7 ———— Leihbibliothetr deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗. den angenommen.— 3 „3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme „eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 2 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet( wird.* 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſ beträg:: 8— für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. — 6. Schadenersatz. 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Aus dem Schwediſchen von Dr. C. Friſch. Elftes bis fuünfzehntes Bändchen. * Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen nihnuns 1846. Neunter Zeitraum. Des Einſiedlers Beichte. Mich ſchaudert vor dem Abgrund meiner eigenen Gedanken. Grafſtröm. Als bis ich es an ihren Buſen drücke. Kjelman Göranſon. ———— ——— 8 7 — Erſtes Kapitel. J. Zu oberſt in dem Paquete lag ein Papier, dem man es deutlich anſah, daß es weit ſpäter geſchrieben war, als die eigentlichen Anzeichnungen. Es enthielt nur folgende Worte: 8 „Hier, mein Sohn, haſt Du die Schilderung des ganzen von ſtürmenden Leidenſchaften verheerten und ver⸗ brannten innern Lebens eines Mannes. Lieber Georg! möchteſt Du nicht vergeblich dieſe Blätter über die Ver⸗ irrungen Deines Vaters leſen! Auch Du haſt ſtarke Lei⸗ denſchaften— lerne ſie bei Zeiten beherrſchen; biſt Du erſt unter ihrem Joche, ſo wird es Dir ſchwer, ja unmoͤg⸗ lich, Deine Herrſchaft wieder zu bekommen: ſie reißen Dich mit ſich in den Abgrund.“ Mit einem eaſt heiligen Schauder berührten Georg's Lippen dieſe Zeilen, die Einleitung in das geheimnißvolle Trauerſpiel, deſſen Hauptrolle ſein geliebter Vater ausge⸗ führt hatte. Für einige Augenblicke ſank ſein Kopf auf die Bruſt hinab; doch bald ergriff er mit verdoppelter Heftigkeit die vergilbten Blätter, von denen er hoffte und verlangte, daß ſie ihm den Weg zeigen ſollten, den er zu wandern hatte. „Baron Wilhelm von U.. iſt für die Welt längſt todt. Zwei Jahrzehenden bedecken mit Vergeſſenheit ſeinen Namen— ach, bedeckten ſie auch ſeinen Staub! „Da er keine Erben ſeines Namens hinterließ, ſo ging ſein alter Stammſitz Helgenäs auf ſeinen Vetter, den Baron Arnold von U.. über, während Bernhard Letsler, der irrende Flüchtling, der heimathloſe Mann, nachdem er viele Jahre lang bald hierhin, bald dorthin gejagt worden war, endlich mit Weib und Kind auf dem nackteſten Felſen der Scheren, auf der Johannis⸗Klippe, eine Freiſtatt fand... (Georg ſprang auf. Das Blut ſtrömte ihm zu Kopfe. „Ich ahnte ja dieſes— alſo ſollte Helgenäs eigentlich.. O, mein Vater, mein Vater!“ Er ſank zurück auf ſei⸗ nen Stuhl und verbarg das Geſicht in den Händen. Es dauerte einige Minuten, ehe er im Stande war, mit geſammelten Gedanken im Leſen fortzufahren.) „Es gab eine Zeit— aber ſie iſt nun lange, ja ſehr lange verfloſſen, und es kommt mir bisweilen vor, als wäre es nur eine Täuſchung— da auch ich glücklich und ſchuld⸗ los war.... Selige Zeit, himmliſche Zeit! ich weiß, daß Du geweſen biſt! Doch ich weiß noch Eins: Du wirſt dem Landesflüchtigen, dem vor ſeinem eigenen Ge⸗ wiſſen Verdammten nie, nie wiederkehren!“ „Auch ich jagte einmal dem Vergnügen nach, und fand es überall; denn ein junges, friſches Gemüth ſucht die Freude nicht vergebens, ſie kommt ihm aus eigenem Antriebe aus allen Weltgegenden zu, ſo wie ſpäterhin Sorge und Leiden. Dann, wenn die böſen Tage kommen, wechſelt auch der Charakter ſeine Tracht: alles wechſelt: die Mittagshitze verſengt den ſeinen Duft, der in der Mor⸗ genröthe des Jünglinges über ſeine Seele ausgebreitet liegt; der Friede verkehrt ſich in Unfrieden, die Ruhe in Sturm, die ſanfte Wärme des Geſichtes in Feuer und Brand. „Als das Erbtheil eines geehrten und tief betrauerten Onkel alten gehab treuer erzog Vate Fami Helge mich Euch nur nur Bran den reiße her mein colin Herz lich! ach, nen. nur Blic ohne um da von verz ich ſtür längſt ſeinen do ging , den letsler, em er ſchuld⸗ weiß, Du n Ge⸗ , und zſucht genem äterhin mmen, ichſelt: Mor⸗ ebreitet uhe in er und auerten 13 Onkels kam Helgenäs in meine Hand, und ich liebte den alten Herrenſitz mit einer Wärme, als hätte er eine Seele gehabt, womit er mich wieder lieben könnte. „Und hatte es nicht wirklich eine ſolche Seele in dem treuen, redlichen Ignelius, der auf dem Gute geboren und erzogen war und nebſt dem Verwalteramte von ſeinem Vater auch die Liebe deſſelben gegen die Familie und das Familiengut geerbt hatte? Ja, Ignelius war das Herz: Helgenäs und er waren Eins. Und dieſer Mann liebte mich mit einer Stärke, einer Treue, die ſich nie verläugnete. „O mein Helgenäs, o mein alter Diener, ich moͤchte Euch hier im Leben noch einmal ſehen! Doch ich werde nur dieſe Klippe, dieſe kämpfenden Wellen ſehen, ich werde nur das Echo der Berge auf das wilde Gelächter der Brandungen antworten hören, wenn es ihnen gelungen iſt, den Armen des Sturmes ein ermattetes Opfer zu ent⸗ reißen. „Doch ſehe und hoͤre ich nicht auch ſtets um mich her andere Gegenſtände? Wer ſchwebt unaufhörlich vor meinen Augen— iſt ſie es nicht? Ja, es iſt meine Ni⸗ coline!.. Wie dieſer Name mich nagt, wie er mein Herz geißelt! Ich machte ſie nicht glücklich, nie glück⸗ lich! Sie wollte nur aus Erbarmen, aus Mitleiden— ach, ihr Herz war ja ſo reich an Mitleiden— ſo ſchei⸗ nen... Aber war denn ich ſo glücklich? Ich war es nur, ſo lange ich in ihrem Lächeln, in ihren liebevollen Blicken meine Sorgen und Gewiſſensqualen ertränkte. „O, Nicoline, meine Gattin, jetzt ſiehſt Du mich ohne Hülle, ſiehſt was ich gethan, was ich geopfert habe, um nur Dich zu beſitzen! Du ahnteſt nichts; doch nun, da Dir alles klar iſt— wendeſt Du Dich nun vielleicht von mir hinweg? Thue das nicht! Engel koͤnnen ja verzeihen— wende Dich nicht von mir hinweg; höre, wie ich bitte, auf meinen Knien flehe ich Dich um Erbarmen!“ „Wie wild es auch jetzt um die Johannis⸗Klippe ſtürmt, ſo ſtürmt es dennoch wilder in meinem Innern! —— — — ——, Wie glücklich wäre ich, wenn ich den einen Sturm in den andern werfen könnte, welche Wolluſt wäre es, wenn ich den Brand in meinem Blute dort unten in dem kühlen Grabe löſchen könnte! Doch nein; eine ſolche Wolluſt gibt es nicht für mich; ich muß leben, um den bittern Lebensſaft tropfenweiſe zu trinken, bis die Flaſche geleert iſt—— noch aber iſt vieles übrigg. Nein, nicht auf dieſe Weiſe... mein Kopf iſt nicht gut! Ich will mir vorſtellen, daß ich eine Art von Ruhe habe: ich will ja dieſe Reihen für Georg aufſetzen, für Nicoli⸗ nens Sohp... „Ich liebte Helgenäs ſo, daß vielleicht kein Menſch begreifen kann, daß man im Stande iſt, einen Erdfleck, ein altes Gebäude und einen verfallenen Hafendamm ſo zu lieben. Doch dieſer herrliche Fleck an dem öden Strande war meine Welt; und jedes Mal, wenn ich von meiner Reiſe heimkehrte, gelobte ich mir, ihn ſo bald nicht wieder zu verlaſſen; denn nirgends empfand ich die Freude, die Behaglichkeit und den Genuß, den mir die Heimat ſchenkte. „Ich meinte, der erſte Rauſch der Jugend wäre ſchon vorüber. Obgleich ich noch nicht ein und zwanzig Jahre zählte, ſo reifte ich dennoch, wie ich glaubte, ſchon heran zu einem ruhigen und glücklichen Mannesalter. „Ach, wie ganz anders wurde es nicht! „In Dänemark hatte ich einen Freund. Soll ich es wagen, Richard Tank's Namen niederzuſchreiben.... nein, die Feder ſinkt— ich muß ein Paar Tage ruhen; ich muß mich gewöhnen, dieſen Namen auf dem Papiere zu ſehen: jeder Buchſtabe trägt einen Anklagepunkt in ſich. „Richard Tank war nicht reich an Gütern dieſer Erde, um ſo reicher aber war er an Ehre, Selbſtſtändigkeit und edler Geſinnung. Er war ein ſtolzer Mann mit einem geachteten Namen; und ſein höchſtes Beſtreben war, dieſen Namen ſeinen Nachkommen eben ſo unbefleckt zu hinter⸗ laſſen, wie er ihn von ſeinen Vorfahren empfangen hatte. „2 machte Zufall von und „, uns ein und da .„9 einige 2 Urlaubs — auf eine ew gen zuß geheimn eine eir ben, ihr und Tod terlicher welche 1/ Wogen einzigen wir frül da wir in den enn ich kühlen Volluſt bittern geleert t gut! habe: Nicoli⸗ Menſch rdfleck, ſo zu Strande meiner wieder e, die chenkte. e ſchon Jahre heran ich es ruhen; Papiere in ſich. r Erde, keit und einem „dieſen hinter⸗ hatte. 15 „Auf einer Reiſe, die ich durch das däniſche Land machte, wurde unſere Freundſchaft durch den einfachſten Zufall gegründet. Doch dieſer Zufall wurde für uns beide von unendlicher Wichtigkeit. „Eine mächtige Anziehungskraft bildete bald zwiſchen uns einen vertraulicheren Umgang. Wir wurden Freunde, und da wir beide in der Aeußerung unſrer Gefühle heftig waren, ſo gaben wir uns dieſer Freundſchaft mit einer Stärke hin, die bald alle anderen Gefühle überflüſſig machte — wenigſtens glaubten wir dieſes ſelbſt. „Richard, der mich oft in Schweden beſuchte, hatte einige Monate auf Helgenäs verlebt, als er zu Ende ſeiner Urlaubszeit— er war Lieutenant in der däniſchen Armee — auf eine entlegene Feſtung commandirt wurde. „Nie vergeſſe ich den Tag, da wir uns trennten! O wie glücklich wären wir geweſen, wenn dieſer Abſchied eine ewige Trennung geworden wäre, wie uns die Ahnun⸗ gen zuflüſtern wollten!... Die Ahnung hat durch ihre geheimnißvolle Verbindung mit der äußeren Welt immer eine einwirkende Bedeutung; aber ſelten iſt es uns gege⸗ ben, ihre dunklen Räthſel zu deuten. Wir ahnen Hingang und Tod in allem, was dunkel iſt, als gäbe es keine fürch⸗ terlicheren und vollkommeneren Trennungen, als diejenigen, welche der Tod ſchafft... „Es war ein dunkelgrauer Herbſtmorgen. Die trüben Wogen rollten ſchwerfällig gegen den halb zerfallenen Hafendamm an der Nordſeite des ſogenannten Thurmes. Richard und ich ſtanden Arm in Arm an einem von den Fenſtern, die nach dieſer Seite hinaus liegen. Es war Richard's Zimmer. Er liebte ſo ſehr dieſen veralterten Theil des Gebäudes, und bewohnte immer eines der dorti⸗ gen Gaſtzimmer. Getrieben von einer gleichgeſtimmten Unruhe, keinen einzigen der noch übrigen Augenblicke zu verlieren, waren wir früh aufgeſtanden, und doch, da wir uns nun hatten, da wir nun Arm in Arm ſtanden, hatten wir kaum ein —— — ——— einziges Wort, um unſern Schmerz, unſere Traurigkeit über die Trennung auszudrücken. Wir empfanden dieſen Schnierz in einem um ſo höheren Grade, als eine ſchwere Decke ſich über unſere Seelen lagerte und uns die Kraft raubte, dem Augenblicke mit der allergeringſten frohen Hoffnung auf die Zukunft ſeine Bitterkeit zu nehmen. „Noch nie,“ ſagte endlich Richard, indem ſein Auge mit einem treufeſten Blicke in das meinige ſah,„noch nie haben wir gefühlt, was wir jetzt fühlen— ich ſehe es Dir an, Wilhelm, daß auch Dich ein Schmerz niederdrückt, den Du weder beſiegen noch begreifen kannſt.“ „Ich drückte ihm zur Antwort die Hand. Ich glaubte, einer von uns befände ſich am Ufer des Fluſſes der Zeit und wäre im Begriff, auf Charons Fähre an das andere Land überzuſetzen. Dennoch war zu einer ſolchen Vermu⸗ thung kein Grund vorhanden: ſie lag nur in der Weh⸗ muth, welche mein Herz preßte. „Komm waß da will,“ fuhr Richard fort, wir ſind doch glücklich geweſen, haben mehr Freude mit einander genoſſen, als oft in einem ganzen Menſchenleben zu ge⸗ nießen iſt. Und dann die Zuverſicht, daß jeder von uns, er mag nun nahe oder ferne ſein, ſtets einen Freund be⸗ ſitzt, der bereit iſt, für den Andern in dem Augenblicke der Noth Gut und Blut und Leben— alles, nar die Ehre nicht, zu opfern: dieſe Zuverſicht, daß es einen Menſchen gibt, auf den man ſich in jedem Wechſel des Glückes verlaſſen kann, einen Menſchen, der nicht im Stande iſt, ein Verräther zu werden— ach, das iſt eine Freude, ein Troſt, ein Erſatz für jeden Schmerz, ja ſogar für den Schmerz der Trennung.“ Als er dieſe Worte ſagte, ſo ſtrahlte ſein ſchönes und edles Antlitz von einem Feuer, einer Begeiſterung, wie ich noch nie bei ihm geſehen hatte. Auch ich wurde be⸗ geiſtert, auch ich redete Worte voller Schwärmerei und brennender Kraft. Und wir ſchieden ſo, wie nur zwei Menſchen ſcheiden können, die ſich für unauſtoslich vereint halten, dort obe „R / dem Ge uns ſo i uns ver⸗ wirrt uß Feſſeln, könnte. ſchärft und Gel gen iſt uns auch „„ über der⸗ Wochen. uns die ploͤtzlich ein und würde leben ko Vermu⸗ r Weh⸗ ir find einander n zu ge⸗ von uns, eund be⸗ genblicke nur die es einen chſel des nicht im Biſt eine ia ſogar önes und ng, wie zurde be⸗ nerei und nur zwei h vereint 17 halten, mag nun die Wiedervereinigung hier unten oder dort oben geſchehen. „Richard war abgereiſ't. „Doch das heilige Gefühl der Freundſchaft gleicht nicht dem Gefühle der Liebe, der wilden und ſtürmenden, welche uns ſo in uns ſelbſt verſenkt, daß wir alles andere außer uns vergeſſen. ie Liebe verdunkelt unſern Begriff wirrt unſern Blick und wirft uns und Gerechtigkeit: gen iſt die Liebe oft über deren Wohl ich zu wachen hatte, verſchwanden einige Wochen. Ein froher und angenehmer Briefwechſel ließ uns die wehmuthsvolle Abſchiedsſtunde vergeſſen. Doch plötzlich trat ein langes Stillſchweigen von Seiten Richard's ein und ſetzte mich in große Unruhe. Schon glaubte ich, daß unſere ſchlimmen Ahnungen Frucht getragen hätten, ich glaubte, er wäre krank, und ſchon war ich vollkommen entſchloſſen, zu reiſen, als ich endlich einen Brief erhielt, aber einen Brief, der einen höchſt peinigenden Eindruck auf mich machte. Jede Reihe in demſelben— ich muß es geſtehen— hauchte meiner Seele das erſte niedrige Gefuͤhl ein, welches ich bisher gehegt hatte: dieſes Ge⸗ fühl war der Neid. Ich hatte geglaubt, Richard würde, ſo lange er von mir getrennt wäre, in keinem Verhält⸗ niſſe des Lebens ein ungemiſchtes Glück ſchmecken können, und dennoch war dieſer Brief, in welchem er geſtand, daß er während des Laufes eines ganzen Monates die Freund⸗ ſchaft vor der Liebe vergeſſen hätte, von eiuem ſolchen Seligkeitsrauſche durchweht, daß ich nicht bezweifelte, er würde nun wenigſtens eine Zeitlang vollkommen glücklich leben koͤnnene ich mochte nahe oder feyne ſein. Der Einſiedler zc. II. 8 — ——— —— „In meiner Antwort ſuchte ich den Schmerz des Ver⸗ druſſes zu erſticken; aber ein ſcharfſehendes Auge würde dennoch leicht entdeckt haben können, daß mein Gefühl verlarvt war. Richard dagegen entdeckte weiter nichts, als was die Worte buchſtäblich enthielten, denn er war allzu edel, als daß er hätte verſtehen können, was ich fühlte. Wäre das Verhältniß umgekehrt geweſen, wäre ich der in der Liebe Ueberglückliche geweſen, ſo würde er ohne Heuchelei ſich meines Glückes, meiner Freude ge⸗ freut haben. „Ein Jahr verfloß. Richard lud mich mit der größten Sehnſucht zu ſeiner Hochzeit ein. Ich konnte nicht um⸗ hin mich einzufinden. „Als ich Helgenäs verließ, um dieſe Reiſe anzutreten, lag Dunkelheit auf meiner Sesle. Als ich zurückkehrte, war es noch dunkler— aber noch nicht ſchwarz.. „In einem kleinen freundlichen Landhauſe an der blü⸗ henden Küſte von Seeland, wurde Richard's Hochzeit ge⸗ feiert..... Nein, ich kann hier nicht verziehen! Die Furien jagen mich vorwärts. Es überſteigt meine Kräfte, von Neuem dieſes Leben zu durchleben; und dennoch— — ja, ich muß die Schritte verzögern, um langſam, Fuß fuͤr Fuß, durch die verbrannte Sandwüſte der Exin⸗ nerung zu ſchreiten. „Ich bin feige; ich bin es zuvor nicht geweſen, aber. ich fürchte mich, dieſe Geſtalten wieder aus ihren Gräbern ſteigen, das Leichengewand abwerfen und ſich in einem fri⸗ ſchen Leben bewegen zu ſehen. Und ich muß derjenige ſein, der ſie wecken ſoll— ich, der ich wünſche, daß ſie ſchlie⸗ fen bis zum jüngſten Tage, nein, in alle Ewigkeit, und daß ich ſelbſt an ihrer Seite ſchliefe, wenn nämlich dieſer ten. Dort dine hieri ich auswig Eure Gräͤ nein gewif „We Elend, we taſien beus tin, mit L. „Leop an. Er DZienten ein wie die Al ihrem Geft der Lilie. einer Seite die Schlan Herz, und „Bis zwanzig J nur dem ich prägte ſchaft verle und lernte z des Ver⸗ luge würde ein Gefühl er nichts, „was ich ſen, wäre ſo würde Freude ge⸗ der größten nicht um⸗ anzutreten, urückkehrte, 3.... an der blü⸗ Hochzeit ge⸗ iehen! Die neine Kräfte, dennoch— m langſam, ee der Erin⸗ geweſen, aber. hren Gräbern n einem fri⸗ derjenige ſein, aß ſie ſchlie⸗ wigkeit, und nämlich dieſer ür e.. O9 der Sturm, !... mit Euch in nn er war- Eure Gräber! Ich will nichts von Euch.. nichts... nein gewiß nicht............. „Welchen Wahnſinn ſchrieb ich geſter.. O „Elend, wenn ſich die Seele unter den ſchwindelnden Phan⸗ taſien beugen läßt! Heute iſt mir alles klar: heute habe ich kein Fieber. Jetzt kann ich ſchreiben. „Richard war verheirathet. „Er wohnte in dem kleinen Landhauſe mit ſeiner Gat⸗ tin, mit Leopoldinen. „Leopoldine betete den Mann, den ſie gewählt hatte, in. Er vergötterte ſeine junge Gattin; und beide ver⸗ bienten eine gegenſeitige Anbetung, denn beide waren edel, wie die Abbilder der höchſten Liebe es ſein ſollen, und in ihrem Gefühle ſo rein, wie der Thaukriſtall in dem Kelche der Lilie. Und doch, doch wartete ihrer das Unglück von einer Seite, von der ſie es am allerwenigſten ahnen konn⸗ . ten. Dort lauerte eine Schlange in ihrem Blumengarten; die Schlange bohrte ihren Stachel in Richard's warmes Herz, und das Herz brach. „Bis auf dieſen Zeitpunkt— ich war neulich ein und zwanzig Jahre alt geworden— hatte ich die Leidenſchaften nur dem Namen nach gekannt. Aber ich ſah Leopoldine, ich prägte während der Wochen, die ich in ihrer Geſell⸗ ſchaft verlebte, ihr Bild meinem Herzen immer tiefer ein, und lernte mit einem Male drei fürchterliche Feinde meiner Ruhe kennen: Liebe, Eiferſucht und Selbſtverachtung. „Richard, von einem für mich ſo kränkenden Verdacht himmelweit entfernt, führte unaufhörlich das engelſchöne, das entzückende Weib in meinen Weg. Er liebte uns beide ſo hoch, und wollte, daß auch zwiſchen ſeinem Freunde und ſeiner Gattin eine vertraute Freundſchaft Statt fin⸗ den ſollte. Aund mein boſer Geiſt ließ es auch zu, daß Leopol⸗ dine hierin mit Richard übereinſtimmen ſollte. Je mehr ich auswich, um ſo eifriger ſuchte ſie meine Geſellſchaft, um den kleinen Widerwillen zu uͤberwinden, welchen ich ihrer Meinung nach gegen ſie gefaßt hatte, weil ſie mir den erſten Raum in Richard's Herzen geraubt hatte. Ich ließ ihr dieſen Glauben. Denn meine Seele fühlte eine hölliſche Seligkeit, wenn ſie mit der unſchuldigſten Coquet⸗ terie meine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen ſuchte und mehr denn einmal in ſpielendem Trotze zu ihrem Gatten ſagte:„So ſtolz Wilhelm auch immer iſt, ſo ſollſt Du dennoch ſehen, Richard, daß ich Dich am Ende aus⸗ ſteche!“ „So weit aber kam es nie. „Je ſchuldiger ich mich gegen Richard fühlte, um ſo mehr liebte ich ihn. Das war ſonderbar! Ich empfand eine Miſchung von Haß, von Abſcheu, von Eiſerſucht— und dennoch wurde ich mehr denn je zu meinem Freunde hingezogen. Richard's Geſellſchaft that mir weh, peinigte mich auf das Aeußerſte, und dennoch ſuchte ich ſie mit einem Eifer, als könnte nur ſeine Gegenwart mich vor den verbrecheriſchen Gefühlen ſchützen, welche mir zu ver⸗ bergen unmöglich ſchienen, wenn ich ihn nicht vor mir hatte. „Zwei Moͤnate lebte ich in dieſem Fegfeuer. Jeder neue Tag ſchenkte meiner Leidenſchaft einen glücklichen Augenblick— ich dar ja ihr nahe— ließ aber zugleich meinem edleren Gefdule das ganze qualvolle Erbeben empfinden, welches in ſuͤndhaften Gedanken liegt. Endlich Naber mahnte mich der Ueberreſt meiner Kraft zur Verthei⸗ digung gegen den Verſucher, zum Siege über mich ſelbſt und ſch erhielt den Sieg nach einem hartnäckigen Kampfe. „Ich beſchloß nach Helgenäs zurückzukehren. „In der freundlichen„Alltags⸗Stube“— ein neit geordnetes Zimmer, wo Leopoldinens reiner, hausmütten⸗ licher Geiſt ſich über jeden Gegenſtand verbreitet hatte von dem weichen Eckſopha, vor welchem ihr Nähtiſch ſtand, bis zu den Blumen im Fenſter und den Vögeln in Bauer Abende i „Ler und erklä wir jetzt ſie wollte Neues, e „So Richard e pen verſch jetzt eine von welch ten Satz zu unterh eifriger ih „Fi! Wilhelm „Wie Tone des welchen ich weil ſie mir t hatte. Ich le fühlte eine igſten Coquet⸗ en ſuchte und ihrem Gatten ſo ſollſt Du i Ende aus⸗ fühlte, um ſo Ich empfand Eiferſucht— einem Freunde weh, peinigte hte ich ſie mit wart mich vor he mir zu ver⸗ nicht vor mit egfeuer. Jeder nen glücklichen ß aber zugleich alvolle Erbeben liegt. Endlich aft zur Verthei⸗ über mich ſelbit m hartnäcign kehren. e ein neit er, hausmütter⸗ verbreitet hatte, m ihr Rahih — den Vögeln im 21 Bauer ſaßen wir alle drei wie gewoͤhnlich an einem Abende nach beendigter Tagesarbeit bei einander. „Leopoldine hatte eben das Theeeinſchenken beendigt und erklärte mit ihrer gewöhnlichen Schalkhaftigkeit, daß wir 8 etwas zu ihrer Unterhaltung erfinden müßten: ſie wollte eine Geſchichte, etwas Ungewoͤhnliches, etwas Neues, etwas bisher noch nicht Gehörtes. „So etwas kann ich Dir ſogleich erzählen!“ ſiel Richard ein, indem er ihr mit einem Kuſſe die Rubinlip⸗ pen verſchloß.„Cs war einmal... nein, es iſt noch jetzt eine gewiſſe vor Kurzem verheirathete kleine Frau, von welcher man ſagt, daß ſie ganz und gar den verjähr⸗ ten Satz vergeſſen hat: wenn der Bräutigam ſeine Braut zu unterhalten ſucht, ſo muß dagegen die Frau um ſo eifriger ihren Mann unterhalten.“ „Fi! das war gar zu altmodiſch. Wilhelm nichts Beſſeres weiß!“ „Wie man's nehmen will!“ erwiederte ich in dem Tone des gezwungenen Scherzes, den ich oft anzuwenden genoͤthigt war.„Ich reiſe um einige Tage nach Schwe⸗ den zurück!“ „Jetzt wurde die Freude in Ernſt verwandelt, Richard ließ die Hand ſeiner Gattin los, die, um ſeine unartige Aeußerung zu beſtrafen, ſich in ſeine Locken verirrt hatte; und Leopoldine gab mir einen Blick der ſprechendſten und ausdrucksvollſten Verwunderung, und dieſe Verwunderung war augenſcheinlich mit Unzufriedenheit vermiſcht. „Was ſagſt Du?— Iſt's Wahrheit?“ fragten Beide auf einmal. „Ich verſicherte, daß es ſo wäre, daß ein Brief von Ignelius mich nach Helgenäs zurückriefe, woſelbſt eine Menge von Geſchäften unbedingt meine Anweſenheit for⸗ derten, und ich ſuchte einige Worte von meiner Betrübniß, meiner natürlichen Trauer zu ſtammeln, von Freunden ſcheiden zu müſſen, die meinem Herzen ſo theuer wären. Doch ohne Zweifel klang dieſe Erklärung ſteif und ge⸗ .. Laß hören, ob ſchraubt, denn Richard betrachtete mich mit Verwun⸗ derung. „Dieſer Blick gab mir gleichwohl die Kraft, äußer⸗ lich jedes Aufbrauſen, das ſich einen Weg brechen wollte, zu dämpfen. Es gelang mir, einen ſolchen Schein von Herzlichkeit und Wärme anzunehmen, daß Richard's Un⸗ ruhe über den Mangel an Liebe und Freundſchaft, den er eben zu finden geglaubt hatte, vollkommen eingeſchläfert wurde. „Leopoldine ſagte faſt kein Wort. Sie ſchien durch meinen unerwarteten Aufbruch eher beleidigt als betrübt zu werden. „Und ohne daß ſie in meine Seele den geringſten Blick geworfen hatte, der ihr die eigentliche Urſache meiner Ab⸗ reiſe erklären konnte, verließ ich Sorgenfrei— o, es war ein grauſamer Scherz, daß dieſer kleine Ort einen ſolchen Namen führte— und ich erhielt erſt einen Hauch von Frieden und Beſinnung, als ich mich wieder von den alten Mauern meines Helgenäs umgeben fühlte. „Jetzt zum erſten Male empfand ich das Glück, wel⸗ ches in dem Bewußtſein liegt, eine ſchwere Pflicht erfüllt, ſich ſelbſt überwunden zu haben. Und in dem Stolz über dieſen meinen Sieg, deſſen Größe ich keinesweges ver⸗ kannte, gelobte ich es mir heilig in meinem Innern, nicht eher nach Dänemark zurückzukehren, Leopoldine nicht eher wieder zu ſehen, als bis ihr Bild in meiner Erinnerung erblichen und in meinem Herzen geſtorben war. „Ich warf mich in die angeſtrengteſte Thätigkeit. Das Mittel war betäubend, aber doch nicht völlig heilend. Und dieſes war auch nicht möglich, da Richard's Briefe, erfüllt mit den feuerigſten Schilderungen über alle vortrefflichen Eigenſchaften ſeiner Leopoldine und ſein eigenes immer feſter werdendes Glück jedesmal die Vorſätze umſtürzten, welche die Vernunft und ein feſter Wille hervorgerufen hatten. „Endlich wählte ich einen entſcheidenderen Schritt: ich begab 1 Richard jede Mi ſchrieb e erdichtet trennte. „S „3 meinem zukehren „U Kräfte e ich nun von Bet nit Verwun⸗ Kraft, äußer⸗ drechen wollte, Schein von Richard's Un⸗ ſchaft, den er eingeſchläfert e ſchien durch t als betrübt eringſten Blick he meiner Ab⸗ — o, es war einen ſolchen n Hauch von von den alten as Glück, wel⸗ Pflicht erfüllt, im Stolz über nesweges ver⸗ Innern, nicht dine nicht eher er Erinnerung var. hätigkeit. Das g heilend. Und Briefe, erfüllt e vortrefflichen eigenes immer tze umſtürzten, hervorgerufen en Schritt: ich 23 begab mich auf Reiſen in das Ausland; und ſchnitt Richard durch den ſteten Wechſel meines Aufenthaltsortes jede Möglichkeit ab, mir Briefe zu ſenden. Ich ſelbſt ſchrieb ebenfalls nicht oft, und erweiterte unter mancherlei erdichteten Vorwänden allmälig die Kluft, welche uns trennte. „So verfloſſen zwei Jahre. II. „Ich litt an Heimweh unter der langen Trennung von meinem Helgenäs, und beſchloß endlich, nach Hauſe zurück⸗ zukehren. „Um dieſe Zeit hatte meine Einbildung faſt alle ihre Kräfte erſchöpft: ſie war ſo lange geſpannt geweſen, daß ich nun mit einer ſchlaffen Nachläßigkeit, in einer Art von Betäubung der Zukunft und was ſie mir darbieten konnte, entgegen lächelte. Das Bild der Gattin meines Freundes ſtand vor meiner Seele nicht mehr in dem be⸗ zaubernden Schimmer meiner erſten glühenden Leidenſchaft. Ich hatte mit derſelben gerungen und glaubte ſie ganz beſiegt. „Aber ſie hatte ſich nur in einer verborgenen Falte der Seele verſteckt.. „Ich ließ mich aber dennoch bethören, ich ſpielte Blindekuh mit meinem eigenen Herzen, ich ſagte tauſend⸗ mal zu mir ſelbſt:„dieſer Rauſch iſt vorüber; du denkſt kaum mehr an ſie!“ Und es war wirklich ſo: ich dachte ſelten an Leopoldinen— aber ſie wohnte dennoch in einer Bruſt, wo ſie nicht hätte wohnen ſollen.. „Richard's dringende Bitten, den Weg über Däne⸗ mark zu wählen, ſchlug ich entſchloſſen ab. Ich wollte das Schickſal nicht herausfordern... leider doch. „Es war Herbſt, da ich nach Helgenäs zurückkam. „Wie oft ſagte nicht der treue, ehrliche Ignelius: „Herr Baron! Sie ſollten heirathen— da bin ich über⸗ zeugt, würde es wieder ſo wie in den guten, frohen Ta⸗ gen, da ich unſern Herrn munter und glücklich ſah!“ „Suche Du mir eine Frau, und gefällt ſie mir, ſo will ich ſie augenblicklich heirathen.“ „Ich verlangte nichts Beſſeres, als mir eine Heimath bilden zu können, die meinem Herzen Frieden, wenn auch kein Glück ſchenken konnte. Doch vergebens ſchlug Igne⸗ lius alle mannbaren Damen in der Nähe und in der Ferne vor. Selbſt reiſ'te ich bald hierhin, bald dorthin. Ich hatte mir vorgenommen, nicht nur zu ſuchen, ſondern auch zu finden. Aber ich fand keine, die dem Weibe entſprach, welches ich an der Seite meines Freundes geſehen hatte, keine, an die ich mich nur mit der entfernteſten Hoffnung auf Glückſeligkeit ſchließen konnte. „Es iſt vergebens,“ ſagte ich zu Ignelius,„ich kann mich nicht verlieben!“ „Ei, ei!“ entgegnete der treue Diener und ſchüttelte den Kopf—„perzeihen Sie meine Aufrichtigkeit, Herr Baron! die Herberge iſt beſetzt, und daher bekommt kein neuer Gaſt Raum.“ „Was phantaſirſt Du?“ fuhr ich faſt ſtreng auf. Es verdroß mich, daß es einen Menſchen gab, der mich durch⸗ ſchaut hat. „Nichts, Herr Baron!“ war ſeine einzige Antwort; und er zog ſich mit einem Seufzer zurück. „Wir nahmen den Gegenſtand erſt weit ſpäter wie⸗ der auf. „Der Winter verging. Mit Ausnahme einer Reiſe Es erreichte mich nach der Hauptſtadt, um zu ſehen, ob nicht ihre Vergnü⸗ gungen mich mit ihrer alten Macht locken könnten— was ſie jedoch nicht vermochten— verlebte ich die Zeit auf Hel’ ſellſchaft der Zeit die Glied tionen lie Gut ſelb eigenes 2 Hie Beſchreib ſich jetzt heimnißvw den über mir Ignel Furcht he ich es n Aberglaul Zierde zu wenn ich Wohl ode ſollten, u „ich komn „Er ſelbſt zu d dachte ich iſt in dieſ reichte mich rrückkam. Ignelius: n ich über⸗ frohen Ta⸗ ſah!“ ſie mir, ſo ine Heimath wenn auch chlug Igne⸗ n der Ferne rthin. Ich ſondern auch he entſprach, ſehen hatte, in Hoffnung ,„ich kann nd ſchüttelte gkeit, Herr ekommt kein eng auf. Es mich durch⸗ ge Antwort; ſpäter wie⸗ einer Reiſe hre Vergnü⸗ könnten— ich die Zeit 25 auf Helgenäs. Des Tages war die Bibliothek meine Ge⸗ ſellſchaft, des Abends aber verfloß mir ein großer Theil der Zeit durch die Erzählungen, welche Ignelius mir über die Glieder unſrer Familie, nebſt einer Menge von Tradi⸗ tionen lieferte, die ſich ſowohl auf ſie, als auch auf das Gut ſelbſt bezogen, und welche Erzählungen mir ein ganz eigenes Vergnügen machten.“ .„- (Hier kam in Letsler's Anzeichnungen eine genaue Beſchreibung des alten Gebäudes vor, in welchem Georg ſich jetzt befand, eine Beſchreibung, welche auch die ge⸗ heimnißvollen Treppenſteine und die Weiſſagung des Bar⸗ den über dieſelben mit aufnahm.) ..„Oftmals,“ hieß es in der Fortſetzung,„ſchlug mir Ignelius, der vor dieſen Steinen eine Art von heiliger Furcht hegte, vor, ſie verſenken zu laſſen. Doch konnte ich es wohl über mich gewinnen, wegen eines ſolchen Aberglaubens den Thurm ſeiner beſten und großartigſten Zierde zu berauben? Es wäre ja ein Wahnſinn geweſen, wenn ich hätte glauben wollen, daß Glück oder Unglück, Wohl oder Weh von einigen flachen Steinen abhangen ſollten, und wenn auch ſogar die Gebeine eines Heiligen unter ihnen geruht hatten! „Mit der Ankunſt des Frühlinges erhielt ich einen Brief von Richard, ſo voll freundſchaftlicher Vorwürfe, daß es mir in's Herz ſchnitt.„Wenn Du auch in dieſem Jahre nicht kommſt,“ ſchrieb er,„ſo laß uns lieber das letzte Band zerreißen— denn da ſehe ich, daß unſre Freundſchaft nur ein hohler Jugendtraum geweſen iſt.“ „Ohne zu überlegen, nur der mahnenden Stimme des Augenblickes folgend, ſchrieb ich die entſcheidenden Worte: „ich komme!“ „Erſt als der Brief abgeſchickt war, ging ich mit mir ſelbſt zu Rathe, zu Gericht.„Noch läßt es ſich ändern!“ dachte ich.„Ich breche zwar ein Verſprechen, doch das iſt in dieſem Falle mehr werth, als wenn ich es erfülle.“ Ich unterſuchte jeden Winkel meines Herzens, meiner Seele, und dieſem ſtrenge prüfenden Blicke konnte der verſteckte Ort, wo das verſchleierte Götterbild ſich verbarg, der Entdeckung nicht entgehen. Erſtaunen und Schmerz beugten mich nieder. Ich fand, daß ich nur einen grau⸗ ſamen, bittern Scherz mit mir ſelbſt getrieben hatte. „Ich ſchrieb von Neuem an Richard und nahm mein Verſprechen zurück. Doch mein Brief muß die Unord⸗ nung verrathen haben, worin ſich meine Gedanken befan⸗ den; denn weit entfernt, eine Antwort zu erhalten, welche, wie ich erwartete, fuͤr immer unſer vertrauliches Verhält⸗ niß abbrechen ſollte, erhielt ich nur noch wärmere und dringendere Aufforderungen, zu kommen.„Ich bin über⸗ zeugt,“ ſchrieb er,„Du leideſt an einem Kummer, den Du mir verhehlen willſt;„kommſt Du nicht, ſo mache Dich darauf gefaßt, daß ich Dich hole!“ „Und dieſem Briefe waren folgende Worte von Leo⸗ poldinens Hand beigefügt:„Wilhelm, wir ſehnen uns nach Dir!“ „Noch einmal verſuchte ich es, zu widerſtreben: doch überall, wohin ich blickte, ſah ich dieſe Worte:„Wil⸗ helm, wir ſehnen uns nach Dir!“ und Tag und Nacht klangen ſie in meinen Ohren. „Noch einmal ſchrieb ich:„Ich komme!“ „Am Abende vor dieſer Abreiſe wurde ich von Ah⸗ nungen heimgeſucht, die eben ſo ſchwer und düſter waren, als diejenigen, welche mich und Richard an dem Morgen ſeiner Abreiſe, da wir zum letzten Male uns auf Helge⸗ näs bei einander befanden.„Ach, er iſt nie zurückgekehrt,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„und ich— werde ich wohl je wiederkehren, und wenn ich wiederkehre— wie hat wohl dann mein Schickſal ſich entwickelt? Werde ich wohl dann einen neuen Sieg erfochten haben? Wird wohl das ſtolze Selbſtbewußtſein, mächtiger geweſen zu ſein, als die Macht, welche mich jetzt beherrſcht, mich aufrecht erhalten? Oder wird...“ des gen ringenhe paradief trafen 1 Braut, Q „ durch de fühl erg die ihre Mädchen deren ſch ſie war. Hunde, erkannte gen. s, meiner konnte der ch verbarg, d Schmerz einen grau⸗ hatte. nahm mein die Unord⸗ mken befan⸗ ten, welche, es Verhält⸗ ärmere und h bin über⸗ mmer, den ,ſo mache rte von Leo⸗ ſehnen uns ſtreben: doch rte:„Wil⸗ und Nacht 74 ich von Ah⸗ düſter waren, dem Morgen s auf Helge⸗ urückgekehrt,“ ich wohl je wie hat wohl ch wohl dann ohl das ſtolze als die Macht, halten? Oder 27 „Ich vollendete nie dieſen Satz. „Ueber die duftenden Haine von Sorgenfrei hatte die ſinkende Sonne die Schleppe ihres goldenen Abendgewan⸗ des geworfen. Das kleine weiße Haus mit ſeinen Sy⸗ ringenhecken, ſeinen grünen Jalouſien und ſeinem kleinen paradieſiſch ſchönen Garten, in welchem ſich zwei Bäche trafen und umarmten, ſtand da gleich einer geſchmückten Braut, umgeben von Roſen. „Ich war in einiger Entfernung von dem Hofe abge⸗ ſtiegen: es lag über dieſem kleinen Eden, wenigſtens für mich, ein Heiligenſchimmer, der es mir unmsglich machte, mich in dem Geräuſch erregenden Wagen zu nähern. „Langſam, mit Schritten, die ſo unſicher waren, daß ich vor meiner eigenen Schwäche zurückbebte, trat ich durch das grün angeſtrichene Thor. Doch welch ein Ge⸗ fühl ergriff mich, als ich im Schatten der großen Linde, die ihre Zweige über den Eingang breitete, ein kleines Mädchen, einen kleinen Engel mit hellen Locken erblickte, deren ſchöne Züge allzu deutlich verkündigten, weſſen Blut ſie war. Sie tummelte im Graſe mit Richard's großem Hunde, dem alten Caſtor, umher, welcher mich ſogleich erkannte und mit gewaltigen Liebkoſungen empfing. „In dieſem Augenblicke zeigte ſich Leopoldine ſelbſt auf der Treppe. „O, meine Vernunft, mein Kopf, mein armes Herz! Dieſes Weib, das ſich früh verheirathet, hatte erſt jetzt die hoͤchſte Reife ihrer Schönheit erreicht. „Mit gewaltſamer Anſtrengung ſuchte ich Ruhe und eine mäßige Freude auf meine Geſichtszüge hervorzuzwin⸗ gen. Wäre Richard in dieſem Augenblicke zugegen ge⸗ weſen, ſo würde wahrſcheinlich dieſe Minute des Wieder⸗ ſehens ihm die Augen geoͤffnet haben. Doch er war nicht zu Hauſe. „Leopoldine eilte mir entgegen. Und indem ſie mir ihre weiße, weiche Hand reichte, rief ſie lächelnd aus: „Wie Du Dich verändert haſt, Wilhelm! Soll ich Dir * eine Artigkeit ſagen, ſo haſt Du gewonnen: Deine Farbe iſt männlicher geworden, und Deine Art Dich zu führen ... nun ja, ſie ſieht etwas affectirt aus— aber ſo biſt Du ja auch nicht umſonſt in Paris geweſen!“ „Meine beſte Leopoldine, ich komme aber leider als derſelbe Menſch zurück, der ich bei meiner Abreiſe war!“ „Um ſo beſſer! O, wie wird Richard ſich freuen— unglücklicher Weiſe iſt er jetzt nicht zu Hauſe... doch ſtatt ſeiner kann ich Dir hier eine kleine Erbin von Sor⸗ genfrei vorſtellen und Deiner Onkelgunſt und Gewogenheit empfehlen!“ Leopoldine nahm die Kleine auf und reichte ſie mir mit einer redenden Geberde von Glück und ſtolzer Freude. Doch von einem ſchneidenden Gefühle erſchüttert, drückte ich das Kind ſo heftig an meine Bruſt, daß es ſeine kleinen Arme weinend von meinem Halſe trennte, wohin die Mutter es gelegt hatte. „Ich ſehe,“ ſagte ſie ſchalkhaft, daß Du ſehr väter⸗ lich werden wirſt... doch laß uns hinein gehen, mein guter Wilhelm! Heute Abend habe ich mehr denn jemals das Recht, zu verlangen, daß Bu mich unterhalten ſollſt; es iſt allzu lange her ſeitdem ich in dieſer Hinſicht den Scepter meines Willens über Dich habe ſtrecken dürfen — garſtiger Wilhelm, Du haſt ja ſo ſelten geſchrieben, als ob die Bewohner von Sorgenfrei Dir nur flüchtige Bekanntſchaften wären!“ „Ich habe meine Erzählungen für mündliche Mit⸗ theilungen aufgeſpart; denn ich konnte berechnen, daß Du mit Deinen kleinen Anſprüchen, unterhalten zu werden, nicht aufgehört haſt.“ „Aufgehört— was ſagſt Du? Ach, Richard wird Dir ſchon erzaͤhlen koͤnnen, daß meine Prätentionen im Gegentheile groͤßer geworden ſind! Und weißt Du, er wird höchſt entzückt ſein, in Dir einen Menſchen zu finden, der ihm die Laſt aller meiner Launen tragen helfen kann . Aber, à propos, glaubſt Du“— hier nahmen ihre Züge eine entzückende Miſchung von gedankenvollem Ernſt und rühr die froh⸗ feierliche Blicken zu ihren Form er „N friſche Li „Le Rathe de Auge lät Blicke vo ſie eilfert auf eine wort 8 eine ande eine ſolch jede Verg „Scl war; p eingefalle ihren Go zen und war, wi Geiſt, de im Stan Nur ein ſeine Farbe zu führen ber ſo biſt leider als eiſe war!“ freuen— ... doch von Sor⸗ ewogenheit und reichte und ſtolzer erſchüttert, ſt, daß es lſe trennte, ſehr väter⸗ ihen, mein denn jemals alten ſollſt; Hinſicht den ecken dürfen geſchrieben, zur flüchtige dliche Mit⸗ en, daß Du zu werden, tichard wird entionen im ißt Du, er en zu finden, helfen kann nahmen ihre vollem Ernſt „ 29 und rührender Einfalt an— glaubſt Du, daß die Männer die frohe, lebensfriſche Liebe nicht mehr lieben, als die feierliche, ſehnſuchtsvolle und wehmüthige, die in ihren Blicken jeden Wunſch, jeden Gedanken leſen will, um ihn zu ihrem Geſetze zu machen, ehe er noch eine beſtimmte Form erhalten hat?“ „Nun, thut denn das nicht auch die frohe und lebens⸗ friſche Liebe?“ „Leopoldinens feine Wange, auf welcher die ſchönſte Roͤthe der Roſe ruhte, nahm eine ſtärkere Farbe an, ihr Auge lächelte, und indem ſie mich mit einem ſchnellen Blicke voller Feuer und Schalkhaftigkeit betrachtete, ſagte ſie eilfertig:„Eine zudringliche Frage, die um ſo weniger auf eine Antwort rechnen kann, als ich noch keine Ant⸗ wort auf die meinige erhalten habe!“ „Die will ich Dir nicht ſchuldig bleiben, Leopoldine! Ich glaube, eine ſolche Liebe feſſelt den Mann länger als eine andere; aber ich glaube auch, daß diejenige, welche eine ſolche Liebe hegt, keiner ſo ſtarken und großen Ge⸗ fühle fähig iſt, als diejenige, welche ihre Liebe in einem tieferen Ernſte zeigt. Die recht ſtarke Flamme verſchmäht jede Vergrößerung durch kleine Kerzen.“ „Ich glaube nicht, daß dies meine Herzensmeinung warz wenigſtens war mir noch nie ein ſolcher Gedanke eingefallen— ich wußte ja, wie unbegränzt Leopoldine ihren Gatten liebte. Aber ich glaube, ich wollte ſie rei⸗ zen und ihr einbilden, daß ich davon nicht ſo überzeugt war, wie ich es in der That war. Es war ein boͤſer Geiſt, der mir dieſen Willen einfloͤßte; aber ich war nicht im Stande, jetzt meine Gedanken und Worte abzuwägen. Nur ein Gedanke ſtand mir klar vor der Seele, nämlich daß ich mein Geheimniß bewahren müßte.. „Ein augenblickliches Stillſchweigen war eingetreten. Als ich wieder aufblickte, ſo erröthete ich. In dem langen Kranze der feinen Wimpern Leopoldinens hing eine Thräne o wie brannte mir dieſe Thräne auf meinem Herzen, noch mehr aber ihre Worte, als ſie mit der mildeſten En⸗ gelgüte ſagte:„Wie ſchmerzt es mich, Dich ſo reden zu hoͤren! Aber ich danke Gott, daß Richard Dich nicht ge⸗ hört hat. Ich weiß, daß ein vielleicht nur oft abſichtslos hingeworfenes Wort des einen Freundes bei dem andern bittere Früchte tragen kann. Doch Richard iſt allzu über⸗ zeugt, daß Ernſt unter einer frohen Oberfläche liegen kann, und daß die reinſte und höchſte Flamme nichts durch die kleinen Kerzen verliert, als daß er ſich durch Deine Aeu⸗ ßerung getroffen fühlen koͤnnte. Doch, Wilhelm, es würde ihn ſchmerzen, weil es von Dir, ſeinem beſten Freunde, über das Weib geäußert wurde, welches in ſeinen Augen noch alles iſt, was ſie war, da er ihr zuerſt ſein Herz antrug.“ „Vergieb, Leopoldine!“ Und ich führte ihre Hand an meine Lippen mit einer Heftigkeit, welche ſie der Reue über meine unüberlegten Worte zuſchrieb. „Sie lächelte und zog die Hand nicht eher zurück, als bis ich in einer Art von Fieberhitze Kuß auf Kuß auf den elaſtiſchen Schnee derſelben drückte. „Nun, nun, Herr Baron! keine ſo warme Buß⸗ übung!— hat man wohl je in ſeinem Leben gehoͤrt, daß mehr als ein Handkuß gebräuchlich iſt, wenn ein gut er⸗ zogener Mann ſich bei einer Dame entſchuldigt? da jedoch das Verſehen ſo außerordentlich war, ſo muß ich wohl das Nachſpiel, obgleich außer der Ordnung, als eine aufrich⸗ tige Aeußerung der Reue und Buße betrachten!“ „Hatte ſie vielleicht den erſten Blick in mein Herz ge⸗ worfen? Oder war es nur eine dunkle Ahnung? Oder hatte ſie nur ſcherzen wollen? „Dieſes erfuhr ich nie. „Inzwiſchen weckten mich ihre Worte zu einer ſtren⸗ gen Aufmerkſamkeit auf mich ſelbſt. Und als Richard eine Stunde ſpäter nach Hauſe kam, ſo hatte ich mich ſo vollkommen erholt, daß er mit jubelnder Frcude ausrief: „Gott ſei Lob und Dank! Du biſt beſſer, froher, munte⸗ rer als T der, wie bereit, W und Dich mein He mich an mit einer meine böſe keres Verl Freundſcha „Ach, „Ich welchem d cherten. 2 ſchendes, i Duft die übte. ich noch 1 wollte ich ßung eineg ine Aeu⸗ es würde Freunde, ſen Augen ſein Herz Hand an der Reue her zurück, auf Kuß irme Buß⸗ gehoͤrt, daß ein gut er⸗ da jedoch wohl das ne aufrich⸗ 44 n Herz ge⸗ ng? Oder einer ſtren⸗ ls Richard ich mich ſo ude ausrief: her, munte⸗ 31 rer als Deine Briefe! O Du alter Wilhelm, Ehrenbru⸗ der, wie danke ich Dir, daß Du kamſt! Ich war faſt bereit, Weib und Kind zu verlaſſen, um Dich aufzuſuchen und Dich wieder zu einem Menſchen zu machen! Denn mein Herz kennt keine Veränderung!“ Und er drückte mich an dieſes treufeſte, dieſes edle und zuverläſſige Herz mit einer Wärme, die ſich dem meinigen mittheilte und meine böſen Gedanken reinigte, ſo daß ich ein noch ſtär⸗ keres Verlangen empfand, dieſer redlichen, uneigennützigen Freundſchaft würdig zu bleiben. „Ach, welches Leben nahm jetzt ſeinen Anfang! „Ich wanderte an dem Nande eines Abgrundes, an welchem die herrlichſten, die entzückendſten Blumen wu⸗ cherten. Dieſe Blumen aber hatten immer etwas Berau⸗ ſchendes, ihr Anblick entzückte meine Seele, während ihr Duft die gefährlichſte Wirkung auf meine Sinne aus⸗ übte..... „Nie iſt eine Ehe glücklicher geweſen als Richard's und Leopoldinen's! Und als hätte ſie mich gleichſam rä⸗ chen wollen wegen des Verdachtes, den ich zu äußern ge⸗ wagt hatte, ſo ließ ſie mich oft in die Tiefe ihres Herzens hinabblicken. Dort brannte, dort flammte ein Himmel von Liebe— und dort wohnte er, dort ſchwelgte Richard, während ich, zitternd vor wahnſinniger Eiferſucht, draußen ſtand und neidiſche Blicke hinein warf. „Und dennoch— dennoch war er mir ſo theuer! „Ich hatte mir geſchworen, Sorgenfrei zu verlaſſen, ſobald ich beſtimmt glauben konnte, daß Richard oder Leopoldine ſelbſt meinen wahren Zuſtand ahnten. Doch ſo lange ich meine Blicke, meine Worte und Geberden zu beherrſchen vermochte, wollte ich bleiben. Ich wußte nur allzu wohl, daß ich Leopoldinen nie wieder ſehen würde: denn hatte ich noch einmal den Muth, die Gefahr zu fliehen, ſo wollte ich mir durch einen Eid— ja durch die Abſchlie⸗ ßung eines Ehebundes, dieſer mochte ausfallen wie er —— —— wollte— die Möglichkeit rauben, an der Freundſchaft zum Verräther zu werden. „Ich habe oft geglaubt: wenn Leopoldine mein Ge⸗ fühl erwiedert hätte, ſo würde die Verachtung mir die Liebe haben überwinden helfen. Aber ſie gab mir auch nicht das entfernteſte Zeichen, daß ſie mich verſtand. Ste war rein und ſo ganz ausſchließlich zärtlich gegen ihren Mann, daß ihr ſchneeweißer Gedanke nie bei etwas ſt Verächtlichem weilen konnte, als wäre ſie im Stande ge⸗ weſen, eine verbrecheriſche Liebe zu wecken. Ihre Tugend, ihre keuſche Reinheit vollendeten meit nen Untergang. III. Am Tage nach meiner Ankunft kam nach Sorgenfre ein Mädchen, das dort als Leopoldinen's Gehülfin umd Geſellſchafterin bleiben ſollte. Sie war entfernt mit Re chard verwandt, übrigens aber, was die Eigenſchaften des Herzens betraf, beſaß ſie nicht die geringſte Verwandtſchaft mit meinem edlen Freunde.. Henrika war keinesweges häßlich, doch neben Leopol⸗ dinen erſchien ſie ſo, weil ein früh offenbarter Neid, eine ſüßſaure Bitterkeit ſie dann entſtellte. Leopoldine wan engelgut gegen die arme Henrika und ertrug mit der freund⸗ lichſten Geduld den Mangel an Liebe, ja an gewöhnlichen Artigkeit, der ſich ſogleich zu erkennen gab, wenn es galz einen Wunſch Leopoldinen's zu erfüllen. Dieſe Abneigung wurde inzwiſchen von Richard bemerkt, und er ſtellte in vor, ſie müßte ihre Aufführung ändern, wenn ſie en liebes und gerne geſehenes Mitglied der Familie bleihen wollte. eine ande mich mit hatte entd ſie die fu dinen weg Gleichgült „Doch für Schrit fühlen mö einem Ma keit eines Augenblick chen ſie zu richtig zu „Ihr Siegel de Entdeckung gemacht, zige Grun Leopoldine dem Sche Kindes un dem Vertre ſeinen Auge „Und Rackete vor „Einig. doch Ander Der Ei Freundſchaft dine mein Ge⸗ tung mir die gab mir auch verſtand. Sie ch gegen ihren bei etwas ſo m Stande ge⸗ ollendeten mei⸗ ch Sorgenfret Gehülfin und tfernt mit Re⸗ genſchaften des Berwandtſchaft neben Leopol⸗ ter Neid, eine ſeopoldine wan mit der freund⸗ n gewöhnlichen wenn es galz ieſe Abneigung p er ſtellte ihn wenn ſie ein amilie bleiben „Doch Henrika's Eigenſinn ließ ſich nicht beugen. Sie haßte Leopoldinen wegen ihrer Schönheit, ihrer Sanftmuth und Liebenswürdigkeit, ja wegen ihrer ſämmtlichen ſchönen Eigenſchaften; und je mehr ſie einſah, daß dieſer Haß, den ſie nicht verbergen konnte, ſie ſelbſt in unſern Augen unangenehm machte, um ſo ſchärfer wendete ſich ihre un⸗ edle Bitterkeit gegen den unſchuldigen Gegenſtand derſelben. „Erſt weit ſpäter erfuhr ich, daß ihr Benehmen noch eine andere Urſache hatte: das unwürdige Weib liebte mich mit einer wilden Leidenſchaft; ihre Liebe zu mir hatte entdeckt, daß ich Leopoldinen liebte— und nun hatte ſie die furchtbarſten Waffen zu ihrer Rache: an Leopol⸗ dinen wegen ihrer Ueberlegenheit, an mir wegen meiner Gleichgültigkeit.. „Doch dieſe wohl übeklegte Rache ſollte nur Schritt für Schritt und ſo unmerklich nahen, daß wir ſelbſt nicht fühlen möchten, wie nahe ſie war, ehe ſie plötzlich mit einem Male über uns herein brach. Mit der Beharrlich⸗ keit eines hölliſchen Geiſtes erwartete ſie den paſſenden Augenblick. Sie ſtudirte genau die Charaktere, mit wel⸗ chen ſie zu thun hatte, und war ſchlau genug, dieſelben richtig zu beurtheilen. „Ihr Erſtes war, einer der Nachbarsfrauen unter dem Siegel der Verſchwiegenheit ihre tiefe Trauer über die Entdeckung, die ſie gleich bei ihrer Ankunft in Sorgenfrei gemacht, anzuvertrauen, eine Entdeckung, welche der ein⸗ zige Grund ihres unüberwindlichen Wiberwillens gegen Leopoldine wäre, denn dieſes falſche Welb triebe untern dem Scheine der vereinigten Eigenſchaften eines frohen Kindes und einer Heiligen den grauſamſten Scherz mit dem Vertrauen ihres Mannes und unterhielte gerade unter ſeinen Augen einen Liebeshandel mit ſeinem beſten Freunde. „Und das Gerücht flog mit der Schnelligkeit einer Rackete von Mund zu Munde. „Einige wollten ihm zwar keinen Glauben beimeſſen, doch Andere, welche gleich Henrika Leopoldinens Vorzuͤge Der Einſiedler ꝛc. II. 3 nicht leiden konnten, meinten, ſchon längſt„ſo etwas“ be⸗ merkt zu haben, obgleich ſie aus Schonung geſchwiegen hätten und noch ſchweigen wollten, weil man nur allzu wohl wüßte, welche Wirkung ein ſolcher Skandal auf den ehrenwerthen und feinfühlenden Tank äußern würde. „Henrika triumphirte. Sie wagte ſchon in ihrem Be⸗ tragen gegen Richard's Gattin etwas noch Beleidigenderes als Mangel an Achtung zu zeigen. Mit Erſtaunen he⸗ trachtete ſie die gute und unſchuldige Leopoldine und glaubte falſch gehört zu haben, als Henrika mit halb ärgerlichem und faſt verächtlichem Tone Ausdrücke fallen ließ, die bis jetzt noch kein Menſch als ſie ſelbſt verſtand. „Bei einer ſolchen Gelegenheit hörte ich, wie Richard ſich zum erſten Male ſtreng äußerte.„Henrika!“ ſagte er, indem er das verächtliche Weib mit Verdruß betrach⸗ tete,„ich muß Dich daran erinnern, daß Du Dich ferner nicht in einem Grade vergiſſeſt, wie Du jetzt gethan haft — denn ſonſt mußt Du entſchuldigen, wenn ich Dich bitte, Dir einen andern Aufenthaltsort aufzuſuchen!“ „Und ich,“ erwiederte die Unverſchämte, vielleicht durch den Umſtand, daß ich die Zurechtweiſung mit angehönt hatte, auf das Aeußerſte gereizt,„ich wollte wünſchen, da es hier keinen Menſchen gäbe, der ſich mehr vergißt als ich i“ „Was meinſt Du?“ fragte Richard heftig, und ſein Augen drückten einen rechtmäßigen Aerger aus.„Glaubſ Du vielleicht, ich hätte nicht das Recht, gegen Dich mein Frau zu vertheidigen, weil Du Dich in einer Lage befin⸗ deſt, welche Delicateſſe fordert? Doch verſteh mich recht Henrika, wenn ich ſage: mache Dich dieſer Delicateſſe wüur dig, und ſie wird nicht ausbleiben!“ Mit dieſen Worte verließ er das Zimmer. „Aber Henrika ließ eines von den widerlichen Geläch tern erſchallen, welche am beſten den Mangel an Feinge fühl und guter Erziehung bezeugen. Darauf verſchwan ſie ebenfalls. „Je in Henritk gewogen ſtehlich!“ 52 keiner ein rika's Ge und Geſi zweideutig den. Ick wie Riche Sie will das geline die ſie gl etwas“ be⸗ geſchwiegen an nur allzu ndal auf den würde. n ihrem Be⸗ eleidigenderes Erſtaunen be⸗ e und glaubte Haärgerlichem ließ, die bis ,wie Richard nrika!“ ſagte edruß betrach⸗ u Dich ferner zt gethan haß ich Dich bitte, 144 vielleicht durch mit angehöͤrt ollte wünſchen, mehr vergißt ftig, und ſein us.„Glauhſ en Dich mein ner Lage befin teh mich recht Hdelicateſſe wur dieſen Worte erlichen Geläch gel an Feinge auf verſchwang „Ich verſtehe nicht,“ ſagte Leopoldine,„welcher böſe Geiſt in Henrika gefahren iſt. Zwar iſt ſie mir noch nie ſehr gewogen geweſen, doch nun wird ſie wirklich unaus⸗ ſtehlich!“ „Mir begann ein Licht aufzugehen. Obgleich ich mich keiner einzigen Gelegenheit erinnern konnte, da ich in Hen⸗ rika's Gegenwart die ſtrenge Wache über meine Gefühle und Geſichtszüge verſäumt hatte, ſo konnte dennoch ihre zweideutige Anſpielung nur auf eine Art verſtanden wer⸗ den. Ich zitterte, ich fühlte, daß ich erblaßte; ich ſtellte mich, als hätte ich Leopoldinens Aeußerung nicht ge⸗ hört. 3 „Ich ſehe,“ fuhr ſie fort,„daß Du eben ſo boͤſe biſt, wie Richard. Doch denke nicht an die arme Närrin! Sie will mir wohl ſchaden— doch bei wem ſollte ihr das gelingen?“ „Ich zitterte noch mehr bei dieſen Worten, welche die hoͤchſte Zuverſicht, die glücklichſte, eingeſchläferte Sicher⸗ heit anzeigten. „So ſitze doch nicht da, als wäreſt Du in eine Mumie verwandelt worden, ſondern ſuche uns lieber durch etwas Froͤhlichkeit zu erfriſchen!“ „Die Abſcheuliche!“ rief ich unfreiwillig aus, und in meinem Ton muß etwas mehr, als bloßer Verdruß, gele⸗ gen haben. „O, Du biſt zu heftig!“ ſagte Leopoldine.„Laß uns Alles vergeſſen...Sieh hier! wie gefällt Dir dieſes?2 Sie nahm aus einem verborgenen Fache ihres Nähkäſt⸗ chens eine kleine nette Arbeit, welche ſie zu einem Namens⸗ geſchenke für Richard beſtimmt hatte.„Setze Dich hieher, und betrachte— ich darf es nicht aus den Händen laſſen, denn mein Herr und Gemahl koͤnnte kommen.“ „Ich zog meinen Stuhl dem ihrigen näher; ich beugte mein Haupt über ihre Hand und betrachtete, nicht die Arbeit, ſondern dieſes entzückende Händchen mit Blicken, die ſie gleichwohl nicht ſehen konnte. Mein Athem wurde immer heißer, und ich war nahe daran, mit meinen Lip⸗ pen die kleinen Finger zu berühren, als die Thür plöͤtzlich aufging und eine junge Frau, die zu Leopoldinens näch⸗ ſten Umgangsfreundinnen gehoͤrte, nebſt Henrika eintrat. „Ich bin faſt überzeugt, daß mein Geſicht in dieſem Augenblicke verrathen haben muß, wie überraſcht ich mich fühlte. Natürlich ſuchte ich meine ganze Selbſtbeherr⸗ ſchung wieder anzunehmen, fühlte jedoch die Unruhe und verdammte Qual eines Verbrechers, als ich die gezwun⸗ gene Miſchung von Stolz, Herablaſſung und Verdruß be⸗ merkte, womit die junge Frau B. Leopoldine grüßte, welche unglücklicher Weiſe ihre Arbeit mit der größten Eilfertigkeit in das Käſtchen warf. Und ſo wurde denn dieſe kleine Arbeit, von welcher ſie viele Freude erwartet hatte, jetzt eine neue Waffe gegen ſie. „Die Verneigung der Frau B. vor mir war hoch⸗ müthig und kalt zugleich. „Mit ſatyriſcher Fröhlichkeit ſagte ſie zu Leopoldine: „Was war das für ein kleines Geheimniß, welches Du dem Herrn Baron von U.. zeigteſt und uns verbirgſt? Weißt Du, das kann Verdacht erwecken— Nota bene bei dem, der argwöhniſch iſt!“ „Du haſt es ja ſelbſt ein Geheimniß genannt,“ ent⸗ gegnete Leopoloine lächelnd,„Du verſtehſt wohl, daß man ein Geheimniß nicht in die dritte Hand kommen läßt.“ „Ich ſah, daß Frau B. und Henrika bei dieſen Wor⸗ ten einen Blick wechſelten, den ich gar leicht zu deuten verſtand. „Und als hätte die werthe Frau nach der Entdeckung, die ſie jetzt gemacht zu haben ſich einbildete, es faſt fuͤr unpaſſend gehalten, ſich noch länger bei Leopoldinen auf⸗ zuhalten, nahm ſie bald Abſchied; und da dieſe mit ihrer gewöhnlichen Freundlichkeit ſie erſuchte, recht bald wieder zu kommen, ſo ſagte ſie, daß ſie eine längere Zeit allzu beſchaftigt wäre, als daß ſie Leopoldinens„äußerſt ſchmei⸗ chelhaften“ Wunſch erfüllen könnte. „Jetz wo Leopol fallen war erwies ihr ſo abgemet Leopoldiner blicken beg⸗ kam ihr g ellſchaft ſ „Wie als die Ur ſten Weibe in dieſem ich mich lbſtbeherr⸗ nruhe und e erwartet war hoch⸗ Leopoldine: velches Du verbirgſt? Nota bene unnt,“ ent⸗ I, daß man en läßt.“ dieſen Wor⸗ zu deuten Entdeckung, es faſt fuͤr ldinen auf⸗ e mit ihrer bald wieder Zeit allzu erſt ſchmei⸗ „Jetzt zeigte es ſich bald in jedem Geſellſchaftskreiſe, wo Leopoldine ſich zeigte, daß ſie von der Höhe herabge⸗ fallen war, welche ſie dort bisher behauptet hatte. Man erwies ihr zwar noch immer Höoflichkeit; aber dieſe war ſo abgemeſſen, ſo ganz ohne vertrauliche Herzlichkeit, daß Leopoldinens ſchöne Augen mit Unruhe um ſich her zu blicken begannen. Nichts konnte ſie entdecken. Aber es kam ihr gleichwohl ſo vor, als wäre ſie, in welcher Ge⸗ ſellſchaft ſie auch ſein mochte, ſtets vollkommen allein. „Wie ſehr litt ich! Wie verachtete ich mich ſelbſt als die Urſache der Zurückſetzung dieſes reinſten und edel⸗ ſten Weibes! „Ich wollte reiſen und hätte es noch gekonnt, wenn ich nicht in meinen Ueberlegungen auf die betrügliche Ueberzeugung gekommen wäre, daß ein ſolcher Schritt von meiner Seite, da ich meine Abſicht, mich eine längere Zeit aufzuhalten, zu erkennen gegeben hatte, Leopoldinens Ruf unrettbar geſtürzt haben würde: die Flucht konnte Schein eines Nothzwanges erhalten, um ein Verhältniß zu verbergen— wo gleichwohl kein Verhältniß zu verber⸗ gen war. „Die Ehre ſchien von mir zu fordern, daß ich bliebe. Aber ich beobachtete von dem Augenblicke an, da dieſer Entſchluß ſich in meiner Seele befeſtigte, die außerordent⸗ lichſte Vorſichtigkeit; ich zeigte mich offener und brüderlich vertraulicher in meinem Umgange mit Leopoldinen, und benutzte öfter jede Gelegenheit, mit Richard zuſammen zu ſein, welcher ſeiner Seits— dieſes war das erſte Zeichen von ihm, das meine Aufmerkſamkeit auf ſich zog— ſehr befliſſen zu ſein ſchien, der Welt zu zeigen, wie innig ver⸗ traulich und untrennbar wir waren. Doch in der Mitte dieſer Freundſchaftsbezeugungen ertappte ich ihn auf Blicken, — ——44 j—— die zwar ſchnell wie der Blitz verſchwanden, die aber den⸗ noch nicht eilfertig genug waren, als daß ſie mich nicht hätten merken laſſen ſollen, wie ſie ein erwachtes, und dann nie wieder ſchlummerndes Mißtrauen verbargen. „Von Neuem überlegte ich. „Sollte ich mich ihm an die Bruſt werfen, ſeine Verzeihung begehren und reiſen, um nie wieder zu kommen? „O hätte ich das gekonnt, hätte ich mich nicht noch einmal von meinen Scheingründen verblenden laſſen! Aber leider ließ ich mich wieder beſiegen. „Ich ſchwieg alſo. Ich wollte ſowohl Richard, als auch die ganze Welt überzeugen, wie unſchuldig Leopoldine war, aber dann in einem ruhigeren Augenblicke, wenn der Glaube an ſie wieder feſt ſtände— denn jetzt, ſo ſorg⸗ fältig Richard es auch verbarg, war derſelbe auch in ihm erſchüttert— meine ganze Seele entſchleiern, ihm aber dabei zu gleicher Zeit zeigen, wenn ich auch nicht im Stande geweſen wäre, mein verbrecheriſches Gefühl zu be⸗ ſiegen, ich dennoch nie die Pflicht der Freundſchaft oder die Achtung gegen ſie durch ein Bekenntniß verletzt hätte. „Dieſe Vorſätze waren noch eines ehrlichen Mannes Vorſätze. Doch der Wirbelwind der Leidenſchaft verweht alle guten Vorſätze und ſtreut ſie weit umher. Der ver⸗ peſtete Wind, welcher ſie hinwegreißt, führt uns ſtatt der⸗ ſelben Reue, Thränen und Gewiſſensqualen zu. „Von dieſem Hauſe, dieſem kleinen Sorgenfrei, das bei meiner Ankunft ein Tempel des Friedens, der Freude und des Glückes war, ſtand jetzt nur ein Schatten von demjenigen, was es vor wenigen Monaten geweſen war, übrig. „Leopoldine, welche noch jetzt nicht im Stande war, die Art des düſtern Geheimniſſes zu begreifen, welches ſie immer dichter und dichter umſpann, fühlte gleichwohl mit Schauder und einer immer qualvolleren Unruhe, daß es auch ihr zerſtoͤrte. ein Ziel die inner bald erſe nete, als behandel daß auch — ſich B 2 (ach, nu nicht, do zuflamm kaum a flüchtigen fühlte ſi welche dann fro beſchwur ja nicht „D fühlte ſi welche 9 Doch ſie daß ſie dieſen A daß er Bedürfni zu verme „. Schlauh⸗ Richard Ausdruch ges ihre men mit miſcht, e aber den⸗ mich nicht s, und erfen, ſeine wieder zu hnicht noch aſſen! Aber ichard, als g Leopoldine ſe, wenn der , ihm aber h nicht im efühl zu be⸗ dſchaft oder niß verletzt hen Mannes haft verweht Der ver⸗ as ſtatt der⸗ genfrei, das der Freude ſchatten von eweſen war, Stande war, „welches ſie lichwohl mit he, daß es auch ihren häuslichen Himmel, die Ruhe ihres Herzens zerſtoͤrte. Da ſie ſah, daß ſie in der äußern Welt als ein Ziel der ungerechteſten Begegnung war, ſo wollte ſie die innere mit verdoppelter Liebe an ſich ziehen. Doch bald erſchrak ſie vor dem Abgrunde, der ſich vor ihr öff⸗ nete, als ſie aus der abwechſelnden Art, wie ihr Gatte ſie behandelte, das ſchrecklichſte Unglück von allen abnahm, daß auch er— Er, den ſie ſo rein, ſo gränzenlos liebte — ſich von ihr zurückzog. „Bisweilen ſchien ſeine ganze ehemalige Leidenſchaft (ach, nur Leopoldine nannte ſie ſeine ehemalige; ſie wußte nicht, daß ſie nie tiefer geweſen war als jetzt) wieder auf⸗ zuflammen, und das in einem ſolchen Grade, daß er ſie kaum aus ſeinen Armen laſſen wollte. Doch in dieſen flüchtigen Augenblicken eines wieder erwachten Glückes, fühlte ſie oft auf ihrer Wange eine brennende Thräne, welche nicht aus ihrem eigenen Auge kam. Wenn ſie dann fragte, ſo verſchloß er ihre Lippen mit heißen Küſſen beſchwur ſie, nie, nie vor ihm ein Geheimniß zu haben, ja nicht das allerkleinſte. „Die arme Leopoldine, welche kein Geheimniß hatte, fühlte ſich zuletzt beleidigt, durch dieſe zweideutigen Bitten, welche Mangel an Vertrauen zu ihrem Herzen verriethen. Doch ſie ſchwieg, und vielleicht war es eben der Umſtand, daß ſie es verſchmähte, zu erfahren, was ihr Gatte mit dieſen Andeutungen meinte, welcher eigentlich veranlaßte, daß er meinte, ihr Stillſchweigen entſpränge aus dem Bedürfniſſe, ein Borteunen von allzu zarter Beſchaffenheit zu vermeiden. „Inzwiſchen hatte Henrika eine bewunderungswürdige Schlauheit bewieſen. Sie legte in ihren Umgang mit Richard das zärtlichſte Feingefühl und einen ſprechenden Ausdruck von tiefem Mitleiden. Mir zeigte ſie keineswe⸗ ges ihren Haß unumwunden, ſondern ich fand ihr Beneh⸗ men mit einer ſo verächtlichen und elenden Eiferſucht ge⸗ miſcht, daß ich noch mehr vor dem gefährlichen Punkte dinen hatte ſie dagegen ihr Betragen bedeutend verändert: jetzt war es eine Art von vertraulicher und großmüthiger Herablaſſung, welche es vermied, ein Geſchöpf zu beleidi⸗ gen, welches natürlicher Weiſe an ſeinen eigenen Vorwür⸗ fen genug haben mußte. „So ſtanden die Sachen, als an einem Abende beim Anfange des Herbſtes, da ich allein in der kleinen All⸗ tagsſtube ſaß, Leopoldine ſchnell mit einer ganzen Handvoll Brieſchen hereinkam. „Sie brach in Thränen aus, warf ſich in die Ecke des Sopha's und ſagte mit gewaltiger Gemüthsbewegung:„Hat ſich denn die ganze Welt verſchworen, mir eine Verachtung zu zeigen, deren Grund ich unmöglich finden kann? Sieh, mein guter Wilhelm! Du, der Du mich nicht verachteſt, ſondern noch immer der Freund der armen Leopoldine biſt — ſieh, welche kalten und gezwungen höflichen Weigerun⸗ gen ich auf meine Einladungen zu Richard's Namenstage erhalten habe! Ich hatte gehofft, durch ein kleines Feſt, an welchem alle froh und vergnügt ſein koͤnnten, die alte Vertraulichkeit wieder anknüpfen zu können; doch ſieh, von dreißig Perſonen, die ich eingeladen habe, können kaum zehn kommen.. Verſtehſt Du etwas dergleichen?“ Sie reichte mir die abſcheulichen Papiere. „Um Zeit zu gewinnen, nahm ich das eine nach dem andern. Ich begriff, wie tief alle dieſe kleinen Nadelſtiche Leopoldinens Feingefühl verletzen mußten, und ich raſ'te⸗ vor Verzweiflung, denn die Unſchuldige litt ja um mei⸗ netwillen! „Mein Kopf brannte, meine Pulſe flogen; ich ver⸗ zweifelte daran, ſie retten zu können. O mein Gott, was ſollte ich thun?„Fleuch, fleuch!“ rief die mahnende innere Stimme, und ich beſchloß ihr zu folgen. Doch zuvor mußte ich mit Richard reden: ich wollte ſein Haus nicht gleich einem Miſſethäter verlaſſen. „Ich beſchwöre Dich, Wilhelm!“ bat Leopoldine mit & — ſchauderte, worauf wir ſämmtlich ſtanden. Gegen Leopol⸗ der lieblich oder nur „Ich „Ach Du weißt gen will, then, würde dan verbrecheri in ihr He hörte, vo zufolge the „Den der Gedan Hände bek ruhe, die ihre unſcht den Bewey ſpiegelten. 3„Red ſcheidenden nehmen, de aber auch „Leop zu bedenke gen hat— fahren wir „O 1 „Du „Iſt bereitungen egen Leopol⸗ Hverändert: roßmüthiger zu beleidi⸗ en Vorwür⸗ lbende beim kleinen All⸗ en Handvoll die Ecke des gung:„Hat Verachtung inn? Sieh, verachteſt, poldine biſt Weigerun⸗ tamenstage leines Feſt, 7, die alte doch ſieh, önnen kaum hen?“ Sie nach dem Nadelſtiche ich raſ'te um mei⸗ ich ver⸗ Gott, was ende innere Hoch zuvor Haus nicht oldine mit 41 der lieblichſten Stimme,„ſage mir, wenn Du es weißt oder nur ahnſt, was hat dieſes Uebel veranlaßt?“ „Ich ſchwieg in unerhörter Angſt. „Ach, ich ſehe es Deiner Bewegung an, Wilhelm, Du weißt es ſehr gut— und da es mir kein Anderer ggen will, ſo habe Du Erbarmen mit mir!... Glaube mir, ich habe Stärke, Alles zu hören, wenn ich nur die⸗ ſer peinigenden Ungewißheit entgehe!“ „Du würdeſt nicht die Kraft dazu haben, Leopoldine!“ ſagte ich, und beſchloß den gefährlichen Schritt zu wagen, ihr das Gerücht mitzutheilen, ohne mich ſelbſt zu verra⸗ then, und ich faßte dieſen Vorſatz aus zwei Gründen: ſie würde dann das Recht haben, mich zu verweiſen, und— o verbrecheriſcher Gedanke!— ich würde Gelegenheit haben, in ihr Herz zu blicken, wenn ſie mich von Liebe reden hörte, von einer Liebe, die ſie dem allgemeinen Gerüchte zufolge theilen ſollte. „Dennoch ließ mich der Muth faſt im Stiche. Aber der Gedanke, daß Leopoldine nun ihr Schickſal in ihre Hände bekommen ſollte, überwand die widerſtrebende Un⸗ ruhe, die mich immer überfiel, wenn ich einen Blick auf ihre unſchuldsvollen Züge warf, worauf ſich die wechſeln⸗ den Bewegungen der Neugierde und der Beſtürzung ab⸗ ſpiegelten. „Rede, Wilhelm!“ ſagte ſie endlich in einem ent⸗ ſcheidenden Tone.„Ich kann aus Deinem Gefühle ab⸗ nehmen, daß es etwas ſehr ärgerliches ſein muß; was es aber auch ſein mag, ich will es beſtimmt hören!“ „Leopoldine, vergiß nicht, wenn ich ausgeredet habe, zu bedenken, daß Dein eigener Wille mich dazu gezwun⸗ gen hat— zürne mir nicht über dasjenige, was Du er⸗ fahren wirſt!“ „O nein, nein— beginne!“ „Du wirſt kaum Deinen Ohren trauen!“ „Iſt es nothwendig, mich durch dieſe marternden Vor⸗ bereitungen ſo zu erſchüttern, daß ich mich beinahe vernich⸗ 42 tet fühle— in Gottes Namen! welches Verbrechens be⸗ ſchuldigt man mich?“ „... daß... daß“— meine Stimme zitterte ſo heftig, daß ich kaum die Worte hervorbringen konnte— „daß Du eine wahnſinnige Liebe erwiederſt!“ „Leopoldine fuhr auf. Sie erhob ihr ſchönes Haupt mit einer edlen Bewegung. „O hätte Richard ſie in dieſem Augenblicke geſehen! „Und wen,“ ſagte ſie mit einem faſt verächtlichen Lächeln auf den Lippen,„wen hält man für ſo kühn, daß er mit Richard's Gattin von Liebe reden könnte?“ „Mich!“ „Dich... nein, eine ſolche Schändlichkeit iſt nicht möglich... Du— Richard's edler, geliebteſter und geſchätzteſter Freund— Du hätteſt ihn ſo betrügen und beleidigen, Du hätteſt die Gaſtfreundſchaft ſo gekränkt und das Weib ſo beleidigt haben können, welches Dich mit der Liebe einer Schweſter aufgenommen hat? Findeſt Du das nicht ſelbſt eben ſo lächerlich als dumm? Und findeſt Du nicht, Wilhelm, wenn wir Richard mit munterm La⸗ chen empfangen und ihm ſagen, was Du mir jetzt geſagt haſt, daß er nur einen Blick auf uns zu werfen braucht, um ſich zu überzeugen, daß er— Gott vergebe es ihm, einen ſolchen Verdacht gehegt zu haben!— daß er ſich geirrt hat? Und ſieh, guter Wilhelm! iſt nur Richard überzeugt, ſo ſoll es auch nicht ſchwer werden, die ganze Welt zu überzeugen... Aber ich weiß, wer mir das gethan hat, und meine erſte Bitte an Richard ſoll ſein, ſie aus dem Hauſe zu ſchaffen.“ „Während Leopoldine dieſes ſo ſchnell äußerte, als die Gedanken einander jagten, wurde ich ſelbſt unerhört auf der ſelbſtbereiteten Folter gemartert. Ich bin überzeugt: wäre Richard in dieſem Augenblicke eingetreten, ſo würde Leopoldinens unſchuldige Erklärung meine Selbſtbeherrſchung ſo ſehr auf die Probe geſetzt haben, daß meine Verwirrung der Wahrheit entgegen gewirkt hätte. Und da ich gewiß dagegen f ten haben. geredet un loſigkeit e Gerüchtes fordern, eidzaht eſchehen 8 thun l überlege, zu beleidi läßt ſie ſ edler Ric flüchtigen im Ernſt thun, we ihre ruh meiner 2 ſelbe noc ßen Ged J meiner N ſie eifrie meinem und Du erbrechens be⸗ ne zitterte ſo een konnte— chönes Haupt licke geſehen! verächtlichen ſo kühn, daß nte?“ hkeit i*ſt nicht iebteſter und betrügen und gekränkt und Dich mit der Findeſt Du 2 Und findeſt munterm La⸗ jetzt geſagt rfen braucht, gebe es ihm, daß er ſich nur Richard , die ganze der mir das ſoll ſein, ſie erte, als die anerhört auf n überzeugt: n, ſo würde beherrſchung Verwirrung a ich gewiß 43 ein ſchlechter Schauſpieler geweſen wäre, ſo würde er ſie dagegen für eine um ſo geſchicktere Schauſpielerin gehal⸗ ten haben. „Du ſchweigſt, Wilhelm!“ fuhr ſie fort, und betrach⸗ tete mich mit einer ausdrucksvollen Verwunderung.„Warum haſt Du nicht dieſes Mißverſtändniß, welches Du kannteſt, ſogleich gehoben? Warum haſt Du nicht mit Richard geredet und ihm, wie es Deine Pflicht war, die Gruad⸗ loſigkeit eines für Dich ſo erniedrigenden und entehrenden Gerüchtes gezeigt?“ 1 „Leopoldine!“ rief ich aus,„biſt Du nicht jetzt all⸗ zu ſtreng?“ „Nein, gewiß nicht— Du mußt ſelbſt geſtehen, daß Du das Recht haben könnteſt, jeden Menſchen heraus zu fordern, der Dich wegen einer ſo großen Schändlichkeit in Verdacht hat... Doch warum ſich dabei aufhalten, was geſchehen ſein ſollte, da wir mit der Gegenwart genug zu thun haben! Weißt Du, Wilhelm! wenn ich es recht überlege, ſo wage ich Richard's Feingefühl kaum dadurch zu beleidigen, daß ich die Sache ernſt nehme; als Scherz läßt ſie ſich beſſer abhandeln; denn wenn mein guter und edler Richard auch wohl einen einzigen Augenblick einen flüchtigen Argwohn hegen konnte, ſo hat er ihn doch nie im Ernſte gehegt— und es würde ihm nachher wehe thun, wenn ich einer Rechtfertigung bedurft hätte.“ „O wie peinigte ſie mich! Doch weit entfernt, daß ihre ruhige Zuverſicht zu meiner Ehre den Sturm in meiner Bruſt zur Ruhe hätte bringen ſollen, ſtürmte der⸗ ſelbe noch ſtärker bei der Verachtung, welche ſie dem blo⸗ ßen Gedanken an das Daſein meiner Liebe zeigte. „Ich wollte gehen, ich wollte in aller Eile Anſtalt zu meiner Abreiſe treffen. „Nein, wohin gehſt Du, Wilhelm! Bleibe!“ bat ſie eifrig.„Allein bin ich nur allein: wir müſſen Beide meinem Richard dieſes Märchen erzählen, und Du... und Du. Doch hier hielt ſie ploͤtzlich inne, ihr Blick fuhr heftig zurück von meinem Geſichte, das die Maske nicht länger ertrug.„Wilhelm!“ Sie ſagte nur dies einzige Wort, aber darin lag ein ſo herzzerreißender Aus⸗ druck von Schmerz, Schrecken, Verachtung und Angſt, daß ich dabei den letzten Ueberreſt meiner Beſinnung verlor. „Leopoldine!“ rief ich aus und ſank ihr zu Füßen, „kannſt Du denjenigen verachten, der drei Jahre lang Dein Bild in ſeiner Seele getragen hat, ohne daß er mit einem Blicke, mit einem Worte ſeine Pein derrathen hat? O, ich beſchwöre Dich, zu glauben, daß ich Dich nie mit einem Gedanken beleidigt habe“... Ich weiß nicht, was ich ſagte: ich ſprach in Fieberphantaſien. „Verlaß mich! reiſe, reiſe augenblicklich! Alles iſt aus!“ Und ihre Thränen ſtröͤmten, nicht um meinet⸗, ſon⸗ dern um meiner elenden Schwäche willen. „Wer dieſe Thränen geſehen, wer dieſe Worte gehört hätte:„Verlaß mich; reiſe, reiſe augenblicklich! Alles iſt aus!“ und die Urſache derſelben gewußt hätte, der würde ſie nicht mißverſtanden haben. Aber es war Einer da, der— ohne das vorhergegangene Geſpräch gehört zu haben— durch die leiſe geöffnete Thür die Thränen ge⸗ ſehen, die letzten Worte gehört hatte. Es war Einer da, der den Freund zu den Füßen ſeiner Gattin geſehen atte. j„Es herrſchte in dem Zimmer ſchon die Dämmerung. Wir wußten von nichts. „Ich floh auf mein Zimmer. „Leopoldine blieb in ſtummem Schmerze zurück. „An dieſem Abende ſprach ſie nicht mit Richard: wahrſcheinlich wollte ſie, weil ſie die ſtrengen Grundſätze des geliebten Mannes in Betreff der Ehre kannte, meine Abreiſe abwarten. „Ich wollte früh am folgenden Morgen reiſen. Ich hatte es ihr geſagt... Aber ſie hatte keinen Blick, kein Wort der Verzeihung gehabt. nen, meinem Lesyolding eigenen Sache ga „ überwiege halten he lente mi Schlafes mein bre „Jdh erſchütter daß er n Licht bey Schatten „ Finſterni D / durch die Augenbl „U tigen S J war fül s die Maske gte nur dies Sender Aus⸗ und Angſt, Beſinnung zu Füßen, Jahre lang daß er mit rathen hat? ich nie mit nicht, was ! Alles iſt neinet⸗, ſon⸗ Vorte gehört lich! Alles hätte, der war Einer h gehoͤrt zu chränen ge⸗ war Einer ttin geſehen ämmerung. urück. Richard: Grundſätze tte, meine iſen. Ich Blick, kein 45⁵ IV. „Die Nacht kam— welche Nacht! „Ich brachte einen Theil derſelben damit hin, einen langen Brief an Richard zu ſchreiben, und ſuchte in dem⸗ ſelben alle Gedanken und Gefühle zu entwickeln und zu ord⸗ nen, welche einander während der letzten drei Jahre in meinem Kopfe und Herzen gejagt hatten. Ich beſchrieb Leopoldinens tiefen Abſcheu vor meiner Schwäche. Ach, ich wußte nicht, daß Richard's eigene Augen, daß ſeine eigenen Ohren durch das grauſamſte Mißverſtändniß die Sache ganz anders aufgefaßt hatten. „Doch während des Schreibens peinigte mich die überwiegende Gewißheit, daß das Weib, welches ich mit der wärmſten Verehrung anbetete, an mich nur mit Haß — nein, noch ärger: mit Verachtung dachte! Verachtet von ihr, von ihr, die mich einmal für einen Freund ge⸗ halten hatte, der ihrer Freundſchaft würdig war, wozu diente mir noch ferner das Leben? „Ich war nicht im Stande, in den Armen des Schlafes Ruhe zu ſuchen, und ging daher hinaus, um mein brennendes Haupt in der Nachtluft zu kühlen. „Ich blickte hinauf nach Richard's Zimmer, und eine erſchütternde Ahnung durchrieſelte meine Seele, da ich ſah, daß er noch ſo ſpät in der Nacht ſich dort befand. Das Licht bewegte ſich hin und her, und ich ſah, wie ſein Schatten auf verſchiedene Seiten des Zimmers fiel. „Es legte ſich ein Nebel vor meine Augen, eine Finſterniß über meine Seele. „Doch ein Gedanke bahnte ſich ſchnell einen Weg durch die Gemüthsverwirrung: ich will ihn jetzt, in dieſem Augenblicke aufſuchen!“ „Und ich ſchlich mit leiſen Schritten, mit den bedäch⸗ tigen Schritten eines Verbrechers die Treppe hinauf. „Ich blieb vor der Thür ſtehen und lauſchte. Alles war ſtill und der Schlüſſel ausgezogen. 46 „Endlich klopfte ich an. Doch kein Laut verrieth, daß ich gehört worden war. „Ich bückte mich und ſah durch das Schlüſſelloch, Da hatte ich einen Anblick, den mein Gedächtniß mich noch jetzt täglich vollkommen getreu ſehen läßt. „Nichard ſtand neben dem Tiſche und ſtützte ſich mit der einen Hand auf die Scheibe. In der andern hielt en Leopoldinens Portrait. Auf ſeinem Antlitze kämpfte die eiſende Vernichtung der Verzweiflung mit einer wahn⸗ ſinnigen Leivenſchaft. Er weinte, er drückte das Portrait mit einer Art von Wuth an ſeine Lippen; er hielt es wie⸗ der weit von ſich entfernt, und nun verzogen ſich ſeime ſchönen, edlen Züge in eine ſo ſchreckliche, fürchterliche Qual, daß ich fühlte, wie die Kälte des Todes durch meine Glieder rieſelte. 4 „Er iſt von ihrer Untreue überzeugt! Arme Leopol⸗ dine, ſoll ich nun die Schwärze vertilgen, mit welcher man Deine reine Seele hat beſudeln wollen? Wird Ri⸗ chard mir glauben? Er muß, er wird glauben!... Doch“— ich warf wieder einen Blick auf dieſe ſtumme Verzweiflung. Er lag jetzt über den Tiſch hinabgebeugt und verbarg das Geſicht in der Hand. Ein Zweifel ſtieg in meiner Seele auf—„ein Mann, der ſo wenig zum Mißtrauen geneigt iſt, läßt es faſt nie wieder fahren.... Doch, er mag mich empfangen, wie er will, ich muß mit ihm reden!“ „Ich klopfte wieder an, und diesmal ſo ſtark, daß er zuſammen fuhr. „In dieſem Augenblicke hörte ich leiſe Schritte auf der Treppe. Ich zog mich ſchnell hinter die Thür zurüch welche zu dem Corridor führte, an welchem mein Zimmen lag; und kaum hatte ich die Thür zugemacht, ſo ſah ich durch die Ritze Leopoldinens feine Geſtalt in dem weißen Nachtgewande auf Richard's Thür zuſchweben. Jetzt klopfte ſie an. „Wer iſt da?“ fragte Richard. draußen.“ „Er Dich, Leo von mir / Du haſt Kummer „Die „Geh, U die Thür Anrede 3 deſſen mit cher Zeit ausdrückte Wort ſol komm! ie „Dr dem feine N Laut verrieth, Schlüſſelloch. vaichtiiß mich t. ſtützte ſich mit endern hielt er e kämpfte die einer wahn⸗ das Portrait hielt es wie⸗ gen ſich ſeine „ fürchterliche s durch meine Arme Leopol⸗ „ mit welcher 2 Wird Ri⸗ glauben!.. dieſe ſtumme hinabgebeugt Zweifel ſtieg ſo wenig zum er fahren.... ich muß mit ſtark, daß er Schritte auf Thür zurüch mein Zimmer t, ſo ſah ich n dem weißen Jetzt klopfte 47 „Ich, mein Geliebter!“ antwortete ſie mit dem ſichern und reinen Ausdrucke der Unſchuld.„Ich bin unruhig, weil Du nicht kommſt!“ „Und warum denn?“ fragte er rauh, faſt hart. „Guter Richard! laß mich ein— mich friert hier draußen.“ „Er öͤffnete die Thür zur Hälfte.„Geh und lege Dich, Leopoldine!“ ſagte er ernſthaft.„Morgen ſollſt Du von mir hören: dieſe Nacht will ich allein ſein.“ „O nein, ich beſchwöre Dich, jage mich nicht weg! Du haſt etwas auf Deinem Herzen— theile Deinen Kummer mit mir, mein theurer Richard, ich bitte Dich!“ „Dieſe Worte ſchienen ihn faſt in Wuth zu verſetzen. „Geh, Unglückliche, Unwürdige!“ rief er heftig und ſchlug die Thür zu. „Ich glaubte, ich würde Leopoldinen bei dieſer harten Anrede zu Boden ſinken ſehen; aber ich hörte ſie ſtatt deſſen mit feſter Stimme, mit einer Stimme, die zu glei⸗ cher Zeit beleidigten Stolz und herzzerreißenden Schmerz ausdrückte, ſagen:„So lebe denn wohl, Richard! Dieſes Wort ſollſt Du bereuen!“ „Der Ton, die Wahrheit, die in dieſen Worten lag, muß ihn ſogleich mit Reue geſchlagen haben, denn er öff⸗ nete die Thuͤr von Neuem:„Komm zuruück, Leopoldine! komm! ich will Dich hören!“ „Doch Leopoldine kam nicht. Sie war verletzt in dem feinſten und heiligſten Gefühle ihres Herzens. „Noch einmal rief er mit athemloſer Stimme: „Komm, Leopoldine, und ich will es als ein Zeichen Deiner Unſchuld betrachten!“ „Morgen,“ entgegnete ſie faſt eben ſo erregt,„wollen wir uns erklären!“ Und ſie eilte hinweg. „Auf Richard muß dieſer Abſchlag nur einen Ein⸗ druck gemacht haben: er brachte ſeine gefaßte Ueberzeugung zu voller Gewißheit; er ſah in ihr ein Weib, das noch Achtung genug vor der Wahrheit hatte, und daher nicht wagte, zuruck zu kommen, da er es als ein Zeichen ihrer Unſchuld begehrte. „Doch Leopoldine begriff nicht, hatte in der Gemüths⸗ verfaſſung, in welcher ſie ſelbſt war, nicht Beſinnung ge⸗ nug, um zu bedenken, welche Wichtigkeit ihre Weigerung für Richard haben konnte. „Es wurde wieder ſtill im Zimmer. „Ich verließ meinen Verſteck, klopfte an die Thüt und ſagte:„Oeffne, Nichard— ich komme, um Abſchict zu nehmen!“ „Ich weiß es!“ antwortete er in einem Tone der unnatürlichſten Ruhe.„Da ich aber einige Beſchäftigun⸗ gen habe, die jetzt meine Zeit in Anſpruch nehmen, ſo laß uns dieſen Abſchied noch einige Stunden aufſchieben um ſechs Uhr ſtehe ich zu Dienſten!“...... . (Hier war vieles in den Anzeichnungen überkreuzt umd geändert, was hinlänglich zu erkennen gab, wie ſchwer i dem armen Einſiedler auf der Johannis⸗Klippe geworden ſein mußte, ſeine Erzählung fortzuſetzen. Endlich begam er ohne alle Vorbereitung mit folgenden Worten:) „Ehe ich fortfahre, Georg, ſo lies dieſen Brief R⸗ chard's an ſeine Gattin. Sie erhielt ihn am Morgen nach der erwähnten Nacht!“ B (Georg gehorchte eilfertig dem Befehle ſeines Vaterst er entfaltete den alten gelb gewordenen Brief und lat folgendes:) „Leopoldine! „Während der letzten zwei Monate habe ich Grah für Grad alle Qualen des Abgrundes durchgemacht! „Ich war vereint mit einem Weibe, das ich vergot terte. Ihr Herz ſpiegelte alles Gute, Reine und Edl ab, das Gott bei ſeinen herrlichſten Geſchöpfen niedergte legt hat. Meine ganze Seele war Dankbarkeit gegen den⸗ jenigen, der mir das ſeligſte Geſchenk der Erde, eine ſchoͤnt gute Gatti Hauch der die mir taf Welt ſchen „Noch denken: es lebte durch nicht den 2 „O T ehrte, wi Deiner ehe nahmſt Du Mit einem habe ich D geſehen.. Du ſo reit „Ich Weib, ich verachtete, die Binde Schlauheit mein Ohr mehr wüͤßt zollte, wäl / ich war zu wollen, wa Lebens, ja „Mit Er ſpielte Arme werf wenn er ſa vor meiner Ich hatte Der Ein Zeichen ihrer er Gemüths⸗ Zeſinnung ge⸗ e Weigeruͤng an die Thür um Abſchied eem Tone der Beſchäftigun⸗ h nehmen, ſo un aufſchieben überkreuzt umd wie ſchwer ai ippe geworden Endlich begam orten:) iſen Brief Ri⸗ Morgen nach ſeines Vaterst Brief und la abe ich Grai ggemacht! das ich vergät⸗ ine und Chl⸗ ppfen niederge⸗ eeit gegen den⸗ de, eine ſchoͤnt⸗ 49 gute Gattin, verliehen hatte; mein ganzes Leben war ein Hauch der Liebe, welche ſchützend ſie umſchwebte, ſie, die mir tauſendmal theurer war, als alles, was mir die Welt ſchenken konnte. „Noch einmal iſt es lieblich, iſt es ſelig, daran zu denken: es iſt meine letzte Freude auf dieſer Erde. Ich lebte durch Deine Liebe, meine Leopoldine; ich überlebe nicht den Verluſt derſelben und— meiner Ehre. „O Weib, Zauberin, Abgott, den ich zu hoch ver⸗ ehrte, wie war es möglich, daß Du Deiner Pflicht, Deiner ehelichen Treu ungetreu werden konnteſt— woher nahmſt Du dieſe unerhörte, dieſe ſchreckliche Heuchelei? Mit einem Schrecken, für den es keinen Ausdruck gibt, habe ich Dich ſo unſchuldsvoll und dabei doch ſo ſchuldig geſehen... und doch gab es eine Zeit, Leopoldine, da Du ſo rein liebteſt! „Ich haſſe, ich verabſcheue dieſes verhaßte, neidiſche Weib, ich moͤchte ſie morden, wenn ich ſie nicht ſo tief verachtete, welche mir mit grauſamer Schadenfreude zuerſt die Binde von meinen Augen riß, die mit vorſichtiger Schlauheit, mit ſo giftigen Andeutungen begann, daß ſie mein Ohr verpeſtete, und mir dann zeigte, daß Jedermann mehr wüßte als ich, daß man mir ein elendes Mitleiden zollte, während man meiner Blindheit lachte. „Ich kämpfte mit ſtarker Kraft gegen das Böſe an: ich war zu glücklich, an etwas ſo Gräßliches glauben zu wollen, was eine Vernichtung der Seligkeit meines ganzen Lebens, ja meines ganzen Lebens geweſen wäre. „Welche Stunden begannen nun! „Mit lauernden Blicken erwartete ich ſeine Ankunft. Er ſpielte gut, ſo gut, daß ich mich ihm bisweilen in die Arme werfen und meinen Argwohn bekennen wollte. Doch wenn er ſah, daß ich nahe daran war, ſo floh er ſcheu vor meinem Blicke. Und dennoch wollte ich zweifeln! Ich hatte weder Tag noch Nacht Ruhe: die furchtbaren Der Einſiedler ꝛc. mI. 4 50 Dämonen der Efferſucht faßten mich mit ihren Krallen, und riſſen mein Herz immer blutiger und blutiger... Woher nahmſt Du dieſe unerhoͤrte Sicherheit, woher dieſe kühne Leichtigkeit, ihm gerade unter meinen Augen mit Ruhe zu nahen? Ich ſah Euch Blicke, brennende Blicke eines geheimen Vertrauens austauſchen— Er und Du! Er... ich will ihn nie wieder nennen: es gibt Verbrecher, die allzu nichtswürdig ſind, als daß man ſie verachten kann, Menſchen, die durch ihre Handlungen ſo entehrt ſind, daß ein ehrlicher Mann ſich ſelbſt entehrt, wenn er ihnen ſeine Verachtung ſchenkt.... Trägt die Erde einen groͤßern Verräther, als den, der unter der Maske der Freundſchaft ſein Gift in das Herz des Freun⸗ des tröpfelt, der den Tempel der Liebe und des Friedens einſtürzt, den dieſer ſich erbaut hat, der ſein irdiſches Glück mordet, ſeine Gattin verführt, von ihrer Stirn die Glorie der Tugend ſtiehlt, um ſtatt ihrer das Gepräge der Entehrung und der öffentlichen Beſchimpfung dahin zu ſetzen, und der ſeines Freundes ehrlichen Namen— er wußte wohl, daß dieſer ſeinen ehrlichen Namen unter ſei⸗ nen Gütern am hoͤchſten ſchätzte, weil er ein unbeflecktes, von ſeinem Vater auf ihn gekommenes Erbtheil iſt— dem Schrecklichſten von allen Schrecken, dem Gelächter der Welt Preis gab! Ich wiederhole es noch einmal: dieſer Verbrecher iſt zu nichtswürdig für die Verachtung... Als Du in dieſer Nacht an meine Thür kamſt, Leo⸗ poldine, wurde meine zerriſſene Seele noch einmal durch einen wahnſinnigen Traum von Deiner Unſchuld geſchmei⸗ chelt— wie konnte ich mich ſo täuſchen, nach demjenigen, was ich an dieſem Abende ſelbſt geſehen und gehört hatte. Ich war, wie Du weißt, ausgeweſen. Denn bis⸗ weilen, ſo qualvoll es auch war, Dich mit ihm allein zu laſſen, waren dennoch die Qualen weit unerträglicher, welche ich ausſtand, wenn ich Euch bei einander ſah. Ich verreiſ'te, betäuben. zeugung; rührt, de trieben u laſſen, di Leopoldin Geſtalt d ganz klar geweſen ſ „De ... wel ſchlafloſer der Freud an meiner geweint, Sol oder mich der Neid heben: 2 Begierde mich, ihr und dies willen: brannte Krallen, ger... eit, woher inen Augen brennende en— Er n: es gibt ſaß man ſie Trägt die aer unter der des Freun⸗ es Friedens in irdiſches r Stirn die ſamen— er n unter ſei⸗ unbeflecktes, btheil iſt— m Gelächter kamſt, Leo⸗ ſinmal durch ld geſchmei⸗ demjenigen, ehört hatte. Denn bis⸗ 51 verreiſ'te, um den wilden Aufruhr in meinem Herzen zu betäuben. Noch wollte ich mich nothwendig zu der Ueber⸗ zeugung zwingen, daß der Wahnſinn mein Gehirn be⸗ rührt, daß boͤſe Geiſter ihr Spiel mit meinen Augen ge⸗ trieben und mich Abſcheu erweckende Dinge hatten ſehen laſſen, die es nicht in der Wirklichkeit gab... Wiſſe, Leopoldine!— wäre der Glaube, der jetzt die ganze nackte Geſtalt der Wahrheit angenommen hat, mir ſchon früher ganz klar geweſen, ſo würde der Erfolg dennoch derſelbe geweſen ſein, der er jetzt wird. „Doch Dein Ruf, Dein Ruf— o meine Leopoldine! ... welche brennenden Thränen habe ich nicht in den ſchlafloſen Nächten, da Du, vielleicht von dem Traum der Freuden einer verbrecheriſchen Liebe in Schlaf gewiegt, an meiner Seite ſchlummerteſt, über dieſen befleckten Ruf geweint, welcher einſt mein Stolz war! So lange ich an Deine Reinheit und Unſchuld glaubte, oder mich ſtellte, als glaubte ich daran, ſo lange konnte der Neid und die Bosheit ihre Häupter nicht ganz er⸗ heben: Dein Gatte ſchützte Dich noch. Indem ich vor Begierde wüthete, ſein Blut fließen zu ſehen, zwang ich mich, ihm meine Freundſchaft höher denn zuvor zu zeigen, und dies um Deinetwillen, Leopoldine— um Deinet⸗ willen: die Welt mußte ja zweifeln, wenn ſie meine Ruhe, meine Ueberzeugung ſah. „Hätteſt Du mich noch geliebt, hätteſt Du noch das geringſte Fünkchen der Sympathie übrig gehabt, welche einſt uns mit einander vereinigte, ſo würdeſt Du im Schlafe die heißen Küſſe gefühlt haben, welche ich auf Deine Locken drückte— auf dieſe goldgelben, ſeibenweichen Locken, mit denen auch er geſpielt hat. Ha, welche Pein! Ich athmete ſie aus in Seufzern, die Dein Ohr nicht er⸗ reichten. Mit welcher glühenden Sinnreichheit ſtellte ſich nicht meine Einbildung Eure Liebeszuſammenkünfte vor! Jedes ausgetauſchte Wort, jede ausgetauſchte Schmeichelei brannte ſich tief in meine Seele ein. Doch wenn ich durch das Uebermaß dieſer hölliſchen Qualen nahe daran war, meine Beſinnung zu verlieren, ſo kam wiederum ein wohlthätiger Hauch, ein lieblicher Traum, daß Alles, was ich gelitten, nur eine Krankheit wäre, die bald durch ein offenes Vertrauen geheilt werden könnte... So kämpfend zwiſchen zwei Mächten, von denen mich die eine in den Himmel, die andere in die Hölle ziehen wollte, beſchloß ich geſtern früh, ein wenig auszureiten. Der Zufall führte mich zu D., dieſer Familie, welche wir ehedem zu unſerem vertrauteſten Kreiſe rechneten. Bei Tiſche, da der Wein den unbedachtſamen Wirth allzu offenherzig machte, entfielen ihm Worte, die mein Blut in Gährung ſetzen mußten; und ſeine Entſchuldigungen, wegen ſeiner Aufrichtigkeit, die er auf Rechnung der Freundſchaft und alter Zeiten ſchrieb, brachten mich end⸗ lich auf den Gipfel der Wuth. Ich hatte, wie Du weißt, die Abſicht gehabt, die Nacht auszubleiben; doch jetzt warf ich mich auf das Pferd und jagte nach Hauſe mit dem Entſchluſſe, dieſer Hölle auf die eine oder die andere Art ein Ende zu machen. Bei meinem Eintritte in den Saal traf ich Henrika. Sie gab mir ein Zeichen ſtill zu ſein und leiſe aufzutreten, indem ſie mit einer Bewegung, die ich nur allzu gut verſtand, auf die nur angelehnte Thür der Alltagsſtube deutete. Eine Fieberglut brannte in meinem Blute, während mein ganzer Körper von einem convulſiviſchen Froſte ge⸗ ſchüttelt wurde.— Ich ſchlich mich an die Thür. Du weißt ſelbſt, Leopoldine, grauſames, geliebtes, un⸗ glückliches Weib, was ich ſah! Meine Träume verwan⸗ delten ſich in Wirklichkeit, eine Wirklichkeit, die nicht un⸗ ter meinen Augen verſchwand. Ich, Dein Gatte, ſah Deinen Liebhaber zu Deinen Füßen, hörte ihn die heißen Flammen ſeiner verbrecheriſchen unſinnigen Liebe ausathmen, hoͤrte Dich dieſe Worte aus⸗ ſprechen, fahr, Eu „Verlaß „ Porträte. rungen in Troſt verl heftiges Schritte. Ich weiß Wort, da nicht meit Dich bele der Wahr meiner eig mochte, ſe reuen!“ „An haltend, rief ich? daß mein muß, in dennoch will es a bliebſt ſte erklären!“ Du letzte Tra ſtolz, um beſtimmte Leopoldin der Wah irth allzu mein Blut -uldigungen, nung der mich end⸗ Du weißt, h jetzt warf ſe mit dem andere Art ch Henrika. aufzutreten, r allzu gut Alltagsſtgbe , während Froſte ge⸗ liebtes, un⸗ ne verwan⸗ e nicht un⸗ zu Deinen brecheriſchen Worte aus⸗ ſprechen, die wahrſcheinlich von der überhangenden Ge⸗ fahr, Euch verrathen zu ſehen, hervorgerufen wurden: „Verlaß mich! reiſe, reiſe augenblicklich! Alles iſt aus!“ „Ich ſah nicht mehr, ich hoͤrte nicht mehr. Henrika zog mich hinweg...— „Und wieder iſt es Nacht— dieſe Nacht, in der ich Dich zum letzten Male geſehen habe. „Ich hatte ſchon Abſchied genommen von Deinem Porträte. Dieſes Bild, Dir ſo ähnlich, hatte Erinne⸗ rungen in meinem Herzen hervorgerufen, welche mir den Troſt verliehen, weinen zu können. Da fuhr plötzlich ein heftiges Zittern durch meine Glieder; ich hörte Deine Schritte. Du kamſt und bateſt mich hinunter zu kommen. Ich weiß nicht, was ich ſagte, vielleicht war es ein hartes Wort, das meine Gedanken verrieth, obgleich es damals nicht meine Abſicht war, ſie zu verrathen. Du fühlteſt Dich beleidigt, und mit einem Tone, der die ganze Kraft der Wahrheit hatte, und der noch trotz des Zeugniſſes meiner eigenen Augen und Ohren mich zu täuſchen ver⸗ mochie ſagteſt Du:„Richard! dieſes Wort ſollſt Du be⸗ reuen!“ „Angſtvoll den letzten Funken von Hoffnung zurück⸗ haltend, der hiedurch in meiner Seele angezündet wurde, rief ich Dich zurück. Doch obgleich ich uͤberzeugt bin, daß meine Stimme die ganze Unordnung verrathen haben muß, in der ſich meine Gedanken befanden, kamſt Du dennoch nicht. Da ſagte ich:„Komm zurück und ich will es als ein Zeichen Deiner Unſchuld betrachten!“ Du bliebſt ſtehen und antworteteſt:„Morgen wollen wir uns erklären!“ Du verſchwandeſt und mit Dir verſchwand auch der letzte Traum. Ich kannte Dich allzu gut: Du warſt zu ſtolz, um mich durch eine Lüge zu bethören, da ich ein beſtimmtes Zeichen Deiner Unſchuld begehrte. Und ich, Leopoldine, will Dir als Lohn für dieſen letzten Tribut der Wahrheit die Erklärung ſparen, die Du mir morgen —— — geben willſt; ehe Du Zeit erhältſt zu Deiner Erklä⸗ rung, wirſt Du ſchon eine andere erhalten haben, die Dich für immer von dem Schimpfe befreit, mir Deine erröthende Stirn zu zeigen——— „Lebe jetzt wohl, Du Arme, Beweinenswürdige! Selbſt in dieſem Augenblicke kann ich Dich noch nicht haſſen; denn ich weiß, Deiner wartet eine Strafe, die grauſamer iſt, als meine Worte ſie Dir geben können, und darnach die Reue. Doch, unglückliche Leopoldine, wenn Du in ſchlafloſen Nächten mein Bild Dich um⸗ ſchweben ſiehſt, wenn Du unſer Kind umarmſt und einen gräßlichen Traum geträumt zu haben wähnſt, der mit der Finſterniß der Nacht verſchwinden muß, dann wird der⸗ jenige, dem Du das Höchſte, das Edelſte raubteſt, das im Leben ſein Eigenthum war: Deine Liebe und ſein unbe⸗ fleckter Name, bei dem Allvater für Dich beten. Er würde ſelbſt der himmliſchen Seligkeit nicht genießen können, ehe ſeine Gebete Dich gereinigt und Deinen be⸗ freiten Geiſt aus dem düſtern Lande, durch welches Dein Weg wohl noch eine Zeit lang geht, in das Land des Lichtes hinaufgeführt hat. Dort, meine Leopoldine! dort wirſt Du wieder rein ſein, dort will ich Dir die Sieges⸗ krone der Verzeihung und der auf's Neue erworbenen Tugend auf die Stirn drücken; dort wirſt Du wieder angehören Deinem Richard.“ (Als Georg dieſen Brief zu Ende geleſen hatte, war er ſo erſchüttert durch die Vorſtellung von der Qual, die ſein armer Vater empfunden haben mußte, wenn ſein Auge darauf geruht hatte— die abgenutzten Kanten zeigten, wie oft der Brief geöffnet und wieder zuſammengelegt worden war— daß er über die Theilnahme an dem Schmerze ſeines Vaters ſeinen eigenen ganz vergaß. „Wie ſchwer,“ dachte er,„muß es ihm geworden ſein, zu dem Entſchluſſe zu gelangen, dieſes Zeugniß von — Georg ſtand an, dies Wort auszuſprechen—„den Verirrung⸗ Hände ſeir „Doc Es ahnte das dunkle Vaters ve ten und f Mit ſeript wier men zu Sie ſtieg den ich l wollen. „Die „No ſelbe zu v hervorſuch denn ich mit Rich Leopoldine und es w dem unr Nachricht men moͤch er Erklä⸗ haben, die mir Deine nswürdige! noch nicht Strafe, die en können, Leopoldine, Dich um⸗ und einen der mit der wird der⸗ eſt, das im ſein unbe⸗ beten. Er genießen Deinen be⸗ elches Dein s Land des ldine! dort die Sieges⸗ erworbenen Du wieder chard.“ hatte, war Qual, die mſein Auge en zeigten, nmengelegt e an dem gaß. geworden eugniß von n—„den 5⁵ Verirrungen und dem Unglücke ſeiner Jugend in die Hände ſeines Sohnes zu legen!“ „Doch welches iſt denn wohl das Ende des Ganzen?4 Es ahnte ihm, daß er jetzt nur erſt an dem Eingange in das dunkle Labyrinth ſtände, in welchem das Leben ſeines Vaters verſchwunden wäre, um nie wieder auf einen lich⸗ ten und frohen Weg zurückzukommen. Mit einem tiefen Seufzer nahm Georg das Manu⸗ ſcript wieder zur Hand.) V. „Ich hatte mich an das Fenſter geſetzt, um den Auf⸗ gang der Sonne abzuwarten. „Der neblige Herbſtmorgen ſchien nie ein Ende neh⸗ men zu wollen. O, er wurde dennoch allzu bald hell; Sie ſtieg empor, dieſe blutige Sonne, an einem Morgen, den ich lieber in ewiger Finſterniß hätte begraben ſehen wollen.... „Die Uhr ſchlug halb ſechs. „Noch war eine halbe Stunde übrig. Ich ſuchte die⸗ ſelbe zu vertreiben, indem ich die letzten meiner Sachen hervorſuchte und ordnete: ich wollte um ſieben Uhr reiſen, denn ich wollte mich unmittelbar nach meiner Unterredung mit Richard auf den Weg begeben. Ich begriff, daß Leopoldine die Nacht in Schlafloſigkeit verbracht hatte, und es war mein Wunſch, daß ihr ſogleich, wenn ſie aus dem unruhigen Morgenſchlummer erwachte, die einzige Nachricht, die ihr willkommen ſein konnte, entgegen kom⸗ men moͤchte, nämlich meine Abreiſe. „Je näher die Zeit des wichtigen Zuſammentreffens kam, deſto muthloſer wurde ich. Ich erſchien mir ſelbſt 56 nicht ſo ſchuldig, wie ich Richard erſcheinen mußte: das Verbrechen hatte ja in meiner eigenen Bruſt verwahrt ge⸗ legen. Nur einmal, nur ein einziges Mal, hatten die Lippen die Treue gebrochen, welche ſie der Ehre gelobt hatten; doch dieſes hatte ich ja in meinem Briefe abge⸗ beten— und war ich denn nicht geſtraft genug durch meine unglückliche Liebe und meine eigenen Gewiſſensbiſſe? „Endlich ſtand der Zeiger auf Sechs. „Ich nahm meinen Hut. Ich fuhr mit dem Schnupf⸗ tuche über die Stirn, um den Angſtſchweiß wegzuwiſchen, der in großen Tropfen von derſelben herabfloß; meine ge⸗ preßte Bruſt hob ſich ſchwer; ich ahnte, daß mir ein Ur⸗ theil bevorſtand, von dem ich mich an keinen höheren Rich⸗ terſtuhl wenden konnte. Nie war ich feige, wenn es einen ehrlichen Kampf galt— doch das Gewiſſen beſitzt Waffen, die den Muthigſten bleich machen können. „Ich trat über die Schwelle, kehrte aber wieder um und blickte noch einmal auf die Uhr; ich empfand das fürchterliche Bedürfniß eines Todesgefangenen, die Zeit hinzuhalten, obgleich es mir war, als ob eine unſichtbare Macht mich vorwärts trieb. „Es half nichts— ich mußte ihr folgen. „Endlich ſtand ich vor Richard's Thür. „Ich war ſo ermattet, daß ich genöthigt war, mein Haupt an den Thürpfoſten zu lehnen. Lange fehlte mir die Kraft anzuklopfen. „Der Schlüſſel ſteckte in der Thür. Doch die Stille des Grabes herrſchte im Zimmer. „Jetzt ergriff mich der gräßlichſte Schrecken. Sollte Richard...2 Mein ganzer Körper zitterte. Ich ver⸗ nahm das Hohngelächter der Geiſter des Abgrundes: ſie ziſchten in mein Ohr:„Dein Spiel iſt gewonnen!“ „Ich öffnete die Thuͤr— Richard ſtand in der Mitte des Zimmers: o, er hatte alſo nicht.... „Ich hätte niederknien und dem Herrn mein ganzes Herz als Opfer darbringen wollen; doch ich erblickte Ri⸗ chard's An auf meine Sonnenlich war, dieſe drücke geſe wie das G dammung. und die lie wurden ni Dieſe Auge und reiner nebligen S können. dem Donn in dem H Ruhe: W in einem kann den Doch vor wortung, Werkes!“ „Mit von den b legen hatt hatte er Blut ſprit „Ger ußte: das erwahrt ge⸗ hatten die hre gelobt gzuwiſchen, meine ge⸗ nir ein Ür⸗ n es einen tzt Waffen, wieder um apfand das die Zeit unſichtbare war, mein fehlte mir die Stille n. Sollte Ich ver⸗ undes: ſie n!“ der Mitte in ganzes blickte Ri⸗ 57 chard's Antlitz, und die Laſt des Entſetzens fiel von Neuem auf meine Bruſt. Dieſes Antlitz, welches einſt von dem Sonnenlichte des Glückes und der Liebe erleuchtet geweſen war, dieſes Antlitz, auf dem ich ſo oft die edelſten Aus⸗ drücke geſehen hatte, war jetzt bleich wie der Tod, kalt wie das Grab, düſter wie das Urtheil der ewigen Ver⸗ dammung. Dieſe Lippen, die mich tauſendmal angelächelt, und die liebliche, heilige Sprache der Liebe geredet hatten, wurden nicht von der geringſten Bewegung gekräuſelt. Dieſe Augen, ſonſt ſo beredt, ſo feurig, ſo offen alle guten und reinen Gedanken wiederſtrahlend, waren nun gleich nebligen Spiegeln, die kein Bild mehr in ſich aufnehmen können. Es war nicht Richard— und dennoch war er es. „Ich trat zu ihm. Ich wollte reden. Doch ich konnte nur ein Paar halb gebrochene Sätze hervorbringen:„Ich ſchwoͤre Dir, daß es geſtern zum erſten Male war...“ „Mit einer gebieteriſchen Bewegung gab er mir ein Zeichen, zu ſchweigen und nicht näher zu kommen. Und er ſagte Worte, dieſe Worte, die nie aufgehoͤrt haben, in meinen Ohren zu tönen: ſie werden zu mir gebracht in dem Donner des Sturmes, in dem Brauſen der Wogen, in dem Hauche des Zephir's, in der Windſtille, in der Ruhe: Wilhelm von U.. ich goͤnne Dir nicht das Glück, in einem ehrlichen Zweikampfe zu ſterben— auch ich kann den Tod nicht von Deiner Hand entgegen nehmen. Doch vor Gottes Richterſtuhl lade ich Dich zur Veraut⸗ wortung, daß Du mir Alles geſtohlen und geraubt haſt ͤh.Sieh hier die Frucht Deines Werkes!“ „Mit Blitzesſchnelligkeit ergriff er eine Piſtole, eine von den beiden, die unter dem Tuche auf dem Tiſche ge⸗ legen hatten, und ehe ich mich auf ihn werfen konnte, hatte er abgedrückt... allzu ſicher: er ſiel— und ſein Blut ſpritzte mir in das Geſicht. „Georg... mein Sohn! was mich da ergriff, das 58 weiß ich nicht. Denn faſt gleichzeitig mit dem Schuſſe, der Richard's Leben beendigte, brannte noch ein anderer ab. „Aber meine Hand hatte gezittert: der Tod wollte an jenem Tage nicht mehre Opfer haben. Noch waren viele, viele Jahre übrig, ehe das Stundenglas des Verworfenen ausgelaufen war. „Wochen waren vergangen, als ich in einem Kranken⸗ hauſe erwachte. „Vor meinem Bette ſaß ein Frauenzimmer. Ihre Geſichtszüge waren ergilbt und eingefallen. Doch an dem gewaltſamen Krampfe, der mein Herz zuſammenzog, an dem Zittern, das meine ermatteten Glieder durchfuhr, er⸗ kannte ich ſie: es war Henrika. „Und dieſes Geſchöpf hatte Thränen in den Augen! „Du erwachſt, Du lebſt!“ ſchluchzte ſie mit einer Stimme, deren wilder, leidenſchaftlicher Ausdruck den Schleier zerriß, den die Krankheit und die Nähe des Todes über die letzte Nacht auf Sorgenfrei gebreitet hatte: ich kam wieder zu mir ſelbſt, um auf's Neue das Leben zu durchleben, von welchem meine eigene Hand mich damals hatte befreien wollen. „Mit Abſcheu ſtieß ich die Elende von mir hinweg. „Doch ſie verließ mich nicht. Sie ſchien auf den Eindruck, den ſie hervorbringen würde, gefaßt zu ſein, denn meine Behandlung beleidigte ſie nicht. Sie ſank auf ihre Knie, ſie verpeſtete mich mit ihrem heißen Athemz ſie ſtammelte Worte von den Erniedrigungen einer unſeli⸗ gen Liebe; ſie bat, ſie beſchwor mich um Verzeihung, um Erbarmen. Sie ſagte mir, daß ſie Alles verlaſſen hätte, um mir zu folgen und meiner zu pflegen, daß ſie den Hohn Anderer verachtete, wenn ſie nur von mir einen Blick der Gnade, der Verzeihung erhalten koͤnnte. Siß wollte mich dienen. „Ich a mit einer bit thun hatte. „Es we lens zu unte erhalten hatt Endlich faßt ger, ich ſpra „Jetzt erblaßte ſie „Es w Schreckliches ſollte es au das Leben? ſein wünſcht „Rede! Gemüthsben mit einem würde, ehe „Werd Schlangenzn „Iſt f heftig beim fliehen. „Nein, „Nun „Sie p... lieſeſt, ſo d „Einſt ling mit ein er verirrte Schuſſe, nderer ab. Kranken⸗ enzog, an chfuhr, er⸗ Augen! mit einer druck den des Todes hatte: ich Leben zu ch damals hinweg. auf den t zu ſein, Sie ſank n Athem; ner unſeli⸗ hung, um ſen hätte, ß ſie den nir einen ate. Sis 59 wollte mich nie verlaſſen, ſie wollte mir ſtets folgen und dienen. „Ich antwortete nicht: ich wußte zu gut, daß ich es mit einer bittern Feindin, einer leicht gereizten Tigrin zu thun hatte. „Es war mein Vorſatz, den Ausbruch meines Unwil⸗ lens zu unterdrücken, bis ich die Antwort auf eine Frage erhalten hatte, die unaufhoͤrlich über meine Lippen wollte. Endlich faßte ich Muth, ſie auszuſprechen— oder richti⸗ ger, ich ſprach nur einen Namen aus:„Leopoldine?“ „Jetzt erblaßte ſie, dieſes grauſame Weib, das um des Schmerzes willen, ihre ungezügelte Leidenſchaft uner⸗ wiedert zu ſehen, ſo viel Unglück angerichtet hatte— jetzt erblaßte ſie und ſenkte das Haupt. „Es war alſo etwas Schreckliches, etwas gränzenlos Schreckliches! Ich mußte es aber dennoch wiſſen, und ſollte es auch mein Leben koſten. Was war wohl mir das Leben? Eine Laſt, von welcher ich herzlich befreit zu ſein wünſchte. „Rede!“ bat ich,„rede!“ Und meine Stimme, meine Gemüthsbewegung ließ ſie ſicherlich vermuthen, daß ſie es mit einem Menſchen zu thun hätte, denſie nicht laſſen würde, ehe er Antwort erhalten hätte. „Werde ruhiger,“ ſagte ſie mit ſchmeichleriſcher Schlangenzunge,„dann will ich Dir nichts verbergen!“ „Iſt ſie todt— iſt Leopoldine todt?“ Ich ergriff ſie heftig beim Arme, als fürchtete ich, ſie möchte mir ent⸗ fliehen. 4 „Nein, nein, ſie iſt nicht todt— fie..“ „Nun was denn?⸗ „Sie iſt im Irrenhauſe!“ „.. Georg! wenn Du dieſe vier Worte lieſeſt, ſo denke an den, der ſie niederſchrieb! „Einſt war auch er ein glücklicher und froͤhlicher Jüng⸗ ling mit einer hellen und herrlichen Zukunft vor ſich. Aber er verirrte ſich in den ſandigen, glühenden Heiden der Lei⸗ 60 denſchaft, und vergebens ſuchte er dann einen Weg: die heißen Wirbelwinde umhüllten ihn; er wurde blind, er wurde mit hinweg gezogen— bis er nach einer fürchter⸗ lichen Wanderung die Augen öffnete und ſich in eine an⸗ dere Wüſte gejagt ſah, die kalt, eiſig kalt war. Ich be⸗ fand mich in dem endloſen Reiche der Reue: das Bild des abgezehrten Schemens von Leopoldinen, wie ſie an dem Gitter des Irrenhauſes ſaß, war die Sonne, welche mir leuchtete; Richard's blutiger Leichnam wurde mein Mond, die Gewiſſensbiſſe meine Sterne, die Erinnerung mein Tag und der Gedanke an die Ewigkeit meine Nacht ... So war mein Leben! „Georg! Georg! „Moͤge Gott, die Zuflucht der Reinen, der Rächer der Sünde, Dich beſchützen! „——— Henrike wurde überzeugt, daß ſie von mir nichts als den tiefſten Abſcheu zu erwarten hatte. Als Dank ließ ſie mich wiſſen, daß Richard's Brief an Leopoldine den letzten Funken von Vernunft, den die To⸗ despoſt übrig gelaſſen, in ihr erlöſcht hatte. Der Schre⸗ cken, zu wiſſen, daß ſie ſelbſt, weil ſie ſeiner Bitte umzu⸗ kehren nicht gehorchte, an ſeinem blutigen Ende Schuld war, nebſt der Pein, daß Richard in dem Glauben an ihre Schuld aus der Welt gegangen, hatte ſie zu heſtig angegriffen; in einem Alter von zwei und zwanzig Jahren wurde ſie lebendig in den Mauern begraben, welche die Welt der Wahnſinnigen ſind, und erſt nach einem viel⸗ jährigen Kampfe ging ſie, um dem Geliebten zu begegnen. „Nach meiner Wiederherſtellung wurde ich gefangen geſetzt, vor Gericht gezogen und von der Menge als ein ehrloſer Mörder begafft. Richard's Brief wurde durch Henrika's Veranſtaltung beim Gerichte eingeliefert; denn ihr Haß gegen Leopoldinen war noch nicht geſättigt; der Ruf der Armen ſollte völlig zertrümmert und mein Be⸗ tragen zugleich in ein völlig verbrecheriſches Licht geſetz werden. Inzwiſchen waren in dieſer dunklen Sache keine bindenden B Es hieß, Ri ſchen uns it zu einer ſolch ſenen Piſtole möglich, da und mir da hätte rauber wahrſcheinlie hätte. „Nachd verurtheilt, bezahlen und die Sache Ehre war a „Ich k mich ſtreng ſprach mit. Alter von ein Einſiedle ohne Hoffnu Allem— o „Und ich zittern. vorgenomme Gerechtigkeit entblößen, einmal frem und Richard wagte ich g / zu Aſche ve .„Ein nem feſten werden, als Art von fix Weg: die blind, er er fürchter⸗ in eine an⸗ . Ich be⸗ das Bild wie ſie an inne, welche purde mein Erinnerung eine Nacht der Rächer ß ſie von rten hatte. s Brief an hen die To⸗ Der Schre⸗ Bitte umzu⸗ nde Schuld Glauben an e zu heftig azig Jahren welche die einem viel⸗ begegnen. ) gefangen ige als ein urde durch fert; denn ittigt; der mein Be⸗ eicht geſetzt Sache keine 64 bindenden Beweiſe zu finden: ſie ließ ſich nie entſcheiden. Es hieß, Richard ſei in einem Duell gefallen, das zwi⸗ ſchen uns in ſeinem Zimmer Statt gefunden hätte, und zu einer ſolchen Vermuthung wollten die beiden abgeſchoſ⸗ ſenen Piſtolen Anlaß geben. Aber man hielt es auch für möglich, daß ich ihn ohne alle Vorbereitungen erſchoſſen und mir dann, vom Gewiſſen geweckt, ſelbſt das Leben hätte rauben wollen. Andere wiederum hielten es für wahrſcheinlich, daß Richard beide Schüſſe abgefeuert hätte. „Nachdem ich ein Jahr gefangen geſeſſen, wurde ich verurtheilt, für den Verſuch zum Selbſtmorde Strafe zu bezahlen und erhielt darauf meine Freiheit wieder; aber die Sache wurde der Zukunft anheim geſtellt. Meine Ehre war auf immer befleckt, mein Name beſudelt. „Ich kehrte auf mein altes Helgenäs zurück, verſchloß mich ſtreng mit mir ſelbſt, ging mit keinem Menſchen um, ſprach mit Keinem außer mit Ignelius, und war ig einem Alter von fünf und zwanzig Jahren an Leib und Seele ein Einſiedler, ein Menſch mit einem verdorrten Herzen, ohne Hoffnung— ohne Zukunft und— das Aergſte von Allem— ohne Gewiſſensruhe. „Und ſogar bei dieſer elenden Art von Leben mußte ich zittern. Zu jeder Zeit konnte der Prozeß von neuem vorgenommen werden. Sollten vielleicht die Diener der Gerechtigkeit noch einmal Zoll für Zoll das Todtengemälde entblöͤßen, das in meinem Herzen lag? Sollte ich noch einmal fremde Lippen mit gleichgültiger Kälte Leopoldinens und Richard's Namen entweihen hoͤren? Meines eigenen wagte ich gar nicht zu gedenken! „O, dieſer ewige Gedanke hätte mir faſt mein Gehirn zu Aſche verbrannt...... „in unbeſtimmtes Verlangen, hervorgerufen von ei⸗ nem feſten Willen, nicht mehr beſchimpft und verhoͤhnt zu werden, als ich ſchon war, verwandelte ſich zuletzt in eine Art von fixer Idee, künftig als ein Eremit zu leben. Ich .... ließ ein Paar Zimmer im Erdgeſchoß an der nördlichen Seite des Thurmes einrichten; ich legte ſelbſt Hand an die Arbeit, und dies war die einzige Zerſtreuung, welche auf einige Zeit meine Gedanken beſchäftigen konnte. „In dieſen Zimmern, wo ich in der Woge des Mee⸗ res ein ſtetes Bild meines innern Lebens vor Augen hatte, verſchloß ich mich vor den Augen der Welt, gleichgültig „Und thun, und „Zehr Jahre lang hin, elend chen, die: ſache ich dagegen, welche Farbe man dieſer meiner ſelbſtgewählten dieſer Zeit Gefangenſchaft geben mochte. Ich wollte einen Platz b ſitzen, wo ich mich ungeſtoͤrt von meinen Gewiſſensqualen nähren konnte— Gewiſſensqualen, die mich unaufhörlich zum Abſcheu gegen mich ſelbſt und die ganze Menſchheit reizten. leicht mein Leiden bald ein Ende nehmen? O nein, ſo glücklich war ich nicht! Dagegen wurden meine Sinne allmälig bis zu einem ſolchen Grade verwirrt, daß ich vor der fürchterlichen Möglichkeit zurückbebte, auch ich könnte in eine Wohnung verſetzt werden, ähnlich derjenigen, welche Leopoldinen aufgenommen hatte. 1 „Ich widerſtrebte nicht länger den Bitten meines Ignelius, ſondern ließ mich überreden, in fremde Länder hinaus zu reiſen. „Jetzt warf ich mich aus dem einen Extrem in das andere. Gewiſſensqual und Angſt mußten weggeſchaftt werden— und der Rauſch von tauſend Vergnügungen, die Reizungen der Wolluſt und das Gift des Trinkpokales waren die Waffen, welche ich ergriff, um meine Plage⸗ geiſter in die Flucht zu jagen. „Doch iſt wohl je ein Sieg durch ſolche Waffen er⸗ fochten worden? „Ging die Abendſonne in ihrem Glanze uber den Brand der Orgien unter, ſo brachte die rieſige Kälte des Morgens den weinenden Engeln der Seele Tod und Une tergang. 3 „Meine Geſundheit begann zu wanken. Sollte viel⸗· immer ein, 3„In Ignelius m „Unte mich beſu müßte mei indem ich Couſin, d von U.. den ich Ac wenn ſich zucken von mir und ei ich ſein T Durch ein würde ich noch einma nen zu mü ja noch. „Dieſ kommen ſe ſo gefügt mußte. „Wie „Die in dem Gr. geöffnet ha zegeben, n ler noͤrdlichen bſt Hand an ung, welche onnte. ge des Mee⸗ Augen hatte, gleichgültig lbſtgewählten en Platz ba iſſensqualen unaufhörlich e Menſchheit Sollte viel⸗ O nein, ſo meine Sinne rt, daß ich , auch ich ch derjenigen, jitten meines remde Länder rtrem in das weggeſchaft ergnügungen, Trinkpokales meine Plage⸗ e Waffen er⸗ ze über den ge Kälte des Tod und Un⸗ „Und wieder wollte der Eremit Buße und Beſſerung thun, und der ewigen Leere entfliehen. „Zehn Jahre lang— bedenke, mein Sohn, zehn Jahre lang!— ſchleppte ich ein ſolches wechſelndes Leben hin, elender als ein Menſch, belaſtet mit allen Verbre⸗ chen, die man mir aufgebürdet hatte, deren entfernte Ur⸗ ſache ich gleichwohl nur geweſen war. Ich war während dieſer Zeit mehrmals in Schweden, lebte aber dann faſt immer eingeſchloſſen in meinen Thurmkammern. „In allem, was das Gut betraf, konnte mein treuer Ignelius nach Gutdünken walten. „Unter allen verrückten Ideen, die in dieſer Periode mich beſuchten, ſchwebte mir auch der Gedanke vor, ich müßte meinem Helgenäs einen andern Herrn geben, und indem ich mich für todt ausgäbe das Erbrecht meinem Couſin, dem damaligen Premierlieutenant Baron Arnold von U.., außer Ignelius dem einzigen Menſchen, gegen den ich Achtung und Freundſchaft fühlte, überlaſſen: denn wenn ſich ehemalige Bekannte mit zweideutigem Achſel⸗ zucken von mir abwendeten, kam er mehr denn einmal zu mir und erbot mir ſeine Geſellſchaft, ſeinen Troſt, obgleich ich ſein Wohlwollen weder annehmen wollte noch konnte. Durch einen ſelchen Schritt, der Zeit vorweg zu eilen, würde ich wenigſtens von meiner Furcht befreit werden, noch einmal vor den Schranken des Richterſtuhles erſchei⸗ nen zu müſſen: Henrika, meine verſchworne Feindin lebte ja noch. „Dieſer Vorſatz würde aber gewiß nie zu Stande ge⸗ kommen ſein, wenn ſich nicht ſpäterhin meine Schickſale ſo helist hätten, daß ich meinen Vortheil dabei finden mußte. „Wiederum waren einige Jahre verfloſſen. „Die unglückliche, beleidigte Leopoldine ruhte längſt in dem Grabe, das meine verbrecheriſche Verwirrung ihr ggeöffnet hatte. Henrika hatte ſich aus der Gegend hinweg hegeben, wo dieſe traurigen Ereigniſſe vorgefallen waren, und es dauerte nicht lange, ſo erfuhr ich, daß auch ſie todt war. „Sie, dieſe aus der Hölle erſtiegene Furie, war alſo gegangen, um für ihre Handlungen und für die Folgen derſelben Rechenſchaft abzulegen! „Jetzt empfand ich eine Art von Erleichterung, ver⸗ ließ mein irrendes Leben, meine düſteren Thurmkammern und bezog von Neuem die Wohnung, welche ich in ehe⸗ maligen beſſeren Tagen bewohnt hatte. Bisweilen empfing ich Beſuchende, und begann wiederum auf Ignelius alten Rath zu hoͤren, daß ich heirathen und ein neues Leben be⸗ ginnen müßte. „Doch wohin ſollte ich mich mit einem ſolchen Vor⸗ haben wenden? Meine Schickſale waren hinlänglich be⸗ kannt, um jeden Verſuch, eine von den Toͤchtern meines Standes zu gewinnen, zu vereiteln. Und aus welchem Stande ich mir auch eine Gattin wählen wollte, ſchien es mir doch unmöoͤglich, ihr das Anerbieten zu machen, einen Namen zu theilen, der eine ſo entehrende Berühmtheit er⸗ langt hatte. „Meine tiefe Einſamkeit und mein wiedererwachtes Verlangen, mich noch einmal mit der Menſchheit zu ver⸗ binden, ſiegte zuletzt über jede Bedenklichkeit. Ich begann eine ſchriftliche Unterhandlung mit einem meiner Nachbarn, einem gänzlich verarmten Edelmanne, der eine Tochter hatte, welche ich einige Male geſehen, und an welcher ich ein gutes und liebenswürdiges Weſen bemerkt zu haben glaubte. Ich hegte die Hoffnung, daß ihre Armuth ſie zu meinem Vortheile ſtimmen würde. Doch wie grauſam wurde ich getäuſcht! Sieh hier die kalte, beleidigende Antwort, die mir zugeſchickt wurde: „Ich bin ein armer Mann, Herr Baron! aber meine Tochter nimmt als Brautgeſchenk einen achtungswerthen Namen mit; und der Herr Baron werden entſchuldigen, daß ich auch auf denjenigen eben dieſe Anſprüche machee welchen ſie ihres Vate „Du Antwort a „Meit von neuem „Jetzt meines Leb unberechen! die erſte S gefallen ſit Geſchichte „Höre der Gränz die ewig z „Vier über dem Sehnſucht, um auf ih „Igne Nutzen geſ als er mic heftig gege Verlangen Ich mußte „und Der Em aß auch ſie e, war alſo die Folgen rung, ver⸗ rmkammern ich in ehe⸗ len empfing nelius alten es Leben be⸗ olchen Vor⸗ länglich be⸗ tern meines zus welchem te, ſchien es ichen, einen ühmtheit er⸗ dererwachtes hheit zu ver⸗ Ich begann er Nachbarn, eine Tochter Han welcher rkt zu haben muth ſie zu vie grauſam beleidigende Haber meine tungswerthen entſchuldigen, rüche mache, 65 welchen ſie dereinſt führen wird, wenn ſie den Namen ihres Vaters ablegt.“... „Du verſtehſt wohl, Georg, welchen Eindruck dieſe Antwort auf mich machte!— „Meine alte Bitterkeit gegen die Menſchen erwachte von neuem in ihrer vorigen Stärke. VI. „Jetzt, mein Sohn, haſt Du die erſte Abtheilung meines Lebens durchwandert. Du haſt geſehen, wie die unberechenbaren Folgen einer unterlaſſenen Strenge gegen die erſte Schwäche Schlag auf Schlag über mein Haupt gefallen ſind. Dies iſt meine ſichtbare, der Welt bekannte Geſchichte geweſen. „Höre nun eine andere, welche erſt jetzt außerhalb der Gränzen meiner eigenen Welt kommt, eine Geſchichte, die ewig zwiſchen Dir und mir bleibt! „Vierzehn Jahre waren verfloſſen, ſeitdem die Sonne über dem blutigen Morgen auf Sorgenfrei aufging. Wäh⸗ rend der beiden letzten hatte ich Helgenäs nicht ver⸗ laſſen. „Da erwachte in meiner Bruſt eine wunderbare Sehnſucht, Richard's und Leopoldinens Gräber zu ſchauen, um auf ihrem Staube zu beten. „Ignelius, der von meinen bisherigen Reiſen keinen Nutzen geſehen, und der jetzt nie länger Ruhe empfand, als er mich unter ſeinen freundlichen Augen hatte, begann heftig gegen dieſen Vorſatz anzukämpfen. Aber mein neues Verlangen war ſtärker, als alle ſeine Gründe und Bitten. Ich mußte unbedingt reiſen! „Und ich reiste. Der Einſiedler ꝛc. III. 5 66 „Diesmal wählte ich nicht den Weg, den ich ehedem gereist war, ſondern ich reiste tiefer in das Land hinein, um mich allmälig auf das Wiederſehen eines Ortes vor⸗ zubereiten, der nicht die Wunden meines Herzens aufreißen — ſie waren nie geheilt— ſondern ſie nur mehr bluten machen ſollte. „Ich konnte mit Grund hoffen, daß vierzehn ſolche Jahre mein Aeußeres in einem ſolchen Grade verändert haben ſollten, daß wenn ich einen Bekannten von Ehemals träfe, ich gewiß ſein könnte, unerkannt zu bleiben. Was aber zu dieſer Reiſe beſtimmt erforderlich war, das war eine voͤllige Veränderung meines Namens und Standes. Ich nannte mich Letsler, und reiste nur, um das Land kennen zu lernen...... „Ich will mich nicht mit Kleinigkeiten oder mit Ge⸗ fühlen, welche dieſe Reiſe hervorrief, aufhalten... Ich eile zu der letzten Entwickelung. „An einem Morgen hatte ich, um während der hei⸗ ßeſten Stunden des Tages raſten zu können, meine Nacht⸗ herberge ſchon vor dem Aufgange der Sonne verlaſſen, und ſie hatte die Erde noch nicht lange mit ihrem ge⸗ ſegneten Lichte erfreut, als ich, den anmuthigen Krüm⸗ mungen eines einſamen Waldſteiges folgend— der Wagen war vorausgefahren— mich unvermuthet auf einem ziem⸗ lich freien Platze befand, wo mehrere Bänke mir verkün⸗ digten, daß ich in der Nähe eines Landgutes war. „Von der Höhe, auf welcher ich ſtand, hatte ich eine vollkommene Ausſicht über das Thal. Ich entdeckte ein nettes von Gärten umgebenes Haus. „Ohne Zweifel würde ich in dem nächſten Augen⸗ blicke meine Wanderung fortgeſetzt haben, wenn mich nicht plöͤtzlich ein Anblick gefeſſelt hätte, der auf mein zu jener Zeit rauhes Gemüth einen wohlthätigen Eindruck machte. Es war der Anblick der faſt verklärten Schönheit eines jungen Mädchens, wodurch mein Herz noch einmal in Be⸗ wegung geſetzt wurde. „Z1 aber mei chen, we treten we die aus Glücklich ſtimmt z Garten d Geſicht 1 zu hegen abzuwiſch „Al Und inde Himmel leichte 3 Haupte Haares, ich ehedem and hinein, Ortes vor⸗ s aufreißen verändert n Ehemals ben. Was ler mit Ge⸗ 1... Ich id der hei⸗ eine Nacht⸗ ne verlaſſen, ihrem ge⸗ gen Krüm⸗ der Wagen einem ziem⸗ mir verkün⸗ war. atte ich eine entdeckte ein ſten Augen⸗ n mich nicht ein zu jener ruck machte. önheit eines umal in Be⸗ „Zuerſt verſtummte ich bei dieſer Bewegung, bald aber meinte ich dieſelde zu verſtehen. Dieſes junge Mäd⸗ chen, welches eben erſt uͤber die Gränze der Kindheit ge⸗ treten war, und daher mit der Herzensgüte und Unſchuld, die aus ihren Zügen redete, ſich unter die Anzahl der Glücklichen rechnen konnte, ſchien ſo tief betrübt und ver⸗ ſtimmt zu ſein, als ſie ſich auf einem Fußſteige aus dem Garten dem Waldparke näherte, daß man ihr bethräntes Geſicht nicht anſehen konnte, ohne den innigſten Wunſch zu hegen, daß man Gelegenheit haben möchte, dieſelben abzuwiſchen. „Als ſis die Bänke erreichte, ſo ſetzte ſie ſich. Und indem ſie mit einem warmen betenden Blicke gen Himmel ſchauete, gab ſich nicht Achtung darauf, daß der leichte Zeughut, deſſen Bänder ſie gelöst hatte, von ihrem Haupte gefallen war, und daß die reichen Wogen ihres Haares, glänzend wie das Gold der Sonne, die feine Ge⸗ ſtalt ungefeſſelt umwallten. „Ich wußte nicht, war es Wirklichkeit oder eine von dieſen Täuſchungen, denen ich oft unterworfen war; aber ich meinte, da ich nun dieſes Antlitz, dieſes Haupt von aller Bedeckung befreit erblickte, daß es mit wunderbarer Macht das Bild der Einzigen in mir zurückrief, die ich einmal angebetet hatte, die ich in gränzenloſes Elend ſtürzte, der ich einen irdiſchen Himmel raubte, und die ich wahnſinnig machte. Doch woher kam dieſe Phantaſte? dieſer lebende Engel glich nicht dem von der Erde ent⸗ flohenen!— „Bald merkte ich, daß ſie Jemanden erwartete. Ihre Blicke flogen oft mit ängſtlicher Unruhe in die entgegenges ſetzte Richtung des Gartens, aus dem ſie gekommen war; und bald eilte zu ihr ein anderes junges Mädchen, in deſ⸗ ſen Arme ſie ſich warf und ihren Thraͤnen freien Lauf ließ. „Mein Gott, wie unglücklich ſiehſt Du heute aus, meine arme Nicoline!“ ſagte die zuletzt Angekommene. „Was fehlt Dir?“ „Und Nicoline(— hoͤrſt Du dieſen Namen, Georg!—) entgegnete mit einer Stimme, welche die Wahrheit ihrer Worte verrieth:„Mir fehlt alles, Maria: Mutter, Vater, Schweſter, Bruder— mir fehlt vor allen Dingen ein freundliches Herz. Hätte ich Dich nicht, ſo... doch wie oft dürfen wir zuſammen ſein 2⸗ „Das iſt wahr; und um Deinetwillen könnte ich ſie, dieſe ſcheinheilige Frau, beinahe haſſen... Aber ſei doch ein einziges Mal ganz aufrichtig— ich bin überzeugt, daß jetzt etwas Beſonderes vorgefallen iſt.“ „Ach, es iſt ſo ſchwer, über diejenige zu klagen, die uns dennoch Wohlthaten erzeigt hat!“ „Aber Du biſt auch mehr denn überfluſſig gewiſſen⸗ haft! Wer weiß es nicht, wie heilig ſie iſt: Allen Men⸗ ſchen predigt ſie von der chriſtlichen Liebe und von der Pflicht eines Gottesfürchtigen vor, ſich derjenigen anzu⸗ nehmen, die ſchutzlos ſind in der Welt. Aber wie erfüllt ſie ſelbſt in ihrem eigenen Hauſe, wenn niemand ſie ſieht, dieſe Pflichten gegen Dich, Du Schutzloſe?“ „Ach, Maria, das alles iſt nichts gegen das, was ſie jetzt erfunden hat: ſie will mich zu einer Ehe zwingen, die ich nicht anders als verabſcheuen kann, und in die ich nie willigen werde— denke Dir den alten garſtigen G., ihn, der wenigſtens eben ſo ſcheinheilig iſt, wie ſie!“ „Der Himmel behüte Dich!“ „O, daß er es thäte! doch geſtern ſagte ſie zu mir mit einem Blicke, den ich ſehr gut verſtand:„gehorchſt Du nicht, ſo ſollſt Du die Folgen Deiner Weigerung er⸗ fahren!“ Nach einer ſolchen Drohung weißt Du, was ich zu fürchten habe. Zu gehorchen, wäre mein ewiges Un⸗ glück, nicht zu gehorchen, bereitet mir ein Leben„an das ich nicht zu denken wage... Weißt Du keinen Menſchen, welcher der armen Nicoline einen freundlichen Rath geben könnte? Ach, ich habe keinen Menſchen, keinen in der Welt, an den ich mich ſtützen könnte!“ „Du verſtehſt die Gefühle, mein Sohn, die mich bit dieſen in fen! Die in der W beſaß kei „Je wilde Ze einigten Pfeile de einem H Und den mir lang „M geringen ihrem K „3. nahen; Mädchen aufgeſpri ſie mit trachtete nen gele doch wie te ich ſie, r ſei doch Zeugt, daß klagen, die gewiſſen⸗ llen Men⸗ von der igen anzu⸗ wie erfüllt d ſie ſieht, das, was he zwingen, in die ich rſtigen G., ſie!“ ſie zu mir „gehorchſt igerung er⸗ u, was ich ewiges Un⸗ n„ an das Menſchen, Rath geben nen in der die mich bet 69 dieſen in der Verzweiflung ausgeſprochenen Worten ergrif⸗ fen! Dieſes junge, ſchöne Weſen hatte keinen Menſchen in der Welt, an den ſie ſich ſtützen konnte— auch ich beſaß keinen! „Ich war jetzt achtunddreißig Jahre alt, hatte die wilde Zeit der Leidenſchaften und der mit denſelben ver⸗ einigten Stürme überlebt. Ich war geſchützt gegen die Pfeile der Liebe— wie ſollten dieſe haften können in einem Herzen, das verſengt und leer war wie eine Wüſte? Und dennoch empfand ich etwas bitter Angenehmes, das mir lange fremd geweſen war. „Maria hatte ihrer Freundin freundliche Worte, aber geringen Troſt zu geben. Und bald war Nicoline mit ihrem Kummer allein. „Ich konnte dem Verlangen nicht widerſtehen, ihr zu nahen; und ich grüßte ſo ehrfurchtsvoll, daß das junge Mädchen, welches vor Schrecken im erſten Augenblicke aufgeſprungen war, ſich beruhigt wieder hinſetzte, indem ſie mit einer ſympathetiſchen Theilnahme mein Geſicht be⸗ trachtete, auf welchem ſie, die ſelbſt ſchon das Leiden ken⸗ nen gelernt hatte, die Spuren eines tiefen und unheilbaren Ungluͤckes leicht entdeckte. „Einſt, mein Sohn— ich ſage dies nicht aus kindi⸗ ſcher Prahlerei, ſondern damit Du verſtehen mögeſt, wie es einem jungen Mädchen möglich war, mit ihren Blicken auf mir zu weilen— einſt hatte man mich einen Mann von ungewöhnlicher Schönheit geheißen; und obgleich die Blüthe derſelben längſt ihre vornehmſte Farbe verloren hatte, ſo hatte dennoch mein Aeußeres in jener Zeit noch etwas von dem Verlornen übrig. Und die Traurigkeit der Seele, welche der Jugendfriſche gefolgt war, konnte für ſie, die ebenfalls in Trauer lebte, eine weit gefährlichere Feſſel werden, als die hinreißende Lebhaftigkeit des Jünglinges. „Ich erzählte, daß ich ein Fremdling, ein Einſiedler waͤre, der faſt ſein ganzes Leben auf Reiſen zu verleben pflegte, und erklärte ihr zu gleicher Zeit meine Abſicht, mich in dem nahegelegenen Dorfe aufzuhalten, weil dieſe Gehand etwas an ſich hätte, das mir ganz beſonders gefiele. „Dieſen Vorſatz faßte ich in demſelben Augenblicke, da ich ihn ausſprach, und mit einem mir ganz neuen Ein⸗ drucke von Freude bemerkte ich dabei, daß ein Schimmer von Zufriedenheit über ihre Züge flog. „Das ganze Geſpräch dauerte nur einige Minuten. Ich entfernte mich gleichwohl nicht ohne daß mein Blick verrathen haben mußte, was ich empfand. „Noch an demſelben Abende, nachdem ich mich in dem kleinem Dorfe niedergelaſſen hatte, machte ich mich mit der eigenen Freiheit eines Reiſenden mit Nicolinens Pflegemutter, Frau B., bekannt, und dieſe konnte mit dem heuchleriſchen Schilde ihrer freundlichen Menſchenliebe nicht umhin, einem Fremdling Gaſtfreundſchaft zu erweiſen, um die er artig und höflich bat. Sie lud mich ein, ſo lange ich in der Gegend bliebe, dann und wann die Abende in ihrem Hauſe zuzubringen— eine Pein, der ich mich nicht unterzogen haben würde(ich konnte dieſes Weib nicht lei⸗ den), ſofern nicht die täglich zunehmende Freude, das ſtille Gluͤck, einen Blick auf Nicolinens unſchuldreines Antlitz werfen zu koͤnnen, mich ſchadlos gehalten hätte für die langen inhaltloſen Geſpräche, die ich mit der alten Frau zu führen gezwungen war. Wer der Liebe das Elend ſeines Lebens verdankt, der gibt nicht ſo leicht nach, wenn eine neue Neigung— ſei es auch nach noch ſo vielen Jahren— ihre Macht gel⸗ tend machen will. Man ſchlägt ſich mit Harm, mit Ver⸗ wunderung, ja faſt mit Abſcheu, die bloße Möglichkeit eines ſolchen Falles aus dem Sinne: man kann ſich den Umſturz ſeines ganzen Weſens nicht denken, ohne vor die⸗ ſer Macht zurück zu beben, welche mit ſchmeichelnden und berauſchenden Worten auf Feſſeln zeigt, denen man zuletzt aus freien Stücken die Hände entgegen ſtreckt. und für neue at 772 unter a ihr Duß gen We ein neu dort erl geſtürzt ſelben; erwache auf gol überirdi Träume ligkeit bornen dieſelbe ſeine Abſicht, , weil dieſe nz beſonders Augenblicke, b neuen Ein⸗ Schimmer ge Minuten. mein Blick ch mich in ſte ich mich Nicolinens te mit dem enliebe nicht rweiſen, um in, ſo lange e Abende in h mich nicht eib nicht lei⸗ de, das ſtille ines Antlitz itte für die alten Frau erdankt, der gung— ſei Macht gel⸗ :, mit Ver⸗ Möglichkeit ann ſich den hne vor die⸗ helnden und man zuletzt 71 „Was,“ ruft der Unglückliche, der ſo tief Verletzte und von allem Glücke dieſes Lebens Ausgeſchloſſene in ſeiner Verzweiflung aus,„was ſoll ich mit dieſer Blumen⸗ welt, die in der Mitte des kalten Herbſtes in meinem Herzen aufſprießen will? Nicht kann ich ſie beherbergen! die Roſen paſſen nicht für den ſchaurigen Herbſt.... Ich will, um ſie von einem langſamen Tode zu befreien, ihre Knospen zerpflücken, ihre Wurzeln aufreißen.“ „Verlorene Mühe! „Für jede Wurzel, die ich aufriß, wuchs eine neue; für jeden Stengel, den ich abbrach, erhob ſich ein anderer, und für jede Knospe, die ich vernichtete, ſchlugen tauſend neue aus. „O Gott! was will aus mir werden! ich vergehe unter allen dieſen Blumen! „Ihr Farbenglanz verblendete das Licht meiner Augen, ihr Duft berauſchte gleich ehemals meine Sinne; ſie zo⸗ gen Wärme in das abgekühlte Herz: in daſſelbe ſtrömte ein neues Leben, ein Leben von tauſendfältiger Schönheit dort erhob ſich ein Tempel auf den Ruinen des längſt ein⸗ geſtürzten; Engelſtimmen erhoben ihre Stimmen in dem⸗ ſelben; Seraphen ſangen mit lauter Stimme: erwache, erwache!— für Dich bricht ein neuer Tag an!“ und auf goldrothen Wolken ſchwebte ein weibliches Weſen von überirdiſcher Schönheit herab. Sie nahm den entzückten Träumer bei der Hand und flüſterte ihm in das Ohr: „Ich bin die neue Sonne, die Gott Dir geſendet hat, um Deine dunkle Nacht zu erhellen. Folge mir— und Du ſollſt mit mir aus dem Borne der Seligkeit trinken. Wir nähern uns ihm ſchon.. haſt Du den Muth, Dich von ihm abzuwenden?“ „Ach, dieſer Muth hatte längſt gefehlt! der zur Se⸗ ligkeit Neugeborne beugte ſeine Knie vor dem himmelge⸗ bornen Weibe, das ſeine Augen öffnen wollte. Sie ſchloß dieſelben gleichwohl wieder mit ihren Küſſen; und auf 72² unſichtbaren Schwingen werden Beide in Räume gehoben, deren Tiefe und Höͤhe noch kein Gedanke gemeſſen hat. „Was war jetzt die Erde mit allen ihren Leiden.2 „So, mein Sohn, phantaſirte derjenige, welcher die Tage der Leidenſchaften überlebt und ihre Macht für im⸗ mer zerſtoͤrt geſehen zu haͤben wähnte. „Bald ſah ich gleichwohl ein, daß der Vulkan, welcher in mir zu ſieden begann, eben ſo ſtark werden würde, als derjenige, deſſen Ausbruch ſo verheerende Folgen gehabt hatte.„Aber,“ dachte ich— und dieſer Gedanke führte meinem Herzen eine noch höhere Beſeligung zu—„jetzt iſt Deine Liebe rein: ſie kann Dir nichts anderes zufüh⸗ ren, als Glück, Glück Dir, der Du ſchon ſo viel gelitten haſt, daß die ewige Liebe Dir aus Erbarmen einen ihrer Engel zuſchicken will.“ „In dieſe himmliſche Hoffnung wiegte ich mich immer mehr ein. Ich konnte nicht leben, wenn ich nicht Nicoli⸗ nens holdes Antlitz täglich ſah. Nur ſo lange ich bei ihr war, fühlte ich mich vollkommen ruhig: mit ihrer Ankunft entflohen alle düſtern Erinnerungen, die mich ſonſt biswei⸗ len aus meinem ſeligen Traume reißen und zwingen woll⸗ ten, meine Blicke in die vorige ſchwarze Nacht zu werfen. Doch ich war jetzt furchtſam geworden: ich wollte lichten Tag haben, ich wollte mich in den Strahlen meiner Sonne wärmen.... ich floh zu Nicolinen. „Oft trafen wir uns bei ihren Spaziergängen in dem einſamen Waldparke; und ich will es nicht verſuchen, Dir das Entzücken zu beſchreiben, welches alle meine Vernunſt mit ſich hinwegriß, als ich zum erſten Male ſah, wie ihre Wange ſich bei meiner Ankunft mit Purpur bedeckte, und ihre ſcheuen, unruhigen Blicke ein Ziel ſuchten, auf dem ſie haften konnten, doch wenn ſie keines außer mir fanden, ſich verſchämt zur Erde ſenkten. „Längſt hatte ich ihr vertraut, daß ich ihr Geſpräch mit Maria gehoͤrt, und daß meine tiefe, warme Theil⸗ 8 nahme ar eigenes w „Sie und erwä gehrt hät eine Anty Antwort weinte ſie Gedanken „Ich Verhältni ob ich re tiefen und aus der dige und vorgelegt zu befrei⸗ Leben uß hatte ſche Leiden ve „ut wäre, d anzunehn men Hel kamen, weit war Einſamk men mu die hohe mächer der reich „A liebten d ich ihr dem Au das hold me gehoben, eſſen hat. Leiden.2 welcher die icht fur im⸗ kan, welcher würde, als lgen gehabt danke führte zu—„jetzt deres zufüh⸗ viel gelitten einen ihrer mich immer nicht Nicoli⸗ e ich bei ihr hrer Ankunft ſonſt biswei⸗ vingen woll⸗ tt zu werfen. vollte lichten neiner Sonne igen in dem erſuchen, Dir ine Vernunſt ah, wie ihre bedeckte, und en, auf dem mir fanden, ihr Geſpräch varme Theil⸗ 73³ nahme an ihrem Unglücke gemacht hätte, daß ich mein eigenes weit weniger empfände. „Sie hatte mein Vertrauen eben ſo offen erwiedert und erwähnt, daß, da die Perſon, welche ihre Hand be⸗ gehrt hätte, von einer weiten Reiſe zurückkehrte, ſie auch eine Antwort ertheilen müßte; und vor den Folgen dieſer Antwort rannen im Anfange ihre Thränen. Doch bald weinte ſie nicht mehr, und ich wagte zu glauben, daß ihre Gedanken ein anderes Ziel gefunden hätten.. „Ich hatte es bisher vermieden, mit ihr von meinen Verhältniſſen im Vaterlande zu reden. Sie wußte nicht, ob ich reich oder arm war, ſie hielt mich für einen von tiefen und langwierigen Unglücksfällen heimgeſuchten Mann aus der Mittelklaſſe, und ich ſah bald, daß ihre unſchul⸗ dige und kindlich fromme Seele ſich die ſchwere Aufgabe vorgelegt hatte, mich aus den Banden der finſtern Geiſter zu befreien, mir Frieden zu ſchenken und mich mit dem Leben und mir ſelbſt zu verſöhnen... Ach, die Gute hatte ſchon um meinetwillen die Erinnerung ihrer eigenen Leiden vergeſſen! „Unzählige Male fragte ich mich, ob es wohl Recht wäre, das Opfer dieſes jungen, vertrauensvollen Herzens anzunehmen. Würde ſie ſich wohl immer auf dem einſa⸗ men Helgenäs glücklich fühlen, wo ſo wenige Beſuchende kamen, um die Einförmigkeit zu unterbrechen 2. O wie weit war ich damals entfernt, an die weit ſchrecklichere Einſamkeit zu denken, zu der ich ſie in der That verdam⸗ men mußte— eine Einſamkeit, eine Armuth, gegen welche die hohen, ſchmuckreichen, wenn auch menſchenleeren Ge⸗ mächer auf Helgenäs der höchſte Himmel des Paradieſes, der reichſte Ueberfluß des Reichthumes waren! „Aber da dieſes auch alles war, was ich meiner Ge⸗ liebten von äußeren Vorzügen verſprechen konnte, ſo wollte ich ihr dieſes mein Geheimniß als eine Ueberraſchung in dem Augenblicke aufſparen, da ſie mir die ihrige ſchenkte: das holde, das erſehnte Geſtändniß ihrer Liebe. „Hätte ich Nicolinen in dem Schooße des Gluͤckes, umgeben von den gewoͤhnlichen Zerſtreuungen und Vergnü⸗ gungen der Jugend und der Schöͤnheit gefunden, ſo würde ich wahrſcheinlich nie, ſelbſt wenn es denkbar geweſen wäre, daß ich ſie noch inniger hätte lieben koͤnnen, als ich es wirklich that, zu begehren gewagt haben, daß ſie die Schickſale eines Mannes theilen ſollte, der, indem er ihr ſeinen Namen ſchenkte, ihr auch zu gleicher Zeit die Thore der frohen Jugendwelt verſchließen mußte, in welcher ſie zu leben gewohnt geweſen war. „Doch Nicoline war unbekannt mit dieſem ſchimmern⸗ den und doch ſchnell verſchwindenden Glücke, welches eines der Vorrechte ihres Alters bildet; ſie war unbekannt mit dem Glücke, ſie war unbekannt mit dem Leben; und was ich ihr zu erbieten beabſichtigte, konnte, wenn es mit den Roſen der Liebe geſchmückt wurde, für ein Glück gel⸗ ten, vergleichungsweiſe mit demjenigen, was ihrer wartete, mochte ſie nun ſich mit dem Manne vereinigen, den ſie ſo tief verabſcheuete, oder bei einem Weibe bleiben, das in dieſem Falle gewiß nichts ſparen würde, um ihr das Le⸗ ben zu verbittern. „Ich war alſo ohne Gewiſſensvorwuͤrfe entſchloſſen, unſer beiderſeitiges Wohl in die Hände der Geliebten zu legen: ſie ſollte entſcheiden. „Der Tag der Ankunft des verhaßten Liebhabers kam immer näher. Ich ſah von Neuem, wie Nicolinens Au⸗ gen von Thränen feucht, wurden, und wie Furcht auf die Frend folgte, die noch vor Kurzem auf ihren ſchoͤnen Zügen ruhte. Da— in einer dieſer heiligen Abendſtun⸗ den, wenn die Sonne ihre brennende Glorie über die Kro⸗ nen des Waldes wirft— flüſterte ich ihr meine Liebe und meine Bitte zu, daß ſie der erbarmende Engel werden möchte, den der Traum mir ſchon längſt als einen Leit⸗ ſtern auf meinem finſtern Wege gelobt hatte. „Georg! Du haſt gleich mir, wenn auch mit einen andern Liebe, dieſes reine, dieſes himmliſche Weib angehe⸗ tet— Du ſah in dem genblicke, erfüllen zu Bruſt legte in Leben u „Jetz! trank aus dicht an n. len in den „Doc Finſterniß ter über m „Mei Du nicht ſehen, der erwecken nesalters gedacht?“ „Ja, unſchuldig Augenblich als ob eit treffen m die Seele, mehr jung Leiden ge mehr von den jung ſchrecklich liche Mu ſie endigt ſetzten M dauerhaft Ich des Glückes, und Vergnü⸗ len, ſo würde fkbar geweſen nnen, als ich daß ſie die indem er ihr welches eines nbekannt mit en; und was n es mit den Glück gel⸗ lhrer wartete, en, den ſie ſo liben, das in mihr das Le⸗ entſchloſſen, Geliebten zu ebhabers kam lcolinens Au⸗ Furcht auf ihren ſchoͤnen n Abendſtun⸗ iber die Kro⸗ ine Liebe und ngel werden 8 einen Leit⸗ h mit einer Veib angehe⸗ 75⁵ tet— Du kannſt es verſtehen, wie Deine Mutter aus⸗ ſah in dem erſten Glanze ihrer Jugend und in dem Au⸗ genblicke, da ſie in dem holden Bewußtſein, meine Bitte erfüllen zu können, ihr goldumlocktes Haupt an meine Bruſt legte und mir gelobte, mein Alles zu werden, mir in Leben und Tod zu folgen. „Jetzt erfuhr ich die Bedeutung meines Traumes. Ich trank aus dem Borne der Seligkeit: die Geliebte ruhte dicht an meinem Herzen, und ſo verſchwanden unſere See⸗ len in den endloſen Räumen. „Doch welches Erwachen...! Die Geiſter der Finſterniß lauerten auf dieſen Augenblick, um ihr Hohngeläch⸗ ter über meine Berechnungen auf irdiſches Glück anzuſtimmen. „Meine Nicoline, meine Geliebte!“ ſagte ich,„wirſt Du nicht nach wenigen Jahren in mir einen alten Mann ſehen, der nur Dein Mitleiden, höchſtens Deine Theilnahme erwecken kann? Ich ſtehe ſchon am Mittage des Man⸗ nesalters... es geht ſchnell abwärts— haſt Du daran gedacht?“ „Ja, ich habe daran gedacht!“ entgegnete ſie mit der unſchuldigſten Offenherzigkeit.„Denn faſt von dem erſten Augenblicke an, da wir uns ſahen, kam es mir ſo vor, als ob ein ſolcher Augenblick wie der gegenwärtige ein⸗ treffen müßte. Eine kleine gute Fee flüſterte es mir in die Seele, und ich habe zu mir ſelbſt geſagt:„Er iſt nicht mehr jung: um ſo beſſer; ihn hat ſchweres Unglück und Leiden geprüft: um ſo beſſer— er wird alſo ſich nicht mehr von den böſen Leidenſchaften hinreißen laſſen, welche den jungen Mann in ihre Feſſeln ſchmieden und ihn zu ſchrecklichen Thaten antreiben“... Meine arme unglück⸗ liche Mutter wählte einen jungen Mann, und... ach!... ſie endigte ihr Leben im Irrenhauſe! Ich will einen ge⸗ ſetzten Mann wählen: auf ſeine Liebe kann ich mir einen dauerhaften Himmel erbauen.“ Ich ſchauderte zuſammen, berührt von unſeligen Ge⸗ 76 danken... doch ich war nicht wach— es war nur das alte Nachtlied, welches in meinen Ohren wiedertönte. „Du zitterſt!“ fuhr ſie mit lieblicher Stimme fort, „Willſt Du mich nicht hören?“ „Ich preßte ihre Hände gegen mein Herz. Wie konnte ich es abſchlagen, zu hören, was ſie mir zu ſagen hatte! „Sie fuhr fort:„Du wirſt noch mehr ſchaudern... aber Du mußt es ja dennoch erfahren... Mein Vater hieß Tank— Du haſt ſeinen Namen nie gehört; denn meine Pflegemutter gab mir den ihrigen: ſie wollte nicht, daß ich den Namen meines Vaters führen ſollte, weil an demſelben ſo viele bittere Erinnerungen hangen. Er war ein ſo edler und guter Mann, und lebte mit meiner Mut⸗ ter in einem Paradieſe, das die Engel im Himmel ihnen hätten beneiden können. Doch war ihr Glück groß, ſo wurde auch ihr Elend um ſo tiefer. Ein verrätheriſcher Freund, ein verabſcheuungswürdiger Menſch, der meines Vaters ganzes Vertrauen und ganze Freundſchaft beſaß, lebte eine Zeitlang in ſeinem Hauſe und verliebte ſich in ſeine Gattin. Meine Mutter war rein wie Gottes eigenen Himmel, ihre Seele war weiß wie Schnee, und dennoch — ſo hat man mir erzählt— gab ſie den unſeligen Gefühlen nach, die in der Bruſt des boͤſen Mannes loder⸗ ten. Gewiß(deſſen bin ich feſt überzeugt) hat ſie ihrer Pflicht nie vergeſſen, doch mein Vater glaubte es; und in der Verzweiflung, nachdem er zu dieſer Ueberzeugung ge⸗ kommen war, fiel er durch ſeine eigene oder des falſchen Freundes Hand— welches von beiden das Wahre ſei, iſt nie erforſcht worden. Der Verſtand meiner Mutter erloſch an dem ſchrecklichen Blutmorgen, und ſie ſtarb im Wahn⸗ ſinne... Hülflos und ſchutzlos wäre ich in meiner frü⸗ heſten Jugend unter fremde Leute ausgeſtoßen worden, wenn nicht Frau B. ſich meiner angenommen und mich auf eine Weiſe erzogen hätte, daß die Welt ihr Lob ſpen⸗ den mußte. Doch mein armes Herz iſt ſtets einſam und ſchutzlos ge Schutz und „Daß blicke meine raubten, ka weſen ſein können, wä Leben die „Ich meinem He „Meit ten von de lichen Frie dieſer arme deſſen gera lag— ff ſein künfti brauchte. daran denk hört, muf Bernhard! Leben führ Liebe heben „Mit Richard T Gottes Rit Du mir A Schauder Wollte ich den einzige hatte? V reiten? 2 Vernunft! Glück zu l „Nier war nur das dertoͤnte. Stimme fort, Wie konnte ſagen hatte! haudern... Mein Vater gehört; denn wollte nicht, llte, weil an en. Er war meiner Mut⸗ dimmel ihnen ick groß, ſo errätheriſcher „der meines sſchaft beſaß, rliebte ſich in hvottes eigener und dennoch den unſeligen tannes loder⸗ zat ſie ihrer es; und in rzeugung ge⸗ des falſchen Vahre ſei, iſt dutter erloſch eb im Wahn⸗ meiner frü⸗ ßen worden, en und mich hr Lob ſpen⸗ einſam und 77 ſchutzlos geblieben, bis es den Freund fand, der ihm nun Schutz und Heimath neben dem ſeinigen ſchenken will...“ „Daß die ſcharfen Stiche, welche in dieſem Augen⸗ blicke meine Seele durchbohrten, mir nicht auch das Leben raubten, kam vermuthlich daher, weil dieſes ein Glück ge⸗ weſen ſein würde— denn ſogar das Glück, ſterben zu können, wäre allzu groß geweſen für mich, dem das bloße Leben die Höhe aller Pein war. „Ich lebte alſo; aber der Kampf in meiner Seele, in meinem Herzen war fürchterlich. „Meine Ehre und der beſſere Theil meiner Liebe fleh⸗ ten von der Leidenſchaft Nicolinens Freiheit. Ihre freund⸗ lichen Friedensſtimmen beſchworen mich, zu bedenken, daß dieſer arme Engel— deſſen Jugendunglück ich bereitet, deſſen geraubte Kindesfreude ſchwer auf meinem Gewiſſen lag— für mich hinreichend gelitten hätte, ohne daß ich ſein künftiges Leben ewigen Entbehrungen zu weihen brauchte... „Als Baron Wilhelm von U.. konnte ich gar nicht daran denken, ſie zu beſitzen: dieſen Namen mußte ſie ge⸗ hört, mußte ſie verabſcheuen gelernt haben— aber mit Bernhard Letsler mußte ſie ja ſtets ein irrendes, unſeliges Leben führen, deſſen Bitterkeit nicht einmal die höchſte Liebe heben konnte. „Mit Donnerſtimme ſchallte in dieſem Augenblicke Richard Tank's letztes Wort in meinen Ohren:„Vor Gottes Richterſtuhl lade ich Dich zur Verantwortung, daß Du mir Alles geſtohlen und geraubt haſt!“ Ein heftiger Schauder ſchüttelte meinen Körper und meine Seele. Wollte ich ihm nicht jetzt ſogar noch nach ſeinem Tode den einzigen Schatz rauben, den er auf Erden hinterlaſſen hatte? Wollte ich nicht das Unglück ſeines Kindes be⸗ reiten? Denn konnte wohl der Gedanke die Prüfung der Vernunft beſtehen, daß ſie mit mir nur einen Schein von Glück zu hoffen hätte? „Nieoline ſaß verſtummt bei dem unheimlichen An⸗ blicke, den mein Geſicht und mein ganzes Weſen ihr zeigte. „Ich habe Dich allzu ſehr aufgeregt!“ ſagte ſie zu⸗ letzt faſt bittend. „Ja, ſchrecklich!“ antwortete ich.„Und ich bedarf der Einſamkeit, um meine Sinne zurückzurufen... dieſe Geſchichte... o, Du weißt nicht...“ „Ja, ich verſtehe,“ liſpelte ſie innig und liebevoll, „ich ſehe, ſie hat eine tiefe Wunde in Deiner Bruſt auf⸗ geriſſen— und ich leide mit Dir und kann es mir ſelbſt nicht verzeihen, daß ich Dir wehe gethan habe!“ „Ich vermochte ſie nicht zu hören. Ich verſprach am folgenden Abende um dieſelbe Zeit wieder zu kommen. VII. „Bisher war es nur das Strafgericht einer verbreche⸗ riſchen Verblendung, eines ſchrecklichen Unglückes geweſen, welches das Elend meines Lebens bereitet hatte: noch war es nicht das nackte Verbrechen. Ich hatte ja noch nichts begangen, vor deſſen Entdeckung ich zu zittern brauchten im Gegentheile hatte ich ja vierzehn Jahre lang gezittert, weil der rechte Zuſammenhang des dunklen Ereigniſſes auf Sorgenfrei nicht hatte entdeckt und erforſcht werden können. „Aber, mein Sohn, von dieſem Abende an datirte ſich meine eigentliche Gemeinſchaft mit dem Abgrunde. „Zum erſten Male unternahm ich es, mit dem Be⸗ dürfniſſe eines unſchuldig Leidenden Stück für Stück die Ereigniſſe der Vergangenheit zu zerpflücken und die Ein⸗ wirkung derſelben auf mein Leben während dieſer vierzehn Jahre, und ihren Einfluß auf dieſen gegenwärtigen Augene⸗ blick zu pre entgegen zu meiner Ehr zu leiden g tel zu mein „Wär ich ſchon ge gendliche B getragen he Weibes ang des geehrt, der augenbl Leidenſchaft unwiederruf ſchlechter ur „War ches meine ren zu könn ſteigerte, w durch eine geworden n nicht ich ſch erſtatten? thätige Bin Herzen riße der Glückſe feuer der L das kalte L vergiß Dein ner Eltern, ner Todesſt forderte!“ „Ware dieſe Sophi „Mein falſchen Sch Weſen ihr gte ſie zu⸗ ich bedarf ... dieſe liebevoll, Bruſt auf⸗ mir ſelbſt 7 rſprach am mmen. verbreche⸗ es geweſen, noch war noch nichts brauchte: g gezittert, Ereigniſſes ſcht werden datirte ſich 79 blick zu prüfen, da ich nun im Begriff war, einen Erſatz entgegen zu nehmen für alle unermeßliche Pein, die ich, meiner Ehre und der Achtung meiner Mitmenſchen beraubt, zu leiden genoͤthigt geweſen war, ohne das geringſte Mit⸗ tel zu meiner Rechtfertigung zu haben. „Wäre ich wohl verpflichtet, noch mehr zu leiden, als ich ſchon gelitten hatte? Wäre ich wohl durch eine ju⸗ gendliche Verirrung, welche nie die Farbe des Verbrechens getragen hatte— denn hatte ich nicht die Reinheit dieſes Weibes angebetet, hatte ich nicht die Gattin meines Freun⸗ des geehrt, hatte ich wohl mehr als ein einziges Mal, da der augenblickliche Zufall mich beinahe dazu zwang, meine Leidenſchaft verrathen?— wäre ich wohl durch alles dieſes unwiederruflich verurtheilt, ein Leben hinzuſchleppen, das ſchlechter und elender war, als eines wirklichen Verbrechers? „War ich es nicht dieſem jungen Mädchen, gegen wel⸗ ches meine Liebe bei dem geringſten Gedanken, ſie verlie⸗ ren zu können, ſich bis auf eine faſt unzähmbare Wuth ſteigerte, war nicht ich— einzig und allein ich, der ich durch eine Kette von unberechenbaren Ereigniſſen derjenige geworden war, welcher ihr alles geraubt hatte— war nicht ich ſchuldig und verpflichtet, ihr auch alles wieder zu erſtatten? Und wie thäte ich dieſes, wenn ich die wohl⸗ thätige Binde ihr von den Augen, das Glück aus ihrem Herzen riße und ſie, die auf der Schwelle des Tempels der Glückſeligkeit— des Tempels, worin das reine Wach⸗ feuer der Liebe ſchon loderte— wieder hinausſtieße in das kalte Leben und ihr ſagte:„Vergiß Deines Traumes, vergiß Deiner Hoffnungen; denn ich bin der Moͤrder Dei⸗ ner Eltern, ich bin derjenige, welchen Dein Vater in ſei⸗ ner Todesſtunde vor Gottes Richterſtuhl zur Rechenſchaft forderte!“ „Waren ſie nicht klar, waren ſie nicht vortrefflich, dieſe Sophismen? „Mein Sohn, mein geliebter Sohn, hüte Dich vor falſchen Schlußfolgerungen! Wir haben keine gefährliche⸗ ren Feinde, als diejenigen, welche in unſerer eigenen Bruſt aufſteigen. Die ſinnreichen Gründe, welche dieſe Feinde wählen, ſind denen der Wahrheit ſo ähnlich, daß wir der äußerſten Wachſamkeit bedürfen, um uns nicht zu irren. „Ich— ſieh da ein Verbrechen, für das keine Ver⸗ ſöhnung zu finden iſt— ich kämpfte allzu lahm. Ich wollte um jeden Preis die Seligkeit koſten: ich hatte ja noch nie erfahren, wie ſie ſchmeckte; und jetzt mußte mein Verlangen befriedigt werden! „Nachdem ich erſt ſo weit gekommen war, nachdem ich erſt das ſchreckliche Uebereinkommen mit mir ſelbſt ge⸗ troffen hatte, nicht zu kämpfen, ſondern Nicolinens Gluͤck dem meinigen zu opfern, ſo waren mir die Mittel dazu faſt gleichgültig. Ich befand mich jetzt in einer Lage, die mir nicht geſtattete, dieſelben zu wägen. „Baron von U.. mußte für ewig verſchwinden und ſo aus meinem eigenen Gedächtniſſe vertilgt werden, daß ich nie durch eine unvorſichtige Hindeutung Nicolinens Verdacht wecken konnte, daß ich eine doppelte Perſon war. Denn wenn ſich auch die Moͤglichkeit denken ließe, daß ſie den Namen des„verrätheriſchen Freundes“ nicht wußte, ſo lebte er dennoch in dem Gedächtniſſe derjenigen, welche mit ſo großer Spannung und Neugierde dem unglückſeligen Proceſſe gefolgt waren; und durch das kleinſte Ereigniß .... Ich konnte einen ſolchen Gedanken nie zu Ende denken. „Es gab daher nur ein einziges Mittel, durch welches ſie meine Gattin werden konnte. „Ich beſchloß, den Plan auszuführen, welchen ich ſchon einmal in einem Anfalle krankhafter Verrücktheit er⸗ wogen hatte, nämlich Helgenes und meinen Namen ab⸗ zutreten. Dieſes aber konnte auf keine andere Weiſe ge⸗ ſchehen, als wenn ich mich für todt ausgäbe, wodurch denn das Gut in die Hände des Barons Arnold kommen würde ... So ſehr auch mein Herz an dem Stammgute meiner Väter hing, das mir in den Tagen des Unglücks als fint heilige Fr mir doch zu ſein. „Do ich auch meinen To meine hin erſchien— welche bee angehörte Nicolinen beibrächte. „Hät nes Range können, de ſo wäre a⸗ ſelben Aug auch von d entfernt ge denn man man ſich i es nicht je rüchtigte C der Entdech gar nichts beſonders Der Ei enen Bruſt ſieſe Feinde laß wir der zu irren. keine Ver⸗ ahm. Ich ch hatte ja nußte mein , nachdem r ſelbſt ge⸗ inens Glͤck Mittel dazu r Lage, die winden und erden, daß Nicolinens Perſon war. eße, daß ſie icht wußte, igen, welche nglückſeligen iſte Ereigniß nie zu Ende durch welches welchen ich rrücktheit er⸗ Namen ab⸗ re Weiſe ge⸗ wodurch denn mmen würde mgute meiner ucks als eine 81 heilige Freiſtätte noch theuer geworden war, ſo erſchien mir doch in dieſer Zeit ein ſolches Opfer nur gering u ſein. 1„Doch war etwas weit Schwierigeres übrig: wenn ich auch an einem entlegenen Orte in fremden Landen meinen Tod ſo natürlich zu machen wußte, daß dieſer durch meine hinterlaſſenen Papiere als vollkommen beglaubigt erſchien— woher ſollte ich diejenigen Papiere nehmen, welche beglaubigten, daß der Name Letsler wirklich mir angehörte? Kein Geiſtlicher würde meinen Bund mit Nicolinen ſegnen, ohne daß ich das amtliche Kirchenzeugniß beibrächte. „Hätte ich mich öffentlich meines Namens und mei⸗ nes Ranges entſagen und in allen Zeitungen bekannt machen knnen, daß ich von jetzt an den Namen Letsler annähme, ſo wäre alles gut und vortrefflich geweſen. Doch in dem⸗ ſelben Augenblicke, da ich dieſes gethan hätte, wäre ich auch von der Hoffnung auf Nicolinens Beſitz eben ſo weit entfernt geweſen, als da ich den Namen von U.. führte; denn man würde dieſes nicht ſobald geleſen haben, als man ſich in Schweden und Dänemark erkundigt hätte, ob es nicht jener Baron von U.. wäre, der mit in die be⸗ rüchtigte Criminalſache verwickelt geweſen war— und mit der Entdeckung dieſer Identität hätte mir meine Aufopferung gar nichts genützt. „Alſo: der Baron Wilhelm von U.. mußte ſterben, und ich als Bernhard Letsler leben. „Wiederum traf ich Nicolinen. Ihre Schoönheit, ihre Sanftmuth, ihre zärtliche Theilnahme an meinen ver⸗ borgenen Qualen Krüicheghee Gewiſſensvorwürfe. Ich beantwortete ſie ſämmtlich mit der einen Frage:„Wie könnte ich leben ohne ſie?“ „Ich hielt um Nicolinens Hand bei ihrer Pflegemut⸗ ter an, und dieſe, die nur den niedrigſten Wunſch hegte, ihrer Pflegetochter los zu werden, gab gerne ihren Beifall, beſonders als ich meine Vermögensumſtände angab— Der Einſtedler ꝛc. III. 8² denn auch wenn ich Helgenäs entſagte, hatte ich in meinen Capitalien die Mittel eines reichlichen Auskommens. „Wir wurden verlobt. Und eine Zeitlang vergaß ich, daß ich im Begriff war, ein großes Verbrechen zu bege⸗ hen: ich wußte weiter nichts, als daß ſie die Meinige war, ſie, die ich mit jedem Tage mit immer größerer Ab⸗ götterei verehrte, ſie, die ich unter keinem Verhältniſſe des Lebens zu vergoöttern aufhoͤrte. Sie war das Entzücken meiner lichten Augenblicke.... Doch in don düſtern trat ſie ſelbſt unbewußt rächend und ſtrafend zwiſchen mich und mein Glück. „Ich habe geweint, wenn ich in meinen wilden Phan⸗ taſien ihre bleichen und leidenden Züge ſah; ich habe ge⸗ meint, daß ſie mich verflucht, ihre Hände blutig gerungen und mit Entſetzen meinen Liebkoſungen gewehrt hat.... Doch dieſe Strafe begann erſt weit ſpäter. „Ich benachrichtigte ſie, daß ich, um meine Ange⸗ legenheiten zu ordnen und einen kleinen Winkel der Erde zu erſehen, wo wir unſeres ſtillen Glückes ungeſtört ge⸗ nießen koͤnnten, genoͤthigt wäre, ſie einige Monate zu verlaſſen. „Ihre Verzweiflung über dieſe kurze Trennung be⸗ feſtigte noch mehr meinen Vorſatz, ſie nicht ewig dauern zu laſſen, O, wie hätte ich das gekonnt! „Ich hatte ihr ſchon längſt in einer der heiligen Stunden unſerer Liebe vertraut, daß ein dunkler Flecken an meinem Leben haftete, den ſie nie erführe, und ich⸗ hatte von ihr das Gelübde erhalten, nicht in dieſer Dun⸗ kelheit forſchen zu wollen— o, es war nicht ſchwer, ein ſolches Gelübde zu erhalten: denn ihr Vertrauen auf meine Ehre war gränzenlos wie das eines Kindes. Sie wußte es alſo, daß meine Umſtände mir nicht geſtatteten, unter Menſchen in der Welt zu leben, daß ich wegen mei⸗ ner Gewohnheit an die Einſamkeit die Menſchen auf jeden Fall verabſcheuete, und daß folglich das Glück ihres Le⸗ bens ſich nur auf das beſchränken würde, was wir in un⸗ ſern Herze vermöchter Glück ihr „Wi gen unſer „Nie geſehen, heit, zu Male als ſprechend, als eine d Leben end auf ſeinen von dieſen hatte. A künftige F einen Nan funden, do genug wi theilen zu eine ausw ſatz entſch wollte? ſie Rang „Na dem die G jenigen, ſo rüſtete ich wäre vergaß ich, en zu bege⸗ ie Meinige rößerer Ab⸗ hältniſſe des s Entzücken düſtern trat len mich und ilden Phan⸗ ch habe ge⸗ ig gerungen hat.. mneine Ange⸗ eel der Erde ungeſtoͤrt ge⸗ Monate zu rennung be⸗ ewig dauern der heiligen nkler Flecken re, und ich dieſer Dun⸗ ſchwer, ein rtrauen auf eindes. Sie geſtatteten, wegen mei⸗ en auf jeden ick ihres Le⸗ wir in un⸗ 8³ ſern Herzen und an unſerm häuslichen Herde zu finden vermochten. Und wie oft betheuerte ſie mir, daß dieſes Glück ihr jetzt und immer genug wäre! „Wir trennten uns unter oft wiederholten Verſicherun⸗ gen unſerer Treue bis in den Tod. „Nie hatte ich Helgenäs mit ſolchen Gefühlen wieder geſehen, als ich jetzt empfand! Meine Niedergeſchlagen⸗ heit, zu wiſſen, daß ich den alten Herrenſitz zum letzten Male als den meinigen begrüßte, war ſo groß und ſo ſprechend, daß man dieſelbe, wie ich ſpäterhin ſagen hörte, als eine deutliche Vorahnung deutete, ich würde bald ein Leben endigen, das ſo arm an Freuden, ſo reich an Un⸗ glück geweſen war. „Ignelius, mein alter geprüfter Freund, beſchwur mich auf ſeinen Knien mit den wärmſten Bitten, ich möͤchte von dieſem Plane abſtehen, den ich ihm allein anvertraut hatte. Aber ich war unbeweglich. Ich ſagte ihm, der künftige Frieden meines Lebens beruhe darauf, nie mehr einen Namen zu vernehmen, unter welchem ich ſo viel ge⸗ litten hätte. Ich ſagte ihm auch, ich hätte ein Weib ge⸗ funden, das ich innig und warm liebte, und das mich innig genug wieder liebte, um meine ſelbſtgewählte Einſamkeit theilen zu wollen. Doch auf ſeine Frage, ob ich meine Kinder ihres geſetzlichen Erbes berauben wollte, gab ich eine ausweichende Antwort; denn wie konnte ich den Vor⸗ ſatz entſchleiern, welchen ich mir ſelbſt noch nicht geſtehen wollte? Ich ſage nur(o, mein Sohn, wirſt Du mir dieſe Worte verzeihen?):„Baron Wilhelm von U.. hin⸗ terläßt keine Descendenten— und Bernhard Letsler er⸗ zieht ſeine Kinder, falls er ſolche erhält, auf eine Art, daß ſie Rang und Reichthum nie vermiſſen. „Nachdem ich mit Ignelius alles abgemacht und nach⸗ dem die Geldverhandlungen in Uebereinſtimmung mit dem⸗ jenigen, was eintreffen ſollte, entſchieden worden waren, ſo rüſtete ich mich zu der letzten Reiſe— und wahrlich, ich wäre an jenem Tage zufrieden geweſen, wenn die Reiſe 84 dem alten Familiengrabe gegolten hätte ſtatt der großen Wüſte, in welcher ich nur durch einen doppelten Betrug, einen durch das ganze Leben fortgeſetzten Betrug, das Ziel meiner Wünſche gewinnen konnte. Und gleichwohl, wenn es gelungen war dieſes Ziel, wo war der Bürge, welcher mich verſicherte, daß meine ſo theuer erkaufte Glückſelig⸗ keit dauerhaft ſein würde? „Georg— Du kannſt nicht begehren, daß Dein Va⸗ ter hier Stück für Stück das Gewebe aufrollen ſoll, das er jetzt zubereitete. „In Deutſchland führte ich auf eine recht glückliche und ganz einfache Weiſe meinen Plan aus. Man glaubte,. ich hätte mein Leben in dem Rheinſtrome geendet, während ich weit von dem Orte floh, wo mein offener Brief, der dieſen meinen Entſchluß verkündigte, mein Paß und die ſämmtlichen übrigen Urkunden anzeigten, wer der gemüths⸗ kranke Reiſende geweſen war und wohin man ſeine Papiere zu ſchicken hatte. „Aus Deutſchland eilte ich Tag und Nacht hinweg nach Norwegen, wo ich ein Paar Wochen in der vollkom⸗ menſten Abſonderung lebte, um meine Sinne allmälig zu dem letzten Schritte zu ſammeln— ein Schritt, für den alles Vorhergehende geſchehen war. „In einem entlegenen Thale, umgeben von hohen Rieſenfelſen, durchſchnitten von einem brauſenden Wald⸗ ſtrome, aber doch nicht ſo menſchenarm, daß man nicht erhalten konnte, was zum Lebensaufenthalte noͤthig war, wählte ich unſern künftigen Wohnort. Ich kaufte mir ein kleines nettes Haus, und richtete daſſelbe nicht mit Ueber⸗ fluß, aber doch mit einer Bequemlichkeit und einem Ge⸗. ſchmacke ein, die Nicolinen fremd waren. Ich war nicht mehr reich, aber ich war wohlhabend, und da wir in kei⸗ ner andern Sache mehr verſchwenderiſch ſein konnten, ſo wollte ich wenigſtens, daß das Häuschen, welches ich ihr zu bieten hatte, angenehm und ſchön ſein ſollte. Und ſo wurde es... „Jetzt habe, komt wünſchte. terſte Stro dieſe Anzei⸗ bitter... ſie wieder. „Bisl tung ſchend nicht länge „Wif Nicolinens uns verein meiner 4 „O nun einen könnteſt D nicht mit mocht hat. „In! Gattin un bezogen ho Glückſeligk welches ich „Aber traf an de dieſer Welt „Ich fernteſte V ich empfan drückte, D raubte, de würdeſt... und er hat verſchweige mein edler der großen en Betrug, g, das Ziel ſohl, wenn ge, welcher Glückſelig⸗ Dein Va⸗ foll, das t glückliche kt, während Brief, der aß und die r gemüths⸗ ine Papiere an glaubte, 4 icht hinweg der vollkom⸗ allmälig zu ſtt, für den von hohen aden Wald⸗ man nicht noͤthig war, ifte mir ein mit Ueber⸗ einem Ge⸗. h war nicht wir in kei⸗ konnten, ſo ſches ich ihr lte. Und ſo 8⁵ „Jetzt, mein Sohn, ſo lange ich es auch vermieden habe, kommt dasjenige, deſſen Erwähnung ich zu entgehen wünſchte... Doch, habe ich es mir nicht als die bit⸗ terſte Strafe auferlegt, für Dich, für Nicolinens Sohn, dieſe Anzeichnungen aufzuſetzen?. Dieſe Strafe iſt allzu bitter... Ich werfe die Feder weg.... ich nehme ſie wieder...“ „Bisher haſt Du Deinem unglüͤcklichen Vater Ach⸗ tung ſchenken koͤnnen— im nächſten Augenblicke wirſt Du nicht länger im Stande dazu ſein. „Wiſſe alſo: die Papiere, welche ich dem Paſtor in Nicolinens Heimath übergab, und auf deren Zeugniß er uns vereinigte, dieſe Papiere waren falſch, waren von meiner Hand.. „O weh— nun iſt es geſagt! Und könnteſt Du nun einen Blick in die Seele Deines Vaters werfen, ſo könnteſt Du ſehen, daß eine ſechzehnjährige Reue ihn noch nicht mit ſeinem Gott, mit ſich ſelbſt zu verſöhnen ver⸗ mocht hat................ „In dem erſten Jahre, da ich mit meiner angebeteten Gattin unſere Heimath zwiſchen den ſchützenden Bergen bezogen hatte, lebte ich in einem ſolchen Rauſche von Glückſeligkeit, daß ich kaum an das Mittel dachte, durch welches ich dieſelbe gewonnen hatte. „Aber ich ſollte erwachen— und dieſes Erwachen traf an dem Tage ein, da Du, mein Sohn, das Licht dieſer Welt erblickteſt. „Ich bin überzeugt, wenn Du Dir nur die allerent⸗ fernteſte Vorſtellung von den Qualen machen könnteſt, die ich empfand, als ich Dich zum erſten Male an mein Herz drückte, Dich, dem ich ſchon vor Deiner Geburt alles raubte, dem ich Namen, Reichthum und Gut ſtahl, Du würdeſt.... Doch kein Wort mehr davon: Gott richtet, und er hat ſchon gerichtet.... Nein— warum ſoll ich verſchweigen, was ich weiß, wovon ich überzeugt bin; Du, mein edler Sohn, ſo ähnlich Deiner verewigten Mutter, * Du würdeſt nicht allein Deinem Vater alles Böſe verzei⸗ hen, das er Dir erzeigt hat, ſondern ſogar noch zehnmal dieſe Schätze verlieren wollen, falls Du ihm damit ſeine Gewiſſensruhe und Dir das Recht, ihm Deine Achtung wiederzuſchenken, erkaufen könnteſt. Name, Anſehen, Reich⸗ thum— dieſe Vorzüge ſind von ſolcher Art, daß der thä⸗ tige redliche Mann ſich dieſelben ſelbſt bilden kann. „Doch Deine guten Wünſche ſind vergeblich! Beides, ſowohl das Eine als auch das Andere, iſt für mich auf ewig dahin............ „Mit der ſanften Ueberredungskraft ihrer ganzen Liebe ſuchte Nicoline mich dahin zu bringen, ihr zu geſtehen, welche neue Qual jetzt meinen Frieden vernichten wollte. Ich konnte es sicht ſagen, und ich ließ ſie glauben— ein Glaube, der ihr ſtets blieb— daß ich eine Art von Eifer⸗ ſucht nährte, weil Du einen Theil ihrer Zeit in Anſpruch nahmſt, mir dieſe raubteſt, und Anlaß gabſt zu einer Thei⸗ lung ihrer Gefühle, die ich allein beſitzen wollte. O, ich mute allzu wohl, daß ihr Herz reich genug war für uns eide. „Fünf Jahre lebten wir in unſerem Thale. Und wenn ich auch ſtets Gewiſſensqualen litt, ſo waren dieſe gleichwohl noch nicht zu der Höhe gelangt, auf welche ſie ſpäter ſtiegen, da ich älter wurde, da die heſtigen Leiden⸗ ſchaften immer mehr in den Hintergrund traten und eine ruhigere, reinere Liebe mit Vernunft und Beſinnung an die Stelle der vorigen trat. „Jetzt ergriffen meine alten unruhigen Ideen mich von Neuem. Ich ſaß in der Ruhe, aber ich konnte es dort nicht länger aushalten: ich wollte hinaus, ich mußte hin⸗ aus; und mit einer wahnſinnigen Macht wurde ich nach Schweden und meinem verlornen, ewig vermißten Helgenäs gezogen. 4 „Ich ſchlug Nicolinen vor, eine geheime Reiſe in mein Vaterland zu machen: nicht einmal eine ſo kurze Zeit, als dazu erforderlich war, konnte ich mich von ihr ten Vorſi trennen. welchem i einem abg Jahre mei der tiefſten ließ es ih dete, ob ſ ſem Orte „We liebende mal nicht ſagen, we Da ſie mi fie ſich ſel ſuchte dur wieder gu Die Erde oft meine nicht weni gelitten h .„In immer in meinem k haben. 1 rung, da früher ber die Zeit je Capitain ten zu Ha wandte, u müßte di „Jetz Herzen a Luft in d athmen k öſe verzei⸗ h zehnmal damit ſeine ie Achtung zen, Reich⸗ ß der thä⸗ inn. )! Beides, r mich auf zanzen Liebe zu geſtehen, zten wollte. uben— ein t von Eifer⸗ in Anſpruch einer Thei⸗ te. O, ich var für uns Thale. Und waren dieſe uf welche ſie tigen Leiden⸗ ten und eine mnung an die een mich von unte es dort ) mußte hin⸗ rde ich nach zten Helgenäs ime Reiſe in eine ſo kurze mich von iht 87 trennen. Inzwiſchen ſagte ich ihr, daß der Ort, nach welchem ich mich ganz beſonders ſehnte— weil er einſt einem abgeſchiedenen Freunde, mit welchem ich die beſten Jahre meiner Jugend verlebt, gehört hätte— uns nur in der tiefſten Heimlichkeit aufnehmen könnte; und ich über⸗ ließ es ihrer Liebe, an welche ich mich nie vergeblich wen⸗ dete, ob ſie nicht um meinetwillen eine kurze Zeit an die⸗ ſem Orte verleben wollte. „Welcher Entbehrungen iſt nicht das zärtliche, das liebende Weib fähig! Gleichwohl willigte Nicoline dies⸗ mal nicht ohne die dringendſten Bitten ein, ich möchte ihr ſagen, weßhalb der Beſuch ſo heimlich geſchehen müßte. Da ſie mich jedoch hiebei betrübt und bewegt ſah, ſo machte ſie ſich ſelbſt einen Vorwurf wegen ihres Wunſches, und ſuchte durch tauſend kleine Aufmerkſamkeiten den Schmerz wieder gut zu machen, den ſie mir zugefügt hatte.... Die Erde trägt nicht mehr denn ein ſolches Weib— und oft meine ich, daß ich ihren ſechzehnjährigen Beſitz mit nicht wenigerem habe bezahlen können, als was ich dafür gelitten habe. „In einem Briefe an Ignelius, mit welchem ich noch immer in Verbindung ſtand, benachrichtigte ich ihn von meinem kühnen oder, richtiger geſagt, wahnſinnigen Vor⸗ haben. Und in ſeiner Antwort erhielt ich die Verſiche⸗ rung, daß er die beiden Thurmkammern, welche ich ſchon früher bewohnt hätte, in Ordnung ſetzen wollte, und daß die Zeit jetzt um ſo paſſender wäre, als der Commandeur⸗ Capitain auf einer Expedition und die alte Freiherrin ſel⸗ ten zu Hauſe wäre.(Dieſe Dame war eine entfernte Ver⸗ wandte, und damals Wirthin auf Helgenäs.) Gleichwohl müßte die Ankunft zur Zeit der Nacht und mit der größ⸗ ten Vorſicht geſchehen. „Jetzt lebte ein Fünkchen von neuer Freude in meinem Herzen auf; und ich glaubte, wenn ich noch einmal die Luft in den Mauern des alten Stammſitzes meiner Familie athmen könnte, ſo würde mir beſſer zu Muthe werden. 88 .. Ach, mein Sohn, dieſe Worte verrathen Dir, daß ich nicht mehr glücklich war! Ich mußte etwas Neues haben, womit ich meine Pein betäuben konnte. Du weißt nicht, was es heißt, ein Glück feſtzuhalten, das man ſich auf Koſten ſeines Gewiſſensfriedens erkauft hat, gezwungen zu ſein, zu fühlen, wie es gleichſam Zoll für Zoll hinweg⸗ gleitet. „Ungeſehen in der Nacht trat ich— der Verſtorbene — mit den Meinigen über die Schwelle meiner väterlichen Burg, jetzt nicht mehr die meinige. „Mit welchen Gefühlen ſetzte ich nicht meinen Fuß auf dieſe geheimnißvollen Stufen, dieſe Sagenſteine, die den Staub von Weſen bedeckt hatten, deren Leben vielleicht eben ſo ſchwer und bitter wie das meinige verronnen war! Ich bückte mich hinab, und heiße Thränen glühten auf den kalten Steinen. O, wie wohl wäre mir geweſen, wenn auch ich geruht hätte! Meine Seufzer ſtiegen empor aus meiner Bruſt, die erfüllt war von den bitterſten Gefühlen, die ein Menſch haben kann.... Doch genug davon! „Nicoline befand ſich nicht wohl in der Luft der Thurmkammern. Zwar lagen die kleinen Fenſter hinaus auf den verfallenen Hafendamm, den jetzt kein Menſch mehr beſuchte; doch es begann ſchon Herbſt zu werden und wir konnten alſo ſelten friſche Luft einlaſſen. Und alſo, da ich ſie leiden ſah, wenn auch nur höchſt unbedeutend, ſo war auch die armſelige Freude, welche ich hier zu finden ge⸗ hofft hatte, gänzlich verloren. Dieſe Reiſe, ſo wie alles, was ich vornahm, war ja von Reue begleitet. „Indeſſen ließ uns Ignelius nichts fehlen, was dazu beitragen konnte, unſer Leben zu verſchoͤnern und die Tage in der Einſamkeit, die er ſelbſt ſo oft wie möglich theilte, zu verkürzen. Er ſah in Nicolinen eine Heilige, eine Dulderin: auch auf ihn machte ihre unbeſchreibliche Schön⸗ heit, ihr und daue freundlich war berei den Kopf ſchaft( mildern. „Du Ignelius er Dich, that. S. was ein. Bild ſo g in Deiner mit deſſen vorkommt, Dich, war ein Traun laſſen wol „Ehe ßen konnte wir mußt zu überwi weil ich d werden. „An ihm deutli Wink; ich theilte er Hauſe gek „Die nehm, we ohne Verd than hatte ner Hand das Ober Dir, daß s Neues Du weißt man ſich ezwungen hinweg⸗ eerſtorbene däterlichen einen Fuß keine, die vielleicht nen war! en auf den en, wenn mpor aus Gefühlen, davon! Luft der ter hinaus enſch mehr n und wir lſo, da ich nd, ſo war finden ge⸗ wie alles, was dazu d die Tage lich theilte, ilige, eine iſche Schoͤn⸗ 89 heit, ihr ſo unſchuldiges und ſanftes Weſen einen ſtarken und dauernden Eindruck, und ſie brauchte ihm nur einen freundlichen Blick, ein warmes Lächeln zu geben, und er war bereit zu allem— ja er zerbrach ſich Tag und Nacht den Kopf, wie er Auswege finden könnte, ihre Gefangen⸗ ſchaft(ſo nannte er ihren dortigen Aufenthalt) zu mildern. „Du weißt ſelbſt, ob ſie jemals undankbar ſein konnte! Ignelius gewann ihre Gewogenheit in hohem Grade, weil er Dich, Georg, faſt eben ſo ſehr liebte, wie ſie ſelbſt es that. Stets brachte er Dir neue Spielſachen und alles, was ein Kind erfreuen konnte; und dennoch iſt Dir ſein Bild ſo gänzlich entſchwunden, daß wenn Du bisweilen in Deiner Erinnerung einen alten Mann zu ſehen meinſt, mit deſſen Bart Du oft geſpielt haſt, dieſes Bild Dir ſo vorkommt, als hätteſt Du es im Traume geſehen. Für Dich, war dieſe Zeit auch in der That nichts anderes als ein Traum, welchen wir nachher nie zur Klarheit kommen laſſen wollten. „Ehe ich mich zur Rückreiſe nach Norwegen entſchlie⸗ ßen konnte, traf ein früher und ſtrenger Winter ein, und wir mußten uns entſchließen, in unſern Thurmkammern zu überwintern; denn zu Lande zu reiſen, wagte ich nicht, weil ich dabei ſtets in Gefahr geweſen wäre, entdeckt zu werden. „An einem Abende trat Ignelius ein, und ich ſah es ihm deutlich an, daß er verlegen war. Er gab mir einen Wink; ich ging mit ihm in das andere Zimmer, und hier theilte er mir mit, daß Baron Arnold unvermuthet nach Hauſe gekommen wäre. „Dieſe Nachricht war mir auf das höchſte unange⸗ nehm, weil ich einſah, Ignelius würde nunmehr unmöglich ohne Verdacht zu erregen, thun können, was er bisher ge⸗ than hatte, da er die höchſte Macht an dem Orte in ſei⸗ ner Hand gehabt hatte. Denn obgleich die alte Freiherrin das Oberregiment im Innern führte, ſo konnte man den⸗ noch überzeugt ſein— wenn ſie Verdacht geſchöpft hätte — ſie würde mit ihrem bekannten Familienſtolze, nie ver⸗ rathen haben oder nur wiſſen wollen, daß die Perſon, deren / 1 Tod ſie für ein Familienglück hielt, noch immer in einem irdiſchen Leibe umherſpukte. „Nach einer langen Berathſchlagung ſah ich die Klug⸗ heit in Ignelius Rathe ein, mich der Ehre meines Vet⸗ ters anzuvertrauen. Arnold hatte ohne Zweifel nie einen Verdacht gehegt über die Echtheit meines Todes, aber wenn es ihm nun auch ſchmerzhaft ſein mußte, ein Gut zu beſitzen, deſſen geſetzlicher Inhaber noch lebte, ſo mußte es ihm dennoch eben ſo angelegen ſein, wie mir, das tiefſte Schweigen zu beobachten. „An dem Tage nach ſeiner Ankunft übernahm es Ignelius, ihm die eben ſo unerwartete als erſchütternde Neuigkeit mitzutheilen. Und mit dem Seelenadel, der ihn ſtets ausgezeichnet hat, wünſchte er alles thun zu können, um mich mit dem bittern Schickſale zu verſoͤhnen, und verlangte ſo bald wie moͤglich in die Thurmkammern geführt zu werden. „Ich hatte Nicolinen geſagt, daß der jetzige Beſitzer des Gutes zu Hauſe wäre, und daß ich mich ihm, als einem allgemein geachteten und geehrten Manne, anver⸗ traut hätte... „Unſer Zuſammentreffen war traurig. Er war gleich⸗ wohl mehr erſchüttert als ich; und mit einem Tone, an deſſen redlicher Aufrichtigkeit ich nicht zweifeln konnte, ſagte er:„Ich beſchwöre Dich, Wilhelm, öffentlich auf⸗ zutreten und Deine Anſprüche geltend zu machen! Wie leicht kann nicht ein Zufall das Leben gerettet haben, das Du zu enden beſchloſſen hatteſt!“ „Ich deutete auf das Nebenzimmer und antwortete ihm in einem leiſen, aber beſtimmten Tone:„Nie— denn ich ſchwoͤre Dir bei dem Theuerſten, das ich auf Erden beſitze, und bei meiner Seelen Seligkeit, daß ich keinen ſehnlicheren Wunſch hege, als mich ſtets vor jeder Ent⸗ deckung; davon, de nur um habe ich Berühre Er mich in denken zu fügen. Am meine N empfand tiefe Erſt mit welch Er! kammern pft hätte nie ver⸗ on, deren in einem die Klug⸗ nes Vet⸗ nie einen hes, aber ein Gut ſo mußte mir, das rnahm es chütternde adel, der thun zu verſoͤhnen, nkammern ge Beſitzer ihm, als ne, anver⸗ var gleich⸗ Tone, an In konnte, ntlich auf⸗ hen! Wie haben, das antwortete Nie— denn auf Erden ich keinen jeder Ent⸗ deckung zu bewahren! Meine Gattin hat gar keine Ahnung davon, daß ich je einen andern Namen geführt habe, und nur um ihretwillen und um zu ihrem Beſitze zu gelangen, habe ich freiwillig Herkunft, Gut und Namen entſagt... Berühre dieſe Saite nie mehr!“ Er verſtand mich, und ich mußte ihm verſprechen, mich in jeder Verlegenheit an ihn zu wenden und nie Be⸗ denken zu tragen, über den Ertrag von Helgenäs zu ver⸗ ügen. fus Am folgenden Abende ſah Arnold zum erſten Male meine Nitoline, und der arme, heimathloſe Flüchtling empfand noch einmal ein Gefühl von Stolz, da er das tiefe Erſtaunen, die ehrfurchtsvolle Bewunderung gewahrte, mit welcher der Baron ſie betrachtete. Er hatte ſich gewiß nicht vorgeſtellt, daß die Thurm⸗ kammern einen ſolchen Schatz enthalten könnten: er hatte nicht geglaubt, daß die Gattin, welche eingewilligt hatte, mich durch ein ſolches Leben zu begleiten, ein Weib mit der bildreinſten Schoͤnheit, mit den bezauberndſten Reizen ſein könnte. Auch Nicoline konnte nicht umhin, den Ein⸗ druck zu bemerken, den ſie hervorgebracht hatte, und ſie ſagte ihm mit einer leichten Röthe auf der feinen Wange einige Worte von verbindlicher Artigkeit über die genoſſene Gaſtfreundſchaft. Faſt an jedem Abende, da er nicht verreist war oder Fremde bei ſich hatte, beſuchte uns Arnold in der tiefſten Heimlichkeit; und wir verlebten zuſammen manche Stunde, die ſowohl für mich als auch für Nicolinen ihren wohl⸗ thuenden Reiz hatte. Schon zu der Zeit, da ich Helgenäs beſaß, ſtand das alte Gebäude wegen Spuckerei und dergleichen in ſchlech⸗ tem Rufe, und nach meinem vermeinten Tode galten dem ganzen Perſonal des Gutes die beiden Kammern, welche ich ſelbſt eingerichtet hatte, als ein Aufenthaltsort meines umherirrenden Geiſtes. Dieſer uns Flüchtlingen ſo günſtige Aberglaube nahm immer mehr zu, da Fiſcher, welche die 92 Nacht von dieſer Seite kamen, die nur von der See ge⸗ ſehen werden konnte, denſelben durch die Verſicherung ſtärkten, ſie hätten dort einen Lichtſchimmer geſehen. Und jetzt ſtieg die Furcht auf eine ſolche Höhe, daß man, ſo⸗ bald es finſter geworden war, kaum von dem Hofe der Treppe zu nahen wagte— dieſer Treppe, die ſchon bei hellem Tage Ehrfurcht erweckte, ſowohl wegen der ge⸗ raubten Grabſteine als auch wegen der alten ſteinernen Bilder, welche ſie bewachten... „Und nun, Georg, nähere ich mich dem Ende meiner Beichte. Es iſt nur noch ein Blatt übrig, und dieſes handelt von der Wiedervergeltung. VIII. „Du kennſt mich, mein Sohn! Du kennſt die Gewalt⸗ ſamkeit meiner Gemüthsart; Du weißt, wie ich dieſes Weib liebte, für die ich ſo viel geopfert und das mir ſo viel geopfert hatte, Du weißt, wie ich ſie mit meiner ganzen Seele anbetete. Ich kann alſo ganz kurz ſein; Du wirſt mich doch vollkommen verſtehen, den unermeß⸗ lichen Inhalt dieſer wenigen Worte verſtehen:„Auch ich habe die Qualen der Eiferſucht empfunden!“ „Ja, Georg, ich habe ſie empfunden— und ſie hätten mich beinahe meiner Vernunft beraubt. „Arnold von U.. konnte Nicoline nicht ſehen, ohne ſich durch ihr Unglück gerührt zu fühlen. Von dem herz⸗ lichen Mitleiden für ein ſchönes Weib iſt der Uebergang. zur Liebe leicht; von einer reinen Liebe zur flammenden Leidenſchaft iſt nur ein Kinderſchritt. Ich ſah, ich verfolgte mit Blicken, ähnlich denen, womit Tank vielleicht einmal mich verfolgt hatte, die Ent⸗ wicklung Grad für Hitze mein Richard ge poldinen b „Jetz! „An ſein ſollen, ich fürchte ner Gatti ja fie, die nicht in 2 aus Furch Bild zeichn Dingen für ihrer Liebe ſchien— d Vorſehung ches ich ihr „Aber „Faſt Namen übe Glück ſo ge danken, ſie nicht ſobale Neuem zitt er nicht zu mit der wen „Doch alter, theur mir vorging zu oͤffnen. „Das — die nie mich, daß war. See ge⸗ ſicherung en. Und nan, ſo⸗ Hofe der chon bei der ge⸗ teinernen 2 meiner nd dieſes ewalt⸗ h dieſes mir ſo meiner rz ſein; nermeß⸗ luch ich denen, ie Ent⸗ wicklung von Arnolds Gefühlen; und nachdem ich ſie Grad für Grad ausſpähte, ſtieg auch Grad für Grad die Hitze meiner Einbildung. Jetzt erſt begriff ich klar, was Richard gelitten haben muß in jenen Nächten, die er Leo⸗ poldinen beſchreibt. „Jetzt war die Reihe an mich gekommen. „An den Stunden, die dem Schlafe hätten geweiht ſein ſellen, wagte ich kaum die Augen zu ſchließen, weil ich fürchtete, eine Bewegung oder ein im Traum von mei⸗ ner Gattin ausgeſprochenes Wort zu verlieren. Ich konnte ja fie, dieſes reine, keuſche Weib, Leopoldinens Abbild, nicht in Verdacht haben, aber dennoch beſpähte ich ſie, aus Furcht, der morgende Tag könnte in ihr Herz ein Bild zeichnen, das ihr heute gleichgültig war! Vor allen Dingen fürchtete ich, daß der Verluſt ihres Herzens und ihrer Liebe— ſo unmöglich mir auch dieſer Verluſt er⸗ ſchien— die ſchreckliche Strafe ſein würde, welche die Vorſehung für das Verbrechen beſtimmt hätte, durch wel⸗ ches ich ihren Beſitz erkauft hatte. „Aber Gott war barmherzig. „Faſt in jeder Nacht hoͤrte ich wie vorher meinen Namen über ihre Lippen ſchweben, und dabei war mein Glück ſo groß, daß ich keinen Raum hatte für den Ge⸗ danken, ſie zu verlieren. Gleichwohl nahmen ihre Züge nicht ſobald einen leidenden Ausdruck an, als ich von Neuem zitterte; und wenn ich Arnolds Blicke ſah, welche er nicht zu beherrſchen vermochte, ſo war es ganz aus mit der wenigen Ruhe, die ich mir ſo eben erkämpft hatte. „Doch ich hatte einen Schutzengel. Dies war mein alter, theurer Ignelius. Er— nur er— ahnte, was in mir vorging, und er überredete mich, Nicolinen mein Herz zu oͤffnen. „Das war meine Rettung. Ihre Augen, ihre Lippen, — die nie eine Unwahrheit ſagen konnten— uberzeugten mich, daß mir wenigſtens noch ein Glück übrig geblieben war. „Arnold muß bemerkt haben, daß ſein Geheimniß ver⸗ rathen war; denn an einem Abende, kurze Zeit nach mei⸗ ner Erklärung mit Nicolinen, ſagte er mir offen, wie es einem redlichen Manne geziemt(— o hätte ich ſo gegen 4 Richard gehandelt!):„Du haſt ein Kleinod errungen, welches unglücklicher Weiſe auch ich höher achte, als die⸗ ſen alten Herrenſitz.... ich reiſe morgen— wir ſehen uns nicht mehr!“ „Nach einem warmen Handſchlage ſchieden wir und unſere Wege ſind darauf nicht wieder zuſammengeſtoßen. „Sobald die See von Eis befreit war, hatte Ignelius ein Boot beſorgt, das die Flüchtlinge in das Norwegiſche Land zurückführen ſollte. „Es war eine ſtürmiſche Nacht. Zum letzten Male ſah ich Ignelius, zum letzten Male ſah ich Helgenäs— — nie, nie werde ich wieder dorthin kommen. „Auch dorthin war das Strafurtheil mir gefolgt; hatte nicht dort die Verſuchung meiner erwartet, um mit mir um meinen Schatz zu kämpfen 2.... Auf meinen Knien habe ich Gott gedankt, daß dieſe düſtere Wolke ſich in ihre Dünſte aufloͤste. 3 Noch einmal kehrten wir zurück in unſere kleine Woh⸗ nung zwiſchen den Felſen von Norwegen. Aber ich hatte keine Ruhe mehr. Ich hatte die ſchwediſche Luft einge⸗ athmet, und mir ſagte keine andere zu. Es war eine Gemüthskrankheit, und ich ſuchte ſie zu überwinden; denn wir konnten nicht in Schweden leben. Doch die Krank⸗ heit wollte nicht weichen. „Und um den unruhigen Geiſt, der von neuem in meinem Kopfe zu wüthen begann, zu beſchwichtigen und zu beſtechen, verließen wir auf immer unſere kleine Hütte und zogen von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt. Nur in Deutſchland hielten wir uns eine längere Zeit auf. „Auf dieſe Weiſe war allmälig eine Reihe von Jahren verſtrichen, und mein Gemüth immer düſtrer und düſtrer geworden. 3 2 „D letzten wie andern we zu befinde dahinzogen und ich ga ſcher Erde „Mei durch die zen. Seit lius gewee ſein. Und nold vorge ſein, ſelbſ weſen wäre „Wir unſrer Hat talien, un mit meiner coline an ließ ich di heit in die „Um Georg! ſe und den kr ſtieg, hat eilt, i Altachan bens verdüß zu bekämpfe nen leitend Licht unter ſtoßen. rwegiſche gefolgt; um mit f meinen re Wolke line Woh⸗ ich hatte ift einge⸗ war eine den; denn ie Krank⸗ b neuem in tigen und line Hütte adt. Nur t auf. on Jahren nd düſtrer 95⁵ „Du warſt nun elf Jahre. Wir hatten die drei letzten wieder in Norwegen zugebracht, doch in einer andern weit ödern Gegend, wo ich mich gleichwohl beſſer zu befinden meinte. Als aber ſpäterhin mehre Perſonen dahinzogen, ſo verlor ſie für mich ihren vornehmſten Reiz, und ich gab meinem brennenden Verlangen, auf ſchwedi⸗ ſcher Erde zu wohnen, von neuem Luft. „Mein Vermögen war zwar nicht ganz erſchöpft, aber durch die ſteten Reiſen ſchon ziemlich zuſammengeſchmol⸗ zen. Seit vielen Jahren hatte ich keine Briefe mit Igne⸗ lius gewechſelt: ich wollte auch in ſeinen Augen todt ſein. Und nach demjenigen, was zwiſchen mir und Ar⸗ nold vorgefallen war, würde ich nicht im Stande geweſen ſein, ſelbſt wenn ich in die größte Armuth verſunken ge⸗ weſen wäͤre, eine Unterſtützung von ihm anzunehmen. „Wir brachten zuſammen, was durch den Verkauf unſrer Haushaltung einfloß, ich hob meine letzten Capi⸗ talien, und mit meinem letzten Vermögen in der Taſche, mit meiner theuren, unvergeßlichen, ſtets geduldigen Ni⸗ coline an meiner Sei d mit Dir an der Hand ver⸗ ließ ich dieſe Wohl um in Drammen eine Gelegen⸗ heit in die Bohuslämhen Scheren zu ſuchen. „Um meiner Gattin und um Deinetwillen, mein Georg! ſchickte mir der Himmel den alten guten Elias und den kraftvollen Carolus. Als ich den Freiſegler be⸗ ſtieg, hatte ich noch keinen beſtimmten Plan in Betreff unſeres künftigen Wohnortes, ich wollte nur einen ſo ent⸗ legenen ſuchen, wie möglich, und ich fand ihn auf der Johannis⸗Klippe, dieſem Fleck, wo ich ſterben werde.... „Ich bin mit angeſtrengten Kräften dem Ende zuge⸗ eilt, ich habe mit Gewalt die heftigen Ausbrüche meiner Seelenkrankheit, die oft mein Gemüth während des Schrei⸗ bens verdüſtert und daſſelbe zu unterbrechen gedroht haben, zu bekaämpfen geſucht: hier habe ich meine Sonne, mei⸗ nen leitenden Stern verloren. Mit ihr ging mein letztes Licht unter. Meine Seele iſt wiederum unter die Gewalt ——— 96 der finſtern Mächte gefallen, und noch unaufhörlich tönen mir im Donner des Sturmes Richard's Worte entgegen: „Vor Gottes Richterſtuhl lade ich Dich zur Verantwor⸗ tung, daß Du mir alles geſtohlen und geraubt haſt!...“ O, was wird er wohl ſagen, wenn er dereinſt erfährt— vielleicht weiß er es ſchon— daß ich ihm ſogar noch j nach dem Tode die großte Beleidigung zugefügt habe? Sitzt nicht Nicolinens Geiſt jetzt bei ihm im Reiche der Schatten und erzählt ihm ihre freudenloſe Wanderung durch das Erdenleben? Ja, ſie hat ihm ſchon alles er⸗ zählt. Er wartet meiner mit Leopoldinens bleichem Schatten an ſeiner einen und Nicolinens an ſeiner andern Seite. Sie haben es meiner Gattin nicht lehren können, mich zu haſſen— doch ſie wendet ſich hinweg, ſie weint, ſie weint über mich:„wir werden uns nicht treffen!“ „O, furchtbarer Gedanke! Gedanke aus dem Ab⸗ grunde! „Mein Gott, mein Gott! welche Nächte, welche end⸗ loſen Stunden, wenn dieſe Geſpenſter, das eine nach dem andern ſich vor meinem Bette vorüberſchleichen und mich mit Blicken begrüßen, welche ſagen:„wir erwarten Dich!....“ und ich wage es nicht, dieſem elenden Leben ein Ende zu machen: ich wage nicht zu ſterben, denn ich fürchte mich vor dem Tode, der mich vor den Richterſtuhl führt, wo Richard meiner harrt. „O mein Sohn, mein Sohn! möchten Deine Schick⸗ ſale anders, moͤchten ſie beſſer werden! Möchteſt Du nie, wenn die Stunde der Verſuchung kommt, mit ihr unterhandeln! Denke Deines Vaters, denke der lang⸗ ſamen Qualen, in denen ſein Leben vergeht! Denke der armen Klippe, auf welcher er ſich abhärmt—— denke der Reue!“......... . (Hier endigte die Beichte des armen Einſiedlers. ⸗ Aber auf dem letzten Blatte ſtanden noch einige Zeilen, 5 die viele waren, Herz leig Wange v damals:) „Moe dieſe Anz Kampf, Vaters er nahe dar unterzugel hat; doch eines ihre gelähmten auch das feſten Glo „Ge ſeiner Ape ſohn, den ſendete! „Er ſtreiten ka hatte nur ſeinen leh ſeinem Ve „Er Seine R und die nahm, wi ſelbſt mit wirkt hab fachheit in Leben un loͤſ'te, d ſelben das Der G rlich toͤnen entgegen: zerantwor⸗ haſt! ℳ erfährt— ogar noch ügt habe? Reiche der Wanderung n alles er⸗ bleichem ner andern ren können, nweg, ſie uns nicht dem Ab⸗ welche end⸗ eine nach leichen und ir erwarten ſem elenden zu ſterben, ch vor den eine Schick⸗ töchteſt Du tt, mit ihr der lang⸗ Denke der —— denke . Einſiedlers. nige Zeilen, 4 4 97 die viele Jahre ſpäter und in einem Geiſte geſchrieben waren, der die Wirkung hatte, daß Georg's gepreßtes Herz leichter athmete, und daß die Thräne auf ſeiner Wange verſchwand... Folgender Maßen ſchrieb Letsler damals:) „Mein Georg, mein geliebter Sohn! Nachdem ich dieſe Anzeichnungen beendigt, hat ein langer ſtürmiſcher Kampf, ein Kampf wilden Wahnſinnes die Seele Deines Vaters erſchüttert, und bisweilen iſt das Licht derſelben nahe daran geweſen, in der tiefen Finſterniß gänzlich unterzugehen, welche dieſelbe auf allen Seiten umgeben hat; doch die Barmherzigkeit des Herrn hat mich durch eines ihrer kleinſten Werkzeuge nicht nur die Kraft des gelähmten Verſtandes wieder finden laſſen, ſondern ſogar auch das, was ich vorher nie recht beſeſſen habe, einen feſten Glauben. „Geſegnet ſei der Augenblick, da der Höchſte einen ſeiner Apoſtel, den geringen, aber gottesfürchtigen Fiſcher⸗ ſohn, den armen Niſſe von Weſtras, über meine Schwelle ſendete! „Er hatte keine ſpitzfindigen Lehren, mit denen ich ſtreiten konnte(ich wollte ja mit Allem kämpfen!): er hatte nur ſein warmes Herz, ſeine tiefe Menſchenliebe, ſeinen lebendigen Glauben und ſeine Bibel, die er von ſeinem Vater geerbt hatte. „Er wollte nie lehren; aber ſein Beiſpiel lehrte. Seine Ruhe, ſeine Unterwürfigkeit, ſeine Fröͤmmigkeit und die Worte, welche er aus ſeiner kunſtloſen Seele nahm, wirkten auf mich, was nie der tiefſinnigſte Theolog, ſelbſt mit dem beſten Willen meine Seele zu heilen, ge⸗ wirkt haben würde; denn es war die unbeſchreibliche Ein⸗ fachheit in den Gedanken des Jünglinges und ſein ganzes Leben und ſein Betragen, was allmälig die Eisrinde loͤſtte, die ſich um mein Herz gelegt hatte und in dem⸗ ſelben das Bedürfniß zu beten zündete. Der Einſiedler ꝛc. III. 7 — ——— 98 „ und jetzt, mein Georg, mein Kind, nachdem ich dieſes Bedürfniß habe, ſo hat auch der lange verlorne Friede begonnen in meine Seele zurückzukehren. Jetzt und immer bin ich ein herzlich reuevoller Sunder. Aber ich habe auch geſehen, wie ſich Gottes Gnade dem Reuigen öffnete: ich leide nicht mehr hoffnungslos. Meine Nächte haben Schlaf, und meine Seele zittert nicht mehr vor dem Tode. Mein ganzes Leben iſt nunmehr eine ſtündliche Vorbereitung; und mag es kurz ſein oder lang — ich füge mich in ÜUnterthänigkeit unter den Willen des Herrn. „Die weltlichen Wünſche, welche mir noch übrig und meinem vollkommenen Frieden hinderlich ſind, betreſſen ganz allein Dein Glück, mein Georg! Doch Gott mag walten.... und er waltete offenbarlich, als er den Schifffungen mit dem Commandeur⸗Capitain zuſammen⸗ führte.“ ¹ (Weiter unten war noch ein Zuſatz, geſchrieben vor zwei Jahren, da Georg zuletzt auf der Johannis⸗Klippe war und er gegen den dringenden Wunſch ſeines Vaters nach Strand reiſ'te, um Fanny's Hand zu begehren:) „Gott hat es ſo gelenkt. Du haſt die Tochter Ar⸗ nold's, Du haſt Elviren geſehen. Du liebſt ſie— und dennoch gehſt Du heute, um eine Andere zu Deiner Gat⸗ tin zu begehren. „Erhältſt Du Fanny's Einwilligung, ſo muß ich glauben, daß ich mich geirrt habe, und daß dasjenige n um welches ich ſo eifrig zu Gott gebetet habe, Dir nicht zum Glücke geweſen ſein würde. Gibt Dir jedoch Fannh Abſchlag— was wohl ſein kann, denn ſie iſt ein Mäd⸗ chen mit edlem, aber feſtem Gemüth, und eben ein ſol⸗ ches Weib vermag ein Unglück zu ertragen, ohne von der Laſt deſſelben zu Boden gedrückt zu werden— ſo glaube ick daß Du einigt wer erſtatten k Namen w „Ger wenn ich Blicke ver geleſen, a „Lebe letzter Wi ich, daß Erden gli dann wag um mein bittet!“ 8 achdem ich ge verlorne ren. Jetzt der. Aber nade dem os. Meine nicht mehr mehr eine oder lang Willen des übrig und , betreſſen Gott mag als er den zuſammen⸗ 4 A chrieben vor annis⸗Klippe eines Vaters egehren:) Tochter Ar⸗ t ſie— und Deiner Gat⸗ ſo muß ich ß dasjenige,* e, Dir nicht jedoch Fanny iſt ein Mad⸗ eben ein ſol⸗ r, ohne von verden— ſo glaube ich zuverſichtlich, es iſt der Wille des Höchſten, daß Du mit einem Mädchen Deines eigenen Blutes ver⸗ einigt werden ſollſt, mit der Einz'gen, die Dir zurück⸗ erſtatten kann, was ich, Dein Vater, Dir geraubt habe ... doch was ſage ich: kann ſie Dir auch Deinen Namen wiedergeben? Nie... niel..... „Georg, Georg, o mein Sohn! begehre ich zu viel, wenn ich wünſche, daß das Grab mich vor Deinem Blicke verbergen mͤge, wenn Du, nachdem Du dieſes geleſen, auf die Johannis⸗Klippe zurückkehrſt? „Lebe ich jedoch dann noch, ſo bleibt wie jetzt mein letzter Wunſch Deine Vereinigung mit Elvira. Erfahre ich, daß dieſe beſtätigt iſt, ſo werde ich noch einmal auf Erden glücklich ſein können, glücklich durch Dich— und dann wage ich meinen guten Engel anzurufen, daß er u meine Erlöſung aus der langen Gefangenſchaft ittet!“ —— — — . Zehnter Zeitraum. . Liebe ſenket Die Roſenwang, das Lockenhaupt herab. . Der lächelnde, der ſchelm'ſche Gott Setzt jetzt dem Bräutchen ſeine Krone auf. Carl Kullberg. Zweites Kapitel. Das Brauſen des Sturmes, das Getöͤſe der Wogen, der Donner der Brandung hatten tauſendmal vor Georg's Ohre ihre ſtarken Accorde mit einander verſchmolzen; doch noch nie hatte dieſe Muſik ihn zu betäuben vermocht, ſelbſt nicht, wenn die Gewitter des Himmels ihre Baß⸗ ſtimmen in den wilden Chor miſchten. Aber jetzt, die Augen auf dieſe Blätter geheftet, welche nur die kurze Erzählung eines Menſchen enthielten, in dieſer drückenden Luft— umſtürmt von dem Brauſen der Leidenſchaften, den Brandungen der Begierde, dem Getoſe des Schmerzes, den Donnern der Reue— fühlte er ſich ſo betäubt, ſo geſchlagen, ſo gelähmt, daß alles vor ſeinen Sinnen in Unordnung zuſammenfloß. In dem Fahrzeuge der Einbildung trieb er ſteuerlos umher auf dieſem fremden Meere, bald nach dieſer, bald nach jener Seite geſchleudert, ſtrebend, einen Ankerplatz zu finden. Endlich kam ein lichter Strahl und leuchtete ihm, es war der erſte deutliche Gedanke: „Und ich, ich bin nicht zu meinem unglücklichen, meinem bejammernswürdigen, leidenden Vater geeilt! Ich habe ihn, der endloſe Jahre von den ſchrecklichſten, pei⸗ nigendſten Qualen verzehrt worden iſt, ohne Troſt ge⸗ laſſen, obgleich es ſchon längſt in meiner Macht ſtand, dieſe Papiere zu öffnen und zu ihm zu eilen! Und zuletzt 104 habe ich mich hier mahre Wochen aufgehalten und ge⸗ träumt, während er ſeufzte und ſich nach meiner Rück⸗ kehr ſehnte... doch ßz will reiſen— ich will gleich morgen reiſen!“ Hier, bei dieſem„maßgen“ ſtieß er auf eine ganze Flut von zerſtörenden, verwirrenden Gedanken. Er ergriff mit beiden Händen ſein breiendes, ſchwindelndes Haupt. Wie war es doch?.... warum hatte er gerade heute Abend die Anzeichnungen ſeines Vaters erbrochen?... Mit einem Male ſtund Elbira's marmorweißes Antlitz mit den feſtgewachſenen Roſen, das Bild jenes Bluts⸗ tropfens, der von ihrem Arme auf das feine Händchen hinabeilte, und die Erinnerung an ihren Blick und die Erinnerung an ihre Worte:„geh', geh'! wir ſind ge⸗ ſchieden!“ vor ſeinen Augen. „Geſchieden, geſchieden?“ murmelte er...„nein, das ſtand nicht hier!“ Und von Neuem riß er das Manuſcript an ſich und las die letzten Reihen noch ein⸗ mal, die das erſtemal nicht ganz in ſeiner Seele feſte Wurzel hatten faſſen können, über welche damals die ganze Maſſe dieſer zerſplitterten Lebensklippen ihre Laſt gewälzt hatten... Seine Wange bedeckte ſich mit Purpur, ſein Auge lächelte.„Ich muß ſie ſehen, ſogleich ſehen... O, meine Elvira! wir ſind vereint— ich wußte es ja längſt! und meines Vaters Segen, ſein frommer, warmer Wunſch heiligt jetzt unſern Bund... doch wie iſt's an der Zeit? Was bedeutet das?2“— ſein Blick ſiel auf die faſt ganz verbrannten Lichter—„hat man mich nicht zum Abend⸗ brod hinabgerufen 2 Er ſprang auf: er wollte ohne Beſinnung hinab⸗ eilen; doch an der Thür ſtieß er auf einen Menſchen, deſſen Anblick ihn wieder nüchtern machte. In dieſem Augenblicke hatten die erſchütternden Gemüthsbewegungen ihn wirklich in einen eben ſo ſtarken als gefährlichen Rauſch verſetzt, und hätte der Zufall ihn mit Elviren ——,— —,— zuſamme dieſes N9 jetzt zu „J die Mitt er eben einer ha er feſter alte Me „J Freude Herr C Gnaden den An freuen!“ Be welches Vater, liebte 2 den alte Bruſt, der dure „B Thurmk unmögli tain! l allzu we Wellchen „W mich ni 2 O doch da ſowohl ſchlafen „ und ge⸗ ner Rück⸗ vill gleich ine ganze Er ergriff es Haupt. ade heute 2n 7... s Antlitz s Bluts⸗ Händchen und die ſind ge⸗ .„nein, s er das noch ein⸗ Seele feſte mals die ihre Laſt ſein Auge O, meine ngſt! und Wunſch der Zeit? faſt ganz m Abend⸗ ig hinab⸗ Menſchen, zn dieſem wegungen fährlichen it Elviren 105 zuſammentreffen laſſen, ſo würde er unter dem Einfluſſe dieſes Rauſches der einzigen Stimme gefolgt ſein, die er jetzt zu unterſcheiden vermochte. „Ignelius! alte, treufeſte Seele!“ rief er aus, in die Mitte des Lebens zurückgeworfen, deſſen düſtere Gänge er eben durchwandert hatte. Und ehe noch Ignelius mit einer halben Vermuthung hatte hervorkommen können, war er feſt von Georg's Armen umſchloſſen, daß der arme alte Mann beinahe den Athem verloren hätte. „Ich ſehe, wie es iſt,“ ſtammelte er endlich vor Freude zitternd,„aus dieſen armen Papieren haben der Herr Capitain alles erſehen... O, Du Gott aller Gnaden! könnte ich doch auch einmal mein Herz durch den Anblick meines alten, meines geliebteſten Herrn er⸗ freuen!“ Bei dieſen Worten ſprang das hart geſpannte Band, welches Georg's Gefühle zuſammengepreßt hatte.„Mein Vater, mein Vater— meine Mutter, meine arme, ge⸗ liebte Mutter!“ Und er weinte, ſchluchzte und drückte den alten Ignelius noch einmal an ſeine Bruſt, an dieſe Bruſt, welche bereit war, bei jedem Winde zu ſtürmen, der durch ihre ſo oft geoffnete Thore wehte. „Bringen Sie mich augenblicklich hinab in dieſe Thurmkammern, Herr Ignelius! ich kann bis morgen unmoͤglich warten!“ „Es iſt nicht ſo lange mehr bis dahin, Herr Capi⸗ tain! lächelte der Alte, welcher das heiße unruhige Blut allzu wohl wieder erkannte.„Laſſen Sie uns noch ein Weilchen warten— jetzt iſt es Nacht.“ „Wie? iſt's ſchon ſo ſpät?... Warum hat man mich nicht rufen laſſen?“ „Der Herr Capitain ſind zweimal gerufen worden; doch da Sie ſich nicht einfanden, ſo ſind die Herrſchaften ſowohl zu als auch von Tiſche gegangen, und jetzt ſchlafen ſie.“ „Aber der alte, gute Ignelius, er wollte mich in — — — — —— 106 dieſer Nacht nicht meinem Schickſale überlaſſen?“ Und Georg's Auge drückte eine freundliche, herzliche Zufrieden⸗ heit aus. „Ich folgte einer Stimme, die mich hieher zog; und hier habe ich Poſten geſtanden, falls, dachte ich, der Herr Capitain etwas wollten oder brauchten, wenn Sie mit dem Leſen fertig geworden wären. Ich wußte recht gut, daß nur Ein Gegenſtand den Sohn meines theuren Herrn ſo beſchäftigen konnte.“ „Und was brauchte ich wohl beſſeres, als einen Freund, der mit denjenigen geliebt, mit ihnen gefühlt und gelitten hat, deren Schickſale meine Seele ſo ſehr erſchüttert und bewegt haben, daß ich zuletzt kaum wußte, ob ich nicht ebenfalls mit lebte in dem Wirbel dieſer ſchrecklch...“ Hier hielt Georg inne: mit nackter Klarheit ging es vor ſeiner Seele auf, daß es ein Ge⸗ heimniß gäbe, welches Ignelius nicht kannte, ein Ge⸗ heimniß, das für immer nur in ſeiner eigenen und ſeines Vaters Bruſt eingeſchloſſen bleiben ſollte.„Ach,“ ſagte er leiſe mit einem Ausdrucke unendlicher Betrübniß,„ich wollte ſo vieles, ſo vieles über dieſe Begebenheiten hören und ſagen, aber ich ſehe ein, daß ich mich erſt erholen muß. Daher, beſter Herr Ignelius, wenden wir uns zu etwas Anderem— war das Fräulein heute Abend bei Tiſche?“ „Nein, Herr Capitain, um die Wahrheit zu ſagen, das war ſie nicht!“ „Und warum kam ſie auch heute Mittag nicht?“ Ignelius ſchwieg. „Beſter, theuerſter Herr Ignelius, ich muß es wiſſen! Ich bin heute den ganzen Tag von einer fuürchterlichen Unruhe gejagt worden. Es iſt gewiß etwas vorgefallen, das ich nicht erfahren habe!“ 4 „Und wozu würde es dienen, Herr Capitain, wenn Sie dieſes erführen, da Sie doch... aber ich habe nicht das Recht, mich darüber zu äußern; Sie ſind nicht gewohr nehmen 25 4 einen in ihn wünſche alten koͤnnen alſo a Capitai lebhafte für mei verzeihe von der ließen, kam F Diener jedes C es me fragen beſon aus Ei junges „9 überzeu mir al klingt ſie Ihr erwied dringe Und ifrieden⸗ og; und ich, der enn Sie zte recht theuren ls einen gefühlt ſo ſehr n wußte, hel dieſer nackter ein Ge⸗ ein Ge⸗ nd ſeines “ ſagte niß,„ich ten hören t erholen wir uns te Abend zu ſagen, icht 20 es wiſſen! ſcchterlichen orgefallen, nin, wenn ich habe find nicht 107 gewohnt, das freie Wort eines alten Mannes zu ver⸗ nehmen.“ „Bin ich nicht? Ach, ich hatte noch vor Kurzem einen Freund, der mir aufrichtig alles ſagte! Was ich in ihm verlor, kann mir Niemand erſetzen— aber ich wünſche und bitte nichts beſſeres, als Gedanken mit dem alten geprüften Freunde meines Vaters austauſchen zu koͤnnen!“ Ignelius erhob das Haupt; in ſeinem Blicke leuchtete ein ſchoͤner Stolz, eine ſonnenwarme Freude.„Es ſteht alſo auch von mir etwas in den Papieren, Herr Capitain?“ „Ja, und ſo vieles, daß ich nie meine tiefe und lebhafte Dankbarkeit für alles ausdrücken kann, was Sie für meine unglücklichen Eltern gethan haben... Doch, verzeihen Sie, Herr Ignelius! ich bin jetzt ſo lebhaft von der Frage intereſſirt, welche Sie eben unbeantwortet ließen, daß ich ſie noch einmal erneuern muß: warum kam Fräulein Elvira heute Mittag nicht zu Tiſche?“ „Wenn der Herr Capitain mir, dem alten treuen Diener des Hauſes, dieſe Frage vorlegen, mir, dem jedes Geheimniß in der Familie näher liegt, als wenn es mein eigenes wäre, ſo glaube ich nicht, daß Sie fragen wuͤrden, wenn Ihnen die Antwort nicht ganz beſonders wichtig wäre, denn kein Menſch kann wohl aus Eitelkeit oder Neugierde erſpähen wollen, was mein junges, edles Fräulein betrifft 2 „Sein Sie ruhig davor!“ rief Georg heftig und überzeugend aus.„Diejenige, von der wir reden, liegt mir allzu nahe am Herzen!“ „Das war kein gutes Wort, Herr Capitain! es klingt ja ganz ſo, als ob Sie den Wunſch hegten, daß ſie Ihnen nicht ſo nahe liegen möchte.“ „Ja, ſolche ſonderbare Widerſprüche kann es geben!“ erwiederte Georg mit einem aus ſeinem Innerſten hervor⸗ dringenden Seufzer. 1 108 Woher kam der Seufzer in dieſem Augenblicke? Welche Macht konnte eben jetzt an das Gewiſſen klopfen und ihm reden von Fanny und von dem Morgengeſpräche mit dem Commandeur⸗Capitain über Ehre und Pflicht und allem Uebrigen, das auf dem Wege war, gänzlich unterzugehen? Es war dies der unbedeutendſte Zufall: während Georg heftig auf⸗ und abging, ſtieß er mit dem Fuße an einen Gegenſtand. Es war Komm, und in den Augen des Hundes, als er jammernd ſeines Weges ging, lag— ſo meinte wenigſtens Georg— ein ſo klagender Ausdruck, daß dieſer weit ſtärker, als jede andere Erinnerung es vermocht haben würde, für ſie redete, deren Bild zu erbleichen begann. „In dieſem Falle, Herr Capitain, ſind meine Lippen geſchloſſen wie das Grab.“ „Herr Ignelius! das iſt nicht freundlich gegen den Sohn desjenigen, den Sie ſo warm geliebt haben und noch in der Erinnerung lieben!“ „Ja, Herr Capitain, es muß ſo ſein! Mein Gewiſſen würde mich anklagen, wenn ich anders handelte; und weil — der Herr Capitain entſchuldigen meine Offenherzigkeit— ich zu Ihnen in eben dem nahen Verhältniſſe, wie zu den übrigen Gliedern dieſer Familie zu ſtehen glaube, ſo will ich noch hinzufügen, daß ich meine, Ihr eigenes Gewiſſen ſollte ſie zu der Reiſe von hier aufgefordert haben, weil A wie Sie eben ſagten,„ſolche ſonderbare Widerſprüche“ gibt.“ „Recht ſo!“ entgegnete Georg bitter.„Schonen Sie meiner nicht: Schonung wäre allzu viel für einen Men⸗ ſchen, der auf dem Punkte ſteht, Haverie mit Allem zu machen.... Doch“— fuhr er ruhiger fort—„neh⸗ men Sie meine Heftigkeit nicht übel! Meine auf morgen beſtimmte Reiſe war ſchon beſchloſſen, und, es koſte, was es wolle, ich werde reiſen!“ „Und dieſe“— der Alte deutete mit einem halbun⸗ terdrückten Seufzer auf die Papiere—„haben ſie denn — nichts i reiſen f meine C mir bis ſie aber welches ſtimmte Leidenſe Ei des All⸗ an ſein gutes H jenige z Augenb zu verre eine kur Pulvert Dauerh Elviren heimgeſt wohin tes Wi daß de käme.“ „ Stillſch Nacht Ort, a verdrän ſchäftig zeigen d ein ar ſeinen 3 Mutter nblicke? klopfen eſpräche Pflicht gänzlich Zufall: nit dem und in Weges ein ſo ls jede für ſie Lippen ꝛgen den ben und Gewiſſen und weil igkeit— e zu den ſe will Gewiſſen n, weil eſprüche“ nen Sie en Men⸗ llem zu —„neh⸗ morgen dſte, was halbun⸗ ſie denn 109 nichts in Ihrem Beſchluſſe geändert? der Herr Capitain reiſen für immer?“ „Wie Gott will!... dieſe Anzeichnungen haben meine Sinne faſt ganz verwirrt, indem ſie mir alles, was mir bisher dunkel war, in voller Klarheit zeigten. Haben ſie aber auch das vorher ſchon ſtarke Gefühl geſteigert, welches mich hier band, ſo haben ſie mir auch in den be⸗ ſtimmteſten Zügen die Gefahr gezeigt, ſich nur von der Leidenſchaft leiten zu laſſen.“ Eine tiefe Betrübniß malte ſich jetzt in dem Antlitze des Alten. Es that ihm in ſeinem Herzen weh, da er an ſein junges Fräulein dachte; und Ignelius, der ein ſo gutes Herz für Alle hatte, kam faſt in Verſuchung, die⸗ jenige zu haſſen, welche Elviren im Wege ſtand. Einen Augenblick ſchwebte ſeiner Seele das Verlangen vor, alles zu verrathen; doch bald ſah er ein, wenn auch dieſes für eine kurze Zeit die Wirkung haben würde, wie ein in eine Pulvertonne geworfener Feuerfunke, dennoch dadurch nichts Dauerhaftes gewonnen werden würde. Wenn Georg heute Elviren angehörte, ſo würde er morgen von der Reue heimgeſucht werden. Daher war es das Beſte, er reiste, wohin ihn Gewiſſen und Pflicht riefen, und wäre es Got⸗ tes Wille, ſo würde er es auf jeden Fall ſo lenken, daß der arme Capitain mit erleichtertem Herzen zurück⸗ käme.“ „Beſter Herr Ignelius!“ fuhr Georg nach einigem Stillſchweigen fort,„was kümmert uns die Zeit, ob es Nacht oder Tag iſt— kommen Sie mit mir an den Ort, an welchem der Eindruck des letzten Gegenſtandes verdrängt werden wird, von dem einzigen, das mich be⸗ ſchäftigen muß, ſo lange ich noch hier auf Helgenäs bin; zeigen Sie mir die Kammern, in denen mein Vater als ein armer, bußfertiger Eremit lebte, da die Verläumdung ſeinen Namen befleckte, und wo er nachher mit meiner Mutter weilte, als er zur Erquickung ſeiner Lebensgeiſter — — — — — 110 hieher kam, um einen Hauch von der Luft ſeiner Heimath einzuathmen. Gott, was muß er gelitten haben!“ „Gelitten?“— wiederholte Ignelius, der mit ſeiner ganzen Seele bei dem Einſiedler auf der Johannis⸗Klippe war—„Herr Capitain, er wurde ſo gepeinigt, ſo, ſo... es iſt nicht möglich, nur eine Beſchreibung darüber zu verſuchen! doch ich, ſein Diener, der ihn ſo warm liebte, auch ich litt, da ich den jungen, ſchönen und kraftvollen Mann zu einem Schatten hinſchwinden ſah, da ich ſah, wie das beſte und edelſte Herz zermalmt wurde, unter der Laſt der Schande, die es nicht von ſich abwälzen konnte, da ich ſah, wie er blutete an den tauſend Wunden, welche die Bosheit ihm ſchlug, und da ich endlich ſeinen unwider⸗ ruflichen Entſchluß hören mußte, einem Stande zu entſa⸗ gen, dem er— falls keine unglückliche Jugendverirrung ihre Folgen in ſeinen Weg geworfen hätte— ſo viele Ehre gemacht haben würde, und einen Namen abzulegen, der ihm das Einzige raubte, welches er liebte, nämlich ſein altes Helgenäs. Das alles, mein beſter, theuerſter, junger Herr Capitain, hat mir zahlloſe Thränen gekoſtet; und was es ihn gekoſtet hat, das, denke ich, weiß nur Gott...“ „... und die Johannis⸗Klippe,“ vollendete Georg, „dieſe Klippe, auf welcher er vierzehn Jahre ſeines Lebens hingeſchleppt hat! Doch, gelobt ſei Gott! ſchon längſt hat ſeine Seele wiederum Frieden gehabt. O wie hat ihm wohl dieſer Friede geſchmeckt nach dem endloſen Kampfe! Friede, Friede für ihn— kann ich wohl für einen ſchoͤne⸗ ren Zweck wirken wollen!“ Und wieder ſprang ein Freu⸗ denſtrahl in Georg's Auge, ein Verſucher in ſeinem Herzen auf.„Wenn,“ dachte er,„wenn ich Fanny hei⸗ rathe, ſo iſt mein armer Vater genöthigt, ſeinem letzten irdiſchen Wunſche zu entſagen; verbinde ich mich aber mit Elviren, ſo laſſe ich ihn die einzige kleine Glückſeligkeit genießen, die ihm das Leben nunmehr darbieten kann!“ Doch eilfertig— ängſtlich, er möchte durch dieſen —..— 3 gefährli geworfe dieſe P groͤßte ſeinem oͤden Ge waren nebſt d Häupter regnen flüſterte recht un ſuhr der ich ſo bitter, nen, ehe „2 wirklich wunderh gangen, / ſo gut keine ſo dadurch würden auf Hel B die Laſf Gedanke dieſer b 111 Heimath gefährlichen Gedanken von Neuem auf den alten Abweg 4 1 geworfen werden— raffte er ſeine Papiere zuſammen, it ſeiner dieſe Papiere, welche ihm den tiefſten Abſcheu und das s⸗Klippe groͤßte Grauen vor allen Abwegen einflößten; und in ſo, ſo... 8 ſeinem Herzen ſendete er einen dankbaren Seufzer zu Gott rüber zu empor, daß ſeine verehrte Mutter nie eine Ahnung von m liebte, den Geheimniſſen ihres Gatten gehabt hatte..... raftvollen.. ich ſah, Ignelius hatte den Schlüſſel geholt. unter der Sie durchwanderten nun mit einander die langen n konnte, oͤden Gänge, und als ſie auf den Hausflur hinabgekommen n, welche waren und die mit ſo vielem Aberglauben bezeichnete Treppe, unwider⸗ nebſt den alten Rittern paſſirten, über deren koloſſale zu entſa⸗ Häupter der Wind unauſhörlich das verwelkte Laub herab⸗ verirrung regnen ließ, welches noch in den Kronen der Bäume hing, ſo viele flüſterte Georg: Dieſer alte ſogenannte Thurm iſt ein abzulegen, recht unheimliches Neſt! Er iſt...“ „nämlich...„Der Lieblingsort des ſeligen Barons Wilhelm!“ theuerſter, ſuhr der alte Ignelius fort—„Gott verzeihe mir, daß gekoſtet; ich ſo unverhofft„ſelig“ ſagte: iſt ſein Leben nicht allzu weiß nur bitter, ſo wollte ich ihn für nichts in der Welt ſelig nen⸗ nen, ehe ich ihn noch einmal geſehen habe!“ te Georg,„Aber, Herr Ignelius, der Baron Wilhelm iſt ja es Lebens wirklich längſt entſchlummert.... Gleichwohl iſt es längſt hat wunderbar zu denken; wäre alles ſeinen rechten Gang ge⸗ hat ihm gangen, ſo wäre ich nun ebenfalls Baron.“ Kampfe!„Ich meine, der Herr Capitain ſind das auch wohl en ſchoͤne⸗ ſo gut wie irgend ein Anderer; und wäre nur ein Proceß ein Freu⸗ keine ſo unerhört ſchreckliche und abſcheuliche Sache, weil in ſeinem dadurch ſo viele andere alte Sachen an den Tag kommen fanny hei⸗ würden, ſo könnten der Herr Capitain ſchon ſein Recht nem letzten auf Helgenäs geltend machen.“ 3 Haber mit Bei dieſen zuverſichtlichen Worten fühlte Georg, wie ückſeligkeit die Laſt der Qual centnerſchwer auf ſein Herz fiel. Seine kann!“ Gedanken umſchwebten den Vater um den Zeitpunkt, da urch dieſen dieſer beſchloß, den Preis zu wagen, für den er das Glück ———— —— — — ſeiner Liebe erkaufte.„O, meine Mutter, meine Mutter!“ rief er faſt laut. „Ja, hier wohnte ſie!“ antwortete der Alte, himmel⸗ weit entfernt von dem Gedanken an den Schmerz, der in dieſem Augenblicke Georg drückte. Ignelius hatte immer die Ehe ſeines Herrn als eine vollkommene geſetzmäßige betrachtet, oder richtiger geſagt: er hatte nie daran ge⸗ dacht, daß es anders ſein koͤnnte. An der alten Thür, vor welcher einſt Elvira mit zit⸗ terndem Herzen und ſo romantiſchen Hoffnungen geſtanden und gelauſcht hatte, ſtand jetzt auch Georg und lauſchte. Der Vorlegebaum ſiel ſachte hinab, der Schlüſſel raſſelte, und mit der Laterne in der Hand ging Ignelius voran, um den Weg zu zeigen. „Welche mächtigen, gewichtigen, erſchütternden Ge⸗ fühle ergriffen nicht den Sohn, als er den erſten Schritt über die Schwelle dieſer Kammern that, welche in ihren Mauern ſo viele traurige, klagende Erinnerungen verwahr⸗ ten! dieſe Kammern, in denen er ſelbſt als Kind gelebt, wo die zärtlichſte, liebreichſte Mutter ſeiner gewartet, wo ſie zahlloſe Thränen geweint und mit holden Worten die düſtere Laune des geliebten Gatten zu mildern geſucht hatte, in denen er während ſeiner ſchlafloſen Nächte, ge⸗ jagt von den Mächten der Eiferſucht auf⸗ und abgewan⸗ dert war— o, dieſe Kammern enthielten ein ganzes Meer unſeliger Erinnerungen! Endlich waren ſie es, von denen er die Erinnerung an die ſtürmiſche Nacht beibehielt, da eerr als Kind die großen Wellen um das Boot ſchlagen ſah, welche ihn dann hinweg führten von dieſem alten un⸗ heimlichen Gebäude, worin die Geſundheit ſeiner Mutter den erſten unheilbaren Stoß erhielt. Lange ſtand Georg mitten in dem äußeren Zimmer, gleichſam furchtſam vor dem Anblicke jedes Gegenſtandes, der ihn zurückführen ſollte in die entflohenen Zeiten. End⸗ lich wurde er ſtärker: ſein Blick irrte flüchtig von der einen Seite zu der andern; als er jedoch in das innere — — Zimmer blickte, d länger R ſich, den ihn in ſe badeten taumelte Gemüths dieſe arm „Ge das wah junger§ „Un ſitze? Ach⸗ Kammerr Helgenäs betrachten Ohren tö gen Lehr einzupräg wirrunge müthe A denn irge Bitten, il ich höre und ich Der ſich kau gelben G Der dutter!“ immel⸗ „der in immer tzmäßige ran ge⸗ mit zit⸗ geſtanden lauſchte. Schlüſſel Ignelius nden Ge⸗ (n Schritt in ihren verwahr⸗ nd gelebt, artet, wo Vorten die en geſucht üchte, ge⸗ abgewan⸗ nzes Meer von denen alten un⸗ ner Mutter n Zimmer, genſtandes, eeiten. End⸗ ſiig von der das innere — 113 Zimmer kam und den Nähtiſch und den kleinen Hut er⸗ blickte, da ſchlug ſein Herz ſo, daß die Bruſt ihm nicht länger Raum gewähren wollte. Er riß dieſen Hut an ſich, den einſt ſeine geliebte Mutter getragen, er drückte ihn in ſeinem Schwindel an ſeine Lippen; ſeine Thränen badeten ihn, er redete Worte ohne Zuſammenhang und taumelte endlich faſt beſinnungslos in ſeiner unbezähmten Gemüthsbewegung auf den Sopha nieder, auf welchem ſie, dieſe arme Mutter, ſo oft geruht hatte. „Gott behüte uns!“ dachte Ignelius,„ich glaube, das wahnſinnige Blut ſpukt von neuem.... armer junger Herr!“ „Und hier, hier hat ſie geſeſſen— hier, wo ich jetzt ſitze? Ach, Herr Ignelius! wie dankbar bin ich, daß dieſe Kammern ſo gut erhalten ſind! Komme ich je wieder nach Helgenäs, ſo will ich ſie als eine kleine heilige Kapelle betrachten, wo in tiefſter Stille eine Predigt vor meinen Ohren toͤnt, eine Predigt, welche alle großen und wichti⸗ gen Lehren enthält, die ich meinem Gedächtniſſe ſo wohl einzuprägen brauche, und die mir alle Zweifel und Ver⸗ wirrungen erklärt, welche ſo oft in meinem heftigen Ge⸗ müthe Aufruhr anrichten wollen. Hier werde ich beſſer denn irgendwo die Stimme meiner Mutter, ihre ſanften Bitten, ihre zärtlichen Ermahnungen vernehmen.... o, ich höre ſie ſchon!... ſie mahnen mich zur Flucht.... und ich gehorche!“ Drittes Kapitel. Der erſte Strahl des naßkalten Herbſtmorgens bahnte ſich kaum einen Weg durch die dicken Gardinen in der gelben Gaſtkammer, ſo ſprang der junge Capitain, der Der Einſiedler ꝛc. II. 8 114 nach ſeinem Beſuche in den Thurmkammern ein Paar Stunden geruht hatte, ſchnell aus ſeinem Bette. Er wollte keine einzige Minute verſäumen: er wollte nach Hauſel Mit dieſem Vorſatze war er entſchlafen, mit dieſem Vorſatze erwachte er— Alles, Alles war gewichen vor dem ſehnſuchtsvollen Verlangen, an dem ſeufzenden, ſeiner harrenden Vaterherzen zu ruhen. Und dort, in dieſem Hafen, an der Bruſt ſeines Va⸗ ters, wollte er ſelbſt Ruhe finden! Er konnte jetzt ſagen:„Sieh Vater! ich weiß nun Alles, ich weiß Deinen wärmſten Wunſch, ich weiß auch, daß Elvira mich liebt, daß ich ſie vor jeder Andern, ja ſogax vor Fanny liebe. Und dennoch werde ich weder Frieden noch Glück genießen können, wenn ich nicht noch einmal mein Schickſal in Fanny's Hände lege: ſie, ſie ſoll entſcheiden! Schenkt ſie mir— ſo wie ich bin und wie ich war— ihr treues, warmes Herz; ſagt ſie:„„Georg, trotz aller Deiner wahnſinnigen Verirrungen will ich Dir verzeihen, Dir glauben und die Deinige werden, denn ich weiß, daß Du nicht halb ſo wahnſinnig und ſchlecht biſt, wie es den Leuten, die Dich nicht ſo gut wie ich kennen, ſcheinen mag““— ſagt ſie ſo, dann werde auch ich der Ihrige von ganzer Seele. Denn an Fanny's Seite kann es kein Unglück, keine Unzufriedenheit, keine Niedergeſchlagenheit geben. Doch verſtößt ſie mich, ſo habe ich wenigſtens alles gethan, was ein ehrlicher Kerl thun kann, um gut zu machen, was er verbrochen hat— und da bleibt mir übrig, ſtatt der Seligkeit an Fanny's Seite, den Himmel an Elvira's Seite zu ſuchen....... Zu dieſem ge⸗ ſunden und guten Vorſatze, mein Vater, bin ich in dem Augenblicke, da ich ſchon zu wanken begann, durch dieſe Papiere geleitet worden, von denen ich meinte, ſie würden mich einem andern Ziele zuführen! Doch Deine bittern Schickſale, mein theurer Vater, ſollen wenigſtens die Frucht tragen, daß ſie Deinen Sohn auf dem Wege der Pflicht erhaltenÄ”4............... A 2 mandeun G „J mich zu Jahren, ausreiſ't welche d ten. D Schmerz lich; do etwas ur Herr Co ich dieſe ließ, da das ſich nachzuſeh ſchließen Geo 115⁵ „Wie, Georg? biſt Du ſchon bereit zur Abreiſe 20 fragte ein Paar Stunden ſpäter die Stimme des Com⸗ mandeur⸗Capitains. „Ja, Herr Commandeur⸗Capitain! und jetzt rufen mich zwei Pflichten... Schon vor mehr denn zwei Jahren, da ich zum erſten Male als mein eigener Herr ausreiſ'te, erhielt ich von meinem Vater einige Papiere, welche die Erzählung ſeiner düſtern Lebensſchickſale enthiel⸗ ten. Daß er ſo lange wie möglich ſich und mir den Schmerz erſparen wollte, dieſelben zu berühren, iſt natür⸗ lich; doch vielleicht“— fuhr Georg ſchneller und mit etwas unſicherer Stimme fort—„vielleicht werden Sie, Herr Commandeur⸗Capitain, nicht verſtehen wollen, warum ich dieſe Papiere ungebrochen bis geſtern Abend liegen ließ, da ich, überwunden von einem allzu ſtarken Gefühle, das ſich gar nicht zügeln laſſen wollte, hieher eilte, um nachzuſehen, ob nicht auch dieſe Papiere ein Bündniß ſchließen wollten mit...“ Goorg konnte nicht ausreden: er ſtürzte in die Arme, welche ſein alter Chef und Anverwandter ihm väterlich entgegenſtreckte; und lange blieben ſie ſo, ohne daß ein Wort das beredte Schweigen unterbrach. Endlich ſagte der Commandeur⸗Capitain, den Schwall ſo vieler verſchiedenartiger Gefühle mit Macht dämpfend; „Ich habe lange, ſehr lange dieſen Augenblick erwartet, mein Sohn! Ich wußte, daß Du die Papiere Deines Vaters hatteſt, und glaubte ſtets, daß der Augenblick kom⸗ men würde, da Du klar ſehen wollteſt.“ „Ja, und er kam— doch was habe ich dabei ge⸗ wonnen? Ja, die Ueberzeugung, daß der Menſch endlich untergeht, wenn er ſeinen Leidenſchaften blind folgt. Bin ich nicht heute eben ſo ſehr von meinen alten Gelübden gebunden, wie ich es geſtern war?“ „Das biſt Du, denn die Ehre, das ſtärkſte Band von Allen, bindet Dich. Doch, Georg! ein Wort im Vertrauen von einem Vater, der ſich nicht den Schein — 116 geben will, als wiſſe er nichts von dem, was allzu offen am Tage gelegen hat... Bekommſt Du Abſchlag, ſo übereile Dich nicht mit Deiner Rückkehr! Ich bitte Dich ſogar darum; denn ich bin Deines Herzens nicht recht ge⸗ wiß: es iſt gut wie Gold, aber allzu flüchtig, als daß man darauf bauen könnte. Alſo ſelbſt in dem Falle, daß Du frei wirſt, fürchte ich für das Glück meines Kindes. Ihr Glück, verſtehſt Du, geht mir weit über mein eige⸗ nes; und müßte ich dereinſt Dich anklagen, daß ihr jun⸗ ges Leben leer und freudenarm verfloß, dann....4 Der Commandeur⸗Capitain ſchwieg, doch ſein duͤſter flammender Blick vollendete den Satz. Georg war bleich geworden.„Nein, bei Gott“— ſagte er mit feſter und überzeugender Stimme—„dieſe Furcht ſetzt mich unter allen Werth herab! Ich habe zu gleicher Zeit zwei Mädchen lieben können, ſo lange ich durch keine heiligen Bande an eine von ihnen gefeſſelt war; doch ich fühle und wage meine Seligkeit darauf, daß diejenige, welche hochherzig genug iſt, den Verſuch mit mir zu wagen, in mir den zärtlichſten, dankbarſten und treueſten Gatten finden ſoll, der noch je ein Weib auf ſeinen Händen getragen hat!“ Ein ſchwaches Lächeln flog über die Lippen des Com⸗ mandeur⸗Capitains.„Und wirſt Du auch glücklich wer⸗ den können mit derjenigen von den beiden, die Dir das Schickſal zuführen wird? Du haſt wahrſcheinlich ein ſehr 1 geräumiges Herz!“ „Doch nicht ganz ſo geräumig wie ſonſt, Herr Com⸗ mandeur⸗Capitain! Vor zwei Jahren meinte ich keines wahren Glückes außer mit Fanny genießen zu koͤnnen. Jetzt dagegen glaube ich, daß ich zwar noch mit ihr glück⸗ lich werden kann, ja ich muß bekennen, ich halte es für ganz unmöglich, mit einem ſolchen Mädchen, wie ſie, un⸗ glücklich zu werden; doch daneben bekenne ich auch, daß ich mir eine noch höhere Seligkeit geträumt habe, eine 8 8 Seligkeit ohne Maaß und ohne Grenze, und dieſe würde ich erle zu werd ganzes zeihen 6 ſinn fü man zu⸗ ſchließt, Monate, hält mit mänteln hat, ſo niße kar geweſen Du wir Du es es Dei ſogar v Du wir vielleich ſie gem Charakt einer Gq len, mit „L deur⸗Cq Blute auch d ſchwend Loos w ſo wär und hei danken wiß w llzu offen chlag, ſo ditte Dich recht ge⸗ als daß Falle, daß es Kindes. mein eige⸗ 3 ihr jun⸗ 4 ſein düſter Gott“— —„dieſe ch habe zu lange ich en gefeſſelt feit darauf, † en Verſuch dankbarſten e ein Weib n des Com⸗ lücklich wer⸗ die Dir das lich ein ſehr Herr Com⸗ ſe ich keines zu koͤnnen. it ihr glück⸗ halte es für wie ſie, un⸗ ch auch, daß t habe, eine d dieſe würde 117 ich erlangen, wenn ich ohne von Vorwürfen beunruhigt zu werden, mein Herz, meine Seele, meine Treue, mein ganzes Leben zu Elvira's Füßen legen dürfte— o, ver⸗ zeihen Sie! ich muß dieſen Namen einmal laut ausſpre⸗ chen, der ſo unaufhörlich in meinem Innern wiederhallt!“ „Ja, Georg, ich zweifle gewiß nicht, daß Du mit Deiner Feuernatur anfänglich Dein Glück bis zum Wahn⸗ ſinn fühlen koͤnnteſt. Doch der Augenblick, in welchem man zum erſten Male ein angebetetes Weib in ſeine Arme ſchließt, geht bald vorüber. Andere Augenblicke, Stunden, Monate, Jahre folgen darauf, und wenn man nicht haus⸗ hält mit der Seligkeit, ſo daß ſie hinreicht, um zu be⸗ mänteln, was das Leben Trockenes und Kaltes darzubieten hat, ſo werden die ſpäteren Jahre in demſelben Verhält⸗ niße karg und leer, als die erſten voll, warm und reich geweſen ſind. Du, Georg, wirſt kein Haushälter werden: Du wirſt im Himmel ſchwelgen, bis Du weit früher als Du es glaubſt wieder unten auf Erden biſt; und dann iſt es Deine erſte Sorge, daß Du Quellen der Unruhe, ja ſogar vielleicht der Reue aufſuchſt oder vielleicht ſchaffſt. Du wirſt an Fanny denken; Du wirſt denken, daß ſie vielleicht ihr Leben um deinetwillen vertrauert, denken, daß ſie gewiß die Rechte war, und daß Du mit Deinem hitzigen Charakter weit glücklicher geworden wäreſt an der Seite einer Gattin mit einer ruhigeren Seele, mit ſanfteren Gefüh⸗ len, mit biegſamerem Gemüthe, als Elvira zu bieten hat.“ „Nimmermehr kann das eintreffen, Herr Comman⸗ deur⸗Capitain! Zwar bin ich ein Menſch mit heißem Blute und mit allzu warmen Gefühlen; doch wären ſie auch doppelt ſo glühend und ginge ich auch noch ſo ver⸗ ſchwenderiſch mit der überirdiſchen Seligkeit um, die mein Loos würde, wenn ich Elviren die meinige nennen dürfte, ſo wäre dennoch dieſe Seligkeit allzu unermeßlich, rein und heilig, als daß ſie jemals ein Ende nehmen oder Ge⸗ danken Platz machen könnte, die ihrer unwürdig ſind. Ge⸗ wiß würde auch dann die Erinnerung Fanny's freundliches 118 Bild mir vor Augen führen, doch nicht in dem Lichte, worin ich es ſonſt ſah. Wenn ſie mich zum letzten Male ausſchlägt— wenn ſie das thut— ſo wird ſie mir nur eine Jugendfreundin, eine holde, geliebte Schweſter.“ „Gut, gut, ich will Dir in dieſem Stücke glauben! Doch laß uns die Sache noch von einer andern Seite be⸗ trachten.. Du haſt nicht viel von Elvira's innerem Weſen ſehen können: Du weißt nicht, daß ſie eben ſo heftige, wenn auch nicht ſo flüchtige Gefühle hat wie Du. Elvira iſt meine Tochter, mein Stolz, meine Freude, aber ich kann nicht blind ſein gegen ihre Fehler, die nicht ein⸗ mal in meinen Augen von den ſchönen Eigenſchaften ganz bedeckt werden, die ſie wirklich zieren. Dieſe Fehler kom⸗ men aus ihrer allzu glühenden Seele.... Denke Dir: wenn Du ihre Eiferſucht erweckteſt!... ich ſage Dir: ſie würde nie den allergeringſten Schein eines Verdachts mit Geduld ertragen... unglücklicher Weiſe iſt ihr Cha⸗ rakter geeignet, dergleichen ſogar dort zu entdecken, wo nichts zu entdecken iſt; und meiner Meinung nach ſchwin⸗ det Dein altes Verhältniß nie vollkommen aus ihrer Erinnerung.“ Jetzt blieb Georg einige Augenblicke ſtumm. Darauf entgegnete er eilfertig und mit ſteigender Bewegung:„Herr Commandeur⸗Capitain! Irre ich mich, wenn ich glaube, daß dieſes alles ſo viel ſagen will, als: ich habe jetzt nichts geſpart, um Dir zu zeigen, wie ich von Seele und Herzen nichts höher wünſche, als daß Du nie mehr Dei⸗ nen Fuß auf Helgenäs ſetzeſt?“ „Du Brauſekopf! es lohnt ſich gewiß der Mühe, offen und vernünftig mit Dir zu reden!“ Der Comman⸗ deur⸗Capitain ſtreckte die Hand aus, die Georg mit Be⸗ gierde ergriff und feſt mit der ſeinigen umſchloß.„Darfſt Du, da wir hier ſtehen, die beiden letzten Abkömmlinge unſers Hauſes, darfſt Du zweifeln, ob ich von ganzem Herzen wünſche, daß ſich der alte Stamm mit dem jungen auf die einzige Art vereinigen möge, die Dir die Heimath. B Deiner brach e Gleichw Falle— — mein „O Glück u Augenbl Schickſal Nie ſol Eheman der Eine daß kein zweifeln! „Ir Capitain vielleicht Oder iſt „Ic ein Gege doch.. „D „, Abend nicht ſich 4 geworden und daß nicht“. kleiden: Eigenlie „W licher!“ „G Lichte, n Male nir nur lauben! eite be⸗ innerem eben ſo wie Du. de, aber icht ein⸗ ten ganz ler kom⸗ ike Dir: ge Dir: erdachts lihr Cha⸗ ſchwin⸗ us ihrer Darauf :„Herr ) glaube, habe jetzt eele und ehr Dei⸗ er Mühe, Comman⸗ mit Be⸗ „Darfſt ömmlinge n ganzem m jungen ſe Heimath 119 Deiner Väter wiederſchenken kann?... Doch,“ unter⸗ brach er ſich,„Du verführſt mich, allzu viel zu ſagen. Gleichwohl kannſt Du mir glauben, daß Dich in jedem Falle— Deine Gattin mag Fanny oder Elvira heißen — mein Segen mit ihr begleiten ſoll!“ „O, Dank für dieſe Worte, welche mir das groͤßte Glück und die groͤßte Freude verſchaffen, die ich in dieſem Augenblicke empfinden kann! Und iſt es der Befehl des Schickſals, daß ich zurückkomme, ſo fürchten Sie nichts! Nie ſoll Elvira Urſache zur Eiferſucht bekommen: als Ehemann gehoͤre ich mit meiner Liebe einzig und allein der Einen, und dieſe Liebe wird ſich ſchon ſo ausdrücken, daß kein Anlaß entſteht, ihre Reinheit und Dauer zu be⸗ zweifeln!“ „Jetzt aber, mein Sohn,“ fiel der Commandeur⸗ Capitain ein,„reiſeſt Du ohne Abſchied— Du verſtehſt, daß es auf beiden Seiten unangenehm ſein würde!“ „Ohne Abſchied? ohne ſie zu ſehen, ſie, die ich vielleicht nie wieder ſehen darf— wie könnte ich das? Oder iſt es ihr Wille, ihr Befehl?“ „Ich glaube, es iſt ihr Wunſch. Natürlich iſt dies in Gegenſand, über welchen ich ſie nicht fragen kann; doch... „Doch?“ „Ich ſchließe es aus dem Umſtande, daß ſie geſtern Abend nicht zu Tiſche kam und auch heute Morgen noch nicht ſichtbar geweſen iſt.“ „Wenn ſie nur nicht,“ ſtotterte Georg, der ganz blaß geworden war bei der Vorſtellung, Elvira wäre krank, und daß man ihm dies verbergen wollte—„wenn ſie nur nicht“... Er wagte ſeine Furcht nicht in Worte zu kleiden: der Commandeur⸗Capitain könnte ja vielleicht ſeine Eigenliebe belachen. „Was meinſt Du, mein Sohn? erkläre Dich deut⸗ licher!“ „Geſtern Abend— aher auch ich befand mich in 120 einem Zuſtande, daß ich mich leicht irren konnte— kam es mir ſo vor, als wäre nicht alles wie es ſein ſollte. Sie... ach, Herr Commandeur⸗Capitain, haben Sie Mitleiden mit meiner Angſt: ich bin wahnſinnig genug geweſen, mir einzubilden, daß geſtern die allzu plötzliche Nachricht... ich brauche wohl nicht mehr zu ſagen, Herr Commandeur⸗Capitain! Sie verſtehen mich gewiß?“ „Ja, Georg! ich verſtehe. Doch darſſt Du nicht glauben, daß es ſo übel mit Elvira's Gefühlen ausſieht, daß ſie vor Kummer ſtirbt, weil Du— der ihr nichts ſein kann oder darf— abreiſeſt! Sie befand ſich wirk⸗ lich nicht ganz wohl, und daß ſie zum Thee herabkam, geſchah, wie ich glaube, aus keinem andern Grunde, als damit Du Dir nichts in den Kopf ſetzen möchteſt, was ihr Feingefühl beleidigen konnte. Daß ſie ſich aber heute Morgen vollkommen wohl befindet, das weiß ich beſtimmt; aber ſie bleibt dennoch auf ihrem Zimmer, um Euch Beiden die Verlegenheit beim Abſchiede zu ſparen.“ Dieſe Erklärung war weit entfernt, Georg zu be⸗ friedigen; ſie goß im Gegentheil nur Oel in das Feuer. Er ſah es ſehr gut ein, daß der Commandeur⸗Ca⸗ pitain die Wahrheit vermieden hatte; doch er verſtand und billigte auch das natürliche Gefühl, welches den Va⸗ ter veranlaßt hatte, das Geheimniß der Tochter zu bewah⸗ ren, welche nicht einmal Ignelius, der alte getreue Diener des Hauſes, hatte verrathen wollen! Tief ſeufzend wendete er ſich wieder zu ſeinen Man⸗ telſäcken, indem er mehr zu ſich ſelbſt als zum Comman⸗ deur⸗Capitain ſagte:„Ich thue wohl am beſten, wenn ich mich ſo ſchnell wie moͤglich auf den Weg begebe!“ „Wie bald ſoll vorgeſpannt ſein, mein lieber Georg?“ „Um zwei Stunden, Herr Commandeur⸗Capitain!“ „Wie Du willſt, mein Sohn!... Um eine Stunde erwarte ich Dich mit Ignelius zum Frühſtück.“ Der Commandeur⸗Capitain ging. „Und ich muß alſo reiſen ohne ſie zu ſehen!... ja, — kam in ſollte. aben Sie g genug plötzliche zu ſagen, gewiß?“ Du nicht ausſieht, ihr nichts ſich wirk⸗ herabkam, unde, als teſt, was aber heute beſtimmt; um Euch undeur⸗Ca⸗ er verſtand s den Va⸗ zu bewah⸗ reue Diener einen Man⸗ Comman⸗ n, wenn ich be!“ er Georg?“ Capitain!“ eine Stunde 74 . n!... ja, 121 es war wohl das beſte— wenigſtens kann ich da noch ein wenig Vernunft behalten!“ 5 Zwei Stunden ſpäter hatte Georg Helgenäs verlaſſen. In Elvira's Schlafzimmer waren die Gardinen noch zur Hälfte herabgelaſſen. Die Dämmerung des Herbſtta⸗ ges machte überdies das Zimmer ſo dunkel, daß alle Ge⸗ genſtände in demſelben eine düſtre Farbe annahmen. Die Nacht, welche ihr keinen Schlaf zugeführt hatte, war um ſo reicher an Pein geweſen... Die Nächte der Eiferſucht müſſen den deutlichſten Begriff von den Qualen der Hölle geben. Elvira war in der Hoͤlle geweſen. Ermattet durch die Ueberſpannung in ihren Gefühlen, begrüßte ſie faſt in einem Zuſtande der Erſtarrung den Morgen, dieſen Morgen, der ihr den letzten Schlag ge⸗ ben und die Pein zwiſchen der Furcht und der Hoffnung — die Frage, ob Georg im Stande ſein koͤnnte, zu reiſen oder nicht— in eine Wirklichkeit verwandeln ſollte, gegen die gar nichts mehr einzuwenden war. Sie war aufgeſtanden und hatte ſich an das Fenſter geſtellt, um ſich dieſe Züge, die ſie gewiß, ganz gewiß zum letzten Male ſähe, recht einprägen zu koͤnnen. Wäh⸗ rend dieſer langen Erwartung ehe er ſichtbar wurde, meinte ſie doch, daß das Leiden nicht ſo furchtbar war: es war ihr, als hätte das Herz aufgehört zu ſchlagen, und ſie würde bald das Haupt zu Ruhe legen. Er war gut, dieſer Zuſtand von Machtloſigkeit: ſie wünſchte, er möchte länger fortfahren.. Jetzt aber ließen ſich auf dem Hofe Schritte verneh⸗ men. Und gleichſam von einer mächtigen Hand berührt, erhob ſie ſich aus der Erſtarrung. Jede Fiber erhielt Le⸗ ben, das Blut kam in Umlauf, die Seele nahm von 122 Neuem ihre ganze Kraft zu leiden an, das Herz, das arme Herz ſchlug mit verdoppelten Schlägen, das Auge brannte, die Lippe wurde purpurroth, die Adern ſchwollen an: es wurde ein ſo furchtbares Uebermaß des Lebens, daß es ſan die Feſſeln geſprengt hätte, welche die Seele gefangen elten. In der Ecke zwiſchen dem einen Fenſter und der Wand beugte ſie ſich jetzt über die Stuhllehne hinab. Durch die feinen Rohrjalouſien konnte ſie unbemerkt ſehen, wie Georg an der Seite ihres Vaters über den Hof zu dem Wagen ging. Sie ſah, wie ſeine Augen unruhig umher⸗ irrten und zuletzt gleichſam an ihrem Fenſter feſtgewachſen waren— und ſie las in dieſen Blicken die redende Bitte: „laß mich noch einmal Deines Anblickes genießen!“... O, nur durch eine übermenſchliche Anſtrengung konnte ſie ſich enthalten, Jalouſien und Gardinen zu zerreißen. Doch der Stolz behauptete den Sieg. Und jetzt waren dieſe koſtbaren Minuten vorüber: er war verſchwunden. Aber bleich wie das Ebenbild des Todes, die ſchwar⸗ zen fliegenden Locken nachläßig über die weiße Morgen⸗ tracht flatternd, ſtand Elvira da, verſtummt vor Trau⸗ rigkeit................. Die Spannung nahm ab, das Feuer in dem Auge erloſch, das Herz ſchlug langſamer, das Blut brannte jetzt nicht ſo heiß: endlich ſank das wilde Leben Zoll für Zoll in ſeine Quellen zurück, und immer mehr ermattet, war ſie nahe daran, zu Boden zu ſinken, als ihr Vater ein⸗ trat, ſie in ſeine Arme ſchloß und mit Zärtlichkeit aus⸗ rief:„Jetzt kann ich ſtolz ſein über Dich, mein Kind! Hätteſt Du eine einzige Bewegung damit gemacht(er deutete auf die Gardine), ſo hätte ich mich meiner Tochter ſchämen, über ihre Schwäche erröthen müſſen. Dem Him⸗ mel ſei Dank, daß Du mir dieſe Betrübniß ſparteſt!“ „Lieber Vater, ſei nicht ſtolz über mich!— das verdiene ich nicht; denn er weiß bei weitem mehr von &☛ ſitzend Elvira wahnſiꝛr hinter den M Art der innerun geſtern halben ſätze ül um Lie andere hatte d daß wi meint der Si war, i der Ge 3 arme rannte, an: es daß es efangen ind der Durch n, wie zu dem umher⸗ wachſe onnte ſie n. über: er ſchwar⸗ Morgen⸗ or Trau⸗ em Auge unte jetzt für Zoll ttet, war zater ein⸗ keit aus⸗ ein Kind! nacht(er er Tochter dem Him⸗ tteſt!“ — das mehr von 5 123 meiner Schwäche als Du glaubſt!“ Elvira war jetzt in der Seelenſtimmung, daß ſie wenigſtens vor ihrem Vater den letzten Schein der Verſtellung verachtete. „Ja, er hat die Ueberzeugung, daß Du ſeine Liebe erwiederſt; doch zu welcher Hoͤhe— er iſt gewiß weit entfernt, ſich das träumen zu laſſen!“ „So urtheile denn ſelbſt, Vater!“ Und neben ihm ſitzend und das Haupt an ſeine Bruſt lehnend, erzählte Elvira Dinge, von denen der Commandeur⸗Capitain ſich nicht hatte traͤumen laſſen: die Scene in Goͤteborg, den Beſuch auf der Johannis⸗Klippe, ihre Gefühle während dieſes Beſuches und nach demſelben, ihre Eiferſucht gegen Fanny und ihre halb bewußte böſe Abſicht, durch eine er⸗ zwungeue Kälte und ein beſtändiges Wiederholen des Na⸗ mens und durch das Aufzählen der Verdienſte ihrer Ne⸗ benbuhlerin Georgs Gefühle auf das Aeußerſte zu ſteigern kurz: ihre ganze innere Geſchichte, wobei ſie nichts ſparte, um ſich ſelbſt in den Schatten zu ſtellen. „So boͤſe, ſo verächtlich, lieber Vater, hat dieſe wahnſinnige Liebe mich gemacht! Doch jetzt, da alles hinter mir liegt, laß mich doch noch hinzufügen, daß ich den Muth habe, Gott zu danken, daß er nicht auf dieſe Art der Meinige wurde... Und eine verſoͤhnende Er⸗ innerung bleibt mir ebenfalls übrig, nämlich, daß ich ihn geſtern Abend hätte zurückhalten koͤnnen, da es nur eines halben Wortes von mir bedurft hätte, um alle ſeine Vor⸗ ſätze über den Haufen zu werfen und ihn zu meinen Füßen um Liebe betteln zu ſehen. Ich hatte den Muth, auf eine andere Stimme, als die der Leidenſchaft, zu lauſchen, ich hatte den Muth, ihn gehen zu heißen und ihm zu ſagen, daß wir geſchieden wären—— und daß ich es ſo ge⸗ meint habe, davon geben die Kämpfe dieſer Nacht und der Sieg dieſes Morgens, der nicht ſo leicht zu erfechten war, ihr Zeugniß; wohl zehnmal griff meine Hand nach der Gardine!“ „Gott ſei Lob und Dank, mein Kind, daß ich Dich 124 wieder zu der Achtung Deines Vaters willkommen heißen kann! Hätteſt Du dieſes Letzte nicht hinzuſetzen können, ſo wäre meine Betrübniß groß geweſen. Jetzt aber danke ich Dir für Dein Vertrauen! Du biſt auf einem Wege geweſen, der keineswegs gut war, aber Du biſt von dem⸗ ſelben zurückgekommen, ehe Du Dich ſelbſt verlorſt— und das iſt etwas, wofür wir Gott nie genug loben und preiſen können. Wenn Georg auf dieſe Weiſe der Deine geworden wäre, ſo würdeſt Du nie glücklich geworden ſein.“ „Nein, gewiß nicht: mein Glück wäre allzu ſehr mit Bitterkeit vermiſcht geweſen. Jetzt erhält Fanny ihn zu⸗ rück: ich habe ihn abgetreten— ich, lieber Vater!“ Und Elvira's Bruſt hob ſich durch einen Seufzer, deſſen Tiefe und Bitterkeit ahnen ließ, wie viel ihr dieſes ich koſtete. Der Commandeur⸗Capitain dachte gar nicht daran, ihr den geringſten Wink von demjenigen zu geben, was zwiſchen ihm und Georg verhandelt und fuͤr den Fall ab⸗ gemacht war, wenn Georg noch einmal von Fanny den Korb bekäme. Und um Elviren alle Hoffnung zu nehmen, falls ſie noch unbewußt in ihrem Herzen lebte, ſagte er: „Es iſt auch beruhigend für Dich, mein Kind, zu wiſſen, daß er jetzt ganz ſeinem eigenen Willen folgt. Geſtern Abend las er die Papiere, welche ſein Vater ihm gegeben hat. Aus ihnen lernte er die geheimen Verhältniſſe ken⸗ nen, die ihn mit unſerem Hauſe vereinigen, lernte kennen, daß Du ihm das Stammgut ſeiner Vorfahren hätteſt zurückgeben können, und dennoch hatte er den Muth, der Stimme ſeiner Pflicht zu folgen.“ Elvira's ſchneeweiße Wange entbrannte von Neuem. „Iſt das gewiß, Vater?— wußte er Alles, und er verſchmähte mich doch?“ „Warum wählſt Du dieſes beleidigende Wort, mein Kind? Sagteſt Du nicht eben, Du hätteſt ihn noch ge⸗ ſtern...⸗ „O, lieber Vater, kein Wort mehr davon!“ Sie ſchmien werden wäre, hinabſt nicht q derten werde der ge wegun Flam Weſen und ha von d eines doch e heißen können, r danke Wege n dem⸗ drſt— ben und Deine eworden ſehr mit ihn zu⸗ -!“ Und en Tiefe ˖koſtete. t daran, en, was Fall ab⸗ unny den nehmen, ſagte er: u wiſſen, Geſtern gegeben niſſe ken⸗ ee kennen, n hätteſt NRuth, der n Neuem. ,, und er ort, mein mnoch ge⸗ on!“ Sie G 125 ſchmiegte ſich feſter an ihren Vater.„Zu mir zieht ihn ja nur ſeine glühende Leidenſchaft; ſobald aber die Ver⸗ nunft die Oberhand gewinnt, ſo kehrt er zu ihr zurück. Er weiß, daß er nur mit ihr glücklich werden kann!“ Elvira hatte bis jetzt noch keine Thränen in ihren Augen gehabt jetzt aber fand ſie dieſelben. „Weine aus, meine geliebte Tochter, und begnüge Dich mit der Gewißheit, daß Du das hoͤchſte Glück Dei⸗ nes Vaters biſt!“ „Ja,“ ſchluchzte Elvira,„mag es das letzte Mal ſein, daß ich ihn beweine! Ich erſchrecke ſelbſt vor meiner un⸗ erhoͤrten, zerſtoͤrenden Schwäche; doch warte nur eine kurze Zeit, lieber Vater— und Alles wird gut und ruhig ſein!“ „Woran denkſt Du jetzt?... o armes, verirrtes Kind! Du wirſt doch wohl nicht den Wunſch hegen, mich hier allein zu laſſen?“ „Nein, Vater, das thue ich gewiß nicht! da ich nicht ſtarb unter den Qualen dieſer wahnſinnigen Augenblicke, ſo wird es auch nicht mein Loos ſein, langſam an der Schwindſucht zu ſterben. Könnte ich aber ſo verächtlich werden, ſo wollte ich lieber— da ich doch nicht werth wäre, länger zu leben— mich dort von dem alten Felſen hinabſtürzen; denn das könnte mir wenigſtens anſtehen; nicht aber ſteht es mir an, ſchimpflich an einer unerwie⸗ derten Liebe dahin zu ſchwinden. Ich will leben, und ich werde leben!“ Zärtlich küßte der Commandeur⸗Capitain die Stirne der geliebten Tochter. Elvira hatte ſich erhoben; eine ſtolze und edle Be⸗ wegung hatte ihre verſtörten Züge geglättet; eine reine Flamme brannte in ihrem ſchwarzen Auge; ihr ganzes Weſen erhoͤhte ſich bei dieſer Erhebung des Geiſtes— und hätte Georg ſie ſo ſchön geſehen, wie ſie jetzt daſtand, von dem friſchen Hauche und den erröthenden Flammen eines warmen und ſelbſtſtändigen Willens übergoſſen, ſo... doch er ſah ſie nicht. Viertes Kapitel. Ehe wir mit Georg auf der Johannis⸗Klippe zuſam⸗ mentreffen, müſſen wir erſt nach Strand zurückkehren und ſehen, wie die Ereigniſſe ſich hier entwickelt haben. An dem Tage nach der großen Hausviſitation kam Herr Holmér gegen Abend in das Zimmer ſeiner Tochter gelaufen, und mit einem Geſichte, das in buchſtäblicher Bedeutung des Wortes vor Freude und Triumph ſchim⸗ merte, rief er ſchon in der Thür:„Mein Kind] laß eine Tonne Mehl und zwei Tonnen Kartoffeln unter die Ar⸗ men austheilen! Man kann nicht weniger thun, wenn man eine ſolche Freudenpoſt erhalten hat. Oeffne Deine Ohren und vernimm— o wie wohl thut es, daß ich das erzählen kann!— der Jachtlieutenant wurde geſtern Abend, da er, vermuthlich, um uns den Daumen auf das Auge zu halten, bei Röͤßö gelandet war, von drei Kerlen über⸗ fallen und ſo geprügelt, geprügelt, verſtehſt Du, richtig windelweich geprügelt, daß er jetzt in Frau Strömſten's Gaſtkammer elend darniederliegt. Der Herr ſegne die redlichen Menſchen, die dieſes Barmherzigkeitswerk ausüb⸗ ten— kennete ich ſie, und ſie brauchten es, ſo gäbe ich jedem von ihnen einen Zehnthalerzettel!“ „Behüte, lieber Vater!“ rief Fanny mit deutlicher Mißbilligung aus,„wie kannſt Du Dich auf eine ſolche Art über das Unglück eines Feindes freuen?⸗ „Wie? biſt Du verrückt? ſollte ich mich nicht dar⸗ über freuen, daß der Schuft, der Fuchs, der ſchändliche Schelm außer Stand geſetzt iſt, den Augenblick aufzu⸗ ſchnüffeln, da wir die Paquete von dem Moßholme holen wollen? Weißt Du wohl, was daraus wird, wenn er— was unſer Herrgott ſelbſt Gottlob nicht erlauben will— einen neuen Beſchlag macht? Du kennſt das Geſetz nicht, mein Püppchen, aber ich kenne es!“ / ren, d Holme 4. ſo— ich es Weine wenn n getroffe das hat ſei Lob „2 Geld ko „ mit ha Zeiten Schmug * als Str 1 kniffen Waaren (wovor nicht n dern ich und m 2 großen dachte, vollſtänd 2 handel! 2 Muth ja ſonſt weißt D Glück u „ △ 127 „Was meinſt Du, lieber Vater 21 „Ich meine ganz einfach: wenn wir nicht ſicher wä⸗ ren, die Paquete ebenſo glücklich, wie Du ſie nach dem Holme bekamſt, hieher und wieder von hier zu ſchaffen, zuſam⸗ 6. ſo— wie hart auch der Schlag geweſen wäre— hätte ren und ich es dennoch für ein Glück halten können, wenn ſie dem Weine und dem Cognac Geſellſchaft geleiſtet hätten; denn on kam wenn nach dem geſtrigen Tage bei mir Contrebande an⸗ Tochter getroffen wird, ſo koſtet es mehr denn Geld... doch äblicher das hat keine Noth, gar keine Noth: er liegt nun, Gott ſchim⸗ ſei Lob und Dank, wo er liegt!“ aß eine„Was in Gottes Namen könnte es denn mehr als die Ar⸗ Geld koſten?“ fragte Fanny erblaſſend. „wenn„„Ja, ja— doch fürchte Dich nur nicht, denn da⸗ Deine mit hat es ja keine Noth... Siehſt Du, zu den ich das Zeiten des ſeligen Petter Gran wurde ich einmal wegen Abend Schmuggelei verurtheilt, den halben Werth der Waaren Auge— als Strafe zu bezahlen. Für dasjenige, was geſtern ge⸗ n über⸗ kniffen wurde, iſt meine Strafe der ganze Werth der richtig Waaren; wird aber nun noch einmal Beſchlag gemacht ömſten's(wovor uns Gott gnädiglich bewahren wolle!) ſo muß ich gne die nicht nur den doppelten Werth der Waaren bezahlen, ſon⸗ Jausüb⸗ dern ich verliere auch noch dazu meine Handelsgerechtſame äbe ich und muß mit Schande und Verdruß für immer meine g Geſchäfte niederlegen....“ eutlicher„„Du erſchreckſt mich, Vater! Alſo ſiatt Dir einen ne ſolche großen Dienſt erzeigt zu haben, wie ich in meiner Freude dachte, bin ich vielleicht die Urſache zu dem größten und cht dar vollſtandigüen Unglücke. O, der unſelige Schleich⸗ 7. A handel!“ ouiht„Aber, liebe Fanny! wo bleibt denn nun Dein ne holen Muth und Dein Verſtand? Du, mein Kind, pflegſt h e ja ſonſt für zehn Weiber Verſtand zu haben, und nun wil— weißt Du nichts beſſeres zu thun als zu pfeifen, da das nicht Glück uns geradesweges in die Arme läuft?“ etz 1„Ach, hätte ich nur alles liegen laſſen!“ klagte △ 128 Fanny, die bei der peinigenden Vorſtellung, an dem voll⸗ kommenen Untergange ihres Vaters Schuld zu ſein, ſich zum erſten Male nicht nur niedergeſchlagen, ſondern ſo⸗ gar muthlos fuͤhlte. „Ich ſage im Gegentheil, mein Kind: Du haſt mich gerettet!... Doch höre nun, wie wir es ein⸗ richten wollen, um nicht die geringſte Zeit zu verlieren.“ „Vater!“ unterbrach ihn Fanny, indem ſie ihre ge⸗ wöhnliche Entſchloſſenheit wieder annahm.„glaube mir: wir haben nicht mehr denn Eine Wahl; doch dazu mußt Du ſtark ſein und Deinen ganzen Muth zuſammen⸗ raffen!“ 3 Herr Holmér ſah ſeine Tochter mit großen und ver⸗ wunderten Augen an.„Nun?“ „Wir müſſen die Waaren unverzüglich verſenken oder ſie auch liegen laſſen, wo ſie liegen, bis beſſere Zeiten eintreffen.“ „Soll ich denn nun glauben, daß Du Deinen Ver⸗ ſtand verloren haſt, mein Kind— oder was ſoll ich denken? Jetzt, da ich bei der einzigen Gelegenheit, die ſich vielleicht jemals findet, die Waaren leicht nach Hauſe und ſogar gleich auf den Weg an ihren Beſtim⸗ mungsort bekomme, jetzt ſollte ich ſie verſenken oder auch liegen laſſen, damit ſie durch Feuchtigkeit oder Schimmel verderben?“ „Beſter Vater! es kann Dir zwar im erſten Augen⸗ blicke als unvernünftig erſcheinen; doch laß uns anneh⸗ men, daß wir ſie verſenkt haben— was ich für das Klügſte halte— ſo haſt Du ja nur die Waaren ver⸗ loren, und das würde ja auf jeden Fall bei einer Viſita⸗ tion geſchehen ſein. Wenn ſie jedoch auf dieſe Weiſe ver⸗ kommen, ſo ſparen wir Dir den halben Verluſt, da Du die Geldſtrafe nicht zu bezahlen brauchſt. Senken wir ſie dagegen nicht, ſo müſſen wir uns ja der ganzen Gefahr eines Unternehmens ausſetzen, das kaum als ungewiß erſcheinen kann; denn wer weiß, ob nicht die ganze Geſchi iſt, d die Fe die vo durch aber, Gewin die Re wagt, hat es kam he ſtén get hört— einreden „9 ſchaden ſer ſch klug iſt / Meiſter nie gehu eigne H Calle i ich hätt Fa mit eine „u weil es ängen u Wagen Uhr hie dort ſch dann au m voll⸗ n, ſich dern ſo⸗ du haſt es ein⸗ lieren.“ ihre ge⸗ be mir: ch dazu ammen⸗ und ver⸗ ken oder te Zeiten en Ver⸗ ſoll ich eit, die ſcht nach Beſtim⸗ kken oder eit oder Augen⸗ Peiſe ver⸗ da Du en wir ſie i Gefahr ungewiß bie ganze 129 Geſchichte von dem Unglücke des Jachtlieutenants eine Liſt iſt, die er nur erfunden hat, um Dich noch ſichrer in die Falle zu bringen. Er will gewiß um keinen Preis die vollſtändige Rache aus den Händen laſſen, die er durch dieſe Beſchlagnahme erhalten würde.“ „Was Du da ſagſt, mein Kind, iſt ſehr ſcharffinnig; aber, ſiehſt Du, wenn von zwei großen Zwecken, zum Gewinn und zum Verluſt, zum Glück und zum Unglück, die Rede iſt, ſo muß man auch etwas wagen: wer nicht wagt, der hat auch kein Glück. Aber mit Ture Gran hat es ſeine völlige Richtigkeit: Nils Carlsſon zu Elgö kam heute Nachmittag von dort; er iſt bei Frau Ström⸗ ſten geweſen, und hat es aus ihrem eigenen Munde ge⸗ hört— und Du weißt, daß Nils zu Elgö ſich nichts einreden läßt.“. „Nun, angenommen, daß der Jachtlieutenant nicht ſchaden kann, ſo ſind ja doch ſeine Jachtkerle da— die⸗ ſer ſchreckliche Schnüffler⸗Calle, der ſo dreiſt und klug iſt!“ „Was kann er ausrichten ohne ſeinen Herrn und Meiſter? Hunde ſind gut zu haben, aber ich habe noch nie gehört, daß ſie die Angelegenheiten des Staates auf eigne Hand verwalten können. Ueberdies iſt Schnüffler⸗ Calle in die Stadt geſchickt, um den Doctor zu holen ich hätte beinahe das Wichtigſte vergeſſen.“ Fanny erwiederte dieſe beruhigende Nachricht nur mit einem Seufzer. „Und nun, mein Kind! um das Eiſen zu ſchmieden, weil es warm iſt, reiſe ich noch heute Abend nach Ers⸗. ängen und beſtelle Rasmusſon, daß er mit ſeinem großen Wagen und ſeinen Pferden morgen Abend gegen ſechs Uhr hier iſt und die Waaren nach Bro frachtet. Von dort ſchafft fie ein Anderer weiter— und der mag es dann ausbaden, wenn ein Unglück geſchieht.“ „Wären wir nur erſt ſo weit!“ „Wir kommen, wir kommen!— es ſoll recht hübſch Der Einſiedler zc. III. 9 130 gehen, und köͤnnte ſich gar nicht beſſer paſſen, als eben jetzt, da ich auf jeden Fall ein Fuder trockene Fiſche auf den Markt nach Sanne zu ſchicken dachte. Nachdem die Waaren unten auf den Wagen gelegt und ihr gehöriges Lager in Stroh bekommen haben, ſo wird dann ein gan⸗ zer Berg von Langfiſchen und Dorſchen oben darauf ge⸗ ſtapelt, und dann will ich ſehen, wer es Rasmusſon ver⸗ denken ſoll, ſeine Fiſche zu fahren, wohin es ihm beliebt. Um Dich aber völlig zu beruhigen, ſo verſpreche ich Dir, morgen früh, ſobald ich von Ersängen zurückkomme, mich ſelbſt nach Rößö zu begeben. Und iſt keine Wahrheit in jedem Worte, das ich gehoͤrt habe, ſo ſchwöre ich Dir, die Waaren ſollen liegen bleiben, wo ſie liegen, und Rasmusſon ſoll bloß mit den Fiſchen fahren!“ „Das iſt klug und vernünftig von Dir gedacht! Aber, Vater, wie willſt Du den wahren Zuſammenhang erfahren? Frau Strömſtén kann ja ſelbſt hinter das Licht geführt ſein!“ „Ich denke bei dem Kranken einen Beſuch zu machen. In der Stunde der Betrübniß und der Noth vergißt man ja ſtets ſeinen kleinen Groll, und da ſuchen alte Freunde einander auf. Mich hat natürlicher Weiſe ſein Unglück ſo geſchmerzt, daß ich keine Ruhe gehabt habe, bis ich ihm meine Theilnahme bezeugen konnte.“ „Und das ſollte er glauben?“ „Ich gebe dem Teufel ſeinen Glauben, wenn ich ihn nur ſehen kann, vielleicht bildet er ſich auch ein, daß ich in vollem Ernſte einen Vergleich ſuche— und damit mag er ſich gerne ſo lange troͤſten, bis ich meine Waaren in Sicherheit bekomme.“ „Ach ſo!“ ſagte Fanny erröthend,„jetzt verſtehe ich Deine Abſicht. Doch, lieber Vater, ich bitte Dich ernſt⸗ lich, daß Du um Gottes willen uns nicht erniedrigſt, und ihm Winke gibſt, die Dir keine Chre machen wür⸗ den, falls ſie die beabſichtigte Wirkung hervorbrächten!“ „So! nun genug davon! ich denke darüher kein Wort Du n gen m machſt eine k den ge rudern verlaſſe dem es dem R zwei Le daß ich allerger alles di unanger „S auch di zu verl wenn geſehen „C Jen acht Uh heiten 3 In und Gef ab. Da legenhei haben dunſteten legungen Seele ſt danken u Dig ſtets ihr Alles⸗ als eben ſche auf ſdem die gehöriges ein gan⸗ rrauf ge⸗ sſon ver⸗ beliebt. ich Dir, me, mich ahrheit in ich Dir, gen, und gedacht! nmenhang inter das 14 u machen. h vergißt uchen alte Weiſe ſein abt habe, ¹ un ich ihn n, daß ich und damit ne Waaren verſtehe ich Dich ernſt⸗ erniedrigſt, achen wur⸗ rbrächten!“ arüher kein Wort zu verlieren.... Aber weißt Du, mein Kind, Du wirſt gewiß ſo gut ſein und ſelbſt nach Hauſe brin⸗ gen müſſen, was Du weggeführt haſt! Ich denke, Du machſt morgen Vormittag, wenn es gutes Wetter iſt, eine kleine Reiſe nach der Johannis⸗Klippe— das gibt den geringſten Anlaß zum Verdacht. Berndt und Swen rudern Dich dorthin. Nachdem Du dann Grafwerna verlaſſen haſt, was nicht früher geſchehen darf, als nach⸗ dem es eine Weile dunkel geweſen iſt, ſo legſt Du auf dem Rückwege beim Moßholm an. Siehſt Du dann hier zwei Lichter im linken Dachkammerfenſter, ſo weißt Du, daß ich den Weg rein gefunden. Habe ich dagegen das allergeringſte Zeichen von einer Gefahr bemerkt, ſo iſt alles dunkel— und in dieſem Falle läßt Du die Waaren unangerührt liegen.“ „Das mag geſchehen... doch, Vater, Du mußt auch die Vorſicht gebrauchen, Roͤßö ſo ſpät wie möglich zu verlaſſen und mir beſtimmt kein Zeichen zu geben, wenn Du den Jachtlieutenant nicht mit eigenen Augen geſehen und ihn im Bette gelaſſen haſt!“ „Ebenfalls abgemacht!“ Jetzt bereitete Fanny das Abendeſſen. Und gegen acht Uhr reiſ'te Herr Holmér ab, um ſeine Angelegen⸗ heiten zu Lande in Ordnung zu bringen......... In der Einſamkeit mit allen ihren Bekümmerniſſen und Gedanken ging Fanny in ihrem Zimmer auf und ab. Doch ſo lange ſie auch über die wichtigen Ange⸗ legenheiten, in welcher ſie eine Hand mit im Spiele zu haben gendthigt war, nachdachte und ſie überlegte, ſo dunſteten dennoch dieſe Gedanken, Grübeleien und Ueber⸗ legungen endlich hinweg— und in dem Spiegel der Seele ſtand wiederum ein Bild, welches alle ihre Ge⸗ danken und Gefühle an ſich zog. Dieſes geliebte Bild verließ ſie faſt nie: es war ſtets ihre Geſellſchaft, ihr Vertrauter, ihr Troſt, ihr Alles. — 4YyY— — „O, mein Georg, mein armer Georg, wo biſt Du jett wo bleibſt Du, da Du nicht wiederkehrſt?... wo 71 Erſt einige Wochen ſpäter erfuhr ſie Georg's Schiff⸗ bruch und ſeinen jetzigen Aufenthaltsort. Noch hatte Fanny Hoffnung: noch konnte ſie nach ihm ſeufzen, von dem Glücke von ſeiner Wiederkehr träumen und in der Einbildung ſehen und hören, wie er mit ſeinem warmen Herzen, ſeinem offenen Weſen ihr die treufeſte und zuver⸗ läßige Verſicherung gab, daß er nun ausgeſchwärmt und ihr nie, nie wieder mit einem Blicke ungetreu werden würde. Und nach dieſen Verſicherungen, dieſen Gelübden könnte es ſich wohl ereignen— ja es war wohl ſo ziem⸗ lich entſchieden— daß ſie zuletzt...„Nein, nein! das taugt nicht,“ unterbrach ſie ſich ſelbſt in der ſchoͤn⸗ ſten Abtheilung ihrer Träumereien,„ſo nahe kann mir das Gläck nicht liegen! Ich darf mich mit ſolchen Ge⸗ danken nicht verwoͤhnen.“ Arme Fanny— ſie brauchte ſich gewiß nicht zu verwöhnen!............... Am folgenden Morgen hatte ſie kaum das Bett ver⸗ laſſen, ſo rollte ſchon der Reiſekarren ihres Vaters auf den Hof. Wie ein Pfeil war ſie in der Küche, und es dauerte keine Viertelſtunde, ſo ſtand das Frühſtück auf dem Tiſche und Fanny vor ihrem Vater, welcher mit dem beſten Appetite zulangte. „Nun, Vater?“— „Heute Abend um zehn Uhr haben wir den Ras⸗ musſon hier. Ich wollte ihn nicht kommen laſſen, ehe* hier im Hauſe alles ſtill iſt— und ſo lange, legen wir die Waaren in die Seebude.“ „Wann fährſt Du nach Roͤßö?“ „Sobald ich ein wenig ausgeſchlafen habe. Und halte Du Dich nur nicht zu lange auf, ſondern begieb Dich nach der Johannis⸗Klippe... Aber Du biſt nicht bei gt mein Zeichen 5 ärgerli zu geh Unvern Nun, daß ich Gottve dann nicht- ich die men kö und S biſt Du t2... 3 Schiff⸗ ch hatte* gzen, von d in der warmen nd zuver⸗ ärmt und u werden Gelübden ſo ziem⸗ n, nein! der ſchoͤn⸗ kann mir lchen Ge⸗ nicht zu Bett ver⸗ Vaters auf es dauerte dem Tiſche em beſten den Ras⸗ legen wir habe. Und lidern begieb u biſt nicht laſſen, ehe* 133 bei guter Courage, ſehe ich! Du wirſt mir wohl auf mein Wort glauben, daß ich Dir nicht das verabredete Zeichen gebe, wenn ich nicht den Weg rein finde?“ „Noch Eins! Sollteſt Du dennoch angeführt wer⸗ den; ſehe ich etwas Verdächtiges, merke ich Unrath..“ „Fanny, Fanny, Mädchen! nimm Dich in Acht, zu thun, was Du bereueſt! Wie leicht kannſt Du nicht in der Finſterniß den Schatten einer Felsſpitze für ein Boot anſehen— ſpiele Du nicht: die Affaire iſt zu groß!“ „Eben darum muß man vorbereitet ſein, ſie nicht noch großer zu machen, als ſie ſchon iſt; und Du mußt mir die Freiheit geben, Alles verſenken zu können, wenn ich ſehe, daß man uns nachſetzt— es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich dergleichen nur im alleräußerſten Nothfalle thue.“ „Ich wünſche, ich könnte ſelbſt reiſen!“ ſagte Holmér ärgerlich.„Den ganzen Tag in der fürchterlichen Angſt zu gehen, daß Du in Deinem Wahnſinn und Deiner Unvernunft eine Dummheit begehſt, das iſt faſt zu viel... Nun, ich muß wohl mit Berndt und Swen reden, ſo daß ich mich darauf verlaſſen kann, im Falle etwas ſo Gottverdammtes und Verteufeltes ſich ereignen ſollte, daß dann wenigſtens nicht...“ „Nein, Vater!“ fiel Fanny ein;„es geht wahrlich nicht an, beſondere Befehle zu ertheilen! Entweder will ich die ganze Verantwortlichkeit haben, und ſelbſt beſtim⸗ men können, was ich für thunlich erachte— oder Berndt und Swen können allein reiſen. Ich halte ſie Beide für kluge Leute; und thue daher nichts ohne ihren Rath; wenn ich aber dieſen gehört habe, ſo will ich das Recht haben, beſchließen zu können!“ „Du eigenſinniges Ding! ich muß wohl auf Deine Bedingungen eingehen.... doch noch einmal ſage ich Dir: ergreife kein ſolches tollhausmäßiges Mittel, ehe der T— l ſelbſt losgelaſſen iſt!.. Und bedenke noch 134 dazu, mein Kind, daß Du Dich warm anziehſt! Gott weiß es am beſten, wie weh es mir in meinem Herzen thut, Dich an einem kalten Novemberabende hinaus zu ſchicken— aber, Gott ſei gelobt! wir haben wenigſtens ſo gutes Wetter, wie es in dieſer Jahreszeit möglich iſt.“ „Und dazu, lieber Vater, bin ich an die See ge⸗ woöhnt und abgehärtet— beunruhige Dich daher um meinetwillen nicht!“ Einige Stunden ſpäter, als der Patron Holmér ſchon auf dem Wege nach Roͤßo war, beſtieg Fanny ihr Boot, um dem Einſiedler auf der Johannis⸗Klippe einen Beſuch zu machen. Fünftes Kapitel. In der alten guten Zeit, da der Häring es nicht verſchmähte, ſeine muntere Spiele an der Küſte von Bohuslän zu halten, und die Scherenpatrone keine beſſeren Bundesgenoſſen brauchten, um„brillante Affairen“ zu machen, in jener Zeit war Rößö bekannt als ein Sam⸗ melplatz der Fiſcher und der Seeleute, welche dort auf eine Weiſe lebten und tobten, daß der dort belegene Krug beinahe in einen üblen Ruf kam. Es war aber auch eine merkwürdige Thatſache, daß ſelbſt die friedfertigſten Menſchen, ſobald ihnen der Geruch des Knaſters und des Branntweines in dem Krugzimmer auf Rößö in die Naſe zog, ſich augenblicklich in wahre Berſerker verwandeltenz Zank, Völlerei und Schlägerei gehörten dort zu der „Ordnung und dem Vergnügen des Tages.“ Doch mit den Häringen— ſo klagten die Bewohner von Rößö— entflohen auch die guten Zeiten. Der Krug überlel einer a wollte lichen Orte zuging Frau Ein ne Waare die Ne wand j doch n Inſel f von ne falligken Patron zu den Schmu jetzt leb Handel periode D ſo viel von R hinläng den ei hatten, das hö bloße 4 verſucht Handw D Hoffnun auch de Gott Herzen naus zu nigſtens ich iſt.“ See ge⸗ her um Holmér nny ihr pe einen es nicht üſte von e beſſeren iren“ zu in Sam⸗ dort auf gene Krug ber auch dfertigſten 3 und des die Naſe vandelten; t zu der Bewohner Der Krug 135 überlebte ſeine Blüthentage nicht: er fiel und wurde von einer armen Wittwe zu einem Laden eingerichtet. Anfangs wollte es mit dem Verkehr nicht recht gehen, denn alle ehr⸗ lichen Leute wollten nicht gerne mit einem ſo zweideutigen Orte Gemeinſchaft haben. Doch nach und nach— wie es zuging, das begriff man nicht— wurden die Affairen der Frau Strömſtén ſo gut, wie ſie es nur wünſchen konnte. Ein neues Haus wurde aufgeführt, der neue Laden mit Waaren von faſt allen Scherenpatronen verſehen, und die Neugierde, das alles in der Nähe zu beſehen, über⸗ wand jede Bedenklichkeit: der Trafik kam wieder in Gang; doch mit demſelben begannen auch die boͤſen Geiſter der Inſel ſich wieder zu erheben, und das wilde Treiben lebte von neuem auf. In Betreff des ſo ſchnell erworbenen Wohlſtandes wurde es bald bekannt, daß Frau Stroͤmſtén die Ge⸗ fälligkeit hatte, bei den geheimen Affairen ihrer geehrten Patrone kleine Hülfsleiſtungen zu machen. Aber ſchon zu den Zeiten des ſeligen Petter Gran waren alle Schmugglerlöͤcher auf der Inſel verſtopft worden, und jetzt lebte Frau Strömſtén mit ihrem wieder abgetakelten Handel auf den Ruinen des Guten, das die Schmuggler⸗ periode ihr eingebracht hatte. Der Jachtlieutenant Gran, der Jüngere, hatte immer ſo viel wie möglich die Berührung mit den Bewohnern von Rößö vermieden, theils weil er ihren ſchlechten Ruf hinlänglich kannte, und theils weil er wußte, daß ſie den eingefreſſenen Haß gegen jeden Zollbeamten geerbt hatten, und beſonders gegen ihn, Herrn Ture ſelbſt, auf das höchſte erbittert waren, weil er ſie oft bis auf das bloße Hemde ausgezogen hatte, wenn ſie ihn zu belauern verſucht und für eigene Rechnung den Kaufleuten in's Handwerk gepfuſcht hatten...... Doch an dem Abende, da er Strand mit getäuſchten Hoffnungen, ſowohl hinſichtlich ſeiner Brautwerbung, als auch des großen Beſchlages, verließ, befand er ſich in 136 einer Gemüthsſtimmung, die ihm nicht einmal einen halben Gedanken auf ſeine perſönliche Sicherheit erlaubte. Rößö war von allen Stellen, unter denen er zu wählen hatte, die vortheilhafteſte für die Beobachtungen, welche jetzt anzuſtellen waren: die Inſel lag nicht nur in der Nähe des feſten Landes, ſondern auch faſt in der Mitte der Holme und Inſeln, die an Strand gränzten; ſie hatte die groͤßte Höhe und war in jeder Hinſicht ein unſchätzbarer Ort. Ohne ſeine Handlanger zu erwarten, welche die Jacht für die Nachtruhe zubereiteten, eilte Ture Gran an den Strand. Indem er in Gedanken jeden Befehl für den Schnüffler⸗Calle überlegte, der ſich um eine Stunde auf eine geheime Erpedition hinweg begeben ſollte, bemerkte er nicht, daß ſich in dem Schatten einer alten Seebude Geſtalten hin und her ſchlichen, und noch weniger, daß dieſe Geſtalten drei der verwegenen, erbitterten Rößö⸗ knechte waren, die ſchon lange auf die Zolljacht ſpeculirt und ſich beim Landen derſelben in den Hinterhalt geſtellt hatten. Doch bald mußte er erfahren, bis zu welchem Grade er alle Vorſicht vergeſſen hatte; denn ganz unver⸗ muthet traf ihn ein Schlag in den Nacken, der ihn bei⸗ nahe zu Boden warf. Ture Gran war weder feige, noch ungeſchickt in der Vertheidigung, wenn es auf einen Kampf mit den Fäuſten ankam. Gegen eine Uebermacht von drei Perſonen war er gleichwohl gezwungen, ſeine Lungen zu Hülfe zu neh⸗ men, um ſeine Handlanger herbei zu rufen; ehe aber dieſe, welche beſchäftigt waren, die Segel einzuziehen, von der Jacht auf den Kampfplatz kommen konnten, hatten ihm ſo viele Hiebe von muskelſtarken Händen über Kopf, Geſicht, Rücken und Arme gehagelt, daß, als Calle und ſein Gefährte athemlos anlangten, ſie ihren Herrn köpflings zu Boden ſinken ſahen, wobei die drei Angreifer mit ſolcher Eilfertigkeit die Flucht ergriffen, —— die Ja die Lor gezwun nämlich ihrem At wir der Frau S D gaben, Athemzt ſchlief. Je er, der ſchlief per war ob nicht das dau ihre Ben dem er die Gar einen rlaubte. er zu tungen, nur in in der änzten; cht ein che die Pöran an ür den nde auf bemerkte Seebude r, daß Rößö⸗ ſpeculirt geſtellt welchem unver⸗ ihn bei⸗ t in der Fäuſten nen war zu neh⸗ he aber zuziehen, konnten, den über aß, als ie ihren die drei ergriffen, 137 die Jachtkerle für diesmal die Hoffnung aufgeben mußten, die Lorbeeren der Rache zu ſchneiden, und ſtatt deſſen gezwungen waren, die angelegenere Pflicht zu erfüllen, nämlich nachzuſehen, ob nicht noch ein Lebensfunke in ihrem gefallenen Befehlshaber übrig wäre. An dem zweiten Morgen nach dieſer Nacht finden wir den Jachtlieutenant in dem beſten Gaſtzimmer der Frau Strömſtén zu Bette liegen. Die blaugewürfelten Gardinen, welche das Bett um⸗ gaben, waren zugezogen, und die kurzen, unregelmäßigen Athemzüge hinter denſelben verkündigten, daß Herr Ture ſchlief. Jetzt ging die Thür auf, und der Jachtlieutenant— er, der nie mit mehr als einem Auge und einem Ohre ſchlief— erhob ſich, ſo gelähmt er auch im ganzen Kör⸗ per war, und fragte das eintretende Dienſtmädchen heftig, ob nicht Calle mit dem Doktor zurückgekommen wäre. „Nein, noch iſt er nicht zu ſehen. Der Doktor muß wohl nicht zu Hauſe geweſen ſein, weil er ſo lange ver⸗ zieht— aber wollen Sie nicht, Herr Lieutenant, daß ich Sie mit Kampferbranntwein einreiben ſoll?“ „Geh zum T—l!“ „Soll ich denn den Kaffee hereinbringen?“ „Ja!“ Als das Mädchen verſchwunden war, ſo erhob ſich Herr Ture ganz. Er ſtreckte erſt einen Arm aus, darauf noch einen, dann das eine und dann das andere Bein, und fühlte mit lebhaftem Vergnügen, daß die unſchätz⸗ baren Mitglieder, wenn auch nicht ihre Elaſticität(denn das dauerte wohl noch eine Zeitlang), ſo doch wenigſtens ihre Bewegungskraft wieder anzunehmen begannen. Nach⸗ dem er ſich hievon noch einmal überzeugt hatte, zog er die Gardine auf die eine Seite und ergriff den auf dem 138 Tiſche vor dem Bette ſtehenden Spiegel. Er hielt ihn vor das Geſicht. Aber in dem nächſten Augenblicke hätte er den ärgerlichen Spiegel beinahe auf die Erde geworfen: er zeigte ihm ein in Grün und Blau ſchillerndes Augen⸗ lied, ein paar Schrammen auf der Naſe und dem einen Backen und einen großen blauen Fleck auf dem andern. „Auch dafür habe ich mich zu rächen!“ murmelte er in ſich hinein, indem er den Spiegel zurückſetzte,„und, bei allen Teufeln! ich will und werde es!“ Er hatte keine Ruhe ſtille zu liegen; er warf ſich hin und her, und zuletzt mußte wieder etwas auf dem Tiſche ſeinem unruhigen Gemüthe als Ableiter dienen; dießmal war es ein dickes Buch in Quartformat, ihm ſehr gut bekannt. Er ſchlug eine gewiſſe Seite, einen gewiſſen Paragraphen auf, den er zwar oft geleſen hatte, jetzt aber nicht oft genug leſen konnte; und er durchlief folgende Zeilen:„Wer bei ſolchen Vergehen betroffen wird, bezahlt das erſte Mal den halben Werth des Gutes. Begeht er und ſo weiter... Für den, der ein bürger⸗ liches Gewerbe oder Verkehr treibt, ſei die Strafe“ und ſo weiter und ſo weiter. „Ich kann nicht begreifen, daß Calle nichts von ſich hören läßt! Sollten ſie ſchon in der geſtrigen Nacht da⸗ mit abgefahren ſein? Unmöͤglich— damals waren ſie noch nicht ſicher. Doch nun, da ſie gehört haben, daß ich hier wie ein gebundener Hund liege... Warte! warte! ich will ihnen ſchon...“ Herr Ture hatte nicht Zeit, den Satz zu Ende zu denken, denn jetzt ſegelte das Dienſtmädchen mit dem Kaffee herein, und verkündigte dabei, daß Calle in eilfer⸗ tigem Anzuge begriffen wäre, aber keinen Andern im Boote bei ſich hätte. „Da hat er den Doktor nicht getroffen!“ ſagte der Jachtlieutenant mit verſtellter Niedergeſchlagenheit, ſchüt⸗ tete den Kaffee in ſich und gab der Aufwärterin ein Zei⸗ chen, ihres Weges zu gehen.. „9 war die hinter f „L Glauben hinaus etwas; In dem Po präciſe dem Un ſchnell ich, lieb nach Er fahren, ſo haber lingen n „N „H ſtrich ich zu halten der Däf verkleidet darauf r ahnte d ſehen S jetzt abe ſie ſollen Sache!“ „N bei Ras. zelte.( Herr Lie eelt ihn e hätte vorfen: Augen⸗ n einen dern. nelte er „und, arf ſich if dem dienen; t, ihm „einen mhatte, zurchlief etroffen Gutes. bürger⸗ fe“ und 2 * 139 „Nun, Calle! welche Neuigkeiten bringſt Du mit 2“ war die erſte Frage des Herrn Ture, da Calle die Thür hinter ſich zugemacht hatte. „Wie iſt's mit der Geſundheit, Herr Lieutenant 2 Glauben Sie wohl, Sie können ſich in der Dämmerung hinaus begeben?“ „Ich begebe mich in dieſem Augenblicke hinaus, wenn etwas zu gewinnen iſt... Rede!“ In der vorgeſtrigen Nacht ſtand ich bei Strand auf dem Poſten. Aber dort rührte ſich keine Katze. Es war präciſe ſo wie Sie vorherſagten: ſie wagten nicht nach dem Unglücke, das vorgeſtern über ſie kam, die Naſe ſo ſchnell wieder hinaus zu ſtecken. So will ich denn, dachte ich, lieber ſogleich den zweiten Befehl ausführen und mich nach Ersängen begeben; dort werde ich wenigſtens er⸗ fahren, ob Rasmusſon zu Hauſe iſt. Wenn er das iſt, ſo haben wir gute Hoffnung, daß uns unſer Anſchlag ge⸗ lingen wird.“ „Nun, meine Berechnung ſchlug wohl ein?“ „Hören Sie nur, Herr Lieutenant!.... Geſtern ſtrich ich den ganzen Tag bei Ersängen umher, um Wache zu halten, ob nicht Holmér ankommen ſollte. Erſt in der Dämmerung wagte ich mich dahin. Aber da, ſo verkleidet und ausgemalt wie ich war, konnte ich wohl darauf rechnen, nicht erkannt zu werden: kein Menſch ahnte den Schnüffler⸗Calle in dieſer Geſtalt— aber ſehen Sie, Schnüffler⸗Calle war Mann dafür, die ganze Sippſchaft zu belauern!“ „Ich weiß, daß Du unſchätzbare Verdienſte haſt; jetzt aber kannſt Du ſie ſehr gerne ſeitwärts liegen laſſen: ſie ſollen zu ihrer Zeit nicht unbelohnt bleiben... Zur Sache!“ „Nun wie geſagt, in der Dämmerung trat ich dreiſt bei Rasmusſon ein. Er ſelbſt ſaß am Herde und ſchnit⸗ zelte. Er war alſo nicht weg geweſen! Alſo.. doch, Herr Lieutenant! Sie, der alles ſchon vorweg wiſſen, Sie 140 wiſſen wohl auch, daß ich zu ſehen gedachte, ob er ſich nicht in dieſer Nacht zu rühren gedächte. Ich verlangte Quartier und erhielt einen Sopha in der Stube, auf den ich mich augenblicklich hinwarf und Vieles von ſchlech⸗ ten Wegen und wunden Füßen erzählte und mich ſo müde machte, daß ich kaum auf den Beinen ſtehen konnte.“ „Weiter, weiter!“ rief der Lieutenant ungeduldig. „Ja ja; weiter gingen ſie der Eine nach dem An⸗ dern zu Bette, und bald hoͤrte ich, daß Rasmusſon ſo feſt und gut ſchlief, als hätte er nie in ſeinem Leben daran gedacht, Schmuggelgüter hier auf Erden zu frach⸗ ten. Ich ſelbſt war, wie Sie ſich wohl vorſtellen können, nach ſolchen Strapazen ein wenig ſteif, und ſchon ſchlum⸗ merte ich mit dem linken Auge, als ich plötzlich in jedem Gliede Leben ſerhielt— obgleich ich, wohlverſtanden, ſchlief, daß das ganze Haus in allen ſeinen Fugen bei meinem Schnarchen zitterte. Was Leben in mich brachte, das war das Schnauben eines Pferdes... „So eile doch!“ rief der Jachtlieutenant, der ſich nicht länger ſteuern konnte. „O, mein guter Lientenant!“ meinte Schnüffler⸗ Calle mit der kleinen Vertraulichkeit, welche eine gewöhn⸗ liche Folge gemeinſchaftlicher Affairen iſt,„es iſt nicht nützlich für Ihre Schäden, die Sache ſo hitzig zu neh⸗ men! Ueberdies koͤnnen der Herr Lieutenant wohl wiſſen, ich würde mir nicht Zeit laſſen, meine Neuigkeiten ſo vorſichtig mitzutheilen, wenn die Sache Eile hätte; nun aber denke ich ſo: wenn Sie vor Freuden ſtürben, ſo würde dies ſchwer auf meinem Gewiſſen ruhen.“ „Ich merke, Du biſt bei ungewoͤhnlich guter Laune,“ entgegnete der Lieutenant, indem er ſich anſtrengte, einen gewiſſen Schein von Ruhe anzunehmen,„und da ich hier⸗ aus ſchließe, daß Du wiederum Gelegenheit gehabt haſt, mir einen wichtigen Dienſt zu erweiſen, ſo bitte ich Dich, die Pein kurz zu machen— ein andermal ſoll es mir ein Vergnüg hoͤren.“ an die ging ſel er,„ſit tron?. wir geh zu reder ſagen, Rasmus Augenbt hier, de Wärme De den Ca noch lät Calle r „2 wie Ho ten, lei Fiſche Abend kenne 2 entgegn dem C in der tenant halte l begebe, Mühe er ſich rlangte uf den ſchlech⸗ o müde e.“ dig. m An⸗ bſon ſo Leben frach⸗ können, ſchlum⸗ jedem ſtanden, gen bei brachte, der ſich nüffler⸗ gewoöhn⸗ ſt nicht zu neh⸗ wiſſen, eiten ſo 2; nun den, ſo Laune,“ „einen h hier⸗ öt haſt, Dich, nir ein 141 Vergnügen ſein, Dich ſo vollſtändig wie moͤglich zu hören.“ „Nun ich halte die Gotteswaaren nicht! Es war, wie ich errieth, daß der Reiſende...„ Der Lieutenant ſprang beinahe zum Bette heraus. „Holmér ſelbſt?“ rief er aus, und die Hand ballte ſich faſt unwillkürlich. „Richtig, richtig!... Nachdem er einige Schläge an die Hausthüre gethan hatte, erwachte Rasmusſon und ging ſelbſt hinaus, um zu öffnen.„Alle Wetter!“ ſagt' er,„ſind Sie noch ſo ſpät auf dem Wege, Herr Pa⸗ tron?...„Ich!“ antwortete Holmér,„wohin können wir gehen— ich habe etwas hoͤchſt Angelegenes mit Dir zu reden!...“„Sie können gerne hier in der Stube ſagen, was Sie wollen: alle Leute ſchlafen!“ meinte Rasmusſon....„So gehe und zieh' das Pferd einen Augenblick ſin den Stall,“ flüſterte Holmér,„ich warte hier, denn ich bin kalt geworden und brauche ein wenig Wärme!“ Der Jachtlieutenant ſeufzte tief, wagte aber nicht, den Calle durch das kleinſte Wort anzutreiben, um nicht noch laͤnger das Ende der Erzählung zu verzögern, welche Calle nur Stück für Stück mittheilen zu wollen ſchien. „Als Rasmusſon wieder hereinkam, ſo hörte ich, wie Holmér, nachdem ſie ſich an die Thür gezogen hat⸗ ten, leiſe ſagte:„Kannſt Du es übernehmen, ein Fuder Fiſche für mich wegzufahren? Du mußt Dich morgen Abend gegen zehn Uhr in Strand einfinden...“„Ich kenne Ihre Fiſche ſchon aus alten Zeiten, Herr Patron!“ entgegnete Rasmusſon;„doch nun wage ich es nicht, mit dem Commerz mich an Bord zu legen; denn es iſt ſchon in der Umgegend bekannt, daß Sie mit dem Jachtlieu⸗ tenant in Feindſchaft gerathen ſind; er könnte im Hinter⸗ halte liegen und auslauern, wann ich mich auf den Weg begebe, und da wiſſen Sie wohl, was meiner für die Mühe wartet!...“„Geſchwätz!“ ſagt Holmér,„ich 14²2 habe Dir immer gute Bezahlung gegeben, Rasmusſon, und Du kannſt um ſo ſicherer ſein vor dem Jachtlieute⸗ nant, als der Hund(verzeihen Sie, Herr Lieutenant! es ſind nicht meine, ſondern Holmérs Worte), als der Hund, ſagt' er,„windelweich gepeitſcht auf Roͤßö liegt: die Rößoͤknechte haben ein gutes Beefſteake von dem Fuchs gemacht, ſo daß er ehrlichen Leuten nicht ſo ſchnell wieder in's Handwerk fallen wird; und darum, mein lieber Ras⸗ musſon! wollen wir uns nur beeilen, zu ſchmieden, weil das Eiſen noch warm iſt!“ Herr Ture wäre faſt erſtickt in ſeinem gränzenloſen Aerger.„Ich werde ihn in Andenken haben! ich werd's ihm gedenken!... Was wurde denn beſchloſſen?“ „Nach großen Anerbietungen und viel Geſchwätz von Holmér's Seite wurde endlich abgemacht, daß Rasmusſon morgen Abend zu beſagter Zeit nach Strand kommen ſollte. Und um ſich vor jeder Ueberraſchung recht ſicher zu machen— hi hi hil ich hätte beinahe die Decke ent⸗ zwei gebiſſen, um nicht laut aufzulachen: ſie wußten nicht, daß Schnüffler⸗Calle ihnen ſo gut wie auf der Naſe ſaß — nun um nicht überraſcht zu werden, ſo wollte Holmér heute Vormittag hieher nach Rößs reiſen und ſich erkun⸗ digen, wie der Lieutenant ſich befände und darnach beſchlie⸗ ßen, ob er die Waaren nach Hauſe rudern laſſen könnte; er ſagte, er hätte ſie nahe bei der Hand.“ „Aha, alſo doch auf einem von den Holmen!— gut, gut, vortrefflich!... Aber es iſt doch verteufelt, daß Holmér hieher kommen will!“ „Nein, das iſt das allerbeſte von der ganzen Ge⸗ ſchichte! Sie, Herr Lieutenant, können ſich ein wenig elender ſtellen, als Sie ſind; und ich und Olaus wollen uns ſo faul ſtellen, als dächten wir hier einen ganzen Monat zu liegen. Holmér war nicht mit dabei, als das Pulver erfunden wurde: er läßt ſich leicht zum Narren halten, wenn er uns alle drei ſtille liegen ſieht. Und iſt „ er glückl um in b „3 einen Be ten, der ſegelten.“ berg. 2 hergehen als vor ſich imm weilen r Gegend man ſich löste He wenn ſic die Reih und aug der Jack wenigſter konnte. „N die Zeit men wo. kommen ſtehen.“ No Calle d zusſon, llieute⸗ nt! es Hund, t: die Fuchs wieder r Ras⸗ , weil enloſen werd's 7 itz von nusſon ommen ſicher ke ent⸗ nicht, iſe ſaß volmoͤr erkun⸗ eſchlie⸗ önnte; — gut, daß n Ge⸗ wenig wollen ganzen ls das Narren Ind iſt A 143 er glücklich abgereiſ't, ſo machen wir uns in Ordnung, um in beliebiger Zeit nachzukommen.“ „Ja, ſie können uns nicht entgehen; und das gibt einen Beſchlag, der uns großen Verdienſt gibt, den größ⸗ ten, den wir gehabt haben, ſo lange wir mit einander ſegelten.“ „Der Gewinn unberechnet, den Sie, Herr Lieutenant, haben, indem Sie ſich an Holmér rächen!“ greinte Calle und verzog den Mund bis an die Ohren. Calle war bedeutend kühner als der ſelige Oeſter⸗ berg. Während dieſer ſtets hinter ſeinem Vorgeſetzten hergehen wollte, wünſchte dagegen Calle nichts ſehnlicher, als vor ihm hergehen zu dürfen. Doch Herr Ture hütete ſich immer ſehr wohl, daß es nicht ſo weit kam. Bis⸗ weilen reffte er wohl, wenn der Wind aus einer gewiſſen Gegend wehte, die Segel des Befehlshabers ein; doch ehe man ſich's verſah, ſo wendete ſich der Wind— und nun löste Herr Ture erſt ein Reff, dann noch eines... und wenn ſich ſo die ſämmtlichen Segel entfalteten, ſo kam die Reihe an Schnüffler⸗Calle, ſeine Segel einzuzichen und augenblicklich die Subordinationsflagge zu hiſſen; denn der Jachtlieutenant hatte es dann in ſeiner Macht, ihm wenigſtens eben ſo viel zu ſchaden, als Calle ihm ſchaden konnte. „Aber Du vernahmſt kein Wort von dem Platze, wo ſie die Waaren verſteckt haben?“ fragte Herr Ture, indem er ſich den Anſchein gab, als hätte er die letzte Andeutung nicht verſtanden. „Nein; doch das kann uns ja einerlei ſein, wenn wir die Zeit wiſſen, wann ſie eintreffen werden... Sie neh⸗ men wohl den Holmér an, Herr Lieutenant?“ „Das wird mir verdammt ſchwer; doch um ihn voll⸗ kommen ſicher zu machen, muß ich mich wohl dazu ver⸗ ſtehen.“ Nachdem noch einige Worte gewechſelt waren und Calle dem Zimmer ein noch dunkleres Anſehen gegeben 144 hatte, ging er hinaus, um mit ſeinem Cameraden zu plau⸗ dern, und mit dieſem zu überlegen, auf welche Weiſe ſie den Holmér entgegennehmen wollten. Unſer Patron, weit entfernt von der Vorſtellung, welche Macht der Jachtlieutenant ſelbſt in ſeiner jetzigen Lage in ſeinen Händen hatte, landete bald darauf bei Rößd, und fand es ganz paſſend, ſich höchlich verwundert zu ſtel⸗ len, als er die Zolljacht hier ſo abgetakelt liegen ſah, als beabſichtigte ſie zu überwintern. Auf dem Wege zu Frau Stroͤmſtén, bei welcher der Patron natürlicher Weiſe ſein Hauptquartier hatte, be⸗ gegnete er einem von den Rößöknechten— einem von denen, die den Jachtlieutenant durchgeprügelt hatten. Und auf ſeine Frage nach demſelben erfuhr Holmér, wenn auch nur in verdeckten Worten, hinlänglich, um zu fühlen, wie ſein Muth wenigſtens um ſieben Procent wuchs; und die⸗ ſer wuchs noch um andere ſieben Procent, da er bei ſeinem Eintritte in das Wohnzimmer den Schnüffler⸗Calle in gu⸗ ter Ruhe mit gekreuzten Beinen vor dem Ofen ſitzen und eine Jacke ausbeſſern, und den Olaus, ſeinen Cameraden, beim Ladentiſche mit einer Rolle Blättertaback in voller Arbeit ſah. Nachdem Holmér gegrüßt und nach der Wirthin gefragt hatte, die aber gerade nicht zu Hauſe war, ſo nahm auch er beim Ofen Platz, und begann mit den Jacht⸗ kerlen zu plaudern, welche ſehr niedergeſchlagen ausſahen. „Nun, Calle! Dank für letztens! Du hatteſt damals eine andere Miene aufgeſetzt... Ich bedaure, daß unſern ehrenwerthen Lieutenant ein ſo großes Unglück betroffen hat!“ „Vorgeſtern, Herr Patron! ja“— entgegnete Calle, indem er ſich ſtellte, als hätte er die letzte Hindeutung nicht gehö⸗ aufgeſetzt, danken ſa zum Vorf .„Sei einen gute ich bin ül „Nei ter Lohn erhalten l ſo unſchul ſie von de geboren iſ „So Vorſchein „Ich curat ſo a wahrer He Herr luſtig zu f nun!“ ſar wenn man wieder erh „Der ſein, wenn ich je wied dies in Zu nur ſo ban Huhn! D „geſchehen werden, h jammern Calle! ſoll lieutenant Der Einſ u plau⸗ Leiſe ſie ſtellung, jetzigen ei Roͤßö, zu ſtel⸗ ſah, als welcher atte, be⸗ nem von n. Und enn auch hlen, wie und die⸗ ei ſeinem le in gu⸗ ſtzen und meraden, in voller Wirthin war, ſo den Jacht⸗ ausſahen. ſt damals aß unſern betroffen ete Calle, bindeutung nicht gehört—„da hatten Sie ebenfalls eine andere Miene aufgeſetzt, und wenn ich ſo naſeweis ſein und meinen Ge⸗ danken ſagen dürfte, ſo würde ich mit einem Gleichniſſe zum Vorſchein kommen....“ „Sei ſo gut, mein Freund, und genire Dich nicht: einen guten Scherz nimmt kein verſtändiger Mann übel— ich bin uͤberzeugt, daß Du es nicht boͤſe meinſt!“ „Nein, behüte, Herr Patron! Das wäre ein ſchlech⸗ ter Lohn für alle gute Bewirthung, die ich auf Strand erhalten habe! Ich wollte nur ein Paar Worte ſagen, ſo unſchuldig, daß ſie nicht unſchuldiger ſein koͤnnten, wenn ſie von dem Kinde geſagt würden, das in der letzten Nacht geboren iſt.“ „So, Du Krabbe! womit willſt Du denn nun zum Vorſchein kommen?“ „Ich meine, Herr Patron, Sie ſahen vorgeſtern ac⸗ curat ſo aus wie ein Haſe; heute dagegen ganz wie ein wahrer Halmſtader Löwe!“ Herr Holmér beliebte dieſes Gleichniß ſelbſt ſehr luſtig zu finden und lachte aus Herzens Grunde.„Nun, nun!“ ſagte er,„wer wird wohl nicht zu einem Haſen, wenn man ſeine Waaren verliert?— Doch man muß ſich wieder erholen!“ „Der Herr Patron würden vielleicht nicht ſo munter ſein, wenn Sie mehr zu verlieren hätten!“ „Du biſt ein wahrer Menſchenkenner, mein lieber Calle! Der Jachtlieutenant hat ein P davor geſetzt, daß ich je wieder etwas zu verlieren bekomme. Sollte aber dies in Zukunft wirklich der Fall ſein, ſo würde ich nicht nur ſo bange ſein wie ein Haſe, ſondern wie ein wirkliches Huhn! Doch nun, ſo lange ich zu mir ſelbſt ſagen kann: „geſchehen iſt geſchehen, ärger als es iſt, kann es nicht werden, habe ich wieder Muth, denn ein Kerl darf nicht jammern und klagen wie ein altes Weib... Aber, hoͤre Calle! ſollte es mir wohl nicht erlaubt ſein, dem Jacht⸗ lieutenant mein Bedauern anzuzeigen? Gott ſoll mein Der Einſiedler ꝛc. III. 10 146 Zeuge ſein, daß ich nicht der Mann bin, der ſich uüͤber das Unglück eines Andern freut, wie ſchlimm es mir auch ſelbſt ergeht!“ „Ich glaube kaum, daß es ſich thun läßt— oder was meinſt Du, Olaus? Olaus gehörte zu den Leuten, die nicht gerne viele Worte machen, die aber dennoch verwahren, was ſie von Andern aufſchnappen koͤnnen. Auf der Zolljacht war er ſo ſicher wie Zehn; war aber Schlauheit und eine ſichere Handreichung zu Lande erforderlich, dann war Schnüffler⸗ Calle des Lieutenants Alles in Allem. Denn außer dem Umſtande, daß in Calle's Laune ein Verlangen lag, Leute zum Beſten zu haben und zu betrügen, ſetzte er auch ſeinen Stolz darein, ſich des Beinamens, den er durch ſeinen Dienſteifer erworben, würdig zu zeigen. „Nun, Olaus! hörſt Du nicht?— was meinſt Du?ℳ wiederholte er, da der Camerad ruhig, als hätte er nichts gehört, fortfuhr ſeinen Canaſter zu ſchneiden.„Glaubſt Du, wir dürfen es wagen, den Herrn Patron einzulaſſen?“ „Du biſt ja der Kammerdiener, kannſt alſo hinein⸗ gehen und nachhören! Doch glaube ich kaum, daß der Lieutenant Dir für die Mühe dankt!“ „Ja wohl, ja wohl! das könnte wahr werden— und Sie werden wohl für heute Ihr Wohlwollen fahren laſ⸗ ſen müſſen, beſter Herr Patron!“ „Gott verhüte, daß es ſo ſchlimm ſein ſollte, und ich Zeit hätte, noch öfter wiederzukommen!“ „Calle antwortete nicht, wiegte aber bedenklich mit dem Kopfe und wechſelte einen geheimnißvollen Blick mit Olaus, einen Blick, den Holmér als eine Erklärung deu⸗ ten zu können meinte, daß es ſchlimm genug wäre, und nicht ſo ſchnell vorübergehen würde. „ „Ich hoffe“— das Herz des Herrn Holmér ſchlug voll der ſeligſten Hoffnungen—„ich hoffe, es wird mit des Höchſten Hülfe keine Lebensgefahr da ſein 24 „Und ich hoffe,“ fiel Calle mit einem gut geſpielten A Verdr Hier Lieute Holme ſchlech ſeiner Zeiche Bitte, ſehen welche ben m mér 3 greifen mer g Vertra nant ſ was d ein U haſt d und d genau ſann Binde gelbe ein hu über das nuch ſelbſt — oder * erne viele 1s ſie von t war er ine ſichere Schnüffler⸗ nußer dem lag, Leute auch ſeinen urch ſeinen einſt Du?“ e er nichts „Glaubſt zzulaſſen?“ lſo hinein⸗ , daß der den— und fahren laſ⸗ lte, und ich denklich mit n Blick mit klärung deu⸗ d wäre, und olmér ſchlug es wird mit 24 zut geſpielten 147 Verdruſſe ein,„daß kein Menſch dergleichen geſagt hat! Hier iſt gewiß keine Gefahr vorhanden, nein, behüte! Der Lieutenant iſt munter wie eine Plötze!“ „Freut mich, mein Freund; freut mich aufrichtig!“ Holmér war jetzt überzeugt, daß der Lieutenant ſich weit ſchlechter befände, als es heißen ſollte. Um aber doch ſeiner Tochter mit vollkommener Sicherheit das verabredete Zeichen geben zu konnen, erneuerte er noch einmal ſeine Bitte, um auf einige Augenblicke ſeinen guten Freund ſehen zu dürfen, den er als Menſchen ſtets hochſchätzte, welche Art von Affairen ſie auch mit einander gehabt ha⸗ ben möchten. Endlich ließ ſich Schnüffler⸗Calle überreden, hinein⸗ zugehen, und kam zurück mit der Antwort, der Lieutenant fänden dieſen Beſuch von Seiten des Herrn Patrons ſo freundſchaftlich, daß er es nicht abſchlagen koͤnnte, ihn an⸗ zunehmen. „Ja, ich bin ein Kerl, ſie zu belauern!“ ſagte Hol⸗ mér zu ſich ſelbſt, indem er vergnügt ſich um das Kinn greifend auf den Zehen hinter Calle in das Krankenzim⸗ mer ging. Als ſie an der Thür ſtanden, flüſterte dieſer:„Im Vertrauen geſagt, Herr Patron! es ſteht mit dem Lieute⸗ nant ſchlechter, als er ſelbſt glaubt! Wir werden ja hören, was der Doktor ſagt— er kommt heute Abend: es war ein Unglück, daß ich ihn nicht gleich mitbringen konnte.“ „Alle Wetter! biſt Du in der Stadt geweſen und haſt den Doctor holen wollen?“ „Ja wohl! Aber ich erhielt nur ſeine Vorſchriften, und dieſe befolge ich, der ich dem Lieutenant aufwarte, ſo genau, daß, wenn es Gottes Wille iſt....“ Calle be⸗ ſann ſich und oͤffnete leiſe die Thür. Herr Ture hatte jetzt um die Stirne eine breite Binde gebunden, und dieſe gab ihm als Einfaſſung des gelben Augenliedes, der Schrammen und des blauen Fleckes ein höchſt bedenkliches Ausſehen. Er lag ſo lang er war 148 unbeweglich im Bette, und ſchien nur mit der äußerſten Anſtrengung den Kopf ein wenig wenden zu koͤnnen, zum Zeichen, daß er ſeinen guten Freund erkannte und be⸗ grüßte. Herr Holmér, der mit Ture Gran verglichen nur ein ſehr kleiner Schelm war, erſchrak bei dieſem Anblicke ſo, daß er trotz der Freude, ſeine höchſten Hoffnungen über⸗ troffen zu ſehen, in dem erſten Augenblicke ſeinen gewöhn⸗ lichen Wortvorrath vergaß. „Treten Sie näher, Herr Patron!“ ſagte der Jacht⸗ lieutenant mit ſchwacher Stimme.„Es war freundſchaft⸗ lich und ehrenwerth, daß Sie.... O, die Canaillen, die Schurken!... ich kann nicht mehr!....“ Beamten zu rächen.„Gott verdamme die nichtswürdigen Schurken! Mein beſter Herr Lieutenant! ich bin ſo gerührt und ſo betrübt, daß ich meinen Aerger unmöglich aus⸗ ſprechen kann; doch er iſt groß, das iſt er— ja gewiß, haben!“ „Nein, Herr Lieutenant! beſſer iſt ſie erzogen. Als ſie das Unglück erfuhr, ſo rief ſie aus:„Mein Gott, lie⸗ ber Vater! dieſe Nacht kann ich kein Auge zuthun! der arme Jachtlieutenant!— zwar iſt er ſtreng gegen uns geweſen; doch das geſchah in einem gerechten Zorne, den ihm kein Menſch zu verdenken das Recht hat!“ „Sagte ſie das wirklich?“ rief Gran etwas zu heftig aus. Doch gleich darauf fuhr er langſamer fort: O, was muß i wenn ... ich we 5 4 wenn und de die er er vor⸗ nant z „Sch⸗¹ gen W ℳ nant! wieder . b äußerſten nen, zum und be⸗ nur ein ablicke ſo, gen über⸗ gewöhn⸗ er Jacht⸗ undſchaft⸗ Lanaillen, einheilig, e ſegnete, verhaßten würdigen gerührt lich aus⸗ jn gewiß, uten Fuße .. ach, wir nicht f! meine demoiſelle ick gelacht gen. Als Gott, lie⸗ hun! der gegen uns orne, den zu heftig : O, was N 14 149 muß ich leiden!...Dieſes Mädchen— ja, Herr Patron! wenn ich nur den geringſten Schimmer von Hoffnung hätte ... Aber ich habe Fieber... mein Gehirn brennt... ich weiß nicht, was ich ſage!“ Holmér, welcher fürchtete, er möchte übel ankommen, wenn über dieſen Gegenſtand noch mehr verhandelt würde, und der überdies keine größere Gewißheit verlangte, als die er ſchon gewonnen hatte, nahm jetzt Abſchied, indem er vorgab, daß er es nicht länger wagte, den Herrn Lieute⸗ nant zu beläſtigen. „Kommen Sie ja recht bald wieder!“ bat Herr Ture. „Ich komme wohl nicht ohne eine Quarantaine von eini⸗ gen Wochen wieder hinaus.“ „Das werde ich gewiß thun, mein beſter Herr Lieute⸗ nant! Recht bald werde ich die Ehre und Freude haben, wieder zu kommen!“ „Ja, Du Fuchs! Du biſt bald genug in der Falle!“ murmelte der triumphirende Zollbeamte, als ſein Gaſt ſich mit vielen Verbeugungen entfernt hatte. In einer ſo guten Laune, daß er kaum wußte, wann er ſo froh geweſen, ſetzte Herr Holmér ſich in ſein Boot und ruderte nach Hauſe zurück. Unterweges beluſtigte er ſich damit, in Gedanken die Freude durchzumachen, die er empfinden würde, wenn er ſeiner Tochter eine Erzählung über ſeinen Beſuch auf Rößö mittheilen und ſo denſelben noch einmal erleben koͤnnte. „Jetzt zum T— l mit allen Krämpfen!“ rief der Jachtlieutenant aus, als Calle von der Landungsſtelle zu⸗ rückfam, bis wohin er den ſo übel angeführten Mann be⸗ gleitet hatte.„Zwar bin ich wie zerſchlagen in allen Gliedern und hätte weit mehr Luſt, im Bette zu liegen und zu ſchreien, als mich hinauszubegeben und Strapazen zu erleiden; aber warte, warte!... die Canaillen auf Rößö kommen nach in der Ordnung: die Angelegenheiten der Krone gehen vor den eigenen.. Gib mir die Klei⸗ der, ſo werdr ich verſuchen!“ 150 Und geſtützt auf Calle's Arm wanderte der Jacht⸗ lieutenant im Zimmer auf und ab, bis er ſo allmälig die Füße in ſeine Gewalt bekam und wie er ſagte, ſich gegen den Schmerz hart gemacht hatte. Langſam wurde die Toilette vollendet, und endlich ſtand er in einer ein⸗ fachen Seemannstracht mit dem Südfheſt tief in das Ge⸗ ſicht gedrückt— letzteres jedoch nur zur Probe; denn noch waren einige Stunden übrig, ehe es Zeit war.. Calle holte das Eſſen für den Mittag, und verkün⸗ digte darauf, der Lieutenant wollte ſchlafen; und damit keine Seele zu ihm kommen koöͤnnte— der Lieutenant war durch den Beſuch des Herrn Holmér allzu ſehr angegrif⸗ fen worden— ſteckte Calle, der bei dem Doktor für ſeinen Herrn verantwortlich war, den Schlüſſel in die Taſche. In der Dämmerung trat er von neuem in das Zim⸗ mer, und war jetzt eben ſo gekleidet, wie ſein Herr. Und nachdem die Uniform eingelegt und verborgen war, um dem unbedeutenden Seemanne zu ſeiner Zeit die ganze Wichtigkeit ertheilen zu können, welche eine veränderte Rolle fordern konnte, ſchlichen ſich beide zur Hinterthür hinaus, ſetzten ſich in ein Boot, das Calle ohne Mitwiſſen des Beſitzers geborgt hatte, und unter guten Wünſchen von Olaus, der zurückbleiben ſollte, um die Zolljacht zu bewachen und jeden Verdacht abzulenken, ſtießen ſie ohne Geräuſch ab, ohne daß irgend jemand auf der Inſel ihr Vorhaben bemerkt hatte oder etwas anderes ahnte, als daß der Jachtlieutenant in ſeinem weichen Bette ruhte. un lieutena mit kar ſelben S den Lic daß der die Kn. Gehörs men, ſ blickte Vaters niß daß ihr zu, noch zu wenn Arbeit Ahnun zurückg ja ſo zeichen einen resgru haben. Stim ja zu uns n ſund den§ 151 — Jacht⸗ lmälig 2, ſich S te wud Sechstes Kapitel. er ein⸗ Ungefähr eine Stunde ſpäter, da das Boot des Jacht⸗ s Ge⸗ lieutenants an dem Moßholme vorbei geglitten war, nahte in noch mit kaum hörbaren Ruderſchlägen ein anderes. In dem⸗ 9. ſelben ſaß Fanny. verkün⸗ Schon lange hatte das Signal des Vaters(die bei⸗ damit den Lichter in dem linken Dachkammerfenſter) angezeigt, nt war daß der Weg frei war. Und da nun weder Fanny, noch gegrif⸗ die Knechte, trotz aller auf das Aeußerſte angeſtrengten ſeinen Gehörs⸗ und Geſichtsorgane etwas Verdächtiges vernah⸗ ſche. men, ſo wurde die Landung beſchloſſen. s Zim⸗ Noch einmal, ehe die Steine hinweggewälzt wurden, . Und blickte ſie mit beklemmtem Herzen auf das Haus ihres r, um Vaters. Die klare Flamme der Lichter, welche ein Zeug⸗ 2 ganze niß davon ablegten, daß ſie fleißig geputzt wurden, winkte känderte ihr zu, ſie ſollte glauben, hoffen und ſich beeilen; und den⸗ tterthür noch zögerte ſie in unentſchloſſener Spannung. Immer, eitwiſſen 3 wenn ſie den Knechten den Befehl ertheilen wollte, die sünſchen Arbeit zu beginnen, wurde ſie von einer unruhigen innern jacht zu Ahnung, einer furchtbaren, immer hoͤher ſteigenden Angſt ſie ohne zurückgehalten. Wenn die ganze Sache mißlang, ſo ſtand nſel ihr ja ſo vieles auf dem Spiele! Trotz aller glücklichen Vor⸗ te, als zeichen würde ſie noch, wenn es nur nicht ihrem Vater uhte. einen ſo unendlichen Kummer verurſacht hätte, dem Mee⸗ resgrunde die Schuld ſo großer Bekümmerniſſe anvertraut haben. H⅝„Liebe Mamſell!“ begann jetzt Berndi mit einer Stimme, welche anzeigte, daß ſie ſich ſchon lange genug, ja zu lange aufgehalten hätten,„ich glaube, wir machen uns nun an das Werk; denn weder kann es für Sie ge⸗ ſund ſein, hier in der Kälte zu ſtehen, noch kann es für den Herrn Patron nützlich ſein, daß das Boot hier ſo 15² lange liegen bleibt: wenn jemand vorbeiführe, ſo ſähe es verdächtig aus.“ Fanny wendete ihr bleiches Geſicht von der Seite, wo Strand lag, hinweg nach der Höhle, welche die Waa⸗ ren verbarg.„Nun, ſo nehmt denn!“ ſagte ſie; doch bei dieſem Befehle konnte ſie einen tiefen Seufzer unmöglich unterdrücken. Die Leute machten ſich hurtig an die Arbeit, und nach Verlauf einer Viertelſtunde lagen die Säcke im Boote, welches jetzt ſich eilfertig nach Hauſe wendete. Es lag eine düſtere und unheimliche Farbe über die⸗ ſem nächtlichen Herbſtgemälde. Die graugrünen Wogen wälzten ſich ſchläfrig hin und her und verkündigten in einem eintönigen, ſchleppenden Takte, daß ſie nach dem letzten Tanze mit dem Sturme ſich gewiſſer Maßen ausruhten. Die kleinen, ſchwarzen Scheren mit ihren hie und da umher geſtreuten weißen Steinen erſchienen Fanny, die an dem Steuerruder weh⸗ müthig ſaß und in das Weite hinaus blickte, wie eine ganze Maſſe feſtgebundener Sargdeckel, auf denen die Schatten der Ertrunkenen zur Mitternachtzeit umher reiten ſollten. Die Rieſenſchatten der Berge bildeten die Dra⸗ pirungen der großen Trauerkammer, deren einzige ange⸗ zündete Lampe der Mond war; und den Grabgeſang ſtimm⸗ ten einige in der Einſamkeit klagende Seevögel an, welche pfeilgeſchwind dahin eilten, und bisweilen ihre Schwingen gegen den ſchwankenden Fußboden ſchlugen.... „Seht Ihr den Vater nicht? Ich kann ihn nicht entdecken!“ ſagte Fanny, indem ſie endlich ihre Träume fahren ließ und einen langen, ſpahenden Blick auf die dunkle Landungsbrücke warf. „Er hat wohl das Boot noch nicht gehoͤrt. Aber er kommt gewiß ſogleich', denn er pflegt ſich nicht lange im Hauſe aufzuhalten, wenn dergleichen vorgenommen wird, wie jetzt; das weiß ich!“ erklärte Swen. „Iſt er nicht dort hinter dem Viehhofe?“ fiel Berndt — ein, und ten eine el dort kon Fa merkſam Winkel ohne ſich ihrem 2 ſchweige Viehhofe Do hoͤrbarke Als war, ſo dungspla längs de Felſenvo Kluft ei hinter u der Stei „H ſelbſt wi Mamſell hätte mi die Güte „Wohin ſähe es Seite, e Waa⸗ doch bei möglich t, und icke im ete. der die⸗ hin und ppenden Sturme zwarzen weißen er weh⸗ bie eine ien die r reiten e Dra⸗ e ange⸗ ſtimm⸗ welche jwingen n nicht Träume auf die Aber ſt lange ommen Berndt 153 ein, und deutete nach der Gegend hin, wo er den Schat⸗ ten eines Menſchen geſehen zu haben glaubte. „Uh, Du Seekatze! was haſt Du für Augen?— dort kommt der Patron ja die Treppe herabgelaufen!“ Fanny war ſchon an das Land geſprungen; und auf⸗ merkſam auf Berndt's Wort, von jedem hervorſtehenden Winkel der kleinen Gebäude eine Gefahr ahnend, eilte ſie, ohne ſich einen Augenblick zu beſinnen über den Hof, an ihrem Vater vorbei, dem ſie ein Zeichen gab, er moͤchte ſchweigen, und ſtand nach einigen Sekunden auf dem Viehhofe. Doch hier war keine Spur von einem Menſchen zu ſehen. Sie unterſuchte mit eigenſinniger Genauigkeit den Platz rund umher. Alles war ſtill wie das Grab. Sie flog zurück. Als aber der Laut von Fanny's Schritten erſtorben war, ſo wurde die Luke, welche über der einen Wand des Viehhauſes auf den Heuboden führte, leiſe geöffnet und ein Koͤrper, deſſen Bewegungen geſchmeidiger waren, als die eines Aales, glitt mit bewunderungswürdiger Un⸗ hörbarkeit durch die Luke heraus. Als der ſpionirende Schnüffler⸗Calle herabgekommen war, ſo lauſchte er in gebückter Stellung nach dem Lan⸗ dungsplatze hin, und kroch dann auf Handen und Füßen längs der Wand hinweg, bis er zwiſchen den ſchlängelnden Felſenvorſprüngen verſchwand, wo er ſich endlich in eine Kluft einkeilte und ſich dort einem großen Steine näherte, hinter welchem etwas zuſammengerollt, unbeweglich wie der Stein ſelbſt lag. „Herr Lieutenant!“ flüſterte Calle, indem er ſich ſelbſt wie ein Knäuel zuſammenrollte, nun ſind ſie da! Mamſell Fanny hat einen verdammt feinen Geruch und hätte mich beinahe entdeckt— ſie iſt hingeweſen und hat die Güter geholt.“ „Schoͤn, ſchön!“ ſagte der Lieutenant eben ſo leiſe. „Wohin begaben ſie ſich?“ 154 „Ich wagte nicht ſo lange zu verziehen, bis ich es ſehen konnte; aber es war mir, als wenn die Thür der Seebude knarrte. Und ſo dachte ich auch, ich wüßte nun genug, um die Schmerzen des Herrn Lieutenant zu lin⸗ dern— ich hoffe, ſie ſind in dieſer Lage nicht allzu groß?“ „O nein,“ erwiederte Herr. Ture, der es unter ſeiner Würde hielt, den groben Scherz zu verſtehen,„ich fühle kaum die geringſte Steifheit in meinen Gliedern! Eine ſolche Rache, wie wir jetzt nehmen, kann jedes Uebel hei⸗ len.“ Bei dieſen Worten aber hätte er gern vor Schmerz laut aufgeſchrien, da er gezwungen war, die peinigende Lage ein wenig zu verändern. „Wie viel kann wohl auf meinen Antheil kommen, Herr Lieutenant?“ „Das läßt ſich unmöglich beſtimmen, gewiß aber wird es ſo viel, daß Du noch nie ein ſolches Glück ge⸗ macht haſt, und es dauert auch wohl noch ein wenig, ehe uns wieder ein ſolcher Fang in die Hände läuft.... Pſt... man kommt!“ Und unbeweglich wie die Felſen, lagen der Jachtlieu⸗ tenant und ſein dienſtbarer Geiſt. Stimmen und Schritte näherten ſich. „Du biſt heute Abend ganz kollerig, mein Kind!“ ſagte Holmér's Stimme.„Wie oft ſoll ich Dir ſagen, daß der zerpeitſchte Schurke kein Glied rühren, und alſo noch weniger auf den Heuboden hinauf entern kann— Du kleines Närrchen!... Ha, ha, ha! ich ſtrich ihnen den Bart, ich! Ich bin ein Mann, der da weiß, was er thut: Herr Ture iſt meiner Seel' nicht der erſte Fuchs, den ich belauert habe; ſogar dieſer Schnüffler⸗Calle, der ärgſte von der ganzen Sippſchaft, läßt die Ohren hangen, wenn ich ihm couche! zurufe.“ („Du verdammte Kröte, Du wirſt Dich bald weni⸗ ger aufblaſen!“ murmelte Calle, und biß in den Stein, um nicht allzu früh zu lachen.) P De worden, Jachtlier fort, bis fand.„ begleitete Heubode und geh Die Viehfutt hatte mi daß jeder haben kö worden Do Holmér etwas, die hoͤchf Krone 2 „Se jeden W die Thür „Ne dem Sch Dein Ko „Ja die Güte See zu Furcht u „He Holmér, vergißt A „Ge wiß in O dieſer Se „Re ich es är der te nun zu lin⸗ allzu ſeiner ) fühle Eine del hei⸗ Schmerz nigende ommen, iß aber lück ge⸗ nig, ehe ... hangen, ld weni⸗ Stein, „ 15⁵ Der aufgeblaſene Kaufmann war jetzt ſo ſicher ge⸗ worden, wie in ſeinen erſten Freundſ ſchaftstagen mit dem Jachtlieutenant, und fuhr daher immer in gleichem Tone fort, bis ſie vor der Wand ſtanden, wo die Luke ſich be⸗ fand.„Berndt!“ ſagte er jetzt zu dem Knechte, der ſie begleitete,„die Mamſell will eine kleine Luſtreiſe auf den Heuboden machen— ſetze die Leiter an, nimm die Laterne und geh voran!“ Dieſer Raum, in welchem nur ein kleiner Theil des Viehfutters verwahrt wurde, war bald durchſucht: Berndt hatte mit ſeinen ſtarken Armen jeden Halm ſo zerklemmt, daß jedes lebendige Weſen, das ſich etwa dort verborgen haben koͤnnte, bei der erſten Umarmung ſicherlich erdrückt worden wäre. Doch kein Menſch war zu finden. Und lachend rief Holmér aus, als Fanny herunterſtieg:„Fandeſt Du etwas, mein Kind? Vielleicht legteſt Du Beſchlag auf die hoͤchſtbetrauten Wölfe der koͤniglichen Majeſtät und der Krone 2 „Scherze nicht, Vater! laß uns lieber jede Ecke und jeden Winkel durchſuchen! Und,“ flüſterte ſie leiſe,,„halte die Thür nach der See hin offen, im Fall. „Nein, nun kann es meiner Seel' genug ſein mit dem Scherze! Geh, Mädchen und lege Dich zu Bette! Dein Kopf iſt nicht ſo gut und ſtark, wie ich glaubte!“ „Ja, Vater, er iſt vollkommen gut; und der Rath, die Güter bei dem geringſten Schein von Gefahr in die See zu werfen iſt ebenfalls gut. War letzthin meine Furcht unrichtig? kannſt Du nicht...“ „Heute bekomme ich wohl kein Abenvbrobe, ſchalt Holmér, ganz von ſeinem Schickſale bemeiſtert.„Du vergißt Alles über Deinen Grillen!“ „Gewiß nicht, lieber Vater! Liſa hat das Eſſen ge⸗ wiß in Ordnung. Aber ich gehe nicht hinein, ehe ich an dieſer Seite den Hohlweg durchſucht habe!“ „Recht gerne, wenn es Dir auf Deine eigene Hand 1566 1. Vergnügen macht! Berndt aber muß jetzt mit mir zurück Co in die Seebude— wir haben dort noch ſo vieles in Ord⸗ über un nung zu ſtellen: ich will die Ballen zählen und ſortiren!“ nen ſchi Und ohne ſich an Fanny's Bitten zu kehren, ging er mit kunft d Berndt und der Laterne nach der Seebude.*⁴△ füllung Ein Paar Augenblicke ſtand Fanny unſchlüſſig da, könnte. ob ſie eine andere Laterne holen und ſich allein wieder zählen, hinausbegeben ſollte. Als ſie jedoch bedachte, wie ſchreck⸗ wenn a lich es ſein würde, wenn ſie ſo ganz ohne Schutz dem belegt ſchändlichen Gran in die Hände geriethe, ſo gab ſie ihren Verſtand Vorſatz auf, und ging langſam in das Haus. nant i „Sie werden doch wohl nimmermehr das Boot ent⸗ den gröf decken, wenn ſie ſich hinausbegeben und ſpähen?“ flüſterte Ca der Jachtlieutenant und athmete wieder. wandert „Das mag der T—l entdecken: ſo weit von hier nicht hät entfernt, als wir landeten, gehen ſie nicht— und noch dazu zog ich es ſo gut unter den Berg und warf ſo viel Seetang darüber, daß ſie es nie aufſchnüffeln.... Sonſt aber moͤchte ich ergebenſt fragen, Herr Lieutenant, ob Sie nicht meinen, wir koͤnnten uns jetzt über ſie herwerfen, Es während ſie bei der Arbeit ſind? Kommt dieſer kleine In Satan— ich meine die Mamſell Fanny— wieder, ſo Ern werfen ſie ganz gewiß augenblicklich, wenn ſie nur den ſich Holn erſten Schritt von uns hoͤren(und ſie hört gewiß, wenn fen. Ab wir auch gingen wie die Katzen) die ganze Herrlichkeit in lauſchte die See!“ Augenblie „Taugt nicht!“ war Herr Ture's entſcheidende Antwort. ſucht und „Wir wollen auch nicht den geringſten Gewinn aus den Händ Noch den laſſen: wenn der Fuhrmann gekommen und die Güter Unruhe aufgeladen ſind, dann erſt iſt es Zeit zu handeln!“. hatten ue „Wenn wir aber bis dahin entdeckt werden, ſo Adieu ſein Bild mit dem ganzen Schmauſe!“ ches ſie „Sei Du ruhig: ich thue nichts, ohne es zu über⸗ habt, he legen. Doch um allen Ereigniſſen zuvor zu kommen, wol⸗„ d dungekraf len wir uns näher an den Fahrweg ziehen und uns dort t Die hinter den Steinhaufen verſtecken!“„ dienende zurück 1 Ord⸗ tiren!“ er mit ig da, wieder ſchreck⸗ itz dem e ihren dot ent⸗ flüſterte on hier nd noch ſo viel Sonſt ob Sie ☛ 157 Calle verſchluckte etwas, das faſt wie eine Klage über unnothiges Zaudern klang, ſo wie er auch zu mei⸗ nen ſchien, daß wohl noch andere Gründe, als die An⸗ kunft des Fuhrmannes ſeinen Vorgeſetzten von der Er⸗ füllung ſeiner Pflicht abhielten, welche ſchon erfüllt ſein könnte. Zwar konnte Calle an ſeinen fünf Fingern ab⸗ zählen, daß ihnen ein vermehrter Gewinn zufallen würde, wenn auch Pferde, Wagen und Zubehoͤr mit Beſchlag belegt würden; aber dennoch wollte es ſeinem klaren Verſtande als ungereimt erſcheinen, daß der Jachtlieute⸗ nant wegen dieſes vergleichsweiſe geringen Vortheiles den größten auf's Spiel ſetzte. Calle war zu ſchlau und dazu auch allzu ſehr be⸗ wandert in den Plänen ſeines Vorgeſetzten, als daß er nicht hätte richtig rathen ſollen. Es wurde zehn Uhr. In der Seebude hielten die beiden Knechte Wache. Ermüdet von den Anſtrengungen des Abends hatte ſich Holmér in der Ladenkammer auf den Sopha gewor⸗ fen. Aber Fanny ging in ihrem Zimmer auf und ab, lauſchte unaufhoͤrlich auf jedes Geräuſch, und ſah dem Augenblicke, da Rasmusſon kommen ſollte, mit Sehn⸗ ſucht und Furcht entgegen. Noch nie in ihrem ganzen Leben hatte ſie eine ſolche Unruhe gefühlt, wie an dieſem Abende. Ihre Gedanken hatten nicht einmal für Georg Raum, ſo lebhaft auch ſein Bild vor einigen Stunden durch das Geſpräch, wel⸗ ches ſie auf der Johannis⸗Klippe mit ſeinem Vater ge⸗ habt, hervorgerufen worden war. Jetzt rief ihre Einbil⸗ dungskraft lauter düſtere Bilder hervor. Die Uhr ſchlug ein Viertel auf elf. Das ganze dienende Perſonal des Hauſes, mit Ausnahme der Ein⸗ 158 geweihten, war ſchon zu Bette gegangen; und noch im⸗ mer war nichts von Rasmusſon zu hören. Erſt da es beinahe halb elf war, ſo vernahm man endlich das Geräuſch von einem ſchleppenden Rade. Fanny flog in die Ladenkammer und weckte ihren Vater. „Siehſt Du nun wohl, daß ich Recht hatte? Wenn der Jachtlieutenant die Abſicht gehabt hätte, mir zu fol⸗ gen, würde er dann wohl ſo lange gewartet haben?“ „Lieber Vater, beeile Dich mit dem Aufladen, ſo daß Rasmusſon ſchnell von hier wegkommt!“ „Ja ja, das weiß ich vorher... Gib mir die Branntweinflaſche, ſo daß ich ihm und den Knechten einen Schnapps geben kann!... Steckteſt Du mir auch ein Paar Zwiebacke in die Rocktaſche?“ „Alles in Ordnung, Vater!“ „Sol ſei nun ruhig und lege Dich— ich frachte mich ſchon ſelbſt!“. Holmér eilte die Treppe hinab und hieß Rasmusſon willkommen.... Dicht hinter dem Wagen des Frachtbauers hatte ſich inzwiſchen der Jachtlieutenant und Schnüffler⸗Calle an ihren vorigen Verſteck zurückgeſchlichen. Als ſie jedoch von dort ſahen, wie Holmér mit ſeinem Agenten in den Thüren der Seebude verſchwand, ſo ſchritten ſie leiſe und auf Umwegen dem Hauſe näher. „Hier hältſt Du Wache!“ befahl der Lieutenant, in⸗ dem er auf den vortrefflichen Platz zwiſchen einem Hau⸗ fen alter leerer Biertonnen zeigte, die neben der hervor⸗ ſpringenden Kellerthür aufgeſtapelt waren.„Hörſt Du nichts von mir, ſo hältſt Du Dich ſtill bis ich ſelbſt auftrete. Wenn ich aber, nachdem die Waaren aufge⸗ packt ſind, laut pfeife, ſo ſpringſt Du vor, und biſt ver⸗ antwortlich für die Waaren, bis ich ſelbſt komme!“ Nachdem Herr Ture dieſe Worte zu Calle geſagt hatte, auf deſſen dicken Lippen ein Lächeln ſchwebte und zu ſagen ſchien:„ahnte ich das nicht!“ ſo zog er mit. Verſtec Fanny' F lauſchte um. A und ſe gewahr tobten niſch ſ ten 9½ noch k 9 feſt; vergehe und ſi ſuchte. Kraft ſchnell Hand war i och im⸗ m man Fanny Wenn zu fol⸗ n2⸗ den,-ſo mir die en einen auch ein frachte smusſon rs hatte ler⸗Calle ſie jedoch n in den leiſe und nant, in⸗ em Hau⸗ r hervor⸗ Hoͤrſt Du ich ſelbſt en aufge⸗ biſt ver⸗ ne!“ lle geſagt webte und og er mit 159 der größten Mühe die Uniform an und glitt nun längs der Wand hin, bis er die Treppe erreichte; jetzt ſchlich er ſich hinauf und nahm in einem kleinen Verſchlage Quartier, woſelbſt er nahe daran war, unter lauter Kübeln und andern Klappereien Haverie zu machen. Von dieſem Platze, weicher dicht oberhalb der Treppe lag, konnte er, indem er die Thür ein wenig offen hielt, ſehr gut ſehen, wie die Leute anfingen die Ballen aufzu⸗ laden. Endlich vernahm er Holmérs Stimme, welche mit einer Art von Scherz ſagte:„So, Kinder! nun zu den richtigen Waaren! Ihr verſteht ja, wir haben wei⸗ ter nichts auf den Wagen gepackt, als nur Fiſche!“ In dieſem Augenblicke verließ der Lieutenant ſeinen Verſteck und war mit einigen Sätzen in der Thür zu Fanny's Zimmer, welche er leiſe öffnete. Fanny, welche noch immer am Fenſter ſtand und lauſchte— ſehen konnte ſie nicht— wendete ſich ſchnell um. Als ſie aber im Lichtſcheine den Ture Gran ſelbſt und ſein fürchterlich unheimliches und entſtelltes Geſicht gewahrte, auf welchem jetzt die wildeſten Leidenſchaften tobten, da ergriff ſie ein ſolcher Abſcheu, daß ſie mecha⸗ niſch ſeinen mit einer drohenden Geberde begleiteten Wor⸗ ten gehorchte:„Keinen Laut! da iſt alles verloren— noch kann Holmér gerettet werden!“ Mit krampfhafter Stärke hielt ſie ſich am Tiſche feſt; ſie ſchauderte, ſie zitterte, ſie glaubte vor Schrecken vergehen zu müſſen, als er ihr Schritt für Schritt mahte und ſie endlich mit ſeinem Arme kühn an ſich zu ziehen ſuchte. Jetzt aber erwachte ihr ganzer Muth und all ihre Kraft: ſie ſtieß ihn heftig zurück und war mit einem ſchnellen Sprunge an der Thuͤr. Doch wieder hatte ſeine Hand ihr Kleid ergriffen. Da ſtand Fanny aus eigenem Antriebe ſtill. Sie war überzeugt, daß ſie durch Schreien nichts gewinnen 160 würde; denn daß ſeine Handlanger unten warteten, war an ſich ſelbſt klar. „Was ſucht der Lieutenant hier oben?“ fragte ſie mit einer Stimme, welche ſie ſo feſt wie möglich zu ma⸗ chen ſuchte. 4 „Ich ſuche, was ich gefunden habe!“ antwortete er mit roher Heftigkeit.„Und, Mademoiſelle Holmér! wollen Sie Ihren Vater retten, ſo läßt ſich das noch jetzt thun: aber ſchon um ein Paar Minuten iſt es zu ſpät. Werden Sie die Meine— und die Waaren gehen ruhig ab! Sonſt... meine Leute liegen ſchon im Hinterhalt; und Sie wiſſen wohl, Holmér verliert nicht nur ſein ganzes Vermögen, ſondern auch...“ „Das kann nicht helfen!“ ſtammelte Fanny von ihrem Schmerz überwältigt.„Ich kann uns nicht retten!“ „Fanny, Fanny!“ rief er nun aus, und gab ganz den ungezügelten Begierden ſeiner wilden Liebe nach; „Fanny! ich habe es nie gewagt, mit Dir von meinen Gefühlen zu reden; doch nun thue ich's: nun trotze ich Deinen kalten Blicken, Deinen kalten Worten! Du mußt ja einſehen koͤnnen, daß ich Dein Beſtes will, daß ich Dich über alles auf Erden liebe, da ich um deinetwillen das faſt Unmoͤgliche wagen will, die Kettenhunde zu be⸗ ruhigen, die draußen liegen und nach Raub lechzen! Ich bin nicht grauſam... ich liebe Dich, koͤnnte für Dich ſterben: ich frage nichts nach Deinem Vermögen, nur Dich will ich Dich— Dich!“ Er beugte ſich immer näher zu ihr herab. Sein Kopf wollte ſich an ihre Bruſt ſchmiegen. 2 Da bekam ſie Luft, da fragte ſie nicht mehr nach dem Gewinn oder dem Verluſt, den ſie durch ihr Schwei⸗ gen haben koͤnnte: ſie ſchrie ſo laut auf, daß es durch das ganze Haus ſchallte und alle Schläfer erweckte. In demſelben Augenblicke öffnete der Jachtlieutenant die Thür und pfiff ſo laut und gellend, daß der Ton aus einer Jagdpfeife nicht ſtärker ſein konnte. — 7 haben nen kü die T Hand ſo hef der kö auf L. Stimn komme T Laterne als er des J Calle l Thiere den Kn Knechte Boden den Au die aus O der Sch ſtürzte u Hof 31 ſich in einregiß De en, war agte ſie zu ma⸗ ortete er Holmér! das noch ſt es zu en gehen chon im iert nicht unny von retten!“ gab ganz e nach; n meinen trotze ich Du mußt daß ich inetwillen de zu be⸗ zzen! Ich für Dich gen, nur eugte ſich te ſich an mehr nach r Schwei⸗ es durch eckte. ſtlieutenant r Ton aus 161 * „Wahnſinnige! Du wirſt Zeit genug zur Reue haben!“ war ſein letztes Wort. Und nun fühlte er kei⸗ nen körperlichen Schmerz länger, ſondern ſtürzte hinaus, die Treppe hinab, über den Hof und ſchlug mit der Hand ſo heftig auf das Fuhrwerk, daß dieſes faſt eben ſo heftig zitterte, wie Holmérs Zähne.„Im Namen der königlichen Majeſtät und der Krone lege ich Beſchlag auf Ladung und Frachtgeräth!“ donnerte er mit einer Stimme, welche die vier handelnden Perſonen in voll⸗ kommene Bildſäulen verwandelte. Der ſchlaftrunkene Ladendiener, welcher mit einer Laterne gelaufen kam, taumelte mehre Schritte zurück, als er die ſtumme Gruppe erblickte. Noch lag die Hand des Jachtlieutenants auf der Wagenleiter; Schnüffler⸗ Calle hatte die Pferde beim Zügel ergriffen und hielt die Thiere unbeweglich ſtill; der Frachtbauer läg halb auf den Knien und hielt ſich an dem einen Rade feſt; die Knechte gafften; aber der Patron Holmér ſelbſt war zu Boden geſunken: er lag da, gefallen vor den Blitzen aus den Augen des Jachtlieutenants, vor den Donnerwortel die aus ſeinem Munde gegangen waren. Oben ſaß Fanny bleich wie die Trauer, ſtumm wie der Schmerz... doch plötzlich zur Beſinnung erwachend, ſtürzte auch ſie hinunter in den Hof. Siebentes Kapitel. Ueber ein Monat war ſeit der Zeit verfloſſen, da der Hof zu Strand das letzte Schmugglerabenteuer, welches ſich innerhalb ſeiner Mauern ereignete, in ſeine Annalen einregiſtrirt hatte. Der Einſiedler ze. IlI. 11 162 Es war ein naßkalter Nachmittag zu Anfang des Dezembers. Leichte Schneeflocken tanzten durch die Luft und jagten einander in immer ſtärkerer Fahrt über Berg und Klippen, von denen der Wind die Friedloſen wieder⸗ um hinwegblies. In der großen Spalte auf der Johannis⸗ Klippe hat⸗ ten gleichwohl die armen Schneeflocken einen geräumigen und gaſtfreundlichen Schutz gefunden. Sie kannten dieſen Ort ſchon ſeit alten Zeiten, dieſen Ort, wo ein Flücht⸗ ling, ebenſo arm wie ſie ſelbſt, ſich niedergelaſſen hatte, und wo er ſie beim Anfange jedes Winters willkommen hieß, indem er ihnen in ſeinen Gedanken alles erzählte, was ſich im Laufe des letztverfloſſenen Jahres von dem Augenblicke an, da ſie Abſchied nahmen und reiſ'ten, bis zu dem Augenblicke, da ſie wiederkehrten, zugetragen hatte. Im Fruüͤhlinge dagegen vertraute er den Zugvögeln die ſtillen Ereigniſſe in ſeiner innern Welt an..... Gleich dem freundlichen Scheine eines Leuchtthurmes glänzte jetzt der Schimmer eines Feuers auf der Johan⸗ nis⸗Klippe. Dies war das Abendfeuer in dem Zimmer des Einſiedlers. Er ſelbſt ſtand am Fenſter und bewillkommnete mit ſtillemn Kopfnicken die winterlichen Gäſte. Sein Haar war jetzt eben ſo weiß wie die Schneeflocken; übrigens aber ſchien keine bemerkbare Veränderung in den letzten zwei Jahren eingetroffen zu ſein: die vier ihnen vorangegange⸗ nen waren es geweſen, die ihn in einen Greis verwandelt hatten. Mit den geendigten Kämpfen der Leidenſchaſt, der Verzweiflung und der endloſen Unruhe hatte auch er aufgehört zu altern. Die mit jedem Jahre immer ſanfter werdenden Züge begannen wiederum die Reinheit anzu⸗ nehmen, welche ſie in den ſchuldloſen Tagen ausgezeichnet hatte: er wurde ſchön, denn der Gemüthsfriede gab dem bleichen, edel geformten Geſichte eine Ruhe, welche auf jede Bewegung überging. V. — er in Feſte Himm wieder Winte altes viele 2 wenn vielleie Herzen nein, 1 nicht n linge, traue, bei wei erkannte Sie ſa ſagten arme E Thräne ein We Deinen Jetzt ha in den in dieſe dann w zu öͤffne Le De mer, p mehr B früher h fen, un fang des die Luft ber Berg wieder⸗ ippe hat⸗ rräumigen ten dieſen n Flücht⸗ ſeen hatte, illkommen Gerzählte, von dem iſten, bis zugetragen Zugvögeln chtthurmes er Johan⸗ a Zimmer imnete mit Haar war igens aber letzten zwei angegange⸗ verwandelt feidenſchaft, tte auch er mer ſanfter nheit anzu⸗ usgezeichnet de gab dem welche auf — „Ihr kehrt jetzt zum zweiten Male wieder,“ dachte er in ſeinem Herzen, indem der Blick über die dunkle Feſte flog und mit traurigem Ausdruck den ſchwebenden Himmelskindern folgte,„ihr kehrt jetzt zum zweiten Male wieder, ſeitdem er reiſ'te; doch ehe ihr euch das Bett zur Winterruhe bereitet habt, iſt er ſicherlich hier... O du altes Herz! ſchlägſt du noch ſo heftig? haſt du noch ſo viele Wärme, daß du das Blut in Umlauf ſetzen kannſt, wenn du denkſt: um eine Woche, um zwei, um drei— vielleicht verzieht er wohl vier— darfſt du an ſeinem Herzen ruhen?... Ich habe ihn nicht antreiben wollen, nein, nein: wenn es ihm gut iſt, zu bleiben, wo er iſt, ſo .. Ach, mein Helgenäs!“ ſeufzte er unbewußt.„Doch nicht mein, ſondern ſein... Ihr ſeht, ihr armen Flücht⸗ linge, daß ich euch noch immer dieſen einen Wunſch ver⸗ traue, Jahr aus Jahr ein derſelbe, doch in dieſem Jahre bei weitem wärmer als ſonſt... Sie kam zu mir. Ich erkannte dieſe ſchwarzen feurigen Augen. Warum kam ſie? Sie ſagte es nicht; doch was die Lippen verſchwiegen, das ſagten ihre Blicke, ihre Zärtlichkeit gegen mich. eme, arme Elvira! Du weinteſt aus an dieſer Bruſt, und Deine Thränen ſagten: Wende ſein Herz zu mir, und haſt ein Weſen auf Erden, das ebenſo warm und inbrün für Deinen Frieden beten will, wie ſie droben!. Jetzt hat ihn eine höͤhere Macht als ein irdiſcher Wunſch in den Hafen geworfen, den er floh. Vielleicht haben ſie in dieſem Augenblicke einander ſchon gefunden, und dann, dann wage ich es, dieſer zweiten Tochter frei meine Arme zu oͤffnen, denn auch ich liebe ſie mit der innigſten Liebe!“ Letsler wendete ſich von dem Fenſter hinweg. Der flammende Schein des Feuers erhellte das Zim⸗ mer, welches durch Georg's liebevolle Sorgen jetzt weit mehr Bequemlichkeiten und Zierden erhalten hatte, als es früͤher beſaß. Nicolinens Kammer ſtand fortwährend of⸗ fen, und auch in dieſe, auf die weißen Gardinen und die 164 friſchen Epheuranken, warf das Feuer ſeine leuchtenden Streifen. Gemälde und Karten, ausgeſtopfte Vögel, indiſche Fliegenwedel und mehrere andere Dinge umgaben die Wände in Letslers eigenem Zimmer, wo ein Bücherbrett nebſt einer kleinen Drechſelbank ein Zeugniß gaben, daß der Einſiedler gegenwärtig im Stande war, die lange Zeit mit den Beſchäftigungen zu vertreiben, die er ehedem ge⸗ liebt hatte. Eine Aeolsharfe an der einen Ecke erzählte von einer ſeiner angenehmſten Sommervergnügungen, und ein paar große Käfige, in denen eine Menge von beflügel⸗ ten Bewohnern auf und abſchaukelten, zeigte an, daß es ihm Vergnügen machte, eine kleine Colonie um ſich her ſu bilden er hatte wieder angefangen, die Lebendigen zu lieben. Doch nicht genug mit dieſen Anzeichen der ſanfteren Richtung, welche ſeine Gefühle gewonnen hatten: hier ſah man auch andere Mittel zum Zeitvertreibe, welche die Art ſeiner jetzigen Gemüthsſtimmung ahnen ließen. Auf einem größeren Tiſche waren zwei Spiele Karten zur Patience ausgelegt, auf einem kleineren ſtand ein chineſiſches Schach⸗ ſpiel, und dieſe beiden Ableiter eines überflüſſigen Gedan⸗ kenvorrathes nahmen wechſelsweiſe viele Augenblicke ſeiner Tage hinweg. In ſeiner Jugend hatte Letsler ganz beſonders viel Vergnügen an dem zuletzt erwähnten Spiele gefunden. Und als er unter der Maſſe von hübſchen Kleinigkeiten, die Georg vor zwei Jahren mit dem Freiſegler aus Göteborg nach Hauſe ſchickte, dieſes Schachſpiel fand, ſo hatte er, dem Verlangen weichend, noch einmal dieſes Vergnügens zu genießen, es verſucht, ſeinem Niſſe eine Idee von dem Gange des Spieles zu geben; und zu ſeiner größten Freude war Niſſe aus Liebe zu ſeinem Herrn ſo lernbegierig, daß noch nicht viele Wochen vergangen waren, als er ſchon ſo ziemlich ſpielte, und nach einigen Monaten es ſchon ſo weit gebracht hatte, daß Letsler ſein eigenes Nachdenken zu Ht zu bel Carol jetzt v auf de haft liefern trafen als ar Doch ten be lich de welche alten gen C niß ur L wande Es ſch er den aufſetz aus de ſer auf NM mals; Schatt brauen dahingi abſtarb troge l Argliſt Patro Made Unglüc chtenden indiſche ben die cherbrett A△ en, daß inge Zeit edem ge⸗ erzählte gen, und befluͤgel⸗ „daß es ſich her ndigen zu ſanfteren hier ſah e die Art luf einem Patience s Schach⸗ n Gedan⸗ icke ſeiner nders viel nden. Und beiten, die Göteborg hatte er, zergnügens e von dem zten Freude gierig, daß er ſchon ſo s ſchon ſo Nachdenken. zu Hülfe rufen mußte, um bei ihren Partien den Sieg zu behalten. Als darauf der Winter und mit demſelben Carolus kam, ſo wurde dieſer ein neuer Schüler; und jetzt verfloß kaum ein einziger Abend, ohne daß Carolus auf der Johannis⸗Klippe eintraf, um, wie er ſich ſcherz⸗ haft ausdrückte, mit Georgs Chineſen eine Schlacht zu liefern. Daß Georg und ſeine Briefe, die ziemlich oft ein⸗ trafen, den Hauptgegenſtand ihrer Geſpräche ſowohl vor, als auch nach dem Spiele bildeten, verſteht ſich von ſelbſt. Doch ſeit einem Monate gaben ihren Abendzuſammenkünf⸗ ten beſonders zwei unerſchöpfliche Quellen Nahrung, näm⸗ lich das Ungluͤck in Strand und Georgs Schiffbruch, bei welchem letzteren die falſchen Feueranzünder, der Tod des alten Stormbom und der kühne Rettungsverſuch des jun⸗ gen Capitains ihre Gefühle abwechſelnd Aerger, Betrüb⸗ niß und Theilnahme empfinden ließen.... Letsler hatte begonnen im Zimmer auf und abzu⸗ wandern, und wunderte ſich, daß Carolus ſo lange verzog. Es ſchien ihm auch, daß Niſſe allzu lange zauderte, ehe er den jetzt täglich in Gebrauch gekommenen Theekeſſel aufſetzte. Endlich näherten ſich Niſſe's wohlbekannte Schritte aus dem Nebenzimmer, und gleich darauf ſiedete das Waſ⸗ ſer auf dem Feuer. Niſſe's Ausſehen war nicht mehr ganz ſo wie ehe⸗ mals; über ſein herzensgutes Antlitz hatte ſich ein leichter Schatten gelagert und drei Falten zwiſchen den Augen⸗ brauen gebildet: die erſte kam, als ſeine alte Mutter dahinging; die zweite, als der große Tauſendſchoͤnbuſch abſtarb und einen faſt unerſetzlichen Raum in dem Back⸗ troge ließ; die dritte, als der Jachtlieutenant mit ſeiner Argliſt den großen Beſchlag auf Strand machte, der den Patron Holmer faſt an den Bettelſtab brachte und der Mademoiſelle Fanny ſo viele Thränen koſtete. Dieſe drei Unglücksfalle, die während des Laufes eines Jahres einan⸗ der gefolgt waren, hatten zwar nicht Niſſe's ruhiges Ver⸗ trauen zu demjenigen, der Betrübniß und Freude ſendet, ganz herabgeſtimmt, aber ſie hatten ihn ſo angegriffen, daß er zum erſten Male in ſeinem Leben fühlte, wie ſchwer es bisweilen ſein konnte, der Gemüthsſtimmung Feſſeln anzulegen; denn ſeinem Herrn zu zeigen, wie betrübt er jetzt war, dazu hatte Niſſe nie das Herz. Es war ja ganz hinreichend, daß er allein litt; und wenn Letsler über Fanny's bitteres Unglück klagte, ſo erhob Niſſe ſein Haupt und verſicherte, daß alles Unglück gut wäre, um mit ſich ſelbſt zurecht zu kommen, und daß er nach dem Unglücke hinlänglich von der Mamſell Fanny geſehen hätte, um merken zu können, daß ſie es ſo trüge, wie es einer Chri⸗ ſtin geziemte, die wohl eine kleine Zeit betrübt ſein könnte, ſich aber dennoch bald wieder erholen müßte. „Ich ſehne mich recht nach einer Taſſe warmen Thee — es iſt heute Abend kalt!“ ſagte Letsler, indem er, den noch immer vorbei eilenden Schneeflocken gute Nacht ſa⸗ gend, die Rollgardine herabließ und dabei in ſeinem Her⸗ zen Gott dankte, daß die Zeit vorbei war, in welcher er bei ſolchem Wetter ſeinen Platz draußen auf der kalten Klippe ſuchte. Jetzt war es ſo ruhig, behaglich und warm im Zimmer. „Ich hielt mich ein wenig zu lange auf,“ ſagte Niſſe und unterdrückte einen leichten Seufzer,„aber es wurde mir ſo ſchwer, von dem hübſchen Weſtenzeuge, das Mam⸗ ſell Fanny mir heute Nachmittag mit meinem Bruder ſchickte, die Augen hinwegzubringen. Sie, die ſelbſt ſo vielen Kummer hat, denkt dennoch an mich und an andere arme Menſchen! Hatte ſie nicht ein großes Stück Wol⸗ lenzeug zu Winterweſten für alle ihre kleinen Schützlinge weben laſſen und mir das Nähen derſelben aufgetragen? Aber ich nehme keinen Schilling, nein, keinen Heller für dieſe Weſten!“ Und in Niſſe's Augen glänzte eine Thräne, die mit Gewalt hervor wollte. „Ja, ſie iſt ein vortreffliches Mädchen!“ fiel Letsler — dieſe G möͤglich von ihr ſah ein, Herz ſel mit eine W Letsler hatte un in Ord! gelegt, auf den 8 Ver⸗ ſendet, egriffen, eſchwer Feſſeln trübt er war ja ler über n Haupt mit ſich Unglücke te, um er Chri⸗ könnte, ien Thee er, den racht ſa⸗ em Her⸗ elcher er er kalten d warm gte Niſſe es wurde 8 Mam⸗ Bruder ſelbſt ſo n andere ück Wol⸗ chützlinge getragen? deller für e Thräne, el Letsler 5 ‿ ein.„Niſſe., Du brauchſt Dich der Thräne nicht zu ſchämen!“ „Nein, Herr! ich ſchäme mich ihrer nicht— eben ſo gut könnte ich mich des Glaubens ſchämen, daß unſer Herrgott bisweilen einen ſeiner Engel herabſendet, um hier auf Erden zu wandern! Ich halte Mamſell Fanny für meinen und vieler Andrer Engel, und dieſen Glauben thei⸗ len gewiß ſehr Viele mit mir.“ Letsler ſchwieg. Er dachte daran, wie ſehr Fanny's Bürde erſchwert worden war, ſeitdem ſie erfahren hatte, daß Georg's Brigg geſtrandet wäre und daß er ſelbſt ſich gegenwärtig auf Helgenäs befände. Denn auf einen Brief von Fanny, in welchem ſie mit nicht mehr oder weniger als der Theilnahme einer Jugendfreundin Nachricht über dieſe Gerüchte begehrte, hatte Letsler ihr ſo ſchonend wie moͤglich die Wahrheit mitgetheilt. Seit dieſer Zeit kam von ihr weder ein Brief noch eine ſonſtige Nachricht. Er ſah ein, ſie hätte die letzte Hoffnung verloren, und ſein Herz ſehnte ſich nach dem Augenblick, da ſie ganz vertraut mit einander ſein konnten. Waͤhrend Niſſe den kleinen Theetiſch deckte, legte Letsler einige ſchoͤne Schnecken, die er herabgenommen hatte um ſie abzuſtäuben, auf den Brettern an der Wand in Ordnung; und kaum hatte er die letzte an ihren Ort gelegt, ſo ertönten ſtarke, hurtige Männerſchritte draußen auf dem Felſen. Letsler fuhr zuſammen: es war Carolus, aber er war nicht allein. Letsler's Gemüthsbewegung wurde ihm ſo übermächtig, daß er ſich an den Ofen lehnen mußte. Die Thür ging auf. Carolus allein trat ein. Aber ſein Geſicht hatte nicht den gewöhnlichen froͤhlichen Ausdruck, ſondern es ſtrahlte wirklich vor Freuden. „Guten Abend, Herr Letsler!... Wie in Gottes Namen ſtehts? Ich komme mit einer Neuigkeit angeſe⸗ gelt, ja mit einer Neuigkeit, ſo groß und ſo wolkenhoch, 168 ſo froh und ſo roſenroth, daß Sie für viele Jahre keine Zeit zur. Betrübniß bekommen!“ „Laß ihn ein, laß ihn ein!“ ſtotterte der Einſiedler und deutete auf die Thür.„Glaubſt Du, ich ſollte ſeine Schritte nicht kennen?“ Derjenige, welcher draußen ſtand und lauſchte, hörte dieſe Worte. Noch einmal ſprang die Thür auf— und jetzt lag Georg in den Armen ſeines Vaters. „Mein Sohn, mein Sohn!“ Noch nie hatte Letsler eine ſo mächtige Bewegung gezeigt. Georg mit ſeinen ſiedenden Gefühlen hatte jeder Sorge bei der Umarmung ſeines Vaters und bei der Freude, die er empfand, vergeſſen— ja, er hatte ſogar vergeſſen, daß er von dieſem Vater Dinge wußte, welche ein Sohn eigentlich nicht wiſſen ſollte. Das ſollte zwar der Vater nicht ſo bald ahnen, doch wenn er es erfaährt, ſo ſollte er auch dabei die Tiefe der Liebe ſeines Sohnes kennen lernen. „Nun?“ rief Carolus und nickte bei jeder kraftvollen Bewegung der Hände Georg's, iſt er nicht ein Kerl, ſo daß man vor Freude ordentlich über ihn weinen kann? Jetzt iſt er accurat ſo, wie ich ihn haben will: etwas breitſchultriger und derber, gerade ſo wie es zur Länge paßt, und braun und von der Sonne verbrannt, wie ein Seemann es ſein ſoll, und mit einem ſolchen Ausſehen von einem Herrenkerl, daß er über zehn Grafen und elf Barone geht .... nun, Georg, werde nur nicht hochmüthig!— Nur Carolus, Dein alter Lehrmeiſter, darf über Dich ſtolziren!“ Endlich erhob Georg ſein Haupt von der Bruſt ſeines Vaters.„Du kannſt mir's glauben, Vater, ich habe mich noch nie ſo glücklich gefühlt, wie in dieſem Augenblicke, da ich es an Deinen Augen und an der Kraft Deiner Umarmung abnehme, wie viel lieber ich Dir ſeit der Zeit geworden bin, da wir nahe daran waren, uns hier auf dieſer Welt nie wieder zu treffen. Ach, hätte ich nur nicht i Freund empfan und w 7/ „Sonſ daß e Georg daß m niß! darf k auch 2 geduld ich nic gewiß ſage J dem i hieher 3 liſcher Haush eine und ü in Ni Freud fie in nicht niſſe n 1 chen a verklärj einand A war, hre keine einſiedler Ulte ſeine 2, hörte — und e Letsler er Sorge eude, die vergeſſen, lin Sohn eer Vater ſollte er 3 kennen raftvollen Kerl, ſo en kann? l: etwas unge paßt, Seemann von einem rone geht üthig!— üͤber Dich ruſt ſeines habe mich ugenblicke, ift Deiner it der Zeit hier auf te ich nur ‿ 169 nicht in jenem Augenbli icke einen ſo theuren und geliebten Freund verloren, ſo wollte ich gerne für das Gluͤck, ſo empfangen zu werden, mich hundertmal in die See ſtürzen, und wäre es auch in der fürchterlie chſten Novembernacht!“ „Laß es mit einem genug ſein!“ fiel Carolus ein. „Sonſt hat wohl jeder von uns ſo viel Herz in der Bruſt, daß er die Betrübniß und den Verluſt des Capitain's Georg begreifen kann: der alte Stormbom war es werth, daß man ihn bedauert. Nun aber Stopp mit der Betrüb⸗ niß! Wenn die Freude bis zum Dache hinaus ſteigt, ſo darf keine Traurigkeit mit dabei ſein... Reiche nun auch Deine Hand dem armen Niſſe, der dort ſteht und ſo geduldig wartet, wie ich es nie gethan haben würde, wenn ich nicht ſchon meine Ranzion erhalten hätte!“ 3 Niſſe, ehrlicher Niſſe, treue Seele!— Du ſollſt gewiß meine Hand und eine Umarmung dazu haben! Ich ſage Dir, Niſſe! ich weiß keinen Menſchen auf Erden, dem ich ſo vielen Dank ſchuldig bin! Wäreſt Du nicht hieher gekommen....“ Verſchämt, aber doch mit einem Lächeln voll himm⸗ liſcher Freude glitt Niſſe zur Thuͤr hinaus: er wollte ſeine Haushaltungsgeſchaͤfte beſorgen, aber auch in der Stille eine Thräne über die Worte weinen, die er gehört hatte, und über die Hoffnung(die frohſte und herrlichſte Hoffnung in Niſſe's Herzen), daß Mamſell Fanny jetzt eine kleine Freude, einen kleinen Troſt finden würde für alles, was fie in den langen Jahren gelitten hatte; denn Niſſe war nicht ſo dumm, daß er nicht rieth, wo er gewiſſe Verhält⸗ niſſe nicht in klaren und reinen Worten erfuhr. Dieſer Abend war einer von den ungemiſcht glückli⸗ chen auf der Johannis⸗Klippe. Gewiß ſchwebte Nicolinens verklärter Geiſt über den Glücklichen, die ſich hier an einander ſchloſſen. Als Carolus endlich ſehr ſpät nach Hauſe gereiſ't war, wollten Vater und Sohn noch einen Augenblick mit 170 einander plaudern. Doch aus dem Augenblicke wurde eine Stunde und aus der Stunde Stunden. Letsler konnte nicht genug über Helgenäs und ſeine Bewohner vernehmen. Er folgte Georg's Lippen mit einer Aufmerkſamkeit, als wollte er ihm die Worte aus dem Munde nehmen ehe ſie hervor kamen. Georg aber mußte dieſe Worte mit der groͤßten Vorſicht wählen, damit ſein Vater nicht ahnen moͤchte, daß er ſchon alles wußte. Zuletzt aber wurde es ihm doch unmöglich, ſtets um dieſe Klippen zu ſteuern, beſonders da ſeine eigenen Ge⸗ fühle ſtets überzubrauſen drohten— und ehe Vater und Sohn zur letzten guten Nacht Bruſt an Bruſt drückten, war alles verrathen. Georg hatte ſo geredet, wie nur das wärmſte Herz, die feinfühlendſte, liebevollſte Zärtlichkeit reden konnte. Und die Schatten der Nacht verbargen ihm die zitternde Angſt des Vaters, ſeine bald blutrothe, bald aſchfarbene Wange. Aber ihre Thränen, ihre Seufzer und Gebete hatten ſich gemiſcht, hatten ſich in einander verſchmolzen. Georg's Lippen gehorchten der in ihm laut mahnenden Stimme: in ſeinem eigenen und der geliebten verewigten Mutter Namen trug er die heilige Botſchaft der Verzeihung und der Verſöhnung in Letsler's leidendes Herz; und ſie ver⸗ ſprachen ſich gegenſeitig, dieſes ſollte das erſte, letzte, ein⸗ zige Mal ſein, da ſie dies kanerſte von allen Geheimniſſen der verfloſſenen Zeit berührten. Dieſes Geheimniß, das keinen Andern auf Erden an⸗ ging, als ſie ſelbſt, ſollte auch mit ihnen ſterben. W feſt in daß ka heraufd dünken jedoch Meer g welcher peinigen Feind g wird un geſänge Strand W gungen ſo folgt ſobald zurückzu gungen geiagt, ſo über betäuber ſeinem den ih ihren T D8 171 A de eine 1 Feie Achtes Kapitel. 5 2 Wenn der Sturm in dem ſcharfen Kampfe das Meer nit ſein feſt in ſeine Arme preßk und es ſo wild vorwärts jagt, te. daß kaum ein Seufzer aus ſeinem zitternden Buſen ſich tets um heraufdrängen kann, ſo überläßt ſich das Meer dem Gut⸗ nen Ge⸗ dünken des Sturmes und gehorcht der Uebermacht. Wenn ter und jedoch die Fehde beendigt iſt, ſo wendet ſich das empörte rückten, Meer gegen ſich ſelbſt, und nun entſteht ein neuer Kampf, welcher, entſprungen aus der innerſten Tiefe des Meeres, oft le Herz, peinigender iſt als der erſte, der ein ehrlicher Kampf war. tte. Und Feind gegen Feind. Der zweite dagegen, der innere Krieg, ee Angſt wird unter eigenem Wehklagen geführt... Welche Trauer⸗ Wange. geſänge ſingen nicht die Brandungen dem lauſchenden tten ſich Strande vor!.. Georg's Wenn die Stürme der menſchlichen Gemüthsbewe⸗ Stimme: gungen ihre ſtarken Arme um das ſchwache Herz ſchlagen, Mutter ſo folgt auch dieſes dem Gutdünken der Uebermacht. Doch ung und ſobald es ſich wieder frei fühlt, ſo vermag es nicht ſo bald ſie ver⸗ zurückzuſinken zu dem Frieden, aus welchem es heraufge⸗ zte ein⸗ riſſen wurde: es wendet ſich gegen ſich ſelbſt— und der eimniſſen Kampf, welcher nun beginnt, wird nicht ſelten lang und hartnäckig........ rden an⸗ Letsler war während der Stunden, da er mit ſeinem Sohne redete, ganz von der Gewalt ſeiner Gemüthsbewe⸗ gungen dahin geriſſen worden: die eine hatte die andere 2 gejagt, und der Sturm der Gefühle ſeines Georg hatte ſo über und um ihn her gebrauſ't, daß erſt dann, als ſein betäubendes Brauſen ſich geſtillt und der Unglückliche auf ſeinem einſamen Lager überdenken konnte, was dieſe Stun⸗ den ihm zugeführt hatten, die Brandungen des Herzens ihren Trauergeſang anſtanmen konnten. Die Plagegeiſter der Reue, der Verzweiflung, der 172 Selbſtverachtung hatten nun lange geſchwiegen, hatten in guter Ruhe geſchlummert, als dächten ſie nie wieder zu erwachen. Doch in dieſer Nacht erhoben ſie ſich, einer nach dem andern, rieben den Schlaf von ihren Wimpern, und begannen dann in der Ordnung, in welcher ſie erwacht waren, an Letsler's Gewiſſen zu klopfen. Ein langer, tiefer Seufzer verkündigte, daß er ihre Annäherung ſchon vernommen hatte. In ſeiner Angſt forderte er die freundlichen Bilder aus ſeinem letzten Leben auf, bei ihm zu verweilen. Aber ſie flohen und flüſterten ihm betrübt zu:„Deine guten Tage ſind dahin!— beginne Du von neuem Deine Sünden zu zählen, und Du wirſt finden, daß Du noch nicht die Hälfte abgebetet haſt!“ Der arme Einſiedler! Die Gewiſſensqualen zündeten ihre Lichter um ihn her an; die Schatten aus dem Lande der Todten nahmen ihre vormaligen Platze an ſeinem Lager von Neuem einz; auf ſeinen Knien betete er zu dem Herrn des Himmels, ſich über ſein Elend zu erbarmen und ihm den Frieden wieder zu ſchenken. Doch der Friede kam nicht. Denn nicht eine Se⸗ kunde vermochte er aus ſeiner Seele die Erinnerung an die düſtere Vergangenheit zu vertreiben, und hiemit miſchte ſich mit grauſamem Hohne der Vorgeſchmack des Augenblickes, da er bei dem Lichte des Tages ſeinen Sohn wiederſehen würde. Dieſe Nacht weckte das Andenken an die zahlloſen Nächte, die er vormals auf dieſelbe Weiſe durchwacht hatte. Wie war er damals im Stande geweſen, ſo Unerhoͤrtes zu leiden, ſo von Tag zu Tag, von Nacht zu Nacht neue Plageſtunden zu zählen? Gott hatte ihm in ſeiner Barmherzigkeit eine lange Linderungszeit geſendet. Wäre es wohl moöglich, daß jetzt, da er alt geworden und die Seele keine Kraft mehr beſaß, den herzzerreißenden Qöaulen zu widerſtehen, daß jetzt dieſer allerbarmende Vater ihm ſeine Stütze, ſeine 8 Hoffnun Erlöſun die bod den wa un des A Frieden für mie Gnade habe, Herz n eifrig i war, Abkömt fahren line, welche mir? mich! bete n Stimn U liſche? vor der Sünde Ueberſ Gebete herabff Aber weinen und m Entzüt Träun mehr brünſti endlich . 173 hatten in Hoffnung, ſeinen beſeligenden Glauben auf eine frohe pieder zu 2 Erlöſung rauben und ihn wieder hinunterſtoßen ſollte in h, einer die bodenloſe Tiefe, aus welcher er einmal gezogen wor⸗ Vimpern, den war? eerwacht. Und noch einmal betete er, indem die kalten Tropfen langer, des Angſtſchweißes ſeine Stirne feuchteten:„Gieb mir ung ſchon Frieden, o Vater! und jeder irdiſche Wunſch ſei todt 3 für mich... Ich fühle es jetzt: ich habe nicht die en Bilder Gnade verdient, die meine letzten Jahre beſeligt hat. Ich derweilen. habe, um meinen ſtillen Hochmuth zu befriedigen, das „Deine Herz meines Sohnes auf Abwege geführt; ich habe allzu em Deine eifrig um das gebetet, was ihm vielleicht nicht nützlich Du noch war, damit ich ſelbſt das Glück haben moͤchte, meinen 3 Abkömmling in Beſitz der irdiſchen Güter ſeiner Vor⸗ zündeten fahren zu wiſſen... Nein, keine Ruhe!.. Nico⸗ eem Lande line, o, Nicoline! verjage Du alle dieſe Doppelgänger, n ſeinem welche zurückgekommen ſind!... Was wollt Ihr von r zu dem ½☚ mir? Der Kampf iſt ja zu Ende... geht, laßt erbarmen mich!. Niiccoline, mein Engel, ich höre Deine Ge⸗ bete nicht!——— bete, o bete, damit ich Deine eine Se⸗ Stimme vernehmen möge!“ rinnerung Und in ſeiner Ueberſpannung glaubte Letsler himm⸗ nd hiemit liſche Täne zu hören, zu hören, wie Nicoline noch einmal mack des vor dem Throne des Allvaters Gnade für den bußfertigen ges ſeinen Sünder zu erflehen ſuchte; und in eben dieſer ſtarken Ueberſpannung glaubte er auch zu ſehen, wie mit jedem zahlloſen Gebete auf die Hand des verklärten Weibes ein Strahl urchwacht herabſiel und aus dieſen Strahlen ſich eine Krone bildete. weſen, ſo Aber noch war dieſe nicht fertig... Da begann ſie zu Nacht zu. weinen— o, welche Thränen, klare, ſilberklare Thränen! und mit jeder Thräne fiel ein neuer Strahl herab. Mit eine lange Entzücken, mit ſeligem Entzücken glaubte der ermattete lich, daß Träumer zu ſehen, daß die Krone ſich immer mehr und eraft mehr mehr vervollkommnete, bis ſie bei Nicolinens letztem in⸗ ehen, daß brünſtigem Gebete, bei ihrer letzten Silberthräne ſich ütze, ſeine endlich ſchloß. Und hiebei fühlte er, wie eine leichte 174 Hand über ſeine Stirne glitt, ein ſanſter Hauch alle fürchterlichen Geſtalten hinwegwehte, die er um ſich her gerufen hatte, und ſein Ohr vernahm die Worte:„Dieſe Krone wird einſt die Deinige!“ Ein wohlthuender Schlaf folgte auf dieſen überſinn⸗ lichen Zuſtand. Als er darüber erwachte, daß Niſſe im Ofen Feuer anmachte, lebte noch alles, was ſich während der Nacht ereignet hatte, ganz friſch in ſeiner Erinnerung, und er hielt den ſchrecklichen Theil ſeiner Geſichte für einen Spie⸗ gel, in welchem ihn Gott ſich ſelbſt hatte wieder ſehen laſſen, wie er umgeben von ſeinen düſtern Erinnerungen geweſen war, ehe er den rechten Leitſtern ſuchte und fand. Er hatte in dieſen Spiegel ſchauen, dieſe alten Qualen durchleben müſſen, um recht tief dieſe alten Qualen zu durchleben, recht tief das Loos der zunendlichen Seligkeit faſſen zu koͤnnen, welches ihm durch den Frieden mit Gott und ſich ſelbſt zu Theil geworden war. Der Umſturz, den ſeine Unterhaltung mit Georg auf ſeinen Leib und ſeine Seele gehabt, hatte die Schale der Sicherheit gebrochen. Jetzt fühlte er mit ſtiller Demuth, daß er allzu viele weltliche Wünſche gehabt hatte, um ſich ausſchließlich der Reue widmen zu koͤnnen. Die lichte Offenbarung Nicolinens deutete er als eine herrliche Hoffnung: je eifriger er hier Gott ſuchte, um ſo eifriger würde ſie dort oben für ihn beten, und ſowohl in wachendem, als auch in träumendem Zuſtande glaubte er an die Macht der Gebete des geliebten Geiſtes. Jetzt gingen ſeine Gedanken auf den Sohn über; und mit brennender Andacht dankte er der Vorſehung für das Glück, daß der ſchwerſte Theil der Geſpräche zu Ende war... Georg ſollte gar keine Ahnung davon haben, wie viel dieſe Nacht ſeinen Vater gekoſtet hatte. Letsler wußte nicht, daß Georg ſeine Augen erſt jetzt gegen Morgen geſchloſſen hatte. Anfangs hatte die Macht des Glückes ihn noch gehalten; darauf, da er aus d halbun für il drückt, ſie ihr Verga dachte des S fandeſt Und i der ſie es für o, das fahren zu geh C als ſei „iſt es zwiſche beſte, ihm ſe nehmen liegt. Du b Ruhe! wurde die Li ausſpr Liebe eher, Gege wie e Friedq Niſſe' uch alle ſich her „Dieſe üͤberſinn⸗ en Feuer er Nacht und er en Spie⸗ der ſehen nerungen und fand. Qualen ualen zu Seligkeit den mit t Georg Schale it ſtiller gehabt koͤnnen. als eine hte, um d ſowohl glaubte in über; hung für räche zu g davon hatte. gen erſt hatte die „da er 175 aus dem Zimmer ſeines Vaters die tiefen Seufzer, die halbunterdrückten Worte vernahm, wachte er in Gebeten für ihn. Denn dieſe ſchweren Seufzer, dieſe halbunter⸗ drückten Worte, dieſe qualvollen Bewegungen— erzählten ſie ihm nicht, daß ſein Vater ſich in dieſer Nacht in die Vergangenheit verirrt hatte?„Ach, armer alter Mann!“ dachte er in ſeiner Seele, haſt Du von neuem die Fackel des Friedens verloren, die Du nach endloſem Leiden fandeſt, um Dir mit derſelben Deinen Weg zu erleuchten? Und ich— ich, Dein Sohn!— muß derjenige ſein, der ſie Dir entreißt! Hätte ich geſchwiegen, haͤtte ich es für immer verborgen, daß ich dieſe Papiere geleſen... o, das war unmöglich: er mußte es ja doch einmal er⸗ fahren haben... Soll ich es wagen, zu ihm hinein zu gehen?“ Georg wollte es mehrmals, doch eine Kraft, ſtärker als ſein Wille, hielt ihn zurück.„Vielleicht,“ dachte er, „iſt es nicht recht, daß ich mich in dieſem Augenblicke zwiſchen ihn und ſein Gewiſſen ſtelle; vielleicht iſt es das beſte, daß er den Kampf allein auskämpft! Gott, der ihm ſeinen Frieden gegeben hat, wird ihn wieder auf⸗ nehmen, wird nicht geſtatten, daß ſeine Seele unter⸗ liegt... O, meine Mutter, Du Engel im Himmel, Du biſt längſt verſöhnt! Bete Du mit mir für ſeine Ruhe!“ Und Georg betete, bis die Seufzer weniger ſchwer wurden, bis die qualvollen Bewegungen aufhörten und die Lippen des Vaters Nicolinens Namen in einem Tone ausſprachen, der Zeugniß davon ablegte, daß die ewige Liebe ſich des Leidenden erbarmt hatte. Da entſchlummerte Georg ſanft, und erwachte nicht eher, als bis der flammende Schein des Feuers ihm die Gegenſtände im Zimmer ſo freundlich und ſo ſchön zeigte, wie er ſie am Abende geſehen hatte. Und er erwachte in Frieden, denn der erſte Laut, der ſein Ohr erreichte, war Niſſe's Morgenlied. 176 „Sollte er wohl noch ſchlafen?“ Georg bog ſich ſo weit wie möglich über, um in das Zimmer des Vaters zu lauſchen.„O, daß er ſchliefe!... ich will nachſehen!“ Er kleidete ſich ſo ſchnell und ſo leiſe an, daß Letsler nicht eher etwas hörte, als bis Georg leiſe über die Schwelle trat. Doch jetzt, ergriffen von einer unbe⸗ ſtimmten Furcht, dem Blicke des Sohnes zu begegnen, ſtellte er ſich, als ſchliefe er. Georg trat leiſe an das Bett. „Wenn ich nun,“ dachte Letsler,„ſein Antlitz ſehen könnte, ſo würde dieſes vielleicht— ja wahrſcheinlich— andere Gefühle ausdrücken, als ich zu ſehen bekomme.“ Doch dieſe Furcht wich bald einer ſchönen und innigen Freude: er fühlte, wie ſeine Stirn leicht von dem liebes⸗ warmen Kuſſe des Sohnes berührt wurde, und er hörte ihn flüſtern:„Schlafe! ſchlafe! und inzwiſchen will ich für Dich beten, wie in dieſer Nacht!“ Jetzt ſchwand aus Letsler's Seele ſowohl Scham, als auch Unglauben.„Haſt auch Du in dieſer Nacht für mich gebetet, mein Georg?“ ſagte er mik großer Rüh⸗ rung;„o, ſo wiſſe denn, daß ich glaube, Deine Gebete haben mir die Ruhe wieder geſchenkt, welche ſo nahe war, von neuem unterzugehen! Ich fühle mich noch matt und gelähmt, doch nur dem Körper nach: die Seele hat ſich mit neuem Muthe aus dem Kampfe erhoben. Gott hat mich nicht verworfen, denn ich empfinde es in meinem Herzen, daß Du mich noch immer mit gleicher Liebe liebſt.“ „Nicht mit gleicher Liebe, mein Vater— nein, mit einer weit innigeren! Sind meine Leidenſchaften nicht heftig genug, um die Macht ihrer Stürme begreifen zu können, und habe ich nicht ein Herz, das die unermeß⸗ lichen Qualen eines Lebens, wie Du es geführt haſt, faſſen kann, und iſt mein Gefühl nicht warm genug, um Gott danken zu koͤnnen, daß er endlich die Sonne ſeiner Gnade Ach ja ich fühl geweſen herrlich ſcheinen auf Erd M Letsler ſeines S Un erneuerte das Gel des Ver Ety Zimmer vog ſich ner des ich will 3 Letsler über die r unbe⸗ begegnen, litz ſehen inlich— nme.“ d innigen n liebes⸗ er hörte will ich meinem reifen zu unermeß⸗ hrt haſt, nug, um ne ſeiner ein, mit ten nicht her Liebe Gnade auf den müden Wanderer herabſcheinen ließ?2 Ach ja, ja! das alles fühle ich in meiner Seele. Und ich fühle auch ſo beſtimmt, als wäre ich oben im Himmel geweſen und hätte das Gelübde herabgeholt, daß dieſe herrliche Sonne Gottes künftighin Dir nicht weniger klar ſcheinen wird. Jetzt iſt alles verſöhnt im Himmel und auf Erden!“ Mit Blicken voll Glaubens und Liebe betrachtete Letsler das von ſchwärmeriſchem Feuer belebte Antlitz ſeines Sohnes. Und nachdem ſie eine Minute Bruſt an Bruſt geruht, erneuerten ſie mit einem Blick, mit einem Händedrucke das Gelübde, das Alte ſo tief wie moͤglich in dem Grabe des Vergeſſens ruhen zu laſſen. Etwas ſpäter am Vormittage, da ſie in Nicolinens Zimmer neben einander ſaßen, fühlten Beide ein Bedürf⸗ niß, ſich über dasjenige, was jetzt Georg's wichtigſte Angelegenheit war, näher auszuſprechen. Bisher war dieſer Gegenſtand vermieden, vielleicht auch von zu vielen andern verdrängt worden. Doch jetzt, jetzt war der Augenblick da. Und dennoch ſchien es beiden gleich ſchwer zu werden, das Geſpräch darüber zu eroͤffnen. Letsler wußte nicht gewiß, ob nicht die am Ende ſeiner Lebensgeſchichte ausgeſprochene Bitte ſchon ihre Früchte getragen hätte, und konnte daher in dieſer Unge⸗ wißheit dem Sohne nicht mittheilen, daß einige Stunden hingereicht hatten, alle ſeine Pläne und Wünſche über den Haufen zu werfen. Georg dagegen hatte den alten Lieb⸗ lingsplan ſeines Vaters vor Augen, und fürchtete daher ihn ſchmerzhaft zu verletzen, wenn er ihm ſagte, daß eben die Aufklärungen, welche die Papiere enthielten, einen ganz anderen Einfluß als den beabſichtigten auf ihn Der Einſiedler zc. III. 12 178 hervorgebracht hätten: nämlich anſtatt ihn ſchnell in El⸗ bin Arme zu ſtürzen, hatten ſie ihn zur Beſinnung ge⸗ racht. Einige Augenblicke ſaßen ſie ſich ſchweigend gegen⸗ über. Georg brach dieſes Schweigen zuerſt, denn aus dem beſtimmten Ausdrucke in dem Antlitze ſeines Vaters erſah er, daß dieſer nicht geſonnen war, den Anfang zu machen. „Lieber Vater! Elvira iſt hier geweſen?“ „Ja, mein Sohn!“ „Und ſie beſtätigte oder übertraf wohl gar alle guten Gedanken, die Du von ihr hatteſt?“ „Ich fand ſie ſo, wie ich ſie erwartet hatte— wie Du ſie mir gemalt hatteſt.“ „Wie konnte ich wohl vor zwei Jahren ihr jetziges Ausſehen malen?— kein Menſch kann Elvira malen... Und dennoch, mein Vater, habe ich noch einmal die Kraft gehabt, ſie zu verlaſſen.“ „Haſt Du ſie verlaſſen, um zurückzukehren, mein Sohn, oder haſt Du Helgenäs verlaſſen“— hier ging doch ein leichter Seufzer über Letsler's Lippen—„um nie wieder dorthin zuruͤckzukehren?“ „Würdeſt Du mir verzeihen können, lieber Vater, wenn das letztere der Fall wäre, wenn ich— trotz Deiner warmen Bitte in den letzten Zeilen, oder vielleicht eben zufolge der Bitte, welche allzu ſehr mit meinem eigenen leidenſchaftlichen Verlangen übereinſtimmie— mich los⸗ zureißen beſchloͤſſe, wenn ich beſchloͤſſe, in einem beſſeren Sinne Deine Leiden mir zum Nutzen anzuwenden, indem ich der Aufforderung folgte, welche Du im Anfange an mich thuſt?“ Georg ſchwieg; er hatte nicht den Muth, ſeinen Vater anzuſehen, bis er von den Worten deſſelben über⸗ raſcht, ſchnell das Haupt erhob. „Wenn Du, mein lieber Georg, nach Durchleſung meiner Papiere beſſere Gelegenheit gehabt haſt, den Kampf in Deinem eigenen Herzen zu beurtheilen, ſo danke ich Gott, da 27 auf ſo m Su We Goßt dere ſie nie „ aus, eine g wenn 1/ Sohn, genas „/ aber g „ gekoſtet von, nung a hat mi ausgeſp ſolchen er 5 ſi noch tra Einigkei mit eing der gän l in El⸗ nung ge⸗ d gegen⸗ E aus dem 8 ers erſah machen. alle guten e— wie ihr jetziges malen... l die Kraft ren, mein e hier ging —„um eber Vater, -rotz Deiner lleicht eben iem eigenen mich los⸗ em beſſeren den, indem Anfange an -uth, ſeinen ſelben über⸗ Durchleſung den Kamp ke ich Gott, daß meine verbrecheriſchen Irrthümer Dich erleuchtet ha⸗ ben; und weit entfernt, mich beleidigt zu fühlen, weil Du auf meinen ausgeſprochenen Wunſch keine Rückſicht nahmſt, ſo muß ich Dich im Gegentheile noch höher achten, daß Du trotz dieſer verführeriſchen Aufforderung lieber den Weg wählteſt, den Dein Gewiſſen Dich zu wählen mahnt. Gott ſelbſt hat es ſo gewollt, daß meine Worte eine an⸗ dere Wirkung haben ſollten, als ich beabſichtigte, da ich ſie niederſchrieb. „Wie, Vater!“ rief Georg mit brennenden Wangen aus,„ich bin alſo ganz frei in meiner Wahl? Das iſt eine große Freude! Doch betrübe ich Dich nicht ſehr, wenn Helgenäs uns auf immer verloren geht?“ „Wenn nur Dein Glück nicht verloren geht, mein Sohn, ſo magſt Du ſelbſt beſtimmen, ob dieſes auf Hel⸗ genäs zu ſuchen iſt oder in Strand.“ „Dieſe Veränderung in Deiner Geſinnung wird Dir aber gewiß ſehr ſchwer— nicht wahr?“ „Noch geſtern würde ſie mir ſchwere, ſchwere Seufzer gekoſtet haben, denn da hatte ich noch keine Ahnung da⸗ von, wie großen Antheil meine Selbſtſucht an der Hoff⸗ nung auf Dein Glück haben könnte. Doch dieſe Nacht hat mich zu einer beſſern Selbſtbetrachtung geleitet. Ich habe allen irdiſchen Wünſchen entſagt, und das mit Freuden. Sei daher ruhig, mein Georg! Wie auch Deine Wahl ausfällt, ſo ſegne ich ſie; grüͤndet ſie Dein Glülk, ſo grün⸗ det ſie auch das meinige.“ „Georg konnte ſich nicht enthalten, wie gut es ge⸗ weſen ſein würde, wenn ſein Vater dieſe Worte früher ausgeſprochen hätte— in dieſem Falle würde er keinen ſolchen verwirrenden Zweifel gehegt haben. Und obgleich er es ſich ſelbſt nicht geſtehen wollte, ſo empfand er den⸗ noch trotz ſeiner geäußerten Freude durch dieſe plötzliche Einigkeit in der Hauptſache eine Art von Leere. Er war mit einem Male in einen ganz fremden Zuſtand verſetzt, der gänzlich verſchieden war von demjenigen, mit welchem er ſich zwei Jahre lang ſo vertraut gemacht hatte. Er hatte den gewöhnlichen Kampf, Ueberredungen aller Art erwartet; er hatte geglaubt, ſeinem Wunſche würde durch warme Schilderungen über Elvira's Liebe und Trauer, und vor allen Dingen durch den eigenen Schmerz ſeines Vaters entgegen gewirkt werden, wenn dieſer nämlich ſähe, daß das theure Helgenäs aus der Familie ginge. Doch kein Kampf, keine Ueberredung kam in Frage: er konnte unbehindert um Fanny ſich bewerben, ſobald es ihm be⸗ liebte— Niemand ſetzte ſich dagegen; und genau erwogen, ſchien ſein Vater in ſeiner jetzigen Gemüthsſtimmung Fanny eben ſo gern wie Eloiren als Schwiegertochter annehmen zu wollen. Letsler verſtand ſehr gut Georg's ſtumme Verlegen⸗ heit. Abex er nahm ſich vor, ſeine Schwäche nicht ſehen zu wollen, überzeugt, daß die geringſte Hindeutung ſein leicht erregtes Gefühl reizen und auf dieſe Weiſe antreiben würde, dem Nachdenken vorweg zu eilen. In dieſem letztgenannten Umſtande täuſchte ſich aber Letsler. Georg war nicht ſchwach in einem ſolchen Grade, daß er ſich nur eine Secunde über eine Sache bedachte, wegen welcher er ſo manchen heißen Augenblick gehabt hatte, und welche jetzt unwiderruflich beſchloſſen war; er fühlte ſich nur ein wenig überraſcht dadurch, daß er nichts mehr zu bekämpſen hatte. Doch nach einigen Minuten, die er in Ermangelung eines Beſſern anwendete, um ſein eigenes wunderbares Widerſtreben zu bekämpfen, ſagte er mit einem herzlichen Lächeln:„Nun, Vater, das Gute kommt nie zu ſpät.... Ich reiſe bald nach Strand— gewiß hat Fanny mehr denn einen theilnehmenden Seufzer für mich gehabt, ſeitdem ſie mein Unglück erfahren hat.4 „Ja, ohne Zweifel. Armes Mädchen! ſie hat in die⸗ ſem Jahre Kummer genug gehabt.“ „Carolus ſagte mir geſtern in aller Eile, Herr Hol⸗ mor hätte ſich in einige Verdrießlichkeiten mit dem Jacht⸗ . V lieute nicht ganze ſame. heit dieſer wollte nun d ſo erh kennen aus, u bei ſein die näl und m Scenen E Fanny ſchlum erwärm augenbl. einen L atte. Er aller Art rde durch Trauer, terz ſeines nlich ſähe, gze. Doch er konnte s ihm be⸗ erwogen, ung Fanny annehmen Verlegen⸗ nicht ſehen utung ſein e antreiben e ſich aber en Grade, bedachte, lick gehabt n war; er ß er nichts Minuten, e, um ſein , ſagte er das Gute Strand— (den Seufzer hren hat. hat in die⸗ Herr Hol⸗ dem Jacht⸗ lieutenant verwickelt— doch will ich hoffen, es iſt wohl nicht ſo gefährlich!“ „Ja, ſehr gefährlich: es gilt nicht weniger als ſein ganzes Vermögen und den Verluſt ſeiner Handelsgerecht⸗ ſame. Der Jachtlieutenant hat lange auf eine Gelegen⸗ heit gelauert, den Holmér ordentlich zu pflücken, wenn dieſer nicht zum Dank für ſeine Nachſicht Fanny überreden wollte, zu ſeiner vieljährigen Freierei Ja zu ſagen. Als nun die Gelegenheit endlich kam und Fanny Nein ſagte, ſo erhielten ſie hinlängliche Gelegenheit, den Ture Gran kennen zu lernen.“ „Großer Gott! meine arme, arme Fanny!“ rief Georg aus, und war wiederum mit ſeiner ganzen lebhaften Seele bei ſeiner Jugendfreundin.„Lieber Vater, erzähle mir doch die näheren Umſtände!“ Letsler kannte die traurige Geſchichte ſehr gut und konnte daher dem Wunſche ſeines Sohnes nachkommen, und mit der wärmſten Theilnahme folgte Georg allen Srenen, die der Vater ſchilderte. Es war kaum mehr nöthig als die Gewißheit, daß Fanny arm und in einer hülfloſen Lage wäre, um Georg's ſchlummernde Liebe von Neuem zu erwecken. Sein Herz erwärmte ſich ganz bei der vollſtändigen Beſchreibung aller ihrer Maßregeln, die Letsler theils von Niſſe, theils von Carolus eingeholt hatte; denn der letztgenannte hatte ſich augenblicklich dorthin begeben und alles von dem ganz in einen Lappen verwandelten Holmér erfahren, welcher jetzt den Eigenſinn ſeiner Tochter als die Urſache des ganzen Unglücks anklagte. Georg meinte Fanny in jener ſtürmiſchen Nacht, da er ſelbſt für Leben und Schiff kämpfte, zu erblicken; er meinte zu ſehen, wie ſie mit dem unerſchütterlichen Muthe eines Mannes die kluge Handlung ausführte, wozu die Sorge für das Wohl des Vaters ſie antrieb; darauf ſah er, wie ſie mit edler Entſchloſſenheit das Anerbieten des Ture Gran abſchlug und aus freier Wahl jedes Unglück dem Schickſale vorzog, ſich mit ihm zu verbinden; doch am klarſten erſchien ſie ihm in jener zweiten Nacht, da der Jachtlieutenant ihr zum letzten Male die Wahl ließ, in dieſer Nacht, da ſie das Schickſal ihres Vaters in ihren Händen hatte, und dennoch ſtandhaft blieb. Fanny ſelbſt hatte nichts von dieſem letzten Verſuche des Jachtlieutenants verrathen: die Nachricht davon wurde von keiner geringeren Perſon, als Schnüffler⸗Calle, ver⸗ breitet, welcher aufgebracht über die Doppelheit ſeines Vorgeſetzten bei einer Sache, die zwiſchen ihnen hätte klar ſein ſollen, es beſchloſſen gehabt hatte, in ſeinem eigenen Namen zu handeln; das heißt— wie Calle ſelbſt mit prahleriſchen Worten erzählte— er war, da ſie ſich bei der Kellerthür trennten, dem Lieutenant nachgeſchlichen und hatte ihn behorcht, um falls ſein Vorhaben ihm ge⸗ länge und alles ſtill bliebe, in eigener Perſon die Macht zu nehmen und den Beſchlag zu machen; denn Calle wollte nicht alle Mühe bei dieſer Affaire gehabt haben, damit der Lieutenant allein Nutzen daraus ziehen ſollte. Da je⸗ doch der Freier einen neuen Korb bekam, ſo wußte Calle auf ſeinen fünf Fingern, daß er nur die untergeordnete Rolle fortzuſpielen brauchte, und wie wir wiſſen, wartete er auch nicht lange auf das verabredete Zeichen. Ob etwas in Betreff dieſer beabſichtigten Eigenmäch⸗ tigkeit Callé's zu den Ohren ſeines Befehlshabers gekom⸗ men iſt, weiß man nicht; war dies jedoch der Fall, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß dieſer es für das Rathſamſte erach⸗ tete, nichts davon zu wiſſen....... „Iſt ſie nicht ein Mädchen von ſeltenem Werthe, lie⸗ ber Vater?“ ſagte Georg, und ſammelte in ſeinem Herzen alle vereinzelnten Züge von Fanny's lichtem Bilde. „Von hohem Werthe, Georg!— doch ich brauche Dich nicht zu ermahnen, mit der groͤßten Delicateſſe zu Werke zu gehen, nachdem Du... Du verſtehſt... ſeit Deiner Rückkehr nicht geſchrieben haſt, und ich es natür⸗ — ¹ doch am , da der ließ, in in ihren Verſuche don wurde Lalle, ver⸗ eit ſeines hätte klar m eigenen ſelbſt mit ie ſich bei geſchlichen n ihm ge⸗ die Macht jalle wollte en, damit . Da je⸗ ußte Calle lergeordnete en, wartete . igenmäch⸗ hers gekom⸗ Fall, ſo iſt mſte erach⸗ Werthe, lie⸗ ſinem Herzen hſt... ſeit es natür⸗ licher Weiſe ebenfalls nicht für Recht halten konnte, zu verhehlen, wo Du Dich aufhieltſt!“ „Sei nicht bange, Vater— es kann nur langſam zu Werke gehen. Aber ich habe auch Zeit genug; denn werde ich nicht ſogleich abgewieſen, ſo überwintere ich hier auf der Johannis⸗Klippe.“ Letsler nickte einen vollkommenen Beifall. „Und welche frohen, angenehmen Tage wollen wir nicht mit einander verleben!— ach, es iſt nun ſchon lange her, ſeitdem ich eine längere Zeit in meiner alten theuren Heimath verleben durfte! Wir wollen uns auf das Vor⸗ trefflichſte einrichten, und Du ſollſt ſehen, ich erfinde ſo viele Mittel zu Deiner Zerſtreuung, daß Du Dich, wenn der Frühling kommt, gar nicht mehr von mir trennen willſt, ſondern in einen Vorſchlag willigſt, mit dem ich mich ſchon lange in meinem Kopfe herumgetragen habe, nämlich einen kleinen Umzug auf ein Jahr oder länger von der Johannis⸗Klippe in die Kajüte der Brigg Elvira Cornelia zu machen. Wenn dieſer Vorſchlag Deinen Bei⸗ fall fände, ſo koͤnnten wir ja immer bei einander ſein— und wo koͤnnteſt Du ungeſtörter leben, wo mehr eine Hei⸗ math haben, als auf meinen Planken?“ Letsler's Wange hatte etwas Farbe angenommen. Seine Bruſt erweiterte ſich bei dem Gedanken, noch ein⸗ mal über einen groͤßeren Raum zu blicken, auf Georg's Brigg zu ſchaukeln, Georg's Stimme zu hoͤren, wenn er die Commandoworte ausſprach, und ſich ſtets von ſeiner Liebe gepflegt zu ſehen: das alles übte auf ihn einen ſo neuen, ſo überraſchenden Eindruck aus, daß Georg faſt ein Ja erwartete. Doch die Farbe verſchwand von der Wange; die Wünſche erſtarben, und mit unausſprechlicher Sanftheit in der Stimme antwortete Letslex:„Ich ſegne Dich, mein Georg, daß Du dieſen Gedanken hervorriefſt! er ſchenkte mir einen Augenblick lang eine ganz ungemiſchte Freude! Doch jetzt, da ich alt geworden bin, paßt es ſich für mich 184 am beſten auf der Klippe zu bleiben, wo ich ſo viele Jahre gelebt habe: um alles in der Welt wollte ich an keinem andern Orte ſterben, als hier, wo ſie ſtarb, und wo ich ihr näher zu ſein glaube.“ „So wollen wir uns wenigſtens die Zeit zu Nutze machen, die wir mit einander zu verleben haben...Und um einen Anfang zu machen, Vater, ſo laß uns die Man⸗ telſäcke öffnen!“ „Mein geliebter Sohn! Du bringſt mir ſtets ſo vie⸗ les zu meinem Vergnügen, daß wir am Ende gar keinen Platz mehr dafür haben!“ „Dann bauen wir noch ein kleines Zimmer hinzu! Es freut mich ſo herzlich, wenn ich glauben kann, daß mein theurer Vater während der langen Zeit, da ich nicht hier ſein kann, umher geht und ſich über dieſe Kleinigkei⸗ ten freut, als wären ſie Theile von mir ſelbſt.“ „Das thue ich auch wirklich: ich ſehe Dich in allem y.. Nun aber höͤre ich einen andern Helfer kommen — es iſt ſonderbar, daß wir nicht ſchon früher etwas von unſerm Carolus vernommen haben...“ „Hier iſt er; und daß er nicht heute Morgen ſchon früher gekommen iſt, das geſchah darum, weil er zu Hauſe alle Hände vollauf zu thun gehabt hat, um einen richtigen Schmaus zuzubereiten. Und nun will er den Capitain Letsler und den alten Herrn holen... Kein Nein, Herr Letsler!— es hilft, Gottes Tod! nicht!“ Und es half auch wirklich nicht; denn Georg trat auf Carolus Seite; und jetzt ſaßen alle vier, Letsler, Georg, Carolus und Niſſe im Boote, welches bald bei Grafwerna landete. Auf dem Landungsplatze ſtand der alte Elias und ſchwenkte den lieben Gäſten die Mütze entgegen, und hin⸗ ter ihm die ſchoͤne Johanna, umgeben von den Knaben. ſeitder von G genãs Herz er ihr 1 keine ihre L 2 leinigkei⸗ in allem rkommen etwas von rgen ſchon r zu Hauſe richtigen Capitain ein, Herr heorg trat , Letsler, bald bei Elias und , und hin⸗ Knaben. Neuntes Kapitel. Nachdem Herr Holmér wochenlang von voͤlliger Gei⸗ ſtesſchwäche an das Bett gefeſſelt worden war, ſo begann er endlich ſeine angegriffenen Kräfte wieder zu verſuchen und umher zu gehen. Aber er war ſo muthlos, ſo nieder⸗ geſchlagen, ſo ganz gedemüthigt, daß er nicht im Stande war, ſich in die Zukunft hinein zu denken. Das Einzige, das er konnte, war unaufhoͤrlich über ſein Unglück zu kla⸗ gen, und von früh des Morgens bis ſpät des Abends ſeiner Tochter Vorwürfe zu machen, daß ſie an Allem Schuld waͤre; dieſen Vorwürfen fügte er gleichſam um ſich zu rächen, die Verſicherung hinzu, ſie könnte es für abgemacht halten, daß jetzt kein Menſch weiter nach ihr fragen würde, und daß ſie künftighin vor allen Bewerbun⸗ gen in Frieden gehen koͤnnte, da ſie keinen Pfennig Mit⸗ gift zu erwarten hätte. Mit faſt übermenſchlicher Geduld hörte Fanny das alles mit an; aber ſie hoͤrte nicht mit gleichgültiger Sorg⸗ loſigkeit zu, ſondern da ſie fühlte, daß ihr Vater wenig⸗ ſtens gewiſſer Maßen Recht hätte, ſo ermüdete ſie nie, ihn aufzumuntern, ihn zu tröſten, ihm eine beſſere Zukunft vorzuſpiegeln— und dies alles that ſie, ogbleich ſie ſelbſt ihres Theils von der Zukunft keine Freude erwartete: denn ſeitdem ſich zu ihren übrigen Unglücksfällen die Nachricht von Georg's Schiffbruch und ſeinem Aufenthalte auf Hel⸗ genäs geſellt hatte, ſo war Fanny überzeugt, daß ſein Herz für ſie unwiderruflich verloren war, beſonders weil er ihr keine einzige Zeile geſchickt hatte. Doch jetzt, ſo ſehr auch der Schmerz brannte, war keine Zeit, ſich einer weichlichen Liebestrauer hinzugeben; ihre Lage heiſchte Handlung und keine Träume. „Ich weiß nicht, welche wahnſinnigen Hoffnungen Du 186 auf die Zukunft baueſt? ſagte Holmér eines Tages. „Glaubſt Du, man lebt von Gottes Wort und Nordwind? denkſt Du, daß Dir gebratene Tauben in den Hals flie⸗ gen? Wenn ich gezwungen bin, den Handel niederzulegen — und der Ausſchlag fällt bald— ſo müſſen wir uns anſchicken, unſer Leben mit dünnen Haferkuchen aufzu⸗ halten!“ „Ich hoffe, wir wollen von Gottes Gnade und unſrer Arbeit leben, lieber Vater! Ich habe ſchon einen Plan im Sinne, der gewiß gut iſt... Du erboteſt Dich noch vor Kurzem, mich zu Deinem Compagnon anzunehmen: dieſes war ein ſicheres Zeichen, daß Du mir die Kraft zutrau⸗ teſt, ſelbſt für mich ſorgen zu können. Wenn Du das noch glaubſt, ſo könnten wir ja darum einkommen, daß ich die Erlaubniß erhielte, hier zu Strand in meinem Namen einen Handel zu eroͤffnen. Da bliebe es ja ganz ſo wie es jetzt iſt, nur daß die Geſchäfte in meinem Na⸗ men geführt würden!“ „Hm, hm, Dul das war nicht ſo dumm... Aber zum Henker, wie willſt Du einen Handel anlegen ohne Credit und Bürgſchaft, und wer denkſt Du, wird Dein Bürge ſein wollen?“ „Das thut Carolus Eliasſon zu Grafwerna— und er iſt jetzt ein ſo wohlhabender Mann und hat einen ſo guten Ruf, daß ſein Name überall gilt.“ „Ach ſo!“ ſagte Holmér mit verächtlicher Miene, „es iſt hier die Rede von einem Dütenhandel?“ „Warum denn gerade das, Vater? Doch auf jeden Fall kann man auch damit zu Geld und Wohlſtand kom⸗ men. Wir müſſen aber auf jeden Fall alle größeren Speculationen aus dem Sinne ſchlagen, und nie in meinem Leben, und könnte ich auch künftighin eben ſo gute Ge⸗ ſchäfte machen, wie Du ſie gemacht haſt, will ich den Schleichhandel zu Hülfe nehmen, denn dieſer hat uns ge⸗ ſtürzt und mir einen Abſcheu eingeflößt, den ich nie überwinden kann....“ ges. 97 flie⸗ legen uns -ufzu⸗ unſrer an im ch vor dieſes zutrau⸗ Du das n, daß meinem ja ganz em Na⸗ — und einen ſo Miene, Einige Tage nach dieſer Unterredung lief die Nach⸗ richt von der Ankunft des Capitains Letsler auf der Jo⸗ hannis⸗Klippe ein. Fanny, die eben bei ihrem Vater war, konnte kaum verbergen, welchen tiefen und erſchütternden Eindruck dieſe Nachricht auf ſie hervorbrachte. Sie wollte aufſtehen und hinausgehen, aber Holmér äußerte mit großer Lebhaftig⸗ keit:„Warte ein wenig, mein Kind!“ Und ſobald ſie allein waren, fuhr er fort, indem er ſchlau mit den Augen blinzelte:„Ich wollte Dir nur ein Paar Worte im Ver⸗ trauen ſagen! Habe Du nun Deine Augen offen, und laß Dir die Partie nicht zum zweiten Male aus den Händen gehen! Es iſt ein ſo gutmüthiger Narr, daß er ſich nicht daran kehrt, ob Du eine Mitgift haſt oder nicht— Du verſtehſt?"* „Ja, Vater, ich verſtehe ſehr gut. Doch iſt es am Beſten, wenn ich lieber gleich ſage, daß Du auf den Be⸗ ſuch des Capitains Letsler in unſern Gegenden nicht die geringſte Hoffnung bauen darfſt, denn dieſer Beſuch betrifft ganz ſeinen Vater; und wenn er zu uns kommt— was er wohl thut— ſo kannſt Du mir wohl keine ſo niedrige Handlungsweiſe zutrauen, wie Du andeuteteſt!“ „Nun, nun! Dir darf ich gewiß nichts Vernünftiges zutrauen!“ Am folgenden Tage gegen Mittag, da eben Fanny zum zehnten Male zu ſich ſelbſt ſagte:„er wird wohl nicht kommen!“ eilten raſche Schritte über den Hof, und bei dem flüchtigen Blicke, den ſie hinaus warf, wurde ihr Athem gehemmt. Er war es! Kaum hatte Fanny Zeit gehabt, ſich zu faſſen, ſo ſtand Georg ſchon mitten im Zimmer. Aber wie ver⸗ ſchieden war nicht dieſes Zuſammentreffen von demjenigen, das vor zwei Jahren ſtattfand! Er ſchloß ſie jetzt nicht mit ſtürmiſcher Heftigkeit an ſeine Bruſt; er ergriff blos ihre Hand und drückte dieſe an ſeine Lippen— zwar warm, aber doch nicht mit der Wärme, welche ihr von Chemals bekannt war. „Es iſt vorbei, vorbei— auf ewig vorbei!“ flüſterte eine Stimme in ihrem Innern; und ſie fühlte einen Schmerz, der beinahe allen Bemühungen, ihn zu ver⸗ bergen, getrotzt hätte. Dennoch gelang es ihr, denn ihr Wille war ſtark wie ihre Liebe. Und als die erſten Se⸗ kunden vorüber waren, ſo konnte ſie ſogar lächeln und Georg bei ſeinen alten Freunden willkommen heißen. „Ich danke Dir, theure Fanny, für Deinen freund⸗ lichen Gruß zum Willkommen! Mit meiner ganzen Seele habe ich mich nach dem alten lieben Strand geſehnt, wo ich Stunden von ſo reinem Genuſſe verlebt habe, wie ich ſie noch nie irgendwo erlebte!.... Und ſieh, hier iſt noch Einer, der ſich nach Dir geſehnt hat!“ Er deutete auf Komm, der mit hohen Freudenſprüngen die Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich zu lenken ſuchte. 8 „Willkommen auch Du!“ ſagte Fanny und beugte ſich tief hinab über den Liebling, welchen ſie einſt in an⸗ dern Zeiten und unter andern Verhältniſſen als ein An⸗ denken an Georg geſchickt hatte. Es war ihr ganz un⸗ möglich, ſie konnte es nicht hindern, daß eine Thräne in Komm's gelbe Locken fiel. Georg mußte ſich abwenden. Es wurde ihm ſchwer, ſeine gewöhnliche Heftigkeit zu verbergen, ſchwer zu ver⸗ bergen, daß Fanny jetzt, wie immer, wenn er ſie ſah, ihre alte Macht über ihn ausübte. Doch heilig hatte er ſich gelobt, ſich durch keine Uebereilung gleich in dem er⸗ ſten Augenblicke eine abſchlägige Antwort zu ſchaffen. Sein Pater und auch ſein eigenes Herz hatten ihm ge⸗ ſagt:„Fanny muß Zeit haben, ſich zu überzeugen, daß Deine Bewerbung um ihre Hand kein Scherz iſt; ſie muß zu reiſ auf S ſchlag war ſti leicht: D und Fe dachte: ſie aue dachte: auf der er mir enigen, st nicht iff blos zwar ihr von flüſterte e einen zu ver⸗ enn ihr en Se⸗ eln und en. freund⸗ n Seele nt, wo wie ich hier iſt deutete ſchaffen. ihm ge⸗ n, daß ſie muß es ſehen, wie wichtig es Dir iſt, daß Du Dir erſt ihre günſtige Meinung erwirbſt!“ Jetzt trat Herr Holmér herein, und es dauerte we⸗ nigſtens eine runde Stunde, während welcher Fanny drau⸗ ßen war und das Mittageſſen zubereitete— heute würde Georg dies gewiß nicht wie vor zwei Jahren für über⸗ flüſſig erachten— ehe der Patron weit und breit ſein unerhörtes Unglück erzählt hatte, und wie das Schrecklichſte von Allem wäre, daß er Fanny's Eigenſinn alles zu dan⸗ ken hätte. Georg bot ſeine ganze Kraft auf, das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand zu bringen, doch vergebens. Holmér hatte nur eine einzige Idee, nämlich, daß er ruinirt war.„Ich werde wohl,“ ſagte er,„meine letzten Tage in der tiefſten Armuth verleben müſſen!“ „Nein, nimmermehr, ſo lange ein Freund helfen kann!“ rief Georg aus,„und das kann er immer!“ Mehr wollte er über ſeine Pläne nicht äußern, ehe er ſpäterhin Fanny's Ausſchlag vernommen hatte. Als er am Nachmittage Miene machte, nach Hauſe zu reiſen, ſo lud ihn Holmér höchſt artig ein, die Nacht auf Strand zuzubringen, und Georg nahm dieſen Vor⸗ ſchlag mit ſichtbarem Vergnügen an. Der folgende Tag war ſtürmiſch und regneriſch, und Georg ließ ſich daher leicht überreden, noch dieſen Tag zu verziehen. Doch in dieſen beiden Tagen kam zwiſchen Georg und Fanny kein vertrauliches Verhältniß zu Stande. Er dachte:„ſie mißtraut mir— und welches Vertrauen kann ſie auch in den ſetzen, der ſie ſo betrogen hat?“ Sie dachte: per iſt ſo gezwungen, ſo wunderlich; er hat etwas auf dem Herzen: gewiß ſeine Verlobung mit Elviren, die er mir ſelbſt mittheilen will!“ Elvira wurde mit keinem Worte erwähnt, nachdem Georg der Ordnung wegen einen Gruß von ihr beſtellt hatte. Deſto mehr wurde über den Schiffbruch und den alten Stormbom geredet. Am dritten Tage war kein vernünftiger Grund zu einem längeren Verzuge vorhanden. „Bin ich noch ferner willkommen?“ ſagte er zu Fanny, als ſie kurz vor dem letzten Frühſtück allein waren. „Du biſt gewiß zu jeder Zeit bei uns willkommen, Georg!... aber Du fragſt ſo, als wollteſt Du lange auf der Johannis⸗Klippe bleiben!“ „Das denke ich auch wirklich zu thun, liebe Fanny; ich brauche nicht eher nach Torekow zurückzukehren, als bis die Arbeit mit dem Fahrzeuge ihren Anfang nehmen kann.“ Nachdem Georg abgereiſ't war, dachte Fanny über den Umſtand nach, daß er auf der Johannis⸗Klippe zu über⸗ wintern dachte.„Wenn er ſchon mit Elviren verlobt iſt, warum bleibt er dann nicht bei ihr? Sie hat ihn beſtimmt nicht ausgeſchlagen!... Sollte er alſo wohl freiwillig gereiſ't ſein? Weßhalb denn? Natürlicher Weiſe, um ſei⸗ nen Vater zu beſuchen. Aber dazu braucht er ja keine ſo lange Zeit.. Ich darf nicht ſchwach ſein“— ſchloß ſie, da eine Menge von Erklärungen, die aber ſämmtlich eine gleiche Farbe hatten, ſich als Antworten auf die hin⸗ geworſenen Fragen einſtellten—„nein, ich darf und ich will nicht ſchwach ſein.“........... Zu Hauſe überlegten Vater und Sohn. Georg ſollte nicht allzu oft reiſen: Fanny müßte ſehen, daß er Zeit zu warten hätte. Wie aber war bei dieſem Allem Georg zu Muthe? Sein Entſchluß ſtand unerſchütterlich feſt, ſein Schick⸗ ſal mit Fanny zu vereinigen; doch dieſer Entſchluß ver⸗ mochte ihn weder glücklich zu machen, noch auch von El⸗ vira's ſtrahlendem Bilde zu befreien: dieſes verfolgte ihn unaufhörlich und flüſterte ihm zu, welche überſchwengliche Seligkeit er bei ihr hätte gewinnen können. „Iſt es nicht ſchrecklich,“ ſagte er an einem Abende, da er nicht im Stande war, ſeine Ungeduld zu verbergen, „daß d wenig der Me — das 3 wohl n Mitte März PI meiner dieſe W ich ja will ba Gefühl denn ſo überzeu mich zu nen ver Und jet mit ſein ſamen in vielfe Niſſe in friedevol ſowohl Gutes holte G und zu er zu allein mmen, lange Fanny; en, als nehmen ny über zu über⸗ lobt iſt, beſtimmt reiwillig um ſei⸗ keine ſo ſchloß immtlich die hin⸗ und ich olgte ihn wengliche „daß dieſer Winter, der ſo viel verſprach, mir doch ſo wenig ſchenken ſoll? Ehe wir's uns verſehen, ſo kommt der März; da muß ich wieder hinaus und mich abkühlen — das iſt ja mehr, als ein Menſch ertragen kann!“ „O mein lieber Sohn, ein Menſch kann und muß wohl noch mehr ertragen... Wir ſind jetzt erſt in der Mitte des Decembers: noch kannſt Du vor dem Ende des März Verlöbniß und Hochzeit feiern.“ „Ja, ſchön feiern ich— o nein, ich werde wohl meiner Seele auf Beides warten müſſen!...Doch auf dieſe Weiſe kann es dennoch nicht angehen: hiebei koͤnnte ich ja ein ganzer Träumer, ein Taugenichts werden! Ich will bald wiſſen, was ich zu erwarten habe, damit meine Gefühle beſcheiden bei einem Gegenſtande ſtehen bleiben; denn ſo wahr ich ein ehrlicher Kerl ſein will, ſo bin ich überzeugt von der Unmoͤglichkeit, eine ſolche Gewalt über mich zu erlangen, ehe ich unaufloslich mit einer von ih⸗ nen verbunden bin!“ Das Ende des Decembers kam herbei. Viele Jahre waren verfloſſen, ſeitdem Georg einen Weihnachtsabend auf der Johannis⸗Klippe verlebt hatte. Und jetzt that er Alles, was in ſeinen Kräften ſtand, da⸗ mit ſein geliebter Vater wenigſtens einmal auf dieſer ein⸗ ſamen Klippe das heilige Feſt in Freuden und Frieden feiern könnte. Alle Vorbereitungen wurden in der Stille gemacht. Niſſe hatte von dem feſten Lande zu einem Weihnachts⸗ baume eine junge, friſche und ſchoͤne Tanne geſchafft. Die junge Hausmutter in Grafwerna goß kleine Wachslichter. Und als der ſtattliche Baum, in deſſen Krone die Lichter in vielfachen Reihen ſtrahlten, an dem ſtillen Abende von Niſſe in Letsler's Zimmer gebracht wurde, ſo riefen die friedevollen Erinnerungen entſchwundener Tage in Beider, ſowohl des Vaters als auch in des Sohnes, Seelen etwas Gutes und Angenehmes hervor. Später an dem Abende holte Georg alle ſeine kleinen Geſchenke hervor, wobei er mit der zärtlichſten Sorgfalt Alles ausgeſpäht hatte, was ſeinem Vater angenehm und willkommen ſein konnte. Und ſo fröhlich, ſo warm, ſo ſeelenvoll und faſt kindiſch war Georg jetzt, daß Letsler unmoͤglich ſeinem belebenden Ein⸗ fluſſe widerſtehen konnte; ſelige Hauche von längſt ent⸗ ſchwundenen Zeiten beſuchten ihn, und miſchten ſich mit Hauchen von Hoffnung, der Hoffnung auf ſeine Erloͤſung und auf ein herrliches Wiederſehen dort oben. Auch Niſſe's Herz empfand an dieſem Abende eine ungewöhnliche Freude, nicht ſo ſehr darüber, daß der junge Capitain auch ihn ſo reichlich bedacht hatte, ſondern weil er dachte(und bei dieſem Gedanken ſchielte Niſſe von der Reisſchüſſel, die er oben mit Zimmet verzierte, zu Georg empor):„Wenn der Capitain jedesmal, da er nach Strand reiſ't, ſo lange verzieht, ſo muß wohl etwas ſich ereignen, ehe wir wieder Weihnachten bekommen!“ Und Niſſe nickte über ſeinen Gedanken und eilte in ſein eigenes Zimmer, um aus ſeinem kleinen Garten ein grünes Blatt zu bre⸗ chen: das Blatt ſollte als ein Andenken an ſeine Prophe⸗ zeiung in der Bibel liegen, und ſo würde er wohl ſehen, ob er am nächſten Weihnachtsabende das Blatt umlegen und ſagen konnte:„Ja, ja! ich ahnte etwas, da ich Dich hieher legte!“.............. Für Fanny hatte der Weihnachtsabend nur ſehr ge⸗ ringe Freude.„Im nächſten Jahre,“ dachte ſie,„iſt es düſter wie jetzt!“ Doch bald machte ſie ſich dieſe Undank⸗ barkeit zum Vorwurf: der nächſte Weihnachtsabend konnte ja noch bei weitem düſtrer ſein— und wer wußte, ob ſie da noch etwas mittheilen konnte. Heute konnte ſie wenigſtens das; und als die dankbaren Seufzer und die frommen Gebete der Armen für ihr Wohl ſich troͤſtend auf ihr Herz legten, ſo fühlte ſie, daß es auch noch au⸗ ßer der Liebe viel Schoͤnes gibt, daß aber ein Leben, das nicht von ihr erhellt wird, gleichſam ein langer, kalter Wintertag ohne Sonne iſt. G reiſ't, und ſich S glaubte weniger weiſen, in ihre oder vo Augenbl Seligket ganz ur Helgena machte ſie konn jetzigen denn Ge ernſtlich En. Ge und er als aber der Ver⸗ Herrſcha „D allzu oft „W beſſer ker „S teſt, als aushalten terndes „Jo „A moͤglich, hat, die Der atte, was nte. Und diſch war iden Ein⸗ ingſt ent⸗ ſich mit Erloͤſung eende eine der junge dern weil e von der zu Georg ch Strand ereignen, eiſſe nickte hl ſehen, umlegen ich Dich .. ſe Undank⸗ nd konnte wußte, ob konnte ſie r und die tröſtend noch au⸗ 193 Georg war mehrmals gekommen und wieder abge⸗ reiſ't, und mit jedem Beſuche war er zaärtlicher, heftiger und ſich ſelbſt ähnlicher geworden. Schon ahnte Fanny, daß ſie ſich geirrt hätte, da ſie glaubte, Georg wäre mit Elviren verlobt; und immer weniger und weniger konnte ſie die Ueberzeugung von ſich weiſen, daß er wahrſcheinlich noch einmal ſein Schickſal in ihre Hände legen würde. Was ſie aber nicht ahnen oder vorausſehen konnte, das war das Ende eines ſolchen Augenblickes. Dieſe letzte Entſcheidung über die hoͤchſte Seligkeit oder den höchſten Schmerz ihrer Zukunft ſollte ganz und gar darauf beruhen, was Georg über die auf Helgenäs verlebte Zeit zu erzählen haben konnte. Sie machte ſich nicht ganz vertraut mit der Hoffnung, aber ſie konnte es auch nicht über ſich gewinnen, ſie bei der jetzigen Lage der Dinge ganz von ſich hinweg zu weiſen; denn Georg's Zögern mit ſeinem Anhalten bewies, wie ernſtlich er es überlegt hatte. Endlich war der entſcheidende Augenblick da. Georg hatte wieder einige Tage auf Strand verlebt, und er hatte die Abſicht, dort noch einen zuzubringen; als aber Fanny ihn dazu nicht aufforderte, ſo ſtieg ihm der Verdruß zu Kopf— und da war es aus mit ſeiner Herrſchaft uͤber die Gefühle. „Du glaubſt wohl, ich bleibe allzu lange und komme allzu oft— nicht wahr, Fanny?“ „Wie kannſt Du ſo reden, Georg? Du ſollteſt mich beſſer kennen!“ „So wie auch Du, Fanny, mich beſſer kennen ſoll⸗ teſt, als zu glauben, daß ich es länger mit dieſer Pönitenz aushalten kann— kannſt Du mir denn nie ein ermun⸗ terndes Wort ſagen?“ „Ich verſtehe Dich nicht!“ „Ach ja, Du verſtehſt mich ſehr gut! Wie wäre es moͤglich, daß Du— Du, die mich immer verſtanden hat, die mich ſchon verſtand, als ich noch Knabe war, Der Einſiedler ꝛc. I. 13 194 und die mich noch verſtehen wird, wenn ich ein Greis geworden bin— Du ſollteſt nicht auch, wenn Du nur wollteſt, meine jetzige Lage verſtehen?“ „Lieber Georg! ich.. „Theure, geliebte Fanny! gewiß weißt Du, daß ich mich Deiner Worte entſinne, da wir vor zwei Jahren ſchieden:„„Zähle nicht auf meine Schwäche, Georg, wenn kein Brief kommt!““ Aber, liebe Fanny, ich zähle ſtatt deſſen auf Dein edles Herz.... Du weißt, ich bin wahnſinnig geweſen, und ich ſage Dir, es wird nie beſſer, wenn Du mich nicht je eher je lieber unter Deine Auf⸗ ſicht nimmſt.. Hörſt Du, geliebte Fanny!“ bei dieſen Worten ergriff Georg mit dem alten Feuer ihre beiden Hände, drückte ſie in die ſeinigen, und ſein Blick bat ſo warm—„ſei nicht zu ſtreng!“ Fanny hatte nicht ſogleich ſo viele Macht über ſich ſelbſt, als erforderlich war, um alles mit Ruhe ſagen zu können, was ſie zu ſagen hatte; aber es ſchien ihr, da Georg's erſte Worte unglücklicher Weiſe ein allzu voll⸗ ſtändiges Selbſtbekenntniß enthielten. Sanft ſuchte ſie daher ihre Hand los zu machen; und der Blick voll un⸗ bewußter Würde, mit welcher ſie ſeine Heftigkeit abwies, traf ihn mit einem heftigeren Vorwurfe, als wenn ihre Lippen ihn ausgeſprochen hätten. Endlich ſagte ſie ziem⸗ lich ungezwungen:„Was führt Dich jetzt zu mir, Georg?“ „Was ſonſt, Fanny, als die Hoffnung, Du werdeſt mir verzeihen und die Meinige werden!“ „Und warum wünſcheſt Du, daß ich die Deinige wer⸗ den ſoll?“ „Warum?“——— Georg's Wange glühte ſtark ———„wie kannſt Du ſo fragen?“ „Weil ich es wiſſen muß, weil es mein Recht iſt, es zu wiſſen... Willſt Du ſo hochherzig ſein, mit offen zu ſagen, ob Du der Liebe oder der Ehre folgſt?“ „Beiden, Fanny, das betheuere ich Dir!“ 3 „Das will ich erſt näher erforſchen... Ich weiß, die Ge ren ka⸗ um ih ſen ſu Deinen in mer betrach beſſere Unterr hätte, eine ſe ſen P ſcheinl wäre. 6 8 Auger weder Glüch Alles lin Greis Du nur „daß ich 8 ſei Jahren org, wenn über ſich ſe ſagen zu ihr, daß* allzu voll⸗ ſuchte ſie ck voll un⸗ eit abwies, wenn ihre te ſie ziem⸗ Georg?“ Du werdeſt deinige wer⸗ glühte ſtark— Recht iſt, ſein, mir e folgſt?“ Ich weiß, 195 die Gelübde, welche Du mir vor zwei Jahren gabſt, wa⸗ ren kaum auf Deinen Lippen erkaltet, ſo wurde ich auch um ihr etwillen vergeſſen, welche Du bei mir zu vergeſ⸗ ſen ſuchteſt. Darauf reiſ'teſt Du. In der Reue über Deinen Leichtſinn ſchriebſt Du mir und verſicherteſt mich in mehren Briefen, daß Du Dich als meinen Verlobten betrachteteſt. Ich antwortete nicht, denn ich wollte eine beſſere Ueberzeugung von Deiner Treue haben, als Du ſie mir aus fremden Ländern zuſchickteſt— ich wollte ſehen, wie Du handeln würdeſt, wenn Du nach Hauſe kämeſt.“ „Nun, Fanny!“ ſtammelte Georg,„Du haſt es ja jetzt geſehen!“ „Ja, ich habe geſehen, wie Du gehandelt haſt ſeit Deinem Eintreffen auf der Johannis⸗Klippe; doch, Georg, mir fehlt dagegen jede Kenntniß Deiner Handlungsweiſe während des Monats, den Du auf Helgenäs verlebteſt. Kannſt Du mich wohl auf Dein Gewiſſen, wie wenn Deine Mutter uns hörte, verſichern, daß Du auch dort Dich immer als meinen Verlobten betrachtet haſt?“ „Als einen ſolchen, beſte Fanny, konnte ich mich ja nicht betrachten, weil ich von Dir keine Antwort erhalten hatte! Aber... aber“.... Jetzt kam Georg aus dem Concepte. Lügen konnte er nicht; dagegen aber konnte er ihr auch unmöglich ſagen, daß er ihr in einem ſo hohen Grade ungetreu geweſen wäre, und daß er es nur der Unterredung mit dem Commandeur⸗Capitain zu danken hätte, wenn er hier ſtände. Denn Aufrichtigkeit war zwar eine ſehr gute Sache, wenn er dieſelbe aber bis auf die⸗ ſen Punkt triebe, ſo beleidigte er dadurch Fanny wahr⸗ ſcheinlich ſo ſehr, daß keine Verſöhnung mehr denkbar wäre. Fanny aber war nicht geſonnen, in dieſem wichtigen Augenblicke, von welchem ihre beiderſeitige Zukunft abhing, weder ſeiner noch ihrer ſelbſt zu ſchonen. Sie wollte ihr lück nicht auf einen falſchen Grund bauen: ſie wollte Alles erforſchen, um ein klares Urtheil zu haben. 196 „Georg!“ ſagte ſie innig, und ihr ſanftes, blaues Auge heftete ſich mit einem bittenden Blicke auf das ſei⸗ nige,„Du darfſt mir nicht ausweichen! Iſt Deine Liebe zu Elviren von Neuem aufgelodert? Scheue Dich nicht, mir die Wahrheit zu ſagen— die Wahrheit kann ich Dir verzeihen, doch nimmermehr den Betrug!“ „Du bringſt mich dahin, Fanny, daß ich vor mir ſelbſt erroͤthen muß, und das muß ich vor Dir, Du treueſte und reinſte unter allen Weibern!“ „Alſo... Du liebſt ſie? Du liebſt ſie ſehr?— ich weiß recht gut, wie dieſe Gefühle bei Dir find!“ „Ja, Fanny, ich liebe ſie mit einer Leidenſchaft, vor welcher ich ſelbſt mehr denn einmal zurückſchauderte; und ich bin ſo ſchwach geweſen— es wird mir ſchwer, Dir dies zu ſagen; doch da Du es wiſſen willſt, ſo ſollſt Du wenigſtens nicht ſagen koͤnnen, daß ich Dich betrog— ja, ich bin ſo ſchwach geweſen, daß, wenn Elvira mich auf⸗ gemuntert hätte... o Fanny, Fanny! warum zwingſt Du mich hierzu?.... daß ich vielleicht meiner Ge⸗ lübde, Deiner vergeſſen haben könnte!“ Auf Fanny's Wangen wechſelten rothe und weiße Roſen. Sie war nicht gewohnt, von Jemandem etwas Böſes zu denken, und dennoch glaubte ſie zu begreifen, was Elvira's Gleichgültigkeit beabſichtigt hätte. Aber Fanny würde ſich ſelbſt verachtet haben, wenn ſie dieſes in Georg's Gegenwart nur mit einem Worte berührt hätte. Mit gedämpfter Bewegung ſagte ſie alſo:„Ich muß alſo glauben, Georg, daß ihre Kälte und Deine Ver⸗ zweiflung darüber, daß Du ſie nicht beſiegen konnteſt, Dich zu mir zurückgeführt hat?“ 3 „Nein, Fanny, beim lebendigen Gott, ſo iſt es nicht! Zu Dir führt mich nur mein warmer Wunſch, meinen Leichtſinn zu verſöhnen; zu Dir führt mich die Ehre; zu Dir führt mich die reine, innige Liebe, welche die Liebe zu Elviren nicht hat vertilgen können; zu Dir führt mich die Ueberzeugung, daß Du mich glücklich machen wirſt, und da Du ja geliebte das B legen?⸗ 2 zu, ſell einzubil noch ne derbar! nicht, meinem ich mit ben und günſtige was ich als Al⸗ in einer blaues das ſei⸗ ne Liebe ch nicht, ann ich vor mir treueſte ehr?— 51“ haft, vor rte; und der, Dir ſollſt Du 9.— ja, nich auf⸗ zwingſt iner Ge⸗ d weiße m etwas begreifen, l. Aber teſt, Dich es nicht! , meinen Ehre; zu die Liebe ührt mich hen wirſt, 197 und daß ich Dich glücklich machen kann; denn davon biſt Du ja feſt überzeugt, Fanny: wenn Du mich als meine geliebte Gattin auf meinem Schiffe begleiteſt, ſo kann ſich das Bild keines, keines Weibes zwiſchen unſere Herzen legen?“ 4„Das kann nur Gott wiſſen!“ In Fanny's Ton hatte ſich etwas eingeſchlichen, das zwar nicht kühl, aber doch unausſprechlich ſchmerzhaft war.„Sage mir noch eine Sache,“ fuhr ſie fort:„glaubſt Du, daß Elvira's Kälte ſich überwinden läßt?“ „Auf eine ſolche Frage zu antworten ſteht mir nicht zu, ſelbſt wenn ich vermeſſen genug wäre, mir dergleichen einzubilden... Aber, Fanny, ſo wie jetzt habe ich Dich noch nie geſehen: Du biſt ja ſo ruhig, ſo kalt, ſo ſon⸗ derbar! Du fragſt nur und fragſt— weißt Du denn nicht, daß auch ich fragen, von Seele und Herzen, von meinem innerſten Leben fragen will, ob Du glaubſt, daß ich mit meinem glühenden Gemüthe mir die Geduld ge⸗ ben und hier einen ganzen Monat liegen ſollte, um einen günſtigen Augenblick abzuwarten, wenn nicht dasjenige, was ich von dieſem Augenblicke erwarte, mir theurer wäre, als Alles auf Erden? Mit einem Wort, Fanny! Du mußt mir Deine Achtung wieder ſchenken!... Deine Liebe haſt Du mir nicht entziehen konnen; und habe ich beides, gibſt Du mir das ſo viele Jahre erbetene Ge⸗ lübde Deiner Treue— dann, theure, geliebte Fanny, wirſt Du feſt und ewig überzeugt werden, daß Du Dich mit Banden gebunden haſt, die nur der Tod löſen kann!“ „Ja, mit Banden;z doch nicht mit Banden der Liebe!“ Fanny ſchüttelte leiſe ihr ſchöͤnes Haupt.„Du liebſt mich nicht mehr, liebſt mich nicht halb ſo ſehr, als da Du mir vor zwei Jahren dieſe Bitte vorlegteſt”.... Und jetzt war Fanny bei dem Uebermaße ihres Schmer⸗ zes nahe daran, in Thränen auszubrechen; doch das ſtarke Weib beſiegt ihre Schwäche. Als ſie vor zwei Jahren in einer faſt gleichen Lage waren, ſo konnte es verzeihlich 198 ſein, wenn ſie weinte; doch heute— ſo meinte Fanny— würde ſolches ein Flecken auf ihrem weiblichen Selbſtge⸗ fühl ſein... nein, es koſte was es wolle— weinen durfte ſie nicht. Die Heftigkeit in ihrer Stimme und ihren Bewegun⸗ gen hatten jedoch in einem eben ſo hohen Grade die Qua⸗ len offenbart, welche ſie bekämpfen wollte, als die Thränen es gethan haben würden. Georg, der die ganze Zeit vor ihr geſtanden hatte, warf ſich jetzt neben ſie auf den Sopha, ergriff von Neuem ihre Hände, und getrieben von den überlauten Vorwürfen des Gewiſſens betheuerte er, daß er nie in ſeinem Leben das Glück koſten würde, wenn er es nicht aus ihrer Hand entgegen nehmen dürfte.„Du Vertraute meiner Kindheit! Du meine Jugendgeliebte! Du, die in meiner Seele lebte, lebt und ewig leben wird! verlaß mich nicht! Ich fühle die Kälte des Todes in meinem Herzen, wenn ich an die fürchterlichen Worte denke: auf ewig von Dir getrennt!... Fanny, Fanny, wende Dich nicht von mir! Glaube meinen Worten, ſie meinen es redlich mit uns beiden!“ „Das weiß ich, Georg— ich weiß, daß Du in die⸗ ſem Augenblick glaubſt, Du köͤnnteſt nur mit mir glücklich werden. Aber bedenke; es iſt noch nicht ſo lange her, da hielteſt Du es für ein Glück, das hoͤher war, als alles andere, wenn Du Elvira's Gatte werden könnteſt— und wenn Du zu ihr zurückkommſt, ſo wirſt Du es von Neuem glauben.... In dieſen Kämpfen zwiſchen der Leiden⸗ ſchaft, die für ſie lodert, und der bleichen Jugendliebe, die je zuweilen für mich aufflammt, leidet Deine Kraft. Du wirſt unzufrieden werden mit Dir ſelbſt und mit dem gan⸗ zen Leben. Darum, Georg, hore den Rath einer Schwe⸗ ſter Deiner Kindheit: ſuche aus dem ſchönen Wahne zu kommen, in welchen ſich Dein edles Herz und Dein leicht⸗ verletztes Ehrgefühl verwickelt haben; und wenn es Dir dann gelungen iſt, vollkommen klar in dieſe Verhältniſſe zu blicken, ſo wirſt Du finden, daß Du mit wahrer Liebe auf de 1 dem „wie ohne — ben nung ßer G Ernſt 7 liche Du es zwiſch Dir, ſten, 9 ſage ich ü Doch nachd glaub e. pgeliebte! en wird! Todes in orten, ſie du in die⸗ r glücklich ge her, da als alles ſt— und on Neuem her Leiden⸗ dliebe, die raft. Du dem gan⸗ er Schwe⸗ Wahne zu dein leicht⸗ nn es Dir Verhältniſſe ahrer Liebe 199 ₰ eigentlich nur Eine geliebt haſt: und dieſe Eine iſt Elvira. Ihre glühende Seele, ihr ganzes Weſen iſt ſo für Dich geſchaffen, daß ich— verſtehſt Du, Georg: ich ſelbſt— es einſehen muß, und es ſchon eingeſehen habe, daß ſie die Rechte iſt.“ „Und Deine Seele, Dein Herz— ſind ſie denn nicht ebenfalls warm? Wo flammt das Feuer reiner, als bei Dir? O Fanny, Fanny! glaubſt Du denn, daß meine Thorheiten mich blind gemacht haben?“ „Mein Herz iſt warm, und ich liebe Dich noch— aber deſſenungeachtet verſtehe ich, daß es eine mächtigere und feurigere Liebe gibt, als ich zu geben und ſelbſt zu empfinden vermag. Dieſe mächtigere Liebe beſteht zwiſchen Dir und ihr. Mit Elvira wirſt Du Dich bis in den Himmel empor ſchwingen.... mit mir,“ fügte ſie mit einem ſchwachen Verſuch zu lächeln hinzu,„hätteſt Du auf der Erde bleiben müſſen.“ „Aber Fanny!“ ſagte Georg, und betrachtete ſie mit dem unverſtellteſten Ausdrucke einer angſtvollen Unruhe, „wie haſt Du es ſchon ſo weit bringen können, daß Du ohne mir meine Bitte abzuſchlagen gleichwohl von unſerer — bedenke, Fanny, von Deiner und meiner— Tren⸗ nung redeſt, als verſtände ſie ſich von ſelbſt?... Gro⸗ ßer Gott! Du willſt mich ja nur prüfen? Es kann Dein Ernſt nicht ſein!“ „Ich habe es vermeiden wollen, Dich durch eine foͤrm⸗ liche Zurückweiſung zu beleidigen; aber ich wollte, daß Du es eben ſo klar wie ich einſehen ſollteſt, wie das Band zwiſchen uns allmälig zerriſſen iſt.... Einſt ſagte ich Dir, ich wollte lieber auf mein hochſtes Glück Verzicht lei⸗ ſten, als daſſelbe mit einer Andern theilen. Heute dagegen ſage ich: ich würde Dein halbes Herz annehmen, wenn ich überzeugt wäre, daß ich dadurch Dein Glück foͤrderte. Doch ich habe mich von dem Gegentheile überzeugt, und nachdem dieſes geſchehen iſt, Georg, ſo kannſt Du mir glauben, daß Du am beſten gegen uns beide handelſt, 200 wenn Du keine Bitte weiter an mich verſchwendeſt! Ich habe meinen Entſchluß langſam gefaßt, doch jetzt, da ich ihn gefaßt habe, iſt er unwiderruflich, und wird nie geändert!“ In ſeinem Herzen getroffen, fuhr Georg zurück. Er kannte Fanny's Charakter, und wußte, daß das Wort nie in ihrem Munde ſeine wörtliche Bedeutung hatte. Todten⸗ bleich wiederholte er:„Nie— nie?“ O, wie wurde Fanny von ſeinem Schmerze gepei⸗ nigt! Sie, die ſchon ſo viele Qualen empfunden hatte, ſollte ſie nicht auch noch dazu die ſeinige mit empfinden — ſollte ſie ihn nicht tröſten und wieder mit ſich ſelbſt verſöhnen? d Aber heftig rief Georg aus, als glaubte er, dieſes Einzige könnte eine Veränderung in ihr bewirken:„Ach, Fanny! ich habe Dir noch nicht geſagt, daß ich diesmal den volligen Beifall meines Vaters, ſeinen wärmſten Se⸗ gen mitbringe. Seinen erſten Wunſch hat er längſt auf⸗ gegeben— er ſehnt ſich darnach, Dich als eine geliebte Tochter in ſeine Arme zu ſchließen!“ „Danke ihm warm für dieſen Gruß, Georg! Er macht mir an einem Tage, der an Schmerzen ſo reich iſt, große Freude, ändert jedoch nichts: da ich nicht ge⸗ ſonnen war, ſeine Abgeneigtheit neben Dein Glück auf die Wage zu legen, ſo kann ich um ſo viel weniger ſeinen Beifall dahin legen; ich habe einzig und allein meine Ueberzeugung um Rath gefragt.... Und nun, Georg, verſprich mir bei unſrer erſten Jugendfreundſchaft— ein Gefühl, das ewig bleibt— daß Du einen ſchnellen Ent⸗ ſchluß faſſeſt! Iſt das erſt gethan, ſo wirſt Du ruhig werden. Und glaube meiner Verſicherung, daß weder Du noch Elvira wärmere Gebete für Euer Glück empor ſenden werden, als ich!“ Georg ſaß ſtumm mit Fanny's Hand in der ſeinigen. Was in dieſem Augenblicke in ihm arbeitete, das war nicht ſeine gewöhnliche Heftigkeit, ſondern was er jetzt empfand, ——ʒ—y— davon l Schmer als hät einen Th heilige, Ichs ger geſſen ü⸗ ſen war, ihm die ſich deſſ Traum, reißen— ſen, daß einen Er chen verl Entſagun von alle bloß die Gro „Je mein gut lichen u gleich ſit ſchwer z folgen m mich die Du wirſt Gnade fürchte n fließt, m beleben, Achtung Kraft un machen Band vo Erinneru i! Ich da ich bird nie ck. Er ort nie Todten⸗ e gepei⸗ n hatte, npfinden ch ſelbſt , dieſes :„Ach, diesmal ſten Se⸗ gſt auf⸗ geliebte ſeinigen. var nicht 201 davon hatte er noch nie eine Ahnung gehabt: es waren Schmerzen von einer wunderbaren Tiefe; es war ihm, als hätte er mit der Gewißheit von Fanny's Verluſt einen Theil von ſich ſelbſt verloren. Sollte er dieſes reine, heilige, theure Gefühl, das der beſte Theil ſeines eigenen Ichs geweſen war, begraben, der Verweſung, dem Ver⸗ geſſen üͤberlaſſen; dieſes Gefühl, das ſein Gewiſſen gewe⸗ ſen war, wenn er ſich gegen daſſelbe vergangen, und das ihm die reinſte Himmelsfreude zugeführt hatte, wenn er ſich deſſelben würdig gefühlt hatte. War es nicht ein Traum, ein ſchrecklicher Traum? Fanny's Bild hinweg⸗ reißen— war es denn nicht ſo mit ſeiner Seele verwach⸗ ſen, daß es nicht mehr wegzureißen war? Gab es wohl einen Erſatz auf Erden für die Trauer, ein ſolches Mäd⸗ chen verloren zu haben? Und ſie, die für ſein Glück die Entſagung wäblte, ſie ſollte allein, verlaſſen, umgeben von allen Bekümmerniſſen bleiben! Sie hatte ja nicht bloß die Qualen des Herzens zu bekämpfen. Große, tiefe Seufzer hoben Georg's Bruſt. „Ich glaube alles zu verſtehen, was Du jetzt fühlſt, mein guter, guter Georg!“ ſagte Fanny mit dieſem lieb⸗ lichen und beruhigenden Tone, der ihn troſten wollte, ob⸗ gleich ſie es in ihrem Innern fühlte, daß dieſer Troſt ſchwer zu finden wäre.„Aber ſei ſtark, Georg! Dir folgen meine beſten Wünſche. Und glaube, daß jetzt für mich die Sorgen und Bekümmerniſſe eine Wohlthat ſind. Du wirſt gewiß künftig noch erfahren, daß Gott in ſeiner Gnade meine Beſtrebungen geſegnet hat; denn, Georg, fürchte nicht, daß die Betrübniß, welche aus dem Herzen fließt, meine Kräfte lähmt: im Gegentheil, ſie wird dieſe beleben, ſie wird das Verlangen erzeugen, mich ſtets Deiner Achtung werth zu zeigen, ſo wie Du durch männliche Kraft und feſte Entſchloſſenheit Dich der meinigen würdig machen wirſt. Dies bleibt ein Band zwiſchen uns, ein Band von Achtung und Freundſchaft, das vereint mit den Erinnerungen aus unſrer Kindheit uns einander ſelbſt dann 202 noch ſtets theuer machen wird, wenn jedes Gefühl, das darüber geht, längſt verſchwunden iſt.“ „Reiß mich nicht aus Deinem Herzen, Fanny!... es iſt ein fürchterliches, ein tödtendes Gefühl, ein Schmerz, der faſt meine Kräfte überſteigt, wenn ich mir denken ſoll, daß ich Dir eines Tages gar nichts bin!“ „Georg! wie kannſt Du ſo ſelbſtſüchtig ſein und ſo mit Dir zärteln wollen? Wenn Du mit einer Andern Deine höͤchſte Glückſeligkeit erreicht haſt, kann es für Dich dann noch ein Genuß ſein, zu glauben, daß ich noch immer für Dich ſeufze und ſehnſuchtsvolle und betrübte Blicke auf die entſchwundenen Tage zurückſende? Nein, Georg, Dich ſo zu ſehen, würde mir nicht wohl thun! Bitte mich lieber, daß ich Dein vergeſſe; denn das iſt eine Witte, die ich Tag und Nacht zu Gott empor ſenden will!“ „Er wird Dich gewiß hören!“ ſeufzte Georg und drückte mit Heftigkeit Fanny's Hand an ſeine Lippen und ſein Herz................ Eine halbe Stunde ſpäter hatte er Strand verlaſſen. Erſt jetzt, da Georg hinweg war, erhielten Fanny's Gefühle Luft, nicht in wilder Gemüthsbewegung, ſondern in ſtillen Thränen, Thränen aus Fanny's Herzen, Thränen einer ſo bittern, ſo großen, ſo tiefen Trauer, daß ſie ihre Tiefe nicht zu meſſen vermochte. Sie hatte ihm entſagt, ſie hatte ihn auf ewig von ſich geworfen, dieſen himmli⸗ ſchen Traum, der ſie ſeit ihrer frühſten Kindheit zu allem was edel und rein iſt, gemahnt hatte, den Traum von einem Leben voll unſaglicher, ſeliger Freude an ſeiner Seite. Wo verbargen ſie ſich jetzt alle dieſe glänzenden Sterne, die an ihrem Jugendhimmel, an ihrem Liebes⸗ himmel gefunkelt hatten? Sie hatten ſchon längſt, der eine nach dem andern, zu fallen begonnen; und die weni⸗ gen, die bis jetzt verweilt hatten, erloſchen jetzt nach einan⸗ der. Mit Schmerz, mit Wehklagen ſah Fanny ſie ſämmt⸗ 1 lich verſe umgeben. wärmer einziger mußte ja ſie umne Und zünden u ſchmerzes verlornen zwei mar mehr, un das leide als die d Bald em die Wirkt lichen S geblieben und war um in de lobte, ſie der Liebe Glauben dennoch ken konn den gera ihl, das y... Schmerz, nken ſoll, n und ſo r Andern für Dich ich immer te Blicke Georg, i! Bitte iſt eine dr ſenden eorg und ppen und verlaſſen. Fanny's „ ſondern Thränen ß ſie ihre entſagt, himmli⸗ zu allem raum von an ſeiner länzenden m Liebes⸗ ngſt, der die weni⸗ ach einan⸗ ie ſämmt⸗ 203 lich verſchwinden, ſah ſie von lauter Finſterniß und Nacht umgeben. Immer ſtärker ſtromten ihre Thränen, immer wärmer brannten ihre Gebete, daß doch wenigſtens ein einziger von ihren guten Sternen zurückkehren moͤchte; ſie mußte ja ſonſt vergehen unter dieſen kalten Schatten, die ſte umnebelten. Und Er, auf deſſen Herrſcherwink die Weltlichter ſich zünden und wieder erlöſchen, Er erbarmte ſich des Todes⸗ ſchmerzes der armen Fanny und gab ihr zwei von den verlornen Sternen zurück. Erſt erſchienen ſie ihr nur wie zwei matte Punkte; aber ſie wuchſen immer mehr und mehr, und endlich glänzte um ſie her eine Lichtfluth, welche das leidende Weib ahnen ließen, daß zwei Freunde, treuer als die andern, zurückkamen, um ſie nie mehr zu verlaſſen. Bald empfand ſie in der ganzen Erhebung ihres Weſens die Wirkung ihrer Nähe, und als ſie fand, daß die freund⸗ lichen Sterne des Glaubens und der Hoffnung ihr getreu geblieben waren, da öffnete ſich ihre Seele einer ſo tiefen und warmen Dankbarkeit gegen Ihn, der ſie geſchickt hatte, um in der Finſterniß zu leuchten, daß ſie ſich heilig ge⸗ lobte, ſie nicht vergeblich leuchten zu laſſen... Der Stern der Liebe ſollte ja nie wieder aufgehen; doch mit dem Glauben und der Hoffnung zu ihren Führern mußte ſie dennoch ſo viele Zwecke finden, für die ſie leben und wir⸗ ken konnte, daß der Schmerz allmälig nachlaſſen und ihr den geraubten Frieden laſſen mußte. Zehntes Kapitel. Drei Wochen waren verfloſſen, ſeitdem Georg nach dem entſcheidenden Tage zu Strand nach der Johannis⸗ Klippe zurückgekehrt war. 204 Mit Kummer ſahen Letsler und der treufeſte, freund⸗ ſchaftsvolle Carolus, daß ſeine bittere und ſtille Trauer höchſt nachtheilig auf ſeine lebhafte, bewegliche Seele ein⸗ zuwirken begann. Er war ſich ſelbſt ganz unähnlich. Keine Freude wollte ihm nahen, und obgleich er alles aufbot, um ſich ruhig zu zeigen und ſeinen Vater nicht zu betrüben, ſo ſah man es dennoch deutlich, daß er ſich nur einen Zwang auferlegte, der faſt über ſeine Kräfte ging. Der Schmerz, Fanny verloren zu haben, hatte ſich tief in ſein Herz ge⸗ drängt, ja ſo tief, daß er oft auf ſeinen einſamen Wande⸗ rungen um die wilde Klippe ſich auf bisher noch nie be⸗ ſuchten Abwegen verlor, ſo daß es ihm endlich ſo vorkam, es würde eine Wohlthat für ihn ſein, wenn er das ganze Leben verlaſſen könnte. Und von dieſen Kämpfen zerriſſen — bald ſeine Liebesthorheiten verdammend, durch welche er das edelſte Weib verloren hatte, bald unzufrieden mit ſeiner Schwäche, die ihn in fruchtloſer Trauer hier bleiben hieß, da ihm das Glück an Hallands Küſte winkte, und bald dieſes ganze Verlangen nach einer Glückſeligkeit ver⸗ wünſchend, welche ihm nie ohne Vorwürfe von der einen Seite zu Theil werden konnte— ſah er in immer groͤßerer Muthloſigkeit den einen Tag nach dem andern verſchwinden. „Gottes Tod!“ ſagte Carolus an einem Morgen zu Letsler, da Georg wie gewöhnlich draußen auf der Klippe umherwanderte,„dies geht nicht länger. Sie hat ihm den Abſchied gegeben, das iſt ſo klar wie das Tageslicht: er geht ja hier ſo aufgeſtutzt wie ein Stutzer*)! Wiſſen Sie, Herr Letsler, ich denke ſchon ſeit dem verwichenen Sommer, da die Tochter des Chefs hier war(... ver⸗ teufelte Augen hatte das Mädchen im Kopfe: ſie konnten wohl einen tüchtigen Kerl verhexen...), Georg hat ſich. *) Im Original: trubbig som en irubbadur(ſtumpf wie ein Trubbadour), ein Wortſpiel, das im Munde eines Seemanns wohl paſſen kann. Anm. d. Ueberſ. hier und Schwarze ich die S Seel' nich Letsl Carolus! „Ja mein Vat ihrem gut denn ſo g Mienen u ſie ihr nic wenn es nein geſag ja, denn, was ſie w Sie ſollter laſſen, hie und dann ſeine Bruf er kann hi kommt er ſchon bald ja nur dar geweſen u⸗ Uneinigkeit „Meit hören wird „Ja, nachdem e macht und ſo fuͤhle ie weiß es ne als ich mit Seite ſtand Liebe zur te, freund⸗ lle Trauer Seele ein⸗ ne Freude , um ſich ben, ſo ſah en Zwang Schmerz, Herz ge⸗ en Wande⸗ cch nie be⸗ ſo vorkam, das ganze n zerriſſen rch welche rieden mit er bleiben nkte, und igkeit ver⸗ der einen groͤßerer ſchwinden. f wie ein nde eines Ueberſ. 20⁵ hier und dort ein wenig verbrannt. Und daß ſie, die Schwarzäugige ſich ebenfalls verbrannt hat, darauf will ich die Schute zum Pfande ſetzen— ſie würde ſonſt meiner Seel' nicht ſo viel zu fragen gehabt haben.“ Letsler nickte gleicſſam zum Zeichen, daß er dem Carolus Recht gäbe. „Ja, ja, ich begriff und las alles ſo klar, wie ich mein Vaterunſer leſen kann; und daß Mamſell Fanny mit ihrem guten Verſtande eben ſo klar ſah, das weiß ich auch; denn ſo gut und geſegnet wie ſie iſt, merkte ich es ihren Mienen und Redensarten mit dem Fräulein wohl an, daß ſie ihr nicht ſehr gewogen war. Nun, nun, Herr Letsler, wenn es nun einmal ſo iſt, daß Mamſell Fanny auf ewig nein geſagt hat, ſo ſagt ſie auch wahrhaftig nicht wieder ja, denn, Gottes Tod! das iſt eine Dirne, die da weiß, was ſie will. Und darum ſo meine ich, Herr Letsler, Sie ſollten es ihm gerade herausſagen, er ſoll es bleiben laſſen, hier umherzugehen, als hätte man ihn aufgehenkt und dann wieder losgeſchnitten, ſondern er ſoll Muth in ſeine Bruſt ſammeln und nach Helgenäs zurückreiſen— er kann hier wohl nicht alle ſeine Zeit verſeufzen... und kommt er nur erſt glücklich dorthin, ſo verſohnt er ſich ſchon bald mit ſich ſelbſt! Die ganze Krankheit beſteht ja nur darin, daß er dem ſchlimmſten von allem ausgeſetzt geweſen und mit ſeinen eigenen Gedankenfundamenten in Uneinigkeit gerathen iſt.“ „Meinſt Du denn, daß dann dieſe Uneinigkeit auf⸗ hören wird?“ „Ja, dafür ſorgt ſchon die Tochter des Chefs; und nachdem es zwiſchen ihnen beiden entſchieden und abge⸗ macht und ein feſter Beſchluß zu Stande gekommen iſt, ſo fuͤhle ich's in meinem Leibe, daß es gut wird! Ich weiß es noch recht gut, wie es damals mit mir ausſah, als ich mit mir ſelbſt in Uneinigkeit war: auf der einen Seite ſtand die Liebe zur Johanna und auf der andern die Liebe zur Schmuggelei, die in mir ſo Oberhand gewonnen 206 hatte, daß ich nicht wußte, wie ich's aushalten ſollte, wenn ich dieſe Handthierung aufgäbe(denn, Herr Letsler, es iſt der glatte T— l, was für einen Reiz ſolche geheimen Affairen haben!)... aber ſehn Sie, wie es ging, ſo nahm mir doch zuletzt die beſte Liebe ein Verſprechen ab, und als dies nur erſt gegeben war, ſo fühlte ich mich ſo ruhig zu Muthe, als hätte ich mich nie mit mir ſelbſt herumgezankt.“ 5 „Mein lieber Carolus! es iſt ein großer Unterſchied zwiſchen Deiner damaligen und Georg's jetziger Lage.“ „Glaube kaum, Herr Letsler, daß der Unterſchied ſo ſehr groß iſt! Er hat mit Liebe geſchmuggelt und ver⸗ botene Waaren von dem einen Orte zum andern gebracht; ich ſchmuggelte mit Cognac, Branntwein und Stückgütern: das iſt der ganze Unterſchied— und was nun die ganze Zollbetrügerei betrifft, ſo meine ich, es iſt nicht viel beſſer, Liebesverſicherungen zu liefern, die des eigenen Siegels un⸗ ſers Herrgottes ermangeln(und das thun ſie, mein Leib. und Seel'! wenn ſie heute hier und morgen da vom Sta⸗ pel laufen), als wenn man Branntweinfäſſer ohne den Stempel der königlichen Seezollkammer abliefert.“ „Wahr, Carolus! Georg's Vergehen iſt ohne Zwei⸗ fel weit gefährlicher.“ „Recht ſo, Herr Letsler, ſo höre ich's gern; und am liebſten hätte ich's geſehen, wenn dieſes Spektakel mit un⸗ ſerm Capitain gar nicht eingetroffen wäre. Er iſt auch ſo verdammt hitziger Natur, daß er accurat ſo iſt wie eine angezündete Pulvertonne, und darum iſt es nicht ſeine Schuld, wenn ihm das Herz davon geflogen iſt.. ich bin ſo überzeugt, wie ich lebe, daß die Reue ihm gewiß mehr. denn eine heiße Badeſtube um Mamſell Fanny's willen geheizt hat. Aber nun, da geſchehene Dinge nicht zu än⸗ dern ſind, nun muß er fort und des Chefs Tochter hei⸗ rathen— und dann wird er auch in Liebesſachen vollkom⸗ men ſo regal und verſtändig, wie er in allen andern Din⸗ gen iſt.“ „Al 7“ ſich zu tri das die§ Ich will ſtes Herz dig wäre ſpazieren denn, ſel weitem ü daß Geor etwas pra Ausſehen ſie nicht ſchwärzer band und einen ſolch im Mond nie verziel dern gefaf Aber er gut, ſolch nicht bege ſein ſoll. gen, ſo Vernunft Fanny an cher Kerl „Elp llte, wenn ler, es iſt geheimen ging, ſo echen ab, h mich ſo mir ſelbſt w Unterſchied Lage.“ erſchied ſo und ver⸗ gebracht; lückgütern: die ganze viel beſſer, Siegels un⸗ mein Leib vom Sta⸗ ohne den t.“ „ ;z und am el mit un⸗ Er iſt auch ſo iſt wie nicht ſeine .. ich bin 207 „Aber Fanny, Fanny?“ „O, ſie iſt Gott Lob und Dank ein Mädchen, das ſich zu tröſten wiſſen wird: ſie gehoͤrt nicht zu dem Schlage, das die Handſchuhe verliert, weil ſie die Liebe verloren hat. Ich will mein Leben wagen, ſie würde Georg ihr rothe⸗ ſtes Herzblut geben, wenn es zu ſeinem Beſten nothwen⸗ dig wäre; aber dennoch kann ſie ihn zu einer Andern ſpazieren ſehen, ja ihn wohl ſelbſt bitten, dies zu thun, denn, ſehn Sie, ſeine Freude und ſein Glück ſetzt ſie bei weitem über ihr eigenes— ich kann mich ärgern, daß ich ſchwitze, wenn ich mir denke, daß ihm ein ſolches Mädchen aus den Händen gehen ſollte... aber ich ſchweige, ich!“ „Das thue ich auch!“ ſagte Letsler.„Fanny iſt ein hochherziges und edles Mädchen— glaubſt Du, Carolus, daß Georg ohne ſie glücklich werden kann?“ „Das glaube ich ganz beſtimmt! Die Tochter des Chefs iſt eine ſo hübſche und ſchöne Jungfrau, daß ich nie etwas prächtigeres geſehen habe: ſie iſt, Gottes Tod! im Ausſehen übermüthiger als ſelbſt Fanny; und hätte ich ſie nicht geſehen, mit ihren großen ſchwarzen Augen— ſchwärzer als die Steinkohlenperlen an Johanna’'s Hals⸗ band und dabei doch ſo glänzend klar, daß ich noch nie einen ſolchen Glanz geſehen habe weder in der Sonne noch im Monde noch in den Sternen— ſo hätte ich es Georg nie verziehen, wenn er Verlangen und Liebe zu einer An⸗ dern gefaßt hätte, ſeitdem er mit Fanny verbunden war. Aber er hatte eine gute Entſchuldigung: es war nicht gut, ſolchen Augen zu nahe zu kommen! Wir dürfen nicht begehren, daß ein armer Menſch unſer Herrgott ſelbſt ſein ſoll... und wenn wir das Eine zu dem Andern le⸗ gen, ſo war es ſchön, daß er ſo viel Macht über ſeine Vernunft bekam, um nach Hauſe zu kommen und um Fanny anzuhalten. Er hat ſo viel gethan, als ein ehrli⸗ cher Kerl thun kann!“ „Elvira hat einen guten Fürſprecher in Dir, Caro⸗ 208 lus! Ich habe es mir nimmermehr denken knnen, daß Du Frauenzimmer ſo hoch achteteſt!“ „Warum ſollte ich denn das nicht, Herr Letsler? Haben denn nur Herrenleute das Loos gezogen, daß ſie das Schöne ſehen konnen, was unſer Herrgott geſchaſſen hat? Ich denke, ich zeigte keinen ſo ſchlechten Geſchmack, da ich Johanna heirathete— und wenn auch die Meer⸗ frau ſelbſt mich zu keiner Untreue von ihr locken könnte, der ich einmal Liebe bis in den Tod gelobt und geſchwo⸗ ren habe, ſo kann ich wohl doch ſchöne Weiber gerne ſehen.... und es war mir faſt ſo,“ fuhr Carolus lä⸗ chelnd fort,„als wenn Sie ſelbſt, Herr Letsler, recht grell aus den Augen ſahen, da das Fräulein hier war!“ Georg's Ankunft unterbrach das Geſpräch. An dieſem Abende redete Letsler mit ihm und erneuerte mit zärtlicher Unruhe ſeine ſo oft ausgeſprochenen War⸗ nungen. Es war ſchön, zu hören, wie der lebensmüde Vater ſich bemühte, den jungen Sohn zu ermuntern, zu. tröſten und zu erfreuen! Sanft und innig klang ſeine Er⸗ mahnung:„Gib Dich nicht ſo dem Schmerze hin, mein Sohn! Er wird endlich Dein Gemüth verweichlichen.“ „Was ſoll ich thun?“ rief Georg aus.„Wenn Du Dich doch nur wollteſt überreden laſſen, mitzukommen, ſo wollten wir, ſobald die Brigg in Ordnung kommt, zu Segel gehen und nicht ſo ſchnell zurückkommen! Nur auf der See bin ich vollkommen glücklich: dort, unter allen meinen Arbeiten muß die wahnſinnige Liebe zufrieden ſein, von ihren Erinnerungen zu zehren; aber auf dem Lande will ſie ſo ausſchließlich den Befehl führen, daß ich zuletzt ganz verwirrt werde von allen den verſchiedenen und ver⸗ rückten Commandoworten!“ „Dieſe Verſchiedenheiten, mein lieber Sohn, kommen nur daher, daß Du zwei Befehlshabern gehorcht haft. Nun aber, nachdem die eine Liebe ihren Scepter nieder⸗ gelegt hat, darfſt Du ausſchließlich Dich der andern über⸗ laſſen— und da wird alles Harmonie!“ „Ha das man „Da zweiten I darf ſie it den Platz zählte ihn lus und t dieſer ihm „Ac um zu mi doch will geln ſoll nur zwei Leben verf paßt, oder ich beſchlie ihretwillen men überze ſchreiben. wenigſtens wie es wil ten Verſuc dritten Ma telſäcke her Letslem es dazu bei er es gerne Antwort w Georg ſen Brief entwickelte, ſagt hatte. auf ſeine 9 er die feſte ſeine Verirr Der Ein n, daß Du r Letsler? , daß ſie t geſchaſſen Geſchmack, die Meer⸗ ken könnte, d geſchwo⸗ eiber gerne Carolus lä⸗ recht grell ar!“ ad erneuerte ſenen War⸗ lebensmüde g ſeine Er⸗ hin, mein lichen.“ „Wenn Du ommen, ſo kommt, zu ! Nur auf unter allen frieden ſein, dem Lande ehorcht haſt. pter nieder⸗ andern über⸗ untern, zu ß ich zuletzt ſen und ver⸗. hn, kommen 209 „Harmonie, Vater? Iſt denn Fanny ein Mädchen, das man vergeſſen kann?“ „Das ſollte ich kaum glauben. Da Du jedoch zum zweiten Male eine abſchlägige Antwort erhalten haſt, ſo darf ſie in Deinem Herzen und in Deiner Erinnerung nur den Platz einer Jugendſchweſter haben....“ Letsler er⸗ zählte ihm nun einen Theil ſeiner Unterredung mit Caro⸗ lus und theilte ihm den freundſchaftlichen Rath mit, den dieſer ihm gegeben. „Ach, mein redlicher Carolus!— er fühlte zu fein, um zu mir zu kommen, da ich nicht zu ihm kam: und doch will er nicht, daß mir Troſt und Aufmunterung man⸗ geln ſoll.... Nun wohlan denn, Pater! ich kann jetzt nur zwei Partien ergreifen: entweder hier gehen und das Leben verſeufzen, was ſich für einen Seemann ſehr ſchlecht paßt, oder auch dorthin reiſen, wo man mich vermißt, und ich beſchließe das letztere, ſowohl um meinet⸗ als auch um ihretwillen, die ſich nach mir ſehnt, deſſen bin ich vollkom⸗ men überzeugt... Doch erſt will ich noch einen Brief an Fanny ſchreiben. Vielleicht hat ſie ſich während dieſer Wochen wenigſtens etwas verändert. Und das Urtheil mag fallen, wie es will, ſo werde ich ruhiger, nachdem ich dieſen letz⸗ ten Verſuch gemacht habe. Schlägt ſie mich aber zum dritten Male aus, dann, bei Gott! ſuche ich meine Man⸗ telſäcke hervor und reiſe!“ Letsler widerſetzte ſich dieſem Vorhaben nicht. Wenn es dazu beitragen konnte, Georg zu beruhigen, ſo mochte er es gerne thun. Aber Letsler war überzeugt, daß die Antwort wiederum eine abſchlägige werden würde. Georg wendete einen großen Theil der Nacht an, die⸗ ſen Brief zu ſchreiben, in welchem er noch einmal alles entwickelte, was er Fanny jetzt und vor zwei Jahren ge⸗ ſagt hatte. Er bekannte ſeinen Leichtſinn, berief ſich aber auf ſeine Reue, ſeine guten Vorſätze und betheuerte, daß er die feſte Ueberzeugung hätte, er würde vereinigt mit ihr ſeine Verirrungen hinter ſich laſſen. Der Einſiedler ꝛc. Il. 14 210 Mit dieſem Briefe, aus welchem Fanny wenigſtens erſehen konnte, wie theuer ſie ihm geweſen war, wie tief er ſie betrauerte, reiſ'te Niſſe am folgenden Morgen nach Strand, woſelbſt er den ganzen Tag blieb. Georg verlebte die Stunden in brennender Unruhe; ſeine ganze Seele war jetzt mit dem Briefe bei Fanny. Und tauſendmal ſagte er zu ſich ſelbſt:„Ohne ſie finde ich nie ein rechtes Glück. Ich mag Elvira lieben, ſo ſehr ich will— verliere ich Fanny, ſo verliere ich die Beſte.“ In der Dämmerung kam Niſſe zurück. Wenn ſich aber Georg nach dem Ausdrucke in Niſſe's Geſicht richten konnte, ſo brachte er keine gute Nachricht. Niſſe war ſtill und ernſt, brachte keine Grüße mit, ſon⸗ dern lieferte nur einen kleinen dünnen Brief ab, mit wel⸗ chem Georg in ſein Zimmer eilte und ihn ſogleich erbrach. Er enthielt bloß folgende Zeilen: „Gott ſegne Dich, Georg! Einer andern Antwort, als Du ſchon erhalten, bedarf es nicht. Ich hoffe, bald Nachricht zu erhalten, daß Du die Johannis⸗Klippe mit einem andern Orte vertauſcht haſt! Wo Du auch ſein magſt, ſo begleiten Dich ſtets meine beſten Wünſche. Fanny.“ Eine Zeitlang ſtand er unbeweglich da mit geſchloſſe⸗ nen Augen, um ein paar Thränen zurückzuhalten. Doch zuletzt wurde ihm dies unmöglich: ſie fielen auf Fanny's Abſchiedsbrief, welchen er, nachdem er ihn noch einmal geleſen, mit heftiger Bewegung zuſammen legte und ihren übrigen Briefen beifügte. Dieſe zurückzuſenden, kam nicht in Frage. Da er ſich jedoch jetzt des traurigen Genuſſes, ſie zu leſen, berauben wollte, ſo verſiegelte er dieſen Schatz nnd übergab das Paquet ſeinem Vater ohne ein Wort zu agen: „Soll ich ſie zurückſchicken oder verbrennen, mein Sohn?“ „Keines von beiden, Vater! Einmal in der Zukunſt, aber erſt nach ſehr langer Zeit, wenn ich ruhiger bin⸗ will ich ſo grüß Georg ihm eine derliche kann.“ aber ſeit auf der „R Worte biſt: der „3 über die führte,, mir Dei noch erh Ge⸗ Georg's Gefühler ſeine Se ich bin Die Gn Ger hinaus, der wie ihren in Brautge auf verſ wenigſtens ar, wie tief Korgen nach eer Unruhe; bei Fanny. te ſie finde ben, ſo ſehr die Beſte.“ ke in Niſſe's 2 Nachricht. e mit, ſon⸗ b, mit wel⸗ eich erbrach. in Antwort, hoffe, bald ⸗Klippe mit mauch ſein ünſche. y.“ it geſchloſſe⸗ lten. Doch auf Fanny's noch einmal te und ihren n, kam nicht en Genuſſes, dieſen Schatz ein Wort zu nnen, mein der Zukunft, ruhiger bin, r will ich ſie von Neuem leſen; wenn ſie aber herkommt, ſo grüße ſie und ſage ihr: obgleich ſie es verſchmähte, Georg Letsler's Gattin zu werden, ſo hat ſie dennoch in ihm einen Freund, deſſen treue Achtung und warme, brü⸗ derliche Liebe nie verwandelt noch vermindert werden kann.“ Georg äußerte dieſes mit einer gewiſſen Ruhe, aber ſeine bleiche Wange bezeugte, daß die Ruhe ſich nur auf der Oberfläche wiegte. „Recht ſo, mein geliebter Sohn! Nachdem Du dieſe Worte ausgeſprochen haſt, ſo weiß ich, daß Du gerettet biſt: denn jetzt haſt Du nur einen Weg zu wählen.“ „Ja, Vater!“ ſagte Georg und bog ſich tief hinab über die Hand des Vaters, welche er zu ſeinen Lippen führte,„nun habe ich nur einen Weg vor mir... Gib mir Deinen Segen— Du ſiehſt, daß Deine Gebete den⸗ noch erhört worden ſind!“ Gerührt legte Letsler ſeine zitternden Hände auf Georg's Haupt. Der arme Einſiedler zitterte vor den Gefühlen einer ungemiſchten Freude, welche ſich durch ſeine Seele ſchlichen— aber es war ihm, als ob ſein guter Engel flüſterte:„Genieße ohne Furcht! Du darfſt glücklich ſein, nachdem Du Deine irdiſchen Wünſche ganz in Gottes Hände niedergelegt haſt.“ „O, mein Vater! jetzt biſt Du doch froh?— Das ſagt mir Dein Blick!“ „ Ja, mein Georg, mein geliebtes Kind, ich bin froh, ich bin gerührt, ich bin innig und ewig dankbar!.. Die Gnade des Herrn iſt groß!“ — Georg drückte die Hand ſeines Vaters und ging hinaus, um noch einen Abſchiedsblick auf Strand, auf Fanny's Heimath zu werfen......... Am folgenden Tage war ihm Carolus bei dem Packen der wieder hervorgeſuchten Mantelſaͤcke behülflich. In ihren innerſten Theilen lag mehr denn ein beabſichtigtes Brautgeſchenk verwahrt; aber obgleich die Mantelſäcke ihn auf verſchiedenen Freierreiſen begleitet hatten, ſo war den⸗ 212 noch leider an kein Brautgeſchenk gedacht worden. Und mit einer ärgerlichen Röthe auf den Wangen, begrub jetzt Georg die netten Paquete unter einen Berg männlicher Kleidungsſtücke. Carolus, der ſehr gut merkte, daß die Laune des Capitains nicht die beſte war, warf von Zeit zu Zeit ein kleines Troſtwort hinein, wie zum Beiſpiel:„Friſche Courage, Capitain Georg! Hat ein tüchtiger Kerl ſeine Schuldigkeit gethan, ſo kann er dem Glücke und dem Un⸗ glücke in die Augen ſehen. Verſchwende nun nur die Zeit nicht nutzlos, dazu will ich zuerſt und zuletzt ermahnen. Glaube ſicherlich, wir gehen hier ſo lange in ſehnſuchtsvol⸗ ler Erwartung, bis wir hören, daß unſer Capitain glück⸗ lich in den Hafen eingelaufen iſt— es iſt nicht gut für die Geſundheit, allzu lange draußen umherzukreuzen. Und ſolche ſchwarzen Seidenhaare und ſchwarze Zauberaugen .... aber ſtopp und bind feſt! ſagte Petter Gran, da er noch lebte. Caxitain Georg verſteht jetzt ſo viel von der Navigation, denke ich, daß er den Weg findet, ohne daß ihn jemand davon zu unterrichten braucht.“ Jetzt mußte Georg lächeln; und er that es aus gu⸗ tem Herzen, indem er dem gutgelaunten Carolus die Hand reichte und ſagte:„Ich werde mir Mühe geben, Deine gute Meinung von meinen Kenntniſſen zu rechtfertigen... Soll ich ſie auch von Dir grüßen?“ „Ja wohl, Capitain, wenn ſie den Gruß nicht ver⸗ ſchmäht; doch die Wahrheit zu ſagen, ich glaube, ſie iſt etwas zu gut, um hochmüthig zu ſein... Und nun ein Wort im Vertrauen, das mich brennt, bis es heraus iſt: beunruhige Dich nicht um Fanny's willen, und plage Dich mit keinen Vorwürfen: denn hätte ſie Dich gewollt, ſo würde ſie Dich ſchon genommen haben! Fanny hat ge⸗ ſehen, was das Beſte war. Und ſo lange ich lebe, ſoll ihr weder ein Rath, noch eine Stütze fehlen, obgleich fie ſonſt— es wäre eine Schande, wenn ich's nicht eingeſtände — ein Weib iſt, das ſich ſelbſt rathen und ſtützen kann!“ „El reden: ie nicht, me des Patr „S ſchreibe aber iſt und ſovie bekommer zu Hauſe denken, Capitain, Mit trat Geo ein gutes er ziemlit Je folge ſein eines Cor ſamkeit e ders als mehr nah Ausgang Geli Doch wa ausgeſchle ſein, zu erſt, nac war, end. l von ſer würd den. Und egrub jetzt männlicher Laune des u Zeit ein „Friſche Kerl ſeine d dem Un⸗ ur die Zeit ermahnen. nſuchtsvol⸗ tain glück⸗ ht gut für uzen. Und nuberaugen Gran, da wviel von det, ohne s ans gu⸗ Z die Hand en, Deine ertigen... nicht ver⸗ abe, ſie iſt d nun ein heraus iſt: plage Dich wollt, ſo y hat ge⸗ lebe, ſoll bgleich ſie eingeſtände gen kann!“ „Eben über dieſen Gegenſtand wollte ich mit Dir reden: ich ſelbſt wage es wenigſtens in dieſem Augenblicke nicht, meine Hülfe anzutragen. Sollten aber die Affairen des Patrons Holmér— Carolus, Du verſtehſt?“ „Sehr gut, Capitain! und wird es allzu raſend, ſo ſchreibe ich wohl, damit wir uns berathen können. Sonſt aber iſt es meine Ueberzeugung: mit einem ſo guten Kopfe und ſoviel Verſtand, wie Mamſell Fanny auf ihren Theil bekommen hat, braucht ſie keine größere Hülfe, als ihr hier zu Hauſe geſchafft werden kann. Sie hat, kann ich mir denken, ihren kleinen Stolz auch und... nun, nun, Capitain, dagegen läßt ſich nichts ſagen!“ Mit den wärmſten Segenswünſchen ſeines Vaters trat Georg die wichtige Reiſe an. Carolus begleitete ihn ein gutes Stück Weges; und als ſie ſich trennten, ſo war er ziemlich in ſeiner gewoͤhnlichen Laune. Je näher Georg an Helgenäs kam— wohin er zu⸗ folge ſeiner wechſelnden Gefühle bald mit der Eilfertigkeit eines Couriers und bald mit der ganzen kriechenden Lang⸗ ſamkeit einer Perſon reiſ'te, die es nicht leiden kann, an⸗ ders als Fuß für Fuß vorwärts zu kommen— um ſo mehr nahm ſeine gewiſſe Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang ab. Geliebt war er— das glaubte und das wußte er. Doch war er nicht auch von Fanny geliebt und dennoch ausgeſchlagen worden? Warum ſollte er denn ſo kühn ſein, zu glauben, daß Elvira ihn annehmen würde, der erſt, nachdem er von einer Andern dreimal verſchmäht war, endlich zu ihr kam... Elvira's Stolz war gleich⸗ n von weit edlerer Art, als daß ein Gefühl von Klein⸗ kichkeit über ihr Herz Macht erhalten konnte. Sie ge⸗ 8 ſech nicht ausſchließlich der kalten Stimme der Vernunft; ie wuͤrde von keinen Ueberlegungen etwas wiſſen wollen, wenn es darauf ankäme, die Gelübde der Liebe zu geben oder zu empfangen, inſofern... inſofern man annehmen könnte, daß die Liebe ihr Herz ganz und ausſchließlich er⸗ füllte, und... Georg wagte ſich nicht weiter. Es war in den erſten Tagen des Monats Februar, da ſein Fuhrwerk auf den Hinterhof von Helgenäs rollte. Die Dämmerung ruhte ſchon über der Erde; doch an der ſternklaren Feſte des Himmels wölbte ſich der Mond, und ſein bleicher Silberglanz fiel auf die Fenſterreihen des al⸗ ten Thurmes. In den Flügeln war an mehreren Orten Licht; doch in dem kleinen Salon war es finſter. Es kam ihm ſo vor, da er den Hof entlang zu dem Flügel des alten Ignelius wanderte, als bewegten die Rieſen an der Treppe ihre Häupter und winkten ihm ihren Gruß zu.„Ja, ja,“ dachte er,„Ihr ſeid die Aelteſten, und Euch gebührt es, mir zuerſt den Gruß des Willkom⸗ mens zu ertheilen... O du alte Sage, du theures Hel⸗ genäs! wirſt du wohl deine Arme öffnen und Dem Glück und Frieden ſchenken, der jetzt kommt, dich um eine Hei⸗ math für ſein Leben zu bitten... oder wirſt du den Sohn deines vorigen Herrn ausſtoßen? Ein Knecht, der in dieſem Augenblicke über den Hof wanderte, ſtörte Georgs Betrachtungen. Und als er auf ſeine Frage, ob die Herrſchaften zu Hauſe wären, die Nachricht erhielt, der Commandeur⸗Capitain ſei auf Axel⸗ holm, das Fräulein jedoch zu Hauſe, ſo änderte er ſeinen Plan, den alten Ignelius zuerſt aufzuſuchen. Zwar war es noch immerwährend finſter in dem Salon; doch Elvira, welche den Mondſchein liebte, konnte ja dennoch dort ſein. Wenn er ſie überraſchte!— nie konnte er eine glücklichere Gelegenheit haben, ſich zu überzeugen, wie ſeine Rückkehr aufgenommen würde. Nachdem er einige Befehle in Betreff ſeiner Sachen ertheilt hatte, trat er ſchnell in den rechten Flügel ein. Glücklicher Weiſe brauchte er nicht vor den Salonfenſtern vorbeizugehen; dennoch aber wäre beinahe aus dem ganzen Plane n einen B richtigen konnte, In Lampe. Vo angehal gewiß n Gl zu höre At war zuß einzigen der Mo mit ſeir G Ahnung flüchtig es nich entzücke VW Nähe blickte „6 Wie!. S Beweg Lippen 85 ſeiniger auf ſei ſo ſchl N enthiel Elvira be zu geben n annehmen hließlich er⸗ r. ts Februar, genäs rollte. doch an der Mond, und ihen des al⸗ reren Orten ter. ang zu dem eewegten die n ihm ihren die Aelteſten, es Willkom⸗ theures Hel⸗ Dem Gluͤck m eine Hei⸗ virſt du den ber den Hof d als er auf wären, die ſei auf Axel⸗ rie er ſeinen Zwar war doch Elvira, ſch dort ſein. ie glücklichere eine Rückkehr einer Sachen Flügel ein. Salonfenſtern dem ganzen Plane nichts geworden, denn im Hausflur ſtieß er auf einen Bedienten, der hineineilen und das Fräulein benach⸗ richtigen wollte. Doch ehe er noch die Thüre erreichen konnte, ergriff ihn Georg ſchnell beim Arme und oͤffnete ſelbſt. In dem äußeren Zimmer brannte eine einſame Lampe. Die Salonthüre war angelehnt. Vor dieſer Thüre lauſchte er einige Augenblicke mit angehaltenem Athem. Er hörte nichts...„Ach, ſie iſt gewiß nicht da— ſie iſt gewiß bei der alten Freiherrin!“ Gleichwohl trat er ein. Seine Schritte waren kaum zu hören auf der weichen Matte. Auf ihrem kleinen Ruheſopha ſaß Elvira. Ihr Haupt war zum Theil mit der Hand bedeckt. Sie warf keinen einzigen Blick auf den Mond, den ſie ſo ſehr liebte. Doch der Mond rächte ſich nicht: er übergoß ihre ganze Geſtalt mit ſeinem herrlichen Scheine. Georgs flammende Blicke ruhten auf ihr, die keine Ahnung von ſeiner Nähe hatte. Noch einmal flog ein flüchtiger Seufzer zurück nach Fanny— Gott weiß, ob es nicht ein Seufzer der Dankbarkeit war...„O, ſie iſt entzückend!... ach!“ Woher kam dieſes leiſe„ach!“ das in ſo großer Nähe geſeufzt wurde? Elvira erhob das Haupt und blickte auf die Thüre. „Guter Gott, Georg!.. Capitain Letsler!... Wiel..“ Sie kam nicht weiter: er ſtand ſchon neben ihr. Seine Bewegungen, ſeine Blicke verkündigten Alles, aber ſeine Lppen ſtammelten nur das eine Wort:„Elviral« Die Schläge ihres Herzens wurden ſicherlich in dem ſeinigen gehoͤrt; denn er nahm ihre Hand und legte ſie auf ſein eigenes, gewaltſam fliegendes Herz.„So, Eloira, ſo ſchlägt es Dir entgegen!... Ich bin frei!“ Nur ein einziger ſchwacher Ausruf— doch dieſer enthielt mehr als das vollſtändigſte Bekenntniß— entſiel Elvira's Lippen. 216 Etwas, das einer foͤrmlichen Brautwerbung glich, kam gar nicht in Frage: Georg und Elvira hielten die Zeit für allzu koſtbar, als daß ſie dieſelbe mit Fragen und Antworten hätten verſchwenden wollen— ſie ließ ſich beſſer anwenden. Sie hatten nur Gefühle; und ſei es genug, wenn wir ſagen, daß ſogar der Mond, der ſo vie⸗ ler Liebesbündniſſe Zeuge geweſen war, bis zu einem ſol⸗ chen Grade über alle Flammen, die in dem Zimmer auf⸗ loverten, erſchrak, daß er ſein eigenes Licht für überflüſſig hielt und ſich ärgerlich hinter eine Wolke zurückzog Die Beiden, welche auf dem kleinen Sopha ſaßen, merkten gleichwohl dieſen Poſſen nicht. Aerger aber war es, wenn ſie nicht hoͤrten, wie ein Wagen vor der Treppe hielt, daß draußen Stimmen laut wurden— nein, nichts hörten ſie eher, als bis der Commandeur⸗Capitain ſelbſt und vor ihm her der alte Ignelius mit dem Lichte in den Salon traten; und hätte nicht jener, der Gottlob noch die beſten Augen hatte, die Thüre ſo ſchnell zugeworfen, ſo würde auch der Bediente nachgekommen ſein. „Was Henker!.. Georg!— der T— I!... biſt 8 verrückt, Junge?.... Woher kommſt Du denn?“ „Aus dem Olymp, Herr Commandeur⸗Capitain!“ Und mit hochrothen Wangen und blitzenden Augen ſtand Georg plötzlich voy ſeinem alten Chef. „Und Du, mein Fräulein?“ Elvira war aufgeſprungen und ihrem Vater entgegen⸗ geeilt, welcher faſt eben ſo erſtaunt, wie der Mond die unſägliche Freude betrachtete, die über das Geſicht der bei⸗ den jungen Leute ausgebreitet lag. Ihre Verſchämtheit konnte kaum den lächelnden Blick des Vaters ertragen; doch auf ihren Lippen ſchwebte alle Freude des Himmels und der Erde, als ſie antwortete:„Ich, Väterchen?— ich bin mitgeweſen!“ „Aber, meine Herrſchaften! wie habt Ihr es wagen ——— können, zu frag frei biſt „ Herr Co haft., geweſen worden niß, He unſchuld weit me wie ich ſind nich überflog men wei der Vert 2 wenn ich Nun der nete Bei mein Ki Stirn kannſt?2“ helm und bung glich, hielten die nit Fragen ſie ließ ſich und ſei es der ſo vie⸗ einem ſol⸗ mmer auf⸗ überflüſſig kzog.. oha ſaßen, aber war der Treppe hein, nichts itain ſelbſt hte in den b noch die vorfen, ſo mmſt Du Capitain!“ ugen ſtand entgegen⸗ Mond die t der bei⸗ ſchämtheit ertragen; Himmels hen?— es wagen können, dergleichen zu thun, ohne mich erſt um Erlaubniß zu fragen? Ich verſtehe wohl, Georg, daß Du jetzt voͤllig frei biſt, doch...“ „Nein, um Gottes willen keine ſolche Behauptung, Herr Commandeur⸗Capitain!“ unterbrach ihn Georg ſcherz⸗ haft.„Ich bin noch nie in meinem Leben weniger frei geweſen, als jetzt, da ich für das ganze Leben gebunden worden bin, und daß dies geſchehen iſt ohne Ihre Erlaub⸗ niß, Herr Commandeur⸗Capitain, daran bin ich wirklich unſchuldig: wenn es mein Leben koſtete, oder, was noch weit mehr iſt, meinen Himmel, ſo könnte ich nicht ſagen, wie ich in denſelben gekommen bin! doch geſchehene Dinge find nicht zu ändern, und darum....“ ſein Feuerblick überflog Elviren, die ihm noch nie ſo lieblich, ſo vollkom⸗ men weiblich erſchienen war, wie in dieſem Augenblicke der Verwirrung—„darum.... „... Darum, meinſt Du, thue ich am Beſten, wenn ich mich in das finde, was nicht zu ändern iſt? Nun denn in Gottes Namen!“ Der glückliche Vater öͤff⸗ nete Beiden ſeine Arme....„Biſt Du nun überzeugt, mein Kind“— ſeine Lippen berührten leicht Elvira's Stirn—„daß Du dieſen Schmetterling feſthalten kannſt 2 35 „Das bin ich, Vater! er wagt es nie, von mir hin⸗ wegzuflattern!“ „Nein, meine Schmetterlingsflügel ſind für immer abgeſchnitten: mein armes, irrendes Herz hat endlich einen Hafen gefunden, der es aufgenommen hat— einen Hafen für das Leben, für die Ewigkeit!“ Jetzt wurde es ſtill in der Gruppe dieſer drei. Keiner gab Acht auf den alten Ignelius, der noch immer, mit dem Lichte in der Hand, daſtand und von deſſen runzligen Wangen große Freudenthränen herabrollten, und auf deſ⸗ ſen Lippen warme Gebete für den Sohn des Barons Wll⸗ helm und ſeine junge Braut brannten. Elfter Zeitraum. Noch einmal aut dem Freiſegler. Ich ſeh' ein Schiff in oͤden Räumen ſchweben. ......*.... Am Steuer ſitzt der Tod mit ſeiner Senſe— Wohin mag er des Menſchen Schickſal lenken? Grafſtroöm. 4 „W Mitte m und wan und nun nelia um fen. Ich liefern, d aauf geht ſich denn Frachten vor, Vat zu erzähl „Di Hochzeit war nie lange ich kommen Februar wirſt wol von aller Lande ge⸗ hier in T nach dem ſchiede, ich gar: Zeit ein Elftes Kapitel. „Torekow, den 7 April. „Wiederum ſchreibe ich Dir, lieber Vater! In der Mitte meiner brennendſten Thätigkeit ſtehle ich mir dann und wann einen Augenblick, um mit Dir zu plaudern, und nun kann ich erzählen, daß meine ſchöne Elvira Cor⸗ nelia um einen Monat fertig iſt, aus dem Hafen zu lau⸗ fen. Ich ſegle erſt nach Copenhagen, um die Laſt abzu⸗ liefern, die ich im vorigen Herbſte hier magazinirte; dar⸗ auf geht es wohl nach England oder Holland— wie es ſich denn paßt: ich hoffe, mein altes Glück mit guten Frachten wird mir nicht den Rücken zuwenden! Doch zu⸗ vor, Vater! zuvor... Welche Neuigkeiten habe ich nicht zu erzählen! 3 „Du weißt, der Commandeur⸗Capitain hatte die Hochzeit bis zu meiner Rückkehr im Herbſt ausgeſetzt. Ich war nie recht zufrieden mit dieſer Beſtimmung; doch ſo lange ich noch auf Helgenäs war, konnte ich nicht voll⸗ kommen meſſen, welch' ein Zeitraum zwiſchen dem dritten Februar und dem Ende des Octobers liegtz denn Du wirſt wohl verſtehen, daß unſere damalige Zeitrechnung von aller andern, die ich ſowohl zur See als auch zu Lande geführt hatte, gänzlich abwich. Nachdem ich jedoch hier in Torekow angekommen war, ſo begann ich die Zeit nach dem alten Style zu zählen, nur mit dem Unter⸗ ſchiede, daß ſie mir nun ſo über den Kopf wuchs, daß ich gar nicht begreifen konnte, wann eine ſolche Maſſe Zeit ein Ende nehmen würde. Da, in halber Verzweif⸗ 222 lung, ſetzte ich mich hin und ſchrieb an den Commandeur⸗ Capitain einen Brief, in welchem ich die wenige Bered⸗ ſamkeit erſchöpfte, die mir der Himmel verliehen hat. Ich begann damit, daß ich mit dem verſtändigſten Verſtande von der Brigg und meinem ganzen Thun und Laſſen da⸗ bei erzählte; darauf aber rückte ich mit meiner ergebenſten Bitte hervor, daß mein künftiger Herr Schwiegervater mit Rückſicht auf die Unbeſtimmtheit aller Dinge auf dieſer Erde, beſonders für uns arme Seeleure, aus reiner chriſt⸗ licher Liebe und Barmherzigkeit meine Wartezeit verkürzen und dieſelbe auf die Weiſe verändern möchte, daß die Hochzeit ſtatt bei der Rückkehr ſchon bei der Abreiſe ge⸗ feiert werden koͤnnte. „Hierauf erhielt ich die wenig troſtreiche Antwort, mein theurer Schwiegervater hätte mich ſtets für etwas verrückt gehalten, jedoch noch nie etwas in einem ſo hohen Grade Raſendes von mir gehöͤrt als dieſes, nämlich über Hals und Kopf Aufgebot und Hochzeit zu begehren. Alſo: Nein— radikal nein! „Aber ich ließ mich nicht abſchrecken. Selbſt zu kom⸗ men wagte ich nicht, denn nichts hätte mich bei ihm mehr in Mißcredit ſetzen können, als wenn ich blos meiner Liebesangelegenheit wegen von den Leuten und von der Arbeit gefahren wäre. Ich begann daher, ihm regelmäßig an jedem Poſttage mit einem Briefe über dieſen Gegen⸗ ſtand aufzuwarten; und ob ich nun eine Fürſprecherin dort auf Helgenäs hatte oder ob meine Bitten ſo mächtig waren, genug, am letzten Dienſtage wurde ich von dem angenehmſten Beſuche überraſcht, nemlich von meinem alten Chef und... Lieber Vater! ich mochte wohl wiſſen, ob diejenigen, die in ehmaligen glücklicheren Tagen Beſuche von Engeln hatten, ſich beglückter fühlten, als ich, da ich meine Elvira, meine Braut, meine Göttin, mein Alles in meine Arme ſchließen durfte! „Ich weiß, daß es unrecht iſt, ſtets bei dieſem einen Gegenſtande zu verweilen, den ich wohl ſchon zehnmal ah⸗ gehandelt zu oft erz daß es m Raum da Theil der wiß, ich glaubſt D lob! nicht dern mir mich bisr die Sera gegen me ich mich haben wo Glück zu mit mein nicht den und ihr „Bi⸗ mich, wer empfinde empfinden Gedanke will, ſo l daß ſie vernünftig wußte, w Jetzt und heilig ſeit nicht mel ſo komme ganz hing ten noch Einzige geworden „N mandeur⸗ ge Bered⸗ hat. Ich Verſtande Laſſen da⸗ rgebenſten vater mit auf dieſer ner chriſt⸗ verkürzen daß die breiſe ge⸗ Antwort, ür etwas ſo hohen nlich über en. Alſo: t zu kom⸗ ihm mehr as meiner von der egelmäßig n Gegen⸗ ſprecherin » mächtig von dem nem alten viſſen, ob Beſuche ch, da ich ein Alles ſem einen 'nmal ab⸗ gehandelt habe; doch, beſter Vater! kannſt Du es wohl zu oft erzählen hören, daß meine Seligkeit zu groß iſt, daß es mir oft ſo vorkommt, als hätte meine Bruſt keinen Raum dafür? Was kann ich denn anderes thun, als einen Theil derſelben auf das Papier gießen? Du meinſt ge⸗ wiß, ich ſchreibe viel an Dich über meine Liebe— was glaubſt Du denn wohl, daß ich an ſie ſchreibe, die Gott⸗ lob! nicht müde wird, meine Dummheiten zu leſen, ſon⸗ dern mir Gleiches mit Gleichem vergilt?... Ich frage mich bisweilen, ob dies wohl ſo forkgehen kann, ob nicht die Seraphe des Himmels mich beneiden und Meuterei gegen meine Seligkeit anſtiften werden; dann aber tröſte ich mich wiederum damit, wenn ſie Erbarmen mit mir haben wollen, der wirklich weit entfernt iſt, ein ſolches Glück zu verdienen, ſo werden ſie doch Erbarmen haben mit meiner entzückenden, engliſchen Elvira; ſie können nicht den Muth haben, ihr ihren Himmel zu rauben— und ihr Himmel iſt bei mir, ſo wie der meinige bei ihr. „Bisweilen kommen einige kleine Beſorgniſſe über mich, weil ich keine Gewiſſensbiſſe wegen der guten Fanny empfinde— doch wie könnte ich in dieſem Rauſche etwas empfinden? Und ſchleicht ſich auch wohl je zuweilen ein Gedanke hervor, der ſich zu einem ſtillen Vorwurfe arten will, ſo habe ich augenblicklich den Einwand bei der Hand, daß ſie mir dreimal den Korb gab, und daß ſie, das vernünftige, edle und warmfühlende Mädchen, recht gut wußte, was ſie ſowohl für ſich, als auch für mich that. Jetzt und immer ſoll ſie mir als Freundin, als Schweſter heilig ſein; doch etwas, das der Liebe ähnlich ſieht, iſt nicht mehr vorhanden. Ich wußte es ja vorher, daß es ſo kommen müßte, nämlich, wenn ich mich einer Einzigen ganz hingeben dürfte, ſo würde ich mich weder mit Wor⸗ ten noch mit Gedanken verſündigen; und da nun dieſe Einzige Elvira, meine herrliche, meine hochherzige Elvira geworden iſt, ſo kann mir gar keine Verſuchung nahen! „Nicht nur Liebe reißt mich hin, mein Vater, ſon⸗ 224 dern auch Bewunderung. Ich kam ja erſt zu Elviren, nachdem ich von ihrer Nebenbuhlerin vollkommen ver⸗ ſchmäht worden war. Hätte ſie wohl nicht ſelbſt in dem Falle, da ſie mich nicht verwerfen wollte, das Recht ge⸗ habt, eine lange Bedenkzeit zu fordern, mit einem Worte ſich auf irgend eine von dieſen unzähligen Arten zu rä⸗ chen, die den Mädchen gegen einen Mann, der ſie liebt, zu Gebote ſtehen? Doch meine Elvira war zu groß zu einer ſolchen Rache: nicht eine einzige Sekunde Bedenkzeit begehrte ſie, nicht ein halbes Wort über dergleichen wurde zwiſchen uns gewechſelt; ihre Feuerſeele verſtand mich augenblicklich, und mit einander ſchweb.... Doch ich verliere ja ganz den Faden, womit der Brief beginnen ſollte, nämlich meine große, unausſprechliche Neuigkeit— oder richtiger: meine beiden überirdiſchen Neuigkeiten, (denn die eine übertrifft die andere.) „Sie kamen alſo. „Ich glaube überhüpfen zu koͤnnen, auf welche Weiſe Elvira und ich uns trafen; denn da der Commandeur⸗ Capitain dabei erklärte, daß er auf gutem Wege wäre, die Geduld zu verlieren, ſo würde es Dir vielleicht eben ſo ergehen. Alſo nur die geſegneten Worte meines alten Chefs! 3 „Du haſt mich ſo ermattet mit Deinen trivialen Briefen, mein lieber Georg!“ ſagte er,„daß ich in der Hoffnung, von Dir einmal etwas anderes zu vernehmen, beſchloſſen habe, Eure Hochzeit am erſten Mai zu feiern; alſo muß am nächſtfolgenden Sonntage das erſte Aufge⸗ bot Statt finden!“ Elvira's glühende Wange bekräftigte mir, daß es kein Scherz war. Ich glaubte, ich müßte des Todes ſterben vor lauter Freude—— aber dennoch fehlte et⸗ was. „Wie iſt es, Vater...(Ich darf ſchon meinen alten Chef mit dieſem ſo lieblichen und vertraulichen Na⸗ men begrüßen; und iſt er nicht ſchon lange mein zweiter Vater gen mir unmö⸗ nem Entz ein Gefüh ich in der alten redl Abende be liche des alle unſer Bambus⸗L ſchaft über mit ſeiner es, der a in meinem Zupfen un einen Gra von Neuer „Wie Schwieger der Ehe t ihrem Vat Auskunft „Wa⸗ ren wohl ſchwerden „O r belangt, T mandeur⸗C an, worin um nicht eben nicht wußte re Wunſch r überzeugt, Der E Elviren, men ver⸗ ſt in dem Recht ge⸗ m Worte n zu rä⸗ ſie liebt, groß zu Bedenkzeit en wurde ind mich Doch ich beginnen nigkeit— uigkeiten, he Weiſe mandeur⸗ ge wäre, icht eben nes alten trivialen h in der rnehmen, feiern; 2 Aufge⸗ daß es 8 Todes fehlte et⸗ meinen hen Na⸗ zweiter Vater geweſen? Der dritte... nein, bei Gott! es iſt mir unmöglich; ich kann nicht anders, als mitten in mei⸗ nem Entzücken, mitten im Satze zu empfinden, wie mir ein Gefühl von tiefer Trauer durch die Seele geht, wenn ich in der Erinnerung zu meinem dritten Vater, meinem alten redlichen Stormbom zuruͤckkehre. Faſt an jedem Abende beſuche ich ſein Grab, um dort an das Vergäng⸗ liche des Erdenglückes zu denken; aber ich denke auch an alle unſere frohen Augenblicke zu jener Zeit, da noch Bambus⸗Olle und Frau Rebecca lebten und um die Herr⸗ ſchaft über den Alten ſtritten. Ach wie glücklich war er mit ſeiner Alten, welch' ein achtungswerthes Paar war es, der alte Flaggenſchiffer und ſeine Hausehre!— nie in meinem Leben vergeſſe ich ſie, und nie vergeſſe ich das Zupfen und den Steuermannsſchmaus! Aber der Alte ſoll ſinen Grabſtein haben; den verdient der alte Hoglands⸗ held.. „Wiederum habe ich den Faden verloren, und muß von Neuem wieder beginnen. „Wie iſt es, Vater,“ ſagte ich zu meinem geliebten Schwiegervater:„wenn ein Weib in den heiligen Stand der Ehe tritt, ſoll ſie dann ihrem Manne folgen oder bei ihrem Vater bleiben?— die Schrift gibt ja wohl einige Auskunft darüber?“ „Was meinſt Du nun, Du Narr? Du wirſt Elvi⸗ ren wohl nimmermehr den Unannehmlichkeiten und Be⸗ ſchwerden einer langen Seereiſe ausſetzen wollen 20 „O was die Unannehmlichkeiten und Beſchwerden an⸗ belangt, Väterchen,“ ſiel Elvira ein, und ſah den Com⸗ mandeur⸗Capitain mit einem Blicke und einem Lächeln an, worin ſo viele liebliche Ueberredungskunſt lag, daß er, um nicht beſiegt zu werden, ſich abwendete—„ſo bin ich eben nicht weichlicher oder zaghafter Natur!“ Elvira wußte recht gut, daß ich den höchſten und wärmſten Wunſch meiner Seele ausgeſprochen hatte, und ich bin überzeugt, daß es auch der ihrige war. Der Einſiedler zc. III. 15 226 „Jetzt war es Zeit für mich einzufallen, und ich that dies auch mit einer ganzen Fluth voll Verſicherungen, daß keine Unannehmlichkeiten, denen menſchliche Kraft zuvorkommen koͤnnte, meine angebetete Gattin treffen ſoll⸗ ten. Wer koͤnnte ſie wohl ſo bewahren und ſo angſtlich für ſie beſorgt ſein, wie ich... 20 „... und dann die Schute gehen laſſen, wie ſie ſelbſt will?“ ſiel mein alter Chef mit einem ärgerlichen Lächeln ein.„Du wenigſtens bekämſt wohl keine Zeit, ſie zu regieren?“ „Jetzt biſt Du allzu garſtig, Väterchen!“ meinte Elvira.. Ach, der Engel wollte ſchon meine Partei nehmen. „Und haſt Du denn Herz dazu, mich allein zu laſ⸗ ſen 2ℳ fragte er in einem Tone väterlicher Betrübniß. „Jetzt waren wir beide entwaffnet, obgleich ich mei⸗ nes Theils es für ſehr hart hielt, in meiner künftigen Würde als Ehemann ſogleich nachgeben zu müſſen. „Inzwiſchen meinte wohl der Commandeur⸗Capitain, wir beide bildeten neben einander ein ſo jämmerliches Ge⸗ mälde, daß er recht herzlich über die ſchnelle Verwand⸗ lung lachen mußte. Als dieſe Laune zurückkehrte, ſo kehrten auch meine eigenſinnigen Bitten wieder, und end⸗ lich gab er nach; denn er ſah es recht gut, obgleich El⸗ vira nur ein einziges Mal bat, daß es auch ihr Wunſch war. „Alſo begleitet mich meine Frau mit auf mein Schiff! das iſt etwas, wozu keine Commentare nöthig ſind: es iſt hinreichend, um allein da zu ſtehen und dennoch hin⸗ reichend, um Dir zu beweiſen, daß Georg der ſeligſte unter allen Sterblichen iſt. „Noch einen Einwand hatte gleichwohl der Comman⸗ deur⸗Capitain in Bereitſchaft, und zwar einen, der nicht zu den angenehmſten gehörte: Wer ſollte die Tante Rezia mit der grauſamen Mißachtung verſoͤhnen, die ihr erwieſen worden, da zwei ſo wichtige Dinge ohne ihren Rath zu E Capitain h Widerſprüc daß das er und da nu ſellte, daf reiſen würd viel werder ſtirbt,“ ſa „Elvi vorſichtig vor— wo wollte bei und mit Commande erſuchen, Wunſche z „Jetz bin, entſt ganz verg Schlag zu Schiffer v Zutritt. „Hät mit dem, ſie ihn ge haben. L heimniß d da die Ta iſt, ſo w ben wider vornehmer ſchen Hin baren zu grund zu Unkunde! id ich that cherungen, iche Kraft reffen ſoll⸗ angſtlich „wie ſie ärgerlichen e Zeit, ſie 1“ meinte ine Partel in zu laſ⸗ übniß. )ich mei⸗ künftigen ſen. Capitain, liches Ge⸗ Verwand⸗ ehrte, ſo und end⸗ gleich El⸗ r Wunſch in Schiff! ſind: es noch hin⸗ er ſeligſte Comman⸗ der nicht die Tante , die ihr hne ihren d Rath zu Stande gekommen waren? Der Commandeur⸗ Capitain hatte aus einer kleinen Bangigkeit vor den vielen Widerſprüchen, die ſeiner warteten, noch nicht erzählt, daß das erſte Aufgebot am künftigen Sonntage ſein ſollte, und da nun zu dieſer Neuigkeit ſich noch die zweite ge⸗ ſellte, daß Elvira ſogleich nach der Hochzeit mit mir reiſen würde, ſo meinte er, daß dieſes für ein Mal allzu viel werden würde.„Die Alte bekommt den Schlag und ſtirbt,“ ſagte er,„und dann ſitze ich ganz allein da!“ „Elvira übernahm es, unſre gnädige Tante fein und vorſichtig auf die Hochzeit vorzubereiten, und ich ſchlug vor— was auch einſtimmig angenommen wurde— ich wollte bei meiner Ankunft auf Helgenäs in Vertrauen und mit Kenntniß der Herrſchaft, welche ſie auf den Commandeur⸗Capitain ausübte, ſie um ihren Beiſtand erſuchen, ihn zu meinem und Elvira's gemeinſamem Wunſche zu überreden. „Jetzt aber, da ich auf die Tante Rezia gekommen bin, entſinne ich mich, daß ich in meiner Gluͤckſeligkeit ganz vergeſſen habe, zu erzählen, wie tief ihr der harte Schlag zu Herzen ging, daß Elvira ſich mit einem bloßen Schiſfe verlobt haͤtte. Erſt am dritten Tage erhielt ich utritt. „Hätte die alte gnädige Frau richtig gewußt, was es mit dem„Schiffer“ für eine Bewandtniß hätte, ſo würde ſie ihn gewiß auf eine andere Weiſe entgegen genommen haben. Doch wir wagten es nicht, unſer großes Ge⸗ heimniß auch nur auf das allerleiſeſte anzudeuten. Denn da die Tante jetzt alt und eitler denn ehemals geworden iſt, ſo würde ſie wahrſcheinlich der Verſuchung nicht ha⸗ ben widerſtehen können, hie und da vor einem vor den vornehmeren Nachbarn ihr Herz mit einer kleinen myſti⸗ ſchen Hindeutung auf einen hoͤheren Stand als den ſicht⸗ baren zu erleichtern. Genug: ſie mußte über den Haupt⸗ grund zu dem Beſfalle des Commandeur⸗Capitains in Unkunde bleiben. 228 „Doch dieſes ſagte ich jetzt ohne alle Ueberlegung— wer weiß aber auch, ob nicht der Beifall ohne dieſen ge⸗ heimen Vorzug ausgeblieben wäre?k..... Ich ſelbſt denke nicht mehr an dieſe Verhältniſſe: es kommt mir ſo vor, als wäre ich durch keine anderen Bande, als die jetzt geknüpften mit meinem ehemaligen Chef verwandt. Und ich bin ſo zufrieden mit meinem Stande, meinem Namen, meiner Stellung und dem ganz unerhörten Glücke, das mir der gute Gott ertheilt hat, daß ich wohl der größte Narr wäre, den die Erde trägt, wenn ich mich jemals nur mit einem Viertheil Gefühl von Be⸗ trübniß entſinnen wollte, daß es anders ſein koͤnnte. Hel⸗ genäs wird gewiß eben ſo gut in der Familie des Capi⸗ tains Georg Letsler blühen, wie es in der Freiherrlichen von U.. ſchen Familie geblüht hat. „Nun, wie geſagt: erſt am Vormittage des dritten Tages erhielt ich die Nachricht, daß die alte Freiherrin eingewilligt hätte, mich zu empfangen. Und ſie hatte jetzt eine ſo vornehme, ja königliche Würde und Haltung auf⸗ geſetzt, daß die Abſicht klar und deutlich hervorleuchtete, wie ſie mich aus dem Concepte bringen wollte. Dieſen Zweck erreichte ſie nun zwar nicht; doch gewiß iſt, daß ich mich noch nie ſo demüthig vor irgend jemandem ge⸗ zeigt habe— und zwar nicht aus Achtung gegen ihr Vorurtheil, ſondern aus Achtung gegen die alte Dame ſelbſt, gegen ihr hohes Alter und das große Anſehen, deſſen ſie in der ganzen Familie und in der ganzen Um⸗ gegend genkeßt. „Als ich mich näherte, um ihre Hand zu küſſen, ſo war meine Verbeugung ſo tief, daß ich überzeugt bin, ſie hat noch nie etwas Aehnliches geſehen. Auch milderte ſie augenblicklich die ſtrenge Würde in ihren Zügen durch ein zufriedenes Lächeln. Ich erhielt die Erlaubniß Platz zu nehmen. 4 „Sie beliebte ſelbſt das Geſpräch mit einem Bedauern über ihre geſchwächte Geſundheit zu eroffnen, die ihr nicht erlaubt ha zu„felicit tün“ reich rathen zwi bringen. Augenblick ich auch bürgerlicht von alter der Fäche „Sel „würde ie Ihre Gne von Allen Kühnheit haben, die Vermeſſer „Bef hoffe, me Suppoſiti von Antiß nicht alle ich gleicht wir uns mir zu p ehrfurchts meiner g. lich zuruͤ auf der auf der 7 Wurſthor Würde, mir erla⸗ waren a rlegung— dieſen ge⸗ Ich ſelbſt mt mir ſo , als die verwandt. , meinem unerhörten daß ich gt, wenn von Be⸗ nte. Hel⸗ des Capi⸗ hherrlichen ees dritten Freiherrin hatte jetzt tung auf⸗ rleuchtete, . Dieſen iſt, daß ndem ge⸗ gegen ihr tte Dame Anſehen, zen Um⸗ küſſen, ſo eugt bin, milderte gen durch niß Platz Bedauern ihr nicht 229 erlaubt hatte, mich zu der Abſchließung einer Verbindung zu„felicitiren,“ von welcher ſie hoffte, daß ſie an„For⸗ tün“ reich werden würde trotz des alten Satzes, daß Hei⸗ rathen zwiſchen Perſonen verſchiedenen Standes kein Glück bringen.„In vorigen Zeiten, mein Couſin!“(in dem Augenblicke, da die Alte das Verlöbniß anerkannte, wurde ich auch mit dem Couſin⸗Titel beehrt)„war es einem bürgerlichen Manne nicht ſo leicht, eine adlige Jungfrau von alter Familie zu kapern!“ Die Tante ſeufzte, und der Fächer war in ſtarker Bewegung. „Selbſt in meinem Glücke,“ begann ich nachgiebig, „würde ich immer etwas Weſentliches entbehren, wenn Ihre Gnaden“(— die alte Dame hoͤrt ſich am liebſten von Allen Ihre Gnaden nennen—)„mir nicht meine Kühnheit verziehen, mich in eine Familie eingedrängt zu haben, die ſo hoch über mir ſteht, daß nur die Liebe meine Vermeſſenheit entſchuldigen kann!“ „Beſiegt antwortete die alte hoffärtige Dame:„Ich hoffe, mein Couſin, daß ich nichts geſagt habe, was die Suppoſition rechtfertigen kann, daß ich Sie mit einer Art von Antipathie in meine Familie aufnehme! Wenn ich nicht alle Ideen der jetzigen Zeit billigen kann, ſo kann ich gleichwohl Nachſicht mit Ihnen haben... Doch da wir uns jetzt als Verwandte betrachten, ſo erlauben Sie mir zu proponiren, daß Sie, Herr Couſin, mich künftig⸗ hin Tante nennen!“ „Ich konnte nicht hindern, daß ein kleiner Seufzer die ehrfurchtsvolle Dankſagung für die gnädige Erlaubniß meiner gnädigen Tante begleitete: der Gedanke eilte näm⸗ lich zurück zu dem Augenblicke, da der alte Stormbom, auf der roth angeſtrichenen Kiſte in ſeiner kleinen Cajüte auf der Fregatte ſitzend, die Flaſche mit dem angebundenen Wurſthorn herausholte, letzteres füllte, und mit einer Würde, die ſogar der Wurde der Tante wenig nachgab, mir erlaubte, Onkel zu ſagen... Wie ſehr verſchieden waren aber dennoch dieſe beiden Augenblicke! Welchen 230 Reichthum an Erinnerungen rief nicht die Vergleichung hervor! Damals war ich ein Schiffjunge— aber ach! wie ſtolz, als ich die Cajüte des Chefes mit dem Dolche verließ: die Erde trug mich kaum! Jetzt trug ſie mich noch weniger, da ich mit der Tochter meines Chefs in den alten Mauern von Helgenäs ſchwebte... Wie doch die Zeiten wechſeln: mir wird ganz ernſt zu Muthe, wenn ich daran denke. Wie lange wird wohl mein Himmel klar ſein?... Nein, ich ſchließe, ehe ich vor lauter Gluck ganz melancholiſch werde. „Tauſend, tauſend Grüße an alle Freunde von Deinem Georg.“ Zwölftes Kapitel. Die Frühlingsſonne blickte freundlich durch die hohen Fenſter in den Salon auf Helgenäs herein und warf einen glänzenden Schimmer auf die Silberſtickerei des Braut⸗ ſchleiers, der auf Elvira's Stickrahmen geſpannt war. An dem Rahmen arbeiteten Elvira und die kleine Freiherrin Vendela mit einem Eifer, der die Wangen Bei⸗ der mit Purpur übergoſſen hatte. „Nein, nun halte ich das Schweigen nicht länger aus!“ begann endlich Vendela.„Du“— ſie warf ei⸗ nen ſchalkhaft lächelnden Blick auf Elviren—„Du un⸗ terhälſt Dich wohl ſo angenehm mit Dir ſelbſt, daß Du ein Schärflein verſchmähſt, welches Andere zu Deinem Vergnügen beilegen koͤnnen!“ „Sind wir denn ſo lange ſtill geweſen? entgegnete Elvira, auf deren ſchönem Antlitze ſich dieſes träumeriſche Leben offen „Du haſt thun, lieb Kräften z1 ſire mit n erſte Mal, „Und Vendela f hört habe ich doch wegnehme Deinem 2 ſter komn dann?“ „Ja überſchatt aber nicht dieſe Ger kannſt D Augen als können?“ „Da Wahrheit, „We drücken, heißt noch in meinen Arbeiten noch über viel Zeit ich ihn n „Ja, zehn Tag⸗ lich entzi Deines e Frühſtück rgleichung aber ach! m Dolche S ſie mich Chefs in Wie doch the, wenn Himmel vor lauter von org.“ die hohen arf einen Braut⸗ war. ie kleine gen Bei⸗ t länger warf ei⸗ Du un⸗ daß Du Deinem tgegnete meriſche 231 Leben offenbarte, das am liebſten jede Mittheilung ſcheut. „Du haſt wirklich mit einer ſehr undankbaren Wirthin zu thun, liebe Vendela: erſt lade ich Dich ein, aus allen Kräften zu arbeiten, und dann ſitze ich hier und phanta⸗ ſire mit mir ſelbſt— doch auf keinen Fall iſt dieſes das erſte Mal, da Du Deine Menſchenliebe zeigen mußt.“ „Und wird auch noch nicht das letzte ſein!“ meinte Vendela fröhlich.„Denn obgleich ich die Behauptung ge⸗ hört habe, daß die Liebe alle Weſen mildert, ſo moͤchte ich doch wohl wiſſen, ob ſie auch Deine alte Ungeduld wegnehmen wird. Wenn wir nun zum Beiſpiel nicht Deinem Vorſatze gemäß bis morgen Abend, da Dein Lieb⸗ ſter kommt, die Stickerei fertig haben— wie geht es dann?“ „Ja dann,“ erwiederte Elvira und eine leichte Wolke überſchattete ihre ſchöne Stirn,„würde ich wirklich betrübt, aber nicht heftig, nicht ungeduldig; denn ich weiß ja, daß dieſe Gemüthsbewegungen meine Züge entſtellen— und kannſt Du glauben, ich würde nicht, um in ſeinen Augen als ſchön zu erſcheinen, jede Bewegung überwinden können?“ „Da ſehe man nur! alſo iſt es die allervollkommenſte Wahrheit, daß die Liebe Wunder thut!“ „Wer zweifelt daran? Doch gewiſſe Gefühle unter⸗ drücken, ſei es aus Coqueterie, Liebe oder Zwang, das heißt noch nicht ſie überwinden. Alſo würde ich dennoch in meinem Innern unzufrieden ſein, wenn ich nicht alle Arbeiten vor ſeiner Ankunft vollendet hätte. Du ſiehſt noch überdies ein, liebe Vendela, daß mir nachher nicht viel Zeit übrig bleibt: ach, es iſt ſo lange her, ſeitdem ich ihn nicht getroffen habe!“ „Ja, ganz fürchterlich! Geſtern waren es ganze vier⸗ zehn Tage!... Aber weißt Du, Elvira, ich war wirk⸗ lich entzückt, daß unſere gnädige Tante an dem Tage Deines erſten Aufgebotes ihren Vorſatz, Dich ſchon beim Frühſtück mit ihrer Ankunft zu überraſchen, fahren ließ! 232 Hätte ſie Dich geſehen, da Du herein kamſt und den Ca⸗ pitain Georg erblickteſt, ſo verſichere ich Dich, Du würdeſt eine Predigt in wenigſtens drei Abtheilungen über die Pflicht einer Braut, ihre weibliche Würde in Acht zu nehmen, vernommen haben!“ „Das will ich ſehr gerne glauben!“ fiel Elvira mit einem guten und herzlichen Lächeln ein.„Aber Du mußt doch auch geſtehen, daß es eine Ueberraſchung war, bei der ich nicht ganz ruhig bleiben konnte: mein armer Georg war ja die ganze Nacht hindurch gereiſ't, um zum Mor⸗ gen hier ſein zu konnen, und er reiſ'te auch die folgende Nacht wieder zurück, bloß um einen einzigen Tag bei mir ſein zu koͤnnen!“ „O, ich glaube wohl, Dein armer Georg wurde für ſeine Mühe gut genug belohnt! Ihr waret wirklich lang⸗ weilig!... Weißt Du wohl noch, Elvira, daß ich vor langer Zeit ſagte, ich wollte nicht mit dabei ſein und Deine Liebe ſehen?— Ich wußte, ſie würde übertrie⸗ ben ſein.“ „Und warum iſt ſie übertrieben? Wie kannſt Du das wiſſen, liebe Vendela?“ „Das kann ich wiſſen, weil Ihr immer beide ſo aus⸗ ſehet, als ſtändet Ihr in lichter Flamme: nie nehmt Ihr Notiz davon, was ſich um Euch her zuträgt, und man braucht ſeine Augen nur zum Hausbedarf anzuwenden, um zu ſehen, daß ſowohl Du als auch er hoch uͤber der Erde ſchwebt. Ich und Henning lieb...“ „Ach, Vendela! ich bitte Dich,“ fiel Elvira mit ihrer alten Heftigkeit ein,„ſprich nicht von Dir und Henning — Eure Liebe iſt wirklich irdiſch! Aber ich bin ſtolz darüber, daß meine und Georg's Liebe über der Erde ſchwebt: die Liebe gehört dem Himmel an, und Du darfſt nicht Henning's und Georg's Gefühle mit einander ver⸗ gleichen!“ „Nein, behüte mich Gott davor!“ äußerte Vendela ein wenig ungnädig.„Dagegen hoffe ich, Henning's Ge⸗ ———˖⏑ʒ⸗—ꝛ,',p,ßy— fühle geger ſein, welcht auch gewiß den Augenkb „Iſt 1 biſt, mich ſie 1 ſ ich tief Elvira in ihrem k Elvira ſelb Glückes nie war es für zu kommen „Meit Worte ſo und Hennit verſtehen!“ „Und ſtändeſt D haben.. zu kindiſch ärgere mie Du wirſt 3 ſie auch iſ „Mög nend.„H dürfen, ſo der Hochz „Und liches, hal „ich häͤtte bleiben?2 war es m ſo früh ir ich ihn n bden Ca⸗ u würdeſt über die Acht zu lvira mit Du mußt war, bei er Geor um Mor⸗ folgende 3 bei mir vurde für ich lang⸗ ß ich vor ſein und übertrie⸗ unſt Du ſo aus⸗ hmt Ihr und man den, um der Erde nit ihrer Henning din ſtolz er Erde z darfſt der ver⸗ Vendela g's Ge⸗ — fühle gegen mich ſollen noch um zehn Jahre dieſelben ſein, welche ſie heute ſind! Das ruhige, ſtille Glück iſt auch gewiß zuverläſſiger als dasjenige, welches nur für den Augenblick berauſcht.“ „Iſt mein Glück Dir eine Pein, da Du im Stande biſt, mich ſo bitter zu verletzen?“ rief Elvira aus, indem ſie ſich ſchnell erhob und den Stuhl wegſchob. Mit Verwunderung und Schmerz ſah Vendela, wie tief Elvira beleidigt war. Vendela ahnte nicht, daß ſie in ihrem kleinen Aerger eine Saite berührt hatte, welche Elvira ſelbſt ſogar während der Augenblicke ihres hoͤchſten Glückes nicht hatte unterlaſſen können zu berühren; doch war es für jeden Andern gefährlich, dieſer Saite zu nahe zu kommen. „Mein Gott, Elvira! wie kannſt Du wohl ein Paar Worte ſo übel nehmen? Es verdroß mich, daß Du mich und Henning für unfähig hielteſt, Eure Gefühle nur zu verſtehen!“ „Und dennoch habe ich eben hierin Recht! denn ver⸗ ſtändeſt Du ſie, ſo würdeſt Du Dich nicht ſo geäußert haben... Doch, liebe Vendela, ich bin auf jeden Fall zu kindiſch, denn ich vergeude meine koſtbare Zeit und ärgere mich über etwas, das Gottlob! nie eintreffen wird! Du wirſt es erleben, Vendela, daß unſere Liebe, ſo heftig ſie auch iſt, dennoch zehn und zwanzig Jahre überlebt.“ „Möge ſie dreißig überleben!“ ſagte Vendela verſöh⸗ nend.„Hätteſt Du aber Deinen Mann nicht begleiten dürfen, ſo hätte ja die Betrübniß ſchon einige Tage nach der Hochzeit begonnen!“ „Und Du haſt glauben können“— ein halb verächt⸗ liches, halb ſpöttiſches Lächeln flog über Elvira's Lippen— „ich hätte jemals die Abſicht gehabt, zu Hauſe zu bleiben? Nein, in dem Augenblicke unſerer Verlobung war es mein unerſchütterlicher Vorſatz, daß die Hochzeit ſo früh in dieſem Frühlinge gefeiert werden ſollte, daß ich ihn noch begleiten könnte. Wie hätte ich wohl einen 234 Augenblick ruhig ſein können, wenn ich ſchon von Anfang herein vor der Trennung gebebt hätte?" Während Elvira ſo redete, hatte ſie ihre Arbeit wie⸗ der begonnen. Noch weilte aber die hochrothe Farbe auf ihrer Wange, und das Auge blitzte von dem Verdruſſe, der dort vor einem Augenblicke ſein Feuer angezündet hatte. Da trat der Commandeur⸗Capitain mit einem of⸗ fenen Briefe in der Hand ein. Er ſah aus wie Jemand, der keine angenehme Nach⸗ richt zu verkündigen hatte. „Der Brief iſt wohl nicht von Georg, lieber Vater?⸗ „Ja, von keinem Andern! Er kann erſt zum Polter⸗ abend hier ſein. Das konnte ich mir wohl denken, weil ſo viele Veränderungen und Anſtalten in der Cajüte ge⸗ macht werden ſollten. Sie wird kaum erſt um vier Tage fertig!“ „Vater!“— Elvira erblaßte und ein heftiges Zittern kam über ſie—„es iſt wohl nichts anderes? Er iſt wohl nicht nach der Joh...“ Jetzt brach der Commandeur⸗Capitain in ein herzli⸗ ches Lachen aus und rief laut:„Komm herein, Du Schelm! und zeige ihr, daß Du nicht davon gelaufen biſt!“ Die Thür ſprang auf, und Georg, der überglückliche Georg, ſtürzte herein und ſchloß mit jubelnder Freude die Geliebte an ſein Herz. Der Wechſel ſo ſtreitiger Gefühle wirkte heftig auf Elvira's reizbares Gemüth: ſie begann zu weinen. Und da Vendela ſah, wie eine große Thräne unter die Blu⸗ men in den Brautſchleier fiel, ſo warf ſie, von einem ge⸗ heimen Inſtinkte getrieben, das Schnupftuch darüber: ſie fürchtete, Elvira möchte, wenn ſie den dunklen Flecken ſähe, ſich der Worte erinnern, die Vendela nicht ausge⸗ ſprochen zu haben wünſchte... Es liegt eine rüh⸗ rende Schönheit in der bangen Unruhe der Jungfrau, keine Thräne auf irgend einen Theil des Brautſchleiers kommen zu laſſen. „Ach, deur⸗Capita immer das „Ich gelockt habe len an de „Und denno und ſelbſtſü blick ungeſe wenig betr wäre!“ Un „Du fertig zu! angenomme zu verſoͤhne Georg drei Stund Gnade verf „Das dieſer Stur „Dan frei!“ Augen zurück mit niederſetzte. Sie auf einem weißen Ta von roſenfe Elvir⸗ „Du Sünde?“ „Ja, nahm den nen, gelie Liebesglück dn Anfang rbeit wie⸗ Farbe auf Vater?⸗ i Polter⸗ en, weil ſajüte ge⸗ bier Tage s Zittern n herzli⸗ Schelm! glückliche reude die eftig auf n. Und ie Blu⸗ nem ge⸗ der: ſie Flecken ausge⸗ ne rüh⸗ 4, keine ommen iſt wohl „Ach, die Weiber, die Weiber!“ ſagte der Comman⸗ deur⸗Capitain.„Freude und Thränen in einer Minute— immer das eine Extrem neben dem andern!“ „Ich kann es mir nicht verzeihen, daß ich ſie hervor⸗ gelockt habe!“ rief Georg aus, indem er die letzten Per⸗ len an den Seidenwimpern ſeiner Braut hinwegküßte. „Und dennoch, meine geliebte Zauberin! bin ich ſo unedel und ſelbſtſüchtig, daß ich um keinen Preis dieſen Augen⸗ blick ungeſehen haben wollte! Ja, Du würdeſt gewiß ein wenig betrübt geweſen ſein, wenn ich nicht gekommen wäre!“ Und ſein Auge flammte vor Freuden. „Du ſcheinſt ſehr leicht mit Deiner Selbſtverzeihung fertig zu werden!“ entgegnete Elvira mit einem kleinen angenommenen Verdruß..„Jetzt aber haſt Du mich zu verſoͤhnen!“ Georg bog ſogleich ſein Knie und betheuerte, er wollte drei Stunden lang ſo liegen bleiben, wenn er ſich dadurch Gnade verſchaffen koͤnnte. „Das kannſt Du thun— doch erhältſt Du während dieſer Stunden keinen einzigen Blick!“ „Dann ſpreche ich mich auch ſelbſt von aller Poͤnitenz rei!“ 3 Augenblicklich war Georg auf, hinaus und wieder zurück mit einem kleinen Korbe, den er zu Elvirens Füßen niederſetzte. Sie nahm den Deckel ab, und in dem Korbe lag auf einem ſchwellenden Mooslager ein Paar der ſchönſten weißen Tauben, gehörig gefeſſelt unter einem Gitterwerke von roſenfarbigen Seidenbändern. Elvira ſchrie laut auf vor Freuden. „Du nimmſt ſie alſo an als ein Opfer für meine Sünde?“ „Ja, als ein vollkommenes Verſoͤhnungsopfer!“ Sie nahm den Korb auf den Schooß und ſtreichelte die klei⸗ nen, geliebten Gäſte, die ſchönen Booten ihres künftigen Liebesglückes. 236 „Das iſt wohl das erſte Paar, welches in die Arche eingelaſſen wird?“ meinte der Commandeur⸗Capitain lächelnd. „Ich will nur wünſchen, daß ſie nicht vor Neid über das Glück des zweiten Paares ſterben!“ flüſterte Georg ſeiner Braut zu..... Erſt nachdem Capitain Georg und Elvira gemein⸗ ſchaftlich ein kleines Zimmer für die Tauben auserſehen und auf die beſte Weiſe für dieſelben geſorgt hatten, was alles ſeine gehörige Zeit koſtete, erhielt der Bräutigam Gelegenheit, die ſchöne Stickerei der Damen zu bewundern. Elvira ſagte zwar kein Wort von ihrer Unterredung mit Vendela, aber ſie verſicherte Georg, er dürfte ſich nicht völlig als angekommen betrachten, ehe dieſe Arbeit vollendet wäre. „Ich habe noch nie etwas ſo Schönes geſehen!“ er⸗ klärte er...„Aber iſt es nothwendig, daß Du mit dergleichen Dingen die Zeit verbringſt?“ „Sehr nothwendig!“ „Es iſt doch wohl kein Shawl? das darf es nicht ſein!“(Georg dachte an den Shawl, mit welchem er ſeine Braut überraſchen wollte)....„Aber was iſt es, meine Elvira?“ „Mein Brautſchleier!“ Dieſes Wort und der Blick, der Ton, womit es ausgeſprochen wurde, machte den lieblichſten Eindruck auf Georg. Er bückte ſich ſchnell und berührte mit ſeinen Lippen die prächtigen Blumen.„Mein Gott, wie ſchoͤn Du wirſt mit der Myrtenkrone auf Deinen ſchwarzen Locken und dieſem ſilbernen Schleier dazu!.... Es iſt roße Gefahr da“— fügte er ſo leiſe hinzu, daß nur ſie es hören konnte—„daß ich ganz verrückt werde!“ ¹ In der der alte Ige zu der Hoch Nichts durft wahrend die mand geſehe mels ruhte daß er ſich einfand, un wer beſaß Erfahrung, Georg einer tüchtt ſtrebte. „Ach, bevor! W Georg halb verſchl indem er d in ſeine A Herr Ignel ſo iſt er de lich wird e es an mir ſo viele Th es erfahren Hand, ſeit ſcch freut, * Schie bleiben.“ Jetzt ziehen. D ſeinem gan Wenn jed die von A blicklich de die Arche Capitain Neid über te Georg gemein⸗ nuserſehen terredung ſürfte ſich eſe Arbeit en!“ er⸗ Du mit es nicht lchem er as iſt es, vomit es druck auf it ſeinen iee ſchoͤn chwarzen Es iſt daß nur rde!“ 237 In der alten, ſchwerfälligen Prachtwohnung wankte der alte Ignelius auf und ab und ſah nach, daß alles zu der Hochzeitsfeier gehoͤrig geputzt und geuhlt wurde. Nichts durfte ohne ihn geſchehen. Auch war der Alte während dieſer Tage in einer Laune, wie ihn noch Nie⸗ mand geſehen hatte: der Sonnenſchein eines ganzen Him⸗ mels ruhte auf ſeinem Antlitze, und man bemerkte ſogar, daß er ſich des Tages, mehrmals bei der alten Freiherrin einfand, um von ihr Verhaltungsbefehle einzuholen; denn wer beſaß wohl in ſolchen Anordnungen Geſchmack und Erfahrung, wenn nicht ſie? Georg überraſchte die treue Seele, als er eben mit einer tüchtigen Tracht Wachslichtern die Treppe hinauf⸗ ſtrebte. „Ach, Herr Capitain! welch ein Tag ſteht uns hier bevor! Wenn mein alter..“ Georg wagte kein Wort zu erwiedern, ehe ſie inner⸗ halb verſchloſſener Thüren waren. Da ſagte er eilfertig, indem er den Alten von ſeiner Bürde befreiete und ihn in ſeine Arme ſchloß:„Sein Sie überzeugt, theuerſter Herr Ignelius, wenn er auch nicht perſönlich zugegen iſt, ſo iſt er doch mit ſeiner ganzen Seele hier! Wie glück⸗ lich wird er ſich an dieſem Tage fühlen— ja, ich fühle es an mir ſelbſt, er wird vor Glück weinen, nachdem er ſo viele Thränen vor Schmerz vergoſſen hat. Und er ſoll es erfahren, wie ſein alter getreuer Diener, ſeine rechte Hand, ſein geſchätzter Freund hier geht und ſteuert und ſich freut, ſo wie er ſelbſt gethan haben würde, wenn bas Schickſal ihm geſtattet hätte, auf Helgenäs zu eiben.“ Jetzt mußte Ignelius das Schnupftuch aus der Taſche ziehen. Das Andenken an ſeinen alten Herrn war ſo mit ſeinem ganzen Weſen einverleibt, daß beide eins waren. Wenn jedoch dieſes Andenken durch Worte Luft bekam, die von Andern ausgeſprochen wurden, ſo war augen⸗ blicklich der ſtille Frieden geſtört, den er ſich nach langen 238 Jahren erkämpft hatte, und ſeine Trauer lebte von Neuem wieder auf.„O mein alter, theurer Herr!“ ſeufzte er. „Einſt hoffte ich, daß ſeine Hochzeit hier gefeiert wer⸗ den ſolltel... Doch wo wurde ſie gefeiert? Welche Freunde und Verwandten waren dabei?... nicht einmal ſein älteſter Diener durfte...“ „Um Gottes willen, laſſen Sie uns davon nicht reden!“ unterbrach ihn Georg eifrig.„Denken Sie lieber daran, wie wunderbarlich und gnädig die Vorſehung es gefügt hat, da ſie es dem Sohne Wilhelm's von U.. erlaubt, ſeine Hochzeit in dieſen Sälen zu feiern— und welche Hochzeit, Herr Ignelius! Ich meine, wir könnten alle Heerſchaaren des Himmels dazu einladen!“ „O ja, o ja, Herr Capitain! Gott iſt gnädig ge⸗ weſen. Denn eine große Freude iſt es, einmal, das erſte Mal während meiner langen Dienſtzeit hier ein ſolches Feſt feiern zu ſehen.... Doch verſprechen Sie mir Eines, verſprechen Sie es heute, Herr Capitain, da Sie ſo glücklich ſind!“— „Was denn, alter Freund?“ „Ich meine: wenn der Tag kommt, Herr Capitain, da Sie hier allein regieren— denn ſo lange der alte Baron lebt, verlohnt es ſich der Mühe nicht, ein ein⸗ ziges Wort darüber zu verlieren— jene Steine..“ Der Alte nickte bedeutungsvoll, indem er zum Fenſter hinaus ſah. „Sein Sie ruhig, Herr Ignelius, ſie ſollen auf dem Grunde des Meeres ruhen— das gelobe ich Ihnen beſtimmt!“ „Selbſt wenn das Fräulein(dann Freiherrin) ſich dagegen erklären ſollte? Sie iſt in ſolchen Dingen etwas übermüthig, und glaubt, daß ſie nichts zu bedeuten aben.“ 1„Das glaube ich ebenfalls nicht!“ meinte Georg, bel welchem ſich plötzlich ein unangenehmes Gefühl regte, deſſen Urſprung Ignelius gar nicht zu ahnen im Stande —.,— war... um den ge ſie hinweg ſie ſich eine ſpreche.“ „Hm, jedoch ploͤtz verſtehen e darzuſtellen als ſie bist Nachd er ſein Pa Capitain fort. Georg von den B Aber einem Wo ſelben tönt ſtünde es gedacht ha werden wi Wäre eines arm ohne Bede nun aber ſtimmte e ein Schiff frau“ ſol Georg's C liches Leid Titel mit er Elvira allen Din und dann Command von Neuem ſeufzte er. efeiert wer⸗ avon nicht Sie lieber brſehung es von U.. urn— und pir könnten Capitain, der alte ein ein⸗ e 4 i Fenſter ollen auf ich Ihnen rin) ſich Dingen bedeuten eorg, bei ol regte, Stande war...„Doch einzig und allein aus dem Grunde, um den geſegneten Sagen ein Ende zu machen, müſſen ſie hinweg! Meine Elvira iſt allzu engelgut, als daß ſie ſich einem Wunſche entgegenſetzen will, den ich aus⸗ ſpreche.“ „Hm, hm!“ murmelte der Alte unſchlüſſig, fuhr jedoch plötzlich fort:„Nun, nun, Herr Capitain! Sie verſtehen es gewiß, das alles in einem paſſenden Lichte darzuſtellen. Und das Fräulein iſt wirklich mehr ein Engel, als ſie bisweilen zeigen will!“ Nachdem der alte Mann das geäußert hatte, nahm er ſein Paquet wieder auf, verbeugte ſich vor dem jungen Capitain und ſetzte ſeinen Weg in die innern Gemächer fort. Georg ging in ſein Zimmer, um die Mantelſäcke von den Brautgeſchenken zu erlöſen. Aber er war nicht im Stande, ſeine Ohren vor einem Worte zu verſchließen, das unaufhörlich vor den⸗ ſelben toͤnte. Ignelius hatte es ausgeſprochen, als ver⸗ ſtünde es ſich von ſelbſt, wogegen Georg noch nie daran gedacht hatte, daß ſeine Gattin Freiherrin genannt werden würde. Wäre Georg ein Baron und Elvira die Tochter eines armen Schutenſchiffers geweſen, ſo hätte es ihm ohne Bedenken Freude gemacht, ſie ſo nennen zu hoͤren; nun aber hieß er ſchlecht und recht Letsler, und darum ſtimmte es auf keine Weiſe überein... Der Mann ein Schiffer— die Frau eine Freiherrin:„die Capitains⸗ frau“ ſollte von ſeinen Matroſen ſo titulirt werden! Georg's Stirn legte ſich in Falten; er fühlte ein wirk⸗ liches Leiden, wenn er daran dachte, wie oft ihn dieſer Titel mit ſeinem Klange verletzen würde; und doch wollte er Elvira nicht bitten, ihn abzulegen: zuerſt und vor allen Dingen, weil es ihr Recht war, ihn zu führen, und dann, weil ein ſolches Begehren wahrſcheinlich dem Commandeur⸗Capitain mißfallen würde....„Aber 240 mir und meinem Hochmuthe mißfällt es,“ murmelte er bei ſich ſelbſt,„daß das Weib, welches meinen Namen Doch 3 2 zlieiner en geweckt, n führen will, nicht darin ihren höchſten Titel findet, die Seele ang Gattin eines achtungswerthen Mannes zu ſein... Doch der Verſöh was kann ich thun? ein einziges Wort darüber von mei⸗ Gaſte kame nen Lippen würde nicht nur ſie ſelbſt beleidigen, ſondern An di auch Anlaß geben zu der erſten Verſchiedenheit in unſern„Meir Meinungen und Anſichten— und was könnte mir wohl Segen für nachher die Trauer erſetzen, welche ich empfinden würde, Du, daß wenn ſie meine Bitte abſchlüge! Ja, ich würde mich in Nacht kein meinem Schmerze darüber nicht einmal am Hochzeittage und betrüb glücklich fühlen.“ flohener T Sünder u ich habe n blicke dieſe dem Elen O, ich ſchmecken, Sohnes; Dreizehntes Kapitel. Seufzern ehemals n Es war am erſten Mai. Sohn, th Doch nicht auf Helgenäs wollen wir an dieſem für Preis ſei Georg und Elvira ſo ſchoͤnen Tage weilen. Ihr Feſt ſegnet, je wurde auch noch an einem andern Orte auf Erden ge⸗ würde ich feiert. Rich Von der Kapelle zu Grafwerna toͤnten die Glocken hinſchreibe durch die ſtillen Räume. Alles war ſtill und feſtlich. daß meine Der blaue Spiegel am Fuße der Johannis⸗Klippe gab hat! Go treulich alle die kleinen Boote wieder, welche angefüllt. geliebten, mit Fiſchern, ihren Frauen und Kindern in ihren Feier⸗ Engel ha kleidern dem Strande entgegen ſchaukelten. Die Lerche Levopoldine hatte längſt ihr Loblied beendigt: ſie hatte mit Niſſe um den Vorzug gewetteifert, den Morgen gut anzuwenden und die Erſte zu ſein, die den armen Einſiedler an dieſem„Ach wichtigen Tage weckte.. darf ich i 3 Der C 2 S —— 2 2.R murmelte er finen Namen findet, die en, ſondern t in unſern mir wohl aden würde, rde mich in Hochzeittage dieſem für Ihr Feſt Erden ge⸗ ie Glocken ad feſtlich. lippe gab angefüllt. ren Feier⸗ die Lerche Niſſe um azuwenden an dieſem Doch ihn hatte ein anderer Geſang noch weit früher geweckt, nämlich der Jubelchor, der in ſeiner eigenen Seele angeſtimmt wurde, wo die Geiſter des Friedens, der Verſöhnung, der Liebe und der Hoffnung heute zu Gaſte kamen. An dieſem Morgen ſchrieb er an ſeinen Sohn: „Mein Georg, mein Kind! Du bitteſt um meinen Segen für Dich und für Deine Braut, und gewiß fühlſt Du, daß er Dich jetzt umſchwebt. Ich habe dieſe ganze Nacht kein Auge ſchließen können, nicht well ich unruhig und betrüb „ und die jetzt ſein iſt. O, Sohn, 4... „Richard.. Leopoldine.... Ich habe dieſe Namen hinſchreiben können, ohne daß meine Hand gezittert, ohne daß meine Seele vor Abſcheu gegen mich ſelbſt geſchaudert hat! Gott Vater im Himmel! jetzt iſt alles gut; dieſe geliebten, verehrten Schatten ſind verſöhnt: mein guter Engel hat mir ihre Verzeihung erbeten!.... Richard, Leopoldine! Ihr fluchet mir nicht mehr! Vielleicht ſaget Ihr bald:„willkommen, Du armer büßender Einſiedler! hier iſt ein Platz für Dich neben ihr!“ „Ach, mein Georg, ſoll ich mich nicht freuen! Jetzt darf ich mit Ruhe und Freude den Tag erwarten, der die Der Einſiedler ꝛc. II.— 16 242 Feſſeln der Seele löſen wird. Vielleicht kommt er noch nicht ſo bald, aber gleichwohl nähert er ſich immer mehr und mehr; und ſollte er auch verziehen, ja verzöge er noch zwanzig lange Jahre, ſo will ich mich dennoch in Geduld faſſen; denn ich weiß, daß mein Erlöͤſer lebt; ich habe den Glauben. „Glaube...o du ſchönſtes von allen Ge⸗ ſchenken des Himmels, was biſt du? Woher kommſt du, du wunderbare Macht, die du das Schwarze weiß machen kannſt wie Schnee, die du auf deinen unſichtbaren Schwin⸗ gen den Geiſt aus dem Staube hebſt und ihn in den Vor⸗ hof der Wohnungen des Lichtes führſt, damit er einen Vorgeſchmack von der Seligkeit, von der unſäglichen Herr⸗ lichkeit ahnen und vernehmen kann, die einſt ihm bereitet werden ſoll? Iſt es nicht das mächtigſte Wunder des Glaubens, wenn ein bußfertiger Sünder— aber doch immer ein großer Sünder— nicht mehr die ſchmerzenden Gewiſſenswunden empfindet, ſondern mit hoffnungsvollem Muthe zu Gott empor blicken kann? „Heute, mein geliebter Georg, will ich Dein Feſt durch eine Wallfahrt zu dem Grabe Deiner verklärten Mutter feiern. Du weißt, ich bin nur ſehr ſelten dort geweſen, denn ich hatte nicht die Kraft dazu. Doch heute, ſobald der Gottesdienſt beendigt iſt, will ich hin. O, wie einladend und lieblich klingen die Glocken! —— ſeliger Augenblick, da ſie verkündigen, daß ſie, die dort unter dem Steine liegt, den die Sohnesliebe ſetzte, an ihrer Seite einen Geſellſchafter erhalten hat!... „Mein Sohn, mein Georg! ich habe auf ihrem Grabe meine Knie gebeugt, ich habe meine Lippen auf die geliebte Erde gedrückt, die ihren Staub bedeckt. Wie ſchön, wie heilig, wie friedevoll erſchien mir nicht ihre Ruheſtätte! Ich hatte einige Geranien⸗ und Epheuzweige bei mir, um dieſelbe zu zieren; doch ſieh! der Stein war ſchon geſchmückt mit friſchen Blumen und jungem, duften⸗ 1 dem Birk Seele, u Tage an jagten m icſem P Denn tä Wind, d zuflüſterte Am Niſſe üb plaudert erhaltene ſehnliche befinden Scheren auserſehe Auftrag jeder Ge zu erhöl ſollſt De ſchon lä Dir hel⸗ beſonder haben: 1/ antworte länger ſage ich ſein wil dem Ar licher L mmer mehr zöge er noch in Geduld t: ich habe n allen Ge⸗ kommſt du, eiß machen ren Schwin⸗ in den Vor⸗ aber doch merzenden ungsvollem Dein Feſt verklärten ſelten dort — S — . ½ . — — nicht ihre zweige bei Stein war u, duften⸗ 1 dem Birkenlaube. Gewiß hat Niſſe, die treue, warme Seele, und vielleicht noch ſonſt jemand an dem heutigen Tage an das Grab Deiner Mutter gedacht. „Ich fühle mich ſo wohl zu Muthe: keine Stürme jagten mehr wie ſonſt durch meine Bruſt, wenn ich an dieſem Platze ſtand. Jetzt will ich oft dorthin gehen! Denn täuſchte ich mich nicht, ſo hoͤrte ich wie der Wind, der den Hügel umſäuſelte mir ein leiſes Bald zuflüſterte.“ Am Nachmittage, nachdem Letsler eine Weile mit Niſſe über die auf Helgenäs beginnende Hochzeitfeier ge⸗ plaudert hatte, entledigte er ſich eines von Georg neulich erhaltenen Auftrages, indem er dem Niſſe eine ziemlich an⸗ ſehnliche Geldſumme übergab, die dieſer nach eigenem Gut⸗ befinden unter die armen Bewohner der benachbarten Scheren austheilen ſollte.„Georg hat eben Dich, Niſſe, auserſehen, weil er weiß, daß kein Menſch dieſen ſchoͤnen Auftrag gewiſſenhafter ausführen wird als Du, der zu jeder Gabe auch ein freundliches Wort hat, um ſie noch zu erhoͤhen. Für Dich ſelbſt und Deine Geſchwiſter ſollſt Du dieſe Summe nebſt einer andern haben, die ich ſchon längſt für Dich abgelegt habe, und mit welcher Du Dir helfen kannſt, wenn ich davon gehe. Hätte ich keine beſondere Abſicht mit dieſem Häuschen, ſo ſollteſt Du es haben: ich kenne Keinen, dem ich es lieber gönnte!“ „Wenn Sie, Herr Letsler, nicht mehr hier ſind,“ antwortete Niſſe treuherzig,„ſo wollte ich hier keinen Tag länger wohnen: ich würde mich zu Tode langweilen, das ſage ich bei meines Vaters Bibel und ſo gewiß ich ehrlich ſein will!. Doch ſehen Sie, was das Andere von dem Armengelde betrifft, ſo war es ein ſchoͤner und chriſt⸗ licher Liebeszug von dem Capitain Georg; und ich fühle 244 mich richtig zum Hochmuthe geneigt, weil er mich für gut genug gehalten hat, den Auftrag auszuführen, den ich auch nach beſtem Gewiſſen ausführen will. Aber das Andre, Herr Letsler, das habe ich gewiß nicht verdient! Bin ich nicht ſelbſt hier glücklich geweſen und habe ich nicht gelebt wie die Perle im Golde?“ „Was iſt die Kleinigkeit, das ich für Dich thun kann, gegen das Große, welches Du mir gethan haſt! Welch ein unglücklicher Menſch war ich nicht, da Du herkamſt? Du lehrteſt mich meine Bürde tragen, Du lehrteſt mich, wie ich ſie mir erleichtern konnte— entſinnſt Du Dich wohl noch des Morgens, da Du ſagteſt, daß ich von den böſen Mächten befreit worden wäre?“ Niſſe nickte. Er war allzu ſehr gerührt, als daß er reden konnte; aber ſein Geſicht und noch mehr ſein Auge drückten die tiefe und frohe Dankbarkeit aus, die er ſowohl über Letsler's Worte als auch über das ihm erwieſene Vertrauen empfand. Als ſie ſo zufrieden und glücklich bei einander ſaßen — der Einſiedler und ſein Geſellſchafter— ſo hoͤrten ſie leichte Schritte draußen auf dem Felſen. Niſſe erhob ſich eilfertig und öffnete die Thür. Darauf aber ging er hinab an den Strand und ſetzte ſich dort. „Guten Abend, Herr Letsler!“ ſagte eine ſanfte und liebliche Stimme. Es war Fanny, welche kam, um ihren alten Freund zu beſuchen. „Gottes Frieden, meine geliebte Tochter!“ Letsler wollte ſeine Rührung nicht bekämpfen und konnte es auch nicht; zum erſten Male während ſeiner langen Bekannt⸗ ſchaft mit dem jungen Mädchen ſtreckte er ihr die Arme entgegen, weil er ahnte, daß ſie wohl eines Herzens be⸗ durfte, an welches ſie ſich lehnen könnte, weil es ſie verſtand. Willig und zärtlich legte Fanny ihr Haupt an die Bruſt des väterlichen Freundes. Sie weinte nicht, auch gab ſie nicht durch das geringſte Zeichen eine ſtärkere d Gemüths in dieſer wenn ſie zurück zu zurück. geruht! End mit einer aber nich von einen einer k „Mein. voll neb Dein H um zu mich je leider e ſals daß er ſein Auge er ſowohl erwieſene nder ſaßen hoͤrten ſie die Thür. und ſetzte ſanfte und um ihren Letsler es auch Bekannt⸗ 4 die Arme zens be⸗ l es ſie haupt an e nicht, ſtärkere Gemüthsbewegung zu erkennen. Dennoch blieb ſie lange in dieſer Stellung, die ihr gewiß ſehr theuer war: denn wenn ſie ihre Wange auch einige Male erhob, um ſich zurück zu ziehen, ſo ſank ſie dennoch augenblicklich wieder zurück.... An dieſem Herzen hatte ja Georg ſo oft geruht! Endlich erhob ſie ſich ganz; und mit tiefem Gefühl, mit einer Kraft, über die ſich Letsler wunderte, die ihn aber nicht mißleitete, ſagte ſie:„Herr Letsler! ich komme von einem Orte, wo Sie heute ſchon geweſen ſind. Dort habe ich für Georg und für ſeine Braut gebetet; denn ich war überzeugt, daß der Geiſt ſeiner Mutter meine Ge⸗ bete zu Gott führen würde.“ „Und keine reineren, keine heiligeren Gebete ſind heute für ihr Glück empor geſendet worden!“ entgegnete Letsler, weit mehr erſchüttert durch Fanny's ſtille und ernſte Ruhe, als er es von allen Zeichen eines ſtarken Schmerzes oder einer kalten Verzweiflung geweſen ſein würde.... „Mein Kind,“ fuhr er fort, indem er ſie zärtlich und liebe⸗ voll neben ſich auf den Sopha zog,„verſchließ mir nicht Dein Herz! Einmal wollteſt Du in das meinige blicken, um zu troͤſten und meinen Schmerz zu lindern— laß mich jetzt verſuchen, Dir Troſt zuzuführen! Ich beſitze leider eine ſo reiche Erfahrung, daß ich wenigſtens Deine Gefühle verſtehen kann.“ „Dank! herzlichen Dank für dieſe ſanften, freundlichen Worte!“ ſagte Fanny, und erhob ihre ſchönen Augen, Georg's„blaue Himmel,“ zu Georg's Vater.„Aber, beſter Herr Letsler, ich bin jung und ſtark: es wäre un⸗ würdig, wenn ich meinen Schmerz auf den legen wollte, der ſo viele und ſo große Sorgen gehabt hat. Und über⸗ dies habe ich ja mein Schickſal ſelbſt entſchieden!“ „Das haſt Du, muthiges, edles Mädchen— doch nicht zu Deinem Glücke!“ „War mir denn nicht ſein Glück mehr werth?... Doch, Herr Letsler! Sie dürfen uns nicht traurig machen! 246 Laſſen Sie uns lieber an ihr Glück denken... Welches Leben dort wohl heute iſt!— o, wenn ich gewiß wüßte, ob Georg ſich ſo glücklich fühlt, wie ich es wünſche!“ Letsler, welcher ahnte, was dieſe Worte bedeuteten, antwortete ſogleich:„Wenn Du Kraft haſt, mein Kind, Dich davon zu überzeugen, ſo kannſt Du ſeinen letzten Brief leſen.“ „Ja, ja, gewiß habe ich!“ fiel Fanny ſo eilfertig ein, daß Letsler ſein Verſprechen bereute. Doch ihr bittender Blick überwand jede Bedenklichkeit. Ueberdies wagte er zu hoffen, daß in ein ſo ſanftes Ge⸗ müth, wie Fanny's, die Eiferſucht unmöglich ihre vergif⸗ teten Pfeile ſchleudern konnte: Fanny würde wahrſchein⸗ lich mitten in ihrer eigenen Qual einen Genuß haben von der Ueberzeugung, daß ſie, nur ſie, durch ihre Entſagung ihm ſein Gluͤck bereitet hatte;„und dann,“ dachte Letsler weiter,„wird die abgöttiſche Verehrung, welche aus jeder Zeile hervorleuchtet, ſie von allem am beſten überzeugen, daß ſeine erſte Liebe völlig erloſchen iſt, und dieſe Ueber⸗ zeugung, wenn ſie auch das Feuer in ihrem eigenen Her⸗ zen nicht vollkommen ausloͤſcht, wird ſie gleichwohl vor dem gefährlichen Irrthume bewahren, daß ſie ihm noch in einer andern Eigenſchaft außer als Jugendfreundin theuer iſt.“ Er ſuchte alſo Georg's Brief hervor und gab ihr denſelben mit einem ſo warmen und unruhigen Blicke, daß ſie erroͤthend ihr Haupt ſenkte.... Während ſie las, ſtudirte Letsler ihr Antlitz. Bis⸗ weilen fuhr eine leichte Wolke über die ſchöne Stirn; doch der überwiegende Ausdruck ihres Antlitzes war bloß eine warme Theilnahme. Als ſie geendet hatte, legte ſie den Brief ohne ein Wort zu ſagen von ſich, und ihr der Erde zugewendeter Blick ſchien zu bitten, daß Letsler ſie nicht mit Fragen beſchweren möchte. Letsler that es auch nicht. Er ſah in Fanny's Seele die Tiefe Doch von vollkomme eingenomr Fan um ſogle cher ſie galt Ger Die zuzuneige von welc in die C ſogleich In und ſein Jugendf ſeſſen un dert; he hatten 1 beganne wie er imein Kind, inen letzten ſo eilfertig aus jeder berzeugen, ieſe Ueber⸗ genen Her⸗ hwohl vor ihm noch ndfreundin gab ihr gllicke, daß t. Bis⸗ irn; doch bloß eine ohne ein ewendeter t Fragen dis Seele 3 die Tiefe eines Schmerzes, den nur Gott heilen konnte. Doch von dieſem Tage an beſaß ſie in ſeinem Herzen einen vollkommen eben ſo großen Raum, als Elvira dort ſchon eingenommen hatte. Fanny hatte die Johannis⸗Klippe verlaſſen, doch nicht um ſogleich nach Hauſe zurückzukehren. Der Knabe, wel⸗ cher ſie ruderte, erhielt einen andern Befehl: die Fahrt galt Georg's Holm. Die Sonne begann ſich ſchon dem Ende ihrer Bahn zuzuneigen, als das Boot an eine Seite des Holmes legte, von welcher es dem Ruderer unmoͤglich war, einen Blick in die Grotte zu werfen, in welche ſeine junge Herrin ſich ſogleich begab. In dieſer Grotte hatte Fanny einſt als Kind Georg und ſeine Mutter empfangen; hier hatte ſie in dem erſten Jugendfrühlinge Hand in Hand mit dem Jünglinge ge⸗ ſeſſen und ſo manche frohe und roſenrothe Stunde verplau⸗ dert; hier hatte ſie ſpäterhin, da beide das Alter erreicht hatten, da die Gefühle eine deutlichere Sprache zu reden begannen, ebenfalls an ſeiner Seite geſeſſen und zugehört, wie er in halbverdeckten Worten mit heißen Seufzern und brennenden Blicken die Sage von einer Liebe redete, welche noch jenſeit der Ewigkeit leben ſollte, die aber ſchon er⸗ loſch, ehe ſie recht auf der Erde aufgeflammt war. Hier ſaß ſie nun in dieſem Augenblicke, betrogen von dem ſchön⸗ ſten Traume des Lebens und ſeiner lieblichſten Wirklich⸗ keit; hier ſaß ſie allein und verlaſſen und weinte ihren Schmerz aus. Ja, nun weinte Fanny; denn nur der Himmel, das Meer und die ſinkende Sonne ſahen ihre Thränen: nur Gott zählte ſie. Sie legte ihre brennende Wange an die kühle ſteinerne 248 Mauer der Grotte, und es kam ihr vor, als ob die Kälte des Todes ſich in das warme Blut einſchlich. den.............. Die Abendkühle ließ ihre kalten Winde um die Höhle im Meere wehen. Sie wehten auch um ſie, die in der⸗ ſelben ſeufzte... Doch kein wohlthätiger Wind wollte die brennenden Qualen kühlen, welche ihre Seele in Span⸗ nung hielten.. Feſt drückte ſie die Hand gegen das gewaltſam ſchla⸗ gende Herz. „Kannſt Du denn nicht ruhiger ſchlagen?“ klagte ſie in der Sprache, für welche keine Laute erfunden ſind, „kannſt Du Dich denn noch immer nicht an das Leiden gewöhnen?— Das iſt doch eben nichts Neues!.... Nein, neu iſt es nicht! Aber ein Tag wie dieſer iſt auch ganz auße Man kann ſehen, we Schwäche uns ſelbſt aus: ich Wunden Sie ſich nun blitzesſchne den Tod. „We ten Stein wärmeres iſ jetzt r verſamme wohl ſein Und ich. Gedanke Gedanker ziger arn met.... Dennoch hätte er nicht ſo meine A ich ihn i Recht he von ſich langer T Abend. Fa immer zu leben Mächte nicht w he nur di mehr küh erlöſchte nny's ver⸗ So lange ich leben Hoffnung in alles zu r da ſagt: laden ſeid, f ich den⸗ Nuhe im en wir ihn in ich ihn mit dieſen cht zufrie⸗ die Höhle ie in der⸗ nd wollte in Span⸗ m ſchla⸗ lagte ſie en ſind, s Leiden ... i*ſt auch b die Kälte e 1 V ganz außer der Ordnung für das Maß aller Leiden... Man kann die Laſt wohl noch tragen, wenn Andere uns ſehen, wenn wir fürchten, daß man uns wegen unſerer Schwäche hemitleidet; doch ſobald wir allein ſind mit uns ſelbſt, ſo iſt es aus mit dem Stolze— ja, ja, ganz aus: ich würde vergehen, wenn ich nicht bisweilen die Wunden aufreißen und ſie ausbluten laſſen könnte!“ Sie hatte einen Augenblick aufrecht geſeſſen. Da ſie ſich nun aber wieder an die rauhe Bergwand lehnte, fuhr blitzesſchnell durch ihre Seele ein anderer Gedanke als an den Tod. „Während ich hier meine Wange an den harten, kal⸗ ten Stein lege, ſo legt ſie vielleicht die ihrige an ein wärmeres Kopfkiſſnrnen..... Die Sonne ſinkt; es iſt jetzt wohl ſo an der Zeit, daß die Hochzeitgäſte ſich verſammeln.. Wie ſchön ſie wohl iſt, wie entzückt er wohl ſein wird, wenn er ſie in ihrem Brautſtaate erblickt! Und ich... ich... zu mir fliegt nicht einmal ein halber Gedankel O nein! wie wäre das möglich— alle ſeine Gedanken ſind für ſie, allein für ſie: nicht einmal ein ein⸗ ziger armſeliger Gedanke wird der armen Fanny gewid⸗ met.. Und dennoch koͤnnte ich ihn mein genannt haben... Dennoch könnte ich die Braut geweſen ſein! Doch da hätte er ſich nicht ſo glücklich, nicht ſo ſelig gefühlt, wäre nicht ſo entzückt geweſen; denn ihr Bild hätte ihn bis in meine Arme verfolgt..... O mein Gott! warum kann ich ihn nicht haſſen, verabſcheuen und verachten? Welches Recht hatte er, mir mein Herz zu ſtehlen, um es nachher von ſich zu werfen 2.... Was wird mein Leben? Ein langer Trauertag ohne Abend—— doch nein, nicht ohne Abend... wenn ich nur warten kann!“ Fanny's ruhiges und ſanftes Gemüth entfernte ſich immer weiter und weiter von dem Kreiſe, in welchem es zu leben und zu herrſchen gewohnt war. Wilde, fremde Mächte herrſchten dort jetzt, und unterjocht folgte Fanny, nicht wiſſend, wohin der ſtürmende Wirbel ſie führen würde. 250 „Wie wohl die hohen Säle ſchimmern mit allen ih⸗ ren Lichtern!... Doch die Lichter verlöſchen, das Ge⸗ räuſch ſchweigt; die Neuvermählten haben Gläckwünſche und Umarmungen entgegen genommen. Endlich ſind ſie befreit von allen dieſen kalten Formalitäten— allein mit ihrer Liebe. Sehe ich nicht dieſes Zimmer.. ſchwach erleuchtet.. von Blumen duftend.... höre ich nicht bis hieher dieſe halb geflüſterten Worte, dieſe Küſſe, dieſe Seufzer?... Sie ſetzen ſich auf den kleinen Sopha; ihre ſchwarzen Locken umſchatten ſeine Stirn; ſein Arm umſchlingt ihren ſchlanken Leib....... Und ich— ich!“ Fanny's Thränen floſſen nicht mehr ſtill und ſanft, ſondern wild und in Strömen. Ihre Qualen waren die Todesqualen der Eiferſucht. Was Elvira in der Einbil⸗ dung gelitten hatte, das litt Fanny jetzt in übervollem Maße, denn Fanny litt in der Wirklichkeit. Dieſer Abend war der ſchrecklichſte in ihrem ganzen Leben: er war der erſte, an welchem ſie die Schattenſeite der Liebe kennen, die Hoͤhe und die Tiefe ihrer eigenen Leidenſchaft meſſen lernte. Durch das Uebermaß ihres Schmerzes war Fanny aus ihrem eigenen Weſen heraus⸗ eetreten. 3 Jetzt war die Sonne längſt hinter den Bergen. Das Meer war finſter geworden; die Schatten verlängerten ſich, und nur hie und da war in der Ferne ein ausge⸗ ſpanntes Segel zu ſehen. „Ich möchte wohl wiſſen,“ dachte der Knabe, welcher im Boote ſaß und mit demſelben auf und abſchaukelte, „ob wir heute Abend gar nicht nach Hauſe fahren wollen?“ Und er wagte es zu rufen:„Mamſell! es wird dunkel!“ Fanny fuhr aus ihren unruhigen Träumen auf.„Ich komme!“ antwortete ſie, indem ſie ſich erhob. Sie that ihr ſo wohl, dieſe Stimme des Knaben: ſie war ja eines „— 3 Menſchen ſie ganz ein 2 Hände zu Sterne zu Dich meine Und d der armen anz ohne 3 Sie Vilde und bald ſeinen G Vo herrin u Au auf dem Furcht lit allen ih⸗ Menſchen Stimme; noch vor einem Augenblicke glaubte „das Ge⸗ ſie ganz einſam zu ſein. läckwünſche„Bater im Himmel!“— ſie ſtreckte die gefalteten ich ſind ſie Hände zu der blauen Feſte empor, wo ihre freundlichen allein mit Sterne zu glänzen begonnen hatten—„Vater, erbarme .. ſchwach Dich meiner!— jetzt, jetzt bedarf ich Dein!“ nicht bis Und der Herr der Sterne erbarmte ſich noch einmal üſſe, dieſe der armen Beterin, daß ihr Weg durch das Leben nicht en Sopha; ganz ohne Roſen blieb. ſein Arm Sie blühten in ihrem eigenen Herzen. ... Und und ſanft, waren die— der Einbil⸗ übervollem eem ganzen 4 Vierzehntes Kapitel. ſchattenſeite maß dhne Vilder von dem Morgen nach der Hochzeit. ihre en heraus⸗ Baron Henning in ſeinem neuen brillanten Morgenrock ſaß vor dem Spiegel und raſirte ſich. gen. Das Ja zuweilen mußte aber die Arbeit ruhen, während erlängerte nämlich der Herr Baron ſich mit dem linken Arme auf V ein ausge. den Tiſch ſtützte und in nachläßiger Gedankenloſigkeit die mit Gold geſtickte Calotte bald höher hinauf, bald ſchief e, welcher und bald wieder herabſchob, ohne daß doch irgend etwas ſchaukelte, ſeinen Geſchmack recht treffen wollte. wollen? 4 Vor einem andern Spiegel ſtand ſeine junge Frei⸗ es wird herrin und ſetzte die letzte Nadel in den Spitzenkragen. Auf dem Antlitze des Ehemannes ruhte eine Wolke, zuf.„Ich auf dem der Gattin dieſe ſchwebende Unruhe, welche die Sie that Furcht anzeigt, daß jedes Wort, jede Miene von ihrer ja eines Seite das Gewitter zum Ausbruch führen kann. . Um nun recht vernünftig zu ſein, beſchloß Vendela, 252 ſich weder eines Wortes noch einer Geberde ſchuldig zu Nie he machen, und da ihre Toilette ſchon vollendet war, ſo ſelbſt wenn wollte ſie ſich ganz ſtill an den Tiſch ſetzen und zum Fen⸗„Berul ſter hinausſehen. Um aber Platz für den Arm zu bekom⸗ herablaſſend men, nahm ſie den glänzenden Kopfputz, den ſie am geſt, das Herz D rigen Abende gebraucht hatte, von dem Gardinenhälter zur ſicht haſt T Linken, wo er hing, und ſetzte ihn auf den zur Rechten. zärtliches Ach, daß Vendela ihren vernünftigen Vorſatz nicht Tauſch gar beſſer ausführen konnte— dies war ja gleich eine Ge⸗„O, berde! dem erröthe In dem Spiegel erblickte der Baron in aller Eile mich!“ die ſchwankenden Federn.„Dav „Das Ding da, wofür ich ganze ſiebzehn Reichstha⸗ hoffe, Du ler weggeworſen habe, kannſt Du nur in die Stadt ſchicken nen mit und an irgend eine Krämerfrau verkaufen! Ich weiß nicht, Theil gewe ob Du ſo ganz renonce an Geſchmack biſt, daß Du nicht gewoͤhnlicht verſtehſt, wie Du ihn auſfſetzen ſollſt, aber ich weiß, daß nung denk Du geſtern ſo geſchmacklos und gezwungen wie möͤglich, unſer gent ausſahſt. Ich war vollkommen unzufrieden mit Deiner Scheren g Toilette!“— eine S „Ach, lieber Henning, ich meinte ſelbſt, ich ſah würde, v re...“ mmit unter „Wenn es Dich nicht genirt, mein Engel, zu ſchwei⸗ bis es 31 gen, ſo würde ich entzückt ſein, wenn ich umhin kommen denken. 1 könnte, Deine Urtheile über eine Sache zu hoͤren, in wel⸗ ſtam. cher Du, wie ich hoffte, die Artigkeit haſt, mich als den„Um competenteſten Richter zu betrachten!“ Du...“ „Das thue ich immer, guter Henning; aber ich glaube,„Scl Du warſt eigentlich geſtern mit nichts zufrieden.“ Du recht „Und wie kannſt Du verlangen, daß ich an einem 4 Bandſchle ſolchen Tage zufrieden ſein ſollte? Es war nicht meine... A erſte Mißrechnung hier im Leben— aber es war die dieſe klei groͤßte!“ Der Baron ſeußzte tief. wyiünſchen Jetzt führte Vendela das Schnupftuch von der Stuhl⸗ lehne an die Augen. Sie glaubte, Henning zielte auf ſeine Liebe und Bewerbung um Elviren's Hand, ſchuldig zu bet war, ſo d zum Fen⸗ (Rechten. aller Eile Reichstha⸗ ttadt ſchicken weiß nicht, Du nicht weiß, daß ie möglich nit Deiner t, ich ſah zu ſchwei⸗ in kommen n, in wel. ch als den ch glaube, an einem cht meine 3 war die 33 Stuhl⸗ zielte auf Nie hätte Vendela elwas Glücklicheres thun können, ſelbſt wenn es berechnet geweſen wäre. „Beruhige Dich, mein Kind!“ ſagte der Baron mit herablaſſender Güte.„Es iſt ganz natürlich, daß Du um das Herz Deines Mannes unruhig biſt; doch in dieſer Hin⸗ ſicht haſt Du nichts zu fürchten. Du biſt ein ſo gutes, zärtliches und anmuthiges Weibchen, daß ich über den Tauſch gar nicht klage.“ „O, Henning!“— Vendela nahm das Tuch von dem erröthenden Geſichte—„wie glücklich machſt Du mich!“ „Davon bin ich überzeugt, meine Liebe, und ich hoffe, Du wirſt Dein häusliches Glück immer meſſen koͤn⸗ nen mit demjenigen, das irgend einer andern Frau zu Theil geworden iſt; aber meine Laune kommt aus ihrem gewoͤhnlichen Gleichgewichte, wenn ich an die Mißrech⸗ nung denke, die ich meinte. Hätte dieſer Glückſucher, unſer gentiler Capitain, ſich auf ſeinem Platze in den Scheren gehalten und die Demoiſelle Holmér geheirathet — eine Schönheit, die zehnmal zu gut für ihn iſt— ſo würde, verſtehſt Du? Elvira ſich recht romantiſch da⸗ mit unterhalten haben, ihre Jugendliebe zu beweinen, bis es zu ſpät geweſen wäre, an einen Andern zu denken. Und wem, glaubſt Du wohl, würde ihr Te⸗ ſtam. 4„um Gottes willen, beſter Henning! wie kannſt 1... „Sch!... man geht im Corridor!... Heute biſt Du recht hübſch, Vendela!.... Ziehe die unterſte Bandſchleife an Deiner Mütze etwas näher an die Haare! .... Aber war ſie nicht ein verteufelt ſtolzes Mädchen, dieſe kleine Scherenmamſell?— Ich möchte zu Gott wünſchen, daß ſie es weniger genau genommen hätte!“ 254 In der erſten Etage des Flügels zur Rechten, war Lippen auf eine kleine, zum Entzücken ſchöne, neulich in Ordnung ge, kamen. ſetzte Wohnung. 2 Kie C Dort am Fenſter in einem Cabinette neben der„Ich Schlafkammer ſtanden Arm in Arm die Neuvermählten. Tante... Elvira trug noch die weiße Morgenkleidung, und die entwand ſi Falten des weichen Mouſſelins ſchmiegten ſich vertraulich Laß an die edlen, plaſtiſch reinen Formen. Die lange, ſchwarze hen!“ Er Haarflechte war nicht befeſtigt, ſondern fiel leicht über die Du, als Sehuuer erah. Aber 18 kleine Frauenhaube, welche die Pumäüche echte feſſeln ſollte, lag auf dem Sopha n d au Brautſchleier. 2 dat anf pha nehen da Du heute Die jungen Gatten ſtanden zwar am Fenſter, aber ſtets ſchör ſie ſchaueten nicht hinaus in das neuerwachte ere der Spiegel,! Natur: ſie blickten nur auf ſich, und ihre Antlitze ſpiegel⸗ ſchwarzen ten das neugeweckte Leben ab, das in ihren Herzen fällt!“ blühte.„Ich Endlich ſagte Georg, indem ſein Arm ſich feſter un. Jetzt aber Elvira's Leib wand:„O, was hätte ich leiden müſſen, ſetzen kann wenn hdehungen geweſen wäre, Dich zu laſſen!“ Frau ſi „Laſſen— mi audert vor dem bloßen dieſes Wortes!“ Sach hen Alane luftige K „Du liebſt mich alſo eben ſo warm, eben ſo uner⸗ häuslich meßlich, wie ich Dich liebe?“ Er blickte ihr mit einem ſeelenvollen Lächeln in das Auge. „Ich fürchte nur, daß ich Dich mehr liebe, als ein Menſch den andern lieben darfl“ Tr venlk nein, nein, es kann nimmermehr zu viel wer⸗ Capitain „Ja, ich fühle, daß es zu viel werden kann!..... ander!“ Wie könnte ich es ertragen, daß eine Wolke über den 0 Himmel meines Gluͤckes ginge? Ohne Dich gibt es fir den Gaf mich nur den Tod! Wenn, mein Georg...“ Theils, „Meine Geliebte! wir müſſen ſämmtliche Wenn köͤnnen. und Aber aus dem Wöoͤrterbuche unſrer Liebe ausſchlie⸗ erleben ßen!“ ſagte Georg, indem er entzückt und glückſelig ſeine man eit „ welche die neben dem enſter, aber Leben der litze ſpiegel⸗ ren Herzen n ſo uner⸗ mit einem e, als ein viel wer⸗ 1!.... über den bt es für Wenn ausſchlie⸗ ellig ſeine Lippen auf die warmen Lippen drückte, die ihm eutgegen kamen. Die Stutzuhr ſchlug. „Ich muß meinen Anzug beendigen... Vater... Tante... Es iſt bald Zeit, hinunter zu gehen. Elvira entwand ſich den theuren Feſſeln. „Laß Dich vor mir erſt noch einmal in dieſem ſe⸗ hen!“ Er raffte den Brautſchleier vom Sopha.„Weißt Du, als Du geſtern eintrateſt, und wir uns vor dem himmliſchen Brautſtuhle trafen, ſo war es mir, als wäreſt Du aus dem Paradieſe ſelbſt herabgeſtiegen! Und doch biſt Du heute noch ſchöner, und ſo wirſt Du mit jedem Tage ſtets ſchner und ſchoͤner... Betrachte Dich nun im Spiegel, wie blendend Du mit dem Schleier über Deinem ſchwarzen üppigen Haare biſt— gerade ſo, wie er jetzt fällt!“ „Ich will keinen andern Spiegel, als Deine Augen! Jetzt aber wende dich um, damit ich mir die Haube auf⸗ ſetzen kann.... da wollen wir ſehen, wie ſie Deiner Frau ſteht— Georg! Deiner Frau!“ Und als ſie in der feinen Spitzenhaube, durch deren luftige Krauſe ſich einige Roſenknospen ſchlängelten, ſo häuslich ſchoͤn da ſtand, wurde er ganz bezaubert. „Treten Sie ein, Ignelius!“ ſagte der Commandeur⸗ Capitain.„Ich glaubte, wir ſchliefen noch alle mitein⸗ ander!“ „O nein, Herr Baron, es beginnt ſchon uͤberall in den Gaſtzimmern lebendig zu werden, und ich, meines Theils, habe die ganze Nacht vor Freuden nichte ſchlafen können. Ach, daß wir einen ſolchen Tag auf Helgenäs erleben ſollten! Noch nie— das ſagte jede Seele— ſah man ein ſchöneres Paar!“ 256 „Und ein glücklicheres, Ignelius— ich meinte wirk⸗ lich, daß er auch ſo ausſah, als vermißte er nichts.“ „Er ſah ſo aus, Herr Baron, als ſtände er auf det höchſten Stufe der Himmelsleiter; und daß er es auch in ſeinem Herden fühlte, das ſahen alle Leute, darauf wage ich mein Leben! Er verſteht ſich nicht recht auf das Ver⸗ ſtellen, und ein guter und vortrefflicher Herr iſt er, das iſt gewiß!... Aber meinen der Herr Baron nicht, daß eine gewiſſe andere Perſon jetzt hieher ziehen könnte? Wenn nur die alte Freiherrin kein ſo gutes Gedächtniß hätte, da es auf Familiengeſichter ankommt, ſo würde ihn gewiß kein Menſch erkennen. Und da er der Vater Ihres Herrn Schwiegerſohnes iſt, ſo wäre es ja die natürlichſte Sache von der Welt!“ „Glaubſt Du nicht, Alter, ich habe hundertmal daran gedacht? Aber wir dürfen wohl nicht Ernſt davon machen, ehe die Alte entſchlafen iſt— und das dauert haßl nicht lange: ſie iſt jetzt weit nachgiebiger, als onf 44 — „Der Herr verleihe ihr ein ſeliges Ende!“ betete Ignelius fromm und demüthig.„Und Gott laſſe mich das Glück erleben, noch einmal, ehe ich ſterbe, meinen theuren und geliebten....“ Der Alte wiſchte die Augen und ging hinaus, um, wie er ſagte, nachzuſehen, ob auch der große Frühſtück⸗ tiſch in voller Parade wäre. Die Neuvermählten hatten ſchon bei dem Commandeur⸗ Capitain ihren Morgenbeſuch abgeſtattet, und kamen nun, um der gnädigen Tante ihre Aufwartung zu machen, ehe die ganze Geſellſchaft ſich in dem Speiſeſaale ver⸗ ſammelte. Die alte Dame ſaß in voller Galla. Schon eine 4 wie es ſagte ſie Paare: Kinder! Und Abſchiede verlaſſen und denr fortdaue ſagte: 3 dem Fr dürfen.“ Die Blick au Du, M Rezia de Perſon 3 loe Ge ausgeſp. eine heſ und in Zimme der alt 4 1 17 denn 1 bührt, 3 ſie zu Rezia wenn „Gu neinte wirk⸗ nichts.“ er auf der es auch in ſarauf wage f das Ver⸗ iſt er, das nicht, daß n könnte? Gedächtniß „würde ihn Bater Ihres natürlichſte hundertmal Ernſt davon das dauert biger, als del“ betete laſſe mich e, meinen aus, um, Frühſtück⸗ mandeur⸗ nen nun, machen, nale ver⸗ hon eine wie es ſein konnte. Und ſanft und anmuthig lächelnd ſagte ſie mit ihrer verbindlichſten Stimme zu dem jungen Paare:„Ich will Euch nicht länger aufhalten, meine Kinder!“ Und Georg und Elvira waren ſchon nach den tiefen Abſchiedscomplimenten auf dem Wege, das Zimmer zu verlaſſen, als die Jungfer der alten Freiherrin eintrat und den ſeligen Hoffnungen der Tante Rezia auf ein fortdauerndes Glück den erſten Stoß ertheilte, indem ſie agte: s„Die junge Freiherrin bittet Sie, Frau, noch vor dem Frühſtück ein Paar Worte mit Ihnen reden zu dürfen.“ 4 Die gnädige Tante erhob das Haupt und warf einen Blick auf Sophie, daß dieſe zitterte.„Mit wem redeſt Du, Menſch!“ fragte ſie majeſtätiſch... Wenn Tante Rezia das Wort„Menſch“ in der Rede an eine gewiſſe Perſon anwendete, ſo war ſie äußerſt erzürnt. Sophie wagte kein Wort zu erwiedern. Georg, welcher den wirklichen Grund des einfach ausgeſprochenen Wortes Frau zu ahnen begann, fühlte eine heftige Bewegung. „Liebe Tante, ſie ſpricht mit mir!“ ſagte Elvira; und indem ſie dem Mädchen einen Wink gab, das Zimmer zu verlaſſen, trat ſie von Neuem an den Stuhl der alten Dame. „Mit Dir— mit Dir?“ „Beſte, gnädige Tante! iſt denn das ſo ſonderbar?“ Sonderbar?“ wiederholte die Tante.„Willſt Du denn nicht, wie es Dir, einer gebornen Freiherrin, ge⸗ bührt, Freiherrin genannt werden?“ Jetzt zitterte auch Elvira. Sie irrte ſich nicht, als ſie zu glauben begann, daß dieſer Kummer für Tante Rezia der ärgſte werden würde. Aber ihre Stimme, wenn auch ſanft, war gleichwohl ganz feſt, als ſie ſagte: „Gute, geliebte Tante! Wie koͤnnte es der Frau eines 260 Seecapitains einfallen, ſich Freiherrin nennen zu laſſen? Ich“— ſie warf einen beredten Blick auf Georg, der bereit war, zu ihren Füßen niederzuſinken und ihr zu danken, daß ſie dieſen Wunſch erfüllt hatte, welchen ſie in ſeinen Augen geleſen haben mußte—„ich bin ſo ſtolz, den Namen meines Mannes zu führen, und ganz einfach Frau Letsler zu heißen, daß ich um keinen Preis dieſen Titel mit dem leeren Klange einer Freiherrin vertauſchen will.“ „Guter Gott! dieſes Malheur fehlte noch!“ ſeufzte die alte gnädige Tante....„Frau Letsler— Frau Letsler!... Weißt Du denn nicht, daß manche Dame, die gleich Dir ihren Gatten aus dem Bürgerſtande wählte, dennoch beibehalten hat, was ihr zukam?“ „Das weiß ich recht gut, liebe Tante! Doch habe ich das nie billigen können, weil die Frau ſich über ihren Mann ſtellt, wenn ſie ihren Rang auf ihn zurückfallen laſſen will. Und da es meiner Meinung nach im Gegen⸗ theile der Mann iſt, der ſeinen Werth auf die Frau zurückfallen laſſen ſoll, ſo thut ſie am beſten, nichts anderes zu wünſchen.“ „Mein Couſin!“— Tante Rezia ſah mit einem ermahnenden Blicke Georg an, der ſich natürlicher Weiſe bisher nicht hatte in den Streit miſchen können— ſich hoffe, daß mein Couſin ein ſo ſtarkes Gefühl für das Paſſende hat, um nicht zu erlauben, daß eine Tochter unſeres alten Hauſes unter ihre Würde herabſinkt!“ Bei dieſen Worten kam Georg's Blut in eine ſo ſchnelle Bewegung, daß er ſich beinahe gegen unſere gnädige Tante vergangen hätte. Doch hielt ihn ein ein⸗ ziger Blick auf Elvira leicht zurück: aber in ſeiner Ant⸗ wort lag gleichwohl ein ungewöhnlicher Ernſt: „Hätte meine Frau ſich Freiherrin nennen laſſen, ſo würde ich ſie nicht haben bitten wollen, von einem Rechte zu laſſen, das die Geburt ihr ertheilt hat; denn ſie hätte da bewieſen, daß es ihr Wunſch wäre, und vor jedem A verdoppelt e lange gel der alten Sie hoͤrte nich Worte: Sie hört und Geo wohl das Stapel l Bitte he Bitte ge Reiſe zu erweiſen, Command Geor aus war. Aergſte ſe wie die 7 faſt ihre lag die äußerte: geſchmeie eine Süt ren Pfli⸗ rauben 1 ung zu ihrem T Ge bezeugurn ſo leicht n zu laſſen? eorg, der und ihr zu welchen ſie bin ſo ſtolz, ganz einfach Preis dieſen vertauſchen ch!“ ſeufzte r— Frau inche Dame, Bürgerſtande am?“ Doch habe über ihren zurückfallen im Gegen⸗ if die Frau ten, nichts mit einem icher Weiſe 15„ich ne Tochter ckt!“ meine ſo gen unſere mein ein⸗ einer Ant⸗ laſſen, ſo em Rechte ſie hätte or jägem, V ihrer Wünſche ſchweigen die meinigen. Da ſie jedoch ſo hochherzig geweſen iſt, ſelbſt von einer Eitelkeit zu laſſen, welche— ich bekenne es offen— mein Selbſtgefühl auf das tiefſte verletzt haben wurde, ſo hat ſie dagegen meine verdoppelte Hochachtung gewonnen.“ „Genug, genug, mein Couſin!— ich habe allzu lange gelebt!“ Der Fächer zitterte heftig in der Hand der alten Dame. Sie fühlte nicht Elvira's Kuß auf ihrer Hand, hoͤrte nicht die in der zärtlichſten Unruhe ausgeſprochenen Worte:„Verzeihen Sie uns, gute, gnädige Tante!“ Sie hörte nichts, als bis Elvira das Zimmer verlaſſen, und Georg, der in ſeinem Sinne dachte:„Nun iſt es wohl das Beſte, man läßt das Andre auch gleich von Stapel laufen!“ demuthsvoll und artig mit der warmen Bitte hervorkam, die gnädige Tante noͤchte ſeine Bitte gewähren und Elviren erlauben, ihn auf ſeiner Reiſe zu begleiten, ſo wie auch ihm die große Güte erweiſen, mit ihrer Fürſprache die Einwilligung des Commandeur⸗Capitains auszuwirken ſuchen. Georg war wirklich von Herzen froh, als Alles her⸗ aus war. Er hatte gefürchtet, dieſes Letzte würde das Aergſte ſein; doch zu ſeinem äußerſten Erſtaunen ſah er, wie die Freiherrin nach einem tiefen und ſchweren Seufzer faſt ihre ganze ſtattliche Haltung wieder annahm, und es lag die größte Verbindlichkeit in dem Tone, womit ſie äußerte:„Mein Couſin, ich fühle mich im hoͤchſten Grade geſchmeichelt durch dieſes Vertrauen, und es wäre wirklich eine Sünde, wenn man einer Frau, die ſich ſo ganz ih⸗ ren Pflichten widmen zu wollen ſcheint, das Vergnügen rauben wollte, dieſelben bis zur äußerſten Selbſtaufopfer⸗ ung zu erfüllen. Herr Couſin! meine Fürbitte ſoll bei ihrem Vater nicht fehlen!“ Georg ergoß ſich in einer Fluth von Dankbarkeits⸗ bezeugungen; gewiß aber ärgerte ihn doch die Urſache des ſo leicht erhaltenen Beifalls der Tante Rezia ein wenig. „Mon Dieu und alle Heiligen!“ rief einige Stunden ſpäter die Freiherrin aus, da der Commandeur⸗Capitain in ihr Zimmer trat,„wie kann mein Couſin geſtatten, daß ſie ihre ganze Familie compromittirt und auf dieſe Weiſe ihres geerbten Titels entſagt?“ „Was kann ich thun, wenn ſie ſelbſt ihn nicht füh⸗ ren will? Sie hat ſchon geſtern Abend auf das Beſtimm⸗ teſte der Bedienung den Befehl gegeben, ſie nicht Freiherrin, Ihre Gnaden oder auch nur gnädige Frau zu nennen— und meine Couſine weiß, ſie hat Eigenſinn genug, um ihre Vorſätze feſt zu halten!“ „Frage mich, ob ich es weiß!— ſie weinte hier ſo ſchoͤn und redete Worte, die meinem Herzen wirklich wohl thaten: ſie wußte wohl, daß ſie bald meiner ganzen Liebe und Nachſicht nöthig haben würde! Aber, mein Couſin! ich würde vor Chagrin ſterben, wenn ich täglich eine ſolche Pönitenz ausſtehen und ſie von den Dienſtboten ſchlecht und recht Frau nennen hören ſollte... X pro- pos! hat mein Couſin ſchon den Vorſchlag der Neuver⸗ mählten gehört?“ „Ja, etwas davon hat mehrmals in meinen Ohren geklungen... doch. „Erlaube, mein Couſin, daß ich ein gutes Wort für ſie einlege: laß ſie reiſen, laß ſie reiſen! Während eines ganzen Jahres werden dieſe romantiſchen Ideen wohl ver⸗ dunſten: wenn ſie wiederkommt, ſo wird ſie gewiß gegen den Titel einer Freiherrin nicht viel einzuwenden haben! „Wenn meine Couſine die Reiſe anräth, ſo will ich mich nicht dagegen ſetzen, obgleich es hier im höͤchſten Grade nach ihr leer wird.“ „Couſin, Du verbindeſt mich!... Aber noch ein Wort: wagte Elvira eine ſo kühne Handlung, ohne ihren Vater darüber um Rath zu fragen?“ Nicht ohne eine kleine Verlegenheit antwortete der Commandeur⸗Capitain:„Ich kann nicht läugnen, meine Couſine, daß ſie es mir ſagte, und ihre Raiſonnements 8 waren niͦ Idee ſie in erhoben ha Einen dies war Umſtande, ten Stoße mandeur⸗C Noch nes Lächel! dieſe Not ſchieds⸗Au Hochzeitge Aber Helgenäs So auf zu er man ihre veränderte den Ange jetzt nur ihr eigen ſie ſo au Tod vere Und Helgenã⸗ ein Trat wenn T vor En ige Stunden ſur⸗Capitain n geſtatten, d auf dieſe in nicht füh⸗ s Beſtimm⸗ Freiherrin, nennen— ig, um ihre weinte hier tzen wirklich ich täglich Dienſtboten .. A pro. der Neuver⸗ inen Ohren Wort für Frend eines noch ein hne ihren rtete der , meine anements 4 263 waren nicht ganz unrichtig. Das Gewiſſe iſt, daß dieſe Idee ſie in den Augen ihres Mannes bis in den Himmel erhoben hat.“ 3 Einen Augenblick verlor Tante Rezia alle Farbe; dies war jedoch nichts in Vergleich mit dem merkwürdigen Umſtande, daß ſie beinahe die„Contenance“ bei dem har⸗ ten Stoße verloren hatte, den die Erklärung des Com⸗ mandeur⸗Capitains ihr zufügte. Noch einmal war ſie gleichwohl im Stande, ihr fei⸗ nes Lächeln, ihre anmuthsvolle Haltung anzunehmen; denn dieſe Nothwendigkeitsartikel durften bei der großen Ab⸗ ſchieds⸗Audienz nicht fehlen, welche ſie nun bald der ganzen Hochzeitgeſellſchaft geben ſollte. Aber von dieſem Tage an lag in allem Thun und Laſſen der gnädigen Tante ein bisher nie bemerktes„Be⸗ mühen.“ Sie ſchrumpfte ein und fühlte ſelbſt, daß ihre Zeit vorbei war, daß ſie nie mehr als Herrſcherin auf Helgenäs repräſentiren würde. So lange wie möglich aber ſuchte ſie ſich dennoch auf zu erhalten, und ſah es im Anfange nicht gerne, daß man ihre Unpäßlichkeit für bedeutend hielt. Doch bald veränderte ſie ihre Gedanken. Sie hörte auf, ſich mit den Angelegenheiten der Familie zu beſchäftigen; ſie hatte jetzt nur eine einzige Ordnung in ihrem Kopfe, nämlich ihr eigenes, großes und glänzendes Begräbniß, welches ſie ſo ausſchließlich beſchäftigte, daß ſie darüber ſogar den Tod vergaß........ Und zwei Monate nach dem Tage, da die Säle auf Helgenäs von der Hochzeitmuſik widerhallten, wurde dort ein Trauerfeſt mit ſolchem Pomp und Staat gefeiert, daß, wenn Tante Rezia Alles hätte ſehen können, ie gewiß vor Entzücken gelächelt haben würde. Fünfzehntes Kapitel. Es war ein brennend heißer Sommertag geweſen. Korallenrothe Wolken ruhten in langen Reihen an dem Abendhimmel und begoſſen mit ihrem Schimmer die vie⸗ len Segler, welche in vollkommener Windſtille auf dem blanken Spiegel der Nordſee lagen. An einem dieſer Fahrzeuge las man den uns wohl⸗ bekannten Namen Elvira Cornelia. Und auf ſeinem fei⸗ nen, weißen Verdecke ſtanden an dem Rande zwei uns eben ſo wohl bekannte Perſonen, der Capitain Letsler und ſeine junge Gattin. Elvira hielt mit Georg's Hülfe ein Fernrohr vor das Auge und folgte mit Ausdrücken des lebhafteſten Ver⸗ gnügens jeder Anweiſung, die er ihr über die fremden Schiffe ertheilte. Auf dem Back war die Mannſchaft mit verſchiedenen kleinen Arbeiten beſchäftigt und inzwiſchen wechſelten Ge⸗ ſang und Geſchichten ab. Von den letzteren wurden mehre Erzählungen des alten Flaggenſchiffers wiederholt, welchen immer zur Einleitung die Worte dienten:„Als der Alte lebte und hier regierte, ſo hörte ich auch aus ſeinem eige⸗ nen Munde“— und hiebei ſetzte der Erzähler eine Miene von Stolz auf, welche hinlänglich Zeugniß gab, für welche Ehre er es hielt,„einen echten Stormbomer“ erzählen zu können. So intereſſant aber auch das Geſpräch, der Geſang oder die Geſchichten ſein mochten, ſo ſchwiegen ſie dennoch von ſelbſt, wenn die Frau des Capitains, was oft der Fall war, ſich den hurtigen Burſchen näherte. Nie hatte ihnen Georg mit dem mindeſten Worte einen Wink von dieſem Tribute der Achtung gegeben, aber es gewährte ihm ein ungemiſchtes Vergnügen, wenn er ſah, wie dieſe rohen Sö dern aus durch ihre ſie in ihr gaben, ſie ihr a ſo würde ſtück zu wort od durch, da damit ſie verziehe mel!“¹ S an ſich Kann Uebern zittere. e fremden rſchiedenen ſelten Ge⸗ den mehre , welchen der Alte nem eige⸗ ne Miene ir welche ählen zu Geſang dennoch oft der ie hatte ink von ewährte ie dieſe rohen Soͤhne des Meeres nicht aus bloßem Inſtinkt, ſon⸗ dern aus ſichtlicher Liebe gegen das ſchöne Weib ihr da⸗ durch ihre ſtille Huldigung ertheilten, daß ſie nie, wenn ſie in ihre Nähe kam, dieſer Art von Munterkeit Luft gaben, welche ſo oft auf ihren Lippen ſpielt. Und hätten ſie ihr an den Augen abſehen können, was ſie wünſchte, ſo würde ſich kein Einziger beſonnen haben, jedes Wage⸗ ſtück zu begehen, um von ihr ein Lächeln, ein Beifalls⸗ wort oder einen herzlichen Dank zu gewinnen. Auch Elvira war nicht gefühllos gegen das Vergnügen dieſer Verehrung und zeigte den Burſchen ihre Dankbarkeit da⸗ durch, daß ſie ihnen manche Extra⸗Verpflegung verſchaffte, damit ſie ihre Geſundheit trinken konnten. „Jetzt biſt Du müde!“ ſagte Georg mit einer Stimme, in welcher die innigſte Liebe klang, nahm ihr den Tubus aus der Hand und legte ihn auf den Stuhl. „O wie ſchön iſt das Meer, mein Georgl wie herr⸗ lich hier zu leben!“ Sie lehnte ihr Haupt auf ſeine Schulter. „Ja, das Meer iſt ſchön!“ wiederholte Georg mit tiefer Betonung.„Es iſt meine geliebte Heimath, jetzt doppelt geliebt!... Aber vernahm ich nicht einen Seuf⸗ zer? miſchte ſich nicht ein wehmüthiger Gedanke in Deine Freude?“ „Ja, er war wehmüthig, aber doch nicht traurig! Ich dachte, wenn ich Dich einmal hier draußen mit der Welle um Dein Leben kämpfen ſähe, ſo würde ich nicht deißiehen, nachzukommen— das wäre ebenfalls ein Him⸗ mel!“ ſSchbärmerinhe ſchalt Georg und drückte ſie feſter an ſich. „Iſt nicht eine ſolche Schwärmerei ganz natürlich? Kann wohl ein Glück wie unſeres beſtändig ſein? das Uebermaß deſſelben macht oft, daß ich vor der Zukunft zittere.“ „Aber ich hege keine ſolche Furcht! Ich baue meine 266 Hoffnung auf Gottes Güte, auf Deine Liebe aber auch wirklich einmal die bittern Tage, ſo haben wir doch Monate gelebt, welche, wenn wir ſie wägen wollten, von den Leiden vieler Jahre nicht aufgewogen werden können.“ „Das iſt wahr, mein geliebter Georg, und darum mag kein Hauch des Kummers uns nahen, ſo lange die Sonne ſo warm wie jetzt auf das Paradies unſerer Liebe ſcheint!“ Georg drückte ihr die Hand und ließ ſie da rauf einen Augenblick allein, um mit ſeinem Steuermann zu reden. Als die Luft kälter wurde und der Nebel die Annä⸗ herung der Nacht verkündigte, ging Elvira hinab in ihre kleine, ruhige Wohnung, die ſo geſchmackvoll und be⸗ quem eingerichtete Cajüte, wonſie vor den Spiegel, der den von Monsſon und Svarte⸗Jan geraubten erſetzte, mit einem ſchnellen, gefallſüchtigen Blicke ihre Toilette anſah. Die Abendmahlzeit war ſchon aufgetragen, und der Schiffjunge erwartete ihre Befehle. Doch Elvira hatte nichts zu befehlen: Alles war gut; und indem ſie den kleinen Strohhut wegwarf, be⸗ gann ſie ihre Anordnungen, zu denen im erſten Raume gehoͤrte, daß ſie mit Eingemachtem einen prächtigen Ku⸗ chen garnirte, den ſie ſelbſt in Verein mit dem Koche in der Kabuſe gebacken hatte. War aber der Koch gnädig gegen Elviren und erlaubte er ihr bisweilen, in ſeinem Reiche die Zügel der Regierung zu ergreifen, ſo war er dagegen um ſo eiferſüchtiger auf ſeine Herrſchaft, wenn es Elvira's alter Jungfer galt, die eben jetzt vor Aerger über den letzten Sturm krank lag. Die junge Frau hatte kaum ihre kleinen Anordnungen beendigt, als Georg hereintrat, begleitet von Komm, der den Nähkorb ſeiner Herrin trug. Welche Abendmahlzeit unter Scherz und Freude! Auch Komm wurde nicht vergeſſen. Elvira liebte ;3 kommen — ihn um ſei chelte„ flo Herrſcherir daß ein Fanny w doch ihr geweſen. Als Füßen au Schoß, laubten, Hals, v zu ſehen Gott wi vor Gra⸗ und mein welche d 0 un naih dn ſchwieg wegte ſie Er überraſc hängen Dich be woher Ich bin einen 1 gleiche 5 ben, o eine T „ 3 kommen haben wir ſen wollten, lange die ſerer Liebe — und der lles war arf, be⸗ Raume gen Ku⸗ Koche in gnädig ſeinem war er wenn es er über nungen 1, der de! liebte . ihn um ſeines Herrn willen; doch oft wenn ſie ihn ſtrei⸗ chelte, flog die Erinnerung zurück zu ſeiner ehemaligen Herrſcherin, und dann konnte es nicht anders ſein, als. daß ein wenig Bitterkeit ſich in ſeine Freude miſchte. Fanny war weder von Georg noch von Elvira vergeſſen, doch ihr Name war bisher Contreband auf ihren Lippen geweſen. Als abgedeckt war, ſetzte ſich Georg zu Elvira's Füßen auf das Kiſſen und legte ſein Haupt in ihren Schoß, wie er oft pflegte, wenn die Geſchäfte ihm er⸗ laubten, der Ruhe des häuslichen Lebens zu genießen. „Ach,“ ſagte er und legte ihren Arm um ſeinen Hals,„wie ſehnt ſich mein Vater darnach, unſer Glück zu ſehen— es wird ihn gewiß verjüngen; und wenn Gott will, ſo liegt die Brigg zu Anfang des Oktober vor Grafwerna. Da kann er zu gleicher Zeit meine Frau und mein Schiff ſehen... meine Frau und mein Schiff: welche gottſeligen Worte!... O, lebte meine Mutter noch und könnte mein Glück ſehen!“ Elvira, die ſonſt ſo gerne Georgs Gedanken theilte, ſchwieg jetzt; etwas, das er nicht begreifen konnte, be⸗ wegte ſich in ihrer Bruſt. Er ſah zu ihr empor und wurde von einer Thräne überraſcht, die er in den langen ſchwarzen Augenfranſen hängen ſah.„Mein Gott!“ rief er heftig,„habe ich Dich betrübt, geliebte, theure Elvira?... ſprich!... woher kommt die Thräne?“ „Von... doch nein, ſtill davon, Georg!.... Ich bin wieder froh!“ Sie lächelte, ihr Auge ſchickte ihm einen von dieſen beredten Blicken zu, die noch immer gleiche Macht über ihn hatten. „Aber Du darfſt keinen Gedanken, kein Gefühl ha⸗ ben, ohne daß ich es mit Dir theile! Und Du wollteſt eine Thräne vergießen, deren Quelle mir verborgen iiſt 2 „Nun ſo muß ich Dir wohl ſagen, es war ein klei⸗ 268 ner, kleiner, nur ein ſehr kleiner Anfall von meiner alten Schwäche.“ „O, Elwira?“ Sie konnte das bekümmerte Fragezeichen, das in ſei⸗ nem Auge ſtand, nicht ertragen.„Mein theurer Georg! ich hege kein Mißtrauen gegen Dich— aber, ach, achj wenn wir ſtatt nach der Johannis⸗Klippe zu reiſen, Dei⸗ nen Vater überreden könnten, nach Helgenäs zu kommen.“ „Du hegſt kein Mißtrauen gegen mich— was liegt denn in dieſen Worten?2 „Nur ein herzlicher Wunſch, Dich ganz von dieſer Gegend hinwegzuziehen.“ „Dieſen Wunſch würdeſt Du nicht hegen, wenn Du Dich ganz auf meine Liebe, meine Ehre verließeſt... Bei Gott, das ſchmerzt mich! Alſo hat während dieſer ſeligen Zeit ein Gedanke in Deiner Seele verborgen ge⸗ legen, ein Gedanke, der Dein Glück geſtoͤrt hat?“ „Nein, nein, Georg! ſo iſt es nicht; nur bisweilen kommt es mir ſo vor, als wäre es beſſer, vor der Gefahr zu fliehen, als ihr zu trotzen... Wollen, müſſen wir in dieſem Herbſte nothwendig nach der Johannis⸗Klippe?“ „Du weißt, es iſt einer meiner ſchönſten Pläne ge⸗ weſen, auf der Rückreiſe, nachdem ich zu Goͤteborg die Ladung gelöſcht habe, ehe ich mich in den Winterhafen be⸗ gebe, eine kleine Reiſe dorthin zu meinem Vater zu ma⸗ chen, der ſich ſo warm nach uns ſehnt und ungeduldig jeden Tag zählt. Doch, meine Elvira! koſtet Dir dieſer Beſuch ſo vielen Schmerz, ſo ſtehe ich davon ab— wenn auch ſehr ungerne.“ „Deine liebevolle Nachgiebigkeit, mein Georg, macht, daß ich mich meiner Selbſtſucht ſchäme! Auch ich liebe ja ſo herzlich den armen Einſiedler auf ſeiner armen Klippe... Doch wenn Du dorthin kommſt, ſo kannſt Du nicht umhin, Du mußt... Du mußt... Strand beſuchen!“ „Das iſt wahr; denn ſonſt würde Fanny“— er 4 *ν 2 ſprach dieſe ihr Auge den Siede höre es bloße Ged di geſſen— lich werde Mal; und „Ach armes H es durch nen könne mir dieſe Befriedit (Eloira) halten, das Rec oßen. mhne f ſprach dieſen noch immer ſo theuren Namen zwar ohne Bewegung, aber doch mit einer gewiſſen Senkung der Stimme aus—„glauben können, ich wagte ſie nicht zu ſehen! Wollteſt Du, meine Geliebte, daß ſie dies glaubte?“ Elvira's Wangen brannten in einer dunkeln Röthe, ihr Auge blitzte von dem Feuer, das ihr Blut bis auf den Siedepunkt jagte.„Thue mir keine ſolche Fragen!“ Georg drückte ſeine Lippen auf ihre Hände.„Ich hoͤre es Deiner Stimme an, wie ſehr Dich ſchon der bloße Gedanke empört— und doch willſt Du Dir ſelbſt die einzige Moͤglichkeit einer vollkommenen Ueberzeugung rauben! Wirf keinen Dorn unter unſere ſchoönen Blumen, meine Elvira, ſondern glaube meinen Worten; ſie lügen nicht, wenn ſie Dir ſagen: nur Du, blos Du erfüllſt meine ganze Seele!“ „Doch einmal— wie kann ich je dieſe Worte ver⸗ geſſen— ſagteſt Du mir: Du könnteſt nur mit ihr glück⸗ lich werden... O, Du wählteſt ſie auch noch das letzte Mal; und wenn ſie Ja geſagt hätte, wenn... wenn...“ „Ach, wie kannſt Du Dich ſelbſt plagen, Du warmes armes Herz! Iſt nicht unſer Glück groß genug, ohne daß es durch ein Geſtändniß, das Du ohne Worte hätteſt ah⸗ nen können, bekräftigt zu werden braucht— das Geſtänd⸗ niß, daß nur die Ehre mich das zweite Mal von Dir hinwegtrieb? Und ich verbarg es nicht, ſondern ſagte es zu Fanny, wenn Du es gewollt hätteſt, ſo würdeſt Du ſchon im Stande geweſen ſein, Deine Herrſchaft über mich zu befeſtigen.“ „Sagteſt Du das? O Gott, welche Freude bereiten mir dieſe Worte!“ Und Elvira's Herz ſchwoll von ſtolzer Befriedigung, daß Fanny doch erfahren hatte, wie ſie (Elvira) nicht noͤthig gehabt hätte, mit ihm zu Gute zu halten, ſondern daß ſie die Macht gehabt hätte, Fanny das Recht zu rauben, ihn zum zweiten Male zu ver⸗ ſtoßen.(Elvira wußte nicht, daß Georg ſogar zum dritten Male ſich um Fanny beworben hatte.) 4 270 Dieſes befriedigende Gefühl war ſo zu ſagen ein Schild, und Elvira war froh, dieſen Schild ſtets vor ihr „ Gewiſſen ſetzen zu können, wenn daſſelbe ſie an den wirk⸗ lichen Grund ihres Betragens während Georg's erſten Aufenthaltes auf Helgenäs erinnerte. Georg verſtand nicht das Gefühl, welches jetzt den Glanz in ihrem Auge verdunkelte; aber ſein warmer, ge⸗ lübdereicher Blick, der in den ihrigen ſank, trieb ihr das Blut in die Wangen. Manches Weib hst wohl leider mit gleicher Geſchicklichkeit die Waffen der Coqueterie ge⸗ führt, ohne nachher ihrem Manne dies mitzutheilen; doch Elvira fühlte ein mächtiges Bedürfniß, vor ihrem Manne in keinem beſſern und ſchlechtern Lichte zu ſtehen, als ſie wirklich war. Die Leidenſchaft war ihre Lehrerin ge⸗ weſen; ihre Macht verſtand er gewiß, und es wäre himm⸗ liſch ſchön zu fühlen, daß nicht der geringſte Schatten zwiſchen ihrem Herzen lag. „Du warſt ja noch vor einem Augenblicke ſo froh, wie Du ſagteſt, meine Geliebte— welcher Gedanke hat ſich wieder Deines unruhigen Köpfchens bemächtigt?“ „Der Gedanke, mein Georg, daß ich Dir meine kleinen Sünden beichten muß... o, ich bin keine Heilige geweſen!“ „Sind es Liebesſünden geweſen,“ ſagte er fröhlich, „und haſt Du einen Andern als mich geliebt, ſo nimm Dich in Acht— da bin ich ſtreng!“ Er ſtand auf, ſetzte ſich neben ſie und zog ſie an ſich.„So, beichte nun, Du kleine Sünderin!“ „Ja, aber das iſt nicht ſo leicht— Du könnteſt mich haſſen!“ „Du haſt mir vielleicht einen Liebestrank gegeben?“ „Mehr denn einen haben meine Augen Dir ge⸗ geben.“ „Die Sünde ſei Dir verziehen; denn ich habe Dir ehrlich Gleiches mit Gleichem bezahlt.“ „Ich hatte die beſten, die ſtolzeſten Vorſätze, Dich zu ——ꝙ —,—,— vergeſſen; Du hatteſt „ Ebe Wunden glomm 4 Dir ſchor „Ich nur eine „De ich nicht wenig zu Deine ſe und De nen We daß ich S / zärtlich O, me die Eif Dich r „bis De ich ha Und n. den T ſagen ein ſtets vor ihr en den wirk⸗ org's erſten hes jetzt den warmer, ge⸗ rieb ihr das Schatten e ſo froh, 5 edanke hat tigt?“ Dir meine ine Heilige frohlich, ſo nimm auf, ſetzte chte nun, nteſt mich 0ν geben?“ Dir ge⸗ V abe Dir Dich zu . vergeſſen;z aber es gelang mir nicht, obgleich ich wußte, Du hatteſt Deine Treue einer Andern gelobt...“ „GCbenfalls vergeben! Ich meine wohl ebenfalls eine kleine Erfahrung zu haben, was ſolche Vorſätze bedeuten, und danke Gott, daß es Dir nicht gelang; denn in dieſem Falle wäre ich gewiß ohne Frau geblieben.“ „Als Du nach Helgenäs kamſt, ſo wollte ich Dir nicht den geringſten Schein von meiner Schwäche zeigen. Du ſollteſt überzeugt ſein, daß Alles vergeſſen war.“ „Obgleich dieſer Dein Vorſatz mir eine ſtete Pein war, ſo ſei er Dir dennoch vergeben, weil er edel und Deiner würdig war.“ „O nein, weit entfernt! Schon am erſten Abende merkte ich, daß meine Kälte Dich verletze, daß ſie alte Wunden aufriß, daß das Feuer noch unter der Aſche glomm— und ich freute mich darüber.“ „Die Sünde war ſo ganz menſchlich, daß ich ſie Dir ſchon darum vergeben muß!“ „Ich fuhr fort, mich kalt zu zeigen, ich wurde Dir nur eine ſchweſterliche Freundin.“ „Das würde ich Dir kaum verzeihen können, wenn ich nicht die Abſicht wüßte! Und um nun ebenfalls ein wenig zu beichten, ſo will ich Dir vertrauen, daß gerade Deine ſo oft erneuerten Erinnerungen an Fanny's Rechte und Deine Lobreden über ſie in einem ſolchen Grade Dei⸗ nen Werth ſteigerten und Dich in meinen Augen erhoben, daß ich...“ „Sage nichts mehr, ſieh mich nicht an mit dieſem zärtlichen, zuverſichtlichen Blick: ich ertrage ihn nicht! O, mein Georg, mein theurer, geliebter Georg! die Liebe, die Eiferſucht lehrte mich das alles. Ich wurde kalt, um Dich wärmer zu machen; ich redete von Fanny ſo lange, bis Du ermüdeteſt; ich zog Dein Herz von ihr ab, denn ich hatte nicht den Muth, ſo zu entſagen, wie ſie entſagte. Und nun, nun, da Du alles weißt, und ich nicht wage, den Blick zu Dir zu erheben, fühle ich mit Todespein in 272 neſnen liebevoll ickſt! „So ſieh doch her, und Du wirſt Dich vom Gegen⸗ Herzen, daß Du nicht auf mich theil überzeugen! denn wenn ich auch nicht gegen mein eigenes Gewiſſen Dich von einer kleinen Sünde freiſpre⸗ chen kann, ſo habe ich dennoch ein Herz, das im Stande iſt, die ganze Größe Deines Selbſtbekenntniſſes zu faſſen. Das Weib, welches im Stande iſt, vor ihrem Gatten eine ſolche Beichte abzulegen, kann wohl unter dem Ein⸗ fluſſe einer ſtarken Leidenſchaft Gedanken gehegt haben, die nicht immer ſchneeweiß waren; doch auf die Reinheit ihres Herzens, auf den Adel ihrer Seele kann er nachher für immer mit der größten Zuverſicht bauen! Dieſe Ueber⸗ zeugung habe ich durch Dein Vertrauen gewonnen, meine theure, geliebte Elvira! Weiß ich nicht noch dazu, daß es wenigſtens an dem letzten Abende vor der Abreiſe Dir voll⸗ kommen Ernſt war, mit den Worten:„wir ſind geſchie⸗ den!“— und dennoch litteſt Du an köͤrperlichen und geiſtigen Qualen!“ „Ja, mein Georg, vor Gott betheure ich Dir, daß es mir in jenem Augenblicke mit meiner Aufopferung Ernſt war, und ich bewies es dadurch, daß ich am folgenden Morgen meiner Schwäche nicht nachgab und Dich nicht wiederſah... O, wie litt ich an jenem Morgen!“ „Und ich? Doch gelobt ſei Gott, daß Du mir dies nicht länger verbargſt! Meinſt Du nicht, meine Elvira, mein geliebtes Weib, daß alles um uns her jetzt reiner, lichter, heiliger wird?“ „Ach ja— und Du vergibſt mir ganz, völlig, ohne Vorbehalt?“ „Ganz und voll und ohne allen Vorbehalt! denn ich weiß, daß Du nunmehr keinen geheimen Gedanken vor mir haben kannſt.“ „Nie, nie— Du biſt meine Liebe, mein Leben, mein Gewiſſen!“ Und jetzt ſetzte ſich Elvira auf das Kiſſen zu Georg's — eine kleine „Gut um Reiſe von vor Anker. Als als ſie ſa lers von Sohn und es ſich ka gehegt ho eine tauſe ihres Ge Die mer nied Hie Beſchreil ten, erzo rend die ſich ſcho nelius, Der C haben, die inheit ihres , meine zu, daß es 4 Dir voll⸗ nd geſchie⸗ Dir, daß rung Ernſt folgenden Dich nicht en!“¹ mir dies e Elvira, zt reiner, lig, ohne denn ich nken vor en, mein Georg's auf mich vom Gegen⸗ gegen mein de freiſpre⸗ im Stande s zu faſſen. rem Gatten r dem Ein⸗ ichen und Füßen. Ihre Hände legten ſich bittend auf die ſeinigen, und ihre Blicke, da ſie ſich zu ihm erhoben, ſprachen die ganze unermeßliche Seligkeit aus, die ihr Herz ſchwellte. Es ward ſtill in dem kleinen Paradieſe.... „Herr Capitain!“ rapportirte draußen der Steuer⸗ mann,„der Wind kommt von Oſten— wir bekommen eine kleine Bries!“ „Gut! ich komme hinauf!“ Sechzehntes Kapitel. Um die Mitte des Octobers lag die Brigg nach einer Reiſe von fünf Monaten auf der Rhede von Grafwerna vor Anker. Als Elvira Geora's jubelndes Entzücken hörte, und als ſie ſah, wie ſich die bleichen Geſichtszüge des Einſied⸗ lers von einer ſtillen heiligen Freude belebten, da er den Sohn und die Tochter an ſein Herz ſchloß, ſo konnte ſie es ſich kaum verzeihen, daß ſie den ſelbſtſüchtigen Wunſch gehegt hatte, dieſes Wiederſehen zu hintertreiben. Durch eine tauſendfältig verdoppelte Sorgfalt gegen den Vater ihres Georg wollte ſie dieſe Sünde wieder gut machen. Die jungen Cheleute ließen ſich in Nicolinens Zim⸗ mer nieder. Hier, nachdem ſie mit fließender Beredſamkeit eine Beſchreibung ihres Lebens während der Reiſe gemacht hat⸗ ten, erzählte ihnen Letsler als Erwiederung, er hätte wäh⸗ rend dieſes Herbſtes eine Freude genoſſen, nach welcher er ſich ſchon zwanzig Jahre lang geſehnt hätte: nämlich Ig⸗ nelius, ſein alter, treufeſter Ignelius, war bei ihm gewe⸗ Der Einſiedlex ꝛc. III. 18 274 ſen. Und jetzt folgte eine warme Schilderung über die unſäglich großen Freudentage, die nicht nur Ignelius, ſon⸗ dern auch der zweite edle Freund des armen Landsflüchti⸗ gen, der Commandeur⸗Capitain auf der Johannis⸗Klippe verlebt hatten. 1 „Und ich bin überzengt,“ ſagte Elvira mit einem lieblichen und herzlichen Lächeln,„ſie kamen nicht ohne Abſicht: Tante Rezia iſt zur Ruhe gegangen, und auf Helgenäs warten vier Herzen bald auf das fünfte!“ Sie bückte ſich und küßte die Hand des alten Mannes. „Ach, Vater!“ rief Georg aus;„ſollte wohl dieſes außerordentliche Glück mir auch noch zu Theil werden, ſollteſt du...2 „Nein, mein lieber Sohn, glaube nicht, daß es ein Glück ſein würde.... Ich verlange nicht mehr, Hel⸗ genäs noch einmal zu ſehen: dieſe alten Mauern würden allzu bittere Erinnerungen in mir hervorrufen. Hier bin ich glücklich, hier bete ich Tag und Nacht für Euer Wohl; und nachdem ich jetzt die ſo lange erſehnte Freude genoſ⸗ ſen habe, meinen alten Diener zu treffen, und nachdem ich Euch, meine Kinder, vereint und glücklich in meinem Hauſe geſehen habe, kann mich nichts von hier locken.“ „Aber der ganze lange Winter?“ fiel Elotra ein. „Da habe ich meinen ehrlichen Carolus(wie betrübt wird er nicht ſein, daß er jetzt nicht zu Hauſe iſt!) und meinen guten, treuen Niſſe— wir paſſen gut zuſammen — dazu Eure Briefe, meine Kinder, und noch ein be⸗ freundetes Weſen, das mir nie fremd wird: meine zweite Tochter.“ „Ja, ich glaubte immer,“ ſagte Georg mit einem herzenswarmen Blick,„daß keine Verhältniſſe ſie verändern würden!“. „Darin haſt Du Recht.. Und jetzt geht der Han⸗ del auf Strand wieder gut, wenn auch in verringerter Geſtalt. Fanny iſt ſo tüchtig, ſo thätig, ſo unermuͤdlich, daß man ſie nicht genug loben kann.“. 2 1 „God „Ich hah / eine von und am verträgt man es ehabt h geh Gs um Gen Fanny Betragen Se „Lieber „N bekomme „Wir 1 ſeine T Fahrzer Le verſtan⸗ recht g wort g ploͤtzli völlig er hof Georg eine C „Wã er, meine ag über die gnelius, ſon⸗ Landoflüchti⸗ annis⸗Klippe mit einem i nicht ohne „ und auf aftel“ Sie nes. ſwohl dieſes heil werden, daß es ein tehr, Hel⸗ ern würden Hier bin uer Wohl; ude genoſ⸗ d nachdem in meinem locken.“ ra ein. ie betrübt iſt!) und zuſammen h ein be⸗ ne zweite it einem erändern — der Han⸗ ingerter nüdlich, „Gott ſei Lob und Dank!“ ſagte Elvira erröthend. „Ich habe bisweilen eine Furcht gehegt...“ „Fürchte nichts für ſie, mein liebes Kind: ſie hat eine von dieſen Seelen, die ſich im Unglücke am beſten und am ſtärkſten entwickeln. Ihr ruhiges, klares Gemüth verträgt ſich mit keiner ſehnſuchtsvollen Trauer: auch kann man es ihr jetzt nicht mehr anſehen, daß ſie je eine ſolche gehabt hat.“ Es iſt ſchwer zu entſcheiden, ob Letsler dieſes äußerte, um Georg's und Elvira's Furcht zu ſtillen, oder um Fanny die Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, welche ihr Betragen verdiente. Sehr erleichtert rief Elvira ohne Bedenken aus: „Lieber Georg! wollen wir nicht morgen hinreiſen? „Morgen... zg... wenn wir ſchoͤnes Wetter bekommen!“ entgegnete er zögernd. „Und warum ſollten wir kein ſchöͤnes Wetter bekom⸗ men? Gewiß bekommen wir ſchoͤnes Wetter!“ In Elvira's Blick zeigte ſich einige Unruhe. Georg ergriff ihre Hand und blickte ihr in das Auge. „Wir reiſen!“ „Und übermorgen laden wir den Patron Holmér und ſeine Tochter ein, in Vaters Geſellſchaft bei uns auf dem Fahrzeuge Mittag zu eſſen?“ Letsler ſagte kein Wort zu dieſen Vorſchlägen. Er verſtand Elvira's Unruhe und Georg's beruhigenden Blick recht gut, auch begriff er, warum dieſer mit ſeiner Ant⸗ wort gezaudert hatle: er wollte nämlich Fanny nicht ſo plötzlich und unvorbereitet überraſchen; aber er verließ ſich völlig auf Fanny's Stärke, ihren weiblichen Stolz, und er hoffte zu Gott, daß es ſich nun beweiſen würde, daß Georg ein Mann wäre, auf deſſen feſte und redliche Liebe eine Gattin das Glück ihres Lebens bauen könnte.... „Wäre ich gleichwohl an Georg's Stelle geweſen,“ dachte er,„ſo wuürde ich nicht aus Schwäche für meine Frau meine ehemalige Geliebte haben verletzen koͤnnen, und ich 276 würde ſie nie auf das Fahrzeug genöthigt haben, welches ſie unter dieſen Verhältniſſen nur mit einem ſchmerzhaften Gefühle ſehen kann.“ Doch mit Freuden dachte er jetzt daran, daß Georg noch keine Antwort ertheilt hatte. Etwas ſpäter ſah Georg bei Niſſe ein, und theilte ihm geſprächsweiſe mit, daß er mit ſeiner Frau am fol⸗ genden Tage einen Beſuch bei dem Patron Holmér zu machen gedächte. Gleichſam zufällig fuhr er fort:„Iſt oft Gelegenheit von Grafwerna nach Strand?“ Niſſe mit ſeiner kleinen Schlauheit und Kenntniß ehemaliger Verhältniſſe dachte bei ſich ſelbſt:„Ich verſtehe recht gut, warum er ſo fragt!“ Doch laut antwortete er; „Ich denke, heute Nachmittag ſelbſt nach Strand zu fah⸗ ren und ein wenig einzuhandeln.“ Und es war faſt ſo, als ob Niſſe eine Art von Triumph empfunden hätte, da er ſich vorſtellte, daß die junge Frau die Mamſell Fanny nicht ſo betrübt antreffen ſollte, wie ſie ſich vielleicht ein⸗ bildete. Als am Abende das junge Ehepaar allein war, ſagte Elvira, indem ſie Arm in Arm mit Georg am Fenſter ſtand und zu den Sternen emporblickte, welche ſo freund⸗ lich an dem dunklen Herbſthimmel glänzten:„Ich weiß nicht, mein Geliebter, ob Dir mein Vorſchlag, Holmérs auf die Brigg zu bitten, mißſtel— Du antworteteſt mir nicht!“ „Ich antwortete nicht, meine Elvira, weil ich Dich in Gegenwart des Vaters mit keinem Widerſpruche belei⸗ digen wollte, und überdies hoffte ich, Du würdeſt, nach⸗ dem Du dieſen Vorſchlag beſſer überlegt hätteſt, denſelben ſelbſt verwerfen.“ „Und warum ſollte ich das 2 leichten Zittern in der Stimme. „Warum? Das ſagt Dir vielleicht Dein weibliches Gefühl beſſer, als ich es zu erklären vermag.“ „Nein, es gibt mir keine Erklärung!“ „O, meine Elvira, jetzt biſt Du nicht ganz aufrich⸗ fragte ſie mit einem 5 . tig!... Dich bitt erloſchen mal geli ſie kann Es bleib zu meine auf dem theurer C Worte, unſelige ſchlägſt aber der ter abge ſah es war übe Ar welche aber do dem Er een vor 9 E jetzt ſo Kenntniß 9 verſtehe ortete er: ell Fanny eicht ein⸗ ar, ſagte 4 Fenſter freund⸗ ch weiß Holmérs teſt mir h) Dich e belei⸗ 1 nach⸗ enſelben einem 8 bliches tfrich⸗. tig!. Doch darf ich Dir eine Frage vorlegen und Dich bitten, dieſelbe offen zu beantworten? Zu weſſen Vergnügen wünſcheſt Du Fanny auf das Schiff einzula⸗ den? Nicht kann es zu ihrem Vergnügen ſein; denn wenn Du Dich nur einen Augenblick in Fanny's Lage ver⸗ ſetzeſt, ſo glaube ich, Du wuͤrdeſt eine ſolche Einladung nicht angenehm finden. Zu meinem Vergnügen kann es ebenfalls nicht ſein; denn obgleich meine Liebe vollkommen erloſchen iſt, ſo hat dennoch das Mädchen, welches ich ein⸗ mal geliebt habe, immer Anſpruch auf meine Achtung: ſie kann wenigſtens fordern, daß ich ſie nicht beleidige. Es bleibt alſo nur ein Fall übrig..“ „Und dieſen Fall,“ ſiel Elvira ein, deren Wange jetzt glühte und brannte,„will und kann ich nicht verläugnen! Es iſt, offen geredet, nicht zu meinem Vergnügen, ſondern zu meiner Ruhe, daß ich Dich und ſie nothwendig gerade auf dem Schiffe zuſammen ſehen will. Guter, geliebter, theurer Georg, Du darſſt es mir nicht abſchlagen! Deine Worte, Deine warme Vertheidigung für ſie haben ſchon unſelige Gefühle in meiner Bruſt rege gemacht— Du ſchlägſt es mir nicht ab?“ „Ja, ich ſchlage es ab!“ ſagte Georg, und auch auf ſeiner Wange glühte nun eine ſtärkere Farbe: es war die Farbe des Schmerzes, des Verdruſſes. Er liebte ſeine Frau faſt bis zur Abgötterei, konnte aber dennoch nicht von ſeiner Gemüthsart, ſeinem Charak⸗ ter abgehen. Elvira's Zweifel waren beleidigend, und er ſah es als eine Chrenſache an, nicht nachzugeben. Dies war überdies noch etwas, das er Fanny ſchuldig war. Auf Georg's entſcheidende und beſtimmte Antwort, welche zwar nicht mit ſeiner ganzen ehemaligen Geftigkeit, aber doch in einem Tone ausgeſprochon wurde, der von dem Ernſte ſeiner Meinung zeugte, erfolgte ein Stillſchwei⸗ gen von einigen Augenblicken. Elvira hatte die Farbe gewechſelt, ihr Antlitz war jetzt ſo weiß wie der Schaum auf dem Gipfel der Wogez 278 und in ihrem Innern ſtürmten Wogen, die ihr heftiges Gemüth zu beherrſchen weder Kraft noch Muth hatte. Mit einer ſchnellen Bewegung zog ſie endlich ihren Arm aus dem ſeinigen. Sie hatte ſich ſichtbarlich auf das Aeußerſte angeſtrengt, in der Hoffnung, er würde ſeine Worte zurückrufen; da aber dieſes nicht geſchah, ſo warf ſie ſich auf den Sopha, bedeckte ihr Geſicht mit den Hän⸗ den, und gab einem Strome von Thränen freien Lauf. Eine geliebte Gattin zum erſten Male weinen zu ſe⸗ hen iſt etwas, das kein Mann mit weicheren Gefühlen er⸗ tragen kann, ohne daß er dieſe Thränen abzutrocknen ſucht. So war es auch jetzt mit Georg, bbgleich er in dieſem Augenblicke nicht im Stande war, ſich ſelbſt zu verbergen, daß Elvira's Thränen aus keiner edlen Quelle ſloſſen. Und doch hatte er nach den liebeswarmen Worten, die vor einigen Monaten an jenem Abende gewechſelt worden wa⸗ ren, da Elvira ſo offen ihre kleine Beichte ablegte, auf etwas anderes zu hoffen gewagt. „Meine theure, geliebte Elvira!“ bat er zärtlich ſchmeichelnd,„komm wieder zu Dir ſelbſt— und Dein gutes, warmes Herz wird, weit entfernt, meine Weigerung zu verdammen, dieſelbe ganz gewiß billigen.“ „O nein, Georg! nie, nie wirſt Du mich je wieder ruhig ſehen, wenn Du nicht jetzt in dieſem einzigen Falle nachgibſt! Was ſoll ich glauben: Du kannſt ſie zwar auf Strand ſehen, wagſt Dich aber nicht ihren Blicken auf die⸗ ſer Brigg auszuſetzen, auf welcher an Deiner Seite zu leben ſie einſt mehr Hoffnung hatte als ich! Dort, dort wär es weit gefährlicher! Und in demſelben Augenblicke, da Du die Gefahr ſcheueſt, erkennſt Du ſie auch an!“ „Elvira, Elvira! ich nehme Gott zum Zeugen, daß Deine Eiferſucht Dich nicht nur verwirrt, ſondern auch mich ſchrecklich beleidigt! Haben wir denn ein Recht, auf Koſten der guten Meinung Fanny's von meiner Ehre und meinem Feingefühl Deiner Ruhe zu genügen? und noch dazu kann dern nur „Wu gute Meir Treue, Ruhe br nur nicht ſelbſt thu 9 „‿ Jetzt kel deſt nich geweſen Un Herzen, daß ſie ihrer L luppe gnädit hr heftiges zuth hatte. ihren Arm ). auf das vürde ſeine „ ſo warf t den Hän⸗ n Lauf. nen zu ſe⸗ fühlen er⸗ knen ſucht. in dieſem verbergen, le floſſen. n, die vor orden wa⸗ egte, auf r zärtlich und Dein Geigerung je wieder gen Falle zwar auf auf die⸗ Seite zu rt, dort genblicke, an!“ gen, daß rn auch echt, auf thre und nd noch p 279 dazu kann hier nicht einmal die Rede ſein von Ruhe, ſon⸗ dern nur von einer Laune, die Deiner ganz unwürdig iſt!“ „Wußte ich's nicht: Du erkennſt alſo, daß ihre gute Meinung für Dich einen weit höheren Werth hat als die meinige! Georg, Georg! kannſt Du ein Herz dazu aben, mir das zu ſagen? Du tödteſt mich durch eine ſolche Offenherzigkeit! Und dennoch, wenn Du mir etwas verhehlteſt... Abgott meiner Seele, mein theurer, ange⸗ beteker Gatte! Du verhehlſt mir ja nichts?... Nicht ein einziges Gefühl, nicht einen einzigen Gedanken— nein nicht einen halben Gedanken, nicht das Mindeſte darſſt Du mir verhehlen!“ Sie wand ihre Arme feſt um ſeinen Hals; ihre Küſſe, ihre Thränen, ihre feurige Angſt beſiegten ſeine Kraft, aber nicht ſeinen Widerwillen gegen die Sache. „Meine Elvira, meine Geliebte, beruhige Dich! Laß meine Liebe, meine Bitten, meine erneuerten Gelübde einer Treue, die nichts verändern kann, Deinen Schmerz zur Ruhe bringen! Es geſchehe wie Du willſt, wenn ich nur nicht nothig habe, ſie einzuladen... Kannſt Du das ſelbſt thun? „O ja— habe Dank, habe Dank, mein Georg! Jetzt kehrt die Ruhe bald wieder; denn ich weiß, Du wür⸗ deſt nicht nachgegeben haben, wenn ich Dir nicht theurer geweſen wäre als ſte.* Und in himmliſcher Ruhe entſchlummerte ſie an ſeinem Herzen, das jetzt eben ſo ſelig war. Denn die Gewißheit, daß ſie ihn ſo unermeßlich liebte, war ein Gegengewicht ihrer Eiferſucht. Von vier flinken Matroſen gerudert, flog die Scha⸗ luppe der Elvira Cornelia über die heute ganz beſonders gnädigen Wogen des alten Skagerak. Und als der Boots⸗ 280 haken gegen die Landungsbrücke bei Strand ſtieß, da blick⸗ ten die beiden Gatten ſo treufeſt und liebevoll auf einan⸗ der, als wollten ſie ſich gegenſeitig ſagen:„blicke in meine Seele!“ Georg's Seele war licht und ruhig. Denn er glaubte und hoffte, die Traurigkeit würde ſich nicht ſo ſchwer auf Fanny's Leben gelegt haben; und tief und feſt fühlte er, daß ſie ihm nun nicht mehr gefährlich ſein könnte. Elvira's Seele war bei weitem nicht ſo ruhig, wie ihr Antlitz glauben laſſen wollte: ihre Bruſt bebte vor Unruhe und Furcht. Als ſie aber ihren Gatten betrach⸗ tete, ſo mußte jeder Zweifel ſchweigen. Jetzt kam Jemand aus dem Hauſe die Treppe und den Hof herabgeeilt. Die hohe, ſchlanke Geſtalt, die lichten, fliegenden Lo⸗ cken, die blauen Augen— ſeine Himmel— alles war noch da! Und ſie ohne Herzklopfen ſehen, das vermochte er nicht. Doch dieſes Herzklopfen hatte nicht die entfern⸗ teſte Aehnlichkeit mit demjenigen, das er ehedem empfand. Noch einmal, ehe er Fanny entgegen eilte, warf er ſeine Augen auf Elviren..... Welche Liebesangſt las er nicht jetzt in dieſem Blicke, den ſie in dem entſcheidenden Augenblicke nicht verſchleiern konnte.. Er hatte nur Zeit, er ulüſtan.„ich lege jetzt meine Seele vor Deine ugen!“ „Willkommen, willkommen!“ rief Fanny ſo froh, ſo warm, ſo ſchweſterlich, daß es ſiebenfacher Augen bedurft hätte, um bis in ihr Herz hindurchzudringen... Sie reichte Jedem von ihnen eine Hand.„Wie danke ich für dieſen Beſuch!.. Vater iſt nicht zu Hauſe: er kann alſo meine Freude nur aus meinen Erzählungen erfahren.“ „Ach, Fanny, meine gute, theure Fanny!— Georg drückte die kleine weiße Hand vor den Augen ſeiner Gat⸗ tin ſowohl ein⸗ als auch zweimal an ſeine Lippen—„ach, Fanny, wenn Du wüßteſt, wie glücklich ich bin!“ Es war eine himmliſche Wohlthat, daß dieſe letzten Stunde: ihnen nie freundſcha Auf Elvira, in Du, me gehabt ha ſein könne „Ja hig und 1 Elvira? die Du f O heftige C bergen ki als Du ich ein, Gegenwe hieher k kann es mal ki⸗ „2 Deinen Du D „71 als Dr eß, d blick⸗ auf einan⸗ ke in meine n er glaubte ſchwer auf t fühlte er, nte. ruhig, wie bebte vor en betrach⸗ reppe und genden Lo⸗ alles war vermochte e entfern⸗ empfand. warf er gſt las er heidenden nur Zeit, or Deine froh, ſo bedurft . Sie 281 Worte eben ſo wohl aus Georg's Herzen wie von ſeinen Lippen floſſen! Sie trugen dazu bei, Elviren wunderbar⸗ lich zu beruhigen, und machten, daß auch ſie mit herzli⸗ cher Zärtlichkeit auf Fanny blickte. Und während der Stunden des Beſuches offenbarte ſich nicht der allergeringſte Zwang in dem Geſpräche: keine Unruhe, keine Verlegenheit war weder auf Georg's noch auf Fanny's Seite zu bemerken. Ihre Kindheit, ihre erſte Jugend wurde oft berührt, und die Pirogue, die noch immer an der Decke hing, erinnerte ſie an manche frohe Stunde: doch alles kam ſo natürlich, als hätte zwiſchen ihnen nie etwas anderes Statt gefunden, als dieſe Jugend⸗ freundſchaft...... Auf der Rückreiſe nach der Johannis⸗Klippe flüſterte Elvira, indem ſie die Hand ihres Gatten drückte:„Weißt Du, mein Georg, Fanny muß nie ein ſtärkeres Gefühl gehabt haben— ſonſt, glaube mir, hätte ſie heute ſo nicht ſein können.“ „Ja, gewiß war ihr Gefühl ſtark; aber es war ru⸗ hig und rein... Und kannſt Du mir nun trauen, meine Elvira? Haſt Du das Geringſte von der Liebe geſehen, die Du fürchteteſt?“ „O nein, ich bin ganz überzeugt! Du, der Du ſo heftige Gefühle haſt, würdeſt ſie gewiß nicht haben ver⸗ bergen konnen... Zwar erſchrak ich anfangs ein wenig, als Du ihre Hand ſo warm küßteſt, aber gleich darauf ſah ich ein, daß es nichts bedeutete, da Du es in meiner Gegenwart thateſt— es war allzu glücklich, daß wir hieher kamen... Aber, mein theurer Georg! morgen kann es wohl genug ſein, wenn Du ihr die Hand ein⸗ mal küſſeſt!“ „Morgen? Du ludſt ſie alſo wirklich ein? Aus Deinen frohen, zuverſichtlichen Blicken ſchloß ich, daß Du Dein Vorhaben hätteſt fahren laſſen.“ „Ich hätte es wirklich thun ſollen, mein Georg: als Du aber gingſt, um das Boot zu beſtellen, ſo eilten 282 die Worte über meine Lippen, ohne daß ich Zeit hatte, trauen bew etwas mehr zu denken, als:„„wenn ſie nicht will, ſo Ich kenne kann ſie ja Nein ſagen!““ Und ich verſichere Dich, ich mit Sicher lud ſie ſo herzlich ein, daß ſie nicht... nicht.. ℳ erſte Wiede Eloira vollendete den Satz mit einer leichten Bewegung ſogleich an des Kopfes. ſein!“ „... Daß ſie nicht argwöhnen konnte, daß es nicht„Doch ſo ganz herzlich gemeint war!“ flüſterte Georg mit Stärke, w ar kleinen ſtrafenden Miene.„Doch was antwortete wirklich ge ſie „Sie fragte, ob es mein eigener und aufrichtiger Wunſch wäre; und als ich dieſe beiden Fragen bejaht hatte, ſagte ſie ohne Zaudern: Da werde ich auch kommen.....“.— 4 Als Georg ſich ſpäter am Abende auf die Brigg“ begeben hatte, um dem Koch einige Befehle für den folgenden Mittag zu ertheilen, ſaß Elvira allein neben noch ſo go ihrem Schwiegervater auf dem kleinen vertraulichen Sopha Harm und in Nicolinens Zimmer. als ſeiner „Nun, meine geliebte Tochter! warſt Du zufrieden„Du mit Deinem heutigen Beſuche?“ Herz, me „Ueber alle Beſchreibung!“ Elvira neigte ihre glü⸗ ſeres ſtolz hende Wange an Letsler's Bruſt und flüſterte ihm mit zeugt, D töchterlicher Vertraulichkeit zu, daß ihr eiferſüchtiger Arge Du aber wohn kein ſo großes Glück verdient hätte.„Dem Vater konnteſt d meines Georg kann ich ſagen, was ich ihm zu geſtehen Proben ſ nicht den Muth habe, nämlich, daß mir viel fehlt, um mein Ki ihr zu gleichen: ſie iſt nicht nur ſchön, ſie iſt ſanft, gut. Macht und dennoch ſo kraftvoll, ſo beſtimmt. Beſtimmt und Greiſes: kraftvoll bin ich vielleicht auch; doch ohne Sanftmuth und vicht in Güte iſt nichts Gutes möglich.“ dauerhaf „Alles wird gut werden, mein Kind! Denn da Du. Ge die Eigenſchaften geſehen und verſtanden haſt, welche er hatte an Fanny ſo ſehr ſchätzte, ſo bin ich auch überzeugt, fluſtern Du wirſt Dir Mühe geben, bis Du ſie Dir ebenfalls wahren erworben haſt. Und je unbegränzter Du ihm Dein Ver⸗ eingelat ₰ Zeit hatte ht wich ſo e Dich, ich nicht.. ℳ Bewegung daß es nicht eorg mit antwortete aufrichtiger igen bejaht ich 34 die Brigg für den ein neben en Sopha 4 zufrieden ihre glü⸗ ihm mit ger Arg m Vater geſtehen olt, um aft, gut mt und uth und da Du lche er erzeugt, denfalls Ver⸗ E . 283 trauen beweiſeſt, um ſo ſicherer feſſelſt Du ihn für immer. Ich kenne ſeinen Charakter ſo gut, und kann Dir dies mit Sicherheit vorherſagen.... Ueberdies, da das erſte Wiederſehen nichts bedeutete— und das ſah ich ſogleich an Deinem offenen Blick— ſo kannſt Du ruhig ein!“ „Doch ſage mir, lieber Vater! wie iſt eine ſolche Stärke, wie die ihrige, möglich— falls ſie nämlich wirklich geliebt hat? Sie muß ja unbedingt eiferſüchtig ſein, und doch entdeckte ich keine Verſtellung in den Worten, die ſie zu mir redete.“ „Ja, eine ſolche Stärke iſt möglich und bei ihr vor⸗ Puden⸗ aber ſie hat auch eine wahre Gottesfurcht und ine wahre Liebe zu allen Menſchen: ſieh' da ihre Hülfs⸗ quellen!“ „Unmöglich begreife ich das... Wäre ich auch noch ſo gottesfürchtig geweſen, ſo würde ich dennoch vor Harm und Traurigkeit vergangen ſein, wenn er mit ihr als ſeiner Frau zu mir gekommen wäre.“ „Du verkennſt Deine eigenen Gefühle, Dein eigenes Herz, mein Kind! Nimmermehr hätte eine Tochter un⸗ ſeres ſtolzen Blutes ſo ſchwach ſein können: ich bin über⸗ zeugt, Du würdeſt Dich überwunden haben... Wenn Du aber glaubteſt, daß Fanny dieſes nicht vermochte, wie konnteſt dann Du, die Glückliche, ſie auf zwei ſo harte Proben ſetzen? Ich meinte geſtern Abend(— dieſe Thür, mein Kind, iſt ſehr dünn—), Du verſuchteſt Deine Macht allzu ſehr. Verlaß Dich auf die Erfahrung des Greiſes: in dem erſten Liebeswunſche geht das wohl, aber nicht in der Zukunft, ſofern Du willſt, daß Euer Glück dauerhaft ſein ſoll.“ Georg's Ankunft unterbrach das Geſpräch. Doch hatte Elvira noch Zeit, ihrem Schwiegervater zuzu⸗ flüſtern:„Ich werde jedes Wort in meinem Herzen ver⸗ wahren, und ich wünſchte innigſt, daß ich ſie nicht eingeladen hätte!“ 284 Und als nun im Laufe des gemeinſamen Geſpräches die Rede wieder auf den Winter und die Einſamkeit auf der Johannis⸗Klippe kam, da ſagte ſie zärtlich und mit Blicken, die Georg's Herzen ſo wohl thaten:„Ich muß wohl, lieber Vater, ein wenig von der Geſellſchaft meines Herrn und Gemahl abgeben: Georg muß bisweilen waͤh⸗ rend des Winters hieher reiſen.“ Am folgenden Tage ſteuerte Fanny ihr kleines Boot auf Grafwerna zu. Wir halten uns nicht für berechtigt, einen vollen Blick in ihr Herz zu werfen, da ſie zum erſten Male Georg's Schiff ſah, dieſe Brigg, von welcher ſie ſo oft geredet und geträumt hatte. So viel aber wagen wir dennoch zu verrathen, daß der Anblick der Brigg und ihre beiden Namen Fanny's Selbſtbeherrſchung auf eine weit härtere Probe ſetzte, als ſie am geſtrigen Tage be⸗ ſtanden hatte. Und wenn Elvira ihr die Hand auf das Herz gelegt hätte, da Georg ihr half die Fallreifstreppe heraufkommen, ſo würde ſie nicht geurtheilt haben, wie ſie that: ſie würde die Groͤße in Fanny's Aufopferung, ihrem Wunſche entgegen zu kommen, vollkommen einge⸗ ſehen haben. Doch Fanny vermochte dieſes, weil ſie fühlte, daß dieſer Wunſch nicht von Georg kam. Auch Letsler beſuchte heute zum erſten Male Georg's Behegeng: zum erſten Male war er bei ſeinem Sohne zu aſte. Höchſt verſchiedenartig waren die Gefühle, welche jetzt innerhalb der Wände der Cajüte wechſelten.... Fur Georg ſelbſt war dieſer Tag weit ſchwerer, als der vorige. Er erinnerte ſich mit der größten Deutlichkeit der Ge⸗ legenheit, da er von Fanny ihren Namen zu der Brigg begehrte, d war: es w Petter Gr wurde. denken, wa Do das rechte nicht Fann eſtrebten f ſeiner Achtt beteten. Nicht war ſie in jetzt, da jegie uj merkſamke auch, wi gewann. Ein — verließ a ⅞ blieben d ſie dort reine G. pfand, erfuhr. 2 2 n Geſprä inſamkeit 6 tlich und mit „Ich muß ſchaft meines weilen waͤh⸗ ſeines Boot nen vollen rſten Male ſie ſo oft vagen wir Brigg und auf eine Tage be⸗ auf das eifstreppe den, wie opferung, n einge⸗ weil fie V Georg's ohne zu. 285 begehrte, die damals nur erſt in der Einbildung vorhanden war: es war auf der Zolljacht zu den Zeiten des ſeligen Petter Gran, wo dieſe Bitte vorgelegt und bewillligt wurde. Und Georg konnte auch nicht umhin, zu be⸗ denken, was jetzt gewiß in Fanny's Erinnerung vorginge. och... e kleine Tiſch für vier Perſonen war gedeckt. Heute zeigte ſich Elvira von ihrer entzückendſten Seite. Nicht entging es ihr, daß Georg, wenigſtens eine kurze Zeit, nicht ganz ſo ungezwungen war, wie geſtern, aber ſie hatte eine ſo feine Unterſcheidungsgabe, wenn die Leidenſchaft dieſelbe nicht überflügelte, daß ſie recht gut verſtand, wie das Zuſammenſein auf dem Fahr⸗ zeuge einen gewiſſen Druck in ſeinem Gefolge haben konnte, der weder aus Liebe noch aus Reue herfloß. Doch wer, wenn nicht ſin, ſollte dieſes wieder in das rechte Gleis bringen; und wer betrachtete ſie, wenn nicht Fanny? Und dieſe beiden ſchöͤnen Frauenzimmer beſtrebten ſich nun, ſich in ihrer gegenſeitigen und in ſeiner Achtung zu erheben, in ſeiner, den ſie Beide an⸗ beteten. Nicht eine Secunde vergaß Elvira ihre Gäſte. Nie war ſie in Georg's Augen ſo liebenswürdig geweſen, wie jetzt, da ſie ſich Fanny mit der offenſten Vertraulichkeit näherte und Letsler's Augen mit ehrfurchtsvoller Auf⸗ merkſamkeit folgte und um ſeinen Beifall buhlte, den ſie auch, wie ihr eigenes Gefühl ihr ſagte, immer mehr gewann. Einmal, da Letsler auf das Verdeck hinauf ging, verließ auch Elvira die Cajüte, und Georg und Fanny blieben daher einige Minuten allein. Und wenn Elvira ſie dort hätte ſehen koͤnnen, ſo würde ſie ſchon das ſtille, reine Gefüuhl gemeſſen haben, welches ſie nachher em⸗ dſean da ſie von Georg's Lippen das kleine Geſpräch erfuhr. „Du biſt glücklich, Georg!“ ſagte Fanny mit der eine größere Freude, als „Ja,“ antwortete Geor Erden einen Vorgeſchmack ich es wünſchen!“ 286 herzlichſten Stimme,„und Nie ich.“ purwolke, die über ihr Geſicht fuhr, (Dies war das einzige, ſchwieg.) „Man kann auf ma entgegnete ſie,„und ich bi zeugung, daß ich für Andere Nachdem Fanny das Johannis⸗Klippe den Ein wieder aufgenommen hatte, ſo aus:„Kann ich nicht ſtolz ſein wagen, auf eine dauerhafte Glückſ nicht allein, Meine Elvira liebt mich aus Liebe zu mir ſich ſelbſt „Nein,“ ſagte Elvira Arme ihres Gatten warf, vielem Verſtande behandelt Deiner ſo ganz unwürdig zeigte, that. O, mein theurer Georg! mand empfindet darüber f Das „ wenn ich nicht überzeugt ßer iſt auch Deine .. Wenn ich auch Dich glücklich ſehen könnte Fanny ei . O, Fannyl — jetzt kann ne dunkle Pur⸗ nicht zurückhalten. das Georg ſeiner Gattin ver⸗ ncherlei Weiſe glücklich ſein,“ n es gegenwärtig in der Ueber⸗ nützlich ſein kann.“ Fahrzeug verlaſſen, und die fiedler und die beiden Gatten überwunden.“ , indem ſie „ich habe Urſe ſtolz zu ſein, weil Du mich u 7 rief Georg voller Freude „ Vater! kann ich nicht eligkeit zu hoffen! ſondern ſie hat auch ſich heftig in die ache, über Dich mit ſo vieler Güte und ſo haſt, da ich fehlte und mich wie ich vorgeſtern Abend wie ſegne ich Dich aber dennoch, daß Du ſo warſt! Aber ich bitte Dich auch hig hier in Gegenwart Sage, daß Du mir kein übereiltes Ver⸗ dennoch ſtets in n, zu gleicher Zeit innig und demüt Deines Vaters um Verzeihung! verzeihen willſt, und obgleich ich ſprechen zu geben wage, meiner Erinnerung Dein B ſo werde ich ild zurückrufe wie es mir on geſtern ben Lerſuc „Ich meine ſüße und ſchwas eine entzück Erwär in ſeine Ar Darar konnte dem in der Fer zuwerfen. In di Roſen eine Geger nem Erſtg Commande in ſeinem bebte er ne Dieſer reicht zu h haftigkeit, Charakter war. Mi Gatten ein flogen ſie Lebens. Um det darüber on hier auf habt! Das t überzeugt auch Deint O, Fannyl! jetzt kann unkle Pur⸗ rückhalten. Gattin ver⸗ ich ſein„1 der Ueber⸗ und die en Gatten er Freude ich nicht ¹ hoffen! hat auch tig in die ber Dich te und ſo ind mich rn Abend Dich aber dich auch 1 egenwart 4 Du mir es Ver⸗ ſtets in es mir von geſtern und von heute vorſchwebt— und ſo hoffe ich der Verſuchung immer widerſtehen zu können.“ „Ich verzeihe Dir nicht nur von Seele und Herz, meine ſüße Elvira! ich.... o nein, ſo unverſtändig und ſchwach will ich dennoch nicht ſein! Aber Du biſt eine entzückende Bitterin— iſt ſie das nicht, Vater?“ Erwärmt von ihrem Glücke ſchloß Letsler ſie beide in ſeine Arme. Darauf aber ging er hinaus auf die Klippe: er konnte dem Verlangen nicht widerſtehen, Fanny in dem in der Ferne verſchwindenden Boote noch einen Blick nach⸗ zuwerfen. Siebenzehntes Kapitel. In dieſem Winter blühten für die jungen Gatten die Roſen eines ganzen Sommers. Gegen das Ende des Februar tanzte Georg mit ſei⸗ nem Erſtgebornen auf dem Arme umher; und da der Commandeur⸗Capitain ſah, welches tiefe und reine Gefühl in ſeinem warmen Herzen Wurzel geſchlagen hatte, da bebte er nicht länger für Elvira's Glück. Dieſes Glück ſchien jetzt auch ſeine groͤßte Höhe er⸗ reicht zu haben und verſprach eine um ſo größere Dauer⸗ haftigkeit, als Elvira's launenhafter und leicht erregter Charakter großentheils von ihrer Liebe gemildert worden war. Mit ihren gegenſeitigen Blicken lenkten die jungen Gatten einander, und froh wie Kinder, ſelig wie Engel flogen ſie Hand in Hand durch den Blumengarten des Lebens. Um die Weihnachtszeit hatte Elvira ſelbſt den Wunſch 288 ausgeſprochen, den ſie in dem Auge ihres Georg las: und beruhigt von der feſten Zuverſicht, die ſie ihm zeigte, beſuchte er ſeinen Vater, doch Strand diesmal nicht. Und als er zurückkam, als er ihr dieſes erzählte, da ſagte ſie mit einem Blicke, der ihm in das Herz drang:„Mein Georgl ich könnte jetzt wohl ſagen, warum fuhrſt Du nicht hin, ich würde mich nicht im Mindeſten daruber betrübt haben! doch wir ſind ja einig geworden, daß wir uns nie einen Gedan gen wollen, und darum geſtehe ich, es freut mich herzlich, daß Du nicht fuhrſt— nicht weil ich Dir jetzt ſondern weil ich ſo ängſtlich bin um Deine Blicke, dieſe ſchöͤnen warmen Blicke: mir gehören ſie alle... j habe nicht Luſt, einen einzigen abzugeben, und auf ſie hät⸗ teſt Du nicht anders als warm blicken können.“ „Du kleine Geizige— ſo ſieh Dich denn ſatt!“ Gab es aber nicht noch Einen, der ebenfalls glücklich war, der ſich über ihre Seligkeit eben ſo innig freute, wie der herzlich vergnügte Commandeur⸗Capitain? Ja, Igne⸗ lius— und ſeine Freude war faſt noch groͤßer: denn ſie betraf nicht allein Georg's und Elvira's Glück, ſondern die innige und treufeſte Hoffnung, daß durch ſie beide— die Sprößlinge des alten und des neuen Stammes— der Friede ſich für immer auf dem lieben Helgenäs niederlaſ⸗ ſen würde. Und von dieſen ſeinen ſonnenhellen Gedanken ſchrieb er täglich etwas in einem der Briefe, die ſtets an ſeinen ehemaligen Herrn abgingen. Nachdem Ignelius ihn wiedergeſehen und überzeugt worden war, daß endlich in dem Herzen des landeflüchti⸗ gen Einſiedlers die Knospen des Glaubens und des Frie⸗ dens ausgeſchlagen waren— ſeit dieſer Zeit fanden die irdiſchen Bekümmerniſſe keinen Raum mehr in ſeiner alten, treuen Bruſt.„Die böſen Tage ſind vorbei, Herr Ba⸗ ron!“ ſagte er oft zu ſeinem jetzigen Herrn, und die Blicke deſſelben antworteten ihm mit einer zuverſichtlichen Hoff⸗ nung.... „Aber, mein lieber Georg!“ ſagte der Commandeur⸗ ken verber⸗ 3 mißtraue, 8 8½ Capitain a daß Du, e ſahre RN See redeſt es— mit Mit heute nach Male in beſchäftigt die bequen Vater, ob mal bekon Schätzen beugte ſich ſo beneide „Du mandeur⸗ jeden Fal wilſt, ſ uſegeln zuſeg„Ne ören, w „Je iſt meine denken, 1 Sie dieſer tr konnte. wenn ni ſeiner T wirf er wirſt D daß we die Ge ſinden; dort Der ᷣ ſatt!" ies— der niederlaſ⸗ Gedanken ſtets äberzeugt Lfluͤchti⸗ es Frie⸗ den die 4 er alten, err Ba⸗ Blicke 1 Hoff⸗ endeur⸗ Capitain an einem Abende im März,„es wundert mich, daß Du, ein tüchtiger Seemann, Dir hier auf dem Lande ſo gute Ruhe goͤnnſt und nicht ein einziges Mal von der See redeſt! Noch liegt zwar das Eis, bald aber reißt es— mit dieſer Nachricht kann ich Dich erfreuen.“ Mit einem froͤhlichen Lächeln antwortete Georg, der heute nach langer Zeit ſeine Gattin wieder zum erſten Male in den Salon herabgeführt hatte, und jetzt eifrigſt beſchäftigt war, den Fußſchemel und die Sophakiſſen auf die bequemſte Weiſe zu ordnen:„Ich weiß nicht, lieber Vater, ob denn das eine ſo erfreuliche Nachricht iſt: dies⸗ mal bekomme ich keine Geſellſchaft; und von allen meinen Schätzen hinwegzureiſen... ſieh ſelbſt, Vater“— er beugte ſich hinab und küßte Elvira's Stirn—„ob das ſo beneidenswerth ſein kann!“ „Du ſollteſt Dich ſchämen!“ antwortete der Com⸗ mandeur⸗Capitain herzlich lachend.„Wenn Du wohl auf jeden Fall, wie ich glaube, im Oktober wieder kommen willſt, ſo kann es wohl nicht zu früh ſein, im April ab⸗ zuſegeln?“ „Nein, das muß ich zugeben— doch wir müſſen hören, was Elvira ſagt!“— „Je länger es dauert, um ſo beſſer werde ich— das iſt meine Meinung; und gewiß kannſt Du nicht im Ernſte denken, mein Georg, daß ich zu Hauſe bleiben ſoll!“ Sie warf einen von dieſen Blicken auf Georg, denen dieſer trotz der geſunden Vernunft unmoͤglich widerſtehen konnte. Und Gott weiß, was er geantwortet haben könnte, wenn nicht der Commandeur⸗Capitain ganz ernſt die Hand ſeiner Tochter ergriffen und väterlich zärtlich geſagt hätte: wirf erſt Deinen Blick in den Spiegel, mein Kind, ſo wirſt Du einſehen, wie Deine bleichen Wangen nachſagen, daß wenigſtens ein Paar Monate erforderlich ſind, ehe die Geſundheit und die Roſen ſich wieder für immer ein⸗ finden; und blicke dann durch die Thür in das Cabinet: dort ſiehſt Du die Wiege Deines Kindes— ſoll der Der Einſiedler ꝛc. M. 290 Knabe hon ſo früh über Mangel an mütterlicher Pflege klagen 2“ Elvira folgte dem Blicke ihres Vaters, und ein leich⸗ ter Seufzer hob ihre Bruſt:„Ach, das iſt ſehr übel... aber, Väterchen, ich kann ihn ja mitnehmen?“ „Ja, das würde für Georg ein Leben werden in ſeiner Cajüte! Es geht wohl noch, daß ein Seecapitain dann und wann ſeine Frau mit ſich frachtet; doch ſein Fahr⸗ zeug zu einer Kinderſtube einzurichten— bis jetzt habe ich noch nicht gehört, daß die Liebe einen Seemann zu einer ſolchen Thorheit verleitet hat— und ich bin feſt überzeugt, daß Georg ſelbſt zu einem ſo raſenden Vor⸗ ſchlage Nein ſagt!“ „Er ſoll das nicht nöthig haben, Väterchen, denn ich habe meine Dummheit ſchon eingeſehen.... Aber Vendela iſt ſo gut und zärtlich, ſie würde mein Kind ge⸗ wiß pflegen, als wäre es ihr eigenes!“ „So antworte Du doch, Georg!“ ſagte der Com⸗ mandeur⸗Capitain, der ſich ein wenig über eine Liebe zu ärgern begann, die mit der Vernunft und Maß nichts zu ſchaffen haben wollte, ſondern ſich ſogar in das Gebiet der Mutterliebe eindrängte. Inzwiſchen machte Elvira's jetziger ſchwacher Zuſtand, daß er es nicht wagte, ſeine Herzensmeinung ganz auszuſprechen. Georg, der dieſe Furcht ebenfalls hegte, hätte nichts. beſſeres gewünſcht, als wenn er nicht nöthig gehabt hätte, ſich über einen Fall zu äußern, wo er gegen Elvira und ſein eigenes Herz ſeinem Schwiegervater Recht geben mußte; doch da dieſer an ihn appellirte, ſo war dieſes nicht länger möglich, und daher war es das beſte, die Pein kurz zu machen. „Gott und Du ſelbſt, mein theurer Engel!“ ſagte er zärtlich, dabei aber doch feſt,„wiſſet, wie ſehr es mich ſchmerzt, Dich zu verlaſſen, doch diesmal m uß ich allein reiſen, und Du liebſt mich ja zu ſehr, als daß Du meine Standhaftigkeit auf eine härtere Probe ſetzen willſt“ „Dies ich muß⸗ Worte ein digkeit. wir lieber Der die Schw gehen, wa kleine paſf einen kräf ter:„So alles auf ſenraſend weilen eit Elvi noch wei zu ſtellen ſie glückl tiefer Tr ein Wor Er Johannics welche ſ dankbar Se überwäll wenn T Deinen Entbeh icher Pflege d ein leich⸗ rübel.. en in ſeiner bitain dann ſein Fahr⸗ jetzt habe gte, ſeine tte nichts et huhe vira und ht geben ar dieſes zſte, die „ fagte er es mich allein meine 14 „Dies iſt das erſte Mal, mein Georg, daß Du ſagſt: ich muß— und Du kannſt nicht läugnen, daß in dieſem Worte ein Befehl liegt!“ „Wenn das der Fall iſt, theure Elvira!“ entgegnete er, und um ſeine Faſſung beizubehalten, durfte er ſich nicht den gefährlichen Blicken ausſetzen,„ſo bin gleichwohl nicht ich derjenige, welcher befiehlt, ſondern die Nothwen⸗ digkeit. Wir dürfen nicht mehr hierüber reden— malen wir lieber den Himmel, welcher unſer wartet!“ Der Commandeur⸗Capitain, der ſchon gefürchtet hatte, die Schwäche ſeines Schwiegerſohnes würde allzu weit gehen, war ſehr zufrieden, daß dieſer auch einmal ſich eine kleine paſſende Macht heraus nahm; er gab ihm daher einen kräftigen Schlag auf die Schulter und ſagte mun⸗ ter:„So muß es ſein; ein Mann kann ſeine Frau über alles auf Erden lieben; merkt er aber, daß es allzu ro⸗ ſenraſend unter ihrer Oberherrſchaft wird, ſo muß er bis⸗ weilen ein Wort mit d'rein zu ſprechen haben!“ Elvira war in großer Verſuchung zu weinen, ja, eine noch weit gefährlichere Waffe anzuwenden, nämlich ſich zu ſtellen, als befände ſie ſich unwohl. Doch überwand ſie glücklich dieſe beiden Verſuchungen, und nur ein Zug tiefer Traurigkeit blieb auf ihrem Geſichte, da ſie ohne ein Wort zu ſagen, ihr Haupt an Georg's Bruſt legte. Er, dem ihre Heftigkeit an jenem Abende auf der Johannis⸗Klippe noch vor Augen ſtand, konnte die Stärke, welche ſie jetzt bewies, gehoͤrig ſchätzen: und warm und dankbar war ſein Blick, ſein Kuß.. Seufzend lispelte ſie endlich, da die innere Qual ſie überwältigte:„wie werde ich im Stande ſein, zu leben, wenn Du nicht hier biſt?“ „Durch Deine Liebe gegen mich, unſer Kind und Deinen Vater!— mußte er Deiner nicht während des ganzen letzten Sommers entbehren? Und iſt denn nicht noch überdies ein Winter gleich dieſem werth durch die Entbehrung, welche nur einige Monate dauert, erkauft zu 292 zitterten wir vor einer längeren Trennung!“ „Ach ja, das iſt wahr... Doch reiſe nicht ſo bald, nicht ſo bald!“ werden? Bedenke, meine Geliebte: vor einigen Wochen „So lange ich als ein junger und betriebſamer Mann meine Unthätigkeit vertheidigen kann, bleibe ich zu Hauſe; doch der Beruf, den der Mann einmal gewählt hat, iſt ein Theil von ihm ſelbſt: er muß ihn auch lieben, und Du weißt, meine Elvira, ob ich den meinigen liebe!“ „Vielleicht mehr als Deine Frau?“ „Meinen Beruf liebe ich, meine Frau bete ich an — und dieſe Gefühle können ſehr gut neben einander be⸗ ſtehen.„....... .... Um ſich in der Achtung ihres Gatten zu erhöhen, verſuchte Elvira einem Schmerz Feſſeln anzulegen, der trotz aller ihrer Mühe mit jedem Tage gewaltſamer und ſichtbarer wurde. Die Thränen ließen ſich nicht länger hemmen, ſtundenlang lag ſie ſchluchzend auf dem Sopha, preßte die Hände gegen das ſo heftig, ſo unruhig ſchla⸗ gende Herz, und faſt keine einzige der ſchon längſt ge⸗ zählten Minuten vermochte ſie es über ſich, den bis zu einem ſolchen Ertrem geliebten Mann von ihrer Seite zu laſſen.. Georg war bisweilen der Verzweiflung nahe über dieſe Traurigkeit, die weder Troſt ſuchen noch finden wollte. Betrübt ſuchte er ſeinen Schwiegervater auf und ging mit ihm zu Rathe. „Du mußt hinaus, mein Sohn, je eher je lieber! Biſt Du erſt weg und iſt der Streich gefallen, ſo werden wir ſie ſchon tröſten. Man ſieht es wohl, daß ſie es ver⸗ ſucht, ſich zu bezwingen, das arme Kind, aber ſie vermag nichts über ihre heftigen Gefühle.“ Georg war derſelben Meinung; aber dennoch ſah er mit beklommenem Herzen den Tag des Abſchiedes her⸗ beikommen. —— s— Währ welchem d kein Auge. ten Schei als auch 0 der Morg näherte, um ſie zu „We nicht Dei een! zeig Du leidef „ blicke de iſt durch allein fü liebte, 1 ſtunde ei als dieſe digen ka bete ich a . . egen, der tſamer und icht länger m Sopha, uhig ſchla⸗ längſt ge⸗ den bis zu jrer Seite hahe über finden auf und e lieber! )werden e es ver⸗ vermag och ſah es her⸗ zu erhöhen, ¹ n finander be⸗ Während der Nacht, die dem Morgen voranging, an welchem dieſe Trennung geſchehen ſollte, ſchloß Elvira kein Auge. Ihre Selbſtbeherrſchung war bis auf den letz⸗ ten Schein davor verſchwunden; und ſie regte ſowohl ſich als auch Georg in einem ſolchen Grade auf, daß er, als der Morgen kam und der entſcheidende Augenblick ſich näherte, kaum noch einen Troſtesgrund zu finden wußte, um ſie zu beruhigen. „Wende Dich nicht hinweg von mir, Georg! ſuche nicht Deine eigene Unruhe, Deine eigene Qual zu verber⸗ gen! zeige ſie mir: mir wird beſſer, wenn ich weiß, daß Du leideſt wie ich!“ „O meine Geliebte! kann das Dich tröſten, ſo blicke denn gerne in meine Seele: ſieh, daß ſie zerriſſen iſt durch Deinen und meinen Schmerz, denn ich leide nicht allein für mich, ſondern auch für Dich. Aber, meine ge⸗ liebte, angebetete Elvira! gib Du mir in der Abſchieds⸗ ſtunde einen noch beſſern und edlern Beweis Deiner Liebe, als dieſe gränzenloſe Betrübniß, die beinahe Gott belei⸗ digen kann— gib mir etwas, das mich in der Zeit, da wir getrennt ſind, mit milder Freude erfüllen kann!“ „Was? was? Ich will Dir alles geben! Es iſt mir eine himmliſche Freude, zu hören, daß Du noch eine Probe meiner Liebe haben willſt, die ſich allzu ſehr offen⸗ bart— was begehrſt Du?“ „Ich begehre Viel, meine Geliebte! ich begehre, daß Du nicht durch dieſe Ergießungen Deines gränzen⸗ loſen Schmerzes meine Kraft verweichlichſt... Ich muß mich vor mir ſelbſt ſchämen, daß ich ſo ſchwach bin, ja ich muß mich vor Dir ſchämen, da ich Dir nun geſtehe, daß ich mehrmals die Verſuchung gefühlt habe, das ganze Jahr hier zu bleiben— bedenke, Elvira! aus Liebe zu Dir, aus Betrübniß über Deinen Kummer kam ich dahin, daß ich dieſes überlegte. Doch weiter kam es Gottlob! nicht, und ich bin überzeugt, Du wirſt Dich ſelbſt darüber glücklich fühlen. Denn nicht willſt Du, meine ſtolze, edle — 294 Elvira, die Du weißt, daß die reine Liebe des Weibes den Mann zu ſeinem ernſten Beruf anzufeuern und zu ſtärken vermag, dieſe Kraft erſticken und Deinen Gatten von einem Manne, den Du achten kannſt, in einen bloßen Liebhaber verwandelt ſehen? Nein, Deine gränzenloſe Liebe à kann Dich verwirren, aber doch nicht bis zu einem ſolchen Grade— deſſen bin ich überzeugt: ja ich bin überzeugt, daß eben dieſes Geſtändniß meiner Schwäche Dich ſtark machen wird!“. In Georg's Worten lag ein tiefer Ernſt und daneben auch in ſeinem Tone etwas, das Elviren überzeugte, ſie würde allzu viel verlieren, wenn ſie nicht jetzt ſeine Hoff⸗ nung rechtfertigte. Die Furcht gab ihr daher den Muth zurück, den ihr die Betrübniß geraubt hatte. Still, hingebend, ohne Widerſpruch legte ſie ihre heiße Stirn an ſeine Schulter.„Ich will nicht mehr ſchwach ſein, mein Georg! Wenn ich es auch nicht ver⸗ mag, mich bis zu der Kraft zu erheben, die mir Deine Worte einfloßen ſollten, ſo will ich dennoch zeigen, daß Du Dich nicht vergebens auf das beſte Gefühl in der Bruſt eines Weibes, ihren Ehrgeiz über das Anſehen ihres Gat⸗ ten, berufen haſt. O, ich kann nicht einmal den Gedan⸗ ken leiden, daß man ſagen ſollte, Du ſäßeſt zu Hauſe und winſelteſt mit Deiner Frau, während andere Seeleute ſich rüſten, um das Meer zu furchen! Nein, mein Liebling! reiſe mit Gott— ich will vernünftig ſein, um mir meine vornehmſten Schätze erhalten zu koͤnnen: Deine Liebe und Deine Achtung!“ „Und dieſe Schätze meine theure, herrliche Elvira, haben Dir nie ſo hoch wie in dieſem Augenblicke gehört! Jetzt biſt Du eine würdige Seemannsfrau, jetzt wird ſich Dein Vater freuen, und ich kann ruhig reiſen in der Hoff⸗ nung, daß Du Dich in Acht nimmſt ſowohl um meinet⸗ als auch um unſers Kindes willen; Du haſt ihn, Deinen zweiten Georg— denke, wie viel reicher biſt Du nicht als ich: ich habe ja nur den armen Komm 1“ — „ mit eine ſtanden 7/ meinſt, einziger kein Ge⸗ — o, men G D mit de J C ſchiede Georg letzte 6 auf Schu entge des Weibes ern und zu inen Gatten einen bloßen zenloſe Liehe nem ſolchen überzeugt, Dich ſtark nd daneben zeugte, ſie ſeine Hoff⸗ den Muth ſte ſie ihre richt nie nicht ver⸗ mir Deine 8 igen, daß der Bruſt hres Gat⸗ n Gedan⸗ zauſe und eleute ſi Liuinſih nir meine Liebe und Flaßt, gehoͤrt! 8 d ſich er Hoff⸗ meinet⸗ Deinen 1 nicht 295 „Komm 2“ rief Elvira aus. Doch erröthend uͤber die Eilfertigkeit in Ton und Bewegung brach ſie plötzlich ab.“ „Du biſt wohl nicht eiferſüchtig auf Komm, meine Geliebte?“ fragte Georg lächelnd. „Nein... o nein... gewiß nicht— aber... Ach, ich bin ein Kind! Die Lebe hat mich ſehr verän⸗ dert. Doch laß uns davon nicht weiter reden... Es iſt mir als hörte ich den Vater kommen! Er ſoll ſehen, daß ich mich beherrſchen kann!“ „Willſt Du den Komm hier behalten?“ fragte Georg mit einer Zärtlichkeit, die anzeigte, daß er ſie ganz ver⸗ ſtanden hatte. „Wie gut Du biſt!... Doch ich kann ihn Dir nicht nehmen. Denn ich weiß, obgleich er Deiner Erin⸗ nerung oft ein Bild vorführt, das nicht das meinige iſt, ſo iſt dieſes Bild dennoch zu edel, als daß es dem Intereſſe Deiner Gattin ſchaden will.“ „Ja bei Gott, das bloße Bild derjenigen, die Du meinſt, iſt zu rein, als daß es zulaſſen könnte, daß ein einziger Gedanke auf einen Seitenweg geräth; auch will kein Gedanke ſich von Dir, meiner einzig Geliebten, trennen — o, ſei überzeugt, ſie werden Dich ſämmtlich mit war⸗ men Gebeten umſchweben!“ Der Commandeur⸗Capitain klopfte an.„Wie geht's mit dem Abſchiede, Kinder? Ich erwarte euch unten!“ In dem Salon waren auch Vendela und Henning. Elvira war verzweifelt, Zeugen bei dem letzten Ab⸗ ſchiede zu haben. Um ſo mehr aber fand ihr Vater, und Georg ebenfalls, die Klugheit dieſer Veranſtaltung.... Jetzt war das Reiſefrühſtück eingenommen. Nur die letzte Umarmung war noch übrig. Schon hatte ſich Georg an der Wiege ſeines Sohnes auf die Knie geworfen, die herzliche Umarmung ſeines Schwiegervaters, Henning's und Vendela's Glückwünſche entgegen genommen, und jetzt näherte er ſich ſeiner Gat⸗ 296 tin mit einer Bewegung, die ſeine ganze männliche Kraft nicht zu beherrſchen vermochte. Kaum hatte jedoch ſein Arm ſie umſchlungen, ſein Mund ihre Lippen zu dem letzten Abſchiedskuſſe berührt, als ſie erbleichte und das Bewußtſein verlor. „Laß ſie!“ flüſterte der Commandeur⸗Capitain, nahm mit ſanfter Gewalt Elvira aus den Armen ihres Gatten und legte ſie auf den Sopha.„Reiſe, mein Sohn! ſchnell! ehe ſie erwacht, und ihren Schmerz noch einmal durchle⸗ ben muß!“ Noch einmal ruhten Georg's Lippen auf ihrem Munde, ihrer Stirn, ihren Händen, die er an ſein Herz drückte. Ein Paar Augenblicke ſpäter war er gereiſ't. Monate waren vergangen. Elvira's Traurigkeit hatte ſich nicht erſchoͤpft, ſich aber zuletzt in eine ſtille Sehnſucht verwandelt, welche ſie gleichwohl nicht hinderte, das Leben um ſich her wieder friſch und froh zu empfinden. Wenn ſie auch in dem Kampfe ihrer Gefühle auf eine kurze Zeit die neuen Pflichten vergeſſen hatte, welche. ihr ietzt oblagen, ſo wurden ſie ihr doch jetzt um ſo heili⸗ ger und theurer. Und nie war ſie eine zäͤrtlichere und aufmerkſamere Tochter geweſen, als jetzt: ihres Vaters Freude und Wohlbefinden war ihre tägliche Sorge, ihr liebſtes Studium; denn wie ſehr auch er ihren Georg ver⸗ mißte, ſah ſie recht gut. Fremde Geſellſchaft aber liebte ſie nicht: in ihrem Kinde, ihrem Vater, und den Briefen ihres Georg hatte ſie alles, was ſie während ihrer Trennung von dem gelieb⸗ ten Gatten wünſchte und brauchte; und mit Ausnahme einiger mit ni thun, in die „Den wenr hinwe 8 wie? und auf ihrem ein Herz ſtt. Spft, ſich welche ſi her wieder fühle auf e, welche. ſo heili⸗ here und Vaters rge, ihr 4 Lorg ver⸗ n ihrem rg hatte gelieb⸗ snahme einiger wenigen Beſuche bei Vendela, war es ganz un⸗ möglich, ſie dahin zu bringen, ein Vergnügen außer dem Hauſe zu finden. „Wollen doch einmal ſehen, ob nicht eine kleine Reiſe der jungen Frau anſtehen ſollte!“ ſagte eines Tages der Commandeur⸗Capitain; und als Eloira gleich darauf den Namen Johannis⸗Klippe vernahm, ſo flog ſie mit einem glänzenden Blick in die Arme ihres Vaters. „dO, wie zärtlich und gut biſt Du doch, Vater! O, wie wird Dir Georg dafür danken! Dahin reiſe ich erne!“ 1 Und jetzt war Elvira lauter Leben und Thätigkeit. Doch in den Johannistagen, der Zeit, die zur Reiſe ausgeſetzt war, kam ein großes Hinderniß dazwiſchen, ein Hinderniß, das ihrem Herzen wiederum alle Freude und alles Glück raubte. Der Commandeur⸗Capitain erkrankte eben ſo plöͤtzlich als gefährlich, und bald entwickelte ſich das Uebel in einer ſchweren und anſteckenden Krankheit, die in der Gegend viele Opfer geerndtet hatte. Tag und Nacht wachte Elvira mit raſtloſer Liebe, mit nie ermüdeten Lebensgeiſtern. Sie konnte ja nie genug thun, um zu zeigen, wie dankbar ſie dafür war, daß ſie in dieſem Unglücke das Glück hatte, zu Hauſe zu ſein. „Denke, lieber Vater! denke,“ flüſterte ſie angſtvoll, „wenn ich meinen Willen erhalten hätte: wenn ich jetzt hinweg wäre— o, nie, nie hätte ich es mir verziehen!“ „„Ach, Du armes, heftiges Herz, ich weiß recht gut, wie Du Dich da geängſtigt und gepeinigt haben würdeſt; und auch ich hätte weit tiefer geſeufzt als jetzt, wenn ich gezwungen geweſen wäre, Deine liebesreichen Blicke, Deine zartliche Sorgfalt zu vermiſſen. Doch, mein geliebtes Kind! Du vergiſſeſt jetzt aller Deiner übrigen Pflichten, um Deines Vaters willen: Du mußt Dein ſelbſt ſchonen — Du kannſt ſelbſt krank werden durch Dein beſtändiges Weilen im Krankenzimmer.“ 298 Platz nicht!“ „Und wenn Du, ſo jung, ſo glücklich, ſtürbeſt— wenn Du hinweggingeſt von Deinem Gatten, Deinem Kinde?⸗ „Wenn ich das thäte, ſo fände ganz gewiß mein Kind eine andere Mutter, vielleicht verſtändiger und beſſer als ich; und mein Georg würde trauern, ja er würde ſehr, ſehr trauern! Aber ſo wie ich ſelbſt mich verabſcheuen müßte, ſo müßte auch er, der ſo gut, ſo liebevoll iſt, mich verabſcheuen, wenn ich um meiner eigenen Sicherheit wil⸗ len das Krankenlager meines Vaters verlaſſen könnte.“ Ein ſanftes und dankbares Lächeln ſchlich ſich uber die Lippen des Commandeur⸗Capitains.„Nun, ſo bleibe denn bei mir, meine liebe Tochter! ich fühle, daß es auf keinen Fall ſo lange mehr dauert... Gott hat mir viele Freude im Leben gegeben, aber ich habe auch Sorgen ge⸗ nug gehabt, ſo daß ich mit froher Bereitwilligkeit folge, wenn er mich ruft. Ueber Deine Zukunft, mein Kind, beunruhige ich mich nicht: Georg's Herz und Liebe buͤrgen mir dafür... Ich will mit einigen Zeilen Abſchied von ihm nehmen.“ Unter ſtillen Thränen küßte Elvira die Hand ihres Vaters, und blieb bis der Tod auf immer die Augen ſchloß, die noch in der letzten Secunde einen Liebesblick für ſie hatten... Herzlich hatte ſie ihren Vater geliebt; herzlich, hef⸗ tig, troſtlos war auch ihre Trauer. Und Georg war entfernt— ihre Klage erreichte nicht ſein Ohr! Doch ein treufeſtes Herz beſaß ſie noch: Ig⸗ nelius, er, der mit ihr unermüdlich die Krankenpflege ge⸗ theilt hatte, er theilte auch ihren Schmerz. Jetzt war Henning derjenige, welcher es übernahm, auf Helgenäs zu regieren, bis der junge Beſitzer zurückkehrte. gnelius hatte nichts dagegen: er war müde und alt. Und ſo intereſſirt fühlte ſich der Baron von ſeinem Amte „Und wenn auch, Vater— aber ich verlaſſe meinen eines Be daß er bisweile um ſich innern, Verbind mußten, daß er, zu flatt ſowohl zu nehr W Ausbrul niederg ſich wo Seele ron ei und ih E Gebiete Schoof ſpielte. 0 einen gelege iſt er mein ſieht! fuhr der wund Uebe kom ſund ſtürbeſt— n, Deinem A/ e buͤrgen hied von d ihres Augen besblick 2. hef⸗ enicht Jg⸗ 4 ee ge⸗ ahm, hrte. alt. mte laſſe meinen 299 eines Beſchützers und Wirthes, daß er es bisweilen vergaß, daß er nicht in ſeinem eigenen Hauſe war. Wenn er aber bisweilen an die Wirklichkeit dachte, ſo geſchah das bloß, um ſich an alle Verbindlichkeiten zur Dankbarkeit zu er⸗ innern, in welchen Georg jetzt zu ihm ſtehen mußte— Verbindlichkeiten, die ſonder Zweifel beſtändig anwachſen mußten, da man es faſt als entſchieden anſehen konnte, daß er, der es vorzog, auf ſeinen Planken über das Meer zu flattern, Henning's beabſichtigtes Anerbieten, künftig ſowohl Arelholm, als auch Helgenäs unter ſeine Obhut zu nehmen, mit Entzücken ergreifen würde. Während den erſten Monaten nach dem erſten ſtarken Ausbruch ihrer Trauer verblieb Elvira in einem äußerſt niedergeſchlagenen und muthloſen Zuſtande; und ſie würde ſich wohl noch lange nicht von dieſer Erſchlaffung der Seele erholt haben, wenn nicht zwiſchen ihr und dem Ba⸗ ron ein Streit entſtanden wäre, und ihren alten Stolz und ihre Selbſtſtändigkeit wieder hervorgerufen hätte. Eines Tages kam nämlich Ignelius zu ſeiner jungen Gebieterin, da ſie mit ihrem kleinen Sohne auf dem Schooße ſtill und traurig ſaß und mit ſeinen ſchönen Locken ſpielte. „Ach,“ ſagte der Alte, der recht gut wußte, wie er einen Gegenſtand, der ihm ſchon ſo lange auf dem Herzen gelegen und gebrannt hatte, einleiten ſollte,„wie ähnlich iſt er dem Capitain!— er iſt es ja ganz ſelbſt!“ „Ja, lieber Ignelius, ich meine wirklich auch, daß mein kleiner Georg meinem großen Georg ähnlich ſieht!“ Ein ſanftes Lächeln kräuſelte ihre Lippen.„Doch,“ fuhr ſie fort, ich glaube kaum, daß er ſo ſchoͤn wird, wie der Papa— dazu gehoͤrt aber auch viel!“ „O, das wird er ſchon werden: es wäre ſonſt auch wunderlich... Aber ſollten wir nicht an eine Art von Ueberraſchung für den Capitain denken, da er nach Hauſe kommt? Das Glück, Frau und Kind am Leben und ge⸗ ſund zu finden, übertrifft wohl alles übrige; doch wenn er 300 nach der Freude erſt Athem geſchoͤpft hat, ſo würde es ihn gewiß höchlich erfreuen, wenn Sie, gnädige Frau, trotz Ihrer großen Betrübniß an etwas gedacht hätten, das ihm angenehm iſt.“ „Mein Gott! Herr Ignelius, wie ſchön und arti war das!“ rief Elvira aus.„Ich bin entſchieden, und be⸗ reit zu allem, was ſeinen Beifall haben kann.“ „Ich weiß etwas, das ihm eine große Freude bereiten würde.. Mehr denn einmal hat er zu mir geſagt: „wenn ich etwas auf Helgenäs zu ſagen hätte, ſo ſollten beſtimmt dieſe geſegneten Steine auf dem Grunde des Meeres ruhen!“ „O, das iſt nicht moͤglich: Georg iſt nicht aber⸗ gläubig!“ „Glauben Sie denn, gnädige Frau!“(— es war ganz unmöglich, den Alten von ſeinen eingefleiſchten Gna⸗ den⸗Gewohnheiten abzubringen, ſo viele ungnädigen Blicke Elvira ihm auch für ſeinen Eigenſinn zuſchickte—)„daß ich lügen kann?“ Der Alte fragte dies mit einem ſo ernſten Tone, daß Elvira augenblicklich verſicherte, ſie wüßte, daß dies un⸗ möglich wäre, daß aber wahrſcheinlich irgend ein Irrthum obwaltete. „Die gnädige Frau werden wohl bald Gelegenheit haben, den Herrn Capitain ſelbſt über die Sache zu be⸗ fragen, und er wird dann auch erzählen koͤnnen, daß, als ihm zu verſtehen zu geben, es würde ihm wahrſcheinlich nicht ſo leicht werden, den Beifall der gnädigen Frau zu erhalten.“ „Und was antwortete er?“ „Wenn ich mich recht entſinne, antwortete er:„ſeine Braut wäre zu engelgut, als daß ſie ſich einem Wunſche widerſetzte, den er ausſpräche.“ „Und das wird ſie auch als ſeine Gattin nie thun, Zimme Einmiſe 1/ Herrn beſtimm 2 Herrn Diener die nich tig ſei weſen, brauch ſchon 7 eine ſ nes. w dieſer Inter die le gung zu a . 301 o würde es beſter Herr Ignelius, obgleich ich nicht verſtehe, wie G ädige Frau bef er Herr Ignelius, obgleich i h nich erſtehe, wie Georg icht haͤtten⸗ einen ſolchen Wunſch hegen kann!⸗ ätten,„Das glaube ich erklären zu können: Ein ſo aufge⸗ und artia klärter Mann, wie der Herr Capitain, iſt gewiß nicht en und be 4 abergläubig, aber er iſt müde, immerfort von dieſen alten 7 e unglückſeligen Kirchenſteinen reden zu hoͤren; und da er de bereit vielleicht beabſichtigt, die ganze Herrlichkeit umbauen zu ir geſa 3 laſſen, ſo will er wohl auch eine Treppe in neuem Style ſo ſolle: haben. Gewiß iſt inzwiſchen, daß es ihm ein großes Ver⸗ runde den gnügen machen würde, wenn er ſie bei ſeiner Rückkehr es nicht mehr ſähe.“ icht abe Jetzt aber trat Henning ein, der in dem angränzenden ⸗ Zimmer genug von der Unterredung gehoͤrt hatte, um ſeine es wa Einmiſchung für nothwendig zu erachten.— hen Guar„ Ich hoffe, gute Elvira, Du wirſt Dich von dem en Blicke Herrn Ignelius nicht überreden laſſen, etwas zu thun, das „)„4 1 beſtimmt nicht Georg's Ernſt ſein kann!“ „daß 4₰„Belieben denn der Herr Baron zu ſagen, was dem one, daß Herrn Capitain Anlaß geben könnte, mit einem alten dies un Diener zu ſcherzen?“ fiel Ignelius mit einer Würde ein, Irrthum die nicht erlaubte, daß Henning in dieſer Hinſicht aufrich⸗ 9 tig ſein konnte. „Hat Georg es geſagt, ſo iſt es auch ſein Ernſt ge⸗ egunhet weſen,“ erklärte Elvira;„und alſo, mein beſter Henning, ß de brauchen wir uns nicht über eine Sache zu berathen, die in letz⸗ ſchon entſchieden iſt!“ nahm„puebereile Dich nicht, liebe Elvira! Wenn Georg einlich eine ſo raſende Idee gehabt hat, wie dieſe, Helgenäs ſei⸗ 9 nes werthvollſten Ueberreſtes aus der Vorzeit zu berauben, nu zu 4 dieſer Treppe, die durch ihre myſtiſchen Traditionen das Intereſſe aller Reiſenden feſſelt, ſo ſollteſt doch wohl Du, „ſeine die letzte Tochter Deines Stammes, nicht Deine Einwilli⸗ unſche gung dazu geben!“ „Ich gebe meine Einwilligung ohne alle Einwendung thun zu allem, was mein Mann zu beſchließen für gut findet.“ 3 4 Ein ſpitziges Lächeln kräuſelte Henning's Lippen. 30² „Man kann nicht anders als entzückt ſein über Deine liebenswürdige Weiblichkeit,“ ſagte er,„beſonders da man Dich ſo lange gekannt hat, daß man weiß, wie dieſe ſchoͤne Eigenſchaft dadurch einen noch höhern Werth er⸗ hält, daß ſie erworben und nicht angeboren iſt!“ „Eben darum mache ich mir auch eine Ehre daraus, ſie meinen Freunden offen zu zeigen, indem ich überzeugt bin, ſie werden es mit Theilnahme ſehen, daß ich einen foichen Sieg über meinen ehemaligen Starrſinn gewonnen habe!“ „Wenn Du in Deiner ſchönen Bekehrung nur nicht ſo weit gehſt, daß Du ſie bis über die Grenzen der Noth⸗ wendigkeit hinaus treibſt! Vielleicht willſt Du hinſichtlich der erwähnten Frage Georgs Willen erſt von ſeinen ei⸗ genen Lippen vernehmen?“ „Nein, ich will ihn ausführen, ehe er ihn ausge⸗ ſprochen hat!“ „In dieſem Falle entſchuldigſt Du, wenn ich als Bevollmächtigter in dieſem Sterbehauſe Dir nicht ge⸗ ſtatten kann, ſo weit zu gehen; meine gnäͤdigſte Elvira, hie Treppe muß bis auf Weiteres ungerührt liegen blei⸗ en!“ Erröthend über Hennings kühnen Verſuch, den Herr⸗ ſcher zu ſpielen, erhob ſich Elvira und ſagte zu Ignelius in einem Tone, der zum erſten Male in ihrem Leben, da ſie zu ihm redete, einen unbedingten Befehl enthielt: „Jetzt gleich, innerhalb einer Stunde, ſoll die Arbeit be⸗ ginnen— das iſt mein Wille!“ Nie klang ein Befehl lieblicher in den Ohren eines Menſchen, als dieſer in denen des alten Mannes. Und noch war die Stunde nicht zur Hälfte vergangen, als ſchon zehn Arbeitsleute an der Sagentreppe verſammelt ſtanden, deren Steine jetzt endlich in dem Buſen des Meeres Ruhe fanden..„ Sollte ſich aber jetzt auch, wie der Barde gelobt harte, in den Mauern des alten Herrenſitzes eine ewige Ruhe niederlaſſen? verehrte mit ſein hatte— Verbindl nommen theure, Deinem der unſe und un meine banih ugefall mich 6 Seele täglich vira! betet d über Deine ders da man wie dieſe Werth er⸗ gewonnen nur nicht der Noth⸗ inſichtlich einen ei⸗ gnelius en, da thielt: Lit be⸗ Seit dieſem Tage ließ Henning die Hoffnung fahren, auf ſeine ſchoͤne Verwandte einwirken zu koͤnnen. Und obgleich ſein zu weit getriebener Eifer nie wieder erwähnt wurde, ließ Elvira ihn doch unzweideutig verſtehen, daß ſie nur die Macht der Liebe erkannte, und daß ſie, wenn ihr Gatte nicht daheim wäre, wohl im Nothfall ſelbſt auf Helgenäs regieren koͤnnte. Im Auguſt erhielt Elvira Antwort auf den Brief, in welchem Georg von dem Tode ſeines Schwiegervaters benachrichtigt worden war. Nachdem Georg darüber Alles geſchrieben hatte, was ſein reiches, warmes Herz Troſt⸗ reiches erfinden konnte, nachdem er ſeinen eigenen Schmerz über den Verluſt dieſes ſeines zweiten, ſo geliebten und verehrten Vaters ergoſſen hatte— eines Vaters, der ihn mit ſeiner Liebe von dem Anfange ſeiner Bahn umfaßt hatte— ſchloß er ſeinen Brief folgender Maßen: „Wenn nicht meine Ehre dadurch litte, daß ich die Verbindlichkeiten bräche, die ich für dieſen Sommer über⸗ nommen habe, ſo eilte ich augenblicklich zu Dir, meine theure, geliebte Elvira! aber ich bin überzeugt, Du wirſt Deinem Georg glauben, wenn er Dir die Verſicherung gibt, daß es ſich nicht thun läßt, und Du glaubſt ihm auch, wenn er ſagt, daß ihm dies vollkommen eben ſo ſchwer wird, wie Dir! „Aber Alles, was in menſchlicher Macht ſteht, meine Geſchäfte zu beeilen, das werde ich thun, um deſto eher der unſäglichen, der himmliſchen Freude zu genießen, Dich und unſern Sohn— Deinen und meinen Sohn— in meine Arme zu ſchließen! Gott allein weiß es, wie dankbar mein Herz für das reiche Loos ſchlägt, das mir zugefallen iſt; er weiß es auch, wie feſt mein Vorſatz iſt, mich Deiner würdig zu machen, Deiner, zu der meine Seele ſtets zurückkehrt, Deiner, für die meine Gebete täglich brennen. Elvira, meine theure, meine geliebte El⸗ viral kein Weib iſt jemals von ihrem Gatten ſo ange⸗ betet worden, wie Du! Aber welches Weib war wohl 304 auch je der Anbetung ſo würdig? Wenn Du wüſtef, meinen ſtillen Liebesträumen in der einſamen Cajüte oder bei meinen nächtlichen Wanderungen über das Verdeck, da die Brigg über die rauſchenden Wogen einherfliegt— o, überall ſehe ich Dich, beim Lichte der Sonne, im Schimmer des Mondes, im Sturm, in der Windſillle, ja bisweilen iſt es mir ſogar, als tanzte Dein Bild auf dem ſchäumenden Kielwaſſer hinter dem Schiffe.... Du ſchöner Engel, meines Lebens Engel, mein Leben, meine Seele! Wir— Du und ich— wiſſen, was Liebe iſt! „Dein Vater ſegnete in mir einen Sohn— o wie wohl thaten dieſe Worte— der nie ſein Vertrauen hin⸗ ſichtlich des theuren Schatzes, den er meiner Pflege hinter⸗ läßt, täuſchen würde. In dieſem Glauben ſtarb er ruhig; und er hat ſchon mein Gelübde entgegengenommen, daß ich von meiner ganzen Seele mich beſtreben werde, ſeinem edlen Vertrauen zu entſprechen. Und habe ich nicht die Hoffnung, meine Elvira, daß ich dieſes heilige Gelübde halten kann? Ja; denn ſo wie Deine Liebe mein höchſtes Erdenglück iſt, ſo iſt auch meine Liebe Deine Welt; und in ihr kannſt Du leben und Dich bewegen, ohne zu fürchten, daß je die Grenzen Deines kleinen Reiches ge⸗ ſchmälert werden. „In meiner Einbildung knie ich vor Dir, Du kleine bezaubernde Regentin, und frage: haſt Du an das Wie⸗ derſehen, an unſere erſte Umarmung gedacht?— o, wel⸗ che Umarmung, welche Umarmung!“ Elvira's Freudenthränen ſtrömten auf dieſen Brief und ihre Lippen flüſterten:„welche Umarmung!“ .„... 1 Der Herbſt kam herbei. Vor dem Ende des Oktobers oder Anfange des No⸗ vembers konnte ſie ihren Georg nicht zu Hauſe erwarten. —— — —— Sie war wie ſchön Dein Bild iſt, da Du mich beſuchſt, ſei es in Ritter, ſtanden, von dem eine and i Helgenäs Enkel, kann. Georg d Vater hi neuen, w nehm wi Verſuch Ig Herrin wollte, Geſundt ſagte: geweſen letzten zu ſitze ich ble herzlich Wunſe doch. verſpr Klipr ; nmen, daß rde, ſeinem h nicht die ſe Gelübde in höchſtes ine Welt; ohne zu eiches ge⸗ Du kleine das Wie⸗ o, wel⸗ n Brief ... es N o⸗ varten. Du wüßteſt, chſt, ſei es in 6 — * Sie waren einig geworden, ſich in Göteborg zu treffen, wo das Schiff überwintern ſollte. Als aber die ergilbten Blätter auf die ſteinernen Ritter, die ſo düſter zu beiden Seiten der neuen Treppe ſtanden, herabzuregnen begannen, ſo wurde Elvira mächtig von dem Gedanken erfaßt, ſie könnte ihrem Gatten noch eine andere, eine angenehmere Ueberraſchung bereiten. Sie benachrichtigte nun Ignelius, daß ſie jetzt die im Sommer ſo ſchmerzhaft unterbrochene Reiſe nach der Johannis⸗Klippe zu machen gedächte, um mit der ganzen Kraft ihrer kleinen Beredſamkeit den Einſiedler zu über⸗ reden, mit ihr zurückzukehren.„Jetzt,“ ſagte ſie,„da er weiß, daß nur wir drei, mein Georg, ich und der alte Ignelius, hier ſind, ſo glaube ich, er ſollte wohl ſein Helgenäs wieder ſehen wollen, ſo wie auch ſeinen kleinen Enkel, den ich nun im ſpäten Herbſt nicht mitnehmen kann. Sollte es mir aber auch nicht gelingen, meinem Georg die unerhoͤrte Freude zu bereiten, daß er ſeinen Vater hier trifft, ſo kann ich ihn doch wenigſtens mit neuen, warmen Grüßen erfreuen, und wie lieb und ange⸗ nehm wird es ihm nicht ſein, daß ich wenigſtens den Verſuch gemacht habe.“ Ignelius, der aus Erfahrung wußte, daß ſeine junge Herrin nie einen Rath annahm, wo ſie nur Beifall haben wollte, machte nur einige Einwendungen rückſichtlich der Geſundheit, der Jahreszeit und ſo weiter. Als ſie aber ſagte:„Ich bin ja jetzt ſo geſund, daß ich nie ſtärker geweſen bin, und iſt es nicht überdies beſſer, während des letzten Monates in Thätigkeit zu ſein, als hier zu Hauſe zu ſitzen und von Unruhe und Sehnſucht zu leiden, ſo daß ich bleich und häßlich bin, da er kommt,“ da, obgleich er herzlich wünſchte, dieſe Reiſe abwenden zu koͤnnen— ein Wunſch, zu welchem er ſeine Gründe hatte— mußte er doch einſtimmen. Gleichwohl bat er, Elvira ſollte ihm verſprechen, nicht über eine Woche auf der Johannis⸗ Klippe zu verweilen, und um Alles in der Welt nicht Der Einſiedler ꝛc. II. 20 306 gleich nach Goͤteborg zu reiſen,„denn da,“ ſagte der Alte unruhig und mit beweglicher Miene,„würde der Kleine, allzuſehr leiden müſſen.“ väterlich „Fürchten Sie es nicht, theurer alter Freund, daß Hauſe la ich im Stande ſein ſollte, ſo lange von meinem kleinen noch ein Abgotte entfernt zu bleiben! Heute haben wir den letzten dem Alt September, den zwölften oder dreizehnten Oktober bin ich Welt ke wieder hier, und ich reiſe beſtimmt nicht vor dem neun⸗ Georg undzwanzigſten nach Göteborg— dort allein zu ſein und zu warten, wäre ſchrecklicher als alles andere!“ Und jetzt folgte ſogleich Handlung auf den Entſchluß. Ueberzer η Eine arme Wittwe, die bei Elvira's Hochzeit als Haus⸗ vergötte frau nach Helgenäs gekommen war, erhielt das große Tage, Vertrauen, über den kleinen Georg, den ſie ſchon ſeit ſeie Georg ner Geburt mit Elviren gemeinſam gewartet hatte, die- niß, u mütterliche Aufſicht zu haben; und ohne daß Henning wieder und Vendela ein einziges Wort von ihrer Abſicht erfahren!. mer d hatten, ſetzte ſich Elvira in den Wagen. ſeinen Als aber Ignelius eben die Thür zumachen wollte, Liebe kam eine ſo heftige Bewegung über ſie, daß der Alte ver⸗ wich, wundert zu ihr empor blickte: ihre Wange war erbleicht, in den ein eiskalter Schauder durchbebte ihre Glieder. Sie ſprang 1 noch einmal aus dem Wagen und hinauf in das Zimmer cheln. ihres Kindes, riß den Knaben aus den Armen ſeiner Menſe Wärterin an ihre Bruſt, überhäufte ihn mit Küſſen und 1 Thränen, und legte alle Zeichen nicht nur der natürlichen kindiſ Betrübniß einer Mutter, die ſich von ihrem Kinde trennt, zurue ſondern auch einer wirklichen Verzweiflung, einer angſt⸗ an d vollen, bebenden, troſtloſen Verzweiflung, an den Tag. „In Gottes Namen, das geht nimmermehr!“ ſagte e da. der Alte mit wirklich väterlicher Stimme.„Ich laſſe wieder abſpannen!“ „Nein, Ignelius! ich muß reiſen, und wenn es auch arm mein Leben koſtete.... Jetzt iſt es beſſer; es war nur jetzt der Schmerz, mich von meinem Kinde zu trennen, das lich mich ſo erſchütterte.“ Lan ſe der Kleine — = 2 = 7 die daß Henning ſicht erfahren achen wollte, der Alte ver⸗ var erbleicht Sie ſprang das Zimmer rmen ſeiner Küſſen und natürlichen inde trennt, einer angſt⸗ n Tag. hr! ſagte.. „Ich laſſe in es auch war nur nnen, das ſagte der Alte Und wiederum ſtieg ſie in den Wagen. „Adieu, Herr Ignelius! leben Sie wohl, alter, treuer, väterlicher Freund! Warten Sie den Schatz, den ich zu Hauſe laſſe: er iſt ein Theil meines Selbſts.... Halt noch einen Augenblick!“— ſie beugte ſich erroͤthend zu dem Alten hinab...„iſt es nicht wahr, daß es in der Welt kein ſo glückliches Paar mehr gibt, wie meinen Georg und mich... glauben Sie wohl, Herr Ignelius, daß je eine Frau ſo geliebt worden iſt 2 „Geliebt?“ entgegnete der Alte mit der wärmſten Ueberzeugung in Ton und Blick.„Sagen Sie angebetet, vergöttert!... Ich entſinne mich noch recht gut der Tage, da die gnädige Frau nach der Geburt des kleinen Georg ſo krank waren! Nie ſah ich eine ſolche Betrüb⸗ niß, und Gott bewahre mich in Gnaden, ſie noch einmal wieder zu ſehen: in dem kleinen Cabinete neben dem Zim⸗ mer der gnädigen Frau lag der Capitain oftmals auf ſeinen Knien und betete; und als dann um ſeiner großen Liebe und ſeiner vielen warmen Gebete willen die Gefahr wich, da war er ſo froh wie ein Menſch, der leibhaftig in den Himmel gekommen iſt!“ „Dank, Dank!“ ſagte Elvira mit entzückendem Lä⸗ cheln.„Ich bin allzu kindiſch— aber das weiß ja kein Menſch, als nur Er und der liebe treue Ignelius.“ „Und vor dieſen Beiden kann die gnädige Frau ſo kindiſch ſein, wie ſie will und beliebt! Kommen Sie nur zurück mit Freude und in guter Laune, und denken Sie an den Winter, der da kommen wird!“ „Und an den Sommer, der darauf folgt, denn da, da... Leben Sie wohl, Herr Ignelius! Adieu! Adieu l“ Und der Wagen rollte dahin. „Nimmermehr war es richtig mit ihr, dem lieben, armen Kinde!“ murmelte der Alte; als aber ſein Blick jetzt auf die neue Treppe fiel, ſo erhellten ſich augenblick⸗ lich ſeine Züge.„O, es war nur eine von ihren kleinen Launen, jetzt wohnt Gottlob der Friede auf Helgenäs!“ 308 Achtzehntes Kapitel. Elvira hatte das Glück gehabt, den Vater ihres Georg geſund und bei guter Laune anzutreffen, und mit der innigſten Befriedigung hatte ſie die große, unverſtellte Freude geſehen, die ihre Ankunft ihm bereitete, eine Freude, die ſo tief und beredt war, daß ſie ihr vollkommen ihre Reiſe erſetzte, wenn auch ihr zweiter Zweck nicht erreicht werden ſollte. Jetzt plauderten ſie mit einander bei dem vertrauli⸗ chen Abendfeuer. Elvira klagte ihre Trauer über den Hingang des geliebten Vaters, und wie leer es jetzt auf Helgenäs wäre. „Wenn Du Deinen Mann zu Hauſe haſt, mein Kind, ſo wird es wohl beſſer werden, obgleich ich weiß, daß der alte Platz nicht wieder gefüllt werden kann.“ „Nein, das iſt unmöglich, ſofern nicht der Vater meines Georg ſeinen Kindern die erſehnte, die unſägliche Freude ſchenken und zu ihnen kommen will! Ach guter, geliebter Vater! gieb mir die Gelegenheit, Georg eine ſo unerwartete Freude zu bereiten: komm mit mir!“ „Theure, geliebte Tochter! Georg hat Urſache ſtolz und dankbar zu ſein, daß er eine ſolche Gattin beſitzt— und ſeine Briefe an mich beweiſen es auch ganz klar und deutlich, daß er es iſt! doch laß den Alten in ſeiner Hei⸗ math bleiben, mein Kind! bitte mich nicht: denn Deine Augen könnten ſogar mich verführen, der ich doch eigent⸗ lich nichts mehr auf mich einwirken laſſen ſollte..... Sieh, meine Tochter! mit großer Mühe und erſt nach langen Jahren und manchem harten Kampfe habe ich mir endlich die Ruhe erworben, die ich jetzt mein nenne. Wollteſt Du wohl, daß ein Greis, der jetzt betend ſeine Blicke gen Himmel richtet, ſich wieder mitten in den Wir⸗ bel aller bloß, u G Aufen denn gleich gekon vereiſ Göte ſeine 2 Han ſtens ter dief dig 3 Vater ihres ſen, und mit lem vertrauli⸗ er über den tes jetzt auf mein Kind, eiß, daß der A t der Vater ie unſägliche 1 Ach guter, Georg eine mir!“ irſache ſtolz 1 beſitzt— 3 klar und ſeiner Hei⸗ eenn Deine och eigent. lte i4 — .. erſt nach e ich mir in nenne. tend ſeine den Wir⸗ bel aller ſeiner begrabenen Erinnerungen ſtürzte, und das bloß, um Dir ein vielleicht bald bereuetes Vergnügen zu ſchenken? Wer ſagt, wer verſpricht mir, daß ich je wieder den ruhigen Weg finde, auf welchem ich jetzt wandre? O, mein Kind! Du winſcheſt ja nicht, Deinem Georg um dieſen Preis das Glück von einigen Augenblicken zu erkaufen?“ „Nein, mein theurer Vater!“ erwiederte Elvira leiſe, „ich wünſche es nicht mehr.“ „Und Du ſollſt auch nicht länger glauben, daß ich in meiner Einſamkeit leide: ſei überzeugt, ich liebe ſie ſo ſehr, daß ſogar Deine und Georg's Geſellſchaft mich drü⸗ cken würde, wenn ich ſie ſtets genießen könnte... Nein, ſo wie es jetzt iſt, fühle ich mich am glücklichſten. Ihr ſeht Euch bisweilen nach Eurem alten Vater um; da⸗ zwiſchen habe ich Eure Briefe.. und im nächſten Früh⸗ linge, ehe Ihr reiſet, kommt Ihr und zeigt mir meinen kleinen Enkel— denn nach ihm ſehne ich mich.“ „Und er ſoll kommen, um den Segen ſeines Groß⸗ vaters entgegen zu nehmen”“......... Elvira hatte nicht die Abſicht gehabt, während ihres Aufenthaltes auf der Johannis⸗Klippe Strand zu beſuchen, denn oft hatte ſie es bereut, daß ſie im vorigen Jahre gleichſam um mit ihrem Glücke zu prahlen, nach Strand gekommen war. Bald erfuhr ſie auch noch, daß Fanny vereiſ't war: Carolus, der gerade in dieſen Tagen von Göteborg zurückkehrte, erzählte, daß ſie dort an dem Tage ſeiner Abreiſe eingetroffen wäre, und daß ſie für ihren Handel ſo viele Geſchäfte daſelbſt hätte, daß man ſie früh⸗ ſtens erſt um vierzehn Tage erwarten dürfte. „Und wie iſt jetzt ihre Laune, ihr Leben, lieber Va⸗ ter?“ fragte Elvira mit einem leiſen Seußzer. „Ihre Laune hat jetzt wie immer dieſe Gleichmäßigkeit, dieſe einnehmende Sanftmuth, die ſie ſtets ſo liebenswür⸗ dig gemacht haben; doch von der alten, kindlich liebenden Froͤhlichkeit iſt keine Spur mehr vorhanden. Ihr Leben iſt übrigens eine ununterbrochene Thätigkeit.“ „Und es verlautet nichts von...“ „Von einer neuen Liebe meinſt Du— nein, davon hoͤrt man nichts. Dagegen hat man mir erzählt, Holmér hat von Neuem das Unglück gehabt, daß ihm ein Schwie⸗ gerſohn aus den Händen gegangen iſt: ein reicher Kauf⸗ mann aus Göteborg iſt während des letzten Winters und dieſes Sommers oft zu Strand geweſen; doch jetzt haben die Reiſen aufgehört: Fanny zieht ihr jetziges Leben vor.“ „So lange ſie das thut, hat ſie auch Georg nicht vergeſſen— aber wie wäre das auch moͤglich!“ Und El⸗ vira ſeufzte noch tiefer. „Vielleicht hat ſie ihn nicht vergeſſen, mein Kind; doch meine Ueberzeugung iſt, ſie hegt jetzt für ihn nicht mehr die Gefühle, die ſie einſt belebten“..... Die Woche, welche für Elvira's Aufenthalt auf der Johannis⸗Klippe beſtimmt war, nahte ſich ihrem Ende, und oft begegneten ſich die warmen Seufzer des Einſied⸗ lers und ſeiner jungen Schwiegertochter bei dem Gedanken an die baldige Trennung. Doch oft kam Carolus und ermunterte ſie durch ſeinen gutmüthigen Scherz und feſ⸗ ſelte Evira's Aufmerkſamkeit ganz ausſchließlich mit ſeinen Erzählungen von Georg's Knabenjahren, da ſie beide noch mit einander auf dem Freiſegler fuhren. In den letzten Tagen hatte es unaufhörlich geſtürmt; oft lag Elvira des Nachts ganze Stunden wach und lauſchte, wie der Donner der Brandungen ſich in die ſchwe⸗ ren Seufzer des Windes miſchte. „Mein Gott!“ dachte ſie,„wie unheimlich iſt es doch auf dieſer Klippe!“ Und ihre Einbildung eilte zurück in die Zeit, da die arme, bleiche Nicoline dort an dieſem Fenſter ſaß: wie oft hatte wohl nicht ihr Herz gezittert, wie oft war wohl nicht ihr Auge feucht geweſen! Elvira ſchauderte vor den Qualen, die Nicoline empfunden hatte vwaren? * N A 2 —— — — mer dend 4 durch ſchar Fenſ 1 Gr nein„ davon lählt, Holmér , ein Schwie⸗ eicher Kauf⸗ Winters und jetzt haben Leben vor.“ Georg nicht 1 Und El⸗ mein Kind; kür ihn nicht halt auf der hrem Ende, des Ein ſied⸗ n Gedanken arolus und 1z und feſ⸗ mit ſeinen beide noch geſtürmt; wach und die ſchwe⸗ ſt es do 1 zurück un dieſem gezittert, Elbvira den hatte Ihr Leben.. aach, wußte ſie wohl, welche ihr ſelbſt beſtimmt 311 waren? In der Nacht vom zehnten auf den elften October wüthete an der Küſte von Bohuslän einer der ſchrecklich⸗ ſten Stürme, die dort je erlebt worden ſind. Während der Minuten peinigender Erwartung desje⸗ nigen, der auf das dumpfe Schweigen in dieſen Zwiſchen⸗ räumen lauſchte, konnte man ſagen, der Gott des Sturmes hielt den Athem an, um im nächſten Augenblicke mit einer Wuth, welche die Klippen aus ihren Grundfeſten zu reißen droht, die ganze unermeßliche Kraft auszublaſen, die ſeine Lungen ſchwellte. Das Meer hatte ſich getheilt und erhob ſich in gro⸗ ßen Maſſen. Es waren die Waſſer⸗Titanen, die in wilder Wuth gegen den Orkan in den Kampf zogen. Und über das Schlachtfeld ſpannte die Nacht ihre düſterſte Fahne aus. „Mein Gott, mein Gott!“ ſeufzte Elvira, indem ſie ſich von ihrem Lager erhob, wo ſie den Schlaf vergeblich geſucht hatte,„nie hörte ich einen ſolchen Sturm!“ Sie wollte reden, ſie wollte Letsler in dem angränzenden Zim⸗ mer zurufen, aber in dieſem Augenblicke kam ein ſo ſchnei⸗ dend ſcharfer, ſo laut klagender Sturmwind daher, daß er durch das Zimmer und durch die Seele ſchnitt. Elvira ſchauderte und zitterte; das ganze Haus— die raſſelnden Fenſterladen, Fenſter und Thüren gar nicht zu erwähnen — zitterte. Die Klippe ſelbſt ſchien in ihrem innerſten Grunde erſchüttert zu werden und zu zittern. „Nein! das halte ich nimmermehr aus!. O, wenn mein Georg jetzt draußen iſt!.. Doch, gedankt und ge⸗ lobt ſei Gott! er iſt wenigſtens nicht hier an dieſer Küſte!“ Und zum erſten Male in ihrem Leben dankte ſie Gott, daß die Zeit der Ankunft ihres Gatten erſt ein Paar Wochen ſpäter eintreffen konnte. Dem erleichternden Seufzer aus Elvira's Bruſt ant⸗ wortete ein ſchwerer und tiefer Athemzug in Letsler's Zimmer. Letsler hatte einen Kummer, von welchem El⸗ vira nicht träumte: er wußte, daß Georg beſtimmt an der Küſte war, denn Georg hatte ſowohl an ſeinen Vater, als auch an den alten Ignelius geſchrieben, er hoffte ſicher zu Anfang oder ſpäteſtens gegen die Mitte des Octobers zu Hauſe zu ſein; da aber dieſes für die geliebte Gattin eine Ueberraſchung ſein ſollte, ſo hatte ſie in dem Glauben bleiben müſſen, ſie würden ſich zu Ende dieſes Monates oder zu Anfang des November in Göteborg treffen. „Wo,“ dachte Elvira, indem ſie den Kopf mit der Hand ſtützend da ſaß und hin und her wiegte,„wo find wohl ſolche Leiden zu finden, wie die Frau eines See⸗ mannes ſie ertragen muß? Nie, nein, nie mehr bleibe ich zu Hauſe— er ſoll mich nicht dahin bringen!... O, wenn er dennoch in der Nähe wäre!.. Ach, kann nicht der Sturm auch dort wüthen, wo er jetzt iſt?“ Ihre Unruhe wuchs. Es war ihr unmoͤglich, länger im Bette und in dem Zimmer zu bleiben: ſie warf ein Kleid über ſich, ſteckte die kleinen Füße in ein Paar Pan⸗ toffeln und trat ſo mit dem angezündeten Lichte in der Hand bei Letsler ein, welcher ganz unvorbereitet auf die⸗ ſen Beſuch und fürchtend, er möchte in dem erſten Augen⸗ blicke ſich nicht genug beherrſchen können, um ſeine Um ruhe zu verbergen, es für das beſte hielt, ſich anzuſtelle, als ob er ſchliefe. Elvira trat leiſe an das Bett und beleuchtete ihn. Sie erſchrak; ſie hätte beinahe laut aufgeſchrien: nie hatte ſie zwiſchen Vater und Sohn eine ſolche Aehnlichkeit be⸗ merkt, wie jetzt, da Letsler ſchlief: ſie meinte ihren Georg auf dem Todesbette zu ſehen, denn dieſe Züge waren ja allzu bleich, um dem Leben angehören zu können. Und ihre heißen Thränen, hervorgelockt von dem bloßen Ge⸗ danken an etwas ſo Schreckliches, ſielen auf Letsler's Geſicht. 9„ effen. ich, länger warf ein Paar Pan⸗ te in der t auf die⸗ en Augen⸗ ſeine Unm zzuſtellen, ttete ihn. nie hatte hkeit be⸗ en Georg varen ja n. Und en Ge⸗ Letsler's pf mit der 3„wo find eines See⸗ 9„ 313 Er ſteltts ſich, als erwachte er und fragte mit Un⸗ ruhe:„Kamiſt Du nicht ſchlafen, mein Kind?“ „Nein, Vater— aber vergib mir, daß ich ſo komme und ſtöre! Obgleich ich weiß, daß mein Georg noch nicht in dieſen Fahrwaſſern ſein kann, ſo bin ich dennoch in der fürchterlichſten Angſt... O, es find ja ſo viele andere Segler in dieſer ſchrecklichen Nacht draußen. Denke, wie manche Gattin ſitzt wohl jetzt und wacht und betet— und ich, die ich weiß, was ihre Qual bedeutet, ich will mit ihnen wachen und beten!“ „Du biſt ſo leicht beunruhigt, mein Kind! Da Du aber nicht ſchlafen kannſt, ſo ſetze Dich hier zu mir und laß uns ein wenig plaudern!.. Denke an das Ende die⸗ ſes Monates: da kommt die Freude und färbt Deine Wange mit andern Roſen, als jetzt dort ſitzen. Aber Du darfſt nicht allzu ungeduldig werden, wenn er einige Tage über den erſten November verzieht— dergleichen kann ein Seemann nicht ſo genau beſtimmen.“ „Er hat auch die Zeit nicht näher ausgeſetzt, und ich muß alſo hierauf gefaßt ſein. Aber am letzten Octo⸗ ber will ich beſtimmt in Goͤteborg ſein: er hat mich in dem letzten Briefe ausdrücklich gebeten, nicht eher zu reiſen.“ Letsler nickte. Er wußte ja allzu gut, was dieſe Bitte ſeines Sohnes bezweckte: nämlich nur die Geliebte bei Ruhe und bei Muth zu erhalten, bis er, ehe ſie ſich noch zur Reiſe gerüſtet hatte, ſie längſt in ihrer eigenen Heimath umarmt hätte. Und jetzt richtete Letsler ſeine Blicke auf die große Uhr, die über der Thür hing. Es war gegen vier Uhr. „Noch drei Stunden bis es Tag wird!“ ſeufzte El⸗ bhra.„Ht man wohl ſchon je einen ſolchen Sturm er⸗ ebt?“ „Sehr oft, mein Kind... Aber Du frierſt! Klopfe bei Niſſe an, ſo kommt er heraus und heizt ein und kocht Dir Kaffee; denn willſt Du aufbleiben, ſo mußt Du auch etwas haben, womit Du Dich erwärmen kannſt.“ 314 wirkliche Erleichterung bei dem Gedanken an ein wärmen⸗ des Feuer und bei der Hoffnung, nicht länger allein zu ſein. „Lieber Niſſe, erwache und komme mit Feuer!“ „Sogleich, liebe Frau! ich ſchlafe nicht.... Das Feuer flammte; der Kaffee dampfte in den Taſ⸗ ſen; Elvira fühlte ſich beſſer zu Muthe. Aber als ſie ſah, wie ungewöhnlich bleich Letsler's Antlitz noch immer war, wie in der Ruhe, die er zeigte, gleichſam ein Bemühen lag, ſo wurde von Neuem die Unruhe in ihrer Bruſt rege, und eine Ahnung gleich der Wahrheit, wollte ſich hervor⸗ drängen und Luft haben. „Vater!“ rief ſie heftig aus und ergriff Letsler's beide Hände,„eine unerträgliche Furcht kommt über mich — Du kennſt wohl nichts, das ich nicht weiß?“ „Ich, mein Kind?— was ſollte ich kennen 2... was meinſt Du?“ „O, ich weiß es ſelbſt nicht— aber wenn er den⸗ noch näher wäre als ich glaube: wenn er die Abſicht ge⸗ habt hätte, mir eine große, eine unerhöͤrte Freude zu be⸗ reiten!..Zeige mir ſeinen letzten Brief!“ „Seinen letzten Brief haſt Du ja geſehen!“ „Ja, aber wenn ich beſſer nachdenke, ſo meine ich, es iſt faſt unmöglich, daß Du keinen Brief im September erhalten haben ſollteſt!“ Für Letsler war es die hoͤchſte Pein, ſeine Zuflucht zu einer Unwahrheit zu nehmen; doch er war gezwungen, Elvira's Ruhe die Wahrheit zu opfern. Hätte ſie dieſen letzten Brief geſehen, geſehen, daß ihr Georg nach aller Berechnung nicht weit entfernt ſein konnte, ſofern er nicht gerade in dieſen Tagen zu Göteborg eingetroffen war, ſo wäre ſie ganz von Sinnen gekommen. Dieſe Vorſtellung konnte er nicht ertragen, und daher lag eine ehrfurchtge⸗ bietende und zuverläſſige Beſtimmtheit in dem Tone, wo⸗ mit er antwortete:„dort hängt der Schlüſſel, mein Kind! — wenn Du meinen Worten nicht glaubſt, ſo kannſt Du Elvira war ſehr bereitwillig hiezu: ſie fühlte eine fühlte eine in wärmen⸗ n den Taſ⸗ als ſie ſah, nmer war, — Bemühen Bruſt rege ch hervor⸗ Letsler's über mich nen?. * er den⸗ gficht ge de zu be⸗ eine ich, ptember Zuflucht bungen, dieſen S aller nicht ar, ſo ellung chtge⸗ wo⸗ dind! Du 315 ſelbſt nachſehen, ob Du in meinem Schreibepulte einen an⸗ dern Brief ſindeſt!“ „Vergib mir, Vater!“ bat Elvira mit lieblicher Er⸗ gebenheit.„Ich will es verſuchen, ruhig zu ſein... Aber ich ſehne mich dennoch nach dem Morgen: ich will das empörte Meer beim Tageslichte ſehen!“ Und ſie bekam es beim Tageslichte zu ſehen! Die Uhr war bis gegen ſechs vorgeſchritten, als plöͤtz⸗ lich der Laut einer andern Stimme als des Sturmes die Schrecken des Morgens vermehrte: es war die Stimme einer Kanone, welche das ſchallende Zeichen gab, daß Hülfe nöthig war. „Großer Gott! was war das? O, ich verſtehe!“ — das junge todtenbleiche Weib faltete ihre Hände— „es iſt jemand in Noth! Gehen Lootſen hinaus, mein Vater?“ „Ganz gewiß. Sie kennen ihre Pflicht und verſäu⸗ men ſie nie, wenn es innerhalb des menſchlichen Vermö⸗ gens liegt, ſie zu erfüllen.“ Einige ſchreckliche Minuten verfloſſen. Da erſcholl noch ein Schuß von der See her. „Ich will hinauf auf die Höhe, Vater!— ich muß nothwendig wiſſen, ob noch nichts zu ſehen iſt!“ „Das iſt unmoͤglich, mein Kind: wir haben ja noch keine Dämmerung.“ Und Niſſe, der in dieſem Augenblicke mit einem Ge⸗ ſichte heraustrat, auf welchem alles zu leſen ſtand, was er litt, weil er wußte, daß jemand in Gefahr war, ver⸗ ſicherte, es ſei nicht werth, daß die junge Frau verſuchte, da er mit ſeinen geübten Augen nichts entdecken koͤnnte. Noch dazu würde der Sturm ihr das Stehen gar nicht erlauben. Doch Elvira war nicht zu halten. Sie kleidete ſich in aller Eile, aber doch warm und ordentlich in Pelz und Ueberſchuhen, und indem ſie ihren Arm um den Hals des Alten ſchlug, ſagte ſie bittend:„Lieber Vater, ſieh mich 316 nicht ſo unruhig an! Ich betheuere, es iſt mir unmög⸗ lich, hier zu bleiben, und ſei überzeugt, daß ich ſtehen werde— ich bin doch wohl kein gebrechliches Rohr!“ „Du biſt allzu eigenſinnig, meine Tochter! Höre meine Bitte, ich beſchwoͤre Dich!“ „Nein, mein Vater, jetzt kann ich nur ungehorſam ſein! Ich fühle eine Unruhe in meinem Herzen, die mich hinaustreibt!“ Ihre Lippen berührten Letsler's Stirn. Darauf ver⸗ ſchwand ſie ſchnell wie der Wind und wurde faſt auf den Fittigen deſſelben die Klüfte hinaufgetragen, bis ſie den Abſatz unterhalb der höchſten Spitze erreicht hatte. Hier ſetzte ſie ſich neben den ſchützenden Wehr eines Felſenvor⸗ ſprunges. Sie ſtrengte jetzt ihre Augen an, um die Morgen⸗ dämmerung zu durchdringen. Doch vergebens: anfänglich erſchienen Himmel, Meer, Berge und Felſen noch in einer ungeordneten, gemiſchten Maſſe, nur von dem weißen, wälzenden Schaume der Brandungen beleuchtet.— Elvira verlor aber nicht den Muth, auch ermüdete ſie nicht, zu warten, und als Niſſe mit der freundlichſten Bitte ihres Schwiegervaters, ſie mochte zurückkehren, vor ihr ſtand, ſo ließ ſie ihn herzlich grüßen und erſuchen, er moͤchte nicht oͤfter ſchicken, denn unmöglich bekäme jemand ſie von dort hinweg, ehe der Morgen käme. Endlich brach der Tag an. Und nun erſchienen die Nebel, welche während der Nacht die Feſte des Himmels bedeckt hatten, gleich zer⸗ riſſenen, in der Luft hangenden und flatternden Lappen. Die Ausſicht war frei, aber dennoch konnte Pbira nichts entdecken, als einen weiten dunklen Rachen, uber den der Orkan daher brauſte. Vergebens folgte das Auge dem ſchwarzen Rande am Horizont, vergebens durchſpähte ſie das Meer in allen Richtungen: ſie konnte keinen Segler entdecken. „O!“ dachte ſie unter tiefen, herzzerreißenden Seuf⸗ zern, Lootſe l Welches mein wüßte! = d daß Dr ten wa z9 en ga J Stimn G und ſe ſchüſſe waren als vo 4 3 eilfert liche: Sie l gehen Danf ſteht Car⸗ ſten mir unmöͤg⸗ 3 ich ſt Rohr Pehan ter! Hoͤre ungehorſam derzen, die arauf ver⸗ ſt auf den is ſie den te. Hier Felſenvor⸗ Morgen⸗ nfänglich in einer weißen, ermüdete dlichſten en, vor hen, er jemand nd der h zer⸗ appen. nichts en der dem te ſie hegler Seuf⸗ 31¹7 zern,„kann er ſchon untergegangen ſein— hat ſich kein Lootſe hinausgewagt, um ihm den Weg zu zeigen 2... Welches Leben iſt das Seemannsleben! Mein Georg, mein Georg! wo biſt Du jetzt? Gott, wenn ich das wüßte! Ach, wie geduldig wollte ich ſein, ja ich wollte den ganzen langen Winter warten, wenn ich nur wüßte, daß Du außer Gefahr wäreſt!“ Und ihre Gebete ſchweb⸗ ten warm aus der glühenden Seele zum Himmel empor. Jetzt glaubte ſie durch den Sturm ganz in ihrer Nähe Stimmen zu vernehmen. Und ſie täuſchte ſich nicht. Es war Carolus mit dem Tubus unter dem Arme und ſein Bootsmann Stonge⸗Jan, welche durch die Noth⸗ ſchüſſe aufmerkſam gemacht auf die Johannis⸗Klippe geeilt waren, von deren Höhe ſie eine weitere Ausſicht hatten als von Grafwerna. Bald ſtanden beide an Elvira's Seite. *„Herr Gott!“ ſagte Carolus, auf deſſen Geſichte die — eilfertige Entſchloſſenheit, der tiefe Ernſt heute die fröh⸗ liche und gute Laune verdrängt hatten,„liebe Frau, ſind Sie hier oben in dieſem Sturme? In Gottes Namen, gehen Sie hinein!— Das geht nimmermehr gut!“ „Sprechen wir nicht von mir! Gott ſei Lob und Dank, daß Carolus kam! nun erfahre ich doch, wie es ſteht!“ „Ich fürchte, das iſt nicht ſehr erfreulich!“ meinte Carolus, indem er mit Stonge⸗Jan ſchnell auf den hoͤch⸗ ſten Abſatz der Klippe trat. Hier zog er den Tubus aus dem Futterale, wiſchte ſorgfältig die Gläſer ab und ſah lange nach allen Rich⸗ — tungen umher. daß ich ihn nicht feſt hal⸗ „Der Sturm iſt ſo heftig, ten kann— ſtelle Du Dich vor mich hin, ich ihn auf Deine Schulter legen... ſo, „Siehſt Du etwas 2“ fragte Jan. „Noch nicht!“ „Laß mich auch einmal ſehen!“ Jan, ſo will nun iſt's gut!“ 318 Sie wechſelten die Stellung. „Stopp!“ rief Stonge⸗Jan ſchnell.„Steh ſtill!... jetzt hab' ich ihn!.. es iſt eine Galeaſſe... Aber ſie hat einen verdammt kleinen Beſanmaſt... Sieh da!.. halt den Tubus mehr gegen Südweſt, ſo ſiehſt Du ihn vor dem Saͤlö⸗Leuchtthurme.“ „Ja, ich ſeh' ihn... Aber das iſt keine Galeaſſe, Du!... es ſieht dort an Bord nicht richtig aus... bücke Dich noch ein wenig!... recht ſol... jetzt ſehe ich gut... er hat Gottes Tod einen Nothmaſt... ſtill, Jan, ſtill!“... Es kam ein ſonderbares Stocken in die ge⸗ wöhnlich ſo ruhige Stimme des Carolus...„Bei meiner lebendigen Seele! das iſt Elvira Cornelia, oder ich will in meinem Leben den Tubus nicht wieder vor die Augen ſetzen! Ihren Bug kenne ich unter hunderten heraus;: ich kann ſogar den gelben Rand und die gemalten Schieß⸗ ſcharten ſehen... Sieh Du jetzt!“ „Jan ſah, ſchob den Tubus zuſammen und ſagte nur: „So iſt es!— und das ſo gut wie zu Hauſe in der Thür! Er klarirt nimmermehr die Munkſcheren: er iſt ja gerade davor!“. „O nein, das ſieht nur ſo aus: er iſt viel weiter hinaus, als Du glaubſt; und kann er nur noch zwei oder drei Schläge machen, ſo kann er gut in den Einlauf ſteuern.“ „Dahin kommt er nie mit dem Maſt, den er jetzt hat. Der Strom iſt zu ſtark: dieſer hat ihn ſo weit hin⸗ untergeſetzt... Herr Jeſus! er dachte wohl geſtern um dieſe Zeit etwas anderes; und wäre nicht dieſer fürchter⸗ liche Sturm gekommen, ſo läge er jetzt bei Klippan.“ „Klagen hilft nicht, wenn man etwas Beſſeres thun kann! Nun haben wir geſehen, wie es ſteht und wollen weder Leben noch Schute für meinen alten Freund Georg ſparen... Schnell an Bord!“ Als ſie ſich jedoch umwendeten und hinabgeſtiegen waren— Carolus wollte eben Elvira, die, ſeiner Meinung hatte, h Blicke a⸗ „Nehmt Ruhe. 1 hat nur Lootſen herein. die Ank wir ihn 1 zeigen: weiß, darum hält m / dabei! Hoͤren h ilt.. Aber ſie eh dee ſe ſt Du ihn Galeaſſe, aus... t ſehe ich till, Jan, n die ge⸗ ei meiner ich will e Augen aus: ich Schieß⸗ weiter ei oder Pinlauf thun ollen 319 nach, nichts von ihrer Unterredung gehoͤrt haben konnte, mit einigen Worten beruhigen— da blieben beide plötz⸗ lich ſtehen. Elvira ſaß dort ſo unbeweglich wie ein Mar⸗ morbild: da die Worte ihren Georg betrafen, ſo würde ſie dieſelben durch tauſend Stürme hindurch gehört haben. 9 Carolus und Stonge⸗Jan wechſelten nur einen Blick; aber ſie verſtanden ſich dennoch vollkommen. Stonge⸗Jan eilte vorweg, um mit Niſſe's Hülfe den Freiſegler klar zu machen; Carolus aber nahm die lilienweiſe Elvira auf ſeine Arme und trug ſie in das kleine Haus. „Allmächtiger Gott!— meine Tochter, mein armes Kind! komm wieder zu Dir ſelbſt!... höre meine Stimme!“ Letsler zitterte heftig.„Die Nothſchüſſe ka⸗ men alſo von ihm?“ Carolus flüſterte eilfertig dem erſchütterten Vater ein paar Worte zu und wollte hinwegeilen. „Aber Elvira, die er in die Arme des Greiſes gelegt hatte, hielt ihn krampfhaft feſt und ſah ihn mit einem Blicke an— mit einem Blick, den Carolus nie vergaß. „Nehmt mich mit!“ ſagte ſie mit einer unnatürlichen Ruhe. 1 „Nein, mein geliebtes Kind, fordere das nicht! Georg hat nur die Lootſenflagge gehißt, und da keiner von den Lootſen dieſelbe bemerkt hat, ſo hilft ihm jetzt Carolus herein. Du bleibſt hier und machſt alles in Ordnung auf die Ankunft Deines Mannes— mit Gottes Hülfe haben wir ihn um ein paar Stunden hier!“ „O, mein Vater, verſuche es nicht, Dich ruhig zu zeigen: es dient zu nichts und täuſcht mich nicht! Ich weiß, was Du fühlſt, und Du weißt, was ich fühle— darum verſuche mich nicht zu hindern; denn keine Macht hält mich zurück!“ „Aber, liebe, gute Frau!⸗ rief Carolus gerührt und dabei doch ungeduldig aus,„Sie ſind uns ja nur im Wege! Hoͤren Sie jetzt ein Wort ſo gut wie zwei: kommt der 3²⁰0 Freiſegler zuruͤck, ſo iſt Georg an Bord— kommt er einen⸗A dagegen nicht, ſo reiſen Sie hinüber nach Grafwerna und Wange; ſagen Sie ein Wort des Troſtes zu einer Wittwe, welche, hanna, ſi wenn ſie auch ſo fein nicht iſt, dennoch ein eben ſo war⸗ Ihre gef mes Herz und drei vaterloſe Kinder dazu hat, und dieſe ihr leich iſt wahrhaftig geredet von Carolus Eliasſon, der noch nie Carolus! ein Wort und einen Handſchlag brach. Und nun leben, zu errege Sie wohl!“ Carolus riß ſich von ihr los und eilte auf nes wall den Landungsplatz hinab. und mit Wer aber hielt Elvira zurück, da ihr Gatte, ihr bis in Johan zur Abgoͤtterei angebeteter Gatte, um das Leben kämpfte? Ich begel ͤͤ.. Niemand. wohl wie Schneller als eine von dem Sturme gejagte Wolke, Er ſchneller als der Blitz war auch ſie dort, und ihre Stimme, ihre Geberden verkündigten, daß ſie entſchloſſen wäre, ihr Wort zu halten. „Nehmt mich mit!“ ſagte ſie kurz, befehlend, be⸗ ſtimmt—„oder ich ſtürze mich im nächſten Augenblicke in die See! Ich will und ich werde ihn treffen!“ Ohne ein Wort zu erwidern— denn gegen einen ſolchen Willen zu kämpfen, verlohnte ſich der Mühe nicht — hob Carolus ſie in das gewaltſam ſchaukelnde De Boot. Da winkte ſie Letsler zu, welcher mit verſtortem Ge⸗ aufhörli ſichte und mit der tieſſten Traurigkeit in ſeinem Auge auf Achtel dem Felſen ſtand und ihr die Arme nachſtreckte.„Sei lenden ruhig für mich, Vater!“ rief ſie mit einer Stimme, die Chre n eine bewundrungswürdige Feſtigkeit beſaß— eine Stimme, welche von einer vollkommenen Geiſtesgegenwart zeugte. und Ca „Kann ich nicht mit ihm leben, ſo kann ich für ihn ſter⸗ 1 Jan fa ben!.. Gott ſegne Dich, mein Vater!.... vergib, Boot daß ich Dir Kummer mache!“ In ſtummer Qual nickte ihr Letsler zu. ſeiner Bald war auf dem Freiſegler alles in Ordnung... nun Carolus hatte keine einzige Secunde damit verſäumen preite wollen, daß er erſt nach Hauſe eilte; doch jetzt, da er 1 — kommt er Grafwerna und Littwe, welche, neben ſo war⸗ at, und dieſeg „der noch nie nd nun leben und eilte auf Gatte, ihr bis ben kämpfte? ejagte Wolke, ihre Stimme, ſſen wäre, ihr efehlend, be⸗ Augenblicke reffen!“ gegen einen Mühe nicht ſchaukelnde rſtoͤrtem Ge⸗ m Auge auf ckte.„Sei Ptimme, die art zeugte. lür ihn ſter⸗ .. vergib, ſrdnung... 8 verſäumen tzt, da er 321 einen Abſchiedsblick dorthin warf, erbleichte die gebräunte Wange; denn von dem Berge herab kam die ſchöne Jo⸗ hanna, ſein geliebtes Weib, an den Strand herabgelaufen. Ihre gefalteten Hände, die ſie ihm flehend entgegenſtreckte, ihr leichahlaſſes Geſicht, ihr einziger Ausruf:„Carolus, Carolus!“— alles trug dazu bei, das warme Herzblut zu erregen, das in der eiſernen Bruſt des ſtarken Seeman⸗ nes wallte. Aber er vermochte ſein Gefühl zu hemmen, und mit einer Stimme, die voll und tief durch den Sturm in Johanna's Ohr tönte, rief er:„Sei getroſt, Johanna! Ich begebe mich für Georg hinaus. Der Herr hilft mir wohl wieder nach Hauſe um Deiner Gebete willen!“ Er nickte und winkte mit der Hand. Neunzehntes Kapitel. Der Freiſegler, über deſſen Verdeck die Wellen un⸗ aufhörlich zuſammenſchlugen, und von welchem oft ein Achtel ganz unter Waſſer lag, durchſchnitt jetzt die bruͤl⸗ lenden Wogen mit einer Schnelligkeit, die ſeinem Namen Ehre machte. Da der Wellenſchlag im höchſten Grade fürchterlich und Carolus gezwungen war, zu kreuzen, ſo ſtand Stonge⸗ Jan faſt unaufhoöͤrlich bei der kleinen Pumpe, um das Boot trocken zu erhalten. 8 Noch hatte Carolus nicht Zeit gehabt, ſich nach ſeiner aufgedrungenen Begleiterin umzuſehen. Als er aber nun ein Stück Segeltuch nahm, um daſſelbe über ſie zu breiten, da ſie in der einen Ecke der ſchmalen Ruderver⸗ Der Einſiedler ꝛc. II. 21 322 tiefung ſaß, ſo wunderte er ſich, daß er ſie ſo ruhig, ſtill und geduldig fand. „Herr Gott!“ dachte er, und ſeine eigene zu gleicher Zeit gefühlvolle und feſte Seele wurde mit Bewunderung erfüllt,„was das doch wohl für eine große und ſtarke Liebe ſein muß, die ein ſchwaches und feines Weib ſo muthig machen kann!“ Hätte Elvira geweint und geklagt, wäre ſie ängſtlich geweſen und hätte ſie vor der Gefahr gezittert, ſo würde ſie in dieſem Augenblicke bei Carolus kein anderes Gefühl haben wecken können, als die Angſt, ſie an Bord zu ha⸗ — ben. Jetzt dagegen, da ſie faſt kalt und gleichgültig gegen das Gefahrvolle in ihrer Lage da ſaß, ohne eine einzige Frage zu thun, ſo flößte ſie ihm eine Art von Ehrfurcht ein. Carolus hatte ein hinlänglich ſcharfes Urtheil, um einzuſehen, daß ſie nicht aus bloßer Laune mitgegangen war: nein, ſie hatte dieſen Entſchluß mit Seele und Herz, Verſtand und Willen gefaßt, und war deutlich auf Alles bereit. „Armes Frauchen!“ ſagte er, und in dem beredten Nicken ſeines Hauptes lag eine weit tiefere Theilnahme, als Worte ausdrücken können,„dies iſt ein heißer Augen⸗ blick— noch aber iſt er, Gott ſei gelobt! noch nicht ſo ſchlimm, daß keine Rettung möglich ſein kann: unſer Herr⸗ gott iſt genug Mann dafür, größere Wunder zu thun!“ Elvira antwortete nur durch einen Verſuch zu lächeln. „Ich wünſchte, Frauchen, Sie könnten weinen— das erleichtert das Herz!“ „Wenn wir alle wohl geborgen nach Hauſe kommen und er mit, dann, guter Carolus, werde ich wohl weinen können, weinen in ſeliger Freude— doch jetzt habe ich keine Thränen!“ „Und in einer ſolchen ſchrecklichen Herzensangſt, in einem ſolchen fürchterlichen Wetter, daß ein Mann bleich werden kann, ſitzen Sie ganz ſtill!“ ich ihn? laſſe ich Die Sturm; könnte, nicht von ſie herw nichts, d ihr gan Augenbl würde. Dig Na ſegler i Leuchtth Di Segel t auf der rührte. „3 die Han Stärke aber ern ſen Sie den Sie 0 7/ι‿ nur gaf un alle Lel gang deſſelbe verbliel Klage dem o ſo ruhig, ſtill ene zu gleicher Bewunderung ze und ſtarke nes Weib ſo e ſie ängſtlich ert, ſo würde nderes Gefühl Bord zu ha⸗ hgültig gegen eine einzige on Ehrfurcht Urtheil, um mitgegangen le und Herz, auf Alles thun!“ 4 323 „Ich kann ja ſtill und ruhig ſein, da ich weiß, daß ich ihn auf eine Weiſe treffen werde— wie? das über⸗ laſſe ich Gott.“ Die arme Elvira fühlte nicht den äußern furchtbaren Sturm; ſie fürchtete nicht, daß der Freiſegler umſchlagen könnte, obgleich es unzähligemal ſo ausſah; ſie ſchauderte nicht vor den thurmhohen Wogen, die ſich um und über ſie herwälzten; ſie hoͤrte, ſie fürchtete, ſie erſchrack vor nichts, das ſich mit ihr ſelbſt ereignete: ihre ganze Seele, ihr ganzes Denk⸗ und Begriffsvermögen war auf den Augenblick geſpannt, da ſie Elvira Cornelia entdecken würde. Dieſer Augenblick erſchien. Nach ungefähr einer Stunde befand ſich der Frei⸗ ſegler in der offenen See windwärts von dem Sälb⸗ Leuchtthurme. Die Brigg lag dicht beim Winde und foreirte alle Segel trotz des gebrechlichen Nothmaſtes. Sie lag ſo auf der Seite, daß die Marsraa faſt das Waſſer be⸗ rührte. „Jetzt, Frauchen!“ ſagte Carolus und reichte Elvira die Hand, um ſie aufzurichten,„jetzt gehört Muth und Staͤrke dazu, wenn Sie doch das Spiel ſehen wollen— aber ernſt iſt e... Halten Sie ſich gut feſt, und laſ⸗ ſen Sie um des Himmels willen nicht los, denn da wer⸗ den Sie augenblicklich über Bord geſpült.“ „Ich will mich ſchon feſt halten— kehrt Ihr Euch nur gar nicht an mich!“ Und jetzt richtete Elvira ein Antlitz, von welchem alle Lebensfarbe geflohen war, auf das gegen ſeinen Unter⸗ gang kämpfende Fahrzeug. Was ſich bei dem Anblicke deſſelben in dem Herzen des jungen Weibes zutrug, das verblieb ein Geheimniß zwiſchen ihr und Gott: keine Klage erreichte menſchliche Ohren; wenn man jedoch aus dem außerordentlichen Schmerze, der aus ihrem wild 324 ſtarrenden Auge redete, ihre Qualen ſchließen wollte, ſo„ waren dieſelben übermenſchlich. Georg! Wir haben ſchon zuvor Elvira's Liebe geſehen— da Mi nun dieſe glühenden Flammen mit dem Tode um den Be⸗ die klein ſitz des Geliebten kämpfen ſollten, ſo bedurften ſie des Seele be ganzen weſtlichen Meeres*), um ſich nach dem Kampfe Rath hö abzukühlen.... S 1/ „Er iſt jetzt den Brandungen bedeutend näher ge⸗ wendete kommen, glaube ich!“ ſagte Carolus zu Stonge⸗Jan. zeuge zu „Aber kann er ſie wenden, ſo iſt es nicht unmöglich, daß... ſo ſie mit dem andern Buge das Aeußerſte der Munkſcheren De klarirt.“ Die „Msglich iſt es; doch er preßt ſie ſo ſehr, daß ich gegen di fürchte, ſie ſchlägt um oder der Maſt zerſpringt.“ daß der „O nein, er hat eine dicke Stange aufgeſetzt, und ſtill: di er hat keine Oberſegel, die ſie preſſen.“ und her. Elvira's Blicke gingen unter dieſem Geſpräche von Lebe dem Einen zu dem Andern. Sie begehrten Troſt, dieſe der Bug herzzerreißenden Blicke, wandten ſich jedoch ſcheu zurück„Je vor dem düſtern, ausdrucksvollen Ernſte in den Geſichtern horchen! der Männer. zwei Ma „So!“ fuhr Carolus fort, der, um über die Ma⸗ bringen noeuvres des Freiſeglers zu wachen, genöthigt geweſen ſie hinül war, die Brigg einige Augenblicke lang aus den Augen nicht he zu laſſen,„jetzt denkt er bald zu wenden! Er dreht ſo... nahe bei wie möglich, um beſſere Fahrt zu bekommen, in nicht m den Wind zu ſchneiden... recht ſo, Capitain!.. ein Mann guter Kniff, von mir gelernt... Muth, Frauchen! B geht die Brigg über Stag, wenn ſie das nächſte Mal hob ſich wendet, ſo bin ich Mann dafür, daß ſie gerettet iſt!“ kletterte Elvira's Auge erhob ſich gen Himmel. Brannte ſtand ¹ wohl je ein brennenderes Gebet auf zitternden Lippen? 4 0 4 Wird *) d. h. das weſtlich von Schweden gelegene Meer, alſo: komm Kattegat, Skagerack und Nordſee. reiche Anm. d. Ueberſ⸗ — ßen wollte, ſo geſehen— da e um den Be⸗ urften ſie des dem Kampfe nd näher ge⸗ Stonge⸗Jan. möglich, daß Munkſcheren ehr, daß i ngt.“ 16 fgeſetzt, und eſpräche von roſt, dieſe cheu zuruͤck Geſichtern r die Ma⸗ gt geweſen den Augen Er dreht ſo mmen, in hl.. ein Frauchen! ichſte Mal t iſt!“ Brannte ippen? er, alſo: Ueberſ. „Tauſend T— l, wie lange zaudert erl.. Georg, Georg! Du biſt zu kühn!“ Mit athemloſer Aufmerkſamkeit begleitete Carolus die kleinſten Bewegungen der Brigg: er war mit Leib und Seele bei Georg, und ſprach zu ihm, als häͤtte er ſeinen Rath hören koͤnnen. „Steuer in Lee!“ rief er nun aus allen Kräften und wendete den Koörper in die Richtung, die er dem Fahr⸗ zeuge zu geben wünſchte.....„So.. ſo— richtig ... ſo ſoll's ſein!“ Der wichtige Augenblick war da. Die Brigg machte eine kreisförmige Schwenkung gegen die Windſeite, und da ſie dieſelbe erreicht hatte, ſo daß der Wind gerade gegen den Bug wehte, ſo ſtand ſie ſtill: die Segel ſchlugen mit fürchterlicher Gewalt hin und her. Leben und Tod hingen davon ab, nach welcher Seite der Bug abfiel. „Jeſus Chriſtus!“ rief Carolus,„ſie will nicht ge⸗ horchen!— ich ſehe deutlich, wie der Capitain ſelbſt und zwei Mann verſuchen, die Focke nach der Windſeite zu bringen. O, ſieh wie mein Georg arbeitet, um ſie hinüber zu bringen— und hier ſteh ich und kann ihm nicht helfen!... Sieh, ſieh, wie das Segel ſchlägt! .. Aber wo iſt er nun? wo blieb er? Ich ſeh' ihn nicht mehr... Gottes Tod!— der Capitain und ein Mann ſtürzten über Bord!“ Bei dieſen Worten des Entſetzens und des Todes er⸗ hob ſich Elvira. Sie war eben niedergeſunken, jetzt aber kletterte ſie auf hinter Carolus, welcher am Steuer ſtand und in dieſem Augenblick nicht auf ſie Achtung gab. „Jan, ſpann die Schote noch einen Strich!... Komm nun und faß das Steuer an, und halte dem Wirde ſo nahe wie möglich, daß wir ihn leewärts be⸗ kommen! Verleihe ihm Gott nur Kräfte, bis wir ihn er⸗ reichen!— Geſehen hat er uns.“ vielleicht Jetzt band Carolus in aller Eile ein Holzſcheit an das eine Ende eines Seiles und ſchob das Uebrige in werfen di Ringen über den Arm....„Sieh Du hinaus auf Welle, di die Leeſeite, Jan!— ich will voraus aufpaſſen!“ ſagte Hnuant 5 g er, und ergriff den Fockſtag, um ſich feſtzuhalten. Noch war Georg nicht zu ſehen. Doch vor ihren Carolus Augen entfaltete ſich ein Schauſpiel, das ſelbſt für die den, ſo harten Nerven eines Seemannes allzu ſtark war. war ſeine Als die Brigg ſich weigerte, zu wenden, war ſi lag. d innerhalb weniger Minuten auf die Scheren getrieben. 1 See Dort war keine Rettung denkbar: nach dem dritten Stoße deſen 1 waren von Georg's ſtolzem Fahrzeuge, von ſeiner ſchoͤnen ger Miain Elvira Cornelia nur noch die Trümmer übrig, und unter und angc ihnen die Leichen von dreizehn Schiffbrüchigen. ortes. t 3 Die unglückliche Beſatzung hatte nicht den geringſten verſucht, Verſuch zur Rettung machen können; denn in demſelben Förnaor Augenblicke, da das Fahrzeug aufſtieß und borſt, wurden alle von der nachſolgenden Welle gegen die ſcharfen Felſen⸗ ſehen. 1 kanten und von dieſen wieder hinaus in den hungermm Mag u Meersſchlund geſchleudert. Nicht einmal ihr Todesſchrei 9 gen konnte bis zu den Ohren der Bootfahrer dringen, denn e waͤr das fürchterliche Getoſe der Brandungen würde hier ſelbſt den Knall des ſchärfſten Kanonenſchuſſes überſtimmt men da haben. Ude Faſt jeder Mann auf der Brigg war dem Carolus pfu D und Stonge⸗Jan perſönlich bekannt. 4 Todes Keine Thränen ſtanden in den Augen der Seeleute Pnner und verdunkelten die Sehkraft, aber ihre innigſte Theil⸗ dug e nahme für die ertrinkenden Cameraden machte ſich beſon⸗ ait i ders bei Carolus auf eine eben ſo gewaltſame als rührende heude Weiſe Luft. 4 Wenn irgend eines der dem Tode geweihten Opfer ſich hie oder da an einer Felſenſpalte feſt zu halten ſuchte, wagt um nicht von der rückwärts ſtürzenden Welle in die Tiefe 8 hinab gezogen zu werden, ſo rief Carolus in einem herz⸗ hatt zerreißenden Tone;„Spute Dich, klettre hoͤher hinauf! — Holzſcheit an as Uebrige in u hinaus auf aſſen!“ ſagte halten. och vor ihren ſelbſt filhen war. den, war ſie ren getrieben. dritten Stoße ſeiner ſchoͤnen g, und unter . den geringſten in demſelben orſt, wurden harfen Felſen⸗ hungernden Todes chrei ingen, denn de hier ſelbſt überſtimmt dem Carolus der Seeleute nigſte Theil⸗ e ſich beſon⸗ als rührende ihten Opfer alten ſuchte, in die Tiefe einem herz⸗ her hinauf! 327 bielleccht kannſt Du Dich auf die andre Seite hinüber⸗ werfen, aber ſchnell! Siehſt Du nicht die thurmhohe Welle, die jetzt kommt?... halt Dich feſt.. feſt.... O nein; er ging mit!“ Wenn nun der Unglückliche noch einmal gegen die Klippen geſchleudert wurde, ſo ſchien Carolus die furchtbarſten körperlichen Schmerzen zu lei⸗ den, ſo convulſiviſch waren ſeine Bewegungen. Aber es war ſeine warme, kraftvolle Seele, die auf der Folter lag. 3 Der letzte Mann von der Beſatzung, welcher auf dieſe Weiſe unter ſeinen Augen verſchwand, war ein jun⸗ ger Matroſe von Grafwerna, mit Carolus aufgewachſen und angeſehen als einer der hurtigſten Seeleute des Fiſcher⸗ ortes. Er hatte es mit der unglaublichſten Anſtrengung verſucht, ſich von den Klippen zu entfernen; doch ver⸗ gebens: viermal hinter einander war er zurückgeſchleu⸗ dert worden... das fünfte Mal war er nicht mehr zu ehen. ü„Adieu Halwar!“ ſagte Carolus mit dumpfer Stimme. „Mag unſer Herr mich in meiner letzten Stunde verlaſ⸗ ſen, wenn ich mich nicht Deiner kleinen Jungen annehme, als waren ſie meine eignen!“ Hätte der ertrinkende Seemann dieſe Worte verneh⸗ men können, ſo würde er den letzten Schmerz nicht em⸗ pfunden haben. Doch der Sturm, das Meer, die Brandung, das Todesgeſchrei— alles rollte unter einander; und bald erinnerten nur die umhertreibenden Stücke des Wracks an das Ende dieſes Trauerſpiels, das mit fürchterlicher Wahr⸗ heit in dem kurzen Zeitraum einiger Minuten aufgeführt worden war. Ein tiefer Seufzer erleichterte Carolus' Bruſt. Wer kann es den beiden Seeleuten verdenken, wer wagt ſie zu verdammen, daß ihre Aufmerkſamkeit getheilt geweſen war, daß ſie einige Augenblicke lang vergeſſen hatten, nach Georg, dem beſonders theueren Freunde, zu 328 ſpähen, um dem Ganzen einen Blick der Theilnahme, einen Seufzer der Trauer nachzuſchicken? Sie wurden bald zu neuen Schreckſcenen geweckt. Wir haben geſehen, wie Georg bei der ueſtrenaung, ſein Schiff zu retten, nebſt einem Mann von der Beſatzung über Bord geworfen wurde. Dieſer letztere war dem Kampfe nicht gewachſen: es dauerte nicht lange, ſo folgte er ſeinen Gefährten, und ihm folgte außerdem noch ein treuer Freund, der ſeinem Herrn aus Liebe nachgeſprungen war, nämlich Komm, der arme Komm, der ebenfalls in dem weitgeoͤffneten Grabe verſchwand, ohne den gefunden zu haben, den er ſuchte. Georg's außerordentliche Stärke, ſeine uns vorher ſchon wohlbekannte Geſchicklichkeit im Schwimmen mach⸗ ten es ihm möglich, die Waſſermaſſe zu durchdringen und ſich oben zu halten, ſo daß er ſich der Brandung nicht näherte. Er hatte den Freiſegler bemerkt und war überzeugt, daß Carolus alles aufbieten würde, um ihm beizuſtehen, wenn er ſich nur ungefähr an der Stelle halten konnte, wo er hinunter gefallen war, bis das Boot ankäme. Dieſes war nun geſchehen. Doch die beiden Seeleute, deren Aufmerkſamkeit in dem entſcheidenden Augenblicke unverwandt auf den Schiff⸗ bruch gerichtet geweſen war, merkten nicht, daß ſie dicht an Georg vorbeifuhren. Die Donnerſtimme des Sturmes übertönte ſeinen Ruf. Aber auf dem Freiſegler war ja noch eine dritte Perſon, deren Aufmerkſamkeit— ſelbſt wenn die Felſen ſich von ihren Grundveſten gehoben und rund um das Boot niedergeſtürzt hätten— unmöglich von einem dun⸗ klen Punkte abgeleitet werden konnte, welcher ſich bald über den Gipfel der Woge erhob, bald unter derſelben verſchwand. Sobald Elyira dieſen Punkt erblickte, deſſen Ent⸗ deckung ſis war eine een hervor 4 Aber Ston wohl dieſen ben, wie i Aufmerkſal dieſem Zu Achtung a ſie ſeien he Augen hat Inzw näher geko fen Augen Mannes ein Geſchr ſich in d ſpäterhin den Ohren und dem In e Male in Georg vor Als und eben gewann, ſchreckenvo mit ſtürm „Ge Und deten, ſo kleide: ſie Ety ſeine und * Theilnahme, en geweckt. Anſtrengung, der Beſatzung ere war dem ange, ſo folgte dem noch ein achgeſprungen r ebenfalls in den gefunden uns vorher mmen mach⸗ hdringen und andung nicht ir überzeugt, beizuſtehen, lten konnte, nkaͤme. kkſamkeit in den Schif⸗ aß ſie dicht önte ſeinen eine dritte die Felſen d um das inem dun⸗ ſich bald derſelben eſſen Ent⸗ 329 deckung ſie zitternd erſehnt hatte, ſo ſchrie ſie auf— es war eine Todtenklage, die ſich aus ihren erblichenen Lip⸗ pen hervorarbeitete. Aber wurde ſie auch gehört? Stonge⸗Jan, der beim Steuer ſtand, mußte gleich⸗ wohl dieſen Ruf vernommen haben, er mußte gefühlt ha⸗ ben, wie ihre Hände an ſeinen Kleidern zerrten, um ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen. Aber entweder gab er— in dieſem Zuſtande ganz außer ſich ſelbſt geſetzt— nicht Achtung auf ihren Ruf und ihre Geberde, oder er meinte, ſie ſeien hervorgerufen durch die Schreckſcenen, die ſie vor Augen hatte. Inzwiſchen war das Boot dem dunklen Punkte immer näher gekommen, und dieſer hatte ſich vor Elvira's ſchar⸗ fen Augen bald in das Haupt des ſo unendlich geliebten Mannes verwandelt. Wiederum erhob die Unglückliche ein Geſchrei, ſo durchdringend, daß dieſe Toͤne, die jetzt ſich in den wirbelnden Donner des Orkans miſchten, ſpäterhin mehr denn einmal mit peinigender Klarheit in den Ohren widerhallten, welche jetzt von der Verzweiflung und dem Entſetzen mit Taubheit geſchlagen waren. In eben dem Augenblicke, da Halwar zum letzten Male in der Tiefe verſchwand, ſchoß der Freiſegler an Georg vorbei. Als aber Carolus eben den tiefen Seufzer ausſtieß, und eben wieder die Herrſchaft über ſeine erregte Seele gewann, da klangen in ſein wieder geoͤffnetes Ohr dieſer ſchreckenvollen Worte, ausgeſprochen mit glühendem Feuer, mit ſtürmiſcher Sehnſucht: „Georg, Georg! nicht ohne mich!“ Und als die beiden Männer ſich erſchrocken umwen⸗ deten, ſo erblickten ſie etwas von Elvira's weißem Unter⸗ kleide: ſie ſahen es auf dem Rücken einer hohen Welle. Etwas weiter hinter ihnen erkannten ſie Georg; aber ſeine unregelmäßigen Bewegungen mit den Armen zeigten 330 hinlänglich an, daß die Körperkräfte ſchon begonnen hat⸗ ten, den letzten Kampf mit dem Tode zu kämpfen. In der Seele des redlichen beherzten Carolus oͤffnete ſich ein Abgrund von Qualen, eben ſo tief, wie derjenige, welcher Georg und ſeine junge Gattin umfaßte. 4 Er brauchte nicht zu commandiren:„Steuer in Lee! auch nicht Ordre zu geben, die Fockſchote zu wen⸗ den: die beiden Männer verſtanden ſich, und das Ma⸗ noeuvre war augenblicklich ausgeführt. Wie ein Seevogel ſchnitt der Freiſegler in den Wind, und ehe eine halbe Minute verging, ſo lag er auf dem andern Buge. Bleich war Carolus, als er im Vordertheile ſtand und fertig war, die Leine zu werfen. Würde er auch wohl eine hinlänglich feſte Hand ha⸗ ben, um ſie recht zu werfen? Würde Georg auch wohl noch Kräfte genug übrig behalten haben, um ſie zu faſſen? O, wie verdammte Carolus jetzt ſeine Verſäumniß, ſeine Theilnahme, die ganz zwecklos geweſen waren und ihn den eigentlichen Zweck ſeiner lebensgefährlichen Aus⸗ fahrt hatten vergeſſen laſſen! Sollten vielleicht dadurch noch zwei Menſchenleben an dieſem ſchon ohnehin ſo gro⸗ ßen Opfertage verſcherzt werden 2 Doch was geſchehen war, das ließ ſich nicht ändern; man mußte jetzt ſehen, was ſich wieder gut machen ließ. Carolus begann wieder Muth zu faſſen, als er ſah, wie Georg mit wiedererwachter Kraft, mit übermenſch⸗ licher Anſtrengung ſeine Elvira erreichte und umfaßte— dieſes Weib, das nicht nur freiwillig, ſondern ſogar mit Begeiſterung den Tod mit ihm dem Leben ohne ihn vorgezogen hatte. Sein linker Arm ſchloß ſich feſt um ſie und mit dem rechten ſuchte er ſich oben zu erhalten. Doch die Arbeit gegen die Wogen war nunmehr un⸗ möglich: jede derſelben brachte ihn mit ſeiner Bürde den Klippen immer näher. „Wende möͤglich.. 1 Durch Fahrt. 5 Mit ſie warf ihn a Ein S ſeine Lippe gelobt!“ Der und jetzt Ertrinkende aus der H ſtarrt iſt. Langſo zuziehen, als er dem ſenkrecht in weiter zu Verzy an einem über Bord kragen. 4 blicke des machte da Nach dem Verꝛ Mit nichts we lich ein ſie ſo ar ſamen 2 werden „J ihr zu begonnen hat⸗ mpfen. rolus oͤffnete wie derjenige, te. „Steuer in ote zu wen⸗ nd das Ma⸗ n den Wind, er auf dem V V ee Hand ha⸗ g auch wohl um ſie zu Verſäͤumniß, waren und rlichen Aus⸗ icht dadurch V ehin ſo gro⸗ 1 icht ändern; nachen ließ. als er ſah, übermenſch⸗ umfaßte— ſogar mit ohne ihn ich feſt um erhalten. inmehr un⸗ Bürde den 331 „Wende nun, und halte windwärts ihm ſo nahe wie moͤglich... recht ſo!“ Durch die Wendung erhielt das Boot eine vermehrte Fahrt. 3 Mit ſicherem Arme nahm Carolus den Tauring und warf ihn aus unter einem warmen Gebete zu Gott. Ein Seufzer von unendlichem Umfange ging über ſeine Lippen und gleich darauf ein tiefes:„Gott ſei gelobt!“ Der Verſuch war gelungen: Georg ergriff das Tau; und jetzt war Carolus ſicher, denn er wußte, was ein Ertrinkender umfaßt, das muß man ihm mit Gewalt aus der Hand reißen, ſelbſt wenn dieſelbe im Tode er⸗ ſtarrt iſt. Langſam und vorſichtig begann Carolus das Tau an⸗ zuziehen„... Noch hielt Georg den Kopf oben; aber als er dem Boote ſchon ganz nahe war, ſo ſank das Tau ſenkrecht in die Tiefe hinab, und keine Bewegung war weiter zu ſpüren. Verzweifelt hielt ſich Carolus mit der einen Hand an einem Kabeltau feſt, warf ſich mit dem halben Körper über Bord und erfaßte zuletzt glücklich Georg's Weſten⸗ kragen. Die Anwendung einer vollen, in dieſem Augen⸗ blicke des Entſetzens vielfach geſteigerten Manneskraft, machte das faſt Unmögliche möglich: Nach wenigen Minuten lagen die beiden Gatten auf dem Verdeck des Freiſeglers. Mit einer Entſchloſſenheit, die ſich nunmehr durch nichts weiter irre machen ließ, ſchlug Carolus augenblick⸗ lich ein Tau um jeden der beiden Koͤrper und befeſtigte ſie ſo an den Maſtbaum, damit ſie nicht bei den gewalt⸗ ſamen Bewegungen des Freiſeglers über Bord geworfen werden möchten. „Ich fürchte, es iſt ſowohl mit ihm als auch mit ihr zu Ende!“ ſeufzte Stonge⸗Jan, indem er die Schote 332 anzos„Wir klarirten nur mit genauer Noth die Brandungen.“ Carolus machte leiſe Elvira's Arme, die ſie krampfhaft um den Hals des Geliebten geſchlungen hatte, ſo wie auch Georg's linken Arm los, der Elvira mit ſolcher Kraft ſam außer Jan deutete eren. ſc Carolus Troſtes und umfaßt hielt, daß er nur mit Mühe von ihr geſchieden, deren erſtarrt werden konnte. Doch bemerkte er mit einer Freude, die zu groß war, als daß ſie Worte finden konnte, daß der Arm nicht erſtarrt war; denn als er denſelben losgemacht hatte, ſo fiel er zwar unbeweglich hinab, ließ ſich aber doch hin und her bewegen. Nachdem nun Carolus alles ausgeführt hatte, was ſeine Kenntniß und Erfahrung ihm in dieſem Falle an lagen hatt ſ Pieſes Flammen h dieſe Kühlun den Armen Auf de eine große b die Hand gaben, ſo wendete er ſich an Stonge⸗Jan mit die marmort folgenden in einem ſonderbaren Tone ausgeſprochenen Worten— einem Tone, worin ſich die tiefſte, die bitterſte Betrübniß mit einer wehmüthigen Freude miſchte:„Georg erholt ſich beſtimmt: er iſt nur vor Mattigkeit erſtarrt. Aber... die arme Frau... ſiehſt Du, Jan!— mit ihr iſt's aus!.... Wie wunderbarlich ſind die Wege des Herrn: wäre ſie zu Hauſe geblieben, ſo wäre ſie von einem Andern als vom Tode umarmt worden!“ „Und wäre ſie nicht mitgefahren,“ entgegnete Stonge⸗ Jan faſt eben ſo bewegt, ſo hätte die Beſatzung dort in der Tiefe ihren Capitain nicht vermißt: hätte ſie nicht ge⸗ rufen, ſo hätten wir ihn vor und nicht hinter uns geſucht ... Hätten wir uns aber recht umgeſehen nach dem⸗ jenigen, der zu retten war, anſtatt auf diejenigen zu gaffen, die es nicht mehr waren, ſo ſäßen ſie nun beide eben ſo friſch und geſund hier wie Du und ich. Weißt Du, Caro⸗ lus! dieſer Tag bleibt mir immer ein fürchterlicher Tag: es kommt mir ſo vor, als wenn der Tod dieſes Engels Gottes ſchwer auf meinem Gewiſſen liegen wird; denn ich hoͤrte es, da ſie das vorletzte Mal rief, und den Ruf vergeſſe ich in meinem Leben nicht, und ich fühle noch, wie ſie mich an der Jacke zupfte— aber ich war gleich⸗ zu dem, der denſelben aus Doch j Kraft des( ſeiner Barm den über der Und ü Noſe, die j huuuch ein ſollte ſie ſei So nä An de drei Stunde gemacht. 2 das ſah ma wer unter d ſeine Stimr losgemacht ieß ſich aber geſprochenen die bitterſte te:„Georg keit erſtarrt. an!— mit d die Wege are ſie von ete Stonge⸗ ng dort in e nicht ge⸗ uns geſucht nach dem⸗ zu gaffen, de eben ſo Du, Caro⸗ cher Tag: es Engels rd; denn den Ruf ihle noch, ar gleich⸗ Freude, die te, daß der ige⸗Jan mit 333 ſam außer mir, und mit meinen Sinnen dort!“ Stonge⸗ Jan deutete mit einer beredten Geberde auf die Munk⸗ eren. ij Carolus antwortete nicht. Er bedurfte ſelbſt des Troſtes und bückte ſich tief hinab auf die junge Frau, deren erſtarrtes Herz noch vor Kurzem ſo angſtvoll ge⸗ ſchlagen hatte. Dieſes warme, glühende Herz, dieſes Herz von lauter Flammen hatte jetzt im Tode Kühlung gefunden— doch dieſe Kühlung war ihr lieblich; denn ſie fand dieſelbe in den Armen desjenigen, der ihr Alles war. Auf der gebräunten Wange des Seemannes zitterte eine große brennend heiße Thräne, als ſeine Lippen leiſe die marmorweiße Hand berührten. Seine Seele ſeufzte zu dem, der den Willen anſieht und nicht allein die Kraft, denſelben auszuführen. Doch jetzt erhob ſich Carolus, ermuthigt durch die Kraft des Gebetes..„Der Herr richte uns nach ſeiner Barmherzigkeit! Wir dürfen doch nicht des Leben⸗ den über der Todten vergeſſen!“ Und über die ſo frühzeitig gebrochene und erblichene Roſe, die junge ſchoͤne Elvira, breitete Carolus als Lei⸗ chentuch ein Segel: wenn Georg wieder erwachte, ſo ſollte ſie ſeinen Blicken entzogen ſein. So näherte ſich der Freiſegler der Johannis⸗Klippe. An dem Landungsplatze ſtand der Einſiedler. Dieſe drei Stunden hatten ihn wenigſtens um drei Jahre älter gemacht. Die Trauer war ohne Klage, was ſie aber war, das ſah man in ſeinem Auge..Er ſchien zu errathen, wer unter dem Segel lag, und dumpf, faſt lautlos war ſeine Stimme, als er fragte:„Iſt auch Er todt?“ Und auch dieſem Tage folgte ein Abend, ein Abend mit Vernunft, mit Gedanken, mit klaren werdenden Be⸗ griffen. Wie fürchterlich iſt nicht bisweilen dieſe Rückkehr von dem Scheintode und der Erſtarrung in das Leben und die Wirklichkeit, dieſes allmälig immer klarer werdende Licht, das alle dunklen Punkte beleuchtet, verändert und endlich den wohlthätigen Schleier hinwegreißt, der unſer Elend unſern Blicken entzogen hat! Dieſer Schleier war von den Augen des jungen ſchiffbrüchigen Seemannes gefallen. Noch vor wenigen Tagen war er ſo reich, daß er ſeine Schätze für unermeßlich hielt. Damals wiegte er noch auf ſeinem ſchönen Schiffe nach Hauſe von Reiſen, die ihm Gewinn und Segen gebracht hatten. Und war es nicht groß dieſes Glück? Erwartete ihn nicht eine Gattin, die er anbetete, und von welcher er angebetet wurde? Erwartete ihn nicht das Lächeln ſeines Kindes und die Umarmung ſeines Vaters? Erwartete ihn nicht als Herrn ſein Helgenäs, dieſes Helgenäs, das ihm die Liebe geraubt, das ihm die Liebe wiedergeſchenkt hatte? O, er war gewiß reich und glücklich! Und nur ein ſo kleiner Theil des langen Weges war noch übrig, um das Ziel zu erreichen! Dieſer kurze Weg aber war hinreichend geweſen, ihm alles, Gattin, Schiff, Glück, Ruhe, zu rauben. Vierzehn tüchtige, kraftvolle Seeleute waren mit Elvira Cornelia untergegangen— die Thränen von fünf Wittwen und fünf Waiſen ſollten auf ſeinem Herzen brennen! Nein, dieſes Erwachen war nicht gut. Der Tod wäre dagegen eine Wolluſt geweſen! Er wollte ſeiner Elvira, ſeiner treuen Schiffsmann⸗ ſchaft folgen— doch dort beugte ſich über ſein Bett ein Haupt mit ſchneeweißen Locken herab, dort betrachtete ihn ein Augenpaar, das eine Sprache redete, welcher er nicht widerſtehen konnte. —Q—————-—— Ueber ſ zitterten drei Und gr Mond in Ni blume ihre ſtreckte. Sie m mehr dort weißes weib und ſchönen tiefen Woger Sie wa Auf de Mann, den Ach, h lung, dieſen der ſchrecklie dennoch daz ſie wäre au geeilt auf di Was a vernahm nie Thränen no , ein Abend erdenden Be⸗ Rückkehr von s Leben umd rer werdende derändert und t, der unſet des jungen eich, daß er s wiegte er von Reiſen, Und war es eine Gattin, etet wurde? des und die öt als Herrn ebe geraubt, Weges war eweſen, ihm . Vierzehn ra Cornelia bittwen und ! Der Tod chiffsmann⸗ in Bett ein — rachtete ih zer er nicht Ueber ſeine Lippen, aus ſeinem angſtvollen Herzen zitterten drei Worte:„ich muß leben!"“...... Und groß und klar blickte während der Nacht der Mond in Nicolinens Kammer, wo die ſo geliebte Paſſions⸗ blume ihre Zweige noch über die weißen Gardinen empor⸗ ſtreckte. Sie mit den ſchönen goldenen Locken war ja nicht mehr dort— aber auf ihrem Bette ruhte ein anderes weißes weibliches Bild, um deſſen ſchneebleiche Wangen und ſchönen Hals das ſteinkohlenſchwarze Haar ſich in tiefen Wogen ringelte. Sie war nicht allein. Auf den Knien neben ihrem Leichenbette lag der Mann, den ſie ſo leidenſchaftlich geliebt hatte. Ach, hätte ſie im Himmel dieſe furchtbare Verzweif⸗ lung, dieſen ſtieren Blick, der kaum die ſchreckliche Pein der ſchrecklichen Gewißheit faſſen zu wollen ſchien, aber dennoch dazu gezwungen war— hätte ſie dieſes geſehen, ſie wäre aus den Seligkeiten des Himmels wieder herab⸗ geeilt auf die Erde, um ihn zu troͤſten. Was aber ſeine Lippen, was ſein Herz flüſterte, das vernahm niemand.... Es gibt Schmerzen, die weder Thränen noch Worte haben. Zwölfter Zeitraum. Die Johannis⸗-Klippe. — mächtig ſteht Gottes Kreuz mitten in der lachenden Heimath der Seele. Almquiſt. ⸗ Der Einſiedler ꝛc. Iil. Wäͤhre dem armen Zeit gleichg Zweim lichen Mun mer bevor, Ort wälzte Gatten zu Elvira da noch n. Wogen des gefunden: Traum mi von allen umgeben h Erde, die geben könn Und ſie betraue Aber . gehoͤrte 3 unermeßli menſchlich Elvi een: d „ode wiſſ Zwanzigſtes Kapitel. Während der Tod und die Trauer ihre Dolche in dem armen Menſchenherzen umdrehen, ſo dreht ſich die Zeit gleichgültig um ihre Achſe.... Zweimal hatten die Winterſtürme über die ſchreck⸗ lichen Munkſcheren getobt. Bald ſtand ein neuer Som⸗ mer beyor, der zweite, der ſeine blauen Wogen über den Ort wälzte, an den Elvira gegangen war, um ihrem Gatten zu begegnen. Elvira's ſchoͤner, feuriger Liebestraum entfloh auch da noch nicht, als ſie umarmt wurde von den kalten Wogen des Skagerak: in ihnen hatte ſie ja ihren Georg gefunden: aus ſeinen Armen nahm ſie ihren lieblichen Traum mit ſich in den Himmel, und dort konnte ſie ihn von allen dieſen unruhigen Gedanken, die ihn auf Erden umgeben hatten, befreien und vor denſelben ſchützen. Die Erde, die Liebe hätten ihr doch nie für die Dauer genug geben können. Und dennoch war ſie geliebt worden, dennoch wurde ſie betrauert, wie wenige Frauen es je geworden ſind. Aber ihr heſtiges, brennendes, viel verlangendes Herz gehoͤrte zu denjenigen, die tauſendmal lieber ein Jahr unermeßlichen Glückes, als dreißig eines gewöhnlichen menſchlichen Glückes erleben wollen. Elvira wollte von einem ſolchen ſtillen Glücke nichts wiſſen: die Liebe ſollte an jedem Tage ein neuer Rauſch ſein, oder ſie war ihr keine Liebe. Welcher Rauſch kann aber wig dauern? 52 6 Wie oft hatte ſie nicht den Wunſch geaͤußert, daß ſie ſterben möchte, während ſie noch ſo geliebt war! Sie konnte es: ſie durfte in ſeinen Armen ſterben, ſie durfte, wie ſie glaubte, mit ihm ſterben:— ihr blieb kein Wunſch mehr übrig. Das Leben hatte ihr Alles gegeben, die Liebe Alles, der Tod Alles. Und jetzt ſchlummerte Elvira in dem Grabe ihrer Väter, und an ihrer Seite das Kind ihrer Liebe: es hatte ſie nur wenige Monate überlebt..... Und nachdem dieſes alles geſchehen, nachdem die eine Hoffnung nach der andern in die Erde geſenkt war, da ſank auch die alte Eiche, die ſiebzig Jahre lang treu und feſt mit Helgenäs verwachſen geweſen war. Vielleicht war aber doch nicht der Verluſt ſeiner jungen, ſo hoch geliebten Gebieterin die Trauer, welche am tiefſten an dem Herzen des alten Ignelius nagte.... Die Binde des Aberglaubens, welche die Augen des Greiſes ſo feſt geſchloſſen gehalten hatte, war unbarm⸗ herzig hinweggeriſſen worden: die geraubten Kirchenſteine, die ihm ſo manchen kummervollen Augenblick bereitet hatten, waren zwar zur Ruhe gekommen; war es aber darum beſſer geworden, hatte je eine vollſtändigere Auflöſung alles Glückes ſtatt gefunden, als jetzt einge⸗ troffen war?— die letzte Tochter des alten Hauſes ging dahin— der erſte Zweig des neuen folgte ihr! Was blieb ihm noch übrig, da ihm ſogar ſein alter, theurer, kindlicher Glaube geraubt war? Nichts— nichts, außer der Hoffnung, dorthin zu kommen, wo jedes Räthſel geloͤſ't werden ſollte. Zufrieden legte der alte Ignelius ſein Haupt zur Ruhe; und ſein letztes Gebet auf Erden war, daß er nicht noͤthig haben möͤchte, lange auf ſeinen geliebten Herrn zu warten. 4 4 1 Den er ſeines ganze nem Vater Klippe und auf dem A gränzenlos 2 ſie ihm Al hatte. Gott a Engel, den zum Abſchi dahin ſchief Helgenäs a welchen ſein das höchſte aber jetzt Troſt klager Er ül und kehrte der Seite Frühling h loſe Welle Letsle gänzlich v nommen. ſonne, un „moͤchte b Doch weitem no O es war ſt bluten ke wieder be Feuers ie von der Klippe v zußert, daß eliebt war! ſterben, ſie — ihr blieb Liebe Alles, Grabe ihrer Liebe: es .„.. hachdem die eſenkt war, e lang treu rluſt ſeiner ter, welche nagte.... Augen des r unbarm⸗ rchenſteine, ck bereitet war es llſtändigere etzt einge⸗ auſes ging hr! Was „ theurer, hts, außer es Näͤthſel Haupt zur e, daß er geliebten 1 V 341 Den erſten Winter nach dem unermeßlichen Umſturz ſeines ganzen Glückes verlebte Georg abwechſelnd bei ſei⸗ nem Vater auf der wieder ſo düſter gewordenen Johannis⸗ Klippe und auf Helgenäs, wo er mit ſeinem Soͤhnchen auf dem Arme Gott anflehte, der Geliebten, der ſo gränzenlos Vermißten folgen zu dürfen, welche, nachdem ſie ihm Alles gegeben, jetzt auch ihr Leben geſchenkt hatte. Gott erhörte dieſe Gebete nicht. Als aber jetzt der Engel, den ſie ihm hinterlaſſen hatte, ihm ſeine Händchen zum Abſchiede reichte, als auch der alte treue Ignelius dahin ſchied, da vermochte Georg es nicht länger auf Helgenäs auszuhalten: er ſchied aus dieſen Mauern, in welchen ſein Vater gelitten und geſeufzt, in welchen er das höchſte Glück des Lebens erreicht hatte, in welchen er aber jetzt ſeufzen und leiden, ohne Hoffnung und ohne Troſt klagen und leiden mußte. Er übergab Henning die Verwaltung ſeines Gutes und kehrte auf die Johannis⸗Klippe zurück, wo er an der Seite ſeines Vaters die Tage dahin ſchleppte und den Frühling herbeiſehnte, da er wieder hinaus und die treu⸗ loſe Welle verſuchen wollte. Letsler's Gemüth hatte nach dem letzten harten Schlage gänzlich von der Erde und ihren Freuden Abſchied ge⸗ nommen. Matt folgte ſein Blick jeder ſinkenden Abend⸗ ſonne, und in ſeinem Auge las man das ſtille Gebet: „moͤchte bald die letzte für mich erſcheinen!“ Doch das Leben iſt zähe. Letsler's Kräfte waren bei weitem noch nicht erſchöpft. Oft unterhielt er ſich mit Georg von Elviren; denn es war ſeine Ueberzeugung, je ſtärker die Wunde aus⸗ bluten könnte, um ſo eher würde ſie heilen. Und mit wieder belebten Zügen, mit einem Strahle des ehemaligen Feuers im Auge hoͤrte ihn Georg jeden beſonderen Tag von der Woche beſchreiben, welche ſie auf der Johannis⸗ Klippe verlebt, jede Unterrodung, die ſie geführt, jedes liebesreiche Wort, das ſie geredet hatte von den Ueber⸗ raſchungen, von der Freude, die ſie ihrem Gatten zu bereiten beabſichtigt hatte; ja er verſchwieg nicht einmal dasjenige, was in der letzten Nacht vorgefallen war. Und bei dieſen Mittheilungen, die einzigen, welche einiges Feuer in Georg's, von Traurigkeit abgeſpannte Lebensgeiſter bringen konnten, verging ein Tag nach dem andern, eine Woche nach der andern. Endlich kam der Frühling. Da ſchlürfte der junge Seemann den erſten Athemzug ein, der von Leben redete. Er wollte ſich in Thätigkeit ſetzen, nicht um zu vergeſſen— o nein, die Erinnerung war ja ſein höchſter, ſein theuerſter, ſein einziger Schatz— ſondern um ſich gegen den Geiſt der Weichlichkeit und der Muthloſigkeit zu ſchützen, der ſein ganzes Weſen ergriffen und ihm eine Welt überdrüſſig gemacht hatte, die ihm ſo vieles ſchenkte, um es eben ſo plötzlich wieder zurück zu nehmen. 4 Nur ein Paar Tropfen Troſt waren in den über⸗ füllten Trauerbecher dieſes Winters gefallen, nämlich die Freudenthränen und Segenswünſche der unglücklichen Ma⸗ troſenwittwen und Kinder, denen er das Einzige, das Hoͤchſte gegeben hatte, das in ſeiner Macht ſtand: ein kleines Kapital, wodurch ſie ſämmtlich in den Stand geſetzt wurden, anſtändig und ſorgenfrei zu leben. Er beſuchte ſie in ihren Wohnungen, und bezeugte ihnen ſeine herzliche Theilnahme, ſeinen innigen Schmerz über ihre Leiden; und ſeine liebreichen Worte, ſeine freundliche Stimme that ihnen wohl........ Doch die Lerche hatte geſungen, ein Segel nach dem andern flog vorüber, während ſchimmernde Wogen den Kiel umtanzten. Es war Zeit aufzubrechen. Mein Vater!“ ſagte Georg in der Abſchiedsſtunde, „gehe nicht hinweg, o, gehe nicht hinweg vor meiner Rückkehr! Habe ich nicht mehr dieſe Lebenshoffnung, . dann hab⸗ lich, keine G „Sei ſt dieſe letzte ſehen uns n Der rüſtung und Lebenskraft Verdeck ſei deutlich, d den Grabſt ſchwer nied ner große wenn er ni An de indem er d kleine Hau ſchifeer un geführt ha⸗ Anger ſich an ſe jene Zeit, Thür dieſe leichte Se ahrung d ſah Geor Richtung, dem Hauſ nenbild d betrachten weitem den Zeite Figuren Zun abgeſpannte Tag nach e der junge von Leben ſcht um zu in höchſter, rn um ſich Kuthloſigkeit und ihm i ſo vieles zurück zu den über⸗ rämlich die lichen Ma⸗ zzige, das ſtand: ein den Stand leben. Er ihnen ſeine über ihre freundliche begel nach de Wogen ledsſtunde, or meiner hoffrung, gen, welche 843 dann habe ich nichts, nichts!—— iſt es nicht ſchreck⸗ lich, keine Hoffnung zu haben!“ „Sei ſtark, mein theurer Sohn, und Gott wird Dir dieſe letzte Hoffnung nicht rauben! Ich fühle es, wir ſehen uns noch einmal.“ Der Einkauf eines ſchönen Schiffes und die Aus⸗ rüſtung und Bemannung deſſelben brachte Georg's erſtarrte Lebenskraft wiederum in Bewegung; und als er das Verdeck ſeines neuen Fahrzeuges betrat, ſo fühlte er deutlich, daß der Geiſt ſich wieder erheben wollte, um den Grabſtaub abzuſchütteln, der ihn eine lange Zeit ſo ſchwer niedergedrückt hatte. Er konnte unmöglich in ſei⸗ ner großen Thätigkeit den Schmerz ſo empfinden, als wenn er nur in den Träumen lebte. An dem Abende vor ſeiner Abfahrt fiel es ihm ein, indem er durch den Maſthugg ſpazierte, noch einmal das kleine Haus zu beſehen, in welchem der alte Flaggen⸗ ſchiffer und Frau Rebecca ihre frohe und glückliche Ehe geführt hatten. Angenehme und wehmüthige Erinnerungen ſchmiegten ſich an ſein Herz... Ach, wie ganz anders war jene Zeit, da er zuerſt mit ſeinem Mantelſacke vor der Thür dieſes Hauſes ſtand! Wie grell unterſchied ſich die leichte Sorgloſigkeit des Jünglings von der bittern Er⸗ fahrung des Mannes! Georg's Gedanken erhielten inzwiſchen eine andere Richtung, als er einen jungen, wohlgekleideten Mann vor dem Hauſe auf⸗ und abgehen und bald das alte Galeo⸗ nenbild des Gottes Mars, bald den kleinen Hausflur betrachten ſah, welcher zwar reinlich war, aber doch bei weitem nicht die zierliche Feinheit verrieth, die ihn zu den Zeiten der ſeligen Frau Rebecca und der kunſtmäßigen Figuren von Fichtenzweigen ausgezeichnet hatte. Zum erſten Male ſeit ſieben Monaten empfand Georg 344 ein Gefühl, das der Neugierde ähnlich war: er konnte nicht begreifen, war aber doch geneigt, zu erfahren, wer ſich ſo für dieſes Haus intereſſirte, das ihm vormals ſo theuer geweſen war und es noch immer blieb. Georg wußte nicht, wer jetzt der Beſitzer deſſelben war. In dem Zimmer, welches er ſelbſt bewohnt hatte, hingen vor den Fenſtern weiße Jaluſien, die gleichwohl nicht ſehr hoch waren, und er wußte nicht, ob in dieſem Augenblick eine Täuſchung des Geſichts ihm das Bild vorgaukelte, das ihm hier ſtets vorgeſchwebt hatte, oder ob es wirklich dieſe goldenen Locken waren, die er aus früheren Zeiten ſo gut kannte, und welche jetzt hinter den Jaluſien hervordämmerten. Er bekam das Geſicht nicht zu ſehen; was er aber ſah, das führte die Erinnerung an ſie zurück, welche er zwar nicht vergeſſen, deren Bild er jedoch in ſeiner großen Trauer nicht in ſich aufzunehmen vermocht hatte. Wiederum fiel ſein Blick auf den zierlichen Herrn. Eine merkliche Ungeduld war in ſeinen Zügen zu ver⸗ ſpüren. Doch mit einem Male erheiterten ſich dieſelben eine Dame erſchien in dem Hausflur. Dieſe junge Dame hatte Georg noch nie geſehen, und obgleich ſie helle Locken hatte, ſo glichen dieſe doch nicht denjenigen, an welche er dachte....Aber.... “, wer kommt denn jetzt?.... ihre goldenen Locken kannte er nur allzu gut: dieſe hatte er am Fenſter ge⸗ ſehen... Sie hatte alſo ſein ehmaliges Zimmer beſucht! Georg hoffte, daß Fanny in der großen Entfernung ihn nicht erkannt hätte. Er ſeines Theils hatte nicht den Muth, ihr zum erſten Male nach einer ſo langen Zeit in fremder Geſellſchaft entgegenzutreten. Er zog ſich ſchnell zurück hinter die Mauer eines andern Hauſes. Jetzt kamen alle drei den Plan herabgegangen. Zweimal blickte Fanny zurück. Ihre Wange war nicht bleicher, als da Georg ſie zuletzt ſah; doch die gekünſtelte Fröhlichkeit, die damals ihre Züge belebt hatte, war jetzt nicht da, d keit und T ſeelenvolle auf dieſem Friſche hat die„rotheſ Als / ſich ſelbſt, damals wo nie wieder ſo ſchön iſ Und ſie den W hatte. E ... Eine darauf hi welche Fa in ſolcher Als in das kle er ſich um er nicht ve „O 477 rade jetzt, nen Gedau In unter ſeine tificators ein wohln ſten und Lauf der nicht unte Er! Zimmer : er konnte fahren, wer ar. znig wohnt hatte, e gleichwohl ob in dieſem im das Bild hatte, oder die er aus ſeiner großen tte. ichen Herrn. gen zu ver⸗ h dieſelben: nie geſehen, n dieſe do Aber.. uf enen Locken Fenſter ge⸗ der beſucht! Entfernung e nicht den gen Zeit in ſich ſchnell igen. ewar nicht gekünſtelte „war jetzt 34⁴5 nicht da, auch konnte man keine Spur von Schwermüthig⸗ keit und Traurigkeit entdecken; nein, dort lag eine ſanfte, ſeelenvolle Ruhe, ein inniger Herzens⸗ und Gemüthsfriede auf dieſem ſchoͤnen Geſichte, deſſen Blumen eine anmuthige Friſche hatten. Und die Lippen ſchwellten noch roth wie die„rotheſten Korallen.“ „Als ich ſie das letzte Mal ſah,“ ſagte Georg bei ſich ſelbſt,„ſah ich ſie eigentlich nicht. Wie konnte ich damals wohl eine andere ſehen, als den Engel, den ich nie wieder ſehen werde! Ich wußte nicht, daß Fanny ſo ſchön iſt!“ Und jetzt begann er den Umſtand zu bedenken, daß ſie den Winter in Göteborg und nicht in Strand verlebt hatte. Er wußte nicht, ob er die Urſache gehört hätte ... Eine Wärme auf der Wange deutete gleichwohl darauf hin, daß er jetzt die Gründe vollkommen errieth, welche Fanny vermocht hatten, während dieſer Zeit nicht in ſolcher Nähe der Johannis⸗Klippe zu weilen. Als die Spazierenden verſchwunden waren, ſo trat er in das kleine Haus. Doch, auf der Schwelle mußte auch er ſich umſehen... Wer war der junge Mann? Hatte er nicht von einem Göteborger Freier etwas vernommen? „O.. ſollte ſie ſich wohl jetzt verlobt haben— ge⸗ rade jetzt, nachdem...“ Er hielt ploͤtzlich inne mit ſei⸗ nen Gedanken. In dem Zimmer, wo ehedem der alte Stormbom unter ſeinen Segeltuchhaufen in der Geſellſchaft des Rec⸗ tificators und des Bambus⸗Olle geſeſſen hatte, ſaß jetzt ein wohlweiſer Schuhmacher unter ſeinen Lederhaufen, Lei⸗ ſten und Pfriemen. „Ach— das Heiligthum des alten Flaggenſchiffers eine Schuhmacherwerkſtätte!.... doch das iſt ja der Lauf der Welt!“ Georg konnte aber doch einen Seufzer nicht unterdrücken. Er bat um die Erlaubniß, einen Blick in die andern Zimmer werfen zu dürfen, und dieſes wurde ihm ohne die geringſte Schwierigkeit bewilligt, als er ſagte, daß er ein alter Freund des ehmaligen Beſitzers dieſes Hauſes geweſen wäre. Der Meiſter machte nur die Anmerkung, der ehrliche Flaggenſchiffer müßte viele Freunde gehabt haben, weil eben in gleicher Abſicht ein paar Damen dort geweſen wären. Georg ſah erſt Frau Rebecca's Staatszimmer, das von der neuen Wirthin ſichtbarlich in einem gewiſſen Re⸗ ſpekt gehalten wurde. Und ſanfte, freundliche Gefühle wiegten ſich in ſeinem Herzen, da er hie und da noch ei⸗ nen Hausrath erblickte, das der ehrwürdigen Frau gehoͤrt atte. Jetzt trat er ohne Geſellſchaft— denn die Wirthin wurde abgehalten— in ſein eigenes altes Zimmer. Hier war alles verändert: keine Spur war mehr da von der ehmaligen Nettigkeit. Aber es war dennoch das Zimmer, es waren noch die alten Tapeten, es war noch das alte Fenſter, vor welchem er ſonſt ſo oft geſtanden und der alten Frau nachgeſehen hatte, wenn ſie mit ihrem Korbe an dem Arme zu Markte ging— und dort war ja noch die Thür der Garderobe, wo Komm bei ſeinem erſten Eintritte einlogirt worden war. „Ach, Komm!“— ſeufzte Georg—„ſogar Dich ſollte ich verlieren... mein armer, theurer Komm!“ Georg fühlte ein Bedürfniß, dieſe Thür zu öffnen, die vielleicht eben„Jemand“ geöffnet hatte... Ja, das war ganz gewiß, denn gleich hinter der Schwelle lag ein feines, weißes Schnupftuch.... Es war etwas in die eine Ecke deſſelben eingeknüpft. In einer andern aber ſtanden die Buchſtaben F. H. Da Georg in dieſem Augenblicke die Wirthin kom⸗ men höoͤrte, ſo ſteckte er ſchnell den Fund ein.... Als er an Bord gekommen war und in ſeiner ein⸗ ſamen Cajüte ſaß, ſo nahm er dieſes Schnupftuch hervor, das Fanny gehörte„.. Es war ein kleines Taſchenbuch eingeknüpft, kleinen unv G. H. W. Lange ... Da F offen, ſo w Abſchiede d kleinem Ha Georg verzüglich Zweifel wü ihren Brief ſchweben. „Mick auch—„ Das Schn ken an die Jetzt den Brief Er hatte und Freun wahrſchein Und flüſterte: wahrſchei entſcheide er auf geblickt tuch, 1 lag bei gte, daß er eſes Hauſes der ehrliche haben, weil dort geweſen mmer, das gewiſſen Re⸗ che Gefuͤhle da noch ei⸗ Frau gehöoͤrt die Wirthin nmer. dar mehr da dennoch das es war noch fft geſtanden e mit ihrem d dort war bei ſeinem ſogar Dich Komm!“ r zu öffnen, . Ja, das elle lag ein twas in die ndern aber irthin kom⸗ ſeiner ein⸗ tuch hervor, Taſchenbuch 347 eingeknüpft, das gleichwohl weiter nichts enthielt, als einen kleinen unverſiegelten Brief mit der Aufſchrift an: Herrn G. H. W. Lange wog Georg den leichten Brief in ſeiner Hand .. Da Fanny denſelben bei ſich gehabt hatte, und zwar offen, ſo war es gewiß ihre Abſicht geweſen, ihn bei dem Abſchiede dem Manne zu übergeben, der vor Stormbom's kleinem Hauſe ihrer wartete. Georg hielt es daher für ſeine erſte Pflicht, ihr un⸗ verzüglich das Verlorene wieder zuzuſtellen; denn ohne Zweifel würde ſie, wenn ſie an den Ort zurückkehrte und ihren Brief nicht fände, darüber in der groͤßten Unruhe ſchweben. „Mich,“ murmelte er— ſo dachte und fühlte er auch—„mich kann es doch auf keinen Fall angehen... Das Schnupftuch aber will ich gleichwohl als ein Anden⸗ ken an dieſe geliebte Jugendfreundin behalten.“ Jetzt nahm er Papier, Feder und Dinte; er wollte den Brief couvertiren und mit einigen Zeilen zurückſenden. Er hatte ſich entſonnen, daß ſie bei einem alten Gönner und Freund ihres Vaters wohnte, deſſen Tochter ſie geſtern wahrſcheinlich begleitet hatte. Und ohne der Verſuchung nachzugeben, die ihm zu⸗ flüſterte:„Du könnteſt wohl doch dieſen Brief leſen, der wahrſcheinlich ihr eigenes und eines Andern Schickſal entſcheidet!“ beeilte er ſich, denſelben einzuwickeln, nachdem er auf ein beigefügtes Blatt folgende Zeilen gezeichnet hatte: „Gute, theure Fanny! „Dein Jugendfreund— deſſen bitterem Unglück Du gewiß bisweilen einen theilnehmenden Seufzer geſchenkt haſt— beſuchte geſtern das Zimmer, in welches Du eben geblickt hatteſt. Er fand in der Garderobe ein Schnupf⸗ tuch, mit Deinem Namen gezeichnet, und in demſelben lag beigefügter kleiner Brief. „Ich verſichere Dich bei meiner Ehre, daß ich keine einzige Zeile davon geleſen habe. „Jetzt erhältſt Du ihn hiemit zurück nebſt einem warmen und treufeſten Gruß von Georg Letsler. „N. S. Das Schnupftuch behalte ich.“ Als Georg den Brief mit einem Matroſen am's Land geſchickt hatte, war er mit ſeiner Handlungsweiſe in ſeinem Innern ſehr zufrieden. Den übrigen Theil des Abends verbrachte er am Lande, wo er noch ſo vieles zu beſorgen hatte, und am folgenden Morgen in der Dämmerung wurden die Anker gelichtet. Gegen Mittag, da die ſchöne Handelsſtadt weit hinter ihm lag— denn ein friſcher herrlicher Wind führte das Fahrzeug ſchnell über die unruhigen Wogen— trat jener Matroſe, der am vorigen Abende den Auftrag erhalten hatte, den Brief zu Fanny zu tragen, vor ſeinen Capi⸗ tain und gab ihm den Brief zurück mit der Nachricht: nachdem er vergeblich an alle Thüren geklopft, ſo hätte er keinen andern Rath gewußt, als den Brief wieder mit⸗ zunehmen. Georg nahm ihn und hatte, da der Brief wieder in ſeiner Hand ruhte, ein eigenes ſonderbares Gefühl. In⸗ zwiſchen verſchloß er ihn bei ſeinen übrigen Papieren, um ihn mit der erſten Gelegenheit zurückzuſchicken. Doch er wurde nie zurückgeſchickt. Verſiegelt begleitete ihn Fanny's Brief über fremde Meere in fremde Lander. Wenn ſeine Seele auf dem Wege war, in düſtere Schwärmerei und bittere Klagen über die entſchwundenen himmliſchen Tage zurück zu verſinken, da noch ſeine ſo unausſprechlich geliebte Gattin ihn auf ſeiner ebenfalls ſo bitter vermißten Elvira Cornelia— ſeinem erſten Fahr⸗ zeuge, dem theuren Fahrzeug ſeiner Jugendträume— be⸗ gleitete; wenn alle dieſe Erinnerungen ihn in die Feſſeln der Verzwe weder Vernn aus zu befr hatte an ihr ſamen Caji was er wol Fanny's fr ſeine kleine mit Elvira ander in ſe nenhell aus lange; Elv den blauen Wenn Herz kam, Vier einer näher an einem Wehmuth Anklang fa für und g geruht hat Ueberlegur Art von ich ja do und dann Jetzt dennoch, gendes la muß, de erhalten warme „U daß ich keine nebſt einem Letsler. gtroſen an's ungsweiſe in chte er am e, und am n die Anker weit hinter führte das trat jener ag erhalten inen Capi⸗ Nachricht: t, ſo hätte wieder mit⸗ f wieder in efühl. In⸗ pieren, um iber fremde in düſtere chwundenen ſch ſeine ſo benfalls ſo eſten Fahr⸗ me— be⸗ die Feſſeln —ᷣ—ꝛ—ꝛ:—— 349 der Verzweiflung und des Mißmuthes legten, und wenn weder Vernunft noch Thätigkeit zureichen wollten, ihn dar⸗ aus zu befreien, dann nahm er dieſen Brief hervor, und hatte an ihm einen wunderbaren Geſellſchafter in der ein⸗ ſamen Cajüte. Er betrachtete ihn; er rieth und rieth, was er wohl enthalten möchte, und dabei geſchah es, daß Fanny's frohes Bild aus den ſchoͤnen Jugendtagen, da ſie ſeine kleine Göttin auf Strand war, ſich nach und nach mit Elvira's Bilde miſchte. Und ſie begannen bei ein⸗ ander in ſeinem Herzen zu wohnen, wo es bisweilen ſon⸗ nenhell ausſah. Aber Fanny's Beſuche dauerten nicht lange; Elvira's Bild ſcheuchte gewöhnlich das ihrige mit den blauen Augen hinweg. Wenn aber wieder eine geheime Sehnſucht über das Herz kam, ſo mußte der Brief von Neuem hervor. Vier Monate lang vermochte Georg ſeine Luſt nach einer nähern Bekanntſchaft mit ihm zu beherrſchen. Doch an einem Abende, da die ganze Natur in eine ſehnſüchtige Wehmuth verſenkt lag, die in ſeiner Seele einen treuen Anklang fand, da war es zu Ende mit aller Disputation für und gegen: das Couvert, in welchem der Brief geruht hatte, flog in Stücke— und nun war von keiner Ueberlegung weiter die Rede. Er ſagte ſogar in einer Art von entſchloſſenem Tone:„Um einige Monate muß ich ja doch auf jeden Fall das Reſultat erfahren.... und dann, was geht's mich an?“ Jetzt war der Brief geöffnet. Und jetzt meinte Georg dennoch, daß ihn der Brief ein wenig betraf, da er fol⸗ gendes las! „Beſter Herr W..! „Heute bin ich betrübter, als ich ſeit langer Zeit ge⸗ weſen bin, denn ich weiß, daß ich einen Mann betrüben muß, der ſo lange und aufrichtig von mir etwas mehr zu erhalten geſucht hat, als was ich zu geben vermag: meine warme Hochachtung. „Und dieſes iſt alſo mein Dank für die Theilnahme, den Rath, die Hülfe, welche ich erhielt, da ich nach der gro⸗ ßen Umwaͤlzung in den Angelegenheiten meines Vaters nach Göteborg kam, um dieſen Angelegenheiten wieder aufzuhelfen, ohne welche mein armer Vater, der ſo ſehr an Thätigkeit gewöhat iſt, ſich zu Tode geſeufzt haben würde! „Ach, wenn ich dieſes bedenke, ſo muß ich weinen über meine Undankbarkeit! Und dennoch vermag ich un⸗ möglich anders zu handeln. Denn einer treuen, warmen Liebe als Gegengabe nur die Treue der Pflicht geben— das will ich nicht und darf es auch nicht; denn wir beide haben zu tiefe und zu ſtarke Gefühle, als daß wir uns mit einer ſolchen Liebe begnügen könnten— wie ſollten wir alſo glücklich werden! „Ich habe ſtets vermieden, mich auf einen Gegenſtand einzulaſſen, auf den Sie ſo oft als die Urſache meiner Kälte hingedeutet haben. Doch jetzt, da ich eine ſo ent⸗ ſchiedene Erklärung gegeben habe, will ich auch nicht den einzigen Grund verſchweigen, der meine abſchlägige Ant⸗ wort rechtfertigen kann. „Schon in meiner erſten Kindheit wuchs mein Herz mit dem Herzen eines Jugendfreundes zuſammen; ſeinen Namen brauche ich nicht zu nennen: Sie kennen ihn. Und dieſe Liebe begleitete mich, ohne daß ich es wußte, in das Alter, da ein ſtärkeres Gefühl ſich des ſchwachen Herzens bemächtigt. „Es gab eine Zeit, da ich noch mit Gewißheit wußte, daß ich innigſt geliebt war; und ich glaube, Gottes Engel im Himmel empfinden keine reinere, unſchuldigere Freude, als damals ich. „Doch die Jahre ſchwanden; die Stürme wechſelten mit Sonnenſchein und verdrängten dieſen zuletzt gänzlich⸗ Mein Leben nahm eine andere Richtung: nicht mehr bluͤh⸗ ten die unſchuldigen, kindlichen Freuden, nicht mehr die frohe, friedevolle Liebe, die das erſte Erwachen beſeelt hatte. Ich hätte mit ihm vereint werden konnen, mit ihm, der um, weil ahnte nie, Scham geſt drungen w daß ich zu Leidenſchaft auch nicht gehörig em entſchied. durch begl verlieren ſchon weni ben. Das „Viel ſiiſt geſchehe tung zu g. „Da über dieſer ggewählt, ſelbſt zu „Mit bieten, ül ich meiner W. dern, nä gen an Ein leſen hat aufgeroll Und nach der gro⸗ ines Vaters eiten wieder der ſo ſehr ſeufzt haben Z ich weinen mag ich un⸗ en, warmen ht geben— in wir beide daß wir uns wie ſollten Gegenſtand ache meiner eine ſo ent⸗ ch nicht den lägige Ant⸗ mein Herz nen; ſeinen kennen ihn. ) es wußte, ſchwachen hheit wußte, vttes Engel gere Freude, e wechſelten st gänzlich. mehr blüh⸗ zt mehr die hen beſeelt onnen, mit —y— 1 331 ihm, der mir mehr war als alles Andere; doch eben dar⸗ um, weil er das war, wurde ich nicht die Seinige. Er ahnte nie, wie viel ſein Glück mir koſtete; ich wäre vor Scham geſtorben, wenn ſein Blick bis in mein Herz ge⸗ drungen wäre. Das geſchah auch nicht, und er glaubte, daß ich zu ruhig, zu lau wäre, als daß ich die ſtärkſte Leidenſchaft in unſerer Bruſt verſtehen könnte, und daß ich auch nicht im Stande wäre, einen recht großen Schmerz gehörig empfinden zu können, da ich mein Schickſal ſelbſt entſchied. In dieſem ſeinem Glauben lag meine Stärke. „Doch dieſe Entſagungen, dieſe innern Kämpfe grif⸗ fen mich an. Meine Betrübniß wurde nicht toͤdtend, nicht heftig, nicht zerſtörend für Seele und Leib; aber ſie wurde 9. zerf eine Betrübniß, die mich durch mein ganzes Leben hin⸗ durch begleitet. Ich meine nicht die Betruͤbniß, ihn zu verlieren— dieſe kam erſt nachher, und ich empfand ſie ſchon weniger bitter— ſondern ſein Herz verloren zu ha⸗ ben. Das meinige konnte ich nur einmal geben. „Vielleicht bin ich allzu offenherzig geweſen; aber es iſt geſchehen, um Ihnen den einzigen Beweis meiner Ach⸗ tung zu geben, den ich zu geben im Stande bin. „Da ich weiß, daß es mir unmöglich ſein würde, über dieſen Gegenſtaud zu reden, ſo habe ich den Ausweg gewählt, zu ſchreiben; und ich beabſichtige meinen Brief ſelbſt zu uͤbergeben, da wir uns heute Abend trennen. „Mit tiefer und inniger Dankbarkeit für das Aner⸗ bieten, uber welches ich immer ſtolz ſein werde, vereinige ich meinen herzlichen und warmen Wunſch, daß Sie, Herr W.., mich nicht zu ſtreng richten, und noch einen an⸗ dern, nämlich daß Sie nur mit Freundſchaft denken möͤ⸗ gen an Fanny Holmér. Eine runde Stunde, nachdem Georg dieſen Brief ge⸗ leſen hatte, blieb er unbeweglich ſitzen vor den ſo ſchnee aufgerollten Gemälden aus ſeinem entflohenen Leben.. Und auf jedem Gemälde ſtand Fanny's ſchönes Bild ſeine Augen geſchaut hatten. „Sie hat alſo andere Gefühle gehabt als die Gefühle der Vernunft, der Ruhe, der ſtillen, wenig gebenden, we⸗ nig fordernden Liebe.... Brannte ſie, litt ſie, kämpfte ſie, da ſie ſo ruhig und beſtimmt ſagte:„„ich habe mei⸗ nen Entſchluß langſam gefaßt; doch jetzt, da ich ihn ge⸗ faßt habe, iſt er unwiderruflich, und wird nie geändert.”ℳ O ja, ja, die Worte koſteten ihr unerhört viel.... doch nein— nicht ſo viel, nicht ſo viel!“ Er ergriff von Neuem ihren Brief. hier? „Ich meine nicht die Betrübniß, ihn zu verlieren— dieſe kam erſt nachher, und ich empfand ſie ſchon weniger bitter...... Ach, das glaube ich wohl, mein erſtes Vergehen, Fanny, meine Untreue gab Dir dieſe Betrüb⸗ niß, von welcher Du ſagſt:„„ſie wurde nicht toͤdtend, nicht heftig, nicht zerſtoͤrend für Seele und Leib. Aber ſie begleitet mich durch das Leben.“„..... Du hochherziges Weib, Du konnteſt nur einmal Dein Herz geben.... Aber Du wirſt auch nie wieder das Herz annehmen, das Du dreimal verſchmähteſt, nachdem es von Dir abhge⸗ fallen war!“ Bei dieſem Schlußſatze erröthete Georg tief, errothete, daß er alle dieſe Gedanken gehegt hatte. Er legte den Brief zuſammen, verſiegelte ihn auf's Neue und öffnete ihn nicht wieder auf der ganzen Reiſe. Im November lag Georg's neues Fahrzeug nach einer hochſt gluͤcklichen Reiſe wieder auf der Rhede bei Göteborg; und während es ſeinen Winterſchlaf ſchlief, eilte Georg auf die Johannis⸗Klippe, um ſelbſt bei ſeinem Vater zu uͤberwinterm klar und lebhaft, ſtrahlend von einer andern Liebe, als die „Was ſtand Ha ſchmerz haben. an Henn men un Freihern der M Georg hatte, barkeit Präſen „brüder leider,“ im Mi hegen, ſo ganz der Ge waltet fen E nicht war e Wohlſ gelege konnte ſirt d nicht währ klein für mat dan diebe, als die die Gefühle ebenden, we⸗ ſie, kämpfte ch habe mei⸗ ich ihn ge⸗ geändert.“ℳ viel.... „Was ſtand verlieren— chon weniger „mein erſtes hieſe Betrüb⸗ ödtend, nicht ſie begleitet hochherziges geben.... nehmen, das Dir abge⸗ ef, erröthete, Er legte den und öffnete hrzeug nach Rhede bei hlaf ſchlief, t bei ſeinem 4 Helgenäs wollte er noch nicht beſuchen: es würde ſchmerzhafter als alles andere ſeine Wunden aufgeriſſen haben...„ſie bluten ohnehin ſchon genug!“ ſchrieb er an Henning, dersin ſeinen Briefen ihn aufforderte, zu kom⸗ men und alle Verbeſſerungen zu beſehen, die er für nöthig erachtet hatte. Doch nicht war Henning, der jetzt mit ſeiner kleinen Freiherrin auf dem ſtets beneideten Helgenäs ſtattlich lebte, der Mann, der ſich ſo beſonders darüber grämte, daß Georg nicht kam, beſonders nachdem er Gelegenheit gehabt hatte, in einem neuen Briefe ſeine und Vendela's Dank⸗ barkeit für die„ausgezeichnet koſtbaren und magnifiken Präſente“ auszudrücken, die ſie von ihrem abweſenden „brüderlichen Freunde“ erhalten hatten...„Ich weiß leider,“ hieß es ferner,„daß ich ſo viele Artigkeit nicht im Mindeſten verdiene. Aber ich wage doch die Hoffnung zu hegen, daß Du, Bruder Letsler, mit meiner Thätigkeit nicht ſo ganz unzufrieden ſein wirſt! Man will wenigſtens hier in der Gegend behaupten, daß vielleicht wenige Güter ſo ver⸗ waltet werden, wie Helgenäs und Axelholm.“ Georg zweifelte nicht im Mindeſten an Henning's tie⸗ fen Einſichten in die Landwirthſchaft; und da er ſelbſt nicht die allergeringſte Kenntniß von derſelben hatte, ſo war er recht erfreut, daß er zu gleicher Zeit, da er den Wohlſtand der Perſonen ſicherte, die Elviren am Herzen gelegen hatten, ſelbſt ohne alle ſolche Bekümmerniſſe leben konnte. Doch war er nicht ſo leichtgläubig, ſo unintereſ⸗ ſirt oder unwiſſend über den Ertrag der Güter, daß er nicht immer wußte, worauf er zu rechnen hatte...... Mit Schmerzen gewahrte Georg, wie ſehr ſein Vater während dieſes Sommers abgefallen war. 8 Er lächelte zwar ſanft und herzlich, als er mit einent kleinen Scheine der vorigen Lebhaftigkeit ihre Haushaltung für den Winter anzuordnen ſuchte, aber das Lächeln war matt und konnte Georg nicht befriedigen, der vor dem Ge⸗ danken zurückſchauderte, ganz allein zurückbleiben zu muſſen. Der Einſiedler ꝛc. III. 23 — Von Niſſe erfuhr er in beſonderem Vertrauen, daß Tetsler die Tage faſt ausſchließlich in Andachtsübungen verlebt hätte. Er fand keine Unterhaltung mehr an den Vögeln, keine an den Schnecken, auch keine an dem Schach⸗ ſpiele. Die Paſſionsblume war abgeſtorben, und er hatte Niſſe verboten, da ſie noch ein Paar geſunde Herzblätter gehabt hatte, ſich weiter um ſie zu bekümmern; und da Niſſe dennoch ein wenig eigenſinnig geweſen war, ſo hatte er geantwortet:„Laß Du ſie, laß ſie in Ruhe ſterben: ſie braucht nicht länger zu leben.“ „So, ſo!“ ſagte Georg äußerſt niedergeſchlagen— „ſie braucht nicht länger zu leben!“ Den Schmerz des geliebten Sohnes ahnend, drückte Letsler oft ſeine Hand.„Beunruhige Dich nicht, Kind! noch bin ich nicht reiſefertig,.... In dieſem Herbſte aber war ein Anderer reiſefertig geworden... Patron Holmér, der ſich von dem großen Umſturze ſo ziemlich in den neuen Affairen erholt hatte, konnte nicht lange ſeiner Ruhe genießen. Den ganzen Sommer ſeit dem Anfange des Frühlinges, da Fanny nach Hauſe kam, um ihn nicht mehr zu verlaſſen, hatte er ſich ſchlecht befunden; gegen den Herbſt wurde es aber immer ſchlimmer. Und als er verſtand, daß es ſich ge⸗ gen das Ende zu neigen begann— obgleich er noch faſt immer auf den Beinen war— ſo ſagte er eines Tages zu ſeiner Tochter, die in tiefer Betrübniß an ſeiner Seite ſaß:„Ich bin zufrieden, mein Kind, denn eine innere Stimme, an welche ich ſo feſt glaube, wie an Gottes ei⸗ genes Wort, ſagt mir, daß Deine treue Liebe bald ihren Lohn finden wird...Ja, ja, erröthe nur nicht vor mir!.. Als Du in dieſem Frühlinge das letzte Aner⸗ bieten ausſchlugſt, ſo verſtand ich, daß Dn nie glücklich werden willſt oder kannſt, wenn nicht mit einem gewiſſen Capitain— und er kommt!“ In dieſem Glauben ſtarb Holmér. Jetzt war der Laden zu Strand verpachtet und Fanny —— nach( geweſe ſucht 1 eigniſſ waren bei ein auf d dem k Doch noch d nichts kraftv ſaßen laut aber Ohr allem dageg ſtände ſeine klare höͤrte Herz digen viele wen nen Eri wen ben ſow zu c rrauen, daß ichtsübungen iehr an den dem Schach⸗ und er hatte Herzblatter rn; und da ar, ſo hatte uhe ſterben: ſchlagen— nd, drückte cht, Kind! rreiſefertig dem großen erholt hatte, Den ganzen da Fanny aſſen, hatte rde es aber es ſich ge⸗ er noch faſt eines Tages ſeiner Seite eine innere Gottes ei⸗ bald ihren ir nicht vor letzte Aner⸗ nie glücklich em gewiſſen auben ſtarb und Fanny 355 nach Göteborg zuruͤckgekehrt. So lange ſie aber zu Hauſe geweſen war, hatte ſie wie ſonſt den Einſiedler oft be⸗ ucht.... ſuch Carolus und Georg, die ſeit dem ſchrecklichen Er⸗ eigniſſe an den Munkſcheren noch inniger vereint worden waren, hielten ſich während dieſes Winters faſt immer bei einander auf, das heißt: Carolus war meiſtentheils auf der Johannis⸗Klippe, wo er gleich ſeinem Freunde dem kleinſten Wunſche des Greiſes zuvorzukommen ſuchte. Doch ſeine Wünſche hatten geſchwiegen, und wenn er ja noch den einen oder den andern hegte, ſo ſagte er doch nichts davon. Es war ein ſchöner Anblick, zu ſehen, wie dieſe kraftvollen Seeleute dort in ſtiller und warmer Andacht ſaßen und zuhoͤrten, wenn Niſſe des Abends dem Alten laut aus der Bibel vorlas. Bisweilen las auch Georg; aber der ſtarke volle Klang ſeiner Stimme geſiel Letsler's Ohr nicht ſo, wie der, an den er ſich nun ſchon ein für allemal gewöhnt hatte. Um ſo mehr unterhielt er ſich dagegen mit ſeinem Sohne über die wichtigen Gegen⸗ ſtände, die ſeine ganze Seele beſchäftigten, und er goß ſeine Gedanken, ſeine Anſichten in eine ſo ſchoͤne und klare Form, daß Georg ihm mit ſtillem Entzücken zu⸗ horte und Gott dankte, daß er dem armen flüchtigen Herzen geſtattet hatte, alle dieſe ſeligen, lichten und leben⸗ digen Hoffnungen zu finden. Inzwiſchen hatte Georg's Gemüth auch Raum für viele Erinnerungen und Gefühle, die ihn oft überraſchten, wenn er entweder an ſeine verewigte Gattin oder an ſei⸗ nen alten geliebten Vater gedacht zu haben vermeinte. Erinnerungen; und er ſchämtz ſich faſt vor ſich ſelbſt, wenn er bisweilen wider ſeinen Ligenen Willen auf dieſel⸗ ben zu lauſchen begann: ſie hatten ihm ſo viele Dinge ſowohl von der Vergangenheit, als auch von der Zukunft zu erzählen. Doch nicht konnte er ſich ſolchen verführeri⸗ Er war ſcheu und Wenmf dieſen Gefühlen und⸗ 4 356 ſchen Täuſchungen hingeben.. er, der die zärtlichſte Gat⸗ tin ſo hoch geliebt hatte und von ihr ſo innig geliebt worden war.. er, der ſie ſo herzlich betrauerte und ſchmerzlich vermißte! „Ja,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ich betraure ſie allzu tief, als daß ich ihr je ungetreu werden könnte!“ Doch wiederum erſchrak er, denn er war nicht recht zufrieden mit ſeinen Verſicherungen. Der gefundene Brief war längſt von Neuem geöffnet und unzählige Male geleſen worden; und nicht genug da⸗ mit: er ſuchte ſo lange unter allerlei Vorwänden in dem Pulte ſeines Vaters, bis er endlich das kleine Briefpaquet fand, das er ihm anvertraute, da er ſich nach Helgenäs begab, um Elviren zu begehren. „Suchſt Du etwas, mein Sohn?“ fragte Letsler einmal. Doch Georg antwortete blutroth im ganzen Ge⸗ ſichte:„Ich meinte, ich hätte eine Karte hieher gelegt.“ Einige Tage ſpäter ſah gleichwohl Letsler bei einem zufälligen Blick in ſein Zimmer, wie er ſaß und die vor⸗ gebliche Karte eifrigſt ſtudirte. Da lächekte der Greis in ſeinem Sinne und hoffte, daß Georg ſich wohl noch ein⸗ mal erholen und Glück und Frieden im Leben finden würde. 3 „Ich glaube,“ ſagte Carolus eines Tages, indem er ploͤtzlich das lange Schweigen über dieſen Gegenſtand brach,„ich glaube, der Capitain Georg hat die Mamſell Fanny ganz und gar vergeſſen— haſt Du denn gar kein Verlangen ſie wieder zu ſehen?“ „Ich habe ſo ſelten an ſie gedacht, daß ich nicht ſo weit kommen konnte ein ſolches Verlangen zu empfinden,“ antwortete Georg gezwungen.„Doch glaube ich, es würde mir Freude machen, ſie wieder zu ſehen.“ „Gerade ſo iſt auch meine Meinung!“ fiel Carolus ein, nahm aber den Faden weiter nicht auf. Carolus 7 war zu ſchlau, als daß er ſich nur den Schein geben. ſollte, als bemerkte er, wie gerne Georg fortſetzen wolltez. da e wollie konnt nes 2 lebend wollt roſen weiß Herz ja nu ſein warm treu, chſte Gat⸗ nig geliebt auerte und ee ſie allzu Iu nicht recht m geoffnet genug da⸗ den in dem Briefpaquet ) Helgenäs gte Letsler anzen Ge⸗ er gelegt.“ bei einem dd die vor⸗ Greis in lnoch ein⸗ ben finden es, indem Gegenſtand ie Mamſell in gar kein ich nicht ſo empfinden,“ , es würde el Carolus Carolus⸗ chein geben Ben wollte; 8‿ 8 1 . da er aber Fanny's jetzige Geſinnung nicht kannte, ſo wollte er ſich nur dieſe kleine Andeutung erlauben. So dauerte es bis in den Januar hinein. Und nun konnte Georg trotz ſeiner Trauer, ſeines Schmerzes, ſei⸗ nes Wittwerſtandes ſich nicht länger verhehlen, daß die lebende, alte Liebe mit aller Macht jene Liebe verdrängen wollte, deren Gegenſtand weit über die Erde erhöht war. Er wollte wiederum das Leben, wenn auch nicht roſenroth, ſo doch in andern Farben als ſchwarz und weiß ſehen, er wollte wiederum den leeren Raum im Herzen, in der Seele, im Gemüthe füllen. Und es gab ja nur Eine, die denſelben füllen konnte! Doch waren wohl ſeine Gefühle jetzt, da die Trauer ſein Herz verheert hatte, ſo feurig, ſo wahr, ſo lebendig warm, daß ſie diejenige befriedigen konnten, welche ſo treu, ſo innig geliebt hatte? 1 „Ja, ich glaube wohl, daß ich noch recht warm bin!“ dachte er, und hatte gleichwohl nicht den Muth, ſich zu geſtehen, wie warm er wirklich war. Endlich beſchloß er eine Reiſe nach Helgenäs zu machen. Er wollte durch Göteborg reiſen, und wäre er erſt einmal dort, ſo wäre es auch nicht gut möglich, ſich ſo gleichgültig zu zeigen, daß er nicht eine alte Jugend⸗ freundin aufſuchte. Er trat die Reiſe an. Doch ſchon nach acht Tagen kam er zurück. Er hatte, wie er ſagte, unterweges die Luſt verloren: die Reiſe nach Helgenäs mußte aufgeſchoben werden. Carolus erfuhr nie die Urſache dieſer plötzlichen Ver⸗ änderung; doch aus Georg's ſtillen und ernſtem Weſen ahnte er etwas von der Wahrheit. Unſer Capitain hatte die Geliebte ſeiner Jugend be⸗ ſucht, und ſie in dem Alter von vierundzwanzig Jahren weit ſchöner gefunden, als da ſie fünfzehn war. Und nicht ohne eine Miſchung von Schmerz und Freude empfand er, wie willig ſein Herz ſich öffnete, um —— die ſo lange Geliebte aufzunehmen. Er erröthete nicht mehr vor Scham darüber, daß es ihr wieder einen Raum geben wollte: jetzt erroͤthete er vor Furcht, daß ſie es vielleicht nicht einnehmen wollte. 1 enn bedenklich. Und dieſe Furcht erſchien als mehr d „Das meinige konnte ich nur einmal geben!“ ſtand zwar in dem Briefe; doch trotz dieſer Worte wollte es ihm faſt ſcheinen, als ob ihr Herz ihm jetzt nicht gehörte. Vielleicht war dies dennoch der Fall, obgleich ſie es ver⸗ arg. Als aber Fanny ſah, daß er ſie mit Blicken ſuchte, die nicht zweideutig ſein konnten, und ſie ſich nichts deſto weniger in den Schleier der ruhigſten Freundſchaft hüllte, ſo geſchah dies nicht aus Coquetterie, oder um ſeine wiedererwachten Gefühle zu ſteigern, ſondern um ihn ſo feinfühlend wie möglich verſtehen zu laſſen, falls ſie ihn auch noch liebte, ſie es doch weder vergeſſen wollte noch konnte, daß ſie ſein Herz einmal verloren hatte. Ach, wie gerne hätte er in ihren Augen dieſe wech⸗ ſelnden Blitze zwiſchen Finſterniß und Licht, zwiſchen Feuer und Eis geſehen, die er einſt in Elvira's Blicken ſchauete! Sie würden ihm gezeigt haben, daß ſie ihn an ſich ziehen, daß ſie ihn ſtrafen wollte, um ihm hernach alles zu geben... Doch Fanny ſchien gar nichts geben zu wollen— und ein ſolches Spiel mit Gefühlen war in ihrem ganz gegen ihr Gemüth. Georg kannte Fanny, und in ihren Augen, das zwar ſanft und gut war, aber ch beſtimmt ver⸗ Weſen lag etwas, dennoch offen andeutete, daß ſein Verſu unglücken würde, wenn er ihn wagte. Tief betrübt reiſ'te er zurück.— Jetzt wollte er nicht weiter an ſeinen entſchw en Jugendtraum denken und auch nicht an den neuen. as Leben lag wieder ſchwer und düſter vor ihm. Aber er mußte dieſen Gefühlen, dieſer neuen Trauer, die ſich faſt 359 hete nicht über die alte erheben zu wollen ſchien, Feſſeln anlegen. nen Naum Kein Menſch ſollte ſeine Mißrechnung ahnen.... daß ſie es......... Und noch einmal wurde es Frühling. edenklich. A Die Eisflotten ſegelten ab. Die Blumen in Niſſe's en!“ ſtand Backtroge ſchlugen aus und freuten ſich der Sonne, die wollte es ſo freundlich auf ſie herein ſchien. Carolus hatte ſich ht gehörte. ſchon längſt zu der erſten Reiſe gerüſtet. Doch Georg ſie es ver⸗ rüſtete nicht: er wollte bei ſeinem Vater bleiben. Und jetzt hat unſere Erzählung den Punkt erreicht, ken ſuchte, welchen der Anfang des Capitels andeutet— den zweiten ichts deſto Frühling, der mit ſanften Winden über Elvira's blaues aft hüllte, Grab ſauſelte. um ſeine im ihn ſo lls ſie ihn vollte noch— jeſe wech⸗ zwiſchen. 3. 's Blicken Einun dzwanzigſtes Kapitel. ſie ihn an m”inas An einem ſchönen und friedevollen Abende am Ende chts geben des Maimonates hatte Letsler an der Seite ſeines Soh⸗ ihlen war nes draußen auf der lieben Felſenplatte Platz genommen, auf welcher er in ſo vielen verſchiedenen Abwechſelungen ſeines innern Lebens geſeſſen und dieſe Berge, dieſe Fel⸗ in ihrem dar, urem ſen, dieſe Geſtade, dieſes ihm ſo theuer gewordene Meer mmt ver⸗ betrachtet hatte. Mit allem war er nun vertraut, und 4 er betrachtete nun jeden beſonderen Theil mit dieſem tie⸗ — fen Intereſſe, das wir für Gegenſtände empfinden, die wi nen»uns theuer geworden ſind, und von denen uns eine w ee inAhnung ſagt, daß wir uns bald von ihnen tren⸗ Aber er nen ſollen. e ſich faſt Georg's Blick ruhte auf dem Vater, und dieſer Blick ſagte:„Bald iſt das letzte Band zerriſſen!“ 4 .360 „Wie viele Jahre habe ich nicht auf dieſer Klippe verlebt!“ ſagte zuletzt Leisler.„Sechzehn Jahre, mein Sohn, iſt eine lange Zeit— und doch wie kurz zu einer Buße, die dem Maße meiner Sünden entſpricht!“ „Ach, Vater! dieſe Buße iſt lang geweſen, o, ſo lang, daß man kaum zu faſſen vermag, wie ein Menſch im Stande geweſen iſt, ſie zu beſtehen! Und ſchon lange habe ich die Ueberzeugung gehabt, daß die Buße groͤßer geweſen iſt, als die Sünde. Gott hat ſie geſehen, hat ſie entgegen genommen und Frieden ertheilt.“ „Ja— er hat mir Frieden verliehen!.. Wie wohl iſt mir nicht jetzt, wenn ich es mit jenem Tage vergleiche, da ich, gejagt von meinen wilden Stürmen, auf dieſer Klippe eine Zuflucht ſuchte! Und bald wird es noch viel beſſer werden, als es in dieſem Augenblicke iſt — bald, theurer Sohn, bald hört meine Sehnſucht auf: Deine Mutter.... o, welch ein Wiederſehen!“ Er ſchwieg, und ein Strahl eines längſt erloſchenen Feuers brannte in dem matten Blicke. „Mein Vater, mein Vater! ich kann Dir die himm⸗ liſche Seligkeit nicht mißgoͤnnen, der Du zu begegnen gehſt; doch, großer Gott! iſt es nicht zu verzeihen, wenn ich— ſo arm, ſo arm wie ich dann werde— wünſchte, daß ich Dich begleiten konnte!... auch ich habe ja eine verlorne und geliebte Gattin zu treffen!“ „Nicht ſo, mein Georg! In einem Alter von ſieben und zwanzig Jahren, in einer kaum erreichten Mannes⸗ kraft, iſt es nicht Recht, ſo. zu reden. Deine Beküm⸗ merniſſe ſind groß, tief und bitter geweſen.... und wenn ich mich nicht allzu ſehr täuſche, ſo ſind die Wunden Deines Herzens ſchon auf dem Wege geweſen, zu heilen. „Ja, Vater, ich muß es geſtehen! Ein Gefühl von Scham hat mich bisher von einem Bekenntniſſe zurückge⸗ halten, das Du ſicher längſt geahnt haſt.“ „Und warum ſollteſt Du dich ſchämen, daß ein — friſch Seele Elvir ſchon ganz kehrt hatte Zeit neues nur meine Glück reiche beſitzt zu be zu h Gewi ſie h⸗ ſchen aber Du i mir entfer ſtimm Sie ihr wenn ſollte. ihr 2 ich n . ieſer Klippe jahre, mein urz zu einer ht!“ ſen, o, ſo ein Menſch ſchon lange zuße größer eſehen, hat . Wie jenem Tage ürmen, auf Id wird es genblicke iſt nſucht auf: hen!“ Er nen Feuers die himm⸗ begegnen ihen, wenn wünſchte, abe ja eine von ſieben Mannes⸗ ie Beküm⸗ ... und ſind die geweſen, Zefühl von zurückge⸗ daß ein *ꝗ 361 friſcher Lenz von Neuem aufblühen will in Deiner jungen Seele? Hätteſt Du nie eine Andere geliebt als Deine Elvira, ſo würde ich mich gewundert haben, daß Du ſchon wieder die Liebe fühlen kannſt. Jetzt aber iſt es ganz anders. Sie, zu welcher Deine Gefühle zurückge⸗ kehrt ſind, war Dein Alles, ehe Du Elvira geſehen hatteſt. Darauf wohnten ſie neben einander eine lange Zeit in Deinem Herzen; und alſo, weit entfernt, ein neues und fremdes Bild aufzunehmen, ſchließeſt Du Dich nur feſter und treuer an das Weſen, welches Dir nach meiner ſicherſten Ueberzeugung das höchſte und ſicherſte Glück ſchenken wird, das ein Mann auf Erden er⸗ reichen kann. Fanny beſitzt ſtarke Gefühle, aber ſie beſitzt auch Muth und Willen, ſie zu unterdrücken und zu beherrſchen.“ „Ach, Vater! wie wohl thut es mir, dieſe Worte zu hören— ſie verſöhnen mich gleichſam mit meinem Gewiſſen und heiligen meine alten Gefühle.... Doch ſie hat leider eine allzu große Kraft, ſich zu beherr⸗ ſchen! Ich kann nicht glauben, daß ich vergeſſen bin, aber..“ „— Aber es ſah vielleicht ſo aus, meinteſt Du, da Du im Winter ſie in Göteborg ſahſt? Ich konnte es mir wohl denken, da Du ſo ſchnell zurückkehrteſt.“ „Ja, wirklich: ſie war nicht kalt, aber auch weit entfernt von warm, und darum wollte ich keinen be⸗ ſtimmten Schritt wagen.“ „Daran thateſt Du vollkommen Recht, mein Sohn! Sie muß Zeit haben, den Kummer zu vergeſſen, den Du ihr bereitet haſt.. Aber es ſollte mir weh thun, wenn ich ſie nicht noch einmal vor meinem Ende ſehen ſollte. Sie iſt ſo feſt mit meinem Herzen verwachſen— ihr Aeußeres erinnert mich ſtets an Nicolinen... Ja, ich muß ſagen, daß ich mich nach ihr ſehne.... 4 . 8.“ Jetzt ſchrieb Georg an Fanny. Nicht das Geringſte von ſeiner Liebe ſtand in dem Briefe; er enthielt weiter wieder nichts, als die Nachricht von dem warmen Wunſche ſeines plauder Vaters, ſie noch einmal vor ſeinem Hingange zu ſehen. 3J Er ſelbſt fügte nicht die geringſte Bitte hinzu. drauße Und acht Tage nach dem Abgange des Briefes ſah † gehabt Georg, da er einmal allein auf der Felſenplatte ſtand, Gelege ein kleines Boot auf die Johannis⸗Klippe zugleiten;„ und an dem Steuer ſaß, ganz ſo wie ehemals, die Ge⸗ Dich d liebte ſeiner Jugend. D Er flog hinab... O, Fanny, Fanny! wie glücklich kürzere bin ich, Dich hier zu ſehen... Dich ſo zu ſehen!“ S flüſterte er, indem ſie Arm in Arm hinaufgingen.„Cs gewagt iſt etwas in Deinen blauen Himmeln, Fanny, das mir Georg' ſagt, Du wirſt jetzt nicht ſo hart gegen Deinen Georg keine ſ ſein, wie Du im letzten Winter warſt!“ wollen Ueberraſcht— denn Fanny war in dieſem Augen⸗ was kü blicke allzu aufgeregt geweſen, als daß ſie ihre Augen halten, hätte in Acht nehmen koͤnnen— antwortete ſie, hinge⸗ 8 und n AI riſſen von der ſprechenden Wärme und Freude in ſeinen ruderte Augen:„Ach, Georg! es war mir, als wären wir mit„ einem Male weit zurück verſetzt.... Doch,“ fügte genug ſie langſamer hinzu, als er ihr mit einem treufeſten komm erchen in das Auge blickte,„es war nur eine Täu⸗ zum 1 hung!“ 3 Georg ſtellte ſich, als ob er die letzten Worte nicht ſehen höͤrte.„Mein Vater ſchläft jetzt,“ ſagte er,„und erwacht 3 nicht eher, als um eine gute Stunde.... Aber wenn Fann 1 Du, theure Fanny, mir dieſen Tag zu einem wahren wurd Freudenfeſte machen willſt, ſo erlaube mir, daß ich Dich und 1 ein wenig ausrudern darf!“ 6 beſieh „Ach nein,“ meinte ſie nicht ohne eine kleine Un⸗ ſicherheit in der Stimme— pes iſt ſo kühl auf der Sch See.“ nicht „Nun, da wollen wir in das Zimmer meiner Mutter denke gehen.... o, wie habe ich mich darnach geſehnt, wo elt weiter ſche ſeines zu ſehen. Briefes ſah atte ſtand, zugleiten; , die Ge⸗ e glücklich zu ſehen!“ gen.„Es das mir nen Georg m Augen⸗ hre Augen e, hinge⸗ in ſeinen n wir mit ),“ fügte treufeſten eine Täu⸗ Borte nicht d erwacht Aber wenn n wahren ich Dich kleine Un⸗ l auf der der Mutter geſehnt, wieder wie ſonſt mit Dir in ſchöner Vertraulichkeit zu plaudern!“ Jetzt meinte jedoch Fanny, es wäre das Beſte, draußen zu bleibene Sie hatte auf jeden Fall die Abſicht gehabt, in Grafwerna einzuſprechen, und wollte jetzt die Gelegenheit benützen, während Herr Letsler ſchlief. „Und Du ſchlägſt es mir wohl wenigſtens nicht ab, Dich dorthin zu rudern?“ Das brauchte Fanny nicht abzuſchlagen, denn in kürzerer Zeit als fünf Minuten waren ſie dort. Sie ſtiegen in das Boot. Hätte jedoch Fanny es gewagt, die Augen zu erheben, hätte ſie geſehen, wie Georg's Blicke leuchteten und ſtrahlten, ſo hätte ſie gewiß keine ſo kurze Zeit mit ihm allein in einem Boote ſein wollen... Jetzt war es auf jeden Fall zu ſpät; und was konnte ſie beſſeres thun, als es für einen Scherz halten, da Georg bei Grafwerna das Boot wendete und mit allen Kräften gerade in den Fjord hinein ruderte. „Jetzt wirſt Du doch wohl an dieſer Beluſtigung genug haben!“ meinte ſie, als ſie ſchon ziemlich weit ge⸗ kommen waren, und Georg noch immer keine Anſtalt zum Umkehren machte. „Nein, liebe, gute Fanny! wir müſſen nothwendig ſehen, was der alte Georgsholm macht.“ Bei dieſem Vorſchlage fuhr es wie ein Dolchſtich in Fanny's Herz. Die Röthe floh von ihrer Wange: ſie wurde ſo bleich, daß Georg mit den Rudern inne hielt und fragte:„Verabſcheueſt Du dieſen Ort ſo ſehr, ſo befiehl, und wir kehren augenblicklich um!“ In dem Tone ſeiner Stimme lag ein ſo inniger Schmerz, daß Fanny, die noch dazu ihre Schwäche nicht an den Tag legen wollte, nach einem kurzen Be⸗ denken nachgab. Und bald ſaß ſie mit Georg an demſelben Orte, wo ſie vor etwas über drei Jahre in der Einſamkeit eine Stunde verlebt hatte, die ſie nie vergeſſen konnte. Das Andenken an die Qualen derſelben warf in dieſem Augen⸗ blicke einen Wiederſchein auf ihr Antlitz. Sein Blick ruhte auf ihr mit einem unruhig for⸗ ſchenden Ausdrucke. Eine Macht, ſtärker als ſein Wille, hielt ſeine Zunge gefeſſelt. „Gewiß,“ ſagte Fanny ermahnend,„iſt Herr Letsler nun erwacht— wir müſſen zurück!“ „Warum,“ fragte Georg ſich ſelbſt,„warum iſt ſie plötzlich ſo wunderlich, ſo kalt geworden?“ Als Fanny neulich aus dem Boote ſtieg, glaubte er ſeine kleine fröhliche Göttin auf Strand geſehen zu haben.... Jetzt ſah er ein faſt fremdes Weſen vor ſich. Die Bitte in ſeiner Seele wollte jedoch nicht ſchwei⸗ gen; die Gefühle wuchſen mit blitzesſchneller Eilfertigkeit: ſie brannten, ſie flammten, ſie begehrten es, Fanny augen⸗ blicklich wieder ſo zu haben, wie er ſie zuvor geliebt und angebetet hatte. Als ſich aber Fanny erheben zu wollen ſchien, um zu gehen, da zerriß die Furcht, dieſe koſtbaren Minuten zu verlieren, das Band, welches eine andere Furcht ihm für eine kurze Zeit angelegt hatte. Er ſank zu ihren Füßen— er hatte noch nie zu Fanny's Füßen gelegen— und von ſeinen Lippen floßen Worte, ſo warm wie das Blut, welches von und zu ſeinem ſtürmenden Herzen ſtrömte. „Mein Gott, Georg!— ſo höre doch auf! Du kannſt unmöglich ſo für mich fühlen, jetzt, nachdem... nein, das iſt unmoͤglich!“ „Iſt es unmöglich? O, ſage das nicht— Du ſiehſt, daß es nur allzu wahr iſt! Im verwichenen Som⸗ mer ſah ich Dich einmal in Maſthugg... ich entzog mich, verſteckte mich vor Deinem Blicke.... Fanny, theure Geliebte! glaubſt Du nicht, ich würde zu Dir geeilt ſein, um meine Jugendfreundin zu begrüßen, wenn ich nicht ſchon damals den ganzen Einfluß Deiner alten Herrſch mir ſell werfen. , 1/ mich w „denn . 27 einem zurück. ich erh See dern, Auge Georg. „ Eine E das m blick a himml daß D meine ſem W muthle deſt, „noch ich wi dem 7 nicht ſuchen ihm Woch inte. Das ſem Augen⸗ nruhig for⸗ ſein Wille, Herr Letsler rrum iſt ſie Als Fanny ſeine kleine ben.... icht ſchwei⸗ ilfertigkeit; nny augen⸗ geliebt und ſchien, um n Minuten Furcht ihm och nie zu pen floßen von und zu auf! Du ichdem... cht— Du enen Som⸗ ich entzog . Fanny, de zu Dir ßen, wenn einer alten Herrſchaft empfunden hätte? Doch ich ſchämte mich vor mir ſelbſt und ſcheute mich, einen Blick in mein Herz zu werfen.“ „Ich kehrte bald in das Haus zurück, aus dem Du mich wahrſcheinlich kommen ſahſt,“ ſagte Fanny erroͤthend, „denn ich hatte etwas verloren...“ „Das fand ich und ſchickte es, wie Du noch aus einem kleinen Billet erſehen kannſt, an demſelben Abende zurück. Doch mein Bote traf Niemanden zu Hauſe, und ich erhielt den Brief erſt am folgenden Mittage auf der See wieder. Vier Monate begleitete er mich verſiegelt; er war mir eine Geſellſchaft, deren wunderbare Macht über meine Seele ich nicht einmal beſchreiben will, denn Du verſtehſt ſie.... Kurz, Fanny— ein Augenblick der Schwäche kam, ich mußte ſehen, was er enthielt.“ Ueber Fanny's Antlitz folgte die eine Wolke der an⸗ dern, bald waren dieſe Wolken hell, bald düſter. Ihr Auge ruhte mit einem vorwurfsvollen Ausdrucke auf Georg. „So darfſt Du mich nicht anſehen, geliebte Fanny! Eine Selbſtbeherrſchung von vier Monaten iſt doch etwas, das man als Gegengewicht gegen einen ſchwachen Augen⸗ blick auf die Wage legen kann. Doch glaube mir, die himmliſchem Worte täuſchten mich nicht: ich ſah es ein, daß Du wenigſtens nicht ſo bald, wenn Du es je thäteſt, meine Bitten erhören würdeſt. Und als ich Dich in die⸗ ſem Winter beſuchte, da ſagte ich zu mir ſelbſt(o, ſo muthlos, daß Du Erbarmen mit mir gehabt haben wür⸗ deſt, wenn Du in meine Seele hätteſt ſehen können): „noch darf ich den Verſuch nicht wagen!“ Und ſo reiſ'te ich wieder nach Hauſe und ſaß hier und ſehnte mich nach dem Frühlinge. Jetzt, da dieſer gekommen iſt, kann ich nicht reiſen und in meiner Thätigkeit auf dem Meere Troſt ſuchen, denn mein Vater iſt ſo ſchwach, daß es bald mit ihm aus iſt, ja ich glaube kaum, daß er noch einige Wochen lebt, und dann, dann— wenn ich verurtheilt bin, allein zu leben— dann begebe ich mich auf eine lange Reiſe, die über Deine und meine Jugend hinausreicht.“ Er ſuchte Fanny's Blick. Jetzt war dieſer geſenkt — vielleicht aber war er doch nicht ſo ſtumm wie ihre Lippen. „Wenn dagegen,“ fuhr Georg mit geſteigertem Ge⸗ fühle, mit feuriger Begeiſterung fort,„wenn meine Bitten, meine Liebe— meine Liebe, die Dir, der lieblichen Braut meiner Jugend, zeigen würde, daß Du nichts verloren haſt, daß das Herz Deines Georg mit einer Stärke, einer Heftigkeit ſchlägt, gegen welche die ehemaligen Schläge in der Bruſt des Jünglinges matt waren, daß ſeine Ge⸗ fühle von einer Wärme flammen, gegen welche die ehe⸗ malige nur ein lauer Hauch war— wenn dieſe Liebe, dieſe Bitten Deine Furcht überwinden könnten, wenn ſie im Stande wären, in Deinem Herzen Zuverſicht zu er⸗ wecken, wenn Du ſagen koͤnnteſt:„Du armer, verirrter Seemann, ich will Dich wieder annehmen, und Dir von nun an in Leben und Tod folgen!“ Dann, wenn der Alte die Ruhe gefunden hat, nach welcher ſeine müde Seele ſich ſo herzlich ſehnt, beſteigen wir das neue Schiff, und dann, geliebte, angebetete Fanny, dann ſind meine erſten ſeligen Jugendträume verwirklicht, dann kommt auf immer Licht und Kraft und Leben in das Herz Deines Georg!“ Fanny's Bruſt hob ſich von ſchwellenden Wogen. Ihr ſchones Antlitz drückte die hinreißende Seligkeit aus, die Georg's warme Sprache in ihrer Seele geweckt hatte. O, warum ſollte ſie nun zweifeln? Hatte ſie ihn wohl jemals ſo gehört oder geſehen? Und unbewußt entfielen ihr die Worte:„Nein, ich kann nicht zweifeln!“ „Nein, meine Fanny, wie könnteſt Du das?“ ſagte er ernſt und treufeſt.„War ich wohl ihr, die jetzt dahin gegangen iſt, je mit einem Blicke untreu? Nie! Nein, in der erlaubten Liebe zwiſchen zwei Weſen liegt etwas allzu Tiefes und Heiliges, als daß es entweiht werden — koͤnnte; ihrer2 Du G hat, 3 „ C ſagte e Name geßlich daß D einen Dir, Erinne habe z über n geleſen Gemüt glücklie und fe Segen Zukun breitet doch find? ſchlief ſehnt eine lange usreicht.“ ſer geſenkt n wie ihre ertem Ge⸗ ine Bitten, hen Braut Fverloren irke, einer n Schläge ſeine Ge⸗ e die ehe⸗ eſe Liebe, wenn ſie ht zu er⸗ verirrter Dir von wenn der ine müde ue Schiff, ind meine ommt auf rz Deines Wogen. gkeit aus, ickt hatte. ihn wohl entfielen 2“ ſagte etzt dahin ! Nein, gt etwas t werden △ 367 koͤnnte; und da ich ihr treu war— ihr, die Dich zu ihrer Nebenbuhlerin gehabt hatte— was kannſt Du dann, Du Geliebte meiner Seele, Du, die keine Nebenbuhlerin hat, zu fürchten haben?“ „Die Erinnerung!“ lispelte Fanny. Georg erröthete ſtark.„Die Erinnerung an Elviren,“ ſagte er, und ſeine Stimme zitterte, da er den theuren Namen ausſprach,„bleibt mir ewig heilig, ewig unver⸗ geßlich— doch Du, Fanny, biſt allzu hochherzig, als daß Du nicht dem ſchönen Bilde meiner ſeligen Braut einen Platz in dem Herzen vergoͤnnen ſollteſt, das ſich nun Dir, meiner lebenden Braut für immer weiht. Und die Erinnerung an ſie kann Dir nicht ſchaden, denn ich habe zu denken gewagt, daß.... nein, es will nicht über meine Lippen; doch Du haſt immer in meiner Seele geleſen, Du ſiehſt, Du weißt, daß mit meinem heftigen Gemüthe, mit meinem heißen Blute ſich am beſten und glücklichſten für ein langes Leben ein ſo ſanftes, ſo ruhiges und feſtes Gemüth wie das Deinige vereint. Und nun, Geliebte, habe ich Dir das letzte, das wichtigſte Bekennt⸗ niß abgelegt. Nun glaubſt Du mir, nun verſtoßeſt Du mich nicht, denn Du fühlſt in Deinem eigenen Herzen, daß wir Eins ſind! O, laß uns zu meinem armen Vater eilen, der ſo ſehnſuchtsvoll darauf harrt, Dich als Tochter an ſein Herz zu ſchließen, der ſich darnach ſehnt, uns den Segen zu ertheilen, auf welchen wir das Glück unſrer Zukunft bauen ſollen!.... Doch erſt.. erſt!“— er breitete ſeine Arme aus....„Du antworteſt nicht... doch Deine Blicke antworten!.... Großer Gott, es find Deine Arme, die denjenigen zum erſten Male um⸗ ſchließen, der ſich viele Jahre lang nach dieſem Glücke ge⸗ ſehnt hat!l O Fanny! Fanny!"“...... An dem Sonntage, an welchem der heilige Bund zwiſchen Georg Letsler und Fanny Holmér zum dritten Male in der Kapelle zu Grafwerna abgekündigt wurde, feierte man in der ſtillen Kammer des Einſiedlers ein Feſt, deſſen Zeuge die Johannis⸗Klippe zum erſten und letzten Male ſein ſollte. Bernhard Letsler, der auf ſeinem Sterbebette lag, hatte in die Hände eines würdigen Seelſorgers die letzte Beichte niedergelegt, und auf ſeinem verklärten Antlitze ſtrahlte jetzt der Widerſchein des ſeligen Entzückens, wo⸗ mit er das Inſiegel ſeiner Sündenvergebung empfangen hatte. Ein namenloſer Friede war jetzt über ſein ganzes Weſen ausgebreitet. Das Ende des feierlichen Actes hatte vier Zeugen gehabt. Vor dem Bette ſtanden zwei Perſonen, an deren Zügen man dieſe brennende, im Himmel erzeugte Hoff⸗ nung las, welche das Höchſte, das Bedeutungsvollſte im Leben, die Liebe und den Tod, in ſich verſchmelzt. Der grüne Kranz auf Fanny's goldenen Locken und die Begei⸗ ſterung in Georg's Blicken kündigten an, daß noch ein Act von tiefer Bedeutung übrig war. Weiter im Hintergrunde ſtand Niſſe in ſeinen Feier⸗ kleidern mit dem Hute vor den thränenvollen Augen, und nicht weit von ihm Carolus, auf deſſen männlichem, ern⸗ ſtem Geſichte eine ſtarke und heftige Rührung zitterte. Jetzt gab Letsler ein Zeichen mit der matten Hand. Der Geiſtliche erhob ſich. Und vor dem mit Blumen geſchmückten, von den erröthenden Flammen der Sonne begoſſenen Schemel ſtammelten Georg und Fanny die Ge⸗ lübde, welche ihnen den Eingang in das Eden des Le⸗ bens während einer Che oöͤffneten, in welcher die beſten Blumen der Erde, die Liebe und der Friede, nie verblühten. Als die Nacht und der Mond über die Feſte heran⸗ gezogen kamen, lag Georg mit ſeiner Braut auf den Knien vor dem Bette des geliebten Vaters. S ſei ner war v / 8 1 halte e Mutte lichen liebt, glückli / Tod dr mein kommt A Sandk ronnen G welche Ruheſt Nacht in der in ih flücht vor das giere nie fund ilige Bund um dritten iigt wurde, ſiedlers ein erſten und hebette lag, s die letzte ten Antlitze ckens, wo⸗ empfangen ſein ganzes ier Zeugen an deren eugte Hoff⸗ gsvollſte im nelzt. Der die Begei⸗ aß noch ein einen Feier⸗ Augen, und lichem, ern⸗ zitterte. atten Hand. mit Blumen der Sonne nny die Ge⸗ den des Le⸗ die beſten e verblühten. Feſte heran⸗ aut auf den Seine Blicke ruhten ſegnend auf ihnen. Die eine ſeiner Hände erhob ſich über Fanny's Haupt, die andere war von der Hand des Sohnes umſchloſſen. „Dein Verſprechen, Georg?“ flüſterte er. „Nimm es mit Dir, mein theurer Vater!— ich halte es.... Und ſage meiner Mutter, meiner geliebten Mutter, die Du bald triffſt, ſage meiner ewig unvergeß⸗ lichen Elvira, die mich nun mit einer heiligeren Liebe liebt, als die irdiſche iſt— ſage ihnen: Dein Sohn iſt glücklich!“ „Ach, in dieſer ſchönen Ueberzeugung iſt mir der Tod doppelt angenehm!... O, er winkt mir ſchon... mein Sohn.. meine Tochter— er kommt... er kommt.! Nicoline!’“.. Als die Sonne ſich wieder erhob, ſo war das letzte Sandkorn in dem Stundenglaſe des Einſiedlers ausge⸗ ronnen. Es war in der Nacht, die dem Tage folgte, an welchem ein ſchwarzer Sarg in das neben Nicolinens Ruheſtätte geöffnete Grab hinabgeſenkt worden war, die Nacht, welche dem Tage folgte, an welchem die Glocken in der Kapelle zu Grafwerna verkündigten, daß die Erde in ihren mütterlichen Schooß die Gebeine des müden, des flüchtigen Fremdlinges aufgenommen hatte. Ein Boot glitt dahin über den ſpiegelklaren Meerbuſen. Es war eine eben ſo ſtille und ſchoͤne Juninacht, wie vor ſechzehn Jahren, da der Freiſegler ſeine Paſſagiere an das Geſtade von Grafwerna brachte. Zwei von ſeinen Paſſa⸗ gieren— die beiden, welche den Hafen, den ſie hier ſuchten, nie verlaſſen hatten— ſie hatten jetzt den himmliſchen ge⸗ funden, und ſchlummerten dort ruhig auf dem Kirchhofe. Dieſer Mann und dieſe Frau, welche ſo ſehr geliebt Der Einſiedler ꝛc. III. 24 und gelitten, hatten ſich alſo endlich wiedergefunden. Sie hatte ihm die Krone gereicht, die ihre Gebete, ihre Thränen ihm erworben hatten. Aber der dritte der Paſſagiere ſaß in dem kleinen Boote, das jetzt in der ſtillen Nacht dem dunkeln Holm zuſchau⸗ kelte, über welchem jetzt einige weiße Meerſchwalben in leichten Kreiſen hin⸗ und herſchwebten. Wollte er viel⸗ leicht von dieſem Orte, den eine geliebte Mutter, den neu⸗ aufgekeimten Freuden einer irdiſchen Liebe geweiht hatten, Abſchied nehmen, um dann ſich auf jenes Fahrzeug zu be⸗ geben, das man in Ordnung zu machen ſchien, um aus dem Hafen zu laufen, das aber vielleicht den geliebten Sohn nicht ſobald an dieſen Ort führen ſollte, wo heilige Erinnerungen ihn mit theurer Hand feſſelten? Er kam von der Johannis⸗Klippe, doch nicht alleint ſeine junge Gattin ſaß an ſeiner Seite. Sie redeten nicht viele Worte mit den Lippen; doch ihre Augen redeten eine liebliche und beredte Sprache. Bald ſaßen ſie Hand in Hand auf dem Georgsholm, und ſchickten Blicke voll unausſprechlicher Wehmuth, voll zitternder Erwartung zurück nach der einſamen Klippe. Noch ſtand dort das kleine Haus, noch bewahrte es in ſeinen Wänden alle Seufzer und alle Thränen, die dort vergoſſen waren, alle Kämpfe, die dort gekämpft und ausgekämpft worden waren, ja ſogar die Anzeichnungen des Einſtedlers waren ſeinem eigenen Wunſche gemäß dort geblieben. Immer tiefer ſenkten ſich die Schatten, immer ſiiller wurde die Nacht; nur das leiſe Geplätſcher des Waſſers an dem Fuße des Holmes oder das Geſchrei eines voruber⸗ eilenden Seevogels unterbrach die Stille. „Mir kommt es faſt unheimlich vor!“ flüſterte Fanny. „O nein, Geliebte, gewiß nicht: mir thut es wohl! So wird alles wieder Friede... Noch dazu iſt es ja ſein letzter Befehl.“ U eine Ra der Jo ſchwarz Maſſen von ein nuten der Se Es Anblick D verliehe er ſie über di mit und ſeinen leuchten Geiſter dort ol — er dort I der m lem P iſt unf meine Luftzug hintrie Gatte den. Sie e Thränen den Boote, zuſchau⸗ ſchwalben te er viel⸗ den neu⸗ ht hatten, ug zu be⸗ um aus geliebten wo heilige cht allein: deten nicht edeten eine eorgsholm, nuth, voll Klippe. ewahrte es n, die dort ämpft und zeichnungen gemäß dort amer ſtiller es Waſſers es vorüber⸗ “ flüſterte t es wohl! zu iſt es ja Und ehe noch Georg ausgeredet hatte, ſiehe da ſtieg eine Rauchſäule aus dem kleinen Hauſe in der Spalte auf der Johannis⸗Klippe empor. Bald vertheilten ſich die ſchwarzen Wirbel rund umher und umhüllten mit ihren Maſſen das ganze Ufer. Doch bald wurde die Rauchſäule von einer hohen Flamme geſprengt, und nach einigen Mi⸗ nuten lag das ganze angezündete Haus abgezeichnet in der See. Es war ein herrlicher, wenn auch wehmuthsvoller Anblick! Dieſe Kluft, die dem armen Fremdling eine Heimath verliehen hatte, ſollte wiederum werden wie ſie war, da er ſie zum erſten Male betrat: wenn die Herbſtſtürme über dieſelben tobten, ſollte jede Spur von einer menſch⸗ lichen Wohnung hinweggekehrt ſein. Jetzt aber wurde die ganze Gegend von den Flammen des in voller Wuth brennenden Scheiterhaufens erleuchtet. Der Schein drang bis in die dunkle Grotte, in welcher ſich die beiden Gatten immer feſter und feſter umſchlangen. „Sieh, meine Geliebte!“ ſagte Georg und deutete mit unausſprechlicher Rührung auf die Wohnung, die einſt ſeinen Eltern gehört hatte—„ſo klar, wie dieſe Flammen leuchten, eben ſo klar leuchten jetzt auch ihre verklärten Geiſter. O, wie himmliſch ſchön, zu wiſſen, daß ſie jetzt dort oben Frieden haben!... Doch blicke jetzt dort hin“ — er deutete mit der Hand auf das Fahrzeug, welches dort lag, gleich einem gewaltigen ſchwarzen Seevogel, der mit ausgebreiteten Schwingen ſich auf das in dunk⸗ lem Purpur ſchillernde Meer herabgeſenkt hat—„dort iſt unſre Heimath.. unſer Brautgemach, meine liebe, meine ſchöne Braut!“ Erröthend wie die rothen Flammen, die mit dem Luftzuge ihre glänzenden Funken nach dieſem Brautgemach hintrieben, lehnte Fanny ihr Haupt an die Bruſt ihres Gatten, ihres Geliebten. Bald war das ehemalige Wohnhaus verzehrt: bald war die Wohnſtätte des Einſiedlers nur eine Ruine, die in ihrer Aſche Alles verbarg......... 12 Jetzt glitt das kleine Boot von der Grotte hinweg gegen die fließende Heimath. Hier noch ein Abſchied von angekommenen, ewig ge⸗ ſchätzten, nie vergeſſenen Freunden. 5 Die Segelmaſſen wurden gehißt. Und in der Morgendämmerung, da die Sonne ihre erſten Strahlen in die Rauchwirbel auf der Johannis⸗Klippe warf, ſchwankte das Schiff dahin. Ruine, die otte hinweg 1, ewig ge⸗ Sonne ihre unnis⸗Klippe 2 — ——