bliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Okltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. *. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Ubonnemen Daſſelbe ſmuß voraus zbezahlt werden und cns— t. beträgt: e. für wöchentlichee 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2————————— auf 1 Monat: ☛ 4 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 3 „—— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Buücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mirsgeliehen, auchsdafür zu ſtehen haben. — —õ—yyy— Ein deutſcher Fürſt. Hiſtoriſcher Roman von Franz Carion. Zweite Abtheilung des Romans: Der alte Deſſauer. ——— Vierter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1868. Erſtes Kapitel. Mit ſchnellen Ruderſchlägen hatten die beiden Mörder ihr Fahrzeug nach der Strommitte getrieben, und wenn auch Gewiſſensbiſſe unter die Rubrik der unbekannten Regungen bei ihnen gehörten, ſo war es doch der Aber⸗ glaube, der ſie abhielt, nach dem Armen⸗Seelen⸗Tümpel zurückzublicken, um nicht etwa das Opfer ihrer Ver⸗ ruchtheit wieder auftauchen zu ſehen, was von böſer Vorbedeutung ſein ſollte. Der Arme⸗Seelen⸗Tümpel war eine von der Donau bei großen periodiſchen Fluten eingeriſſene, mit vielem Schilf beſtandene Einbuchtung, und der Calcül ganz richtig, daß der dichte Schilfbeſtand ein feſter Wider⸗ halt für ſchwere Körper ſein mußte, die man da hinein⸗ verſenkte; ſie mußten ſich in die Schilfwaldung am Boden Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. IV. 1 —— 2 vewickeln, was ihr Emporkommen, ihr ans Ufer Getrieben⸗ werden unmöglich machte. Nur wenn der Strom heftig anſchwoll, und das war gewöhnlich zur Frühjahrszeit nach dem Schmelzen des Eiſes und Schnees, geſchah es, daß ſolche Körper aus der feſten Umarmung des Schilfes herausgeriſſen und gewaltſam an den ſeichten Rand der Einbuchtung befördert wurden, wo man ſie ſpäter, ſo⸗ bald die Flut ſich wieder geſetzt hatte, fand. Der Umſtand, daß ſie faſt alle an Händen und Füßen gebunden waren, ward Urſache, daß man dieſem Waſſereinſchnitt den ſchon erwähnten und gewiß ſehr bezeichnenden Namen gab. Die auf dieſe ſchänd⸗ liche Weiſe Gemordeten gehörten in der That den armen Seelen an, denn man erkannte keinen derſelben, ihre Körper waren meiſt zu weit in der Verweſung vor⸗ geſchritten. Die Freiheit ſeiner Hände war für Fortunatus der günſtige Umſtand, ſeine Rettung aus dieſem ihm bereiteten ſichern Grabe zu bewerkſtelligen. Seine Schwimmfertigkeit erhob ihn aus der Tiefe, obwohl er alle ſeine Kräfte anſtrengen mußte, ſeine zuſammen⸗ gebundenen Füße hier und da aus dem ſie umſchlingen⸗ den Schilfe herauszuarbeiten. Unmöglich war's ihm jedoch, ſeine ziemlich feſt anliegende Kopfverhüllung ab⸗ zuſtreifen, und nur daß, ſobald er mit dem Kopfe über 3 die Waſſerfläche emporkam, er an der Kühlung und am Abträufen des Waſſers von ſeiner Lederhaube dies be⸗ merkte, war gleichſam eine Ermuthigung für ihn, nicht abzulaſſen in dem Selbſtrettungsverſuche. Er fühlte indeß, wie ſeine Kräfte allmälig nach⸗ ließen. Der Kampf mit dem dichten Schilfe, dem er, da er letzteres nicht ſah und ſich daher vor demſelben nicht retten konnte, beſtändig ausgeſetzt war, ermüdete ihn außerordentlich, und faſt gab er ſchon die Hoffnung auf, daß es ihm gelingen werde, ſich aus dieſer ſchreck⸗ lichen Lage zu befreien, als es ihm vorkam, als werde er vom Waſſer mehr gehoben. Einige Sekunden ſpäter ward es ihm zur Gewißheit, daß er ſich außer⸗ halb der Schilfregion befand, das Waſſer hatte nun einen leiſen Zug. Er ſchloß daraus, daß er ſich im Fluſſe und zwar in Ufernähe befinden müſſe, und dies war keine Täuſchung. Wendete er ſich nach rechts, ſo ward der Waſſerzug ſtärker, auf dieſer Seite alſo mußte die Strommitte ſein, der Verſuch nach links zeigte ihm dagegen den Waſſerzug weit weniger merkbar; es war alſo logiſch, daß hier die Uferſeite ſei. Ob das Ufer ſteil oder ſanft verlaufend ſein werde, darüber blieb er freilich im Unklaren, indeß er wendete ſich nach dieſer Seite und fand ein ſanft aus dem 1* 4 Fluſſe lehnan ſich hebendes Ufer, das er, da das Waſſer immer ſeichter wurde, kriechend erreichte, indem er ſich wie ein Reptil mit den Händen vorwärts ſchob und mit den zuſammengebundenen Füßen auf dem ſandigen Boden dieſe Bewegung unterſtützte. Zum Tode matt blieb er liegen, als er die Ueber⸗ zeugung gewonnen, er befinde ſich auf dem Trockenen. Obwohl der Abendhauch ihn in den triefenden Klei⸗ dern eiſig durchſchauerte, fühlte er ſich doch lange un⸗ fähig, ſeine Arme zu rühren; die Anſtrengung, ſich dem ihn ſchon umſchließenden Grabe zu entringen, hatte ihn ſo ſchwach gemacht, daß er ſelbſt den mehr als un⸗ 1 angenehmen Zuſtand, in den er jetzt verſetzt war, als eeinne Art Wohlthat anſah. Endlich ging er daran, an ſeine Selbſtbefreiung die letzte Hand zu legen, vor allem die Lederkappe vom Kopfe zu entfernen, die ihn blind machte. Es war ihm nicht möglich; am Zug im Nacken hatte ſich die Schleife, vielleicht nur in einem einfachen Knoten beſtehend, durch das Waſſer unentwirrbar zuſammengezogen. Von der vergeblichen Anſtrengung ermattet, ſanken ihm die Arme an den Seiten nieder. Was ſollte er in dieſer entſetzlichen Lage beginnen? Die eine Hand ſcharf auf den Boden, auf dem er ſaß, unwillkürlich niederdrückend, empfand er am Daumen —— — ngienyN. rsseiud 5 einen Schmerz, als habe er ſich an etwas Scharfem ge⸗ riſſen. Er griff nach dieſem Gegenſtande— es war ein kleiner länglicher Stein mit einer ſehr ſcharfen, ſägeartigen und ganz ſpitz zulaufenden Kante. Ein Gedanke durchfuhr ihn. Die durchs Waſſer weich ge⸗ wordene Lederkappe an der linken Seite des Geſichts von demſelben ein wenig abziehend, fuhr er mit dem ſcharfen, ſpitzen Stein nachdrücklich auf dem angeſpann⸗ ten Leder auf und nieder und bald hatte er die Freude, einen tüchtigen Riß durchgeſcheuert zu haben. Im Verlauf von einem kleinen halben Stündchen hatte er das Vordertheil der Kappe ſo zerfetzt, daß es nur noch der Arbeit, ſie unterm Kinn loszulöſen, be⸗ durfte, um ſie dann ganz von ſich zu werfen. Auch dies gelang, wenn auch mit mehr Anſtrengung, denn der Zug, durch den ſie unterhalb des Kinns und im Nacken zuſammengehalten wurde, bot viel Widerſtand. Er ſah! Tiefe Dämmerung lag über Land und Strom gebreitet, aus letzterem hoben ſich einzelne weißliche Schwaden wie Nebelgeſtalten, die Luft war ſehr ab⸗ gekühlt und es fröſtelte ihn empfindlich, aber die Wohl⸗ that, ſich gerettet zu wiſſen, überwog dieſen Schauer. Er ſah ſich am linken Donauufer, in nicht allzuweiter Ferne vom Praterwalde, und wenn auch fremd und un⸗ — 6 bekannt in der Gegend, hoffte er doch, irgend eine Menſchenſeele zu finden, die ſich ſeiner gegen gute Be⸗ lohnung annähme. Mit friſchem Muthe ging er nun an das ihm noch übrigbleibende Geſchäft, den Strick, der ſeine Füße zu⸗ ſammenſchnürte, mit dem Steine zu durchſcheuern. Als er auch dieſer letzten Feſſel ſich ledig fühlte, ſprang er auf, die Arme nach den leichten Nachtwolken ausſtreckend, die in der unermeſſenen Höhe ſchwammen. „Daß ich gerettet bin vom gewiſſen Tode, iſt jmir das Zeichen, daß Du, Gott, die Rache an dem Elenden in meine Hände legſt, der mich ins Grab betten ließ, wie er auch Marie, mein treues, ſchuldloſes Weib, ge⸗ tödtet hat. Und ich will ſie an ihm vollbringen— höre mich, rettender Gott— ich will, ich will!“ So raſch, als der naſſe Zuſtand ſeiner Kleider es geſtattete, eilte er dem Praterwalde zu. Er mußte eilen, die wenige Hellung in der Luft nahm merkbar ab; aber das Glück begünſtigte ihn. Kaum hatte er den Saum des Praterwaldes erreicht, als er das dumpfe Brüllen einer Kuh hörte. Wie einem Freudentone hörte er dieſem ſich wiederholenden Brüllen zu und verfolgte einen Pfad, der ihn nach einem einſamen Waldwärter⸗ oder Forſtläuferhauſe führte. — 2 —y, — — 7 Der Beſitzer dieſes Hauſes lebte mit ſeiner Familie ganz abgeſchieden von der Welt, und außer Jägers⸗ leuten kam hierher wohl ſelten ein anderer Menſch zu Beſuch. Deshalb machte ſein Klopfen ans Fenſter, durch das er die Familie im Scheine einer kleinen Lampe um ein höchſt frugales Abendbrod ſitzen ſah, auch ſo erſchreckenden Eindruck auf dieſe. Die Kin⸗ der ſchrieen hell auf, die Frau ſchlug die Hände vor Schreck in einander, der Mann ſprang nach der Wand und riß ſeine Büchſe herab und ein gewaltiger Hund, der jedenfalls bisher unter dem Tiſche gelegen, denn Fortunatus hatte ihn nicht früher geſehen, tobte bellend ans Fenſter und zeigte dem Hereinſchauenden ſein un⸗ tadelhaftes Gebiß. Es bedurfte einer ziemlich langen Erklärung von ſeiten des Triefenden, ehe der Bewohner des einſamen Hauſes ſo viel Vertrauen zu ihm faßte, ihn unter ſei⸗ nem Dache aufzunehmen. Die Sicherheitszuſtände in der kaiſerlichen Reſidenz⸗ ſtadt Wien und deren Umgegend waren keineswegs der Art, daß ſie Vertrauen eingeflößt hätten, obwohl ſeit einiger Zeit, um den vielen Straßenſkandalen und den nur allzu oft vorkommenden Mord⸗ und Raubthaten die Stirn zu bieten, eine ſtändige Militärgarniſon und zwar die erſte in Wien errichtet worden war. Dieſe im 8 daß zwar die kaiſerliche Reſidenz ſicherer wurde, deren Umgegend aber gewiſſermaßen noch mehr in Verruf kam, denn Straßenräuberei und Mord machten viel von ſich reden. Daraus erklärte ſich die Abneigung des Wald⸗ wärters, einem ihm ganz fremden Mann in ſeinem jeder nachbarlichen Hülfe ſo entlegenen Hauſe ein Unter⸗ kommen zu geben. Der Anblick des vor Kälte in ſeiner durchnäß⸗ ten Kleidung heftig Zitternden machte die Frau weichherzig, dabei ſah man zugleich, daß der um Auf⸗ nahme Bittende ein ſogar feingekleideter Mann ſei, und ſeine Ausſage, er ſei auf einer Waſſerpartie mit ihm unbekannten Herren in einen Streit gerathen, welcher, da ſie vom Weingenuß aufgeregt geweſen, damit ge⸗ endigt, daß man ihn über Bord geſtürzt und er nur mühſam das Leben gerettet habe, klang wahr⸗ ſcheinlich genug, ihm für dieſe Nacht ein Aſyl zu be⸗ willigen, daß heißt ein gutes Strohlager. Der Um⸗ ſtand, daß er, als er ſich ſeiner naſſen Kleider ent⸗ ledigte, aus einer Börſe einige Silbergulden nahm und ſie dem Waldwärter für deſſen Kinder gab, erwarb ihm ſchnell deſſen Zuneigung und Fürſorge. Die körperliche tödtliche Abſpannung überwog die geiſtige Erregung ſo ſehr, daß Fortunatus, mit einer Ganzen wohlthätige Maßregel hatte jedoch die Folge, —— 4 3 9 dicken Wolldecke und einem trockenen Hemd ſeines Aſyl⸗ gebers ausgeſtattet, ſchnell in einen feſten Schlaf verfiel. Indeß das Furchtbare, was er erlebt, hatte einen zu tiefen Eindruck auf ſeinen Körper gemacht, er fühlte ſich am nächſten Morgen in einen fieberiſchen Zuſtand und einen Schwindel verſetzt, der ihm nicht erlaubte aufzuſtehen. In den Bewohnern des einſamen Wald⸗ hauſes, die aus Schnitt und Stoff ſeiner zum Trocknen aufgehängten Kleidung die Ueberzeugung geſchöpft hatten, daß ihr Schützling ein Mann aus höherem Stande ſein müſſe, fand er die aufmerkſamſten, beſorg⸗ teſten Helfer, und ſo geſchah es, daß er vier Tage bei ihnen zubrachte; am fünften kehrte er noch vor Tages⸗ anbruch von ſeinem Wirth durch den Praterwald ge⸗ führt in die Stadt zurück. Der Gaſthofsbeſitzer, bei dem er, in Wien angekom⸗ men, abſtieg, erklärte, überraſcht, ihn wiederzuſehen, ihm ohne Hehl, daß er ihn als einen ſpurlos Ver⸗ ſchollenen angeſehen habe, denn es ſei eben keine Un⸗ möglichkeit, in Wien oder Umgegend gelegentlich ums Leben zu kommen, wenn man daſelbſt fremd ſei und unvorſichtigerweiſe habe Geld blicken laſſen. Wenige Stunden ſpäter befand ſich Fortunatus auf dem Wege nach dem kaiſerlichen Luſtſchloſſe Laxenburg. Mittels eingezogener Erkundigung hatte er erfahren, 10 daß Baron von Warkotſch mit dem Hofe am vorher⸗ gehenden Tage dahin übergeſiedelt ſei. Fortunatus hatte den Entſchluß gefaßt, den Baron öffentlich vor dem ganzen Hofe als Verbrecher zu entlarven, und um für jeden Fall gegen ihn geſichert zu ſein, führte er ein geladenes Piſtol bei ſich. Man hatte den Baron nie ſo heiter geſehen als in dieſen Tagen, die Cavaliere waren einſtimmig in dem Lobe, der Warkotſch befinde ſich in roſigſtem Humor. Sie wußten freilich nicht, daß er volle Urſache dazu hatte. Am Morgen deſſelben Tages, in deſſen Nachmittags⸗ ſtunden Fortunatus zu ihm kam, hatte er durch einen Eilboten von ſeiner Mutter, der Gräfin, Nachricht er⸗ halten, was nach der Wiederkehr ſeines Stiefbruders von der Tappenburg im Grafenhauſe zu Breslau vorgegangen ſei und wie ſie nur von Glück ſagen könne, nicht von ihm niedergeſtoßen worden zu ſein. An dieſe Nachricht knüpfte ſie die Beſorgniß, daß der zur Rache Geneigte auch ihn zur Rechenſchaft für die That ziehen dürfe, er möge ſich vorbereiten für dieſen Fall. Wie der Baron dieſer mütterlichen Weiſung ent⸗ ſprochen, iſt bereits erzählt, und da Alles ſo gut und geräuſchlos von ſtatten gegangen, hatte Herr von War⸗ kotſch ſicher auch den größten Anlaß zur Heiterkeit. Wie ſollte es ihn nicht ganz zufrieden ſtellen, daß — 88 2* 11 er jetzt, nachdem ſein Stiefbruder auf Nimmerwieder⸗ kommen im Armen⸗Seelen⸗Tümpel beſorgt war, die Ausſicht hatte, früher oder ſpäter deſſen fette Erbſchaft oder mindeſtens einen Theil derſelben an ſich fallen zu ſehen? Er kannte die Thätigkeit ſeiner gnädigen Mama in dieſer Beziehung und nebenbei fühlte er ſich voll⸗ kommen ruhig über die Möglichkeit, daß irgend Jemand mit Beſtimmtheit behaupten könne, Fortunatus ſei in Wien anweſend geweſen. Hatte ihm dieſer doch in ſei⸗ ner Ehrlichkeit und Freude, ſeine Gemahlin wiederſehen zu ſollen, vertraut, daß er unter einem fremden Namen in dem von ihm bezeichneten Gaſthofe abgeſtiegen ſei. Wer wußte alſo von deſſen Hierſein? Niemand. Um elf Uhr erſchien in der Regel der Kaiſer, von ſeiner Gemahlin, zuweilen auch von ſeiner Tochter, der Großherzogin von Toscana, Maria Thereſia, und deren Gemahl Franz begleitet, um eine Promenadenfahrt im Park zu machen. Das hohe und niedere Gefolge der allerhöchſten Herrſchaften ſammelte ſich zu dieſer Stunde ordnungsgemäß in der Schloßhalle, um mittels Wagen den nachfolgenden Zug zu bilden. Die Läufer in ihren bunten Jacken ſtanden harrend am Thore. Ohne luxu⸗ riöſes Ceremoniel ließen ſich der Kaiſer oder die Mit⸗ glieder der kaiſerlichen Familie nie außerhalb ihrer Hofburg oder Luſtſchlöſſer ſehen. 12 Unbemerkt war Fortunatus aus dem Städtchen Laxenburg ins Luſtſchloß gekommen. Niemand hatte ihn beim Eintritt ins Schloß angehalten, ſeine feine Kleidung ließ vermuthen, daß er ein fremder Ca⸗ valier ſei; die kaiſerlichen Hatſchiere verſtanden ſich auf den Unterſchied zwiſchen einem feſt auftreten⸗ den Edelmann und einem höklichſt ſich an ihnen vorbei drücken wollenden Bürger trefflichſt, um kei⸗ nen Verſtoß in dieſer Beziehung zu begehen. „Euer Gnaden ſuchen?“ fragte ihn ein Lakai, als er bemerkte, daß Fortunatus unſchlüſſig war, nach wel⸗ cher Richtung er ſich zu den Vorzimmern der Kaiſerin Majeſtät wenden müſſe. „Baron Warkotſch, Cavalier bei Ihrer Majeſtät der Kaiſerin.“ „Ganz recht“, lautete die Antwort.„Haben Euer Gnaden die Gnade, den Gang da links ge⸗ radeaus zu gehen. Die letzte Thür rechts neben der Stiege iſt für die die Jour habenden Herren Cava⸗ liere. Sie finden den Herrn Baron ganz gewiß da⸗ ſelbſt.“ Dieſer Weiſung zufolge ſchritt Fortunatus den ihm bezeichneten Gang entlang und hatte bald die letzte Thür rechts erreicht, als dieſe geöffnet wurde und mehrere Cavaliere eiligſt heraustraten. Erſtaunt, einen — 13 Fremden hier zu erblicken, fragte einer der Herren: „Wer iſt der Herr?“ „Graf Fortunatus Almeslo.“ Ah, der Stiefbruder unſeres Warkotſch! Treten Sie ein, Herr Graf, er iſt noch im Vorzimmer— ah, da iſt er ſchon!“ In dieſem Moment erſchien Baron Warkotſch auf der Schwelle und prallte entſetzt zurück, als er des Todtgeglaubten anſichtig wurde. Die Cavaliere eilten, ohne das Nähere dieſer Begegnung der Stiefbrüder abzuwarten, eiligſt den Gang entlang nach der Haupt⸗ treppe zu. Fortunatus trat raſch in das Zimmer ein, außer dem Baron war Niemand darin und dieſer lehnte tod⸗ tenbleich an der Wand. Der Schreck, den, welchen er in der ſchlammigen Tiefe des Armen⸗Seelen⸗Tümpels für immer begraben glaubte, vor ſich und zwar hier an dieſem Orte zu ſehen, hatte ihn ſo ſehr gepackt, daß er vollkommen unfähig war, nur die Spur eines Gedankens zu faſſen, der außerhalb dieſer Schreckempfindung lag. Aller Muth war ihm im Nu verloren gegangen, er glich einem Verurtheilten, der ſich außer dem Bereiche jeder Hoffnung auf Gnade weiß und den das Urtel an ihm vollſtreckenſollenden Henker mit dumpfem Star⸗ 14 ren nahen ſieht. Dieſe ſichtbare Niederſchmetterung des lebensluſtigen Cavaliers ſteigerte ſich mit jeder Se⸗ kunde unter der übermächtigen Gewalt des vernichtenden Blickes, den Fortunatus auf ihm haften ließ, und doch war er nicht im Stande, ſeine Augen von ihm abzu⸗ wenden. Schreck und jener natürliche Inſtinkt, der ſelbſt im letzten Augenblicke gleichſam noch auf der Lauer ſteht, eine mögliche Rettung zu erſpähen, miſchten ſich in ſei⸗ nem ſtieren Auge zum Ausdruck des Entſetzens. „Verworfener! Du zitterſt? Deine Schurkenſeele, Mörder, iſt erſchrocken, daß Todte ihre Gräber ver⸗ laſſen, um Dich zur Rechenſchaft zu ziehen für Deine Verbrechen? Auf die Kniee nieder, feige Canaille! Auf die Kniee, ſage ich! Jetzt halte ich Gericht über Dich.“ Der Baron ſank unwillkürlich auf die Kniee nieder. „Du haſt Deinen letzten Tag am Hofe hier erlebt“, redete Fortunutus weiter.„Mit Schimpf und Schande ſollſt Du ihn verlaſſen, Deine Mutter ſoll Freude haben an ihrem würdigen Sprößling, den ich vor dem Kaiſer und dem ganzen Hof als Schandfleck der Ehrloſigkeit an den Pranger zu ſtellen entſchloſſen bin. Pfui über Dich Auswurf!“ In den ſtarren, bewegungslos ſcheinenden Zügen des Barons gab ſich ein leichtes Zucken kund. Es war ein Aufathmen aus dem Banne der Angſt. In For⸗ 15 tunatus' Worten fand er den Anlaß dazu; dieſer wollte ihn nicht tödten, nur der Schande, der Verach⸗ tung preisgeben. So entſetzlich auch der Gedanke war, öffentlich aus der Zahl der Edelleute am Hofe aus⸗ geſtoßen werden zu ſollen, ſo knüpfte ſich doch an dieſen Schauer noch ein Hoffnungsſchein, vielleicht auf irgend eine Weiſe dies ſeine ganze Zukunft vernich⸗ tende und mit einem unausſprechlichen Brandmale kenn⸗ zeichnende Geſchick von ſich fern halten zu können. In ſeine feige Seele kam wieder Spannkraft. Fortunatus bemerkte auf einem Klapptiſch an der Wand Schreib⸗ material und Schreibzeug. Eine Idee ſtieg in ihm auf. „Setze Dich, Schandbube, und ſchreib', was ich Dir dictire!“ befahl er ihm. Der Baron rührte ſich nicht. „Setze Dich und ſchreib'!“ herrſchte ihm jener zu. „Es wird erbaulich ſein, wenn ein Schurke Deines⸗ gleichen das Bekenntniß ſeiner eigenen Schandthaten niedergeſchrieben hat.“ „Erbarmen, Erbarmen!“ ſtöhnte der Baron, der wohl einſah, daß ein ſolches ſchriftliches Bekenntniß ihn ſchon als Edelmann entehren müſſe. „Schreibe, oder die Kugel dieſes Piſtols zerſchmettert Dir's Hirn!“ donnerte Fortunatus, indem er die ge⸗ ladene Waffe aus der Taſche zog und auf ihn hielt. 16 Ein halberſtickter Schrei des Barons, ſein heftiges Aufſpringen und der vollſtändigſte Ausdruck der Angſt in ſeiner Geberde, ſich vor der ſchwarzen, Tod drohen⸗ den Mündung des Piſtols zu ſchützen, markirten den Zuſammenbruch ſeiner Hoffnung, ſich zu retten. „Ich kann nicht— ich kann nicht. Gnade, For⸗ tunatus, Gnade! Ich will Dir Alles geſtehen, aber erlaſſe mir das Schreiben.“ „Schreib oder ſtirb!“ Das verdächtige Knacken des Hahns der Piſtole durchſchauerte den Elenden.„Ich will— ich will“, antwortete er tonlos und wankte an allen Gliedern zitternd nach dem unweit von ihm ſtehenden Tiſche. „Vergiß nicht, daß nur ein leiſer Druck meines Fingers dazu gehört, um Dich, Schurke, aus der Reihe raf der Lebendigen zu ſtreichen. Du weißt wohl, daß ich faſ in Breslau als guter Piſtolenſchütze galt— ich habe nie die Trefffertigkeit nicht verlernt.“. ſes In dieſem verhängnißvollen Moment drang ein Geräuſch aus den innern Zimmern der Kaiſerin in ind des Barons Ohr und abermals erfüllte ihn die Hoff⸗ ſu nung, daß etwas geſchehen könne, was vielleicht ſeine Rettung ermögliche. Abſichtlich machte er mit dem F Seſſel, der unter den die Schreibmaterialien tragenden Tiſch geſchoben war, ein ſtarkes Geräuſch, als er ihn 17 hervorzog, ſodaß deſſen hart auf den Dielen hinfah⸗ rende Füße einen widerlichen, knarrenden Ton hervor⸗ brachten. Er hatte recht calculirt. Sogleich wurde die aus den innern Zimmern ins Vorgemach führende Thür geöffnet, ein Lakai ſteckte den Kopf heraus und rief erſtaunt: „Wie? Der Herr Baron noch hier und Ihre Ma⸗ jeſtät die Kaiſerin iſt bereits—“ Der Mann, welcher während dieſer Worte die Thür weiter geöffnet hatte, erblickte nun den mit der Piſtole in der Hand faſt in der Mitte des Gemaches ſtehenden Fortunatus.„Ein Fremder und eine Piſtole in der Hand im kaiſerlichen Hauſe? Was ſoll das bedeuten?“ Ohne Zögern trat der Lakai, ein großer ſtarker Mann, raſch auf Fortunatus zu, und deſſen rechten Arm er⸗ faſſend, fragte er: Wer iſt Er? Kennt Er die Sitte nicht, daß Niemand im Bann des kaiſerlichen Hau⸗ ſes—“" „Gehe Er zum Henker!“ unterbrach ihn Fortunatus, indem er ſeinen Arm aus deſſen Fauſt zu befreien ſuchte. „Was? Er will hier den Befehlenden ſpielen? He, Franzel! Nazi! Herbei! Herbei!“ Sogleich wurden antwortende Stimmen aus den kaiſerlichen Zimmern laut und eilige Schritte vernehm⸗ Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. IV. 2 2 bar. In dieſem Augenblick kam dem Baron ein Ret⸗ tungsgedanke, dem er ſofort Ausdruck gab. „Halte Er ihn feſt! Halte Er ihn feſt!“ ſchrie er dem mit Fortunutus ringenden Lakai zu.„Es iſt ein bru Verrückter, der mir ans Leben will!“ Der gleichzeitige Eintritt der herbeigerufenen Lakaien, jhn die ſogleich ihrem Kameraden zu Hülfe eilten, bot dem das Baron die Möglichkeit, dem Gemache zu entfliehen; aber des eben deſſen vor ſeinen Augen gelingende Flucht ſtei⸗ die gerte Fortunatus' Zorn zur höchſten Wuth. Mit Auf⸗ mit bietung aller Kräfte entriß er ſich den Lakaien und hder ſprang in mächtigen Sätzen dem Fliehenden nach, der, ſtim nur darauf bedacht, ſein Leben zu retten, die auf En „F. den Corridor mündende Thür offen gelaſſen. In der Angſt jagte der Baron die nahe Stiege hinunter. Er hatte ſchon faſt deren letzte Stufen erreicht, als Fortunatus die oberſte betrat und ihn noch erblickte. ber Sofort erſchütterte ein ſtarker Knall die engen Treppen⸗ ir wände, und als der Pulverrauch ſich lichtete, lag der Lei Baron unten am Boden. Fortunatus ſelbſt blieb bei dieſem Anblicke entſetzt ſtehen. lt Wie oft der heftigſte Rauſch durch ein eiſiges Sturz⸗ bad einer gänzlichen Ernüchterung Platz macht, ſo trat es jetzt plötzlich vor ſeine Seele, daß er mit dem einen ſ in der Wuth bewirkten Fingerdruck auch für ſich ein Sturz⸗ rat es einen h ein 19 Schickſal heraufbeſchworen, das ſich nur aufs traurigſte für ihn geſtalten konnte. Obwohl der Tod als Strafe auf jeden Friedens⸗ bruch im Bann kaiſerlicher Burgen oder Schlöſſer ſtand, ſo milderte doch die Erkenntniß der Richter, daß an ihm ſelbſt vorher ein abſcheuliches Verbrechen geſchehen, das zu fällende Urtel. Fortunatus' ruhige Schilderung des Ereigniſſes verfehlte nicht, einen guten Eindruck auf die Mitglieder des Gerichtshofes zu machen. Jedoch ſo mild auch deſſen Anſchauungsweiſe ſein mochte, ſo war demſelben doch der todte Buchſtabe des Geſetzes be⸗ ſtimmend vorgezeichnet, nur die kaiſerliche Gnade ver⸗ ringerte den immer noch zu harten Urtheilsſpruch „Feſtungsſtrafe auf Lebenszeit“ in eine fünfzehnjährige Dauer dieſer Strafe. Munkatſch, dieſe traurigſte aller Feſtungen, in ungeſunder, moraſtiger Gegend, beher⸗ bergte ihn jedoch kaum ein Vierteljahr lang, als ſich ihm Gelegenheit bot, auszubrechen. Unter unſaglichen Leiden gelangte er nach Konſtantinopel. Um das Leben zu friſten, nahm er Schiffsdienſte, und wie ſchwer es ihm auch wurde, dies rohe Leben erträglich zu finden, ſo hielt er doch dabei aus, in der Hoffnung, gelegentlich auf ein nach Norddeutſchland ſegelndes Fahrzeug zu gelangen.— Er hegte nun keinen Zweifel mehr, daß ſeine Ge⸗ 2 mahlin und ſein Kind längſt nicht mehr unter den Lebenden ſeien; der an ſeiner Perſon verſuchte und durch ſo wunderbare Umſtände vereitelte Mord mußte ihm ja als deutlichſter Beweis gelten, daß der Baron beſtrebt geweſen, dadurch jede Nachfrage für immer unmöglich zu machen. Nach Verlauf eines halben Jahres erfüllte ſich ſein Wunſch, Dienſte auf einem Danziger Schiffe zu finden, das für Königsberg befrachtet war. Dort hoffte er mit dem alten würdigen Sachwalter ſeiner Gemahlin die Maßnahmen beſprechen zu können, um über deren endliches Schickſal Kenntniß zu erlangen. Indeß bei dieſer Fahrt verließ ihn das Glück. Wilde heftige Stürme erhoben ſich und in einer Sturmnacht ſcheiterte das Schiff in der Nähe von Pillau. Nur Wenige außer ihm hatten ſich durch Schwimmen ans Land gerettet. Seine geringen Hab⸗ ſeligkeiten und ſein ſchwer verdienter Lohn waren Beute des Meeres geworden. Gänzlich verarmt befand er ſich nun auf deutſcher Erde. Man half den armen Schiffbrüchigen nach Kräften, aber was ſie verloren, das blieb doch verloren. Er würde ſofort dieſen Unfall haben verſchmerzen können, wenn der alte Sachwalter in Königsberg an⸗ weſend geweſen wäre, indeß deſſen Abweſenheit, deren deren 6 bei eerzen g an⸗ deren Dauer Niemand kannte, wie derſelbe auch ſein Reiſe⸗ ziel Niemand vertraut hatte, nöthigte ihn gewaltſam, ſich nach einem Lebenserwerb umzuſchauen, und er fand Unterkommen auf einem nach Stettin beſtimmten Schiffe. Ehe er jedoch mit demſelben abſegelte, hatte er einen Brief an den alten Sachwalter zurückgelaſſen, damit dieſer ihn bei ſeiner Nachhauſekunft finde. Wenn er einen dauernden Platz gefunden, werde er ihm weitere Nachricht von ſeinem Aufenthalte geben, hatte er ihm geſchrieben. Er wollte mit der Waſſerreiſe nach Stettin ſein Matroſenleben aufgeben und auf dem Feſtlande ein Unterkommen für ſich ſuchen, indeß der Wunſch ging nicht in Erfüllung, ſo viele Mühe er ſich auch gab. In Berlin durfte er ſich nicht lange aufhalten. Seine große kräftige Geſtalt zog ihm Werber auf den Hals, und um dem Soldatenjoche nicht zu verfallen, hielt er es für gerathener, ſeine Wanderung raſch fort⸗ zuſetzen, ſo ungeſtüm und feindſelig auch das October⸗ wetter war. Sein kleines Bündel über die Schulter gehängt, wanderte er durch die Gaſſen Berlins dem Thore nach Potsdam zu. Der eiſige, ſtürmiſch daher⸗ fegende Wind nöthigte ihn, im Schutze eines Haus⸗ vorſprungs zu verſchnaufen. Da hörte er plötzlich zwei weibliche Stimmen, von denen ihm die eine bekannt vorkam, als habe er ſie früher ſchon gehört. Die miteinander Sprechenden gingen, den Wind im Rücken, an ihm vorüber. Eine eigenthümliche Ueber⸗ raſchung war es für ihn, als er in der an ihm zu⸗ nächſt Vorübergehenden die Freundin ſeiner Gemahlin, Frau Doris Schomer, zu erkennen glaubte. Er wollte ihr nach, ſie anreden, jedoch ein wohlgekleideter Mann, der auf beide Frauen haſtig zugeſchritten kam und mit ihnen ſprach, hinderte ihn daran. Faſt zu gleicher Zeit rollte auch ein Fuhrwerk raſch heran, deſſen Kutſcher auf des mit den Frauen ſprechenden Mannes Anruf ſtill hielt. In Eile ſtiegen die Drei ein und das Ge⸗ ſpann trabte raſch weiter. Fortunatus hatte ſich den Einſteigenden genähert, jedoch ihre Eilfertigkeit, in den ſchützenden Wagen zu kommen, war die Urſache, daß ſie nicht auf ihn achteten. Jetzt lief er mit großen, weiten Schritten dem Wagen nach, aber ihn zu errei⸗ chen, war ein eitler Verſuch, bald entſchwand er ihm aus den Augen und Fortunatus ſah ſich genöthigt, dieſen Wettlauf aufzugeben. Nur die Ueberzeugung, daß es ſeiner Armuth nicht möglich ſei, noch einige Tage ſich in Berlin aufzuhalten, um Frau Doris, vorausgeſetzt, daß ſie es wirklich geweſen war, die er geſehen hatte, ausfindig machen zu können, führte ihn aus der preußiſchen Königsreſidenz. Er war tief nie⸗ dergeſchlagenen Gemüthes. Anruf ſch den in den e, daß großen, errei⸗ er ihm öthigt, ugung, einige Doris, die er rte ihn ef nie⸗ 23 Dieſer arme Wanderer erlebte oft Stunden, wo er ſich den Tod wünſchte, denn auf was hatte er noch zu hoffen? Jetzt ſchon bitterer Armuth verfallen, denn ſeine nur aus wenigen Groſchen beſtehende Baarſchaft zwang ihn zur ſchmerzlichſten Entbehrung jeder in ſolcher Witterung nöthigen Stärkung, ſah er einer ihn häßlich angrinſenden Zukunft entgegen, in der ihm dann auch noch das Wenige fehlen werde, was er jetzt noch für ſeinen Lebensunterhalt aufwenden konnte. Indeß kam unerwartet eine Hülfe. Er traf mit dem Fuhrmann zuſammen, der Güter als Rückfracht von Stettin nach Leipzig geladen hatte, und die Nothwendigkeit, einen Beiſtand für ſeinen krank gewordenen Sohn zu haben, bewog den Frachter, For⸗ tunatus bei ſich zu behalten. Als letzterer allein in der Gaſtſtube zum Hecht ſaß, gab er ſich dem Nachdenken über ſeine troſtloſe Lage hin, und der Vorſchlag des gutmüthigen Frachters, bei ihm als Knecht zu bleiben, beſchäftigte ihn außeror⸗ dentlich. Wenn auch keine angenehme, ſo war es doch immer eine Ausſicht, dem Verhungern zu entgehen. Die Zukunft war ihm ſo ganz und gar verſchloſſen, daß er auch nicht mit der geringſten Hoffnung auf irgend ein ihm beſſer zuſagendes Unterkommen rechnen durfte. Und er gewann ja dadurch die Möglichkeit, 24 mit dem Königsberger Sachwalter in Briefwechſel zu treten, um den es ihm ganz beſonders zu thun war. Freilich ſchauderte ihn der Gedanke an, ein armſeliger Fuhrknecht ſein zu ſollen, allein es blieb ihm zuletzt nichts Anderes übrig, als dieſes Anerbieten zu er⸗ greifen. In welche ſeltſame Lage hatte ihn das Schickſal gebracht! Unter andern Umſtänden würde er hier hoch⸗ ſtehende, mächtige Freunde gefunden haben. Vom Hof⸗ lager zu Bubainen ſher kannte er den Deſſauer Erb⸗ prinzen, deſſen Gemahlin und Schweſtern. Jetzt als Flüchtling durfte er es nicht wagen, ſich ihnen vorzu⸗ ſtellen, die Metamorphoſe ſeines äußern Menſchen war zu abſchreckend, und konnte es nicht leicht möglich ſein, daß man ihn, den Mörder, an die kaiſerliche Regierung auslieferte? Im günſtigſten Falle wurde er— war es nicht leicht denkbar, daß man ſich, unterrichtet von der durch ihn veranlaßten blutigen Kataſtrophe im Luſt⸗ ſchloſſe Laxenburg, ſcheute, ſich ſeiner anzunehmen?— vielleicht mit einem reichlichen Almoſen abgeſpeiſt, damit man ſich ſeiner nur ſchnell entledigte. Der Gedanke em⸗ pörte ihn weit mehr als der ihm einzig übrig bleibende Ausweg, ſich als Fuhrknecht zu denken, und er entſchied ſich dafür, das Anerbieten des Leipziger Frachters an⸗ zunehmen. 25 Wie ſchnell ſeine Lage ſich änderte, iſt bereits er⸗ zählt. Fortunatus durfte nicht fürchten, daß er er⸗ kannt werde, ſein von Blattern zerriſſenes Geſicht machte ihn ſicher für die unkenntlich, welche ihn zu der Zeit gekannt hatten, als er noch unentſtellt ein feiner, ſchmucker Cavalier geweſen war. Den ſicherſten Beweis dafür fand er in dem Umſtand, daß kaum zwei Wochen ſpäter, als er eines Nachmittags mit den andern Rekruten exercirte, der Erbprinz, der ihn vor Jahren beſonders ausgezeichnet hatte, dieſen Uebungen wohl eine halbe Stunde zuſchaute, ohne ihn zu er⸗ kennen. Wenden wir uns nun jenem Moment zu, in welchem ſein Kamerad und Quartiergenoſſe Barthel von ihm er⸗ fahren hatte, daß er, ohne es zu ahnen, ihm die Ge⸗ wißheit von dem Tode ſeiner Gemahlin und dem Leben ſeines Kindes gegeben habe. So reſolut Barthel auch war, ſo dauerte es doch eine ziemlich lange Weile, ehe er ſich mit dem Gedanken wertraut machen konnte, in ſeinem Kameraden, der noch weit ärmer, als er war, einen hochgeborenen Grafen zu erblicken. Fortunatus faßte ſeine Hand und ſprach tief ergriffen: „Barthel, treue, ehrliche Seele, wenn ich mich jetzt neu angeregt fühle zu dem feſten Glauben, daß eine unſichtbare Macht in mein Leben greift und mich 26 wunderbar führt— und ich bekenne, daß ich den Glau⸗ ben an Gott unter den ſchweren Schickſalsſchlägen, die mich getroffen, verloren habe— ſo danke ich es Dir. Unſer Zuſammentreffen erkenne ich jetzt als eine Fü⸗ gung, die mir mit einem Male einen Lebenszweck vors Auge führt, an welchen meine Seele nicht dachte, ja nicht denken konnte, da ich ihn nicht kannte. Ich habe ein Erbtheil zu bewahren, ein Heiligthum, das mir meine theure unglückliche Gemahlin hinterlaſſen, einen Sohn. Darum muß ich leben, um ihm zu dem Beſitz der Rechte zu verhelfen, welche ihm durch ſeine Geburt in rechtmäßiger Ehe gebühren. Und eine Stimme wird jetzt laut in mir, die mir Muth gibt, dieſe Aufgabe zu löſen. Möge mein Schickſal ſich wenden, wie es immer wolle, Barthel, laß uns treue Kameraden bleiben. Schlage ein, Barthel!“ „Soll ſo ſein!“ rief der Aufgeforderte, in die hin⸗ gehaltene Hand einſchlagend.„Ich bin zwar nur ein Gerbergeſell, aber in der Rechtſchaffenheit nehm ich's mit Jedem auf und wäre er König oder Kaiſer.“ „Und nun erzähle weiter. Weißt Du den Namen des Meierhofes oder des nächſten Ortes?“ „Will ich meinen“, bekräftigte Barthel.„Das nächſte Dorf, das ich am Morgen erreichte, heißt Faulbrück.“ „Ein Beſitzthum unſeres Hauſes. Ich war vor 27 einem Jahre dort. Kind dort exiſtire!“ „In Faulbrück, einem aus drei Theilen, Ober⸗, Mittel⸗ und Nieder⸗Faulbrück, beſtehenden Dorfe von Hätte ich ahnen können, daß mein vors e, ja beinahe anderthalbtauſend Seelen, fand ich ganz un⸗ 2 erwarteterweiſe Arbeit in einer der dort neuange⸗ habe. 3. mir legten Gerbereien und hielt mich über vier Monate einen da auf. Ich wurde auch im Meierhofe bekannt, den Beſitz ich in der letzten Zeit Sonn⸗ und Feiertags beſuchte, Beſitz ehurt denn ich lernte den alten Meier kennen, der an mr V wird Gefallen gefunden, und bei dieſen Beſuchen auch ſeine fgabe Tochter, eine Wittwe, die in früherer Zeit, wie ich von je es ihrem Bater hörte, mit ihremn Manne in Dienſten der eihen. nunmehrigen Frau Gräfin geſtanden hatte. Wer's nicht gewußt hätte, würde haben glauben müſſen, das Knäb⸗ hin⸗ lein jei ihr eigenes mit ſolcher Sorgfalt pflegte ſie es, r ein und ich kann mir nicht denken, daß eine wirkliche Mut⸗ . ter mehr Liebe zu ihrem Kinde haben könne, als Frau ichs Melchior für das fremde Kind zeigte. Und daß ſie Furcht haben müſſe, man könne es ihr bei Nacht, wenn amen ſie ſchliefe, mit Liſt oder mit Gewalt entreißen, entnahm ich daraus, daß ſie, wenn ich abends aufbrach, um zurück üͤchſte nach dem Dorfe zu gehen, einen der beiden Kettenhunde Wui in ihre Schlafkammer rief. In eines ſolchen Wächters bor Schutz konnte ſie allerdings ruhig ſchlafen.“ 28 Fortunatus wünſchte etwas über das Kind von ihm zu erfahren. „Das wird ſchwer ſein“, ſagte Barthel lachend. „Die Kinder in dem Alter ſehen einander alle ſo ähn⸗ lich, daß man ſie verwechſeln könnte, ohne es ſelbſt zu wiſſen. Es war ein hübſches Kindchen, das ſeine klei⸗ nen, durchſichtigen Fingerchen viel beſah und, wenn abends die brennende Lampe in die Stube gebracht wurde, fürs Leben gern in die Flamme gegriffen hätte. Eins hat mir aber beſonders an dem kleinen Kerlchen gefallen: er war kein Schreihals und nichts Weiner⸗ liches und Zerriges an ihm. Er machte ſich gern mit mir zu ſchaffen und hatte große Freude an dem Zap⸗ pelmann, den ich von einem Hauſirer für ihn gekauft hatte.“ Dieſer Abend war für Fortunatus ein ganz beſon⸗ ders aufregender. Er hatte eine Trauer⸗ und eine Freudenbotſchaft zugleich empfangen. Erſt gegen Mor⸗ gen ſchloß ihm der Schlaf die Augen, um glücklichen Träumen Zutritt zu ſeiner Seele zu laſſen. — —„—— eO+½ 88——4ꝙÿ— 2/⸗ — Zweites Kapitel. Wie groß iſt ein Kaiſer und wie klein ein Pilz! Das Kleine tödtet das Große! Der letzte Habsburger, Karl VI., hatte bei einem ganz abſcheulichen Wetter, halb Schnee, halb Regen, am Neuſiedlerſee ſeiner Paſſion, der Vögeljagd, mit Eifer und Anſtrengung obgelegen und ſich dadurch eine tüchtige Erkältung zugezogen, die ihm in der Geſtalt von Kolikſchmerzen die gute Laune und Jagdluſt ver⸗ darb; aber dies hielt ihn, nach Halbthurm zurück⸗ gekehrt, nicht ab, ſeinem Gaumen und Magen eine Be⸗ luſtigung zu gewähren, indem er ein gut Theil ſeiner Leibſpeiſe, in Oel gebratene Pilze, als Abendeſſen zu ſich nahm. 30 Dieſe Unenthaltſamkeit beſtrafte ſich mit einem in der Nacht erfolgenden heftigen Erbrechen und ſchwer krank brachte man den Kaiſer nach Wien in das von ihm in der Vorſtadt Wieden erbaute Luſtſchloß, die neue Favorite. Die kleinen Pilze brachten ein neues Stück Weltgeſchichte in Gang— wer hätte das glauben ſollen! Nur wenige Tage friſteten die Aerzte dem Kaiſer das Leben, aber er war trotzdem noch ein ſehr ſorg⸗ ſamer Herr, der echt philoſophiſch ſich dem Unabweis⸗ baren fügte, ſelbſt für die kleinſten Angelegenheiten ſeines Haushalts ſorgte, genau den Pomp bei ſeinem bevorſtehenden Leichenbegängniß und ſeine Todtenmeſſen beſtimmte und es für ſeine Pflicht hielt, ſeinen Lieb⸗ lingsthieren und ſeinem„kleinen Hanſel“, ſeinem Hof⸗ zwerg, dem ſogenannten Baron Klein, eine vor jeder Noth geſicherte Zukunft zu ſchaffen. Kaiſerin Eliſa⸗ beth, ſeine Gemahlin, wachte unermüdet an ſeinem Schmerzenslager, bis die Aerzte ihr es zur unerlaß⸗ lichen Pflicht machten, ſich zu ſchonen, und ſo geſchah es, daß ſie in der Nacht auf den 20. October 1740, wo der Todesengel erlöſend an ihres hohen Gemahls Lager trat, nicht zugegen war. Der letzte Habsburger ſtarb, wie er gelebt, voll zärtlicher Sorgfalt für ſeine älteſte Tochter Maria 31 Thereſia, die ſein ganzes Leben hindurch ein Gegen⸗ ſtand ſeiner unaufhörlichen Vaterliebe geweſen. Auch ſie, die einen Flügel der Favorite bewohnte und in wenig Monaten ihrer Niederkunft(mit Joſeph II.) ent⸗ gegenſah, ſollte nicht ahnen, daß ihm etwas Menſch⸗ liches paſſire, ſie ſollte nicht durch den Anblick ſeines Sterbens erſchrecken, weil keines Menſchen Antlitz im Todeskampfe ſchön iſt, ſondern erſt dann ſich zu Frieden und Milde glättet, wenn die letzten Zuckungen des endenden Lebens vorüber ſind. Seine Diener hoben ihn im Bette auf, und nach der Wohnung dieſer ſchlummernden Lieblingstochter die Hände ausſtreckend, ſprach er mit lauter Stimme den Segen über ſie. Und der neue Preußenkönig ſetzte, als ihm des Kaiſers Tod bekannt worden war, dieſem Segen jene Erklärung des Zeitverſtändniſſes hinzu, die in geſchicht⸗ lichem Andenken geblieben:„Die Zeit iſt da, wo das alte politiſche Syſtem eine gänzliche Aenderung erleiden kann. Der Stein iſt losgeriſſen, der auf Nebukadnezar's Bild von vielerlei Metallen rollen und es zermalmen wird.“ Wie gut unterrichtet war man am preußiſchen Hofe von Oeſterreichs Finanz⸗ und Militärzuſtänden! Man wußte, daß die öſterreichiſche Monarchie ſich im elendeſten — Vertheidigungszuſtande befand, auf den Papieren des Hofkriegsrathes und der Verpflegungsbehörde zwar ein Kriegsetat von über anderthalbhunderttauſend Mann verzeichnet ſtand, in Wahrheit aber nicht ganz ſiebzig⸗ tauſend Mann ſich effectiv unter dem Gewehr befanden, die vertheilt in den Niederlanden und der Lombardei, in den ſiebenbürgiſchen Feſtungen bis zum vorderöſter⸗ reichiſchen Breisgau ſich befanden, Böhmen und Schle⸗ ſien zuſammen nur von vier Bataillonen und drei Grenadiercompagnien beſetzt waren und der Staats⸗ ſchatz nur ſiebenundachtzigtauſend Reichsthaler barg. Die tiefe Corruption des Kaiſerſtaates, deſſen Steuern der Hof, die hohen Würdenträger und die Alles ver⸗ ſchlingende Bureaukratie meiſt für ſich verwendeten, hatte jenen ſeligen Duſel herbeigeführt, in welchem man nicht für möglich hielt, daß es Jemand in der Welt geben könne, der feindſelig gegen dies Eldorado der ſchnödeſten Staatswirthſchafter geſinnt ſei; aber mit der Kunde von des letzten Habsburgers Tode war der Stein losgeriſſen, der auf Nebukadnezar's Bild von vielerlei Metallen rollen und es zermalmen ſollte. Unbekümmert um die ſich erhebenden Anſprüche Anderer auf das Ganze der Erbſchaft Maria Thereſia's, fand der junge Preußenkönig es für nöthig, auch mit ———— Anſprüchen, und zwar nicht ungerechtfertigten, aufzu⸗ treten und deren Erfüllung vom Wiener Kaiſerhofe zu verlangen. Es galt, die von den Kaiſern widerrecht⸗ lich zurückgehaltenen Rechte des Hauſes Brandenburg auf die ſchleſiſchen Fürſtenthümer Jägerndorf, Liegnitz, Brieg und Wohlau, die nach ihrer ehemaligen Herren Tode durch Erbverbrüderung dem genannten Hauſe zu⸗ gefallen, deſſen Belehnung mit denſelben aber von den Kaiſern hartnäckig verweigert worden war, ernſtlich zu fordern. Friedrich verlangte nur die ſchleſiſchen Herzog⸗ thümer Glogau und Sagan von Maria Thereſia, da⸗ für verſprach er ihr Unterſtützung gegen alle ihre Feinde, außerdem ihrem Gemahle, dem Lothringer Franz, zur Kaiſerwahl ſeine Stimme und außerdem zwei Millionen Thaler zu geben. Der mit dieſer heikligen Miſſion betraute Baron Gotter durfte ſich bei nur einiger Kenntniß von dem namenloſen kaiſerlichen Stolze keiner verfrühten Hoff⸗ nung auf Erfüllung ſeiner Forderung hingeben und es gehörte eben nur ein kalter, ruhiger Diplomat dazu, um die Angelegenheit an den Mann zu bringen. Es war eine verhängnißvolle Stunde, in der er vor dem Gemahle Maria Thereſia's, dem Factotum des kaiſer⸗ lichen Hofes, Herrn von Bartenſtein, dem böhmiſchen Kanzler Grafen Kinsky und einigen andern Herren Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. IV. 3 34 ſeines Auftrags ſich entledigte. Starres Staunen er⸗ griff die Genannten bei Anhörung dieſer Forderung. Bartenſtein war der erſte, der ſich ermannte und zornig und voller Spott ausrief:„Wie? Der Vater mußte als Erzkämmerer dem Kaiſer das Waſchbecken reichen und der Sohn will jetzt des Kaiſers Tochter Geſetze vorſchreiben?“ Wie wäre es möglich geweſen, daß die in ſtolzeſtem Wahne von der olympiſchen Macht Oeſterreichs auf⸗ gewachſenen und alt gewordenen Diplomaten nur dem Gedanken bei ſich hätten Raum geben können, daß die glorreiche Waſchbeckenzeit im Verſcheiden ſei! Ein kühles Lächeln flog über Gotter's Geſicht, er hörte mit ſtoiſchem Gleichmuthe die Expectorationen der Herren an und zog dann einen an ihn ſelbſt von ſeinem König gerichteten Brief aus der Taſche, und ihn dem Großherzog Franz überreichend, ſprach er mit tiefer Verneigung: „Wollen Kaiſerliche Hoheit, der Herr Großherzog die allerhöchſte Gnade haben, Einſicht von dieſem an mich adreſſirten Schreiben meines königlichen Herrn zu nehmen? Es enthält deſſen Anſchauungen, und ich glaube ſehr wohl zu thun, wenn ich dieſelben Eurer Kaiſerlichen Hoheit, dem gnädigſten Herrn Großherzog zur Kenntniß bringe, damit mir kein Vorwurf gemacht 4 4 * 5 ½ 35 werden könne, den mir gewordenen Auftrag nicht nach Möglichkeit inſinuirt zu haben.“ Schweigend nahm der Lothringer das Schreiben und die Aeußerung des Herrn von Bartenſtein:„Es dürfte nicht ſchaden, wenn der Herr Geſandte königlicher Majeſtät von Preußen auch uns mit dem Inhalte dieſes Handſchreibens eines allergnädigſten Herrn be⸗ kannt machen wollte. Es iſt nicht zu zweifeln, daß ſehr feine, ſubtile Auseinanderſetzungen der obſchwebenden Verhältniſſe darin zu leſen ſein werden, da königliche Majeſtät von Preußen ſich ſehr wohl auf die Feder verſteht und mit allen erleuchteten Geiſtern dies⸗ und jenſeits des Rheines correſpondirt“— mußte als Anlaß betrachtet werden, daß Baron Gotter mit eiſiger Ruhe die Bemerkung machte, daß, wenn beſagtes königliches Schreiben laut vorgeleſen würde, dieſer ſehr gerechte Wunſch Herrn von Bartenſtein's aufs einfachſte und ohne irgend welche Zeitvergeudung ſich erfüllen laſſe. „Leider“, fügte der preußiſche Botſchafter ironiſch hinzu,„bin ich nicht ſo glücklich, dem Herrn ge⸗ heimen Hofrath von Bartenſtein eine derartige, an Ihn adreſſirte Correſpondenz, wie mein König und Herr mit erleuchteten Geiſtern anknüpft und führt, über⸗ reichen zu können, und bitte, mir das nicht entgelten laſſen zu wollen.“ 3* 36 Herr von Bartenſtein fühlte den Stich und verbarg ſeinen Aerger unter einem gleichgültig ſcheinen ſollen⸗ den Lächeln. Graf Kinsky, der böhmiſche Kanzler, wurde vom Großherzoge mit der Vorleſung des in Rede ſtehenden Briefes betraut und tiefe Stille herrſchte im Gemache. Man war geſpannt, die Definitionen der Anſprüche des königlichen Nachbars kennen zu lernen. Der Schlußſatz des Schreibens lautete folgender⸗ maßen: „Somit iſt die vollkommenſte Erläuterung, wie ſehr ich im Rechte bin, Ihnen, Herr Baron, zur Kenntnißnahme hier mitgetheilt. Ich beabſichtige nichts, als ein meinen in Gott ruhenden Vorfahren zugefügtes ſchweres Un⸗ recht gut gemacht zu ſehen. Dazu bin ich als König verpflichtet, und meine Abneigung gegen bloße Titel, ſowie gegen Schatten, hinter denen nichts Reelles iſt, dürfte Ihnen bekannt genug ſein, um Ihnen die Ueber⸗ zeugung zu geben, daß ich mich nicht leichtſinnig ab⸗ ſpeiſen laſſen werde, wo es einen mir zu erfüllenden Rechtsanſpruch gilt. Will ſich der Großherzog(Maria Thereſiens Gemahl) zu Grunde richten, ſo mag er's thun.“ Baron Gotter hielt den Blick feſt auf den im Briefe erwähnten Großherzog gerichtet und es entging —————— 37 ihm nicht, wie das ſonſt vom guten Frühſtück geröthete Antlitz des hohen Herrn tief erbleichte. Dieſer zur Regierung gänzlich unfähige und ſich unter den Willen ſeiner erhabenen Gemahlin freiwillig beugende Herr wünſchte vor allem Ruhe, um gelegentlich deutſcher Kaiſer werden zu können, obgleich kein Blutstropfen in ſeinen Adern deutſch war. Wäre es ihm nachge⸗ gangen, ſo würden die Forderungen des preußiſchen Königs ſofort erfüllt worden ſein; aber dieſer Mei⸗ nung waren weder die Räthe der öſterreichiſchen Krone noch Maria Thereſia ſelbſt. Baron Gotter's Rückkehr erfolgte ſofort. Er hatte die Rolle jenes römiſchen Geſandten ge⸗ ſpielt, deſſen hiſtoriſch gewordene Frage: Wollt ihr Frieden, wollt ihr Krieg? den Karthagern den Unter⸗ gang ihres Reiches brachte. Welcher Sturm erhob ſich unter den Miniſtern und Generalen Friedrich's, als er ihnen ſeinen Plan mit⸗ theilte, die lang entzogenen, durch Erbſchaft an das Haus Brandenburg gefallenen Beſitzungen mit Gewalt Oeſterreich entreißen zu wollen! Zweifel und Wider⸗ ſtand erfolgten von ihrer Seite. Ein Krieg gegen Oeſter⸗ reich gehörte zu jener Klaſſe phantaſtiſcher Ausgeburten, die nur ein Tollhäusler bei ſich aufkommen laſſen kann, wie man glaubte. 38 Herr Leupold kam zwei Tage darnach in Berlin an, als dieſer unerhörte Plan des jungen Königs dis⸗ cutirt worden war. Er vernahm mit Staunen, was im Werke ſei. „Bah, Kinkerlitzchen, nichts als Kinkerlitzchen“, ſagte er ungläubig.„Da ſteckt was Anderes dahinter; Seine Majeſtät flunkert Euch was vor. Wäre ja, um die Schwerenoth zu kriegen, wenn wir Deutſchen auf ein⸗ mal anfangen ſollten, uns gegenſeitig aufzufreſſen. Ich wenigſtens weiß nichts davon und ſollte doch meinen, daß ich nicht ganz der Letzte wäre, dem derlei zu Ohren gebracht werden ſollte, um auch meine Meinung dar⸗ über zu hören.“ Indem Herr Leupold dies mit einer Miene äußerte, als ſei er feſt überzeugt, daß der königliche Plan nichts als Flunkerei ſei, bezwang er mit Mühe den Grimm, den er bereits bei der Ahnung empfand, es könne doch mehr dahinter ſtecken, als er ſelbſt für möglich hielt. Sein Ehrgeiz, daß der König nicht um ſeinen Rath zuerſt gefragt, fühlte ſich höchſt empfindlich verletzt. Daß in Preußen überhaupt ein derartiger Gedanke ohne ſein Mitwiſſen entſtehen könne, empörte ihn außer⸗ ordentlich, er fand ſich in ſeinem wohl erworbenen, an⸗ erkannten Anſehen beleidigt und war ſonach in einer ſehr üblen Stimmung, als der König ihn zu ſich ein⸗ laden ließ. Ein ſehr geringfügiger Zufall erbitterte ihn ſo ſehr, daß er Flüche zwiſchen den Zähnen mur⸗ melnd ſich nach dem königlichen Schloſſe begab. Eine alte Frau mit einer ſchwarzen Katze auf dem Arme war ihm zuerſt begegnet, als er den Fuß auf die Gaſſe ſetzte. Unter allen Umſtänden war dies ein miſerables Omen für dieſen Gang. Der König empfing ihn heiter und fragte ſcherzend: „Wie mir ſcheint, ſind Eure Liebden maskirt.“ „Ich? Oho!“ „Aber ich kann mir denken, was die Urſache davon iſt. Eure Liebden haben den Knüppeldamm, auf dem Sie mich bei meinem Beſuche in Deſſau ſo amüſanter Weiſe ſpazieren fuhren, zu oft probirt und das hat auf Ihre Geſichtsmuskeln einen ſehr nachtheiligen Ein⸗ druck gemacht. Ihr Geſicht hat eine große Aehnlichkeit mit dieſem Damme angenommen.“ „Hm!“ „Oder ſollten meine Generale und Miniſter Sie in Aufregung verſetzt haben, weil ich ihnen eröffnete, daß ich die Zeit für gekommen halte, mir das zu nehmen, was mir rechtmäßig gehört?“ Der Deſſauer ſtreckte ſeine große Geſtalt nach oben, als wünſche er dem von Figur kleinern König zu imponiren. 40 „Eure Majeſtät wollen mit Oeſterreich Krieg an⸗ fangen, wie man mir geſagt hat.“ „Aha, das iſt der Knüppeldamm, der Eurer Liebden gute Laune verdorben hat— ich war ſchon auf rechter Fährte. Nun, Ihre Meinung?“ „Muß unterbleiben“, fuhr der alte Fürſt grob heraus. Der König veränderte keinen Zug ſeines Geſichts, ſondern entgegnete mit Ruhe:„Und warum?“ Herr Leupold glaubte ſich auf dem beſten Wege, des Königs Meinung der ſeinen unterzuordnen. Er ſtellte dem jungen Monarchen das ungeheure Mißver⸗ hältniß zwiſchen Oeſterreich und Preußen dar, rühmte die Trefflichkeit der öſterreichiſchen Truppen und betonte ihre große Ueberzahl. „Kinkerlitzchen, Eure Liebden! Das ſind Kinker⸗ litzchen, um mich Ihrer eigenen Ausdrucksweiſe zu be⸗ dienen“, ſprach der König lächelnd.„Die Partie ſteht für mich, nicht für Oeſterreich. Wenn ich ein ängſt⸗ liches Gemüth beſäße, müßte mir allerdings bange wer⸗ den, daß meine Generale ſo ſehr öſterreichiſch ſind; aber dem Himmel ſei Dank, ich bin mit einem ſolchen nicht geſtraft und weiß, was für einen König zu thun wohl⸗ anſtändig iſt.“ Es folgte eine Pauſe, in der es ſehr ſichtbar war, wie Herr Leupold nur mühſam den ſchwer in ihm ———— koch duro thei helle ſicht auf blie⸗ Lieb in d Ein fehl pold kom daß anzr dav⸗ für Reie zu eine ſprr Kön 41 kochenden Verdruß niederkämpfte. Der König ſchien durchaus nicht Notiz davon zu nehmen, im Gegen⸗ theil, auf ſeinem markirten Geſichte breitete ſich das helle Licht großer Zufriedenheit, ja einer feſten Zuver⸗ ſicht aus. Er machte einige Schritte nach dem Fenſter, auf deſſen Sims ſeine Flöte lag. Dieſe ergreifend, blies er einige Läufer und knüpfte an ſie die Melodie des Lieblingsmarſches des alten Deſſauers, die auch jetzt, in dieſer unangenehmen Situation, ihren gewöhnlichen Eindruck auf den alten Kriegsfürſten nicht ganz ver⸗ fehlte. Als der König die Flöte hinlegte, hob Herr Leu⸗ pold an: „Ich ſehe nichts Gutes aus dem Plane heraus⸗ kommen, Majeſtät, und kann ich, außer der Bemerkung, daß es einem Hazardſpiel gleicht, mit einem Rieſen anzubinden, der uns erdrücken kann und wird, nicht davon ſchweigen, daß es ein höchſt ſchlechtes Beiſpiel für die deutſche Nation ſein wird, einen deutſchen Reichsfürſten gegen kaiſerliche Majeſtät ſich empören zu ſehen.“ „Eure Liebden verwechſeln die Begriffe zwiſchen einem gerechten, durch Waffengewalt unterſtützten An⸗ ſpruch und einer Empörung“, entgegnete der junge König ernſt.„Wie? Sie thun ſich ſo viel darauf zu ———.—— 42 gute, meines höchſtſeligen Herrn Vaters guter Freund geweſen zu ſein, und haben doch vergeſſen, wie tief und bitter ſich derſelbe durch die kaiſerliche Treuloſig⸗ keit in der jülichſchen Sache gekränkt gefühlt hat? Eurer Liebden wünſche ich ein beſſeres Gedächtniß und ein wenig mehr Unparteilichkeit. Ich erinnere mich ſehr wohl, Ihnen bereits— es war an ſelbem Tage, wo mein höchſtſeliger Herr Vater die Augen für dieſe Zeitlichkeit geſchloſſen hatte— angedeutet zu haben, daß von der Stunde an, wo die königliche Würde auf mich überging, die Macht nur bei meiner Regierung ſein und Einfluß Niemand haben werde. Vergeſſen Eure Liebden dies mein unveränderlich bleibendes Pro⸗ gramm nicht. Uebrigens ſcheint es mir praktiſch gut zu ſein, wenn meine Generale von dem Wahne zurück⸗ kommen, in Oeſterreich einen Rieſen zu ſehen. Die Füße dieſes geträumten Rieſen ſind thönern— Giganten mit thönernen Füßen ſind nicht furchtbar. Auch bitte ich Eure Liebden, über die im Teſtamente meines höchſt⸗ ſeligen Herrn Vaters mit beſonders großer Schrift ge⸗ ſchriebenen Worte: Schatz und Armee ſind da, mein Nachfolger bedarf keiner Maske mehr, ein wenig nach⸗ zudenken und Ihre Anſchauungen darnach zu richten.“ Eine entlaſſende Handbewegung Friedrich's, nach⸗ dem Herr Leupold in größtem und nur⸗ mühſam ge⸗ „ —— mit auf das ſanf ſich Sir St teu die mõ Be Tr — —x 43 zügeltem Unmuthe— denn die Gewißheit, daß er in den Augen des Königs nicht mehr galt als die andern Generale, trieb ihm das Blut wie ſiedend bis unters Stirnhaar hinauf, ſodaß ſein ohnehin dunkles und, wenn er ſich im Zuſtande des Grimmes befand, furcht⸗ bares Geſicht den Ausdruck des Entſetzlichen trug— eine nicht ganz in den Schranken der Höllichkeit ſich hal⸗ tende Entgegnung herausgepludert hatte, machte dieſer Beſprechung ein ſchnelles Ende. Und wenn den alten Kriegshelden noch etwas ganz beſonders in Harniſch bringen konnte, ſo war es der Umſtand, daß, als er mit der Miene eines alle böſen, verderbenden Wetter auf die Erde niederſchleudernden Sturmgottes durch das Vorzimmer ſchritt, ihm die Flöte Friedrich's in ſanften, elegiſchen Tönen ins Ohr klang. Das war, ſo geringfügig es auch erſchien, doch ein ſicheres Zeichen, wie wenig des jungen Monarchen Sinn zu leiten und zu lenken ſei. Der alte Herr befand ſich nun in jener unwirſchen Stimmung, welche ſeine Deſſauer mit dem Worte„fuchs⸗ teufelswild“ bezeichneten. Er verſteifte ſich ſo ſehr in dieſe ſchlechte Laune, daß er ſeine Aufgebrachtheit kaum mäßigen konnte und in der von Friedrich präſidirten Berathung mit den Generalen und Miniſtern mit allem Trotze des Beſſerwiſſens dem König widerſprach. Mit 44 großer Ruhe hörte der letztere der hochfahrenden Sprech⸗ weiſe des alten Feldherrn zu, der ſich nicht entblödete. von„thörichten Vorhaben“ und dergleichen Dingen zu reden. „Eure Liebden ſind prächtig im Zuge, Propaganda gegen mich zu machen“, bemerkte der König ironiſch. „Fahren Sie ſo fort. Ich werde Sie in Ihren Be⸗ ſtrebungen, den üblen Geiſt der Unzufriedenheit unter meinen Generalen und höhern Offizieren zu verbreiten, nur dann ſtören, wenn er mir gefährlich zu werden ſcheint, und halte es für eine höchlichſt zu rühmende Eigenſchaft der treuen Freundſchaft, die Sie zu meinem höchſtſeligen Herrn Vater getragen, der, wie Sie genau wiſſen, ſogar Thränen des Zorns über die ihm von Oeſterreich angethanen Kränkungen in ſeinen Rechten vergoſſen hat, daß Sie jetzt ſo beredt auftreten und mir, ſeinem Sohne und Nachfolger auf dem Throne, es als Thorheit auslegen, gegen dies ſelbe Oeſterreich, das uns Treu und Glauben gebrochen hat, mit den gerechtfertigtſten Forderungen vorzugehen und, da dieſe nicht verfangen haben, mit Krieg zu verfahren. Indeß betrachte ich es in dieſem Falle als Glück, ein König zu ſein, der das mit einem Familienvater gemein hat, daß die Kinder ſo heißen, wie er ſie tauft.“ Der König erhob ſich und verließ das Conſeil. 45 rech⸗ Herr Leupold hatte eine bedeutende Schlappe er⸗ dete litten, wie er recht wohl fühlte. Seine Partei gerieth a zu in Unſicherheit, was unter dieſen Umſtänden zu thun ſei. Der alte Deſſauer wußte keinen andern Ausweg, anda 7 um ſein Anſehen aufrecht zu erhalten, als daß er nun niſch. ſich auf Weiſſagung von Unglück und Verderben ein⸗ Be⸗ ließ, wodurch er wohl die jüngern Offiziere ſchreckte, nter aber den königlichen Beſchluß nicht um ein Jota änderte. iten, Es lag für den alten Herrn etwas höchſt Widerwär⸗ rden tiges in der Berliner Atmoſphäre, etwas, das ihn voll⸗ ende ſtändig ſchachmatt machte, denn es verlautete bald, nem* daß er weder den Oberbefehl führen, noch den Feldzug mnau mitmachen ſolle. Freilich ſchrieen die Leute von ſeiner von Partei Zeter und Mordio über dieſe unſelige Verblen⸗ hten dung Friedrich's, und voller Ingrimm reiſte Herr Leu⸗ und pold nach Deſſau zurück. one, Er befand ſich in ganz gleichmäßiger Gemüthsſtim⸗ reich, mung wie der Winter, der zu Anfang December ein den wahrhaft todfeindliches Geſicht herausgeſteckt hatte und dieſe. mit wilden Schneeſtürmen und eiſigem Hauche einher⸗ ndeß ſchritt, ſelbſt das Hoffnung ſpendende Lichtblau des önig Himmels verſcheuchend, dem die tief niederhängenden hat, grauen Wolken den geringſten Ausblick wehrten. Es ging ſtiller als je am Deſſauer Hofe zu. Der alte Herr hatte ſich in ſeinen Ingrimm ſo ſehr ver⸗ 46 biſſen, daß er es kaum beachtete, als der König ſeinem Erbprinzen ein bedeutendes Commando übergab und dadurch den unbeſtreitbarſten Beweis lieferte, daß er ſeine Leute zu wählen verſtehe. Der alte Herr war zu tief im Herzen verbittert, als daß ihn dies Zeichen der Anerkennung der Kriegs⸗ tüchtigkeit ſeines Sohnes erfreut hätte. Seine Ehr⸗ ſucht hatte den härteſten Stoß empfangen, der ihm nur jemals verſetzt werden konnte. An einem Abende der letzten Tage vor Weihnachten befanden ſich Herr Leupold und ſein jüngſter Sohn, Prinz Moritz, der kaum eine halbe Stunde früher von Halle zurückgekehrt war, im Gemache Frau Annelieſens, die jetzt viel zu thun hatte, um ihren in der ſchlechteſten Laune ſich befindenden Gemahl nach Möglichkeit zu be⸗ ruhigen. Prinz Moritz ſaß ſeiner gnädigen Mama gegenüber und hörte ihr Vorleſen der Haude und Spener'ſchen„Berliner Nachrichten von Staats⸗ und gelehrten Sachen“ ſtill an, während ſein gnädigſter Papa, die Hände in einander auf den Rücken gelegt, im Zimmer umhertrabte. Ein Zeitungsartikel war es jedoch, der dieſes alten übellauniſchen Mars Aufmerk⸗ ſamkeit feſſelte und ihn zum ruhigen Stehenbleiben veranlaßte. Frau Annelieſe las Folgendes vor: 47 „Der große Maskenball an unſerem Hofe zu Ber⸗ lin, welchen Seine Majeſtät am 13. December zu ver⸗ anſtalten befohlen, war außergewöhnlich belebt und die feine Welt hatte ſich in den Trachten aller nur denk⸗ baren Völkerſchaften uuſeres Erdplaneten eingefunden. Alles ſtrahlte in Glanz und Pracht und Seine Majeſtät erwieſen ſich beſonders heiter und galant, denn Aller⸗ höchſtſie tanzten mit allen anweſenden Damen. Nie⸗ mand ahnte, daß dieſen luſtigen Stunden der Ernſt der Zeit unmittelbar auf dem Fuße folgen würde. Noch ſchmetterten die Trompeten und wirbelten die Pauken und die Geigen ließen ſich in muntern Weiſen ver⸗ nehmen, als Seine Majeſtät ſchon im Reiſewagen ſaß und in die kalte Decembernacht hinausfuhr, um zu Allerhöchſtihrer Armee zu eilen, die, des Einmarſches wartend, hart an Schleſiens Grenze ſtand. Seine Majeſtät traf am 15. December in Croſſen ein und es ereignete ſich daſelbſt etwas, das von furchtſamen Leuten als ein häßliches Omen betrachtet werden mag, das aber durch Seine Majeſtät, unſern Herrn und König, ſofort die richtige Deutung gefunden hat. Als Seine Majeſtät kaum in Croſſen eingefahren, brach der morſche Dachſtuhl in dortiger Hauptkirche zuſammen und die Glocke fiel herab. Mit der Geiſtesgegenwart eines Cäſars rief Seine Majeſtät:„Das Hohe ſoll er⸗ 48 niedrigt werden!“ womit Allerhöchſtderſelbe natürlich auf Oeſterreich anſpielte, das jederzeit, wie die alten großen Höfe Europas, ſtolz auf das noch kleine Preu⸗ ßen herabgeſehen hat. Zu vermelden iſt noch, daß am nächſten Tage, den 16. December, achtundzwanzigtauſend Mann unſerer Armee auf ſchleſiſchem Grund und Boden ſtanden.“ „Das iſt ein ſchlimmes, gefährliches Spiel, das er da ſpielt“, ließ ſich Herr Leupold brummend ver⸗ nehmen. „Nun, hat er denn nicht Urſache dazu?“ warf Prinz Moritz ein. „So viel wie Du“, ſchnauzte ihn der alte Herr grob an. „Hier iſt noch ein Artikel, der die Aufzählung der Generale und Commandeurs, welche ſich beim König befinden, enthält. Soll ich ihn vorleſen?“ „Nein, brauchen die Geſellſchaft nicht zu kennen“, wies Herr Leupold grimmig ab und begann ſeinen Marſch durchs Zimmer aufs neue. Nach einer Weile unterbrach Frau Annelieſe ſeine Promenade, indem ſie, zu ihm ſich wendend, ſprach:„Hier iſt die ſchon ange⸗ kündigte Deduction, die des Königs Majeſtät von dem Halleſchen Kanzler Ludwig hat ausarbeiten laſſen, um die Urſache ſeines Einmarſches in Schleſien aller Welt 49 vor Augen zu bringen, abgedruckt. Wünſcheſt Du ſie zu hören, Leupold?“ „Da hat er den richtigen Scribifax dazu gekriegt, wenn er dem Ludwig den Auftrag gegeben. Ein Kerl, der nur für'n Gänſekiel geboren iſt und nicht einmal zum Tambour taugt“, pluderte der alte Herr auf. „O Herr Gott, da muß n reputirlicher Menſch die Schwerenoth kriegen vor Aerger, daß ſich eine könig⸗ liche Majeſtät ſo weit vergißt, von ſolchem gelehrten Federvieh, dem ich am liebſten fünfundzwanzig auf⸗ zählen ließe, ſeine Handlungen vertheidigen zu laſſen.“ „Aber hören kann man's immer, wie beſagtes Feder⸗ vieh ſich aus der Affaire herausgewickelt hat“, äußerte Prinz Moritz launig. „Hm?“ „Ich meine, daß es ſehr gut iſt, wenn man das kennen lernt, was die Deduction enthält. Es kann zufällig einmal die Rede davon ſein und unſereiner ſteht da wie'n Matz.“ Herr Leupold fand dieſen Einwand ſehr treffend, und Frau Annelieſe erhielt die Aufforderung, den ge⸗ lehrten Miſchmaſch des Halleſchen Kanzlers vorzuleſen. Wenn auch, wie das damals zur Tagesordnung gehörte, gelehrte Schriften von einem oft nur mit Mühe verſtändlichen Bombaſt von Worten gleichſam Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. IV. 4 umhüllt waren und auch dieſe Ludwig'ſche Deduction ſich dieſer üblen Sitte nicht ganz fern hielt, ſo gehörte ſie doch zu den wenigen klar und verſtändlich geſchriebenen Staatsſchriften. Ihr Inhalt beſtand im einfachen Beweiſe, daß das* ſchleſiſche Herzogthum Jägerndorf im dreißigjährigen Kriege dem Hauſe Brandenburg genommen worden ſei und daß die kraft der Erbverbrüderung nach dem Ausſter⸗ ben der alten Piaſtenherzoge 1675 an das Haus Bran⸗ denburg fallenden Fürſtenthümer Liegnitz, Brieg und Wohlau widerrechtlich vom Kaiſer Leopold I. Oeſterreich einverleibt worden ſeien. Bei dieſen wohlbegründeten. Erbanſprüchen könne Niemand dem König Friedrich verdenken, wenn er, um zu den verlorenen Intereſſen zu kommen, welche der faſt zweihundertjährige Entzug dieſer Beſitzthümer dem Hauſe Brandenburg entriſſen jetzt ſeinen Anſpruch auf ganz Schleſien ausdehne. Herr Leupold hatte ruhig zugehört und begann abermals ſeine Promenade durchs Zimmer. Ohne Rückhalt äußerte Prinz Moritz, ſich vom Seſſel erhebend:„Ich finde es ganz vernünftig, daß der König ſo und nicht anders handelt. Ich thät's gerade ſo und nicht um ein Haar anders machen wie er. Oeſter⸗ reich müßte mir herausrücken. Der König hat Recht.“ „So? So? Recht hat er?“ fuhr der alte Herr nig ter⸗ 21.“ err 51 auf.„Alſo auch Du biſt gegen michd Du? Da ſoll doch gleich— O, s iſt Zeit, daß mich der Tambour aus der Welt hinaustrommelt, ich mag mit der Ge⸗ ſellſchaft, die jetzt herumläuft,'s große Maul hat und kaum trocken hinter den Ohren iſt, nichts zu thun haben, nichts, gar nichts! Hole die Schwerenoth die ganze verdammte Bande!“ Wie ein Sturmwind brauſte er aus dem Zimmer und warf die Thür krachend hinter ſich zu. „Du haſt ihn erzürnt, Moritz“, ſagte die Fürſtin mild verweiſend.„Wenn Du auf die frühern Ver⸗ hältniſſe, in denen ſich Dein gnädigſter Herr Vater befunden hat und in denen er alt geworden iſt, einige Rückſicht genommen hätteſt, würdeſt Du gewiß dieſe Bemerkung nicht geäußert haben. Das öſterreichiſche Heer iſt ihm ſo nahe verwandt wie das preußiſche; bei⸗ den zugleich angehörend, hat er ſeinen erſten Kriegs⸗ ruhm erfochten. Deines gnädigſten Herrn Vaters Charakter iſt eiſern durch und durch. Was er einmal feſthält, das hält er fürs ganze Leben feſt.“ Die Fürſtin ließ eine kurze Pauſe eintreten, in der ſie eine ſie überkommende Rührung niederzukämpfen ſtrebte, dann ſprach ſie weiter:„Dem Kaiſerhauſe iſt er vielfach zugethan und verpflichtet. Nie hat er ſich träumen laſſen, daß er demſelben je in kriegeriſcher 4* 5²2 Feindſchaft gegenüber ſtehen ſollte. Dies verwirrt ihn, wirft einen böſen Zwieſpalt in ſein Gemüth und macht ihn gegen den erzürnt, der durch ſeine feindlichen Maß⸗ nahmen gegen Oeſterreich die Urſache iſt, daß ſeine ge⸗ wöhnliche Sicherheit ſo ſehr erſchüttert wird. Mache es gut, Moritz, ich bitte Dich. Er hat Dich ſo lieb, nimm den Kummer von ihm, daß auch Du gegen ihn ſein könnteſt. Wirſt Du es thun, mein Sohn?“ Der Prinz ſah die Fürſtin einen Augenblick lang an, dann ihre beiden Hände faſſend, ſprach er mit einem Tone, der tiefe Herzlichkeit verrieth:„Ja, mein gnädigſter Papa mag in Vielem Unrecht haben, in Einem aber, da halt' ich bombenfeſt zu ihm, in Einem hat er unbeſtritten Recht, wenn er nämlich ſagt, daß meine herzliebe, gnädigſte Mama der gute Geiſt unſeres Hauſes iſt. Nun, nur keine Angſt, liebe, gnädigſte Mama, es ſoll kein Zwieſpalt zwiſchen dem durchlauch⸗ tigen Papa und mir ſein. Was ich von des Königs Recht einmal geſagt habe, das ſteht feſt und dabei bleibe ich, denn's wäre keine Ehre für den gnädigſten Papa, einen Sohn zu haben, deſſen Meinung wie ein Hemd iſt, das er alle Tage wechſelt, aber ich mach's ſchon, ich kriege ihn, o, ich weiß ſchon, wie.“ Der Fürſtin die Hand küſſend, verließ der Prinz ihr Gemach. — ———— 53 Nur eine Frau von der unerſchütterlichen Gemüths⸗ ruhe und Milde wie Frau Annelieſe und mit einem ſo klugen Abwägen der Verhältniſſe ausgeſtattet wie ſie, konnte zwiſchen den oft ſich ſchnurſtracks widerſpre⸗ chenden Meinungen und Anſchauungen ihres Gemahls und ſeiner Söhne die rechte Vermittlerin ſein. Natür⸗ lich gehörte dazu als erſtes Erforderniß auch ein hohes Anſehen, eine von allen gleich anerkannte Gel⸗ tung, und ſie genoß dieſen beſondern Vorzug unge⸗ ſchmälert, wozu vor allem Herrn Leupold's Beiſpiel das Fundament lieferte, denn wie rauh auch dieſer zu Ausſchreitungen und Gewaltthätigkeiten leicht ge⸗ neigte Charakter war, ſo bewahrte er doch ſtets und beſonders in Anweſenheit ſeiner Familie einen Aus⸗ druck von Hochachtung für ſeine Gemahlin, deſſen Nacheiferung keins der Familienglieder ſich, ohne den gröbſten Verſtoß zu begehen, hätte entziehen können, wenn ſie nämlich nicht ſo gut geartet geweſen wären, wie ſie es wirklich waren. Wohl ſelten verlebte eine ſo hoch geſtellte Dame die Winterzeit ſo ruhig, jeder Luſtbarkeit, wie ſie in dieſer Jahreszeit ſelbſt an den kleinſten Höfen ſtatt⸗ fanden, fern bleibend. Selbſt wenn ihr Gemahl der⸗ gleichen Ergötzlichkeiten beliebt hätte, würde ſie keine Neigung dafür empfunden haben, aber bei Herrn Leu⸗ pold ſtimmte dies Stillleben zufällig mit ſeinem Weſen überein und zugleich erkannte er ſehr wohl, daß eine ſo beſcheiden geführte Hofhaltung für ſeine Finanzen außerordentlich erſprießlich ſei, und da dies jahrein jahraus der Fall war, ſo befand ſich der Deſſauer Hof in der glänzenden und beneidenswerthen Situation, nie in Geldcalamität zu ſein. Die Wünſche der hohen Frau richteten ſich nur auf kleine häusliche Freuden im Familienkreiſe, zu denen die Frauen der wenigen hohen Beamten des Fürſten⸗ thums geladen wurden. Es herrſchte da ein ange⸗ nehmer, freundſchaftlicher Ton, der den Standesunter⸗ ſchied ganz vergeſſen ließ. Die letzten Tage vor Weihnachten wurden natürlich nur im engern Familien⸗ cirkel verlebt, und das große geräumige Gemach, angenehm erwärmt, vereinte dann die Fürſtin mit ihren Töchtern und Schwiegertöchtern, denn Frau Annelieſe machte keinen Unterſchied zwiſchen der fürſtlichen Geburt Frau Giſela's und der bürgerlichen der Frau Johanna Herre, der Brauerstochter. Die wenigen Damen des Deſ⸗ ſauer Hofes waren auch ſämmtlich anweſend. Anna von Audritzky hatte eine Wandlung an ſich ſelbſt erfahren, die ſie früher kaum für möglich gehalten. Ihre Kunſtfertigkeit im Perlen⸗ und Goldſticken hatte Prinzeß Amaliens Aufmerkſamkeit und zugleich deren — 55 Wunſch erregt, die Fertigung dieſer ſchönen Arbeiten von ihr zu erlernen. Es wäre unmöglich geweſen, der en Prinzeß dieſen Wunſch unerfüllt zu laſſen, es war ja ein. eine ehrenvolle Aufforderung für Anna. Freilich fand ter ſich dieſe, welche ſeit einigen Wochen täglich eine oder n, ein paar Stunden Unterricht der Prinzeß geben mußte, anfänglich in der ſeltſamen Lage, die widerſtrebende ur Empfindung, welche ſie gegen Marie von Rönnenkamp en die bei dieſem Unterricht ſtets im Zimmer der Prinzeß n⸗ gegenwärtig war, zu beherrſchen, indeß wie ſo Man⸗ ge⸗ ches, was wir anfänglich mit Widerwillen anſehen, bei er⸗ näherer Kenntniß ganz oder doch zum größten Theile or den unangenehmen Eindruck verliert, ſo erging es auch en⸗ Anna. hm Der Umſtand, daß Prinzeß Amalie einigemal nicht ern gleich anweſend war, machte ſie näher mit Marie hte bekannt. Wie ſonderbar! Sie hatte geglaubt, in dieſer au ein ſtilles, aber recht heiteres, glückliches Weſen zu fin⸗ re, den, und zu ihrem Erſtaunen gab ſich ihr das Gegen⸗ eſ⸗ theil kund. Es ſprach ſich ſogar eine tiefe Trauer in allem ihrem Thun aus. Und doch hatte ſie etwas ſo ſich Herzliches, ſo Mildes in ihrem Benehmen, daß ſich Anna en. gegen ihre Neigung zu ihr hingezogen fühlte. War das tte nicht ſeltſam, daß diejenige, die, wie ſie glaubte, ihr durch verlockende ſüße Tändelei und Verführungskünſte Theobald's Herz entriſſen hatte, von allem dieſem Zauber nichts, ja im Gegenſatz dazu ſogar ein ſchweigſames, lei⸗ dendes Weſen beſaß, als wäre ihr alle Hoffnung im Leben verloren gegangen? Und um ſie gleichſam in dieſer Ueberzeugung zu beſtärken, forderte die Prinzeß eines Tages, wo ſie mit ihr zufällig allein war, ſie auf, den Verſuch zu machen, ihre Marie ein wenig aufzumuntern. „Ich liebe ſie, wie ich nur eine Schweſter lieben könnte, und darum thut es mir unendlich leid, ſie von einem Leide erdrückt zu ſehen, das ich nicht kenne und über das ſie ein unverbrüchliches Schweigen beobachtet“, ſprach Prinzeß Amalie.„Nehme Sie ſich ihrer an, Anna, es iſt ein gutes Werk, das Sie thut. Es kann ja ſein, daß Marie, ich will nicht ſagen, weil es ihr an Vertrauen zu mir fehlt, aber weil ich ihre Herrin bin, gegen mich etwas verſchweigt, was ſie vielleicht, wenn Sie den rechten Ton findet, Ihr vertraut. Viel⸗ leicht thut es Marie wohl, eine Freundin zu finden, ſie ſteht ſo ganz allein hier am Hofe, und dieſe Vereinſamung muß einen übeln Eindruck auf ſie machen, es kann nicht anders ſein. Die einzige Perſon, zu welcher ſie Zutrauen hat, iſt der Hofmedicus, aber auch er weiß nichts darüber zu ſagen, was ſie ſo feſt und unergründ⸗ bar in ſich verſchließt.“ ————6——„— /—,——4, ——— N 57 Anna ſtand vor einem Räthſel, das zu löſen ſie drängte. Es wurde ihr nicht ſchwer, Mariens Zunei⸗ gung zu gewinnen. Mit einer Weichheit der Empfin⸗ dung, welche den Eindruck der Rührung auf Anna bewirkte, ſchmiegte ſich Marie an ſie an.„Sie iſt liebenswürdig“, ſagte jene zu ſich,„und doch kann ich nicht glauben, daß Theobald's zur Heiterkeit ſich nei⸗ gendes Gemüth gerade in dieſer leidensvollen Liebens⸗ würdigkeit ſein Glück finden ſollte. Es ſcheint mir unmöglich, und darum muß ich es zu ergründen ſuchen, was ihn an ſie feſſelt.“ Es bedurfte weder der Anwendung einer wohl⸗ ſtudirten Heuchelei noch ſonſtiger Kunſt, um Marie zu täuſchen. Dieſe glich in dieſer Beziehung einem uner⸗ fahrenen Kinde, das gerade nach den tödtlich wirkenden Giftbeeren die Hand verlangend ausſtreckt, weil ſie ſo ſchön ausſehen. Ihr kindliches Weſen nahm die ſich ihr ſo offen gebende Freundlichkeit Anna's mit warmer inniger Hingebung auf und erwiderte ſie, und eben in dieſer Erwiderung lag die geheime Anziehungskraft eines Wohllauts für Anna, um die, welche ſie zu täu⸗ ſchen beabſichtigte, wirklich lieben zu lernen. Sie ſchalt ſich ſelbſt aus, daß ſie ſo ſchwach ſei, und trotz dieſer Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt vermochte ſie es doch nicht zu ändern, ihr beiderſeitiges Freundſchaftsver⸗ 58 hältniß wuchs mit jedem Tage. Sie ſahen ſich nicht nur in jenen Stunden, wo Anna des Stickunterrichts wegen bei der Prinzeß ſich einfand, auch in den Abend⸗ ſtunden beſuchte Anna ihre neue Freundin. Mit Marie mußte ein Wunder vorgegangen ſein. Als Anna eines Abends zu ihr kam, fand ſie ſie zu ihrem größten Erſtaunen ſo heiter und glücklich, wie ſie ſie bisher noch nicht geſehen hatte. Es war eine große Veränderung im Verlaufe des Nachmittags mit ihr geſchehen; aber welche Urſache lag derſelben zu Grunde? Davon ſprach Marie kein Wort, dies Geheimniß in ihrem Herzen lag wie unter Schloß und Riegel verwahrt, die keine fremde, unkundige Hand zu öffnen verſtand. „Wenn ich Dich nicht ſchon beſſer kennte, würde ich glauben, Du freuteſt Dich auf ein ganz vorzügliches Chriſtgeſchenk von Deiner Prinzeß“, meinte Anna. „Auf ein Chriſtgeſchenk?“ fragte Marie ſchäkernd. „O, wenn ſie mir ganz Deſſau ſchenkte, es wäre Alles nichts gegen das, was ich heute ſchon erhalten habe.“ „Es muß ſo etwas ſein“, ſtimmte Anna in dem heitern Tone bei, den Marie angeſchlagen.„Du kommſt mir heute vor, wie ich neulich von einer Königstochter geleſen habe, die die Wahl zwiſchen hohen Fürſten⸗ ſöhnen hatte und doch über allen Begriff glücklich war, „— 59 daß ein armer junger Schäfer ſie liebte und ihr dieſe Liebe in einfachen aber wahren und deshalb ihr tief zu Herzen gehenden Worten geſtand.“ „Abgerechnet, daß ich keine Königstochter bin und auch keine Bekanntſchaft mit einem Schäfer habe, und wenn dieſer ſo ſchön und ſchmuck wäre wie Endymion, ſo iſt's wahrhaftig ſo, wie Du ſagſt, meine liebe Anna; bei dem mir heute zu Theil gewordenen Geſchenk iſt wirklich die Liebe die Hauptſache.“ „Ah!“ „Das überraſcht Dich, Herzchen? Ich ſehe Dir's an. Wer die Liebe nicht kennt, und Du biſt in dem Falle, denn ich habe noch kein Wort von Dir gehört, welches mich auf das Gegentheil ſchließen ließe, der weiß auch gar nicht, welche Allmacht ſie auf das Men⸗ ſchenherz ausübt. Das iſt eine unſichtbare Gewalt, die all unſer Denken und Empfinden durchdringt und uns zugleich mit allen Seligkeiten und mit allem Schmerze, wie ſie eben nur ein Menſchenherz ergreifen können, vertraut macht. Ich weiß nicht, ob es Glückliche gibt, die nur die Seligkeiten haben kennen lernen, aber ich glaube, das Glück der Liebe kann nur dann erſt ſeinen Höhepunkt erreichen, wenn auch der Schmerz, den ge⸗ liebten Gegenſtand nicht unſer nennen zu ſollen, das Herz berührt hat. Denke Dir nur das gleichſam In⸗ 60 einanderfließen zweier ſich liebenden Seelen, es iſt nicht mit Worten zu ſchildern, und wenn ich es Dir durch einen Vergleich deutlich machen ſollte, ſo könnte ich nur ſagen, es ſei wie eine Meereswelle, welche beide trägt, beide in ſanftem Aufundniederwiegen an den köſtlichſten Geſtaden vorüberführt, während über ihnen ein wolken⸗ loſer Himmel lächelt.“ „Und ſolch großes Glück haſt Du heute gefunden?“ fragte Anna erſtaunt. „Wiedergefunden, ja.“ „Du hatteſt es alſo ſchon beſeſſen?“ „Ja, aber verloren.“ Ueber Marien's Wangen rollten Thränen. Ihr ſanftes, weiches Gemüth überwucherte ſie ſo ſehr, daß ſie ſich nicht zu beherrſchen vermochte, und in der gro⸗ ßen Erregung, von der ſie ſo ausſchließlich ergriffen worden war, umhalſte ſie Anna und ſagte flehend zu ihr:„Frage mich nichts mehr, ich kann, ich darf nichts Näheres ſagen von dem, was mich heute ſo unaus⸗ ſprechlich glücklich gemacht hat, nur das Eine kann ich Dir vertrauen, daß ich nun auf eine ſchöne Zukunft, auf ein frohes Leben an ſeiner Seite mit Gewißheit zu hoffen berechtigt bin.“ Es würde den häßlichen Schein zudringlicher Neu⸗ gier verrathen haben, wenn Anna die Bitte ihrer neuen — ——: n ———y— — 61 Freundin nicht beachtet haben würde, ja ſie hätte ſogar fürchten müſſen, dieſe von ſich abwendig zu machen. Sie bemeiſterte daher ihre Ungeduld, in Mariens Ge⸗ heimniſſe einzudringen, und ſagte, wenn auch mit großer Ueberwindung, lächelnd:„Reden wir alſo nicht mehr davon, wir haben ja ſo vieles Andere, wovon wir uns unterhalten können.“ Anna trug ſeit dieſer Stunde einen Stachel im Herzen, der ſie immer neu ſchmerzte. Ihre Ueberzeu⸗ gung, zwiſchen Marie und dem Hofmedicus beſtehe ein zärtliches Verhältniß, hatte neue Nahrung empfangen, indem ſie deren Worte, ein frohes Leben an ſeiner Seite zu hoffen berechtigt zu ſein, dahin deutete, daß ein Mißverſtändniß oder Zerwürfniß, welches zwiſchen beiden obgewaltet haben müſſe, heute ſein Ende in einer Verſöhnung gefunden habe. Es war dies keine Unmög⸗ lichkeit und wurde noch dadurch beſtärkt, daß Anna vorher erfahren hatte, der Herr Hofmedicus ſei am Nachmittage bei Prinzeß Amalie geweſen. Bei dieſer Gelegenheit mußte alſo in einem von ihrer Herrin unbemerkten Augenblick, vielleicht, daß dieſelbe ſich auf einige Minuten entfernt hatte, dieſe Verſöhnung geſchehen ſein. Dies war für Anna Anlaß genug, Marie mit feind⸗ lichern Augen als früher zu betrachten; Nebenbuhlerin⸗ nen verzeihen einander nie ihr Glück. Und Marie war ſo überaus glücklich! Bei Gelegenheit des Beſuchs, den der Hofmedicus ihrer Prinzeß wirklich in den Nachmittagsſtunden abge⸗ ſtattet, hatte er einen vor kurzem erſt ihm zugekommenen Brief vom Advocat Homilius in Berlin ihr in die Hand zu ſpielen gewußt, und dieſes Schreiben war es, welches wie ein Zauberſchlag Mariens Traurigkeit in das unnennbarſte Glück verwandelte. Der Advocat meldete in wenigen Zeilen, daß er von ihrem Sach⸗ walter in Königsberg die unerwartete Nachricht empfan⸗ gen, derſelbe habe bei ſeiner Anfang November geſchehe⸗ nen Rückkehr nach Königsberg einen Brief von Fortunatus vorgefunden, in welchem dieſer ihm anzeige, daß, ſobald er eine feſte Stellung irgendwo erworben haben werde, er ihm genaue Nachricht über ſeinen Aufenthalt und ſeine traurigen Schickſale ſenden würde. Wenngleich immer noch Befürchtungen genug zu hegen bleiben, ſo galt doch dieſe Nachricht Marie als ein glänzender Sonnenblick nach langer ſtürmiſcher Wetternacht und ſie hielt ihn feſt mit der ganzen In⸗ brunſt ihres Herzens. Jetzt glaubte ſie an eine Wieder⸗ vereinigung mit ihrem Gemahle, deſſen Leben ſie nach der ihr von Prinzeß Amalie mitgetheilten Nachricht, er habe in Wien ſeinen Stiefbruder erſchoſſen, für un⸗ rettbar verloren gehalten hatte. Konnte ihr zum Weih⸗ 63 nachtsfeſte ein höheres Werthgeſchenk gemacht werden, als dieſe Kunde? Der Weihnachtsabend am Deſſauer Hofe wurde in derſelben beſcheidenen Weiſe gefeiert, in welcher die ganze Hofhaltung ihren täglichen Verlauf nahm. Es war ein kleines Familienfeſt im ſchönſten Sinne des Wortes, an welchem auch Herr Leupold ſich ſtets be⸗ theiligte. Der große Speiſeſaal im Schloſſe flimmerte von den kleinen Flämmchen der Wachslichter, die von den Aeſten und Zweigen dreier großen Tannenbäume hellen Glanz ringsum ausſtrahlten, und auf blendend weißen Tüchern lagen die Geſchenke für ſämmtliche Familien⸗ glieder und mächtig große Ritter und Damen aus Pfef⸗ ferkuchen. Da war keins der Enkelchen vergeſſen; Säbel, Flin⸗ ten, Trommeln, Zappelmänner, Puppen und Putzſtuben und anderes Spielzeug, in Menge vorhanden, winkte augenverlockend der kleinen Familie. Frau Annelieſe hatte das Alles ſorgſam geordnet, und erſt auf das von ihr gegebene Klingelzeichen durfte Herr Leupold, gefolgt von ſeinen beiden Schwiegertöchtern, der Erbprinzeß Giſela und der Frau Johanna Herre, nebſt deren Kinder⸗ ſchaar und den beiden außerehelichen Kindern ſeines verſtorbenen Erbprinzen mit der Superintendententochter, 64 ſeinen Töchtern und zufällig anweſenden Söhnen, in den Saal eintreten, an der Hand Fiekchen, ſeine Enke⸗ lin, führend. Den Schluß dieſes feierlichen Zuges bildeten die Fräuleins am fürſtlichen Hofe, geführt von der Frau Hofmeiſterin von Ziegeſar. Der Hofmedicus, vom Für⸗ ſten ſelbſt eingeladen, machte das Schlußglied dieſes Zuges aus. An der einen Seite des Saales war ein Krippen⸗ bild mit hölzernen Figuren von Hirten, Schafen, ſchwebenden Engeln und dem von Vater und Mutter anbetend umſtandenen, in der Krippe liegenden Jeſus⸗ kind, auf das die zu beiden Seiten derſelben befindli⸗ chen geſchichtlichen Thiere, Ochs und Eſel, neugierig niederſchauten, aufgeſtellt, und hinter dieſer Decoration ſtand ein Spinett verſteckt, auf dem ſofort der Cantor der Schloßkirche, als Herr Leupold mit der Familie eingetreten, das nach der Melodie:„Allein Gott in der Höh' ſei Ehr'“ zu ſingende altbekannte Weih⸗ nachtslied:„Ich ſteh' an Deiner Krippen hier“ an⸗ ſtimmte. Es gehörte zu den Eigenthümlichkeiten des alten Deſſauers, daß er womöglich alles unter militäriſchen Zuſchnitt brachte und, da er eben nur die Melodie ſeines bekannten Lieblingsmarſches:„Friſch drauf und dran“ — —₰—½ 65 im Ohre hatte, dieſe gewiſſermaßen auch jeder andern Melodie aufpfropfte. Mit ſeiner tiefen Brummſtimme durchdringend, marſchirte er mit Fiekchen, das alte gute Kirchenlied in ſeinen Marſch verwandelnd, um die vom Lichterglanze ſtrahlende Tafel herum, was aller⸗ dings einen höchſt komiſchen Eindruck machte, ſodaß der Hofmedicus nur mit Mühe das Lachen nieder⸗ kämpfen konnte. Zum Glück für die übrigen Feſt⸗ theilnehmer wurde nur ein Vers geſungen und die geſangliche Verwirrung damit beſeitigt. Der hell aus⸗ brechende Kinderjubel ließ ſchnell dieſen unerquicklichen Ohrenſchmaus vergeſſen. „Höre Er, Doctor“, ſprach der alte Herr, zu dieſem tretend, und in ſeinem Tone lag eine Bewegung, wie ſie ſonſt bei ihm nicht oft zu verſpüren war,„iſt's nicht ein komiſch Ding, daß man Manches gar nicht vergeſſen kann?“ „Durchlaucht meinen gewiß die Erinnerung an die allerdings ſchon eine lange Reihe von Jahren hinter Ihnen liegenden Weihnachtsabende Ihrer Kindheit.“ „Ja, die meine ich“, bejahte Herr Leupold.„Weiß es noch wie heute, was das für'ne Heidenluſt war, wenn mein höchſtſeliger Herr Vater mich an die Hand nahm und meine Schweſtern, es waren blos ihrer neune, als Queue hinterher zogen. Wer mit Puppen Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. IV. 5 66 und derlei Firlefanz umgeht, macht keinen Spectakel, ich that aber's Möglichſte. Das war ein Hallo und ein Hurrah, als wenn der Teufel ſeine Jungen los⸗ gelaſſen hätte. Der höchſtſelige Herr Vater lachte über den Lärm, daß er ſich den Bauch hielt; aber die höchſt⸗ ſelige Frau Mutter hielt ſich die Ohren zu und rief einmal ums andere:„Aber, Leupold, mäßige Dich, mä⸗ ßige Dich!« Wer ſich aber nicht mäßigte, war der Leupold, denn ich gerieth mit meiner Compagnie Schwe⸗ ſtern regelmäßig in Streit, nicht etwa, daß ich an ihrem Krimskrams Gefallen gefunden und mir ihn hätte an⸗ eignen wollen, nein, aber ich brauchte Platz an der Tafel, wo ich zu exerciren anfing mit Flinte und Säbel. Ja, ja,'s ſind viele Jahre her“, redete er nach einem faſt minutenlagen Schweigen weiter und mit einem flüchtig über ſein dunkles Geſicht huſchenden Lachen hörte der Hofmedicus ihn ſagen: „Nun, was das Exerciren anlangt, kann mir keine Menſchenſeele nachſagen, daß ich's beiſeite geſtellt, habe den Franzoſen und den Schweden was Rechtſchaffenes vorexercirt. Sieht Er, Doctor, was eine Neſſel werden will, das brennt ſchon früh, und wenn ich manchmal dick drin war im Schlachtgewühl, iſt mir's eingefallen, was meine höchſtſelige Frau Mutter in ihrer Angſt beim Weihnachtsjubel mir zugerufen:„Aber, Leupold, der und te er und nden keine habe fenes erden hmal allen, Angſt pold, 67 mäßige Dich!“ Hahaha! Da war's mit dem Mäßigen nichts. Seh' Er ſich mal die Freude von meinen En⸗ keln an. Iſt das wohl'n Spectakel, der ſich für Jun⸗ gens ſchickt, die Soldaten werden ſollen? Zahm, zur Schwerenoth zahm! Kein rechter Saft und Kraft dabei.“ „Ich ſollte doch meinen, Durchlaucht, daß ſie das Möglichſte im Spektakel leiſteten“, bemerkte der Hof⸗ medicus lächelnd. „Das verſteht Er nicht“, fuhr der alte Herr grob heraus.„Er hat keinen Maßſtab dafür. Seine Leute ſind alle Kranke, denen die Seele im Leibe wehthut; meine, die Soldaten meine ich, müſſen Kerls ſein, die wenn ſie Ordre dazu kriegen, dem Satan einen Back⸗ zahn ausziehen. Das iſt der Unterſchied, merk Er ſichs.“ Zu Herrn Leupold's größtem Vergnügen ſteigerte ſich jedoch der Kinder Luſt um ein Erkleckliches, als er ſich unter ſie miſchte und mit ihnen und den neuen Flinten exercirte. Die Erinnerung an die lange ſchon entſchwundene Weihnachtsluſt ſeiner Kindheits⸗ und Knabenjahre hatte ihn in guten Humor ver⸗ ſetzt, und da ſich am Deſſauer Hofe Alles um ſeine Perſon drehte, ſo war es folgerichtig, daß er auch der Tonangeber war und Jeder, Groß und Klein, ſich be⸗ ſtrebte, dem durchlauchtigen Herrn keinen Grund zur Unzufriedenheit zu geben. 5* Als im fürſtlichen Saale endlich die Lichter an den im ſtrahlenden Schmucke der vergoldeten Aepfel und Nüſſe prangenden Tannenbäumen erloſchen, war es ſchon ſpät an der Zeit, auch in den Gaſſen der Stadt war es ſtill, nur ſelten noch ein vereinzeltes Licht in den Obergeſchoſſen zu gewahren. Am Schloßportale ſchritt der Poſten ſtehende Grenadier raſtlos auf und nieder. Es mußte dem Manne Zeit und Weile lang werden, denn ſeine Kameraden lagen drinn auf den harten Pritſchen in der warmen Wachtſtube, keine Menſchenſeele paſſirte in ſeiner Nähe vorüber, im Schloſſe und Umgegend war's wie ausgeſtorben, zu dem verbot eine recht empfindliche Kälte ſeinen Wacht⸗ gefährten den Verſuch, ihm, wie dies wohl an milden Abenden und in ſtillen, nicht kalten Nächten geſchah, Geſellſchaft zu leiſten. Die Lampen im Portal waren bis auf eine gelöſcht und die Hellung derſelben ließ viel zu wünſchen übrig, denn ſie leuchtete eben nur ſo viel, daß der auf und nieder Schreitende einen auf ſeinem Pfade liegenden Gegenſtand erkennen konnte. Heute that er den erſten Wachtdienſt— welch eine traurige Weihnachtsbeſcherung für ihn! Von Markte her ſchallte des Nachtwächters Ausruf der elften Nachtſtunde. Das war der einzige Laut, den er in der tiefen Ruhe hörte. Vielleicht eine Viertel⸗ C aA 9 L 69 ſtunde ſpäter regte ſich's auf der Schloßtreppe. Seiner Durchlaucht Lakai leuchtete mehreren bis jetzt bei ſeinem Herrn geweſenen Herren herunter. Wohl verhüllt in ihre Mäntel ſchritten ſie an dem Poſten vorüber und verſchwanden bald außerhalb des Portals. Der Mann marſchirte wieder auf und ab, dabei ſtieß ſein Fuß an etwas. Er blickte nieder, es war ein kleines Notizbuch. Er hob es auf und, ganz in die Nähe der ſchwach brennenden Lampe tretend, öffnete er es. Das erſte Blatt verrieth ihm den Eigenthümer, denn deſſen Name ſtand darauf geſchrieben: Hofmedicus Doctor Stoll. „Wahrſcheinlich einer der Herren, die vorhin das Schloß verließen“, ſagte der Wachthaltende zu ſich, und nicht neugierig, den weitern Inhalt zu durchſtöbern, legte er das Büchlein auf einen Fenſterſims. Nicht gar zu lange darauf wurden außerhalb raſche Schritte vernehmbar und mit eiligem Schritt trat einer der Herren ins Schloß.. „Hat Er vielleicht hier ein kleines Buch liegen ſehen? Ich habe es verloren und bin deshalb wieder zurück⸗ gegangen.“ „Wie heißt der Herr?“ „Hofmedicus Doctor Stoll.“ „Dort habe ich's hingelegt.“ 70 „Ja, das iſt's!“ rief jener, das Buch vom Fenſter⸗ ſims nehmend und damit in den Schein der Lampe tretend.„Hier hat Er ein Trinkgeld.“ Bei dieſer Gelegenheit ſchlug der wieder in den Beſitz ſeines Notizbuchs Gelangte den Mantel, deſſen Kragen er weit über den Nacken heraufgezogen hatte, aus einander, und indem er das kleine Buch in die eine Taſche ſeines Leibrockes verſenkte, griff er mit der an⸗ dern in die Weſtentaſche, ein Silberſtück hervorziehend und es dem Soldaten reichend; aber dieſer griff nicht zu, ſondern blickte ihn ſo ſtarren und erſchrockenen Blickes an, daß der Doctor nicht wußte, was er davon denken ſollte. Sich jedoch erinnernd, daß es wider das militäriſche Geſetz ſei, auf Poſten etwas anzu⸗ nehmen, glaubte er, der Mann befinde ſich in dem Wahne, er wolle ihn verführen und dann zur Anzeige bringen.„Sieht Er, das habe ich ganz vergeſſen, daß er auf Wache ſteht“, ſagte er.„Nun, morgen iſt auch ein Tag und ich vergeſſe Ihn ſicher nicht.“ Somit ſchien dieſes nur ums Nothwendigſte ſich drehende Geſpräch beendet und eben wollte ſich der Hofmedicus entfernen, als er den Mann halblaut aus⸗ rufen hörte:„Mein Himmel, welches Wiederſehen!“ Dieſer Ausruf frappirte den Doctor ſo ſehr, daß er den Mann mit dem blatternzerriſſenen Geſichte »————.—,—X,,— — 71 mit Erſtaunen anblickte und unwillkürlich die Frage aufwarf:„Hat Er mich früher gekannt? Ich wenig⸗ ſtens habe Ihn nie geſehen.“ „Einmal doch.“ „Und wo ſollte das geweſen ſein?“ „Als der Herr Doctor mit einigen ſeiner Freunde auf der Oder bei Breslau eine Kahnpartie machte und das Unglück hatte, über Bord zu fallen. Da rettete ich ihn vom Tode des Ertrinkens.“ „Er mich? Ein Graf Fortunatus Almeslo war mein Retter vom gewiſſen Tode.“ „Der bin ich“, ſagte der Grenadier leiſe, als über⸗ manne ihn Scham. „Wie?“ Erſchrocken trat Doctor Stoll vor ihm zurück. „Ich bin es“, wiederholte jener.„Er erkennt mich nicht, weil die Blattern mein Geſicht zerriſſen haben, das iſt es. Er weiß nicht, wie Er das zuſammenreimen ſoll, daß derſelbe, den Er in Glück und guten Tagen kennen lernte, hier als der armſeligſte der Armſeligen das Gewehr ſchultert. Das iſt eine lange und traurige Geſchichte, für die der Spruch des Solon, der Menſch dürfe ſich nicht vor ſeinem Tode glücklich preiſen, einzig und allein als Motto paßt. Ich bin nicht nur an äußerem Glücke verarmt, auch die Hoffnung iſt mir 72 geſtorben, die Hoffnung, je wieder das mein zu nennen, was ich verloren habe.“ Eine Pauſe folgte. „Herr Graf“, hob dann der Hofmedicus an,„das Schlimmſte, was einem Menſchen geſchehen kann, iſt, wenn er die Hoffnung verliert. Die iſt nun einmal ein Stück Sonne in jedes Menſchen Leben, ohne ſie iſt's Nacht in Jedes Herz, tiefe dunkle Nacht. Wiſſen Sie, daß ich zaubern kann?“ „Wie mag der Herr Scherz meinem Unglück gegen⸗ über treiben!“ entgegnete jener vorwurfsvoll. „Heute iſt Weihnachtsabend und die gute alte, von den Vätern ererbte Sitte bringt es mit ſich, daß man ſich gegenſeitig durch Geſchenke erfreut. Für heute freilich iſt's zu ſpät, daß ich Ihnen, Herr Graf, einen glänzenden Lichterbaum anzünde und ein Geſchenk als Weihnachtsgabe Ihnen biete, aber ich erwarte Sie morgen Nachmittag in meiner Wohnung, Ecke rechts von der Cavalier⸗ in die Hospitalſtraße. Feiern Sie das Chriſtfeſt bei mir und ich bin feſt überzeugt, wenn Sie mich am Abend verlaſſen werden, ſprechen Sie nicht mehr von verlorenen Hoffnungen. Bis dahin leben Sie wohl!“ Mit einem herzlichen Händedruck entfernte ſich der Hofmedicus raſch. Fortunatus Almeslo blieb wie an⸗ n, 1⸗ 73 gewurzelt lange auf derſelben Stelle ſtehen, wo er vor Doctor Stoll geſtanden und deſſen prophetiſche Worte angehört. Er befand ſich genau in der Situation eines Tauben, dem ein glückliches Ungefähr das verſchloſſene Ohr plötzlich geöffnet und den die fremden, in daſſelbe eindringenden Töne ſo wirr machen, daß er in der Ueberraſchung nicht weiß, was er hört. Rief ſich For⸗ tunatus die Sicherheit, mit welcher der Hofmedicus da⸗ von gepredigt, daß er, der Graf, wenn er ihn morgen verlaſſen werde, nicht Urſache mehr haben würde, von verlorenen Hoffnungen zu ſprechen, ins Gedächtniß, ſo ergriff ihn der lebhafteſte Drang einer Erwartung, der ihn faſt den Schlag der Mitternachtsſtunde hätte über⸗ hören laſſen, wo er ſeine Kameraden zur Ablöſung wecken mußte, wenn er ſich nicht gewaltſam in die kalte, rauhe Wirklichkeit zurückverſetzt hätte. Drittes Kapitel. Der Einbruch König Friedrich's II. mit ſeinem Heere in Schleſien rief das Erſtaunen aller Kabinette hervor. Man erblickte in dieſem Kriege nichts Anderes als eine tolle Ueberhebung des jungen Monarchen, die Herausfor⸗ derung eines Zwerges einem Rieſen gegenüber, und es gab Niemand in ganz Europa, der nicht an dem kleinen preußiſchen David Aergerniß genommen hätte, weil er ſo keck dem öſterreichiſchen Philiſterheere, wie der bibliſche David dem Goliath, den Fehdehandſchuh hin⸗ geworfen. Sir Robinſon, der engliſche Geſandte, über deſſen altengliſches Begriffsvermögen ſolches Wagniß ging, gab den höchſt klugen Ausſpruch ab: König Friedrich II. von Preußen verdiene in der Politik excommunicirt zu werden; Ludwig XV. von Frank⸗ reich, deſſen Tugenden ſo unendlich viel zum ſpätern Ausbruche der Revolution beitrugen, äußerte ſich weit energiſcher über des jungen Preußenkönigs Vorgehen gegen Oeſterreich.„Dieſer Menſch iſt närriſch“, ſagte er, und dieſer königliche Weisheitsausfluß hielt ſich gerade ſo lange im Schwange, bis die erſte Schlacht auf ſchleſiſchem Grund und Boden die Anſichten mit einem Male veränderte. Wie im Fluge ging die Beſetzung Schleſiens von ſtatten. Das war freilich nicht zu verwundern, denn Oeſterreich hatte kaum zwei Infanterieregimenter da⸗ ſelbſt ſtehen. Die Sitte, in Friedenszeiten die Heere aufzulöſen, büßte jetzt Oeſterreich empfindlich. Bis es nicht neue Truppen geworben, mußte Schleſien Preu⸗ ßen verbleiben. Nur die Feſtungen Glogau, Brieg und Neiſſe waren im Stande ſich zu halten. Der Neujahrstag 1741 bot der Welt die Ueber⸗ raſchung, die Preußen vor Breslau, der ſchleſiſchen Hauptſtadt, zu ſehen, welche eine eigene ſtädtiſche Be⸗ ſatzung hielt und das Recht hatte, keine Truppen des Landesherrn in ihre Mauern aufzunehmen. An dieſem Erſtlingstage des Jahres rückten die Preußen in die Vorſtädte der alten Wratislawa ein. Der König hatte ſein Quartier in dem eine Meile von der Hauptſtadt entfernten Pilsnitz. Der Sage nach 76 ſoll die einzige feindliche Demonſtration von preußi⸗ ſcher Seite beim Beſetzen der Vorſtädte nur in einer Ohrfeige beſtanden haben, welche General von Münchow einer Schildwache gab, die am erſten Schlagbaume ſtand und dieſen zuziehen wollte. Am nächſten Tage capitulirte die Hauptſtadt und wieder einen Tag ſpäter, am dritten Januar, hielt König Friedrich ſeinen feierlichen Einzug. Im blauſammtnen, ſilberbeſetzten Kleide, einen Mantel darüber geworfen, paradirte der König auf einem Schimmel. Vor ihm her liefen vier koloſſale Läufer in rother, mit Silber beſetzter Livree, die großen, etwas veränderten Mützen auf den Köpfen, welche ſie als die allergrößten Rieſen der aufgelöſten Potsdamer Garde getragen hatten; der Hofſtaat und die Truppen, voran die Garde, in Blau mit Silber gekleidet und in ausgeſuchten großen Leuten beſtehend, folgten dem König. Frau Annelieſe, welche bei ihrem durchlauchtigen Gemahle das Amt einer Vorleſerin verſah, hatte keine ſo leichte Aufgabe übernommen, denn der alte Herr kam bei allen den von den Haude und Spener'ſchen Berliner Nachrichten gebrachten Schilderungen der Ereig⸗ niſſe in Schleſien gewaltig in den Harniſch und wurde beim Anhören derſelben zuweilen ſo ungeberdig, daß es äußerſt ſchwierig war, ihn zu beruhigen. — 8 „Warten wir's ab, die Schwerenoth kommt wie böſes Wetter hinterdrein— das ſage ich, ich, der Deſſauer!“ rief er mit gewaltiger Stimme, auf den Tiſch ſchlagend, als er den Artikel von des Königs Einzug in Breslau gehört hatte.„Bah, das iſt keine Heldenthat, in eine nicht vertheidigte Hauptſtadt ein⸗ zuziehen und wie der Großtürke zu thun. Wenn der erſte Kanonenſchuß fällt, geht erſt der Betteltanz los, dann heißt'’s: Leben oder Tod! und die Oeſterreicher ſind keine Hundsfötter, die davonlaufen; kenne ſie, gute Soldaten, tüchtige Kerls, die ſich bis zum letzten Mann ſchlagen. Aber freilich, Seine Majeſtät haben Ihren gelehrten Schwerin bei ſich und da kann's nicht fehlen. Hahaha! Nun, wir werden'’s ja erleben.“ „Hier folgt noch ein Artikel über das königliche Hauptquartier in Breslau. Willſt Du ihn hören, Leupold?“ „Der Curioſität wegen, ja. Man muß doch Notiz davon nehmen, wie Königliche Majeſtät in Breslau ſich eingerichtet und allergnädigſt ſich zu divertiren geruht haben oder zu geruhen gedenken. Dergleichen iſt von großen Feldherren zu hören immer intereſſant und für Unſereinen ſicher ſehr lehrreich.“ Es war ein harter, ſcharfer Spott, in dem ſich der alte Fürſt erging und der ihn ſo ſehr beherrſchte, daß 78 er keine Gelegenheit vorübergehen ließ, die ihm ge⸗ ſtattete, ſeinem Aerger Luft zu machen. Eine ſehr üble Laune ging mit dieſen natürlichen Ausbrüchen ſeiner tief verletzten Ehrſucht Hand in Hand, und ſo ſehr er auch auf das preußiſche Heer ſtolz war, weil er deſſen Kriegstüchtigkeit mit Fug und Recht ſeine Schöpfung nennen konnte, ſo würde ihn das gallige Bewußtſein, zurückgeſetzt zu ſein, nicht mehr die Macht und den Einfluß zu beſitzen, wie früher, jedenfalls, ſo⸗ bald er die Nachricht vernommen hätte, König Fried⸗ rich ſei in der erſten Schlacht geſchlagen worden, zu ſchadenfrohen Aeußerungen getrieben haben. Der von Frau Annelieſe ihm vorgeleſene Artikel enthielt zu ſeinem größten Aerger ſehr ausführlichen Be⸗ richt über den Empfang des Königs und die bewunde⸗ rungswürdige Artigkeit des ſchleſiſchen Großadels. Seine Majeſtät hatte beim Grafen Schlegelberg in der Albrechtsgaſſe*) Quartier genommen und durch ſeine ungemeine Liebenswürdigkeit ganz Breslau, be⸗ ſonders die hochgeborenen Damen bezaubert, denn nicht allein, daß er die oberſten Magiſtratsperſonen und die lutheriſche wie die katholiſche Geiſtlichkeit zur Tafel zog und der Stadt einen glänzenden Ball wenige *) Später Gouvernementshaus. 79 ge⸗ Tage nach ſeinem Einzuge gab, er erſchien auch jeden ſehr Abend in den Aſſembleen, die die hohe Ariſtokratie chen reihum in ihren prächtigen Häuſern ihm zu Ehren d ſo veranſtaltete. weil Es waren ſämmtlich Adelshäuſer von hohem An⸗ eine ſehen in Oeſterreich, die um den Preis eiferten, dieſem lige feingebildeten König zu huldigen. An ihrer Spitze ſtand acht Cardinal Zinzendorf, als höchſt galanter Kirchenfürſt ſo⸗ im Kaiſerſtaate bekannt, ſeinem Beiſpiele folgten die ied⸗ Grafen Schlegelberg, Hochberg, Noſtitz, Wilczeck, Almeslo zu und andere. Bei dieſen Gelegenheiten entzückte der junge Monarch durch ſeinen Geiſt die Männerwelt tikel dieſer hohen Kreiſe, wie er die Damen durch ſeine un⸗ Be⸗ ermüdliche Tanzluſt, welche ihm geſtattete, keine der⸗ nde⸗ ſelben von der Ehre, mit ihm getanzt zu haben, aus⸗ zuſchließen, in einen außerordentlichen Enthuſiasmus 3in verſetzte. urch Es war ein Rauſch, der die Breslauer aller Stände be⸗ ergriffen hatte, denn in ihrem Kaiſer hatten ſie bisher icht nur den Inbegriff aller ſteifen Grandezza kennen lernen, die in König Friedrich erblickten ſie einen Monarchen, in afel deſſen Adern ein leichtflüſſiges Blut rollte und der die nige Annehmlichkeiten des Lebens nicht im ſtarren Abſchließen ſeiner erhabenen Perſon ſuchte, ſondern in geſellſchaft⸗ lichen Freuden. 80 „Hör' auf, hör' auf, Annelieſe!“ rief Herr Leupold, ſeine Gemahlin im Vorleſen des Artikels unterbrechend. „Wenn es ſo fortgeht, tanzt dieſer zweite König David die Oeſterreicher ſämmtlich zu Hundsföttern an ihrer Herrin und Kaiſerin. Mag nichts davon hören, macht mich giftig.“ Im Zimmer auf⸗ und niedergehend, fügte er noch hinzu:„Die arme Maria Thereſia wird kein ſonderliches Vergnügen an ihren Breslauern finden; das iſt ja'n Schwerenothstreiben, als wenn der Meſſias mit allem Heile der Welt nach Breslau ge⸗ kommen wäre!“ Die Fürſtin las ſtill für ſich weiter, obwohl dann und wann ein prüfender Blick nach ihrem Gemahle hinflog, da ſie nicht nur wußte, mit welcher rapiden Schnelligkeit ſeine Gedanken von Gegenſtand zu Gegen⸗ ſtand ſprangen, ſondern auch die vieljährige Erfahrung ſie gelehrt hatte, daß alles das, was ihn lebhaft im Innern bewegte, ſich ſtets durch einen Ausdruck in ſeiner äußerlichen Beweglichkeit kund gebe. Wie ſehr zutreffend dieſe Kenntniß ſeines Weſens war, bewahr⸗ heitete ſich jetzt. Seine raſchen Schritte mäßigten ſich in ihrem ziemlich ausgedehnten Längenmaße, ſie wur⸗ den ruhiger, langſamer. Den Kopf nach hinten ge⸗ worfen, verfiel er zuweilen in ein Nachdenken, welches ihn ſo ſehr übermeiſterte, daß er zuweilen Halt in 750 81 ſeiner Promenade machte, als könne er des in ihm aufgeſtiegenen Gedankens nicht recht Herr werden und bedürfe dazu der Ruhe. Frau Annelieſe ahnte, daß ihn etwas Ungewöhn⸗ liches beſchäftigen müſſe; aber ſie wußte auch, daß es bei ihm ſo zu ſagen erſt die Reife zu erlangen habe, bis er davon ſprach. Bei ſeinem raſchen, ſtürmiſchen Charakter dauerte das nicht lange, und plötzlich trat er auf ſie zu. „Leg' den Wiſch weg, ich habe mit Dir zu reden, Annelieſe.“ „Nun?⸗ „Du erzählteſt einmal, daß ein altes Weibsſtück, eine Großmutter, Dir aus der Karte prophezeit hätte, Du würdeſt einmal fürſtlichen Standes werden. He, war's nicht ſo?“ „Ganz gewiß. Madame Papillot, Herrn Wespy's Schwiegermutter.“ „Hätte faſt Luſt, mir auch die Karte legen zu laſſen.“ „Du, Leupold?“ Die Fürſtin konnte ſich des Lachens nicht erwehren. „Da iſt nichts zu lachen dabei“, brummte der alte Herr.„So kann's doch nicht fortgehen, daß ich wie ein abgelohnter Schmiriant, der ſein ganzes Leben lang Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. IV. 6 82² nichts Anderes gethan, als Bogen vollgekritzelt hat, aller Welt zum Spectakel und Affront zurückgeſetzt bleibe. Eine Zeit lang ſieht man dergleichen Beleidi⸗ gung wohl mit an, aber lange hält man's nicht aus.“ „Das wird ſich ändern, Leupold. Es iſt unmög⸗ lich, daß der König ſeinen beſten Feldherrn ſo gleich⸗ ſam in Ruheſtand laſſen kann, während er ihn noth⸗ wendig braucht.“ „Braucht— braucht? Den Teufel braucht er, aber nicht mich. Er hat ſeinen gelehrten Schwerin— da hat er ja Alles.“ „So bleibt's aber nicht, kann nicht ſo bleiben, ſo⸗ bald Oeſterreich ſich erſt zum Kampfe geſtellt hat.“ „Hm, das will ich ja eben wiſſen.“ „Die Karte ſich ſchlagen laſſen iſt eine Vermeſſen⸗ heit, eine Sünde gegen Gott und die geſunde Ver⸗ nunft. Wenn ich auch erzählt habe, daß mir Madame Papillot dergleichen Schönes prophezeit hat, ſo war's doch ſicherlich nur ein Scherz von der guten alten Frau, daß ſie es that. Was wäre denn Gott, wenn eine Karte, von Menſchen gemacht, ſ ſeinen Willen verrathen könnte? Und noch an Eins muß ich Dich erinnern, Leupold!“ „An was?“ „Du haſt ſtreng darauf gehalten, daß der Beſuch eine Geheimniſſe, A— 83 der Kirche und die Abhaltung von Morgen⸗ und Abend⸗ gebeten mit zur Dienſtleiſtung in der Armee gehören, und haſt nie eine Läſſigkeit darin geduldet—“ „Und mit Recht“, fiel der Fürſt ein.„Ein Soldat ohne Gottesfurcht iſt ein Matz.“ „Und Du ſelbſt wollteſt das Beiſpiel geben, daß der Soldat Gott nicht zu fürchten braucht?“ „Oho!“ „Kann Jemand ſagen, daß er Gott fürchte, wenn er ihn nicht achtet als die ewige, unerforſchliche Macht, bei der allein nur Allwiſſenheit zu finden iſt? Dieſer ewige Gott, der alle Vergangenheit überdauert hat und über alle Zukunft hinaus ſein wird, ſollte beim Kartenlegen einen Theil ſeiner Allwiſſenheit einem alten Weibe oder wer es ſonſt ſei, abtreten, um eines andern armen Menſchenkindes thörichte und ſtraf⸗ würdige Neugier zu befriedigen? Würdeſt Du nur ein Wort von dem, was Du thun willſt, einem Bauer mittheilen, daß er es unter die Leute bringen könnte?“ „Müßte ja dümmer als dumm ſein.“ „Von Gott aber wollteſt Du erwarten, daß er es thue? Nein, Leupold, laß den Gedanken fallen, er iſt Deiner unwürdig. Es bedarf keines weiſſagenden Geiſtes, um vorauszuſehen, daß der König Deines Bei⸗ 84 ſtandes bedürfen wird, und dies verkünde ich Dir ohne Karte.“ Dieſe Ermahnung, in dem ruhigſten und zugleich wohlwollendſten Tone ausgeſprochen, verfehlte nicht auf Herrn Leupold Eindruck zu machen. Er gehörte ſeinem eigenen Ausſpruche zufolge nicht zu denen, die den Herrgott bei jeder Lumperei zu Hülfe rufen, trotzdem aber hielt er auf Religion, wenngleich ſeine Anſchauungen davon zu den vielen Sonderbarkeiten zählten, die er an den Tag legte. Die Erbauung vieler Kirchen zeugte für ſeinen echt religiöſen Sinn, der aber leider nichts mit der Veredlung ſeines rauhen, harten und zu Ge⸗ waltthaten geneigten Gemüthes gemein hatte. Es ver⸗ ging kein Sonntag, wo er nicht in ſeinen höhern Lebens⸗ jahren, in denen unſere Erzählung ihn ſchildert, in einem im Schloſſe eigens dazu vorgerichteten geräumigen Gemache Gottesdienſt und Predigt für ſich und ſeine Familie halten ließ; aber das hielt ihn nicht ab, ſeiner Willkür ſofort freien Lauf zu laſſen zum Unglück An⸗ derer, wenn ſich ihm Gelegenheit dazu bot, weswegen ihn auch des neuen Königs Befehl, die Soldaten mil⸗ der, das heißt menſchlicher zu behandeln, ungemein auf⸗ gebracht hatte. Da auch der Hofmedicus, als Herr Leupold wie zufällig das Wahrſagen zum Gegenſtand eines Ge⸗ ——„S—08 dAD. —————— ———y,—+Hͤ— —. 85 ſprächs gemacht hatte, es als lächerlich darſtellte, ſo äußerte der alte Deſſauer nichts weiter darüber, wenn⸗ gleich es ihm nicht aus dem Kopfe wollte, daß die alte Binſe mit Sicherheit ihrem Manne vorausgeſagt hatte, daß Frau Annelieſens Krankheit für diesmal nichts zu bedeuten habe. Wenn die Alte das aus der Karte geſehen hatte, war es da unmöglich, daß ſie ihm, dem Fürſten, über ſeine nächſte Zukunft etwas ſagen konnte? Die Luſt nach dieſem Verſuche regte ſich um ſo ſtärker in ihm, als die Erinnerung an die ihm wider⸗ fahrene Zurückſetzung mit jedem Tage ihn empfind⸗ licher peinigte. Alles würde er dem König vergeben haben, wenn ihn dieſer jetzt noch nach Schleſien be⸗ rufen hätte, um gleichſam der Welt ſo recht ſichtbar zu zeigen, daß ohne ihn nichts unternommen werden könne; aber freilich, da ſtand der Schwerin ihm im Wege. Die Scham, ſich dem Aberglauben zugeneigt zu er⸗ weiſen und bei einem alten Weibe, wie die Binſe, ſich Rath zu erholen, drückte für jetzt die Begierde, ein um die Zukunft Wiſſender werden zu wollen, gewaltſam nieder, ſein geſunder Menſchenverſtand lehnte ſich zu heftig gegen dieſe Thorheit auf, um wenigſtens für jetzt den Sieg davonzutragen. 86 Der Hofmedicus wurde ihm gemeldet. Er hatte von ſeinem Bruder in Wien einen Brief empfangen, der über die Stimmung am Wiener Hofe und in den höchſten Kreiſen hinſichtlich des preußiſchen Einfalls in Schleſien ein helles Licht verbreitete. Die Erbitterung daſelbſt war eine außerordentliche und die Gefühle aller gipfelten ſich in dem einen Wunſche, daß an Preußen ein Act der Rache vorbereitet werde, wie ein ſolcher Einfall mitten im Frieden denſelben verdiene. Wenn etwas die Kaiſerin und den Hof beſonders befriedige, ſo ſei es das Fernbleiben des durchlauchtigten Herrn Leupold von Deſſau vom Commando bei dieſem Ein⸗ bruche, und man wiſſe genau, wie heftig Höchſtderſelbe durchlauchtige Herr gegen die junge Majeſtät von Preu⸗ ßen aufgetreten, jedoch ſeine Warnung, ſo ungerechtes Thun nicht zu beginnen, nicht gehört worden ſei. Man wünſche am Wiener Hofe nichts ſehnlicher, als unter allen Umſtänden mit ſolchen hochwerthen Frrunden immer im Einverſtändniß bleiben zu können. Auf kaiſerliche Dankbarkeit könnten ſie feſt rechnen, und wenn ſich je Gelegenheit geboten habe, dem aller⸗ höchſten Erzhauſe Habsburg ſich treu und gewärtig zu bezeigen, ſo dürfte es jetzt beſonders an der Zeit ſein, weil der Einfall in Schleſien nicht die einzige Fährlichkeit ſei, welche Oeſterreich zu überwinden haben —— „= ͤ,— 87 werde, ſondern ein ſataniſcher Höllenbund zwiſchen dem bairiſchen Kurfürſten Karl Albrecht, der die deutſche Kaiſerkrone beanſpruche, und dem immer zu Eroberun⸗ gen geneigten Frankreich im Werke ſei, welcher jeden⸗ falls an Friedrich von Preußen einen ſehr bereiten Helfer finden werde. Man erwarte, ſo viel als ſich möglicherweiſe thun laſſe, von der Deſſauer Durch⸗ laucht Berichte über alle ihr gegen das allerhöchſte Erz⸗ haus bekannt werdenden Maßnahmen. „Sein Bruder iſt ein Mann auf dem Platze“, äußerte der Fürſt ſehr befriedigt, nachdem er vollkommene Kennt⸗ niß von dem Inhalte des Schreibens empfangen hatte. „Antworte Er ihm, daß ich nicht verfehlen würde, meinen Rapport abzuſtatten, wenn ſich beſondere Dinge begeben ſollten, die dem allerhöchſten Erzhauſe zu Scha⸗ den gereichen könnten. Vergeſſe Er aber nicht, mein Lieber, die Bemerkung mit einfließen zu laſſen, daß ich das ſtrengſte Schweigen über dieſe Correſpondenz vor⸗ ausſetze, weil es ein ſehr ungünſtiges Licht auf mich werfen würde, wenn dergleichen bekannt würde, ich aber in der Intention, weil ich ſeit langen Jahren als Reichsfeldmarſchall ebenſowohl ans allerhöchſte Kaiſer⸗ haus als ans königliche in Berlin attachirt mich fühlte, nach Kräften und Möglichkeit Schlimmes zwi⸗ ſchen beiden zu verhüten, meine ſchuldigſte Ergeben⸗ 88 heit für Ihro Majeſtät die Kaiſerin an den Tag legen wolle.“. Es war ſelbſtverſtändlich, daß der Hofmedicus unter ſolchen Umſtänden ausſchließlich das Vertrauen Herrn Leupold's beſaß, welcher wirklich den eingeleiteten Krieg Preußens gegen Oeſterrrich als ein großes Unrecht und Unglück zugleich anſah und wenn möglich durch geheime Fingerzeige an Oeſterreich, für das er jederzeit Sym⸗ pathien gehegt, dieſe königliche Thorheit, als welche er den Einfall in Schleſien betrachtete, beſtraft und Fried⸗ rich's Stolz und Ueberhebung gedemüthigt zu ſehen wünſchte, was ihm als heilſame Lehre für letztern erſchien. Er war ſich vielleicht ſelbſt nicht klar bewußt, daß ſein beleidigter Ehrgeiz der Mittelpunkt ſei, um den ſich dieſer Wunſch drehte, der ihn zu einem Thun leitete, das von ſeinem Geſichtspunkte aus durchaus nicht den Makel eines Unrechts trug, von anderen Leuten aber mindeſtens als kein geeignetes Mittel an⸗ geſehen wurde, den provocirten Krieg zwiſchen Preu⸗ ßen und Oeſterreich ſchnell zu Ende gebracht zu ſehen. Doctor Stoll war infolge der eben erwähnten Ver⸗ mittelung zu einer Art Vertrauensperſon des Fürſten geworden; aber er war viel zu klug und beſonnen, um auf dieſelbe mehr zu geben, als bei dem be⸗ kannten jähzornigen Charakter Herrn Leupold's über⸗ —,— ð 2——/ 1X 89 haupt zu geben war. Das Geheimniß der Perſönlich⸗ keit des Grafen Fortunatus Almeslo erſchien ihm nie ungeſicherter, deſſen Freiheit nie bedrohter als eben jetzt, wo der alte Herr ſich ſo ſehr zu Oeſterreich gezogen fühlte. Die Entdeckung, daß Fortunatus ein der kaiſer⸗ lichen Feſtung Munkatſch Entſprungener ſei, hätte ſicher deſſen Auslieferung von ſeiten des alten Herrn nach Wien herbeigeführt, nicht nur, um dadurch ſeine gute Meinung dem Kaiſerhofe erkennen zu geben, demſelben, ſoweit es in ſeinen Kräften ſtehe, ſich ergeben zu zeigen, ſondern auch ſeine Abſcheu vor dem Benehmen der hohen Ariſtokratie Breslaus, zu der ja auch For⸗ tunatus zählte, kund zu thun. Der Leſer kennt das nächtliche Wiederſehen des Hofmedicus und Fortunatus' und wir knüpfen daran die nachfolgenden kleinen Ereigniſſe. Durch dies unerwartete Wiederfinden ſah ſich der Doctor in eine außerordentliche Aufregung verſetzt; mit dem Schlafen für dieſe Nacht war es für ihn vorüber, immer ſtand der vom Schickſale gleichſam bis auf die unterſte Stufe der Demüthigung Herabgedrückte, dem er vor Jahren die Rettung ſeines Lebens dankte, vor ihm im Geiſte mit dem von Blattern zerriſſenen Ge⸗ ſichte. Wie war er aus dieſer unglücklichen Stellung zu retten, welche der empfindlichſte Hohn auf ſeine Ge⸗ 90 burt und Bildung für ihn ſein mußte? Indem ihn dieſe Frage außerordentlich beſchäftigte, fand er zugleich eine Ermuthigung zu dieſem Rettungswerke in dem ans Wunderbare grenzenden Umſtande, daß das Geſchick For⸗ tunatus hierher geführt habe. „Wie, ſollte das nicht ein Fingerzeig ſein, daß auch ihm wieder ein beſſeres Geſchick erblühen kann?“ fragte ſich Doctor Stoll.„Er findet hier, ohne es zu ahnen, die, mit der ſein Daſein verbunden iſt für immer, er muß alſo gerettet werden unter allen Umſtänden, aber wie?“ Es lag in der Sache ſelbſt, daß ihm für den Mo⸗ ment jede Ausſicht dazu fehlte, die Art und Weiſe, wie das zu bewerkſtelligen war, mußte ſich erſt ſpäter ergeben, die Zeit ſelbſt mußte hier mitwirkend ver⸗ mitteln und den Weg dazu ermöglichen. Der ſtrenge Winter war dazu überhaupt wenig geeignet, wenn⸗ gleich die langen Nächte und kurzen Tage ſcheinbar hülfreich ſchienen. Vor allen Dingen war es nöthig, Marie, ſeine Gemahlin, von der Anweſenheit ihres Gemahls zu unterrichten. Dieſe Aufgabe gehörte nicht unter die leichten, denn ſie ließ Selbſtverrath von ſeiten Mariens befürchten. Welche Beherrſchung erforderte es, die Freude in ſich zu verſchließen und das Geheimniß —,—-·,—— — 91 aufs ſtrengſte zu behüten! War Marie ſolcher gleich⸗ ſam auf ſteter Lauer ſtehender Geiſtesgegenwart fähig? Für dieſelbe ſprach allerdings ihr tiefes, ſelbſt gegen ihre gütige Prinzeß feſtgehaltenes Schweigen über das ſie betreffende Geheimniß, Gemahlin und Mutter unter der Zeit geworden zu ſein, daß ſie den kleinen impro⸗ viſirten Hof von Bubaine verlaſſen hatte, aber der Menſch iſt ein Anderer im Unglücke als im Glücke. Das erſtere verringert an und für ſich ſchon bei Vielen den angeborenen Trieb der Mittheilung, es macht ſchweigſam, das Glück aber öffnet alle Fenſter des Herzens, es tauſcht gern die innern Sonnenſtrahlen mit den äußern und gleicht einem unnatürlich ſchnell wachſenden Kinde, das ſeiner Größe wegen der Obhut nicht mehr zu bedürfen glaubt, obwohl es immer noch Kind iſt und in ſeiner Unbeſonnenheit leicht zu Scha⸗ den kommt. Glück zu verbergen iſt ſchwerer, als Un⸗ glück zu verſchweigen. Am nächſten Vormittag begab ſich der Doctor ins Schloß. Die Glocken hatten die gottesdienſtliche Feier in den Kirchen eingeläutet, und in dem geräumigen Gemache, das Herr Leupold zur Abhaltung von Gottes⸗ dienſten hatte einrichten laſſen, war bereits die ganze fürſtliche Familie und das Hofperſonal verſammelt; Superintendent Doctor de Mardes hielt die Feiertags⸗ 92 predigt. Es gewährte allerdings ein ſehr hübſches Bild, den alten Herrn, der dem Feiertag zu Ehren ſeine Staatsuniform angelegt hatte und als Familienober⸗ haupt breit im Lehnſtuhle ſaß, neben ihm Frau Anne⸗ lieſe und zu beider Seiten die Familie, von der kein Glied fehlte, den Platz vor dem Altare im Halbkreis einnehmen zu ſehen. Eine patriarchaliſche Weihe lag über demſelben. Der Zufall wollte es, daß der Hofmedicus hinter den Stühlen des wenig zahlreichen weiblichen Hofſtaates zu ſtehen kam, und zwar unmittelbar hinter Anna. Da er ſehr leiſe herangetreten, hatte ſie ihn nicht be⸗ merkt; doch als die Predigt vorüber war und ein Vers geſungen wurde, ſah ſie unwillkürlich von ihrem Buche in die Höhe, eine bekannte Stimme war ihr ins Ohr gedrungen, und ihr leicht gebräuntes Antlitz zeigte den jäheſten Wechſel von geſunder Röthe zum tiefſten Blaß, als Beweis ihres Schreckens, ihn hinter ſich zu erblicken. Ihre Augen ſanken ſofort auf das von ihr gehaltene Buch nieder. Unbemerkt, als könne er den zu leſenden Text nicht genau erkennen, beugte ſich Doctor Stoll an der Seite ihres Kopfes nieder und ſie hörte ihn flüſtern:„Auch nicht einmal einen Blick haſt Du für mich zum Weih⸗ nachtsgeſchenk, Anna?“ f ..ͤ.,f âꝛ—5△——,/ 4 93 Ob das Schwanken des in ihrer Hand aufgeſchlagenen Buches verrieth, daß die an ſie gerichtete Frage eine tiefe Bewegung in ihrem Herzen hervorgerufen hatte, konnte er nicht enträthſeln. Sie ſah nicht mehr zu ihm auf, und kaum hatte der ehrwürdige Superintendent den Segen über die Verſammlung ausgeſprochen, als ſie auch eiligſt ſich erhob und in die Nähe ihrer Herrin trat, wo ſie natürlich vor jeder weitern Berührung mit ihm ſich geſichert wußte. Doctor Stoll unterlag der Empfindung eines Ge⸗ miſches von Beſtürzung und Erſtaunen, die er kaum bewältigen konnte. An jedem anderen Orte würde er ſich weniger empfindlich von Anna's Benehmen, welches offenbar feindlich genannt werden mußte, berührt ge⸗ fühlt haben, als gerade hier und gerade jetzt, wo kurz zuvor Doctor de Mardes in trefflicher Rede das Thema von der Verſöhnung, wie dieſe durch Chriſti Geburt den Chriſten als eine der höchſten Tugenden vor Aug' und Herz geführt worden, beſprochen und in ſeinem Schlußſatz erklärt hatte, daß das Weih⸗ nachtsfeſt nur dann erſt würdig begangen werden könne, wenn der Menſch keinen Haß, kein bitteres, feindliches Gefühl gegen Andere in ſich verſchließe, ſondern allen vergebe. Und er hatte bemerkt, wie aufmerkſam Anna der 94 trefflichen Rede des ehrwürdigen Mannes gelauſcht, und doch war deren Eindruck, deren Mahnung ſo ſchnell aus ihrem Herzen geſchwunden, als ſie ſeine Stimme vernahm! Wie tief mußte der Haß in ihrem Herzen ſich eingeniſtet haben, daß der Gedanke an Verſöhnlich⸗ keit ihr ſo fern blieb! Jetzt hielt er ſich überzeugt, daß die letzte Hoffnung, Anna's unerklärbare Abneigung gegen ihn gewandelt zu ſehen, verloren ſei. Wenn je, mußte der Ort und die Rede des Superintendenten ſie dazu leiten; aber davon hatte ſie das Gegentheil an den Tag gelegt. Aus dieſer ihm ſehr unangenehmen Erkenntniß ſtörte ihn Herrn Leupold's Frage auf:„Oho, Er auch hier, Doctor? Wie hat Er ſich denn einmal hierher verlaufen?“ „Durchlaucht“, antwortete der Hofmedicus,„es iſt das beſte Zeugniß für den Geſundheitszuſtand einer Stadt, wenn deſſen Aerzte Zeit finden, Kirchen zu be⸗ ſuchen. Der Beruf des Arztes am Krankenbette iſt übrigens ein fortgeſetzter Gottesdienſt, weil er ein durch und durch heiliger iſt.“ „Weiß ſchon, weiß ſchon. Er hat mir das bereits gelegentlich einmal erklärt. Iſt mir lieb, einen heiligen Hofmedicus zu haben“, entgegnete der alte Herr gut⸗ gelaunt, und zu Frau Annelieſe gewendet, ſagte er 95 halblaut:„s iſt'n Schwerenöther, unſer Doctor, weiß ſich immer'rauszuhauen.“ Seiner Gemahlin den Arm gebend, führte er ſie aus der improviſirten Kapelle, gefolgt von den Uebrigen. „Wenn es Ihm nicht an Zeit fehlt, ſo warte Er in meinem Zimmer auf mich. Ich will Ihm für ein paar arme Familien eine kleine Weihnachtsgabe zum Vertheilen geben. Jetzt muß ich mit zur gnädigſten Mama“, raunte ihm Prinzeß Amalie zu. „Ich werde Ihrer warten, Prinzeß“, antwortete jener leiſe und ſich verbeugend. In dieſer Stunde erfuhr Marie die Anweſenheit ihres Gemahls von ihm. Die ziemlich lange andauernde Abweſenheit ihrer Herrin begünſtigte den Hofmedicus hinſichtlich dieſer Mittheilung, der er am Schluſſe hin⸗ zufügte: „In Ihre Hand iſt es jetzt gegeben, ihn, wenn Sie das unverbrüchliche Schweigen über Ihr beiderſeitiges Wiederfinden bewahren, vor einer Auslieferung an Oeſter⸗ reich, wo ſeiner der Kerker wartet, zu behüten. Wachen Sie daher über jedes Ihrer Worte, auch die geringſte Spur ſeines Hierſeins ſtürzt ihn, der den Kelch des bitterſten Leides ſchon geleert, in ein Unglück, das ihn auf immer von Ihnen trennt und ihn in das namen⸗ 96 loſe Elend eines aus dem fröhlichen Sonnenlichte der Freiheit Geſtrichenen begräbt. Vertrauen Sie ganz auf mich. Ihr Geheimniß iſt das meine. Sie werden ſich durch meine Vermittelung wiederſehen, das Wie? wird ſich finden und mit des Himmels Beiſtand auch die Möglichkeit, ihn ſicher von hier fortzubringen.“ „Auf meinen Knieen ſchwöre ich Ihnen Schweigen, lautloſes Schweigen zu!“ rief Marie.„Ich betrachte Sie als unſern beiderſeitigen Schutzgeiſt und will nicht von dem abweichen, was Sie in unſerm Intereſſe für gut finden.“ „Stehen Sie auf, Gräfin, ſtehen Sie auf; be⸗ herrſchen Sie die große Bewegung, die Ihrer Prinzeß auffallen müßte“, mahnte der Doctor. Und daß ſie es könne, bewies ſie bald darauf, als Prinzeß Amalie anweſend war. Kein Zug ihres Geſichtes verrieth die große Erregung ihres Innern, und der Hofmedicus nahm die Ueberzeugung mit, daß von ihrer Seite das Geheimniß gut gewahrt ſei. Der Grenadier Alm fand ſich pünktlich am Nach⸗ mittag bei ihm ein, und nachdem er ſeine Schickſale ihm erzählt, koſtete es dem Hofmedicus viel Mühe, ihn, als er ihm die wunderbare Rettung ſeiner Gemahlin vom Scheintode mitgetheilt hatte, zur Mäßigung ſeines Jubels zu bewegen. — 97 „Verderben Sie ſich nicht ſelbſt, Graf“, warnte der Doctor ernſt.„Laſſen Sie den Gedanken ſtets vor ſich ſtehen, daß eine Entdeckung Ihrer, jetzt durch die Nied⸗ rigkeit Ihrer Stellung geſchützten, Perſon mit Ihrer Auslieferung an Oeſterreich unmittelbar verbunden iſt. Niemand weiß beſſer als ich, welche Sympathien der Fürſt für das Kaiſerhaus hegt. Es würde ihm erwünſcht ſein, könnte er Sie ausliefern. Sie wiſſen, daß ſein Sinn unbeugſamer als Eiſen iſt. Er kennt kein Mitleid, ſeine Härte in ſolchen Fällen weiß nichts von Schonung.“ Fortunatus gelobte die ſtrengſte Beherrſchung ſeines gefährlichen Geheimniſſes. „Wäre es nicht die ſchwerſte Sünde, die Sie gegen ſich ſelbſt begehen könnten, wenn Sie durch Selbſtver⸗ rath das Glück zerſtören wollten, welches Ihnen wie durch ein Wunder zugefallen iſt? Ihre Gemahlin iſt von Ihrem Hierſein durch mich unterrichtet, Sie wer⸗ den ſie ſehen unter meiner Vermittelung, Sie wiſſen auch von Ihrem Kinde— dies Alles legt Ihnen die Verpflichtung auf, ſich ſelbſt mit äußerſter Strenge zu überwachen. Die Entdeckung, wer Sie ſind und warum Sie zum Flüchtling geworden, verdirbt nicht allein Sie, ſondern auch die Aermſte, die ſo unendlich viel Kummer und Gram um Sie erlitten. Sie würde von dem alle 7 Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. IV. 7 98 ihre neu angeregten Lebenshoffnungen zerſchmetternden Schlage, der Ihre Freiheit träfe, vernichtet, getödtet werden. Und denken Sie noch der heiligen Verpflich⸗ tung für Ihr Kind, dem Sie die Rechte ſeiner Geburt zu erkämpfen ſchuldig ſind! Ich halte es nach alle⸗ dem für unmöglich, daß Sie ſich durch eine leiden⸗ ſchaftliche Wallung zum Selbſtverrathe hinreißen laſſen können.“ Um ihm dann und wann den Eintritt ins Haus zu ermöglichen, war der Hofmedicus auf die Idee ver⸗ fallen, ihn als Abſchreiber zu beſchäftigen. Es war die einzige Art und Weiſe, ſeinem Kommen den Cha⸗ rakter des Auffallenden zu nehmen, und ſelbſt Herr Leupold hätte nichts Arges in dieſer Beſchäftiguug eines ſeiner Grenadiere finden können; zudem gehörte der Grenadier Alm zu einem der propreſten Soldaten, der ſeiner Schuldigkeit als ſolcher ſtreng oblag, und was gewiß unter die Seltenheiten zählte, er war ein Unbeſtrafter. Die Zuſammenkünfte zwiſchen Fortunatus und ſeiner Gemahlin konnten jedoch nur unter der möglichſten Ver⸗ heimlichung, erfolgen und auch dafür fand Doctor Stoll Rath. Durch ſeine öftern Beſuche in des jüdiſchen Schul⸗ meiſters Mendel armſeligem Häuschen auf der an⸗ — — 99 grenzenden Hospitalſtraße hatte er deſſen Knaben Moſes ungemein lieb gewonnen. Das offene, für alles Schöne und Edle empfängliche Herz des Kleinen, ſein über ſeine Altersjahre reichender Verſtand, verbunden mit ſchneller Faſſungskraft, ſein Streben nach Wiſſenswür⸗ digem und vor allem ſein ſanftes und gutgeartetes Weſen ſprachen ſo ſehr für ihn, daß der Doctor es für eine Pflicht hielt, den Geiſt des Knaben mit an⸗ bauen zu helfen, indem er ihm zu Kenntniſſen verhalf, die ihm zu verſchaffen die ärmlichen Verhältniſſe ſeines Vaters nicht erlaubten. Er lud ihn daher ein, er ſolle ihn beſuchen, er werde Vieles finden, was ihm Freude mache, da er es noch nicht kenne. „Gott, was der Herr Doctor gibt meinem Jüngel⸗ chen für'ne große Ehre!“ rief der Alte.„Soll ich meinen kleinen Moſes loben? Ich will's doch nicht thun, weil ich bin ſein Vater, aber ich muß es ſagen, daß er das lernbegierigſte Bocherl unſerer ganzen Kille (Gemeinde) iſt. Wie er war jünger und kleiner noch als jetzt und doch ſchon das Hebräiſche leſen konnte, habe ich ihn zur Winterzeit im Morgengrau in einen Mantel gewickelt, daß er nicht erfrieren ſollte die zarten Glieder, weil er iſt'n ſchwächlich Kind, und hab'n getragen in's Beth⸗Hamidraſch(höhere Lehranſtalt, was Reb Hirſch gehalten hat. Und jetzt iſt er bei 7 100 unſerm Herrn Oberrabbiner Doctor Fränkel, welcher iſt ein großer Gelehrter, der das Beth⸗Hamidraſch über⸗ nommen von Reb Hirſch, und meinen kleinen Moſes nennt er ſeinen beſten Schüler. Was das iſt für'ne Freude für einen Vater!“ Trotz alledem fiel es dem Hofmedicus auf, daß der kleine Moſes Mendel der Einladung keine Folge gab. Er äußerte deshalb gelegentlich gegen den Schulmeiſter, daß es ihm ſcheine, er habe kein Vertrauen zu ihm und fürchte wohl, er wolle den Knaben zum Chriſten⸗ thum bekehren. Der Alte geſtand, daß das Ausbleiben 8 des Moſes einer ſehr einfachen Urſache entſpränge, denn er fürchte ſich vor der Frau Binſe zu ſehr, um den Verſuch, ins Haus zu kommen, auszuführen. Sie habe ihn hart bedroht, wenn er ſich's einfallen laſſen wolle das Haus zu betreten. „Nun gut, ſo werde ich mit dem alten Drachen ein ernſtlich Wort ſprechen“, ſagte Doctor Stoll.„Sie ſoll ihm ſicher kein Leid anthun.“ 4 „s wird nicht nöthig ſein“, bemerkte der Schul⸗ meiſter.„Ich habe geſtern gemacht eine Entdeckung von einem Wege, auf dem mein Jüngelchen ins Haus des Herrn Doctors kommen wird, ohne daß Jemand es ſieht.“ Auf Wunſch des Alten ging Doctor Stoll mit ihm 101 in den Hof. Hier waren nur Brandmauern zu ſehen. An mehreren derſelben hatten Regen und Froſt das Möglichſte gethan, ſie zeigten ſtarke Riſſe und Aus⸗ bröckelungen; am Boden der einen befand ſich hinter hoch aufgeſchoſſenem Strauchwerk eine ziemlich weit klaffende Oeffnung. Man erkannte deutlich, daß hier vor Zeiten, wo an die Cavalierſtraße noch nicht zu denken geweſen, eine ſchmale Thür ſich befunden hatte, die ſpäter zugemauert worden war, aus der ſich aber Stein um Stein losgelöſt hatte. Beim Bau des Eckhauſes der Cavalierſtraße hatte man ſie wegen ihrer Brauchbarkeit ſtehen laſſen und ſie zur Einfriedigung des Hofes benutzt; ein vorge⸗ bauter Schuppen, in dem ſich Holzvorräthe der Be⸗ wohner und verſchiedene Hausutenſilien befanden, deckte das Loch in der Mauer vollkommen und geſtattete, da die Schuppenthür defect und nicht zu ſchließen war, den Eintritt in den Hof. Das große Haus hatte zu wenig Bewohner, um dieſen belebt zu machen, und ſo war es bei der Abenddämmerung leicht, auf dieſem 3 Wege in das Haus zu kommen, ohne von Jemand be⸗ merkt zu werden. Der kleine Moſes ließ dieſen Weg nicht unbenutzt. Der Hofmedicus erinnerte ſich deſſelben und er⸗ kannte, daß er von ſeinen Freunden ebenfalls zu be⸗ — 102 nutzen ſein müſſe. Eine günſtigere geheime Paſſage für ſie zu finden war nicht gut denkbar, da kaum zehn Schritte von der Schuppenthür entfernt der Aufgang einer offenen, das heißt unverſchließbaren Treppe in das zur Hälfte vom Hofmedicus bewohnte erſte Geſchoß führte; es kam nur darauf an, den jüdiſchen Schulmeiſter dahin zu vermögen, daß er den Durchgang geſtatte. Mendel war ſchwer zu dieſer Bewilligung zu bringen, indeß zuletzt gab er den ihn drängenden Vorſtellungen des Doctors nach. Mittels dieſes geheimen Pfades fanden ſich Fortu⸗ natus und Marie zuweilen in den Abendſtunden beim Doctor ein. Die winterliche Zeit mit den kurzen Tagen und der ſchnell einfallenden Abenddämmerung lieh ihnen einen ſchützenden Mantel für ihr Geheimniß. Fortu⸗ natus harrte trotz der ſtark eingetretenen Kälte auf der Hospitalſtraße ſeiner vermummt vom nahen Schloſſe kommenden Gemahlin und geleitete ſie durch Mendel's Hausflur in den kleinen Hofraum; nie begegneten ſie auf dieſem dunklen Gange Jemand, von dem ſie hätten Verrath fürchten dürfen. Mendel überwachte vorſichtig dieſen Umſtand, was ſeiner eigenen Sicherheit wegen auch höchſt nöthig war. Nur die innige Liebe Mariens zu ihrem Gemahl überwand die Angſt, welche ſie auf dieſem Schleichwege . 103 empfand; aber es gab keine Möglichkeit für ſie, ihn anderswo ſprechen zu können. Und doch war es ſtets nur eine kurze Stunde, welche ſie dem Zuſammen⸗ ſein mit ihm widmen konnte; ihre Prinzeß, die einige Abende in der Woche, wo ſich die Frauen der erſten Beamten Deſſaus bei ihrer gnädigſten Mama zu einem Plauderſtündchen einfanden, davon in Anſpruch ge⸗ nommen war kehrte ſtets vor dem Punkt ſieben Uhr ſtattfindenden Abendeſſen, bei dem die Anweſenheit aller Mitglieder der fürſtlichen Familie als Regel galt, auf ein Viertelſtündchen in ihr Zimmer zurück; Mariens Fehlen um dieſe Zeit würde nicht unbemerkt geblie⸗ ben ſein. Was aber ſollte werden, wenn die Tage länger wurden, wenn es um die ſechste Stunde noch hell war? Dieſe Frage wußten ſie ſich ebenſo wenig zu beant⸗ worten, wie ihr gemeinſchaftlicher Freund, der Hof⸗ medicus, daran ſcheiterte. Es war ſchon gegen Anfang Februar, die Tage hatten bereits bemerkbar zugenommen, aber die ziem⸗ lich ſtrenge Kälte wurde keineswegs von der zur Mit⸗ tagszeit glänzend ſcheinenden Sonne gemildert. Dieſe Sonne jedoch war Herrn Leupold ſehr erwünſcht, ſie bot ihm die ſchönſte Gelegenheit, ſeine vorzüglichſte und jederzeit mit Eifer genoſſene Luſt des Excercirens der 104 in Deſſau liegenden Compagnie ſeines Halleſchen Re⸗ giments im Freien aufzunehmen. Die nach Weihnach⸗ ten eingetretene unfreundliche Witterung, die ſich meiſt durch Schneegeſtöber bemerkbar machte, hatte die Excercir⸗ übungen, wenn auch nicht aufgehoben, doch bedeutend beſchränkt. Das hatte ihn außerordentlich verſtimmt, aber er mußte ſich ins Unvermeidliche fügen. Zu die⸗ ſem Aerger kam noch ein bedeutend größerer. Er war mit ſeinem Sohn, dem Erbprinzen, welcher eine Abtheilung des preußiſchen Heeres führte, in hef⸗ tigen Zwieſpalt gerathen. Bis zu dem Tage, wo ſich das Heer zum Einfall in Schleſien in Marſch ſetzte, hatte dieſer junge Fürſt vollkommen mit den Anſichten ſeines Vaters, dieſen Feldzug als ein Unglück für die preußiſche Armee zu betrachten, übereingeſtimmt, plötz⸗ lich aber war er anderer Anſchauung geworden. Das verſpürte Herr Leupold höchſt ungnädig, und die Cor⸗ reſpondenz zwiſchen Vater und Sohn war wenig dazu angethan, die beiden leicht gereizten Gemüther ver⸗ ſönlich zu ſtimmen. Der alte Herr vermied es ſogar in ſeinem Grimme, als ihm die Nachricht zukam, der König Friedrich, der von Breslau aus durch ſeine Truppen ſofort auch Oberſchleſien bis Teſchen und Jablunka hatte beſetzen laſſen und dann die Armee in die Winterquartiere ge⸗ —— —— 105 führt, den zum Feldmarſchall ernannten Grafen Schwerin aber zum Gouverneur von Schleſien ernannt hatte, ſei gegen Ende Januar nach Berlin zurückgekehrt, ſich nach der preußiſchen Königsreſidenz zu begeben. Frau Anne⸗ lieſens Mahnungen, dieſe Höflichkeit doch nicht zu un⸗ terlaſſen, prallten an ſeinem Starrſinn ab. „Was, Annelieſe? Soll ich nicht vielleicht noch ein ganz unterthäniges Promemoria an die allergnädigſte Majeſtät richten und bitten, mich mindeſtens mit einer Lieutenantscharge unter ſeinem Ausbund von Gelahrt⸗ heit, dem Herrn Grafen von Schwerin, zu beglücken? Keinen Schritt thue ich nach Berlin; hat er die Stänkerei angefangen, mag er ſie auch ausfechten. Er weiß, wo ich zu Hauſe bin, kann zu mir ſchicken. So paßt ſich's, ſo und nicht anders. Müßte mich ja zur Schwerenoth ſchämen wie'ne Schulrange, die's Einmaleins nicht gelernt hat und die der Schulmeiſter ein paar Bänke runtergeſetzt hat!“ pluderte Herr Leu⸗ pold auf und Frau Annelieſe ſchwieg. In ſolchem eben nicht roſigen Gemüthszuſtande be⸗ fand ſich der alte Deſſauer und es war vorauszuſehen, daß er bei den Excercirübungen keine Gelegenheit vor⸗ beigehen laſſen werde, ſeine Kerls bis aufs Blut zu chicaniren; er verſtand das ſo prächtig. Die Compagnie hatte ſich auf ſeinen Befehl im 106 Garten aufgeſtellt. Man ſah es den Soldaten an, daß die Kälte heftig auf ſie einwirkte, die Geſichter zeig⸗ ten jenes Violettroth, das ſtets einen hohen Froſt⸗ grad andeutet, die Hände waren ihnen klamm, die Handgriffe gingen deshalb nicht aufs Tempo. Der Alte fluchte und wetterte, daß es am Schloſſe wieder⸗ hallte. Bei dem Wüthen dieſes grimmigen Holofernes war heute Manchem, der ohne Zagen einer Tod ſpeienden Batterie entgegen geſtürmt wäre, angſt und weh ums Herz, denn nicht allein die Verwünſchungen und das Sakermentiren der alten Durchlaucht waren zu fürchten, ſondern faſt noch mehr die verbiſſene Wuth der Offi⸗ ziere und Unteroffiziere, welche ſo insgeheim ſich an der Mannſchaft für die Ehrentitel rächten, welche Herr Leupold über ſie ausſprudelte. Eine Pauſe wurde gemacht. Die Compagnie ſtand Front gegen das Schloß machend. Fortunatus em⸗ pfand einen Schreck, als er bemerkte, daß an den Fen⸗ ſtern plötzlich Damen erſchienen. Sein ſcharfes Auge erkannte an dem einen die beiden Prinzeſſinnen, am andern Marie, ſeine Gemahlin, nebſt einer andern Dame. Die Unteroffiziere wendeten die Pauſe dazu an, an die Front und durch die Glieder der Compagnie hinzu⸗ gehen, um nach ihrer beliebten Weiſe die Mannſchaften —y e — — —— 107 durch Flüche und Rippenſtöße zu beſonderer Aufmerk⸗ ſamkeit anzueifern. „Was hat Er wie'n Mondſächtiger dahin zu ſtar⸗ ren, Taugenichts?“ hörte er ſich plötzlich anreden und bemerkte den allen verhaßten Korporal Rank neben ſich.„Habe ich Ihm gelehrt, das Gewehr beim Schul⸗ tern wie einen Dreſchflegel hintenüber zu halten?“ redete der Rieſe weiter.„Macht Er mir Schande, Hundskerl, dann bringe ich Ihm noch einige Blatter⸗ narben mehr ins Geſicht. Und wie hat Er ſein Ge⸗ wehr geputzt? Ihn ſoll ein Kieſeldonnerwetter erſchla⸗ gen! Wie malpropre der Hundsfott ausſieht! Schlum⸗ pig, ſalopp!“ Bei dieſer lügneriſchen Beſchuldigung ſenkte For⸗ tunatus das Geſicht, um an ſich hinabzuſehen. „Was hat Er Schmierfinke nachzugucken, wenn ich's Ihm ſage?“ Mit dieſen Worten ſtieß ihn Rank mit der geballten Fauſt ſo heftig unter das Kinn, daß For⸗ tunatus' Kopf, in den Genickbändern knackend, nach hinten zurückflog. Augenblicklich beherrſchte ihn wohl dieſer körperliche Schmerz, dann aber trat ein moraliſcher, die Scham der Entehrung in den Augen ſeiner Gemahlin, an deſ⸗ ſen Stelle, eine unnennbare Wuth ergriff ihn, und im Nu das Gewehr aufreißend, ließ er deſſen Kolben ſo 108 gewaltſam auf den Kopf des rüden Rank niederſauſen, daß der Unhold, wie vom Blitzſtrahl getroffen, zu Bo⸗ den ſtürzte. Die Mütze, durch den gewaltigen Schlag über des Niedergeſchmetterten Geſicht getrieben, hatte den Tod des Elenden verhütet. In dieſem Momente kehrte aber auch bei Fortu⸗ natus die Beſinnung zurück, er wußte, daß er dieſe That ſchwer büßen würde. „Was geſchah hier?“ fragte Herr Leupold, raſch herantretend, als er ſah, daß mehrere Korporale ſich mit dem am Boden Liegenden beſchäftigten. „Nicht viel, Durchlaucht, ich habe einem Menſchen⸗ ſchinder den Lohn gegeben“, lautete Fortunatus' Ant⸗ wort, und ſchnell ſich ſeiner Armatur entledigend, trat er vor mit den Worten:„Ich bin Arreſtant, ich weiß es.“ Dieſe entſchiedene Art und Weiſe ſchien keinen un⸗ günſtigen Eindruck auf Herrn Leupold zu machen. Er maß ihn mit den Augen und ſagte dann mit weit mehr Ruhe, als ſich in ſolchem Falle thätlicher Inſubordi⸗ nation erwarten ließ:„Auf die Wache mit ihm!“ Unter Escorte einiger Soldaten wurde Fortunatus abgeführt, einen Blick warf er noch nach den beiden Fenſtern, die Zuſchauerinnen waren von denſelben ver⸗ ſchwunden. Mit geſenktem Haupte ſchritt der Arreſtant zwiſchen der Escortemannſchaft hin. Er befand ſich 1 ꝙ— in de Verbl Gut aufge liebſo hirns fähig 9 ſauſen, 109 in der entſetzlichen Lage eines Spielers, der in der Verblendung der Leidenſchaft ſein letztes Hab und Gut auf eine Karte geſetzt und es verloren hat. Nur daß die über Rank' Kopf getriebene Mütze aufgeſchnitten wurde, befreite den Elenden von der un⸗ liebſamen Verhüllung, aber die Erſchütterung des Ge⸗ hirns, die er trotzdem davongetragen, machte ihn un⸗ fähig, ſich aufrecht zu halten. Viertes Kapitel. Weder die Deſſauer noch die Hallenſer nahmen irgendwie Notiz von den Subordinationswidrigkeiten der Soldateska, welche ſie überhaupt zu wenig be⸗ achteten und als ein Uebel anſahen, von dem ſie ſich leider nicht befreien konnten. Trotzdem machte des Grenadiers Alm That, weil ſie in Anweſenheit Herrn Leupold's geſchehen war, einiges Aufſehen. Man erzählte ſich, ſelbſt die Prinzeſſinnen, welche zufällig Zuſchauerinnen dieſes Vergehens geweſen ſeien, hätten gegen den durchlauchtigen Papa unumwunden die Anſicht ausgeſprochen, daß, wenn Seine Majeſtät der König, welcher, wie allgemein bekannt geworden, beſſere, menſchlichere Behandlung des Soldaten eingeführt wiſſen wollte, dieſen Vorgang erfahre, die Strafe des Grena⸗ 111 diers gewiß eine ſehr gelinde ſein, der rüde Korporal aber ſicher vom Regimente gejagt werde. Ueber dieſe Keckheit ſeiner Frauensleute gerieth der alte Herr in den unbändigſten Zorn, ſchwor hoch und theuer, der Kerl müſſe Spießruthen laufen, und wenn zehntauſend Teufel ſeine Partie nähmen; indeß an ſo ganz tauben Ohren war die Mahnung ſeiner Prinzeſſinnen Töchter doch nicht vorübergegangen. Herr Leupold konnte ſich nichts Unangenehmeres denken, als wenn ein Un⸗ berufener von dieſem Vorfall Anzeige beim Könige mache und Seine Majeſtät ſich angeregt fühle, ihm, dem Durchlauchtigen, nicht nur bittere Bemerkungen, ſon⸗ dern auch einen ernſtlichen Verweis wegen ſeines eigenen keineswegs zu lobenden Verhaltens gegen die Soldaten, das für ſeine Offiziere und Korporale als Muſter diene, zukommen und vielleicht gar— der Fürſt erinnerte ſich gleichzeitig, daß in der nächſten Umgebung des Königs ſich Männer befanden, die ihm durchaus nicht wohlwollten— eine ſtrenge Unterſuchung des Vorgangs anordnen zu laſſen, um ihm ſelbſt eine Demüthigung zu bereiten. Leider ſprach Alles für den Grenadier Alm. Er war in der Compagnie als ſtiller und ſeine Schuldig⸗ keit in allen Stücken erfüllender, daher unbeſtrafter Soldat bekannt, und die Kameraden, die neben ihm im Gliede geſtanden und die nächſten Zeugen der ihm vom Korporal angethanen grundloſen Beſchimpfungen und deſſen thätlicher Ausſchreitung geweſen waren, ſagten ohne Ausnahme gegen Rank aus, und zugleich waren auch alle einſtimmig in der Bemerkung, daß bei ſolcher Kälte im Freien zu exerciren den beſten und geüb⸗ teſten Grenadier, weil er mit erſtarrten Händen das eiſige Gewehr nicht ſchulgerecht halten könne, in Nach⸗ theil bringe. Wer Herrn Leupold kannte, dem entging es ſicher nicht, daß er ſich in dieſer Angelegenheit in einem Zwieſpalt mit ſich ſelbſt befand, der ihn um ſo bitterer ärgerte, als er dabei ſich ſelber nicht frei von Schuld wußte. Gegen ſeine Gewohnheit war er wortkarg. Dies hielt allerdings Jeden aus ſeiner Nähe und er ſah ſich dadurch mit Fragen verſchont, die ihm den Grimm ins Blut gejagt haben würden, zugleich aber war der Zuſtand des Schweigens für ihn ein ganz und gar unerträglicher, denn ſeine tief in ſeinem gan⸗ zen Weſen eingewurzelte Art und Weiſe erging ſich, wie alle Welt wußte, bei jeder Gelegenheit in auf⸗ brauſendem Gebaren. Zwei Tage nach dem Vorfalle ließ er den Hofme⸗ dicus zu ſich beſcheiden. „Der Kerl, welcher ſich der abſcheulichſten Inſub⸗ be 113 ordination gegen den Korporal Rank ſchuldig ge⸗ macht hat, war ja bei Ihm Copiſt“, hob er an. „Ja, Durchlaucht.“ „Was hält Er denn von ihm?“ „Ich kann ihm nur das Lob der Pünktlichkeit geben und habe ihn als einen braven Menſchen kennen ge⸗ lernt. Um ſich ein paar Groſchen zu verdienen, benutzte er jede ihm frei bleibende Stunde zum Abſchreiben für mich.“ „Braven Menſchen nennt Er den elenden Kerl?“ Doctor Stoll antwortete nicht. „Hat Er's Reden verlernt?“ fuhr der alte Herr grimmig auf. „Wo es nichts nützt, halte ich das Schweigen für beſſer.“ „Antworten ſoll Er, das iſt Seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit.“ „Wenn Eure Durchlaucht das meinen, ſo ſtehe ich gar nicht an, wie ich überhaupt den Vorzug einer gut gelöſten Zunge beſitze, zu ſagen, daß meine Anſicht eine ganz andere iſt. Korporal Rank iſt der elende Kerl, der Alm iſt ein braver Menſch. Wäre ich an ſeiner Stelle geweſen, hätte ich nicht um ein Haar anders gehandelt, vielleicht lebte dann der Korporal nicht mehr, denn ein gut treffender Bajonettſtoß würde ihm jeden⸗ Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt IV. 8 falls dahin verholfen haben, wohin ſolche elende Kerle gehören— in die Hölle.“ Eine Pauſe folgte. Dieſer Freimuth überraſchte den alten Deſſauer ſo ſehr, daß er für den Moment nicht recht zu wiſſen ſchien, was er dieſer andern Anſicht entgegenſetzen ſolle. Endlich platzte er grimmig los:„Er muß rein des Teufels ſein, daß Er ſolch verflucht dummes Zeug ſchwatzt! Weiß Er, was Seinem braven Menſchen ge⸗ ſchieht? Spießruthen laufen wird er, und die Canaillen, die aus Weichherzigkeit nicht tüchtig drauflos ſchlagen, brummen vier Wochen bei Waſſer und Brod im Stock⸗ hauſe, ſo wahr ich der Leupold von Deſſau bin. Nach Halle laſſe ich den Hundsfott transportiren, dort ſoll er die Promenade machen. Ich will den Beſtien nach den Köpfen greifen und ihnen die Subordination ein⸗ bläuen laſſen, daß ihnen die Fetzen vom nackten Rücken herunterhängen!“ Und um dieſen edlen Vorſatz noch mehr zu bekräf⸗ tigen, polterte er wie ein Toller im Gemache herum, ſeine beliebte Litanei von Verwünſchungen und Flüchen dabei ohne Aufenthalt über ſeine Lippen ſprudelnd. Er empfand jedoch die unangenehme Ueberzeugung, daß auch der heftigſte Erguß der Aufregung ein Ende findet, wenn die phyſiſche Kraft nicht mehr ausreicht, 115 und obwohl er hinſichtlich körperlicher Ausdauer ein Bedeutendes leiſten konnte, ſo fand er ſich nach einiger Zeit doch in die Lage verſetzt, ſein wildes Weſen zu mäßigen, da demſelben kein vernünftiger Zweck zu Grunde lag; vielleicht fühlte er ſich auch nicht wenig überraſcht, als er bemerkte, daß der Hofmedicus ſo ruhig, als ginge ihn die ganze Sache nichts an, auf demſelben Flecke ſtehen geblieben war, und zwar in einer Stellung des Nachdenkens, indem er die linke Hand an die Stirn gelegt hatte und vor ſich hinſah. „Was ſteht Er noch da? Scher' Er ſich zum Teufel!“ 8 ſchnauzte ihn der Fürſt grob an. „Gleich, Durchlaucht. Da iſt mir nur etwas einge⸗ fallen, was mich wirklich confus macht.“ „So 2⸗ „Eure Durchlaucht werden mir recht geben, wenn ich vermuthe, es liegt der Inſubordination des Gre⸗ nadiers Alm noch etwas Anderes zu Grunde, als blos der plötzliche Zorn über Korporal Rank's allerdings nicht zu rechtfertigendes Benehmen gegen ihn.“ „Was ſoll zu Grunde liegen?“ „Hm, vielleicht Haß, Rache, Eiferſucht, daß Rank ihm ein Mädel weggeſchnappt; wer kann's wiſſen!'s iſt Alles möglich. Wahrhaftig, ich möchte da klar ſehen. Natürlich würde, wenn man dergleichen herausbrächte, Se E 116 Alm's That in einem ganz andern und ihm eben nicht günſtigen Licht erſcheinen.“ „Nehme Er den Kerl ins Gebet. Ihn kennt er ja. Setze Er ihm zu. Er rühmt ſich ja immer einer ge⸗ löſten Zunge, zeige Er, daß Er wirklich eine hat. Schlag' Er den Kerl mit der Zunge breit; ſoll mir lieb ſein, wenn man ihn auf der Fährte fände.“ „Er iſt ja aber nicht auf freiem Fuße, wie kann ich da mit ihm verkehren?“ „Mache Er mir keine Kinkerlitzchen! rief Herr Leu⸗ pold.„Der Sache iſt abzuhelfen.“ An ſeinen Schreib⸗ tiſch tretend, ſchrieb er einige Worte auf einen Papier⸗ ſtreifen.„Hier! Zeige Er nur das auf der Wache vor und rapportire Er mir dann.“ Der Hofmedicus war mit ſich ſehr zufrieden. Er hatte etwas erreicht, was ihm unmöglich geſchienen, nämlich eine Beſprechung mit dem Arreſtaten. Jedes Anſuchen darum bei dem Fürſten würde nicht nur ver⸗ geblich geweſen ſein, ſondern dieſen auch ſpäter zum Argwohn geleitet haben, daß der Doctor, wenn eine Flucht Alm's— und er mußte unter allen Umſtänden der ſeiner raſchen leidenſchaftlichen That folgenden Strafe entzogen werden— zur glücklichen Ausführung gebracht wurde, dabei betheiligt geweſen ſei, was auf ſeine Stellung am Hofe von höchſt nachtheiligem Ein⸗ 117 fluſſe hätte ſein müſſen. Dieſer Argwohn Herrn Leu⸗ pold's war nun unmöglich, er ſelbſt hatte ihm unauf⸗ gefordert die Bewilligung zu einer Zuſammenkunft mit Fortunatus ertheilt. Wie ſich das Unglück von ihm abwenden laſſen werde, das allerdings war dem Doctor ſelbſt noch ein Räthſel, deſſen günſtige Löſung ſich nicht abſehen ließ. Nur das eine, daß es jetzt an ihm ſei, alle ſeine Kräfte zu ſeiner Rettung einzuſetzen, ſtand ihm vor der Seele. Hatte Fortunatus nicht ihn vor Jah⸗ ren vom Tode im Oderſtrome gerettet? War es nicht ſeine heiligſte Pflicht, ihm jetzt den Dank dafür abzu⸗ tragen? Marie lag ſchwer erkrankt darnieder. Schreck und Ent⸗ ſetzen hatten ſie zu heftig ergriffen, um nicht von ſchäd⸗ licher Einwirkung auf ihre Geſundheit ſich zu äußern. „Helfe Er meiner armen Marie, biete Er Alles auf, was nur ſeine Kunſt vermag, um ſie wiederher⸗ zuſtellen“, beſchwor ihn Prinzeß Amalie dringend.„Jetzt weiß ich's, daß Er vollkommen Recht hatte, als Er in Betreff ihrer einmal ſagte, ſie ſei eine zart beſaitete Natur. Er hatte ganz Recht. Ich leugne nicht, daß es auch mich hart anfaßte, als ich Augenzeuge der Brutalität des koloſſalen Korporals und der raſch darauf folgenden That des mißhandelten Grenadiers wurde; aber ich erholte mich doch von dem entſetzlichen Schreck. 118 Bei Marie aber blieb das Geſchehene als ein gar nicht zu verwiſchendes Angſtbild vor ihren Augen ſte⸗ hen, ſie hatte nur allein dafür Erinnerung. Alle meine Bemühungen, ſie auf andere Gedanken zu bringen, fruchten nichts. Die Sorge, was dem unglücklichen Grenadier geſchehen wird, beſchäftigt ſie unabläſſig. „Verlaſſen Sie ſich darauf, gnädigſte Prinzeß, ich werde mein ganzes Wiſſen aufwenden, der Beklagens⸗ werthen ein Helfer zu werden.“ Der goldſchimmernde Strahl der prächtigſten Som⸗ merſonne, wenn in das Gefängniß, in das man For⸗ tunatus gebracht hatte, überhaupt einem Sonnenſtrahle einzudringen möglich geworden wäre, hätte dem Ge⸗ fangenen keine größere Ueberraſchung bereiten können, als ſie der Eintritt des Hofmedicus bewirkte. Zum Glück bemerkte er deſſen auf den Mund gelegten Finger und deutete ganz richtig dieſe Geberde als eine Mah⸗ nung zum Schweigen, was ihn von einem Ausbruch der Freude beim Anblick ſeines treuen Freundes zurück⸗ hielt. Die Minuten waren koſtbar, ſie durften nicht mit vielem Hinundherreden vergeudet werden. Doctor Stoll theilte ihm das Nothwendigſte mit und gab ihm den Rath, einige Tage nach ſeiner Transportation nach Halle eine Krankheit zu ſimuliren. Dadurch werde eine kurze Zeitfriſt gewonnen werden, während welcher 119 die Mittel und Wege zu ſeiner Rettung möglich ge⸗ macht werden müßten. Nur für den Fall, daß Alles vereitelt würde, ſollte er am Morgen des Executionstages das Geſtändniß ſei⸗ nes Geburtsranges dem Hallenſer Stadtcommandanten zum Bericht an den Fürſten mittheilen. Das wäre die letzte Rettung. Sie würde ihn jedenfalls der ihm zuerkannten Strafe entziehen. Ueber das dann Ge⸗ ſchehende ſei freilich nichts im voraus zu ſagen oder gar zu beſtimmen. „Sein Sie jedoch verſichert, daß zu Ihrer Erlöſung aus dieſer Sklaverei nichts unverſucht bleiben wird. Wir werden eine Helferin haben, auf die wir uns ver⸗ laſſen können, Prinzeß Amalie. Heute noch erfährt ſie von mir Ihr Geheimniß und ich kenne dies edle Frauenherz, es wird uns ſeinen Beiſtand nicht ver⸗ ſagen.“ „Eine Krankheit ſoll ich ſimuliren? Dieſe Aufgabe wird die ſchwerſte für mich ſein“, bemerkte Fortunatus. Als der Hofmedicus ihn verließ, war der Gefangene über den fraglichen Punkt in vollſte Kenntniß geſetzt und hatte den Troſt empfangen, daß der Regiments⸗ arzt, deſſen Sohn ein ehemaliger Studiengenoſſe Stoll's und bereits als Unterarzt beim Regiment in Halle an⸗ geſtellt war, über alles Nöthige in Kenntniß geſetzt 120 werden würde; er fürchte nicht, daß er ſich in ſeinem Vertrauen auf den Genannten täuſche. Mit großem Aerger hörte Herr Leupold Doctor Stoll's Rapport an, daß die That des Grenadiers Alm lediglich der Aufregung des Augenblicks, keineswegs einer andern Urſache zuzuſchreiben ſei. „Soll'n in Halle über den Halunken aburteln, ent⸗ geht dem Gaſſenlaufen nicht“, brummte der alte Herr zornig.„Der Soldat kann der größte Taugenichts auf Gottes Erdboden ſein, aber Subordination muß er im Leibe haben, ſonſt ſollen ihn alle Teufel holen. Sub⸗ ordinationsvergehen müſſen unnachſichtlich geſtraft wer⸗ den, der Satan könnte die verfluchten Kerls ſonſt nicht in Rand und Band halten. Er, Doctor, verſteht freilich nichts davon. Wenn Seine Patienten auch einmal ſubordinationswidrig handeln, ſo beſteht ihr ganzes Verbrechen darin, daß ſie Seine Pillen und Latwergen nicht freſſen und Seine Mixturen nicht ſaufen.“ Der Hofmedicus fand dieſe Bemerkung ſo glücklich und rechtzeitig von dem alten grimmigen Herrn gethan, daß er ſofort derſelben ein heiteres Anhängſel in einer luſtigen Anekdote gab und wirklich das Vergnügen ge⸗ noß, denſelben zu einem ſchallenden Gelächter zu bringen. „Höre Er, Hofmedicus“, ſagte er ſehr gütig,„wenn's einmal zu Ende mit mir gehen ſollte, da komme Er d r e 1 3 121 mir nicht etwa mit Seinen Medicamenten angeſtochen, das ſage ich ihm; aber einen guten Jux erzähle Er mir, das iſt die beſte Art Pillen, die Er mir geben kann. Dabei kann man dem Tod doch ins Geſicht lachen und ſtirbt nicht wie jeder andere Lump mit einem Aſchermittwochsgeſicht.“ Soldatenexceſſe und militäriſche Vorgänge der Art, wie Fortunatus einen ausgeführt hatte, machten auf die Deſſauer nur einen ſehr ſchnell vorübergehenden Ein⸗ druck, ſie waren an dergleichen zu ſehr gewöhnt, um länger als einen Tag davon zu ſprechen. Deshalb er⸗ zählte man ſich wohl am nächſten Tage, daß der Arre⸗ ſtat, welcher den baumlangen Korporal Rank beinahe erſchlagen hätte, nach Halle escortirt worden ſei, damit aber war die Theilnahme für den Unglücklichen zu Ende. Im Verlaufe deſſelben Tages ließ Herr Leupold den Hofmedicus abermals zu ſich rufen. Ein Schreiben vom Rector Magnificus zu Halle an den Fürſten und ein beſonderes an Doctor Stoll ſelbſt war angelangt mit dem Geſuch, Durchlaucht wolle die Gnade haben, Höchſtdero Leibmedicus dahin zu beurlauben, um einer ärztlichen Conſultation über den hoffnungsloſen Zu⸗ ſtand des älteſten Sohnes der Magnificenz beizuwohnen. „Das iſt dem lateiniſchen Nußknacker nicht abzu⸗ 122 ſchlagen, denn ich bin ſelbſt Vater“, meinte Herr Leu⸗ pold.„Die gelehrte Bande hätte ſonſt Recht, mich in aller Herren Ländern als Unhold zu verſchreien, bin ohnehin ſchlecht genug bei ihr angeſchrieben. Fahr' Er alſo hin, Doctor. Hätt's nicht gedacht, daß Er ſo'n geſcheidter Schwerenöther wäre, nach dem die Leute meilenweit verlangen würden; iſt mir aber lieb, da wiſſen ſie doch, daß der Deſſauer Leupold auch auf was Gutes hält.“ Es konnte keinen glücklichern Zufall geben als dieſe Bitte der Magnificenz, welche dem Doctor Ge⸗ legenheit verſchaffte, nach Halle zu kommen, ohne erſt dem alten Herrn das Wort gönnen zu müſſen. Er eilte zur Prinzeß Amalie, welche bereits von ihm in das Geheimniß ihres Geſellſchaftsfräuleins eingeweiht wor⸗ den war, um ihr dieſen glücklichen Umſtand zu melden. Leider konnte die Prinzeß nichts thun, als ſeinen Ver⸗ ſuch, Fortunatus durch Flucht zu retten, mittels eines Briefes an die ihr bekannte Gemahlin des Halleſchen Regimentscommandanten zu unterſtützen. Als er von Marie Abſchied nahm, ſagte er ihr, daß ſie guten Muth haben ſolle, es ſei Alles aufs beſte eingeleitet, Fortunatus' Flucht zu ermöglichen. „Und wohin ſoll er dann fliehen?“ fragte Marie. „Soll er wieder von mir getrennt werden? Mein . 123 Himmel, iſt das Schickſal noch nicht müde, uns zu ver⸗ folgen? Wohin ſoll er ſich dann wenden, wenn er noch diesmal glücklich gerettet wird?“ Der Hofmedicus erſchrak. Nur mit dem Gedanken der Rettung des Grafen aus Halle, alſo mit der Haupt⸗ ſorge, hatte er ſich beſchäftigt, mit keiner Silbe an deſſen weiteres Fortkommen gedacht, und doch war dies eben⸗ falls eine ſchwere Sorge. Um Mario, deren Blicke ge⸗ ſpannt an ſeinem Munde hingen, zu beruhigen, ſagte er:„Wohin, fragen Sie? Hierher.“ „Hierher?“ „Um alle die zu täuſchen, welche ſich's zur Aufgabe machen könnten, ihn zu verfolgen, halte ich es für das Beſte, daß er hier und zwar bei mir ein Aſyl findet. Wer wird glauben, daß er hierher geflüchtet ſei? Dies kommt Niemand in den Sinn, und darum iſt es auch das Beſte, was zu ſeiner Sicherheit geſchehen kann. Das Weitere, ihn von hier fortzubringen, muß und wird ſich dann finden.“ Unter den ſieben Aerzten, welche zur Berathung bei dem ſchwer, ja anſcheinend hoffnungslos darnieder⸗ liegenden, bereits als Profeſſor an der Hochſchule an⸗ geſtellten Sohne des Rectors ſich verſammelt hatten, fand Doctor Stoll auch den ihm als Vater ſeines Studiengenoſſen bekannten Regimentsarzt und er be⸗ trachtete dieſes Zuſammentreffen als ein ſehr glückliches Omen für ſeinen Zweck, beſonders da er aus Erfahrung wußte, daß dieſer alte würdige Prieſter des Aesculap ein humaner Mann war. Eine Beſprechung, dahin zielend, den alten Herrn zu vermögen, die von Fortunatus zu ſimulirende Krank⸗ heit als wirkliche anzuerkennen, um Zeit zu gewinnen, daß günſtig in deſſen Intereſſe bei Seiner Durchlaucht gewirkt werden könne, hatte nach einigem Bedenken deſſelben den gewünſchten Erfolg. Die Bemerkung des Hofmedicus, hochgeſtellte Perſonen in Deſſau nähmen an dem Arreſtaten, an den ſich ein Geheimniß knüpfe,* den lebhafteſten Antheil und es dürfte dieſe Gefälligkeit des Herrn Regimentsarztes vielleicht in Betreff ſeines Sohnes als gute Empfehlung dienen, blieb jedenfalls nicht ohne Einfluß, weil die Stellung eines Unter⸗ arztes im damaligen Militärdienſt eben keine glän⸗ zende war. Noch günſtiger geſtaltete ſich eine Unterredung Doctor Stoll's mit ſeinem Univerſitätsfreunde, dem be⸗ 3 treffenden Unterarzt ſelbſt, welcher ſich von ſeiner Stel⸗ lung ſehr angewidert fühlte und nichts ſehnlicher als eine Veränderung derſelben wünſchte.„Aus dem La⸗ zareth zur Flucht zu verhelfen verpflichte ich mich, die Oertlichkeit daſelbſt iſt mir vollkommen bekannt; wohl⸗ 125 verſtanden aber nur aus dem Lazarethe“, ſagte er. ig Der Hofmedicus unterließ nicht, ihn mit klingenden p Mitteln zu dieſem Unternehmen auszuſtatten. Die Abgabe des von der Prinzeß ihm an die Ge⸗ V en mahlin des Commandanten mitgegebenen Billets ver⸗ k⸗ ſchaffte ihm Gelegenheit, dieſe Dame kennen zu lernen, n, welche, erfreut von dem Vertrauensbeweiſe ihrer hohen ht Freundin auf ihre Klugheit und ihren Einfluß, ihr die n Zuſage ihres Beiſtandes machte. s Doctor Stoll's einnehmendes, gewandtes Weſen übte en auf ſie die Ueberzeugung aus, daß er um das Ge⸗ 8, 4— heimniß wiſſe, welches die Prinzeſſin zu ſolcher Theil⸗ nahme an dem Arreſtaten bewege. Ohne daſſelbe irgendwie zu verrathen, verſtand es der Hofmedicus, die Neugier der Dame zu befriedigen, indem er ſie Verſchiedenes ahnen ließ, was ſie als Selbſtgedachtes für möglich und gewiß hielt. Seine Andeutung, daß er in dem Unterarzt einen Beiſtand gewonnen, nahm die Frau Commandantin ſehr gut auf und verſicherte, im Falle ſich dieſer an ſie wenden wolle, ſo viel als möglich ihn mit Rath und That zu unterſtützen. Sehr erheitert durch alles dies hatte ſich der Hof⸗ medicus in das Gaſthaus, wo er abgeſtiegen, begeben, um die Rückfahrt anzutreten. An der Thür ſtand ein ſtrammer, ihn militäriſch grüßender Grenadier. Der —- — Doctor wollte dankend an ihm vorüber, jener aber trat ſchnell an ihn heran und ſagte leiſe:„Hätte mit dem Herrn Hofmedicus zu ſprechen von wegen meinem Kamerad Almeslo.“ „Wer iſt Er?“ „Der Barthel aus Jonitz.“ „Sein Name hat guten Klang bei mir, ich kenne Ihn. Komm Er mit.“ Wenn der Doctor bisher alle Urſache hatte, mit dem Ausgange ſeiner geheimen Miſſion zufrieden zu ſein, ſo ſetzte die Bekanntſchaft, welche er ſo eben mit dem ehrlichen Barthel machte, dieſer Zufriedenheit die Krone auf. Er gelangte zu der Erkenntniß, daß das Geſchick ihm in dieſem Grenadier ein zur Förderung des auszuführenden Unternehmens höchſt brauchbares Werk⸗ zeug zugeführt habe. Barthel beſaß einen unerſchütter⸗ lichen Muth, auf den keine Befürchtung einwirkt, wie auch die Ueberzeugung, ſein Vorhaben auf dem ein⸗ mal betretenen Wege glücklich zu Ende zu führen, ihm eine feſte Stütze gab. Sein durch und durch ehrliches Gemüth war fern von aller Verſtellung, und wenngleich ſeine Umgangsweiſe keineswegs eine abgeſchliffene war, ſo trug ſie doch den unverwiſchbaren Stempel der Wahr⸗ heit und zwar einer Wahrheit, welche aus dem Bewußt⸗ ſein der Kraft und eines rechtſchaffenen Gewiſſens ent⸗ 127 ſpringt. Dabei aber war er ein warmer, treuer Freund, ein Kamerad, der nicht zurückſchreckt, für den Kameraden etwas zu unternehmen, das dieſem zur Rettung dienen kann. Als der Hofmedicus ſich auf der Rückfahrt nach Deſſau befand, konnte er ſich der ſchönen Ueberzeugung hingeben, daß, wenn nicht ein ganz beſonderes Hinder⸗ niß der Rettung des Grafen entgegenträte, dieſe ge⸗ lingen müſſe. Hatte er, nur um Marie zu beruhigen, ihr in der Beſtimmung, daß Deſſau das Ziel der Flucht ihres Gemahls ſein müſſe, gleichſam einen Halt geben wollen, der ihre Angſt um ihn mindere, ſo fand er bei ruhigem Nachdenken über dieſen ſo wichtigen und entſcheidenden Punkt dieſer Idee durchaus nicht ſo übel. Wer ſollte auf den Gedanken kommen, daß der Flücht⸗ ling in des Löwen Höhle ein Aſyl geſucht habe? Die nahe Grenze machte dieſen Gedanken von vornherein undenkbar, da er vernunftwidrig erſchien. Herr Leupold nahm wenig Notiz von dem Bericht, den Doctor Stoll ihm hinſichtlich der Conſultation über den ſchwerkranken Rectorsſohn abſtattete; nur daß auch der Regimentsarzt mit zu derſelben gezogen worden war, ſchien ihm zu behagen, da es ihn als Zeichen galt, welcher Meinung man über die Fähigkeiten dieſes Mannes ſei, der die Ehre hatte, ſeinem ſchönen Muſter⸗ regimente anzugehören. die Schwerenoth davon, glaub's aber, daß ſoͤ'n hoch⸗ gelahrtes Federvieh eine ganz andere Menſchenſorte ſein mag, von der Partie der Stubenhocker, bei denen Saft und Kraft in den Adern vertrocknet iſt. Der Teufel ſoll ſo einen Kerl kuriren.“ Mit dieſen Worten ſchnitt der alte Herr ihm das Wort ab, um auf eine andere Angelegenheit, die ihn lebhaft zu beſchäftigen ſchien, überzuſpringen. „Habe da in Seiner Abweſenheit einen Brief von Wien erhalten, nicht etwa von Seinem Bruder, ſondern einen ſo zu ſagen officiellen aus dem Wiener Hof⸗ kriegsrath.“ „Jedenfalls werden Eure Durchlaucht durch den⸗ ſelben beſſer befriedigt worden ſein als durch meines Bruders Referat.“ „Könnt's gerade nicht ſagen. Sehe in dem Wiſche eben nichts, was mir beweiſen könnte, daß erſtens die vielweiſen Herren des Hofkriegsraths etwas mehr als Stroh in den Köpfen haben, und zweitens iſt das Ge⸗ ſchreibſel ſo breit und ſo umſtändlich, daß man bei der letzten Zeile eigentlich nicht recht weiß, was man vor⸗ her geleſen hat. Wenn die Kriegsaffaire in eben demſelben Stile geht, dann wird's ſchlecht für Oeſter⸗ reich.“ „Baſta mit Seinem gelehrten Krimskrams, verſtehe 129 he Der Hofmedicus fühlte zu wenig Intereſſe für das h⸗ Herrn Leupold ſo ſehr anregende Thema, um eine län⸗ te gere Auseinanderſetzung des martialiſchen Herrn über en die Vor⸗ und Nachtheile in der Kriegsführungsart 21 wünſchenswerth für ſich zu finden, er bat daher, ihn 5 zu entlaſſen, da ſeine Kranken Anſpruch auf ſeine Zeit e machten. Der Fürſt meinte verdrießlich, er möge ſich m ſeinetwegen zu Pontius und Pilatus ſcheren. „Durchlaucht, dann muß ich hierbleiben.“ in„Was? Sieht Er mich für den Heiden Pontius n Pilatus an?“ „In dem Sinne, daß beſagter römiſcher Heide Land⸗ pfleger geweſen iſt, ja, Durchlaucht, nur mit dem Unter⸗ ſchiede, daß jener für das Judenland ein Stiefvater —ã d — 34 war, Eure Durchlaucht für Ihr Deſſau ein rechter Vater ſind.“ e„Er iſt mir ein rechter neunhäutiger— na, gehe ie Er nur zu ſeiner Krankenbrigade.“ 8 Das von Wien erhaltene Schreiben hatte bei Herrn 2⸗ Leupold ſehr großes Bedenken erregt. Abgeſehen vom 1 Bombaſt, welcher in militäriſchen Angelegenheiten ſchon e ein Grundübel iſt, da Kürze und Knappheit der Be⸗ n richtformen allein für dieſe in Anwendung zu bringen 9 ſind, erſchreckte ihn die Nachricht, daß die Kaiſerin Maria Thereſia den Grafen Neipperg, einen ihrer un⸗ Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. IV. 9 130 glücklichen Hofgenerale— unglücklich, weil ſie in dem von Oeſterreich übermüthig im Jahre 1737 begonnenen Kriege gegen die Türken den Unſtern gehabt hatten, alle Schlachten zu verlieren, ſodaß in dem 1739 zu Belgrad geſchloſſenen Frieden ſämmtliche Errungen⸗ ſchaften des Helden Eugen mit einem Male verloren gingen— zum Feldherrn für die den Preußen ent⸗ gegenzuſtellende Armee erwählt habe, zu welchem Zwecke er aus dem Gratzer Feſtungsgefängniß, wohin man ihn zur Belohnung für dieſen die ganze öſterreichiſche Armee beſchimpfenden Friedensabſchluß gebracht hatte, entlaſſen worden ſei. Nur ein Wunder konnte unter ſolcher Führung eine glückliche Wendung für Oeſterreich zu Wege bringen, für Hofgenerale gab es aber keine Wunder. Obwohl dieſe Vorausſicht nur Oeſterreich allein be⸗ traf, ſo hing ſie doch zu eng mit ſeinen eigenen ge⸗ heimen Wünſchen zuſammen, als daß ſie nicht des alten Deſſauers ganze Beſorgniß hätte erregen ſollen. Sein Calcül ging dahin, daß König Friedrich, wenn er ſich von Oeſterreich hart zugeſetzt ſähe, zu der Noth⸗ wendigkeit ſich gedrungen fühlen müßte, ihn, den er⸗ probten Armeeführer, zu Hülfe zu rufen. Geſchah dies, war ſeinem Ehrgeiz geſchmeichelt, die Welt wurde zu der Anerkennung ſeines Ruhms gezwungen, indem ſie — 6◻— 131 ſah, daß ohne ihn, den Verkannten, Preußen unter⸗ liegen müſſe. Ehe er noch eine Schlacht ſchlug, hatte er dann ſchon in der öffentlichen Meinung einen Sieg gewonnen. Durch die unglückliche Wahl des Feldherrn für das öſterreichiſche Heer ward aber dieſer Calcül beinahe vernichtet. Faſt träumeriſch von all dieſem Hinundherdenken fragte er ſich:„Was wird mir die Zukunft bringen?“ Dieſe Frage griff zu tief bei ihm ein, als daß nicht gleichzeitig ein Gedanke in ihm hätte auftauchen ſollen, den er ſchon lange Zeit bei ſich hegte, aber ſchamvoll vor ſich ſelbſt verbarg. „Muß doch des Spaßes wegen mir von der alten Binſe die Karte legen laſſen“, brummte er vor ſich hin, und um dieſen Entſchluß zu beſchönigen, ſetzte er lachend hinzu:„s iſt ja nur ein Jux.“ Und nachdem er nun einmal dieſen höchſt angenehmen Entſchuldigungsgrund aufgefunden, dauerte es auch nicht lange, daß er ſeinen Entſchluß zur Ausführung brachte. Die Faſchingszeit iſt in der Regel eine ſehr luſtige, am Deſſauer Hofe unterſchied ſie ſich nicht von der übrigen Winterzeit, es gab da keine Bälle und Maske⸗ raden. Herr Leupold ſelbſt war nach Magdeburg ge⸗ fahren. Es hatten dort ſchlimme Exceſſe zwiſchen den Mannſchaften der Garniſon ſtattgefunden und er wollte 9* 132 bei der Unterſuchung dieſer bösartigen Händel, bei welchen einige Soldaten todt auf dem Platze geblieben, gegenwärtig ſein, um dieſen ärgerlichen Vorkommniſſen einmal gründlich abzuhelfen. Bei ſeiner Zurückkunft nach Deſſau fand er den zwei Tage vorher eingegange⸗ nen Bericht des Halleſchen Commandanten vor, daß der Grenadier Alm aus dem Stockhauſe habe ins Spital gebracht werden müſſen, da er an der fallenden Sucht leide und nothwendigerweiſe, ehe er die ihm vom Kriegs⸗ gericht zuerkannte Strafe, zehnmaliges Gaſſenlaufen, erſtehen könne, von dieſer Krankheit wiederhergeſtellt werden müſſe. Der alte Herr tobte greulich, aber Frau Annelieſe wendete ihre ganze Beredtſamkeit auf, um ihn zu beſänftigen, indem ſie ihm auseinanderſetzte, daß es ein großes Geſchrei wider ihn veranlaſſen würde, wenn der verurtheilte Grenadier in ſeinem kran⸗ ken Zuſtande die Strafe erleiden ſolle. Es gäbe genug Leute, die ihm, dem Durchlauchtigen, feind wären und deren erſtes Beſtreben dahin gehen würde, dem König von dieſer Grauſamkeit Meldung zu machen. Er ſolle ſich's nur ſelbſt überlegen, ob eine ſolche Lap⸗ palie— „Zehnmaliges Gaſſelaufen iſt keine Lappalie!“ fuhr der alte Herr auf.„Beim ſiebenten, achten Male iſt jeder Kerl, und wäre er ein Hercules, ſo mürbe wie 133 gut gepökelter Schinken. Davon verſtehſt Du den Teufel, Annelieſe.“ „Ich geize auch nicht nach dieſer Bereicherung mei⸗ ner Kenntniſſe“, bemerkte die hohe Frau.„Mit dem Worte Lappalie habe ich keineswegs dieſe entſetzliche Strafe bezeichnen wollen, ſondern nur die Sache ſelbſt, das Subordinationsvergehen des Unglücklichen an dem Korporal Rank, der, wie mir geſagt worden iſt, ein böſer Menſch ſein ſoll, welchen alle haſſen, die ihn kennen.“ „Hm, ja, der Rank iſt'n böſer Hund; aber ich brauche zur Schwerenoth doch keine Korporale, die mit den Kerls umgehen, als wären ſie von Butter.“ „Wäre wohl dieſe ganze Angelegenheit ſo viel werth, ein von Seiner Majeſtät an Dich gerichtetes Schreiben mit Vorwürfen und unangenehmen Erklärungen Dir vergeſſen zu machen? Nein.“ Herr Leupold ſah ſich am Markſtein ſeiner Oppo⸗ ſition angelangt. Es war nichts darauf zu entgegnen und er ſchwieg deshalb; aber dies Schweigen war nur Folge der unliebſamen Erinnerung, daß jetzt eine an⸗ dere Zeit angebrochen ſei. Als ſein königlicher Freund noch lebte, hätte keine Menſchenſeele gewagt, einen Laut der Mißbilligung über die barbariſche Behandlung der Soldateska zu äußern, die Kerle waren ja alle ge⸗ kauft, alſo Waare. Daß ſich der junge Monarch er⸗ innerte, die Soldaten ſeien auch Menſchen, und ſie als ſolche behandelt wiſſen wollte, gehörte zu den unlieb⸗ ſamſten Errungenſchaften des Thronwechſels oder der neuen Zeit. Prinz Moritz, der einzige von den Söhnen des alten Herrn, der in Deſſau anweſend war, gab durch ſeinen Eintritt dieſer für letztern ſo ärgerlichen Er⸗ kenntniß eine Ableitung, indem er ſeinen gnädigſten Papa aufforderte, heute Abend der im Rathhauſe ſtatt⸗ findenden Vorſtellung des berühmten, ſich Pluto, der Höllenfürſt, nennenden Feuerfreſſers beizuwohnen. „Der Kerl ſoll das Möglichſte leiſten“, bemerkte der Prinz. „Nichts dahinter, Kinkerlitzchen“, brummte Seine Durchlaucht. „Aber trotzdem ſehenswerth“, entgegnete der Vorige, und ſich zur Fürſtin wendend, fügte er hinzu:„Auch für meine gnädigſte Mama dürfte die Vorſtellung etwas Amüſantes bieten. Wie mir der Oberforſtmeiſter von Görſchen erzählt hat, zeigt der Mann auch prächtige chineſiſche Schattenſpiele, die allgemeinen Beifall finden.“ „Für heute bin ich verſagt, ich werde einen Abend⸗ beſuch bei Giſela machen; alſo ein andermal.“ „Will hingehen, will's mit anſehen; der Kerl paßt 135 zwar nicht in die Zeit, denn man hat jetzt volle Gele⸗ genheit, Feuer zu ſpeien, ſtatt Feuer freſſen zu lernen.“ Mit dieſem Ausſpruche, in dem ſich ſein Mißver⸗ gnügen an dem, was die Zeit gebracht hatte, deutlich genug kund gab, verließ der alte Herr das Gemach ſeiner Gemahlin. „Anna, Sie kann ſich heute Abend ein Vergnügen machen“, ſagte die Fürſtin gütig.„Beſuche Sie die Vorſtellung im Rathhauſe. Die chineſiſchen Schatten⸗ bilder werden ſehr gelobt. Sie hat da eine kleine Zer⸗ ſtreuung und kann mir morgen darüber Mittheilung machen.“ Dieſer Beweis von Freundlichkeit ihrer Herrin war natürlich nicht zurückzuweiſen, obwohl Anna ſich nicht in der Stimmung befand, die für dergleichen erforder⸗ lich iſt, um nicht gleich im voraus die Freude daran zu verderben. Anna wünſchte ſich weit weg vom fürſt⸗ lichen Hofe und ging mit dem Entſchluſſe um, ihre Mutter zu bitten, ſie von hier abzuberufen. Sie glaubte ſich jetzt vollkommen überzeugt, daß Doctor Stoll's Ver⸗ hältniß zu Maria ſeit kürzeſter Zeit ein ſehr enges geworden ſei, und hatte zudem noch die Bemerkung gemacht, daß Prinzeß Amalie darum wiſſe und es be⸗ günſtige. Es konnte nichts Niederdrückenderes für Anna ge⸗ ben als den Gedanken, ihr weichen zu müſſen. Frei⸗ lich gab es manche Stunden, in denen ſie ſich mit dem Selbſtvorwurfe peinigte, daß ſie zu ſchroff geweſen, daß ſie es in der Hand gehabt habe, ihn zu ſich zurückzu⸗ führen; es hätte ein Triumph für ſie ſein müſſen, ihn wiederzugewinnen, trotz der Verführungskunſt ihrer Rivalin. Und worin beſtand deren Verführungskunſt? Sie mußte ſich beſchämt eingeſtehen, daß ſie ſelbſt nicht wiſſe, in welcher Weiſe ſie ſie einer ſolchen bezüchtigen ſolle. Mariens ganzes Weſen war ein ſo ſanftes und beſcheidenes, nichts an ihr verrieth eine Leiden⸗ ſchaftlichkeit oder gar einen Hang zur Leichtfertigkeit, und war es denn möglich, daß er ſich, wenn ſie wirk⸗ lich ihn für ſich gewonnen hatte, ſo überaus glücklich ſchätzen konnte, da er am Weihnachtsfeſt ſie in ſanftem, aber vorwurfsvollem Tone gefragt:„Nicht einmal einen Blick haſt Du für mich zum Weihnachtsgeſchenk?“ Da wäre es an ihr geweſen, ihm entgegen zu kom⸗ men, ſtatt deſſen hatte ſie ihn noch mehr von ſich ab⸗ geſtoßen. Das bereute ſie ſchwer; denn in dem engern Verhältniſſe, das ſie nun zwiſchen ihm und Marie zu bemerken glaubte, ſah ſie die Folge dieſer Aeuße⸗ rung unbeſonnenen Stolzes. Er hatte ihr die Hand zur Verſöhnung geboten, er erkannte jedenfalls ſein an ihr begangenes Unrecht, und ſie hatte ihn abgewieſen, 137 und nun verſteifte er ſich in demſelben. Dieſe Selbſt⸗ ſchuld machte ſie ſehr unglücklich, denn ihr blieb nicht einmal das Recht der Entſchuldigung, ſich ihm verſöhn⸗ lich gezeigt zu haben. Sie hatte ihn nun fürs ganze Leben verloren. Wäre es nicht ein grober Verſtoß gegen die Güte ihrer Herrin geweſen, Anna würde nicht daran gedacht haben, die Vorſtellung auf dem Rathhauſe zu beſuchen, es war ihr Alles ſo gleichgültig, ſie fühlte keinen Wunſch nach Zerſtreuung; aber ſie mußte gehen. Der Saal war gedrückt voll. Prinz Moritz und Offiziere der in Deſſau ſtehenden Compagnie waren zugegen, auch Prinzeß Anna Wil⸗ helmine mit ihrer Geſellſchaftsdame. Die weibliche Elite der Deſſauer hohen Beamten fehlte nicht. Die Hitze in dem kleinen Saale war zum Erſticken, darum wurde ein ziemlich geräumiges Gemach, in dem der Stadtrath ſeine Sitzungen zu halten pflegte, für die Zuſchauer auf dem erſten Platze geöffnet, um ſich während der Pauſen in der Vorſtellung erholen zu können. In einer ſolchen Pauſe hatte Anna ebenfalls Ge⸗ brauch von dieſer Erfriſchung gemacht. Der Zufall hatte ſie in die Nähe des Prinzen gebracht, ein Offizier bemühte ſich, ſie zu unterhalten. Plötzlich entſtand eine 138 Bewegung. Der wachthabende Offizier war eingetreten und ſuchte Seine Durchlaucht, die, wie es im Schloſſe heiße, hier in der Vorſtellung ſich befinde. „Was gibt's?“ fragte der Prinz. „Ein Ordonnanzreiter des Herrn Commandanten von Halle hat die ſchriftliche Meldung gebracht, der Grenadier Alm ſei aus dem Spital deſertirt— hier iſt die Meldung— und gleichzeitig hat mir Korporal Bank rapportirt, er habe den Deſerteur in einen Mantel gehüllt an dem Hauſe erblickt, in welchem der Herr Hofmedicus wohnt. Es ſei ihm jedoch nicht gelungen, den Kerl zu faſſen, er ſei wie ſpurlos vor ihm ver⸗ ſchwunden. „Wird falſch geſehen haben, der Bank“, bemerkte der Prinz.„So dumm iſt kein Deſerteur, freiwillig in die Falle zu gehen. Uebrigens kommt er von Halle weit eher über die ſächſiſche Grenze als hier. Was ſollte er auch hier noch ſuchen wollen?“ „Wer weiß es! Bank ſagt, Grenadier Alm habe für den Herrn Hofmedicus den Copiſten gemacht, ſucht viel⸗ leicht Unterſtützung bei ihm, oder, da er die Haus⸗ gelegenheit kennt, hat er vielleicht die Abſicht, zu ſtehlen.“ „Der Herr Hofmedicus iſt einer von den neumodi⸗ ſchen Philanthropen, die ſich kein Gewiſſen daraus ma⸗ 139 n chen, einen ſolchen Kerl bei ſich zu verbergen, um ihn e der Strafe zu entziehen“, bemerkte ein anderer Offizier. „Nun, das könnte eine Durchſuchung bei dem Hof⸗ medicus ſchnell ins Klare bringen“, ſprach der Prinz n und beorderte den Wachtoffizier den Korporal Bank T und ſechs Mann zu dieſem abzuſchicken. 1 Das im Saale gegebene Klingelzeichen zeigte die l Fortſetzung der Vorſtellung an, man eilte hinein. Anna 1 war ſo erſchrocken von dem, was ſie gehört hatte, daß r ſie das Zurückgehen in den Saal vergaß. Dem Doctor 3 ſtand eine Gefahr bevor, das ſchwebte dunkel vor ihrem ⸗.— Geiſte. Sie hatte ihn oft über das barbariſche Mili⸗ tärweſen Herrn Leupold's ſprechen hören, ſie erinnerte e ſich, wie er voll Abſcheu gegen die unmenſchlichen Stra⸗ n fen ſich geäußert hatte, und der Gedanke, wie es leicht möglich ſei, daß er, wenn der Deſerteur den Weg bis 8 zu ihm gefunden, ſich verleiten laſſen könne, denſelben bei ſich zu verbergen, trat bei dem Bewußtſein, daß r man bei ihm ſtrenge Hausſuchung halten werde, ſo äng⸗ ⸗ 3 ſtigend an ſie heran, daß ſie ſofort den Entſchluß faßte, ⸗ ihn zu warnen. Jedes andere Denken war jetzt bei u ihr ausgeſchloſſen. Wie auf Sturmesſchwingen enteilte ſie dem Rath⸗ 2 hauſe. Der Abend war ſehr dunkel geworden, die Later⸗ 140 nenloſigkeit bot ihr den ſicherſten Schutz; ſie kam, ohne von Jemand bemerkt zu werden, am Hauſe an, wo der Doctor wohnte. In demſelben war ſie mehrmals mit der Fürſtin geweſen, die ſich ſehr für die Wachsprä⸗ parate des Hofmedicus intereſſirte, ſie kannte alſo ſo ziemlich die Oertlichkeit; aber was ihr ſchwer aufs Herz fiel, war der Gedanke an die Möglichkeit, das Haus geſchloſſen zu finden. Im Zimmer des Doctors oben ſah ſie Licht, er war alſo zu Hauſe; aber ſie konnte doch unmöglich ihn rufen. Ihre Angſt war unnöthig geweſen; die Thür ſchien geſchloſſen, war aber nur angelehnt. So geräuſchlos als möglich eilte Anna den Flur entlang, die Treppe war durch ein breites Fenſter etwas erhellt, ſie konnte nicht fehlen und fand die Wohnungsthür. Jetzt erſt ergriff eine Angſt, die ſie kaum bemeiſtern konnte, ihr Herz, ſie zögerte zu klopfen und doch drängte die Zeit ſo gebieteriſch. Endlich ermannte ſie ſich. Sie klopfte, in dem ſtillen Hauſe ſchallte es wieder. Bald ließ ſich ein kräftiger Schritt, aus einem geöffneten Zimmer kommend, hören. Der innere Riegel ſchob ſich zurück, der Hofmedicus, ein Licht in der Hand haltend, ſtand vor ihr. Ihr Name erſtarb auf ſeinen Lippen in der Ueberraſchung, ſie hier und in dieſer Stunde zu ſehen. & „„ al — 4o 141 Kaum der Worte mächtig, nannte Anna die Ur⸗ ſache, die ſie hierher geführt. Doctor Stoll hatte trotz ihrer Verwirrung ſie verſtanden. „Du, Anna, willſt mich retten? Du mich? Mein Himmel, iſt denn das Wahrheit?“ rief er.„Und ich glaubte, Du hätteſt Dich von mir gewendet, Du haßteſt mich!“ „Wir ſind ja Landsleute— aus einer und derſel⸗ ben Stadt“, ſtotterte Anna. Gewiß, gewiß, Landsleute, aus einer und der⸗ ſelben Stadt!“ rief der Hofmedicus jubelnd.„Anna, meine liebe, gute Anna! Was es auch geweſen iſt, das Dich von mir ſcheiden, von mir losreißen wollte, ich weiß es nicht, aber ich weiß, daß ich Dich wieder⸗ gewonnen habe.“ Er legte ſeinen Arm um ſie. „Ich muß fort, laß Er mich!“ flehte Anna und wollte ſich von ihm losringen. „Nein, Du ſollſt jetzt das Geheimniß kennen lernen, um deſſentwillen Du hierher gekommen biſt“, ſprach er. „Vertrauen gegen Vertrauen.“ Und den Riegel vor⸗ ſchiebend, führte er die von ihm mit ſtarker Hand Feſt⸗ gehaltene durch das halb offen gebliebene Zimmer in das nächſt angrenzende. Anna ſtieß einen Laut der größten Ueberraſchung aus, als ſie in dem letztern Prinzeß Amalie, deren Ge⸗ 142 ſellſchaftsfräulein Marie und einen bleichen jungen Mann von hoher Geſealt in einem faſt ärmlich zu nen⸗ nenden Civilkleide erblickte. „Fürchte Dich nicht, meine liebe Anna“, ſprach der Hofmedicus.„Unſere gütige Prinzeß hier kennſt Du, dieſe Dame iſt Dir auch bekannt, aber ſie iſt nicht die, als welche ſie Dir bekannt iſt, ſondern Frau Gräfin Marie von Almeslo, und dieſer Herr hier ihr Gemahl, der in Rede ſtehende Deſerteur.“ „Theobald!“ rief Anna, in tiefer Zerknirſchung ſeine Hände faſſend,„das, das war Dein Geheimniß? Ach, ich Thörin, ich Thörin! Und ich konnte glauben, daß Du Dich von mir gewendet und— welche Sünde habe ich an Dir, Du treues Herz, begangen! Mein Himmel, wie kann ich das ſühnen?“ In dieſem Augenblicke ließen ſich rauhe Stimmen unten im Hauſe vernehmen. „Höre ich recht? Meines gnädigſten Papas Stimme!“ rief die Prinzeß zum Tode erſchrocken.„Wahrhaftig, ich habe mich nicht getäuſcht, er iſt's, er iſt's!“ „Schnell in Ihr Verſteck, Graf, die Todten werden Sie unter ihren Schutz nehmen. Fort!“ wies der Hofmedicus den jungen bleichen Mann in das nächſte Zimmer.„Haben Sie keine Furcht, gnädigſte Prinzeß. Der Vorwand iſt hinreichend, daß Sie, um eine Ver⸗ ——— 143 ſöhnung zwiſchen Anna und mir zu ſtiften, hierher ge⸗ kommen ſind. Ihr gutes Herz iſt zu bekannt, als daß man an der Wahrheit dieſer Ausſage zweifeln wird.“ „In welche Lage ſehe ich mich verſetzt!“ „Und in Wahrheit doch nur durch Ihre Herzens⸗ güte“, ſprach der Doctor.„Es iſt keine Lüge, daß dieſe die Veranlaſſung war, die heute Sie hierher führte.“ Er eilte in das Zimmer, in das der Graf ſich entfernt hatte, und als er wieder zurückkam, ſagte er mit Ueber⸗ zeugung:„Wir dürfen nicht fürchten, daß eine Ent⸗ deckung ſeines Verſtecks denkbar iſt. Wer ſollte auf die Idee kommen, ihn da zu ſuchen, wo er ſich be⸗ findet?“ „Gebe es Gott gnädig“, meinte die Prinzeß. „O bangen Sie nicht, gnädigſte Prinzeß“, tröſtete der Vorige.„Treue Liebe hat ſtets ihren unſichtbaren Schützer. Es iſt unſere Pflicht, dieſem unbedingt zu vertrauen.“ Unten im Hauſe hatte ſich unterdeß Seltſames ereignet. Durch irgend einen Zufall war die bei Eintritt der abendlichen Dämmerung ſtets verſchloſſen gehaltene Hausthür nur angelehnt geblieben, ſodaß Anna es möglich wurde, unbemerkt hineinzukommen, aber auch Korporal Bank hatte, nachdem er vorſichtig einen ſeiner 144 ſechs Grenadiere an die Ecke poſtirt, einem zweiten außerhalb der Hausthür ſeinen Platz angewieſen, mit den vier andern denſelben Weg ins Haus gefunden. Vor ungefähr dreiviertel Stunden war er, um ſich nach ſeinem Quartier zu begeben, am Hauſe vorbeige⸗ gangen und hatte einen langen, in einen Mantel ge⸗ hüllten Mann an der Ecke ſtehen ſehen, der, wie es ſchien, auf Jemand wartete. Dies wäre allerdings kein ſeine Neugier erregender Umſtand geweſen, wenn nicht die lange Figur des Mannes ihn auf die Idee gebracht hätte, es könne ein Grenadier ſein, der ſich der ſtreng verbotenen Civilkleidung bediene, um unter dieſer Hülle ein Abenteuer zu beſtehen. So leiſe, als es ihm möglich war, näherte er ſich ihm. Der War⸗ tende ſtand mit dem Geſicht dem Theile der Hospital⸗ ſtraße zugewendet, welcher in die mit der Cavalier⸗ ſtraße parallel laufende Steinſtraße mündet. Plötzlich trat Korporal Bank an ihn heran, ihn mit den Worten:„Auf wen paßt Er hier?“ auf die Schulter ſchlagend. Ueberraſcht wendete ſich der Ange⸗ ſprochene um, der im Nacken hinaufgezogene Mantel fiel ihm auf die Schultern herab. Perplex prallte Bank zurück, das blatternnarbige Geſicht des Grenadiers Alm ſtarrte ihm entgegen; aber im Nu verſchwand der Erkannte, indem er in mächtigen ᷣ ——— ——— — — — 145 Sätzen den Theil der Hospitalſtraße entlang rannte, welcher nach dem nahen Askaniſchen Thore führt. Er würde dem Korporal jedenfalls nicht entgangen ſein, wenn demſelben nicht in dem Moment, als er die Ver⸗ folgung des Flüchtlings beginnen wollte, ſein Stock entfallen wäre. Dies ihm ſo theure Zeichen ſeiner Charge war ein Theil ſeines theuren Ich, und da daſſelbe ein Stück abſeits gerollt war, ſo verlor er die günſtige Zeit, dem Erkannten zu folgen. Wie ſpurlos war der Flüchtling verſchwunden, als Korporal Bank ihm nachzuſetzen begann. Die Schild⸗ wache am Askaniſchen Thore hatte Niemand das Thor paſſiren ſehen, und Bank ſtand ſomit vor einem Räthſel, das er nicht zu löſen wußte. Seinen Augen konnte er trauen, ſie waren ſcharf, er hatte den Gre⸗ nadier Alm ſo genau erkannt, als wenn er ſich ſelber im Spiegel ſähe, und doch ſchien dies vollkommen un⸗ möglich, Alm befand ſich ja im Stockhauſe zu Halle, um Spießruthen zu laufen. In dieſer Verwirrung ſeines Begriffsvermögens machte er eiligſt auf der Wache Anzeige, die jedenfalls als eine Täuſchung des rieſigen Korporals angeſehen worden wäre, wenn nicht faſt gleichzeitig der Ordonnanzreiter von der Comman⸗ dantur zu Halle die Meldung von der Deſertion des Grenadiers Alm aus dem Spitale gebracht hätte. Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. IV. 10 146 Jetzt verlor Bank's Anzeige plötzlich ihre Unglaub⸗ würdigkeit. Der Lärm, den die in das dunkle Haus eintreten⸗ den Soldaten machten, das klirrende Aufſtampfen der Gewehre war die Urſache, daß der alte Binſe in der Thür ſeiner der Treppe gegenüber gelegenen, in den Hof hinausgehenden Wohnung mit einer brennenden Lampe erſchien, mit der Frage:„Schwerenoth, was iſt denn los?“ „Er iſt's, Binſe?“ „Allemal, aber—“ „Leuchte Er uns da hinauf, wollen Hausſuchung beim Hofmedicus halten, auf hohe Ordre verſteht ſich.“ Ehe Binſe über dieſes ihm ſehr ſeltſam erſcheinende Vorhaben ſich ausſprechen konnte, geſchah etwas, das den ehrwürdigen Korporal Bank vollkommen außer Faſſung brachte. Die Stubenthür flog weit auf und Seine Durch⸗ laucht, hinter ihm Frau Binſe, wie eine Schmarotzer⸗ pflanze an einem Eichbaum, erſchien auf der Schwelle. Bank war ſo überraſcht von dieſem unerwarteten An⸗ blick ſeines gewaltigen Herrn und Meiſters, daß es des heftigſten Anſchnauzens von deſſen Seite bedurfte, um ihn ſo weit zur Faſſung zu bringen, einen aller⸗ dings nicht wenig wirren Rapport abzuſtatten. 147 „Die Canaille deſertirt?“ ſchrie Herr Leupold. „So lautet des Herrn Commandanten Meldung.“ „Und beim Hofmedicus ſoll ſich der Hundsfott auf⸗ halten?“ „s iſt nur, mit Reſpekt zu ſagen, eine Vermuthung, die da—“ „Halt' Er's Maul. Voraus, Binſe, leuchte Er hin⸗ auf. Vorwärts marſch!“ Binſe haspelte mit ſeinem lahmen Beine aus Leibes⸗ kräften voraus treppauf. Der alte Herr, den dieſe nicht raſch genug fördernde Marſchübung fuchswild machte, riß ihm die Lampe aus der Hand und ein höchſt unſanftes:„Scher' er ſich zum Teufel, alte Schnecke! Sein Weibsbild mag leuchten“, verabſchiedete den Invaliden, deſſen Frau ſich voll boshafter Neugier dieſer bewaffneten Invaſion als Appendix angeſchloſſen und in furchtloſer Dreiſtigkeit den Dingen entgegenſah, die ſich ereignen würden. Die ungeberdige Manier Herrn Leupold's, Einlaß in des Hofmedicus Wohnung zu for⸗ dern, hätte Todte aus dem ewigen Schlummer erwecken können. Mit der Fauſt ſchlug er an das Thürblatt, als hätte er im Sinne, es in Stücke zu zerſprengen. Von innen wurde der Riegel zurückgezogen. „Eure Durchlaucht!“ rief der Doctor mit gut nach⸗ geahmtem Schreck. 10* „Will mich nur ein wenig bei Ihm umſehen“, ſagte der alte Herr mit einem ſchadenfrohen Feixen, hinter dem die Ueberzeugung zu ſtehen ſchien, daß er bei ihm den Deſerteur verſteckt finden werde.„Bleibe Er ein wenig hier ſtehen, liebſter Doctor; die Beiden hier wer⸗ den Ihm unterdeß Geſellſchaft leiſten.“ Auf dieſen Wink Herrn Leupold's traten zwei Gre⸗ nadiere zu beiden Seiten des Ueberraſchten, der, wie es ſchien, einer Art Verwandlung wie Loth's ſelige Ehehälfte unterlag und kaum die Frage herausbrachte: „Was bedeutet denn das?“ „Wird Ihm zeitig genug klar werden“, ſchnauzte der Fürſt ihn an.„Vorwärts, alte Hexe! Unterſucht Alles genau.“ In dem kleinen Vorzimmer war nichts zu unter⸗ ſuchen. Ein Tiſch, ein paar Stühle machten hier die ganze Einrichtung aus, zu einem Verſteck für einen Deſerteur mangelte daher jede Bedingung, kaum einem Däumling würden die breiten, plumpen Stuhlfüße einige Deckung geliehen haben. Frau Binſe war hier bekannt, ſie hatte gegen Entgelt die Wohnung öfter gereinigt.„Komm Er nur mit, Herr Korporal“, flüſterte ſie Herrn Bank zu,„hier kenne ich mich aus.“ Der alte Herr ging hinterher, zwei Grenadiere folgten auf ſeinen Wink ihm nach. 149 Das Vorzimmer hatte drei Thüren, die Aus⸗ gangsthür auf die Treppe und zwei im Innern zur rechten und zur linken Hand einander gegenüberſtehende. Die zur rechten führte in das Wohnzimmer des Hof⸗ medicus. Aus deſſen Fenſtern ging die Ausſicht auf die Cavalierſtraße. Es war ein großes, geräumiges Gemach, mit vielem Comfort ausgeſtattet. Hier ſprach ſich der der Vereinigung des Schönen mit dem Nütz⸗ lichen entſtammende Wohllaut aus. Eine einfenſtrige Kammer verband dieſes ſo behaglich eingerichtete Wohnzimmer mit zwei andern, in welche Frau Binſe durch die Thür links geſchäftig den ihr Folgenden voranleuchtete. Dieſe Zimmer waren als die Werk⸗ ſtätten des Hofmedicus zu bezeichnen, denn es ſtanden hier Kiſten und Kaſten, Schränke uud verſchiedene der chemiſchen Küche angehörende Utenſilien. An jedem Schranke— mehrere enthielten nur Bücher und Her⸗ barienſammlungen— ſteckten die Schlüſſel. „Aufſchließen! Leuchten!“ commandirte Herr Leupold. Seine Stirn runzelte ſich bedeutend, als die Suche alle Ausſicht hatte, leer auszugehen. „Das Wetter ſoll Ihn erſchlagen, Bank, wenn Er mich auf eine falſche Fährte geleitet hat, merk' Er ſich das!“ murmelte der Deſſauer halb unverſtändlich in ſeinem Grimme, und der Goliath, dem dieſe Zuflüſte⸗ z — õõÿõÿÿʒm⅓³ʒ— 150 rung deutlich genug ins Ohr drang, fühlte ein Zittern vor dem Zorne des Gewaltigen durch ſeine koloſſalen Glieder ſchleichen. Nur ein einziger ſchmaler Schrank, mitten zwiſchen zwei großen, unverſchloſſenen Kiſten ſtehend, war noch uneröffnet. In aller Angſt ſchloß ihn der Korporal auf, aber kaum war die Thüre aufgegangen, als auch gleichzeitig der Rieſe einen Schrei des Entſetzens ausſtieß, zurück⸗ ſtolperte und bei dieſer Gelegenheit die etwas ſeitwärts von ihm ſtehende Frau Binſe zu Boden ſtieß, welche, die brennende Lampe in der ausgeſtreckten Hand, den würdigen Korporal, an den ſie ſich in ihrem Falle an— klammerte, mit niederriß. Die auf der Diele fortbren⸗ nende Lampe warf ihren Schein in den dunklen Schrank hinein. Der Tod, wie er auf Grabmälern und Bildern als Knochengerippe mit nacktem, fleiſchloſem Schädel und hohlen Augen abgebildet wird, ſchien zürnend aus dem Dunkel ſeines Verſtecks heraustreten zu wollen. Dies Alles war in ſo unglaublich kurzer Zeit ge⸗ ſchehen, daß der Fürſt im erſten Moment eben nur den Goliath und die Hökerin am Boden erblickte, ohne die Veranlaſſung zu bemerken, die erſterem zu dieſer Nieder⸗ lage verholfen hatte. „Bank! Ungethüm von einem Kerl! Sollen Ihm doch tauſend Kreuzdonnerwetter auf den Schädel nieder⸗ — 151 fahren! Iſt Er ganz des Teufels! Habe ich Ihm be⸗ fohlen, ſich hier auf dem Boden herumzuwälzen?“ ſchrie Herr Leupold.„Und Sie, alte Hexe, will Sie wohl auf?“ Die Stentorſtimme Seiner Durchlaucht war ſo ſchallend bei dieſer Ermunterung, daß jeder Mann eines in langer Front nur zwei Mann hoch aufgeſtell⸗ ten Bataillons jedes Wort genau und deutlich hätte verſtehen können. „Dort— dort!“ ſtotterte Bank, ſich etwas auf⸗ richtend, die Rechte vor die Augen haltend und mit der Linken nach dem Schranke deutend.„Der Tod, wie er leibt und lebt— ich muß elend dahinſterben — o mein himmliſcher Vater, in meinen beſten Jahren ſchon den leibhaften Tod zu ſehen!“ Jetzt erſt erblickte Herr Leupold das Skelett, und ſo wenig er auch ſchreckhaften Eindrücken unterworfen war, ſo blieb er doch einige Sekunden ſtarr und ſteif ſtehen, auch ihn packte die Ueberraſchung, ein menſch⸗ liches Knochengerüſt vor ſich zu ſehen. Für den erſten Moment ſchien er das Unbegreifliche dieſes Anblicks nicht faſſen zu können. Die auf dem Boden einige Schritte und etwas ſeitwärts vor dem Schranke ſtehende Lampe warf auf das Gerippe ihr Licht von unten her⸗ auf, ſodaß deſſen Obertheil in halbem Dunkel blieb und nur durch ſeine weißgelbe Farbe unheimlich ins Auge fiel. Indeß als der erſchreckende Eindruck dieſes ungewöhnlichen Anblickes bei Herrn Leupold verſchwand, trat er raſch näher und faßte prüfend die fleiſchloſe Hand des Todes. „Schwerenoth, ein veritables Menſchengerippe“, brummte er vor ſich hin.„Herein mit dem Doctor!“ Einer der Grenadiere eilte hinaus und wiederholte Seiner Durchlaucht Befehl:„Herein mit dem Doctor!“ ſehr vernehmlich. Der würdige Korporal hatte ſich aus ſeiner Selbſterniedrigung erhoben, desgleichen Frau Binſe; aber erſterem ſchien ſehr unbehaglich zu Muthe zu ſein, denn der ihn ſtreifende verächtliche Blick Herrn Leupold's deutete ihm zur Genüge an, daß das Nachſpiel dieſes Auftritts ſehr unangenehm für ihn ſein werde. Der Hofmedicus erſchien in der Mitte der ihm zu Geſellſchaftern gegebenen Grenadiere. Läre die Erleuchtung nicht ſo äußerſt mangelhaft ge⸗ weſen, würde es nicht unbemerkt geblieben ſein, daß er einem gewaltigen Schreck unterlag, als er den das Skelett bergenden Schrank offen und den alten Herrn dabei ſtehen ſah. Hinter dieſem Schranke befand ſich eine kleine Wandniſche, vollkommen von demſelben verdeckt, und diente dem Grafen zum Verſteck. Hatte dieſer ſein — Hierſein verrathen durch irgend ein unwillkürlich von & 153 ihm verurſachtes Geräuſch? Die Möglichkeit lag nicht nur nahe, ſondern ſchien ſogar zur Wirklichkeit gewor⸗ den zu ſein. „Trete Er nur näher, Hofmedicus“, befahl der Durchlauchtige, aber in dem Tone lag kein Grimm. „Was iſt das?“ Der Fürſt ſchüttelte die Hand des Gerippes, ein unheimliches Klappern der ganzen Kno⸗ chengeſtalt wurde hörbar. „Ein Stelett, das ich ſelbſt zuſunmengeſegt habe. Der Knochenbau gehört zum nothwendigſten Studium des Arztes. Ohne dieſe Kenntniß iſt er ein unwiſſen⸗ der Stümper.“ „So? Hm!— Was die Schwerenoth—“ Dieſes als Ausruf größter Verwunderung ge⸗ brauchte Lieblingswort des alten Herrn galt dem un⸗ erwarteten Erſcheinen der Prinzeß Amalie und der beiden Fräuleins. „Malia! Bin ich denn zum Teufel behext? Was thuſt Du hier, Malia? Wie kommſt Du hierher?“ Ohne Zögern trat die Prinzeß nahe an ihren durch⸗ lauchtigen Vater heran und ſprach:„Mein durchlauch⸗ tiger Papa wird nicht verlangen, daß ich in der Gegen⸗ wart dieſer Leute von der Urſache ſprechen ſoll, die mich mit dieſen Beiden hierher führte, wie auch meine gnädigſte Mama dies beſtätigen wird.“ 154 „Das ſind ja ganz verfluchte Kinkerlitzchen!“ plu⸗ derte der alte Fürſt auf, aber die Erinnerung, daß, wie die Prinzeß bemerkt hatte, ſeine Gemahlin um die Urſache ihres Hierſeins wiſſe, veränderte ſchnell ſeine Stimmung und er äußerte gemäßigt:„Die gnädigſte Mama weiß darum? Dann iſt's was Anderes. Werd's wohl auch erfahren?“ „Sogleich, wenn wir allein ſein werden“, antwortete die Prinzeß.„Mein Himmel, was iſt denn hier vor⸗ gegangen? Will mein durchlauchtiger Papa bei unſerm Hofmedicus Unterricht in der Anatomie nehmen? Hier das Skelett— und die Grenadiere— ich begreife nicht, wie ich das deuten ſoll?“ Der Aerger über den Vorgang, durch den er, das fühlte er ſehr wohl, ſich ſelbſt eine arge Blöße ge⸗ geben hatte, trieb ihm das Blut in mächtiger Welle über das gebräunte Antlitz hinauf, daß ſeine Stirn ganz dunkel wurde. „Was wird vorgegangen ſein? Eine Dummheit, eine nichtswürdige Dummheit. Will ein miſerabler Kerl, der durch und durch ein altes Weib iſt, den Deſerteur Alm—“ Der Zorn Herrn Leupold's war ſo gewal⸗ tig, daß er, was ſonſt nicht in ſeiner Gewohnheit lag, dem ärgerlichen Gedanken nicht einmal Worte geben wollte und in großer Grimmesaufwallung nach einer — 155 kurzen Pauſe losplatzte:„Bei Ihm, Doctor, ſollte der Kerl verſteckt ſein. Nun weiß Er's. Baſta, kein Wort weiter von der Schwerenothsgeſchichte. Führ' Er die Leute auf die Wache zurück, Bank. Mit Ihm rede ich ſpäter. Kein Wort ſoll von dem verlauten, was hier vorgegangen, merkt's Euch. Schweigen muß der Soldat können, ſonſt ſoll ihn der Teufel holen. Abmarſchirt!“ Ohne noch einen Augenblick zu verweilen, eilte der alte Herr voran, und die Prinzeß flüſterte ihm zu: „Meinen gnädigen, durchlauchtigen Papa bitte ich recht ſehr, in des Hofmedicus Zimmer für einige Augenblicke einzutreten. Es iſt zur Erklärung meines Hierſeins nöthig, daß—“ „Wenn Deine gnädigſte Mama darum weiß, iſt's genug, werd's ſchon erfahren. Komme Er morgen zu mir, Hofmedicus, habe mit Ihm zu ſprechen. Vor⸗ wärts, alte Hexe, leuchte Sie!“ Als ob ſich ein Sturmwind gelegt hätte, ſo ruhig wurde es in Doctor Stoll's Wohnung. Kurze Zeit darauf verließ auch die Prinzeß, von Marie und Anna begleitet, dieſelbe. Sie hatte Eile, um ihrer gnädigſten Mama das Begegniß des heutigen Abends mitzutheilen, damit der Durchlauchtige dieſe nicht un⸗ vorbereitet fände. Graf Fortunatus Almeslo war aus 156 einer großen Gefahr gerettet, und Doctor Stoll rief lachend: „Uns iſt beiden geholfen. Dieſer Abend trägt für uns den Keim einer fröhlichen, glücklichen Zukunft in ſeinem Schooße.“ * Fünftes Kapitel. Ohne des ehrlichen Barthel Beiſtand würde die Rettung ſeines Kameraden Almeslo nicht zur Durch⸗ führung gekommen ſein, trotzdem daß die Frau Com⸗ mandantin ſich ſehr lebhaft bei ihrem Gemahle für denſelben verwendete und der Regimentsarzt, ſeiner Zuſage getreu, deſſen epileptiſchen Zuſtand für ſo ge⸗ fährlich anſah, daß er ſeine Aufnahme im Lazareth für nöthig fand. Der Unterarzt, der täglich im Laza⸗ rethe verkehrte, fand ſich, trotz ſeines Eifers, in dieſer Angelegenheit thätig zu ſein, doch rathlos, um Fortu⸗ natus die Möglichkeit zur Flucht zu bieten. Da war es Barthel, der Fortunatus das Entweichen aus dem Lazareth möglich machte. Die bei dem Lazarethhausmeiſter in Dienſt ſtehende 158 Marthe, mit Barthel aus einem und demſelben Orte gebürtig, war, ſeit er ſich beim Regiment in Halle be⸗ fand— eine Zeitdauer von ungefähr ſechs Wochen, denn bald nach Neujahr war ein Theil der in Deſſau ſte⸗ henden Rekrutencompagnie, da neuer Zuwachs an Stelle der vollkommen Ausexercirten kam, in die ſtändige Gar⸗ niſon abgeführt worden— der Angelpunkt ſeiner Wün⸗ ſche; und da ſie dieſe Zuneigung erwiderte, ſo geſtal⸗ tete ſich zwiſchen ihnen ſchnell ein ſehr intimes Ver⸗ hältniß und es wurde Barthel nicht ſchwer, das Mädchen zur Beihülfe ſeines Fluchtplans für Fortunatus zu ſtimmen. Eines Morgens machte der viſitirende Lazarethfou⸗ rier die erſchreckende Entdeckung, daß der kranke Gre⸗ nadier Alm deſertirt ſei. Das längere Zeit ſchon defecte Eiſengitter vor dem Fenſter ſeiner Einzelnzelle zeigte ſich gewaltſam aus der Mauer geriſſen, ein Bettlacken hing vom Fenſterſims in den engen, geſchloſſenen Hof hinab und obwohl der Deſerteur einen derben Sprung hatte machen müſſen, um den Boden zu erreichen, ſo war er doch, wie ein aufgedrücktes Fenſter zu ebener Erde im Hofe bekundete, unverſehrt hinuntergekommen und hatte ſeinen Weg ins Innere des Hauſes gefunden. Da die beiden Eingänge des Lazareths mit Wachtpo⸗ ſten verſehen waren, dieſe aber Niemand aus demſelben ——— 159 hatten herauskommen ſehen, ſo nahm man an, der Flüchtling ſei noch in einem Winkel des Hauſes ver⸗ borgen. Ehe die genaueſte Durchſuchung beendet war und die betreffende Meldung an die Commandantur abging, verfloſſen einige Stunden und Fortuunatus erlangte unterdeß einen bedeutenden Vorſprung auf dem Wege über Zörbig nach Deſſau. Die Lärmkanone donnerte ihre Kunde von einer Deſertion über Halle und Um⸗ gegend hin; aber es fiel Niemand ein, zu vermuthen, der Flüchtling könne eine andere Richtung eingeſchlagen haben, als auf dem nächſten Wege ſich über die ſäch⸗ ſiſche Grenze zu ſalviren. Der ſehr geringfügige Umſtand, daß Marthe ſich erinnerte, ihr Brodherr, der früher die Function der Viſitation jener Zellen über ſich hatte, in denen kranke Soldaten, welchen eine zu verbüßende Strafe nach ihrer Geneſung bevorſtand, untergebracht waren, habe zwei Schlüſſel zu dieſen Zellen beſeſſen, da ihm eines Tages einer verloren gegangen, was er wegen unausbleibli⸗ cher Verweiſe für ſeine Nachläſſigkeit nicht gemeldet, ſondern in aller Stille und Eile einen paſſenden Bart an einen ihm eigen gehörenden Schlüſſel habe machen laſſen, den er jedoch, da ſich der verlorene Schlüſſel wiedergefunden, bei der Uebergabe ſeiner Viſitations⸗ function an den Fourier nicht mit abgeliefert hatte, vereinfachte Fortunatus' Entkommen aus ſeiner Zelle. Das ausgebrochene, in höchſt defectem Zuſtande be⸗ findliche Gitter, das angebundene Strohlaken und das eingedrückte Fenſter zu ebener Erde im Hofe fingirten nur eine ableitende Weiſe des Weges, den er ge⸗ nommen, um aus der Zelle zu entſpringen. In Wirk⸗ lichkeit hatte Marthe in Begleitung Barthel's welcher, ohne daß Jemand es ahnte, ſtatt zur Zeit des Zapfen⸗ ſtreichs in ſein Quartier ſich zu begeben, ſich in ihrer Kammer verſteckt gehalten, das Wagniß unternommen, die Zelle des zur Flucht bereiten Fortunatus zu öffnen. Der draußen tobende Wind war ihrem nächtlichen Vorhaben ſehr günſtig und Marthe kannte die Oert⸗ lichkeit des Hauſes durch ihren mehrjährigen Dienſt genau. Eine Stunde ſpäter, als der Glockenſchlag der Stadtuhren die zweite Morgenſtunde verkündete, ſchlüpfte der in unſcheinbare Civilkleidung umgewan⸗ delte Grenadier Alm an einem aus dem Fenſter des nicht allzuhohen Obergeſchoſſes auf der Rückſeite des Laza⸗ reths hängenden mit eingeflochtenen Holzſtücken zu einer Art Leiter gemachten langen Stricke herab ins Freie, wo ſeiner ſchon ein Mann wartete, der ſ chweigend ihn in Em⸗ pfang nahm und ſofort von dannen führte. Mit Tages⸗ anbruch rollte ein leichter Wagen mit zwei Männern zum nen. hen ert⸗ enſt hlag dete, van⸗ nicht laza⸗ einer „ wo Em⸗ ages⸗ zum 161 Thore hinaus. Es war der Unterarzt und Fortunatus. Letzterer ſaß vorn, die Pferde lenkend. Man ſah es ihm, dem in einen großen, unbezogenen Schafpelze und eine tief heruntergezogene Pelzmütze Vermummten, an, er ſei ein Kutſcher aus einem kleinen Städtchen, der den Doctor zu einem Kranken brachte. Am Spät⸗ abende deſſelben Tages langte Fortunatus zu Fuße in Deſſau an. Seine Ortskennntniß war ihm behülflich, in die Stadt zu gelangen, ohne eins von deren Tho⸗ ren zu paſſiren, wo ihm leicht eine Erkennung hätte bevorſtehen können. Das immer noch ſehr winterliche Ungeſtüm des Wetters machte die Straßen öde, Ca⸗ valier⸗ und Hospitalſtraße lagen wie ausgeſtorben von ihren Bewohnern vor ihm, während Halle dagegen das Leben einer Großſtadt aufſtellte; Studenten, Soldaten und eine wohlhabende Bürgerſchaft bildeten da ein höchſt rühriges Durcheinander. Der ihm bekannte Weg durch Mendel's Haus brachte ihn in die Wohnung des Hofmedicus. Zitternd vor Angſt hatte der arme jüdiſche Schul⸗ meiſter in der ihm einigen Verdienſt abwerfenden Ar⸗ beit, Abſchreiben von Thora⸗(Geſetz⸗) Rollen eingehal⸗ ten, als er den leiſen Schritt eines durch den Flur nach dem Hofe Gehenden vernahm. Unwillkürlich rich⸗ teten ſich ſeine Blicke nach der Kammer, in der ſeine Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. IV. 11 162 drei Kinder, der kleine Moſes, deſſen älterer Bruder Saul und beider Schweſter, die den Namen ihrer früh verſtorbenen Mutter, Suschen, führte, im Frieden Gottes ſchliefen, während ihn der entſetzliche Gedanke, daß der Verrath tauſend Augen und tauſend Ohren habe und auch er unter die von ihm betroffenen Unglücklichen gehören könne, in eiskalten Fieberwellen überfloß. „Gott meiner Väter, was würde geſchehen an mir und meinen armen Kindern, wenn der wüthende Holo⸗ fernes erführe, daß ich—“ Der Gedanke erſchien dem blutarmen jüdiſchen Leh⸗ rer ſo erſchreckend, ſo allen Muth niederſchlagend, daß ihm ein paar ſchwere Thränen über die von Entbeh⸗ rungen und anſtrengender Arbeit ums liebe tägliche Brod bleichen Backen in den Bart rollten. Und doch hatte er auch nicht den Muth, dieſen geheimnißvollen Durchgang zu ſchließen. Es that ihm ſo wohl, in dem fein und wiſſenſchaft⸗ lich gebildeten Hofmedicus einen Freund gefunden zu haben, einen, der ihn als Menſch achtete und nicht ſeine Wohlhabenheit gegen ſeine traurige Armuth in die Schale warf, um genau die Grenze ſeines Benehmens abzuwägen, wie weit er freundlich gegen ihn ſein dürfe, um ſich nichts zu vergeben, und es war für ihn als Vater ein wahrhaft wohlthuendes Bewußtſein, ſeinen 163 Liebling, den kleinen Moſes, von welchem eine dunkle Ahnung ihm ſagte, dieſer ſchwache Knabe werde einſt als Mann nicht allein ſeines, des jüdiſchen Volkes, ſondern der Beſten in der ganzen Menſchheit, weß Glaubens ſie auch ſein möchten, Zierde und Freude werden, von ihm geliebt und oft mit Geſchenken, wie ſie ſeinem Alter und ſeinem Wiſſensdrange angemeſſen waren, ergötzt zu ſehen. „Der Gott meiner Väter wird mich nehmen in ſei⸗ nen Schutz und Obhut vor ſchlimmem Verrath!“ ſprach der arme jüdiſche Schulmeiſter vertrauensvoll vor ſich hin.„Iſt doch mein ganzes Leben nur ein täglicher Kampf ums Brod für mich und die Meinen! Hat er den Elias durch Raben geſpeiſt in der Wüſte, als ihn hungerte, wird er auch mich erhalten in ſeiner Gnade und abhalten von meiner großen Armuth den Fluch des Unglücks, in des grauſamen Fürſten Hand zu fallen.“ Wenn auch nicht ſo ſchwere Sorge den Doctor und ſeinen Schützling Fortunatus belaſtete, ſo wollte doch die Befürchtung, daß ihm trotz ſeiner jetzigen Ret⸗ tung immer noch eine Entdeckung ſeiner Perſon bevor⸗ ſtehen könne, nicht ganz vom letztern weichen. Des Hofmedicus ſtets zur Heiterkeit geneigtes Gemüth eignete ſich trefflichſt zum Tröſter in ſolcher Gemüthsſtimmung. „Ich ſtimme durch und durch mit Herrn Leupold's 11* — 164 Loſung Friſch drauf und dran! überein“, ſagte er lachend.„Wer ſo wie Sie, Graf, gleich den drei Män⸗ nern unverſehrt aus dem feurigen Ofen hervorgeht, der darf nicht die Flügel hängen laſſen. Friſch drauf und dran! Unſer alter Schwerenöther hat Recht; des⸗ halb denken Sie auch ſo, für Ihr weiteres Fortkommen werden andere Leute beſorgt ſein. Das iſt doch wahr⸗ lich die prächtigſte Ausſicht, die jemals auf Gottes ſchöner Erde ein Deſerteur gehabt hat, oder— da Sie nicht der letzte der Herren von Reißaus ſein werden, jemals haben wird.“ Am nächſten Vormittag meldete der Hofmedicus der Prinzeß Amalie und Marie von Almeslo die glückliche Ankunft ſeines Schützlings, und die erſtere entſchloß ſich, um ihrer Herzensfreundin Marie Sehn⸗ ſucht nach ihrem Gemahle gleichſam eine Stütze zu geben, mit ihr einen geheimen Beſuch zu dunkler Abendzeit bei ihm zu machen. War Fortunatus auch für jetzt gerettet, ſo trat doch in Frage, wie ihn von hier fortbringen? als eine ernſte Sorge an ſie heran. Das geringſte Außerachtlaſſen der Vorſicht konnte ihm verderblich werden und mußte daher alles zu ſeiner ſichern Fortſchaffung von hier Nöthige aufs forgfäl⸗ tigſte erwogen werden. Wie ſchnell die geringſte Unvorſichtigkeit Fortunatus 165 ins Unglück ſtürzen könne, davon erlebte er ſelbſt den Beweis. Die ihm vom Doctor Stoll mitgetheilte Hoff⸗ nung, heute noch ſeine Gemahlin wiederſehen zu ſollen, ließ ihm das Abrollen der Nachmittagsſtunden wie mit Blei beſchwert erſcheinen, und als endlich der Abend niederdämmerte, entfernte er ſich, ohne daß der Hof⸗ medicus es bemerkte, aus der Wohnung, um an der Straßenecke Marie und die Prinzeß zu erwarten. Nur der ſehr geringfügige Umſtand, daß dem Korporal Bank ſein Stock entfiel, ermöglichte ihm die Rettung von den Folgen dieſes ebenſo unerwarteten als erſchreckenden Zuſammentreffens. Wie theuer ihm ſeine Unbeſonnenheit hätte zu ſtehen kommen können, davon erfuhr er eine Probe, die ihm in ſeinem Verſtecke hinter dem Schranke faſt das Blut ſtocken machte, als er Herrn Leupold's Ge⸗ genwart an deſſen gewaltiger Stimme bei der Haus⸗ ſuchung erkannte. Auch dieſe drohende Gefahr ging an ihm vorüber, ohne ſeiner perſönlichen Freiheit zu ſcha⸗ den. Jetzt erſt geſtand er dem Doctor, wie groß ſeine Verſchuldung bei dem eben glücklich überwundenen Er⸗ eigniſſe ſei. „Sie haben wahrhaftig einen Schutzgeiſt zur Seite, der Sie bewahrt, obwohl Sie ſo zärtliche Fürſorge wegen Ihrer Unbeſonnenheit nicht verdienen“, ſagte dieſer. „Wenn Sie wirklich ſo wenig Gewalt über ſich haben, 166 um Ihren Einfällen eine Schranke zu ſetzen, ſo erin⸗ nern Sie ſich wenigſtens, daß Sie nicht allein ſich ſelbſt, ſondern auch mir durch eine mögliche Endeckung Ihres Hierſeins ſchaden. Vielleicht iſt dieſe Erinnerung ein gutes Gegengewicht gegen derartige Aufwallungen Ihrer etwas zu reizbaren Phantaſie.“ Fortunatus verſprach mit Hand und Mund die möglichſte Zurückhaltung von Allem, was einen Ver⸗ rath ſeiner Anweſenheit veranlaſſen könnte. Daß Seine Durchlaucht ſchon im Hauſe geweſen, als Korporal Bank mit Mannſchaft zur Ausſuchung bei ihm gekommen ſei, erfuhr der Hofmedicus erſt am nächſten Morgen vom alten Binſe, und einige Kreuz⸗ und Querfragen ſetzten den ehrlichen Invaliden in ſolche Verwirrung, daß er mit dem Geheimniß, Herr Leupold habe ſich die Karte von Frau Salome legen laſſen, herausplatzte. „Um Gotteswillen aber kein Wort davon verlauten laſſen, Herr Hofmedicus, Seine Durchlaucht brächte mich um in ſeinem Zorne. O Schwerenoth, wie möchte mir's gehen! Der Alte fräße mich mit Stumpf und Stiel.'s iſt ein böſer Gaſt, wenn er einmal anfängt“, ſchnarrte Binſe, aufs äußerſte erſchrocken, daß er ge⸗ plaudert hatte. „Habe Er keine Furcht, Niemand erfährt von dem 167 was Er mir vertraut hat, eine Silbe. Eins kündige Er aber ſeinem Weibe an: ſie hat nichts mehr in meiner Wohnung zu ſuchen, und von Ihm erwarte ich, daß Er keine weitere Erklärung über das Warum ver⸗ langt. Ich habe meine Gründe dazu, das iſt hinrei⸗ chend. Zwiſchen mir und Ihm, Binſe, bleibt das Ver⸗ hältniß ſo, wie es bisher zwiſchen uns geweſen iſt. Hat Er verſtanden?“ O, denke doch!“ meinte der Alte und ſetzte aufrichtig hinzu:„Möcht's auch ſo machen können, wie der Herr Hofmedicus, geht nur leider nicht. Habe die alte Trom⸗ mel einmal am Halſe, zum Scheiden lohnt's nicht mehr, wie lange kann ich überhaupt noch herumtappen! Na, da ſchleppt man ſein Kreuz denn noch, ſolange es geht, bis zum letzten Vivat.“ Der Hofmedicus konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren. Das ehemänniſche Klagelied des lahmen Flügelmanns klang weniger komiſch, als es das durch die Aufrichtigkeit, mit der es ausſprach, und die daſſelbe begleitende Geberde des Kratzens hinter den Ohren wurde. Hatte Doctor Stoll auch gegen die Unbeſonnenheit des Grafen, ſich der Entdeckung ſeiner Perſon auszu⸗ ſetzen, geeifert, ſo dankte er derſelben doch die Löſung des Räthſels zwiſchen ſich und Anna. War es möglich, daß ſie einen ſchönern Beweis ihrer Liebe zu ihm geben konnte, als daß ſie, alles Andere vergeſſend, ihn vor einer Gefahr warnen wollte? Das war Liebe und dieſer gegenüber fiel ihre Ver⸗ irrung zur Eiferſucht bedeutungslos zuſammen. Im Beſitze eines weiblichen Weſens, das ſo edel ſich erheben konnte, mußte er glücklich werden. Anna hatte die Qual der Eiferſucht kennen gelernt und zwar die einer ungerechtfertigten, grundloſen, welche nur nach dem Scheine urtheilt; ſie hatte ſich ſelbſt das Leben ver⸗ bittert, aber es war gewiß eine Lehre für ſie, welche einen harten Axtſchlag gegen ihren Stolz richtete, mit dem das Bewußtſein ihrer unverbrüchlichen Treue zu ihm ſie erfüllt hatte. Die Erkenntniß des großen Irr⸗ thums, dem ſie ſich ſo bereitwillig hingegeben, ohne offen mit ihm zu ſprechen, weil ſie ſich im Allerheiligſten ihres Herzens beleidigt wähnte, mußte ein um ſo tieferes Vertrauen zu ihm in ihrer Seele begründen, und daß er davon überzeugt war, machte den Doctor glücklich. Nie war er ſo heiter zur Audienz bei Seiner Durch⸗ laucht gegangen als an dieſem Vormittag. Die Ge⸗ genſätze hinſichtlich der Stimmungen konnten nicht greller zu Tage treten als zwiſchen ihm und Herrn Leupold. Der alte Herr habe zehntauſend böſe Wetter in ſich, ſagte der Kammerdiener zum Hofmedicus, als dieſer angemeldet ſein wollte. Die Neugier, die Geheimniſſe der Zukunft kennen zu lernen, oder vielmehr ſeine unbefriedigte Ehrſucht, vor einer Zukunft ſich zu wiſſen, von deren Thaten er ſich ausgeſchloſſen ſah, hatte den Sieg über den ſonſt ſo geſunden Menſchenverſtand des Durchlauchtigen da⸗ vongetragen und ihn zu dem Entſchluß getrieben, die Wahrſagekunſt der alten Binſe in Anſpruch zu nehmen. Wie von ungefähr war er am geſtrigen Vormittage die Cavalierſtraße entlang promenirt und bei der Hö⸗ kerin ſtehen geblieben. Lange Monate waren vergangen, daß die Alte ihn nicht an ihrem Krame ſtehen geſehen hatte, und ſie äußerte daher eine große Freude darüber, ihn wieder einmal an dieſem Platze zu erblicken; auch Herr Leupold erwies ſich ſehr gnädig und titulirte ſie Mutter Salome, was dem alten Weibe als ausge⸗ wählte Schmeichelei erſchien. Im Verlaufe des Ge⸗ ſprächs wußte der alte Herr es unmerklich mit einzuweben, daß ſie bei der letzten Krankheit ſeiner Gemahlin doch ganz richtig prophezeit habe, die Krank⸗ heit werde glücklich vorübergehen. „Wie konnte Sie das nur vorauswiſſen, Mutter Salome?“ „Ja, Durchlaucht, unſereins iſt auch nicht auf der Gaſſe jung geworden“, antwortete die Alte mit wichtig thuender Miene. „Glaub's ſchon, aber wie hat Sie das überhaupt im voraus wiſſen können? Ich begreif's nicht.“ „Die Karte, Durchlaucht, o die Karte hat's in ſich und ich hab's gelernt, ordentlich und rechtſchaſſen. Soll zmal'n gelehrter Magiſter kommen, ſo einer, dem der Kopf dick von lauter hochgelehrtem Krimskrams ge⸗ ſchwollen iſt, ob er die Karte legen oder das ſagen kann, was meine Karte ſagt! Ja, Kuchen! Sein ara⸗ biſches Kauderwelſch, das verſteht er aus dem Funda⸗ mente, aber von was Vernünftigem zu reden, bah, da ſitzt er feſte.“ Die Ueberzeugung, mit der die Alte ihre Karte rühmte, brachte bei Herrn Leupold dieſelbe Wirkung hervor, als wenn man auf ſtill fortglimmende Kohlen trockene Holzſpäne legt und dieſe ſofort in heller Flamme auflodern.„Hm, Sie macht mich neugierig, hätte faſt Luſt, mir von Ihr die Karte legen zu laſſen.“ „Soll ich zu Eurer Durchlaucht aufs Schloß kom⸗ men?“ „Sie iſt wohl verrückt?“ ſchnauzte der alte Herr, für den Augenblick die Rolle des Gemüthlichen vergeſ⸗ ſend, die Alte an. „Na, doch nicht hier auf offener Straße? Da laſſen ſich der Herr Durchlaucht die Karte legen, von wem Sie wollen, da thue ich nicht mit.“ 171 Die Manier der Mutter Salome war nicht we⸗ niger hänflicher Natur als die des durchlauchtigen Herrn, aber dieſe übereinſtimmende Eigenthümlichkeit beider hinderte durchaus ihr Verſtändniß nicht. Nach einer kurzen Pauſe meinte Herr Leupold:„Werde heute Abend zu Ihr kommen,'s wird's Beſte ſein. He?“ „Allemal.“ Wer pünktlich Wort hielt, war der Durchlauchtige. Als der Abend ſo tief niedergeſunken, daß die Straßen ſo ziemlich leer von Fußgängern und ein unbeachtetes Hineingehen ins Haus möglich war, ſtellte ſich Herr Leupold pünktlich in der ſehr ärmlichen Wohnung ſeines lahmen Flügelmanns und Gartenaufſehers ein, der, hinter der Hausthür lauernd, ihn erwartete. So wenig er ſonſt auf Prunk und Glanz hielt, wenn nämlich nicht ſein Soldatenweſen dabei betheiligt war, ſo würde er doch jedenfalls ſich mit Abſcheu von der ſpeckigen Karte abgewendet haben, welche Frau Salome ſchon mitten auf den Tiſch bereit gelegt hatte; indeß jetzt überſah er dieſe Unſauberkeit. „Mache Sie kein langes Präambulum, lege Sie los!“ Was die Alte dem Durchlauchtigen ſagte, vergnügte ihn eben nicht allzuſehr, denn es war gar keine Rede davon, daß ſein Wunſch, thatkräftig in die zu erwar⸗ tenden Vorgänge der nächſten Zukunft mit eingreifen 172 zu können, in Erfüllung gehen werde. Das machte ihn übel geſtimmt. „Nun, wollen wir'mal die Probe machen, Durch⸗ laucht“, ſagte Frau Salome und miſchte die Karten. „Der Herr Durchlaucht ziehen fünfzehn Karten ganz nach Belieben und legen die gezogenen, allemal fünf Blatt, verdeckt auf und das noch zweimal, ſodaß fünf Häufchen werden, jedes zu drei Blatt aufeinander.“ Herr Leupold vollzog dieſe Manipulation, welche nach dem Ausſpruche der Hökerin eine ſo gültige Probe ſei, daß er feſt aufs Zutreffen ſchwören könne. „Was kommt jetzt?“ „Wir ſehen nach, was der Herr Durchlaucht ſich gezogen haben.“ Mit der Miene der Unfehlbarkeit ergriff Frau Binſe das erſte Häufchen der verdeckten, das heißt mit der Rückſeite nach oben liegenden Karten.„Das iſt für mich“, ſprach ſie. „Sie iſt wohl toll?“ fuhr der alte Herr auf.„Für Sie? Legt Sie mir oder ſich die Karte?“ „Das iſt ſo'ne Redensart; für mich oder für den Herrn Durchlaucht iſt ganz gleich.“ „Das wär' die Schwerenoth! Na, mache Sie weiter.“ „Für mich!“ Nachdem die Alte die ſpeckigen, fächer⸗ art tra Gri Hm ma⸗ lich 173 1 artig entfalteten Blätter mit höchſt ernſter Miene be⸗ trachtet, ließ ſie ſich alſo vernehmen: Eckernſieben, h⸗ 3 Grünunter und hier kleiner Weg, die grüne Neune. 3 Hm, der Herr Durchlaucht kriegen eine Botſchaft und 3 machen deshalb einen kleinen Weg, haben aber ärger⸗ if liche Gedanken dabei.“ nf„So.“ „Nummer zwei: Für mein Haus!“ he„Für Ihr“— he„Iſt nur ſo'ne Redensart. Für mein oder des Herrn Durchlaucht Haus iſt ganz gleich.“ „Verfluchte Compagnie!“ brummte der Fürſt. ich„Herzendaus, Eichelkönig und die Schellenachte. Na, 's iſt was beſſer, aber der Eichelkönig bedeutet einen, nſe der's nicht rechtſchaffen mit uns meint; aber Schaden der thut er nicht, die Schellenachte liegt bei, iſt'n gutes ür Blättel und Herzendaus iſt lauter Liebe.“ Wie wenig Seine Durchlaucht von dieſer Auslegung Für befriedigt war, kündete ſich auf ſeiner Stirn, die ſehr 1 ſchnell dem vom Buchbinder zuſammengehefteten Rücken ben eines vom Einband noch entblößten Buches ähnlich ſah, denn Falte legte ſich da über Falte als Zeichen ſeines ie Mißvergnügens, nichts von alledem zu hören, was ihn doch eigentlich hergeführt hatte. „Unverhofft“, ſprach die Hökerin mit ſtoiſchem Gleich⸗ ————— —— 174 muth, das dritte Kartenhäufchen entfaltend. Da ſie ſchwieg, fuhr Herr Leupold etwas grimmig heraus: „Sie ſteht wohl wie die bekannten Vierbeine am Berge, wie mir ſcheint.“ „Nur Geduld, Herr Durchlaucht. Der Himmel iſt an einem Tage gemacht, am andern die Erde und am dritten erſt die Hölle—'s will Alles ſeine Zeit. Hier kommt's komiſch. Großer Weg grüne Zehn, Schellendaus ein Brief und hier das Malefizblättel, der Eichelunter. Habe den nicht gerne,'s iſt immer'n Cujon. Das wäre alſo ſchlechte Botſchaft von einem großen Weg oder auf großem Wege.“ „Kann mir alſo's Beſte herausſuchen?“ fragte der alte Herr ſpottend.„Na, als unverhofft iſt das ganz hübſch, man bleibt ſo dumm wie erſt.“ „Mein Glück! Drei Könige, das bedeutet—“ „Zum Teufel mit Ihren Kinkerlitzchen!“ rief Herr Leupold und ſtrich mit der Hand über den Tiſch, daß die Karten ſämmtlich zu Boden flatterten. Ihre Wahr⸗ ſagerei iſt mir umſonſt zu theuer, das kann ja jede,—“ In dieſem Moment, wo der Durchlauchtige jeden⸗ falls der Hökerin eine ſehr unverblümte Grobheit ſagen wollte, drang ihm der Lärm der unter Führung des Korporals Bank ins Haus eintretenden Grenadiere und das Klirren ihrer niedergeſetzten Gewehre ins Ohr. 175 Der alte Binſe hatte in unterthänigſtem Schweigen bisher auf der Ofenbank geſeſſen und gab jetzt ſeinem lahmen Beine einen Schwung, um auf die Füße zu kommen. „Durchlaucht, das—“ „Hinaus! Sehe Er, was los iſt!“ lautete Herrn Leupold's Befehl. Wenn der Durchlauchtige ſofort, ohne ſeinem Er⸗ ſtaunen, den Hofmedicus als Hehler eines Deſerteurs hingeſtellt zu ſehen, Worte zu leihen, hinauf in deſſen Wohnung ſtürmte, ſo war dies in ſeinem Grimme zu ſuchen, den er über ſich ſelbſt, dem unſinnigſten Aber⸗ glauben gehuldigt zu haben, über Frau Salome'’s Orakelſchaft und über die ihm eben gewordene Mel⸗ dung von der Deſertion Alm's empfand. Jedenfalls würde es ihm ſehr erwünſcht geweſen ſein, in Doctor Stoll einen Helfer bei einem Verbrechen zu entdecken, das in ſeinen Augen ein ganz unverzeihliches war. Der Fehlſchlag, der ihn auch bei dieſem Beginnen traf, verſchlimmerte ſeine ſchlechte Laune gewaltig, und der Kammerdiener Kältſch hatte ſehr wahr geſprochen, wenn er dem Hofmedicus mittheilte, Seine Durch⸗ laucht habe tauſend böſe Wetter in ſich. Ein anderer Audienzſuchender wäre erſchrocken zurückgeprallt, wenn er Herrn Leupold's anſichtig geworden, indeß Doctor 176 Stoll behauptete die Ruhe, von welcher er aus Er⸗ fahrung wußte, daß ſie der beſte Schirm und Schutz gegen den Gewaltigen ſei. „Was hat Er ſich wohl gedacht, als ich Ihm ge⸗ ſtern Abend den ſpäten Beſuch machte?“ fragte nach kurzem Schweigen der Fürſt. „Nichts.“ Dieſes geringe Wörtlein frappirte den Durchlauch⸗ tigen mehr, als hätte jener eine lange Rede gehalten, in der er ſich ſchwer beklagt über dieſen keineswegs erfreulichen Beſuch. „Nichts? Will Er mich dumm machen? Er muß ſich doch zur Schwerenoth was gedacht haben?“ „Ja, aber nur etwas, das mich allein betrifft, Durchlaucht.“ „So? Nun was wäre denn das? Ich möcht's wiſſen.“ „Ich habe keine Urſache, es zu verheimlichen, eben weil es nur mich allein angeht.“ „Nun, da ſpreche Er ſich aus.“ „Ich ſagte zu mir: Wie? Haſt Du es denn nöthig, in einem Lande und in einer Stellung zu bleiben, wo es nur der Angabe oder Anzeige eines Einfaltspinſels bedarf, um dich in den Augen des Fürſten zu einem Verbrecher zu ſtempeln? Wenn die Willkür, der Hang iſt mü ma noc ſcho gelt und gebe d 177 zu Gewaltthätigkeiten jede Spur von Vertrauen, das Du Dir erworben zu haben glaubſt, in einem Augen⸗ blicke ganz und gar zu verlöſchen im Stande ſind, dann iſt es Zeit, Deine Mannesfreiheit zu wahren. Die Welt iſt groß, und wer in ſeinem Berufe ſein Beſtes thut, müßte ſich ſelbſt verachten, wollte er ſich zum Sklaven machen. So habe ich geſtern gedacht, ſo denke ich heute noch.“ Nach einer Weile ſagte der alte Herr:„Er hat mir ſchon mehrmals zu verſtehen gegeben, daß Seine Zunge gelöſt ſei; wenn Er das Schwarz auf Weiß haben will und noch obendrein unterſiegelt, das Atteſt will ich Ihm geben. Sei Er nicht muckſch, kann das nicht leiden.“ „Einer kann dies, der Andere jenes nicht leiden.“ „Das iſt richtig. Mich zum Beiſpiel bringt's in den greulichſten Zorn, wenn einer meiner Grenadiere deſertirt. Das ſind undankbare Canaillen. Habe ich Recht?“ „Wie man's anſehen will.“ „So ſehe ich's an. Behandle die Kerls wie ein Vater, haben's gut, werden gehätſchelt, daß es eine wahre Schande iſt, und laufen davon!'s iſt ja uner⸗ hört!“ Der Hofmedicus vermochte nicht, ein ihm ankom⸗ mendes Lächeln zu unterdrücken; es klang gar ſo komiſch, Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. IV. 12 —— ———. — 178 daß der Gewaltige von Hätſcheln ſprach und zwar mit einer Ueberzeugung, als hätten ſeine Grenadiere den Himmel auf Erden. Wie ſehr der Doctor übrigens Herrn Leupold gegenüber im Vortheil war, bemerkte erſterer daran, daß derſelbe ſich alle Mühe gab, ihn zu überreden, die von ihm geleitete Ausſuchung bei ihm ſei nur aus dem Grunde geſchehen, daß ſeine Deſſauer einen Beweis ſeiner Gerechtigkeitsliebe darin ſehen ſollten.„Meinen Grenadieren war ich's auch ſchul⸗ dig“, ſchloß der Fürſt.„Ich wußt's gleich, daß der Hundsfott bei Ihm nicht zu finden wäre; aber ich mußte ſo thun, als glaubte ich daran. Wer zum Teufel ſollte bei andern Fällen das Maul aufthun und eine Anzeige, wenn auch noch ſo irrig, vor mich bringen, wenn die Kerls im voraus wiſſen, daß ich nichts dar⸗ auf gebe? Das muß Er auch in Anſchlag bringen.“ Und wie es beim alten Herrn oft zu geſchehen pflegte, daß er überraſchend ſchnell in eine gänzlich ab⸗ weichende Stimmung durch einen Zufall oder eine jäh in ſeinem Gedächtniß auftauchende Erinnerung verſetzt wurde, ſo war es auch jetzt der Fall, denn plötzlich brach er in helles Gelächter aus, über deſſen Urſache er den Hofmedicus nicht in Ungewißheit ließ. „Sein Knochenkerl, ich meine das Gerippe, das er wie ein Kleinod im Schranke verwahrt, hat dem koloſ⸗ 149 ſalen Ungethüm von Korporal ſchändlich mitgeſpielt“, hob er an.„Fällt die Beſtie vor Schreck rücklings zu Boden und reißt das alte Feldcaſſerol, die Binſe, mit um. Es war ein Skandal, das mit anzuſehen. Ein Grenadier wie vom Herrgott extra aus einem Eich⸗ baum geſchnitzt und die Schwerenothshexe am Boden!“ Die Erinnerung an dieſen ſchnöden militäriſchen Unfall wirkte wie ein zündender Funke auf ein Pulver⸗ faß auf ſeine Stimmung, er konnte kaum aus dem Lachen herauskommen, und als dieſer ihn ſo ſehr er⸗ heiternde Rückblick auf ein Ereigniß, das, als es ge⸗ ſchah, ihn mit tiefſter Indignation erfüllt hatte, gehörig ausgebeutet war, befand er ſich in dem Stadium einer freundſchaftlichen Theilnahme für den Hofmedicus, welche ihn höchſt liebenswürdig erſcheinen ließ, ſoweit dies nämlich mit ſeiner Art ſtimmte, die ſelbſt in der günſtigſten Stimmung nicht ſelten etwas Stachliges hatte. Doctor Stoll mußte ihm rapportiren, welche Urſache zu Grunde gelegen, daß Prinzeß Amalie und die beiden Hoffräuleins bei ihm anweſend geweſen. Ob er ſchon davon unterrichtet ſei, erwähnte Herr Leupold nicht, und dies war ein Umſtand, welcher dem Doctor die möglichſte Vorſicht nöthig machte, denn wie die ſonnenſtrahlende Oberfläche eines Sees deſſen große Tiefe verbirgt, ſo auch war des alten Deſſauers Praktik 12* 180 im Täuſchen und Sichermachen derjenigen, denen er eins auszuwiſchen gedachte, ſattſam bekannt und man nahm ſich daher ſtets vor ihm in Acht. „Es iſt nicht viel davon zu ſagen, Durchlaucht“, berichtete der Hofmedicus.„Zwiſchen mir und der Anna war ein Zwieſpalt entſtanden, der uns ganz aus⸗ einander zu bringen drohte. Die Urſache davon, die ich nicht errathen konnte, beſtand einfach in einer thörich⸗ ten Eiferſucht Anna's gegen Marie von Rönnenkamp, das Fräulein der Prinzeß Amalie, deren Verlobter ein junger, aber reicher Edelmannsſohn iſt, den ich perſön⸗ lich kenne und dem ich die Rettung meines Lebens vom Tode des Ertrinkens zu danken habe. Konnte ich die Dankbarkeit für ihn weniger äußern, als daß ich der geheimen Correſpondenz zwiſchen beiden mich unterzog? Nein. Geſtern kam dieſer Grund zur Eiferſucht Anna's, die dies Geheimniß nicht kannte, an den Tag. Prin⸗ zeß Amalie, immer die Herzensgüte ſelbſt, unternahm es, uns gemäß der Loſung Eurer Durchlaucht„Friſch drauf und dran“ ſofort zu verſöhnen. Deswegen kam ſie mit den beiden Fräuleins zu mir.“ „Na, ſieht Er, daß meine Loſung eine durchſchlagende iſt!“ rief Herr Leupold.„Richte Er ſich nur immer nach mir, da wird's ihm nie fehlen. Hab's den Fran⸗ zoſen, Baiern und Schweden eingebläut, was für ein tief und wel Nu N —— 181 tiefer Sinn in meinem„Friſch drauf und dran⸗ liegt und hat Manchem der Hundsfötter der Kopf davon wehgethan. Na, war recht von der Malia, ganz recht. Nun will Er wohl die Anna heirathen? He?“ „Ja, Durchlaucht.“ „Gut, auf einen Hochzeitsgaſt kann Er im voraus rechnen, der bin ich. Wollen da ordentlich den Teufel loslaſſen,'s ſoll'n hölliſcher Jux werden.“ Die Meldung, daß der Oberforſtmeiſter von Gör⸗ ſchen zum Vortrag erſchienen, machte dieſer Audienz ein Ende, die wie ein trüber Regentag begonnen und mit der ſchönſten Abendſonne geendet hatte. Und es war auch in der That eine herrliche Sonne nach ſchwerem, finſteren Gewölk aufgegangen, in deren Lichtſtrome Anna von Audritzky ſich ſo überaus glück⸗ lich fühlte, daß ſie kaum Worte finden konnte, das, was ihre Seele jetzt ſo ausſchließlich beherrſchte, aus⸗ zuſprechen. Ein immer reiner blauer Himmel, an dem das Auge nichts entdecken kann, was nur der Spur einer ſich bildenden Wolke ähnelt, iſt wohl eine Herr⸗ lichkeit, aber ſie ermüdet in der Länge ihrer Dauer; der Wechſel allein gibt der Schönheit den Reiz angefriſchter Empfindung, und hebt den Wohllaut des Bewun⸗ derungswerthen zum Durchdrungenſein vom Erha⸗ benen. 182 Mit dem Menſchenherzen iſt es wie mit der Natur. Das ewig Gleiche würde deren Reize verringern, im⸗ merwährendes Blühen verlöre ſeinen hohen Werth im Auge des Menſchen, ein nie endender Sommer würde abſpannen, erſchlaffen, die Empfindungen tödten. Ge⸗ witterſchauer, ſo kurz ſie auch ſein mögen, ein wolken⸗ bedeckter Himmel, für wenige Stunden, ſein ſegnendes Naß niederträufelnd, leiht Allem neue Spannkraft, und leichtbeſchwingten Herzens hebt der Menſch das Auge auf zu dem wieder wolkenfreien Aether, zu dem unend⸗ lichen Luftraume, in dem die ungeheuren Weltenkörper kreiſen in ihren unabänderlichen Bahnen. Wir wiſſen ſo viel und doch ſo erſchreckend wenig von dem über uns, aber es iſt um nichts anders mit dem in uns.. Wenn wir lieben, ſind wir voller Jubel und Se⸗ ligkeit, wir ſind im Blühen, im Glücke. Die Meiſten werden aber Selbſtzerſtörer dieſer innern Schönheit und rufen in ihrer Verblendung mehr Gewitterſchauer über den Blütenreichthum ihres ſeeliſchen Glückes herab, als dieſer ertragen kann. Und das hatte Anna empfunden im weiteſten Sinne des Wortes. Es war ein Selbſtbetrug geweſen, dem ſie den Blütenreichthum ihres Herzens hingeopfert, ſie hatte die Sonne aus dem Allerheiligſten ihrer Seele 70 O/2D 0. — ☛ ◻ 2*σ 183 gebannt und ein trauriges Düſter dafür eingetauſcht, und doch war in ihrem Herzen die Liebe nicht geſtor⸗ ben, nur begraben unter ſchweren Wolkenſchatten. Jetzt, nach der Löſung dieſes Bannes, ſah ſie, die Binde war von ihren geiſtigen Augen gefallen; eine Wieder⸗ geburt des Glückes hatte ſich in ihr vollzogen, und wie im Lenz die Knospen ſpringen unter dem Kuß der wachſenden Sonne, ſo ſprangen auch alle bisher ſo traurig im Schatten des ſich ſelbſt zugefügten Unglücks dem Verkümmern verfallenen Blüten ihres Herzens aufs neue. „Aber wie in aller Welt, Anna, konnte Sie es über ſich gewinnen, auch gegen mich ein Geheimniß aus Ihrem Wahne ſeiner Untreue zu machen?“ fragte die durch Prinzeß Amalie von Allem unterrichtete Für⸗ ſtin vorwurfsvoll. „O meine gütigſte, gnädigſte Frau, wie ſoll ich das beantworten!“ rief Anna.„Das war die thörichte Selbſtüberhebung, die mich ſo ganz gefangen hielt, daß ich nicht von ihr loskonnte. Ich wandelte in Nacht, das war traurig, und ich habe es ſchwer gebüßt, ſehr ſchwer. Ich war die Sünderin an ihm, er der Tugendhafte, Sündenloſe. Das iſt das Verkehrte, was aus der Selbſtverkennung hervorgeht. Und was wie tauſend Centner auf mir lag, war der gottloſe Haß, den ich —õÿõ—— 184 gegen Marie in mir tragen mußte, ja, mußte, denn wenn ich von ihr wegging, klang's immer wie eine von fern zu mir tönende Stimme: Sie iſt edel und gut, und ich liebte ſie, wenn ich mir's auch nicht geſtehen wollte. Dann aber drängte ſich der böſe Geiſt des Haſ⸗ ſes an mich heran und trug wieder den Sieg davon, daß ich Falſches gegen ſie im Herzen zu ihr ging und mit Angſt begierig auf Alles lauerte, was ich in mei⸗ nem verwirrten Sinne ihr als Verbrechen auslegen konnte.“ „Sie hat ſich ſelbſt den Diebſtahl am Beſten, was das weibliche Herz haben kann, am Glauben zu dem Manne ſeiner Wahl, zuzuſchreiben. Danke Sie Gott, daß der wüſte Traum verflogen iſt. Sie muß ſich wie neugeboren fühlen, denke ich.“ „Neugeboren? Ob dies Wort das ſo bündig aus⸗ zuſprechen im Stande iſt, weiß ich nicht; es muß noch einen andern Zuſtand geben, der mit dem zu vergleichen iſt, in welchem ich jetzt mich fühle. Es iſt mir, als ſchwebte ich hoch, hoch auf glänzenden Wolken über die ſonnenbeſtrahlte Erde hin, als wäre gar nichts mehr in mir, das mich niederzöge zu den Schatten zwi⸗ ſchen dem Erdenglanze, und ich hätte Flügel, die mich immer höher trügen, und wäre ſo frei und glücklich in Seele und Herz, wie ich es war in meiner Kinderzeit. 185 Meine gütigſte, gnädigſte Herrin, es mag vielleicht recht lächerlich klingen, daß ich ſage, mir iſt, als hätte ich andere Augen, denn ich ſehe Alles anders an. Das Heute iſt ſo verſchieden von dem Geſtern vor meinem Blicke wie Tag gegen Nacht. In mir iſt Jauchzen und Fröhlichkeit. So heiter, ſo ſelig war ich noch nie. Ich habe ſagen hören, daß, wenn das letzte Band ge⸗ fallen iſt, welches Seele und Körper feſt zuſammenge⸗ halten hat ein ganzes Leben lang, die Seele, frei ge— worden von aller Trübſal, triumphirend aufſtiege in das All zu den freigewordenen Seelen, voll Jubel, voll Entzücken über die Wiederkehr in ihre Urheimat — ſo iſt mir. Ich möchte mich fragen, biſt Du heute denn wirklich die Anna von geſtern? Das kann ja nicht ſein. O gewiß, es iſt ein Wunder mit mir ge⸗ ſchehen, ich fühle es, ich weiß es, aber es ſo recht auszuſagen, wie es an und in mir heraufgewachſen ſo mächtig, ſo ſchön, das kann ich nicht, dies Empfinden iſt himmliſch— wie ein großes Meer, in dem ich ſchwimme und das kein Ende hat, vor dem ich keine Furcht fühle, ſondern lauter Freude, lauter Wonne.“ Der Hofmedicus wurde gemeldet. Lächelnd ſprach die hohe Frau: „Nun, meine Liebe, ſage Sie es ihm nur, daß er Sie in ihrer Schwimmprobe recht feſthält, damit Sie 186 nicht etwa wieder in ihr altes Leid verfällt und unter⸗ geht. Sie verſteht mich wohl, Anna? Der zweite Irr⸗ thum iſt immer ſchlimmer als der erſte.“ Doctor Stoll hatte ſehr Ernſtes mit der Fürſtin zu beſprechen. Er berieth ſich nämlich mit ihr über die Art und Weiſe, auf welche Fortunatus in Sicher⸗ heit gebracht werden ſolle. Das war allerdings eine ſchwere Aufgabe, die ſich nicht ſofort löſen ließ, ſondern Zeit und Weile haben wollte. „Es iſt aber doch ſchrecklich, daß Ihr Leute Euer Vertrauen in dieſer Sache gerade auf mich ſetzt!“ rief Frau Annelieſe ſcherzend.„Haltet Ihr es denn nicht für Sünde, daß ich gegen meinen durchlauchtigen Ge⸗ mahl handeln ſoll?“ „Gnädigſte Frau, man iſt in Deſſau gewohnt, Sie als einen Schutzgeiſt zu betrachten“— „Er will mich wohl mit Flatterien kirren?“ „Die Sache iſt zu ernſt, um eine Unwahrheit zu rechtfertigen, gnädige Frau. Es liegt ein tiefer Sinn in dem alten Worte: vox populi, vox dei, Volkes⸗ ſtimme iſt Gottesſtimme. Ich wahre mich gegen jeden Vorwurf, dieſen uralten Spruch in leichtfertiger Weiſe profanirt zu haben. Was Graf Almeslo betrifft, ſo iſt ſeine Rettung gewiſſermaßen ein Pflichtgebot. Er⸗ ſtens iſt es nicht ſeine Wahl, Grenadier geworden zu d 2 ſ — 187 ſein, er wurde auf gewaltſame Weiſe dazu gepreßt. Das Erzwungene hat nie im Leben feſt bindende Kraft, nur der freie Entſchluß. Ich will durchaus nicht zwei⸗ feln, daß Seine Durchlaucht ſofort von einer Beſtra⸗ fung der raſchen That des Grenadiers Alm an dem Menſchenquäler, dem Unhold von Korporal, abſtehen würde, ſobald ihm des Grafen Stand und Name be⸗ kannt würde, dafür träfe ihn jedoch unter allen Um⸗ ſtänden ein anderes Loos, das nicht minder entſetzlich wäre. Wie Seiner Durchlaucht Intentionen für das Haus Habsburg⸗Lothringen ſtehen— die gnädigſte Frau wiſſen, was ich meine— ſo würde des Aermſten Auslieferung an Oeſterreich ganz ſicher erfolgen und dies dürfte unter den jetzigen Verhältniſſen, wof der Kai⸗ ſerin Majeſtät die gerechteſte Urſache hat, auf den ſchle⸗ ſiſchen Großadel wegen ſeiner treuloſen politiſchen Wandlung in Bezug auf den neuen Herrn von Schle⸗ ſien, den König von Preußen, erbittert zu ſein, von den unglücklichſten Folgen für den Grafen werden. An ihm würde man die Sünde der Begeiſterung des ſchleſiſchen Adels für Preußen mit aller Härte rächen. Uebrigens habe ich im Intereſſe des Unglücklichen Ihnen eine Nachricht mitzutheilen, die ich vor kaum einer Stunde von einem meiner Breslauer Freunde erhielt. Graf Fortunatus iſt nicht zum Mörder ſeines 188 Stiefbruders, des Baron Walkotſch, geworden; der Schuß hat dieſen nicht getödtet, ärztliche Kunſt den Elenden am Leben erhalten, auf ſeinem Erbgute bei Strehlen in Schleſien ſieht er ſeiner Wiederherſtellung entgegen.“ „Ich kenne Seinen Freund, den Grafen, nur aus dem, was meine Tochter Amalie mir von ihm erzählt hat, aber ich freue mich um ſeinetwillen, daß der Vor⸗ wurf dieſes Mordes von ihm genommen iſt“, ſprach die Fürſtin.„Was ſeine Fortſchaffung von hier an⸗ langt, ſo wollen wir darüber mit einander berathen. Mein Himmel, es iſt für ſo Vieles ein glücklicher Aus⸗ weg gefunden worden, warum ſollten wir nicht auch einen in dieſer Sache finden!“ „Und nun, gnädigſte Frau, geſtatten Sie mir, auch für mich ſelbſt zu ſprechen“, redete der Hofmedicus weiter, und indem er Anna's Hand ergriff, näherte er ſich der hohen Frau mit den Worten:„Wir Beide be⸗ dürfen Ihrer Fürſprache. Ein Schreiben von Ihnen, gnädigſte Frau, an Anna's Mutter in Bezug auf die eheliche Verbindung zwiſchen uns dürfte die Hinderniſſe beſeitigen, welche derſelben entgegenſtehen, Frau von Audritzky unſern Wünſchen geneigt machen.“ „Das verſpreche ich ihm“, ſagte die Fürſtin, ihm die Hand reichend, die Doctor Stoll ehrerbietigſt küßte. 189 „Es iſt mir ſogar lieb, daß Er mich dazu auffordert. Habe ſchon lange hin und her geſonnen, womit ich Ihm meinen Dank für Seinen ſorgſamen Beiſtand in mei⸗ ner Krankheit an den Tag legen ſoll.“ „Gnädigſte Frau, hier ſteht Jemand, der den ge⸗ gründetſten Anſpruch hat, mit mir ſich dieſer gütigen Geſinnung Ihrer Durchlaucht zu erfreuen“, verſetzte der Hofmedicus, auf Anna deutend. „Sieht Er, wie ſich das glücklich trifft!“ ſprach die hohe Frau lächelnd.„Kann ich weniger für Euch beide thun, als Euern Wunſch unterſtützen?“ „O meine herzensgute gnädigſte Herrin!“ rief Anna, vor ihr niederſinkend.„Bin ich's denn werth, daß mir ſo große Huld zu Theil werden ſoll, und habe doch ſo ſchwer gefehlt?“ „Stehe Sie auf, ſtehe Sie auf! Sie iſt an die falſche Adreſſe gerathen. Dem da hat ſie zu danken, nicht mir. Spiele Sie aber nie wieder die Rolle jener Engel, die in ihrer Verblendung von ihrem Herrn und Meiſter abfielen!“ „Nie, nie!“ Während der Sonnenſchein der Milde und Ver⸗ gebung dieſe Beiden beglückte, fiel auch in Herrn Leu⸗ pold's ärgerliches Gemüth ein Freudenſtrahl, auf den er durchaus nicht gerechnet hatte. Ein Kurier brachte ihm 190 eine Einladung von König Friedrich, ſofort nach Ber⸗ lin zu kommen. Faſt toll in ſeiner Freude ſtürzte der alte Herr mit dem königlichen Schreiben in das Ge⸗ mach ſeiner Gemahlin. „Annelieſe, der Teufel iſt los!“ ſchrie er.„Haſt Recht gehabt, er würde mich ſchon rufen, wenn er mich brauchte. Da ſteht's Schwarz auf Weiß, er braucht mich, er hat den alten Deſſauer nicht vergeſſen. Lies, lies! In zwei Stunden fahre ich nach Berlin.“ Die hohe Frau, ihm das durchleſene Blatt zurück⸗ gebend, bemerkte lächelnd: „Es iſt mir lieb, daß Du ſiehſt, wie es keiner Kar⸗ tenſchlägerei oder ſonſtiger Prophetie bedurfte, um etwas voraus zu verkündigen, was nicht ausbleiben konnte.“ „Haſt Recht, haſt Recht“, ſtimmte der Fürſt bei. „'s crepirt mich drum auch ganz verflucht, daß ich mir von der alten Schwerenothshexe—“ Sich beſinnend, daß er in ſeinem Freudeneifer etwas verrathen, was zu verſchweigen jedenfalls beſſer geweſen wäre, hielt er plötzlich ein, aber der Blick des größten Erſtaunens, den ſeine Gemahlin auf ihn rich⸗ tete, brachte ihn in ſo große Verwirrung, daß er ſich nicht anders zu helfen wußte, als ſich in einer An⸗ wandlung von Zorn über ſich ſelbſt Luft zu machen. —,——„———— ——+—,⸗— 191 „Na, halb iſt's heraus, mag die andere Hälfte auch zum Satan gehen!“ ſchrie er.„Leugne es nicht, habe mir von dem alten Bockfell, der Binſe, die Karte legen laſſen. Soll in die Hölle fahren, wohin ſie gehört! Lauter dummes Zeug vom Grünunter und Eckernkönig und weiß der Henker von was für anderm Lumpenzeug hat ſie mir vorgeſchwafelt, bis ich ihr die ganze Pa⸗ ſtete vom Tiſche geſtrichen habe.“ Frau Annelieſe beobachtete tiefes Schweigen. Herr Leupold trabte nach ſeiner Gewohnheit hin und her; das Schweigen ſeiner Gemahlin drückte ihn ſchwer, denn es war ein Vorwurf ſo einſchneidender Art für ihn, daß es ihm lieber geweſen wäre, ſie hätte ſich zürnend aus⸗ geſprochen. Für ein ſolches allzu lebhaftes Gemüth wie das ſeine war derartiges Schweigen nicht lange aus⸗ zuhalten. Raſch trat er auf ſie zu, und ihre Hand faſſend, ſagte er lachend:„Na, nicht brummen, Anne⸗ lieſe.“ „Ich habe doch nicht gebrummt.“ „Hätteſt es aber gekonnt,'s iſt eins ſchlechter als das Andere. Der Fehler iſt einmal fertig, da iſt nichts davon abzuthun. Weiß ſchon,'s war'ne Dummheit; aber wer zur Schwerenoth iſt denn immer geſcheidt! Ein Heiliger bin ich gerade nicht, das wird mir Nie⸗ mand nachſagen, und da geht's ſchon, wenn auch 192 einmal'n Kreuzſprung mit unterläuft. Kinkerlitzchen, nichts als Kinkerlitzchen in der Welt.“ Ob Frau Annelieſe geneigt geweſen wäre, ihr Schweigen über das ihr ſo unvermuthet zu Ohren ge⸗ kommene Kinkerlitzchen des durchlauchtigen Herrn auf⸗ recht zu erhalten oder ihm in einem Strafſermon über ſeine unfürſtliche Handlungsweiſe ihre Meinung aus⸗ zuſprechen, mußte unentſchieden bleiben, denn Prinzeß Fiekchen ſprang ins Zimmer und war für ihren Groß⸗ papa ein höchſt rechtzeitiger Ableiter. In Gegenwart der Kleinen mußte natürlich jede ihn möglicherweiſe betreffende Aeußerung ſeiner Gemahlin unterbleiben. Herr Leupold erkannte das und war deshalb in beſter Laune. Die Kleine ſich auf die Schulter hebend, tanzte er höchſt vergnügt mit ihr im Zimmer herum. Der Einfall König Friedrich's in Schleſien hatte an den Höfen von Dresden und Hannover große Auf⸗ regung hervorgerufen und die Geſinnungen der beiden Regenten dieſer Staaten waren keineswegs Preußen günſtig. König Friedrich mußte alſo einen Einbruch von ſeiten Sachſens und Hannovers während der Zeit, daß er in Schleſien beſchäftigt ſei, befürchten, und in dieſer Vorausſicht baſirte ſich die Urſache, warum Herr Leupold zu ihm nach Berlin berufen wurde. Es galt die Aufſtellung eines Armeecorps zur 193 Deckung der preußiſchen Staaten gegen Hannover und Sachſen.. Der geſcheidteſte Politiker iſt der, welcher ohne Grübeln vollzogene Thatſachen anerkennt, und zu dieſer Partei gehörte jetzt wunderbarerweiſe der alte Deſ⸗ ſauer. Wie ſehr er auch getobt, ſakermentirt und alles mögliche Unglück aus dem ſchleſiſchen Feldzuge voraus⸗ geſagt hatte, ſo waren jetzt ſeine Bedenken doch gänz⸗ lich geſchwunden; die ohne ſein Zuthun in Gang ge⸗ brachte kriegeriſche Affaire war nicht mehr aufzuhalten und darum nahm er die Aufforderung des Königs an, über das zur Deckung der preußiſchen Staaten zuſam⸗ men zu ziehende und aufzuſtellende Armeecorps den Oberbefehl zu führen. Wer die Henne nicht haben kann, muß ſich mit dem Eie begnügen, der Deſſauer lieferte das Beiſpiel dieſer weiſen Beſcheidenheit. König Friedrich hatte ein ſehr gutes Geſchäft mit dieſer Combination gemacht. Indem er Herrn Leupold von dem eigentlichen Schauplatze der Kriegsbegeben⸗ heiten gefliſſentlich entfernt hielt, wußte er deſſen Kraft und Anſehen auf anderer Seite trefflichſt zu benutzen, und um ſeiner Ehrſucht zugleich zu ſchmeicheln, bean⸗ ſpruchte Seine Majeſtät die militäriſchen Kenntniſſe der Söhne des alten Herrn auf dem Kriegsſchauplatze in Schleſien in Verwendung zu bringen. Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. IV. 13 194 Die Deſſauer genoſſen die Befriedigung, ihren Durch⸗ lauchtigen in der beſten Laune von der Welt von Ber⸗ lin zurückkehren zu ſehen. Herrn Leupold's Thätigkeit war eine ungeheure, ſobald ſich ihnen feſte Ziele boten, und ein ſolches war die ihm übertragene Organiſation des zu errichtenden Armeecorps. Bei einer der nächſten Mittagstafeln verkündete er dem weiblichen Theile ſei⸗ ner Familie die demſelben bald bevorſtehende Verlegung ſeines Hoflagers nach Brandenburg, und zwar würden ſie auf der dortigen Dompropſtei ganz prächtige Loge⸗ ments finden. Zwiſchen Genthin und Brandenburg werde er das von ihm zu befehligende Armeecorps zu⸗ ſammenziehen und letztere Stadt deshalb zu ſeinem Hauptquartier machen. Der ungemeine Eifer in ſeiner kriegeriſchen Thätigkeit entfernte ihn bis zum elften März, als dem Tage, welchen er zu ſeiner einſtweiligen Ueberſiedelung nach Berlin beſtimmt hatte, auf einzelne oder mehrere Tage Dauer von Deſſau nach Halle, Magdeburg und andern kleinen Garniſonsorten. Um einen ſoliden Kern für das zu organiſirende Armeecorps zu haben, empfing ſein Halleſches Regiment vorläufig Befehl, ſich marſchbereit zu halten, um dann auf ein⸗ laufende Ordre ſogleich abrücken zu können. Wenn er auch die Deſertion des Grenadiers Alm nicht vergeſſen hatte und dem Commandanten verſicherte, daß er etwas 8—ꝑ— ⏑‿ũ—— 80—— 195 darum gäbe, wenn er dieſen gottſträflichen Hundsfott zu erlangen wüßte, ſo ging doch Alles in Gnaden ab. Sein Grimm hielt ſich, da ſein Denken jetzt auf Größe⸗ res gerichtet war, das ihn faſt ausſchließlich in Anſpruch nahm, in Schranken. Die über Alm's Deſertion auf⸗ genommenen Protokolle, welche eben nichts Anderes darlegten, als daß er ſpurlos verſchwunden ſei, ſtrich er wie der würdigen Frau Binſe Karten vom Tiſche herunter mit der Bezeichnung: „Lumperei, nichts als Lumperei! Die Canallle iſt fort. Wie? Davon ſteht nichts in dem verſchmierten Papier; aber krieg' ich ihn jemals, läuft er eine ſo lange Gaſſe, als er überhaupt laufen kann und dann laſſe ich die Beſtie hängen. Hat er mir ein Kinkerlitzchen gemacht, mache ich ihm wieder eins, das er gleich als Laufpaß zu Teufels Großmutter mitnehmen kann.“ So ſchlimm dieſe Zuſicherung des Gewaltigen in Betreff der Zukunft des glücklich Entſprungenen lautete, ſo übte ſie doch wenigſtens für jetzt keine Un⸗ annehmlichkeit auf dieſen aus. Für ſeine nächſte Zu⸗ kunft hatte Prinzeß Amalie im Verein mit ihrer gnä⸗ digſten Mama einen Plan entworfen, der ihm die möglichſte Sicherheit in Ausſicht ſtellte. Er ſollte mit ſeiner Gemahlin nach Dresden gebracht werden. Dort lebte der vierte Sohn Herrn Leupold's als 13⸗ kurfürſtlich ſächſiſcher Generallieutenant, ein Herr, der durchaus nicht ſeines durchlauchtigen Vaters Zuneigung beſaß, da er ein gelehrter Militär war, was nach ſeines gnädigſten Papas Meinung ſo viel hieß, als 3 ein Kerl, der mit der Neigung eines Krebſes, rück⸗ wärts zu marſchiren, behaftet ſei und von einem friſchen, fröhlichen Drauf und dran gar keinen Begriff habe. Frau Annelieſe hatte das Einfädeln dieſer Ange⸗ legenheit übernommen. Ein paar Zeilen von ihr an Eugen, dieſen von ſeinem durchlauchtigen Vater nicht geliebten Sohn, forderten denſelben auf, an ſie ein Schreiben zu ſenden, in welchem der Wunſch ausge⸗ ſprochen ſei, mit dem Deſſauer Hofmedicus über ſeine zunehmende Kränklichkeit ſprechen zu können. In der günſtigen Laune, in welcher ſich Herr Leupold befand, war es zu erwarten, daß derſelbe nicht nein ſagen werde und am Tage vorher, ehe der Durchlauchtige nach Berlin abreiſen wollte, hatte Frau Annelieſe ihn mit dem Wunſche Eugen's bekannt gemacht und zwar in Gegenwart der Prinzeß Amalie. „Meinetwegen, ich will nichts dagegen haben“, hatte der Fürſt geantwortet.„Glaub's aber nicht, daß aus einem Marzipankerl einer von Eiſen wird. Wunder kann mein Hofmedicus auch nicht thun.“ * „Das erwartet Eugen auch nicht; aber erſtens iſt 8 909 ◻☛ 197 es eine große Beruhigung für einen Kranken, ſeinen Wunſch erfüllt zu ſehen, und zweitens iſt dieſer Kranke, mag er auch Fehler haben, die des Namens wegen, den er führt, nicht gutzuheißen ſind, doch immer unſer Sohn“, entgegnete die Fürſtin mit Nachdruck. „Ja, iſt'n lebendiges Kinkerlitzchen, mein Herr Sohn Friedrich Heinrich Eugen!“ rief der alte Herr ſpöttiſch.„Ein Kerl, der jetzt ins ſechsunddreißigſte Jahr geht und noch nicht geheirathet hat— aus Furcht vor den Weibsleuten. Bindfadenſeele die! Hat nicht einmal'n galantes Abenteuer gehabt und iſt'n Deſ⸗ ſauer Kind! Das iſt doch zur Schwerenoth, was ich an dem für ein heiliges Stück von Sohn habe! Hahaha!“ Frau Annelieſe verharrte in Schweigen, aber ihr Blick ruhte ſo feſt auf ihrem Gemahle, daß dieſer in ſichtbare Verwirrung gerieth und ſehr haſtig rief:„Ja doch, ja, abgemacht, der Hofmedicus ſoll hin, gebe meine Genehmigung dazu.“ „Wenn mein gnädigſter Papa erlaubt, ſo ſchlagen wir mit einer einzigen Klatſche zwei Fliegen todt“, äußerte Prinzeß Amalie. „Na?“ „Mein Fräulein, Marie von Rönnenkamp, tritt aus meinem Dienſte und will nach Dresden. Ihr Verlobter iſt dort. Der Hofmedicus könnte ſie mitnehmen.“ 198 „Das iſt ſeine Sache, geht mich nichts an.“ „Oho, gnädigſter Papa!“ „Was iſt da zu ohon, Grünſchnabel?“ „Es iſt meine Sache, daher auch die Ihre. Würde ſich prächtig machen, wenn eine Prinzeß von Deſſau ihr Geſellſchaftsfräulein in einer elenden Stadtkarrete in die Welt ſchickte, der Hofmedicus muß von Eurer Durchlaucht die Erlaubniß haben, ſie mitzunehmen.“ Der alte Herr brummte etwas in den Bart und äußerte dann kurz:„Soll geſchehen.“ Ehe indeß der alte Fürſt ſein Deſſau verließ, ging ihm eine höchſt freudige Botſchaft zu. Sein älteſter Sohn und Nachfolger in der Regierung, Leopold Ma⸗ rimilian, hatte durch einen kühnen nächtlichen Ueber⸗ fall am neunten März binnen einer Stunde die Feſtung Glogau in ſeine Gewalt gebracht. Als der alte Deſſauer in den Wagen ſtieg, hörte ſeine Dienerſchaft ihn höchſt vergnügt brummen: „Friſch drauf und dran! Friſch drauf und dran! Wir woll'n den Feind kuranzen, Daß er an den Deſſauer denkt ſein Tag.“ Ende des vierten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Deſſau. Humoriſtiſche Romane aus dem Verlag von 3 Ernſt Julius Günther in Leipzig. de 1 au 3 A. von Winterfeld: ete Die Ehefabrikanten. Komiſch⸗ſocialer Roman. nd 4 Bände. 8. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. ng— er 4. -. Die Reiſen von Bambus& Comcg. er⸗ ng Komiſcher Roman. er hſt 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. V b Irnſt Willkomm: V Ein Stiefkind des Glücks. b Humoriſtiſcher Roman aus dem Leben. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Der Held von Garika. Roman aus den Ländern des Kaukaſus von Adolf Mützelburg. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 3 Thlr. Modelle. Humoriſtiſch⸗ſocialer Roman von A. v. Winterfeld. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Katharina von Schwarzburg. Hiſtoriſcher Roman Bernd von Guſeck. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr.