Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 vo... Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Offensein der Bibliotbek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ðᷣ S. — 1 2 — 22 18 8 S ₰ —₰½ ⁸½ 8₰ — Z — —.——— —— wird. 1 4. Awonnement. Daſſelbe zmuß voraus ſbezahlt werden und beträgt: 4— 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 59 Pf. 2 Mtk.— Pf. 3 6 3 8„„ 3„„„=„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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In der Nähe des weißen Saales im Königsſchloſſe zu Berlin befindet ſich noch heutigen Tags als Zeichen pietätvollen Andenkens jenes geräumige Gemach mit einfach roth übertünchten Wänden faſt in demſelben Zuſtande, wie zur Zeit, als König Friedrich Wilhelm I. ſein Tabakscollegium daſelbſt um ſich verſammelte. Unter allen Umſtänden iſt es die Geburtsſtätte mancher wichtigen Beſchlußfaſſung in Angelegenheiten der innern und äußern Politik dieſes Soldatenkönigs geweſen, und es gab eine Zeit, wo man im Auslande dieſe nach Tabak duftenden Abendgeſellſchaften mit Beſorgniß und Mißtrauen im Auge hielt, obwohl man von ihm, dem Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. I. 1 5 — königlichen Schöpfer derſelben, ſpottend zu ſagen be⸗ liebte: Er ſpannt immer, aber drückt nie ab. Für den Kronprinzen, ſeinen Sohn, war das vä⸗ terliche Tabakscollegium ein Ort doppelten Greuels. Nicht nur daß ſeine Geruchsnerven heftig gegen die hier herrſchende Tabaksatmoſphäre ſich empörten, ſon⸗ dern auch ſein Geiſt empfand den tiefſten Widerwillen gegen die rohen und nicht ſelten verletzenden Späße, welche in dieſem Collegium meiſt die Stelle gebildeter Unterhaltung vertraten. Die Herren vom Säbel, aus denen größtentheils die Mitglieder dieſer Geſellſchaft beſtanden, fanden es höchſt beluſtigend, bei Dukſtei⸗ ner Bier und holländiſchem Kanaſter dem Beiſpiele ihres königlichen Tonangebers nachzueifern und ſich in Spöttereien und Verhöhnungen der Wiſſenſchaften und ihrer Vertreter zu ergehen. Die rothe Tabaksſtube König Friedrich Wilhelms I. und die darin ſich zuſammenfindende Abendgeſellſchaft waren nur eine und hinſichtlich der lokalen Ausſtattung ſogar ſehr dürftige Copie jener vornehmen Tabak ſchmauchenden Societät, wie ſein verſtorbener Vater Friedrich, der erſte Preußenkönig, ſie um ſich zu ver⸗ ſammeln pflegte. Um ſeiner Tabagie gleichſam eine documentale, gewiſſermaßen hiſtoriſche Berechtigung zu geben, hing ein von Paul Karl Leygebe brillant ge⸗ 2 3 maltes Bild, eine ſolche Rauchſocietät aus ſeines Vaters Zeit darſtellend, an einer der beiden Längsſeiten des rothen Gemachs. Man erblickt auf dieſem durch die Portraitähnlich⸗ keit ſeiner Figuren ausgezeichneten und jetzt ſich noch im Berliner Königsſchloſſe befindenden Gemälde die Königin im ſtattlichſten Kopfputze, im Schleppkleid und Hermelin, wie ſie ihrem mit allen Orden geſchmückten königlichen Gemahl mit zarter Hand mittels eines bren⸗ nenden Fidibus die lange Thonpfeife anzündet. Um ihn im Halbkreiſe, die Häupter in Tabaksdampf und ungeheure Wolkenperrücken eingehüllt, ſitzen in ihren Galauniformen ſeine Miniſter und Generale in ſtreng⸗ ſter Rangordnung. Im Hintergrunde des ſchönen Saa⸗ les harrt ehrerbietig der etwaigen Befehle das nie⸗ dere Dienſtperſonal, Kammertürken und reich betreßte Lakaien. Alles auf dieſem Bilde trägt den Ausdruck der Feierlichkeit, Alles iſt tiefer Ernſt, als gälte es eine viel entſcheidende Staatsaction zu berathen. Der Tabaksdampf iſt zu olympiſchen Weihrauchwolken für das Königthum verwandelt und der Ausdruck gedie⸗ gener Pracht zeigt ſich über das Ganze gebreitet. Nichts von alledem bot Friedrich Wilhelm's Tabagie. 1* 4 Ihre Einrichtung gehörte ins Gebiet des Aermli⸗ chen. Inmitten des Gemachs ſtand eine lange Tafel, um welche die Mitglieder des Collegiums auf rohen Holzbänken ſaßen; ein einziger Holzſchemel ſtellte ſich als bevorzugter königlicher Sitz dar. Laufende Un⸗ ſchlittkerzen in ordinären Tellerleuchtern erhellten die vom Tabaksqualm ohnehin ſtark getrübte Atmoſphäre. Jeder in dieſer Verſammlung Seßhafte hatte einen weißen Krug voll Bier und ein Trinkglas vor ſich ſte⸗ hen. Kleine Pfannen mit glimmenden Torfſtückchen zum Anzünden der Pfeifen, kurze niederländiſche Thonſtum⸗ mel von der ſchlechteſten Sorte, geflochtene Körbchen mit holländiſchem Blättertabak, Bret⸗ und Würfelſpiele zu dem damals ſehr beliebten Toccadilleſpiel, auch einige Landkarten für gelegentliche geographiſche Strei⸗ tigkeiten— damit wäre die Ausrüſtung der Tafel voll⸗ ſtändig geſchildert. Einige Tiſche an den Wänden dienten zur Auf⸗ nahme des unvermeidlich täglich der Geſellſchaft zur Verfügung geſtellten Brodes, Butter und Käſe. Als beſonderes Zeichen guter Laune des Königs wurde es angeſehen, wenn Schinken, Kälberbraten oder kalte Fleiſchpaſtete, von denen Jeder ſich nach Belieben ab⸗ ſchneiden konnte, aufgeſetzt wurde. Eine halbe Tonne Bier ward in der Regel allabendlich aufgelegt und 5 eine gewaltige Silberkanne, das einzige Werthſtück das ſich hier befand, erleichterte, da Jeder den Colle⸗ giumsgeſetzen zufolge auch ſein eigener Diener ſein mußte, indem ſie ſtets vollgefüllt wurde, den Herren mittels eines Hahnes das Einſchenken des köſtlichen Naß in ihre weißen Krüge. Die Ereigniſſe unſerer Geſchichtserzählung knüpfen an die Vorkommniſſe in einer der letzten Sitzungen des Tabakscollegiums, die Friedrich Wilhelm I. unge⸗ fähr vier Monate vor ſeinem Hinſcheiden abhielt, an. Man ſchrieb damals das Jahr 1740. Der Winter von 1739 zu 1740 übte hinſichtlich ſeiner vielen Stürme und mannichfaltigen Temperatur⸗ wechſel einen ſehr üblen Einfluß auf Geſunde und Kranke. Unter letztere gehörte der König ganz be⸗ ſonders. Nicht nur die Waſſerſucht im ganzen Kör⸗ per, gegen welche die ärztliche Wiſſenſchaft bereits an ſechs Jahre ohne Erfolg gekämpft, ſondern auch das Po⸗ dagra, an dem er zu Zeiten furchtbar litt, war ihn im höchſten Grade peinigend aufgetreten, und um dieſes vereinte Uebel noch zu mehren, hatte ſich ſein zum Jähzorn geneigtes Gemüth ſo ſehr verbittert, daß ſein geiſtiger Zuſtand zuweilen ins Stadium des Wahn⸗ ſinns überſprang. Selbſt ſeine Diener nahten ſich ihm nur mit Zittern und Zagen; ſie wußten, zu wel⸗ 6 chen Gewaltthaten dieſer hohe Herr in geſunden Tagen ſchnell und ohne langes Zaudern bereit geweſen, und hatten daher vollkommen Urſache, ihn, den der wü⸗ thendſte Zorn ganz unzurechnungsfähig machte, zu fürchten. Aller Erwartung entgegen beſſerte ſich jedoch Mitte Januar ſein Leiden, und mit dieſer Veränderung kam ihm auch die Sehnſucht, wieder einmal in ſeiner Tabagie ſich zu ſehen. Sein Leibarzt, Doctor El⸗ ler, erwägend, daß der ungeſtillte Wunſch bei einem ſo choleriſchen Temperamente, wie das des Königs, eher ſchädlich wirken könnte, gab die Erlaubniß dazu, und der Umſtand, daß Herr Leupold von Deſſau an dem⸗ ſelben Nachmittage in Berlin anlangte, als der König die Herren des Tabakscollegiums zur Verſammlung für den Abend hatte einladen laſſen, erhöhte deſſen heitere Stimmung außerordentlich. Er hatte ſich auf einem Rollſtuhle ſitzend ins rothe Gemach fahren laſſen, und daß Niemand von den Ver⸗ ſammelten aufſtand, um ihn, der faſt zwei Monate nicht hier geweſen, zu begrüßen, freute ihn nicht nur deshalb, weil es mit den Geſetzen der Geſellſchaft, nach denen Jeder, alſo auch er, nur in der Eigenſchaft eines Gaſtes, der eine gewöhnliche Tabagie nach ſeinem Belieben beſucht, hier erſchien, vollkommen übereinſtimmte, ſondern auch, ‿ 7 4 daß man dadurch die Erinnerung an ſein Krankſein als gänzlich unſtatthaft ignorirte. Man that ſo, als hätte es für ihn keine Unterbrechung von Tagen, Wo⸗ chen oder Monaten in ſeinem gewöhnlichen Vergnügen gegeben. Nachdem er ſeinen Platz obenan eingenommen und Herr Leupold ihm zur Linken ſich niedergelaſſen, ließ er ſeinen Blick wie verklärt über ſeine lieben Tabagiege⸗ noſſen ſtreifen, bald dieſem, bald jenem zunickend. Es war gewiß ein recht glücklicher Moment, den er jetzt genoß. Da ſaßen ſie alle in die geliebten Tabakswolken wie Nebelgeiſter gehüllt! Der alte Oberſt von Derſchau, des Königs Gene⸗ raladjutant ſeit fünfunddreißig Jahren, ein Mann aus dem Ganzen, deſſen Härte und Barſchheit allgemein gefürchtet waren und der die ſtrengſten Kriegsgeſetze für weit vorzüglicher als die zehn Gebote Moſis anſah; der alte und derzeitige Gouverneur von Berlin von Glaſenapp, ein echter Pommer wie ſein Landsmann, der alte General von Flanz, welcher außer ſeiner eiſen⸗ feſten Treue für den König noch die ſchöne Eigen⸗ ſchaft einer kernigen Jovialität beſaß und das Colle⸗ gium zuweilen durch treffende Witze und Bemerkungen erquickte; der Herzog von Holſtein⸗Beck, ein Herr, 8 der ſeine Zunge oft zu voreiligen Redeevolutionen gebrauchte, die ihm nicht ſelten, beſonders vom alten Flanz, Abfertigungen zuzogen, welche Muſter pommer⸗ ſchen Humors den hochgeborenen Herrn zum Gegenſtand des Ausgelachtwerdens machten. Der Dönhoff und der Natzmer konnten ſich der Gunſt ihres königlichen Herrn rühmen; aber auch Generale ſaßen hier, die bei dem Schöpfer des Tabakscollegiums nicht ſo hoch in Gna⸗ den ſtanden, weil ſie feinerer Bildung ſich zuneigten, das heißt, Freunde des Kronprinzen waren. Der Buddenbrock, der Rochow und der Waldaw hatten ſchon vor Jahren, als das Kriegsgericht über den Kronprinzen das Todesurtheil fällte, Zeugniß ab⸗ gelegt, daß man ſelbſt einem Könige gegenüber eine andere Meinung haben und als Mann von Ehre ſie ausſprechen könne, und bei Gelegenheit ärgerlicher Laune ließ der König manche Bemerkung fallen, die ihre Hin⸗ gebung an den Thronfolger geißeln ſollte, die aber, be⸗ ſonders von Buddenbrock beantwortet, dem ſein Ziel verfehlenden Pfeil glich, der ſeinem Abſender keine Freude macht. Noch andere Männer von gutem Na⸗ men in der preußiſchen Armee ſaßen mit an der Tafel; aber auch ein recht beklagenswerther Mann der Ge⸗ lahrtheit, der Profeſſor Morgenſtern, welchen Seine Ma⸗ jeſtät auf deſſen Reiſe nach Moskau, um einer an ihn — 2—— ——— 9 ergangenen Berufung an dortige Univerſität nach⸗ zukommen, in Berlin hatte feſthalten laſſen und ihm das Amt eines luſtigen Rathes vulgo Narren auf⸗ gezwungen, gehörte zu den Herren des Tabakscolle⸗ giums, weil es dem Könige beliebte, Jemand zu haben, in dem er die Gelehrtenwelt verſpotten konnte. Während die Unterhaltung, wie das anfänglich ja immer zu ſein pflegt, nur gruppenweiſe gepflogen wurde, ehe ſie ſich in eine allgemeine umwandelte, ſtattete Herr Leupold von Deſſau ſeinem königlichen Freunde Rap⸗ port über die wichtigſten Vorkommenheiten auf ſeiner eben beendeten militäriſchen Inſpectionsreiſe ab und endete mit der Bemerkung: „Habe Eurer Majeſtät noch etwas Neues zu berich⸗ ten, was, wie ich denke, ins Auge zu faſſen ſein dürfte.“ „Was iſt's?“ „Iſt mir gemeldet worden, daß man in Wien den Beſchluß gefaßt hat, die kaiſerlichen Regimenter um zwei Drittheile zu vermindern. Da wären einige tau⸗ ſend Mann mit leichter Mühe und geringen Koſten für die Armee Eurer Majeſtät anzuwerben.“ Der König gab keine Antwort, ſeine Augen ruhten auf dem Polſterbette, das man vor dem Rollſtuhle an⸗ gebracht und auf dem er ſeine ſchwierigen Unterthanen, 10 wie er ſeine vom Podagra hart heimgeſuchten Füße nannte, liegen hatte. Herr Leupold, im Glauben, ſein königlicher Freund denke über dieſen Vorſchlag nach, zählte ihm eifrig die Vortheile auf, welche eine ſolche Maſſenergänzung für das preußiſche Heer haben würde, und ſchloß mit der Frage: „Was halten Eure Majeſtät davon?“ „Eure Liebden“, antwortete der hohe Herr nach einer kurzen Pauſe,„mit der Waſſerſucht und dem ver⸗ fluchten Podagra iſt man nicht einmal der Gedanke von einem Könige mehr. Mich wird bald ein Anderer anwerben.“ „Majeſtät!“ „Ruhig,'s bleibt unter uns. Ich kann die Kerls nicht mehr brauchen, vielleicht der Fritz. Baſta! Nichts mehr davon!“ Herr Leupold verſtummte. Es war ein Schreck für ihn geweſen, denn der Ge⸗ danke, welchen der König andeutete— mit dem Andern, der ihn anwerben würde, hatte er auf den Tod an⸗ geſpielt— erweckte in ihm eine Reihenfolge von Befürch⸗ tungen, die bei einem Manne von ſo ſtarken Leiden⸗ ſchaften, wie er, tief eindringen mußten. Er wußte, daß der Kronprinz nicht ſo für ihn eingenommen war H. H 11 wie ſein Vater, der König, und dieſe Ueberzeugung mahnte ihn gewaltſam, ſo empörend und widerlich es ihm auch ankam, daran zu denken, daß er dann noth⸗ wendigerweiſe von ſeinem bisherigen Einfluſſe ver⸗ lieren werde. Ein prüfender Blick auf den König war ganz geeignet, ihn mit der Möglichkeit vertraut zu ma⸗ chen, daß ſich deſſen Andeutung, von einem Andern angeworben zu werden, vielleicht überraſchend ſchnell erfüllen könne. Von alledem, womit Mutter Natur den König im Aeußern ſo reichlich ausgeſtattet hatte, waren nur noch Rudera vorhanden, ſeine ganze Erſcheinung zeigte raſch fortſchreitenden Verfall. Unter den verwüſtenden Ein⸗ flüſſen ſeiner Krankheit erſchien ſeine hohe Geſtalt ver⸗ kürzt, verkleinert und ſein ſonſt ſo ſchönes Antlitz, deſſen Alabaſterteint ihm im Knabenalter ſchon ſo großen Aerger bereitete, daß, um es zu bräunen, es männ⸗ licher ausſehend zu machen, er es mit Oel beſtrichen ſtundenlang den heißeſten Sonnenſtrahlen ausſetzte, zeigte ſich jetzt von jenem fahlen, gelblichen Krank⸗ heitshauch überzogen, der an eine nahe Auflöſung er⸗ innert. Es war aufgedunſen, die Waſſerbildung in ſeinem Körper hatte eben alle ebenmäßige Form ver⸗ drängt. Nichts an ihm ſchien den Einwirkungen der ver⸗ 12 derblichen Krankheit widerſtanden zu haben als ſeine Augen. Sie hatten daſſelbe Feuer wie ehedem und vermochten noch ſo feſt und durchbohrend auf dem zu haften, der ſeinen Zorn erregt hatte, daß Jeder, dem dies Unglück widerfuhr, ſich in derſelben traurigen Si⸗ tuation befand, wie nach der Sage die kleinen Vögel es ſein ſollen, die in den Bereich des Blickes einer Klapperſchlange gerathen. Was ſeine Gemüthsbeſchaf⸗ fenheit anlangte, ſo war in derſelben eher eine Ver⸗ böſerung als eine Verbeſſerung eingetreten. Die Ohn⸗ macht, in die er ſich durch ſeine Krankheit verſetzt fühlte, erfüllte ihn mit einem faſt ununterbrochenen Zorn, ſodaß die wenigen Stunden, wo ſein Grimm, der gleich einem glimmenden Brande in ſeinem Innern fortfraß, ſich beruhigt hatte, zu zählen waren. Der heutige Abend erſchien darum allen denen, die durch Dienſtverhältniſſe in ſeine Nähe ſich gebannt ſahen, wie ein fröhlicher Feſtabend. Sein Stock hatte ſie nicht geſchlagen, kein Schimpfwort aus ſeinem Munde — und er beſaß ein ausgiebiges Regiſter ſolcher Wörter — ſie entehrt, er war gut gegen ſie geweſen. Mit einer gewiſſen Eitelkeit hatte er die Oberſtenuniform des Potsdamer Grenadierregiments von blauem Tuch mit rothen Aufſchlägen und ſilbernen Litzen ſich anlegen laſſen, ehe er ſich in die Tabagie begab. Freilich zuckte 13 es in ſeinem Geſicht wie tief verbiſſener Groll, wenn er, an ſich niederſchauend, die Einhüllungen von Tü⸗ chern gewahrte, die ſeinen Unterkörper bis faſt herauf zur Herzgrube bedeckten; aber er hatte geſchwiegen, das Vergnügen, ſich wieder einmal nach ſeiner geliebten Tabagie begeben zu können, überwand allen in ihm aufſteigenden Aerger. Trotz vieler Aehnlichkeiten in den Charakteren Fried⸗ rich Wilhelm's I. und Herrn Leupold's, welchen letztern damals ſchon das Volk in Berückſichtigung, daß er in hohen Militärchargen ſtehende Söhne hatte, den alten . Deſſauer nannte, beſtand doch ein großer Unterſchied zwiſchen ihnen. Während Friedrich Wilhelm ſich in eine Selbſtver⸗ götterung verirrte, in der er ſich als eine mit uner⸗ bittlicher Strenge waltende, Menſchenleben und Men⸗ ſchenrechte, wenn er es für gut fand, wie dürre, nutzloſe Grashalme zertretende Vorſehung gebarte, hatte ſich der alte Deſſauer jenen naturwüchſigen Humor be⸗ wahrt, der ihm beim Volke und ſelbſt bei der derb gefuchtelten Soldateska als eine höchſt günſtige Art von Empfehlung diente. In beider Augen blieb er der Schockſchwerenöther, mit dem ſich's doch immer noch umgehen ließ, wenn es auch manchmal für den oder jenen ſchlecht ablief. Seine Schnurren und Späße, 14 freilich durch und durch überderber Natur, waren voll⸗ kommen im Geſchmacke ſeiner Zeit, und die ganze Art und Weiſe ſeines Auftretens in Freud und Leid machte ihn zu einem Gegenſtande, von dem man ſich gern unterhielt. Jetzt war er ein Vierundſechziger und ſeine große, ſehnige Geſtalt ſchien noch wie aus Eiſen gegoſſen, über das keine Feile gekommen, ſein dunkles Geſicht gab gleichſam Zeugniß von dem Stoffe, aus dem der ganze Mann beſtand. Ungekrümmten Rückens reprä⸗ ſentirte er ſeine Rüſtigkeit wie vor zwanzig Jahren, ſeine ehedem bewunderte Ausdauer zeigte ſich noch um keinen Grad gemindert. Er war im vollen Sinne des Wortes der Alte, derſelbe wilde Jäger und Reiter, dem es Wenige gleich zu thun vermochten, der nämliche Sol⸗ datenplacker wie von jeher. In ſeiner Rückſichtsloſigkeit hatte ſich ebenfalls nichts geändert und ſein bei dem geringſten Anlaß hervor⸗ tretender Hang zu Gewaltthätigkeiten und Ausſchrei⸗ tungen aller Art, indem es ihm nie darauf ankam, ob das, was er ausführen wollte, geſetzlich oder unge⸗ ſetzlich, ſittlich oder unſittlich ſei, gehörte vor wie nach zu ſeinen Eigenſchaften. Trotz alledem war er ein durch und durch deutſcher Fürſt, deutſch in allem, ſelbſt in ſeiner unverwüſtlichen Grobheit. 15 Seines königlichen Freundes Ablehnung des unter andern Umſtänden demſelben gewiß willkommen gewe⸗ ſenen Winkes, eine ſpottbillige Ergänzung oder auch Vermehrung der Armee betreffend, hatte ihn wegen der bereits erwähnten Befürchtungen, die ſich für ihn daran knüpften, nachdenklich geſtimmt, ſodaß, als der König, welcher unterdeß mit einem der andern Herren geſprochen, ſich wieder zu ihm wendete, es der Wie⸗ derholung der von demſelben an ihn gerichteten Frage: „Wie iſt's, Liebden, ſteht bald ein Familienfeſt bei Ihnen in Ausſicht?“ bedurfte, um den alten Deſſauer zu erinnern, daß er hier nicht allein ſei. „Ein Familienfeſt? Hm, wüßte keins, Majeſtät“, gab er zur Antwort. „Sie wüßten keins, ſagen Sie, und haben doch eine heirathsfähige Tochter!“ I „Den Teufel auch, heirathsfähig, aber nicht hei⸗ rathsluſtig. Das iſt's ja, was mich ſo raſend crepirt.“ „Nun, nun, Herr Leupold, Sie müſſen ſie dazu encouragiren.“ „Hopfen und Malz da verloren, Majeſtät. Was nützt der beſte General, wenn ſeine Soldaten nicht Ordre pariren!“ „Wäre ja offenbare Rebellion“, bemerkte der König. „Iſt's auch, iſt's auch, Majeſtät, rein, um die Schwe⸗ 16 renoth zu kriegen mit dem aufſäſſigen Frauensvolk. Jeder lumpige Jude in meinem Deſſau iſt, wenn er Mädels hat, beſſer daran als ich. Seine Racaillen denken von ſelber ans Heirathen, meiner Malia fällt's nicht ein.“ „Oho!“ „Hab' auch Oho geſagt, Majeſtät, zieht aber nicht. Meine Malia iſt'n Taugenichts,'n vollkommener Tau⸗ genichts. Wenn ich zu der ſagen würde:„Achtung! Augen rechts! Da ſteht ein Lumpazi, der Kerl hat kein Hemd auf dem Leibe, ſieht aus wie böſer Weg und Mottenfraß— friſch drauf, hol''n Dir als Rarität für Deinen Bettlerſpittel! Marſch! Marſch!“— Schwere⸗ noth, wie würde die Malia Sturm laufen auf den raren Biſſen! Den ließe ſie ſich ſicher nicht entgehen. Sage ich aber:„Na, wie iſt's Malia? Haſt Du noch keine Luſt zum Heirathen?'n ſchmuckern Kerl wie den Ca⸗ rolath kriegſt Du nicht wieder, die Bräutigams laufen nicht gerade zur Auswahl in der Welt herum; wirſt doch nicht ſo'n unnützes Kraut wie Deine Schweſter Anna Wilhelmine werden wollen, die immer gezirpt und gezirpt hat, bis ſie's endlich zur alten Jungfer brachte, an die kein Teufel mehr anbeißen will“— da zuckt ſie mit den Achſeln und antwortet ſo gottſelig, daß ich vor Grimm aus der Haut fahren möchte:„Will's 17 abwarten; ſo überaus eilig muß das doch nicht ſein, bin ja erſt neunzehn Jahre alt“, und dergleichen Redens⸗ arten mehr. Und meine Annelieſe hilft ihr, das iſt erſt das ganz Verfluchte bei der Geſchichte! Neulich,'n letzten Tag, ehe ich meine Inſpectionsreiſe antrat, wollte ich's recht klug anſtellen, ſie im Sprenkel fan⸗ gen wie'n Rothkäthchen; bin da freundlich mit ihr geweſen wie meines Hofgärtners grauer Cyperkater, der Lux, der auch immer ſchnurrt und ſpinnt, wenn man ihn hinterm Ohre kraut, und ſage zu ihr:„Hei⸗ rathe, Malia; möcht' Euch Mädels gern unter die Haube bringen, ehe es zu ſpät wird, denn alte Blumen riechen nicht mehr und mit Weibergeſichtern hat's ſeine Flüſſe, geht ihnen ſonſt wie den Dachziegeln, verlieren auch ihr neues Roth mit jedem Tage mehr, daß ſie in ein paar Jahren wie ¹n einziger Roſtfleck ausſehen.“ Ma⸗ jeſtät, ſoll mich der und jener holen, fahren mir die beiden Weibsleute, meine Annelieſe und die Malia, mit einer Menge Kinkerlitzchen auf den Hals, daß ich nicht mehr zu Worte komme und Retraite ſchlagen muß, um nur aus dem Kreuzfeuer ihrer flunkrigen Redensarten zu kommen. Mit einem aufrichtig gemeinten„Fahrt alle beide zum Teufel!« zog ich mich aus der Affaire.“ Der König lachte herzlich über die Schilderung des häuslichen Krieges ſeines ſonſt ſo mannhaften Freun⸗ Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. I. 2 18 des Leupold, den er ſcherzweiſe den deutſchen Bayard, den Ritter ohne Furcht und Tadel zu nennen beliebte, auf deſſen Stirn es jetzt aber ausſah, wie wenn ſich an ſchwülen Sommertagen Gewitterwolken übereinan⸗ der thürmen, denn der Ingrimm, den die Erinnerung, ſich von ſeinen Weibsleuten zu einem Rückzuge gezwun⸗ gen geſehen zu haben, in ihm aufrüttelte, ſtieg ihm in heißen Blutwallungen nach der Stirn, dieſe dunkel röthend. „Möchte Eurer Liebden einen Rath geben“, hob der König nach einer Weile an. „Hm, Majeſtät, in Teufelei und Fiſſemadentenma⸗ cherei iſt'n Weiberkopf allezeit Nummer eins.“ „Dann behalte ich meinen Rath für mich.“ „Nun, nun, Majeſtät, will damit nicht gerade aus⸗ geſprochen haben, daß es in derlei casibus nicht viel⸗ leicht noch eine Möglichkeit gäbe, durchzudringen.“ „Hören Eure Liebden mir alſo zu“, hob Seine Ma⸗ jeſtät an.„Als ich vor neun Jahren der endloſen Verhandlungen mit England wegen Verheirathung mei⸗ ner Tochter Wilhelmine überdrüſſig war, beſchloß ich der Sache ein ſchnelles Ende zu machen und ſagte zu Minen:„Hol der Teufel die ganze engliſche Sippſchaft, habe ihre Flunkerei ſatt, wie mit Löffeln gefreſſen,'s iſt Alles nur Blakſch—““ 19 Der König bediente ſich hier eines Wortes, welches in ſeinem Munde und zugleich in der Tabagie ſehr gäng und gebe war, das aber nach unſern jetzigen Anſtandsbegriffen nicht näher zu bezeichnen iſt. Herr Leupold, in deſſen Wörterbuche eine Menge ſchmuziger Ausdrücke ihren Platz behaupteten, litt bei Anhörung des angedeuteten Wortes keineswegs unter den Qualen eines äſthetiſchen Scrupels, da er es nur in der Ord⸗ nung fand, daß ſein königlicher Freund ſich gerade in ſolcher und keiner andern Bezeichnung über die engliſche Mäkelei äußerte, welche wie Alles, was mit England⸗ Hannover in Verbindung ſtand, ihm gleichfalls ein großer Dorn im Auge war und bitter von ihm ge⸗ haßt wurde. Der König, deſſen von Krankheit erſchöpftes Sprach⸗ organ ihm nicht geſtattete, in einem Fluſſe fort zu ſprechen, redete nach einer Pauſe weiter: „Ich ſagte alſo zu Minen:„Da iſt der Markgraf von Schwedt, der Herzog von Sachſen⸗Weißenfels und der Erbprinz von Baireuth, drei Stück zuſammen. Einen davon wählſt Du zum Manne. Verſtanden? Abgemacht! Punktum! Na, ſie hat den Baireuther genommen, der Teufel aber hätte ihr die Kerze halten ſollen, wenn ſie ſich hätte beifallen laſſen, Männchen zu ma⸗ chen.“ * 20 Dieſer für den alten Deſſauer höchſt wichtige Wink ſeines königlichen Freundes, dem er ſonſt in Gewalt⸗ thätigkeiten keineswegs nachſtand, würde jedenfalls An⸗ laß zu weitern Auseinanderſetzungen über den Stand⸗ punkt und das Recht eines Familienoberhauptes geworden ſein, denn Seine Majeſtät liebte es, bei ſolchen Gelegen⸗ heiten mit Vorliebe der Gebräuche der altteſtamentli⸗ chen Zeit zu gedenken, wo des Familienhauptes Wille als einzig gültige Entſcheidung angeſehen wurde. Dergleichen Erläuterungen, zugleich Zeugniſſe für den bibliſchen Sinn des Königs und ſeiner Beleſenheit in dieſem Buche der Bücher, wenn ſie mit ſeinen An⸗ ſichten vom Herrenrechte vollkommen übereinſtimmten, erfolgten ſtets mit dem Anſtrich eines großen Wohl⸗ wollens von ſeiner Seite, und beſonders Herrn Leupold gegenüber, von dem er wußte, daß derſelbe an den bibliſchen Erzählungen zuweilen bedeutendes Aergerniß nahm, da die jüdiſche Kriegführung ſeinen Anſichten nach nur Katzbalgereien unter Lumpenkerlen geglichen und ſogar ein Eſelskinnbacken ihnen zum Siege hätte verhelfen müſſen, würde er dieſes gediegene Erläute⸗ rungsthema gewiß nach allen Seiten hin beleuchtet haben, wenn nicht etwas dazwiſchen gekommen wäre, was aller Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm und ſchließlich das laute Gelächter des ganzen Collegiums zur Folge hatte. — 21 Der alte General Flanz ſchrie mit ſeiner ſchneidigen Trompetenſtimme über die Tafel hin:„Lichte her! Alle Lichte her! Und die Karte von Europia!“ „Was hat der Flanz?“ fragte der König den ne⸗ ben ihm an der linken Längsſeite der Tafel ſitzenden Generallieutenant von Natzmer. „Was wird er haben! Iſt mit dem Holſteiner wie⸗ der einmal in Carambolage gekommen“, lautete die Antwort. Und das war volle Wahrheit, denn Flanz und der Holſteiner⸗Herzog lagen miteinander in beſtändiger Fehde, die jedoch jederzeit zur größten Ergötzlichkeit der Tabagiegenoſſen gedieh. Es trat eine tiefe Ruhe ein. Man hatte dem alten Flanz alle Lichter hingeſchoben, ſodaß die vor ihm lie⸗ gende Karte von Europa hell genug beleuchtet wurde, um ihn die kleinſten auf derſelben verzeichneten Ortsnamen ſehr deutlich erkennen zu laſſen. In ſichtbarer Angſt fuhr der alte Kriegsknecht mit dem Zeigefinger auf der Karte in allen Richtungen herum. „Was ſucht Er ſo emſig, Flanz?“ fragte der König. „Majeſtät, ick ſuke dat Ryk(Reich) det Hertogen von Holſteen. Dat muß en recht kleen Land ſin, weil ick et gar nich finden kann, und doch makt ſick 22 de Herr davon ſo ſehre breet“, gab der alte Pommer als Auskunft. Ein förmliches Gewieher durchſchallte das Gemach. Der Herzog, welcher, wenn auch oft zu ſeinen Ungun⸗ ſten ſehr voreilig mit der Zunge, doch ſo vernünf⸗ tig war, nicht empfindlich ſich zu zeigen, lachte herz⸗ lich mit und rief luſtig: „Sage doch Niemand mehr: Was kann denn Gutes aus Nazareth kommen! Wir ſehen's ja an dieſer pom⸗ merſchen Gänſebruſt, daß dies Sprichwort eitel Lug und Trug iſt!“ Die zur allgemeinen Heiterkeit angeregte Stim⸗ mung wurde durch die Bemerkung Dönhoff's: Budden⸗ brock habe von Rheinsberg eine köſtliche Anekdote mit⸗ gebracht, in vollem Fluſſe erhalten, denn der König rief gut gelaunt: „Leg' Er los, Buddenbrock! In Rheinsberg, bei meines Herrn Sohnes Königlicher Hoheit, iſt Er ja mit Hahn im Korbe.“ „Nicht ſo eigentlich Hahn, Majeſtät, nur ein Spatz, der dort auf dem Hühnerhofe allezeit auch ſein Körn⸗ chen findet“, antwortete der General, der wohl wußte, daß es ſtets ein Vergnügen für den König war, denen, die ſich ſeines Sohnes, des Kronprinzen, Gunſt erfreu⸗ ten, etwas ans Bein zu geben, da ſie zu den Leuten ——— —— 23 gehörten, welche auf feinere Bildung Anſpruch machen konnten, ohne welche ſie durchaus nicht zu den geſel⸗ ligen Cirkeln des Thronfolgers gezogen worden wären. „Majeſtät haben Gefallen an Ihres Hautboiſten⸗ Kapellmeiſters, des alten Pepuſch, Compoſition, dem Schweineconcert, gefunden, welches in der That eine höchſt originelle Arbeit iſt, wenigſtens iſt die Idee ſechs Fagotte in Anwendung zu bringen, von denen jedes ſeinen beſtimmten Part als porco primo, porco secondo und ſo weiter auszuführen hat, eine unbe⸗ ſtreitbar neue!“ „’s iſt'n tolles Ding, ja,'s iſt wahr, habe mir den Bauch vor Lachen halten müſſen“, ſtimmte der König bei.„Weiter in der Sache!“ „Seine Königliche Hoheit haben Verlangen getra⸗ gen, dies Meiſterſtück der Tonkunſt ebenfalls zu hören, und daher den alten Pepuſch eingeladen, es in Rheins⸗ berg zu produciren.“ „Um ſeinen und ſeiner hocherleuchteten Geſellſchaft Witz daran zu ſchleifen, kann mir's denken“, fiel ihm der König ins Wort und ein Schatten von Unmuth glitt über ſeine fahlgelbe Stirn.„Ueber ſein Flöten⸗ gewinſel geht ihm nichts, kenne meinen Herrn Sohn.“ Buddenbrock nahm keine Notiz von dieſem väter⸗ lichen Aerger der Majeſtät und redete weiter: 24 „Der alte Pepuſch kam richtig mit ſeinen Hautboi⸗ ſten an. Seine Königliche Hoheit hatten große Geſell⸗ ſchaft eingeladen. In der Mitte des Saales ſtanden ſechs Notenpulte.„Sieben müſſen es ſein, habe auch ſieben Hautboiſten mitgebracht“, ſagte der alte Pepuſch.„Sie⸗ ben?“ fragte Seine Königliche Hoheit erſtaunt.„Ich denke, ſeine Muſik beſteht nur aus ſechs Schweinen.“—„Ganz recht, Königliche Hoheit“, ſagte Pepuſch,„aber es iſt da noch ein Ferkelchen hinzugekommen: Flauto solo.““ „Prächtig! Prächtig!“ rief der König, während die Uebrigen ihren Beifall für des Pepuſch Antwort durch Gelächter und Applaus kund gaben.„Mein alter Pe⸗ puſch hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Freut mich, freut mich! Soll ſechs Flaſchen Rhein haben der alte Kerl für den Spaß und ſoll mir das Ferkel⸗ chen Flauto solo produciren, will'’s hören.“ Sicher wäre Seiner Majeſtät Vergnügen vollſtändig geweſen, wenn ihm nicht Doctor Eller das Rauchen unterſagt hätte. Infolge dieſes ärztlichen Verbotes, zu dem natürlich auch das Biertrinken gehörte, ent⸗ behrte er einen Theil des Hochgenuſſes, den ihm die Tabagie immer gewährt hatte, und es blieb eine ſehr geringe Tröſtung, daß Herr Leupold, der nie Tabak rauchte, den Pfeifenſtummel ſo hielt, als fühle er ſich ganz behaglich in dieſer Pflege eines Hautgouts, dem 25 ſein königlicher Freund mit Leidenſchaftlichkeit zugethan war. Ehe noch ein Anderer der Geſellſchaft eine Schnurre zum Beſten gab, trat der derzeitige Commandant von Berlin, der Infanteriegeneral von Sydow, in Beglei⸗ tung des königlichen Generaladjutanten von Haake ein. „Konntet Euch wohl nicht eher herfinden?“ fragte der König. „Pardon, Majeſtät,'s iſt da eine Teufelei paſſirt, die uns abgehalten, eher zu erſcheinen“, antwortete Sydow. „So? Sind einige Kerls wohl wieder deſertirt? Canaillen die!“ „Keiner deſertirt, Majeſtät;'ne andere Teufelei, zu der uns noch der Schlüſſel fehlt.“ „Oho, eine Teufelei ohne Schlüſſel. Rapportire Er, Sydow.“ „Habe da, wie Eure Majeſtät befohlen, Unterſu⸗ chung der Quartiere gehalten, weil das Bürgerpack denkt, für den Soldaten ſei der Hundeſtall gut genug.“ „Nehm' Er die Brut bei den Köpfen, wenn Er ſolche mauvais sujets ausgattert“, ſprach der König. „Dem Soldaten iſt das beſte Zimmer einzuräumen; den bürgerlichen Leuten thut's nichts, wenn ſie im Hof hinauswohnen, ſo iſt meine Ordre. Rapportire Er weiter!“ 26 „Trete da mit Haake hier vor dem Königſtädter Thor in ein Haus, wo ein Tiſchler ſeine Werkſtatt hat. Kenne ihn, iſt'n ehrlicher Kerl, hat gedient und nährt ſich jetzt, weil er einen Schaden am Beine davon⸗ getragen und Halbinvalid geworden, von ſeiner Hände Arbeit, während ſein Weib für die Leute wäſcht. Solche Leute, wenn ſie jahrelang in einem Häuſerviertel woh⸗ nen, kennen allemal die örtlichen Verhältniſſe am be⸗ ſten, und wenn man ihnen ein wenig auf die Sprünge hilft, ſo plappern ſie von Allem, was ſie wiſſen. So kam's, daß der arme Kerl von ſeinem kärglichen Ver⸗ dienſt erzählte und ſchließlich bemerkte, daß es ihm wohl nie wieder paſſiren werde, für einen Sarg ganze zwanzig Thaler bezahlt zu erhalten, und als Haake ihm dar aufentgegnete, daß er, ſolcher Bezahlung nach, doch eine ganz noble Kundſchaft haben müſſe, ſagte der Mann: das wäre auch eine verflucht curioſe Geſchichte geweſen, über die ſich die Leute genug den Kopf zer⸗ brochen hätten, ohne bis heute zu wiſſen, was ſie da⸗ von denken ſollten. Jetzt mußte er mir beichten. Er that's im Folgenden.“ „Trink' Er erſt, Sydow, Seine Kehle iſt rauh“, ſagte der König. „Zu Eurer Majeſtät Befehl.“ Nachdem der Commandant der Vorſorge ſeines — ——————— —ͤ— 27 Kriegsherrn, bei dem er hoch in Gunſt ſtand, Genüge geleiſtet, rapportirte er des Mannes Erzählung, deren Inhalt ungefähr lautete: Eines Tages im März verwichenen Jahres ſei ein Cavalier, in einen Mantel gehüllt, in ſeine Werk⸗ ſtatt getreten und habe ihn gefragt, ob er einen Sarg machen wolle. Natürlich hätte er gleich zugeſagt, wor⸗ auf der Fremde ihm fünf Thaler als Aufgeld auf die Hobelbank geworfen und ihm befohlen, ſofort mit ihm zu kommen, um das übliche Maß zu nehmen. Der Cavalier müſſe ein ſehr vornehmer Herr geweſen ſein, denn er hätte unterwegs kein Wort mit ihm geſprochen, und wenn er ihn, den Tiſchler, ja einmal angeblickt, ſo habe er das mit einem Stolze gethan, wie kein Kö⸗ nig dies ſtolzer habe thun können. Ihr Weg hätte in die nächſte Gaſſe geführt; der Cavalier ſei da an der Thür eines großen Hauſes ſtehen geblieben und auf ſein ſtarkes, gebieteriſches Klopfen mit dem Hammer hätte ein Diener mit zwei brennenden Kerzen auf einem Leuchter geöffnet und, als er ſie eingelaſſen, wieder zu⸗ geſchloſſen. In einem ſehr ſchönen Gemach, wo die Leiche einer jungen Dame auf einem Bette gelegen, hätte er nun auf Befehl des vornehmen Herrn das Maß genommen und wäre mit der gebieteriſchen Mah⸗ nung, übermorgen früh den Sarg herzubringen, ent⸗ ———ʒ— ————— ——— 28 laſſen und ihm von dem Bedienten aus dem Hauſe ge⸗ leuchtet worden. „Den Teufel auch, Er erzählt uns da eine kurioſe Geſchichte!“ rief der König. „Aber volle Wahrheit, Majeſtät“, beſtätigte der Ge⸗ neraladjutant. „Weiter im Text, Sydow.“ „Zur feſtgeſetzten Zeit, referirte der Tiſchler, habe er den Sarg abgeliefert und bei der Gelegenheit die Leiche der jungen Dame bei vollem Tageslichte geſehen; ſie ſei wunderſchön geweſen. Das Schreien eines Säug⸗ lings im Nebengemache habe ihn zu der Vermuthung gebracht, daß ſie wohl im Wochenbette geſtorben ſein müſſe, was auch der Hausmeiſter, der ihm und ſeinem Geſellen diesmal das Haus geöffnet und ſie wieder hinausgelaſſen, beſtätigt habe. Wenn was Kurioſes bei der ganzen Geſchichte geweſen, ſo beſtehe das darin, daß der Hausmeiſter, ein Maurer ſeiner Profeſſion nach, mit dem er ſeit der Zeit bekannt geworden, ihm erzählt, das Kind ſei noch am ſelben Tag getauft worden und eine Stunde ſpäter der Cavalier mit dem Kinde, der Dienerin und ſeinen Lakaien abgereiſt, nachdem er ihn und ſeine Frau reich beſchenkt habe. Die Leiche ſei in aller Stille früh bei Tagesanbruch von dem Paro⸗ chialpfarrer, der auch das Neugeborne getauft, begraben 6⸗ worden. Nur ein alter Diener ſei als Wächter bei der Todten zurückgelaſſen worden und den Tag nach deren Begräbniß ſeinem Herrn nachgereiſt, wohin, wiſſe man nicht.“ „Da iſt ſicher eine Teufelei dabei im Spiele ge⸗ weſen“, ſprach der König,„eine Teufelei, welche ſtark nach Verbrechen riecht. Die Sache ſoll unterſucht wer⸗ den. Ich will nicht, daß man mein Berlin für einen Schlupfwinkel anſieht, wo man ungeſtraft ſchlechte Dinge treiben kann, ohne Furcht, daß ſie ans Tageslicht kom⸗ men.“ „Da Haake und ich dieſelbe Anſicht hatten, daß es hinſichtlich der jungen Dame nicht richtig zugegangen ſein könne, weil man ſie ſo in aller Stille ohne Sang und Klang zu Grabe gebracht und dies mit dem Reich⸗ thum des Cavaliers gar nicht übereinſtimmt, die Todte mochte nun ſeine rechtmäßige Gemahlin oder ſeine Maitreſſe geweſen ſein, ſo ließen wir uns von dem Tiſchler nach dem Hauſe führen, um an Ort und Stelle der Sache auf den Grund zu kommen.“ „Sehr recht, ſehr recht; geſcheidter Gedanke!“ ſtimmte der König bei.„Weiter!“ „Auf unſer Klopfen an der Thür des ſeattlichen Hauſes öffnete uns der Hausmeiſter, der bei unſerm Anblick erſchrocken zurückprallte und unſere Frage, wem 30 das Haus gehöre, kleinlaut die Antwort gab:„Dem Herrn Advocaten Homilius.““ „Einem Advocatenkerl!“ rief der König.„Habe ich mir's doch gedacht, daß ein ſolcher Teufelsbraten mit im Spiele ſei! O dieſe Rangen ſind bei allen ſchlechten Streichen Herr Bruder, fehlen nie dabei. Nun, Ihr ſeid dem Hundsfott doch vors Quartier gerückt, hoffe ich?“ „Allerdings, Majeſtät; aber wir haben nicht viel mehr von ihm herausgekriegt, als was wir ſchon wußten.“ „O der Racker!“ fuhr der Monarch auf.„Die ganze Advocatenbrut ſollte man zur Hölle befördern, wohin ſie gehört.'s iſt ſchändliche Bande, gottver⸗ geſſene Kerle!“ Bei dieſem Zornauflodern gegen die ihm tief in der Seele verhaßte Advocatencorporation, welcher er, um ſie zu ärgern, geſetzlich das Tragen eines kurzen ſchwarzen Mäntelchens octroyirt hatte, damit Jeder⸗ mann gleich von weitem die Rechtsverdreher erkennen und ihnen aus dem Wege gehen könne, ſtampfte der König heftig mit dem Stocke auf, und es hätte keinem Zweifel unterlegen, daß er, ſo ſchwach er ſich fühlte, ſeiner Gewohnheit nach beſagten Homilius auf der Stelle abgeprügelt hätte, wenn derſelbe anweſend ge⸗ —— 31 weſen wäre. Nach einer Pauſe fragte er mit ſtärker hervortretendem Schnarren der Stimme, eine Eigen⸗ thümlichkeit, die er jederzeit an ſich gehabt, welche aber, ſobald er in Affect gerieth, ſich beſonders kund gab und jetzt, wo ſein Organ durch die immer ſteigende Waſſerbildung in ſeinem Körper außerordentlich gelit⸗ ten, faſt jedes nur in geringſter Erregung von ihm geſprochene Wort begleitete:„Was ſagte der Hunds⸗ fott?“ „Er fragte uns, ſeit wann das Geſetz erlaſſen wor⸗ den wäre, daß die Hausbeſitzer Berlins Protokoll über die Verhältniſſe ihrer Abmiether aufnehmen müßten?“ „Seht Ihr? Seht die Canaille!“ unterbrach der König erboſt den wieder begonnenen Rapport Sydow's, der dann weiter referirte: „Wenn's uns aber ſo ſehr anläge, ſei er erbötig, den Namen des Fremden zu nennen. Es ſei ein Ba⸗ ron von Sternfels aus dem Sächſiſchen, und daß wir nicht glauben ſollten, er ſpeiſe uns mit einer Unwahr⸗ heit ab, ſollten wir uns die Mühe nicht verdrießen laſſen und in ſeinem Tagebuche ſelbſt die den Frem⸗ den betreffende Rubrik nachleſen. Das geſchah denn auch. Unter andern ſeine Ausgaben und Einnahmen betreffenden Notizen vom Monat März vorigen Jahres fanden wir die: Heute, am 20. März, an Baron Stern⸗ 32 fels aus Sachſen vermiethet vier Zimmer nebſt Zube⸗ hör auf die unbeſtimmte Zeit, wie lange ſeine Geliebte, welche ihre Niederkunft hier abwarten wolle, des Auf⸗ enthalts hier bedürfen wird, und hat der Baron vor der Hand dreißig Dukaten an mich gezahlt, die dann in Abrechnung kommen.“ Nach einer kurzen Pauſe ſprach Herr von Sydow weiter: „Daß die junge Dame kaum drei Tage nach ihrer Ankunft bei der Geburt eines Kindes geſtorben, ſei ein Unglück für den jungen Herrn geweſen, weshalb der⸗ ſelbe auch in ſeinem Herzenskummer ſo raſch abgereiſt ſei, erklärte uns der Advocat. Der alte Diener, den der junge Cavalier wegen deren Begräbniß zurückge⸗ laſſen, wäre, nachdem dies vollzogen, ebenfalls abge⸗ reiſt. Weiteres wiſſe er, der Advocat, nicht und hätte ſich auch, da er damals ſelbſt krank geweſen, um Wei⸗ teres nicht gekümmert. Damit war unſere Nachfrage beendet.“ „Aber die Sache ſoll es nicht ſein, ſie ſoll unter⸗ ſucht werden! Es iſt nicht Alles richtig bei der Ge⸗ ſchichte, eine Schlechtigkeit iſt da mit untergelaufen. Traue dem Advocatenkerl nicht. Sydow, Er hat die Sache an den Fiscus zu bringen, wollen uns kein X für ein U vormachen laſſen. Hole der Satan alle — Hundsföttereien! Ich bin kein Pappenkönig, den man mit ſehenden Augen blind macht.“ Die Unterhaltung in der Tabagie hatte einen un⸗ erwarteten Umſchwung genommen; das vorige herzliche Lachen war tiefem Ernſte gewichen, weil man die große Aufregung beim Könige gewahrte und Jeder wußte, daß dies nur von der ſchlimmſten Einwirkung auf ſeinen Krankheitszuſtand ſein werde; aber Niemand ahnte im entfernteſten, daß ſich noch etwas begeben könne, das ſeinen Aerger über nur muthmaßlich vorge⸗ fallene Schlechtigkeiten zur böſeſten Stimmung ſteigern könnte. Da wurde plötzlich die Thür aufgeriſſen. Kron⸗ prinz Fritz trat ein. Wie durch einen Zauberſchlag aufgeſchnellt, erhoben ſich mit Ausnahme Herrn Leupold's ſämmtliche Anwe⸗ ſende, ihn zu begrüßen. Dies Aufſtehen, welches geſetzlich in der Tabagie bei dem Eintritt eines ſpäter Kommenden, welchen Ranges er auch ſein mochte, verpönt war, alterirte den König nicht allein wegen des Verſtoßes, der vor ſeinen Augen gegen das bisher ſorgſam feſtgehaltene Herkommen begangen wurde, ſondern er erblickte darin noch etwas ganz Anderes, eine Huldigung, die man ſeinem Thronfolger darbrachte. Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. I. 3 34 „Bin ich ſchon todt, Liebden, daß die da vor der neu aufgehenden Sonne ſich beugen, damit ſie ſie recht gnädig beſcheine?“ fragte er den Deſſauer und über ſein fahlgelbes Antlitz zog ein düſteres Roth des höchſten Grades von Grimm hin. Dieſe Frage, die alle gehört hatten und welche einen gewiſſermaßen ſo verſteinernden Eindruck auf ſie machte, daß ſie das Niederſitzen außer Acht ließen und ſtehen blieben, ſchüchterte den Kronprinzen jedoch nicht ein; er trat ehrerbietig auf ſeinen königlichen Va⸗ ter zu mit den Worten: 3 „Eurer Majeſtät, meinem allergnädigſten Herrn Vater, bringe ich meinen unterthänigſten Handkuß als—“ „Gut, gut, weiß ſchon“, fiel ihm der ſchwer erzürnte Monarch, ihm die erfaßte Hand unwillig entziehend, ins Wort, und den Blick zornig über die Geſellſchaft ſtreifen laſſend, rief er, Herrn Leupold's Arm ergrei⸗ fend, als wolle er ſich eine Stütze ſichern:„Und der alte Flanz auch, der Glaſenapp, der Dönhoff, der von der Marwitz? Alle abgefallen von mir vor der Zeit? Alle!'s iſt bitter,'s iſt bitter! Können's nicht erwarten, daß—“ Die Stimme verſagte ihm in der ungeheuern Aufregung. 8 „Mein allergnädigſter Herr und Vater!“ S f rei⸗ der von it? ten, tern 35 „Will nichts hören, weiß ſchon Alles“ ſchrie der König heftig.„Schweigen, ſchweigen! Fahren mich Liebden hin⸗ aus! Mag keinen Augenblick länger hier bleiben, bin nichts mehr, gar nichts mehr. O,'s iſt bitter für einen kranken König!“ Dieſe ſchmerzliche Klage griff jedoch ſo tief zu den Herzen der alten Kriegsmänner, daß einige von ihnen zu ihm eilten und ihn beſchworen, von dem irrigen Wahne abzulaſſen, als könnten ſie von ihm abfallen. Ihr Aufſtehen beim Eintritt des Kronprinzen ſolle er nur als das anſehen, was es wirklich ſei, ein Ehrengruß für Seine Königliche Hoheit, da derſelbe nicht in Berlin, ſondern in Rheinsberg ſeinen Aufenthalt habe. Aber das verfing bei dem Ergrimmten nicht. „Fahren mich Eure Liebden hinaus!“ rief er.„Ich will fort, fort! Hab's hier ſatt. Fort!“ „Ick ſollte meenen, Majeſtät könnte nich ſo von Ihre alte Generals gehn, wenn ſe man ooch—“ Der alte Flanz mußte verſpüren, daß der Zorn ein wirkliches Ungeheuer iſt, das blind und taub dahinraſt. Mit ſtöhnender Stimme, die ſich anhören ließ, als dränge ſich mit den Worten zugleich ein ſtarkes Schluch⸗ zen hervor, ſchrie der König:„Schert Euch alle zum Teufel, zum Teufel!“ Vom Deſſauer geſchoben, rollte der Stuhl zum 3* 36 Ausgang. Niemand hielt ihn auf, denn in des Königs etwas erhobener Rechten drohte deſſen Stock zum Schlage Jedem, der es wagen würde, ihm in den Weg zu treten. In ſehr unluſtiger Stimmung verließen auch die alten Herren die Tabagie. Zweites Kapitel. Dieſer Vorfall hatte ſehr beklagenswerthe Folgen. Der König gab ſich einem ſo nachhaltenden Grimme hin, daß ſein Denkvermögen in einen Aufruhr gerieth, in dem ſich die traurigen Zeichen geiſtiger Verwirrung bald kund thaten. Als Herr Leupold ſich am nächſten Tage bei ihm verabſchiedete, trat die außerordentliche Erregung in ihrer vollen Stärke hervor. Wie in unge⸗ heurer Angſt faßte der kranke Monarch des Deſſauers Hände und ſchrie: „Möchte mit, weit weg von hier, tauſend Meilen weit weg; bin ja nichts mehr, Kartenkönig, nichts als Kartenkönig! Daß ſie Blitz und Donner erſchlüge, die Hundsfötter, die ſo ſchändlich von mir abfallen!“ Herr Leupold war beſtrebt, ihn zu beruhigen. Wenn 38 auch ſeine Redegabe nicht von der Art war, überzeu⸗ gende Gründe in freundliches und guten Eindruck nie verfehlendes Gewand einzukleiden, ſo beſaß er doch jene energiſche Manier, dem, was er ſprach, Nachdruck zu geben. Bei ruhigem Gemüth würde dieſe Weiſe auch nicht ohne wohlthuenden Einfluß auf ſeinen königlichen Freund geblieben ſein, jetzt aber verſagte ſie gänzlich ihre Wir⸗ kung, obwohl es den Anſchein hatte, als höre Seine Majeſtät aufmerkſam der Widerlegung zu, die jener mit den Worten ſchloß: „Kinkerlitzchen, nichts als Kinkerlitzchen! Hat keine Menſchenſeele daran gedacht, Eure Majeſtät zu kränken. Wäre die Schwerenoth, wenn'n rechtſchaffener General ſo leicht, wie'n Tannzapfen vom Winde geſchüttelt vom Baume fällt, von ſeinem Kriegsherrn abfallen könnte. Iſt Mancher dabei, dem ich juſt nicht grün bin, aber was wahr iſt, iſt wahr, Hundsfötter ſind's nicht.“ „Ueberläufer ſind's, Ueberläufer!“ ſchrie der König, mit dem Stocke aufſtampfend.„Der Alte lebt ihnen zu lange, weiß das. Liebden laufen wohl auch mit der Binde vor den Augen herum, bilden ſich wohl auch ein, nach mir werde eine Herrlichkeit aufgehen. Schöne Herrlichkeit! Der Fritz will nichts von der Armee, will'n Bettlerkönig werden, führt Euch alle bei der Naſe herum. Geſchieht Euch aber recht, habt ihn ja honorirt wie einen Gottgeſandten, wie einen Er⸗ löſer.“ „Majeſtät könnten derlei flunkrige Redensarten ge⸗ gen mich unterlaſſen“, fuhr Herr Leupold auf.„Sie haben keinen Hundskerl vor ſich, der ſeine Soldatenehre wie'ne Windfahne anſieht, die ſich nach dem Zuge dreht.“ Dieſe ſehr ernſte Entgegnung Herrn Leupold's machte auf den zornigen Monarchen Eindruck. Er ſchwieg eine Weile, dann ſagte er: „Liebden muß ich's ſagen, daß es mir in der Seele leid thut, dem Kronprinzen nicht vor zehn Jahren den Kopf vor die Füße haben legen zu laſſen. An dem Fehler gehe ich jetzt ſelbſt zu Grunde,'s Land mit. Hahaha, wird'nen prächtigen König abgeben! Hat vor acht Wochen beim Herzog von Braunſchweig⸗Wolfen⸗ büttel geſpeiſt, wo man von der Kunſt zu regieren ſprach, und ſich dahin ausgelaſſen, daß er es für'n großes Unrecht anſähe, wenn der Regent ſeine Unter⸗ thanen bedrücke, und mit Nachdruck geſchloſſen: wenn er auf den Thron käme, wolle er den Armen ein wah⸗ rer König werden.“ Eine ſchwere Verwünſchung folgte dieſem Citat einer Aeußerung ſeines Sohnes, die ihm der General⸗ adjutant Haake in der Meinung mitgetheilt hatte, er 40 werde ſich über dieſen guten Vorſatz ſeines Kronprinzen als Vater freuen, wovon aber gerade das Gegentheil erfolgte. „Was?“ hob der König aufs neue und mit ſich ſteigender Heftigkeit an, wobei das düſtere Brand⸗ roth von ſeinem fahlgelben Geſicht Beſitz nahm.„Hab' ich Plus gemacht, geſpart und zuſammengeſcharrt, daß Bettelvolk ſich daran vollfreſſen ſoll? Drunter und drüber ſoll's nach meinem Tode gehen. Darum lebe ich den Canaillen zu lange, können's nicht erwarten, fragen ſich im Stillen alle Tage: Will der Alte immer noch nicht abfahren? Um dies Lumpengezücht recht um ſich zu ſchaaren, läßt meines Herrn Sohnes Kö⸗ nigliche Hoheit gelegentlich ſolche philanthropiſche Narrheiten laut werden, und er hat ſie alle, alle am Bande. Das iſt eine böſe und ſchlimme Zeit, wo ſich David gegen Saul ſetzt, ja David gegen Saul, und der Saul bin ich, der Saul bin ich! Er will mir meinen Spieß und Waſſerbecher nehmen, Alles will er mir nehmen.“ Herr Leupold ſtand betroffen. Er hörte den König von Dingen reden, die ihm, da er verzweifelt wenig von den bibliſchen Geſchichten kannte und vom Buche Samuelis, in dem die Erzählung der Feindſchaft und Verfolgung zwiſchen Saul und David verzeichnet iſt, — 41 nie etwas vernommen hatte, gänzlich fremd waren. Obwohl der alte Deſſauer keine Ahnung davon beſaß, was Furcht und Kleinmuth ſei, ſo empfand er doch it eine natürliche Anwandlung von Grauen nicht nur d⸗. 4 beim Anblicke des kranken Königs, ſondern auch vor deſſen ihm ganz undeutbaren Reden, denn Beides trug ß den Ausdruck der Sinnenverwirrung. nd Stieren Auges ſtarrte der Monarch auf ihn, als be ſähe er in ihm den Kronenräuber David. Sein Stock en, mußte ihm als Saul's Spieß erſcheinen, denn er hielt er ihn mit beiden Händen krampfhaft gepackt, ein grimmi⸗ cht ges Lachen überflog ſein Geſicht.„Er ſoll ihn nicht ö⸗ haben“, redete er laut vor ſich hin,„nein, nein, nein! he Ich ſchlafe nicht, wie Saul und ſein Waffengefährte lle Abner, der Spieß bleibt mein, mein! Der Tag ſoll it, nicht kommen, wo ſich Saul ins eigene Schwert ſtürzt; ul,. verflucht ſei ſolches Tageslicht, dreimal ver—“ Die rir Schwäche übermannte den irre redenden Kranken, er fiel er zurück an die Lehne ſeines Rollſtuhls, eine Ohnmacht war die Folge dieſer großen Aufregung. ig„Majeſtät hat's Bewußtſein verloren“, ſagte Herr tig. Leupold, ins Vorzimmer gehend, zu den Dienern;„ruft he den Doctor!“ nd„Geb's Gott gnädig!“ ſeufzte der königliche Kam⸗ merdiener Wittekind.„Uns trifft allemal das Schlimmſte. 42 Wir, die wir um ihn ſind, müſſen's mit Schmerzen ausbaden, wenn—“ „Raiſonnire Er nicht, Kerl!“ ſchnauzte ihn der Deſſauer an.„Fuchtel können Euch nicht ſchaden, ſind 'ne Wohlthat für Bedientenpack.“ Herr Leupold ver⸗ ließ mit dieſer unzarten Andeutung von Mißachtung, mit der er Leute betrachtete, die weder Soldaten noch Bürger oder Bauern oder Beamte waren, das Vor⸗ zimmer in einer höchſt üblen Stimmung, denn die Zu⸗ kunft war beim Anblick ſeines kranken königlichen Freun⸗ des und deſſen Hinfälligkeit ſo lebhaft vor ihn hinge⸗ treten, daß er die Ueberzeugung, derſelbe werde am längſten das Regiment geführt haben, nicht von ſich abweiſen konnte. War ihm doch gerade zu Muthe, als bräche mit dem Leben des Königs auch ein Stück ſeines eigenen Lebens zuſammen; war dieſer doch durch faſt drei Decennien ſein Freund geweſen und hatte, wenngleich von vielen Seiten zum Bruch mit ihm angeſtachelt, feſt zu ihm gehalten und ſeinem Rathe ver⸗ traut! Dieſe Erinnerung griff tief ein bei Herrn Leupold und er verließ diesmal Berlin in einem Zwieſpalt mit ſich ſelbſt, denn ihn beherrſchte das niederdrückende Ge⸗ fühl, einen großen Verluſt vorauszuſehen, und zugleich das unangenehme Bewußtſein, ſich ſeines bisherigen An⸗ ſehens beraubt denken zu ſollen. — 43 Der Zuſtand des Königs war einer jener ſeltſamen, die ſich ſchwer erklären laſſen. Aus wahn⸗ oder viel⸗ mehr tobſüchtigen Zornesäußerungen tauchte auf kurze Zeit ſein Geiſt in klaren Lichtblicken auf, verſchwand aber bald wieder, ſodaß die, welche in ſeiner Nähe ſein mußten, die Tage immer in Angſt wegen ihrer ſelbſt zubrachten. Saul's böſer Geiſt hatte ihn erfaßt, alle ſeine üblen Gewohnheiten traten in ſolchen Stun⸗ den, harpyienartig ſich an ihn anhängend, zu Tage, und doch konnte man nicht mit Beſtimmtheit ſagen, er ſei regierungsunfähig, denn er behielt trotzdem die Ent⸗ ſcheidung in den laufenden Geſchäften in ſeiner Hand. Er führte ſie in der eiſernen Weiſe fort, wie er ſie immer geführt, und beſonders jenes Sparſyſtem, dem er ſtets gehuldigt und das ſchon in einen traurigen Geiz ausgeartet war, erfuhr noch Verbeſſerungen, wie er es nannte, indem es ihm Vergnügen machte, die Etats durchzugehen, hier eine kleine Penſion zu ſtrei⸗ chen, dort einen Gehalt zu kürzen. Der Kronprinz litt unter dem auffallenden Haſſe ſeines königlichen Vaters, der ihn als ſeinen regie⸗ rungsſüchtigen Nachfolger anſah, welcher nöthigenfalls, wenn er ihm zu lange lebe, fähig ſei, ſein Leben auf irgend eine ſtille, heimliche Weiſe kürzen zu laſſen. Wenige Tage nach dem bereits geſchilderten, ſo be⸗ 44 klagenswerth zu Ende gegangenen Tabakscollegium ließ der König den Kronprinzen zu ſich befehlen und der⸗ ſelbe ſtellte ſich ohne Zaudern bei ihm ein. General⸗ adjutant Haake war gegen alles Herkommen anweſend geblieben, ein Beweis, daß der König ſeinem Sohne nichts Gutes zutraute oder irgend eine Abſicht haben mußte, Haake zum Zeugen des Geſprächs unter ihnen zu machen. Nach einer Pauſe, in der er den jungen achtund⸗ zwanzigjährigen Thronfolger ſcharf gemuſtert, ſagte er: „Hat Seine Liebden von Deſſau bei Dir ſich vor ſeiner Heimreiſe empfohlen?“ „Majeſtät, ich habe ihn nicht geſehen.“ „Nicht? Nicht? Brav von ihm! Sehr brav! Ge⸗ hört nicht zu den Reverenzlern, iſt von alter Art, die feſt an ihrem Herrn hält.“ „Majeſtät, ich bin derſelben Meinung.“ „So? So? Nun, nun, das ſoll mich wohl freuen, daß Sie, Sire, meinen alten Freund hochachten, trotz⸗ dem er nicht zu den Enthuſiasmirten gehörte, die wie die Pilze aufſchoſſen, als Eure Majeſtät die Gnade hatten, in die Tabagie einzutreten.“ „Ich ſprach nur meine Meinung hinſichtlich deſſen aus, was ich dem Fürſten von Deſſau, der ſo unver⸗ brüchlich treu meinem höchſtſeligen Herrn Großvater 45 und Ihnen, meinem allergnädigſten Herrn Vater, ge⸗ dient hat, ſchuldig zu ſein glaube“, ſprach der Kron⸗ prinz, ohne eine Aeußerung ſich entſchlüpfen zu laſſen, wie ſehr ihn die durch den väterlichen Spott ihm ge⸗ gebenen Betitelungen„Sire“ und„Majeſtät“ empörten. „Der Deſſauer war der Einzige, welcher ſitzen blieb, während die Andern Männchen machten.“ Der König ließ ein heiſeres Lachen dieſer Bemer⸗ kung nachfolgen, das, wie es ſchien, mehr erkünſtelt als natürlich war, um den Kronprinzen zu einer Ver⸗ letzung der Ehrerbietung aufzuſtacheln. „Ich habe das nicht beachtet, aber es iſt mir lieb, daß Seine Liebden die in der Tabagie geltenden Ge⸗ ſetze ſich ſo tief eingeprägt hat, denn ich glaube des Bei⸗ falls meines allergnädigſten Herrn Vaters mich erfreuen zu dürfen, wenn ich ſage, daß es mein Grundſatz iſt, nie halb zu thun, was man ganz thun ſoll.“ Eine Pauſe folgte. Der König ſchien bei der Ruhe, die der Kronprinz ihm entgegenſetzte, ſelbſt in einige Verlegenheit zu ge⸗ rathen. Er fixirte den ohne Scheu vor ihm ſtehen⸗ den Sohn ſcharf und durchbohrend, als wollte er in deſſen Seele leſen. Nach einer Weile fragte er: „Warum habe ich Dich wohl rufen laſſen?“ „Majeſtät, ich weiß es nicht. Was es aber auch 46 für einen Grund haben möge, ich bin ſehr glücklich, Ihnen mich ehrfurchtsvoll nahen zu dürfen.“ „Höfliche Leute in Rheinsberg, weiß das ſchon. Aufs Wahre wieder zurückzukommen: ich will ebenfalls ganz thun, was zum Heile des Ganzen iſt.“ Der Kronprinz ſchwieg in Erwartung deſſen, was der König durch dieſe Bemerkung andeuten wolle. „Es kann ſein, daß es mit mir nicht lange mehr geht— nicht lange mehr geht“, wiederholte Seine Ma⸗ jeſtät, als ſchmerze ihn der Nachſatz, der nothwendig folgen mußte, in Wahrheit war es aber das Verlan⸗ gen, zu erforſchen, ob in ſeines Sohnes Zügen ſich eine Bewegung bei der Anſpielung auf ſein bal⸗ diges Lebensende kund geben werde, was indeß nicht der Fall war.„Ich will, daß Du mir eidlich ange⸗ lobſt, nach meinem Tode keine Veränderung in den Collegien, in der Armee und in den Regulativen vor⸗ zunehmen, den Schatz nicht anzugreifen und Dich nur der Perſonen zu bedienen, welche ich auf einer in mei⸗ nem Pulte verwahrten Liſte aufgezeichnet habe.“ Der Kronprinz ſchwieg; des Königs Geſicht ver⸗ dunkelte ſich ſo ſehr in tiefes Brandroth, daß die kleine, weißlichgelbe Perrücke, welche ſein Haupt deckte, einen grellen Gegenſatz zu der faſt violetten Farbe ſeiner Stirn bot. 1 47 „Nun? Keine Antwort?“ ſchrie er wüthend. „Majeſtät, da eine Antwort ſein muß, ſo gebe ich ſie. Ein König in Ketten iſt kein König, nichts als ein Sklave. Ich habe keine Anlage, eine ſolche Zu⸗ kunft als ein Heil für das Land oder für mich zu be⸗ trachten. Ein preußiſcher König muß ein freier Mann in ſeinem Wollen und Thun ſein.“ „Habe ich Ihn? Habe ich Ihn endlich?“ rief der Monarch, in ſeinem Grimme öfters mit dem Stock aufſtam⸗ pfend.„O, Er iſt ja ein liebenswürdiger Sohn, an Ihm habe ich eine Freude, die ich dem Teufel nicht einmal wünſche. Wußte das aber ſchon lange, kenne den Patron. Gelobe Er, was ich von Ihm verlangt habe!“ Bei dieſen Worten erhob der zornige Monarch den Stock. „Herr Generaladjutant, verhüten Sie, daß Seine Majeſtät ſich nicht ſelbſt entehrt, indem er mich ſchlägt, der ich ſein Nachfolger auf dem Throne bin“, rief der Kronprinz mit feſter Stimme und redete dann unauf⸗ gefordert weiter: „Die Pflichten des Sohnes müſſen vor denen des Landesherrn zurücktreten, und als ſolcher, dem die Vor⸗ ſehung das Geſchick von Millionen Unterthanen in die Hände legen wird, ſtehe ich jetzt hier— der Kronprinz, nicht der Sohn, der bis jetzt ſeinem königlichen Herrn und Vater unbedingt gehorſamt hat.“ 48 Die Feſtigkeit, mit der der Sprechende ihm gegen⸗ über ſtand, wirkte ſo überraſchend auf den Mo⸗ narchen, daß er den Stock freiwillig niederſinken ließ und es gleichſam nicht faſſen zu können ſchien, daß es Jemand gäbe, welcher ihn nicht fürchtete. „Majeſtät“, fuhr der Kronprinz fort zu ſprechen, „in dem großen Rechenexempel der Geſchichte gelten nur die Zähler, während das Verſchwinden einer Null kaum eine momentane Lücke bemerken läßt. Darum iſt es jedes Königs Pflicht, ſich zum Zähler zu machen, damit ſein Verſchwinden dereinſt, ob früher oder ſpäter, nicht dem einer Null gleicht. So gedenke ich zu regie⸗ ren. Unmöglich aber könnte ich das, wenn ich mir Geiſt und Hände feſſeln ließe; nur in der Verjüngung allein, im Ausrotten des Veralteten, Verknöcherten, in Aufſtellung neuer Ideen und Beſtrebungen iſt eine Neugeſtaltung der Dinge denkbar und nur auf ſolcher Bahn wird und kann Preußen wachſen und gedeihen. Unterwürfe ich mich dem, was Sie mir eidlich auf⸗ dringen wollen, würde ich das Unglück geiſtiger Ver⸗ kümmerung über das Volk bringen, an deſſen Spitze mich das Schickſal durch meine Geburt berufen hat; geiſtige Verkümmerung aber zieht die Entkräftung der Völker nach ſich, ſie iſt das ſchlimmſte, zehrendſte Gift an deren Leben und macht allen Fortſchritt unmöglich. o ☛ 49 Alte, verbrauchte Inſtitutionen in einem neuen Regie⸗ rungsſyſtem in Anwendung bringen, wäre eben ſoviel, als in einem großen neuzuerbauenden Hauſe Fenſter von der Art einſetzen, wie man ſie vor Jahrhunderten hatte, mit kleinen, runden, in Blei gefaßten Scheiben, und für die Arbeiten eines neuen Regierungsſyſtems Perſonen verwenden, die nichts von einem geiſtigen Aufſchwung kennen, würde nichts Anderes ſein, als dem Schwamm Gelegenheit geben, die Grundmauern zu zer⸗ ſtören. Darum verſage ich den von mir geforderten Eid.“ Eine längere Pauſe folgte dieſer Erklärung des Kronprinzen. Generaladjutant Haake, anerkannt als einer der unerſchrockenſten Männer an Friedrich Wilhelm's Hofe, markirte die martervolle Verlegenheit, in welche ihn dieſer Auftritt zwiſchen dem König und deſſen Sohn und Thronfolger verſetzt hatte, in ſeinem ſonſt von ſo ſtraffem, militäriſchem Ausdruck gezeichneten Geſicht durch ein ungewöhnliches Zucken in ſeinen Zügen. Er hatte ſchon manche ſchlimme Scene dieſer oder ähnlicher Art erlebt, aber nie eine ſolche wie die jetzige, wo der Kronprinz ſo offenbaren Widerſtand dem königlichen Vater entgegenſtellte und ohne Scheu das Programm ſeiner einſtigen Regierung vor demſelben entrollte. Er Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. I. 4 50 fürchtete von der Wuth des Königs das Schlimmſte, beſonders da er ſah, wie dieſer, das Geſicht auf die Bruſt neigend, mit der Unterlippe oft über die Ober⸗ lippe hinauffuhr, ein Zeichen größter Erregung bei ihm. „Hm, hm! Alſo Alles neu! Alles umſtürzen, was ich mühſam aufgebaut?“ murmelte der König voll Zorn, dann hob er nach einer Weile das Geſicht und ſtarrte den Kronprinzen mit böſem Blicke an. „Darf mich denn aber das wundern von einem von Gott und ſeinem heiligen Wort abgefallenen Menſchen, wie Er iſt? Er Atheiſt! Er Gottesleugner! Ich werde Ihm meinen Fluch als Erbſchaft hinterlaſſen, an dem Er zu kauen haben ſoll. Ja, meinen Fluch will ich Ihm geben, Er verdammter Atheiſt!“ Bis jetzt hatte der Kronprinz ſich bewunderungs⸗ würdig ruhig und in den ſtrengſten Schranken der Ehr⸗ erbietigkeit ſeinem königlichen Vater gegenüber gehal⸗ ten, indeß ſeine Geduld war nun zu Ende. Wie ein Blitz zuckte es durch ſeine ſchmächtige Geſtalt, alle Züge ſeines Antlitzes ſpannten ſich und ſeine Augen funkel⸗ ten wie glühender Widerſchein einer ſein Inneres plötz⸗ lich durchſtrömenden Flamme. Mit ſtarker, kraftvoller Stimme rief er:„Eure Majeſtät wiſſen nicht, was Sie reden. Wäre ich ein Atheiſt, ſo würde ich natürlich über jeden Segen oder jeden Fluch lachen; da ich aber V ————— 51 Gott aufrichtig fürchte, wird mich Ihr Fluch nicht treffen. Es iſt alſo vergebliche Mühe, mich damit ſchrecken zu wollen.“ Der König fuhr trotz ſeiner Schwäche in die Höhe, als beabſichtige er von ſeinem Rollſtuhle aufzuſpringen und dem vor ihm Stehenden mit dem Stocke zu ant⸗ worten; aber die Schwäche ſeines unbehülflichen, allzu⸗ dicken Körpers ließ es nicht dazu kommen, ſtöhnend ſank er zurück an die Stuhllehne und ſeine Augen ſchloſſen ſich unter der Einwirkung der gewaltigen Er⸗ ſchöpfung aller ſeiner Kräfte. „Haben Königliche Hoheit die Gnade, ſich zu ent⸗ fernen“, drängte Herr von Haake,„es wird ſonſt aus mit ihm.“ „Ich rufe Gott und Sie zu Zeugen an, daß er mich abſichtlich ſo weit getrieben hat, um meine Geduld bis auf das geringſte Maß zu erſchöpfen. Wollte ich mich nicht ſelbſt entehren, ſo mußte ich vergeſſen, daß ich ſein Sohn, er mein Vater ſei. Schande dem künftigen Mo⸗ narchen, der es nicht wagt, das Programm ſeiner Re⸗ gierungsweiſe auszuſprechen aus Furcht vor dem Zorne ſeines Vorgängers auf dem Throne. Das iſt nun ein⸗ für allemal abgethan.“ Der Kronprinz verließ das Zimmer des Königs. Lange blieb dieſer in dem Zuſtande der Schwäche, 4* in den der totale Zuſammenbruch ſeiner geträumten Ge⸗ walt über die Zukunft ſeines Landes nach ſeinem Tode und über den eigenen Sohn ihn verſetzt hatte. Als Haake bemerkte, daß er ſich wieder erholte, fragte er, ſich zu dem Ohre des Königs neigend:„Befehlen Eure Majeſtät Ihren Leibarzt?“ „Zum Teufel mit dem Kerl!“ lautete die kaum verſtändliche Antwort.„Iſt auch im Complot, mich bald hinüberzuſchaffen.“ Wieder trat eine längere Pauſe ein, nach der end⸗ lich der kranke Monarch mit ächzenden Athemzügen, ſoweit dies der Zuſtand ſeiner ſchwer auf und nieder ſich hebenden Bruſt zuließ, ſich von der Stuhllehne nach vorn aufrichtete. Es ſchien, als habe er Haake's Anweſenheit vergeſſen, denn dieſer hörte ihn vor ſich hinmurmeln:„Ich werde einige Köpfe ſpringen laſſen, damit ſie's gewahr werden, daß ich noch am Platze bin.“ Und als ob ihn der Gedanke ergötze, auf ſo blutige Weiſe die letzten Tage ſeiner Macht zu bezeich⸗ nen, drückte ſein Geſicht eine Freude aus, die ſelbſt den an Härten und Handlungen grauſamer Willkür ſienes königlichen Herrn gewöhnten und ſelbſt zu den harten Charakteren ſeiner Umgebung gehörenden Haake er⸗ ſchreckte. Es war vorauszuſehen, daß das eben geſchilderte 53 Erlebniß nur von ſehr ſchlimmer Nachwirkung auf den König ſein konnte. Der Gedanke an ein gegen ihn geſponnenes Complot nahm ihn ſo ſehr ein, daß er zuweilen in furchtbare Zornausbrüche verfiel, unter denen alle zu leiden hatten, welche das Unglück in ſeine Nähe führte. Zuweilen tauchten aber auch lichte Mo⸗ mente bei ihm auf und dann traten Scrupel an ihn heran, welche er in andern Stunden gar nicht bei ſich aufkommen ließ. Die Frage, wie Gott mit Fürſten am großen Gerichtstage verfahren werde, beſchäftigte ihn dann außerordentlich, und da er gegen Haake davon ſprach, ſo glaubte man darin, daß man ihm einen Geiſtlichen zur Löſung dieſes Scrupels vor⸗ ſchlug, ein Mittel gewonnen zu haben, auf ſeinen irren Geiſt Einfluß zu üben. Indeß dieſe Hoffnung ſchlug fehl. König Friedrich Wilhelm's I. feſtſtehende Anſchauung von Gottes Beurtheilung der Thaten der Fürſten im Verhältniß zu dem Thun der andern Menſchenkinder war höchſt eigenthümlicher Art. Er hielt es nicht für möglich, daß vor Gott alle Menſchen gleich ſein könn⸗ ten, der Fürſt müſſe etwas voraus haben. Als daher der berufene Geiſtliche ſolcher Anſicht wi⸗ derſprechen und ihm zu Gemüthe führen mußte, daß, wenn der Fürſt ſeinen Launen und Leidenſchaften folge, er vor Gott ebenſo ſtrafbar als der größte Böſewicht ſei, ſo hatte dies durchaus nicht den gewünſchten Er⸗ folg. Aufgebracht über dieſe Gleichſtellung vor dem höchſten Weſen entließ der König den Geiſtlichen mit der Erklärung, er ſei ein Ignorant und ſolle ſich zum Teufel ſcheren. Die Geiſtesſtörung des Monarchen ſchritt bald ſo weit aus, daß keiner ſeiner Diener mehr bei ihm aus⸗ halten wollte, weil er ihr Leben bedrohte, mit Salz geladene Piſtolen auf ſie abfeuerte, wodurch er meh⸗ rere ſchwer verletzte, einen ſeiner Kammerdiener als Gemeinen in das Militär ſtecken ließ, einen zweiten zu zweihundert Stockſchlägen verurtheilte und ſelbſt ſei⸗ nen Leibarzt mit Ohrfeigen regalirte, ſodaß dieſer ſeiner Wiſſenſchaft zur hohen Zierde gereichende Mann vor Alteration das Bett hüten mußte. Jetzt trat die Königin auf und erklärte ihm mit tiefem Ernſte, daß, wenn er ſeine groben, ungerechtfertigten Zornausbrüche nicht mäßige, er nicht nur von aller Welt verlaſſen, ſondern auch wie ein Raſender in Ketten gelegt werden würde. Dieſe entſchieden ausgeſprochene Dro⸗ hung brachte einen ſo totalen Umſchwung in ſeiner Sinnesverfinſterung hervor, daß ihm Thränen ent⸗ ſtürzten, und mit dieſem Zeichen wich der böſe Geiſt von ihm. ——— — —— —— —.—— 55 An ihm hatte ſich des Moſes Wunder wiederholt, welches die vor Durſt verſchmachtenden Israeliten vom Tode rettete. Ihnen war der aus hartem Fels ent⸗ ſpringende Quell eine unbezahlbare Labung geweſen, ihm erſchloſſen die Thränen der Reue, des Entſetzens die Erkenntniß, wie tief ihn ſein leidenſchaftlicher Zorn habe ſinken laſſen, wie wenig königlich ſein ganzes Thun ſei und daß er nicht als Stellvertreter Gottes, ſondern als Quälgeiſt aller mit ihm in Berührung Kommenden walte. Während dies Alles in der Abgeſchloſſenheit des Berliner Königsſchloſſes vorging, erhellte bereits die auſgehende Sonne, Friedrich, den trüben Geſichtskreis, der wie ein harter Fluch unter dem Regime ſeines königlichen Vaters über dem preußiſchen Volke lag. Im Stillen machte er viele der Wehethaten gut, welche ſeines Vaters Majeſtät in unſeliger Verblendung ſeiner ſchlimmen Leidenſchaften ſelbſt an Wittwen und Wai⸗ ſen beging. Die Denkenden, welche unter der Fuchtel des Soldatenkönigs die ärgſten Beſchimpfungen fürch⸗ ten mußten, freuten ſich der Strahlen, die die aufge⸗ hende Sonne im voraus warf. Eine neue Zeit dämmerte in die alte, verrottete herein, die mit dem einen Fuß ſchon im Grabe ſtand; noch eine kurze Reihe von Tagen und Wochen, dann 56 trat ſie ſiegend hervor, die Riegel ſprengend, mit denen die Welt des Geiſtes verſperrt war. Wenn ſich auch im körperlichen Geſundheitszuſtand des Königs nichts verändert hatte, ſo war doch ſein Denkvermögen wieder in die alten Bahnen zurückge⸗ kehrt, ſeine Thätigkeit in den Staatsgeſchäften und eine lebhafte Theilnahme an Allem, was in Berlin vorging, boten ihm eine heilſame Zerſtreuung. An einem Vormittage kurz vor Beginn des Früh⸗ jahrs ließ er den Stadtcommandanten, General von Sydow, zu ſich befehlen, denn ihm war etwas einge⸗ fallen, was er vollſtändig vergeſſen hatte. „Sydw, Er hat mir noch einen Rapport zu machen“, ſagte er.„Ich vermerk's übel, daß meine Offiziere ſich an ihre Schuldigkeit erinnern laſſen.“ „Majeſtät, ich kann mich wiſſentlich eines ſolchen Vergehens nicht zeihen.“ „Wenn ich's Ihm ſage, iſt's— ohne Widerrede“, fuhr der König auf, aber in milderer Weiſe fügte er hinzu:„Ich übertrug Ihm unter Beiziehung der fis⸗ caliſchen Behörde die Unterſuchung der ſeltſamen Ge⸗ ſchichte, die ſich im Hauſe eines Advocaten vorm König⸗* ſtädter Thore— wie hieß der Kerl gleich?— ˙s war ein lateiniſcher Name, den der Halunke hatte—“ „Homilius, Majeſtät.“ S ‚ ₰ 0o— ₰½ F N ε— N 2 ☚ 57 „Sieht Er, jetzt kommt's Ihm; das iſt der Rap⸗ port, den Er mir zu machen vergeſſen hat.“ „Auf Befehl Ihrer Majeſtät der Königin und Doctor Eller's ſah ich mich genöthigt, Ihnen nicht mit Dingen läſtig zu fallen, die doch eigentlich wenig oder gar nicht auf das Ganze influiren“, entſchuldigte ſich der Gene⸗ ral von Sydow, der ein zu ehrlicher Soldat war, um genugſam verbergen zu können, wie unangenehm ihm dieſer Rapport ſei. „So, ſo!“ Ein Schatten von Unmuth zog über das fahlgelbe Geſicht des Monarchen. Nach einer Weile ſagte er: „Da die Königin das ſo gewollt, ſo mag's hin⸗ gehen. Fiekchen hat allerdings das Recht, in Dingen zu entſcheiden, die mit in ihr Departement gehören, und in das reiht ſie mich auch ein, weiß ſchon; was aber den Befehl Doctor Eller's anlangt, möchte Er, Sydow, doch gelegentlich— ſo bald als möglich— meinen Offizieren kund geben, daß der keine Ordres auszugeben hat. Vergeſſe Er das nicht, Sydow.“ „Zu Eurer Majeſtät Befehl.“ „Nun alſo referir' Er mir. Was hat die Unter⸗ ſuchung ergeben?“ „Der Advocat hat vor Gericht das Nämliche aus⸗ geſagt, was er Haake und mir über den bei ihm wohn⸗ 58 haft geweſenen Fremden und deſſen Dame mitgetheilt. Darauf iſt der Parochialgeiſtliche vernommen worden.“ „Sehr recht. Der mußte es wiſſen, wer der Fremde und die Dame geweſen.“ Es lag gar nicht in der gewöhnlichen Manier des Generals, bei ſeinen dem König abzuſtattenden Rap⸗ porten eine gewiſſe Zurückhaltung zu zeigen; daher war es jetzt auffällig, dieſen Offizier, welcher das„Drauf und dran“ unter ſeine glänzenden Eigenſchaften zählte, den weitern Bericht zögernd geben zu hören, als wiſſe er für denſelben nicht die paſſenden Worte zu finden; aber da er der Anforderung ſeines königlichen Herrn ſich nicht entziehen konnte, ſo blieb ihm nichts übrig, als derſelben nachzukommen. „Majeſtät, in der Ausſage des Geiſtlichen liegt der Grund, warum der Königin Majeſtät mir den Befehl gab, den Rapport zurückzuhalten“, hob er an. „Oho, das klingt ja ſeltſam! Schieß' Er los!“ rief der König.„Er weiß, ich kann das verfluchte Plackern nicht leiden, wenn meine Kerls bataillonsweiſe feuern ſollen, ebenſo wenig vertrag' ich das Langaus⸗ ſpinnen bei Rapporten. Vorwärts alſo!“ „Der Geiſtliche ſchützte bei ſeiner Vernehmung das Beichtſiegel vor, daß er den Namen des fremden Ca⸗ valiers und der verſtorbenen Dame nicht nennen dürfe, -— v —v * 59 indeß dieſe Weigerung hielt nicht lange vor. Die Dro⸗ hung, ihm den Proceß wegen Verſtoßung gegen das Landesgeſetz zu machen, brachte ihn zum Geſtändniß.“ „Sd 2 „Er ſagte aus, daß der junge Cavalier ſich als Eurer Majeſtät zweiter Herr Sohn, Prinz Auguſt Wilhelm, entdeckt habe und—“ „Was? Was?“ fuhr der König auf.„Mein Au⸗ guſt iſt bei dieſer Teufelei im Spiele?“ „Halten Eure Majeſtät zu Gnaden, das iſt nur Flauſenmacherei geweſen, wie ſich auch baldigſt heraus⸗ geſtellt.“ „Flauſenmacherei? Lüge? Dann ſoll man den Schwarzrock in Eiſen legen!“ brauſte der Monarch zor⸗ nig auf.„Wie kann er als Diener Gottes, der von der Wahrheit predigen und ein Bild von der Abſcheu⸗ lichkeit der Lüge ſeiner Gemeinde vorhalten ſoll, ſolch vermaledeites Zeug unter die Leute bringen! Das Schlechte wird allemal am erſten geglaubt und vor⸗ züglich, wenn es zur Verunehrung hochgeſtellter Perſo⸗ nen beiträgt.“ „Eure Majeſtät wollen allergnädigſt bedenken, daß der Geiſtliche ſelbſt der Betrogene war.“ „Weiter!“ „Die junge Dame hat der Fremde für die ſchöne 60 Tochter eines Stettiner Finanzrathes ausgegeben, welche bei ihrem Bruder, dem Amtmann zu Coſtenblatt, ſich aufgehalten.“ „Und das war auch Lüge?“ fragte der König. „Kein wahres Wort daran, Majeſtät.“ „Da ſoll doch gleich— Hätte ich den Hundsfott, er hinge, ſo wahr Gott lebt, am Galgen.“ „Solche Ausſage, weil ſie den Schein der Wahr⸗ heit ſo ſehr für ſich hatte, mußte Ihrer Majeſtät der Königin mitgetheilt werden, und ſie befahl eine ſofor⸗ tige gründliche Unterſuchung, bei der es ſich wohl herausſtellte, daß der bezeichnete Finanzrath wirklich in Stettin lebe, auch eine einzige Tochter habe, dieſe aber als ein kaum vierzehnjähriges Mädchen nie ihres Vaters Haus verlaſſen. Daß dies Kind, das, wie ge⸗ meldet wurde, noch obendrein ſehr kränklich und miß⸗ geſtaltet ſei, jemals in Coſtenblatt gewohnt und noch dazu bei ihrem Bruder, der Amtmann dort ſein ſollte, erwies ſich ſchon deshalb als unwahr, weil es erſtens keinen Bruder hat und der in Rede ſtehende Amtmann ein alter hochbetagter und mit zahlreicher Familie ge⸗ ſegneter Mann iſt, der von dem Daſein des Finanz⸗ rathes und ſeiner Tochter auch nicht eine Idee hat.“ „Teufelei!“ ſchrie der König, zornig mit dem Stocke aufſtampfend.„Nichts als verfluchte Teufelei!“ — 61 „Ein gleiches Ergebniß lieferte die Unterſuchung, ob der Fremde mit dem genannten Prinzen Königliche Hoheit identiſch ſei. Der Geiſtliche erklärte, daß auch keine Spur von Aehnlichkeit zwiſchen beiden ſei, und als vollſtändige Beglaubigung erwies ſich das vom Gouverneur Seiner Königlichen Hoheit geführte Tage⸗ buch, nach welchem der Prinz ſich gerade zu der Zeit in Magdeburg aufgehalten und infolge einer Erkäl⸗ tung länger als vierzehn Tage daſelbſt das Bett ge⸗ hütet hat.“ Jetzt folgte eine Pauſe. Der König ſann vor ſich hin, dann den Blick auf Sydow richtend, fragte er:„Iſt Er zu Ende mit dem Rapport?“ „Halten Majeſtät zu Gnaden, jetzt erſt kommt das Unerklärliche.“ „Noch mehr Teufelei?“ rief der Monarch. „Einer der Beamten bei Gericht ſprach die Mög⸗ lichkeit aus, daß eine Unterſuchung der Leiche vielleicht einen Anhaltepunkt zu weiterer Nachforſchung geben könne, indem es ſchon mehrmals dageweſen, daß Schmuck⸗ gegenſtände oder auch die zuweilen mit einer Namens⸗ chiffre gezeichnete Bekleidung der oder des Todten auf eine Vermuthung geleitet, welche aufgenommen und verfolgt zu einem überraſchenden Reſultate geführt habe. Es geſchah. Der Sarg wurde in meiner und einer fiscaliſchen Commiſſion Gegenwart ausgegraben und geöffnet.“ „Nun?“ „Er war leer.“ „Leer?“ rief der König.„Leer?“ „Wie ich Eurer Majeſtät rapportirt habe.“ Dem hohen Herrn fehlten ſichtbar die Worte zum Ausdruck für ſein Erſtaunen. Er wußte nicht, was er dazu ſagen ſollte, eine ſolche Ueberraſchung kam ihm zu unerwartet. Nach einer Weile äußerte er: „Das iſt ja ſogar eine Profanation des Gottes⸗ ackers. Was iſt denn da verfügt worden, um den Schuldigen zu ſtrafen?“ „Der Paſtor und der Advocat, wenngleich der letz⸗ tere behauptet, daß ihn die ganze Sache nichts angehe, deuteten auf den von dem Cavalier als Wächter bei der Leiche zurückgelaſſenen Diener als den Verüber der Täuſchung oder des Verbrechens.“ „So?“ Wieder folgte eine Pauſe, dann hob der König den etwas geſenkten Kopf und ſprach mit Ueber⸗ zeugung:„Ich deute es noch anders. Höre Er zu, Sydow.“ „Zu Eurer Majeſtät Befehl.“ 63 „Der Betrug oder das Verbrechen kann nur im Hauſe des Hundsfotts von Advocaten geſchehen ſein. Als der Sarg fortgeſchafft wurde, muß die Teufelei ſchon fix und fertig geweſen ſein. Der Geiſtliche hat jedenfalls nicht darum gewußt, denn ſicher hat der Fremde gleich in ihm den Eſel erkannt und den Hun⸗ gerleider vielleicht mit einer Handvoll Dukaten ganz dumm gemacht. Sein halber Gehalt wird ihm zur Strafe abgezogen und außerdem iſt ihm ein derber Wiſcher vom Gericht zu ertheilen. Dem Halunken von Advocaten aber muß aufs Fell geſtiegen werden. Fürs Erſte legt ihm zwei Korporale von meinen langen blauen Kerlen ins Quartier, in ſeine beſte Stube, ſollen auf jedes Wort aufpaſſen. Geſcheidte Kerls müſſens aber ſein, verſtanden? Fürs Zweite ſoll ihm der Proceß gemacht werden, daß man die Canallle faſſen kann.“ „Ich fürchte, Majeſtät, das wird zu keinem Ziele führen.“ „Muß, muß! Ich will's haben! Herr, denkt Er, es macht mir Plaiſir, König von Schurken zu ſein?“ ſchrie der Monarch.„Ich will, das iſt genug! Der Kerl wird gehenkt, wenn nur der geringſte Anſchein von Schuld vorhanden iſt, daß er mit der Teufelei etwas zu ſchaffen gehabt hat.“ 64 „Und wenn er unſchuldig iſt, Majeſtät?“ „Iſt's nicht, iſt's nicht! Und wenn er's wäre, da können ſich andere Cujons ein Beiſpiel daran nehmen, daß wir ſchlechten Kerlen ſcharf auf die Nähte gehen. Herr, in drei Teufels Namen, ich glaube, Er legt ſich auch auf die niederträchtigen philanthropiſchen Ideen? Komme Er mir damit nicht, ſind da am längſten gute Freunde geweſen— merk' Er ſich das! Die Korporale ſchick Er mir her, will ſie ſelber inſtruiren.“ Mit dieſem Befehle entließ er den Stadtcomman⸗ danten, dem eben Niemand den Vorwurf allzugroßer Weichherzigkeit machen konnte, der aber doch offenbarer Ungerechtigkeit todfeind war. Kaum eine halbe Stunde ſpäter meldete der Lakai Seiner Majeſtät das Erſcheinen der Korporale Rank und Bank, welche ſofort in das königliche Zimmer hereingerufen wurden. Das Klirren der Musketen, das gleichmäßig im Tempo ſich wieder⸗ holende Geräuſch von harten Tritten und einzelne hör⸗ bar werdende Commandoworte bezeugten, daß der hohe Herr ſich bei der Gelegenheit das Vergnügen verſchaffte, die beiden Sechselligen, wie Spötter die blaue Rieſen⸗ garde von Potsdam nannten, exerciren zu laſſen. Nicht ahnend, welch ein höchſt unerfreulicher Beſuch ihm bevorſtand, trat der Advocat Homilius, einen Brief in der Hand, aus ſeiner Expedition kommend in das ———yÿÿj41,ä,—— 1=—75——. 65 Zimmer, in dem ſich gewöhnlich ſeine Gattin mit der kleinen, aus drei Kindern beſtehenden Familie aufhielt. Da gab's ein luſtiges Tummeln zu Pferde und im Wagen, in welchem das kleinſte der Kinder, ein zwei⸗ jähriges Mädchen, ſaß. In einer Fenſterniſche, einander gegenüber, hatten zwei Frauen Platz genommen, die eine kleinere des Advocaten Ehehälfte, die andere deren Schweſter. Beim erſten Anblick beider errieth man, daß ſie Schweſtern ſein mußten, ſie waren einander ſehr ähnlich. Die größere nähte emſig, während die Frau Ad⸗ vocatin ſorgſam das Spiel der Kinder überwachte, denn der Fritz, welcher auf einem Steckenpferde, mit einer langen Peitſche bewaffnet, als Vorreiter dem von ſei⸗ nem ältern ſechsjährigen Bruder Gottfried gezogenen Wagen, in dem die Prinzeſſin Pamphilia, Schweſterchen Lorel, ſaß, ſehr ſtattlich paradirte, that unbändig wild, als hätte er ein Roß unter ſich, das kaum im Zügel zu halten ſei. Als der Advocat eintrat, blies der kleine Gernegroß zu Pferde, wie er die Cavallerie⸗ trompeter hatte blaſen ſehen, wenn ſie je zuweilen vor den Schwadronen her durch die Gaſſen zogen. „Na,'s iſt gut, Fritz,'s iſt gut“, ſagte der Advocat lachend und dem muntern Jungen die Backen klopfend. „Du wirſt einmal ein prächtiger Cavalier zu Pferde Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. I. 5 66 werden! Was macht denn mein allerliebſtes Prinzeßchen Pamphilia? So gütig iſt meine kleine, allerliebſte Dame, daß ſie mir ein Kußhändchen zuwirft? O Du mein herziges Lorel, Du! Dein Pferd, der Gottfried, will wohl gar nicht mehr pariren? Ja, mußt es nur recht feſt zügeln, da iſt's lammfromm. Gottfried, mein lieber Junge, fahr' ſie ins andere Zimmer, ich habe mit der Mutter und der Tante zu ſprechen.“ „Ja, Papa, werd's thun; aber da darf der Fritz nicht ſo mit der Peitſche herumvagiren, ſonſt reißt er’s Porzellanzeug herunter und Mama ſagt nachher, ich hätte beſſer aufpaſſen ſollen, weil ich der Größte und Aelteſte ſei.“ „Nein, nein, mein Junge, der Fritz nimmt die Peit⸗ ſche gar nicht mit hinaus; nicht, wahr Fritz?“ „Ohne Peitſche? Da geht kein Perd und meins erſt gar nicht.“ „s kommt Alles auf den Verſuch an.“ „Na, fort, Fritz, ſonſt brauchen wir gar keinen Vor⸗ reiter!“ rief Gottfried und trabte, den Wagen mit der Prinzeß hinter ſich herziehend, nach der Thür, um in die gute Stube zu kommen. „Halt, erſt muß ich hinein!“ Die Peitſche wegwer⸗ fend, galoppirte der kleine Gernegroß in die vom Bru⸗ der geöffnete Stube. = 8Z —e~ y ☛ 67 „Aber manierlich ſein, nicht wildern!“ rief der Ad⸗ vocat ihnen ins Zimmer nach, deſſen Thür er dann zumachte. Zu den beiden Frauen in der Fenſterniſche gewendet und ihnen den Brief zeigend, ſagte er ſcher⸗ zend: „Todtencorreſpondenz!“ „Aus Deſſau?“ fragten beide zugleich. „Ja, aus Deſſau. Iſt mir ſo eben von einem nach Bubainen reiſenden fürſtlich deſſauiſchen Beamten ein⸗ gehändigt worden.“ „Nun, Gott ſei Dank, daß ſie einen Hafen der Ruhe gefunden hat!“ rief die Schwägerin des Advoca⸗ ten und deſſen Frau fragte:„Willſt Du uns den Brief nicht vorleſen?“ „Deswegen kam ich herüber. Ihr habt doch eben ſo gut Theil an dem, was geſchehen iſt, als ich, Sie, Frau Schwägerin, ganz beſonders.“ „Nun, nun, Herr Schwager, es wird ſich wohl gegenſeitig aufheben, was Er, Seine Frau und ich für für die Aermſte gethan haben.“ „Fangt Ihr ſchon wieder an, einander Complimente wegen Eurer Thaten zu machen, die doch eigentlich um unſerer ſelbſt willen geſchehen mußten?“ rief die Frau Advocatin faſt ärgerlich.„Wenn, was Gott ver⸗ hüten wolle, es heute herauskäme, was wir gethan 5* 68 haben!— ich darf gar nicht an die Möglichkeit dieſer Entdeckung denken, ein Schauer überläuft mich dann. Was würde aus uns, aus unſern Kindern! Dieſer König verurtheilt ja nicht als Menſch. Spandaus Kerker würden uns aufnehmen, wir—“ Die Angſt vor dem ihrer Seele vorſchwebenden Bilde einer entſetzlichen Zukunft machte die Frau weinen. „Beruhige Dich, Lotte, die Sache iſt ja jetzt abge⸗ than“, tröſtete ihre Schweſter. „O Doris, Doris!“ rief die junge Frau ſehr erregt, „kannſt Du wirklich in Deiner Seele den Muth haben, mir auszureden, daß wir elende, verlorene Menſchen ſein würden, wenn nur die geringſte Kunde deſſen, was wir gethan haben, zum Ohre des Königs käme? Das iſt ja nicht möglich! Du biſt ja ſelbſt das leben⸗ dige Zeugniß ſeiner Grauſamkeit.“ „Ja, das bin ich“, ſtimmte Doris bei, und das Beben ihrer Stimme kündete, wie die Erinnerung an ein ungeheures Weh ſie tief erſchütterte.„Denke nicht, daß ich je vergeſſe, wie dieſer König mich, das ſchuld⸗ loſe Mädchen, ja, laß mich ſagen, das heitere, lebens⸗ luſtige, glückliche Kind— ich war ja noch nicht einmal ſechzehn Sommer alt— hat öffentlich entehren laſſen, wie unſer guter, in Gram dahingeſchiedener Vater in 69 Armuth und Hülfloſigkeit verſank und ſtarb— denke das nicht, Lotte, Du täuſcheſt Dich. Im Spinnhauſe hatte ich Zeit zu reifen, und da gab es Stunden, wo ich ganz ſtill in meinen Gedanken, mitten unter dem Auswurf unſeres Geſchlechts, betete: Wenn Du, Gott, ein gerechter Richter biſt, ſo ſchlage den, der mich in dieſes Elend geſtürzt, nur um ſeine rohe Tyrannenluſt zu befriedigen, mit allem Uebel, das ihn elend macht, wie ich es durch ihn geworden bin.“ Eine helle Röthe überlief das ſchöne, aber bleiche Geſicht der Sprechenden; mit gehobener, freudiger Stimme redete ſie nach einer kurzen Pauſe weiter: „Und Gott iſt ein gerechter Richter, ich weiß es! Er hat mein Gebet erhört und den König geſchlagen. Seine Tage ſind zu Tagen des Jammers geworden. Er ſieht langſam den Tod an ſich herantreten, ſeine Krankheit treibt ihn zum Wahnſinn, Niemand liebt ihn, nur Furcht iſt in den Herzen derer, die ihm zu nahen gezwungen ſind. Sein endlicher Tod wird von Nie⸗ mand beklagt werden, ſein letzter Hauch dem Hofe, dem ganzen Volke als der erſte Athemzug einer in viel⸗ jähriger Sklaverei erſehnten Freiheit erſcheinen.“ „Und damit Baſta!“ rief der Advocat.„Ich tadle Ihren Haß nicht, Frau Schwägerin, weil es mir eher eine Charakterſchwäche als Tugend dünkt, die zu lieben, die 70 uns Böſes gethan und unſer ganzes zeitliches Glück verwüſtet haben; aber auch Deine Beſorgniß tadle ich nicht, ſie iſt gerechtfertigt einem Könige gegenüber, der ſich ein Gott zu ſein dünkt und keine Schonung gegen Fehlende oder die von ſeiner grauſamen Härte und Willkür getroffenen Unſchuldigen kennt. Deine Furcht jedoch iſt ohne Grund. Es iſt nicht gut denkbar, daß es ihn noch gelüſten ſollte, nachdem mich das Gericht von jeder Theilnahme an der betreffenden Angelegenheit frei erklärt hat, dieſelbe nochmals aufnehmen zu laſſen. Leſen wir jetzt den Brief.“ Einen Stuhl ſich heranziehend, ſetzte er ſich zu den beiden Frauen und las Folgendes aus dem entfalteten Briefe: „Wie ſoll ich Euch danken, Ihr guten Menſchen! Laßt meine Gedanken die Boten der Gefühle ſein, mit denen ich mich täglich, ja ſtündlich an Euch erinnere. Und werde ich Euch je vergelten können, was Ihr an mir gethan? Ich zittere vor Kummer bei dieſer an mich gerichteten Frage, denn obwohl ich bei der lieben theuern Prinzeß ein Aſyl gefunden habe, ſo iſt doch meine Zu⸗ kunft ſo dunkel verhangen, daß ich nicht einmal eine Vermuthung, wie ſich mein Schickſal geſtalten könne, faſſen kann, ja faſſen darf, weil es mir frevel⸗ haft erſcheint, zu zagen, wo mich Gott doch aus ſo — 761 entſetzlicher Gefahr gerettet hat. Darum will ich ver⸗ trauen, ich will Muth haben, ich will mich rüſten für das Kommende, aber immerdar Eurer in Dankbarkeit gedenken. Meine Prinzeß iſt eine wahrhaft herzige Seele, die Güte ſelbſt, eine Freundin der Armen und Elen⸗ den; die Fürſtin⸗Mutter eine Dame, welcher eine ſchwere Aufgabe zugefallen, die ſie aber mit einem unerſchütterlichen Gleichmuth erfüllt, wodurch es ihr allein möglich iſt, das mancherlei Schlimme, welches ihr Gemahl, der Fürſt, durch ſeinen Jähzorn und grau⸗ ſame Willkür verübt, theils zu beſſern, auszugleichen oder auch in manchen Fällen ganz zu verhindern. Sie beſteht wahrhaftig einen ewigen Kampf mit dieſem Wilden; ihrer Klugheit allein verdankt ſie es, daß er ſie ſo werth hält. Ich ſehe ihn nur mit großer Furcht an, es iſt mir immer, als müßte mir Böſes von ihm kommen. So lebe ich denn auch nur meiſt in der Nähe meiner Prinzeß und in tiefer Zurückgezogenheit an dieſem gewiß ſtillſten aller deutſchen Höfe. Nun eine Bitte an Ihn, Herr Advocat. Der Ueberbringer dieſer Zeilen, fürſtlicher Rendant, iſt be⸗ auftragt, auf der Rückkehr von Bubainen bei Ihm in Berlin wieder vorzuſprechen. Gebe Er dem Manne doch ein Briefchen an mich mit, damit ich erfahre, ob 72 man von der bewußten Perſon noch nichts Näheres erfahren, wohin ſie ſich gewendet hat. Es ſchnürt mir faſt das Herz zuſammen, wenn ich mir vorſtelle, daß die Bosheit, die Habſucht auch an ſie ihre verruchte Hand wie an mich gelegt haben könne. Habe Er Nach⸗ ſicht mit meiner Angſt, Herr Advocat, ich bitte Ihn recht ſehr. Wenn man ſo Schreckliches wie ich erfah⸗ ren, verdient es wohl Entſchuldigung, daß man ſich ſolche Gedanken macht.“ Den Schluß des Briefes bildeten Grüße an Homi⸗ lius, deſſen Frau und Schwägerin Doris. „Ach ja, der Deſſauer ſoll ein ſchlimmer Gaſt ſein, erzählt man, indeß glaube ich doch nicht, daß die gute Dame, da ſie bei der Prinzeß in ſo großer Zurückge⸗ zogenheit lebt, mit ihm in irgend eine Berührung kom⸗ men wird“, meinte der Advocat.„Der hat ja nur ſeine Soldaten im Auge, ſonſt kümmert ihn die ganze Welt nicht.“ „Und welches Glück, daß der Herr Schwager ſo zufällig erfuhr, daß die Deſſauer Prinzeſſin in Rheins⸗ berg bei der Frau Kronprinzeſſin zu Beſuch ſich auf⸗ halte“, bemerkte Frau Doris.„Ohne dieſe zufällige Nachricht wären wir in ſehr großer Verlegenheit ge⸗ weſen, wohin mit ihr?“ „Ich habe viel, viel Angſt damals ausgeſtanden“, 73 äußerte die Frau Advocatin.„Ja, Du haſt gut lachen, Karl! Ich bin nun einmal nicht für ſo ungewöhnliche Vorkommniſſe geſchaffen. Neues, Fremdes beängſtet mich.“ In dieſem Augenblicke wurde auf dem Gange eine ſehr grob klingende Männerſtimme vernehmbar. „Mein Himmel, der Schwager— er iſt wieder be⸗ trunken!“ rief die ängſtliche Advocatin. „Dummes Federvieh!“ rief die grobe Stimme auf dem Gange.„Ich finde den Weg allein, brauchſt nicht hinter mir her zu zotteln. Scher’' Dich zum Teufel!“ „Ich bitte Dich, Doris, ſuche den ſchrecklichen Men⸗ ſchen fortzubringen“, bat die Vorige. „Ja, laß ihn nur erſt hereinkommen.“ Der Advocat hatte unterdeß die Thür geöffnet und rief ſeinem Schreiber, dem mit dem Namen Feder⸗ vieh Bezeichneten, der hinter dem ziemlich ſtark ange⸗ trunkenen Manne einherging, zu:„Laß Er den Schwa⸗ ger Schomer nur allein gehen, der weiß hier ſchon Beſcheid.“ „Da hörſt Du's, Affenſchwanz, ich brauche Deine Begleitung nicht. Fahr' ab!“ Nach dieſer Aeußerung taumelte der Berauſchte ins Zimmer mit den Worten:„Da bin ich, Herr Schwager.“ 74 „Aber wie? Nicht als ein anſtändiger Mann, ſon⸗ dern als Trunkenbold, deſſen man ſich ſchämen muß.“ „Oho, thue Er nicht ſo verflucht groß, Herr Schwa⸗ ger. Mit mir kann er immer noch Staat machen. Warum habe ich getrunken? Aus Kummer, aus Gram über meine Pferde; ſind mir heute meine beiden Rappen gefallen, das will was ſagen! Er kriegt zehn lumpige Schreiberkerle eher, als ich'n vernünftiges Pferd. Das bedeutet was. Will mein Weib abholen, iſt ſo mehr hier als zu Hauſe, wohin's gehört.“ „Chriſtoph, bleib' ſtehen“, ſagte Doris, ihn bei den Rockklappen feſthaltend, ſo daß er nicht von der Stelle konnte und ihr ins Geſicht ſehen mußte.„Was haſt Du mir vorgeſtern erſt verſprochen?“ „Jch?, „Du, Niemand anders als Du.“ „Hm, wie kann ich das noch wiſſen?“ „Du wollteſt nicht mehr den ſchändlichen Brannt⸗ wein trinken.“ „Miezchen, das war wohl ein Anderer.“ „Du warſt es, Du; Andere gehen mich nichts an.“ „s iſt richtig.“ „Und heute biſt Du berauſchter als je! Schäme Dich!“ „Nur wegen der Rappen.“ —̈ᷣ— G8G8 n ſt 75 „Du bringſt uns noch an den Bettelſtab. Kein Menſch will mit Dir mehr etwas zu thun haben, alle fürchten ſich vor Deiner Trunkenheit. Sonſt ging Dein Fiakergeſchäft gut, jetzt fragt kein Menſch nach Dir, Du biſt in übeln Ruf gekommen. Wärſt Du allein, dann hätteſt Du es allein zu tragen; aber Du biſt nicht allein, ich leide mit Dir. Schande über Dich, daß Du ſo wenig Mann biſt, Dich nur irgendwie zu beherrſchen. Du verdirbſt Dich und mich. Ich bin ein ſehr unglückliches Weib; nicht nur Ver⸗ armung droht mir, ſondern auch die Schmach, einen Trunkenbold zum Mann zu haben, mit dem ich mich nicht über die Gaſſe wagen darf.“ „Iſt das wahr, Herr Schwager Advocatus?“ „Buchſtäblich.“ „Das wäre ſchlimm; aber's iſt nicht,'s iſt nicht, 's iſt Alles'ne verdammte Spitzbüberei von Euch. He, möchtet gern hoch hinaus, vornehme Geſellſchaft ſein, hahaha! Da taugt einer, wie ich bin, freilich nicht dazu. O Ihr hochgeborenes Pack, Ihr— mich kennt Ihr noch nicht. Wenn Ihr mich wilde macht, ſo bringe ich Euch in Schande und Spott. Ja, das thu⸗ ich, ja, das thu' ich, ſoll mich Beelzebub lothweiſe zerreißen!“ Der Mann ſtand mitten im Zimmer. Sein vier⸗ ſchrötiger Oberkörper, obwohl auf ein höchſt gediegenes Piedeſtal geſtützt, ſchwankte höchſt verdächtig vor⸗ und rückwärts. Die Augen in dem vom Trunk ſtark ge⸗ rötheten Geſicht thränten, der Hut ſtand ihm hinten über, als hinge er an einem in den Hinterkopf geſchla⸗ genen Nagel. Der ganze Menſch bot das Schreckbild eines Heruntergekommenen, der die Achtung vor ſich ſelbſt verloren hat. Ohne ein Wort zu ſprechen, ging der Advocat zur Thür, öffnete ſie, und ſich dann zu ihm wendend, ſagte er:„Hier geht ſein Weg hinaus, Er Nichtsnutz! Ich habe nicht Luſt, mich von einem ſo wüſten Geſellen, wie Er einer iſt, in meinen vier Pfäh⸗ len beleidigen zu laſſen.“ „So iſt's gemeint? Nun, das wird Ihm noch aufs Kerbholz kommen, Herr Schwager, geb' Er Acht. Mein Weib mir abſpenſtig machen und mir dann noch die Thür weiſen— Nichtsnutz— wüſter Geſelle— ss iſt gut, ich merk' mir's— ich merk' mir's. Kommt Zeit, kommt Rath. Ihm verſalze ich ſchon noch die Suppe.“ „Hinaus!“ rief Herr Homilius zornlodernd. „Karl, Karl, ich bitte Dich, laß Dich die Hitze nicht überlaufen! Vergiß nicht, er iſt ja doch immer unſer Schwager“, bat die Frau Advocatin. Frau Doris ſprach kein Wort, aber ihre Geſtalt 77 zitterte unter ſchwerer Erregung wie Espenlaub, ſie war todtenbleich geworden. Warum redete ſie nicht? Warum trat ſie nicht als natürliche Mittlerin zwiſchen die beiden Männer? An ihr als Frau des einen wäre es geweſen, eine Sühne zu verſuchen, welche die gegen einander Erbitterten vielleicht beruhigt haben würde; aber kein Laut entſchlüpfte ihren krampfhaft auf einan⸗ der gepreßten Lippen. „So rede doch, Doris; vielleicht hört er auf Dich. Ach Gott, Dein Schweigen iſt entſetzlich!“ flüſterte die Vorige der Schweſter zu. Eine Antwort, wenn auch kaum verſtändlich, wurde ihr. „Das Spinnhaus“ lautete dieſelbe, und ein Schauer ſchüttelte ſichtbar die ſchlanke Geſtalt der kaum fünf⸗ undzwanzigjährigen Frau. Sie fürchtete, ihr trunkener und zur Bosheit angeregter Mann könne des Spinn⸗ hauſes gedenken, in welchem ſie auf königlichen Be⸗ fehl drei Jahre zugebracht hatte, drei Jahre ihrer Jugendblüte unter den Auswürflingen ihres Geſchlechts! Und dieſe Furcht ſchloß ihr den Mund. Entſetliihe Nachwirkung der Entehrung auf königlichen Befehl! „Komm mit“, ſagte der Fuhrwerksbeſitzer und riß ſeine Frau, ſie beim Arme anfaſſend, an ſich.„Hier gehören wir nicht zum Staate, ich nicht, Du nicht. Die vornehme Familie—“ Ehe er ſeine gallige Rede zu Ende bringen konnte, drang der klirrende Ton von aufgeſtampften Gewehren aus der Hausflur ſehr vernehmlich herauf, da die auf den nach der Treppe führenden Gang mündende Zim⸗ merthür offen war, und eine Bärenſtimme rief:„Nicht gemuckſt, Kerl, oder ein heiliges Kieſeldonner—“ „Wetter ſoll Ihn—“ fiel eine andere, nicht weni⸗ ger Schreck erregende Stimme ein. „Zehntauſend Klaftern tief in den Erdboden ver⸗ ſchlagen!“ beendete die erſtere Stimme die Drohung. „Was iſt das?“ fragte Herr Homilius, wobei es ihm unmöglich war, ſeine gewöhnliche Ruhe ſich zu bewahren. „Ach, um Gotteswillen, Karl! Soldaten! Soldaten dringen in unſer Haus ein!“ ſchrie die Frau Advocatin außer ſich.„Meine Kinder! Meine Kinder! Der Gott⸗ fried, der Fritz— mein kleines liebes Lorel— ſie wollen uns die Kinder nehmen!“ Der Trunkene ſchlug eine gellende Lache auf.„Wie ſie jetzt gleich anders pfeifen!“ höhnte er in bodenloſer Gemeinheit. Herr Homilius warf ihm einen Blick der Verach⸗ tung zu. „Komm, Chriſtoph!“ ſagte Frau Doris, plötzlich von einem Gedanken erfaßt, und wollte ihren berauſchten Mann durch eine die Stuben verbindende Thür ent⸗ 79 fernen, um, da ſie genauere Kenntniß der Lokalität beſaß, eiligſt und von den Soldaten ungeſehen ihn aus dem Hauſe zu bringen. „Nichts da, ich bleibe hier“, kröhlte dieſer.„Solda⸗ ten ſind meine Freunde— finden uns immer zuſam⸗ men beim alten Spahn. Die Kerls können ſaufen wie die Löcher— luſtige Geſellſchaft.“ Er war nicht vom Flecke zu bewegen; Frau Doris mußte den Verſuch aufgeben. Die ſchweren Tritte der heraufkommenden Sol⸗ daten lenkten auch gleichzeitig in den Gang ein. Herr Homilius war vor die Thür getreten, er ſah zwei Korporale, leibhafte Koloſſe, mit vollſtändiger Arma⸗ tur auf ſich zukommen. „Da ſteht der Herr Advocat“, ſprach der beiden als Wegweiſer vorangehende Hausmeiſter mit unſicherer Stimme. „Was ſoll ſein?“ fragte der Genannte. „Wird Er ſehen“, lautete die Antwort des rechts gehenden Soldaten. „Nun?“ „Hier draußen denkt Er uns abzuſpeiſen?“ ſchnauzte ihn jener an.„Marſch hinein ins Zimmer, wie ſich's für reputirliche Soldaten Seiner Majeſtät ſchickt oder das Gewitter ſoll dem Herrn auf den Schädel—“ 80 „Fahren“, ergänzte ſein Kamerad. Ohne weiteres ſtießen ſie Herrn Homilius aus dem Gang in das Zimmer und ſetzten nach ihrem Eintritt die Gewehre klirrend auf die Dielen auf. Dieſes Klirren war den in der andern Stube ſpielenden Kin⸗ dern als ein fremder Ton zu Ohren gedrungen, der Gott⸗ fried machte die Thür auf. Der Anblick der großen Soldaten verſetzte ſie in Angſt, ſie begannen zu ſchreien. „Beruhige die Kinder, Lotte“, ſagte Herr Homilius. „Ja doch, ja“, antwortete die Angewieſene, in Angſt in das Nebenzimmer laufend. „Er iſt alſo der Advocat Homilius?“ fragte der den Sprecher machende Korporal. „Ja.“ „Hier, leſe Er das.“ Nach einer Weile, in der der Advocat die ihm gereichte Schrift überflogen, ſagte er:„Alſo auf Befehl Seiner Majeſtät des Königs ſind mir die beiden Garde⸗ korporale Rank und Bank als Einquartierung zuer⸗ erkannt worden.“ „Der Rank bin ich, der Bank mein Kamerad.“ „Seiner Majeſtät des Königs Befehl muß natürlich reſpectirt werden, obwohl ich nicht anders ſagen kann, als daß ich kein Recht kenne, welches mich zu ſolcher Laſt verurtheilen dürfte.“ 2 2 81 „Nicht raiſonnirt! Königs—“ „Befehl“, ergänzte Bank. „Und dem iſt die ganze preußiſche Chriſtenheit nebſt Juden und anderm Geſindel unterthan.“ „Das iſt ja Korporal Rank, mein guter Bekannter vom alten Spahn!“ ſchrie der Fuhrwerksbeſitzer, welchen ſeine Frau glücklich durch vieles in ihn Hineinreden auf die andere Seite des Zimmers gebracht hatte. „Donner—“ „Wetter!“ Mit dieſem brüderlich unter einander getheilten Kraftworte thaten die beiden Goliathe ihre Ueber⸗ raſchung kund, einen Saufkumpan in dieſem anſtändigen Bürgerhauſe zu finden. „Gehört der Chriſtoph zu Seiner Familie, Herr Advocat?“ fragte der das Wort führende Rank in einem etwas freundlichern, weniger barſchen Tone, welcher deutlich bezeugte, daß er erfreut ſei, eine Fa⸗ milie kennen zu lernen, die ſich eines ſo würdigen Mit⸗ glieds rühmen dürfe. „Allemal!“ kröhlte Chriſtoph.„Allemal! Der Herr Advocatus iſt mein Schwager und hat mich ſo lieb, daß er mir Schierlingstropfen eingeben möchte aus lauter Freude, ſo'n raren Verwandten zu haben, wie ich bin.“ „Was meine Familienangelegenheiten angeht, ſo Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. I. 6 82 ſteht nichts in dem mir eingehändigten Einquartierungs⸗ zettel, daß ich verpflichtet ſei, den Herren Korporalen darüber Auskunft zu geben“, ſprach Herr Homilius mit großer Bitterkeit.„Am wenigſten fände ich mich veranlaßt, von einer Schwägerſchaft zu ſprechen, die ich keinesfalls als eine Ehre anſehe.“ „Juhu, iſt das ein prächtiger Schwager!“ ſchrie jener.„Und das iſt mein Weib— meine Doris— meine Turteltaube! Seht's Euch an! Iſt' nicht'n hübſches Weibel? Nur einen Fehler hat's, daß—“ „Kommen die Herren mit, will Euch Euer Logement anweiſen“, redete der Advocat, um die Gemeinheit ſeines Verwandten kurz abzuſchneiden. „Aber ein reputirliches Logement, wie ſich's für Korporale von der Potsdamer Garde Seiner Majeſtät des Königs paßt, ſonſt—“ „Erſt ſehen und dann drohen, wenn's noch nöthig gefunden werden ſollte“, machte Herr Homilius dem großſchnäuzigen Korporal ſehr ernſthaft bemerklich. Vorangehend verließ er das Zimmer, dieſer folgte ihm mehrere Schritte in dem Gang hin nach. „Tauſend Schock Teufel, wo iſt denn mein Kamerad Bank geblieben?“ fragte der ſechsellige Holofernes, als er dieſen nicht bemerkte, und ging in das eben von ihm verlaſſene Zimmer zurück. 83 Da ſtand ſein ebenſo langer Gefährte ſteif wie zur Parade an der Thür aufgepflanzt und guckte nach Frau Doris, der es gelungen war, ihren taumelnden Mann auf einen Stuhl niederzudrücken. „Aber, Bank, Kamerad Bank, Dich ſoll ja gleich der Fuchs holen. Was ſtehſt Du denn hier auf'nem verlorenen Poſten?“ „Nicht ſo brüllen, alte Unke! Sieh Dir mal das Weibel vom Chriſtoph an— hm,'n ſchmuckes Weibel?“ „Daß Du hier keine Liebelei anfängſt nach Deiner weichherzigen Manier! Königs Befehl! Du weißt, was das ſagen will— Ordre pariren, ſonſt trifft Dich ein Kreuzdonner—“ „Wetter!“ Mit dieſem Ergänzungsworte marſchirte der Rieſe mit der weichherzigen Manier ſeinem wür⸗ digen Kameraden nach. Herr Homilius wußte jetzt, daß ſeine Ueberzeugung, der ſeltſame Vorgang mit der in ſeinem Hauſe ver⸗ ſtorbenen Dame ſei für immer als abgethan zu be⸗ trachten, eine Selbſttäuſchung geweſen ſei. Die erſten Schritte, dieſe Angelegenheit wieder aufzunehmen, wa⸗ ren durch die ihm octroyirte Einquartierung gethan. Drittes Kapitel. Der April hatte ſchönes, warmes Wetter gebracht. Die Märznebel waren gleich Unholden vor der leuch⸗ tenden und zur Mittagszeit ſogar in heißen Strahlen niederſengenden Sonne entflohen, friſches grünes Leben ſproßte auf Feld und Wieſen ſo luſtig in Aug und Herz, daß es kein Wunder war, wenn der gewöhnlich in der erſten Aprilwoche abgehaltene Lachsfang hinter dem Damme zu Deſſau eine bedeutende Zuſchauermenge, nicht etwa nur aus der Stadt, ſondern aus der Um⸗ gegend, ja ſelbſt von ziemlich weit entlegenen Orten her, verſammelt hatte. Für Biele war die Neugier beſtimmend, den vielberühmten Herrn Leupold zu ſehen, der ſich durch ſeine Kriegsthaten ſowohl als durch ſeine Eigenthümlichkeiten in allen deutſchen Landen be⸗ kannt gemacht hatte. NX 85 Es würde das erſte Mal in ſeinem Leben geweſen ſein, wenn er, in Deſſau anweſend, den Lachsfang außer Acht gelaſſen und denſelben nicht beſucht hätte. Er war keiner von denjenigen Fürſten, die ſich in ihrem olympiſchen Weihrauchsdufte allein wohl, dagegen ſehr unbehaglich fühlen, wenn ſie ſich durch irgend einen Zufall mitten unter das Volk verſetzt ſehen; Herr Leu⸗ pold ſtellte das ſtricte Gegentheil ſolcher fürſtlichen Zierpflanzen dar. Seine Art ſich zu geben, ſein derber, ſtachliger Humor ſtimmte ganz mit dem Volkscharakter. Alles an dieſem alten Herrn war drall und prall, wie das Sprichwort einen Charakter bezeichnet, der keck und lebensfriſch ſich bei Allem betheiligt, was jeder neue Tag bringt, nicht erſt nachklügelt und abwägt, ob er das oder jenes thun dürfe, ſondern, wenn's ihm juſt behagt, es thut, ohne allen Scrupel, was die Welt, die Menſchen dazu ſagen werden. Der Lachsfang gruppirte ein kleines Volksfeſt um ſich und der Deſſauer Hof war ſtets dabei gegenwärtig. In der Regel fehlte keins der fürſtlichen Familien⸗ glieder, denn es lag nun einmal in des alten Fürſten Gewohnheit, die Seinigen bei derlei öffentlichen Ge⸗ legenheiten gern um ſich verſammelt zu ſehen; mit der Zeit aber war dieſer Kreis kleiner geworden. 86 Der Tod hatte ihm zwei Kinder genommen, von denen das eine ihm beſonders an das Herz gewachſen, nämlich ſeine zweite Tochter Louiſe, die Gemahlin des Für⸗ ſten von Bernburg, ein fröhliches, herzinniges Gemüth. Herr Leupold nannte, wenn er der Erinnerung an ſie zu⸗ weilen Worte lieh, die ihm ſo liebe Dahingeſchiedene einen Muſtergrenadier im Unterrocke, an dem der Herrgott ſelber zu viel Wohlgefallen gehabt hätte, um denſelben ihm zu laſſen. Der militäriſche Maßſtab, den der Alte an Alles legte, was ihm vorkam, ſchloß auch das jenſeitige Da⸗ ſein, ja ſelbſt den Schöpfer nicht aus, weswegen die für die Verſtorbene ſo ſchmeichelhafte Bezeichnung „Muſtergrenadier“ in ſeinem Munde keineswegs eine nichts bedeutende Redefloskel war, ſondern ein wahr⸗ hafter Ausdruck ſeiner tiefen fortdauernden Trauer um ſie. Auch ſein älteſter Sohn war heimgegangen; dieſe Lücke ward jedoch weniger von Herrn Leupold empfunden, da ihn die Gunſt des Schickſals mit noch vier Söhnen bedacht hatte, von denen indeß heute nur drei anwe⸗ ſend waren. Der fehlende, Prinz Eugen, ſtand jedoch bei ſeines Vaters fürſtlichen Gnaden ſo ſchlecht ange⸗ ſchrieben, daß derſelbe ſeine Abweſenheit gar nicht zu bemerken ſchien. Dieſe Abneigung hing mit dem ſol⸗ 87 datiſchen Weſen des alten Herrn aufs engſte zuſam⸗ men. Er, ein geborener Krieger, dem Schlachten und Alles, was mit dem Soldatenſtande einigermaßen ver⸗ webt war, als Inbegriff fürſtlichen wie überhaupt männlichen Vorzugs erſchien, konnte begreiflicherweiſe keine Freude an einem Sohne haben, der wegen des ihm anklebenden Makels der Feigheit aus dem preußi⸗ ſchen Heere entlaſſen worden und welchen er, um ihm nur eine Stellung zu verſchaffen, da ſich auch im öſter⸗ reichiſchen Heere kein Platz für ihn gefunden, bei dem zweiten König von Polen⸗Sachſen als Generallieutenant angebracht hatte. Auch von ſeinen drei Töchtern, welche er noch außer der ihm ſo lieben und ihm durch den Tod entriſſe⸗ nen Bernburgerin hatte, fehlte eine, Prinzeß Leopoldine, die vor einem Jahre des Brandenburg⸗Schwedter Mark⸗ grafen Gemahlin geworden war. Selbſt Frau Anne⸗ lieſe, Herrn Leupold's Gemahlin, war nicht beim Lachs⸗ fang erſchienen. Seit einiger Zeit leidend, hatte ſich die hohe Frau auf ihre Zimmer beſchränkt. Herrn Leupold's Zuſtimmung hatte das freilich nicht, denn ſo ängſtliches Verwahren erſchien ihm, der in Wahrheit von ſich ſagen konnte, er ſei„ausgewettert“, als Ver⸗ zärtelung, indeß Frau Annelieſens Wille entſchied. Wenn er auch ſelbſt gegen ſie in Zorn gerieth, 88 wozu er in ſeinen ältern Jahren ſich immer ſeltener hinreißen ließ, ſo reſpectirte er doch faſt unter allen Umſtänden ihre Wünſche. Sie war ihm jederzeit ein guter, rathender Genius geweſen, er erkannte willig die Ueberlegenheit ihres Geiſtes an, und wenngleich er die eheliche Treue für ſeine Perſon nicht als eine zum Leben nöthige Tugend betrachtete, ſo fühlte er doch einen gewiſſen Stolz in dem Bewußtſein, in ſeiner Gemahlin ein Muſter dieſer Tugend zu beſitzen, und es machte ihm großes Vergnügen, ſich ſagen zu können, daß er in ihr, der einfachen, aber gebildeten Apothekers⸗ tochter, ſich eine Lebensgefährtin gewonnen, die die Verehrung und Liebe ſeiner Deſſauer im höchſten Grade beſitze; denn wie er ſich in guten Stunden zuweilen äußerte, wäre er ſicher mit einer erlauchten Prinzeß, die ſich für den Gemahl als eine ſichtbare Gnade Got⸗ tes betrachte, miſerabel gefahren; aber ſeine Annelieſe ſei eine Frau für ihn, wie ſie nicht alle Tage jung würden. War er auch etwas verſtimmt geweſen, daß ſie heute nicht dem Lachsfang beiwohnen wollte, ſo hatte ſich dieſe Mißſtimmung doch glücklicherweiſe bald ge⸗ geben, denn der Fang erwies ſich ungemein ausgiebig. Sich umſchauend ſah er viele bekannte Geſichter ſeiner Deſſauer, aber auch manches fremde. Beſonders fiel 89 ihm ein junger Mann auf, der allein abſeits auf einer kleinen Erderhöhung ſtand, auf den hinter ſich in den Boden geſtoßenen Stock ſich ſtützend und, wie es ſchien, das muntere, geſchäftige Treiben mit ſichtbarem Ver⸗ gnügen anſchauend. „Der Kerl hat's Maß“, murmelte Herr Leupold beifällig vor ſich hin.„'n hübſcher Kerl! Wer zum Teufel mag er ſein?“ Jeder das Maß Habende, zumal wenn er jung und rüſtig war, genoß in den Augen des alten Herrn eine dem Betreffenden oft ſehr unliebſame Aufmerkſam⸗ keit, denn der mit derſelben zuſammenhängende Gedanke war kein anderer, als mit der Perſon des mit ſolcher Kennertheilnahme Beachteten ſein Regiment zu Halle zu vermehren. Herr Leupold fühlte ſich zu ſehr ange⸗ zogen von der Möglichkeit, auch einen andern Fang als den der Lachſe thun zu können, um nicht ſein gutes Glück verſuchen zu ſollen. Der Wagen, der ſeine beiden Töchter heraus⸗ gebracht, hielt der Pferde wegen im Schatten eines nahen Gebüſches, und dahin begab er ſich. Aus den Augen derer, die ihm nachſchauten— und deren waren nicht allzu viele, denn ein Theil der gefange⸗ nen Lachſe, gewaltig große Fiſche zwiſchen dreißig bis fünfzig Pfund im Gewicht, wurde eben ans Ufer ge⸗ 90 ſchafft, was die Neugier der meiſten Zuſchauer anregte ſodaß ſie ſich herandrängten— verſchwand er hinter dem üppig hohen Strauchwerk und den Bäumen, um eine Weile ſpäter auf einem Fußwege zu erſcheinen, der, wie er recht wohl wußte, eine Strecke weit abſeits führte, dann aber eine Biegung machte, ſodaß er von hinten in die unmittelbare Nähe des iſolirt ſtehenden jungen Mannes gelangen konnte. „Wer iſt Er?“ fragte er, plötzlich an dieſen heran⸗ tretend, der ihn gar nicht bemerkt hatte und jetzt, den Blick auf den Frager gerichtet, mit Ruhe antwortete: „Frage Er meinen Vater.“ „Wer iſt der?“ „Kennt Er ihn nicht?“ „Nein.“ „Ich kenne ihn und mehr braucht's nicht. Drück⸗ Er ſich.“ „Schwere—“ „Was?“ Herr Leupold fühlte ſich ſo ſehr frappirt, daß er nicht einmal ſeinen Gewohnheitsfluch beendete. Er be⸗ trachtete den jungen Mann mit einem Gemiſch von Zorn und Wohlgefallen, denn obwohl deſſen kurz ab⸗ weiſende Art ihn verdroß, liebte er derbe Abfertigungen von jeher doch zu ſehr, um ernſtlich böſe zu werden. 91 Nach einer Weile fragte der Fremde, dem es un⸗ angenehm ſchien, Jemand neben ſich zu wiſſen, der ihn polizeilich muſterte: „Er iſt wohl aus der Familie der Wegweiſer?“ „Was meint Er damit?“ „Das ſind Ihm böhmiſche Dörfer, glaub's. Ich meine, daß Er hier ein Wegweiſer iſt, eine Art Beam⸗ ter, ſo was man bei mir zu Hauſe Bettelvogt nennt.“ „Ich?“ „Na, wer ſonſt? Ich werd's wohl getroffen haben, denke ich.“ Dieſe Chargebezeichnung ſchien Herrn Leupold für den Moment confus zu machen; aber nachgerade kam es ihm doch komiſch vor, ſodaß er in guter Laune entgegnete: „Warum hält der Herr mich für den Bettelvogt?“ „Das will ich Ihm erklären. Ein alter Soldat iſt Er, das ſieht man Ihm an.“ „Richtig.“ „Nun, da hat Ihm ſein Herr, der Deſſauer, um Ihn für ſein Alter nicht verhungern zu laſſen, das Dienſtchen gegeben, Bettelleute und Geſindel wegzu⸗ fangen. Das Amt iſt immer beſſer wie gar keins.“ „Stehe mich aber ſo weit ganz gut in meinem Po⸗ ſten“, ſagte Herr Leupold wohlgelaunt. 92 „Na, na, Sein Gewand ſieht eben nicht üppig aus. Die Zwillichhoſen und ſein Uniformrock ſind wohl auch ſein Beſtes. Da hat Er was zum Branntewein.“ „Danke dem Herrn. Wenn ich Ihm ſonſt einen Gefallen thun kann, ſage Er's nur, ich bin hier ge⸗ nau bekannt.“ „Na, da gebe Er mir eine Kneipe an, wo man nicht gerupft wird.“ „Wie wär's denn im Dornbuſch?“ „Weit von hier?“ „Vorm Akenſchen Thor.“ „Vorm Thore? Das ließe ſich hören, man kann's wenigſtens verſuchen. Behagt mir's nicht, ſteht mir's Aendern immer frei. Jetzt noch was, weil Er doch einmal ein Mann bei der Spritze iſt.“ Herr Leupold ließ ein Gebrumm vernehmen. „Iſt Er bei Hofe bekannt? In ſo einem kleinen Neſte, ſollte man denken, müſſe Jeder wiſſen, was der Andere im Beutel hat, alſo auch, wer bei Hofe iſt.“ „s wird ſo ſein.“ „Kennt Er die Fräuleins bei der Frau Fürſtin?“ „Bei meiner—“ „Na, die durchlauchtige Frau wird nicht allein ſeine Fürſtin ſein, ſondern aller Deſſauer.“ „Richtig.“ 5 ine 93 „Alſo Er kennt die Fräuleins?“ „Jawohl.“ „Da iſt eine junge Dame, Fräulein Anna von Audritzky—“ „Kenn' ich“, fiel Herr Leupold, deſſen Intereſſe im Steigen war, ihm in die Rede. Der Fremde war ſichtbar erfreut. Die Hand auf des im zur Seite Stehenden Schulter legend, ſagte er faſt vertraulich zu ihm:„Höre Er— wie heißt Er doch?'s iſt etwas Nichtswürdiges, wenn man mit Je⸗ mand ein Wort im Vertrauen reden will und weiß nicht einmal ſeinen Namen und wer er iſt.“ „Hat ſeine Richtigkeit; aber's geht mir mit Ihm ja gerade ſo.“ „Das können wir gleich abändern. Ich heiße Theo⸗ bald Stoll, bin promovirter Doctor der Medicin und aus Zittau gebürtig. Und Er heißt?“ „Leupold und bin—“ „Weiß ſchon, Bettelvogt; iſt unter uns ſchon ab⸗ gemacht, braucht Er mir nicht noch einmal vorzu⸗ kauen.“ „Na, wenn Er's für gut findet, mir kann's recht ſein, ich verliere nichts dabei“, ſtimmte der Deſſauer lachend bei. „Die Anna von Audritzky möchte ich ſehen und ſpre⸗ 94 chen; ſind Nachbarskinder zuſammen geweſen, und wie es ſo kommt— man vergißt ſich nicht ſo leicht. Was lacht Er denn da, Leupold? Das iſt doch ernſt⸗ haft genug.“ „Das iſt ja eben die Schwerenoth, daß es das iſt. Mit meinem Weibsbilde iſt mir's juſt ſo gegangen.“ „Das muß ſchon lange her ſein, Er iſt ein paſſabel altes Kraut.“ „Habe meine Annelieſe aber immer noch lieb.“ „Hübſch von ihm. Jetzt horch' Er einmal: Kann Er ihr nöthigenfalls ein Briefchen von mir in die Hand ſpielen?“ „Nichts leichter als das; meine zwei Mädels ſind bei Hofe, die machen das pünktlich ab.“ „Leupold, Er ſoll einen Thaler für den Gefallen, den Er mir da thut, als Douceur haben.“ Der junge Mann ſah auf das geſchäftige Treiben am Ufer und ſagte wie in Gedanken vor ſich hin:„Ob ſie wohl mit dort ſein mag?“ „Komme Er mit mir. Iſt ſie dabei, kann Er ſie wenigſtens in der Nähe ſehen.“ „Prächtiger Vorſchlag! Ich gehe mit!“ rief der junge Doctor vergnügt. „Mach' Er mir aber keine Kinkerlitzchen unterwegs, Herr Doctor.“ 3 ie 95 „Was ſind das für Dinger?“ „Nun, ſo— ſo— zur Schwerenoth, verſteht Er denn nicht Deutſch? Kinkerlitzchen ſind— Kinker⸗ litzchen.“ Der Doctor lachte über dieſe treffliche Erklärung. Seinen leichten Mantel zuſammengerollt über die rechte Schulter geworfen, die Reiſetaſche an der linken Seite am Tragriemen, den Stock mit deſſen um die Hand geſchlungenen Quaſtenbande in der Rechten, ſchritt der Fremde an Herrn Leupold's Seite dem Ufer zu. „Wir gehen ja mitten hinein“, bemerkte er ſeinem Führer erſtaunt. „Das habe ich immer ſo gehalten, junger Herr. Drauf und dran! Niemals wie die Katze um den heißen Brei; liegt auch ſchon, wie mir ein geſcheidter Kerl von Profeſſor in Halle erklärt hat, in mei⸗ nem Namen Leupold. Leu, der Löwe, der Mächtige, Herrſchende, Gewaltige; Pold, ſo viel als Leute, Volk bedeutend, alſo ohngefähr ſo viel als: einer, der das Volk beherrſcht; und Er muß mir doch zu⸗ geſtehen, das trifft prächtig bei mir im Bettelvogt zu⸗ ſammen.“ Des Fremden Schritt wurde immer zögernder in der Nachfolge, er begann zu ſtutzen, denn die Menge, durch welche ſein Führer ihm voranſchritt, ohne eine 96 andere Höflichkeit in Anwendung zu bringen, als mit beiden Händen barſch die ihm Wege Stehenden auf die Seite zu ſchieben, war ungemein höflich und nahm eil⸗ fertig Hüte und Mützen von den Köpfen.„Das kann doch weder mir noch Ihm gelten!“ bemerkte der Er⸗ ſtaunte jenem. „Kümmere Er ſich nicht darum, das ſind Kinkerlitz⸗ chen;'s denkt Mancher, wenn er ſeinen ſchäbigen Deckel vor mir, dem Bettelvogt, abnimmt: Hol Dich der Teufel!“ Ehe beide noch an den Platz heran waren, wo man die gefangenen Fiſche auf dem Ufer zur Schau ausge⸗ breitet hatte, rief ein junger Herr in einem braunen, goldgeſtickten Sammtkleide, weißſeidener, gleichfalls gold⸗ geſtickter Weſte, der einen zierlichen Degen an der Seite und auf dem Haupte eine blonde Lockenperrücke trug, ihnen entgegeneilend:„Durchlaucht, gerade fünfzig Stück, capitale Burſchen!“ „So? Hier iſt der einundfünfzigſte; habe ihn eigenhändig gefangen“, antwortete des Doctors Führer, auf ſeinen Begleiter deutend, der, vollkommen verblüfft von dieſer unerwarteten Ueberraſchung, wie in den Erdboden eingewurzelt ſtehen blieb und den Sprechenden mit Augen anſtarrte, als ob er eine Geſpenſtererſchei⸗ nung vor ſich ſähe. 97 „Na, guter Freund, marſch, marſch! Iſt Er ſchon müde? Das wäre die Schwerenoth!“ rief jener. „Ach, mir fallen alle meine Sünden bei. Durch⸗ laucht, jetzt erſt—“ „s Maul halten!“ ſchnauzte ihn der alte Deſſauer an.„Da ſehe Er ſich die Fiſche an, Kerls wie die Kameele; gehören alle dem Bettelvogt.“ Die Beſtürzung des jungen Doctors war ſo groß, daß er keinen Blick auf die vor ihm liegenden Fiſche warf, wohl aber flüchtig die Geſichter der Umſtehenden muſterte, die nicht weniger Ueberraſchung als er ſelbſt kund gaben. Es waren nicht nur die bereits genannten männlichen und weiblichen Mitglieder der Familie Herrn Leupold's, ſondern auch Perſonen aus deren Umgebung; aber die er ſuchte, war nicht dabei. „Dem Bettelvogt gehören ſie? Wie ſoll das ver⸗ ſtanden werden, gnädigſter Papa?“ fragte Prinz Moritz. „Der Bettelvogt bin ich“, lautete des alten Herrn Antwort.„Als ſolches Kräutig hat mich der da an⸗ geſehen.“ Von verſchiedenen Lippen machte ſich ein erſtauntes „Ach!“ hörbar. Daß dieſe Verwechslung keineswegs im Bereiche der Fabel lag, dafür zeugte des alten Herrn gute Laune, welche allerdings ein gewiſſes Studium erforderte, denn Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. I. 7 F 3 her d 98 man konnte ſeinen heitern Geſichtsausdruck ſehr leicht für den eines unterdrückten Grimmes anſehen. Der jeweilig blinzelnde Blick ſeiner großen Augen, vor de⸗ ren Anſtarren ſo Mancher ſchon den letzten Reſt von Muth verloren hatte, war jedoch ein untrügliches Zeichen ſeiner heitern Stimmung, obwohl daſſelbe vollſtändig identiſch mit jener an Katzen zu bemerkenden Eigen⸗ thümlichkeit beim Erhaſchen eines ſich aus ſeinem Schlupfwinkel unbeſonnen hervorwagenden Mäusleins war, indem trotz des ſcheinbar gemüthlichen Blin⸗ zelns nach ſeinem Schlachtopfer das Raubthier doch nur die Gier verbirgt, demſelben den Genickfang zu geben. Herrn Leupold's Aeußeres war auch keineswegs dazu angethan, in ihm etwas Fürſtliches vermuthen zu laſſen, er konnte recht gut ſeinen militäriſchen Invaliden, welche mit einem kleinen Gnadengehalt das ſchöne Recht genoſſen, mittels Leierkaſtens, eines kaum nennenswerthen Hauſir⸗ handels oder ſonſtiger Beſchäftigung ſich in kärglicher Weiſe das tägliche Brod zu erwerben, an die Seite treten, ohne durch ſeine Bekleidung auffallend von ihnen abzuſtechen. Zudem ſpottete das etwas ſchimmelige Haar, welches ihm, in einen Schopf im Nacken zuſammenge⸗ bunden, im Rücken hinabhing, aller noblen Modepaſ⸗ ſion von damals, und ſein dunkles, ausgewettertes Geſicht und vor allem ſeine Manier, ſich zu benehmen 99 und zu ſprechen, wenn er es nicht für nöthig fand, ſich ausnahmsweiſe liebenswürdig zu zeigen, waren ganz derart, daß ſich Fremde— ſeine Deſſauer natürlich nicht — in ſeiner Perſon täuſchen konnten. „Durchlaucht, ich bitte unterthänigſt, mir meinen Irrthum zu verzeihen“, ſprach der junge Doctor,„aber wahrhaftig, ich will—“ „s Maul halten!“ commandirte der Alte. „Wer iſt der Fremde, gnädigſter Papa?“ fragte Herrn Leupold's älteſte Prinzeß, eine bereits fünfund⸗ zwanzigjährige Dame, die er, da ſich noch kein Freie um ſie beworben, eine alte Jungfer zu nennen be⸗ liebte. „Der? Ein Eſſenkehrer.“ Und wieder flog von vielen Lippen ein aber keines⸗ wegs über dieſe Bekanntſchaft erfreutes„Ach!“ „Ich, Durchlaucht?“ Ohne auf das Erſtaunen ſeines Schützlings, in ſol⸗ cher Eigenſchaft ſich hier vorgeſtellt zu ſehen, zu achten, ſprach der alte Herr:„Die Fiſche hat Er geſehen; Rares gibt's hier weiter nicht, alſo drücke Er ſich in Seine Kneipe. Will Ihm den Weg weiſen. Marſch!“ Den Fremden beim Arm faſſend, nöthigte er dieſen gewaltſam zum Fortſchreiten an ſeiner Seite. Ein gut Stück entfernt, hörte man ihn noch ſagen:„Zum Teu⸗ 7* 100 fel, halte Er doch Schritt! Das ſtockert ja, als wenn Pferd und Ochs zuſammengeſpannt wären.“ „Papa hat ſich einen Jux gemacht, der Fremde iſt Alles, nur kein Eſſenkehrer!“ lachte Prinz Moritz. Dieſe Meinung fand ſofort Anklang.„Wer er aber nur ſein mag?“ äußerten Mehrere. „Ich werde Durchlaucht fragen“, ſagte Frau von Ziegeſar, die Hofmeiſterin der beiden Prinzeſſinnen. „Liebe Ziegeſar, ſetze Sie ſich nicht einer verdrieß⸗ lichen Abweiſung aus“, warnte Amalie, die jüngſte Prinzeß.„Sie weiß, mein gnädigſter Papa hat wun⸗ derliche Launen.“ „Weiß wohl, aber ich will ihn ſchon überrumpeln“, entgegnete die alte Dame. „Es iſt wahr, Durchlaucht haben zuweilen ſehr wun⸗ derliche, aber auch recht ſpaßhafte Ideen“, ſprach der junge Fürſt Carolath, derſelbe, der vorhin mit der Nachricht, daß bereits fünfzig Capitalfiſche gefangen worden, ihm entgegengeeilt war.„Uebrigens habe ich an dem Fremden nicht etwas Beſonderes entdeckt. Ein Menſch wie jeder andere und unter allen Umſtänden einer, der aus Rückſichten auf ſeinen Geldbeutel zu Fuße reiſt. Er war ja ganz beſtäubt. Haben Sie das nicht bemerkt, meine Gnädigſte?“ „Jawohl“, antwortete Prinzeß Amalie, und ein 101 ſeltſamer Seitenblick ſtreifte den neben ihr ſtehenden Frager, der mit unendlicher Sorgſamkeit jedes ange⸗ flogene Stäubchen von ſeinem koſtbaren Sammtkleide abſtrich.„Er ſah aus wie ein vom Bibliothekſtaub unſcheinbar gewordenes, vergeſſenes Buch.“ „Prächtiger Vergleich! Ungemein treffend!“ becom⸗ plimentirte der junge Fürſt die Prinzeß. „Wenn man aber den Staub beſeitigt hat, wird man zuweilen recht angenehm von dem Inhalt des Buches überraſcht.“ „Zuweilen, ja, ja; aber's kommt wol ſelten vor.“ Der junge Fürſt ſchien nicht beſonders von dieſer Bemerkung Amaliens erfreut, es lag darin etwas, das einer beißenden Anſpielung glich, als wenn es auch unbeſtäubte Bücher in koſtbarem Einband gäbe, deren Inhalt keineswegs befriedige. Um ihn der Verlegenheit zu entziehen, in die er ſichtbar gerathen war, machte ihm die Prinzeß eine leichte Verbeugung, und ſich an den Arm einer jungen, ſeitwärts ſtehenden Dame hän⸗ gend, ſagte ſie:„Ich habe mit Dir zu ſprechen, Marie.“ „Darf ich meine Begleitung anbieten, meine Gnä⸗ digſte?“ fragte der junge Carolath. „Es iſt eine Beſprechung unter uns Mädchen.“ „Ah, das iſt etwas Anderes. Ich beſcheide mich unterthänigſt, meine Gnädigſte.“ 102 Am Arm der jungen Dame wandelte Prinzeß Amalie den Pfad am Ufer hin. Sie wurden hier von Niemand beläſtigt, die Zuſchauer hatten ſich ſammt und ſonders in die Gegend gezogen, wo die gefangenen Fiſche aufgeſchichtet lagen. Das Schweigen der Prin⸗ zeß deutete an, daß ſie ſich von irgend einem Gedanken bedrückt fühle. Ihr freundliches Geſicht zeigte keine Heiterkeit, es glich einem Himmel, der umwölkt des leuchtenden Sonnenglanzes entbehrt. Ihre Begleiterin ſchien ebenfalls ernſten Gedanken nachzuhängen, ſie blickte zu Boden. Sie war in demſelben Alter wie die Prinzeß, das heißt im Ausgang des zweiten Decenniums, ihr Wuchs kleiner und von zartern For⸗ men, aber in ihrem Geſicht ſtellte ſich eine große Ver⸗ ſchiedenheit von dem geſunden Ausſehen ihrer Herrin dar. Tiefblaß, als ob eine noch verborgene Krankheit daſelbſt ihr Vorhandenſein kundgäbe, war es jedoch ein feines, liebliches Frauenantlitz, auf dem ſich der rührende Ausdruck einer trauernden Magdalene hervor⸗ hob und dadurch ihr jenen ſeltſamen Reiz leidenden Weſens verlieh, welches Männerherzen noch mehr feſſelt, als Schelmerei und Frohſinn, dieſe gewöhnlichen Attribute junger Mädchengeſichter, in der Regel zu thun vermögen. Nach einem ziemlich langen Schweigen hob die Prinzeß an: 103 „Es iſt unmöglich, ich kann meinem gnädigſten Papa den Aerger nicht erſparen, mag es kommen, wozu es will. Ich werde nie dem Fürſten die Hand reichen.“ „Ach, in welch großen Zorn wird dann Seine Durchlaucht gerathen!“ „Gewiß, Marie. Sein Zorn wird nicht klein ſein. Vor dem ängſtige ich mich aber nicht ſo ſehr als vor dem, was damit zuſammenhängt.“ „Und das wäre?“ „Daß er mir dann einen Andern wird aufzwingen wollen, weil er ſich die ſeltſame Idee in den Kopf ge⸗ ſetzt hat, mich um jeden Preis unter die Haube brin⸗ gen zu müſſen, wie er es nennt, und ich fürchte ſeinen Geſchmack über Alles.“ „Der junge Fürſt Carolath iſt aber doch kein ſchlech⸗ tes Zeichen deſſelben“, bemerkte ihre Begleiterin. „Ich ſage das nicht, Liebchen; aber Du darfſt auch nicht vergeſſen, daß ihm ohne ſein Zuthun dieſer Schwie⸗ gerſohn in spe gleichſam ins Haus geflogen iſt. Von meinem Bruder Heinrich Eugen, dem ſächſiſchen General⸗ lieutenant, welcher alle Urſache hat, mit dem gnädigſten Papa möglichſt auf gutem Fuß zu bleiben, iſt uns der junge Fürſt, welchen er am Dresdener Hofe kennen lernte, auf den Hals geſchickt worden, anſcheinend, um meines gnädigſten Papas Jagdweſen zu ſtudiren, 104 in Wahrheit aber, um mit mir eine Verbindung an⸗ zubahnen. Wer meines durchlauchtigſten Papas Jagd⸗ weſen als etwas des Studiums Werthes anſieht, der hat ihn ſchon halb gewonnen, und Fürſt Ludwig brauchte nur noch gelegentlich zu äußern, daß eine Vermählung zwiſchen ihm und mir zu ſeinen ernſtlichen Wünſchen gehöre, um ihn ganz für ſich einzunehmen. Ob ich den Wunſch theile oder nicht, das iſt meinem gnädig⸗ ſten Papa Nebenſache, darum kümmert er ſich nicht. Achtung! Augen grad' aus! Den heiratheſt Du, ich will's ſo! Präſentirt's Gewehr! So, denkt er, iſt Alles abgethan und ich muß Ordre pariren. Das fällt mir aber nicht ein. Nein, nein, nein, ich will mich nicht zu einer verächtlichen Sklavin machen laſſen, die auf Befehl ihres Herrn ſich in den Staub niederwirft und ſich jedes Selbſtwillens ent⸗ äußert.“ „Da wird es böſe Auftritte zwiſchen Ihrem durch⸗ lauchtigen Papa und Ihnen geben“, bemerkte Marie. „Leider iſt das vorauszuſehen, Kind; aber ich muß durch, ich muß, wenn ich mich nicht ſelbſt verachten ſoll. Fürſt Ludwig iſt eine ganz präſentable Erſchei⸗ nung, er hat am Wiener und Dresdener Hofe feine Tournüre gelernt und ſich jene Galanterie zu eigen ge⸗ macht, wie ſie dort zum Hofton gehört. Er iſt jung in⸗ 105 und eitel— wie ſorgſam ſtäubt und bläſt er jedes Fädchen, welches ſein Kleid anfliegt, von demſelben ab!— aber damit ſind ſeine Vorzüge auch erſchöpft. Im Herzen wie im Geiſte iſt er leer, ach, entſetzlich leer! Er belächelt mein Mitgefühl für Arme, Kranke. Ich ſelbſt habe es gehört, daß er es eine Marotte, eine Gefühlsſpielerei nannte. Seine geiſtige Bildung hält gleichen Schritt mit dieſem Mangel warmer, lebendiger Empfindung. Es würde vollkommen unmöglich ſein, einen Ideenaustauſch über nur einigermaßen ſich über das Niveau gewöhnlicher Unterhaltung erhebende Ge⸗ genſtände des Wiſſens zwiſchen uns anzubahnen. Wie, ſoll ich mich ſelbſt zu einer traurigen Oede des Alltags⸗ lebens verdammen? Niemand kann das fordern, Nie⸗ mand! Die Erziehung, welche meine gnädigſte Mama uns, ihren Töchtern, geben ließ, iſt ſo ſehr von der unterſchieden, die der durchlauchtigſte Papa für ſeine Söhne, unſere Brüder, als vortheilhaft anerkannte, daß zwiſchen uns, ſeinen Kindern, eine tiefe Kluft in Bezug auf geiſtige Bildung liegt. In andern Familien ſind in der Regel die Söhne kenntnißreich durch den Genuß von Schulen, bei uns findet der umgekehrte Fall ſtatt. Nun, es iſt einmal ſo. Weil aber Papa es einmal zugeſtanden, daß ſeiner Töchter Erziehung eine andere ſein ſolle, muß er auch deren Folgen tragen. ——— 106 Ihn dazu zu bringen, ſtellt freilich ſchlimme Tage für mich in Ausſicht; mein Muth aber, energiſchen Proteſt gegen die mir von ihm zugemuthete Verbindung ihm entgegenzuſtellen, wird glücklicherweiſe durch die gleiche, dem Fürſten Carolath ungünſtige Meinung meiner gnädigſten Mama unterſtützt.“ Es folgte eine Pauſe, nach deren Verlauf Prinzeß Amalie faſt heiter rief:„Laſſen wir das, Liebchen. Ich bin eine zu gelehrige Tochter meines durchlauchtigen Papas, um nicht ſeine Lieblingsdeviſe: Drauf und dran! zur rechten Zeit in Anwendung zu bringen. Für Dich hat das aber einen Vortheil.“ „Für mich?“ „Gewiß, Kind. Du lernſt dadurch die Schwierig⸗ keiten kennen, in die eine junge Dame durch die Liebe verſetzt werden kann.“ Ihrer Begleiterin Antlitz wurde purpurroth. „Biſt Du ein Närrchen“, lachte die Prinzeß, als ſie es bemerkte.„Wirſt roth, als wenn Dein Herzchen in vollen Flammen ſtände! Du weißt ja noch nicht, was Liebe iſt, und das iſt ein großes Glück, glaube ich, weil man da weder von Furcht noch von Hoffnung geplagt wird. Denke doch, in was für Fatalitäten ich mit meinem gnädigſten Papa kommen werde, und ich bin nicht verliebt. Wie würde es erſt ſein, wenn ich es wäre!“ 107 Zufällig ſtreifte ihr Blick in die Gegend zurück, wo die Menge um die Fiſche ſtand, und ſie bemerkte, daß ihr Vater dahin zurückkehrte.„Wahrhaftig, mein durch⸗ lauchtigſter Papa!“ rief ſie.„Komm, komm, Marie! Wir müſſen eilen, ſonſt gibt's, wenn er mich vermißt, ein kleines Donnerwetter.“ Sie lief voran, Marie folgte ihr, kam aber nur wenige Schritte weit, denn ihr aufgerafftes Oberkleid blieb an dem in ſcharfer Spitze auslaufenden Stumpfe eines vom Winde abgebrochenen Bäumchens hängen und ver⸗ anlaßte, da ſie dieſen Umſtand nicht bemerkte und flüch⸗ tig ihrer jungen Herrin nachwollte, einen nicht unbe⸗ deutenden Riß in das Zeug des Kleides. „Ach mein Kleid!“ rief Marie erſchrocken. „Was iſt denn, Schatz?“ „Sehen Sie nur, Prinzeß, dieſen Riß! Mit den bei⸗ den fliegenden Fetzen kann ich doch nicht zurück.“ „Nein, das iſt richtig. Steck's zuſammen; hier haſt Du ein paar Stecknadeln von mir, und komm bald nach.“ Zum Glück war der Riß noch ſo gut geartet, daß er ſich mit Hülfe der Nadeln leicht verbergen ließ. Statt aber ihrer jungen Herrin flüchtig nachzueilen, ſchritt Marie langſam den Pfad am Ufer hin. Daß die fürſt⸗ liche Familie in mehreren keinen Kähnen ſtromauf nach 108 dem Orte hinfuhr, wo die Fortſetzung des Fanges ſtatt⸗ finden ſollte, begünſtigte Marie, ſie brauchte nun nicht zu eilen, denn man vermißte ſie nicht. Das tiefe Roth war längſt wieder von ihren Wan⸗ gen verſchwunden und hatte der eigenthümlichen Bläſſe Platz gemacht, welche, wie ſchon erwähnt, dem zarten, lieblichen Antlitz den Anſtrich innerih tief verborgener Krankheit gab. „Wenn ſie wüßte, welches Geheimniß auf mir la⸗ ſtet!“ rief Marie angſtvoll vor ſich hin, indem ſie ihren langſamen Schritt anhielt.„Könnte ſie mir dann noch ihr Vertrauen, ihre Zuneigung ſchenken? Das Schwei⸗ gen, welches ich gegen ſie, die ſo gütig gegen mich iſt, beobachten mußte, liegt wie eine mich erdrückende Laſt auf mir. Durfte ich reden, ihr ſagen: Erbarme Dich mein! Ich bin ſo tief unglücklich, als nur ein Weſen ſein kann, das Alles verloren hat; ſelbſt mein Leben iſt von einem Geheimniß umſchleiert, deſſen Entdeckung Unglück über Menſchen bringen müßte, die menſchliches Mitleid mit mir hatten? Nein, nein, ich mußte ſchwei⸗ gen, es war meine Pflicht, ich hatte es ihnen ja mit dem heiligſten Eide zugeſchworen.“ Ueber Marie war eine große Aufregung gekommen, einzelne ſchwere Thränentropfen rollten über ihre blaſ⸗ ſen Wangen. Ihre feine, zarte Geſtalt zitterte unter 109 dem Eindrucke der Erinnerungen, die ſich ihr gewalt⸗ ſam aufdrängten und, ihr Denken von der Gegenwart abziehend, ſie förmlich überwucherten. Sie ſah ſich im Geiſte als angehendes zwölfjähri⸗ ges Mädchen im älterlichen Hauſe zu Königsberg. Sie war da ſo froh, ſo glücklich geweſen, rings um ſie Freude und Luſt und ſie als einziges Kind ihres Vaters, des königlichen Kriegs⸗ und Domänenrathes von Schlu⸗ buth, ganze Liebe genießend. Wie hing ſie an ihm ſo innig mit ihrem Kindesherzen! Sie würde den Tag für einen recht unglücklichen angeſehen haben, wenn er, zu Hauſe anweſend, ſie nicht auf ſeine Kniee geſetzt und zärtlich mit ihr gekoſt hätte. Mit der Emſigkeit eines Kindes, das den Tagen nachrechnet, die es noch zu warten hat, bis ſein Ge⸗ burtstag herannaht und mit dieſem die überraſchenden Geſchenke, die es ſchon halb und halb erlauſcht hat, in ſeinem Beſitz ſein werden, zählte Marie die Tage, an welchen der Vater, den ſeine Amtsreiſen nach den oſtpreußiſchen und litthauiſchen königlichen Domänen führten, bis zu ſeiner Rückkunft fern bleiben werde, und ſehr niedergeſchlagen wurde ihr kindliches Gemüth, wenn ihre Rechnung nicht ſtimmte, der Vater, durch Vorkommniſſe aufgehalten, über die von ihm nur un⸗ gefähr angegebene Zeit ausblieb. Er war ja ſo lieb 110 und gütig gegen ſie, Mutter war weit ſtrenger. Bei dieſen Reiſen kam, wie das in einem Lande nicht an⸗ ders ſein kann, wo gepflegte Communicationswege zu den Ausnahmedingen zählten, natürlich viel aufs Wet⸗ ter an, und Marie beobachtete zu ſolchen Zeiten mit großer Angſt die am Himmel aufſteigenden Wolken, denn ſtarker Regen, Schneefall oder Sturm waren ja Haupturheber bei den Verzögerungen der väterlichen Nachhauſekunft. Das zwölfjährige Mädchen war verſtändig genug, um die Stimmungen genau unterſcheiden zu können, in welchen der Vater zurückkehrte, und es mußte der Klei⸗ nen daher auffallen, daß er zuweilen ſo in ſich gekehrt, wie von etwas ſehr Unangenehmem bedrückt, ſich zeigte. Er herzte und küßte ſie wohl wie ſonſt, aber das Rechte, die Freude dabei, war's doch nicht mehr wie ſonſt. Die Mutter redete viel mit ihm insgeheim und dann war auch ſie traurig und wies des Töchterchens Frage, was ihr und dem Vater ſei, daß ſie gar nicht mehr ſo lieb und heiter wären, mit den ſtrengen Worten zurück:„Kümmere Dich nicht um Dinge, von denen Du noch nichts verſtehſt, und äußere dergleichen gegen Niemand.“ Dieſe Umwandlung in der Stimmung ihrer Aeltern blieb natürlich nur auf das von Niemand geſehene, 111 alſo der Beurtheilung entzogene innere Leben der Fa⸗ milie beſchränkt, im Aeußern ſchien nichts verändert. Nach wie vor war das Haus des heitern, lebensluſtigen Kriegs⸗ und Domänenrathes der Sammelpunkt der Geſelligkeit, es wurden öfters Feſte gegeben, zu denen ſich die Nobleſſe zahlreich einfand, denn Herrn von Schlu⸗ buth's Haus erfüllte vollkommen die Anſprüche, wie man ſie nur immer an die Gaſtfreiheit eines gut ſituirten und im beſten Rufe ſtehenden Edelmannes ſtellen konnte. Wenn Marie dabei etwas auffiel, ſo war es die unge⸗ wohnte Bemerkung, daß ihr Vater durch vielen Wein⸗ genuß in eine jener glücklichen Stimmungen ſich ver⸗ ſetzte, die früher ihm auch ohne denſelben zu Gebote ſtanden. Marie war noch viel zu unerfahren, in dieſer gewaltſamen Hinaufſchraubung ſeines Gemüthszuſtandes etwas Schlimmes befürchten zu ſollen, im Gegentheil, ſie freute ſich, in dieſer erkünſtelten Anheiterung ihn ſo lieb, ſo zärtlich gegen ihre kleine Perſon zu ſehen wie ehedem; leider drang ſich ihr aber auch die Wahr⸗ nehmung auf, daß dieſer väterliche Frohſinn ungemein ſchnell vorüberging und als Folge ein faſt mürriſches Inſichgekehrtſein hinterließ, wenn nämlich nicht Andere zugegen waren. Eines Tages— und Marie bebte unter dieſer Erinne⸗ rung heftig zuſammen— hatte der Vater Geſellſchaft 112 geladen, die wohlbereiteten Tafelgenüſſe und der gute Wein äußerten ihre Wirkungen in der ungemeinen Lebhaftigkeit der Unterhaltung, man lachte und ſcherzte, da plötzlich meldete ein Diener, daß ein Fremder Herrn von Schlubuth zu ſprechen verlange und zugleich vier Mann Soldaten im Hauſe Poſto gefaßt hätten. Die Heiterkeit der Geſellſchaft endete ſofort, der Hausherr entfärbte ſich. Marie dies bemerkend, ſchrie im Schreck auf. Der Fremde trat in das Gemach, verneigte ſich gegen die Anweſenden und ſagte zum Domänenrath: „Es thut mir leid, Ihn, Herrn von Schlubuth, den Freuden der Geſelligkeit entreißen zu müſſen, aber ich handle auf Befehl Seiner Majeſtät des Königs. Leſe⸗ der Herr Kriegs⸗ und Domänenrath die meinen Auf⸗ trag betreffende königliche Ordre.“ Es war ſichtbar, daß der Schreck Herrn von Schlu⸗ buth ſo ſehr beherrſchte, daß er nicht eines Ausdrucks des Erſtaunens über die Störung fähig war und ihm ſogar die Ruhe gebrach, mit eigener Hand die ihm überbrachte Ordre zu entfalten, ſodaß der Fremde ihm dieſen Dienſt leiſtete. Kaum hatte er den Inhalt des verhängnißvollen königlichen Befehls durchleſen, als er vom Stuhle ſank und in ein Nebenzimmer geſchafft werden mußte. Am Abende des nämlichen Tages er⸗ zählte ſich ganz Königsberg, daß in den erſten Nach⸗ 113 mittagsſtunden der Herr Kriegs⸗ und Domänenrath von vier Soldaten ins Gerichtsgefängniß transportirt wor⸗ den ſei; ein Herr ſei von Berlin gekommen, um die Unterſuchung gegen ihn zu leiten, der der Unterſchla⸗ gung von zur Einrichtung der Salzburger Emigranten beſtimmten Geldſummen beſchuldigt ſei; ein paar Wo⸗ chen ſpäter werde Seine Majeſtät der König ſelbſt in Königsberg eintreffen. Es gab wohl wenig Leute in der Stadt, welche nicht die lebhafteſte Theilnahme für einen Mann aus⸗ ſprachen, der ſich ſtets freundlich und gefällig gegen Jedermann bezeigt hatte und bei allen in Hochachtung ſtand. An eine Unterſchlagung glaubte Niemand, denn man wußte, daß der Domänenrath kein armer Mann ſei, und wenn er in einer augenblicklichen Geldverle⸗ genheit wirklich dieſe Summen für ſich verwendet habe, ſo wäre nur anzunehmen, daß man ihm in deren Er⸗ ſetzung zuvorgekommen ſei. In dieſem Falle werde das Gericht kein hartes Urtheil fällen. Und das traf auch ein. Das Gericht erkannte auf ein paar Jahre Feſtungsſtrafe, weil der Schuldige jeden zu wünſchen⸗ den Erſatz leiſten könne und wolle. Zum Unglück langte aber der auf einer Reiſe durch Oſtpreußen begriffene König in Königsberg an, und mit einem Schlage verwandelte ſich die ſo mild ausgegan⸗ Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. I. 8 114 gene Schlubuth'ſche Angelegenheit in eine Tragödie, welche ſämmtliche Einwohner in die größte Beſtürzung verſetzte. Der König verwarf das Urtheil des Gerichts⸗ hofs und ließ den Domänenrath ſich vorführen, um ihm zu ſagen, daß er ihn hängen laſſen würde. Es war ſo wenig Menſchliches bei ſolchen Gelegenhei⸗ ten, wo er ſtrafen konnte, in des Königs Weſen, daß Herr von Schlubuth empört davon ausrief: das ſei nicht Manier, ſo mit einem preußiſchen Edelmann zu verfahren; er werde die fehlende Summe erſtatten. Nun war er erſt ſicher ein todter Mann. In der Stadt ging das Gerücht, Herr von Schlubuth werde den entehrenden Tod am Galgen ſterben. Man wagte es, für den Mann zu bitten, doch umſonſt. Es war an einem Sonnabendmorgen, daß der Monarch in Kö⸗ nigsberg angekommen, und man hoffte, da er unter allen Umſtänden den ſonntäglichen Gottesdienſt beſuchte, daß des Hofpredigers Kanzelwort ſeinen harten Sinn bre⸗ chen würde. Ja, dieſe Hoffnung ſchien gerechtfertigt, die Predigt rührte den König ſo ſehr, daß ihm Thrä⸗ nen über die Wangen rollten, Hunderte waren davon Zeugen. Um das in das harte königliche Herz geſtreute Samenkorn der Erbarmung raſch zur Reife zu bringen, riethen die Freunde des Verurtheilten ſeiner Gattin, 115 einen Fußfall vor dem Könige zu thun. Mit Marie an der Hand nahte ſie ſich ihm. „Gnade für meinen Vater!“ rief die Kleine unter heftigem Schluchzen; die Mutter ſtammelte, kaum fähig, zu ſprechen, ihm ihre Bitte um Verzeihung für ihren Gatten, um Erbarmung mit ihnen in ihrem großen Leid vor. Entſetzliche Wandlung des königlichen Her⸗ zens! Sie fanden kein der Milde geneigtes Ohr. Während der Nacht erwuchs der Galgen vor dem Seſſionszimmer der Kriegs⸗ und Domänenkammer, Herr von Schlubuth endete entehrt am nächſten Mor⸗ gen. Marie ſchauderte unwillkürlich bei der Erinnerung an die Viertelſtunde, wo ſie Gnade flehend zu Königs Füßen gekniet, in ſich wie vom Fieber geſchüttelt zu⸗ ſammen, das Andenken an dieſe wenigen Minuten hatte einen bleibenden Eindruck des Schreckens bei ihr be⸗ wirkt. Ihre Mutter kränkelte von da an. Nicht allein der gewaltſame, ſchimpfliche Tod ihres Gatten verſtörte ihr ganzes Weſen und zehrte an ihrer Geſundheit, ſon⸗ dern auch die Erfahrung, daß von den Freunden ihres Hauſes die meiſten kühl wurden und abfielen, weil ſie keine Gaſtereien mehr zu hoffen hatten. Zurückgezogen lebte ſie mit Marie in einer Vorſtadt Königsbergs. Da machte ſie eine Bekanntſchaft eigener Art. 8* 116 Ein ältlicher Mann wohnte mit ſeiner Tochter in demſelben Hauſe. Die Beiden hatten auch ſchwer unter der königlichen Härte gelitten. Bald kam es an den Tag, wer ſie ſeien. Der Mann hatte die Cantorſtelle in Potsdam bekleidet. Seine Tochter, damals ein blü⸗ hendes ſechzehnjähriges Mädchen, heiter, wie nur die Unſchuld es ſein kann, war des Vaters Stolz. Doris Ritter, wegen ihrer Freundlichkeit und Herzensgüte von allen geſchätzt, liebte die Muſik, und Kronprinz Fried⸗ rich, der bei ihrem Vater Muſikunterricht nahm, beglei⸗ tete mit der Flöte das Harfenſpiel der ſchönen Doris. Er machte ihr kleine Geſchenke und ſie freute ſich de⸗ ren. Beide waren jung, ihre Empfindungen harmoniſch zuſammenſtimmend. Als der Kronprinz, um der väter⸗ lichen Härte ſich zu entziehen, geflüchtet, aber ergriffen ins Gefängniß zu Cüſtrin gebracht worden war, fiel auch auf das friedliche Stillleben des Cantors Ritter ein vernichtender Schlag. Böſe Menſchen hatten dem König von einem Liebes⸗ verſtändniß des gefangenen Prinzen mit der ſchönen Doris erzählt, und der königliche Zorn ſtrafte. Doris, zu ewigem Spinnhauſe zu Spandau verdammt, wurde auf königlichen Befehl vor dem Potsdamer Rathhauſe, vor ihres Vaters Hauſe und dann an allen Stadtecken ausgepeitſcht und ſomit das Brandmal der Entehrung 117 auf das Daſein des jungen ſechzehnjährigen Mädchens gedrückt. Nach drei Jahren aus dem Spinnhauſe entlaſſen, folgte ſie ihrem ſeines Amtes entſetzten Vater, der unterdeß in Berlin bei ſeiner verheiratheten Tochter gelebt hatte, nach Königsberg. Sie waren arm geworden, er mußte ſuchen, durch Muſikunterricht das Brod für ſich und ſein durch die königliche Willkür ſo arg mißhandeltes Kind zu erwerben und zwar an einem fernen Orte, wo man ihn und Doris nicht kannte. Für Marie von Schlubuth war es eine Wohlthat, in der ſtillen, ſcheuen Doris eine Freundin zu finden, ſie war ſo ſehr vereinſamt; aber dieſe Freundſchaft erlebte nach einem Jahre ſchon Trennung. Ihre kranke Mutter nahm nämlich die Einladung einer Jugendfreundin an, deren Gatte jetzt in Bubainen, einer der großen Herr⸗ ſchaften, welche der König ſeinem Freunde, Herrn Leu⸗ pold, geſchenkt hatte, in fürſtlich deſſauiſchen Dien⸗ ſten ſtand, um dort ihre Tage in Ruhe zu verle⸗ ben. Der Wechſel zwiſchen dem Aufenthalte in Kö⸗ nigsberg und Bubainen war für Marie kein angeneh⸗ mer; ſie fühlte ſich zu ſehr iſolirt, es gab für ſie auch keine einzige Altersgenoſſin daſelbſt. Da gerieth das kleine Oertchen eines Tages in große Aufregung. Prinz Leopold Maximilian von Deſſau 118 war plötzlich mit ſeiner Gemahlin und zwei ſeiner Schweſtern angekommen. In dem ſonſt ſo ſtillen Schloſſe zu Bubainen wurde es nun mit einem Male lebhaft. Der Prinz lud die umwohnenden Edelleute zu Jagd⸗ partien ein und formirte auf Wunſch ſeines gnädigſten Papas ein Hoflager daſelbſt, da dieſer große Güter⸗ complex überhaupt als Secundogenitur, demnach als Eigenthum des genannten Prinzen zu betrachten war. Der kleine Hof von Bubainen brachte lebhaften Verkehr über die ganze Gegend, obwohl er dort in einem ziemlich vergeſſenen Winkel Deutſchlands exiſtirte, und auch für Marie kam eine glückliche Zeit. Durch Zufall lernte die mit ihr in gleichem Alter ſtehende Prinzeß Amalie ſie kennen und bald geſtaltete ſich eine recht innige Freundſchaft zwiſchen ihnen. Die feine Erziehung, welche die Prinzeß vor ihrer jungen Freun⸗ din voraus hatte, wurde durch deren herzinniges We⸗ ſen aufgewogen, und die Fürſtentochter betrachtete es als ein Glück, eine Seele gefunden zu haben, deren faſt kindliches Anſchmiegen einem Wohllaut zu vergleichen war, der, mächtig auf ſie einwirkend, ſie in eine glück⸗ liche, heitere Stimmung verſetzte. Die Prinzeß liebte die rauſchenden Hoffreuden nicht, ihr Geiſt, ihr Herz verlangte andere Nahrung als der⸗ gleichen Vergnügen, die wohl einen betäubenden Ein⸗ 119 fluß zu äußern vermögen, aber in der Regel nichts bieten, was einen bleibenden Nachhall zurückzulaſſen im Stande iſt. Obwohl ſie keine Kopfhängerin war, im Gegentheil, wenn ſie ſich dazu angeregt fühlte, jene Reſolutheit entfaltete, die ſo zu ſagen Herrn Leupold's Familie erb⸗ und eigenthümlich war, ſo äußerte ſich ihre Hauptſtimmung doch in einer Milde, welche auf alle, die ihr nahten, einen bewältigenden Eindruck übte. Wie hätte Marie ſich nicht von der ihr entgegen⸗ kommenden Herzensgüte der Prinzeß beglückt fühlen ſollen! Und das Vertrauen zu ihr gab ſich beſonders darin kund, daß ſie ihr eines Tages mittheilte, wie der Name von Rönnenkamp, den ihre Mutter und ſie hier in Bubainen führten, nur der Familienname ihrer Mutter, aber nicht der Name ihres Vaters ſei. Nichts rege ihre ſo ſehr kränkliche Mutter mehr auf, als wenn gutmüthige, das traurige Geſchick ihres Vaters kennende Menſchen ſie über dieſes ſchreckliche Erlebniß tröſten wollten, und dieſem zu entgehen, habe ſie ſich entſchloſſen, den Namen von Schlubuth abzulegen und ihren älterlichen Familiennamen wieder anzunehmen. Niemand als der Mutter Freundin und deren Mann wiſſe darum. „Arme Marie, Du haſt ſchon Schweres erlebt!“ rief Prinzeß Amalie.„Das Schickſal hat Dir viel zu 120 vergüten. Ich will die Erſte ſein, die in deſſen Namen den Verſuch dazu macht: ich will Dich recht herzlich lieb haben.“ Der Ruf des Hoflagers zu Bubainen machte ſich hinſichtlich der Anziehungskraft für Fremde bald gel⸗ tend, vorzüglich da es hieß, Prinz Leopold Maximilian von Deſſau und ſeine Familie wollten ihren beſtändigen Aufenthalt daſelbſt nehmen. Es fanden ſich viele vor⸗ nehme Leute bei Höoöf zu Beſuch ein. Prinz Leopold Maximilian gehörte zu den aufge⸗ weckten Lebemännern, war in ſeinen beſten Jahren der Kraft und liebte die Heiterkeit, vorzüglich wenn ſie einen ſoldatiſchen Anſtrich hatte. Daher befand man ſich in Bubainen ſehr wohl, die fürſtliche Gaſtfreund⸗ ſchaft knauſerte nicht. Indem Marie ſich jetzt in dieſe Zeit zurückdachte, überflog ein ſanfter Roſenſchimmer ihr tiefblaſſes Antlitz, als Widerſchein einer ihr Herz mit Freude erfüllen⸗ den Erinnerung. Unter den Cavalieren, welche den Bubainer Hof beſuchten, trat die Geſtalt eines derſelben ſo lebhaft vor ihr geiſtiges Auge, daß kein Abbild von ihm ihn treuer hätte darſtellen können. Eines Tages nämlich brauſte eine luſtige Cavalcade von Cavalieren im forcirteſten Wettritt die Straße entlang, welche an der Wohnung Mariens vorüber nach dem Schloſſe —,— 121 führte. Die wie toll dahinraſenden Pferde durch gele⸗ gentliche Gertenhiebe zur Aufbietung aller ihrer Kräfte angetrieben, rangen, wie dies bei dieſen für Ehrgeiz nicht unempfindlichen Thieren nichts Seltenes iſt, gegen⸗ ſeitig um den Vorſprung. Dieſe wilde Jagd endete aber mit einem höchſt unerwarteten Unfall. Auf einem präch⸗ tigen Ungarroſſe, allen voranjagend, ſtürzte mit dem⸗ ſelben ein junger öſterreichiſcher Cavalier, Graf For⸗ tunatus Abneslo. Sein weit ausgreifendes Thier hatte bei einem ſeiner Sätze mit den Vorderhufen auf dem Wege lie⸗ gende kollernde Steine berührt, und dadurch des feſten Trittes, des Widerhalts entbehrend, gerieth es ins haltloſe Dahinſchießen und ſtürzte. Der junge Ca⸗ valier, ſtark an der Stirn blutend und bewußtlos, wurde in das nächſtbefindliche Haus gebracht, und dies war daſſelbe, wo Frau von Rönnenkamp mit ihrer Tochter wohnte. Durch friſche Waſſerumſchläge und einige Tropfen auf die Wunde geträufelten Balſam ward nicht nur deren Blutung geſtillt, ſondern ſeine anfängliche Bewußtloſigkeit gänzlich beſeitigt. Als er dankend das Haus verließ, haftete ſein Blick ſo feſt auf Marie, daß dieſe ſich unter demſelben ganz wirr werden fühlte. „Meiner Samariterin darf ich wohl meinen Dank 122 dadurch ausſprechen, daß ich Ihr morgen mich als ein im vollkommenſten Wohlſein ſich Befindender vorſtelle?“ fragte er, die Hand des jungen Mädchens an ſeine Lippen drückend. Marie erinnerte ſich nicht mehr, was ſie darauf geantwortet. Wie wäre das auch möglich geweſen! Im ganzen Leben war ihr kein Moment vor⸗ gekommen, wo ſie ſich ſo befangen gefühlt hätte wie jetzt, und doch war dieſe Befangenheit nicht von der Art, daß ſie einem Schreck geglichen oder als wider⸗ liche, beängſtigende Empfindung ihr Herz beklemmt hätte. Wie ſchön war er, ein Bild der Kraft, blühender, lebensfroher Jugend! Und ſo ſtand er jetzt vor ihr im Geiſte, er, mit dem ihr Leben, ihr ganzes Geſchick aufs innigſte ver⸗ webt war. Zufällig einen Blick nach der Richtung hinwer⸗ fend, in welche vorhin die Nachen mit der fürſtlichen Familie gefahren, bemerkte ſie, daß zwei derſelben zu⸗ rückkamen. Ihr gutes Auge bemerkte in dem voran⸗ ſchwimmenden Prinzeß Amalie und ſie eilte nun flüch⸗ tig dem Landungsplatze zu, wo ſie faſt zu gleicher Zeit mit derſelben anlangte. Die Urſache dieſer Rückkehr lag in dem einfachen Umſtande, daß der junge Fürſt Carolath vergeſſen hatte, daß der Raum in einer ſol⸗ chen Nußſchale von Nachen raſchen, unvorſichtigen Kör⸗ — .—— —+— ,/+—e ———— 123 perbewegungen höchſt ungünſtig ſei, und dabei zu einem unfreiwilligen Bade gekommen war, aus dem ihn einer der kräftigen Kahnführer durch einen raſchen Griff rettete. Prinzeß Amalie hatte ſich ſofort erboten, den triefenden Werber um ihre Hand nach Hauſe zu be⸗ gleiten, was Herr Leupold mit vielem Wohlgefallen aufnahm, da er darin ein Zeichen zu ſehen glaubte, daß ſich ihre Geſinnungen in Bezug auf den jungen Fürſten geändert haben müßten. Dieſe Anſicht machte ihn außerordentlich heiter, er pfiff ſeinen Lieblingsmarſch, und Frau von Ziegeſar, welche in dieſer glücklichen Stimmung den günſtigen Zeitpunkt zu gewahren glaubte, in dem ſie ihre Neu⸗ gier, wer der junge Fremde ſei, befriedigt zu ſehen hoffen könnte, fragte mit aller Süßigkeit, die dieſer alten Dame zu Gebote ſtand:„Durchlaucht, wer war denn der Fremde, der die gottesläſterliche Betiſe be⸗ gangen, Eure Durchlaucht für'n Bettelvogt anzuſehen?“ Herr Leupold blickte ſie groß an; aber er war in guter Stimmung.„Frage Sie ſeine Mutter“, gab er ihr kurz und barſch zur Antwort. „Seine Mutter? Ich kenne ſie ja nicht.“ „Ich auch nicht; aber jedenfalls hat er eine gehabt. Da kriegt Sie's ſicherlich heraus,'s müßte ſonſt mit der Schwerenoth zugehen.“ — q¶—— —— 124 Des alten Herrn Gegenwart war für deſſen Um⸗ gebung keine ſo einengende Schranke, daß ſie, ſobald er nämlich in guter Stimmung ſich befand, ſich hätte vom Gelächter auf Koſten der als ſehr neugierig be⸗ kannten Frau Hofmeiſterin abhalten laſſen ſollen. Er hatte ſogar dieſen Beifall gern, da es ihm jederzeit Vergnügen machte, wenn die Leute ſeine oft ins Gröb⸗ lichſte übergehenden Späße unter einander curſiren ließen. „Unſere Durchlaucht hat die Gnade, immer Bär zu ſein“, bemerkte Frau von Ziegeſar ſehr unwillig gegen ein paar andere Damen,„ich geb's ihm aber gewiß einmal wieder. Die alte Ziegeſar iſt auch nicht auf den Kopf gefallen.“ Es gehörte keineswegs unter die ſtabilen Vorkomm⸗ niſſe, daß Herr Leupold ausdauernd gut gelaunt blieb, denn es bedurfte nur ſehr geringen Anlaſſes, um ſei⸗ nen Jähzorn in überraſchender Schnelligkeit heraufzu⸗ beſchwören, indeß heute war noch keine Trübung ſeiner guten Stimmung eingetreten. Das Zuſammentreffen mit Doctor Stoll hatte offenbar Wunder gethan, indem dieſer zufällig den rechten Ton getroffen hatte, welcher bei dem alten Herrn ſtets von guter Wirkung war. Die tief begründete Grobheit des alten Deſſauers ſchüchterte zwar alle Welt ein, wer ihn aber genauer k ——,.,——,—— Um⸗ obald hätte g be⸗ Er erzeit Hröb⸗ ſiren Bär villig aber nicht mm⸗ blieb, ſei⸗ ufzu⸗ einer effen ndem lcher war. uers auer 125 kannte, wußte, daß derjenige, welcher ſich der gleichen Waffe gegen ihn bediente, oft felbſt in ſchwierigen Fällen ſich ſeiner Gunſt erfreuen durfte. Die Kürze, mit der ihm der Doctor geantwortet hatte, und dann das ihm von demſelben zuerkannte Prädikat Bettelvogt waren Waſſer auf ſeine Mühle geweſen, und ſtatt dem kurz Angebundenen, der ihn nicht einmal zu Worte kommen ließ, zu zürnen, wendete ſich ihm ſein be⸗ ſonderes Wohlwollen zu. Dergleichen reſolute Leute liebte er. Zudem war der Fall des jungen Fürſten Carolath ins Waſſer keine geringe Anregung für ihn zur Hei⸗ terkeit, obwohl er ſich aus Rückſichten hütete, dieſe an den Tag zu legen. Seiner Malia Erbieten, den ver⸗ unglückten Werber nach dem Schloſſe zu begleiten, ſtimmte die gute Laune noch höher und die der alten Ziegeſar ertheilte Abfertigung geſchah aus wirklichem Humor. Höchſt zufrieden mit dieſen kleinen Vorkommniſſen und der reichlichen Ausbeute an Lachſen, fuhr er ins Schloß zurück. Sein erſter Gang war zu Frau Anne⸗ lieſe, ſeiner Gemahlin, der er Rapport darüber abzu⸗ ſtatten ſich gedrungen fühlte. Viertes Kapitel. Herr Leupold, obwohl der anerkannteſte Haudegen des deutſchen Volkes und von den Soldaten für gefeit gegen Hieb, Schuß und Stich angeſehen und als Feld⸗ herr bewundert, in deſſen kriegeriſchem Lexikon nur die beiden Worte„drauf“ und„dran“ ſtänden, gehörte doch auch zu den Millionen, denen das Geſchick zuweilen einen höchſt unangenehmen Strich durch die Rechnung zu machen pflegt. Seine Hoffnungen auf Krieg zer⸗ rannen ſeit Jahren ſchon wie Waſſerbläschen, welche die Sonne aufzehrt, ſein Ehrgeiz erlitt Stöße, welche, da er es nicht verſtand, ſie mit der Feder zu pariren, was trotzdem ſchwer geweſen ſein würde, da ſie aus den höchſten Regionen herabkamen, ihn ſchwer ver⸗ 127 ſtimmten, ein Umſtand, der ſeinen ſchonungslos geplack⸗ ten Soldaten höchſt empfindlich wurde, die in der Re⸗ gel die guten wie die ſchlechten Stimmungen ihres Chefs büßen mußten. Es hatte ganz den Anſchein, als ſollten nach lan⸗ ger Friedensdauer die Befürchtungen ernſter Kriegs⸗ ereigniſſe feſten Grund finden. Gegen Oeſterreich und Rußland, welche die Anſprüche des ſächſiſchen Hofes— es war im Jahre 1734 und Auguſt des Starken Sohn auf dem Thron— in Polen unterſtützten, trat Frank⸗ reich als Vertheidiger des von den Polen gewählten Königs Stanislaus Leſczynſki auf. Für einen Kriegs⸗ mann von dem Schlage des alten Deſſauers war das nun eine höchſt ergötzliche Ausſicht, indem die Ueber⸗ nahme des Oberbefehls ihm nicht entgehen zu können ſchien. Indeß da ſchoben ſich ihm Rückſichten in den Weg, die ihm ſein Ehrgeiz ſelbſt auferlegte. Er hatte am Ende des Jahres 1733 beim Regensburger Reichs⸗ tage um die zweite Feldmarſchallsſtelle des deutſchen Reichs angehalten, da dieſelbe durch des Herzogs von Würtemberg Tod erledigt worden war, und um ſich aus der Verlegenheit zu helfen, hatte der Reichstag, dem durch den Uebergang der Franzoſen über den Rhein das Feuer auf die Nägel brannte, den Entſchluß gefaßt, ihn und ſeine beiden Mitbewerber um genannte 128 Stelle, den Nachfolger des würtemberger Herzogs und den Herzog von Braunſchweig⸗Bevern, zu Reichsfeld⸗ marſchällen zu ernennen, und ihn mit der dritten Stelle bedacht. Dieſe Zurückſetzung hatte Herrn Leupold, der das vollſte Recht zur erſten Stelle beſaß, da er nicht nur zweiundzwanzig Jahre Feldmarſchall in preußiſchem Dienſte war, ſondern auch frühere Uebereinkunft und Gewohnheit ihm zur Seite ſtanden, in den heftigſten Zorn verſetzt. Der Augsburger Reichstag empfing von ihm eine überſchwängliche Litanei von Schmeichelna⸗ men, und der alte Kriegsfürſt hatte zugleich die Be⸗ friedigung, daß ſein königlicher Freund in Berlin ſich durch die ſeinem Feldmarſchall widerfahrene Zu⸗ rückſetzung ebenfalls ſchwer beleidigt zeigte, und zwar ſo ſehr, daß er von ihm verlangte, die ihm angetra⸗ gene Würde gänzlich auszuſchlagen. Es erſchien dem alten Deſſauer als eine ſüperbe Genugthuung, die ihm zugeſchickte Reichstagsankündi⸗ gung mit einem Schreiben zurückzuweiſen, das ſeiner Stimmung gemäß Alles eher als eine von Süßigkeit überfließende Dankſagung ſein ſollte, und Herr Leupold würde in der Wahl der Ausdrücke nicht beſonders wähleriſch geweſen ſein. Es lag in ſeiner Gewohnheit, ſeine Annelieſe mit — 129 Allem vertraut zu machen, was ihm Gutes oder Schlech⸗ tes begegnete, da er ſich überzeugt hielt, daß ihr Geiſt ſchärfer und weiter blickender als ſein ſtets von Lei⸗ denſchaftlichkeit bewegter war. In Wirklichkeit gehörte eine ganz beſondere geiſtige Ruhe dazu, um ihm gegen⸗ über in Faſſung zu bleiben, denn er glich einem toben⸗ den Bergſtrom, der zornig über herabgeſtürzte Felſen⸗ maſſen dahinbrauſt und ſein wildſchäumendes Waſſer an die hohen ſteinigen Ufer ſeines Bettes hinan⸗ peitſcht. Nachdem er Frau Annelieſe ſeinen gleichſam in einer Flut von Verwünſchungen aus ſeiner Seele her⸗ ausgeſchwemmten Aerger über die ihm widerfahrene Zurückſetzung mitgetheilt hatte, erſtaunte er nicht we⸗ nig, daß ſie, als wenn er gar nicht zugegen wäre, das auf dem Nähtiſche vor ihr liegende Bibelbuch aufſchlug und ruhig darin las. Wie das zu deuten ſei, blieb ihm unklar, aber er war einmal im Zuge, ſein Regiſter von Flüchen losorgeln zu laſſen, und auf den Tiſch mit der Fauſt ſchlagend, daß deſſen Platte dröhnte, ſchrie er wüthend: „Schockſchwernoth, Annelieſe, was ſind das für ver⸗ fluchte Fiſſemadenten? Bin ich'n Lumpazi, daß Du mir nicht antworteſt? Gehörſt auch Du zu dem lendenlah⸗ men Reichstage, der mit ſeinen drei Sinnen mich zum Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. I. 9 130 dritten Reichsfeldmarſchall degradirt hat? Antwort! Antwort!“ „Warum ſchreiſt Du ſo, Leupold? Ich höre ſehr gut“, ſprach die hohe Frau. „Warum?“ Herr Leupold war von dieſer ruhigen Entgegnung ſo conſternirt, daß er für den Moment nicht wußte, was er entgegnen ſollte; ehe er jedoch noch den richti⸗ gen Ausdruck für ſeinen Grimm gefunden hatte, redete die Fürſtin weiter, indem ſie mit dem Finger auf eine von ihr geleſene Stelle in der Schrift deutete: „Hier ſteht's klar: Gott hat am ſechsten Tage den Menſchen geſchaffen.“ „Schöne Kerls drunter— Canaillen in allen Sor⸗ ten“, brummte Herr Leupold höchſt mißvergnügt. Frau Annelieſe nahm keine Notiz davon, ſondern redete in aller Ruhe weiter:„Wenn nun der Allmäch⸗ tige ſechs Tage brauchte, um das Höchſte und Voll⸗ kommenſte zu ſchaffen, ſo denke ich, kann der Menſch ſich nicht beſchweren, wenn er auch nicht gleich an ſein ſich geſtecktes höchſtes Ziel gelangt.“ Mit dieſen Worten klappte ſie das Buch zu, und ſich zu ihm wendend, ſagte ſie:„Ich begreife nicht, Leupold, warum Du einen ſo großen Werth auf den Wunſch Seiner Majeſtät des Königs legſt, daß Du 131 die Dir zuerkannte dritte Reichsfeldmarſchallswürde ab⸗ lehnen ſollſt? Im Zorn iſt Dir's entgangen, daß Seine Majeſtät in allzu großer Gewogenheit für Dich und zugleich um einen Feldherrn wie Dich für ſich allein zu beſitzen, Dir das als unumgänglich nöthig ans Herz gelegt hat; aber es iſt nicht nöthig und ein Kluger achtet derlei Rederei nicht, ſondern ſieht ſeine Zeit ab. Und dieſe Zeit kommt auch für Dich, Leupold, ſie kommt ſicher, wenn auch langſam.“ „Hm! Hm!“ brummte der Deſſauer.„s iſt etwas dran— gar nicht ohne. Hm, Seine Majeſtät hat mir allerdings zugeredet wie der Fuchs den Gänſen, kann's nicht anders ſagen.“ „Ich glaub's wohl, Leupold“, ſtimmte Frau Anne⸗ lieſe lächelnd bei.„Was thut man nicht, wenn man etwas für ſich allein gewinnen will? Und Seine Ma⸗ jeſtät hätte es gar zu gern, ſeinen Feldmarſchall nicht mit Kaiſer und Reich theilen zu müſſen, das iſt er⸗ klärlich.“ „Annelieſe, Du biſt— na, na, ich weiß ſchon was.“ Der Fürſt machte dabei ein ſo freundliches Geſicht, als dies überhaupt möglich bei ihm war.„Geſcheidter Teufelsbraten Du! Na, na, ſoll ſo ſein, wie Du da geſagt haſt. Mein königlicher Freund hat's Eiſen ſchmieden wollen, ſolange es noch heiß iſt— wird's 9* 132 Rechte ſein; aber andere Leute wiſſen's zu ſchmieden, wenn's auch kalt iſt. Nun aber noch ein Umſtand, der mich crepirt.“ „Nun?“ „Ich kann dem lendenlahmen Reichstage doch un⸗ möglich eine Dankantwort für ſeine hirnverbrannte Zurückſetzung meiner Perſon zuſchicken.“ „Gar keine, Leupold, gar keine. Die hochweiſen Herren vom Reichstage müſſen's fühlen, daß ihr gan⸗ zes Thun keiner Antwort werth iſt.“ „Annelieſe, das ſoll ſein! Million Schwerenoth! Was wiſſen die Dummköpfe, was Kaiſer und Reich ein ordentlicher Feldmarſchall nütze iſt! Hol' ſie dieſer und jener!“ In jenen Stunden, wo Herrn Leupold's Stimmung eine gute war, glich er vollkommen einem Löwen, der, am ſeidenen Bande von der Hand eines Kindes ge⸗ führt, die Gemüthlichkeit eines ſpielenden Kätzchens mit den gewaltigen Ausbrüchen ſeiner wilden Raubthier⸗ natur aufs überraſchendſte, jedoch zugleich aufs un⸗ gefährlichſte vereinigt. Seinen Lieblingsmarſch pfeifend, der auch zugleich das einzige Muſikſtück war, das er im Gedächtniſſe behalten konnte, denn für andere Muſikſtücke hatte er weder Ohr noch Verſtändniß, ſchob er Frau Annelieſens Arm in den ſeinen und ſie mußte 133 mit ihm einige Marſchübungen durchmachen, was jeder⸗ zeit ſeine gute Laune höher ſteigerte, denn ſeine Ge⸗ mahlin zählte hinſichtlich des Marſchſtudiums noch unter die Rekruten, deren Begriffsvermögen gewaltige Klippen zum Scheitern in dieſem erſten ſoldatiſchen Elementarunterricht findet, Klippen, welche der Stock des Korporals nach Möglichkeit zu beſeitigen befliſſen war. Bei dergleichen Excercitien hätte jeder Zuſchauer vermeinen ſollen, Herr Leupold würde in einem Anfall von Berſerkerwuth ſeine Gemahlin verſchlingen, denn er commandirte mit einer Stentorſtimme, als gelte es, ein Regiment im Tritt zu halten, und, der hohen Frau Wanken mit nach ſeiner Meinung recht blu⸗ migen Flüchen, woran er nie Mangel litt, zu regeln, machte ihm nach ſeiner Ausdrucksweiſe ungeheuren Jux. Zum Glück dauerten dieſe Ergötzlichkeiten nicht allzulange, um eine Anſtrengung für ſie zu werden, und gewiß konnte derjenige, welcher bei dem Fürſten in ſo glänzender Stimmung eine Bitte anzubringen hatte, auf deren Gewährung rechnen, vorausgeſetzt, daß ſie nicht ſeine Soldatenpaſſion berührte. Der alte Deſſauer befand ſich jederzeit im Kriegs⸗ zuſtande mit einer ihm eben nicht ſehr günſtig geſtimm⸗ ten Partei am Hofe zu Berlin, indeß Friedrich Wil⸗ helm I. hielt feſt zu ihm und ſo konnten ihn die 134 Hundsfötter nicht ausbeißen, wie er ſich zu ſeiner Genugthuung ſelbſt ſagte. Zuweilen aber ſchien es denn doch, als gewänne die ihm feindliche Partei mehr Raum bei dem Monarchen, als Herrn Leupold lieb war. Der König ſetzte dem Verlangen ſeines deſſauer Freundes, bei dem von Oeſterreich gegen Frankreich geführten Krieg mit mehr Truppen, als ſein zu ſtellendes Contingent erforderte, ſich zu betheiligen, entſchiedene Weigerung entgegen, und es kam zu Rei⸗ bungen, die nicht ſo günſtig für Herrn Leupold ablie⸗ fen, als er gehofft hatte, denn Seine Majeſtät verhehlte ihm keineswegs, daß ſein Gebaren, nach welchem Kriegführen und immer wieder Kriegführen das Alpha und Omega ſein ſollte, durchaus nicht ſeinen Beifall habe. Bei dem großen Verdruß, den der Bullenbeißer, wie der große Prinz Eugen ihn, den alten Waffen⸗ gefährten, nannte, über dieſe Verminderung ſeines Ein⸗ fluſſes auf ſeinen königlichen Freund empfand, glaubte derſelbe der ihm feindlich geſinnten Partei ein Paroli biegen zu müſſen, indem er ſich bemühte, den Kron⸗ prinzen Friedrich für ſich zu gewinnen, was auch in⸗ ſoweit nicht ohne Erfolg war, als er ſich zu deſſen Lehrmeiſter im Kriegsfache machte und der junge Thron⸗ folger anerkennen mußte, daß er keinen Zweiten finden 135 würde, der mit ſo eiſernem Fleiß ſich dieſer Miſſion unterziehen werde, als Herr Leupold dies that, obwohl der gebildete Geiſt des jungen Königsſohnes an ſeinem nur zu oft ins Rüde ausartenden Benehmen nicht ge⸗ ringen Anſtoß nahm und zugleich ſehr wohl durch⸗ ſchaute, daß die Haupttriebfeder des Deſſauers bei die⸗ ſem Lehramte lediglich in dem Beſtreben beſtand, ihm ſich unentbehrlich zu machen. Selbſt das Schickſal ſchien Herrn Leupold günſtig, ſein Ziel, am Berliner Hofe eine entſcheidende Stimme zu führen, zur Geltung kommen zu ſehen, denn der ein⸗ flußreichſte ſeiner Gegner, der Miniſter Grumbkow, wurde im März 1739 vom Tode abgerufen, und obwohl es noch eine Menge Anderer am Hofe gab, welche den alten Fürſten haßten, ſo waren ſie doch nicht ſo mäch⸗ tig, ein wirkliches Abwenden des Königs von ihm her⸗ beizuführen. Außer verſchiedenen ſehr bittern Aeuße⸗ rungen des Monarchen, daß an ſeinen Kronprinzen ſich kluge Leute jetzt in tiefſter Unterthänigkeit an⸗ hingen, fiel auch und keineswegs insgeheim man⸗ cher Seitenhieb auf Herrn Leupold, indeß fand ſich doch kein Zeichen, daß der kranke Monarch gegen ihn ernſtlich feindſelig geſinnt ſei. Den Gedanken, Herr Leupold ſei von dem Beſtreben, den Kronprinzen für ſich zu gewinnen, um bei eintretendem Thronwechſel ſich 136 im voraus eine einflußreiche Stellung zu ſichern, ge⸗ leitet worden, ſchlug der geringe Umſtand vollſtändig nieder, daß derſelbe in der geſchilderten Tabagie beim Eintritt des Kronprinzen ſitzen blieb, während die übri⸗ gen Mitglieder des Collegiums ſich wie auf Verab⸗ redung erhoben. Als Herr Leupold nach Deſſau zurückkehrte, nahm er das ſichere Bewußtſein mit ſich, daß es auch in ſeiner Abweſenheit der gegneriſchen Partei unmöglich ſein werde, etwas zu ſeinen Ungunſten über den König zu vermögen, weil er wußte, wie zähe Friedrich Wil⸗ helm I. an den einmal gefaßten Eindrücken und Ueber⸗ zeugungen feſthielt. Wenngleich niedergeſchlagen durch die faſt unabweisbare Vorausſicht, ſeines königlichen Freundes Leben als ein ſchon dem Tode angehörendes betrachten zu müſſen, befand er ſich doch in ganz guter Stimmung, und für ſeine Deſſauer war dies unter allen Umſtänden ein höchſt freudenreiches Ereigniß, deſſen Nachhall ſich ſogar auf ſein zu Halle garniſonirendes Regiment erſtreckte, indem die gewöhnlichen harten Stra⸗ fen in nicht ſo großer Zahl wie ſonſt über die Unglück⸗ lichen verhangen wurden. Der einzige Aerger, den er hatte, beruhte in dem fortgeſetzten Widerſtande, welchen Prinzeß Amalie dem von ihm gefaßten Projecte, ſie mit dem Fürſten Carolath zu vermählen, entgegenſetzte, in⸗ 137 deß ihr Anerbieten, den ihr octroyirten Zukünftigen nach ſeinem unfreiwilligen Bade beim Lachsfange nach Hauſe zu begleiten, hatte den alten Herrn ſehr be⸗ friedigt. Am Morgen nach dem Lachsfange ſpazierte der alte Fürſt in höchſt günſtiger Laune in ſeinem Zimmer auf und nieder. „Verfluchter Kerl. Bleibt lange! Hat doch's Wort gegeben“, wurde nach einer Weile von ihm hörbar und er befand ſich im Zuge, etwas grimmig zu werden. Draußen vor der Thür des Vorzimmers hatte ſich un⸗ terdeß ein Streit zwiſchen zwei Perſonen erhoben, von denen die eine der andern ſehr kategoriſch zurief:„Zurück da! Hier geht man nicht ſo geradezu, als wenn man beim Bauer wäre, bei dem Stall und Stube eins und daſſelbe iſt.“ „Er muß in einem ſaubern Lande aufgewachſen ſein, daß Er eben nur ſolche Bauern kennt“, lautete die mit ſonorer Stimme gegebene Antwort des Andern. „Bei mir zu Lande ſind auch die Bauern ganz reſpectable Leute, merke Er ſich das.“ „Was will der Herr bei Seiner Durchlaucht?“ „Wenn's Seine Durchlaucht erfährt, iſt's gerade genug, Ihm habe ich nicht Luſt, es auf die Naſe zu binden.“ 138 „Eins ſtecke ich Ihm. Seine Durchlaucht iſt'n ver⸗ flucht grober Gaſt. Wenn Er dem mit ſolchen Allotrias kommt, bricht der Ihm's Genick. Er wäre nicht der erſte, den er hat ablaufen laſſen.“ „Kann ſchon ſein“, ſagte jener gleichgültig.„Müſ⸗ ſen wir abwarten, iſt nicht anders. Jetzt mache Er kein langes Reden, melde Er mich bei Seiner Durch⸗ laucht.“ „Ja, wen denn? Er hat doch jedenfalls einen Namen.“ „Sehr richtig. Mein Vater hatte die Ehre, der Sohn eines Mannes zu ſein, der Stoll hieß. Wie heiße ich nun?“ „Wie ſein Vater, das liegt ja auf der Hand“, ant⸗ wortete jener lachend. „Sieht Er, wie gut wir uns verſtändigen? O, Er hat'’s hinter den Ohren.“ „Laſſe Er meine Ohren aus dem Spiele. Wer iſt Er ſonſt?“ „Doctor.“ „Menſchen⸗ oder Viehdoctor?“ „Mann, das iſt nicht auf Seinem Miſtbeet gewach⸗ ſen, was Er da ſagt. Unter den Menſchen gibt's ſo viel Vieh, daß man bei neunzig von hundert Fällen mit gutem Rechte ſagen kann: man iſt Menſchen⸗ und Viehdoctor zugleich.“ — 89 N 139 Dem Andern mochte das komiſch vorkommen und er ſagte lachend:„Ich ſehe ſchon, Er iſt der rechte Mann für unſern durchlauchtigen Schwerenöther, Er wird ſich nicht von ihm ins Bockshorn jagen laſſen. Sei der Herr nur gründlich grob, das iſt die einzige Manier, mit ihm ſo paſſablement durchzukommen.“ „Mache Er ſich darüber keine Sorge. Ich bin we⸗ der von Schüchterndorf noch von Angſtſtadt, auch habe ich den ungeheuren Vortheil auf meiner Seite, im Be⸗ ſitze einer gelöſten Zunge zu ſein.“ „Habe ich gemerkt.“ „Freut mich; nun melde Er mich aber.“ „Auf der Stelle.“ Der Diener ging in Seiner Durchlaucht Zimmer, konnte aber kaum ſeine Meldung gemacht haben, als der Außenſtehende auch ſchon Herrn Leupold's Stentor⸗ ſtimme in den Worten vernahm:„Soll ſich reinſcheren, der Sakermenter!“ „Trete der Herr Doctor ein“, ſagte der ihm die Thür öffnende Bediente laut und flüſterte ihm zu: „Der Alte ſcheint rackrig. Halte der Herr die Ohren ſteif.“ Mit einem dankenden Blick für dieſen gutgemein⸗ ten Wink überſchritt der Doctor die Schwelle des fürſt⸗ lichen Gemachs. Es gehörte allerdings eine ſehr ernſte Stimmung 140 dazu, um nicht hell aufzulachen bei dem ihm zu Theil werdenden Anblicke, und der Doctor Stoll verſpürte eine ſo gewaltige Neigung dazu, daß es ihm Ueberwin⸗ dung genug koſtete, nicht in dieſe gröbliche Ver⸗ irrung zu verfallen. Seiner Durchlaucht Empfangs⸗ coſtüm nämlich war das einfachſte, was es überhaupt geben kann; es beſtand in einem eben nicht allzu⸗ langen Hemde ohne weitere Zuthat irgend eines an⸗ dern Kleidungsſtückes, wenn nicht der graue Hut, der ſein Haupt deckte und mittels der breiten, ſtark abge⸗ nutzten Krempe einen tiefen Schatten auf das ohnehin dunkle Geſicht ſeines kriegsluſtigen Inhabers fallen ließ, als ein Beinkleider und dergleichen erſetzendes Kleidungsſtück betrachtet werden ſollte. Die ſehnige, lange Geſtalt in dem ſchlotternden Hemde, das dunkle, wetterdräuende Geſicht und der beſagte Hut— es war ein ausrangirter, wie er dergleichen Haupt⸗ zierden nur zu ganz beſondern Feierlichkeiten aufzuſetzen pflegte— ſahen zu abenteuerlich und burlesk aus, um ſeiner Erſcheinung, ſo ſehr Furcht einflößend ſie auch war, nicht den Beigeſchmack des Komiſchen zu ver⸗ leihen. „Kann Er zählen?“ ſchnauzte Herr Leupold den vor ihm Stehenden an. „Ich denke doch, Durchlaucht, daß die Leute wo — 141 anders nicht dümmer ſein werden, als die hier in Deſſau.“ „So? Wie viel Minuten über halb neun?“ Bei dieſer ſehr barſch gethanen Frage deutete der Fürſt auf das umfangreiche Zifferblatt einer in einem Nußbaumgehäuſe ſtehenden Wanduhr. „Sieben.“ „Sieben? So? Schwerenoth, Er exercirt eine ganz verfluchte Pünktlichkeit. Mit Schlag halb neun ſollte Er ſich bei mir melden laſſen.“ „Das trifft“, antwortete der Doctor, zugleich mit Seelenruhe ſeine doppelgehäuſige Sackuhr aus der Taſche ziehend und, nachdem er das Obergehäuſe von dieſem nach damaliger Mode ziemlich dickleibigen Zeit⸗ meſſer abgenommen, deſſen Zifferblatt Seiner Durch⸗ laucht mit der Frage vor die Augen haltend:„Wie viel Minuten, Durchlaucht?“ „Grade halb.“ „Sie iſt genau nach der Dresdener Kreuzthurmuhr geſtellt.“ „Aber Er iſt jetzt in Deſſau.“ „Gewiß, Durchlaucht, jedoch—“ „Nicht raiſonniren!'s Maul halten!“ wetterte der Alte, den es doch verdrießen mochte, daß dieſer Fremd⸗ ling ſich nicht im geringſten einſchüchtern ließ. Doc⸗ 142 tor Stoll ſteckte ſeine Uhr ein, machte eine tiefe Ver⸗ beugung und ging der Thür zu. Herr Leupold fühlte ſich von dieſem Beginnen ſo ungemein überraſcht, daß er erſt, als jener ſchon die Thür erreicht hatte, ſich von ſeinem Erſtaunen ſo weit erholte, um ihm nachzu⸗ rufen: „Halt! Wo will Er hin?“ „Fort und morgen Schlag halb neun nach Deſſauer Uhr wiederkommen.“ „So? Und warum das?“ „Weil ich mich der Hoffnung hingebe, Eure Durch⸗ laucht werden ſich dann gnädigſt daran erinnert haben, daß Jemand, der zu einer Beſprechung befohlen wor⸗ den iſt, ſein Mundwerk nicht zu Hauſe laſſen darf.“ Herr Leupold ſah ihn groß an, aber daß ihm die⸗ reſolute Art und Weiſe des Doctors gefiel, fand voll kommene Beſtätigung in ſeinem Gebrumm:„Für dies⸗ mal bleib' Er hier.“ „Durchlaucht zu Befehl.“ Der alte Herr kannte zu genau den Eindruck ſeines Blickes, um nicht auch dieſen Verſuch zu machen, den Doctor aus ſeiner Ruhe zu bringen. Er trat dicht vor ihn hin und ſchaute ihn ſo durchdringend an, daß an deſſen Stelle wohl Manchen eine Bangigkeit über⸗ kommen ſein würde, indeß auch nicht das leiſeſte Zwin⸗ 143 kern der Lider wurde bei dem jungen Mann bemerk⸗ bar, und die Folge davon war, daß ſich des alten Herrn Geſicht merklich erheiterte und er ſchließlich rief: „Er iſt und bleibt ein neunhäutiger Schwerenöther! Hab's aber gern, wenn mir Jemand ohne Furcht in die Augen ſieht. Halunken können das nicht.“ „Liegt in der Sache, weil ſie ſchlechte Gewiſſen haben“, ſtimmte der Doctor kurz bei. „Iſt wahr. Für ſolche Canaillen iſt der Galgen das Beſte.“ Nach einer Weile redete er weiter:„Weiß wohl, ich bin in vieler Leute Mäuler einer, der gleich hinterm Satan kommt, und bin gottesläſterlich ver⸗ ſchrien, als wäre ich ein Kinder freſſender Werwolf.“ „Ja.“ „Iſt Ihm das auch zu Ohren gekommen?“ „Habe das ſchon lange gehört.“ „Und Er hat doch keine Furcht vor mir? Wie kommt das?“ „Das will ich Eurer Durchlaucht wohl erklären.“ „Thu' Er das, bin neugierig darauf.“ Sofort hob Doctor Stoll an: „Der Arzt, welcher ſeiner heiligen Wiſſenſchaft mit voller Seele zugethan iſt, erringt den Muth, dem größ⸗ ten Feldherrn der Welt keck unter die Augen zu treten; der größte Feldherr aber iſt der Tod, von Niemand überwunden, von allen gefürchtet. Der Tod iſt eine ewige Majeſtät, vor der die aller Könige und Kaiſer wie Spreu zerſtiebt. Der Arzt lernt nicht allein am Todten den Sitz der Krankheiten erkennen, er lernt auch erkennen, wie nichtig alle Menſchengröße, aller Men⸗ ſchenruhm iſt und wie der Ruhmreichſte gleich wird dem Geringſten, wenn der Tod ihm naht. Durchlaucht, es ſind heilige, geweihte Stunden im Leben eines Arz⸗ tes, wenn er an Sterbebetten ſteht. Kann er auch das fliehende Leben nicht verlängern, den Tod nicht bannen, ſo fühlt er doch, wie reich ihn Gott begnadet hat, indem er ihn zum rechten und mit unerſchütter⸗ lichem Muthe ausgerüſteten Kämpfer gegen einen ſteten Sieger, wie der Tod einer iſt, gemacht hat. Ja, Durch⸗ laucht, das iſt ein großes und herrliches Bewußtſein! Wie wäre es da möglich, daß ein Arzt, dem ſein Ge⸗ wiſſen ſagt: Du haſt gethan wie ein echter Kriegshaupt⸗ mann und dem Unüberwindlichen Widerſtand entgegen⸗ geſetzt nach deiner beſten Kraft, Furcht und Zagen vor einem Menſchen haben könnte, und wäre dieſer mit aller irdiſchen Majeſtät bekleidet! Dieſe Furcht⸗ loſigkeit, Durchlaucht, duldet keine Heuchelei, keine Krie⸗ cherei neben ſich, weil ſie ein Quell der Wahrheit iſt und zugleich die Mutter des Glückes, das Leben mit heiterem Blicke anzuſehen; denn was iſt kürzer als — 145 unſere frohen Stunden, um die wir uns ſelbſt betrü⸗ gen, wenn wir ſie in thörichter Kopfhängerei unge⸗ nützt vorübergehen laſſen. So iſt mein Denken und Thun, Durchlaucht. Ich ſchaue mit hellem Blicke vor⸗ wärts und faſſe das Leben mit der Luſt eines Kindes auf, das ſich an einem bunten Bilderbogen ergötzt, unbekümmert darum, daß deſſen Rückſeite weiß und leer iſt.“ Herr Leupold hatte dieſer Erklärung des Doctors mit großer Aufmerkſamkeit zugehört, doch kaum ſchwieg dieſer, ſo faßte er ihn bei beiden Schultern, und ihn derb ſchüttelnd, ſchrie er mit Poſaunenſtimme:„Straf' mich Gott, Er gefällt mir! Er bleibt hier— Er muß hier bleiben, ich laſſe Ihn nicht fort— ſoll Hofmedi⸗ cus werden. Der alte Grumbach pfeift ohnehin auf dem letzten Loche, wird bald abfahren, dann iſt Er Hofmedicus. Will Er?“ „Durchlaucht gnädigſtes Anerbieten nehme ich dank⸗ bar an.“ „Das iſt geſcheidt von Ihm. Will Ihn auch ſou⸗ teniren und nicht lumpig. Aber ein Vocativus iſt Er doch bei alledem.“ „„Inwiefern, Durchlaucht?“ „Er hat mir da etwas von einem Nachbarkinde erzählt, um deſſentwillen Er ſo in der Welt herumwandere.“ Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. I. 10 „Ganz recht; Anna von Audritzky.“ „Ja, und das Nachbarkind möchte Er zum eigenen Kinde machen— die alte Geſchichte von der Rippe— kenne das“, lachte der alte Herr hell auf. „Durchlaucht, das geht nicht ſo leicht, als es viel⸗ leicht ausſieht.“ „Das wäre die Schwerenoth! Wenn ich ihr befehle, Ihn zu heirathen, geht's ohne alle Umſtände.“ „Es geht nicht“, entgegnete entſchieden der Doctor. „Eure Durchlaucht können wohl Ihre Soldaten und dergleichen unterthänige Leute nach Ihrem Belieben verheirathen, aber über eine freie adlige Dame zu verfügen, haben Eure Durchlaucht kein Recht. Und übrigens heirathe ich auch nicht auf Commando.“ „So? Millionen— Höre Er, Er iſt doch ein Grob⸗ ſack Nummer eins.“ Der alte Herr ſchien ein wenig unangenehm von dieſem ihm ohne alle Verzuckerung ausgeſprochenen Widerſtande ſich berührt zu fühlen, er trat ein paar Schritte von ihm weg und maß ihn mit einem grim⸗ migen Blicke. „Aber ein Grobſack, der nie hinterm Berge hält, und das iſt auch was werth, Durchlaucht. Der rechte Mann ſagt allezeit, wie's ihm ums Herz iſt; unter⸗ thänige Heuchelei taugt den Teufel nicht.“ — e, Unter allen Umſtänden hätte Doctor Stoll keine beſſer wirkende Art und Weiſe finden können, um Herrn Leupold's für ihn günſtige Meinung feſtzuhalten, als daß er rückhaltslos, wie er gegenüber dieſem ſtets zur Gewaltthat aufgelegten Herrn doch eigentlich war, ſeine Meinung ausſprach. Der Lakai, mit dem er im Vorzimmer converſirt, hatte vollkommen Recht, wenn er, auf hinlängliche Er⸗ fahrungen in ſeiner dienſtlichen Stellung geſtützt, ihm in den Worten:„Er iſt der rechte Mann für unſern durchlauchtigen Schwerenöther, Er wird ſich nicht von ihm ins Bockshorn jagen laſſen“, gleichſam die Richt⸗ ſchnur andeutete, die er im Verkehr mit dem Gewaltigen feſtzuhalten habe. Doctor Stoll fühlte es durch, daß es in der Situation, in der er ſich jetzt befand, beſon⸗ ders darauf ankomme, ſich ſeine Unabhängigkeit zu bedeutend war, mußte für ſpäter unangenehme Conſe⸗ quenzen für ihn nach ſich ziehen. Die Pauſe, welche Seine Durchlaucht in der Beſprechung eintreten ließ, war die natürliche Folge der Ueberraſchung, Jemand gefunden zu haben, der ohne alle Furcht ſich ſeinem Willen widerſetzlich zeigte, was ſeinen Zorn ſtark in Erregung brachte, da dergleichen Gebaren bisher in Deſſau unerhört war; aber zugleich kämpfte die Hoch⸗ 10* 148 achtung, die er vor dieſem nicht zitternden Gegner empfand, der als ſeltenes Phänomen ihm erſchien, als eine nicht nur ehren⸗, ſondern auch bewundernswerthe Ausnahme von der Regel, ſich vor ihm unterwürfig zu zeigen, ſo lebhaft gegen jeden Umſchlag ſeiner guten Stimmung in wirklichen Grimm, daß dieſer nicht aufkommen konnte. In dieſem Zwieſpalt mit ſich ſelbſt bot der alte Deſſauer ein außerordentlich komiſches Bild in ſeiner Perſon. Er hatte ſich dem Fenſter zugewendet und hinausſehend, ließ er zuweilen Seitenblicke auf den Doctor fallen, die keineswegs viel Gutes verkündeten. Indeß dieſe Verſtimmung Herrn Leupold's endete wider alles Erwarten ſchnell und er ließ ſich brummend ver⸗ nehmen: „Heirathen will Er ſie, aber die gute Gelegenheit dazu nicht wahrnehmen— wie zum Teufel iſt das zu verſtehen?“ „Sehr einfach, Durchlaucht. Anna's Mutter iſt eine wohlbemittelte Dame aus einer böhmiſchen Adelsfamilie, die vor mehr als hundert Jahren wegen der Ver⸗ folgung um ihres proteſtantiſchen Glaubens willen ihre Heimat verlaſſen mußte und ſich in meiner Va⸗ terſtadt Zittau anſiedelte, wie viele andere böhmiſche Proteſtanten ſchon gethan hatten. Frau von Audritzky „ „ 149 iſt im vollen Rechte, wenn ſie beabſichtigt, ihre einzige Tochter mit dem Sohne einer ebenfalls böhmiſchen Exulantenfamilie von Adel, die in der Nähe Zittaus ſich ein Beſitzthum erworben, ehelich zu verbinden. Sie überſieht da nur eins, nämlich daß ſich die Liebe um alten Familiendünkel den Kukuk kümmert.“ „Da hat Er Recht, das iſt Flunkerei“, ſtimmte der Fürſt in Erinnerung an die Hinderniſſe bei, welche ihm hinſichtlich ſeiner Verbindung mit ſeiner Annelieſe, der Apothekerstochter, in den Weg geſtellt worden wa⸗ ren. Der Rückblick auf jene Zeit, wo er mit jugend⸗ lichem Ungeſtüm alle Pläne der Hofſchranzen, ihm dieſe Partie zu verleiden, zu nichte gemacht, ſtimmte ihn jederzeit ſehr heiter und faſt leidenſchaftlich rief er: „Sie muß ſein werden. Laß Er nicht los.“ „Iſt von mir gar nicht zu befürchten. Was ich habe, halte ich feſt.“ „Recht ſo; drauf und dran iſt immer das Beſte geweſen und wird's bleiben. Ein blöder Hund wird ſelten fett.“ Nach dieſem höchſt unäſthetiſchen Vergleiche, der ihm jedoch ſehr gewählt vorkommen mochte, denn er lachte hellauf, commandirte er:„Weiter!“ „Es iſt da nicht mehr viel zu berichten, als daß Frau von Audritzky, ſobald ſie ſpitz kriegte, daß Anna und ich ein Herz und eine Seele waren, ihr Möglichſtes that, uns aus einander zu bringen. Wäh⸗ rend ich im benachbarten Schleſien mir einen Platz ſuchte, wo ich eine genügende und lohnende Praxis fände, ward Anna von ihrer Mutter nach Dresden zu einer ebenfalls böhmiſchen adligen Exulantenfamilie gebracht. Man glaubte uns nun gänzlich und für immer von einander geſchieden, denn ich war in Schle⸗ ſien feſt angeſtellt; aber das erwies ſich als eine Rech⸗ nung ohne Facit. Ich gab meine Stellung auf und kehrte unerwartet nach Zittau zurück. Ehrlich und offen hielt ich um Anna's Hand an und wurde zurückgewieſen, weil ich von bürgerlicher Abkunft ſei. Anna's Aufent⸗ halt blieb für mich Geheimniß, bis ich endlich durch Zufall erfuhr, ſie ſei in Dresden. Dort angekommen, ſchien es faſt, als ſollte ich ihre Spur für immer ver⸗ lieren. Trotz allen Forſchens war es mir nicht mög⸗ lich, nur die geringſte Auskunft zu erlangen. Als Famulus eines der königlichen Leibärzte wurde ich eines Tages in eine adlige Familie gerufen, und bei einem der ärztlichen Beſuche, die ich der kranken Dame des Hauſes machte, überraſchte es mich nicht wenig, als eine Freundin derſelben, während ich ein Recept nie⸗ derſchrieb, von Anna von Audritzky erzählte, die ſie auf der Durchreiſe in Deſſau, wo ſie ſich als Fräulein der —— 151 gnädigſten Frau Fürſtin ſehr glücklich fühle, aufgeſucht habe. Drei Wochen ſpäter befand ich mich auf dem Wege hierher, und“— fügte er hinzu—„Eure Durch⸗ laucht werden mir zugeſtehen, daß ich Höchſtdero all⸗ bekannte Loſung: Drauf und dran! in die ſchönſte Praxis von der Welt übertragen habe.“ „Das Lob muß ich Ihm geben. Er iſt ein Him⸗ melſakermenter; aber gerade ſolche habe ich gern. Kerls wie die Waſſerſuppen kann ich nicht leiden. Nun noch eins. Geſtern ſagte Er mir, daß Er einen Bruder in Wien habe?“ „Ja, Durchlaucht.“ „Was iſt der?“ „Privatſecretär bei Seiner Excellenz dem Herrn Reichsgrafen von Wurmbrand, Präſidenten des Reichs⸗ hofraths und der Reichskanzlei.“ „So, ſo!“ Herr Leupold ſchien über etwas nachzudenken, in⸗ deß es konnte nichts Unangenehmes ſein, was ihn be⸗ ſchäftigte, im Gegentheil ſchien es ſeine gute Stimmung zu erhöhen, denn nach einer Weile fragte er:„Mit dieſem Bruder ſteht Er wohl in gutem Einvernehmen?“ „Im beſten, Durchlaucht.“ Der Doctor konnte ſich nicht erklären, was Seine Durchlaucht mit dieſer Frage bezwecke; nur die Bemerkung 152 drängte ſich ihm auf, daß der alte Herr noch freundlicher als vorher ſich gegen ihn bezeige. Er ließ ihm die Wahl, ob er ein ihm im Schloſſe anzuweiſendes Loge⸗ ment oder eine Privatwohnung in der Stadt beziehen wolle, und da der Doctor ſich für letztere entſchied, weil ihm eine ſolche wegen der Freiheit, die ſie ihm ge⸗ währte, weit wünſchenswerther erſchien, verſprach ihm Herr Leupold, eine ſolche für ihn zu requiriren, mit der er zufrieden ſolle. Er habe nur getroſt im Dorn⸗ buſche auf die Anweiſung zu warten. Am Nachmittage ſolle er ſich wieder bei ihm melden laſſen. So war dieſe Beſprechung beendet, und als der Doctor das Vorzimmer paſſirte, trat der Diener mit den Worten an ihn heran:„Der Herr Doctor ſieht ja ſo fröhlich drein wie'n Maikätzchen! ˙s iſt wohl Alles gut gegangen mit unſerm alten Schwerenöther?“ „Ganz gut, ganz gut“, antwortete der Doctor lachend.„Werdet bald was Neues erleben am Hofe.“ „Ach! Was denn? Mir kann's der Herr ſagen, ich bin verſchwiegen.“ „Wirklich? Bring' Er's aber nicht unter die Leute, ſoll noch Geheimniß bleiben vor der Hand.“ „Stumm wie'n Fiſch.“ „Seine Durchlaucht tritt mir die Regierung ab. Aber ruhig ſein, Niemand ein Wort davon ſagen! Hört Er?“ — N 153 Verblüfft blickte der Diener dem raſch Forteilenden nach. Hätte der alte Herr im Zimmer nicht mit ge⸗ waltiger Stimme„Jakob!“ gebrüllt, ſo würde jedenfalls der wie ein Fiſch Stumme in Reflexionen ſich vertieft haben, welche nicht ſehr günſtig für den Doctor aus⸗ gefallen wären. Dieſer ſchlenderte jetzt vergnügt durch die Stadt, die ohne ihres durchlauchtigen Herrn Bau⸗ und Verſchönerungsluſt nicht viel mehr als eins jener kleinen armſeligen Städtchen geweſen wäre, wie es damals deren ſo außerordentlich viele in Deutſchland gab, nun aber eine ganz reſpectable fürſtliche Reſidenz⸗ ſtadt zu ſein ſich ſchmeicheln konnte. Herr Leupold wandte allerdings zuweilen ſeltſame Mittel an, um die Summen herbeizuſchaffen, welche er zur Verſchönerung ſeiner Reſidenz bedurfte, aber im Ganzen zeigte ſich ſein Calcül doch als ſtets zutreffend; ſein Deſſau glich einer jungen Schönen, welche Aufſehen zu machen beginnt. Wer hätte in dieſem zu Gewaltthaten mit Vorliebe ſich hinneigenden Kriegsfürſten, deſſen Name weit und breit als der eines wilden, unerbittlichen Herrn bekannt war, von dem man Tauſende von Schnurren, aber auch eine Menge von Beiſpielen erzählte, welche einen harten, grauſamen Charakter bezeugten, eine Vorliebe für Schönes und Augengefälliges ſuchen ſollen, wenn nicht 154 die vielen Bauten als dafür ſprechende Beweiſe es be⸗ ſtätigt hätten! War ihm auch wie ſeinem königlichen Freunde in Berlin alle Gelahrtheit ein Greuel, ſo be⸗ ſaß er doch einen geſunden Menſchenverſtand, der wie ein Schild deckend vor die großen Lücken trat, welche ſeiner Erziehung zufolge in ſeinem Wiſſen beſtanden, denn ſein Vater wollte durch ihn das ſonderbare Pro⸗ blem löſen, was aus einem Fürſtenſohn werden könne, wenn derſelbe in Schul⸗ und höhern Kennt⸗ niſſen verwahrloſt aufwachſe. Daß das Geſchick ſich dieſem Problem ſo überaus günſtig erwies und den allen ſeinen wilden Neigungen überlaſſenen Fürſtenſohn mit einem kerngeſunden Denk⸗ vermögen und einem eiſenfeſten Körper ausſtattete, mit einem zwar rohen, aber kräftigen, unbeugſamen Sinn begabte, mit dem ſich der tollſte Muth, unerſchütterliche Ausdauer und Zähigkeit, Kaltblütigkeit in allen Ge⸗ fahren, aber auch ein überwiegend organiſatoriſches Talent verband, und was bei dieſer Rohheit, die lei⸗ der nicht ſelten in Verwilderung und Gemeinheit ausartete, als Wunder erſchien, mit einem zart be⸗ ſaiteten Gemüth, welches freilich nur ſelten von ſeinem Vorhandenſein Kunde gab, ihn beſchenkte, das war ein gelungener Glücksfall, den Herr Leupold nochmals und zwar mit überraſchend gutem Erfolge in ſeiner Söhne — —— ———— 155 Erziehung in Scene ſetzte, ſodaß der berühmteſte der⸗ ſelben, ſein Lieblingsſohn Moritz, als preußiſcher Feld⸗ marſchall noch nicht ſchreiben konnte. So war denn der alte Deſſauer ein lebendes Wun⸗ der ſeiner Zeit, ſeine Reſidenzſtadt ein unvergängliches Denkmal ſeiner edlern Wirkſamkeit. Doctor Theobald Stoll wollte, nachdem er das nur kurz vor Anbruch des letzten Winters im Bau beendete Palais des Prinzen Moritz in der Cavalier⸗ ſtraße in Augenſchein genommen, ſich noch die Fürſten⸗ ſtraße anſehen; aber er bemerkte Niemand, den er hätte danach fragen können. Die Cavalierſtraße war ſo ſtill, wie der Begräbnißplatz es geweſen war, auf deſ⸗ ſen Grund und Boden Herr Leupold ſie vor drei Jahr⸗ zehnten hatte erbauen laſſen, weshalb ſie im Volks⸗ munde immer noch die Todtenpforte hieß. Gewiß war es nur ein launiger Einfall, welcher den Fürſten bei der Namensbezeichnung dieſer breiten, hübſchen Straße geleitet hatte, da er gerade derjenige war, welcher den im deſſauer Lande angeſeſſenen Adel, alſo die Cavaliere, durch alle denkbaren Manipulatio⸗ nen ſo ziemlich ausgemerzt hatte. In einiger Entfernung ſah der Doctor indeß eine Hökerin mit ihrem kleinen Kram an einer rechter Hand einmündenden Straße ſitzen. Er ſchritt auf die Frau ———— 156 zu, überzeugt, daß er von ihr die beſte Auskunft er⸗ langen würde. Ehe er ſie erreichte, ſprang ein Knabe aus einem Hauſe und eilte denſelben Weg voraus, den er ging. Zu gleicher Zeit hörte er Hufſchlag. Ein geſatteltes Pferd, aber ohne Reiter, jagte, ſeiner Frei⸗ heit ſich erfreuend, die Straße entlang. Der Knabe ſchrie fürchterlich. In ſeiner Angſt ſtolperte er, als er den Kram der Hökerin faſt erreicht hatte, über einen im Wege liegenden Stein und riß einen Korb, der mit einem Bret verdeckt war, auf dem Semmel, Wurſt und einige Pefferkuchen lagen, um. „O Du Judenracker!“ ſchrie das Weib wüthend, „Dich ſoll doch gleich ein Graupelwetter niederſchmei⸗ ßen!“ Der Knabe mochte wohl etwas hart aufgefallen ſein, er vermochte nicht der keifenden Megäre zu ent⸗ fliehen, die ihn bei den Haaren emporriß und mit Ohr⸗ feigen tractirte. „Will Sie wohl, alter Drache?“ rief der Doctor, ihr plötzlich in den Arm fallend.„Sieht Sie nicht, daß das ein ſchwächliches Kind iſt?“ „Ach was, ſchwächliches Kind!'ne Judenrange iſt's, die unſerm Herrgott den Tag und uns das tägliche Brod aus der Taſche ſtiehlt“, kreiſchte die Alte.„Mit der Brut muß man kein Erbarmen haben, unſere — α— ◻ᷣ— „— — 157 Durchlaucht ſieht die Canaillen Menſchen an.“ „Aber ich ſehe ſie als ſolche an und das wird Ihr vor der Hand genug ſein, ſonſt macht Sie mit meinem Stocke Bekanntſchaft. Laſſe Sie den Knaben los.“ Der Ernſt in der kräftigen, ſonoren Stimme und in dem drohenden Blicke des Doctors ſchüchterten das Weib ein, ſie ließ die Hand aus dem dunklen Haare des Knaben und fragte: „Wer iſt Er denn, daß Er hier befiehlt?“ „Geht Sie nichts an“, antwortete jener kurz, und aus der Weſtentaſche ein kleines Silberſtück nehmend, 4 auch nicht als richtige warf er es ihr mit den Worten in den Korb:„Sie hat keinen Schaden gelitten an Ihren Sachen; das iſt für die Mühe, Ihren Kram aufzuleſen.“ Und zu dem weinenden Knaben ſagte er, ihm gütig die thrä⸗ nennaſſen Wangen ſtreichelnd:„Beruhige Dich, Klei⸗ ner. Sie wird nicht mehr Hand an Dich legen. Komm, ich führe Dich ein Stück Wegs.“ „Ich wollte nach Hauſe zum Vater“, ſprach der Knabe zaghaft. 2 „Wohnſt Du weit von hier?“ „Gleich hier um die Ecke in der Hospitalſtraße, das fünfte Haus.“ „So komm.“ 158 Der Kleine hinkte etwas von dem harten Falle, der Doctor ging daher langſam mit ihm. Daß ſein Schützling keineswegs zu denen ſeiner Altersgenoſſen zählte, deren Aeltern wohlhabend ſind, bemerkte der Doctor wohl, aber es entging ihm auch nicht, daß ſein blaſſes Geſicht einen außerordentlich gutmüthigen Aus⸗ druck hatte; es war in dieſem Knabenantlitz etwas Mildes, Freundliches, welches ſelbſt die immer noch ihm über die Wangen rinnenden Thränen nicht ver⸗ ändern konnten. „Wer iſt Dein Vater?“ „Schulmeiſter Mendel.“ In dieſem Moment traten ein paar Männer aus einem niedrigen, unanſehnlichem Hauſe. „Da iſt mein Ette und Reb Kaſcher aus Breslau“, ſagte der Knabe. „Gott gerechter, was iſt geſchehen meinem Mo⸗ ſes?“ rief der kleinere von den beiden Männern, auf des Doctors Schützling zueilend.„Sühn, Jün⸗ gelche, was iſt Dir geſchehen? Du haſt geweint, ich ſeh's doch!“ 9 „Die Frau Binſe an der Ecke hat mir gegeben Makes, weil ich bin gefallen im Schreck vor'nem wil⸗ den Pferde und habe umgeriſſen ihren Korb.“ „Soll mich Gott leben laſſen, ich kenne den Herrn“, —— —— —— 59 ſprach der andere Jude, ein wohlhäbiger Mann in einem , n ſchwarzſeidenen Kaftan und mit einer hohen feinen Krim⸗ n mermütze auf dem Haupte, an den Doctor herantretend. „Es iſt mir auch ſo, als wäre mir der Herr nicht n 4 fremd“, antwortete dieſer,„aber ich kann mich nicht deutlich erinnern, wo—“ V„Beim Herrn Löbel Meyer, Seiner polniſchen Ma⸗ jeſtät Geldnegociant in Dresden, iſtis geweſen vorm Jahre“, half ihm jener ein. „Ja, ja, die Tochter Herrn Meyer's war plötzlich erkrankt, ich entſinne mich jetzt.“ „Reb Kaſcher, wollt Ihr nicht kommen ins Haus zurück?“ fragte der Schulmeiſter.„Wir können doch nicht ſtehen laſſen den Herrn vor der Thür auf der Straße. Was müßte er denken von unſerer Lebens⸗ art! Und mein Bocherl, mein Moſes, würde ſich freuen, wenn Ihr ihm legtet auf die Makes von dem groben Weibsbilde ein Maiſſle(Geſchichtchen).“ „Er macht mich noch todt, Euer Moſes, durch die h Maiſſle. Wo ſoll ich ſie zuletzt doch herkriegen!“ lachte Reb Kaſcher.„Gott, was für'n wißbegierig Bocherl!“ Und zu dem Doctor ſich wendend, ſagte er:„Gefällt's dem Herrn, mit einzutreten?“ „Ich ſchlag's nicht aus.“ Mit dieſen Worten folgte der Doctor dem voranſchreitenden Schulmeiſter. 160 Es war ein kleines armes Judenhaus, das er be⸗ trat, welches aber den Funken eines großen Geiſtes barg, der ſpäter zur höchſten Geltung bei allen Den⸗ kern und Gebildeten gelangte, ein Weiſer ſeiner Zeit, eine Zierde ſeiner Nation, ein milder, verſöhnungsreicher, großer Philoſoph wurde. Eine mehr breite als lange Stube mit niedriger Decke, ziemlich düſter, nahm die Eintretenden auf, die, mit Ausnahme des Doctors, mit den Fingerſpitzen die geheiligte Stelle am Thürpfoſten berührten, wo unter einem Fenſterchen der Name „Schadai“(Gott) durchblickte, und dann die durch dieſe Berührung gleichſam geweihten Fingerſpitzen küßten. „Gott's willkommen“, ſprach Schulmeiſter Mendel zum Doctor,„und mag's dem ehrenreichen Herrn gut gehen ſein Lebtag, daß er iſt geweſen der Schützer eines Judenkindes, welches der traurigen Rohheit eines ſchlimmen Weibes anheimgefallen war. Ich kann's dem Herrn nicht anders lohnen als durch einen Dank in Worten, denn ich gehöre zu den armen Balbatims(Fa⸗ milienvätern) meines ſo ſchwer geknechteten Volkes.“ „Ich verlange gar keinen Dank, keinen Lohn, und will der Herr, daß ich nicht fortlaufen ſoll wie einer, dem die Sohlen unter den Füßen brennen, ſo laſſe Er den Religionsunterſchied beiſeite. Ich ſag's Ihm offen und ehrlich, daß, als ich dem häßlichen Weibsſtück 161 wehrte, den Knaben zu ſchlagen, ich nicht im entfern⸗ teſten daran dachte, er ſei ein Judenkind. Bei mir übt es gar keinen Einfluß, Jemand höher oder ge⸗ ringer zu achten, weil er dem oder jenem Bekenntniß angehört; der brave Menſch iſt für mich allein das entſcheidende Moment, mag er Gott dienen, wie er will, darum kümmere ich mich nicht. Der Kleine be⸗ durfte meiner Hülfe, und das war beſtimmend für mich, zu thun, wie ich gethan.“ „Soll mich Gott leben laſſen!“ rief Reb Kaſcher. Solche Rede zu hören, iſt'ne Wohlthat für ſo hart ge⸗ drückte Leut' wie wir, die Kinder Israels, und ab⸗ ſonderlich in einem Ort wie Deſſau, wo die Durch⸗ laucht unſere Leut' für'ne Schafheerde anſieht, die nur dazu da iſt, daß ſie ihm gibt ihre Wolle.“ Durch dieſe gegenſeitigen Aeußerungen bahnte ſich ein Geſpräch an, das die drei Männer ſo ſchnell mit einander vertraut machte, als hätten ſie ſich ſchon lange gekannt. Reb Kaſcher, ein wohlhabender Seidenhändler aus Breslau, war ein Chachomim Israels, das heißt, ein Weiſer, ein Gelehrter ſeines Volkes, der nicht nur in ſeiner Kille(Gemeinde) in großem Anſehen ſtand, ſon⸗ dern auch auswärts in den Gemeinden, in die ſeine kaufmänniſchen Verbindungen ihn führten, die allge⸗ meinſte Achtung genoß. Franz Carion, Ein deutſcher Fürſt. I. 11 162 Reb Kaſcher war ein warmer, herzlicher Freund des Schulmeiſters Mendel, der trotz ſeiner armſeligen Verhältniſſe unter den Denkenden ſeines Volkes eine ehrenvolle Stellung einnahm. Die Elementarſchule, die er leitete, bot dem Mann keine Mittel, ſeine äußere Lage zu verbeſſern, die Armuth laſtete ſchwer auf ihm und bereitete ihm einen täglich fortgeſetzten Kampf, darum mußte ihm auch die Freundſchaft eines Wohl⸗ habenden, der noch obendrein als Chachomim in An⸗ ſehen ſtand, gleichſam als eine Entſchädigung für ſo vielen Kummer erſchienen, den er mit ruhiger Erge⸗ bung trug. Doctor Stoll fand ſich angenehm über⸗ raſcht durch die Erkenntniß, in Deſſau, wo eigentlich nur die Schwereroth und der Soldatenſtock regierten, alles höhere Wiſſen aber als Unrath betrachtet wurde, mit Män⸗ nern bekannt geworden zu ſein, deren Anſchauungen in vielen Beziehungen mit den ſeinigen zuſammentrafen. Der unfreiwillige Urheber dieſer Bekanntſchaft, der kleine Moſes, lehnte an Reb Kaſcher's über einander geſchlagenen Knieen und horchte mit offenem Ohr und leuchtenden Augen dem, was ſie ſprachen. Er war ein ſchwächlicher Knabe, ſein freundliches Geſicht zeigte bei dieſer ſeine geringe Körperkraft weit überſteigenden geiſtigen Thätigkeit ein allmäliges tiefes Erbleichen. Daſſelbe bemerkend ſagte der Doctor Stoll: ,2 8 8x 4 — 163 „Es wird gut ſein, Herr Mendel, wenn Ihr Euer Söhnchen entfernt. Ich ſehe, daß das Geſpräch, wel⸗ ches wir mit einander führen, ſein Nachdenken un⸗ gebührlich in Anſpruch nimmt. Seht ihn an, wie bleich er geworden iſt unter der Anſtrengung, das aufzufaſſen, wovon wir hier reden! Solches Erbleichen iſt kein gutes Zeichen.“ „Geh hinaus, mein Jüngelche“, befahl der Schulmeiſter. „Du biſt noch zu jung, um über ernſte und ſchwere Dinge ein richtiges Verſtändniß zu faſſen. Das ſind Dinge, die Dir noch fern liegen, die Du noch nicht ver⸗ ſtehſt.“ Ueber das bleiche, ſchmale Geſicht des Knaben lief ein flüchtiges Lächeln und leiſe ſagte er:„Ich hab' ſie doch verſtanden.“ „Du haſt ſie verſtanden, Jüngelche? Was haſt Du verſtanden?“ Der kleine Moſes ſchwieg eingeſchüchtert, ſein Blick flog ängſtlich zu den Augen Reb Kaſcher's auf. „Red's'raus, mein Bocherl, red's'raus“, eiferte ihn dieſer an, ihm liebkoſend über die Wangen ſtreichend. „Will Dir dann auch erzählen ein ſchön Maiſſle von einem berühmten Dichter von unſere Leut' in Spanien, was mir grad' jetzt einfällt.“ Da blitzte es wie ein heller Sonnenſtrahl über das 11* 164 bleiche Knabengeſicht und er ſprach, mähtent eine feine Röthe daſſelbe überflog: „Ihr habt geredet davon, wie es zu ermöglichen wäre, von unſere Leut' die große Unwiſſenheit und die Abgeſperrtheit zu nehmen, daß ſie nicht mehr ſo ver⸗ achtet würden von den Chriſten, und wie das nur ge⸗ ſchehen könne, wenn ſich bei uns große Chachomim fänden, deren Lehren und Beiſpiel von den Chriſten hochgeachtet würden.“ Vater Mendel ſtand ſtaunend, die Hände über der Herzgrube in einander gefaltet, aus ſeinen Augen glänzte die offenbarſte Freude über ſein Fleiſch und Blut, das ſolchen Geiſt zeigte in Dingen, die andere ſeiner Altersgenoſſen gleichgültig gelaſſen hätten, und Reb Kaſcher hob jubelnd den Knaben in die Höhe, küßte ihn und rief tief bewegt:„Bocherl, Bocherl, ſollſt ſein mein Chaver(Kamerad, ſolang' ich lebe. Will Dir mitbringen, wenn ich wiederkomm' von Breslau, ein prächtiges Sidur (Pſalmbuch), wie ich hab' gegeben meinen eigenen Kindern jedem eins am letzten Rock Haſchone(Neujahrsfeſt).“ Er ſetzte den Kleinen auf ſeine Kniee, dem das Glück, ein prächtiges Sidur ſein nennen zu ſollen, Freuden⸗ thränen in die hellen, glänzenden Augen trieb, der aber trotzdem die Gegenwart nicht vergaß und leiſe den Reb an das verſprochene Maiſſle erinnerte. 165 „Das Maiſſle, ja, ja, das Maiſſle!“ ſtimmte dieſer lachend bei.„Sollt' man nicht meinen, das Bocherl hätt' ſchon Logik ſtudirt, daß es ganz folgerichtig das Nächſte zum Erſten macht? Sollſt nun auch hören das Maiſſle. Der Herr Doctor hört auch zu.“ „Gewiß.“ Nach einigem Räuspern hob Reb Kaſcher an: „Vor faſt ſiebenhundert Jahren hat gelebt in Spa⸗ nien ein feiner Dichter Namens Abu Ajub Suleiman ib'n Gabirol. Damals war Spanien noch ein zweites Kanaan für unſer Volk Israel, denn die mohammeda⸗ niſchen Mauren haben es nicht verfolgt um ſeines Glaubens willen, es waren freie Leut', und hochange⸗ ſehene Leut' hat's unter ihnen gegeben, berühmte Aerzte und große Gelehrte, die heut noch nicht vergeſſen ſind. Gabirol iſt einer von den berühmten Leuten geweſen damals, und weil's in den reichen Familien Israels als eine große Ehre angeſehen wurde, unter den zu Mittag geladenen Gäſten auch berühmte Männer zu ſehen, hat einer der reichſten Juden, Moſes, auch gegeben ein Gaſtmahl und Gabirol dazu gebeten. Der Moſes aber iſt geweſen der ſchmuzigſte Geizhals und hat ſeinen Gäſten aufgeſetzt den Wein ſo knapp, daß er gleich beim zweiten Gericht iſt ausgetrunken geweſen. Sie haben ſich mit Waſſer begnügen müſſen, das er ihnen 166 als das unverfälſchteſte Getränk hat angeprieſen. Da iſt denn empört von ſolchem unerhörten Geize Gabirol aufgeſtanden und hat ein Spottgedicht vorgetragen auf den ſchmuzigen Gaſtgeber, das noch heut in ſeinen geſammelten Schriften zu finden iſt. Es lautet: Es endet der Wein— O qualvolle Pein! Das Auge thränet Von— Waſſer! Der Siebziger*), der iſt voll Jünglingsfeuer, Weg treibt ihn das Neunziger“*)⸗Ungeheuer. Nun laſſet das Singen, das Glas will nicht klingen Voll Waſſer, voll Waſſer, voll Waſſer! Wie ſoll ich die Hand nach dem Brode ausſtrecken, Wie kann denn dem Gaumen die Speiſe noch ſchmecken? Ich werde ganz wild, weil die Gläſer gefüllt Mit Waſſer, mit Waſſer, mit Waſſer! Durch Moſes ward ruhig das Meer und ſein Toſen, Der Nil ward zum Sumpf'; doch bei unſerm Moſen, Ach Himmel, da träuft's, ach Himmel, da läuft's Von Waſſer, von Waſſer, von Waſſer! Ich werde am Ende dem Froſche noch gleich Und quake mit ihm in dem ſchilfigen Teich. Der wird es nicht müd', zu ſchreien das Lied: Quak Waſſer! Quak Waſſer! Quak Waſſer! *) Der Wein, hebr. Jajin, hat 70 an Zahlenwerth. **) Das Waſſer, hebr. Majim, hat 90 an Zahlenwerth. —— — ——— 167 So werde Einſiedler Dein Leben lang, Dich labe kein Trunk, Dich erfreu' nicht Geſang, Und der Kinder Chor, er ſchrei' Dir ins Ohr: Gib Waſſer, gib Waſſer, gib Waſſer!“ Eine Pauſe folgte, dann ſprach Doctor Stoll: „Euer Gabirol konnte dem Geizigen kein dauern⸗ deres Denkmal ſetzen, als durch dies Spottgedicht, weil der Spott dauernder iſt als Stein und ſchärfer als ein ſchneidig Meſſer.“ Wie ſinnend murmelte der kleine Moſes vor ſich hin:„Quak Waſſer! Quak Waſſer! Quak Waſſer!“ „Nun, mein Bocherl, hat Dir gefallen das Maiſſle?“ fragte Reb Kaſcher. „s iſt'n ſchön Maiſſle.“ „Weil man macht aus Allem, was man hört, eine Nutzanwendung, welche, denkſt Du, wäre zu entnehmen daraus?“ Der Knabe blickte nieder, ſeine natürliche Schüch⸗ ternheit hielt ihn ſichtbar zurück, das von ihm Gedachte zu äußern. „Sag's'raus, mein Bocherl. Wenn Du ſchweigſt, muß ich da nicht denken, es geht bei Dir zu einem Ohr hinein und zum andern heraus? Wie ſoll ich da Luſt haben, Dir wieder Maiſſles zu erzählen!“ Dieſe Worte verfehlten ihren Eindruck nicht. Leiſe 168 fragte der Kleine:„Wird Reb Kaſcher mich nicht aus⸗ lachen?“ „Sag's nur, vom Lachen iſt keine Rede.“ Nach kurzem Nachdenken hob der Knabe an: „Wenn der Spott iſt dauernder als Stein und ſchär⸗ fer als ein ſchneidig Meſſer, muß es da nicht etwas geben, was dieſe beiden Eigenſchaften übertrifft, alſo noch tiefer eindringt als das ſchneidige Meſſer und für alle Zeit dauert? habe ich mir gedacht.“ Die Männer ſahen einander ſtaunend an; der Knabe, der, in ſein Denken verloren, mit hellen, glän⸗ zenden Augen vor ſich hinſah, bemerkte nichts davon, ſein ſchmales, blaſſes Geſicht war wie von Sonnenlicht überleuchtet, als wäre ihm unſaglich wohl im Herzen. Sie hörten ihn ſprechen: „Was kann's anders ſein als das gute Wort, wie es kommt aus der Seele, voller Wahrheit, Milde und Freundlichkeit? Das Wort hat die größte Gewalt auf Erden, ſo muß es auch ſein, wenn es ein gutes iſt, der größte Segen für alle Menſchen, ſobald es eindringt in die Herzen und Schlimmes verſöhnt.“ Ende des erſten Bandes Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Papier von Julius Lange in Jeßnitz bei Deſſau. —. — 3 5 8