—————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von—. Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher. —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. N 2 — ,——— — „ 3 7„„ 3„=„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſum Erſatz des Ganzen verp flichtet. — 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— 99 44 6 ————— Ein deutſcher Fürſt. 3 Hiſtoriſcher Roman von Franz Carion. O 4 Zweite Abtheilung des Romans: Der alte Deſſauer. 4 Fünfter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1868. Erſtes Kapitel. Zu Anfang April wurde das ohngefähr 30,000 Mann umfaſſende Lager zwiſchen Genthin und Bran⸗ denburg aufgeſchlagen und Truppen aus dem weſt⸗ lichen Theile der preußiſchen Staaten einten ſich bald zu jener großen Maſſe, mit der der alte Deſſauer die Aufgabe, König Friedrich's muthmaßlichen Angriffen ſeiner Nachbarn ausgeſetzte Länder zu ſchützen, über⸗ nommen hatte. Er legte eine ſo raſtloſe Thätigkeit für dieſe Miſſion an den Tag, daß allerdings jede Luſt zu ſolchen nachbarlichen Ausſchreitungen vor dieſem Ernſte im Keime erſtickte. Herrn Leupold's Anforderungen an die branden⸗ burgiſchen adligen Gutsbeſitzer waren ſo koloſſal, daß eine allgemeine Unzufriedenheit darüber ausbrach, indeß Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. V. 1 von einer Abhülfe war keine Rede, im Gegentheil nahm der zu Gewaltthaten ſo ſehr geneigte Fürſt jede Klage als aus böſem, widerhaarigem Weſen hervorgegangen auf, ſeine Härte verdoppelte ſich nur dadurch und un⸗ geſtraft ließ er ſeine ſonſt in ſtrenger Zucht gehaltenen Soldaten die ärgſten Verwüſtungen auf den adligen Gütern anrichten, ſodaß man mit Recht dieſe Truppen nicht als Landesvertheidiger, ſondern als Landespeiniger anzuſehen berechtigt war. Sein Hauptquartier auf der Dompropſtei zu Bran⸗ denburg, wo ſeiner Verfügung gemäß der weibliche Theil ſeiner Familie reſidirte, bot ſeiner Gemahlin keine Annehmlichkeit, im Gegenſatze vielen Kummer, denn die auf die ſchnödeſte Art Bedrückten verſuchten, gerade wie in Deſſau, durch ihre Fürſprache bei ihrem Gemahl, der ſo übel in Freundesland wirthſchaftete, Abhülfe der ſie betreffenden Ungebührniſſe zu erlangen, jedoch war da jeder Verſuch vergebens. Die hohe Frau durfte nicht wagen, ihm Vorſtellungen zu machen, welche ihn zu milderer Art und Weiſe gegen die Be⸗ wohner Brandenburgs zu ſtimmen beabſichtigten. Sie kannte ihn und wußte, daß er, zornig über der⸗ gleichen Eingriffe von ihrer Seite, nur noch mehr in ſeiner Neigung zu Härte und Gewaltthaten gegen die ſo ſchwer Belaſteten vorgehen werde. Seine Soldaten, ——— — 3 von ihm in unaufhörlichen Waffenübungen aufs äu⸗ ßerſte geplagt, benutzten die ihnen freibleibende Zeit, ſich in unmenſchlicher Weiſe an Bürgern und Bauern dafür zu rächen, und Herr Leupold war in dieſer Be⸗ ziehung zu leutſelig, um dieſe Art Erholung ihnen zu mißgönnen. Den hohen Frauen, welche an dergleichen Ereig⸗ niſſen natürlich keine Freude hatten, blieb unter ſolchen Umſtänden allerdings nichts übrig, als die Unterhal⸗ tung über Vergangenes. Zu dieſer gehörte bei Prinzeß Amalie in erſter Reihe die Erinnerung an ihre Freun⸗ din Marie Gräfin Almeslo. Der Hofmedicus war nach halbmonatlicher Ab⸗ weſenheit von Dresden nach Deſſau zurückgekehrt und hatte ihnen den vollſtändigſten Bericht abgeſtattet. Dem ſtrengen Verbot des Durchlauchtigen, daß Niemand, dem eine fürſtliche Equipage zur Verfügung geſtellt werde, auch berechtigt ſei, nach ſeinem Belieben Jemand das Mitfahren zu verſtatten, hatte die Prinzeß, wie ſchon erwähnt, zu beſeitigen gewußt, und einige Tage nach Herrn Leupold's Abreiſe nach Berlin trat auch der Hofmedicus die ſeine nach Dresden an. Daß im Hofe des fürſtlichen Schloſſes ein ſehr elegant geklei⸗ deter fremder Cavalier mit mächtiger Alongenperrücke, den Hut unter dem Arme, den Degen an der Seite, 4 1 4 Fräulein Marie ſehr zierlich an der Hand führend und perſönlich von Prinzeß Amalie an den Wagen begleitet, bei dem der Herr Hofmedicus bereits wartete, ohne alle Umſtände mit einſtieg, konnte nicht beſonders auf⸗ fallen, da die Gegenwart der Prinzeß und die am Fenſter oben erſcheinende, freundlichſt zum Abſchied herab⸗ grüßende Fürſtin jeden Zweifel an der Rechtmäßig⸗ keit des Fremden, ſich der Hofequipage bedienen zu dürfen, niederſchlug. Nur ſo gelang es, Fortunatus Sicherheit zu ermöglichen. Sein leicht kennbares Ge⸗ ſicht würde ihn haben verrathen können, wenn er den Verſuch, auf andere Weiſe Deſſau zu verlaſſen, gewagt hätte. Als Cavalier in einem gänzlich andern Coſtüm und vorzüglich durch die Lockenperrücke gleichſam ein anderes Geſicht empfangend, war er im geſchloſſenen Hofwagen vollkommen geſichert. Der Generallieutnant Prinz Eugen von Deſſau, bereits von ſeiner gnädigſten Mutter brieflich in Kenntniß von Fortunatus' Verhält⸗ niſſen geſetzt, nahm dieſen und ſeine Gemahlin mit der Liebenswürdigkeit auf, welche überhaupt in ſeinem milden Weſen lag, auch freute es ihn, ſeiner gnädigſten Mutter und Schweſter einen Wunſch erfüllen zu können. Waren ſie doch die Einzigen in der fürſtlichen Familie, mit denen er in Verbindung ſtand. Er verſicherte, dem Grafen ſeinen ganzen Beiſtand — 5 widmen zu wollen, und dieſer eröffnete ihm, daß er nichts ſehnlicher verlange, als hier unter fremdem Na⸗ men ſo lange leben zu können, bis eine Veraͤnderung in ſeinen Familienverhältniſſen eingetreten ſein würde. Wann dies geſchehen werde, wäre freilich nicht ab⸗ zuſehen, indeß Geduld und Vertrauen auf ſein gutes Glück, das ihn bisher ſo wunderbar begünſtigt habe, beſitze er ausreichend. Er wünſche ſich mit der Feder zu beſchäftigen, da er, jetzt mittellos, von dem kleinen Vermögen ſeiner Gemahlin zu leben gezwungen ſei, weshalb er auch in einer ſehr beſcheidenen Häuslich⸗ keit ſich verhalten werde. „Für Beſchäftigung laſſen Sie mich ſorgen, Herr Graf“, hatte der Prinz Eugen geantwortet.„Ich hoffe durch meine hieſigen Connaiſancen Ihnen eine ſolche beſcheidene Stellung gründen zu können, welche Sie zugleich der Sorge ums tägliche Brod über⸗ hebt.“ War dieſer Empfang ein glückverheißender, ſo folgte für Marie eine Ueberraſchung, die ihr Freudenthränen ins Auge rief. Der Hofmedicus, durch ſeinen frühern Aufenthalt in Dresden bekannt, führte ſie und den Grafen zum Zweck, ihnen eine paſſende Wohnung ſuchen zu helfen, die beider Wunſche gemäß womög⸗ lich ländliche Vorzüge mit den Annehmlichkeiten einer — 6 lebhaften Reſidenz verbinde, in einen Gaſthof am Falkenſchlage, zum Stern genannt. „Sind Sie ſchon ermüdet, Hofmedicus?“ fragte der Graf erſtaunt. „Nein, aber ich hoffe Jemand hier zu finden, der Ihnen ſehr angenehm ſein wird.“ Ein paar abſeits mit der Wirthin gewechſelte Worte ſetzten den Doctor in Kenntniß, daß die erwartete Per⸗ ſon in einem Stübchen im erſten Stock zu treffen ſei. Auf ſeine Einladung begleiteten Fortunatus und ſeine Gemahlin ihn in die von der Wirthin ihm genau be⸗ zeichnete Wohnung. Welche Ueberraſchung! Frau Doris Schomer trat ihnen entgegen. „Meine liebe, theure Freundin!“ rief Marie.„Welche Freude bereitet mir dies Wiederſehen! Wie glücklich macht es mich!“ „Und ſie bleibt bei Ihnen“, ſprach der Doctor. „Eine beſſere Stütze finden Sie nicht wieder. In dem von Ihnen zu beginnenden neuen Lebensverhältniſſe be⸗ dürfen Sie einer treuen, berathenden Freundin. Und nun kommen Sie mit mir, meine Lieben. Ein Brief von mir hat den braven Mann, bei dem ich während meines frühern Aufenthalts hier eine höchſt angenehme Wohnung gehabt habe, aufgefordert, dieſelbe für den Fall, —.— daß ſie nicht vermiethet ſei, für Sie zu reſerviren. Ich glaube, ſie wird allen Ihren Anſprüchen genügen. Wir haben kaum anderthalb hundert Schritte von hier zu gehen.“ „Wahrhaftig, Doctor, Er macht ſich für uns zu einer Art Vorſehung!“ rief der Graf, ihm die Hand ſchüttelnd. „Aber immer nur auf trockenem Wege“, meinte dieſer lachend.„Ich erinnere mich ſehr wohl, daß unſer näheres mit einander Bekanntwerden auf naſſem Wege geſchah.“ Der Stadttheil, in dem der Graf mit ſeiner Ge⸗ mahlin und deren treuen Freundin, Frau Doris Scho⸗ mer, das wirklich noch unvermiethete, früher vom Doctor bewohnte Logis bezog, gewährte damals beſonders ſeinen Bewohnern die Vorzüge ländlichen Aufenthalts mit dem des unmittelbaren Zuſammenhangs mit dem volksbelebten Innern einer fürſtlichen Reſidenz. Wohl angebaute Felder begrenzten den äußern Umkreis dieſer Vorſtadt, welche ihr Daſein einem früher daſelbſt ſtehenden wendiſchen oder ſorbiſchen Dorfe dankte, wes⸗ halb heutzutage der urſprüngliche Name Poppitz noch im Gebrauche bei den Dresdenern iſt. In nicht allzugroßer Ferne erheben ſich die Plauen⸗ ſchen Höhenzüge. Der viel genannte und berühmte 8 Plauenſche Grund, dieſe faſt drei Stunden lang ſich hinſtreckende Felſengaſſe, durchſtrömt von der Weißeritz, und auf ihren beiderſeitigen Thalwänden wie in ihrem Schooße, der ſich in der Mitte dieſer reizenden Felſen⸗ partie auf die Weite von einer Stunde ausbaucht, freund⸗ liche Dörfer mit reichen Obſtpflanzungen tragend, öffnet ſeinen Eingang der Stadt zu, und die zwiſchen dieſem und der Stadt mitten inne liegende Ebene prangte damals wie heute im Schmucke der Ländlichkeit, grüne Wieſenſtrecken, reiche Ausbeute bringende Felder und einzelne wie in Gruppen zuſammenſtehende Häuſer breiteten ſich ringsum aus. In der nächſten Nähe dominirte damals ſchon das ſogenannte Feldſchlößchen auf erhabenem Standpunkt als wirkliches, mitten in Fruchtfeldern ſtehendes Schlößchen, deſſen Thurm wie eine Warte emporragte. Und rechts und links, wohin das Auge nur blicken mochte, ward es geſättigt von der Fülle ländlicher Schönheit einer ſanft lehnan ſich hebenden Ebene. Damals war dieſe Vorſtadt eine ziemlich ſtille, wenngleich die Bewohner Dresdens an Sonn⸗ und Feiertagen und bei ſchönen Abenden ihren Zug durch den Poppitz nach den Plauenſchen Höhen nahmen, um die wohlthuende und reine Bergluft zu athmen und der herrlichen Natur ſich zu erfreuen, die ihrer Reſi⸗ — 9 denz ſo viel Aehnlichkeit mit den prächtigen Gegenden Mittelitaliens gibt. Aus den Fenſtern ihrer Wohnung konnten die Wie⸗ dervereinigten dies reizende Landſchaftsbild überſchauen. Welches Glück! Marie umſchlang fröhlich weinend in der Wonne dieſes beſcheidenen, aber doch ſo ſchönen Aſyls, welches ſie nach langem Leid gefunden, ihren Gemahl. Ihre Erinnerungen wendeten ſich nach der ſtillen, von der Welt gleichſam abgeſchiedenen Tappen⸗ burg zurück, und wie ein Stich fuhr ihr der Gedanke durch Kopf und Herz, daß, wie dort der feindliche Haß ſie gefunden und ſo harte Prüfungen über ſie gebracht, dies auch hier der Fall ſein könnte. „Zage nicht“, ſprach Fortunatus tröſtend.„Die Hand, die uns ſo wunderbar wieder vereinte, wo doch unſere Hoffnungsſterne alle dahingeſunken ſchienen, ver⸗ läßt uns ſicher nicht. Jetzt fehlt noch etwas zu unſerm Glücke, etwas, das unſern Herzen theuer iſt; auch dies wird uns zurückgegeben werden.“ „Unſer Kind“ ſprach Marie leiſe, durchſchauert von dem Gedanken an jene Stunde, wo ſie, dem Tode nahe, den brechenden Blick auf das kleine Weſen, dem ſie das Leben gegeben, gerichtet hatte. „Ja, unſer Kind“, ſtimmte Fortunatus bei. Der Hofmedicus trat Abſchied nehmend zu ihnen. 10 „Mein theurer Freund“, wendete er ſich an den Grafen,„ich gehe mit frohem Herzen von hinnen, denn ich weiß Sie beide geſichert und im Genuſſe des Glückes einer Ihr Leben verſchönernden Liebe. Sie, Graf, werden jetzt erſt die Freude empfinden lernen, durch Ihre eigene Thätigkeit das Nothwendige fürs Leben zu beſchaffen. Es iſt ein ſchöner Stolz, den die Arbeit verleiht, ein Stolz, der den Wohllaut der Zufrieden⸗ heit mit ſich ſelbſt gibt. Und wenn Sie wieder zu Ihren Erbrechten gelangen, werden Sie, durch dieſe Erfahrung geläutert, bei Ihrem redlichen Herzen ſicher für Viele, die mühſelig und beladen im Schweiße ihres Angeſichts einen kargen Lohn erringen, ein treuer Helfer werden und den Adelsſtolz, der ſich in ſo vielen Fällen nur auf Ererbtes ſteift, als einen traurigen Auswuchs der Selbſtüberhebung nicht an ſich herantreten laſſen. „Nie, ſo wahr mir Gott helfe!“ rief Fortunatus, ihn umarmend. „Ich vergeſſe die Wohlthaten nicht, die Er mir erwieſen!“ ſprach Marie tief gerührt.„Er iſt ja der Urheber meines wiedergewonnenen Glückes.“ „Unſer gemeinſchaftlicher Freund!“ fügte der Vorige hinzu. Der Hofmedicus eilt? nach Deſſau zurück in der glücklichſten und heiterſten Stimmung, wie nur der ſie 5 11 empfindet, der das Bewußtſein einer guten That in ſich trägt. Ende Februar hatte König Friedrich Berlin wieder verlaſſen und war bei ſeiner Armee in Schleſien ein⸗ getroffen, denn Oeſterreich ſchickte ſich zur Campagne an. Von Olmiütz ſetzte ſich ein vom General Graf Neipperg befehligtes Armeecorps in altgewohnter lang⸗ ſamer Weiſe in Bewegung, um die Preußen aus Schle⸗ ſien hinauszuſchlagen. Der König beſuchte ſeine äu⸗ ßerſten Vorpoſten und wäre faſt in der Gegend von Silberberg einem öſterreichiſchen Piket in die Hände gefallen; nur die Schnelligkeit ſeines Pferdes rettete ihn aus dieſer Gefahr. Brieg zu entſetzen war des öſterreichiſchen Feldherrn Aufgabe und immer näher rückte ſein Armeecorps, das den Sieg ſchon in der Taſche zu haben glaubte. Frei⸗ lich war die nächtliche Ueberrumpelung der Feſtung Glogau ein nicht ganz unerheblicher Dämpfer dieſer fröhlichen Erwartung, indeß dies Mißgeſchick ließ ſich durch einen baldigen kräftigen Sieg über die Preußen wieder ausgleichen und voll von dieſer Hoffnung rückten die Oeſterreicher vorwärts. Es war eine Zeit, in der man jeden Tag die Nach⸗ richt von einem großen Ereigniſſe auf dem Kriegsſchau⸗ platze erwarten konnte. Vor der Hand fiel indeß nur ein 12 Blitzſtrahl aus noch unbewölktem Himmel. Ein vom preußiſchen Miniſterreſidenten, Baron Danckelmann, in Mainz auf Befehl ſeines Königs veröffentlichtes Me⸗ morial zerriß im Nu die tiefe erwartungsvolle Stille, mit der man der Hiobspoſt des erſten großen Zuſammen⸗ ſtoßes zwiſchen beiden feindlichen Armeen lauſchte. Friedrich beſchuldigte in dieſem Memorial den Wiener Hof, Banditen gegen ihn ausgeſendet und ſolchergeſtalt die Kriegsgeſetze, welche auch unter den wilden Völ⸗ kern nicht außer Acht gelaſſen würden, verletzt zu haben. Dem Bekenntniß einer dieſer Banditen zufolge ſei dieſer genöthigt worden, in Gegenwart des Herzogs von Lothringen im Hofskriegsrathe ausdrücklich auf die Erfüllung ſeiner verbrecheriſchen Miſſion einen Eid zu leiſten. Die Gebildeten aller europäiſchen Länder erſchraken bei dieſer Anklage, die aus dem Munde eines Königs, der einer der erſten in ihren Reihen war, ein doppeltes Gewicht hatte. Der Wiener Hof wies entſchieden durch ein eben⸗ falls veröffentlichtes Memorial die ſeine Ehre ſo tief herabwürdigende Anſchuldigung entſchieden zurück, von der der König indeß in ſeinem Schriftſtück ſelbſt den Ausſpruch gethan, daß er kaum an die Wahrheit dieſer Banditenausſage glauben könne. Der ſich darüber entſpinnende Federkrieg erlebte ein ſchnelles Ende durch den wirklichen, nämlich durch die am 10. April 1751 ſiegreich für die Preußen ausfallende Schlacht bei Mollwitz. König Friedrich erkannte in dieſer menſchenmörderi⸗ ſchen Schlacht, welcher große Unterſchied zwiſchen einem unerfahrenen Truppenführer und einem im eiſernen Kampfſpiel bewährten General ſei. Er wollte ſelbſt commandiren und ſtellte ſich zu dieſem Zwecke an die Spitze ſeiner Cavallerie; aber die öſterreichiſchen Reiter, von dem tapfern Römer geführt, beobachteten das Ver⸗ fahren der Türken, ſie attakirten im Galopp und ihr Anprall war ſo heftig, daß die preußiſche Reiterei ſich nicht halten konnte und in größter Unordnung weichen mußte. Die Schlacht ſchien durch dieſen ſchlimmen Anfang verloren und der König erkannte, daß ihm der Ueberblick und jene Gelaſſenheit fehle, welche, wenn auch Alles um den Feldherrn zerſchmettert niederſtürzt, dieſen doch unerſchüttert in dem Mordkreiſe bleiben läßt. Den Befehl und das Geſchick des Tages dem tapfern Schwerin überlaſſend, jagte der durch das wilde Kampf⸗ gewühl tief ergriffene junge Monarch auf ſeinem ſprich⸗ wörtlich gewordenen Schimmel vierzehn Meilen weit vom Schlachtfelde hinweg nach Oppeln, in der Hoffnung, hier Sicherheit zu finden; aber unterdeß waren Oeſter⸗ reicher daſelbſt eingerückt und empfingen ihn und ſeine 14 Begleiter mit Schüſſen aus dem Gitterthore der Stadt, ein Umſtand, der ihn zwang, umzukehren und in einer Mühle das Reſultat der Schlacht abzuwarten. Was Herr Leupold von Deſſau aus dem preußiſchen Fußvolke geſchaffen, ergab ſich auf dem Mollwitzer Blut⸗ felde. Vergebens umwogte die von dem Siege über die preußiſche Cavallerie in ihrem Muthe außerordent⸗ lich gehobene öſterreichiſche Reiterei die Schlachtordnung des preußiſchen Fußvolks von vorn, von hinten, in den Flanken, dieſe tapfere Infanterie ſtand wie ein von den wüthenden Meereswellen vergeblich umraſter Fels; beſonders zeichneten ſich hierbei zwei Grenadier⸗ bataillone aus, welche, drei Mann hoch, ohne ein Quarrée zu formiren, zwiſchen den wieder geſammelten Schwadronen des rechten Flügels ihre Aufſtellung ge⸗ funden hatten. Wie unverrückbare Mauern ſtanden dieſe Braven. Siegesgewiß brauſten die öſterreichiſchen Reitermaſſen auf ſie zu, mit tiefſter Ruhe wurden ſie empfangen, und erſt als ſie in dichte Nähe dieſer lebenden Mauer gekommen, erſcholl das Commando„Feuer!“ Hunderte von Reitern ſtürzten mit ihren ebenfalls tödt⸗ lich getroffenen Roſſen, ein blutiger Menſchen⸗ und Pferdeknäuel wand ſich vor den unerſchütterten preu⸗ ßiſchen Colonnen am Boden, während die nicht Ver⸗ 15 letzten des öſterreichiſchen Reitergeſchwaders regellos zurückjagten. Mehrere ſolcher nutzloſen Attaken erfolgten und brachten ein gleiches Reſultat. Abgelöſt von der öſter⸗ reichiſchen Infanterie, zogen ſich die ſtark gelichteten Schwadronen zurück, aber die erſtere empfand eben⸗ falls die Ueberlegenheit des preußiſchen Fußvolks, das in der Schnelligkeit des Ladens einen weit überwie⸗ genden Vortheil beſaß. Bald wendete ſich der Sieg entſchieden auf die Seite der Preußen, welche, nun zum Angriff übergehend, die Gegner aus allen ihren Poſitionen vertrieben, ſodaß deren Rückzug bald in wilde Flucht ausartete. Die Schlacht war gewonnen, Schwerin und mit ihm der Deſſauer Erbprinz Leopold hatten den Sieg erfochten. Der Humor iſt aber allezeit ein luſti⸗ ger Geſell geweſen, der ſich hinter den unſcheinbarſten Irrthum verſteckt, um der Welt zu beweiſen, daß er nicht ausgeſtorben, wenn die Menſchenherzen auch von noch ſo vielen blutigen Kriegsgreueln zu Angſt und Entſetzen getrieben werden. Bei dem in Breslau nach der gewonnenen Schlacht abgehaltenen Dankfeſt geſchah es, daß das Fehlen eines Kommas den Predigttext gewaltig veränderte und zum Spott auf die Kaiſerin Maria Thereſia geſtaltete. Es war aus Pauli erſter Epiſtel an Timotheus Kapitel 2, Vers 12 vorgeſchrieben worden, welcher letztere lautet: „Einem Weibe aber geſtatte ich nicht, daß ſie lehre, auch nicht, daß ſie des Mannes Herr ſei, ſondern ſtille ſei.“ Es ſollte jedoch nicht Kapitel 2, Vers 12, ſondern Vers 1 und 2 heißen, weshalb König Friedrich, als er davon in Kenntniß geſetzt wurde, ſich beeilte, durch die Zeitung dieſen Fehler veröffentlichen zu laſſen. Die durch einen Kurier dem Deſſauer zugeſchickte Nachricht vom Mollwitzer Siege machte den alten Herrn ganz wirblig vor Vergnügen, denn nicht nur, daß in der königlichen Mittheilung ſeinem Sohne das größte Lob geſpendet wurde, ſondern Seine Majeſtät gedachte auch des ihm ſchmeichelhaften Umſtandes, daß jeder ein⸗ zelne Mann, der durch ihn zu ſolcher Trefflichkeit aus⸗ gebildeten Infanterie ſich als Held bewährt und der Sieg dadurch entſchieden worden ſei. Das Lager von Genthin hallte vom Geſchützdonner wieder, mit dem Herr Leupold den Sieg feierte, und ein Tedeum wurde abgehalten, bei dem ſein Grenadierregiment die üblichen Gewehrſalven gab. Es war ein Luſttag für das von ihm commandirte Armeecorps, an dem er es nicht an freigebigen Spenden für die immer durſtigen Kehlen ſeiner Soldaten fehlen ließ. Dieſer Tag zählte zu den wenigen in ſeinem Leben, an denen er keine Strafen tere ſie 17 verhängte, ſeine Laune daher eine außerordentlich hei⸗ tere war. „Nun, Annelieſe“, ſagte er ſehr gütig, ſich neben ſie ſetzend und ihre Hand ſtreichelnd, njetzt wird's bald Zeit werden.“ „Wozu?“ „Mir wieder zu prophezeien.“ Die hohe Frau antwortete lachend:„Bringe mich etwa in das Gerücht, dergleichen Handwerk zu trei⸗ ben.“ Der alte Herr bemerkte ſehr vergnügt ſchmunzelnd: „J nu, eine Hexe biſt Du mein Lebtag geweſen, das kann ich mit ſieben Eiden beſchwören.“ So? Aber nicht beweiſen.“ „Beweiſen“, entgegnete Seine Durchlaucht mit Nach⸗ druck und ihr die Backen ſtreichelnd, fuhr er fort:„Hat nicht meine höchſtſelige Frau Mutter manchmal im Zorne zu mir geſagt:„Ich glaube, die Annelieſe hat Dich behext?“ Und da hatte ſie Recht;'s kann auch nur mit Hexerei zugegangen ſein, daß ein ſolcher Teu⸗ fels⸗Vorlauf, wie ich doch in meiner Jugend zu ſein die Ehre hatte, von Dir ſo feſt am Bande gehalten worden iſt.“ „Reut Dich's, Leupold?“ Und dabei ſah ſie mit ihren milden klaren Augen Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. V. 2 ——— — 18 ihm ſo neckiſch in ſeine blitzenden Sterne, daß er, mit dem Jünglingsfeuer von ehedem den Arm um ſie ſchlingend, rief: „Nein, müßte ja ein Hundsfott über alle Hunds⸗ fötter ſein, wenn mich das reuen ſollte! Biſt immerdar meine treue herzliebe Annelieſe geweſen, und meine höchſtſelige Frau Mutter muß es mir im Grabe be⸗ zeugen, daß, wie ich es ihr auf dem Sterbebette ver⸗ ſprochen, ich auch rechtſchaffen zu Dir gehalten habe bis heute. Schwerenoth, Annelieſe, ich denke doch, das iſt ein unumſtößlicher Beweis, daß Du eine außer⸗ ordentlich liebenswürdige Hexe biſt;'s ſind über ſech⸗ zig Jahr, von unſerer Kinderzeit an, und ſind immer noch beiſammen, gerade ſo wie damals, als ich mit Dir im Garten herumtollte und Schneeballenkrieg mit Dir führte. Annelieſe, das iſt kein Spaß und's paſſirt auch nicht allen.“ „Nein, gewiß nicht, und es ruht immer ein Segen auf denen, die ſo lange mit einander Hand in Hand wandeln“, äußerte die Fürſtin gerührt.„Wir haben Kinder, Leupold, die uns Freude machen.“ „Freilich, freilich, das iſt'n Glück, aber—“ „Nun, was aber?“ „Unſer Leupold iſt auf dem beſten Wege, es zum Generalfeldmarſchall zu bringen; der König hat mir 19 gratulirt, einen ſolchen Sohn zu haben, das bedeutet was. Ich will aber nicht deswegen ins alte Ge⸗ rümpel und Vergeſſenwerden kommen. Schwerenoth, ich hab's Zeug in mir, ſelbſt noch eine Schlacht zu ge⸗ winnen, meine Grenadiere drauf und dran zu führen, daß es wettert, als käme der Himmel in Stücken her⸗ unter und die Erde zuckte in Krämpfen zuſammen. Auf dem Poſten hier wie'ne Klette feſtſitzen zu bleiben, crepirt mich. Wenn ich an den Schwerin denke, tritt mir die Galle ins Blut. Ich habe nicht Luſt, als Vo⸗ gelſcheuche zu dienen; der Hannoveraner und der Sachſe rühren ſich nicht;'s wird verflucht fade— ich brauche Abwechſelung. Drauf und dran!“ „Nur Geduld, mein ungeduldiger Herr“, ſcherzte die hohe Frau.„Du wirſt nicht übergangen werden. Eine Schwalbe macht keinen Sommer, der Schwerin kann nicht überall zugleich ſein, darum wird der König ſchließ⸗ lich Deinen Beiſtand brauchen, und dann wird ſich's zeigen, was er an Dir hat. Das prophezeie ich Dir.“ „Du meinſt alſo—“ „Ich meine nicht nur, es iſt ſogar ſicher, liegt ja auf der Hand. Erinnere Dich nur daran, daß Vieles in der Luft ſchwebt, was noch nicht geklärt iſt. Der Anſpruch des bairiſchen Kurfürſten auf den deutſchen 20 Kaiſerthron wird zum Zankapfel werden und der Krieg iſt die natürliche Folge davon, muß es ſein.“ „Der Krieg gegen Oeſterreich— iſt'ne Hunds⸗ fötterei.“ „Alles dreht ſich in der Welt, und was heute zum Entſetzen ſchwarz iſt, wandelt ſich unerwartet ſchnell ins Gegentheil um. Erwarte es, Leupold. Ich pro⸗ phezeie Dir noch einen großen Sieg, aber Geduld. Ungeberdiges Weſen beſchleunigt nichts, ſchadet eher, als es nützt.“ Der alte Herr ſtand mitten im Zimmer, den Kopf in den Nacken geworfen und ſtarr vor ſich hin⸗ ſehend. „Woran denkſt Du?“ „Sieh, Annelieſe“, hob der Deſſauer an,„da habe ich mal von verſchwundenen Sternen gehört, die die gelehrten Kerls nicht wieder am Himmel aufgefunden hätten, ſind vielleicht Kinkerlitzchen, die ſie den Leu⸗ ten aufbinden, die Gelehrten ſind von Fiſſemadenten aller Art vollgeſtopft und niemals in Verlegenheit, was auszutifteln, wenn ſie nicht wiſſen, wo aus noch ein. Es iſt aber komiſch, die Geſchichte von dem ver⸗ ſchwundenen Stern will mir nicht aus dem Kopfe, ſpukt mir wie'n Kobold drin.“ Nach kurzer Pauſe ſprach er weiter:„Ich möchte 21 kein ſolcher verſchwundener Stern ſein, nicht ſo ſpurlos von hinnen gehen. Ein Sieg nur noch, nur einer, daß man mit Ehren in die Grube fahren kann, dann bin ich zufrieden.“ Die Fürſtin äußerte nichts auf dieſen aufrichtigen Ausdruck ſeines Ehrgeizes, der in der Seele ihres Ge⸗ mahls einem unaufhaltſam ſprudelnden Quell glich, welcher in gleicher Stärke ſchon in ſeinen Jugendjahren all ſein Thun geleitet hatte. Das war das Merkmal ſeiner unveränderten Naturwüchſigkeit, daß keine ſeiner Eigenthümlichkeiten oder Leidenſchaftlichkeiten hinſichtlich der Gewalt, die ſie, je nachdem der Moment die eine oder die andere beſonders anregte, über ihn ausübten, ab⸗ genommen hatte. Wie ehedem war er noch jetzt die rohe Kraft, die nux ihrem eigenen Willen dient und rückſichtslos ſich ſelbſt vergißt, ſobald ſie in Bewegung geſetzt iſt. Unverändert war er derſelbe geblieben in ſeiner Neigung zur Gewaltherrſchaft, aber ebenſo unver⸗ ändert hatte er ſeine Neigung zu ſeiner Gemahlin bewahrt, und dieſe ſchätzte an ihm um ſo mehr dieſe ſeltene Tu⸗ gend, als ſie ihn beſſer kannte wie er ſich ſelbſt. Wenn Jemand eine Veränderung der Situation ſehnlichſt wünſchte, ſo waren es Frau Annelieſe und ihre Prinzeſſinnen. Der Aufenthalt auf der Bran⸗ denburger Dompropſtei entſprach zu wenig ihren im Ganzen ſehr beſcheidenen Anforderungen an Annehm⸗ lichkeiten. Sie fühlten ſich fremd unter Fremden. Prin⸗ zeß Amalie, ſonſt ſo ruhig in all ihrem Thun, zeigte eine unverkennbare Niedergedrücktheit, die zu enträthſeln auch ihrer gnädigſten Mama nicht gelang. Vergebens hatte der Hofmedicus ſich Mühe gegeben, das von der Prinzeß verhüllte Weh zu erkennen, eines Tages aber gewann er doch einen Einblick in das Herz der fürſt⸗ lichen Jungfrau, deſſen Ergebniß er indeß verſchweigen zu müſſen für Pflicht gegen ſie ſelbſt erachtete. Uebles Wetter machte Spaziergänge im Freien unmöglich. Die Prinzeſſin wandelte allein durch die beiden großen Säle des weitläufigen Dompropſtei⸗ gebäudes, deren Wände mit einer Collection alter Bilder, meiſt Darſtellungen aus der brandenburgiſchen Fürſten⸗ geſchichte, geſchmückt waren. Sie blieb oft vor einem derſelben ſtehen, welches die Königin Sophie Charlotte von Hannover, die den Hof ihres Gemahls, Friedrich's, des erſten preußiſchen Königs, zu einem Hort der Wiſ⸗ ſenſchaften und Künſte und der Grazien des geſelligen Lebens verwandelt hatte, darſtellte, wie ſie nach voll⸗ zogener Krönung die zu ihrer Beglückwünſchung erſchei⸗ nenden Damen der hohen preußiſchen Ariſtokratie und der höchſten Staatsbeamten empfängt. Neben einem mit reicher Goldbrokatdecke verhüllten 23 Tiſche ſtand die neue Königin, die Krone auf dem Haupte und ihre edle hohe Geſtalt umfloſſen vom könig⸗ lichen Hermelin, als Hauptfigur des Bildes. Es war ein Ceremoniengemälde, das eben nur durch die dar⸗ geſtellte Königin ſeinen Werth erhielt, denn in ihrem feinen Antlitz ſprach ſich ein Zug von Ironie aus, der bei der Aehnlichkeit des Geſichts, welche wiederzugeben dem Maler außerordentlich gelungen war, demſelben einen geiſtigen Ausdruck lieh, aus dem ſich die Erhe⸗ bung dieſer hohen Frau über die Unbedeutendheit eines durch alle künſtlichen Mittel geſteigerten königlichen Glanzes leicht herausfühlen ließ. Die Prinzeß weilte mit Vorliebe vor dieſem Bilde. Es war etwas geiſtig Verwandtes, das aus dem lächeln⸗ den Antlitz dieſer Königin zu ihr ſprach. Neben dieſem ſie anziehenden Gemälde hing eins, das eine glückliche, häusliche Scene zwiſchen dem gro⸗ ßen Kurfürſten Friedrich Wilhelm und ſeiner Gemahlin, jener ſanften und wegen ihres kindlich frommen und über⸗ aus leutſeligen Weſens von allen geliebten Oranierin, Louiſe Henriette, zum Vorwurf hatte. Sie, die Augen begeiſtert aufwärts hebend und ihrem Gemahle das von ihr gedichtete Kirchenlied:„Jeſus meine Zuver⸗ ſicht“ unter Klavierbegleitung vorſingend, während er die Hände im tiefſten Ergriffenſein vor ſich in einander gefaltet hält und ſein Blick auf das ſich in der reinen Empfindung ihrer Freude am Bewußtſein, in Jeſu einen Helfer und Beiſtand zu haben, verklärende Antlitz ſeiner frommen Gemahlin richtet— das bot ein wunderbar anheimelndes Intereſſe für jedes empfängliche Gemüth; trotzdem aber fühlte ſich die Prinzeß mehr von jenem erſten Bilde angezogen. Das Denken und Fühlen der königlichen Frau, von deren Lebensgange ſie ſo viel hatte erzählen hören, war ihr vertrauter als die gleichſam angeborene Frömmigkeit der ſanften Ora⸗ nierin. Prinzeß Amalie vereinte eine ſchnell geweckte Em⸗ pfindungsfähigkeit mit einem robuſten Naturell, aber letzteres war vorherrſchend, ließ ſie nie in Schwärmerei und falſche Sentimentalität verfallen und deswegen ähnelte ihr Weſen mehr dem der vor ihr im Bilde ſtehenden Königin. Der Hofmedicus hatte nicht im entfernteſten geahnt, Jemand hier zu finden, als er ſeinen Weg durch dieſen Saal nahm, aus dem eine Thür auf den Cor⸗ ridor führte, wo Anna ein kleines Zimmer bewohnte. Es war unmöglich, durch den ziemlich geräumigen Saal zu ſchreiten, ohne daß die Prinzeß ihn hätte be⸗ merken ſollen. Das Geräuſch ſeiner Schritte hätte ihn verrathen. Er ſchritt ihr alſo näher. ——j— 25 „Wer da?“ fragte die plötzlich in ihrer Anſchauung Geſtörte. „Ich, gnädigſte Prinzeß.“ Es folgte keine Antwort ſofort, die Prinzeß hatte ſich wieder dem Gemälde zugekehrt. Er blieb ſtehen, wirklich nicht wiſſend, ob ihr ſein Kommen unerwünſcht ſei oder ob ſie es für ſelbſtverſtändlich halte, daß er hier bleibe. Aus dieſer Ungewißheit wurde er indeß bald erlöſt, denn ohne ſich nach ihm umzuwenden, fragte ſie: „Was lieſt Er aus dem Geſicht dieſer Königin?“ „Ich— „Er ſteht nicht neben mir?“ fragte die Prinzeß, verwundert nach ihm ſich umſehend.„Ich glaubte das.“ „Ich wollte Sie nicht ſtören, Prinzeß. Sie waren in die Anſchauung des Bildes ſo ſehr vertieft, als ich eintrat.“ „Es iſt ſo. Das Bild übt einen ungemeinen Reiz auf mich aus.“ „Es iſt ein ſchönes Stück Arbeit, welches der Maler geliefert hat.“ „So meine ich es nicht ganz. Der Maler hat nicht nur ein ſchönes, ſondern ſogar ein wunderbares Stück Arbeit in dieſem Bilde geliefert, denn er hat den Geiſt gemalt. Sehe Er dies feine Lächeln auf dem Antlitz der Königin. Es deutet an, wie dieſes Ceremoniel, 26 dem ſie ſich unterwerfen mußte, von ihr als eitles Beiwerk bemitleidet wird. Und ſo war ſie wirklich. Sie ragte geiſtig hoch über ihre Zeitgenoſſinnen empor, aber ſie war keine Glückliche.“ „Ich kenne die Lebensgeſchichte dieſer Königin nicht, weiß aber, daß ſie die Freundin des großen Leibnitz war.“ „Sie war keine Glückliche“, wiederholte die Prinzeß. Ihre Ehe war wohl eine friedliche, aber nicht ihrer Neigung entſprechend. Sie durchkoſtete wie ſo viele Fürſten⸗ töchter ein liebeleeres Daſein unter der Maske des Glücks. Glaubt Er nicht, daß dies das ſchmerzlichſte Geſchick für eine Fürſtentochter iſt?“ „Ich zweifle nicht.“ Nach einer Pauſe, während welcher ſie das Auge zu Boden geſchlagen hatte, ſprach ſie weiter: „Man hat mir erzählt, daß ſie, ehe ſie der ſtrengen Anforderung ihres hohen Standes falgen, ich meine, ihre Hand dem preußiſchen Kurfürſten reichen mußte, ein zartes Verhältniß mit einem jungen Manne gehabt habe, der als Bürgerlicher ein bei Hofe beſtehendes Amt bekleidete. Mit gebrochenem Herzen habe ſie ihre Heimat verlaſſen, um die Gemahlin eines Königs zu werden.“ „Es iſt alſo eine beklagenswerthe Täuſchung, wenn die Leute königlichen Glanz für ein Palladium alles Lebensglücks anſehen“, bemerkte der Doctor. — —————, ige 27 „Gewiß iſt es eine traurige Täuſchung“, ſtimmte die Prinzeß bei und fügte nach einem kurzen Zögern hinzu: „Aber noch beklagenswerther iſt die Enttäuſchung für die, welche zur Entſagung durch ihren Stand gezwun⸗ gen werden. Er hat meiner Schweſter und mir einmal die Liebe oder vielmehr das Weſen der Liebe geſchildert. Er ſprach von zuſammenſtimmenden Glocken, weiß Er das noch?“ „Ja, Prinzeß, ich entſinne mich deſſen.“ „Fürſtentöchter dürfen auf ſolche Harmonie nur ſelten hoffen. Die meiſten ſind dazu verurtheilt, in ihren Herzen das Todtenglöcklein von Hoffnungen und Träumen zu tragen, die unerfüllt bleiben müſſen, weil die Standes⸗ unterſchiede eiſerne Schranken ihnen gezogen haben. Sprechen wir nicht davon. Er weiß nun, warum ich ſo gern vor dieſem Bilde weile. Dies Lächeln auf den Lippen der nun lange verklärten Königin iſt auch für mich eine Lehre und man muß ſich an ſolcher Lehre kräftigen.“ „Prinzeß!“ rief der Hofmedicus. „Pſt! Ruhig davon! Irrthümer in ſich tragen iſt verzeihlich, unverzeihlich aber würde es ſein, wenn nach gelöſtem Irrthum keine Erhebung folgen könnte. Bleibe Er mein Freund, ich wünſche nichts weiter. Den Wunſch darf Er erfüllen, ohne ſich den Vorwurf machen zu 28 müſſen, die Glocken Seiner Liebe zu Anna frevelhaft verſtimmt zu haben.“ Raſch verließ ſie den Saal. Doctor Stoll kannte nun das, was das Herz dieſer edlen fürſtlichen Jung⸗ frau ſo tief berührt hatte. Er ſelbſt war ein zu recht⸗ ſchaffener Charakter, um eine Schmeichelei ſeiner Eigen⸗ liebe in dem Bewußtſein finden zu können, der Gegenſtand ihrer Neigung geweſen zu ſein, im Gegentheile gelobte er ſich, was an ihm ſei, nicht zu unterlaſſen, um die Enttäuſchung, die ihr ſo viel Weh gebracht, ihr leicht und vergeſſen zu machen. Welches edle Gemüth gehörte dazu, um, wie Prinzeß Amalie es that, Anna, die gleich einem ſchwer verdun⸗ kelnden Schatten in den Sonnenſchein ihrer Neigung zu ihm getreten war, gütig zu ſich heranzuziehen! Nur ein durch und durch edles Frauenherz konnte ſo han⸗ deln. Sie ſelbſt erkannte ſich als die Urheberin ihres Irrthums, ſie zieh nicht ihn, nicht Anna der Zerſtörung deſſelben, und dieſe ſeltene Denkungsart zeugte von einer Erhabenheit der Geſinnung, die ihn mit tiefer Hochachtung für ſie erfüllte. Er ſelbſt hatte ſich keines Fehls gegen ſie zu zeihen und dies gab ihm den Muth, ihrem Wunſche, ihr ein Freund zu bleiben, nach beſten Kräften zu entſprechen. Was ſeine Bitte an die Fürſtin hinſichtlich eines 8⁴ 29 Schreibens an Anna's Mutter betraf, ſo war dies ge⸗ ſchehen und im Verlaufe der nächſten Zeit eine Ant⸗ wort zu erwarten. Mit Seiner Durchlaucht Herrn Leupold hatte der Hofmedicus einige Male Berlin be⸗ ſucht. Es war ſelbſtverſtändlich, daß er daſelbſt den Advocat Homilius kennen lernte. „Graf Almeslo wird ſo lange in ſicherer Verbor⸗ genheit leben, als er den Gedanken fern von ſich hält, ſein Kind beſitzen zu wollen“, meinte Herr Homilius. „Meine Schwägerin hat mir brieflich darüber Mit⸗ theilung gemacht, und wenngleich dieſer Wunſch bei dem Grafen und ſeiner Gemahlin ein ganz natürlicher iſt, wie jeder Vater, jede Mutter denſelben haben wird, ſo kann ich mich doch nicht der Befürchtung erwehren, daß mit der Verwirklichung deſſelben neues Unheil über den Aermſten hereinbrechen kann. Ich habe die Vorſicht geübt, kein Wort von dem Leben des Grafen an den alten Harbich zu melden. Es iſt für alle Fälle beſſer, daß dieſer darüber in Unkenntniß bleibt. Der Graf iſt um ſo ſicherer vor Verrath geſchützt. Letzterer iſt nie außer Augen zu laſſen.“ Dieſe Vorſicht war nicht zu tadeln, der gewandte Advocat hatte in ſeiner Praxis zu viel Menſchenkenntniß erworben, um ſie nicht überall zu verwerthen, wo es ihm nothwendig ſchien. Ein Schreiben, welches der 30 Hofmedicus von Fortunatus erhalten hatte, ſchilderte deſſen häusliches Glück in den lebhafteſten Farben. Der Graf ſchrieb ihm: „Mein lieber, theurer Freund! Ich hätte nie ge⸗ glaubt, daß ſo viel Märchenhaftes ins Menſchenleben treten könnte, um uns nicht allein zu ſtaunenden Be⸗ wunderern von ſeltſamen oder vielleicht, beſſer geſagt, ſeltenen Wandlungen des Schickſals, ſondern ſogar zu Hauptperſonen zu machen, um die ſich ſo recht im eigent⸗ lichſten Sinne des Wortes ein Gewebe von unglaublich ſcheinenden Begebenheiten dreht, welche den Stempel der Zauberei tragen. Wir ſind ſolche Hauptperſonen, wir, ich und meine geliebte Marie. Gleich erſchrecken⸗ den Wandelbildern ziehen unſere Erinnerungen an Ver⸗ gangenes an uns vorüber. An mir jene entſetzlichen Momente, wo ich die Tappenburg leer, meine Gemahlin geraubt fand; wo mich die abſcheulichſte Bosheit in den Armen⸗Seelen⸗Tümpel verſenkte, damit ich elend hinſtürbe und für immer aus der Liſte der Lebenden geſtrichen ſei; wo ich im gerechteſten Zorne über dieſe an mir verübte ſchändliche That den Nichtswürdigen niederſchoß mitten im Friedensbann des kaiſerlichen Luſtſchloſſes; wo ich der Feſtung entſprang und die langen einſamen Wälder der Balkanhalbinſel als hungri⸗ ger Flüchtling durcheilte, um endlich als elender Schiffs⸗ erte +— 31 knecht eine Rettung, ein Unterkommen zu finden. Dieſe immerhin lange Liſte außergewöhnlicher Ereigniſſe wurde durch jene Ihm bekannten, mich bis in die tiefſte Er⸗ niedrigung herunterdrückenden Erlebniſſe vervollſtändigt, aus deren Umſchlingungen Er mich rettete und welche ich deshalb nicht einzeln erwähne, um Ihn nicht zu langweilen. Und meine Marie, meine geliebte, theure Gemahlin, gedenkt der ſchauervollen Erinnerung, im Sarge zum Leben erwacht zu ſein. Ach, wer kann leugnen, daß wir die Hauptperſonen eines mit Schrecken und Entſetzen ausgeſchmückten Märchens ſind! Und jetzt, jetzt die Wandlung, welche mit. uns vorgegangen iſt! Wir ſind gleich Wüſtenwanderern, die alle Leiden und Gefahren eines ſchon verloren ſchei⸗ nenden Lebens überſtanden haben und nun im erfriſchenden Schatten einer Oaſe unter hohen Dattelpalmen und an einem lebendigen kühlen Quell ſich gelagert ſehen. O mein Freund, wenn der Leidende ſchon auf Erden belohnt wird, was eben nur ſelten der Fall iſt, ſo gehören wir ſicher zu den wenigen Glücklichen, denen ein ſolches Loos gefallen iſt. Wir leben hier ein köſt⸗ liches Stillleben, die Seligen können es nicht beſſer haben als wir. Seine einſtige Wohnung, mein Freund, iſt für uns zum Allerheiligſten geworden. Doch ich will 32 ihm der Reihe nach Alles mittheilen, was uns anlangt. Er hat das unbeſtreitbarſte Recht darauf.“ Vom Prinzen Eugen wurde ich der ſächſiſchen All⸗ macht, ich meine damit, dem Premierminiſter Reichs⸗ grafen Brühl aufs wärmſte empfohlen und vorgeſtellt. Ich habe nie einen indiſchen Nabob geſehen oder einen Sultan des Morgenlandes, in ihm aber fand ich einen. Welche Pracht um dieſen Einzigen! Sie iſt unglaublich, ja unerhört. Sein Kurfürſt⸗König iſt nichts gegen ihn, ein Nichts, nicht einmal ein Schatten. Brühl iſt der Herr des Landes, die Seele der ſächſiſchen Regierung, deſſen Klugheit Alles an ſich geriſſen, ſeine Nebenbuhler ſämmtlich beſeitigt und deſſen Hauptealcül darauf hinaus⸗ läuft, immer derjenige zu ſein, der ſich aus den Landesein⸗ nahmen, ohne zu fragen, den größten Lohn nimmt. Ich bin zu neu hier, kenne die Angelegenheiten der Regierung nicht, ich kann alſo kein bezeichnenderes Ur⸗ theil über ihn fällen. In den paar Monaten, welche ich hier bin, kann ich nur ſagen, daß ich in Erfahrung gebracht, wie eine Zahl Denkender ihn gleich der Sünde haßt, ihn als das größte Unglück des Landes ver⸗ flucht, ihn mit dem ärgſten Straßenräuber in eine Kategorie ſtellt. Gegen mich war er die Liebenswürdigkeit ſelbſt. Da keine andere Stellung offen war, ſo übertrug er — — —,·ͤ——,.,——— Xúᷓ 33 mir die Aſſiſtentenſtelle in ſeiner berühmten Bibliothek, weil der Bibliothekar, Doctor Heyne, immer kränklich ſei und eines Beiſtandes bedürfe, um bei Verfertigung des vom Premierminiſter gewünſchten Katalogs, der dem Druck übergeben werden ſolle, vorwärts zu kom⸗ men. So gewann ich eine Stellung, welche mich außer aller Berührung mit dem Perſonal des Hofes und des Premierminiſters läßt. Prinz Eugen freut ſich, daß ſeiner Empfehlung von dem Grafen auf dieſe mir überaus angenehme Weiſe entſprochen worden. Nur vier Stunden des Tags bin ich verpflichtet, den Biblio⸗ thekarbeiten meine Zeit zu widmen, dann bin ich frei und eile in meine Wohnung, fern dem großen Hof⸗ trubel. Iſt das nicht ein Glück, als ob die Hand einer gütigen Fee es ganz beſonders für uns geſchaffen? Welch ſelige Tage und Abende verleben wir! Vor uns die prächtigen waldbeſtandenen Höhen, das liebliche Bild der fruchtbaren, ſanft ſich zu ihnen empor⸗ hebenden Ebene mit den vielen kleinen Menſchenwoh⸗ nungen, und dieſe Ausſicht vom Sonnenglanz überfloſſen oder vom Vollmondlicht— o mein Freund, wir ſind glücklich. Und in dieſem Bewußtſein, in dieſer Empfin⸗ dung denken wir zurück an alle die Theuern, denen wir dies Glück danken. Es iſt freilich ein ſehr beſchei⸗ denes, das wir in treuen Herzen mitgebracht, aber das Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. V. 3 Drum und Dran, das wir hier gefunden, erhöht es unendlich. Frau Doris ſteht meiner geliebten Marie als treue Freundin zur Seite und wir drei bilden einen Dreiklang, bei dem kein Mißton zu hören iſt. Ein glücklich gewordener Deſerteur! Dies gehört auch zu den Seltſamkeiten. ch zur Vollkommenheit unſeres Eins nur fehlt no Glücks, unſer Kind! Das iſt der einzige Schatten, der unſern Sonnenſchein trübt. Wie ich auch nachſinnen mag, ich kann keinen Weg entdecken, der uns die Aus⸗ ſicht öffnet, das Kind, wenn es noch lebt, in unſern Beſitz zu bringen. Unſere Sicherheit würde leicht preis⸗ gegeben ſein, ſobald der geringſte Unfall bei dieſer Speculation ſtattfände. An dem ſtillen, in tiefer Zurück⸗ gezogenheit lebenden Bibliothekaraſſiſtenten Almer geht jede Spionage ohne Argwohn vorüber, der geringſte Schritt, durch den der Grafenſohn Almeslo der Oeffent⸗ lichkeit ſich verriethe, würde mit einem Male ſeine ſichere Verborgenheit nicht nur gefährden, ſondern ſofort beenden. Ich bezeichne vor allem eine Gefahr. Der Premierminiſter iſt in geheimer Correſpondenz mit dem etz verſteht Hofe der Kaiſerin, gegen alles ſächſiſche Geſ er es hier, im Lande eine Menge Jeſuiten in den verſchiedenſten Stellungen unterzubringen, daher kann nur die größtmögliche Vorſicht mein Theil ſein.“ 35 Dieſes lange Schreiben ſchloß mit den heißeſten Dankſagungen an die Fürſtin und Prinzeß Amalie, ſelbſt der ehrliche Barthel aus Jonitz war nicht vergeſſen. Der Hofmedicus hatte Gelegenheit, letztern zu ſprechen. „Unter uns geſagt“, meinte Barthel,„mein Ka⸗ merad Alm kann lachen, jetzt nicht mehr in unſers alten Schwerenöthers Scheere zu ſein. Der iſt jetzt vollkommen raſend mit dem Exerciren. Schade drum, daß die Nacht dunkel iſt, er ließ uns auch da noch die Tempos durchmachen. Wie geſagt, s iſt eben keine Heidenluſt, ein Deſſauer zu ſein. Hätte ich nicht meinen alten Vater, auf den ich Rückſicht nehmen muß weil ihn der Durchlauchtige ſonſt bis aufs Blut knaſtet, ſoll mich der Kukuk holen, ich käme in einer ſchlechten Nacht abhanden auf Nimmerwiederſehen. Ich habe die Menſchenquälerei bis an den Hals ſatt.“ Für das von Herrn Leupold commandirte Armee⸗ corps war dieſer Sommer allerdings eine fortgeſetzte Plackerei; erſt im September wurde das Lager von Genthin nach Gröningen an die ſächſiſche Grenze verlegt, jedoch im October aufgehoben und die Truppen in ihre Winterquartiere entlaſſen, indem durch die Uebereinkunft vom ſiebenundzwanzigſten September zu Hannover zwi⸗ ſchen Frankreich und Großbritannien jede Beſorgniß auf dieſer Seite für Preußen ſchwand. 36 In dieſem Jahre, 1741, war unendlich viel ge⸗ ſchehen, was auf die nächſte Zukunft den größten Ein⸗ fluß übte. Die Mollwitzer Schlacht, der die öſterreichiſche Armee in wilder Flucht entrann, hatte das Land bis Wien dem Sieger offen gelegt und der preußiſche Hu⸗ ſarenführer Ziethen wagte ſich keck bis Korneuburg und Stockerau und überblickte im Novembermonate von den kahlen Höhen des Biſ amsbergs die kaiſerliche Haupt⸗ und Reſidenzſtadt. Der Schrecken in derſelben ſuchte ſeinesgleichen; die Sicherheit, mit welcher man auf den Untergang der Preußen gehofft hatte, war wie Frühnebel vor dem Sonnenlichte verſchwunden. Alles floh nach Ungarn, nach Steiermark, nach Klagenfurt in Kärnten. Die Erzherzoginnen, der Schatz, die Archive wurden nach Gratz geflüchtet. Die Kaiſerin Maria Thereſia war nach Ungarn entflohen, und während ſie unter dem Schutze dieſer ſo oft von ihren Vorfahren, den Kaiſern, ſchwer beleidigten Nation lebte, ſchloſſen Frankreich und Baiern zu Nymphenburg am achtzehnten Mai jene Ver⸗ träge ab, nach welchen Maria Thereſia, die nur als Großherzogin von Toscana Beachtete, Ungarn und das Land unter der Enns nebſt Wien, dazu ganz Inner⸗ öſterreich, Baiern die Kaiſerkrone und Böhmen, das Land ob der Enns und Tirol nebſt dem Breisgau, Sachſen, , 37 Mähren mit Troppau, Jägerndorf, Teſchen, dazu den erblichen Königstitel von Sachſen⸗Polen, Preußen Schle⸗ ſien, Frankreich die Niederlande und Spanien die Lombardei erhalten ſollte. Nach dieſen Verträgen überrumpelten die Baiern am letzten Juli Paſſau, den Schlüſſel der Donau, und bairiſche und franzöſiſche Dragoner ſtreiften nun bis Sieghardskirchen und ſahen von den Höhen des Rieder⸗ berges die Thürme der Kaiſerſtadt Wien. Die Kriegs⸗ lohe ſchien das habsburgiſche Kaiſerthum verſchlingen zu wollen, denn ſchon zog ein zahlreiches Heer, aus Baiern und Franzoſen beſtehend, in den erſten Tagen des September gegen Linz heran. Da geſchah etwas, das in der Geſchichte jener Zeit zu den unerwarteten Wundern gezählt werden muß und auch wunderbar in den Gang der Dinge eingriff und ſie veränderte. Am elften September trat Maria Thereſia, die ſchöne Kaiſerin, abermals in geſegneten Umſtänden, im ungariſchen Trauergewande, mit der heiligen Stephans⸗ krone auf dem Haupte und mit dem königlichen Schwerte umgürtet, in Presburg vor den Reichstag hin, ſpre⸗ chend von ihrem Rechte, von der Treuloſigkeit ihrer Widerſacher, wie ſie verlaſſen von allen ſei und ihre ganze Hoffnung auf die Treue und Tapferkeit der hochherzigen ungariſchen Nation ſetze, der ſie ſich 38 und ihre Kinder anvertraue. Und als heiße Thrä⸗ nen über die Wangen der ſchönen jungen Kaiſerin floſſen, da raſſelten die blanken Klingen aus den Schei⸗ den der ſtolzen Magnaten und von aller Lippen erſcholl der enthuſiaſtiſche Ruf:„Wir ſterben für unſern König Maria Thereſia!“ Und die dies ſo edelmüthig gelobten, konnten nicht vergeſſen haben, wie vor kaum dreißig Jahren nach den großen öſterreichiſchen Tyranneien unter dem kaltherzigen Leopold Ungarn durch den Szathmarer Frieden pacificirt worden war! Der Wendepunkt im Schickſal der Erbin des letzten Habsburgers war eingetreten. Die ungariſche Inſurrection erhob ſich für ſie: dreißigtauſend Mann und fünfzehn⸗ tauſend Reiter, überdies zwanzigtauſend Rekruten für das reguläre Militär, mit den Freicorps von Trenck, Menzel, Trips, Bärenklau und andern Führern mehr, zuſammen eine Maſſe von hunderttauſend Mann. Die Thränen eines ſchönen Weibes hatten dies bewirkt. Statt das zur Uebergabe aufgeforderte Wien zu drängen und mit Gewalt zu erzwingen, wozu die Wie⸗ ner ſich nicht freiwillig verſtanden, wendete ſich die bairiſch⸗franzöſiſche Heeresmacht, nachdem ſie am vier⸗ zehnten September in Linz eingezogen und der bairiſche Kurfürſt Karl Albrecht zum Erzherzog von Oeſterreich ausgerufen worden war, nach Prag, damit der zur —,— 39 Regierung unfähige Baier mit der böhmiſchen Königs⸗ krone ſein Haupt ſchmücke. So räumte er, geſtachelt von Ehrſucht, der Kaiſerin ſelbſt das Feld, welche am elften December, alſo vier Tage ſpäter, als er in Prag ſich hatte krönen laſſen, nach Wien in die Hofburg ihrer Ahnen zurückkehrte. Und mit dem Preußenkönig, deſſen Sieg bei Mollwitz einen ſchnellen Umſchwung in der Meinung Europas bewirkt hatte, ſchloß Maria Thereſia durch engliſche Vermittlung zu Oberſchnellen⸗ dorf im Fürſtenthume Oppeln ganz in aller Stille einen Waffenſtillſtandsvertrag ab, der ihm Schleſien überließ, die fortgeſetzte Belagerung von Neiſſe und den eben⸗ falls fortdauernden kleinen Krieg aber zum Schein⸗ werke machte, damit ſich die öſterreichiſche Macht mit ganzer Gewalt auf die bairiſch⸗franzöſiſche Armee in Böhmen und von der andern Seite auf Baiern ſelbſt ſtürzen könne. Wie hatte ſich Alles ſo wunderbar verändert! Zu dieſem ſelben König, den der fünfzehnte Ludwig von Frankreich für toll und der hochweiſe engliſche Bot⸗ ſchafter für werth erklärt hatte, in der Politik excommuni⸗ cirt zu werden, ſtrömten nun die Geſandten der euro⸗ päiſchen Mächte. Er war wirklich ein intereſſanter König in aller Augen geworden. Sein Feldlager zu Strehlen zwiſchen Brieg und Schweidnitz galt als Taubenſchlag 40 für die fremden Miniſter. Dieſer junge König ließ ſich aber nicht ſo leicht täuſchen; er wußte, daß der am feſteſten ſtehe, der ſich auf ſeine eigene Füße verlaſſe, und wußte auch, daß berühmte Namen blenden und Reſpekt ein⸗ flößen. Deswegen erging an den alten Deſſauer eine Einladung, zu ihm nach Schleſien zu kommen. Hätte die Octoberſonne noch weit glänzender ge⸗ ſchienen, als ſie wirklich ſchien, für Herrn Leupold konnte ſie nicht die Freudenſonne überglänzen, welche ihm durch dieſe Einladung in alle Tiefen ſeines Her⸗ zens leuchtete. Im Fluge eilte er nach Schleſien. Der Feldzug des zum Ende ſich neigenden Jahres 1741 hatte außer der Mollvwitzer Schlacht kein einziges bedeutendes Ereigniß gebracht, er ſollte dem Oberſchnel⸗ lendorfer Vertrage gemäß mit der Einnahme der Feſtung Neiſſe beſchloſſen werden, zu deren Angriff der Prinz Dietrich von Anhalt⸗Deſſau, der drittgeborene Sohn des alten Deſſauers, die Anſtalten meiſterhaft geleitet hatte. Die eingetretenen Friedensverhandlungen mach⸗ ten indeß die Vertheidigung wie den Angriff nur zum Scheinwerke, um die militäriſche Ehre der Kaiſerlichen zu retten. Zufolge dieſes Abkommens zwiſchen König Friedrich und dem öſterreichiſchen Feldherrn Grafen Neipperg ergab ſich dieſe Feſtung nach zwölf Tagen am dreißigſten October. Herr Leupold, der nach 41 der Uebergabe als Begleiter des Königs deren Werke beſichtigte, fand in Anordnung neuer Befeſtigungen die vollkommenſte Gelegenheit, ſeine gediegenen Kenntniſſe an den Tag zu legen. Dann begleitete er den König nach verſchiedenen Orten, die dieſer in dem eroberten Lande ſehen wollte, endlich begab er ſich an Seiner Majeſtät Seite mit nach Breslau, wo dem neuen Herrſcher von der Bürger⸗ ſchaft gehuldigt werden ſollte. Die alterthümliche, reiche Wratislawa glich zu dieſer Zeit einem Bienenkorbe. Fremde in Ueber⸗ maſſe und der nach der neueſten Pariſer Mode aufs reichſte in Gold und Silber galonirte ſchleſiſche Adel, wetteifernd in Pracht und umſchwärmt von Lakaien, Haiducken und Läufern in allen Farben und von golde⸗ nen Treſſen ſtrotzend, erfüllten die Stadt, in deren Stra⸗ ßen man nur meiſt vier⸗ und ſechsſpännige Equipagen ſah. Die Paläſte der reichen ſchleſiſchen Adelshäuſer öffneten ſich wie früher dem König und ſeinem hohen Gefolge, in welchem für diesmal der alte Deſſauer ein Angelpunkt der allgemeinſten Aufmerkſamkeit war, denn der Ruf ſeiner Siege, ſeines martialiſchen rauhen We⸗ ſens, ſeiner Sonderbarkeiten war ja ein allgemeiner und im Stillen beneidete man den Reichsgrafen von Almeslo⸗Tappenburg um das Glück, dieſen ruhmreichen 42 Helden für die Dauer des königlichen Aufenthalts in Breslau den Gaſt ſeines Hauſes nennen zu können. König Friedrich ſelbſt hatte das Quartier in dieſem reichsgräflichen Hauſe, deſſen Herrin er wegen ihrer freien Geſinnungen, die den verrotteten Zuſtänden im Kaiſerthume durch und durch feind waren, ungemein ſchätzte, für den Deſſauer gewünſcht und ſeinem Wunſche war natürlich ſofort entſprochen worden. Herr Leupold ſah ſich mit den größten Ehren im Almeslo'ſchen Hauſe empfangen. 00 ——.— O 0 2 Zweites Kapitel. Der ſiebente November 1741 ſah in Breslau die Erblandeshuldigung von Schleſien. Die Stadt prangte im Feſtgewande. Im großen Saale des ſchönen, alten Rathhauſes hatte man, da die Zeit zur Herſtellung eines neuen Throns für den neuen Landesherrn zu kurz bemeſſen war, den neu ausſtaffirt aufgeſtellt, auf welchem vor dem dreißigjährigen Kriege Kaiſer Matthias die Huldigung entgegengenommen . hatte. Welcher Sprung in der Zeit und welcher Wech⸗ ſel in den Dingen! Die Veränderung an dem Throne beſtand in dem Abſchneiden des einen Kopfes des ge⸗ ſtickten Reichsadlers und in dem Aufheften des Namens⸗ zuges König Friedrich's auf die Bruſt dieſes in der Heraldik eine ſo große Rolle ſpielenden Raubvogels. Es war eine eigenthümlich bewegte Scene, welche ſich vor den ſcharfblickenden Augen des neuen Gebieters des ſchönen Schleſierlandes in aller Ordnung abrollte. Während der Miniſter des Auswärtigen von Pode⸗ wils die Anſprache hielt, der König mit entblößtem Haupte vor dem Throne ſtand, lagen die Abgeordneten des Cardinalbiſchofs und der Geiſtlichkeit auf den Knieen, der ſchleſiſche Adel ſtand dicht an einander ge⸗ ſchaart vor dem Throne. Und als ſich der König, das Haupt bedeckend, auf dem Thronſitze niederließ, ſeinen Degen in der Hand, ſtatt des in der Eile vergeſſenen Reichsſchwertes, wurde die vorgeleſene Eidesformel von allen nachgeſprochen, dann küßten die Stände den Knopf ſeines Degens und legten dabei zum Zeichen ihres Wort⸗ haltens die Hand auf die Bibel. Trompeten und Pauken verkündeten den Schluß der Huldigungsfeier, Kanonen⸗ donner trug die Nachricht dieſes wichtigen Ereigniſſes ins Land hinaus. Großes Diner an ſieben Tafeln, des Abends Illu⸗ mination und ein bis an den lichten Morgen dauern⸗ der Maskenball endeten das ſeltene Feſt. Nur wenige Tage noch dauerte Friedrich's Anweſen⸗ heit in Breslau. Am vorletzten dieſer Tage fand Herr Leupold es nöthig, der Dame des Hauſes, der Gräfin Almeslo, vorläufig ſeinen Abſchiedsbeſuch zu machen. welche bieters brollte. Pode⸗ lößtem dneten f den eer ge⸗ g, das ſeinen eſſenen el von Knopf Wort⸗ Zauken nonen⸗ gniſſes Illu⸗ auern⸗ weſen⸗ Herr Gräfin achen. 45 Er ſprach ſein Bedauern aus, wohl nie wieder Breslau zu ſehen, wo er ſo gaſtlich aufgenommen worden ſei. „Nie wieder, Durchlaucht? Sie ſcherzen“, entgegnete die Gräfin. „Nein, nein, meine Gnädigſte, denke nicht an Scherz“, antwortete Herr Leupold.„Schleſien iſt erobert, preu⸗ ßiſch. Vorausſehen läßt ſich, daß dem in der Stille zu Oberſchnellendorf mit der Kaiſerin Majeſtät abgeſchloſſenen Waffenſtillſtand der Friedensſchluß folgen wird. Deſſau iſt weit genug von hier, um eine Reiſe nach hier, wo Schwerin commandirt, mir nicht nahe zu legen, ſo ſehr ich auch von Dankbarkeit gegen Sie, meine Gnädigſte, und Ihr hochgräfliches Haus durchdrungen bin.“ Die Gräfin ſchwieg, doch konnte ſie ein leichtes Lächeln nicht verbergen. Seiner Durchlaucht ſcharfem Blick entging letzteres nicht und er äußerte dies unum⸗ wunden. „Durchlaucht, ich fühle mich gewiſſermaßen in Ver⸗ legenheit geſetzt, daß Sie eine Thatſache beharrlich als nicht geſchehen unerwähnt laſſen, in welcher doch der Grund Ihrer Wiederkehr nach Schleſien ſo ſicher ent⸗ halten ſein wird, als wie die Nacht der Schooß iſt, aus dem die Sonne des nächſten Tages emporſteigt.“ „Das wäre die—“ Herr Leupold verſchluckte ſeinen Lieblingsausdruck, indem er ſich beſann, daß Gräfin Almeslo an derlei Feinheiten nicht gewöhnt ſein dürfte; aber er war doch zu erregt, um ſein martialiſches Ge⸗ müth ſo im Zügel zu halten, daß er es vermocht hätte, mit einer höflichen, eleganten Redefloskel die Dame um Erklärung der von ihr ſo beſtimmten Behauptung ſeiner Wiederkehr nach Schleſien zu veranlaſſen. Deswegen rief er:„Meine Gnädigſte, friſch drauf und dran iſt meine Loſung, das wiſſen alle Hundsfötter, mit denen ich mich herumgeſchlagen; langes Geflunkere iſt mir ein Greuel, liebe ſolche Kinkerlitzchen nicht; haben Sie alſo die Gnade, mir reinen Wein einzuſchenken. Was für eine Thatſache hätte ich beharrlich unerwähnt ge⸗ laſſen?“ „Das Reſultat der Conferenzen mit den Geſandten der verſchiedenen Höfe, demzufolge König Friedrich am Anfangstage dieſes Monats der Verbindung gegen Oeſterreich beigetreten und ein Alliirter des Erbfeindes Oeſterreichs wie überhaupt Deutſchlands, Frankreichs, geworden iſt.“ Der Deſſauer war von dieſer ihm vom König nicht mitgetheilten Kunde ſo ſehr überraſcht, daß er im erſten Moment nicht wußte, was er äußern ſollte, dann aber ſtieg's dunkelroth in ſeinem ohnehin dunklen Geſicht auf bis unter das Stirnhaar und nur mit Mühe be⸗ zwang er einen ſeiner Kernflüche. Als wenn es ihn dürfte; es Ge⸗ hätte, me um ſeiner en rief meine en ich er ein Sie Was nt ge⸗ ndten h am gegen indes eichs, nicht erſten aber eſicht 2 be⸗ ihn 47 würgte, ſchluckte er einigemal an dem großen ſich ſeiner bemächtigenden Aerger und ſagte dann: „Hm,'s wäre curios, aber möglich ſchon. Welche Beweiſe haben Sie, meine Gnädigſte, dafür?“ „Die Thatſache kann ich allerdings nicht Schwarz auf Weiß belegen, aber ſie iſt— ich verſichere Eurer Durchlaucht das— deshalb nicht minder wahr, als ich in Eurer Durchlaucht einen gütigen Freund der von ſo vielen Feinden unterdrückt werden ſollenden Kaiſerin Maria Thereſia, die mir ſelbſt dieſe Kunde mitgetheilt hat, zu ſehen mich berechtigt weiß.“ Bei Anhörung dieſer Erklärung nahm Herr Leu⸗ pold, von der höchſten Ueberraſchung gleichſam über⸗ ſtürzt, eine Miene an, in welcher ein Gemiſch von Schreck und Staunen ſich kund gab. Gewiß nie in ſeinem Leben hatte er einem Schrecken unterlegen, in⸗ deß jetzt fand dieſe ihm gänzlich fremde Empfindung einen ſo ſichtbaren Ausdruck bei ihm, daß Gräfin Almeslo, um ihn dieſer widerlichen, ihm gänzlich unbe⸗ kannten Empfindung zu entheben, ſehr freundlich an ihn mit den Worten herantrat: „Durchlaucht dürfen nicht fürchten, daß der Kaiſerin Majeſtät oder ich, die ſich Allerhöchſtderen Freundſchaft ſchon ſeit Jahren rühmen darf, einen üblen Gebrauch von der Kenntniß der gütigen Geſinnungen Eurer 48 Durchlaucht machen werden. Die Kaiſerin erkennt es mit dankbarem Herzen, daß ſie einen ſo treuen und wahrhaften Freund unter ſo vielen Feinden gefunden hat, ſie iſt tief von dieſer ihr gewidmeten Geſinnung gerührt und wünſcht nichts ſehnlicher, als daß Sie ihr mit Ihrem Rathe auch ferner beiſtehen. Es iſt dies kein Verrath, den ſie beanſprucht, ſondern nur der Wunſch, von den ehrlichen Freunden des Kaiſerhauſes Winke und Warnungen in ſolcher entſetzlichen Bedräng⸗ niß zu empfangen. Wer wäre beſſer im Stande, der Kaiſerin, die ſo ſchnöder Feindſchaft ſich ausgeſetzt ſieht, ſolche Winke und Warnungen zu ertheilen, als Eure Durchlaucht?“ Es war niemals bei Herrn Leupold eingeführt, ſich im Leiſeſprechen zu üben, und daher gehörte es zu den ungewöhnlichen Dingen, daß er es jetzt praktiſch fand, ſeiner Stentorſtimme einen bedeutenden Dämpfer auf⸗ zuſetzen. Die noch folgende Unterredung zwiſchen der Gräfin und ihm dauerte wohl eine halbe Stunde, und als er am nächſten Tag in Geſellſchaft des Königs Breslau verließ, befand er ſich in einer höchſt ſelt⸗ ſamen Situation, wie er ſich nicht entſinnen konnte, je in einer ähnlichen geweſen zu ſein. Er war ſich ſelbſt nicht recht bewußt, ob er im Rechte oder Unrechte ſei, wenn er der Kaiſerin in ihrer 49 Bedrängniß durch Rathſchläge und Warnungen insge⸗ heim beiſtand. Er hielt ſich dazu für verpflichtet durch ſeine Sympathien für das Kaiſerhaus. Zugleich glaubte er ſich nicht mit Offenheit vom König behandelt, indem dieſer ihm die Mittheilung von dem Bündniſſe der Höfe gegen Maria Thereſia vorenthalten. Ueber dieſen Punkt gelangte er indeß bald ins Klare, als Friedrich unter⸗ wegs zu ihm ſagte: „Im Intereſſe Maria Thereſia's wünſche ich, daß man in Oeſterreich nicht im Sinne hat, einen Treu⸗ bruch an mir zu begehen, den Oberſchnellendorfer Ver⸗ trag gelegentlich, wenn die Umſtände günſtig ſcheinen, als nicht rechtsgültig zu erachten. Die Höfe ſind gegen ſie in einem Cartel verbunden, und wenngleich ſie einen Frieden mit Oeſterreich anzubahnen ſuchen wollen, ſo dürfte ein Feuerbrand, von mir dazwiſchen geworfen, dem Hauſe Habsburg⸗Lothringen eine Todtenfackel an⸗ zünden.“ „Die Höfe? Welche?“ „Eure Liebden wiſſen es ja, Frankreich, Sachſen und die andern. Wie? Davon hätte ich Ihnen keine Mittheilung gemacht?“ „Ich höre das jetzt zum erſten Male von Eurer Majeſtät.“ „Sie haben nichts daran verloren“, äußerte der Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. V. 4 50 König ziemlich gleichgültig.„Ich trat bei, weil ich es für beſſer halte, eine ſtechende Wespe zu ſein als der Geſtochene. Bah, ich gebe auf franzöſiſche und ſäch⸗ ſiſche Verſicherungen äußerſt wenig, ich betrachte ſie nur wie Sprungriemen bei unzuverläſſigen Pferden. Sie halten ſo lange, bis ſie reißen.“ Herr Leupold genoß auf der Fahrt von Berlin, wo er ſich vom König verabſchiedet hatte, nach ſeinem Deſſau Muße genug, um über die Kenntniß der Gräfin Almeslo von der ſo geheim abgeſchloſſenen Verbindung der Höfe gegen Maria Thereſia zu ſtaunen.„Es muß alſo meh⸗ rere gute Freunde geben, welche ſich für die Kaiſerin intereſſiren“, ſagte er zu ſich.„Hm, ich ſehe kein Un⸗ recht darin, vielmehr iſt es ein Unrecht, das man an ihr, der rechtmäßigen Erbin ihres Vaters, begeht, ihr entreißen zu wollen, was man in der pragmatiſchen Sanction dieſem zugeſtanden hat.“ Der durch und durch ehrliche Charakter des alten Deſſauers empörte ſich heftig gegen das Unrecht, wel⸗ ches aus der Bedrängniß Maria Thereſia's Nutzen und Vortheil zu ziehen trachtete. Dabei ſtimmte er der An⸗ ſicht König Friedrich's bei, daß auf franzöſiſche und ſächſiſche Verſicherungen äußerſt wenig zu geben ſei, und es war nur folgerecht, daß ſeine kriegeriſche Nei⸗ gung es außerordentlich amüſant fand, dem Gedanken N 51 ſich hinzugeben, wenn das Schickſal ihm günſtig wäre, ſich früher oder ſpäter noch mit Franzoſen und Sach⸗ ſen herumſchlagen zu können. Dieſe erfriſchende Speculation machte ihn heiter. Seine Logik war höchſt einfach. König Friedrich hat Schleſien erobert, dieſe Thatſache ſteht feſt und muß nöthigenfalls durch einen neuen Feldzug unabänderlich für ewige Zeiten befeſtigt, das ihm zugefallene ſchle⸗ ſiſche Land daher ſelbſt gegen Oeſterreich vertheidigt werden. Ob des Königs Anſprüche auf Schleſien voll⸗ ſtändig gerechtfertigt ſeien, kam bei ihm nicht mehr in Erwägung, die Eroberung war eine Thatſache. Herr Leupold war beſonderer Freund von Thatſachen, wenn ſie durch Schlachten ins Leben gerufen worden waren. Es ſtand demnach bei ihm feſt, der Kaiſerin, ſoviel in ſeiner Macht ſei, Winke und Warnungen, vielleicht gelegentlich auch Rathſchläge hinſichtlich der Maßnah⸗ men ihrer Feinde, ausgenommen die, die König Fried⸗ rich in einem etwaigen neuen Feldzuge wegen des un⸗ geſtörten Beſitzes Schleſiens treffen werde, zu geben. Nur dem letztern hielt er ſich zur Treue verpflichtet. Er kam alſo ſehr heiterer Laune nach Deſſau zu⸗ rück. Sein Wunſch, daß der langweilige Frieden endlich einmal zu Ende gehe und ein die träge Menſchheit etwas ſtark zuſammenrüttelnder Krieg in Au ſtht ſtehe, machte ihn vergnügt. In ſeinem Deſſau hatte ſich nichts verändert; die fürſtliche Familie, nach faſt halbjähriger Entfernung wieder in ihre Reſidenz zurückgekehrt, fühlte ſich wohl, unter den Ihrigen ſich zu wiſſen. Für den Hofmedi⸗ cus und Anna brachte das Weihnachtsfeſt eine Freude und zugleich einen Kummer. Anna's Mutter, Frau von Audritzky, langte zu dieſer Zeit in Deſſau an. Sie brachte ihre Einwilligung zur Verehelichung ihrer Tochter mit Doctor Stoll mit, beſtand aber darauf, Anna mit nach Zittau zu nehmen, die Hochzeit ſolle dort nach den Oſterfeiertagen gefeiert werden. In Rückſicht auf ſeine eigene dort anſäſſige Familie konnte Doctor Stoll nichts dagegen einwenden und ſo mußten ſchon nach Verlauf der erſten Woche nach dem Neujahr 1742 Anna und er ſich trennen. „Hätte Ihm einen guten Rath geben wollen, Doc⸗ tor“, ſagte der Deſſauer in guter Laune,„für den Fall nämlich, daß Er etwa ſo gewiſſe Bange für Seiner Herzallerliebſten Treue hat.“ „Durchlaucht, ich denke, dergleichen Bangigkeit nicht nöthig zu haben.“ „Na, das muß Er freilich beſſer wiſſen als ich; aber ganz ſicher hätte Er ſein können, wenn Er ihr den Knochenkerl mitgegeben hätte, der meinen Korporal Bank zur Niederlage gebracht hat.'s war doch'ne Schwerenothsgeſchichte an jenem Abende— hahaha! Dachte das vierſchrötige Ungeheuer nicht anders, als der Tod ſitze ihm ſchon auf dem Halſe und er müſſe ſterben.“ Dieſer heitere Rückblick Herrn Leupold's ging jedoch wider alle Erwartung in eine Anwandlung ſchweren Aergers über, da ſich ihm die Veranlaſſung zu dieſem ſeinen würdigen Korporal ſo tief demüthigenden Ereig⸗ niſſe unwillkürlich in die Erinnerung drängte. Nach ſeiner Gewohnheit promenirte er mit langen Schritten im Zimmer auf und nieder und der Hofmedicus hörte ihn unterſchiedliche Male mit dem Munde vor ſich hinblaſen, als wenn er anfliegende Federchen von ſich abblaſen wollte oder es ihm zu heiß ſei. Dann trat er vor ihn hin und ſagte: „An der ganzen Ausſuchung bei Ihm war Niemand als der Hundsfott von Alm ſchuld. Wer Teufel heißt die Beſtie deſertiren?“ „Ich hätt's um kein Haar anders gemacht“, ent⸗ gegnete der Hofmedicus lachend.„Wer Teufel ſoll ein Vergnügen am Gaſſenlaufen finden!“ „Halt' Er's Maul!“ polterte der alte Herr grob heraus.„Das verſteht Er nicht. Ein Grenadier muß auf Alles dreſſirt ſein, muß Spaß verſtehen, wenn er gekitzelt wird. So'n paar Klopſe bringen einen rich⸗ tigen Kerl nicht um, habe manchen geſehen, der, wenn er ſeine Zahl Gaſſen gelaufen, noch Vivathoch geſchrien und ſeine Mütze geſchwenkt hat, als wenn er von der Hochzeit käme.“ „Das ſind allerdings Geſchmackſachen.“ „Und der Hundsfott brennt durch!“ Ein ganz beſonders kerniger Fluch ſchloß ſich dieſem Ausrufe eines Aergers an, welcher nur die Anſichten des Durchlauchtigen über das einem richtigen Grena⸗ dier innewohnen ſollende Ehrgefühl bekräftigte.„Führt ihn der Satan jemals in meine Hand, ſo hängt er ohne Federleſen. Da hat er dann den Lohn für ſeine Nichtswürdigkeit. Koſtet mich die Beſtie außer ſeiner Perſon noch einen zweiten Kerl. Der Rank iſt nicht mehr zu brauchen, iſt drehend geworden, kann ſich kaum noch auf dem Leierkaſten ernähren“, lautete der Zorn⸗ erguß des Gewaltigen. Bei dem guten Gedächtniſſe für militäriſche Ange⸗ legenheiten und bei dem Ernſte, mit dem er dieſe be⸗ handelte, war gar nicht zu zweifeln, daß Herr Leupold, im Falle Fortunatus durch irgend ein Mißgeſchick in ſeine Gewalt fiele, ſeine Drohung zur Ausführung bringen werde. Die Hoffnung, daß der Graf nicht in — “ — M 55 dieſe Lage kommen würde, ließ indeß in dem Hofmedi⸗ cus keine Furcht deshalb aufkommen. Die Erwartung, daß die Coalition gegen Oeſterreich einen Ausweg zur Erhaltung des Friedens finden werde, bewahrheitete ſich um ſo weniger, als Oeſterreich, dem es gelang, Baiern im Fluge zu erobern, alle Vorſchläge in einem hohen Tone abwies. Es war vorauszu⸗ ſehen, daß der Oberſchnellendorfer Waffenſtillſtandsver⸗ trag ſofort von Oeſterreich gebrochen werden würde, ſo⸗ bald es ſich im Siege wußte, und um dieſe Ueberraſchung von ſich abzuwehren, fand König Friedrich es für rath⸗ ſam, ſeinem Gegner zuvorzukommen. Gleich nach Mitte Januar 1742 verließ er Berlin, beſuchte den Dresdener Hof und begab ſich ſofort über Prag, wo die Franzoſen und Baiern ſtanden, nach Schleſien. Seine Regimenter rückten nun in Mähren ein. Die Kriegswürfel kamen ins Rollen; wem ſie günſtig fielen, wer konnte es vorausſagen! Wie im vorigen Jahre befehligte der alte Deſſauer das Armeecorps, das im Lager von Genthin geſtanden, da rief ihn im März der König mit dem größten Theil deſſelben nach Böhmen, wohin durch die unterdeß vor⸗ gefallenen kriegeriſchen Ereigniſſe der Schauplatz der Kämpfe verlegt worden war, während ein anderer Theil der Truppen nach Schleſien aus Brandenburg abrücken ſollte. Sofort, um dem Befehle die ſchnellſte Folge zu geben, ſandte der Fürſt, den Durchzug der Truppen durch die ſächſiſche Lauſitz zu erbitten, einen Eilboten an den Dresdener Hof, der als Bundesgenoſſe dieſes Anſuchen natürlich nicht verweigerte, und Herr Leupold nahm mit ſeinen Regimentern den Weg über Zittau, wo er, da die Truppenmärſche bei den miß⸗ lichen Wegen nicht ſehr raſch von ſtatten gingen, meh⸗ rere Tage verweilte. Es war am fünfzehnten April, als er an der Spitze eines ſeiner trefflich geſchulten Regimenterdaſelbſteinrückte. Nicht nur die Neugier, den berühmteſten Kriegs⸗ helden ſeiner Zeit, von dem man ſich ſo viel Wunder⸗ liches erzählte, von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen, hatte die Zittauer und die Bewohner der Umgegend zu ſeinem Empfange herbeigeführt, ſondern auch das Ver⸗ langen in ihm einen Hochzeitsgaſt anzuſtaunen, der die kurze Zeit ſeines Aufenhalts in der reichen Sechsſtadt dem Vergnügen, einer Hochzeit beizuwohnen, widmen wolle. Als er ſeine Truppen auf den Markt geführt hatte, wo ſie in langen Reihen aufgeſtellt wurden, um in die ihnen bereiteten Quartiere entlaſſen zu werden, ſah man zwei Herren, einen Greis im ſchwarzen Ehren⸗ kleide, wie es die Mitglieder des Stadtraths trugen, —— —.,— ————„.— —“:—— 57 und einen jungen Mann in einem bürgerlichen Sonn⸗ tagsgewand, ihm nahen. „Der geſtrenge Herr Bürgermeiſter Stoll und ſein Sohn, der Deſſauiſche Herr Hofmedicus“, ging es flüſternd von Mund zu Mund.„Sie holen die Deſſauiſche Durch⸗ laucht in Hochdero Quartier ins Stoll'ſche Haus ab.“ Und ſo war es auch. Man erſtaunte, als Seine Durchlaucht, vom Pferde geſtiegen, den beiden bürger⸗ lichen Herren zu gleicher Zeit, wie guten Freunden aus früherer Zeit, die Hände reichte und dann in ihrer Mitte, dem greiſen Vater des Hofmedicus den Chrenplatz zu ſeiner Rechten laſſend, dem großen ſchö⸗ nen Hauſe am Markte zuſchritt, welches Stoll'ſches Familieneigenthum war. Man hatte von ſeiner Barſchheit, ja von ſeiner Wildheit ſo erſchreckliche Dinge gehört und ſah jetzt zur größten Verwunderung einen wenn auch aller⸗ dings durch ſein Aeußeres wohl Furcht einflößen kön⸗ nenden Kriegsmann von großer Geſtalt vor ſich, der aber von ungemeiner Jovialität zu ſein ſchien, denn er ſchlug den Hofmedicus vertraulich auf die Schulter und lachte hell auf. Und an der weit geöffneten Haus⸗ thür deutete er ausnehmend gütig dem greiſen, ihm zur Rechten gehenden Herrn Bürgermeiſter Dr. phil. Stoll durch eine Handbewegung den Vorantritt an. 58 „Das iſt ja der liebenswürdigſte Herr Durchlaucht, den ich in meinem ganzen Leben geſehen“, behauptete ein reicher Zittauer Leinwandhändler;„und ich komme doch was Ehrliches im deutſchen Reiche herum und iſt mir Kaiſer, Könige, Herzoge und dergleichen Herren auf dem hohen Pferde zu ſehen was gar nicht Auf⸗ fallendes; aber ſo wie den, ſo liebreich und geſpaßig, habe ich noch keinen zu Geſicht bekommen.“ „Na, na, hebt den durchlauchtigen Herrn nicht zu hoch in den Himmel“, ſagte ein neben ihm Stehender. „Wer wie ich öfter in Deſſau und Halle geweſen iſt der weiß, was für ein Lied von ihm geſungen wird; hat viel Aehnlichkeit mit dem: O Ewigkeit, du Donner⸗ wort. Läuft einem dabei auch die Gänſehaut über den Rücken.“ Dieſe Bemerkung glich indeß einem Blitze, den man wohl herabſchießen ſieht, der aber ſpurlos in der Luft verſchwindet; die Zittauer ſchworen darauf, der alte Deſſauer ſei die liebenswürdigſte Durchlaucht unter der Sonne, und das beſtätigte wunderbarerweiſe auch der geſtrenge Herr im höchſten Grade, denn zwei Tage ſpäter bei der Copulation des Hofmedicus mit Fräulein Anna von Audritzky in der Johanniskirche erſchien auch Seine Durchlaucht mit Offiziergefolge und ſaß als Trauzeuge mit vor dem Altare, ſang aber nicht —,— 0 —⸗⸗ꝛxꝓyj-—--—— —— 59 mit, weil die Lieder ihm ganz fremd waren und es doch ſehr auffällig geweſen wäre, wenn er die land⸗ kundige und vorzugsweiſe auch einzige Melodie, deren ſein unmuſikaliſches Ohr ſich bemächtigt hatte, die ſeines beliebten„Friſch drauf und dran!“ angeſtimmt hätte. Herr Leupold erſetzte dieſen Mangel an Beiſtimmung durch ein gemüthliches tiefes Brummen. Wenn ſeine Zeugenſchaft bei der Copulation ihm die Gewogenheit der Zittauer in bedeutend hohem Grade errungen hatte, ſo vervollſtändigte ſich dieſe Zuneigung noch mehr durch ſeine Anweſenheit beim Hochzeitsſchmauſe und dem tief in die Nacht hinein dauernden Hochzeitsballe im Saale der goldenen Sonne. Seine Leutſeligkeit, die ſich in der freundlichſten Unter⸗ haltung mit allen Theilnehmern kund gab, ſeine natür⸗ liche Heiterkeit gewannen ihm aller Herzen. Niemand achtete darauf, daß Herr Leupold in dieſer bürgerlichen Geſellſchaft, die auf ihre alten Geſchlechter, auf ihre berühmten Firmen und auf ihren durch den Handel errungenen Reichthum ebenſo ſtolz war, als die Junker auf ihren oft ſehr anrüchigen Adel, ſich in einer ihm total fremden Umgebung befand in einem Fahrwaſſer, von dem der Schiffer ſagt, es ſei ihm unbekannt, und darum müſſe er vorſichtig laviren, um nicht Schiffbruch zu leiden. 60 In ſeinem Deſſau waren alle an Unterthänigkeit gewöhnt, die reichen Zittauer Bürger ſtanden auf eige⸗ nen Füßen; in ihrer Art, ſich zu benehmen, lag der Ausdruck einer Sicherheit, die ihn, der an feſtes Auf⸗ treten gewöhnt war, ungemein anſprach. Als er kurz nach Mitternacht den Ball verließ, fragte er den Hof⸗ medicus ſehr freundlich: „Hätte Er wohl jemals gedacht, daß Er den Bettel⸗ vwogt von Deſſau zur Hochzeit einladen würde?“ „Nein, Durchlaucht.“ „Na, ſieht Er? Hat mich damals im erſten Augen⸗ blick verflucht gewurmt, daß Er mich ſo chargirte; aber es war doch zu geſpaßig, ich mußte lachen. Solche Schmeicheleien hatte mir noch Niemand gemacht.“ Am ſiebenten Tage nach ſeiner Ankunft, als die letzten auf dem Marſche befindlichen Regimenter Leh⸗ wald und Prinz von Holſtein von Zittau abrückten, verließ auch er die Stadt unter den aufrichtigſten Dankſagungen an die Bürgerſchaft, von der ihm viele das Geleite bis an die nahe böhmiſche Grenze gaben. Wenige Stunden nur war er auf böhmiſchem Grund und Boden, als ihn ein Eilbote zum Könige nach Chrudim rief, bei dem er jedoch nur ein paar Tage verweilte, um ſich nach Schleſien zu begeben und dort den Befehl zu übernehmen, damit dies Land gedeckt ſei. 61 Allein in einer ſchmalen, aber leichten Kaleſche, die er eine Karre zu nennen pflegte und in der nur ein ſo eiſenfeſter, gegen Strapazen abgehärteter Körper eine lange Fahrt aushalten konnte, durcheilte er Nord⸗ oſtböhmen; zwei ſeiner Offiziere und ſein Kammerdiener Kältſch mit dem geringen Gepäck folgten ihm auf dem Fuße in einem größern Fuhrwerk. Er hoffte ſeine von Berlin nach Schleſien abgeſchickten Regimenter noch unterwegs zu treffen, indeß nachdem er in Schle⸗ ſien angelangt war, erfuhr er zu ſeiner größten Zu⸗ friedenheit, daß dieſe Truppen ſchon weiter nach Ober⸗ ſchleſien ſich gewendet hätten. Einholen wollte und mußte er ſie, das ſtand feſt bei ihm, deshalb ſollte auch die Nacht zu Hülfe genommen werden. Die Abenddämmerung war ſchon eingetreten, als er in Lomnitz anlangte und nach einem der Gegend und Wege kundigen Manne brüllte. Die Bauern, in Schreck verſetzt, verſicherten, ſie wären ſolcher Führer⸗ ſchaft nicht gewachſen, nur der Sauhirte würde dieſen Poſten zur Zufriedenheit des allergnädigſten Herrn aus⸗ füllen. „Her mit ihm!“ Ein an allen Gliedern zitternder armer Teufel in höchſt defectem Coſtim mußte zu dem Gewaltigen in die Kaleſche ſteigen und fort ging's, wie in Lüften hin⸗ fliegend. Auf dem ſchlechten, ſteinigen Wege flog die Kaleſche oft hoch in die Höhe und der Beklagenswerthe, welcher aus lauter Reſpekt vor Seiner Durchlaucht nicht gewagt hatte, ſich neben denſelben zu ſetzen, balancirte mit ſeinen Füßen außerhalb der Kaleſche, ſodaß er bei jedem Stoß, den das Fuhrwerk erlitt, alle Touren eines von einem Kinde lebhaft bewegten Zap⸗ pelmanns durchmachte. Herr Leupold hatte dieſe ver⸗ zweiflungsvollen Geſticulationen des armen Teufels eine Weile ruhig mit angeſehen; aber nach einem der⸗ ben Anprall der Karre an einen großen, mitten im Wege liegenden Stein, welcher jenen beinahe aus dem Fuhrwerk geſchleudert hätte, ſodaß eben nur ein derber Zugriff des Gewaltigen ihn vor dem Hinausſturz rettete, ſchnauzte er ihn an:„Saukerl, ſteck die Pfoten rein Denkſt Du, meine ſind von Marzipan?“ Voll Schreck und Angſt zog der arme, von Reſpekt förmlich zerknirſchte und in Angſt und Demuth vor des Gewaltigen donnernder Weiſung bebende Menſch die bisher mit großer Anſtrengung die bisher außen gehaltenen Füße in das Innere der Karre und die Fahrt ging ununterbrochen weiter. Nach wenigen Stunden hatte der Deſſauer eins der Regimenter er⸗ reicht. Wenige Tage nach der Abreiſe des alten Herrn hatte —,— 63 auch der Hofmedicus die Rückreiſe von Zittau nach Deſſau angetreten. Es war ſelbſtverſtändlich, daß beide in Dresden einen Beſuch bei Fortunatus und Marie machten. Erſterer war abweſend, im Auftrag des Premierminiſters nach Warſchau gegangen, um aus deſſen dortiger, viele Doubletten alter Bücher ent⸗ haltender Bibliothek mehrere wiſſenſchaftliche Fächer, die in der Dresdener Bibliothek unvollſtändig beſetzt waren, zu ergänzen. Es wäre unmöglich geweſen, dieſe von der Anerkennung des Premierminiſters für die Brauchbarkeit des Aſſiſtenten Almer zeugende Commiſ⸗ ſion abzulehnen, Fortunatus mußte ſich deren Aus⸗ führung unterziehen. Seine Gemahlin konnte ihre Angſt wegen dieſer Reiſe, deren Route ja durch Schleſien, ja ſelbſt durch Breslau ging, um ſo weniger bergen, als ſie erfahren hatte, daß die Truppen Herrn Leupold's dahin dirigirt worden ſeien, ſie ihn deshalb ebenfalls dort vermuthete und ſich der unglücklichen Vorſtellung hingab, daß ihrem Gemahl eine Entdeckung ſeiner Perſon drohen könne. Der Hofmedicus zerſtreute ihr Fürchten durch die Nachricht, daß der alte Deſſauer nicht in Schleſien, ſondern von Zittau in Böhmen einmarſchirt ſei, wo allem Anſcheine nach eine große Schlacht in Ausſicht ſtehe, bei der mitzuwirken er vom König berufen ſei. In ſeinem Herzen fürchtete Doctor Stoll ebenfalls für den Grafen. Wie? Sollte dieſer ſich ſo beherrſchen können, um keinen Verſuch zu machen, ſein Kind aufzuſuchen, über deſſen Leben oder Tod Nachrichten einzuziehen? Dieſe Selbſt⸗ beherrſchung traute er ihm nicht zu, denn die Anre⸗ gung, den ſo natürlichen Wunſch eines Vaters befrie⸗ digen zu können, lag zu nahe, als daß er ihr nicht hätte Gehör ſchenken ſollen. Der Beſuch bei der Gräfin Almeslo nahm nur wenige Tage in Anſpruch, dann ſetzte der Hofmedicus mit ſeiner Neuvermählten die Reiſe nach Deſſau fort. Marie hatte ihm das Verſprechen gegeben, ſogleich nach der Rückkehr ihres Gemahls ihm ſchriftliche Kunde von dieſem glücklichen Ereigniß zukommen zu laſſen. Fortunatus unterlag allerdings bei der Hinreiſe nach Warſchau ſehr ſtark der Verlockung, Erkundigungen nach ſeinem Kinde anzuſtellen, indeß wie hätte dies ge⸗ ſchehen ſollen? Ihm fehlte jede Verhüllung, unter der er es hätte wagen können, und ohne ſolche war es ein tolles, unbeſonnenes Preisgeben ſeiner perſönlichen Frei⸗ heit. Wie leicht hätte ihm eine Entdeckung wider⸗ fahren können! Das Land war im Zuſtande des Kriegs, beſetzt von Preußen. —,—— —— 65 Das Dorf Faulbrück lag zu weit ab von ſeiner Reiſeroute, als daß er ſich, wenn er um ſeinen Reiſe⸗ zweck befragt wurde, durch ſeine Papiere hätte legiti⸗ miren können und dieſer Mangel an Ausweis würde ihn dann jedenfalls als einen kaiſerlichen Spion haben erſcheinen laſſen und ſeine Feſtnahme verurſacht haben. Zu dieſem trüben Bilde geſellte ſich die Erinnerung an das Flehen ſeiner Gemahlin, ſich nicht muthwillig in Gefahren zu ſtürzen und ſtets ihrer Hülfloſigkeit zu gedenken, wenn ihm ein Unglück widerführe. Das Herz wurde ihm erſt leichter, als er in der kleinen Grenzſtadt Weriſchau ſich auf polniſchem Grund und Boden wußte. Hier, wo die ſächſiſchen Polen⸗ könige, wenn ſie von der Reſidenz Warſchau nach ihrer ſächſiſchen Reſidenz Dresden oder auch umgekehrt reiſten, Nachtlager hielten, ſchwand natürlich alle Furcht vor Entdeckung. In Warſchau fand er die ſogenannte Handbibliothek in einem höchſt verwahrloſten Zuſtande. Der letzte Bibliothekar, welcher über ſie die Aufſicht geführt hatte, ein greiſer Jeſuitenpater, war vor Mo⸗ naten geſtorben und Niemand hatte ſich der hier be⸗ findlichen koſtbaren wiſſenſchaftlichen Schätze angenom⸗ men, nicht einmal eine Reinigung hatten die beiden Säle erfahren, Staub und Spinnweben hüllten die alten Folianten ein. Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. V. 66 Fortunatus brauchte zu ſeinem Geſchäft keinen Ge⸗ hülfen, in Zeit von einer Woche hatte er die er⸗ forderlichen wiſſenſchaftlichen alten Werke ausgewählt und zwei große Kiſten damit voll gepackt. Am vor⸗ letzten Tage erſt entdeckte er einen Schrank, der un⸗ verſchloſſen war und nichts enthielt als die wenigen Kleidungsſtücke des verſtorbenen Jeſuitenpaters. Gleich⸗ gültig klinkte er den Thürdrücker wieder ein; aber eine Weile ſpäter ſtieg ein Gedanke in ihm auf, der ihn außerordentlich erregte, und als es Abend geworden war, barg er den Fund unter ſeinen Mantel und be⸗ gab ſich damit in das von ihm im Palais bewohnte Zimmer. Schon am nächſten Abend verließ er Warſchau, und als er in Breslau anlangte, kleidete er ſich in das Jeſuitengewand. Es deckte vollkommen ſeine Geſtalt und der breitkrempige Hut, tief in die Stirn gedrückt, überſchattete ſein Geſicht ſo ſehr, daß nur deſſen unterer Theil zu ſehen war. In Breslau bot die Erſcheinung von Jeſuiten nichts Auffallendes, der Uebergang des Landes in preußiſche Hand hatte als noch viel zu neu auf dieſe heiligen Väter keinen Einfluß geübt. Ein eigenthümliches ſchmerzliches Gefühl beengte Fortunatus' Herz bei dem Gedanken an die Nothwen⸗ digkeit, in ſeiner eigenen Vaterſtadt ſich nur unter frem⸗ —— —— 67 dem Aeußern auf die Straße wagen zu dürfen. Lang⸗ ſam durchſchritt er die Gaſſen. Was er ſah, ſprach ihn wie einen alten lieben Bekannten an. Wie oft hatte er auf ſtolzem Roß in Geſellſchaft der erſten Cavaliere des Landes dieſe Gaſſen paſſirt und heute ſchritt er, das Geſicht niedergebeugt, damit er nicht erkannt werde, durch ſie hin im ſchwarzen Jeſuitenrocke — ein Fremder, ein Flüchtling! Ehe er in die Gaſſe trat, in der ſein väterliches Haus ſtand, mußte er unwillkürlich ſtehen bleiben, der Athem ſchien ihm zu ſtocken, die Füße den Dienſt zu verſagen. Nach kurzem Zögern ſchritt er weiter, aber es koſtete ihm Anſtrengung. Er wollte ſein väter⸗ liches Haus wiederſehen. Da ſtand es, groß, ſchön, ein ſtattliches Herrenhaus. Zwiſchen den zu beiden Seiten des Portals angebrachten Laternen prangte das Wappenſchild der Almeslo in Stein gehauen. Mit geheimer Freude begrüßte er es. Wie oft hatte ſein Auge, wenn er ehedem von einem Spazierritte nach Hauſe zurückgekehrt, auf der geſchachten Schildfaſſung, auf dem Adler mit Bruſt⸗ ſchild, in dem ſich ein Kreuz befand, geruht! Jetzt übte der Anblick dieſes Wappenzeichens eine ſolche Ge⸗ walt über ihn, daß er auf der gegenüberſtehenden Häuſerſeite, ohne es zu wiſſen, ſeinen Schritt einhielt. 5* 68 Ein ungeheurer Schreck durchzuckte ihn jedoch, als er das über dem Wappen befindliche Fenſter des erſten Stocks öffnen ſah und ſeine Stiefmutter in demſelben ſichtbar wurde. Faſt dünkte es ihm, als hätte ſie ihm ein Zeichen gegeben. Wie? Sollte ſie ihn erkannt haben? Der Gedanke trieb ihn weiter. Wenn ſie ihn wirklich erkannt hatte, obwohl es ihm unmöglich ſchien, da ſie nichts von ſeiner Verkleidung wußte, ſo mußte er eilen, von hier fortzukommen. Seine Perſon war dann gefährdet. Am ſchnellen Forteilen hinderte ihn die rechtzeitige Erinnerung, daß das von ihm getragene Gewand einen gemäßigten Schritt beanſpruchte. Es würde aufgefallen ſein, einen der Väter Jeſu, die die möglichſte Würde in ihren Bewegungen zu reprä⸗ ſentiren verſtanden, ſich ſtets in den Nimbus des Feierlichen hüllten, im Sturm davonrennen zu ſehen. Dieſen Widerſpruch mußte er vermeiden. Langſam ſchritt er die Straße entlang und hatte ſchon die halbe Länge der nächſten erreicht, als er hinter ſich raſche Schritte hörte und gleich darauf einen Diener in den Almeslo'ſchen Farben, Braun mit Silber, neben ſich ſah, der leiſe zu ihm ſagte:„Te deum—“ „Laudamus“, fügte Fortunatus hinzu, ſcheinbar im Geiſte der heiligen Väterſchaft, deren Kleid er trug, in Wirklichkeit jedoch in einer Anwandlung von Schreck, — — 69 der ihm dies Schlußwort des bekannten Titels des Ambroſianiſchen Lobgeſangs unbewußt in den Mund legte. „Richtig, Herr Pater, das iſt die Loſung. Ihr ſeid der Rechte, die gnädigſte Frau Reichsgräfin hatte ſich nicht getäuſcht“, ſagte der Lakai.„Hier nehmt dieſen Brief, wohin damit, wißt Ihr. Behüt' Euch Gott, Herr Pater!“ Nach dieſen Worten eilte der Menſch ſchnell von dannen. Hier hatte offenbar eine Verwechslung der Perſon ſtattgefunden, ſo viel aber ſtand feſt, daß Fortunatus keine Zeit blieb, um darüber nachzuſinnen. Die Entdeckung, daß er der Unrechte ſei, konnte ihm verderblich werden. Vertraut mit der Oertlichkeit der ſich kreuzenden Gaſſen, gewann er ſchnell das Wirthshaus, in dem er einge⸗ kehrt war. Als wenige Stunden ſpäter die Abenddämmerung tief niedergeſunken, verließ der Graf Breslau. Seine Reiſetour führte ihn aber nicht auf der directen Straße nach Liegnitz weiter, ſondern nach Reichenbach zu, linker Hand ablenkend von derſelben. Das Ereigniß, deſſen Hauptperſon er geweſen war, beherrſchte ihn ſo ſehr, daß er auf dem ganzen Wege bis zu dieſer Kreisſtadt, die er in tiefer Nacht erreichte, in Sinnen verſunken im Wagen ſaß. Der Brief, welcher durch Verwechs⸗ lung ſeiner Perſon mit einer andern in ſeine Hand gerathen war, hatte ihn in ein Geheimniß eingeweiht, daß er für den erſten Moment ſeinen Augen nicht recht traute. Seine gnädigſte Frau Stiefmutter ſtand in geheimer Correſpondenz mit einer kaiſerlichen Partei gegen den König von Preußen, um dieſem die Provinz Schleſien wieder durch einen glücklichen Coup zu entreißen. In dem Schreiben, deſſen Adreſſe den Namen Hannibal trug, lautete eine Stelle:„Wie ſehr es mir gelungen iſt, einen Bären zu zähmen, findet Er, Herr Hannibal, in beifolgenden Zeilen des Fürſten von Deſſau. Leſe Er ſie aufmerkſam durch und Er wird wie ich zu der Anſicht gelangen, daß es uns doch wohl noch gelingen wird, unſer Werk mit Sieg gekrönt zu ſehen.“ Der eben erwähnte Brief des Herrn Leupold koſtete ſeiner außerordentlich ſchlechten Handſchrift wegen ihm erſt ein Studium, aber Fortunatus, durch ſeine Be⸗ ſchäftigung, alte Handſchriften zu entwirren, geübt, fand in der Vergleichung der ſeltſamen Züge und Schnörkel bald die ſie bedeuten ſollenden Buchſtaben heraus. In dieſem Schreiben ſprach der Fürſt ſeine wärmſte Theilnahme für Maria Thereſia aus, wünſchte 7 71 Franzoſen und Baiern zu allen Teufeln und ließ An⸗ deutungen mit unterfließen, wie er als Commandeur in Schleſien ſeine Truppen aufgeſtellt habe und nicht wünſche, mit Oeſterreichern in Zuſammenſtoß zu ge⸗ rathen. Wenn es verhütet werden könne, ſolle man es ja verhüten. Es war ein wichtiges Schriftſtück, in deſſen Beſitz Fortunatus gelangt war und welches ihm vielleicht ſpäter in großer Gefahr nützen konnte. Er verbarg es daher wohlgeſchützt auf ſeiner Bruſt. Zu ſeinem Schrecken erfuhr er in Reichenbach, daß in Faulbrück eine Zahl auf dem Marſche erkrankter Soldaten, von einem kleinen Commando bewacht, unter⸗ gebracht ſei. Wie? Sollte er ſo nahe dem Orte, wo er über ſeines Kindes Schickſal Nachrichten erfah⸗ ren konnte, ſich zurückſchrecken laſſen? Im Jeſuitengewande fuhr er muthig nach Faul⸗ brück. Daſelbſt berichtete man ihm im Wirthshauſe, daß geſtern ein Transport der ſich wieder erholt haben⸗ den Soldaten ſchon weiter marſchirt ſei, nur wenige ſeien noch unter der Obhut eines Gefreiten zurück⸗ geblieben, weil ihre wunden Füße noch nicht ganz ge⸗ heilt und zum Marſchiren tauglich wären. Von dem freundlichen Brauer— faſt überall in Schleſien iſt es Sitte, daß die Brauereien auch zugleich 72 Wirthshäuſer ſind— erhielt Fortunatus Auskunft über Frau Dore Melchior, die Tochter des verſtorbenen Meiereipächters, die mit ihrem Kinde im Dorfe wohne. Die Frau Gräfin ſei mehrere Male bei ihr geweſen, auch ein paarmal Väter von der heiligen Societät Jeſu. Man könne aus der Frau nicht recht klug wer⸗ den, ſie müſſe in einem ganz beſondern Verhältniſſe zur Frau Gräfin ſtehen. Die Leute wollten bemerkt haben, daß, ſobald die vornehme Dame anweſend ſei, Frau Dore das Kind mit beſonderer Vorſorge hüte, als habe ſie Furcht, daß es ihr entriſſen werden könne. Fortunatus mußte ſich mit Gewalt faſſen. Am liebſten wäre er hin zu der Frau geſtürmt, um ihr zu danken für die Vorſicht, mit der lſie ſein Kind gegen ſeine Stiefmutter ſchützte; aber hier mußte beſonnen ge⸗ handelt werden. Der Brauer durfte nicht ahnen, daß er größern Antheil an der Frau und dem Kinde nehme, als einem von ſeinem Orden geſchickten Pater zuſtehe. „Das Kind iſt die Frucht einer Heirath des jungen Grafen mit einer ſchönen Ketzerin und ſollte dem Willen der Frau Gräfin nach in unſerer heiligen katholiſchen Religion erzogen werden. Nun fürchtete die Frau Gräfin aber, die Frau Dore könne die Abſicht haben, es deſſen Mutter, wenn es aus dem Gröbſten heraus 73 aufgezogen iſt, wieder zurückzugeben, und ſomit die junge Seele auf ewig verloren gehen. Das hat ſich jedoch ſchnell geändert. Die lutheriſche Dame iſt zu uns übergetreten, folglich iſt die Erziehung des Kindes, wie ſich von ſelbſt verſteht, nun auch katho⸗ liſch.“ „Aha, jetzt krieg' ich's ſpitz“, meinte der Brauer klug. „Weil der junge Herr Graf einen Mord ſo zu ſagen an ſeinem Herrn Stiefbruder begangen und zeitlebens Kerkerſtrafe davongetragen, hat die gnädige Frau Gräfin wenigſtens das Kind der hölliſchen Verdammniß ent⸗ ziehen wollen. Sind das Geſchichten!“ „Die jedoch unter uns bleiben, Meiſter Brauer. Ich halte Ihn für einen vernünftigen Mann, der nicht aus der Schule plaudert.“ „Hochwürden haben die richtige Anſicht von mir“, ſtimmte der geſchmeichelte Mann ſelbſtgefällig bei. Bei einem zufälligen Blicke durchs Fenſter auf den freien Dorfplatz fuhr ein gewaltiger Schreck Fortunatus in die Glieder. Einer der fußkranken zurückgebliebenen Soldaten humpelte über den Platz. Jener erkannte die Grenadieruniform des Halleſchen Leibregiments Seiner Durchlaucht des Fürſten von Deſſau. Wenn er von einem dieſer Leute erkannt würde! Durchs Dorf zu gehen, um der Frau Dore Melchior Wohnung zu er⸗ 74 reichen, wäre unter ſolchen Umſtänden eine unverzeihliche Tollkühnheit geweſen.„Ich wünſchte kein Aufſehen zu machen, Meiſter Brauer. Er verſteht mich ſchon. Man muß, wenn es zu vermeiden iſt, den Leuten nicht Ge⸗ legenheit geben zu unſinnigem Geſchwätz. Gibt es einen Weg zu Frau Melchior, auf dem ich möglichſt ungeſehen zu ihr gelangen kann?“ „Und was für einen, Hochwürden! Mein Gretel ſoll den hochwürdigen Herrn hinführen. ˙s iſt'n ge⸗ ſcheidtes Mädel und dem Niederdorfſchenker, der auch Ausſpann hat, was mir manchen Schaden thut, ebenſo ſpinnefeind wie ich. Der braucht Eure Hochwürden nicht erſt zu ſehen,'s iſt'n Dummkopf, ein Haupt⸗ trätſcher im ganzen Dorfe. Jeſus, was ich mich über dieſen Kapauner ſchon geärgert habe! Der Gefreite liegt bei ihm im Quartier. Zu mir iſt der Lumpazi von'nem Soldaten noch nicht gekommen. Na, brauch' des Kerls armſelige Gröſchel auch nicht.“ Beſagtes Gretel, ein ungefähr zehn Jahre altes Mädchen, führte den Hochwürdigen in der That einen Weg, der außen ums Dorf ſich wand und durch eine ununterbrochene Pflanzung niedriger, an einem ſchma⸗ len Bache ſich hinziehender Weidenbäume von dem Dorfe und deſſen Gartengrundſtücken getrennt war. Keine Menſchenſeele begegnete ihnen. Endlich ſagte v 75 die Kleine:„Da iſt des Niederſchenkers Haus, nun haben wir nicht mehr weit.“ Es war faſt das letzte Haus mit Garten im Nieder⸗ dorfe, welches das Mädchen ihm als das der Frau Melchior bezeichnete.„Soll ich warten, Hochwürdiger?“ fragte die Kleine. „Nein, Kind, geh nach Hauſe, ich finde mich nun ganz gut zurück.“ „Ob's Gatterthürel auf ſein wird?“ meinte jene. „Man wird mir ſchon aufmachen. Geh nur.“ Die Gatterthür, ins Freie führend, war allerdings nicht auf. Fortunatus betrachtete dieſen Umſtand jedoch als kein Hinderniß. Nachdem er ſich überall umgeblickt, ſchwang er, ſein langes Gewand zurückſchlagend, ſich über den Lattenzaun und ſtand nun in dem Eigen⸗ thum der Frau, die ſo ſorgfältig ſein Kind vor ſeiner Stiefmutter ſchützte. Ungeſehen von der Bewohnerin huſchte er in das kleine, niedere Häuschen. Er hörte in der Stube zu ebener Erde eine weib⸗ liche Stimme ſprechen, ſie redete mit einem Kinde, nannte es Fortunat— der ſtarke Mann, der ſo viel Schreckliches erlebt, zitterte in tiefſter Ergriffenheit, als er die Hand auf den Drücker legte. Die Thür that ſich ohne Geräuſch auf, die Frau, am Fenſter beſchäftigt, bemerkte ihn nicht. 76 Mitten in der kleinen, aber wohl in Stand gehal⸗ tenen Stube ſaß ein kleiner Knabe in einem rothen Kleid⸗ chen auf dem Boden, um ihn her verſchiedenes Spiel⸗ zeug; daneben lag ein mächtiger zottiger Hund, auf deſſen koloſſalen Kopf der Kleine einen hölzernen Rei⸗ ter geſtellt hatte, was das Thier ſich ohne Regung ge⸗ fallen ließ. Dies liebliche Bild kindlicher Unſchuld erregte For⸗ tunatus ſo ſehr, daß er alles Andere vergaß. Er ſah ſein ihm ſo lange vorenthaltenes Kind vor ſich. Dies Bewußtſein verdrängte jeden Gedanken an ſeine eigene Sicherheit, außer ſich ſtürzte er auf das Kind zu, es mit beiden Händen ergreifend; aber im ſelben Augen⸗ blick fühlte er den heißen Athem des Hundes neben ſeinem Geſicht. Das gewaltige Thier, wie durch einen Ruck aus ſeiner trägen Ruhe aufgeſchnellt, hatte ſein Gebiß in den Halsbund ſeines Gewandes eingeſchlagen und einen Moment ſpäter lag Fortunatus am Boden, der Hund ſtand über ihm mit funkelnden Augen, welche ſeinem unterliegenden Gegner bei dem geringſten Wider⸗ ſtande nichts Gutes prophezeiten. Das Knäblein ſchrie gewaltig. Frau Dore Melchior, ſo erſchrocken ſie von dem Vor⸗ gange war, der ſich im Nu hinter ihrem Rücken be⸗ geben, hatte doch ſo viel Geiſtesgegenwart, das ſchreiende ——— 77 Kind vom Boden aufzureißen und es in die Kammer zu tragen. Auf den Hund konnte ſie ſich getroſt ver⸗ laſſen, der hielt ſeinen Mann feſt, ohne daß er dazu angeſpornt wurde. Fortunatus befand ſich in einer ganz hülfloſen Lage. Er durfte es nicht verſuchen, ſich nur zu rühren, das Thier, das jetzt ſein Gebiß in ſein Gewand geſchlagen hatte, würde jedenfalls bei dem geringſten Anzeichen, ſein Gegner wolle ſich von ihm befreien, die ſcharfen Zähne an deſſen Hals verſucht haben. Drinnen in der Kammer hörte der ſolchergeſtalt am Boden Feſtgehaltene die Liebkoſungen, mit denen die Frau den kleinen Schreier zu beſänftigen bemüht war, was jedoch nicht von günſtigem Erfolge begleitet war. Jetzt dröhnten feſte Tritte auf dem ziegelgepflaſter⸗ ten kleinen Flur, in der halbgeöffneten Thür erſchien plötzlich die breite, robuſte Geſtalt eines Grenadiers von des Deſſauers Regiment. Er war von dem, was er ſah, ſo überraſcht, daß er einige Sekunden lang ganz verdutzt ſtehen blieb, dann aber ſprang ein kräftiger militäriſcher Fluch über ſeine Lippen, und an denſelben ſchloß ſich die Frage:„Wer iſt der Herr? Was hat Er hier zu ſuchen?“ Beim Klange ſeiner Stimme trat Frau Melchior, das Knäblein auf dem Arme, in die raſch geöffnete 78 Kammerthür und rief:„Ihn ſchickt der liebe Gott mir zu Hülfe. Der Pfaff hat mir den kleinen Fortunat ſtehlen wollen.“ „Was? Da ſoll ihn doch der Satan—“ „Barthel!“ ſtieß der am Boden Liegende heraus; ein tiefes, Gefahr drohendes Knurren des Hundes begleitete dieſe Aeußerung ſeines Gegners. „Er nennt meinen Namen?“ Barthel trat näher. Ein prüfender Blick in das Ge⸗ ſicht des von dem Vierfüßler mit böſen Augen Be⸗ wachten machte ihn ſo confus, daß er ſich unwillkür⸗ lich mit der Hand an die Stirn fuhr und vor ſich hin⸗ ſtotterte:„Das iſt doch nicht möglich, das kann ja nicht ſein!“ „Kennt Er den Pater, Herr Barthel?“ fragte Frau Melchior überraſcht. „Barthel!“ „Kamerad Alm, ſo wahr ich erſchaffen bin!“ rief der Grenadier.„Rufe Sie den Hund weg, Frau Dore! Schnell! Das iſt ja Graf Fortunatus Almeslo.“ „Wie? Was? Es iſt nicht möglich!“ „Er iſt's, ich bin nicht blind. Rufe Sie den Hund zurück! Schnell, ſchnell! „Leo, Leo, laß los!“ befahl die Frau. Nur zögernd gehorchte Leo der an ihn wiederholt 79 ergehenden Mahnung, offenbar ſehr mißvergnügt, einen ihm vielleicht bevorſtehenden Kampf dadurch ſich ent⸗ gehen zu ſehen. Mit Hülfe Barthel's erhob ſich For⸗ tunatus. Welch ein Wiederſehen! Barthel war außer ſich vor Freude. „Nehme mir's der Herr Graf nicht übel, daß ich Ihn Kamerad Alm nenne“, redete er.„Der Alm ſteht mir aber näher, iſt mein Kamerad geweſen und habe ihm ja auch zur Flucht verholfen. Das iſt eine rechtſchaffene Kameradſchaft, denke ich. Mit einem ge⸗ borenen Grafen kann ich niemals Kamerad ſein.“ „Wir bleiben Kameraden, ſolange wir leben, bra⸗ ver Barthel. Ich danke Dir ja nicht nur meine Frei⸗ heit in höchſter Noth, ſondern auch das Glück, von meinem Kinde erfahren zu haben und daß ich es jetzt von Angeſicht zu Angeſicht ſehe.“ Wenn auch Erklärungen als nothwendige Folge ſich an den Gedanken⸗ und Empfindungsaustauſch dieſer Beiden ſchloſſen, ſo waren ſie doch der Art, daß ſie bei Frau Dore Melchior jeden möglichen Zweifel an dem Rechte Fortunatus' an das Kind verſcheuchten. Und bedurfte das Glück des letztern noch einer Stei⸗ gerung, ſo begründete ſich dieſe in der unerwartet ſchnellen Befreundung des Kindes mit ihm. Als fühle 80 ſich das Knäblein wohl in ſeiner Nähe, ſo lachte es, auf ſeine Kniee geſetzt, ihn freundlich an und duldete ſeine Küſſe, ohne zu ſchreien. Frau Melchior erzählte, wie die Frau Gräfin alles Mögliche verſucht und alle Saiten geſpannt habe, um ſie zur Auslieferung des kleinen Fortunat zu bewegen, und wie die frommen Herren Jeſuitenpaters ihr Him⸗ zu ſtimmen. „Ohne den Leo hätte ich mich nicht in dem Häus⸗ chen zu bleiben getraut, ich wäre nicht ſicher vor einem Ueberfalle geweſen“, verſicherte die Frau. Es war natürlich, daß dieſe Unſicherheit für immer beſeitigt werden mußte, und Frau Dore Melchior er⸗ klärte ſich bereit, mit dem Kinde im Geleite des Gra⸗ fen die Reiſe nach Dresden zu machen. Die Ueber⸗ gabe des Knäbleins an deſſen Mutter, Fortunatus' Gemahlin, mußte auch den letzten Zweifel, wenn ein ſolcher überhaupt noch von der braven Frau gehegt wurde, aufs vollkommenſte zerſtreuen. Was den ehr⸗ lichen Barthel anlangte, ſo hatte dieſer über ſeine eigene Perſönlichkeit wenig mitzutheilen. Auf ſeiner militä⸗ riſchen Laufbahn hatte er die erſte Stufe zum Ruhme erreicht; er war Gefreiter geworden, dem man in Berückſichtigung der Gunſt, in welcher er bei Herrn 81 Leupold ſtand, als Aufſeher bei den fußkrank gewor⸗ denen Grenadieren zurückgelaſſen hatte. „Etwas Verantwortlichkeit mehr und etwas Drang⸗ ſal weniger, das iſt der Profit meiner Charge“, ſagte Barthel lachend.„Wiegt man Beides gegeneinander ab, ſo gleicht ſich die Geſchichte bis aufs Gewicht eines Haares aus.“ Die Anhänglichkeit des Hundes an das Knäblein und des letztern Vertrauen auf den vierfüßigen Freund war rührend. Das koloſſale Thier, obwohl bemerkend, daß ſeinem Schützling von ſeiten des Grafen kein Leid geſchah, ließ doch nicht die Vorſicht aus den Augen, ihn zu bewachen, indem es, ſich dicht neben Fortunatus ſtellend, der ſein Söhnchen auf den Knieen hüpfen und ſpringen ließ, jede demſelben erwieſene Liebkoſung mit dem klugen Zlicke verfolgte. Leo durfte nicht zurück⸗ bleiben. Um des Kindes willen war es nöthig, ihn mitzunehmen. Der kleine Fortunat würde nicht zu be⸗ ruhigen geweſen ſein, wenn dieſer ſtarke und an ihn mit der uneigennützigſten Treue hängende Freund von ihm getrennt worden wäre.. Als der Graf das kleine Häuschen verließ, in wel⸗ chem er die Erfüllung ſeines höchſten Wunſches gefun⸗ den hatte, war alles Nöthige, die Reiſe der Frau Mel⸗ chior betreffend, verabredet worden, und zum Erſtaunen Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. V. 6 82 der Faulbrücker trat ſie ein paar Tage ſpäter mit Kind und Hund eine Reiſe nach Breslau an, wie ſie ſelbſt erzählte. Daß ein recht bequemer Wagen zu ihrer Abholung an der Niederdorfſchenke vorfuhr, nahm Niemand wunder, denn die öftere Anweſenheit der Grundherrin, der Gräfin Almeslo, bei ihr und die je⸗ weiligen Beſuche von Jeſuitenpaters hatten die Leute zu den abenteuerlichſten Vermuthungen verleitet und Jedermann hielt ſich überzeugt, daß ihre plötzliche Reiſe mit Kind und Hund damit im engſten Zuſammen⸗ hange ſtehe. Obwohl es für das Dorf von ſehr großem Werthe war, einen ſolchen höchſt dehnbaren Geſprächsſtoff zu haben, ſo machte dieſer doch nicht die Senſention unter den jetzigen kriegeriſchen Umſtänden, als er in der Zeit tiefen Friedens gemacht haben würde. Die Befürch⸗ tung, daß der Kampf ſich in ihre Nähe ziehen könne, beherrſchte alle, und es war daher ſehr erklärlich, daß die Sorge um das eigene Wohl allem Andern vorging⸗ Des alten Deſſauers Maßregeln, um Schleſien gegen jeden Angriff zu ſichern, waren derart, daß es faſt unter die Unmöglichkeiten gehörte, ein Reſultat des Gelingens feindlichen Vorgehens nur denkbar zu machen. Dem vielerfahrenen Feldherrn entging nichts, was beitragen konnte, die Provinz in einen außerordentlichen Ver⸗ 83 theidigungszuſtand zu ſetzen. Unaufhörlich ließ er an den Befeſtigungen von Neiſſe, von Brieg und andern wichtigen Punkten arbeiten, ſeine vertheilten Truppen⸗ ſchaaren bildeten ein Ganzes gegenſeitiger Deckung, und als die Oeſterreicher bemerkten, daß ſie ſolchen Vorkeh⸗ rungen gegenüber ſich im entſchiedenſten Nachtheile be⸗ finden würden, verzichteten ſie auf jeden Verſuch eines Angriffs. Hier hielt ein alter Löwe Wacht, der das Kriegshandwerk aus dem Fundament verſtand. Es konnte keine größere Auszeichnung für Herrn Leupold geben, als des Königs Anliegen, ihm noch 8000 Mann nach Böhmen zu ſchicken, wo eine Haupt⸗ ſchlacht in Ausſicht ſtand. Von welcher Vortreffklich⸗ keit mußten ſeine Vertheidigungsanſtalten ſein, daß er, ohne eine Schwächung ſeiner Heereskräfte befürchten zu müſſen, des Königs Wunſch erfüllen konnte! Ehe noch dieſe vom General von Derſchau geführten Hülfs⸗ truppen beim Heere des Königs anlangten, hatte am ſiebzehnten Mai die Schlacht bei Chotuſitz oder Czaslau, in welcher die Preußen einen großen Sieg über die von dem neuen Oberfeldherrn, dem Herzog Karl von Lothringen, Bruder des Gemahls Maria Thereſia's, geführten Oeſterreicher errungen, ſtattgefunden. Ein Hauptſchlag war gegen die Oeſterreicher gefallen, eine große Anzahl ihrer hohen Offiziere lag entweder 6⸗ 84 todt darniedergeſtreckt auf dem Wahlplatze oder war in der Sieger Hände gefallen. Unter den Schwerver⸗ wundeten befand ſich der öſterreichiſche General Polland. König Friedrich beſuchte ihn auf ſeinem Schmerzens⸗ lager. Gerührt von dieſem Zeichen der Theilnahme rief der General: „Ach, wie ruhig würde ich ſterben, wüßte ich Eure Majeſtät mit meiner allergnädigſten Kaiſerin verſöhnt!“ „Ja, mein Lieber, zu dem Troſte, den Er da als ſanftes Ruhekiſſen für ſich in Anſpruch nehmen möchte und den ich als ein Zeichen eines braven Soldaten bereitwilligſt anerkenne, kann ich leider nicht Amen ſagen. Er muß nicht vergeſſen, daß ich Alliirte habe und auch dieſen Rückſichten ſchuldig bin.“ „Den Franzoſen wenigſtens ſind Eure Majeſtät keine Rückſichten ſchuldig“, eiferte der Schwerverwundete. „Da ſagt Er mit etwas Neues“, lächelte der König. „Ich denke mir, es dürfte Ihm ſchwer werden, Herr General, dafür mir Beweiſe zu liefern.“ „Leicht, leicht, Majeſtät“, war jenes Antwort.„S wollen Eure Majeſtät hinterliſtig betrügen.“ „Ah!“ Von der Ueberzeugung, mit der der General dies ausſprach, überraſcht, beobachtete der König ein kurzes Schweigen, dann ſprach er:„Mein lieber General, der le 8 85 Mann von Chre verdächtigt auch ſeinen Feind nicht. Ich halte Ihn für einen ſolchen Mann und habe mich gewiß nicht in Ihm getäuſcht. Gebe Er alſo Antwort. Was meint er damit, daß die Franzoſen mich betrügen wollen?“ Dem Schwerverwundeten wurde das Sprechen ſchwer. Er winkte dem König, ſich einen Stuhl an ſein Lager zu ſchieben und ſich zu ſetzen, und als dies geſchehen, blickte der General auf einige Offiziere, die Begleiter des Königs, und machte eine Handbewegung, daß der König ſie abtreten laſſen ſolle, was dieſer ſo⸗ gleich erfüllte und dann mit den Worten:„Nun ſind wir allein, General. Ich bin wirklich geſpannt, was für eine Ungeheuerlichkeit Er mir mitzutheilen hat“, das Ohr ihm zuneigte, um ihm die Anſtrengung des Sprechens zu erleichtern. Der General konnte ſich rühmen, durch ſeine Mit⸗ theilung des Königs Aufmerkſamkeit im höchſten Grade erregt zu haben, denn als er ſchwieg, ſaß dieſer wie betäubt auf dem Seſſel neben der Lagerſtätte deſſelben. Erſt nach einer Weile richtete er ſich in die Höhe. „Ich muß da klar ſehen“, ſprach er.„Schreibe Er das an Seiner Kaiſerin Majeſtät. Der von Ihm er⸗ wähnte Originalbrief in meiner Hand kann mir dieſen hinterliſtigen Gaunerſtreich allein beſtätigen. So lange 86 muß ich zweifeln. Will Er ſchreiben? Ja ſo, das kann Er nicht. Nun denn dictiren.“ .“ Einer der Offiziere des Königs wurde hereinge⸗ rufen und der ſchwerverwundete General dictirte ihm ein Schreiben an die Kaiſerin, das vom König ſelbſt in Briefform gefaltet und mit ſeinem königlichen Siegel verſehen wurde. Hierauf befahl der König einen der in Gefangenſchaft gerathenen öſterreichiſchen Stabsoffi⸗ ziere herzubringen. „General Polland hat ein Schreiben an der Kaiſerin Majeſtät aufgeſetzt, es enthält wichtige Dinge. Beſorge Er es ſchleunigſt Ihrer Majeſtät zu eigener Hand und komme Er ohne Verzug mit der Antwort zurück. Es hängt viel, ſehr viel davon ab“, ſprach König Fried⸗ rich zu dem ihm Vorgeführten, einem jungen Manne. „Eure Majeſtät erzeigen mir ein großes Vertrauen.“ „Der Herr iſt Offizier. Das iſt genug für mich. Hat Er, Herr General, ihm noch etwas auf den Weg zu ſagen?“ „Ja, ja. Sage Er unſerer allergnädigſten Kaiſerin, als treuer Oeſterreicher würde ich mit ihrem Namen auf den Lippen ſterben.“ Sechs Tage ſpäter wurde der mit dieſer Sendun Betraute dem König als zurückgekommen gemeldet. Er 1 — — 87 brachte einen vom franzöſiſchen Cardinal und Premier⸗ miniſter Fleury eigenhändig an die Kaiſerin Maria Thereſia geſchriebenen Brief mit. General Polland hatte vollſtändig Recht gehabt, ein Gaunerſtreich ſollte gegen den Preußenkönig in Scene geſetzt werden, ob⸗ wohl dieſer ſelbe Preußenkönig ein Alliirter Frankreichs war. In dieſem Briefe bot Fleury der Kaiſerin Frie⸗ den und Integrität aller ihrer Beſitzungen, auch die Garantie für Mähren und Schleſien an, wenn ſie das ohnehin verlorene Böhmen und das Land ob der Enns an ihren Gegenkaiſer Albrecht VII. von Baiern ab⸗ treten wolle. Sachſen ſollte durch das Preußen ge⸗ hörende Magdeburg ſtatt mit einen Theil Mährens entſchädigt werden. Sämmtliche Streitkräfte Frank⸗ reichs, Oeſterreichs, Sachſens und Baierns ſollten ſich gegen Preußen kehren. König Friedrich blieb eine lange Weile nachdenkend ſtehen, als er dieſen Brief, dieſes Brandmal des ab⸗ ſcheulichſten Verraths an einem Bundesgenoſſen, das der dreiundſiebzigjährige Cardinal ſeiner eigenen Ehre zugefügt hatte, durchgeleſen, dann ſprach er vor ſich hin:„Eine katholiſche Liga ſoll mich und den Pro⸗ teſtantismus vernichten, das iſt der Kern dieſes in in der Luft ſchwebenden Streichs, der mich und ihn treffen ſoll.“ 88 Noch waren keine vier Wochen verfloſſen, als zu Breslau zwiſchen Oeſterreich und Preußen die Friedens⸗ präliminarien zu Stande kamen. Fleury hatte einen Fehler gemacht, er hatte die außerordentliche Zähigkeit Oeſterreichs vergeſſen, welche nur im allerhöchſten Noth⸗ falle ſich dazu verſtanden haben würde, dem Baier den Kaiſertitel einzuräumen, welchen die vielhundertjährige Tradition zu den werthvollſten Kleinodien des Hauſes Habsburg gemacht hatte. Dieſer Nothfall war aber noch nicht da. Beim erſten Gerücht vom Präliminarienabſchluß zu Breslau eilte der franzöſiſche Marſchall von Belleisle von Prag herbei, um womöglich den König zu andern Geſinnungen zu bringen. Der König hörte ihn mit Ruhe an und ſagte entſchieden:„Es bleibt beim Frieden. So iſt mein Wille.“ „Eure Majeſtät haben die Ehre, Frankreichs Alliirter zu ſein!“ fuhr der Herzog auf.„Sie haben Verpflich⸗ tungen gegen die Krone Frankreich. Es iſt kein Kna⸗ benſpiel, das Monarchen treiben.“ „Dann würde es jedenfalls ein ehrliches Spiel ſein, ſo aber hat die Allianz zwiſchen Frankreich und mir den Anſtrich eines franzöſiſchen Bubenſtücks ange⸗ nommen.“ „Majeſtät!“ ſchrie der Marſchall dunkelroth vor Zorn. 89 „Mäßigen Sie ſich, mein Herr“, ſprach der König ſtolz.„Sie ſtehen vor einem Souverain. Ich nehme kein Wort von dem zurück, was ich ausgeſprochen. Hier leſen Sie Ihres liebenswürdigen Cardinals und Premierminiſters prächtige Combination. Seine Hand⸗ ſchrift iſt Ihnen ja hinreichend bekannt.“ Das dunkle Roth verſchwand von dem Geſichte des franzöſiſchen Feldherrn, der Aerger rief eine tiefe Bläſſe darauf hervor. Den Brief auf den Tiſch legend, ſchie⸗ nen ihm die Worte zu fehlen, um eine Entſchuldigung vorzubringen; ruhig nahm der König das wichtige Document wieder zu ſich, dann begrüßte er den Mar⸗ ſchall mit einer leichten Kopfneigung und verließ das Zimmer. Herrn Leupold brachte der Sieg bei Chotuſitz oder Czaslau eine wenn auch nicht unerwartete, doch ſehr große Freude. Der König hatte ihm nämlich mitge⸗ theilt, daß er ſeinen Erbprinzen Leopold Maximilian wegen deſſen großer Tapferkeit und heldenmüthiger wie beſonnener Führung in den ſchwierigſten Momenten der Schlacht zum Feldmarſchall ernannt habe. Vater und Sohn in gleichen hohen Würden bei einer und derſel⸗ ben Armee gehörte unter die beſondern Ereigniſſe. Kanonendonner und ein feierliches Tedeum feierten den Sieg, Trompeten⸗ und Paukenklang verkündeten überall 90 die frohe Nachricht. Der König verließ die Armee in Böhmen und kam nach Neiſſe, von wo er mit dem alten Deſſauer abreiſte; Seine Majeſtät nach Berlin, der alte Herr nach ſeinem Deſſau. Es hatte ihm zu wohl in Zittau gefallen, als daß er nicht auf ſeinem Nachhauſewege einen Beſuch dort hätte machen ſollen. Wie im April, als er nach Schle⸗ ſien gezogen, ſo ward auch jetzt am Ende des Juni das Stoll'ſche Haus ſein Abſteigequartier. „Muß doch meinem Hofmedicus eine Freude machen, einen Gruß von ſeinem alten, guten Papa mit nach Hauſe bringen“, ſagte er zu dem greiſen Bürgermeiſter. „Schwerenoth, Herr, Sein Sohn iſt'n ganzer Kerl. Zwiſchen uns beiden iſt nur ein kleiner Unterſchied: ich ſchlage die Leute todt, er macht ſie lebendig. So taugen wir prächtig zuſammen, gelt? O glaub' Er's nur, mein lieber Bürgermeiſter, wir haben manchmal ſchon hölliſch die Strafkatze mit einander gezogen; muß es ihm aber nachſagen, von Furcht iſt nicht ein Hauch in ihm, ſteht ſeinen Mann und das, das iſt es auch, was mir ihn lieb macht.“ Es war am zweiten Juli, als Her Leupold in Deſſau in ganz beſonders guter Laune eintraf. P Drittes Kapitel. Das Schleſierland, nachdem es kraft des Frie⸗ densſchluſſes zu Breslau vom 11. Juni 1742 als un⸗ beſtrittenes Eigenthum der preußiſchen Krone anerkannt worden, unterlag daher auch einer Organiſation im preußiſchen Stile. Die ſchleſiſchen Proteſtanten jubelten über dieſe Veränderung, welche ſie hinſichtlich ihrer Re⸗ ligionsübung der Abhängigkeit entriß, weil bis dahin der katholiſche Klerus, wenn auch nicht direct, doch in⸗ direct immer einen Druck auf dieſelbe ausgeübt hatte. Es würde mehr als lächerlich geweſen ſein, hätte ſich König Friedrich dem Glauben hingegeben, daß der Jubel, der ihm, dem Sieger, dem Herrn, bei allen Gelegenhei⸗ ten entgegengebracht worden war, aus aller Herzen käme; der Natur der Sache nach war das nicht zu erwarten, und die neue Organiſation brachte Anordnun⸗ gen, welche wohl andeuteten, daß man beſtrebt war, den Adel in den großen Freiheiten zu beſchränken, welche er unter Oeſterreichs Scepter beſeſſen hatte. Die geheimen Verordnungen, Heirathen ſchleſiſcher Adels⸗ töchter ins Ausland nicht zu geſtatten, mindeſtens zu erſchweren, ebenſo dem Güterverkauf vorzubeugen, da⸗ mit das Geld nicht nach Oeſterreich verſchleppt werde, katholiſche Stiftsſtellen nicht an Oeſterreicher vergeben zu laſſen und den Klerus zu überwachen, ließen auf das Vorhandenſein geheimer feindlicher, im Verband mit Oeſterreich ſtehender Beſtrebungen ſchließen.*) Aeußerlich pulſirte das Leben ſo fröhlich fort, daß von Gährungen in der den Augen der Welt entzogenen Tiefe keine Spur zu bemerken war. In Breslau trugen Viele Heiterkeit auf den Geſichtern, in deren Herzen bitterer Groll über den Wechſel der Dinge herrſchte. Unter dieſe Zahl geheimer Feinde gehörte auch Gräfin Almeslo, und wir finden ſie mehrere Monate ſpäter, als ſchon der Herbſt ſein buntes Reich über das Land verbreitet hatte, in einer ziemlich großen *) Noch 1770 ertheilte Friedrich der Große ſeinem in Schleſien fungirenden Miniſter von Hoym die merkwürdige Inſtruction: bei der Geiſtlichkeit ſtets Spione zu halten, um von etwaigen geheimen Abſichten der frommen Herren immer unterrichtet zu ſein. —,———ÿ—OB— 93 Aufregung. Ihr Gemahl, der Reichsgraf Oberſt, ver⸗ hielt ſich ſeit langer Zeit ſchon ſo kalt, ſo abgeſchloſſen gegen ſie, daß ſie wohl empfinden mußte, wie ſehr an dem Herzen des alten Mannes der Gram nagte, ſeinen leiblichen Sohn verloren zu haben. Zuweilen war er ganz und gar unzugänglich, finſter. Aber dieſe Wahr⸗ nehmung war es keineswegs, was die Frau Gräfin beunruhigte. Sie hoffte ihn bald wieder in die Feſſeln der frühern Abhängigkeit von ihrem Willen zu ſchlagen. Dagegen fühlte ſie ſich ſchwer beunruhigt von zwei Ereigniſſen. Das Verſchwinden der Frau Dore Mel⸗ chior mit dem Kinde aus Faulbrück, ohne daß die ſorg⸗ fältigſte Nachforſchung die geringſte Spur, wohin ſie ſich gewendet habe, ergeben hätte, drückte ſchwer auf ſie nieder. Das zweite Ereigniß belaſtete ſie nicht minder. Es war ihr von vertrauten Perſonen die erſchreckende Kunde zugekommen, daß man preußiſcherſeits Entdeckun⸗ gen gemacht habe, welche ſehr geheim gehalten würden, um nicht weitere Nachforſchungen zu beeinträchtigen. Inwieweit dieſe Nachforſchungen der neuen Regierung von Erfolg geweſen, darüber breitete ſich natürlich der Schleier des Geheimniſſes. Gräfin Almeslo hatte alle Urſache, Befürchtungen zu hegen. Sie wußte ſich be⸗ theiligt bei einem Complot gegen Preußen, für welches ſie mit großer Rührigkeit gehandelt hatte. 94 Der Herbſttag, welcher zu den hohen Fenſtern ihres Gemachs hereinſchaute, war ſo trübe wie ihre Stim⸗ mung. Um ſie her ſo viele Zeugen des Wohllebens, der Befriedigung ſtolzer Wünſche und doch keine Freude im Herzen; ſelbſt nicht einmal eine Spur von Schmei⸗ chelei für ihre Eitelkeit, Alles nach ihrem Willen gehen zu ſehen, tauchte in ihr auf. Ein Jeſuitenpater ſtand unweit von ihr. Auf ſeinem geſunden und wohlgenähr⸗ ten Geſicht lagerte ſich ebenfalls ein Mißton. Die Rechte auf ein Pfeilertiſchchen geſtützt, trommelte er leiſe mit den Fingerſpitzen auf der kalten Marmorplatte, aber ſein Blick ruhte nachdenklich auf dem Fußboden. Die Gräfin ſaß in einem bequem gepolſterten Armſtuhle am Fenſter, die Augen gleichgültig hinausgerichtet. Zwiſchen dieſen beiden Perſonen herrſchte eine augenblickliche Stille, ihr Denken war wie ihr Schweigen und das Mißvergnügen, welches in ihren Mienen vor⸗ herrſchte, ein höchſt unangenehmes. Nach einer Weile wendete ſich die vornehme Dame zu ihm mit dem etwas unluſtigen Ausrufe:„So kann es doch nicht bleiben, Hochwürden! Die Ungewißheit iſt ja tödtlich. Ein Ausweg, zu erfahren, wohin das Weib mit dem Kinde ſich gewendet hat, muß ſich doch ergeben, wir haben ſonſt vergeblich die Karten gemiſcht, und nichts als das Nachſehen bleibt uns.“ 95 „Gnädigſte Frau Gräfin haben Recht, es gibt keinen entnervendern Gedanken, als ein Spiel verloren zu haben, das ſo ſichtbar gut ſtand. Ich habe in man⸗ chen verwickelten Angelegenheiten— verſteht ſich, zur größten Ehre Gottes, wie ja auch die Deviſe unſerer heiligen Societät beſagt— recht glückliche Einfälle ge⸗ habt; aber in gegenwärtiger ſcheint mir das Hirn aus⸗ gebrannt. Noch habe ich bis jetzt an der Möglichkeit feſtgehalten, daß Frau Dore Melchior in einem ge⸗ wiſſen Verhältniſſe zu dem Deſſauer Gefreiten geſtan⸗ den, der ſie, ſolange er in Faulbrück geweſen, täglich mehrere Male beſucht hat, aber meine Nachforſchungen ſind leider unfruchtbar geblieben. Der geheime Freund in Deſſau hat bei dem Vater dieſes Gefreiten, einem alten Bauer in Jonitz, wie das Dorf heißt, unter einem ſchicklichen Vorwande Nachſpürung gehalten und i*ſt dieſe ebenſo umſonſt und uns keinen Anhalt gebend ausgefallen. Dieſer Gefreite iſt ſo ledig, als ein Mannsbild nur immer ſein kann; auch in Halle, der Garniſonsſtadt ſeines Regiments, wohin er mit dieſem zurückmarſchirt iſt, weiß man durchaus nichts von einem fremden Weibe, das ihm aus dem Kriege dahin gefolgt ſei.“ „Aber wozu dieſe Wiederholung, hochwürdiger Herr? Ich kenne ja leider dieſe abfällige Thatſache“ fiel ihm 96 die Dame unwirſch ins Wort.„Gebt mir Neues, an welchem man einen Halt finden kann.“ Der Pater zuckte mit den Achſeln. Wieder folgte eine peinliche Stille. Dieſelbe endend, rief die Gräfin faſt in Angſt:„Nichts als die Annahme bleibt uns übrig, daß dieſer elende Fortunatus ſeine Hand dabei im Spiele hat und uns Schach bietet. Dann iſt Alles verloren!“ „Nur Ruhe, Ruhe, gnädigſte Frau Gräfin. Auf⸗ regungen verderben Alles. Es kann ſich immer noch ein ganz geringfügiger Umſtand ereignen, der uns un⸗ erwartet in dieſer Sache Licht gibt. Weit ſchlimmer iſt das dunkle Gerücht von Entdeckungen ſeitens der neuen Regierung. Leider läßt ſich darüber noch nichts Beſtimmtes ſagen. Wie es den Anſchein hat, verſtehen die Preußen die Kunſt, ihre Minen unter dem Waſſer anzulegen.“ „Jeſus Maria!“ rief die Dame, entſetzt von der Befürchtung, daß in dieſer ſo geheim gehaltenen An⸗ gelegenheit ein Verrath geſchehen ſein und auch ſie von dem dann ſicher nicht ausbleibenden Schlage getroffen werden könne.„Ach, hochwürdiger Herr, Er iſt dies⸗ mal kein Troſtſpender, ſondern ein Peiniger.“ „Ich beklage das am meiſten, gnädigſte Frau Grä⸗ ——,— fin, aber nicht Sie allein ſind es, welche, wenn an der an 97 Sache überhaupt etwas iſt, darunter zu leiden hätte, unſer heiliger Orden dürfte dann das Feld für ſeine Beſtrebungen in Schleſien verloren haben und das wäre ebenſoviel wie ein Todtſchlag.“ „Und dieſer König war ſo liebenswürdig!“ ſprach die Gräfin vor ſich hin. „Aber durch und durch ein Ketzer, meine Gnädigſte“, fügte der Pater, welcher ihre Worte gehört hatte, hinzu. „Ich zweifle nicht, daß dieſer charmante Ketzerkönig der einen Anti⸗Macchiavell ſchreiben konnte, ohne Ge⸗ wiſſensbiſſe Seine Heiligkeit den Papſt, wenn es näm⸗ lich in ſeinem Intereſſe läge, aus Rom vertreiben und der päpſtlichen Herrſchaft ein Ende machen würde, trotz⸗ dem er im Friedensſchluſſe mit unſerer erhabenen Kai⸗ ſerin gelobt hat, den Katholicismus in Schleſien zu ſchützen.“ Ehe dies Geſpräch, das ſo wenig erfreuende Gegen⸗ ſtände zum Gedankenaustauſch bot, weiter geführt wer⸗ den konnte, machten ſich etwas ſchlürfende Schritte im Vorzimmer hörbar. „Mein Gemahl!“ rief die Gräfin erſtaunt.„Es muß etwas vorgefallen ſein, das ihn dazu bewegen konnte, den Weg zu mir zu nehmen.“ In dieſem Nachſatze verrieth die Dame eine nicht ganz zu bergende Beſtürzung. Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. V. 7 98 Der Graf trat ein, eine Geſtalt, die zwar von Krankheit gebrochen, aber trotz des gekrümmten Rückens immer noch ein ziemlich ſtattliches Aeußeres beſaß und den Schluß rechtfertigte, daß er in ſeiner frühern Zeit ein ſchöner Mann geweſen ſei. Beim Eintritt fiel ſein Blick auf den Pater und es war gar nicht zu ver⸗ kennen, daß ihm deſſen Anweſenheit wenig gefiel. „Hätte es denken können, meine Gemahlin in guter Geſellſchaft zu finden“, ſprach er. „Wenn der gnädigſte Herr Graf wünſchen, daß ich mich entferne, ſo—“ „Bleibt, hochwürdiger Herr“, unterbrach ihn die Gräfin energiſch.„Mein Gemahl meint das nicht ſo, wie Er es aufgenommen hat.“ „Nun, könnt das, was ich der Gräfin zu ſagen habe, mit anhören. Es wird Euch auch nicht ſchaden, im Gegentheil wird's ſein Gutes haben, weil's Euch den Beweis geben wird, daß alle Eure Machinationen, mir meinen Sohn vom Herzen zu reißen, doch nichts ge⸗ fruchtet haben.“ Die Gräfin ſowohl als der Pater vermochten über dieſe offenbar feindſelige Rede des alten Herrn ihre Beſtürzung nur mit Mühe zu verbergen. Sie fanden in der erſten Ueberraſchung nicht die Fähigkeit, einen Ausdruck für ihr Staunen zu finden. Der alte Graf 99 nahm weiter keine Notiz davon, ſondern vor ſeine Ge⸗ mahlin hintretend, ſodaß er dem Pater den Rücken zukehrte— eine Rückſichtsloſigkeit, die er ſich ſonſt nie hätte zu Schulden kommen laſſen— rief er dieſer zu: „Mein Fortunatus lebt!“ „Mein Himmel, wie Sie mich erſchrecken!“ ſtieß die Dame unwillkürlich heraus. „Ich glaube Ihnen, daß dies die ſchlechteſte Nach⸗ richt iſt, welche ihr Ohr treffen konnte“, ſagte der Graf, und einen erbrochenen Brief aus der Taſche ziehend, fuhr er fort:„Dieſen Brief mit königlichem Siegel empfing ich vorhin von dem Miniſter Herrn von Münchow. Ja, mein Sohn lebt, ich habe ihn nicht verloren; aber an ſeinem Vertrauen habe ich verloren, denn er verſchweigt mir ſeine Stellung beim Berliner Hofe, ſein Schreiben verräth das Mißtrauen, das er gegen mich im Herzen hat.“ Und ſich ein wenig umwendend, ſodaß ſein Blick auch den Pater treffen konnte, ſprach er mit feſter Stimme:„Und ich darf mich nicht darüber beklagen, ich hab's verſchuldet an ihm. Ihr beide habt mich dazu verführt.“ „Mein Herr Gemahl—“ „Jetzt ſpreche ich, Frau Gräfin“, fuhr der Oberſt auf, und eine Handbewegung deutete der Dame an, ihren Sitz, von dem ſie ſich raſch erhoben hatte, 7* wieder einzunehmen, welcher gebieteriſchen Weiſung dieſe auch ganz unwillkürlich Folge leiſtete.„Gedulden Sie ſich, bis ich ausgeſprochen. Sie haben zum Unheile für mich und meinen Sohn ſo lange das Wort in meinem Hauſe geführt, daß ich wohl auch einmal Anſpruch darauf machen kann, meiner Stimme und meinem Willen Reſpekt erwieſen zu ſehen.“ „Welche Sprache!“ ſtöhnte die Gräfin. Der alte Herr achtete nicht darauf, ſondern entfal⸗ tete den Brief und ſagte dann befehlend:„Hören Sie denn, was ich Ihnen aus dieſem Briefe mittheilen will.“ Nach einer kurzen Pauſe las er:„„Mein theurer Vater! Nur das Bewußtſein, daß Gott der Allmächtige mich ſo wunderbar geführt und errettet hat aus den Schlingen des Verderbens, ja aus dem gewiſſen Tode, den mir Ihre zweite Gemahlin und deren Sohn mit teufliſcher Bosheit bereitet hatten, ſchöpfe ich die Hoff⸗ nung, daß auch die große Kluft, die jetzt noch zwiſchen Ihnen und mir liegt, eines Tages überbrückt ſein und derſelbe gütige Gott mich an Ihr Vaterherz führen wird. An dieſer Hoffnung halte ich feſt wie an mei⸗ nem Seelenheil!“ Haben Sie das gehört, Frau Gräfin? Und auch Ihr, Hochwürdiger?“ fragte der tief entrüſtete alte Herr nach einer kurzen Pauſe, indem er auf beiden Blicke des Zornes haften ließ.„Nun, ſo hört auch den Nach⸗ ſatz.“ Und er begann den Nachaatz zu leſen. „„Im Glücke verzeiht der Menſch und ich bin glück⸗ lich, ſehr glücklich, denn ich habe meinen Sohn wieder. Um das Leben dieſes theuren Kindes vor den verbre⸗ cheriſchen Planen Ihrer zweiten Gemahlin und deren Freunden und vor allem vor dem zum Mord ſo bereiten Sohn dieſer Frau zu ſichern, bleibe ich meinem Vater⸗ hauſe fern. Es iſt ſchrecklich, ſolch einen Entſchluß faſſen zu müſſen, ich bin aber dazu gezwungen. O mein Vater, wenn Sie das Verbrechen, das an mir begangen wurde und welches Gottes Gnade ſo wun⸗ derbar vereitelte, daß ich am Leben blieb, in ſeinem ganzen Umfange kennen lernen werden— und gewiß, auch dieſe Stunde kommt einſt!— ſo müſſen Sie ſich von dieſer giftigen Schlange, welche ſich Ihre Gemahlin nennt, mit Abſcheu abwenden. In meiner Hand liegt ein Beweis gegen dieſes Weib, welcher, wenn ich ihn veröffentlichte, deſſen und der mit demſelben verbun⸗ denen guten Freunde geheime Ränke an das Tages⸗ licht zieht und ſie dem ſtrafenden Arme des Königs preisgibt. Die Ueberzeugung jedoch, daß die Ehre des Namens Almeslo aufs empfindlichſte darunter leiden 102 würde und die Tage Ihres Lebensfeierabends durch die nothwendigen Folgen dieſer Hochverrathsentſchleierung, durch Gram und ſchweren Kummer verbittert werden müßten, macht es mir zur heiligen Pflicht, dieſen Be⸗ weis nur dann erſt zu gebrauchen, wenn durch irgend einen ungünſtigen Zufall mein Aufenthalt von den Schändlichen entdeckt, mein jetzt ſo glückliches Stillleben geſtört und mein Kind, Ihr Enkel, mein theurer Vater, von ihren Mörderhänden bedroht werden ſollte. Der Moment, in welchem ſie ihre Rache, ihren Haß an mir zu kühlen gedenken, wird zugleich der ſein, der ſie als Hochverräther der gerechten Strafe in die Arme liefert. Dazu iſt Alles vorbereitet, denn ſolchen Fein⸗ den gegenüber muß man aufs Schlimmſte gefaßt ſein.“ Der alte Herr faltete den Brief zuſammen, und ohne ſeine Gemahlin und den Jeſuiten eines Blickes zu würdigen, verließ er das Zimmer. „Verloren! Alles verloren!“ ſtöhnte die Gräfin, beide Augen mit den Händen bedeckend und ſich wie haltlos im Seſſel zurücklehnend. „Ein Blitz aus wolkenloſem Himmel, man darf aber deshalb noch nicht Alles verloren geben“, ſprach der Pater.„Wenn es geſchehen konnte, daß Noah mit den Seinen ſich aus der großen Sündflut durch die Erbauung einer Arche rettete, warum ſollten wir ſo 103 muthlos ſein, nicht auch auf eine günſtige Wendung in unſern für den Moment ſo ſchlimm und gefährdet erſcheinenden Angelegenheiten zu hoffen?“ „Der Wahnwitz ſpricht aus Ihm, Hochwürdiger!“ fuhr die Gräfin heftig empor.„Ich habe die Herr⸗ ſchaft in dieſem Hauſe verloren und—“ Eine kräftige Männerſtimme wurde in dieſem Augen⸗ blicke im Vorzimmer laut, welche die Dame ſogleich als die des preußiſchen Miniſters von Maſſow, er⸗ kannte. Sie hörte ihn ſagen:„Ich bitte um Ihre Gegenwart, Herr Graf.“ Tiefe Bläſſe überflog das Antlitz der Gräfin; der Jeſuitenpater, obwohl er den Kommenden, der ihm fremd war, nicht der Stimme nach erkannte, bemerkte doch den jähen Wechſel der Farbe im Geſicht der Gräfin, und auch in ſeinen Zü⸗ gen markirte ſich nun eine bedeutende Unruhe.„Wir haben heute einen ſehr unglücklichen Tag, wie mir ſcheint, aber er muß überſtanden werden“, ſagte er halblaut, jedenfalls in dem Beſtreben, daß ſeine ſo ſichtbar in Angſt und Verwirrung gekommene Geſin⸗ nungsgefährtin darin einen Anſporn zum Muthe finden ſollte. Im Vorzimmer war eine plötzliche Stille eingetre⸗ ten, kein Fußtritt zu hören. Das war ebenſo über⸗ raſchend als erſchreckend, denn die im Zimmer ſich Be⸗ 104 findenden wußten ſich dieſe Ruhe durchaus nicht zu deuten. Bald darauf hörten ſie den Grafen ſagen: „Entferne Dich, Johannes, ich werde die äußere Zim⸗ merthür verriegeln. Wir ſind jetzt für Niemand zu ſprechen.“ Wenige Augenblicke ſpäter wurde das Vorſchieben des Riegels deutlich hörbar, und nach wenigen Se⸗ kunden that ſich die Zimmerthüre auf. Herr von Maſ⸗ ſow und der alte Graf traten ein. Die Gräfin raffte ihre Geiſtesgegenwart zuſammen und ging den Ein⸗ tretenden einige Schritte entgegen. „Zu huldvoll. gnädigſte Frau Gräfin“, ſprach der Miniſter mit tiefer Verbeugung.„ZBitte unterthänigſt, mir zu verzeihen, wenn ich Ihre heitere, glückliche Ruhe ſtöre, denn ich komme in einer beſondern Angelegenheit, die leider keine freudenvolle iſt; aber Seiner Majeſtät Befehl läßt ſich unter keinen Umſtänden abändern.“ „Auf des Königs Befehl?“ warf die Dame ein, obwohl ihr der Ernſt, welcher in dieſer Ankündigung lag, das Sprechen faſt unmöglich machte. Ob Herr von Maſſow wirklich ein ſo feines polizei⸗ liches Fühlvermögen beſaß, den Schreck und die Un⸗ ſicherheit, welche die Gnädigſte mit aller geiſtigen Anſtrengung zu beherrſchen ſtrebte, zu erkennen, mußte dahin geſtelltbleiben, denn er hatte den Blick auf den 105 etwas abſeits ſtehenden Jeſuitenpater, der ſich tief vor ihm verneigte, geheftet und fragte, dem alten Herrn ſich zuwendend:„Der Herr Graf ſagten mir, Hochdero gnä⸗ digſte Frau Gemahlin ſei allein?“ „Es iſt auch ſo, Excellenz“, antwortete der Gefragte. „In meinen Augen macht die Geſinnungsgleichheit meine Gemahlin und dieſen hochwürdigen Herrn immer nur zu einer Perſon.“ Der Miniſter heftete erſtaunt den Blick auf den Grafen. Es war unmöglich, daß der Bruch ehelichen Einverſtändniſſes deutlicher bezeichnet werden konnte, als dies eben in ſo rückſichtsloſer Weiſe geſchehen war. Herr von Maſſow bemerkte, daß die Dame, wie von einer Ohnmacht befangen, die rechte Hand nach der Lehne eines Seſſels ſtreckte. Als dienſtfertiger Cavalier ergriff er ihre linke Hand und bat ſie, ſich niederzulaſſen. „O Excellenz, es wäre beſſer für mich, ins Grab zu ſinken, als dieſen Tag erlebt zu haben!“ rief die ſtolze Frau, Augen und Stirn in die hohle Hand der auf die Seſſellehne geſtützten Rechten verbergend. Sich zu dem Prieſter wendend, ſprach der Miniſter: „Es dürfte ſogar gut ſein, daß Er, hochwürdiger Herr, zugegen iſt, denn das, was mich hierher führt, iſt der Art, daß es auch die heiligen Herren von der Geſellſchaft Jeſu angeht.“ 106 Und ohne weiteres Zögern redete er nun von dem Zwecke ſeines Hierſeins. „Durch einen höchſt geringfügigen Zufall, iſt man einem Complot auf die Spur gekommen. Ein betrunkener Mann wurde von der Patrouille dem Tode nahe auf der Gaſſe liegend gefunden und in die Wache geſchafft. Beim Viſitiren ſeiner Kleidungsſtücke fand man einen Brief, und obwohl der Elende am Morgen verſtarb und keine Auskunft über denjenigen, von dem er den Brief empfangen, oder den, an welchen er ihn abgeben ſollte, geben konnte, ſo gelang es doch unſern Spionen, Licht in dieſe Angelegenheit und ſomit ein Complot an den Tag zu bringen, deſſen Streben darin gipfelt, im Ver⸗ band mit einer Partei jenſeits der Grenze das Mög⸗ lichſte aufzubieten, um Schleſien dem preußiſchen Scepter wieder zu entreißen. Ueber die totale Verblendung dieſer Verſchworenen will ich kein Wort verlieren, ſie kenn⸗ zeichnet ſich ſelbſt. Die ganz insgeheim angeſtellten Erforſchungen ergaben manche unerwartete Reſultate, ſie entſchleierten die Geſinnungen von Perſonen, deren öffentliche Sprache eine ganz entgegengeſetzte iſt. Ich bemerke nur beiläufig, daß heilige Stätten wie Klöſter und Welt⸗ und Ordensgeiſtliche ſehr bedeutend bei dieſer im Dunkeln ſchleichenden Verſchwörung betheiligt ſind. So iſt es denn gekommen, daß ein Verrath dieſer Heim⸗ —— 107 lichkeit aus dem andern entſprang und in aller Stille eine Entdeckung nach der andern erfolgte. Es ſchmerzt mich, gnädigſte Frau Gräfin, Ihnen mittheilen zu müſſen, daß auch Sie von mehreren Per⸗ ſonen nicht nur der Mitſchuld, ſondern eines höchſt energiſchen Eifers bei dieſer Verſchwörung bezüchtigt ſind“, ſprach der Miniſter nach einer kurzen Pauſe weiter. „Man gab ſogar an, daß es Ihnen gelungen ſei, mit Seiner Durchlaucht dem alten Fürſten von Deſſau im öſterreichiſchen Intereſſe eine Correſpondenz anzuknüpfen. Seine Majeſtät, von allen dieſen Vorgängen unter⸗ richtet, hat mir befohlen, Ausſuchung bei Ihnen anzu⸗ ordnen. Ich glaubte Ihre Ehre dadurch am beſten zu wahren, daß ich mich perſönlich zu Ihnen begebe und dieſen Auftrag ſelbſt vollziehe. Sie werden mir für dieſe Rückſichtnahme gewiß keine Hinderniſſe bei Voll⸗ ziehung meines Auftrags entgegenſetzen.“ „Gewiß nicht, Excellenz“, nahm der alte Herr das Wort.„Ich halte es für meine Pflicht, als Cavalier dem in ſo übler und beklagenswerther Angelegenheit ſo ſchonend und rückſichtsvoll zu Werke gehenden Cavalier offen und ehrlich den Einblick in die Correſpondenz meiner Gemahlin zu erleichtern. Stehen Sie auf, Frau Gräfin, und öffnen Sie die Fächer Ihres Schreibtiſches.“ Schweigend gehorchte die Gräfin. Man begab ſich in eins der Nebengemächer. Der Miniſter fand nur ältere Briefſchaften, abgeſchriebene Gedichte und kleine Aufſätze, deren Inhalt meiſt weibliche Angelegenheiten betraf. Eine zufällige Wendung des Herrn von Maſſow zur Seite ließ dieſen zu einer Ueber⸗ raſchung gelangen, an die er nicht gedacht hatte. Er bemerkte einen triumphirenden Blick, den die Gräfin auf den Pater warf, und begriff ſogleich, daß er der Getäuſchte ſein werde, wenn er die Rückſichtnahme gegen dieſe Dame nicht ſofort aus den Augen ſetze. „Halten Sie ein, Herr Graf, dieſe Fächer mir zur Durchſicht zu bieten!“ rief er.„Ich habe ſo eben eine Bemerkung gemacht, die mich überzeugt, daß die Frau Gräfin und dieſer würdige Diener des Herrn ſich in heimlichen Einverſtändniß befinden. Ich zweifle nicht, daß dieſer Schreibtiſch mehr birgt, als wir bei der bisherigen Weiſe nachzuſuchen finden würden.“ Ohne weiteres trat er ans Fenſter, öffnete es und rief einige unten vorübergehende Offiziere herauf. „Was ſoll das, Excellenz?“ fragte der alte Herr beſtürzt. „Nichts weiter, als dem Befehl meines königlichen Herrn Folge leiſten“, war Herrn von Maſſow's ruhige Antwort.„Das Einzige, was Sie jetzt noch thun kön⸗ nen, iſt, um Eclat zu vermeiden, die Vorzimmerthür aufzuriegeln.“ 109 „Mein Himmel!“ rief der Graf, und einen vernich⸗ tenden Blick auf ſeine Gemahlin werfend, ſetzte er hinzu: „Sie lohnen mir mein blindes Vertrauen prächtig!“ Wie von einem ſchweren Schlage getroffen, wankte der Greis hinaus, um des Miniſters Weiſung nachzu⸗ kommen. Die vornehme Dame hatte allen Halt verloren. Es war ſichtbar, daß die höchſte Angſt ſie beherrſchte, während der geiſtliche Herr den Kopf wie ein Stran⸗ gulirter auf die Bruſt niederhängen ließ. Plötzlich ſtürzte die Gräfin auf den Miniſter zu, ihre Hände griffen krampfhaft nach ſeinen Armen.„Wollen Sie mich unglücklich machen?“ fragte ſie. „Ich will nichts als den meinem Herrn und König geleiſteten Eid der Treue erfüllen“, antwortete Herr von Maſſow.„Verſchwörern gegenüber hört bei mir jede Rückſichtnahme, jede Schonung auf.“ Die Gräfin ſank vernichtet in einen Seſſel nieder. Eine halbe Stunde ſpäter verließ Miniſter von Maſſow mit einem ziemlich ſtarken Packet Briefſchaften, die einem nach ziemlich langem Suchen entdeckten und gewaltſam aufgeſprengten geheimen Schubfache des Schreibtiſches entnommen worden waren, das Haus. Unter dieſen Briefen ſand ſich auch ein von Herrn Leupold an die Gräfin gerichteter vor, der jedoch außer dem Bedauern, die Kaiſerin Maria Thereſia in einer ſo gefahrvollen Lage zu wiſſen, nichts enthielt, was für Seine Durchlaucht hätte beſonders gravirend ſein können. Ohne jegliche Oſtentation wurde von ſeiten der neuen Regierung das Complot zerſtört; die Netze, deſſen Theilnehmer, einen nach dem andern, zu fangen, waren zu ſchlau gelegt, als daß ſich in ihnen nicht ſelbſt der Klügſte und Vorſichtigſte hätte verirren ſollen; aber man ließ die Milde herrſchen und ſtrafte nicht, wie man hätte ſtrafen können und ſollen. Dieſe Klugheits⸗ maßregel brachte gute Früchte, man gewann die feind⸗ ſeligſten Gemüther für das neue Régime und raubte dadurch der Verſchwörung die Glorie des Martyriums, welches bekanntlich aus enragirten Charakteren ſo leicht fanatiſche Anhänger der Revolution macht. Von dieſen Vorgängen tauchten nur dann und wann dunkle Ge⸗ rüchte im Volke auf, verſchwanden aber gleich müßig erfundenen Gerüchten, weil ſie eben durch nichts einen beſtimmten Anhalt gewannen. Die neue Regierung hatte das Kunſtſtück vollbracht, ein Geheimniß durch ein Geheimniß zu vernichten. Frau Gräfin Almeslo, obwohl ſie als eins der thätigſten Mitglieder dieſes im Stillen ſchleichenden Complots bezeichnet werden mußte, erhielt eine im einer was ſein der eſſen paren ſt der aber wie heits⸗ feind⸗ raubte riums, leicht dieſen le Ge⸗ müßig einen ierung durch us der henden ne im 111 Ganzen ſehr milde Strafe für ihre feindſeligen Beſtre⸗ bungen. Laut eines königlichen Schreibens, das ihr unerbrochen vom Miniſter von Maſſow übermittelt wurde, ward ſie zu einem dreijährigen Hausarreſt verurtheilt. Ihr Gemahl verbürgte ſich dafür, daß dieſe ſeinen alten Adelsnamen unbefleckt laſſende Haft nicht von ſeiner Gemahlin gebrochen werden würde. Auf welche Weiſe ſie dieſen Arreſt mit dem Schleier des Geheimniſſes verhüllen wollte, ſtand ihr frei. Ihr blieb volle Freiheit in ihrem Hauſe, man entzog ihr nicht das Recht, nach ihrem Belieben Ge⸗ ſellſchaften zu empfangen, obgleich ihr die Andeutung gemacht worden war, daß man diejenigen, mit welchen ſie umzugehen belieben würde, einer ſtrengen Controle unterziehen werde, ebenſo wurde ihr jeder Briefwechſel unterſagt, der nicht die Billigung ihres Gemahls habe. Ein zur Entdeckung kommender Verſuch, auf heimlichen Wege die von ihr deshalb geleiſtete Zuſage zu umgehem, wurde mit harter Strafe bedroht. Drei Jahre Haus⸗ arreſt, immerhin eine milde Strafe, mußte für eine Frau ihres Charakters, die alle ihre Hoffnungen als ver nichtet zu erkennen gezwungen wurde, ernſte Folgen herbeiführen. Nach einem halben Jahre ſchon hieß es Gräfin Almeslo leide an ſchwerem Siechthum, ſie zeige zuweilen Spuren von Geiſtesverwirrung. Die über die geheimen Umtriebe in Schleſien nach Berlin an den König gelangten Berichte konnten in Bezug auf den alten Deſſauer nicht folgenlos bleiben. Wenn auch König Friedrich wußte, daß der Fürſt jenen alten Anſchauungen angehöre, welche die Macht und Herrſchaft Oeſterreichs in allen deutſchen Angelegen⸗ heiten als allein maßgebend anerkannten, ſo war er doch nicht gewillt, dergleichen Sympathien für einen Staat, mit dem er in Kriege ſtand, bei den Leitern ſeiner Armee ſo ruhig hinzunehmen und zu dulden. Der bei Gräfin Almeslo vorgefundene Brief Seiner Durch⸗ laucht gab allerdings keinen Anhalt, um einen von dem alten Herrn begangenen Verrath argwöhnen zu laſſen, wohl aber den Beweis, daß Fürſt Leupold ein ſehr warmes Herz für Maria Thereſia habe, und König Friedrich war ein zu trefflicher Logiker, um nicht den Schluß zu ziehen, daß die Gräfin, welche er perſönlich als eine höchſt liebenswürdige und geiſtig kräftige Dame kennen gelernt und dieſer Eigenſchaften wegen wäh⸗ rend ſeines Aufenthalts zu Breslau ausgezeichnet, unter allen Umſtänden den Plan verfolgt hatte, Herrn Leupold in das Gewebe der Verſchwörung zu locken, ohne daß er ſich deſſen ſelbſt bewußt wurde, weil es ſonſt einer ſo feinen Dame ſicher wenig Amüſement geboten haben würde, den alten Haudegen, deſſen Umgangs⸗ 113 manier keineswegs zu den beſondern Annehnlichkeiten zu zählen war, für ſich zu gewinnen. Gewiß mußte es auf die Theilnehmer an dem Complot den Ein⸗ druck der Sicherheit machen und die ängſtliche Ge⸗ müther beſchleichende Furcht verſcheuchen, wenn man wußte, daß ſelbſt ein berühmter feindlicher Feldherr auf ihrer Seite ſtehe. Auch nur eine derartige Täu⸗ ſchung hervorzurufen, gehörte ſchon zu den Vorthei⸗ len und Herr Leupold war nicht der feine Kopf, welcher auf derartige Gedanken kam. Ein ſehr harter Brief des Königs in dieſer triſten Angelegenheit brachte den alten Deſſauer außer ſich. Es gab keinen Fluch in ſeinem ſonſt ſo reichhaltigen Lexikon von dergleichen Kernausdrücken mehr, der nicht von ihm nach Durchleſung dieſes königlichen Schreibens herausgeſchleudert worden wäre. Der letzte Satz in dem königlichen Schreiben erregte den Zorn Herrn Leupold's aufs heftigſte. Alle ihm gemachten Vor⸗ würfe verloren ihre Bedeutung gegenüber der Erklärung des Königs, daß er ſeiner Sicherheit wegen einen neuen Dienſteid von ihm fordere. Eine höhere Schmach war ihm in ſeinem Leben noch nicht angethan worden. Von wem man ein neues bindendes Wort fordert, der muß den Anſpruch auf Vertrauen verwirkt haben, und dieſes Verlangen empörte Herrn Leupold aufs tiefſte. Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. V. 8 114 Frau Annelieſe hatte wiederum einen ſchweren Stand mit ihm. Sie war klug und ſcharfblickend genug, um aus dem wildverworrenen Chaos deſſen, was er von der Gräfin Almeslo erzählte— der König hatte in ſeinem Schreiben auf ſein fortgeſetztes freundſchaft⸗ liches Verhältniß zu dieſer feinen Dame angeſpielt— die Beſtätigung zu entnehmen, daß ihr Gemahl nicht ganz ſchuldlos ſein könne und ſich durch ſeine Sym⸗ pathie für Oeſterreich zu brieflichen Expectorationen an die Gräfin habe verleiten laſſen, welche jedenfalls dem König bekannt geworden ſein möchten. Da keine Beruhigungsworte bei ihm verfingen, ſo ſah ſie ſich gezwungen, davon zu ſprechen, und ihre gute Manier, ihn zu überzeugen, wie wenig dazu gehöre, um durch wenige geſchriebene Worte Verdacht zu erregen, übte nicht nur einen ſein zorniges Gebaren beſchwichtigen⸗ den, ſondern ihn auch etwas beſonnener machenden und zum Nachdenken anregenden Eindruck auf ihn. „Ich habe die Briefe für Niemand anders als für Gräfin Almeslo geſchrieben“, ſagte er.„Wer Teufel kann wiſſen, daß ſolche Hundsföttereien vorgehen werden!“ „Ein unglücklicher Zufall kann ins Spiel gekommen ſein, um einen oder den andern Deiner Briefe an die Gräfin in unrechte Hände gebracht zu haben“, bemerkte Frau Annelieſe. 1 8 3 3 115 „Hm, das wäre die Schwerenoth!“ Dieſe unwillkürliche Beiſtimmung war der ſicherſte Beweis für die Fürſtin, daß ihn die Möglichkeit, einen ſolchen Vorgang ſich als geſchehen denken zu müſſen, ſchwer bekümmerte. Er mußte ſich alſo auf Manches beſinnen, was er geſchrieben hatte und was er jetzt wünſchte, den Briefen nicht anvertraut zu haben. Dieſer Aerger griff ihn, ſo ſtark er auch war, hart an und er hatte eine ganze Woche lang mit den Folgen der übergroßen Aufregung zu kämpfen, ein Um⸗ ſtand, der ihn nicht wenig in Harniſch brachte, da er todfeind jeder Empfindung von Unwohlſein war und nicht recht begriff, wie man ſich krank fühlen könne. In dieſem ihm höchſt ärgerlichen Zuſtande antwor⸗ tete er dem Könige, und war auch jede ſchroffe Entgeg⸗ nung in dieſem Schreiben vermieden, ſo war deſſen Sprache doch ein Zeugniß von der tiefen Entrüſtung, in die ihn die Vorwürfe Seiner Majeſtät verſetzt hat⸗ ten. Einen neuen Dienſteid zu leiſten, verweigerte er entſchieden. „Ich habe noch Niemand geſehen, der freiwillig die Hand ins Feuer legt, um ſie als Stummel zurückzu⸗ ziehen“, ſchrieb er.„Ich habe alſo auch keine Luſt dazu. Ein neuer Dienſteid wäre für mich daſſelbe, was für einen Andern das Feuer iſt. Meine Ehre 116 als Fürſt und Soldat wäre verſtümmelt, das gebe ich Eurer Majeſtät zu bedenken. Vielleicht gelingt es Eurer Majeſtät, zu anderer Reſolution in Betreff meiner zu kommen, wenn Sie einen Blick auf die lange Reihe von Jahren werfen wollen, in denen ich an der Spitze des preußiſchen Heeres geſtanden und daſſelbe zu Ruhm und Ehre geführt habe. Ich bin derſelbe heute noch wie damals und möchte wünſchen, daß das mit allem Andern der Fall wäre. Das iſt aber nicht, wie ich zu meinem größten Chagrin verſpüren muß.“ Und ein gleichfalls dieſe üble Sache behandelnder und an den Generallieutenant von Kalkſtein adreſſirter Brief ergoß ſich in den bitterſten Klagen über das ihm angethane Unrecht und die Beleidigung ſeiner Ehre; trotz alledem gab es aber Stunden für ihn, wo er ſehr nachdenklich wurde. Daß dem König keiner ſeiner Briefe zu Geſicht gekommen ſein könne, der demſelben einen beſtimmten Anhalt zum Mißtrauen gegeben, ſagte ihm ſein geſunder Verſtand. König Friedrich war nicht der Charakter, welcher darüber geſchwiegen hätte, aber Herr Leupold erinnerte ſich, daß er in einigen Briefen an die Gräfin ſich doch vielleicht etwas zu umſtändlich über Manches ausgeſprochen, und dieſe Erinnerung war ihm deshalb unangenehm, weil er die Möglichkeit, daß ein ſolches Schreiben in unrechte Hände gefallen, nicht N 117 hinwegleugnen konnte. Indeß ging dieſer Sturm vor⸗ über ohne weitern Nachhall und das gute kräftige Naturell des alten Herrn hob ſich wieder wie ſonſt zur gewohnten Geltung. An ſeinem Hofe ging, wie er zu ſagen pflegte, Alles in der Schnure, und wenn ihn irgend etwas beunruhigte, ſo war es der wankende Geſundheitszu⸗ ſtand ſeiner Gemahlin und die erkennbare Abnahme der Körperkräfte der hohen Frau. „Hofmedicus, Er iſt'n gelehrter Schwerenöther, ich weiß das und erkenn's an, daß er was Rechtſchaffenes in ſeiner Sache verſteht“, ſagte der alte Deſſauer. „Weiß Er nichts auszutifteln, was meine Gemahlin wieder auf einen grünen Zweig, ich meine, zu Kräften bringt? Ich ſag' Ihm, es fällt mich'n kalter Fieber⸗ ſchauer an, wenn ich vom Exerciren meiner Grenadiere komme, die Kerle geſehen habe, die wie aus Eiſen ge⸗ goſſen in Reih und Glied aufgepflanzt ſtehen, und ſehe dann meine Annelieſe!“ Wie das aus dem innerſten Herzen Herrn Leupold's kam, zeigte ſich in ſeinem Geſicht deutlich und ohne jegliche Verſtellung, denn der Ausdruck eines Kummers gab ſich darin kund, der deshalb um ſo rührender war, als er mit der rauhen, naturwüchſigen Kraft des Man⸗ nes Hand in Hand ging. Die Augen in dieſem Ge⸗ 118 ſicht führten allezeit eine ſehr verſtändliche Sprache und in dieſen Augen glänzte es feucht, als er der treuen Seele gedachte, die bereits länger als vier De⸗ cennien mit ihm durchs Leben gewandelt war und jetzt ſo ſichtlich in ihrer Kraft abnahm.„Er hätte uns in unſerer Jugend ſehen ſollen, Hofmedicus; waren ein ſtrammes Paar— Schwerenoth,'s war Staat mit uns zu machen“, ſprach er weiter.„Meine hochſelige Mutter wollte partout nicht, daß die Annelieſe meine Gemahlin werden ſollte, aber wie ſie's einmal war, da gefiel ſie ihr, wie ſie mir gefallen hatte und mir heute noch ge⸗ fällt. Na, ſolch ein Werthſtück büßt man nicht gern ein, das iſt begreiflich. Helfe Er, wenn Er kann. Denke Er, daß Er mir einen Liebesdienſt damit thut.“ „Durchlaucht“, ſagte der Doctor, erſchüttert von der einfachen Weiſe des Schmerzes dieſes Mannes, der in allen Dingen ſeine Neigung zu Willkür und Gewalt⸗ that derart documentirte, daß es nicht ſchien, als ſei er einer ſanften Regung fähig,„was in meinen Kräften ſteht, wird ſicher geſchehen. Gegen den letzten Feind unſeres Lebens vermag jedoch kein Doctor zu kämpfen, und wäre er der Gelehrteſte unter den Ge⸗ lehrten.“ „Nun, nun, ſo weit wird's wohl noch nicht ſein, denke ich.“ 119 „Nein, dem Anſcheine nach nicht, ich meine auch nur ſo im Allgemeinen.“ Der alte Herr verfiel in kurzes Nachſinnen. Sich demſelben entreißend, ſprach er:„Das lob' ich an Ihm, daß Er nicht großſchnäuzig thut wie andere ſeines⸗ gleichen, die da glauben machen möchten, als könnten ſie den Tod einfangen und in einen Sack ſtecken, aus dem ſie ihn hin und wieder mit dem Kopfe heraus⸗ gucken laſſen. Bei Ihm ſtimmt's mit dem Liede: Wer weiß, wie nahe mir mein Ende, hin geht die Zeit, her kommt der Tod. Ja, ja, der iſt ein Tauſend⸗ ſchwerenöther. Weiß Er, Hofmedicus, was ich von ihm denke?“ „Von mir, Durchlaucht?“ „Vom Tode, meine ich.“ „Nun, was denken da Eure Durchlaucht?“ „Nun, ich denke, er wird ſich gegen mich nicht als Hundsfott benehmen und mich wie meinen lahmen Flügelmann Binſe auf ein langes Krankenlager ſtrecken, ſondern mir's Honneur machen und nach meiner Parole: Friſch drauf und dran! mich überrumpeln, daß es von mir wie von einem jeden rechtſchaffenen Grenadier im Kriege heißen kann: Heute roth, morgen todt. Na, müſſen’s abwarten.“ Der Hofmedicus genoß die Freude, die Fürſtin 120 wieder ſo weit herzuſtellen, daß die Befürchtungen, welche der Zuſtand großer Schwäche bei der hohen Frau in aller Herzen hervorgerufen hatte, ſich wieder zerſtreuten und ihr Gemahl ſich ſehr heiter zeigte. In dem ſtillen Deſſauer Hofleben hatte ſich nichts Beſon⸗ deres ereignet, ein Tag floß ſo ruhig hin wie der andere. Der Winter hatte zwar die Familie Herrn Leupold's wieder vereinigt, das heißt, ſeine Söhne waren auf kürzere oder längere Zeit an den väterlichen Hof zurückgekehrt, aber wenn auch dadurch das Leben am Hofe etwas friſcher pulſirte, ſo blieb es doch immer ein ſtilles, Prinzeß Fiekchen war die einzige luſtige Seele, welche in dem kleinen Familienzirkel die Rolle eines neckiſchen Kobolds ſpielte und ihres gnädigſten Großpapas zuweilen ungnädige Laune in der Regel auf gut Wetter trieb, denn Fiekchen hatte vollſtändig exerciren gelernt, und dem alten Herrn machte es viel Spaß, mit dem kleinen Dämchen, das ſich jedoch nicht ſo demüthig wie ſeine Grenadiere ſchikaniren ließ, Soldat zu ſpielen. Die Frau Hofmedicus hatte durch ihre neue Stel⸗ lung als Gattin eines bei Hofe und in der Stadt angeſehenen Mannes das Glück gefunden, um das ſie ſich in ſchwerer Verblendung faſt ſelbſt gebracht hätte, in Bezug auf ſie fand das Schriftwort: Im Himmel ₰ 1‿̊☚— VN 121 wird mehr Frohlocken über einen einzigen zurückgekehr⸗ ten Sünder ſein, denn über neunundneunzig Gerechte, ſeine volle Anwendung. Ihr Gatte genoß die ſchöne Ueberzeugung, in ihr eine Seele zu beſitzen, die ſich aufs innigſte an ihn ſchmiegte und keinen andern Willen hatte als den ſeinen. Es war eine große Wandlung mit ihr vorgegangen, und wenn der Doctor zuweilen ſcherzend zu ihr ſagte:„Ich kann's kaum glauben, daß Du, mein holdes Frauchen, dieſelbe Anna biſt, die an mir gezweifelt und mich in ſo ſchwerem Verdacht der Untreue gehabt hat!“ da antwortete ſie, ſeinen Hals umſchlingend, das Antlitz an ſeine Bruſt gelehnt und die Augen lächelnd zu ihm erhoben:„O glaub das nur, Du lieber theurer Mann, glaub's im⸗ mer; aber vergiß nicht dabei, daß eben dieſe meine thörichte Verirrung eine feſte Staffel zu meinem Glück geworden iſt, denn ich habe einen ungeheuer großen Treffer dadurch gewonnen, ich habe meinen Irrthum erkennen und an Dich glauben lernen. Das iſt ſo viel, daß ich fürs ganze Leben mit dem Reichthume auslange.“ Und das war auch ſo, wie ſie ſagte. Es würde ſchwer geweſen ſein, eine weibliche Seele zu finden, die reicher an Liebe und Vertrauen zu dem Manne ihrer Wahl hätte ſein können. Es verging ſelten ein Tag, 122 daß ſie nicht bei der Fürſtin, ihrer hohen Herrin, ſich einfand, und Prinzeß Amalie war ihr eine recht herz⸗ liche Freundin geworden. Die Frau Hofmedicus hätte nicht geſunde Augen und jenes feine Gefühl be⸗ ſitzen müſſen, wie Frauen in Dingen, die das Herz angehen, ſich dieſes Vorzugs vor den Männern er⸗ freuen, wenn ſie die Bemerkung, daß die Prinzeß ihrem Gatten eine Zuneigung entgegenbringe, welche über die gewöhnlichen Hochachtungsbeweiſe hinaus⸗ ging, überſehen haben würde, aber darüber kam keine Eiferſucht in Anna's Herz. Sie kannte ihren Ge⸗ mahl und wie hätte da, ſelbſt wenn ein Zweifel an dem edlen Charakter der Prinzeß ſich bei ihr ein⸗ geſchlichen, nur der leiſeſte Gedanke an eine Untreue ſeinerſeits bei ihr auffkfommen können! Sie verſtand den Sinn der Anſpielung, welche ihr Gatte gelegentlich eines Beſuchs der Prinzeß, die ſehr oft zu ihnen kam, nach deren Entfernung machte: „Das iſt auch eine weibliche Seele, die verhüllt umhergeht und das bittere Loos der Herzensverein⸗ ſamung trägt, weil ſie als eine arme Gefangene in den eiſernen Schranken ihres Geburtsranges ſich ein⸗ geengt fühlt, nicht darüber hinaus kann und zu edel iſt, um geheimen, vor der Welt verborgen gehaltenen Wün⸗ ſchen Rechnung zu tragen.“ +——— 3— ——— 123 Das Deſſauiſche Stillleben verlor eine ſeiner ſtereo⸗ typen Figuren, da man den alten Binſe eines Mor⸗ gens zeitig hinaustrug auf den guten Ort ewiger Ruhe. Ueber dem Grabe, das den lahmen Flügelmann auf⸗ nahm, krachten, wie üblich, die drei Ehrenſalven. Alte Kameraden hatten ihm das letzte Geleite gegeben; unter ihnen befand ſich auch einer, der dem alten Brapen, wie alle andern thaten, drei Hände voll Erde auf den Sarg nachwarf und dann ganz ſtill, die bekannte Marſch⸗ melodie: Friſch drauf und dran! vor ſich hinbrummend, den Friedhof verließ, an deſſen Gitterthor ein Reit⸗ knecht ein Pferd für ihn bereit hielt, auf das er ſich mit ungebrochener rüſtiger Kraft ſchwang und im Ga⸗ lopp davonſprengte, gefolgt von dem Stallbedienten. Bei dieſer Gelegenheit hatte der durchlauchtige Kam⸗ merad dem alten Binſe die beſte Erinnerung gewidmet, als er, vom Grabe weggehend, den Deſſauer Marſch vor ſich hinſummte. Der Binſe war ja einer von den noch wenigen lebenden Grenadieren geweſen, die zum erſten Male den Marſch auf dem Markte zu Caſſano gehört hatten. Als Erſatz für den alten, guten, lahmen Flügel⸗ mann, den jedes Kind kannte, war ſeit einigen Monaten ein Leierkaſtenmann aufgetaucht, von dem die Leute behaupteten, es ſei nicht richtig im Oberſtübchen bei 124 ihm. Es war ein trauriger und zugleich knapper Biſſen Brod, den der Mann verdiente. Sein ſchnurr⸗ bärtiges Geſicht deutete auf den Soldatenſtand, dem er angehört hatte; aber trotzdem äußerten die Grenadiere keine Sympathie für ihn, wie ſie das wohl gegen alte, ſchwache oder gebrechliche Invaliden zu thun pflegten, ſie ſagten von ihm im Gegentheil:„Der Rank war 'n Hund, der Jeden biß;'n Glück für uns, daß der Alm ihn ſo ausgezahlt hat.“ Die Erinnerung an Alm blieb durch die tägliche Erſcheinung des kopfwirren Leierkaſtenmanns in friſcher Anregung. Im Stillen freute ſich Jeder, daß dem Rächer ſo vieler an ihnen verübten Unbilden die De⸗ ſertion gelungen ſei. Ein ſolches gut ausgefallenes Kunſtſtück war ſtets ein heimliches Gaudium für die Grenadiere, und der Alm'ſche Fall machte ihnen ganz beſonderes Vergnügen, ſie betrachteten denſelben wie eine gerechte und offenbare Inſchutznahme des Himmels, welche ihrem Kameraden zu Theil gewor⸗ den war.* Keins von dieſen Opfern roher Willkür ahnte, daß es in Deſſau auch noch andere Leute geben könne, bei denen die Erinnerung an den Alm oft Gegenſtand der Unterhaltung ſei. Prinzeß Amalie und der Hofmedi⸗ cus und ſeine Gattin nahmen ſelbſtverſtändlich den 5 N m er diere alte, gten, war Alm lliche ſcher dem De⸗ enes die hnen lben des vor⸗ daß bei der edi⸗ den —-——— ——— 125 regſten Antheil an Fortunatus' Schickſal. Dieſer und ſeine Gemahlin genoſſen im Beſitze ihres Söhnchens das höchſte Glück. Der Graf hatte an den Hofmedicus geſchrieben. „Wenn mich nicht Pflichten gegen meine theure Gemahlin und unſer herziges Söhnchen zwängen, die Rechte zu erwerben, auf welche ich hinſichtlich meiner Geburt den vollgültigſten Anſpruch habe, ich würde nicht daran denken, je wieder den Namen Almeslo führen zu wollen. O mein lieber Freund, es man⸗ geln mir die Worte, um die Empfindung auszu⸗ drücken, die ein ſo glücklicher Menſch, wie ich einer ge⸗ worden bin, in ſich trägt. Welch ein fröhliches Be⸗ wußtſein! Ich arbeite für die Meinigen. Darin liegt eine Seligkeit. Als Sohn eines reichen Hauſes habe ich davon nichts gewußt, ja, ich hätte es nicht einmal geglaubt, wenn Jemand mir davon geſprochen. Mein Gehalt hier iſt nicht bedeutend, aber er reicht zu unſern Lebensbedürfniſſen vollkommen aus. Wir führen ein ſehr ſtilles Leben und darum iſt es auch möglich, mit dieſem Gehalte auszukommen. Auf des rechtſchaffenen Herrn Homilius Rath, wel⸗ cher einen Beſuch bei uns gemacht hat, habe ich meinem Vater Nachricht von meinem Leben— wohl zu mer⸗ ken, nur von meinem Leben, von meiner Exiſtenz über⸗ 126 haupt— nicht aber von meinem Aufenthalte hier und nicht von der Exiſtenz meiner Gemahlin gegeben. Der wackere Advocat hielt es für nöthig, damit, wenn die gnädigſte Frau Stiefmama meinen alten, ſchwachen Vater zur Abfaſſung eines mir ungünſtigen Teſta⸗ ments gedrängt hätte— und ihr Charakter macht dies mehr als wahrſcheinlich— die Aenderung oder viel⸗ leicht gar die Verwerfung deſſelben herbeigeführt werden könnte. Homilius hat, wie er mir nach⸗ gehends angezeigt, dies an meinen Vater adreſſirte Schreiben durch einen ihm ſehr zugeneigten und wegen einer früher glücklich für ihn durchgeführten Proceß⸗ ſache noch dankbaren hohen Beamten der königlichen Majeſtät zu Berlin nach Breslau abgehen laſſen und zwar unter königlichem Siegel, um dadurch die Mei⸗ nung zu erwecken, ich befände mich in Berlin. Gegen den alten Harbich, meinen ungetreuen Diener, beob⸗ achtet Herr Homilius tiefes Schweigen über meine Exiſtenz, ſowie über die mir gewordene Schickſalsgunſt, mein Kind gewonnen zu haben, und ich bin mit dieſem Schweigen vollkommen einverſtanden. Bevor ich nicht in gewiſſeſte Erfahrung gebracht habe, daß die gnädigſte Frau Stiefmama im Hauſe meines Vaters nicht mehr das Regiment führt, werde ich mein Vaterhaus nicht betreten; ich fürchte — hrt, 127 die Bosheit, die Machinationen dieſes Weibes zu ſehr, denn nicht mein Leben allein, auch das meiner Ge⸗ mahlin und unſeres kleinen Fortunatus würde bedroht ſein.“ Das waren die Hauptſtellen in dem Schreiben des Grafen. Von Barthel, der es unterdeß bis zum Kor⸗ poral gebracht hatte, erfuhr der Hofmedicus ausführ⸗ lich den Vorgang im Niederdorfe Faulbrück im Häus⸗ chen der verwittweten Dore Melchior, wo Kamerad Alm ſein Kind zum erſten Mal geſehen und an ſein Herz gedrückt hatte. Zugleich aber erwähnte der wackere Barthel auch, daß wie er in Erlahrung gebracht habe, im Stillen Nachforſchungen ſogar bei ſeinem Re⸗ gimente geſchehen ſeien, ob ihm, Barthel, etwa Frau Melchior gefolgt wäre, was klar beweiſe, daß das Ver⸗ ſchwinden dieſer Frau mit dem Kinde bei den vor⸗ nehmen Leuten in Breslau großen Schreck bewirkt haben müſſe. Für die in Deſſau lebenden, bei der Rettung des Grafen betheiligt geweſenen Perſonen war es eine große Freude, denſelben ſo glücklich zu wiſſen und ſie ſprachen manch liebes Mal von ihm, denn obwohl Frühjahr und Sommer ihre ſegnende Bahn wandelten, gab es in Deſſau doch nichts Neues, Alles ging im gewöhnlichen Tagesgleiſe ſeinen ruhigen Gang fort. 128 Für Preußen war das Jahr 1743 ein Friedensjahr und es gab ſonach auch in Deſſau keinerlei Truppen⸗ bewegungen, außer den eingeführten ſteten Exercir⸗ übungen. Gelegentlich einer großen Truppenmuſterung bei Magdeburg, welcher der König und die königlichen preußiſchen Prinzen beiwohnten, wurden— die Mißhellig⸗ keiten hatte man fallen laſſen— Herrn Leupold, wel⸗ cher perſönlich dem Könige ſein prächtiges Halleſches Grenadierregiment vorführte, die höchſte Bewunde⸗ rung und ungetheilteſter Beifall geſpendet, was den alten Deſſauer allen gehabten Aerger ſofort vergeſſen ließ. Faſt ſchien es, als wenn die Erwartung, daß Preu⸗ ßen unbetheiligt an den von den beiden Parteien für und wider Oeſterreich fortgeführten Krieg bleiben werde, in Erfüllung gehen ſolle; aber in aller Stille rüſtete König Friedrich zum neuen Kampfe, da er der richtigen Anſicht war, daß der erſte Krieg um Schleſien nicht der letzte bleiben könne, und ſeine Vorausſicht betrog ihn nicht. Um ſeiner ſelbſt willen fand er ſich bald genöthigt, wieder in der Arena zu erſcheinen, wo die dynaſtiſchen Intereſſen mit dem bereits überreichlich vergoſſenem Blute der Völker ausgefochten werden ſollten. Der Sieg, den die vereinigten deutſchen und eng⸗ —— 129 liſchen Truppen unter Georg II. von England am 27. Juni 1743 bei Dettingen am Main über die Feinde der Kaiſerin Maria Thereſia, Franzoſen und Baiern, erfochten hatten, ward für König Friedrich der Finger⸗ zeig für ſein Verhalten. Ein Brief des Siegers an Maria Thereſia, worin er ihr den Rath gab, alles das ihr Genommene, alſo auch Schleſien, ſich wieder⸗ erſtatten zu laſſen, belehrte ihn, daß, wolle er nicht der in Verluſt Gerathende ſein, er den geeigneten Zeitpunkt wahrnehmen müſſe, bei dem Kampfe gegen Maria Thereſia ſich zu betheiligen. Die Angelegenheiten des Gegenkaiſers, des Baiern Albrecht, ſtandenziemlich mißlich, die öſterreichiſchen Waffen waren im Siege und es mußte daher dem franzöſiſchen Hofe, der bei fortdauernden Mißerfolgen ſeiner Anſtrengungen, dem baierſchen Kurfürſten ſeinen Kaiſeranſpruch mit gewaffneter Hand wahren zu helfen, nur erwünſcht ſein, daß König Friedrich ihm ſeine Allianz anbot, die denn auch am 5. Juni 1744 zu Verſailles vom Her⸗ zog von Richelieu— Cardinal Fleury war ein Jahr früher verſtorben— und dem preußiſchen Bevoll⸗ mächtigten als Offenſiv⸗ und Devenſivvertrag zwiſchen beiden Kronen abgeſchloſſen wurde. Zwei Monate ſpäter rückte König Friedrich, nachdem er vorher noch zu Frankfurt am Main mit dem Gegenkaiſer Albrecht, Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. V. 9 dem Kurfürſten von der Pfalz und dem Landgrafen von Heſſen⸗Kaſſel ein gleiches Bündniß abgeſchloſſen, plötzlich mit bedeutender Heeresmacht durch einen Theil des nordöſtlichen Sachſen in Böhmen ein. Der Anfang dieſes Feldzugs verſprach viel, in kürzeſter Zeit bemächtigten ſich die Preußen des größ⸗ ten Theils von Böhmen. Aber was iſt wandelbarer als das Glück! Bald ſah ſich König Friedrich genöthigt, aus Böhmen zu weichen und die im Siege befindlichen Oeſterreicher griffen ihn ſogar in Schleſien an. In dieſer Noth empfand der König, daß er noch nicht ge⸗ nugſam gereift ſei in den Erfahrungen eines Feldherrn, und rief den alten Deſſauer, welcher bisher ruhig in ſeiner Reſidenz gelebt, zu ſich. Es war am 12. December 1744, als Herr Leupold in Schweidnitz bei dem König eintraf, der den Ober⸗ befehl über die ſchleſiſche Armee an ihn abtrat und ſich nach Berlin begab, um dort die politiſchen Ange⸗ legenheiten zu leiten. Mit großem Verdruſſe bemerkte der alte Fürſt, daß es im preußiſchen Heere anders geworden, daß unter den Offizieren die frühere Reli⸗ gioſität einer üblen, nur auf Spötterei bedachten Frei⸗ geiſterei gewichen war und überhaupt unter dieſen Herren Perſonen und Sinnesweiſen ſich vorfanden, die ſeinen Anſchauungen total zuwider waren. So gerade⸗ 131 zu auch der alte Deſſauer ſich in allen Dingen zeigte, ſodaß Jeder zu dem Glauben verleitet wurde, ruhiger, prüfender Scharfblick ſei ſeine Sache nicht, ſo erkannte ſein geſunder Verſtand doch, daß der König ihm nicht ungetheiltes Vertrauen ſchenke, ſondern ihm den Gene⸗ ral Schmettau als Spion und Berichterſtatter aller ſeiner Anordnungen und Unternehmungen an die Seite geſetzt habe, und dieſe gegründete Vermuthung übte auf den leicht in Grimm gerathenden alten Herrn einen lähmenden Einfluß, ſodaß es wiederholter könig⸗ licher Befehle bedurfte, um ihn zum Vorgehen gegen den in Oberſchleſien ſtehenden Feind zu bewegen. Dabei war kein Siegeslorbeer zu erringen, denn überall wichen die Oeſterreicher vor ihm zurück. Schwer erregt von dieſen Verdrießlichkeiten, ging er nach Neiſſe zurück. Seine beiden Söhne, der Erbprinz Feldmar⸗ ſchall Leopold Maximilian und ſein jüngſter Sohn, ſein Liebling, Prinz Moritz, welcher letztere heftig krank darnieder lag, bewohnten mit ihm ein und daſſelbe Haus. Es war am 8. Februar 1745, als der Fürſt in höchſt ärgerlicher Stimmung in ſeinem Gemache nach ſeiner gewöhnlichen Weiſe auf und nieder ſchritt. Auf dem Tiſche lag ein kurz zuvor angekommener Be⸗ fehl vom König General von Lehwaldt ſolle mit zehn⸗ 9* tauſend Mann in der Grafſchaft Glatz einrücken und dieſe vom Feinde reinigen. Herr Leupold hätte dieſe Miſſion gern ſeinem Sohne Moritz zugewendet, indeß war deſſen Geneſung nicht erſt abzuwarten, der Befehl lautete: ſofort. Das erboſte den alten Herrn außer⸗ ordentlich. Er hätte ſo gern einen Ableiter für ſeinen Grimm gehabt. Da riß es plötzlich die Thür auf, ſein Kammerdiener, der Jakob Kältſch, ſtolperte wie blind über die Schwelle. „Iſt Er des—“ Herr Leupold vollendete nicht das, was er dem alten treuen Diener entgegenrufen wollte, denn er bemerkte deſſen todtenbleiches Geſicht und wie der alte Mann an allen Gliedern zitterte. Was konnte denn geſchehen ſein, daß ihn in dieſen ungewöhnlichen Zu⸗ ſtand verſetzte? Und die Thränen liefen dem alten Kältſch in großen Perlen über die gefurchten Wangen herunter. „Was iſt denn? Rede Er doch zur Schwerenoth!“ „Unſere gnädigſte Landesmutter—“ Mehr brachte der Alte nicht heraus, aber er legte eine ſchwarz ge⸗ ſiegelte Depeſche auf den Tiſch. „Was? Kältſch! Was?“ „Ein Kurier hat's aus Deſſau gebracht.“ Jetzt folgte eine Pauſe. Die beiden mit einander — —— 133 alt gewordenen Männer ſtanden einander gegenüber. Der Herr ſchien verſteinert, keine Muskel zuckte an ihm, die Augen waren weit aufgeriſſen, als ſei der Kältſch ein Geſpenſt, das plötzlich vor ihn hingetreten. Sein ohnehin finſtres Geſicht ſah ſchrecklich in dieſer Erſtar⸗ rung aus. Der Diener ſchien dagegen in ſeinem gan⸗ zen Halt gebrochen, und trotz ſeiner Jahre war er doch noch ſo ſtramm, daß von einem gekrümmten Rücken auch nicht eine Spur bemerkt wurde; jetzt aber war er förmlich in ſich zuſammengeſunken und konnte die Thränen nicht ſtillen. Plötzlich kam Leben in des Fürſten ſtarre Geſtalt. Mit einer Stimme, die Todte aus dem Grabe erwecken konnte, brüllte er auf: „Meine Annelieſe!“ In Fetzen flog das umhüllende Couvert zu Boden. Das Schreiben flog, wie von hef⸗ tigem Luftzug bewegt, in ſeiner Hand hin und her. Da ſtand es Schwarz auf Weiß. Seine Gemahlin ſeine Stütze, ſeine Liebe, an der er faſt ein halbes Jahr⸗ hundert lang feſtgehalten, wie an ſeinem guten Genius, war heimgegangen. Am fünften Februar plötzlich erkrankt, hatte der Tod wenige Stunden ſpäter ſein Erlöſungswerk an ihr vollzogen. Der gewaltige Feldherr, den das Aechzen und Stöhnen Verwundeter und Sterbender auf den Schlacht⸗ feldern nicht rührte, der mit kaltem Blicke die Geſchoſſe 134 in die lebendigen Mauern einſchlagen ſah, der nur an Sieg, ausſchließlich allein an Sieg dachte, ob Hunderte oder Tauſende wimmernd oder mit Verwünſchungen auf den bleichen Lippen ſich in ihrem Blute wälzten und von den Hufen der Roſſe zertreten oder von den Rädern über ſie hinrollender Kanonen zermalmt wur⸗ den, ſtürzte mit einem ſo wilden Schrei zu Boden, daß der alte Kältſch zum Tode erſchrocken an die Wand taumelte. Als ſich der alte Diener von ſeinem Schreck geſammelt hatte, eilte er ſeinem Herrn zu Hülfe, denn einen fremden Zeugen von deſſen Schwäche herbeizu⸗ rufen wagte er nicht. Nach langer Zeit erſt gelang es ihm, den Fürſten ſo weit zur Beſinnung zu bringen, daß er ſich aufrichtete. „Meine Annelieſe, meine Annelieſe!“ ſchrie der alte Herr, die geballten Fäuſte krachend auf den Tiſch fallen laſſend.„Kältſch! Meine Annelieſe!“ „Durchlaucht, ich bin hin vor Schreck; unſere ſeelens⸗ gute, gnädigſte Frau todt!“ Der Schmerz übermannte Herrn Leupold ſo ſehr, daß er mit den Füßen ſtampfend laut heulte; aber plötzlich ſchien ein Gedanke durch ſeinen Kopf zu ſchießen. Das Unglücksſchreiben in der Hand ſtürmte er ſchreiend und heulend aus dem Zimmer, den Corridor entlang⸗ und die Thür des Gemachs, in dem ſein kranker Sohn 135 Moritz lag, ſo gewaltſam aufreißend, daß deren beide Flügel praſſelnd an das Gewände ſchlugen, raſte er hinein zum Bette des Kranken, der ſich entſetzt auf⸗ richtete und fragte:„Was iſt denn geſchehen?“ „Moritz, Moritz! Der Teufel hat Deine Mutter ge⸗ holt!“ brüllte der alte Fürſt unter heftigem Schluchzen und warf ſich wie beſinnungslos zu Boden nieder. Viertes Kapitel. Ein warmer fröhlicher Maitag war nach einer regenreichen Gewitternacht heraufgeblüht, das von blendendem Sonnenglanz durchfloſſene Luftmeer trieb milde, friſchduftige, vom Brodem der Felder und Wieſen durchſchwängerte Wellen über das Land hin, das jetzt im vollen Blütenſchmucke ſtand. Aus der reichen Baumwelt des Oranienbaumer Luſtgartens ſchallte das vielſtimmige Halleluja der gefiederten Sänger und ge⸗ ſchäftig ſummten die fleißigen Bienen über die blumi⸗ gen Wieſen hin, während die Schwalben im pfeilſchnel⸗ len Fluge tief niederſchwirrend oder hoch aufſteigend nach Atzung ſuchten. Es war ein wonniger Maitag, der im funkelnden Demantſchmuck zahlloſer Regenperlen an Gräſern, — 8 — ,— 137 Sträuchern und Baumblättern ſich in die Reihe der Wunder ſtellte, wie ſie Gemüth und Herzen erfreuend den Menſchen Erhebung bringen, weil keine lebende Seele ſo nachtdunkel iſt, daß ſie ſich ſolcher Schönheit ganz und gar verſchließen könnte. Auch Herr Leupold ſchien, ſo bitterer Gram auch ſein ſonſt nicht der Weichheit ſich zuneigendes Gemüth erfüllte, im Glanze dieſes himmliſchen Morgens ſich ſanftern Regungen hinzugeben. Wie bei ſeinen Grenadieren es alter Brauch war, mit entblößter Bruſt dem Feinde entgegen zu rücken, ſo auch ſtand er am weitgeöffneten Fenſter im Oranien⸗ baumer Schloſſe, mit allen Zügen den linden und doch kräftigen Morgenhauch einathmend. Es hatte den eiſenfeſten Mann ſchwer angegriffen, das ſchwere Leid, das ihn getroffen. Tagelang verließ er in Neiſſe das Zimmer nicht, er weinte und wehklagte beſtändig, kein Schlaf kam in ſeine Augen, kaum daß man ihn dazu brachte, einige Nahrung zu ſich zu nehmen. Wie oft rief er da, wenn ſein alter Kammerdiener ihm zuredete, er ſolle doch nicht ſich ſelbſt über ſeinem großen Schmerz ver⸗ geſſen, gegen Gottes Anordnung könne der Menſch nicht aufbäumen und wäre ihm die höchſte Würde und Herrlichkeit der Welt und die größte Macht und Kraft 138 gegeben:„Meine Annelieſe! Kältſch! Meine Anne⸗ lieſe!“ Er hatte wenig Ausdrücke für ſein Weh, es war zu ungeheuer, als daß er einen ſolchen hätte finden ſollen, und darum auch blieb für den erſten Schreck, als er die Trauernachricht empfangen, ſein tiefſtes Ge⸗ fühl an den roheſten Ausdruck gebannt. Stand ihm doch nur eine Sprechweiſe für Alles, was ihn bewegte, für jede Regung ſeines Innern zu Gebote! Nur in dieſer war es ihm möglich geweſen, ſeinem Sohne Moritz die Todesbotſchaft mitzutheilen. Er verfiel ſicht⸗ bar, ſodaß ſein Zuſtand Beſorgniß einflößte. Nur die Kriegsangelegenheiten konnten ihn zu einiger Thätig⸗ keit zurückrufen; aber ſie waren nicht der Art, daß ſie ſeinen kriegeriſchen Geiſt herausgefordert hätten, als Feldherr aufzutreten, denn am 13. Februar 1745 hatten die von General Lehwaldt commandirten Preußen die Oeſterreicher unter dem General Grafen Wenzel von Wallis bei Habelſchwerdt gänzlich geſchla⸗ gen, unmittelbar darauf die ganze Grafſchaft Glatz beſetzt und ſomit Schleſien wieder in König Friedrich's Hand zurückgebracht. Auf ſchriftlich nach Berlin abgeſandte Bitte des alten tiefgebeugten Fürſten entließ ihn der Ende März nach Neiſſe gekommene König des Obercommandos in „,— — ne⸗ „ 139 Schleſien, indem er ihm den Auftrag gab, ſobald er ſich in Deſſau von ſeinem ſchweren Kummer etwas erholt haben werde, in der Magdeburger Gegend ein Beobachtungsheer zuſammen zu ziehen, da Oeſterreich, England(Hannover), die Niederlande und Sachſen zu Warſchau am 8. Januar 1745 ein enges Bündniß geſchloſſen hatten und es von gut bezahlten Spionen verrathen worden war, daß Sachſen unter dem Schleier des Geheimniſſes in Verhandlung wegen eines beſon⸗ dern Vertrags mit Oeſterreich ſtehe. Herr Leupold begab ſich nicht nach Deſſau, ſondern nach dem Luſtſchloſſe Oranienbaum. Seine Trauer um ſeiner Gemahlin Tod verleidete ihm den Aufent⸗ halt in ſeiner Reſidenz, wohin er nur kam, um der von ihm angeordneten Leichenbeſtattung der Theuren beizuwohnen. Das war ein ſchlimmer Tag für ihn. Die Augen wurden ihm nicht trocken an dem Tage, und als er bei der vor ihm im geöffneten Sarge lie⸗ genden Lebensgefährtin ſtand, da bebte die kräftige Geſtalt des Gewaltigen wie unter Fieberſchauern zu⸗ ſammen, und den Blick auf den bei dieſem Wiederſehen anweſenden Hofmedicus richtend, ſagte er: „Glaub Er mir's, das iſt das erſte Mal, daß meine Annelieſe mich betrübt hat.“ In dieſer mühſam hervorgepreßten Aeußerung gab glänzendes Thätigkeit. Anderer geworden, freundlich und gut bei Anläſſen, die ihn ſonſt in den heftigſten Zorn gebracht. Wenn ſich ein Zeugniß lang durchlebten Glückes kund, kein Dichterwort hätte der Heimgegangenen einen ſchönern und wahrern Nachruf zollen können. So ſprach er, ſo ſprach das Land, und es iſt etwas 4 Heiliges um die Stimme des Volkes. Das rüſtig vorwärts ſchreitende Frühjahr kräftigte des Fürſten hart angegriffene Geſundheit und der ihm ertheilte Auftrag des Königs, welcher ihn öfter nach Magdeburg führte, Man ſagte ſich damals, er ſei ein ganz 140 bot ihm zerſtreuende kriegeriſche — auch dieſe Wahrnehmung nur für die Zeit paßte, in der ihn der Kummer ſo ganz und gar überwältigte, ſo hatte doch einer, der voller Furcht ſich ihm nahte, das Glück, finden. An dem erwähnten Maimorgen, faſt gegen Ende des Monats, trat ein junger, in der Mitte der Zwanzig ſtehender Mann in den Garten, weil man ihm ge⸗ ſagt hatte, Seine Durchlaucht werde beim Frühſtück im Pavillon zu finden ſein. An Ueberfluß von Dienern litt des Durchlauchtigen Hof niemals; der junge Fremde begegnete auch wirklich Niemand in den Gängen, der ihn hätte zurecht weiſen können. eine gnädige Aufnahme bei ihm zu ———— Die Stimmung des 141 Suchenden würde eine durch die Schönheit des Mor⸗ gens, der gleich einem ſſüßen Himmelsfrieden über der grünen Welt ausgegoſſen lag, und durch den fröh⸗ lichen Vögelgeſang eine heitere geweſen ſein, wenn ihm das Herz nicht ſo ängſtlich geklopft hätte vor dem erſten Zuſammentreffen mit Herrn Leupold, der, wie man ihm geſagt hatte, ein wahrhafter Cerberus ſein ſolle, dem zu nahen eben nicht zu den freudereichen Erlebniſſen gehöre, abſonderlich für Leute, die dem Kriegshandwerk nicht angehörten. Der Fremde hatte wohl den Pavillon gefunden, auch war derſelbe offen, aber keine Durchlaucht darin. Nachdem er das kleine Gebäude umgangen und wieder an deſſen Eingang ſtand, blickte er zufällig in die Höhe. Ueber die nicht hohen Akazienbäume mit ihrem vielfingrigen Blätter⸗ reichthum ſchaute der obere Theil des Schloſſes empor und an einem offenen Fenſter ſah er eine große Män⸗ nergeſtalt in Hemdärmeln ſtehen, die Bruſt entblößt, und zugleich entging es ihm nicht, daß der dieſen er⸗ habenen Standpunkt Einnehmende ihn ſcharf beobach⸗ tete. Das mußte der Durchlauchtige ſein, weil wohl Niemand ſich unterſtanden haben würde, in einem fürſtlichen Schloſſe derartige Fenſterparade zu machen. Der Fremde ſchlug alſo den nächſten Weg nach dem Schloſſe ein und hier erſt begegnete er einem Diener. 142 „Richtig, das iſt Seine Durchlaucht da oben“, ſagte der Lakai.„Gehe der Herr nur hinauf. Der Kammer⸗ diener wird Ihn ſchon melden.“ „Herein!“ In dieſem zweiſilbigen Worte, das der im Vor⸗ zimmer Stehende ganz deutlich aus dem fürſtlichen Ge⸗ mache vernehmen konnte, lag etwas wie eine Andeu⸗ tung von entferntem Donnerrollen.„Behüt' mich Gott“, ſagte der Fremde leiſe zu ſich, als ihm der alte Jakob die Thür öffnete. Seine Durchlaucht muſterte nach ſeiner Gewohnheit den mit einer tiefen Verbeugung vor ihm Hingetretenen. Eine militäriſche Haltung hatte dieſer zwar nicht, aber er war ein ganz hübſch gewachſener junger Mann, und wenn er auf eine beſondere Auszeichnung, die ihm der gütige Himmel als Ausſteuer fürs Leben mitge⸗ geben, Anſpruch machen konnte, ſo war dies ein ein⸗ nehmendes, ernſt⸗freundliches, Zutrauen erweckendes Geſicht. „Er ſoll mein Stabsſecretär ſein?“ fragte Herr Leupold. „Werde die Ehre haben, Durchlaucht, und empfehle mich zu hohen Gnaden. Hier iſt mein Beſtallungs⸗ decret vom königlichen Generaldirectorium.“ „Lege Er hin. Wie heißt Er?“ 143 „Johann Wilhelm Ludwig Gleim, gebürtig aus Ermsleben.“ „So? Gleim— kurzer Name, gut aber.“ Nach einer Weile fragte er:„Er iſt wohl ein Studirter?“ „Was ein Menſch fürs Haus braucht.“ „So? Soldat war Er nicht?“ „Nein, Durchlaucht.“ „Hat wohl keine Kanonen in Seinem Leben ge⸗ ſehen?“ „Bitte ſehr, Durchlaucht. Ein Grenadier kann nicht mehr im Feuer geweſen ſein als ich.“ „Als Er? Das wäre die Schwerenoth! Wo?“ „Vor Prag.“ „Hm! Theil' Er mir's doch mit.“ „Kam vom Herrn Obriſt der königlichen Leibgarde, Herrn von Schultze, wo ich Hauslehrer war, zu Seiner Hoheit Prinz Wilhelm, Sohn des Herrn Mark⸗ grafen von Schwedt, als deſſen Secretär und mit dem lieben jungen Herrn, der mir ſein ganzes Vertrauen ſchenkte, nach Böhmen im vorigen Jahre. Es war ein böſer Tag der ſiebzehnte September, als Prag geſtürmt wurde. Seine Majeſtät der König hielten, um die Schlacht überſehen zu können, mit Allerhöchſtdero hohen Offizieren auf einem Hügel. Der Prinz hielt unmit⸗ telbar hinter des Königs Majeſtät und ich hatte mich, da ich mir noch keine Vorſtellung von einer Schlacht machen konnte, mit des Prinzen Erlaubniß unter die begleitenden Offiziere gemiſcht. Plötzlich, man mußte uns bemerkt haben, ſauſte ein Kugelhagel dicht vor uns nieder. Ein Schrei rang ſich durch das Praſſeln und Ziſchen und den wüthenden Kanonendonner. Von all den uns niederſchmettern ſollenden Kugeln hatte nur eine ihr Ziel gefunden, meines lieben guten Prinzen Bruſt. Er ſtürzte vom Pferde. Von ſeinem Blute überſchüttet, half ich ihn nach der nächſten Baracke tragen nnd empfing den Auftrag, ſeine Leiche nach Berlin zu begleiten.“. An des weichherzigen Gleim Wimpern hingen ein paar Thränen. „Er weint ja, wie mir ſcheint.“ „Ja, Durchlaucht, um einen guten Menſchen, den man geliebt hat, darf man weinen, das iſt keine Schande. Schande wäre es Jedem, der trockenen Auges bliebe und hätte doch ein theures, ihm gütig zuge⸗ neigtes Menſchenherz durch den Tod verloren.“ Der alte Deſſauer wendete ſich raſch von ihm weg und machte einen Gang nach einem andern Fenſter, das er aufwirbelte und zu dem er lange hinausſah. Gleim blieb wie verlaſſen ſtehen. Er wußte nicht, wie er das ₰ deuten ſollte. Er hatte viel von den Schrullen des alten Herrn gehört— war das auch eine, daß er ihn ſtehen ließ wie einen, der recht überlei iſt? Plötzlich räusperte ſich Seine Durchlaucht und das Fenſter verlaſſend, kam er auf ihn zu. Mit ungemeinem Wohlwollen ſagte er zu ihm: „Er bleibt alſo bei mir, Gleim; denke, wir werden einen ganz guten Faden zuſammen ſpinnen. Laſſe Er ſich ein Frühſtück hier geben, unterdeß ſchreibe ich ihm den Einquartierungszettel für Deſſau, richte Er ſich da ein. Jetzt ſind die Geſchäfte noch nicht von Bedeutung. Da hat Er wenig zu thun, dann und wann mit mir nach Halle oder nach Magdeburg zu fahren. Die nöthige Schreiberei beſorgt Er in Deſſau. Wenn Er dort Langeweile haben ſollte, gehe Er zu meinem Hofmedicus — iſt'n reſpectabler Mann, kann ihm den empfehlen.“ Eine entlaſſende Handbewegung endete dieſe Vor⸗ ſtellung. Gleim war überraſcht, ſo gnädigen Empfang hatte er ſich nicht träumen laſſen, und alle Welt nannte Herrn Leupold einen Unmenſchen, einen Wütherich! Wie reimte ſich das zuſammen? Das wurde ihm erſt klar, als er der Weiſung des Fürſten, ſich mit dem Hofmedicus bekannt zu machen, Folge geleiſtet hatte. Da erfuhr er, daß ſeine Ent⸗ egnung, es ſei Schande für Jeden, dem der Tod ein 9 I Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. V. 10 146 theures Menſchenherz genommen, wenn er trockenen Auges bliebe, eine tief verborgene Saite im Herzen des Gewaltigen angeſchlagen habe.. Mit dem Hofmedicus ſtand Gleim bald in freund⸗ ſchaftlichem Verkehr. Das friſche, offene und doch jedes Aufſchwungs für Schönes und Erhabenes fähige Na⸗ turell des Doctors mußte ein ſo inniges, der Poeſie geneigtes Gemüth, wie das Gleim's, ungemein an⸗ ſprechen. Sie ergänzten ſich gegenſeitig in ihren An⸗ ſchauungen und Meinungen. Und war das häusliche Glück des Hofmedicus nicht ſo lieb, ſo anheimelnd, daß Jeder, der Sinn für Häuslichkeit hatte, ſich mit glück⸗ 4 lich fühlen mußte? Eines Tages ſagte der Hofmedicus, ſeinen kleinen Erſtgeborenen auf den Knieen reiten laſſend: „Weiß Er, mein lieber Gleim, daß wir Chriſten ſehr unrecht thun, die Juden zu verachten?“ „Warum ſoll ich das nicht wiſſen?“ erwidere Gleim.„Sie ſind Beklagenswerthe, an denen wir Chriſten himmelſchreienden Frevels uns ſchuldig wiſſen,— indem wir ihnen die heiligſten Rechte entzogen haben und leider in unſaglicher Verblendung täglich noch ent⸗ ziehen, die Rechte der Gleichſtellung mit uns. Darum ſind die traurigen Eigenſchaften der Hab⸗ und Wucher⸗ ſucht ſo ſehr bei ihnen entwickelt. Jeder Gedrückte 147 oder Unterdrückte ſucht ſich auf irgend eine Weiſe zu entſchädigen, fortdauernder Druck erniedrigt den Men⸗ ſchen in ſeinem Werthe, er macht ihn ſich ſelbſt vergeſſen, er macht die Seele gleichſam ſchartig und ſtumpf.“ „Ich meine das nicht, mein lieber Gleim“, nahm jener das Wort. „Was denn?“ „Die Vorurtheile, welche ſich gegen die Juden bei uns Chriſten eingebürgert haben, würden bald, denke ich mir, ſchwinden, wenn man wüßte, wie in der ärm⸗ ſten Judenfamilie die Liebe zwiſchen Aeltern und Kin⸗ dern ein Kleinod ohnegleichen iſt, welchen Entbeh⸗ rungen arme jüdiſche Aeltern ſich unterwerfen, um nur für ihre Kinder zu ſorgen. Es iſt rührend, dieſe ge⸗ genſeitige Liebe zu ſehen. Menſchen, die ſolche heilige Empfindungen in ſich tragen und als ihres ganzen Lebens höchſtes Gut mit einer bewunderungswürdigen Ausdauer pflegen, muß man achten, und wäre dieſe Achtung nur erſt in den Herzen der Chriſten angebahnt, ſo würden bei jedem Vernünftigen die Vorurtheile ge⸗ gen die Juden wenigſtens vorerſt in den Herzen derer ſchwinden, die ſich ſo gern die beſſern Klaſſen nennen. Die Folgen des Beiſpiels könnten für die Dauer nicht ausbleiben, auch die ungebildete Volksmaſſe würde davon berührt werden und das wäre dann gleich dem erquicken⸗ 10* 148 den Waſſerſtrahl, welchen Moſis Stab aus dem Felſen ſpringen ließ.“ „Ich bekenne, liebſter Hofmedicus, daß ich vom jüdi⸗ ſchen Familienleben gar nichts weiß, die Gelegenheit, es kennen zu lernen, iſt mir fern geblieben, ja aufrich⸗ tig geſtanden, ich habe nicht daran gedacht, eine ſolche Kenntniß mir zu verſchaffen. In Seinem Wirkungs⸗ kreiſe hier, wo ſo viele Juden wohnen, iſt das natür⸗ lich etwas Anderes.“ Die Magd kam ins Zimmer, um das Kind ins Bad zu holen. Das gab viel Lärm, denn der kleine Weltbürger proteſtirte ganz entſchieden gegen dieſe Vergewalti⸗ gung mit Händen und Füßen und einer äußerſt hell⸗ tönenden Stimme; indeß der Lauf der Weltgeſchichte, wonach der Schwache ſtets unterliegt, bethätigte ſich auch an ihm, und zum Fenſter tretend, an welchem Gleim ſtand, ſagte der Hofmedicus:„Es iſt ſicher für jeden Vater ein frohes Bewußtſein, daß ſein Erbe eine kräftige Lunge hat. Der meinige iſt, wie Er, Herr Stabsſecretär, jedenfalls zum Erſchrecken gehört hat, mit dieſem Segen reichlichſt ausgeſtattet.“ Die beiden Männer waren von ihrem Geſprächs⸗ thema ganz abgekommen, heitere Erinnerungen aus ihrer Studentenzeit an deſſen Stelle getreten. Es ge⸗ 149 hörte unter allen Umſtänden zu den Seltſamkeiten, daß Gleim als akademiſcher Bürger zu Halle, wo zwiſchen Studenten und dem daſelbſt garniſonirenden Grenadier⸗ regimente des alten Deſſauers oft ziemlich arge Rei⸗ bungen vorkamen, doch niemals den alten Herrn von Angeſicht zu Angeſicht geſehen hatte. „Ja, wie konnte ich nur ahnen, daß ich dereinſt die Ehre haben ſollte, als Stabsſecretär bei Seiner Durch⸗ laucht Anſtellung zu finden! Ich, ein Menſch, der der perſonificirte Frieden iſt!“ lachte Gleim.„Wahrhaftig, das Geſchick ſpielt mit uns Blindekuh.“ „Vollſtändig richtig bemerkt“, ſtimmte Doctor Stoll bei.„Wenn einer die Gabe hätte, zum Beiſpiel den hier unten Vorübergehenden zu ſagen: Dir wird das, Dir jenes geſchehen, der wäre jedenfalls ein ſehr un⸗ glücklicher Menſch, weil er die unſeligſte Gabe von der Welt beſäße. Man hat gefabelt, es gäbe Leute, welche Andern, die in ſichtbarſter Lebensfriſche daherwan⸗ deln, den baldigen Tod anſähen, ich glaube an dieſe Poſſen nicht. Iſt ſolches geiſtiges Sehvermögen wirk⸗ lich vorhanden, dann kann es nur einem uns verborge⸗ nen kranken Zuſtande entſpringen, ein normaler iſt es nicht. Ich kann mir nichts Entſetzlicheres vorſtellen, als wenn ich dem da aus der Hospitalſtraße kommen⸗ den Juden vorausſagen ſollte: Du ſtirbſt in wenigen 150 Monaten eines unnatürlichen Todes; ich würde mich der Weltordnung entrückt denken müſſen.“ Der unten die Straße kreuzende Jude, auf den er mit dem Finger gedeutet, hatte, ſtehen bleibend, das Geſicht erhoben und grüßte herauf. „Reb Kaſcher!“ ſtammelte der Hofmedicus, ihn er⸗ kennend, mit offenbarem Schreck.„Mein Himmel, wel⸗ cher ominöſe Zufall!“ „Er kennt den Juden?“ „Ich kenne ihn und habe alle Achtung vor ihm. Unter ſeinen Glaubensgenoſſen iſt er ein großer und weiſer Gelehrter. Daß er einer iſt, macht ihm Ehre denn er iſt ein reicher Breslauer Kaufmann, und Er weiß ja, lieber Freund, daß reiche Leute in der Regel nichts von jener Weisheit wiſſen wollen, die weder Zinſen noch Vergnügen im allgemeinen Sinne des Wortes abwerfen.“ „Ich hätte wohl den Wunſch, mit einem ſolchen jüdiſchen Weiſen bekannt zu werden“, äußerte Gleim. „Den kann ich Ihm erfüllen. Reb Kaſcher hat hier nebenan einen ſehr armen Freund, der ſich und ſeine kleine Familie kümmerlich mit dem Ertrage einer Elementarſchule und mit Abſchreiben durchbringt. Wir gehen heute Abend mit einander zu dem armen Mendel. Bin ſelbſt lange Zeit nicht bei ihm geweſen und ſein 151 kleiner Moſes hat mich eine kleine Ewigkeit nicht be⸗ ſucht. Das liegt in meinen veränderten Verhältniſſen. Mein kleiner Schreihals füllt jetzt jede meiner Muße⸗ ſtunden aus— da vergißt man wahrhaftig Alles.“ Ehe noch die Abenddämmerung niederſank, trat der Hofmedicus mit Gleim in Mendel's ärmliche Häuslich⸗ keit ein. Reb Kaſcher war zugegen. Der arme Schulmeiſter war voller Freude.„Da iſt mein armes Häuslein doch wieder einmal reich, reich geſegnet“, ſagte er.„Ich ſehe zu Beſuch bei mir zwei gute, brave Männer— das iſt für mich heute ſo viel, wie für einen Sterngucker, der lange, lange geſucht hat nach bekannten Sternen, die aber von Wolken ver⸗ deckt ſind, und nun ſieht er ſie plötzlich, weil der Him⸗ mel iſt geworden klar.“ „Und wo iſt Sein kleiner Moſes?“ fragte der Hof⸗ medicus. „Wo wird er ſein!“ antwortete der Schulmeiſter und ein Kummerſchatten überflog ſein Geſicht.„s iſt 'n Judenkind und muß verdienen gehen.“ Durch einen ſeiner Glaubensgenoſſen, der eine bei Mendel beſtellte Abſchrift der Thora abzuholen kam, wurde der Schulmeiſter der Unterhaltung für einige Zeit entzogen. Reb Kaſcher und der ihm vom Hof⸗ nedicus vorgeſtellte Gleim waren ſchnell mit einander 152 bekannt geworden. Des letztern ſanftes, freundliches Weſen machte auf den Juden einen ſehr guten Ein⸗ druck und er bemerkte lächelnd: „Es müßte ſein ein gutes und ein friedevolles Leben für uns Juden, wenn die Chriſten alle ſolch liebe⸗ vollen Gemüths wären wie der Herr Stabsſecretär. Ich habe doch ſtudirt viel in meinem Leben von den Grundgeſetzen der verſchiedenen Religionen auf der Erde, aber ich habe nirgends gefunden, daß Haß und Feindſchaft ſollen ſein Haupttugenden;'s gibt kein Gebot von Gott, das Verfolgung heißt, man hat's erſt aufgebracht, und wie alles Böſe und Schlimme pflanzt ſich das Aufgebrachte fort und fort, und ehe der Kampf ausgefochten wird ſein, müſſen noch manche Jahrhunderte vorübergehen, weil die Völker langſam reifen in der Bildung. Toleranz aber iſt Bildung.“ Als der Schulmeiſter ſein Geſchäft abgemacht hatte und an dem Geſpräch wieder Theil nehmen konnte, trat auch der kleine Moſes ein, auf dem Rücken einen ſchweren Pack. Der ſchwächliche Knabe brach faſt zu⸗ ſammen unter der Laſt, die er den Tag über geſchleppt hatte, Thränen liefen ihm die blaſſen Wangen nieder, über die trotz alledem ein Freudenſtrahl hinhuſchte, als er Reb Kaſcher und den Hofmedicus ſah. „Nun, mein Bocherl, biſt zum Geſchäftsmann ge⸗ 8„9—.—— 153 worden?“ fragte Reb Kaſcher freundlich.„Wie iſt's gegangen? Erzähle.“ s iſt mir ſo gegangen, daß ich möcht' ſterben vor ſchwerem Kummer“, antwortete der Kleine leiſe.„Man⸗ chem mag's vielleicht gefallen das Herumlaufen und Manchem mags gleich ſein, gejagt zu werden wie ein Hund aus den Häuſern, er kommt doch wieder hinein und zuletzt kaufen die Leut' ihm ab, weil ſie woll'e haben einen, dem ſie bös mitſpielen können und über den ſie lachen können. Ich taug' nicht dazu, habe heut ſchwere Schläge gekriegt, weil ich bin ins Haus ge⸗ kommen von einem Manne, der mit ſeinen Leuten ge⸗ ſeſſen iſt zu Tiſche— hat mich hart geſchlagen mit der Peitſche bis hinaus an ſein Hofthor. Das iſt mein Einnehmen für'n ganzen Tag, weiter hab' ich nichts verdient, außerdem noch viel böſe Schimpfworte.“ Reb Raſcher erhob ſich und ſprach zu Vater Mendel: „Horch mein' Red', Mendel, halt' ſie für'ne De⸗ raſcha(Predigt) an Dein Vaterherz. Dein Moſcheh paßt nicht für den Handel. Was in ſich trägt das Mark zum Eichbaum, wird einer, und möcht' gethan werden, was da immer wolle, er bleibt einer. Und ſo iſt's mit Allem; auch dem geringſten Halm iſt ſeine Art einge⸗ prägt, von der er nicht kann laſſen, er wird ſein immer ein Halm und hätte er das fruchtbarſte Erdreich für 154 ſeine Wurzel. Schick' das Jüngelchen nicht mehr auf den Handel. Zu Anfang September komm' ich hierher zurück von meiner Reiſ', um zu gehn über Berlin, wo ich Geſchäfte habe, nach Breslau. Ich nehm den Moſcheh mit, werd' in Berlin ſorgen für ihn, habe viele gute Freunde da, die ſich ſeiner werden an⸗ nehmen. Ich verſprech Dir's, Mendel, mit Hand und Mund. Der Moſcheh ſoll in der Frömmigkeit ſeines guten Herzens, wenn er einmal hört, daß ſein Freund Reb Kaſcher von Breslau iſt geſtorben, ſagen können: Gelobt ſei der gerechte Richter!“ Tiefe Stille waltete einige Sekunden lang, dann ſchnellte der todmüde kleine und durch eine hohe Schulter verunſtaltete Moſcheh in die Höhe, und Reb Kaſcher's Hände erfaſſend, küßte er ſie mit inbrünſtiger Dankbarkeit und rief:„Reb Kaſcher! Reb Kaſcher! Ich ich bin geworden im Handumdrehen zum glücklichſten Bocherl in Israel! Wie will ich leinen(leſen) in den guten Büchern bis dahin, daß ich viel faſſe, was ich noch nicht weiß, und wie will ich, wenn die Zeit heran⸗ rückt, wo Ihr herkommt, am frühen Morgen und am Abend oren(beten): Boruch Habo! Boruch Habo(Ge⸗ ſegnet ſei der Kommende)!“ Gleim bedauerte nichts mehr, als daß er von Seiner Durchlaucht die Ordre empfing, ſich in Oranienbaum — —Oꝭ——— ter — 155 einzufinden, um mit ihm nach Magdeburg zu reiſen. Dieſer Befehl unterbrach den nur ein paar Tage ge⸗ noſſenen Verkehr mit Reb Kaſcher, in dem er einen ebenſo gelehrten Mann wie ein freundliches Gemüth gefunden hatte. War auch der Dienſt eines Stabs⸗ ſecretärs kein anſtrengender, ſo war doch alles das, weſſen Gleim Zeuge wurde, die unverwüſtliche Rohheit der Soldateska, die erbarmungsloſen, unmenſchlichen Strafen, die über ſie mit einer wahren Wolluſt ver⸗ hängt wurden, ganz geeignet, ihm heftigen Wider⸗ willen gegen ſeine Stellung einzuflößen, um ſo mehr, als Herr Leupold ſelbſt, den er, dem von demſelben ihm zu Theil gewordenen Empfange nach zu ſchließen, für einen übel verſchrieenen Herrn hielt, redlich beitrug, ſich ihm als einen Menſchenquäler darzuſtellen. Wenn er mit demſelben nach Deſſau zurückkehrte, äußerte er zuweilen gegen den Hofmedicus:„Bei der Durchlaucht werde ich nicht alt werden. Ich glaube, fern ſein von ihm iſt das Beſte, was ſich ein Menſch meines Schlages wünſchen kann.“ Der Deſſauer Hof war wie ausgeſtorben nach dem Tode Frau Annelieſens. Der alte Fürſt wohnte in Oranienbaum; ſeine beiden Töchter waren mit Prinzeß Fiekchen zu ihrer Schweſter, der Schwedter Markgräfin, gereiſt; die Gemahlin des Erbprinzen hatte ſich mit 156 ihren Kindern auf Beſuch nach Köthen, ihrem väter⸗ lichen Hofe, begeben, Herrn Leupold's Söhne waren bei der Armee, Deſſau alſo recht todt. Wenn nicht noch die„Berliniſchen Nachrichten“ Kunde von außen gebracht hätten, würde ſich unter den Gebildeten ein förmlicher Stillſtand in der Kenntniß der Außenereigniſſe einge⸗ bürgert haben. Mit Freude las man die Nachricht von der am vierten Juni vom König Friedrich den vereinten Oeſter⸗ reichern und Sachſen bei Hohenfriedberg beigebrachten großen Niederlage, aber dieſer Freude folgte eine Be⸗ 1 fürchtung, der man ſich ſo leicht nicht entſchlagen konnte. Zwiſchen Merſeburg und Leipzig zog ſich eine anſehn⸗ liche ſächſiſche Truppenmacht zuſammen, die nichts Gutes erwarten ließ und deren Anweſenheit ſo dicht an der preußiſchen Grenze eine Herausforderung für die Kriegs⸗ luſt des alten Deſſauers zu bedeuten ſchien, die indeß der Ermunterung nicht bedurfte, denn kaum hatte Preu⸗ ßen mit Hannover eine Uebereinkunft getroffen, durch welche es von dieſer Seite die Sicherheit, nicht ange⸗„ griffen zu werden, empfangen hatte, als auch Herr Leupold ſeine im Magdeburgiſchen zuſammengezogenen Truppen raſch gegen die ſächſiſche Grenze führte, wo ein Lager bei Dieskau unweit Halle bezogen wurde. So ſtanden denn Preußen und Sachſen Aug' in Auge — 157 gerüſtet einander gegenüber, nur des Zeichens zum Los ſchlagen harrend. Wer ſich ein Bild kriegeriſchen Lebens verſchaffen wollte, der zog nach dem Dieskauer Lager, und Tau⸗ ſende wallfahrteten dorthin. Vor Ueberrumpelung hatte es Herr Leupold gewahrt. Wenn die höchſt anſtän⸗ dige Zahl der hier als wahrhaft eiſerne Compagnie in Reih und Glied aufgefahrenen Geſchütze ihre Donner⸗ ſtimme erhoben, war die Kriegsfurie entfeſſelt und Men⸗ ſchenvernichtung das Loos. Auch der Hofmedicus hatte die Abſicht, ſich dahin zu begeben, aber ſein Söhnchen erkrankte heftig und es war nun ſelbſtverſtändlich, daß aus der Dieskauer Fahrt nichts wurde. Eines Abends überraſchte ihn der Eintritt Gleim's. „Der Durchlauchtige auch hier?“ fragte der Doctor. „Nein, ich allein und Gott ſei Dank allein“, ant⸗ wortete Gleim in großer Aufregung.„Ach, mein Freund, was habe ich erlebt! Mir bebt das Herz noch vor Ent⸗ ſetzen, ich fühle mich aufs tiefſte erſchüttert.“ „Wodurch?“ „Reb Kaſcher iſt nicht mehr, der durchlauchtige Un⸗ menſch hat ihn aufknüpfen laſſen, weil er die im Dies⸗ kauer Lager aufgefahrenen Kanonen gezählt hat.“ „Es iſt nicht möglich!“ „Als Spion wurde er feſtgenommen und trotz der 158 genügendſten Ausweiſe, daß er ein ganz unverdächtiger reiſender Kaufmann ſei, ſtrich der Unhold ihn mit dem einzigen Worte: Hängt ihn! aus der Reihe der Leben⸗ digen. Ich kam gerade dazu, als Reb Kaſcher, an einen Baumaſt geknüpft, verſchieden war. Sein ganzes Verbrechen beſtand in der Unbeſonnenheit, die Kanonen gezählt zu haben.“ Es folgte eine Pauſe, in der beide dem Eindrucke des Entſetzens unterlagen. Der Hofmedicus konnte ſich der ſchauerlichen Erinnerung an den Moment nicht er⸗ wehren, wo er, mit dem Finger auf Reb Kaſcher, den er nicht gleich erkannte, deutend, geſagt hatte: Du ſtirbſt in wenigen Monaten eines unnatürlichen Todes! Welch ein grauenhaftes Omen! Damals ſchon hatte dieſe ſeine eigene Rede ihn mit Schreck erfüllt— es war eine un⸗ bewußte Prophetie geweſen, die einen ſchrecklichen Ab⸗ ſchluß gefunden. „Ich gehe nicht wieder zurück“, ſagte Gleim ent⸗ ſchieden.„Ich habe mich krank gemeldet und Urlaub erhalten, um bei Ihm mir Rath zu erholen. Laſſe Er mich einige Tage hier die Krankenrolle ſpielen, dann ſtelle Er mir ein Atteſt aus, daß ein tief verſtecktes Fieber oder ein ſonſtiges Uebel mich auf längere Zeit unfähig mache, meinen Stabsſecretärpoſten zu verſehen, und meine Entlaſſung das Beſte ſei.“ — ger dem den⸗ an zes nen ucke ſich er⸗ den irbſt Velch ſeine un⸗ Ab⸗ ent⸗ rlaub ſe Er dann ecktes Zeit ſehen, 159 „Es ſoll geſchehen, mein Freund“, ſagte der Hof⸗ medicus zu.„Ha, ich kann den Tod Reb Kaſcher's nicht aus den Gedanken bringen. Welchen Kummer wird der arme Mendel und ſein kleiner Moſes empfin⸗ den! Reb Kaſcher wollte ſich des geiſtig ſo reich be⸗ gabten Knaben annehmen, und mit einem Strich iſt dieſe Hoffnung für immer vernichtet!“ „Ich gehe zu dem armen Schulmeiſter. Es wäre Unrecht, ihm die Nachricht zu verſchweigen. Einmal muß er ſie doch erfahren.“ Ehe noch acht Tage vergangen, hatte Gleim ſeinen Abſchied erhalten.„Kann ſolche Marzipankerle nicht brauchen“, hatte Seine Durchlaucht geäußert.„Die Scribifaxe und das ſtudirte Volk ſind doch zu nichts zu brauchen. Außerdem war der Kerl gut, kann's nicht anders ſagen.“ Dieſe Worte hatte Herr Leupold an den Hofmedicus geſchrieben. In des armen Mendel Hauſe war großes Leid. Unter zahlloſen Thränen ſagte der kleine Moſcheh ſei⸗ nem Freunde Reb Kaſcher Kadiſch, jenes Gebet, das um einen lieben Todten Trauernde täglich ein ganzes Jahr lang ſagen. Wie oft bisher an jedem Morgen und jedem Abend hatte Moſcheh in froher, andächtiger Stimmung, an Reb Kaſcher denkend, aus der Fülle ſeines guten Herzens ihm in die Ferne hinaus, wo er 160 auch weilen möge:„Boruch Habo(Geſegnet ſei der Kommende)“ entgegengerufen, und jetzt blieb ihm nichts übrig, als Reb Kaſcher's Wunſch, wenn er, der Moſcheh, einmal von ſeinem Tode höre, unter ſchweren Thränen zu erfüllen und das bei ſolchen traurigen Angelegen⸗ heiten unter den Juden übliche: Boruch Dajin emes (Gelobt ſei der gerechte Richter)!“ zu ſprechen. Für Moſcheh ſchien alle Hoffnung verloren, ſeinen reichen Geiſt zu bilden, denn der war ihm ja entriſſen, der für ihn Sorge tragen gewollt, und Vater Mendel's Armuth war zu groß, um nur das Geringſte dafür thun zu können; aber in des Knaben Kopf und Herz lag eine große Willenskraft und er ſetzte es durch bei dem Vater, daß dieſer ihn hinauswandern ließ, um in Berlin zu lernen die Weisheit in den Schriften großer gelehrter Männer. An einem nicht gar freundlichen Septembermorgen begleitete Vater Mendel ſeinen Moſcheh ein Stück hinaus vor die Stadt. Die Straße war öde und menſchenleer, nur ſelten begegnete ein Wanderer den Beiden, die in tiefe Gedanken verſunken nebeneinander hinſchritten, der Moſcheh in der Hand einen Stock und ein Bündel auf dem Rücken, an weichen Sahlleiſten über die Schultern gehängt, und in der Taſche ein Anbeißen GFrühſtück) und den Sidur(Gebetbuch), das —— 161 er von Reb Kaſcher als Geſchenk bekommen und hoch hielt wie ein theures Vermächtniß, und der alte Schulmeiſter das blaſſe, kummervolle Geſicht, das ſo unverkennbares Zeugniß von der Schwere des Gan⸗ ges gab, den er jetzt wandelte, auf die Bruſt herab⸗ geneigt. Am erſten, die Heerſtraße durchkreuzenden Wege blieb der Alte ſtehen, und auf ſeines Sohnes Schul⸗ tern die Hände legend, ſprach er voll tiefen Ge⸗ fühls: 4 „Es iſt des Herrn, des hochgelobten Gottes unſerer Väter, Wort, das er dem Propheten Jeſaia verkündet: „Ich will vor Dir hergehen und die Höcker eben ma⸗ chen; ich will die ehernen Thüren zerſchlagen und die eiſernen Riegel zerbrechen und will Dir geben die heim⸗ lichen Schätze und die verborgenen Kleinodien, auf daß Du erkennſt, daß Ich, der Herr, der Gott Israels, Dich bei Deinem Namen genannt habe.““ Und die Hände faltend, ſprach der bleiche Knabe demüthig den Anfangsvers des ſiebenundzwanzigſten Pſalms: „Der Herr iſt mein Licht und mein Heil; vor wem ſollte ich mich fürchten? Der Herr iſt meines Lebens Kraft; vor wem ſollte ich mich grauen?“ So ſtanden ſie eine Weile Aug' in Auge, ein armer Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. V. 11 162 Vater und ein armer Sohn. Dann rief Moſcheh: „Benſch' mich, Vater!“ Und der Alte benſchte(ſegnete) ihn mit leiſen Worten. Wie wunderbar ergreifend war es, daß jetzt durch das graue Wolkengewebe ein Sonnenſtrahl durchbrach! Gottesſegen und Vatersſegen, wer brauchte Beides mehr als der arme Moſcheh! Und ſo gingen ſie auseinander, nachdem der Alte dem ſcheidenden Sohne verſprochen hatte, deſſen Bruder Saul und Schweſter Suschen zu grüßen. Als der Moſcheh nach mehrtägigem Wandern am Thore in Berlin vom jüdiſchen Thorſchreiber gefragt wurde, was er in der großen Königsſtadt wolle, ſagte er leiſe:„Lernen.“ Und als derſelbe Mann kraft ſeines Amtes ihn, den ſo armſelig Gekleideten, nach den Exi⸗ ſcenzmitteln fragte, ſtammelte der Moſcheh in großer Angſt:„Rabbi David Fränkel.“ Der Thorſchreiber nahm an, der genannte, wegen ſeiner großen Gelahrt⸗ heit hochgeſchätzte Rabbi wolle ſich des Aermſten er⸗ barmen, und ließ ihn darum in die Königsreſidenz einwandern. Während König Friedrich am letzten September einen neuen Sieg bei Sorr und Trautenau über die Oeſterreicher gewann, ſtanden die Sachſen und Preußen zwiſchen Leipzig und Halle unverrückbaren Mauern ——— 163 gleich einander gegenüber, nur die Friedenshoffnungen hielten auf beiden Seiten den Angriff zurück. Man arbeitete nämlich rüſtig an einem Friedensſchluſſe, denn jetzt waren ja König Friedrich und die Kaiſerin Maria Thereſia die einzigen Gegner, zwiſchen denen das Kampfſpiel zu entſcheiden hatte. Kaiſer Albrecht der Baier war ſchon zu Anfang des Jahres 1745 ge⸗ ſtorben und zwiſchen Oeſterreich und Baiern eine Aus⸗ ſöhnung durch den Frieden zu Füſſen geſchehen. Und im Vertrauen auf einen Friedensſchluß wurde das Dieskauer Lager Mitte October aufgehoben und die Truppen in ihre verſchiedenen Standquartiere ge⸗ ſchickt. Bei dieſem feſten Stehenbleiben war kein Ruhm zu erringen geweſen und Herr Leupold glaubte nun vollends nicht mehr, daß eine Fortſetzung des Kriegs möglich ſei, denn alle Welt ſchrie ja nach Frieden. Es war um die Mitte des November, als er vom Könige zum Em⸗ pfange der in den Schlachten von Hohenfriedberg und Sorr erbeuteten feindlichen Fahnen eingeladen wurde und Berlin beſuchte. In Geſellſchaft einiger vertrauten Generale und des Deſſauers ſaß Seine Majeſtät beim Diner, als ihm ein durch einen Eilboten gebrachtes Schreiben vorgelegt wurde. „Aus Dresden“, ſagte der Monarch lächelnd.„Ich 11* 164 kenne die Handſchrift, es iſt ein Heimlicher, der dort an der Quelle ſitzt.“ „Majeſtät werden jedenfalls darin die Adreſſe des franzöſiſchen Perrückenmachers finden, der des über⸗ zuckerten Brühl rechte Hand iſt, denn wie ich mir habe ſagen laſſen, hat dieſer Brühl mehr Perrücken, als Tage im Jahre ſind, in Vorrath“, ſpöttelte Herr Leupold. „Ei nun, Liebden, zu den vielerlei Ränken und Intriguen, die dieſer Premier ſchmiedet, gehören ſich auch ſolche Hauptverwandlungen“, bemerkte der König lachend.„Ich wünſche ihm noch ganz beſonders eine Perrücke, die für den Tag paſſend wäre, an dem er aufgehängt wird.“ „Die fehlt ihm ſicher noch“, ſtimmte der Deſſauer lachend bei.„Den Sachſen wäre ſicher ein Gefallen damit gethan.“ Allgemeines Schweigen trat ein, da der König das Schreiben zu leſen begonnen hatte und man die Be⸗ merkung machte, daß er mit wachſender Aufmerkſamkeit daſſelbe bis zu deſſen Ende verfolgte. Dann die Hand mit dem Briefe in den Schooß ſinken laſſend, ſchloß er eine Weile die Augen, als gäbe er ſich der Ueber⸗ legung einer wichtigen Angelegenheit hin. Um ihn herrſchte tiefe Stille, die der König endlich mit den Worten unterbrach: N 165 „Messieurs! Wir werden die Ehre haben, für den ſächſiſchen Herrn Premier eine ſolche Hänge⸗ oder deut⸗ licher geſprochen Galgenperrücke zu fabriciren als Re⸗ compenſe für eine von ihm neu erfundene, aber aller⸗ liebſte Niederträchtigkeit. Während man mich durch die Friedensverhandlungen eingewiegt glaubt, ſollen die unter dem lothringer Prinzen in Böhmen noch vereinten Oeſterreicher und Sachſen plötzlich durch die Lauſitz in Schleſien einfallen, indeß zugleich ein anderes Heer, zuſammengeſetzt aus zehntauſend Oeſterreichern unter dem Grafen Grünne und fünfundzwanzigtauſend Sachſen unter Rutowski, über Leipzig ebenſo raſch und unvermuthet gegen Magdeburg und Berlin vor⸗ dringt. Iſt das nicht ein prächtig ausgeſonnenes Stück für die große Weltkomödie?“ „Kinkerlitzchen! Ganz verfluchte Kinkerlitzchen!“ rief der alte Deſſauer. „Eure Liebden wollen damit doch keinen Zweifel gegen die Wahrheit dieſer Brühl'ſchen Erfindung aus⸗ ſprechen? Dafür bürge ich! Denn ich kenne den, der mir dieſen Plan mittheilt— ein Ehrenmann durch und durch.“ „Glaub's, weil Eure Majeſtät ſich für ihn verbür⸗ gen; aber ſie haben ihm ein Wippchen vorgeflunkert, und er hat's nachgeſchrieben.“ 166 Der König ſchwieg; er kannte die Hartnäckigkeit des alten Herrn und wollte ein abermaliges Zerwürf⸗ niß mit ihm vermeiden. Nach einer Weile, in welcher die andern anweſenden Generale ebenfalls ihre Mei⸗ nungen ausgeſprochen, die ſämmtlich den Glauben an die vom König verbürgte Wahrhaftigkeit ſeines Cor⸗ reſpondenten theilten, hob der Monarch an: „Messieurs! Hier gilt es zu ſiegen oder Alles zu verlieren. Mein Plan iſt gemacht;: der Feind muß von beiden Flügeln her ſo ſchnell als möglich gefaßt wer⸗ den. Eure Liebden haben die Aufgabe, die nöthigen Anſtalten zur ſchleunigſten Wiedererrichtung des Lagers bei Halle zu treffen, um dem Feind dort einen Damm entgegen zu ſetzen. Ich ſtelle mich an die Spitze meiner ſchleſiſchen Armee und breche durch die Lauſitz in Sachſen ein.“ „Oho, oho!“ rief der alte Deſſauer.„Glauben Eure Majeſtät, der Sieg ſei an königliche Perſonen niet⸗ und nagelfeſt geheftet, daß eine Niederlage un⸗ möglich ſei? Was denn dann?“ Die Eiferſucht Herrn Leupold's, den König ſich wie⸗ der als Sieger denken zu ſollen, während er ſelbſt die Rolle eines Cerberus auszuführen bekam, vor dem der Feind an der ſächſiſchen Weſtgrenze zurückſchrecken ſollte, brachte ihn ſo außer aller Faſſung, daß er in ſcharfen 167 Antworten ſich ſolche anmaßliche Freiheiten gegen den Monarchen herausnahm, welche dieſer nicht dulden konnte. Sich raſch vom Seſſel erhebend, erklärte er ihm mit trockenen Worten, er werde ſich an die Spitze ſeiner Truppen ſtellen, wie er es einmal beſchloſſen, und wenn er, der Deſſauer, einmal ſelbſt ein Kriegs⸗ heer unterhalte, ſo würde ihm dann erſt freiſtehen, über deſſen Führung zu verfügen. Dieſe königliche Zurückweiſung in die ihm gebüh⸗ renden Schranken machte Herrn Leupold zwar äußerſt mißvergnügt und er wiederholte in dieſen Tagen öfter das einſt von ihm geſprochene Wort:„Der erſte war mein Vater, der zweite mein Bruder, der dritte iſt mein Herr geworden“; aber nichtsdeſtoweniger ging er mit Eifer an die Erfüllung des Auftrags, der ihm zu Theil geworden. Schon gegen Ende Novem⸗ ber hatte er das Vergnügen, bei Halle ein gut aus⸗ gerüſtetes Heer zu muſtern. Machte ihm dies ſeinem Naturell nach ſehr großes Vergnügen, ſo gab es doch noch etwas, das den alten Herrn außerordentlich beſchäftigte. Seine Annelieſe, die ihm Unvergeßliche, welche er jetzt noch mehr als bei ihren Lebzeiten ſchätzte, weil ſeinem Ausdruck nach ſogar der Tod ſie als Soldaten⸗ frau anerkannt und ihr das Honneur gemacht, das 168 heißt ſie überrumpelt hatte, ſodaß nur ein paar kurze Stunden zwiſchen ihrem plötzlichen Erkranken und ihrem letzten Augenblicke lagen, hatte ihm prophe⸗ zeit, er werde noch den Siegeslorbeer einer gro⸗ ßen Schlacht gewinnen. Auf den Poſten, der ihm jetzt zugetheilt war, ſchien ſich das nicht bewahr⸗ heiten zu wollen, denn die ihm gegenüberſtehenden Sachſen blieben wie feſtgewurzelt innerhalb ihrer Grenzen, und beide Armeen begnügten ſich, gleich zwei biſſigen, feſt an der Kette zurückgehaltenen Hun⸗ den, mit Zähnefletſchen einander anzuſehen, ein Ver⸗ gleich, der ihm ſehr treffend erſchien, ihn jedoch zu dem Schluſſe führte, daß Anelieſens Prophezeiung unter ſolchen Umſtänden ſich nicht erfüllen könne. Indeß die Wendung kam überraſchend ſchnell. Der König hatte ſich inzwiſchen zu dem Heere nach Schleſien begeben und nach einigen verſtellten Bewe⸗ gungen am dreiunzwanzigſten November unvermuthet in der Lauſitz den Feldzug durch ein ſiegreiches Gefecht bei Katholiſch⸗Hennersdorf eröffnet, infolge deſſen die vereinigte Heeresmacht der Oeſterreicher und Sachſen in großer Verwirrung ſich nach Böhmen zurückwandte. Dieſe Nachricht und zugleich der Befehl, unverzüglich in Sachſen einzubrechen, brachten den alten Deſſauer in ſein richtiges Fahrwaſſer. 169 Sich von ſächſiſchen Spionen umgeben wiſſend, fand er es für gut, den Feind zu täuſchen, daß dieſer glau⸗ ben ſolle, er ſtehe nur der Grenzdeckung wegen da. Von vielen Generalen und Stabsoffizieren begleitet, be⸗ ſichtigte er die Wege bis Wieſigke, wohin er das Lager zurückverlegen wolle. Mit großer Oſtentation nahm er daſelbſt Rückſprache über die Verpflegung und be⸗ ſtimmte den Aufbruch der Truppenzüge. Das war Alles ſo offen verhandelt worden, daß die ſächſiſchen Spione dreiſt an die ſächſiſchen Commandanten melden konnten, vom Deſſauer ſei nichts zu fürchten, der ver⸗ lege ſein Lager rückwärts. In aller Stille jedoch rückte am nächſten Morgen, dem 29. November, als kaum der Tag zu grauen begann, ſein ganzes Heer von Halle auf drei verſchiedenen Thoren in der Richtung gegen Leipzig vorwärts. Schon um drei Uhr deſſelben Tages erſchien es vor dem verſchanzten Lager der Sachſen bei. Leipzig und wie ſehr die Truppen auch ermüdet wa⸗ ren, befahl Herr Leupold den Angriff, und die Preußen übernachteten als Sieger in den ſächſiſchen Verſchan⸗ zungen, während die überrumpelten frühern Inhaber während der Nacht den Rückzug mit ihren geretteten Geſchützen nach Eilenburg antraten. Herr Leupold befand ſich in beſter Laune. Außer der angenehmen Ueberzeugung, den Gegner durch ein 170 Kinkerlitzchen getäuſcht zu haben, hatte er noch das Vergnügen, daß ſeine beiden Söhne Moritz und Dietrich ſich abermals als tapfere und umſichtige Führer bei dem Angriffe erprobt hatten. Wie im Fluge fielen Leipzig, Eilenburg und Torgau, letzteres mit anſehn⸗ lichen Vorräthen, in ſeine Hand. Und wieder ergab ſich ein Zerwürfniß zwiſchen ihm und dem König, welcher ihm befahl, mit aller nur thunlichen Schnelligkeit nach Meißen aufzubrechen, um ſich der dortigen Elbbrücke zu verſichern, welche, da der Krieg einmal auf ſächſiſchen Grund und Boden verlegt war, das bequemſte Verbindungsmittel zwiſchen den beiden preußiſchen Armeen— die vom König ge⸗ führte drang über Bautzen dahin vor— abgeben mußte. Die Oeſterreicher unter dem Grafen Grünne, welche gerade auf Berlin hatten losgehen ſollen, waren auf die Nachricht von den Unfällen, welche ihrem Oberfeld⸗ herrn, dem Herzog von Lothringen, zugeſtoßen und ſich mit jedem neuen Tage mehrten, eiligſt nach dieſer Seite gezogen, und der ſächſiſche Armeeführer, Graf Rutowski, ſammelte erſt bei Dresden die Sachſen, um im Verein mit den Oeſterreichern letztere Stadt zu decken. Dieſe Vereinigung mindeſtens in ihrem Zuſtande⸗ kommen aufzuhalten und ſie zur halben, unfertigen Maßregel zu machen, erhielt Herr Leupold die Wei⸗ 8 ——* ——½——·—— ——,+n — 171 ſung, ſchnell vorzurücken, aber ſein Widerſpruchsgeiſt und ſein Alter proteſtirten hartnäckig gegen jede Eile. Nichts war ihm färgerlicher als das Feuer, mit dem König Friedrich ſſeine Kriegsbewegungen betrieb und gegen welches er, der Deſſauer, als Gegenſatz Bedäch⸗ tigkeit und lange, auf vieljährige Erfahrungen geſtützte Ueberlegung aufſtellen zu müſſen glaubte. Indeß des Königs Geduld riß. Mit ſehr bittern Vorwürfen ſchickte er ihm den ſtrengſten Befehl, vorzurücken, und dies brach den Starrkopf Herrn Leupold's. In Gewaltmärſchen erreichte er von Torgau aus in zwei Tagen Meißen und rückte mit ſeiner durch zehn Bataillone unter General von Lehwaldt von Bautzen aus verſtärkten und dadurch auf 34000 Mann ange⸗ wachſenen Armee gegen Dresden vor. Schneidende Kälte und glatt gefrorne Schneewege hinderten den raſchen Marſch der preußiſchen Truppen, die in aller Frühe am 15. December von Rohrsdorf bei Meißen in vier Zügen ausrückten, um über Wils⸗ druf die ſächſiſche Hauptſtadt zu erreichen. Nur wenige Sonnenbhlicke aus dem grauen Himmel bezeichneten die Mittagsſtunde, als das Heer unter kleinen Kämpfen bis Keſſelsdorf vorgedrungen war, wo der linke Flügel der Sachſen feſte Stellung genommen hatte. Dieſe Poſition, welche Herr Leupold ſofort als der 172 Schlüſſel der ganzen feindlichen Stellung erkannte, ſchien uneinnehmbar. Sie erſtreckte ſich rechts von Keſſelsdorf auf günſtigen Anhöhen hinter einer Schlucht, welche, dicht vor dem genannten Dorfe anfangend, ſich tiefer und tiefer gegen die Elbe hin fortzog, bis zu dem Dorfe Pennerich, welches dem rechten Flügel der Sachſen zum Anhalt diente; von hier bis zur Elbe ſelbſt durch die zunehmend ſich vertiefende Schlucht nur noch beſſer gedeckt, waren die Oeſterreicher unter dem Grafen Grünne, zehn Bataillone ſtark, aufgeſtellt. Die die ganze Poſition vertheidigende Geſchützzahl beſtand aus 54 ſchweren Kanonen und 44 Geſchwindſtücken. Ein beſonderer Vortheil bot ſich jedoch der ſächſiſch⸗ öſterreichiſchen Armee bei Vertheidigung ihrer ganzen Stellung. Die beiderſeitigen Wände der mehrerwähn⸗ ten Schlucht waren in hartgefrorene, glatte Abhänge verwandelt, ſie ſtarrten von Eis, ſodaß jeder Verſuch des Erſteigens der feindlichen Schanzwerke unmöglich ſchien. Durch von halber zu halber Stunde von dem unterdeß in Meißen angekommenen König abgeſchickte Eilboten zur Schlacht angeſpornt, wurde der alte Deſſauer faſt wirblig vor Aerger, indeß wenn einer, ſo war er der Mann, das Unmögliche möglich zu machen. Seine be⸗ liebteſten Kraftausdrücke wie die Perlen eines Roſen⸗ — — —— 173 kranzes zwiſchen den Fingern über ſeine Lippen gehen laſſend, äußerte er während des vor der feindlichen Stellung unter deren kräftigſter Kanonade ſtattfindenden Aufmarſches der Preußen, der unter dem Geſang des allbe⸗ liebten Marſches„Friſch drauf und dran! Friſch drauf und dran!“ und den damit verbundenen Klängen der Re⸗ gimentsmuſik in ſtrengſter Ordnung und ruhigſter Hal⸗ tung ausgeführt wurde, er wolle in Sachſen einen Geſtank ausgehen laſſen, den man viele Jahre noch riechen ſolle. Faſt mit dem Glockenſchlage zwei rückte die ganze Linie der in drei Treffen abgetheilten Preußen vor. Herr Leupold an der Spitze dreier Grenadierbataillone erhob ſeine gewaltige Stimme und betete laut: „Lieber Gott, ſtehe mir heute gnädig bei, oder willſt Du mir diesmal nicht gnädig beiſtehen, ſo hilf wenigſtens auch dem Schurken von Feind nicht, ſondern ſieh, wie's kommt!“ Nachdem ſich der alte Herr mit dem lieben Gott ſo auf beſten Fuß geſetzt und demſelben den Wink hatte zukommen laſſen, ſich wenigſtens neutral zu ver⸗ halten, zog er den Degen und ſchrie mit Poſaunenton: „In Gottes Namen! Vorwärts marſch!“ „Ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht zu nen⸗ nen.“ Mit dieſen Worten unſeres großen National⸗ 174 dichters ſei das blutige Schauſpiel der Keſſelsdorfer Schlacht bezeichnet, es iſt nicht möglich, ſo Ungeheures in weniger Worten auszudrücken. An dieſem winter⸗ lichen Blutfeſte gedachte der alte Deſſauer ſeiner ge⸗ treuen Annelieſe; ſie hatte ihm vor Jahren noch einen großen Sieg verkündet und daran glaubte er ſteif und feſt. Dieſer Glaube feite ihn in der Gefahr, getödtet zu werden,— drei Kugeln gingen ihm durch den Rock, ohne ihn zu verletzen. Als der Winterabend niederſank, lagen über fünf⸗ tauſend Todte auf hartgefrorener Erde und mehr als zwölftauſend Verwundete ſtöhnten in der fürchterlichen Kälte, den Tod herbeiſehnend, der ſie von ihrem Jam⸗ mer befreien ſollte, und die friedlichen Dörfer kündeten in den zum Himmel lodernden Flammen ihrer Häuſer den Fluch des Kriegs. — — Fünftes Kapitel. Es war am achtzehnten December, als König Friedrich, an ſeiner Seite der alte Deſſauer in Feld⸗ marſchallsuniform, ſeinen Einzug in Dresden hielt. Die Oeſterreicher und Sachſen hatten ſich nach der blutigen Entſcheidung bei Keſſelsdorf ins Gebirge gezogen, nach⸗ dem die zu den erſtern gehörenden Kroaten ihre kind⸗ liche Neigung, Alles zu nehmen, was ihnen gefiel, vor ihrem Abzuge aus der Hauptſtadt Sachſens noch be⸗ friedigt hatten. Beſonders hatten die Gegend ums Feldſchlößchen und der Poppitz viel unter der Raubluſt dieſer halbciviliſirten Schaaren gelitten. In manchen Häuſern hatten ſie auch rohe Gewaltthaten verübt. So war es der Frau BiWübliothekaraſſiſtent Almer traurig ergangen. Als ſie einem Rottmeiſter, welcher 1 76 ohne Umſtände mit ſchwerem Kolbenſchlage eine Schrank⸗ thür zertrümmerte, entgegentrat, um ihn an der räube⸗ riſchen That zu verhindern, hatte er ihr mit dem Kolben einen heftigen Stoß vor die Bruſt gegeben, daß ſie zu Boden ſtürzte. Das Geſchrei von Frau Doris Schomer und Frau Melchior drang zum Glück einem am Hauſe vorüberreitenden deutſchen Offizier ins Ohr, der, jeden⸗ falls ahnend, daß ein Bubenſtück von einem oder mehreren dieſes kroatiſchen Gelichters da oben vollführt werde, vom Pferde ſprang, ſeinem Knecht den Zügel zuwarf und in das Obergeſchoß hinaufſtürmte. Das plötzliche Erſcheinen des Offiziers machte den kroatiſchen Unhold erſtarren. Es bedurfte nur weniger Worte, um den Helfer von dem zu unterrichten, was geſchehen, und ein ſcharfer Säbelhieb fuhr dem Plünderungsluſtigen ſo hart am Kopfe vorüber, daß ein Theil des Ohres wie ein Stück loſes Leder herunterhing und eine breite Blutſpur ſich über Schulter und Bruſt des Elenden ergoß, der ſchreiend vor Schmerz dem Hauſe entrann. Als Almer, welcher in der Stadt in der Bibliothek geweſen war, nach Hauſe kam, fand er ſeine Gemahlin im Bett liegen; der heftige Stoß mit dem Musketen⸗ kolben hatte ihr arge Schmerzen auf dieſer Stelle zu⸗ gezogen, ſie vermochte kaum zu athmen. In Verbin⸗ dung mit der Angſt, welche Marie an dieſem Tage, 177 wo das Geſchützkrachen der Keſſelsdorfer Schlacht wie ein unaufhörlicher Donner in den Lüften gewüthet, empfunden hatte, konnte es nicht ſehr auffallend er⸗ ſcheinen, daß dies zarte weibliche Weſen, in tiefſter Seele erregt, jetzt von der Folge der an ihr verübten Brutalität um ſo mehr ergriffen wurde. Der herbei⸗ gerufene Arzt verordnete die tiefſte Ruhe bei dem Ge⸗ brauch einer Medicin, aber leider war die Zeit eine ſehr ungünſtige für eine ununterbrochene Ruhe des Gemüthes. Der bevorſtehende Einmarſch der ſiegreichen Preußen war ganz geeignet, Mariens Seele mit neuer Angſt zu erfüllen, beſonders da des alten Deſſauers Regiment, das von den ſächſiſchen Kugeln ungemein ſtark gelichtet worden, gleichſam zur Belohnung für ſeine Bravheit und Ausdauer in dem entſetzlichen Kampfe in die Hauptſtadt verlegt werden ſollte. Nur erſt dann fühlte Marie ſich etwas beruhigt, als ihr Gemahl ihr das Verſprechen gab, unter keinen Umſtänden das Haus verlaſſen zu wollen, ſolange das Halleſche Muſter⸗ regiment in der Hauptſtadt ſtehe. „Denke Dir, Fortunatus, wenn einer Deiner ehe⸗ maligen Kameraden Dich erkennen ſollte, Du als De⸗ ſerteur ergriffen würdeſt!“ Das Bild dieſes Unglücks, welches ſo lebhaft vor die Seele der jungen Gräfin Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. V. 12 178 trat, wirkte übermächtig auf ſie ein. Ihre Beſin⸗ nung unterlag dem entſetzlichen Eindruck deſſelben, ſie verfiel einer Ohnmacht und Fortunatus fand in dieſem Vorfalle die Andeutung, daß die geringſte Unvorſichtig⸗ keit ſeinerſeits ſeiner Gemahlin das Leben koſten könne. Und was hätte ihn auch nöthigen ſollen, ſich aus dem Hauſe zu begeben, in die Stadt hineinzugehen? Der Hof war über Hals und Kopf geflüchtet, und zwar in ſo raſender Haſt, daß man einen Theil der kleinen königlichen Familie mitzunehmen vergeſſen hatte. Und mit dem Hofe war auch der Reichsgraf Brühl mit ſeiner Fa⸗ milie und den hoch ariſtokratiſchen Perſonen, die zu der öſterreichiſchen Clique gehörten, von dannen gezogen. Es war am zweitfolgenden Tage nach dem Ein⸗ marſch der Preußen, als der kleine Fortunat, angezogen von dem luſtigen Schneegeſtöber, in das die kalte Mit⸗ tagsſonne grell hineinblitzte, ſodaß die kleinen Flöck⸗ chen wie in einem Glorienſcheine durcheinander ſich trieben, als ſpielten ſie ein neckiſches gegenſeitiges Haſchen, im anſtoßenden Zimmer auf einen Stuhl ge⸗ ſtiegen war, das Fenſter geöffnet hatte und, über deſſen Brüſtung ſich hinauslehnend, mit beiden Händchen nach den wirbelnden Flöckchen griff und in kindiſcher Freude jubelte, wenn er eins in der hohlen Hand ge⸗ fangen hatte. 3 ſchüttelt“, rief der K 179 „Was lacht nur Fortunat ſo laut?“ fragte Gräfin Marie im Nebenzimmer ihren Gemahl.„Mir iſt's ge⸗ rade, als hörte ich ihn außerhalb des Hauſes auf der Gaſſe, und ich weiß doch, daß er nebenan ift.⸗ „Ich werde nachſehen.“ Mit dieſen Worten erhob ſich der Graf und ging ins Nebengemach. Ein außerordentlicher Schreck ergriff ihn, als er den Knaben mit einem Knie auf den Fenſterſims geſtützt, mit halbem Leibe hinaus ſich beugend, ſein luſtiges Spiel treiben ſah. Eine etwas zu heftige Bewegung und der Kleine hätte aus dem Fenſter hinabſtürzen können. Dieſe dem Knaben dro⸗ hende Gefahr verleitete den Grafen, ſich ſelbſt zu vergeſſen, ſodaß er, mit den Worten raſch hinzuſprin⸗ gend:„Kind, um's Himmelswillen, Du kannſt ja hin⸗ unterfallen!“ mit beiden Händen den Knaben bei dem Oberkörper faßte und zurückreißen wollte; aber der kleine Unband klammerte ſich mit der linken Hand an den Fenſterrahmen an und ſträubte ſich lebhaft, von ſeinem wagehalſigen Spiele zu laſſen. „Sei artig, Fortunat“, redete ihm der Vater gütlich zu.„Du kannſt Unglück haben.“ „Ich will mit den ſchönen weißen Federchen ſpie⸗ len, die der liebe Gott aus dem Himmel herunter⸗ leine hartnäckig und ergriff nun 12* auch mit der rechten Hand den Rahmen, die Kraft ſeines Widerſtandes dadurch vermehrend. „Unartiges Kind Dul Weg mit den Händen, laß los!“ Der kleine Fortunat erhob ein gellendes Geſchrei, da ſich ihm die unangenehme Bemerkung aufdrängte, daß ſein Widerſtreben ein unnützes ſei. Der Graf hatte Mühe, die kleinen Hände von dem Rahmen zu entfernen. In dieſer Beſchäftigung, die ihn zum Zorn anregte und ihn ganz überſehen ließ, was unten auf der Straße vorging, hörte er plötzlich von einer be⸗ kannten Stimme die Worte in ſein Ohr dringen: „Straf' mich Gott, das iſt der Alm, der Deſerteur!“ Ein Blick hinunter und Fortunatus erſtarrte. Er ſah den Korporal Bank und zwei Grenadiere des Halle⸗ ſchen Muſterregiments in voller Armatur, wie Patrouillen oder Ablöſungen zu erſcheinen pflegen. Mechaniſch ſchloß der Graf das Fenſter, Fortunat lief ſchreiend ins Nebenzimmer zu ſeiner Mama. Polternde Tritte auf der hölzernen Treppe verkündeten das Heraufſtür⸗ men der Soldaten. Entſetzen hatte den Grafen ge⸗ ſchlagen, er wankte ins Gemach zu ſeiner Gemahlin, die den Knaben zu beruhigen ſuchte.„Marie, dem Schickſal, dem ich entgehen wollte, bin ich verfallen“, ſagte Fortunatus mit bebender Stimme.„Fortunat's Geſchrei hat mich verrathen. Auf der Straße vorüber⸗ 181 gehende Grenadiere von des Deſſauers Leibregiment haben mich erkannt, ſie kommen, um mich feſtzunehmen.“ Die Gräfin ſtieß einen herzzerſchneidenden Schrei aus. Draußen hatte ſich ſtarker Wortwechſel zwiſchen einer Frauenſtimme und der eines Mannes erhoben. „Mich leimt Sie nicht wieder, Frau!“ rief letzterer. „Vorwärts Leute! Eingedrungen! Ich habe den De⸗ ſerteur erkannt, das iſt genug. Schlagt die Thüren ein, wenn ſie nicht gutwillig geöffnet werden. Wird unſer alter Schwerenöther ſchmunzeln, wenn er den Kerl zur Galgenquaſte machen kann.“ „Halt! Ich erinnere mich an etwas, das mich viel⸗ leicht retten kann“, ſprach der Graf, und zu ſeiner Gemahlin tretend, ſagte er aufmunternd:„Marie, gib noch nicht alle Hoffnung auf. Es gibt etwas, das den Fürſten zwingen wird, mich frei zu geben, will er nicht ſelbſt als Verräther vor den Augen des Königs er⸗ ſcheinen. Im unterſten Schubfach meines Schreib⸗ pultes—“ Zum Weiterreden kam er nicht. Im Nebenzimmer verurſachte das ungeſchlachte Auftreten der Soldaten einen tumultuöſen Auftritt; Frau Doris Schomer und Frau Melchior wollten ſie abhalten, in das Zimmer einzudringen, in dem die Gräfin ſich befand. Korporal Bank fluchte und wetterte wie ein Landsknecht und 182 befahl ſeinen Grenadieren die Kolben zu brauchen, wenn die Thür nicht ſogleich aufgethan werde. „Das iſt unnöthig, Korporal Bank!“ ſprach Fortu⸗ natus, plötzlich in der von ihm geöffneten Thür er⸗ ſcheinend. „Alm! Straf' mich Gott!'s iſt der Alm, der vor vier Jahren deſertirt iſt!“ ſchrie Bank. „Ich bin's, ja, und ich hoffe, Ihr erinnert Euch auch, welchen Lohn Euer Kamerad, der Rank, von mir erhielt, als er ſeiner Nichtswürdigkeit, mich zu ent⸗ ehren, vollen Lauf ließ. Ich werde mit Euch gehen ohne Widerſtand zu leiſten, jedoch den geringſten Verſuch, mich nach Eurer Sitte zu mißhandeln, zahlt Ihr mit dem Leben. Merkt's Euch!“ Bei dieſen Wor⸗ ten zog Fortunatus ein kleines Doppelpiſtol aus der Taſche. Das Leben iſt eine zu ſüße Gewohnheit, als daß es auch der koloſſalſte Unhold tollkühn aufs Spiel ſetzte, wenn er auf eine andere Weiſe es bewahren kann. Bank mochte ſich des Tages erinnern, an dem Alm die mißhandelte Soldateska durch einen ſolchen gewal⸗ tigen Schlag auf ſeines Kameraden Nank umfangreiches Haupt rächte, daß dieſer, untauglich zu fernerem Mi⸗ litärdienſt, für Lebenszeit ein elender Bettler wurde, und zugleich drängte ſich ihm die Ueberzeugung auf, 183 daß ein Menſch, der, wie dies eben bei Alm der Fall war, nur eine Ausſicht, nämlich den Galgen, vor ſich hat, ganz beſtimmt zu jeder That fähig ſei, weswegen er es für gerathen fand, ſeinen Muth nicht auf eine unnöthige Probe zu ſetzen, welche ſchlecht belohnt wer⸗ den konnte. „Nun, wenn's Ihm ſo viel Spaß macht, das Ding da auf die Hauptwache mitnehmen zu wollen, und wenn Er nicht Miene zum Entſpringen macht, ſondern fein ordentlich ſich benimmt, wie es einem Arreſtanten zukommt, mag's drum ſein, obwohl es nicht in der Regel iſt, daß Leute— na, Er verſteht’s wohl, daß ich mit den Leuten Delinquenten meine?— daß Delinquenten, die baldiger höherer Beförderung ent⸗ gegenſehen, irgend eine Waffe haben ſollen.“ Herr Bank hatte dieſe Bemerkung, durch die er ſeine Großmuth und zugleich ſeine Todesverachtung gegen eine ſehr gefährliche Waffe documentirte, mit vielem Aufwande von Beredtſamkeit von ſich gegeben, ohne daß ſie mehr Wirkung hervorbrachte, als daß ſeine Grenadiere ihn höchſt erſtaunt anblickten. Der Graf beachtete ihn gar nicht, ſondern rief ſeiner Ge⸗ mahlin ins Zimmer zu:„Auf Wiederſehen, meine theure Marie!“ Dieſer Zuruf löſte die Feſſel des ungeheuren 184 Schreckens von der Aermſten, ſie eilte auf ihn zu, und die Arme um ihn ſchlingend, ſank ſie zu ſeinen Füßen nieder.„Mein Gemahl!“ rief ſie.„Mein Gemahl, ſie reißen Dich von mir— ſie wollen Dich tödten!“ „Wer?“ fragte Fortunatus.„Der Deſſauer? Er darf es um ſeiner ſelbſt willen nicht. Legt er die Hand an mich, ſo iſt es das nämliche, als legte er ſie an ſich ſelbſt. Darum keine Furcht, Marie, wir ſehen uns wieder.“ Und weinend kam jetzt auch der kleine Fortunat heran und wollte nicht von ſeinem gütigen Papa ab⸗ laſſen. „Vorwärts nun!“ befahl der Graf, nachdem er Weib und Kind geküßt und den beiden von Schreck und Angſt ganz verſtörten Frauen ſeine Gemahlin zu ſorgſamer Pflege empfohlen, den Soldaten zu. „Marſch!“ commandirte Korporal Bank. Verwundert und theilnehmend blickten auf den Gaſ⸗ ſen, die zum Neumarkt führen, wo die Hauptwache und unweit davon der Schnellgalgen ſich befanden, die Leute auf den Escortirten.„Der arme Menſch!“ hieß es.„Den bringen ſie auch nicht ins Paradies. Was mag er nur verbrochen haben? Es iſt'n Bürgerlicher, Du guter Gott, behüte doch jedes Mutterkind vor ſolch einem ſchlimmen Gange! Ohne harte Strafe kommt da Keiner weg.“ 185 Als der Offizier der Hauptwache den Deſerteur übernommen hatte und ihn in das Gefängniß abführen laſſen wollte, übergab ihm dieſer die Piſtole mit den Worten:„Ich war dieſer Waffe benöthigt, um mich vor Mißhandlungen zu ſchützen. Später nehme ich ſie wieder in Empfang.“ „Viel Zuverſicht“, lachte der Offizier.„Unſer Alter macht wenig Complimente, ſchreibe Er ſich das hinters Ohr.“ Es war recht auffallend, daß Frau Doris Schomer, die ſonſt ſo treue, unzertrennliche Freundin der Gräfin Marie, jetzt, nachdem deren Gemahl in Mitte der Gre⸗ nadiere das Haus verlaſſen hatte, ſtatt die Gräfin zu beruhigen, in ihr Stübchen gegangen war und lange Zeit nicht zum Vorſchein kam. Als dies endlich doch geſchah, konnte ſich weder Marie noch Frau Mel⸗ chior es deuten, daß ſie in ihrem beſten Kleide er⸗ ſchien, als wenn ſie zu einem großen Feſte gehen wolle, zu dem Jeder beſtrebt ſei, ſich ſoviel als mög⸗ lich herauszuputzen. „Aber, Doris, was kommt Dir an, daß Du jetzt, wo ich in ſo großer Angſt bin, an Tand und Putz denken kannſt?“ fragte Gräfin Marie, die Hände vor Erſtaunen faltend. O mein liebes Herz, denke nichts Schlimmes von 186 mir, Du würdeſt mir großes Unrecht zufügen“, ant⸗ wortete Frau Doris und ſich zu Mariens Ohr nieder⸗ beugend, flüſterte ſie ihr zu:„Ich gehe zum König. Jetzt kann er vergelten, was ich Schweres um ſeinet⸗ willen gelitten und erduldet habe.“ Ohne eine Gegenrede abzuwarten, verließ ſie ſchnell Zimmer und Haus. König Friedrich bewohnte das Lubomirsky'ſche Pa⸗ lais an der Kreuzkirche, ein ſtattliches, mit all dem gediegenen Comfort damaliger Zeit ausgeſtattetes fürſtliches Haus. Es war ſchwer, bis zu ihm vorzu⸗ dringen, denn die nöthigen Tagesgeſchäfte, beſonders die militäriſchen Anordnungen und der Empfang der Geſandten, welche ſämmtlich den Auftrag hatten, den Sieger zum Friedenmachen zu beſtimmen, nahmen ihn ſo ſehr in Anſpruch, daß er kaum ſo viel Zeit behielt, eine der Stunden an den kurzen Wintertagen zum Ausreiten zu gewinnen. Die Unerſchütterlichkeit, mit welcher Frau Doris Schomer ihrem Entſchluß, bei des Königs Majeſtät eine Audienz zu erringen, treu blieb, brachte es endlich doch nach ſtundenlangem Warten dahin, daß ein gutmüthiger Lakai es unternahm, ſie dem Monarchen zu melden, der, obgleich ermüdet von den Geſchäften, doch auf die Vorſtellungen des Dieners, daß es etwas ſehr — 187 Wichtiges ſein müſſe, was die Frau ihm zu melden habe, denn ſie hätte geäußert, ohne den König ge⸗ ſprochen zu haben, könne ſie nicht nach Hauſe gehen, und dabei ſeien ihr die hellen Thränen in die Augen getreten, ſich entſchloß, ihr Gehör zu ſchenken. Die Neugier trieb den Lakaien an, zu erlau⸗ ſchen, was die Frau bei ſeinem königlichen Herrn ſo Wichtiges anzubringen habe. Sein im Hören wohl⸗ geübtes Ohr verſtand leider nichts von dem, was die Frau dem König mittheilte, ſie ſprach mit ſchwacher Stimme; aber ſein Ausruf:„Doris Ritter! Sie iſt Doris Ritter?“ entging ihm nicht und ein mit Com⸗ binationsfähigkeit ſo trefflich ausgeſtatteter dienſtbarer Geiſt wie der ſeine wußte nun Alles in Allem. „Aha, etwas Liebes von ehedem, Anno ſoundſoviel, hätt' mir's denken können“, ſagte der Mann, ſchlau vor ſich hinlächelnd, und verließ den Anſtand, der ihn hin⸗ ter dieſes ſüße Geheimniß hatte kommen laſſen. „Er iſt wohl verrückt geworden, Bank, kopfver⸗ dreht wie Sein Kammerad Rank, dem der Alm das Hirn in andere Lage gebracht hat!“ tobte der alte, von einem langen Ritte ſpät erſt in ſein Quartier zurück⸗ gekehrte Deſſauer, als ihm Korporal Bank die Mel⸗ dung gemacht, daß es ihm gelungen, den Deſerteur Alm zu arretiren, und dieſer zu ſeiner Frau oder wer das Weibsbild ſonſt ſei, geſagt habe, der Durchlauchtige dürfe nicht die Hand an ihn legen, weil das ebenſo viel hieße, als er lege ſie an ſich ſelbſt.„Das kann die Canaille nicht geſagt haben. Was hätte ich mit ſolchem Schurken von Ausreißer gemein!“ „Mit Verlaub, Durchlaucht, das ſind ſeine Worte, 's geht kein Jota davon ab. Meine Ohren ſind gut.“ „Aber lang, lang“, ſchrie der alte Herr grimmig. „Man ſieht Ihm gleich den Eſel an. Der Hunds⸗ fott von Deſerteur ſoll hertransportirt werden!“ rief er nach einer Pauſe.„Richte Er das dem Hauptmann der Wache aus. Rechts um kehrt! Marſch!“ Als Alm in das Zimmer eintrat, in dem ſich der Durchlauchtige befand, blickte ihn dieſer an, als wolle er ihn durchbohren, indeß er genoß nicht die Freude, denſelben zittern zu ſehen. Das brachte ihn in ſolche Wuth, daß er, auf ihn losſtürzend und den Stock zum Hiebe ſchwingend, ihn anbrüllte:„Hundsfott Er!“ „Keinen Schlag, Durchlaucht! Bei Gott, ich ver⸗ geſſe, wer Sie ſind!“ „Was? Was?“ ſchrie der alte Herr.„Ich laſſe Ihn todt fuchteln, großmäulige Canaille!“ „Durchlaucht“, ſprach Alm mit einer Ruhe, die den Deſſauer außer aller Faſſung brachte,„ich bin Edelmann.“ 189 „Er? Der Satan mag Ihn zum Edelmann gemacht haben.“ „Eure Durchlaucht machen ſich da ein ſchlechtes Compliment, denn Sie ſtanden mit meiner gnädigſten Stiefmama, der Gräfin Almeslo, in ſehr freund⸗ ſchaftlicher Correſpondenz. Ich bin Fortunatus Graf Almeslo.“ Die Ueberraſchung war für Herrn Leupold ſo ſtark, daß er ſich gar nicht fähig fühlte, einen Laut des Erſtaunens von ſich zu geben. Fortunatus, ohne dieſes Zeichen von Schreck und Faſſungsloſigkeit des Durchlauchtigen zu beachten, redete unaufgefordert wei⸗ ter:„Familienverhältniſſe eigenthümlicher Art ſind die Urſache geweſen, daß ich als armer Flüchtling nach Deſſau kam. Ich hatte Alles verloren, was ſelbſt dem Aermſten, dem roheſten Menſchen theuer iſt, Weib und Kind. Die Habſucht der zweiten Gemahlin meines Vaters, ihre Gier nach meinem Erbe hatte das ent⸗ ſetzlichſte Schickſal über mich heraufbeſchworen, dem ich ohne Gottes gnädigen Vaterſchutz und ohne die Hülfe guter, edler Menſchen, an deren Spitze Eurer Durch⸗ laucht höchſtſelige Gemahlin, ein Muſter weiblicher Tugend und Herzensgüte, ſtand, unterlegen wäre.“ „Wie? Meine Annelieſe hätte—“ „Dieſe hochedle Frau kannte mein Geheimniß. Eurer Durchlaucht Erbprinz und deſſen Gemahlin, wie auch Eurer Durchlaucht Prinzeſſinnen Töchter konnten ihr dafür bürgen, daß ich wirklich derſelbe Graf Almeslo ſei, welcher an dem kleinen Hofe zu Bubainen ein be⸗ liebter, gern geſehener Geſellſchafter geweſen war. Ich mußte in tiefſter Verborgenheit bleiben, ſollten die mir bereiteten ſchändlichen Nachſtellungen von ſeiten meiner Stiefmama vereitelt werden, darum fand die höchſt⸗ ſelige Fürſtin es für das Geeignetſte, ſelbſt Eurer Durchlaucht das meine Perſon betreffende Geheimniß verborgen zu halten.“ „Meine höchſtſelige Annelieſe hat Ihm— Ihnen alſo zur Deſertion verholfen?“ „Sie wußte darum.“ „Kinkerlitzchen und kein Ende!“ rief der alte Herr. „Hätte das von der Annelieſe doch im Leben nicht ge⸗ glaubt!“ „Ich verwahre ein Geheimniß, das allein Eure Durchlaucht betrifft.“ „Mich?“ „Ja. Ein glücklicher Zufall ſpielte mir vor drei Jahren, als ich unerkannt in meiner Vaterſtadt Bres⸗ lau anweſend war, eine Correſpondenz meiner gnädig⸗ ſten Stiefmama mit ihren Freunden, den Jeſuiten, in die Hand. Ich fand einen an die Gräfin von Eurer — Durchlaucht geſchriebenen Brief als Inlage beigeſchloſ⸗ ſen, der, wenn er Seiner Majeſtät dem Könige vor Augen gebracht worden wäre, Eurer Durchlaucht ſchwere Verlegenheiten und vielleicht noch Schlimmeres bereitet haben würde.“ Der alte Herr trat mit einem unverkennbaren Schreck, der ſein dunkles Angeſicht wie zu einem ver⸗ ſteinerten machte, ein paar Schritte zurück. Sein Blick hing ſo ſtier an dem Sprechenden, als ſähe er ein Ge⸗ ſpenſt vor ſich. Fortunatus erkannte, daß er jetzt den alten Herrn an ſich herankommen laſſen müſſe. Er durfte der tief eingedrungenen erſchreckenden Wirkung nicht vorgreifen, nicht eine Gutmüthigkeit äußern, die den alten Deſſauer ſofort aller Verlegenheit überhoben hätte. Nach einer Weile fragte Herr Leupold mit einem leiſen Tone, welcher bei ihm zu den Wundern gehörte: „In weſſen Hand befindet ſich jetzt dieſer Brief?“ „In der meinen, Durchlaucht.“ „In Sein— Ihrer Hand?“ „Ja, Durchlaucht. Sein Hauptinhalt beſteht darin, daß Sie Ihre in Schleſien getroffenen Truppenpoſitionen der Gräfin andeutungsweiſe mittheilen.“ Von ſeiten des alten Deſſauers erfolgte keine Ant⸗ wort, wohl aber wurde ein ſtarkes Knirſchen mit den Zähnen hinter ſeinen feſtgeſchloſſenen Lippen hörbar. 192 Eine Pauſe trat ein. Es entging dem Grafen nicht, daß ihn der Fürſt mit einem ganz beſondern Blicke betrachtete, der viel Aehnlichkeit mit dem Blinzeln eines von einem Baumaſt herab auf ein langſam und arglos daherkommendes Wild äugenden Luchſes hatte. In dieſem Blicke drückte ſich der Gedanke an Liſt aus. Dann wurde ein tiefes Brummen vernehmbar und dieſem Vorläufer folgte die ebenfalls in leiſem Tone geſtellte Frage:„Was hinderte den Herrn, beſagten Brief nicht gegen mich zu gebrauchen?“ „Die Pflicht der Dankbarkeit gegen Eurer Durch⸗ laucht höchſtſelige Gemahlin.“ „Hm, ſie iſt todt. Was wird der Herr nun thun?“ „Den Brief Eurer Durchlaucht zur Vernichtung übergeben.“ „Das— das wollen Sie wirklich?“ rief der alte Herr, tief Athem ſchöpfend, als fiele ihm eine ſchwere Laſt vom Herzen. „Warum nicht?“ entgegnete Fortunatus.„Eure Durchlaucht waren mein Feind, ſind es aber jetzt nicht mehr.“ Starkes Klopfen an der äußern Thür machte den alten Fürſten aufmerkſam, daß man ihm eine wich⸗ tige Meldung zu machen habe.„Herein!“ rief er mit Donnerſtimme. 193 „Ein Handbillet von Seiner königlichen Majeſtät an Eure Durchlaucht.“ Kältſch entfernte ſich nach dieſen Worten. Der alte Herr erbrach das Billet und Fortunatus bemerkte nicht ohne Erſtaunen, daß der es Leſende in ſichtliche Verwirrung gerieth und dann, den Blick auf ihn gerichtet, ſprach:„Seine Majeſtät wünſcht des Grenadiers Alm ſofortige Freilaſſung.“ „Meine Freilaſſung— der König wünſcht ſie?“ „Ja. Der Herr Graf ſcheinen darüber erſtaunt?“ „Und mit Recht, Durchlaucht. Ich kenne Niemand hier, der ſich für mich ſo ſehr hätte intereſſiren ſollen, um Seiner Majeſtät Wohlwollen auf mich zu lenken.“ „Nun, ſei dem, wie ihm wolle“, hob Herr Leupold an und das Grimmige verſchwand nicht nur plötzlich aus ſeinem Geſicht, ſondern auch aus ſeinem Weſen. Jener Ausdruck von Gemüthlichkeit, der ihn zuweilen ſogar liebenswürdig, natürlich nur ſoweit dies mit der ihm eingefleiſchten Rauhheit vereinbar war, er⸗ ſcheinen ließ, nahm unbeſchränkten Beſitz von ihm, und Fortunatus näher tretend, legte er ihm die Hand auf die Schultern.„Der Herr Graf“, hob er an,„wären auch ohne Seiner Majeſtät ausgeſprochenen Wunſch frei geweſen. Ich kenne zwar die Gründe nicht, die meine höchſtſelige Gemahlin gehabt haben muß, um . Tar 8; 5 Sunſ v 93 Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt V. 13 mich über den Stand des Deſerteurs Alm in Unkennt⸗ niß zu laſſen, aber gewichtig ſind ſie unter allen Um⸗ ſtänden geweſen. Meine Annelieſe war eine kluge Frau, Gott gebe ihr viel Freude!“ Die Hand für einige Sekunden über Augen und Stirn legend, ver⸗ harrte er ſchweigend, dann ſagte er mit aufrichtiger Rührung:„Die Annelieſe war mein guter Geiſt, glaube der Herr Graf mir das. Ich bin der Alte, wie ich es immerdar geweſen, aber ein armer Mann bin ich doch geworden, ſeit mir die Annelieſe genommen iſt, ich fühle das am beſten.“ Erſchüttert von dieſem Geſtändniß eines ſo rauhen Charakters rief Fortunatus:„Durchlaucht—“ „Pſt, das Reden und all die ſchöne Flunkerei von Troſtſprüchen taugen die Schwerenoth, muß ich am beſten wiſſen, hab's durchgemacht. Mit dem Kinker⸗ litzchen hätte mir der Herrgott nicht kommen ſollen, das war'n Biſſel zu ſtark. Na,'s iſt einmal ſo und anders wird's nicht.“ Nach dieſer Erklärung machte der alte Herr ſeiner Gewohnheit nach einen Gang durchs Zimmer und voll Verwunderung hörte ihn Fortunatus ſeinen bekannten Marſch vor ſich hinbrum⸗ men. Dann trat der Durchlauchtige zu ihm und ſprach freundlich:„Wir ſehen uns heute. Der Bank ſoll mich zu Ihnen führen. Gott befohlen, Herr Graf.“ , 195 Mit ihm durch das Vorzimmer gehend, ertheilte er den als Escorte im Corridor verbliebenen vier Mann die Weiſung, ohne ihren Gefangenen nach der Hauptwache zurückzumarſchiren. Für Fortunatus löſte ſich das Räthſel der Ein⸗ miſchung des Königs in ſeine Angelegenheit erſt, als er nach Hauſe kam. Frau Doris Schomer's Audienz bei Seiner Majeſtät hatte dieſelbe bewirkt. Als der Abend niederdunkelte, ſtellte ſich Herr Leupold pünktlich in der einfachen Wohnung des Grafen ein. Draußen war es bitter kalt, aber in dem Stüb⸗ chen des Bibliothekaraſſiſtenten war es wohlthuend warm. Der von innen zu heizende Ofen empfing ein Geheimniß als Speiſe für das in ihm hell lodernde Feuer, den Brief der Gräfin Almeslo und den des alten Herrn. Im Nu waren beide Blätter in Aſchen⸗ ſtäubchen verwandelt. Wie ſehr ſich der Fürſt von den ſo einfachen bürgerlichen Verhältniſſen des Grafen an⸗ geheimelt fühlte, ging daraus hervor, daß er erſt, als der Wächter die zehnte Nachtſtunde abrief, das Haus verließ. Das Anhören der Schickſale von Fortunatus und ſeiner Gemahlin hatte ihm die Zeit verkürzt. Am andern Tag erſchien eine Ordonanz bei For⸗ tunatus, ihn zu einer beſtimmten Nachmittagsſtunde zum Könige zu beſcheiden. Was er noch nicht gewußt, 13* 196 erfuhr er bei dieſer Audienz, nämlich daß ſeine gnä⸗ dige Stiefmama zu dreijährigem Hausarreſt verurtheilt, jetzt, wo dieſe Straffriſt geendet ſei, auf dem Kranken⸗ bette dem Tod entgegenſehe. Der Monarch bezeigte ſich außerordentlich gnädig, indem er ihm verſprach, nöthigenfalls ſein Beiſtand zu werden. Unter des engliſchen Geſandten Villiers Vermitte⸗ lung kam in Dresden der Friede außerordentlich raſch, ſchon am 25. December zu Stande, in welchem dem Könige von Preußen nicht nur der Beſitz Schleſiens zuerkannt wurde, ſondern auch Sachſen die verunglückte Intrigue ſeines Blutſaugers Brühl mit einer Million Thaler an Preußen bezahlen mußte. König Friedrich und der alte Deſſauer verließen gleich nach den Weih⸗ nachtsfeiertagen die ſächſiſche Hauptſtadt. Letzterer beehrte noch den Abend vorher den Grafen Fortunatus mit einem Beſuche, denn, wie er ſich ausdrückte, ſei er gern unter Menſchen, welche ſeine Annelieſe gekannt, Zeichen ihrer Güte empfangen hätten und dafür ſie in dankbarer Erinnerung liebten. Und als er dem Gra⸗ fen und deſſen Gemahlin die Hände zum Abſchiede reichte, ſagte er lachend:„Höre Er, Grenadier Alm, deſertire Er ums Himmelswillen nicht wieder“, und dabei blinzelte er mit den Augen auf deſſen Gemahlin Marie.„Das Deſertiren iſt eine Schwerenothsgeſchichte. 197 Er findet nicht immer ein Todtengerippe, hinter dem Er Verſteckens ſpielen kann, und ſolch einen guten Freund wie mich ſchon gar nicht wieder. Merk' Er ſich das, und wenn er dann und wann vom alten Deſſauer ſpricht, laſſe Er ihn nicht etwa Gaſſe laufen. Er verſteht mich wohl, Er Neunhäutiger?“ „Durchlaucht, ſind meine Angelegenheiten geordnet, glaube ich durch einen Beſuch mit Frau und Kind den beſten Beweis ablegen zu können, daß ich treu zu meiner Fahne und zu Eurer Durchlaucht halte.“ „Komme Er, aber ſchiebe Er's nicht zu lange auf, ſonſt könnte mich vielleicht ein Anderer eher be⸗ ſuchen.“ Es war gegen Ende Januar des Jahres 1746, als Graf Fortunatus Almeslo, an ſeinem Arm ſeine Gemahlin führend und an der Hand ſeinen kleinen Fortunatus in ſein Vaterhaus eintrat. Die alten Diener waren faſt ſämmtlich aus dem Dienſte des gräflichen Hauſes entfernt worden, die neuen kannten den Sohn deſſelben nicht, ſie wollten ihm das Weiter⸗ gehen verwehren; aber als er ſeinen Namen genannt, wichen ſie beſtürzt zurück, nur einer ſagte:„Der gnä⸗ dige Herr Graf Vater befindet ſich am Sterbebett der gnädigen Frau Gräfin.“ „Deſto beſſer, führe Er uns.“ 198 „Ich weiß nicht, ob ich darf; es iſt doch eine ſchwere Störung für eine Sterbende.“ „Auf meine Verantwortung; ich bin der einzige rechtmäßige Herr und Erbe in dieſem Hauſe.“ Dieſe Aeußerung tilgte ſofort alle Scrupel der fein⸗ fühlenden Bedientenſeele und er ſchritt dem künftigen Erben voran. Tiefe Stille herrſchte im Sterbezimmer. Am Fuße des Sterbelagers ſaß ſein alter Vater in einem Arm⸗ ſeſſel, hinter dem der alte Harbich ſtand; vor dem Bette auf den Knieen lag, das Geſicht in die die Sterbende überbreitende Decke gedrückt, ein Mann, welchen For⸗ tunatus, da jener mit dem Rücken ihm zugewendet war, nicht erkannte.„Unſer junger Herr, Graf For⸗ tunatus!“ ſchrie Harbich, den Eintretenden erblickend, und brach hinter dem Seſſel des alten Grafen zum Tode erſchrocken in die Kniee. „Mein Sohn! Fortunatus!“ „Mein lieber, lieber, theurer Vater!“ rief dieſer. „Gott hat mich zur rechten Stunde hergeführt ins Vaterhaus. Ihr Leben wird nicht veröden. Hier iſt meine Gemahlin, hier unſer Kind, Ihr Enkel! Wir ſind gerettet aus—“ In dieſem Moment erſtarrte Fortunatus das Wort der Weiterrede auf der Zunge, der am Bett Knieende 199 hatte ſich voll Entſetzen in den Zügen aufgerichtet. Es war Baron Warkotſch, ſein Stiefbruder. Ein mehrere Sekunden langes gegenſeitiges Anſtarren er⸗ folgte, dann rief Fortunutus, raſch auf jenen zutretend: „Mörder! Auswurf der Menſchheit! Dich hat Dein Geſchick in meine Hand geliefert!“ Ein halb erſtickter Schrei der Sterbenden durch⸗ ſchrillte das Gemach und war die Veranlaſſung, daß Fortunatus den bereits nach dem Baron ausgeſtreckten Arm ſinken ließ.„Nein, ich will mich durch keine Be⸗ rührung mit Dir Verworfenem beſudeln; aber hinaus, auf der Stelle hinaus! Dein Hauch verpeſtet hier die Luft. Fort, Schurke mit dem altadligen Wappen! Dich trifft doch noch die rächende Hand Gottes!“ „Mein Sohn“, ſtammelte die Sterbende; aber der Baron hörte dieſen Angſtruf ſeiner Mutter nicht mehr, mit zwei großen Sätzen entſprang er dem Zimmer. Nach kurzer Pauſe, in der er die nöthige Faſſung zu erringen ſtrebte, redete Fortunatus zu ſeinem Vater gewendet, den nicht nur die Stumpfheit des Alters, ſondern auch die Ueberraſchung, die er jetzt erlebte, ge⸗ waltſam niederdrückte, ſodaß er nicht einmal einer Aeußerung mächtig war:„Mein lieber, theurer Vater zürnen Sie mir nicht, daß ich das Recht eines Sohnes in ſeinem Vaterhauſe gleich jetzt bei meiner Rückkehr 200 in daſſelbe geltend mache. Ich habe dies Recht durch ſchwere Leiden, ja, ich kann ſagen, durch den Tod er⸗ worben, den jener Auswurf über mich verhängte.“ Und zur ſterbenden Gräfin ans Bett tretend, ſprach er laut:„Ich will kein Gedächtniß haben für das, was Sie an mir gethan. Sterben Sie ruhig, möge Gott Ihnen ein milder, gnädiger Richter ſein. Ich vergebe Ihnen.“ Die kalten abgezehrten Hände der Gräfin haſchten nach der ſeinen, ihre Augen hafteten mit gläſernem Blicke auf ihm und kaum verſtändlich ſtöhnte ſie die Frage heraus:„Und— meinem— Sohne?“ Es lag in dieſer mühſamen Aeußerung der ſchon faſt vom Leben Geſchiedenen etwas Ueberwältigendes, dem Fortunatus ſich nicht entziehen konnte. Die un⸗ gemeſſene Mutterliebe zu dem Verbrecher gab auch jetzt noch nicht den Gedanken an ihn auf. Tief von dieſer Ausdauer einer urſprünglich ſo erhabenen und ſie zu ſo ſchweren Verirrungen verleitet habenden Liebe ergriffen, antwortete der junge Graf:„Auch ihm— Gott ſei mein Zeuge! Sterben Sie in Frieden.“ Sie hatte ihn verſtanden, die Kraft zu einer Ant⸗ wort war jedoch von ihr gewichen, nur ihre Lippen bewegten ſich noch einige Male, als wolle ſie ſprechen; die Worte aber blieben unhörbar. Wenige Minuten ſpäter hatte ſie geendet. 201 Ehe noch die kleine Zeitſpanne von fünfviertel Jahren vorüber war, fand auch der alte Graf die Ruhe im Grabe. Sein Leben hatte noch am ſpäten Feier⸗ abend den Sonnenblick treuer, aufrichtiger Liebe ge⸗ noſſen. Marien's ſanftes und freundliches Gemüth verſäumte nichts, was den Greis erheitern konnte, und in der fröhlichen Knabenluſt ſeines Enkels blühten aufs neue die Erinnerungen an ſeine einſtige Knabenzeit in dem Herzen des hochbetagten Herrn auf. Harbich, dem Fortunatus ſeine Treuloſigkeit verziehen, blieb ſein Pfleger, bis der Tod ihm die Augen geſchloſſen hatte. Fortunatus hatte gegen Mitte März 1747 nach Deſſau gemeldet, daß er mit ſeiner Familie auf einige Zeit zu Beſuch kommen werde, und der Hofmedicus freute ſich im voraus des Freundes; die Uebernahme ſeines Erbes aber verzögerte deſſen Ankunft von Tag zu Tage. Und wieder war der ſiebente April, der alljährlich wiederkehrende Tag des Lachsfanges, erſchienen. Wie immer geſtaltete ſich an ihm eine Art Volksfeſt. Der alte Deſſauer zeigte ſich recht heiterer Laune, denn, wie er ſagte, hatte er einige Tage vorher ein Hauptwerk beendet, nämlich ſein Teſtament gemacht, das er dem Leipziger Rath zur Verwahrung überſendet habe. So⸗ mit war ſeine Zukunft eine ſorgenloſe geworden; im 202 Leben gab es für ihn keine höhere Würde mehr zu gewinnen, denn ein Jahr vorher war ihm die hohe Stellung eines erſten Reichsfeldmarſchalls zuerkannt worden. Das Alter hatte ihm kein beſonderes Merkmal des Schwächerwerdens aufgedrückt, wie ſonſt war er noch der rüſtige Kriegsmann und ſeine Haltung, zum Muſter für ſeine Grenadiere, eine ſtramme. Nur ſeine nähere Umgebung bemerkte, wie der ſiebzigjährige Kriegsfürſt zuweilen in tiefes Nachſinnen ſich verſenkte, und ſie kannte die Urſache davon. Frau Annelieſe fehlte ihm. Er ſprach gern von ihr, aber nicht mit der Trauer eines Mannes, den der Verluſt eines geliebten Weibes gegen alle Heiterkeit abſtumpft, ſondern ſeine Erinnerun⸗ gen an ſie glichen mild glänzenden Sonnenſtrahlen, wie ſchöne Herbſttage ſie bringen Beim Hofmedicus ging er gern ein und aus, Frau Anna Stoll wußte ſo viel von ihrer guten, höchſtſeligen Herrin zu erzählen, und dem hörte er mit ſichtbarem Vergnügen zu. Zuweilen ge⸗ dachte er auch ſelbſt mancher Erlebniſſe aus jenen lange verklungenen Jahren, wo die Verſtorbene in voller Jugend⸗ und Kraftfülle ihn in ſeinen Feldzügen be⸗ gleitet hatte. Der Eifer, den er dabei an den Tag legte, zeugte, wie ſein ganzes Sein mit dem Weibe ſeiner Wahl aufs innigſte verknüpft geweſen und noch 203 war. Und wenn er ſo mit ganzer Seele von ihr ge⸗ ſprochen, ſchloß er in der Regel mit der Aeußerung: „Eine Annelieſe kriegte ich nicht wieder und lebte ich noch hundert Jahre!“ Die alte Salome Binſe ſaß nach wie vor mit ihrem Hökerkram an der Ecke, und wenn der alte Herr dann und wann an ihr vorüberſchritt, warf er ihr ein Thaler⸗ ſtück in den Korb und ſagte lachend:„Such's, alte Mumie!“ Frau Binſe's Kenntniſſe reichten nicht ſo hoch hinaus, daß ſie„Mumie“ von„Muhme“ hätte unterſcheiden können, und ſie verſicherte Jedem, der es nur hören wollte, daß der Herr Durchlaucht ihr den Ehrentitel„Muhme“ gäbe, was doch ſicher ein Beweis ſeiner beſondern Werthſchätzung ihrer Perſon ſei. Prinzeß Fiekchen machte ihrem durchlauchtigſten Großpapa viel Vergnügen, denn ſie forderte ihn oft zum Exerciren auf. Es war nun einmal des alten Herrn Steckenpferd, Waffenübungen abzuhalten, und ſeine Grenadiere hatten dabei ſtets Gelegenheit, ihn die vollſtändigſte Litanei ſeiner bekannten Kern⸗ und Kraft⸗ ausdrücke aborgeln zu hören. Seine nun meiſt in Deſſau anweſenden Söhne verſäumten nicht oder wenig⸗ ſtens ſelten, ſich beim Exerciren einzufinden, denn ihr gnädigſter Papa betrachtete ihr Zugegenſein als ein ihm von Gott und Rechtswegen gebührendes Honneur. 204 Der Lachsfang war beſonders reich; Herr Leupold war deshalb in höchſt günſtiger Stimmung. Unter den Anweſenden befand ſich auch der Hofmedicus. Der alte Herr trat auf ihn zu und ihn vertraulich auf die Schulter ſchlagend, fragte er ihn lachend:„Wie iſt's denn, hat Er heute keine neue Charge für mich? Vor ſieben Jahren machte Er mich zum Bettelvogt. Wäre doch neugierig, was Er mir heute für'ne Anſtellung zu⸗ dictirt!“ „Durchlaucht—“ „Ohne Kinkerlitzchen! Ihm iſt ja die Zunge ge⸗ löſt, wie Er mir damals ſagte.“ „Nun denn, Durchlaucht, da muß ich offen ſagen, daß ich Sie heute für des heiligen römiſch⸗deutſchen Reichs alleinigen Nußknackerfabrikanten halte.“ „Schwerenoth, wie iſt das zu verſtehen?“ „Eure Durchlaucht haben Ihren Feinden harte Nüſſe zu knacken gegeben und ſie dadurch zu Nußknackern ge⸗ macht. An der letzten Nuß, Keſſelsdorf, haben ſich zwei ſogar die Zähne ausgebiſſen.“ Herr Leupold lachte hell auf.„Er iſt ein Himmel⸗ ſakermenter!“ rief er.„Na,'s iſt'ne nagelneue Charge für mich, die Er mir da creirt, und ich bin damit zufrieden. Erſter Reichsfeldmarſchall und Nußknacker⸗ fabrikant iſt immer'n ſchöner Titel. Hahaha!“ 205 Als die Mittagszeit an ſelbem Tage faſt vorüber war, durchlief die erſchreckende Kunde ganz Deſſau, Herr Leupold ſei mitten im Kreiſe ſeiner Familie bei Tafel von einem Schlaganfall betroffen worden. Und ſo war es auch. Sein Wunſch, daß der Erbfeind der Menſchheit ihm als reſpectablem Kriegsmann das Hon⸗ neur einer plötzlichen Ueberrumpelung erzeigen möge, hatte ſich buchſtäblich erfüllt. In voller Heiterkeit war er bewußtlos vom Stuhle geſunken, ſeine geiſtige Kraft war plötzlich vernichtet, nur der Körper vegetirte noch in Bewußtloſigkeit fort, bis am Morgen des neunten April ſein Heldenherz ſtillſtand. Ein Fürſt, trotz aller ſeiner Fehler und Schwächen durch und durch deutſch, trat plötzlich vom Schauplatze des Wirkens ab, ſein Name blieb im Volksmunde bis zum heutigen Tage im 4 Andenken, wie der Marſch, der ſeinen Namen führt, heute noch die Herzen der preußiſchen Krieger im Kampfe und zum Siege begeiſtert. In der Fürſtengruft der Schloß⸗ und Stadtkirche zu St.⸗Marien betteten ſeine Grenadiere den alten Deſſauer neben ſeine geliebte Annelieſe. 4 Im Verlaufe eines Jahrzehnts nach dem Heim⸗ gange Herrn Leupold's ſtarb die, wie wir wiſſen, nur 206 aus drei Perſonen beſtehende Familie der Grafen von Almeslo⸗Tappe aus. Der plötzliche Tod des ſo friſch und luſtig heranblühenden kleinen Fortunat zog den ſeiner Mutter, der Gräfin Marie, nach ſich und ihr Gemahl folgte ihr in weniger als Jahresfriſt ins Grab. Das Almeslo'ſche Wappenſchild mit dem Adler, der auf ſeiner Bruſt ein Kreuz trug, verſchwand von der Höhe des Portals, nicht aber der im königlichen Archive zu Dresden noch verwahrte Brief des an Friedrich Wilhelm's I. Hofe zu Berlin als ſächſiſcher Geſandter lebenden Barons von Manteuffel, in dem dieſer Herr jenes auffälligen und durch die Auffindung des leeren Sarges damals nicht enträthſelten Geheim⸗ niſſes gedenkt, welches, wie unſere Geſchichtserzählung ergibt, aufs engſte mit dem Namen Almeslo⸗Tappe zuſammenhing. Des Grafen Fortunatus Ausſpruch gegen ſeinen Stiefbruder, den Baron Warkotſch:„Dich trifft doch noch die rächende Hand Gottes!“ erfüllte ſich. Sein vereitelter Hochverrath, den König Friedrich 1761 wäh⸗ rend des Nachts in dem von demſelben bewohnten einzeln ſtehenden Hauſe ſeines Hauptquartiers in Woiſel⸗ witz bei Strehlen in Schleſien durch Oeſterreicher auf⸗ heben und nach Wien als Gefangenen transportiren zu laſſen, trieb ihn als Flüchtling nach Ungarn, wo er 9— 12. 207 von einer ſehr magern, vom Wiener Hofe, der jedes Ver⸗ ſtändniß mit ſeiner That leugnete, ihm gewährten Penſion ein dürftiges, verachtetes Leben hinfriſtete und endlich in einer elenden Dachkammer von allen gemieden ſtarb, während der König vor dem Oberamthauſe zu Breslau ſein Wappenſchild, Namen und Bild von Henkershand hatte ehrlos machen und zerbrechen laſſen. Prinzeß Amalie blieb wie ihre Schweſter, Anna Wilhelmine, unvermählt und treue Freundin des Hof⸗ medicus und deſſen Familie. Die Deſſauer Amalien⸗ ſtiftung iſt bei den Armen und Kranken des Deſſauer Landes, ihren Erben, ein bleibendes Denkmal ihres edlen Herzens geworden. Wie ſie dem Hofmedicus eine warme herzliche Zuneigung bewahrte bis an ſeinem Tod, ſo auch Korporal Barthel, der den Dienſt nach Herrn Leupold's Tod quittirt und ſeines hochbetagten Vaters kleines Gut übernommen hatte. Und aus der Zeit des alten volksthümlichen Schwerenöthers ſtammend, erhob ſich ſchon ein Jahr⸗ zehnt ſpäter ein hell und klar leuchtender Geiſt, Moſes Mendelsſohn, des armen Schulmeiſters zu Deſſau be⸗ rühmt gewordener Sohn. Das kleine Deſſau hatte dem deutſchen Vaterlande zwei Heroen gegeben, die ihren Platz in der Geſchichte gefunden, einen ſiegreichen Krieger und einen hoch erleuchteten Denker. Auf den blut⸗ 208 benetzten Schlachtfeldern wie auf dem Gebiete des Geiſtes gibt es aber immer nur eine Loſung, die des alten Deſſauers: „Friſch drauf und dran! Friſch drauf und dran!“ Ende. Druck von Bär& H Papier von Julius Lange in 2 — ———— 2— —