Leihbibliothek dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 f. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe imuß voraus ſbezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mct.— Pf. 3— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Am nächſten Tage erzählte man ſich im Schloſſe, Herr Leupold ſei mit dem Feldwebel Brommer in ſo böſen Streit gerathen, daß man den Durchlauchtigen wie einen Stier habe brüllen hören und die Diener geglaubt hätten, er würde den Brommer ums Leben bringen, was aber doch wunderbarerweiſe nicht ge⸗ ſchehen, im Gegentheil ſei der Feldwebel ganz gravi⸗ tätiſch zuletzt aus des Herrn Zimmer gegangen, als wäre gar nichts vorgefallen, und der Durchlauchtige habe ihm nachgeſchrien:„Beſinne Er ſich, ſonſt ſoll Ihm der Teufel die Kerze halten!“ Das hätte den Brommer aber gar nicht gerührt, er habe ſich wie auf dem Exercirplatze herumgedreht und ſein ſchuldiges Honneur gemacht, dann wäre er von dannen gegan⸗ gen, den Kopf hoch tragend und ganz zufrieden aus⸗ ſchauend, als käme er eben aus einer ſiegreichen Bataille. Carion, Der alte Deſſauer. IV. 1 Dieſer von ſeiten Sr. Durchlaucht„brüllende“ Zuſammenſtoß mit dem würdigen Feldwebel fiel nur der Frau Langermann zur Laſt. Ihre Audienz bei der Fürſtin bezweckte nichts Anderes als die Bitte an dieſe, ihren Gemahl zu vermögen, Brommer ſcharf ins Gebet zu nehmen, wie ſie ſagte, damit derſelbe den zähen Widerſtand gegen die Verheirathung ſeiner Tochter Bille mit dem kaiſerlichen Muſikanten endlich einmal aufgäbe. Gottfried Langermann hatte in üb⸗ licher Form geſtern, denn er mußte das Ende ſeines Urlaubs bedenken, um die Bille angehalten, aber Brommer hatte ihm ohne Umſtände erklärt: ſolange er lebte, gäbe er ſeine Einwilligung nicht, denn er wolle ihn nicht unglücklich machen mit einer Weibs⸗ perſon, die von Treu und Glauben keine Spur in ihrem Herzen habe. Als Soldatentochter müſſe ſie wiſſen, was es heiße, treu bis zum Tod zur Fahne zu halten, das ſei aber eben nicht ihre Tugend, und des⸗ halb halte er es mit ſeinem Gewiſſen für unvereinbar, ſeine väterliche Einwilligung zu ihrer Ehe mit ihm, dem Gottfried, zu geben. Nach dieſer Erklärung hatte der Gottfried ſofort die Brommerſche Wohnung ver⸗ laſſen und war abends ſo niedergeſchlagen ins Forſt⸗ haus zurückgekommen, daß ſein Anblick die alten Langermanns förmlich erſchreckte. 3 Der Irrthum, in welchem ſich die Fürſtin bezüg⸗ lich der Zuneigung Regina's befand, war der Grund, daß ſie bei ihrem Gemahle den Vorſatz anregte, Brommer den Kopf zurechtzuſetzen und ſeinen Wider⸗ ſtand zu brechen, indeß, obwohl die Art und Weiſe, in welcher Herr Leupold ſeiner Ueberredungskunſt den Sieg zu verſchaffen ſuchte, jeden Andern zum Zähneklappern und zu einer gänzlichen Willenloſigkeit gebracht haben würde, ſo verfehlte ſie doch bei Brommer dieſes Reſultat ganz. „Nummer eins: ich bin der Vater meines Kindes“, hatte er der von ſeiner eiſigen Ruhe ſchwer empörten, heftig lärmenden Durchlaucht entgegnet.„Nummer zwei: über mein Kind habe nur ich, Niemand an⸗ ders, zu entſcheiden, und Nummer drei: es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn ich in meinem eignen Hauſe zu Kreuze kriechen ſollte.“ Ein gewaltiger Fluch und ein krachender Fauſt⸗ ſchlag auf den Tiſch verkündeten Herrn Leupold's Grimm bei dieſer ihm gewordenen Erklärung.„ZJetzt höre Er mich an, Er Schockſchwerenothskerl!“ ſchrie er.„Nummer eins: ich bin Sein durchlauchtiger Herr; Nummer zwei: ich habe das Recht, über meine Unterthanen zu entſcheiden und ſie, wenn ſie aufſäſſig ſind, zur Raiſon zu bringen. Das Wie? iſt meine 1* —ö— Sache. Und Nummer drei: ich dulde keine Empörer, und wagt Er's noch, ſich meinem Rechte zu wider⸗ ſetzen, ſtoße ich Ihn nieder wie einen tollen Hund!“ Dabei riß der grimmige Fürſt den Degen aus der Scheide, ein Anblick, der in Anbetracht ſeiner bekannten Rückſichtsloſigkeit ſofert Jeden zum Aufgeben alles Widerſpruchs beſtimmt haben würde. Brommer aber zuckte auch nicht mit den Wimpern. Ohne eine Ant⸗ wort zu geben, knöpfte er ſeine Uniform auf, und das Hemd zu beiden Seiten von der Bruſt entfernend, blieb er ruhig ſtehen. Herr Leupold prallte zurück. Auf der entblößten Bruſt des Feldwebels zeigte ſich eine Narbe von dunklerer Hautfärbung. Zwiſchen beiden Männern waltete für einige Sekunden tiefes Schweigen, dann ſagte Brommer mit einem Anflug von Bitterkeit:„Nun, Durchlaucht, hier iſt noch Platz für eine Degenſpitze.“ Der Fürſt wendete ſich ab. Nach kurzer Pauſe nahm der Feldwebel, welcher ſah, daß er nun das Ueber⸗ gewicht über Herrn Leupold's Zorn errungen, das Wort. „Es würde mir nicht zur Schande gereichen, wenn es hieße: der Brommer iſt von ſeinem Herrn und alten Spielkameraden erſtochen worden; aber fragen würden die Leute: woher hat er denn die andere, ſchon lange vernarbte Wunde? Ei nun, hieße es dann, wo wird 5 er ſie herhaben! Aus dem Kriege. Auf der Inſel Rügen hat er ſich die Wunde geholt, als der zwölfte ſchwediſche Karl das preußiſche Lager in der Nacht angriff und der deſſauer Fürſt in Gefahr war, von einigen ſchwe⸗ diſchen Hundsföttern vom Pferde geriſſen und erſchla⸗ gen zu werden. Da hat der Brommer dreingeſchmiſſen, was das Zeug hielt. Sein Herr, der Leupold, kam glücklich frei, der Brommer aber hätt's beinahe mit dem Leben bezahlt; ein ſchwediſches Bajonett verwun⸗ dete ihn faſt tödtlich.“ An dieſer Erinnerung brach ſich der ſchwere Zorn des Gewaltigen. Er lenkte in das Gleis gemäßigter Rede ein, Brommer aber wich und wankte nicht in ſeiner Heirathsverweigerung, und zuletzt hatte Herr Leupold nichts weiter erreicht, als daß er dem Feldwebel empfahl, ſich zu beſinnen. Von alledem, was im Brommer'ſchen Hauſe vor⸗ ging, erhielt Hubert den vollſtändigſten Bericht durch ſeinen treuen Freund Gottfried Almarich. In einem Orte, der nicht allzugroß iſt, findet der tägliche Verkehr eines Jeden gleichſam unter ſteter Aufſicht ſtatt, eine Controle, welche die Einwohner gegenſeitig üben, ohne dabei Uebles im Sinne zu haben. Sie lernen durch das täglich zu beſtimmten Zeiten geſchehende Vorübergehen einer Menge von Perſonen deren Geſchäfte kennen, einen Conflict zu bringen. ja aus dem Aeußern, aus den Mienen des täglich Geſehenen zieht man mancherlei Schlüſſe über den Stand ſeiner Lebensverhältniſſe und ſeines körper⸗ lichen Befindens. Derartige Beobachtungen ſind eine Art Studium, das nicht unintereſſant iſt und dem man ſich zuletzt mit einer gewiſſen Vorliebe hin⸗ zugeben pflegt, weil es in keinem Falle Anſtren⸗ gung erfordert. Es konnte daher auch nicht fehlen, daß Gottfried Almarich's öfteres Paſſiren des nach dem Städtchen Aken führenden Weges auffiel. Seine herkuliſche Geſtalt im Jägerkleide zeichnete ihn zu hervorſtechend aus, als daß man ihn hätte überſehen können. Bald kannte man ihn, erfuhr auch, wer er ſei, und daran ſchloß ſich natürlich die Frage: wohin geht er wohl ſo oft? Auch dies er⸗ ſpähte man. Er beſuchte Löbel Aaron's, des reichen jüdiſchen Fuhrwerksbeſitzers, Haus. Nun war Alles am Tage. Löbel Aaron hatte zwei ſchöne Töchter, und nichts lag näher als die Vermuthung, daß der Nimrods⸗ ſohn einer dieſer altteſtamentlichen Schönen den Hof mache. Dieſer Schluß ſchien ſo unumſtößlich richtig, daß man nicht daran dachte, Almarich's Beſuche mit der jüdiſchen Orthodoxie Löbel Aaron's in irgend Man lachte im Stillen 7 und im voraus über den Ausgang, welchen zu Löbel Aaron's größtem Mißvergnügen dieſes Luſtſpiel neh⸗ men werde. Urtheilten die Chriſten ſo, um ſo mehr noch die Juden, die großes Aergerniß an ihres Glaubensgenoſſen beklagenswerther Blindheit nahmen. Wenn Löbel Aaron nach Deſſau kam, mußte er manche ihm geltende beißende Bemerkung hören, Manche redeten ſogar in ſeiner Gegenwart von einem Abtrünnigen und dergleichen. Löbel Aaron's Scharf⸗ blick überſah nicht die wachſende Gefahr für ſich und ſeinen Schützling. War eine Entdeckung des Aſyls deſſelben ſo ganz unmöglich vor den ſcharfen Augen der Spürer? Nein. Hubert's Entfernung ſchien ihm daher dringende Nothwendigkeit und mit Mühe erlangte dieſer die Zuſage einer Friſt von noch drei Wochen. Löbel Aaron würde ſich nicht dazu verſtanden haben, wenn er nicht ſelbſt an ſeinem Schützling Wohlgefallen gefunden hätte. Jeder einigermaßen gebildete Jude beſitzt große Neigung zu gebildetem Umgange, und die damalige excluſive geſellſchaftliche Stellung der Juden machte natürlich nur noch mehr den Wunſch nach einem ſolchen in dem Gemüthe eines Mannes rege, der ſelbſt nicht zu dem unwiſſenden Theile ſeines Volkes gehörte. Löbel Aaron's Scharf⸗ blick hatte bald in Hubert einen jungen Mann erkannt, tungsgeiſt drängte ihm die Ueberzeugung auf, daß ſein Schützling einer bevorzugten Familie angehören müſſe. Das ganze Weſen Hubert's trug den Ausdruck einer fein gewöhnten Lebensweiſe, nie hörte er ihn Aeuße⸗ rungen thun, die mit dieſen Bemerkungen in Widerſpruch geſtanden hätten, und Löbel Aaron fand den beſten Beweis, daß er ſich nicht täuſchte, in dem Benehmen Gottfried Almarich's Hubert gegenüber. Gottfried vergaß nie die Schranke der Unterordnung einzuhalten, die ſelbſt einem mit dem höchſten Ver⸗ trauen ſeines Herrn beehrten Diener gezogen bleibt. Hubert's Einſamkeit wäre eine troſtloſe geweſen, wenn Löbel Aaron nicht dafür geſorgt hätte, daß er einige Zerſtreuung habe. Er brachte ihm eine Menge Bücher, unter denen lateiniſche und franzöſiſche ſich befanden, wieder ein Beweis mehr für ſeines Schützers Vermuthung. Wenn der Abend kam und Löbel Aaron zu Hauſe war, holte er ſeinen Schützling in den Gar⸗ ten hinab, deſſen hohe Mauer jeden Späherblick fern⸗ hielt. Sie plauderten dann auf die Dauer einiger Stunden mit einander, wenn nämlich die Witterung es geſtattete. Die Tageszeiten ſchlichen dem Verſteckten freilich lrnaſchn und peinvoll hin Er ſah ſo wenig 2 den nur höchſt ſeltſame Ereigniſſe zur Ergreifung des Soldatenſtandes gezwungen, ja ſein feiner Beobach⸗ 9 vom Himmel, nur der ſchmale Streif, der ſich über den engen, von keiner Menſchenſeele belebten Hof aus⸗ ſpannte, war ſeinem Zlicke freigegeben. Es war aber ſein eigener Wille, der ihn hier feſt⸗ hielt, eine ſchwere Prüfung, die ſeine Liebe zu Regina ihm auferlegte. Wie leicht wäre es ihm geworden, von hier aus weit von Deſſau weg und alſo nach einem noch mehr geſicherten Orte entfliehen zu können! Doch was ſollte aus Regina werden? Konnte er feſt darauf rechnen, daß, wenn der günſtige Zeitpunkt, ſie den Banden zu entführen, welchen ſie durch Herrn Leupold's Machtgebot verfallen ſollte, gekommen ſei, er unentdeckt wieder hierher zurückkehren könne? Ein ein⸗ ziger unglücklicher Augenblick wurde dann die ver⸗ ſteckte Klippe, an welcher ſein Hoffnungsſchiff ſcheiterte. Von ſeiner Mutter hatte er, wie ſchon erwähnt, ein Schreiben und bedeutende Reiſemittel durch Gott⸗ fried Langermann zugeſendet erhalten. Das war ein Sonnenblick in ſeiner freiwilligen Gefangenſchaft. Wie der trockene Docht gierig das ihm geſpendete Oel ein⸗ ſaugt, welches das Leben ſeiner Flamme auffriſcht, vor dem Erlöſchen bewahrt, ſo auch ſog Hubert's zu⸗ weilen ſehr ſchwer bedrücktes Herz die Freude ein, ſich bald am Ziele ſeiner harten Prüfungszeit zu wiſſen. Beſonders war es ein Brief des Doctor Weilenberger, welcher unter der Adreſſe Gottfried Almarich's von dem Langermann'ſchen Neffen mitgebracht worden war, deſſen Inhalt Hubert's Denken ganz beſonders in An⸗ ſpruch nahm. Derſelbe lautete: „Ihrer Rückkehr ſteht nichts mehr im Wege. Das ſchändliche Complot, deſſen Opfer Sie werden ſollten, iſt durch die wunderbarſte Fügung von der Welt, über die ich mich hier nicht weiter auslaſſen will, da Sie dieſelbe zu Ihrem größten Erſtaunen erfahren werden, wenn Sie hier angelangt ſind, vereitelt. Nehmen Sie jedoch unterwegs einen andern Namen an und vermeiden Sie auf der Reiſe die großen Straßen und die großen Städte. Vorſicht iſt eine Tugend, welche zu keiner Zeit unnütz erſcheint, beſonders wenn man mit ſolchen Feinden geſegnet iſt, wie Sie, mein theurer Hubert, Feinden, denen man ſchlimme Rache für den vereitelten Plan auf Ihr heiliges Recht wohl zutrauen darf. Eilen Sie in die Arme Ihrer Mutter, die ihren langentbehrten und von der ſchamloſeſten Niederträchtigkeit gemißhandelten Sohn mit Sehnſucht erwartet.“ „Licht! Leben! Freude! Liebe!“ jubelte Hubert und der hellſte Glücksſchimmer überglänzte ſein Ge⸗ ſicht, das bisher ſo oft von trüben Kummerwolken und den Aufwallungen des gerechteſten Zorns ver⸗ 11 düſtert ſich zeigte.„Ha, Alles iſt jetzt von meiner Bruſt heruntergefallen, was mich ſeit Jahren ſo ſchwer gedrückt, was jede Freude meines jungen Lebens ſo entſetzlich mir verbittert hat. Meines hochſeligen er⸗ lauchten Vaters Name iſt nun der meine wieder, ich bin nicht mehr der verfolgte namenloſe Flüchtling, nicht mehr unglücklich. Gott ſei mein Zeuge, daß ich meine Feinde zwingen will, in mir den rechtmäßigen Erben des Grafenhauſes Buſſy⸗Rabutin anzuerkennen!“ Löbel Aaron war unbemerkt auf die Schwelle ge⸗ treten, das Geheimniß ſeines Schützlings war ſomit zu ſeiner Kenntniß gekommen und er ſagte mit ſchlauem Lächeln: „Bin ich doch geweſen ſicher, daß der junge Herr iſt keiner von der rohen Soldatenbande der deſſauiſchen Durchlaucht. Unſereiner hat'n ſcharfes Auge für die Leut', weil der Betrug oft hinter ihnen ſteckt. Nehme der Herr Graf meinen beſten Segen!“ Es würde ſehr unklug geweſen ſein, hätte Hubert den Verſuch machen wollen, ſich jetzt noch in den Schleier des Geheimniſſes zu hüllen. Löbel Aaron war kein Verräther, und der Dank, den der von ihm bisher Geſchützte ihm ſchuldete, konnte nur durch auf⸗ richtig gemeinte Vertrauensbeweiſe einen Werth er⸗ halten.„Trennt uns auch der religiöſe Glaube, Herr —— die Rechtſchaffenheit des Charakters den Unterſchied zwiſchen Juden und Chriſten ausgleicht“, ſprach Hubert, ihm die Hand bietend. I's iſt ſo,'s iſt ſo,'s gibt ſchlechte Menſchen unter Juden und Chriſten“, ſtimmte jener bei.„Weil es mir Freude macht, den Herrn Grafen von ſo guter Ueberzeugung für die Leut' von Israel zu ſehen, ſo will ich ihm geben die Verſicherung, daß ſich der gnädige Herr auf mich, den Löbel Aaron, ſo feſt ver⸗ laſſen kann wie auf ſich ſelbſt, wenn ich ihm nämlich zu Dienſten ſtehen kann beim Fortreiſen.“ „Im voraus angenommen.“ „Wäre nur die Sache ſchon ſo weit!“ brummte Gottfried Almarich, als er ſich mit ſeinem jungen Herrn wieder allein befand. „Verliere nur den Muth nicht, treue Seele“, tröſtete der durch die guten Nachrichten hocherfreute Hubert.„Iſt nicht mein Lebenshimmel ſchon ſo ziem⸗ lich von böſen Wetterwolken rein geworden, und ich ſollte verzagen der letzten verdüſternden Schatten wegen? Nein, Gottfried, auch ſie werden ſchwinden, nur dürfen wir nicht im voraus kleinmüthig werden.“ Dieſe Schatten, deren Hubert gedachte, waren indeß ſehr hartnäckiger Natur, durch ſie ſchien das Schickſal, Löbel Aaron, ſo ſind wir doch einerlei Meinung, daß 13 welches jahrelang ſo bittere Leiden über ihn verhängt hatte, noch zu guter Letzt all ſeine Widerwärtigkeiten ihm und ſeinen Hoffnungen in den Weg geworfen zu haben. Nicht nur daß Brommer's unerſchütterliche Einwilligungsverweigerung zur Ehe ſeiner Sibylle mit dem Langermann'ſchen Neffen einer unüberbrückbaren Kluft glich, ſondern auch der Umſtand, daß der lange Libuſch vom Hofgärtner nicht mehr ſo beſchäftigt wurde, daß Regina, ohne Andere aufmerkſam zu machen, ſich ihm nahen konnte, drängte die Möglich⸗ keit einer Verſtändigung mit ihr ganz und gar in den Hintergrund. Sie war förmlich abgeſchnitten von aller Beziehung zu Hubert. In großer Herzensangſt promenirte ſie zwei Tage nach jenem harten Zu⸗ ſammenſtoß zwiſchen Herrn Leupold und dem Feld⸗ webel durch die Gartengänge, an deren Bäumen— der September hatte begonnen— ſchon manches Blatt ſich zu färben anfing; aber dafür hatte ſie keinen Blick. Das Auge zu Boden geſenkt, ging ſie langſam, nur in ihr eigen Leid vertieft, dahin. Im Schloſſe fragte jetzt Niemand nach ihr, das wußte ſie. Der bernburger Vetter war, auf einem Ausflug nach Dresden begriffen, zu Beſuch bei ſeiner Braut, der Prinzeß Louiſe, am frühen Vor⸗ mittag eingetroffen und wollte in den Nachmittags⸗ ſtunden wieder abreiſen. Deswegen brauchte ſie jetzt ——— nicht in der Nähe ihrer jungen Herrin zu ſein. Wie ſie auch ſinnen mochte, um ihr Geheimniß zu retten, ſo fand ſie doch nichts, was eine Rettung deſſelben hätte herbeiführen können, und der Gedanke, durch ein offenes Bekenntniß ihrer Liebe zu Korporal Philipp ſich der ganzen Rohheit des Fürſten preiszugeben, machte ſie zittern. Je länger ſie ſich dem fruchtloſen Sinnen, auf welche andere und minder Schreckliches über ſie ver⸗ hängende Weiſe Brommer's hartnäckige Weigerung, zur Ehe ſeiner Tochter ſeine Einwilligung zu geben, gebrochen werden könne, hingab, deſto ſchmerzlicher drängte ſich ihr das Gefühl, ſo ganz verlaſſen und ohne Freund und Rathgeber in ſo großer Noth zu ſein, auf und unwillkürlich brach ſie in ſtilles Weinen aus. Plötzlich drang ganz nahe ein Laut zu ihrem Ohr. Sie ſah erſchrocken auf. Welche angenehme Ueber⸗ raſchung! Der lange Libuſch ſtand neben ihr. „Pſt, ganz ruhig, gnädiges Fräulein“, ſagte er treuherzig.„Ich bin von jetzt an wieder auf dem Poſten. Seit vorgeſtern bin ich feſt als Hülfsgärtner beim Hof⸗ gärtner hier angeſtellt, habe Quartier und Koſt bei ihm und als Lohn die paar Galgenpfennige, die der Durchlauchtige dem gemeinen Soldaten Löhnung gibt, zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Na, 15 in Brinkel iſt immer beſſer wie gar nichts, ſagen ſie bei mir zu Hauſe. Das habe ich dem gnädigen Fräu⸗ lein nur mitgetheilt, damit Sie's wiſſen ſoll, daß ich wieder Ihr zu Dienſten bin, allemal um die jetzige Zeit, wenn's vielleicht'n Briefel zu ſchwärzen gibt. Da iſt auch'n Zettel von der Brommer'ſchen ans gnädige Fräulein. O, iſt bei Feldwebels der Teufel jetzt los!'s wird einem ganz bange dabei. Halt, dort klappt'ne Thür— Gott befohlen, gnädiges Fräulein.“ Er eilte raſch hinter den Bäumen fort. Regina holte tief Athem; es war ihr, als ſei in die ſie umgebende Nacht des Unglücks ein Sonnen⸗ ſtrahl gefallen, Libuſch erſchien ihr als Hoffnungsbote. Nachdem ſie ſorgſam umhergeſpäht, ob ſie auch un⸗ beachtet ſei, öffnete ſie den Zettel, deſſen kaum leſer⸗ licher Inhalt folgender war: „Ich ſchreibe in großer Angſt. Wenn Alles fehl ſchlägt und Vater nicht zur Einwilligung zu bewegen iſt, bleibt mir kein anderer Ausweg, als Alles zu ge⸗ ſtehen. Helfen Sie doch um Gotteswillen, daß ich dazu nicht gezwungen werde.“ Wie eine zuſammenſtürzende Welt fiel dieſer Hülfe⸗ ruf auf Regina's ohnehin von Angſt ſchwer bedrücktes Herz. Was ſollte ſie thun, um eine ſolche Entdeckung zu verhindern? Das fröhliche Lachen ihrer jungen Herrin drang in dieſem Moment in ihr Ohr und er⸗ weckte einen Gedanken in ihr, vor dem ſie anfänglich erſchrak, den ſie aber bald mit angſtvollem Eifer ſo feſt hielt, wie der dem Waſſertode Nahe das ihm zuge⸗ worfene Tau mit all ſeiner Kraft umklammert, damit es ihn der Gefahr des Ertrinkens entreiße. Der heitere Sinn ihrer jungen Herrin war heute durch die freudige Ueberraſchung ihres Bräutigams mehr als je angeregt, ſodaß ihr munteres Weſen einen wahrhaft auffallenden Gegenſatz zu Regina's ſorgenvoller Niedergedrücktheit bot. „Aber ſage mir nur, Liebchen, was ich mit Dir anfangen ſoll!“ rief die fröhliche Fürſtentochter am Abend, wo Regina wie gewöhnlich ſie in ihr Schlaf⸗ zimmer begleitete.„Es iſt ja zum Gotterbarmen mit Dir! Zuletzt verlernſt Du das Lachen ganz und gar, und das macht mir Schande, denn bei mir biſt Du doch wahrhaftig in einer guten Schule, wo ˙s ABC ſchon in einem luſtigen Gelächter beſteht.“— „Auf mir liegt großes Unglück“, ſagte Regina leiſe. „Das iſt erſchrecklich anzuhören! Aber heraus da⸗ mit, was es auch ſein mag, ich will's wiſſen. Kann ich, helfe ich, das weißt Du.“ Das Geſtändniß, welches, durch die höchſte Noth gedrängt, Regina jetzt vor Prinzeß Louiſe ablegte, ſchien dieſe ganz perplex zu machen. „Du mein Himmel, das iſt ja eine fürchterliche Geſchichte!“ rief ſie nach einer Weile.„Aber hübſch iſt ſie, ſehr hübſch und hat mir gefallen. Natürlich, Du willſt's nicht laut werden laſſen, daß Du Dich in den Korporal Philipp, der ein verkappter Junker ge⸗ weſen, verliebt haſt. Den kann ich Dir freilich nicht wieder ſchaffen!'s iſt übrigens gut, daß er bei der Deſertion glücklich davongekommen iſt, denn meines Papas Durchlaucht iſt kein guter Gaſt in ſolchen Dingen. Was den Brommer anlangt, den werden wir ſchon herumkriegen, daß er der Sibylle ſeine Einwilli⸗ gung zur Heirath mit dem Langermann'ſchen gibt, damit die nicht zu beichten braucht. Morgen früh nehmen wir den Papa Feldwebel ins Gebet.“ Die faſt kindliche Heiterkeit der Prinzeß betrachtete das Liebesleid ihrer Freundin, der ſie ſo herzlich wohl⸗ wollte, mit dem Blick der Luſt an Ungewöhnlichem und es machte ihr viel Vergnügen, in dieſe dunkle Geſchichte ſich einmiſchen zu können, wie ſie ſagte. Beſonders erheiterte ſie der Irrthum ihrer gnädigſten Mama, daß Regina in den Gottfried Langermann verliebt ſein ſollte, und ſie lachte hurziche daß auch ſie Carion, Der alte Deſſauer. IV. nun ihr Theil habe, in dieſer ſo verwirrten Liebes⸗ komödie mitzuſpielen. Am nächſten Morgen erhielt Brommer die Ein⸗ ladung, ſich bei Prinzeß Louiſe einzufinden, ehe er ſich auf den Exercirplatz begäbe. Pünktlich ſtellte ſich der Befohlene ein. Es mußte etwas höchſt Wichtiges geweſen ſein, was er daſelbſt erfahren hatte, denn die Korporale bemerkten an ihm eine nach⸗ denkliche Stille, welche ſonſt durchaus nicht ſeine Art war. Für Fehler, die ſonſt mit einer Anzahl Donnerwettern gerügt wurden, hatte der würdige Feldwebel heute gar keine Augen und auf an ihn gerichtete Fragen ſeiner Untergebenen vergaß er zu⸗ weilen zu antworten. Es war offenbar, daß ihm irgend etwas ganz gewaltig im Kopfe herumging. „Nun, Schatz, den Brommer haben wir bearbeitet, daß der ja ſagt“, ſprach die Prinzeß, als der wür⸗ dige Feldwebel ſie verlaſſen hatte;„wie wir aber den Monſieur Bonnafox zu der vernünftigen Anſicht bringen ſollen, Dich nicht zu heirathen, das weiß ich wahrhaftig nicht, da bin ich mit meinen Katechis⸗ mus zu Ende.“— „Ich muß auf die Zeit hoffen; es ſind noch faſt zwei Monate bis zu dem verhängnißvollen Trauungs⸗ tage mit ihm“, antwortete Regina, der das Herz ſchon 19 leichter geworden, da die Sorge wegen Broumer's Widerſtand von ihr genommen war. „Ja, ja, zwei Monate noch, denn jetzt haben wir erſt September. Ach Du armes Ding, biſt wirklich zu beklagen. Einen Liebſten zu haben, der Gott weiß wo in der Welt herumrennt und nicht wiederkommen darf, und einen Bräutigam als ein Geſpenſt anſehen zu müſſen, vor dem Dich die Gänſehaut überläuft, das iſt doch erſchreckliches Unglück! Du biſt immer die Gelieferte, die Schmerzvolle. Da bin ich mit meinem Herrn vom Leder, wie mein durchlauchtiger Papa ſo ſchön meinen Herrn Bräutigam titulir, doch tau⸗ ſendmal beſſer daran.“ II. Der Nachmittag war prächtig. Die Sonne ſchien ſo warm hernieder, daß man ſich leicht der Täuſchung hingeben konnte, man ſtehe in den erſten Tagen des Auguſt; aber eben dieſer hellglänzende Sonnen⸗ ſchimmer zeichnete auch die an den Bäumen hin und wieder ſich färbenden Blätter auffallender aus, ſodaß man unwillkürlich an die erſten Zeichen des Alters, die ergrauenden Haare auf dem Kopfe und im Barte eines noch in voller Rüſtigkeit ſtehenden Mannes er⸗ innert wurde. So auch war der Wald ein noch in ziemlich voller Kraft prangender Kämpe gegen Sturm und Wetter, und das Herz ging Jedem auf in ſeinem Anſchauen, wie er vom Sonnengolde von den Wipfeln bis zu den Füßen ſeiner markigen Stämme durch⸗ floſſen ſo luſtig ausſah, faſt wie in den Tagen des Frühlings. Freilich mit den Sangesbrüdern in den Aeſten und Zweigen war eine große Veränderung vor⸗ gegangen. Nur einzelnes Gezirpe ließ ſich dann und wann vernehmen; die fröhlichen Lieder, die ſie ge⸗ ſungen, waren dahin, wie alles Liebliche ja ein Ende nimmt. Herr Leupold hatte auf der Bank vor der Langer⸗ mann'ſchen Wohnung Platz genommen, und auf dem Tiſche vor ihm ſtand ein Stamper voll ſtark duftenden Wacholderbranntweins, auf deſſen Bereitung Frau Martha ſich ſo beſonders gut verſtand und ſich auch nicht wenig einbildete, daß Durchlauchtchen dann und wann äußerte:„Sie hat's weg, einen Wacholder herzuſtellen, der einem bis in die Nieren geht. In Holland nennen ſie den Wacholder Genevre, aber es wäre hundsföttiſch zu ſagen, daß er um einen Deut 5, beſſer ſchmeckte als der Ihre.“ Um dieſes Lob an den Mann, das heißt zur allge⸗ meinen Kenntniß zu bringen, kredenzte Frau Martha in Jedem, der in ihrem Hauſe zu verkehren hatte, einen m Stamper dieſes tugendbelobten Feuerwaſſers, wobei ſie nie unterließ, zu bemerken, daß Durchlauchtchen, gewiß ein urtheilsfähiger Branntweinkenner, ihrem h⸗ Schnaps den Vorzug vor dem berühmten holländiſchen 4„Schöneber“ gebe. Der alte Peter ſtand an der Seite der Bank, auf ν—— der ſein Jagdherr Platz genommen, gleich einer Schild⸗ wache. Zwiſchen Herrn Leupold und ihm herrſchte wieder das beſte Einverſtändniß, denn daß der weiß⸗ haarige Waidmann einmal das Rauhe herausgekehrt, hatte den Durchlauchtigen durchaus nicht beleidigt. Er ließ es gern geſchehen, ſich ſo abgetrumpft zu ſehen, wie er ſelber den Leuten begegnete. Daß der Alte ihm den Hirſchfänger ſo zu ſagen vor die Füße geworfen, das ſah der Fürſt als ein ganz achtungswerthes Zeichen von Mannheit und Muth an— ein Feigling hätte dergleichen gar nicht einmal zu denken gewagt— und daher machte dieſe Zornesthat des rabiaten Alten dieſen Herrn Leupold noch viel lieber, als dies bis dahin der Fall geweſen, und er gab ihm vielfach Beweiſe von Wohlwollen. Am andern Ende der Bank ſtand der Neffe Gott⸗ fried. Onkel und Neffe glichen zwei Schildhaltern, Herr Leupold aber ſtellte ein lebendiges Wappenbild in ſeiner Perſon dar und zwar einen ſeiner berühmteſten Ahnen, Albrecht den Bären, denn ſelbſt in der beſten Laune trug ſein Aeußeres immer einen bärenhaften Anſtrich. Beruhigende Wirkung ſchien der„Schöneber“ Frau Martha's eben noch nicht bei Sr. Durchlaucht herbei⸗ geführt zu haben, denn Herr Leupold ſchnitt ein bitterböſes Geſicht und brummte ärgerlich Allerlei vor ſich hin. „Ja, ſieht Er, Jriernn das iſt hen. mein Chagrin⸗, hob er nach einer Weile an.„Fängt wohl ein Teufel Krieg an? Das Menſchenvolk verlappt und verlumpt bei dem ewigen Frieden;'s iſt'n wahres Laſterleben, wenn ſich jeder Schafskopf mit dem Gedanken zu Bette legen kann, wie er ſich morgen an ſeinem Leib⸗ gericht den Wanſt vollfreſſen will. Das rührt aber nur daher, daß die Kerle mit den Gänſekielen gleich dazwiſchen fahren, wenn man mal denkt, jetzt kommt's zum Pauken. Dieſe Kerle— kann's nicht ſagen, wie tief ich die Brut im Magen habe— ſind nichts als elende Schneidergeſellen, die, wenn der Rock auf der einen Seite abgetragen und ſchäbig ausſieht, ihn ſtürzen und wenden, daß er noch'n paar Jährchen mitgehen ſoll. Straf' mich Gott, wenn nicht einmal friſche Luft durch einen ordentlichen, rechtſchaffenen Krieg unter die Menſchheit gebracht wird, werden wir alle noch zu Unken.“ Da weder der alte Peter noch ſein Neffe dieſem Aergerausbruch Herrn Leupold's beizuſtimmen ſich be⸗ rufen fühlten, ſo endete er wie ſo viele andere Ge⸗ müthseruptionen des Durchlauchtigen, das heißt er theilte das Schickſal eines Wirbelwindes, der plötzlich daherraſt, um ebenſo plötzlich zu verſchwinden. Es folgte eine Pauſe, in der der Gewaltige ſeinen Blick auf die grüne Welt richtete, die jetzt ſo lieblich im Sonnen⸗ glanze des ſchönen Nachmittags ſich zeigte. Dieſe vom warmen Lebenshauche durchtränkte Waldherr⸗ lichkeit verhüllte gleich einem Zaubergewand den Beginn der in dem hin und wieder ſich ſtark bemerk⸗ bar machenden Blättergelb leiſe ſich andeutenden ſtummen Todtenfeier, die langſam, aber raſtlos fort⸗ ſchreitend, an den Reizen dieſer ſchönen Natur ſich vollzog. Ob das Anſchauen derſelben oder der Hang zu auffallenden Sprüngen in ſeinen Stimmungen und Launen Herrn Leupold veranlaßte, ſeinen Aerger über den heilloſen Frieden zu vergeſſen, blieb unent⸗ ſchieden. Faſt heiter wendete er ſich dem Gottfried mit der Frage zu: „Er hat alſo Sr. Majeſtät dem Kaiſer meinen Jux als Leiermann im Mohren erzählt?“ „Ja, Ew. Durchlaucht, habe das. Weil ich da ſelber mitgethan habe, konnte ich's auch aufs Haar genau. Se. Majeſtät haben dermaßen gelacht, daß Allerhöchſt Ihnen die Augen voll Thränen geſtanden haben, und hat der Spaß Ihnen ſo wohlgefallen, daß ich ihn habe öfter wiederholen müſſen, wenn hohe Herren zugegen waren.“ Herr Leupold rieb ſich vergnügt die Hände und ſagte lachend: 25 „Na, da iſt die kaiſerliche Majeſtät doch einmal aus Ihrem traurigen Einmaleins aufgerüttelt worden; hat auch ſein Gutes. Höre Er, Peter, das kann Er mir nachſagen: wir beide, ich und Er, paſſen nicht an den kaiſerlichen Hof. Da muß man zwiſchen Eiern gehen lernen, und wer das nicht kann, ſchießt einen Bock nach dem andern. ˙s iſt freilich ſchon manches Jährchen her, daß ich dort war, aber ich hatt's ſatt, ſatt bis hierher.“ Ein Strich mit den Fingern unter⸗ halb des Kinns bezeichnete die Höhe, welche der Fürſt meinte.„Denke Er ſich, Alter, ich mußte mich im Reverenzenmachen üben. Hahaha! Die Kerle dort mögen nicht ſchlecht über meine ſpaniſche Reverenz vor kaiſerlicher Majeſtät erſchrocken ſein. Sind nur Halbmenſchen, Hanswürſte, Nürnberger Pfefferkuchenzeug.“ Der alte Langermann ließ ein pflichtſchuldiges Brummen, das vielfach gedeutet werden konnte, ver⸗ nehmen. Der Fürſt hatte ſich indeß durch dieſe Er⸗ innerung in ſo gute Laune verſetzt, daß er ohne wei⸗ teres von ſeinem Debüt am Wiener Hofe erzählte, welches in der That ganz geeignet war, auch einen Hypochonder lachen zu machen. Bei einer vom Kaiſer Leopold I. ihm gewährten Audienz wollte er in ſeiner damals ſchon(1694) bärenhaften Weiſe dem Kaiſer die Hand ſchütteln, was aber noch rechtzeitig von dem kaiſerlichen Thronfolger(Joſeph J.) verhin⸗ dert wurde, indem dieſer ſchnell des deſſauer fürſt⸗ lichen Recken Hand ſelbſt ergriff, wodurch die wegen dieſes deutſchehrlichen Attentats in höchſte Ueber⸗ raſchung verſetzte Leopoldiniſche Majeſtät ſich vor dem beiſpielloſen Durchbruch der üblichen Form aller⸗ tiefſter Unterthänigkeit glücklich bewahrt ſah.*) Es war ſehr erklärlich, daß ſich ein Naturmenſch, wie Herr Leupold war, der an den Späßen einer tief untergeordneten Menſchenklaſſe Vergnügen fand, gegen⸗ über dem alle Vernunftbegriffe überſpringenden For⸗ menzwang am kaiſerlichen Hofe ſehr unwohl fühlen mußte. Das beſte Andenken aus jener Zeit ſeines Aufenthalts zu Wien war das herzliche Gelächter, das er jetzt dieſen Erinnerungen zollte, denn er war Menſch, beladen mit allen Makeln dieſer Species im großen Schöpfungsreiche, während die kaiſerliche Majeſtät im *) Die ſpaniſche Grandezza am Wiener Hofe ſpottete aller Vernunft. Als Kaiſer Karl VI. im Jahre 1732 mit König Fried⸗ rich Wilhelm I. von Preußen zu Kladrup in Böhmen eine Zu⸗ ſammenkunft hatte, ſchärften die Miniſter dem Kaiſer vorher ein: „daß Allerhöchſtderſelbe bei ſolcher Entrevue die Hand Ihme(dem König) umb ſo weniger geben könnten, als ein ſolches ves summae consequentiae und Dero Allerhöchſten Kaiſerlichen Authorität nach⸗ theilig, übrigens aber auch bei denen Königen von Frankreich und England eines großen Aufſehens Urſache wäre.“ 27 Traume als Gottheit dahinlebte und doch zuweilen ſehr unangenehm an dem mit goldgeſtickten Purpurgewändern überhangenen Körper ſeiner Sterblichkeit Schwäche empfand. Die bei Herrn Leupold einmal ins Sprudeln ge⸗ kommene Laune äußerte ſich noch in folgender Piu an den alten Peter: „Hat Ihm Sein Neffe ſchon erzählt, was am Wie⸗ ner Hofe für ein merkwürdiger Prunk bei den Opern getrieben wird? Laſſe Er ſich das mehr als einmal erzählen. Vielleicht bekommt Er da Luſt, mir den Dienſt aufzuſagen und zu kaiſerlicher Majeſtät überzugehen. Er iſt ja ſo'n blutjunger Schwerenöther, der gleich bei der Hand iſt, mir den Stuhl vor die Thür zu ſetzen.“ „Halten zu Gnaden, Durchlaucht“ antwortete der Alte,„'s iſt doch ein Unterſchied dabei, ob's der Kaiſer oder ein anderer deutſcher Reichsfürſt iſt, der einen alten treuen Diener malträtirt.“ „Oho, bin ich in meinem deſſauiſchen Lande nicht gerade ſo viel Herr wie der Kaiſer in dem ſeinen?“ fuhr jener auf. „Ausreden laſſen, Durchlaucht“, entgegnete Langer⸗ mann grob.„Es iſt nicht Waidmannsbrauch, daß man die Lancirhunde ſtoppt, ehe nicht die übrige Meute auf die Fährte des flüchtigen Hirſches angelegt iſt.“ ——— richtig bei.„Na, rede weiter. Bin doch begierig, was Du gegen mich zu Tage bringen kannſt.“ Peter Langermann fuhr fort: „Se. Majeſtät der Kaiſer iſt ein Herr, der ganz allein auf einem hohen Berge wohnt. Von obenher kommen ihm Sonne, Mond und Sterne zu Hülfe, daß er immerdar im Lichte ſitzt, und ſelbſt am kürzeſten Tage hat er den Morgen viel eher und den Abend viel ſpäter als die Leute am Fuße des Berges. Da⸗ her weiß er auch nichts Genaues, wie es da unten hergeht, mit den Leuten in der Tiefe iſt ſein Herz nicht verwachſen, denn die ganze Berghöhe liegt zwi⸗ ſchen ihm und ihnen; aber ſeine Fürſten müſſen es wiſſen, die ſtehen auf den Berghängen, ſchauen zu ihm auf und kennen auch die Menſchen drunten im Thale. Das will was ſagen, und wenn ſo ein Herr gegen Recht und Gewiſſen Schlimmes thut, dann iſt's eine doppelte Sünde und Schande, und dreinſchreien muß man, daß es ihm an die Rippen pocht. Das iſt der Unterſchied zwiſchen dem Kaiſer, deſſen Augen vom vielen Lichte nicht gewöhnt ſind, in der Tiefe etwas zu erkennen, und den Fürſten, die an Licht und Dun⸗ kel gewöhnte Augen haben, und abſonderlich Ew. Durch⸗ laucht, ein unter uns aufgewachſener Herr, der ſeinen „Haſt Recht, Peter“, ſtimmte Herr Leupold auf⸗ 29 Ruhm nicht etwa durch das vornehme Biſſel Menſch⸗ heit erworben hat, ſondern durch die Leute aus dem Volke, die ihm mit ihrem Blut und Leben treu ge⸗ dient haben in ſchlimmſter Zeit wie im Frieden.“ Herr Leupold ſaß noch eine Weile ſchweigend, nachdem der weißhaarige Waidmann ſeine Standrede beendet hatte. Dann hob er das geſenkte Antlitz hoch auf, ſchüttelte gleich einem Löwen, der den Reichthum ſeiner Mähne zeigen will, die ihm an beiden Schläfen loſe herabhängenden Haarbüſchel von den dunklen Wangen ab, warf einen langen Blick auf den alten Peter und rief lachend:„Er iſt doch ein neunhäutiger Schwerenöther!“ Und ihm die Hand reichend, fuhr er im beſten Humor fort:„Wenn Er vielleicht umſatteln und Schulmeiſter werden will, den beſten Poſten ſoll Er haben, das verſpreche ich Ihm, denn Leute wie Er, die ſich aufs Textleſen ſo verſtehen, ſind ſchon was werth. Na, abgemacht, Friede zwiſchen uns. Schlage Er ein, Langermann, wir bleiben doch die Alten, trotzdem Er ein verflucht rappliger Kerl iſt.“ „Na— und Ew. Durchlaucht nicht etwa?“ „Derrière!“ rief der Fürſt, und dies Commando, das beim Trainiren der Jäger dem Kopfhund der⸗ Meute zuruft, wenn dieſe geſtoppt, das heißt im Ver⸗ folgen der Hirſchfährte angehalten werden ſoll, um Hunde und Pferde an Gehorſam zu gewöhnen, übte auf den altgedienten Waidmann eine wahrhaft ma⸗ giſche Kraft, kein Laut überflog ſeine Lippen mehr. Aufgefordert von Sr. Durchlaucht, mußte Gottfried von dem aſiatiſchen Ceremoniel bei den kaiſerlichen Opernaufführungen erzählen, wie da die Majeſtäten in rothſammtnen, goldverzierten, auf einer vor der Bühne erbauten und mit rothem Sammt überdeckten Eſtrade ſtehenden Armſeſſeln ſäßen und an jeder Seite des kaiſerlichen Ehepaars ein knieender Page mit ver⸗ goldetem Pfauenwedel ihnen Kühlung zufächeln müſſe, was Herrn Leupold, deſſen deutſches Weſen dem ſpa⸗ niſchen Firlefanz von Menſchenvergötterung ſchroff gegenüberſtand, vielen Spaß machte, da es mit zu ſeinen Wiener Erinnerungen zählte. Eben hatte Gott⸗ fried angefangen, noch andere Seltſamkeiten zum Beſten zu geben, als Se. Durchlaucht ihn plötzlich mit dem Ausrufe unterbrach:„Alle tauſend Teufel, da kommt ja der Brommer mit dem Almarich!“ „Ja, ſo iſt's“, ſtimmten Onkel und Neffe bei. „Aha, hat ſich mein Schwerenöther anders beſon⸗ nen? Hab's gleich gewußt. Na, da gratulire Er ſich, Gottfried, die Bille iſt Ihm nun ſicher.“ „Der Brommer iſt über acht Wochen nicht hier geweſen“, bemerkte Peter. „Ja, der Kerl hat'n verflucht harten Schädel, kenne das ſchon.“ „Schade, daß der Almarich mit meinem Neffen ab⸗ reiſen wird. Vielleicht bleibt er noch'ne Zeit, ſcheint hier was Liebes gefunden zu haben.“ „Weiß ich auch, hat ein Judenkind in Witterung. Mir kann's recht ſein. Als junger Kerl treibt man’'s einmal nicht anders. Du wirſt auch kein heiliger Petrus geweſen ſein, Alter.“ Dieſe Wechſelreden fanden ihr Ende, indem der Fürſt ſich hinter dem Tiſche aufrichtete und mit einer wie Poſaunenton ſchallenden Stimme ſeinem Feldwebel entgegenrief:„Heda, Brommer, bringt Er mir etwa eine Depeſche, daß der Teufel irgendwo losgegangen und wir marſchiren müſſen? Straf' mich Gott, zehn Dukaten ſchenk' ich Ihm auf der Stelle für die gute Poſt.“ „Halten zu Gnaden, Durchlaucht, die ganze liebe Chriſtenheit iſt ruhig, der Türke hat noch's Reißen von Anno 83 her, wo ſie ihm den Kopf mit Säbel⸗ klingen und etwelchem Geſchütz gewaſchen haben. Schade, daß wir nicht dabei geweſen ſind.“ „Man muß auch Andern ein Plaiſir gönnen“, lachte Herr Leupold.„Es ſteht zu hoffen, daß ſich doch mit der Zeit irgend eine Teufelei ereignet, bei .“ ——— der wir auf gut Deſſauiſch den Kehraus aufſpielen können. Will Er meinen alten Peter da beſuchen?“ „Ja, Durchlaucht, und den da, ſeinen Neffen. Habe mir's überlegt, was Durchlaucht gnädigſt mir auseinanderſetzten, und habe nichts mehr dagegen, wenn der kaiſerliche Muſikante mit meiner Bille ſich in den Eheſtand hineingeigt.“ „Vater Brommer, tauſend, tauſend Dank!“ jubelte Gottfried Langermann, ihn beide Hände ſchüttelnd. Se. Durchlaucht rieb ſich höchſt vergnügt die Hände und rief in beſter Laune:„Er iſt'n hartnäckiger Sa⸗ drach! Wußt's ſchon, daß Er klein beigeben würde— kenne Ihn— kenne Ihn.“ Ueber des Feldwebels Geſicht flog ein liſtiges Lächeln, da er beſſer als ſein erhabener Gönner und ehemaliger Spielkamerad das Motiv kannte, welches ihn zu dieſer Nachgiebigkeit bewogen.„Ja,'s muß ſo ſein“, gab er zur Antwort.„Unſereiner iſt'n dummer Kerl, der's Feuer nicht eher merkt, als bis es ihm auf die Nägel brennt.“ Herr Leupold verſtand dieſe Anſpielung nicht, er hatte keine Ahnung davon, daß ſein geliebtes Prinzeß Töchterlein und das dem Brommer abgelegte Geſtänd⸗ niß des Geſellſchaftsfräuleins von Milagsheim die Urſache von deſſen Sinneswandlung war. Ganz vergnügt und mit der Fauſt auf die Tiſchplatte ſchlagend, daß es krachte, ſchrie er mit gewaltiger Stentorſtimme: „Und bei meinem alten Peter wird die Hochzeit ab⸗ gehalten, ſo ſoll's ſein! Ich bin dabei, wie ſich von ſelbſt verſteht.“ „Dann geht's fröhlich mit meiner jungen Frau nach Wien!“ jauchzte der glückliche Hochzeiter. „Und ich begleite Ihn“, ſetzte Gottfried Alma⸗ rich bei. „Er ſollte eigentlich noch dableiben, Almarich, bis nach der Hochzeit meiner Louiſe. Wir werden präch⸗ tige Jagd dazu haben in allerhöchſter Geſellſchaft“, meinte der Fürſt. „Ich könnte durch längeres Ausbleiben leicht die gute Stelle verlieren, die meinem Oheim, Doctor Wei⸗ lenberger, für mich in kaiſerlicher Jägerei in Ausſicht geſtellt iſt.“ „Na, da will ich Ihn nicht halten, hoffe, daß Er Seinem hieſigen Studium dort Ehre machen wird.“ Ein luſtiger Gedanke ſchien ihm plötzlich zu kommen, er lachte hell auf und ſagte:„Höre Er, Almarich, noch eins. Er ſchwänzelt da, wie ich gehört habe, bei dem Juden Löbel Aaron in Aken herum, der'n paar hübſche Mädel haben ſoll.“ „Durchlaucht—“ Carion, Der alte Deſſauer. IV. Vorgefühl, wie traurig es ſei, in alten Tagen ver⸗ „Na, thu' Er nicht zimperlich. So'ne hübſche Judenhexe iſt auch Wild, das'n rechter Kerl nicht aus dem Garne laſſen wird, und Ihn halte ich dafür.“ Und wieder ſchlug der Durchlauchtige ein weithin ſchallendes Gelächter auf und rief:„Da thu' Er ſich und mir den Gefallen und räuchere Er den Racker von Juden tüchtig an. Er verſteht's wohl, was ich damit meine?“ Gottfried Almarich lachte unwillkürlich über die ſ eine Gänge nach Aken ſo ſehr begünſtigende Täuſchung, in der ſich Herr Leupold befand, und dieſer ſah in dem Lachen des bei ihm ſehr beliebten ſiebenbürger Forſtſtudenten, wie er den Gottfried Almarich zuwei⸗ len titulirte, nur deſſen Beiſtimmung zu dem ihm er⸗ theilten guten Rathe. Ein halbes Stündchen ſpäter beſtieg der deſſauiſche Jagdherr ſein Roß und verließ in einer ſelten bei ihm vorkommenden roſenrothen Laune die kleine Geſellſchaft, von der allein der alte Peter Langermann keine Urſache hatte, beſonders fröh⸗ lich zu ſein, denn wenn er daran dachte, daß, ſobald ſein Neffe und auch der Almarich abgereiſt ſein wür⸗ den— und beide waren ihm liebe Hausgenoſſen ge⸗ worden— er zum einſamen Manne werde, da trübte ſich ſein Blick in die Zukunft gar ſehr, er hatte ein 95 30 waiſt an Freunden zu ſein. Der aus der Stadt nach Hauſe kommenden Frau Martha verbarg er natürlich - das, was ihn drückte, da vieles Reden überhaupt 1 nicht ſeine Sache war. Am andern Morgen befand ſich Gottfried Almarich r ſchon zeitig auf dem Wege nach Aken. Sein junger h Herr mußte ſchnell erfahren, wie die finſtern dro⸗ henden Schatten, die ſeiner Erwartung einer glücklichen ne Löſung ſeines und des Geſchicks Regina's ſich entgegen⸗ g, geſtellt, ſo unerwartet ſchnell verſchwunden waren. Hu⸗ in bert hatte die letzten Tage in ſeiner Einſamkeit ſehr ger traurig verbracht. Die Lichter, die ſeine leicht ange⸗ dei⸗ regte Phantaſie ſich ſelbſt als hellſtrahlende Hoffnungs⸗ er⸗ ſterne entzündet, erloſchen täglich mehr, als die Aus⸗ ter ſicht ſchwand, daß die Hochzeit Sibyllens mit Gott⸗ ließ fried Langermann zu Stande kommen werde. Konnte er hen Regina zumuthen, ihren guten Ruf zu vergeſſen und alte mit ihm allein zu fliehen? Auch würde ſie das An⸗ röh⸗ ſinnen, ohne weibliche Begleitung zur Flucht ſich zu bald entſchließen, unter allen Umſtänden ihrer Ehre und wurr⸗ Selbſtachtung wegen zurückgewieſen haben. Unter Si⸗ i ge⸗ byllens Schutz verlor dagegen dieſe Flucht jede un⸗ rübte ehrenhafte Deutung. Wie ſollte aber Feldwebel e ein Brommer's unerſchütterliche Weigerung, ſeine Einwilli⸗ gung zur Verheirathung ſeiner Tochter zu geben, ge⸗ 3* 2 3* —* 5— 8 8 —— 55 —————n— — 1.2 4 brochen werden? Vergebens erſchöpfte ſich Hubert im Nachdenken, wie dieſer Stein des Anſtoßes, der ſo große Rückwirkung auf ſein und Regina's Geſchick äußerte, zu beſeitigen ſein dürfte, ehe Sibylle ſich noth⸗ gedrungen zur Entdeckung ihres Geheimniſſes entſchließe. Unter dieſem beängſtigenden und doch vergeblichen Denken erblühte ihm nur aus dem Rückblick auf ſeine Vergangenheit gewiſſermaßen ein Troſt. War es nicht ans Wunderbare grenzend, aus welchen wahrhaft ent⸗ ſetzlichen Lagen, wo er ſich ganz verloren glaubte, ihm unerwartet Rettung geworden, als wirke eine unſichtbare Macht für ihn? Hubert ertappte ſich hier auf einer Hinneigung zum Aberglauben, den er gern von ſich abgewehrt und verſpottet hätte und der doch für ihn ſogar den Anhauch des Heiligenden hatte. Auf ſeiner Bruſt ruhte noch der von Miriam ihm vor ſeiner Flucht aus Debreczin um den Hals ge⸗ bundene Talisman aus dünnem Silberblech. Ihre Worte:„Sonne, Mond und Sterne werden Dich in der Noth nicht verlaſſen“, klangen ihm ins Ohr, als würden ſie eben erſt geſprochen. War er auch zu⸗ weilen entſchloſſen, ſich dieſes Zeichens des Aberglau⸗ bens zu entäußern, es von ſich abzuthun, ſo hielt ihn doch eine Scheu von dieſem Thun ab. Welchen Un⸗ dank wollte er begehen! Miriam's zarte Geſtalt trat dann vor ſein geiſtiges Schauen. Wie hatten ihre dunklen Augen geglänzt vor Freude, als ſie, ihrem Wahne zufolge, ihn durch den nun in ſei⸗ nen Beſitz übergegangenen Talisman gefeit gegen jedes Unglück wußte! Hatte ſie einen größern Schatz, ein höheres Heiligthum als dies Erbſtück der Tſchangwi⸗Familie, deren Letzte ſie war, hinzugeben? Mit rührender Herzenstreue hatte ſie, um ihn vor Unheil bewahrt zu wiſſen, dem Theuerſten, das ſie beſaß, entſagt. Eine tiefe Scham bemächtigte ſich Hubert's, daß er fähig ſein könnte, ſo der Treue zu lohnen, und zuweilen wollte es ihn bedünken, als ob ihr Spruch:„Sonne, Mond und Sterne werden Dich in der Noth nicht verlaſſen“, doch an ihm ſchon öfter zur Wahrheit geworden. Nur jetzt, jetzt ſchien ſeine Wirkſamkeit erlahmt, keine Hülfe mehr denkbar. Gottfried Almarich's Botſchaft zerſtreute indeß plötz⸗ lich die ſchwer auf ihn niederdrückenden Schatten des Mißgeſchicks, wie mit einem Zauberſchlag veränderte ſich die Situation aus Dunkel zum Licht. Als Gott⸗ fried ihn wieder verließ, hatten ſie alles zu Geſchehende mit einander beſprochen. In Deſſau aber ging es wie ein Lauffeuer herum, daß der kaiſerliche Muſikante mit der Jungfer Sibylle Brommer an dieſem Morgen zum 38 Herrn Superintendenten gegangen ſei, um Aufgebot und Trauung zu beſtellen. Frau Martha ſorgte nach Kräften dafür, daß dies Ereigniß nach allen Seiten hin umſtändlichſt beſprochen wurde. Durch ſie wußte die ganze Stadt, welches Hinderniß bisher der Trauung ihres Neffen mit der Brommer'ſchen im Wege geſtanden, und jetzt, wo ſie ſich der ganz beſondern Genugthuung, Durchlauchtchen als Hochzeitsgaſt in ihren vier Pfählen zu ſehen, er⸗ freuen ſollte, vertraute ſie ihren guten Freundinnen und Bekannten unter dem Siegel der Verſchwiegenheit, daß Herr Leupold den Brommer derart zurecht geſetzt, daß der Eiſenkopf das Nachgeben doch für das Rath⸗ ſamſte gehalten habe. „Nur immer an die rechte Schmiede gegangen, da ſetzt man Alles durch“, meinte Frau Martha, in dem Gaudium ſchwelgend, daß ſie die Veranlaſſung ge⸗ weſen, welche die Sinnesänderung des würdigen Feld⸗ webels bewirkt; indeß dies ſtolze Bewußtſein erlitt einen harten Stoß, als die Fürſtin bei einer von ihr gemachten Promenade im Thiergarten ihr erklärte, daß ſie nicht glaube, Brommer habe ſich durch ihres durchlauchtigen Gemahls geäußerten Wunſch, dieſe Heirath zuzugeben, beſtimmen laſſen, denn er hätte demſelben den entſchiedenſten Widerſtand entgegenge⸗ 39 ſetzt, was Herrn Leupold in den heftigſten Zorn und zu dem Ausſpruch gebracht: er werde ſich künftig den Teufel um derlei Geſchichten kümmern, denn er müſſe dem Brommer Recht geben, daß er als Vater die Be⸗ fugniß beſitze, ohne Einmiſchung Anderer über ſein Mädel nach ſeinem Gutdünken verfügen zu können. Sie, die Fürſtin, vermuthe daher, daß irgend eine andere Urſache den Brommer zur Aenderung ſeiner Anſchauung von ſeiner väterlichen Gewalt bewogen haben müſſe, er aber ſchlau genug ſei, ihren durch⸗ lauchtigen Gemahl des guten Einvernehmens wegen bei dem Gedanken zu laſſen, die nun gegebene Einwilligung entſtamme nur der durch deſſen dringende Vorſtellung ihm aufgegangenen beſſern Einſicht. „Ach, dieſe Männer, dieſe Männer! Da iſt einer wie der andere, harte Köpfe wie von Eiſen— mein alter Peter iſt um kein Haar anders“, klagte Frau Martha.„Aber ich bin auch nicht von heute und geſtern; der Brommer ſoll mir beichten; das ſoll er; ich bring's ſchon dahin.“ Das Reſultat der Ueberzeugung von ihrer Klug⸗ heit dem Feldwebel gegenüber war kein ihre Wiß⸗ begierde lohnendes. Brommer gab ihr zur Antwort: „Ich ſehe den lieben Eheſtand für'ne Campagne an, die nur dann gut ausgeht, wenn die Alliirten tapfer zuſammenhalten, und weil meine Bille ſich nun einmal ihren Alliirten gewählt hat, mag ſie ſehen, was ſie mit ihm aufſteckt.“ Frau Martha hatte glücklicherweiſe in dieſen Tagen viel Ableitung für den ſchweren Aerger, den ſie darüber empfand, denn die auf Befehl Herrn Leupold's in ihrem Hauſe abzuhaltende Hochzeit ſetzte ſie in be⸗ deutende Rührigkeit. Da ſollte Alles aufs ſchönſte glänzen, und war's denn nicht vorausſichtlich die letzte feierliche Gelegenheit in ihrem vorgeſchrittenen Leben, wo ſie als gute Wirthin ſich zeigen konnte? Der Gedanke verlieh ihr eine ſo große Befriedigung, daß ſich ihm ſelbſt der an die Abreiſe des Neffen Gottfried und ans wahrſcheinliche Nimmerwiederſehen deſſelben unterordnete. Die Tage vergingen raſch, und Durchlauchtchen hielt pünktlich Wort und ſtellte ſich zum Hochzeitsſchmauſe mit einer ſo heitern Laune ein, als ſei es von ſeiner Seite gar nicht möglich, ein Wäſſerchen zu trüben. Brommer leiſtete ihm die trefflichſten Secundanten⸗ dienſte im Erzählen einer unerſchöpflichen Menge von Späßchen, ſodaß das Gelächter der kleinen Tiſch⸗ geſellſchaft gar kein Ende nehmen zu wollen ſchien. Während einer der doch zuweilen eintretenden Pauſen nahm Herr Leupold den glücklichen Hochzeiter auf die Seite und ſprach zu ihm: „Höre Er, Langermann, halt' Er einmal die Ohren ſteif, daß Er das capirt, was ich Ihm ſage. Mit Seiner Jagdpfeiferei war den Teufel nichts, über Seine Geigerei kann ich weiter nichts ſagen, ſchon aus Reſpect vor Sr. kaiſerlichen Majeſtät. Iſt mir angenehm, daß der kaiſerliche Herr jetzt weiß, daß die deſſauiſchen Landeskinder auch nicht grade hinter'm Zaun aufgewachſen ſind wie Unkraut. Nun habe ich aber zu Ihm das Vertrauen, daß Er auch niemals vexgeſſen wird, was die verfluchte Pflicht und Schuldig⸗ keit eines rechtſchaffenen Landeskindes iſt.“ „Durchlaucht“, antwortete der ſo liebevoll Er⸗ mahnte, die Hand betheuernd aufs Herz legend; aber zu weiterer Verſicherung ſeiner unterthänigſten Loya⸗ lität gelangte er nicht, denn Herr Leupold fiel für einen Augenblick aus ſeiner Rolle eines gutmüthigen Landesvaters und ſchnauzte ihn grob an: „Halt' Er's Maul! Höre Er erſt, was ich Ihm ſtecken will.“ Der ſchnelle Uebergang aus dem Tone der Leut⸗ ſeligkeit in den der Grobheit erſchreckte Gottfried ſo ſehr, daß er ſichtbar zuſammenfuhr. Der Fürſt be⸗ merkte das und fragte lachend: „Na, Er iſt doch nicht etwa von Marzipan, daß Er zuſammenbricht, wenn man ein wenig verſtändlich mit ihm parlirt? Paß Er auf, Herr Muſikante, was ich Ihm zu ſagen habe. Wie ich aus Sr. kaiſerlichen Majeſtät durch Ihn mir überbrachtem Handbillet zu meiner größten Befriedigung erſehen, iſt Er ſehr gut bei dem allergnädigſten Herrn angeſchrieben. Dieſe allerhöchſte Gunſt kann Er für mich zum Nutzen an⸗ wenden. Der Gräfe, mein Agent zu Wien, wird Ihn unterrichten, was Er ſo gelegentlich vor kaiſerlicher Majeſtät Ohr bringen ſoll und wie Er das einzu⸗ fädeln hat, verſteht Er? Denn bei ſubtilen und⸗ doli⸗ caten Dingen kommt viel,darauf an, wie ſie dem, der ſie zu hören bekommen ſoll, vorgebracht werden. Da hätte Er nun genau darauf zu merken, was, des Kaiſers Majeſtät dabei verlauten läßt; das rappoxtirt Er dem Gräfe wieder. Hört Er?“ Herr Leupold ließ eine kleinẽ Pauſe eintreten, in welcher Gottfried Langermann durch ein ſtummes Kopf⸗ nicken, da eine mündliche Antwort ihm jedenfalls wieder ein grobes„Maulhalten“ eintragen konnte, ſeine Bejahung ausdrückte. Faſt ſchien es, als wolle der Fürſt mittels ſeines durchdringenden Blickes, den er auf den vor ihm Stehenden richtete, auf dem Grunde von deſſen Seele jeden etwa ſich ſcheu verbergenden Ge⸗ danken aufſpüren, indeß Gottfried Langermann hielt zum Glück dies Anſtieren ohne Aeußerung von Furcht aus, und alsbald mäßigte ſich auch der funkelnde Blick. Se. Durchlaucht faßte wie vertraulich ſpie⸗ lend den oberſten Knopf am Rocke des jungen Mannes zwiſchen die Spitzen zweier Finger, und ihn an demſelben ganz dicht an ſich heranziehend, fragte er:„Weiß Er, warum ich das von Ihm verlange? Weil es einen großen Nutzen haben muß, wenn der allergnädigſte Herr ſchon vorher, ehe eine Sache auf dem gewöhnlichen Wege vor Allerhöchſtdenſelben ge⸗ bracht wird, im guten Sinne davon unterrichtet oder ſo zu ſagen verſtändigt iſt. Das ſchlägt eine Menge Fiſſemadenten und dagegen aufgebrachter Kinkerlitzchen gleich im voraus aus dem Felde. Verſteht Er, Gott⸗ fried, da liegt der Hund, von dem ich rede, und denke ich mir, da Ihn das Reden zu meinen Gunſten nicht einen rothen Pfifferling koſtet, wird Er es wohl als 'ne Art Recompenſe oder Revanche anſehen, erſtens: weil ich Ihn nicht unter meine Kerle geſteckt habe, Er Schwerenöther! und zweitens: aus Dankbar⸗ keit, daß meine Gemahlin Ihm ſo unter'm Wuſch fort⸗ geholfen hat.“ „Was in meinen ſchwachen Kräften ſteht, Ew. Durchlaucht mich nützlich und dankbar zu erweiſen, wird gewiß geſchehen!“ rief Gottfried Langermann betheuernd. „Na gut, gut, iſt mir lieb; vertraue Ihm, Er wird doch kein Hundsfott an Seinem Landesvater ſein? Da ſpiele Er nun Seine Geige kaiſerlicher Maje⸗ ſtät aus Fis⸗ oder Rißmoll, wie das Ding bei dem Muſikantenvolke heißt, und nebenbei— na, Er weiß ja jetzt alles Nähere.“ Sr. Durchlaucht gute Laune blieb bei dieſer ein⸗ fachen Hochzeit ausdauernd, und als er am Spätabend das Langermann'ſche Haus, wo es ſeit vielen Jahren nicht ſo luſtig zugegangen war wie heute, verließ, da verabſchiedete ſich auch Gottfried Almarich von ihm mit aufrichtigen Dankesbezeigungen, denn morgen wolle er in Geſellſchaft des jungen Ehepaares die Reiſe nach Wien mit antreten.„Soll mich freuen, wenn ich mal höre, daß Er kaiſerlicher Forſtmeiſter geworden iſt“, ſprach der Deſſauer freundlich.„Das Zeug hat Er dazu. Erinnere Er ſich manchmal mei⸗ ner und wünſche ich Ihm gute Fährte durchs ganze Leben.“ Der nächſtfolgende Tag geſtaltete ſich frühzeitig als das grellſte Widerſpiel des vergangenen. Frau Eva's rothgeweinte Augen deuteten an, daß ihr die ganze Bedeutung deſſen, was ihr heute bevorſtand, ſchwer aufs Herz falle. Eine Tochter vielleicht für immer aus dem Hauſe ſcheiden zu ſehen, greift tief ins Mutterherz, und Frau Eva gehörte trotz ihres robuſten, energiſchen Naturells doch zu den Frauen, bei denen die zarten und weichen Töne oder Empfindun⸗ gen wegen ihrer Seltenheit mächtigen Eindruck be⸗ wirken. Je näher die Mittagsſtunde heranrückte, wo die Abreiſe Sibyllens mit ihrem Langermann und dem Gottfried Almarich als beider Begleiter ſtattfinden ſollte, deſto thränenreicher zeigte ſich Frau Eva, und als endlich der Wagen vorfuhr, den der junge Ehe⸗ mann von einem ihm bekannten Bauer eines einige Stunden von Deſſau entlegenen Dorfes zur Fahrt nach Leipzig gemiethet, und Peter Langermann nebſt Frau Martha und Almarich ſich eingeſtellt hatten, da brach die Frau Feldwebel in helles Weinen aus, ein Umſtand, welcher den würdigen Brommer zu ſchwerem Aerger reizte, denn Thränen waren ihm überhaupt ein Greuel, und es erſchien ihm höchſt un⸗ ſtatthaft, daß die Ehehälfte eines deſſauiſchen Grena⸗ dierchargirten ein ſolch klägliches Beiſpiel gab. Mit einem gewaltigen Donnerwetter machte er dem von ſeiten ſeines Weibes immer wieder erneuten Abſchiede ein ſchnelles Ende.„Wenn die Soldaten alle flennen wollten, ſobald es eine Batterie zu ſtür⸗ men gibt, würde'ne Sündflut daraus entſtehen, die gleich im voraus das halbe Regiment erſäufte“, be⸗ wies er ſehr ſchlagend.„Drauf und dran, wie unſer durchlauchtiger Herr Leupold bei ſolchen Gelegenheiten zu commandiren pflegt, iſt immer das Beſte. Und die Bille braucht keine Batterie zu ſtürmen, das macht einen Unterſchied, denke ich; die Bille iſt Kriegs⸗ gefangene in beſter Form.“ Dieſe weisheitsvolle Erklärung des vorliegenden Falls entſchied das ſchnelle Ende des Abſchieds. Der Wagen rollte fort, und während Frau Eva den Schei⸗ denden ein ſehr ſchmerzliches Lebewohl nachrief, ſtanden ihr Herr Eheliebſter, der muſterhafte Feldwebel, auf den die deſſauiſche Durchlaucht mit Recht ſtolz ſein konnte, und ſein Sohn, der Leupold, der jüngſte Grenadier, neben einander wie in Reih und Glied und machten ihr militäriſches Honneur. Es war voll⸗ kommen unmöglich, daß der würdige Brommer ſeiner ſcheidenden Tochter eine größere Ehre erweiſen konnte, weil er es nicht anzufangen gewußt hätte, ſeinem Kriegsherrn einen andern Beweis ſeiner Zuneigung und Chrerbietung zu geben. Für die Deſſauer war die Abreiſe des jungen Ehepaares ein Gegenſtand von bedeutendem Intereſſe, denn ſie gehörte in den Bereich des Ungewöhnlichen, — — 47 weil es keinen Hausrath aufzuladen gab, wie doch jede Neuvermählte ihrem Gatten mitbringt. Selbſt⸗ verſtändlich bot dieſer Umſtand den Frauen Gelegen⸗ heit zu allerhand Bemerkungen. Mancher ſchien es ganz erſchrecklich, ein leibliches Kind ſo viele Mei⸗ len weit von ſich fort zu laſſen, denn ein ſolches Scheiden ſei doch faſt um kein Haar anders als ein Begräbniß zu betrachten. Und eine dieſer ehrenwerthen Mütter fand ein großes Bedenken darin, daß gerade heute, wo die junge Frau Bille Langermann in die Welt hineinreiſe, das Wetter, das bisher ſo heiter und ſchön geweſen, ſich auffällig verändert habe. Das könne man nicht als beſonders gutes Zeichen anſehen. Der Himmel zeigte allerdings ein ſehr trübſeliges Geſicht. Das freundliche Blau, in dem noch geſtern die Sonnenſtrahlen ein blendendes Netz gewebt hat⸗ ten, war einer dichten grauen Wolkendecke gewichen. Ohne prophetiſche Gaben zu beſitzen, konnte man eine unheimliche Folge dieſer gegen die Mittagszeit beſon⸗ ders auffällig hervortretenden Veränderung des Wetters vorausſagen, und ehe noch der Abend niederdunkelte, zog ſchon ein kältender Nordwind durch die Gaſſen, der bald zum heftigen Sturm anwuchs und die Be⸗ wohner in ihre Häuslichkeiten ſcheuchte. Im Schloßgarten ächzten und ſtöhnten die Bäume 48 unter dieſem feindlichen Anprall, oben am finſtern Abendhimmel wälzten ſich tiefſchwarze Wolken wie die Wogen eines aufgewühlten Meeres, von des pfeifen⸗ den und heulenden Sturms Gewalt getrieben, über die Stadt hin. An der Mauer des Schloßgartens fanden ſich zwei Männergeſtalten ein. Es war ſo finſter ge⸗ worden, daß ſie mit den Händen an der Mauer hin⸗ taſteten, um die Pforte zu finden. „Prächtigeres Wetter hätten wir uns nicht beſtellen können“, bemerkte der eine von den Beiden.„Das iſt ſo recht gemacht, um allerlei Teufelei unter den Mantel zu nehmen.“ Da der Andere, immer mit der Hand taſtend, ſchwieg, ſagte ſein Gefährte:„Wir könnten eine Wette eingehen, daß unſer Geſchäft ganz trefflich von ſtatten gehen wird. Dieſer Blaſius iſt nicht mit Gold zu bezahlen. Ich möchte den ſehen, der uns bei dieſem Heidenwetter auf die Fährte kommen ſoll.”“ „Hier iſt die Mauerpforte“, ſagte der Andere und fügte nach einer Pauſe in einem Beſorgniß verrathen⸗ den Tone bei:„Der lange Libuſch wird doch nicht furchtſam geworden ſein?“ „Wer wird denn gleich das Schlimmſte denken!“ „Oder Regina?“ 49 Jener gab darauf keine Antwort, ein Beweis, daß auch ihm ein ſolcher Gedanke nicht fern lag. Die Pforte befand ſich in einer ziemlich tiefen Mauerniſche. Um ſich gegen den daherbrauſenden Sturm zu ſchützen, ſtanden beide Männer in derſelben. Das Schweigen zwiſchen ihnen war peinlicher Natur; ihre Gedanken, obwohl unausgeſprochen, ſtimmten gegenſeitig doch ganz überein, es waren Befürchtun⸗ gen, hinſichtlich deren ihnen die Luſt zur Unterhaltung verging. Nach einer langen, ſehr langen Weile ſprach einer von ihnen: „Es iſt etwas geſchehen— wer weiß was? Ach, dem Sünder kann beim Weltgerichte nicht ſo bange in der Seele ſein wie mir.“ „Nun, nun, Sie dürfen die Hoffnung nicht gleich aufgeben, Herr Graf“, redete der Andere.„Ich habe keine Furcht, daß Fräulein Regina ſich ſo leicht von der Angſt zurückſchrecken laſſen wird, und der Libuſch iſt ein kreuzbraver Kerl, für den bürge ich.“ „Gottfried, wenn, durch was es auch immer ſein mag, dieſer gut vorbereitete Plan zu nichte wird, ſchwöre ich's Dir zu, daß ich mich ſelbſt Sr. Durch⸗ laucht anzeige. Ich wanke und weiche nicht aus dieſer Stadt ohne Regina.“ „Ach, dummes Zeug, ſich ſelbſt anzeigen! Das Carion, Der alte Deſſauer. IV. 4 wäre das ſchlechteſte Ende, das— pſt! Hören Sie nichts? Mir war, als hörte ich das Raſcheln von Schritten im Garten.“ Hubert drückte das Ohr in die Ecke, wo die Thür aufgehen mußte, und auch er hörte der Pforte näher⸗ kommende Schritte.„Du haſt Recht; es nahen ſich Schritte. Treten wir zurück.“ Kaum ſtanden ſie außerhalb der Niſche, als jenſeits der Mauer ein nicht allzulauter Pfiff hörbar wurde. „Libuſch gibt das Zeichen“, ſagte Gottfried und antwortete auf gleiche Weiſe. Der Schlüſſel drehte ſich langſam im Schloſſe, dann that ſich ebenſo langſam die ſchmale Thür auf, durch die eben nur eine Perſon hindurchkonnte, und dieſe Perſon, die den nun offenen Raum einnahm, war der lange Libuſch.„Alles richtig“, ſagte er leiſe, zur Seite hinaustretend, wodurch eine zweite Perſon ſichtbar wurde, bei deren Anblick Hubert ſich und Alles umher vergeſſend faſt laut ausrief:„Regina! Meine theure Regina!“ „Um Himmelswillen nicht ſo laut, die geringſte Unvorſichtigkeit kann zum Verräther werden!“ warnte Gottfried, und indem er dem ehrlichen Libuſch eine Summe in die Hand drückte, rief er ihm leiſe zu: „Ziehe Dich zurück, mache die Pforte zu.“ 51 „Gutes Glück auf den Weg!“ Mit dieſem Wunſche verſchwand Libuſch in den Garten, der Schlüſſel drehte ſich wieder im Schloſſe, und auch die Außengeblie⸗ benen eilten von dannen. Der Sturm, wie ſehr er auch ihr raſches Fortkommen hinderte, war ihr Schützer, denn er hielt die Gaſſen menſchenleer. Es war im erſten Morgengrauen, als Löbel Aaron mit ſeinem raſchen Geſpann in einem nach Möglich⸗ keit verwahrten leichten Planwagen das Leipziger Thor paſſirte, wo er für den ihm nachfolgenden Frachtwagen im voraus das Geleitegeld zahlte. Der Thorſchreiber trat mit der Laterne heran, um das Geld zu empfangen. „Nimmt der Herr Löbel Aaron ſeine Tochter mit nach Leipzig?“ fragte der Mann, einen Blick in das Fuhrwerk werfend und neben dem ihm bekannten langbärtigen Juden eine Verſchleierte erblickend. „Gott, was bleibt mir übrig, als zu verſuchen, dort einen Mann für ſie zu finden!“ entgegnete Löbel. „In Aken iſt nichts los, und thut ein Vater doch alles Mögliche, um ſein Kind gut anzubringen. Der Herr hat ja ſelber Töchter, er wird's wiſſen am beſten.“ „Das ſei Gott geklagt, was einem das für Sorge macht!“ ſeufzte der Thorſchreiber in Erinnerung an ſeine zahlreiche Töchterſchaar. Der Wagen rollte fort, und hinter dem weichen 4* 52 Strohſitze, auf dem der Jude und die Verſchleierte ſaßen, richtete ſich eine bisher ſchlangenartig zuſammen⸗ gekauerte herkuliſche Männergeſtalt auf und ſagte ſcherzend:„Ich hätte nie gedacht, jemals in meinem Leben in die Lage eines zugeklappten Taſchenmeſſers zu kommen; aber wahrhaftig, ſie war ſchlecht genug.“ „Es ſind viele Lagen im Leben ſchlecht und man muß ſie geduldig ertragen“, bemerkte der Jude lächelnd. Der das raſche Geſpann im Zügel haltende Knecht, in einem unüberzogenen Bauernpelze und eine tief in die Stirn gedrückte Pelzmütze auf dem Kopfe, lehnte ſich vertraulich nach der Verſchleierten zurück und flüſterte ihr zu: „Meine theure Regina, bald werden wir den deſſauiſchen Grund und Boden hinter uns haben, dann ſind wir geſichert vor Verfolgung.“ — III. Im Hauſe der Frau Gräfin von Buſſy⸗Rabutin, geborenen Prinzeß von Holſtein, hatte ſich im Verlaufe der Zeit Manches geändert. Kränklichkeit und Alter— ſie war bereits eine hohe Sechzigerin— hatten ſie ver⸗ mocht, ſich der großen Geſellſchaft zu entziehen; ihre Salons waren geſchloſſen, Fremde hatten keinen Ein⸗ tritt mehr daſelbſt. Die alte Dame lebte nur noch für einige Freunde, die dann und wann zum Beſuch bei ihr erſchienen. Prinz Eugen gehörte zu dieſen und man ſah oft ſeine roſinfarbenen Iſabellen vor dem Hauſe halten. In der hohen Ariſtokratie zweifelte man indeß ſehr ſtark daran, daß eben nur Kränklichkeit und Alter die erlauchte Dame zu dem Rückzuge aus der Geſellſchaft veranlaßt hätten, man fand die Urſache dieſes Ent⸗ ſchluſſes vielmehr in einem totalen Bruche zwiſchen ihr 54 und ihrem Sohne, dem Obriſthofkanzler, wenigſtens ſchien dieſe Vermuthung nicht ungegründet, denn weder der letztgenannte noch ſeine Gemahlin oder ihre bei⸗ den Söhne, die Enkel der Prinzeß⸗Mutter, ſtanden in Verkehr mit ihr, ebenſo wie der Obriſthofmeiſter Graf 3 Sigmund Rudolf von Sinzendorf, des Obriſthofkanzlers Vetter von der Linie Ernſtbrunn, nicht mehr daſelbſt erſchien. Man gab ſich den Schein, als glaube man, daß Kränklichkeit und Alter ein ſo ſtrenges Zurück⸗ ziehen der Prinzeſſin nothwendig bedingten, und ſprach ſein tiefes Bedauern über dieſen leider nicht zu ändern⸗ den Umſtand aus; aber sub rosa war man überzeugt, daß das Auseinandergehen der Familienzuſammen⸗ gehörigkeit einen ganz andern Grund haben müſſe, und was lag näher als die Annahme, der Bruch zwiſchen der Mutter und dem Sohn ihrer erſten Ehe hänge eng mit dem traurigen Geſchicke ihres Sohnes zweiter Ehe, als untergeſchobenes Kind ſeiner Geburts⸗ anſprüche verluſtig erklärt worden zu ſein, zuſammen! Wo lebte dieſer Unglückliche, Verfolgte, um alle ſeine Lebenshoffnungen Betrogene? Darüber wußte man ſich freilich keine Auskunft zu geben; aber daß er noch lebe und daß für ihn eine ſehr günſtige Wendung eingetreten ſein müſſe, eine Wendung, die ſeiner Verfolger Bemühungen, ihn 5⁵ rechtlos zu machen, mit entſchiedenſtem Glücke durch⸗ kreuzt habe, glaubte man als ſicher annehmen zu kön⸗ nen, und nebenbei curſirten auch verſchiedene Ver⸗ muthungen, die nur unter ganz mit einander vertrauten Perſonen beſprochen wurden, obwohl alle Aehnliches dachten, wenn es auch unausgeſprochen blieb, weil Leuten von großem oder vielmehr größtem Einfluſſe gegenüber es immer ſehr bedenklich iſt, ihnen nicht ganz günſtige, den Ruf ihrer Ehrbarkeit ableugnende Geſinnungen zu äußern. Etwas ſchwer in die Wage fiel der Umſtand, daß die Grandſeigneur⸗Lebensweiſe des Obriſthof⸗ kanzlers ſeine Finanzen ſchon aufs tiefſte erſchüttert hatte und es daher ein ſehr verzeihlicher Wunſch des vornehmen Herrn ſein mußte, ſeine Einkünfte, obwohl ſie zu den bedeutenden zählten, durch eine reiche Erb⸗ ſchaft, bei der er als Univerſalerbe auftreten konnte, erhöht zu ſehen. In dieſer Bemerkung lag für Jeden, bei dem der erwähnte totale Bruch der Sinzendorf⸗ Buſſy⸗Rabutin'ſchen Familie ein Ueberdenken der möglichen Urſachen deſſelben veranlaßt hatte, ein vollwichtiger Grund, daß die Erinnerung an den jungen Grafen Hubert Buſſy⸗Rabutin in den hohen Kreiſen wieder Platz griff, obwohl Niemand über ihn etwas Näheres wußte und derjenige, der ſicher eine 56 Auskunft in dieſer Sache geben konnte, Prinz Eugen, um ſolche nicht wohl angegangen werden konnte. Es war Manches im Hauſe der Prinzeß⸗Mutter vorgegangen, was innigſt eingriff in das Geſchick Hubert's. Eines Tages wurde die Prinzeß⸗Mutter in nicht geringes Staunen verſetzt, als Bela Iſtvanſi ſich bei ihr melden ließ. Wie, dieſer Menſch wagte es, ſich ihr zu nahen, er, auf dem der Verdacht ſchnöden Ver⸗ raths an Hubert ruhte, wie ſie von dem treuen Gott⸗ fried Almarich erfahren? Wahrhaftig, ſie zitterte vor dieſem jungen Iſcharioth und war unſchlüſſig, ob ſie ihn vor ſich kommen laſſen ſolle. Der Gedanke, daß es vielleicht für Hubert von Nutzen ſein könne, wenn ſie wenigſtens höre, was ihn zu ihr führe, beſtimmte ſie, ihm den Eintritt zu geſtatten. Er kam. Mit der ganzen Leidenſchaftlichkeit der Jugend, mit jenem Uebermaß von Reue, das den, der es im Herzen birgt, mit Verzweiflung ſchlägt, ſtürzte er vor ihr mit emporgehobenen Händen auf die Kniee. Er⸗ ſchrocken wich ſie vor dieſem wilden Gebaren eines 7 Gemüthszuſtandes zurück, deſſen Herrſchaft ihn ſogar der Sprache zu berauben ſchien, denn nur einzelne unzuſammenhängende Laute ſtammelte er und ſein 57 Blick wurzelte tief ſchuldbbewußt vor ihr am Boden. „Was ſoll das, Bela Iſtvanſi?“ fragte ſie, nach⸗ dem ſie mühſam einige Faſſung errungen hatte. „Erbarmen! Gnade mit einem ſchwer Verirrten!“ ſtöhnte der junge ungariſche Edelmann. „Du nennſt Dich einen Verirrten, Bela? Warum bekennſt Du das mir? Bin ich der Papſt, der Deine Sünden, Deine Miſſethat vergeben kann?“ „Ach, gnädigſte Frau, ich habe nichts mit dem zu ſchaffen, ich gehöre ihm nicht an, ich bin kein Katholik.“ „Wie? Du wäreſt kein Katholik? Und doch Freund der Jeſuiten, doch ein Kain an dem ſchuld⸗ loſen Abel! Menſch, rede! Löſe das Räthſel! Rede, wenn es Dir möglich iſt, Dich von dem Verdacht des ſchnödeſten Verraths an deinem Jugendfreunde zu reinigen.“ Bela Iſtvanſi legte ein Bekenntniß ab, das die Prinzeß⸗Mutter bewog, ihn mit weniger Verachtung zu betrachten. Er erzählte, daß er in Debreczin durch Zufall mit dem daſigen katholiſchen Pfarrer bekannt geworden ſei. Die freundliche, theilnahmvolle Weiſe des Mannes, ſeine würdige Sprache hätten einen ſehr guten Ein⸗ druck auf ihn gemacht, er habe ſich von ihm angezogen gefühlt und ihn öfters beſucht. Eines Tages habe dieſer geiſtliche Herr die Rede auf die Zukunft ge⸗ bracht und ihn gefragt, welche Hoffnungen er in dieſer Beziehung für ſich habe. Das ſei ihm wie ein Stich durchs Herz gegangen und es habe ſich ſeiner eine tiefe Scham bemächtigt bei dem Bewußtſein, daß er, der Arme, aus Gnade Erzogene, keine andere Aus⸗ ſicht vor ſich habe, als die ihm aus Gnade von ſei⸗ nem Freunde Hubert verſchafft werden würde. Sein Ehrgeiz habe ſich gegen das plötzlich mit aller Macht in ihm auftretende, bitter ihn demüthigende Abhängig⸗ keitsgefühl empört, nie im Leben habe er ſeine Armuth ſo ſehr gefühlt als bei dieſer an ihn gerichteten Frage, auf welche er der Wahrheit gemäß habe bekennen müſſen, daß er, ſeine Zukunft zu ordnen, ſeinem Freunde, dem Grafen Hubert Buſſy⸗Rabutin, über⸗ laſſen müſſe. Der Pfarrer habe nichts weiter darauf bemerkt, als daß es ſchade ſei, wenn junge ſtrebſame Männer der proteſtantiſchen Confeſſion angehörten, denn nur Katholiken könnten im kaiſerlichen Staate ihr Glück machen. Dieſe Aeußerung habe tief bei ihm ein⸗ gegriffen, und als nach Verlauf einiger Wochen ein Geiſtlicher zu dem Pfarrer zu Beſuch gekommen ſei und —= 59 ihm zugeredet habe, daß er nicht um einer Grille willen, wie der Religionswechſel doch nur ſei, ſeine Zukunft verſcherzen ſolle, denn er könne ja eine be⸗ deutende Carriere machen, habe er den Entſchluß ge⸗ faßt, überzutreten, um ſich ſelbſt ſeine Stellung in der Welt zu verdanken. Die Prinzeſſin erkannte, daß in dem, was er ſagte, Wahrheit ſei, denn ſeine Rede ſtimmte genau mit der Ausſage Gottfried Almarich's überein, daß er Bela im Geſpräch mit zwei katholiſchen Geiſtlichen belauſcht habe. Bela Iſtvanſi'’s Bekenntniß hatte ſich daher bei der alten Dame der Glaubwürdigkeit zu erfreuen. Er erzählte dann von dem Kampfe, den es ihn gekoſtet, gegen Hubert zu ſchweigen von ſeinem Vor⸗ haben, welches er ſogar aufgegeben habe, als er mit ihm und Gottfried die Reiſe nach Wien unternommen. Bei dem Ueberfall auf dem Gute in Siebenbürgen ſei er glücklich entwiſcht, während man Hubert gefangen genommen, und in der Furcht, daß auch ihm ein gleiches Schickſal bevorſtehe, habe er ſich geflüchtet und auf dem fernen Landſitz eines reichen galiziſchen Herrn in der Bukowina als Schreiber verdingt, wohin nach Verlauf von zwei Jahren derſelbe Geiſtliche zu Beſuch gekommen, den er bei dem Debrecziner Pfarrer kennen gelernt habe. Sein aufs neue in ihm erweckter ———— —— 60 Ehrgeiz habe ihn auf das Anerbieten des Prieſters, ihn mit nach Wien zu nehmen, eingehen laſſen. Kaum hier angekommen, ſei jene furchtbare Scene auf öffentlicher Straße vorgefallen, welche Hubert als Friedensbrecher in die Hände der bewaffneten Macht gebracht habe; ihn aber hätte der Schreck, den dies Wiederſehen auf ihn ausgeübt, auf ein langes Krankenlager niedergeworfen, und wie ſeine Wieder⸗ herſtellung allmälig vorgeſchritten, habe auch ſein Gewiſſen den Kampf mit ſeiner Ehrſucht durchgefoch⸗ ten; ſein ſchweres Unrecht ſei erſchreckend vor ihn hin⸗ getreten, und daß er jetzt hier ſich befinde, um ihr ein offenes Geſtändniß ſeines Vergehens abzulegen, wäre die Folge dieſer Erkenntniß. Er flehe ſie an, ihn zu retten, daß er nicht aufs neue in jenes Geiſtlichen Hand falle, der ihn zum Uebertritte zwingen würde. „Du weißt, welche Schmach auf Hubert, meinen Sohn gehäuft worden, wie ſeine Geburtsrechte nicht nur in Frage geſtellt, ſondern ſogar vernichtet ſind, wenn es nicht gelingt, Beweiſe beizubringen, die für ihn zeugen“, ſprach die hochbetagte Dame.„Welcher Anſicht ſind diejenigen, zu deren Partei Du bis jetzt gehörteſt?“ Mit gedämpfter Stimme antwortete Bela:„Ich glaube, ſie wiſſen mehr davon.“ 61 „Heiliger Gott!“ rief die Prinzeß⸗Mutter.„Welch ein abſcheuliches Verbrechen!“ Die Antwort Bela's hatte indeß ſo viel Vertrauen zu ihm bei der Dame hervorgerufen, daß ſie ſich ent⸗ ſchloß, ihn in ihrem Hauſe aufzunehmen. Prinz Eugen, nach deſſen Rathe ſie ſtets handelte, fand ebenfalls dieſen Beweis von Verzeihung gut, weil, wie er hoffe, durch dieſe Entziehung eines Proſelyten die⸗ jenigen, welche im fanatiſchen Eifer ſich zur Rache an ihm gedrungen fühlen würden, bei dieſer Gelegenheit vielleicht ſich ſelbſt verriethen. Was Bela über den Plan, der Hubert erbrechtslos machte, wiſſe, das ver⸗ langte der Prinz von ihm niedergeſchrieben. Es ge⸗ ſchah, aber es fand ſich in dieſer Niederſchrift nichts vor, was einen feſten Anhalt geben konnte, um da⸗ mit bei günſtiger Gelegenheit hervortreten und den ſchmählichen Betrug entlarven zu können. Bela hatte Alles nur erlauſcht, wie er ſagte. Mit ihm hatte Niemand über Hubert's Angelegenheit geſprochen. An dieſem einzigen Umſtand mußte ſchon die Beweisfähig⸗ keit deſſen ſcheitern, was Bela angab; indeß er blieb im Hauſe. Es war gar nicht zu verkennen, daß er nicht mehr derſelbe lebensfriſche junge Mann wie ehedem war, ſein Weſen zeigte eine Scheu, die er nur mit Mühe 62 und Anſtrengung überwinden konnte. Und wenn dies auffallend erſchien, ſo war es gewiß noch auffallender, daß Miriam hinſichtlich ihres frühern Benehmens gegen ihn ſich umgewandelt zeigte. Sie ſuchte ihn offenbar. Sie war ſo zierlich, ſo elfenſchlank und ſo heiter wie noch nie. Vater Franzli begriff das nicht, der Bela Iſtvanſi war nie ſein Liebling geweſen. Wenn ſich an demſelben etwas zu ſeinen Gunſten verändert hatte, ſo war dies eben nur in der jetzt ſein ganzes Weſen beherrſchenden Scheu, in ſeinem Niedergedrücktſein zu bemerken, das allerdings ſtark mit ſeinem frühern brüsken und nicht ſelten in rohe Anmaßung ausartenden Benehmen contraſtirte, als er noch Hubert's Kindheitsfreund und Spielgenoſſe geweſen war. Welch großer Unterſchied zwiſchen Hubert und Bela! Der erſtere freundlich, heiter, der andere düſter, verſchloſſen, oft über das Geringſte unwillig. Auch Doctor Weilenberger, eine Autorität unter den Ange⸗ ſtellten im Buſſy⸗Rabutin'ſchen Hauſe, war kein beſon⸗ derer Freund Bela's; aber Hubert's verſtorbener Vater hatte große Stücke auf den jungen Magyaren, den hinterlaſſenen Sohn eines von ihm hochgeſchätzten unbemittelten Waffenbruders, gehalten, und Hubert's heiteres, leichtverſöhnliches Gemüth ſchien keine Augen 1 n 63 für die Eigenwilligkeiten des mit ihm erzogenen Freun⸗ des zu haben, weshalb ſich auch Niemand berufen fühlte, ſich über Bela ungünſtig auszuſprechen. Der alte Franzli fand bald Gelegenheit, Miriam zur Rede zu ſetzen über die auffallende Zuneigung, die dieſe jetzt gegen Bela an den Tag legte. Er bemerkte, wie ſie mehr als je an dem kleinen Schiebefenſter der Portierloge auf der Lauer ſtand und, wenn Bela durch den Hausflur ſchritt, ihm überaus freundlich zu⸗ lächelte. Bei einer ſolchen Gelegenheit konnte er weder ſeine Verwunderung noch ſeinen Unmuth zurück⸗ halten und äußerte gegen ſie: „Ich ſollt' faſt meinen, der Ungar wär' Dir ins Herz gebrannt. Ich vermerk' das mit keiner großen Freud'. Sakriſchtaner, dem Burſchen trau' ich nicht über den Weg, und Du biſt voller Faxen gegen ihn, als hätteſt Du keinen andern Gedanken im Kopf wie den, ihn bis über die Ohren in Dich verliebt zu machen.“ „Der Vetter Franzli hat's getroffen. Wenn ich's nur könnt', ich macht's, daß der Bela gar nicht mehr leben möcht', als nur grad für mich, mit mir.“ „Jeſus, Maria, Joſeph!“ rief der Alte erſchrocken. „Biſt Du verdreht, Madel?“ Die kleine zierliche Miriam wendete ſich zu ihm 64 und fragte neckiſch:„Wenn man an Bela einen ſo großen Gefallen findet, muß man verdreht ſein? Da bin ich's ſicher, und ich wollt', er merkt's, daß es ſo mit mir ſteht. Ich möcht' was drum geben. Jetzt hab' ich gar nichts Anderes im Kopf als den Bela.“ Den alten Franzli überlief der Unmuth, er ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch und ſchalt zornig:„Das iſt die gottesläſterliche Zigeunernatur in Dir. Die hat keine Ehr' und keine Schand'.“ Mit einem ſeltſamen Lachen, das alle hohen Töne, deren ihre Kehle fähig war, durchlief und in tiefen wie ſterbend ausging, antwortete ſie:„Zum erſten Male hör' ich das nicht, der Hubert hat mir das ſchon geſagt. Ei ja, Vetter Franzli, das iſt das Zigeune⸗ riſche in mir, und ich glaub's faſt genau, daß eben nur Zigeuner lieben können, weil ihnen weder die Ehr' noch die Schand' im Wege ſteht.“ Damit endete dieſer Wortwechſel zwiſchen beiden. Der Alte war ſehr böſe, Miriam aber zeigte ſich ſo heiter, als wäre ihr mit ihrer Liebe zu Bela erſt das wahre Verſtändniß des Glückes aufgegangen. Wer hätte es leugnen können, daß Bela Iſtvanſi ein ſchöner junger Mann ſei? Jetzt freilich lag etwas Trübes über ihn gebreitet, ungefähr wie ein grauer ſonnenloſer Tag über einer ſchönen maleriſchen Ge⸗ 65 gend. Wie ohne Sonnenſchein die reizendſte, präch⸗ tigſte Landſchaft verliert, ſo iſt's mit dem Menſchen, der Adonis ſcheint verſchleiert, die augenlockendſte Nymphe entbehrt des Nimbus ihres Zaubers, wenn nicht von innen heraus des Lebens ſüße Luſt beider Augen entſtrömt. Wie hätte es ihm, trotz ſeines auf⸗ fallend düſtern Weſens, als nage Reue an ſeiner Seele oder als fühle er es, die Beute eines großen, nicht zu beſchwichtigenden Zwieſpalts in ſeinem Herzen zu ſein, entgehen können, daß Miriam's dunkle Augen auf ihn ſich richteten! War das, was aus ihren Augen ſprach, nicht das ungezügelte Feuer des Verlangens, geliebt zu werden? Magyarenblut treibt heiß und raſch durch die Adern, Bela fühlte die frühere Leidenſchaft zu der kleinen zierlichen Schönen in ſich aufflammen. Da⸗ mals hatte ſie ihn kalt zurückgeſtoßen, jetzt las er in ihren blitzenden Augen die Glut einer Neigung, welche Erwiderung ſuchte. Wer löſt die Räthſel im weib⸗ lichen Herzen! Er traf ſie auf der Treppe und blieb bei ihr ſtehen, die Hand auf ihre Schulter legend. „Miriam“, ſagte er leiſe,„denkſt Du jetzt anders gegen mich als ehemals in Debreczin?“ Carion, Der alte Deſſauer. IV. Gr 66 „Ja“, antwortete ſie noch leiſer, und auf ihren bräunlichen Wangen glühte ein tiefer Purpur. „Und warum?“ fragte er. „Hubert hat mich beleidigt. Zigeuner hätten weder Ehre noch Schande, ſagte er.“ „Der Narr!“ rief Bela.„Was fragt die Liebe nach der Herkunft!“ 8 Und dabei legte er den Arm um die kleine Schöne, ſeine Lippen fanden die ihren, ſie entzog ſich ihm nicht, ſie duldete, ja ſie erwiderte ſeine heißen Küſſe. Geräuſch im Hauſe unten war die Veranlaſſung, daß ſie ihm entſchlüpfte, aber von dieſem Augenblicke an gab es ein Geheimniß in dieſem Hauſe, das ſorgſam verhüllt wurde vor aller Mitbewohner Blicken. Bela erkannte bald, daß die kleine zierliche Miriam einen tiefen unauslöſchbaren Haß gegen Hubert in ſich trug und daß ſie mit der Neigung zu ihm den Wunſch miſchte, er möge ihr zur Rache an demſelben helfen. „Aha“, rief er lachend,„der ſtolze Grafenſohn hat Dich verſchmäht, Du warſt ihm zu niedrig, zu gemein; aber tröſte Dich, Schätzchen, er iſt gefallen wie ein Baum, den der Wind gebrochen hat.“ „Ja“, ſtimmte Miriam lachend mit ein,„eines haiduckiſchen Schweinezüchters Sohn iſt keine Herr⸗ lichkeit.“ 67 „Gewiß nicht. Er iſt unfähig, die Güter zu erben, und das iſt der Todesſtoß für ihn.“ Miriam ſchlug ein helles Lachen auf und klatſchte fröhlich in die Hände. „Was macht Dich ſo luſtig?“ „Die ſchöne Erfindung dieſes Märchens.“ „Welches Märchens?“ „Des Märchens von dem Schweinezüchterſohn.“ „Du zweifelſt?“ „Ich? Ah, warum ſollt' ich nicht? Weiß ich es doch beſſer!“ „Wie?“ „Sicher und—“ „Und?“ „Pſt, nicht ſo laut! Wer braucht's außer uns zu wiſſen?“ Bela konnte ſich eines Schauers nicht erwehren. „Außer uns?“ fragte er.„Du meinſt, ich wiſſe, daß es eine Erfindung ſei, um ihn aus ſeinem Erbe zu ſtoßen?“ Miriam nickte lachend mit dem Kopfe, ſchlang den Arm um ſeinen Hals und flüſterte:„Ich habe es ja mit eigenen Ohren gehört.“ „Was?⸗ „Was Ihr in Debreczin beſprochen, Du und die beiden Schwarzen.“ Bela's Geſicht nahm den Ausdruck eines ſo über⸗ mächtigen Schreckens an, daß ſeine vor kurzem noch lebhaften, beweglichen Züge wie zu Stein geworden ſchienen und an Stelle des Wangenroths eine tiefe Leichenbläſſe trat. „Wird Dir unwohl?“ fragte ſie zärtlich. „Nein, nein.“ 1 „Jetzt hab' ich's! Du erſchrakſt, weil ich um et⸗ was weiß, was ich nicht wiſſen ſollte. Damals, als ich Alles hörte, was mit der Frau Hanulik zu Gran geſchehen war, wollte ich Dich verrathen; aber da be⸗ leidigte, demüthigte, erniedrigte er mich, er, um deſſen willen ich mir das Blut in meinen Adern hätte vergiften laſſen, wenn es ihm nur eine Stunde Glück hätte be⸗ reiten können, und ich ſchwieg, ich ſchwieg, denn in meiner Seele gährte die Rache heißer als die ſieden⸗ den Quellen des Herkules, ich freute mich ſeiner Er⸗ niedrigung, ſeines Sturzes aus dem Himmel ſeiner Herrlichkeit in den Schlammpfuhl der Verwerfung.“ Die kleine Zigeunerin ſchien unter dieſem tief aus ihrer Seele ſtrömenden Ausbruch glühenden Rache⸗ durſtes zu wachſen, in ihren Augen flammte es gleich Feuerſtrahlen, ſodaß Bela den Blick vor dieſen in das Innerſte ſeines Herzens ſich bohrenden Blitzen entſetzt zu Boden ſchlug. Nicht ſie war mehr in ſeiner Hand, ——— /ↄ——.,———„1———————/ ——— h fe 69 wenn es Verrath gegolten hätte, er war in der ihren und er fühlte, daß er von ihr zu fürchten habe, ſo⸗ bald er ihre zu ihm entbrannte Neigung von ſich ab⸗ weiſe. Doch dieſer Gedanke, der wie ein Nebel durch ſein Hirn zog, verſchwand ſogleich, als Miriam ſich dieſer Aufregung entriß und ganz wieder den heitern Ton tändelnder Liebe anſchlug, der einen ſo überwäl⸗ tigenden Eindruck auf ihn machte und ſeine neu ange⸗ regte Leidenſchaft für ſie außerordentlich ſteigerte. Mit dem neckiſchen, kindlichen Weſen ſtimmte die kleine, zarte, elfenartige Geſtalt Miriam's. Sie gab ſich, wie ein glückliches Kind im Beſitze aller gewünſch⸗ ten Freuden ſich nur immer geben kann, ohne allen Rückhalt, ſie war ganz Luſt, ganz Glück und ganz unbewußt des Zaubers, den ſie ausübte, und eben da⸗ rum konnte ihm keine Ahnung kommen, daß es viel⸗ leicht ein abſichtliches Spiel ſei, welches ſie treibe. „Nur Zigeuner können lieben“, flüſterte ſie ihm ſcherzend zu, indem ſie ſeinen Hals umſchlang.„Und weißt Du, mein ſchönſter blanker Schatz, warum? Weil ſie ſich nicht um Ehre und Schande zu kümmern haben. Ach, Schande! Hahaha! Was iſt denn eigentlich Schande? Sage mir, Geliebter, was Schande iſt?“ Das klang ſo närriſch und doch auch ſo lieb und jeder ſcharfen Bedeutung entbehrend, daß ſie ihn, den Verräther, dies fragte. Wenn in Bela's Seele nur noch ein Gedanke aufgedämmert wäre, daß er von ihr zu fürchten haben könne, ſo würde derſelbe in nichts zerſtiebt ſein bei der Ueberzeugung, daß in dieſem kleinen und zarten weiblichen Weſen ein unergründlich tiefer Haß, ein nicht zu löſchender Rachedurſt gegen Hubert gähre, da ſie ſelbſt im Scherze nicht die Be⸗ leidigung vergaß, die ihr von dem Grafenſohn an⸗ gethan worden war. Auf dieſe Gewißheit baute er den Plan, Miriam für den Spionsdienſt zu gewinnen, um gelegentlich zu erfahren, ob die Prinzeß⸗Mutter den Aufenthalt Hubert's kenne, welcher aus dem Kerker des Rothen⸗ thurmthors durch einen geheimen Befehl von aller⸗ höchſter Hand ſeine Entlaſſung gefunden hatte. Miriam's ganz eigenthümliche Stellung im Hauſe der Prinzeß⸗Mutter glich der eines hübſchen Spiel⸗ zeugs, das Jeder gern hat. Man war an ſie gewöhnt, Niemand erinnerte ſich daran, daß ſie kein Kind mehr ſei, ihre kleine Figur, ihr heiteres, oft tolles Weſen ließen gar nicht den Gedanken aufkommen, daß ſie nur ſcheinbar mit fröhlichen Kinderaugen Alles an⸗ ſchaue, aber in den verborgenſten Falten ihres Herzens Empfindungen berge, deren Daſein man ebenſo wenig 8 71 ahnte, wie der an heißem Sommertage an einem dür⸗ ren Fels vorüberziehende, von Durſt gepeinigte Wan⸗ derer die Ahnung in ſich hat, daß nach Jahren aus dem todten Geſtein ein mächtiger Quell hervorbrechen wird. Auch die Prinzeß⸗Mutter liebte die kleine Miriam, ſie ſah ſie gern um ſich und fand Wohlge⸗ fallen an ihrem Geplauder. Bela wußte das, und es wurde ihm leicht, die kleine Zigeunerin dahin zu be⸗ ſtimmen, bei ihrer erlauchten Wohlthäterin Kunde von dem Aſyle Hubert's zu erlauſchen. Mit dieſem bereitwillig von ihr gegebenen Verſprechen verließ er abends unbemerkt das Haus. Die Gaſſen lagen finſter und wie ausgeſtorben unter dem Mantel der Nacht verhüllt, die Unſicherheit, die damals, wie früher ſchon erwähnt, die kaiſerliche Reſidenz an der Donau faſt berüchtigt machte, hielt die Bewohner bei ſo dunklen Abenden in ihren Woh⸗ nungen. Bela hatte nicht zu fürchten, daß er auf ſeinem Wege Jemand begegne, dem er nicht zu be⸗ gegnen wünſchte. Und ſo war es auch, er ge⸗ langte ſchnell in die Gegend des Stephansdoms, deſſen koloſſaler Bau das Abenddunkel noch mit weit tieferm Schatten deckte. Damals friedigte noch eine Mauer dieſes ehrwürdige Gotteshaus ein. Hier war es unmöglich, Jemand zu erkennen, der ſich an dieſer Mauer ungeſehen verborgen halten wollte.— Ein leiſes Huſten überzeugte ihn, daß der ihn Er⸗ wartende ſchon auf dem Platze ſei, und ſo wendete er ſich der ihm gegebenen Richtung zu. Am Eingangs⸗ thor, das wie eine Baſtion etwas aus der Mauer herausgebaut war und demnach auf ſeinen beiden Sei⸗ ten mit dieſer ſcharfe Winkel bildete, harrte ſeiner ein Mann, mit welchem er ſogleich ein ſehr ernſtes, halblaut in ungariſcher Sprache geführtes Geſpräch anknüpfte, an deſſen Schluſſe— es mochte wohl eine halbe Stunde darüber verſtrichen ſein— jener ſagte: „Es iſt gut, Herr Bela Iſtvanſi, was Ihr da an⸗ geknüpft habt. Die Wege, die man einſchlagen muß, um zu einem Ziele zu gelangen, ſind oft ſeltſam, aber deshalb auch beſonders zu beachten. Die kleine Zigeu⸗ nerin taugt ganz trefflich zu einer Späherin, eben weil man ihr dergleichen nicht zutraut. Laßt Euch das geſagt ſein: unſer einziges Streben iſt jetzt nur darauf gerichtet, zu erfahren, wo ſich Hubert befindet, um Maßnahmen zu treffen, ihn in ein unfreiwilliges Aſyl zu bringen, das ihn für Lebenszeit unſichtbar macht, was eben ſoviel iſt als todt. Dann erſt haben wir das Spiel gewonnen. Und nun gute Nacht für ————— 73 heute, über acht Tage finden wir uns wieder hier; ich wünſche, daß Ihr dann ein wenig vorwärts ge⸗ ſchritten ſeid in Eurer Aufgabe.“ „Einen Augenblick noch“, ſprach Bela.„Wäre es nicht beſſer, wenn Hubert wirklich ſtürbe, ſtatt—“ Der Andere fiel ihm ins Wort: „Nein, ich bin kein Freund von Mord. Blut verräth oft leichter den Thäter, als man denkt. Man muß ſein Gewiſſen rein halten von ſolchen Vorwürfen, wenn nicht die äußerſte Noth oder die Ausſicht auf einen großen Vortheil eine derartige That erfordert. Gute Nacht, Herr Bela Iſtvanſi.“ Beide verließen das Dunkel ihres Rendezvous nach verſchiedenen Seiten hin. Ihre Schritte ließen keine Spur hören, denn der Erdboden war von einem am vorhergegangenen Tage gefallenen ſtarken Regen gelockert. Sie mochten wohl ſchon ziemlich weit ent⸗ fernt ſein, als in einem der von dem vorſpringenden Thore gebildeten und tiefdunklen Winkel ſich eine kleine Geſtalt vom Boden erhob und alles das, wovon ſie Ohrenzeuge geworden, überdachte, um es ihrem Gedächtniß einzuprägen. „Er will ihn gemordet wiſſen, er ſähe ihn lieber todt als lebend eingekerkert— er hat Furcht in ſeiner Seele— Furcht— Furcht!“ 74 Dieſe Ueberzeugung beſchäftigte die Kleine, die in dem finſtern Schatten längs der Mauer leiſe hin⸗ huſchte und bald vom Stephansplatze verſchwunden war. Die Prinzeß⸗Mutter fühlte ſich zuweilen leidend; an einem der nächſten Tage war dies beſonders der Fall, und ihr Sohn, der Obriſthofkanzler, hatte ſtrengen Befehl gegeben, ihn, wenn ſich ſeiner gnädigſten Frau Mutter Zuſtand verſchlimmere, ſogleich davon zu unterrichten. Das deutete an, daß dieſer vonehme Herr erwartete, es könnte irgend ein Umſtand ein⸗ treten, der das Leben der Erkrankten ſchnell ende. Selbſtverſtändlich war die Dienerſchaft in nicht geringe Erregung durch dieſe Weiſung gekommen und glaubte ſich überzeugt, daß eine ſolche ihnen ſchmerzliche Ver⸗ änderung bevorſtehe, beſonders da auch noch gegen Abend Prinz Eugen vorfuhr, um ſeine Freundin, wie er ſagte, vielleicht zum letzten Male zu ſehen und zu ſprechen. Bela Iſtvanſi hatte Miriam den ganzen Tag nicht geſehen, ſpät am Abend klopfte es leiſe an ſeine Thür. Sie war es, ſie hatte ihm Neuigkeiten mitzutheilen. Er erfuhr, daß die Prinzeß⸗Mutter für den Fall, daß Hubert's Tod bewieſen werde, denn ſie wiſſe jetzt nicht, wo er ſich aufhalte, den von ihrem verſtorbenen Ge⸗ ——8⁸½————; 75 mahle Buſſy⸗Rabutin erworbenen bedeutenden Grund⸗ beſitz Erdöſi⸗Telek in Siebenbürgen an Bela Iſtvanſi vererben wolle, um im Sinne ihres hochſeligen Ge⸗ mahls für denſelben zu ſorgen; im Falle aber, daß Hubert noch am Leben ſei, ſolle dieſer gehalten ſein, an Bela eine lebenslängliche Rente auszuzahlen. „Und woher haſt Du dieſe Kunde?“ fragte Bela. „Sie hat es mit dem Prinzen Eugen beſprochen; ich war im Nebenzimmer und erlauſchte es.“ „Erdöſi⸗Telek iſt ein großes Beſitzthum“, ſagte Bela nachdenkend.„Ich wäre für mein ganzes Leben unabhängig; aber er lebt gewiß.“ Miriam lächelte. „Warum lächelſt Du?“ fragte er. „Weil mir was einfällt.“ „Und was?“ Vorſichtig, als getraue ſie ſich das, was ſie ſagen wollte, nicht mit voller Stimme auszuſprechen, flüſterte ſie ihm zu:„Haſt Du denn nichts davon gehört, daß man Jemand ſterben machen kann, der nicht länger leben ſoll?“ „Ha!“ „Gewiß, man kann's, und daß man's kann, das iſt ja an einem großen Herrn bewieſen worden. Er⸗ innerſt Du Dich nicht, daß der verſtorbene Graf, Hubert's Vater, als er einmal von Wien zurückge⸗ kommen, eine Geſchichte erzählte, wie einem großen Fürſten das Herz im Leibe welk und todt gemacht worden ſei, woran er ſchnell verſtorben?“ „Bei allen Teufeln, ja— ja, ich erinnere mich jetzt. Du haſt ein eiſernes Gedächtniß, Miriam. Es war an einem ſächſiſchen Kurfürſten vor wenig Jahr⸗ zehnten geſchehen.“) Was hilft's aber, daß man ſich daran erinnert, wenn man dieſe Kunſt nicht kann!“ „Ich kann ſie.“ „Du?“ „Zigeuner können Alles“, ſagte die Kleine mit einem gewiſſen Stolze.„Sowie ſie Talismane gegen alles Unglück und Gefahr zu bereiten verſtehen, daß der, welcher einen ſolchen trägt, von Sonne, Mond und Sternen nicht verlaſſen wird in ſeiner Noth, ſo können ſie auch einem das Leben kürzen, der weit entfernt iſt.“ *) In dem berüchtigt gewordenen Neitſchütz'ſchen Hexenproceſſe, zu Dresden geführt und zuletzt auf Auguſt's des Starken Befehl niedergeſchlagen, wurde auch der angeblich durch Hexenkunſt her⸗ beigeführte Tod Kurfürſt Johann Georg's III., welcher ſeinem Kurprinzen nicht die Liebſchaft mit der ſchönen Sibylle von Neit⸗ ſchütz geſtatten wollte, vor die Schranken des Gerichts gebracht. Zwei Hexen ſollten ihm, der auf dem Feldzuge gegen Frankreich begriffen war, das Herz gebrannt(verbrannt), welk, blutlos ge⸗ macht haben, daß er ſterben mußte. 77 In Bela's Geſicht zeigte ſich ein fieberhaftes Zit⸗ tern, ſeine Augen ſchienen größer zu werden, ſelbſt ſeine Naſenflügel erweiterten ſich ſcheinbar, ein ent⸗ ſetzlicher Gedanke griff gierig Raum in ſeinem Hirn. „Hm“, ſagte er nach einer Weile,„die Jäger wollen auch ſolche ſchwarze Kunſt verſtehen.“ Miriam achtete nicht auf dieſe Rede, ſie griff zu dem heitern Tone, der ihr ſo wohl ließ, ſie war voller Luſt und Scherz, als ſei es ihr gar nicht möglich, an etwas Anderes zu denken. Bela machte den Verſuch einzuſtimmen, aber er mißlang ihm vollkommen. Es war ſichtbar, daß ſeine Gedanken um einen Gegen⸗ ſtand ſich drehten, der ihn ſo ausſchließlich beſchäftigte, daß er nicht fähig war, davon abzulaſſen. Ein öfterer Wechſel von Bläſſe zu tiefem Roth machte ſein Geſicht zu einem Spiegel, der die ſein Hirn durchkreuzenden Gedanken ahnen ließ. Die kleine zierliche Miriam merkte nichts davon, ſie war nie ſo neckiſch geweſen wie an dieſem Abend und nahm ſeine oft ſtarr auf ſie gerichteten Blicke für den Ausdruck der Liebe. Endlich ſchien er die Herrſchaft über ſich ſelbſt wieder⸗ gewonnen zu haben. Er zog Miriam auf ſeinen Schooß nieder, ihr Kopf ruhte an ſeiner Schulter; den Arm um ſeinen Hals gelegt, bot ſie das Bild eines lieb⸗ lichen Mädchens, das ſich dem Geliebten im vollſten 78 Vertrauen übergibt und ſich glücklich fühlt im Be⸗ wußtſein, daß es ihm mit aller Glut des Herzens angehöre und von ihm über Alles geliebt werde. Und Bela flüſterte ihr ins Ohr, ſie antwortete ebenſo; es war ein Geheimniß, wovon ſie ſprachen, aus dem Geflüſter hoben ſich aber einige kurze Ant⸗ worten Miriam's deutlicher geſprochen hervor. „O gewiß, Mutter hat mich die Kunſt gelehrt, aber ich bin noch zu jung, als daß der Zauber Kraft haben könnte.“—„Warum nicht? Dich will ich's lehren.“ —„Du nimmſt mich mit nach Erdöſi⸗Telek?“— „Morgen Nacht, heute nicht, morgen iſt die letzte Nacht vor dem Neumonde, eine ſehr gute Nacht zu geheimen Dingen.“—„Ich komme ſicher, darauf küſſe ich Dich.“ Und wie die Kleine ſeinem Arme, ſeinem Gemache entſchlüpft war, ging Bela noch lange auf und nieder; ein Heer der niedrigſten Leidenſchaften hatte Beſitz von ſeiner Seele genommen. Als der Morgen kam, hatte er noch kein Auge geſchloſſen, kalter Schweiß perlte ihm auf der Stirn. Die junge Sonne leuchtete, als ſie ihren erſten Goldſchein in ſein Zimmer warf, in ein übernächtiges, fahles Antlitz, welches das Merkmal einer bis zur äußerſten Grenze geiſtiger und körperlicher Abſpannung ausgeprägten Ruheloſigkeit trug und 79 aus dem jener müde, glanzloſe und ſtarre Blick fortge⸗ ſetzter Angſt ſchaute, wie ihn nur Verbrecher haben können, denen der Gedanke an die Möglichkeit der Entdeckung ihrer ſchlimmen Thaten die härteſten Qualen bereitet. Der nächſte Tag brachte der Prinzeß⸗Mutter einige Milderung ihres Krankheitszuſtandes. Wäre ſie nicht in den Jahren vorgerückt, würde man mit Gewißheit ihrer Geneſung entgegenſehen können, lautete des Arztes Ausſpruch. Der Obriſthofkanzler zeigte ſich als theilnehmender Sohn, er fand ſich ſchon ſehr früh bei ſeiner gnädigſten Mutter ein, und am Nachmittag kamen drei rechtsgelehrte Herren, die eine lange Be⸗ ſprechung mit der kranken Dame hatten, zu der Nie⸗ mand gelaſſen wurde. Unter der Dienerſchaft ging die Rede, ihre Herrin habe teſtamentariſche Beſtim⸗ mungen getroffen, da die Angelegenheit Hubert's ſo ganz verloren ſcheine. Und als die Nacht, die letzte vor dem Eintritt des Neumonds, wieder ihr Trauergewand ausgebreitet hatte, wurde ein geheimnißvolles Werk vollzogen in Bela Iſtvanſi's Wohnung. Im Beiſein und unter Aſſiſtenz Miriam's geſchah ein Zaubermord an einem Fernen durch Bela, welcher zuletzt mit zitternder Hand einer kleinen, von ihm ſelbſt gekneteten Wachsfigur auf der Stelle, wo das Herz im Menſchenleibe ſich befindet, einen ſpitzen Nagel mittels einiger leichten Hammer⸗ ſchläge unter von Miriam ihm vorgeſagten und von ihm nachgeſprochenen Formeln eintrieb. „Nun ſtirbt er und Du wirſt der Grundherr von Erdöſi⸗Telek“, ſprach Miriam. „Du glaubſt das ſo feſt?“ „Warum nicht? Du wirſt's ſelbſt glauben müſſen, wenn ſich der Gemordete zeigt.“ „Mir?“ „Ja, allemal dem, der ihn das Herz durchſtoßen, erſcheint er, ob im Traume oder beim Wachen, das weiß ich nicht.“ Bela ſchien keinen Blutstropfen mehr in ſich zu haben, er fiel in den Seſſel zurück, ſein Athem ging ſchwer, als lägen erdrückende Centnerlaſten auf ſeiner Bruſt; der Schreck über Miriam's Rede hatte ſie ihm aufgewälzt und eine bleiche Furcht in ihm wachgerufen, die gleich Gift ſein Blut durchdrang. Er leerte raſch einige Gläſer Wein, um die Eiskälte, mit welcher der Gedanke, ſein Opfer vor ſich erſcheinen zu ſehen, durch ſein Hirn rieſelte, von ſich abzuwehren. Das MNittel half, ſpäter ſank er berauſcht auf ſein Bett. Am andern Vormittag hieß es im Hauſe, die Prinzeß⸗ Mutter befinde ſich ſchwach, ein Traum habe ſie er⸗ ſGrect, ſie habe Hubert todt geſehen. ——ͤ;— 81 Wer hätte unter der Einwirkung der fieberhaften Spannung, welche in der Regel einem als faſt gewiß in Ausſicht ſtehenden, große Veränderungen nach ſich ziehenden Ereigniſſe, wie der Tod einer Herrin zu ſein pflegt, vorhergeht, auf Bela achten ſollen! Sein blaſſes Geſicht fiel Niemand auf, in ſein Inneres konnte Niemand ſehen. Die Vorwürfe, die ihm ſein Gewiſſen machte, vermochte er freilich nicht niederzu⸗ kämpfen. „Sie hat ihn todt geſehen, nun wird er mir erſcheinen, dem Mörder“, lautete die Mahnung der nicht zu bekämpfenden Angſt in ſeiner Seele, Beben ſchlich durch ſeine Glieder und brachte die feinen Denkfäden ſeines Hirns zum Vibriren. Zuweilen wollte er ſich die Kraft des von ihm vollzogenen Zauberwerks leugnen, ſie wegſpotten, ſich zum Muth erheben; aber das war nur ein kurzes, ſchnell verſchwindendes Aufblitzen, denn:„Sie hat ihn todt geſehen“, an dieſen zu ſeinem Ohr gedrungenen Worten ſcheiterte jedes von ſeiner Seite verſuchte Aufraffen, er lag auf der Folterbank des Gewiſſens. Und wieder im Wein ſuchte er Hülfe vor den Natterbiſſen des Gewiſſens. Denen, zu deren Werk⸗ zeug er geworden war, die ihn durch lockende Vor⸗ ſpiegelungen zum Verrath an dem Freunde ſeiner Carion, Der alte Deſſauer. IV. 6* 82 Kindheit, an ſeinem Jugendgenoſſen gedrängt hatten, in deren geheimem Auftrage er jetzt wieder in dieſem Hauſe lebte, hatte er ſich entreißen wollen. Mit die⸗ ſem Losreißen von ihnen, die zu Herren über ihn geworden waren, mußte aber auch zugleich die Sicher⸗ heit vor der Rache des Verrathenen verbunden ſein. Solange Hubert lebte, war er nie ſicher vor der⸗ ſelben, daher überwältigte die Ausſicht auf Unabhängig⸗ keit, die ihm, dem Erben von Erdöſi⸗Telek, wenn Hubert nicht mehr unter die Lebenden zähle, zu Theil werden würde, denn er zweifelte keinen Augenblick an⸗ Miriam's Erzählung, ſein Denken ſo ſehr, daß er von ihrer Wiſſenſchaft Gebrauch machte. Bela war aber ein ſchwankender Charakter, ein Menſch von halben Grundſätzen, welcher eben deshalb jedem auf ihn wirkenden Einfluß unterthan ward. Die Angſt überflügelte den Rauſch. Kein Schlaf kam in nächſter Nacht in ſeine Augen, ein lethar⸗ giſches Hinbrüten umſpann ſeine Sinne, das leiſeſte Geräuſch ließ ihn emporfahren. Da drang ein Stöh⸗ nen in ſein Ohr, er fuhr auf und ſank, wie von einem Schlage auf den Kopf getroffen, zurück auf ſein Lager; eine Geſtalt in weißem, wallendem Gewande ſtand unweit ſeines Lagers, der hellgraue Mitter⸗ nachtshimmel umhüllte ſie mit fahler Dämmerung. ————————S=/—:—-—— D ——* 83 Am andern Morgen fand man ihn in einem hitzi⸗ gen Fieber liegen. Während die Prinzeß⸗Mutter genas, verfiel Bela Iſtvanſi zuſehends raſch dem Irr⸗ ſinne, der nicht ſelten in Ausbrüche von verzweiflungs⸗ voller Tobſucht ausartete. In dieſem Zuſtande redete er von Dingen, die den Zuhörenden einen entſetzlichen Einblick in ſeine von Wuth, Haß, Entſetzen und Reue gefolterte Seele ge⸗ währten; er nannte Namen, die man nicht kannte, welche aber auf ſeine Verbindungen mit deren Inhabern ſchließen ließen; wilde Verwünſchungen reihten ſich an dieſe Namen. Der Verrath, den er, von Ehrgeiz, Habſucht und Ueberredungskunſt verführt, an Hubert begangen hatte, den fortzuſetzen er aufs neue unter der Maske erheuchelter Reue in dies Haus gekommen war, trat nackt enthüllt ans Tageslicht, und die namen⸗ loſe Angſt vor dem Geſpenſt des von ihm, wie er glaubte, durch Zauberei Gemordeten ſträubte ſein Haar empor und trieb ihn zu Selbſtentleibungsver⸗ ſuchen, die jedoch durch die ihn Bewachenden verhin⸗ dert wurden. Die Prinzeß⸗Mutter hatte auf Prinz Eugen's Rath Doctor Weilenberger den Schwerkranken übergeben und dieſer ihn ins Tollhaus bringen laſſen, obwohl der Obriſthofkanzler mit dieſer Ueberſiedelung durchaus 6* 84 nicht einverſtanden war und ihn auf andere Art ver⸗ ſorgt zu ſehen wünſchte. Er ſtieß jedoch auf eine ſo energiſche Zurückweiſung ſeiner Anſicht bei ſeiner gnädigſten Mutter, daß er ſich gezwungen ſah, nachzugeben. „Excellenz, ich betrachte dieſen Unglücklichen wie einen Vulkan, deſſen gährende Feuerſtoffe ſich einen Krater geſprengt haben, der nun das lange im Innern des Berges verſchloſſene Verderben ausſtrömt“, hatte Doctor Weilenberger zu dem Obriſthofkanzler geſagt. „Ob es mir gelingen wird, ihn zu heilen, ich weiß das nicht im voraus und kein Arzt der Welt kann dies mit Beſtimmtheit verſichern; aber ich werde mich bemühen, Excellenz, alles das ſchriftlich zu faſſen, was dieſes Elenden geſtörter Geiſt in chaosartigem Wirrwarr aus ſeinen Tiefen emporſchleudert, und ich glaube, es wird ſich da ein ſchreckensvolles Bild eines ſchändlichen Complots gegen Hubert's Rechte heraus⸗ ſtellen, wir werden Namen von Männern kennen ler⸗ nen, die, von Heiligenſchein umfloſſen, ein Werk der Hölle begonnen und gefördert haben. Als Stiefbruder dieſes zum Opfer gewordenen Jünglings müſſen Ew. Excellenz eine ſolche Kenntniß ſelbſt wünſchen, denke ich.“ Der Obriſthofkanzler hatte nur ein leichtes Kopf⸗ ——,—————,— 8⁵ nicken als Beiſtimmung, es war unmöglich, daß er ſich noch dagegen auflehnen konnte, ſeine eigene Ehre würde von ſchwerem Schatten verdunkelt worden ſein. Nie war Miriam heiterer geweſen als jetzt. Der alte Franzli verſtand ſie jetzt noch viel weniger als früher. War es ihm auch widernatürlich vorgekom⸗ men, daß ſie, die ſonſt keine Notiz von Bela Iſtvanſi genommen, plötzlich eine Neigung zu ihm zeigte, die durch weiter nichts gerechtfertigt werden konnte, als daß er der einzige junge Mann im Hauſe war, ſo fand er ſich doch in dieſe Seltſamkeit wohl oder übel hinein; er hielt ſie für einen Auswuchs des wilden Zigeunerblutes in ihr, das ſich ungeſcheut regelloſen Neigungen hinzugeben pflegt. Ihre Heiterkeit aber, als Bela Iſtvanſi bei Nachtzeit ins Tollhaus fort⸗ gebracht worden war, machte den greiſen Franzli vollkommen confus, dieſen jähen Rückſprung begriff er durchaus nicht und er fühlte etwas der Furcht und dem Abſcheu Aehnliches vor ihr. Die Nachrichten über Bela's Zuſtand lauteten jede Hoffnung auf ſeine geiſtige Geneſung niederſchlagend; ſeine Tobſucht hatte ſich geſteigert, weswegen man ihn in feſte Bande gelegt hatte, um Schlimmes ſowohl an ſeiner eigenen Perſon wie an ſeinen Wächtern zu ver⸗ 86 hüten. Doctor Weilenberger ſtattete der Prinzeß⸗ Mutter von Zeit zu Zeit Rapport ab. Eines Tages kam er, als ſie ausgefahren war. Man erwartete ihre baldige Rückkehr, deshalb begab er ſich einſtweilen in die Portierloge zum alten Franzli, wo auch Miriam zugegen war. Dieſe nahm keinen Antheil an dem Geſpräche zwiſchen den beiden Männern, ſon⸗ dern ſaß zuhörend in einem Winkel der kleinen Stube, den Arm auf ein ſchatullenartiges, mit vergoldeter, aber bereits etwas unſcheinbar gewordener Schnitz⸗ arbeit geziertes Käſtchen geſtützt, das auf einem Tiſche ſtand. Es lag in der Natur der Sache, daß der Doctor und der alte Franzli von Hubert und von Bela Iſtvanſi ſprachen. Der erſtere ſagte achſelzuckend: „Es iſt ſchlimm, daß dieſer Tolle ſich in ſeinem ſchaudervollen Zuſtande ſelbſt verzehrt; die wilden Aus⸗ brüche ſeines Wahnſinns ſchwächen ſeine Kräfte ſo ſehr, daß es mich nicht Wunder nehmen wird, eines Morgens die Nachricht zu hören, er ſei verſtorben. Vom Standpunkte der Menſchlichkeit aus muß man ihm ein ſchnelles Ende wünſchen, ich aber kann dieſen Wunſch nicht theilen. Alle ſeine tollen Reden habe ich niedergeſchrieben und geordnet ergeben ſie das Bild eines an Hubert begangenen abſcheulichen Ver⸗ 87 brechens. Ich hoffte, den elenden, von ſchlechten Leu⸗ ten, deren geheimes Treiben als himmelſchreiender Spott an ihrem heiligen Berufe ſich herausſtellt, als Werk⸗ zeug mißbrauchten Menſchen geneſen zu machen, er ſollte dann bei geſunden Sinnen das beſtätigen, was er im Wahnſinn verrathen, und wir hätten dadurch der Bosheit den Fuß auf den Nacken geſetzt. Sein in Ausſicht ſtehender Tod wird dies unmöglich machen und wir verlieren dadurch einen Zeugen, wie wir in Hubert's Angelegenheit keinen zweiten und beſſern finden können.“ Der alte Franzli ſeufzte tief.„Es iſt ſehr trau⸗ rig“, ſagte er,„daß unſer armer junger Herr unter ſolcher ſchrecklichen Bosheit leiden und in die Welt hinausflüchten muß. Sein größtes Unglück würde der Tod ſeiner gnädigſten Mutter für ihn ſein. Gott halte das von fern ihm!“ „Einen Trunk friſches Waſſer, Miriam, mich dürſtet“, ſprach Doctor Weilenberger. Die kleine Zigeunerin, welche die Stirn in die hohle Hand des auf das erwähnte Käſtchen geſtützten Arms gelegt und ſich offenbar einem von ihrer Um⸗ gebung weit abſchweifenden Nachſinnen überlaſſen hatte, war durch die Nennung ihres Namens wie aufgeſchreckt emporgeſprungen. Bei dieſer Gelegenheit riß ſie das 88 an ihrem Gewande wahrſcheinlich mittels einer ſchar⸗ fen, aus der koſtbaren Schnitzarbeit hervorſtehenden Spitze hängen bleibende Käſtchen von dem ſchmalen Tiſche auf den Boden herab. Einige Stücke der zierlich geſchnittenen Arabesken, die um das Viereck des Käſtchens eine Art Blumengewinde ſchlangen, ſprangen dabei ab. „Aber, Miriam!“ rief der alte Franzli zornig. „Geht man ſo unvorſichtig mit einem Erbſtück von unſerm hochſeligen Herrn um?“ „Na, na, Franzli, der Schade iſt ſchon noch zu heilen“, ſprach der Doctor, eins der abgeſprungenen Stücke aufhebend.„Eine köſtliche Arbeit aber, wahr⸗ haftig! Zeige her, Miriam! Vom hochſeligen Herrn Grafen, Hubert's Vater, iſt das Käſtchen?“ „Ja, ein Beuteſtück aus eines türkiſchen Paſchas Zelte“, erklärte der Alte.„Hielt viel darauf, der hochſelige Herr Graf,'s ſtand immer auf ſeinem Schreibetiſche. Unſere gnädigſte Frau Prinzeß ſchenkte es mir als ein Andenken aus ſeinem Nachlaſſe.“ „Wenn die abgeſprungenen Stücke ſauber auf⸗ geleimt werden, wird man nicht bemerken, daß je ein Schaden daran geſchehen“, äußerte jener, und um der erſchrockenen Miriam zu Hülfe zu kom⸗ men, fügte er hinzu:„Hole mir nun einen friſchen Trunk.“ u —b——— +—— 80 89 Miriam entfernte ſich mit einem Glasbecher. Franzli konnte den Aerger, den er ſchon längere Zeit an Miriam genommen, nicht unterdrücken, er vertraute ihn dem Doctor. „Es iſt undenkbar, daß das Mädchen je eine ſolche Leidenſchaft wie die, von welcher Du mir er⸗ zählſt, zu Bela gefaßt haben könnte. Das kann nicht ſein. Nein, nein, Du täuſchteſt Dich, Franzli.“ „Sind meine Augen etwa blind?“ rief dieſer. „Ich will nicht das Leben haben, wenn es nicht ſo iſt, wie ich ſagte.“ Miriam trat mit dem gefüllten Becher wieder ein. Nachdem Doctor Weilenberger getrunken, ſah er die Kleine ſcharf an und fragte im Scherze:„Sage mir, Du kleines Heidenkind, geht Dir Bela's Geſchick zu Herzen?“ „Gewiß, Herr.“ „Alle Wetter, ſo wäre es wahr, was der Franzli mir erzählte, Du ſeieſt in dieſen falſchen Freund des jungen Grafen toll verliebt geweſen?“ Ein faſt verächtliches Lächeln ſprach aus Miriam's den alten Franzli überſtreifendem Blicke, dann ant⸗ wortete ſie mit ſehr ruhigem Tone:„Ja, Herr, toll, ganz toll, bis er es zuletzt wurde.“ „Rede deutlich“, befahl der Doctor.„Wer ſoll Deine Zigeuner⸗Hieroglyphenſprache verſtehen!“ 90 Miriam veränderte keinen Zug ihres Geſichts. „Wenn Jemand die Nacht fragen wollte: Warum kommſt du? ſie würde antworten: Muß ich nicht täglich kommen, um Geheimniſſe zu bedecken, vor denen das Sonnenlicht vor Scham erbleichen würde, geſchähen ſolche Dinge unter ihrem Alles erwär⸗ menden Lichte?“ hob ſie an.„Nun ſiehe, Herr, die Liebe hat ihren Tag, ihre Nacht. Das iſt ſo richtig, wie das Kommen und Gehen der Menſchen in die Welt und aus ihr, es iſt nichts Neues, was ich da ſage. Wie könnte ein Heiden⸗, ein Zigeuner⸗ kind je hoffen, daß es lieben dürfte im Lichte der Sonne! Aber als Nacht, in Nacht, Herr, da iſt Zigeunerblut gut genug dazu und ich that'’s. Der blanke Bela trägt jetzt die Frucht davon. Seid zu⸗ frieden mit dem, was ich vollbrachte. Dieſe tolle Liebe iſt mein beſtes Thun im Leben, mehr ſage ich nicht.“ Sie verließ das kleine Stübchen. Unter den bei⸗ den Männern waltete eine längere Pauſe. „Da hat der Herr Doctor den greuelvollen Unſinn gehört“, endigte ſie der alte Franzli.„Aus alledem — hab' ich kein vernünftig Wort herausgefunden.“ „Ich aber“, entgegnete der Doctor.„Die Kleine birgt ein Geheimniß, ſo viel iſt gewiß. Daß bei ihr 3 ☛ 8 — +. ———————— 91 von Liebe zu Bela nie die Rede war, iſt ebenſo ge⸗ wiß. Sie weiß mehr über ihn und ſeinen Verrath, als wir glauben. Zwang wird ſie nicht ſprechen machen, dränge ſie daher nicht. Warten wir es ab, bis ſie ſelbſt dies Räthſel löſt. Eins glaube ich be⸗ ſtimmt annehmen zu können, ſie hat Bela Iſtvanſi toll gemacht.“ Dieſe ausgeſprochene Ueberzeugung des Doctors ſchien den alten Franzli förmlich zu verſteinern. Sein Denkvermögen erhob ſich nicht über die gewöhnlichen Dinge des täglichen Lebens, wie hätte er Räthſel⸗ haftes jemals begreifen können; indeß einer großen und ſein ehrliches Herz ſchwer drückenden Laſt war er doch ledig geworden. Die Ueberzeugung des Doctors von einem von Miriam verſchwiegenen Ge⸗ heimniſſe flößte auch ihm die Gewißheit ein, daß ſie keine Undankbare gegen die Wohlthaten ſein könne, welche ſie im Buſſy⸗Rabutin'ſchen Hauſe empfangen hatte und noch empfing. Was Doctor Weilenberger hinſichtlich Bela Iſt⸗ vanſi's befürchtet hatte, trat bald ein. Der Unglück⸗ liche zerſchmetterte ſich in einem unbewachten Momente den Schädel an der feſten Mauer ſeiner Krankenzelle. Sein Tod breitete über das Geheimniß, das ſeine irren Reden verrathen hatten, den Schleier des 92 Schweigens. Es hatte keinen Werth, um als Grund einer Anklage gegen irgend Jemand dienen zu kön⸗ nen, weil Ausſagen Irrſinniger eben nur als wirre Bilder und Vorſtellungen Unzurechnungsfähiger be⸗ trachtet werden müſſen. O cd—++ ð 2 2S IV. Ein voller Monat war nach dieſem Ereigniſſe ver⸗ gangen, als die Prinzeß⸗Mutter ihren Sohn, den Obriſthofkanzler, und deſſen Vetter, den Obriſthof⸗ meiſter, eines Tages zu einer dringenden Beſprechung zu ſich einladen ließ. Die genannten beiden Herren erſchienen pünktlich und zwar voll Neugier, welche dringende Angelegenheit die alte Dame bewogen haben könne, ſie zu ſich zu rufen. Sie waren nicht wenig erſtaunt, als ſie erfuhren, daß die an ſie er⸗ gangene Einladung auf Wunſch des Prinzen Eugen erfolgt ſei. „Ich begreife nicht, meine Gnädigſte, wie Se. Durchlaucht der Prinz Sie dazu hat bewegen können, uns als ſeine auf ſeinen Wink ſich bereit haltenden Untergeordneten anzuſehen“, äußerte der Obriſthof⸗ meiſter empfindlich.„Ich zolle Höchſtdemſelben die 94 möglichſte Achtung, er hat große Verdienſte, wer könnte das leugnen! aber ich bekenne offen, daß mich die Art und Weiſe beleidigt, welcher er ſich bedient, uns, um in ſeiner Soldatenſprache zu reden, gleichſam zu⸗ ſammen zu trommeln. Wiſſen Sie, um was es ſich handelt?“ „Nein“, antwortete die alte Dame,„er hat mich darüber ebenfalls in Unwiſſenheit gelaſſen. Dies Billet empfing ich von ihm.“ Die beiden Grafen Sinzendorf überflogen das ihnen gereichte Billet mit des Prinzen Handſchrift. Es enthielt nur die Bitte, ſie zu ſich zu beſcheiden, denn er habe ihnen eine dringende Mittheilung zu machen. „So ſehr dringend kann ſie unmöglich ſein“, be⸗ merkte der Obriſthofkanzler.„Er würde jedenfalls die Gelegenheit benutzt haben, ſie mir heute, wo wir zur Conferenz zuſammen waren, im Vertrauen zu in⸗ ſinuiren.“ „Man will bemerkt haben, daß bei Sr. Durch⸗ laucht dem Prinzen zuweilen Andeutungen von geiſtiger Schwäche ſich kundgeben“, ſagte ſein Vetter ironiſch und ſetzte, um das Gehäſſige dieſer Aeußerung nicht gar ſo ſcharf hervortreten zu laſſen, hinzu:„Es iſt auch nicht beſonders zu verwundern, wenn bei Sr. Durchlaucht dergleichen Mängel hin und wieder er⸗ 95 ſcheinen. Ein ſo bewegtes und unter großen geiſtigen wie körperlichen Anſtrengungen verbrachtes Leben ver⸗ liert doch im Verlaufe der Jahre ſeine Spannkraft.“ Die Ankunft des Prinzen machte der Fortſetzung ähnlicher Aeußerungen ein ſchnelles Ende. Als der Lakai die Thür weit geöffnet und üblicherweiſe den Na⸗ men des Ankommenden ins Gemach hineingerufen, ſah man den von einem ſeiner Secretäre begleiteten Prinzen auf der Thürſchwelle ſich nach demſelben umdrehen und ihm ein Couvert von der Art abnehmen, wie die für De⸗ peſchen gebräuchlichen zu ſein pflegen. Mit dieſem in der Hand trat er in das Gemach ein, deſſen Thür ſich ſogleich hinter ihm ſchloß. Nachdem er die Prinzeß⸗Mutterbegrüßt, wendete er ſich zu den beiden Grafen mit den Worten: „Sie ſehen mich mit Schriften ausgerüſtet hier erſcheinen, meine Herren, und zwar mit Schriften, die Ihnen außerordentlich erfreulich ſein werden, denn ich kenne Ihre edlen Herzen, ich weiß, daß Sie ſich glück⸗ lich ſchätzen werden bei Anhörung deſſen, was ich Ihnen mitzutheilen habe. Setzen wir uns.“ Nachdem dies geſchehen war, öffnete der Prinz das Couvert und nahm ein zuſammen gebrochenes Actenſtück mit einem Magiſtratsſiegel aus demſelben. „Es iſt von dem Rathe der Stadt Deſſau“, fuhr er fort.„Man meldet mir auf Befehl Sr. Durch⸗ 96 laucht des Fürſten Feldmarſchall Leupold in dieſer Schrift den Hergang eines Mordes, und damit dieſes ge Schriftſtück keinem Zweifel der Echtheit unterliege, hat St mein durchlauchtiger Waffenbruder auch ſein reichs⸗ R fürſtliches Siegel beifügen laſſen. Glauben Sie, daß dieſe Schrift unter dieſem verſtärkten Zeichen der ge Glaubwürdigkeit angezweifelt werden könne?“ kur „Nein“, antworteten die Sinzendorfe. bli „So bitte ich, Herr Obriſthofkanzler, leſen Sie es che uns vor. Meine alten Augen dürften mir den Dienſt faß verſagen bei ſolcher Anſtrengung.“ fad „Vergönnen Ew. Durchlaucht mir die Frage: was Ae ſoll uns die Kenntnißnahme dieſer Schrift nützen? Wir ſtehen in keiner Beziehung zu Deſſau“, ſagte ten der Obriſthofmeiſter. St „Ganz recht, mein theurer Freund, aber für das, was ich noch hier im Couvert habe, iſt die Kenntniß wo des Inhalts dieſer Schrift unerlaßlich. Haben Sie Ru die Güte zu leſen, Herr Obriſthofkanzler.“* Ge Dieſer Aufforderung konnte ſich der letztgenannte für nicht entziehen, obwohl auf ſeinem wie auf ſeines hei Vetters Geſicht der Ausdruck großer Unbehaglichkeit vor nicht zu verkennen war. Das Schriftſtück empfing Fel erſt eine beſondere Bedeutung, als nach Beendiguug ſell der Vorleſung deſſelben Prinz Eugen ſprach: den 97 „Der Korporal Philipp, welcher hier namentlich genannt ſich findet, iſt Niemand anders als Ihr Stiefbruder, Herr Obriſthofkanzler, Hubert Graf Buſſy⸗ Rabutin.“ Der Eindruck dieſes mit faſt lakoniſcher Kürze gegebenen Aufſchluſſes war von ſo großer Wir⸗ kung, daß die beiden Grafen eine Weile ſtumm blieben, als fehle ihnen die Fähigkeit, irgend ein Zei⸗ chen ihres Staunens zu äußern. Der Obriſthofmeiſter faßte ſich zuerſt. Sein Unmuth, den er unter einem faden Lächeln zu verbergen ſuchte, ſprach ſich in der Aeußerung aus: „Durchlaucht ſcheinen Liebhaber von großen Effec⸗ ten zu ſein, die den Zuhörer in außergewöhnliche Stimmungen zu verſetzen geeignet ſind.“ „Ich will das nicht geradezu ableugnen“, ant⸗ wortete Prinz Eugen mit dem Ausdruck jener heitern Ruhe, welche ihn ſtets auszeichnete und von ſeinen Gegnern, deren er ſo viele am Kaiſerhofe zählte, ge⸗ fürchtet war, indem ſie ihm jederzeit die nöthige Klar⸗ heit geiſtigen Blickes gewährte, welchen ein Feldherr vor dem Feinde wie der Staatsmann auf politiſchen Felde bedarf, um Siege zu erringen.„Sagen Sie ſelbſt, Herr Graf, wird nicht Alles in der Welt nach dem Effect beurtheilt, den es bewirkt? Es wäre eine Carion, Der alte Deſſauer. IV. 98 arge Selbſttäuſchung, wollten wir das in Abrede ſtellen.“ „Durchlaucht ſprachen es entſchieden aus, daß der Mörder, Korporal— wie hieß der Menſch doch?— Korporal Philipp, der angebliche Sohn meines hoch⸗ ſeligen Herrn Stiefvaters ſei?“ „So iſt es, Herr Obriſthofkanzler“, ſprach der Prinz.„Sie und Ihr Herr Vetter hier wiſſen es, daß ich nichts auf die Lüge gebe, die erfunden wor⸗ den iſt, um ihn ſeines Geburtsvorzugs und ſomit ſeiner Anſprüche zu berauben. Ich kam auf die richtige Spur derer, von denen ſie ausgeht, und zu der Er⸗ kenntniß, daß ſo talentvollen Erfindern gegenüber es Nothwendigkeit iſt, das in Schweigen zu hüllen, was denjenigen betrifft, der ihrem ſchändlichen Plane zum Opfer fallen ſoll.“ Und zur Prinzeß⸗Mutter ſich wen⸗ dend, fuhr er mit einer Verneigung gegen ſie fort: „Meine Gnädigſte, empfangen Sie meinen Dank für das von Ihnen bewahrte Schweigen, um das ich Sie gebeten habe. Wie ſehr gerechtfertigt dieſe Bitte war, geht aus den Papieren hervor, die von Sr. Durchlaucht von Deſſau mir als Hinterlaſſenſchaft des Gemordeten eingeſchickt worden ſind.“ Die beiden Grafen befanden ſich offenbar in der unangenehmen Lage von Leuten, die das Gewicht —₰2 ,·+ 1—. dd —,„S —— 1 ———·— 2 —,——, 99 einer unausgeſprochenen, gleichſam noch in der Luft über ihren Häuptern ſchwebenden Beſchuldigung ihrer Theilnahme an einem Verbrechen auf ſich nieder⸗ drücken fühlen und in Verwirrung nichts finden, was ihnen den Anſtrich der Schuldloſigkeit zu geben ver⸗ möchte. Prinz Eugen ſchien das nicht zu bemerken. Indem er aus dem Couvert einige in Briefform ge⸗ faltete Blätter nahm, ſagte er ſcherzend: „Es würde zu viel verlangt ſein, wollte ich dem Herrn Obriſthofkanzler auch das Vorleſen des Inhalts dieſer einzelnen Blätter aufbürden, ich werde dieſe Mühe ſelbſt übernehmen.“ Und ohne auf eine Einrede zu warten, begann er raſch jene„brüderlichen“ Briefe vorzuleſen, welche den deſſauer Fürſten, obwohl er deren eigentlichen Zuſam⸗ menhang mit Korporal Philipp nicht im entfernteſten ahnte, ſo tief empört hatten. „Heiliger Gott, welches abſcheuliche Complot, um Hubert unglücklich zu machen!“ rief die Prinzeß⸗ Mutter. „Gewiß, Madame“, ſprach der Prinz,„es iſt ein ſchönes Rechnungsexempel, das man bis zum Facit glücklich durchgeführt hat; das Facit aber, meine Gnä⸗ digſte, iſt lahm geworden, es paßt nicht zu der Auf⸗ gabe, die man ſich geſtellt, und der Aufwand von Be⸗ 7* 100 ſtrebungen, um für den ſo gut entworfenen Plan einen entſprechend glücklichen Abſchluß herbeizuführen, war ein vergeblicher.“ Der Obriſthofmeiſter, im Bewußtſein der Noth⸗ wendigkeit, ſich dem Schreck zu entreißen, den die Kenntniß des eben vorgeleſenen, in Deſſau gemach⸗ ten Fundes ihm und ſeinem Vetter verurſacht hatte, erhob ſich von ſeinem Sitze und ſagte mit verbindlichem Lächeln: „Ich hätte nicht geglaubt, daß Durchlaucht je⸗ mals ſo großes Wohlgefallen am Romanhaften äußern könnten. Jedenfalls dürften Romanſcribenten ſich ſehr glücklich fühlen, wenn ihnen Kenntniß von dieſer Hinterlaſſenſchaft zu Theil würde, ſie hätten dann einem ebenſo pikanten als brillanten Stoff für ihre Arbeiten. Ich zweifle nicht, daß ein ſolcher Roman bedeutendes Aufſehen machen würde.“ „Sie ſprechen ganz aus meiner Seele, Herr Obriſt⸗ hofmeiſter“, ſtimmte der Prinz heiter bei.„Für be⸗ deutendes Aufſehen könnte ich ſogar bürgen, da ich die Namen der Schreiber dieſer Briefe bezeichnen kann, deren Handſchriften ſich nicht ableugnen laſſen. Gewiß, es würde Aufſehen machen, wenn im Vor⸗ wort eines ſolchen Romans der Autor erklärte, daß nicht nur ich, ſondern auch die deſſauer Durchlaucht, 101 der man durchaus nicht den Vorwurf romanhafter Er⸗ findungen machen kann, wie die ganze Welt weiß, als Bürgen der Wahrheit ſeines kunſt⸗ und phantaſiereich verſchlungenen Werkes einſtünden. Natürlich würde ich dem betreffenden Autor mit noch andern Daten unter die Arme greifen, welche meiner Anſicht nach ganz geeignet wären, ſeinem Buche eine Berühmtheit zu verſchaffen, wie ſich einer ſolchen ſobald kein anderes zu erfreuen haben dürfte.“ „Und wollen Ew. Durchlaucht dies thun?“ „Excellenz, über mein Thun pflege ich nur mir allein Rede zu ſtehen“, antwortete der Prinz ernſt, indem er ſich ebenfalls von ſeinem Sitze erhob.„Ich habe Sie beide, meine Herren, zu Vertrauten dieſes— um auf Ihre Anſicht einzugehen, Herr Obriſthof⸗ meiſter— Romans gemacht, damit wenigſtens in Ihren Augen jenes ſchandbare Complot zum Ver⸗ derben Hubert's ins rechte Licht tritt. Die Ver⸗ wendung der Zeugniſſe für die Verworfenheit einer lichtſcheuen Geſellſchaft, welche den reichen prote⸗ ſtantiſchen Erben zu beſeitigen ſtrebt, bleibt meinem Willen anheimgeſtellt und richtet ſich lediglich nur nach dem Verhalten ſeiner im Dunkel ſchleichenden Feinde, in deren eigenem Intereſſe es nicht liegen kann, den Fels über ſich loszuſprengen, der ſie erſchlagen 102 wird. Ich halte es zugleich für überflüſſig, Sie noch mit dem von Sr. Durchlaucht zu Deſſau an mich ge⸗ richteten Briefe bekannt zu machen, weil Ihnen die Ausdrucksweiſe des rauhen Kriegsfürſten als nicht hoffähig erſcheinen dürfte.“ Unterdeß hatte der Obriſthofkanzler die nöthige Faſſung gewonnen, um der Prinzeß⸗Mutter ſeine leb⸗ hafte Befriedigung auszuſprechen, daß es ihm nach der durch Se. Durchlaucht ſo überraſchend gegebenen Er⸗ klärung hinſichtlich Hubert's Schickſal nun gegönnt ſei, denſelben als einen lieben Bruder anſehen zu können. „O laſſen Sie ihn ſchnell kommen, gnädigſte Mama!“ rief er.„Ich brenne vor Begier, ihm durch die That zu beweiſen, wie ſehr ich bereue, den Ver⸗ leumdern ſeines Geburtsrechts Glauben geſchenkt zu haben.“ „Mein Herr Obriſthofkanzler, ich bitte, Ihrer gnä⸗ digſten Mama Herz nicht mit einem Wunſche zu be⸗ ſtürmen, der demſelben an und für ſich ſchon nahe liegen muß. Uebrigens hat ſie mir die Anwaltſchaft des ſo ſchändlich Verfolgten überlaſſen und ich werde ihn nicht eher hierher berufen, als bis alles ihn Be⸗ treffende geordnet iſt.“ Die Briefſchaften und das Magiſtratsſchreiben von Deſſau in das Couvert verſenkend, begab ſich der 103 Prinz mit letzterem in der Hand zur Thür des Vor⸗ zimmers und händigte es ſeinem draußen wartenden Secretär ein. Sowohl der Obriſthofkanzler als ſeines Vetters Excellenz beſtrebte ſich durch einen Aufwand von Freundlichkeit den unangenehmen Eindruck zu verwiſchen, den ihr beiderſeitiges Verhalten auf den Prinzen wie auf die Prinzeß⸗Mutter unter allen Um⸗ ſtänden hervorgerufen und der Annahme, ſie ſeien bei dem Complot gegen Hubert nicht ſo unbetheiligt, als ſie vorgaben, Vorſchub geleiſtet haben mußte. Es konnte nicht in des Prinzen Wunſche begründet ſein, einen Bruch in einer ſo hohen Familie herbeizu⸗ führen; er liebte den Krieg, wenn er nöthig erſchien, aber er liebte es nicht, ihn Dimenſionen annehmen zu laſſen, die durch eine kluge Verſtändigung zu ver⸗ meiden waren, weil am endlichen Schluß des Kampfes der Sieger ſich nicht der Einſicht verſchließen kann, daß er ebenſo viel verloren, als eine Niederlage ihn gekoſtet hätte. Sein Bemühen, den Frieden aufrecht zu erhalten, erwies ſich freilich diesmal als ein ganz vergebliches, denn die beiden Grafen Sinzendorf be⸗ traten nach dieſem Tage nicht wieder das Haus der Prinzeß⸗Mutter. Ueber Hubert's Geſchick blieb der Prinz ganz ohne Kenntniß. Wohin war er geflüchtet, als er Deſſau 104 verließ? Im Stillen nährte er die Hoffnung, von ihm eine Kunde zu erhalten, aber dieſe Erwartung erfüllte ſich nicht, und ſo blieb ihm nichts als die Ver⸗ muthung übrig, daß Hubert entweder ergriffen und nach Deſſau als Deſerteur zurückgebracht worden ſei oder ſich freiwillig geſtellt habe. In beiden Fällen nahm der Prinz als den ihm einzig gebliebenen Ausweg an, daß er der deſſauiſchen Durchlaucht ſeinen Namen, Stand und Schickſal entdeckt haben werde. Die Kennt⸗ nißnahme von der Hinterlaſſenſchaft des Ermordeten — unter welchen Umſtänden dieſer Mord ſich ereignet und ob er Hubert allein zur Laſt falle, darüber ließ das deſſauer Schriftſtück ganz im Unklaren— mußte Herrn Leupold dann unter allen Umſtänden zur Milde gegen Hubert und zu einem nähern Eingehen auf die Angaben deſſelben beſtimmen. Unterdeß hatte Gottfried Langermann ſeine von ſeinem kaiſerlichen Herrn und Gönner zum Zwecke ſeiner Verheirathung ihm bewilligte Urlaubsreiſe nach Deſſau angetreten, von der Prinzeß⸗Mutter mit einer bedeutenden Summe für Hubert und einigen Zeilen von Doctor Weilenberger unter Gottfried Almarich's Adreſſe ausgerüſtet. Das Ausbleiben jeglicher Notiz über Hubert leitete den Prinzen auf die Vermuthung, deſſen Flucht von Deſſau könne doch vielleicht gelungen 105 ſein, und ſo entſtand das räthſelhafte Schreiben an den deſſauer Fürſten, in welchem der Korporal Philipp als derjenige erklärt wurde, welcher Sr. Durchlaucht den einzig richtigen Aufſchluß über Alles zu geben vermöge. Es war ein Schreiben für alle denkbaren Fälle, nichts verrathend und einen Schleier über Hubert's Perſon breitend, der ſich nicht lüften ließ. Der Prinz war nicht blind für die Gefahr, welcher Hubert, wenn ſeine Feinde ſeine Spur entdeckten, aufs neue ausgeſetzt wurde, denn nun trat ihm auch ihre Rache entgegen und dieſe war vor allem zu fürchten. Die feindliche Haltung der beiden Grafen Sinzen⸗ dorf gegen die Prinzeß⸗Mutter, die auch ihn, freilich nur ſehr oberflächlich berührte, ließ ſeine ſchon lange im Stillen genährte Vermuthung, daß ſie bei allem gegen Hubert Unternommenen nicht ganz unbetheiligt ſeien, zur vollſten Ueberzeugung werden. Sie nahmen jetzt den Standpunkt von leidenſchaftlichen Spielern ein, die der ihnen den Rücken kehrenden Glücksgöttin Trotz entgegenſetzen. War ſeine Ueberzeugung ge⸗ gründet, ſo ſtanden ſie allerdings auf gleicher Stufe mit ſolchen in ihren Hoffnungen Betrogenen. Selbſtverſtändlich hatten der Prinz und die Prin⸗ zeß⸗Mutter unter den geſchilderten Umſtänden eine wahrhafte Sehnſucht nach der Rückkehr Gottfried 106 Langermann'’s. Von ihm mußten ſie erfahren, was aus Hubert geworden war, und gewiß zählten wenige Per⸗ ſonen in der Kaiſerſtadt die Endtage des October mit ſo fieberhafter Spannung wie ſie und Doctor Weilenberger. Schon war der Abend des letzten October niedergedunkelt, als der kaiſerliche Kammer⸗ muſiker Gottfried Langermann und ein mit demſelben angekommener guter Freund ſich bei dem Doctor mel⸗ den ließen. „Gelobt ſei Gott, daß Er da iſt, Gottfried!“ rief letzterer dieſem entgegen.„Er iſt mit Sehnſucht er wartet worden.“ „Das gilt wohl dem da“, meinte der ſo Begrüßte, indem er auf den mit ihm Gekommenen und an der Thür Verharrenden zeigte, der mit einer raſchen Wendung den ihn einhüllenden Mantel abwarf und mit den Worten:„Mein treuer alter Freund! Ein armer Flüchtling bittet um Ihren Schuge, den Doctor in ſeine Arme ſchloß. „Hubert!“ Die Ueberraſchung war für den Doctor ſo über⸗ mächtig, daß ſich eben nur in dieſem Namen ſein ganzes Empfinden ausdrücken konnte. Die Reiſe nach Wien war eine von keinem andern Hinderniß als dem üblen Wetters und dadurch bewirkter 107 ſchlechter Wege aufgehalten geweſen. In Leipzig hatte Hubert ſein Aeußeres durch Ankauf von Kleidungs⸗ ſtücken gänzlich verändert, und in Gemeinſchaft mit Gottfried Langermann und deſſen junger Frau langte er mit Regina und ſeinem treuen Almarich glücklich nach faſt vierwöchentlicher Fahrt, da ſie vor⸗ ſichtig die Hauptſtraße über Dresden und Prag ver⸗ mieden, in Wien an. Was Doctor Weilenberger in der Ueberſchwänglichkeit ſeiner Freude ihm mitzu⸗ theilen vergaß, das erfuhr er vom Prinzen Eugen, der ihn mit der Zärtlichkeit eines Vaters willkommen hieß. Es war eine tiefergreifende Scene, als Hubert am andern Morgen in Begleitung des Prinzen ſeiner Mutter in die Arme flog. Von dieſer Stunde an be⸗ hauptete er wieder den ihm gebührenden Platz als Sohn des Hauſes, und wie ein Lauffeuer verbreitete ſich dieſe Nachricht in der hochariſtokratiſchen Geſell⸗ ſchaft, ja man erzählte ſich, der junge Herr habe ſich ſogar eine Braut mitgebracht. Regina, welche bei ihrer Ankunft in Wien einſtweilige Aufnahme in Gott⸗ fried Langermann's beſcheidener Häuslichkeit gefunden hatte, wurde von Hubert ſeiner Mutter alsbald zu⸗ geführt. „Mein liebes Kind“, ſprach die alte Dame gütig, 108 „mein Sohn hat mir erzählt, daß Sie in der ſchwer⸗ ſten und verzweiflungsvollſten Stunde ſeines Lebens ihm als rettender Engel erſchienen ſind und ihn von einer That abgehalten haben, die mich zu einer weinen⸗ den Mutter gemacht haben würde. Indem ich Sie jetzt vor mir ſehe, erkenne ich es als ein berechtigtes Bedürfniß ſeines Herzens, Sie zu lieben. Ich nenne Sie fortan meine Tochter! Ihm gehört Ihr Herz, laſſen Sie auch mir einen Theil Ihrer Liebe zu ihm zu gute kommen. Sie kennen alle die unſeligen Vor⸗ kommniſſe in unſerm Hauſe und werden es daher ſicher als eine Nothwendigkeit für mich erkennen, daß ich mich nach ſo lang entbehrter Liebe ſehne. Ich hoffe, daß nach ſo ſchwerem Kummer und ſo bittern Ent⸗ täuſchungen mein Lebensabend durch Sie ſich zu einem freundlichen geſtalten wird.“— Regina küßte von tiefer Empfindung überwältigt die Hand der Prinzeß⸗Mutter und antwortete unter Thränen der Rührung:„O mein Gott, wie glücklich macht mich Ihre Herzensgüte! Was kann ich Arme Ihnen dafür bieten? Nichts als ein Herz, deſſen ſtetes Streben nur dahin gerichtet ſein ſoll, Ihrer Liebe mich werth zu machen.“ Das reiche Haus ward von nun an Regina's Aſyl. Ihr ernſt-⸗heiteres Weſen gewann ihr aller Herzen, 8 n 109 ihre Freundlichkeit gegen Jeden war die ungekünſtelte Ausſtrahlung der Herzensgüte und dafür iſt auch der roheſte Menſch, oft ſogar noch in leidenſchaftlichſter Zornerregung, empfänglich. Nur eine Seele hielt ſich fern von ihr— Miriam. Mit dem Eintritte Regina's ins Haus ging eine ſo große Veränderung mit der kleinen Zigeunerin vor, als ob ein ſchweres Unglück in ihr Leben gefallen wäre. Sie zeigte ſich ſtill, niedergeſchlagen, voll Scheu. Da der alte Franzli krank lag, fiel es Niemand auf, man glaubte, die Krankheit des alten Mannes, der gleichſam Vaterſtelle an ihr vertreten, gehe ihr ſo tief zu Herzen. Franzli's Wohnung befand ſich nicht mehr in der Portierloge, es war da zu geräuſchvoll für den kranken Mann; Doctor Weilenberger hatte ſeine Ueberſiedelung in ein anderes Lokal als vor allen Dingen nöthig beantragt, und einige Räumlichkeiten im Hintergebäude nahmen ihn deshalb auf. Graf Hubert hatte ihn wenige Stunden ſpäter, als er ſeine ehrwürdige Mutter zum erſten Male nach ſo langer Trennung wiedergeſehen, beſucht. Außer ſich vor Freude bei ſeinem Anblicke ſchrie die am Bette Franzli's ſitzende Miriam auf, warf ſich zu ſeinen Füßen nieder und küßte ſeine Hände und den Saum ſeines Rockes. Das Glück des Wiederſehens kann keinen * 110 leidenſchaftlichern Ausdruck finden, als Miriam ihm verlieh. „Sonne, Mond und Sterne haben Dich nicht ver⸗ laſſen in der Noth— ich wußte es, ja, ich wußte es!“ rief ſie und ihr liebliches Geſicht zeigte den Aus⸗ druck freudigen Triumphs. „Ich habe Deinen Talisman nie abgelegt“, ſprach Hubert gütig, und indem er ſeine Bruſt entblößte, wurde der Talisman Miriam's ſichtbar. „Wie glücklich mich das macht!“ rief die Kleine. Der alte Franzli wollte wiſſen, wovon die Rede ſei; Hubert ſagte es ihm. „Das iſt ein heilloſes Zigeunerchriſtenthum“, brummte Franzli.„Werfen Sie das Ding weg, Herr Graf, es iſt pures Teufelswerk.“ „Nein, Franzli, was die Liebe gegeben, wird durch ſie geheiligt, denn auch der Irrthum, der Wahn hat eine Berechtigung, wenn er das Gute will.“ Wie ein Feuerſtrom flammte in Miriam's Augen das Glück, ihn dies ſagen zu hören. Hätte er ſo ſprechen können, wenn er nicht von ihrer Liebe über⸗ zeugt geweſen, wenn der Talisman nicht als ein theures Zeichen eines nur für ihn ſchlagenden Herzens von ihm angeſehen worden wäre? Sie hatte ihm mit demſelben ihren einzigen Reichthum gegeben, ſie beſaß — 111 nichts Werthvolleres, was ſie ihm hätte bieten können, und er hielt es hoch und theuer. Und doch fiel ſchon in dieſer Stunde ein ſchwerer, vernichtender Reif auf ihr Glück, ſich von ihm geliebt glauben zu dürfen. Hubert erzählte dem alten Franzli, daß er ſich eine Braut mitgebracht habe. Und wie er dem greiſen Diener ein Bild von ihr entwarf und ſein Geſicht dabei von Wonne ſtrahlte, da zuckte es durch das Herz der Kleinen, als ob eine eiſige Hand das darin pulſirende warme Leben zum Tode erſtarre. Der Aus⸗ druck großen geheimen Glücks, der noch vor wenig Minuten in ihren lebhaft bewegten Zügen ſo ſichtbar ſich kundgab, wich dem tiefſter Trauer. Weder Hubert noch der alte Franzli beachteten dieſe Veränderung. Der erſtere verſprach, als er den Franzli verließ, ſeine Braut zu ihm zu führen, damit er ſie ſähe. Vor dieſem Beſuche zitterte Miriam, aber abwenden ließ er ſich nicht. Regina's Liebenswürdigkeit, ihre reizende Perſön⸗ lichkeit ſchüchterten die kleine Zigeunerin ein; ein krampfhaftes Weh durchzog ihr Herz, das unter dieſer ſchmerzvollen Empfindung einer von harter, rückſichts⸗ loſer Hand zerdrückten Blume glich. Und wie über⸗ ſelig leuchteten Hubert’'s Augen, wenn er den Blick auf ſeine ſchöne Braut richtete! Miriam fühlte den Unter⸗ 112 ſchied, die weite Kluft zwiſchen ſich und dieſer reizen⸗ den Fremden, die ſo gütig zu ihr ſprach und deren feine weiße Hand ihr ſanft und liebkoſend über die Stirn ſtrich, wie tauſend Dolchſtiche durch ihre Seele gehen. Die ſchöne Fremde war die unter ſorgſamer Pflege ſich wunderbar herrlich entfaltende, durch den zarteſten Duft ausgezeichnete und wie Abglanz lichten Frühroths ſchimmernde Gartenroſe, während ſie, die kleine Miriam, als wilde Haideroſe wie die zahlreichen und faſt un⸗ beachtet bleibenden Blumen, deren Schönheit ein ſo einfacher, wenn auch lieblicher Schmuck der Wildniß iſt, dagegen verſchwinden mußte, ohne vermißt zu werden, ohne den Duft der Erinnerung zurückzulaſſen. Der alte Franzli war ganz überglücklich, ſeines jungen Herrn ſchöne Braut von Angeſicht zu Ange⸗ ſicht geſehen zu haben; Miriam ſchwieg. In ihrem Denken ſtand eine Frage, die Troſt und Schmerz zugleich in ſich ſchloß. Kann ſie ihn mehr lieben, wie ich ihn liebe? Darin lag für ſie die Beſeli⸗ gung eines Himmels, wenn das Bewußtſein eines Glückes, das wir unſer ausſchließliches Eigenthum nennen, als eine himmliſche Beſeligung bezeichnet wer⸗ den darf, und doch auch zugleich die Folterqual einer Hölle, wie die Eiferſucht ſie täglich neu gebiert. beſt gefe nac Ver in bah kon mel die jed⸗ nar ihn ſtin ihn wã ma Se art La ſell Th H 113 Doctor Weilenberger, der den alten Franzli täglich beſuchte, erzählte, daß die Prinzeß⸗Mutter den Entſchluß gefaßt, trotz ihres Alters mit Hubert und deſſen Braut nach Siebenhürgen überzuſiedeln; dort ſolle nicht nur die Vermählung beider ſtattfinden, ſondern Hubert auch in den kaiſerlichen Kriegsdienſt treten, für welche Lauf⸗ bahn er ſich entſchieden habe. Prinz Eugen ſei voll⸗ kommen mit dieſem Entſchluſſe einverſtanden, um ſo mehr, als er ſich der Furcht nicht erwehren könne, daß die Rache der Feinde Hubert's nicht ſchlummern und jedenfalls in Wien eher als irgendwo anders und namentlich in Siebenbürgen Gelegenheit finden dürfte, ihn zu erreichen. Niemand ward bei dieſer Ausſicht fröhlicher ge⸗ ſtimmt als der treue Gottfried Almarich. Es behagte ihm in dem Wiener Menſchentrubel durchaus nicht, während der Gedanke an die Waldpracht ſeiner Hei⸗ mat ihm das Herz weiter machte. Seine ſchlichte biedere Seele verlangte nach der einfachen und doch ſo groß⸗ artigen Waldnatur. In Deſſau beim alten Peter Langermann hatte er wenigſtens eine Andeutung der⸗ ſelben in dem von dieſem beaufſichtigten Gehege oder Thiergarten genoſſen, hier in Wien gab es nur Häuſer. Für Hubert und Regina war Gottfried Almarich eine B. Carion, Der alte Deſſauer. IV. 8 114 unentbehrliche lebendige Erinnerung an ihren Aufenthalt zu Deſſau, und oft riefen ſie in Gemeinſchaft mit ihm das von ihnen Erlebte, wobei er ſo eng betheiligt ge⸗ weſen, in ihrer Unterhaltung zurück. Dangab es denn auch viel Luſtiges dabei. Die Erinnerung an den durchlauchtigen Herrn Leupold, an den alten Wald⸗ menſchen Peter Langermann und ſeine geſchäftige Frau Martha, an den ehrlichen langen Libuſch, an Prinzeß Louiſens ewig heitern, lebensfrohen Sinn und vor allem an den würdigſten aller Feldwebel, an den Brommer, bot ihnen ſo fröhliche Lichtbilder, daß ſie des Schlimmen, was ſie nun glücklich hinter ſich hatten, faſt gar nicht mehr gedachten, und wenn Gottfried Langermann mit ſeiner jungen Frau ſich bei ihnen einfand, was ſehr oft geſchah, da wurde dieſe Rück⸗ ſchau mit Freuden von ihnen allen aufgenommen, denn in ihr wurzelte ja ihr Glück allein. Prinz Eugen befand ſich nun nicht mehr im Un⸗ klaren über den durch Hubert abſichtslos geſchehenen Mord an dem fremden Doctor. „Sie müſſen die ſeltſame Schickſalsfügung, die den Agenten Ihrer Feinde durch Ihre Hand den Tod finden ließ und dadurch das Sie vernichten ſollende Gewebe der ſchlauſten Habſucht entſchleierte, meinem durchlauchtigen Herrn Waffenbruder zu Deſſau aus⸗ fül 115 führlich mittheilen“, hatte der Prinz geſagt, und Hubert äußerte lächelnd:„Doch erſt von Siebenbürgen aus.“ Daß ſie ſelbſt dort nicht ganz ohne Nachrichten von Deſſau bleihen würden, dafür wollte Gottfried Langer⸗ mann ſorgen, der doch hin und wieder ſeinem martia⸗ liſchen Schwiegervater ſchreiben mußte. So war das Neujahr herangekommen, und wenn auch bis zum Anbruch des Frühlings, wo die beab⸗ ſichtigte Ueberſiedelung ausgeführt werden ſollte, noch einige Monate zu vergehen hatten, ſo bereitete die Prinzeß⸗Mutter doch ſehr ſorgſam zu dieſer Reiſe Alles vor, denn für ſie, die Hochbetagte, galt es dann für immer Abſchied von Wien zu nehmen. Man hatte erwartet, daß Hubert's und ſeiner Braut An⸗ weſenheit Urſache werden würde, daß der Salon der Prinzeß ſich wieder der großen Geſellſchaft öffne, aber man ſah ſich getäuſcht; ſelbſt die Einladungen zu den hochariſtokratiſchen Cirkeln lehnte Hubert höflich ab, ein ſehr kleiner Kreis von Freunden nur fand ſich zu beſtimmten Tagen in dem ehemals ſo vielbeſuchten Hauſe ein, zu welchem Prinz Eugen, die ſchöne Gräfin Lorel Batthyanyi, Graf Liechtenſtein, der Kröſus Oeſter⸗ reichs, und einige andere Cavaliere und Damen zähl⸗ ten. Man fühlte ſich im Genuſſe dieſes vornehmen Stilllebens wohl und vermißte den großen Train 116 nicht, der in den höchſten und hohen Regionen doch meiſt nur als glänzende Comparſerie fungirt. Es war ſo viel wahre Freude jetzt in dem vor nicht gar langer Zeit einſam gewagenen Hauſe heimiſch, daß der ſtille Kummer einer Seele gar nicht beachtet wurde. Vor dem Glücke zieht ſich das Un⸗ glück, vor der Wonne die Trauer zurück. Wem hätte es auffallen ſollen, daß die kleine Miriam ſo ſtill geworden war? Nicht einmal der alte Franzli bemerkte es, obwohl er mit ihr im nächſten Verkehre ſtand. Man ſah die Kleine, die ſonſt kobold⸗ artig im Hauſe umherſchwärmte, faſt gar nicht mehr, ſie ſchien zur Schnecke geworden zu ſein, die ihr Haus nicht verläßt. Miriam betrat nur ſelten noch das Vorderhaus; im Hintergebäude, wo die herrſchaftliche Küche ſich befand, und im geräumigen Hofe, den die männliche und weibliche Dienerſchaft frequentirte und der nicht ſelten auch von Dienern anderer herrſchaft⸗ licher Häuſer beſucht wurde, um hier mit ihren guten Freunden oder Freundinnen ungeſtört plaudern zu können, gab es in der That eine Menge Unter⸗ haltung. Der alte Franzli, welchen Doctor Weilenberger wieder ſo weit hergeſtellt hatte, daß er das Bett ver⸗ laſſen konnte, bedurfte immer noch vieler Pflege; 117 Miriam ließ es nicht daran fehlen, ſie war eifrig in der Ausübung ihres Samariterdienſtes und pünktlich in Zubereitung der vom Arzte verordneten Aufgüſſe, um deren llen ſie oft in die Küche hinabmußte. Ohne daß es ihr als etwas Beſonderes auffiel, bemerkte ſie, die ſtill kam und ſtill ging, ohne daß ſie weiter beachtet wurde, daß der Koch viel mit einem ihn ſehr oft beſuchenden Fremden verkehrte, den ſie ebenfalls für einen Koch anſah. Indeß ſo wenig Auf⸗ merkſamkeit ſie auf ihn wie überhaupt auf das ge⸗ ſammte Küchenperſonal richtete, ſo entging ihr doch nicht, daß dieſer Mann, der ſich gewöhnlich zur Abendzeit einſtellte, ein ſehr ſcheues, vorſichtig ſpähendes Weſen äußerte und, wenn er mit dem Koche allein ſich befand, leiſe in dieſen hineinredete. Das geringſte Geräuſch, welches dann ſein Ohr traf, ließ ihn ſofort verſtummen. Dies Gebaren war ſeltſam, aber was ging es ſie an? In des Kochs Benehmen, der ſonſt ein ſehr hei⸗ terer junger Lebemann war, trat bald, wenigſtens ihrer Beobachtung zufolge, die Wirkung dieſes Umgangs hervor; er zeigte ſich unſicher und ſchien alles um ihn Vorgehende mit Argwohn zu betrachten. Von Doctor Weilenberger hatte ſie gehört, wie er dem alten Franzli erzählte, daß Hubert ſich ein 118 Erkältung zugezogen, die aber nicht von ſehr großer Bedeutung ſein und ſchnell weichen werde, wenn er zwei Abende hinter einander das Decoct genoſſen, welches der Koch nach ſeiner, des Doctoxs, Angabe zur Bereitung erhalten habe. Heftiger darauf folgender Schweiß banne das Uebel mit Sicherheit. Es war in der neunten Abendſtunde, als Miriam in die Küche hinabging, um für den alten Franzli den ihm vor dem Schlafengehen als Trank verord⸗ neten Kräuteraufguß zu bereiten. Ihr leichter Schritt war in der Küche nicht gehört worden, in der ſich der Koch und der erwähnte Fremde allein befanden. Die nur angelehnte Thür wurde von Miriam un⸗ abſichtlich geräuſchlos geöffnet. Sie erblickte die Beiden im halblaut geführten und zwar ſehr dringlich ſcheinenden Geſpräche bei einem Feuer, das unter einem kleinen, auf einem Dreifuß ſtehenden Topfe brannte. Es war eine unwillkürliche Handlung von ſeiten Miriam's, über die ſie ſich keine Rechenſchaft hätte geben können, daß ſie in den tiefen Schatten eines von einem weit vorſtehenden Speiſeſchrank gebildeten Winkels trat. Sie hörte den Koch ſprechen: „Ich kann mich nicht dazu entſchließen, er hat mir im Leben nie etwas zu Leide gethan.“ „Mag ſein, aber Ihr thut Euch ſelbſt ein Leid 119 an“, ſagte der Andere.„Sind tauſend Gulden ſo wenig in Euern Augen? Und ein Dienſt in Ausſicht, der Euch dreimal mehr einbringt als der in dieſem Hauſe. Undzwas ſollt Ihr für das Alles thun? Nichts, ſo viel wie nichts, den Inhalt dieſes Fläſchchens, viel⸗ leicht höchſtens zwanzig Tropfen in das Decoct gießen, das iſt das Ganze.““ Der Koch ſtieß einen Seufzer ausgund viederholte dann:„Ich kann's nicht.“ „Dummkopf!“ ſprach der Andere.„Wenn Ihr's nicht könnt, kann ich's, da habt Ihr's nicht gethan. Nur ſchweigen müßt Ihr, weiter braucht Ihr nichts dabei zu thun. Wenns Ihr da nicht darauf eingeht, habt Ihr Kalbsgehirn im Kopfe.“ * Miriam konnte ſich eines angſtvollen, ihre kleine Geſtalt durchlaufenden Zitterns nicht erwehren. Es ſollte etwas geſchehen, wovor der Koch Scheu trug. Was war das, und an wem ſollte es geſchehen? Konnte es etwas Gutes ſein bei ſo großen dafür ge⸗ machten Verſprechungen? Dieſe Fragen wirrten ihr im Kopfe, das Blut ſchien ihr die Schläfe ſprengen zu wollen, in ihr Denken ddrängte ſich die furchtbare Ahnung, hier ſolle etwas Schlimmes geſchehen, das ſie nicht begriff. „Es wallt über“, bemerkte der Fremde, und das 120 gleich darauf folgende Ziſchen bezeugte, daß der kochende Inhalt des über dem Feuer ſtehenden Topfes überfloß. Wenige Augenblicke ſpäter wurden ſchwere Schritte von der Treppe her hörbar. Gottfried Almarich trat ein, um für ſeinen jungen Herrn das Decoct zu holen. „Es muß erſt abkühlen“, bemerkte Gottfried un⸗ zufrieden.„So kochend kann der Herr Graf das Gebräu nicht genießen.“ „Wenn Er mir das nicht geſagt hätte, wüßte ich'’s nicht“, gab der Koch beleidigt zurück.„'n ander⸗ mal ſchwatze Er nicht ſo blitzgeſcheidt, wenn Er etwas nicht kennt. Von dieſem kochenden Aufguß kommt nur der achte Theil zu dieſer Mirtur und von kochen⸗ dem Zuſtande iſt dann keine Rede mehr.“ Miriam ſah ſich gegen ihren Willen in den dunklen Winkel gebannt; Gottfried hatte bei ſeinem Kommen die Küchenthür hinter ſich zugemacht, ein Umſtand, der ihr nicht geſtattete, hinauszuſchlüpfen, ohne bemerkt zu werden. Sie hörte das Klappern einiger Gefäße, die der Koch gebrauchte, um den Abſud nach Doctor Weilenberger's Angabe gehörig zu miſchen; ſehen konnte ſie dieſe Manipulationen nicht, weil ſie tief in den Winkel gedrückt ſtand.„Wo iſt das Glas für den Herrn Grafen?“ fragte der Koch. 121 „Da ſteht es“, antwortete Gottfried nach einer Pauſe von wenigen Sekunden.„Hier hat Er es und nun gieße Er den Trank ein, daß ich fort⸗ komme.“ Miriam hörte das Geräuſch des Ausgießens und die ſpöttiſche Frage des Kochs:„Scheint Ihm das Gebräu noch kochend? Es iſt nur lau, gerade mund⸗ recht. Ich weiß ſchon, was ich thue, brauche nicht erſt bei Ihm in die Schule zu gehen.“ Gottfried verließ ohne eine Entgegnung, den dunkelfarbigen Aufguß für ſeinen Herrn in einem nicht allzugroßen, auf einem Präſentirteller ſtehenden Trinkglaſe vorſichtig tragend, die Küche. Miriam fand es noch nicht gerathen, obwohl der Hinaus⸗ gehende mit dem Fuße die Thür hinter ſich zuſtieß, die jedoch nicht ins Schloß fiel, zu entſchlüpfen, ſie fürchtete von den beiden Zurückgebliebenen geſehen zu werden. Sie hörte den Koch ärgerlich ſagen:„So 'n Waldläufer dünkt ſich Gott weiß wie geſcheidt! Dummbart der!“ 3 Der Andere lachte. „Nun, da ſeh' ich doch nichts Lächerliches dabei“, brummte jener mißvergnügt. „Dabei nicht, das iſt richtig; aber dabei.“ „Herr im Himmel, das Fläſchchen iſt leer. Ihr 122 habt die Tropfen in den Trank geſchüttet!“ ſchrie der Koch entſetzt auf. „Pſt! Nicht ſo laut! Seid Ihr toll? Ich habe nichts weiter gethan, als Euch die tauſend Gulden verdient, die zu verdienen Ihr zu blöde wart. Nun raſch fort— heute Abend noch gibt's hier im Hauſe einen Todten.“ Miriam fühlte eine ſo große Beſtürzung Beſitz von ihrem Denken nehmen, daß ſie, ihre Verborgenheit vergeſſend, ſich aus dem Winkel hervorbeugte. Der Fremde, denn der Koch lehnte wie ein Ohnmächtiger an der Wand, hatte zufällig den Blick nach der Thür gerichtet und gewahrte ſie. Sofort ſprang er wie ein Raubthier auf ſie zu, aber dieſer ihr Gefahr drohende Moment gab Miriam die Beſonnenheit zurück; indem ſich ſeine Fauſt nach ihrem Halſe ausſtreckte, ſie zu ergreifen, entſchlüpfte ſie, ſich niederduckend, und ent⸗ floh durch die nur angelehnte Thür. Wie von einem ſie ausſchließlich beherrſchenden Inſtinkt getrieben, lief ſie über den um dieſe Zeit leeren Hof und die Treppe im Vorderhauſe hinauf, den Corridor entlang, an deſſen Ende Hubert's Schlafzimmer ſich befand. Deſſen Thür aufreißend, ſtürzte ſie in daſſelbe hinein. Befremdet von ihrer Erſcheinung zu die⸗ ſer Stunde und von ihrer Haſt, blickten Gott⸗ M☛§4— — ecn co— N —— 60— 2—·——'——g=— 123 fried und Hubert, der den Trank vor ſich auf dem Tiſche ſtehen und die Hand ſchon an das den⸗ ſelben enthaltende Glas gelegt hatte, um es auszu⸗ trinken, auf ſie. Ehe beide noch ihrem Erſtaunen Worte zu leihen vermochten, riß Miriam den Trank ihm aus der Hand und leerte das Glas auf einen Zug. „Biſt Du toll geworden?“ fragte Hubert, dem dieſe ſchnelle That, die ſich durchaus nicht mit der ſonſtigen Beſcheidenheit der kleinen Zigeunerin vereinen ließ, als ein Ausbruch von Geiſtesverwirrung erſchien. „Du biſt gerettet— an mir liegt nichts“, ant⸗ wortete Miriam halblaut. „Sie iſt meiner Seel' confus“, meinte Gottfried, und ſie an den Schultern rüttelnd rief er ihr zu: „Wer zum Teufel heißt Dir den Trank für den Herrn Grafen austrinken? Es muß bei Dir im Kopfe etwas geſprungen ſein.“ „Du ſtirbſt nicht, Herr, Du nicht; Du biſt ſo ſo glücklich jetzt, Du mußt leben, das Glück genießen; Sonne, Mond und Sterne werden Dich nicht ver⸗ laſſen in der Noth. Um mich wird kein Menſch ſich grämen, Zigeunerblut iſt für Ehre und Schande gleichgültig, aber nicht für die Liebe!“ redete die Kleine eifrig, zu Hubert's Füßen ſinkend und ſeine 124 Kniee umklammernd, an die ſie, wie von Angſt ge⸗ trieben, ihren Kopf ſchmiegte. Ihr Gebaren war ſo auffallend ſeltſam, ſo ſchein⸗ bar überreizt von wirren Vorſtellungen, daß Hubert tiefes Mitleid für ſie fühlte, ſie zu ſich emporhob und mit ſanftem Tone ſie fragte:„Aber, Miriam, was bedeutet Dein ſonderbares Treiben? Ich verſtehe Dich nicht. Rede doch, Kind!“ Die dunklen Augen der kleinen Zigeunerin leuch⸗ teten wie Sternenglanz in tiefer Nacht und beſtätigten, daß in ihrem Herzen ein großes, wunderbares Glück aufblühte unter dem Eindruck des ſanften Tons, in welchem er zu ihr ſprach.„Darin“— ſie deutete auf das von ihr geleerte Glas—„war Gift für Dich, Heerr, Du ſollteſt daran ſterben.“ „Gift?“ ſchrieen Hubert und Gottfried gleichzeitig voll Entſetzen auf. Miriam erzählte den in der Küche von ihr be⸗ lauſchten Vorgang. Gottfried ſtürmte wie raſend hinunter, um den Koch und ſeinen guten Freund zu faſſen, aber es war vergebens, beide hatten ſich durch eilige Flucht jeder Rechenſchaft entzogen. Wie ſehr ſich das an Hubert beabſichtigte Verbrechen beſtätigte, davon gab der bei Miriam eintretende Zuſtand von jähem Wechſel zwiſchen Hitze und Froſt, eine bald 70 όᷣ̈. c⸗ 125 darauf folgende Lähmung ihrer Glieder und Vergehen der Sinne Kunde. Der Tod nahte raſch, das Gift war von ſchnell tödtender Wirkung. Tief erſchüttert von der Größe des Selbſtopfers, das Miriam ihm durch ihr Sterben brachte, kniete Hubert am Rande ſeines Bettes, auf das er ſie gelegt hatte. Er beſtrebte ſich, ſie aus einer tiefen Ohnmacht zurückzurufen, die ihre kleine zierliche Geſtalt ſtarr und kalt gemacht hatte. Gottfried hatte einige Diener zu Hülfe gerufen, auch den alten Franzli. Man erwartete den Doctor Weilen⸗ berger, zu welchem ein Bote geſandt worden war; aber der Tod hat Flügel und zögert nicht, das Lebensbuch deſſen zu ſchließen, der ihm verfallen iſt. Miriam ſchlug noch einmal die Augen auf, ſie hingen unverwandt an dem voll Angſt ſich über ſie beugenden Hubert. Aus dieſem Blicke ſprach die noch einmal in ihr aufflammende Denkkraft, die Erinnerung. „Nur Zigeuner können lieben“, ſagte ſie leiſe; dann ſchloſſen ſich ihre Augen wie zum Schlummer. Als Doctor Weilenberger eintrat, fand er eine Todte. „Es iſt für Sie, Graf, nicht geheuer in Wien“, ſagte Prinz Eugen, als er am nächſten Tage ſich im Hauſe der Prinzeß⸗Mutter einfand.„Eilen Sie von hier fortzukommen. Jedenfalls begnügt ſich mit dieſem Selbſtopfer der armen kleinen Zigeunerin die Rache 6 126 Ihrer Feinde nicht. Sie iſt wie die Nacht, die lang⸗ ſam, aber rieſengroß aus den Tiefen an den höchſten Bergen hinanwächſt, bis ſie ſi endlich in ihr Dunkel gezwungen hat.“ Hubert war durch Miriam's Tod ſchwer in ſeinem Gemüthsleben berührt. Er hatte den Sinn ihrer letzten Worte verſtanden. Ja, ſie hatte ihn geliebt, wie hätte er ſich das leugnen können! Wie ein Schatten lag eine trübe Stimmung auf ihm, ſodaß es ihm Regina gegenüber ſogar Mühe koſtete, ſich heiterer zu zeigen, als er ſich wirklich fühlte. Es war eine Lücke in ſein gewohntes Denken gebrochen, eine Farbe entſchwunden aus dem heimiſchen Bilde, das ihn in den Gefahren ſeines flüchtigen, ruheloſen Umherirrens begleitet hatte als unzerſtörbares, feſt in ſeinem ganzen Sein gewurzeltes Andenken an die Tage des Glücks im Vaterhauſe. Hatte er auch nach ſeiner Zurückkunft nach Wien die kleine Miriam über⸗ ſehen, vergeſſen hatte er ſie nicht, daher fehlte ſie ihm jetzt, und dies Vermiſſen glich für ihn, den ein ſchlimmes Geſchick daran gewöhnt hatte, an Erinne⸗ rungen zu zehren, einem ſich täglich neu fühlbar machenden Schmerze einer Wunde, den erſt die Zeit mildern kann. Die Abreiſe nach Siebenbürgen wurde nun auf einen —2]—— ☛— 28 — ——— 8 SASo 1=/— S— —,2n 2A 127 ſehr nahen Termin feſtgeſetzt. Prinz Eugen hielt es für rathſam, den Hubert verfolgenden Haß ſeiner Feinde auf eine Weiſe zu durchkreuzen, daß wenig⸗ ſtens die Zahl derſelben gemindert werde, und ſeine Vorſtellungen fanden ſowohl bei ihm wie bei der Prinzeß⸗Mutter die vollkommenſte Zuſtimmung. Ein Einladungsſchreiben der letztern erging an den Obriſt⸗ hofkanzler, ſich an einem beſtimmten Tage und zu be⸗ ſtimmter Stunde in ihrem Hauſe einzufinden, um der von ihr vor Notar und Zeugen zwiſchen ihm und ſeinem Stiefbruder vorzunehmenden Erbtheilung ihrer Hinterlaſſenſchaft beizuwohnen. Eine Schlußbemerkung in dieſem Einladungsſchreiben deutete dem Obriſthof⸗ kanzler an, daß mit dieſem Familienact die Prinzeß⸗ Mutter nicht nur die Wirren zwiſchen den Stiefbrü⸗ dern auszugleichen, ſondern auch ihr öffentliches Leben abzuſchließen wünſche, um die ihr noch vergönnten Tage im Bewußtſein des Friedens zwiſchen den Ihren zu genießen. Familienacte und Familientra⸗ ditionen haben in hohen Kreiſen den Werth von Be⸗ ſtimmungen, deren Ehrwürdigkeit von jedem Mitgliede der betreffenden Familie anerkannt und als etwas Heiliges betrachtet wird, darum war im voraus zu erwarten, daß der Obriſthofkanzler der Einladung Folge leiſten werde. 128 Kaum eine halbe Stunde früher, ehe dieſer Ver⸗ ſöhnungsact ins Leben treten ſollte, wurde der Prinzeß⸗ Mutter ein Fremder gemeldet, der ſie um ein geneig⸗ tes Gehör bitten ließ.„Es iſt ein alter Herr, der ſich Intendant des in ein paar Monaten hier an⸗ kommenden franzöſiſchen Geſandten, des Herzogs von Richelieu, nennt“, ſagte der Diener. „Das iſt ſeltſam. Laß ihn eintreten.“ Wenige Augenblicke ſpäter erſchien der Fremde, ſeinem Aeußern nach ein hoher Sechziger und in ſeiner Kleidung ſowohl als in ſeinen Manieren voll⸗ kommen geſchulter Hofmann. Die Prinzeß⸗Mutter glaubte in ihm Jemand wiederzuſehen, den ſie früher gekannt; aber in ihrem Gedächtniß gab es nichts, was über dieſe Vermuthung Licht gegeben hätte, es mußte alſo Täuſchung ſein. Dieſelbe wich jedoch ſo⸗ fort, als der Fremde ſeinen Namen nannte und ſich ihr als einſtiger Kammerdiener ihres verſtorbenen Ge⸗ mahls vorſtellte, der, als er den Dienſt im Hauſe Buſſy⸗Rabutin ſeiner von dem Klima Ungarns bedrohten Geſundheit wegen habe aufgeben müſſen, nach Paris zurückgekehrt ſei, in dem herzoglichen Hauſe Richelien Anſtellung gefunden habe und dort ſeit ſechs Jahren als Intendant fungire. „Beaupré!“ rief die hochbetagte Dame, die Hände 129 vor Ueberraſchung zuſammenſchlagend.„Beaupré! Mein Himmel, welche Erinnerung knüpft ſich an Ihren Namen für mich, für meinen Sohn Hubert!“ „Er lebt und Sie, Madame, leben“, ſprach Beaupré, „nur der Herr Graf iſt hinübergegangen. Ah, ich ſehe ihn noch vor mir, als er ſeinen eben geborenen Sohn auf dem Arm hielt und die hellen Thränen der Freude aus ſeinen Augen auf das Knäblein fielen. Made⸗ moiſelle L'Arronge, Ihre Kammerfrau, hatte ihm den Erben ſeines Namens zum väterlichen Gruße bei ſeinem Eintritt ins Leben in den Arm gelegt und der Herr rief überſelig:„Gott ſegne Dich, mein Sohn! Er laſſe Dich glücklich werden im Leben!““ „L'Arronge— ja, ja, ich entſinne mich, L'Arronge hieß meine Kammerfrau. Sie verließ ſpäter unſer Haus, weil ſie ſich nicht in Siebenbürgen eingewöhnen konnte. Und ſie war in jener für mich ſo ſchweren Nacht— denn Hubert's Geburt führte mich faſt dem Tod in die Arme— wachend, thätig?“ „Gewiß, Madame. War ſie nicht dazu verpflichtet als Ihre Kammerfrau? Am letzten Tage noch, ehe ich im Auftrage meines Herrn Herzogs hierher reiſte, um ein für ihn paſſendes Hotel zu miethen und nach ſeinen Wünſchen einzurichten, band ſie mir als uner⸗ laßlich auf die Seele, mich nach Ihrem und des jungen Carion, Der alte Deſſauer. IV. 8 9 130 Herrn Wohlbefinden genau zu erkundigen und Ihnen ihren tiefſten Reſpect zu vermelden. Durch Zufall hatten wir vor einigen Jahren in Erfahrung gebracht, daß der Herr Graf Feldmarſchall Buſſy⸗Rabutin geſtorben ſei.“ „Sie lebt alſo noch?“ rief die Prinzeß. „Gewiß, Madame; aber ſie iſt unverheirathet ge⸗ blieben und hat ein großes Putzgeſchäft gegründet, das von den Damen des Hofes beſonders ſtark in Anſpruch genommen wird.“ Die hochbetagte Dame ließ eine Pauſe eintreten; ſie fühlte ſich gedrungen, die außerordentliche Auf⸗ regung, von der ſie ſich durchzittert fühlte, wenigſtens in etwas zu beherrſchen. Dann fragte ſie mit merk⸗ bar unſicherer Stimme:„Erinnern Sie ſich vielleicht noch anderer Perſonen, die damals, ich meine, in jener Nacht meiner Niederkunft zugegen waren?“ „Genau, Madame; ich erfreue mich eines eiſernen Gedächtniſſes, das auch der Verlauf der Jahre nicht geſchwächt hat. Es war übrigens gegen Morgen, als Graf Hubert geboren wurde, nicht mehr Nacht. Mademoiſelle L'Arronge ſchlief in einem Zimmer mit Ihnen. Im Vorſaale ſaßen die Hebamme und ihre Gehülfin, um gleich bei der Hand zu ſein. Mir hatte der Herr Graf, der die ganze Nacht kein Auge vor Erwartung ſchloß, einen Sitz an ſeinem Lager an⸗ 131 gewieſen. Auch ich konnte nicht ſchlafen, obwohl ich von der Reiſe— wir waren erſt zur Abendzeit in Gran an⸗ gekommen— ſehr ermüdet war. Später, als Made⸗ moiſelle L'Arronge den Herrn Grafen in Ihr Zimmer rief, poſtirte ich mich im Vorſaale, um jedes Befehls gewärtig zu ſein. Die Bedienten ſchliefen feſt und wurden nicht geweckt. Ein Freudenſchrei des gnä⸗ digſten Herrn deutete mir an, daß ſeine Hoffnung auf die Geburt eines Erben erfüllt ſei. Sein Jubel war zu groß, er rief mich herein, ſeinen Neugeborenen zu ſehen.“ „Und ich?“ fragte die Dame mit bebender Stimme. „Madame waren von einer tiefen Ohnmacht be⸗ fangen, die zu bannen die Hebamme und ihre Ge⸗ hülfin nichts unverſucht ließen, indeß ohne Erfolg, ſo⸗ daß ein Arzt aus der Stadt herbeigerufen wurde, weil Doctor Weilenberger, des Herrn Grafen Hausarzt, nicht mit auf dieſer Reiſe war.“ Die Prinzeß ſaß wie im Traume verſunken im Armſtuhle, die Hände im Schooße gefaltet, als ſpreche ſie ein Gebet im Geiſte vor ſich hin. Der Eintritt des Dieners, welcher die Meldung brachte, daß Prinz Eugen und ihm auf dem Fuße folgend der Obriſthofkanzler mit Sr. Excellenz dem Herrn Obriſt⸗ hofmeiſter eingetroffen wären und ſich in das große 9* 132 Gemach begeben hätten, in welchem der Notar und ſeine Beiſitzer ſich befänden, ermunterte die alte Dame. „Wo iſt Hubert?“ fragte ſie. „In demſelben Gemache“, antwortete der Lakai. „Ich habe den Herrn Grafen, der mit Doctor Weilen⸗ berger zum alten Franzli, mit dem es heute ſehr ſchlecht geht, ſich begeben hatte, von der Ankunft Sr. Durchlaucht und Sr. Excellenz ſofort unterrichten laſſen.“ „Rufe Fräulein Regina.“ Der Diener eilte fort. „Sie werden mich begleiten, Monſieur Beaupré. Die Wiederholung deſſen, was Sie mir ſo eben ge⸗ ſagt haben, iſt von ungeheurer Wichtigkeit für Hubert, meinen Sohn. Man hat ſeine Geburtsrechte ange⸗ taſtet.“ „Welches Verbrechen!“ „Man hat ihn für ein untergeſchobenes Kind er⸗ klärt, für den Sohn eines Schweinezüchters Fazekas.“ „Fazekas?— Fazekas?— Der Mann— ja, jetzt kommt er mir wieder ins Gedächtniß. Der Mann war Kerkermeiſter, ich irre mich gewiß nicht. Der Herr Graf verdankte ihn ſeine Lebensrettung aus der Türken Hand. Der blutarme Mann meldete ſich am Tage nach Graf Hubert's Geburt bei dem gnädigſten Herrn mit der Bitte um eine Unterſtützung, denn 133 ſein Weib habe in vergangener Nacht ihn mit einem Töchterchen beſchenkt, das nun ſein neuntes Kind ſei. Der gnädigſte Herr erkannte ihn und ſpendete ihm eine große Summe Dukaten zur Ausſteuer für ſein neugeborenes Töchterchen, wie er in ſeiner Freude, nun einen Sohn ſein nennen zu können, ſagte. Während der zehn Wochen, als wir wegen Ihrer ſchweren Krankheit in Gran verweilten, fand ſich der ſo reich Beſchenkte mehrmals beim Herrn Grafen ein. Ich erinnere mich deſſen ſehr gut.“ „Monſieur Beaupré, alles das werden Sie in der Geſellſchaft ausſagen, in die mir zu folgen ich Sie erſuche.“ Beaupré verneigte ſich tief. Regina trat ein. Die Prinzeß⸗Mutter ſchritt ihr in großer Aufregung ent⸗ gegen, und indem ſie ſie faſt heftig umarmte, rief ſie: „Mein Kind, ich bin heute glücklich, überaus glück⸗ lich. Was ich nie gehofft habe, hat ſich erfüllt, Hu⸗ bert's Geburtsrecht iſt erwieſen. Hier Monſieur Beaupré und Mademoiſelle L'Arronge ſind Zeugen da⸗ für. Komm, komm, meine Theure, es iſt ein Sieg der Wahrheit über die ſchnödeſte Lüge und er ſoll öffentlich bekannt werden. Folgen Sie uns, Monſieur Beaupré.“ Prinz Eugen war ebenſo ſehr wie der Obriſthofkanzler 134 und Hubert erſtaunt, die Prinzeß⸗Mutter und Regina von einem Fremden begleitet zu ſehen, den je geſehen zu haben ſie ſich nicht erinnern konnten. Nicht weniger erſtaunt waren ſie bei der ſich ihnen aufdrängenden Bemerkung, wie ſehr die hochbetagte Dame erregt ſei. Ohne vorhergehende Beſprechung untereinander gab die Prinzeß⸗Mutter dem Notar das Zeichen, das die Erbtheilung ihrer Hinterlaſſenſchaft beſtimmende und regelnde Inſtrument vorzuleſen. Des Obriſthofkanz⸗ lers Geſicht gewann einen immer ſichtbarern Aus⸗ druck von Zufriedenheit, da er zu der Ueberzeugung kam, daß er, ausſchließlich des von Hubert's Vater erworbenen Beſitzthums in Siebenbürgen, durch eine ihm ſehr günſtige Theilung der Sinzendorf'ſchen, von ſeinem Vater auf ſeine Mutter laut Vertrag überge⸗ gangenen Erbgüter Hubert gegenüber faſt bevorzugt ſei. Seine gute Stimmung gab ſich dadurch kund, däß er nach geſchehener Unterzeichnung freiwillig Hu⸗ bert die Hand bot mit den Worten: „Ich hoffe, wir werden uns ſtets erinnern, daß wir eine ſehr gütige, gnädige Mama haben und als deren Söhne in Friede und Eintracht zu leben ver⸗ pflichtet ſind.“. Ehe noch Hubert eine Antwort darauf geben konnte, ſprach die Prinzeß⸗Mutter, wie glücklich ſie ſich fühle, — — ——., b———— Sz0o—yjj,——— 135 daß mit dem heutigen Tage jeder Zweifel an Hubert's Geburtsrecht ſchwinden werde und müſſe. „Sprechen Sie, Monſieur Beaupré. Wiederholen Sie das, was Sie mir ſagten. Es genügt, um alle bei meines Sohnes Hubert Geburt vorgekommenen Umſtände von jenem abſcheulichen Lügengewebe zu be⸗ freien, das man erſonnen, um ein himmelſchreiendes Verbrechen zu begehen“, forderte ſie den Genannten auf, nachdem ſie die Anweſenden mit ſeiner frühern Eigenſchaft als Kammerdiener ihres verſtorbenen Ge⸗ mahls Buſſy⸗Rabutin und ſeiner jetzigen Charge als Intendant des Herzogs von Richelieu bekannt gemacht hatte. Etwas wie Verſtimmung ſprach ſich in den Mienen des Obriſthofkanzlers und ſeines Vetters aus, dieſe Erklärung ſchien ihnen widerwärtig zu ſein. „Herr Notar, Er wird dieſe Auseinanderſetzung Monſieur Beaupré's als eine gerichtliche Ausſage zu Protokoll nehmen, und durch die franzöſiſche Geſandt⸗ ſchaft werde ich Mademoiſelle L'Arronge veranlaſſen, vor einem pariſer Gerichte ihre Ausſage abzugeben.“ Der Notar bemerkte, daß es erſt der Recognition der Perſon Beaupré's bedürfe. Zwei Zeugen müßten ihn als von ihnen wiedererkannt darſtellen, ehe ſeine Ausſage Gültigkeit erlangen könne. Die Prinzeß⸗ Mutter nannte den Doctor Weilenberger und den 136 alten Franzli. Beaupré konnte ſich wohl auf den Doctor, aber nicht genau auf Franzli beſinnen. „Der Doctor befindet ſich ſo eben bei dem ſchwer kranken Franzli“, erklärte Hubert.„Es bedarf nichts weiter, als ihn hierher rufen zu laſſen.“ Ein Diener empfing den Auftrag dazu. Unterdeß herrſchte eine peinliche Pauſe. Jeder der Anweſenden ſchien Urſache zu haben, das, was er dachte und empfand, nicht zu äußern; Prinz Eugen hielt ſeiner Gewohnheit nach die Augen nach oben gerichtet, als erwarte er eine ihn überkommende Offenbarung. Sein tiefes Schweigen ward nur von dem ſtarken, dem Schnarchen eines feſt Schlafenden ähnlichen Geräuſch einiger raſch hintereinander von ihm aus der Weſten⸗ taſche geſchnupften Priſen Tabak unterbrochen, was diejenigen, welche ihn genauer kannten, als Zeichen betrachteten, daß er ſich einem ſehr angeregten Denken hingäbe. Die beiden Sinzendorfe ſaßen ſtill neben⸗ einander. Sie gehörten nicht zu den Zufriedenen unter den Anweſenden, die Situation war ihnen un⸗ behaglich. Hubert war zu der Prinzeß⸗Mutter und Regina getreten, ſie unterhielten ſich leiſe miteinander. Es war ſichtbar, daß das eben Erlebte alle tief berührt hatte. Lebhafte Schritte im Vorgemache zeigten Doctor Weilenberger's Kommen an. Er war 137 ſichtlich überraſcht, hierher gerufen worden zu ſein. Die Prinzeß⸗Mutter vermehrte ſein Erſtaunen durch die Frage, ob er den hier befindlichen Beaupré, den ſie allerdings nicht mit Namen bezeichnete, kenne. „Nein, und doch iſt mir, als wäre mir der Herr nicht ganz fremd und müßte ich ihn ſchon früher geſehen haben, aber es muß lange her ſein, ſehr lange. Wahrhaftig, je länger ich den Herrn anſehe, deſto be⸗ ſtimmter wird mir die Ueberzeugung, daß ich ehedem mit ihm verkehrt haben muß. Damals kann der Herr natürlich kein weißes Haar gehabt haben wie jetzt. Das verändert das Bild in der Erinnerung be⸗ deutend. Helfe der Herr meinem Gedächtniß nach, das leider nicht mehr unter die jugendlich friſchen gehört.“ „Der Herr Doctor rieth mir einmal Luftveränderung an, da das Klima Ungarns ſehr nachtheiligen Einfluß auf mich übte, denn ich zehrte ab“, ſagte der In⸗ tendant. Nach kurzen Sinnen rief der Doctor:„Beaupré! Ja, wahrhaftig, Monſieur Beaupré! Jetzt erkenne ich Sie. Auf meine Vorſtellung wegen Ihres beſorglichen Geſundheitszuſtandes entließ unſers verſtorbenen Herrn Generalfeldmarſchalls Excellenz Sie aus ſeinem Dienſte als Kammerdiener. Ihre Stimme iſt ganz dieſelbe 138 wie ehedem, nur in Ihrem Aeußern haben die Jahre eine Veränderung hervorgebracht.“ „So iſt es“, ſtimmte Beaupré bei.„Wir ſind beide alt geworden. Zweiundzwanzig Jahre ſind wohl vermögend, das Aeußere eines Menſchen zu verändern.“ Der Notar begann ſeine Function, indem er des Doctors Zeugniß des Wiedererkennens Beaupré's zu Protokoll nahm; dann erinnerte die Prinzeß⸗Mutter dieſen an die ihr gemachte Ausſage hinſichtlich der auf⸗ fälligen Stellung des Schweinezüchters Fazekas zu ihrem verſtorbenen Gemahle, Grafen Buſſy⸗Rabutin. Beaupré leiſtete Folge. Er bezeigte zugleich ſeine Ver⸗ wunderung, daß man die von Fazekas an des Herrn Grafen Feldmarſchalls Excellenz gerichteten Briefe nicht beachtet hätte. „Es haben ſich keine vorgefunden“, ſprach die Prinzeß⸗Mutter.„Seine hinterlaſſenen Papiere ſind genau geſichtet worden, aber ſolche Briefe haben ſich nicht darunter befunden.“ „Nicht?“ Beaupré ſann einige Augenblicke vor ſich hin, dann fragte er, als ſei eine Erinnerung in ihm aufgetaucht:„Auch nicht in dem kleinen hölzernen Käſtchen mit zierlich erhabenem Schnitzwerk, Blumen und Arabesken vorſtellend? Es iſt ein Beuteſtück aus dre 139 dem Zelte eines türkiſchen Paſchas. Auf dem Deckel des Käſtchens war der Halbmond, von einem Kranze von Roßſchweifen und Türkenſäbeln umgeben, Alles feinſte Schnitzarbeit, dargeſtellt.“ „Ich entſinne mich eines ſolchen Käſtchens nicht“, bemerkte die Prinzeß⸗Mutter. „SHeiliger Gott“, rief Doctor Weilenberger,„ein Käſtchen wie das beſchriebene iſt in Franzli's Beſitz. Er hält es als Erbſtück vom hochſeligen Herrn Grafen hoch und theuer. Ich werde es holen.“ Raſch eilte der Doctor aus dem Gemache und war mit dem in Rede ſtehenden Beuteſtück in kurzer Zeit zurück. „Das iſt es!“ rief Beaupré raſch. „Jetzt erinnere ich mich auch ſeiner, da ich es ſehe. Es hatte ſeinen Platz auf meines Gemahls Schreib⸗ tiſch.“ Auch Hubert kam die Erinnerung, es früher ſchon geſehen zu haben. „Es ſei aber leer geweſen, als er es aus des hochſeligen Herrn Grafen Nachlaß erhalten habe, ſagt der alte Franzli“, berichtete der Doctor. Auch jetzt zeigte es ſich leer, als der Deckel auf⸗ geklappt wurde. Beaupré ſchien betroffen, er ſtierte auf das auf dem Tiſche ſtehende offene Käſtchen hin, 140 als ſei es eine räthſelhafte Aufgabe für ihn. Plötzlich trat er an den Tiſch, fuhr mit der Hand in das offene Viereck hinein und maß deſſen Tiefe. Sie war im Verhältniß zur äußern Facon auffallend gering. „Es hat einen doppelten Boden“, ſprach Beaupré mit Ueberzeugung.„Ich erinnere mich, geſehen zu haben, daß es der hochſelige Herr Graf, wenn er zu⸗ weilen etwas hineinlegte, mit beiden Händen umfaßte. Vielleicht gibt es eine verborgene Feder, welche den oberſten Boden emporhebt, und gibt es eine ſolche Vorrichtung, ſo ſpielt das wie ein Kranz um die äußern Seiten des Käſtchens ſich windende erhabene Schnitz⸗ werk eine Rolle dabei. Man muß es verſuchen.“ Auf den Geſichtern aller Anweſenden trat eine offenbare Neugier hervor; Beaupré's Verſuche ſchienen jedoch reſultatlos bleiben zu wollen. Er hatte ziem⸗ lich alle beſonders hervorragenden Spitzen oder runden Punkte in dem Schnitzwerk mittels Fingerdruck unter⸗ ſucht und eben ſetzte er es mißvergnügt auf den Tiſch nieder, als mit einem Male der oberſte Boden mit leichtem Schnarren aufklappte. „Gefunden!“ rief Beaupré laut.„Hier liegen Papiere drin.“ Das Geheimniß des Käſtchens war gelöſt. Die Papiere, ſcharf zuſammengepreßt und durch den viel⸗ —, 8⁸ 2ͤi — —- 8 2=ͤ2 — —, 141 jährigen Druck in ſolcher Lage feſt aneinander haftend, mußten mit großer Vorſicht herausgenommen und noch vorſichtiger entfaltet werden. Die Tinte war ſo vergilbt und verblaßt, daß Manches in dem ge⸗ ſchriebenen Inhalt kaum zu entziffern war. Die Prinzeß erkannte indeß auf einigen dieſer Papiere ihres verſtor⸗ benen Gemahls Schriftzüge; dieſelbe enthielten einzelne Notizen, die ihm zur Aufbewahrung wichtig erſchienen waren. Aber auch andere Papiere fanden ſich darunter, beſonders zwei von ſehr ſchlechter, mühſam gekritzelter Handſchrift geſchriebene Briefe mit der Unterſchrift „Fazekas“. Es bedurfte einer Leſeübung, um dieſe merk⸗ würdig ſchlechte Schreiberei, die glücklicherweiſe in Bezug auf die Tinte nicht ſo arg verſchoſſen ſich zeigte, ihrem Inhalte nach zu entwirren. Dies Kunſtſtück gelang dem Notar als Schreibkundigem. Der eine der Briefe lautete: „Allergnädigſter Herr Feldmarſchall und Graf Buſſy⸗Rabutin! Mein unterthänigſt geprieſener Herr und guter Freund! Ich, der Fazekas, und mein Weib ſind ganz un⸗ gebührlich glücklich, daß wir einen ſo großen Herrn und Wohlthäter gefunden haben, der ſich unſerer ſchrecklichen Noth erbarmt hat. Jetzt ſitzen wir in voller Freude unter unſern Schweinen und brauchen 142 nicht mehr zu hungern wie früher, wo ich und mein Weib mit den acht Kindern weit hungriger als die Gefangenen ſchlafen gehen mußten. Das Glück, uns nun ſatt eſſen zu können, verdanken wir unſerm gnädigſten Herrn Grafen und Feldmarſchall Buſſy⸗ Rabutin. Ohne ihn ſäßen wir nicht unter den Schwei⸗ nen. Der liebe Gott und unſer Herr Heiland hat Alles gut gemacht, daß er mir den Muth gab, mich bei meinem allergnädigſten Herrn Feldmarſchall als der zu melden, der Ihn aus der Hand der gottver⸗ dammten Türkenhunde gerettet hat, weil durch die in der Nacht vorher erfolgte Geburt eines neunten Kindes ich vor Angſt nicht wußte, wo aus und ein, denn die Armuth war ſo groß bei uns, daß es nicht zu ſagen war. Und mein allergnädigſter Herr Feldmarſchall und Graf Buſſy⸗Rabutin in der über⸗ großen Freude, daß Ihm an dieſem Frühmorgen ein Erbe geboren worden und daß ich der war, der Ihn aus den Händen der Türkenhunde herausgehauen und Vater von neun Kindern ſei, ſchenkte mir großmüthig für die Neugeborene zur Ausſteuer fünfhundert Du⸗ katen. Das lohne Gott meinem allergütigſten Herrn Feldmarſchall und Grafen Buſſy⸗Rabutin. Jetzt ſind wir unter den Schweinen ſehr glücklich dadurch ge⸗ worden, und unſere Roſimilla, die ſich ganz luſtig be⸗ — Oe—„0 66 143 findet, nennen wir nur das Grafenkind und halten ſie ſo gut wie die Ferkel, die außerordentlich bei ſorg⸗ ſamer Abwartung gedeihen und viele Käufer finden.“ Dieſen dem von Dank überfließenden Herzen des glücklichen Schweinezüchters Fazekas entſtammenden gefühlvollen Brief endete ein Schluß, der dem hier wiedergegebenen Wirrwarr von Empfindungen des Dankes, des Glücks und dem Gedeihen erwähnten Borſtenviehs vollkommen ebenbürtig war. Das andere Schreiben des Fazekas beſtand aus einer Quittung über eine von dem Feldmarſchall ihm zur Vergrößerung ſeines Handelsgeſchäfts vorgeſchoſſene Summe von zweihundert Dukaten. Ein tiefes Schweigen ſchloß ſich dem durch den Notar bewirkten Vorleſen beider Schriftſtücke an, deren erſteres ſo ent⸗ ſchiedenes Zeugniß über das Verhältniß zwiſchen dem verſtorbenen Feldmarſchall Grafen Buſſy⸗Rabutin und dem Schweinezüchter Fazekas, dem Retter ſeines Lebens, gab. „Meines theuren, in Gott ruhenden Vaters Ehre, mein Geburtsrecht iſt gerettet!“ rief Hubert, zu der Prinzeß⸗Mutter eilend und ihre Hand ergreifend. „Auch nicht der Schatten eines Zweifels an der Recht⸗ mäßigkeit meiner Anſprüche kann mehr aufkommen, die Lüge, welche ſie vernichten wollte, muß ſchamvoll 144 ins Grab ihrer Ehrloſigkeit verſinken. O meine gnä⸗ digſte Mama, wie glücklich fühle ich mich jetzt in dem Bewußtſein, Ihr Sohn zu ſein, Ihrem Herzen anzu⸗ gehören, von dem die ſchnödeſte Bosheit, die nieder⸗ trächtigſte Habſucht mich losreißen wollte!“ „Mein Sohn! Mein Hubert! Ich betrachte dieſe Stunde als erſten Segen des Sonnenſcheins, der den Abend meines Lebens verſchönen wird“, ſprach die hochbetagte Dame unter Thränen. „Und dieſen Sonnenſchein wird meine und Regi⸗ na's Liebe Ihnen ohne Unterlaß bieten“, betheuerte Hubert.„Regina, Du edles, treues Herz, reiche mir Deine Hand. Du biſt es, der meine gnädigſte Mama den Sohn dankt. Ohne Dich wäre ich verloren ge⸗ gangen in dem mich überwachſenden Unglück, das die freche Lüge über mich gebracht hatte. Kann ſie, kann ich Dir anders danken als durch eine innige, treue Liebe?“ „Mein Sohn! Meine Tochter!“ Mit dieſen Worten tiefſter Rührung ſchloß die Prinzeß⸗Mutter beide in ihre Arme. „Es wird nothwendig ſein, das, was hier geſche⸗ hen, zur Kenntniß Sr. Majeſtät des Kaiſers und ſeiner erhabenen Gemahlin zu bringen“, ſprach Prinz Eugen, aus ſeinem Seſſel ſich erhebend.„Niemand 145 dürfte dazu ſich mehr berechtigt und gedrungen fühlen als Se. Excellenz der Herr Obriſthofkanzler, indem es ihm um ſo mehr eine angenehme Pflichterfüllung ſein wird, als er ſelbſt ſich durch das ſchändliche Lügen⸗ gewebe hatte täuſchen laſſen.“ Mit jener Aalglätte, welche den Obriſthof⸗ kanzler in ſeinem Umgange ſo auszeichnete und ihm den Ruf ungemeiner Liebenswürdigkeit erworben hatte, verſicherte derſelbe, daß er ſich außerordentlich glücklich fühle, einer Pflicht zu genügen, zu der ihn ſein Herz als Sohn und Bruder treibe. Der Notar nahm den Vorgang zu Protokoll, das von allen dabei Betheiligten zum unwiderleglichen Beweis der Wahr⸗ heit deſſelben unterzeichnet wurde. Indem Hubert ſich mit der ihm vom Notar in die Hand gege⸗ benen Feder zur Unterſchrift niederbeugte, fühlte er einen leiſen Druck auf der Bruſt. Der Talisman Miriam's hatte ſich vielleicht ein wenig verſchoben; aber der Spruch, mit welchem ſie ihm denſelben gegeben: „Sonne, Mond und Sterne werden Dich nicht ver⸗ laſſen in der Noth“, trat als eine heiligende Erinne⸗ rung an ein ihm im Sterben noch treues Herz vor ſeine Seele und bewegte ihn tief. Carion, Der alte Deſſauer. IV. 3 10 — V. Für einen Charakter, welcher von urwüchſiger und in den meiſten Beziehungen nicht gebändigter roher Kraft ſtrotzte, wie der des deſſauer Fürſten, konnte es unmöglich etwas denſelben Empörenderes geben, als vor einem Räthſel zu ſtehen, welches zu löſen ſcheinbar ganz außer ſeinem Machtbereich lag. Ein ſolches Räthſel waren für den Fürſten der Kor⸗ poral Philipp und Regina von Milagsheim. „Sage Er, iſt Er'n Stück Bibelhuſar?“ fragte Herr Leupold eines Tages, noch vor dem Vermäh⸗ lungsfeſte ſeiner Tochter Louiſe, ſeinen Feldwebel. „Na, viel iſt's grade nicht. So was man fürs Haus braucht.“ „Hm, da wird's nicht arg ſein“, meinte Se. Durch⸗ laucht.„Habe auch keinen Guſto an den alten Juden⸗ geſchichten finden können. Die Kerle haben auf'ne Art 147 Krieg geführt, daß ſich'n reputirlicher Soldat ſchämen muß, von dergleichen Schnickſchnack zu hören oder gar zu leſen, was pure Zeitverſchwendung iſt. Verfluchte Kinkerlitzchen drin— die Wachenbitter und die Armen⸗ ritter oder wie die Schwerenothskerle geheißen haben, waren ſchandbare Hundsfötter, liefen wie die Haſen und— na, weg damit, mit ſolcher Löffelgarde iſt kein Staat zu machen. Ich hätte ſie fuchteln laſſen, daß ſie wie die Feldmäuſe gepfiffen hätten.“ Brommer ſchien im Dunkel bleiben zu ſollen, was ſein durchlauchtiger Herr mit der Frage nach ſeinem Bibelhuſarenthum gewollt habe, denn dieſer ging im Zimmer auf und nieder und pfiff ſeinen Lieblings⸗ marſch vor ſich hin, plötzlich blieb er aber vor dem Feldwebel ſtehen und fragte mit Haſt:„Kommt nicht einer drin vor, der lebendig in den Himmel kutſchirt iſt?“ „Unſer Herr Chriſtus“, antwortete Brommer. „Nein doch, ein Anderer. Donnerwetter, Er weiß ja noch viel weniger wie ich! Da muß Er eben nicht viel fürs Haus gebrauchen.“ „Ja, wie denn kutſchirt?“ fragte Brommer ver⸗ blüfft. „In einem feurigen Wagen.“ „Ach ſo! Das war Elias, ein Prophet.“ 10* 148 „Weiß Er, Brommer, daß ich faſt auf die Idee komme, der Philipp und die Milagsheim müſſen auch auf ſo'ne Art von hier fortgekommen ſein?“ „In einem feurigen Wagen?“ Der Fürſt lachte über Brommer's confuſe Frage unbändig und wurde dadurch in jene Laune verſetzt, die bei ihm in die Kategorie des Gemüthlichen gehörte. Vergebens hatte er nachgeſpürt, wie den beiden. Entwichenen das ſpurloſe Verſchwinden gelungen ſein könne. Aus den Ausſagen der Korporale Wenzel und Fleiſcher und des Bürgermeiſterdieners Clarin, der ermordete Fremde hätte ihnen erzählt, Philipp und Fräulein von Milagsheim angelegentlichſt mit ein⸗ ander ſprechend im Schatten der Marienkirche be⸗ obachtet zu haben, hatte Herr Leupold nach vielem Nachſinnen den Schluß gezogen, daß wohl gar zwiſchen den Beiden eine geheime Liebe ſtattgefunden haben könne und Regina die Einzige geweſen, welche um Philipp's Aufenthalt gewußt und mit ihm entflohen ſei, um nicht Bonnafox' Gattin zu werden. Herrn Leupold's geſunder Menſchenverſtand hatte das Rich⸗ tige getroffen, und wenn er auch ſeiner Gewohnheit nach fluchte und wetterte, daß dergleichen„Kinker⸗ litzchen“ ſo zu ſagen unter ſeinen Augen hatten paſſiren — 2 2-—— ————,——+ dee 149 können, was mit einem Spott auf ihn faſt gleich⸗ bedeutend erſcheine, ſo war es doch eben nur die Unlösbarkeit des Räthſels, wie beide die Flucht aus⸗ geführt hatten, die ſeinen Grimm erregte, durchaus nicht die Sache ſelbſt. Er fand es gar nicht ſo un⸗ geheuerlich, daß Regina's Liebe ſich dem Prachtkerl Philipp zugewendet habe, denn— und das war wunderbar genug— der Philipp ſtand noch ſo feſt in ſeiner Gunſt, als ſei von deſſen Seite gar nichts Reglementwidriges geſchehen. Daß Bonnafox um Hochzeit und Frau geprellt war, kümmerte den durch⸗ lauchtigen Herrn ſehr wenig.„Soll ſich'ne andere ſuchen“, hatte er geantwortet, als ſeine Gemahlin ihm mittheilte, wie ſehr betrübt Bonnafox über die Vereite⸗ lung ſeines Herzenswunſches ſei.„Ich kann doch zur Schwerenoth nicht dafür, daß ihm die Regina aus lauter Liebe deſertirt iſt.“ Gegen den Brommer war der Durchlauchtige ver⸗ traulich geweſen und hatte ſeine Vermuthung hinſicht⸗ lich des Einverſtändniſſes der beiden Entflohenen klar ausgeſprochen. In dieſem Moment, wo Brommer das Gefühl hatte, als ob ihm ein Strom eis⸗ kaltes Waſſer über den Kopf geſtürzt würde, denn er war ſich ja der Kenntniß dieſes Liebesverhältniſſes bewußt, weshalb er ſeine Zuſtimmung zu ſeiner Bille 150 Hochzeit mit Gottfried Langermann gegeben hatte, trat glücklicherweiſe der Adjutant mit einem Rapport ein, der des Fürſten Aufmerkſamkeit von ihm ablenkte, ſonſt hätte der würdige Feldwebel durch ſeinen Schreck ſich als Mitwiſſer dieſes Liebesverhältniſſes verrathen. So gewann er wenigſtens Zeit, ſich zu faſſen und ſich mit der Ueberzeugung vertraut zu machen, daß es das Geſcheidteſte ſei, ſich nichts merken zu laſſen. Es war eine Art Troſt für ihn, ſich ſagen zu können, daß es außer ihm noch Jemand gebe, der um dies Geheimniß wiſſe, die Prinzeß Louiſe nämlich. „Halte Er um Gotteswillen reinen Mund“, hatte dieſe einige Tage nach Regina's Flucht, als ſie ihm zufällig im Schloſſe begegnete, ihn gewarnt.„Meines gnädigſten Papas Durchlaucht maſſacrirt uns beide, wenn er's herauskriegt, daß wir um dieſe Liebes⸗ geſchichte gewußt haben.“ „Wenn's aber doch an den Tag kommt, was dann?“ fragte Brommer.„Se. Durchlaucht verſteht keinen Spaß.“ „Ach Gott ja“, ſtimmte Prinzeß Louiſe bei.„Wenn nur erſt meine Hochzeit glücklich vorüber und ich in Bernburg wäre!“ „Das iſt prächtig gedacht. Mich kann's Donner⸗ ter⸗ 151 wetter niederſchlagen, das macht nichts. So'n Feld⸗ webel iſt—“ „Lieber, guter Brommer, ſo meine ich es ja nicht, Er mißverſteht mich“, fiel ihm die Prinzeß ins Wort. „Ihn ſoll gar kein Donnerwetter meines durchlauch⸗ tigſten Papas treffen. Wir wollen das mit ein⸗ ander ſo verabreden: Spürt der gnädigſte Papa es ja aus, daß Er dgewußt hat, wie es zwiſchen dem Philipp und meiner Regina geſtanden hat, ſo ſage Er nur ganz getroſt, das habe Er von mir erfahren, weil ich nicht gewollt hätte, daß Seine Bille darunter leiden ſolle, und das kann Er mit Fug und Recht ſagen, es iſt keine Lüge. Daß Papa's Durchlaucht alle Teufel aus der Hölle herauffluchen wird, das iſt frei⸗ lich gewiß; aber, guter Brommer, davon wird Er doch nicht gleich umfallen, das kennt Er ja aus Erfahrung.“ „Das iſt wohl wahr“, brummte der Feldwebel. „Dann kommt der gnädigſte Papa nach Bernburg, um mich vorzunehmen; aber da wird er ſehr links ſein, denn ich laſſe mich nicht ſo leicht werfen und ſag's ihm gerade heraus, daß es ein himmelſchreiendes Unrecht war, die Regina zu einer Heirath mit dem Deutſchverderber Bonnafox gegen ihren Willen zwin⸗ gen zu wollen. Und Victor, dann mein Gemahl, 152 muß mir von Gott und Rechtswegen beiſtehen. Papas Durchlaucht wollen wir ſchon bearbeiten, daß er die Geſchichte als das anſieht, was ſie eigentlich iſt, als einen Witz, der über den ſeinen gegangen iſt.“ Brommer ſah ſich in die Nothwendigkeit verſetzt, ſich dieſem Rathſchlage der Prinzeß zu fügen und in Geduld zu erwarten, ob und wie ſich das Räthſel des Verſchwindens Philipp's und Regina's— denn daß beide im Einverſtändniß gehandelt hatten, war ihm gar nicht zweifelhaft— löſen werde. Prinzeß Louiſe lebte der feſten Zuverſicht, von ihrer entflohenen Freundin Nachricht zu erhalten. Ihre Mutter hegte, als Regi⸗ na's Flucht ihr bekannt wurde, den ſie tief bekümmern⸗ den Glauben, die Entſchwundene habe ſich aus Ver⸗ zweiflung ein Leid angethan, indeß nach Verlauf einer Woche, da nirgends ſich eine Spur von Regina's Verbleiben auffand, und als ihr Gemahl die Ver⸗ muthung gegen ſie ausſprach, daß Regina's Flucht im Einverſtändniß mit dem lange Zeit vorher ſchon ſo ſpurlos verſchwundenen Philipp vor ſich gegangen ſei, beruhigte ſie ſich inſofern, als ſie die traurige An⸗ nahme eines Selbſtmordes Regina's aufgab. Niemand ahnte zwiſchen den nach Wien abgereiſten Bewohnern des Langermann'ſchen Hauſes und den Flüchtlingen irgend einen Zuſammenhang. Frau ——„—,/———.,— 153 Martha rief, als Herr Leupold bei einem Beſuche ſeine Anſchauung über dieſe„Schwerenothsgeſchichte“ mit verſchiedenen Kernflüchen geſpickt zum Beſten gab, einmal ums andere:„Ach Gott, Durchlauchtchen, das wäre ja erſchrecklich! Das junge Mädchen mit einem Korporal ſo frank und frei in die Welt hineinzulaufen! So etwas iſt noch nicht dageweſen. Wenn unſer Gottfried und ſeine junge Frau das erfahren werden, ſchlagen ſie die Hände über dem Kopf zuſammen. Die Reputation ſo zu vergeſſen iſt unerhört!“ Der alte Peter meinte, daß auch er ſich darüber ausſprechen müſſe, damit Durchlaucht nicht etwa auf den Gedanken gerathe, er fände dergleichen Ungebühr⸗ lichkeit, weil er vom Korporal Philipp ein ſo guter Freund geweſen ſei, in der Ordnung.„Ja“, ſagte er nach einigem Nachſinnen, als beſten Ausdruck ſeines Mißfallens ein ſeines Erachtens ſchlagendes Bei⸗ ſpiel der Jägerei entlehnend,„ja,'s iſt nicht um ein Haar anders als bei uns. Durchlaucht erinnern ſich wohl noch der ſcheckigen Juno, die vom Dresdener Hofe Ew. Durchlaucht zum Geſchenk gemacht worden war. Ein Prachtvieh, weiß Gott; aber eine Beſtie, die nicht in Rand und Band zu halten war. Kümmerte ſich den Teufel um Zuruf und Peitſche. Da konnte 154 ſich der Jäger den Hals abſchreien mit Derrière, die raſte fort wie ſinnlos! Und was hatte ſie für eine feine Erziehung genoſſen! Kein Bauerlümmel kann ſich einer beſſern Schule rühmen; aber die Juno capirte nichts, “s war, als wäre der Satan in ſie gefahren, wenn ſie auf die Fährte kam; eine Leidenſchaftlichkeit hatte das Vieh, die ſie ganz dumm machte. Ich—“ Frau Martha nahm den Vergleich zwiſchen der Juno und dem entflohenen Fräulein höchſt mißfällig auf, und Herr Leupold hatte wenigſtens den Spaß davon, über das zwiſchen den beiden alten Leuten ent⸗ ſtehende Gezänk lachen zu können. Wie es immer der Fall iſt, daß große Ereigniſſe kleine, wenn auch nicht ganz aus dem Gedächtniſſe, doch ſo in den Hintergrund drängen, daß das In⸗ tereſſe an ihnen nur dann und wann, aber auch dann nur für kurze Zeit, oft nur für die Dauer weniger Augenblicke auftaucht, ſo überwog die Vermählungs⸗ feier der Prinzeß Louiſe, der Lieblingstochter des Fürſten Leupold, bei dieſem Gewaltigen alles Andere. Sein königlicher Freund und Gönner Friedrich Wil⸗ helm I., deſſen noch ſehr jugendlicher Kronprinz Fried⸗ rich und eine anſehnliche, meiſt militäriſche Hofſuite waren in Deſſau zu dieſer Feier erſchienen. An mili⸗ täriſchen Schauſpielen und Jagdfreuden in großem Stile 155 ließ Se. Durchlaucht es nicht fehlen. Zur würdigſten Aus⸗ ſtattung ſolcher Feſtlichkeit entfaltete Herr Leupold eine ſeinem Weſen ſonſt ganz fremde Verſchwen⸗ dungsluſt, und beſonders bei dieſer Vermählungsfeſt⸗ lichkeit, wo es ihm nicht nur galt, ſeine fürſtliche Ehre, ſondern auch die Liebe zu ſeiner Tochter hell vor aller Welt leuchten zu laſſen. Deſſau hatte auf lange Zeit Stoff zur Unterhaltung, und wenn man von dem Aufwande ſprach, der dieſe Vermählungsfeier ſo beſonders ausgezeichnet hatte, ſo vergaß man doch auch nicht von dem tief bewegten Abſchiede zu reden, den Herr Leupold von ſeiner Louiſe genommen. Das war eine ſchwere Stunde in dem Leben dieſes Mannes geweſen, in deſſen Gemüth oft alle Lichter der Milde und Barmherzigkeit ausgelöſcht ſchienen, der mit kalter, grauſamer Ruhe, ja ſogar mit geheimem Ver⸗ gnügen harte Strafen für Vergehungen verhängen konnte, die oft kaum der Rede werth waren, bei dem Menſchen⸗ glück und Menſchenleben federleicht wogen, während ſein Ingrimm, ſein Haß, ſeine Kriegsluſt als allein geltende ungebändigte Leidenſchaften alles ihm im Wege Stehende niedertraten. Man erzählte ſich, er habe, als er an demſelben Mor⸗ gen, wo ſein Liebling, die nun vermählte bernburger Fürſtin, mit ihrem Gemahle ihrer neuen Heimat zu⸗ 156 reiſte, aus ſeinem Zimmer getreten, laut aufgeſchrien, als geſchähe ihm die größte Wehethat, ſodaß das ganze Schloß zuſammenlief. Sein Kind brachte ihm vor dem Scheiden als Wachtpoſten vor ſeiner Thüre ſtehend das letzte militäriſche Honneur. Das griff ihm tief zu Herzen. Der Brommer, der in der Nähe ſich aufgehalten, mußte nur ſchnell herbei⸗ eilen, um ihr die Flinte abzunehmen, damit Herr Leu⸗ pold in ſeinem ungeſtümen Schmerze ihr durch die Waffe nicht wehe that, denn er hatte die Arme um die Tochter geſchlungen und ſie ſo feſt an ſich gedrückt, daß ſie kaum mehr zu athmen vermochte. Und als ſie an ihres Gemahls Seite, begleitet von dem durchlauchtigen Vater, der gnädigſten Mama und allen ihren Geſchwiſtern die Schloßtreppe hinunterſtieg, um zu der ihrer harrenden Equipage zu gehen, mußte ſie die von ihrem Bruder Moritz be⸗ fehligte präſentirende Knabencompagnie paſſiren, deren Tamboure und Pfeifer den Parademarſch aufſpielten, und außerhalb des Schloſſes ſtand eine Compagnie des Halleſchen Muſterregiments, das ſie mit voller Regimentsmuſik empfing. Herr Leupold wußte, daß es ihr Freude machen werde, von den wie aus Erz gegoſſenen Kriegern ihr Scheiden verherrlicht zu ſehen. —— — ———,——,———— 157 Kopf an Kopf gedrängt wohnten die Deſſauer der Abfahrt bei, in Vieler Augen glänzten Thränen; aber dieſer Herzensregung brauchte ſich heute Niemand zu ſchämen, denn der Fürſt, der mit ſeinen Söhnen zu Pferde der geliebten Tochter und Schweſter das Ge⸗ leite bis an die äußerſte Stadtgrenze gab, verbarg ja auch nicht die Zähren, die ihm über das dunkle Geſicht herabfloſſen. Und wie er von dieſem Geleitegeben zurückkehrte in ſein Schloß, gefolgt von ſeinen Söhnen, ritt er ſo langſam und wie in tiefes Sinnen verſunken durch die Gaſſen der Stadt, daß man ihm wohl anſah, es ſei ihm was Liebes verloren gegangen. Bei allen leicht zur Exaltation geneigten Ge⸗ müthern folgt auch gemeinhin ein ſchnelles Wieder⸗ aufraffen, wenngleich das lebhaft und unverſtellt ausgeſprochene Gefühl nichts von ſeiner Leidenſchaft⸗ lichkeit einbüßt, ſondern nur in engere Grenzen zurück⸗ gedrängt wird. Eine Inſpectionsreiſe nach Magdeburg und andere Orte gab Herrn Leupold die altgewohnte rauhe Weiſe wieder, und bei ſeiner Rückkehr hätte Niemand für möglich gehalten, daß er je eine Thräne vergießen könne. Sein gutgelaunter Ingrimm trieb nach wie vor Manchen zum Ausſprechen bitterer Verwünſchungen gegen ihn, den Vertreter roher Willkür. Doch gab 158 es auch wieder Stunden, wo er ſich mit Nachdenken beſchäftigte, freilich mit keinem ſolchen, das alle Seelen⸗ fäden gleichſam zuſammen in eins faßt, um einem großen und tiefanregenden Gedanken nachzugrübeln und ihn ſich zu eigen zu machen. Es war vielmehr ein ärgerliches Sinnen, das ihn beläſtigte. Er konnte Geheimniſſe nicht leiden, und an die Korporal Philipp betreffende Erinnerung knüpfte ſich eins, das ſcheinbar ungelöſt für ihn bleiben ſollte. Agent Gräfe aus Wien zeigte im Verlaufe des nächſten Frühjahrs an, daß Geheimrath von Beer jetzt hinſichtlich der gewünſchten Primogenitur bei dem Reichshofrath ſchnelle Erledigung finden werde, und Herr Leupold ſandte letztern ſofort nach Wien, um das ihm ſehr am Herzen liegende Werk der Ordnungs⸗ folge im deſſauiſchen Lande geregelt zu ſehen. Neben⸗ bei erhielt der Geheimrath auch die Ordre, den Prinzen Eugen zu einer Erklärung hinſichtlich der Buſſy⸗ Rabutin'ſchen Angelegenheit zu bewegen. So bewegt auch des Fürſten tägliches Leben war, ſo waltete darin doch eine Einförmigkeit ohnegleichen; jeder Tag, wenn nicht ganz beſondere Umſtände ein⸗ traten, rollte in dem Gleiſe der Gewöhnlichkeit hin. Es war nicht zu verwundern, daß ein ſo thaten⸗ durſtiger Charakter wie der Herrn Leupold's von 159 dem ewig ſich wiederholenden Einerlei ſich gelangweilt fand und kleine Ergötzlichkeiten wie das Drillen und Drangſalen ſeiner Soldaten ihm als nothwendige Er⸗ friſchungen des Gemüths erſchienen, die er ſich, da ſie ſo vollkommen ſeinem Geſchmacke entſprachen, auch nach Möglichkeit zu verſchaffen ſuchte. In ſeinem Hauſe fehlte ihm, ſeit ſein Liebling Louiſe in Bernburg reſidirte, etwas, das er nicht zu deuten wußte. Es war die Heiterkeit, die ſie Allem, was mit ihr in Berührung kam, mitgetheilt hatte. Wie ein kühlender, herzſtärkender Luftſtrom nach glühendheißen Tagen flößte ihr fröhliches und doch bei aller Kräftigkeit kindliches Weſen ein glück⸗ liches Bewußtſein jedem mit ihr Verkehrenden ein, und der durchlauchtige Vater hatte ſich ſo ſehr an dies luſtige und herzensinnige Kind, das unter ſeinen Augen ſo ſchön aufgeblüht war, gewöhnt, daß ihn die Leere, das Vermiſſen dieſes ihm nur Freude bereiten⸗ den Weſens in ſeiner Familie wie ein Schmerz ergriff und er Alles hervorſuchte, was ihn zerſtreuen konnte. Dies beſtand eben nur in ſeiner Soldatenliebhaberei. Ganz gegen ſeine Gewohnheit nahm er von dem, was in ſeiner Reſidenz Deſſau vorging, wenig Notiz. Die Kunde, daß Bürgermeiſter Bonnafox eine Toch⸗ ter des Kanzlers von Milagsheim heirathen werde, * 160 gleichſam als ihm von dieſer Familie gewährte Ent⸗ ſchädigung für den Verdruß, durch eine Milags⸗ heim zum Bräutigam ohne Braut geworden zu ſein, intereſſirte ihn durchaus nicht. Sarkaſtiſch äußerte er gegen ſeine ihm dies mittheilende Gemahlin:„Wenn ihm dieſe zweite Braut nur nicht auch zum Teufel geht!“ Der Sommer hatte heiße Tage gebracht, nichts⸗ deſtoweniger verhängte er über ſeine Soldaten alle Arten von Marſch⸗ und Exercirübungen. Die un⸗ geſchulten Deſſauer wurden beſonders ſcharf gedrängelt, ſodaß man auf die Vermuthung hätte kommen können, der Landesvater beabſichtige ſeine Landeskinder durch Ausſchwitzung alles überflüſſigen Fettes geſchickt zu ihrem erhabenen Berufe zu machen. Um dieſe Uebungen genau zu überwachen, hatte er das fürſtliche Amthaus zu Wörlitz gleichſam zu ſeinem Hauptquartier gemacht. Gegen Ende des Julimonats war die Hitze zu einer drückenden Schwüle geworden. Der Himmel hatte ſich ſchon ſeit ein paar Tagen mit ſchwarzen Wolken bedeckt, welche ſich jedoch beim Herannahen der Abendzeit immer wieder aus dem Geſichtsbereich ent⸗ fernten; aber an einem der Abende vermehrte ſich das ſchwarze Wolkengebirge, ſtatt zu verſchwinden, ſo anſehnlich, daß mit Gewißheit der Ausbruch eines ſe 161 ſchweren Wetters während der Nacht zu prophezeien war. Herr Leupold fühlte die Nothwendigkeit, ſich ſeiner wenigen Kleidungsſtücke zu entledigen. Im Hemde, wie er ſehr oft in ſeinem Arbeitszimmer die an ihn kommenden Rapporte entgegen zu nehmen pflegte, trabte er in dem von ihm bewohnten Gemache umher, dann und wann ſich in eins der weit geöffneten Fenſter legend, um Luft zu ſchnappen. Draußen lag eine ſo finſtere Nacht über dem Städtchen, daß kein Gegenſtand zu erkennen war; kein Laut drang zu ſei⸗ nem Ohr, ſelbſt die leicht zum Kläffen geneigten Hunde in den Gehöften ſchienen die Anſtrengung des Bellens bei dieſer erſtickend ſchwülen Luft zu ſcheuen. Lang⸗ ſam rollte ein von zwei Laternen vorantragenden Leuten durch die dichte Finſterniß geleiteter Wagen vor das Amthaus. „Was zur Schwerenoth iſt das für'ne Karrete?“ rief der Fürſt hinunter. „Der Herr Geheimrath von Beer kommt zu Ew. Durchlaucht“, lautete die Antwort. „Der Beer? Na, nur herauf! Ich bin auf dem Poſten!“ Mehr todt als lebend trat der Ankömmling nach einigen Minuten ein. Der dienſteifrige, aber nicht Carion, Der alte Deſſauer. IV. 11 * 162 ſehr robuſte Mann, der den ganzen Tag über auf der Reiſe zugebracht, hatte, als er bei ſeiner Ankunft in Deſſau vernommen, daß Se. Durchlaucht in Wörlitz ſich beſinde, den Entſchluß gefaßt, ſo ſehr erſchöpft er ſich auch fühlte, daß er kaum ſprechen konnte, noch die Fahrt nach Wörlitz zu machen. „Das vergeſſe ich Ihm nicht, Beer, daß Er ſich noch hier heraus hat kutſchiren laſſen!“ rief der Fürſt. „Na, was bringt Er für ein Reſultat mit?“ „Alles gut, Durchlaucht“, war des Geheimraths Antwort.„Hier die Beſtätigung der Primogenitur in Höchſtdero Landen von kaiſerlicher Majeſtät und vom Reichshofrath unterzeichnet und hier—“ Die Abſpannung des Sprechenden nahm ſo plötz⸗ lich überhand, daß er wie ohnmächtig auf den Seſſel zurückſank. Ein noch halb gefülltes Glas Waſſer ihm ins Geſicht gießend, ſuchte Herr Leupold die in einer Todtenbläſſe bei dem über ſeine Kräfte Erſchöpften ſich kundgebende Ohnmacht zu beſeitigen, doch obwohl ihm dies gelang, war es doch nicht möglich, ihn ſo weit wieder zu kräftigen, daß er weitern Be⸗ richt hätte abſtatten können. Die vom Fürſten aus dem Vorzimmer hereingerufene Ordonanz erhielt Be⸗ fehl, den Geheimrath der Fürſorge des Adjutanten zu übergeben. auf unft vlitz er noch ſich irſt. aths itur und lötz⸗ eſſel ihm einer pften vohl ihn Be⸗ aus Be⸗ n zu 163 „Gehe Er, mein lieber Beer, pflege Er ſich. Er iſt nicht der Kerl für große Anſtrengungen“, ſagte Herr Leupold ungemein gütig.„Habe ja die Papiere hier, werde ſie durchſtudiren, morgen berichtet Er mir das Weitere. Bis dahin wird Er ſich wohl erholt haben.“ Der Fürſt befand ſich nun allein. Draußen erhob ſich ein ſtarker, von Minute zu Minute ſich zum Sturme ſteigernder Wind, Donnerrollen ließ ſich dumpf vernehmen, das Gewitter kam zum Ausbruche, wäh⸗ rend Herr Leupold unbekümmert darum dasjenige der beiden Couverts öffnete, welches mit dem ihm be⸗ kannten Petſchaft ſeines Waffenbruders Prinz Eugen verſiegelt war.„Nun endlich werde ich doch die Ge⸗ heimnißkrämerei durchſchauen“, brummte er vor ſich hin.„Es iſt was ganz Nichtswürdiges, ſo im Dunkel herumzutappen, als hätte man einen Sack über dem Kopfe.“ Außer einem Briefe von dem Prinzen ſelbſt, den er ſofort entfaltete, lagen noch ein paar mit einem und demſelben ihm unbekannten gräflichen Wappen geſiegelte Schreiben bei, von welchen eins die von einer weiblichen Hand geſchriebene Adreſſe:„An Ihre Durchlaucht die Fürſtin Louiſe von Bernburg“ trug. Die männliche Hand⸗ ſchrift des andern an ihn adreſſirten Schreibens kam 11* 164 ihm nicht fremd vor, ohne daß er ſich Rechenſchaft zu geben wußte, wo er dieſelbe ſchon früher geſehen. Der Brief Prinz Eugen's galt ihm jedoch als Hauptſache und er begann zu leſen. Er war aber kaum bis zur vier⸗ ten Zeile gekommen, als ein furchtbarer, unmittelbar mit einem das Haus erſchütternden Donnerſchlag ver⸗ bundener Blitzſtrahl niederfiel, ſodaß der Leſende vor dieſer Kraftäußerung des Elements unwillkürlich zu⸗ ſammenzuckte. Mehrere Blitze und Donnerſchläge folg⸗ ten mit gleicher Heftigkeit dem erſten. Der Fürſt eilte ans Fenſter, um zu erſpähen, ob der Blitz irgendwo gezündet. Er bemerkte nichts; als er aber vom offenen Fenſter ſich zurückwendete, um ſich wieder zum Leſen an den Tiſch zu ſetzen, drang von fernher der Ruf „Feuer! Feuer!“ zu ihm. Bald raſſelte eine Trommel und am finſtern Himmel zeigte ſich der Wiederſchein einer Glutſäule, die aus einem der kleinen mit Schin⸗ deln gedeckten hölzernen Häuſer emporſtieg. „Feuer! Feuer!“ rief Herr Leupold mit ſeiner Löwenſtimme in die dunkle Nacht hinaus und ſprang, das Leſen vergeſſend, ins Zimmer zurück, um ſich in die nöthigſten Kleider zu werfen und an den Ort des Unglücks zu eilen, durch ſeine Gegenwart und Beiſpiel Hülfe zu bringen. Das Feuer iſt aber ge⸗ fräßig wie ein hungriges Raubthier. Aufs neue raſte 165 der Sturm über das Städtchen hin und führte die dürren, wie Speck brennenden Schindeln gleich flam⸗ menden Zungen durch die Luft, ſie aus der Höhe auf die Dächer niederfallen laſſend und ſo überall Feuer ausſtreuend. Die hölzernen Häuſer lohten hoch auf, ſelbſt das fürſtliche Amthaus ward ergriffen; in Zeit von zwei Stunden war der kleine Ort niedergebrannt und das Amthaus als deſſen größtes Gebäude ein flammendes Glutmeer. Menſchenhülfe hatte nicht vermocht, dem entfeſſelten Elemente Einhalt zu thun. Als der Morgen anbrach, leuchtete die von Regenwolken feindlich bekämpfte Sonne über qual⸗ mende Brandſtätten und ſah den Jammer vieler über Nacht um all ihr Hab und Gut gekommenen Unglücklichen. Herr Leupold ritt nach Deſſau zurück. Der Adjutant übergab ihm das aus ſeinem Zimmer glücklich gerettete Couvert, in dem ſich die durch den Kaiſer und den Reichshofrath ausgefertigte Beſtätigungs⸗ acte der deſſauiſchen Primogenitur befand. „Und die andern Papiere?“ ffragte der Fürſt. „Das Zimmer ſtand ſchon zu ſehr im Feuer, um mehr retten zu können“, lautete die Antwort. So war ihm abermals der Einblick in das Ge⸗ heimniß verſchloſſen, deſſen Löſung er bereits in der Hand gehabt hatte. Indeß war er von dem Unglück 166 dieſer Nacht zu ſehr erſchüttert, um ſich in ſeiner gewöhnlichen Weiſe in einer Menge von Flüchen Luft zu ſchaffen. Was die verbrannten Briefe ent⸗ halten hatten, davon konnte Geheimrath von Beer keine Nachricht geben. Prinz Eugen ſei nicht zu ſprechen geweſen, ſondern deſſen Secretär habe ihm das Cou⸗ vert an Se. Durchlaucht verſiegelt zugeſtellt. Eine nochmalige Anfrage beim Prinzen Eugen erſchien als zu unſtatthaft, um eine ſolche in Ausführung zu bringen, darum entſchloß ſich Herr Leupold, ganz auf eine Löſung dieſes Geheimniſſes zu reſigniren, wie tiefen Verdruß er auch darüber empfand. Selbſt ſeine Hoffnung, vielleicht von ſeiner Tochter Louiſe eine An⸗ deutung zu erhalten, von wem die mit gleichem gräf⸗ lichen Wappen geſiegelten Briefe, von denen einer an fie adreſſirt geweſen, wohl geweſen ſein könnten, ſchlug fehl; die junge Fürſtin verſicherte ihm, ſich keiner Dame erinnern zu können, die im Auslande lebe und ein gräfliches Siegel führe. Ueberhaupt ſchien ſein gutes Glück ihm den Rücken kehren zu wollen. Seine Proteſtation gegen die Eigen⸗ mächtigkeit des Hauſes Großbritannien⸗Hannover, welches gegen alles Reichs⸗ und Lehnrecht das dem deſſauer Fürſten zuſtehende Erbe des Herzogthums Sachſen⸗Lauenburg an ſich geriſſen, blieb ohne Erfolg, 2 —2 8 S α 9 8 — 167 ebenſo der Krieg zwiſchen Preußen und Hannover, zu dem die erſten Schritte ſchon gethan worden waren, da die gewaltſamen Werbungen, welche Friedrich Wilhelm I. auf hannöverſchem Grund und Boden hatte anſtellen laſſen, den König von England zu dem Befehle zwangen, alle preußiſchen Werber, Offiziere wie Soldaten, die ſich auf hannöverſchem Gebiete betreten ließen, feſtzunehmen. Herr Leupold von Deſſau jubelte in ſeinem gut gelaunten Ingrimm, als ſein königlicher Herr und Freund in Berlin ihm den Oberbefehl über die Armee übertrug, welche die Preußen angethane Beleidigung an Hannover rächen ſollte. Mit jener Blitzesſchnelle, die der deſſauer Fürſt bei jedem kriegeriſchen Thun zum Erſtaunen der Welt entwickelte, ſetzten ſich 19 Regimenter Infanterie und Cavallerie, zuſammen über 44,000 Mann, in Bewegung und rückten ſchon zum Theil gegen die Elbe und bis nach Halberſtadt vor. Der Krieg ſchien unvermeidlich, denn auch der engliſche König ließ ſeine Truppen marſchiren, die er durch in Sold genommene Hülfs⸗ truppen von Heſſen und Dänemark verſtärkt hatte. Die Manifeſte beider Kriegsparteien glichen den Erup⸗ tionen eines Vulkans, der Feuer und Qualm hoch in die Lüfte ſchleudert; ſie warfen gegenſeitig alle Schuld auf einander. Nie hatte ſich Herr Leupold in einer freundlichern Laune befunden als zu dieſer Zeit, wo er ſich ſchon als Sieger in Hannover einziehen ſah und im Stillen mit der Erwartung trug, daß bei der Gelegenheit auch ſein von England⸗Hannover ihm geraubtes Recht auf Lauenburg zur Geltung gebracht werden dürfte. Die von ihm geführte Armee lebte in derſelben ſchönen Hoffnung, ſich in Hannover als Sieger gütlich thun zu können. Aber plötzlich ſank die Siegesgewißheit zu einer tiefen Mißſtimmung herab. Die Höfe von Braunſchweig und Sachſen⸗Gotha wuß⸗ ten durch ihre ſchiedsrichterlichen Bemühungen den ge⸗ träumten Siegeslauf zu verzögern, und nach langen diplomatiſchen Verhandlungen kam eine friedliche Bei⸗ legung der Streitigkeiten zu Stande, obwohl dadurch dieſe zwiſchen Berlin und Hannover keineswegs auf⸗ hörten. Der deſſauer Fürſt glich zu dieſer Zeit einem an⸗ geſchoſſenen Eber, der alles ihm in den Weg Kommende niederrennt; ſein Zorn, einen ſo prächtigen Krieg, der ihm unter allen Umſtänden neue Siegeslorbeeren errungen und ſeinem Haſſe gegen England⸗Hannover Befriedigung verſchafft haben würde, vereitelt zu ſehen, war grenzenlos, und ſeine Soldaten hatten den wenig beneidenswerthen Vorzug, ihm als Blitzableiter zu 169 dienen. Jedes kleine Vergehen von ihrer Seite wurde empfindlich geahndet. Hatte für ihn die ſchöne Ausſicht auf friſchen Heldenruhm das Schickſal einer in den glänzendſten Farben ſpielenden Seifenblaſe gehabt und war zerſtäubt wie dieſe, ſo gab es noch einen andern und nicht geringern Grund, den bitterſten, verbiſſenſten Groll in ihm wachzurufen. Am Berliner Hofe zeigte ſich die Wandelbarkeit der Parteien in einer ſo ſehr überraſchenden Weiſe, daß ihm die Möglichkeit dieſer chamöleonsartigen Wandlungen wie ein todeswürdiges Verbrechen erſchien, an deſſen Wirklichkeit er anfänglich nicht glauben wollte, bis er ſich zu ſeinem tiefſtem Verdruſſe davon überzeugte. Um ſeinen von ihm tödtlich gehaß⸗ ten Feind Grumbkow aus der Gunſt des Königs Friedrich Wilhelm I. zu bringen, der engliſch geſinn⸗ ten und ihm, dem Deſſauer, in tiefſter Seele abge⸗ neigten Königin Pläne zu durchkreuzen, hatte er auf die ſtaatsmänniſche Gewandtheit des endlich am Ber⸗ liner Hofe erſchienenen öſterreichiſchen Geſandten, Reichs⸗ grafen von Seckendorf, ſeine ganze Zuverſicht geſetzt. Er hatte ſich auch wirklich nicht in der hohen Begabung dieſes als Held wie als Staatsmann gleich ausgezeich⸗ neten Mannes geirrt. Demſelben gelang es, den König Friedrich Wilhelm I. ſo ſehr für ſich zu gewinnen, daß 170 dieſer nicht nur dem engliſch⸗hannöverſchen Bünd⸗ niſſe entſagte, ſondern auch im Vertrage von Wuſter⸗ hauſen die pragmatiſche Sanction anerkannte und dem Kaiſer im Angriffsfalle 10,000 Mann Hülfstruppen zuſagte. Die Pläne der Königin waren vereitelt, die engliſche Partei hatte den Boden verloren, Secken⸗ dorf's Gewandtheit und Liebenswürdigkeit im Umgange hatten den biedern König ſo ſehr umſtrickt, daß von einer Vermählung des Kronprinzen Friedrich mit der engliſchen Prinzeß Amalie durchaus keine Rede mehr ſein konnte; aber die deſſauer Durchlaucht hatte trotz dem, daß alles von Seckendorf Bewirkte ganz mit ſeinen Wünſchen übereinſtimmte, keine Urſache, damit zufrieden zu ſein, denn dieſe von dem klugen, in allen Sätteln gerechten öſterreichiſchen Diplomaten zu Stande gebrachten Vortheile waren mit Hülfe Grumbkow's errungen. Grumbkow, der Mann mit dem Mantel, welcher jederzeit ſich der herrſchenden Windrichtung bequemte, hatte kaum erkannt, wie ſehr ſein Herr und König den öſterreichiſchen Staatsmann ſchätzte, als er auch die Partei der Königin verließ und gegen ſie mit ſo entſchiedenen Glück intriguirte, daß Georg II. von England durch ſeinen zu Berlin reſidirenden Ge⸗ ſandten Lord Hotham die Erklärung an Friedrich 171 Wilhelm abgeben ließ, daß er als unumgängliche Be⸗ dingung feſtern Einverſtändniſſes zwiſchen England und Preußen die Entfernung Grumbkow's aus dem preußiſchen Staatsdienſt verlangen müſſe. Dieſe per⸗ ſönliche Gefahr für den von Vielen gehaßten Miniſter⸗ chef am Berliner Hofe ſchlug Seckendorf, der ihn als ein ſehr brauchbares Werkzeug für geheime Pläne er⸗ kannte, vollſtändig zurück, und die Folge dieſes un⸗ blutigen und doch viel bedeutenden Siegs war ein ſehr inniges Zuſammengehen Seckendorf’'s und Grumb⸗ kow's. In beider Hand ward des Königs Herz wie Wachs, das ſich beliebig formen läßt; die öſterreichiſche Partei herrſchte am Berliner Hofe. Herrn Leupold's eigene Politik war dies zwar geweſen, aber keineswegs hatte er damit ein Zu⸗ rücktreten ſeiner eigenen Perſon aus dem königlichen Rathe verbinden wollen. Grumbkow's und Seckendorf's Gewandtheit wußten dies klüglich zu bewerkſtelligen. Wenn auch nicht aus des Königs Gunſt, ſah er ſich doch von jeder nähern Betheiligung an den großen Staatsgeſchäften ausgeſchloſſen, ſein Rath, ſeine Mei⸗ nung wurden nicht mehr verlangt, und zu ſtolz, um ſeine eigene, Oeſterreich ſtark zugeneigte Richtung zu ver⸗ leugnen, fühlte er ſich zugleich auch zu gut, um mit dem verabſcheuten Grumbkow zuſammen zu gehen. 172 Aufs tiefſte beleidigt hielt er ſich nun fern von dem Parteitreiben am Berliner Hofe und wurde demſelben immer fremder. Die Stimmung des durchlauchtigen Herrn paßte genau zu Brommer's Ausdruck: es ſei nicht gut Kirſchen mit ihm eſſen. Der tief verhaltene Groll in Herrn Leupold's Seele brachte dieſelbe Erſcheinung zu Wege, die ein Vulkan, der ſich noch keinen Krater geſprengt hat, durch einen ſeine Umgebung in ſtetem Schreck haltenden unterirdiſchen Donner, der Alles in Zittern und Zagen verſetzt, äußert. Die Fürſtin wußte kein anderes Mittel, ſeine ſchlechte Laune in etwas zu beſchwören, als daß ſie ihn zu öftern Be⸗ ſuchen in Bernburg bewog. Das Wiederſehen ſeiner Tochter wirkte jederzeit in beſänftigender Weiſe auf ihn. Der alte Langermann, der in der letzten Zeit recht ſtumpf geworden, war auch nicht mehr dazu an⸗ gethan, ſeinen Jagdherrn beſonders zu vergnügen. Der greiſe Waidmann hatte nicht ſelten Tage, wo er ſich ſo maulfaul zeigte, daß von einer Unterhaltung mit ihm keine Rede ſein konnte. Frau Martha hatte es Durchlauchtchen freilich insgeheim vertraut, was dem Alten ſeine letzten Tage verbittere. Es lag ihm ſchwer auf dem Herzen, daß er der einzige unter den Langermännern ſein ſollte, dem kein Sohn oder Ver⸗ 173 wandter die Augen zudrücke, wenn nämlich Frau Martha ſchon vor ihm hingegangen ſei. „Eſelei von dem Alten“, brummte Herr Leupold. „Fallen Tauſende von ehrlichen Kerlen in der Schlacht, denen kein Teufel die Augen zudrückt. Wird ſchon allein abfahren, wenn der Senſenmann à la vue ge⸗ blaſen hat; braucht da keines Andern Hülfe dazu.“ Das klang ſo herzlos, daß Frau Martha wie ver⸗ ſteinert vor ihm ſtehen blieb. Da ſie gar keinen Laut von ſich gab, ſah er ſie verwundert an.„Na, was ſteht Sie denn wie'ne Salzſäule da?“ fragte er. „Ja, Gott ſei's geklagt, zur Salzſäule möchte man werden, wenn man dergleichen Reden hört!“ rief die Frau.„Könnt's denn eine Menſchenſeele glauben, daß das derſelbe Herr iſt, der mit Thränen im Auge ſeinem Prinzeſſel Tochter das Geleite gab, als ſie mit ihrem Gemahle ihr Vaterhaus verließ, und mit dem die ganze Stadt weinte? Nein, wahrhaftig nicht. Na, das iſt ja eine große Ueberraſchung, aber eine ſchöne gewiß nicht. Was denken ſich Durchlauchtchen denn? Hat der Herrgott etwa blos zu fürſtlichen Leu⸗ ten geſagt: Ihr ſollt allein wiſſen und fühlen, was Liebe und Anhänglichkeit in den Familien iſt, die Andern ſind zu ordinäres Volk, die ſollen kein Herz für die Ihrigen haben, brauchen keins zu haben, 174 können abfallen wie die Holzäpfel vom Baume, an denen nichts verloren iſt und die Niemand ſich die Mühe nimmt vom Boden aufzuheben? O nein, damit iſt nichts. In dem Punkt iſt kein Fürſt, und wenn er'ne thurmhohe Majeſtät wäre und mit dem Kopfe an die Wolken ſtieße, nur um ſo viel beſſer wie der Bürger⸗ und Bauersmann, als man vom Nagel des kleinen Fingers herunterblaſen kann. Ich habe immer zu meinem Alten geſagt: Unſer Durch⸗ lauchtchen iſt'n Beiſpiel für alle Familien im Lande. Na, jetzt ſage ich's nicht mehr, jetzt gewiß nicht mehr. Ich hab'ne Probe von dem Beiſpiel— Gott bewahr' uns in Gnaden davor! Eins iſt ſicher. Wenn der fürſtliche Herr einmal zum lieben Gott kommt und der fragt: Wer biſt Du? und er antwortet: Eine Durchlaucht, heißt's dann gewiß: Warte einmal! Hier wird nach dem Maß eingemeſſen, wie Du aus⸗ gemeſſen haſt. Und da wird die Durchlaucht ordentlich durchlaugt werden, wie's mit der Wäſche geſchieht, daß die Flecke herausgehen.“ Das hatte die alte Frau in einem Athem und in ſolcher zornvollen Haſt herausgeredet, als durchbräche eine übermächtige Hochflut alle Schleußen und Dämme. Dann ging ſie ins Haus hinein. Herr Leupold hatte eine Lection empfangen, wie er —9——— 175 ſie von Frau Martha im ganzen Leben nicht er⸗ wartet hätte. Dergleichen drang allerdings nicht tief bei ihm ein; aber es war zu ſehr in ſeinem Ge⸗ ſchmacke, daß ein Anderer ihm die Meinung frank und frei von der Leber herunter ſagte, als daß er einen Verdruß über die Frau hätte empfinden ſollen; im Gegentheil war es genau mit dem in ihm feſt wurzelnden Rechtsſinne übereinſtimmend, dem Muthigen, der ſich den Henker um ſein Poltern und Fluchen ſchor, jede Art von Vertheidigung, war ſie auch noch ſo gröblicher Art, als ein unbeſtreitbares Recht zuzugeſtehen, was jenem ſogar ſeine Achtung, ja ſeinen Beifall eintrug. „Man merkt's, daß das Weibsſtück einen Geiger in der Verwandtſchaft hat“, brummte er, ſich in den Sattel ſchwingend.„Sie hat mir ganz raiſonnable aufgeſpielt. Es war nicht dumm, was ſie ſagte. Na, Jeder pfeift, wie ihm der Schnabel ge⸗ wachſen iſt.“ Und ſeinen Lieblingsmarſch vor ſich hinpfeifend ritt er längs der Mulde nach der Brücke hin in ziem⸗ lich guter Laune, die, als er nach Hauſe kam, noch be⸗ deutend erhöht wurde, denn er fand vom Kurfürſt⸗ König Auguſt eine eigenhändige Einladung vor, das von dieſem durch ſeinen Hang zu Pracht und Verſchwen⸗ 176 dung berühmten Monarchen projectirte Luſtlager bei Mühlberg durch ſeine Gegenwart als einer der erſten Kriegsfürſten zu verherrlichen. „In der Noth frißt der Teufel Fliegen“, ſagte Se. Durchlaucht ſehr erfreut.„Die Canaillen von Federfuchſer haben den Krieg zu nichte gemacht, der wieder friſche Luft ins deutſche Land gebracht hätte, man muß ſich alſo mit deſſen Scheinbild begnügen.“ Es war im vollen Sinne des Wortes ein Luſtlager, das der glanzliebende ſtarke Auguſt im Jahre 1730 zu Mühlberg an der Elbe aufſtellen ließ, denn 20,000 Mann zu Fuß und 10,000 Reiter, die ſämmtlichen ſächſiſchen Truppen, waren da zuſammen⸗ gezogen worden. Der König von Preußen, begleitet von ſeinem Kronprinzen und den übrigen Prinzen des königlichen Hauſes, nebſt zweihundert der angeſehenſten Generale und Offiziere, in deren Gefolge zahlreiche Diener⸗ ſchaften ſich befanden, ſtellte ſich ein. Eine unge⸗ heure Menge der vornehmſten Gäſte beiderlei Ge⸗ ſchlechts kamen aus der Nähe und Ferne herbei und Fremde aller Art, ausgezeichnet durch Stand und Rang, vermehrten dieſe glänzende Verſammlung, nicht zu gedenken des zahlloſen Heeres geringerer Zuſchauer, die von allen Ecken und Enden herbeiſtrömten. Für kriegsluſtige Herren wie die deſſauer Durchlaucht 17⁷ war hier, trotzdem dies koſtſpielige Luſtlager einen vollen Monat währte, nichts zu profitiren. Sie ſahen nur 30,000 Soldaten zum Hofſtaat des prächtigen Auguſtus umgewandelt. Eine Maskerade en gros entfaltete ſich vor ihnen, das ſächſiſche neu gekleidete Heer bot das prächtigſte Schauſpiel, das man ſehen konnte. Ein ganzes Regiment erſchien in Goldſtoff als Janitſcharen, andere als Spahis, als Koſaken; wohin das Auge blickte, nichts als Glanz und phantaſtiſche Ver⸗ puppungen. Das kriegeriſche Bild, das hier vor den Augen eines ſo zahlloſen Publikums, in dem alle Stände und Schichten der Geſellſchaft vom König bis zum ärmſten Handwerker und Bauer vertreten waren, ſich abrollte, wand ſich durch den brillanteſten Wechſel von Gaſtmahlen, Schauſpielen, Prunkfeſten, Feuer⸗ werken, Jagdbeluſtigungen und eine Unſumme von Ergötzlichkeiten, wie nur die üppigſte Phantaſie ſie auszudenken vermochte, gleich einem goldſchimmernden Bande, das einen reichen Edelſteinſchmuck aneinander⸗ reiht. Der Orient war in den Occident übergeſiedelt; König Auguſt feierte den Triumph, ein Zaubermärchen zur Wirklichkeit gemacht zu haben, Ueppigkeit und Frivolität gaben die Parole des Tages. Es war ein Ereigniß des Jahrhunderts, dem jedoch, als all die Carion, Der alte Deſſauer. IV. 12 178 Pracht verrauſcht war, ein ſchwerer Schatten ſich an⸗ hing, der alle Höfe, alle Völker Deutſchlands, ja ſelbſt die fremden Regenten mit Schrecken ſchlug. König Friedrich Wilhelm I. hatte bald nach dem Lager von Mühlberg eine Reiſe durch Franken und Schwaben nach dem Oberrhein angetreten, begleitet von ſeinem Kronprinzen Friedrich und nur wenigen Perſonen. Die traurigen Verhältniſſe, in welche das Zuſammenwirken verſchiedener Urſachen den Kron⸗ prinzen ſeinem Vater gegenüber verſetzt hatte, wollte er mit einer Flucht auf dieſer Reiſe mit einem Male enden; aber ſie mißlang, er wurde verhaftet und als Staatsgefangener nach Küſtrin gebracht, wo das gegen ſeine Perſon und ſeine Mitſchuldigen ausgeſprochene Todesurtheil an ſeinem Freunde, dem Lieutenant von Katt, vollzogen wurde. Das Schreckbild, ſeinen eigenen Sohn durch das Schwert des Henkers ſtrafen zu laſſen, hielt der König eine Zeit lang aufrecht. Von allen Seiten gingen Fürbitten für den ſcheinbar— gewiß hatte der König nie die Abſicht, eine ſolche grauenhafte, alles Vatergefühl in ſeinem Herzen verhöhnende That vollziehen zu laſſen— dem Tode Verfallenen ein, aber keine ſchien kräftiger und entſchiedener das königliche Herz zu faſſen, als des Deſſauers dreiſt ihm ins Ge⸗ ſicht geſagte Behauptung, daß ihm nach den Reichs⸗ geſetzen kein Recht zuſtehe, den Thronfolger auf Grund eines blos kriegsrechtlichen Erkenntniſſes am Leben zu ſtrafen. Das frappirte den König und zwar um ſo mehr, als er wußte, daß zwiſchen dem Kronprinzen und dem deſſauer Fürſten keine Zuneigung bis jetzt geherrſcht, der erſtere im Gegentheil ſich oft ſpöttiſch über die ſoldatiſche Rohheit Herrn Leupold's geäußert hatte, dem er von väterlicher Seite mit einer unterwürfigen Ver⸗ ehrung zu begegnen gezwungen worden war. An Stelle dieſer gezwungenen Verehrung trat bei dem Kronprinzen nun eine ſichtbar ſich mehr annähernde Zuneigung für den durchlauchtigen Herrn von Deſſau hervor, der ſein Fürſprecher geweſen war, ohne die Abſicht oder Ausſicht zu haben, einen Vortheil da⸗ durch für ſich zu erringen. Jaſt ſchien es, als ob das Glück, welches Herrn Leupold ſeit einiger Zeit den Rücken gekehrt hatte, ihn nicht ſobald wieder mit ſonnigen Antlitz anſchauen wolle, denn er erfuhr eine Demüthigung, die ihn in den Augen des Volkes zum Geſpötte machte. Sein Halleſches Regiment trug den vollkommenſten Typus ſeines eigenen Charakters, es war ein vielköpfiges Abbild aller Rohheiten und Gewaltthätigkeiten ſeines Führers, wild, trotzig, übermüthig und zu Teufeleien 12* 180 aller Art aufgelegt. Jeder Soldat fand es rühnlich, dem Beiſpiel, welches ſein durchlauchtiger Herr ihm in eigener Perſon gab, getreulich nachzueifern, und ſo konnte es nicht fehlen, daß zwiſchen Soldaten und Studenten, die an Trotz, Uebermuth und Gewaltthat ihnen nichts nachgaben, die blutigſten Schlägereien er⸗ folgten. Herrn Leupold's Abneigung gegen Alles, was wiſſenſchaftlich hieß, ſah die Studenten als eine Art noble Tagediebe an und er meinte ſich ſehr glimpf⸗ lich auszudrücken, wenn er ſie als inſolente Leute bezeichnete, was den Studenten natürlich nicht unbe⸗ kannt blieb und ſie aneiferte, bei allen Gelegenheiten ihm ihre Inſolenz merken zu laſſen. Sein Verbot, daß Niemand den Uebungen der Rekruten, wo der Haſelſtock unbarmherzige Anwendung fand, zuſehen ſolle, machte böſes Blut, der Student kehrte ſich wenig daran. Es entſpannen ſich Neckereien von beiden Sei⸗ ten, man ſchritt ohne Zögern zu offener Gewaltthat, der waffengeübte Student ſchor ſich den Kukuk um Offiziersdünkel, ein Duell folgte dem andern und der Soldat rächte ſich auf ſeine Weiſe, das heißt, die Wer⸗ ber bemächtigten ſich einzelner Studenten und zwangen ſie in die Soldatenjacke. Die ſoldatiſche Rohheit fand in dieſer Art Revange einen großen Jux; Herr Leupold rieb ſich vergnügt ——⏑⏑—⏑—:——— 181 — die Hände, das war ſo ganz in ſeinem Geſchmacke, und dieſer durchlauchtige Beifall rief natürlich die unver⸗ antwortlichſte Rückſichtsloſigkeit ins Leben. Die größ⸗ ten und untadelhaft gewachſenen Studenten wurden förmlich abgefangen und zu Soldaten gemacht. Waren ſie einmal eingekleidet, ſo gab es kein Mittel, ſie wieder aus dieſem Sklavenjoche zu befreien, jede Bitte, jede Vorſtellung oder Beſchwerde bei dem Fürſten war ver⸗ geblich. Unter ſolchen Umſtänden war vorauszu⸗ ſehen, daß die in höchſter Blüte ſtehende Univerſität ſyſtematiſch werde zu Grunde gerichtet werden; Beſ chwer⸗ den ohne Zahl wurden nach Berlin abgeſchickt. Auch ſie ſchienen an kein zur Abhülfe geneigtes Herz zu ge⸗ langen, Alles blieb beim Alten. Der Bürger ſeufzte im Stillen unter der beſtialiſchen Rohheit der Garni⸗ ſon, doch er ſchwieg, weil ſeinem Gedächtniß noch allzu lebhaft die Art und Weiſe vorſchwebte, wie der die Willkür über Alles ſtellende deſſauer Fürſt Proteſta⸗ tionen oder Widerſtand zu berückſichtigen pflegte. Prächtige Schatten ſpendende Bäume hatten den Domplatz zu einem Erholungsort für die Hallenſer gemacht; dieſer lebendige grüne Schmuck ihrer Stadt war ihnen lieb und theuer geworden, ſodaß ſie das Anſinnen des Fürſten, ihm den großen freien Raum zum Exercirplatze zu überlaſſen, als unſtatthaft von 182 der Hand wieſen, indem ſie ihm vorſtellten, daß die Bäume Schaden leiden würden. Eine einzige Nacht nur war erforderlich, den Platz für ihn zu erobern. Eine Anzahl ſeiner Soldaten erhielt Befehl, unter dem Schutze der Nacht die Bäume umzuhauen oder min⸗ deſtens ſo ſehr zu beſchädigen, daß ſie nicht mehr lebensfähig ſeien. Der nächſte Morgen beleuchtete die abſcheuliche Verwüſtung und der Durchlauchtige rieb ſich vergnügt die Hände, da er ſeine Abſicht erreicht hatte. Dieſer Vandalismus wich nicht ſo leicht aus dem Gedächtniß der Bürger. Doch auch mancher Jux miſchte ſich in den trau⸗ rigen Ernſt der unaufhörlichen Reibungen zwiſchen Studenten und Soldaten, und nicht ſelten war Herr Leupold perſönlich betheiligt, beſonders wenn es galt, den gelehrten Herren Profeſſoren und Doctoren oder überhaupt dem akademiſchen Senat eins auszuwiſchen. Unter den Burſchen gab es ebenfalls Subjecte, die den Ruhm, räudige Schafe zu ſein, im vollkommenſten Maße ausbeuteten und, ſich über die Begriffe von Scham und Anſtand hinwegſetzend, auch ſchlechte Streiche begingen. Für Leute dieſer Art war der Soldatenſtand die unverletzlichſte Freiſtätte. Solche Auswürflinge, denen kein anderer Ausweg mehr blieb, als ſich in die Arme dieſes Retters zu werfen, waren ————y—, — 183 dem Fürſten ſehr willkommen, denn ſie boten ihm jeder⸗ zeit Veranlaſſung, ſeinen derben Witz an den Herren von der Gelehrſamkeit zu erproben. Ein ſolcher Burſche, ſtattlich in ſeiner Erſcheinung, den Rele⸗ gationsactus vor ſich, hatte ſich bei dem Fürſten um Aufnahme in ſein Regiment gemeldet und letzterer ertheilte ihm nach der Zuſicherung ſeines Schutzes den Auftrag, ſich bei dem ihm bevorſtehenden Actus der Ausſchließung vom Verbande der akademiſchen Bürger zu ſtellen und deren Senat ſo zu begrüßen, wie Götz von Berlichingen den Hauptmann der Reichs⸗ truppen hatte begrüßen laſſen. Er, Herr Leupold, übernähme alle Verantwortung. Der Student, des Teufels Vorlauf, leiſtete der an ihn ergangenen La⸗ dung des Senats pünktlich Genüge, hörte ſtill die ihm vorgeleſene Relegation an und ſagte dann kurz und bündig, was ihm aufgetragen war, entſprang je⸗ doch klüglicherweiſe dem Saale, nachdem er ſich aus⸗ geſprochen. Profeſſoren und Pedelle ſtürzten voll Wuth über dieſe bis dahin unerhörte Frechheit hinter ihm drein, um ihn zu ergreifen, prallten aber erſchrocken zurück, als der Fürſt aus einem gut gewählten Ver⸗ ſteck ihnen mit der Frage entgegentrat:„Was iſt denn los, meine Herren? Wohin denn ſo haſtig?“ Scham und Beſtürzung ſchloſſen anfänglich den Mund der 184 mit Recht Erzürnten, keiner wollte die ſchändliche Ein⸗ ladung, die ſie ſo ſehr in Harniſch gebracht, aus⸗ ſprechen, bis, gedrängt von Herrn Leupold, der ihnen den Weg verſperrte, einer ſich das Herz faßte und ihm den ihnen angethanen Schimpf mittheilte und mit den Worten ſchloß:„Denken Ew. Durchlaucht, wir ſollten—“ Ohne eine Miene zu verziehen, fragte Herr Leupold:„Nun, meine Herren, hat das ſolche Eile?“ Jetzt wußten die Profeſſoren, daß der, welcher ſie ſo kaltblütig verhöhnte, der Anſtifter dieſer ihnen widerfahrenen ſchamloſen Beleidigung ſei. Ddie immer gröber werden Eveeſſe riefen bittere Klagen von ſeiten der Univerſität und der Bürger⸗ ſchaft hervor. Abermals war der Uebermuth eines Offiziers die Urſache zu blutigen Händeln zwiſchen Studenten und Militär geworden, und die Univerſität verlangte vom König die ſtrengſte Genugthuung, denn ſie ſei ſchon ſo weit gebracht, daß ſie im Begriffe ſtehe, ſich aufzulöſen. Auf dieſe geharniſchte Forderung verordnete der König im gerechten Einſehen die Verlegung des Regiments, und alle Hebel, die Herr Leupold in Bewegung ſetzte, den Widerruf dieſes Befehls zu erwirken, erwieſen ſich als unzulänglich. Er wurde faſt raſend über den ihm angethanen Schimpf. Vieler Tage Unge⸗ bühr wurde durch die Schmach eines einzigen vergolten. —— 185 In höchſtem Grimm und tiefſter Beſchämung mußte er ſein Prachtregiment aus der Stadt führen. Der Marſch ging nicht weit, die Bürger, friedlich geſinnt, wünſchten ihre Garniſon nicht zu verlieren, die Studenten äußerten keinen Groll. Es kam mit dem durchlauchtigen„Schwerenöther“ zu Verhandlungen, die endlich zur Genehmigung der Rückkehr ſeines Re⸗ giments führten. Von nun an, da Herr Leupold die leidige Erfahrung gemacht, daß nicht der Soldat allein, ſondern auch der Bürger⸗ und der Gelehrtenſtand vom König hochgehalten wurden, beſſerte ſich das gegen⸗ ſeitige Verhalten zum Frieden, ſodaß keine Klagen mehr gegen die Zügelloſigkeit des Regiments wie gegen Will⸗ kürhandlungen des Fürſten in Berlin einliefen. Dieſe harte Demüthigung, die er erfahren, ſchien von einem Glückslächeln ihm verſüßt werden zu ſollen. Sein liebſter Wunſch, den er ſchon lange genährt, ſei⸗ nen Neffen, den Markgrafen von Brandenburg⸗Schwedt mit einer preußiſchen Prinzeſſin vermählt zu ſehen, war der Erfüllung nahe, denn der König, erzürnt über die Verſchleppung dieſer von ſeiner nur im eng⸗ liſchen Intereſſe wirkenden Gemahlin in die Hand ge⸗ nommenen Angelegenheit, da von ſeiten Englands immer noch kein rechter Ernſt hinſichtlich der projec⸗ tirten Verbindung zwiſchen der Prinzeß Wilhelmine — ——————— 186 und dem engliſchen Thronfolger gezeigt wurde, machte kurzen Proceß, indem er ſeiner genannten Tochter drei Freier vorſchlug, den Markgrafen von Schwedt, den Herzog von Sachſen⸗Weißenfels und den Erbprinzen von Baireuth. Obwohl dieſe letztern noch nicht perſönlich kannte, gab ſie ihm doch vor den beiden Andern, die ihr ſehr wenig gefielen, den Vorzug, was für Se. Durchlaucht von Deſſau abermals ein Fehlſchlag war, der ſich nicht abwenden ließ. Trotz dieſer Vereitelung ſeines Lieblingswunſches lächelte ihm aus dieſem Schiffbruche wieder ein Glücksſtrahl. Der König ſchien ihn durch vermehrte Zeichen ſeiner Freundſchaft entſchädigen zu wollen für die verlorene Ausſicht auf die Verbindung ſeines Neffen mit dem königlichen Hauſe. Berlin ſchwelgte damals in Feſten. Der Herzog Franz Stephan von Lothringen— ſpäter Gemahl der Kaiſerin Maria Thereſia und als Kaiſer Franz I.— beſuchte auf der Rückreiſe von England Berlin, um für die bevorſtehende Wahl eines römiſchen Körnigs die Stimme Friedrich Wilhelm's für ſich zu gewinnen. Der deſſauer Fürſt verſäumte nichts, was die Freund⸗ ſchaftsbande zwiſchen dem Kaiſer⸗ und dem Königshofe befeſtigen konnte, und obgleich Grumbkow und Secken⸗ dorf eben auch dies ſelbe Ziel verfolgten, ſo handelte jener doch ganz abgeſondert von ihnen. —————— ——— 187 Der tiefe Haß gegen den erſtern und das natür⸗ liche Gefühl bedeutender Abneigung gegen Seckendorf, der ihn durch Zurückſetzung empfindlich beleidigt hatte, würden ihm nie geſtattet haben, zu irgend einer Gemeinſchaft mit ihnen ſich zu entſchließen. Ein un⸗ vertilgbarer Groll gegen beide erfüllte ſeine Seele, und wenn er ſich auch am Hofe zu Berlin Gewalt anthat, ſeine Meinung nicht offenbar an den Tag treten zu laſſen, was bedeutende Störungen hervor⸗ gerufen haben würde, ſo nahm er doch den Ingrimm gegen dieſes Dioskurenpaar mit ſich, als der Winter nahte, in ſeine Reſidenz zurück. Seine durchlauchtige Gemahlin erfüllte nach Kräften ihre Aufgabe, ſeine zornige Aufregung, die dieſe Erinnerung ſtets neu bei ihm erzeugte, zu beſchwichtigen. „D dieſer Ohrwurm von Grumbkow, den ich am liebſten über den Haufen ſtäche, und dieſer Seckendorf, breitſpurig und verſchmitzt, der an ſolchem miſerablen Kerl einen Narren gefreſſen hat, haben was Präch⸗ tiges ausgeheckt“, rief er wüthig.„Soll doch die Schwerenoth die Beiden tauſend Klaftern tief in die Erde hineinſchmettern! Hatte mir's gleich gedacht, daß der Herzog von Braunſchweig⸗Bevern mit ſeiner Sippſchaft nicht umſonſt nach Berlin gekommen ſeil! Und's traf, traf wie'n Kernſchuß! Unſer Kronprinz 188 Friedrich ſoll die Tochter des Herzogs heirathen. Mag ſie nicht, hat keine Luſt zu ihr— kann's ihm nicht verdenken, möchte auch kein Heiligenbild. Wie ich zu ihm ſage:„Königliche Hoheit werden gewiß ſehr glücklich werden als Gemahl dieſer aimablen Prinzeß“, gibt er mir zur Antwort:„Wer kann ſagen, wie kommende Woche die Witterung ſein wird!« Kommſt Du mir ſo? dachte ich und's fiel mir ein, daß ich dem Seckendorf einen ſpaniſchen Reiter in den Weg werfen könnte.“ „Wie fingſt Du das an, Leupold?“ fragte die Fürſtin. „O, ich ſagte nur ein paar Worte, als ich mich. bei Sr. Majeſtät dem Könige verabſchiedete.„Wünſche, daß die Geſchichte mit Jülich ſich endlich zu Ew. Maje⸗ ſtät Zufriedenheit abwickle, Zeit wäre es einmal.“ Bah, blutwenig Worte, gelt? Aber veritables Blaſenpflaſter, kenne das. Der Seckendorf wird daran zu thun haben. Hahaha!“ Es war ein ſehr logiſcher Schluß von ſeiten Herrn Leupold's. In König Friedrich Wilhelm's I. Denken lag die Eigenthümlichkeit einer leicht angeregten Reiz⸗ barkeit. Sein etwas mißtrauiſcher Charakter glich einem vieläſtigen, aber feſten Stamme, an deſſen Aeſten die herabwehenden Schneeflocken leicht hängen bleiben, 189 und ſo hing auch jeder bei dieſem Monarchen angeregte Zweifel feſt in ſeinem Gedächtniß wie die anfrierende Schneeflocke am Aſte, bis, wie dieſe durch die auflöſen⸗ den Sonnenſtrahlen in Tropfen verſchwindet, jene durch eine ihn bannende andere Ueberzeugung beſeitigt wurde. VI. Der Winter vom 1731 bis 1732 war vorüber, mil⸗ dere Lüfte und eine täglich höher ſteigende Sonne prophezeiten ein ſchönes Frühjahr. Der lange Libuſch zeigte ſich wieder wacker thätig im Schloßgarten; Jäten und Pflanzen waren ſeine Lieblingsbeſchäftigung, Nie⸗ mand trat ihm dabei hindernd in den Weg. Der Hof⸗ gärtner, ſein Herr und Meiſter, konnte ihm ganz ver⸗ trauen und ſo war er eigentlich, obſchon er ſich deſſen Anordnungen unterwerfen mußte, der freie Herr ſeiner Arbeit. Bei dieſer Freiheit befand er ſich wohl. Seine Anſprüche waren höchſt beſcheiden, obwohl ſie in dieſem Dienſte kaum zum Viertel erfüllt wurden; aber er war des Soldatenſpiels überhoben und das be⸗ trachtete er bei ſeiner großen Abneigung dagegen als ein nicht genug zu ſchätzendes Glück. Mitte die⸗ ſes Jahres lief ſein militäriſches Engagement ab, und 191 in den vielen einſamen Stunden, die er bei ſeiner Arbeit hatte, vergnügte er ſich mit der ſchönen Aus⸗ ſicht, dann frei zu werden. Sein etwas unbeholfenes Naturell vereinzelte ihn, aber es machte ihn dafür deſto geſchickter, an Erinne⸗ rungen zu zehren. Zu dieſen Erinnerungen gehörte natürlich die an Korporal Philipp. Zuweilen fand ſich Libuſch ver⸗ anlaßt, ſtill vor ſich hin zu lachen. Er, der Geringſte im Schloſſe, wußte mehr als alle Uebrigen. Jetzt wie damals, als es geſchah, waren alle noch im Unklaren über die Art und Weiſe, wie Fräulein Regina ge⸗ flüchtet ſein könne. Es machte ihm Vergnügen, daran zurückzuden⸗ ken, und wenn er einen Wunſch hatte, ſo war es der, gelegentlich einmal über den Korporal Philipp und das ſchöne Fräulein von Milagsheim etwas zu er⸗ fahren. Ob dies jemals geſchehen werde, war natür⸗ lich eine große Frage, an deren Beantwortung er ſelbſt nicht glaubte, da ihm jede Kunde mangelte, wer Philipp war und wohin ſich derſelbe mit ſeiner Ge⸗ liebten gewendet habe. Libuſch quälte ſich nicht mit vergeblichen Wünſchen, er beſaß, Dank ſeinem ſchwer⸗ fälligen Weſen, die glückliche Gabe, Alles auf die Zeit ankommen zu laſſen, ohne ſich darüber zu grä⸗ men, daß er am Laufe der Dinge nichts ändern könne. Er hatte im Verlaufe von faſt acht Jahren ſo Manches als unbetheiligter Zuſchauer erlebt. Was ſeine eigene Perſon anlangte, ſo glichen ſeine Tage, ſeitdem er als feſt angeſtellter Hülfsarbeiter im Schloß⸗ garten fungirte, einem Knäuel Garn, der ſich gleich⸗ mäßig und langſam abwickelt. Seine Stellung war eine zu untergeordnete, um ihn mit irgend einem auch noch ſo unbedeutenden Vorgange unter den Be⸗ wohnern im Schloſſe in Berührung zu bringen, und für einen Burſchen ſeines Schlags daher eine ganz geeignete. Vermöge der ruhigen Gemüthsart, die er als Ausſteuer fürs Leben empfangen hatte, war er die Genügſamkeit ſelbſt und ertrug die Schwere der Wahrheit, daß im Dienſte Herrn Leupold's Niemand fett werde, mit unverwüſtlichem Gleichmuthe. Der Hofgärtner war ſeines durchlauchtigen Herrn getreueſtes Spiegelbild im Geben, er machte Profit davon, daß dieſer mit Leib und Seele der Gärtnerei zugethane arme Kerl die Soldatenlöhnung bezog, und ließ ihm nur hin und wieder ein Trinkgeld zukommen. Libuſch erfreute ſich jedoch eines kleinen Neben⸗ verdienſtes, den er freilich kümmerlich genug erwerben mußte. Durch die Inſtandhaltung des Brommer'ſchen 193 Gärtchens hatte er mehrere Kunden gewonnen, die ihm die Arbeit in ihren Gärten vergüteten. An der Frau Feldwebel Brommer hatte er eine ihm beſonders wohl gewogene Gönnerin gefunden, die ſich oft herab⸗ ließ, ſich mit ihm zu unterhalten. Im Brommer'ſchen Hauſe waren im Verlaufe der Zeit einige Veränderungen vorgekommen. Der älteſte Sohn Leupold war in ſeiner militäriſchen Laufbahn bereits bis zur Würde eines Korporals geſtiegen, eine jüngere Tochter hatte ſich verheirathet. Frau Eva nun war viel zu redſeliger Natur, um dem nie wider⸗ ſprechenden Libuſch nicht von dem Glücke, das ſie an ihren Kindern erlebe, erzählen zu ſollen. Selbſtver⸗ ſtändlich war es, daß ſie ſtets ihrer zu Wien lebenden Tochter Sibylle gedachte, denn es ſchmeichelte ihrem mütterlichen Stolze nicht wenig, von ihrer Frau Tochter Langermann in der kaiſerlichen Reſidenz zu ſprechen. „Das iſt eine ganze Wienerin geworden, meine Bille“, ſagte die würdige Frau.„Hat uns geſchrie⸗ ben, daß ſie zwei prächtige Buben habe, Buben, das ſoll heißen, Knaben, Jungen, verſteht Er, Libuſch? Die Leute zu Wien reden ein ganz anderes Deutſch als wir hier zu Lande. Und glücklich iſt die Bille über die Maßen mit ihrem kaiſerlichen Muſikanten. Carion, Der alte Deſſauer. IV.. 13 194 Ja, die Geſchichte mit ihr und ihrem Manne hat komiſch geſpielt, das muß wahr ſein. Da hat's ge⸗ heißen, ihr Gottfried ſei in Fräulein Regina von Milagsheim und dieſe in ihn verliebt, und es war keine Silbe dran wahr, denn die Bille hätte ihn in dem Falle, wie er von Wien zu Beſuch kam, mit keinem Auge angeſehen, wie es auch ganz recht ge⸗ weſen wäre, denn eine Feldwebelstochter iſt ſchon nichts ſo Geringes. Den Korporal Philipp hat Er ja gekannt, Libuſch?“ „O ja.“ „Mit dem hat die Bille verkauft, das will ſagen, ſie hat gethan, als wäre ſie ſterblich in ihn verliebt, weil mein Herr Cheliebſter gar erſchrecklich darauf gedrungen hat, daß ſie ihn heirathen ſolle, und Sr. Durchlaucht war auch wie beſeſſen von dem Gedanken. Ein ſchö⸗ nes Paar wär's geweſen, das iſt richtig; aber eben⸗ ſo richtig iſt es, daß die Beiden aus einer Karte ge⸗ ſpielt und den durchlauchtigen Herrn, uns und alle andern Leute dumm gemacht haben. Hihihi! Ja, komm' einer nur Liebesleuten! Die verſtehen's, die Welt hinter's Licht zu führen. Korporal Philipp und Fräulein von Milagsheim haben eine geheime Lieb⸗ ſchaft zuſammengehabt und meine Bille hat dies Ge⸗ heimniß mit dem Mantel der chriſtlichen Liebe bedeckt, 195 daß es Niemand erlauſchen ſollte. Das iſt ihr denn auch gelungen.“ „Wie denn ſo?“ „Wie denn ſo? Nun, weil'’ erſt ſpäter heraus⸗ kam, daß das Fräulein vom Philipp ſich hat entführen laſſen.“ „Ah!“ Libuſch fühlte einen kleinen Schauer, er war nicht ohne Furcht vor einem nachträglichen Verrath, der ſeine Betheiligung an Regina's Flucht an den Tag bringen könne. Dieſe Angſt aber beſchwichtigte die gern plau⸗ dernde Frau Brommer ſogleich dadurch, daß ſie ihm mittheilte, wie die Korporale Wenzel und Fleiſcher und auch des Bürgermeiſters Diener einſtimmig aus⸗ geſagt hätten, daß der ermordete Doctor ihnen von der Liebſchaft Philipp's und Regina's erzählt habe, und ihm, Libuſch, könne ſie es wohl ſagen, auch die Bille, ihre Tochter, hätte ihr das insgeheim beſtätigt. Verwunderlich ſſei es allerdings, daß auch gar keine Spur von den beiden Entflohenen aufzufinden ge⸗ weſen wäre bis zum heutigen Tage. Se. Durchlaucht, wenn ſie ſich daran erinnere, pludere gar fürchter⸗ lich auf, als wolle ſie vor Gift und Galle in die Luft fahren. „Und auch der geſtrengen Frau Feldwebel Tochter 196 weiß nichts Näheres über das Fräulein Regina?“ fragte Libuſch, einen Roſenſtock anbindend. „Er meint des Fräuleins Verbleiben?“ „Ja.“ 3 „Das iſt eben das Abſonderliche bei der Geſchichte. Mein Herr CEheliebſter hat's dem Schwiegerſohn nach Wien geſchrieben, daß das Milagsheim'ſche Fräulein auf und davon gegangen ſei, aber weder der Gottfried Langermann noch unſere Bille haben nur eine Silbe darauf erwidert, haben gethan, als hätten ſie es gar nicht geleſen oder ſei das keine Sache, die Intereſſe für ſie habe. Ich mache mir meine eigenen Gedanken darüber, das Schweigen kommt mir kurios vor.“ „Wie denn kurios?“ „Als ob ſie etwas darüber wüßten und wollten's nicht ſagen. Es iſt ſogar meinem Herrn Eheliebſten auf⸗ gefallen. Die Bille ſchreibt doch ſonſt von vielerlei Dingen, die wir gar nicht einmal kennen. Bei ihrem erſten Buben hat ſie einen ſehr fürnehmen Pathen ge⸗ habt, einen Grafen Hubert— Hubert— ja den andern Namen verliere ich immer aus dem Gedächtniſſe, ein ganz fremder Name— und beim zweiten Buben hat die Gemahlin dieſes fürnehmen Herrn Gevatter geſtan⸗ den, beide gar nicht in Wien, ſondern ein paar hundert Meilen weit davon, alſo nicht perſönlich, ſondern durch 197 Stellvertretung. Sie wäre ſehr glücklich, ſolche gute Freunde zu haben, ſchreibt die Bille. Denke Er nur, Libuſch, was meine Frau Tochter für hohe Bekannt⸗ ſchaften gemacht hat!“ Der mütterliche Stolz war nicht wenig angeregt von dem Bewußtſein, durch den Abglanz ſo hoher, ganz aus der Ferne leuchtender Freundſchaft ſich geehrt fühlen zu können. Die Unterhaltung, die eigentlich nur von Frau Eva in Fluß erhalten wurde, weil Libuſch nur höchſt ſparſam ein paar Worte einmiſchte, wendete ſich wieder der Erinnerung an Fräulein Re⸗ gina zu. „Bürgermeiſter Bonnafox hat offenbares Unglück mit den Milagsheim'ſchen Weibsleuten“, ſprach die Frau Feldwebel.„Die eine, die Regina nämnlich, i*ſt, wie Se. Durchlaucht ſich auszudrücken beliebt, ihm aus lauter Liebe deſertirt und die andere, die er ſo gleichſam zur Entſchädigung geheirathet hat, liegt ſchon ſeit Jahr und Tag in der Scheidung mit ihm. Durch⸗ laucht, die immer den Nagel auf den Kopf trifft, hat neulich zu meinem Herrn Eheliebſten geäußert: von den beiden Leuten ſei eins ein halb Schock, das andere dreißig Stück werth. In der Stadt gönnt's ihm alle Welt, daß er ſo ſchlecht angekommen iſt, denn er iſt ein gar hochmüthiger Patron, der die Leute für Nullen 198 anſieht, und hielte ihm nicht Se. Durchlaucht noch immer die Stange, hätten ſie ihn längſt ausgemerzt. Die Milagsheim'ſche, ſeine Gemahlin, iſt auch eine böſe Sieben, das weiß Alt und Jung; mit den Bürgers⸗ frauen hat ſie gar keinen Umgang gepflogen, waren ihr alle zu gering. Se. Durchlaucht hat auch einen der⸗ ben Schnitzer gemacht. Auf vieles Bitten des Bürger⸗ meiſters hat er deſſen Bruder vor ein paar Jahren zum Halleſchen Regimente verſetzt und zum Major ernannt. Die Soldaten haſſen ihn wie die Sünde, denn er ſtudirt förmlich auf Strafen für ſie beim ge⸗ ringſten Vergehen, und mein Cheliebſter meint, es ſei ein wahrhaftes Wunder, daß ihm noch keiner einen bleiernen Vogel zu koſten gegeben habe.“ Die Unterhaltungen der Frau Brommer mit Li⸗ buſch pflegten ſtets zur Abendzeit zu geſchehen, ſobald im Schloßgarten Feierabend gemacht worden war. An einem vom glänzendſten Mondlichte erhellten Spät⸗ abend ließ ſich Feldwebel Brommer's Stimme, donner⸗ artig nach ſeiner Ehehälfte ſchreiend, aus dem Hauſe vernehmen und gleich darauf erſchien der Gewaltige ſelbſt, aber in einer außerordentlich guten Laune, in der Hand einen erbrochenen Brief haltend. „Eva“, ſagte er,„da bringe ich eine Nachricht, die Dir das Herz im Leibe hüpfen machen wird. Hier die dier 199 drin ſteht's— habe den Brief erſt vor einer halben Stunde bekommen— von Wien, von Wien— unſere Bille mit ihrem Manne und ihren beiden Buben kommt Mitte des Sommers zu Beſuch her. Freue mich wie'n Schneekönig auf die Buben, die Bille und den Gottfried. Muß morgen gleich zum alten Langer⸗ mann hinaus und hier das Briefel ihm geben und vorleſen. Wird der Alte'ne Freude haben, ſeinen Neffen noch'mal ſehen zu ſollen! He, Libuſch, ſtutz' Er mir's Gärtel hübſch zu, mit allen Fiſſemadenten, hört Er?'s war der Bille ans Herz gewachſen, und möcht' ich nicht, daß ſie ſagen könnt', wir hätten's verwildern laſſen.“ Dieſe Sorge zeigte deutlich, wie im tiefſten Herzensgrunde des gewaltigen Feldwebels der hellſte Sonnenſchein der Vaterfreude aufgegangen war. Libuſch verſprach das Beſte zu thun, was ſich nur thun laſſe. Der arme Kerl hatte eine neue An⸗ wandlung von Bangigkeit, daß durch die Ankunft der Frau Langermann einiges Licht auf die Flucht des Fräuleins von Milagsheim fallen und verrathen werden könnte, wie ſehr er dabei betheiligt geweſen ſei, was ihm jedenfalls keine Roſen eintragen würde, indeß gab er ſich bald der Hoffnung hin, er werde dann wahrſcheinlich des Soldatenjochs los und ledig 200 und fern von Deſſau ſein, denn es war feſt beſchloſſen bei ihm, ſo ſchnell als möglich den deſſauiſchen Grund und Boden zu verlaſſen, wenn er ausgedient habe, denn mit Sr. Durchlaucht war kein Spaß zu treiben. Ein Beleg dafür ſtellte ſich einige Wochen ſpäter zu des Hofgärtners größtem Schrecken heraus und alarmirte das ganze Schloß. Des treu verdienten Mannes einziger Sohn war bei ſeinem kinderloſen Oheim, der als Director der Gär⸗ ten eines ſehr reichen, große Güter an der holländiſch⸗ franzöſiſchen Grenze beſitzenden Edelmanns fungirte, auferzogen worden und beſuchte ſeine Aeltern, die er lange nicht geſehen. Der junge Mann, eine herrliche, kraftvolle Figur, kam unglücklicherweiſe Sr. Durch⸗ laucht zu Geſicht und wurde auf den erſten Blick als ganz apart vom Herrgott zum Soldaten geſchaffen erkannt. Vergebens verſteckte der Vater den durch dieſen Beſchluß des durchlauchtigen Herrn für immer in ſeiner Carrière geſtörten Sohn, der bereits die Zu⸗ ſage der Nachfolgerſchaft in der großen und einträg⸗ lichen Stellung ſeines Oheims in der Taſche hatte, die Spürnaſen fanden ihn und er ſollte eingekleidet werden. Da trat die Fürſtin für den Unglücklichen ein, und es erfolgten zwiſchen ihr und ihrem durchlauch⸗ tigen Gemahle, da Bitten nicht halfen, harte Auftritte, 201 n die zuletzt ſogar mit einem Zerwürfniſſe drohten. So d weit ließ es Herr Leupold indeß doch nicht kommen; e, unter einer Flut von Flüchen und Verwünſchungen n. entließ er den jungen Mann, der, wie er meinte, ſtock⸗ r blind für die hohe Ehre ſei, zu einem ordentlichen d und reſpectablen Kerl gemacht zu werden. Der einzige Vortheil dieſes unangenehmen Intermezzos beſtand r darin, daß Se. Durchlaucht ſich ganz gegen ſeine Ge⸗ ⸗ wohnheit lange nicht im Garten einfand. h⸗„Wenn Seine Zeit um iſt und Er den Abſchied e, hat, mache Er, daß Er fortkommt“, ſagte der Hof⸗ er gärtner ſehr erbittert gegen ſeinen Herrn zu Libuſch. e,„Es iſt überall beſſer wie bei uns und er findet ſchon 52 ſein Brod als fleißiger Kerl an andern Orten. Von 8 mir ſoll er ein ſo gutes Atteſt haben, wie Er es ſich n nur wünſchen kann.“ ch Die geſtörte Zufriedenheit zwiſchen Herrn Leupold 21 und ſeiner Gemahlin hatte indeß keine ſolche Spal⸗ l⸗ b tung in ihrem Zuſammenleben herbeigeführt, daß ſie g⸗ nicht ſchnell wieder ſich hätte überbrücken laſſen, ſo⸗ e, 1 bald ſich nur ein günſtiger Moment dazu fand. So et unbändig der Fürſt ſich zeigte, wenn es ein Durch⸗ n ſetzen ſeines Willens galt, wie ſeine Neigung zu roher h⸗ Willkür ihn dann über jede Rückſichtnahme, ja über alles Schicklichkeitsgefühl hinaushob und ihn zu grau⸗ 20²2 ſamer Handhabung ſeines ſcheinbaren Rechts trieb, daß man bei Nennung ſeines Namens faſt in der Regel an den Begriff Ungethüm erinnert wurde, harmonirte es doch mit ſeiner Vorliebe zum Kriege, den unverzagten Gegner zu ehren. Nirgends findet ſich über ihn die Klage ausgeſprochen, daß er gefangene Krieger, die ihm energiſch Widerſtand geleiſtet, habe grauſam behandeln laſſen. In ſeiner Rohheit verleug⸗ nete er die Werthſchätzung der Ebenbürtigkeit nicht, welche der nach hartem Kampfe Beſiegte mit Recht fordern kann.— Bei einem Charakter wie dem ſeinigen, dem der Vorzug gebührte, als ein aus einem Guſſe hervor⸗ gegangener bezeichnet zu werden, bei einem Manne, der immer derſelbe war, mußten auch alle an ihm haftenden Eigenſchaften zu jeder Zeit je nach der Ver⸗ anlaſſung in Thätigkeit kommen, und demgemäß bezeigte er im gewöhnlichen Verkehr auch ſeine Anerkennung demjenigen, der ihm ungeſcheut unter die Augen trat und ihm die Wahrheit ſagte. Der Furchtſame, Zitternde zog ſich ſeinen Hohn, ſeine Verachtung zu. Die durchlauchtige Frau kannte ihn in dieſer Be⸗ ziehung genau. Sie wußte, daß er die nächſte ſich bie⸗ tende Gelegenheit ergreifen werde, um das alte gute Verhältniß mit ihr wiederherzuſtellen; ſie war über⸗ 75 G& 8 d8A 203 zeugt, daß Niemand mehr als er den Verluſt der ihm unentbehrlich gewordenen Gewohnheit des Ideen⸗ austauſches empfand; ſie wußte, daß ſie heute wie vor Jahren ſeine Annelieſe ſei, und ſie hatte ſich nicht getäuſcht. An einem Vormittage trat er raſch in ihr Zimmer, eine erbrochene Depeſche in der Hand. Sein Geſicht zeigte den Ausdruck des Vergnügens. „Annelieſe“, rief er,„der Ohrwurm, den ich Sr. Majeſtät dem König von wegen Jülich beim Ab⸗ ſchiede zurückgelaſſen, hat ſeine gute Schuldigkeit ge⸗ than. Der Seckendorf hat ſich nicht anders zu helfen gewußt, um das Mißtrauen des Königs gegen die Aufrichtigkeit des Wiener Hofs in dieſer Sache aus dem Felde zu ſchlagen, als ſeinen Herrn und Kaiſer zu einer Zuſammenkunft zu Kladrup in Böhmen mit dem Könige zu bewegen. Hier iſt die Einladung an mich, Se. Majeſtät dahin zu begleiten. Gelt, Anne⸗ lieſe, das war ein geſcheidter Gedanke von mir?“ „Ein Gedanke, der Dir das verlorene Terrain im Rathe des Königs wiedererobert hat“, ſagte die Fürſtin. „Und wie's den Lump von Grumbkow crepiren wird, mich die Reiſe mitmachen zu wiſſen!“ ſtimmte Herr Leupold ein und brach in ein helles Gelächter aus.„Ich ſehe dieſen Grasteufel vor mir, wie er an 204 dem Aerger ſchluckt. Soll noch mehr haben, noch hundertmal mehr, er und ſein guter Freund, der Seckendorf, die den Deſſauer wie das fünfte Wagen⸗ rad beiſeite zu ſchieben gedenken, um allein die Staatscarroſſe zu fahren. Daß euch die Schwerenoth! Wenn die Kerle wüßten, was ich für einen Staats⸗ miniſter zur Seite habe, der mir mit gutem Rathe beiſteht, würden ſie ſich gewaltig hinter den langen Ohren kratzen.“ „Du einen Staatsminiſter zur Seite? Das iſt mir ganz neu“, antwortete die Fürſtin, obwohl ſie wußte, daß er ſie meine; aber ſie wollte ihm Gelegenheit geben, den mit dieſem für ſie ſo ſchmeichelhaften Com⸗ plimente betretenen Pfad der Verſöhnung weiter zu verfolgen, und ſie hatte ſich nicht geirrt. „Dich! Dich, Annelieſe! Du biſt mein Staats⸗ miniſter, den tauſend Grumbkows nicht aufwiegen!“ rief er, ſie an ſich ziehend und einen Kuß auf ihre Stirn drückend.„Donner und Teufel, trete'mal einer auf und ſage, der Leupold habe keine kluge Wahl getroffen, als er ſich die Annelieſe Föhſe heimführte! Dem breche ich das Genick, daß er zur Pagode wird.“ „Denkt denn mein geſtrenger Herr Leupold immer ſo gütig von mir?“ fragte die hohe Frau lächelnd. „Ob, obl Immer, zu allen Zeiten! Meine höchſt⸗ 205 ſelige Mama müßte's mir bezeugen, wenn ſie zugegen wäre.“ Und als ob ihn eine wehmüthige Erinnerung plötzlich durchzucke, fuhr er ſich mit der verkehrten Hand flüchtig über die Augen und ſprach:„Sieh, ſieh, das war merkwürdig, was die höchſtſelige Mama mir noch kurz vor ihrem Tode ſagte. Ich ſaß bei ihr am Bette und's war mir ſo ſchlecht zu Muthe, als hätte ich durch einen feindlichen Ueberfall eine tüchtige Schleppe erlitten. Wie kann's zur Schwere⸗ noth auch anders ſein, wenn man am Sterbebett der Mutter ſitzt!„Leupold“, ſagte ſie zu mir,„halte Dein Weib in Ehren, denn ich ſage Dir's, ſie wird immer⸗ dar Dein guter Engel ſein. Sie hat ein wahrhaft fürſtlich Herz und—“ Der Gewaltige, der ſo vieles Unrecht unbereut auf ſich lud, war von der Erinnerung an die ſterbende Mutter ſo erſchüttert, daß ihm die Stimme, mit der er unter dem heftigſten Kanonengebrüll ſeinen Regi⸗ mentern ſich verſtändlich zu machen wußte, verſagte. Nach einer kurzen Pauſe rief er ſich aufraffend:„Was das für Kinkerlitzchen von mir ſind! Einfältig, ganz einfältig! Reden wir von Anderm.“ Es bedurfte für die Fürſtin keiner weitern Schil⸗ derung jenes ihn ſo ſehr packenden Andenkens an ſeine Mutter, für die er, der Wilde, Unbändige, eine 206 wahrhaft bewundernswürdige Sorgfalt und Zärtlich⸗ keit an den Tag gelegt hatte, als ſie dem Tode nahe war. Als Erbin der Liebe, die die Verſtorbene in ſeinem Herzen beſeſſen hatte, war dies Bewußtſein für ſie um ſo heiliger, weil es ihr einen ſichern Halt und die Erkenntniß verlieh, wie bei allen ſeinen nicht geringen Fehlern ein von dieſen nicht überwuchertes natürliches und nicht ſelten faſt an Kindlichkeit er⸗ innerndes edles Empfinden ein Kleinod ſei, das um ſo höhern Werth beſaß, als es nicht von ihm zur Schau getragen wurde. Ihre Klugheit rieth ihr ſtets, jede Verlegenheit ihr gegenüber von ihm fern zu halten, und deshalb warf ſie jetzt ſchnell die Frage auf:„Weißt Du viel⸗ leicht, wer den Kaiſer zu dieſer Zuſammenkunft mit Sr. Majeſtät begleiten wird?“ „Nein, aber ich hoffe meinen alten Waffenbruder Eugen da zu treffen. Wäre mir ſehr lieb, kann's nicht leugnen; möchte doch wiſſen, von wem die bei dem Feuer in Wörlitz mitverbrannten Briefe waren. Denke manchmal daran und ärgere mich, daß mir der Streich paſſiren mußte. Hab's Anfragen unterlaſſen, weil ich dem Prinzen nicht läſtig fallen wollte; hätt's doch thun ſollen. Das kommt daher, wenn man ſo verdammt beſcheiden iſt.“ 207 „Unſere Louiſe würde ſich ebenfalls freuen, zu erfahren, wer die Dame geweſen, die an ſie geſchrie⸗ ben“, bemerkte die Fürſtin. „Glaub's, glaub's; müſſen's abwarten. Es kann indeß nichts beſonders Wichtiges geweſen ſein, ſonſt würde es nicht bei dieſem einen Briefe geblie⸗ ben ſein.“ „Ganz recht.“ Beider Unterhaltung lenkte ſich nun auf einen Ge⸗ genſtand, welcher den durchlauchtigen Herrn ſehr an⸗ regte. Er betraf den Geſundheitszuſtand der jungen Fürſtin von Bernburg, welche ſeit ihrer Entbindung von einer Tochter krank darniederlag. „Ich hoffe, daß die Krankheit bei ihr vorüber⸗ gehend ſein wird“, ſprach die durchlauchtige Frau. Herr Leupold ſchien in dieſen Worten einen Zwei⸗ fel zu erblicken, und der Gedanke an die Möglichkeit, daß dieſer Wunſch ſich nicht erfüllen könne, machte ihn ſo wirr, daß er, ans Fenſter tretend, ausrief: „Sie exercirte ſo prächtig!“ Seine niedergedrückte Stimmung gab ſich dadurch kund, daß er ſchweigend die Stirn an den Fenſter⸗ rahmen preßte. Nach einer Weile verließ er ſeine Gemahlin mit einigen Worten der Entſchuldigung, daß er unaufſchiebbare Ordres abſenden müſſe, damit 208 die projectirte Reiſe mit Sr. Majeſtät nach Böhmen ihn nicht unvorbereitet finde. Die Fürſtin fühlte es ſehr gut durch, daß er ſich nur ſo raſch entfernt habe, um ſeiner ſelbſt Herr zu bleiben. Sie hatte abſichtlich einen Zweifel in ihre Bemerkung über der Tochter Krankheitszuſtand gelegt, um ihn mit dem Gedanken an den möglichen Fall ihres Ablebens vertraut zu machen. Sie ſelbſt glaubte ſich nicht zu täuſchen, wenn ſie dieſen Fall als eine ſehr nahe gerückte Gewißheit anſah, denn ein raſche Fortſchritte machendes Zehrfieber hatte das blühende Leben der jungen Fürſtin gebrochen; nur ein Wunder hätte es wieder aufrichten können. Von Berlin lief die Weiſung an Herrn Leupold ein, gegen Ende Juli ſich daſelbſt einzufinden, um mit Sr. Majeſtät die Reiſe nach Böhmen anzutreten. Indeß als der Tag ſeines Abgangs nach Berlin kam, traf auch zugleich von ſeiner in Bernburg ſich be⸗ findenden Gemahlin die Nachricht von bedeutendſter Verſchlimmerung der Krankheit der Fürſtin Louiſe ein und von deren ausgeſprochenem Wunſche, noch zum letzten Male ihren gnädigſten Papa an der Spitze ſei⸗ nes ſchönen Halleſchen Regiments aus den Fenſtern ihres Schloſſes ſehen zu können. Herr Leupold brüllte beim Empfang dieſer Kunde 209 gleich einem zum Tode verwundeten Löwen vor Schmerz auf, daß es das Schloß durchhallte. Nach Berlin ging ſogleich ein Eilbote ab, um ſein Nichtkommen beim Könige zu entſchuldigen, und der Adjutant mußte die Ordre nach Halle bringen, daß das Regiment mit Tagesanbruch marſchbereit ſtehe. „Fritze! Mein Kind, mein armes Lieſel!“ rief der Fürſt dem zu ihm befohlenen Brommer zu, indem er bitterlich weinend ſich dieſem an den Hals warf. „Mein armes ſchönes Lieſel!“ Brommer gehörte keineswegs zu jenen weichen Gemüthern, denen es ein Leichtes iſt, Thränen aus Mitgefühl zu weinen, er hatte ſo Vieles im Leben durchgemacht, was über die raſche Empfindungsfähig⸗ keit einen erkältenden Hauch zu werfen und eine ge⸗ wiſſe Gleichgültigkeit an deren Stelle zu ſetzen im Stande iſt; aber in dieſem Momente, wo ſein Herr, ſein Spielkamerad aus froher, ſorgenfreier Kinderzeit ſo ſichtlich zuſammenbrach unter dem Schlage eines Verluſtes, der ein Stück von deſſen eigenem Herzen abriß, war es doch aus mit aller ſeiner Ruhe. Auch ihm ſchoſſen Thränen über die Wangen herab und perlten in großen Tropfen an ſeinem kunſtvoll gepfleg⸗ ten ſchwarzen Schnauzbart. Seltſam fallen die Würfel des Geſchicks! Carion, Der alte Deſſauer. IV. 14 Der gewaltige Kriegsführer, der vor dem aus Hunderten von Feuerſchlünden geſchleuderten Tode keine Miene verzog, dem das Schlachtfeld mit ſeinen vor Schmerz ſtöhnenden und winſelnden Verwundeten keinen Schauder erweckte, verlor all ſeine Manneskraft im Nu bei der drohenden Möglichkeit des Todes ſeines Kindes, und Brommer hätte auf dem Wege nach dem Schloſſe aufjubeln mögen vor Luſt, denn eine Stunde vorher war ſeine Tochter mit ihrem Manne und ihren beiden friſchen Buben geſund und wohlbe⸗ halten im Vaterhauſe angelangt. Der Gegenſatz zwiſchen Freude und Jammer war zu grell, um Brommer nicht gebieteriſch Schweigen über ſein Glück aufzuerlegen. Im Dunkel der Nacht fuhr Fürſt Leupold nach Halle; auf dem Bocke neben dem Kutſcher hatte Brom⸗ mer Platz genommen. Es war eine ſtille, faſt un⸗ heimliche Fahrt, wie eine ſolche in des Fürſten Leben noch nie vorgekommen war. Weder Herr noch Diener gaben einen Laut von ſich; nur das Schnaufen des Viergeſpanns, deſſen gleichmäßige Huftritte und das Geräuſch der rollenden Räder deuteten in der tief⸗ dunklen Nacht das Vorhandenſein einer eilig dahin⸗ fahrenden Equipage an. Mit Tagesanbruch traf der Fürſt in Halle ein. Das Regiment hatte ſich bereits auf 74 211 dem Domplatz aufgeſtellt und erhielt ſofort Befehl zum Ab⸗ marſch. Eine bedeutende Zahl großer Leiterwagen war in den Dörfern am Wege nach Bernburg requi⸗ rirt worden, um den Soldaten den Marſch zu erleichtern. Es war faſt Mittagszeit, als das Regiment ſtill in Bernburg einrückte. Der Fürſt verließ den Wagen, um ſein Pferd zu beſteigen. Wie Fieberfroſt kam jetzt die Gewißheit über ihn, es ſei die letzte Ehre, die er ſeinem geliebten Kinde erweiſe. Umſtanden von ſeinen vier Söhnen und ſeinen hohen Offizieren fiel der Gewaltige auf die Kniee. Laut ſchluchzend, die Hände hülfeflehend zum Himmel emporhebend, in deſſen lich⸗ tem, wolkenloſem Blau die Sonne als goldfunkelndes Schild ſchwebte, rief er in ſeiner Vaterangſt: „Herr, Gott, ich bin kein ſolcher Lump, der Dir bei jeder Hundsfötterei mit Gebeten beſchwerlich fällt! Ich komme nicht oft, will auch ſobald nicht wieder⸗ kommen; ſo hilf mir denn auch jetzt und laß meine Tochter geſund werden.“ Das waren keine ſchön geſetzten Worte aus einem chriſtlichen Gebetbuche, kein Winden und Drehen eines elenden Wurms im Staube vor ſeinem über Alles erhabenen Schöpfer, es war ein aller Zierrath und Schönrednerei entbehrender, aber aus der Tiefe eines Vaterherzens dringender Aufſchrei des unge⸗ 14* — heuerſten Jammers, wie nur ein ſolcher Mann in ſeiner rohen, naturwüchſigen Kraft ihn ausſtoßen konnte, ein Mann, dem Unterthänigkeit überhaupt ein unbekannter Begriff war und der deshalb auch mit allen ſeinen Fehlern und dem Guten, was in ihm als ein nur ſelten ſich zu Tage hebendes Juwel verborgen lag, ohne Zögern vor Gott, den Fürſten aller Fürſten, hintrat und deſſen Hülfe als eine ſich von ſelbſt ver⸗ ſtehende Erkenntlichkeit erflehte. In Luſt und Schmerz blieb er immer unverändert derſelbe. Als er das Pferd beſtiegen und den Degen ent⸗ blößt hatte, rückte das Regiment mit voller Muſik, die den beliebten Marſch ſpielte, in den Schloßhof ein. An einem weit geöffneten Fenſter deſſelben erſchien eine todtblaſſe weibliche Geſtalt in einem weißen Gewande, neben ihr die Fürſtin⸗Mutter, ſie unterſtützend, hinter beiden der Fürſt Vietor von Bernburg. Am Neben⸗ fenſter waren zwei Damen und hinter demſelben ein fremder Offizier zu bemerken. Unter andern Umſtänden würde ſich Fürſt Leupold's Aufmerkſamkeit beſonders dieſem letztern zugewendet haben, denn deſſen Uniform verrieth, daß er ein Oeſterreicher ſei; jetzt aber hatte er für Niemand Augen als für ſeine todtbleiche Louiſe, die ihm und ſeinem ſtattlichen Regimente mit dem Taſchentuche * 213 Dank und Willkommen zuwinkte. Außer ſich, unter Heulen und Weinen commandirte er, faſt von Thränen erſtickt, das Regiment und ließ es, nachdem es alle Uebungen durchgemacht, aus einander treten, um ſich nach der gehabten Strapaze an den für daſſelbe be⸗ reit gehaltenen Tafeln mit Bier und Brod zu erquicken, während die Offiziere vom Hausmarſchall zum fürſt⸗ lichen Diner eingeladen wurden. Langſam, den Kopf auf die Bruſt geneigt, begleitet von ſeinen Söhnen, ging Herr Leupold nun zu ſeiner Tochter hinauf. Mit Mühe und nur mit Unter⸗ ſtützung ihrer Mutter und ihres Gemahls erhob ſich die Fürſtin aus dem Armſtuhle bei ſeinem Eintritte. War das die fröhliche junge Frau, die beim Ab⸗ ſchiede aus dem Vaterhauſe den durchlauchtigen Vater noch mit militäriſchem Honneur begrüßt hatte? Sie war's, aber der nahende Tod hatte allen Jugendreiz, alle fröhliche Luſt von ihr abgeſtreift— eine zu früh ge⸗ brochene Blume, deren prächtige Farben verbleicht waren. „Mein gnädigſter Papa“, ſagte ſie matt, ihm die abgezehrte weiße Hand entgegenſtreckend. „Mein Kind— mein Louiſel!“ ſchrie der durch⸗ lauchtige Herr auf unter neuen Thränen.„Du willſt von hinnen gehen, uns verlaſſen? Kann denn das möglich ſein? Warſt mir ja ſo lieb! Und der Brommer, der Dir's Exerciren gelernt, hat auch bitterlich ge⸗ weint, als ich ihm ſagte, mein Lieſel werde ſterben.“ Die junge Fürſtin hatte ſeine Hand an ihre Lippen gezogen und küßte ſie. Ein Lächeln überleuchtete ihr blutlos ſcheinendes, aber immer noch liebliches Geſicht und leiſe ſagte ſie: „Muß ich nicht des Herrgotts Ordre reſpectiren? Der ruft mich zum Appell. Und er hat Alles ſo gut mit mir gemacht, ſo gut! Am Ende meines Lebens ſehe ich alle um mich, die ich lieb gehabt habe— alle! Ich werde fröhlich ſterben wie ein Soldat, der in Mitte ſeiner Kameraden fällt. Ich habe des gnä⸗ digſten Papas ſchönes Regiment noch zum Abſchied geſehen— auch meine liebe Regina iſt zu mir gekommen und—“ Die Stimme verſagte ihr, ſie mußte ihren Ge⸗ danken durch einen Wink mit der Hand Ausdruck geben. Aus der Vertiefung des Zimmers trat auf dies Zeichen eine junge Dame und an ihrer Seite der fremde Offizier, ein öſterreichiſcher Huſarenobriſt, heran. Herr Leupold, der in ſeinem übergroßen Schmerze bisher für nichts im Zimmer Augen gehabt hatte, ſchien förmlich zu erſtarren vor dem ihm jetzt werden⸗ den überraſchenden Anblick. „Korporal Philipp!“ ſchrie er auffahrend.„Bin ich im Traume oder wache ich?“ —— — 215 „Ew. Durchlaucht wachen“, antwortete der Offizier. „Ich hatte die Ehre, unter dem Namen Philipp Gruner in Ihrem Regimente zu dienen und mich Ihrer Gnade zu erfreuen. Die ſchändlichſte Habſucht hatte es auf meine Freiheit, auf mein Leben abgeſehen und mich zum Flüchtling gemacht, der unter Ew. Durchlaucht Schutze eine Freiſtätte fand. Mit Hülfe Gottes, der die Ungerechtigkeit ſtraft und durch den wenn auch unwiſſentlichen Beiſtand Ew. Durchlaucht und den des Prinzen Eugen wurden die Wetterwolken, die zu meinem Verderben über meinem Haupte ſich geſammelt, zerſtört, ich wieder in meine Rechte, in mein Erbe eingeſetzt. Jetzt trage ich ſtolz den Namen meines verklärten Vaters, der Ew. Durchlaucht Waffen⸗ bruder war. Ich bin Hubert Amadeus Graf von Buſſy⸗ Rabutin, Obriſt im Heer Sr. Majeſtät des Kaiſers. Und hier iſt meine Gemahlin, Regina von Buſſy⸗Rabutin, geborene von Milagsheim.“ Eine Pauſe tiefen Schweigens folgte dieſer Erklärung Aller Blicke hingen an Herrn Leupold's Antlitz, das, wie man aus Erfahrung wußte, als vollkommenſter Reflector alles deſſen gelten konnte, was ihn bewegte. Zu aller Befriedigung zeigte ſich in ſeinen Zügen nicht das bekannte, dem Wetterleuchten zu vergleichende Zucken. Es war faſt ſichtbar, daß die elegante hohe 216 Männergeſtalt in der ſo kleidſamen Huſarenuniform einen angenehmen Eindruck auf ihn machte. „Iſt der Herr ſeinem Kaiſer ebenſo deſertirt wie mir?“ fragte er nach einer Weile. „Halten zu Gnaden, Durchlaucht“, entgegnete Hubert,„Korporal Philipp deſertirte gezwungen, er mußte den Umſtänden weichen. Ew. Durchlaucht würden das wiſſen, wenn nicht das Unglück es gefügt hätte, daß Prinz Eugen's Schreiben wie das meine an Ew. Durchlaucht und das meiner Gemahlin an Ew. Durch⸗ laucht Frau Tochter vom Feuer vernichtet worden wären.“ „Beim Wörlitzer Brande“, fügte die Fürſtin⸗Mutter raſch hinzu. „So, ſo! Hm,'s war damals ein eigener Zufall.“ Die Freude, ihren Vater gütig geſtimmt zu ſehen, bewog die junge kranke Fürſtin, die Hand nach ihm auszuſtrecken; aber kaum hatte ſie die ſeine erfaßt, ſo durchzog ein Schauer ihren kraftloſen Körper und mit tiefem Athemzuge ſank ſie im Lehnſtuhle zuſammen. „Sie ſtirbt! Louiſe, mein Kind!“ ſchrie Herr Leu⸗ pold entſetzt. „Das iſt noch nicht der Tod, Durchlaucht, nur die Folge der unvermeidlichen Aufregung bei ihrer großen Schwäche“, ſprach der bisher unbemerkt ge⸗ bliebene Arzt herantretend.„Ich bitte unterthänigſt 217 um die nöthige Ruhe für die hohe Kranke, ſie bedarf der Erholung.“ Die Hände über die Augen legend, verließ Herr Leupold das Zimmer, gefolgt von ſeinem Schwieger⸗ ſohne, dem bernburger Fürſten, ſeinen Söhnen und Hubert von Buſſy⸗Rabutin. Der Vaterſchmerz und die Ueberzeugung, ſein Kind an der Pforte des Gra⸗ bes zu wiſſen, hatten wieder ſo vollſtändig Beſitz von ihm genommen, daß er, allen mit der Hand zu⸗ winkend, ſich zu entfernen, in ein offen ſtehendes Ge⸗ mach eintrat und daſelbſt allein verblieb. „Ich werde Sie zur Tafel rufen laſſen, Herr Graf“, ſagte der bernburger Fürſt zu Hubert. Eine halbe Stunde ſpäter erſchienen Herr Leupold und ſein Schwiegerſohn, die Söhne des erſtern und Graf Hubert in einem kleinen Saale, wo die Offiziere des Regiments bereits ihrer harrten. Man ſetzte ſich zur Tafel, aber es blieb ſtill an derſelben, Niemand ſprach, höchſtens hörte man leiſes Flüſtern. Plötzlich ſtand Herr Leupold auf und verließ die Verſammlung. Die einzelnen Thränen, die über ſein dunkles Antlitz herabfielen, waren eine Erklärung, welche Jeder ver⸗ ſtand. Der Jammer hatte des Gewaltigen Herz ſo über⸗ mächtig erfaßt, daß von einer Herrſchaft über ſich ſelbſt bei ihm keine Rede mehr war. Niemand folgte ihm. 218 Langſam, den Kopf auf die Bruſt geneigt, ging er aus dem Schloſſe bis an die Saalbrücke. Dort ſetzte er ſich auf das Geländer und— weinte. Die wenigen da Vorübergehenden meldeten es im Schloſſe. Auch, der bernburger Fürſt entfernte ſich bald darauf von der Tafel; Graf Hubert blieb noch eine Weile. Nur einer von densOffizieren erkannte ihn und der Schreck dieſes Wiederſehens verdarb ihm den Appetit ſo ſehr, daß er faſt alle Speiſen unberührt an ſich vorübergehen ließ. Nach der ſchnell aufgehobenen Tafel trat Graf Hubert zu dem Major Bonnafox, der ſeinen Blick ſcheu auf ihn gerichtet gehalten, und ſagte leiſe zu ihm: „Major Bonnafox, die einzige Rettung für Sie iſt, Ihren Abſchied zu nehmen, wenn Sie ſich nicht der Schmach ausſetzen wollen, als ehrloſer Offizier aus dem Regimente geſtoßen zu werden.“ „Herr Obriſt“, ſtammelte Bonnafox erblaſſend; aber er kam nicht zur Weiterrede, Graf Hubert ſchnitt ihm das Wort ab, indem er mit Entſchiedenheitzſprach: „Ich habe nichts mit Ihnen zu verhandeln. Sielhaben die Wahl und alſo auch Ihr Geſchick in Ihrer Hand.“ Nach dieſen Worten verließ der Graf den Saal, die Offiziere mit freundlichem Kopfnicken grüßend, welche nun neugierig den Major umdrängten, um zu * 510 19 d erfahren, was der fremde Herr Kamerad mit ihm ge⸗ ſprochen. In der Angſt und Verlegenheit, was er ſagen ſollte, antwortete Major Bonnafox ganz ſinnen⸗ wirr:„Ich ſoll hier meine Stelle quittiren, um—“ „Bei der kaiſerlichen Armee einzutreten?“ fragte der Obriſtlieutenant des Regiments. „Ja, ja.“ „Welches Glück Sie haben, Herr Kamerad!“ rief der Frager.„Nun, gratulor!“ Und alle wünſchten dem ſo ſehr begünſtigten Major Glück, während demſelben dicke Schweißtropfen auf der Stirn perlten. Als Herr Leupold endlich nach einer langen Stunde ſeinen ſo ungewöhnlichen Sitz auf dem Brückengeländer verließ, erblickte er den Obriſt Buſſy⸗Rabutin in einer kleinen Entfernung ehrerbietig ſeiner harrend. Er ſchritt unverweilt auf ihn zu und ſprach: „Ich brauche Zerſtreuung— bin des Jammers nicht gewohnt, er macht mich zum Kinde. Ach, wie hätte ich denn zur Schwerenoth denken können, daß ich meine Herzens⸗Louiſe verlieren ſollte! So jung, ſo jung und ſchon ſterben! Das iſt grauſam.“ An ſeiner Seite ſchritt Graf Hubert in den Schloß⸗ garten, deſſen verſchlungene Gänge man ſie im eifrigen Geſpräche langſam durchgehen ſah. 220 Das Regiment marſchirte nach gehaltener Raſt ohne Muſik und, Trommelſchlag von Bernburg. nach ſeiner Garniſon Halle zurück. Tiefe Stille waltete nun im Schloſſe. Die junge Fürſtin Louiſe überlebte nur wenige Tage die Freude, ihres Vaters ſchönes Regiment zum letzten Male geſehen zu haben. Sie ſtarb umgeben von allen, die ſie geliebt hatte, gleich einem Soldaten, der in Mitte ſeiner treuen Kameraden fällt. Auch von Brommer hatte ſie Abſchied genommen und deſſen Sibylle grüßen laſſen, die, wie er ihr erzählt, mit ihrem kaiſerlichen Muſikanten und ihren beiden Buben kurz vor dem Ausrücken des Regiments nach, Bern⸗ burg im Vaterhauſe zu Deſſau angekommen ſei. Welch ein vernünftiger Mann der Brommer ſonſt auch war, daß aus dem Korporal Philipp ein Huſarenobriſt und ein Graf geworden ſei, wollte ihm anfangs gar nicht einleuchten; indeß er mußte es zuletzt doch glau⸗ ben, als er ſeinen durchlauchtigen Herrn ſagen hörte: „Das Schickſal macht mit uns doch ganz verfluchte Kinkerlitzchen, ohne daß wir etwas dagegen haben können. Wer hätte denken ſollen, daß meine Louiſe ſobald dem Tod verfallen würde, ſie, die doch die Luſt und das Leben ſelbſt war! Und wem wäre es wohl eingefallen, daß Korporal Philipp ein hochgeborener — 221 Herr und meines verſtorbenen Waffenbruders Buſſy⸗ Rabutin einziger Sohn ſei! Ja, ich hatte wohl ſo'ne dunkle Ahnung davon, daß er kein ordinärer Kerl wie die andere Geſellſchaft ſein könne. Er hat mich auch daran erinnert, daß ich einmal zu ihm ſagte, ich ſähe es ſchon, daß er einſt als Offizier vor mir ſtehen würde. Nun, das iſt denn auch richtig eingetroffen. Ein kaiſerlicher Huſarenobriſt hat nur noch eine Sproſſe bis zum General zu erſteigen.“ Die Stimmung im Schloſſe zu Deſſau war nach dem Tode der jungen Fürſtin von Bernburg auf längere Zeit eine ſehr gedrückte, es ging ungewöhn⸗ lich ſtill zu. Als Gäſte wohnten Graf Hubert Buſſy⸗ Rabutin und ſeine Gemahlin daſelbſt. Als beide Arm in Arm zum erſten Mal nach ihrer Ankunft einen Gang durch den Schloßgarten machten, traten ſie auch wie zufällig zu einem der Arbeiter, einem baumlangen Burſchen, der, als er aufſchauend ihrer anſichtig wurde, wie von einen Blitzſtrahl geblendet in die Kniee ſank und aufſchrie:„Herr Gott, iſt denn das menſchen⸗ möglich!“ „Ruhig, mein braver Libuſch“, ſagte der Herr Obriſt, ihm freundlich auf die Schulter klopfend. „Was Du an Korporal Philipp und ſeiner Geliebten, 222 dem Fräulein von Milagsheim, gethan haſt, wird Dir von uns reichlich vergolten werden. Du warſt uns ein treuverſchwiegener Freund und wir vergeſſen unſere Freunde nicht.“ In Deſſau hatte ſich's bald herumgeſprochen, daß Fräulein Regina von Milagsheim, des Herrn Kanzlers Nichte, als Gemahlin des ehemaligen Korporals Philipp, unter dem ein Herr aus hohem Hauſe verſteckt ge⸗ weſen, eine vornehme Gräfin geworden ſei. Die Freude, ihres Oheims Familie wiederzuſehen, konnte aber von Regina's Seite nicht ſonderlich groß ſein, denn man beobachtete es genau, daß ſie im Ganzen nur zwei Beſuche, einen Begrüßungs⸗ und einen Ab⸗ ſchiedsbeſuch gemacht hatte. Eine ganz andere An⸗ ziehungskraft übte das kleine Haus des Feldwebels Brommer auf Hubert und Regina. Sie verkehrten da täglich. Gottfried Langermann nebſt ſeiner Sibyllle und ſeinen beiden Buben hatten die weite Reiſe von Wien nach Deſſau auf Hubert's Koſten gemacht als Feine und ſeiner Gemahlin treueſte Freunde. Feldwebel Brommer ward faſt kindiſch vor Freude über ſeine beiden kerngeſunden Enkel, Frau Eva blähte ſich nicht wenig, ſo fürnehmer Freundſchaft wie der eines Grafen und kaiſerlichen Huſarenobriſts ge⸗ würdigt zu werden, der mit Sr. Durchlaucht als guter Freund auf die Jagd gehe. Weniger heiter ging es beim alten Peter Langermann her. Der greiſe Waid⸗ mann lag ſchwer darnieder und eines Tages wurde ihm der ſehnliche Wunſch erfüllt, in den Armen ſeines Neffen ſterben zu können. Frau Martha erlebte die Freude, daß„Durchlauchtchen“ den altbewährten treuen Diener während deſſen Krankheit öfter beſuchte. Ohne Anſtand hatte Major Bonnafox vom Fürſten den nachgeſuchten Abſchied erhalten, und erſt als der Major den Dienſt quittirt und in alle Welt gegangen war, erfuhr Herr Leupold den Vorgang in des ermordeten Doctors Wohnung. „Schade, daß Sie mir das erſt jetzt ſagen“, brummte der Fürſt.„Der Kerl hätte die Schwerenoth kriegen ſollen, hätte ihm ſeine Hundsfötterei und den falſchen Rapport einſtreichen wollen.“ „Durchlaucht, die größte Strafe für ſchlechte Menſchen iſt das Bewußtſein, ihre Pläne vereitelt und durchſchaut zu wiſſen“, antwortete Graf Hubert.„Ich habe dies Vergnügen meinen vielen Feinden gegen⸗ über genoſſen und jzu ſihnen rechnete ich ſauch den Major Bonnafox. Mag der Schurke laufen!“ „Ihn baumeln zu laſſen, wäre unter allen Um⸗ ſtänden beſſer geweſen“, bemerkte Herr Leupold.„Ich liebe die kurzen Proceſſe.“ 224 Der Herbſt war nahe vor der Thür, als eines Morgens mehrere Reiſewagen aus dem Leipziger Thore rollten. Graf Hubert Buſſy⸗Rabutin mit ſei⸗ ner Gemahlin und Gottfried Langermann mit ſeiner Familie kehrten nach ihrer ſüdlichen Heimat zurück. Unter des Grafen Dienerſchaft befand ſich der lange Libuſch. Vom deſſauer Leupold, dem Sonderling und hel⸗ denmüthigen Kriegsführer, hatten die damaligen Zeit⸗ genoſſen noch manches Jahr Urſache zu ſprechen, denn ſeinen Namen ſchrieb er ſpäter aufs neue ins Buch der Schlachten ein. Immer aber blieb er der⸗ ſelbe, der er von jeher geweſen war, ungeſchwächt in 2 ſeiner Kraft, in ſeinen wilden Leidenſchaften, aber auch unerſchütterlich in ſeiner Liebe. Oft von ſeinem Schwiegerſohne, dem bernburger Fürſten, zum Beſuche eingeladen, verſprach er es wohl, aber kam er bis da⸗ hin, wo man des Bernburger Schloſſes anſichtig wird, kehrte er um mit den Worten: „Ich mag den Ort nicht wiederſehen, wo meine Louiſe hat ſterben müſſen!“ Ende. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. — — 8 4 “ 5 4 5. e eee“ 2 4 * 2 — 5 2 —** *— 2 6“* A* 4 — — · 8 8 3 * 2 v*. . 8 & 3 1 8— 3 4 8* 8 nA: ͤ——— — A — 2 .