Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 2566. Seih- und ICeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. * 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.. 3 3.(aution. Ünbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 5 4. Lhonnoment, Daſſelbe muß voraus ſbezahlt werden und beträgt:—ERNrlrraecaxer-ei ere 1 für möchentlichg a kloher:. 6 Bücher: —————— Ein deutſcher Fürſt. Hiſtoriſcher Roman von Franz Carion. Zweite Abtheilung des Romans: Der alte Deſſauer. Dritter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1868. „Schatz und Armee ſind da, und nun bedarf mein Nachfolger weiter keiner Maske.“ (Aus dem Teſtamente Friedrich Wilhelm's I.) Erſtes Kapitel. Der neue König gab ſich dem tiefen Eindrucke hin, den ſeines Vaters Hinſcheiden auf ihn hervorgerufen. Aus ſeinem Gedächtniſſe verſchwunden war alles das, was der Heimgegangene einſt über ihn verhangen hatte. Still war's im Potsdamer Schloſſe geworden, ſtill war es im Gemache des jungen Königs, der mit thränenfeuchten Augen auf und nieder ſchritt, dem aus dem Leben und Wirken abgerufenen Vater den Zoll der Hochachtung zu widmen. Ein ſechsundzwanzigjähriges Königsleben hatte ſeinen Abſchluß gefunden! Das war es, was den jungen König ſo mächtig ergriff, was vor ſeine Seele all das Segensreiche führte, deſſen 1 Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. III. 2 Schöpfer der Verewigte geweſen. Früher hatte er es nicht erkannt, aber jetzt ſtieg es mächtig wie ein Wandel⸗ bild vor ihm auf, deſſen Farbentöne ſich tief einprägen in die Erinnerung. Er gedachte ſeiner Vorgänger auf dem Throne. Der große Kurfürſt, ſein Urgroßvater, hatte die Un⸗ abhängigkeit ſeines Hauſes, ſein Großvater Friedrich, der erſte König, deſſen Glanz begründet, ſein eben ver⸗ ſtorbener Vater aber die innere Macht und Stärke deſſelben feſtgeſtellt. Und was war nun ſeine eigene Aufgabe? Der ſterbende Vater hatte ſie ihm in ſcharfen Zügen vorgezeichnet, und wie verſchieden auch ſeine An⸗ ſchauungen und Neigungen von denen des Heimgegan⸗ genen waren, darin wollte er deſſen würdiger Sohn ſein, daß er ſie treu erfüllte, und daß er es konnte, was ſchon lange im Stillen, unter der Hülle der fröhlichen Tage von Rheinsberg, in ſeiner Seele zum feſtſtehenden Entſchluſſe geworden und glücklicherweiſe mit den väter⸗ lichen, ein Leben lang geheim gehaltenen Abſichten ſo vollſtändig übereinſtimmte, das verdankte er nur ihm, der die Mittel dazu beſchafft.. Herr Leupold von Deſſau ließ ſich bei ihm melden. Jede Spur einer Thräne ſchnell verwiſchend, em⸗ pfing er ihn. Der alte Herr hätte von ihm die Selbſtbeherrſchung —— — — 3 lernen können. Tiefer Ernſt breitete ſich über das Antlitz des jungen Königs, keine Aufregung markirte ſich in ſeiner feſten und ruhigen Haltung. Dies ſchon zog eine unüberſteigbare Schranke um ihn und deutete dem alten Deſſauer an, daß jetzt eine ſcharfe Reſpektsgrenze in dem Verhältniß zwiſchen Herrſcher und Vaſall beſtehe; aber der Fürſt merkte es nicht, ſein leidenſchaftlicher, ungeſtümer Schmerz um den verlorenen Freund, durch den er eine entſchiedene Geltung in wichtigen Ange⸗ legenheiten des Staates erlangt hatte, verblendete ihn gänzlich. Faſt heulend wie ein Kind rief er: „Majeſtät! Majeſtät! Wir haben alle beide einen ſchweren Verluſt zu beklagen. Ach, welches Unglück für uns beide und für das Land! Ich bin total nieder⸗ geſchmettert von dieſem Todesfalle; aber ſo groß auch mein Schmerz um meinen lieben Herrn und König iſt, der allergnädigſt mir ſeine erhabene Freundſchaft ge⸗ ſchenkt hat, weil er wohl wußte, daß er auf ſeinen Deſſauer Felſen bauen konnte, ſo treibt mich's doch her, Eurer Majeſtät mein unterthänigſtes Beileid auszu⸗ ſprechen.“ „Faſſen ſich Eure Liebden“, ſprach König Friedrich. „Ihre Thränen machen Ihre Worte unverſtändlich.“ Dieſe ruhig geſprochene Mahnung machte Herrn 1* 4 Leupold allerdings ein wenig ſtutzen, indeß war er ein⸗ mal im Zuge und in Erinnerung ſeines ſtets bewährt gefundenen Loſungswortes„Drauf und dran!“ ließ er es ſich gar nicht beikommen, daß der ihm gegenüber ſtehende junge Monarch den Angelpunkt ſeiner Rede ſchon im voraus kenne. Er fuhr deshalb ohne Zögern fort: „Der Abſchied, den mein königlicher Herr und Freund — erhöhe ihn Gott zu allen Freuden des Himmels!— von mir genommen, brennt mir noch wie Feuer in der Seele. Eure Majeſtät wiſſen, daß ich kein Mann von großen flunkrigen Redensarten und ſonſtigen Kinker⸗ litzchen bin— dergleichen erlernt man nicht im Kriegs⸗ lager und iſt auch mein Lebtag nicht meine Sache ge⸗ weſen— deshalb will ich nur geſagt haben, daß ich mich des Bewußtſeins erfreue, meines erhabenen Herrn und Königs Freundſchaft würdig befunden worden zu ſein, und daher auch keinen andern Wunſch haben kann, als daß dies von Eurer Majeſtät Seite ebenfalls der Fall ſein möchte. Wollte, das im Auge behaltend, Eurer Majeſtät darum meinen unterthänigſten Wunſch und Bitte zu erkennen geben, mir und meinen Söhnen unſere Stellen im Heer allergnädigſt zu belaſſen, da doch ſo zu ſagen unſer Deſſauer Name ſo recht eigent⸗ lich in Mark und Blut der Armee feſtſteht und unſer — 5 Eifer für deren Ruhm und große Kriegstüchtigkeit an⸗ erkannt iſt.“ „Fürchten Eure Liebden nicht, daß ich zu den Ver⸗ blendeten gehöre, die ihre alten guten Waffen weg⸗ werfen, wenn ſie glauben, in der Handhabung neuer, die noch keine Prüfung beſtanden, mehr zu reüſſiren“, antwortete der junge König.„Es wird in den Büchern der preußiſchen Geſchichte wie im Gedächtniß des preußi⸗ ſchen Volkes ſtets unvergeſſen bleiben, was Preußens Heer Eurer Liebden verdankt, darum verſichere ich Sie nicht nur meiner dankbaren Anerkennung Ihrer hoch⸗ wichtigen Verdienſte um unſer königliches Haus, ſon⸗ dern auch, daß Sie als Lohn Ihrer Treue gegen meinen höchſtſeligen Vater meinen Eifer anzuſehen haben, in deſſen erleuchtete Intentionen einzugehen, die nie andere ſein konnten, als Sie und Ihre Söhne in dem vollen Beſitz Ihrer Stellen im Heere zu belaſſen.“ Eine kurze Pauſe folgte. Herr Leupold fühlte ſich ein wenig in der ſichern Erwartung beirrt, der neue Monarch werde dieſer Genehmigung zugleich freiwillig hinzufügen, wie er es ſelbſtverſtändlich finde, daß ſein bisheriger Einfluß und die bisher von ihm geübte Macht in allen militäriſchen Angelegenheiten ihm ver⸗ bleibe; aber darüber war kein Wort gefallen, und doch lag ihm ſo unendlich viel daran, über dieſen Punkt Ge⸗ wißheit zu haben. Deshalb ſprach Herr Leupold von dem guten Bewußtſein, das ein Staatsdiener, der in ſo hohen Aemtern ſtehe wie er, haben könne, ſobald er ſich der Macht und des Einfluſſes, die ſeine hohe Stel⸗ lung ihm böten, jederzeit zum Beſten des Monarchen und des Landes bediene. „Gewiß, Eure Liebden ſprechen da eine unumſtöß⸗ liche Wahrheit aus“, ſtimmte der junge König bei.„Ich habe genug Gelegenheit zu der Bemerkung gehabt, wie übel in vielen Fällen die Macht der Stellung und der aus ihr nothwendig entſpringende Einfluß angewendet wird. Meines höchſtſeligen Vaters Regierung weiſt ſolche Beiſpiele auf. Ich erinnere Eure Liebden nur an Grumbkow. Sie werden mir beipflichten, daß ich, da⸗ durch belehrt, kein Verlangen nach ſolchen unliebſamen Selbſterfahrungen hegen kann. Ein König muß das ganz ſein, was er ſein will und von Gott und Rechts⸗ wegen ſein muß, ein Herrſcher, deſſen Entſchließungen unter allen Umſtänden unbeirrt und frei bleiben, wel⸗ cher über den Parteien ſteht, wie die Sonne über dem Wolkenkreis. Deshalb ſtellte ich als erſten Satz meines Regierungsprogramms hin, daß, ſolange ich König ſein werde, die Macht nur allein mir gehöre und ich von Niemand irgendwelchen Einfluß dulde. Ich halte mich überzeugt, daß Eure Liebden dieſem meinem Vorſatz 7 Ihren vollſten Beifall ſpenden, weil ja auch Sie in Ihrem Lande als Herr regieren, der keine Götter neben ſich leidet, und nichts mehr der Würde eines Regenten Abbruch thut, als wenn er ſich von Andern lenken oder, was ganz daſſelbe iſt, in ſeinem Willen binden läßt. Selbſt ein Fehler, ein Irrthum in den könig⸗ lichen Maßnahmen iſt nicht ſchlimm als eine derartige Schwäche.“ Herr Leupold fühlte ſich etwas wirr werden. Dieſe Ruhe des jungen Monarchen bei der Erklärung, wie er durch und durch Alleinherrſcher ſein wolle, hatte er allerdings nicht erwartet. War das derſelbe junge, den Freuden der Tafel, des Tanzes, der Muſik und der Be⸗ ſchäftigung mit einer Menge unnützer Dinge, unter denen die Poeſie überhaupt in erſter Reihe ſtand, er⸗ gebene Prinz, der jetzt in ſo ffeſter, königlicher Weiſe zu ihmg geſprochen? Rheinsberg war bisher nur als ein Aſyl für Leichtfertigkeit und luſtiges Leben betrachtet worden, von woher nichts Gutes kommen könne; dieſe Annahme mußte als gänzlich irrig aufgegeben werden. Um ſo nur zu denken und noch viel mehr den feſten Entſchluß auszuſprechen, das Gedachte als unwider⸗ rufliches Fundament für ſeine Regierung, das er von Niemand erſchüttern laſſen werde, zu bezeichnen, dazu gehörte ein ſtarker Geiſt, ein unbeugſamer Wille. Unter 8 dem Deckmantel des luſtigen Rheinsberger Lebens war dieſer Geiſt gereift, hatte ſich dieſer Wille geſtählt— ein Wunder war geſchehen in wunderloſer Zeit. Die Audienz war beendigt und der Deſſauer ſah ſich zum erſten Male in ſeinem Leben in der merkwür⸗ digen Lage, nicht recht zu wiſſen, welche Stellung er dieſem dictatoriſchen Könige gegenüber einnehmen werde. Der neue Monarch war nur von Wenigen genauer ge⸗ kannt, das Volk im Großen wußte nichts weiter von ihm, als daß er hart genug in ſeines allergnädigſten Vaters Zucht geſtanden, weil er ein rebelliſcher Sohn geweſen. Um ſo überraſchter war man daher, als die Zeitung vom ſechſten Juni die Kunde brachte, daß er den Staatsminiſtern, die ſich am zweiten Tag nach ſeines Vaters Tod zur Eidesleiſtung in Charlottenburg ein⸗ gefunden, rund heraus erklärt, daß das unter ſeinem höchſtſeligen Vater ſo übliche Plusmachen von nun nicht mehr ſtattfinden dürfe, und ihnen dabei geſagt habe:„Es iſt nicht Unſere Meinung, daß Ihr Uns ins⸗ künftige bereichern und Unſere armen Unterthanen be⸗ drücken ſollt; ſondern Ihr ſollt hingegen verbunden ſein, vermöge gegenwärtigen Befehls, mit eben ſo vieler Sorgfalt für das Beſte des Landes als für Unſer Beſtes zu wachen, um ſo viel mehr, da Wir keinen Unterſchied wiſſen wollen zwiſchen Unſerm eigenen und —— — — —— 9 des Landes Vortheil, und Ihr dieſen ſowohl als jenen in allen Dingen vor Augen haben müſſet; ja des Lan⸗ des Vortheil muß den Vorzug vor Unſerm eigenen be⸗ ſonders haben, wenn ſich beide nicht mit einander ver⸗ tragen.“ Ein ſtaunender Freudenſchrei ging durch alle Volks⸗ ſchichten. Die frühere Plusmacherei durch die königlichen Behörden, wodurch ſo manche Familie arm geworden, war aufgehoben für immer. Es gab eine Unſittlichkeit weniger in der Welt. Die Thätigkeit des jungen Monarchen erwies ſich als eine ſo außerordentliche, daß in vielen Branchen ein förmlicher Umſturz ſtattfand; ſelbſt die Feſſeln des Hofceremoniels erlebten durch ihn ihren Bruch, denn es war gegen alle bisherige Sitte, daß der König nach der Huldigung, die ihm die Berliner darbrachten, noch eine halbe Stunde auf dem Balcon verweilte und die durcheinander wogenden, freudig erregten Volksmaſſen betrachtete. Aber auch ein Weheſchrei erhob ſich im Lande. Ein königliches Reſcript vom dritten Juni hob die menſchenſchänderiſche Folter auf. Die Juriſten ſchrieen Zeter. Zu den für den neuen Monarchen einige Tage ſpäter plötzlich ſehr günſtig Geſtimmten gehörte Herr 10 Leupold, denn laut königlichen Decrets war er ſofort in ſeiner hohen Stellung beſtätigt worden und hatte den Auftrag erhalten, in Magdeburg und Halle die Truppen dem neuen König ſchwören zu laſſen. Er ſah in dieſem Auftrage die Gewißheit, daß der kriege⸗ riſche Geiſt, der unter dem vorigen Herrſcher ſo über⸗ wiegend vorgewaltet hatte, auch unter dem neuen Monarchen Alles überflügeln werde, und dieſe ſchöne Vorausſicht, die ſich darauf ſtützte, daß Friedrich kein Krieger ſei, verlieh ihm große Heiterkeit, weil es ja gar nicht anders kommen konnte, als daß dieſer ihn, die leitende Seele des kriegstüchtigen preußiſchen Heeres, als ſeinen Rathgeber fürs Künftige betrachten müſſe. So heiter und guter Dinge hatten die Garniſonen von Magdeburg und Halle ihren alten Schwerenöther noch nicht geſehen. Er war ungemein gnädig geſtimmt. Sein ſchönes Regiment in Halle führte er vor die Stadt aufs freie Feld und hielt nach geſchehener Eidesleiſtung feierlich, als kehre er von einem großen Siege zurück, ſeinen Einzug in die Stadt. Dann eilte er nach ſeinem Deſſau. Es lag ihm viel daran, mit Frau Annelieſe ſich über die, wie er glaubte, zu ſeinen Gunſten ver⸗ änderte Ordnung der Dinge zu beſprechen. Die Fürſtin hatte an dieſem Tage eine höchſt un⸗ liebſame Entdeckung gemacht. Anna von Audritzky, der —.— 11 ſie wegen ihres freundlichen Weſens ſehr gewogen war, zeigte ſich ihr ganz unerwartet in einem andern Lichte⸗ Schon ſeit mehreren Tagen hatte ſie bemerkt, daß das junge Mädchen ſtill und in ſich gekehrt ſei. Viel⸗ leicht war das nur eine vorübergehende Verſtimmung; aber daß dieſe doch tiefer, gleichſam im Innerſten ihrer Seele gebettet liegen müſſe, das ſah ſie an den Spuren von Thränen, die Anna vergebens zu verbergen ſtrebte. Welcher Wurm konnte an dieſem jungen Mädchen⸗ herzen nagen? Sie fühlte ſich gedrungen, offen mit ihr darüber zu ſprechen. Von ihrem den Garten über⸗ ſchauenden Fenſter aus hatte ſie ſie auf einer Bank ſitzend erblickt, das Geſicht in die aufgehobenen Hände gedrückt. „Hat ſie denn gar ſo großen Kummer?“ fragte ſich die hohe Frau.„Es muß ſo ſein, und doch wüßte ich keinen. Der, den ſie liebt, iſt hier in ihrer Nähe, ſie ſieht ihn oder kann ihn wenigſtens jeden Tag ſehen. Der Doctor iſt ein gebildeter, liebenswürdiger Mann, den ſeine Neigung ihr nachgezogen. Liebeskummer, der oft als ſchwerer Alp Mädchenherzen bedrückt, kann es alſo nicht ſein. Was iſt es aber dann?“ Jetzt ſah die Fürſtin den Doctor, welcher ſich zu dieſer Vormittagszeit gewöhnlich im Schloſſe ein⸗ 12 fand, langſam den Weg vom Rondel herkommen. Sie beobachtete nun genau den zwiſchen beiden erfolgenden Vorgang. Anna ſchien ſo ſehr in Gedanken verſunken geweſen zu ſein, daß ſie den Kommenden nicht eher be⸗ merkte, als bis er ihr ganz nahe war und ſtehen bleibend jedenfalls ſie beim Namen rief, denn zugleich breitete er die Arme aus, als erwarte er, daß ſie jetzt, wo ſie von Jemand geſehen zu werden nicht fürchten durfte, an ſein Herz eilen werde; aber dieſe Vermuthung erwies ſich als ein Irrthum der hohen Frau. Sie ſah, wie Anna von Schreck ergriffen zuſammenfuhr, die Hände vom Geſicht gleiten ließ, ſchnell aufſprang und ent⸗ fliehen wollte. „Ah, eine kleine Zwietracht zwiſchen beiden, nichts weiter“, ſagte Frau Annelieſe lächelnd vor ſich hin. „Und das habe ich nicht errathen, ſo nahe es auch lag!“ Indeß dieſe kleine Zwietracht ſchien doch nicht ſo ganz leichter Art zu ſein, denn als der Doctor, raſch ihr den Weg vertretend, ſie am Arme feſthielt, bemerkte die Fürſtin, wie ſie ſich heftig von ſeiner Hand los⸗ reißen wollte, aber, in dieſem Beſtreben nicht glücklich, von ihm zu der Bank zurückgeführt wurde und er, ſie nicht von der Hand loslaſſend, neben ihr Platz nahm. Konnte ſie auch nicht hören, was er zu ihr ſprach, ſo ſah ſie doch, daß er ſehr lebhaft in ſie hineinredete. Es 13 ſchien faſt, als wirkten ſeine Worte günſtig auf ſie, ihr Geſicht war dem ſeinen zugewendet. Nach einer Weile wendete ſie es aber raſch von ihm ab. Doctor Stoll ſchien von dieſer offenbaren Abweiſung deſſen, was er zu ihr geſprochen, entrüſtet. Er ließ ihre bis jetzt feſtgehaltene Hand plötzlich los, erhob ſich raſch, machte einige Schritte, als wolle er von hinnen gehen, blieb aber, als beſänne er ſich eines Andern oder bereue ſeine raſche Handlungsweiſe, ſtehen, wendete ſich zu ihr zurück, und eine Handbewegung, die die Fürſtin ihn machen ſah, ſchien eine Frage an ſie zu begleiten. Die von Anna'’s Seite erfolgende Antwort mußte jedoch gegen alle ſeine Erwartung ausgefallen ſein, denn raſchen Schrittes, ſichtbar in großer Aufregung, eilte er weg. Anna blieb noch eine Weile ſitzen, dann erhob ſie ſich, legte die Hand wie ſinnend an die Stirn und verließ langſam den Ort. „Was in aller Welt muß zwiſchen dieſe Beiden ge⸗ fallen ſein!“ rief die hohe Frau.„Ich muß es wiſſen. Es gibt nichts Schlimmeres als einen Froſthauch zwi⸗ ſchen zwei Herzen. Er iſt der Tod für das eine oder das andere, zuweilen für beide.“ Ein halbes Stündchen ſpäter wurde Anna von Audritzky zu ihrer fürſtlichen Herrin beſchieden. „Trete Sie zu mir, Anna. Sie hat geweint. Was 14 iſt das mit Ihr? Ich hoffe, daß Sie aufrichtig gegen mich ſein wird.“ „Ich fühle mich nicht recht wohl, gnädigſte Frau.“ „Ich glaube Ihr das, aber da iſt zu helfen. Doctor Stoll wird ſich's gewiß angelegen ſein laſſen, ihr bei⸗ zuſtehen.“ Anna blieb die Antwort ſchuldig. Sie ſtand vor der hohen Frau, den Blick zu Boden geſenkt. „Sie muß da freilich nicht ſo obſtinat ſein, wie Sie es vorhin im Garten gegen ihn geweſen.“ „Mein Gott!“ fuhr Anna erſchrocken auf. „Das iſt Ihr Unwohlfühlen, meine Liebe. Zwiſchen Euch beide iſt wie auf gute, vielverſprechende Frucht ein Mehlthau gefallen und hat Eure Eintracht vergiftet. Wie kam das? Rede Sie.“ Anna ſchwieg; die Fürſtin trat einen Schritt von ihr zurück. Sie war unangenehm überraſcht von dieſem hartnäckigen Stummbleiben, es hatte ſo ganz den An⸗ ſtrich des Trotzes. „Sie empfiehlt ſich mir ſchlecht, Anna. Ich liebe Offenheit und Vertrauen und glaube ein Anrecht darauf bei allen denen zu haben, welche in meiner Nähe ſind. Bei Ihr, ſcheint es, habe ich mich in dieſer Annahme getäuſcht. Es thut mir leid um Ihrer ſelbſt willen, denn für ein junges Mädchen iſt es von der ſchlimmſten — 15 Vorbedeutung, ein verſchloſſenes Gemüth gegen Perſonen zu zeigen, die demſelben wohlwollend entgegenkommen.“ „Ach, meine gnädigſte Durchlaucht, wie ſoll ich's denn ſagen, was— nein, nein, ich kann es nicht.“ „So behalte Sie das, was Sie mir nicht ſagen zu können glaubt, auf dem Herzen“, entgegnete die hohe Frau unmuthig.„Es müßte ja lächerlich ſein, wollte ich Ihr zureden, offenherzig gegen mich ſich über etwas auszuſprechen, das Ihr beim Verſchweigen ſelbſt ſo vielen Schaden bringt, denn derjenige, dem die Theil⸗ nahme Anderer nicht das Herz zu erſchließen vermag, iſt doppelt unglücklich, weil er ſich vereinzelt.“ Da Anna noch in ihrem Schweigen verharrte, ſprach die Fürſtin kurz:„Setze Sie ſich ans Fenſter und ar⸗ beite Sie an der Stickerei fort.“ Anna that, dem Befehle gehorchend, einige Schritte um den inmitten des Zimmers ſtehenden Tiſch, welcher eine Vaſe mit einem großen, friſch duftenden Blumen⸗ ſtrauße trug, den der Schloßgärtner an jedem Morgen erneuen mußte. Frau Annalieſe bemerkte, daß das Fräulein in großer Erregung ſei, denn es zitterte und der Schritt war ſchwankend; aber ſie glaubte, dies Beben deute eine Kriſis an, die einem Durchbruch zur Offenherzigkeit vorangehe, deshalb ſprach ſie kein Wort weiter zu ihr. Von ſelbſt mußte Anna ver⸗ 16 trauensvoll ihrer wohlwollenden Herrin entgegenkom⸗ men, das Abfragen oder gar die Anwendung moraliſchen Zwanges ſah dieſe als einen Verderb für die ſtumme Leidträgerin an. Während die hohe Frau ſich an einem Tiſche niederließ, auf dem Schreibzeug, Papier, einige ge⸗ ſchriebene Hefte und einzelne Rechnungen ſich befanden, und mit der Berechnung des fürſtlichen Haushalts ſich beſchäftigte, eine Arbeit, die ſie mit gewiſſenhafter Ge⸗ nauigkeit ſeit dem erſten Tage ihrer Che fortgeſetzt hatte, zeigte Anna von Audritzky eine Emſigkeit am Stickrahmen, als müſſe ſie mit dieſer Arbeit das täg⸗ liche Brod erwerben. Zuweilen warf die ſchreibende hohe Frau einen Seitenblick auf ſie, aber Anna's Geſicht blieb vor wie nach auf die Stickerei nieder⸗ gebeugt. Anna zählte zu den Brünetten, deren Teint bei Aufregungen ſich ſcheinbar verdunkelt zeigt. Jetzt lagerte ein tiefes brennendes Roth auf ihren Wangen und der faſt finſtere Ernſt in ihren Zügen deutete ſtreng zurück⸗ gehaltene Leidenſchaftlichkeit an. Das gebräunte Ge⸗ ſicht mit den etwas ſcharf geſchnittenen Zügen ſchien verwandelt; ſonſt ſo freundlich, lebensvoll, glich es jetzt, von der Seite geſehen, einem Profil von Bronze. Sie war keine vollkommene Schönheit, aber über ihrer jugend⸗ 17 lichen Geſtalt lag der Reiz eines empfindungsreichen Weſens ausgegoſſen, ein Hauch von tief unter den Feſſeln ſtrenger Hut verborgener Leidenſchaftlichkeit deu⸗ tete einen Charakter an, der nur eines Anlaſſes be⸗ darf, um ſich einer Leidenſchaft unbedingt, ja wohl gar unbeſonnen hinzugeben, die ihn nicht nur zu Ent⸗ ſchlüſſen treibt, welche ſchnurſtracks gegen das Beſſere, Edle im Frauenherzen verſtoßen, ſondern auch zu deren Ausführung befähigt. Der Fürſtin wurde Frau Binſe gemeldet. Die würdige Gattin des lahmen, rieſigen Flügel⸗ manns erſchöpfte ſich in einer Unzahl von Knixen, ehe ſie noch die Schwelle überſchritt, und dieſe eigen⸗ thümliche Anſchauung von Höflichkeit erheiterte die hohe Frau. Sie kannte die Binſe ſeit langen Jahren, und zwar hatte dieſe ihr oft Vergnügen durch ihre unerſchöpfliche Geſchwätzigkeit gemacht, die— und das war das Beſte — ſtets eine Neuigkeit in Vorrath hatte, ſelbſt wenn man glauben mußte, ſie habe ſich nun ganz und gar ausgegeben. Mit ihren Stadtklatſchereien glich Frau Binſe einem Born, der durch nie verſiegenden Waſſer⸗ zufluß jederzeit im Gang iſt, und ſo wenig auch die Fürſtin darnach trachtete, die Geheimniſſe und das Thun und Treiben in den Bürgerfamilien zu ihrer Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. III. 2 8 48 Kenntniß zu bringen, ſo fand die Erzählerin doch ſelbſt an ihr nicht ſelten eine willige Zuhörerin. „Wie kommt denn das, Frau Binſe, daß Sie Ihren Kram verlaſſen hat? Es iſt bald Mittagszeit, wo ich doch glauben ſollte, dieſe Tageszeit ſei für Sie eine ganz beſonders günſtige zum Verkauf?“ fragte die Fürſtin. „O allerfürtrefflichſte, gnädigſte Durchlaucht,'s Ge⸗ ſchäft und mein Goliath von Mann ſind Geſchwiſter⸗ kinder, ſie ſind beide lahm“, hob Frau Binſe an.„Es thäte noth, ich äße meine Pfefferkuchen ſelber und ver⸗ zehrte meine Kirſchen und Aepfel und Semmeln und Würſte hinterher. Vom Branntwein will ich gar nicht erſt reden. Seit Durchlaucht, unſer gnädigſter Herr, ſo viele Budiken und Wirthshäuſer hat entſtehen laſſen, ſind die Leute geſcheidt geworden und trinken den Schnaps nicht mehr auf der Gaſſe, wo's Jeder ſieht. Du gutes Herrgottchen, wenn die Schulrangen nicht noch wären, die hin und wieder ein Appetitchen auf Kirſchen oder ſo was Gutes haben, wüßte unſereins oft nicht, warum man daſitzt.'s iſt ja alles Hunger⸗ leidervolk hier. Die Soldaten haben nichts, die ſchä⸗ bigen Juden kaufen nichts, und viel andere Leute ſind eben nicht da, und die da ſind, wenden den Groſchen zehnmal um, ob nicht ein Thaler daraus wird.“ 19 „Wenn der Handel ſo ſchlecht geht, begreife ich es wohl, daß es Ihr keinen Schaden bringt, wenn Sie einmal nicht mit Ihrem Krame an Ihrer Ecke ſitzt.” „Nun, allerfürtrefflichſte Durchlaucht, wofür hätt; ich denn'nen Mann, wenn er nicht einmal dazu zu brauchen wäre,'n halbes Stündchen bei dem Krame Poſten zu ſtehen? Gott behüt's! Hat Seine Durch⸗ laucht, unſer allergnädigſter Herr, meinen Binſe mitten in der Torte oder wie das Waſſer da in Italien bei Caſſano heißt, als Wegweiſer ſtehen laſſen können, werde ich doch als ſeine Frau ſo viel Recht haben, ihn auf Wache bei meinem Kram hinzuſtellen! Ich denk's wenigſtens.“ Die Fürſtin lachte und fragte dann:„Was führt Sie eigentlich her, Frau? Hat Sie'n Anliegen?“ „Ohne Anliegen werde ich doch unſerer allerfürtreff⸗ lichſten Frau Durchlaucht nicht beſchwerlich fallen? Da hat unſereins zu viel Reputation im Leibe.“ „So ſag' Sie es frei heraus. Sie weiß ja, wenn ich Jemand helfen kann, thue ich's gern.“ „Ja— es iſt nur— das möcht' ich meiner aller⸗ fürtrefflicſſten Frau Durchlaucht ſo unter vier Ohren rapportiren.“ „Iſt's denn ſo gar Fürchterliches?“ 20 „Das gerade nicht; ich habe mich nur heillos dar⸗ über geärgert und möcht's gern vor unſeres gnädigſten Herrn Durchlaucht zur Vermerkung bringen. Meine allerfürtrefflichſte, gnädigſte Frau könnt' es ihm gelegent⸗ lich am beſten ſtecken, denn es wurmt mich nichtswür⸗ dig, daß der Herr Durchlaucht mich, die Frau Binſe, ſo zu ſagen, zum Narren gehabt hat.“ „Ich verſtehe Sie nicht, erkläre Sie ſich deutlicher.“ Ein Blick der Hökerin auf das am Fenſter ſitzende Fräulein ſchien die hohe Frau aufmerkſam machen zu wollen, daß es wohl beſſer ſein dürfte, wenn daſſelbe erſt entfernt werde. „Spreche Sie nur getroſt, Frau, Sie hat ſich nicht zu geniren.“ „Na, wenn meine allerfürtrefflichſte, gnädigſte Durch⸗ laucht das meinen, will ich auch gar nicht lange hin⸗ term Berge halten. Iſt überhaupt nicht meine Sache, bin von der Art, wie mein Binſe von unſerm gnädig⸗ ſten Herrn Durchlaucht immer ſagt: Drauf und dran! und der Satan holt Alles, wenn die Deſſauer anrücken. Ja, das muß man unſerm gnädigſten Herrn laſſen, viel Complimente und Kratzfüße macht er nicht; ſo war er früher, ſo iſt er jetzt noch.“ Frau ABinſe ſchien in dieſer Erinnerung eine be⸗ ſondere Anregung zur Heiterkeit zu finden, ſie lachte 21 laut auf und würde jedenfalls ihrer Suada freien Lauf gelaſſen und aus dem reichen Schatze der Erinnerungen an Vorkommniſſe, wo Seine Durchlaucht ſeine geringe Begabung oder Luſt zu Höflichkeitsäußerungen beſonders an den Tag gelegt hatte, Einiges zum Beſten gegeben haben, wenn die Fürſtin ihr nicht ſofort eine Schranke gezogen und ſie ermahnt hätte bei der Sache zu blei⸗ ben. Nachdem die Hökerin ihre erſte Begegnung mit Doctor Stoll mit allem Aufwand von Aerger geſchil⸗ dert, den ihr die von demſelben ihr angethane Be⸗ ſchimpfung„alter Drache“ verurſacht, fügte ſie ſehr umſtändlich hinzu, wie der gnädigſte Herr Durchlaucht ſie zum Rapport über den Doctor aufgefordert, und als ſie, dieſem Befehle nachzukommen, durch ihren Binſe, mit dem ſie in großen Spectakel deswegen gerathen, weil er es in ſeiner Einfalt als einen großen Verſtoß gegen ſeine militäriſche Reputation betrachtet, Spions⸗ dienſt durch ſie verrichtet zu ſehen, dem Durchlauchtigen habe melden laſſen, wie der Doctor Umgang mit Juden habe, was doch ſicherlich nicht für einen Hofmedicus paſſe, hätte Seine Durchlaucht gelacht wie'n Schieß⸗ vogel und dem Binſe erklärt, daß er ſich da nur einen Jux mit ihr gemacht, um ihr Läſtermaul zur Ruhe zu bringen. „Unſereins iſt nicht hinterm Zaun aufgewachſen“ 22 fuhr Frau Binſe immer heftiger ſich ereifernd fort. „Man hat auch'ne gewiſſe Reputation. Was? Ein alter Drache ſein und dann noch'n Weibsbild, mit dem ſich der Herr Durchlaucht einen Jux macht? Das greift an die Nieren. O meine allerfürtrefflichſte, gnä⸗ digſte Frau Durchlaucht, ich bin eine blutarme Weibs⸗ perſon, aber das kann ich nicht auf mir ſitzen laſſen, das wäre ein Hauptnagel zu meinem Sarge, und eben deswegen komme ich her, um meine allerfürtrefflichſte, gnädigſte Frau Durchlaucht unterthänigſt zu bitten, mir beizuſtehen, daß der Schimpf von mir genommen wird. Es wäre ja ſchauderhaft, wenn ich mir bei jedem Aufſtehen des Morgens und bei jedem Zubette⸗ gehen ſagen müßte: Du biſt keine reputirliche Frau mehr, ſondern'n alter Drache und'ne Perſon, mit der man ſich einen Jux macht.“ „Ich kann da nichts thun, Frau Binſe“, antwortete die Fürſtin.„Was in aller Welt verlangt Ihr Leute nicht Alles von mir! Wenn ich nur die Hälfte von alledem, was ich bei meinem durchlauchtigen Gemahl für Euch durchfechten ſoll, vertreten wollte, ſo würde ich unter allen Frauen in Deſſau die traurigſte Auf⸗ gabe und keine frohe Stunde meines Lebens haben. Ihr Geſuch an mich, Frau Binſe, gehört unter die ge⸗ haltloſeſten und ich weiſe es daher entſchieden zurück. 23* Es iſt ein Mißbrauch meiner Güte, mich mit derlei Allotrias zu behelligen.“ Frau Binſe ſchien von dieſem Niederſchlagen ihrer Hoffnung wie vom Donner gerührt zu ſein. Obwohl mit einem außerordentlich ausgiebigen Mundwerke begabt, fehlte ihr jetzt doch für den erſten Moment die Fähig⸗ keit, ihren Schreck wie ihren tiefen Verdruß auszu⸗ drücken. Indeß dieſe Lähmung, die bei ihr zu den un⸗ gewöhnlichſten Ereigniſſen ihres Lebens zählte, war von keiner langen Dauer. Die Arme in die Seiten geſtemmt, hob ſie an: „Alſo abgewieſen! Soll meine allerfürtrefflichſte, gnädigſte Durchlaucht mit derlei Allotrias nicht behelli⸗ gen? J, das iſt ja ganz prächtig! Na, mir kommt nicht. Durch wen ſoll man denn zu ſeinem Recht gelangen? Hm, möcht's wiſſen. Beim gnädigſten Herrn Durch⸗ laucht? Du meine Güte! Da käm' man recht aus dem Regen in die Traufe. Recht— Recht— nichts als Kinkerlitzchen beim gnädigſten Herrn Durchlaucht, nur er hat Recht, alle andern Leute nicht, das kennt man ſchon. Und' iſt alſo nichts, wenn'n reſpectables Weibsbild ſich grämt, daß es zum Narren gehalten, zum Subject gemacht worden iſt, mit dem man ſich einen Jux ma⸗ chen kann? Recht hübſch das, recht hübſch; aber ich bin nicht die Perſon, die ſo leicht locker läßt, ich will 24 dem gnädigſten Herrn Durchlaucht ſelbſt zu Leibe gehen, daß er ſich wundern ſoll. Wird aufhorchen, der gnä⸗ digſte Herr Durchlaucht, wenn ich ihm ſage, daß der Doctor keinen Unterſchied zwiſchen ſeinen Prinzeſſinnen Töchtern und Judenmariellen macht. Gewiß,'s wird ihm ſpaniſch in die Ohren klingen, zu hören, daß er für die Judenbagage ebenſo gut zu Hauſe iſt wie für des gnädigſten Herrn Prinzeſſinnen, ja daß— ich ſchäme mich ordentlich davon zu reden, weil's ein Skandal vor Gott und der ganzen chriſtlichen Schöpfung iſt— daß ſchon ein paarmal die Prinzeſſinnen und's Gütel vom Rabbiner beim Doctor zuſammen geweſen ſind. Wenn er da nicht mit'ner Schockſchwerenoth drein fährt, will ich—“ „Seine Durchlaucht ſind von der Reiſe zurückge⸗ kommen und ſteigen eben aus!“ rief der Bediente zur Thür herein. Frau Annelieſe erhob ſich ſchnell und verließ in Eile das Gemach. Eine kurze Pauſe folgte, dann ſagte Frau Binſe höchſt ärgerlich:„Da wäre ich doch da geweſen, um unverrichteter Sache wie die Katze vom heißen Brei abzuziehen; aber dem Faſſe ſchlag' ich den Boden aus — ſoll ſich verwundern, der ſchöne Herr Doctor! Wenn auch alle Weibsbilder von ganz Deſſau närriſch auf 25 ihn ſind, ich bin's lange noch nicht. Soll's ſchon noch erleben, was'n alter Drache kann.“ Nach der Entfernung der durchlauchtigen Frau hatte Anna den Stickrahmen beiſeite geſchoben und jetzt, wo Frau Binſe gehen wollte, ſprach ſie mit ſehr un⸗ ſicherer Stimme:„Bleibe Sie doch noch ein wenig.“ „Was iſt denn, mein liebes Fräulein? Ihr ſtehen ja helle Thränen in den Augen!“ „Das kommt vom angeſtrengten Sehen auf die Stickerei“, entſchuldigte Anna, mit dem Tuche ſich über die Augen fahrend. „So?* „Glaubt Sie denn wirklich— aber komme Sie doch näher, gute Frau Binſe, es braucht es ja Niemand zu hören, was wir mit einander ſprechen.“ „Das iſt richtig. Maulaffen ſind immer bei der Hand.“ „Glaubt Sie wirklich, daß der Doctor ein ſo gottloſer Menſch iſt, der— wie ſoll ich's nur ſagen?“ „Na, verſtehe ſchon, bin nicht auf den Kopf ge⸗ fallen. Ich kann's nicht gerade ſagen, daß er die Weibsleute verführen will, aber über den Weg traue ich ihm in der Art auch nicht. Was unſere Prinzeſ⸗ ſinnen anlangt, da denkt er jedenfalls nicht an der⸗ gleichen, da iſt er viel zu geſcheidt; aber die andern 26 — na, da iſt's nicht ſicher. Von einer bin ich's feſt überzeugt, daß er ſie ins Netz gebracht hat.“ „Ahl“ „Das junge Blut thut mir in der Seele leid. Wenn man die retten könnte, ehe es vielleicht zu ſpät wird. Wenn Sie ſich damit befaſſen wollte, Fräulein, könnt's wohl möglich ſein.“ „Was denkt Sie denn, Frau Binſe! Ich kenne ja keine Menſchenſeele in der Stadt.“ „Iſt auch nicht nöthig. Das junge Fräulein iſt bei Hofe, ein zartes Püppchen. Will's Ihr ſagen, wer es iſt; aber reinen Mund gehalten. Man darf der⸗ gleichen nicht an die große Glocke hängen. Es iſt das Geſellſchaftsfräulein von unſerer Prinzeß Amalie.“ „Marie von Rönnenkamp!“ „Den Namen kenne ich nicht; aber vorgeſtern, Sonntag, war ſie mit den beiden Prinzeſſinnen bei ihm. Ich ſtand auf dem Gange und bemerkte ſie in Doctors erſtem Zimmer, wo ſie ſich die Bilder beſah, die er da an den Wänden hat aufhängen laſſen. Ich ſtand hinter einer hölzernen Säule ſo gut gedeckt, daß ſie mich nicht bemerken konnte. Plötzlich kommt der Doctor in aller Eile und ſie redeten ungemein eifrig mit einander. Das Fräulein hatte ihre Hände, als wenn ſie beten wollte, in einander gefaltet zu ihm auf⸗ —-——————— —— hi gehoben. Darauf ſtreckte der Doctor die rechte Hand empor— s ſah faſt aus, als hätte er ihr was zu⸗ geſchworen— dann küßte er ihr die Hände und eilte wieder in die andern Zimmer; ich ſah's aber genau, daß ſich das Fräulein die Augen trocknete, als er fort war.“ Anna gab kein Zeichen von ſich, daß ſie irgendwie von dem überraſcht ſei, was Frau Binſe ihr erzählte, doch plötzlich ſtürzte ein heftiger Thränenſtrom ihr über die Wangen, ſie ſchlug die Hände vor die Augen und lehnte ſich zurück. Frau Binſe war heftig erſchrocken. „Du meine Güte! Was iſt Ihr denn zugeſtoßen?“ fragte ſie, ſchnell zu ihr tretend.„Iſt Ihr übel? Sag Sie's doch, bring' Sie mich doch aus der Angſt.“ „Ich habe mich nicht getäuſcht, er hat einen ab⸗ ſcheulichen Verrath an meinem Herzen begangen“, ſprach Anna leiſe wie in Selbſtvergeſſen. „Der Doctor? Meint Sie den Doctor?“ fragte die Binſe, die es aufgefangen, verwundert. „Jau, antwortete das Fräulein tonlos. „Ach, der gottvergeſſene Ahitophel! Sollte es denn menſchenmöglich ſein, daß er auch Sie berückt hat?“ Anna erkannte ſofort, daß ſie die Frau nicht von hinnen gehen laſſen dürfe, ohne von deren Schweigen überzeugt ſein zu können. 28 „Da ſei das liebe Fräulein ganz ruhig, ich bin ſtumm wie'n Fiſch; aber wenn ich Ihr helfen könnte, weiß Gott, ich thät's!“ „Was verloren iſt, iſt verloren“, äußerte Anna. „Denkt Sie das? Hm, s trifft nicht allemal zu. Man erlebt da curioſe Beiſpiele.“ Eine Pauſe trat ein, dann wisperte Frau Binſe, ganz nahe an ſie herantretend:„Hätte ich meine Karte mit, ſollte Sie's gleich erfahren. Die trifft auf's Haar.“ Anna konnte ſich eines Lächelns nicht enthalten. „Wenn ich Ihr die Karte ſchlage, da kann Sie drauf ſchwören, daß es ſo kommen wird, wie ich's Ihr ſage“, behauptete jene mit Ueberzeugung.„Habe die Kunſt vor mehr als zwanzig Jahren von der alten Deubner gelernt, die vom Rhein her gebürtig war, die hatte es von einer Holländerin profitirt. Der Deubner hat's ſchöne Groſchen eingebracht, aber mein Binſe iſt 'n verrückter Kerl, der's nicht leiden will, daß ich die Karten lege. Na, und bei unſereinem, wo ein Tag ſo hingeht wie der andere, da wär's im Grunde auch lächerlich, wenn man noch auf Beſſeres hoffte. Was kann uns denn noch kommen? Weiß Sie, mein liebes Fräulein, daß ich ſelbſt neugierig wäre, wie die Karte bei Ihr fällt? Denn da muß ſich's zeigen, was der Doctor für Geſinnungen gegen Sie hat.“ d 8 0 29 „Es iſt ja aber vollkommen unmöglich, daß die von Menſchenhänden gemachten Karten ſolche Geheimniſſe, welche von Niemand zur Schau getragen werden, verrathen könnten“, entgegnete Anna; aber in dieſem Zweifel lag der Wunſch, dies Orakel kennen zu lernen, nicht ſo ausgeſchloſſen, daß Frau Binſe nicht eine Auf⸗ forderung darin hätte finden ſollen, die Untrüglichkeit deſſelben ins hellſte Licht zu ſetzen, und das Reſultat ihrer Beſtrebung endete damit, daß Anna ſich entſchloß, wenigſtens, wie ſie ſagte, den Verſuch zu machen. Sehr befriedigt verließ Frau Binſe das Schloß, in welchem durch die Ankunft Herrn Leupold's ſofort ein beweglicheres Leben eingetreten war, denn bei dem alten Herrn war es immer ungewiß, welche Stimmung bei ihm die vorherrſchende ſei; heute jedoch mußte er ſich in ganz beſonders roſiger Laune befinden, denn wie ein Lauffeuer ging's unter der Dienerſchaft herum, der Durchlauchtige habe den prächtigſten Sonnenſchein mit⸗ gebracht, und es ſei nichts von ihm zu fürchten. Der Kammerdiener Jakob Kältſch war ſofort nach der Ankunft mit ſeinem Herrn von dieſem zu ſeiner Familie entlaſſen worden, eine Gnadenbezeigung, die ganz außergewöhnlich war, und der Schloßgärtner, der zufällig bei einem Gange durch den Garten nach den Fenſtern des alten Herrn hinaufgeblickt und, als er 30 dieſen mit ſeiner Gemahlin an einem derſelben be⸗ merkt, ſeine Mütze tief herabgezogen, hatte von dem Durchlauchtigen ein recht freundliches Kopfnicken darauf erhalten. Frau Annelieſe blieb ſehr lange bei ihrem Gemahle, und als ſie in ihre Zimmer zurückkehrte, war auch ſie ſehr heiter und in dieſer günſtigen Stimmung vergaß ſie ganz den Unmuth, den Anna, welche ſie noch bei der Stickerei fand, in ihr hervorgerufen hatte. „Höre Sie auf mit der Arbeit“, ſagte ſie gütig, „es hat keine Eile damit.“ Anna gehorchte. Die Fürſtin war an die Stickerei herangetreten und betrachtete ſie. „Das iſt ja naß“, ſagte ſie, auf eine Stelle der Stickerei deutend, und das Geſicht nach ihr wendend, rief ſie erſtaunt:„Sie hat geweint? Da perlt noch ein Tropfen an Ihren Wimpern. Aber Anna, was iſt denn das mit Ihr? Das erſchreckt mich. Seit einiger Zeit bemerke ich, daß Sie nicht mehr ſo heiter wie ſonſt iſt. Hat Sie einen Gram, ſo ſpreche Sie ihn doch aus. Sehe Sie mich für Ihre Mutter an, vor der Sie doch gewiß Ihr Herz aufſchließen würde.“ Ueberwältigt von dieſer Anſprache ſank Anna zu ihren Füßen nieder.„Meine gütigſte, gnädigſte Frau ————— glücklich!“ rief ſie. „Aber Ihr Unglück muß doch einen Grund haben! Rede Sie davon.“ 4 „Der Doctor“, ſtammelte jene; aber zum Aus⸗ ſprechen kam ſie für jetzt nicht, denn die hohe Frau fragte lächelnd:„Da ſitzt alſo das Uebel? Nun, da wird es bald zu heilen ſein.“ „Nein, nein, es iſt eben nicht mehr zu heilen; ich bin ihm nichts mehr, er liebt mich nicht mehr.“ „Woher weiß Sie das?“ Sichtbarer Schreck durchfuhr Anna's Geſtalt. Wie ſollte ſie das eben Ausgeſprochene beweiſen, ohne zu verrathen, daß ſie ihn mit Marie von Rönnenkamp im Garten belauſcht habe? Ihre Eigenliebe empörte ſich gegen das Geſtändniß, daß ſie die kenne, welche er ihr vorzöge.„Er iſt nicht mehr ſo herzlich, oft zerſtreut“, ſtammelte ſie, um nur etwas zu ſagen,„und die Frau Binſe—“ „Laſſe Sie die alberne Perſon aus dem Spiele“, ſiel ihr die hohe Frau ins Wort.„Ich will nichts von dieſer hören. Kann Sie nichts Beſſeres aufbringen für Ihre Ueberzeugung, daß der Doctor ſeine Geſin⸗ nungen gegen Sie geändert hat, ſo iſt Sie zu be⸗ klagen, daß Sie ſich Phantaſien hingibt, welche ganz Durchlaucht, ich bin recht unglücklich, recht ſehr un⸗ 32 haltlos ſind. Glaubt Sie denn, ein Doctor habe nicht zu denken und zu ſorgen, wenn er ſeinem Berufe richtig vorſtehen will? Und daß der Stoll ein rechter und gewiſſenhafter Arzt iſt, das iſt ſchon ſtadtbekannt. Sie aber iſt eine kleine Närrin, nichts weiter.“ Anna ſtand vor ihr, das Geſicht niedergeſenkt auf den Buſen. Die Fürſtin legte die Hand auf ihre Schulter und redete nach einer kleinen Pauſe freund⸗ lich zu ihr: „Meine Liebe, das Allerſchlimmſte, was uns wider⸗ fahren kann, iſt, wenn wir uns ſelbſt täuſchen und unſere falſchen, irrigen Anſchauungen für unfehlbar halten. Wir verſchließen uns auf dieſe Weiſe der Wahrheit und thun dadurch gegen uns mehr Böſes, als unſer erzürnteſter Feind gegen uns verüben könnte. Und nie iſt ein ſolcher Irrthum gefährlicher, als wenn er ſich zwiſchen zwei Herzen drängt, die einander fürs Leben angehören ſollen. Denke Sie ſich eine Blume, deren feine Wurzeln von einer ſchnöden Hand bloß⸗ gelegt werden. Der ſchützenden und zugleich ſie nähren⸗ den Erde beraubt, muß ſie eingehen, die Bedingungen zu ihrem Leben ſind ihr genommen. Die welkende Blume aber und die welkende Liebe ſind ſich gleich. Beide wären zu retten geweſen, wenn die Blume wieder Erde, die Liebe wieder im Herzen Feſtigkeit gewonnen hätte. Selbſt Fehler und Schwächen deſſen, den wir lieben, dürfen uns nicht zur leichtſinnigen Trennung veran⸗ laſſen. Das Weib hat vom Schöpfer eine Weihe der Kraft empfangen, die es zum Dulden, zum Ertragen befähigt, und das allein iſt unſer Sieg, unſere Ehre vor Gott und Menſchen. Bewahre Sie Ihre Liebe als größtes Kleinod, lege Sie deren Wurzeln nicht mit eigener Hand bloß. Geht Ihr dies Kleinod verloren, ein zweites findet ſie ſchwerlich wieder. Gehe Sie nun und rufe Sie Fiekchen aus dem Garten. Sie ſoll ihren gnädigſten Großpapa begrüßen.“ So heiter und wohl gelaunt, wie Herr Leupold ſich heute zeigte, war er ſeit langer Zeit nicht ge⸗ weſen. Er war zu Scherzen aufgelegt, die weder nach ſeiner gewöhnlichen Art unter die Rubrik„hänflich“ gehörten, noch in jenem Tone gehalten waren, der dem, welcher die Ehre genoß, Gegenſtand derſelben zu ſein, eine Anwandlung von Zähneklappern brachte. Der Schloßhauptmann von Micheln ſtattete ihm Rapport über alle Vorkommniſſe während ſeiner Abweſenheit ab, und in Wahrheit war es wohl der dürftigſte, der Seiner Durchlaucht je vor Augen gekommen. „Weiß Er, mein lieber Micheln“, ſagte der alte Herr, „ich habe Luſt, ein Nonnenkloſter in meinem Deſſau zu ſtiften, und da ſoll Er als Pater Guardian inſtallirt Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. III. 3 34 werden. Hübſch alt iſt Er, bockſteif obendrein und ſo denke ich das Nonnenvolk gut bewahrt zu haben.“ „Eure Durchlaucht könnte man zu ſolchem Poſten allerdings nicht verwenden“, antwortete der alte Schloß⸗ hauptmann grob. Herr Leupold lachte unbändig.„Er macht mir ver⸗ fluchte Flattuſen“, rief er. „Wahrheit iſt gut Ding.“ „Schon recht; aber vor meiner Gemahlin möcht's doch beſſer ſein, derlei nicht hören zu laſſen. He?“ „Wer Teufel wird da von Eurer Durchlaucht Schleichpatrouillen reden!“ Der Veteran erzählte den Schloßleuten, welche mit ihm zu verkehren hatten, daß Seine Durchlaucht heute ganz apart gemüthlich ſei, und in dieſes Lob ſtimmte auch der Accisrath Schmackpfeffer ein, der bald nach dem rapportirenden Schloßhauptmann ſich hatte melden laſſen, um dem gnädigſten Landesherrn Rechnung über die Acciſe abzulegen, eine Angelegenheit, die jederzeit deſſelben größte Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Es konnte unmöglich einen ängſtlichern Oberbeamten als dieſen Accisrath geben, denn der unerwartete Ausfall eines oder gar mehrerer Einnahmepoſten machte das körperlich kleine Männchen ſo niedergeſchlagen, daß ihm faſt die Stimme verſagte, wenn er von dieſem triſten 35 Umſtand Herrn Leupold Bericht abſtatten mußte. Heute indeß hatte er die große Befriedigung, Seiner Durch⸗ laucht von einer höchſt günſtigen Acciſe⸗Einnahme Mel⸗ dung machen zu können. „Er heißt Matthäus Schmackpfeffer, nicht wahr?“ fragte Herr Leupold plötzlich. „Ich unterfange mich unterthänigſt ſo zu heißen.“ In dem etwas zitternden Tone des kleinen Rathes lag offenbar die Beſtürzung ausgedrückt, die dieſe Quer⸗ frage, welche mit der Acciſe in gar keiner Verbindung zu ſtehen ſchien, bei ihm bewirkte. Wo das hinaus ſollte, begriff er nicht. „Den Leuten, die Acciſe zahlen müſſen, mag Er jedenfalls ein Pfeffergeſchmack ſein und denken ſie wohl: Hol' ihn der Satan!“ „Wenn nur meines gnädigſten Herrn Durchlaucht nicht ſo denken, bin ich ſehr glücklich“, verſetzte der Rath, ſich tief verbeugend. „Nein, nein, bleib' Er ſo ein Geſchmack, kann ihn ſehr gut vertragen“, antwortete der alte Herr lachend. Herr Schmackpfeffer fühlte ſich außerordentlich ge⸗ hoben durch den Scherz ſeines gnädigſten Herrn, durch den heute überhaupt der ſchöne Spruch Salomonis: „Wenn des Königs Angeſicht freundlich iſt, das iſt Leben; und ſeine Gnade iſt wie ein Abendregen“, zur 3⸗ 36 vollſtändigſten Wahrheit gelangte, denn die Dienerſchaft glich im vollen Sinne des Wortes den von ſanftem Abendregen erquickten Wieſenblumen, die ihre unter dem Druck großer Hitze gebeugten Häupter wieder ſtolz und frei aufrichten. Die Ueberzeugung, dem jungen König unentbehrlich zu ſein— wenigſtens ſprach die überraſchend ſchnell erfolgte Beſtätigung Herrn Leupold's in allen ſeinen hohen Aemtern und Würden ganz dafür, daß an eine Aenderung des bisherigen Syſtems nicht zu denken ſei— hatte letztern ſo heiter geſtimmt, daß er Alles, ſelbſt das, was ihn zu anderer Zeit in Zorn gebracht haben würde, überſah und wohlgelaunt blieb. Im Kreiſe ſeiner Fa⸗ milie liebte er es in guten Stunden, ſich mit ſeinen Söhnen oder Töchtern zu necken. Waren ſeine Späße dann auch nicht ſo feiner Art, daß ſie anderswo als hoffähig anerkannt worden wären, ſo entbehrten ſie doch nicht jenes Anſtrichs von Gemüthlichkeit, der mit ſeiner rauhen Manier verſöhnte. Die Mittagstafel ſollte im Rondel abgehalten werden. Mit ſeiner Gemahlin am Arm promenirte er, ehe ſich zum beſtimmten Glockenſchlag die Familienglieder einfanden, auf und ab. Wie hatte die Zeit an beiden ſo verſchieden ihre Macht geübt! An ihm war Alles ſo feſt noch, daß man ihn am —— —„·„ 37 Berliner Hofe gar nicht mit Unrecht die alte eiſerne Durchlaucht nannte. Stramm in ſeiner Haltung, ver⸗ rieth nichts, daß er ſchon innerhalb der Schranke der ſechziger Lebensjahre, ſeinem eigenen Ausdrucke gemäß, marſchirte. Kaum merkbar war der Anflug von Grau in ſeinem Haar, das er ebenſo ungenirt wie ehedem trug, nämlich an den Seiten ſchlicht und zwanglos herabhängend, am Hinterkopf aber in einen dicken Bandzopf eingebunden. Obwohl dieſe Mode, von ihm ſelbſt erfunden, ſich als Muſter ziemlicher Geſchmack⸗ loſigkeit darſtellte, ſo überwog ſie doch ihrer Natürlich⸗ keit wegen an Werth jene ſuperfeinen Perrücken, welche lächerlicherweiſe damals als Zierde des männlichen Hauptes galten und theures Geld koſteten. So, mit dem dicken Bandzopfe und den langen Loden an beiden Seiten, hatten ihn ſeine Grenadiere vor vierzig Jahren an ihrer Spitze geſehen, alle Furcht und Gefahr ver⸗ achtend und dem dräuenden Tode muthig auf den Leib rückend, ſo ſahen ſie ihn heute noch, und darum war er ihnen der„Alte“, eine Fleiſch und Bein gewordene Tradition in den Erinnerungen aus jener Zeit blutiger Schlachten, wo unter ſeiner Heldenführung der Ruhm des preußiſchen Heeres die Grenzen Deutſchlands überflog. Und an ſeiner Seite, der die Kraft und Feſtigkeit eines Mannes im weiteſten Sinn des Wortes reprä⸗ — ——· — 38 ſentirte, ſchritt Frau Annelieſe hin, noch ſchön und an⸗ ziehend ſelbſt in ihrem Matronenthume. Hatten die vierundſechzig Lebensjahre ihren Geſichts⸗ zügen auch das veränderte Gepräge des Alters gegeben, ſo trat es doch überzeugend vor Jedermanns Auge, daß ſie einſt ſchön geweſen. In ihrem Antlitz ſprachen ſich klarer Verſtand und Milde aus. Wie dieſe Eigen⸗ ſchaften ihrer Erſcheinung eine gewiſſermaßen ehrfurcht⸗ gebietende Schönheit und Würde verliehen, ſo übte die edle Ruhe in ihrem Antlitz, ihr ſanftes, von keiner Un⸗ ſicherheit beirrtes Weſen eine Anziehungskraft aus, daß Jeder, der mit ihr in Berührung kam, unbedingtes Ver⸗ trauen zu ihr ſchöpfte. Wer ihre bürgerliche Geburt nicht kannte, mußte ſie in fürſtlicher Hoheit geboren glauben, während der an ihrer Seite hinſchreitende Gemahl nur den Eindruck eines Gewaltigen machte, dem wahrhaft fürſtliches Weſen mangelte. Jedenfalls hatte dieſe ſo offenbare Verſchiedenheit in beider Erſcheinung unter den Mißvergnügten— und deren gab es im kleinen Deſſauer Lande in hinreichen⸗ der Menge— jene Sage erzeugt, nach welcher Herr Leu⸗ pold nicht der geborene Erbprinz, ſondern der Sohn des Apothekers Föhſe, deſſen Tochter Anna Louiſe oder Annelieſe aber die rechte und echte Tochter des Fürſten Johann Georg II. und der Gemahlin deſſelben, einer — ——44 K —, —— 39 oraniſchen Prinzeß, ſein ſollte, welche letztere ihrem Ge⸗ mahle acht Töchter hintereinander geboren, ein Kinder⸗ ſegen, der in einem fürſtlichen Hauſe ebenſo gut wie in dem eines Bürgers oder Bauers als ein Unſtern be⸗ trachtet werden muß. Um Deſſau nicht an die Agnaten fallen zu laſſen, was unter allen Umſtänden geſchehen ſein würde, wenn kein Prinz aus Johann Georg’s Ehe vorhanden, ſei der dem Apotheker Föhſe zu gleicher Zeit, als die Niederkunft der Fürſtin erfolgte, geborene Sohn ſtatt der als neunten Fürſtentochter geborenen Prinzeß untergeſchoben, dieſe im Apothekerhauſe, jener im Schloſſe erzogen worden. Das öftere Verlangen der Fürſtin⸗Mutter, ihr Kind zu ſehen, wäre die Urſache geweſen, daß Annelieſe ins Schloß gekommen, wo ſich ſchon in zarter Kindheit zwiſchen ihr und dem fürſtlichen Unband, dem von ſeiten ſeines von dieſem Tauſch nicht unterrichteten, aber im Beſitz eines männlichen Erben ſich glücklich fühlenden Vaters jeder Wille gelaſſen worden, ein inniges Verhältniß angeſponnen, das in beider Herzen tiefe, unausrottbare Wurzeln geſchlagen habe. Die Geburt einer zehnten Prinzeß ſchloß den fürſtlichen Eheſegen, gab aber allen denen, welche an die Wahr⸗ heit der erwähnten Sage glaubten, gleichſam einen Vorſchub mehr dafür. 40 Herrn Leupold's ungeſtümes, jähzorniges Weſen, ſeine rauhe, nicht ſelten in Rohheit übergehende Willkür, unter der ſo Viele ſich in ihren heiligſten Rechten ſchwer ver⸗ letzt ſahen, dagegen die feine, gebildete und allen wohl⸗ thuende Weiſe Frau Annelieſens, ihr wirklich fürſtliches Weſen machten es plauſibel genug, die Mär als eine ſich in ſo ſichtbaren Gegenſätzen kundgebende Beglaubi⸗ gung des Kindertauſches anzunehmen. Ja, man er⸗ zählte ſich, daß die verſtorbene Fürſtin⸗Mutter Frau Annelieſe auf dem Todtenbette ein Document übergeben, das den Beweis ihrer hohen Geburt enthalten habe, von dieſer aber ſofort in das lodernde Kaminfeuer ge⸗ worfen worden ſei. Wenn man durch dieſes angebliche Gebaren der Gemahlin Herrn Leupold's deren angeborene fürſtliche Hoheit beweiſen zu können glaubte, ſo war dies inſofern ein Irrthum, als man dadurch nur den hohen Werth ihres Herzens in das rechte Licht ſtellte. Man heiligte dadurch ihre Liebe zu ihrem Gemahl, indem man die⸗ ſelbe als einen Ausfluß der Erkenntniß darſtellte, daß in deſſen rauhem, ja oft zur Grauſamkeit ſich neigendem Charakter ſo viel gleichſam unter Geröll verborgenes Gutes geweſen, daß ſie nicht von ihm laſſen mögen. Die Thatſache, daß er ſich in wichtigen Dingen von ihr leiten ließ, glaubte man ebenfalls als Beweis ſeiner 41 herkömmlichen Unterordnung unter ſie aufſtellen zu können. Selbſtverſtändlich flüſterte man ſich dieſe Sage nur unter dem Siegel des Vertrauens zu, der Fürſt würde jedenfalls an dem, der ihm als Verbreiter dieſes Ge⸗ rüchts bekannt geworden wäre, einen Mord verübt haben. „Da kommt die Malia und der Hofmedicus“, be⸗ merkte Herr Leupold und fügte lachend hinzu:„Iſt'n ſtattlicher Kerl, der Doctor. Wenn er nicht ſo gut curiren könnte, müßte er mir unter meine Hallenſer. Will'’n Hundsfott ſein, wenn er's in ein paar Jahren nicht zum Feldwebel gebracht hätte.“ „Vor der Hand wünſche ich, daß er zu dieſer Verwandlung keine Luſt empfindet, denn ein geſchickter Arzt iſt nicht weniger werth als ein ſiegreicher Feld⸗ herr.“ „Annelieſe, biſt Du toll?“ rief der alte Herr.„Willſt Du mich degradiren?“ „Fällt mir nicht ein, ich bin ja ſtolz auf meinen Helden.“ Und dabei flog ein ſo freundlicher Blick auf den ſie Führenden, daß dieſer halb lachend, halb ernſt ausrief:„Schwerenoth, Annelieſe, ſieh mich nicht ſo an. Das hält der Teufel nicht aus. Na, na, ſei ruhig, ſoll nicht Feldwebel werden, der Doctor, ſoll curiren, 42 was das Zeug hält, auf Ordre meiner allergnädigſten Frau Annelieſe.“ Einen ſtärkern Beweis von Zärtlichkeit hätte der Gewaltige ſeiner Gemahlin nicht geben können, als daß er galant ihre Hand küßte. Die Prinzeß und ihr Begleiter ſchienen in ein ſie ſehr beſchäftigendes Geſpräch verwickelt, welches ihre Aufmerkſamkeit gänzlich von dem, was ſie umgab, ab⸗ lenkte. Das plötzliche Commando:„Halt!“ erſchreckte die Prinzeß, welche die Augen vor ſich auf den Boden gerichtet hatte, ſo ſehr, daß ſie zuſammenfahrend mit beiden Händen den Doctor anfaßte, als verlange ſie von ihm Schutz. Der Doctor ſelbſt hatte den mit ſeiner Gemahlin an die Seite getretenen alten Herrn kaum einen Augenblick vor dem wie Donner aus deſſen Munde hervorgehenden Commando erblickt, was die Ur⸗ ſache war, daß er keinen Schreck kund gab, ein Umſtand, den Herr Leupold höchſt beifällig aufnahm. Scherzend bemerkte er gegen Frau Annelieſe: „n prächtiger Feldwebel, he? Ja, kenne meine Leute. Hundert andere Sakermenter wären, wie von einer Bombe ungeriſſen, zurückgeprallt, der nicht, der nicht. Freut mich von Ihm, Doctor. Aber Malia, pfui Teufel! iſt das ein Benehmen für'ne Soldatentochter?“ „Ich muß meinem allergnädigſten Vater bemerken, daß ich feſt überzeugt bin, daß der Bär, welcher die Ehre hat, unſeres anhaltiniſchen Hauſes Stammvater zu ſein, nicht um einen Deut weniger erſchrocken wäre als ich“, antwortete die Prinzeß.„Solche liebliche Ueberraſchungen würden ſelbſt für ihn zu ſtark ſein.“ Dieſe Antwort war ſo ganz im Geſchmacke Herrn Leupold's, daß er laut auflachte.„Nun, wenn hei⸗ rathen wir, Malia?“ fragte er dann gutgelaunt. „Da ich jedenfalls die allein ſein werde, an die das Heirathen kommt, ſo will ich's abwarten, bis der Rechte ſich eingefunden.“ „So? Wann iſt das?“ „Je nun, allergnädigſter Papa, wer kann's wiſſen!“ Der Fürſt ſchwieg, es war ſichtbar, daß etwas ſein Denken beſchäftigte.„Wenn's ein Bär, wie unſer Ahn⸗ herr Albrecht einer geweſen, ſein könnte, wäre mir's lieb“, ſagte er dann, und ſich zum Doctor beſonders wendend, fragte er:„Er weiß das vielleicht nicht, Doctor, daß unſer askaniſches Haus in frühern Zeiten Stimm' und Schwert in Deutſchland in die Wagſchale werfen konnte? Das brandenburger Kurfürſtenthum und das in Sachſen und die lauenburger Herzoge ſind askaniſchen Urſprungs geweſen und von all der Herr⸗ lichkeit iſt eben nur mein Anhalt geblieben. Das ſind ſchöne Erinnerungen in Fürſtenhäuſern, von deren 44 Werth Ihr bürgerlichen Leute freilich den Teufel ver ſteht.“ „Wir haben dafür andere Rückblicke in die Ver⸗ gangenheit, die gewißlich ebenſo herzerhebend ſind, Durchlaucht“, antwortete Doctor Stoll. „Möcht' ſie kennen.“ „Alles, was Großes und Erhabenes für die Menſch⸗ heit, für deren Bildung und Wohlſtand gewirkt wurde und noch gewirkt werden wird, iſt jederzeit aus dem Volke hervorgegangen. Die Fürſten legten ihre Schwerter in die Wagſchale, die Völker die Summe ihrer Kennt⸗ niſſe. Die Schwerter wurden ſtumpf, die Kenntniſſe, der Geiſt leben aber heute noch fort.“ „Er iſt'n Schwerenöther“, entgegnete der alte Herr, ohne indeß eine Spur von Verdruß zu verrathen.„Ich meine nur, in bürgerlichen Familien gibt's nicht ſolche Erinnerungen wie in Fürſten⸗ oder Adelshäuſern. Ich zum Beiſpiel bin ſtolz auf einen Helden meines Hauſes, über den ich mir zuweilen vorleſen laſſe. Das war der Wolfgang von Anhalt. Der hatte, wie ſein Schwager, der ſächſiſche Kurfürſt, den ſie Johann den Beſtändigen nannten, das Augsburger Bekenntniß unterſchrieben, und als der Schmalkaldner Bund gegen den Kaiſer zog, ſagte der ehrliche Wolfgang:„Ich hab' ſo manchen ſchönen Ritt Andern zu Gefallen gethan, warum ſoll 45 ich denn nicht, wenn es von nöthen iſt, auch meinem Herrn Jeſus Chriſtus zu Ehren mein Pferd ſatteln?“ Und ſo that er, zog mit gegen den Kaiſer Karl; aber in der verlorenen Schlacht bei Mühlberg rettete er nur mühſam ſein Leben und mußte flüchtig werden. Als er mutterſeelenallein auf müdem Roß über den Markt in Bernburg hintrabte, da war ihm nicht zu Muthe wie einem, der Alles verloren, ſondern er ſtimmte luſtig unſeres Herrgotts Dragonermarſch an: Ein' feſte Burg iſt unſer Gott. Sieht Er, Doctor, das iſt eine Erinnerung, die in der Familie forterbt. Meine 8 Prinzen kennen ſie und haben Wolfgang lieb, weil er 'ne rechte Zierde unſeres Hauſes geweſen.“ Und als ob ihm ein luſtiger Gedanke einfalle, lachte er plötzlich hell auf und fügte hinzu:„Die Päpſtler freilich haben ihn zu allen Teufeln gewünſcht, weil er 'n Grobmaul war, der den Hinz nicht Kunz titulirte, ſondern ihn Hinz nannte und deswegen, als er nach Jahren, aus der Acht entlaſſen, in ſein Land zurück⸗ . kehrte, laut genug, daß es alle hörten, die Ohren hatten, äußerte:„Ich bin jetzt alt und arm, aber tauſend Gülden gäb' ich, wenn ich einen Papſt hängen könnte.““ „Das war allerdings ein Wunſch, den Niemand für eine Liebeserklärung anſehen wird“, äußerte der Hof⸗ medicus lächelnd. 46 „Meines allergnädigſten Papas Durchlaucht dürfen aber auch die anhaltiniſchen Heldenfürſten aus dem dreißigjährigen Kriege, die beiden Chriſtiane, Vater und Sohn, nicht vergeſſen“, bemerkte Prinzeß Amalie. „Oho! Oho! Meine Malia ſpricht ja wie ein Halle⸗ ſcher Profeſſor!“ rief der alte Herr.„Sie hat aber Recht. Die Chriſtiane waren Männer aus dem Ganzen ge⸗ ſchnitzt, die das Drauf und dran zu ihrem Morgen⸗ und Abendſegen gemacht hatten.“ „Und wenn wiederum hundert Jahre vergangen ſein werden, wird Eurer Durchlaucht Name in der deutſchen Geſchichte als Denkmal für die Nachkommen ſich dem Gedächtniß genannter anhaltiniſchen Heldenfürſten an⸗ reihen“, fügte der Doctor ſich verneigend hinzu. Der alte Deſſauer blickte eine Weile vor ſich hin. Sein dunkles Geſicht trug jetzt den vollſtändigſten Aus⸗ druck einer ihn ausſchließlich beherrſchenden wohlthuen⸗ den Empfindung, jene glückliche Nachdenklichkeit nämlich, die, wie ſchon erwähnt, in ſeinen ältern Lebensjahren öfter als früher bei guter Stimmung hervortrat. Wie heiter gelaunt er ſein mußte, davon legte er ſogleich Zeugniß ab, indem er lächelnd dem Doctor die Mah⸗ nung zum Angehör gab: „Da ſorge Er aber ja dafür, daß die Geſchichte vom Bettelvogt nicht mit in das Buch kommt, denn's wäre 47 doch zur Schwerenoth, wenn ich als ein ſolcher nichts⸗ nutziger Tagedieb noch nach hundert Jahren paradiren ſollte.“ „Zur Tafel, gnädigſter Großpapa!“ jubelte jetzt mit einem Male Fiekchen's Stimme vom Rondel her. „Da heißt's Ordre pariren!“ rief der alte Herr lachend.„Vorwärts! Prinzeß Trudel darf nicht warten. Doctor, Er iſt mein Gaſt,'s langt ſchon noch für Ihn mit.“ Und das kleine, ihm in großen Sprüngen ent⸗ gegeneilende Fiekchen mit einem Schwunge auf den Arm hebend, fragte er:„He, kleine Hummel, wie ſingen die Deſſauer Soldaten? Los damit!“ Ohne ſich lange bitten zu laſſen, hob ſein Enkel⸗ kind mit feinem Stimmchen an: „Friſch drauf und dran! Friſch drauf und dran! Wir woll'n den Feind kuranzen, Daß er an den Deſſauer denkt ſein Tag.“ Herr Leupold fiel mit ſeiner gewaltigen Stimme ein, und kaum hörten ſeine im Rondel ſich befindenden Prinzen den väterlichen Lieblingsmarſch ertönen, als auch ſie ihre Stimmen mit beimiſchten und, ſich neben einander aufſtellend, ihn mit militäriſchen Honneurs empfingen. Das war ſo recht zum innigſten Ver⸗ gnügen des alten Herrn, und Prinzeß Amalie flüſterte lächelnd dem an ihrer Linken hinſchreitenden Doctor zu: 48 „So mäuschengut hab' ich meinen gnädigſten Papa lange nicht geſehen.“ Und das war auch der Fall, denn ſeine Augen glänzten vergnügt beim Ueberblicken der Theilnehmer an der Tafel, die wohl reichlich, aber nicht mit Lecker⸗ biſſen beſetzt war, welche er als ſparſamer Haushalter der Geldkoſten wegen nicht liebte. Man ſah da nur Gerichte, die unter die Rubrik„derbe Hausmannskoſt“ gehörten. Geſottenes und Gebratenes gab es eben nicht alle Tage, dafür aber ein tüchtiges Stück kräftiges Rind⸗ fleiſch mit Gemüſe, und ſeine Lieblingsſpeiſe, Schinken mit Spinat, war täglich zu finden, ſolange die Zeit des letztern dauerte. Schmauſereien kamen ſelten vor; war es jedoch der Fall, ſo ließen dieſelben niemals die Erwartung unbefriedigt, welche man an den Be⸗ griff Schmaus zu ſtellen berechtigt iſt. Auch dem Weingenuß, worin ehedem der Durchlauchtige Außer⸗ ordentliches geleiſtet, ward nur noch in ſehr beſchränkter Weiſe gehuldigt. Herr Leupold gab darin merkwürdiger⸗ weiſe in ſeinen vorgerückten Jahren das Beiſpiel einer Selbſtbeherrſchung, das ſelbſtverſtändlich allen mit ihm Speiſenden zur Norm diente. Nach dem gebräuchlichen kurzen Gebete nahm die Familie Platz, und der Hofmedicus, welcher heute die Stelle des als täglicher Gaſt bei der Tafel erſcheinenden 49 Jugendfreundes Seiner Durchlaucht, des Geheimraths Johann Georg von Raumer, der einen Ausflug nach Leipzig unternommen, ausfüllte, erlebte in Wahrheit eine inhaltreiche Stunde, denn der alte Herr erzählte ſo Manches von ſeinen Erlebniſſen und zugleich ent⸗ behrte die Unterhaltung alles ſteifen Formenzwanges. „He, Doctor, jetzt gebe Er auch was zum Beſten, aber ohne Kinkerlitzchen. Er ſieht, hier parlirt Jeder, wie ihm der Schnabel gewachſen iſt“, lautete Herrn Leupold's Aufforderung. „Durchlaucht, meine Erlebniſſe dürften vielleicht nicht der Art ſein, daß ſie Jedem intereſſant erſcheinen.“ „Losgelegt! Ganz einerlei. Wer aus der Reſidenz Dresden gekommen iſt, muß die Taſche voll Neuigkeiten haben und die Doctors ſind ja Kerls, die ihre Naſe überall hinſtecken.“ Loszukommen war da nicht, und der Hofmedicus fand zum Glück einen höchſt dankbaren Stoff, indem er aus dem Sybaritenleben des allmächtigen Miniſters Brühl Einiges auftiſchte, das die allgemeine Neugier befriedigte. „Ja, ja, dort iſt's Schlampampen zu Hauſe“, ſagte am Schluſſe der alte Herr,„und eine Menge Hunds⸗ fötter gibt's dort, die ſammt und ſonders den Galgen verdienen. Mein höchſtſeliger königlicher Freund in Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. III. 4 3 4 4 50 Berlin hätte da nicht hingepaßt, und ſollte ich dort hauſen, trügen entweder die Cujons oder ich die Schwerenoth davon.“ Am nächſten Morgen reiſte Herr Leupold mit ſeinen Söhnen nach Potsdam, um der Beiſetzung der Leiche des verſtorbenen Königs beizuwohnen. — — Zweites Kapitel. So traurig auch die Veranlaſſung war, welche den alten Deſſauer nach Potsdam führte, ſo fand er doch in der ihm von dem neuen Monarchen gewährten Be⸗ ſtätigung in ſeinen bisher bekleideten hohen Aemtern und Würden eine Befriedigung ſeiner Ehrſucht, welche den Kummer über den Tod ſeines beſten Freundes ihm leichter tragen half, als er es ſelbſt für denkbar gehalten hatte. Es erſchien ſo einleuchtend, daß ſeine Macht, ſein Einfluß unter dem neuen Verhältniſſe nur noch mehr erhöht werden müſſe, da Niemand in dem jungen König einen hervorſtechenden kriegeriſchen Hang ver⸗ muthen konnte. Und dieſer Anſchein verwirklichte ſich auch ſcheinbar, denn deſſen erſte Regierungshand⸗ lungen ließen ſo wenig auf eine kriegeriſche Nei⸗ 4* 52 gung ſchließen, daß die alten Generale heimlich darüber lachten. Was ſollte die Zurückberufung des großen deutſchen Philoſophen und Mathematikers Wolf, welchen der verſtorbene König bei Strafe des Stranges im Falle der Wiederkehr aus dem Lande gewieſen, dem großen Ganzen nützen? Was der an Herrn von Maupertuis, den berühmten franzöſiſchen Mathematiker, ergangene Antrag, die Präſidentenſtelle an der Berliner Akademie zu übernehmen, beſonders Gutes bezwecken? Und nun gar das noch als Embryo beſtehende Project des Königs, durch die Berliner Buchhändler Haude und Spener eine neue Zeitung, die„Berliniſchen Nachrichten von Staats⸗ und gelehrten Sachen“, herausgeben zu wollen! In Herrn Leupold's Augen waren das freilich nur Kinkerlitzchen und Fortſetzung der Rheinsberger Spiele⸗ reien, die im Ganzen für ihn ſelbſt keine Gefahr hatten, weil ſie ſo weit ablagen von Allem, was zum militäri⸗ ſchen Bereich gehörte. All dies Nichtige verſchwand unter dem durch das Leichenbegängniß übermächtig aufs neue hervorgerufenen Schmerz um den Verluſt ſeines königlichen Freundes. Wenn die bei dieſer Gelegenheit aus Vieler Augen fließenden Thränen ihrem Werthe nach hätten gewogen —— 53 werden ſollen, ſo würden die einzelnen großen Zähren, die dem alten Deſſauer über die Wangen niederrollten, die ſchwerſten geweſen ſein, denn in dieſer Stunde fühlte er den Verluſt, den er erlitten, ſo hart, als begrabe er ſein eigenes Lebensglück. Zwiſchen ihm und dem Herzog von Holſtein⸗ Beck ſchritt der junge König, in deſſen Antlitz eine Todtenruhe lagerte und jeden ſeiner Geſichtszüge in ſchwerem Bann gefeſſelt hielt, hinter dem Sarge her. Als die Trauerfeierlichkeit beendet war und in der Garniſonkirche es immer ſtiller und ſtiller wurde, die Glockenklänge längſt aus dem Ohre geſchwunden, die Ehrenſalven der Potsdamer Rieſen in die Lüfte zer⸗ ſtiebt, die gedämpften Trommelwirbel verklungen waren, da gewann das Antlitz des jungen Königs wieder Leben, aber auch die Thränen Herrn Leupold's trockneten, und allmälig fiel ein Irrthum nach dem andern von ihm ab. Das neue Königsregiment ließ ſich von Tag zu Tage mehr und zwar in der überraſchendſten Weiſe verſpüren. Gleich einem Blitzſchlag, der unerwartet vor einem Wanderer in den Erdboden fährt, traf Herrn Leu⸗ pold die von dem jungen König erlaſſene Ordre, eine humanere Behandlung bei den Truppen eintreten zu laſſen, und das mit dieſer Weiſung verbundene 54 Verbot des unmäßigen Schimpfen und Schlagens. Die hohen Offiziere erſtarrten ob ſolcher Neuerung. Man verſuchte darüber zu lächeln, dieſe Menſchlichkeits⸗ anwandlung der neuen Majeſtät erſchien als die bekla⸗ genswertheſte Frucht ſeiner luſtigen Rheinsberger Stu⸗ dien. War der Soldat nicht ein Ding, das weit hinter Pferd und Hund ſtand? Nicht ein höchſt paſſender Ableiter der ſchlechten Launen ſeiner Vorgeſetzten? Seine Haut war verkauft— wer fragte darnach, ob er auch menſchlich fühle? Ehre beim Kanonenfutter zu ſuchen, klang das nicht toll? Der alte Deſſauer wurde durch dieſe ihm bejam⸗ mernswerth erſcheinende Philanthropie des neuen Königs recht an ſeinen alten Herrn erinnert. Wo hatte dieſer jemals einen ſolchen unpraktiſchen Gedanken geäußert! Es kam ihm eine Ahnung, daß zwiſchen dem neuen Monarchen und ihm doch eine Kluft ſich aufthue, die ſich nicht überbrücken laſſe. Mit dem Thronwechſel kamen, wie das Beiſpiel vorläufig zeigte, verhaßte neue Ideen auf, es lag wie ein geiſterhaftes Wehen in der Luft, das Vielen kältend durch Mark und Bein ging. Und dieſer junge König, das war das Allerſchlimmſte, verſtand es, mit wenigen Worten ſelbſt die, die zu ſeinen luſtigen Rheinsberger Freunden gehörten und der Meinung waren, daß ihr Protector noch derſelbe , 55 Scherze, ja Ausgelaſſenheiten liebende Kronprinz ſei wie vordem, in die ihnen gebührende Stellung der Ehrerbietung vor ſeiner Perſon zurückzuweiſen, ſobald ſie gelegentlich dieſe außer Acht ließen. Herr Leupold ſelbſt war Zeuge, wie Seine Majeſtät, umgeben von Generalen, den Markgrafen Heinrich von Schwedt, der ſich einen unpaſſenden Scherz erlaubt, mit großen Augen anblickte und ſehr ernſt zu ihm ſagte:„Mon- sieur, à présent je suis Roi!“ Mit dieſer ſo wenige Worte enthaltenden Bemer⸗ kung:„Jetzt bin ich König“, war ein⸗ für allemal die Schranke bezeichnet, die Friedrich beobachtet wiſſen wollte. O, er hatte ſich in ſo kurzer Zeit, als der Ritt von Rheinsberg nach Potsdam ans väterliche Sterbebett in Anſpruch nahm, total verändert! Wie hätte er, obwohl er in dem Deſſauer den heldenmüthigen Krieger, den Ordner des Heeres, den Begründer ſo vieler Kriegs⸗ tüchtigkeit ſchätzte, den Menſchen in ihm lieben kön⸗ nen! Seine grauſame Strenge, ſeine rauhen Sitten, ſeine Willkür und herriſche Gewaltſamkeit widerten ihn an. In Herrn Leupold's Seele ſtieg allmälig der Arg⸗ wohn auf, der Sohn ſei nicht wie der Vater, er werde ihm keinen Einfluß, wie der Verſtorbene dies gethan, 56 zugeſtehen. Die Stimmung des alten Herrn wurde dadurch ſchlecht; aber er befand ſich in Berlin und mußte ſeinen Aerger verſchlucken, denn ſeiner Meinung nach gab es hier zu viele Cujons, die einander auf den Dienſt paßten. Da geſchah eines Tags etwas, das allen in Herrn Leupold's Seele verhaltenen Grimm in helle Flammen ſetzte. Der General von Schwerin erſchien unerwartet, vom Könige berufen, in Berlin bei Hofe. Was ſollte das bedeuten? Die Erklärung ließ nicht lange auf ſich warten. Der König ſtellte ihn als Generalfeldmarſchall den hohen militäriſchen Würdenträgern vor. Nur daß des Monarchen Augen feſt auf den alten Deſſauer gerichtet blieben, zwang dieſen, die Legion Flüche hinunter zu würgen, denen er ſo gern die freie Luft gegönnt hätte; aber ſein dunkles Geſicht glich einer finſtern Wetterwolke, in der es zuweilen heftig aufblitzt an Stelle einer förmlichen Entladung des bis zum Ueber⸗ maß geſpannten elektriſchen Stoffes. Was dieſe Beförderung des ihm verhaßteſten aller preußiſchen Generale bedeutete, war ihm vollſtändig klar. Schwerin ſollte als perſönlicher Gegenſatz zu dem alt⸗ hergebrachten Syſtem der Menſchenſchinderei und Roh⸗ heit im Heere dienen, und um dieſen Zweck zu erreichen, hätte Friedrich II. keine beſſere Wahl treffen können. —,———— ——— 57 Der neue Generalfeldmarſchall war ein hochgebildeter Mann, ſanft, menſchenfreundlich, einnehmend in ſeinem Aeußern, im geſelligen Verkehr von den liebenswürdig⸗ ſten Manieren. Seine Erſcheinung trug den Ausdruck des ihm innewohnenden Seelenadels, und was ſeine Fähigkeit als Krieger betraf, ſo wetteiferte dieſe mit der Herrn Leupold's, ohne derſelben ein Vorrecht zu laſſen. Der Deſſauer hatte für alle Fälle, wo er ſich ver⸗ letzt glaubte, ein außerordentliches Gedächtniß und ſchon darum haßte er Schwerin aufs gründlichſte. Dieſer war ihm in den böſen Händeln mit der Univerſität Halle als Muſter aufgeſtellt worden, denn er habe bewieſen, daß die Soldateska und die Stu⸗ denten gut mit einander verkommen könnten, wenn der Oberbefehlshaber der erſtern nur nicht ſelbſt brutal und raufluſtig ſei. General von Schwerin garniſonire ſeit Jahren ſchon mit ſeinem Regiment in Frankfurt an der Oder und trotz der wilden Studentenſchaf daſelbſt wäre noch keine Klage von dortiger Univerſität an des Königs Majeſtät gebracht worden. Es ſei im Werke, das wegen ſeiner guten Führung ausgezeichnete Regiment des Generals Schwerin nach Halle zu ver⸗ legen. Herr Leupold ſchäumte damals vor Wuth. Als Schwerin's heftigſter Gegner ſetzte er jetzt alle 58 Hebel in Bewegung, um ihm beim König zu ſchaden. Er hatte dabei nicht beſonders viel Mühe anzuwenden, denn ſeine Partei im Heere, in allen überwiegenden Vor⸗ theilen althergebrachten Beſitzes, fand ſich ſehr bereit, gegen den neucreirten Feldmarſchall zu intriguiren. Der junge König war indeß unzugänglich; mit ſcharfem Blick hatte er das Haßgetriebe durchſchaut und ſich davon nicht beirren laſſen. Die Unmöglichkeit, Schwerin dem König zu verlei⸗ den, vergällte Herrn Leupold den Aufenthalt in Berlin außerordentlich, jedoch hielt er es für nöthig, ſo lange auf dem Platze auszuhalten, als ſich dies nur thun laſſe, um ſeinem Gegner keinen Vortheil zuzugeſtehen. Indeß ſeine Manier, ſeine Meinung in Militärangele⸗ genheiten beim König zum Durchſchlagen zu bringen, war nicht von der Art, dieſen dafür zu ſtimmen, und ohne Härte zu gebrauchen, erinnerte ihn Friedrich daran, daß er ihm gleich nach dem Tode ſeines königlichen Vaters geſagt habe, daß in der neuen Regierung nur der König allein Macht haben, Einfluß aber Niemand beſitzen werde. Von dieſem erſten und Hauptartikel ſeines Regierungsprogramms werde er kein Haar breit abweichen. Dieſe feſte Erklärung des Königs verſetzte den alten Deſſauer genau in die nämliche Abhängig⸗ keit wie die andern hohen Würdenträger in der Armee —.——— 59 und bitterböſe verließ er nach einer ſehr förmlichen Verabſchiedung bei dem Könige Berlin. Die Gemüthsſtimmung, in welcher er nach ſeinem Deſſau zurückkehrte, war eine ſehr unluſtige, und an dem Tage, wo er daſelbſt eintraf, hatte die Schloß⸗ dienerſchaft durchaus nicht Urſache, ſich gegenſeitig die günſtige Loſung: der Durchlauchtige ſei in roſenrother Laune, zuzuflüſtern. Sein erſtes Geſchäft, als er den Wagen verlaſſen hatte, beſtand in der Begrüßung eines Maulaffen feil haltenden Stallbedienten mit dem Stocke, welcher voll Verwunderung über die beiden baumlangen Kerle, welche Seine Durchlaucht mitgebracht und die gleich Bildſäulen zu beiden Seiten der Wagenthür, vor ihm die militäriſchen Honneurs machend, ſich aufgeſtellt hat⸗ ten, ſeine Hülfsleiſtung beim Abſträngen der ſchweiß⸗ triefenden Roſſe vergaß.„Paß auf Deinen Dienſt auf, Canaille!“ hatte er ihm zugerufen,„oder geh zum Teufel!“ Als ob ein Sturmwind das Schloß durchbrauſe, ſo erfüllte die Ankunft des Gewaltigen die Herzen aller Schloßbewohner mit Angſt. Als das Uebelſte, was mit dieſer ſchlechten Laune des Durchlauchtigen zuſam⸗ menfallen konnte, erſchien ein Unwohlſein Frau Annelie⸗ ſens, das ſie ans Bett feſſelte und ihr daher nicht 60 geſtattete, ihm entgegen zu kommen. Dieſer zufällige Umſtand ſteigerte des alten Herrn Unmuth bedeutend. Es war wider alle Gewohnheit, daß ſie fehlte. Der alte Binſe kam ihm die Treppe herab entgegen und machte Honneur. „Was thut Er hier, Kerl?“ ſchnauzte er ihn an. „Gnädigſte Frau Durchlaucht ſind krank; habe vom Herrn Hofmedicus die Medicin gebracht, die er ſelbſt für ſie bereitet hat.“ „Krank?“ fragte der alte Herr, dem die Kunde gleich einem Verſchlag in die Beine gefahren war, daß er wie angewurzelt ſtehen blieb.„Und keiner von den Hundsföttern hat mir bis jetzt ein Wort davon ge⸗ ſagt? Die Schwerenoth ſoll den Kerls auf die Köpfe fahren.“ „Sie haben ſich vor Eurer Durchlaucht gefürchtet“, bemerkte Binſe mit großer Aufrichtigkeit. „Er iſt wohl verrückt geworden, alte Lärmſtänge? Bin ich ein Popanz, den man ins Feld ſtellt, um die Spatze zu verſcheuchen?“ „Das nicht, aber mit Eurer Durchlaucht Kirſchen eſſen iſt auch kein Plaiſir.“ Die Nachricht von der Erkrankung ſeiner Gemahlin hatte einen ſo tiefen Eindruck auf den alten Herrn ge⸗ macht, daß er Binſe's Antwort ganz und gar überhörte ——— —, 61 und wie in Gedanken vor ſich hinmurmelte:„Krank? Die Annelieſe krank?“ „Hat aber nichts zu bedeuten, Durchlaucht.“ „Kerl, was redet Er da für albernes Zeug?“ fuhr Herr Leupold zornig auf. .„Das iſt doch nichts Albernes?“ entgegnete jener. bm„Meine Alte hat die Karte gelegt und die trifft aufs ſt Haar. Unſere allerfürtrefflichſte Frau Durchlaucht wird bald wieder auf den Beinen ſein, hat ſie geſagt.“ „Eſel!“ Mit dieſer Bezeichnung ſeines Unwillens ſchritt Seine Durchlaucht an dem lahmen Flügelmann vorbei. „Na,'s wird wohl nicht die letzte Schmeichelei ſein, fe die er mir macht“, brummte der alte Binſe, die Treppe hinabſteigend.„Ich denke, ich will ihn tröſten und— 6 unſer alter Herr hat doch ſchlechte Gewohnheiten an ſich, man lernt ihn nie auskennen,'s iſt und bleibt'n 2 Schwerenöther.“ e Die ſonſt ſo eiſenfeſte Geſundheit der hohen Frau zeigte ſich ſchon ſeit ein paar Jahren wankend. So⸗ 1 lange ſie es vermochte, hielt ſie ſich aufrecht, weil ſie wußte, daß ihr Gemahl, dem eigentlich außer ſeiner Krankheit in Italien noch kein Glied des Leibes weh gethan hatte, ſchwer begriff, wie man überhaupt nur krank werden könne; indeß war auch der Wille gut, ſo ———— ——— 62 war doch der Körper ſchwach und Anwandlungen von ſtärkerem Unwohlſein machten ſich bei ihr geltend, welche nur ärztlicher Kunſt wichen. Ehe der alte Herr noch irgend etwas Anderes vornahm, begab er ſich nach kurzem Verweilen in ſeinem Zimmer zu ihr. Anna ſaß am Bette der hohen Frau, welcher bereits die Rück⸗ kehr ihres Gemahls gemeldet worden war. „Packe Sie ſich!“ ſchnauzte Herr Leupold ſie an. Eine ziemlich lange Unterredung zwiſchen dem fürſt⸗ lichen Ehepaare folgte. Frau Annelieſe ſprach ſehr leiſe, ihr Gemahl erſetzte dieſen Abbruch der Kraft durch deſto lautere Rede, und zornige Ausdrücke, die, ſobald er ſich im Zuſtand der Aufregung befand, einen höchſt unerfreulichen Einblick in das lange Regiſter ſeiner beliebteſten Fluchwörter und Verwünſchungen zu⸗ ließen, verwebten ſich zum Uebermaß in dieſelbe. „Weiß es, daß ich kein ſo geſchniegeltes Generalchen bin wie der Schwerin, weiß das“, brauſte er auf; „weiß es, daß meine Manieren und dem ſeine ganz curios von einander abſtechen; dafür bin ich aber der Mann von Drauf und dran und gehe dem Satan auf den Pelz, wenn's ſein muß, und das iſt jederzeit die Hauptſache.“ „Und der Schwerin iſt feig, kein Feldherr von Muth und Tapferkeit?“ fragte Frau Annelieſe. ——, 5’S8A”A ——— Herr Leupold ließ eine Pauſe eintreten; trotz ſeines Haſſes war er zu ehrlich, um ſeinen Gegner durch eine Lüge zu beſchimpfen.„Man kann das gerade nicht von ihm ſagen“, antwortete er dann mit mehr Mäßi⸗ gung, als ſich von einem ſolchen jähzornigen Gemüthe hätte erwarten laſſen.„Seine Schule hat er bei den Holländern vom Fähnrich an durchgemacht und iſt den Franzoſen bei jeder Gelegenheit rechtſchaffen zu Leibe gegangen und hat dann auch in mecklenburgiſchen Dien⸗ ſten das kaiſerliche Heer, das aus Hannoveranern be⸗ ſtand, determinirt aufs Haupt geſchlagen, iſt aber ein Schwerenothsſchulfuchs, ein Studirter, und die neue Majeſtät hält ſolche gelehrte Kerls für die wahren Jakobe.“ Frau Annelieſe ſah recht wohl ein, wie ihres Ge⸗ mahls Haß gegen den vom jungen König Begünſtigten ein ungerechter, nur von deſſen übermäßiger Ehr⸗ und Herrſchſucht erzeugter ſei; aber ſie erkannte auch, daß es mehr als thöricht ſein würde, dagegen zu ſpre⸗ chen. Nicht nur, daß ſie ſein Vertrauen durch dieſen Verſuch verſcherzt haben würde, ſondern es würde auch— und in der Beziehung kannte ſie ihn genau — jede nur anſpielungsweiſe erfolgende Parteinahme von ihrer Seite ſeinen Haß gegen Schwerin noch ge⸗ ſteigert haben. Sie ließ dieſen Gegenſtand, indem ſie 64 ein Nachdenken fingirte, klüglicherweiſe fallen und fragte plötzlich, als käme ihr der Gedanke erſt jetzt: „Und wie war Deine Verabſchiedung beim König?“ „Hm, wie ſie war? Wie zwiſchen ein paar guten, Freunden, von denen ſich jeder im Stillen freut, daß ihm der andere aus dem Geſicht kommt.“ „Das denkſt Du, Leupold, der König aber denkt es nicht!“ „Oho!“ „Haſt Du ſchon Jemand geſehen, der den Grund⸗ ſtein, auf dem ſein Haus ruht, abſichtlich untergräbt? Du biſt ein ſolcher Grundſtein; König Friedrich weiß das, und wenn er auch jetzt verblendet ſein mag, es außer Acht zu laſſen, ſo kommt doch die Zeit— und ſie muß kommen— wo er Dich aufſucht. Nicht Schwerin hat die Ehre der preußiſchen Waffen vor aller Welt Augen füber jedes Lob erhoben, Du warſt es. Dein königlicher Freund, dafür nicht blind, ließ alle neben Dir abfallen, die Dir nicht wohl wollten, Dich, ſeinen Freund, hielt er aber hoch in Ehren.“ Das traf ſo tief in des alten Fürſten Herz, daß er, erſchüttert durch die Erinnerung an den hohen Ver⸗ ſtorbenen, mit einem Tone, in welchem ſich eine auf⸗ richtige Rührung kund gab, äußerte:„Haſt Recht, meine liebe Annelieſe. König Friedrich I. war mir ein Vater — AF 05 König Friedrich Wilhelm I. ein Bruder, ich fürchte, König Friedrich II. wird mir ein Herr ſein wollen. Der Zuſchnitt iſt darnach.“ „Aus dem Herrn kann aber ein Freund werden.“ „Hm!“ Nach einer längern Pauſe fragte Frau Annelieſe: „Haſt Du das kaiſerliche Handſchreiben beantwortet, welches an demſelben Tage einlief, als die Nachricht von dem zu erwartenden Tode des Königs an Dich gelangte?“ „Noch nicht.“ „Thu' es, Leupold. Man braucht in der Wiener Hofburg Freunde, damit iſt Alles geſagt.“ „Ja, es iſt richtig. Des Kaiſers Majeſtät kennt meine Geneigtheit für ſein erhabenes Haus; aber in Wien führen viele Wege nach Rom— das iſt der Teufel.“ „Man muß den aufſuchen, der der unbeachtetſte iſt.“ „Hm!“ „Unſeres Hofmedicus Bruder iſt Privatſecretär bei einem der großen Herren in Wien, die ein Wort mit⸗ zuſprechen haben. Der Doctor ſelbſt hat mir erzählt, daß dieſer Bruder ſeines Herrn ausſchließliches Ver⸗ trauen beſitzt. Auf dieſem Wege würde manche Er⸗ fahrung einzuziehen ſein, die wohl einer Kenntniß⸗ Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. III. 5 66 nahme werth und auf andere Weiſe nicht zu erlangen ſein dürfte.“ Herrn Leupold's Hinneigung zum öſterreichiſchen Kaiſerhauſe, obwohl daſſelbe ſeinen gerechten Anſprüchen keineswegs gerecht geworden, lebte doch ſo feſt einge⸗ wurzelt in ihm, daß er es für einen ſehr weiſen Rath ſeiner Gemahlin erachtete, ſich eines Kanals zu be⸗ dienen, der ihm die dortigen Anſchauungen über den in Preußen erfolgten Thronwechſel genau kennen zu lernen ermöglichte, um je nachdem gelegentlich dem Kaiſer als guter Freund Dienſte zu leiſten, denn die Erbitterung, welche er über den neuen Umſchwung der Dinge, der ſeine Erwartungen ſo wenig befriedigte, von Berlin mitgebracht hatte, war keineswegs der Art, daß der Aerger ihm ſo bald aus dem Herzen ſchwand. Er hatte in vielen Beziehungen ein eiſernes Ge⸗ dächtniß. Selbſtverſtändlich war das Geſpräch auf den Doctor gekommen. Frau Annelieſe lobte ſeine Sorgfalt und Aufmerkſamkeit. Sie ſprach davon, daß ſie in den erſten Tagen ihres Niederliegens ſich ſchon mit dem Gedanken vertraut gemacht hätte, aus dem Leben ſchei⸗ den zu müſſen; aber die Unermüdlichkeit des Doctors, der die Nächte über in ihrem Vorzimmer geblieben, um gleich, wenn eine Verſchlimmerung ihres Zuſtandes — KA 67 einträte, bei der Hand zu ſein, hätte die Krankheit zu einer Wandlung gebracht. „Braver Kerl“, ſagte der alte Herr.„Na, will's ihm gedenken, wenn er Hochzeit macht.“ „Mit wem?“ „Mit der Audritzky.“ „Das Verhältniß hat ſich zerſchlagen. Warum, iſt mir eben ſo unenträthſelt geblieben wie ihm ſelbſt. Er kann ſich keine Urſache denken, die im Stande ge⸗ weſen iſt, das Mädchen ſo entſchieden von ihm ab⸗ wendig zu machen, daß es mir unter vielen Thränen geſtand: es liebe ihn nicht mehr, wolle lieber ſterben, als ihm die Hand reichen.“ „Soll ſie zum Teufel fahren laſſen, kann zehn andere dafür kriegen, will nöthigenfalls ihm ſelbſt eine verſchaffen“, ſprach der Fürſt.„Hoffe nicht, daß er zum Kopfhänger darum wird, halte ihn zu geſcheidt dafür. Abgemacht das!“ Doctor Stoll ſtand wirklich vor einem Räthſel, das er nicht begriff. Was konnte der Grund der Geſin⸗ nungswandlung Anna's ſein? Das Unerklärliche pikirt; aber ſo ſehr auch ſein Stolz ſich verletzt fühlte, ſeine treue Liebe aufs hartnäckigſte von dem Mädchen gleich⸗ ſam hinweggeſtoßen zu ſehen, ohne daß es ihn einer Antwort auf ſein Warum? werth hielt, ſo trat dieſe . 5* 68 Frage doch immer neu und prikelnd an ihn heran, und wenn er von ſeinen Berufswegen müde und erſchöpft nach Hauſe kam, ſann er über die Urſache nach, welche dieſe Veränderung bei ihr bewirkt haben könnte. Die Erinnerungsbilder aus der Zeit, wo er als flotter Student während der Ferienzeit von Leipzig nach der Vaterſtadt Zittau kam, traten ſo lebhaft vor ſeine Seele, daß er ſie wie damals zu durchleben glaubte, ſo fröhlich und ſelig im Bewußtſein, in Anna ein We⸗ ſen gefunden zu haben, das ihn treu und wahr liebe. Mit der Friſche eines kräftigen Jünglingsherzens liebte er ſie. Außerhalb der Stadt beſaß Anna's Mutter ein Gartengrundſtück, an das ſeines Vaters grenzend, nur durch eine lebendige Hecke davon getrennt. Dieſe Nach⸗ barſchaft nährte das Glück des Geheimniſſes, das beide ſich tief verſchwiegen vor aller Augen zu verbergen beſtrebt waren und auch wirklich einige Jahre hindurch — die Dauer ſeiner Studienjahre nämlich— that⸗ ſächlich verbargen, indem ſie durch dieſen lebendigen Zaun einen von Niemand beachteten Weg zu einander entdeckt hatten; ihre Liebe wurde zum Cultus für ſie, dem ſie mit Treue anhingen. Anna ſtand im ſech⸗ zehnten Lebensſommer. Gegen ihre Altersgenoſſinnen war ſie weit voraus in körperlicher wie in geiſtiger — —,.— —— 69 Beziehung und ihr Empfinden war ein ungewöhnlich tiefes. Zwiſchen den beiden Liebenden war einmal die Rede auf die Untreue gekommen. Ein junger, in der Stadt wohlbekannter Mann hatte das Mädchen ſeiner Wahl verlaſſen, weil ſich ihm eine andere Partie bot, welcher zuverläſſig ein anſehnliches Erbtheil nach dem Tode ihrer einzigen Verwandten zufallen mußte. Der Gram über dieſen Eidbruch hatte die Verlaſſene gemüthskrank gemacht und ſie hatte ihr Grab in der Mandau ge⸗ funden.„Wer viel liebt, dem wird viel vergeben, heißt es in der Schrift“, bemerkte Theobald in Bezug auf den Selbſtmord der Unglücklichen. Anna blieb ſchweigend und ernſt. „Urtheilſt Du weniger mild als ich?“ fragte ſer erſtaunt. „Gewiß nicht“, lautete ihre Antwort;„aber ich halte es für eine an ſich ſelbſt begangene Wehethat, die der Verräther an ihrem Herzen nicht werth war.“ Und ihr ſonſt ſo ſeelenvoll auf ihn geheftetes Auge, flammend vom glühenden Wiederſchein aus der Tiefe ihrer Seele, zu ihm aufhebend, ſagte ſie mit faſt be⸗ bender Stimme:„Du kannſt keinen ſolchen Verrath üben, Theobald, ich weiß das; aber wenn Du es könnteſt, wenn Du es könnteſt, ich würde Dich nie mehr eines Wortes würdigen, Du wäreſt ewig für mich ge⸗ ſtorben, und die würde ich haſſen wie die Sünde, die Dein Herz mir entriſſen. Wenn's in meiner Macht ſtände, ſie unglücklich zu machen, ſie der allgemeinen Verachtung in die Arme zu werfen— ich thät's, bei* Gott, ich thät's!“ Der Eindruck, den dieſe leidenſchaftliche Aufregung ſeiner Geliebten auf Theobald machte, war für den Moment ein ſehr ungünſtiger; ein ſtarker Anhauch von böſer Dämonie, von tief verſteckter Racheluſt verrieth ſich in ihrem Weſen und erſchreckte ihn. Anna erkannte in ſeinen Zügen, daß ſie ſich ihm in einem widerwär⸗ tigen Lichte gezeigt hatte, und weinend ſank ſie an ſeine Bruſt mit der Bitte um Vergebung, daß ſie ihn durch ihre Heftigkeit betrübt habe, aber der Gedanke, von ihm verlaſſen werden zu können, ſei ihr ganzes Denken verwirrend über ſie gekommen, daß ſie ſich ſelbſt nicht mehr angehört hätte.„Vergib, vergib mir!“ flehte ſie unter heißen Thränen. Ihr ganzes Weſen zeigte jetzt ſo viel Kindliches, daß er nicht daran denken konnte, auch nur einen Augen⸗ blick länger ſich von ihr abgewendet zu fühlen. Jetzt erinnerte er ſich dieſes Erlebniſſes wieder. Sollte ſie eiferſüchtig ſein? Aber auf wen? Nicht eine einzige Vermuthung lag vor, die als möglich anzuneh⸗ 71 men, und er hatte ſich keinen Vorwurf zu machen. In dieſer Ungewißheit glaubte er auf die rechte Spur zu kommen, wenn er die Urſache in von Zittau angelang⸗ ten Briefen ihrer Mutter zu finden wähnte; freilich ſtand dieſem Glauben etwas entgegen, das ſich mit demſelben nicht vereinbaren ließ, ihre unerſchütterliche Treue, mit der ſie gegen den Willen ihrer Mutter bis⸗ her an ihm feſtgehalten. Die Krankheit der Fürſtin ſollte dem Doctor indeß den ſchlagendſten Beweis liefern, daß in Anna's Seele ein großer Zwieſpalt herrſchen müſſe. Schweigend hatte ſie am Bette ihrer kranken Herrin Wache gehalten, ſie war nur ſehr ſelten von ihr ge⸗ wichen. Für den Doctor war es anfänglich nicht wenig peinlich geweſen, mit ihr zu verkehren, die ihm gegen⸗ über ein Benehmen äußerte, wie ſie es gegen einen ihr gänzlich fremden Arzt, dem ſie Achtung und Aufmerk⸗ ſamkeit des Gehorſams in Bezug auf ſeine Verordnun⸗ gen ſchuldete, nicht anders hätte zeigen können. Ihre Haltung war ſo ſtreng gemeſſen, daß ſie kein Wort mehr mit ihm ſprach, als unmittelbar erforderlich war. Nichts in ihren Mienen verrieth eine unangenehme Empfin⸗ dung, keinen Zwang, ſich anders zu geben, als ſie em⸗ pfand. Die Züge ihres Geſichts blieben ſo ruhig, als ſei er ihr von jeher der gleichgültigſte Menſch geweſen. 7 4 Der Doctor fühlte ſich durch dies Benehmen ſo an⸗ gewidert, daß er Alles vermied, was ſie ihm wieder näher bringen konnte, wozu ſich in dem Verhältniß als Pflegerin ihrer kranken Herrin wie von ſelbſt Gelegen⸗ heiten ergeben haben würden, wenn er es darauf ab⸗ geſehen hätte. Täuſchungen ſolcher Art ſind ſchmerzlich, und er glaubte es ſeiner Mannesehre ſchuldig zu ſein, ſo weh ihm auch das Bewußtſein that, ſie ſo ganz und gar umgewandelt und ſich verloren zu wiſſen, keinen Verſuch machen zu dürfen, der ihr Anlaß geben konnte, ſeiner vielleicht noch zu ſpotten. Da aber ereignete ſich etwas, das ſie ihm vollends räthſelhaft erſcheinen ließ. Die hohe Frau hatte eines Tages einen Rückfall gehabt und der Doctor hielt es für geboten, die Nacht über im Vorzimmer zu weilen, um augenblicklich zur Stelle zu ſein, wenn ſich der Zuſtand der Kranken etwa verſchlimmere. Es mochte ungefähr in der erſten Mor⸗ genſtunde ſein, als ſich die Thür des Zimmers geräuſch⸗ los öffnete und Anna heraustrat. Sie wollte durch das von einer Hängelampe erleuchtete Vorzimmer gehen. Doctor Stoll ſaß in einem ledernen Sorgenſtuhl zurück⸗ gelehnt, die Augen halb geſchloſſen, ſodaß er einem vom ſanfteſten Schlummer Umfangenen glich. Er hatte ſich auch wirklich in einer Art Halbſchlummer befunden; das Geräuſch des Thüröffnens, ſo leiſe und vorſichtig V —— I 73 es auch geſchah, hatte ihn jedoch ermuntert, ein Blick genügte, um die Heraustretende zu erkennen. Er blieb ohne die geringſte Bewegung im Sorgenſtuhle ſitzen, mit Kopf und Rücken angelehnt. Anna hatte vielleicht die Hälfte des mehr langen als breiten Vorzimmers durchſchritten, als ſie ihn er⸗ lickte. Die Unbeweglichkeit, in der ſie ihn ſah, mochte ihr als Beweis erſcheinen, daß er feſt ſchlafe. Sie blieb ſtehen und betrachtete ihn. Dann hob ſie eine Hand zu den Augen, und er bemerkte durch die nur wenig ge⸗ öffneten Lider, daß ſie über die Augen hinfuhr, um wahrſcheinlich hervorquellende Thränen zu verwiſchen. Faſt zu Eleithe Zeit drückte ſie auch die Linke aufs Herz, als fühle ſie daſelbſt ein Weh, ein Seufzer hob ihren Buſen und ſchnell, aber leiſe verließ ſie das Vor⸗ zimmer. Der Doctor war erſtaunt. Wie ſollte er dies Be⸗ nehmen deuten? Wenn er das, was er geſehen, als Ausdruck eines mit eiſerner Willenskraft zurückgedämmten Schmerzes, ihre Liebe zu ihm aufgegeben zu haben, nahm— und für was hätte er die von ihr verrathene innere Be⸗ wegung ſonſt halten ſollen!— ſo konnte es nur folge⸗ richtig ſein, daß ſie zu dieſem Aufgeben aller Be⸗ ziehungen zu ihm von einer ſie beherrſchenden äußern 74 Macht gebieteriſch und jeglichen Widerſtand von ihrer Seite brechend gedrängt und beſtimmt worden ſein müſſe; aber welche Macht, welcher Einfluß konnte das ſeinſ? Vergeblich ſann er hin und her, nur das Eine blieb ihm, weil es die größte Wahrſcheinlichkeit für ſich hatte, die Annahme einer Einwirkung ihrer. Mutter, obwohl Vieles dagegen ſprach, vor allem der Umſtand daß dieſe in dem Falle ihre mütterliche Autorität ſicher dahin gerichtet hätte, ihre Tochter zu ſich zurück zu be⸗ rufen, um ſie aus ſeiner Nähe zu entfernen; aber da⸗ von war bis jetzt keine Rede geweſen. Das vergebliche Nachdenken des Doctors hatte doch für ihn einen Lichtblick, an welchem er feſthielt. Wie der auf tief nächtigem Meere ſirrende Schiffer mit Freude den Stern begrüßt, der, durch Wolkendunkel ſich ſtehlend, ihm als einziger Bote der Verkündigung, daß ihm das Finden des richtigen Curſes in der Himmel und Meer deckenden Finſterniß gelingen werde, ins Auge leuchtet, ſo auch gewährten Anna's Thränen, der Schmerz, den ſie figürlich mit der aufs Herz gelegten Hand unter⸗ drücken zu wollen ſchien, und der ſchwer ihrer Bruſt ſich entringende Seufzer ihm den Troſt, daß er trotz ihres ſo auffallenden Benehmens ihr nicht gleichgültig geworden ſei und hoffen dürfe, daß eine Stunde zwiſchen ——— ————— 75 ihr und ihm komme, die all das Räthſelhafte brechen werde. Sie liebte ihn noch und dieſer Gedanke erheiterte ſeine ernſte Stimmung nicht wenig. Seine Stellung in Deſſau war eine gute. Wie Jeder, welchen Fürſtengunſt hebt und ſtützt, der Gegen⸗ ſtand der Huldigungen aller derer wird, die in irgend einer Beziehung zum Hofe ſtehen, ſo erfuhr auch Doctor Stoll dieſe Schmeichelei, die indeß bald in eine wahre Werthſchätzung ſeiner Perſon überging. Was anfäng⸗ lich nur aus Abhängigkeit vom fürſtlichen Hofe ge⸗ ſchah, gewann bald den Charakter der Hochachtung. Man fand in dem jungen Arzte mehr, als man ver⸗ muthet hatte. Der Günſtling Seiner Durchlaucht hatte im Stillen viele Gegner gehabt, Leute, welche zu dem alten Leibarzte der fürſtlichen Familie, Hofrath Grum⸗ bach, hielten und in Doctor Stoll nur einen Eindring⸗ ling ſahen, dem die Laune Herrn Leupold's oder eine mächtige Empfehlung bei demſelben oder gar, wie Manche, die gern Geheimniſſe witterten, eine nicht gut näher zu erörternde Beziehung, in der derſelbe zu dem alten Herrn ſtehe— Beiſpiele dieſer Art gab es ja— zu der ſonſt nur einem alten Arzte vorbehaltenen Stellung verholfen habe. Man wußte ja allgemein, daß der alte Herr unter ſeinen vielen lobenswerthen Fähigkeiten die, über die 76 wiſſenſchaftliche und praktiſche Bildung eines Arztes ein Urtheil zu fällen, am allerwenigſten beſaß, und zog daraus den voreiligen Schluß, daß der Begünſtigte kein leuchtender Stern in ſeinem Berufe ſein werde. Indeß dieſe Anſicht geſtaltete ſich raſch zu ſeinen Gunſten um, als er an einigen Kranken den Beweis gab, daß ſeine Jugend ſein einziger Fehler ſei, den er jedoch mit jedem Tage verbeſſere. Wenige gelungene Kuren brachten ihn ſchnell in Aufnahme, und um ihn gleichſam noch mehr zu begünſtigen, miſchte ſich auch das Geſchick hinein; der alte Leibarzt ſtarb plötzlich, und nun war Doctor Stoll mit einem Male über alle Hinderniſſe hinweg, die ſich in der öffentlichen Meinung ihm entgegengeſtellt hatten. Sein heiteres, lebensfriſches Weſen, das indeß auch den Ernſt nicht ausſchloß, wenn derſelbe an einem Krankenbette wohl angebracht ſchien, die gebildeten Um⸗ gangsformen und das freundliche, ja ſogar herzliche Be⸗ nehmen, welches er gegen Jedermann zeigte, erwarben ihm raſch Freunde, beſonders war es das weibliche Ge⸗ ſchlecht, das ſich ſehr für ihn eingenommen zeigte. Dieſe Begünſtigung entging ihm nicht und in derſelben fand er die Möglichkeit, die weichen weiblichen Herzen für ein gutes Werk zu begeiſtern, welches Deſſau fehlte, eine Anſtalt für arme Kranke. An der Spitze derſelben — ——¼ —,—— 47 ſollte Prinzeß Amalie ſtehen, deren mildthätiges Herz gegen Arme und Kranke ja Jeder kannte. Eine beſondere Annehmlichkeit fand er darin, daß ſich Prinzeß Amalie offenbar ihm zugeneigt zeigte. Dieſe junge Fürſtentochter fühlte nur zu ſehr die Leere, welche ſie umgab, wenn ſie nicht in unmittelbarer Nähe ihrer gnädigſten Mama ſich befand. Der Deſſauer Hof beſaß keine Perſonen, die über mehr, als was ihr Amtsberuf erforderte, ſich hätten unterhalten können. Herr Leu⸗ pold war kein Freund der Wiſſenſchaftlichkeit und ſein Maßſtab der Nichtbeachtung alles deſſen, was geiſtiges Gebiet berührte, fand natürlich lebhafte Nacheiferung, weil man ſich nicht gern ſeinem Spott, ein Schulfuchs zu ſein, ausſetzen wollte. Daher fand ſich die Prinzeß, welche eine geiſtige Unterhaltung ſehr liebte, nicht nur von der feinen, gebildeten Umgangsweiſe des Hof⸗ medicus, ſondern auch von deſſen Kenntniſſen be⸗ ſonders angezogen und es verging kein Tag, den ſie nicht benutzt hätte, mit ihm zu plaudern, wie ſie es nannte. Anlangende Beſuche, durch die ſie in Anſpruch ge⸗ nommen wurdoe, beengten ſie, und fröhlich wie ein Kind, das, durch irgend eine Unterbrechung von ſeinem Spiele abgehalten, wieder zu demſelben zurückkehren darf, ſagte ſie, ſobald ſie ſich wieder frei von dem Zwange fühlte, ——— das heißt, wenn der Beſuch wieder abgereiſt war, zu dem Doctor: „Ach, jetzt hole ich erſt wieder Athem aus freier Bruſt, da ich mit Ihm plaudern kann. Wie zeittödtend, wie entſetzlich langweilig ſind dieſe Unterhaltungen der Hochfürſtlichen! Ich beklage jede Stunde als eine meinem Leben auf ſchnöde Weiſe geſtohlene, wenn ich in ſolchem Kreiſe aushalten muß.“ „Sie fällen ein hartes Urtheil“, bemerkte der Hof⸗ medicus lächelnd. „Aber ein leider wahres, mein Lieber. Wähne Er nicht, daß ich übertreibe. Ich glaube ſelbſt, daß es ein Unglück iſt, wenn man nicht mit dem Strome ſchwimmt; aber ich kann es nicht, es iſt mir zu widerlich, bei Unter⸗ haltungen mich betheiligen zu ſollen, die nie die ihnen gezogene Schranke der Trivialität überſchreiten. Meine gnädigſte Mama thut das Möglichſte, um mich bei ſolchen Gelegenheiten gleichſam über Waſſer zu halten, ich er⸗ kenne es dankbar, daß ſie ſich in derartigen Fällen förm⸗ lich für mich aufopfert; aber der tödtlichſten Langweile kann ſie mich doch nicht entheben. Die bleibt zu tragen mein Theil als unabwendbaren Appendix meines Geburts⸗ ranges. Lächelt Er nicht, daß ich Geburtsrang ſage?“ „Prinzeß, ich halte dafür, daß es in der That einen Geburtsrang gibt.“ „Auch Er ſagt das?“ „Und ich glaube, mit gutem Rechte, denn der Hoch⸗ geborene iſt ſchon dadurch bevorzugt, daß er ſich meiſt in den vollen Beſitz der Mittel geſetzt ſieht, ſein geiſtiges Theil zu bilden, während der Arme, obſcur Geborene, der dem in ſeine Seele gelegten Trieb nach Wiſſen, nach höhern Dingen entſprechen will, um dieſe Heilig⸗ thümer ſich zu eigen zu machen, nicht oft, ſondern ſtets großen, ſchweren Opfern ſich unterwerfen muß, damit er erreiche, wozu es ihn unwiderſtehlich treibt. Ein hochgebildeter Fürſt oder eine Fürſtin, ſie vermögen kraft ihrer erhabenen Stellung einen ſegensvollen Einfluß ſchon zu der Zeit zu üben, wenn der arm und niedrig Geborene noch heftig kämpfen muß, um ſich nur lang⸗ ſam vorwärts zu bringen. Das Wort Geburtsrang hat alſo einen berechtigten Sinn.“ „Er macht mir da ſein ſehr ſchmeichelhaftes Com⸗ pliment und ich bin offenherzig genug, Ihm zu ge⸗ ſtehen, daß ich es für eine mir erwieſene große Schick⸗ ſalsgunſt anſehe, einen Mann Seiner Art an unſerm Hof zu wiſſen, der nicht zum Troß gehört, ſondern über dem Troſſe ſteht. Verbeuge Er ſich nicht vor mir. Was ich jetzt ausgeſprochen, iſt wirklich meine Meinung. Denke Er ſich in meine Stellung. Meines gnädigſten Papas Durchlaucht und meiner Herren Brüder Umgang iſt doch eigentlich nur für Grenadiere zu empfehlen. Rechts und links, die Tempos beim Exerciren, Peloton⸗ feuer ohne Plackern, kein Stäubchen auf der Uniform, die Gamaſchen propre, ſchließlich drauf und dran und hin und wieder die köſtlichen Erinnerungen, wie viele da und dort von den feindlichen Cujons geblieben ſind, damit iſt Alles geſagt, was die Unterhaltung von dieſer Seite ergibt. Es iſt eben nichts Reizendes dabei. Mit meiner gnädigſten Mama iſt das freilich etwas Anderes.“ Die Prinzeß ließ eine kurze Pauſe eintreten, dann redete ſie weiter: „Was Gutes an mir iſt, habe ich von ihr und ihr erleuchteter, häuslich⸗ſtiller Sinn hat uns, ihre Töchter, durch die Erziehung, welche ſie uns geben ließ, auf den Standpunkt einer Bildung gehoben, die das Widerſpiel derjenigen iſt, die nach des gnädigſten Papas Willen unſere Brüder empfangen haben. Eugen, der einzige unter ihnen, welcher keine Neigung zu dem Soldaten⸗ weſen hat, aber ſich dem Befehle unſeres durchlauchtigen Papas unterwerfen und die militäriſche Laufbahn wäh⸗ len mußte und am Dresdener Königshofe eine Stellung gefunden, weil er als hoher Offizier den Dienſt in der preußiſchen Armee zu verlaſſen ſich gezwungen ſah, da er ein ihm angetragenes Duell als einen leichtfertigen Mord ausgeſchlagen hatte, ſteht uns, ſeinen Schweſtern, m⸗ 81 hinſichtlich der Bildung nahe; er liebt die Wiſſenſchaften und Künſte, die allein die Werthſpender des Lebens zu ſein vermögen, und darum meidet er Deſſau, denn er fände nur Spott hier.“ Wieder ließ die Prinzeß eine Pauſe eintreten. „Er hat ja geſunde Augen, Herr Hofmedicus, um die Verhältniſſe hier genugſam durchſchauen zu können“, hob ſie von neuem an.„Meine Schweſter iſt herzens⸗ gut, aber wenig mittheilſam. Ich bin alſo auf Marie, mein Geſellſchaftsfräulein, beſchränkt. Wäre ſie heiter, könnte es für mich nur angenehm ſein; aber ein tiefer Kummer zehrt an ihr, ohne daß ich ihn ergründen kann, obwohl ich nicht ganz ohne Spur bin, welcher Art dieſer Kummer ſein möge.“ „Sie haben eine Spur aufgefunden, welche die Nei⸗ gung des Fräuleins zur Schwermuth erklären könnte?“ fragte der Doctor überraſcht. „Ich denke es“, lautete die Antwort der Prinzeß und ſie erzählte ihm, daß, als ſie eines Abends die ihr zu Ohren gekommene Nachricht, Graf Fortunatus Almeslo habe ſeinen Stiefbruder erſchoſſen, Marie mitgetheilt, dieſe mit einen markerſchütternden Schrei zu Boden geſunken ſei. Die Prinzeß fügte dieſer Notiz noch die Erklärung hinzu, daß dieſer junge Graf in Bubainen, der großen oſtpreußiſchen Beſitzung ihres Vaters, Marie Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. III. 6 bekannt und jedenfalls Gegenſtand einer geheimen Nei⸗ gung ihres Herzens geworden ſei, wenigſtens laſſe der außerordentliche Schreck über den von ihm begangenen Mord auf dergleichen ſchließen.“ „Das läßt ſich hören“, ſtimmte der Hofmedicus bei. „Fräulein Marie iſt eine zart beſaitete Natur und dieſe fühlen tiefer und inniger als andere und ſind vor allen geeignet, ihr Glück oder Unglück in ſich zu ver⸗ ſchließen.“ „So iſt es. Ich ſehe es ihr zuweilen an, wie ſie kaum ihren Kummer beherrſchen kann, und es thut mir weh, daß ſie ſich ſo ſchweigſam darüber gegen mich verhält.“ Doctor Stoll glaubte nicht mit Unrecht zu bemerken, daß die Prinzeß ihm offenbar mehr zugeneigt ſich zeige, als dies mit ihrer hohen Stellung vereinbar ſei, indeß er fand einen Wohllaut in dem ſo eigen gearteten Ver⸗ hältniß zwiſchen ihr und ſich, daß es ihm nicht einfiel, demſelben ſich zu entziehen. Sie gehörte nicht zu den hochſtehenden Frauen, welche angekünſtelte Empfindungen als die Créme der weiblichen Bildung betrachten und ſolchergeſtalt die Unwahrheit zur Hauptaufgabe ihres Lebens machen; Prinzeß Amalie hatte in Beziehung auf unverhohlenen Ausdruck deſſen, wovon ſie ſich bewegt fühlte, eine Ader ihres durchlauchtigen Vaters, der auch 83 nur unter ganz beſondern Umſtänden ſich bewogen finden konnte, Schweigen zu beobachten, wo er ſo gern in ſeiner bekannten derben Weiſe hätte drein fahren mögen. Sie war, obſchon in anderer Weiſe, eine ebenſo un⸗ verkünſtelte Natur, die ihr Empfinden nicht unter Schloß und Riegel legte, und trotz der Reſolutheit in ihrem Weſen, welche alles Weinerliche, Zerknirſchte haßte, beſaß ſie jene ſchöne Samaritertugend des aufrichtigen Mitleids mit allen Unglücklichen, die unter der doppelten Laſt der Armuth und Gebrechlichkeit das Daſein nur von der traurigſten Schattenſeite kennen. Man kannte ihre Barmherzigkeit in Deſſau und nahm ſie deshalb nur zu oft in Anſpruch. Lachend hatte ſie eines Tages zum Doctor geſagt: „Ich paſſe an keinen Hof, wo man die Repräſen⸗ tation mehr ſchätzt als die Wahrheit deſſen, was wir in uns tragen; für hier am Hofe meines gnädigſten Papas Durchlaucht paſſire ich jedoch ganz gut. Man nimmt mich, wie ich bin, man nennt mich Prinzeß, aber im Herzen denken die Leute doch: ſie iſt eine von uns und eine ehrliche Deſſauer Pflanze. Das hat viel für ſich, denn ſie bringen mir ihr Vertrauen ohne Hehl und Hinterhalt entgegen. O, mein gnädigſter Papa und ich wiſſen es prächtig anzufangen, daß man uns fortwährend im Gedächtniſſe behält.“ 6* ——ͤ——˖˖:—Q—C—⸗—————————— 1 — 84 Dieſe hohe Frauenſeele, mit feinem Sinn für alles Schöne und Edle und rein menſchlichem Empfinden für die Armen und Elenden ausgeſtattet, mußte auf Doctor Stoll einen ihm um ſo wohlthuendern Einfluß ausüben, als ſeine ſo heitere, lebensfriſche Stimmung durch die ihm unerklärliche Wandlung Anna's ſehr ge⸗ ſtört war; aber das kleine Erlebniß, das er zu nächt⸗ licher Zeit im Vorzimmer der kranken Fürſtin gehabt, beſſerte ſeine niedergedrückte Stimmung ungemein auf. „Es muß, es wird ſich klären“, ſagte er voll Hoff⸗ nung und Muth zu ſich.„Ich kann nichts dazu thun; es iſt wie ein Gewitter, das in dunklen Wolken über meinem Haupte aufgezogen iſt, nach welchem mir wieder die Sonne ſcheinen wird. Arme Anna! Was hat Dich von mir abwendig machen können?“ Auch nicht die geringſte Ahnung, welcher Grund da verborgen liege, kam ihm. Marie von Rönnenkamp blieb in ſeinen Gedanken über das räthſelhafte Weſen Anna's ganz ausgeſchloſſen; er glaubte ihr und nun eigentlich auch ſein Geheimniß ſo gut verwahrt vor aller Blick, daß eine Entdeckung ihm ganz undenk⸗ bar ſchien. Seine Nachforſchungen in Betreff des Grafen Fortunatus und des Knäbleins waren faſt ohne alles Reſultat geblieben. Er hatte ſich mit dem Ber⸗ liner Advocaten und dem alten würdigen Sachwalter 85 in Königsberg in Correſpondenz geſetzt. Von erſterem hatte er die Nachricht des von Fortunatus an ſeinem Stiefbruder begangenen Mordes erhalten, von Königs⸗ berg war jede Antwort ausgeblieben. Weiter erſtreckte ſich die Nachricht, welche er von Breslauer Freunden empfangen. Dieſer zufolge ſei der junge Graf nach einer Feſtung gebracht worden, dort aber ausgebrochen. Ob mit günſtigem Erfolg, oder ob man ihn eingefangen, darüber wäre nichts bekannt. Im Almeslo'ſchen Hauſe zu Breslau werde das tiefſte Schweigen über die ganze Sache beobachtet. Seit Anfang des Frühlings ſei der Graf Vater mit ſeiner Gemahlin nach einem ſeiner ſchleſiſchen Güter übergeſiedelt, und wie es heiße, werde er erſt zur Winterſaiſon nach der Stadt zurückkehren. Es war in alledem für Marie ſo wenig Hoffnung, je wieder mit Fortunatus vereinigt zu werden, daß es kein Wunder war, wenn ſich ihrer die tiefſte Schwer⸗ muth bemächtigte. Der Hofmedicus verſuchte das ſo ſchwer niedergedrückte Gemüth der Aermſten durch Troſt⸗ gründe zu erheben, indeß wenn ihm das auch wirklich dann und wann zu gelingen ſchien, ſo dauerte der Hoff⸗ nungsaufſchwung doch nur wenige Stunden, um dann wieder ſpurlos zu verſchwinden. Doctor Stoll's Zeit war zum Glück ſo ſehr in An⸗ ſpruch genommen, daß er ſich des Denkens an Dinge, 86 die ihn nicht unmittelbar berührten, enthalten mußte. Als vielgerühmten Arzt hatte man ihn auch in jüdiſche Familien gerufen und unter andern in die des Deſſauer Oberrabiners Doctor Fränkel, deſſen Tochter Gütel krank darniederlag. Die wiederholten Beſuche des Hof⸗ medicus machten ihn mit dem ehrwürdigen und hoch⸗ gelehrten Oberhaupte der jüdiſchen Gemeinde und deſſen Familie genauer bekannt, und die bald unter der ſorg⸗ ſamen Bemühung des Hofmedicus geneſende Gütel be⸗ zeigte ihm ihre Dankbarkeit bei jeder Gelegenheit. Als ſie von der Abſicht der Prinzeß Amalie hörte, für arme Kranke ein Aſyl zu ſtiften, rief ſie:„Iſt es nicht traurig, daß ich eine Jüdin bin! Ich möchte beitragen zu dem edlen Zwecke, aber wird eine chriſtliche Prinzeß an⸗ nehmen ein Geſchenk dazu aus der Hand einer Jüdin? Ich glaube es nicht.“ „Sie iſt im Irrthum. Die Prinzeß ſteht nicht auf ſo traurigem Standpunkte, um einen Unterſchied zwi⸗ ſchen guten Menſchen in der Religion zu finden“, ſprach Doctor Stoll.„Wenn Sie Luſt hat, die Wahrheit meiner Worte zu prüfen, ſo werde ich Ihr Gelegenheit ver⸗ ſchaffen, mit der Prinzeß ſelbſt ſprechen zu können.“ Für Gütel war dies Anerbieten eine große Freude, und wenig Tage ſpäter, als Prinzeß Amalie und ihre Schweſter einen Beſuch beim Hofmedicus machten, um 87 deſſen von ihm ſelbſt in Wachs boſſirte Präparate innerer Körpertheile, welche er durch Frachtgelegenheit von Dresden ſich hatte nachkommen laſſen, in Augen⸗ ſchein zu nehmen, fand ſich auch Gütel ein. Wie ſehr Frau Binſe Anſtoß an dieſen ſich wiederholenden Be⸗ ſuchen der jüdiſchen Jungfrau fand, iſt ſchon erwähnt und ebenfalls, daß die„allerfürtrefflichſte Frau Durchlaucht“ ſie mit der Beſchwerde über die Verunehrung, welche ſolchergeſtalt unter dem Beiſtande des Doctors an den gnädigſten Prinzeſſinnen geſchehen, unmuthig zurückwies. Frau Binſe ahnte freilich nicht, daß Prinzeß Amalie ihrer gnädigſten Mama gleich an demſelben Tage, wo ſie und ihre Schweſter die Wachspräparate des Hofmedi⸗ cus, in damaliger Zeit eine Seltenheit, mit großem Erſtaunen betrachtet hatten, weil ſie bis dahin noch keine richtige Vorſtellung von dem Innern des menſch⸗ lichen Körpers gehabt, davon Mittheilung gemacht und ihr zugleich ſehr freudig vertraut hatte, daß ſie auch die Tochter des Oberrabiners daſelbſt kennen ge⸗ lernt, die aus Anlaß ihrer gücklichen Wiederherſtellung durch Doctor Stoll ihr einen Beitrag von zwei alten Goldmünzen zu ihrem projectirten Aſyle für Arme und Kranke übergeben, und ſie in der dankbaren Geberin ein ebenſo liebenswürdiges als beſcheidenes Mädchen gefunden hätten. Die hohe Frau erſah aus dieſer lediglich dem dum⸗ men, fanatiſchen Haſſe Frau Binſe's gegen die Juden entſprungenen Denunciation, wie leicht es ſei, aus dem einfachſten und oft in beſter Meinung geſchehenen Thun eines Andern üble, anſtößige Gerüchte zu modeln und in Umlauf zu bringen, und natürlich war ſie darüber ſehr ungehalten. Frau Binſe war nicht die Perſon⸗ die ſo leicht eine ihr widerfahrene Beleidigung ver⸗ geſſen konnte, und ſie lebte der Hoffnung, daß, da Seine Durchlaucht wieder anweſend, derſelbe auf ſeinen Pro⸗ menaden durch die Stadt gelegentlich auch die Cavalier⸗ ſtraße paſſiren und, wie er mit denen, welche er kannte, ein paar Worte zu wechſeln pflegte, auch bei ihr vor⸗ ſprechen werde. In einer Reſidenz wie das damalige Deſſau, wo der Hof die Sonne iſt, um die ſich Alles dreht, gehörte es nicht unter die Wunder, daß ſich die Kunde, der Durchlauchtige ſei fuchsteufelswild zurückgekehrt und Jeder könne ſich Glück wünſchen, wenn er ihm nicht in den Wurf käme, in ungemeiner Schnelligkeit ver⸗ breitete. Und Herr Leupold, den der Gedanke an die Er⸗ hebung Schwerin's zum preußiſchen Generalfeldmarſchall nicht ſo leicht aus dem Gedächtniſſe wich, hatte nach ſeiner Rückkehr Vieles vorgefunden, was ſeinen Grimm in vollem Zuge erhielt. 89 Die Meldung, daß ein Landwirth, um das ſeine Felder verwüſtende Wild— das ganze Deſſauer Land enthielt eine Unzahl von wilden Schweinen, Hirſchen, Rehen und Haſen— zu verſcheuchen, mittels wohl ver⸗ borgener Gruben mehrere große Stücke gefangen und getödtet, dann aber, da das Vergraben derſelben wegen der zufälligen Entdeckung durch Spürhunde gefährlich, es während nächtlicher Zeit aufgeladen und ein paar Meilen weit an abgelegene Orte im Forſte gefahren und unter Reißig und Waldſtreu verſteckt habe, wahr⸗ ſcheinlich um die Meinung herbeizuführen, es ſei durch Wilddiebe da zum Abholen verſteckt worden, bei welchem Geſchäft er jedoch in einem wiederholten Falle abgefaßt worden ſei, hatte Seine Durchlaucht in eine grenzen⸗ loſe Wuth verſetzt, denn abgeſehen von ſeiner Leiden⸗ ſchaft für die Jagd, ſah er in dieſer Selbſthülfe einen der abſcheulichſten Eingriffe in ſein ihm von Gott ver⸗ liehenes Fürſtenrecht, nach welchem er ſich als den alleinigen Beſitzer alles Wildes, welcher Art es auch ſein mochte, betrachtete. Nur verſcheuchen durfte der Bauer die in Vielzahl erſcheinenden vierfüßigen Räuber ſeiner Erntefrüchte; aber die Unmöglichkeit, dies Nacht für Nacht und an allen bedrohten Stellen ſeines Grund und Bodens in Ausführung bringen zu können, lag zu ſehr auf der 90 Hand, als daß ſie hätte bezweifelt werden dürfen, und die Jäger waren zu offenbare Feinde des Landvolks, um nicht die heimtückiſchſte Schadenfreude bei den zahl⸗ loſen Beſchwerden der Landbewohner über die nächt⸗ licher Zeit durch das Wild verurſachten Verwüſtungen ihrer Felder zu empfinden; ſie ſpeiſten die Klagenden mit den Worten ab:„ZJa, verſcheucht's, das ſteht Euch— ja frei.“ Herr Leupold, erzählte man ſich, habe den Unglück⸗ lichen, als dieſer ihm vorgeführt worden, in der erſten Wuth mit dem Hirſchfänger niederſtoßen wollen, ſei aber von dieſer leidenſchaftlichen That durch den Ober⸗ jägermeiſter zurückgehalten worden; das Gericht jedoch hätte den unabweislichen Befehl Seiner Durchlaucht 4 erhalten, die„Canaille“ nach dem härteſten Strafmaß zu verurtheilen, und dies beſtand in lebenslänglicher Kettenſtrafe. Vergebens hätte Frau Annelieſe verſucht, den Zorn ihres Gemahls zu mildern, er habe ſich in ſeiner Aufregung ſo weit gegen ſie vergeſſen, daß er ſie ſich zum Teufel ſcheren geheißen, ein Ausdruck, welcher in ſeinem Munde ſtets als Ultimatum für jede Angelegenheit zu betrachten war, von der er nichts mehr hören wollte. Ehe noch dieſer Aufruhr in des wilden Kriegs⸗ fürſten Seele geſtillt war, lief eine neue Hiobspoſt ein, 91 15 die ſein kaum ſich etwas beruhigendes Gemüth aufs ks, neue in bedeutende Aufregung verſetzte. Wie unaufhör⸗ l licher Alpdruck laſtete auf den Bauern des Deſſauer t⸗ Gebietes die Verpflichtung, die unter ſie zur Fütterung en und Abwartung vertheilten zahlloſen Jagdhunde Seiner en Durchlaucht in beſtem Stand zu erhalten. Bei harter ch Strafe mußten ſie für die verlorenen oder auch auf ganz natürliche Art geſtorbenen Thiere einſtehen und c⸗ ſie mit ſchweren Koſten erſetzen. Dieſer durch fürſtliche Eh Gewaltherrſchaft ſanctionirte Mißbrauch aller menſch⸗ ſei lichen Vernunft hätte durch Herrn Leupold nie eine T. Abänderung finden können. In ſeinen Augen erſchien ch jede Klage ſeiner Unterthanen, wenn ſie nur im ent⸗ ht fernteſten ſeine Leidenſchaft für Jagd antaſtete, als aß Verrath und Rebellion, ſein Mißvergnügen darüber 3 machte ſich in grauſamer Härte, ſein Zorn in wildem t, Verderben geltend. in Einem Bauer widerfuhr das Unheil, daß die zwei er ihm zur ſorgſamſten Wartung übergebenen Lancirhunde c, umſtanden. Dieſe Meldung ſchien den alten Herrn faſt de um den Verſtand zu bringen, er fand keine Flüche, um ts ſein Unmaß von Zorn zum Ausdruck zu bringen, denn die beiden fraglichen Hunde zählten zu den zuverläſſigſten 8⸗ der fürſtlichen Meute bei den Parforcejagden. Von Jägern umgeben, ritt er nach Jonitz, dem Dorfe, wo der Bauer wohnte. Unter allen Umſtänden hätte der Mann lieber den Gottſeibeiuns auf nachtſchwarzem, Feuer aus den Nüſtern blaſenden Roſſe in ſein Gehöfte kommen ſehen als Seine Durchlaucht. Heraus vor die Thür wurde der von dieſem großen Mißgeſchick Betroffene zu kommen beſchieden. Er war ein kleiner Mann mit grauem Haar und furchenreichem Geſicht, ein Zeugniß der harten Mühen ſeines arbeits⸗ vollen Lebens. „Wie ging's zu, daß die Hunde ſtarben?“ fragte Herr Leupold. Der Mann erzählte es, der Verlauf war ein ganz natürlicher.„Bei dem letzten Jagen mögen ſie ſich Schaden gethan haben“, ſchloß der Bericht Gebende. „Aufgebrochen?“ fragte Seine Durchlaucht den die Inſpection habenden Hundemeiſter. „Zu Befehl, Durchlaucht.“ „Und was?“ „Schlechte Nahrung ſcheint die Haupturſache des Umſtehens.“ „Das lügt Er wieen Schelm. Die Thiere ſind gut bei mir gehalten worden. Ihm macht's nur Spaß, uns armes gedrücktes Volk noch mehr turbirt zu ſehen als—“ „Sag's raus, Cujon!“ſ chrie Seine Durchlaucht ihm zu. 93 Der Mann ſchwieg. „Willſt Du Dein Bauernmaul nicht gutwillig auf⸗ thun, ſo werde ich das Mittel dazu finden.“ „Nun, wenn's gerade ſein ſoll, mir kann's da ſchon recht ſein; aber der gnädigſte Herr wird wenig Ver⸗ gnügen dran haben“, ſagte der Mann, und nachdem er ſich den Meſſingkamm gerückt hatte, der ſein in einem dicken Wulſt im Nacken ruhendes graues Haar feſt⸗ hielt, hob er unverzagt eine Schilderung des Druckes an, der auf dem Bauersmann laſte. Es war eben derb und bäueriſch und daher ſehr verſtändlich, was der Mann ausſprach. „Was denkt ſich denn der gnädigſte Herr Durch⸗ laucht, daß der liebe Gott zu ſolcher Menſchenſchinderei ſagen wird?“ ſchloß er ſeine freimüthige Anklage.„Wir Bauern ſind zu Hundejungen gemacht worden; eh, da iſt's leicht Hunde halten, wenn ſie ihres Herrn Brod nicht freſſen; wir ſind Eurer Durchlaucht Treiber bei den großen Jagden und zu Hauſe fehlt der Arm, der für Weib und Kinder arbeitet, um's liebe tägliche Brod zu erſchwingen; wir ſind für Eurer Durchlaucht Grünröcke nur Halbmenſchen, denen ſie allen Tort anthun. Und das geht Alles in Eurer Durchlaucht Namen und wird auch einmal jenſeits auf Eurer Durchlaucht Kerbholz bei der Abrechnung ſtehen. Gewiß und wahrhaftig, Gott läßt ſich nicht ſpotten, er iſt aller Durchlauchten Durchlaucht. Die Menſchenſchinderei an uns und—“ Zum Ausreden kam der Mann nicht. „Halt's Maul, Canaille!“ ſchrie Herr Leupold und ein Hieb mit der Gerte ſauſte über des Alten Kopf, der zuſammenzuckend in wildem Trotze ſchrie:„Nur zu, nur zu! Das kommt auch aufs Kerbholz, daß das Urtel zur ewigen Verdammniß für Eure Durchlaucht reif wird.“ Ein abermals niederſauſender Hieb traf indeß den Alten nicht, denn ohne daß die in einem Kreiſe ihren Gnädigſten und den Aermſten umſtehenden Jäger es bemerkt hatten, war ein junger ſtämmiger, aber groß gewachſener Burſche in bürgerlicher Kleidung aus der Thür und hinter ſie getreten. Im Moment, als die Gerte niederſauſen ſollte, ſtieß der Burſche mit kräftiger Fauſt den ihm am nächſten ſtehenden Jäger höchſt un⸗ ſanft zur Seite, und mit der andern Hand den Alten faſſend und ihn mit einem gewaltigen Ruck dem nieder⸗ fallenden Hiebe entziehend, rief er: „Vater, laß Er mich da ſtehen. Ich ſag's ihm eben ſo gut wie Er.“ Dies Plötzliche pikirte Herrn Leupold und ſein grün⸗ röckiges Gefolge außerordentlich, und das letztere glaubte mit Gewißheit, der Durchlauchtige werde ganz wüthend 95 über dieſen Zwiſchenfall ſich geberden, indeß dieſe all⸗ gemeine Erwartung erfüllte ſich zu aller Ueberraſchung nicht. Der alte Herr hielt ſo unbeweglich wie eine Marmorſtatue auf ſeinem Fuchſe und ſchaute den kecken Burſchen mit großen Augen an. Allmälig milderte ſich der ſtrenge, zornige Blick Seiner Durchlaucht und nach einer Weile fragte er: „Kerl, wer iſt Er?“ „Meines Vaters Sohn“, lautete die Antwort. „So? Die alte Canaille iſt Sein Vater?“ Der Burſche ſchwieg. „Antwort!“ ſchrie Herr Leupold. „Die kann ich nicht geben, weil ich keine Canaille zum Vater habe.“ „So? Hm!“ „Das iſt mein Sohn Barthel, der auf der Wander⸗ ſchaft mich beſucht hat“, verbeſſerte der Alte. „Iſt der Kerl nicht Bauer?“ „Nein, Gerber, Durchlaucht.“ „Warum?“ „Weil der Vater eingeſehen hat, was ein— Bauer für'n armſeliger, geſchundener Menſch iſt.“ „Mach' er keine Kinkerlitzchen, Kerl. Er wollte ſagen, was ein Deſſauiſcher Bauer für ein armſeliger, geſchun⸗ dener Menſch iſt.“ „Na, eine Lüge iſt's gewiß nicht, davon gibt mein alter Vater das unleugbarſte Zeugniß.“ Und wieder ſtand in jedem Geſicht der dieſe Gruppe von Herrn und gepeinigten Unterthanen Umgebenden die Erwartung ausgedrückt, daß nun der Durchlauchtige loswettern werde; aber zu aller Staunen kam es aber⸗ mals anders. Herr Leupold fand die Keckheit Barthel's ganz nach ſeinem Geſchmacke. Er liebte es, Leute zu finden, die ſich nicht vor ihm fürchteten, und je gröber und entſchloſſener ihm einer entgegentrat, deſto ange⸗ nehmer war es ihm. Er ſchien für derartige Perſonen eine gewiſſe Werthſchätzung zu empfinden, weil ſie etwas mit ſeiner eigenen Art Verwandtes beſaßen. Ohne Zorn ſagte er zum Oberjägermeiſter:„Der alte Kerl erſetzt die beiden Hunde in Geld und brummt vier Wochen im Loche.“ „Das iſt durchlauchtig? Pfui!“ rief der Burſche laut. „Kerl!“ donnerte ihn der alte Herr an. „Ach was Kerl! Ich frage den Teufel darnach, ob's dem Gnädigſten gefällt oder nicht, was ich ſage. Der alte Mann iſt mein Vater und ein Schuft der Sohn, der vom Vater abfällt, wenn dieſer ins Unglück kommt. Wer anders denkt, trete auf und ſag's, daß man ihm einen Fußtritt geben kann, denn mehr iſt er nicht werth.“ ————᷑—ÿ—ꝛ—x—x—ꝛ—ꝛ—— 97 „Da hat Er Recht“, ſtimmte Durchlaucht auf⸗ richtig bei. Es folgte eine Pauſe; die Ungewißheit, wie dieſer ungewöhnliche Auftritt enden werde, hatte etwas Peinli⸗ ches. Man kannte Herrn Leupold zu genau, um nicht zu ahnen, daß er etwas im Schilde führe; das ſprach ſich ſchon in ſeinem Geſicht aus, es war ein verſtecktes Schmunzeln darin zu bemerken, das den Anſtrich von Gemüthlichkeit trug. Endlich ließ er ſich folgender⸗ maßen vernehmen: „Erſetzen muß der Alte die Hunde, und wenn der Hof drauf geht, dabei bleibt's. Mit den vier Wochen im Loch kann's anders werden, ſollen ganz wegfallen, wenn Er— Ihn meine ich, Gerbergeſell— freiwillig unter mein Regiment tritt.“ Da Barthel nicht ſofort antwortete, ſchrie der Fürſt ihn an:„Zur Schwerenoth, Kerl, kann ich Ihn mehr honoriren, als daß ich Ihm ſo'ne Ehre erzeige? Was will Er denn machen, wenn ich Ihn mit Gewalt unter⸗ ſtecken laſſe?“ „Das iſt wieder wahr“, ſprach der Burſche nach kurzem Sinnen.„In dem Lande kommt man jederzeit aus dem Regen in die Traufe. Gott behüt's!“ Und zu ſeinem Vater gewendet, ſagte er:„Sei ruhig, Vater, Du ſollſt nicht ins Loch. Die Kerle Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. III. 7 hier ſind's nicht werth, daß ſie das Vergnügen haben ſollen, ſich darüber zu freuen, einen Bauer im Gefäng⸗ niß geprankelt zu wiſſen. Ein ſchöner Tauſch freilich! Zur Strafe für zwei umgeſtandene Hundeviecher ſoll ein vernünftiger Menſch ein Hundeleben führen! Vivat Deſſau!“ „Wenn Er ſich bis morgen genug ausſkandalirt hat, melde Er ſich beim Hauptmann von Lüdritz in meinem Deſſau, hört Er?“ ſagte Herr Leupold mit einer an ihm ſeltenen Gemüthsruhe, und ſeinen Fuchs wendend, gab er voranſprengend das Zeichen, das Gehöfte zu verlaſſen. Er war durch dies Erlebniß ſehr erheitert. Unterwegs ſagte er zum Oberjägermeiſter:„Solche Kerls wie der Gerberlümmel werden die beſten Soldaten. Der bringt's zu was, ſehe das kommen.“ Dergleichen Intermezzos wirkten auf den alten Fürſten ungefähr in dem Maße ein wie ein Abend⸗ regen auf ſonnenverbrannte Flur. Der Grundzug ſeines Gemüthszuſtandes nach ſeiner Heimkehr von Berlin war ein Gemiſch von Groll und allzu großer Reizbarkeit und daher der Umgang mit ihm ein keines⸗ wegs ungefährlicher. Man wich ihm aus, wo man konnte, und die Compagnie ſeines Halleſchen Muſter⸗ regiments, welche er, um im beliebten Soldatenſpiel wenigſtens eine Befriedigung zu finden, nach Deſſau 99 genommen, hatte die vollkommenſte Urſache, über die Beſchwerden ihres Standes nachzudenken, denn es machte dem gewaltthätigen Herrn wahrhaftes Vergnügen, Stra⸗ fen zu verhängen. 1 Die Nachrichten, die ihm über den neuen König zukamen, waren keineswegs der Art, ſeinen Grimm zu mindern, vielmehr geeignet, denſelben zu erhöhen. „Wenn das mein höchſtſeliger königlicher Freund wüßte, mit was für Kerls ſich ſein Nachfolger umgibt, er würde ſich im Sarge umdrehen!“ Dieſer Ausruf des alten Herrn kam aus der Tiefe ſeines Herzens, als er von ſeinen guten Freunden in Berlin die briefliche Kunde empfing, König Friedrich erwarte den franzöſi⸗ ſchen Mechaniker Vaucanſon, den Verfertiger der künſtli⸗ chen freſſenden und mit den Flügeln ſchlagenden Ente und des Flötenſpielerautomaten, bei ſich. Kunſtwerke betrachtete der Deſſauer überhaupt als unnütz für die Welt, er hatte nicht im entfernteſten die Ahnung, daß der menſchliche Geiſt im Erfinden ſeine höhere Abſtammung documentirt. Alles Geiſtige, was Seine Durchlaucht nicht begriff, erſchien ihm als Kinkerlitzchen, die am allerunpaſſendſten für einen König waren. Aufs äußerſte aber erbitterte ihn die Nachricht, daß der nach Preußen zur Huldigung reiſende junge 7 G König den von ihm erſt aus London nach Berlin be⸗ rufenen italieniſchen Gelehrten und Schriftſteller Alga⸗ rotti, welchen er ſogleich zum Grafen erhoben hatte, in ſeinem eigenen Wagen mit nach Königsberg genom⸗ men habe. „Und mich, der ſeine Armee, die er vorgefunden, erſt zu dem gemacht hat, was ſie iſt, mich ladet er nicht ein!“ ſchrie Herr Leupold, zornig mit dem Fuße ſtampfend.„Gehört ein ſolcher italieniſcher Fiſſema⸗ dentenmacher überhaupt in die Nähe eines Königs von Preußen, wenn er die Huldigung eines ſeiner Landes⸗ theile abnimmt? Steht ein ſolcher ausländiſcher Tinten⸗ kleckſer vor dem Riß, wenn Noth an Mann iſt? Nie⸗ mals, Kerle von der Art ſalviren ſich, wenn die Kanonen zu ſpielen anfangen. Lumpenbagage, Wortdreher und Scribifaxe ſind die Geſellſchaft, nichts weiter!“ „Warte es nur in Ruhe ab, Leupold“, hatte Frau Annelieſe gemahnt.„Es iſt noch nicht aller Tage Abend. Ein einziges Stäubchen im Getriebe einer Uhr verändert deren Gang, und wer kennt das politiſche Stäubchen, das ſich in das preußiſche Staatsgetriebe einſchieben und Alles verändern kann.“ Der alte Herr rannte wie toll im Zimmer auf und nieder und unterſtützte ſeinen Grimm mit einer eben nicht ängſtlich abgewägten Zahl ſeiner beliebten Kraft⸗ 101 ausdrücke, dann blieb er plötzlich vor ſeiner Gemahlin ſtehen, und indem er ſeine Hände auf ihre Schultern legte, ſprach er mit bedeutend gehobener Stimme: „Höre zu, Annelieſe! Sieh, ich habe den jetzigen König als jungen Prinzen lieb gehabt, er war Teufels Vorlauf, ja, aber was ſchadete das? Kerle wie die Waſſerſuppen taugen den Teufel nicht, habe ich nie leiden können, bin auch nie ein ſolcher Lumpenkerl geweſen. Hat mich ſogar im Stillen gefreut, daß er ſeinem Alten gegenüber, natürlich mit geziemendem Re⸗ ſpekte, immer derſelbe geblieben, ein feſter Charakter, kein Heuler und Zähneklapperer vor Angſt und De⸗ muth. Das wird'mal'n Herr werden wie der Alte, ſagte ich zu mir. Und'n toller Burſch war er. In Ruppin haben er und der Schwedter Markgraf Heinrich, der Kayſerlingk, der Buddenbrock, der Gröben und die jungen Offiziere ſeines Ruppiner Regiments Schwere⸗ nothsſtreiche angegeben. Fenſtereinwerfen und Schwär⸗ mer in den Häuſern der Paſtoren loslaſſen und an⸗ deres tolles Zeug mehr kam Tag für Tag an die Reihe, und's machte ihm'n ganz beſondern Jux, bei der ſchönen Glaſerstochter einzuſteigen, um ſich von deren Mutter eine Partie Grobheiten zu holen, die ihn regel⸗ mäßig ablauerte und dann kurz und lang titulirte, ſobald er den Kopf ins Fenſter hereinſteckte, worüber dann ſeine auf der Straße lauſchende luſtige Geſellſchaft hölliſch jubelte. Aus dem wird was Rechtes, ſagte ich zu mir. Jugend muß austoben. Und jetzt geht er mit einer Bande Kerls um, die ernſt wie die Perrücken⸗ ſtöcke ſind und mit ihren gelehrten Dummheiten ihm den Kopf verdrehen, daß es'n Jammer iſt. Sieh, Annelieſe, daß ich mich ſo ſchmählich getäuſcht habe, das crepirt mich verflucht. Wenn ſein Alter wüßte, daß mir ſo gedankt wird!“ Es war ſelbſtverſtändlich, daß durch die von dem jungen König ihm ſcheinbar widerfahrende Zurückſetzung ſeiner Perſon ſeine Erinnerung an die Geltung, die er bei Lebzeiten ſeines königlichen Freundes genoſſen hatte, gewaltſam in ihm rege gemacht wurde. Dieſes Zurück⸗ denken brachte indeß zwei Perſonen ſeine beſonders gnädige Beachtung, und dies waren die beiden Unter⸗ offiziere der Potsdamer blauen Rieſengarde, Rank und Bank, welche ſich bei ihm in Berlin zum Dienſt in ſeinem Halleſchen Regimente gemeldet und von ihm mit nach Deſſau gebracht worden waren. Er ſtationirte ſie in ſeiner Reſidenz und verwendete ſie als Exercirmeiſter, da die Compagnie, welche in Deſſau garniſonirte, meiſt aus Rekruten beſtand. Die Beiden waren ganz nach ſeinem Geſchmacke, vom Scheitel bis zur Zehe Soldaten, und ſeiner An⸗ 103 ſchauung nach hatten ſie, da ſie eben weiter nichts waren, die höchſtmögliche Bildungsſtufe erreicht. Die Freundſchaft der beiden Rieſen zu einander war auch ganz dieſelbe noch, wie ſie es in des Advocaten Homi⸗ lius Haus geweſen: Bank daſſelbe nach einem zarten weiblichen Herzen ſchmachtende Gemüth wie dort und immer noch lebendiges Schlußwort der unverblümten Redefloskeln ſeines würdigen Kameraden, Rank dagegen der Mann martialiſcher Repräſentation, die den eigent⸗ lichen Mittelpunkt ſeines ganzen Daſeins bildete, ob⸗ wohl keine Beweiſe vorlagen, daß er jemals ſich als tapferer und muthiger Soldat bezeigt habe. Die den Beiden durch Herrn Leupold gelegentlich mehrfach zu Theil gewordene Bevorzugung hatte aber die Mißgunſt ihrer Kameraden hervorgerufen, und Jeder würde es ſich als eine ſehr lobenswerthe That angerechnet haben, ihnen ein Bein ſtellen zu können, um ſie aus des alten Herrn Gunſt zu bringen. Nach ſoldatiſchem Sprachgebrauch paßte man ihnen auf den Dienſt. Dieſer kameradſchaftliche Zwieſpalt machte dem Fürſten, dem derſelbe nicht entging, vielen Spaß, und daß ſelbſt ſein alter Binſe den beiden Rieſen feindlich geſinnt war, aus der einfachen Urſache, weil ſie an Körperlänge ihn, der ſich bisher für die weitaus hervorragendſte Erſcheinung in Deſſau gehalten, noch 104 übertrafen, und zwar in ſtattlicher Weiſe, beluſtigte den alten Herrn gar ſehr und war eigentlich der ein⸗ zige Gegenſtand, der ſeinen bittern Groll über König Friedrich's Maßnahmen als Selbſtherrſcher, der jedes Gängelband entſchieden von ſich fern hielt, in etwas zerſtreute. Mit dieſem Grolle, den er nicht überwältigen konnte, da ſein verletzter Ehrgeiz ſich zu heftig gegen das Ver⸗ geſſen deſſelben ſträubte, verband ſich jedoch etwas, das ihm ſelbſt ſehr lächerlich erſchien, aber deſſenunge⸗ achtet nicht aus ſeinem Gedächtniſſe wich, und das war Binſe's einfache Tröſtung bei ſeines Herrn Wiederkehr: „Meine Alte hat die Karte gelegt; die trifft aufs Haar. Wird ſich bald wieder auf den Beinen befinden unſere allerfürtrefflichſte Frau Durchlaucht.“ Es war eingetroffen, Frau Annelieſe war geneſen, die Karten der alten Hökerin hatten Recht gehabt. Wenn ſie das aus den bunten Blättern herausgeleſen hatte, war es da nicht ganz logiſch gedacht, daß ſie auch das ſeine Zukunft Betreffende darin finden müſſe? Aber in ſich ſelbſt fühlte er eine Stimme ſich gegen den Verſuch, die Karte von der Alten ſich legen zu laſſen, erheben, die ihn mit Scham erfüllte. Ein Mann ſei⸗ ner Art ſollte ſo muthlos ſein, zu ſolchem Mittel zu greifen? Deshalb vermied er es, die Cavalierſtraße 105 zu berühren, wo die alte Binſe mit ihrem Kram an der Ecke ſaß, er hatte Furcht vor ſeiner eigenen Schwäche. Es war ein eigenthümlicher Zwieſpalt, der ihn in dieſer Beziehung beunruhigte, und es lag doch außer ſeiner Macht, die Ungewißheit von ſich abzuſchütteln, wie es, trotzdem ihn der junge König in ſeinen hohen Würden und Aemtern beſtätigt hatte, mit ſeinem Ein⸗ fluſſe überhaupt werden würde. Die Huldigung in Königsberg war vorüber, Seine Majeſtät nach Berlin zurückgekehrt; aber kein Ruf war von da an Herrn Leupold ergangen, ſich daſelbſt einzu⸗ finden. Das deutete auf eine Entfremdung des Namens des alten Deſſauers bei der jungen Majeſtät, ſeine Gegner hatten obgeſiegt, man vergaß ihn und ſeine Verdienſte mit Leichtigkeit. Das grollte tief bei ihm; aber ſie ſollten und mußten ihn aufſuchen, nachgeben war nicht ſeine Art und bei ſolcher Situation ſchon gar nicht. Die Kunde, daß Seine Majeſtät Mitte Auguſt eine Reiſe in die weſtfäliſchen Provinzen vorhabe und dann nach Straßburg ſich begeben werde, um das Vergnügen zu genießen, franzöſiſchen Wind zu ſchlucken, wie der Berliner Berichterſtatter ſpöttiſch bemerkt hatte, war ganz dazu angethan, Herrn Leupold zu überzeugen, daß die Zeit, welche dieſe Reiſe des Königs in An⸗ ſpruch nahm, ganz geeignet ſei, noch mehr die ent⸗ ſtandene Kluft zu erweitern, ihn, den Fürſten, der ſo viel für den Ruhm Preußens gethan, denen zuzu⸗ geſellen, welche man nicht vermißte, und der Unmuth in der Seele des ſich verkannt Glaubenden ſtei⸗ gerte ſich. Der Auguſtmonat war ſchon faſt zur Hälfte vor⸗ gerückt, als er eines Vormittags ſeine Gemahlin im Garten aufſuchte. Frau Annelieſe hatte in dieſer Zeit der Ungewißheit viel mit ihm zu thun, ſie war die Einzige, die einen Einfluß auf ihn ausübte. Heute fand er ſie in Geſellſchaft ihrer Töchter, des Superin⸗ tendenten Abraham de Mardes und des Hofmedicus. Die Unterhaltung wurde von den beiden zuletzt Ge⸗ nannten in lebhafteſtem Fluß erhalten. Man kam auf die vom neuen König mittes Decret für immer abgeſchaffte Tortur. Der Hofmedicus ſprach enthuſiaſtiſch für dieſe erhabene, von einem großen, freien Geiſte zeigende königliche Ordre, die nicht ver⸗ fehlen werde, ihren Weg durch Europa zu machen und die Menſchheit von dem Schandfleck des traurigſten Aberglaubens zu befreien, der namentlich in den ab⸗ ſcheulichen Hexenproceſſen ſeinen Glanzpunkt gehabt habe. „Ich möchte den Herrn Hofmedicus nur darauf 107 aufmerkſam machen, daß der Glaube an Zauberei ein uralter iſt, ein, ſo zu ſagen, in der Menſchheit Fleiſch und Blut übergegangener, und deshalb wohl auch ein unausrottbarer ſein dürfte. Selbſt unſer hei⸗ liges Bibelbuch deutet uns dies an im erſten Buche Samuelis, achtundzwanzigſtes Kapitel, wo König Saul das Zauberweib zu Endor aufſucht, um den Geiſt Samuel's vor ſich heraufbeſchwören zu laſſen.“ Auf dieſe Bemerkung des ehrwürdigen Superinten⸗ denten entgegnete jener lächelnd: „Ich bin ein zu großer Ungläubiger, um Alles für Wahrheit zu halten, was uns das alte Teſtament auf⸗ tiſcht. In beſagter, dem erſten Buche Samuelis ange⸗ hörender Zaubergeſchichte ſehe ich nur eine gegen König Saul geſpielte Komödie, um ihn geiſtig zu ſchwächen.“ Der Superintendent entgegnete mit einer Miene, welche ſein theologiſches Uebergewicht andeutete: „Wie man ſich den Vorgang auch denken will, ob buchſtäblich wahr oder als abſichtliche Täuſchung, dar⸗ auf kommt nichts an, ſondern nur darauf, darin einen Beweis zu finden, daß der Glaube an Zauberei, wozu auch die Wahrſagerei, natürlich in ſchlechtem Sinne getrieben, zählt, in graueſter Vorzeit wurzelt.“ „Ehrwürden, ich ſtimme da ganz mit ein“, ſprach die Fürſtin.„Freilich erzählt man auch Vorkommniſſe, 108 die allerdings nicht zu enträthſeln ſein dürften, wenn man ſie nicht als müßige Erfindung bezeichnen will, was jedoch in Bezug auf die dabei betheiligten Perſo⸗ nen nicht immer gut möglich iſt.“ „Haben Durchlaucht die Gnade, uns ein ſolches Beiſpiel mitzutheilen“, bat der Superintendent, und Herr Leupold, den dieſe Unterhaltung ganz beſonders anſprach, weil ſie ſeinen geheim gehaltenen Wunſch, die Ereigniſſe der Zukunft kennen zu lernen, berührte, rief: „Leg' los!“ „Mit Deiner Erlaubniß“, antwortete die hohe Frau, ſich gegen ihn neigend, und begann: „Mein ſeliger Vater hatte mit einem franzöſi⸗ ſchen Herrn, einem Laboranten, den die Religions⸗ bedrückung in ſeinem Vaterlande gezwungen hatte, mit ſeiner Familie ins Ausland zu flüchten, und der ſich in Leipzig wenigſtens vor der Hand ſeßhaft gemacht, gute Freundſchaft geſchloſſen, da ihre beiderſeitigen Geſchäfte in vielen Stücken gleichſam in einander greifen. Ich war vielleicht ein dreijähriges Kind, als der Vater die Mutter und mich mit nach Leipzig zu ſeinem guten Freunde Monſieur Wespy nahm. Wie's ſo kommt, daß die Unterhaltung vom Hundertſten aufs Tauſendſte ſpringt, kam auch die Rede auf die ſeltſamen Lebenswege, welche mancher Leute Kinder durchzumachen haben, denn Mon⸗ 109 ſieur Wespy ſelbſt hatte das an ſich genugſam erfahren. Wir waren drei oder vier Kinder zuſammen, im Alter nur um ein oder anderthalb Jahr einander voraus, ich das jüngſte. Monſieur Wespy, durch Weingenuß aufgeheitert, rief plötzlich:„Wo iſt Madame Papillot, meine theure Schwiegermutter? Sie ſoll den Kindern ihren Lebenslauf vorausſagen.“ Meine ſelige Mutter wandte dagegen ein, das ſei Gott verſucht und ſchwere Sünde, aber mein Vater, ebenfalls weinſelig, nahm ſeines Geſchäftsfreundes Partie, und Madame Papillot, eine ſehr alte und zugleich ſehr magere Dame, wurde gerufen. Was ſie den Wespy'ſchen Kindern ſagte, weiß ich nicht, nur das, was mich betrifft und zwar auch nicht aus meinem Gedächtniſſe, denn eines dreijährigen Kindes Gedächtniß iſt wie eine Wachstafel, auf der ſich nur die ganz beſonders tiefen Eindrücke erhalten kön⸗ nen, die ſchwachen aber ſchnell verſchwinden, ſondern aus einem beſchriebenen Blatt Papier, das ich nach dem Tode meiner guten Mutter in ihrem Geſangbuche fand und das den von ihr aufgezeichneten Vorgang bewahrte. Madame Papillot hatte, nachdem ich die von ihr ge⸗ miſchte Karte abgehoben, die Blätter aufgelegt und rief dann mit größter Verwunderung:„Ah, eine Prin⸗ zeß! Da liegt das güldne Haus— eine vornehme Prin⸗ zeß!“ Und trotz des Gelächters, das Madame Papillot 110 für dieſe Weiſſagung erntete, iſt's doch zur Wahrheit geworden. Bin ich nicht eines deutſchen Reichsfürſten Frau, deſſen Name weit und breit berühmt iſt? Und bin doch nur des Apothekers Föhſe Töchterlein! Ja, Madame Papillot hatte Recht. Ich fand einen Prin⸗ zen, der mich zu ſeiner glücklichen Prinzeß machte.“ Dabei reichte Frau Annelieſe Herrn Leupold die Hand, der, mit einer merkwürdig veränderten, aber ſehr heitern Miene ſie anſehend, ihre Hand unter den Worten ſchüttelte:„Na, Annelieſe, zwiſchen uns bleibt's ſchon ſo, wie's bisher geweſen, gelt?“ Ehe noch weiter über das wichtige Kapitel der Weiſſagung verhandelt werden konnte, erfolgte eine Meldung, die alle in eine gewiſſe Aufregung verſetzte. Des Fürſten Kammerdiener, der Jakob Kältſch, kam athemlos herbei und rief:„Durchlaucht, Seine Majeſtät der König iſt eben ins Schloß gefahren.“ „Das wäre die heilige Schwerenoth!““ Mit dieſem Kraftausdruck fuhr Herr Leupold ſo heftig auf, daß der Seſſel weit hinter ihm zu Boden flog, und mit dem Eifer eines Jünglings ſtürmte er den langen Baum⸗ gang nach dem Schloſſe hin. Raſche Entſchließungen gehörten unter die Eigen⸗ thümlichkeiten des jungen Königs und mit ihnen ging auch ſeine Art und Weiſe zu reiſen. Er pflegte die 8 8 S8 S 111 Entfernung von Berlin nach Potsdam auf eine Stunde zu kürzen, indem er mit untergelegten Pferden beſtändig im Galopp oder Carridre ritt, ſelbſt ſeine Reiſe nach Königsberg zu Wagen und bei ſchlechten Wegen war nur ein dreitägiger Flug geweſen, und ſo kam es, daß er jederzeit in die Möglichkeit ſich verſetzt ſah, entweder Zeit übrig zu haben, ehe er ſich an einen andern Ort begab, während ein Anderer ſchon unterwegs ſich be⸗ fand, oder auch unerwartet zu überraſchen, wo und wenn man ihn nicht oder noch nicht erwartete. Herr Leupold kam in dem Moment, als der Schloßhauptmann, dem König vorantretend, denſelben die Treppe hinauf⸗ führen wollte. „Eure Majeſtät überraſchen mich!“ rief der alte Deſſauer. „Daran ſind Eure Liebden ſelbſt ſchuld“, ſagte der König.„Sie ſcheinen vergeſſen zu haben, daß es noch einen König in Berlin gibt, und deshalb komme ich, um Ihnen denſelben wieder in Erinnerung zu bringen. Iſt das nicht luſtig, Liebden?“ Der Fürſt redete etwas von nicht läſtig fallen wollen, und der König ſprach lächelnd:„Laſſen Sie es gut ſein. Ich bin hier und das iſt das Beſte, weil ich hier einigen Schatten zu finden hoffe.“ So angenehm überraſcht der alte Herr ſich von 112 ſeines Souveräns plötzlichem Beſuch fühlte, ſo glaubte er doch ſehr auf ſeiner Hut ſein zu müſſen, um nicht den Gedanken in dem jungen Monarchen anzuregen, als wenn die von demſelben ihm erzeigte Ehre das große Aergerniß gut mache, das er über deſſen Maß⸗ nahmen empfunden habe. Friedrich II. ſchien nicht zu bemerken, daß Herr Leupold eine reſervirte Haltung feſtzuhalten für gut fand. Bei einem in aller Eile aufgetragenen Dejeuner zeigte ſich der junge König ſehr heiter und geſprächig. „Und was thun wir nun?“ fragte er dann. „Wenn es Eurer Majeſtät beliebt, eine Gartenpro⸗ menade zu machen oder vielleicht eine Fahrt in den Thiergarten— prächtige Schattenpartien da.“ „Gut, Beides; zuerſt die Partie in den Thiergarten. Ich entſinne mich deſſelben als einer angenehmen Erinne⸗ rung von der Zeit her, wo ich mit meinem höchſtſeligen Herrn Vater mich hier befunden habe.“ In Wahrheit war der Weg durch die ſchattenreichen Alleen des Thiergartens ein höchſt angenehmer. Die Pferde, deren Lenkung Herr Leupold ſelbſt übernommen, indem er Kutſcher und Bedienten am Eingange auf ihre Rückkehr warten ließ, gingen im langſamen Schritt, und ſolange der Weg ein ebener, rollte der leicht ge⸗ baute Wagen ohne jegliche Erſchütterung hin; nur ſpäter, ——,⸗—— 113 als es dem Durchlauchtigen einfiel, einen andern Rück⸗ weg einzuſchlagen, verſetzte ein neu angelegter Knüppel⸗ damm dem Wagen heftige Stöße und brachte ihn zu höchſt verdächtigen Schwankungen. Der junge König äußerte keinen Laut des Unwillens. Sehr ernſte Erklä⸗ rungen waren vorher von ſeiner Seite dem alten Fürſten gemacht worden, der mit großer Aufmerkſamkeit ihm zuhört und auf ſeinen Wink jede Unterbrechung unter⸗ laſſen hatte. „Eure Liebden haben den Lebensweg meines höchſt⸗ ſeligen Herrn Vaters mit durchgemacht und iſt Ihnen daher auch nicht unbekannt, welche Aufgabe mir die an mich gefallene Erbſchaft ſeines Throns vorſchreibt. Ich weiß es, daß Sie mit der Ausführung dieſer Auf⸗ gabe nicht zufrieden ſein werden, denn Ihre Sentiments ſind ebenſo Oeſterreich wie Preußen zugewendet. Das iſt ein Uebelſtand, und daß ich zu Ihnen gekommen bin, mag Ihnen ein Beweis ſein, daß ich die égards für den vieljährigen und bewährten Freund meines höchſtſeligen Herrn Vaters nicht vergeſſen, wenngleich ich in gewiſſen Dingen andere Anſchauungen habe und, laſſen Sie mich es ſagen, als König haben muß wie Sie, dem nur die Ehre ſeines Feldherrnruhms das einzige Ziel ſein kann, welches ihm vor Augen ſchwebt.“ Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. III. 114 Der alte Deſſauer wollte einen Einwand dagegen erheben, doch der junge Monarch ſprach mit einem tie⸗ fen Ernſte: „Laſſen Sie mich ſprechen. Dem Gaſt ſind Sie dieſe Höflichkeit ſchuldig, wenn Sie auch im Innerſten Ihres Herzens ſich geneigt finden ſollten, dem Könige dieſelbe nicht zu gewähren.“ Dieſe ſcharfe und ſo offen ausgeſprochene Bemer⸗ kung Friedrich's II. erinnerte den alten Herrn daran, daß die Kluft zwiſchen demſelben und ihm, trotz deſſen jetzigen ehrenvollen Beſuchs, eine ziemlich weit klaf⸗ fende und von einem Verhältniß der Art, wie ein ſolches zwiſchen dem verſtorbenen König und ihm obgewaltet, keine Rede ſei. Ohne auf die ſich mit Falten bedeckende Stirn ſeines durchlauchtigen Kutſchers zu achten, fuhr der junge Monarch ohne Zögern fort: „Zum Ausſprechen kann keine Oertlichkeit angenehmer ſein als die hier. Das Geſprochene dringt zu keinem andern lauſchenden Ohr, als zu dem, für das es be⸗ ſtimmt iſt, und das iſt ein unbezahlbarer Vortheil. Wiſſen Eure Liebden, was in meines höchſtſeligen Herrn Vaters Teſtament die Worte: Schatz und Armee ſind da, mein Nachfolger bedarf keiner Maske mehr, bedeu⸗ ten? Sie ſollen die Richtſchnur meines Verhaltens ſein und ſie werden es ſein, ſo wahr ich erſchaffen bin! mei Eu Wo bett ang mei ihm Abſ Frie an dieſ wen Ma⸗ zwei glei geſſ ßen mäh 115 Die gröbſte Mißachtung jeder Schicklichkeit ſeiten des Kaiſers geſchah bei meiner Vermählung, welche, vom Wiener Hofe aufs angelegentlichſte betrieben, den Tag vorher, ehe ſie vollzogen wurde, auf kaiſer⸗ lichen Wunſch wieder rückgängig gemacht werden ſollte. Dergleichen Schändlichkeit muthete der Wiener Hof meinem höchſtſeligen Herrn Vater und mir zu. Vor Europa ſollten wir uns der Ehrloſigkeit, des elendeſten Wortbruchs ſchuldig machen. Der ärmſte Straßen⸗ bettler würde ſolche Zumuthung als eine Beleidigung angeſehen haben. Sie werden ſich ebenfalls erinnern, daß der Kaiſer meinen höchſtſeligen Herrn Vater als Null betrachtete, ihm nicht mit einem Worte, weder vor noch nach dem Abſchluß der Präliminarien zu dem 1735 geſchloſſenen Frieden mit Frankreich, obwohl zehntauſend Preußen an dem Kriege gegen daſſelbe Theil genommen, von dieſer Thatſache die geringſte Anzeige gemacht, noch weniger daran gedacht hatte, Preußen als betheiligte Macht in den Frieden aufzunehmen. Das war die zweite Beſchimpfung ohne Worte. Die dritte und ganz gleiche beſtand darin, daß der Wiener Hof ganz ver⸗ geſſen hatte, es gäbe noch einen König von Preu⸗ ßen in der Welt, und keine Anzeige von der Ver⸗ mählung der Erzherzogin Maria Thereſia mit dem 8* 8 116 Lothringer Herzoge Franz Stephan nach Berlin gelan⸗ gen ließ. Es wird unnöthig ſein, Eure Liebden noch an Weiteres zu erinnern, wie zum Beiſpiel der Kaiſer meinen höchſtſeligen Herrn Vater bei der Erbfolge in Jülich und Berg mit leeren Verſprechungen täuſchte“, ſprach der König weiter,„und wenn ich mich recht ent⸗ ſinne, waren Sie an jenem mir unausrottbar im Ge⸗ dächtniß gebliebenen Maitag des Jahres 1736 zu Potsdam bei meinem königlichen Herrn Vater zur Tafel, wo das Geſpräch auf das unſchickliche Benehmen des kaiſerlichen Hofes gegen den unſern aufs Tapet kam. Vor Zorn zitternd und nicht die Thränen bewältigen könnend, die ihm über die Wangen rollten, rief damals der König auf mich deutend:„Hier ſteht einer, der mich rächen wird!““ Der junge Monarch ließ eine Pauſe eintreten. Es war ſichtbar, daß er ſich in Aufregung befand. Herr Leupold ſtreifte ihn mit einem Seitenblicke und be⸗ merkte, wie in Friedrich's Geſichtszügen ein mühſam unterdrücktes Zucken ſich kund gab und deſſen Lippen feſt auf einander gepreßt ſich zeigten, während ſein Blick unverwandt geradeaus gerichtet in die Ferne ſtarrte, als ſähe er im Geiſte die Zukunft ſich vor ihm entſchleiern. zu fel, des kam. igen nals 117 Dieſer Zuſtand leidenſchaftlicher Anſpannung dauerte indeß nur kurze Sekunden, dann glättete ſich ſein Ge⸗ ſicht wieder zum Ausdruck der Ruhe und er ſprach mit demſelben Tone, in dem man eine wenig anregende Unterhaltung fortſetzt: „Rechnen Eure Liebden dieſen Anſpruch meines höchſtſeligen Herrn Vaters zu dem in ſeinem Teſtament befindlichen Satze: Schatz und Armee ſind da, mein Nachfolger bedarf keiner Maske mehr, ſo haben Sie das vollſtändigſte Programm meiner Handlungsweiſe als König, wenn eine Zeit eintreten ſollte, die mich nöthigen könnte, zu bethätigen, daß auch die Könige von Preußen Anſprüche zu machen berechtigt ſind. Von dieſem Programm wird mich Niemand abwendig ma⸗ chen. Es iſt ein großer Irrthum, wenn man mich für ein Rohr anſieht, das ſich vor jedem Luftzuge beugt.“ Ob die Fahrt über den holperigen Knüppeldamm des alten Herrn Verdruß ausdrücken ſollte, den er an dieſer Eröffnung des jungen Königs, die jeden Einfluß Anderer als unſtatthaft abwies, genommen, blieb unent⸗ räthſelt. Kaum hatte das Geſpann wieder glatten Weg unter den Hufen, ſo rollte der Wagen pfeilſchnell dahin. Eine Gartenpromenade folgte dieſer Sturmfahrt' Frau Annelieſe und ihre Prinzeſſinnen Töchter begrüß⸗ ten den König und er bezeigte ſich ſo freundlich gegen 118 die Damen, als hätte nie ein anderer Zweck ſein Denken bewegt, wie der, ſich heiter in Frauengeſellſchaft zu unterhalten; Herr Leupold jedoch erwies ſich ſehr wort⸗ karg. Der König ſchien dies nicht eher zu bemerken, als bis er mit ihm bei Tafel ſaß. „Was fehlt Eurer Liebden?“ fragte er theilnehmend. „Ach, ich wollte, ich wäre todt!“ lautete die Ant⸗ wort des alten Deſſauers. „Dazu können Sie bald kommen. Eine Piſtole, eine Büchſe ſind hinreichend.“ „Majeſtät, ich bin ein guter Chriſt“, fuhr der Alte heraus. „Alſo auf andere Art. Auch die ſteht Eurer Liebden zu Gebote. Fahren Sie nur einigemal den Knüppel⸗ damm hin und her, auf dem Sie ſo freundlich waren, mich zu kutſchiren, ſo brauchen Sie nichts Anderes, um den Tod davon zu haben, denn ich verſichere Eurer Liebden, es war wirklich nahe daran, daß mir auf die⸗ ſem prächtigen Wege die Seele aus dem Leibe fuhr.“ Herrn Leupold kam das ſo ſpaßhaft vor, daß er hellauf lachte, und von dem Augenblick an ging das Diner ſehr heiter zu Ende. Eine Stunde ſpäter raſte der Poſtzug, der den König von Deſſau fortführte, wie im Sturme dahin. Die Reiſe ging nach Braunſchweig zum Beſuch bei ſeiner Schweſter. pden pel⸗ ren, um urer die⸗ r.“ 3 er das ſte wie veig 119 Wer die Verabſchiedung zwiſchen dem Monarchen und dem alten Fürſten ſah, konnte keinen Zweifel hegen, daß beide in allen Dingen ein Herz und eine Seele ſeien, und doch war das ganz und gar nicht der Fall. Der König erblickte in Herrn Leupold einen nicht ganz zu überſehenden Widerſpenſtigen, den er Urſache hatte zu ſchonen und doch ſcharf im Zügel halten mußte, um jede ſeiner Eigenmächtigkeiten, wie ſolche in ſeinem rau⸗ hen Charakter lagen, zu brechen. Der alte Deſſauer dagegen war wenig erfreut über die Gewißheit, in dem dritten preußiſchen Könige, dem er nun diente, einen Herrn gefunden zu haben, welcher unbedingten Gehorſam und Unterordnung unter ſeine Befehle von ihm fordere. Drittes Kapitel. Der October des Jahres 1740 hatte eine unge⸗ wöhnliche Kälte gebracht. Faſt ſchien es, als habe der Winter dem Herbſte den Vorſprung abgewonnen und ziehe nun höhnend dem Sommer nach, Alles tödtend, was dieſer auf Fluren und in Gärten noch in ſeinen letzten Tagen dem Menſchenauge Schönes geboten. Es war ein ebenſo trauriger wie überraſchender Temperaturwechſel, welcher außer aller Ordnung der Dinge auftrat und große Verheerung anrichtete, denn was ins Pflanzenreich gehörte, verfiel über Nacht dem Tode durch Erfrieren, und ſtrichweiſe konnten nur durch Aufbietung und Anwendung aller mög⸗ lichen Mittel die armen Leute dem ſichern Unter⸗ gange entzogen werden. So ließ zum Beiſpiel König — 6—' 121 Friedrich in den Vorſtädten Berlins ſo viel Stuben, als nur aufzufinden waren, miethen und heizen, um armen Frauen und Kindern, die ſich durch Spinnen ihr Brod gewannen, ein Aſyl gegen die Kälte zu bieten. Es waren an tauſend Seelen, die dieſer königlichen Wohlthat ein vor der Kälte geſichertes Unterkommen verdankten. Ein ſchaurig eiſiger Nord wehte heftig über das Land hin und die kleinen Flüſſe und Bäche bedeckten ſich unter ſeinem jede Bewegung erſtarrenden Hauche mit einem Eisharniſch, während die größern und ge⸗ waltiger fließenden Ströme an ihren Ufern ſtarke Schollenbildung zeigten. So glänzend auch die Früh⸗ ſonne aufging und ihre funkelnden Lichter niederſtrahlen ließ, ſo war ſie doch nicht im Stande, den Reif zu ſchmelzen, der ſich über Nacht wie leichter Schneefall über Alles breitete, was im Freien geſtanden oder ins Freie gebracht worden war. Die Wege waren ſtein⸗ hart, jeder Waſſertümpel gefroren und in dichtem eiſi⸗ gem Nebel ging ſchon in den Vormittagsſtunden die Sonne unter, ſodaß jedes Himmelsblau verſchwand. Es war an einem Spätnachmittage, an dem ein ſolcher jede Ausſicht verſchließender Nebel über Stadt und Land lag, als ein ſechsſpänniger hochaufgepackter und an den Seiten weit ausgebauchter Frachtwagen in 122 der Zerbſter Straße der Reſidenz Deſſau langſam dahinraſſelte. Der Fuhrmann ging neben den Pfer⸗ den her, aus deren Nüſtern ziemlich ſtarke Dampfwol⸗ ken ſtrömten, denn die von ihnen gezogene Laſt war ſchwer und die Kälte machte den von den kräftigen brabanter Thieren gewaltſam ausgeſtoßenen Athem ſo ſichtbar wie im härteſten Winter. Die große Nähe des ihnen bekannten Nachtquartiers im Gaſthof zum Hecht war die Urſache, daß die Pferde energiſch auftraten und eins oder das andere ein Wie⸗ hern hören ließ. Weniger energiſch zeigte ſich der Schritt des nebenher gehenden Fuhrmanns, der zu⸗ weilen an die Schoßkelle trat und einen beſorgten Blick auf einen daſelbſt ſitzenden, in Pferdedecken und einen groben Tuchmantel wohlverpackten jungen Bur⸗ ſchen richtete, zuweilen auch ihm die Tröſtung ſpendete: „Wir ſind gleich im Hecht, Lob. Die Frau Mutter ſoll Dir'n heißes Biermüſſel(Bierſuppe) kochen, das greift durch und wärmt. Schläfſt dann— ˙s wird ſchon beſſer mit Dir werden.“ Ein Stück hinter dem Fuhrmann ging ein Anderer, der ebenfalls zu dem Fuhrwerk gehörte, obwohl ſein Aeußeres dies nicht verrieth, denn es beſtand in einem ſehr fadenſcheinigen Rockelor über einer Matroſenjacke mit blanken Knöpfen, einem dicken Wolltuche um den 123 Hals, einem Paar weiter Drellhoſen, die eine Hand breit über die bis ans Knie reichenden Stiefel herab⸗ fielen. Ein buntfarbiger Wollſhawl, um die Hüften gewunden, ſchien ſein beſter Schutz bei der Kälte zu ſein. Ein ſchwarzlackirter Hut diente ihm als Kopf⸗ bedeckung. Er ging gedankenvoll neben dem Fuhrwerk her. Erſt das mehrmalige Peitſchenknallen des Fuhrmanns, der ſeine Ankunft dem Hausknecht im Hecht auf dieſe Weiſe ſignaliſirte, ermunterte den zuletzt Geſchilderten. „Werde Seinen Lob hineinſchaffen“, ſagte er zum Fuhrmann, der ſofort mit dem Hausknecht vereint die Pferde ausſpannte, um ſie unverweilt in den Stall zu bringen. Es war keine leichte Arbeit, des Fuhrmanns kranken Lob, der trotz aller Pferdedecken, in die er ein⸗ gewickelt geweſen, vor Kälte zitterte, in die Gaſtſtube zu bringen. An der Thür ſtand ein baumlanger Korporal und betrachtete ſich das angekommene Fuhrwerk. Beſonders beäugelte er den jungen Mann, auf den der kranke Lob ſich ſtützte. „Das iſt ja Fuhrmann Schneider!“ ſprach der gaf⸗ fende Soldat, näher an das Sechsgeſpann heran⸗ tretend.„Iſt lange her, daß wir uns zuletzt in Berlin geſehen haben, wohl ein Jahr.“ 124 „s kann ſein.“ „Kommt was Ehrliches in der Welt'rum.“ „s iſt ſo.“— „Seid ja verflucht kleinlaut.“ „Hab' Urſache dazu.“ „80 2, „Mein Junge, mein Lob iſt mir vor drei Tagen krank geworden. Muß'n hier bei meinem Schwa⸗ ger Kranz einlegen, bei der Kälte geht er mir ſonſt hops. Bin froh, bis hierher mit ihm gekommen zu ſein.'s iſt'n nichtswürdig Biſſel Leben, das unſereins verführt. Ihr habt's beſſer, Herr Bank.“ „Glaub's ſelber. Unſereiner iſt dagegen'n Freiherr“, ſtimmte der lange Korporal ſchmunzelnd bei. Eine Pauſe folgte, dann fragte der lang aufge⸗ ſchoſſene Marsſohn:„Das war wohl Euer Lob, welchen der Andere in die Gaſtſtube brachte?“ „Ia.“ „Und den Andern habt Ihr zur Aushülfe geliehen?“ „Auf der Straße gefunden, wär' richtiger.“ „Hahaha, Spaßvogel!“ „Hm, da iſt nichts zu ſpaßvogeln.'n blutarmer Kerl, den ich unterwegs traf,'n Schiffsmann von der See oder Matroſe, wie er ſagt, der's Leben auf'm Waſſer ſatt hat. Iſt ihm ſein Schiff geſcheitert bei 125 Pillau in'ner Sturmnacht und hat Alles verloren dabei. War froh, wie ich ihm die Koſt und'n halben Gulden bot, wenn er mir bis hierher beiſtände.“ „So?“ Korporal Bank ſann einen Augenblick vor ſich hin, dann ſagte er:„Komme nachher wieder— ſehen uns wohl noch?“ „s wird ſo ſein.“ Der Korporal entfernte ſich mit gravitätiſchen Schrit⸗ ten, der Fuhrmann brachte ſeine Pferde in den Stall. Drin in der Gaſtſtube war's anheimelnd warm, obwohl ſehr wenig Gäſte ſich daſelbſt befanden; der kalt durchſchauernde Nord ſchien vom übelſten Einfluß auf die Wirthshausfrequenz zu ſein. Der Hecht, ſonſt eine von Frachtern regelmäßig beſuchte Herberge, weil ſie und ihre Pferde hier gut verſorgt wurden, war heute ziemlich ſtill; von den Frachtern war nur Fuhr⸗ mann Schneider eingetroffen. Während Lob auf der Ofenbank lag und ſich der Wohlthat der Wärme freute, ſaßen der Fuhrmann und ſein Gehülfe beim warmen Eſſen einander gegenüber. Ein ſehr laufendes und alle Minuten zu putzendes Un⸗ ſchlittlicht leuchtete ihnen dazu. In dem übrigen Raum der eben nicht kleinen Gaſtſtube verbreitete eine matt brennende Hängelampe ein trübes Zwielicht, welches die ganze Lokalität in Dämmerſchein hüllte. 2 126 Luxus war hier keiner dem Auge vorzuführen. Was ſich vorfand, Tiſche, Bänke und Schemel, trug das Kennzeichen der höchſten, aber zugleich dauerhaf⸗ teſten Einfachheit. Alles war von Holz, das durch den einzigen Schmuck der Reinlichkeit ſich auszeichnete, das heißt, jedes dieſer Wirthſchaftsſtücke war blank geſcheuert. „Schneidet Euch einen derben Ranft Brod ab und belegt's mit den übriggebliebenen Fleiſchſtücken hier“, ſagte der Fuhrmann.„Habt da wenigſtens für morgen was zu beißen, wenn Ihr wieder unterwegs ſeid. Und hier iſt Euer halber Gulden, wie wir's zuſammen ab⸗ gemacht. Morgen früh habt Ihr noch am Frühſtück Theil.“ „Danke Euch.“ „Uebrigens überlegt's, was ich heute unterwegs ſagte. Ihr ſeid ein armer Kerl, der auch nicht weiß, wo er einen gedeckten Tiſch finden ſoll, habe Euch aber als einen rechtſchaffenen Kerl in den paar Tagen, die wir zuſammen ſind, kennen gelernt, der für meinen Lob nach Kräften gethan hat, was er thun konnte. Seh's ein, zu meinem Gewerb taugt der Junge nicht, iſt zu weich gebacken; thut mir leid genug. Na, s iſt aber mal ſo und da läßt ſich nichts mehr dagegen thun. Soll fürs Künftige zu Hauſe bleiben, werd' ja ſehen, wo ich ihn unterbringe. Wäre freilich gut geweſen, wenn ich ihn hätte als Knecht brauchen kön⸗ nen, hätte dabei erſpart.“ Der Sprechende ließ eine Pauſe eintreten, in der er ſich mit der Hand übers Geſicht fuhr, als wolle er den Verdruß, den ihm dieſer Strich durch die Rech⸗ nung machte, verwiſchen, dann ſagte er:„Ich brauche einen Knecht; überlegt's, ob Ihr Satteſſen und ein paar Thaler Lohn für beſſer findet, als Hungerleiden und ein Lumpazi ſein. Gehe jetzt zu meinem Schwa⸗ ger Kranz, möchte den Lob bei ihm einlegen, denn bis Leipzig iſt's für einen Kranken immer noch'n gutes Ende Wegs.“ Damit ſtand Fuhrmann Schneider auf, trat zu ſei⸗ nem Sohn auf der Ofenbank, der in der wohligen Wärme eingeſchlafen war, und da er den jungen Bur⸗ ſchen nicht wecken wollte, verließ er die Gaſtſtube. Der, dem der gutmüthige Frachter die Ausſicht auf die Stellung eines Fuhrknechts eröffnet hatte, über⸗ zeugte ſich erſt von dem feſten Schlummer ſeines Pflege⸗ befohlenen, dann ſetzte er ſich in deſſen Nähe an einen Tiſch, und das Glas Bier und die Flaſche Schnaps, die das Schenkmädchen vor ihn hingeſetzt hatte, unberührt laſſend, lehnte er den Kopf an die Wand und ſchloß die Augen. Indeß war dies Letztere kein Zeichen, daß er ſich dem Schlummer hingeben wolle, obwohl es nicht wun⸗ derbar geweſen ſein würde, wenn ein Tag über der Kälte ausgeſetzter Menſch in einem wohldurchwärmten Raume und nach genoſſener Mahlzeit einer ſolchen Nei⸗ gung nachgegeben hätte. Zuweilen ſchlug er, wenn Leute in die Gaſtſtube traten, die Augen auf, um ſie ſofort wieder zu ſchließen. In der Regel nur von Fuhrleuten und in der Nähe wohnenden Handwerkern zur Feierabendzeit frequentirt, welch letztere durch die erſtern manche Neuigkeit er⸗ fuhren, die ihnen ſonſt nie zu Ohren gekommen wäre, genoß auffälligerweiſe der Hecht heute die Auszeich⸗ unng, von mehreren Grenadieren der Compagnie be⸗ ſucht zu werden, die für gewöhnlich in Herrn Leupold's Reſidenz garniſonirte. Sie gehörten eben nicht zu den gern geſehenen Gäſten, denn es war nichts Seltenes, daß ſie in Streit mit den andern Anweſenden geriethen und ſich dann in roher Brutalität zu Exceſſen hin⸗ reißen ließen. „Was will die Schwefelbande?“ murmelte die wohl⸗ beleibte Herbergsmutter verdrießlich in ihrem Schenk⸗ ſtand; aber die Ueberzeugung, daß ſie ſich ganz fried⸗ lich um einen Tiſch ſetzten und Bier tranken, glücklicher⸗ weiſe auch nur ſehr wenige Gäſte zugegen waren, alte Bürger, von denen die Vorſicht zu erwarten ſtand, daß 129 ſie ſich mit beſagter Schwefelbande keinenfalls in Disput einlaſſen würden, beruhigte die würdige Dame des Hechts vollkommen. Nach einer Weile ſtieß das Schänk⸗ mädchen ſie an und raunte ihr zu:„Frau, was nur die Soldaten immer auf den Menſchen da ſchielen, der mit Fuhrmann Schneider gekommen iſt und da an der Wand ſitzt und ſchläft?“ „Auf den? Steh' Gott mir bei! Die Kerls wollen ihn doch nicht etwa zum Soldaten preſſen? Schlecht genug ſind ſie dazu. Geh'’, Roſel, weck' ihn, ſag ihm leiſe, daß er ſich hinausdrücken ſoll, meinetwegen in den Stall,'s wäre unſicher hier.“ Roſel wollte ſich des Auftrags entledigen, als ſie erſchrocken in den Schenkſtand zurückprallte, denn eben ſchritt der Korporal Bank breitſpurig, ſeinen Stock bei jedem Schritte aufſtampfend, durch die Thür herein. „Warum gehſt Du nicht, Roſel?“ fragte die Wirthin. „Wegen dem da. Das Ungeheuer will immer ſchön mit mir thun. Ich fürchte mich vor ſeinen tolpatſchi⸗ gen Careſſen wie vorm Feuer und geh' ihm aus dem Wege, wo ich kann.“ Ohne daß es Jemand bemerkte, hatte Herr Bank mit einem einzigen Blicke das Ziel ſeiner Wünſche an der Wand hinterm Tiſche ſitzen ſehen und nach einem herablaſſenden:„Guten Abend, Frau Megerlein!“ zur Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. III. 9 Wirthin ſagte er mit einer chevaleresk ſein ſollenden Kußhand an Roſel:„Angenehme Roſine, eine Flaſche Wein!“ „Seit wann haut der Herr denn ſo auf?“ fragte die Wirthin, an deren Schenkſtand er einen Moment verweilte. „Iſt mein Geburtstag heute. Durch mich iſt die Welt um—“ „Eine lange Stange mehr bereichert worden“, fiel Roſel ſchnippiſch ein. „Nicht gerade Stange, angenehme Roſine, wohl aber einen großen, ausgezeichneten Mann, möchte ich bemerkt haben.“ Indem er ſich vom Schenktiſch wegwendete, gab er den an einem entfernten Tiſch ſitzenden und bei ſei⸗ nem Eintritt zur ſchuldigen Begrüßung aufgeſtandenen Grenadieren mündlich und durch eine Handbewegung das Zeichen, ſich wieder niederzuſetzen, dann ſchaute er ſich nach einem Platz für ſeine eigene Perſon um, und keiner ſchien ihm ſo paſſend als an dem Tiſche, wo der mit Fuhrmann Schneider Gekommene ſaß. „Es wird den Mosje wohl nicht geniren, wenn ich mich hierher ſetze?“ fragte er. „Nach Seinem Belieben.“ Roſel ſetzte die Flaſche Wein und ein Glas auf. 131 „Noch ein Glas, Engel.“ „Noch eins? Der Herr Bank ſind ja aber einſtielig gekommen.“ „Das kann Ihr gleich ſein, angenehmer Gelb⸗ ſchnabel, wenn ich aus zwei Gläſern trinken will.“ Roſel brachte das Geforderte. „Und nun ſchenke Sie beide Gläſer voll! So! Nippe Sie mal, kleines Blümlein Vergißmeinnicht, wird mir dann beſſer munden.“ „Auch noch Vergißmeinnicht bei der Kälte?“ lachte Roſel.„Das kann einen zu Thränen rühren.“ „Meine Art ſo. Man iſt aus gutem Hauſe, das iſt's.“ Der ihm Gegenüberſitzende verhielt ſich ganz theil⸗ nahmlos; wieder mit dem Kopf an die Wand gelehnt, hatte er die Augen geſchloſſen. Der Korporal beob⸗ achtete ihn aufmerkſam, als gälte es, den Taxwerth dieſes ſchläfrig ſcheinenden Individuums zu beſtimmen Der Menſch war, das hatte er ſchon an der Thür bemerkt, regelrecht und hoch gewachſen. Seine über den Tiſch, hinter dem er ſaß, emporragende Büſte war breitbruſtig, und wäre ſein Geſicht nicht von Blatter⸗ narben entſtellt geweſen, würde er, das zeigte deſſen Form und Schnitt, ſicher Anſpruch auf eine ſehr hübſche, augengefällige Erſcheinung haben machen können. 9* 132 „He, Mosje, ſchlafe Er nicht!“ Mit dieſen Worten ſtieß ihn Herr Bank unterm Tiſch an. „Was ſoll’s?“ „Mit mir ſoll Er trinken.“ „Thu' Er's allein, ich ſage Dank.“ „Er verachtet mich alſo?“ „Fällt mir nicht ein.“ „Er iſt verflucht kurz angebunden. So viel Höflich⸗ keit wird Er wohl in den Knochen haben, mit mir ein wenig zu parliren.“ 3 „Wenn der Herr mich etwas fragt, werde ich ant⸗ worten.“ „Na, das wäre alſo doch ein Anfang zur Unter⸗ haltung. Er iſt auf der See geweſen, wie ich hörte?“ „Ja.“ „Na, da gebe Er was von ſich. Es muß ein triſtes Leben ſein, ſo immer auf dem Waſſer umherzuſchwim⸗ men.“ „Man gewohnt's, wenn der Muß dahinter iſt.“ „Richtig, der Muß hilft. Das ſah ſelbſt der Teufel ein, als er in Ermangelung armer Sünderſeelen eines Tages Fliegen zu verſchlucken genöthigt war.“ Der Andere lächelte. Der Korporal fand darin einen ſehr geeigneten Anhalt, um ſeinen Vorſatz, jenen zur Unterhaltung zu 133 bewegen, in Ausführung zu bringen, und da er ihm mittheilte, daß er von Fuhrmann Schneider gehört habe, er hätte Schiffbruch gelitten und ſei bei dieſem Unglück um all ſeine Habe gekommen, ſo war es faſt unmöglich, daß der Blatternarbige ſich ſo ſtörrig bezeigen konnte, in Schweigen zu verharren. Er war gezwungen, von der Kataſtrophe zu erzählen, die ihn in einer kurzen Nachtſtunde um Alles gebracht, ſodaß er nur das nackte Leben gerettet. „Höre Er, Mosje— wie heißt Er doch?“ „Alm.“ „Alſo Mosje Alm, Er wird doch nicht ſo hagels⸗ dumm ſein und wieder auf See gehen?“ „Nein.“ „Und was will Er denn ſonſt anfangen?“ „Weiß ich noch nicht.“ „Hat Er noch was Anderes gelernt als Segel klar machen oder einreffen?“ „Nein.“ „Horch' Er mir zu, Mosje Alm.“ „Nun?“ „Werde Er das, was ich bin!“ „Korporal?“ Herr Bank lachte ungeheuer und ſagte:„Das war on geſunder Witz, mein lieber Mosje. Wer einen Kirch⸗ 134 thurm bauen will, fängt Seiner Anſicht nach von der Spitze oben herunter zu bauen an. Hahaha! Horch' Er zu, wie mir's gegangen iſt.“ „Kann ich thun.“ Herr Bank entwarf ein Bild ſeiner Vergangenheit, die eben nichts Auszeichnendes weiter für ihn hatte, als daß er dabei an Alter und Größe wuchs, ſodaß er letztere für ein Pfund betrachten konnte, mit dem er Wucher trieb, denn er hätte ſich für vierzehnhundert rheiniſche Gulden bei den blauen Potsdamer Rieſen anwerben laſſen und habe es nicht bereut, das Sol⸗ datenleben ſei ein richtiges Freiherrnleben. Da gäb's keine Sorge ums tägliche Brod— „Und um tägliche Stockprügel“, fiel jener ein. „Larifari! Bilde Er ſich ſolch dummes Zeug nicht ein“, beſtritt Herr Bank.„Nur der ſie verdient, be⸗ kommt welche. Alle Tage Prügel hielte ja der Satan nicht einmal aus. Und was ſchaden denn einem der⸗ ben Kerl ſo'n paar Klapſe? Fühlt ſie kaum.“ Der Andere ſagte lächelnd:„Das iſt Geſchmacks⸗ ſache.“ Herr Bank fand es für nothwendig, die Vorzüge des Soldatenſtandes ins hellſte Licht zu ſetzen, und überbot ſich dabei in blumenreichen, zart gewählten Vergleichen. 135 „Ich ſage Ihm, Mosje Alm, es iſt etwas höchſt Schmeichelhaftes, wenn der Soldat ins Quartier ein⸗ rückt und die Mädels wie rein behext ſind. Na⸗ türlich, ſo'n blanker Grenadier tritt wie'n Cavalier auf, Schuſter, Schneider und wie die Zunftkerle alle heißen, ſind ſchmuzige Geſellſchaft gegen ihn— und die Mädels haben Augen und Herzen. Ha, das lockt, das zieht wie Blaſenpflaſter Herz zu Herz— ſo'n bürgerliches Butterblümlein iſt vollkommen hin.“ „Hör' Er auf, Herr!“ ſagte der Blatternarbige lachend. „Nicht wahr, der Mund läuft Ihm voll Waſſer? Glaub's, glaub's. Er müßte pompös in der Mütze ausſehen, denk' ich. Setz Er die meinige einmal zur Probe auf.“ „Seine Mütze? Danke dem Herrn. Werd's bleiben laſſen.“ Eine Pauſe folgte. Die offen ausgeſprochene Wei⸗ gerung ſchien den würdigen Unteroffizier zu frappiren, indeß er bezwang den Aerger über dieſe unangenehme Ablehnung von ſeiten eines Menſchen, deſſen Lage doch von der Art war, daß er nur froh ſein konnte, in den Beſitz einer ſolchen Kopfbedeckung zu kommen, welche als Zeichen eines Standes galt, der nach der eben gemach⸗ ten Schilderung an Vorzügen ſo reich war. Ein mehr⸗ 136 maliges Klopfen mit dem Stocke auf den Fußboden war für einen an dem entfernt ſtehenden Tiſche ſitzen⸗ den Soldaten das Zeichen, ſich etwas Bewegung in der Gaſtſtube zu machen. „Komm Er her, Klaus!“ rief ihm Herr Bank zu „Zu Befehl!“ „Wenn Er nichts Beſſeres zu thun hat, als ſich hier Motion zu machen, ſo reibe Er mir das Mützen⸗ ſchild abz’ iſt von dem Nebel draußen ganz blind geworden.“ „Zu Befehl.“ Der Mann ſtellte ſich ſeitwärts an den Tiſch und begann mit einem aus ſeiner Taſche gezogenen, eben nicht ſehr ſauber ausſehenden Lappen die ihm über⸗ tragene Putzbeſchäftigung. Herr Bank hatte unterdeß die vollſtändigſte Ruhe erlangt, die zu dem Geſchäft des Menſchenfangs gehörte. Er ſprach ſehr theilneh⸗ mend über die Beſchwerlichkeit, welche ſich Manchem, vorzüglich bei ſolcher Kälte und wo der Winter vor der Thür ſei, entgegenſtelle, um irgend ein paſſen⸗ des Unterkommen zu finden. „Will Er hier bleiben, Mosje Alm?“ „Weiß es noch nicht.“ „Hm, draußen auf der Landſtraße wird Er auch nicht viel aufſtecken.“ 137 „Kann ſein.“ „Da bin ich doch mein Seel' beſſer dran als Er, denn ich weiß, was ich will.“ „So? Da gratulir' Er ſich.“ Mit Erſtaunen bemerkte Mosje Alm, daß das Schenk⸗ mädchen ihm Zeichen machte, die er ſich jedoch nicht zu deuten wußte, obwohl es ihm ſchien, als deute es dabei auf den ſeitwärts von ihm ſtehenden, das Mützenſchild abreibenden Soldaten. „Ja, unſer alter Fürſt iſt'ne gute Seele, hat ſeine Grenadiere wie ſeine Kinder lieb, und ein Held in Folio. Vor dem haben ſie Reſpekt in der ganzen Welt. Was fällt mir ein! Heut iſt mein Geburtstag, muß ſeine Geſundheit trinken, iſt nicht mehr wie billig, iſt mein Brodherr und— He, Jungfer Roſine, ſchnell noch eine Flaſche Wein und ſechs Gläſer her, die Gre⸗ nadiere ſollen mit mir ein Vivat auf unſern Alten ausbringen.“ Der Fremde ſtand auf. „Wo will Er hin?“ „Hinaus.“ Nichts da, Er trinkt mit, Er bleibt! Auf unſers rechtſchaffenen Feldmarſchalls Durchlaucht und unſers oberſten Kriegsherrn, des Königs Majeſtät, muß, wenn ihm die Ehre dazu eingeladen zu werden zu Theil 138 wird, Jeder mittrinken. Wer ſich weigert, iſt ein Hunds⸗ fott und hat Schlechtes gegen die hohen Herren im Sinne.“ „Das liegt mir fern.“ „Darum bleibt Er. In der Art bin ich kein Guter, verſtehe da keinen Spaß.“ Mit dieſen Worten drückte er den Fremden gewalt⸗ ſam auf die Bank nieder und rief zugleich:„Grena⸗ diere, her zu mir! Wollen unſers oberſten Kriegsherrn und Seiner Durchlaucht von Deſſau Geſundheit trinken.“ Dieſem Rufe wurde ſogleich gehorcht, und indem ſich die Gerufenen ſo um die freien Seiten des Tiſches ſtellten, daß der an der Wand ſitzende Alm ſie erſt hätte wegſtoßen müſſen, um vorkommen zu können, ſah ſich dieſer gleichſam in Belagerungszuſtand verſetzt. Roſel brachte die Flaſche Wein und ſechs Gläſer. Sie warf dem ſo in die Enge Getriebenen einen mitleidigen Blick zu, der dieſem nicht entging, den er ſich aber nicht zu deuten wußte, wenn er auch davon ſtutzig ge⸗ macht wurde. „So! Die Gläſer ſind voll bis an den Rand, wie's bei einem rechtſchaffenen Vivat für ſolche Herren paßt. Hand angelegt! Greif' Er zu, Mosje Alm! Bei ſolchen Dingen hört der Spaß auf. Wer nicht für uns iſt, iſt gegen uns und den ſoll der Teufel holen. Aus⸗ 139 getrunken muß bis auf die Nagelprobe werden! Alſo: Vivat König Fridericus der Zweite, unſer oberſter Kriegsherr, und hoch Seine Durchlaucht, Herr Leupold von Deſſau, unſer gnädigſter Regimentsinhaber, Seiner königlichen Majeſtät glorreicher Feldmarſchall— unſer Blut und Leben für beide!“ Das Hoch der Soldaten wurde durch einen gewich⸗ tigen Fauſtſchlag Herrn Bank's auf den Tiſch unter⸗ brochen, denn er bemerkte, daß Mosje Alm das Glas, welches er in der Hand gehalten, auf den Tiſch nieder⸗ geſetzt hatte und auch nicht das Vivat mitrief. „Halt da! Er, Mosje, was ſoll das? Verachtet Er unſern königlichen Kriegsherrn und unſere glorreiche Durchlaucht?“ „Ich denke nicht daran, aber ich bin'n Schleſier, mein Herr iſt der Kaiſer.“ „Poſſen! Entweder Er ſpricht mir's nach, langſam und verſtändlich, daß es Jeder hört und drauf ſchwö⸗ ren kann, Er hat's geſagt—“ „Das iſt Zwang.“ „Zwang oder nicht Zwang, ſchere mich den Henker drum. Er ſpricht mir's nach oder ſpaziert auf die Wache als Beleidiger der allerhöchſten Perſon Seiner königlichen Majeſtät und unſerer Durchlaucht, Herrn Leu⸗ pold's von Deſſau. Hier heißt's: Friß, Vogel, oder ſtirb!“ 140 Nach einer Weile ſagte der Fremde:„Wenn Ihm gar ſo viel daran liegt—'s iſt aber pure Komödie, nichts Anderes.“ „Geht Ihn nichts an. Entweder— oder. Hand ans Glas!'s Glas gehoben! Paßt auf, Grena⸗ diere, daß er ſagt, was ich ihm vorſpreche. Jedes ver⸗ ſchluckte Wort iſt eine Beleidigung gegen die hohen Herren und uns.“ Und langſam Wort für Wort wiederholte Herr Bank den Trinkſpruch von vorhin und veränderte nur deſſen Schluß in„Mein Blut und Leben für beide!“ Der Nachſprechende zögerte, denſelben nachzuſprechen, doch ein grimmiges„Wird's?“ trieb ihn zur Folge⸗ leiſtung. In demſelben Moment, als er das letzte Wort geſprochen, ſtülpte ihm der mit der Putzbeſchäftigung betraute Soldat die Mütze ſo ſchnell und ſo feſt auf den Kopf, daß es dem in die Worte:„Was ſoll die Spielerei?“ ausbrechenden Fremden unmöglich mar, ſie mit der ſchnell darnach fahrenden Hand abzu⸗ ſtreifen. „Jetzt iſt Er Rekrut, merke er ſich das!“ redete der Korporal und ein wieherndes Gelächter der Soldaten begleitete dieſe Ankündigung; indeß jener ſchien nicht geſonnen, dieſer Ueberrumpelung ſich gutwillig zu fügen. Voll Zorn ſchleuderte er die Mütze weit in die Gaſt⸗ — ——· 141 ſtube hin und rief mit ſtarker Stimme:„Das iſt ſchänd⸗ lich, betrügeriſch! Ich proteſtire gegen—“ „Auf die Wache mit ihm!“ commandirte Herr Bank, und obwohl der von den Soldaten Ergriffene ſich re⸗ ſolut wehrte, wurde er doch hinter dem ihn ſchützenden Tiſche raſch hervorgezogen und unter Gejohle aus der Gaſtſtube geſchleppt. Herr Bank genoß mit großer Seelenruhe den in der Flaſche noch gebliebenen Wein, und als Roſel die Gläſer wegräumte, ſagte er, ſie auf den Arm klopfend, mit Humor:„Gelt, Schatz, das war ein Späßchen?“ „O ja, aber eins, das Ihm mehr Schande als Ehre macht. Er hätte Rattenfänger werden ſollen.“ „Dummes Ding, dem hab' ich zu Brod verholfen, iſt ja arm wie'ne Kirchenmaus. Ein Glück für ihn, daß er Soldat wird, da iſt er doch was Ordentliches. Wird ihm aber ſchlecht bekommen, daß er die Mütze ſo verächtlich in die Stube ſchleuderte, wird wohl Be⸗ kanntſchaft mit dem Stocke dafür machen. Na, ſo'ne Anfangskur bildet ihren Mann.“ „Horch' Er mal, Herr Bank, was ich Ihm ſage. Wenn ich erfahre— und ich erfahr's ſicherlich— daß der arme Menſch nur einen Schlag wegen der in die Stube geſchleuderten Mütze bekommen hat— eigentlich hätte er ſie Ihm an den Kopf werfen ſollen— ſo ver⸗ 142 laſſe Er ſich darauf, daß ich Ihn wie die Sünde haſſe und Ihn vor aller Welt ſchlecht mache.“ „Schatz, wirſt doch nicht?“ fragte der rieſige Kor⸗ poral mit zugekniffenen Augen. „Werde es, ſicher und heilig. Er kann Gift drauf nehmen.“ „Allerliebſte Roſine, da Sie ſich ſo des Burſchen annimmt, ſoll er keine Fuchtel kriegen, brauche das Hinſchleudern der Mütze nur nicht mit zu rapportiren.“ „Handle Er wenigſtens darin rechtſchaffen.“ „Hier meine Hand, angenehme Roſine. Bleibt's nun beim Alten zwiſchen uns?“ „Wenn Er Wort hält.“ Der Menſchenfang gehörte damals und ſchon meh⸗ rere Jahrzehnte vorher zu dem beliebteſten Mittel, die Reihen der Regimenter zu ergänzen. Es wurde keine Niederträchtigkeit geſcheut, jungen kräftigen Leuten das traurigſte aller Schickſale als Joch über den Hals zu werfen, unter deſſen Schwere und Druck ſo manches Menſchenglück vernichtet wurde. Man fürchtete aller Orten die auf ſo wenig ehrenhafte Weiſe vollzählig erhaltene Soldateska, die, aller Laſter voll, nur durch den Stock und die höchſten Strafen in Rand und Band gehalten wurde und in ihren brutalen Ausſchweifungen eine ungemeine Aehnlichkeit mit den ehemaligen Lands⸗ knechten zeigte, die auch weit und breit verrufen ge⸗ weſen waren. Das Geſchäft der Werber war eine Seitenbranche vom Menſchenhandel, den damals und ſpäter deutſche Fürſten trieben, um ihre ſtets geldhungrigen Kaſſen zu füllen, damit ſie ihren Lüſten fröhnen konnten, und es war daher folgerichtig und in den Anſchauungen da⸗ maliger Zeit begründet, daß es weiter kein großes Uebel ſei, wenn auch dies Verbrechen wider die Menſch⸗ heit fortdauere. Die auf ſolche Art geworbene Soldateska, meiſt zu dem Auswurf der Geſellſchaft zählend, erging ſich daher ſtets in höhniſchen Anſpielungen, wenn einer, der nichts weniger als ſoldatenluſtig, den Händen der Werber verfallen und in die Compagnie eingereiht war. Solchen bübiſchen Spott und Hohn hatte der arme, Herrn Bank'’s Genie anheim gefallene Burſche auch zu erdulden, als er von ſeinen Transporteuren in die Hauptwache abgeliefert worden; aber er ſetzte ſeinen Peinigern beharrliches Schweigen entgegen. In der Wachtſtube gab es einen kleinen, engen Winkel, durch ein eiſernes Gitter von dem übrigen Raume abgeſchloſſen. Eine ſchmale Holzbank bot dem in dieſen Winkel Geſperrten die einzige Bequemlichkeit, die ihm in ſeiner traurigen Lage überhaupt zu Theil 144 werden konnte, einen Sitz, und der Soldatenwitz hatte dieſen abgeſchloſſenen Raum mit dem Namen Bären⸗ zwinger belegt. Hinter dieſem Gitter ſaß Alm auf der ſchmalen Bank, denn an ein Herumgehen in dieſem Raume war nicht zu denken, weil mit ein paar kleinen Schritten, dicht am Gitter hin, die Breite dieſer ominöſen Zelle durchmeſſen war und er ſich bei der Unmöglichkeit, mit dem Kopf durch die Wand zu dringen, wieder hätte zurückwenden müſſen. Ein ſolcher Spaziergang würde in der That viel Aehnlichkeit mit dem Hin⸗ und Her⸗ wandeln eines wilden Thieres in ſeinem engen Käfige gehabt haben, und da man ſoldatiſcherweiſe den Be⸗ griff der Gefangenſchaft mit„Brummen“ auszudrücken pflegt, ſo war es nicht allzuweit hergeholt, wenn man dabei der Eigenſchaft des Bären, des Brummens, ſich erinnernd, dieſen ſo angenehmen Ort, dem man keine Weitläufigkeit zum Vorwurf machen konnte, den Bären⸗ zwinger nannte. Ein Stück übelriechenden Käſe an einen Holzſpan ſpießend und durch das Gitter ſchiebend, neckte einer der Wachtſoldaten den in tiefem Nachſinnen auf der Bank Sitzenden zum Gaudium der Uebrigen.„Höre nicht eher auf, bis er brummt“, ſagte der Neckende.„Habe dadrin auch geſeſſen, iſt mir auch nicht beſſer er⸗ 145 gangen, und Jux muß ſein, ſagt unſer alter Schwere⸗ nöther.“ „Laß den armen Teufel in Ruhe!“ erhob ſich aus dem Chor der lachenden Soldaten jetzt eine kräftige Stimme. „Ach, was kümmert's Dich!“ rief jener. Ohne zu antworten, faßte der Vorige den zum Necken des Gefangenen Aufgelegten um die Mitte des Leibes, hob ihn vom Boden in die Höhe und trug ihn wie eine leichtzerbrechliche Puppe frei vor ſich hin zur nahen Holzpritſche unter dem Gelächter der andern Ka⸗ meraden. Der angeſpießte Käſereſt war dem Getragenen ſchon vorher entfallen, wodurch er natürlich des Mittels entbehrte, ſeinen ſtarken Gegner von ſich abzuhalten. „Gib Ruhe nun. Ich leide es nicht, daß man die, welche man um ihre verlorene Freiheit bedauern ſollte, verhöhnt. Der Leutner hat's an mir auch verſucht, Du weißt’s wohl? aber ich denke, ich habe ihm den Kitzel ausgetrieben.“ „Du biſt immerdar ein Gerberlümmel“, raiſonnirte der etwas unſanft auf die Pritſche Geſetzte. „Ich beſtreit's nicht, denn ich habe manche Ochſen⸗ haut unter den Händen gehabt.“ Mit dieſer Entgegnung hatte der als Gerber Be⸗ zeichnete die Lacher alle auf ſeiner Seite, wozu jeden⸗ Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. III. 10 H 146 falls ſeine eben bewieſene Kraftäußerung und die Ueber⸗ zeugung, daß er ſich Reſpekt zu verſchaffen wiſſe, ihr gutes Theil beitrugen. Der Gefangene war durch dieſen Zwiſchenfall von jeder Neckerei befreit und er warf ſeinem Befreier einen nicht zu verkennenden Dankesblick zu. Am andern Morgen wurde er Seiner Durchlaucht vorgeführt, der ihn mit derſelben Kenner⸗ miene in Augenſchein nahm, wie ein kundiger Roß⸗ kamm ein ihm zum Kauf angebotenes Pferd. „Schwerenoth, der Teufel muß auf Deinem Ge⸗ ſicht Erbſen ausgedroſchen haben, Kerl!“ bemerkte Herr Leupold gutlaunig.„Na, ſchadet nichts. Es ſteht zu hoffen, daß bei uns auch etwas für Deine Kehrſeite gethan werden wird, damit Alles in gleichem Verhältniß ſteht. Morgen fängt der Rekrut die Marſchübung an und ſoll er zu einem reſpectabeln Soldaten gelegt wer⸗ den, damit er von dem was in der Propretät und dem nöthigen Comment profitiren kann. Da zum Barthel aus Jonitz zum Exempel.“ In des alten Deſſauers Munde war das eine Aus⸗ zeichnung für Barthel, der unter der übrigen Wacht⸗ mannſchaft wie eine tadellos aus Stein gemeißelte Bild⸗ ſäule ſtand. „Hat Er viel Auslagen gehabt, Bank?“ fragte Seine Durchlaucht ſehr gütig. 147 „Spottwenig, ein paar Flaſchen Wein.“ „So billig hat ſich der Kerl gegeben?“ „Das gerade nicht; muß Eurer Durchlaucht den Jux erzählen.“ „Thu' Er's, iſt'n Spaß zum Frühſtück.“ Im äußern Bereich der Hauptwache ſpazierten Herr Leupold und ſein Korporal auf und nieder. Letzterer ſtrich ſeine Heldenthat natürlich mit den beſten, ihm zu Gebote ſtehenden Farben heraus und hatte die Be⸗ friedigung, ſeinen gnädigſten Herrn herzlich über den Jux lachen zu ſehen. Ein Goldſtück erſetzte die Aus⸗ lage für den Fang dem würdigen Unteroffizier und Seine Durchlaucht meinte, der Kerl ſei prächtig ge⸗ wachſen und würde ſich in der ſchmucken Uniform be⸗ ſonders gut ausnehmen.„Habe deswegen auch befohlen, ihn zum Grenadier Barthel zu legen; das iſt'n proprer Kerl, aber'n neunhäutiger Satan.“ „Hm!“ „Hat's noch nicht bis zum Durchgefuchteltwerden ge⸗ bracht, man kann ihm nichts anhaben. Das crepirt mich.“ „Na, Durchlaucht, man darf doch die Hoffnung nicht aufgeben, daß er einmal einen faux pas macht“, redete jener in der gemüthlichſten Weiſe dem hohen Herrn zu, als ſei von einer Wohlthat die Rede, die beſagtem Barthel erwieſen werden ſollte. 10* 148 „Ich fang mir'n noch; müßte ja die Schwerenoth ſein, wenn der Kerl keinen Henkel hätte, an dem man ihn faſſen könnte.“ Wie aller Welt bekannt, gehörte es unter die be⸗ liebteſten Späße Herrn Leupold's, ſeinen Grenadieren zu derartigen fühlbaren Gunſtbezeigungen zu verhelfen. Dadurch geſchah in ſeinen und der Soldaten Augen der Reſpectabilität deſſen, den dieſe Bevorzugung be⸗ traf, durchaus kein Abbruch, weswegen der alte Herr ſich auch vollkommen im Einklang mit dem Worte Gottes, daß der Herr den züchtigt, den er lieb hat, zu befinden glaubte. Das ſeltſame Verhältniß, in dem er zu ſeinen Deſſauern ſtand, gründete ſich haupt⸗ ſächlich auf die Wechſelwirkung, in welcher er zu ihnen ſtand. Er hatte ſich in ſie und ſie in ihn hineingelebt, das heißt, ſie ſich in ſeine verſchiedenen Marotten und merk⸗ würdigen Rechtsanſchauungen gefunden. Selbſt ſeine despotiſche Willkür, ſein Hang zu grauſamen Strafen trugen nicht ſelten den Anſtrich eines kernigen Humors, ſodaß man ſein Thun mit einem Knittelverſe vergleichen konnte, der ungenirt der Zartheit des Ausdrucks ein Schnippchen nach dem andern ſchlägt, aber ſehr ver⸗ ſtändlich iſt. So ſehr der Deſſauer ſeine Unterthanen und ſeine 2 149 Soldaten auch turbirte und Mancher, dem er ſchmerz⸗ lich weh gethan, ihn in die tiefſte Hölle verwünſchte, ſo verſöhnten doch ſein geſunder, handgreiflicher Witz, ſeine nicht ſelten ſich kundgebende Freigebigkeit und die vielen Aeußerungen ſeiner Theilnahme bei großen Un⸗ glücksfällen, von denen die eine oder die andere Ge⸗ meinde ſeines Landes betroffen wurde, die Leute mit ihm, und daß man mit ihm offen von der Leber weg reden durfte, gehörte in aller Augen zu ſeinen vorzüg⸗ lichſten Eigenſchaften. Es war zur Mittagszeit, als er in ſein Schloß zurück⸗ * kehrte; er liebte es, inmitten der Seinen zu ſpeiſen. Im Schloßhof ſtand Barthel Poſten, regelrecht machte er die Tempos zum Präſentiren. Herr Leupold blieb ſtehen und betrachtete ihn mit ſichtbarem Wohlgefallen; am Barthel war Alles ſtramm, wie er's gern hatte. „Schultert's G'wehr!— Beim Fuß G'wehr!— Rührt Euch!“ Damit war der Wacheſtehende des Zwanges ledig, als Bildſäule ſtehen zu bleiben. „Biſt'n braver Kerl, muß das ſagen,'n Kerl auf dem Flecke. Wenn ſie alle ſo wären, wär's eine Freude, 's ſind aber'ne Menge Cujons dabei.“ Herr Leupold vermuthete, Barthel werde ſich durch 2 H —, dies Lob geſchmeichelt fühlen. Dem war jedoch nicht ſo, 150 Barthel’s Geſicht blieb ſo ruhig, als hätte er gar kein Wort zu ſich reden hören. Indeß Herr Leupold verzagte nicht im Verſuche, ihn zu kirren. Er trat nahe vor ihn hin und hob an: „Sei aufrichtig, Barthel, Du ſiehſt, ich will Dir wohl. Fühlſt Du nicht, daß Du jetzt ein ganz andrer Kerl geworden biſt als früher bei der Gerberei?“ „O ja.“ „Glaub's, glaub's.'s iſt'n gewaltiger Unterſchied.“ „O ja.“ „Wie kommt er Dir wohl vor?“ „Wie’n Meſſer, das Schneide und Rücken hat.“ „Deutlicher, Barthel. Das verſtehe ich nicht.“ „Früher gerbte ich, jetzt könnte ich gegerbt werden, wenn ich nicht ſo verflucht aufpaßte.“ Herr Leupold lachte hell auf, denn die Antwort entſprach ganz ſeinem Geſchmacke. „Horch, Barthel, will Dir was ſagen, hab's gut mit Dir im Sinne.“ „Hm!“ „In ein, zwei Monaten mache ich Dich zum Ge⸗ freiten.“ S 11 „So? „Und dann wird's nicht lange dauern, avancirſt Du zum Korporal.“ —— 151 „So?“ „Werden die Augen aufreißen in Jonitz, wenn Du ſtattlich als Korporal auf Urlaub kommſt. Schwere⸗ noth, was die Mädels gaffen werden!“ „Schwerenoth, Durchlaucht, Hand weg! Wenn Durch⸗ laucht Knöpfe abdrehen wollen, müſſen Sie ſich einen Dummkopf ſuchen; ich bin keiner.“ Die an einem der Weſtenknöpfe Barthel's begonnene ſtille Manipulation der Finger des alten Herrn, die er gar nicht beachtet glaubte, fand ſofort ein Ende, indem er den Schein annahm, als habe er dergleichen geheime Abſicht durchaus nicht im Sinne gehabt.„Deine Knöpfe ſind feſt, Barthel, die dreht Keiner ſo leicht ab“, ſagte er ſcheinbar gleichgültig;„es freut mich aber, daß Du ſo auf Dich hältſt, wirſt's noch weit bringen. Ich bin auch nicht hartfellig, wenn ich Vergnügen an der Pro⸗ preté eines meiner Grenadiere finde. Da haſt Du einen Fuchs, ſteck ihn ein, mach Dich luſtig, trink auf meine Geſundheit. So nimm doch.“ „Scheren Eure Durchlaucht ſich zum Teufel!“ fuhr Barthel grob heraus,„ich brauche ſonſt mein Recht als Wachtpoſten und arretire Eure Durchlaucht auf dem Flecke. Ihre Kinkerlitzchen kennt man ſchon. Bei mir müſſen Sie früher aufſtehen, wenn Sie mich beluchſen wollen. Hähä, mich verlocken, daß ich das Goldſtück 52 auf Poſten annehme und dann dafür gefuchtelt werde. Abfahren und nicht wiederkommen, fort mit Schaden!“ „Biſt doch ein Schockſchwerenöther, hätt's nicht ge⸗ dacht“, ſagte Herr Leupold mit aufrichtiger Freude. „Das Goldſtück aber iſt Dein. Hier auf der Erde mag's liegen bleiben. Wenn Du abgelöſt biſt, holſt Du Dir's. Braver Kerl! Na, werde Dich ſchon noch mal anders zu faſſen kriegen, dann habe ich doch auch meinen Willen.“ Dergleichen Intermezzos, zuweilen von ebenſo ab⸗ fälligem, zuweilen aber auch von höchſt günſtigem Re⸗ ſultate begleitet, in letzterm Falle aber für die Be⸗ treffenden mehr als bedauerlich, zerſtreuten Herrn Leu⸗ pold in der ihn oft ſehr übelſtimmenden Langweile, welche dem Beſuche König Friedrich's bei ihm gefolgt war. Das Bewußtſein ſo großen Zwieſpalts zwiſchen des jungen Monarchen Anſchauungen und den ſeinen hielt eine Ungewißheit bei ihm aufrecht, die er nicht überwinden konnte. Er fand ſich nicht in das neue Weſen, das jetzt ſo mit einem Male wie eine vom Sturmwind in raſender Eile heraufgeführte Wetterwolke plötzlich ſeinen Horizont verdüſterte, er fühlte es, wenn auch nur in unbeſtimmter Ahnung, daß ein Bruch zwiſchen dem Alten und Neuen geſchehen ſei, und doch ließ ſich nicht mit Gewißheit 153 ſagen, in dieſem oder in jenem beſtehe die ſich auf⸗ thuende Kluft. Es waren nur Abweichungen von der bisherigen Ordnung der Dinge, keine totale durchgreifende Ver⸗ änderung in dem Getriebe der Staatsmaſchine vor⸗ gekommen. Der neue Monarch hatte faſt ſämmtliche Räthe ſeines verſtorbenen Vaters in ihren Aemtern belaſſen, Kleinigkeiten, die allein ſeiner geiſtigen In⸗ dividualität entſprangen, waren gleichſam ſo nebenbei mit untergelaufen, und doch war Alles anders. Das Erwachen der denkenden Geiſter beengte die Atmoſphäre, in der die Nichtdenkenden, die am Alten Klebenden, groß gezogen waren, und letztere fühlten ſich höchſt unbehaglich. In die Klaſſe der ſich unbehaglich Fühlenden ge⸗ hörte Herr Leupold, und da dieſer Zuſtand ein un⸗ gewohnter und neuer für ihn war, ſo mußte bei ſeinem leicht zum Grimm gereizten Weſen folgerecht ſeine Stim⸗ mung auch eine ſehr ſchlechte ſein, und ſeine Umgebung hatte ſehr darunter zu leiden. Seines zahlreichen An⸗ hangs unter den hohen Offizieren war er gewiß, aber was vermochte dieſer gegen des Königs Willen? Von Berlin empfing er getreue und mit eingeſtreuten ſehr bittern Bemerkungen ausgeſtattete Rapporte über das Treiben des jungen Königs, das ſo wenig den Männern des Kriegsfachs gefiel. Jeder von Friedrich gethane Schritt 154 auf ſeiner Reiſe unterlag ſcharfer Kritik, der die Ironie, die Satire nicht fern blieb. Man führte förmlich ſkizzirte Tageberichte über dieſe Reiſe, welche von Braunſchweig in die weſtfäliſchen Provinzen, dann, um die geliebten Franzoſen von An⸗ geſicht zu Angeſicht kennen zu lernen, nach Straßburg und von da den Rhein hinab nach Weſel fortgeſetzt worden war. In Cleve hatte der König Voltaire zum erſten Male geſehen, ſich von ihm den„Mahomet“ vor⸗ leſen laſſen und, begeiſtert von dieſem Geiſtesprodukt des berühmten franzöſiſchen Dichters, geäußert: er habe nur bewundern können und ſchweigen. Zurückgekehrt nach Potsdam, weilte er nur kurze Zeit daſelbſt und begab ſich von da nach Rheins⸗ berg, ſeinem Tusculanum. Mit welchem beißenden Spott erzählten die Berichte von der Beſchäftigung, die den jungen König dort aufs angelegentlichſte feſſelte, trotzdem er das viertägige Fieber bekommen hatte! Zu Ehren ſeiner Schweſter, der Markgräfin von Baireuth, welche mit ihrem Gemahle zu Beſuch nach Rheinsberg gekommen war, ſollte Voltaire's„Cäſar“ aufgeführt werden und er, der junge König, wollte die Titelrolle in dieſem Stücke ſpielen. „Komödiantenkönig! Pfui! Pfui!“ ſkandaliſirte der alte Deſſauer.„Wenn das ſein höchſtſeliger Vater —— ꝙ — 55 4 4 wüßte, er kriegte vor Aerger die Schwerenoth im Grabe. Na, na, wird wohl den Staatskarren bis über die Achſen in den D... ſchieben, daß ihn kein Teufel mehr herauszieht. O,'s iſt prächtig! Sein Alter und ich haben gethan, was in Menſchenkräften ſtand, um Preußen zu erheben, und er— er— Annelieſe, an ſolchen Fiſſemadenten kann'n rechtſchaffener Kerl des Teufels werden!“ Das war ein bitterer Gedanke in der Seele der alten eiſernen Durchlaucht; aber er vermuthete nicht, daß noch viel, viel Schlimmeres für ſeine Perſon ſelbſt folgen werde. Es war am vorletzten October, als ein ihm von ſeinem guten Freunde, dem General von der Marwitz, von Berlin geſendeter Eilbote die Nach⸗ richt brachte, daß am zwanzigſten October der letzte Kaiſer aus habsburgiſchem Stamme verſchieden ſei. Seiner Majeſtät dem König habe deſſen vertrauter Kammerdiener, der geheime Treſorier Fredersdorf, die bezügliche Depeſche gerade an einem Tage, wo den hohen Herrn das Fieber gezwungen, das Bett zu hüten, übergeben, und ſofort ſeien der Kabinetsrath Eichel, der Kabinetsminiſter Graf Podewils und der Feldmarſchall Schwerin nach Rheinsberg durch Eilboten beſchieden worden, und trotz ſeines Fiebers arbeite der König un⸗ ausgeſetzt mit ihnen. Man wiſſe, daß er in einem 156 Briefe an den gelehrten italieniſchen Grafen Algarotti geſchrieben habe:„Alles war vorhergeſehen, Alles vor⸗ bereitet; alſo handelt ſich's nur um die Ausführung der Entwürfe, welche ich ſeit langer Zeit in meinem Kopfe bewegt habe.“ Nach Durchleſung dieſer Hiobspoſt fühlte ſich der alte Fürſt nicht fähig, das, was er jetzt empfand, auch ſofort durch Worte auszudrücken. Es war ein Dop⸗ pelſchlag, der ihn überraſcht hatte: der Kaiſer todt, Schwerin vom König als militäriſcher Rath nach Rheins⸗ berg berufen! Seine Hinneigung zu Oeſterreich und ſein Haß gegen Schwerin, welchen der König jetzt ſo ſichtbar vorzog, waren zu groß, um ſo leicht einem ruhigern Ueberblick der Situation zu weichen. Er bedurfte langer Tage dazu, und ſo unwirſch er auch immer war, wenn ihn ein Aergerniß in Harniſch gebracht hatte, ſo ſchien er doch ſelbſt ſein gewöhnliches und ſein Lebenlang mit gutem Erfolge angewendetes Mittel, Andere ſeinen Unmuth aufs empfindlichſte fühlen zu laſſen, vergeſſen zu haben. Er ließ ſelbſt ſeine Grenadiere unbehelligt, eine Erſcheinung, die man an ihm gar nicht kannte. Für die zu drillenden Rekruten war dies allerdings ein außerordentlicher Glücksumſtand, denn die ſo hart⸗ herzig und ſanftern menſchlichen Regungen wenig zu⸗ 3 157 gänglichen Exercirmeiſter entbehrten den Treiber und dieſer Umſtand erſparte den der Dreſſur Unterworfenen manche harte Strafe. Zwiſchen dem trefflichſt Ausexercirten, dem Barthel von Jonitz, und dem Rekruten Alm hatte ſich gleich in den erſten paar Wochen ein gutes kameradſchaftliches Verhältniß geſtaltet. Barthel, wenn auch nicht zu den Feinfühlenden gehörend— dazu hatte ſeine Erziehung und ebenſo ſein Metier keinen Grund gelegt— beſaß nicht nur geſunden Menſchenverſtand, ſondern auch ein offenes Herz für fremdes Leid. Ohne daß er es ſelbſt wußte, trug er einen Fonds von Großmuth in ſich, der mit ſeinem rüſtigen, muthigen Weſen, mit der ihm innewohnenden Kraft in vollkommenſter Harmonie ſtand. Er empfand die Neigung, zum natürlichen Beſchützer derjenigen ſich zu machen, denen Unrecht geſchehen war und die man unterdrücken wollte. Er erkannte bald, daß Alm eine Bildung genoſſen, welche im offenbarſten Widerſpruch mit ſeiner jetzigen Lage ſtand, und es entging ihm nicht, daß dieſer, ſein Kamerad, oft Stunden hatte, in denen das Unglück ihn zu überwachſen drohte, denn dann ſaß er mit auf die Bruſt geſenktem Geſicht ſchweigend in einem Winkel der Stube und überließ ſich ſchwerem Nachdenken, aus dem er oft nur nach vielem Zureden zu ermuntern war, 158 und gelang es Barthel, ſo ſah er zuweilen ein paar große Thränen an den Wimpern des wie aus ſchwerem, angſtvollem Traume Erwachenden perlen. Barthel drang nicht in ihn, von ſeiner Vergangen⸗ heit zu ſprechen, er errieth, daß dies der wunde Fleck bei ſeinem Kameraden ſei, der demſelben ſo viel Weh bereite. Alm bezeigte ihm nach Kräften ſeine Zu⸗ neigung, und dieſe e ſchien dem kernigen Gerber wie ein Wohllaut, für den er eigentlich keinen Ausdruck fand, denn obwohl dieſe Zuneigung die eines Armen war, der ſie durch kein Geſchenk, keine freudige Ueber⸗ raſchung unterſtützen konnte, ſo trug ſie doch den An⸗ hauch einer Herzlichkeit, als wären beide jahrelang eng verbundene Freunde. Eines Abends ſaßen beide zuſammen. Eine alte Oellampe warf ein höchſt zweideutiges Licht in die von aller häuslichen, auf Bequemlichkeit deutenden Einrichtung entblößte Stube, deren einziger Putz in ihren an einem Rechen aufgehangenen Uniformen, Leder⸗ zeug und Waffen beſtand. Barthel hatte auf ſeinem dürftigen Lager Platz genommen; Alm ſaß auf einer Bank am Tiſche, auf dem ihre Brode, ein Krug Trink⸗ waſſer nebſt einem Topfe als Trinkgefäß, ein leer⸗ getrunkenes Schnapsfläſchchen und ein paar Zwiebel⸗ ſchalen als Reſte der Zuſpeiſe zu ihrem abgehaltenen N ——— 159 Abendimbiß ſich befanden. Draußen fegten periodiſche, gleich Kanonenſchlägen krachende Sturmſtöße an den Fenſterladen vorüber. „Dies Unwetter erinnert mich an einen curioſen Wanderabend in Schleſien im vorigen Jahre, an dem ich umkommen zu müſſen glaubte“, unterbrach Barthel die zwiſchen ihnen herrſchende Stille.„Ich dachte nicht anders, als es ſollte mein Letztes ſein. Hätte ich für jedes Mal, daß der Sturm mich wie eine Flaumfeder niederwarf, einen Thaler bekommen, an dem Abende wäre ich zum reichen Manne geworden.“ „Was Sturm heißt, kenne ich“, bemerkte Alm. „Kann's denken; auf der See mag er noch zwanzig⸗ mal ärger hauſen.“ Der Andere nickte bejahend. „Und dabei war der Abend ſtockdunkel; ohne meinen Stock hätte ich keinen Schritt vorwärts thun können. Wie froh war ich, als ich Athem ſchöpfend, an einen Baumſtamm geklammert, ſtehen blieb und endlich ein Licht in weiter Ferne erblickte, das als ein einzelner kleiner Funke in der rabenfinſtern Nacht wie angenagelt zu ſtehen ſchien. Gott ſei Dank, ſagte ich zu mir, end⸗ lich eine menſchliche Wohnung. Und mit neuem Muthe begann ich gegen den Wind zu kämpfen, der mir zu⸗ weilen greulich mitſpielte; aber durchſetzen iſt die erſte 160 Regel im Leben— endlich erreichte ich das Licht oder vielmehr das Haus, aus deſſen Obergeſchoßzimmer es leuchtete.“ „Weiter!“ „„Wäre Winter geweſen, würde ich umgekommen ſein, aber wir hatten Sommer, und das war mein Flück. Das Haus war ein Vorwerk oder Meierhof, wie man ſolche kleine Beſitzungen nennt. Auf mein Klopfen an den Fenſterladen machte eine Magd mir auf und war, obwohl ſie mir erklärte, hier ſei kein Wirthshaus, doch barmherzig genug, des ſchlechten Wetters wegen mich einzulaſſen, wenn ich mit dem Heuboden vorlieb nehmen wolle. Wer war froher als ich! Ein Stück Brod fiel auch ab, friſchen Trunk gab der Brunnen und ſo ſtreckte ich mich aufs Heu. Gegen alles Erwarten blieb der Schlaf aus. Der ſtarke Heugeruch betäubte mich, ich bekam Kopfſchmerzen, und um denſelben zu entgehen, ſtieg ich— es mochte bald Mitter⸗ nacht ſein— vom Boden herunter und blieb an der friſchen Luft im Hofe auf einem Holzhaufen ſitzen. Der Sturm hatte ſich unterdeß etwas gelegt und ich war dem Einſchlafen nahe, als ich durch Peitſchenknallen plötzlich wieder munter wurde. Ich habe vergeſſen zu erwähnen, daß, als ich den Heuboden verlaſſen und auf dem ziemlich geräumigen Hofe nach einem gegen etwai⸗ — — 161 gen Regen geſchützten Plätzchen mich umſah, aus ein paar Fenſtern im Obergeſchoß des Wohnhauſes matter Lichtſchein ſchimmerte. Das wunderte mich; es wurde mir jedoch bald eine Aufklärung darüber zu Theil, denn ich hörte das Schreien eines kleinen Kindes von da oben. Um ſeinetwillen, da es wahrſcheinlich krank war, brannten die Meiersleute Licht. Dieſer Umſtand konnte mich nicht beunruhigen, und hätte mich das Peitſchen⸗ knallen nicht aus dem Duſel aufgeſtört, ich hätte ge⸗ wiß auf dem Holzhaufen, der ſich unter einem offenen Schuppen, wo man Leitern, Stangen und Ackerwerk⸗ zeuge verwahrte, befand, ganz köſtlich geſchlafen, weil der Marſch und der Kampf mit dem Sturm mich tüchtig ermüdet hatten.“ „Läßt ſich denken.“ „Obwohl ich nie um fremder Leute Angelegenheiten mich bekümmert habe, weil Jeder mit den ſeinigen ge⸗ rade genug zu thun hat, und es mich auch ganz und gar nichts anging, wer zu den Meiersleuten noch ſo ſpät gekommen ſei, wurde ich doch zur größten Auf⸗ merkſamkeit angeregt, als ich aus der Wohnung im Obergeſchoß laute, heftige Stimmen von Männern und Frauen vernahm, dazwiſchen auch ein gelegentliches Wei⸗ nen der einen Frau. Vielleicht lag es damals in der eben durch den ſo ſehr anſtrengenden Marſch in dem heftigen Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. III. 11 162 Sturme mich überkommenen Aufregung, die mich nicht hatte einſchlafen laſſen, daß ich mich ſo ſehr zur Neugierde, was die Leute wohl ſo Feindſeliges gegen einander haben möchten, angeſpornt fühlte und, mein Felleiſen und meinen Stock auf dem Holzhaufen laſſend, einen hochgewachſenen, dicht vor den nun hell erleuchteten Fenſtern ſtehenden Kaſtanienbaum erkletterte.“ „Das ſcheint intereſſant zu werden, Barthel.“ „Na, wenigſtens gehört es nicht unter die täglichen Erlebniſſe eines auf der Wanderſchaft begriffenen Hand⸗ werksgeſellen“, antwortete jener und fuhr dann in ſeiner Erzählung fort: „Auf einem ſtarken, von laubreichen Zweigen faſt ganz verdeckten Aſt ſaß ich in der Fenſterhöhe und hatte den freien, ungehinderten Ueberblick der Stube und der darin ſich befindenden Perſonen. Es waren deren vier. Zuerſt eine vornehm gekleidete große Frauen⸗ geſtalt, deren ſchwarzer Mantel ſich zurückgeſchlagen hatte und ein auf lichtblauem Grunde geblümtes Kleid ſehen ließ, das ſie in großen Bauſchen aufgerafft über einem rothen Unterkleide trug. Der ganze Anzug ſchil⸗ cheine der beiden Lichter, die man angezündet hatte, ſodaß ich annahm, er ſei wirklich von Seide. Auch trug ſie um den Hals eine goldene Kette, an der eine Kapſel oder, wie man's nennt, ein Me⸗ lerte wie Seide im S 163 daillon hing, welches mit blitzenden Steinen beſetzt ſein mußte, denn es funkelte im Lichtſtrahl.“ Alm's Aufmerkſamkeit wurde, ohne daß der Er⸗ zählende dies bemerkte, außerordentlich geſteigert. Letzterer fuhr nach kurzer Pauſe fort zu ſprechen: „Neben ihr ſah ich einen Jeſuitenpater ſtehen, ganz ſo, wie ich ſie im übrigen Kaiſerſtaate geſehen hatte. Beide ſtanden auf der einen Seite des Tiſches, auf der andern Seite bemerkte ich einen Mann in bäuerlicher Tracht. Er war alt, denn er hatte weißes Haar. Neben ihm ſtand eine ſtädtiſch gekleidete Frau. Hinter ihr an der Stubenwand ſah ich eine Wiege ſtehen und in der letztern den Kopf eines Kindes.“ „Du mußt dieſe Leute mit großer Aufmerkſamkeit ins Auge gefaßt haben.“ „So iſt es auch, denn was ich von ihnen ſprechen hörte, war auch darnach, aufmerkſam zu werden. Die vornehme Frau ſagte ſehr zornig:„Ihr habt keine andere Pflicht, Dore, als das Kind dem hochwürdigen Herrn hier zu übergeben, deswegen ſind wir hier.“ Und auch der Pater redete von derſelben Pflicht und er⸗ mahnte die Frau, das Kind in Güte zu verabfol⸗ gen, und da die Ermahnte ſchwieg, wendete er ſich zu dem Bauer und machte dem einen großen Sermon, dem ich ſo viel entnahm, daß von ihm als Vater 11* aus 164 der Frau ein Machtwort zu erwarten ſei.„Ja“, ſagte der Mann,„da kann ich nichts thun, hochwürdiger Herr. Meine Tochter, die Dore, iſt lange über die Jahre hinaus, wo der Vater ein Recht hat, ihr zu be⸗ fehlen. Sie will das Kind nun einmal nicht hergeben, ich kann ſie nicht dazu zwingen, und in Ruhe überlegt, iſt's bei ihr ebenſo gut aufgehoben und am Ende noch beſſer, als wenn es der hochwürdige Herr oder die gnädige Frau mitnimmt.“—„Dummkopf, das verſteht Er nicht!“ fuhr die Gräfin heftig auf. Die Frau aber, die bisher ſchweigend dageſtanden hatte, ſagte nun reſolut:„Das Kind gebe ich nicht her, unter keinen Um⸗ ſtänden. Mir iſt's lieb geworden, als wäre es mein eigenes. Seine unglückliche verſtorbene Mutter hat es, wenn auch ohne Worte der Bitte, denn ſie war nahe am Sterben und die wenige Stunden vorher er⸗ folgte Geburt des Knäbleins hatte ihre Kräfte aufs äußerſte erſchöpft, doch mit einem ſo flehenden Blicke mir übergeben, daß ich, erſchüttert im Innerſten meines Herzens, es ihr freiwillig mit dem heiligſten Eide zu⸗ geſchworen habe, an ihrer Stelle das Kind zu behüten und zu bewahren nach meinen beſten Kräften. Und den Eid breche ich nicht, ſo wahr mir Gott gnädig ſein ſoll in meiner Sterbeſtunde! Die vornehme Dame rief recht verächtlich:„Einer Ketzerin braucht man keinen 165 Eid zu halten, und hätte man ihn auf die heilige Hoſtie abgelegt. Iſt's nicht ſo, Pater?« Der Aufgeforderte beſtätigte das, wenn ein Fall, wie der jetzige, vorläge, wo der Kirche eine Seele zugeführt werden ſolle.“ Alm unterdrückte mit Mühe eine heftige Bewegung, um ſeines Kameraden Erzählung nicht zu unterbrechen. Barthel hatte ſich auch ſo ganz in dieſe Erinnerung vertieft, daß er auf Alm nicht ſehr achtete. Nach einer kurzen Pauſe ſagte er: „Unter uns gewöhnlichen Leuten, die im Schweiße des Angeſichts ihren Biſſen Brod erwerben, gehen ſolche Schändlichkeiten doch nicht vor wie unter den vornehmen.“ „Jawohl, Du haſt Recht.“ „Nun alſo weiter, ſonſt hat's keinen Zuſammen⸗ hang; bin bald am Ende.“ Barthel fuhr nach einer ſehr kurzen Pauſe fort: „Die Frau war bei gutem Mundwerk und ſagte der vornehmen Dame und dem Pater die Wahrheit von der Leber herunter. Und was da für Dinge zum Vorſchein kamen!—„Eine Seele wollen Sie der Kirche zuführen, aber daß Sie meine Seele verdorben haben und zu einer ſchändlichen Lüge, zu einem gottvergeſſenen Betrug aufgereizt haben, das iſt Ihnen gleich“, ſprach ſie.„Oder bin ich etwa aus eigenem Antriebe mit dem Herrn Baron, Ihrem Sohne, nach der— ich glaube den Namen Tappenburg gehört zu haben, weiß aber nicht, ob der Ort wirklich ſo hieß, den ſie nannte— gereiſt und habe die arme, ſchuldloſe Gräfin Marie, Ihres Stiefſohnes, des Herrn Grafen Fortunatus Ge⸗ mahlin, betrügen helfen? Sie, Frau Gräfin, haben das angegeben, Sie haben auch den— ſie nannte hier einen Namen, den ich nicht recht verſtand— zu der Schand⸗ that verführt, daß er an ſeines jungen Herrn hoch⸗ ſchwangerer Gemahlin zum elendeſten Lügner, zum Ver⸗ räther wurde. Gewiß, es war für die ſo ſchändlich betrogene junge Dame, die mit ſo unendlicher Liebe an ihrem Gemahle hing und ſich auf das Wiederzuſam⸗ menſein mit ihm wie ein Kind freute, ein von Gott geſendetes Glück, daß ſie wenige Stunden nach des Knäbleins Geburt ſtarb. Was wäre denn ihr Schick⸗ ſal geweſen? Vielleicht gar ein Kerker auf Lebens⸗ zeit! O, das Kind ſollen Sie haben, wenn Sie mir von der in Berlin Begrabenen den Befehl bringen, daß ich es an Sie ausliefern ſoll.““ Barthel blickte auf Alm und war nicht wenig erſtaunt, dieſen leichenbleich, mit an den Seiten ſchlaff herab⸗ hängenden Armen, bewegungslos vor ſich ſitzen zu ſehen. „Kamerad! Kamerad!“ rief er aufſpringend und ihn rüttelnd,„was iſt Dir denn? Komm doch zu Dir!“ 167 Die allerdings nicht ſehr ſanfte Aufmunterungs⸗ weiſe Barthel's verfehlte ihre Wirkung nicht; Alm ſtarrte ihn mit weit aufgeriſſenen Augen an und fragte kaum verſtändlich:„Sie iſt todt? Meine Marie, meine Ge⸗ mahlin todt, in Berlin begraben?“ „Du biſt wohl confus geworden, Kamerad?“ fragte jener. Wie wenig dieſe Vermuthung ſich beſtätigte, wurde Barthel ſchnell klar, als ſein Kamerad ſich von der Bank erhob und, ſeine Hand faſſend, ſprach: „Du kennſt einen Theil meines Unglücks, der für mich ſelbſt bis auf dieſe Stunde Geheimniß war. Ich bin Graf Fortunatus Almeslo, die Gräfin iſt meine Stiefmutter, welche, um mein Erbe für ihren Sohn erſter Ehe zu erwerben, nichts unverſucht gelaſſen hat, mich zu verderben. Wenn die Rache ein Erſatz wäre für das, was dies Weib an mir verbrochen, indem ſie unter ſchändlichſter Täuſchung mein größtes Kleinod, meine Gemahlin, aus ihrem ſichern Aſyle auf der Tappenburg hinweglocken ließ, damit ſie mir auf immer entriſſen werde— Gottes Gerechtigkeit aber rettete die Aermſte durch den Tod auf der Reiſe nach einem lebens⸗ länglichen Kerker hinter feſten Kloſtermauern— wenn die Rache ein Erſatz wäre, ſo iſt er mir zu Theil ge⸗ worden, denn ich erſchoß mitten unter den Hofleuten 168 Kaiſer Karl's in der Wiener Hofburg ihren Sohn, meinen Stiefbruder; doch dieſe That iſt kein Erſatz, keiner! Ein ſchlechter Menſch weniger, das iſt das ganze Reſultat des gut treffenden Schuſſes geweſen; aber auch eine durch ihn dem Tod in die Arme geworfene Engelſeele weniger, mit der ich Alles, Alles ver⸗ loren habe, was das Leben mir an Glücksgütern ge⸗ boten hat und bieten konnte.“ Barthel war ſo ſehr von dieſer unerwarteten Ent⸗ deckung verblüfft, daß ihm die Sprache mangelte. Viertes Kapitel. Entſtellt von den zahlreich nachgelaſſenen Spuren der damals in Breslau epidemiſch auftretenden Blat⸗ tern und infolge einer Erkältung von einem Nervenfieber ergriffen, das ihn dem Tode ſo nahe gebracht hatte, daß der Arzt denſelben von Stunde zu Stunde mit Gewißheit erwartete, genas Fortunatus nur allmälig, ſeine Kräfte waren aber ſo ſehr erſchöpft, daß er fürchtete, ein lebenslängliches Siechthum davonzutra⸗ gen; indeß der wiederkehrende Frühling, der ja überall neues kräftiges Leben erweckt, gab der Hoffnung Raum, daß auch er einer vollſtändigen Rückkehr ſeiner frühern Geſundheit ſich erfreuen werde. Ein Blick in den Spiegel ließ ihn vor ſich ſelber erſchrecken; ſein Geſicht war grauſam von den zurück⸗ gebliebenen Pockennarben gekennzeichnet, unter Tauſen⸗ den, welche von dieſer verwüſtenden Krankheit geneſen, hätte man ihn ſicher wiedererkannt, und zugleich mußte er jede Hoffnung, daß darin eine Veränderung zum Beſſern jemals ſtattfinden könne, für immer aufgeben. Er war vollſtändig ein Anderer geworden. Nicht Eitelkeit ließ ihn dies beklagen, jedoch der Gedanke an ſeine junge Gemahlin erſchütterte ihn un⸗ gemein. Mußte ſie nicht einem Abſcheu bei ſeinem Anblicke unterliegen? Hatte er ein Recht, ſie darum zu tadeln, wenn ſie vor ihm erſchrak? Ha, dies von Blattern zerriſſene Geſicht war eine Verunſtaltung ſeines Aeußern, der Blick in den Spiegel wirkte ja ſo abſtoßend, widerlich auf ihn ſelbſt ein, daß er mit Entſetzen von ſeinem Abbild ſich abwendete, um es nur nicht zu ſehen, und ſie, Marie, ſollte weniger den widerwärtigen An⸗ blick empfinden? Es ſchien ihm undenkbar. Selbſtverſtändlich hielt dieſer Gram den raſchern Fortſchritt ſeiner Geneſung auf und dazu geſellte ſich noch der Kummer über ihr Schickſal. Jede Nachricht von ihr fehlte ihm. Die ſchwere Stunde, die dem Pfande ihrer beiderſeitigen treuen Liebe das Leben geben ſollte, mußte nach ſeiner Berechnung vorüber ſein und er war fern von ihr geweſen, ſie ſcheinbar vergeſſen von ihm geblieben! Mit welchem tiefen Kum⸗ — —* Ei wo —— mer, mit wie viel Thränen mußte ſie, allein unter Fremden, dieſer vielleicht über ihr Leben entſcheidenden Stunde entgegen gebangt, ihn, wie das gewiß nicht übertrieben zu denken war, der Treuloſigkeit angeklagt haben! Wie ſonderbar! Jetzt fand er in der Verunſtaltung ſeines Geſichts gewiſſermaßen einen Troſt, denn ſie mußte für ihn Zeugniß geben, daß es außer ſeinem Willen, ſeiner Macht gelegen habe, nach der Tappen⸗ burg zu eilen. Ein ſolches gleichſam einem Brand⸗ male gleichendes Zeugniß ſeiner Schuldloſigkeit mußte ja jeden Zweifel an ſeiner Treue niederſchlagen. Der Graf Vater wünſchte ihn in Breslau zu be⸗ halten. Es war faſt auffallend, wie der alte Herr ſich Mühe gab, ihn dazu zu bereden, als habe er Angſt vor der Reiſe ſeines Sohnes nach der Tappenburg. Auch die Frau Gräfin Stiefmutter ſtimmte lebhaft bei; aber Fortunatus ließ ſich nicht halten; die Waldluft werde ihm ſchnell die verlorenen Kräfte wiedergeben, dabei blieb er und reiſte von Breslau ab. Der April hatte ſchöne, ſonnenreiche Tage gebracht und mit ihnen waren die Lüfte linder geworden, ſie trugen jene wunderbare, alle lebenden Weſen erquickende Eigenſchaft der ſtärkenden Friſche, wie die Erſtlings⸗ wochen des Frühlings ſie ſtets bringen, und doch 172 lag es Fortunatus unſaglich ſchwer auf dem Herzen. „Reiſe ich denn nicht meinem Glücke zu?“ fragte er ſich erſtaunt über das nicht aus ſeiner Seele ſchwin⸗ dende bange Gefühl, als müſſe er Schweres erleben; aber dieſer Gemüthston blieb feſt, er ließ ſich nicht hinwegphiloſophiren. Er glich dem dunklen Grunde eines ein Nachtſtück darſtellenden Gemäldes, deſſen Staf⸗ fage natürlich auch eine mit demſelben verwandte Ton⸗ färbung trägt. Endlich glaubte er die Urſache der Unluſt, der Mißſtimmung entdeckt zu haben. Sein neuer Diener war zu unbeholfen, wußte ſich nicht in ihn zu finden, hatte noch keine Reiſe mitgemacht und es gab daher eine Menge kleiner Verdrießlichkeiten. Er vermißte ſeinen alten Harbich ſchmerzlich; bei dem hatte er nicht nöthig, ſich um irgend etwas zu kümmern, Harbich beſorgte Alles mit weiſer, eingeſchulter Umſicht. In dem Fehlen dieſes erfahrenen Mannes lag ſicher der Grund der üblen Stimmung, welche Fortunatus nicht von ſich ſcheuchen konnte. Endlich, endlich! Noch zwei Stunden war die Tap⸗ penburg fern. Er zitterte vor Aufregung. Ha, er kannte die Gegend genau. Da, in dem großen dunklen gemiſchten Forſte hatte er oft gejagt, Marie war ihm dem agte vin⸗ ben; nicht unde Staf⸗ Ton⸗ der iener nden, daher nißte nicht erbich In r der nicht Tap⸗ d, er ikklen rihm 173 im Wagen gefolgt. Jetzt ſtand der Saum des großen Waldes in Sonnengold gehüllt und der leiſe Luftzug ſpielte mit dem reichen Blätterwerke, daß es das Aus⸗ ſehen hatte, als ſprängen die auf den Blättern ruhen⸗ den oder an den grünen Nadelbüſchen hängenden Sonnenlichter luſtig auf und nieder im ſchäkernden Spiele. Wie gern hätte er eins dieſer goldenen Lichter nach der Tappenburg vorausgeſendet, ihr ſeine Ankunft zu melden! Der Poſtillon fuhr ſo ſchnell, als die Poſtgäule nur laufen konnten, und im Forſte, in welchem der Wagen jetzt hinrollte, fand ſein Peitſchenknallen einen an den Stämmen gleichſam mit den Roſſen um die Wette laufenden Wiederhall. Da, da liegt die Tappenburg, ſeines Geſchlechtes Haupthaus und erſtes Beſitzthum in Deutſchland, ſeit⸗ dem es vor hundert und mehr Jahren aus dem Nieder⸗ ländiſchen hierher übergeſiedelt. „Marie! Meine Marie!“ ging es über ſeine Lip⸗ pen, wie in andachtsvoller Erwartung faltete er die Hände. Jetzt rollte der Wagen über die alte Zugbrücke. Der Poſtillon übertraf ſich im Peitſchenknallen, die Tap⸗ penburg blieb ſtill, ganz ſtill, nur ein paar ihm bekannte Perſonen, der Thorwächter und eine Magd, ſtanden im 174 Hofe, voll Verwunderung den Wagen, das Geſpann, ihn, den Poſtillon und den fremden Diener an⸗ ſtarrend. „Michel!“ rief Fortunatus, den Wagenſchlag auf⸗ ſtoßend und auf den Thorwächter zuſpringend.„Die Gräfin ausgefahren?“ „Die Gräfin?“ wiederholte der Mann phlegmatiſch. „Hm, das ſind nun bald zwei Monate, daß ſie nach Breslau zu ihrem Gemahl abgeholt worden iſt.“ Fortunatus prallte erſchrocken zurück. Der Mann mußte den Verſtand verloren haben.„Zu mir? Nach Breslau?“ ſtieß er heraus. „Zu— wie iſt mir denn ſo curios zu Sinne? Das iſt ja unſers jungen gnädigen Herrn Grafen Stimme!“ Der Mann war ſo perplex, als ſähe er etwas Uebernatürliches vor ſich.„Der Herr können aber doch unſer junger gnädiger Herr Graf nicht ſein, das iſt ja unmöglich, der ſah— anders aus.“ „Ich bin's, Michel, die Blatternkrankheit hat mich ſo entſtellt; aber das beiſeite. Was redeſt Du von meiner Gemahlin, daß ſie vor faſt zwei Monaten nach Breslau abgeholt worden ſei? Sprich doch, Menſch, Du ſiehſt ja, daß ich darauf warte.“ „Unſer junger gnädiger Herr Graf iſt der Herr?“ on ach ſch, r?“ 175 ſtotterte Michael ganz wirr.„Nun, ſollte man's denn glauben, wie ſich der Menſch verſtellen kann!“ Es koſtete viele Mühe, den Mann zur klaren Ant⸗ wort zu bringen. „Ja, abgereiſt iſt ſie, die gute, junge, gnädige Frau Gräfin und's werden nun bald zwei Monate. Damals hatten wir hier noch viel Schnee und's war hölliſch kalt und überhaupt ſchlechtes Wetter, wie es immer ſo gegen Ende Februar bei uns zu ſein pflegt. Den einen Tag kam ein junger feiner Herr mit einer Frauensperſon und ein paar Bedienten hier an, auch der alte Harbich kam mit.“ „Mein Harbich?“ ſchrie Fortunatus und faßte den Alten bei den Schultern und ſchüttelte ihn, als glaube er, daß dieſer nicht wiſſe, was er rede.„Mein Harbich? Das iſt ja unmöglich! Du mußt Deiner Sinne nicht mächtig ſein, Mann.“ „Da ſag' Du's dem Herrn, Grete, weil er mir nicht glaubt.“ „’s iſt juſt ſo, wie der Wächter erzählt“, ſtimmte die Magd bei.„Wir kennen ja den alten Harbich, wie wir uns ſelber kennen, hat ja lange genug unter uns gelebt, daß wir keinen Andern für ihn anſehen werden. So dumm ſind wir hier nicht.“ Fortunatus glich in dieſem Momente einem Men⸗ 176 ſchen, der die Fähigkeit, logiſch zu denken, ganz und gar verloren hat oder vielmehr, über den eine gänzliche Abweſenheit des Geiſtes gekommen und aus deſſen Körper ſelbſt das Vermögen der Beweglichkeit ge⸗ wichen iſt. Er ſtand ſtarr vor den Beiden, kein Glied ſeines Leibes rührte ſich. Der Schlag, der ihn getroffen, war zu zermalmend, als daß ſein geiſtiger Halt darunter nicht hätte zuſammenbrechen ſollen. Es war etwas ge⸗ ſchehen, das er für den erſten Moment nicht zu faſſen vermochte. Aus dem Schloſſe kamen noch ein paar Leute, ſie wollten ſehen, was es gäbe, wem der Reiſewagen und wer der Herr ſei, mit dem der Wächter und Grete ſprachen. „Das iſt unſer junger gnädiger Herr Graf“, ſagte Michel zu ihnen. Ein Laut der Verwunderung entfloh den Lippen derer, die dieſe Erklärung empfingen. Den jungen Herrn hätten ſie bei ſo total verändertem Geſicht nicht wiedererkannt.„Er kommt, um ſeine gute Frau Ge⸗ mahlin zu beſuchen, er weiß gar nicht, daß ſie ſchon gegen zwei Monate aus der Tappenburg fort iſt, ſetzte Michel den neu Hinzugetretenen auseinander. „s wird nicht viel fehlen an zwei Monaten“, meinte ein Knecht. 177 „Der junge Herr Graf weiß gar nichts davon?“ fragte eine alte Frau, die der Stelle einer Art Ca⸗ ſtellanin in der Stammburg der Almeslo vorſtand.„Iſt denn das menſchenmöglich?“ Während dieſer Reden hatte ſich Fortunatus wie⸗ der etwas von dem Entſetzen über die ihm gewor⸗ dene Nachricht erholt. An ihrer Wahrheit konnte er nicht zweifeln; die vor ihm ſtehenden Leute hatten ja nicht den mindeſten Vortheil von einer Unwahrheit, und überdies wäre dieſe auch bald an den Tag ge⸗ kommen. Welchen Lohn hätten ſie dann von einer ſo widerſinnigen Lüge gehabt! „Wie hieß der Cavalier, der meine Gemahlin ah- geholt hat?“ fragte er den Wächter. „Der? Ja, das kann ich nicht ſagen.'s iſt möglich, daß ich ſeinen Namen habe nennen hören, aber der⸗ gleichen vergißt unſereiner.“ „Der Verwalter wird's, muß es wiſſen. Ich will hin zu ihm.“ „Unſer alter Verwalter iſt todt, ſein Unterverwalter führt jetzt das Wirthſchaftsweſen, wird wohl auch in dem Poſten beſtätigt werden.“ „Der alte Verwalter todt? Hat ſich denn Alles gegen mich verſchworen? Ein Pferd, Michel, ein Pferd, ich muß hin.“ Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. III. 12 178 „Wir haben kein einziges Reitpferd im Stalle, ein paar alte Ackergäule nur.“ „Nun denn, ſo eile ich zu Fuße hin. Komm mit, Michel. Den nächſten Weg durch den Forſt. Du kennſt alle Wege.“ „Werde doch.“ Ohne Verzug faßte Fortunatus den Mann beim Arme und riß ihn aus dem Hofe mit ſich fort. Das war ein anſtrengender Marſch für den alten Michel, er dampfte von Schweiß; ſolch haſtigen Lauf auf einem von vielen hoch aus dem Boden vorſtehenden, mit Schnee überdeckten Baumwurzeln durchkreuzten, ſchlech⸗ ten und oft ſchlüpfrigen Waldpfade hatte er vielleicht noch gar nicht oder höchſtens in ſeiner früheſten Ju⸗ gend durchgemacht; aber der Graf, voll Eifer, Licht in dieſem Dunkel zu erlangen, kannte kein ſich ihm ent⸗ gegenſtellendes Hinderniß. Endlich erreichten ſie nach dreiviertelſtündigem Marſch den Amtshof. Der Ver⸗ walter war auf den weit entlegenen Grenzfeldern, aber die Wittwe des Verſtorbenen war zu Hauſe. Zu ihr eilte der Graf, er kannte die Frau als brav und gut und ſogar nicht ganz ungebildet. Sie war zuweilen zu ſeiner Gemahlin auf die Tappenburg gekommen. Es war gewiß ſehr empfindlich für ihn, ſich vor ihr gleichſam erſt legitimiren zu müſſen, daß er wirk⸗ 1 179 lich der junge Graf ſei, den ſie ja früher gekannt habe, denn die gute Frau wollte es gar nicht glauben, daß auch bei einem ſo vornehmen Herrn die Blattern eine ſolche Entſtellung des Geſichts bewirken könnten; dann aber, als er ſie von der Wahrheit überzeugt hatte, wurde ſie geſprächig. Sie erzählte, daß der Cavalier ſich Baron von Oertzen genannt und einen Brief von ihm, dem jungen Herrn Grafen, mitgebracht habe an die Frau Gräfin, die ganz überſelig von die⸗ ſem Schreiben und von der Gewißheit der baldigen Vereinigung mit ihm, ihrem Gemahle, geworden ſei. Sie, die Frau Verwalterin, habe ſie noch den Tag vor ihrer Abreiſe beſucht und ſich herzlich gefreut, ſie heiter wie ein Kind zu ſehen. „Oertzen? Oertzen? Mein Himmel, ich kann es faſt nicht glauben!“ rief Fortunatus.„Beſchreibe Sie ihn mir.“ Die Schilderung ſtimmte im Allgemeinen. Oertzen, den ſein Vater als hinterlaſſene Waiſe eines ihm ſehr befreundet geweſenen Offiziers hatte auferziehen laſſen, ſtand bei der Schweidnitzer Feſtungsgarniſon als Pre⸗ mierlieutenant. War es nicht möglich, daß er ſich aus Dankbarkeit gegen ſeinen Wohlthäter dieſer Miſſion unterzogen hatte, von der er vielleicht nicht einmal ahnte, daß ſie ein Bubenſtück verſchleiere? Nur eins 12* 180 ſtimmte nicht recht. Oertzen ſollte ein höchſt feiner Cavalier ſein, wie die Frau Verwalterin verſicherte; Fortunatus kannte ihn durchaus nicht von ſolcher glän⸗ zenden Seite, im Gegentheil hatte er in ihm nur einen jovialen, aber etwas rohen Soldaten geſehen und daher intimern Umgang mit ihm, wenn derſelbe einmal auf Ur⸗ laub nach Breslau kam, vermieden. Indeß konnte es ja möglich ſein, daß die Frau ſeine Jovialität als feines Benehmen angeſehen hatte. Das einzig Wahre an Allem blieb die Vollführung des Bubenſtücks, das an ihm, Fortunatus, und ſeiner jungen Gemahlin begangen worden war. Das Herz zitterte ihm in der Bruſt bei dem Ge⸗ danken an Marie. Was war mit ihr geſchehen? Wo weilte ſie jetzt? Wer hatte dieſe Schandthat erſonnen? An den Namen Harbich klammerte er ſich an. Harbich, dem er ſein ganzes Vertrauen geſchenkt hatte, mußte ſein Geheimniß verrathen haben und an wen? An ſie, die Stiefmutter. Das war es, das! Jetzt wußte er Alles, Alles! Zurückeilend nach der Tappenburg, die für ihn jetzt weiter nichts als ein leeres Haus, eine Todtengruft war, ſchwor er unter freiem Himmel, Rache an der Schändlichen zu nehmen, ſie ins Herz hinein zu treffen, daß ſie genug habe für immer, ſie und ihre Helfers⸗ —— 181 helfer. Ha, es war eine Erleichterung für ſeine wie von Fieberſchauern gequälte Seele, als er dieſen Schwur im Angeſicht des blauen Himmels geleiſtet hatte. Die alte Caſtellanin mußte ihm die Wohnzimmer Mariens aufſchließen. O wie öde, wie unheimlich ſtill war es in ihnen! Thränen fielen aus ſeinen Augen, Thränen des wie ſchneidende Meſſer ſein Herz durchwühlenden Schmer⸗ zes, ſie verloren zu haben, die ſein einziges Kleinod war; aber auch Thränen des Zornes, das hier verübte teufliſche Verbrechen nicht auf der Stelle rächen zu können. Und in den ſtillen, leeren und öden Zimmern, in welchen ſein Schritt ſo hart wiederklang, als ſchritte Jemand auf eiſernen Sohlen hinter ihm her, gab es ſo viele theure Erinnerungen an mit Marie verlebte glückliche Stunden, daß er oft lange ſtehen blieb und ſeinen Verluſt im ganzen Umgange fühlte. Er zwei⸗ felte nicht, daß ſie nicht mehr unter den Lebenden ſei. Nur eins blieb ihm unerklärlich, warum man kein an⸗ deres Mittel, ſie zu beſeitigen, gewählt habe, warum man erſt hier die Täuſchung verbreitet, als ſolle ſie in ihres Gemahls Arme geführt werden. Das mußte eine Urſache haben; aber er konnte ſie nicht er⸗ gründen. In der Tappenburg konnte ihn nichts zurückhalten. 182 Nur eine kurze Ruhe von ein paar Stunden, dann wollte er die Rückreiſe antreten. Die alte Caſtellanin konnte ſich gar nicht hinein⸗ finden, daß ein Verbrechen an der guten jungen Gräfin geſchehen ſein ſollte. Das Gemüth dieſer Frau war zu einfach, um ſchlimme Gedanken in ſich aufnehmen zu können, ſie beſaß keine Ahnung von der Verworfen⸗ heit, welche zum Verderben des Nebenmenſchen die ſchnö⸗ deſten Intriguen ſpinnt. Ihr gutes Herz hielt es für Schuldigkeit, den jungen Herrn zu tröſten, der ſo von allen guten Geiſtern verlaſſen in dem von ihm früher bewohnten Zimmer, die Hände vor die Augen geſchla⸗ gen, ſaß, ſeinem Grame ſich überlaſſend. Er ließ die Frau reden, ohne ihre Worte zu beachten, aber das geſchah nur anfänglich, denn bald kam ſie auf einen Gegenſtand, der ſeine Aufmerkſamkeit vollſtändig in Anſpruch nahm. Sie ſprach davon, welch eine gute, vergebungsreiche Seele die junge gnädige Frau Gräfin geweſen ſei, ein wahrhaftes Engelsherz. Sie habe ſogar den Tod ihrer gnädigen Frau Schwiegermutter, der Frau Gräfin beklagt, der in dem Briefe, welchen der Herr von Oertzen ihr überreicht, ihr gemeldet worden ſei, obwohl die verſtor⸗ bene Dame ihrem Gemahl feindlich geſinnt gewe⸗ ſen ſei. — Kir 183 „O, ich weiß es noch recht gut, daß unſere liebe junge Herrin ſagte:„Ich glaube, wenn ſie mich hätte kennen lernen und die Ueberzeugung gewonnen hätte, daß es ſo leicht und ſchön iſt, zu lieben, ſtatt zu haſſen, ſo würde ſie ſicher ihre Feindlichkeit gegen meinen Gemahl aufgegeben haben und wir würden unter ein⸗ ander ſehr glücklich geworden ſein““, ſchloß die Frau. Davon wußte Fortunatus noch nichts. Jetzt bot ſich ihm die volle Erkenntniß, mit welchem Raffinement man bei der an ſeiner Gemahlin verübten Täuſchung zu Werke gegangen ſei. Man hatte jeden Zweifel an der Wahrheit der Sendung des Herrn von Oertzen bei ihr unmöglich machen wollen, und die Kunde von dem Tode der Gräfin Stiefmutter war ſicher geeignet, dies zu bewerkſtelligen. Das Bubenſtück mußte demnach gelin⸗ gen, es gab ja Niemand auf der Tappenburg, welcher die Lüge hätte beſtreiten können. Und noch auf etwas wurde Fortunatus durch die geſchwätzige Frau aufmerkſam gemacht. Nachdem ſie von dem feinen jungen Herrn von Oertzen noch Manches erzählt hatte, kam ſie auf ſeine Bedienten zu ſprechen, von denen der eine ein großer Liebhaber vom Wein und eigentlich die Tage über, wo man des üblen Wetters wegen die Abreiſe hätte ver⸗ ſchieben müſſen, meiſt in einem angetrunkenen Zuſtande 184 geweſen ſei, indem er den Weg in den gräflichen Wein⸗ keller gefunden und wohl benutzt habe. An dem einen Abend ſei er auch des Weines voll geweſen und habe da viel bramarbiſirt von der Herr⸗ lichkeit des großen Lebens in Wien und wie da jeder Tag ein Feſt⸗ und Freudentag ſei, wogegen der Auf⸗ enthalt hier in der gleichſam von der Welt ausgeſchiede⸗ nen Tappenburg nur elende Faſttage aufweiſe, tauſendmal ſchlimmer als im ſtrengſten Kloſter, wo von einer Freude auch keine Rede ſei und die armſeligen Kutten⸗ träger für die ganze Chriſtenheit zu hungern verdammt wären. Ihr Herr ſei aber auch dafür ein bei Hofe hochangeſehener Cavalier, beliebt bei den Majeſtäten, und da könne ſie ſich wohl denken, daß ſeine Diener davon profitirten, ein Leben wie im Himmelreiche führ⸗ ten und Alles vollauf hätten. Dieſe Erinnerung der Frau, ſo wenig bedeuſam für den ganzen Vorgang ſie auch zu ſein ſchien, ver⸗ drängte doch den Gedanken, daß der Baron von Oertzen, den er kannte, der Vollzieher des abſcheulichen Ver⸗ brechens geweſen ſein könne, ſofort als ganz un⸗ ſtatthaft. Dafür ſtieg ein anderer in ihm auf. Wenn ſein Stiefbruder dies Bubenſtück als treuer Mitver⸗ bündeter ſeiner Mutter ausgeführt hätte! Derſelbe lebte am Hofe in Wien; aber es war wahrhaftig zu 185 abenteuerlich, zu denken, daß er von Wien aus dieſe ungeheure Reiſe ſollte gemacht haben. Ein Hofcavalier, der ſich ängſtlich vor jedem rauhen Lüftchen zu ſchützen ſucht, in dem übelſten Winterwetter und auf kaum paſſirbaren elenden Straßen! Das Räthſel mußte ſich ihm doch einmal löſen. Ehe noch der Abend über die Tappenburg nieder⸗ ſank, war Fortunatus ſchon weit von ihr entfernt. Es war eine Reiſe voll Haſt, die er jetzt unternommen, bis tief in die Nächte hinein dauernd und nach wenigen Stunden Raſt mit Tagesanbruch fortgeſetzt. Das Wetter begünſtigte ſie ungemein. Schweidnitz war ſein erſtes Ziel, daſelbſt wußte er den Baron von Oertzen. Ehe er dieſen noch geſprochen, erfuhr er ſchon durch einen ihm bekannten Kameraden deſſelben, daß Oertzen mit einigen Offizieren im Februar zum Car⸗ neval nur auf eine Woche Urlaub nach Breslau genommen habe und mit ihnen wieder zurückgekehrt wäre. Oertzen’s Name war alſo mißbraucht worden, die Tappenburg hatte ihn nicht geſehen. Als er mit ihm zuſammentraf, rief Oertzen luſtig: „Alſo dem Tode biſt Du entlaufen, Fortunatus? Glück zu! Wie ich zum Faſching in Breslau war, ſah es ſchlecht mit Dir aus. Dein gnädiger Papa und der Doctor hatten Dich aufgegeben, nach des letztern Rechnung n 186 mußteſt Du unwiderruflich ins Gras beißen. Du lagſt immer beſinnungslos im Bette, wußteſt von Dir ſelbſt nichts, vielweniger, wer zu Dir kam. Baron War⸗ kotſch, Dein Herr Stiefbruder, war auch zufällig von Wien eingetroffen, ein feines, geſchniegeltes Menſchenkind, zu dem unſereiner wie die Fauſt aufs Auge paßt.“ „Der Warkotſch war auch da?“ „Iſt das für Dich ſo wichtig?“ fragte Oertzen lachend.„Ihr beide würdet einen ſchlechten Faden zuſammen ſpinnen. Aus einem ehrlichen Schleſier iſt dieſer Warkotſch zu einem gewürfelten Hofmenſchen ge⸗ worden, das wäre für Dich nichts geweſen. Für mich nun ſchon gar nicht, unſereinem kleben die Soldaten⸗ manieren wie Kletten an. Wir haben uns gegenſeitig auch nicht ſehr beläſtigt. Erſtens war mein Urlaub zu kurz dazu, zweitens behagte mir dieſer feine Herr nicht und drittens hatte ich nicht Luſt, mich wie einen Aufpaſſer angeſehen zu wiſſen, denn Deine gnädige Frau Stief⸗ mama hatte immer mit ihrem Herrn Sohne insgeheim zu flüſtern. Natürlich, die Ausſicht war glänzend. Wenn Du ſtarbſt, konnte er als Erbe des ſchönen Ver⸗ mögens eingeſchoben werden. Da kann einer wohl lachen.“ Für Fortunatus bedurfte es nicht mehr als dieſer Erklärung, um jetzt die Gewißheit zu haben, daß ſein —5 75 —— 187 Stiefbruder das Bubenſtück ausgeführt habe. Wie im Fluge eilte er mit untergelegten Pferden nach Bres⸗ lau. Seinem Diener befahl er mit dem Wagen nachzu⸗ kommen. Ein furchtbarer Auftritt folgte ſeinem Eintritt ins väterliche Haus. Er traf ſeine Stiefmama im Zimmer ſeines Vaters. Beide erbleichten, als ſie ihn erblickten. Die vornehme Dameo, nichts Gutes ahnend, wollte entfliehen, er erfaßte ſie noch beim Kleide und ſchleuderte ſie weithin zurück ins Zimmer. „Hiergeblieben, Schlange!“ donnerte er ihr zu.„Ich komme, Gericht zu halten über Dich. Wohin iſt meine Gemahlin gebracht wordoen? Wohin? Rede, Weib, oder bei Gott im Himmel, ich vergeſſe die Gegenwart mei⸗ nes Vaters und würge das Geſtändniß der an meinem Heiligſten verübten Schandthat aus Deinem falſchen Herzen heraus!“ Vergebens ſuchte der Graf Vater den Wüthenden zu beſänftigen. Fortunatus rief ihm, jede Rückſicht fallen laſſend, hart zu: „Wie? Sie, mein gnädiger Herr Vater, wollen dieſes Weib, weil es den Rang Ihrer Gemahlin trägt, ver⸗ theidigen? Sie wollen mich mahnen, nicht zu vergeſſen, daß ich, Ihr Sohn, dieſer Frau Ehrfurcht ſchuldig ſei? 188 Wenn hat man je vor dem Teufel Ehrfurcht gefühlt? Nie, nie! Ich kann, ich will nicht glauben, daß Sie, mein gnädiger Herr Vater, um das Bubenſtück wiſſen, welches dieſe, Ihre Gemahlin, an mir, an meinem edlen Weibe begangen hat, denn ſonſt müßte ich wähnen, daß die Natur ſich verkehrt habe. Hören Sie mich! Sie müſſen mich hören, ich verlange das als eine Gerechtigkeit, der Sie ſich nicht entziehen dürfen, wenn Sie nicht wollen, daß ich auch noch jeden Hauch von Ehrerbietung vor Ihnen, meinem leiblichen Vater, als eine Lächerlichkeit von mir ſtoßen ſoll!“ Und ohne eine Antwort vom alten Herrn abzu⸗ warten, ſchilderte er mit vor Empörung zitternder Stimme das an Marie begangene Verbrechen. Unterdeß gewann der Graf Vater Zeit, ſich zu faſſen, die Ruhe zu finden, welche ihm im erſten Anlaufe dieſes Sturms verloren gegangen war. Als Fortunatus faſt erſchöpft ſchwieg, hob er an: „Was geſchehen iſt, hatte meine Billigung.“ „Ihre Billigung?“ „Ja, ich konnte nicht dulden, daß der alte, ehrwür⸗ dige Name Almeslo durch die Tochter eines wegen Betrügereien Gehängten entehrt werde“, antwortete der Graf Oberſt. Fortunatus prallte zurück. Das hatte er nicht erwartet. — —— 189 „Dir war Deines Namens Ehre nichts, mir war ſie ein Kleinod, das ich feſthalten mußte durch jedes Mittel, das ſich mir bot, und ich habe es feſtgehalten. Damit iſt die Schmach ſolcher Verwandtſchaft von dem alten Namen Almeslo abgewendet. Die Sache iſt ab⸗ gethan.“ Fortunatus war bleich wie der Tod geworden. Dieſe Mittheilung ſchien ihn niedergeſchmettert zu haben. Kaum mächtig der Sprache fragte er:„Und Marie, meine mir geſetzlich angetraute Gemahlin?“ „Iſt todt!“ rief die Gräfin Stiefmutter ſchnell. „Ja, ſie iſt todt“, ſtimmte der Graf Vater bei. „Und ich will mich der Hoffnung hingeben, daß Du, wenn Du vernünftig ſein willſt, zu der Einſicht kommſt, wie Du es nur dem Glücke zu danken haſt, daß die Unehre einer ſolchen Verbindung von Dir abgefal⸗ len iſt.“ „Marie todt?“ Fortunatus ſtammelte dieſe Worte ſo tonlos vor ſich hin, als fühle er ſein Leben ſelbſt erlöſchen. „Sie ſtarb bei der Niederkunft, mit dem Kinde zu⸗ gleich“, erklärte die hinter ihrem Gemahle ſich ſicher glaubende Gräfin, und aus ihrem Zlick leuchtete die geheime Freude, ihn ſo gänzlich niedergeſchmettert zu ſehen. 190 „Deine durch einen Ketzenprieſter geſchloſſene Ehe war ungültig, die Perſon nichts Anderes als Deine Maitreſſe. Zu ihrer und Deiner Ehre will ich glau⸗ ben, daß bei Euch beiden kein Gedanke an ein ſo ſchimpfliches Verhältniß aufkam, ihr einer ſchwärmeri⸗ ſchen Täuſchung bezüglich der Rechtmäßigkeit Eures Zuſammenlebens Euch hingabt. Niemand ſtand Dir zur Seite, der Dich aus dieſem Sündentraume geweckt hätte. Das entſchuldigt Dich.“ „Und um ſo viel Gutes zu ſtiften, wie Ihr ſtiften wolltet, mußtet Ihr zu der abſcheulichſten Lüge Eure Zuflucht nehmen?“ fragte Fortunatus und in ſein Ge⸗ ſicht trat wieder ein tiefes Roth, das in raſcher Welle ihm bis unters Stirnhaar emporſtieg. Der Graf Vater mochte wähnen, daß es ihm ge⸗ lingen werde, den ſo tief empörten und ſeinen Grimm gewaltſam zurückdrängenden Sohn durch eine demſel⸗ ben feſt entgegengeſetzte Ruhe zu beherrſchen. Zu dem Zwecke hob er an: „Du haſt gehört, daß die Sache mit meiner Be⸗ willigung geſchehen iſt. Es war nicht zu glauben, daß Du von Deinem letzten Krankenlager erſtehen würdeſt, deshalb mußte ſchnell gehandelt werden, um Deinen Fehler, ſo viel ſich thun ließ, zu verwiſchen, ihn dem Alles beobachtenden Auge der Welt für immer zu —. 191 entziehen. Deine Ehe war ein Schandfleck für meines Na⸗ mens Ehre, deshalb ſollte die Perſon auch für immer beſeitigt werden. Ein Kloſter—“ „Kein Wort weiter, mein gnädiger Herr Vater!“ ſchrie Fortunatus.„Sie haben gehandelt wie ein Scherge auf Befehl ſeines Herrn, und dieſer, Ihr Herr, iſt Ihre vortreffliche Gemahlin. Ein wahrer Edelmann hätte gegen ein armes wehrloſes Weib keinen Banditen⸗ ſtreich in Anwendung gebracht, wie Sie auf Anrathen dieſer Frau ihn geſchehen ließen, deren einziges Beſtre⸗ ben, ſeit ſie den Fuß in unſer Haus ſetzte, es geweſen iſt, mich bei Ihnen zu verdächtigen, mein Erbe mir zu entreißen, auf welche Art dies auch ſei. Welcher Triumph dieſer Megäre, Sie in ihr Netz zu ziehen, Sie zu einer Handlung zu treiben, welche Sie auf dieſelbe Stufe ehrloſer Gemeinheit herabſetzt, auf der ſie ſich ſelbſt befindet!“ „Wie? Können Sie dieſe abſcheuliche Beſchimpfung meiner Perſon hören, mein Gemahl, ohne den Wahn⸗ ſinnigen zum Schweigen zu bringen?“ kreiſchte die Gräfin Stiefmama.„Haben Sie keine Diener, die ihn hinauswerfen? Wollen Sie mich noch länger die Ziel⸗ ſcheibe ſeiner Schmähungen ſein laſſen?“ „Zum Teufel mit Dir, verworfenes Weib!“ rief Fortunatus außer ſich.„Du haſt mein Vaterhaus ent⸗ ehrt durch Deine ſchnöde Lüge. Betrug iſt all Deine Kunſt. Den Vater haſt Du von mir abwendig gemacht, meine Gemahlin haſt Du mir entriſſen, mein Kind— wo ſind ſie? wo? Sie ſind nicht todt, Gott kann kein Verbrechen begünſtigen. Dein Sohn hat das Buben⸗ ſtück ausgeführt, mit einem falſchen, meiner Handſchrift nachgeahmten Briefe meine Gemahlin getäuſcht. Wo iſt Marie? Wo mein Kind?“ Seiner Sinne nicht mächtig, riß er den Degen aus der Scheide und ſtürzte auf ſie zu. Einen gellenden Schrei ausſtoßend, flüchtete die Gräfin vor der blanken Waffe aus dem Zimmer, er ihr nach, den Gang entlang. Unfehlbar würde er ſie niedergeſtoßen haben, aber er ſtrauchelte zufällig über einen am Boden liegenden geringen Gegenſtand, jedoch ohne zu fallen; die wenigen Sekunden Verzug waren indeß Retter für die Fliehende, ſie erreichte die Thür ihres Zimmers, und als Fortunatus dieſe aufreißen wollte, ſchob ſich im Innern der Nachtriegel vor. Das heftige Klingeln in dem Gemache des Grafen Oberſt rief die Diener zuſammen; ſie eilten von allen Seiten herbei und prallten erſchrocken zurück, als ſie den Sohn des Hauſes in höchſter Aufregung, mit gezogenem Degen und wüthend an der verriegelten Thüre rüttelnd, erblickten. Keiner wagte ſich an ihn, —„-—“ 0 n e, 193 ſie fürchteten die Spitze ſeiner Waffe und das irre, blitz⸗ ähnliche Feuer ſeiner Augen. Plötzlich ſchien ein Gedanke die Uebermacht über ſeine Wuth zu erlangen. Ein augenblickliches Nach⸗ laſſen ſeiner Bemühung, in das Zimmer einzudringen, folgte. „Ich treffe ſie auf andere Weiſe!“ ſagte er leiſe vor ſich hin, und ohne die ihn mit Furcht anſtaunenden Bedienten eines Blickes zu würdigen, die blanke Klinge wie zur Vorſorge in der Hand behaltend, eilte er die breite Treppe hinab und zum Hauſe hinaus. Alle Nach⸗ forſchungen, wo er ſich in Breslau aufhalte, blieben vergeblich, ſeine Spur ſchien ausgelöſcht vor jedem Späherblick. Der Graf Vater büßte das eben erzählte Erlebniß mit einigen Wochen ſchweren Unwohlſeins, während welcher Zeit ſeine Gemahlin die ihr höchſt widerwärtige Bemerkung machte, daß die Erinnerung an den omi⸗ nöſen Auftritt den alten Herrn zu einem Nachdenken verleite, welches für ſie nicht allzu günſtig ausfalle, denn er war zuweilen nicht aus einer Wortkargheit herauszu⸗ bringen, die ſie als untrügliches Zeichen bittern Un⸗ muthes gegen ihre Perſon wie gegen ſich ſelbſt deuten mußte, worin ſie ſich auch keineswegs täuſchte, denn eines Tages ſagte er zu ihr: Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. III. 194 „Es war eine Thorheit von mir, Ihren Rathſchlä⸗ gen zu folgen, und dieſe Thorheit rächt ſich an mir in einer Weiſe, die vielleicht Todtengräberdienſte bei mir thun wird.“ „Aber ich bitte Sie, Graf, häufen Sie doch nicht ſo ſchwere Beſchuldigungen auf mich“, entgegnete ſeine Gemahlin.„Mein Himmeh waren denn meine Rath⸗ ſchläge wirklich ſo verwerflich, daß Sie Reue, darauf eingegangen zu ſein, empfinden müſſen? Es ſcheint mir ganz undenkbar, daß Sie jetzt auf einmal anders als früher die Heirath Ihres Sohnes anſehen können. Ich wenigſtens glaube, daß es für Ihren bisher in aller Reinheit und Ehre prangenden Stammbaum ſicher keine Zierde ſein dürfte, den Namen eines we⸗ gen gemeiner Verbrechen am Galgen Verendeten zu tragen. Auch kann und darf es Ihnen als Katholik nicht gleich ſein, Ihren Sohn in einer ketzeriſchen, alſo vor Gott und den Geſetzen unſerer heiligen, alleinſelig⸗ machenden Kirche ungültigen und einem ſchnöden Con⸗ cubinat gleichſtehenden Ehe lebend zu wiſſen. Darum geſchah, was geſchehen iſt. Seine Beſchuldigung, ich ſei beſtrebt, ihm ſein Erbe zu entreißen, iſt lächerlich. Läge mir ein ſolcher Gedanke nahe, hätte ich wohl an⸗ dere Mittel wählen müſſen, um ihn auszuführen.“ „Ich hätte offen mit meinem Sohn über ſeine ſo ——— ☛̈— K 4 195 ſorgſam vor mir geheim gehaltene Angelegenheit ſpre⸗ chen, nicht heimlich gegen ihn handeln ſollen“, redete der alte Graf ſehr unwirſch.„Fortunatus iſt kein bös⸗ artiger Charakter, nur ein Heißſporn, den die Leiden⸗ ſchaft oft zu unrechtem Thun hinreißt.“ „Um deſto mehr muß ich es als den glücklichſten Zufall meines Daſeins anſehen, daß der Thürriegel ſo feſt hielt, um nicht unter den Händen dieſes Heißſporns zur Leiche zu werden, denn Sie, Graf, würden, wenig⸗ ſtens Ihrer Parteinahme für denſelben nach zu ſchlie⸗ ßen, ſehr bereitwillig geweſen ſein, für den an mir verübten Mord ihn noch zu entſchuldigen“, bemerkte ſeine Gemahlin höchſt indignirt und fuhr nach einer Pauſe fort: „Haben Sie vergeſſen, welche Combination damals, als es Ihnen bekannt wurde, daß er die Tappenburg als Aſyl für ſein Zuſammenleben mit der Tochter des Gehängten benutze, Sie in den größten Zorn verſetzte, der mich um Ihr Leben beſorgt machte? Da es faſt ſo ſcheint, als ob Sie ſich derſelben nicht mehr erinnerten, ſo finde ich es, wie wenig dies auch für mich tröſtlich iſt, nothwendig, Ihnen dieſelbe ins Gedächtniß zurück⸗ zurufen. Sie erkannten damals, daß Ihr Sohn auf Ihren Tod warte, um dann mit der Proclamation ſei⸗ ner ketzeriſchen und ſo vorſichtig ins Gewand des Ge⸗ 13 196 heimniſſes gehüllten Ehe öffentlich hervorzutreten und als Ihr Erbe den Namen Almeslo zu beſchimpfen.“ Der Graf Oberſt antwortete nicht auf dieſen ge⸗ gründet ſcheinenden Vorwurf. Es waltete von da an in dieſer vornehmen Ehe ein unausgeſprochener Zwieſpalt, der nur mühſam durch die glatten Formen der Convenienz verdeckt wurde, bis eine außerordentliche Nachricht von Wien beide Gatten in eine Aufregung ohnegleichen verſetzte. Fortunatus war ſpurlos aus Breslau verſchwun⸗ den und befand ſich auf der Reiſe nach Wien. Dort wußte er den Vollzieher des Verbrechens an ſeiner Ge⸗ mahlin zu finden und er war feſt entſchloſſen, ihn zum Geſtändniß zu zwingen. Der Ausſpruch ſeiner gnädi⸗ gen Stiefmama, Marie ſei bei der Geburt eines Kindes mit dieſem geſtorben, fand keinen Glauben bei ihm; die Haſt, mit der die ihm Verhaßte denſelben gethan, ließ ihn um ſo mehr daran zweifeln, als er ſich ſagte, daß der Anſtifterin dieſes ſchändlichen Raubes daran liegen mußte, dem Grafen Vater dies einzureden. Die Gräfin Stiefmama combinirte gewiß nicht un⸗ richtig, wenn ſie annahm, daß Fortunatus, durch dieſe Kunde außer ſich gebracht, gegen ſeinen Vater alle einem Sohne gezogenen Schranken der Ehrerbietung vergeſſen und der Bruch zwiſchen dieſem und ihm ein —— —— nicht mehr zu heilender ſein werde. Freilich lag es außer ihrer Berechnung, daß Fortunatus nur auf ſie allein die Schuld dieſer That werfen und auch nur ſie allein der Gegenſtand ſeiner auflodernden Wuth wer⸗ den könne. Sein Vater hatte das Wort Kloſter nur einmal erwähnt, aber eben darin fand Fortunatus die Ueberzeugung, daß Marie, ſeine Gemahlin, natürlich ohne daß ſein Vater darum wußte, in ein ſolches gebracht worden ſei, und allerdings war dies für ſie ebenſo viel als der Tod ſelbſt, denn jedes Kloſter war ein ungeheurer Steinſarg, der kein ihm einmal verfallenes Leben zurückgab. Der Glaube an ihr Leben ſchlug ſo tiefe Wurzel in ſeinem Denken, daß er jeden ihn beſchleichenden Zweifel daran für ein unſtatthaftes Phantaſiegebilde hielt, welches er entſchieden von ſich abwies. Was er beklagte, war die gänzliche Unkenntniß über des alten Harbich Aufenthalt. Ehe er noch in Schweid⸗ nitz den Baron von Oertzen aufſuchte, hatte er incognito auf den, beiden Almeslo'ſchen Gütern Bertelsdorf nnd Faulbrück Erkundigungen nach Harbich angeſtellt, deſſen Sohn er dort als Jäger angeſtellt wußte; indeß letzterer war nicht mehr daſelbſt, man ſagte ihm, er ſei nach Hartau als Adjunct des dortigen greiſen Oberförſters verſetzt worden. Wenn auch die Reiſe durchs Glatziſche nach Wien ein Umweg war, ſo ſchlug Fortunatus denſelben doch 198 ein, denn in dieſer Grafſchaft befand ſich der dritte Almeslo'ſche Grundbeſitz, Hartau, mit ſeinen Waſſer⸗, Bret⸗, Walk⸗ und Papiermühlen, ſeinen Glasſchleife⸗ reien und Bleichen. Auch dort war keine Spur des alten Harbich zu entdecken und der fragliche Oberförſter⸗Adjunct, ſein Sohn, befand ſich in dienſtlichen Geſchäften auf der Re iſe nach Breslau. Fortunatus ſetzte unverweilt ſeine Reiſe nach Wien fort und war froh, als er nach ſeiner Ankunft daſelbſt auf ſeine Frage nach ſeinem Stiefbruder, Baron von Warkotſch, die Antwort erhielt, derſelbe ſei anweſend, werde aber in den nächſten Tagen mit der Kaiſerin Hofſtaat nach dem Luſtſchloſſe Laxenburg überſiedeln, wie das althergebrachte Sitte bei Hofe ſei, die Som⸗ mermonate auf dieſem kaiſerlichen Sommerſitze zuzu⸗ bringen. Voll Erwartung, ob hier das Glück ihm günſtig ſein werde, den Schleier von dem finſtern Ge⸗ heimniß zu lüften, das über ſeiner Gemahlin Schickſal gebreitet war, ließ er ſich als ein Freund von Breslau bei dem Baron melden. Es waren einige Cavaliere zu Beſuch bei dem Baron, deshalb empfing dieſer ihn in einem etwas ab⸗ gelegenen Gemache. Fortunatus achtete genau auf jeden Zug ſeines 199 Gegners und bemerkte nicht ohne Befriedigung, wie Baron Warkotſch faſt auffällig einem Schreck unterlag, als er ihn erblickte; aber der gewandte Hofherr wußte ſich zu faſſen.„Ein Freund von Breslau iſt mir ge⸗ meldet worden“, hob er an.„Wer iſt der Herr, den ich zu ſprechen die Ehre habe?“ „Graf Fortunatus Almeslo.“ Hatte der ſeinen Namen Nennende erwartet, daß ſein Stiefbruder, durchſchauert vom böſen Gewiſſen, jetzt durch ſein Benehmen ihm Anlaß zum Ausdruck der heftigſten Entrüſtung über die von demſelben be⸗ gangene Schandthat geben werde, ſo ſah er ſich zu ſeiner größten Ueberraſchung von dieſem Irrthume zu⸗ rückgebracht. Der Baron erwies ſich als die Brüderlich⸗ keit ſelbſt und er beſaß auch wirklich das Mittel dazu, dem, was er ſprach, das Gepräge der vollſten Wahr⸗ heit zu geben. Sein Ton war herzlich, überredend; es ſchien unmöglich, daß die Lüge ſich derartig in das Ge⸗ wand der Aufrichtigkeit kleiden könne, um die Ueber⸗ zeugung eines Andern vom Gegentheile nicht nur zu erſchüttern, ſondern dieſe ganz zu ihren Gunſten zu verkehren. „Fortunatus!“ rief er mit allen Zeichen der höchſten Ueberraſchung.„Mein Himmel, wie hat Dich die ab⸗ ſcheuliche Krankheit entſtellt! Ohne Nennung Deines 200 Namens hätte ich Dich nicht erkannt. O Du armer, armer Bruder Förtunatus!“ „Ich komme nicht her, um Dein Mitleid über mein Ausſehen in Empfang zu nehmen“, antwortete jener. „Ich komme vielmehr, um Dich zur Rechenſchaft über ein Bubenſtück zu ziehen.“ „Fortunatus“, entgegnete der Baron, ohne im minde⸗ ſten die Faſſung zu verlieren,„ehe Du weiter ſprichſt, laß mich Dir ſagen, daß ich die Urſache Deines Hier⸗ ſeins kenne. Jedenfalls hat Dein Vater Dir mitgetheilt, daß Du Deine Gemahlin hier finden wirſt, ich kann es mir wenigſtens denken.“ „Marie hier?“ rief Fortunatus. „Du weißt das nicht?“ fragte der Baron erſtaunt. „O welch ein abſcheulicher Betrug! In Breslau ſagte man mir, Marie ſei todt, geſtorben bei der Geburt eines Kindes, das ebenfalls, nachdem es das Licht der Welt erblickt habe, dem Tode anheim gefallen.“ „Unſelige Intrigue, bei der leider meine eigene Mutter nicht ohne ſchweren Antheil iſt.“ „Und das ſagſt Du? Du ſagſt das? Und warſt der Vollzieher des abſcheulichen Betrugs?“ „Warum ſollte ich Dir das verſchweigen? Ich habe nichts weiter gethan, als meine Mitwirkung dazu ge⸗ liehen, Deine Gemahlin von der Tappenburg weg⸗ 201 zuführen, ohne daß dort ein Eclat dadurch geſchähe. Ich willfahrte darin Deinem Vater und zugleich meiner Mutter, und gewiß war meine Bereitwilligkeit, mich dieſem Anſinnen zu fügen, ein Glück für Deine Ge⸗ mahlin, denn es dürfte wohl unmöglich geweſen ſein, ihr einen für jeden ihrer Wünſche aufmerkſamern Reiſe⸗ marſchall zu geben. Doch um Dir Alles mitzutheilen, dazu gehört Zeit. Erlaube mir zuvor, die zu Beſuch bei mir ſich befindenden Freunde zu verabſchieden, oder beſſer noch, komm mit, Fortunatus, ich werde Dich ihnen vorſtellen. Es ſind liebenswürdige Seelen, und da Du doch, wenigſtens eine Zeit lang, hier in Wien bleiben wirſt, ſo dürfte Dir ihre Bekanntſchaft angenehm ſein.“ „Ich danke für jetzt. Ich befinde mich in zu großer Aufregung, um mich Jemand als guten Geſ llſchafter empfehlen zu können.“ „Was nicht heute geſchieht, wird alſo morgen ge⸗ ſchehen. In wenigen Minuten bin ich wieder bei Dir.“ Der Baron enteilte dem Zimmer und Fortunatus blieb allein, ſeiner baldigen Rückkehr harrend. Welches Chaos von Gedanken durchflutete jetzt ſein Hirn! Marie, ſeine Gemahlin, lebte, lebte hier; aber wo? In welchem Verhältniß? Das wußte er noch nicht; doch der Baron hatte es geſagt, ohne zu ahnen, daß er nicht darum wiſſe, und der Baron mußte dem⸗ 202 nach auch ihn zu ihr führen, das war ja ſo natürlich, ſo folgerecht. In Fortunatus Herz ſtieg gewiſſermaßen Reue auf; er hatte den Stiefbruder falſch beurtheilt, den Haß, den er gegen deſſen Mutter in ſich nährte, auch auf ihn übertragen, und er fand ihn anders, als er ihn zu finden erwartet. Nur zwei Begegnungen hatte er bis jetzt mit ihm gehabt, und zwar jede nur auf ſo kurze Zeit, daß von einem Kennenlernen des Charakters keine Rede ſein konnte. Unter allen Um⸗ ſtänden war anzunehmen, daß der Baron jetzt ſich ſo gab, wie er war. Daß er ihn bei ſeinem erſten An⸗ blicke hatte erſchrecken ſehen, rührte offenbar nicht da⸗ von her, daß er in ihm den Bruder erkannt, ſondern davon, daß ſein blatternzerriſſenes Geſicht ihm als ein fremdes und zugleich abſchreckendes erſchienen war. Geſpannt, wie ſich alles ihm noch Dunkle und Räthſelhafte aufklären werde, harrte er des Barons, und dieſer ließ nicht lange auf ſich warten. „Ich habe ſie glücklich zu ſchneller Verabſchiedung bewogen“, ſagte derſelbe heiter.„Jetzt, mein theurer Fortunatus, ſtehe ich ganz zu Deiner Verfügung, dann, wenn wir gegenſeitig uns ausgeſprochen und Alles be⸗ ſprochen haben, denn ich glaube Dir über Manches, was Dir dunkel erſcheint, Licht geben zu können, machen wir eine Waſſerpartie.“ ——— — 203 „Eine Waſſerpartie? Wie kommſt Du auf dieſe Idee?“ „Ah ſo, ich habe vergeſſen, hinzuzufügen, daß ich Dich zu Deiner Gemahlin führen will. Wollteſt Du das heute nicht?“ „Sogleich, ſogleich, wenn es möglich wäre.“ „Sogleich iſt unmöglich, ich muß noch ein Stünd⸗ chen warten, habe heute Reſervedienſt bei Ihrer Ma⸗ jeſtät der Kaiſerin, das heißt, vor fünf Uhr bin ich für heute nicht unbeſchränkter Herr meiner Zeit.“ „Vor allem ſage mir, wo lebt Marie, in welcher Lage?“ fragte Fortunatus. „Zwei Meilen ſtromabwärts in einem Privathauſe als Dame, die es nöthig hat, ſich auf einige Zeit aus dem Geräuſche der großen Welt zurückzuziehen“, ant⸗ wortete der Baron ſcherzend.„In einer Stadt wie Wien ſind Häuſer dieſer Art keine Seltenheiten; warum? brauche ich Dir wohl nicht erſt zu erklären. Es iſt eine bürgerliche Familie, bei der ſie mit ihrem Kinde lebt.“ „Mit ihrem Kinde—“ „Knäblein hätte ich ſagen ſollen.“ „Mit ihrem Knäblein? O welches Glück, daß ich mich entſchloß, hierher zu reiſen, nicht dem Aus⸗ ſpruche meines Vaters, ſie ſei todt, Glauben ſchenkte. Ich werde ſie wiederſehen, ſie und mein Kind in meine 204 Arme ſchließen! Großer Gott, welches unerwartete Glück!“ Der Baron erzählte ihm mit der ruhigſten Miene von der Welt, wie Alles gekommen, und da er ſo Manches erwähnte, was Fortunatus ſchon wußte, ſo trug dieſe Erzählung in deſſen Augen das Gepräge der Wahrheit um ſo mehr, als ſie dem Baron fließend vom Munde ging, daher jenes vorbereitende, die Rede unter⸗ brechende Denken ganz wegfiel, wodurch der Anſchein, als müſſe der Erzählende erſt nachſinnen, um ſich nicht in Widerſprüche zu verwickeln, zu entſtehen pflegt. Der wohlgeſchulte Hofcavalier erklärte ihm, daß er Ende Januar auf einige Monate Urlaub genommen, um nach Breslau ſich zu begeben, und dort ſei er gerade eingetroffen, als man täglich Fortunatus von ſeiner ſchweren Krankheit hingerafft zu ſehen erwartet hätte. . Der Graf Vater ſei durch dieſe Vorausſicht und durch die Kenntniß von deſſen geheimer Ehe mit der Tochter eines am Galgen Geſtorbenen im höchſten Grade auf⸗ geregt geweſen. Der Baron bemerkte dabei, daß ſeine Mutter als äußerſt bigotte, ja fanatiſche Katholikin Fortunatus' Verhältniß himmelſchreiend gefunden, und der von ihr und einigen hochgeſtellten Geiſtlichen Bres⸗ laus ausgehende Druck auf den alten Herrn habe den⸗ — 205 ſelben dahin gedrängt, Marie aus ihrem Aſyle, der Tappenburg, entfernen zu laſſen, und ihn habe man dazu aufgefordert, dieſe Miſſion zu übernehmen. Auf ſeine Weigerung, ſeinen Namen daran zu ſetzen, ſei man auf die Idee gekommen, daß er den Namen eines Herrn von Oertzen, welcher damals von ſeiner Gar⸗ niſon Schweidnitz aus den Grafen Vater, der ihn habe erziehen laſſen, beſucht habe, annehme. Der alte Harbich ſei mitgeſchickt worden, um bei Marie jedem Zweifel an der Wahrheit der von ihrem Gemahle ausgehenden Abholung vorzubeugen, und daß auch eine erfahrene Frau zur Wartung Mariens für einen gewiſſen Fall die Reiſe mitgemacht habe, dürfe Fortunatus als ein Zeichen betrachten, daß man durchaus nicht eine ver⸗ brecheriſche Beſeitigung der Herrin der Tappenburg im Sinne gehabt habe. Er aber, der Baron, hätte bitter bereut, ſich zu dieſer Miſſion verſtanden zu haben, denn die Jahreszeit ſei ſo unfreundlich geweſen, daß er für ſeine Geſundheit gefürchtet habe. Alles ſei ohne Hin⸗ derniß in Ausführung gebracht worden und Marie ſehr glücklich geweſen, die öde Tappenburg verlaſſen zu können. „Doch ich habe da etwas zu erwähnen vergeſſen, was unmittelbar dazu gehört, um die ſofortige Ein⸗ willigung Deiner Gemahlin, in meinem Geleite die Reiſe anzutreten, zu erklären. Ich hatte ihr nämlich 206 einen Brief von Dir überbracht, welcher ihr die beſte Zukunft eröffnete, denn ſein Inhalt war ganz dazu geeignet. Du ſchriebſt ihr nämlich, daß Deine gnä⸗ dige Stiefmama, meine Mutter, Todes verblichen ſei, ſie alſo keine Beläſtigung von derſelben zu fürchten habe. Deine Gemahlin ſprach mit mir über dieſe höchſt günſtige Ausſicht, denn es war ſelbſtverſtändlich, daß ſie ſich eben nur darüber freuen konnte, die unbeſchränkte Herrin eines Grafenhauſes zu werden.“ „Aber es war ein abſcheulicher Betrug, den man da gegen ſie ausgeübt hat“, ſprach Fortunatus. „Bruder, muß ich Dich erſt lehren, daß man das⸗ jenige, was man thun will, ganz thun ſoll? Alle Halbheit iſt in den meiſten Fällen der größte Schaden für den, welcher einen Zweck anſtrebt“, antwortete der Baron voll Ruhe und fuhr dann lächelnd fort:„Die Bres⸗ auer ſind eine ſchlaue Geſellſchaft, man kann ihnen das nicht abſprechen, wie Figura zeigt. Wäre es denn auch von einem bigotten Weibe, wie meine gnädige Mama ein ſolches zu ſein das Vergnügen hat, und von gut geſchulten Pfaffen anders zu erwarten geweſen? Ich habe genug im Stillen gelacht, welch eine Zärttlichkeit von Deiner Seite für meine gnädige Mama beſtehen mußte, daß dieſe erlogene Todesanzeige Deine Ge⸗ mahlin ſo angelegentlich beſchäftigen konnte.“ ——— N 207 Der Baron entwickelte ſo gewiſſermaßen einen Gal⸗ genhumor bei dieſer Gelegenheit, von dem Fortunatus ſich aber widerlich berührt fühlte. Ob jener dieſe Ver⸗ änderung in der Stimmung des ihm Zuhörenden ge⸗ wahrte und deshalb ſeinen Ton änderte, blieb unent⸗ ſchieden; aber dies mußte wahrſcheinlich der Fall ſein, denn er ging ſchnell in einen weit herzlichern Ton über, indem er weiter redete: „Da es Dir lächerlich erſcheinen dürfte, daß ich gerade zur Winterzeit Urlaub nach Breslau genommen, ſo glaube ich es mir ſelbſt ſchuldig zu ſein, Dich dar⸗ über aufzuklären. Ich habe daſſelbe Mißgeſchick, was ſchon manchen Cavalier am hieſigen Hofe zur Ver⸗ zweiflung gebracht hat— Schulden. Bah! nicht viel, denke Dir keine ungeheure Summe dabei, nur zwölf⸗ tauſend Gulden; Kleinigkeit zwar, aber doch drückend. Ehedem war ich ein loſer Patron, mein väterlich Erb⸗ theil ging in die Lüfte, Du wirſt das gehört haben; ich mußte alſo meine gnädige Mama zur Auszahlung bewegen. War es da ein Wunder, daß ich mich zur Ausführung der Tappenburger Lüge entſchloß? Ich wußte, warum, und mein Calcül hat mich nicht be⸗ trogen. Deine Gemahlin ſollte ich an ein wenige Mei⸗ len von hier entferntes Kloſter abliefern, dann war ſie für immer der Welt entrückt, wer hätte ſie hier ge⸗ 208 ſucht? Aber ich ſpielte dieſe Intrigue anders zu Ende, als man erwartet hatte. Das ſanfte, faſt kindliche Weſen Deiner Gemahlin, welches ich auf der obwohl nach Möglichkeit verkürzten, aber doch immerhin langen Reiſe genau kennen lernte, rührte mich, ich erſchrak vor dem Gedanken, ihr Todtengräber ſein zu ſollen, und indem ich beſchloß, abweichend von dem mir ge⸗ gebenen Auftrage ſie der Freiheit zu erhalten, hatte ich zugleich das Geheimniß in meine Hände bekommen und ſomit auch das Mittel in der Hand, meine hoch⸗ verehrten Auftraggeber zur Zahlung aller meiner Schul⸗ den zu zwingen, welches ſchöne Geſchäft wirklich zu Ende dieſes Monats laut ſchriftlicher Verpflichtung von ſeiten meiner gnädigſten Mama abgewickelt werden ſoll.“ „Und Du hätteſt Marie, ſobald Du Dein Ziel erreicht, dem ihr beſtimmten Schickſal anheim fallen laſſen können, wenn mich nicht des Himmels Fügung noch rechtzeitig hierher geführt hätte?“ fragte Fortunatus. „Es iſt wahr, Bruder, wir Cavaliere am Hofe ſind ein loſes Volk, und ich geſtehe offen, daß ich nicht zu den beſ⸗ ſern unter ihnen gehöre— aufrichtiger kann man nicht ſein, glaube ich— aber ſo tief bin ich noch nicht geſunken, um ſolch eine That begehen zu können. Als ich die Nachricht erhielt, daß Du trotz aller Todeshoffnungen wieder geneſen ſeieſt, war mein Calcül fertig. Ich ſah 209 ſofort den Vortheil ein, durch das kluge Vorgehen, mittels deſſen ich deine Gemahlin den Augen der Welt entzog, Dich zu meinem Freunde zu gewinnen. Du ſiehſt, Fortunatus, ich bin nicht uneigennützig. Es iſt eine Leidenſchaft von mir, zu berechnen, zu calculiren. „Und hinſichtlich meiner Freundſchaft ſollſt Du nicht falſch calculirt haben!“ rief der junge Graf warm⸗ herzig.„Laß uns aber eilen, es iſt in wenigen Mi⸗ nuten fünf Uhr.“ „Sogleich!“ Der Baron ſchellte ſeinem Diener, der bald darauf, aber mit einem Billet eintrat.„Von wem das?“ fragte ihn ſein Herr. „Von Seiner Excellenz dem Herrn Obriſthofmeiſter Ihrer Majeſtät, dem Herrn Grafen Paar.“ „Verdammt!“ fuhr der Baron zornig auf.„Gibt's denn keinen andern Cavalier in Ihrer Majeſtät Hof⸗ ſtaat als mich, daß man immer und immer meiner ge⸗ denkt, wenn eine Aushülfe nöthig iſt?“ Er las die wenigen Zeilen des Billets laut:„Graf Rothkirch iſt plötzlich unpaß geworden und wird Herr Baron von Warkotſch erſucht, ſtatt ſeiner bei Ihrer Majeſtät Roſenkranzandacht zu fungiren.“ „Ich bin doch nie freier Herr meiner Zeit!“ äußerte der Leſende unwillig, das Papier in der Hand zuſam⸗ Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. III. 14 menknillend.„Theurer Fortunatus, Du ſiehſt, es iſt mir unmöglich, Deinem Wunſche jetzt zu entſprechen. Glücklicherweiſe iſt in einer Stunde meine Stellver⸗ tretung abgemacht. Fahren wir ſtatt um fünf um ſechs Uhr. Stromabwärts geht die Fahrt außerordent⸗ lich raſch, vor halb acht Uhr ſind wir an Ort und Stelle. Wir haben faſt bis in die zehnte Stunde Tageslicht und dann Vollmond, die Rückfahrt wird um ſo prächtiger ſein. Mein Himmel, was will ich machen! Ich ſtehe auf der zu Kammerherren vorgeſchla⸗ genen Liſte, des Herrn Obriſthofmeiſters Excellenz be⸗ vorzugt mich, indem er mich ſo viel als möglich in Function ſetzt.“ „Nun denn, um ſechs Uhr. Ich werde pünktlich daſein“, ſagte Fortunatus. „Wie freundlich Du biſt!“ rief jener.„Schnell, Stephan, den Wagen vorfahren. Ich habe keine Zeit zu verlieren.“ „Iſt ſchon angeſpannt, Herr Baron; hatte es von Seiner Excellenz Laufer erfahren und hab' gleich dem Joſeph die Weiſung zum Anſpannen gegeben. Iſt Alles fix und fertig.“ „Geſcheidt von Dir. Alſo, mein theurer Fortunatus, um ſechs Uhr Wiederſehen.“ Fortunatus befand ſich in einer außerordentlichen ——— 1 211 Aufregung. Der Gedanke, ſeine Gemahlin wiederſehen zu ſollen, überwucherte alles andere Denken bei ihm. Es war ihm nicht anders, als drängen heiße Sonnen⸗ ſtrahlen in ſein Herz, die ſein Blut immer raſcher umtrieben, ſodaß ihm die Stirn glühte. Er lief meh⸗ rere der großen Straßen auf und nieder, aber er konnte nicht ſagen, er habe das oder jenes geſehen. Er ſah Alles und hatte doch für nichts Aufmerkſamkeit, kein Gedächtniß. Wie fiel Alles vor dem glücklichen Bewußtſein, ſie, die ihm theurer als ſein Leben, bald in ſeine Arme ſchließen zu ſollen! Endlich hallte es ſechs Uhr vom Stephansdome, wenige Minuten ſpäter und er traf faſt in demſelben Augenblick mit dem im Wagen zurückkommenden Baron vor deſſen Wohnung ein. „Steige ein, Fortunatus!“ rief ihm dieſer zu.„Wir wollen eilen, ich ſehe Dir die Ungeduld im Geſichte an.“ Ein kleines Viertelſtündchen ſpäter ſchwamm ein offener Kahn mitten auf dem ſchnell fließenden Strome hin, von zwei kräftigen Ruderern getrieben. Gleich einem über die Waſſerfläche hinſchwirren⸗ den Vogel glitt das von den Rudern und dem ohnehin raſchen Waſſerzuge ſtromabwärts geführte kleine leichte Fahrzeug pfeilſchnell dahin. Der Abend 14* war prächtig. Nach Weſten hinab geneigt ſtand die Sonne, ihre Strahlen ſammelten ſich auf der Waſſer⸗ ſtraße, dieſe zu einem blitzenden Goldſtrome verwan⸗ delnd, und doch war es kühl, aus der lebendigen Waſſer⸗ tiefe drang friſcher Athem herauf, die Tageshitze war vorüber. O welcher erfriſchende Hauch! Fortunatus genoß ihn in vollen Zügen. Er ſaß auf der Querbank, das Geſicht ſtromabwärts gerichtet, der Baron ſtand ſeitwärts, er blickte nach der Stadt zurück. Sie ſprachen wenig und, wenn ſie es thaten, in fran⸗ zöſiſcher Sprache. Die ſich lang hinziehende Zahl der Häuſer war am rechten Ufer zu Ende, das Ufer bot keinen ſonderlich ergötzenden Anblick mehr; aber das linke war baumreich; hier dehnte ſich der umfangreiche Praterforſt aus, an dem die Sonnenlichter feſthaftend langſam an den Stämmen hinaufrückten. „Leg' um, Sepp!“ commandirte der eine Ruderer, ein alter ausgewetterter Burſche. Sein Kamerad zog ſein Ruder aus dem Riegel zurück und ſtieg dann über die Querbank weg, um ſich nach dem Steuer zu begeben. Der Baron verwickelte jetzt Fortunatus in eine Unterhaltung, die ihn auf einzelne am Praterufer ſichtbare Gegenſtände aufmerkſam mach⸗ ten. Plötzlich flog ein Lederſack über Fortunatus' Kopf und wurde raſch zuſammengezogen. Die Gewalt, mit = der dies geſchah, riß den Sitzenden rückwärts von der Querbank herab. Ehe er noch dazu kam, ſeine Hände zu gebrauchen, hatte man ſich derſelben ſchon be⸗ mächtigt und die Kraft harter Fäuſte hielt ſie wie in Eiſenklammern feſt, während ein paar andere Fäuſte mit größter Schnelligkeit ſie mit einem Strick um⸗ wanden. Noch waren ſeine Füße frei und der meuchelmör⸗ deriſch Ueberraſchte verſuchte aufzuſpringen, aber eine Schlinge, die im Nu über ſie hinflog und raſch zuge⸗ zogen wurde, machte ihn wehrlos. Das Alles war ſo ſchnell vollbracht worden, daß es nur ein paar Minuten Zeit gekoſtet hatte, ihn in einen Zuſtand zu verſetzen, in dem ein Mann jedem Feinde ungefähr⸗ lich wird. „Befördert ihn! Hier Euer Lohn!“ Dieſe Worte hörte der jedenfalls zum Tode Ver⸗ urtheilte noch von dem Baron ſprechen. Er glaubte, man werde ihn nun in die Donau werfen, indeß dies geſchah nicht, der Kahn glitt weiter, aber ſeine mehr ſtoßende Bewegung deutete an, daß er nicht mehr mit dem Strome hinglitt, ſondern quer denſelben durch⸗ ſchnitt. Das Schaukeln und Stoßen des kleinen Fahr⸗ zeugs ward die Urſache, daß der hülflos daliegende Gebundene, welcher weder mit Händen noch Füßen den 214 Platz behaupten konnte, wo er gerade lag, noch, da ſeinen Kopf ein Sack verhüllte, mittels des Auges erkannte, wohin man den Kahn führe, an die eine Wandung des Fahrzeugs rollte. Ein Schmerz an den ihm auf den Rücken gebundenen Händen machte ihn aufmerkſam, daß aus der ſchon erwähnten Wandung ein ſcharfkan⸗ tiger und ſpitzer Nagel hervorſtehe. Dieſe Entdeckung ſuchte er nach beſten Kräften zu verwerthen, indem er ſo regungslos, als dies nur immer geſchehen konnte, den ſeine Handgelenke feſ⸗ ſelnden Strick an der ſcharfen Kante des Nagels rieb. Dieſe immerhin anſtrengende Arbeit würde, ohne ihren Zweck erreicht zu haben, ſofort zu Ende geweſen ſein, wenn der Kahn, nachdem er das andere Ufer erreicht, dort liegen geblieben wäre und man ihn, Fortu⸗ natus, hier expedirt hätte. Indeß dazu ſchien man einen andern Platz gewählt zu haben. Während eines kurzen Anhaltens von einer oder zwei Minuten hörte Fortunatus, daß Jemand, der Baron, den Kahn verließ, letzterer eine Strecke von fünf, ſechs Schritten über Steine hinfuhr, wenigſtens glaubte er das Scheuern des Kiels dafür nehmen zu müſſen, und gleich darauf wieder im Waſſer ſchwamm. Wieder ging es eine Strecke abwärts, dann deutete das zunehmende Stoßen und Schaukeln des Kahns 215 darauf hin, daß er quer durch den Strom getrieben werde. Fortunatus hörte die beiden Ruderer nicht ein Wort ſprechen, aus den Stößen nahm er aber ab, daß ſie beide rüſtig ihr Ruder handhabten. Schon mäßigte ſich der ſtoßende Gang des Kahnes fühlbar, der Haupt⸗ ſtrom war alſo faſt gänzlich paſſirt und man lenkte in ruhigeres Waſſer ein— da empfand Fortunatus plötzlich einen harten Stoß. Das Fahrzeug war an einen mächtigen, von der Oberfläche des Waſſers verdeckten Stein angeſtoßen. Der alte Schiffer fluchte mörderlich. Aber etwas Gutes führte der davongetragene Stoß doch herbei, denn dadurch riß der faſt durchſcheuerte Strick um die Hand⸗ gelenke des jungen Grafen, der auf ſo ſchnöde und jäm⸗ merliche Weiſe ſeinen Untergang finden ſollte, und dieſer hatte jetzt wenigſtens die Gewißheit, daß er für den Fall, daß man ihn an einer beliebigen Stelle in die Tiefe werfen werde, mittels des freien Gebrauchs ſeiner Arme ſich als anerkannt guter Schwimmer noch retten könne. In Breslau, ſeiner Vaterſtadt, hatte er kühne Pro⸗ ben ſeiner Schwimmfertigkeit gegeben, warum ſollte er in der Donau weniger Muth und weniger Glück ha⸗ ben? Aber er calculirte ſehr richtig, daß der glück⸗ liche Umſtand hinſichtlich des zerriſſenen Strickes den 216 für den Mord bezahlten Schiffern verborgen bleiben müſſe. Er zog deshalb die beiden Theile des Strickes ſo an, daß ſie in den Fingern ſeiner beiden Hände ruhten, alſo in ſeiner Gewalt blieben, bis er es für gut fand, die Hände von einander zu entfernen. Und die Zeit, daß er dies thun mußte, ließ nicht lange auf ſich warten. Er hörte den ältern Fiſcher ſagen: „Da ſind wir am Armen⸗Seelen⸗Tümpel. Faß an, Sepp; aber dann gleich fort, denn es ſoll Unglück be⸗ deuten, wenn man einen Hineingeworfenen wieder auf⸗ tauchen ſieht.“ Fortunatus fühlte ſich bei Kopf und Füßen in die Höhe gehoben und gleich darauf ſchlug das Waſſer über ihm zuſammen, er ſank unter. Heftige Ruder⸗ ſchläge deuteten an, daß der Kahn mit aller Gewalt aus der Nähe des Armen⸗Seelen⸗Tümpels fortgetrieben wurde. Ende des dritten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Deſſau. ——ꝛ—;; „———ͤſſ— 2 4