Julia ſelbſt war davon ſo überzeugt, daß ſie, als Lavinia ſie auf die Möglichkeit einer Trennung vorzube⸗ reiten ſuchte, mit einem Anſtrich ihres gewöhnlichen Ueber⸗ muthes äußerte:— „Ich zweifle gewiß nicht, daß Du, die mich nie hat leiden können, Dein Beſtes thun wirſt, es dahin zu brin⸗ gen; dagegen aber zweifle ich ſehr daran, ob es Dir ge⸗ lingen wird.“ „Ach, Julia, wie kannſt Du noch in dieſem Augen⸗ blicke der ſchrecklichſten Erfahrung leichtſinnig ſein! Glaube mir: wenn Du im Stande biſt, Rudolf wieder zu ge⸗ winnen, ſo geſchieht es nicht im Sturm. Es bedarf einer langen Zeit, eine Zeit herzlicher und demüthiger Hingebung, ehe er im Stande ſein wird, das Böſe zu vergeſſen, das Du ihm zugefuͤgt haſt.“ „Nun ich kann doch wohl keine Nonne werden? Was kann ich dafür, daß er ein kleines Poſſenſpiel ſo fürchterlich ernſt nimmt?“ 3. „Ein kleines Poſſenſpiel? Nennſt Du ſo Deinen ſündhaften und gottloſen Plan, in der Seele Deines Mannes Gefühle zu erwecken, die ſeiner ſanften Natur ſo fremd waren? Flammte nicht in Deinem Herzen ein Fuünkchen von Reue auf, redete nicht Dein Gewiſſen, als ſeine tiefen Seufzer die falſchen Liebesſeufzer beantworte⸗ ten, die Du in einem verſtellten Traume aushauchteſt? Bei Gott! je mehr ich über Dein Betragen nachdenke, um ſo ſchrecklicher erſcheint es mir.“ 4 8 „Ja, es iſt gut und allzu angenehm und leicht, Andre zu verdammen; ſonſt aber meine ich, Du könnteſt dieſe langweiligen und ganz unnützen Preaſas ſparen, denn die Sache läßt ſich doch nicht mehr ändern und überdies muß ich ſie allein ausbaden.“ „Ich meine, es haben wohl noch Andre das ihrige mit abbekommen!“ entgegnete Lavinia mit einem halben zer.. Ach ſol— ja, das kam mir an Ludwigs Augen ch ſo vor. Er ſah wirklich beinahe aus wie ein Tiger, 328 der die größte Luſt hatte mich lebendig zu verſchlingen. Doch der kleine Irrthum mit dem Billete wurde wohl, will ich hoffen, mit dem Andern aufgeklärt— oder wie?“ „Welcher Irrthum?“ „Daß Du Rudolf und nicht den Grafen in den Pavillon einludeſt.“ „Wie ſollte das der Graf ſein können— was meinſt Du?“ fragte Lavinia, ahnend, daß ſie hier über Ludwig's Betragen eine Aufklärung erhalten würde. „Kam er nicht um ſechs Uhr?“ „Wer? der Graf?“ „Ja, ja, der Graf! Weil Rudolf an Dich ſchrieb und nicht, wie ich vermuthete, an ihn, ſo warf ich Dein Billet, das Rudolf in Gedanken vergeſſen hatte, zum Fen⸗ ſter hinaus.“ „Warſſt Du mein Billet hinab? Wem denn, in des Herrn Namen?“ 4 „Dem Grafen warf ich es zu, hörſt Du ja! Ich wußte wohl, daß er es nicht verſäumen würde, der ange⸗ nehmen Einladung zu folgen, und daß er alſo meinen Mann treffen würde, der ihn, wie ich wußte, um ſieben Uhr erwartete, wovon jedoch der Graf gar nicht träumen konnte.“ „Mein Gott, mein Gott! welche Höhe von Unver⸗ nunft und Unbedachtſamkeit! Es iſt nicht genug, daß Du Deinen eigenen Ruf zerſtörſt, ſondern auch noch Andre giebſt Du Preis. Glucklicher Weiſe kannte Graf Adrian meinen Charakter allzu gut, als daß er es hätte wagen ſollen, ſich auf eine Einladung einzufinden, von welcher er wohl begriff, daß ſie ihm unmöglich gelten konnte. „O, wenn man verliebt iſt, ſo erwägt man ja die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten nicht ſo genau.. „Berliebt?“ wiederholte Lavinia und ihre Wange wurde lilienbleich.„Julia, Du biſt wirklich boshaſtz Du könnteſt mich dahin bringen, daß ich Dich haßte its gen alles Unglücks, das Du uber uns gebracht haſt!“ „Ich? Biſt Du wahnſinnig? Habe denn ich d ben, Grafer Mann gen u alles e bin ick des G ich ſag L Zimme T und l hatte geſtern ſinn, villone G ſicht gehaͤlt und de und ti ſchreck 2 den ar 9 angefi⸗ alles gen, er ein war und ſ Mögli ben o. neue mehren S 3 Kurze 329 lingen. Grafen gebeten, Dich zu lieben? Habe denn ich Deine ſe wohl, Mann aufgefordert, wie ein Drache mit brennenden Au⸗ r wie 2“ gen umher zu gehen? In den letzten Tagen habe ich alles entdeckt; und ſo heilig Du Dich auch anſtellſt, ſo in den bin ich doch vollkommen uͤberzeugt, daß Du die Neigung des Grafen eben ſo gut kennſt, als ich. Behute Gott, s meinſt ich ſage ja darum noch nicht, daß Du ihn aufmunterteſt!“ Ludwig's 3 Ohne ein Wort zu erwiedern, verließ Lavinia das ſimmer. Welches ſchreckliche Licht war ihr nun aufgegangen und beleuchtete alles, was ſie in der letzten Zeit nicht h ſchrieb hatte begreifen können! Ludwig's üble Laune, als er ſie ich Dein geſtern mit dem Grafen Adrian traf; ſein halber Wahn⸗ um Fen⸗ ſinn, als er beinahe im Begriff war, die Thür des Pa⸗ illons einzuſchlagen— o, alles war nur allzu begreiflich!“ enn, in In namenloſem Schmerze bedeckte Lavinia ihr Ge⸗ 4 ſichtz mit den Händen. Ludwig alſo hatte ſie für ſchuldig fa! Ich gehaͤlten, hatte geglaubt, daß ſie einer Untreue fähig wäre, er ange⸗ und das noch dazu in einem Augenblicke, da ſie ihn tiefer » meinen und tiefer in ihr Herz hatte blicken laſſen. das war im ſieben ſchrecklich!“ 4 träumen Von dieſen bittern Gedanken fiel endlich einer auf dden armen Grafen. Anfangs fand Lavinia die Anklage, welche gegen ihn angeführt war, ganz unwahrſcheinlich; doch je mehr ſie alles prüfte, was ſie wußte, um ſo mehr war ſie gezwun⸗ gen, es wenigſtens für eine Möglichkeit anzuſehen, daß er eine ſolche unglückliche Neigung gefaßt häͤtte. Doch war dies immer noch nicht mehr als eine Möglichkeit, und ſie bat innig und warm zu Gott, daß auch dieſe n ja Maglichkeit ungegründet ſein möchte. War nicht ſein Le⸗ ben ohnehin ſchon bitter und ſchwer genug, ohne daß eine neue Pein hinzukommen mußte, um die Laſt noch zu mehren und ihm zugleich die freundliche Heimath zu rau⸗ ben, welche er auf Roſenhorg gehabt hatte? eno n Unver⸗ daß Du ch Andre f Adrian te wagen Welche Nacht für alle dieſe fünf Leute, di Kurzem ſo froh und glücklich waren! 330 Sogar auf Julia hatte ſie eine ſolche Wirkung, daß den Sch ſie vor Schrecken ſchwitzte. Auf ihren Arm geſtützt ſaß leben 2 ſie aufrecht im Bette und lauſchte auf Rudolſ's tiefe ruhig, a Seufzer im angrenzenden Zimmer, wohin ſie nicht kommen„ konnte, weil er den Schlüſſel ausgezogen hatte. gab und . hätte ſe meine k 1113 daß ich Endlich ging die Sonne auf. wetteifer Es kam Leben und Bewegung in das Haus, und denn ich das erſte, welches Lavinia bei einem Beſuche der Frau lierſt.“ Brunsberg erfuhr, war die Nachricht von der beabſichtig⸗„O ten Reiſe des Grafen. Der Rittmeiſter hatte vor Kurzemm empfinde dem Kutſcher befohlen, die Pferde um elf Uhr in Bereit⸗„ ſchaft zu halten. ihre Me Dieſer Umſtand ſchien Lavinia in dem jetzigen Augen⸗ We blicke nicht glücklich zu ſein: er verlieh dem geäußerten ſ gegen; Verdacht eine Art von Bekräftigung und raubte ihr ſelbſt ſeiner A jede Möglichkeit, durch einen fortgeſetzten ungenirten Um⸗ Ad⸗ gang mit dem Grafen ihren Gatten zu überzeugen, wie ganzem unedel ſein Verdacht geweſen war.„Nun fehlt weiter ſo konnt nichts,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„als daß der Graf nicht zu beha zum Frühſtuͤck kommt, oder, wenn er kommt, ſich genirt war abe und aufgeregt zeigt.“ auch heu Dieſe Furcht war inzwiſchen ganz überflüſſig. Augen k Die Miene, der Ton und die ganze Haltung des Unt Grafen Adrian zeigten, als er eintrat, nur die alte herz⸗ Grafen liche Wärme. als ſie ſ „Belieben Sie, gnädige Frau, dieſen Trauerbrief Do anzuſehen?“ ſagte er und legte ihr das Schreiben vor ihr zugef in welchem er wirklich das Anerbieten erhalten hatte, in ihr le deſſen er vor dem Rittmeiſter Erwähnung gethan hatte. Gre Mannes iigt hat ſeiner K Al Gegen dieſes Schreiben ließ ſich nichts einwenden außer daß das Datum zufällig weggeriſſen war. Der Brief war nun vierzehn Tage alt, und als Lavinia den⸗ ſelben durchflog und auf dem Geſichte des Grafen nut 331 lig, daß den Schmerz las, daß er von einem angenehmen Familien⸗ fitzt ſaß leben Abſchied nehmen mußte, ſo wurde ſie nicht nur s tiefe ruhig, ſondern ſogar froh. kommen„In der That,“ ſagte ſie, als ſie den Brief zurück⸗ gab und von ihrem Manne auf den Grafen blickte,„er hätte ſchwarze Ränder haben ſollen. Wie ſoll ich nun meine kleinen geſelligen Talente ſo vervielfältigen können, daß ich Ludwig den Verluſt des Herrn Grafen erſetze?“ „O,“ meinte der Rittmeiſter lächelnd,„wir wollen wetteifern, um uns gegenſeitig ſeinen Platz zu erſetzen; s, und denn ich bin überzeugt, daß auch Du an ihm etwas ver⸗ er Frau lierſt.“ bſſichtig⸗„Ohne Zweifel; doch da Ihr Männer alles heftiger Kurzem empfindet, ſo dachte ich nur an Dich.“ Bereit⸗„Die gewöhnliche Großmuth der Damen, ſich für ihre Männer aufzuopfern!“ ſcherzte der Graf. Augen⸗ Weder Rudolf noch Julia waren beim Frühſtück zu⸗ iußerten gegen; doch kamen ſie beide, um von dem Grafen vor r ſelbſt ſeiner Abreiſe Abſchied zu nehmen. ten Um⸗ Adrian erſchrack über die Veränderung in Rudolf's n, wie ganzem Weſen, und da er durch Ludwig die Ürſache kannte, weiter ſo konnte er nicht umhin, Julia mit abgemeſſener Kälte af nicht zu behandeln. Sie wollte ſich zwar ungenirt zeigen, genirt var aber in der That gedemüthigt und entmuthigt; denn . auch heute hatte ſie Rudolf's Lippen noch kein Wort, ſeinen Augen keinen freundlichen Blick entlocken können. ing des Und nun noch dazu die offenbare Verachtung des te herz⸗ Grafen— faſt hätte ſie vor Aerger und Schmerz geweint, als ſie ſich ſo behandelt ſah. Doch die kleinen Stiche, welche die beleidigte Eitelkeit ir zugefügt hatte, ließen bald nach, als tiefere und ſchärfere r leichtſinniges Herz drangen.—— Graf Adrian hinterließ den angenehmen Eindruck eines Mannes, der, wie auch ſeine Gefühle ſein mochten, ge⸗. igt hatte, daß er derjenige war, welcher dieſelben mit ſeiner Kraft und ſeinem Willen beherrſcht und nicht ſie Als er gereist war, gingen die Mitglieder der Fa⸗ 6 nerbrief 33² milie ſtill mit einander in den Salon, deſſen Thuͤren Rudolf verſchloß. Man ſetzte ſich mit einem unheimlichen Vorgefühl deſſen, was da kommen ſollte. „Julia!“ begann Rudolf mit einem Verſuche ruhig zu reden, obgleich ſein verſtörtes Geſicht von der Stärke der in ihm erwachten Stürme Zeugniß gab,„ich habe Ludwig's und Lavinia's Anweſenheit gewäͤhlt, um Dir zu ſagen, was ich mitzutheilen habe. Nicht weil ich fürchte, daß Deine Sirenenkünſte mich zu einer Aenderung meines Vorhabens bewegen könnten, denn die Zeit ihres Einfluſſes auf mich iſt vorbei, ſondern weil ich dieſer Kunſte, dieſer Kindereien, dieſer Sirenentöne, welche mich nur erfreuen und feſſeln konnten, ſo lange die Liebe ihre nackten Män⸗ gel bedeckte, von Herzen müde bin. Ich habe Dich ſo geliebt, daß es mir von dem Augenblicke an, da ich Dein Bild aus meinem Herzen riß, ſo vorkommt, als wäre dort ſtatt deſſelben ein Grabkreuz errichtet worden; und ich bin ſchwach genug, noch immer für den Verluſt des falſchen Glückes, das Du mir ſchenkteſt, Thränen zu haben. Deſſen ungeachtet habe ich feſt und unwiderruflich be⸗ ſchloſſen, mich von Dir zu trennen. Bei unſrer Rückkehr magſt Du Dir in dem Hauſe Deiner Mutter oder wo es Dir beliebt, einen Wohnort ſuchen. Für Dein zeitliches Wohl werde ich ſtets ſorgen; doch jegliche andere Gemein⸗ ſchaft zwiſchen uns hört auf; denn wenn ich mich nicht allzu ſehr täuſche, ſo überläſſeſt Du mir ohne Schwierig⸗ keit das Kind. Gehſt Du aber hierauf nicht ein, ſo magft Du ihn bis zu einem gewiſſen Zeitpunkte behalten.” Erſtaunen und Schrecken ſchloſſen für einige Minuten Julia's Lippen. 4 War es ein Traum, eine Prüfung oder eine ſch liche Wirklichkeit? Nein, es konnte nur eine Prüfung ſein. Leicht wütde ſie dieſelbe von ſich abwenden könim wemn durch einen Schein von Nachgiebigkeit.... O, nur nicht der Rittmeiſter wie eine Bildſäule da geſ und mit gleichſan ſo würd Sirenent ihrer tar o ſich in L — Lavin ſo ging zäͤrtlich ſo hart Verurth⸗ könnte, Pein, di „3 der Peit „3 der Den treten, immer ſo vervi lich unte aufgäbe. ſche ruhig r Stärke ſte, dieſer erfreuen ten Män⸗ Dich ſo ich Dein wäre dort lid ich bin s falſchen zu haben. uflich be⸗ Rückkehr der wo es zeitliches e Gemein⸗ mich nicht Schwierig⸗ ſo magſt ten.“ Minuten 333 und mit ſeinem abſchreckenden Ernſte, ſeiner eiſigen Strenge gleicſſam den Zugang zu Rudolf's Herzen bewacht hatte: ſo würde gewiß trotz Rudolf's Widerwillen gegen die Sirenentöne die ganze Kraft derſelben, die ganze Kraft ihrer tauſend kleinen entzückenden Künſte verſucht haben! Doch jetzt galt es Ernſt; und ſo bitter es auch war, ſich in Ludwig's und Lavinia's Gegenwart zu demüthigen — Lavinia, die ſogar eine Thräne des Mitleides hatte!— ſo ging ſie dennoch zu ihrem Manne, und ſagte leiſe, zärtlich und unausſprechlich bittend folgende Worte: „Nudolf, vergieb meinem Unverſtande! Ich bin ſchon ſo hart geſtraft durch meine eigenen Vorwürfe, daß Deine Verurtheilung, wenn Du ſie nicht zurücknimmſt, mein Herz gänzlich zermalmen, ja mich tödten würde.“ „Nein, Julia; Dein Leichtſinn wird Dich im Gegen⸗ theil ſogar den Anlaß derſelben vergeſſen laſſen. Und wäre ich jetzt ſo verächtlich ſchwach, daß ich Dir glauben könnte, ſo verdiente ich das Leben von ſtets wechſelnder Pein, die Du mir in der Zukunft bereiten würdeſt.“ „Ich, Rudolf! Ich ſollte Dir ein Leben von wechſeln⸗ der Pein bereiten?“ „Ja, die Pein der Eiferſucht, der Verzweiflung und der Demüthigung. Nachdem Du einmal dieſen Weg be⸗ treten, nachdem Du einmal erfahren haſt, wie Du mich immer verletzen kannſt, ſo würdeſt Du Deine Angriffe ſo vervielfältigen, erneuern und verändern, bis ich end⸗ lich unter der Tortur, die Du mir bereiteſt, den Geiſt aufgähe.“ „O mein Gott, Rudolf— wie kannſt Du ſo reden!“ „Ja, ich kann ſo reden! Vorgeſtern früh bat ich Dich um Erbarmen und flehte Dich in unausſprechlicher Angſt, Du ſollteſt Dein Spiel mit dem Grafen aufgeben. Soch was thateſt Du da?.. Sage: was thateſt Du?... aa, mit der teufliſchſten Hartnäckigkeit, mit einem jeglichem menſchlichen Geiſte fremden Leichtſinne machteſt Du Dir ein Vergnügen daraus, in der Nacht zu weinen, da Du ußteſt, daß ich wachte und auf Deine Thränen lauſchte 4 334 — machteſt Dir ein Vergnügen daraus, ſeinen Namen in littet für einer verſtellten Leidenſchaft hervorzuſeufzen, während Duſihnen— im Stillen über die Todesqualen lachteſt, die Du mirſürer Der bereiteteſt. Doch das war noch nicht genug: es warz lufmunte Morgen, und was Du Dir nun erlaubteſt, das übertrift eine Ern alle Beſchreibung.“ beſitz der „Rudolf! Rudolf!— nicht mehr: ich vergehe!“ Lavi „Ja, Du mußt alles hören— Du ſollſt alles hören! Deib in Obgleich die Qualen meiner Seele Dir ganz bekannt Doch waren, ſo ſpielteſt Du nichts deſto weniger Comödie; und Stimme: als meine Verzweiflung, meine Wuth ihren höchſten Gipfel„rürde we erreicht hatte, ſo ſetzteſt Du durch den Blumenſtrauß und ach dem den Brief meine Vernunft auf den letzten Würfel. Aber„uderes C noch nicht genug: als ich aus dem Pavillon zurück kam, 8 als ich eine Erklärung forderte, da lachteſt Du laut und ine Tren erklärteſt auf das Naivſte, daß Du mich nur des Con⸗„Ich traſtes wegen in die Hölle geſchickt hätteſt. Bei der echmerz ewigen Barmherzigkeit, das war ein Spott, ein Scherz aanehmlie ſonder Gleichen; das war eine Bosheit, vor welcher Seele dergeſſung und Herz ſchaudert!.. Doch ich will verſuchen, mich und glaut nicht mehr zu beunruhigen: morgen reiſen wir nach A-—, lien, daß und gleich nach unſrer Ankunft ſpreche ich mit Deiner dir für Mutter.“ du derein Jetzt ſturzte Julia entwaffnet ihrem Manne zu Füßen: vor Rudo ſie weinte, ſie bat, ſie betheuerte, daß ſie ſich nie in ihrem(ud das4 Leben wieder zu dem geringſten Leichtſinne wollte verleiten dit gewe laſſen; ſie drohte in's Waſſer zu ſpringen, wahnſinnig zu it Wund werden, ſich vor ſeinen Augen zu ermorden, wenn er ihr Irnſt, K. nicht verziehe. Doch Nudolf war unbeweglich, denn die in und d Zeit ihres Einfluſſes war, wie er ſelbſt geſagt hatte, wirk⸗ ian abge lich vorbei; und wenn auch noch einige zitternde Zuckun⸗ Mann gen in den Geſichtsmuskeln bewieſen, daß ſeine Liebe den pfangen letzten Kampf kämpfte, ſo bezeugte auch die darauf ein tretende Ruhe, daß der Kampf beendigt war. Er ſchob ſie zurück, ſprang auf und floh in ſetticch die Zimmer. 3 „O meine Frennde, meine geliebten Geſchwiſte Namen in hrend Du Du mir es ward übertrifſt gehe!“ es hören! z bekannt ödie; und ſten Gipfel trauß und fel. Aber rrück kam, laut und des Con⸗ Bei der in Scherz icher Seele hen, mich nach A-—, nit Deiner zu Füßen! in ihrem verleiten iſinnig zu un er ihr denn die atte, wirk⸗ e Zuckung Liebe den rrauf eine h in ſei eſchwiſten 335 bittet für mich!“ und Julia demüthigte ſich ſo tief, von ihnen— die ſie gewiß von Allen am wenigſten zu Zeugen hrer Demüthigung hätte haben wollen— Hülfe, Rath, Aufmunterung und Troſt zu begehren. Sie dachte an kine Erniedrigung mehr: ſie wollte ſich nur wieder im heſitz der Liebe ihres Rudolf ſehen. Lavinia ſtand auf, um das faſt ohnmächtige junge Weib in ihre Arme zu nehmen. Doch der Rittmeiſter ſagte mit ſeiner tiefen ernſ Stimme:„Nein, Julia! erwarte das nicht von uns: rürde weder Rudolf's noch Dein eigenes Glück beförz ſach demjenigen, was Du Dir erlaubt haſt, kanz uſderes Ende erfolgen, als Trennung.“ „O nein, nein!— ich liebe ihn ſo ſehr, i ine Trennung nicht überleben!“ „Ich dagegen zweifle nicht, daß Du, ſobald echmerz vorüber iſt, fühlen wirſt, daß das Le Annehmlichkeiten hat; doch will ich wünſchen 1 Vrgeſſung alles Böſen, das Du mir zugefügt und glaube mir, es war nicht ſo wenig— für ten, daß die ſchreckliche Lehre, welche Du nun erhalt dir für die Zukunft nützlich ſein möge. Vielleicht du dereinſt durch ſtrenge und lange Bußübungen g zor Rudolf treten, ihn bitten, daß er Dir Deine Rm und das Herz zurückgiebt, welches Du nun ſo ſchnöde von dir geworfen haſt. Doch ſie heilen nicht ſo leicht, de Wunden, die Du ihm geſchlagen haſt: es gehören eruſt, Kraft und vor allen Dingen redende Beweiſe dazu, in und die Welt zu überzeugen, daß Du Deinen Leicht⸗ inn abgelegt haſt und daß Du alles geworden biſt, was i Mann zu erwarten hat von derjenigen, die ſein Herz aupfangen und gelobt hat, ihm ſeine Muhen zu verſüßen.“ Fur dieſe Wendung dankte Lavinia ihrem Gatten mit nem freundlichen Blicke; doch Julia war wenig getröſtet turch die Ausſicht auf ein Leben, das ihr ärger ſchien at ſelbſt der Tod. Dooch jetzt war nichts zu thun; und als Ludwig das 336 Zimmer verlaſſen hatte und ſie allein mit Lavinia ihrem“ gränzenloſen Schmerze Luft gab, ſo hatte dieſe ebenfalls ſo will nichts anderes zu bieten, als Bitten und Ermahnungen Deines zu Geduld und Ergebung. llenn „Iſt es denn unmöglich, ganz unmöglich, Dich zu allein! bewegen, daß Du für mich ſprichſt? Du vermagſt doch ſo viel über ihn und würdeſt ihn in wenigen Augenblicken ſh In perändern, wenn Du nur Deine Macht anwenden wollteſt.“ ſich i „Eine ſolche Macht über ihn beſitzt in dem jetzigen ſe in onblicke Niemand. Aber auch wenn es möglich wäre, bit ian ch ſie beſäße, wie wollteſt Du es von mir verlangen, nch mir eine ſolche Laſt auf mein Gewiſſen wälzen want Gl Wenn Ihr auf's Neue und auf ewig unglücklich bandtin wenn er zum Selbſtmord gexeizt würde(Du 6 Uit i, wie weit er gehen kann), was würde mich 5 e ſi en vor den Vorwürfen ſchützen, die ich mir machen dugeſnand Als Weib, als Schweſter kann ich Dir dagegen ſo whd. zen rathen, Ludwig's Plan zu befolgen: er iſt Ai dee eig und gut, und ich möchte faſt wagen hinzu zu 3 di 8 er iſt ſicher, wenn Du ihn nämlich mit aller det Bewr 9 keit, dem Verſtande und der Bedachtſamkeit aus⸗ aferuna die Du einem Ziele von ſo unendlicher Wichtigket ung mußt. Und bedenke ſelbſt: wie viel theurer muß Sohl nicht das Glück Deiner Zukunft werden, wenn Du es Dir ſelbſt erworben haſt, ſtatt es von Andern als eine erbettelte Gnadengabe anzunehmen!“ „Darin haſt Du Recht!“ rief Julia mit einem Mal begeiſtert aus, indem ſie ſich aus dem einen Ertrem iß das andere warf.„Es iſt wirklich ein Verbrechen, ohng No Buße an Verſöhnung gedacht zu haben; aber ich wif worden verſuchen durch das muſterhafte Leben ſeine Liebe u Am Achtung wieder zu erkaufen; und da ich will, ſo habe iſ der Fan auch Kraft, es durchzuführen. Du verſprichſt mir dor ſählten daß Du mir nicht entgegen arbeiten willſt?“ „Das verſpreche ich; und ſehe ich, daß es † mit dieſen edlen und Deiner würdigen Vorſätze Ernſt a ihrem ebenfalls hnungen Dich zu agſt doch genblicken wollteſt.“ jetzigen ich wäre, erlangen, n wälzen nglücklich irde(Du urde mich ir machen er dagega en: er i hinzu zu t aller der mkeit aut⸗ Wichtigkei eurer muß den, wenn Andern al inem Malſ Ertrem in 337 ſo will ich auch ſo viel ich vermag, Deines Zieles behülflich ſein.“ 1 4 „Nein, das darfſt Du nicht; das will ich ganz allein!“ 1 Getröſtet durch die Vorſtellung, ein Werk ausführen zu können, das die Märtyrerkrone verdiente, beruhigte ſich Julia allmälig, trocknete ihre Thränen ab und begab ſich in ihr Zimmer, um ihr Unglück zu überdenken, das ſie wenigſtens in dieſem Augenblicke lebhaft fühlte und bitter bereuete..... Gleich nach ihrer Heimkehr zog ſie zu einer Ver⸗ wandtin, die zwanzig Meilen von A-— entfernt wohnte. Hier in der Einſamkeit auf einem entlegenen Gute wollte ſie ihr Bekehrungswerk beginnen. Ihr frommes, abgeſondertes Nonnenleben ſollte bald Rudolf's Ohren erreichen, und ohne Zweifel konnte es nicht lange dauern, ſo würde er ſie verſöhnt und zärtlicher denn jemals in die geliebte Heimath zurückführen. Während der Zeit redete ja die ganze Gegend von nichts anderem, als von dem Bewunderungswürdigen in ihrer großmüthigen Selbſtauf⸗ opferung. 4 Dir zur Erreichung Yreißigſtes Kapitel. Noſenborg war alſo plötzlich leer an Gäſten ge⸗ vorden. Am erſten Tage nach den heftigen Auftritten, welch der Familienzuſammenkunft ein Ende gemacht hatten, ee ſich Ludwig und Lavinia allzu niedergeſchlagen ſch Rudolf's Kummer, als daß ſie an ihren eigenen onnten; und Frau Brunsberg's Anmerkung, daß eerrſchaft umher ginge wie ein Paar Geſpenſter, war arlen. Ein Jahr. 3 22 — 338 wenigſtens in ſo fern gegründet, als ſie ein faſt ununter⸗ Grafen brochenes Schweigen beobachteten. dann il Nachdem aber das junge Paar von dem Abendeſſen eine So aufgeſtanden war, ſchlug der Rittmeiſter eine Promenade warf es im Mondſchein vor, und da er ſah, daß Lavinia's Augen— dem Gr ehe noch ihre Lippen ſich geöffnet hatten— eine Weige⸗ ging.“ rung ausſprachen, ſo beeilte er ſich hinzuzuſetzen:„Du„C darfſt nicht abſchlagen auszugehen, es wird Dir gut ſein, rief der da Du den ganzen Tag im Zimmer geſeſſen haſt.“ bloßen „Ich hole meinen Hut!“ ſagte ſie; doch die Stimme verurſas 68 druck fo verrieh dieſe Art von Nachgiebigkeit, welche aus Zwang und nicht aus Vergnügen entſteht. „Der kleine Satan!“ murmelte der Rittmeiſter, deſſen jenige, Gedanken unmöglich von der unglücklichen Julia weichen„A wollten, die ein Glück zerſtört hatte, welches ſchon Knos⸗ verſtehen pen getrieben und bald genug in voller Blüthe geſtanden käaͤmpft haben würde.„Nun muß man wohl wieder von vorne ſagen!“ anfangen— und wer weiß, ob wir je wieder auf den„ Punkt zurückkommen, wo wir ſtanden.“ wig? un Lavinia's Stimme und Augen bezeugten mehr als gegen ſ ihr Weſen, daß ſie die erlittene Beleidigung nicht ſo leicht— in Verd wieder vergeſſen konnte, als ſie ihr zugefuͤgt worden war. laubte L Anfangs bekam Ludwig kein Wort über ſeine Lippen;„S doch als man an dem Pavillon vorüber ging, ergriff er dacht,“ die Hand ſeiner Gattin, drückte ſte und ſagte leiſe:„Willſt in dieſen Du mich hören?“. gen und ſvinia winkte einen ſtummen Beifall. Er fuhr ſriedlich 2 fork:„W Es iſt ſchon lange, ſehr lange her, ſeitdem ich an⸗ Du Dei fing, die Natur der Gefühle zu ahnen, welche Adrian beleidigſt gegen Dich hegte.“ 2 dann ab „Und ich,“ fiel Lavinig ein,„würde nicht einmal in einzuſchl dieſem Augenblicke ahnen können, was Deine Worte ent⸗ Zeuge d halten, wenn mir nicht Julia einen zweiten unverzeihlichen aann ich Leichtſinn, deſſen ſie ſich ſchuldig gemacht hat, anvertrat hätte. Ich weiß nicht, wodurch ſie mit Dir auf ein und dieſelbe Vorſtellung gekommen iſt— genug um de 9 genug, um eu nunter⸗ endeſſen menade ugen— Weige⸗ :„Dn ut ſein, 7 Stimme Zwang „ deſſen weichen Knos⸗ eſtanden n vorne auf den ehr als ſo leicht en war. Lippen; xgriff er „Willſt Er fuhr ich an⸗ Adrian nmal in örte ent⸗ 339 Grafen um ſechs Uhr in den Pavillon zu ſchaffen, wo dann ihrer Vermuthung nach zwiſchen ihm und Rudolf eine Scene ſtattfinden ſollte, nahm ſie mein Billet und warf es, ohne nur im Mindeſten die Folgen zu bedenken, dem Grafen zu, der eben unter ihrem Fenſter ſpazieren ging.“ „Großer Gott, welche Höhe von Unbedachtſamkeit!“ rief der Rittmeiſter aus, vor Zorn erröthend, bei der bloßen Erinnerung an die Tortur, die dieſer Einfall ihm verurſacht hatte. „Doch der Graf,“ fuhr Lavinia mit einigem Nach⸗ druck fort,„hatte eine beſſere Meinung von mir als der⸗ jenige, der mich doch hätte beſſer kennen ſollen als er.“ „Ach, wüßteſt, ahnteſt Du, oder wollteſt Du nur verſtehen, wie ich gegen dieſe verdammte Eiferſucht ge⸗ kämpft habe— Lavinia! Du würdeſt das nicht ſo kalt ſagen!“ 1„Entſteht nicht die Eiferſucht aus Mißtrauen, Lud⸗ wig? und kann wohl ein Mann, der die geringſte Achtung gegen ſich ſelbſt hat, das Weib hochachten, welches er in Verdacht hat, daß ſie unter ſeinen Augen eine uner⸗ laubte Liebesverbindung unterhält?“ „So tief habe ich mich in die Sache nicht hineinge⸗ dacht,“ entgegnete der Rittmeiſter ſtark erröthend;„deun in dieſem Falle erſuche ich Dich, mir die Ehre zu erzei⸗ gen und zu glauben, daß ich mich nicht ſo außerordentlich friedlich benommen haben würde, als ich gethan habe. „Wenn Du das außerordentlich friedlich nennſt, daß Du Deine Frau erſt durch eine Menge von Hindeutungen eleidigſt, die ſie aber glücklicher Weiſe nicht begreift, dann aber ſogar zu der Drohung ſchreiteſt, die Thüren azuſchlagen und das ganze Haus herbei zu rufen um auge des Skandals zu ſein, den ſie geſtiftet hat— dann eihlichen kann ich wahrhaftig Gott danken, daß ich noch nicht Ge⸗ genheit gehabt habe, Dich zu ſehen, wenn Du weniger ſ(dlich handelſt.“ 3 340 „Heute Abend biſt Du nicht ſo gut wie gewöhnlich,“ ſagte Ludwig, indem er ſeine Heftigkeit zu dämpfen ſuchte. „Es iſt nicht ſchwer gut zu ſein und Geduld zu zeigen, wenn es nur ein wenig üble Lanne oder ſelbſt eine Ungerechtigkeit gilt, wenn dieſe ſich nur auf etwas beſchränkt, das vorhanden iſt oder wenigſtens den Schein hat, daß es vorhanden ſein kann. Kommt es dagegen bis auf den Punkt, wo Nachgiebigkeit und Gefälligkeit nicht mehr angewendet werden können, ohne Erniedrigung in ihrem Gefolge zu haben, ſo hören ſie auch von ſelbſt auf.* „Und was folgt dann?“ fragte Ludwig mit einer Stimme, die hörbar zu zittern begann. „Das iſt mehr, als ich beantworten kann; aber ich halte es für entſchieden, daß Du jedem Weibe Deine Verachtung ſchenken würdeſt, die ihre Ehre für eine ſo gleichgültige Sache hielte, daß ſie dieſelbe an einem Tage rückſichtslos angreifen hören könnte und doch an dem an⸗ dern bereit wäre, eine Beleidigung, ja ich könnte wohl ſagen, ein Verbrechen von ſolcher Beſchaffenheit, zu ver⸗ zeihen und zu vergeſſen.“ „Trotz des Schmerzes, den Deine Worte mir berei⸗ ten, fühle ich gleichwohl eine große Beſriedigung darüber, daß Du die Sache von einem ſo ſtrengen Geſichtspunkt betrachteſt. Wenn Du ſchon den bloßen Verdacht einer Untreue für ein Verbrechen hältſt, mit welchem Abſcheu mußt Du dann nicht die Wirklichkeit ſelbſt betrachten!““ „Abſcheu!“ rief Lavinia aus, und ihre Augen erhiel⸗ ten einen faſt unnatürlichen Glanz.„Ich muß nun den Ausdruck leihen, den Du vor einem Augenblicke anwan⸗ deſt: ich fühle mich nicht friedlich genug geſtimmt, um nich damit zu begnügen, daß ich den Gatten, der mich betröge, nur verabſcheuete— ich würde ihn haſſen, ſg lange mir noch ein Gefühl übrig iſt.“ „ und mit dieſen Geſinnungen,“ ſagte Ludwig, der kaum im Stande war, das beſeligende Gefühl zu hehern ſchen, welches Lavinia's ilder Enthuſiasmus ihm ſchenkte kannſt Du mich dennoch verdammen?“ „E ſowohl punkte; Verbrech Zweifel faſt ohne chens zu „K Augenbli tiſch fand meiner 8 und ſchor Martern ließeſt, l fand, w welches ie Ehe etwa „Sa ganz heil „Ja daß unſer wir an un Frau, al auszudehn doch laß theure La Verbreche „Da auch noch antwortete gedacht, d Seiten de gar leicht dern wech ſchreckliche vielleicl „Es 341 nlich,“„Eben wegen dieſer Geſinnungen urtheile ich ſtreng, ſuchte. ſowohl aus dem einen als auch aus dem andern Geſichts⸗ uld zu punkte; denn iſt die Untreue das ſchwärzeſte von allen ſelbſt Verbrechen, ſo folgt unmittelbar nach derſelben ohne etwas Zweifel das, wenn man aus ungegründetem Verdacht, Schein faſt ohne alle Urſache, ſeine Gattin eines ſolchen. Verbre⸗ agegen chens zu zeihen und deswegen anzutaſten im Stande iſt.“ lligkeit„Kann man aber wohl behaupten, daß ich von dem rigung Augenblicke an, da ich Dein Billet auf Adrian's Schreib⸗ ſt auf.“ tiſch fand, meiner Sinne mächtig war? Du mußt aus t einer meiner Rede verſtanden haben, daß ich es nicht war; 4 und ſchon die Hälfte der wahnſinnigen und unnatürlichen ber ich Nartern, die ich von dem Augenblicke, da Du mich ver⸗ Deine ließeſt, bis zu dem, da ich Dich rein wie einen Engel eine ſo fand, wäre hinlänglich, das Verbrechen zu verſöhnen, i Tage welches ich nimmermehr hätte begehen können, wenn unſre em an⸗ Che etwas anderes geweſen wäre, als eine bloße Ceremonie.“ e wohl„Sage das nicht— Du wußteſt, daß ſie mir als zu ver⸗ ganz heilig galt.“ „Ja, bis zu einer gewiſſen Zeit; doch geſtehe auch, berei⸗ daß unſer Verhältniß und das Uebereinkommen, welches arüber, wir an unſerm Hochzeitsabende trafen, einer weniger edlen tspunkt Frau, als Du biſt, erlauben könnten, ihre Pläne weiter t einer auszudehnen, als bis zum fünfundzwanzigſten September... Abſcheu doch laß uns davon nicht weiter reden! Sage mir lieber, ten!“ theure Lavinia, ob es außer der eigentlichen Untreue ein erhiel⸗ Verbrechen gibt, das ſich nicht verſöhnen läßt!“ 4 un den„Darüber habe ich noch nicht nachgedacht, bin alſo⸗ anwan⸗ auch noch nicht im Stande mich darüber zu äußern,“ t, um antwortete ſie ausweichend.„Statt deſſen aber habe ich er mich gedacht, daß der Mann, welcher einmal ohne Anlaß von en, ſo Seiten der Frau vor Eiferſucht gebrannt und getobt hat, leicht in den unſchuldigſten Worten, die ſie mit An⸗ g, der dern wechſelt, ſolchen Anlaß finden wird. Wo zu dieſem ecllichen Uebel Anlagen vorhangen ſind, dort vergeht eelleicht ſelten.“* „Es gibt kein Uebel, gegen welches nicht auch Arz⸗ 34⁴2² neimittel vorhanden ſind!“ antwortete er, indem er zu dem leiſen und warmen Tone überging, der ſich ſchon ſo oft zu Lavinia's Herzen den Weg gebahnt hatte.„Du, nur Du haſt mich dieſe Torturen kennen gelernt, die ärger ſein müſſen, als die Martern der Verdammten(nie wurde ich während meiner Vereinigung mit der ſeligen Charlotte davon heimgeſucht); und Du, nur Du allein, kannſt mich heilen. Du weißt wohl, daß Geduld und Unterge⸗ benheit nicht zu meinen Schwächen gehören; können aber dieſe Eigenſchaften eine Veränderung in dem Urtheile be⸗ wirken, welches Deine ſtets ausweichenden Antworten ausgeſprochen haben, ſo fordere in Gottes Namen was Du willſt. Ich bin überzeugt, Du wirſt großmüthig genug ſein— ja ich wage zu hoffen, Du wirſt Achtung genug gegen mich hegen— daß Du nicht meine Gefühle auf eine Probe ſetzeſt, vor welcher ich vor mir ſelbſt zu erröthen brauche.“ Lavinia's Herz ſchlug laut vor Freude; dennoch hatte ſie Kraft genug, ſich nicht ſeinen flammenden Blicken auszuſetzen. 4 „O, dachte ſie,„iſt dies wohl der Mann, welcher mich vor zehn Monaten hieher führte 2... Bin ich wohl noch jenes Weib?... Alles Wunder der Liebe— ſich in den Abgrund zu ſtürzen und im Himmel zu erwachen... ſofern, ſofern...“ Die ſtillen Gedanken übergoſſen ihre Wangen mit der ſchönſten Farbe; doch die Lippen ſchwiegen eigenſinnig und eben ſo auch die Augen— hier war viel zu über⸗ legen. Da Du mir jegliche Antwort weigerſt— erlaubſt Du mir denn ſie zu errathen?“ fragte Ludwig und ſenkte ſein Haupt ſo tief hinab, daß ſeine Locken ihre Wangen berührten, während die Hoffnung ſein Herz be⸗ rührte und ihm hinterliſtige Worte in t „Nein, Ludwig, ich liebe kein Errathen, und wil Dir meine Antwort nicht vorenthalten; doch magſt Du 3 das Ohr raunte. mit Dit biſt!“ „L T 7— aufgereg zu verät V 1 „ De nia!“ ſo ſehr die ebenfalls „ ausgeſpr oder zu Luß floß wie und ver „2 die in „Du wei ginge, men, n die Frat Feſſeln daß ich dieſen W Laß „T endlich ſein!“ „uU au athm .„3 Deinen 8343 er zu mit Dir ſelbſt abmachen, wenn Du damit nicht zufrieden ſchon biſt!“— „Du, Laß hören!“ ärger„Das Vorgefallene hat mich in einem ſolchen Grade wurde aufgeregt, daß ich ein Bedürfniß fühle, den Auienthalt zarlotte zu verändern.“ kannſt„Wie?“ nterge⸗„Ich wünſche Roſenborg zu verlaſſen.“ en aber Der Rittmeiſter blieb wie angewurzelt ſtehen.„Lavi⸗ eile be⸗ nia!“ ſagte er in einem Tone, der zu erkennen gab, wie tworten ſehr dieſe Worte ihn erſchüttert hatten,„willſt Du nun en was ebenfalls ſcherzen?“ 3 müthig„Ganz im Gegentheil— ich habe nur meinen Wunſch Achtung ausgeſprochen: jetzt beruht es auf Dir ihn abzuſchlagen Gefühle oder zu bewilligen.“ elbſt zu Ludwig's Geſicht war ganz bleich geworden; jetzt floß wiederum das Blut in Strömen in daſſelbe hinauf ch hatte und verrieth, daß ſich der Aerger in den Schmerz miſchte. Blicken„Warum bedienſt Du Dich einer ſolchen Redensart, die in dieſem Augenblicke weniger als nichts bedeutet? welcher„Du weißt recht gut, wenn ich auch vor Betrübniß ver⸗ cch wohl ginge, ſo könnte es mir dennoch nicht in den Sinn kom⸗ ſich in men, weder durch Bitten noch durch einen Machtſpruch ſcchen.. die Frau zurückzuhalte 2n, weiche ſich darnach ſehnt, ihre Feſſeln zu zerreißen. Du weißt ja aus eigener Erfahrung, gen mit daß ich es Dir nicht abſchlug zu reiſen, als Du einmal genſinnig dieſen Wunſch ausſprachſt.“ zu über⸗ Lavinia ſchwieg einen Augenblick. „Das war ja ein bedeutender Unterſchied,“ ſagte ſie endlich nächdenkeud—„damals wuͤrde ich allein gereist „Und jetzt?“ fragte der Rittmeiſter, welcher wie athmen begann. „ZJetzt iſt mir's nicht in den Sinn gekommen ohne Deinen Schutz zu reiſen.“ 3 , wie e boshaßte kannſt Du ſein! 2 wirſt recht 344 Ludwig ſuchte die Veränderung, welche mit ihm mit ein vorging, die Freude, welche durch Seele und Worte her⸗ war, b vorſtürmen wollte, ſo gut wie möglich zu verbergen. L. „Sage nie ſo!“ äußerte Lavinia mit einem unfrei⸗ Lavinig willigen Schauder.„Wenn Du den Einfall haſt Dir aher vorzuſtellen, daß ich auf eigene Hand reiſen will, ſo iſt eines f das eine Sache, die du mit Dir ſelbſt abz umachen haſt.“ Stellun „Das will ich gerne übernehmen. Doch wohin woll⸗ möglich teſt Du denn reiſen?“ fünfun „Ich möchte mich gerne ein wenig zerſtreuen. Ich L. meine— doch bedenke, daß ich jetzt nichts anderes aus⸗ ſein ur ſpreche, als nur Wünſche— wir könnten erſt in eines wollte der beſuchteſten Bäder reiſen— gewiß ſind dort noch hatte k viele Gäſte— und nachdem wir dort den Auguſt verlebt T hätten, ſo könnten wir eine Tour nach Kopenhagen machen, ſchaft und dann über Schonen und Blekinge zurückkehren. Das ruflich würde mir ſehr, ſehr angenehm ſein!“ zuziehe „Dann ſoll es auch geſchehen! Ich will ſo ſchnell. leicht i wie möglich hier zu Hauſe meine Angelegenheiten ſo ordnen, deln ku daß ich abweſend ſein kann... nun? auf wie lang denn?“ 2 „Das kommt auf Dich ſelbſt anz will man aber vor, n etwas ſehen, ſo braucht man wohl mit der Badereiſe...“ C „Ich verſtehe!“ fiel Ludwig ein:„es gehen wohl ein zuſamn Paar Monate darauf.“ immer „Ja, das iſt wohl möglich.“ Lavini und a gewinn ſuches ar zeugun .. nicht! Einunddreißigſtes Kapitel. eine n lich w In den erſten Tagen des Auguſt verließen die ſun⸗ gen Gatten Roſenborg In dem Augenblicke, da ſich die Thüren hinter ihneu ſchloßen, wurden beide von Gefühlen bewegt, welche deutlich ihre beiderſeitige Furcht offenbarten, nicht mehr geben 345 iit ihm mit einander dieſe Heimath, die ihnen ſo theuer geworden te her⸗ war, betreten zu dürfen. en. 1 Ludwig hatte das größte Vertrauen zu dem Adel in unfrei⸗ Lavinia's Charakter und zu der Reinheit ihrer Grundſätze; aſt Dir aher er fürchtete nichts deſto weniger, daß ſie zufolge „ſo iſt eines falſchen oder zweideutigen Anlaſſes ſie beide in eine haſt.“ Stellung verſetzen könnte, die es dem Selbſtgefuhle un⸗ n woll⸗ möglich machte, gegen das Recht zu kämpfen, das am fünfundzwanzigſten September bewilligt war. n. Ich Lavinia dagegen, welche Ludwig's ſchlimmſten Fehler, es aus⸗ ſein ungezügelte Neigung zur Eiſerſucht, genau prüfen n eines wollte— die übrigen waren in ihren Augen gleich Null, rt noch hatte keineswegs die Abſicht ſchwach zu ſein. verlebt Fand ſie ihre Furcht beſtätigt, flammte dieſe Leiden⸗ machen, ſchaft von Neuem auf, da war ſie entſchloſſen, unwider⸗ n. Das ruflich entſchloſſen, eine ewige Trennung einer Ehe vor⸗ zuziehen, in welcher die freundlichen Genien der Liebe ſchnell leicht ihre Geſtalt verändern und ſich in Furien verwan⸗ ordnen, deln konnten. denn?“ Bei dieſer Prüfung nahm ſie ſich aber auch ſtreng an aber vor, nie die Gränzen der äußerſten Vorſicht zu übertreten. eiſe... Ein Badeort, ein Ort, an welchem viele Menſchen vohl ein zuſammentreffen, gibt einem jungen und reizenden Weibe immer Gelegenheit, geſehen und bewundert zu werden. Lavinia wußte dies ſehr wohl; ſie war ſchon im Voraus und aus Erfahrung uberzeugt, daß ſie einen Vorrang gewinnen würde; aber ihr war auch die Gefahr des Ver⸗ ſuches nicht unbekannt, mit welchem ſie nun die Ueber⸗ zeugung ihres künftigen Glückes erkaufen wollte, und daß nicht nur ein vollkommen reines Gemüth, ſondern auch eine unaufhörliche Wachſamkeit über ſich ſelbſt erford lich war, um ſich zu gleicher Zeit der Gefahr Prei geben und auch vor derſelben zu bewahren. 346 Für Ludwig war es ein neues, ſchmeichelndes, reizendes und beunruhigendes Gefühl, ſeine Frau, deren Aufmerkſamkeit bisher ihm ſelbſt ausſchließlich gewidmet geweſen war, jetzt ſo umſchwärmt, vergöttert und zerſtreut zu ſehen, daß er ſich große Mühe geben mußte, wenn er in Geſellſchaften ihre Aufmerkſamkeit einmal auf ſich lenken wollte. Wenn aber Ludwig zu ihr kam, mochte ſie im Tanze oder in einem lebhaften Geſpräche ſtehen, ſo hatte ſie für ihn ſtets nicht nur ein freundliches Lächeln, ſondern auch ein Paar vertrauliche Worte, einen kleinen halben Blick bei der Hand, und dieſe kleinen Gunſtbezeugungen mach⸗ ten ihn ſo dankbar und glücklich, daß er ſich leicht mit den tauſend neuen Dienſten und Aufmerkſamkeiten ver⸗ ſöhnte, über welche er ſonſt gelacht hatte, wenn er andre Ehemänner damit beſchäftigt ſah, an welche zu denken oder ſich zu denſelben herabzulaſſen ihm in den Zei⸗ ten der ſeligen Charlotte nie eingefallen war: die er nun jedoch zu verſäumen ſich hütete, aus Furcht, es möchte ihm irgend ein Anderer den Dienſt erzeigen ihm zu helfen. „Biſt Du ſchon vom Spieltiſche aufgeſtanden?“ fonnte Lavinia bisweilen lächelnd ſagen, wenn ſie bei Beendigung eines Walzers ſah, wie Ludwig, etwas ver⸗ legen üͤber ſeine Artigkeit, ſie mit dem Shawl oder der Mantille auf dem Arme erwartete. „O ja,“ flüſterte er ihr einmal mit gut gelauntem Scherze zu, es iſt nicht ſo angenehm, am Spieltiſche zu ſitzen, wenn man eine ſchöne Frau hat, die Andere wäh⸗ rend der Zeit umhüpfen und courtiſiren! Es kommt mir ſo vor, als machte der Major G-— ſich ſo viele Mühe mit Deinem Shawl, daß es mir das Beſte zu ſein dünkt, voenn ich ſelbſt das Amt übernehme, ihn zu halten bis Du gewalzt haſt.“. „Ach die armen Männer! was ſie doch Alles zu be⸗ ſorgen haben!— Mein beſter Ludwig, ich bin uͤberzengt. dieſe Tour wirſt Du in Deinem Leben nicht vergeſſen u 71 kann n vergleie U in ſein ihr ein derung an Eif rer nu er litt ihr re gen un ligkeit wenige hinlän 2 Viſite deutig 8 zu hö gefähr nicht 1 gleich meiſte Stun beſchl als il Auge meine man erſt wie Verg eelndes, deren widmet erſtreut wenn uf ſich Tanze ſie für n auch Blick mach⸗ cht mit n ver⸗ andre denken 1 Zei⸗ er nun möchte helfen. nden?“ ſie bei as ver⸗ der der auntem ſche zu 2 wäh⸗ nt mir Mühe dünkt, ten bis zu be⸗ rzeugt, ſen 14 347 „Dieſe Kur meinſt Du wohl— nein, nein, das kann wohl ſein; da aber nichts mit der Erfahrung ſich vergleichen läßt, ſo war ſie doch vielleicht nicht unnöthig.“ Und Ludwig, der mit jedem Tage immer verliebter in ſeine Frau wurde, entdeckte auch mit jedem Tage an ihr eine Menge neuer Reize, denen er durch die Bewun⸗ derung Anderer auf die Spur kam. Dennoch litt er nie an Eiferſucht, denn Lavinia gab keinem ihrer Bewunde⸗ rer nur das entfernteſte Zeichen der Aufmunterung; aber er litt fürchterlich an Neid. Alle wollten ſie ſehen, mit ihr reden, ihren Geſchmack über alle neuen Vergnügun⸗ gen um Rath fragen; und nicht genug, daß dieſe Gefäl⸗ ligkeit ſie außer dem Hauſe umgab, auch noch an den wenigen Stunden, die ſie zu Hauſe war, konnte man hinlänglich davon ſehen. „Die Thüren ſind doch nie in Ruhe vor den ewigen Viſiten!“ hieß es einige Male mit einigen kleinen unzwei⸗ deutigen Zeichen von Ungeduld.. Bei der erſten Gelegenheit ſchien es Lavinia nicht zu hören; bei der andern aber fragte ſie mit einem ihrer gefährlichſten Blicke:„Iſt es Dein Wunſch, daß wir nicht entgegen nehmen?“ „Wenn es Dir gleichgültig iſt, mir iſt es gewiß gleichgültig— das ſoll Gott wiſſen!“ meinte der Ritt⸗ meiſter, unendlich entzückt über die Ausſicht, ein Paar Stunden mit ſeiner Frau allein verleben zu können. Doch Lavinia, welche gegenwärtig oder ſo lange die beſchloſſene Prüfung dauerte, nichts weniger wünſchte, als ihrem Manne Gelegenheit zu geben, ihr unter vier Augen den Hof zu machen, antwortete ganz ungekünſtelt: „Nein, da müßte ich die Unwahrheit ſagen— ich meine, wenn man einmal hieher gekommen iſt, ſo muß man auch geſellſchaftlich ſein.“ „Nun ſo ſind wir für alle Menſchen zu Hauſe! Doch erſt jetzt, da ich bemerke, wie gerne Du Fremde ſiehſt, wie großes Vergnügen es Dir macht, an allen Arten von Vergnügungen Theil zu nehmen, erſt jetzt begreife ich, 348 wie ſchrecklich langweilig es für Dich auf Roſenborg ge⸗ weſen ſein muß.“ Hätte Ludwig dieſes in der Form eines Vorwurfes geäußert, ſo würde es ſeiner Gattin ſchmerzhaft geweſen ſein, vor ihm in einem ſolchen Lichte zu ſtehen; nun aber ſagte er es mit einem ſolchen Ausdruck von Güte, daß ſie deutlich hörte, wie die Worte aus dem Herzen floßen, und daher kam es auch, daß ihre Antwort eine Herzlich⸗ keit enthielt, die alle Neigung, welche ſie jetzt zu Geſell⸗ ſchaften zu haben ſchien, aufwog. „Zu Hauſe,“ ſagte ſie,„hat eine Frau, welche das höchſte Glück, die Achtung und... das Wohlwollen ihres Gatten, beſitzt, keine Zeit zur Langweile übrig: dort ſind ihre Vergnügungen größer als anderswo... Zu den jungen Männern, die ſich am Aufrichtigſten von dem jungen gefeierten Weibe bemerkt zu machen ſuchten, gehörte auch der von dem Rittmeiſter ſchon er⸗ wähnte Major G—, deſſen artige und anhaltende Auf⸗ merkſamkeit ſich bald genug in eine Aufwartung verwan⸗ delte, die der ganzen Societät zu der Behauptung Anlaß gab, daß er ſeine ſchon längſt beſtimmte Abreiſe nur um der Frau von C-ſköld willen von dem einen Tage zu dem andern aufſchöbe. Der Rittmeiſter theilte ſelbſt ſeiner Frau dieſe Neuig⸗ keit mit und fügte lachend hinzu:„Ich habe noch nie eine verzweifeltere Phyſiognomie geſehen, als geſtern die des Majors, als Du vor dem letzten Walzer den Ball verließeſt.“ „Und ich,“ entgegnete Lavinia lächelnd,„ſah dagegen nooch nie ein Paar Augen, aus denen eine größere Scha⸗ denfreude leuchtete, als die Deinigen, da Du mich den führteſt.“ „Es iſt wohl möglich, daß ſie etwas dergleichen ver⸗ riethen; aber es wäre auch wohl allzu viel begehrt, daß eben ich Mitleiden mit ihm haben ſollte, wahrend alle tiefen Verbeugungen meines bedauernden Cavaliers eut⸗ ſtützen Andern dennoch kann. gemacht längſt ſchwäch redung ſtand, daß ich wetteife ruhig f / d menſtof Hoffnur anders Adrian „* gab ihr , ich nie um der Aufäng gelingt. 349 org ge⸗ Andern über ſein Mißgeſchick lachten. Ich erfuhr es aber dennoch nicht, warum Du ſo früh nach Hauſe wollteſt.“ wurfes„Soll ich Dir's ganz aufrichtig ſagen?“ geweſen„Wenn Du mich eines vollen Vertrauens werth er⸗ n aber achteſt.“ „ daß„Sage lieber: wenn ich es nicht für gefährlich halte, floßen, es Dir zu geben.“ erzlich⸗„Ich glaube, daß dabei keine Gefahr vorhanden ſein Geſell⸗ kann. Wäre der Fehler, deſſen ich mich einmal ſchuldig gemacht habe, ganz unüberwindlich, ſo hätte er hier ſchon he das längſt Gelegenheit gehabt, ſich in tauſend grelleren und wollen ſchwächeren Schattirungen zu zeigen. Doch unſre Unter⸗ übrig: redung kurz vor unſerer Abreiſe, ſo wie auch der Um⸗ 2... ſaand, daß ich Eigenliebe genug beſitze, um zu glauben, tigſten daß ich mich mit Allen meſſen kann, die um Deine Gunſt nachen weetteifern, macht, daß ich mich in dieſer Hinſicht ſtets on er⸗ ruhig fühle.“ 3 Auf⸗„Konnteſt Du Dich denn nicht eben ſo gut mit dem rwan⸗ Grafen Adrian meſſen?“ Anlaß„Nicht ſo in jeder Hinſicht. Ueberdies warſt Du ſo ir um gütig gegen ihn: Du ſchätzteſt ſichtbarlich ſeine Geſell⸗ ge zu ſchaft; er konnte ſich täglich Deiner Theilnahme erfreuen.“ b„Ja, in meiner Eigenſchaft als Wirthin.“ teuige„Gleich viel— bedenke nur das unglückliche Zuſam⸗ h nie menſtoßen der Umſtände, und daß ich ſelbſt ſo wenig en die Hoffnung hatte Dir zu gefallen, ſo daß ich unmöglich Ball anders als mit Unruhe einen ſolchen Mitbewerber wie A drian ſehen konnte.“ gegen„Haſt Du denn jetzt mehr Hoffnung?“ fragte ſie und Scha⸗ gab ihm einen Blick voll reizender Schalkhaftigkeit. h den„Du weißt ja, antwortete er in gleichem Tone,„d ent⸗ ich nicht das Glück habe, mein Urtheil auf die Erfahr ſtützen zu können; und da Du ſelbſt die erſte Dame biſt, um deren Gunſt ich mich bemüht habe, ſo wage ich als Aufänger nicht zu behaupten, in welchem Grade es mir lingt. Inzwiſchen,“ fuhr er lachend fort, duͤrfte es 350. immer ein wenig verkehrt ſein, mit der Hochzeit anzufan. Verſuch gen und mit dem Courtiſiren zu enden.“ gen hal „Zugeſtanden! Doch um von unſerm kleinen Scherz iſt es n wieder auf unſer voriges Geſpräch zurück zu kommen, will nigſtens ich Dir ſagen, daß die Huldigung des Majors G— einen Haufen Eifer annimmt, der mir nicht gefällt.“ belieben. „Er hat doch wohl nicht gewagt, durch Worte..“„ Ludwig's Auge flammte augenblicklich auf. gentheil „Sei ruhig! Sage mir, ob Du geſehen haſt, daß glltigke ich ihm oder irgend einem Andern den geringſten Anlaß als wal gegeben habe, der ihm zu dem Glauben Recht geben könnte, ſchlag d meine Ohren wären offen vor den Liebesſeufzern anderer 3 daß ich Männer?“ für die „Nein, und tauſendmal nein! Ich glaube ſogar mit die Du gutem Gewiſſen behaupten zu können, daß ſie nicht einmal„U vor den Seufzern Deines eigenen Mannes offen geweſen ſatze be ſind. Doch im Ernſte geſprochen— Du haſt nun in Achtung dieſen drei Wochen allen Verſtand und alle Feinheit ent⸗ höheren wickelt, die ich bei Dir vermuthete. Du haſt alles ge⸗ daß D noſſen, doch alles mit Maß.“ legenhe „Nun gut“— Lavinia nahm ſich weislich in Acht, fer Ka die Andeutung ihres Mannes verſtehen zu wollen—„die⸗ Major ſer Schimmer von Verſtand hindert gleichwohl nicht, daß Dich di ein Mann wahnſinnig werden kann. Die Lippen des gen, d Majors reden nicht, aber ſeine Augen, ſeine Mienen haben deſſen es hinlänglich gethan, beſonders geſtern Abend und auch den M geſtern Morgen auf der Promenade, als Du Dich mit das Re Frau W— unterhielteſt; und nur ſein peinigendes Ver⸗ befreien gnügen noch zu verlangern beabſichtigt er, wenn ich recht verſtanden habe, Dir vorzuſchlagen, zuſammen nach Kopen⸗ hagen zu reiſen, wohin er auch will. Dieſe Lumperei wäre vielleicht kaum der Erwähnung werth, wenn nicht wegen des Umſtandes, daß Du vielleicht ohne dieſes mein E Vertrauen ſeinem Vorſchlage aus Artigkeit Deine Zu⸗ ſeinen ſtimmung gegeben haben könnteſt.“ Auswei „Ich danke Dir herzlich für Deine Aufrichtigkeit und underg Dein Vertrauen, würde aber unter allen Umſtänden ſeine 351 nzufan- Verſuche zu einer vertraulicheren Annäherung abgeſchla⸗ gen haben; denn ohne im Geringſten eiferſüchtig zu ſein, Scherz iſt es wohl das Recht und die Pflicht eines Gatten, wenig⸗ n, will nigſtens nicht die Huldigung aufzumuntern, welche ein — einen Haufen junger Müßiggänger ſeiner Gattin darzubringen belieben.“ 1 te...„Darin haſt Du vollkommen Recht, daß ich das Ge⸗ gentheil als Beweis einer allzu weit getriebenen Gleich⸗ ſt, daß gültigkeit betrachten würde; und die Urſache, weßhalb ich Anlaß als wahrſcheinlich annahm, daß Dn vielleicht den Vor⸗ könnte, ſchlag des Majors G— nicht ablehnen möchteſt, war der, anderer daß ich mir einbildete, Du könnteſt eine ſolche Einwilligung für die beſte Probe von Zuverſicht und Vertrauen halten, gar mit die Du zu geben im Stande wäreſt.“ einmal„Und Du wollteſt mich vor einem falſchen Schluß⸗ geweſen ſatze bewahren? O, das verdoppelt, ja verzehnfacht meine nun in Achtung; und ich kann Dir meine Dankbarkeit in keinem eit ent⸗ höheren Grade zeigen, als wenn ich offen geſtehe, lles ge⸗ daß Du mich hiedurch wirklich aus einer ſchweren Ver⸗ legenheit retteſt. Denn ohne Zweifel wäre doch ein ſchar⸗ n Acht, fer Kampf entſtanden zwiſchen meinem Unwillen, dem —„die⸗ Major einen ſolchen Platz zu öffnen, und meiner Furcht, ht, daß Dich durch meine Weigerung auf den Gedanken zu brin⸗ den des gen, daß ich heimlich eiferſüchtig wäre— ein Gedanke, haben deſſen unberechenbare Folgen ich nicht einmal zu erwägen id auch den Muth habe. Ich athme wieder leicht: Du haſt mir ich mit das Recht gegeben, Dich von ſeiner Zudringlichkeit zu s Ver⸗ befreien.“ Einige Tage ſpäter that der Major G= wirklich ne Zu⸗ ſenen Vorſchlag; doch dieſer begegnete ſo vielen höſtichen Ausweichungen von Seiten des Rittmeiſters, daß derſelbe niedergelegt werden mußte. 4“ Das hielt gleichwohl den genannten Herrn, der ſich 352 in Lavinia förmlich verliebt hatte, nicht ab, ihr einzig und„9 allein in der Abſicht ſie zu ſehen, zu folgen, und durch Schuldt viele zufällige, wenn auch ſehr gut berechnete Begeg⸗ ſchamlo nungen unter Weges ſich für das Unglück nicht ſtets in ſie nun ihrer Geſellſchaft ſein zu dürfen, ſchadlos zu halten. einmal Aber von dem Augenblicke an, da Lavinia dieſes ſo gehe merkte, wurde ſie ſo kalt und abgemeſſen, daß ſich der Je Major vergeblich bemühte, nur einen einzigen von den Si lächelnden Blicken zu gewinnen, mit welchen er vorher Platze erfreut worden war; und nachdem ſie endlich in Kopen⸗ zu mach zsgen den letzten Abſchied genommen hatten— der Major Seite e ſeine Reiſe nach Paris fortzuſetzen, der Rittmeiſter eine Kl und ſeine Frau um nach Schweden zurückzukehren— rief Stimmt Lavinia frohen und leichten Herzens aus: konnte „Gott ſei gelobt, daß ich endlich den langweiligen Je Menſchen nicht mehr zu ſehen brauche!“ die ſie: „Kannſt Du wohl glauben,“ ſagte Ludwig,„daß ich ſchloſſen gegen den armen Teufel wirklich Mitleiden fühle?“„2 „Das iſt allzu großmüthig!“ reiſen! „Nein, nur menſchlich. Hätte er ſich wirklich meinen habe m Rival nennen können, das heißt, wäreſt Du ein wenig unſre a menſchlich gegen ihn geweſen, ſo hätte es vielleicht ein bin mü recht ernſthaftes Spektakel gegeben. Doch da er mit ſei⸗„2 nen ewigen Aufwartungen weiter nichts gewann, als daß zwungen er Dich langweilte, ſo kann ich ihm gerne ein wenig ich fuͤre Mitleiden ſchenken.“ ſchlage Als aber der Major G—, oder wie ihn Lavinia im„ Scherze nannte,„der Doppelgänger,“ der erſte war, den wenn D man in Helſingborg traf, woſelbſt der Rittmeiſter einige ner Bit Tage verweilen und einen in der Umgegend wohnenden weis de Freund beſuchen wollte, ſo wäre ihm doch die Geduld derſtehe beinahe vergangen, beſonders da Lavinia nie an das Fen⸗ leein g ſter treten konnte, ohne von ihrem Doppelgänger, der ſich Hu es in dem Hauſe gegenüber eingemiethet hatte, beſpäht zu ſicht n werden. 3 anen 2 „Laß uns reiſen!“ bat Lavinia eifrig, als ſie merkte, ſ„9 daß Ludwig’s Biut in allzu ſtarke Gaͤhrung gerieth. Car b 353 4 zig und„Nein, ich muß mit ihm reden— das iſt meine d durch Schuldigkeit. Du mußt wiſſen, daß es in der That Begeg⸗ ſchamlos iſt, auf dieſe Weiſe ein Weib zu verfolgen, mag ſtets in ſie nun verheirathet oder ledig ſein; und ſtellt er ſich noch en. einmal mit einem ſo verdammten Eigenſinne au's Feuſter, r dieſes ſo gehe ich hinüber.“ ſich der Jetzt zitterte Lavinia und wurde bleich vor Furcht. von den Sie war überzeugt, daß der Major nicht von ſeinem vorher Platze weichen würde, welchen ihm kein Menſch ſtreitig Kopen⸗ B zu machen das Recht hatte; aber ſie war auf der andern Major Seite eben ſo überzeugt, daß bei den jetzigen Umſtänden tmeiſter eine Kleinigkeit hinreichend ſein würde, Ludwig's gerei — rief Stimmung auf den höchſten Punkt zu treiben— und wie konnte dann der Ausgang ſein! Jetzt galt es zu prüfen, wie groß die Macht war, die ſie wirklich über ihn gewonnen hatte. Sie war ent⸗ daß ich ſchloſſen, dieſelbe bis auf das Aeußerſte zu wagen. 4„Mein guter Ludwig! laß uns noch heute Abend reiſen! Es wird eine herrliche mondhelle Nacht, und ich meinen habe mich nun ſo hinl anglich umgeſehen, daß ich gewiß wenig unſre auf morgen beſtimmte Ausfahrt nicht vermiſſe. Ich icht ein bin müde länger umherzuflattern und zu beſehen.“ mit ſei⸗„Aber es wäre doch höchſt lächerlich, wenn wir ge⸗ als daß zwungen wären, ſo ſchimpflich das Feld zu räumen, und veiligen — wenig ich fürchte, daß ich wirklich einem ſo wunderlichen Vor⸗ ſchlage nicht beiſtimmen kann.“ mig im„ Nicht im geringſten wunderlich oder lächerlich; und ar, den wenn Du, ich ſage nicht meinem Vorſchlage, ſondern mei⸗ ler Bitte, beiſtimmſt, ſo habe ich dadurch den größten Be⸗ der Grundl laſigkeit meiner Furcht erhalten; denn ich ſtehe recht wohl, daß Du Deinen Beifall einzig und alein giebſt, um meim Vertrauen zu befeſtigen. Schlägſt u es mir aber ab, ſo muß ich glauben, daß die Eifer⸗ ſucht noch immer unter der Aſche Henmt n And nur Panf einen Borwand zum Nuebruihe wartet. Earlen. Ein Zahr. 354 hiezu gehört mehr denn menſchliche Geduld... ſieh! Ob dort liegt er wieder und dringt mit ſeinen Augen gerades lange Re Weges durch Fenſter und Gardinen... es gehört, ſage es ihr 2 ich, mehr denn menſchliche Geduld dazu, ſeine Frau ſolchen ſtehen, Blicken ausgeſetzt zu ſehen.“ dem für Der Rittmeiſter griff nach feinem Hute. ordentlich „Aber ich ſehe ja dieſe Blicke nicht, ich verabſcheie Theil de ſie... Sei nun ſo gut, vernünftig und artig, Ludwig, ſein gang und gieb Befehl zur Reiſe— oder willſt Du, daß ich und gene glauben ſoll, meine Bitte habe gar keinen Werth bei Dir? hätte, d Du ſagteſt ja doch einmal, die Bitte einer Gattin ver⸗ bönnte. möchte viel... So!— Du läͤchelſt! Da iſt der Sieg Er auch mein, und Du bleibſt hier— o, Du thuſt es gewiß!“ ruhe vor Das einmal in Wallung gekommene Blut hatte es Die nicht ſo leicht wieder zurück zu ſinken; aber wie konnte er wenn er wohl weigern, da Lavinia auf dieſe Weiſe bat? ſeliger E Genug: Lavinia und die Liebe behielten wirklich derdamm den Sieg. machen; Ludwig bekannte ſpäterhin, daß er damit nicht ſo ſtellte, z unzufrieden wäre,„obgleich“, ſetzte er mit der beſten Laune Frau vo⸗ hinzu,„wenn es ſo fortfährt, es ſehr ſchlecht ausſieht mit das Wurn meiner Herrſchaft imm Hauſe; denn dieſe iſt in immerwäh⸗ Wa render Abnahme begriffen, wie ich ſehr wohl einſehe.“ ganz un⸗ Sie denn un welches jetzt abe Maria 1 Es dieſer U Zweiunddreißigſtes Kapitsl. * Dem von Lavinia geäußerten Wunſche zufolge war die Rückreiſe ſo eingerichtet worden, daß man ſich gegen den fünfundzwanzigſten September dem Gute Roſen⸗ dorg näherte.— Am vierundzwanzigſten erklärte ſie aber gegen tag, ſie waͤre ſo müde, daß ſie am beſten thäten, w ſie in einer kleinen Stadt blieben, wo ſie ſich eben befande ſieh! eerades „ ſage olchen ſcheue udwig, aß ich Dir? in ver⸗ Sieg wiß!⸗ latte es ute er vvirklich licht ſo Laune eht mit erwäh⸗ he.“ e mär ch erſt 355 Obgleich überzeugt, daß Lavinia nimmermehr dieſe lange Reiſe mit ihm zuſammen hätte machen wollen, falls es ihr Vorſatz geweſen wäre, auf die Trennung zu be⸗ ſtehen, ſo fühlte doch Ludwig vor jedem Tage, der ihn dem fünfundzwanzigſten näher führte, eine ſo außer⸗ ordentliche und brennende Unruhe, daß er den größten Theil deſſelben hinbrachte, um in Gedanken noch einmal ſein ganzes Betragen waͤhrend dieſer Reiſe durchzumachen und genau zu prüfen, ob er eine einzige Schwäche gezeigt hätte, die man unter die Rubrik von Eiſerſucht ſetzen könnte. Er fand keine ſolche, und dennoch verblieb er in Un⸗ ruhe vor der Umwälzung, welche bevorſtand. Dieſe war auch in beiden Fällen unermeßlich, und wenn er in dem einen Augenblick fühlte, daß ihm vor ſeliger Empfindung ſchwindelte, ſo war er in dem nächſten verdammt, mit den Qualen der Hölle Bekanntſchaft zu machen; und bei den vielen Vergleichungen, die er an⸗ ſtellte, zog er den Tod tauſendmal dem Verluſte dieſer Frau vor, die ihm ſo theuer geworden war, daß er über 4 das Wunder erſtaunte, das die Liebe hervorgebracht hatte. Während der letzten Woche war auch Lavinig ſich ganz unähnlich geworden. Sie war nicht länger frei und. ungenirt wie zuvor; denn unaufhörlich trat ihr wieder das Bild vor die Seele, welches ſich eine Zeitlang im Hintergrunde gehalten hatte, ſetzt aber von Neuem ſeine Macht geltend machte, nämlich Maria Rehnman's Bild. 4 Es war gegeben, wenn alles abgemacht würde, daß dieſer Umſtand einer der wichtigſten ſein mußte; und La⸗ inia, die vor Kurzem noch ſo ſtreng gegen ihren Mann geweſen war, hatte mehrmals eine Angſt, daß ſie bei dem loßen Gedanken zitterte, alle ihre ehemaligen Befürchtungen tzunten dennoch gegründet ſein. Ja, ihre Eiferſucht be⸗ chtete nicht nur die Gegenwart— ſie ſchauderte auch uck vor dem Gedanken, jemals ein weibliches Weſen 356 vor ihren Augen zu ſehen, welches mit ihrem Manne in einem ſolchen Verhältniſſe gelebt hatte. Je mehr ſie darüber nachdachte, um ſo wahrſchein⸗ licher wurde es ihr, daß dieſes ihre Kräfte überſtiege; und trotz der vollkommenſten Ueberzeugung, welche ſie jetzt von Ludwig's Vertrauen beſaß, welches Vertrauen nun gewiß nicht mehr zu verrücken war, fühlte ſie dennoch, daß eine Trennung möglich ſein konnte, wenn er nicht im Stande wäre, ihr alles ſo klar zu entwickeln, daß ſie ihm eben⸗ falls mit einem ſolchen Vertrauen entgegen kommen könnte. „Ich fühle, daß ich heute Abend allein ſein muß!“ ſagte ſie zu ihrem Manne. Ludwig entfernte ſich mit einem herzlichen Wunſche, vierundzwanzig Stunden älter zu ſein. Nach einer in tauſend wunderlichen Vorſtellungen und wachen Träumen durchbebten Nacht ſah unſer junges Paar den bald erſehnten, bald weit entfernt gewünſchten Morgen in unveränderlicher Ruhe anbrechen. Die Nebel entflohen und ließen an dem fünfundzwanzigſten September, en Jahrestage ihrer Hochzeit, einen klaren Himmel ehen. Und der erſte Gedanke, den beide nach der inbrünſtigen Dankſagung für ihre veränderten Gefühle hatten, war dieſer:„O, wer doch hätte ahnen können, was eintreffen würde— dieſe Stunden von tödtender Furcht wären nie vorhanden geweſen!“ Lavinia trat zuerſt in den kleinen Saal, der ihre Zimmer trennte. 3 Als ſie nichts von Ludwig vernahm, ſo erinnerte ſe ſich lächelnd der Furcht, die ſie heute vor einem Jahte beim Erwachen gehabt und mit ſo großem Erſchrecken Pl ausgeſprochen hatte, nämlich daß er ſie verlaſſen haben.„T konnte. daß er ſie in d flur erk über ſie 6 wurde, denn ſie die Daz wendig Unruhe. ihr Aug aber wo ſo hefti mußte. Na Tropfen das Ka La men zu von der mern. Auskehn vollkom ganz fü einigen brennen 357 konnte. Jetzt fürchtete ſie dergleichen nicht; ſie ahnte, daß er einen Morgenſpaziergang gemacht hatte; und als ſie in demſelben Augenblicke ſeine Schritte in dem Haus⸗ flur erkannte, ſo kam von Neuem eine ſolche Erſchütterung etzt von über ſie, daß ſie ſich an den Fenſterpfoſten lehnen mußte. gewiß Es war ein Glück, daß der Kaffeetiſch eben gedeckt aß eine wurde, da ſie einander einen guten Morgen wünſchten, Stande d denn ſie befanden ſich beide in einer Bewegung, für welche n eben⸗ die Dazwiſchenkunft einer unbehörigen Perſon höchſt noth⸗ könnte. wendig war, um ſie zu beruhigen und zu dämpfen. une in rſchein⸗ e; und muß!“ Endlich ſaßen ſie allein, jedes an ſeinem Ende des Tiſches. 4 Wunſche, Ludwig ſah mit Schrecken Lavinia's ungewöhnliche Unruhe. Erröthen und Erblaſſen wechſelten unaufhörlich; ihr Auge flammte in der einen Secunde, in der andern aber waren alle Funken erloſchen, und die Hände zitterten ſo heftig, daß Ludwig ſie von der Kaffeekanne befreien mußte. hie chdem ſie beide mit wirklicher Anſtrengung einige ellungen Tropfen zu ſich genommen hatten, klingelte Ludwig, und r junges das Kaffeeſervice wurde hinaus getragen. ünſchten Lange vermochten beide nicht, den Ton ihrer Stim⸗ ie Nebel men zu verſuchen; aber ſie litten eine gemeinſame Tortur ptember, von dem ewigen Hin⸗ und Hergehen in den Nebenzim⸗ Himmel mern. Endlich waren die langweiligen Arbeiten mit dem 5 Auskehren und Aufräumen beendigt, und nun trat eine vollkommene Stille in den kleinen Zimmern ein, welche n, war ganz für ſich ſelbſt im zweiten Stockwerke lagen und von intrefſen eiigen draußen ſtehenden Linden beſchattet wurden. aren nie) Lavinia hatte ſich auf den Sofa geſetzt und ſtützte 5 den Kopf leicht mit der Hand. Ludwig ging auf und ab und hielt hiemit gewiß eine Viertelſtunde aus; denn La⸗ vinia's ſprechende Unruhe, die etwas mehr enthalten sußte, als er ahnte, miſchte beſtäͤndig Furcht in ſein ennendes Verlangen, ſein Schickſal beſtimmt zu ſehen. Plötzlich aber ſtand er ſtill. „Wie ſich doch jede Dummheit, jede Aufregung ünſtigen 358 Gemüthes ſelbſt ſtraft!“ begann er, indem er einen Blick der größten Zärtlichkeit auf ſie warf, die heute vor einem Jahre ſeine Gattin geworden war.„Ich ſchäme mich vor mir ſelbſt und vor Dir bei der Erinnerung an den! wahnſinnigen Beſchluß, welcher an unſrer heutigen gemein⸗ ſchaftlichen Verlegenheit Schuld iſt. Hätte ich bei dieſer Gelegenheit gezeigt, was Du mir ſpäterhin ſo häufig ge⸗ zeigt haſt, nämlich Geduld und Nachſicht, ſo waͤre wahr⸗ ſcheinlich keine ſo lange Zeit hingegangen, bis auf der— einen Seite die Güte Deines Herzens und auf der andern meine unausgeſetzten Bemühungen den Abſcheu gemindert, welchen Du damals fühlteſt, uns in ein beſſeres und glücklicheres Verhältniß gebracht hätten. Aber wenn ich damals übermüthig oder richtiger unſinnig war, ſo weißt Du ſelbſt, ob ich dafür habe leiden müſſen. Doch, geliebte Lavinia!....“ Der Klang dieſer beiden jetzt zum erſten Male zu⸗ ſammen angewendeter Worte machten auf Ludwig einen f ſo ſtarken Eindruck, daß alle Verlegenheit, Unruhe und Furcht hinſchwanden wie die Wolken vor einem ſonnen⸗ warmen Winde. „Geliebte, geliebte Lavinia! welcher Erklärungen be⸗ dürfte es wohl noch nach demjenigen, das Deine eigenen Augen geſehen haben? Du haſt es ſelbſt ſehen können, wie ein neues Leben mich in ein neues Daſein gerufen hat. Ich, der die Liebe nicht kannte, ihre Macht nicht verſtand, konnte heute vor einem Jahre reden wie ein Wahnſinniger; aber welche Kämpfe hat mir nicht dieſer Wahnſinn ſpaͤterhin gekoſtet— tauſende von Kämpfen, angenehme und bittere! Ein Sklave meines gegebenen Wortes und Gelübdes habe ich Dich dennoch nie mit der geringſten Hindeutung meiner Unzufriedenheit, mit keiner einzigen Hindeutung, unſer unnatürliches Verhältniß zu brechen, beleidigt. Doch heute, heute, da entwender der Himmel ſeine Thür öffnet oder auch die Hölle, heute bitte ich Dich“— und Ludwig, der ſtolze, ſelbſtfüchtige ehe⸗ malige Egoiſt kniete nieder vor einem Weibe—„da Du mit kam; l werde mein L flößeſt, mich m Marter der Eif lichen kannſt, einer Eingar E 3 wenn it Hochzem L ſchreibl „ ſetzen, geben, zuleben bliebe. rakter ein gef wollte. n Blick r einem ie mich an den gemein⸗ ei dieſer ufig ge⸗ wahr⸗ auf der andern mindert, res und venn ich ſo weißt geliebte dale zu⸗ g einen uhe und ſonnen⸗ igen be⸗ eigenen können, gerufen cht nicht wie ein ht dieſer dämpfen, egebenen mit der it keiner ltniß zu nder der ute bitte tige ehe⸗ daß 2 359 Du mir den Wahnſinn verzeiheſt, der damals über mich kam; heute bitte ich Dich mit brennenden, heiligen Bitten: werde meine, werde meine angebetete, verehrte Gattin, mein Leben, mein Alles! Die Gefuhle, welche Du ein⸗ flößeſt, ſind ſo gewaltig und dabei doch ſo ſanft, daß ſie mich wechſelsweiſe die reinſte Seligkeit und die verzehrendſte Marter empfinden laſſen— ich meine nicht die Marter der Eiferſucht, ſondern der Furcht, der unſäglichen, ſchreck⸗ lichen Furcht, daß Du nicht wirklich denjenigen lieben kannſt, welchen Du einmal verabſcheueteſt. Denn außer einer ungetheilten Liebe öffnet mir der Himmel keinen Eingang.“ Er ſchwieg, und nur noch ſeine Blicke fragten. „Alſo, Ludwig,“ ſtammelte Lavinia,„Du würdeſt, wenn ich dieſe Gefühle nicht theilte, bei Deinem an unſerm Hochzeitabende ausgeſprochenen Beſchluſſe verharren?“ Ludwig ſah ſie an mit einem Blicke voll der unbe⸗ ſchreiblichſten Liebe und Unruhe. „Nichts,“ ſagte er,„könnte mir Deinen Verluſt er⸗ ſetzen, nichts aber würde mir einen Erſatz für den Schmerz geben, ein ganzes Leben an der Seite eines Weibes hin⸗ zuleben, für welche ich brennte, während ſie ſtets kalt bliebe. Lieber, ja... lieber Trennung!“ Auf Lavinia's Lippen ſchwebte ein Lächeln von faſt heiliger Schönheit. Und während erröthende Flammen über ihr Antlitz fuhren, antwortete ſie leiſe, aber doch klar und feſt: „Da Du Deine eigene Geſchichte kennſt, ſo kennſt Du auch die meinige; und es wäre ganz meinem Cha⸗ rakter und meiner Geſinnung zuwider, wenn ich durch ein gefallſüchtiges Ausweichen dieſes Bekenntniß verzögern wollte. O, Ludwig, ich kenne Dich auch allzu wohl, als daß ich nicht wiſſen ſollte, daß Du, der Du nie vor den Füßen eines Weibes gekniet haſt, es auch jetzt nicht vor mir gethan haben würdeſt, wenn Du Dir nicht ſchon vorher alle Gewißheit verſchafft hätteſt, die Du haben 360 wollteſt! Doch außer den Gefühlen, die ſich ſelbſt geben, wird noch etwas mehr erfordert, das... das...“ „Fordere was Du willſt!“ ſagte Ludwig mit Begei⸗ ſterung;„ich kenne keine Gränze für die Aufopferungen, deren ich nicht fähig wäre, wenn Du ſolche verlangſt. Alles, alles— wenn ich nur Deine Liebe behalten darf!“ „So ſetze Dich hier neben mich, mein theurer Lud⸗ wig, und laß uns vexſuchen, ruhig und vernünftig zu ſein. Ich habe Dir noch ein Geſtändniß zu thun.“ „Nein, ſchweig lieber!“ rief er erbleichend aus. „Iſt es der erbärmliche Gotthard, welcher... Ach, ver⸗ gieb!— ich werde immer wahnſinnig, wenn ich an einen andern denke, ſei erslebendig oder todt, der Theil gn Dei⸗ nem Herzen hat!“ „Du wilder Menſch!“ wie ſoll es mir wohl je ge⸗ lingen, Dich zu zähmen! Doch tröſte 9.. hier iſt nicht die Rede von mir, auch nicht von hard— ruhe er im Frieden; ich denke nicht meht an ihn, weder mit Schmerz noch mit Bitterkeit. Meine Gefühle für Dich, für Dich, Ludwig! haben alle andern weggeweht und geebnet; und auch auf Dich bezieht ſich was ich für meine kunftige Ruhs fordere.. Ich verabſcheue die Eiferſucht— und was glaubſt Du wohl— dennoch bin ich ſchon ſelbſt ein Opfer derſeben ge zeſen. Du weißt, daß ich Dir dreimal eine nnerklarliche Launenhaftigkeit gezeigt habe: zuerſt als wir von dem Mittage auf Pfarrhofe zurückkamen an jenem Abende, da ich Gottetet heard's Brief vor hatte und Du“— fuhr ſie mit geſentes en Blicke fort—„glaubteſt, daß er meine Rührung hervorgerufen hätte; dann als ich vorgab, ich wäre krank und damit endigte, daß ich reiſen wollte, und drittens als Du mir im Frühlinge bei meiner Rückkehr von A— entgegenkamſt.“* „Sollte das Alles,“ fragte Ludwig, und ſein Auge blitzte vor Freuden, denn er betrachtete die Sache von einer andern Seite als Lavinia,„ſollte das alles geſchehen Ken, weit Du... 24 O nein, ich bin kein ſo eingebil⸗ 1 1 deter Na Du ja ſ chem Ge „E „es war werfen 1 ich eiferſ der letzte von dem bei Frau Aufkläru dennoch Doch he ewig zu Verbindr läugnen 7 theure, „L 23 vollkom wäre, z den haſt haſte V tes und mir beir und nic tthhen geweſen zu grüß in Deine damals mermeh! 361 deter Narr, daß ich ſo etwas denken kann. Da hätteſt 1 Du ja ſchon lange, faſt eben ſo lange wie ich von glei⸗ Begei⸗ chem Gefühle gebrannt!“ geben, 71 ungen,„Es war unſer Schickſal,“ entgegnete ſie lächelnd, angſt.„es war unſre Strafe, der wir uns mit Geduld unter⸗ arf!“ ſ werfen müſſen. Aber, Ludwig, es iſt die Wahrheit, daß Lud⸗ ich eiferfüchtig geweſen bin; und daß Du mich nun in g zu der letztern Zeit immer gleich gefunden haſt, das rührt von dem Beſuche her, welchen ich vor Deiner Rückkehr aus. bei Frau— Rehnman abſtattete, ohne mir die geringſte ver⸗ Aufklärung zu geben, hatten ihre freundlichen Worxte einen dennoch die Kraft, alle meine Bekümmerniſſe zu heben. Dei⸗ Doch heute, da die Rede dayon iſt, Anſer Schickſal auf ewig zu vereinigen, heute mußt Du mir die Art dieſer je ge⸗ Verbindung erklären, welche— das kannſt Du nicht ier iſt läugnen— auch noch nach der unſrigen fortgedauert hat.“ ruhe„Sie ſoll guch fortdauern, ſo lange ich lebe, meine r mit theure, geliebté, ſüße Lavinia l. Dich,„Ludwig! was ſagſt Du?“ t und„Ich ſage: wenn es nicht eine ſo unbegreifliche und h für vollkommen unerwartete Vergrößerung meines Glückes ne die wäre, zu vernehmen, daß auch Du die Marter empfun⸗ ch bin den haſt, welche ich empfand, ſo würde ich Dir ſo ernſt⸗ haſte Vorwürfe mähen, daß Du Dir ewas ſo Ungereim⸗ tes und Närriſches von mir haſt denken können: ich ſollte mir beinahe unter Deinen Augen eine Maitreſſe halten! und nicht einmal genug damit: ich würde ja gllen An⸗ eeſentenacchen auf Ehre entſagt haben, wenn ich im Stande weißt, hrung geweſen wäre, Dich, meine Gattin, zu erſuchen, ſe zu grüßen, und Dir darauf zu geſtatten, ihr einen Platz in Deinem Wagen anzubieten. Ach, wo hatteſt Du denn damals Deine gewöhnliche Scharffinnigkeit?“ „Wo?— ich weiß nicht. Alſo iſt es denn bei ott krank rittens — Auge wahr, Ludwig...2 Doch ich leſe in Deinen Augen, 2 von daß ich eine große Närrin geweſen bin: Du hätteſt nim⸗ chehen mermehr ſo gegen das arme Mädchen handeln können, gebila* 362 welches Du wie eine Schweſter beſchützteſt. Höre nun . 5 in ge aber auch, was ich zu hören gezwungen war!“ daßl Jetzt erzählte Lavinia jeden Umſtand: das Geſpräch, terhin welches ſie in dem Pfarrhofe mit angehört, das Billet, wöhne welches die Kamrerin Kumlin aus Bosheit zurückgelaſſen hatte, und endlich die unſchuldige Erzählung des ehrli⸗ erröthe chen Feldwebels von den Beſuchen ſeines Herrn in Kullen. 5 Herru in zen Ludwig war erſtaunt, war außer ſich über die hede Schlechtigkeit und Unverſchämtheit der Menſchen. Doch haſt, wurde alles vergeſſen und in dem Meere der glückſeligen ſehen! „ Gefühle ertänkt, welche unaufhörlich in ſeine Bruſt dung ſtrömten. 1 „Nein, Du kommſt nicht ſo leicht weg!“ begann La⸗ vinia von Neuem;„ich entſinne mich, daß Du einmal ſelbſt ſagteſt, Du hätteſt daran gedacht, Dich mit Maria wenn Rehnman zu verbinden!“ eine g „Das habe ich geſagt, und eben das ſollte Dich meine ganz überzeugt haben, daß wenn ich ein ſo großer Schurke meine hören, verbin 2 geweſen wäre ſie zu verführen, ich ſie doch hernach nicht Halbb würde haben ſitzen laſſen. Doch, meine Geliebte! ent⸗ ihre g ſinnſt Du Dich auch noch deſſen, was ich weiter ſagte? dieſe Ich ſagte: ehe dieſer Vorſatz zur Reife gekommen ſei, mehr wäre ſie ſchon unwürdig geworden, meinen Namen zu mich tragen.“ aicht „Alſo, mein Ludwig! alſo.. 2“ durch „Alſo haſt Du zum erſten Male mich um Verzeihung Ahnu zu bitten!“ Er ſchlang ſeinen Arm ſo feſt um ſie, als mich wollte er ſie in Ewigkeit nicht wieder los laſſen.. „O nein, ſo weit ſind wir noch nicht gekommen: ich Du 8 5 7 llte meinen, es ſels zuvor noch ührig zu erklären, wa⸗ finden rum Du in jenem Billete Deine t vcht darüber äußer⸗. teſt, ein gewiſſes Verhältniß könnte zu meinen Ohren ge⸗ ben langen?“ AVgorb⸗ „Dazu hatte ich wirklich meine guten Grunde, die unend ich Dir hernach mittheilen will; nun aber ſollte ich mnei⸗ nen, dir hätten Erklärungen genug gehabt, und künn⸗ ten an etwas Wichtigeres denken.... Nachdem man theure unſer! re nun heſſpräch, Billet, gelaſſen s ehrli⸗ Kullen. ber die Doch ckſeligen Bruſt ann La⸗ einmal Maria te Dich Schurke ch nicht el ent⸗ ſagte? nen ſei, men zu zeihung ſie, als nen: ich n, wa⸗ äußer⸗ bren ge⸗ de, die ich mei⸗ d könn⸗ m man 363 ein ganzes Jahr verheirathet geweſen iſt, ſo iſt es wohl nicht zu ſpät, den erſten Kuß zu erhalten? Spä⸗ terhin hoffe ich, mir meine täppiſche Blödigkeit abzuge⸗ wöhnen; doch jetzt bin ich noch ſo... ſo...“ „Ja, Du biſt mir gewiß blöde!“ flüſterte Lavinia erröthend.„Ich hätte, genau gerechnet, Dir in dem ganzen Jahre nicht mehr beſtehen können, als Du jetzt in wenigen Minuten geraubt haſt. Doch ſei nun ernſt⸗ haft, mein Ludwig, und laß es bleiben, mich ſo anzu⸗ ſehen! Ich will es beſtimmt wiſſen, worin dieſe Verbin⸗ dung mit Maria Rehnmann eigentlich beſteht— ich will hören, wie du je daran denken konnteſt, Dich mit ihr zu verbinden?“ „Ich konnte mich mit jedem Mädchen verbinden, wenn ich nur hoffen durfte, daß ſie für meine Kleinen eine gute Mutter werden würde, warum denn nicht mit meiner liebenswürdigen und guten Marie? Du weißt ja, meine theure Lavinia, ich war damals ein unglücklicher Halbblinder, auf den die Wunderſonne der Liebe noch nie ihre geſegneten Strahlen geworfen hatte; als mich aber dieſe zu wärmen begann, da begehrte ich immer mehr und mehr Licht. Ich ſtrebte mich dem Ziele zu nähern, wohin mich alle neuerwachten Gefühle zogen; hätte ich es aber nicht erreicht, ſo wäre ich mein ganzes uübriges Leben hin⸗ durch ein Einſiedler geblieben, denn— nachdem ich eine Ahnung von dem Höchſten erhalten hatte, ſo würde ich mich nimmermehr mit dem Geringeren begnügt haben.“ „Nun das iſt gut; doch das Billet, das Billet! Weißt Du, daß Du wirklich ſehr geſchifkt biſt, Ausflächte, zu finden?“ „Laß mich nnerſt Pferde beſtellen! Wir haben ſt. ben Meilen bis Roſenborg— ich ſchicke ſogleich einen Vorboten, ſo kommen wir heute Abend hin. Es wäre unendlich herrlich, wenn wir unſre Heimath, unſre ruhige theure Heimath an unſerm Hochzeitstage— ich ſage nie unſern zweiten Hochzeitstage— erreichen könnten 14 „Nun ſo beſorge denn das Alles!“ S 8 364 Ludwig flog hinaus, um alle ſeine Anordnungen allzn w auszuführen; und erſt als ſie anderthalb Stunden ſpaͤter den M im Reiſewagen ſaßen und Lavinia's Haupt an der Schul⸗ mußt m ter ihres Gatten ruhte, da erinnerte ſie ih i 5 hn wieder:„Nun— wirſt Du doch wohl kein neues Mittel erſinnen können die ſoor um mir auszuweichen?“ 1 8 Ach, glaube mir, meine einzi f hard! „Ach, g e einzige Geliebte, dieſes Ausweichen geſchah nicht um meinetwillen! Leider 84 Ruhe ſ das Schickſal der armen Marie Rehnman in ſehr nahem ſem Be Verhältniſſe mit dem Deinigen.“ innat Wie, Ludwig wie? Ich wei enthaͤlt „Wie,.. wie? Ich weiß, Du kannſt mich nicht betrogen haben!“ cj 8 1 ſchaft, „»Nein, ich gewiß nicht; doch— betrog Dich nicht in nae ſchon einmal ein Anderer? Du wirſt blaß, meine Lavinia? erſt auf O, wenn Du mich wirklich liebſt, ſo lege mich nicht auf deſſen W die Folter dadurch daß Du mir die Martern zeigſt hat, ol er Dir noch verurſacht!“ 1e3ſ malch mich w „Gotthard... Gotthard!“... ſtotterte ſe jer, d 8 5 Haußi ſzunier hinab in ihre Hände; nur ein fehſt⸗ eufzer, aber ein Seufzer von unermeßlichem Umfange Art ein hob lhre Brun. Zchem umſenge( uſt a Ludwig verſtummte; ſein Blick haftete auf ihrer ge⸗ muß t ſenkten Stirn. 3 haf ſ ihrir g ſowohl Nach einigen Minuten erhob Lavinia ihr Haupt. ſeine B „Das war ein ſcharfer Stich!“ ſagte ſie, doch es iit man am vorbei!“„6L „Vorbei?“ wiederholte er mit einem leiſen ungläu⸗ die in bigen Schütteln des Kopfes. 3 obgleich „Ich ſage Dir, es iſt! Wie es ſo ſein kann, darüͤber Frau? denken wir ſpäter nach. Laß mich nun von Dir reden, einzuſel der Du die Verlaſſene beſchützt haſt, von Dir, gegen den ein En ich ſo ungerecht geweſen bin! Ach, mein Ludwig, wie barn w edel biſt Du, wie anſpruchslos mit allem Guten, das Du meine ausrichteſt! Darum iſt es auch mein größtes Glück, hin, be daß ich ſagen kann: ich hochachte Dich eben ſo ſehr, krauke, als ich Dich liebe!“ lichen „Das iſt ja gar kein Verhäͤltniß!“ ſagte Ludwig, der alten d 4 nungen ſpaͤter Schul⸗ „Nun önnen, dieſes ſteht nahem kannſt nicht vinia? ht auf welche ir ein nfange er ge⸗ pt. es iſt igläu⸗ arüber reden, en den „ wie 1s Du Glück, ſehr, g, der 365 allzu wahrhaft beſcheiden war, als daß er ſein Lob aus dem Munde des geliebten Weibes hören wollte.„Du mußt mich tauſendmal mehr lieben!“ Lavinia ſah ihn an mit einem von dieſen Blicken, die ſo viel verſprechen. Darauf fuhr ſie fort:„Sprechen wir nun über Gott⸗ hard! Es iſt faſt unbegreiflich, daß ich mit ſo vieler Nuhe ſeinen Namen ausſprechen, mit ſo vieler Ruhe an ſein Betragen denken kann! Aber der Brief, welcher auf einmal und auf ewig ſein Bild aus meinem Herzen riß, enthält das Geſtändniß von einer verbrecheriſchen Leiden⸗ ſchaft, die er während ſeines Aufenthaltes bei dem Bade in** gegen ein junges Mädchen gefaßt hat, welches er zu⸗ erſt auf einem ſeiner Spaziergänge vor der Stadt angetroffen, deſſen Bekanntſchaft er nachher erworben und unterhalten hat, ohne ſeine Verlobung zu verrathen. Erlaß es mir, mich weiter auszuſprechen: ich will Dir den Brief zeigen, jer, da es mich nicht mehr demüthigt, daß Du ihn ſiehſt; und Du wirſt begreifen, daß es mir mit meiner Art ein Verlöbniß zu betrachten unmöglich war, den Ver⸗ luſt eines Mannes zu betrauern, den ich verachten muß trotz ſeiner Reue über das Verbrechen, welches er ſowohl gegen die arme Verführte, als auch gegen mich, ſeine Braut, begangen hatte. Wie kam aber Maria Rehn⸗ man an dieſen Badeort?“ „Sie war nicht beim Bade, ſondern bei Verwandten, die in der Nähe der Stadt auf dem Lande wohnten; und obgleich ich damals gar nicht begreifen konnte, warum Frau Rehnman ſie dahin xeiſen ließ, ſo glaube ich jetzt einzuſehen, daß es geſchehen ſein muß, um dem Geſchwätz ein Ende zu machen, womit unſre klatſchſüchtigen Nach⸗ barn wahrſcheinlich ſchon damals zur ihrer Unterhaltung meine Beſuche auf Kullen erklärten. Ich ging oft dort⸗ hin, beſonders ſeitdem ich Wittwer geworden war. Meine aauke, verſtimmte Seele bedurſte ſo ſehr dieſer freund⸗ lichen Geſichter, und überdies iſt mir die Geſellſchaft der Walten Frau Rehnman immer von hohem Werthe gew 5 366 Marien liebte ich wie eine Schweſter, nie anders, und auch Bürgſcha ſie hegte gegen mich kein anderes Gefühl. Sonſt wäre erfuhrſt; ſie geſchützt geweſen gegen die heftige Leidenſchaft, welche betrogen ihr ganzes Lebensglück zerſtört hat.“ 3„Ir „Arme, arme Mariel ſie glaubte ihn frei, und er nur, daß hatte ein Vermögen zu bezanbern, das im höchſten Grade einer An gefahrlich werden mußte für ein ſo unerfahrenes Mädchen ſagt, die wie ſie.⸗ 3 mehr an „Er war ein Schurke!“ rief Ludwig aus.„Und Du Darlehn ſiehſt nun leicht die Urſache der Sympathie ein, welche lange Ze mich zu Dir zog, da ich, noch ehe ich Dich kennen lernte, nachdem Dein wunderliches Betragen nach dem Tode Deines Bräu⸗ die arme, tigams erzählen hörte, ein Betragen, deſſen Grund mir ihre Verz vollkommen bekannt war. Schon in Deinem Abſcheu Henker u gegen ihn(ich konnte verſtehen, daß er Dir ſein Geheim⸗ Gewiſſen niß entdeckt hatte) keimte das Gefühl, das ſpäterhin ſo ſeiner B mächtig in meiner Seele wurde; denn ich ſchätzte dieſe außer⸗ Barons ordentliche Strenge der Grundſätze, die ſogar die Liebe ihre Ver zu beherrſchen weiß“ der Müt „Ach, wie glucklich bin ich, mein Ludwig, daß Du Angſt mi mit mir zufrieden biſt! nun aber glaubſt Du wohl auch, Ich berei daß wir heute auf ewig getrennt geweſen wären, ſo hoch demüthig mein Gefuͤhl auch gegen Dich geſtiegen war, wenn ein Frau au zärtlicheres Verhältniß zwiſchen Dir und dieſem Mädchen reichte d Statt gefunden hätte.“ verdoppel „Sei überzeugt, daß Du in dieſem Falle nie Gele⸗ wem ihr genheit gehabt haben würdeſt, mich auszuſchlagen; denn leicht zu hätte ich auch die Achtung gegen mich ſelbſt vergeſſen, Verwirrr nach meiner Verheirathung eine unerlaubte Verbindung„Ic zu unterhalten, ſo würde ich doch enigſtens nie in einem nichts er ſolchen Grade die Achtung vergeſſen haben, die ich Dir ſchuldig war, daß ich es gewagt hätte, Deine Treue zu„Si begehren. 3 1 Deine C „Mit ſolchen Geſinnungen können wir gegenſeitig ganz und ſicher ſein. Eine nach der Hochzeit erwachſene, mit einer um mein warmen Achtung und völliger Kenntniß der gegenſeitigen rattere derbundene Liebe iſt ohne Zweifel die höchſt d auch wäre welche ind er Grade ädchen nd Du welche lernte, Bräu⸗ d mir bſcheu eheim⸗ hin ſo außer⸗ Liebe ß Du auch, » hoch in ein ädchen Gele⸗ denn geſſen, ndung einem h Dir eue zu nſeitig einer eitigen höchſte 4 367 Bürgſchaft für irdiſches Glück... Doch ſage mir: wie erfuhrſt Du Maria's Unglück, und wie erfuhr ſie, daß ſie betrogen war?“ „In der Stunde der Trennung bekannte er ihr nicht nur, daß ſie auf ewig ſchieden, ſondern auch, daß er mit einer Andern verlobt war; aber er hatte ihr Worte ge⸗ ſagt, die Marie oft wiederholte:„Ich werde ihr nicht mehr angehören als Dir. Der Himmel wird bald ſein Darlehn zurückfordern; und verzieht dieſes auch noch eine lange Zeit, ſo will ich ſie dennoch nie meine Gattin nennen, nachdem ich Dich meine Geliebte genannt habe.“— Und die arme, unglückliche, verlaſſene Marie gab ihm nicht nur ihre Verzeihung, ſondern ſie ſegnete ſogar auch noch ihren Henker und bat ihn inſtändigſt, vor ſeinem Hingange ſein Gewiſſen durch ein Geſtändniß zu erleichtern, welches er ſeiner Braut ſchuldig wäre. Gleich nach der Abreiſe des Barons reiste auch Marie nach Hauſe; und ſo groß war ihre Verzweiflung darüber, daß ſie die achtungswürdigſte der Mütter entehrte, daß ſie in ihrer unausſprechlichen Angſt mich, ihren Bruder, zu ihrem Vertrauten wählte. Ich bereitete Frau Rehnman vor, und mit der wahren, demüthigen Gottesfurcht, welche das ganze Leben dieſer Frau ausgezeichnet hat, empfing ſie den ſchrecklichen Schlag, reichte der Reuevollen ihre Arme und ſchenkte ihr eine verdoppelte Liebe. Erſt lange nachher erfuhr Marie, mit wem ihr Verführer verlobt geweſen war; und es iſt daher leicht zu erklären, warum ſie Dich nicht ohne die tiefſte Verwirrung ſehen konnte.“ „Ja, nun verſtehe ich das, und auch warum Du mir nichts erklären wollteſt: gewiß hatte Dich Marie darum gebeten?“ „Sie that es, weil ſie glaubte, daß gewiſſe Gerüchte Deine Ohren erreicht hätten; ich aber hielt ſolches für ganz unwahrſcheinlich, da ich Dir ſelbſt geung geſagt hatte, um meiner Meinung nach mein Verhältniß zu dieſen Frauenzimmern in das rechte Licht geſetzt zu haben. Mein ſeinziger Wunſch war, Dir den Schmerz einer von Reuem . 368 aufgeriſſenen Wunde zu ſparen, ſowie auch den Schmerz, in der Nähe dieſes unglücklichen Mädchens zu wohnen, die einſt eine unſchuldige Urſache Deiner bitterſten Leiden geweſen war.“ „Nun aber,“ entgegnete Lavinia,„werde ich ſie ſehen können. Ja, ich will mich bemühen, die ganze Gegend zu überzeugen, daß ich mich ihrer wie einer Schweſter annehme. Nachdem die Erinnerung an Gotthard gänz⸗ lich ihren Werth für mich verloren hat, nachdem ich ihm von ganzer Seele und von ganzem Herzen verziehen habe, will ich auch mit Dir, mein Ludwig, in Freundſchaft ge⸗ gen die Unglückliche wetteifern.“ „Ach, geliebte Lavinia, dieſe Verſicherung ſetzt mei⸗ nem Glücke die Krone auf: Deine Großmuth zeigt mir, daß Dein Herz nur für eine Liebe Raum hat.“ Es war ſchon lange finſter geweſen, und nur der Mond ſchimmerte über den Bergen und goß ſein hleiches Licht auf die weißen Mauern von Roſenborg, als det Wagen ſich dem Kreuzwege näherte. „Soll nicht der Kutſcher zur Kirche fahren?“ fragte Lavinia ſcherzend. „Zur Kirche?“ wiederholte Ludwig, der aus dem be⸗ rauſchten Schweigen ſeiner Gefühle auffuhr. „Ja, ich entſinne mich, daß Du dieſen Befehl zu ge⸗ ben pflegſt, wenn Du am Hochzeitstage Deine Neuver⸗ mählte nach Hauſe führſt.“ „O, Du Boshafte! Auf jeden Fall iſt es zum Er⸗ ſtaunen, daß nur ein kurzes Jahr erforderlich iſt, un die Lage der Dinge gänzlich umzukehren.“ Lavinia lächelte.— „Sieh, wie freundlich im Saale das Feuer winkt! Dein Vorbote iſt zu guter Zeit angekommen: hier iſt ſchomzan mehren Stellen erleuchtet.“ 3 „Ba, ſogar dort oben in meinem armen Junggeſellen⸗ neſte. Aber w malige da brau fen. D neben T „C lich, do würdeſt Ausſicht wählte. „J ziehens dal ſie theures „J. „Weißt innigſten Ort niek demnäch entfernt „A Doch ſi berg! Nie hat deutliche „3 berg mi Saal g. kommen ſagen, d er Feli ſchlechtm — nun Carl 369 dina neſte. Nun, die Muͤhe hätten ſie ſich ſparen können! Leiden Aber weißt Du, meine Geliebte, ich richte mir das ehe⸗ malige Kinderzimmer zu meinem Arbeitszimmer ein— te ſehen da brauche ich nicht unaufhörlich auf der Treppe zu lau⸗ Gegend fen. Dieſes Zimmer hat die allerbeſte Lage, denn es liegt 38 neben Deinem Kabinette. chweſter 9„Eben darum liegt es allzu nahe. Ich fürchte wirk⸗ 3 ihn lich, daß Du auf dieſe Weiſe allzu ſehr zerſtreut werden habe würdeſt, ſofern ich nicht lieber Dein Zimmer, deſſen zaft 2Ausſicht mir ſehr gefällt, zu meinem Arbeitskabinette haft ge⸗ wählte.“ 1„In dieſem Falle will ich mir die Mühe des Um⸗ Pt mei⸗ ziehens erſparen!“ meinte Ludwig lächelnd.„Doch ſieh gt mir, dal ſie haben ſchon den Wagen gehört!... O, mein theures Roſenborg— unſer Roſenborg!“ „Ja, unſer Roſenborg!“ wiederholte Lavinia gerührt. „Weißt Du, warum ich in dieſem Augenblicke Gott am linnigſten dauke? Erſtlich weil Du dieſen entzückenden nur der Ort nicht von Deiner verſtorbenen Frau geerbt haſt, und heices. demnächſt weil Du mit einem ſo ſchönen Feingefühl alles det entfernt haſt, was an ſie erinnern könnte.“ 3„Ach, wie ſehr verſtehe ich dieſe Deine Gefühle! fragte Doch ſieh, dort haben wir den Feldwebel und Frau Bruns⸗ berg! Sieh, wie froh die guten Seelen ausſehen!... dem be⸗ Nie hat ſich wohl die Zufriedenheit in zwei Geſichtern deutlicher ausgeſprochen.“... zu ge⸗„Ich nehme mir die Freiheit, begann Frau Bruns⸗ Neuver⸗ berg mit großer Feierlichkeit, als die Herrſchaft in den Saal gekommen und die gewöhnlichen Grüße zum Will⸗ kemmen erhalten hatte,„ich nehme mir die Fkeiheit zu ſagen, daß ich vollkommen überzeugt bin, der Herr Ritt⸗ reiſter und die gnädige Frau ſind in einer geſegneten Stunde gekommen: denn es hat ſich ſo zugetragen, daß der Feldwebel und ich, oder mein Stark, wie ich nun hlechtweg ſage, daß Stark und ich vor einem Augenblicke nun ſo komm doch, mein lieber Stark, und ennfange Carlen. Ein Jahr. 2 3 370 die guten Glückwünſche der Herrſchaften— einig geworden dung il ſind, Glück und Unglück mit einander zu theilen. Es iſt merkwür ſchon lange gleichſam gut zwiſchen uns geweſen, obgleich entſchloſ Zeit damit hingegangen iſt, ehe Stark ſein Anliegen heraus⸗ Brautw klemmen konnte.“ Do „Ganz richtig: es iſt Zeit damit hingegangen— hm!“ Stande, „Aber Sie meinen, Herr Feldwebel, daß das Gute dieſe Br niemals zu ſpät kommt, und damit ſtimme auch ich mit es nicht ein. Ich muß geſtehen, meine beſte Frau Brunsberg, daß heit geh uns unmöglich eine angenehmere Ueberraſchung bei unſrer garetha Ruckkehr hätte erwarten können; und mit meiner herzlich⸗ Weiſe ſten Gratulation vereinige ich den Wunſch, daß Roſenborg zu glauf durch dieſe Veränderung nicht ſeinen Inſpektor und ſeine gewiß n Viceherrin verlieren möge.“ Di „Dieſem Wunſche ertheile ich einen ſo herzlichen Beifall,“ Perſone fügte Lavinia hinzu,„daß ich in einem andern Falle der zeit auf Braut mit dem größten Kummer von der Welt die Krone Jet aufſetzen würde. Es iſt leicht zu verſtehen, daß der In⸗ Salon ſpektor mit ſeiner Frau eine eigene Haushaltung haben an, der muß, und daß ich daher gezwungen bin, mich nach einer„3 andern Hülfe umzuſehen; in der Hauptſache aber hoffe ich vergnuͤg den guten Rath der erfahrnen Hausvorſteherin nie ent⸗ daß er behren zu dürfen.“ wenigſte „Ihro Gnaden... Ihro Gnaden!“ ſtotterte Frau O ſieh, Brunsberg faſt erſtickt von Hochmuth und Thränen,„ich.. dort in nun, Gott ſei gelobt, Frau Stark ſoll nicht ſchlechter wer⸗ ſchimme den als Frau Brunsberg für ihre Herrſchaft geweſen iſt;„U und ich hoffe, mein Alter ſoll daher keine Urſache haben ſier ſchi ſich darüber zu beklagen, daß ich nicht nach ihm ſehe.¹„ „Ach, Herr Gott!“ ſtammelte der Feldwebel, ſo ver⸗ erwarten ſchämt über die vertrauliche Benennung, daß er kaum den Kopf zu erheben vermochte,„ich werde gewiß nicht... nicht... nicht...“* Es gelang ihm nicht das Wort vergeſſen über feine Lippen zusbringen; denn der Reſt der ganzen aner⸗ meßlichen Anſtrengung, deren er bedurft hatte, um ſich als Wuuttigam zu zeigen, verſchwand, da ſeine nbal 371 worden dung ihn plötzlich zurückverſetzte in dieſen glücklichen und Es iſt merkwürdigen Augenblick, als Frau Brunsberg ihm in obgleich entſchloſſenem Tone erklärte, ſie fühlte ſich von ſeiner heraus⸗ Brautwerbung ſehr geſchmeichelt. Doch ſo lange er lebte, war der Feldwebel nicht im — hm!“ Stande, zu einer wirklichen Klarheit zu gelangen, wie ss Gute dieſe Brautwerbung eigentlich zugegangen war. Er konnte ich mit es nicht in ſeinen Kopf bekommen, daß er eine ſolche Kühn⸗ rg, daß heit gehabt haben ſollte; doch da ſeine vortreffliche Mar⸗ unſrer garetha es geſagt hatte, ſo war es doch wohl auf dieſe herzlich⸗ Weiſe zugegangen; denn ihre Worte zu bezweifeln oder ſſenborg zu glauben, daß ſie ſelbſt... nein, ſo gottlos konnte er nd ſeine gewiß nie werden.... Die Abendmahlzeit, auf dem kleinen Tiſche für zwei Beifall’“ Perſonen gedeckt, war beendigt, und nie war eine Mahl⸗ falle der zeit auf Roſenborg dieſer ähnlich geweſen. e Krone Jetzt gingen die beiden Gatten Arm in Arm im der In⸗ Salon auf und ab, blickten bald ſich und bald den Mond 3 haben an, der ſo freundlich zu ihnen hereinſchien. ich einer„Ich möchte wohl wiſſen,“ ſagte Ludwig zärtlich und hoffe ich vergnügt,„ob der Mond heute vor einem Jahre ahnte, nie ent⸗ daß er heute einen ſolchen Anblick haben würde. Ich wenigſtens hatte nicht die geringſte Ahnung davon... te Frau O ſieh, meine Geliebte! wie herrlich die Mondſtrahlen „ich... dort im Schlafgemach auf die dunkelrothen Gardinen ter wer⸗ ſchimmern— ſiehſt Du das?“— eſen iſt;„Und ſiehſt Du, wie ſie auf meine Blunmen im Fen⸗ e haben ſter ſchimmern?“ ſche.¹“.„SDeine Brautjungfern!... komm, komm!... ſie ſo ver⸗ erwarten uns!“ r kaum nicht... en über en aner⸗ 1 1 372 Yreiunddreißigſtes Kapitel. An demſelben Abende, da die jungen glücklichen Gatten auf Roſenborg ihren Einzug hielten und aus ihrem frohen Himmel einen theilnehmenden Seufzer zu denjenigen ſendeten, deren Schickſal ſich in einer dem ihri⸗ gen entgegen geſetzten Richtung entwickelt hatte, ſaß der Protokolls⸗Secretair von B—, er, der heute vor einem Jahre in einem Meer von Liebe und Freude ſchwamm, an dem Schreibtiſche in ſeinem einſamen Arbeitszimmer mit der Beantwortung eines Briefes beſchäftigt, den er vor drei Tagen von ſeiner Frau erhalten hatte. Bleich, gelb, mager, an Körper und Seele niederge⸗ beugt ergriff der ſonſt ſo muntere, gutmüthige und lebens⸗ frohe Rudolf die Feder, warf ſie aber wieder weg, und durchlief noch einmal Julia's Schreiben. Dieſes lautete folgender Maßen: „Da ich nun beinahe zwei Monate lang in faſt klöſterlicher Einſamkeit gelebt habe, ohne daß Du mich mit einer einzigen Zeile getröſtet, und mir nur einen Schimmer von Hoffnung zu geben geſucht haſt, daß meine Gefangenſchaft bald ein Ende nehmen würde, noch daß Du ein einziges Mal meine Briefe beantwortet oder von mir die geringſte Notiz genommen haſt, obgleich ich ſo innig, ſo ſchön, ja vielleicht mit allzu großer Demuth Dich gebeten habe, mir meine kleine kindiſche Poſſe zu verzeihen: ſo ſehe ich ein und halte es für entſchieden, daß Dein Herz auf ewig für mich erkaltet iſt. Ich kann mich über Deine Verwirrung beklagenz doch nach dieſem eigenſinnigen Schweigen kann ich, ſelbſt wenn Du es wünſchen ſollteſt, keine Verſöhnung mehr geſtattenz und ich beklage Dich im Voraus für den Tag, da Du mit ränzenloſer Reue Dich der Zeit erinnern wirſt, welche Du erſäumteſt, um Deine Uebereilung wieder gut zu machen Ich beging eine Handlung von jugendlichem unſchull würdige D Dich fi rauben umſchaf Launen Di niß, das Jc jenige, ſchnell wenn2 Knien Monate Uj griffen, ſo ſchre S riſſen, A viel er vertroch mer V „ anklag 8 373 unſchuldigem Leichtſinn— Du eine Handlung von ſtraf⸗ würdiger Grauſamkeit, als Du mich verſtießeſt. Du glaubteſt, die Trennung, die Reue und die Furcht, Dich für immer zu verlieren, würden mir meinen Muth rauben und mich zu einer dieſer ſeufzenden Sklavinnen icklichen umſchaffen, welche gleich den chineſiſchen Puppen nach den nd aus Launen ihrer Männer das Haupt ſenken. fzer zu Die Berechnung war falſch! Höre hier ein Bekennt⸗ i ihri⸗ niß, das Dich vielleicht in Erſtaunen ſetzt! ſaß der Ich liebe Dich nicht mehr! einem Nein, ich liebe Dich nicht mehr. Ich, ich bin die⸗ wamm, jenige, welche begehrt, welche fordert nicht eine Tren⸗ zimmer nung auf unbeſtimmte Zeit, ſondern eine ordentliche geſetz⸗ den er liche Scheidung. Und es iſt mein höchſter Wunſch, daß dieſelbe ſo lederge⸗ ſchnell wie möglich geſchehe; denn nie, nie, Rudolf, und lebens⸗ wenn Du auch drei ganze Tage lang auf Deinen bloßen , und Knien lägeſt, verzeihe ich Dir, daß Du mich zwei ganze Monate lang vergeſſen konnteſt. Ich ſchreibe meiner Mutter über dieſen Gegenſtand— in faſt mache Du mit ihr und mit meinen übrigen Verwandten u mich alles ab, was über dieſe Sache erforderlich ſein kann. einen Ich erwarte inzwiſchen Deine Antwort. Zmeine 4 Julia.“ ch daß Unzählige Male hatte Rudolf Feder und Papier er⸗ der von griffen, um dieſe Antwort zu ſchreiben; aber es war eine ich ſo ſo ſchrecklich ſchwere Arbeit. Demuth Seine Seele war durch Julia's letztes Betragen zer⸗ Boſſe zu riſſen, vernichtet worden, chieden, Ach, er hatte von dieſer Einſamkeit, dieſer Reue ſo 3 ſtſeel erwartet! Nun abel war das Herz in ſeiner Bruſt uz doch vertrocknet, die Quelle der Thränen verſtegt— in ſtum⸗ ſt wenn mer Verzweiflung ermannte er ſich endlich und ſchrieb: ſtatten; Geſchehe was Du willſt; eine geſetzliche ordentliche da Du Scheidung. Weit entfernt von der Beſchuldigung, deren D anklagſt, habe ich jeden Deiner Schritte auf da gut zu lichem 374 tigſte beobachtet; mit welchen Gefühlen ich ihnen folgte, wäre jetzt überflüſſig zu ſagen. Anfangs dämmerte in meiner Seele noch eine ſchwache Hoffnung; ſeit einem Monate aber iſt ſie ganz erloſchen. Ich weiß, daß Du Dich in der Einſamkeit von einem Abenteurer haſt tröſten laſſen, den ein böſes Geſchick in jene Gegenden geführt haben muß. Ich kenne den Cha⸗ rakter dieſes Mannes nicht; meine aber, daß man ihn aus ſeiner Handlungsweiſe erkennen kann, da er in ſeinen Netzen ein Weib zu fangen ſucht, das wenigſtens jetzt noch mit den heiligſten Gelübden an ihren Mann gebun⸗ den iſt, und ihr ſo für ewig jeden Ausweg zur Verſöh⸗ nung raubt. Julia, Julia! ich müßte mich verachten, wenn ich von mir ſelbſt, von meinem Schmerze, von dem Leben, das meiner wartet, reden wollte— ich will nur davon reden, was Deiner wartet. Das Erſte iſt die Trennung von Deinem Kinde, denn nie, nie geſtatte ich, daß es den Schutz eines fremden Vaters erhält. Das Zweite iſt ein Schmerz, der wenig⸗ ſtens dereinſt erwachen wird; der Schmerz und die Reue, daß Du nicht nur das Glück, ſondern auch die reinſten und beſten Gefühle zerſtört haſt, die unſre Seelen beſaßen. Wohin werden ſie ſich verirren, wenn ſie ewig auf getrennten Weßzeen wandern müſſen? Höre und beherzige wenigſtens meine letzte Bittel Wähle nicht dieſen Mann zu Deinem Gatten, wenn die Bande gelöst ſind, die Dich an mich feſſeln! Ich habe eine Ahnung, eine gewiſſe Ahnung, welche mir ſagt, daß er Dich unglücklich machen wird, weit unglücklicher, als Du jetzt biſt. Lebe wohl, o Julia, lebe wohl, lebe wohl! Uebereile Dich doch nicht, unterſuche Dein Herz ge⸗ nau, ehe Du zum zweiten Male die geſetzliche Scheidung nie wä gen, w N ſchöpft ſchwer Tiefe Wink, . noch it Lebens weinen begehrſt. Vorher thue ich nichts dabei. Gott ſegne Dich 85 Ths des Elendes, das Du über mich gehäuft haſt, ſind folgte, hwache loſchen. einem chick in a Cha⸗ hn aus ſeinen 1s jetzt gebun⸗ Verſöh⸗ enn ich Leben, davon Kinde, remden wenig⸗ Reue, reinſten heſaßen. dig auf Bittel enn die h habe gt, daß r, als 375 nie wärmere Gebete zu Gott empor geſtiegen, als diejenk⸗ gen, welche nun für Dich hinaufſendet Rudolf.“ Nachdem er dieſen Brief, der ſeine ganze Kraft er⸗ ſchöpft zu haben ſchien, vollendet hatte, ſank ſein Haupt ſchwer auf die Bruſt hinab, und er betete, betete aus der Tiefe ſeiner Seele, daß ſie hören möchte auf den halben Wink, den er gegeben hatte. In dem verborgenſten Winkel ſeines Herzens ſprach noch immer eine Stimme laut für ſie, die er während ſeines Lebens nicht aufhörte zu lieben, zu vermiſſen und zu be⸗ weinen. ſſöſ Acht Jahre ſpäter. (Drei Gemälde.) D merte Caprif borg u A Reiter Schauk noch ſ und zu zin den mit C ihren Lavinic Abende 1. Der freundliche Schein der Frühlingsſonne ſchim⸗ merte in dem jungen, ſaftigen Laube der Flieder⸗ und Caprifolienhecken, welche das weiße Gebäude von Roſen⸗ borg umgaben. 3 . Auf dem Hofe jagte ein kleiner Oeländer mit ſeinem Reiter rund um den Grasplan des Rondels. Auf dem Schaukelbrette ſaß die Hausmutter, deren ſchönes Geſicht noch ſeinen ganzen Adel, ſeine ganze Friſche beibehielt; und zwei kleine holde Mädchen— wie Lavinia ſie einſt in den verſtorbenen Töchtern ihres Mannes geträumt hatte, mit Cherubsköpfen und Alabaſterformen— ſpieltſt zu ihren Füßen mit dem alten Hunde des Vaters, während Lavinia fleißig an einer Puppe nähte, die am vorigen Abende nicht fertig geworden war. Oetzt blies es in einer Jagdpfeife, und bald zeigt ſich der Nittmeiſter im Thorwege von einer Schaar Jugdhunde „umgeben und mit einer wohlverſehenen Jagdtaſche auf der Schulter. Lavinia ſtand auf, um ihm entgegen zu eilen. Doch eifrig winkend rief er fröhlich:„O nein, nein; ſitz doch ſtill!“ Und indem er die Jagdtaſche ins Gras warf, und in der Vorbeifahrt dem Reiter einen leichten Scchhlag gab, flog er auf das Schaukelbrett zu und ſchlang den einen Arm um die angebetete Gattin und den ander um die Kinder, welche an ihn hinaufkletterten. 380 „O welch ein herrlicher Anblick, dich hier mit unſern ‚kleinen Engeln’ ſitzen zu ſehen!“— ſo pflegte in ver⸗ traulichen Augenblicken der Rittmeiſter leiſe, ſo daß die Engel es nicht hörten, ſeine Töchter zu nennen.... „Unſer Glück wächst mit jedem Jahre, mit jeder Woche, mit jeder Sonne welche auf⸗ und untergeht. Und ich Thor wollte dieſes ganze Glück von mir ſtoßen!“ „War ich denn wohl klüger?“ anwortete ſie, indem ſie liebevoll ſeine Liebkoſungen erwiederte. „Warum kommſt Du nicht herab, Adrian?“ rief der Rittmeiſter zu einem der offenen Fenſter in der zweiten Etage hinauf.„Biſt Du noch immer dabei, Dein Trauer⸗ ſpiel zu corrigiren, oder ſchmeichelſt Du Dir damit, daß ich noch jalour ſein könnte?“ 1„O nein,“ antwortete der Graf, welcher, indem er im Fenſter ſichtbar wurde, nur die letzte Frage beantwor⸗ tete,„ich ſtieg allzu ſchnell empor, um mich auf der Höhe halten zu können; und nachdem ich nun in meine alte Unbedeutſamkeit zurückgeſunken bin, macht es mir Spaß den Feldwebel jalour zu machen, wenn ich während ſeiner Abweſenheit hineingehe und mit ſeiner Hausfrau plaudere, welche, Gott ſei Lob und Dank, immer noch ſehen und hören kann.“ „Komm ſchnell herab!“ ermahnte der Rittmeiſter. Laß es nun genug ſein mit dem Ritt, Ludwig!“ ſagte Lavinia zu ihrem Erſtgebornen.„Komm, und ſage guten Tag zum Vater! Dann ſpringe hinein und ſage zu Lotta, ſie ſoll das Frühſtüͤck heraus bringen— ſchmeckt es Dir nicht hier draußen beſſer, mein Geliebter, da das Wetter ſo herrlich iſt?“ Draußen oder im Hauſe,„überall, wo Deine klaven Augen leuchten, iſt für mich gut ſein.... Junge! gieb mir einen Kuß, und wenn Du den Auftrag der Mutter ausgerichtet haſt, ſo komm ſchnell her mit dem Wagen der kleinen Schweſtern: wir wollen ſie beide ein wenig Fehen Du und ich!“ nzwiſchen betrachtete der Rittmeiſter ſeine„Engelt 8 3 daraue mit Bl war ſe ſie in i nem in den ſch Lo Rühru D Lippen rück ar ſchwun Schaut dachte. ſie hat⸗ wig's „„ Mutter Diana. ſie zu Ranzio Ehrend Y nen do * etwas daß ſo bewein es doc zu ſich daß vi ſchen nſern ver⸗ 3 die oche, d ich ndem f der veiten auer⸗ daß m er wor⸗ Höhe alte Spaß ſeiner idere, und r. ſagte guten Lotta, Dir Jetter laren gieb dutter Jagen wenig ngel“ 381 mit Blicken des zärtlichſten Vatergefühles— der Sohn war ſein Stolz, die Töchter ſein Entzücken. Er zupſte ſie in ihren kleinen ſeidenen Locken und flocht oft zu ſei⸗ nem innigſten Vergnügen die gelben Locken der Einen mit den ſchwarzen der Andern zuſammen und küßte Beide. Lavinia betrachtete ihn und ihr Herz zitterte vor Rührung. Dennoch ſchlich ein Seufzer von dem Herzen zu den Lippen, denn jetzt, wie ſo oft, warf ſie einen Blick zu⸗ rück auf die Zeit, in welcher Rudolf ſeinen ſchnell ver⸗ ſchwundenen Seligkeitstraum träumte, und ein leiſer Schauder durchdrang ſie, da ſie an Damals und Jetzt dachte. Doch ſie verbarg ihre ſchnelle Bewegung, denn ſie hatte nicht das Herz, mit dieſen Erinnerungen Lud⸗ wig's reine Freude zu ſtören. „So, Kinderchen! theilt nun dieſe Zwieback, die Mutter in Ordnung gelegt hat, unter Hektor, Mars und Diana. Setzt Euch dort unter den Baum, ſo kommen ſie zu Euch... Du, alter Thor, haſt wohl ſchon Deine Ranzion bekommen, geh aber dennoch mit, Du alter Ehrenwächter und gieb Acht auf die jungen Damen!“ Mit freudigen und leichten Sprüngen eilten die Klei⸗ nen davon. „Weißt Du, meine Lavinia, daß ich jetzt eben au etwas dachte, das gewiß ſehr vernünftig war.“ 3„Wenn es mit ihnen— ſie deutete lächelnd auf die Kinder— in Verbindung ſteht, ſo zweifle ich daran, daß es ſo ganz beſonders vernünftig iſt!“ „Bald wirſt Du beſſer urtheilen. Ich dachte darau, daß ſo herzlich ich auch anfangs den Verluſt der Kleinen beweinte, welche die ſelige Charlotte mir hinterlaſſen hatte, es doch ganz gewiß ein großes Glück war, daß Gott ſie zu ſich nahm. Sie waren ſo häßlich, die armen Kleinen, daß vielleicht einmal, wenn ſie zu einem Vergleiche zwi⸗ 4 ſchen ſich und dieſen beiden erwacht wären, ein Neid ſaraus entſtanden ſein könnte, der alle Geſchwiſterliehe⸗ 382 ben würde.“* „Es iſt wahr, mein Ludwig, daß ſolches häͤtte ge⸗ ſchehen können, beſonders da Du ſehr vielen Schönheits⸗ ſinn haſt. Wider Deinen eigenen Willen hätteſt Du viel⸗ leicht Deinen„Engeln“ einigen Vorzug gegeben.“ „Und das Bewußtſein einer ſolchen Ungerechtigkeit hätte mich gewiß ſelbſt dann, wenn Du mit Deiner Her⸗ zensgüte ſie den Leidenden mit einer doppelten Liebe er⸗ ſetzt hätteſt, ſo gepeinigt, daß ich mich mitten in dem Ueberfluſſe des Gluckes nicht glücklich gefühlt hätte.... Aber ſieh dieſe doch einmal an; ſieh, wie ſchön ſie ſind; ſieh, wie die Locken fliegen und die Augen ſtrahlen und die kleinen weißen Händchen den Mars zupfen, weil er den Brudertheil**) nahm! Ach, gewiß gebören ſie zu dem Schönſten, das unſer Herr geſchaffen hat!“ „Mein geliebter Ludwig! wenn ſie das ſind, ſo mußt Du um ſo behutſamer ſein, damit nie ein Wort von die⸗ ſer Bedeutung ihnen naht. Wie früh und wie gerne horchen nicht kleine Mädchen auf den ſchmeichelhaften Ton in den Lobeserhebungen über ihre Schönheit! Ach, Ludwig! laß uns vorſichtig, äußerſt vorſichtig ſein, damit d di anvertraut hat. Laß uns gemeinſchaf der groößten Sorgfalt jeden Keim der Eitelkeit ausreißen, der in ihnen liegen kann. Es ſſt die Citelkeit, welche den Leichtſinn erzeugt; und oft, oder unglücklicher Weiſe Blindheit, ihre unvorſichtige Schmeichelei dasjenige, was den Grund zu dieſem ſchrecklichen Fehler legt, der ſchon das Glück ſo manches liebenden und von Herzen guten, ſach dem 1841 aufgebobenen ſchwediſchen Erbgeſetze Lanve, nicht aber in den Städten, die Söhne dop⸗ el als die Töchter. 4 Anm. d. Ue und zugleich allen Frieden in unſerm Hauſe zerſtört ha⸗ uns nicht dereinſt die ſchwerſte Verantwortlichkeit für die Zukunft und das Glück derjenigen triſſt, die Gott uns ftlich ſchon früh mit am gewöhnlichſten iſt die eigene Citelkeit der Eltern, ihre aher ſchwachen Weibes zerſtört hat. Können wir wohl jemals nur leic „2 Kinder, und beſ geleitet Wenn ich ſehe Stande zu beſtr regieren lich zur ich dar im Er Mann Verſtar dernsw er es ſonſt ſe ſterten, übereilt mir je bisweil ſo hätt feſthalt dees erſ weichu geführt t ha⸗ e ge⸗ heits⸗ viel⸗ igkeit Her⸗ de er⸗ dem ſind; 1 und il er dem mußt 1 die⸗ gerne jaften Ach, damit ir die uns mit eißen, velche Weiſe ihre 383 jemals Julia vergeſſen? Sie war nicht laſterhaft, ſondern nur leichtſinnig.“— „Beinahe erſchreckſt Du mich, Geliebte! Kinder, erzogen von Dir, der zärtlichſten, verſtändigſten und beſten Mutter, die je die erſten Schritte eines Kindes geleitet hat, können unmöglich dieſen Fehler erhalten. Wenn Du wüßteſt, wie ſehr ich Dich bewundere, wenn ich ſehe, wie Du trotz Deiner großen Liebe gegen ſie im Stande biſt, ihre kleinen Fehler mit dem ſtrengſten Ernſte zu beſtrafen! Den Jungen kann ich mit meinem Blicke regieren und auch, wenn es darauf ankommt, handgreif⸗ lich zurecht weiſen; aber dieſe— unmöglich!“ „Und doch regierſt Du auch ſie mit Deinem klein⸗ ſten Blicke: mehr bedarf es ja nicht!“ „Und Du,“ ſagte er und ſchlang lächelnd femmen Arm um ſie,„Du beliebſt uns alle mit einander durch⸗ Deine Blicke zu regieren! Ich ſchäme mich beinahe, wenn ich daran denke, was Du aus mir gemacht haſt. Doch im Ernſte geſprochen, geliebte Lavinial kann wohl ein Mann eine Frau genug anbeten, die mit einem ſolchen Verſtande, einer ſolchen Herzensgüte, einer ſo bewun⸗ dernswürdigen Geduld nach und nach und ſo leicht, daß er es nie gefühlt hat, die Launen und Fehler, welche ſonſt ſein Leben verdunkelten und ſeinen Verſtand verfin⸗ ſterten, hinweggepflückt hat? Haͤtteſt Du mir je mit einem übereilten oder beißenden Worte entgegnet, hätteſt Du mir je einen kalten oder finſtern Blick gezeigt, wenn ich bisweilen in meine alte ungereimte Heſtigkeit zurück fiel, ſo hätte ich augenblicklich etwas gehabt, woran ich mich feſthalten könnte; doch nie, nie, nicht einmal während 3 des erſten verrückten Jahres erlaubteſt Du Dir eine Ah⸗ weichung von dem edlen Plane, den Du hernach durch⸗ gefuhrt und auch, wie ich glaube, beinahe vollendet haſt. Ach, gebe Gott, daß jeder Mann mit meiner Laune und meinen Fehlern eine ſolche Gattin bekäme! Do wohl unmöglich— daher wünſche ich, daß er ei Doch dieſe ch das iſt 384 möge, die nur die Hälfte deiner Verdienſte hat. Es gieb nur Eine Lavinia!“ „Und gegen ſie biſt Du ſo ſchwach, daß ich Dich he von Herzen bedaure! Doch ſieh, dort haben wir den ka Grafen und auch das Frühſtück!“ be gu 2. ihr Eben hatte es Zwölf geſchlagen. Es war Mitter⸗ 6 nacht. 2 In einem äußerſt dürftig möblirten Zimmer ſtand u ein noch junges Frauenzimmer vor einem Faſſe und zog w. Lichte. Uum ihren Kopf hing ein kleines ehemals roſarothes, ſt ſchmutzig graues Tuch, unter welchem das Haar 1 Ordnung und Anmuth aufgewickelt war. Schmutzige Struͤmpfe, niedergetretene, ehemals mit Kerlenſtickerei fe eerſehene Pantoffeln, ein ſchlecht genähtes Kleid und eine ſe zerriſſene ſeidene Schürze— alles zeigte an, daß man 8 ines von dieſen Weſen vor ſich hatte, die unter demn neberfluſſe und der Verfeinerung des Luxrus ſo fein ſind, h daß man ſie mit Zephiren vergleichen könnte, doch in ver⸗ 9 änderten Umſtänden, da ſie Muth und Seelenkraft ent⸗ n wickeln ſollten, in dieſen Zuſtand von Schläfrigkeit und 92 Nachläßigkeit verſinken, die ſie zu einem abſchreckenden d Beiſpiele für junge Hausmütter machen. 3 Ein ſolches Weib war jetzt Julia! 8 3 Dooch nicht nur ihr Anzug, ſondern auch ihre ganze 4 Umgebung zeugte, daß ſie Schritt für Schritt abwärts gegangen war. 1 Und auf den unterſten Punkt iſt wohl das Weib ge⸗ 3 kommen, wenn ſie nicht mehr das Bedürfniß kennt, der 4 Geſchöpfe zu warten, die ihr am nächſten an dem Herzen 4 ſi 3 b r nd ſie arbeitete, warf Julia aftmals len Blick in die Ecke, woſelbſt ihre Ki der Wiege, die beiden andern i 3 giebt )Dich ir den Nitter⸗ ſtand d zog othes, Haar nutzige tickerei d eine man dem ſind, 1 ver⸗ tent⸗ und fenden ganze wärts 6 ge⸗ der derzen einen nder, einer 385 Schlafbank, auf Betten ſchlummerten, die wenigſtens nicht dieſe ſchneeige Weiße beſaßen, die ſogar die ärmſte Mutter hervorzubringen vermag. „Wenn man nichts hat, wovon man etwas machen kann,“ ſagte ſie halblaut, vermuthlich um ſich ſelbſt zu beruhigen,„ſo...“ Sie nickte und ſchien große Nei⸗ gung zum Schlafen zu haben, fuhr aber dennoch fort, ihre Lichte einzutauchen; denn eine höhere Macht als der Schlaf hielt ſie jedes Mal zurück, wenn ſie in Verſuchung kam ſich nieder zu werfen. Ihr Geſicht war bleich und ſah kränklich aus, und auf den Wangen lag dieſe Art von unangenehmem Schein, welcher von ſtets abgewiſchten Thränen entſteht. Von einer unſeligen Liebe verleitet hatte Julia ge⸗ ſtrebt, ihr erſtes edles Band zu zerreißen; und als dieſes Streben das erwartete Ziel gefunden hatte, ſo fand auch ſie bald dazzihrige. Kaum waren einige Wochen in dem Seligkeitsrau⸗ ſche verfloſſen, welcher ſich von dem Tage ihrer zweiten Hochzeit datirte, ſo kam Julia vollkommen und für im⸗ mer zu der bittern Ueberzeugung, daß ſie ſich getäuſcht hatte. Sie hatte nicht mehr mit Rudolf's liebeswarmem und vertrauensvollem Herzen zu thun. 6 3 Matt und gegen alles gleichgültig ſchleppte ſie ihr Leben hin. Von Jahr zu Jahr ſank mit dem Wohlſtande der letzte Schimmer eines edleren Strebens. So ſank auch der Mann von einem eleganten Spekulanten zu einem Wiegler er Profeſſo herab— jetzt ſpekulirte er auf Lecktalg und ließ ſeine Frau Lichte ziehen. Als nun Julia ſo ſtand und mechaniſch die Stäbe auf und ab bewegte— die Gedanken waren weit weg in entſchwundenen Zeiten— fuhr ſie heftig zuſammen und wollte eben mit dem Lichte hinaus gehen, als die Thur heftig aufgeriſſen wurde und ein hochgewachſener Mann von wildem und finſterem Ausſehen, doch mit einem ſehr ſthoͤnen Geſichte in das Zimmer trat und den Hut guf 4 den Siſch und den Stock auf das Bett warf. 25 Cardén. Ein Jahr, 386 Julia zitterte an allen Gliedern und ſchien nicht zu ſiiſet⸗ ob ſie reden, ſchweigen oder ihre Arbeit fortſetzen ollte.. „Biſt Du noch nicht fertig?— faul wie gewöhn⸗ lich! Aber hinaus mit dem Plunder— Thüren und Fen⸗ ſter auf!... Nun! wird's bald?— willſt Du mich ganz einſtänkern?“ Der Ton, womit er dieſe Worte ausſprach, war kurz, roh und befehlend: er hatte längſt aufgehört, die geringſte Aehnlichkeit mit der verführeriſchen Stimme zu haben, die einſt in Julia's Ohren Liebesphraſen flüſterte, da ſie noch nicht berechtigt war ſie zu hören. „Die Kinder..““ ſtotterte Julia hervor. „Widerſpruch?... allzu ſchön, gnädige Frau— ich kann im Nothfalle meine Befehle ſelbſt ausführen!“ Und einige Augenblicke darauf ſtrömte der Wind von allen Seiten in das enge Zimmer. Julia hatte ſich hinter den Kamin zurückgezogen. „Sol mach' nun wieder zu und ſetz' vor, was Du haſt!.. Wie? ſchon wieder Thränen? nie etwas anderes!— haſt Du nicht gehört, daß ich keine Thränen —,— „Ich weine nicht...“— Nein, nein; aber Du haſt geweint. Und worüber haſt Du denn zu weinen? Laß ſehen, wer am meiſten verloren hat, wenn wir unſre Rechnung mit einander ab⸗ ſchließen! Du bekamſt einen Mann, der, das iſt wohl wahr, nicht mit ſich ſpielen läßt wie Dein„ſüßer Rudolf;“ weggeben wollte, wenn nur jemand ſie haben wollte, die Ruin mit beigetragen hat. Was glaubſt Du wohl uber⸗ dies, daß es für einen Mann bedeuten ſoll; wenn er in in folches Haus kommt, wie Du es hältſt und gehalter it dem Augenblicke, da ich Dich nahm? Sieh umher me Dich, daß Dir Dein Mann zeigen ſoll, wie und Unbehaglichkeit uüber den Kopf we ſehen will?“ 5 ich aber erhielt dagegen eine Frau, die ich gerne umſonſt 4 3 durch ihre Nachläſſigkeit und Untauglichkeit zu meinem 1 was twas ränen rüber eiſten r ab⸗ wohl olf; iſonſt die einem er in zalten über⸗ mher 387 zum Herrn ging!“ Als es ſtille wurde in dem Zimmer, als der Mann ſchlief und die Kinder ſchliefen, da leg Julia wachend und weinte und ſuchte ſich einen Punkt am Himmel, wo ihr Auge haften konnte, während ſie in ihrem Herzen einen mhuune ausſprach, der ſich am Tage nie über ihre Lippen ſchlich Da antwortete, wie oft, auf ihre ſchweren Seufzer feſten Willen redete. Doch Julia blickte troſtlos und kraftlos um ſich her —,— Erſchlaffung. man etwas machen kann?“ Dieſe Worte, der ewige Wahlſpruch der Trägheit 3. 4 3 Ein ſchwerer Abendnebel hinn äter Stadt—. welche ſi gegen i Uhr an den Wn ehen ſchlich und ungefähr in jeder fünften Min blieb, um bald den Straßenſteinen, bald dem gegen ſie anſtieß, und bald dem d Slait, der na wollte eine Standrede hielt.„ Du biſt eine ſchlechte Frau, eine ſchlechte Hausmutter und ſogar eine ſchl echte Mutter, ſeitdem der Saunh, 3 eine Stimme, welche zu ihr von Erhebung aus allem dieſem Elende, von Erhebung durch Kraft, Muth und — und ſank immer tiefer hinab in ihre gleichgultige 3*„Was ſoll man thun, wenn man nichts hat, wovon und der Faulheit, waren auch der ihrige geworden. * 388 „Ach ſo, mein Freund! Du meinſt, es ſei Dein Recht, dort zu liegen, wo Du liegſt, wenn mein Stiefel auch noch ſo viele Klagen gegen Dich erheben ſollte“— der Angeredete war ein reputirlicher„Bürgermeiſterſtein“ —„doch ſiehſt Du, ich will Dir ein Geheimniß ſagen, das Du nicht verachten ſollſt, ſagt mein Steefel; denn er iſt weiſe wie Salomo. Nun ſo höre denn zu: er ſagt, dieſe Krabbe: es giebt gewiſſe Gerechtſame.... Was beliebt?— keine Rechte?... Nein, lieber Bruder, es iſt verzweifelt, verdammt, ganz des Teufels; aber die Rechte ſind verſchwunden, und alſo ſiehſt Du wohl ein, daß auch Du kein Recht haſt, da zu liegen und meinen Stiefel zu hindern, wenn er zu ſeinem Pantoffel nach Hauſe gehen will..So ſo! Du bleibſt dennoch liegen, und reizeſt mich durch ein naſeweiſes Stillſchweigen? Weißt Du, mein Freund, ich könnte dabei die Geduld verlieren! Ich habe unglücklicher Weiſe gegenwärtig die Gewohnheit, bei Allen die Geduld zu verlieren, und mit Hülfe meines Stockes ſollſt Du ſchon erfahren, daß ich nicht ungeſt ſtraft mit mir ſpaſſen laſſe!... O, Du giebſt nach, glaube ich! Du läßt mit Dir reden! Du marſehirſt abl... Recht ſo, Ehrenpaſcha! beſſer kapituliren, als ſich in einen un⸗ gleichen Kampf einlaſſen! Gute Nacht, lieber Bruder, ſchlafe wohl; wage aber morgen nicht wieder, Dich meinem Stiefel in den Weg zu legen, wenn er nach Hauſe geht! Gute Nacht! gute Nacht!“ Der Mann ſetzte ſeinen Weg fort und blieb endlich vor einem Hauſe ſtehen, deſſen Treppe er bald mit ſo feſten Schritten hinanſtieg, daß man wohl ſah, wie ſehr er gewohnt war, dieſen Weg zu gehen. Als er in ſein Zimmer kam, ſo ſtellte erz 4 und Stock an den getreuen Platz in der Ecke des Ofens, tnppte ordentlich weiter, machte Licht an und ließ ſich vor einem mit beſtäubten Acten überlaſteten Schreibtiſche in einem alten Lehnſtuhl nieder. Als das Licht hell brannte und ſeinen Schein über Hegenſaäͤnde verbreitete, ſo konnte man eintge Züge — von ſchl jug hof wie her und gek art Dein iefel ein“ ien, n er ſagt, Was es iſt echte auch el zu eehen eizeſt Du, Ich „bei eines ſtraft ich! Recht un⸗ uder, inem geht! dlich it ſo ſehr 389 von Rudolf erkennen, obgleich dieſes aufgedunſene und ſchlaffe Geſicht demjenigen, das wir vor neun Jahren von jugendlicher Freude ſtrahlend und vor acht Jahren von hoffnungsloſer Verzweiflung gezeichnet ſahen, ſo ungleich wie möglich war. 3 Mit ſchleppenden Bewegungen zog er das Papier hervor, ſchob das Tintenfaß zurecht, wiſchte die Feder ab und ſetzte den Schirm über das Licht. Darauf klingelte er. „So? der Herr Protokolls⸗Secretair iſt nach Hauſe gekommen wie— gewöhnlich... Nun es war doch artig, daß Sie ſo früh kamen: die Uhr iſt erſt zehn.“ Dieſe Worte ſagte in einem freundlichen, gutmuthigen Tone ein altes Dienſtmädchen, das bei dem Protokolls⸗ Secretaire die Aufwartung hatte, in ſeinem Hauſe wohnte und ſeine kleine Haushaltung beſorgte. „Hörſt Du, Anna Lenal ich will eine Kanne warmes Waſſer haben!“ „Warmes Waſſer ſo ſpät?— O, das iſt gewiß nicht Ihr Ernſt! Ich habe gebratene Fiſche und Milch in Ordnung.“ „Behalte Du Deine Fiſche: ich habe ſchon auf dem Klubb ein Butterbrod gegeſſen!“ „Aber da iſt es auf jeden Fall Zeit zu Bette zu gehen.“ „Meinſt Du das? Aber ſagteſt Du denn nicht heute früh, daß ſie Dir die Treppe ablaufen, um dieſen Plunder zu holen? Nun? Siehſt Du, Anna Lena, nun will ich aufbleiben und arbeiten.“ 5. 3 „Ja, ich weiß ſchon,“ murmelte Anna Lena,„ſo daß morgen früh keine Zeile mehr geſchrieben iſt als jetzt. Doch ſieh! für heute Abend kann's genug ſein— ja, das kann es!“ „Nun wie wir's? Haſt Du das Waſſer ſchon holt?“. „Ich gehe jetzt!“ „Gut; beeile Dich hübſch!.. Ich glaub bald Deinen Namenstag!“ 5* 1 1 8 390 Doch Anna Lena war glücklicher Weiſe nicht feil für ſolche Winke. Sie ging und legte ſich in der aller⸗ ſchönſten Ruhe auf eine Stunde zu Bette; darauf kehrte ſie zu ihrem Herrn zurück, den ſie ganz wie ſie vermuthet hatte, in der Erwartung des Toddywaſſers eingeſchlafen fand. Jetzt half Anna Lena dem Hülfloſen zu Bette; doch die ganze Belohnung für ihre Mühe waren die Worte: „Meerkatze, alte Hexe! konnteſt Du mir nicht einen frohen Augenblick gönnen? Ich träumte von. Ach, es war nur ein Traum— ein Traum!“ t feil aller⸗ kehrte nuthet fand. doch Porte: rohen 3 war In dem bei uns erſcheinenden„Weltpanorama,“ 87 50. Bändchen, iſt erſchienen und in allen Buchhand⸗ lungen zu haben:. 4 0 ☛ 0. s Reiſe in Senegambien. Auf Befehl der franzöſiſchen Regikrung in den Jahren 1843 und 1844 aufgeführt durch die Herren Huard⸗ Beſſiniers, Jamin, Raffenel u. A., beſchrieben von Anne Kaffenel.. Ueberſetzt von C. A. Schmitt. 4 Bochn. Preis 48 kr. oder 16 Ngr. Ausbeute aus der Hand legen. Die Beſchreibung vieler bis jetzt noch gar nicht oder nicht genau bekannter Pflan⸗ zen, die ſorgfältigſte Berückſichtigung der intereſſanten geo⸗ logiſchen Verhältniſſe, die Angabe der reſpektiven Entfer⸗ nungen und der Wegrichtung, geben dem Werk einen ächt wiſſenſchaftlichen Werth. Eine humane, ſittlich⸗religiöſe Weltanſchauung leuchtet uͤberall durch und zeigt ſich be⸗ ſonders in den ganz neuen Anſichten und Vorſchlägen, die der Verfaſſer in Betreff der Sklaverei und ihrer endlichen Beſeitigung entwickelt. Ferner iſt erſchienen 91— 93. Bochn. AS2S 72 Bilder aus Italien. von rl Dickens(Boz). ngliſchen übertragen 19 * Tafel. dder 36 kr. zabe zu den ge⸗ ir gehört aber lücklichen icht gefiel, öne und ieler flan⸗ geo⸗ atfer⸗ ächt giöſe h be⸗ I, die lichen 2 5— „ 6 —— 1 5—— “ “