iot Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 1 pfangnahme und Rückgabe fer Bücher jeden Tag von Morgens n 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von„ üdem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ geſett und wird Ein deutſcher Fürſt. Hiſtoriſcher Roman von Franz Carion. Zweite Abtheilung des Romans: Der alte Heſſauer. —yy———— Zweiter Band. — 1 Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1868. 1 Erſtes Kapitel. . Es war gegen Ende des Mai. Ein prächtiger Abend hatte ſich niedergeſenkt. Nach ziemlich heißem Tage war die Luft mild ge⸗ worden, am Himmel weideten die Schäfchen, jene leich⸗ ten Wölkchen, die gleich einer großen Heerde mit ſchnee⸗ weißem Vließ in ungeſtörter Ordnung dahinſchwimmen, angehaucht vom Sonnenpurpur, und Verkünder fort⸗ dauernd ſchöner Tage zu ſein pflegen. 1 Der Deſſauer Schloßgarten, angethan mit dem Feſt⸗ gewande erneuter Jugendfriſche, ſah an ſolchen ſchönen Abenden in der Regel die fürſtliche Familie in ſeinen ſchattigen Gängen promeniren oder in dem großen Rundtheile die Abendtafel halten. Im Verlaufe der Jahre hatte ſich hier ungemein 1 Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. II. 1 2 viel verändert. Freilich war der Garten derſelbe ge⸗ blieben, der er ehemals geweſen, nur daß der Hofgärt⸗ ner hier und da mit den Beeten einige Abänderungen getroffen; aber mit den Perſonen ſelbſt, die ihn beſuch⸗ ten, war Vieles anders geworden. Herr Leupold und ſeine Gemahlin, die Annelieſe, beide vorgerückt in Jahren, präſidirten vor wie nach ihrer Familie, die ſich vorzüglich in des alten Herrn Gegenwart höchſt reſpectvoll verhielt, denn ſeine Lau⸗ nen waren höchſt wunderlicher Art, und wer davon einmal heimgeſucht worden, der verlangte ſicher nach keiner Wiederholung. Herr Leupold ſtellte in ſeiner Perſon das lebendige Beiſpiel eines immerwährend über den Häuptern ſchwebenden Gewitters dar, das ſeine ſchweren Wolken oft plötzlich entladet und dann wieder ſchweigt, um gelegentlich daſſelbe Spiel zu erneuern. Frau Annelieſe zeigte dagegen in ihrem Verhalten, wie man mit dem wunderlichen Herrn um⸗ gehen müſſe. Sie war das Muſter einer nicht nur klugen, ſondern auch freundlichen Dame, die ſich der Liebe aller verſichert halten konnte. Ihre Weiſe, mit den Leuten zu verkehren, hatte für Jeden etwas Verbind⸗ liches, und dieſem Ausdruck eines edlen Frauenherzens entzog ſich Niemand, ſelbſt ihr Gemahl, ſo grimmig er auch zuweilen aufbrauſte und wüthend ſich geberdete, —— 3 unterlag dieſem Zauber, wenngleich es zuweilen den Anſchein hatte, als wäre nichts im Stande, ihn zu be⸗ ſänftigen. Frau Annelieſe beſaß die einem Diplomaten ſo nöthigen Eigenſchaften: unbeirrte Ruhe, die jederzeit im Beſitze des klaren Ueberblicks bleibt und alſo ſchon im voraus ihres Sieges gewiß iſt, und einen ſcharfen Verſtand, welcher die möglichſt günſtigen Chan⸗ cen aufzufinden verſteht, um irgend einen Vortheil zu gewinnen, der eine unangenehme Situation zum Aus⸗ gleich zu bringen im Stande iſt. Hatten auch die vor⸗ gerückten Altersjahre den äußern Nimbus, auf den ſie einſt ſtolz ſein konnte, zerſtört, den letzten Hauch der ehemaligen Jugendfriſche von ihr abgeſtreift, ſo hatte ſie dafür ein freundliches Matronenthum gewonnen, über dem noch jetzt wie in ihren frühern Jahren der Kraft und Schönheit ein Hauch weiblicher Anmuth ſchwebte, und dieſer machte ſie ſchön und liebenswürdig. Als ihre Familie noch in jenen glücklichen Jugend⸗ jahren ſich befand, die das Sonnenlicht heiterer Sorg⸗ loſigkeit überglänzt, ſchallte der Garten oft wieder von deren friſcher Luſt, ſodaß Herr Leupold ſelbſt zuweilen meinte, es wäre nicht anders, als wenn Beelzebub mit ſeinen Jungen ſein Weſen darin triebe. Dieſer Ver⸗ gleich war in der That ſehr paſſend, weil der alte 1* 4 Herr ſelbſt den größten Spectakel vollführte, indem er ſeine Söhne exercirte und Prinz Moritz, ſein Liebling, mit einer Truppe kleiner Grenadiere in ſeinem Alter faſt zu allen Stunden des Tages darin herumtrommelte und Evolutionen ausführte, bei denen ſein durchlauch⸗ tiger Papa mit Stentorſtimme zu commandiren pflegte. Jetzt waren drei aus dieſem Kreiſe des jungen Nachwuchſes ausgeſchieden: Louiſe, die als Bernburger Fürſtin verſtorbene Lieblingstochter Herrn Leupold's, dem bei der Erinnerung an ſie das Herz ſchwer wurde, denn er hatte ſie ſo innig geliebt, wie ein ſo leiden⸗ ſchaftliches Temperament als das ſeine nur lieben kann. Wie überhaupt Verſtellung und Heuchelei nicht zu ſeinen Eigenſchaften gehörten, denn er war in allen Dingen der Mann von drauf und dran, ſo auch war der tiefe Schmerz um den Verluſt dieſer Tochter ein reiner Klang menſchlichen Schmerzes aus ſeinem Ge⸗ müthe, von deſſen Vorhandenſein in der Regel wenig bei ihm zu verſpüren war. Der Erbprinz war gleich⸗ falls geſtorben und Prinzeß Leopoldine Marie lebte jetzt fern von Deſſau in Schwedt bei ihrem Gemahle, dem Markgrafen von Brandenburg⸗Schwedt. Der Kinderſegen war aber trotzdem nicht geringer geworden am Deſſauer Hofe. Von der Bernburger Louiſe hatte Herr Leupold gleichſam als theures Vermächtniß 4 4— * 3 *½ 5 ſeines Lieblings deren einziges Töchterchen, Prinzeß Sophie, zu ſich genommen und auf dieſe mutterloſe Waiſe einen großen Theil der Vaterliebe übertragen, die er für deren ſo früh heimgegangene Mutter gefühlt hatte. Der als preußiſcher Generallieutenant 1737 an den Blattern verſtorbene Erbprinz hatte aus heimlicher Ehe mit der ſchönen und klugen Bürgerstochter Jo⸗ hanna Herre, deren Vater Brauer zu Deſſau war, ſechs Söhne und drei Töchter hinterlaſſen, und Herr Leupold, in gerechter Erwägung, daß dieſe Verbindung ſeines älteſten Sohnes genau auf denſelben Grundſätzen be⸗ ruht habe, wie die ſeine mit Anna Louiſe Föhſe, der Apothekerstochter, betrachtete dieſen kinderreichen Nach⸗ laß als ſeine eigene Familie und gab ſich alle Mühe, für denſelben in Wien das reichsgräfliche Diplom zu erwirken, was ihm immer noch nicht gelungen war. Etwas unangenehm war es Seiner Durchlaucht aber, daß ſich auch noch zwei andere Liebespfänder ſeines ver⸗ ſtorbenen Erſtgeborenen von der Tochter des Deſſauer Superintendenten Schardius vorfanden, indeß die gute Entſchuldigung jenes franzöſiſchen Königs, daß man nicht alle Tage Rebhühner ſpeiſen könne, erſchien Herrn Leupold, welcher vielleicht gelegentlich einen Rückblick auf ähnliche Vorkommniſſe in ſeinem eigenen Leben warf, ſehr plauſibel, ſodaß auch dieſe beiden hinter⸗ 6 laſſenen Enkel ſich ſeiner Huld erfreuten und oft zu Beſuch ins Schloß kamen. Es war ſelbſtverſtändlich, daß der männliche Theil dieſes Kinderſegens nach ſeines Großpapas Muſter⸗ 4 erziehung militäriſch ausgebildet wurde, und daher gab es im Schloßgarten zu Deſſau zuweilen denſelben oder noch größern Höllenſpectakel wie ehemals. Der alte Herr verſetzte ſich dabei in jene glückliche Zeit zurück, wo ſein Sohn Moritz, der jetzt zum ehrenreichen hohen Offizier im preußiſchen Heere emporgeſtiegen war, mit ſeiner Compagnie Miniaturgrenadiere ihm ſo viel Ver⸗ 1 gnügen bereitet hatte. Am heutigen Abend war Herr Leupold nicht an⸗ weſend. Er befand ſich in Halle, um ſein ſchönes Re⸗ giment nicht nur exerciren zu laſſen, ſondern auch über einige„mordverbrannte Canaillen“, die der ſchwerſten Sünde in ſeinen Augen, Widerſetzlichkeit gegen Offiziere, ſich ſchuldig gemacht hatten, Gericht zu halten. Es war jedesmal eine behagliche Empfindung für den al⸗ ten Fürſten, wenn dergleichen Obliegenheiten ihn in— Anſpruch nahmen, und er erledigte dieſe mit der grau⸗ ſamen Strenge, die ſeinem rauhen Charakter, der kein Mitleid kannte, eigenthümlich war. Nur in Fällen, wo ſeine Grenadiere in Händel mit den Halleſchen Stu⸗ denten gerathen waren, drückte er ein Auge zu, denn 4 7 der Aerger über den ihm angethanen Schimpf, auf Be⸗ fehl ſeiner Majeſtät Halle mit ſeinem Regimente verlaſſen zu müſſen, wich nicht aus ſeinem Gedächtniſſe, und wenn er deſſen gedachte, rief er jederzeit höchſt grimmig: „Das hatte ich nur dem Schwerenothskerl Grumbkow zu danken gehabt. So lange hatte der Hundsfott an ſeiner Majeſtät herumgeprickelt, bis Allerhöchſtdie⸗ ſelbe den vermaledeiten Befehl unterzeichnete, der mir bald den Tod vor Aerger zuzog. Nun, der Teufel hat den Halunken geholt, und wenn's eine Gerechtigkeit im Himmel gibt, muß der Kerl extra dafür in der Hölle braten, denn ich zweifle nicht im geringſten, daß unſer Herrgott an einem ſo ſtrammen Regiment Gre⸗ nadiere ebenſo ſein Plaiſir hat wie andere rechtſchaf⸗ fene Leute.“ Dieſe höchſt gediegene Anſicht des alten Herrn trug demnach zugleich wie eine bittere, aber vom Apotheker überzuckerte Pille den Troſt in ſich, mit dem Herrgott auf einer und derſelben Rangſtufe ſich denken zu kön⸗ ken. Das Einvernehmen zwiſchen Soldaten und Stu⸗ denten war allerdings ſeit dem Tage der Wiederkehr — die Hallenſer hatten Petitionen mit ſo viel Zeichen von verſöhnlichem Geiſte nach Berlin geſandt, daß, da auch der Deſſauer, der es als eine Ehrenſache betrach⸗ tete, mit ſeinem Regimente wieder daſelbſt einrücken zu 8 dürfen, verſprach, mit ſtrengſtem Nachdruck ſeine Kerle in Rand und Band halten zu wollen, der König die Genehmigung dazu ertheilte— nicht mehr in dem Maße geſtört worden wie ehedem, aber Häkeleien fie⸗ len immer noch vor. Das Regiment, obgleich der größte Theil aus Deſſauer Landeskindern beſtand, war im Uebrigen doch eine aus zu ſchlimmen und ſchädlichen Elementen der Geſellſchaft zuſammengewürfelte Bande aus aller Herren Ländern, als daß die Furcht vor der angedrohten nachdrücklichen Strafe Wunder der Frie⸗ densliebe hätte wirken ſollen; auch kannten die Solda⸗ ten ihren alten„Schwerenöther“ zu gut, um nicht zu wiſſen, daß er, wenn auch unausgeſprochen, ſein innig⸗ ſtes Behagen an ſolchen„Kinkerlitzchen“ habe, ſie daher, wenn der Exceß nicht gar zu gröblicher Natur, durch⸗ ſchlüpfen laſſe. Man erwartete zum Abend die Rückkehr des alten Herrn aus Halle, weshalb die Tafel im Garten bereits hergerichtet war. Am Deſſauer Hofe ſprachen für gewöhnlich wenig Gäſte ein. Man lebte daſelbſt eher bürgerlich als fürſtlich und die Art und Weiſe Seiner Durchlaucht erſchien manchem an die glatten Hofformen Gewöhn⸗ ten zu wenig verlockend, um ſich in ſeine Nähe zu ſehnen. Die Unterhaltung Frau Annelieſens war 9 daher meiſt auf den Umgang mit ihrer Familie be⸗ ſchränkt. Dieſe beſtand nach der Vermählung ihrer Tochter Leopoldine Marie mit dem Schwedter Markgrafen noch aus deren beiden Schweſtern Anna Wilhelmine und Amalie und ihrer Schwiegertochter Giſela, einer Köthe⸗ ner Prinzeß. Außer dieſer Dame fand ſich zuweilen die zweite Gemahlin des Bernburger Fürſten Victor, eine geborene Markgräfin von Schwedt, zu Beſuch ein. Für ein ſo zärtlich fühlendes Mutterherz wie das Frau Annelieſens mußte es ein Schmerz ſein, dieſe Dame bei ſich zu empfangen, die die Stelle ihrer ver⸗ ſtorbenen Louiſe einnahm, ohne nur im entfernteſten dieſer zu gleichen. Das Benehmen dieſer erlauchten Frau deutete oft ſtark darauf hin, daß ſie dem Unter⸗ ſchied der Geburt ein ſehr großes Gewicht beilegte, was ſelbſtverſtändlich für die Fürſtin verletzend ſein mußte; zur ihre edle Gemüthsruhe half ihr dieſe, wie es zu⸗ weilen ſchien, ſogar abſichtlich geäußerte Härte mit Milde zurückweiſen, ohne die Formen des Anſtandes irgendwie zu vergeſſen; aber ſie liebenswürdig zu finden, war ihr unmöglich. Eine kleine Genugthuung fand ſie in der ſichtlichen Abneigung, welche Fiekchen, ihre kleine Enkelin, nicht nur gegen dieſe Stiefmutter, ſondern auch gegen deren Sohn, ihren Stiefbruder, den fünfjährigen 10 Prinzen Friedrich, bei jeder Gelegenheit an den Tag legte. Am heutigen Abende waren dieſe hohen Frauen beiſammen. Von fern her ſchallte der Jubel und die friſche Luſt des Nachwuchſes des verſtorbenen Erbprin⸗ zen zu den im Rondel Sitzenden.„Ich möchte auch dorthin“, bemerkte der kleine Bernburger ſeiner gnädig⸗ ſten Mama. „Nein, Du wirſt hier bleiben“, entgegnete dieſe.„Du weißt, was ich Dir geſagt habe.“ „Ich weiß es nicht mehr, gnädigſte Mama.“ Prinzeß Fiekchen lachte. „Kleine Unart Du!“ verwies die Bernburgerin etwas pikirt.„Warum lachſt Du?“ „Weil ich's weiß, was Sie ihm geſagt haben.“ „Meine Theure, mir ſcheint, Sie laſſen dem kleinen Unband zu viel Willen. Natürlich, Sie lieben ſie als einziges Kind Ihrer in Gott ruhenden Tochter, was Niemand ihnen verdenken kann; aber ein wenig mehr ſie ſtreng halten, könnte vielleicht nicht ſchaden.“ Die Fürſtin neigte ſich lächelnd ein wenig zu der Kleinen und fragte ohne allen Anklang von Bitterkeit: „Hörſt Du, Fiekchen, wie das lautet?“ Faſt ſtürmiſch fiel ihr die kleine Prinzeß um den Hals und rief:„O meine liebe einzige Herzens⸗Groß⸗ 11 mama, glaube doch das ja nicht. Was habe ich denn ſo Böſes gethan, daß mich die gnädigſte Frau Stief⸗ mama ſchilt? Ich weiß ja von gar nichts, wenn's nicht das iſt, daß ich geſagt habe, ich wüßt's, was ſie dem Friedrich geboten habe. Und das iſt ja keine Lüge; gewiß, liebe Großmama, das iſt keine Lüge.“ „Was Deine gnädigſte Frau Stiefmama dem Frie⸗ drich ſagt, geht aber Dich nichts an. Du darfſt nie voreilig ſein, das iſt gegen die Schicklichkeit“, mahnte die Fürſtin. „Ach Du lieber Gott!“ rief die Kleine faſt komiſch, „das iſt aber doch recht ſchlimm für mich, wenn ich über Alles ſchweigen ſoll! Iſt's denn ein Ungück, daß ich dem Friedrich einhelfen und ihm ſagen wollte: Deine gnädigſte Mama hatte Dir geboten, Du ſollteſt nicht dorthin, nach den Couſins und Couſinen verlangen und mit ihnen ſpectakeln wollen, weil die Deine gute Er⸗ ziehung verderben?“ Eine Pauſe folgte, welche die Fürſtin mit den Wor⸗ ten endete:„Deine gnädigſte Frau Stiefmama hat das Recht, ihrem Friedrich zu befehlen, was ſie für gut findet, Du haſt Dich nicht darum zu kümmern, merke Dir das fürs Künftige, Fiekchen. Aber ich weiß ſchon, Du biſt ein kleiner Schelm, Dir liegt's ſelbſt gar ſehr am Herzen, mit zu tollen. Nun, geh nur, geh, ſpiele, Kind.“ 12 „Meine liebe einzige Herzens⸗Großmama!“ jubelte Fiekchen. „Schon gut, ſchon gut, kleiner Wildfang; mache, daß Du fortkommſt.“ „Eins, zwei, drei, und ich bin weg wie der Wind!“ Und wie vom Sturme fortgeführt, ſprang das Prin⸗ zeßchen aus dem Rondel. Ein unangenehmeres Vorkommniß konnte der ſtol⸗ zen Bernburgerin nicht widerfahren, ſie fühlte ſich auf eine Art und Weiſe pikirt, welche ihr ſogar das Recht benahm, deshalb eine Aeußerung zu thun, und um ihren ſtillen Aerger zu mehren, fing ihr kleiner Prinz Friedrich, welcher mit neidiſchen Blicken ſeiner Stief⸗ ſchweſter nachgeſehen, bitterlich zu weinen an und wollte ſich nicht beruhigen laſſen. „O meine Theuerſte, laſſen Sie ihn doch auch hin⸗ gehen“, bat die Fürſtin.„Für Kinder iſt es nun ein⸗ mal am beſten, unter ihresgleichen, ich meine, unter Kindern zu ſein. Das gehört zu ihrem Gedeihen ebenſo ſehr, als wie der Blume Sonnenlicht und ſanfter, warmer Regen nöthig iſt. Das Kindesherz verbittert und vereinſamt, ſobald es entbehren muß, was ſein Gemüth hell und freundlich macht.“ „Wenn mein Franz nur erſt ſo weit ſein wird, um laufen zu können, ſo werde ich mich ſehr freuen, wenn 13 er recht luſtig mittollt“, äußerte die junge Fürſtin Gi⸗ ſela, Frau Annelieſens Schwiegertochter. Die Bernburgerin würde unter allen Umſtänden es vorgezogen haben, ſofort ſich zu entfernen, wenn ſie nicht den allzugroßen Eclat, den ein ſolches Gebaren nach ſich gezogen haben würde, gefürchtet hätte. Ge⸗ wiß fühlte die als Fürſtin geborene Dame ſich tief empört, eine ihr widerwärtige Nachgiebigkeit jetzt zeigen zu müſſen, zu welcher ihr Söhnchen ſelbſt ſie am mei⸗ ſten drängte, denn der kleine Prinz wurde ſo unge⸗ berdig über ſeiner gnädigſten Mama Zögern, ihm die von den beiden Damen befürwortete Erlaubniß zum Mitſpielen zu gewähren, daß er ſich auf den Boden niederwarf und mit den Füßen ſtrampelte. Vergebens verſuchte die hohe Mama dieſe Störung ohnegleichen zu beſchwören, der kleine Ungeberdige wehrte ent⸗ ſchieden jede gütige Zurede von ſich ab. „Armer Friedrich, es muß viel Sonnenſchein in Dein kleines Herz fallen, ſonſt wirſt Du ein ſehr trüb⸗ ſeliges Daſein verleben!“ rief Frau Annelieſe. „Sonnenſchein? Wie meinen Sie das?“ fragte die Bernburgerin erſtaunt. 4„Ich meine die Freude, die den Kindern ſo unent⸗ behrlich iſt. Es paßt nicht für ihn, entſagen zu ſollen, wo ſeine Altersgenoſſen jubeln. Wie können Sie glau⸗ 14 ben, daß er in unſerer Geſellſchaft ſich ergötzen ſoll? Er iſt ja zu jung, um nur das Mindeſte von unſerer Unterhaltung zu verſtehen; er langweilt ſich, weil er mitten unter uns allein iſt, und um ſeine Pein zu mehren, dringt von dorther noch das fröhliche Kinder⸗ jauchzen in ſein Ohr. Laſſen Sie ihn unbeſorgt in die kleine luſt⸗ und lichtvolle Kinderwelt hineinſpringen und Sie verſchaffen ihm damit ein Glück, das keine Mutter⸗ zärtlichkeit aufzuwiegen im Stande iſt, Sie ſelbſt aber ſichern ſich einen Gewinn, der von keinem noch ſo ſtol⸗ zen Gedanken aufgewogen werden kann— Sie haben ein frohherziges Kind. Geben Sie den troſtloſen Ge⸗ danken auf, daß er durch den Umgang mit andern Kindern ſeines Alters verdorben werden könne, oder glauben Sie, daß die kleine Geſellſchaft, die Sie bis hierher jubeln hören, ſich in dergleichen Exaltationen kindlicher Widerſetzlichkeit übt, wie Friedrich uns eben ein beklagenswerthes Beiſpiel gab?“ Die hohe Bernburger Dame fühlte den Stich, wel⸗ cher ohne jede beſondere Betonung von ſeiten Frau Annelieſens ſie tief und beſchämend genug traf, und ein dunkles Roth überlief ihr Geſicht bis zur Stirn hinauf; aber die Nothwendigkeit einer Entſchuldigung drängte ſie zu einer Aeußerung, welche, obwohl nicht wahr, doch wenigſtens ſich ihr als Deckmantel für den 15 eigentlichen Grund, ihren kleinen Prinzen vom Spielen mit ſeinen Altersgenoſſen abgehalten zu haben, bot. „Ich bin immer in Furcht, daß ihm ohne meine per⸗ ſönliche Aufſicht ein Unfall zuſtoßen könne“, ſagte ſie. „O laſſen Sie ſich das keine Sorge ſein, Kinder haben ihre Schutzengel. Verſuchen Sie es nur, Theuerſte, erlauben Sie ihm hinzugehen, für einen gewichtigen Schutzengel ſtehe ich.“ „Nun, ſo gehe, Friedrich, und ſpiele!“ Es kam der hohen Dame äußerſt ſchwer an, ſich zu dieſer Genehmigung zu verſtehen, indeß ſie ſah die Dringlichkeit ein, ſich der üblen Situation entziehen zu müſſen, in die zu ihrer größten Indignation ihr Fried⸗ rich ſie gebracht. Kaum hatte der kleine Ungeberdige die Erlaubniß ſeiner gnädigen Mama vernommen, als er die durch ſein ſtörriſches ſich Umherwerfen ihm wirr über die Stirn hereinhängenden Haare zu beiden Sei⸗ ten ſtrich, mit den Händen verkehrt über die thränen⸗ naſſen Augen fuhr und fragte:„Ich kann ſpielen gehen?“ „Gewiß, und recht luſtig ſein ſollſt Du und viel, viel lachen“, ſagte die Deſſauer Fürſtin. Dann blickte ſie nach den beiden Eingängen ins Rondel und rief: „Binſe!“ „Durchlaucht befehlen?“ fragte eine etwas heiſere, 16 ſchnarrende Baßſtimme, deren Inhaber ſofort ſeiner Antwort folgte und ins Rondel trat, woraus zu ſchließen, daß er außerhalb deſſelben eines etwaigen Befehls geharrt haben mußte. Dieſer ſich zur Ver⸗ fügung ſtellende Binſe zählte keineswegs zu den das Auge erfreuenden Figuren, im Gegentheil war ſein plötzliches Erſcheinen eher dazu angethan, Leute zu erſchrecken. Eine rieſig lange Figur, mager und in einem ſtark verblichenen Soldatenrocke ſteckend, dabei das rechte Bein etwas nach auswärts ſtehend infolge eines ſchlecht geheilten Bruches, und als Krone dieſer langen und unſchönen Geſtalt ein Kopf, der, auffällig groß, auf dem dünnen Halſe wie auf einer Gabelzinke para⸗ dirend ſich ausnahm. Sein Geſicht trug jenes Gepräge, das man als ausgewettert bezeichnet, tief gefurchte Züge, ſtark vortretenden Knochenbau mit gedrückter, breiter und niedriger Stirn, und aus dieſer Wüſte von gelber, runzliger Haut und Knochenüberfluß flaggte nach beiden Schläfen hin ein übermäßig gewichſter Schnauz⸗ bart, der, in dünne Spitzen auslaufend, gleich einem die Arme nach zwei entgegengeſetzten Richtungen aus⸗ ſtreckenden Wegweiſer von einem Ohre zum andern das unſchöne Geſicht in zwei ungleiche Hälften theilte. Bei dem Anblick dieſes lebendigen Receptes gegen die Liebe zeigte die hohe Frau von Bernburg einen 17 offenbaren Schreck, da die Erſcheinung dieſes an einem Stocke gehenden Invaliden die Schlußfolgerung, dies ſei der von Frau Annelieſe ihrem Prinzlein beſtimmte gewichtige Schutzengel, bei ihr hervorrief.„Der ſoll doch nicht etwa—“ Sie fühlte ſich von der Möglich⸗ keit dieſer Beſtimmung ſo ſehr außer Faſſung geſetzt, daß ihr die Worte mangelten, die Frage zu beendigen. „Aufſicht über Ihren Prinzen führen?“ ergänzte die Fürſtin lächelnd.„Gewiß, meine Theuerſte. Beim Schutzengel kommt es nicht auf deſſen Schönheit, nur auf deſſen Zuverläſſigkeit an und ich wüßte keinen beſ⸗ ſern zu empfehlen. Binſe, geleite Er den Prinzen zum Spielplatz dorthin und habe Er Acht, daß ihm kein Un⸗ fall widerfährt. Auf, Friedrich, laufe, was Du kannſt; dort ſind ſie luſtig. Hörſt Du, wie ſie jubeln und lachen?“ Der kleine Fürſtenſohn ließ ſich das nicht zweimal ſagen; wie ein vom Bogen abfliegender Pfeil ſprang er aus dem Rondel hinaus. Seine gnädigſte Mama, in ganz andern Anſchauungen von der Würde eines zum Regieren geborenen Fürſtenſöhnchens befangen, erblaßte unter der Schminke; der alte Binſe aber ſchnarrte dem flüchtigen Prinzen ein„Donnerwetter, halt! Ich muß ja auch mit, junges Herrlein!“ nach und humpelte, auf ſeinen Stock geſtützt, hinter ihm drein. Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. II. 2 18 Um die zornige Aufregung der Bernburgerin, welche ſich in deren Antlitz verrieth, zu mildern, ſprach Frau Annelieſe, nachdem ſie ihrem Hoffräulein, Anna von Audritzky, welches bis jetzt abſeits im Rondel auf einer Bank geſeſſen, Erlaubniß gegeben, ſich ein wenig im Garten zu ergehen, freundlich zu der über die ihrem Kinde widerfahrende Profanation empörten Dame: „Meine liebe Freundin, Sie müſſen mir ſchon zu gute halten, daß ich ſcheinbar Ihr Mutterrecht mir anmaße. Eine Frau wie ich, welche eine gewiſſe Pra⸗ ris in Kindererziehung erlangt hat, kann keinen ſehn⸗ lichern Wunſch haben, als daß die von ihr in dieſer ſo ſchwierigen und zugleich ſo viel bedeutenden und— laſſen Sie mich ſagen— von ſo äußerſt wichtigem Einfluſſe auf eine ganze Menſchenzukunft ſich äußernde Aufgabe, wie die Kindererziehung für Mütter iſt, be⸗ obachtete und durch den ſchönſten Erfolg bewährte Norm auch Andern Segen bringe. Leider iſt es öfters die Erziehung, welche eiſerne Schlagbäume vor die un⸗ verdorbenen kindlichen Herzen und Gemüther zieht und, ſtatt die noch in ihnen ſchlummernden guten Eigen⸗ ſchaften zu wecken, zur Reife auszubilden, dieſe erſtickt. Was einmal todt im Kindesherzen iſt, wird nicht mehr lebendig. Meine ſelige Mutter— Sie wiſſen, daß ſie eine Bürgerliche, die Frau eines Apothekers war— 19 hatte den Grundſatz, nichts in mich hinein zu erziehen, wozu kein Keim in meinem jungen Herzen und Ge⸗ müthe lag. Sie ſah die Erziehung nur für die noth⸗ wendige Nachhülfe deſſen an, was urſprünglich Gutes und der Ausbildung Werthes in mir ruhte, und für eine eben ſo nothwendige Regelung unſtatthafter Nei⸗ gungen oder ernſtliche Bekämpfung von ſchlimmen Be⸗ gierden. Dabei beſchränkte ſie nie meine Freiheit, ſie ſah es gern, wenn ich ſpielte, fröhlich war, weil Kin⸗ derluſt die rechte Sonne fürs Kinderherz iſt. Das un⸗ freie, in ſeinem natürlichen Triebe nach Spiel und Frohſinn zurückgehaltene Kind, und wenn die wunder⸗ barſten Geiſtesgaben in ihm entfaltet würden, bleibt trotzdem ein trauriges, armes Weſen, es iſt eine künſt⸗ lich im Dunkel gezogene Pflanze ohne friſches grünes Leben. So, nach dieſem mütterlichen Beiſpiel, erzog ich meine Kinder und ich genieße jetzt die Früchte die⸗ ſer Erziehung— ich bin eine glückliche Mutter.“ „Ich erlaube mir nicht daran zu zweifeln“, ant⸗ wortete die Bernburgerin,„nur glaube ich, daß die Erziehung von Prinzen, die durch ihre Geburt zur Re⸗ gierung eines Landes beſtimmt ſind, verſchiedene Ab⸗ weichungen von dieſer Norm gebietet.“ „Unter allen Umſtänden legt die mütterliche Er⸗ ziehung den Grundſtein in ihre jungen Gemüther und 2* 20 Herzen, denn ſoviel ich weiß, werden Prinzen erſt mit dem erreichten ſechsten Lebensjahre der männlichen Er⸗ ziehung übergeben. Bis zu dieſer Zeit iſt die Kindes⸗ ſeele wie weiches Wachs für jeden Eindruck empfänglich. Das, was ſie aus dieſer Zeit, wo das Mutterauge, das Mutterherz über ihnen waltet, Gutes mit hinüberneh⸗ men in die, laſſen Sie mich ſagen, neue Lehrbahn, bleibt ihr Eigenthum für ihr ganzes Leben.“ Heiteres Gelächter unterbrach dieſe Unterhaltung, über welche die hohe Dame von Bernburg tiefen Ver⸗ druß empfand. Der Erbprinz kam mit ſeinem jüng⸗ ſten Bruder, Prinz Moritz, und dem jungen Fürſten Carolath in dem Baumgange einher, der in ſchnur⸗ gerader Richtung im Rondel mündete. Durch den Hinzutritt der drei Herren kamen ſofort Geſprächsthe⸗ mas in Anregung, welche die Betheiligung der Damen lebhaft in Anſpruch nahmen. Plötzlich rief der Erbprinz: „Was mir da einfällt! Ich habe Euch dreien“— er deutete auf ſeine Gemahlin und ſeine beiden Schwe⸗ ſtern—„eine Neuigkeit mitzutheilen, die mir ein Brief vom Grafen Frankenberg, den ich vor einigen Stunden erhielt, meldete.“ „Graf Frankenberg, der ſchleſiſche Cavalier, welcher uns in Bubainen ſo allerliebſt mit ſeinen Taſchenſpieler⸗ ſtückchen unterhielt?“ fragte ſeine Gemahlin. 4 21 „Derſelbe. Ihr erinnert Euch doch auch an ihn?“ „Warum ſollten wir nicht!“ rief Prinzeß Amalie lachend.„Ein luſtiger Cavalier, etwas in Jahren vor⸗ gerückt, aber ungemein liebenswürdig, der für jede Dame eine Artigkeit in Bereitſchaft hatte.“ „Ach Gott, ja. Er war ein perſonificirter Honig⸗ kuchen in dieſer Beziehung. Unſer durchlauchtiger Papa würde das kleine zarte Queckſilbermännlein mit curio⸗ ſen Augen angeſehen haben“, bemerkte Prinzeß Anna Wilhelmine. Dieſe Aeußerung rief allgemeines Lachen hervor, da Jeder wußte, daß Herr Leupold einen tiefen Wider⸗ willen gegen kleine männliche Perſonen hegte, die er mit der Bezeichnung„Schneider“ hinlänglich rubricirt glaubte, und der Erbprinz erklärte ſeiner gnädigſten Mama, aus einem Flügelmanne des Halleſchen Regi⸗ mentes ſeines gnädigſten Papas würden ſich bequem drei dergleichen kleine Figuren machen laſſen, wie be⸗ ſagter Graf Frankenberg glücklicher Inhaber einer ſol⸗ chen ſei. „Und was hat Frankenberg Dir geſchrieben?“ fragte die Gemahlin des Erbprinzen. „Daß Graf Fortunatus Almeslo ſeinen Stiefbruder erſchoſſen hat.“ „Ach mein Gott, der Unglückſelige!“ rief Prinzeß 22 Amalie.„Dieſer prächtige junge Cavalier voll heitern Lebensmuthes, dem wir alle ſo ſehr gewogen waren wegen ſeines chevaleresken Weſens, das er auf das anmuthigſte mit dem beſten Humor von der Welt zu verbinden wußte, iſt Mörder geworden?“ „Familienverhältniſſe ſollen ihn dazu getrieben ha⸗ ben. Frankenberg deutet flüchtig in ſeinem Schreiben an, daß die von Fortunatus' Vater geſchloſſene zweite Ehe einen Bruch mit dem Sohne herbeigeführt, der von ſeiner Stiefmama, einer herrſchſüchtigen Dame, gefliſ⸗ ſentlich immer mehr erweitert worden ſei, bei welchen Beſtrebungen deren Sohn erſter Ehe ſich ſtark bethei⸗ ligt habe, weshalb in einer unglücklichen Stunde der junge Graf alle Rückſichten vergeſſen und deſſen Mör⸗ der geworden ſei, eine That, welche ihn vor der Hand in den Kerker geführt habe. Welches Urtheil Seine Majeſtät der Kaiſer fällen wird, weiß noch Niemand.“ „Almeslo? Almeslo?“ fragte Fürſt Carolath.„Ich kenne die Familie, macht ein anſehnliches Haus in Breslau, hat bedeutenden Grundbeſitz in Schleſien und in ihrer Heimat, dem Osnabrückſchen, und heißt eigent⸗ lich Almeslo⸗Tappe. Irre ich nicht ganz, ſo hat Reichs⸗ graf Oberſt Joſt von Almeslo, der als ein wackerer Degen gut angeſchrieben bei Kaiſerlicher Majeſtät ſteht, eine Baroneſſe von Warkotſch geheirathet, mit der ich 23 während meines Aufenthalts in Breslau ein paarmal in Geſellſchaft zuſammengetroffen bin— eine Dame von nobelſter Repräſentation, große, ſtolze Geſtalt. Ihren Sohn, den jungen Baron, habe ich ebenſo we⸗ nig kennen gelernt wie des Oberſten Sohn, überhaupt Niemand weiter als den alten Herrn und die nunmeh⸗ rige Gräfin.“ „Dein Geſellſchaftsfräulein, Marie von Rönnenkamp, wird ſich über dieſe Neuigkeit wundern“, bemerkte die Erbprinzeß, zu ihrer Schwägerin Amalie gewendet, und fügte hinzu:„Wenn es auch nur leeres Gerede war, daß der junge Graf ihr die Cour mache, weil er einige⸗ mal ſie in ihrer Mutter Wohnung beſuchte, ſo wird ſie ſich doch gewiß mit großer Theilnahme ſeiner erin⸗ nern.“ „Gewiß. Sie ſoll es noch heute von mir er⸗ fahren.“ Die Diener brachten die Tafel ins Rondel getragen, weil man Herrn Leupold's Rückkehr von Halle mit je⸗ der Minute entgegenſehen konnte und der alte Herr es höchſt übel vermerkt haben würde, wenn er nicht Alles in Bereitſchaft gefunden hätte. Man verließ, um den Dienern Raum zum Serviren der Tafel zu laſſen, das Rondel und promenirte in den Gängen. Der Abend war prächtig. 24 Die ſchon tief nach Weſten geneigt ſtehende Sonne überglühte mit ihrem Goldglanze den bereits im er⸗ ſten Viertel ſtehenden Mond. In der lauen Luft ſummten Käferſchaaren, einzelne Grasmücken ſangen ihre lieblichen Abendweiſen, während Amſel und Pirole von ihren Neſtern aus geſchäftig die den überreichen Blätterſchmuck der hohen Bäume funkelnd durchbre⸗ chende Sonnenglut begrüßten und die Schwalben im leichten, raſchen Fluge und mit langgezogenem zwitſchern⸗ den Tone dahinſchwirrten. „Gehen wir nach dem Spielplatz der Kinder“, äußerte Frau Annelieſe.„Unſere liebe Couſine von Bern⸗ burg wünſcht ihren Friedrich ſich herumtummeln zu ſehen, auch Fiekchen iſt dort.“ Der Wunſch der gnädigſten Mama wurde ſofort zur Ausführung gebracht. Auf dem Spielplatze ging es luſtig her. Da tollte die kleine Welt auf dem ziemlich umfangreichen Raſen⸗ rund lärmend durcheinander. Hier hielt Frau Johanne Sophie Herre, die bürgerlich gebliebene Schwiegertochter Herrn Leupold's, das Regiment aufrecht und überwachte die Kinder. Dieſe wenn auch nicht mehr in der Jugendblüte ſtehende Dame behauptete eine ſeltſame Sonderſtellung in der fürſtlichen Familie, obwohl ſie durch ihre rechts⸗ 25 gültig geſchloſſene Ehe mit ihrem Gemahl, dem verſtor⸗ benen Erbprinzen, Mitglied derſelben geworden und genau auf dem Standpunkte gleichen Ranges und Wer⸗ thes ſich befand, wie Frau Annelieſe ſelbſt. Zu ſtolz, um ſich zu unterordnen, hatte ſie es verſtanden, ſich in vollkommenſter Unabhängigkeit zu erhalten. Sie beſaß zu viel Geiſt, um ihre Willensfreiheit dem Scheine einer Vornehmheit zu opfern, durch den gelegentlich doch ihre Herkunft als Tochter eines Brauers hervor⸗ ſchimmern und ſie zum Gegenſtande heimlicher Spötterei machen konnte, da ihr Gemahl nicht regierender Fürſt wie ſein Vater, als dieſer ſich mit der Apothekerstochter vermählt hatte, geweſen, noch es den Anſtrengungen Herrn Leupold's gelungen war, für die leiblichen Erben ſeines verſtorbenen Sohnes vom Kaiſer eine ihrer Ab⸗ kunft entſprechende Erhebung zu einer Adelswürde zu erlangen. So lebte ſie im vollſten Sinne des Wortes als eine gut ſituirte bürgerliche Freifrau außerhalb des fürſt⸗ lichen Familienkreiſes und doch in ſteter Berührung mit demſelben ſtehend. Ihre kluge Zurückhaltung und ihr feſtes, gemeſſenes Benehmen hatten Herrn Leupold zu einer Reſpektsäußerung gegen ſie bewogen, die ſonſt eben nicht in ſeiner Art lag, und dieſes Beiſpiel würde, wenn ja ein Widerwille gegen ſie, eine Geringſchätzung 26 ihrer Perſon bei einem Mitgliede der fürſtlichen Fa⸗ milie vorhanden geweſen wäre, was jedoch durch⸗ aus nicht der Fall war, als Maßſtab für die gegen ſie einzuhaltende Umgangsmanier betrachtet worden ſein. An den Tagen, wenn hoher Beſuch im Schloſſe anweſend war, vermied Frau Johanne Sophie Herre zu Beſuch bei Frau Annelieſe zu erſcheinen, dagegen hielt ſie ſtreng auf das ihr von Herrn Leupold ge⸗ währte Recht, ihre neun Kinder ſich im fürſtlichen Schloßgarten herumtummeln zu laſſen. Sie gehörten als ſeine Enkel von Gottes⸗ und Rechtswegen hierher. Ein ſolcher Fall hatte ſich heute ereignet durch den Beſuch der Bernburger Fürſtin, die es als eine abſicht⸗ liche Kränkung ihrer fürſtlichen Ehre angeſehen haben würde, in Geſellſchaft mit dieſer bürgerlichen Perſon zu kommen. Daher mußte die ſtolze Dame ſich auch ungemein durch das Bewußtſein verletzt fühlen, ihren kleinen Prinzen der Behütung derſelben übergeben und doch ein Dulden dieſes widerwärtigen Umſtandes ſich auferlegt zu wiſſen, um einen noch widerwärtigern Eclat zu vermeiden. Faſt eine halbe Stunde früher war es, als Doctor Stoll, angezogen durch den den ganzen Garten durch⸗ ſchallenden Kinderjubel, ſich nach dem Spielplatze begab, 27 weil ihm einestheils die Kinderluſt, die ſich hier ſo natürlich und durch keine künſtlichen Schranken zurück⸗ gehalten austollte, als eine Erfriſchung für Herz und Gemüth erſchien, und weil er im Stillen hoffte, Anna von Audritzky, wie das ja ſchon mehrere Male ſich ge⸗ troffen hatte, hier zu finden. Dieſer Wunſch erfüllte ſich nicht, er erblickte ſie nirgends. Wenn man auch ahnte, daß zwiſchen ihr und ihm eine Zuneigung ſtatt⸗ finde, ſo konnte man doch nichts Gewiſſes darüber denken und ſagen, denn weder Herr Leupold noch ſeine Gemahlin hatten eine Aeußerung fallen laſſen, welche Licht darüber gegeben hätte. Dies Schweigen ſeines fürſtlichen Gönners kam ihm ſehr erwünſcht, denn es gab ſeiner Stellung als Hofmedicus gewiſſer⸗ maßen mehr Freiheit. Nachdem er mit Frau Herre einige Worte geſpro⸗ chen, wollte er weitergehen, aber der in Haſt dem klei⸗ nen Bernburger Prinzen folgende Binſe kam ihm in den Weg. „Rapportire, daß ich von unſerer Frau Durch⸗ laucht Ordre erhalten, dieſen kleinen Prinzen— Don⸗ nerwetter, wo iſt der Knirps?— wollte, mit Reſpekt zu melden, Durchlaucht ſagen“, verbeſſerte ſich der Goliath und fügte, ſeinen Schutzbefohlenen unter den andern Knaben erblickend, befriedigt hinzu:„Da iſt er ſchon mitten 28 drin. Alſo ihn herzutransportiren, was ſomit geſche⸗ hen iſt.“ „Ja, Binſe, das beſtätige ich ihm“, antwortete die lächelnd aus dem Stuhle ſich erhebende Dame. „Und Er ſoll ſogleich mit Schlange ſpielen, das wird dem armen Kleinen viel Spaß machen. Wenn ſeine gnädigſte Mama hier wäre, dürfte er es freilich nicht.“ „Richtig, möcht'n in eine Schachtel packen, die Gnädigſte.“ „Dafür ſoll er ſich jetzt tummeln und lachen, damit er fühlt, wie glücklich Kinder ſein können.“ Nach dieſer Bemerkung betrat Frau Johanne das Raſenrund und rief die Kinder zuſammen, um ſie zum Schlangenſpiel zu ordnen. Binſe machte vor dem Doctor Honneur. „Immer im Dienſt, Binſe“, ſagte dieſer. „Immer auf'm Piket, Herr Hofmedicus. Das geht ſo lange, bis mal Feldwebel Klapperbein zum großen Appell ruft. Na, ich halt's aus, wenn nur der verflucht'ge Durſt nicht wär'.“ „Er hat ſich das viele Trinken angewöhnt, Binſe.“ „Freilich, aber warum? Nur aus Pflichtgefühl, Alles für meine Durchlaucht, ſoll mich der Teufel holen.“ 29 „Wie wäre denn das gekommen?“ fragte Doctor Stoll lachend. te„Soll der Herr Hofmedicus gleich capiren. Anno e. fünf hatten wir im Auguſt mit den Franzoſen böſe 8 Händel,'s war bei Treviglio und Caſſano, wo's wie en am jüngſten Tage herging und dabei'ne Sonnenglut, ch 3 daß viele von uns in Reih und Glied todt nieder⸗ fielen, und doch drauf und dran, das hieß was. Na, ie was wir an dem Tage durchgemacht, das läßt ſich nicht ſo leicht erzählen.„Binſe“, ſagte mein gnädigſter it Herr Leupold zu mir, als wir bis an den Hals den er 4 Kanal, Ritorto nannten ihn die Leute aus der Gegend id 4 dort, durchwateten, um die jenſeits ſtehenden Franzoſen tel zu packen, die gottesläſterlich in uns hineinpulverten, daß das Waſſer blutroth wurde und Hunderte von uns den elendiglichſten naſſen Tod fanden—,Binſe, bleib' Er feſt ſtehen hier und ſage Er dem Major des dritten 18 Bataillons, er ſolle, ſobald er das Ufer gewonnen, im m Laufſchritt ſoweit als möglich nach links debuſchiren, er daß die franzöſiſchen Höllenhunde ihr Feuer theilen 4 müſſen.“ Verflucht, war das'ne Commiſſion! Bis „ am Hals im Waſſer und von oben her eine Sünd⸗ l, flut von Kugeln, als regnete es— na, ich hab's richtig el ausgehalten,'s war'n Poſten, für den der Teufel ſich bedankt hätte. Die Franzoſen brachten wir aber richtig 30 weg, wir haben ſie auf gut Brandenburgiſch mit Ba⸗ jonett und Kolben gekitzelt und das hielten ſie nicht aus.“ „Ich glaube, die beſten Freunde können das nicht vertragen“, ſtimmte Doctor Stolle lächelnd bei. „s iſt ſo, Herr Hofmedicus. Aber weiter. Am andern Tag ſchenkte mir der Durchlauchtige einen Silberthaler, und weil ich doch von'nem Franzoſen 'nen ganz verflucht'gen Kolbenſchmiß ans Bein gekriegt hatte, daß ich nicht marſchiren konnte, mußte ich zu ſeiner Equipage und ſollte mich pflegen, weil, wie er ſpaßhaft ſagte, es um einen ſo lang gerathenen Schla⸗ getodt, wie ich einer ſei, ſchade wäre. Der Durchlauch⸗ tige war aber bei alledem auch nicht von Eiſen und 'n hitziges Fieber packte ihn. Er mußte nach Brescia gebracht werden, wo unſere durchlauchtigſte Frau, die ihm damals noch auf allen Feldzügen nachreiſte, in größter Eile zu ſeiner Pflege eintraf. Na, das muß ihr der Neid laſſen,'ne beſſere Pflege als die ihre hätte er nicht finden können. Kaum war's Fieber ge⸗ dämpft, kriegte der Herr einen faſt gar nicht zu lö⸗ ſchenden Durſt. Waſſer ſollte er trinken— der Durch⸗ lauchtige und Waſſer! Den Dokter hieß er ſich zum Teufel ſcheren und's mußte Wein hergeſchafft werden, den wollte er haben. Die gnädigſte Frau war in To⸗ 31 desangſt. Da legte ich mich aber ins Mittel.„Durch⸗ laucht“, ſagte ich zu ihr,„ans Naſſe hat mich der gnä⸗ digſte Herr gewöhnt. Im Canal Ritorto hat er mich bis an den Hals im Waſſer als verlorenen Poſten ſtehen laſſen, da wird's wohl paſſen, daß ich's Naſſe jetzt in den Hals kriege.“ Und's ging,'s ging prächtig. Durchlaucht lag hinter einem Bettſchirm im Duſter, ich ſaß vor dieſem. Wenn er ein Glas Wein trank, trank ich, von ihm ungeſehen, aus der mir von der Gnädigſten verſtohlen zugeſchobenen Flaſche auch eins, und ſo täuſchten wir ihn, er glaubte ſteif und feſt, er habe die Flaſchen allein ausgeleert. In den zwei Wo⸗ 3 chen, bis er's Bett verließ, kam ich nicht aus dem Duſel — 4 und ſeitdem habe ich den grimmigen Durſt. Waſſer 1 vertrage ich nicht, Wein kommt bei unſereinem nicht vor, alſo habe ich mich an Schnaps gewöhnen müſſen. ,'s iſt'n fortwährendes Opfer, das ich meinem Durch⸗ z lauchtigen bringe.“ 1„Und ſeine Salome hilft Ihm treulich, wie ich bemerkt habe“, ſetzte der Doctor, ergötzt von des ehr⸗ lichen Goliaths Einbildung, ſich als lebendiges Denk⸗ mal der Treue gegen ſeinen Herrn zu denken, hinzu, da er wohl wußte, daß an der ganzen Geſchichte nichts Wahres und Binſe nur durch vielen Genuß hitzigen italieniſchen Weins, den er umſonſt gehabt hatte, in 32 eine Art Delirium gerathen war, aus dem ihm dieſe merkwürdige Idee geblieben, welche, mit wirklich ge⸗ ſchehenen Vorgängen untermiſcht, bei ihm zur feſten Ueberzeugung eines Selbſterlebniſſes geworden war. „Meine Salome,'s iſt'n alter Drache,'s iſt wahr; aber nebenbei eine gute Seele. Wenn ſie'’s im Oberſtübchen hat, wird ſie hölliſch fromm und ſingt mir Lieder aus dem Geſangbuch vor. Das erbaut mich allemal, unſereiner iſt doch auch'n guter Chriſt.“ Für ein ſo ſehr zur Heiterkeit geneigtes Gemüth wie das des Herrn Hofmedicus war die nähere Be⸗ kanntſchaft mit dieſem würdigen Ehepaare, welches ge⸗ legentlich in einen chriſtlich⸗frommen Rauſch ſich zu verſetzen liebte, ein ausdauernder Gegenſtand für Kurz⸗ weil. Die Wohnung, welche Herr Leupold dem Doctor hatte anweiſen laſſen, befand ſich in demſelben Eckhauſe der Cavalier⸗ und Hospitalſtraße, vor welchem Frau Binſe ihr kleines Hökergeſchäft ſeit Jahren ſchon etablirt hatte. In dieſem nur von zwei Parten be⸗ wohnten Hauſe führte der invalide Flügelmann Binſe das Regiment eines Hausmeiſters mit der minutiöſen Pünktlichkeit eines alten Soldaten, und dieſe Tugend des Alten kennend, hatte Seine Durchlaucht es für ganz annehmbar gefunden, daß der Doctor denſelben 4 33 auch als einen höchſt brauchbaren und mit der Oert⸗ lichkeit und ſonſtigen Verhältniſſen ziemlich vertrauten Diener verwenden ſolle, worauf dieſer ohne Bedenken einging. Binſe führte als Bezeichnung der beiden Po⸗ ſten, als Hausmeiſter und Diener des Doctors, den Titel Calfactor, den man im Deutſchen ſo recht eigent⸗ lich mit„Hauswebel“ wiedergeben könnte. Der ziemlich öden Cavalierſtraße möglichſt durch Bewohner zu einem lebhaftern Verkehr zu helfen, war Herrn Leupold's unausgeſetztes Beſtreben und er nahm jede Gelegenheit dazu wahr, weshalb er perſönlich zu Frau Binſe ſich verfügt hatte, um über die in dem erwähnten Hauſe leer ſtehende Wohnung Rückſprache zu nehmen, welche, wie der Erfolg bezeigte, ganz zu ſeiner Zufriedenheit ausfiel. Es gehörte, wenn der alte Herr in Deſſau anweſend war, zu ſeinen faſt täglichen Beſchäftigungen, ſich in ſeiner Reſidenz um⸗ zuſehen, in die Bürgerhäuſer zu gehen und ſich um die Verhältniſſe der Leute zu kümmern. Man war das ſo gewohnt, daß Niemand etwas Auffälliges darin fand, ihn in lebhafter Unterhaltung mit Frau Binſe zu ſehen, deren Mundwerk, wie man wußte, eine ganz beſondere Aehnlichkeit mit einem von einem ſtarken Waſſer in lebhaften Umſchwung geſetzten Mühlrad beſaß. Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. II. 3 34 Zudem war es allgemein bekannt, daß dieſe wür⸗ dige Hökerin noch bei Lebzeiten ſeiner höchſtſeligen Mutter in der Hofküche gedient hatte, eine Zeit, von der der Fürſt oft und gern ſprach. Frau Binſe liebte dieſe Erinnerungen aus jener lange in nebelhafte Däm⸗ merung verſunkenen Zeit ebenfalls und ihr durch das Zurückdenken aufgefriſchtes Gedächtniß vergnügte Herrn Leupold ſehr, weil ihm dadurch Kleinigkeiten in Erin⸗ nerung gebracht wurden, die ihm, den von ſo vielen andern Vorkommniſſen Abgezogenen, im Verlaufe der Zeit entfallen waren. Mit Erſtaunen erfuhr Frau Binſe, daß derſelbe Fremde, der ſie„alter Drache“ ge⸗ nannt und den Judenknaben ihrer Fauſt entriſſen hatte, der neue Miethbewohner war. „Nun, ſteh' uns Gott bei! das wird ein ſchlechter Faden werden, den wir zuſammen ſpinnen!“ eiferte Frau Binſe ſehr erregt.„Ich ein alter Drache— das hat mir noch keine Menſchenſeele geſagt! Er ſoll ſich's doch ja nicht einfallen laſſen, mir gegenüber den Ritter Georg herausſtecken zu wollen, der den Drachen an den Boden ſpießt, da hat er ſich verflucht verrechnet. Denken Eure Durchlaucht, unſereins läßt mit ſich ſpielen, als wäre man ein in die Krallen einer Katze gerathenes Mäuslein? Lange noch nicht, nicht daran zu denken. Ich bin ein Soldatenweib, das will was ſagen.“ 35 „Schwerenothshexe, wird ſie mich wohl zu Worte kommen laſſen?“ ſchnauzte der alte Herr ſie an. „Wegen mir können Eure Durchlaucht reden, aber ich rede auch. Das iſt mein Recht, dafür hat mir der Herrgott eine Zunge gegeben, und das Recht brauche ich noch, wenn ich ſchon halbtodt bin.“ „Brauche Sie's zum Teufel, wenn Sie ſchon im Grabe liegt, jetzt aber halte Sie's Maul und horch' Sie zu, was ich Ihr ſage.“ „Mir kann's recht ſein; aber den Drachen vergeſſe ich nicht.“ Der Durchlauchtige erklärte ihr, daß er den Doctor überwacht zu ſehen wünſche, und dazu halte er Nie⸗ mand für geeigneter als ſie. Natürlich dürfe dieſer das nicht merken und er, Herr Leupold, halte ſie für eine Frau, die klug genug ſei, um einen ſolchen geheimen Auftrag zu ſeiner vollſten Zufriedenheit auszuführen. Dieſe ſchmeichelhafte Anerkennung beſiegte Fraul Binſe vollſtändig. Sie ahnte nicht, daß Seine Durchlaucht ihr etwas aufgebunden und nicht im entfernteſten an eine Ueberwachung des Doctors dachte. Welcher Grund hätte dazu vorgelegen! Doctor Stolle träumte ebenfalls nichts davon, daß er in Frau Binſe eine geheime Feindin habe, die nicht ſo verſöhnlicher Natur war, um ihm eine Beleidigung 3 36 zu vergeben, ſo freundlich ſie ſich auch anſtellte. Er bemerkte wohl, daß ihre Freundlichkeit gegen ihn ſich nicht gleich blieb, zuweilen einen herzlichern Anſtrich hatte, zuweilen aber wie erzwungen erſchien. Dieſer Wechſel berührte ihn indeß zu wenig, um der Urſache deſſelben nachzuſpüren. Frau Binſe beſaß nichts von jener matronenhaften Gutmüthigkeit, die ſelbſt mit einer unſchönen Perſönlichkeit verſöhnt, das Element der Rohheit waltete zu ſehr in ihrem Weſen vor, um ihr in ſeinen Augen auch nur das geringſte Intereſſe zu geben. Anders war es dagegen zwiſchen ihm und ihrem Manne. Dieſer ausrangirte Flügelmann, der an dem in ſeinen Jahren nicht mehr zu heilenden Uebel im⸗. merwährenden Durſtes litt, war die Gutmüthigkeit ſelbſt und der Doctor überzeugte ſich bald, daß der Mann ein durch und durch ehrliches Gemüth war, dem es ein großes Vergnügen verſchaffte, wenn er Jemand fand, der ſeinen Erzählungen als ſeiner militäriſchen Glanzzeit geduldig zuhörte. Wenigſtens übte dies ge⸗ wiſſermaßen einen Reiz auf den Doctor. Er ſah den alten Kriegsknecht dabei aufleben, es überkam denſelben ein guter Geiſt, welcher ihn gleich⸗ ſam aus ſeinen nicht nur dürftigen, ſondern auch ſehr niederdrückenden Verhältniſſen emporhob und auf kurze Augenblicke ſie vergeſſen ließ. War das Soldatenthum * 4 4 jener Zeit auch ein ſehr elendes Schickſal, ein Brand⸗ mal auf das Beſſere im Menſchen, ſo hatte es doch in den Augen des Invaliden immer einen Nimbus von Glanz gehabt, an dem er ſich jetzt noch ergötzte. Gegenüber ſeiner Ehehälfte beſaß Gottlieb Binſe keine Autorität, ſie führte das Regiment, wenn in einem ſo ärmlichen Hausſtande, wie der ſeine, überhaupt vom Regimentführen die Rede ſein kann. Seine etwas lang⸗ gedehnte Sprechweiſe und die Schwierigkeit, den Laut R rund und ſcharf auszuſprechen, was ihm nicht immer gelang, ſondern öfters in ein belachenswerthes Schnar⸗ ren ausartete, verſetzten ihn von vornherein in den offen⸗ barſten Nachtheil ihrer ſchlagfertigen Zunge gegenüber, und nur dann wandelte ſich dies Verhältniß von Herr⸗ r ſchen und Dulden um, weun Frau Salome Binſe zu⸗ m weilen in Gemeinſchaft ihres langen Eheherrn dem d Genuſſe des Branntweins ſich hingegeben. Dann trat n bei ihr, wie bei einem Fieberkranken ein jäher e⸗ Sprung von Hitze zu Kälte, ein totaler Umſchlag in der Sinnesart ein, und das Geſangbuch vor ſich auf 88 dem Tiſche, fühlte ſie ſich von deſſen Liedern förmlich h⸗ zerknirſcht, in welchem Zuſtande von Herzenserweichung hr ſie dem Doctor, der zufällig einmal in ſolch einer Er⸗ ze bauungsſtunde ihre Wohnung betrat, um dem Manne einen Auftrag zu ertheilen, die Hände küßte, ohne daß 38 er ſie daran hindern konnte, und viel von der Zerſtö⸗ rung des alten Drachen ſchwatzte, was er indeß nicht verſtand und ſich auch nicht gemüßigt fühlte, ein Ver⸗ ſtändniß davon zu erlangen. In der faſt zweimonatlichen Dauer ſeines Aufent⸗ halts zu Deſſau hatte der Doctor ſchon eine ziemlich ſtarke Praxis erworben. Man ſah den jungen Mann begünſtigt von Seiner Durchlaucht, und da man zu⸗ gleich die Nothwendigkeit erkannte, in Krankheitsfällen ſich von einem Arzt behandeln zu laſſen, deſſen Wiſſen die neuen Errungenſchaften tiefer Forſchungen auf dem Gebiete ſeines heiligen Berufs nicht fremd waren, ſo war er in der kurzen Zeit ſchon ſtark in Anſpruch ge⸗ nommen worden und hatte in den vornehmern Fami⸗ lien Eintritt gefunden. Manche glaubten dadurch Herrn Leupold's Gunſt ſich zu ſichern, manche hat⸗ ten bezüglich ihrer Töchter Abſichten in petto, die ſich möglicherweiſe realiſiren laſſen konnten, da der Doctor noch ein junger lediger Mann und die Partie mit einem Hofmedicus als eine ſehr gute zu betrachten war. Es gab Tage, an denen er ſich ſo ſehr beſchäftigt ſah, daß er kaum in der Abendzeit eine Erholungsſtunde im Schloßgarten ſich abmüßigen konnte. Auch heute war dies der Fall geweſen, und als er den langen Binſe verlaſſen, hegte er nicht den Wunſch, 4 ſich die kurze Erholungsſtunde durch geſellſchaftlichen Zwang verkümmern zu laſſen. Er wendete ſich daher den Gartenpartien zu, die, entfernt genug von dem lauten, luſtigen Kindertreiben und dem von der fürſtlichen Fa⸗ milie gewöhnlich in Anſpruch genommenen Rondel, durch ihre Ruhe ſich empfahlen. Dieſe ſtillen Gartengänge waren ihm beſonders lieb geworden; Anna hatte es möglich zu machen gewußt, mit ihm daſelbſt mehrere Male zuſammenzutreffen, und durch dieſe wenn auch nur auf kurze halbe Stunden ſich ausdehnenden und von Niemand beachteten Rendezvous hatte dieſe park⸗ ähnliche Gartenabtheilung einen großen Vorzug vor den andern viel beſuchten in ſeinen Augen gewonnen. Heute promenirte er durch dieſe von den funkelnden Lichtern des Abendſonnengoldes prächtig erleuchteten ſtillen Wege, er hoffte, Anna kommen zu ſehen; aber dieſer Wunſch erfüllte ſich nicht, er blieb der einzige Beſucher dieſer ſchweigſamen Baumgänge. Indem er langſam dahinwandelte, bemerkte er, nach einer um einen Lindenſtamm laufenden Rundbank blickend, wo er einmal mit ihr geſeſſen, daß unter dieſer ein Pa⸗ pier lag. Nirgends anderswo würde das auffällig geweſen ſein, hier war es jedoch dies um ſo mehr, als ſich keine Urſache denken ließ, warum von den zeitweilig hier Promenirenden ein Papier weggeworfen 40 worden ſein ſollte, und überdies konnte letzteres auch erſt ſeit Nachmittag hier liegen, denn in den Vormittags⸗ ſtunden beſchäftigten ſich die Gartenarbeiter mit dem Reinigen der Gänge. Neugierig trat Doctor Stoll näher und zog mit ſeinem Stocke das Papier unter der Bank vor. Es war ein vierfach zuſammengefaltetes Blatt feinſten holländi⸗ ſchen Poſtpapiers. In dieſer Form konnte es nur ver⸗ loren worden ſein, ein abſichtliches Wegwerfen deſſelben ließ ſich nicht denken. Er gewahrte eine feine Hand⸗ ſchrift in eng an einander ſtehenden Zeilen und nahm es auf. Bei etwas näherer Betrachtung ſtellte ſich das auf beiden Seiten beſchriebene Blatt als ein Brief heraus. Er ſuchte nach der Unterſchrift und fühlte ſich nicht wenig überraſcht, als er dieſe fand und den Na⸗ men Fortunatus Almeslo las. Wie? Hatte er recht geleſen? Ein Graf Fortu⸗ natus Almeslo war vor drei Jahren in Breslau bei einer auf der Oder mit Freunden unternommenen Kahn⸗ partie ſein Retter vom Tode des Ertrinkens geworden. Er mußte hier mit dem, welcher das Briefblatt ver⸗ loren, in brieflicher Verbindung ſtehen, und um deſſen Namen zu erfahren, da er es dem, welchem der Verluſt vielleicht ſehr unangenehm ſein konnte, zurückſtellen wollte, entſchloß er ſich zur Durchleſung des Inhalts. 41 Keine Anrede, keine Ueberſchrift ſtand dem Inhalt voran, woraus er folgerichtig ſchloß, daß dies einzelne Blatt, weil der ganze Bogen für den Briefſchreiber nicht ausreichend geweſen ſein müſſe, nur als Beilage zu betrachten ſei, die jedoch im unmittelbarſten Zuſam⸗ menhange mit dem vorhergehenden Inhalte ſtand. Auf die Bank ſich niederlaſſend, las er Folgendes: „Mein Verhältniß hier im Vaterhauſe iſt mir in der Seele zuwider. Mein Vater befindet ſich ganz in den Händen ſeiner zweiten Gemahlin, einer Baroneſſe von Warkotſch, einer überſtolzen Dame, welche keine andere Aufgabe zu haben ſcheint, als mich bei ihm zu verdächtigen. Es wird mir fühlbar und ich finde es aus Allem heraus, daß ſie langſam, aber ſchlau und ſicher auf ihr Ziel losſteuert, das kein anderes iſt, als mir mein Erbtheil zu entreißen, um es ihrem Sohne aus ihrer erſten Ehe zuzuwenden, welcher am Wiener Hofe in der Charge eines Cavaliers der Kaiſerin Ma⸗ jeſtät ſteht. Perſönlich habe ich dieſen Stiefbruder nur ein einzig Mal geſehen. Er war zuletzt zu Beſuch hier, als ich bei Dir, meine theure, inniggeliebte Marie, in dem ſtillen, glücklichen Aſyl der Tappenburg weilte, und ſo unſaglich ſchöne Tage mit Dir verlebte. Wenn ich mich voll Zorn und voll Schmerz über, das ganze nichtswürdige Verhältniß zu meinem Vater⸗ 42 hauſe faſt erdrückt fühle und die Erinnerung an unſer reizendes Stillleben in der Tappenburg in meinem Herzen aufſteigt, dann iſt es nicht anders, als bräche eine prächtige goldfunkelnde Morgenſonne durch ſchwere nächtige Wetterwolken hindurch und übergöſſe mit ihrem blendenden Glanze meine Seele, daß Alles von ihr abfällt, was mir das Leben hier ſo zuwider macht. Mein Vater, ſo ganz in den Banden meiner Stiefmut⸗ ter, hat großes Wohlgefallen an dem kaiſerlichen Hof⸗ cavalier gefunden und lobt ihn, um mich zu kränken, bei jeder Gelegenheit. Ha, wenn er wüßte, daß Du meine Gemahlin biſt, daß wir durch Prieſters Segen rechtmäßig einander fürs ganze Leben angetraut ſind! Er würde raſend, denn die Frau Baroneſſe— die Feder ſträubt ſich in meiner Hand, ſie, die mir Verhaßte, Stiefmutter zu nennen— hat es gut eingefädelt, mich mit ihm vollſtändig zu entzweien, einen nicht wieder gut zu machenden Bruch zwiſchen Vater und Sohn herbeizuführen. Ich ſoll, wie ich im Vorſtehenden ſchon erwähnt, einer Gräfin Wilczek die Hand reichen, die eine der hohen Adelsdamen unſeres Breslau iſt. Ob die Frau Baroneſſe Stiefmama eine Ahnung davon hat, daß ich Dein glücklicher Gemahl bin, und mir ein Bein ſtellen wiull, um den Vater wegen Ablehnung dieſes ————— 43 Heirathsprojectes von meiner Seite in Zorn gegen mich zu bringen, ich weiß es nicht; aber wie es auch kom⸗ men mag, ich treibe es jetzt zur Entſcheidung. Du bleibſt ewig mein, ewig! Marie, zage nicht, wanke nicht in dem Glauben an mich! Es wäre eine Sünde, die Du an mir begehen würdeſt, wenn nur der leiſeſte Zweifel an meiner Treue Dein Herz beſchliche. Unſere Ehe muß ſo lange Geheimniß bleiben, bis—“ Ein leiſes Kniſtern, als ob Jemand raſch daher⸗ käme, drang in des Doctors Ohr. War es vielleicht Anna? Warum er aufſtand, das beinahe ganz zu Ende gele⸗ ſene Blatt in ſeine Taſche ſchob und hinter das ziemlich hohe, in geringer Entfernung von der Linde befindliche Strauchwerk trat, war ihm ſelbſt nicht klar. Das Kni⸗ ſtern in den gut gehaltenen, mit Kiesſand beſtreuten Wegen war ſchnell näher gekommen und mit Ueber⸗ raſchung ſah der Doctor aus ſeinem Verſteck Fräulein von Rönnenkamp haſtig nach der von ihm verlaſſenen Bank eilen. „Auch hier nicht, auch hier nicht!“ hörte er ſie leiſe und in großer Angſt ausrufen.„Mein Gott, wo kann ich das Blatt verloren haben! Wenn es in falſche Hände geräth, iſt mein Geheimniß entdeckt. Muß denn auch dieſes Unglück noch mich treffen! Ich habe ja keinen andern Zufluchtsort als hier!“ 44 Die Hände vor die Augen ſchlagend, hörte der Verborgene ſie heftig weinen und fühlte ſich von ihrem aufrichtigen Kummer tief ergriffen. Er trat hinter dem ihn bergenden Strauchwerk hervor, ein abſichtliches Räuspern von ihm machte ſie aufmerkſam und der Schreck, den Doctor zu erblicken, entriß ihr einen halb⸗ erſtickten Aufſchrei, ſie wankte und nur des Doctors rechtzeitiges Herzuſpringen hielt ſie, die von einer Ohn⸗ macht Angewandelte, vom Falle zurück. Da die Bank in unmittelbarer Nähe war, ſetzte er ſie auf dieſe und ſich neben ſie, um ſie durch das Einathmenlaſſen von Salmiak, den er ſtets bei ſich zu führen pflegte, zu ſich zu bringen. Das leichenblaſſe Antlitz der jungen Dame lehnte an ſeiner Bruſt. Seine Aufmerkſamkeit war nur mit ihr beſchäftigt, und ſo bemerkte er nicht, daß eine Dame von der andern Seite des an der Rundbank vorüberführenden Weges raſch daherkam und bei dem ſich ihr bietenden Anblick wie vom Entſetzen gelähmt ſtehen blieb, dann aber, als ſich die Ohnmäch⸗ tige langſam von des Doctors Bruſt aufrichtete, ſchnell zur Seite trat und, wie von einer Betäubung erfaßt, ſich an einem Baumſtamm anhielt, als bedürfe ſie einer feſten Stütze. Es war Anna von Audritzky. Der Vorgang, deſſen ſie Zeuge geworden, hatte einen ſo —— 45 er verſtörendeu Eindruck auf ſie gemacht, daß ſie ſich erſt mn davon erholte, als ſie das Geräuſch von Schritten im m Kiesſande vernahm. Sie blickte nach den Beiden hin, es welche langſam miteinander in derſelben Richtung, von er wo Fräulein von Rönnenkamp hergekommen, die Rund⸗ b⸗ bank verlaſſen hatten. Der Doctor führte ſie am Arme. rs Als ſie ihr aus den Augen geſchwunden waren, n⸗ ging Anna von Audritzky, den Kopf auf die Bruſt ge⸗ nk neigt, zurück. In ihr ſtilles Glück war plötzlich ein deſſen Blüten zerſtörender Reif gefallen. Zweites Kapitel. Wir knüpfen hier die Schilderung der Erlebniſſe des Fräuleins Marie von Schlubuth an, welche als Geſellſchaftsfräulein der Deſſauiſchen Prinzeß Amalie den Namen von Rönnenkamp trug. Die wahre Liebe iſt ſeltener das Werk jahrelangen Umgangs als das eines Augenblicks, der zündend im Menſchenherzen eine Flamme ins Leben ruft, deren Fortdauer eine immerwährende Gegenwart iſt, weil ſie ſich ſtets gleich bleibt, wie alles wahrhaft Heilige. Die Zukunft ändert an ſolcher Liebe nichts. Ein ſo innig mit allen Seelenfäden verwebtes Empfinden vereinte Marie und den Grafen Fortunatus Almeslo; es war ein unausgeſprochenes Glück, das beide einander ent⸗ 47 gegenbrachten und welches ſie als den ſüßeſten Wohllaut, der je die Menſchenbruſt durchdringt, doch mit einer gewiſſen Scheu lange vor einander ver⸗ ſchwiegen. 1 An dem improviſirten Hoflager zu Bubainen, konnte den beobachtenden Blicken der kleinen Hofgeſellſchaft die Zuneigung nicht entgehen, welche Graf Fortunatus dem ſchönen Fräulein von Rönnenkamp widmete, indeß ob dieſe Neigung eine wirklich ernſtliche und ob das Fräulein ſelbſt, welches nur zuweilen der Aufforderung der ihr ſo gütig geſinnten Prinzeß Amalie, im Schloſſe zu erſcheinen, Folge leiſtete, dem jungen Cavalier ge⸗ wogen ſei, davon verlautete nichts und der Umſtand, daß Mariens ſchwer erkrankte Mutter die aufmerkſamſte Pflege ihrer Tochter bedurfte und dieſe dadurch den Berührungen mit dem Hofe gänzlich entzogen wurde, drängte dieſe Vermuthungen bald ſo ſehr in den Hin⸗ tergrund, daß ſie der Vergeſſenheit anheimfielen. Frau von Schlubuth empfing öftere Beſuche der Prinzeß Amalie und des jungen Grafen, der ihr ehrlich und offen ſeine Liebe zu ihrer Tochter geſtand. Hatte auch der Graf noch die Einwilligung ſeines Vaters beizubringen, ſo glaubte er doch, daß ſie ihm nicht vorenthalten bleiben, im Gegentheile, da es des Vaters Wunſch ſein mußte, ihn, den Sohn ſeiner erſten Ehe, 48 welcher ſo wenig mit ſeiner Stiefmutter harmonirte, aus dem Hauſe entfernt zu ſehen, ohne Zögern ertheilt werden würde, und ſo überließ ſich die kranke Dame der etwas voreiligen Ueberzeugung, ihres geliebten Kindes Glück für die Zukunft begründet zu ſehen, und gab ihren Segen zu dieſer Verbindung. Um jede Schwierigkeit hinſichtlich ihres Nachlaſſes zu beſeitigen, ließ Frau von Schlubuth ſich zurück nach Königsberg bringen, wo ſie einen rechtſchaffenen Advo⸗ caten kannte, der deshalb vermögenslos geblieben, weil er nur auf geraden Wegen gegangen und ſein Amt ſtreng nach den Begriffen des moraliſchen Rechts, nie nach den vagen und kniffenreichen Grundſätzen vieler ſeiner Berufsgenoſſen erfüllt hatte. Dieſen wackern Anwalt der Armen machte ſie zum Teſtamentsvoll⸗ ſtrecker und es kam nun die große Beruhigung in ihr Herz, die Zukunft ihrer Tochter mit der Umſicht einer ſorgſamen Mutter beſtellt zu haben. In Königs⸗ berg bewohnte ſie wieder das Haus in der Vorſtadt, in dem der Potsdamer Cantor Ritter ſein Quartier hatte. Auch für deſſen Tochter Doris bereitete ſich ein neuer Lebensabſchnitt vor. Gram und Kummer hatten des Vaters Geſundheit gebrochen, ein böſes Lungenleiden ſtellte ſich als Vorläufer des Todes bei ihm ein. Der ſo — 49 natürliche Wunſch, ſeine gebrandmarkte Tochter vor ſei⸗ nem Lebensende verſorgt zu ſehen, trübte, da ſich ihm keine Ausſicht dazu erſchloß, ſeine Tage gar ſehr. Da fand ſich ganz unerwartet ein Freier für die ſchöne Doris; es war der Fuhrwerksbeſitzer Schomer, ein noch ziemlich junger Mann, von dem man zwar ſagte, er ſei ein Leichtfuß, der wenigſtens drei Viertel ſeines ihm vom Vater hinterlaſſenen Vermögens ſchon durch⸗ gebracht habe, indeß konnte dieſe Rederei kein ernſt⸗ liches Hinderniß für den Glauben ſein, daß er verheirathet ein anderer Mann werden würde. Das Fuhrwerks⸗ geſchäft war, ordentlich und einſichtig betrieben, unter allen Umſtänden ein gut nährendes, und derartigen Vor⸗ ſtellungen ihres Vaters wußte Doris nichts Gegründetes entgegen zu ſetzen, obwohl ſie ihrer Freundin Marie von Schlubuth unter vielen Thränen verſicherte, es ſei ein ſehr ſchweres Opfer, das da von ihr verlangt werde. Dieſe Ehe wurde geſchloſſen und ſchien anfänglich die Befürchtungen der ſchönen Doris Lügen zu ſtrafen, indem ſie ſich ſehr glücklich anließ. Frau von Schlubuth hatte noch die Freude, den Grafen Fortunatus zurückkehren zu ſehen. Nun wußte ſie, daß ſeine Liebe zu Marie eine wahrhafte ſei. In Gegenwart ihres Sachwalters legte ſie ihrer Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. II. 4 50 Tochter Hand in die ſeine und bat den Advocaten, für deren kirchliche Einſegnung Sorge zu tragen, da ſie es nicht mehr könne. Ehe noch der Tod ihr die Augen ſchloß, war ihre Marie die Gemahlin des Grafen ge⸗ worden. Ein Königsberger Pfarrer, welcher von frü⸗ herher die Familie Schlubuth kannte, hatte kein Be⸗ denken getragen, den Wunſch der Sterbenden zu erfül⸗ len. Die Trauung war ſo unbemerkt geſchehen, daß Niemand in der Stadt eine Ahnung davon hatte; der Sachwalter und Frau Doris Schomer waren die einzigen Zeugen dieſer kirchlichen Handlung geweſen, letztere ſelbſt, ohne daß ihr Gatte etwas davon erfuhr. Einen Monat nach dem Tode der Mutter verließ Marie ihre Vaterſtadt, ohne daß es kund wurde, wohin ſie ſich zu wenden beabſichtige. Man nahm an, daß ſie nach Bubainen übergeſiedelt ſei. Dort war unterdeß ein ſehr raſcher Wechſel der Dinge vor ſich gegangen. Der im December 1737 eingetretene Tod des deſſauiſchen Erbprinzen Wilhelm Guſtav veranlaßte Herrn Leupold, ſeinen mit der Miſſion, Bubainen zu einem Hoflager zu machen, betrauten zweitgeborenen Prinzen Leupold Maximilian, welchem nun geſetzlich die Erbfolge zufiel, nach Deſſau zurückzurufen, und Bubainen war nun ver⸗ einſamt. Marie begab ſich mit ihrem Gemahl keines⸗ 51 wegs nach Bubainen, ſondern nach dem im Osnabrück⸗ ſchen gelegenen Stammgute der Grafen Almeslo; die Tappenburg, ein kleines Schloß, nahm ſie auf. For⸗ tunatus war überzeugt, daß dies von Wäldern gleich⸗ ſam verſteckte Schloß das beſte und ruhigſte Aſyl für ſeine Liebe ſei, da ſeit langen Jahren Niemand von ſeiner Familie als allein er hierher gekommen war und Beſuch jetzt noch viel weniger zu erwarten ſtand, da ſeine Stiefmama jedenfalls kein Behagen daran finden werde, nur kurze Zeit in dieſer Wald⸗ einſamkeit zu verbringen. Von dem Verwalter des Osnabrückſchen Grund⸗ beſitzes, einem biedern Weſtfalen, war er ebenfalls feſt überzeugt, daß er ſeinem Vater gegenüber ein unverbrüchliches Schweigen über ſeiner Gemahlin ge⸗ heimen Aufenthalt hier beobachten werde; aber daß ein anderer Verräther ſeines heimlichen Glückes ſich gegen ihn im Verlaufe der Zeit erheben könne, daran hatte er freilich nicht gedacht. Der Pfarrer der gräflichen Hauptbeſitzung, nicht beſonders von ihm beachtet, da Fortunatus deſſen geiſtlichen Hoch⸗ muth zu widerwärtig fand, um in nähern Umgang ſich mit ihm einzulaſſen, erfuhr zu ſeinem Erſtaunen, daß der junge Graf ein lebendiges Kleinod auf Schloß Tappenburg mitgebracht habe, in deſſen Beſitz er ſich 48 4 52 ſehr glücklich fühle. Bei einem jungen Herrn ſo hohen Standes war das freilich nicht beſonders zu verwun⸗ dern, wohl aber erregte es den Zorn des Pfarrers aufs höchſte, als er nach angeſtellter Nachforſchung die nicht zu beſtreitende Thatſache inne wurde, daß dieſe junge Dame ein proteſtantiſche Ketzerin und, nach Allem zu ſchließen, wirklich die angetraute Gemahlin des jungen Grafen ſei. Es ſchien ihm nothwendig, dieſen Skandal dem Grafen Vater mitzutheilen, mit der Anfrage, ob dieſe Heirath mit deſſen Bewilligung geſchehen ſei. Fortu⸗ natus hatte keine Ahnung, welches Wetter über ſein ſtilles Glück heraufbeſchworen wurde, auch nicht eine Spur von Befürchtung warf einen Schatten in ſein vom Sonnenſchein des trauteſten Verhältniſſes durch⸗ leuchtetes Herz. In Breslau wußten ſie, daß er hier lebte. Wer mußte froher ſein als ſeine gnädigſte Stiefmama, ihn ſo weit dem Vaterhauſe entrückt zu wiſſen! Sie mußte ſeine Marotte belächeln, in dieſem ſtillen Winkel ſich zu vergraben. Er hielt an dem Vor⸗ ſatze feſt, ſein ihn ſo beglückendes Geheimniß erſt nach dem Tode ſeines Vaters öffentlich zu machen. Für dieſen Plan ſprach die bei dem alten Grafen tief eingewurzelte Krankheit eines Herzleidens, das, wie er von deſſen Doctor hatte äußern hören, ihn X 53 einmal plötzlich mittels eines Herzſchlags tödten könne. Der zweite Sommer, den er in der Tappenburger Waldeinſamkeit verlebte, war ſchon dem Uebergange zum Herbſte nahe, als er eines Tages einen Brief von ſeinem Vater empfing, welcher ihn zu ſich beſchied, weil er die Regelung ſeines Nachlaſſes ordnen wolle, damit ſpäter, wenn er nicht mehr am Leben ſei, kein Streit entſtehen könne. Da der Brief in einem Tone ge⸗ ſchrieben war, der des Vaters Wunſch ihm ſehr dringlich ans Herz legte, ſo glaubte Fortunatus ſich verpflichtet, demſelben ohne Zögern nachkommen zu müſſen, wenngleich ihm das Herz ſchwer war bei dem Gedanken, jetzt die Tappenburg verlaſſen zu ſollen, wo er hoffen durfte, in nicht zu ferner Zeit die erſten Vaterfreuden zu genießen. Eine Reiſe von Osnabrück nach Breslau war zu jener Zeit keine Kleinigkeit, ſelbſt wenn man die Mittel dazu im Ueberfluß beſaß. Der Hinderniſſe gab es da allzu viele, die ſich nicht ſo leicht beſeitigen ließen; trotzdem glaubte der Graf zu der ſchweren Stunde ſeiner Gemahlin wieder zurückſein zu können. Und was ihn ganz beſonders antrieb, die Reiſe zu unternehmen, war die Hoffnung, wenn er den Vater in günſtiger Stim⸗ mung fand, ihm ſein heimlich geſchloſſenes Eheband 54 r entdecken und ſomit den Schleier von dieſem ihn und MNarie zur Waldeinſamkeit verurtheilenden Geheimniſſe lüften zu können. Um ſeinetwillen, weil er ſich als Sanguiniker ſo raſch in die Hoffnung hineinlebte, daß er ſie ſchon faſt wie eine Erfüllung anſah, verbarg Marie ihre Angſt, allein zurückzubleiben. Es war ein recht ſchmerzlicher Abſchied, den ſie von ihm nahm, und als er dann— er machte für den erſten Tag die Reiſe zu Pferde— hinter den großen Waldbäu⸗ men verſchwand, wo die Straße eine bedeutende Bie⸗ gung machte, ſank ſie einer Ohnmacht nahe am Portale der alterthümlichen Tappenburg in die Kniee; es war ihr, als wenn eine Welt voll Unheil auf ſie niederſtürze und ſie lebendig begrabe. Die Stille und Oede um ſie war entſetzlich, mit dem Einzigen, an den ihr Herz mit unauflöslichen Banden gekettet ſich fühlte, war ihr Alles verloren, was ihr das Leben angenehm und wün⸗ ſchenswerth machen konnte. Wenn auch in ihr ein Hoffnungsleuchten auftauchte, daß Alles zu einem glück⸗ lichen Abſchluß gedeihen werde, ſo ging es doch bald wieder gleich einem erlöſchenden Stern am weiten Him⸗ melsbogen unter, und was großen, aber noch mehr niederdrückenden Einfluß auf ihren kummervollen Zn⸗ ſtand übte, war das trübſelige Wetter. Der Regen floß 4 4 4 55 in Strömen nieder und verwandelte die Atmoſphäre in einem grauen, undurchdringlichen Dunſt. Und nicht eine Seele hatte ſie um ſich, mit der ſie von ihm hätte ſprechen können. O, dieſe Oede war marternd, und wenn auch nach Fortunatus' Weiſung der alte biedere Verwalter des Hauptgutes wöchentlich ein paar⸗ mal in der Tappenburg vorſprach, um nachzuſehen, ob es ihr an etwas mangele oder ſie einen Wunſch habe, ſo blieben dieſe Beſuche doch immer nur Pflichtbeſuche, die ſie zwar dankend entgegennahm, welche jedoch ihren Kummer nicht linderten. Endlich— es waren zwei Monate vergangen— empfing ſie durch den alten Verwalter einen Brief von ihrem Gemahle. Er kam nicht ſelbſt? War er krank? Was hinderte ihn, zu ihr, der Einſamen, zu eilen? Ihre Hände zitterten ſo ſehr, daß ſie den Brief kaum zu öffnen vermochte. Es war derſelbe, von dem ſie das einzelne Blatt im Deſſauer Schloßgarten verloren und das vom Doctor unter der Rundbank gefunden worden war. Sie hatte ſeit langer Zeit keine Freude empfunden. Dieſer Brief machte ſie glücklich, denn in ihm ſprach ſein Herz. Als ob ſeine Liebe ein geiſtig Weſen ſei, das ſich zwiſchen die eng an einander ſtehenden Zeilen ſeiner kleinen Handſchrift geſchmiegt hätte, ſo mild und heimlich ſüß klangen ihr ſeine Betheuerungen, wie ſehr 56 er ſie vermiſſe, wie er zu jeder Stunde tauſend und aber tauſend Grüße nach der ſtillen Tappenburg ſende, in die Seele. Später erſt ward ihr auch das Ver⸗ ſtändniß deſſen, was den Anſtrich des Leides in dieſem Schreiben trug. Sie hatte in einer der erſten Adelsdamen Breslaus, der Gräfin Wilczeck, eine Rivalin. Fortunatus' Schrei⸗ ben enthielt nichts Näheres über dieſe Dame. Das ängſtigte ſie. Warum hatte er das unterlaſſen? Viel⸗ leicht abſichtlich, um ſie, ſeine Gemahlin, nicht zu krän⸗ ken, weil die Gräfin eine der erſten, zugleich auch eine der ſchönſten Damen war. Oder hielt er es nicht der Mühe werth, über dieſe Nebenbuhlerin ein abfälliges Urtheil auszuſprechen? Aber das waren nur Regungen, wie ſie gewiß das Herz jedes Weibes durchzucken, da ſie rein menſchlicher Natur ſind, und wären ſie wo nicht vorhanden, eher bezeugen würden, daß das be⸗ treffende Weib einen Stein ſtatt eines Herzens im Bu⸗ ſen habe. Marie fand ſich bald wieder. Sie mußte über ihre Schwäche lächeln und es fiel ihr ein, daß in ſeinem Briefe zu leſen ſtand:„Wanke nicht in dem Glauben an mich. Es iſt eine Sünde, die Du an mir begehen würdeſt, wenn nur der leiſeſte Zweifel an meiner Treue Dein Herz beſchliche.“ Wie eine reuige Mag⸗ . 57 dalena faltete ſie inbrünſtig die Hände vor ſeinem an der Wand hängenden Bilde, ſie ſchaute es lange an und eine tiefe Rührung übermannte ſie.„Fern ſei es von mir, im Glauben an Dich zu wanken, an Deiner Treue zu zweifeln“, ſagte ſie leiſe vor ſich hin.„Ver⸗ gib mir!“ Nun war es ruhig in ihr, ſo ſtill, ſo heimlich ruhig, wie wenn nach ſchwerem Wetterſturm die Sonne wieder golden niederblitzt und die Spuren des Guß⸗ regens vom Boden aufſaugt. Sie hatte keine Furcht, kein Bangen mehr, ſie wußte aus ſeinem Briefe, daß er nur deshalb ſo lange in Breslau bleibe, um einen Augenblick zu erlauſchen, wo er den in ſeinen Geſin⸗ nungen gleich einem Schilfrohr ſchwankenden Vater am Herzen faſſen und mit ſeinem Geheimniß vertraut machen könne. Daher ertrug ſie die tiefe Einſamkeit, wie der Winter ſie über die abgelegene Tappenburg brachte, mit einer bewunderungswürdigen, Gemüths⸗ ruhe. 1 So kam der Februar heran, aber kein zweiter Brief von ihm hatte die traurige Winteröde, welche ſo hart auf ihr laſtete, unterbrochen; es gehörte ein ſtarker Muth dazu, die vielen ſchlimmen Tage zu durchleben, ohne in dieſer freudenloſen Einſamkeit gemüthskrank zu wer⸗ den, zumal ſie von jenen körperlichen Anwandlungen 58 nicht befreit blieb, denen Frauen im letzten Stadium der Schwangerſchaft ſo oft unterworfen ſind. Und immer näher rückte die ſchwere Stunde, wo ſie dem unter ihrem Herzen lebenden Weſen das Daſein geben ſollte. Ohne ihn! Er fern! Der Gedanke begann eine ſchreckliche Macht über ſie zu gewinnen, nur mit Mühe entrang ſie ſich der Harpyien gleich nach ihr züngeln⸗ den Angſt, die alle Tage mit neu verſtärkter Macht ſich ihrer zu bemeiſtern trachtete. Ha, dieſe von Schnee⸗ laſt ſtrotzenden Bäume des Waldes ſahen mit mehr Gewißheit beſſern Tagen entgegen, wo warme Lüfte und blitzender Sonnenſchein ſie in neues luſtiges Grün kleideten, als ſie, welche ſo ganz hoffnungslos gelaſſen war, ohne jegliche Kunde, daß auch ihr wieder Tage kommen würden, wo ſie Freude empfinden dürfe. Am entſetzlichſten war ihr der Gedanke, er ſei todt, und doch lag es ihr ſo nahe, dieſes furchtbare Den⸗ ken, daß ſie es faſt nicht mehr abweiſen konnte. Er wußte ja, daß ihre ſchwere Stunde nahe, warum gab er kein Lebenszeichen von ſich? Vergeſſen konnte er ſie nicht haben, das war unmöglich. Sie hielt feſt an ſeinen Worten:„Es iſt eine Sünde, die Du an mir begehen würdeſt, wenn nur der leiſeſte Zweifel an meine Treue Dein Herz beſchliche.“ Und der Sünde des Zweifels an ihm wollte ſie ſich nicht ſchuldig — 59 machen; nur ſein Tod allein konnte das Hinderniß ſein, das all ſeine Treue und alle Wünſche der Sehn⸗ ſucht nach ihr für immer ausgelöſcht hätte. Gewiß, Marie fühlte ſich ſchwer unglücklich, von ihren Wan⸗ gen war die Röthe der Geſundheit verſchwunden, das Kummerblaß hatte Beſitz von ihrem lieblichen Antlitz genommen. Da, eines Tages— ſie ſaß am Fenſter und ſchaute den ſchneebedeckten Weg entlang, wie ſie das ſeit lan⸗ gen Wochen in der Gewohnheit hatte, weil trotz aller ſie beherrſchenden Angſt immer noch ein Fünkchen Hoffnung, er könne kommen, in ihrer Seele vorhielt und von jedem neu anbrechenden Tage zum weitern Glimmen neu angefacht wurde— entriß ſich ein lauter das Zimmer durchſchallender Freudenſchrei ihrem Munde. „Fortunatus, mein Gemahl!“ In dieſem Schrei des höchſten Jubels kündete ſie die Empfindung des höch⸗ ſten Glückes. Langſam zog ein Viergeſpann durch den ziemlich hoch die Straße bedeckenden Schnee einen auf Kufen ſtehenden Reiſewagen, dem ein zweiter folgte. Voran ritt der biedere Verwalter. Auf dem Bocke des Reiſe⸗ wagens ſaß der alte Harbich, ihres Gemahls Diener. Sie hatte ihn ſofort erkannt; trotz der von ihr 60 geweinten vielen Thränen war ihr Auge klar und ſcharf geblieben. Der Weg ging ein wenig lehnan, die Pferde hatten bei dem natürlichen Hinderniß, welches der ſich zu⸗ ſammenballende Schnee ihnen entgegenſetzte, harte Arbeit, das Fuhrwerk hinter ſich herzuſchleppen. Marie harrte ſehnſüchtig der Ankommenden am Portale. „Beſte Nachricht, gnädige Frau Gräfin!“ rief ihr der zuerſt anlangende Verwalter zu, aus dem Sattel ſich ſchwingend.. „Kommt mein Gemahl nicht mit?“ fragte Marie erſchrocken. „Nein, gnädige Frau Gräfin, aber er erwartet Sie in Breslau.“ Marie konnte dieſe Nachricht kaum faſſen, ſie war wie betäubt von dem Unerwarteten. Aus dem vorfahrenden Reiſewagen ſprang ein junger Cavalier. Er warf den ihn einhüllenden Reiſe⸗ pelz einem der Leute aus der Tappenburg zu, und ſich vor Marie tief verbeugend, ſagte er:„Gnädige Frau Gräfin, Ihr Herr Gemahl und deſſen ehr⸗ würdiger Vater haben mir den Beweis des höchſten Vertrauens gegeben, indem ſie mir die Miſſion über⸗ trugen, Sie aus dieſer Einſamkeit nach Breslau zu 61 geleiten. Es ſind dort wichtige Veränderungen vor⸗ gegangen, die dieſer Brief Ihres Herrn Gemahls Ihnen näher mittheilen wird, als ich es könnte. Zugleich wird der Inhalt deſſelben das beſte Creditiv für meine Sendung ſein. Mein Name iſt Baron von Oertzen; vielleicht bin ich ſo glücklich, Ihnen par re- nommée durch Ihren Herrn Gemahl ſchon bekannt zu ſein. Ich verdanke dem Herrn Grafen Vater Alles, was ich bin. Er hat ſich meiner, der hinterlaſſenen Waiſe ſeines Waffenbruders, als treuer Freund des Hingeſchiedenen väterlich angenommen und mich erzie⸗ hen laſſen, darum halte ich es für eine der günſtigſten Fügungen, durch die mir gewordene Aufgabe, Sie, gnädigſte Frau Gräfin, nach Breslau zu geleiten, mei⸗ ner Dankbarkeit einen würdigen Ausdruck geben zu können.“ Das Benehmen des jungen Cavaliers war von ſo milder, treuherziger Art und ſo gänzlich fern von allem Dünkel, daß Marie ſich dadurch ſehr günſtig für ihn geſtimmt fühlte. Der alte Harbich, welcher ſich unter⸗ deß in der Nähe des Wagens gehalten hatte, wurde von ihr gerufen. Er kam, aber der Mann hatte ſich offenbar verändert, er that ſo kleinlaut, ſo ängſtlich. Der Baron war bei der Gräfin ſtehen geblieben, er ſagte ihr, der Alte ſei auf der Reiſe krank geworden, 62 jedenfalls wäre das kalte, traurige Wetter ſchuld. Ein paar Tage Ruhe und Pflege würden wohl hinreichend ſein, ihn wieder auf die Beine zu bringen. Der Glückliche iſt jederzeit leicht zu täuſchen. Marie, voll Freude, ihn, der ihrem Gemahl ſo nahe ſtand, wiederzuſehen, in ſeiner Perſon gleichſam eine Bürg⸗ ſchaft zu erblicken, welche ihr Gemahl ihr ſende, um ihr Vertrauen auf zu erwartendes künftiges Glück zu heben und zu feſtigen, hatte großes Mitleid mit dem alten Harbich. Es war gar nicht zu verkennen, daß er ſich recht krank fühlen mußte. Es ſchien, als ob aller Lebensmuth ihm entflohen ſei, als ob er Furcht in ſich fühle. Der Brief ihres Fortunatus war wieder ein ſehr ausführlicher. Sie erfuhr daraus, daß er lange ſchwer krank gelegen, weshalb er ſie ohne Nachricht gelaſſen. Nach ſeiner Geneſung hätte ihn des Arztes ſtrenges Gebot, ſich durch die Reiſe dem üblen Winterwetter nicht auszuſetzen, zurückgehalten, indeß das ſei, ſo ſehr er es in ſeinem Kummer, noch länger fern von ihr bleiben zu müſſen, beklagt habe, zu ſeinem Glücke ge⸗ weſen, denn ſeine gnädige Frau Stiefmama, die ſich bei einer großen Schlittenfahrt ſchwer erkältet, ſei nach einem kaum dreiwöchentlichen Krankſein Todes verblichen. Sein Vater habe ihn wegen der täglich ungünſtiger 63 ſich geſtaltenden Krankheit ſeiner Gemahlin nicht reiſen laſſen, und nach dem nun erfolgten Tode derſelben wäre es ihm vollkommen unmöglich, ſein Vaterhaus zu verlaſſen. Der Vater fühle ſich ſehr ſchwach und bedürfe einer kräftigen Stütze. Ihre heimlich geſchloſſene Ehe kennend, die er, Fortunatus, ihm nun, da die zwiſchen Vater und Sohn geſtandene Feindin für immer beſei⸗ tigt ſei, entdeckt habe, wünſche derſelbe Mariens Hier⸗ herkunft, und um zu ermöglichen, daß ſie ihre Nieder⸗ kunft in ſeinem Vaterhauſe abhalten könne, ſei der Vater auf den Ausweg verfallen, in der Perſon des Barons von Oertzen, der ihm viel Dankbarkeit ſchul⸗ dig ſei, ihr gleichſam einen Reiſemarſchall zu ſchicken, der ſie von der Tappenburg abholen, nach Breslau geleiten und ihr alle nur denkbare Bequemlichkeit unter⸗ wegs verſchaffen ſolle. Mit dieſem Cavalier, der ſich dieſen Auftrag zur Freude rechne, ſende er eine ſeit Jahren bewährte Dienerin des reichsgräflichen Hauſes mit, welche als erfahrene Frau unterwegs ihr beſon⸗ ders nützlich ſein werde. Um ſie nicht allein unter Fremden zu laſſen, ſchicke er auch ſeinen Harbich mit. Der ſei kein Fremder, und wie ſehr auf dieſen Mann Verlaß ſei, wiſſe ſie. Und in jeder Zeile des Schluſſes ſprach ſich For⸗ 64 tunatus' Liebe zu ihr aus, ſeine Freude, ſie bald wie⸗ derzuſehen, und die Ueberzeugung, welch eine Zukunft voll ungetrübten Glückes ihnen nun entgegenlache. Marie vergoß Thränen tiefſter Rührung. Wie hatte ſich Alles um ſie ſo plötzlich verändert! Eine Stunde vorher, und ſie war ſo traurig geweſen! Wie tiefe Nacht hatte das Unglück auf ihrem Denken gelegen, um ſie her nur die troſtloſeſte Einſamkeit, keine Seele, der ſie ihren Kummer, ihr Leid hätte vertrauen können. Die alte Tappenburg erſchien ihr wie ein Kerker in einer Einöde, und jetzt— welche Verwandlung! Aus dieſem Kerker ſollte ſie hinaustreten in ein glanzvolles Leben! Ach, nicht der Glanz des reichsgräflichen Hauſes lockte ſie— die Freude, zu ihm, dem Theuren, an deſſen Herz Gott ſie gewieſen, zu kommen, überwog Alles. Sie fühlte ſich unausſprechlich glücklich. Die Abreiſe verzögerte ſich einige Tage, theils des ſchlimmen Wetters wegen, theils um dem kranken Harbich einige Raſt zu gönnen. Hätte ſie auch gern mit ihm von Fortunatus geſprochen, ſo mußte ſie dieſem Wun⸗ ſche entſagen; der Baron bat ſie dringend, dem alten Mann lieber Ruhe zu gönnen. Dieſer junge Cavalier benahm ſich äußerſt verbindlich gegen ſie, ſeiner Auf⸗ merkſamkeit für ſie entging nichts. Selbſt die ihr zum Beiſtand auf der Reiſe mitgebrachte Frau äußerte die ——-— 65 größte Vorſorge für ſie, ſodaß beider Beſtreben, ſich ihr ganz zur Verfügung zu ſtellen, Marie zuweilen ängſtete. Endlich wurde die Reiſe angetreten. In dem geräumigen Reiſewagen nahmen Marie, der Baron und ihre neue Dienerin Platz. Der alte Harbich folgte mit noch zwei Dienern in einer einfachen Kutſche nach. Es wurden nur kleine Tagestouren ge⸗ macht. Die junge Gräfin fühlte ſich oft ſehr leidend, ſo⸗ daß der Baron, als ſie in die Nähe Berlins gelangt waren, es, da die Dienerin ihn aufmerkſam gemacht hatte, daß die ſchwere Stunde ſeiner Schutzbefohlenen näher ſein dürfte, als ſie ſelbſt glaubte, für gerathen fand, vorauszueilen, um eine Privatwohnung zu miethen. So kam ſie im Hauſe des Advocaten Homilius an. Zwei Tage darauf gebar Marie ein Knäblein, aber der Tod legte wenige Stunden ſpäter ſeine erſtarrende Hand auf ihr Herz. Was von ſeiten des Barons geſchehen, um zu ihrer Beerdigung und des Neugebo⸗ renen Taufe einen willfährigen Geiſtlichen zu finden, iſt bereits erwähnt. Der Reiſewagen mit ihm, der Die⸗ nerin und dem getauften Kinde war längſt aus Berlin fort, am nächſten Morgen ganz früh ſollte die Verſtorbene beerdigt werden, nur der alte Harbich war zurückgeblieben, um erſt nach dem Begräbniß dem Herrn Baron zu folgen. Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. II 5 66 Die Nacht war tiefdunkel, kein Stern am Himmel leuchtete. Der Advocat, ſeine Frau und ſeine Schwä⸗ gerin Doris ſaßen am Spätabend um den Tiſch, die Kinder waren lange ſchon zu Bett gebracht worden. Die Unterhaltung unter den drei Perſonen erlahmte, der Frau Advocatin fielen unwillkürlich die Augen zu und Frau Doris packte ihren Strickſtrumpf zuſammen, um nach Hauſe zu gehen. Sie hatte heute ungewöhn⸗ lich lange ausgehalten; ihr Mann kam erſt morgen gegen Abend von einer Fahrt nach Küſtrin zurück, ein Umſtand, der ihr mehr Freiheit ließ. Faſt in ſelbem Moment, als Herr Homilius mit ſeiner Schwägerin auf den zur Treppe führenden Gang trat, um das Hausmädchen zu rufen, daß es Frau Doris hinab⸗ leuchte und die ſtets geſchloſſen gehaltene Hausthür öffne, wurden beide durch ein ſtarkes Krachen erſchreckt, dem ſo⸗ fort der ſchwache Schrei einer weiblichen Stimme folgte. Beſtürzt ſahen ſich beide an, ſie wußten nicht, was ſie davon denken ſollten. Vom andern Ende des Gan⸗ ges her war das ſtarke Gepolter und der Schrei in ihr Ohr gedrungen, dort waren die Zimmer, welche der Fremde bewohnt hatte und wo noch die in nächſter früher Morgenſtunde zu begrabende Leiche ſtand. Herr Homilius wußte genau, daß kein weibliches Weſen da⸗ ſelbſt außer der Todten vorhanden ſei. 3 3 4 ———— 67 Ehe er und Frau Doris ſich noch von dem gehab⸗ ten Schreck erholt hatten, ſahen ſie aus einer Thür in der Tiefe des Ganges den zum Begräbniß von ſeinem Herrn zurückgelaſſenen Diener mit brennendem Licht in der Hand nach der hinterſten Thür eilen, die zu dem Zimmer führte, in dem die bereits im Sarge lie⸗ gende Leiche ſich befand, welche der Adpcoat in den Nachmittagsſtunden geſehen hatte. „Das iſt ja höchſt ſeltſam“, ſagte Herr Homilius zu ſeiner Schwägerin.„Komme Sie mit, Frau Schwä⸗ gerin, wir müſſen doch ſehen, was da vorgefallen iſt. Mir ſcheint etwas nicht in Ordnung zu ſein. Sie fürchtet ſich doch nicht?“ „Ich bin zwar keine Freundin vom Leichenſchauen, weswegen ich heut Nachmittag Sein Anſinnen, dort hinter mit Ihm zu gehen, um mir die junge Todte an⸗ zuſehen, zurückwies; aber jetzt iſt's etwas Anderes. Da muß ſich etwas Außerordentliches begeben haben. Um Gotteswillen, ſehe Er dahin, Herr Schwager! Der Bediente hat den Leuchter mit dem brennenden Lichte wie heftig erſchrocken auf die Erde fallen laſſen!“ „Komme Sie!“ Sie eilten raſch den ziemlich langen Gang entlang. Das Geräuſch ihrer lebhaften Schritte brachte den nach dem Oeffnen der Thür des Leichenzimmers voll Ent⸗ 5* 68 ſetzen zurückgetaumelten Diener zur Beſinnung, er griff nach dem auf dem Boden fortbrennenden, jedoch der Leuchterdille entfallenen Lichte, indeß, ehe er daſſelbe wieder an ſeinen frühern Ort ſtecken konnte, war auch der Advocat, welcher ebenfalls einen Leuchter mit bren⸗ nendem Licht in der Hand trug und ſeiner Schwä⸗ gerin vorausgeeilt war, bei ihm.„Was iſt hier ge⸗ ſchehen?“ fragte er; indeß er brauchte keine Antwort von ihm abzuwarten, ein Blick in das von den Lich⸗ tern erhellte Zimmer ließ ihn gewahren, daß der vor⸗ her auf ein paar Holzböcken ruhende Sarg zu Boden geſtürzt war und die Todtgeglaubte aufrecht daneben ſaß. „Herr im Himmel, ſie lebt!“ rief der Advocat in ſchreckhafteſter Ueberraſchung, und daß dies wirklich der Fall war, beſtätigte das Flehen der zum Leben Er⸗ wachten um Hülfe. Von dem Aufſchrei ihres Schwagers angeſpornt, eilte Frau Doris raſch heran und erkannte in dem vom Lichtſchein erhellten bleichen Antlitz der am Boden Sitzenden ihre Freundin Marie, deren plötzlicher An⸗ blick in dieſer Situation ſie völlig unfähig zu irgend einem Ausdrucke ihres Schreckens machte. „Greife Sie zu, Frau Schwägerin, hier muß raſch geholfen werden!“ rief Herr Homilius aneifernd.„Und Er, ſtehe Er nicht ſo hölzern da! Was guckt Er ſo 1 4 69 ſtier meine Frau Schwägerin an, als ob Er ein Ge⸗ ſpenſt vor ſich ſähe? Greife Er an! Seine Dame braucht Hülfe. Sie blutet ſtark am Arme— ſieht Er denn nicht?“ Dieſe Zurechtweiſung, welche dem allerdings aus aller Faſſung gekommenen Diener galt, lenkte Frau Doris' Aufmerkſamkeit für einen Moment auf dieſen ſelbſt und ſofort gewann ſie auch wieder die Sprache zur Aeußerung ihrer großen Ueberraſchung. „Harbich!“ rief ſie,„Harbich! Mein Gott, ich werde wirr im Kopfe! Harbich und Gräfin Marie Almeslo! Marie! Meine gute, liebe Marie!“ „Was iſt das?“ fragte der Advocat im höchſten Grade befremdet.„Sie, Frau Schwägerin, kennt die Dame und den Mann da?“ Aber Frau Doris Schomer hörte nicht darauf, ſie kniete neben der am ganzen Körper Zitternden und hielt ſie in ihren Armen. Das volle Verſtändniß die⸗ ſes ſo ungewöhnlichen Erlebniſſes fand noch keinen Eingang in dem mit Entſetzen geſchlagenen Geiſte der wieder zum Leben Erwachten. Sie wußte nichts An⸗ deres zu ſtammeln als, mit ſcheuem Blick auf den Sarg ſehend:„Der Sarg— hu, der Sarg— be⸗ graben!“ Der Advocat war ein praktiſcher Mann, der weder 70 an zu großer Sentimentalität noch an Herzenshärtig⸗ keit litt; er ordnete alſo an, daß die junge Gräfin ſo⸗ fort in ein anderes Zimmer gebracht und auf ein Lager gelegt werde, rief zu dieſem Behufe eiligſt ſeine Frau herbei, und mit dem Diener hinter der von den beiden Frauen Getragenen hergehend, ſagte er zu dieſem: „Hier iſt eine Schlechtigkeit im Spiele. Er wird mir Beichte ablegen, ſonſt muß Er das vor andern Leuten thun, die ein Wort mit ihm ſprechen werden, das Ihm ſehr wenig gefällt. Und in Spandau gibt es kleine hübſche Kaſematten⸗Quartiere, nöthigenfalls findet ſich auch ein Galgen zur Benutzung vor— Er verſteht mich wohl?“ Den ſo Zugeredeten ſchien tiefes Nachdenken über die unangenehme Ausſicht in die Zukunft überkommen zu haben, er gab keine Antwort, ſondern ſchritt unver⸗ wandt zu Boden blickend neben ihm her. Marie wurde in einem der Homilius'ſchen Wohn⸗ zimmer untergebracht. Es war damals ebenſo gut wie noch heute ein unumgängliches Erforderniß in repu⸗ tirlichen Bürgerfamilien, eine ſogenannte gute Stube zu haben, die blos bei vorkommenden Familienfeſtlich⸗ keiten und an hohen Feſttagen in Gebrauch genommen wurde. In dieſe nun war Marie gebracht worden. 71 Die Thätigkeit der beiden Frauen brachte es bald da⸗ hin, daß der Lebensſtrom wieder lebhaft durch die Adern der Aermſten rann, obwohl die Bläſſe nicht von ihrem Antlitz wich. Was der Advocat vermuthet hatte, beſtätigte ſich; eine Niederträchtigkeit war ausgeübt worden, welche den Zweck verfolgte, nicht nur Fortunatus Glück zu zerſtören, ſondern auch ihn zu unbeſonnenen Hand⸗ lungen zu treiben, welche die vollkommenſte Entzweiung mit ſeinem Vater herbeiführen und damit letztern für den Gedanken, ihn zu enterben, empfänglich machen ſollten. Das gräfliche Haus Almeslo⸗Tappen gehörte dem Katholicismus an und ſeit dem dreißigjährigen Kriege hatte es feſt zum Kaiſerhauſe gehalten, welches es ſo ausnehmend gut verſtand, die Dienſte ſeiner Ge⸗ treuen reichlichſt mit den confiscirten Gütern derjenigen Adelshäuſer zu belohnen, die dem Proteſtantismus oder, was als gleichbedeutend betrachtet wurde, der Rebel⸗ lion gegen den Kaiſer und ſeine Jeſuiten anhingen. Die Grafen Almeslo hatten ſich als wackere Käm⸗ pen im kaiſerlichen Dienſt erwieſen, ſodaß Vater, Sohn und Enkel als bewährte Obriſten von Regimen⸗ tern in der kaiſerlichen Armee glänzten. Unerhört war es daher, daß Fortunatus, kraft des Wunſches ſeiner 72 verſtorbenen Mutter, deren Vorfahren zu den hohen Würdenträgern des Civilregiments gehörten, ebenfalls für dieſe Carrière erzogen wurde. Noch auf ihrem Sterbebette hatte Graf Joſt, ſein Vater, es ihr in die erkaltende Hand gelobt, dieſen ihren einzigen Sohn dieſer Laufbahn nicht zu entfremden, und er hielt Wort; indeß war es dem Kriegsmann ein nagender Groll, den Namen Almeslo, welcher bis dahin ſo guten Klang in den Reihen der kaiſerlichen Soldateska gehabt hatte, erlöſchen ſehen zu ſollen im Ruhme des Heeres. Er hatte die ſtille Hoffnung gehegt, daß Fortunatus freiwillig den Entſchluß faſſen werde, ſtatt des Stu⸗ diums der Rechtswiſſenſchaft und der Staatsgeſchichte das Schwert zu ergreifen, indeß dieſe Hoffnung er⸗ füllte ſich nicht, Fortunatus fühlte ſich dem Soldaten⸗ thum keineswegs zugeneigt. Ueberhaupt war ſeine geiſtige Richtung eine freidenkende, und das gute Ver⸗ nehmen zwiſchen Vater und Sohn erlitt einen be⸗ ſonders heftigen Stoß, als es ſich herausſtellte, daß letzterer auch ein freiſinniger Katholik ſei. Nicht etwa daß der Graf Oberſt deshalb an ſeinem Sohne großes Aergerniß genommen, der alte Herr kümmerte ſich im Ganzen wenig um den Glaubensunterſchied, und ohne Störung des Einvernehmens zwiſchen ihm und dem Sohne würde dieſer mit derſelben Freiheit, wie zur Aer N ε—2 0 8 88 ⏑n 73 katholiſchen Kirche, der er durch Geburt und Erziehung angehörte, ſich zum Lutheranismus oder Calvinismus haben halten können, wenn nicht Mahnungen und Vorwürfe von verſchiedener Seite den Grafen Vater gegen ſeinen Sohn allmälig ſo ſehr empört hätten, daß es nur eines gelegentlichen Anlaſſes bedurfte, um beide vollſtändig zu entzweien. Fortunatus ſollte in Wien eine Anſtellung im Staatsdienſte erhalten, welche als erſte Staffel zu einer glänzenden Zukunft zu betrachten war, doch ehe er noch factiſch dazu ge⸗ langte, hatte er den Unſtern, ſich durch freireligiöſe Aeußerungen bei hochgeſtellten Gläubigen mißliebig zu machen, und die Folge davon war die Entziehung der ihm zugedachten günſtigen Stellung. Der Graf Vater, der die Ehre des Namens durch dieſes Ereigniß für höchſt empfindlich berührt anſah, zerfiel mit dem Sohne und ihre Wege gingen von da an auseinander. Ein zu dieſer Zeit von ſeiten eines mütterlichen Verwandten Fortunatus zufallendes Erbe ſetzte dieſen in den Stand, ſich ſo ziemlich unabhängig vom Vater zu bewegen, und ſtatt nach dem Süden ſeine Augen zu werfen, richtete er ſie nach Norden. Wäh⸗ rend er nun eine Zeit lang in Berlin und ſpäter in Bubainen lebte, geſchah ein großer Schlag gegen ihn. Sein Vater hatte mit der Baroneſſe Warkotſch, der 74 Wittwe eines kaiſerlichen hohen Staatsbeamten, eine zweite Ehe geſchloſſen. Es war wohl weniger die Neigung des Grafen Vater geweſen, die ihn zu dieſem Schritte bewogen, als daß von vielen Seiten ihm die⸗ ſer als unerlaßlich dargeſtellt worden war, weil ſein Sohn ihm ſo wenig Freude mache und nicht im vor⸗ aus abzuſehen ſei, wie weit derſelbe vom Wege der Ehre und der katholiſchen Grundſätze, die ja immer im Hauſe Almeslo aufrecht erhalten worden wären, noch abzuweichen für gut finde. Der Graf Vater war wohl ein guter Soldat, aber in Allem, was über dieſen Begriff hinausging, ein Charakter, der eine ungemeine Aehnlichkeit mit einem Schilfrohr hatte, das ſich jedem Lufthauche beugt, und diejenigen, welchen es anlag, ihn zur zweiten Ehe mit Baroneſſe Warkotſch zu be⸗ wegen, hatten im Ganzen leichtes Spiel und genoſſen die Befriedigung, durch dieſe Verbindung ein ziemlich bedeutendes Beſitzthum der Gefahr, in die Hand eines Ketzers zu gerathen, entriſſen zu haben. Von der Baroneſſe war man überzeugt, daß ſie nichts unverſucht laſſen würde, den freiſinnigen For⸗ tunatus aus ſeines Vaters Herzen zu verdrängen, um ſich und ihrem Sohn das fette Erbe zu erwerben. Als der junge Graf von Bubainen zurück nach Breslau kam, hatte er die Abſicht, ſeinem Vater das Geſtändniß 75 ſeiner Liebe zu Marie von Schlubuth zu machen, indeß ſeine Stiefmama überwachte ihren Eheherrn ſo geſchickt, daß es jenem platterdings unmöglich wurde, einen günſti⸗ gen Moment zu finden, in welchem er dies wichtige Thema behandeln konnte. Faſt dreiviertel Jahre hielt er ſich im Vaterhauſe auf, obwohl er ſehr wenig Freude da⸗ ſelbſt fand, denn er ſah in ſeinem Vater einen Ja⸗ mann, der vor ſeiner Gemahlin großen Reſpekt hatte und ſich jeder Oppoſition gegen die ſchöne ſtolze Frau begeben hatte. Die Gräfin Stiefmama war ein Muſter nobler Re⸗ präſentation. Obwohl ſie bereits in die vierziger Le⸗ bensjahre eingetreten, ſah man ihr dies nicht an, ſie verſtand nicht nur die Kunſt der Toilette, ſondern war auch von der Natur mit jener Schönheit des Körpers ausgeſtattet, die bei manchen Frauen eine unverwüſt⸗ liche zu ſein ſcheint. Daß ſie ihm feindlich geſinnt ſich erwies, verſpürte Fortunatus aus manchen, wenn auch unbedeutenden Verlaſſungen; offenbare Aeußerungen ihres Haſſes gegen ihn vermied ſie klüglicherweiſe, weil ſie ihr ſelbſt Schaden bringen konnten. Um ſo mehr erſtaunte er, als, da er eines Tages ſeinem Vater den Vorſchlag machte, ihn auf der im Osnabrückſchen gelegenen Stammherrſchaft leben, gleichſam als Re⸗ präſentant der Familie reſidiren zu laſſen, ſeine gnädige 76 Stiefmama dieſen Plan als eine treffliche Idee lebhaft unterſtützte. Obwohl Fortunatus ſehr richtig ſchloß, daß ſie es nur darum thue, um ihn aus dem Hauſe, aus der Nähe ſeines Vaters entfernt zu ſehen, ſo war er doch noch nicht ganz auf der richtigen Spur. Sein Diener, der alte Harbich, welcher klug genug war, der neuen Herrſchaft im gräflichen Hauſe ſich unterthänig zu zeigen, weil er einen Sohn hatte, dem er die gute Förſterſtelle auf Faulbrück, einer der Almeslo'ſchen Beſitzungen in Schleſien, zugewendet wiſſen wollte, fand es für zweckmäßig, der Frau Gräfin umſtändlichen Be⸗ richt über das Thun und Treiben ihres Stiefſohnes, ſeines Herrn, abzuſtatten, und die Schilderung des Alten von der Leidenſchaft des letztern für Marie und deſſen ihm, Harbich, auf der Reiſe nach Breslau feſt verſichertem Entſchluſſe, unter allen Umſtänden Marie zu ſeiner Gemahlin zu machen, erſchien der ſehr richtig combinirenden Dame als eine unerwartet gün⸗ ſtige Handhabe zu einem Streiche gegen ihn. Sie ahnte, daß er das Fräulein auf die Osnabrückſche Stammherrſchaft zu bringen beabſichtige, und darum ſtimmte ſie ſeinem dem Grafen Vater gemachten Vor⸗ ſchlage bei, und wie zu erwarten ſtand, willigte die⸗ ſer ein. 77 Harbich hatte zu gleicher Zeit das Vergnügen, ſei⸗ nen Sohn vorläufig zum Förſter ernannt zu ſehen, und als er mit ſeinem jungen Herrn abreiſte, ſagte die Frau Gräfin ſehr freundlich:„Vergeſſe Er nicht, Har⸗ bich, daß der alte Oberförſter Hammer auf unſerer glatziſchen Herrſchaft Hartau bald einen Subſtituten braucht, der, wenn der gute Alte ſtirbt, in die Stelle einrücken kann. Er verſteht mich wohl, was ich damit meine?“ Harbich verſtand ſie. Es mußte ihm als Vater daran liegen, ſeinen Sohn möglichſt in die Höhe zu bringen, und was er dafür zu thun hatte, war ſo kin⸗ derleicht und Niemand ſann ihm an, nur im geringſten die Grenzen der Wahrheit zu überſchreiten. Der Vor⸗ wurf, ſeinem jungen Herrn, der ihn mehr als Freund wie als Untergebenen behandelte, ein falſcher Diener zu ſein, ſtieg wohl manchmal in ihm auf, vorzüglich wenn er das Glück des harmoniſch in einander ſtim⸗ menden jungen Ehepaares in der Tappenburg ſah, wenn Fortunatus ihn ſeinen guten, treuen Freund Harbich nannte und Marie ihn mit ihren ſeelenvollen, gütig blickenden Augen anſah, in denen der Dank für ſeine Treue ſo deutlich zu leſen ſtand; aber was thut ein Vater nicht ſeines Sohnes wegen! Harbich wußte, daß der Pfarrer an den Grafen 78 Vater ſchrieb, und er ſchwieg davon gegen Fortu⸗ natus. Die Gräfin empfing dieſe Briefe und verſtand es, ihren Gemahl über die Verwerfung ſeines Sohnes in den höchſten Zorn zu bringen. Von Harbich hatte der Pfarrer erfahren, daß Marie kein ſolches loſes Liebchen wie junge Cavaliere zuweilen unterhalten, ſon⸗ dern dem jungen Grafen von einem ketzeriſchen Geiſt⸗ lichen in aller Form Rechtens angetraut ſei. Empörte dieſe Endeckung das väterliche Herz, ſo wurde dieſes ſogar mit förmlichem Entſetzen geſchlagen, als er aus einem ſpätern Briefe des Pfarrers erfuhr, daß die Gemahlin des jungen Herrn die Tochter eines auf Be⸗ fehl des Königs von Preußen wegen Gelderunter⸗ ſchlagung Gehängten ſei. Der Harbich, des Herrn Grafen Fortunatus Diener, habe ihm das vertraut. Eine ſolche Verbindung war in des alten Grafen Augen ein Verbrechen gegen die Ehre des Namens Almeslo, das keine Vergebung erlangen könne, und er würde in ſeinem Zorne über den der Ehre ſeines Hauſes angethanen Schimpf ſogleich an Fortunatus den Befehl geſchickt haben, ſich von dieſer Perſon zu trennen, da aber trat ſeine Gemahlin als Vermittlerin ein.„Die Ehre unſeres erlauchten Namens verlangt, das tiefſte Stillſchweigen über dies unſelige Brandmal zu breiten, es darf nicht laut werden. Wir müſſen das 79 Möglichſte thun, dieſe heilloſe Ehe aufzulöſen, ohne daß die Welt etwas davon erfährt. Laſſen Sie uns dar⸗ über nachdenken“, ſagte ſie, und ſelbſt der zornige Graf konnte nicht anders, als ihr Recht geben. So reifte denn der Plan, dieſe Ehe auf eine Art und Weiſe zu trennen, welche nicht den geringſten Eclat bewirke, Fortunatus' Widerſtand gleich von vornherein als ein Ding der Unmöglichkeit beſeitige und doch ſicher zum Ziele führe. Darum die Berufung des jungen Gra⸗ fen nach Breslau. Es gehörte viel Selbſtverleugnung dazu, um den tief wurmenden Groll, den der alte Graf wie einen Stein im Herzen trug, dem dem Rufe Folge leiſtenden Sohne zu verbergen; aber die Gräfin Stiefmama über⸗ wachte ihn auch ſorgfältigſt. Es würde von For⸗ tunatus ſehr lieblos erſchienen ſein, hätte er an die Urſache erinnern wollen, weshalb er ins Vaterhaus gekommen. Woche verging um Woche und der alte Herr ſchien gar nicht daran zu denken, durch was er in ſeinem Briefe die Hierherberufung ſeines Sohnes dringend gemacht hatte. Aeußerte auch Fortunatus ge⸗ legentlich einmal, daß er ſich nach der Jagd ſehne, die auf der Osnabrückſchen Herrſchaft ihm zur Winterzeit ſo viel Vergnügen mache, ſo meinte jener: er wolle das nicht ſo nehmen, wie es faſt klänge, als wenn er 80 ſich im Hauſe des Vaters nicht wohl befände. Er glaube doch, daß ein Sohn ſeinem Vater nach ſo lan⸗ ger Abweſenheit einen Beſuch auf die Dauer von ein paar Wintermonaten ſchenken könne, zumal hier für einen jungen Cavalier Gelegenheit zur Beluſtigung ſich faſt täglich biete, während die Tappenburg ein altes Wald⸗ neſt ſei, das, von aller Welt abgelegen, im Winter haushoch verſchneie. Und die Gräfin Stiefmama beeiferte ſich förmlich, ihn durch Vergnügungen an Breslau zu feſſeln; ſie zeigte ſich ungemein liebenswürdig und ſprach den Wunſch aus, ihn mit der jungen Gräfin Wilczeck ver⸗ bunden zu ſehen. Fortunatus durchlebte Höllentage. Die Sehnſucht nach Marie ſprengte ihm faſt das Herz und doch mußte er der Geſellſchaft gegenüber eine hei⸗ tere Miene annehmen. Dieſer peinlichen Zeit entſtammte jener Brief, deſ⸗ ſen Inhalt, wenigſtens zum Theil, dem Leſer be⸗ kannt iſt. Fortunatus hatte ſich feſt vorgenommen, noch vor Neu⸗ jahr, möge es kommen, wie es wolle, Breslau zu verlaſſen. Dieſe beabſichtigte Reiſe mußte nicht nur wegen des Winterwetters eine ſehr unangenehme werden, ſondern noch mehr dadurch, daß ſein alter Harbich, auf den er ſich ſo ganz verlaſſen konnte, aus dem Dienſt getreten 81 war, indem er angab, daß ſein vorgerücktes Lebensalter ihm nicht mehr geſtatte, ſeinen dienſtlichen Functionen wie bisher nachzukommen. Dem war allerdings nichts Gegründetes entgegen zu ſetzen, denn der Mann, ein hoher Sechziger, hatte ganz weißes Haar. Fortuna⸗ tus mußte ſich alſo mit einem jungen Diener befaſſen, den er und der ihn weiter nicht kannte, als dies durch die Dauer einiger Wochen Bekanntſchaft hatte geſchehen können. Harbich hatte gleich nach ſeiner Entlaſſung aus ſeines jungen Herrn Dienſte Breslau verlaſſen, wie es hieß, wollte er ſeine letzten Lebenstage bei ſei⸗ ner Schweſter in Teſchen verleben. Dem alten Mann war die Ruhe zu gönnen. Fortunatus empfand dadurch das widerwärtige Ge⸗ gfühl einer Oede, die ihm den Aufenthalt in ſeinem Vaterhauſe eben nicht angenehmer machte, das Anhei⸗ melnde, Vertrauliche mangelte ihm, mit dem alten Har⸗ bich hatte er von Vielem ſprechen können, von dem ſein Herz ſo voll war. Ehe noch das neue Jahr ſein Regiment antrat, verfiel Fortunatus einer Krankheit, welche zu damaliger Zeit oft als Würgengel unter den Bewohnern der Städte und Dörfer erſchien und große Verheerungen unter den Familien anrichtete, mindeſtens und zwar zum größten Theile die von ihr Befallenen auf Lebens⸗ Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. II. 6 82 zeit kennzeichnete und oft verunſtaltete. Von den Blat⸗ tern ergriffen, verbrachte Fortunatus einen vollen Mo⸗ nat auf dem Krankenlager, und als er es endlich ver⸗ laſſen durfte, zeigte ſein ſonſt ſo ſchönes Geſicht die tief eingegrabenen Narben in ſolcher Vielzahl, daß er faſt unkenntlich geworden war. Ehe er ſich noch von der Schwäche erholt hatte, bewirkte eine Erkältung einen ſo heftigen Eindruck auf ſeinen Körper, daß er aufs neue erkrankte und nur durch die Kunſt des Arz⸗ tes vom Tode errettet wurde. Dies Letztere hatte die Stiefmama allerdings nicht erwartet. In der feſten Erwartung, daß er ſterben werde, eilte ſie, die möglichen Anſprüche ſeiner Wittwe, deren hoffnungsvollen Zuſtand ſie kannte, zu vernichten, um ihrem eigenen Sohne die große Erbſchaft zu ſichern, was bei ihrem ſo nachgiebigen und unter ihre Herr⸗ ſchaft und Leitung gerathenen Gemahle ihr gewiß leicht werden mußte. Die Tappenburg war ſo weit entlegen von Breslau, daß, wenn Marie einmal von dort weg⸗ gebracht war, ihre Spur für immer verloren gehen mußte. Wer ſollte auch nach ihr forſchen? Der Graf Vater, der durch die Verbindung ſeines Sohnes mit ihr die Ehre ſeines Namens als gebrandmarkt an⸗ ſah, fand es ganz paſſend, daß man dieſe Perſon irgendwo unterbringe, wo ihr die Möglichkeit be⸗ nommen ſei, jemals wieder in die Freiheit zurückzu⸗ kehren. . Und an ſolchen Orten war innerhalb der kaiſer⸗ — lichen Lande kein Mangel; es gab Klöſter, deren Mauern r auch nicht dem lauteſten Schmerzensſchrei einer zu le⸗ n benslänglicher Abſperrung verurtheilten Seele nach g außen dringen ließen. Was den Sprößling dieſer r Ehe betraf, ſo ſollte für dieſen geſorgt werden und ſeine Zukunft ebenfalls dem Kloſterleben anheimfallen. S 9 Für alle Fälle waren durch dieſe Anordnung aufs beſte Mutter und Kind beſeitigt. Der Welt entzogen, konn⸗ 6 ten ſie nie als Anſpruch Erhebende auftreten. 8 Um jedem möglichen Eclat bei Abholung der jungen Gräfin Marie vorzubeugen, mußte dieſelbe getäuſcht werden. Die Gräfin Stiefmama theilte dies Project ihrem Sohne, dem Hofcavalier Ihrer Majeſtät ht der Kaiſerin, mit und forderte ihn auf, ſelbſtthätig da⸗ bei zu ſein, ſo raſch als möglich ſich Urlaub zu erbit⸗ r ten und nach Breslau zu kommen. Dies geſchah. Der en junge Baron leiſtete der mütterlichen Weiſung die af pünktlichſte Folge. Auch der alte Harbich gehorchte nt dem Gebote der Frau Gräfin, die Reiſe nach der Tap⸗ n⸗ penburg mitzumachen; ſeine Gegenwart allein mußte on bei Marie jeden Zweifel an der Wahrheit der Sendung durch ihren Gemahl im Keime erſticken. Ein zufällig 6* 84 von einem der Gräfin Stiefmama ſehr dienſtwilligen Subjecte aufgefangener Brief, welchen Fortunatus wäh⸗ rend ſeiner Geneſung nach der Blatternkrankheit an Marie geſchrieben hatte, gab nicht nur die Art und Weiſe, wie er an ſie ſchrieb, ſondern auch ſeine Hand⸗ ſchrift zur Norm für einen falſchen Brief, welcher zu⸗ gleich eine Empfehlung des Pſeudo⸗Barons von Oertzen in ſich ſchloß. Der ſchwere Kummer, welchen Marie in ihrer Ein⸗ ſamkeit ausgeſtanden, zeigte ſich von ſo nachhaltiger Wirkung, daß ſie ſchon am nächſten Tage nach der Abreiſe von der Tappenburg ſich ſehr unwohl zu füh⸗ len begann. Ihr körperlicher Zuſtand verrieth immer deutlicher die Nähe ihrer ſchweren Stunde. Die Ge⸗ burt eines Knaben ſchien ihre Kräfte vollkommen auf⸗ gezehrt zu haben. Sie verfiel dem Scheintode. Somit war die Aufgabe des Barons von Warkotſch factiſch gelöſt, er hatte nur noch für die Beerdigung der Ver⸗ ſtorbenen zu ſorgen, und als auch dies ihm mittels einer Täuſchung oder vielleicht Beſtechung des betreffenden Geiſtlichen gelungen war, konnte er getroſt dem alten Harbich das Begräbniß Mariens überlaſſen. Wenn es für die Lüge eine Strafe gab, die tief ins innerſte Lebensmark hinein den Fieberſchauer des ſchlechten, von Vorwürfen belaſteten Gewiſſens treibt, 8 b—rnr 85 ſo unterlag der alte Diener als Hüter der Leiche einer ſolchen. Der Anblick der regungslos vor ihm Liegen⸗ den wurde ihm zur Anklage, ſein weißes Haupt mit einer entehrenden Handlung beſchimpft zu haben, indem er zum elendeſten Verräther an ſeinem Herrn und Freunde ward, zum verächtlichen Werkzeug des Be⸗ trugs an ihr, die ſich ihm immer ſo lieb und freundlich erwieſen hatte. Das todtenbleiche, liebliche Geſicht mit den geſchloſſenen Augen erſchütterte den alten Mann aufs tiefſte, mit Mühe errang er ſich Faſſung. Als der Abend dämmerte, mußte er ſich ein Herz faſ⸗ ſen und in das Zimmer gehen, wo ſie als Leiche im Sarge lag, um für die Nacht eine Lampe anzuzünden. Mit bebender Hand hatte er dies leichte Geſchäft vollbracht. Beim Hinausgehen fiel der Schein von dem in ſeiner Hand gehaltenen brennenden Lichte auf das Antlitz der Todten und zufällig glitt auch ſein ſcheuer Blick über dieſes hin. Da ſchauerte er, wie von einem unmittelbar über ſeinem Haupte unver⸗ muthet dröhnenden Donnerſchlag erſchreckt, zuſam⸗ men, er glaubte ein Zucken um den Mund der Todten erblickt zu haben, als wolle ſie eine Klage über ihn ausſprechen. An allen Gliedern zitternd, enteilte er dem Zimmer. Dieſes Zucken um den Mund war keine Täuſchung 86 geweſen, die vom Starrkrampf gefeſſelte Lebenskraft Mariens hatte mühſam ein Zeichen ihres Vorhanden⸗ ſeins gegeben, das er nicht verſtanden. Die von ihm entzündete Lampe erloſch bald nach ſeiner ſchnellen Entfernung aus dem Zimmer, tiefes Dunkel umgab die nur allmälig zu ſich Kommende. Endlich gewann ihr Denkvermögen ſo viel Kraft, ſich erinnern zu können, daß ſie eines Knäbleins geneſen; aber warum ließ man ſie in ſolcher Finſterniß und warum war es hier ſo kalt? Sie griff um ſich. Himmel, war das ein Bett, auf dem ſie lag? Mit großer Anſtrengung richtete ſie ſich empor; durch dieſe Bewegung ſchlug der auf zwei Holzböcken ſtehende Sarg um, ſie ſtürzte mit ihm zu Boden, ein Schmerzensſchrei entrang ſich ihrem Munde — mit ihm gehörte ſie wieder den Lebenden an. Der alte Harbich war von dieſem Vorgange ſo ſehr erſchüttert, daß er ein klares Geſtändniß ablegte, ohne ſich durch weitere Drohungen des Advocaten dazu trei⸗ ben zu laſſen. Als Harbich ſchwieg, folgte eine große Pauſe. Nach einem langen Nachdenken ſprach Herr Homilius: „Das Einzige, was hier bleibt, iſt: über das Ge⸗ ſchehene das tiefſte Schweigen ſo lange zu behaupten, bis ein günſtiger Zeitpunkt die Veröffentlichung dieſes Geheimniſſes geſtattet. Es iſt immer ſchwierig, von 87 hier aus Klagen und Unterſuchungen in kaiſerlichen Landen zu irgend einem Reſultate zu bringen, denn jenſeits der Grenze iſt die offenbarſte Schandwirthſchaft auf dem Rechtsgebiete zu Hauſe. Dort gilt Betrug und Unrecht als beliebter Gebrauch, und gegen eine an⸗ geſehene Reichsgrafenfamilie Recht zu finden, dürfte unter die unerhörten Ereigniſſe gehören. Es wird alſo das Beſte ſein, daß hier das zu morgen früh angeſetzte Begräbniß vollzogen wird, denn die Rechts⸗ anſichten Seiner Majeſtät des Königs ſind zuweilen von einer Art, welche das gröbſte und ſchmerzlichſte Unrecht erdulden als einen größern Gewinn er⸗ ſcheinen läßt. Es liegen genug Proben für dieſe Behauptung vor.“ Dieſe Anſicht des Advocaten entſchied und ſie war in Wahrheit auch die einzige Weiſe, durch die wenig⸗ ſtens in der Zukunft Mariens Wiedervereinigung mit Fortunatus herbeigeführt werden konnte oder, wenn dieſer nicht mehr am Leben, ihre Anſprüche als ſeine Gemahlin unter günſtigen Umſtänden zur Geltung zur bringen waren. Von allem dieſem erfuhr Marie nichts. Die Nachwehen des Erlebniſſes machten ſie ſo ſchwach, als wenn ihr Tod wirklich im Anzuge ſei. War ſie zu retten, ſo konnte dies nur durch die ſorgſamſte Pflege möglich gemacht werden. 88 Harbich äußerte eine Reue, in der die Aufrichtigkeit ſeiner Geſinnungen nicht zu verkennen war. Er ver⸗ pflichtete ſich, der Entdeckung nachzuſtreben, wohin das Knäblein gebracht worden ſei, und die von ihm gemachte Angabe der Namen und Verhältniſſe der Perſonen, welche bei der Reiſe nach der Tappenburg betheiligt geweſen, bot dem Advocaten einen ſichern Anhaltspunkt für den Fall, daß früher oder ſpäter die Sache vor das Forum eines Gerichts kommen ſollte. Da Har⸗ bich ſelbſt ſchreiben konnte, ſo unterzeichnete er mit eigener Hand ein Protokoll, welches Herr Homilius nach ſeiner Ausſage aufgenommen. Um das Geheimniß zu wahren, mußte das Begräb⸗ niß vollzogen werden, und der Advocat half zu dieſem Zwecke dem alten Harbich den Sarg ſchließen, ſodaß die am frühen Morgen erſcheinenden Träger jeder Mühe damit überhoben waren. Niemand im Hauſe hatte Kenntniß von dem nächtlichen Vorgange erlangt und ſo ſchien das Geheimniß wohl geborgen zu ſein. Wer konnte denken, daß jemals ein ſo geringfügiger Anlaß wie der zufällige Eintritt des Stadtcommandanten von Sydow und des königlichen Flügeladjutanten von Haake in die Werkſtatt des armen halb invaliden Tiſchlers dieſe vergrabene Angelegenheit wieder ans Tageslicht ziehen könne! 8 88—/———jü— 89 Während Herr Homilius ſich ins Einvernehmen mit dem Königsberger Sachwalter ſetzte, der das nicht all⸗ zugroße Vermögen Mariens unter ſeiner Obhut hatte und perſönlicher Zeuge ihrer Trauung mit Graf For⸗ tunatus geweſen war, genas Marie langſam unter der ſorgſamen Pflege der Frau Advocatin und deren Schwe⸗ ſter, Frau Doris Schomer, ihrer treuen Freundin; aber doch waren einige Monate vergangen, ehe ſie ſich ſo weit erholt hatte, daß nicht mehr an Erlangung ihrer vollſtändigen Geſundheit zu zweifeln war. Wie das Wachsthum des Baums unter widriger Witterung aufgehalten wird, ſo auch übte die gänzliche Unkennt⸗ niß über ihren Gemahl einen ſehr ſtörenden Einfluß auf die Kräftigung ihres körperlichen Zuſtandes. Endlich wurde durch geſchickte Manipulationen des Advocaten die Gewißheit feſtgeſtellt, daß Fortunatus am Leben und daß er auf der Almeslo'ſchen Herrſchaft im Osnabrückſchen anweſend geweſen, aber nach kaum eintägigem Aufenthalt daſelbſt ſchleunigſt wieder abgereiſt ſei, wohin, wiſſe Niemand. Er lebte! Die Hoffnung auf Wiedervereinigung mit ihm ſtand demnach für ſie in Ausſicht, und dieſe Hoffnung, unterſtützt durch den Ad⸗ vocaten, deſſen Frau und deren Schweſter, brachten eine außerordentlich günſtige Wendung in Mariens Geſund⸗ heitszuſtand hervor. 90 Es hätte in die Rubrik der Unmöglichkeiten gehört, wenn Herr Homilius ſie noch länger in ſeinem Hauſe hätte verbergen wollen. Wie leicht konnte durch einen höchſt unbedeutenden Anlaß die Entdeckung herbéigeführt werden, daß er Jemand bei ſich verberge! Dies mußte ſorglichſt ver⸗ mieden werden, hatten ſie doch ſchon über drei Monate lang in dieſer Furcht gelebt! Der Sommer mit ſeinen ſtets länger werdenden Tagen war in dieſer Beziehung mehr als der Winter zu fürchten, und übrigens ver⸗ langte Mariens Körper den Genuß kräftigender Luft. Aber wohin mit ihr? Aus dieſer großen Verlegen⸗ heit half die der Frau Doris Schomer zu Ohren ge⸗ kommene Nachricht, daß ſich Prinzeß Amalie von Deſ⸗ ſau am Rheinsberger kronprinzlichen Hoflager befinde, wo ſie mit ihrer vor wenigen Monaten erſt mit dem Markgrafen Friedrich zu Brandenburg⸗Schwedt ver⸗ mählten Schweſter Leopoldine zu Beſuch eingetrof⸗ fen ſei. Wenn die ſich früher ihr ſo freundlich zugeneigte Prinzeß ihrer ſich annahm, was bei deren gütigem Charakter zu hoffen ſtand, ſo war Marie einem Schutze vertraut, wie ſie keinen beſſern finden konnte. Der Verſuch mußte wenigſtens gemacht werden, dieſen Schutz zu erringen, und Frau Doris begleitete ihre unglück⸗ 91 liche Freundin dahin. Das Reſultat war ein ſehr günſtiges. Prinzeß Amalie nahm ſie als eine liebe Freundin auf und es bedurfte nur des leiſe von Ma⸗ rie angedeuteten Wunſches, immer in ihrer Nähe ſein zu dürfen, um die erſtere zu dem Anerbieten zu be⸗ wegen, ſie ſolle bei ihr als Hoffräulein bleiben. Unter Dankesthränen nahm Marie es an. Seit dem Tage zählte ſie zu dem kleinen Deſſauer Hofperſonal. Ihr Verhältniß zu der Prinzeß war ein herz⸗ inniges und würde für Marie ſicher ein ganz glückliches geweſen ſein, wenn ſie nicht den Vorwurf in ſich ge⸗ tragen hätte, ihrer ſo gütigen Herrin gegenüber ein Geheimniß zu verbergen, von welchem ſie doch um ihrer ſelbſt willen nichts verlauten laſſen durfte. Ein Zufall hatte ihr den Brief von Fortunatus gerettet. Als ſie in Berlin ihrer ſchweren Stunde entgegenſah und von der Furcht ſich ergriffen fühlte, daß dieſe ſie auf län⸗ gere Zeit ans Bett feſſeln könne, kam ihr der Gedanke, dieſen Brief ſo zu ſichern, daß Niemand ihn vor Augen bekäme, weil ihr das gleichſam als eine Entheiligung der darin ihren Ausdruck findenden Liebe ihres Ge⸗ mahls erſchien. Ein Gefühl plöͤtzlicher, unerklärlicher Abneigung gegen die Frau, welche zu ihrem Beiſtande mit dem jungen Baron von Oertzen nach der Tappen⸗ 92 burg gekommen war, ſich aber ſehr beſorgt und dienſt⸗ fertig um ſie bezeigte, hatte dieſen Gedanken bei ihr hervorgerufen, ohne daß ſie ſich für denſelben eines andern Motivs als des bereits erwähnten bewußt war. Sorgſam legte ſie ihn in ihren Schmuckkaſten— er war ja für ſie noch mehr werth als das prächtige Ge⸗ ſchmeide, welches ihr Fortunatus geſchenkt hatte. Der Brief hatte eine Seele, die köſtlichen Steine nur Glanz. So verwahrt barg ſie den Kaſten mit dem Briefe in einem Wandſchrank in dem von ihr bewohn⸗ ten Zimmer. Erſt als ſie ſich wieder kräftiger werden fühlte, kam ihr die Erinnerung daran, als zufällig die Rede davon war, daß die ihr zum Beiſtand beſtimmte Frau auch nicht das Geringſte ihrer Kleidungsſtücke zurückgelaſſen habe.„Mein Himmel!“ rief Marie plötzlich mit großem Schreck,„der Brief, der Schmuck!“ Der Advocat durchſuchte nach ihrer Angabe den Wandſchrank und fand den Schmuckkaſten, welcher dem ſpähenden Auge der Frau entzogen geblieben war, da ſie den Schrank nicht von der jungen Gräfin hatte benutzen ſehen. Marie fühlte ſich glücklich im wiedererlangten Beſitz des Briefes, deſſen Schriftzüge ſie leidenſchaftlich küßte. Die durch den Advocat bewirkte Verpfändung des Schmuckes bot ihr auf längere Zeit die Mittel zu 93 leben, bis ihr Königsberger Sachwalter von ihrem Eigenthume ſo viel flüſſig machen konnte, um ſie der Sorge für den Lebensunterhalt zu entheben. Als Geſellſchaftsfräulein der Prinzeß brauchte ſie nur eine geringe Unterſtützung. Ihr junges Herz hatte ungemeine Aehnlichkeit mit der Exiſtenz einer Blume, welcher das wohlthuende Sonnenlicht entzogen worden iſt; ihr Blühen iſt kein fröhliches, ihre Knospen ſind verkümmert, der Saft ſchießt in die Blätter, obſchon er dieſen nicht das rechte freudige Grün gibt. Oft kamen ihr Stunden, wo ſie einer nicht zu be⸗ ſchwichtigenden Wehmuth verfiel, die ſich nur erſt dann löſte, wenn ſie weinen konnte. Der zufällige Anblick einer Frau mit einem kleinen Kinde auf dem Arme oder im Bettchen ſtimmte ſie tieftraurig. Ach, die ärmſte Mutter durfte ihr Kind liebkoſen und ſich erfreuen an deſſen lächelndem Antlitz, während ihr dieſe Wonne ent⸗ riſſen worden! Und dann miſchte ſich der Gedanke an Fortunatus in dieſen dem weiblichen Herzen ſo natür⸗ lichen Schmerz. Wo weilte er? Keine Kunde von ihm war ihr zugekommen. Der alte Harbich hatte Nach⸗ richt von ſich gegeben. Er lebte nicht bei ſeinem Sohne, der wirklich Adjunctus beim alten Oberförſter Hammer in Hartau geworden war, eine Beförderung, der man es im voraus anſah, was damit bezweckt wurde, und die von der großen Gunſt zeugte, in der er oder vielmehr ſein Vater bei dem Grafen und deſſen Gemahlin ſtand, ſondern bei einer weitläufigen Verwandtin in einer kleinen Ortſchaft bei Breslau. Er hatte erfahren, daß Fortunatus eines Tages plötzlich ins väterliche Haus zurückgekehrt und es da⸗ ſelbſt zu ſchrecklichen Auftritten gekommen ſei. Der Graf Vater wäre infolge davon erkrankt. Wo der junge Herr hingekommen, wiſſe Niemand. Man erzählte ſich, er habe die Frau Stiefmama niederſtechen wollen, und nur, daß es dieſer gelungen, in ihre Zimmer zu entfliehen, habe ſie vor der Spitze ſeines Degens ge⸗ rettet. Genaues wiſſe man indeß nichts. Weder der alte Herr noch ſeine Gemahlin hätten über dieſen Vor⸗ gang gegen irgend Jemand ein Wort geäußert, ſelbſt gegen ihn, als er mehrere Wochen ſpäter nach Breslau und ins Grafenhaus gekommen, hätte die Frau Gräfin tiefes Schweigen beobachtet. Von dem Kinde wiſſe man im Hauſe überhaupt nichts, und obwohl er ſich nach der Frau erkundigt, die mit nach der Tappenburg geſchickt worden und früher im Dienſte der nunmehrigen Gräfin, ehemals verwitt⸗ weten Baroneſſe von Warkotſch geweſen, hätten ſeine Forſchungen doch bis jetzt kein befriedigendes Reſultat ergeben. Er werde aber unverdroſſen darin fortfahren. 95 Dieſe Nachrichten, welche Advocat Homilius Marie mitgetheilt hatte, beunruhigten dieſe außerordentlich. Jede Spur von Fortunatus und dem Kinde war ver⸗ loren! Es war eine ſchwere Prüfung, die allen ihren Muth zu Boden drückte. Wenn ſie ſich recht ſehr be⸗ ängſtigt fühlte und den aus dem Schiffbruche ihres Glückes, ja ſie konnte ſagen, ihres Lebens— denn we⸗ nige Stunden ſpäteres Erwachen aus dem Scheintode, und das Grab hätte ſie für ewig ſtumm gemacht— ge⸗ retteten Brief ihres Gemahls las, gleichſam ein Heilig⸗ thum, zu dem ſie ſich in ihrer Verzweiflung flüchtete, kam, wie von einer unſichtbaren Macht geſendet, neues Vertrauen über ſie, ein Hoffen, das dem erſten aufblitzenden Lichtſtrahl im Morgengrau glich, nach welchem der von Schmerzen gefolterte Kranke wie nach einem ihn aus ſeiner Qual erlöſenden Freunde ſich ſehnt. Sie war wieder in ihr kleines Zimmer zurückgekehrt und legte den Brief in den Schmuckkaſten, der ſeit wenig Wochen, von ſeiten des Advocaten Homilius durch den fürſtlich Deſſauiſchen Beamten ihr überſendet, welcher auf der Heimreiſe von Bubainen die Antwort auf ihr Schreiben abholte, wieder in ihrem Beſitz war. Bei dieſer Gelegenheit entdeckte ſie mit größtem Schreck, daß ihr die den Schluß des Briefes enthaltende Beilage 96 fehle; ſie mußte ihr beim Leſen unbemerkt entfallen ſein. In größter Angſt eilte ſie in den Schloßgarten hinab und ſpähte in den Gängen, die ſie vorhin durch⸗ wandelt hatte. Wenn das Blatt nicht auf oder bei der Rundbank lag, wo ſie den Brief durchleſen zu ha⸗ ben ſich erinnerte, dann war es in andere Hände ge⸗ fallen, und der Gedanke erſchreckte ſie außerordentlich. Es war gefunden, Doctor Stoll zum Mitwiſſer ihres Geheimniſſes geworden. Nur der Umſtand, daß dieſer Finder den Fortunatus ſeinen Lebensretter vom Tode des Ertrinkens nannte und dann ihr feierlichſt gelobte, ein uverbrüchliches Schweigen über dieſes Ge⸗ heimniß zu beobachten, in welches der Zufall ihn ein⸗ geweiht hatte, gab Marie das Vertrauen, vor Verrath ſich geſichert zu wiſſen. Wenn ſie auch den Doctor in den ſieben Wochen ſeines Aufenthalts in Deſſau als zum daſigen Hofe gehörend kennen gelernt hatte, ſo war ſie doch weit entfernt davon, ihn näher zu beachten. Dieſe Abendſtunde führte beide unerwartet einander näher. Seine Art, ſich zu geben, erweckte in ihrem geängſteten Herzen den wohlthuenden Glauben an den Edelmuth im Menſchen, fern von allem Geſuchten war ſein Be⸗ nehmen, ſeine Redeweiſe eine offene, von Herzlichkeit durchklungene, und als er ihr ſagte, daß es ihm Ver⸗ gnügen machen werde, über Fortunatus Nachricht ein⸗ 97 zuziehen, wenn ſie es wünſche, da er durch ſeinen Auf⸗ enthalt in Breslau Männer Freunde nenne, welche, im Falle es nicht ganz unmöglich ſei, ihm bereitwillig die ſicherſte Auskunft über denſelben geben würden, ſo glaubte ſie in dieſem Anerbieten einen Wink des Schickſals zu finden und nahm es dankbar an. Doctor Stoll hielt die Annahme feſt, Marie ſei von dem jungen Grafen durch den Zwang, den die Verhältniſſe in hochariſtokratiſchen Häuſern auf deren Mitglieder ausüben, verlaſſen worden. Es war ein zu delicater Punkt, den er nicht berühren wollte, um nicht unbeſcheiden oder zudringlich zu erſcheinen, und Marie hatte nichts weiter über ihr wahres Verhälniß zu Fortunatus geäußert, was den Doctor hätte auf eine andere Anſchauung bringen können. Als ſie ſich trennten, ehe ſie den belebten Theil des Gartens be⸗ traten, fragte Marie ihn plötzlich:„Glaubt der Herr, daß es vorausbeſtimmte gute und böſe Tage im Men⸗ ſchenleben gibt?“ „Gewiß, mein Fräulein“, antwortete der Gefragte heiter.„Daß ich hier in Deſſau ſo ganz unvermuthet Anſtellung gefunden, geſchah ſicher an einem voraus⸗ beſtimmten guten Tage. Ich hätte an zehn, zwanzig andern hierher kommen können, ohne mich einer ſolchen glücklichen Folge zu erfreuen.“ Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. II. 7 98 „Wenn ein gelehrter Herr an dergleichen zu glau⸗ ben ſich berechtigt hält, ſo bedarf ich gewiß um ſo mehr dieſe Anſicht feſthalten. Ich ſehe den heutigen Tag für einen glücklichen an.“ Damit eilte ſie fort. Doctor Stoll ſah ihr nach. „Ein weiches Frauenherz, über deſſen Glaubens⸗ blüten ſchon ein rauher Nord gezogen“, ſprach er vor ſich hin.„Und doch iſt es beſſer für ſie, wenn der Irrthum raſch, ja ſelbſt, wenn es ſein muß, mit rauher Hand von ihr genommen wird. Ich will dazu beitra⸗ gen, ſoviel in meinen Kräften ſteht.“ Drittes Kapitel. Herr Leupold war im vollen Sinne des Wortes fuchswild. Eine Fuchsjagd war ihm auf die ab⸗ ſcheulichſte Weiſe zu Waſſer geworden und zwar durch einige alte Weiber. In höchſt roſenrother Laune war er in früher Morgenſtunde zur Todtenpforte hinaus⸗ geritten und beim erſten Schritt, den ſein Pferd aus derſelben that, kamen ihm drei alte Weiber entgegen. Wie von einer Wespe geſtochen, fuhr der alte Herr grimmig im Sattel in die Höhe, ein gewaltiger Fluch ging über ſeine Lippen, ein Fluch, der Alles, nur keine Schmeichelei für dieſe lange ſchon verwelkten Schönheiten ihres Geſchlechts war. Sein Pferd raſch herumwerfend, ritt er wieder nach dem Schloſſe zurück. Mit der Fuchs⸗ jagd war es für heute nichts, die Begegnung mit den 7*1 1 100 alten Weibern galt ihm als das fatalſte Omen, das einem Jäger paſſiren konnte. Einige jüdiſche, mit ſchweren Bündeln beladene Dorf⸗ geher, deren Unſtern ſie in Mitte der Steinſtraße vor ihm herführte, ohne daß ſie ahnten, wer hinter ihnen drein komme, empfanden ſeine unvermuthete Gegenwart in tüchtigen Gertenhieben, welche er in großer Ge⸗ ſchwindigkeit auf ihre Köpfe niederregnen ließ und mit einer höchſt kräftigen Litanei von Schimpfnamen be⸗ gleitete. Diejenigen, welche dieſem Erguß des durch⸗ lauchtigen Grimms als Zeugen beigewohnt hatten, waren der Ueberzeugung, daß heute ein vollkommener Unglückstag für alle die in Ausſicht ſtehe, die das Miß⸗ fallen des fürſtlichen Herrn auf ſich zögen. „Behüt's Gott, der Herr kommt zurück!“ rief ſein Kammerdiener Jakob Kältſch, der zufällig an einem Fenſter ſeines Hauſes in der Steinſtraße ſtand und ſeinen Durchlauchtigen auf die Juden losſchlagen ſah. „Da ſehe ich heute Gefahr für Viele.“ Um ſelbſt der ſichern Ausſicht auf ſolche zu entgehen, ſtülpte der Mann in Eile ſeinen Hut auf und rannte nach dem Schloſſe, wo er gleichzeitig mit Herrn Leupold ankam, ohne von ihm bemerkt zu werden, ſodaß er auf einer Seitentreppe glücklich das Vorzimmer eher erreichte als dieſer, ein Umſtand, der ihn vor einem Donner⸗ 101 wetter ſchützte, bei welchem zuweilen ein Einſchlag nicht fern war. Es beſtätigte ſich, daß der heutige Tag ein Tag der Gefahr für Viele war, denn ohne ſeinen Aerger auszulaſſen, hätte Herr Leupold nicht beſtehen können. Eine Anzahl ausexercirter Rekruten ſeines Halleſchen Regiments, die ihm erſt am Nachmittag vorgeführt werden ſollten, aber, da er im Schloſſe anweſend, ſich im Laufe des Vormittags ſtellen mußten, hatten eine wahre Feuertaufe aller denkbaren Schurigeleien zu überſtehen und als Nachklang derſelben bearbeitete auf Durchlauchts Befehl der Fuchtelmeiſter die Rücken des größten Theils dieſer Unglücklichen. Herr Leupold hatte an allen etwas gefunden, was ihm höchſt regle⸗ mentswidrig erſchien und Strafe verdiente. Der Offi⸗ zier und die Korporale athmeten frei auf, als der Alte ſich entfernte. Eine böſe Stunde war vorüber, denn Seine Durch⸗ laucht war nicht ſo zartfühlend, ihnen in verblümten Redensarten ſein Mißfallen zu erkennen zu geben, ſon⸗ dern äußerte ſich in ſeiner bekannten unverwüſtlichen Grobheit ohne Mäßigung. Und daß der üble Zuſtand ſeines Gemüthes, von dem ſchnell die Kunde im Schloſſe ſich verbreitete, weil in ſchlimmen Fällen deſſen unter⸗ geordnete Bewohnerſchaft ſämmtlich dabei zu leiden 102 hatte, nicht gemindert, im Gegentheil vermehrt wurde, daran war der junge Fürſt von Carolath ſchuld. Eine Eſtafette hatte ihm die Nachricht gebracht, daß ſein Vater erkrankt ſei und ſeine ſchleunige Rück⸗ kehr wünſche. Dieſer Forderung mußte entſprochen werden; aber Fürſt Ludwig wollte nun auch runden, klaren Beſcheid haben, was er in Betreff ſeiner Nei⸗ gung zu Prinzeß Amalie zu hoffen berechtigt ſei. „Herr, Herr!“ pluderte Herr Leupold auf,„die Malia hätten Sie deshalb attakiren ſollen. Das wäre das Geſcheidteſte geweſen. Die Weibsleute ſind wie Feſtungen, um die man Laufgräben ziehen muß. Wie weit ſind Sie damit?“ „Prinzeß Amalie iſt die Artigkeit ſelbſt gegen mich, aber ich habe ſie noch nicht zu einer klaren Antwort bringen können.“ „Schwerenoths⸗Malia! Hat den Kopf voller Kinker⸗ litzchen und Fiſſemadenten.“ „Erlauben mir Durchlaucht die Bemerkung, daß es mir— wie ſoll ich ſagen!— ja, daß es mir wirklich an Muth gebricht, von der Prinzeß mir vielleicht einen Korb zu holen.“ „Was? Was?“ fragte der alte Herr.„Das iſt ja eine ſuperfeine Politica, die Sie verführen! Schie⸗ ßen nur deswegen nicht los, weil der Pulverdampf er⸗ 103 Ihr Näschen ſchwärzen könnte. Na, na! Eins iſt ſchön, Sie nehmen dabei an Seel und Leib keinen Schaden“, ſetzte er ſpöttiſch lachend hinzu. Eine Pauſe folgte, in der Herr Leupold den jungen Fürſten, der ſo elegant und geſchniegelt vor ihm ſtand, mit den Augen muſterte, als hätte er einen ſeiner Grenadiere vor ſich. Dieſe auf ihn gerichteten blitzen⸗ den Augen verwirrten den erſtern ſichtbar. Er kam auf die Idee, daß der ihn ſo ſcharf Muſternde irgend ein Fleckchen an ſeiner feinen Modekleidung entdeckt habe. „Durchlaucht“, ſagte er unſicher,„ich hoffe nicht, daß an meiner Kleidung irgend eine malpropreté zu findn iſt.“ „Nein, nein! Der junge Herr iſt aufs feinſte ge⸗ leckt. Ihr Kammerdiener iſt ein Teufelskerl, verſteht ſeine Sache prächtig. Habe das Muſtern einmal ſo an mir— alte Gewohnheit von meinen Grenadieren her — nicht übel zu deuten, bitte ich.“ „O, Durchlaucht haben gar nicht zu bitten. Ich kam nur etwas in Verlegenheit.“ „Geht meinen Kerls auch ſo. Die Schockſchwere⸗ nöther ſchwitzen Blut, wenn ich ſie inſpicire. Doch das beiſeite. Was wünſchen Sie alſo in Hinſicht der Malia von mir?“ 104 „Daß Eure Durchlaucht mir geſtatten, der Prinzeß ſagen zu dürfen, daß ihr gnädigſter Papa ihre Ver⸗ mählung mit mir wünſcht oder vielmehr will.“ „Ja, ja, ſagen Sie ihr das. Und Sie hoffen da⸗ von?“ „Daß ſie ja ſagt. Gewiß, Durchlaucht.“ „So thun Sie'’s zur Schwerenoth, ich habe nichts dagegen“, fuhr der alte Herr grob heraus. „Sie iſt im Garten— will mich ſogleich zu ihr begeben.“ Als der Fürſt ſich allein ſah, brummte er, nachdem er einigen Hm! Hm! den Laufpaß gegeben:„Wenn die Malia ja ſagt, bin ich'n Hundsfott. Es iſt un⸗ möglich, daß'ne Soldatentochter, die täglich ſo präch⸗ tige, ſtramme Kerls ſieht, zu dem Marzipangebäck Luſt haben kann. Das himmelt ja gottſträflich vor lauter Zartheit!“ Er promenirte heftig im Zimmer auf und nieder, aber ſeine nach und nach gleichmäßiger werdenden Schritte deuteten die merkliche Sänftigung ſeines Ge⸗ müthszuſtandes an, und daß dies wirklich der Fall war, ergab ſich aus einem tiefen Gebrumme, das all⸗ mälig zu einer Art confuſer Melodie wurde, aus der ſich ſchließlich die ſeines Lieblingsmarſches entwickelte, welcher ihn und die von ihm befehligten Preußen ſtets r 105 ins heißeſte Schlachtgewühl, alſo zu Ruhm oder Tod begleitet hatte. Die Begegnung mit den alten Weibern, die ihm die Fuchsjagd verdorben hatten, war nun vergeſſen, desglei⸗ chen die von ihm mit der Gerte bedienten jüdiſchen Dorf⸗ geher, auch aller Aerger über ſeine Kerle, die, ſeiner An⸗ ſicht nach, nur erſt durch die gehörige Menge Fuchtel zu richtigen und gebildeten Menſchen gemacht wurden, war ihm jetzt aus der Seele geſchwunden, er genoß an Stelle dieſer widrigen Erinnerungen einen ſehr glücklichen Rückblick in ſeine Vergangenheit. Unter ſeinen im Kriegerruhm prangenden Zeitgenoſſen war er in dieſer Beziehung der begünſtigte. Ueberall, wo er die Preußen dem Feinde entgegengeführt, ſelbſt wenn es unmöglich geweſen, den Sieg zu erringen, hatte das von ihm gegebene Beiſpiel tollkühner Tapferkeit ſeine Soldaten in Helden umgewandelt, und wenn auch ſeinen und ihren Anſtrengungen nicht die Victoria zu Theil wurde, die ſie redlich verdient und mit Blut und Leben bezahlt hatten, ſo zollte ſelbſt der erbittertſte Feind ihm und ihnen die Hochachtung und Anerken⸗ nung, die tapfere Krieger einander gegenſeitig nicht verſagen. In dieſem günſtigen Moment meldete man ihm den alten Binſe. „Reinkommen!“ 106 Binſe trat ein. Soweit ſein nachgeſchlepptes lah⸗ mes Bein es zuließ, ſtellte ſich der Goliath von Flügel⸗ mann in ſtrammſte Poſitur. „Kopf in die Höhe, alter Schwerenöther!“ rief Herr Leupold.„Iſt ſein Schädel zum Gänſeflügel geworden, den Er niederhängen laſſen muß, als hätte Ihm einer ihn abgeſchlagen? Solange Er lebt, hat Er die Ehre, ein Deſſauer zu ſein, und meine Deſſauer ſind immer⸗ dar Kerle geweſen, die was auf ſich hielten.“ „Allemal, Durchlaucht; ich denke nicht der ſchlech⸗ teſte geweſen zu ſein.“ „Nein, das war Er nicht, Binſe, immer'n reſpec⸗ tabler Kerl. Was bringt Er?“ „Durchlaucht halten zu Gnaden, wollte nur mein Weib verklagen.“ „Was geht mich Seine alte Feldflaſche an! Iſt Er verrückt geworden?“ „Denk's nicht; Durchlaucht haben meine Salome aber verrückt gemacht.“ Es gab wohl ſelten im Leben des alten Herrn Anlaß, daß er in die Lage von Leuten ſich verſetzt ſah, welche nicht recht wiſſen, was für eine Miene ſie machen ſollen. In dieſem Moment geſchah ihm das. Des alten Binſe ihn treffende Beſchuldigung ſtreifte ſo hart ans Burleske, daß ſie ein Gelächter hervorzu⸗ 107 rufen geeignet geweſen wäre, aber der Ernſt, mit dem der Invalide ſie ausgeſprochen, ließ durchaus nichts Komiſches erwarten. Der rieſenhafte lahme Flügelmann ſtand, ohne nur mit der Wimper zu zucken, vor ihm, wie ein Eichbaum ragte die lange große Geſtalt in untadelhafteſter ſtrammer Haltung in die Höhe.„Iſt Er nüchtern?“ fragte Herr Leupold nach einer Weile. „Wie'n neugeborenes Judenkind.“ „So? Da fahr' Er los.“ „Durchlaucht haten zu Gnaden, ich bin'n reputir⸗ licher Soldat mein Lebtag geweſen, ein blutarmer Kerl, das iſt wahr, aber zum Judas taug' ich nicht, und ſoll mich Gott ſtrafen, ich leid's auch nicht, daß meine Salome einer iſt; ſonſt wird's aus zwiſchen uns, ich laſſe mich ſcheiden und wüßte ich, daß ich den nächſten Tag in die Grube hinunter müßte. Wenig⸗ ſtens ſoll der Tod, dem ich unter Eurer Durchlaucht Commando als ehrlicher Soldat bei jeder Gelegenheit das Weiße in den Augen gezeigt habe, nicht ſagen können: Habe da'n miſerabeln Hund geholt.“ Dieſe einfachen, mit rauher, heiſerer Stimme ge⸗ ſprochenen Worte brachten bei dem durchlauchtigen Herrn eine Wirkung hervor, wie vielleicht die ernſteſte und zugleich wohlgeſetzteſte Rede es nicht im Stande 108 geweſen wäre. Sie hatten ihn, wie die wohlgezielte Kugel ins Schwarze, ins Herz getroffen. Gütiger, als es unter andern Umſtänden der Fall geweſen ſein würde, fragte er:„Wovon ſchwatzt Er denn eigentlich? Ich verſtehe Ihn nicht.“ „Unſer Doctor ſcharwenzt mit Juden'rum“, war die Antwort.„Der Mendel— der Kerl iſt Schul⸗ meiſter,'ne verhotzelte Pflaume von A bis 3; aber außerdem, daß er'n Jude iſt, weiß ihm Niemand etwas Schlechtes nachzuſagen— der Mendel alſo be⸗ ſucht ihn und noch'n Andrer von der Sippſchaft. Geſtern Abend waren ſie bei ihm. Heute Morgen ſagte meine Salome:„Das ſoll unſre Durchlaucht erfah⸗ ren.“—„Hm, uns geht's nichts an“, ſagte ich.„Wenn ihm die Juden ſo gut gefallen, können wir nichts da⸗ gegen haben; vielleicht probirt er Arzneien an ihnen, man kann's nicht wiſſen. Für'n paar lumpige Gro⸗ ſchen ſchluckt ſo'n Kerl alles Teufelszeug zuſammen hinter, wenn er weiß, daß der Doctor mit'nem Brech⸗ mittelchen zur Vorſorge hinter ihm ſteht.'s iſt auch 'n Geſchäftchen.“ Da wird meine Salome wie'n Zinshahn ſo roth und fährt wüthend auf, als hätte ich Gott weiß was Schlechtes geſagt.„Biſt Du toll geworden, alte Schachtel?“ frage ich. Durchlaucht, nun ging erſt'n Spectakel los, als ſollt's Haus ein⸗ 109 fallen; ich denk, die Salome iſt übergeſchnappt— bündelt mich auf wie'n Lumpazi und ſagt ſchließlich, Durchlaucht hätten's ihr ſcharf gemacht, Alles zu rapportiren, was der Doctor thut und treibt, und das wolle ſie auch, er ſollte den alten Drachen ſchon noch kennen lernen.“ Herr Leupold, dem es bisher auffällig um die Mundwinkel gezuckt hatte, brach jetzt plötzlich in ein ſchallendes Gelächter aus. Binſe wurde ganz conſter⸗ nirt davon. Er ſah nicht ein, wie es möglich ſei, über eine ſo ernſthafte und aufs verletzendſte in ſeine ehrliche Seele eingreifende Sache, um derentwillen er ſich trotz ſeiner martialiſchen Kaltblütigkeit ſo ſchwer geärgert hatte, hellauf zu lachen, wie es ſein„Durchlauchtiger“ that. „Binſe! Goliath! Alte Lärmſtange!“ rief der alte Herr in fortdauerndem Lachen.„Sein Weib hat Recht; aber Er hat auch Recht, und wie das zugeht, ſoll Er gleich hören.“ Nachdem Herr Leupold ihm die nöthige Erklärung gegeben und Binſe dadurch überzeugt war, daß ſein durchlauchtiger Herr nur eine Liſt gebraucht hatte, Frau Salome gefügig für den Frieden mit dem neuen Mitbewohner des Hauſes zu machen, war die ſchwere Sorge um ſeine Reputirlichkeit gänzlich von ihm ge⸗ nommen und er ſagte beſtätigend: 110 „Durchlaucht, meine Alte iſt'n Laſter aus dem ff. Bei mir iſt es nicht viel anders, ſeit ich das Weibs⸗ ſtück auf dem Halſe habe, als ſchlüg' ich mich noch mit den verfluchten Franzoſen'rum, wie beim Nördlinger Walde damals Anno 3. Das war auch'n Tag, den der nicht aus dem Gedächtniß los wird, der ihn mit⸗ gemacht hat. Damals war ich freilich'n Kerl von vierunddreißig Jahren und capabel, mit dem Satan und ſeiner Großmutter anzubinden.“ Für Herrn Leupold gab es faſt keine ſeiner vielen militäriſchen Erinnerungen, welche ihn ſtets ſo lebhaft ergriffen hätte, als die ſoeben von Binſe erwähnte. Der unglückliche Tag von Höchſtädt, wo der Kurfürſt von Baiern und Marſchall Villars mit 30,000 Mann Baiern und Franzoſen die Kaiſerlichen unter dem Gra⸗ fen Styrum zum Rückzug nach Nördlingen zwangen, hatte des Deſſauers Ruhm ſo ſehr erhöht, als nur jemals eine große gewonnene Schlacht einen Feldherrn hätte ruhmreich machen können. Ohne Herrn Leupold's ruhige, unerſchütterliche Geiſtesgegenwart und bewunde⸗ rungswürdige Tapferkeit würde das Heer des kaiſer⸗ lichen Generals Grafen Styrum eine ſchwere Nieder⸗ lage erlitten haben, denn die vereinten Franzoſen und Baiern griffen nicht nur in der Fronte von Donau⸗ wörth, ſondern auch im Rücken von Lauingen her 111 die Kaiſerlichen und Reichsvölker mit Uebermacht an. Einige ſeiner Schwadronen, feſte Brandenburger, hatten ſich der von Lauingen anrückenden franzöſiſchen Ca⸗ vallerie entgegengeworfen und ſie in einen Moraſt getrieben, wo ſie großen Verluſt erlitt. „Und da ſtanden die Bougres in maſſigen Colon⸗ nen, uns den letzten Segen in dieſer Zeitlichkeit zu geben. Schwerenoth! Wir mußten ihnen zeigen, was deutſches Fußvolk zu bedeuten hat.“ „Eure Durchlaucht commandirten: Schultert's Ge⸗ wehr! Vorwärts! Marſch! Marſch! Donner und Teufel, wie guckten die luftigen Franzmänner, als un⸗ ſere Bataillone ſo ſchnurſtracks auf ſie im Geſchwind⸗ ſchritt loskamen!“ „Haſt Recht, Binſe!“ rief Herr Leupold luſtig.„Die franzöſiſchen Windhunde riſſen aus wie Schafleder und hielten erſt in der Nähe von Nördlingen ihre Flucht an.'s war'n Heidenjux!“ „Ja, aber wenn Eure Durchlaucht nicht den Dau⸗ men gehalten hätten, wären wir trotzdem in eine ver⸗ wetterte Patſche gerathen, wie wir nun gegen den in der Fronte von Donauwörth her auf die Kaiſerlichen und Reichsvölker eindringenden Feind marſchiren muß⸗ ten und deſſen ganze Cavallerie auf unſere Reiter⸗ ſchwadronen losſtürmte, ſodaß dieſe dem wuchtigen 112 Anprall der Maſſe nicht Stand halten konnten und ſich in wilder Flucht auflöſten.“ „s iſt ſo. Die Geſchichte ſtand verzweifelt ſchlecht. Hätten die Teufelskerle ins Fußvolk eindringen kön⸗ nen, wäre Alles verloren geweſen. Da ſchob ich ſchnell ein Bataillon meiner Krieger in die Flanke—“ „Bei dem war ich!“ rief Binſe ſtolz.„Durch⸗ laucht, an uns Deſſauern wollten die franzöſiſchen Hundsfötter nicht anbeißen, ſie prallten zurück, als kriegten ſie's kalte Fieber.“ „Ja, ja“, rief Herr Leupold,„wir ſteckten ihnen ein Licht auf, das ihnen verflucht wenig gefiel. Nun aber hatten wir die franzöſiſche und baierſche Sipp⸗ ſchaft allein auf dem Halſe.“ „Wir deckten den Rückzug. Kreuzteufeldonner⸗ wetter, das war'n Rückzug, mit dem wir Ehre ein⸗ legten!“ „Ja, alter Kamerad,'s mußte biegen oder brechen, Andres gab's nicht mehr für uns. Wer nur drei Re⸗ gimenter zur Dispoſition hat und umringt iſt von der ganzen feindlichen Reiterei und von dem ſtets nach⸗ rückenden Fußvolk— Schwerenoth, dem iſt nichts Ge⸗ bratnes vorgeſetzt, da heißt's: Friß, Vogel, oder ſtirb.“ „Wir zogen im geſchloſſenen Viereck mit vorgetrage⸗ nen ſpaniſchen Reitern, immerfort aufs neue ange⸗ griffen und ſtark aus dem Feldgeſchütz beſchoſſen, über die Nördlinger Ebene dem Walde zu, machten an zehn⸗ mal Halt auf dem anderthalbſtündigen Zuge und boten dem Feinde die Stirn.“ s iſt ſo,' iſt ſo, mein Alter, aber'n Hundsfott müßte ich ſein, wollte ich's nicht ſagen, daß Alles mit ſolcher Accurateſſe ging wie auf dem Exercir⸗ platze, Alles mit Ruhe, aufs Commando, wie auf den Schlag.“ „Durchlaucht, wir haben uns gehalten wie rechte Kerle!“ ſchrie Binſe in martialiſchem Jubel und mit von der Hitze der ſo lebendig ihm vorſchwebenden Er⸗ innerung ganz dunkelroth glühendem Geſicht. Und Herr Leupold blieb in ähnlichem äußern Aus⸗ drucke ſeines Ergriffenſeins nicht zurück. Seine über⸗ haupt bei kleinen Erregungen ſchon erſchreckenden Blicke glichen unaufhörlich einander folgenden Blitzen, ſeine Geſichtsmuskeln zuckten wie unter Fiebergewalt und ſeine Naſenflügel dehnten ſich aus gleich den Nüſtern eines wilden, tobenden Roſſes. „Weder die Schwerenoths⸗Franzoſen noch die Baiern wagten ſich an uns!“ ſchrie er.„Vorm Walde blieb ich, während ich die Uebrigen weiter marſchiren ließ, mit drei Grenadiercompagnien ſtehen.“ —„ 2.. e0 „Bei der einen war ich!“ ſecundirte Binſe, ganz Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. II. 8 114 vergeſſend, wo und bei wem er ſich befand.„Heidi, heida! Mein Kopf guckte zur Hälfte über meine Com⸗ pagnie weg und die blauen Bohnen ſummten wie Maikaifer mir an Naſe und Ohren vorbei— s war in teufelmäßiger Jux, mit dem wir Handvoll Leute dem Feind aufwarteten.“ „Ja, ja, ein Jux, den uns ein Anderer nachmachen ſoll! Nun ſetzen die franzöſiſchen und baierſchen Reiter⸗ maſſen zum Einhauen im Trab gegen uns an—“ „Die Kerle brüllten, daß die Todten hätten auf⸗ ſtehen können—“ „Die Grenadiere legten ſich in Anſchlag—“ „Hahn in Ruhe! commandirte Eure Durchlaucht. Schultert's Gewehr!“ „Ein Schlag und meine Kerle ſtanden wie die Mauern.“ 3 „Die Reiter ſtutzten—“ „Weil wir kein Feuer abgaben. Sie machten Kehrt—“ „Paſchol durac! ſagen die Chaldäer oder ſonſt'n anderes Lumpengeſindel— ſie flogen zurück voll Reſpekt vor der lebendigen Mauer.“ „Rechtsum kehrt! commandirte ich— Paradeſchritt!“ „In den Wald hinein. Wir ſangen beim Abmarſch, daß es zwiſchen den Bäumen wie von hundert ſingen⸗ 115 den Regimentern ſchallte. Schade, daß wir damals noch nicht unſern Lieblingsmarſch kannten, der hätte erſt im Walde rumort.“ „Schwerenoth, das will ich meinen! Damals un⸗ ſern Marſch, und der Wald hätte mitgeſungen, daß den Hundsföttern von Franzoſen vor Angſt die Seele im Leibe in Stücken gegangen wäre.“ Ganz von dieſem prächtigen Gedanken erfüllt, ſchob Seine Durchlaucht den rechten Arm unter den linken ſeines invaliden Flügelmanns und hob mit Stentor⸗ ſtimme an, während er mit ihm zu marſchiren begann und Binſe ganz aufgelöſt von martialiſchem Jubel mit ſeinem heiſern Organe luſtig mit einſtimmte: „Friſch drauf und dran! Friſch drauf und dran! Wir woll'n den Feind kuranzen, Daß er an den Deſſauer denkt ſein Tag.“ Es gewährte Herrn Leupold zu großes Vergnügen, dieſen ſo zu ſagen in Fleiſch und Blut der von ihm commandirten Preußen übergegangenen und ſeitdem weltbekannten Marſch ſo recht aus voller Seele her⸗ ausſchmettern zu können, und dem Binſe war es kein minderes Plaiſir, ſodaß beide mit einander dieſe ita⸗ lieniſche Compoſition, die dem Soldaten ſo recht eigent⸗ lich das Herz im Leibe hüpfen macht, ganz durch⸗ kröhlten. 8⸗ 116 „Nun ſcher' Er ſich zum Teufel, Binſe. Ich hab' mehr zu thun, als Ihn ſpazieren zu führen. Uebri⸗ gens hat Er auch'ne verflucht ſchlechte Stimme. Wenn ich Ihn nicht übertragen hätte, würde es ſcheußlich ge⸗ klungen haben. Sauf' Er nicht ſo viel Schnaps. Da hat Er was zu'ner Flaſche Wein.“ „Durchlaucht halten zu Gnaden—“ „Achtung! Rechtsum kehrt! Marſch!“ Dieſe Marſchordre übte auf den Goliath einen ſo beſtimmenden Einfluß, daß er, ſo gut ſich's mit ſeinem lahmen Beine thun ließ, zum Zimmer hinaushumpelte, da des alten Herrn Kammerdiener, der Jakob Kältſch, gleichzeitig die Thür öffnete, um mit einem geſiegelten Schreiben in der Hand einzutreten. „Von Wien an Ihro Durchlaucht, ſo eben von einem reitenden Boden gebracht.“ „So? Lege Er her. Meine Frau—“ „Durchlaucht haben ſich vor kurzem in den Garten hinab begeben mit Prinzeſſinnen Töchtern und Höchſt⸗ dero Enkelin, Prinzeß Fiekchen.“ „Gut. Abtreten!“ Herr Leupold befand ſich durch das militäriſche Amuſement mit ſeinem alten ehrlichen Gartenaufſeher, welchen anſtrengungsloſen Poſten Binſe ſeit einigen Jahren bekleidete, in höchſt guter Laune, ein Zuſtand, 117 der nicht zu den täglichen Vorkommniſſen bei dem durchlauchtigen Herrn gehörte. In ſolchen ſeltenen Momenten machte ſich der heitere, glückliche Ausdruck in ſeinem für Viele ſchrecklichen Geſichte vorherrſchend ſichtbar, und die ältern Lebensjahre, in denen unſere Geſchichtserzählung ihn darſtellt, hatten ihn, wenn auch nicht gemüthlicher gemacht, doch, wenn er einmal in die glückliche Stimmung hineingekommen war, aus⸗ dauernder, das heißt länger darin verharrend. Das ihm überbrachte Schreiben feſſelte jetzt ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit ganz beſonders, denn als er das Couvert er⸗ brochen, fand er ein eigenhändig von kaiſerlicher Ma⸗ jeſtät an ihn gerichtetes Schreiben als Einſchluß vor. Es berührte einen Punkt, welcher Herrn Leupold ſchon längere Zeit ſehr ernſtlich beſchäftigt und zu tiefem Nachdenken bewogen hatte. Wie ſehr wichtig dem Kaiſer der Gegenſtand ſelbſt ſei, den er in dieſem Schreiben beſprach, ging daraus hervor, daß letzteres ungewöhnlich lang war. Der Inhalt legte Zeugniß von der großen Werthſchätzung kaiſerlicher Majeſtät für Herrn Leupold an den Tag und bei der bekannten Hinneigung deſſelben zum Hauſe Habsburg war es unmöglich, daß es ſeinen Zweck verfehlte. Eine Stelle des Briefes lautete: 118 „Wie ſehr Eure Liebden Uns zu allen Zeiten ge⸗ wärtig ſind, geht aus der Erfahrung hervor, die Wir vor kaum drei Jahren gemacht haben und welche Uns einen ebenſo ſchönen als rührenden Beweis von Eurer Liebden Geneigtheit, Unſern Wünſchen Rechnung zu tragen, gegeben hat.“ „Den Teufel auch! Kaiſerliche Majeſtät hat gut loben, nachdem ich in Nachtheil für mein mir ge⸗ bührendes Recht gekommen bin“, brummte Herr Leu⸗ pold in Erinnerung der ihn ſehr verletzenden Zurück⸗ ſetzung, welche ihm durch die außerordentliche Takt⸗ loſigkeit des Schwiegerſohns des Kaiſers, des zum erſten Reichsfeldmarſchall erwählten Großherzogs Franz von Toscana, widerfahren war. Der Kaiſer hatte die Würde des erſten Feldmar⸗ ſchalls für dieſen Lothringer, der außerdem, daß er kein Krieger war, auch nicht das geringſte Verdienſt um Deutſchland hatte, wenn nicht das, der ſchönen Kai⸗ ſerstochter Maria Thereſia Gemahl zu ſein, als ein ſolches ihm anzurechnen war, beanſprucht und in einem eigenhändigen Schreiben den Fürſten von Deſſau ge⸗ beten, in ſeiner gerechten Anwartſchaft auf dieſe hohe Stellung zurückzutreten und ſich mit der zweiten Stelle zu begnügen, auf welche Bitte Herr Leupold bereitwillig eingegangen war, jedoch unter der Be⸗ — —,— 8 119 dingung, für den Fall, daß der Großherzog verhindert ſei, ſelbſt den Oberbefehl zu führen, ſofort an deſſen Stelle ſein Recht in Ausübung zu bringen. Bald jedoch hatte er zu ſeinem großen Mißvergnü⸗ gen den Bruch dieſer ihm zugeſtandenen Bedingung erfahren müſſen, denn als dieſer neucreirte erſte Reichs⸗ feldmarſchall im April 1738 zu dem Heere nach Un⸗ garn abreiſte, übertrug er den Oberbefehl des noch bis zum völligen Friedensſchluſſe der erſt im November genannten Jahres zu Stande kam, verſammelten Reichs⸗ heeres, ſowie die Aufſicht über die Reichsfeſtungen Philippsburg und Kehl dem Fürſten von Hohenzollern⸗ Hechingen als ſeinem Stellvertreter, obwohl derſelbe nur Reichsgenerallieutenant und im kaiſerlichen Dienſte General der Reiterei war. Dieſe taktloſe Zurückſetzung Herrn Leupold's rief deſſen heftige Oppoſition, unterſtützt durch die ſeines königlichen Freundes in Berlin, hervor und die Sache machte beim Reichstage großes Aufſehen, wurde aber ſchließlich durch des Kaiſers Entſchuldigungen und Ehrenerklärungen an den tief empörten Deſſauer bei⸗ gelegt. Dieſe üble Erinnerung war es, welche letzterem jetzt als ein Nachhall ſchweren Aergers durch den Sinn fuhr, indeß der weitere Inhalt des kaiſerlichen Schrei⸗ bens vertrieb dieſe Aergerwolke wie ein ſtarker Windſtoß. 120 Er las: „Es iſt Uns zu Ohren gekommen, wie betrübter Maßen Königliche Majeſtät in Berlin ſchwer erkrankt darnieder liegt und nach Ausſage Seines Leibarztes Höchſtdeſſen Aufkommen leider ſehr zweifelhaft iſt. Da es nun möglich iſt, daß der allmächtige Gott, Unſer aller Herr und Meiſter, über Seiner Majeſtät zeit⸗ liches Daſein beſchloſſen hat, ſo treten Uns ſchwere und gerechte Bedenken bei dieſem traurigen Gedanken ans Herz und wollen Wir auf Grund der großen Affection für Eure Liebden von Unſerer Seite und in der Ueberzeugung der Uns ſo ſehr erfreuenden Zuge⸗ neigtheit für Uns von Seite Eurer Liebden daher dieſe ausſprechen und Eurer Durchlaucht zu reiflicher Er⸗ wägung anheim geben. Die extravagante Art und Weiſe Seiner Königlichen Hoheit des Kronprinzen, be⸗ ſonders die auffällige Vorliebe dieſes Thronfolgers für die neuen Ideen, welche über den Rhein herüberkom⸗ men und für die deutſche Sitte und Anſchauungen höchſt gefährlich ſind, laſſen auch für das Gebiet der Politica Wandlungen befürchten, die Uns ſchwer äng⸗ ſtigen. Eure Liebden wiſſen, welchen hohen Werth Wir auf Unſere pragmatiſche Sanction legen, welche Seine Königliche Majeſtät in Berlin im Wuſterhauſe⸗ ner Vertrage von 1726 anerkannt hat; aber es be⸗ 121 dünkt Uns, daß bei einem bevorſtehenden Thronwechſel, ſo bindend auch der Wortlaut bemerkten Vertrages iſt, doch curioſe Dinge mit unterlaufen können, die ihn in Frage ſtellen dürften. Der Verleitungen, denen ein junger König ausgeſetzt iſt, ſind gar viele, ſobald ſich deſſelben ehrgeizige Projectmacher bemächtigen. So haben Wir denn Unſere Hoffnung auf Eure Liebden als auf eine persona grata am Berliner Hofe und auf einen Reichsfürſten geſetzt, deſſen Intentionen die guten alten, vom Vater auf den Sohn vererbten ſind, und richten an Eure Liebden die Aufforderung, Unſerer Kaiſerlichen Sache Recht zu wahren und nach Kräften aufrecht erhalten zu wollen, nöthigenfalls aber, wenn es den Anſchein gewinnt, daß Unſere Befürchtungen nicht ungegründet geweſen, Uns davon Nachricht zu geben, damit wir bei Zeiten auf politiſchem Wege dagegen aufkommen, um das Uebel im Keime zu er⸗ ſticken.“ Dieſe Andeutungen, welcher Anſicht man in der Hofburg über den preußiſchen Thronfolger war, er⸗ weckten folgerecht bei Herrn Leupold tiefes Nachdenken, da auch in ſeinen Vorſtellungen über die Zukunft, ſo⸗ bald ſich ein Thronwechſel in Preußen ergäbe, Be⸗ fürchtungen über ſeine eigene Stellung auftauchten, denn zwiſchen ihm und dem Kronprinzen, das fühlte 122 er, hatte des letztern hohe Bildung eine Kluft ge⸗ worfen, die er nicht überbrücken konnte, was ihn, den Ehrgeizigen, ſehr beſorgt machte. Zugleich überkam ihn aber eine Empfindung, welche nicht in ſein ge⸗ wöhnliches Diarium gehörte, eine Wehmuth, die ihn wie ein Krampf überfiel, der Gedanke an den mög⸗ licherweiſe nahe bevorſtehenden Tod ſeines königlichen Freundes in Berlin. Nicht nur, daß er in ihm einen ehrlichen und ihm aufrichtig zugethanen Freund verlor, wie er zu⸗ verſichtlich keinen zweiten wiederfand, ſondern es ſchloß ſich auch mit dieſem Todesfalle für ihn ein langjäh⸗ riger Zeitraum, in welchem er Ruhm und hohe Ehren erworben hatte. Die Zukunft ſchien wenigſtens für jetzt ſich nicht hold für ihn geſtalten zu wollen. Dieſe Ueberzeugung mußte bei einem ebenſo leidenſchaft⸗ lichen als leicht empfindlichen Charakter wie der ſeine von tiefer Einwirkung ſein. Er hatte von Potsdam aus durch General von Mar⸗ witz, einen alten Waffenbruder, Nachricht über des Königs Befinden erhalten, die nicht zum beſten lautete und klar ausſprach, daß, wenn nicht vom Doctor noch ein durchgreifendes Mittel entdeckt werde, der Monarch augenſcheinlich ſeiner Auflöſung entgegengehe. Das Ausbleiben einer weitern Benachrichtigung ließ Herrn 123 Leupold die Hoffnung ſchöpfen, daß der Leibarzt wirk⸗ lich glücklich in der Auffindung eines die ſchwere Krank⸗ heit des Königs bannenden oder wenigſtens in ihren Fortſchritten aufhaltenden Mittels geweſen ſein müſſe. Und das eben empfangene kaiſerliche Handſchreiben erwähnte im ſtricteſten Gegenſatze des Leibarztes Aus⸗ ſpruch vom zweifelhaften Aufkommen des Königs. Herr Leupold begab ſich in den Garten hinab. Es war ihm Gewohnheit geworden, derlei ernſte und nach allen Seiten hin zu erwägende Dinge, wie doch das eigenhändige Schreiben kaiſerlicher Majeſtät ent⸗ hielt, mit Frau Annelieſe zu beſprechen. Nicht, daß er ſich ſelbſt kein bündiges Urtheil zugetraut hätte, zu ſolcher Selbſtentwerthung konnte ein Mann ſeinesglei⸗ chen gar nicht kommen, aber er war ſich Fehler be⸗ wußt, die ein in Politik Arbeitender nicht haben darf, nämlich der Uebereilung und falſchen Ehrgeizes, welche ihr Ziel da ſuchten, wo ſie es zu finden nicht hoffen konnten. Frau Annelieſe urtheilte ruhig, jede Auf⸗ regung war ihr fern, und er hatte genug Beweiſe ihrer Klugheit. Das entſchied und verlieh ihr in ſeinen Augen einen ganz beſondern Werth. Er war der Mann der That, ſie die Schöpferin des Rathes, ſein Orakel. Die Schloßuhr ſchlug die Mittagsſtunde voll aus, 124 bis zur Tafel war alſo noch eine Stunde übrig, in der viel beſprochen werden konnte. Der Mittag war nicht heiß, es mußte ſich in der Ferne von einigen Meilen ein Wetter entladen und dieſe angenehme Tem⸗ peratur als Nachwirkung erzeugt haben. Der aus dem parkähnlichen Theile des Gartens herziehende Luft⸗ hauch war ungemein mild. Prinzeß Fiekchen, die mit ihren kleinen Couſinen, den Töchtern des verſtorbenen Erbprinzen, im Rondel ſpielte, ſah Herrn Leupold kommen und ſprang ihm mit ausgebreiteten Armen und dem Rufe:„Gnädigſter Großpapa! Gnädigſter Großpapa!“ entgegen. Ueber ſein dunkles, beim Nachdenken faſt immer grimmig ausſehendes Antlitz glitt ein Lichtſtrahl hin, als würfe die Sonne ihren Schein über die Oeffnung eines tief hinab ſich ſenkenden Schachtes, wo ſtets Nacht herrſcht. Für ein ſolches ausgewettertes Geſicht, wie das dieſes Kriegsfürſten, galt das Aufleuchten einer Freude einem Nimbus gleich, es verſchönte es bis zum Grade der Liebenswürdigkeit. „Her da, kleine Hummel!“ rief er luſtig, mit einem Schwunge ſie auf ſeinen Arm hinaufhebend.„Womit willſt Du Deinen gnädigſten Großpapa attakiren?“ „Mit einem Küßchen.“ „Angenommen und her damit!“ 125 „Was Du für n ſtachliges Geſicht haſt, Groß⸗ papa!“ rief die Kleine.„Mir feuert die Backe, ſo haſt Du mich gerieben.“ Das machte dem alten Herrn unendlich viel Spaß, er lachte hell auf.„Nun und kommt nicht noch etwas? Keine Bitte, kein Wunſch, den Prinzeß Mazi⸗ pan hätte?“ „O doch, Großpapa, ich will exerciren lernen.“ „Du, kleine Schwerenothshexe? Oho!“ „Da iſt gar nichts zu ohon. Meine liebe Mutter, die ich gar nicht gekannt habe, ſoll ſo gut exercirt haben wie der beſte Deiner Halleſchen Grenadiere, hat mir die gnädigſte Großmama erzählt, und deswegen will ich's auch lernen. O, ich werd's treffen. Onkel Moritz wird mich's lehren. Du ſollſt Deine Freude an mir haben.“ Warum war denn Herr Leupold ſo ſtill geworden? Mit dem Lichtſtrahl auf ſeinem Geſicht war's auch alle, er war plötzlich verſchwunden; aber es lag nicht ſchwer und grimmig in ſeinen harten Zügen, ſondern wie ein unausgeſprochenes Schmerzgefühl. Langſam ließ er Fiekchen vom Arm herabgleiten.„Lern's, das wird mir Freude machen. Deine Mutter konnt's prächtig“, ſagte er. Sie gingen einige Schritte ſtill neben ein⸗ ander. 126 „Wo iſt die Großmama?“ „Soll ich ſie rufen?“ „Ja.“ Im Nu, wie ein Pfeil vom Bogen fliegt, ſchoß die kleine Prinzeß in einem der Baumgänge hin. Herr Leupold ſah ihr nach. „Wie meine ſelige Louiſe“, raunte er leiſe ſich ſelber zu.„Die war auch lauter Leben und ein Herz hatte ſie— Engel können kein beſſeres haben. Sie iſt todt! Bah, wir müſſen alle dran— alle!“ Ob dieſer Troſt in ſeinem Innern ſo ſcheinbar gleichgültig wiedertönte, wie er ihn vor ſich hingeſprochen, blieb unenträthſelt. Als er ins Rondel trat, fühlte er ſeine beiden an den Seiten herabhängenden Hände von zarten Kinderhändchen ergriffen und von warmen Lippen geküßt. Es waren zwei ſeiner kleinen Enke⸗ linnen, die ſein verſtorbener Sohn aus der heimlichen Ehe mit Johanna Herre, der Brauerstochter, hinter⸗ laſſen und ſeinem großväterlichen Schutze empfohlen hatte.„Aha, Ihr ſeid's— Fiekchen ſpielt mit Euch. Na, ſie wird gleich wiederkommen, habt nur Geduld, Ihr Sandteufelchen.“ Dieſe letztere Bezeichnung bezog ſich auf das Spiel der kleinen Mädchen, die, wie er ſah, auf dem Rücken eines im Rondel aufgeſchütteten Haufens gelben San⸗ 127 des, beſtimmt, den Boden neu zu überkleiden, einen Puppenwagen geſetzt hatten, in dem eine große Puppe ſichtbar war. „Was ſoll denn das hier vorſtellen? Was ſpielt Ihr da?“ fragte er. „Fiekchen hat's angegeben, ein recht ſchönes Spiel — von der verzauberten Prinzeſſin Trudel, die von einem tapfern Ritter aus ihrem Felſenſchloß, wo lauter böſe Drachen ſind, erlöſt wird“, erklärte eine ſeiner kleinen Enkelinnen. „Das iſt gewiß ein recht ſchönes Spiel“, meinte Herr Leupold äußerſt gütig. „O, ein ſehr ſchönes Spiel“, rief die andere Schwe⸗ ſter ſehr lebhaft.„Fiekchen erzählt uns Alles von der Prinzeß Trudel ſo hübſch, daß wir uns ſchon darauf freuen, wenn der tapfere Ritter kommen und ſie be⸗ freien wird. Da wird's einmal böſe zugehen!“ „Gnädigſter Großpapa!“ rief Fiekchen's Stimme von weitem. „Da iſt ja der Ritter ſchon!“ ſagte Herr Leupold. „Spielt nur fort und laßt Euch nicht von dem böſen Drachen beißen. Hört Ihr?“ Mit dieſen Worten wendete er ſich dem Baumgange zu, aus dem Fiekchen's Stimme hervorgeklungen. So gütig hatten die kleinen Prinzeſſinnen den 128 durchlauchtigen Großpapa noch nicht geſehen. Für ge⸗ wöhnlich erſchien er ihnen als eine Art Knecht Ru⸗ precht in zottigem Bärenfell und brummend wie ein Bär, die Ruthe in der Hand, und nur dann und wann, aber immer brummend, aus dem mächtigen, über ſeine Schulter gehängten Sacke Aepfel und Nüſſe und ſüße Honigkuchen ihnen austheilend, das heißt kleine Ge⸗ ſchenke, wie ſie ſie eben gebrauchen konnten für ihr zartes Alter. Heute war er die Gnade ſelbſt geweſen. Dazu hatte nun Zweierlei gleichwirkend beigetragen. Erſtens Fiekchen's Entgegenkommen. So taktfeſt Herr Leupold in allen Dingen war, die ſein Soldaten⸗ weſen betrafen, und wie tief auch in ſeinem ſonſt ſo furchtloſen, martialiſchen Charakter ſeine Loſung: Drauf und dran! begründet war, ſo war er doch abergläu⸗ biſch genug, um von Begegnungen ſeine Unternehmun⸗ gen abhängig ſich zu denken. Sowie er nie an einem Montag etwas begann, was ſich möglichſt auf einen andern Tag verſchieben ließ, ſo auch glaubte er ſteif und feſt an Glück oder Unglück durch die Begegnung von Männern, Kindern oder alten Weibern. Fiekchen galt in ſeinen Augen als ein Glück bringendes Weſen, auch war ſie ja noch Kind. Und er, im Begriff, mit Frau Annelieſe ſich über das kaiſerliche Schreiben zu beſprechen, fand es daher im 129 voraus als erwieſen, daß dieſe Unterredung ihm Vortheil bringen werde. Und wenn dieſe Ueberzeugung ihn ſchon in ſehr gute Stimmung verſetzte, ſo ward dieſe um ein Bedeutendes erhöht, daß ihn ſein kleiner Liebling mit der freudigen Mittheilung, exerciren lernen zu wollen, überraſcht hatte. Ein Menſch, welcher ſich die verſchiedenen Tempos beim Schultern u. ſ. w. ange⸗ eignet, hatte in ſeinen Augen ſchon einen ſehr ſoliden Bildungsgrad erworben, während er die übrige Menſch⸗ heit, welche von dieſer edlen Kunſt nichts verſtand, als noch unter den Rekruten ſtehend anſah. Fiekchen kam außer Athem auf ihn zugelaufen. „Die gnädigſte Großmama kommt hinter mir her!“ rief ſie. „Prinzeß Trudel wartet auf Dich, Kobold; lauf, lauf!“ „Ich laufe ſchon! Eins, zwei, drei und ich bin dort!“ „Allerliebſte kleine Schwerenothshexe!“ brummte der alte Herr wohlgefällig.„Das hat doch Feuer in ſich — keine Thränenlampe, keine Waſſerſuppe— hatte aber auch eine Mutter darnach.“ Vernehmbare Schritte deuteten auf das Herankommen ſeiner Gemahlin, der er raſch entgegenging. Ihren Arm unter den ſeinen ſchiebend, führte er ſie mit den Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. II. 9 130 Worten:„Habe mit Dir zu ſprechen, Annelieſe!“ durch eine Seitenöffnung des Baumgangs ins Freie und nahm dann mit ihr auf einer Ruhebank Platz. Während dieſes hohe Ehepaar über den Inhalt des kaiſerlichen Handſchreibens ſich beſprach, promenirten deſſen beide Prinzeſſinnen Töchter, denen Doctor Stoll begegnet war, mit dieſem in dem parkähnlichen Theile des Gartens. „Er, Herr Doctor, hat uns da eine ſo ſchöne De⸗ finition von der Seele gegeben, daß wir Ihm ſehr dankbar dafür ſein müſſen“, ſagte Prinzeß Anna Wil⸗ helmine, welche der Durchlauchtige in der Regel, da ſie unvermählt bereits hart am Ausgange des erſten Vierteljahrhunderts ihrer Lebensjahre ſtand, ſeine„alte Jungfer Tochter“ zu tituliren beliebte.„Beſonders meine Schweſter Amalie hat alle Urſache zu dieſem Ihm gebührenden Danke, denn durch Ihn iſt ſie eines Vorwurfs ledig geworden, der, wie ſie mir vertraut hat, ſie ſehr geängſtet.“ „Dann iſt mir's doppelt lieb, von dieſem allerdings nur auf Annahme von Wahrſcheinlichkeitsgründen be⸗ ruhenden Gegenſtand, der ſo viele denkende Geiſter beſchäftigt, geſprochen zu haben“, entgegnete der Doc⸗ tor.„Ich geſtehe aber offen, daß ich nicht begreife, welcher Art der Vorwurf ſein könnte, de Sie, gnä⸗ 131 digſte Prinzeß, in Bezug auf das Kapitel von der Seele bedrückt haben ſollte. Ich kann mir keinen den⸗ ken, da es mir ganz unſtatthaft erſcheint, bei Ihnen einen Zweifel an der Exiſtenz der Seele überhaupt an⸗ zunehmen.“ „O, Zweifel iſt es keineswegs, nur ein Mißver⸗ ſtehen, ein— wie ſoll ich ſagen?— ein in ſich ſelbſt Nichthineinfinden. Doch, ich glaube, wenn Er uns auch eine Definition von der Liebe geben wollte, Herr Doctor, würde Er alle Scrupel löſen.“. „Die Liebe exiſtirt nur in zu vielen Arten und iſt etwas durch und durch Particulariſtiſches“, antwortete der Aufgeforderte lächelnd. „Das iſt ſehr begreiflich; aber was muß die wahr⸗ hafte Liebe zwiſchen zwei Perſonen, die mit einander ein ganzes Leben durchpilgern ſollen, für Eigenſchaften haben, um die Beiden gegenſeitig zu beglücken?“ „Aber, Wilhelmine!“ rief die Prinzeß Amalie ver⸗ weiſend. O laß mich doch, Kind! Was Du ängſtlich biſt! Wer ſo ſchön von der Seele ſprechen kann, der— das hängt ja eng mit einander zuſammen— muß doch auch gewiß wiſſen, was die wahre Liebe für Eigen⸗ ſchaften haben muß.“ „Man ſollte es meinen, und doch, gnädigſte Prinzeß, 132 könnte ich immer nur eine Definition derſelben geben, wie ich ſie anſchaue, weil es mir unmöglich ſcheint, nachzuempfinden, wo doch das eigene urſprüngliche Empfinden das allein Wahre ſein kann.“ „Thue Er das, Er wird aufmerkſame Zuhörerinnen an uns haben“, ſagte die ältere Prinzeß. „Sie wünſchen es, meine Gnädigſten, und deshalb gehe ich an den Verſuch.“ Nach kurzer Pauſe hob Doctor Stoll an: „Ich möchte ein Liebespaar zwei Glocken verglei⸗ chen, die unter hundert andern in ihrer Tonart völlig gleich ſind. Es iſt nicht ſo leicht, gleichtönige, ich meine damit, in einem und demſelben Accorde geſtimmte Glocken zu finden, und darum ſagt man auch: Das iſt ein ſchönes Geläute, oder im Gegenſatze dazu: es klingt nicht harmoniſch. Jeder Menſch trägt eine ſolche Glocke in ſich, das iſt ſeine Seele, ſein Empfindungsvermögen. Wie fein oder wie wenig dies ausgebildet iſt, ſo tönt es aus. Die Kunſt kann hier nichts thun, ein künſt⸗ liches Empfinden iſt ſchon von vornherein ein Unglück oder eine traurige Täuſchung; von einer wahrhaften Liebe kann niemals die Rede ſein, wo angekünſtelte Empfindungen vorhanden ſind. Alles Edle, Schöne und Erhabene, was die Schöpfung bietet, klingt in eins zuſammen, weil es dem reinſten und höchſten, 133 durch und durch lichtvollen Weſen entſtammt, das wir Gott nennen. Nicht die äußere Geſtalt der Glocke iſt es, die den Ton bedingt, er iſt etwas Inner⸗ liches, ſonſt gäbe es keine Verſchiedenheit der Töne, und auch nicht die kunſtvollen Gravirungen, die Orna⸗ mentik iſt es, die den Ton der Glocke vertraut und anheimelnd in unſer Ohr und in unſer Herz dringen läßt, ſondern der Ton ſelbſt iſt es, der ſich dieſen Weg bahnt. Auf Menſchen angewendet, erklärt dieſe An⸗ ſchauung, wie ich glaube, jenes ſich bis zur Unwider⸗ ſtehlichkeit erſtreckende Sichangezogenfühlen oder deſſen Gegentheil, die widerliche Empfindung des Abgeſtoßen⸗ werdens, die uns den Einen lieb, den Andern zuwider macht. Die Seelen finden oder fliehen ſich. Wo man die Vortheile berechnet, wo ein durch allerlei Mittel herbeizuführendes Finden die Seelenflucht beſeitigen ſoll, da hat die wahre Liebe nie eine Anwartſchaft gehabt, in den meiſten Fällen iſt ein verfehlter Lebensgang die Folge, oft eine lange Zeit bitterer, aber verborgener Reue. Wir haben daher ſo viele Beiſpiele von Unglück in den Ehen, weil ihnen die Heiligkeit der wahren Liebe gleich beim Beginne mangelte. Ich weiß wohl, es gehört Muth dazu, ſich den Täuſchungen und zu⸗ gleich, wie das wohl in vielen Fällen geſchieht, dem Drange der äußern Verhältniſſe oder gar dem Zwange 134 zu widerſetzen, aber dieſe Aeußerung von Muth iſt Jeder ſich ſelbſt ſchuldig, denn Niemand anders be⸗ zahlt dergleichen Nachgiebigkeit mit ſeinem Lebensglück als er ſelbſt.“ „Er hat Recht, Herr Doctor; dieſe Selbſtſchuld aus Mangel an Muth, ſich vor Unglück zu bewahren, iſt wie ein Kapital, deſſen von Jahr zu Jahr ſich ſtei⸗ gernde Zinſen uns zuletzt in gänzliche Verarmung ſtür⸗ zen!“ rief Prinzeß Amalie lebhaft. Doctor Stoll ſah ſie erſtaunt an. Die Prinzeß legte die Hand auf ſeinen Arm und blickte ihm ſo offen und freundlich in die Augen, daß es ihm zur Gewißheit wurde, wie ſehr ſie ſich ihm zu Danke verpflichtet fühle. Faſt ſcherzend ſagte ſie:„Es könnte unſerm durchlauchtigen Papa wahrhaftig nicht ſchaden, wenn Er ihm über das oder jenes, worin er ſehr im Argen liegt, ähnliche Vorträge hielte. Ob's viel fruchten würde, iſt freilich nicht im voraus zu ſagen, denn der Herr Papa iſt zuweilen ſehr wider⸗ haariger Natur, aber ein Verſuch wenigſtens wäre äußerſt wünſchenswerth.“ „Gnädigſte Prinzeß, für dieſe Anerkennung mei⸗ ner geringen Beredtſamkeit muß ich unterthänigſt dan⸗ ken; ich glaube aber, daß die mir zugemuthete Probe doch ein wenig zu viel Selbſtvertrauen bei mir vor⸗ 135 ausſetzt, deſſen ich mich ganz und gar nicht rühmen will.“ Die beiden hohen Damen lachten, weil ſie aus Er⸗ fahrung wußten, wie unzugänglich ihr durchlauchtiger Papa Allem war, was ſich in höhern Reflexionen erging. Prinzeß Amalie hatte ein halbes Stündchen früher einen ſehr ernſten und bedeutungsvollen Moment durch⸗ lebt. Fürſt Ludwig Carolath, von ſeiner Abreiſe ge⸗ drängt und von Herrn Leupold aufgemuntert, fand ſich in das beſondere Stadium eines Muthes erhoben, den er in der ganzen Zeit ſeiner Anweſenheit am Deſſauer Hofe ihr gegenüber nicht geäußert hatte. Die ſcheinbare Ruhe, mit welcher die Prinzeß ſeine Erklärung, wie ſehr er den Wunſch hege, ſie ſeine Gemahlin nennen zu dürfen, anhörte, täuſchte ihn dermaßen, daß er im feſten Glauben an ein günſtiges Reſultat ſeiner Liebes⸗ erklärung derſelben noch die Aeußerung hinzufügte, daß ihre beiderſeitige Verbindung ihres gnädigſten Papas Wille ſei. Es erſchien der Prinzeß mehr als unmänn⸗ lich von ihm, dieſer Unterſtützung väterlicher Autorität als eines Hauptbeiſtandes ſeiner Werbung ſich zu be⸗ dienen, und was zu fürchten war, traf ihn. In der artigſten Weiſe erhielt er einen Korb. Trotzdem war aber der Prinzeß nicht ganz wohl 136 bei der nun errungenen Freiheit, ſie fürchtete einen ſchlimmen Auftritt mit ihrem Papa. Es war faſt un⸗ denkbar, daß ein ſolcher ausbleiben konnte, der alte Herr pflegte das Nichtreſpectiren ſeines Willens unter allen Umſtänden für ein Verbrechen anzuſehen, das er nicht ſo leicht verzieh. Die Aeußerung des Doctors, daß Jeder den Muth, ſich dem Zwange zu entziehen, der ihm eine Zukunft ohne das Glück der freien Her⸗ zenswahl aufbürden wolle, ſich ſelbſt ſchuldig ſei, hatte ſie wieder etwas erhoben. Sie gelobte ſich, den ihr bevorſtehenden Kampf, welcher, beſonders wenn der durchlauchtige Papa in ſchlechter Laune ſich befand, ein höchſt unangenehmer für ſie werden konnte, nach beſten Kräften durchzuführen. Der Doctor, dem noch nöthige Krankenbeſuche die Zeit kurz machten, hatte ſich wieder bei ihnen verab⸗ ſchiedet. Schweſter Wilhelmine ſprach in ſeinem Sinne weiter zu ihr und äußerte dann:„Kind, es iſt ein recht widerliches Verhängniß für uns Fürſtentöchter, gleich Waaren verhandelt zu werden. Wer fragt nach unſern Herzen, unſern Neigungen? Niemand! In den meiſten Fällen entſcheidet die Politik über uns und macht uns zu Bindebändern von Intereſſen, die uns gänzlich fern liegen. Des Königs Majeſtät von Preu⸗ ßen hat ſeiner Prinzeß Tochter Wilhelmine die Wahl 137 unter drei Freiern gelaſſen; das hatte den Anſchein von Freiheit, aber es war alles Andere, nur nicht Frei⸗ heit. Lag es denn nicht offen auf der Hand, daß die Prinzeß, weil ſie gehorchen mußte, in Verzweiflung ſich für den Baireuther entſchied, den ſie noch nicht einmal geſehen hatte? Und was von dieſer fürſtlichen Ehe verlautet, iſt wahrlich kein Beiſpiel des Glückes. Und haben wir nicht mit eigenen Augen die Wahr⸗ nehmung in Rheinsberg gemacht, daß die Bevernſche an des Kronprinzen Seite keine Seide ſpinnt? Ach, die Aermſte mußte ſchon am Verlobungstage das Be⸗ wußtſein in ſich aufnehmen, daß von Liebe zu ihr bei ihrem künftigen Gemahl keine Rede ſein könne, denn ſie, welche noch die von den kaum überſtandenen Blat⸗ tern nachgebliebenen rothen Flecke im Geſichte trug, ſah ja den gegen ſie von dem Kronprinzen empfundenen Widerwillen in deſſen Augen. Seine Bildung iſt in⸗ deß ihr Glück, ſie ſchützt ſie vor öffentlicher Zurückſetzung. Wollen wir noch ſchlagendere Beiſpiele aufſuchen? Wir ſind als ehemalige Nachbarinnen der verewigten Kur⸗ fürſtin Eberhardine von Sachſen vollkommen dazu be⸗ rechtigt. Ihre unſelige Verheirathungsſucht hat mehr als eine arme Fürſtentochter fürs ganze Leben un⸗ glücklich gemacht; ihnen allen voran ſteht die ſchöne an den Zarewitſch vermählt geweſene Wolfenbüttlerin. 138 Und ſo könnte man traurige Fürſtenehen in einer lan⸗ gen Litanei aufzählen.“ Sie gingen ſtill mit einander durch die verſchlungenen Gänge. Prinzeß Amalie fuhr plötzlich erſchrocken aus dem Sinnen auf, dem ſie ſich überlaſſen hatte, als die neben ihr hinſchreitende Schweſter halblaut zu ihr ſagte: „Dort ſitzen Papa und Mama.“ „Weichen wir ihnen aus“, ſprach Amalie. „Es iſt zu ſpät, Papa hat uns bemerkt“, entgegnete die Schweſter.„Faſſe Dich, ſei muthig. Du weißt, daß man nur ſo am beſten mit ihm verkommt. Du haſt eine gute Chance für Dich, die gnädigſte Frau Mama iſt gegenwärtig. Sie hilft Dir ſicher.“ Der alte Herr und Frau Annelieſe erhoben ſich eben und warteten an der Bank auf das Herankommen der Prinzeſſinnen.„Er iſt in guter Stimmung“, flüſterte die älteſte Prinzeß ihrer Schweſter zu.„Das iſt zum Glück für Dich.“ „Zu mir her, Malia, wir haben mit einander zu ſprechen“, hob Herr Leupold an. „Mein gnädigſter Papa hat zu befehlen.“ „Der Carolath war bei Dir?“ „Ja.“ „So? Nun weiter!“ — ο8—— — 139 „Nun, weiter war nichts.“ „Nichts? Das wäre die Schwerenoth. Du haſt ihm den Korb gegeben?“ „Ja, gnädigſter Papa.“ Ueber Herrn Leupold's Geſicht flog ein ſchwerer Schatten.„Alſo einen Korb? Hm! Darf man ſich unterfangen, die hochweiſe Prinzeß zu fragen, warum?“ Das Zucken um die Mundwinkel des alten Herrn und vorzüglich das Fibriren ſeines Schnauzbartes deu⸗ teten an, daß er im ſchönſten Zuge ſei, in üble Stim⸗ mung zu verfallen. Da Prinzeß Amalie nicht gleich antwortete, fuhr er zornig auf:„Antwort will ich! Zur Schwerenoth, iſt das der Reſpekt, den ich von Rechtswegen fordern kann?“ „Mit ſchuldiger Hochachtung vor meinem durch⸗ lauchtigen Papa habe ich es vermeiden zu müſſen ge⸗ glaubt, über eine Sache mehr Redens zu machen, als ſie verdient“, entgegnete Prinzeß Amalie.„Es ſei fern von mir, über Fürſt Carolath ein Urtheil zu fällen. Er beſitzt das glatte, verbindliche Weſen, wie es wohl in den hohen Kreiſen der Wiener Hofburg, in denen er fürs Künftige leben wird, beliebt ſein mag. Ich leugne aber nicht, gnädigſter Papa, daß ich als Deſ⸗ ſauiſche Prinzeß den Stolz in mir trage, nicht zum 140 Train gehören zu wollen, der des Winkes und Blickes des Gebieters eines Hofes, und wäre es ſelbſt der des Kaiſers Majeſtät, in Demuth lauſcht; ich bin nach der mir gewordenen Erziehung berechtigt, Anſpruch auf die Stellung einer Fürſtin zu machen, die an der Spitze eines Hofes ſteht. Mir dünkt es ein Vergehen an dem Ruhme Eurer Durchlaucht, einen andern Wunſch nur zu hegen, und da es mir gewiß geſtattet iſt, noch über Anderes mich offen und frei ausſprechen zu dür⸗ fen, ſo thue ich es jetzt gleich und ſage ohne alles Hehl: Mein gnädigſter Papa hat mich in ſeiner Per⸗ ſon an das Muſter eines Mannes gewöhnt, der im vollen Sinne des Wortes ein Mann iſt; in meinen Augen erſcheint dagegen Fürſt Carolath—“ „Wie'n Marzipangebäck“, fiel der alte Herr wider alles Erwarten und zur größten Verwunderung der bei ihm Stehenden ein.„Ja, ja, habe mir das gedacht. Weiter.“ Der Sprechende bemerkte nicht, wie Frau Annelieſe ihrer Tochter Beifall zunickte, und letztere war ſchlau genug, den guten Eindruck, den ihre Rechtfertigung ſo ſichtbar bewirkt hatte, noch mehr auszubeuten, indem ſie ihre Rede fortſetzte, als wäre dieſe nicht unterbro⸗ chen worden. „In meinen Augen erſcheint Fürſt Carolath un⸗ 141 fähig, je ſolchem Muſter nur entfernt ähnlich zu wer⸗ den. Manche Prinzeß würde darin um ſo mehr einen Beweggrund finden, ſich mit ihm zu vermählen, als ſie ſich zur Hoffnung berechtigt halten dürfte, die Herrin des Herrn zu werden— ich denke anders. Das Beiſpiel des glücklichſten Ehelebens, das mein gnädigſter Papa und meine gnädigſte Mama, ſolange ich nur denken kann, mir gegeben haben, iſt für mich maßgebend ge⸗ worden. Ich will mich nicht des wohlfeilen Triumphes erfreuen, die Gebieterin eines Gemahls zu werden, den ich überſehe, ich will ſo glücklich werden wie meine gütige gnädigſte Mama, ich muß denjenigen ehren und hochachten können, den ich Gemahl nennen ſoll. Und dieſer Wunſch iſt in meiner eigenen Ehre als geborene Prinzeß von Deſſau gewiß gerechtfertigt.“ Prinzeß Amalie ſchwieg. Herr Leupold ſchaute ſie ſo durchdringend an, daß es ihr viel Mühe koſtete, ſeinen forſchenden Blick mit Ruhe auszuhalten, indeß auch dies gelang ihr voll⸗ ſtändig. Nach einer kurzen Pauſe wendete er ſich zu ſeiner Gemahlin mit den Worten:„Ich komme da auf die Idee einer Erſparniß, an die ich mein Tag nie gedacht hätte.“ „Welcher Erſparniß?“ fragte Frau Annelieſe mit einiger Unruhe, denn dies ſcheinbare und ſo gänzlich 142 unerwartete Abſpringen von dem eben in Rede befind⸗ lichen Gegenſtande machte ſie beſorgt um den Erfolg der Vertheidigung ihrer Tochter. „Die Malia ſoll Nachmittagsprediger bei der Stadt⸗ kirche werden“, antwortete der alte Herr,„ich ziehe da den Gehalt für ſie. Schwerenothsmädel, die Malia! Na, wenn der Carolath einmal den Korb weg hat, kann ich ihm nicht helfen. Ich möcht' ihn auch nicht, kann das geſchniegelte und zuckerſüße Weſen nicht leiden, iſt auch nicht die Spur von drauf und dran dabei zu finden.“ Der ſich in geringer Ferne zeigende Lakai war für Herrn Leupold das Zeichen, daß die Tafel bereit ſei. Seiner Gemahlin den Arm bietend, führte er ſie nach dem Schloſſe, die Prinzeſſinnen folgten, leiſe zuſammen wispernd. „Wenn ſich die Sache mit dem Carolath gemacht hätte, würde es mir in der Beziehung lieb geweſen ſein, als man da gewiſſermaßen einen Fuß in der Wie⸗ ner Hofburg gehabt haben würde“, bemerkte der alte Fürſt unterwegs. „Ich zweifle daran“, äußerte die hohe Frau.„Ca⸗ rolath ſcheint mir nicht für dergleichen Speculationen geſchaffen zu ſein.“ „Abgemacht! Wollen nicht weiter von der Sache 143 reden, iſt vielleicht ſogar gut, daß es ſo und nicht an⸗ ders gekommen iſt. Es gibt eine Sorte Canaillen am Berliner Hofe, die in einer Verwandtſchaft am Wiener Hofe vielleicht Grund zu Verdächtigungen gegen mich gefunden haben würden. Dergleichen Spiel iſt ihnen ſomit gründlich verdorben. Hole ſie der Teufel!“ Herr Leupold zeigte ſich bei Tafel, an welcher der junge Fürſt heute zum letzten Male Theil nahm, un⸗ gemein liebenswürdig, er ſchien das Beſtreben zu haben, ſeinem Gaſt den Korb vergeſſen machen zu wollen. Eben erhob man ſich, als des alten Herrn Kammerdiener raſch eintrat.„Ein Kurier von Berlin, Durchlaucht.“ „Ein Brief? Von Marwitz? Doch nicht—“ Ganz gegen Gewohnheit zitterten Herrn Leupold's Hände bei Erbrechung des Siegels. Der Inhalt be⸗ ſtand in den wenigen Worten:„Der König hat nach Ausſpruch des Leibarztes kaum noch zwei Tage zu leben. Kommen Eure Durchlaucht raſch.“ „Mein alter Herr und Freund!“ ſtammelte der Deſſauer kaum vernehmbar, und in ſeinen Augen glänzte es feucht. Eine Pauſe folgte, aller Augen waren auf ihn gerichtet. Plötzlich ſprang er auf.„Anſpannen, Jakob! Die Goldfüchſe vorlegen! In einer Viertel⸗ ſtunde müſſen wir fort ſein.“ Und damit ſtürmte er wie raſend fort. Die Viertelſtunde war noch nicht zu Ende, als die fürſtliche Equipage, von einem köſtlichen Viergeſpann von Goldfüchſen gezogen, ſchon durch die Zerbſter Straße hinrollte. Eine Stunde ſpäter reiſte der junge Fürſt Carolath ab. Prinzeß Amalie war frei, aber ſonderbar erſchien es ihr ſelbſt, daß ſich ganz unwillkürlich ihr Denken mit dem Doctor beſchäftigte. Gewiß, er hatte ſo ſchön von den zuſammenſtimmenden Glocken geſprochen. Nie⸗ mand an ihrem väterlichen Hofe würde bezüglich der aufrichtigen und innigen Liebe zweier Herzen ein ſol⸗ ches Gleichniß aufgefunden haben, es verrieth ein tiefes Empfinden, eine poetiſche Anſchauung. Sie hatte den Doctor bisher nicht weiter beachtet, zumal die Empfeh⸗ lung und Protection ihres durchlauchtigen Papas ge⸗ rade nicht dazu diente, ihn in ihren Augen als beſon⸗ ders gebildet evſcheinen zu laſſen. Jetzt war dieſe An⸗ ſchauung plötzlich umgewandelt. Das Gleichniß von den Glocken hatte das bewirkt. Der Doctor ſelbſt ahnte nichts von dieſem Umſchwunge zu ſeinen Gun⸗ ſten, im Gegentheile hatte ſich ſeiner das höchſt unan⸗ genehme Gefühl einer Befremdung bemeiſtert, welche ein kleiner geringfügiger Zufall hervorgerufen hatte. Als er ſich von den Prinzeſſinnen verabſchiedet, nahm er dden Weg mitten durch den Garten, der gerade durchs 145 Schloß führte. Seine Blicke richteten ſich nach deſſen Fenſtern. Er kannte da eins, von wo zuweilen ihm liebe Augen herabgegrüßt hatten. Jetzt wünſchte er wie⸗ der ſolchen Gruß. Er war für ihn das Läuten einer Glocke, deren Ton mit der harmoniſch zuſammenſtimmte, die er in ſich trug. Die gelben Gardinen waren zuſammengezogen, er ſah das von fern. Die liebe Sonne war die Urſache davon, ihre Strahlen fielen grell auf die Fenſterſcheiben und erhöhten die ohnehin hohe Temperatur in dem nicht allzu großen Zimmer, daß es alſo nicht zu verwundern war, dagegen eine Verwahrung getroffen zu finden. Jetzt— er blieb ſtehen— eine kleine weiße Hand ſtreckte ſich zwiſchen die zuſammengezogenen Vorhänge und ſchob den einen zurück, und wie in einem goldenen Rahmen unter Glas erſchien die Büſte der Geliebten. „Anna!“ Der Name huſchte halblaut in voller Freude über ſeine Lippen; aber was war das? Nur für einen Moment blieb ſie ſichtbar, dann ſchob ſich ſchnell der in dichte Falten zurückgezogene Vorhang vor ſie hin. Sie mußte ihn geſehen haben, es war gar nicht an⸗ ders möglich. Und kein Nicken herab für ihn? Im Gegentheil, ein eiliges Verſchwinden, als wäre ſie er⸗ ſchrocken, ihn zu ſehen. Es berührte ihn ſehr unangenehm. Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. II. 10 Viertes Kapitel. In König Friedrich Wilhelm's I. Zuſtand war bei Annäherung des Frühlings eine Beſſerung einge⸗ treten. Die gewöhnlichen heftigen Beklemmungen, de⸗ nen er unterworfen war, hatten ſich etwas gemindert, wodurch auch ſein ſchnell zum wildeſten Zorn auflo⸗ derndes Gemüth eine gewiſſe Sänftigung gewann und jene Ausſchreitungen, die Geſundheit und Leben ſeiner Diener in Gefahr verſetzten, ſich nicht wiederholten. Nichtsdeſtoweniger fühlte der Monarch, daß für ihn die Zeit des Abſchiednehmens von dieſer Zeitlich⸗ keit gekommen ſei, denn als er am 27. April 1740 den Aufenthalt in ſeiner Hauptſtadt mit dem in ſeinem geliebten Potsdam vertauſchte, rief er, von der gewiſſen 5 Ueberzeugung ergriffen, nicht wieder zurückzukehren, als 147 man ihn, den von der Waſſerſucht ganz unförmlich Gewordenen, mit Mühe in den Wagen gebracht hatte „Leb wohl, Berlin, in Potsdam will ich ſterben.“ Ein kranker König, nach dem der Tod ſchon die Knochenhand ausſtreckt, iſt weit übler daran als der ärmſte Mann ſeines Landes. Eine vom Haupte fal⸗ lende Krone reißt ein Stück des Herzens mit ſich fort, der arme Mann dagegen verliert nichts oder nur we⸗ nig, weil er eben nichts oder nur wenig beſeſſen hat. Darum iſt das Sterben eines Königs ſchwer. Und ein ſo langſames Sterben bei ſolchem Gemüthe, wie das König Friedrich Wilhelm's I., war eine täglich fortge⸗ ſetzte Marter, die jedoch ſeinen ſtarren Sinn nur lang⸗ ſam brach. Man erzählte ſich in Potsdam wie in Berlin, wie ſchwer es dem Propſte Roloff, ſeinem dereinſtigen Feld⸗ prediger im kronprinzlichen Regimente bei den Rhein⸗ campagnen, den er zuweilen zu ſich rufen laſſe, werde, ihn zu einer Sinnesänderung zu bewegen, denn der todkranke Monarch behauptete, immer recht gehandelt und Alles zu Gottes Ehre gethan zu haben, trotzdem der Propſt ihn an Manches erinnerte, was eben nichts zu Gottes Ehre beizutragen im Stande geweſen, wie unter Anderm die Verſchärfungen der Todesurtheile, die ungerechten Hinrichtungen, die harte Bedrückung ſeiner 10* 148 Unterthanen, um Plus zu machen, und dergleichen mehr. In jenen Stunden, wo rein Weltliches ihn beſchäf⸗ tigte, war es der Anblick ſeiner Potsdamer Rieſen, der ihn beſonders erquickte. In ſeinem Zimmer mußten ſie abtheilungsweiſe vor ihm aufmarſchiren und vor ihm exerciren. Und wie ſehr ſein ganzes Denken an dieſem eitlen Treiben hing, bezeugte am beſten, daß es ihm großen Aerger bereitete, ſich bei der von ihm bis ins kleinſte Detail geſchehenden Anordnung ſeines Leichenbegängniſſes vorzuſtellen, ſeine blauen Rieſen könnten bei dem dabei üblichen Feuern irgend⸗ wie Fehler machen, denn er rief heftig:„Aber gebt Acht, ob die Hundsfötter nicht plackern werden.“ Wie eng mit all ſeinem Denken die Soldatenmanie bei dem bald dem Todtenreiche angehörenden König verwachſen ſei, erkannte Propſt Roloff, der einen harten Kampf gegen die merkwürdigen Anſchauungen des hohen Herrn führte, als letzterer eines Tages, wo be⸗ ſonders heftige Gichtſchmerzen ihn plagten, ſich das Lied:„Warum ſollt' ich mich denn grämen?“ vorſingen ließ und, als die Stelle kam:„Nackend werd' auch ich hinziehen“, die Sänger unterbrechend mit den Worten auffuhr:„Das iſt nicht wahr, ich will in der Montur begraben werden!“ Die Bemerkung des Propſtes, daß es 2 149 im Himmel wohl keine Soldaten geben werde, machte einen niederſchlagenden Eindruck auf den Monarchen. Solche Demüthigungen hielten indeß nur auf die Dauer eines Tages oder auch nur einiger Stunden an, dann überwog die alte Gewohnheit gegentheiliger Anſichten jegliche ihn beengende Neuerung und er war bis auf die täglich mehr ſchwindende Kraft ganz und gar wieder der Alte, der in ſeinen blauen ſechs⸗ elligen Kerls ſein größtes Gaudium fand. Von dieſen außergewöhnlich in die Länge geſchoſſenen Leuten, von denen die meiſten mit ſchwerem Gelde erkauft waren, kannte Seine Majeſtät faſt jeden und es war daher nur folgerecht, daß ihm das Fehlen zweier von ihnen auffallen mußte. Es waren dies die Korporale Rank und Bank, jeder ein ſchmucker Rieſe und eine Zierde ſeiner auserleſenen Truppe. Auf ſeine Frage, warum er ſie nicht mehr ſähe, erinnerte man ihn, daß dieſe ehren⸗ werthen Vorbilder kriegeriſcher Größe auf ſeinen eigenen Befehl in des Advocaten Homilius Haus als Einquar⸗ tierung gelegt worden ſeien. „Und ſie haben den Teufelsbraten von Advocaten noch nicht mürbe gekriegt?“ fragte er. „Bis jetzt iſt von dergleichen noch kein Rapport eingegangen“, antwortete Generaladjutant von Haake. „Beſtie von einem Rechtsverdreher, weiß auch dem 150 Teufel ein X für ein U vorzumachen!“ brummte der kranke König und ließ den Kopf ſinnend hängen, denn nichts empörte ihn mehr, als wenn er ſich getrotzt glaubte. Plötzlich erleuchtete ihn eine Idee. „Den Rank befehl' Er mir her, Haake. Scheint mir ein Kerl, mit dem was anzufangen iſt, ſoll mir ſelber rapportiren. Morgen daſein, der Rank.“ In Hinſicht des letztern hatte der kranke Monarch vollkommen Recht, wenn er ihn einen Kerl nannte, mit dem was anzufangen ſei. Rank ſchien die Ausnahme⸗ ſtellung, welche das Geſchick ihm durch ſeine große Geſtalt verliehen, für die unbeſtreitbare Andeutung anzuſehen, daß er auch ſonſt den Leuten gegenüber in einer Ausnahmeſtellung ſich befinden müſſe, und darum machte es ihm ſtets großes Vergnügen, wenn er irgend eine Tücke gegen Jemand in Ausführung bringen konnte. Unter ſeinen Kameraden hatte er ſich den Ruhm, ein Kerl zu ſein, der's hinter den Ohren habe, erwor⸗ ben und es gab keinen, der bei Vollziehung von Prü⸗ gelſtrafen den Stock ſo wohl zu führen verſtand als er. Auch in bürgerlichen Kreiſen hatte er ſich gewiſſer⸗ maßen zur Reſpektsperſon erhoben. Es herrſchte damals die ſchöne Sitte, unverbeſſerlich ſcheinende Knaben durch eine anſehnliche Zahl von Unteroffizieren verabreichter Ruthenſtreiche beſſern zu wollen. Man erzielte da⸗ — 151 durch die tröſtliche Gewißheit, daß nur ſie dieſen Act mit dem nöthigen Nachdruck zu vollziehen verſtän⸗ den, da ſie kraft ihres militäriſchen Berufs die größte Uebung darin beſitzen mußten und auch wirklich beſaßen. Die aus aller Herren Ländern zuſammengewürfelte Soldateska ſtand in den Augen bürgerlicher Menſchen auf einer Stufe, welche denjenigen, welche ſie einnah⸗ men, die Stellung zwiſchen Verachtung und Entehrung anwies, demzufolge man die Korporale oder nach damali⸗ gem Sprachgebrauche Kaporale zu Zuchtmeiſtern zu ver⸗ wenden für gut fand. Selbſtverſtändlich waren derglei⸗ chen Verwendungen Benefize für verdiente Korporale und Rank rangirte als Nummer eins unter dieſen Ausge⸗ zeichneten. Für einen Mann von ſolchen Verdienſten mußte es daher ein bedeutendes Mißvergnügen ſein, als Einquartierter beim Advocat Homilius nichts auf⸗ zuſtöbern, was dieſen in Strafe zu bringen ver⸗ mochte. Herr Homilius brach jeder Klage, welche dieſer häßliche Rieſe gegen ihn, den Quartierwirth, möglicher⸗ weiſe in Geltung hätte ſetzen können, von vornherein die Spitze ab, indem er ihm und ſeinem Kameraden Bank das beſte Zimmer ſeines Hauſes, welches der Pſeudo⸗Baron von Sternfels bewohnt, eingeräumt hatte und die Verköſtigung eine ſehr gute war. Des Advocaten Benehmen blieb ein durchaus ruhi⸗ 152 ges, kalt höfliches gegen ſeine ihm aufgezwungenen Gäſte. Er ſprach nicht mehr mit ihnen, als zur Noth⸗ durft erforderlich war. Die Frau Advocatin verkehrte nur mittels der Magd mit ihnen, die zum Glück eine ebenſo eingefleiſchte Feindin der Soldateska wie eine kluge Perſon war, welche wohl begriff, daß auf der Hut ſein das einzig ſichere Mittel ſei, um mit ihnen auszukommen. Da ſie übrigens zu den ſogenannten Uebertragenen gehörte, deren Jugendblüte ſich ſtark dem odiöſen Bereich der Sage zuneigte, ſo hatte ſie nicht gegen irgendwelche Sympathien zu kämpfen, welche die Herren Korporale im Gegenfalle für ſie zu äußern ſicher nicht unterlaſſen hätten. Hinſichtlich des einen, Bank, würde ſie überhaupt eine ſolche Befürchtung nicht nöthig gehabt haben, denn dieſer beſaß ein ſehr empfindſames Herz, welches in einem ſtillen Brande für die hübſche Schwägerin ſeines Quar⸗ tierwirths erglühte. Frau Doris Schomer hatte eine tiefe Zuneigung bei ihm hervorgerufen und er bemerkte mit außerordentlichem Vergnügen, daß ſein Kamerad Rank für ſie gar nicht zu exiſtiren ſchien, während ſie mit ihm redete. Dieſe ſichtbare Bevorzugung ſeiner langen Perſon war ganz geeignet, ſeine Neigung zur Leidenſchaftlichkeit zu treiben, inſofern dies bei ſeinem trockenen Weſen überhaupt möglich war. 153 In ſeinem Naturell lag durchaus nichts Bewegliches, im Gegentheil ein Hang zur Ruhoe, welcher ſein mecklen⸗ burgiſch Gemüth— ſeine Ahnen hatten, ſoweit man ihrer denken konnte, in dieſem Kanaan gelebt, geliebt und ihre dürftige Scholle gebaut— ſelten in große Wallungen kommen ließ; aber den Kameraden ſeiner Compagnie war es kein Geheimniß, daß er ſtets ein ſtillliebender Schwärmer war. Ob mit Glück oder Unglück, das freilich kam allein auf ſein Conto. Durch dieſe eigen⸗ thümliche Eigenſchaft hatte er einen gewiſſen Vorzug erlangt, er war zartfühlender als andere ſeiner Ka⸗ meraden und namentlich als Rank, der in der Ueber⸗ zeugung von dem hohen Charakter ſeiner Charge es für nöthig fand, die ſoldatiſche Rohheit, jene gemeine Ueberhebung der Macht, gefliſſentlich zur Schau zu tragen, während Bank möglichſt die Schieklichkeit beobachtete, wenn ſich dies thun ließ. Zu den mancherlei Auswüchſen von Rank's gemei⸗ ner Sinnesart und rohem Gebaren gehörte es auch, mit dem brennenden Pfeifenſtummel in des Advocaten Wohnung zu gehen und daſelbſt ſo arg zu qualmen, daß die Frau Advocatin und deren Kinder den Huſten bekamen. Herr Homilius ließ ſich deshalb beim Stadt⸗ commandanten melden und ſeine energiſche Beſchwerde hatte die Abſtellung dieſer niederträchtigen Ueberla⸗ 154 ſtung zur Folge. Ein bitterer Haß ſetzte ſich in Rank's ſchlechter Seele gegen den Advocaten feſt und er ſchwor hoch und theuer, wenn es nur irgend möglich ſei, den Federfuchſer und Rechtsverdreher ins Unglück zu bringen. Sehr ergrimmt machte er ſeinem Kameraden Bank die heftigſten Vorwürfe, daß er in dem Hauſe eines ſolchen Teufelsbratens, wie doch jeder Advocat ſei, ſo zahm und zimperlich thue. „Biſt Du fertig, alte Unke?“ fragte Bank, ohne aus ſeinem Phlegma zu kommen. „Deine verdammte Liebelei iſt ſchuld, willſt den Guten, den Angenehmen ſpielen. Erſchlag' Dich doch ein kleines Donner—“ „Wetter!“ fügte der Vorige gewohnheitsmäßig hinzu. „Nicht einmal ſelbſtſtändig fluchen kann der Kerl!“ eiferte Rank.„Immer hängt er ſich an mich an, s iſt doch zum Teufel—“ „Holen!“ Rank ſtierteihn ganz perplex an. Dieſe Ruhe ging über ſeine Begriffe. „Höre, Kamerad“, hob Bank an, nachdem er einige bedeutende Rauchwolken aus ſeinem Stummel voraus⸗ geſchickt, wir ſind nicht alle auf einem Leiſten ge⸗ macht und daher und deswegen bin ich anders als Du— 155 3 ich bin ein feineres Gewächs.“ Rank wollte proteſtiren, r Bank ſagte ſehr gelaſſen:„Ruhe im Glied!“ Dann er⸗ 1 klärte er ihm, daß er mit Abſicht den Verliebten in 1 das hübſche Weibel ſpiele, denn die wiſſe, das läge ja auf der Hand, mehr von ihres Schwagers Verhältniſ⸗ k ſen als ihr Mann, der Trunkenbold, welchen jener 8 nicht leiden könne. Ich bin für die innern Angelegen⸗ 0 heiten, merk' Dir das, alte Unke, und ich denke, ich bringe ſie zum Reden.“ 8 Mit dieſer weiſen Erklärung war die Stellung für die beiden Sechselligen im Hauſe entſchieden. Rank n leitete die auswärtigen Angelegenheiten, ihr Ziel war 3 aber ein und daſſelbe. In dieſe Zeit fiel des Königs Befehl, daß Korporal t. Rank zum perſönlichen Rapport in Potsdam erſcheinen 1 ſolle, und auf dem Kutſchbock des Stadtcommandanten 8 1. von Berlin in voller Armatur ſitzend, rollte der Be⸗ fohlene dahin. Das Reſultat ſeiner Präſentation vor Seiner Majeſtät mußte ein gutes geweſen ſein, denn g Rank kam ſehr vergnügt zurück nach Berlin. Sie hatten es mit einem Gegner zu thun, der auf ſeiner Hut war, 3 Herr Homilius wußte ja, daß dieſe beiden Goliathe in ⸗ ſein Haus gelegt worden waren, um über ihn Rapport 6 abzuſtatten. Er hatte in Erfahrung gebracht, daß Rank — zum König nach Potsdam beordert geweſen ſei, und 156 konnte ſich's denken, daß dies eine ihn betreffende Be⸗ deutung habe; aber er glaubte ſicher ſein zu können. Die zum Hüter ſeines Thuns ihm geſetzten Cerberuſſe ſchienen ihm wenig gefährlich, ſie waren zu plump, um ſie zu fürchten. Mit ſeinem Schwager Schomer war er ſeit dem Tage, wo er die Einquartierung bekommen, gänzlich zerfallen, der Menſch war durch ſeine raſend ſchnell überhand nehmende Trunkſucht zur Verworfenheit herabgeſunken. Anfänglich hatte Schomer ſeiner Frau den fernern Beſuch des Homilius'ſchen Hauſes unter⸗ ſagt, indeß waren kaum ein paar Wochen vergangen, als er keine Notiz mehr von dem Thun derſelben nahm und ganz und gar ſein Verbot vergeſſen zu haben ſchien. Frau Doris kam nach wie vor zu Beſuch bei ihrer Schweſter, der Frau Advocatin, Schomer ſchien es nicht zu bemerken. Er achtete ja nicht einmal darauf, wie ſein Geſchäft ſich täglich verſchlechterte, wie ſeine Knechte ſich Betrügereien zu Schulden kommen ließen und ſeine Finanzen immer mehr dem Bankrott ſich näherten. Die Trunkſucht breitete ihre Polypenarme um ihn. „Daß dieſer erbärmliche Menſch keine Ahnung von unſerm Geheimniß hat, iſt ein Glück“, ſagte Herr Ho⸗ milius.„Der Verrath an mir würde ihm nicht nur 157 eine Kleinigkeit dünken, ſondern auch ſeine gemeine Seele kitzeln. Und wie gemein er iſt, beweiſt, daß, wie ich in Erfahrung gebracht, er mit dieſem wüſten Kerl von Korporal, dem Rank, täglich in einer der abſcheu⸗ lichen Branntweinkneipen ſich zuſammenfindet. Nun, gleich und gleich geſellt ſich gern.“ Frau Doris rief faſt leidenſchaftlich:„Kann Er es anders ſagen, Herr Schwager, als daß ich nur zur Qual geboren bin? Welcher Schmach wurde ich an⸗ heimgegeben in meinen Jugendjahren, wie wurde ich gebrandmarkt! Und warum?“ Sie verhüllte ihr Ge⸗ ſicht, dann fügte ſie nach einer kurzen Pauſe hinzu: „Und jetzt! Welches elende, erbärmliche Leben führe ich jetzt! Das Weib eines Trunkenbolds, der den letzten Reſt von Ehre, den er noch hatte, von ſich geworfen und ſich ſchändet! Was ſteht mir bevor? Armuth! Bittere Armuth!“ „Vergeſſe Sie nicht, Frau Schwägerin, daß mein Haus ein ſtets offenes für Sie ſein wird. Und ſage Sie ſich doch ſelbſt, gibt es denn wirklich Niemand, der ſo unglücklich iſt wie Sie oder noch unglücklicher? Denke Sie doch an Ihre Freundin, die arme junge Gräfin Almeslo. Hat man ihr nicht Alles geraubt? Den Gemahl und ihr Kind?“ Dieſe Erinnerung war ganz geeignet, das Geſpräch —— 158 auf Marie Almeslo zu bringen. Ein Schreiben vom alten Harbich war vor einigen Tagen eingegangen. Es enthielt die entſetzliche Kunde, daß Graf Fortunatus ſeinen Stiefbruder, den Baron Warkotſch, Cavalier in der Kaiſerin Hofſtaat, erſchoſſen habe. Die Frau Gräfin Mutter ſei unverzüglich nach Ankunft dieſer Nachricht nach Wien abgereiſt und habe von dort her nach Bres⸗ lau gemeldet, dem Mörder Fortunatus, der in ſtrenger Haft ſitze, werde auf Kaiſers Befehl der Proceß ge⸗ macht. „Es iſt unmöglich, daß ich ihr dieſe Nachricht nach Deſſau ſende“, ſprach Herr Homilius.„Nicht nur, daß ſie in der Aufregung an ihrem Geheimniß Selbſtver⸗ rätherin werden dürfte, ſondern ich fürchte auch, daß ſie den Tod davon haben kann. Ein Selbſtverrath von ihr iſt aber zugleich einer für mich. Was nicht durch die beiden Rieſen der Potsdamer Garde zur Entdeckung gelangen wird, hätte ſofort eine Veröffent⸗ lichung gefunden. Der Deſſauer Fürſt würde es ſogleich an des Königs Majeſtät melden und ich wäre ſammt meiner Familie ruinirt.“ Nach einer Pauſe fuhr der Advocat fort:„Selbſt wenn die Verheimlichung deſſen, was in meinem Hauſe geſchehen, ich meine, der jungen Gräfin Wiederaufleben und was damit zuſammenhängt, keine Verurtheilung 159 für mich herbeiführen würde— und es geſchähe um ſo gewiſſer, als der König mein Schweigen als einen böſen rebelliſchen Trotz anſähe, in demſelben ſogar die Abſicht finden dürfte, daß ich mich auf dieſe Art wegen der von ihm ungerechterweiſe über Sie, Frau Schwägerin, verhängten Entehrung rächen, ſeiner Macht und ſeinem Befehl ſpotten wolle— ſo müßte die Profanation, zu der ich mich wegen der Folgen für die junge unglückliche Gräfin gezwungen ſah, dem Kirchhof wiſſentlich einen leeren Sarg übergeben zu haben, mir ein Verdammungsurtheil bringen, im gün⸗ ſtigſten Falle einen Spandauer Kerker auf eine Reihe von Jahren.“ Ein Schauer durchfröſtelte die Frau Advocatin und deren Schweſter Doris. Die erſtere ſchlang weinend die Arme um ihn. Die entſetzlichſte Angſt trieb ſie zum krampfhaften Umklammern ihres Gatten, als ſei ſchon der Augenblick gekommmen, wo man ihn ihr entriſſe.„Mein Gott! Mein Gott! Laß doch nicht ſolches Erſchreckliche an uns geſchehen!“ rief ſie ſchluch⸗ zend. „Beruhige Dich, Lotte“, tröſtete Herr Homilius. „Ich deute ja nur die Grenzen der Möglichkeit im ungünſtigſten Falle an. Wo ſollte eine Entdeckung her⸗ kommen? Hier im Hauſe wiſſen nur wir drei um 160 das Geheimniß. Der alte Harbich muß um ſeiner ſelbſt willen ſchweigen, der Verwalter der Almeslo'ſchen Hauptbeſitzung im Osnabrückſchen iſt geſtorben und ſein Nachfolger beantwortete den Brief, den ich auf An⸗ dringen der jungen Gräfin dem erſtern zugeſchickt hatte. Ich vermied vorſichtig, nur die geringſte Andeu⸗ tung des Geheimniſſes in dem Schreiben zu machen. Nichts weiter befindet ſich darin als eine Einladung an den Grafen Fortunatus, hierher zu kommen, um eine höchſt unerwartete und ihm ſehr angenehme Nach⸗ richt rückſichtlich eines Gutskaufes zu vernehmen. Um jedoch für alle Fälle geſichert zu ſein, zeichnete ich in meinem Diarium oder Tagebuch die Notiz ein, daß mir von einem adligen, mit Namen genannten Herrn, welcher eins ſeiner in der Lauſitz gelegenen Güter zu veräußern gedenke, der Auftrag ertheilt worden, den jungen Grafen Almeslo, der bereits mit ihm deshalb in Correſpondenz geſtanden, nach Berlin einzuladen, um die ebenſo unerwartete wie angenehme Nachricht von mir zu empfangen, daß ſeinem Wunſche nichts mehr im Wege ſtehe und ich im Intereſſe des Herrn Verkäufers, der mich in dieſer Angelegenheit zu ſeinem Agenten gemacht, mit ihm verhandeln würde. Nie⸗ mand kann beweiſen, daß dieſe Notiz fingirt ſei, denn ein in meinem Beſitz befindliches Schreiben des erwähn⸗ 161 ten Herrn, in dem er mir die Agentſchaft hinſichtlich des Verkaufs ſeines Gutes anträgt und das zugleich die Anzeige enthält, daß er perſönlich nach Berlin kommen werde, um mit mir Rückſprache zu nehmen, gibt ihr den Stempel der vollen Wahrheit. Sein ein halbes Jahr, nachdem er wirklich in Berlin geweſen, erfolgter Tod, nach welchem ſeine Erben aber das Gut behiel⸗ ten und mir die Koſten für meine Bemühungen zahl⸗ ten, ſetzt vollends dieſe Sache außer allem Zweifel. Woher ſoll da eine Entdeckung kommen?“ Dieſe Erklärung ihres Mannes beruhigte Frau Lotte.„Ach“, ſagte ſie,„ich wünſche Niemand den Tod, aber wenn die Nachricht die Stadt durchlaufen wird, der König ſei geſtorben, wird mir ein Stein von der Bruſt fallen.“ „Ja, dann wird— ſo hoffen alle Vernünftigen— die Willkürherrſchaft zu Ende ſein. Kronprinz Fried⸗ rich als Mann von hoher Bildung kann das bisherige Regierungsſyſtem nicht fortſetzen. Man erzählt ſich von ihm rührende Beweiſe, wie er es ſich ſchon jetzt angelegen ſein läßt, Wunden zu heilen, die ſeines königlichen Vaters Härte geſchlagen, und Unrecht aus⸗ zugleichen, welches Manchem widerfahren iſt. Dann ſind auch wir ſofort unſere aufgezwungenen Gäſte los.“ Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. II. 11 162 Der Moment der Auflöſung des kranken Monar⸗ chen rückte näher; der Monat Mai, welcher ſeine Blü⸗ ten zu Freud' und Luſt der vom Winter hart be⸗ drückten und eingeengten Menſchenherzen ausſtreut und linde Lüfte über die vom langen Schlummer unter Eis und Schneemaſſen erwachten Felder und Wieſen hinſendet, den Wäldern friſches Arom entquellen läßt und allen lebenden Weſen friſche Lebensluſt einhaucht, brachte ihm weder Blüten noch linde Lüfte, ſondern erhöhte Schmerzen. Sein troſtloſer Zuſtand verſchlim⸗ merte ſich von Tage zu Tage, aber die zähe, hartnäckige Kraft in ihm machte ihn dem tropfenweiſe geſpeiſten Docht gleich, deſſen Flamme immer düſterer zwar, aber dennoch fortbrennt. In Berlin curſirten mit jedem neuen Tage die ſich widerſprechendſten Nachrichten. Eine davon war aber ſicher. Der König hatte den Hofprediger Cochius und den Feldprediger Oesfeld kommen laſſen, daß ſie ihn zum Sterben vorbereiteten; doch es war noch kein Kurier von Potsdam nach Rheinsberg abgeſchickt wor⸗ den, um den Kronprinzen herbeizurufen. Nur dies allein war das Zeichen, daß ſein Tod mit jedem Tage zu erwarten ſei. Dieſe Ungewißheit hielt die Berliner gewiſſermaßen in Aufregung. Herr Homilius hatte ganz beſondere Urſache dazu, den 163 Sterbetag des Königs herbeizuſehnen. Die Aufpaſſer in ſeinem Hauſe waren ihm ein Greuel, den er ſo bald als möglich entfernt zu ſehen wünſchte. Eines Tages trat er ſehr erregt in das Zimmer ſeiner Frau und auf ihre Frage, was ihm widerfahren, rief er zornig: „Der Wilm muß fort aus dem Hauſe; habe ihn jetzt auf der Treppe mit dem groben, wüſten Kerl von Korporal, dem Rank, ſtehen und recht vertraut und leiſe plaudern ſehen. Soll ich einem Schreiber mein Vertrauen ſchenken, der gut Freund mit Leuten iſt, denen's Herz im Leibe lachen würde, wenn ſie mich ins Unglück ſtürzen könnten? Fort muß er ohne Wi⸗ derrede! Solche Burſchen kann ich nicht brauchen. Wer nicht für mich iſt, iſt gegen mich. Heute die Nachricht, daß der König todt iſt, und ich gehe ſofort auf die Commandantur, um anzuſuchen, daß man mich von dieſer überläſtigen Soldatengeſellſchaft befreit, die keinen Zweck weiter hat, als mir Koſten zu verurſachen und der Willkür zu dienen. Und am nächſten Tage, wenn ich dieſe Philiſter los bin, jage ich den Wilm aus dem Hauſe.“ Frau Lottens Bitten zwangen ihm das Verſprechen ab, daß er zur Vermeidung böſen Blutes ſich jeder Zornäußerung gegen den Wilm enthalten wolle. Frau 11* 164 Doris, welche bei dieſer Scene zugegen geweſen, ſagte nichts dazu; aber ſie that es aus Abſicht, um den ohne⸗ hin ſchon ſehr erregten Schwager nicht noch mehr aufzubringen, denn wenn ſie ihm geſagt hätte, daß ſie ſchon ein paarmal dieſelbe Bemerkung hinſichtlich der guten Freundſchaft zwiſchen Wilm und dem wüſten Rank gemacht habe, würde der entrüſtete Mann jeden⸗ falls den Schreiber ſofort aus dem Hauſe gejagt ha⸗ ben, und eine ſolche, obwohl ganz gerechtfertigte Hand⸗ lungsweiſe als Brodherr würde vielleicht üble Folgen nach ſich gezogen haben; darum hielt ſie es für das Beſte, zu ſchweigen. Frau Doris verfolgte überhaupt ſeit ungefähr an⸗ derthalb Wochen eine ganz eigenthümliche Politik, um derentwillen ihre Schweſter, Frau Homilius, mit ihr bereits in eine Art Zwieſpalt gerathen war. Korporal Bank hätte blind ſein müſſen, wenn er es überſehen haben würde, daß Frau Doris, das hübſche junge Weibel, ihn gern habe. Anfänglich hatte ſie ſich von ihm ganz fern gehalten, jetzt war das anders, ſie plau⸗ derte Viertelſtunden lang mit ihm. Seiner Anſicht nach konnte das auch gar nicht anders ſein. War ſie doch die Frau eines Trunkenboldes! Gehörte es da unter die Wunder, daß ſie ihn, den ſchmucken Rieſen von Seiner Majeſtät blauen Lieblingen, welcher kein Säufer 165 war und ſehr galant ſich zu benehmen wußte, aus⸗ zeichnete? Dergleichen hätte ſeinem wüſten und durch ſeine grobe, beleidigende Hoffart ſich widerwärtig ma⸗ chenden Kameraden nicht paſſiren können, den mußte ſie abſcheulich finden. Frau Lotte, dieſe Annäherung ihrer Schweſter an den Goliath bemerkend, begann da⸗ gegen zu eifern. „Laß mich nur machen, Lotte“, antwortete Frau Doris.„Ich weiß ſchon, was ich thue. Denke nichts Uebles von mir. Geht Alles gut, ſo glaube ich, daß Niemand Euch einen größern Dienſt hat erweiſen kön⸗ nen als ich.“ „Wie ſo denn?“ „Das iſt mein Geheimniß. Du erfährſt kein Wort eher davon, als bis ich für rathſam halte, darüber zu ſprechen.“ Für den liebeglühenden Bank ſchien es das ſicherſte Zeichen, daß Frau Doris ganz in ihn vernarrt ſei, da ſie ihn fragte, was er wohl anfangen werde, wenn der König ſtürbe und, wie es allgemein jetzt hieße, das Potsdamer Regiment aufgelöſt würde, denn man wiſſe, daß der Kronprinz kein beſonderer Freund deſſelben ſei und ſich in dieſem Sinne ausgeſprochen habe. In der Frage lag es ja ſchon, daß ſie auf ſeine Zukunft dachte, um die ihrige daran knüpfen zu können. ꝗ g1 Die Di „Wenn Er, Herr Bank, nicht mit unauflöslichen Ketten ſich an ſein Soldatenthum gebunden fühlt, dann könnte mein Schwager Ihm vielleicht beiſtehen, daß Er einen guten Poſten in einem Gerichtsbureau be⸗ käme; aber freilich, da müßte Er ſich ihm verbindlich machen; ich meine nicht auf die Manier wie jetzt, wo er in Ihm nur eine Einquartierungslaſt, einen Aufpaſſer, ja, ich ſag's ihm mit dürren Worten gerade heraus, einen Menſchen ſieht, der, wenn's möglich wäre, ihn ins größte Unglück ſtürzen möchte. Sein Kamerad möcht's wenigſtens, das iſt ein böſer Mann, von Ihm aber kann ich's nicht glauben. Ein gebildeter Mann gibt ſich nicht zu ſolchem ſchnöden Handwerk her, und noch obendrein, wenn es Ihm eher Schaden als Nutzen bringt.“ „Will ich auch nicht, Herzensweibel, will's auch nicht. Meint Sie wirklich, daß der Herr Advocatus etwas für den Fall der Auflöſung unſeres Regiments für mich thun wollte?“ „Mein Herr Schwager iſt ein Mann, der es nie ver⸗ gißt, wenn ihm Jemand eine Gefälligkeit erwieſen hat.“ „Welche könnte ich demſelben erweiſen?“ „Will Ihn gleich auf etwas aufmerkſam machen. Sein Kamerad hat mit meines Schwagers Schreiber, dem Wilm, eine Art Freundſchaft geſchloſſen.“ 167 „Wie?“ rief Bank erſchrocken. „Wundert's Ihn, daß ich das bemerkt habe? Nun, es wird Ihn noch mehr wundern, wenn ich Ihm ſage, daß mein Trunkenbold von Mann aus Haß gegen meinen Schwager den Wilm, der ein ſchlechtes, lieder⸗ liches Subject iſt, an ſich gezogen und dieſer nun auch die häßliche Spelunke beim alten Spahn beſucht. Da wird etwas Schlechtes ausgeheckt— ich laſſe mir's nicht ausreden, denn die Leute und der Ort ſind dar⸗ nach.“ Der Korporal ſchien ganz erſtarrt zu ſein, dieſe Kenntniß hatte er nicht bei ihr erwartet. Er war ſo beſtürzt, daß er nicht wußte, was er ſagen ſollte. „Er weiß auch darum, Herr Bank, was dort für ein Teufelsſtreich ins Werk geſetzt werden ſoll, ich ſeh's Ihm an. Das Wort bleibt Ihm ja im Munde ſtecken. Wenn Er es ehrlich mit mir meinte, brauchte Er nicht zu erſchrecken. Nun, mag's drum ſein. Es iſt eine Täuſchung mehr, die ich mir ſelber bereitet habe; aber es iſt gut, daß ſie bei Zeiten von mir ab⸗ fällt. In Ihm hätte ich es nicht geſucht.“ Mit der Schürze über die Augen fahrend, als ob Thränen ihr in dieſe träten, ging ſie der Thür zu; aber ehe ſie noch aufgeklinkt hatte, hielt Herr Bank ſie am Arme zurück und ſagte ſehr weichmüthig:„Bleib' 168 Sie doch, Herzensweibel, bleib' Sie! Man kann ja Alles mit einander beſprechen, wenn man ſich nur recht zu⸗ ſammen verſteht und— ſtraf mich Gott, ich bin ja kein Kerl, der ein ſo großer Dummkopf iſt, daß er ſich ſelber ſchlägt. Sei Sie einmal recht aufrichtig gegen mich, verſteht Sie, ſo, als wenn Leib und Leben davon abhinge. Meint Sie denn, daß mit uns beiden etwas werden könnte? He?“ Frau Doris durfte dieſen günſtigen Augenblick, in welchem ſich ihr die Möglichkeit bot, einen gegen ihren Schwager geſponnenen Verrath, welcher Art er auch ſein mochte, zu erfahren, nicht entſchlüpfen laſſen. Der Rieſe mußte getäuſcht werden. Dies war eine Noth⸗ wendigkeit und ſie fühlte die Ueberzeugung in ſich, daß ihr dies gelingen werde, ohne ſich durch ein feſt gege⸗ benes Verſprechen zu binden. Wenn die klügſten und weiſeſten Männer vor ſchönen oder auch nur hübſchen Frauen, wie es ſo viele Beiſpiele gibt, dem unbefan⸗ genen Blick, der Klugheit ſchon den Laufpaß gegeben und ſich ſelbſt Ketten geſchmiedet haben, deren ſie ent⸗ weder nie oder nur mit großen Opfern ledig werden konnten, warum ſollte nicht auch dieſer liebeſüchtige Goliath der kalten, wohl überlegenden und ſondirenden Vernunft einen Triumph über eine ſo verwirrende Lei⸗ denſchaft bereiten? 169 Die Schürze von den Augen langſam niedergleiten laſſend, antwortete Frau Doris mit erkünſtelter Scham: „Wie Er nur ſo curios fragen kann, Herr Bank! Das ſieht Er doch, daß ich mit dem Trunkenbold von Mann ein recht unglückliches Weib bin. Denkt Er wohl, ich hätte keine Augen, um unterſcheiden zu können, wie ich an rSeite eines braven Mannes gewiß recht glücklich könnte?“ Mehr bedurfte es nicht, um den würdigen Korporal in Feuer und Flamme zu ſetzen.„Weibel! Herzens⸗ weibel!“ rief der außer Reih und Glied Gebrachte, „wird Sie ſich von dem ſchlechten Kerl ſcheiden laſſen?“ „Wird unnöthig ſein, Herr Bank. Das thut ſicher der Tod. Er ſollte nur ſehen, in welchem elenden Zu⸗ ſtand der Säufer am andern Tage ſich befindet, da würde Er ebenſo wie ich zur Erkenntniß kommen, daß es in kurzer Zeit mit ihm plötzlich ein Ende neh⸗ men wird. Wenn er es noch zwei Monate ſo treibt, iſt's viel.“ „Dann heirathet Sie mich. Einen Kuß darauf, Goldweibel.“ „Ich geb' Ihm keinen“, ſagte Frau Doris verſchämt lächelnd.„Wenn Er ſich einen nimmt, iſt's nicht meine Schuld.“ Das klang ſo lieblich in des Sechs selligen Ohr, wie 170 er noch nichts im Leben gehört zu haben glaubte. „Ich thu' es, ſtraf mich Gott, ich thu' es!“ rief er entzückt, und den Arm wie eine Klammer um ſie ſchla⸗ gend, der ſie ſich nicht entwinden konnte, küßte er ſie mit ſo ſtürmiſcher Gewalt, daß ſie kaum mit Aufbie⸗ tung aller ihrer Kräfte ihn ein wenig von ſich ab⸗ wehren konnte. Der im Gange ſchlürfende Schritt der Magd wurde ihre Rettung. „Er iſt ja ein leibhafter Simſon, Herr Bank. Sehe Er nur, wie Er meine Halskrauſe in Unordnung ge⸗ bracht hat!“ Simſon⸗Bank ſchnalzte im wohligen Nachgefühle des Küſſens mit der Zunge.„Ja, bei unſereinem heißt’s wie beim alten Deſſauer: Drauf und dran!“ jubelte er überglücklich.„Nun ſoll Sie's aber auch erfahren, was gegen Ihren Schwager, den Herrn Ad⸗ vocatus, angeſponnen iſt, morgen will's der Wilm zur Ausführung bringen.“ „Nun?“ „Er will meinem Kamerad eine, wie er ſagt, von ſeinem Herrn ſorgſam in einem Fache ſeines Schreib⸗ tiſches verſchloſſene Mappe, in der dieſer ſeine beſon⸗ dern Briefſchaften zu verwahren pflege, beim alten Spahn einhändigen. Da würde wohl manches geheime Briefchen darin ſtecken, aus dem ſich Vieles entnehmen ——— — —— 171 ließe, denn er habe ſchon mehrere Male durch ein Guckfenſterchen erlauſcht, daß der Herr erſt ſorgſam nach der Schreiberſtube blicke, ehe er das Schubfach aufſchließe, und dann mit großer Schnelligkeit den oder jenen Brief in die Mappe ſtecke, die auch zu verſchlie⸗ ßen ſei. Mein Kamerad hat dem Wilm nach dem Wachsabdruck des Schubfachſchlüſſels einen fertigen laſſen.“ „Der Wilm iſt ein wirklich ſchlechter Burſche“, ſagte Frau Doris.„Ich weiß zwar nicht, ob mein Herr Schwager geheime Briefſchaften und überhaupt eine Mappe hat, in der er ſie verwahrt; aber Er, Herr Bank, findet's gewiß nicht für recht, daß ein Menſch, der in ſeinem Brod und Lohn ſteht, einen ſolchen Halunken⸗ ſtreich an ihm verübt.“ „Das hat ſeine Richtigkeit“, beſtätigte der Ge⸗ fragte.„Es kann dem Hundsfott nicht ſchaden, wenn die Geſchichte ſchief geht, aber auch meinem Kamerad, dem Großſchnäuzigen, kann's nicht ſchaden. Iſt vor einigen Tagen zu Seiner Majeſtät commandirt worden und denkt jetzt, Andere ſind gegen ihn nichts, thut hoch und vornehm, als wenn er ſchon'n halber Oberſtlieute⸗ nant wäre.“ Kaum hatte der von ſeiner Liebe Bethörte dem ſtillen Groll gegen ſeinen vortrefflichen Kameraden Luft 4 172 gemacht, als der Frau Advocatin Stimme im Gange ihrer Schweſter Namen rief. „Sowie ich kann, komme ich wieder zu Ihm“, raunte Frau Doris ihrem Anbeter zu und ſchlüpfte aus dem Zimmer. Bequemer hätte es der brave Wilm zu ſeinem gu⸗ ten Vorhaben nicht haben können, als daß ſein Herr, ehe noch am Abend des nächſten Tages die Schluß⸗ ſtunde der gewöhnlichen Expeditionszeit nahte, eilig das Haus verließ und ihm vorher den Auftrag er⸗ ſenſchaftlichen Bücher an Ort und Stelle zu ſetzen und Sonſtiges in Ordnung zu bringen. Beim alten Spahn traf Wilm die edlen Freunde, den Schwager ſeines Principals und den wackern Rank. Es war ein höchſt feierlicher und denkwürdiger Moment, als Wilm dem letztern die Mappe überlieferte. „Wilm, das bringt Ihm was Ordentliches ein“, ſprach der blaue Rieſe mit großer Leutſeligkeit.„Ich meld's, daß Er in brauchbarer Kerl iſt, meine Fürſprache gilt was.“ Auf die ausgezeichnete Hoffnung wurden einige Quart Branntwein geleert. Daß der Schomer und der Wilm ihre Lagerſtätte unterm Tiſche fanden, kümmerte den ehrenwerthen Chargirten der Potsdamer Königs⸗ lieblinge, der auffallenderweiſe heute wenig getrunken, * — * 173 deſto mehr aber ſeine guten Freunde dazu aufgemun⸗ tert, nicht im geringſten. In ſeinen Augen waren ſie nichts als erbärmliche Werkzeuge, die man beiſeite wirft, wenn ſie gebraucht oder ausgenutzt ſind. Förm⸗ lich aufgeſchwollen von Selbſtdünkel überreichte er dem geſtrengen Herrn Commandanten die von Wilm erhal⸗ tene Mappe. Daß ſie verſchloſſen, war kein Hinderniß, ein ſcharfes Meſſer löſte die dünne Pappſchale; aber wonach man ſuchte, was man zu finden hoffte, war nirgends zu entdecken. Die Mappe enthielt meiſt be⸗ zahlte Rechnungen und einen Theil alter Geſchäftsbriefe, aus denen ſich nichts entnehmen ließ. „Der Kerl hat Ihn zum Narren gehalten, Rank“, ſagte der Commandant.„Wenn das des Advocaten Geheimniſſe ſind, ſo iſt der Mann die Unſchuld ſelbſt. Trete Er ab. Er iſt ein Eſel. Auf eine Gratification ſpitze Er ſich nicht. Werde Seiner Majeſtät morgen deshalb rapportiren. Kehrt! Marſch!“ Die tiefe über Berlin geſunkene Nacht verhüllte wohlthätig das vom Fieberwechſel bald leichenbleich, bald glühendroth werdende Geſicht des großen Kriegs⸗ knechtes. Er wankte mehr, als daß er ging, er hatte den feſten militäriſchen Schritt verloren. Ohne trunken zu ſein, glich er einem Trunkenen, der den innern Halt verloren. Beim alten Spahn war noch Geſellſchaft; 174 aber den er ſuchte, den Wilm, der war nicht mehr zu finden. Man hatte ihn und ſeinen guten Freund, den Schomer, an die friſche Luft geſetzt; wo ſie hingekom⸗ men, das wußte Niemand. Wer hätte ſich um Opfer auf ſolcher Wahlſtatt kümmern ſollen! Der um ſeine hochfliegenden Hoffnungen gebrachte blaue Rieſe trat den Nachhauſeweg an. Es war der ſchlechteſte Gang ſeit der Zeit, daß er des Königs Rock trug. Wuthgedanken beſeelten ihn, als er vor dem Hauſe des Advocaten ſtand. Statt der Freude, dieſen noch heute Abend in der Mitte von Sol⸗ daten abgeführt zu ſehen, hatte er, welcher dieſen Schlag gegen ihn ſo klug vorbereitet, den großen Aerger, den⸗ ſelben gründlichſt vereitelt zu wiſſen, und ſein Bewußt⸗ ſein beſtand jetzt in der höchſt unangenehmen Erinnerung, ſich für alle ſeine Bemühungen nur den Ehrentitel eines Eſels errungen zu haben. Der Hausmeiſter, der ihm auf ſein Hämmern mit dem Klopfer öffnete, ſagte ihm, daß der Herr Advocat kaum ein paar Minuten vor ihm gekommen ſei. Rank antwortete mit einem tiefen Gebrumm, das jenem unverſtändlich blieb. Sein Kamerad lag ſchon in guter Ruh auf dem Ohre, vielleicht von dem Herzensweibel träumend. Rank rüttelte ihn heftig. „Was gibt's denn?“ fuhr der auf. — 175 „Kerl, mach Dich munter, ſonſt ſoll Dich ein heili⸗ ges Kreuzdonner—“ „Wetter“, ergänzte der noch ſchlaftrunkene Bank nach alter Gewohnheit. Bei der Erzählung, die jener nun mit allen denkbaren Flüchen und Verwünſchungen ge⸗ ſpickt ihm von ſeinem Unſtern machte, kam Bank voll⸗ kommen in wachen Zuſtand. Daß es finſter in ihrer Schlafkammer war, konnte er als Glück betrachten, denn ſein ehrenwerther Kamerad bemerkte eben deshalb nicht, wie über ſein breites Geſicht ein ſpöttiſches Lächeln hin⸗ huſchte. Er kannte ja das Warum, welches der ſchmäh⸗ lichen Täuſchung zu Grunde lag, die ſeinen Kriegs⸗ gefährten betroffen. Am andern Morgen veränderte ſich der Stand der Dinge im Homilius'ſchen Hauſe in ganz unerwarteter Weiſe. Ein von der Commandantur beorderter Feld⸗ webel brachte die Ordre für die Einquartierten, ſofort das Haus zu verlaſſen. Vergebens ſpähte Korporal Bank nach Frau Doris. Sie war nirgends zu ſehen, natürlich, es war ja des Norgens. Kein Menſch als die Magd war ſichtbar und dieſe fühlte ſich nicht zu einem guten Abſchieds⸗ worte an die beiden Rieſen gedrungen. „Ehe ich wieder in dieſes verdammte Haus komme, ſoll mich der Satan lothweiſe—“ 176 „Holen!“ fügte Bank als üblichen Nachſchlag dem Gelöbniß ſeines Kameraden an, als dieſer über die Schwelle auf die Straße hinausſchritt. Jeder von den beiden Goliathen nahm ſeinen Theil Herzenskum⸗ mer mit, und auf der Commandantur ward ihnen die„ Ordre ertheilt, ſich ſofort nach Potsdam zu ihrer Truppe 1 zu begeben. Und noch einer hielt ſeinen Auszug in ebenſo wenig feierlicher Weiſe: der brave Wilm, der noch ganz kopfwirr von der ſchweren Niederlage am geſtrigen Abend war und von dem vielen Branntwein⸗ genuß duftete. Auf Befehl des Herrn Homilius führte ihn, als er in der Expedition ſich eingefunden, der Hausmeiſter beim Kragen auf die Straße hinaus auf Nimmerwiederſehen. Wie doch in wenigen Stunden ſich Alles verändern kann! Gleichſam hinweggehaucht waren die Tage der Beläſtigung, eine tiefe friedliche Ruhe herrſchte wieder in dem Hauſe, in dem die gewichtig dröhnenden Schritte der Potsdamer Rieſen verhallt waren; aber die Er⸗ löſung von dieſem Uebel war nicht die einzige Wohl⸗ that, welche die geſchilderte Begebenheit nach ſich zog, eine andere Befreiung folgte einige Wochen ſpäter. Man hatte an jenem Freudenabende der Uebergabe der geheimnißvollen Mappe durch Wilm an Rank den total berauſchten Fiakerbeſitzer Schomer aus der Spe⸗ 177 lunke des alten Spahn an die friſche Luft geſetzt. Da⸗ durch ein wenig munter geworden, hatte er ſich wahr⸗ ſcheinlich nach Hauſe begeben wollen, war aber in der Finſterniß und im Nebel des Rauſches in einen ſeichten Waſſergraben geſtürzt und liegen geblieben. Die nach Nitternacht eingetretene ſtarke Kühlung und das Liegen im Waſſer hatten eine ſo gefährliche Erkrankung Scho⸗ mer's, den man erſt am Morgen aufgefunden und nach ſei⸗ ner Wohnung gebracht hatte, zur Folge, daß jeder ärztliche Beiſtand ſich als unnütz erwies. Sein vom Trunk zer⸗ rütteter Körper erlag nach einem mehrwöchentlichen Krankenlager. Frau Doris übte treulich ihre Pflicht an dem tief Geſunkenen und ſchwer dafür Leidenden, der, wie es ſchien, die Sorgfalt mit Rührung und Reue anerkannte, die ſie ihm erzeigte. Noch kurz vor ſeinem Tode bemächtigte er, dem ſchon die Sprache verſagt war, ſich ihrer Hand und küßte ſie. Während aber alles dies ſich abwickelte, hatte ſich eine große weltgeſchichtliche Veränderung vollzogen, deren vollſtändiger Entfaltung man nicht nur in Ber⸗ lin, ſondern auch im ganzen Preußenlande, ja in ganz Deutſchland mit Spannung entgegenſah. Als in Berlin ſich wie ein Lauffeuer die Nachricht verbrei⸗ tete, der Kronprinz ſei, von Rheinsberg zum ſter⸗ benden Vater nach Potsdam berufen, daſelbſt einge⸗ Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. II. 12 178 troffen, wußte man, daß eine neue Ordnung der Dinge bevorſtehe. Man ſchrieb an dem Tage der Ankunft des Kron⸗ prinzen zu Potsdam den 217. Mai 1740. Es ſchien eine gänzliche Sinneswandlung über den todkranken Monarchen gekommen zu ſein. Trotz der ihn peinigenden großen Schmerzen behielt er die Herr⸗ ſchaft über ſich und ertrug jene mit ziemlicher Geduld. Er redete viel mit dem Kronprinzen über die innern und auswärtigen Angelegenheiten des Staates. Ent⸗ fernt von dem Bette des dem Tode mit ſo großer Ruhe entgegenſehenden Monarchen ſtanden mehrere der ho⸗ hen Staatsdiener ſeiner Befehle gewärtig. Mancher Augen netzten ſich mit Thränen, als ſie erkannten, daß die große Kluft zwiſchen Vater und Sohn mit einem Male ausgefüllt ſich zeigte, daß es nicht ein bloßer Unterricht ſei, den ein ſterbender, um das Wohl ſeines Landes beſorgter König ſeinem unerfahrenen, ihm auf dem Throne folgenden Sohn gebe, ſondern ein freund⸗ licher Austauſch der Meinungen zweier zum Regiment geborenen Könige zwiſchen ihnen ſtattfinde. Und wie tief ergriffen der todkranke König von dieſem Einver⸗ ſtändniß mit ſeinem Sohne ſelbſt ſei, den er in arger Verblendung für unfähig zum Throne, für baar jeder hohen Geſinnung, wie ſie Königen zieme, nur den leicht⸗ 179 fertigen, verlockenden Lüſten und Freuden anheim ge⸗ fallen angeſehen, das gab ſich in ſeinem lauten Aus⸗ ruf kund:„Thut mir Gott nicht viele Gnade, daß er mir einen ſo würdigen Sohn gegeben hat?“ Zwei Tage ſpäter traf auch Herr Leupold von Deſſau in Potsdam ein. Es war ein ſchmerzliches Wiederſehen zwiſchen ſei⸗ nem königlichen Freunde und ihm. Der alte Deſſauer, der es nie verſtanden, den Ausdruck deſſen, was ihn heftig bewegte, mochte es Freude oder Groll ſein, zu mäßigen, zeigte ſich tief erſchüttert und er war es auch in voller Wahrheit. Daß der Tod, lauernd auf den rechten Augenblick, wo er die eiſige Hand auf das im⸗ mer noch und zwar ſogar noch ſehr lebhaft pulſirende königliche Herz legen dürfe, um es für immer ſtillſtehen zu machen, zu Häupten ſeines Lagers weile, war allen geiſtig ſichtbar. „Nun, beruhigen ſich Eure Liebden“, ſagte der Kö⸗ nig beim Anblick der Thränen, welche Herrn Leupold über das dunkle, ausgewetterte Geſicht rollten.„Ich gehöre ja auch in Reih und Glied der großen Armee, die täglich zum Ausrücken aus dieſer Zeitlichkeit com⸗ mandirt wird. Das muß nun ſchon überſtanden werden.“ „Ja, ja, es muß; aber das iſt eben ſchlimm, daß 12* 180 man ſo aus der beſten Arbeit heraustreten und Ordre pariren muß“, antwortete der alte Deſſauer. „Liebden, das thut mir juſt nicht leid— ich meine das aus der beſten Arbeit Heraustreten, wie Sie ſagen, denn ich weiß, daß hinter mir einer kommt, der ſie fortſetzen wird— mein Sohn Fritz.“ Die Anſtrengung des Sprechens zwang den Mo⸗ narchen zu einer langen Pauſe; auch Herr Leupold ſchwieg. Die Erwähnung des Kronprinzen mochte jeden⸗ falls in ſeinem Denken eine ganze Reihenfolge von nicht gar zu freudenreichen Erwartungen für die Zu⸗ kunft hervorrufen, denn ſein Geſicht verfinſterte ſich, und als wenn er ſich ſchwer von letztern bedrückt fühle, ſeufzte er, was gegen alle ſeine Gewohnheiten verſtieß. „Sie ſeufzen?“ fragte der König, dem es nicht ent⸗ gangen war.„Warum?“ „Majeſtät, ich fürchte,'s wird Manches anders werden.“ „Liebden haben da Recht. Es iſt aber immer ſo geweſen. Ich hab's um kein Haar anders gehalten, als ich zur Regierung kam, natürlich mit ſchuldig⸗ ſtem Reſpekt gegen meines höchſtſeligen Herrn und Vaters Majeſtät. Der Fritz iſt ein Anderer als ich, s iſt wahr; aber ich habe ihm doch groß Unrecht ge⸗ — 6 3 8 181 than, daß ich ihn für leichtfertig und voll luftiger Grundſätze hielt.“ „Wie?“ fragte Herr Leupold hoch aufhorchend. „In den paar Tagen jetzt iſt mir's erſt klar ge⸗ worden, daß er ein ganzer König ſein wird.“ Dieſe Unterredung endete, da Kronprinz Friedrich mit ſeiner Gemahlin ins Gemach trat. Des Königs gütiger auf ſeinen Sohn gerichteter Blick beſtätigte die über denſelben eben erſt geäußerte Meinung. „Ich führe meinem allergnädigſten Herrn und Vater meine Gemahlin zu, welche von dem Wunſche durch⸗ drungen iſt, Eurer Majeſtät ihre unterthänigſte Ver⸗ ehrung zu bezeigen.“ Herr Leupold, durch ein Kopfnicken des Kronprin⸗ zen begrüßt, trat vom Bette des Königs zurück; aber ſein ſcharfer Blick hatte im Nu die äußere Erſcheinung des jugendlichen Thronfolgers, den er ſeit jenem denk⸗ würdigen Abende im Tabakscollegium nicht wieder geſe⸗ hen, aufgefaßt, als gälte es, an ihm ein Studium zu machen, und er hatte dabei nicht Unrecht, denn ein gro⸗ ßer Wechſel in den Verhältniſſen prägt nicht ſelten im Aeußern des Betreffenden auch die Veränderung ſeiner Geſinnungsweiſe in ſcharfer Marke aus. Der Kronprinz zeigte ſich ernſt, und wenn dieſer Aus⸗ druck meiſt auch auf Rechnung der jetzigen Situation 182 zu bringen war, ſo erkannte Herr Leupold doch, daß die ſonſt ſo glatte Stirn Friedrich's wie von Schatten bedeckt erſchien. Der alte Deſſauer fühlte ſich nicht beſonders von dem flüchtigen Studium erbaut, welches er eben an ſeinem Pathen gemacht hatte. Damals, am 31. Ja⸗ nuar 1712, wo er bei dem Sonntagskinde Friedrich die zu Pathen geladenen Generalſtaaten vertreten, hatte er freilich keine Ahnung gehabt, daß nach acht⸗ undzwanzig Jahren ein Tag kommen würde, wo er fürchten müſſe, daß derſelbe Täufling, zum Manne erwachſen, ſeinem Ehrgeize, ſeinem Drange, der erſte im Rathe zu ſein, Wunden ſchlagen könne. Jetzt war er voll dieſer Beſorgniß. Gegen den ſchlanken, ebenmäßigen Wuchs des Kron⸗ prinzen und deſſen ſtolze, männliche Haltung, welche als Andeutung eines feſten, unerſchütterlichen Charak⸗ ters zu betrachten war und von dem Schimmer der noch jugendlichen Friſche augengefällig gehoben wurde, ſtach ſeine Gemahlin freilich zu ihren höchſten Ungunſten ab. Dieſe hohe Dame von großer Geſtalt, aber plump von Wuchs und unſchön in ihrer Haltung, beſaß aller⸗ dings ein wahrhaftes Engelsantlitz von blendender Weiße und lebhaftem Roſenſchimmer auf den Wangen. Ein ſo kindlich guter Zug lag in ihrem von blondem, — 2.— —& 183 natürlich gelocktem Haar umrahmten Geſicht, daß man in den Wahn ſich verſetzt finden konnte, das Antlitz eines zwölfjährigen Mädchens zu ſehen. Die blaß⸗ blauen Augen aber entbehrten des ſeelenvollen Blickes, ſie zeigten ſich geiſtlos, und wenn ſie das friſche Lip⸗ penpaar des kleinen zierlichen Mundes zum Sprechen öffnete, das ihr äußerſt ſchwer wurde, ſodaß ſie ſich zuweilen kaum verſtändlich machen konnte, ſtarrten zwei Reihen ſchwarzer, übelgeſtalteter Zähne hervor. Zu dieſen Mängeln geſellte ſich der des wenigen Anſtandes und eines ſehr geringen Bildungsgrades. Alles dies war jedoch nicht im Stande, Friedrich zu bewegen, der Gefährtin ſeines Lebens die Hochachtung und Rückſichten zu verſagen, die er als ſeiner rechtmä⸗ ßigen Gemahlin ihr ſchuldig zu ſein glaubte, obwohl eben dieſe Heirath wohl hauptſächlich der Grund zu der Armuth ſeines Daſeins an häuslichen Freuden wurde und, wie Viele behaupten, auch die Urſache ge⸗ heimen Grolls gegen Oeſtreich, das dieſe Verbindung eifrigſt betrieben hatte. Unbemerkt verließ Herr Leupold das Gemach. Er war allzu ſehr in Anſpruch genommen von traurigen und widerwärtigen Empfindungen, als daß er nicht darauf hätte denken ſollen, ſich davon zu befreien. An Geſellſchaft fehlte es in dieſen Tagen im Pots⸗ 184 damer Schloſſe nicht, denn nicht nur die hohen Offiziere und die höchſten Staatsbeamten, ſondern auch ſämmt⸗ liche Hofchargen waren verſammelt, da der Leibarzt die Befürchtung ausgeſprochen, der erwartete Moment könne ſchnell, ja plötzlich eintreten. Die Mitglieder des fremden diplomatiſchen Corps, welche ihre Kuriere bereit hielten, um ſofort die Nachricht von dem Hintritt des Königs an ihre Höfe zu berichten, gingen ebenfalls im Schloſſe ab und zu, deſſen Gemä⸗ cher geöffnet waren zur Aufnahme aller dieſer Herren. Der alte Deſſauer war jetzt eben nicht ſehr ſprechlu⸗ ſtig, denn er hatte viel zu denken, und da dies gerade nichts Freudenreiches war, ſo erſchien auch ſein finſteres, wie von Wetterwolken überdunkeltes Geſicht zu wenig einladend, als daß einer oder der andere ſich hätte können aufgefordert finden, mit ihm eine Unterhaltung anzuknüpfen. Manchen aber mochte er ſchon als ein aus ſeiner Region der Geltung Geſtürzter erſcheinen, und ſein ſchweigſames, ganz gegen ſeine ſonſtige Ge⸗ wohnheit zugeknöpftes Weſen ließ recht gut die Ver⸗ muthung zu, daß er im Vorgefühl der ſich bald verändernden Situation unwirſch und in ſehr ſchlechter Stimmung ſei. Draußen ſchien ein recht ſonnenheller und warmer Maitag, weswegen man die Thüren der Zimmer weit 185 aufſtehen ließ. Herr Leupold hörte in einem derſelben die Stimmen mehrerer Bekannten. Es waren Herren, welche hohe Aemter bekleideten und dem ſterbenden König ſtets treuergebene Diener geweſen waren; aber er hatte nicht Luſt, in ſeiner jetzigen Stimmung zu ihnen zu treten. Sie unterhielten ſich von den Erinnerungen aus der einſtigen Kindheit und Jugend ihres Gebieters, und es machte ihm faſt Freude, ſo unbemerkt, draußen an die Thüre gelehnt, ihnen zuhören zu dürfen. Er hörte den Grafen Finkenſtein ſprechen: „Hinterm Berge hat der gute Herr zu keiner Zeit gehalten, er iſt immer offen geweſen in Scherz wie in Ernſt. Das hat er ſchon als zartes Prinzlein dar⸗ gethan. Jetzt lacht man darüber, damals aber war man in ſteter Angſt wegen ſeines vor keiner Gefahr und keinem tollen Streiche zurückſchreckenden Charakters. Die gute Dame de Rocoulles hat mir manchmal hoch und theuer zugeſchworen, daß ihr der entſetzliche Schreck nicht aus der Seele ſchwinden werde, den er ihr eines Tages eingejagt, wo ſeine allergnädigſte Frau Mutter Geſellſchaft bei ſich empfangen, in die er, das Prinzlein, wohl friſirt und in einem goldſtoffenen Kleidchen ge⸗ bracht werden ſollte. Als Madame de Rocoulles nur für einen Augenblick den Rücken gewendet, hatte er ſich unſichtbar zu machen gewußt. Madame war höchſt 186 unglücklich und brach in Thränen aus, überall, wo ſie ihn geſucht hatte, war er nicht zu finden. Wo war er hin? Da kichert's im Kamin. Man öffnet und zieht das Prinzlein in ſeinem Prachtkleidchen, aber über und über ſchwarz wie ein junger Teufel, heraus. Nun war's nichts mit ſeiner Präſentation in Geſellſchaft. Madame de Rocoulles ſchalt ihn ſehr und ſagte ihm, daß ſie es ſeiner allergnädigſten Frau Mutter melden wolle, damit dieſe ihm Strafe dictire. Zum Schein geht ſie ins Nebenzimmer; als ſie ein paar Augenblicke ſpäter wie⸗ der eintritt, iſt er nicht mehr da. Wo ſteckt er? Auf die Fenſterbrüſtung iſt er hinausgeſtiegen und droht ihr, ſich in die Spree zu ſtürzen, wenn ſie ihm nicht verſpreche, der allergnädigſten Mama nichts ſagen zu wollen, damit er keine Strafe bekomme. Madame de Rocoulles iſt vor Schreck, ihn in ſo ge⸗ fährlicher Situation zu ſehen, ein paar Wochen ganz hinfällig geweſen.“ Man unterhielt ſich, um die Zeit hinzubringen, von derlei kleinen Erinnerungen, die in dem Gedächtniſſe dieſer alten Herren gleichſam wie leuchtende Merkzei⸗ chen aus grauer Nebelferne ſich erhalten hatten. Herr Leupold, welcher aus jenen Zeiten, mit deren Remi⸗ niscenzen ſie ſich beſchäftigten, wenig wußte, da er, faſt dreizehn Jahre älter als ſein königlicher Freund, da⸗ 187 mals von ganz andern Dingen, in Anſpruch genommen war, als auf das kindiſche Treiben und die Aeußerun⸗ gen eines Prinzen zu achten, der noch lange nicht mit⸗ zählte, fand ſich durch deren ruhiges Anhören, dem er ſich mit Theilnahme hingab, in eine Gemüthsſtille ver⸗ ſetzt, welche bei ihm nicht zu den Alltäglichkeiten gehörte. „Von damals her— er war ungefähr zwölf Jahre alt— ſchreibt ſich ja auch die große Abneigung ge⸗ gen die Dohnas“, erinnerte einer der Herren.„Sein Oheim, Wilhelm III., König von England und zugleich Generalſtatthalter im Haag, hatte ihn liebgewonnen, und da auch der kleine Prinz an ihm mit Leib und Seele hing, was ihm, der keinen Erben beſaß, viel Ver⸗ gnügen machte, ſo kam der hocherlauchte Herr auf die Idee, unſern Kronprinzen dem engliſchen Volke als ſeinen Nachfolger zu empfehlen. Zu dem Zwecke hatte er ihn ſchon heimlich auf ſeine königliche Nacht bei Helvoetsluys genommen, wo er mit ihm nach London abſegeln wollte, als Graf Dohna, des Prinzen Erzieher, dieſen Plan vereitelte, indem er noch rechtzeitig mittels eines Schiffes bei der Nacht anlangte und den kleinen Entführten im Namen ſeines königlichen Vaters recla⸗ mirte. Ohne ſich vor ganz Europa eines förmlichen Kinderraubes ſchuldig zu machen, konnte König Wil⸗ helm den Neffen nicht zurückhalten und ſah ſich ge⸗ 188 zwungen, ihn an Dohna auszuliefern. Unſer Kronprinz hat's dem Dohna nie vergeſſen, daß er ihn auf dieſe Weiſe hinderte, König des mächtigen England zu wer⸗ den, um ſo mehr, als er in ſo viel Aerger und Zwiſtig⸗ keiten mit den auf den engliſchen Thron gekommenen Hannoveranern gerathen iſt.“ Die Erwähnung des von ſeinem königlichen Freunde an den Hannoveranern genommenen Aergers, welcher ſo ſtark und tief eingewurzelt in deſſen Seele lebte, daß er nur auf dringende Mahnung des Hofpredigers Cochius ſich entſchloß, ohne Haß gegen Georg II. von England aus der Welt zu ſcheiden, weshalb er ſeiner Gemahlin, deſſen Schweſter, den Auftrag gab:„Schreibe an Dei⸗ nen Bruder und ſage ihm, daß ich ihm alles Böſe, was er mir zugefügt hat, vergebe. Ja, ſchreibe ihm das, aber warte, bis ich todt bin“— regte auch das Gemüth Herrn Leupold's auf, denn an ihm nagte ebenfalls ein böſer Wurm gründlichſten Haſſes gegen Alles, was Hanno⸗ veraner hieß. Er hatte ſich ſo ſehr in dieſe üble Erinnerung vertieft, daß er nicht bemerkte, wie aus einem auf der andern Seite des Corridors befindlichen Zimmer ein wohlbeleibter Herr getreten war und, als er ſeiner anſichtig geworden, an ihn herankam und die Frage an ihn richtete:„Würden Durchlaucht es nicht vorzie⸗ 5 1 hen, ein wenig friſche Luft im Garten in meiner Be⸗ gleitung zu ſchöpfen?“ Es war der kaiſerliche Geſandte, Fürſt Wenzel Liech⸗ tenſtein. „Hm, kann wohl nicht ſchaden, man braucht jetzt Luft, viel Luft,'s iſt hier etwas ſchwül.“ „Ganz recht, Durchlaucht, iſt auch meine Anſicht. Ich dürfte vielleicht bei einem kleinen Erholungsgange im Garten Eure Durchlaucht mit verſchiedenen An⸗ ſchauungen meines allerhöchſten Herrn, des Kaiſers Majeſtät, die jetzige ſich hier leider abwickelnde Kriſis betreffend, bekannt machen.“ „Kenne dieſe aus Allerhöchſtem, mir geſtern erſt zugegangenem kaiſerlichem Handſchreiben bereits, aber gehen wir.“ Der alte Deſſauer befand ſich wirklich in einer Kriſe, in der ihm die zur Geſtaltung reifenden Dinge nicht ganz geheuerlich erſchienen. In ſich trug er die unangenehme Ahnung, daß es mit ſeiner in den mei⸗ ſten wichtigen Fällen bisher der alleinigen Geltung ſich erfreuenden Autorität ſehr unſicher ſtehe. Es war kaum zu glauben, daß der neue König, deſſen Anhang ihm eben nicht ganz freundlich zugeneigt war, ihm eine ent⸗ ſcheidende Stimme im Rathe einräumen werde, und bei ſeinem jähzornigen Naturell war es nur folgerichtig, 190 daß ihn der Gedanke an Zurückſetzung für die vielen Verdienſte, welche er ſich um die Krone Preußen erwor⸗ ben, tief empörte. Indem er jetzt mit dem kaiſerlichen Geſandten ver⸗ traulich im Garten promenirte, geſchah das keineswegs, weil er dieſem einen beſondern Einfluß auf die Maß⸗ nahmen des Kaiſerhofs zutraute, im Gegentheil war er durch die auch gegen ſeine Perſon fein angelegten Intriguen des frühern kaiſerlichen Geſandten Grafen von Seckendorf belehrt, wie weit dieſen diplomatiſchen Herren überhaupt Glauben an die Aufrichtigkeit ihrer guten Meinungen zu ſchenken ſei, ſondern um aus den gelegentlichen Aeußerungen Liechtenſtein's zu erfahren, wie dieſer den neuen König beurtheile, welches Pro⸗ gnoſtikon er deſſen hoher Laufbahn ſtelle. Liechtenſtein war kein geriebener Seckendorf, dem⸗ zufolge alſo zu erwarten, daß deſſen Anſchauung, ſo vorſichtig ſie auch gegeben wurde, doch hin und wieder ſich nicht in den ſtreng gezogenen engen Schranken halten würde, die als ein uneinnehmbares Bollwerk ſeine wahre Anſicht ſchützen konnten. So glichen beide einem Gladiatorenpaar, welches alle Aufmerkſamkeit aufbietet, um gegenſeitige Schwächen zu erſpähen. In den Tagen eines bevorſtehenden Thronwechſels gleicht wohl jeder Hof, der größte wie der kleinſte 8 191 einer Arena, in der die Geiſter ſich tummeln, um bei günſtigen Chancen nöthigenfalls aufeinander zu platzen. Die auffallend zähe Lebenskraft des todkranken Königs verzögerte ſein Ende unerwartet und ermüdete den Hof bis zur Abſpannung, ja dieſer wurde ſogar zum ſtarren Staunen getrieben, als, anſtatt zur Leiche zu werden, der König ſich am nächſten Tage noch zur Parade und in den Stall fahren ließ. Freilich war er einer Leiche, die bereits tagelang im Grabe gelegen, ähnlicher als einem Lebenden, denn ſein Geſicht ſpielte in Grün und Gelb, aber aus ſeinen Augen blitzte noch der Freudeſtrahl, ſeine lieben blauen Rieſen und ſeine ſchönen Roſſe zu ſehen. Die folgende Nacht aber verſchlimmerte ſich ſein Zuſtand bedeutend. Als der Morgen des letzten Mai aus dem Nachtgrau aufdämmerte, ließ er ſich auf ſeinem Rollſtuhle in das Zimmer der Königin fah⸗ ren und weckte ſie mit den Worten:„Steh' auf! Ich kann nur noch wenige Stunden leben und will we⸗ nigſtens das Glück haben, in Deinen Armen zu ſter⸗ ben.“ Im Nu drang die Nachricht außerhalb des Schloſſes, in immer dichterer Menge ſammelten ſich die Potsdamer in lautloſer Stille um daſſelbe und ebenſo lautlos wurde es im Innern des Königshauſes, obwohl alle 192 Räume deſſelben gefüllt waren von Miniſtern, Hof⸗ beamten und Offizieren. Leiſe öffneten ſich die Flügelthüren des königlichen Gemaches und paarweiſe, jedes Geräuſch vermeidend, zogen ſie ein, von ihrem ſterbenden Herrn und König den letzten Abſchied zu nehmen. Er wollte ſie alle noch einmal ſehen, mit denen er gelebt und geſchafft nach ſeinem beſten Denken, und wenn ihm ein Lohn noch am Markſteine ſeiner Tage werden konnte, ſo waren es die Thränen, welche über die Geſichter der Män⸗ ner rollten. Mit den meiſten derſelben war er ſeit ſeiner Kindheit bekannt und viele trugen den Schnee des Alters auf dem Haupte. Nach dieſer ſchmerzlichen Abſchiedsproceſſion, die ihn tief ergriffen, die er aber nicht hätte miſſen mögen, bedurfte er einer langen Ruhe, der Quell des Lebens ſchien an Verſiegen; aber es war noch ſo viel zu thun, und er war ein arbeitſamer König geweſen ſein Leben lang. Seine hohen Offiziere, die Mitglieder des Tabaks⸗ collegiums, traten ein. Nur diejenigen, welche Herrn . Leupold von Deſſau an dem Tage geſehen, wo er mit ſeinen Halleſchen Muſtergrenadieren in den Bernburger Schloßhof einrückte, um das ſchöne Regiment ſeiner von ihm ſo herzinnig geliebten Louiſe zum letzten Male vorzuführen, und wie er, heiße Thränen vergießend 193 nach dieſer traurigen Parade auf dem Brückengeländer einſam geſeſſen, allen ein Beiſpiel des tiefſten Vater⸗ ſchmerzes, nur die das geſehen, wußten, daß er weinen konnte, und jetzt weinte er wieder, da es ſeinem könig⸗ lichen Freund galt. Der König ließ ſich ans Fenſter fahren, von hier konnte er den Marſtall überſehen und ſeinen Blick an den herausgeführten prächtigen Roſſen weiden. „Wählen Sie, mein lieber Freund, und Er, Herr Generaladjutant, ſich jeder eins als Andenken an mich“, ſprach er leiſe zu Herrn Leupold und Herrn von Haake. Wortlos deutete der erſtere auf eins der Thiere. „Nehmen Sie doch das da, ich ſtehe dafür, es iſt gut“, ſagte der König, auf ein anderes Pferd mit kleinem Kopfe, dünner Mähne, ſchlankem Gliederbau und edler Haltung zeigend, dem das berberiſche Stamm⸗ land in dem ſtolz gebogenen Halſe gleichſam ſein unverkennbares Zeichen verliehen. Herr Leupold war unfähig zu antworten. Der König legte die Hand auf ſeinen Arm und ſagte trö⸗ ſtend:„Wir müſſen alle der Natur unſere Schuld zah⸗ len, das iſt unſer Geſchick.“ In dieſe ergebungsvolle, feierliche Stimmung des Königs fiel aber ein ſchwerer Anlaß zum Jähzorn. Die Stallbedienten, denen ein Diener die Meldung Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. II. 13 194 gebracht, das Berberroß mit Sattel und Zeug für die Durchlaucht von Deſſau auszuſtatten, legten dem ſchönen Thiere eine gelbe Schabracke und einen blauen Sammt⸗ ſattel auf.„Ach, dieſe Hundsfötter!“ eiferte Seine Ma⸗ jeſtät.„Wenn ich geſund wäre, ſie ſollten meinen Stock fühlen!“ Die jähzornige Aufwallung erſchöpfte im Nu die zuſammengeraffte Kraft des Königs, ſein Haupt ſank zurück an die Lehne des Rollſtuhls. Tiefe Stille herrſchte im Gemach. Dann aber, als er ſich wieder erholt hatte, wurden auf ſeinen Wink die Flügelthüren geöffnet, die Königin mit der Familie trat ein. Längs der Wand zu beiden Seiten der Thür poſtirte ſich die auf ſeinen Befehl heute in ihrer neuen Livree pa⸗ radirende Dienerſchaft. Es erfolgte jener wichtige Staatsact, mit dem der Sterbende ſich jeder im Leben beſeſſenen Macht und Würde entkleidete. Der Kabinetsminiſter von Podewils übergab in deſſen Namen dem Kronprinzen in kurzer Anſprache die Regierung, indem er ihm zugleich Krone, Scepter und die Schlüſſel zum Schatze überlieferte. Noch einige Worte ſprach der ſeiner Herrlichkeit als Regent entkleidete Monarch zu ſeinem Sohne, aber eine Ohn⸗ macht machte dieſer geiſtigen wie körperlichen Anſtren⸗ gung ein ſchnelles Ende. 195 Auf Doctor Eller's Weiſung mußte der mit dem Tode Ringende ins Bett gebracht werden. Niemand verließ das Gemach, die kurze Friſt, die dem Leben des Königs noch vergönnt zu ſein ſchien, erforderte aller Gegenwart. Niemand konnte ſeine Erſchütterung weniger verbergen als Herr Leupold, er ſchluchzte laut auf. Aus der Ohnmacht zur Beſinnung zurückgekehrt, ſtreiften des Sterbenden ſchon gläſern ſchimmernde Augen über die Anweſenden hin, ſein Geiſt aber trotzte noch dem Zuſammenbruche der körper⸗ lichen Kräfte. Mit einem markdurchdringenden Tone rief er laut:„FEitelkeit, Eitelkeit, nichts als Eitelkeit!“ Es war der ſchärfſte, rückſichtsloſeſte Urtheilsſpruch, den er über ſich ſelbſt, über die ihn Umgebenden fällen konnte. Die Nähe des Todes ſtreift die feſteſte Binde vom menſchlichen Auge und lehrt die richtige Schätzung der weltlichen Dinge. Und wie tief er dieſe Wahrheit erkannte, zeigte, als der Leibarzt ihm auf die Frage, wie lange er noch leben könne, die Antwort gegeben: eine Viertelſtunde noch, denn ſchon ſetze ſein Puls aus, ſeine Aeußerung:„Deſto beſſer, ſo kehre ich in mein Nichts zurück. Des Herrn Wille geſchehe!“ Immer ſchwerer wurden ſeine Athemzüge unter der unſichtbar über ſeinem Herzen ſchwebenden Hand des Todes. Aber noch nicht ganz gebrochen war ſeine 13* 196 geiſtige Kraft. Der Schlag einer Uhr in einem Neben⸗ zimmer verkündete die erſte Stunde nach Mittag. „Wie lange noch?“ fragte der König den ſeinen Puls beobachtenden Leibarzt. Als durchwehe ein Hauch des alten, ihm innewohnenden Trotzes ſein bereits unthätig gewordenes Herz, rief er auf die mit Achſel⸗ zucken gegebene Antwort Doctor Eller's:„Der Puls ſteht ſtill“, den Arm wie in geſunden Tagen raſch ausſtreckend und die Fauſt ballend:„Er ſoll nicht ſtill ſtehen!“ Es war das letzte Wort ſeines Lebens, von nun an verhüllte eine nur dann und wann ſich lichtende dumpfe Betäubung den ſtolzen Geiſt des Sterbenden, deſſen Kräfte aufgezehrt allmälig nach dem harten Kampfe der ſtarren, ſchmerzloſen Ruhe wichen, die ſein Leben in den Tod überführte. Von dieſem ſterbenden König ſchrieb der große Friedrich an Voltaire:„Er ſtarb mit der Neugierde eines Naturforſchers, der beobachten will, was in dem Augenblicke des Hinſcheidens geſchieht, und mit dem Heldenmuthe eines großen Mannes.“ Der alte Deſſauer hatte ſeinen beſten Freund verloren. Ende des zweiten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Deſſau. — —— — ͤ