deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet d wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe jmuß voraus ſbezahlt werden und beträgt: fuͤr rchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: Anf 1 Monnt 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mrk.— Pf. 25. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. F Leihbiblioth E 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme —e —— ——— Der alte Befſauer. Hiſtoriſcher Roman von Franz Carion. Dritter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1867. VII. Des durchlauchtigen Herrn Leupold von Deſſau winterliche Vergnügungen hatten ſeinem Naturell ge⸗ mäß mit den feinen oder vielmehr verfeinernden Ab⸗ wechslungen, wie ſie in den höchſten und hohen Kreiſen an andern Höfen beliebt waren, nichts zu ſchaffen. Wer aus Dresden oder aus Berlin, ſo ſparſam auch König Friedrich Wilhelm I. ſeinen Hofhalt eingerichtet hatte, durch Zufall nach Deſſau kam, mußte ſich in dieſer Beziehung auf ein Eiland verſetzt glauben, wo dergleichen Blüten der Civiliſation noch unbekannt waren. Die fürſtliche Familie lebte ſtill, die Junker⸗ ſchaft war im Lande meiſt ausgemerzt, und der Reſt derjenigen Adelsfamilien, nach deren Eigenthum die Willkür des Fürſten noch nicht gegriffen, fand ſich aus ſehr nahe liegenden Gründen nicht bewogen, ſich bei Hofe einzufinden. Man hielt es für das Rath⸗ Carion, Der alte Deſſauer. III. 1 6 ſamſte, ſich ſeiner Nähe zu entziehen, und führte ſo das Vorſpiel zu jenem ſpätern Rückzuge der Sperlinge auf, welche Friedrich der Große, weil ſie im Garten von Sansſouci an ſeinen Fruchtbäumen naſchten, zu vertilgen befahl, eine Maßregel, welche allerdings den Sperlingen den Garaus machte, dafür aber auch den Raupen freien Raum zu ſyſtematiſcher Verheerung des Fruchtbeſtandes ließ. Das deſſauer Land ver⸗ armte in ſeinem Adel, wurde aber dafür an Juden reich, die gegen hohes, in des durchlauchtigen Herrn Kaſſe fließendes Schutzgeld daſelbſt ein Kanaan fanden. Trotz dieſer Einförmigkeit in der winterlichen Zeit an ſeinem Hofe vergnügte ſich der Fürſt doch prächtig in ſeinem Stile. Seine Rührigkeit raſtete nicht; die militäriſche Truppenſchau beſchäftigte ihn in Berlin, Magdeburg, Halle und andern Orten und die Jagd⸗ paſſion trieb ihn auf flüchtigem Renner durch ſein kleines Land. Mit dieſen ſeinem wilden Naturell ganz entſprechenden Freuden ging die Verwaltung der Finanzen und die Beſtrafung von Uebelthätern Hand in Hand, welche letztere nicht ſelten den Beigeſchmack ſeines cyniſchen Humors auf die eclatanteſte Weiſe documentirte. Der Wucherei todfeind, hatten beſon⸗ ders alle die von Herrn Leupold empfindlich zu leiden, welche ſich dieſes Vergehens ſchuldig gemacht hatten, 2 3 und betraf die Anklage einen Juden, ſo fand er immer etwas, das ihm nebenbei einen„hölliſchen“ Spaß ab⸗ warf, und je nachdem er in den Beſtreben, ein ſolches Privatvergnügen für ſich auszufinden, glücklich war, konnte der zu Beſtrafende auch auf einen milden Aus⸗ gang ſeiner Angelegenheit hoffen. Das Gelächter der Stadt über dergleichen gut gelungene Witze nahm Se. Durchlaucht als eine Kundgebung ſchuldiger An⸗ erkennung ſehr erfreut auf und fühlte ſich dann un⸗ gemein gut bei Laune, denn er trug das Bewußtſein in ſich, ſeine Deſſauer auf die eine oder die andere Weiſe in Athem zu erhalten. Beſonders gut hatte ihm und den chriſtlichen Deſſauern, die durchaus nicht ſehr erfreut über die ſtete Zunahme der Kinder Israels in ihrem kleinen Vaterlande waren, der von ihm an einem jüdiſchen Wucherer ausgeführte Spaß gefallen, ſodaß derſelbe für eine lange Zeit gleichſam zum ſtereo⸗ typen Gegenſtande eines unauslöſchlichen Gelächters wurde. Auf Befehl des Fürſten hatte man den Straf⸗ baren in ein volles Latrinenfaß geſteckt, aus dem er nur mit dem Kopfe herausguckte. Vor ſeinen Augen wurde eine Piſtole geladen und Herr Leupold comman⸗ dirte:„Achtung! Legt an! Feuer!“ Der Sohn Israels, um ſich vor der Kugel zu ſchützen, tauchte zum größten Gaudium des Durchlauchtigen unter und fuhr wieder 1* empor, ſeine jämmerlich triefende Büſte zur Schau bietend. Eine mehrmalige Wiederholung dieſes höchſt ſaftigen Experiments erheiterte den Fürſten ſo ſehr, daß er in ſeinem gut gelaunten Ingrimm dem Wucherer verzieh. Dieſer Spaß war ſo vollkommen nach ſeinem Geſchmacke, daß er tagelang danach„kindgut“ war, und in dieſer angenehmen Stimmung beſchloß er eine Erholungsreiſe ins Reich zu machen, und Hubert, dem als Philipp Gruner einrollirten Gefreiten, wurde die Gunſt zu Theil, ihn bei dieſem Ausfluge zu begleiten. Wäre der Fürſt ein beſſerer Phyſiognomiker geweſen, ſo würde er wohl bemerkt haben, daß es vielmehr Beſtürzung ſei, welche Hubert bei Anhörung dieſer ihm gewordenen Auszeichnung nicht verbergen konnte, als freudiger Schreck, wie er annahm. „Die draußen im Reiche ſollen die Augen auf⸗ reißen, was der Deſſauer für Prachtkerle hat“, ſagte der Fürſt lachend.„Wenn wir zurückkommen, mache ich ihn zum Korporal, daß ſich Seine Liebſte nicht ſchämen darf, mit Ihm zu gehen.“ „Durchlaucht—“ „Na, na, weiß ſchon, was Er ſagen will. Brom⸗ mer's Sibylle wird nicht um ein Haar anders ſein wie die übrigen Weibsleute, wollen alle gern hoch hinaus, kenne das, haben Schwerenoths⸗Marotten im 5 Kopfe. Korporal iſt ſchon'n ander Ding als Ge⸗ freiter. Wer Feldwebel werden will, muß erſt Kor⸗ poral ſein. Man fällt nicht aus der Luft in eine Feſtung, wenn man ſie mit Sturm nehmen will, ſon⸗ dern man greift ſie regelrecht an und das Weitere findet ſich dann von ſelbſt.“ Dieſer Rede des durchlauchtigen Herrn lag der Wahn Vater Brommer's zu Grunde, daß ſeine Sibylle und Philipp extra vom Herrgott zu einem Paare ge⸗ ſchaffen ſeien; auch der alte Langermann und Frau Martha hatten davon zu Herrn Leupold geſprochen, und er fand das vollkommen in der Ordnung. Dem Feldwebel vergnügt auf die Schulter ſchlagend, hatte er geäußert: „Gelt, Fritze, das gibt eine Mandel Grenadiere wie die Eichbäume? Na, iſt mir lieb, ſehr lieb, kann die Knirpſe nicht leiden, gehören unter'n Tiſch, können ſich bei jeder Teufelei verſtecken; ein Goliath aber iſt vom Herrgott angewieſen, ſeinen Mann zu ſtehen, da iſt doch was Reſpectables dabei.“ Nicht allein die Gefahr, bei Gelegenheit dieſer Reiſe irgendwo erkannt zu werden, verſtörte Hubert's Gemüth, ſondern noch viel mehr der Kummer, Regina verlaſſen zu ſollen. Bonnafor, der auf ſo einſtimmige Weiſe gewählte Bürgermeiſter, zeigte ſich ſehr zudring⸗ Wenn es ſich nur halbwegs thun ließ, war er in ihrer Nähe und überhäufte ſie mit Schmeichelworten Es war faſt merkbar, daß er ſie auf dieſe Art zu überwachen ſich beſtrebte, denn der Gedanke, daß ein Anderer, den er nicht kannte, der Gegenſtand ihrer Neigung ſei, ließ nicht ab von ihm. Regina's Be⸗ nehmen gegen ihn war durchaus nicht das einer Ver⸗ lobten, die den Tag herbeiſehnt, der ſie mit dem Manne ihrer Wahl vereinigen ſoll. Wie ſehr auch Bürgermeiſter Bonnafox ſeine Auf⸗ merkſamkeit in Betreff aller derjenigen ſchärfte, mit welchen Regina in Berührung kam, ſo war es ihm doch unmöglich, irgend eine Entdeckung zu machen, die ſeinen Eifer, einer von ihr unterhaltenen geheimen Liebe auf die Spur zu kommen, gerechtfertigt hätte, und es blieb ihm nichts übrig als die Annahme, Fräulein von Milagsheim könne den Gottfried Langer⸗ mann nicht vergeſſen. Regina fühlte ſich durch dieſe Zudringlichkeit des ihr verhaßten Mannes ſehr un⸗ glücklich, und die Bangigkeit ihres Herzens ſteigerte ſich nur noch mehr, als der Winter ihr die Gelegen⸗ heit nahm, öfter mit Hubert zu ſprechen. Der Garten ward in dieſer Jahreszeit ſchon zeitig am Nachmittage geſchloſſen, und irgendwo anders mit ihm lich in ſeinen Aufmerkſamkeitsbezeigungen gegen ſie. — 7 zuſammenzukommen, war ihr ganz unmöglich. Die briefliche Mittheilung, die ſie mit einander verabredet hatten, erwies ſich als höchſt gefahrvoll, nur die äußerſte Vorſicht konnte einen möglichen Verrath ver⸗ hüten. Und in dieſer Situation ſollte Hubert ſie ver⸗ laſſen! Gegen ſeine projectirte Mitreiſe zu proteſtiren, war undenkbar, der Fürſt betrachtete dieſe ihm ge⸗ währte Vergünſtigung als eine beſondere Gnade, und ſo blieb ihm nur das Gehorchen. Mit Mühe und zwar nur durch eine Liſt hatte es Regina möglich ge⸗ macht, daß er von ihr perſönlich Abſchied nehmen konnte. Sie hatte Prinzeß Louiſe beredet, ihrem Bräutigam, dem Fürſten Victor, zu ſeinem Geburtstage einen ſauber geſchriebenen Glückwunſch zu überreichen, und verſichert, Niemand im ganzen Schloſſe verſtehe es, ſo prächtig zu ſchreiben als der in ihres Vaters Kanzlei beſchäftigte Gefreite Philipp. Ihr Oheim, der Herr Kanzler, habe deſſen Handſchrift als eine ausgezeichnete gerühmt. Prinzeß Louiſe fand den Gedanken allerliebſt, er war etwas ganz Neues. Auf Regina's Rath wählte Hubert zur Ablieferung der fertig gewordenen ſchönen Arbeit an die junge Fürſtentochter eine Stunde der Abendzeit, wo die Prinzeß noch bei ihrer durchlauchtigen Mutter verweilte und Regina ihrer harrend allein war. 3———— —————: ——— 8 Sie hatten ſich ſo unendlich viel zu ſagen, wie immer die Liebe reich im Auffinden von neuen An⸗ knüpfungspunkten für ihr Denken und Fühlen zu ſein pflegt, doch auch Anderes, ſein Schickſal, mußte unter ihnen beſprochen werden. 5 Durch den nach Wien gekommenen Gottfried Langermann hatte Doctor Weilenberger einen von Hubert ſelbſt geſchriebenem Bericht ſeines Lebenswegs von jener Stunde an bis auf die jetzige Zeit empfangen, welcher ſofort an Prinz Eugen übermittelt worden war. Seine Befreiung hatte Hubert der Kaiſerin zu danken. Seine Mutter und Prinz Eugen waren die⸗ jenigen geweſen, welche die erhabene Frau zur Theil⸗ 4 nahme an dem Geſchicke des Unglücklichen ſtimmten, dem dem Geſetze nach mindeſtens eine mehrjährige Kerkerhaft in einer der wegen ihrer ſcheußlichen Jammerhöhlen verrufenen Feſtungen in Ausſicht ſtand, denn die gegen ihn in Gang gebrachte Anklage fiel ſchwer in die Wage. Er habe, ſo lautete dieſelbe, einen zur katholiſchen Kirche Uebergetretenen, Bela Iſtvanſi, auf offener Straße als einen Verräther an⸗ gegriffen und ſei ſelbſt mit entblößter Waffe auf den Wagenſchlag der Carroſſe Sr. Majeſtät des Kaiſers geſprungen, eine That, welche nach damaligen Be⸗ griffen unter die Rubrik der Majeſtätsverbrechen fiel. 9 Waren doch ſogar zwei kaiſerliche Jagdjunker, weil ſie auf einer Wildſchweinsjagd bei Presburg, wo der Kaiſer Karl VI. durch einen Eber in die größte Lebensgefahr gerathen, zum Schutze des kaiſerlichen Lebens es gewagt hatten, ihre Hirſchfänger zu ziehen und ſich dem wüthenden Thiere entgegen zu werfen, nicht nur mit einem ſtrengen Verweiſe, ſondern auch mit einem vierzehntägigen Arreſte beſtraft worden! Wie unendlich größer war alſo das Verbrechen Hubert's geweſen, wenngleich die Gefahr, in der er ſchwebte, ihm als ein Entſchuldigungsgrund hätte dienen müſſen; aber er war Proteſtant, hatte die öffentliche Sicher⸗ heit geſtört, einen Convertirten Verräther genannt und, wie es hieß, mit der blanken Waffe angegriffen. Was galt ſein Anführen, daß er nur erſt dann ſeinen Degen gezogen, als er auf den Hülferuf des Jeſuitenpaters von der dummbigotten Menge als Ketzer überfallen worden ſeil! Traf doch ſelbſt des Kaiſers Gemahlin Eliſabeth, welche als Braun⸗ ſchweigerin vor ihrer Vermählung zur katholiſchen Kirche hatte übertreten müſſen, der Verdacht des Wiener Volkes, ſie hänge im Stillen noch der Ketzerei an, weswegen man ſie nicht ſehr liebte. Sie, die von dem finſtern, zelotiſchen Haſſe Freie, die mit unge⸗ meiner Klugheit, ohne daß der Kaiſer es als einen 10 Eingriff in ſeine Rechte betrachten konnte, ſich oft in die Staatsgeſchäfte zu miſchen wußte, hatte in aller Stille Hubert's Freilaſſung bewirkt; jedes merkbare Wiſſen darum von ſeiten ſeiner Mutter mußte natür⸗ lich vermieden werden. Sein treuer Gottfried Almarich, den man zwei volle Monate eingeſperrt gehalten, entging der Aus⸗ weiſung in ſeine Heimat Siebenbürgen nur durch die Bitte der Prinzeß⸗Mutter, ihn als Jäger in ihre Dienſte nehmen zu dürfen. Von ihm rührte, wie Hubert ganz richtig vermuthet hatte, das in der Umhängetaſche befindliche Zeugniß des verſtorbenen Schreibers Philipp Gruner her, welches ſpäter ſeinem jungen Herrn beim Eintritt in des Deſ⸗ ſauers Muſterregiment zu Halle als Ausweis diente und ihm den Schutz eines Incognito verlieh, das ihn der Verfolgung ſeiner Feinde auf lange Zeit entzog. Gottfried Langermann hatte durch die Empfehlung des Prinzen Eugen nicht nur eine Anſtellung in der berühmten kaiſerlichen Muſikkapelle, ſondern auch ſeines vortrefflichen Violinſpiels wegen beim Kaiſer, der ſelbſt ein ausgezeichneter Spieler dieſes Inſtruments war, Zutritt gefunden, eine Stellung, die ihm, dem Fremd⸗ ling, wohl viele Neider erweckte, aber auch die Aus⸗ 11 ſicht verſchaffte, für immer einen feſten Platz zu ge⸗ winnen. Das ſchlichte, ehrliche Weſen Gottfried Langermann's ſagte dem Kaiſer ſehr zu, die Unkennt⸗ niß und Unbeholfenheit des jungen Deſſauers in Allem, was am Hofe Sitte und Brauch war, machte dem hohen Herrn ungemeinen Spaß, obwohl er nie⸗ mals den Mund zu einem Lächeln verzog, was ein Verſtoß gegen die kaiſerliche Würde und die damit verbundene Grandezza geweſen wäre, und die mancher⸗ lei Anekdoten, welche Gottfried von ſeinem kriege⸗ riſchen Landesvater zu erzählen wußte, vergnügten ihn außerordentlich, ſodaß der Begünſtigte ohne Ueber⸗ treibung von ſich ſagen konnte, die Wiener Sonne wärme ihn beſſer als die Deſſauer. Eines Tages war Hubert nicht wenig über⸗ raſcht, als er, in der Mittagsſtunde aus der Kanzlei nach Hauſe kommend, Bille ganz beſonders heiter er⸗ blickte und dieſe ihm heimlich einen Brief von Gott⸗ fried Langermann zeigte, den ſie vor kurzem erſt von einem nach dem Korporal Philipp fragenden fremden Jäger empfangen, mit dem Bemerken, die Mutter dürfe nichts davon wiſſen. Das überglückliche Mädchen vergaß faſt in der großen Freude über die von Gott⸗ fried erhaltenen guten Nachrichten, daß es an Hubert den Auftrag auszurichten hatte, der Fremde erwarte — 1——— ——ᷣ—ᷣ—ᷣꝑꝭ—ʒOK—LQℳ—/Q.ęO—————— 12 ihn, ehe er ſich wieder in die Kanzlei aufs Schloß begebe, auf dem Wege zum Kirchhofe. Der Fremde war kein Anderer als ſein treuer Gottfried Almarich, der nach Deſſau gekommen, um ihm nicht nur ein ausführliches Schreiben vom Doe⸗ 5 tor Weilenberger, ſondern auch eins von der Prinzeß⸗ Mutter und einige Zeilen vom Prinzen Eugen zu überbringen, welcher ihn ermahnte, das Incognito, das ihn bis jetzt geſchützt habe, noch ferner feſtzuhal⸗ ten, indem die gänzliche Unkenntniß ſeines Aufent⸗ halts ſeine Feinde gewiſſermaßen in Verwirrung ſetzen müſſe, da ſie nichts gegen ihn unternehmen könnten. Er ſolle ſich jedoch ſeines Schutzes in ſeiner Angelegen⸗* heit nach wie vor verſichert halten, er hoffe das Beſte für ihn, wenngleich für jetzt noch keine Aenderung in derſelben ſich ergeben habe. Von ſeiten der Prinzeß⸗ Mutter folgte zugleich eine anſehnliche Summe Geld zu Hubert's Dispoſition für nicht vorauszuſehende Fälle. Es war eine unerwartete große Freude für Hubert, ſeinen treuen Gottfried wiederzuſehen, und er billigte deſſen Plan vollkommen, unter dem Vorwande, die berühmten Parforcejagden des deſſauer Fürſten kennen zu lernen, als Freiwilliger ſich bei deſſen Jagdperſo⸗ nal zu melden, um ſo in Hubert's Nähe bleiben zu können. Dieſes Vorhaben auszuführen, machte keine Schwierigkeit, denn Gottfried hatte ein Schreiben an den alten Langermann von deſſen Neffen abzugeben. Freilich tobte der alte Waidmann gar läſterlich, daß ſein Neffe, den er in Bubainen glaubte, doch ſeinem Muſikantentriebe nachgegangen ſei und jetzt in Wien herumvagabundire; aber da erhob Frau Martha einen ſo ernſten Widerſpruch, daß ihr Alter ſchweigen mußte, denn nicht nur, daß ſie ihm gerade herausſagte, ſie hätten alle Urſache, ſtolz auf einen Neffen zu ſein, der ſo großem Herrn wie die kaiſerliche Majeſtät etwas vorgeigen dürfe, ſondern es komme ihnen auch gar nicht zu, darüber zu brummen, daß er nicht in Bu⸗ bainen als eine Rechenmaſchine ſitze, weil in dem Briefe es ausdrücklich ſtehe, wie die durchlauchtige Frau Annelieſe, wohl erkennend, daß er nur fürs Muſikweſen geſchaffen, ihm zu ſeiner Freiheit verhol⸗ fen und er ihr ewig dankbar dafür ſein wolle. Und wenn noch ein Nachdruck fehlte, um des alten Langer⸗ mann ſtörrige Geſinnungen zur Aenderung zu bringen, ſo erfolgte dieſer durch Gottfried Almarich's Erzäh⸗ lung, daß ihr Neffe eine geachtete Stellung in Wien einnähme und einen ſo guten Gehalt bezöge, wie ein ſolcher wohl nicht ſo leicht einem Jägersmann von Profeſſion zu Theil würde. Nach alledem war es ſelbſtverſtändlich, daß Gott⸗ fried Almarich bei Langermanns ein ſehr willkommener Gaſt war, und da er von dem Alten beſtens Sr. Durch⸗ laucht als junger Waidmann empfohlen wurde, der zum Zwecke der Vervollkommnung ſeiner Kenntniſſe im Jagdfache die in dieſer Branche berühmteſten Stationen Deutſchlands beſuche, ſo erlangte er auch vom Herrn Leupold die doppelte Bewilligung, nicht nur in Allem, was er begehre, ſich unterrichten zu laſſen, ſondern auch bei Langermanns Quartier zu nehmen, wenn ihm dies wünſchenswerth ſei. Der durchlauchtige Herr hatte großes Wohlge⸗ gefallen an dem athletiſchen Jagdſtudenten gefunden, deſſen Kenntniſſe in ſeinem Berufe keine geringen wa⸗ ren, und es machte ihm viel Vergnügen, daß im fernen Siebenbürgen ſein kleines Land von den Männern vom Waidwerk als eine berühmte Station für Jäger angeſehen werde. Der alte Langermann aber hatte außer der Freude, einen ſolchen Gaſt in ſeinem Hauſe zu haben, mit dem er übers Waidwerk ſich ſo recht nach Herzensluſt unterhalten konnte, was nicht wenig zur Kürzung der langen Winterabende beitrug, noch die Befriedigung, daß auch der Gefreite Philipp offenbar des fremden Jägers wegen öfter zu Beſuch kam und bald ſo gut 15 Freund mit ihm wurde, daß ſie beide lange Spazier⸗ gänge mit einander im Thiergarten machten. Auch Frau Martha fand eine große Genugthuung in dem Umſtande, daß Feldwebel Brommer nebſt Frau und Tochter trotz Kälte und Schnee hin und wieder zu Beſuch kamen. So hatten ſich für Hubert die Verhältniſſe ſehr günſtig geſtaltet. Die Möglichkeit einer Correſpondenz zwiſchen ihm und Doctor Weilenberger war angebahnt, denn Gottfried Almarich hatte bei Herrn Leupold um die Vergünſtigung nachgeſucht und ſie zugeſagt erhal⸗ ten, mittels der vom deſſauiſchen Geheimrath an den die anhaltiniſchen Geſammtintereſſen vertretenden Agen⸗ ten Gräfe zu Wien abgehenden Depeſchen Briefe an ſeinen dortigen Verwandten Doctor Weilenberger ab⸗ ſenden und Antworten auf eben dieſem Wege empfangen zu dürfen. Das Reiſeproject des durchlauchtigen Herrn war allerdings eine Störung in dieſem nur erſt kurze Zeit beſtehenden und unwiſſentlich vom Fürſten ſelbſt ſanctionirten Geheimniſſe, indeß Huberte mußte der Nothwendigkeit gehorchen und begleitete deswegen ſeinen Gebieter auf der Reiſe ins Neic. Dieſer Ausflug ſollte im ſtrengſten Incognito ge⸗ ſchehen, indeß das Gerücht, daß der„deſſauer Schwere⸗ nöther“ als im vollen Sinne des Worts großer Un⸗ vor ihm her. Seine Geſichtszüge waren ſchon zu be⸗ kannt durch die überall hin zerſtreuten Kupferſtiche, welche ſein Portrait darſtellten, ſein ganzes Weſen zu auffallend, als daß von dem beabſichtigten Incognito nur im entfernteſten hätte die Rede ſein können. Seine Begleiter, obgleich nur wenige, trugen in Kleidung wie Benehmen den ſteifen ſoldatiſchen Zuſchnitt, und gewiß war es höchſt ſpaßhaft, daß in ſeinem kleinen Gefolge eins der prächtigſten Muſter ſeines Halleſchen Regiments in Hubert's vollſtändig uniformirter Per⸗ ſon zu bemerken war, ein Umſtand, welcher ſofort jede Täuſchung über den hohen Reiſenden unmöglich machte. Ueberall ſah er ſich als Fürſten von Deſſau be⸗ grüßt und auf allen ſeinen Wegen fand ein großer Zulauf von Menſchen ſtatt, die den wunderlichen Kriegshelden, von dem die abenteuerlichſten Geſchichten und Schwänke im Volksmunde curſirten, ſehen wollten. Mau ſtaunte ihn wie ein wildes Thier an, mit Neu⸗ gier und Furcht, und fand, daß es keine Lüge ſei, wenn man ihn als ein oft gut gelauntes Ungethüm ſchilderte, das mit demſelben Vergnügen einen rohen Spaß ausführte, mit dem es einen ihm ſchuldig Er⸗ ſcheinenden hängen ließ. Sein funkelnder Blick, etwas bekannter reiſe, lief wie ein unaufhaltſames Lauffeuer 17 Raubthierartiges verrathend, und ſeine Anrede ſetzten den, den ſie unvermuthet trafen, leicht außer Faſſung, man nahm den Eindruck des Schreckens mit von ihm hinweg. Die Obrigkeiten wetteiferten, ihm die gebühren⸗ den Chrenbezeigungen zu erweiſen, und ſicher war es, daß manches friedfertigen Bürgermeiſters Herz unter einer bedeutenden Anwandlung von Furcht bei der dem Gewaltigen zu bringenden Begrüßungsrede zitterte und bebte. So hielt denn Herr Leupold einen ihm ſehr ſchmeichel⸗ haften Umzug durch einen Theil Frankens und Schwa⸗ bens und kam auch nach dem vielberühmten Nürnberg. Der Rath dieſer freien Reichsſtadt hatte ihm eine Deputation aus ſeiner Mitte mit der Anfrage ent⸗ gegengeſchickt, ob er einen feierlichen Empfang ſeiner durchlauchtigen Perſon geſtatten wolle, was jedoch mit kurzen Worten abgelehnt wurde. Daß es jedoch während ſeines Aufenthalts in dem altehrwürdigem Nürnberg wie in einem Bienenkorbe von Fremden ſummte, die weit und breit herbeikamen, um den merk⸗ würdigen Gaſt zu ſehen, das war nicht zu verhindern; die Herbergen aller Art von der vornehmſten bis zur obſcurſten machten an den beiden Tagen ſeines Ver⸗ weilens glänzende Geſchäfte. Fremde und Einheimiſche bildeten eine lebende Mauer, als Herr Leupold mit Carion, Der alte Deſſauer. III. 2* ſeinem kleinen Gefolge am nächſten Tage nach ſeiner Ankunft dem altehrwürdigen Rathhauſe einen Beſuch abſtattete, um die daſelbſt als Heiligthümer aufbe⸗ wahrten Reichskleinodien in Augenſchein zu nehmen, eine Vergünſtigung, welche eben nur einem Reichs⸗ fürſten gewährt, dagegen jedem Andern verſagt werden mußte. Die Patriciergeſchlechter der freien Reichsſtadt hatten ein bedeutendes Contingent männlicher und weiblicher Neugieriger, gemiſcht mit bevorzugten Freun⸗ den dieſer das Wohl und Wehe der berühmten Stadt leitenden reichen Familien, im Rathhauſe ſelbſt auf⸗ geſtellt, und wenn das ſchreckhafte Aeußere des Ge⸗ waltigen, der das in höchſter Toilette verſammelte und vor ihm in möglichſt tiefen Knixen verſinkende weibliche Publikum wild anglotzte, ſeinen einſchüchtern⸗ den und mit Furcht ſchlagenden Eindruck auf die Ge⸗ müther nicht verfehlte, ſo übte der Anblick des in ſeinem Gefolge ſich befindenden ſchlanken und doch die kräftigſten Körperformen zeigenden Gefreiten einen deſto angenehmern. Man hätte in Bezug auf beide wohl den Vergleich treffen können, das Schauerkata⸗ ſtrophen bereitende finſtere Schickſal und die freundliche Verſöhnung in Perſon geſehen zu haben. Vieler Blicke richteten ſich wohlwollend auf Hubert, 19 dem die Reiſe bisher viel Vergnügen gewährt hatte, denn es gab faſt aller Orten ſpaßhafte Scenen, und mit dem Eindruck des Neuen und Sehenswürdigen verbunden war ſeine Stimmung eine ungemein heitere daher auch ſein ohnehin ſchönes Geſicht, dem Jugend und Geſundheit ein friſches lebhaftes Incarnat liehen, den hellen, ſchnell für ſich gewinnenden Ausdruck fröhlichen Muthes trug. Der Schultheiß an der Spitze der Rathsherren ge leitete den Fürſten in den Saal, der die Reichs⸗ kleinodien barg. Herrn Leupold's Gefolge ſollte im Vorzimmer zurückbleiben, indeß das war ein Verſuch, der ſofort von ſeiten des hohen Reiſenden eine Ab⸗ änderung erfuhr, denn mit einer Stentorſtimme, die in dem geöffneten weiten Saale, auf deſſen Schwelle der Fürſt ſeinen Schritt anhielt, als er bemerkte, daß die Seinigen ihm nicht folgten, einen dumpfen donnerähnlichen Wiederhall fand, rief er:„Herein da! Marſch!“ Einem ſolchen Commando und zwar aus ſolchem Munde, der nicht von zierlichen Redensarten überzu⸗ fließen pflegte, war keine Weigerung entgegenzuſtellen. Verdutzt geleiteten die Herren vom Rathe den Durch⸗ lauchtigen zu den zur Schau auf einer Tafel ausge⸗ legten Reichskleinodien. Der Schultheiß übernahm die 2* Erklärung jedes einzelnen Stückes und konnte ſich eines höchſt aufmerkſamen Zuhörers rühmen, der Alles mit dem ſichtbarſten Intereſſe betrachtete. Das letzte Stück, das ihm gezeigt wurde, ſollte aber Anlaß zum höchſten Schrecken der edlen Herren vom Rathe wer⸗ den. Es war das unter einem mit Goldborte ver⸗ brämten langen Stücke von purpurrothem Sammt bisher verdeckt gelegene Schwert Kaiſer Karl's des Großen. Ueber das wetterbraune Geſicht des Fürſten flog das Vergnügen, eine ſo altehrwürdige und von ſo weltberühmtem Herrn herſtammende Waffe zu ſehen, wie ein das Morgengrau durchzuckender Strahl Aurorens. Haſtig ergriff er das Schwert und verſuchte deſſen Wucht durch in unglaublicher Schnelligkeit nach allen Seiten hin in die Luft geführte Hiebe. Zuletzt wollte er auch die Geſchmeidigkeit dieſer edlen Klinge auf die Probe ſtellen und begann ſie zu biegen. Bleiches Ent⸗ ſetzen entfärbte die Geſichter der Rathsherren, denn die Kraftproben Herrn Leupold's ließen befürchten, daß unter ſeiner gewaltigen Hand der Stahl in Stücke ſpringen werde.. Flehentlich bat der Schultheiß um Schonung der vielhundertjährigen Reliquie und führte die ihnen vor dem heiligen römiſchen Reiche in Ausſicht ſtehende 21 ſchwere Verantwortung an, wenn dieſe berühmte Kaiſerwaffe zerbräche. Er möge ſie nicht ſo großem Unglücke ausſetzen. Herr Leupold fand ſich denn auch von dieſer beweglichen unterthänigſten Vorſtellung, der der ſichtbarſte Schreck in den Geſichtern der anweſenden Rathsmitglieder als ſicherſte Beglaubigung der Wahr⸗ heit deſſen, was ihr Schultheiß ausgeſprochen, zur 8 Seite ſtand, bewogen, das Schwert hinzulegen, und verließ ſodann unter Vortritt der Väter der Stadt 3 den Saal. Die eben erlebte Scene hatte bei Hubert den Eindruck des Komiſchen gemacht; mit Mühe unter⸗ drückte er ein Lächeln, als er, dem Fürſten folgend, aus dem kleinen Vorſaal trat, der zu der Treppe n führte, auf deren Perron ſich einige Neugierige be⸗ e fanden. Ein leiſes in ſein Ohr dringendes„Hal⸗ ie zog Hubert's Blick nach der Richtung hin, aus der es t⸗ kam. Da ſtand ein Mann im bürgerlichen Kleide, der dem Jeſuitenpater, welcher ihn in Wien bei dem ß Zuſammentreffen mit Bela Iſtvanſi dem Volke als ke Ketzer bezeichnet und dadurch jenen Kampf herbeige⸗ führt hatte, deſſen Folgen für ihn ſo verderblich er wurden, aufs täuſchendſte ähnlich ſah, nur mit dem or einzigen Unterſchiede, daß der hier Erblickte eine zier⸗ liche Stutzperrücke trug. Ob dieſer Mann, deſſen Blick ſo feſt auf Hubert haftete, als wollte er in deſſen Seele die geheimſten Gedanken aufſuchen, wirklich der Jeſuitenpater ſei oder ihm nur auffallend ähnlich ſehe, war in den kurzen Sekunden des Vorübergehens nicht zu entſcheiden; aber Hubert fühlte eine Beſtürzung über ſich kommen, die ſich nicht ſofort unterdrücken ließ. Je mehr er indeß über die Möglichkeit dieſer Begegnung mit dem Pater nachdachte, deſto mehr ſchwand die Befürchtung, daß jener es geweſen ſein könne; er zieh ſich eines Selbſtbetrugs, beſonders da am folgenden Tage, wo ſie noch in Nürnberg verweilten, jener Mann ihm nicht mehr zu Geſicht kam, was doch ſicher der Fall geweſen ſein würde, wenn derſelbe an ihm einiges Intereſſe genommen hätte. Mußte man nicht annehmen, daß der Jeſuit, wenn er es nämlich geweſen wäre, Ver⸗ langen tragen mußte, ſich über die Identität ſeiner Perſon mit dem Grafenſohne Hubert Buſſy⸗Rabutin zu vergewiſſern? Und doch regte ſich eine unange⸗ nehme, widerwärtige Empfindung in des jungen Mannes Seele, wenn er ſich zufällig an dieſe Täuſchung erinnerte. Indeß nach der Rückkehr nach Deſſau dachte er nicht mehr daran. Es hatte ſich da Manches unter der Zeit ſeiner Abweſenheit und zwar in ſo günſtiger Weiſe verändert, wie er es nicht erwartet hatte. Die im Laufe des Jahres bevorſtehende Vermählung der Prinzeß Louiſe mit dem bernburger Herzog Victor legte ihrer durchlauchtigen Mutter die Pflicht auf, ihre Ausſtattung in Angriff nehmen zu laſſen. Die Weiß⸗ nähterinnen und Stickerinnen unter den Töchtern der Bürger und ſonſtigen Einwohner Deſſaus wurden theils im Schloſſe, theils zu Hauſe mit Arbeit beſchäf⸗ tigt, man hatte alle Hände voll zu thun. Sibylle Brommer, anerkannt als tüchtige Nähterin, konnte um ſo weniger dabei übergangen werden, als ihr Vater ſich der beſondern Gnade ſeines Herrn erfreute, und obwohl Sibylle die ihr übertragenen Arbeiten meiſt in der älterlichen Behauſung fertigte, ſo trat ſie dadurch doch in nähere Berührung mit den Schloßbewohnern. Prinzeß Louiſe fand viel Gefallen an Sibyllen, man ſah ſie oft in Begleitung Regina's ins Brommer'ſche Haus gehen, und ſonach war unter dem Schutze des Geheimniſſes eine ſichere Verbindung zwiſchen dem Fräulein von Milagsheim und Hubert angebahnt, wie ſie eine ſolche nicht beſſer und ihre Liebe begünſtigender hätte hoffen können. Auch Herr Leupold hatte zur nämlichen Zeit die Ausführung einer Idee in Angriff genommen, die ihn außerordentlich beſchäftigte. Es galt, das Erſtgeburts⸗ recht des jedesmaligen älteſten Prinzen des Hauſes Anhalt⸗Deſſau ſo ſicher zu beſtimmen, daß die Nach⸗ folge in der Regierung des geſammten Fürſtenthums unzweifelhaft und unantaſtbar für alle Zeiten bleibe. Die nachgeborenen fürſtlichen Söhne ſollten durch ſtandesmäßige Apanagen entſchädigt werden. Geheim⸗ rath von Beer war beſtimmt, als Bevollmächtigter ſich nach Wien zu begeben, um für dieſe Verfügungen die kaiſerliche Beſtätigung und beim Reichshofrath zugleich die Reichsbelehnung für Herrn Leupold als Senior der anhaltiniſchen Fürſtenthümer zu erwirken. „Höre Er, Philipp, ich habe was Gutes für Ihn ausgeheckt“, ſagte Herr Leupold eines Tages in un⸗ gewöhnlich guter Laune zu Hubert.„Er hat ſich ſtramm gemacht auf der Reiſe mit mir durchs Reich, ich habe Ihm deshalb eine ganz beſondere Ver⸗ günſtigung zugedacht. Erſtlich iſt Er von heute an Korporal—“ „Durchlaucht ſind gegen mich die Gnade ſelbſt“, entgegnete Hubert. „Bah, bah! Er verdient's, Punctum. Habe meine Freude unterwegs an Ihm gehabt. Iſt mir nicht ent⸗ gangen, wie die Leute die Augen aufgeriſſen haben und Ihn anſtierten, als wäre Er ein Wunderthier aus Chaldäa. Und das Weibsvolk gar— hahaha! Er 25 hat mein Halleſches Regiment aufs vortrefflichſte reprä⸗ ſentirt und den Leuten es klar gemacht, was des Deſſauers Soldaten für blanke Kerle ſind. Dergleichen iſt gut, bringt Manchen auf den vernünftigen Ge⸗ danken, ſich anwerben zu laſſen. Schwerenoth, iſt ja eine Ehre, ein reputirlicher Soldat zu ſein.“ „Gewiß“, ſtimmte Hubert bei. „Ein Schreiber iſt Er auch aus dem ff, und wird ſich der Reichshofrath verwundern, meine Supplika ſo ſchön geſchrieben vor Augen zu kriegen, als hätte ich ſie drucken laſſen.“ Der Fürſt ließ eine Pauſe ein⸗ treten und brach dann plötzlich in ein ſeine athletiſche Geſtalt ſichtbar erſchütterndes Gelächter aus.„Hätte den Herren vom Reichshofrathe den Spaß machen ſollen, meine Supplika ſelber zu ſchreiben, würden dann erſt ein Studium haben machen müſſen, um da⸗ hinter zu kommen, was ich will. Na, na, meine Marſchordres habe ich ſchreiben gelernt, und das iſt für einen Generalfeldmarſchall, denke ich, hinlänglich genug. Paſſ' Er auf, Philipp! Der Beer muß einen Schreiber mit nach Wien nehmen, wenn irgend eine geforderte Reſponſio oder Reſponſade, wie das Ding heißt, an den Reichsrath zu geben iſt, und dazu habe ich Ihn erleſen.“ „Mich?“ fragte Hubert erſchrocken. ————— ———jjy— „Donner und Blitz, rede ich mit Ihm oder iſt noch ein Anderer da, daß Er ſo confus fragen kann?“ „Durchlaucht, die Ueberraſchung für mich war ſo groß, daß ich nicht recht gehört zu haben glaubte“, entgegnete Hubert, durch die Nothwendigkeit gezwungen, den Verdacht, als entſtamme ſein Schreck einer andern Urſache, von ſich abzulenken. Der Fürſt beobachtete eine Weile lang tiefes Schweigen, wobei ſein funkelnder Blick feſt und un⸗ verwandt auf dem vor ihm Stehenden haftete, welchem bei dieſem Anſtieren nicht allzuwohl zu Muthe war, denn ſo wie er deſſen Charakter kannte, folgte dann allemal ein heftiger Zornausbruch; indeß ganz wider Erwarten milderte ſich der furchtbare Ausdruck dieſes erſchreckenden Blickes, und ungewöhnlich mild ſagte er: „Sieht Er, was Er für ein Himmelſchwerenöther iſt, Philipp! Jetzt habe ich Ihn auf einer falſchen Fährte ertappt. Da thut Er immer, als wenn Er für mich durchs Feuer gehen möchte, wenn's aber dazu käme, müßte ich elendiglich in meinen Sünden verbrennen.“ „Durchlaucht—“ „s Maul gehalten, nicht widerſprochen, ich hab's Richtige“, pluderte Herr Leupold heftig heraus.„Um die Jungfer Brommer, Seine Liebſte, iſt's Ihm zu 27 thun, daß Er eine Zeit lang nicht mit ihr tätſcheln kann. Sieht Er, was Er für'n windiger Patron iſt, daß Er ſich von ſeinem Schatze trennen ſoll?“ „Durchlaucht haben Recht, der Gedanke an die Geliebte hat mich erſchreckt“, bekannte Hubert mit ungeheuchelter Aufrichtigkeit. „Na, Er iſt doch'n rechtſchaffener Kerl, Er ver⸗ kriecht ſich nicht hinter Winkelzüge, die ich den Teufel nicht leiden kann.“ Und mit einer ihn nur ſelten an⸗ wandelnden Gutmüthigkeit ihm die Hand auf die Schulter legend, ſprach er:„Hab's anders gehalten wie Er, als ich die Amour mit meiner Annelieſe hatte, und ich denke,'s hat Manchem damals viel Chagrin gemacht, daß Niemand wußte, wie's anzufangen ſei, mich von der Jungfer Apothekerin zu trennen. Ihr habe ich vertraut, wußt's, daß ſie's ehrlich meinte, und ſo bin ich fortgereiſt von hier, wie's meine hochſelige gnädigſte Mama mir's dictirt hatte; aber als ich wiederkam, hob's alte Lied von neuem an, daß ſie alle Zeter ſchrien, und habe ich nicht geruht, bis die Annelieſe mit mir zum Altar ging. Traut Er denn Seinem Schatz ſo wenig Treue zu, daß Er ſich fürchtet, auf ein paar Monat wegzubleiben? ˙s Mädel müßt' ja keine Augen im Kopfe haben, wenn's Ihn fahren ließe.“ „Durchlaucht,'s war nur eine Anwandlung von Schreck“, entſchuldigte ſich Hubert.„Mein Schatz iſt mir treu, darauf verſchwöre ich Blut und Leben.“ „Na alſo!“ „Bitte Ew. Durchlaucht, mir zu verzeihen.“ „Hab' ſchon, Er Schwerenöther“, redete der Fürſt in beſter Stimmung.„Ließ die Brommer'ſche auf⸗ hängen, denn was Anderes wäre ſie nicht werth, wenn ſie Ihm nicht die Parole halten wollte.“ Jenes Wohlwollen, das zuweilen bei dem durch⸗ lauchtigen Herrn zum Durchbruch gelangte und in ſeinen Augen einen ſo ungekünſtelten, herzgewinnen⸗ den Ausdruck fand, daß ſelbſt ein von ſeiner des⸗ potiſchen Härte tief Verletzter nicht umhin konnte, verſöhnlich dadurch geſtimmt zu werden, ſprach ſich jetzt ſo offen gegen Hubert aus, daß dieſer, der in der Kunſt der Verſtellung und Zurückhaltung, die ihm nur von der Nothwendigkeit aufgezwungen werden konnten, ſo wenig geübt war, ſich faſt verſucht gefühlt hätte, ihm ein offenes Bekenntniß des Geheimniſſes ſeines Standes und ſeiner Liebe zu Regina von Milagsheim abzulegen. Che jedoch etwas der Art ſtattfinden konnte, ſprach der Fürſt weiter: „Mir wie Ihm wünſche ich nur eins, und der Herrgott möcht's geben: Krieg! Krieg! Aufhören dieſer 29 verteufelt langweiligen Friedenszeit, die alles Blut in den Adern ſtocken macht. Schwerenoth, man ver⸗ ſumpft bis über die Ohren, wenn nicht mal ein recht⸗ ſchaffenes Dreinſchlagen zu Stande kommt. Wenn's Krieg gäbe, denke ich, dürft Er's wohl zum Offizier bringen. Das Zeug dazu hat Er. Wenn ich Ihn ſo anſehe, denke ich faſt allemal, daß Er noch mal als Offizier vor mir ſtehen wird. Wünſch's Ihm. Wenn wir nur erſt Krieg hätten; aber da hapert's; die Sa⸗ tans von Federfuchſern machen mit ihren Gänſekielen ſo viel dummes Zeug den Potentaten vor, daß an ein ehrliches gegenſeitiges Ausklopfen nicht zu denken iſt. Der Teufel ſoll die Kerle holen!“ Bei der Erinnerung an die ihm ſo verhaßten Diplomaten ward des Fürſten ohnehin dunkles Ge⸗ ſicht ſo zornfinſter, daß das wohlwollende Leuchten ſeiner Augen ſofort verſchwand. Mit einer heftigen Handbewegung entließ er Hubert, der wie nach einem glücklich überwundenen Erſtickungskrampfe tief auf⸗ athmete, als er ſich aus dieſer unangenehmen Situation erlöſt ſah. Seine nächſte Zukunft war durch das Vertrauen des durchlauchtigen Herrn plötzlich in Frage geſtellt, da es unter die Unmöglichkeiten gehörte, daß er ſich nach Wien begeben könne, ohne ſeine Freiheit aufs Spiel zu ſetzen, und ſich dem Befehl des Fürſten durch Weigerung zu entziehen, war ebenſo unmög⸗ lich. Was alſo blieb ihm übrig? Nur die Ausſicht auf eine neue Flucht. Der Gedanke erſchütterte ihn förmlich, er ſtand mit dem vom Leben, vom Lichte ſcheiden faſt auf gleicher Stufe. Und doch mußte etwas gefunden werden, um über den vor ihm ſich öffnenden Abgrund eine Brücke zu ſchlagen; aber was? Dieſe Sorge laſtete ſchwer auf ihm. Regina wollte und durfte er nichts davon wiſſen laſſen, denn eine ſolche Kenntniß würde in ihrer Seele die freundlichen Lichter des Glückes, eine Möglichkeit ge⸗ funden zu haben, mit ihm zu verkehren, ohne daß es auffallen konnte, ſofort verlöſcht haben; aber ſeinen Gottfried machte er zum Vertrauten ſeines Kummers. „Das iſt ſchlimm“, ſagte dieſer,„aber es iſt doch kein ſo großes Unglück, daß man die Beſinnung darüber verlieren könnte; nur zu früh kommt's, zu früh.“ „Was kommt zu früh?“ fragte Hubert. „Die Nothwendigkeit, das warme Neſt hier vor der Zeit zu verlaſſen. Die bereits von Sr. Durch⸗ laucht beſtimmte Hochzeit Fräulein Regina's ſoll erſt im Spätherbſt mit der der Prinzeß zugleich ſtatt⸗ 31 finden. Um derſelben zu entgehen, bliebe dem Fräu⸗ lein nichts als Flucht, und ich kenne Sie, Herr, Sie laſſen ſie nicht allein flüchten.“ „Gewiß nicht.“ „Darum kommt die Nothwendigkeit, daß Sie durch Flucht ſich dem Befehl Sr. Durchlaucht ent⸗ ziehen, um ein halb Jahr zu früh; denn ſoll Fräu⸗ lein Regina nicht allein und verlaſſen hier bleiben und dem Herrn Bonnafor als gewiſſe Beute zu⸗ fallen, muß ſie mit Ihnen fort. Zeit gewonnen, Alles gewonnen; im Zeitraum eines halben Jahres könnte ſich Vieles zu Ihren Gunſten ereignen, was jetzt ſich eben nicht ſo ſchnell ereignen dürfte. Und wann ſollen Sie mit dem Geheimrath die Reiſe nach Wien antreten?“ „Ich weiß es nicht, jedenfalls bald“, antwortete Hubert.„O bin ich denn vom Schickſal verdammt, der Spielball des Unglücks zu ſein!“ Gottfried Almarich war eine wenig für ge⸗ fühlvolle Auslaſſungen geſchaffene Natur, vielmehr derb und praktiſch in Allem, was ihm vorkam; er beſaß das kalte Blut eines Waidmanns, der eben nur ein Ziel unter vielen im Auge behält und, ehe er ſeinen Schuß aufs Geradewohl abgibt, lieber ganz darauf verzichtet. ———— ———-— 32 „Das Wann kommt jetzt allein in Betracht“, ſagte er.„Den Fürſten danach zu fragen, iſt nicht rathſam, aber beim Geheimrath wird eine ſolche Frage nicht auffallen. Nach ſeiner Antwort wäre dann das Nöthige vorzubereiten.“ Hubert mußte dieſen Rath als praktiſch anerkennen und ſäumte deshalb auch nicht, alsbald den Geheim⸗ rath aufzuſuchen.„O, mit der Reiſe hat's noch lange Zeit“, antwortete ihm dieſer lächelnd.„Se. Durch⸗ laucht ſind in ſolchen Dingen zu heftig, vermeinen in Höchſtdero Eifer, der Reichshofrath zu Wien ſei eine Schanze, die mit Sturm genommen werden müſſe. Bei ſo hoher Behörde ſchreiten die Dinge nur gradatim vor. Erſt muß unſer Agent Gräfe von Wien aus referiren, ob dem Reichshofrath gegen⸗ wärtig Entſcheidungen vorliegen und Se. Kaiſerliche Majeſtät zur Zeit, wenn ich im Auftrage unſeres durchlauchtigen Herrn nach Wien komme, auch an⸗ weſend ſein werden, weil noch andere nur vom Be⸗ ſcheid des Kaiſers abhängige Dinge zu erledigen ſind. Er muß ſich alſo ſchon in Geduld faſſen, Kor⸗ poral Gruner, die große Kaiſerſtadt zu ſehen.“ So war denn der drohende Schlag für den Moment abgewendet und Alles kam auf den Bericht an, den der Agent des anhaltiniſchen Geſammt⸗ hauſes in Wien bezüglich dieſer Angelegenheit er⸗ ſtattete. Es war gerade zum Oſterfeſte, als dieſer Bericht anlangte, aber nicht zum Vergnügen Herrn Leupold's, denn es war die Rede darin von einer . Menge reſtirender Vorlagen beim Reichshofrathe und daß Se. kaiſerliche Majeſtät im Verlaufe des Som⸗ mers— wann? ſei noch nicht entſchieden— eine Reiſe durch Steiermark und Ungarn zu unternehmen gedenke. Mit dieſer den Fürſten ſehr verſtimmenden Verzögerung ſeiner Angelegenheit kam auch ein an Gottfried Almarich adreſſirtes Schreiben Doctor Wei⸗ lenberger's mit der auffallenden Nachricht, Bela Iſtvanſi ſei im Wiener Tollhauſe untergebracht werden. Jeden⸗ falls war die Eile, mit der der Schluß des Briefes geſchrieben war, die Urſache, daß der Doctor einige erläuternde Worte zu dieſer ſeltſamen Notiz beizufügen unterlaſſen hatte. Bela Iſtvanſi im Tollhauſe! Was mußte da vorgegangen ſein, daß dies faſt unmöglich ſcheinende Ereigniß herbeigeführt wurde! Wenn jemals die Geduld auf eine harte Probe geſtellt wurde, ſo unterlagen Hubert und Gottfried einer ſolchen im höchſten Grade, da eine Aufklärung über dieſe ſie in Erſtaunen ſetzende Meldung vor Verlauf mehrerer Monate nicht zu erwarten war. Carion, Der alte Deſſauer. III. II. Vor dem Spittelthore in Deſſau— jetzt das Aska⸗ niſche— ſtand damals ein Wirthshaus, zum Dorn⸗ buſch genannt, in deſſen Hintergebäude ein ziemlich großer Tanzboden ſich befand, der Sonn⸗ und Feiertags ſtark von Soldaten frequentirt wurde. Im Vorder⸗ hauſe, über deſſen Thür ein durch den Zahn der Zeit in ſeinen Farben unkenntlich gewordener Dornbuſch als Schild prangte, bot die große Gaſtſtube, ein von Rauch geſchwärztes, mit einem tüchtigen Kachelofen verſehenes und verſchiedenen langen, auf Kreuzgeſtellen ruhenden maſſiven Holztafeln und Bänken ausge⸗ ſtattetes Viereck, in welchem ätzender Tabaksqualm das Daſein der dünnen Flämmchen laufender Unſchlitt⸗ kerzen in Frage ſtellte und ſonach ein myſtiſches Düſter in dem langen und weiten Raume herrſchend machte, der Creme der Soldateska, den Korporalen 35 und Gefreiten, einen ſehr beliebten Aufenthalt, ein Rendezvous, wo ſie ſich mit all der Ungenirtheit gehen laſſen konnten, welche ihren Werth fühlenden Leuten dieſes Standes eigen zu ſein pflegt. Die Gaſtſtube des Dornbuſches vor dem Spittelthore beſaß alle Reize einer ſogenannten Soldatenkneipe. Hier gehörte es zu den Ungewöhnlichkeiten, nicht faſt jeden Augen⸗ blick wenigſtens eins der gangbarſten Fluchworte zu vernehmen, wie es auf dem im Hinterhauſe befind⸗ lichen Tanzboden ſelten ohne oft bedeutende Dimen⸗ ſionen annehmende Schlägereien zwiſchen Soldaten und Handwerksgeſellen abging, wenn letztere ſich nicht den Anmaßungen der hier herrſchenden Kriegerkaſte fügen wollten. An einem Sonntagabend hatten ſich ein paar Korporale, ein junger Mann und ein in Jahren ſchon vorgeſchrittener Fremder an einem dicht beim Kachel⸗ ofen ſtehenden Tiſch zuſammengefunden. Der ältliche Fremde war nach der Titulatur, die ihm die Andern beilegten, Doctor, der ſich ſchon einige Zeit in Deſſau aufhielt und nach ſeinen Reden ſich hier ganz nieder⸗ laſſen wollte, wenn er nämlich erſt die Ueberzeugung habe, daß es für ſeine Praxis etwas abwerfe. Letztere beſtand, wie ſich aus dem Verlaufe des Geſprächs ergab, in der Thierheilkunde, und es war, wenigſtens 3* —— ————— 36 in den Augen der bei ihm Sitzenden, gar nicht zwei⸗ felhaft, daß er in ſeinem Fache ein ſehr kenntnißvoller Mann ſei, da er vieler Herrn Länder bereiſt, um ſich in ſeiner Wiſſenſchaft auszubilden. Der Herr Doctor wußte mit einer Würde zu ſprechen, die ſofort über⸗ zeugte, daß er nicht zu der gewöhnlichen Klaſſe von Leuten ſeines Standes zähle, die nur ums liebe täg⸗ liche Brod arbeiten. Während er den ihm aufmerkſam Zuhörenden in einer großen Erklärung über die Verſchiedenartigkeit des Temperaments der ungariſchen und deutfchen Pferderaſſen auseinander ſetzte, daß ſich, wie leicht ein⸗ zuſehen, auch die Krankheiten dieſer Thiere nach ihrem in mancher Beziehung durch die klimatiſchen und Bodenverhältniſſe ihrer Heimat bedingten Naturell verſchiedenartig geſtalteten und mithin auch ebenſo zu behandeln ſeien, gab es eine kleine, aber unfreundliche Scene zwiſchen einem gemeinen Soldaten und dem ins Haus gehörenden Schenkmädchen auf der andern Seite des mächtigen Kachelofens, wo der Eingang in die Küche ſich befand. „Kriecht Er mir denn aufSchritt und Tritt nach?“ eiferte das aus der Küche haſtig eintretende Mädchen.„Das habe ich ſatt, daß Er's weiß, ich vertrag' ſolche Nachſchlei⸗ cherei nicht von'nem Andern, geſchweige denn von Ihm.“ 37 „Aber, Roſel, ſei Sie doch nicht ſo aufgebracht. Warum will Sie mich denn nicht lieben? Was fehlt mir denn, daß Sie mir gut ſein kann?“ „Er iſt mir zu lang“, warf das Mädchen ſpöt⸗ tiſch ein. „Du mein Gott, was das nun wieder iſt!“ ent⸗ gegnete der Soldat mit ſanfter Stimme.„Das kann doch Ihr Ernſt nicht ſein, Roſel?“ „Warum denn nicht? Ich liebe einmal die Hopfen⸗ ſtangen nicht, merk' Er's.“ „Ja, kürzer kann ich mich nicht machen“, redete der Soldat niedergeſchlagen.„Meine Größe iſt eben mein Unglück, da hat Sie ganz Recht. Deswegen haben ſie mich auch hier angeworben; ein paar Köpfe kleiner, hätte ſich kein Teufel um mich bekümmert und ich trüge heute noch meine Gärtnerſchürze und hätte es mit Blumen und Bäumen zu thun, ſtatt daß ich jetzt den verdammten Schießprügel ſchleppen muß. 's iſt ein recht unglückliches Schickſal über mich ge⸗ kommen! Der Gefreite Liebſcher, der doch auch faſt ſo lang iſt wie ich, ſcheint Ihr doch ganz angenehm zu ſein. Sie lacht ja, wenn er mit Ihr ſchwatzt.“ „Ich lache, wenn ich will und mit wem ich will, verſteht Er? Um mein Lachen hat ſich Niemand zu kümmern“, antwortete Roſel patzig. „Na, ich meine nur ſo, liebſte Jungfer; fahre Sie nur nicht gleich auf. Sie ſieht ja, daß ich'n ſeelenguter Kerl bin, und das kann Sie mir doch nicht zum Ver⸗ brechen auslegen, daß ich Sie über die Maßen liebe.“ Das Mädchen ſchlug eine laute Lache auf und ent⸗ gegnete kurz:„Ich mag aber von Seiner Liebe nichts wiſſen. Jetzt pack Er ſich, ſonſt wird's böſe zwiſchen uns. Das wäre mir gerade recht, mich mit Ihm ab⸗ zugeben, als wären keine Andern da, die mir zehn⸗ mal beſſer gefallen als Er. Verſuch' Er's nicht, mir wieder nachzukommen, ſonſt erlebt Er einen ſo hölli⸗ ſchen Spektakel, daß Er ſein ganzes Bataillon auf den Hals kriegt.“ „Das könnte Sie an mir thun?“ fragte der lange Anbeter beſtürzt. „Probir' Er's nur, da wird Er's ja ſehen.“ Mit dieſer ſehr determinirten Entgegnung ging Roſel in die Küche und der Abgewieſene ſetzte ſich mit einer Wehmuth ohnegleichen auf die Bank am Ofen nieder, ſeinen Kopf wie ein Sterbensmüder an die kalten Kacheln legend, welche die ungeheure Blech⸗ röhre einfaßten, die als ein gewaltiges Guckloch den Durchblick nach der andern Seite geſtattete und im Winter ſich ſehr nutzbar zum Wärmen von Spei⸗ ſen und Getränken erwies. — — 39 „Iſt das nicht ein Unglück über's andere, das mich trifft!“ ſeufzte dieſer im vollſten Sinne des Wortes gepreßte Kriegsmann, der ſeiner Gemüthsart nach je⸗ denfalls beſſer unter Blumen und Küchengewächſen als unter ſeiner wilden Kameradſchaft am Platze geweſen wäre.„Keine Liebe, aber Fuchtel— ach,'s iſt nicht zum Aushalten! Wenn ich fort könnte— wenn ich das könnte! Aber wie? Ich bin zum Deſertiren zu lang, falle jedem Dummkopf deswegen auf, werde ge⸗ faßt, zurückgebracht, falle dem Kriegsgericht anheim und ſie hängen den langen Libuſch mit ſeinem guten Herzen ohne Gnade auf.“ Der letztere Gedanke durchſchauerte den armen Kerl ſo ſichtbar, als ob ihm eiskaltes Waſſer den Rücken hinabliefe. Die Hände im Schooße gefaltet, ſchloß er die Augen, und Jeder, der ihn geſehen hätte, würde ihn für einen Schlafenden gehalten haben. Auch der Kummer hat ſeine Ruheſtationen; der lange Libuſch war auf einer ſolchen angelangt und würde trotz des Summens der mancherlei Stimmen in der Gaſtſtube vielleicht wirklich zum Einſchlafen gekommen ſein, wenn nicht das, was von den auf der andern Seite des Ofens ſitzenden vier Perſonen geſprochen wurde, durch die Röhre des gewaltigen Ofens einen Weg zu ſeinem hart an derſelben liegenden Ohre ge⸗ funden und ſeine Aufmerkſamkeit angeregt hätte. Er hörte Folgendes ſprechen: „Philipp Gruner heißt er. Se. Durchlaucht hat ihn erſt vor ein paar Monaten nach ihrer Rückkehr von der Reiſe ins Reich, auf die Hochdieſelbe ihn mitgenommen, zum Korporal ernannt.“ „Ja, er ſpielt's gute Kind bei Sr. Durchlaucht, wir Andern gelten kalle nichts gegen den. Meinen Kamerad Wenzel hier und mich hat das ſchon manch⸗ mal ſchwer crepirt. Na, ich denke,'s wird ſchon noch mal'n Tag kommen, wo's Faß den Boden verliert.“ „Das klingt ja faſt, als ob die Herren nicht mit dieſem Kameraden ſtimmten!“ „Mit dem ſollen wir ſtimmen, wir, alte Korporale, die Pulver gerochen haben, ehe an dieſen ſtolzen Dummrian zu denken war? Nein, dazu halten wir uns doch noch für zu gut. Gelt, Wenzel?“ „Es iſt ſo. Mein Kamerad Fleiſcher hat Recht. Straf' mich Gott, ich habe den hoffärtigen Burſchen im Magen! Glaubt der Herrn Doctor wohl, daß der Menſch mit uns in Geſellſchaft ginge oder ſpräche, wie doch alle jungen Chargirten thun, wenn ſie die Ehre haben, auch chargirt zu werden? Behüte! Könnte dem Narren ja eine Perle aus der Krone fallen.“ 41 „Machen's die Herren im Aerger nicht auch gar zu ſchlimm?“ „Wenn der Herr Doctor das glaubt, darf Er nur die andern Korporale, unſere Kameraden, fragen, da wird Er ganz daſſelbe Lied ſingen hören.“ „Nun, nun, ich glaub's ſchon, glaub's ſchon.“ „Freilich iſt's unbegreiflich, wie ein Menſch ſo gegen ſeinen eigenen Vortheil ſein kann. In unſerm Umgange könnte er ſich bilden, könnte Manches ler⸗ nen, wovon er noch gar nichts weiß, aber bewahre! Weil Durchlaucht ihn wie einen Cavalier behandelt, denn der Teufel ſoll mich holen, wenn er dem Philipp nur jemals ein unſchönes Wort geſagt hätte, während er gegen uns gleich alle Donnerwetter losläßt, und weil Feldwebel Brommer ſein guter Freund iſt, deſſen Tochter er heirathen ſoll, denkt er, wir wären ihm viel zu gering, als daß er ſich mit uns abzugeben brauchte. Gelt, Wenzel?“ „Es iſt ſo, Kamerad Fleiſcher ſagt die Wahrheit. Wie ſind wir denn aber auf den Philipp gekommen? Ja, der Herr Doctor fing von ihm an. Was der Herr Doctor hinſichtlich ſeiner ſagen wollte, wiſſen wir noch nicht, wir kamen davon ab.“ „Ganz recht, wir kamen davon ab, weil ich dem Menſchen keinen Namen zu geben wußte und nur be⸗ merken konnte, daß der für mich Namenloſe mit beim Feldwebel in dem kleinen Hauſe wohne.“ „Ja, ja, ſo war's. Der Herr kennt ihn alſo?“ „Wie man's nimmt, ja und nein.“ „Wie ſollen wir das verſtehen? Ja und nein— da werde der Teufel daraus klug.“ „Weil ich nicht ſicher bin, ob mich nicht eine Aehn⸗ lichkeit täuſcht, was doch Alles möglich iſt. Es ſind jetzt wohl drittehalb Jahre, daß ich in Wien war. Ein Mann von meinem Berufe kommt viel unter die Leute,'s iſt natürlich. Eines Morgens früh kam ich vom Lande jenſeits der Donau über die Schlagbrücke und ließ mein Fuhrwerk leer ſeitab nach meiner Wohnung auf dem Salzgries fahren, weil ich noch Geſchäfte im Innern der Stadt hatte. Wie ich unter dem Rothenthurmthore bin, tritt die Wache ins Ge⸗ wehr und ein Wagen, von Gerichtsknechten escortirt, hält bei ihr an. Es war ein Verbrecher, den ſie brachten; dergleichen iſt in einer Stadt wie Wien nichts Neues. Mit dem mußt's aber was Beſonderes ſein, denn die Poſten an beiden Seiten des Thor⸗ durchgangs ließen Niemand mehr durch. Um der ſol⸗ datiſchen Zurechtweiſung zu entgehen, drückte ich mich in einen finſtern Winkel bei der Thür, die in den Thurm hinaufführt, und entging ſo den ſpähenden 43 Blicken der Soldaten. Die Thurmthür wurde geöffnet, der Schließer und ein Knecht traten zu dem Wagen. Der Gefangene mußte ausſteigen und wurde von ihnen und ein paar Soldaten hinein oder vielmehr hinauf in den Thurm escortirt. Mein Standpunkt ließ mich den Menſchen genau ſehen, vom Kopf bis zu den Füßen und— na, wie ich ſchon geſagt, ich kann mich infolge einer ſeltſamen Aehnlichkeit täuſchen, aber faſt möchte ich darauf ſchwören, derſelbe Korporal Philipp Grauer oder Gruner, der, wie Ihr erzähltet, Sr. Durchlaucht Liebling iſt, ſei der Gefangene ge⸗ weſen. Im Wiedererkennen von Leuten, die ich nur einmal ſo genau wie den geſehen, bin ich ſonſt ſehr glücklich, bin in dem Punkte mit meinen Augen und meinem Phyſiognomiegedächtniſſe ſehr zu⸗ frieden.“ Eine Pauſe folgte. Der lange anſcheinend ſchla⸗ fende Libuſch hob ganz leiſe ſeinen Kopf etwas empor, daß ſein Ohr faſt unmittelbar mit der Ofenröhre in gleicher Höhe ſich befand, durch welche günſtige Lage ihm kein Wort der Fortſetzung dieſes ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit erregenden Geſprächs verloren gehen konnte, wenn die Sprechenden es nicht vorzogen, zu flüſtern, was jedoch nicht der Fall war. Libuſch hörte nach einer Weile den Korporal Wenzel, deſſen Stimme er genau kannte, mit dem Tone der Verwunderung aus⸗ rufen: „Millionen Teufel, das wäre ja eine prächtige Entdeckung! Wenn die unſer Schwerenöther von Durchlaucht wüßte! Wie iſt denn der Herr Doctor zur hieſigen Bekanntſchaft mit dem Philipp ge⸗ kommen?“ „Auch auf eine ſeltſame Art, ohne daß er etwas davon gemerkt hat.“ „Da wäre ich neugierig. Bekanntſchaft, ohne daß er etwas davon gemerkt hat?“ „Ich ſehe die Sache als kein Geheimniß an und will ſie deshalb den Herren erzählen. Vor ein paar Tagen machte ich, da ſo milde Luft war und ich den Tag über mit Bereitung von Arzneien zugebracht hatte, des Abends einen Spaziergang um die Stadt. Als ich von demſelben durch das Zerbſter Thor zurück⸗ kehrte, war es auf den Gaſſen ſchon ſtill geworden, und der Mond ſchien trübe durch die Abenddünſte. Wer gewohnt iſt, in der Welt bald hier, bald da ſich aufzuhalten, der hat auch für Alles, was ihm vor⸗ kommt, ein aufmerkſames Auge. So ward ich auf⸗ merkſam auf drei Perſonen, die aus der Thür eines kleinen Hauſes heraustraten und leiſe mit einander redeten. Es waren ein Soldat, eine hochgewachſene 45 ſtolze Figur, und zwei Frauenzimmer. Das eine ging ins Haus hinein zurück, das andere ging von dem Soldaten begleitet fort. Aha, ein kleines Herzensge⸗ heimniß, dachte ich bei mir, als ich ſah, wie beide recht angelegentlich mit einander ſprachen, und ging langſam nach. Die Beiden eilten auch nicht ſehr, ſo⸗ daß ich ſie immer im Auge behielt, ohne es zu beab⸗ ſichtigen, denn was ging's eigentlich mich an? Da mein Weg ebenfalls wie der ihre über den Markt an der Marienkirche vorbeiführte, ſo machte mir's zu⸗ letzt faſt Spaß, auf ſie zu achten. Ich ſah, wie beide im tiefen Schatten der Kirche eine Weile ſtehen blie⸗ ben, dann eilte das Frauenzimmer flüchtig wie ein Reh dem Schloſſe zu, während der Soldat ihr, ſo⸗ lange er konnte, nachſah und endlich den Weg zurück⸗ ging, den er gekommen. Er mußte an mir vorüber. Seine ſchöne ſtolze Figur lockte mich, ihn anzuſehen; der Mond, der ſich durch die leichten Abendſchleier hindurchgekämpft hatte, begünſtigte meine Neugier, denn ſein Licht war ſo hell, daß ich jeden Zug im Geſichte des an mir vorbei Paſſirenden deutlich ſehen konnte. Er war oder ſchien mir vielmehr derſelbe zu ſein, den ich als Gefangenen in die Kerkerzellen des Wiener Rothenthurmthors hatte bringen ſehen. Ich fühlte mich ſo ſehr von dieſer Begegnung überraſcht, 46 daß ich ihm wie im halben Traume nachſchaute. „Wie iſt das möglich, daß zwei Leute ſich einander ſo ähnlich ſein können? ſagte ich zu mir.„Sollte das wirklich eine Täuſchung von mir ſein? Indem ſah ich einen Handelsjuden mit einem ſchweren Pack auf dem Rücken aus der Richtung herankeuchen, in der der Soldat fortgegangen war.„Kennt Er den Soldat, der Ihm jetzt begegnet iſt?“ fragte ich. Der Mann bejahte meine Frage, und da ich ein Stück Weges mit ihm ging, erfuhr ich, daß der betreffende Soldat beim Feldwebel Brommer im Quartier liege und deſſen Tochter heirathen werde. Natürlich kamen mir, als ich dies hörte, eigenthümliche Gedanken dar⸗ über, denn wenn einer um ein Mädchen freit, beglei⸗ tet er doch nicht ein anderes nach Hauſe und hält ſo lange Beſprechungen unterwegs mit—“ „Mort de ma viel“ unterbrach ihn der junge Mann, der bisher noch kein Wort zu all dem gegeben hatte, und ſetzte in einem etwas ſchwerfälligen Deutſch, das ihn als Ausländer bezeichnete, hinzu:„Mir geht auf ein Licht. Ah, Monsieur le Docteur, gebe Sie mir gütig den Signalement von der Demoiſelle, ge⸗ laufen in die Schloß.“— „O, das kann ich ſchon, nämlich ſoweit es die Klei⸗ dung betrifft, denn im Geſicht habe ich das Mädchen 47 nicht ſehen können. Schlanke, mittelgroße Figur, ein⸗ gehüllt in ein großes Tuch oder Mantel, was es war, welches oder welcher auf hellem Grunde dunkle breite Streifen hatte.“ „Sacre Dieu! Ick kenn' ihr— ick kenn' ihr!“ „Iſt doch nicht möglich! Mosje Clarin kennt ſie?“ „Oh parbleu, ick kenn' ihr an dem manteau. Iſt geweſen Mademoiſelle de Milagsheim, die eirathen will mon maitre, Monsieur le Bourgmestre Bonnafox.“ „Kann ich doch faſt nicht glauben, daß eine vor⸗ nehme Dame ſo viel Geheimnißvolles mit dem Kor⸗ poral Philipp zu beſprechen hätte. Mir ſchienen die Beiden ſehr intim mit einander zu ſein.“ „Was das für verfluchte Geſchichten ſind! Gelt, Wenzel?“ „s iſt ſo, Fleiſcher. Wie geſagt, der Philipp iſt 'n verfluchter Kerl.“ „Na, höre, wenn er da was eingefädelt hätte— verſtehſt ſcon— könnt's ihm doch'n paar Tage ſchlecht gehen. Unſere Schwerenoths⸗Durchlaucht hat, wie ich gehört habe, dem Bürgermeiſter das Fräulein ſelber zugeſagt, und wenn unſerm Schnurrbart ſolche Teufelei durch den Kram führe, möcht's böſe werden.“ Der lange Libuſch hatte mit einer Aufmerkſamkeit zugehört, die ſonſt gar nicht in ſeiner Art lag. Jetzt vernahm er, wie ſich Mosje Clarin in ſeinem Kau⸗ derwelſch über ſeines Herrn Verhältniß zu Fräulein von Milagsheim ausließ, woraus erſichtlich wurde, daß der Herr Bürgermeiſter ſteif und feſt daran glaube, daß ſeine ſchöne Zukünftige ein Geheimniß verberge, welches ihm hinſichtlich deren Gegenliebe im Wege ſtehe, und er, Clarin, ſehr froh ſei, daß er ſeinem Herrn jetzt einen Wink geben könne, wie viel⸗ leicht der Mosje Korporal mehr von dem Geheimniß der ſchönen Mademoiſelle wiſſe, vielleicht den Mit⸗ telsmann für einen unbekannt bleiben wollenden Herrn Offizier mache. Nachdem über letztere Annahme ein Langes und Breites geſprochen worden, äußerte der Doctor noch gegen Clarin, daß er bei ſeinem Herrn ſich nur auf ihn berufen ſolle; dann erhoben ſich die vier Per⸗ ſonen und verließen zuſammen die Gaſtſtube zum Dornbuſch. Libuſch, der von allen unbeachtet die ſehr bequeme Rolle des Schlafenden geſpielt hatte, blinzelte ihnen nach und entfernte ſich nach einer Weile ebenfalls, aber durch den Ausgang zur Küche. Dieſer als Sol⸗ dat beklagenswerthe lange Burſche hatte vielleicht in ſeinem Leben noch nie eine ſolche Menge auf ihn ein⸗ ſtürmender Gedanken in ſich zu ordnen gehabt als eben 49 jetzt, was ihm bei der Schwerfälligkeit und Unge⸗ wohntheit, mehr zu denken, als er gerade für den engen Kreis, in welchem er ſich bewegte, nöthig hatte, keine geringe Mühe verurſachte. Er fand ſich daher 3 in eine große und ſeltene Aufregung verſetzt und ge⸗ 3 langte nur nach ſchwerem Arbeiten ſeiner unvoll⸗ T kommenen Reflexionsfähigkeit zu einer beſtimmten An⸗ l⸗ ſchauung alles deſſen, wovon er unbemerkt Ohren⸗ 8 zeuge geworden war. Seine Liebe zur ſchnippiſchen tt⸗ Roſel hatte er vergeſſen, und dieſer Umſtand war Ur⸗ rn ſache, daß er, anſtatt in den Tanzſaal hinaufzugehen, von welchem die Muſik ihre ein junges Blut leicht ver⸗ nd lockenden Töne in den Hof hinabſendete, den Dorn⸗ och deuſch verließ und langſam nach der Stadt trollte, auf ohne zu einem rechten Entſchluſſe gekommen zu ſein, per⸗ was er eigentlich mit der ihm ſo unerwartet gewor⸗ zum ddeenen Kenntniß des gegen den Korporal Philipp an⸗ geſponnenen Complots anfangen ſolle. Dem armen Burſchen wohnte indeß eine Tugend inne, die endlich den Durchbruch eines feſten Ent⸗ ſchluſſes bei ihm zu Wege brachte. Er hatte es nicht . vergeſſen, daß der jetzige Korporal Philipp ihm eine t in harte Strafe erſpart hatte. Mit einer wahrhaft innern ein Befriedigung verurtheilte nämlich der Fürſt jeden auf eben dem Poſten ſchlafend gefundenen Soldaten zum Krumm⸗ 4 2 ‿ 5 Carion, Der alte Deſſauer. III. geſchloſſenwerden und einer bedeutenden Anzahl nach allen Regeln der Prügelkunſt applicirten Stockſtreichen. Der damalige Gefreite Philipp hatte ihn nicht ange⸗ zeigt, und dafür wollte ihm Libuſch dankbar ſein. Gleich am frühen Morgen, als kaum der Tambour die Reveille geſchlagen, fand er ſich bei Korporal Phi⸗ lipp ein und vertraute ihm, was ihm am Abend vor⸗ her zur Kenntniß gekommen. Es war kein kleiner Schreck für Hubert, zu erfah⸗ ren, daß es Jemand in der Stadt gäbe, der in ihm den ehemaligen Gefangenen des Rothenthurmthors er⸗ kannt habe. Das beängſtigende Gefühl eines Verraths trat ihm plötzlich nahe, doch ſah er auch die Noth⸗ wendigkeit ein, Libuſch gegenüber keine Befangenheit zu zeigen. 1 „Wo wohnt der Doctor, der in mir einen Sträf⸗ ling erkannt haben will?“ fragte er ſcheinbar gleichgültig. Libuſch konnte das nicht ſagen, er hatte den in Rede Stehenden nicht einmal genau beim Verlaſſen der Gaſtſtube geſehen. „Ich möchte den Kerl kennen lernen, um ihm vors Quartier zu rücken“, ſagte Hubert im gangbaren Sol⸗ datentone.„Er hat vielleicht Zeit, Libuſch, ihn ausfindig zu machen, meine Tagesſtunden ſind beſchränkt.“ „O ja, Herr Korporal, ich kriege ihn ſchon raus, da iſt mir nicht bange drum. Die Stadt iſt ja nicht ſo unbändig groß.“ „Soll mir lieb ſein, kann Ihm vielleicht gelegentlich auf eine oder die andere Art einen guten Dienſt erweiſen.“ Libuſch verzog ſein wenig Geiſt verkündendes Ge⸗ ſicht zu einem auffälligen Schmunzeln, wie ohngefähr ein Feinſchmecker es zeigen würde, dem ein Mahl von lauter auserleſenen Gerichten in Ausſicht ſteht.„Na, das könnte ſchon kommen“, ſagte er.„Ich hätte wohl was auf'm Rohre, wenn ich das locker kriegen könnte, 's würde mir lieb ſein.“ „Was hat Er auf'm Rohre?“ „Wenn mich der Hofgärtner als Hülfsarbeiter an⸗ nähme. Bin gelernter Gärtner und arbeite, mit Re⸗ ſpect zu melden, wie'n Bär. Ich brauchte mich dann nicht mit dem verdammten Schießprügel rumzuquälen und verdiente mir noch extra'n paar Groſchen. Das wäre wirklich gut für mich.“ „Komme Er morgen früh um die jetzige Zeit zu mir her, will mit dem Hofgärtner Seinetwegen ſprechen.“ „Herr Korporal, wenn Er mir das Accidenzel ver⸗ ſchaffen könnte, meiner Seel', ich vergäße es Ihm im Grabe nicht.“ Hubert hatte in Gegenwart des langen Libuſch die Beſtürzung bemeiſtert, in die ihn deſſen Mittheilung 4* verſetzt. Doppelter Verrath war ihm unwiſſentlich ganz nahe gerückt; ſollte es nur Spiel des Zufalls ſein oder verbarg ſich Abſichtlichkeit unter deſſen Maske? Selbſt wenn blos erſterer hier thätig gewe⸗ ſen, hatte er alle Urſache, vor den Wirkungen zu er⸗ ſchrecken, die er herbeiführen konnte. Als düſtere Ahnung ſtieg es in ihm auf, daß er einer Gefahr gegenüber ſtehe, die über ſeine nächſte Zukunft entſcheiden werde. Wer war der Doctor, der ihn unter dem Rothen⸗ thurmthore geſehen und trotz der großen Veränderung ſeines Aeußern ſogleich wiedererkannt hatte? War dies ein merkwürdiger Zufall oder ſteckte mehr dahinter? Sollten diejenigen, die ihn verfolgten, in der Perſon dieſes Fremden auch hier feſten Fuß gefaßt haben? War es nicht auffällig, daß derſelbe auch ſeinem ge⸗ heimen Verhältniß mit Regina auf die Spur gekom⸗ men? Bei ſchärferem Nachdenken mußte ſich ihm die Ueberzeugung immer unabweislicher aufdrängen, daß hier von Zufall keine Rede ſein könne, man ihn viel⸗ mehr noch immer verfolge und daß man ſeine Spur entdeckt habe; ja dieſe Ueberzeugung wurde zur un⸗ umſtößlichen Gewißheit, wenn er gewiſſe Vorgänge, die ihm dabei wieder ins Gedächtniß kamen, damit zuſammenhielt. 1 Regina hatte ihm vor längerer Zeit mitgetheilt, 53 daß von dem Kurfürſt⸗König Auguſt von Dresden aus an den Fürſten Leupold die vertrauliche Auffor⸗ derung ergangen, wenn ſich unter deſſen Regimente ein Individuum fände, welches ſich für den Sohn des verſtorbenen Gouverneurs von Siebenbürgen und Generalfeldmarſchalls Grafen Buſſy⸗Rabutin ausgäbe, daſſelbe nach Dresden auszuliefern. Damals hatte man ſeine Spur verloren, man hätte ſonſt dieſen Weg, ſeiner habhaft zu werden, nicht eingeſchlagen; der Name Philipp Gruner ſchützte ihn vor Entdeckung und ſeine Anſtellung in der fürſtlichen Militärkanzlei ent⸗ zog ihn der Spionage. Die Begegnung mit dem dem Jeſuitenpater ſo täuſchend ähnlichen Manne zu Nürnberg erhielt in ſeinen Augen jetzt auch eine viel ernſtere Bedeutung, und es bedurfte keines langen Nachgrübelns, um ſich zu ſagen, daß, ſeitdem man mit Gewißheit wußte,welches Incognito ihn deckte, auch die Beſtrebungen ſeiner raſtloſen Feinde einen feſten Grund und Boden gefunden hatten, um in aller Stille gegen ihn zu handeln. Es konnte nicht anders kommen, als daß Hubert zu dem Entſchluſſe ſich bewogen ſah, des Doctors Bekanntſchaft zu machen, um ſeinen Feind kennen zu— lernen und der von demſelben ihm drohenden Gefahr ins Geſicht zu ſchauen. Er war es müde, der Gejagte zu ſein, mochte es kommen, wozu es wollte. Freilich ſtieg auch der Gedanke an Regina in ihm auf, aber wie peinigend dieſer auch war, ſo hielt er doch ſeinen Entſchluß feſt, denn ſie hatte, wie er ſich ſagte, den gerechteſten Anſpruch auf Löſung des ſeine Geburts⸗ rechte umhüllenden Geheimniſſes. Als eine Haupt⸗ nothwendigkeit erkannte er, ſie vor einer Entdeckung ihres Liebesverhältniſſes zu bewahren, denn es war vorauszuſehen, daß man nun auf ihre Wege außer⸗ hab des Schloſſes ein ſcharfes Auge haben werde, da Mosje Clarin, des Bürgermeiſters Diener, jedenfalls das, was er erfahren, ſeinem Herrn nicht verſchweigen werde. Ihre Beſuche in Feldwebel Brommer's Hauſe mußten entweder ganz aufhören oder zu einer Tages⸗ zeit geſchehen, wo ſie ohne Begleitung nach dem Schloſſe zurückkehren konnte. Die Jahreszeit war ſo weit vorgeſchritten, daß der Schloßgarten ihnen, ob⸗ wohl damit immer Gefahr verbunden blieb, zuweilen die Möglichkeit einer Zuſammenkunft bot, und dieſer Gedanke brachte ihm wieder des langen Libuſch Wunſch, beim Hofgärtner Hülfsarbeiter zu werden, in Er⸗ innerung. Gelang es ihm, den Hofgärtner zur An⸗ nahme dieſes Burſchen zu bewegen, ſo hatte er in demſelben einen ſichern Freund, der durch dankbare Treue erſetzte, was ihm an Genie abging. 55 Hubert war nicht ohne Hoffnung, daß ſeine Em⸗ pfehlung des langen Libuſch beim Hofgärtner einen guten Erfolg haben werde. Er hatte dem Manne mehrmals Gefälligkeiten erwieſen, indem er ihm Ta⸗ bellen geſchrieben und dadurch dem mit der Feder nicht ſehr Vertrauten eine ſaure Arbeit abgenommen, und die Ausſicht, auch ſpäter ſich durch den Korporal dieſer Mühe überhoben zu ſehen, mußte vernünftiger⸗ weiſe bei ihm als Motiv zur Bewilligung der Annahme des langen Burſchen dienen. Mit ſolchen Gedanken und Vorſätzen im Kopfe begab ſich Hubert auf die Kanzlei. Die letzten Apriltage, warm und ſonnig, hatten einem ſchönen Mai die Bahn gebrochen, welcher nun ſeinen reichen Blütenſegen in aller Herrlichkeit ent⸗ faltete. Ein wunderbarer Hauch fröhlichen Lebens ging durch die Natur, die, in der Fülle ſaftigen Grüns prangend, alle Weſen ohne Unterſchied zum Genuſſe einlud. Und keins ließ ſich nöthigen, an dem großen Freudenmahle Theil zu nehmen. Die Vöglein auf den Zweigen läuteten ihre viel⸗ ſtimmigen Hochzeitsglöcklein und es gab ein luſtiges Haſchen und Flattern in der luftigen, duftigen, grünen Baumwelt, und auf den im ſonnefunkelnden Sma⸗ ragdglanz ſchimmernden Wieſen ſummten Tauſende von Bienen geſchäftig durcheinander, von den zarten, ihnen aufgethanen Blumenkelchen ſüßen Nektar nippend. Das Gewürm im Staube, dem die Wieſe ein Urwald iſt, huſchte unter den Gräſern flüchtig hin und her, Nahrung ſuchend, die jetzt ſo überreich geboten war aus dem Füllhorn des Wonnemondes, dem zu(Ehren die Mücken in dichten Schwärmen ihre Gauklertänze auf⸗ führten, und mit ſchwirrenden Flügeldecken feierten die Käfer ihren kurzen Lebensrauſch im Sonnengolde, das von der unermeſſenen Höhe herabfloß in zahl⸗ loſen Millionen warmer Lichtſtrahlen, die aus dem Muldenſpiegel ein goldfunkelndes Wiederleuchten hervor⸗ riefen, denn jeder dahinrinnende Tropfen Waſſer war zum Demant umgewandelt, der ſeine farbigen Blitze in das Lichtmeer zurückwarf, das über Wald und Wieſe und Strom dahinfloß als heiliger Gottes⸗ ſegen. Wie es nun aber einmal iſt in der Natur, daß Luſt und Leid aus einem Becher den vergänglichen Weſen, welcher Art ſie auch ſein mögen, ob höchſtbe⸗ gabte oder mindeſt ausgeſtattete, ſcheinbar verkümmerte, kredenzt wird, ſo auch war dieſer goldene Freuden⸗ traum durchwürzt mit dem Wermuth des Todes; un⸗ zählige der gaukelnden Mücken, leicht ſchwebenden Libellen, bunten Käferchen verloren ihr Daſein im 57 Schnabel geräuſchlos dahinſchießender Schwalben. Es war Alles ſo wunderbar ſchön und luſtig und doch ebenſo wunderbar voll nicht raſtenden Wehes, damit der Schatten nicht dem Lichte fehlte. Freudenglocken und Trauerglocken läuteten ſcheinbar wirr unterein⸗ ander hinein, aber ſie klangen alle in einer Harmonie aus, und das iſt eben das größte Wunder, in dem ſich der Unbegreifliche bekundet. Der Thiergarten prangte als prächtig grüne Hei⸗ mat voller Frieden und voller Freuden. Fürſt Leu⸗ pold, ſeine Gemahlin und Familie ſtatteten, wie das ſo eingeführte Sitte war, dieſer grünen Welt ſtets im Maimonat mehrere officielle Beſuche ab. Beim alten Langermann gab's da Milch und friſches Brod, Schinken, Butter, Bier und Branntwein als Er⸗ quickung, und die ſonſt oft brummige Durchlaucht ſah es ſogar gern, wenn auch andere reſpectable Leute aus der Stadt dabei ſich einfanden. Wer die fürſtliche Familie ſo vor dem Langermann'ſchen Hauſe an einer großen, mit weißem Linnen bedeckten Holztafel ſitzen ſah, dem mußte die patriarchaliſche Einfachheit, die dem Gewaltigen und ſeiner Familie ſo offenbar be⸗ hagte, wohlgefallen. Dieſe Stunden gehörten zu den guten in des Fürſten ſonſt eben nicht für das Idyllliſche geſchaffenem Daſein; er war da voller Humor, und ob⸗ wohl ſeine kernige Art öfters etwas anſtößig erſchien, denn er förderte bei ſolchen Gelegenheiten eine Menge ſtarkgepfefferter Soldatenſpäße zu Tage, ſo verſöhnte doch ſeine ſich ohne alle Zurückhaltung gebende gute Laune Jeden mit ihm, der ein leibhaftes Ungethüm, das ſich nur in wilden Zornwallungen wohl fühlen könne, in ihm zu finden geglaubt hatte. An einem jener prächtigen Maitage, wie wir ſie oben geſchildert, hatte Frau Martha Langermann un⸗ bändig viel zu thun. Fürſt Victor von Bernburg, Prinzeß Louiſens Bräutigam, war auch mitgekommen, und mehrere Offiziere und reſpectable Leute aus der Stadt hatten ſich gleichfalls eingefunden. Die von Sr. Durchlaucht mitgebrachten Bedienten waren der würdigen Frau als Beiſtand beigeordnet und dieſe recht⸗ zeitige Hülfe erleichterte das Bedienen aller der Labung Bedürftigen bedeutend. Der alte Langermann hätte ſich's an ſolchen Tagen nicht nehmen laſſen, hinter ſeines gnädigſten Jagd⸗ herrn Sitz zu ſtehen, und da ſtand er auch wirklich aufgepflanzt in ſeiner Waldlivree, wie er ſeinen Jagd⸗ rock nannte, ſteif und ehrbar wie eine angemalte Nim⸗ rodſtatue, der man die Verwitterung auf den erſten Blick anſieht, während ſein Weib wie ein luſtiges Wieſel hin und her flitzte und überall nach dem Rech⸗ 59 ten ſchaute, daß Niemandes Wunſch nach einer Labung unerfüllt bleibe. Die gute Alte war eine ſehr würdige Namensſchweſter der geſchäftigen Martha, und wenn ſie nachgeſehen, ob es den jungen Prinzeſſinnen, die mit ihrer gnädigſten Mama das eine Ende der Tafel eingenommen hatten und tapfer der mit fettem Rahm verſetzten Milch zuſprachen, an nichts mangle, rannte ſie wieder nach dem andern Ende, wo Herr Leupold präſidirte. In der Eile und im Beſtreben, ihre Devotion vor dem gewaltigen Herrn, der heute ſo „minelgut“ war— welchen merkwürdigen Ausdruck ſie in der Regel auf ihre Hauskatze anzuwenden pflegte, wenn dieſe gemüthlich ſchnurrend ſich den hohen Buckel an ihr ſtrich— durch immer wiederholte Knixe an den Tag zu legen, ſtolperte ſie über Durchlauchtchens lang hingeſtreckte Beine. Dieſen Verſtoß machte ſie aber ſogleich wieder gut, indem ſie ohne weiteres nach gehörig tiefem Knixe niederkniete, Durchlauchtchens lange Beine ſehr zärtlich tätſchelte und tauſendmal um Verzeihung bat, daß ſie mit denſelben in ſo un⸗ angenehme Berührung gekommen. „Sie hat ja heute ganz verfluchte Kinkerlitzchen an ſich, Alte“, ſagte Herr Leupold lachend.„Thut mein Seel', als wären meine Stelzen von Marzipan, mit dem ſie gar vorſichtig des Zerbrechens wegen um⸗ gehen müſſe. Das hat Sie nicht nöthig, unſereins iſt von richtigem feſtem Stoffe. Und erſpar' Sie ſich ihr ewiges Geknixe! Wiſſen ja, wie wir mit einander ſtehen, alte Martha. An Blödigkeit ſterbe ich nicht, darauf kennt Sie mich. Wenn ich was brauche, werd' ich's Ihr ſchon beibringen.“ „Na, Durchlauchtchen verſtehen's Beibringen präch⸗ tig; Franzoſen und Schweden ſind längſt darüber ins Klare gekommen“, entgegnete Frau Langermann in ihrer vertraulich geſchwätzigen Weiſe. meinen, daß ich da auch nicht im Trüben bleiben könne, wenn Durchlauchtchen die Gnade haben, mich zu haranguiren.“ Der Fürſt lachte unbändig. die alte Turteltaube, wie ſie mir heute um den Bart geht!“ rief er, und ſich zu dem hinter ihm ſtehenden Langermann wendend, rief er dem luſtig zu:„Peter, Dein Weibsbild iſt heute ſo liebenswürdig wie'n Rothkehlchen; paß auf, daß es Dir nicht geſtohlen wird.“ „Halten zu Gnaden, Durchlaucht, da bin ich ganz Wer ſie heute ſtiehlt, bringt ſie morgen von ruhig. ſelber wieder.“ Das alte grämliche Geſicht Peter Langermann's vervollſtändigte „Sollte doch „Na, höre nur einer den komiſchen Eindruck ſeiner trockenen 61 Antwort; er ſah faſt aus wie einer, der Zucker und Sand zugleich im Munde hat und ſehr ernſt darüber nachdenkt, wie er es anfangen ſoll, den Sand ohne Verluſt des Zuckers auszuſcheiden. „Na, ſteh' mir Gott bei, was das für ein gefähr⸗ lich Stück Mannsbild iſt!“ rief Frau Martha.„Thut, als hätte er den größten Schaden davon, daß er ein Weib am Halſe hat. Was wär' denn mit den Manns⸗ leuten los, wenn wir nicht wären! Wir ſind's Licht, wir ſind ihre Vorſehung, wir machen ihre dummen Streiche wieder gut und bringen Alles in Ordnung, was ſie in ihrem galligen Unverſtand in Grund und Boden hinein verderben wollen oder verdorben haben. Klug wollen ſie ſein,'s ſoll Alles nach ihrem Kopfe gehen— du gerechter Gott, das iſt ja ein wahrer babyloniſcher Hochmuth. Na, mir kommt nicht! Ich möchte nur wiſſen, wie confus es in der Welt aus⸗ ſehen ſollte, wenn's keine Weiber gäbe. Jämmerlich, zum Erbarmen Gottes jämmerlich!“ Das war Oberwaſſer auf Herrn Leupold's Mühle; er lachte, daß ſich ſeine ſehnige Geſtalt förmlich zu⸗ ſammenbog.„Hetz, hetz, hetz! Peter, fahr’ Er los, laſſe Er ſich nicht werfen, blaſe er à la vue!'s geht mich mit an, vertheidige Er mich, ich bin ja auch ſo zu ſagen ein Mannsbild. Schwerenoth, Peter, ſei Er nicht maulfaul, Er iſt ja ſonſt'n Kerl, der's hin⸗ term Ohr hat.“ Aber ehe der Peter zu einer Entgegnung kommen konnte, bemächtigte ſich Frau Martha ſofort des Wor⸗ tes.„Durchlauchtchen ſind ſo zu ſagen auch ein Mannsbild“, hob ſie an.„Na, das iſt wahr und ein recht tüchtiges Mannsbild, muß man Durchlauchtchen wohl laſſen; aber ich habe doch Recht und gebe nicht eines kleinen Fingers Breite nach!“ Und dabei kicherte ſie ſo merkwürdig auffallend, als wüßte ſie, daß der grimmige Herr in denſelben Schuhen ſtecke wie jeder andere Mann, deſſen dumme Streiche die Frau wieder ins Gleis gebracht hat. „Na nu, na nu, Sie kutſchirt ja heute wie Jehu auf zwei Rädern“, redete Herr Leupold.„Mir ſcheint faſt, Sie will mir auch eins verſetzen.“ „Wage ich mir in meiner tiefen Unterthänigkeit gar nicht, Durchlauchtchen, ſtütze mich nur auf die Bibel, da ſteht's drinnen, daß die Frauensleute vor alter Zeit ſchon pfiffiger als die Mannsbilder geweſen ſind. Wer hat denn dem Simſon die Haare abge⸗ ſchnitten? Die Frau Delila. Wer hat denn den Holofernes um einen Kopf kürzer gemacht? Die Judith. Wer hat denn—“ „Halt!“ commandirte der Fürſt mit Stentorſtimme. ————;—;—’xx— 63 „Der Satan hole Ihre Expectorationen aus der Bibel, mag nichts davon hören. Trolle Sie ſich, Sie iſt eine Rebellerin, habe Sie noch gar nicht ſo gekannt.“ „Ja, Durchlauchtchen, unſereins will auch ſein Biſſel Freude haben, und die habe ich, weil ich's weiß, daß wir Frauensleute nicht zu kurz weggekommen ſind, als der Herrgott den Verſtand austheilte.“ Frau Martha machte einen ſehr tiefen Knix vor dem gewaltigen Herrn und lief dann kichernd ins Haus. Der Fürſt ſah ihr nach und brummte vor ſich hin:„Die Alte hat was in Petto,'s kann nicht anders ſein; aber ich krieg's heraus; wollen mal ſehen, wer pfiffiger iſt.“ Die bei dieſer Scene in der Nähe des Fürſten ſich befanden, fürchteten, er werde in ſeiner guten Laune umgeſtimmt ſein, indeß dieſe Befürchtung erwies ſich als falſch, man verſpürte keine Veränderung an ihm, und als einer der anweſenden Offiziere zufällig das Geſpräch auf den ruhmreichen Feldzug gegen die Schweden aufs Tapet brachte, wurde Herr Leupold Feuer und Flamme; man hatte ihn in das rechte Fahrwaſſer gebracht, in welchem er ſich jederzeit wohl befand. Mit den Offizieren auf und ab gehend, be⸗ ——————— — m 64 handelte er die Einzelnheiten dieſes ihn mit dem höchſten Ruhme krönenden Feldzugs mit einem Eifer, welcher das bündigſte Zeugniß gab, mit welcher großen Be⸗ friedigung er jener Tage gedachte, die ihm in der preußiſchen Kriegsgeſchichte einen der erſten Ehrenplätze erworben hatten. Dem tapferſten Krieger ſeiner Zeit, Karl XII. von Schweden, hatte er auf rügiſchem Boden den Siegeslorbeer abgekämpft und durch die Belagerung von Stralſund ihn zur Flucht nach Schweden gezwungen. „Es iſt wahr“, ſetzte er am Schluſſe ſeiner Er⸗ klärung hinzu,„wir waren die Uebermacht, aber trotz⸗ dem ſtand die Unternehmung ſo bedenklich, daß der bei Karl XII. accreditirte franzöſiſche Geſandte Graf von Croiſſy ſich bewogen fand, da er es für unaus⸗ führbar hielt, den König aus ſeiner feſten Stellung hinauszuwerfen, an Sr. Majeſtät, meines gnädigſten Herrn und Königs, Staatsminiſter von Ilgen mit einem Friedensvermittelungsverſuche ſich zu wenden. Bah, es gab Leute genug, die vor lauter Furcht dieſem franzöſiſchen Orakel beiſtimmten; aber ich ſetzte es durch bei meinem gnädigſten Herrn, daß wir nicht wie begoſſene Hunde abzogen, ſondern unſer preu⸗ ßiſches Drauf und Dran in die Wagſchale warfen und ſo den Schweden ein Souvenir verehrten, an —.— — —.,— 65 dem ihre Herrlichkeit zu Grunde ging auf deutſchem Boden.“ Die fürſtliche Familie hatte ſich im Thiergarten zerſtreut. Der Bernburger mit Prinzeß Louiſe am Arm promenirte in den ſchattigen Alleen, in einiger Entfernung folgte ihnen Regina. Wie herrlich und lieblich war es in dem großen Gehege! Die Laubbäume glichen ungeheuern Cande⸗ labern von ſonnedurchleuchtetem Blattwerk, das ſein grün ſchimmerndes Licht maſſenhaft niederwarf, und ihre Kronen glühten wie eitel Gold. Es war ein Strom von glücklichem Leben ausgegoſſen über dieſe ſcheinbare Wildniß! In den Aeſten flatterte und trieb es ſich fröhlich umher, und beſeligende Liebestöne in allen Abſtufungen und Wandlungen drangen in des aufmerkſamen Spaziergängers Ohr. In den Blö⸗ ßen und Schneußen zogen große Trupps Dammwild nach ihren Aeſungsplätzen, in weiten luſtigen Sätzen die jungen Thiere wie ſpielende Kinder hinter ein⸗ ander herjagend, während die ältern bedächtig voran⸗ ſchritten und, wenn ſie durch ein Geräuſch ſtutzig ge⸗ macht wurden, einen kurzen Galopp einſchlagend, eins hinter dem andern in flüchtigem Gänſemarſch unter den Bäumen verſchwanden. Regina, nach einem ſolchen Trupp hinſehend, be⸗ Carion, Der alte Deſſauer. III. 5 merkte nicht, daß neben ihr Jemand ging, der durch kein Geräuſch ſeine Gegenwart verrieth, denn er ſchritt wie ſie auf weichem Raſen hin. Als Regina die Augen wieder abwendete von dem fröhlich hinziehenden Trupp und den neben ihr ſchweigend Dahinſchreitenden er⸗ blickte, entſchlüpfte ihren Lippen ein Laut unwillkür⸗ lichen Schreckens. Monſieur Bonnafox ſagte in ſeinem eben nicht flüſſigen Deutſch lächelnd: „Ah, bitt' um Pardon, ſchönſte Regina, wenn ich hab' Sie erſchreckt; aber ich glaubte nicht Sie ſtören zu dürfen; ich bin ſehr modeſt gegen Damen und hoffte, daß es machen würde Ihnen ein groß Plaiſir, mich zu ſehen an Ihrer Seite als Beweis, wie ich Sie ſehr, ſehr liebe.“ „Meine Prinzeß geht da vor uns mit Ihrem gnädigſten Herrn Bräutigam“, bemerkte ihm Regina, um ſich nicht durch Schweigen eine Blöße zu geben. „Was thut das? Ich halte es für ein Zeichen von Glück, daß ich mit Ihnen denſelben Weg gehe. Sie ſind Braut und Bräutigam, auch wir.“ „Mein Herr“, hob Regina an,„vielleicht iſt es gut, daß Sie mit Ihrer Gegenwart mich überraſcht haben, denn es iſt wohl nothwendig, daß wir das Verhältniß, in das ich zu Ihnen nach Sr. Durchlaucht Willen treten ſoll, beſprechen.“ 67 „Wie gütig Sie ſind!“ rief Bonnafox.„Gewiß, ich werde ſehr glücklich mit Ihnen werden.“ „Finden Sie es nicht auch in der Ordnung, daß bei einem ſolchen Schritt, den zu thun man ſo gebieteriſch von mir verlangt, mein Glück ebenfalls in Frage kommen muß?“ „Oh surément! Wie könnte ich das ſtellen in Abrede? Daß Sie glücklich werden als meine Gemah⸗ lin, iſt nicht zu zweifeln, weil ich Sie ſehr liebe.“ „Mein Herr, ich werde den mir aufgedrungenen Mann nio, nie lieben.“ „Das iſt wohl nur eine kleine Caprice, Ma⸗ demoiſelle.“ „Nennen Sie es nicht Caprice, Monſieur Bonna⸗ fox“, rief Regina erregt.„Sie ſprechen durch dieſe Bezeichnung ein ſehr ungünſtiges Urtheil über Ihren Glauben an das Edle im weiblichen Herzen aus.“ Ueber des Bürgermeiſters Geſicht flog ein iro⸗ niſches Lächeln.„Das Herz“, ſagte er in ſcherz⸗ haftem Tone,„iſt aber nicht ſelten ein kleiner betrüge⸗ riſcher Diener, der ſeinen Herrn um Hab nnd Gut bringt, wenn er nicht Augen zum Sehen und Ohren zum Hören hat. Verſtehen Sie, Mademoiſelle, was ich ſagen will damit? Ich meine nicht, daß ein weib⸗ liches Herz allein ſoll haben das Recht zu entſcheiden; 5* o nein, auch der Verſtand muß gefragt werden, und was der ſagt, iſt immer das Rechte.“ „Nun, Monſieur Bonnafox, dann verlaſſen Sie ſich darauf, daß zwiſchen uns nie eine Verbindung zu Stande kommen wird, wie ſie mir aufgezwungen wer⸗ den ſoll, denn— es thut mir leid, Ihnen das un⸗ geſcheut ausſprechen zu müſſen— Herz und Ver⸗ ſtand ſind bei mir ganz einverſtanden, Ihnen nie an⸗ zugehören.“ „Und warum nicht?“ „Weil ich mich niemals zur Heuchelei verſtehen werde. Wie könnte ich je einen Mann achten, der ſich nicht entblödet, Gewaltmittel anzuwenden, um mein Gemahl zu werden!“ „Ich weiß nichts von ſolchen Mitteln gegen Sie, Mademoiſelle“, entgegnete Bonnafox.„Wann hätte ich ſolche angewendet?“ „Indem Sie ſich des Machtworts Sr. Durchlaucht über meine Zukunft verſicherten“, antwortete Regina. „Der Mann von Ehre wird ſich nie ſo weit verirren, zu ſolchen Mitteln zu greifen.“ „Ah, darin müſſen Sie ja eben meine große Liebe zu Ihnen ſehen, ſchönſte Regina! Ich will Sie erobern, Sie ſollen mein werden. Das wollen Sie mir an⸗ rechnen zum Verbrechen?“ 69 „Und was ſagt Ihr Verſtand dazu? Sie ſprachen ja vor wenigen Augenblicken davon, daß auch der Ver⸗ ſtand befragt werden müſſe, um das Herz nicht allein entſcheiden zu laſſen. Ich hoffe, daß Sie ſo viel Un⸗ parteilichkeit beſitzen, um den Verſtand nicht blos für die Frauen als Vormund zu betrachten, ſondern ihn in dieſer Eigenſchaft auch als für die Männer geltend anzuſehen.“ „Mademoiſelle“, entgegnete der Bürgermeiſter und auf ſeinem Geſicht lagerte ſich der Ausdruck von Ver⸗ druß,„mein Verſtand ſagt mir, daß es eine Thorheit wäre, Wünſche aufzugeben, die nicht nur mein Glück, ſondern auch das Ihre begründen werden. Ich habe Sie ſehr ſtark in Verdacht, daß Sie ſich einer Schwär⸗ merei hingegeben haben, die über das Thema Liebe etwas extravagant iſt.“ „Monſieur Bonnafox!“ „Pardon, Mademoiſelle, Pardon! Ich will nicht verfallen in denſelben Fehler, zu dem Sie, wie Sie ſagten, ſich mir gegenüber nie verſtehen werden, ich meine die Heuchelei; darum habe ich Ihnen geſagt offen, was meine Anſicht iſt. Wenn Sie wollten ſein aufrichtig gegen mich, ſo hätten Sie mich ſchon längſt darüber aufgeklärt, was Sie für Liebe anſehen. Thun Sie es jetzt, ma chère, wir ſind hier ganz ungeſtört. 70 Sie werden haben an mir einen ſehr aufmerkſamen Zuhörer, auf Ehre!“ Regina warf nach dieſer an ſie gerichteten Auf⸗ forderung den Blick um ſich; das grüne, von Sonnen⸗ lichtern durchblitzte, ſo liebliche und friedvolle Gehege war wirklich geſchaffen, darin von Liebe zu ſprechen. Es kam wie der Aufſchwung eines Muthes über ſie, davon zu reden an der Seite dieſes Mannes, dem ſie frei und offen ihre Abneigung gegen eine Verbindung mit ihm erklärt hatte. Hoffte ſie vielleicht, daß er dann zurücktreten werde, wenn er in ſich ſelbſt fühlte, daß er nie den Anforderungen einer Liebe, wie ſie ſie als unerlaßliche Bedingung zum Glücke des Lebens anſah, entſprechen könne, daß ihm dazu die Eigenſchaften mangelten, welche allein einer edlen Liebe als Fun⸗ dament dienen, um ſie zu dem zu machen, was ſie ſein ſoll, zum Heiligthum in der Menſchenbruſt? Nach einer kurzen Pauſe ſprach ſie: „Ich glaube, Sie haben eine Berechtigung, eine ſolche Frage an mich zu ſtellen, ſowie ich die Ver⸗ pflichtung fühle, ſie Ihnen zu beantworten. Mir ſcheint die wahre Liebe wie ein Gedicht, in dem nichts als die Dichtung ausgeſchloſſen iſt, und doch iſt ſie ein Ge⸗ dicht, das alle Fäden unſeres geiſtigen Seins zugleich berührt, ſpannt und in eins vereinigt. Sie iſt ein — 71 Gedicht, für das keine dichteriſche Form erfunden iſt, und weil der Zauber dieſer Freiheit darauf ruht, ver⸗ ſteht Jeder es zu deuten und es ſich zu eigen zu machen. Der Hauch, der ſolchem Gedicht innewohnt, iſt göttlicher Natur, und wer ihn in ſein Herz aufge⸗ nommen, von dem fallen die Schlacken ab, die ihn noch an Aeußerlichkeiten feſſeln; der Ehrgeiz, die Eitel⸗ keit und Selbſtſucht finden keine Stelle mehr bei ihm, er wird edler, weil er demüthiger wird in dem Stre⸗ ben, das herrliche Gedicht zur Wahrheit in ſich zu verklären. Er wird fähig zu einer Hingebung, die zur Selbſtverleugnung ſich ſteigert, wenn es gilt, zu beweiſen, daß er des Herzens werth war, welches er liebte und das doch nicht für ihn ſchlug.“ „Sehr gut, Mademoiſelle, ſehr gut ſo!“ rief Bon⸗ nafox lachend.„Ich merke ſchon, wohin Sie zielen. Zuletzt werden Sie es ganz in der Ordnung fin⸗ den, wenn der Nichtgeliebte in aller Demuth ſeinem glücklichern Rival die Braut in die Arme führt. Parbleu, Ihr Gedicht iſt prächtig, ſehr ſchön; aber es iſt eben formlos, wie Sie ſelbſt ſagten, und was keine Form hat, hat auch keinen Boden in der Welt. Par⸗ don, Mademoiſelle, wenn ich Ihnen ſage, daß ich von ſolcher Extravaganz nichts halte und wünſche, daß auch Sie dieſe Phantaſien aufgeben.“ 72 Und mit Hohn fügte er nach einer kurzen Pauſe hinzu: „Von der Demuth und Selbſtverleugnung, die Sie eben erwähnten, werden Sie allerdings bei mir nichts entdecken. Ich habe Sr. Durchlaucht Zuſage, und das iſt mir genug. Ich möchte Ihnen aber doch ſtellen den Be⸗ weis, freilich ohne Extravaganz, daß meine Liebe zu Ihnen, Mademoiſelle, nicht von der Art iſt, daß ich wünſchen könnte, Sie betrübt zu ſehen, wenn der glückliche Tag unſerer Vermählung kommt.“ „Er wird nie kommen, mein Herr!“ rief Regina faſt heftig. „Echauffiren Sie ſich nicht, ma belle, es iſt unnütz“, antwortete Bonnafox lächelnd.„Er wird kommen. Attendez! Ihr Geheimniß iſt in meiner Hand. Warum werden Sie ſo bleich? Ich könnte Sie dem Geſpötte preisgeben, könnte mich rächen für die hartnäckige Zu⸗ rückſetzung, mit der Sie mich behandeln; aber ich thue es nicht, denn wie ich habe geſagt, ich will Sie nicht betrüben. Sehen Sie nach, ob nicht auch in dem von Ihnen ſo ſehr ſchön bezeichneten formloſen Ge⸗ dicht ſteht, daß, wenn der Bräutigam die Ehre ſeiner Braut ſchont, die Braut auch die ihres Bräutigams zu ſchonen verbunden iſt. Die Selbſtverleugnung weiter zu treiben, wäre Narrheit von mir.“ Mit einer leichten Verbeugung entfernte ſich Mon⸗ 73 ſieur Bonnafox auf einem den Weg kreuzenden Pfade. Er hatte die Selbſtbefriedigung erworben, Regina durch die von ihm gemachte Andeutung, ihr Geheim⸗ niß zu kennen, ſo beſtürzt werden zu ſehen, daß er nun vollkommen überzeugt war, es gäbe wirklich eins. Bis zu dieſem Momente war er noch ſehr ſchwankend geweſen, ob er annehmen ſolle, daß das, was ihm ſein Diener hinſichtlich der den Korporal Philipp und Re⸗ gina betreffenden Beobachtung des fremden Doctors vertraut, hinlänglicher Grund für ein zwiſchen beiden waltendes Einverſtändniß ſein könne. Es ſchien ihm nicht denkbar, daß Regina ſich ſo weit vergeſſen könnte, an einen Soldaten ihr Herz zu hängen, der wohl ein ſchöner junger Mann war, aber ſonſt nichts weiter für ſich hatte. Jetzt wies er den Gedanken an dieſe Möglichkeit nicht mehr zurück; die ihren Schreck ver⸗ rathende Bläſſe beſtätigte die nur mit Widerſtreben von ihm aufgenommene Vermuthung. „Sie ſcheint einen Hang zu haben, ſich mit Per⸗ ſonen einzulaſſen, welche tief unter ihr ſtehen“, redete Bürgermeiſter Bonnafox vor ſich hin, indem er den Weg nach dem Langermann'ſchen Förſterhauſe einſchlug. „Der Fiedler iſt ihr aus den Augen gerückt, da⸗ für iſt dieſer Korporal an ſeine Stelle getreten. Sacre nom de Dieu! Man muß den weitern Extravaganzen dieſer Närrin vorbeugen. Mein Bruder muß Rath ſchaffen.“ Mit dieſem Entſchluß langte er bei der Geſellſchaft an, die ſich allmälig von ihren Promenaden in dem Gehege wieder einfand. Auch Herr Leupold, der allein mit dem alten Langermann zur Beſichtigung einiger neuen, von ihm befohlenen Anpflanzungen ſich entfernt hatte, kam eben wieder zurück, aber der gnädigſte Herr ſchien bedeutend von ſeinem guten Humor verloren zu haben; ſein dunkles Geſicht hatte etwas gewitternächtigen Anſtrich und der hinter ihm her ſchreitende alte Waidmann ſchnitt auch eine Gri⸗ maſſe, die recht deutlich ahnen ließ, daß etwas vor⸗ gekommen ſein müſſe, was eben nicht erfreulich ge⸗ weſen. Und darin täuſchte ſich auch Niemand; es hatte ſich wirklich zwiſchen beiden eine Scene begeben, die, wie man zu ſagen pflegt, beide Theile in den Harniſch gebracht, den durchlauchtigen Herrn wie ſeinen unterthänigſten Diener, und zwar, was unter die Wunder gehörte, den letztern dermaßen, daß er vor der Durchlaucht kein Blatt mehr wie ſonſt vor den Mund nahm und in einer Weiſe losfuhr, die Herrn Leupold zur Ruhe brachte. Nicht mit Unrecht hatte der Fürſt geahnt, daß Frau Martha Langermann bei ihrer Behauptung, es 75 ſei die Aufgabe der Weiber, die dummen Streiche der Männer wieder gut zu machen, ſich auf etwas ſtütze, das, wie er glaubte, auch ihn angehen müſſe. Von jeher gehörte es zu ſeinen Lieblingsneigungen, ſolchen Geheimniſſen auf die Spur zu kommen, und er wendete bei dergleichen Verſuchen alle möglichen Arten von Liſt an. Soldaten, die durch ſeine vertrauliche Freund⸗ lichkeit ſich täuſchen und zum Reden über das oder jenes von ihm beſchwatzen ließen, büßten ihre gut⸗ müthige Zuverſicht in der Regel mit einer Tracht Stockprügel, welche Verordnungen in die Rubrik ſeiner gemüthlichen Beluſtigungen gehörten, weil ihm dieſe den Soldaten zuerkannten Strafen als eine denſelben bereitete unſchuldige Erquickung erſchienen. Die Rohheit und Härte ſeines Gemüths, nur ſelten durch⸗ brochen von den Lichtſtrahlen einer warmen innigen Empfindung, fühlte nie eine Anwandlung von Mitleid, weil dies ſich nicht mit ſeiner Anſchauung von der ihm zuſtehenden Gewalt als Herr und Fürſt vertrug; nichtsdeſtoweniger reſpectirte er doch die größte Grob⸗ heit, die ihm bei den erwähnten Verſuchen, ſeinen Sol⸗ daten zu Fuchteln zu verhelfen, entgegengeſetzt wurde, und einer, der ihn ſich zum Teufel ſcheren hieß, konnte ſicher ſein, daß er ſein Wohlgefallen ſich erworben habe. Selbſtverſtändlich trug er dieſen kleinen Krieg 76 auch auf die Verhältniſſe zu ſeinen Unterthanen über, was eine beſtändige Wechſelwirkung von gegen⸗ ſeitigen Ueberliſtungen zwiſchen beiden Theilen ver⸗ anlaßte und in der That eine eigenthümlich geartete Lebhaftigkeit beſonders den Deſſauer Stadtbewohnern verlieh. Als er mit Peter Langermann nach den neuen Anpflanzungen ſich begab, glaubte er dem Alten auf den Zahn fühlen zu müſſen. Im gütigſten Tone ſagte er: „Dein Weib, Peter, iſt eine liſtige alte Schachtel, immer geſpaßig; habe das gern, kann die Schlafmützen und Waſſerſuppen nicht leiden— iſt kein Leben in ihnen. Denkt die Alte, die Weibsleute wären auf der Welt, um die dummen Streiche der Männer wie⸗ der gut zu machen. Hahaha, ein ganz verfluchter Ge⸗ danke! Gelt, Peter?“ „Na,'s mag manchmal was Wahres dran ſein.“ „Oho, Alter, Du bläſt auch in ihr Horn?“ „Ich? Fällt mir nicht ein.“ Peter war zu maulfaul, um Herrn Leupold einen Anhalt zur Fortſetzung einer Unterhaltung zu bieten, die ſo weitab von alledem lag, was zum edlen Waid⸗ werk gehörte. Der Fürſt ſah ſich demnach genöthigt, dieſe Saite anzuſchlagen, die, wie er aus Erfahrung 77 wußte, des Alten Mundwerk jederzeit in Fluß brachte. „Es muß Dir und Deiner Alten leid ſein, daß Dein Hausgenoſſe, der Gottfried Almarich, bereits von ſeinem Fortgange geſprochen hat. Kann mir's denken. Habt Euch an ihn gewöhnt.“ „Ja,'s wird uns wieder ein paar ſchlechte Tage machen, ſehe das kommen.'s iſt mit dem jungen Manne ein vernünftiges Wort zu reden, und das fehlt dann.“ „Hm, Peter, wer iſt denn ſchuld daran, daß Ihr beide ſo allein ſteht? He, wer denn? Dein ſauberer Neffe. War aus dem Kerl wohl ein Jäger zu machen? Ein Muſikanten⸗Lüdrian iſt er geweſen und wird's wohl noch ſein. Bin neugierig zu hören, was aus dem Tagediebe geworden iſt.“ „Mit Verlaub, Durchlaucht, mein Neffe iſt we⸗ der ein Lüdrian noch ein Tagedieb geweſen, ſolange er hier war, und jetzt iſt er dergleichen erſt recht nicht.“ „Oho!“ „Da iſt gar nichts zu ohon, Durchlaucht. Die Langermänner ſind ihr Lebtag reputirliche Leute ge⸗ weſen, und daß ich in dem Glauben war, weil er zur Jägerei keine, aber zur Muſik alle Luſt hatte, der 78 Himmel müſſe einfallen, das war ſchafköpfig genug von mir.“ „Schwerenoth, Du haſt wohl nicht mehr Deine fünf geſunden Sinne beiſammen, Alter, daß Du ſolch verflucht dummes Zeug ſchwatzen kannſt?“ fuhr der Fürſt auf. „Dummes Zeug? Hat ſich was! Ew. Durchlaucht kommen auf die rechte Fährte, wenn ich ſage, daß mir vordem eine Brille auf der Naſe ſaß, die dunkle Gläſer hatte; jetzt aber iſt's anders, jetzt ſehe ich mit meinen beiden geſunden Augen und bin darüber ins Klare gekommen, daß mein Neffe ein echter Langermann iſt, der unſerm Namen keine Schande macht.“ Herr Leupold lachte und fügte dann hinzu:„Biſt doch'n alter Kollerhahn, Peter! Wer zum Teufel hat denn von Schande geſprochen? Hältſt Du mich für ver⸗ rückt, daß ich meinen ſollte, die Leute in meinem Dienſte müßten ſich deſſelben ſchämen?“ „In Ew. Durchlaucht Dienſte? Ach ſo! Na, ſchon gut! Nein, davon habe ich kein Wort geredet.“ Da⸗ bei ſchnitt Peter ein ſo ſeltſames Geſicht, als ſei er in Zweifel, ob er lachen oder weinen ſolle. „Kerl, was ſoll das?“ ſchrie der Fürſt, ihn bei einem Rockknopfe faſſend.„Ihr habt etwas Geheimes 79 im Hinterhalte; heraus mit der Farbe, ich will es wiſſen!“. „Na, na, dabei iſt kein Geheimniß und von Hin⸗ terhalt erſt gar keine Rede. Mein Neffe iſt Sr. Ma⸗ jeſtät des Kaiſers guter Freund geworden, das iſt die ganze Geſchichte.“ Herr Leupold, der den Sinn dieſer Antwort nicht faſſen konnte, prallte ein paar Schritte zurück. Es war recht ſichtbar in ſeinem Geſichte zu leſen, daß er der Meinung ſei, beim alten Peter wär's nicht recht geheuer im Oberſtübchen.„Der kaiſerlichen Majeſtät guter Freund Sein Gottfried? Seht Er mich für einen Narren an?“ „Es iſt gerade ſo, wie ich ſage, und nicht um ein Haar anders, Durchlaucht“, bekräftigte der weißhaa⸗ rige Waidmann und fand es in der Ordnung, ſeinem Durchlauchtigen nun die nöthige Erklärung dazu zu geben, und als dies geſchehen, ſchloß er mit den Worten: „Meine Alte hat jetzt Oberwaſſer, und deshalb behauptet ſie auch, die Weiber müßten die dummen Streiche der Männer wieder gut machen. Na, man kann's ihr nicht geradezu ausſtreiten, die Sache hat Grund. Ohne die Einſicht unſerer gnädigſten Frau Fürſtin, daß der Gottfried zu etwas Anderem als zum Schreibe⸗ 80 krüppel tauge, ſäße er jetzt in Bubainen und kritzelte und rechnete zum Teufelholen.“ Das, was er jetzt vernommen, hatte Herrn Leu⸗ pold dermaßen perplex gemacht, daß er für den erſten Moment ſogar des Ausdrucks entbehrte, um ſeinem Grimme Luft zu machen. Das Alles war hinter ſei⸗ nem Rücken geſchehen! Er glaubte ſein Herrſcherrecht auf das unverantwortlichſte verletzt. Wie eine Ver⸗ ſchwörung kam ihm die ganze Sache vor, und eine Flut von allen möglichen Kernflüchen ſprang, als er von dieſer ungeheuern Ueberraſchung ſich nur in etwas erholt hatte, gleich einem angeſchwollenen Gebirgsſtrome, den kein Hemmniß in ſeinem ſtür⸗ miſchen Laufe zurückhalten kann, über ſeine Lip⸗ pen; dabei arbeiteten die Muskeln ſeines Geſichts auf eine wahrhaft grauenhafte Art, die indeß auf den an dergleichen durchlauchtige Grimaſſen gewöhn⸗ ten Langermann keinen ſichtbaren Eindruck hervor⸗ brachte. „Her ſoll mir die Canaille von Muſikanten!“ wet⸗ terte Herr Leupold.„Hierher! Tambour ſoll er mir werden, und wenn er's nicht begreift, will ich ihn fuchteln laſſen, daß ihm die Seele zu allen Knopflö⸗ chern rausfährt. Und Ihn alten Schurken und Sein großſchnäuziges Weibsbild laſſe ich bei Waſſer und 81 Brod einſperren! Straf' mich Gott, ſolch eine ver⸗ fluchte Spitzbubenbande iſt mir noch nicht vorgekom⸗ men. Ich will Euch lehren, mit wem Ihr zu thun habt.“ Der alte Langermann hörte, an einen Baum ge⸗ lehnt, dieſen wüthenden Zornerguß ſeines gnädigſten Herrn mit einer ſo eiſernen Ruhe an, daß ſich auch kein Zug ſeines furchenreichen Geſichts veränderte. Ohne zu ſprechen, hakte er das Schloß auf, das den Ledergurt, an dem der Hirſchfänger hing, um ſeinen Leib zuſammenhielt, und warf Gurt und Waffe zu Boden. „Was ſoll das?“ rief der Fürſt, von dieſem Ge⸗ baren überraſcht. „Der alte Schurke braucht's nicht mehr“, antwor⸗ tete der weißhaarige Waidmann.„Wenn ein Herr ſeine Diener, die ſeinem Vater und ihm über ein hal⸗ bes Hundert Jahre treu gedient haben, nicht beſſer kennen gelernt hat, als ſie für Schurken anzuſehen, dann iſt ſein Dienſt nicht werth, daß ein ehrlicher Mann ſeinen Namenszug und Wappen trägt. Ich danke dafür.“ „Biſt Du raſend, Alter?“ fragte der Fürſt, er⸗ ſchüttert von dieſem ſchweren Vorwurfe. „Ich glaub's nicht, Durchlaucht, ich will nur aus Carion, Der alte Deſſauer. III. 6 einem Dienſte, wo man ſeine Ehre verliert. Das iſt das Ganze. Gratulire Jedem, der nach mir die Stelle hier kriegen wird, daß er ſich einen ſo ſchönen Titel dabei erwerben kann.“ „Sieht Er denn aber gar nicht ein, Peter, daß ich ganz in meinem Rechte bin?“ fragte Herr Leupold. „Gerade ſo ſagt der Teufel, wenn er eine arme Seele holt“, fuhr der alte Langermann heraus.„Was haben denn Durchlaucht für ein Recht, einen ehrlichen Mann zu beſchimpfen? Weil Ew. Durchlaucht der Herr vom Lande ſind vielleicht? Daß's Gott erbarm'! Das iſt ein Recht, wie's beim Blindekuhſpiel täglich unter Kindern vorkommt; der von der Blindekuh Ergriffene wird zur Blindekuh. Hat Gott Ew. Durchlaucht zum Fürſten werden laſſen, ſo iſt's nicht geſchehen, um die Unterthanen zu drängeln, ſondern um ihnen ein guter Herr und Freund zu ſein, ein Vater, der ſie nicht verflucht und verſakermentirt. Mir thut's Herz weh, wenn ein angeſchoſſenes Wild noch ſo viel Kraft hat, um ſich zu verbergen und langſam am Wundſchmerz zu verenden, und Ew. Durchlaucht haben keine Schonung für Ihre treuen Diener. Der liebe Gott ſcheint's wohl gewußt zu haben, was für ein her⸗ riſches und hartes Herz Ew. Durchlaucht haben wer⸗ 83 den, drum hat er Ihnen einen ſolchen Engel zur Gemahlin gegeben, der vieles Schlimme wieder gut macht.“ „Verfluchter Kerl Er! Die Grobheiten, die Er mir da ſagt, hat Er wohl alle am Fädchen?“ fragte der Fürſt ernüchtert. „Wahrheiten ſind's, nicht Grobheiten“, war die Antwort.„Daß Ew. Durchlaucht den Gottfried nicht unter Ihre Blauröcke ſteckten, das war gnädig; aber daß Ew. Durchlaucht ihn jetzt noch eine Canaille ſchimpfiren, ihn zum Tambour machen und fuchteln laſſen wollen, daß ihm die Seele zu allen Knopf⸗ löchern rausfahren ſoll, das iſt— na, Ew. Durch⸗ laucht können ſichs ſchon denken, was das iſt. So⸗ wie der Gottfried mit Ew. Durchlaucht Erlaubniß von hier mit Höchſtdero gnädigem Herrn Prinzen als ſeinem neuen Herrn abreiſte und ihn der junge gnädige Herr auf Anordnung ſeiner durchlauchtigen Frau Mutter frei ließ, hatten Ew. Durchlaucht kein Recht mehr auf ihn, und die kaiſerliche Majeſtät würde ſich gewiß ganz verflucht wundern, wenn ſie erführe, daß Ew. Durch⸗ laucht Allerhöchſtdieſelbe für fähig halten, mit einem Tagediebe und Muſikanten⸗Lüdrian umzugehen. Von einem deutſchen Reichsfürſten iſt's gerade kein Com⸗ pliment für kaiſerliche Majeſtät, abſonderlich wenn 6* 84 man weiß, daß Allerhöchſtdieſelben für das edle Waidmannswerk ebenſo paſſionirt ſind wie für die Muſika.“ Herr Leupold war in ſchweren Nachtheil gerathen. Es ging ihm nicht anders als einem bis zur höchſten Erſchöpfung gejagten Hirſche, der ſich ſeinen Verfol⸗ gern zum Kampfe geſtellt hat und dem von hinten ihn anſchleichende Jäger die Heſſe abgeſchlagen haben, ſo⸗ daß er wehrlos von der Meute zu Boden geriſſen wird. Langermann's Bemerkung, daß der Kaiſer ein ebenſo paſſionirter Jäger als Muſiker ſei, entwand dem Fürſten gleichſam das Recht, über die Muſikkunſt ſich in ſeiner verächtlichen und jedes feinern Geſchmacks entbehrenden Weiſe auszuſprechen. Es folgte zwiſchen beiden eine Pauſe; endlich be⸗ fahl der Fürſt:„Schnalle Er Seinen Hirſchfänger um, Peter.“ Ein unartikulirtes, faſt wie Grunzen klingendes „Hm!“ war die ganze Antwort des alten Waid⸗ geſellen. „Wir haben noch weiter zu gehen“, ſetzte Herr Leupold hinzu. „Durchlaucht müſſen ſich da ſchon einen ehrlichern Kerl, als ich bin, zur Begleitung ſuchen. Ein Schurke möchte Ew. Durchlaucht ſchimpfiren.“ nger ndes zaid⸗ Herr chern hurke 85 „Iſt Er doch'ne ſtöck'ſche Seele!“ Nach dieſen Worten hob der Fürſt ſelbſt Gurt und Hirſchfänger des Alten auf und befahl:„Unmgeſchnallt! So! Und nun marſch!“ Langermann trabte im Zuſtande eines ſchwer ver⸗ biſſenen Aergers hinter ſeinem Jagdherrn her, dem es auch an Luſt fehlte, eine Unterhaltung einzuleiten. Offenbar war es dem Durchlauchtigen nicht mehr um die Beſichtigung der neuen Pflanzungen zu thun, eher konnte man annehmen, er wolle ſeinen Groll. auslaufen, denn mit keinem Blicke ſchaute er auf dieſe, ſondern nur immer geradeaus, und ſo gelangten er und der alte Peter bald wieder auf den breiten, das Gehege in ſeiner Länge durchſchneidenden Weg Gottfried Almarich kam ihnen hier entgegen. „Wo hat Er denn geſteckt?“ rief der Fürſt ihm zu. „War in Zerbſt, Durchlaucht, bin eben erſt zu⸗ rückgekommen.“ Gottfried Almarich ſah beiden mit Erſtaunen nach. So kurz und brummig hatte er Se. Durchlaucht noch nie geſehen und der hinter demſelben dreintrabende Alte ſah wie das böſe Wetter aus. Betraf das, was beide in ſo ſichtbar ſchlechte Laune verſetzt hatte, nur ſie allein oder vielleicht auch ihn? Der Gedanke machte den ehrlichen Gottfried ſehr unruhig. Die 86 Möglichkeit zu letzterer Vermuthung war nicht aus der Luft gegriffen; er erinnerte ſich an das, was Hu⸗ bert ihm über den Doctor mitgetheilt hatte, und wie ein ſchwerer Alpdruck laſtete der Gedanke auf ſeiner Seele, der Spionage ſei es vielleicht gelungen, Hubert's Aufenthalt zu erſpähen und ihn aufs neue zu um⸗ ſtricken. III. Der lange Libuſch hatte durch Hubert's Vermit⸗ telung ſeinen Wunſch erreicht. Der Hofgärtner fand ſchnell heraus, daß der ſo ungelenk und täppiſch in ſeinem Aeußern und Benehmen ſich gebende Burſche in ſeiner Arbeit ganz tüchtig ſei und mehr Kenntniſſe in der Gärtnerei beſitze, als man bei ihm vermuthen könne. „Na, da laſſe Er den Kerl graben und pflanzen“, reſolvirte der Fürſt auf den ihm erſtatteten Bericht. „Sonſt taugt er ſo den Teufel nicht,'n bummliger Soldat, der's Gewehr wie'nen Harken trägt, und'n Lumpazi, bei dem jeder Knopf blank gefuchtelt werden muß. Malpropre Canaille, wird ſich im Dr... am beſten befinden.“ So war das ſchwere Joch des Soldatenthums von Libuſch genommen, und die rege Dankbarkeit im Herzen 88 des rechtſchaffenen Burſchen, der für den Kriegerſtand, welcher ihm faſt täglich fühlbares Weh verurſachte, auch nicht die mindeſte Neigung verſpürte, war die Urſache, daß er ſich Hubert, in dem er ſeinen Befreier aus Sklavenketten ſah, ganz zur Verfügung ſtellte. Wenn auch in ſeinem Gebaren ſchwerfällig, hatte Li⸗ buſch es doch durchgefühlt, daß das, was er als ſchein⸗ bar Schlummernder auf der Kachelofenbank im Wirths⸗ haus zum Dornbuſch ohne alle Abſichtlichkeit erlauſcht hatte, gar nicht aus der Luft gegriffen ſei, nämlich daß der Korporal Philipp in einem geheimen Verhält⸗ niſſe zu dem ſchönen Fräulein Regina von Milags⸗ heim ſtehe. Zwiſchen dem Korporal und ihm hatte ſich ein ge⸗ genſeitiges Vertrauen ſo raſch eingefunden, wie es zwiſchen andern Perſonen ſicher nur in einer langen Zeit erſt gereift wäre. Nicht nur, daß der erſtere ſo⸗ gleich erkannte, daß Libuſch ein wahrhaft treues und dankbares Gemüth ſei, er gewann auch die Ueberzeu⸗ gung, daß bei ihm von Verrath ſchon deshalb keine Rede ſein könne, weil er dann ja einen an ſich ſelbſt begehen müſſe. Denn die Mittheilung deſſen, was er im Dornbuſch vernommen, machte ihn ſchon bedeutend ſtraffällig. Darauf geſtützt, durfte Hubert es ſchon wagen, ihn zum Mitwiſſer ſeines Geheimniſſes in Be⸗ 89 zug auf Regina zu machen, ohne fürchten zu müſſen, es der Untreue preiszugeben. Da Prinzeß Louiſe ebenſo wie ihre Mutter den Aufenthalt im Garten liebte, ſo war dies für Regina die beſte Gelegenheit, in des langen Libuſch Nähe zu kommen, der den Ver⸗ mittler einer geheimen Correſpondenz machte, die nicht ſo leicht der Entdeckung preisgegeben war, als wenn ſie einen Ort ausfindig gemacht, wohin ſie ihre kleinen Billets legen konnten. Regina hatte noch nie ſo große Vorliebe für die Gärtnerei gezeigt als eben jetzt. Sie ſah den Arbeiten der Gehülfen des Hofgärtners mit einer Vorliebe zu, als hätte ſie ihnen Alles ablernen wollen. „Das begreife ich nicht, wie Du den Leuten ſo lange zuſehen kannſt!“ äußerte Prinzeß Louiſe an einem der nächſten Abende beim Auskleiden.„Das iſt Alles ſo einförmig; was ſie heute thun, thun ſie morgen. Wie kannſt Du nur einen Gefallen an dieſem ewigen Einerlei haben!“ „Warum nicht? Dieſes Einerlei gehört ja dazu, um uns ſpäter Vergnügen zu gewähren. Wenn dieſe einförmigen Arbeiten nicht wären, würden wir uns wohl der Blumen oder der Küchengewächſe erfreuen können? Gewiß nicht.“ „Ach, es iſt recht ſchade, daß Dir Dein Monſieur 90 Bonnafox keinen Garten bieten kann!“ ſprach die Prinzeß lachend.„Nun, Du wirſt es wohl zu machen wiſſen, auch im Zimmer Gärtnerei zu treiben.“ Regina antwortete nicht darauf, ſchon der bloße Name des Verhaßten zog ihr das Herz krampfhaft zuſammen. Eine Stimme in ihrem Innern flüſterte ihr zu, von ihm werde ihr Unheil kommen. Die Prin⸗ zeß bemerkte die Niedergeſchlagenheit ihrer Freundin. Es that ihr leid, dieſen Scherz gemacht zu haben, ſie wußte ja, daß Regina eine tiefe Abneigung vor Bon⸗ nafox hatte. „Aber, Liebchen“, ſagte ſie zu ihr,„ich meinte das ja nur im Scherze, das weißt Du doch. Der Bonna⸗ fox iſt ein ganz abſcheuliches Stück von einem Mann; mein durchlauchtiger Herr Papa hat jedoch einmal einen Narren an ihm verſchluckt. Das iſt ein Unglück; aber ändere Jemand den gnädigſten Papa! Der iſt von Eiſen, wenn er ſeinen Kopf aufgeſetzt hat. Sieh ums Himmels willen, da hatte ich Dir etwas zu ſagen und hätte es total vergeſſen, wenn ich mich jetzt nicht zufällig daran erinnerte.“ „Und was iſt das?“ „Denke nur, der gnädigſte Papa hat Nachricht, daß ein gewiſſer Jemand, der Dir recht ſehr am Her⸗ zen liegt, bei der kaiſerlichen Majeſtät in größter Gunſt 91 ſteht. Sieh nur im Spiegel, Schatz, wie roth Du ge⸗ worden biſt! Hahaha! Nicht wahr, wenn von dem“— ſie ahmte dabei die Bewegungen eines den Bogen führenden Violinſpielers nach—„die Rede iſt, da ſchlägt Dir das Herzchen? Du armes Kind Du! ˙s muß recht ſchlimm ſein, wenn man ſo mit ganzer Seele an einem hängt und hat doch gar keine Ausſicht, ihn jemals zu kriegen!“ Regina erkannte, daß ſie ſich zuſammennehmen müſſe, um die Prinzeß nicht ahnen zu laſſen, wie ſehr ſie ſich über die Perſon ihres Geliebten im Irrthum befinde.„Ach ja wohl“, ſtimmte ſie bei. „Sollſt Alles erfahren, Liebchen“, fuhr die Prin⸗ zeß vertraulich fort,„will Dir auch gar nichts ver⸗ ſchweigen. Heute Abend— Du warſt einen Sprung zu Deinem Oheim gegangen— hatte ich mich ganz allein ins Rondel geſetzt. Das iſt nichts ſo Beſon⸗ deres, thue es oft. Wenn man Braut iſt, hat man ja erſchrecklich viel zu denken! Ich wartete auf Dich, wir wollten noch ein wenig im Garten herumſchlendern. Mit einem Male höre ich meines durchlauchtigen Pa⸗ pas Stimme, Du weißt ſchon, ſo ungefähr wie ein in der Ferne grollendes Donnerwetter. Da iſt ihm gewiß ein Aerger zugeſtoßen, dachte ich, und der Gedanke reichte hin, mich zu dem Vorſatz zu bringen, mäuschen⸗ 92 ſtill zu ſein, denn mit dem gnädigſten Papa iſt nicht immer gut Kirſchen eſſen, wie Feldwebel Brommer ſagt. Zu meinem Erſtaunen hörte ich auch meine durchlauchtigſte Mama ſprechen; beide kamen mit ein⸗ ander den Buchengang entlang. Papa war ſchrecklich zornig. Er machte der Mama heftige Vorwürfe, daß ſie eigenmächtig hinter ſeinem Rücken gehandelt und dem Gottfried Langermann zur Freiheit verholfen habe.“ Die Prinzeß holte tief Athem, als fühlte ſie ſich noch von der heftigen Scene, die ſie mit angehört, geängſtigt. Nach einer kurzen Pauſe fuhr ſie fort: „Sieh, Reginchen, jetzt begreife ich's ganz gut, warum mein durchlauchtiger Papa ſo gewaltig viel bei ſeinen Soldaten gilt, daß ſie in der Schlacht ohne Mucks in den dichteſten Kugelregen ſich hineinſtürzen. Sie fürchten ſich vor ihm. Es iſt mir ja nicht um ein Haar anders gegangen; ich habe an allen Gliedern gezittert, denn ich dachte nicht, daß von meiner guten gnädigſten Mama auch nur das kleinſte Gebein übrig bleiben werde, wie er loswetterte. Aber die hat gar keine Furcht vor ihm. Sie ſprach ſo ruhig mit ihm, daß es ihm ganz unmöglich wurde, ſo fortzutoben, wie er einmal im Zuge war. Er mußte ſich beſänf⸗ tigen, es ging nicht anders. Der Gottfried ſpiele 93 mit kaiſerlicher Majeſtät die Geige und ſei auch in der Wiener Kapelle angeſtellt, davon war die Rede und zuletzt— ich muß wahrhaftig lachen, wenn ich daran denke.“ „Lachen? Worüber?“ „Wie geſchickt die gnädigſte Mama das Ungewitter abzuwenden wußte!“ antwortete Prinzeß Louiſe.„Sie bewies ihm, daß die hohe Gnade, welche der Gott⸗ fried Langermann bei kaiſerlicher Majeſtät gefunden, von Vortheil in ſo mancherlei politiſchen Combina⸗ tionen werden könnte, wenn man ſie nur geſchickt be⸗ nutze. Da ſei zum Beiſpiel in Anſchlag zu bringen die Erbſchaft des vor einigen dreißig Jahren ver⸗ ſtorbenen Herzogs Julius von Sachſen⸗Lauenburg aus unſerm anhaltiniſchen Hauſe, welche von Gott und Rechtswegen unſerm durchlauchtigen Papa als Chef des Hauſes Anhalt zuſtehe, aber durch eigenmächtiges Vorgreifen Hannovers verloren gegangen ſei, das ſich bis jetzt durch überwiegenden Einfluß am kaiſerlichen Hofe in deren Beſitz erhalten habe. Wo die gnädigſte Mama das Alles nur her hat! Es kann nicht anders ſein, ſie muß ordentlich darauf ſtudiren, um immer etwas in Petto zu haben, was den Papa herumzu⸗ bringen im Stande iſt. Nein, Reginchen, es war zu ſpaßhaft, wie er ganz ſeinen Zorn wegen des Gott⸗ 94 fried vergaß und alle Teufel der königlich großbri⸗ tanniſchen Majeſtät und kurfürſtlich hannoverſchen Durchlaucht, die ihm den lauenburgiſchen Beſitz vorent⸗ halte, auf den Hals wünſchte.“ Wieder folgte eine Pauſe. Regina fragte: „Kann denn dem Gottfried Langermann irgend etwas Uebles geſchehen, daß er, ſtatt in Bubainen Schreiber zu ſein, in Wien mit kaiſerlicher Majeſtät die Geige ſpielt?“ Die Prinzeß konnte kaum vor Lachen zu Athem kommen. „O Du allerliebſtes Närrchen! Quält das Dein Herz ſo ſehr?“ rief ſie.„Da ſei ganz ruhig. Mein gnä⸗ digſter Papa mag noch ſo ſehr wettern, das krümmt dem Gottfried kein Härchen. Es iſt bei uns wie in Nürnberg. Dort hängen ſie auch Keinen, bevor ſie ihn haben. Das iſt das Hübſche bei der Sache. Doch warte nur, warte, ich bin noch gar nicht mit meinem Rapport fertig. Jetzt geht's erſt Deinetwegen los.“ „Mein Himmel, meinetwegen? Was habe ich denn dabei zu ſchaffen?“ „Sollſt Du gleich hören, Schatz. Wirſt dann ſehen, wie ich Dich ritterlich beſchützt habe.“ Und mit der ganzen Liebenswürdigkeit ihres heitern, einen leichten ſoldatiſchen Anſtrich tragenden Temperaments rief ſie 95 luſtig:„Der gnädigſte Papa muß mir Parole halten, davon hilft ihm kein Gott. Donnerwetter, das wäre was Sauberes, wenn er wortbrüchig werden wollte! Ich brächte ihn vors Kriegsgericht.“ Und nun erzählte ſie Regina, daß, als ihre durch⸗ lauchtigen Aeltern, welche während des eben von ihr erwähnten Wortwechſels in dem Buchengange auf und nieder gegangen wären, ſich nach dem Innern des Gartens gewendet hätten, ſie es für gerathen ge⸗ funden, dem Rondel zu entſchlüpfen und ihnen nach⸗ zugehen, damit ja kein Verdacht, als habe ſie gelauſcht, ſie träfe. Des gnädigſten Papas Lieblingsmarſch vor ſich hinträllernd, hätte ſie beide am Ende des Buchen⸗ gangs, der auf den großen freien Raſenplatz, wo der Hoſfgärtner die ſchönen Blumenarabesken gezogen, münde, getroffen, und der durchlauchtige Papa ſei kind⸗ gut geweſen, als wenn von ſeiner Seite niemals ein Donnerwetter losgelaſſen worden wäre. Er habe mit in ſeinen Lieblingsmarſch eingeſtimmt und mit ihr eine kleine Marſchübung angeſtellt, während die gnä⸗ digſte Mama ſich auf einer Gartenbank niedergelaſſen und ihnen zugeſehen habe. „Aber meinem durchlauchtigſten Papa iſt dann ge⸗ rade am wenigſten zu trauen, wenn er ſich ſo kind⸗ gut gibt; er hat da oft etwas im Hinterhalte, was 96 einem, wenn er damit losplatzt, angſt und bange macht“, fuhr ſie fort.„Und ſo war's auch wirklich. Als er „Rührt Euch!“ commandirt hatte, cajolirte er mich, nannte mich ſeinen Augapfel und machte mir die Schmeichelei: ich ſei ein Mädel, welches ſeine Grena⸗ diere ſich zum Muſter nehmen könnten. Wir ſetzten uns zu Mama auf die Bank und nun fing der durch⸗ lauchtige Papa zu manövriren an. Er habe ſich's überlegt, daß es doch unbillig ſei, den Bürgermeiſter Bonnafox ſo lange mit der Hochzeit warten zu laſſen, und er gedenke—“ „Ums Himmels willen, davon ſprach er?“ rief Re⸗ gina voll Angſt. „Ja gewiß, davon; aber wart's nur ab, Liebchen, ich habe ihm einen Strich durch die Rechnung ge⸗ macht. Alſo: er gedenke des Bonnafox Hochzeit mit Dir auf die Zeit innerhalb der nächſten vier Wochen ſpäteſtens feſtzuſetzen.“ „Ach mein Gott!“ „So warte doch nur, das kommt ja Alles anders. Du haſt auch gar nichts von einem Grenadier an Dir!“ rief die Prinzeß lachend. Dann fuhr ſie in ihrer Erzählung fort: „Wie, Papa“, rief ich,„des Bonnafox wegen willſt Du mir Dein Wort brechen? Das wäre ja wohl das 97 erſte Mal, daß Du wortbrüchig würdeſt. Nichts da! Ich habe Deine Zuſage, Regina wird mit mir an einem und demſelben Tage getraut. Ich laſſe Dich nicht los, denn es wäre eine Schande, wenn der deſſauer Kriegsheld ſein eigenes Fleiſch und Blut für viel geringer anſähe als fremdes. Ein Wort ein Mann! Ich gebe es nicht zu, daß man jemals von Dir ſagen könnte: ſein Wort war ihm nicht heilig. Donnerwetter, gnädigſter Papa, ſolchen Schimpf laſſe ich nicht auf Dich kommen, davor will ich Dich be⸗ hüten. Ich habe nicht Luſt, auch nur den kleinſten Deut von der Ehre und dem Stolze aufzugeben, Deine Tochter zu ſein.“ „Nun?“ fragte Regina voll Erwartung. „Nun? Der durchlauchtige Papa war in einer ganz erſchrecklichen Klemme. O, ich kenne ihn aufs Daus. Wenn er ſo vor ſich hinbrummt und ſich den Schnurrbart dreht, als möchte er ihn zu einer Steck⸗ nadelſpitze machen, da iſt's allemal richtig, er iſt mit ſich uneins. Ich ließ nicht nach ihm zuzuſetzen, denn vor dem, der ihm ohne Furcht auf den Leib rückt und ſein Recht vertheidigt, kriegt er Reſpect, weil er eben ſelbſt von ſeinem Rechte ſich nichts vergibt. End⸗ lich hatte ich ihn mürbe gemacht und er rief zornig: „Na, da ſoll der Bonnafox zum Teufel warten, kann Carion, Der alte Deſſauer. III. 7 98 dem Kerl nicht helfen, will ſeinetwegen nicht an meinem Kinde zum wortloſen Lump werden. Hab's ja auch erwarten müſſen, bis ich Deine Mutter heim⸗ führen konnte. Abgemacht,'s bleibt beim Alten!“ „Gott ſei Dank und Ihnen, Prinzeß!“ „Das mußt Du doch bekennen, Regina, ich bin meiner gnädigſten Mama würdige Tochter. Wir haben ſo unſere verſchiedene Art, dem durchlauchtigen Herrn Papa die Spitze zu bieten, aber ſie ſchlägt durch, ſonſt wäre mit ihm gar nicht auszukommen, denn der Brommer hat Recht,'s iſt ſchlimm Kirſchen eſſen mit ihm. Wer's nicht verſteht, kriegt die Kerne ins Geſicht.“ Regina, obwohl im Innerſten ihrer Seele froh, daß ſie dieſen Schlag von ſich abgewendet wußte, konnte ſich doch der Angſt nicht verwehren, wie ſich ihr Geſchick noch geſtalten werde. Die Prinzeß hatte ſich unterdeß mit einem Gedanken beſchäftigt, der ihrem Alles bei der heitern Seite ergreifenden Temperamente den ausgiebigſten Stoff lieh, ſich in ihrer muntern Weiſe darüber auszuſprechen. „Sieh nur, Schatz, wir Prinzeſſinnen ſind auch nicht zum allerbeſten dran“, ſagte ſie.„In der Regel müſſen wir Prinzen heirathen, die wir gar nicht kennen, deren Portraits wir nur geſehen haben, und ſo ein 99 Portrait iſt doch nur gemalt. Mit mir iſt's freilich was ganz Anderes, ich kenne meinen Vetter Victor; aber denke Dir, Kind, trotzdem muß ich ungeheuer ſtudiren, wie ich's möglich mache, daß er nicht auf den ſchrecklichen Gedanken kommt:„Und er ſoll Dein Herr ſein.“ Bei meinem durchlauchtigen Papa habe ich's mit dem Exerciren durchgeſetzt, daß ich etwas bei ihm gelte, bei Victor muß ich Bergwerk ſtudiren und eine Frau von Leder werden. Das iſt wahrhaftig kein Spaß, Herzchen! Man muß wirklich ein Opfer bringen, um als Frau nicht zu den Nullen zu gehören.“ Regina's Lächeln über dieſe heitere Anſchauung ihrer jungen fürſtlichen Freundin von ihrer Zukunft glich dem durch leichte Dunſtwogen ſich mühſam arbeitenden Mondlichte, das ſich in einem bleichen, verſchleierten Scheine kund gibt. Dieſe Wahrnehmung rief bei der Prinzeß jene reſolute Gutmüthigkeit her⸗ vor, die den Grundton ihres Weſens ausmachte. „Reginchen“, ſagte ſie,„ſo weit habe ich's gebracht, daß mein gnädigſter Papa ſein Wort hält; aber was ſoll denn nachher geſchehen, wenn die Friſt verronnen iſt? Ich kann Dir nur den Rath geben, verliebe Dich in einen Offizier, der mit dem Dir verhaßten Bürger⸗ meiſter als Rival in die Schranken tritt. Das iſt die einzige Möglichkeit, meines Papas Durchlaucht zwiſchen 7* 100 zwei Feuer und vielleicht zur Geſinnungsänderung zu bringen, daß der Bonnafox am Ende noch ſpringen müßte. Geh doch darüber mit Dir zu Rathe, Schatz. An mir haſt Du dann einen Beiſtand; wir wollen ſchon einen hübſchen Offizier für Dich herausfinden, das iſt mein geringſter Kummer.“ Während Regina dieſen gutgemeinten Rathſchlag belächeln mußte, betrieb Gottfried Almarich ganz in aller Stille alle Vorſichtsmaßregeln, welche die perſön⸗ liche Sicherheit ſeines jungen Herrn für den Fall erheiſchte, daß das Geheimniß ſeines Namens der Ent⸗ deckung anheim fiel. In jedem Falle mußte eine ſolche ſchwere Folgen haben. Entweder lieferte ihn der Fürſt gemäß der ſchon im vorigen Jahre an ihn ge⸗ richteten Aufforderung nach Dresden aus, oder, wenn dies nicht geſchah, was bei Fürſt Leupold's ſelbſtſtän⸗ digem Charakter wohl auch zu bezweifeln war, mußte doch ſeinetwegen Bericht nach Wien ergehen, und da dieſer nur im officiellen Wege erfolgen konnte, ſo war vorauszuſehen, daß er dort wieder denen in die Hände fiel, deren Beſtreben es war, ihn ſeines Geburtsrechts zu berauben. Dem mußte vorgebeugt werden, und Gottfried Almarich unterließ nichts, was dazu bei⸗ tragen konnte, ſeinen jungen Herrn vor einem ſolchen Schickſale zu bewahren. 101 Deſſau war für ein ſolches geheimes Thun ein ſehr günſtiger Boden. Die Juden boten leicht die Hand, wenn ſie einen guten Verdienſt ſpürten, der mehr einbrachte als ihr Handel, und ſo gelang es Gott⸗ fried, im Stillen alle Anordnungen zur Flucht Hubert's zu treffen, denn wie bald konnte eine ſolche nothwen⸗ dig werden! Daß man ſeines jungen Herrn Aufent⸗ halt erſpäht, daß der fremde Doctor, der ſich zum guten Freunde der Korporale Wenzel und Fleiſcher und Mosje Clarin's gemacht hatte, ſich zu dem Zwecke in Deſſau eingefunden, um das Netz des Verderbens über demſelben zuſammen zu ziehen, daran zweifelte Gottfried keineswegs. Hubert ſchwankte in dieſem Punkte zwiſchen Glauben und Zweifel und war nicht zu bewegen, von hier zu fliehen, bevor er die ſicherſten Beweiſe habe, daß ihm wirklich Gefahr drohe. Der Gedanke, von Regina ſich trennen zu ſollen, erſchien ihm unerträglich und nur im äußerſten Nothfalle wollte er ſich dieſem Zwange fügen. Alle Einwürfe Gottfried's prallten an dieſem ſeinem Entſchluſſe ab. „Es iſt nichts Unmögliches, daß wir dieſen Frem⸗ den ganz ohne Noth für einen mir gefährlichen Men⸗ ſchen, für einen Feind anſehen, während es vielleicht eben nur Zufall war, der ihn das mich Betreffende gegen die beiden Korporale und den Bonnafox'ſchen 102 Diener erwähnen ließ“, meinte er, und Gottfried Al⸗ marich verſuchte keine weitere Widerrede; er kannte den Grund, welcher Hubert bewog, ſich dieſe Sicher⸗ heit einzureden, die indeß einige Tage ſpäter bedeu⸗ tend erſchüttert wurde, als Korporal Wenzel in Ab⸗ weſenheit des Fürſten in der Kanzlei mit ſeinem Kame⸗ raden Fleiſcher, natürlich ohne einen Namen zu nennen, ſich über das, was ihnen der fremde Doctor bezüglich Hubert's Wiedererkennung mitgetheilt hatte, unter⸗ hielt. Hubert ſchrieb ſcheinbar ruhig fort, obwohl ihm bei Anhörung dieſer Unterhaltung zwiſchen beiden das Blut ſtockte und er ſich nun der Gewißheit, daß es darauf abgeſehen ſei, ihn in den Augen des Fürſten verdächtig zu machen und dadurch von hier zu ent⸗ fernen, nicht verſchließen konnte. Er fühlte es nicht mehr als dumpfe Ahnung, daß der Boden unter ſei⸗ nen Füßen zu wanken beginne, was er ſich hatte leugnen wollen; jetzt trat die Ueberzeugung ohne Verhüllung vor ihn hin und die ihm drohende Ge⸗ fahr ließ ſich durch keine Selbſttäuſchung mehr ab⸗ weiſen. Es entging ihm nicht, daß die beiden mit ihm in der Kanzlei beſchäftigten Korporale verſtohlene Blicke nach ihm warfen; ſie wollten ſich jedenfalls des Eindrucks vergewiſſern, den ihre Unterhaltung auf ihn 103 hervorbrachte, indeß er hielt ſo ſtrenge Wacht über ſich, daß auch kein Zug ſeines Geſichts ihn verrieth und ſeine beiden Gegner, von denen er wußte, wie ſehr ſie ihm abgeneigt waren, in einer ihnen ſehr unange⸗ nehmen Ungewißheit blieben. War es nicht möglich, ihren ihn verderben ſollen⸗ den Plan zu durchkreuzen? Dieſer Gedanke beſchäftigte ihn angelegentlich, denn wenn dies möglich gemacht werden konnte, ſo gab es nichts, was ihn aus des Fürſten Gunſt und aus Regina's Nähe zu verdrängen vermochte. Faſt ſchien ſein Nachgrübeln fruchtlos zu bleiben, denn er ſagte ſich, daß der Fremde eine große Rolle in dieſem Complot ſpielte. Wer war der Mann? Ein Helfershelfer ſeiner Feinde? Der Drang, ihn per⸗ ſönlich kennen zu lernen, ſtieg ſo ſchnell zum feſten Entſchluſſe bei ihm empor, daß er bald das Reſultat dieſer Bekanntſchaft als die einzige Baſis ſeines ſpätern Thuns erkannte. Der Umſtand, daß, als man ihn in die Kerkerzellen des Rothenthurmthors gebracht hatte, es tief in der Nacht und zu dieſer Zeit keine Paſſanten vorhanden geweſen waren, ließ allerdings noch die Möglichkeit zu, daß der Fremde ſich ſelbſt, wenn er ſich ihm perſönlich vorſtellte, eines Irrthums in der Perſon zieh, und war dies der Fall, ſo hatte Hubert gewonnenes Spiel. Er ſelbſt konnte dann 104 dem Fürſten die Mittheilung machen, welchen Verdacht man auf ihn gewälzt, und es ließ ſich ein ihm günſtiges Reſultat mit Gewißheit erwarten. Im Gegenfalle blieb ihm eben nur Flucht als das einzig denkbare Mittel, den Schlingen ſeiner Feinde zu entgehen. Nachdem er ſo mit ſeinem Entſchluſſe, den Frem⸗ den aufzuſuchen, ins Reine gekommen, fühlte er auch zugleich den Drang, denſelben ſchleunigſt auszuführen, und wenn irgend ein Umſtand dieſer Ausführung günſtig ſchien, ſo beſtand derſelbe in der Abweſenheit der fürſtlichen Familie, welche zu einem Beſuche nach Bernburg gereiſt war und erſt in ein paar Tagen zu⸗ rückerwartet wurde. Als die Glocke die ſiebente Abendſtunde verkündet hatte, eilte er nach Hauſe; er wußte, daß Gottfried Almarich heute kommen würde, der ſich auch pünktlich einfand. Eine lange Beſprechung fand zwiſchen ihnen ſtatt, dann verließen beide das Haus. Es konnte Brommer nicht auffällig erſcheinen, daß ſein Quartier⸗ genoſſe dem Herrn Jagdvolontär das Geleite bis zur Brücke geben wollte; für Jemand, der den ganzen Tag am Schreibtiſch geſeſſen hatte, diente ein kleiner Spaziergang an einem ſtillen und lauen Abende ſicher nur zur Erholung. Indeß lenkten beide ihre Schritte nicht der Brücke zu, ſondern nach einer der kleinen dd——— 105 Quergaſſen, wo, wie der lange Libuſch erkundſchaftet hatte, der Fremde wohnte. Das Haus war bald gefunden; es zeichnete ſich durch ein Gerüſte aus, das man zum Zwecke des Ab⸗ putzens errichtet hatte. Obwohl die Uhr erſt die neunte Stunde verkündete, war die Gaſſe doch ſchon menſchen⸗ leer; ein feiner Sprühregen hatte Alt und Jung in die Wohnungen getrieben und das Abendgrau, durch heranziehende dunkle Regenwolken noch mehr ver⸗ düſtert, den Kinderſpielen ein raſches Ende gemacht. „Er hat Licht“, ſagte Hubert, nach den ihm von Libuſch bezeichneten beiden Fenſtern hinaufſehend. „Harre mein!“ Nach dieſen Worten verſchwand er im Hauſe. Libuſch hatte ihm die Oertlichkeit ſo aus⸗ führlich beſchrieben, daß er bei einiger Aufmerkſamkeit nicht fehlen konnte. Gottfried's aufmerkſames Ohr hörte ihn die höl⸗ zerne Treppe hinaufgehen, dann trat er von der Haus⸗ thür zurück in das tiefere Dunkel eines aufgeſchichte⸗ ten Breterſtoßes, wo er nicht ſo leicht bemerkt werden und doch wahrnehmen konnte, was auf der Straße geſchah. Der Regen fiel dichter, das Abenddüſter ver⸗ dunkelte ſich immer mehr, und der aus den Fenſtern mancher Häuſer auf die Gaſſe fallende Lichtſtrahl rief auf deren erdigem Boden denn— hier war von 106 Pflaſterung noch keine Rede— jenen feuchten Schimmer hervor, der als Beweis diente, daß das laue Naß nicht ſchnell genug aufgeſogen wurde. Gottfried horchte geſpannt nach oben; er hörte ſprechen, aber die Stimmen klangen ſo ruhig und ge⸗ mäßigt, daß er ſich überzeugt hielt, dieſer ſpäte Be⸗ ſuch werde ohne alles Unheil verlaufen. Nach einiger Zeit wurde jedoch ſeine Aufmerkſam⸗ keit auf ein paar Perſonen gelenkt, welche von rechts kamen und halblaut mit einander ſprechen. Ein Todes⸗ ſchreck überkam Gottfried, als er in ihnen, wie ſie in den Bereich eines Lichtſcheins traten, Soldaten erkannte. „Hier wohnt der Herr Doctor“, hörte er den einen ſagen, als ſie ihm ganz nahe gekommen waren. „Er hat Licht; nun freilich, er erwartet ja des Herrn Hauptmanns Gnaden. Soll ich mit hinaufgehen?“ „Iſt unnöthig, Wenzel. Bleibe Er nur im Hauſe ſtehen;'s kann ſein, daß ich Seiner bedarf, dann rufe ich Ihn“, gab der andere zur Antwort. „Bis zur Treppe möchte ich aber des Herrn Haupt⸗ manns Gnaden doch führen, es iſt ja verdammt finſter hier“, warf jener ein. „Nun ja, das kann Er, Korporal Wenzel“, lau⸗ tete die Zuſtimmung des Hauptmanns, bevor beide ins Haus traten. 107 Für den im tiefen Schatten des Breterſtoßes Stehenden war jetzt die Gewißheit vorhanden, daß ſeinen jungen Herrn ein Unheil treffen werde, und vergeblich beſchäftigte er ſich in ſeiner Angſt um ihn mit der Frage: wie ihn retten? Was konnten des Herrn Hauptmanns Gnaden und Korporal Wen⸗ zel hier wollen, als zu irgend einer Feindſeligkeit gegen Hubert den Doctor beſtimmen? Nach dem, was Gottfried über den Korporal von Hubert gehört hatte, ließ ſich nichts Anderes erwar⸗ ten, obwohl ſich der ehrliche Burſche trotz allen Nach⸗ ſinnens nicht recht klar werden konnte, welchen An⸗ theil der Hauptmann an dieſer Sache zu nehmen ſich gedrungen fühlte. Gottfried erinnerte ſich nicht, Hu⸗ bert jemals von einem ihm feindlich geſinnten Haupt⸗ mann ſprechen gehört zu haben. Es war ein ſehr unfruchtbares Nachgrübeln, was ſich dem mit geſpann⸗ teſter Aufmerkſamkeit auf jedes Geräuſch von oben Lauſchenden aufdrängte, indeß er beſaß glücklicherweiſe ein zu vorwiegend zum Praktiſchen neigendes Na⸗ turell, als daß er ſich lange einem vergeblichen Sin⸗ nen hingegeben hätte; die Gefahr des Augenblicks war der einzige ihn beſchäftigende Gedanke. Zu ſei⸗ ner größten Verwunderung blieb oben Alles ruhig, er hörte wohl ſprechen, aber durchaus nicht in heftiger Weiſe. 108 „Hm, das iſt ſeltſam“, murmelte Gottfried nach einer Weile bei ſich.„Ich kann daraus nicht klug werden.“* In der tiefen, von dem nicht ſehr geräuſchvoll fallenden Regen wenig beeinträchtigten Stille fiel es ihm indeß nachgerade auf, daß er unter den Stim⸗ men, die er hörte, keine als die Huhent's, die doch durch den vieljährigen Umgang mit demſelben ſeinem Ohre ganz vertraut war, erkannte. Dieſer Umſtand begann Gottfried zu ängſtigen. Wäre der Korporal, der doch jedes Geräuſch hören mußte, nicht im Hausflur geweſen, er würde die Gelegenheit wahrgenommen haben, die von ihm erſpähte, neben einem der Strebebalken des Gerüſtes zum Aufſteigen für die Maurer lehnende Leiter hinaufzuklimmen, um ſich über dieſe Sonder⸗ barkeit nach Möglichkeit Auskunft zu verſchaffen. Die ihn beſchleichende Angſt wuchs jedoch ſo ſchnell in ſeinem Herzen, daß er trotz der Nähe des Korporals zur Ausführung dieſes keineswegs gefahr⸗ loſen Verſuchs ſich entſchloß. Die Leiter ſtand ziem⸗ lich feſt; ſo geräuſchlos als möglich ſtieg er die Sproſſen derſelben hinan und befand ſich nach kurzer Zeit auf dem für die Maurer gelegten Breterboden, den ſtarke, auf den breiten Fenſterſimſen ruhende Boh⸗ len ſtützten. Das Knarren des Holzwerks nöthigte (((₰S;NO pSAZ— 109 ihn, auf Händen und Knieen langſam ſich den Wohnfenſtern des Doctors zu nähern. Er hatte ſich nicht geirrt, nur zwei Stimmen waren da hörbar, von denen er die eine als die des Hauptmanns erkannte, welche er erſt vor kurzem gehört hatte. Wo war Hubert? Gottfried war ſo nahe dem Fenſter, daß er Wort für Wort verſtehen konnte, und hörte Folgendes: „Zum Teufel, Herr, warum will Er nicht dar⸗ auf eingehen? Weiß Er, daß, wer A geſagt hat, auch B ſagen muß, und daß es in unſerer Macht ſteht, Ihn zu zwingen, das, was Er den beiden Korporalen und meines Bruders, des Bürgermeiſters, Diener über den Menſchen erzählt hat, vor Sr. Durchlaucht aus⸗ zuſagen?“ „Gewiß, mein Herr, ich weiß das, aber wie ich dem Herrn Hauptmann ſchon erklärt habe, ſo bin ich jetzt eines Beſſern überzeugt. Der in Rede ſtehende Korporal iſt nicht derſelbe Menſch, den ich als Ge⸗ fangenen in die Kerker des Rothenthurmthors bringen ſah. Es war ein Irrthum, in dem ich mich befand, als ich ihn dafür hielt; ich bekenne das, und wer will mir eine Selbſttäuſchung zum Verbrechen an⸗ rechnen? Das Abendlicht täuſchte mich, das iſt die ſimple Auflöſung.“ „Aber die Canaille muß derſelbe Kerl ſein, den 110 Er damals als Verbrecher in das Rothethurmthor bringen ſah. Verſteht der Herr das? Er muß der⸗ ſelbe ſein.“ „Ich begreife nicht, was der Herr Hauptmann für ein Motiv haben kann, von mir etwas Wahrheits⸗ widriges als Ausſage zu verlangen.“ „Glaub's dem Herrn, darum höre Er, was ich Ihm jetzt erkläre. Dieſer Korporal Philipp, an den Se. Durchlaucht einen Narren gefreſſen hat, ſteht meinem Bruder, dem Bürgermeiſter, in Hinſicht ſeiner Vermählung im Wege, denn Fräulein von Milags⸗ heim, ſeine Braut, hat ſehr ſonderbare Launen, unter welche auch die gehört, ihren Stand zu vergeſſen und an Kerlen Wohlgefallen zu finden, die tief unter ihr ſtehen und zum Geſindel zählen. Seine Beobachtung, Herr, daß genannte Fräulein Braut ſehr lange mit dem ſie begleitenden Korporal im Schatten der Ma⸗ rienkirche geplaudert hat, iſt Beweis genug für das, was ich ſage, denn Er wird mich doch nicht überreden woollen, daß ſich dergleichen für eine Braut ſchickt?“ „Nein, ich glaube das auch nicht.“ „Ich höre, Er iſt vernünftig, Herr. Doch weiter. Die Canaille muß fort, aus dem Wege geräumt wer⸗ den. Seine Ausſage, Herr, bewirkt das ſicher; ob wahr, ob unwahr, darauf kommt's nicht an. Es ſoll — ͤ—— 111 nichts weiter damit erzielt werden, als daß Se. Durch⸗ laucht den Kerl nicht mehr in ſeiner Nähe duldet und ihn unter ein weit von hier garniſonirendes Regiment ſteckt. Das iſt das Ganze und keine Halsbrecherei dabei. Im Gegentheil wirft's Ihm ein feines Sümm⸗ chen von meinem Bruder ab. Die Wahl wird, hoffe ich, leicht für Ihn ſein.“ Gottfried ward bei Anhörung dieſes Vorſchlags ſo vom Zorn übermannt, daß er ſchon im Begriffe war, mit der Fauſt an das von innen durch einen Vorhang verhüllte Fenſter zu ſchlagen, als ſeine Auf⸗ merkſamkeit plötzlich aufs neue in Anſpruch genommen wurde. Dem Geräuſch einer haſtig aufgeriſſenen Thür folgte ſofort von Hubert's Stimme der dem Haupt⸗ mann zugedonnerte Titel:„Ehrloſer Schurke!“ Eine Pauſe tiefen Schweigens unter den im Zimmer befindlichen Perſonen ſchloß ſich unmittelbar an dieſen Ausruf der gerechteſten Entrüſtung. Gott⸗ fried zitterte in der Erwartung, was jetzt folgen werde, denn es ließ ſich nicht bezweifeln, daß nun eine Kata⸗ ſtrophe bevorſtehe. Und ſie folgte in der That raſch. „Wie“, hörte er den Hauptmann aufſchreien,„der Kerl war bei Ihm verſteckt? Ha, ſpitzbübiſches Ge⸗ ſindel Ihr! Lege Er Seinen Säbel auf der Stelle ab, oder ich fuchtle Ihn, daß—“ 112 „Schweig' Er, Er Gauner!“ unterbrach ihn Hubert wild.„Weder dieſer Herr noch ich gehören zum Ge⸗ ſindel, nur allein Er, Er! Von einem ſo ſchuftigen Offiziere nehme ich keinen Befehl an; der Stöppchen⸗ knecht*) des Regiments iſt ehrlicher als Er!“ Ein Schrei der Wuth aus des Hauptmanns Munde war die Folge dieſer Erklärung. Was ge⸗ ſchah, konnte Gottfried nicht ſehen, er hörte nur ein Klirren, als träfen zwei Klingen ſchnell auf einander, und faſt gleichzeitig vernahm er auch des Doctors Stimme in dem Rufe:„Haltet den Hausfrieden!“ Kaum einige Sekunden ſpäter drang jedoch ein ſcharf ſchrillender Schrei in Gottfried's Ohr, und faſt gleichzeitig kreiſchte der Hauptmann:„Mord! Mord! Wenzel! Herauf! Mord!“ „Dies Blut komme auf Ihn, Elender, nicht auf mich!“ Die Heftigkeit der Stimme Hubert's in dieſer Anklage überzeugte Gottfried, daß ſein junger Herr nicht im Nachtheile ſei; lebhaftes Fußſtampfen im Zimmer, dann gewaltiges Aufſtoßen der Thür, daß ſie an der äußern Wand krachend anſchlug, und ſchnell hinterher ein raſendes Gepolter auf der finſtern Treppe *) Der Knecht des Soldaten⸗Stockmeiſters, damals wie der Caviller für ehrlos angeſehen. 113 war das, was er in raſcher Aufeinanderfolge vernahm. Zugleich fiel ihm aber ein, daß der Korporal auf der Treppe Hubert den Weg verſperren würde. Der Ge⸗ danke, daß dieſer feſtgehalten werden könnte, trieb ihm die Haare zu Berge. In dieſem Moment wirrer Angſt hörte er eins der weiter nach der linken Seite des Hauſes zu befindlichen Fenſter haſtig aufreißen, eine Männergeſtalt ſchwang ſich heraus und rief hinab: „Gottfried! Gottfried!“ „Hier! Hier, Herr Graf“, antwortete dieſer voller Freude, auf dem Gerüſte zu ihm eilend.„Nur raſch mir nach!“ Ein paar Minuten ſpäter hatten beide glücklich die Leiter paſſirt und eilten im raſcheſten Laufe aus der Quergaſſe hinaus. Sie hatten kaum deren Ende erreicht, als ſie auch Lärm in derſelben entſtehen hörten. „Ich muß fort, Gottfried“, ſagte Hubert, ſchnau⸗ fend von dem raſchen Laufe.„Das Unglück hat mich zum Mörder des ſich, um Unheil zu verhüten, un⸗ beſonnen zwiſchen unſere Klingen ſtürzenden Doctors gemacht. Ha, warum mußte er zum Opfer fallen! Hätte mein Säbel den Schurken von Hauptmann ge⸗ troffen, dann würde es eine Gerechtigkeit geweſen ſein.“ Carion, Der alte Deſſauer. III.. 8 114 „Ich weiß Alles, Herr, laßt das Uebrige für ſpäter. Jetzt iſt Eure Sicherheit das einzig Noth⸗ wendige.“ Ihren eiligen Schritt fortſetzend, hielten ſie den⸗ ſelben nicht eher an als in der Nähe des Zerbſter Thores, wo ſie, von dem tiefen Abendgrau gedeckt, in ein Judenhaus ſchlüpften. In aller Frühe des folgenden Tages durchlief das Gerücht von einem Morde, der in den geſtrigen Abendſtunden an einem in der Ziegelgaſſe wohnenden Fremden geſchehen ſei, die Stadt. Man zog maſſen⸗ weiſe nach genannter Straße, um ſich an Ort und Stelle von der Wahrheit zu unterrichten. Leider aber wurde die Neugier, das Nähere des blutigen Vorfalls zu erfahren, nicht erfüllt, denn die alten Leute und ihre Magd, die in dem fraglichen Hauſe zu ebener Erde wohnten, wußten nichts weiter zu berichten, als daß auch ſie von dem Vorgange in der obern Woh⸗ nung nicht eher etwas erfahren, als bis ſie, durch ein ſchreckliches Gepolter auf der Treppe aufgeſchreckt, ſich mit Licht in den Flur begeben und an der unterſten Treppenſtufe einen Korporal mit dem Kopfe auf dem Flurpflaſter, mit den Beinen nach oben liegend ge⸗ funden hätten. Sie wären des Glaubens geweſen, der Mann habe beim Hinaufſteigen der ſteilen und ——.,————— 115 finſtern Treppe eine Stufe verfehlt oder ſei ſonſtwie ins Wanken gekommen und rücklings herabgeſtürzt, indeß ein gewaltiger, von oben herab ſchallender Schrei: „Zu Hülfe! Zu Hülfe! Mord! Mord!“ hätte ſie der Sorge für den bewußtlos am Boden Liegenden ent⸗ riſſen, und als ſie hinaufgekommen in die Wohnung ihres ſeit vier Wochen ſich bereits im Hauſe befin⸗ denden Abmiethers, eines ſehr ſtill ſich verhaltenden ältlichen Herrn, hätten ſie dieſen im Blute ſchwim⸗ mend im Zimmer liegend und einen Offizier bei ihm geſehen, auf deſſen Befehl Wache und ein Arzt herbei⸗ gerufen worden ſei. Wer den Mord verübt, wüßten ſie nicht anzugeben. Trotz der Hülfeleiſtung des ſchnell eingetroffenen Militärchirurgen ſei ihr Ab⸗ miether bald darauf verſtorben, ohne wieder zu Be⸗ wußtſein gekommen zu ſein. Ein vor das Haus beorderter Wachtpoſten ver⸗ hinderte den Eintritt Neugieriger und man ſtaunte von der Gaſſe aus das kleine Gebäude mit jener dummen Verwunderung an, wie das Volk ſie einem ungelöſten Räthſel gegenüber jederzeit zu äußern pflegt. Mit dem erſten Morgengrauen hatte Bürgermeiſter Bonnafox an den durchlauchtigſten Herrn Leupold die ſchriftliche Meldung des Vorgefallenen mittels 116 eines reitenden Eilboten nach Bernburg geſendet, der kurz vor dieſer Stadt den Fürſten ohne ſeine Familie auf der Rückkehr begriffen traf. „Korporal Philipp ſoll einen Mord begangen haben?“ fragte nach dem Leſen des bürgermeiſter⸗ lichen Berichts Herr Leupold vor ſich hin, als könne er das unmöglich Scheinende nicht begreifen.„Welche Schwerenothsteufelei ſteckt da ihr Ohr heraus!“ Es lief ſo dunkel über das Antlitz des hohen Herrn hin, als zöge ein Heer ſchwarzer Wetterwolken am Horizonte auf, und dieſer Zornausdruck vermin⸗ derte ſich bei ihm auch nicht um das Geringſte wäh⸗ rend der ziemlich langen Fahrt, ſodaß, als er, in Deſſau angelangt, durch die Gaſſen nach dem Schloſſe fuhr, ſein Anblick Alt und Jung erſchreckte. Nun gab's ſcharfe Unterſuchung. Dem Durchlauchtigſten gegenüber, der bei dem, was er hörte, ſeiner nicht ſelten überſtrömenden Galle in einer Reihe auserleſe⸗ ner Kernflüche Luft zu machen ſuchte, wäre es kein Wunder geweſen, wenn Hauptmann Bonna⸗ fox, der ſelbſtverſtändlich den Verlauf deſſen, was dem Morde vorausgegangen war, ganz anders er⸗ zählte, als es ſich in Wahrheit verhalten, den Muth verloren hätte, ſeinen Rapport zu Ende zu bringen. 117 „Führt den Korporal Philipp Gruner her!“ be⸗ fahl der Fürſt. Das Geſtändniß, daß derſelbe entwichen, machte Herrn Leupold faſt ſtarr vor Staunen; er hielt es für unglaublich, daß keine der Wachen an den Stadtthoren ihn geſehen haben wollte, und erſt nach langer Zeit beruhigte er ſich ſo weit, daß Bürgermeiſter Bonnafox es wagen konnte, Bericht über das abzuſtatten, was er als Oberhaupt des Stadtraths in dieſer Angelegen⸗ heit verfügt und was man bei dem ermordeten Frem⸗ den als Nachlaß gefunden habe. „Außer einer Geldſumme von dreihundert Tha⸗ lern hat gelegen in einem Kommodenfache dieſe ſchwarzlederne Brieftaſche, in welcher ſich verſchiedene Briefſchaften und, was ſehr zu verwundern iſt, meh⸗ rere Ausweispapiere, auf verſchiedene Namen aus⸗ geſtellt, befinden, welche letztern meinem unterthänigen Ermeſſen nach gelegentlich von dem Fremden verwen⸗ det worden ſind oder wenigſtens werden konnten. Handſchrift ſowie Siegel dieſer Papiere ſtimmen ganz genau mit denen des Ausweisdocuments überein welches der Verſtorbene, der in demſelben als Thier⸗ arzt Fiedler aus Paſſau aufgeführt ſteht, bei uns auf dem Rathhauſe zum Zweck ſeines hieſigen Aufenthalts hinterlegt hat und das zum Beweiſe meiner jetzt aus⸗ 118 geſprochenen Bemerkung, ich hier Ew. Durchlaucht mit vorlege“, referirte der Bürgermeiſter, die erwähnte ſchwarzlederne Brieftaſche und das beſagte Ausweis⸗ papier überreichend. „Da käme ja eine Teufelei zur andern!“ rief der durchlauchtige Herr unmuthig.„Wer war der Kerl?“ „Eine persona incognita, wie ich anzunehmen ſtarken Grund habe.“ „Höll' und Teufel!“ fuhr der Fürſt auf. „Ew. Durchlaucht dürften beſtätigt finden meine unterthänigſte Vermuthung in den Briefſchaften.“ Herr Leupold befand ſich in einer ſehr üblen Stimmung; das leiſe Pfeifen, welches kaum hörbar über ſeine Lippen ging, der in den Nacken zurück⸗ geworfene Kopf und die funkelnden Zornblitze ſeiner Augen ließen keinen Zweifel dagegen aufkommen. „Abtreten! Werde Euch rufen laſſen!“ herrſchte er den beiden Brüdern Bonnafox zu, die, im Stillen erfreut, aus der Nähe des grimmigen Herrn zu kom⸗ men, ſich ins Vorzimmer verfügten. Die Gunſt, welche er dem Korporal Philipp er⸗ zeigt hatte, wurzelte in einer nicht ebenſo ſchnell ver⸗ gehenden wie bei ihm ins Leben getretenen Zuneigung. Obwohl der Bericht des Hauptmanns Bonnafox den⸗ ———QOꝭp———OQ———QQQ..-Q-— 119 ſelben des in den Augen des Fürſten denkbar größten aller militäriſchen Verbrechen, der Widerſetzung mit bewaffneter Hand, ſchuldig zieh, ſo ſprach doch die Vorliebe für Philipp bei ihm ſo mächtig, daß er ſich in einen gewaltigen Zwieſpalt mit ſich ſelbſt verſetzt fühlte. Die edlere Natur in dem Weſen des jungen Mannes hatte ihm gefallen; ſie ſtellte einen offenbaren Unterſchied zwiſchen demſelben und ſeinen Kameraden auf, die eine hündiſche Furcht und Demuth verriethen, wenn er, der Durchlauchtige, mit ihnen redete. Von ſeiten Philipp's war dergleichen nie zu bemerken ge⸗ weſen. Gleich einem Ebenbürtigen hatte er ſtets dem ge⸗ waltigen Kriegsfürſten offen ins Auge geſehen, und wie es eine alte Wahrheit iſt, daß gleich tapfere Männer unwillkürlich zu der Empfindung gegenſeitiger Hochachtung ſich gedrängt fühlen, ſo auch empfand der Fürſt eine Achtung vor Philipp, welche ſogar ſeiner Neigung, ſeine Untergebenen zu drängeln, ihm gegen⸗ über einen Zügel anlegte. Und dieſer junge Mann, dem er ſo gewogen war, der ſich ſtets in den Schran⸗ ken ſeiner Stellung gehalten, ſollte ſich plötzlich einer ſo groben Inſubordination ſchuldig gemacht haben, ja gar zum Mörder geworden ſein? „Da liegt noch ein anderer Hund begraben“, 120 brummte der Fürſt in ſeiner Soldatenſprache vor ſich hin.„Wenn ich aber den auffinde, dann gnade Gott dem Schuldigen! Die Beſtie hängt, ſo wahr ich Leu⸗ pold heiße!“ Der Verdacht, vom Hauptmann Bonnafox einen nicht der Wahrheit getreuen Rapport empfangen zu haben, ſchlug ſo ſchnell tiefe Wurzel bei ihm, daß er ihn nicht los werden konnte. Gegen das Dunkel, hinter dem er ganz richtig etwas Anderes, als ihm zur Kenntniß gebracht worden war, vermuthete, wofür er freilich auch nicht die Spur einer Wahrſcheinlichkeit ſich ausdenken konnte, ließ ſich jedoch vor der Hand wenigſtens nichts mit Erfolg zu deſſen Aufklärung unternehmen. Der Todte konnte nicht ſprechen, Haupt⸗ mann Bonnafox ſprach unter allen Umſtänden nicht gegen ſich ſelbſt und Korporal Philipp war entwichen, daß der Durchlauchtige deſſen Flucht nicht unter die mit furchtbarer Strafe belegte Rubrik„Deſertion“ reihte, konnte als beſter Beweis dafür gelten, daß er ſeiner mit Milde gedachte. Aber da ſtieg ihm plötzlich ein guter Gedanke auf, und ſofort ſtürmte er zur Thür und ſchrie mit Donnerſtimme ins Vorzimmer hinaus:„Feldwebel Brommer ſoll gleich kommen!“ Wie ein centnerſchwerer Stein fiel's dem Gewal⸗— 121 tigen von der Seele bei der Ueberzeugung, daß er nun einen Verbündeten gefunden habe, deſſen eigenesIntereſſe ihn aneifern müſſe, in dieſer Angelegenheit nach Möglich⸗ keit Licht zu ſchaffen. Büßte Brommer nicht einen präch⸗ tigen Schwiegerſohn ein? Und Schwiegerſöhne, auf die Schwiegerväter in spe mit Stolz ſehen können, ſind nicht ſo häufig, um ſie gleichgültig zu verlieren. „Geriebener Kerl, der Brommer— mit allen Hun⸗ den gehetzt“, ſprach der Fürſt zu ſich.„Wenn einer was herausbringen kann, da iſt er's. Und—“ Zu ſeinem größten Vergnügen geſellte ſich noch ein ihm außerordentlich glücklich ſcheinender Gedanke hinzu; der Philipp war ja verliebt, und es lag ſo nahe zu erwarten, daß er Sibyllen irgend eine Nachricht über ſeinen Verbleib werde zukommen laſſen.„Kenne das; bin ja auch einmal verliebt geweſen. Hätte meine Annelieſe nicht gelaſſen, und wenn ſich Himmel und Erde dagegen verſchworen hätten. Denke nicht, daß der Philipp anders handelt; habe ihn ja als reſpectablen Kerl kennen gelernt.“ Dieſe Ueberzeugung erheiterte ihn außerordentlich. Wie es bei ihm zur Regel gehörte, daß ſich ſeine Stimmungen gern im Extrem bewegten und der Sprung vom höchſten Zorn zu ſeinem bekannten, oft in das Gebiet des Burlesken überſtreifenden gut ge⸗ 122 launten Ingrimm gar nichts beſonders Auffälliges war, ſo auch jetzt, wo ſich ihm die Ausſicht erſchloß, in dieſe dunkle Angelegenheit einen Einblick zu ge⸗ winnen. Ein paar Gänge durch das Zimmer machend, rieb er ſich vergnügt die Hände, ſein finſteres Geſicht heiterte ſich immer mehr auf, endlich nahm er die ſchwarzlederne Brieftaſche, öffnete ſie und unterwarf die darin befindlichen Papiere einer Durchſicht. Der Bürgermeiſter hatte nicht zu viel geſagt; die von einer und derſelben Hand geſchriebenen Legiti⸗ mationspapiere, auf verſchiedene Inhaber lautend und mit dem Paſſauer Stadtſiegel bedruckt, deuteten darauf hin, daß der Ermordete in geheimen Geſchäften thätig geweſen ſein müſſe. Die Briefe, die ſich fan⸗ den, beſtärkten dieſe Muthmaßung noch mehr, obwohl aus ihnen kein weiterer Schluß gezogen werden konnte. Sie waren von einer andern Hand geſchrieben und gezeichnet:„Bruder Ignaz.“ Die Redefloskel„Eure Miſſion, geliebter Bruder“ wiederholte ſich in allen. „Wer zum Teufel mag dieſer geliebte Bruder nur geweſen ſein?“ brummte der Fürſt, ärgerlich, nichts entdecken zu können, was irgend einen Anhalt gäbe, mit einiger Wahrſcheinlichkeit das Treiben deſ⸗ ſelben beurtheilen zu können. Er hatte die Papiere durchgeleſen und wollte ſie eben wieder in die Brief⸗ — œ— 1 müſſen daher ſehr vorſichtig handeln. Um Himmels⸗ 123 taſche ſtecken, als er bemerkte, daß ſich noch eine Taſche in derſelben befand, die feſt ſchließend nur durch das etwas barſche Zugreifen, mit dem er bei dem Hinein⸗ ſtecken der Briefe verfahren war, ein wenig aufge⸗ klappt war und ſo das Vorhandenſein eines Papiers bemerken ließ. Ohne weiteres zog der Fürſt es heraus und las mit wachſendem Erſtaunen Folgendes: „Geliebter Bruder Dominicus!“—„Schwerenoth, wie viel zärtliche Brüder muß der Kerl gehabt haben!“ unterbrach Herr Leupold ſich gleich beim Anfang dieſes von ſichtbar anderer Hand geſchriebenen Billets. „Jetzt beruht Alles auf Dir. Wenn auch Du in Deiner Miſſion ſcheiterſt, iſt es um unſern ſchönen Plan, uns zu Erben eines Theils der großen Be⸗ ſitzungen Buſſy⸗Rabutin's zu machen, geſchehen. Ich zittere vor Kummer, wenn ich daran denke, daß all unſer Thun mißlingen ſoll. Der gefährlichſte unſerer Feinde iſt Prinz Eugen. Er iſt uns auf der Spur. Durch ihn erhielt der junge Graf Buſſy⸗Rabutin, dies iſt uns kein Geheimniß mehr, ſeine Freiheit. Seine gute Freundin, die Gräfin Batthyanyi, wußte es bei der Kai⸗ ſerin durchzuſetzen, daß Hubert heimlich entlaſſen wurde, und wir haben auch die Ueberzeugung, daß der Prinz um des Flüchtlings jetzigen Aufenthalt weiß. Wir 124 willen keine That, deren Reſultat nicht im voraus nach allen Seiten der Möglichkeiten hin erwogen iſt. Deine Kunſt, mein geliebter Bruder, muß darin be⸗ ſtehen, Alles, was geſchieht, ſo zu geſtalten, daß Nie⸗ mand auf unſer Mitwirken kommen kann. Der ſchlimmſte Streich, der uns widerfahren, iſt glücklich abgewendet: Bela Iſtvanſi im Tollhauſe geſtorben. Aber auch dabei hat Prinz Eugen ſeine Hand im Spiele gehabt und er iſt ſchlau genug, die Sache ins Gewand des Geheimniſſes zu hüllen. Du weißt nun Alles; doch eins noch, das ſchwer in die Wage gegen uns fallen dürfte, wenn es gelänge. Prinz Eugen läßt im Auftrage der Prinzeß⸗Mutter nachſpüren, ob ein Kammerdiener des verſtorbenen Generalfeldmar⸗ ſchalls Buſſy⸗Rabutin, Namens Beaupré, ein Franzoſe von Geburt, damals, als Hubert geboren wurde, im Buſſy⸗Rabutin'ſchen Hauſe angeſtellt, noch am Leben iſt. Unſere Agenten haben dieſelbe Aufgabe. Noch iſt keine Meldung von ihnen eingelaufen, die uns das Nochvorhandenſein dieſes Menſchen, der die Ausſagen der Frau Hanulik ſofort als erfunden bloßſtellen würde, befürchten läßt. Segen ſei mit Dir und Deinem Wir⸗ ken, geliebter Bruder, es betet dafür Dein Paverius.“ So ungeduldig auch gewöhnlich der durchlauchtige 125 Herr war, wenn etwas ſeine Aufmerkſamkeit nicht ganz und gar feſſelte, ſo wenig verrieth er nach der Durchleſung dieſes Schreibens jene Haſt, die ihn gleich⸗ ſam gebieteriſch von einem Gegenſtande zum andern drängte, als bedürfe er für ſein geiſtiges Theil oder vielmehr für deſſen unruhiges Treiben immer neuer Anregung. Er wiederholte jetzt ſogar ſeine Leſeübung noch ein paarmal hinter einander, denn die klare feine Handſchrift, deren Buchſtaben wie angereihte Perlen von einer und derſelben Größe neben einander ſtanden, war für ihn im vollen Sinne des Wortes eine Uebung im Leſen. Als er damit zu Ende ge⸗ kommen war und ſich einem Nachſinnen überlaſſen hatte, in welchem ihm, wenn auch ziemlich unklar, die Ahnung vor die Seele trat, daß er hier einen Ein⸗ blick in die künſtlich gewebten Machinationen einer ganz andern Art Feldherren, als er einer war, der mit Eiſen und Feuer und einem donnernden Hurrah ſeinem Feinde ehrlich und offenen Auges auf den Leib rückte, gewonnen habe, ſprang er zornvoll, den Seſſel hinter ſich zu Boden ſchleudernd, auf und rief: „Sind das Schwerenothsgeſchichten! Hole doch der Satan dieſe ganze geliebte Brüderſchaft!“ Und mit mächtigen und ſchwerdröhnenden Schritten durchmaß er das Gemach. Bald jedoch wurden ſeine 126 Schritte mäßiger, zuweilen blieb er ſtehen, einem ihm kommenden Gedanken nachſinnend, bis er endlich über das, was am nächſten zu thun ſei, mit ſich einig ge⸗ worden war. „Alſo Buſſy⸗Rabutin's, meines verſtorbenen Waffen⸗ bruders hinterlaſſenem Sohne will die nichtswürdige Bande von geliebten Brüdern die Erbſchaft von ſeinem Vater entreißen? Da alſo guckt der Wolf aus dem Schafpelze? Oho, der Deſſauer legt euch ein Kukuksei ins Neſt. Soll ſich Prinz Eugen freuen, wenn er dieſe Teufelsbriefe zu Geſicht kriegt!“ Und mit einer Stentorſtimme ſchrie er den ſeiner Befehle im Vorzimmer Harrenden zu: „Herein da!“ Dem wie Donner hallenden Befehle zum Eintritt nach zu ſchließen, mußte der Durchlauchtige in keiner eben ſehr für den nähern Umgang mit ihm verlocken⸗ den Stimmung ſich befinden, doch wider alles Erwar⸗ ten ſahen ſich die ſchüchtern Eintretenden getäuſcht. Mit einer ihm nicht für gewöhnlich innewohnenden Ruhe befahl er dem Bürgermeiſter ein vollkommenes Actenſtück auszufertigen, in dem die Ermordung des angeblichen Thierarztes und alles das einzeln erwähnt ſei, was man als deſſen Nachlaß vorgefunden habe. „Die Brieftaſche bleibt hier; die Regiſtrirung der 127 darin verwahrten Papiere und deren Copien hat Er in meiner Gegenwart und nach meiner Angabe zu machen. Das Rathswappen und ein Brief von mir beglaubigen das Schriftſtück hinlänglich. Das Weitere iſt dann meine Sache.“ Eine entlaſſende Handbewegung deutete den Brü⸗ dern kurz an, den Rückweg zu nehmen. Feldwebel Brommer erſchien in dieſem Momente auf der Schwelle, und Herr Leupold, ihn erblickend, rief mit faſt lachen⸗ dem Tone: „Nur herein, Brommer! s iſt wieder'ne tolle Teufelei vorgefallen, die wir zuſammen berathen wollen.“ Der Bürgermeiſter und ſein Bruder, der Haupt⸗ mann, wechſelten im Hinausgehen einen bedeutungs⸗ vollen, aber höchſt mißvergnügten Blick mit einander. IV. Nicht allein für den durchlauchtigen Herrn Leupold bot das Ereigniß, welches ihm einen propren Sol⸗ daten koſtete, der merkwürdigerweiſe ſpurlos und jeder Nachforſchung ſpottend verſchwunden war, einen Gegenſtand, den er als ein unentwirrbares Räthſel anzuſehen ſich gezwungen ſah, ſondern auch die Deſſauer fanden in dem, was über dies ſeltſame Vorkommniß zu ihrer Kenntniß gelangte— und das beſtand nur in den beiden Thatſachen, dem Morde an dem Frem⸗ den und der Deſertion des Korporals Philipp— einen ſehr reichlichen Stoff, ſich in einer Menge Vermuthungen zu erſchöpfen. Jeder beſtrebte ſich dies wichtige Kapitel nach Kräften zu bereichern. In einer ſo kleinen Reſidenz, wo, wie man mit Recht ſagen kann, alle Fäden der Exiſtenz der Bewohner vom Willen des Fürſten ausgehen und auch in demſelben ihre Endſchaft — 80 129 finden, war es ganz natürlich, daß eine Begebenheit, welche mittelbar den Landesvater und unmittelbar deſſen Liebling— als ſolchen kannte ganz Deſſau den Korporal Philipp— betraf, von großer Bedeutung erſchien. Auf Zweierlei war man ſehr geſpannt. Erſtens auf das Benehmen Sr. Durchlaucht ſelbſt. Man bedauerte unausgeſprochen Jeden, der in die⸗ ſer Kriſis Höchſtdeſſelben Zorn auf ſich laden würde. Uebte Herr Leupold in Zeiten, wo ſein zu Gewalt⸗ thaten aller Art geneigtes Gemüth keinen ſo ſchweren Vorwurf zum Zorn hatte, ſchon eine unerbittliche Strenge, eine Schonungsloſigkeit ohnegleichen gegen jeden in ſeinen Augen Fehlenden, ſo war man aufs vollkommenſte überzeugt, daß jetzt, wo die Durch⸗ laucht„wüthig“ ſei, derjenige, der das Unglück hatte, derſelben zu mißfallen, mit Fug und Recht die be⸗ kannte Bibelſtelle vom Mühlſtein an den Hals hängen auf ſich anwenden könne, weil es ſicher beſſer war, in der Tiefe eines Mühlteichs mit ſolchem wuch⸗ tigen Halsgeſchmeide zu liegen, als der barbariſchen Thierquälerei des Herrn Leupold ausgeſetzt zu ſein. Und das traf auch ein. Nie waren Sr. Durchlaucht Soldaten ärger gefuchtelt worden als jetzt, wo der Zorn ihres Kriegsherrn keinen andern Ausweg kannte, um ſich ein wenig Luft zu machen. Es war eine Carion, Der alte Deſſauer. III. 9 4 130 kleine Erholung, die er ſich vergönnte, und ſo grauſam ſie auch war, ſo beſtand ſie doch eigentlich zu Recht, er hatte ſie immer geübt, und die herrſchende Anſicht, daß ein Soldat ſo zu ſagen durch Fuchteln die rechte Weihe zu ſeinem glänzenden und doch mit ſo vieler Entwürdigung ſeines Menſchenthums verknüpften Be⸗ rufe empfange, ließ es hinſichtlich dieſer ſchändlichen Entehrung zu gar keiner richtigen Anſchauung kommen. Zweitens war man ſehr neugierig, wie ſich Jungfer Sibylle Brommer bei dem unerklärlichen Verſchwinden ihres Geliebten geberden werde. Beſonders war die weibliche Bevölkerung Deſſaus ſehr geſpannt auf die Art und Weiſe, mit welcher die Tochter des würdigen Feldwebels, den man in dieſen Tagen ſehr nachdenk⸗ lich durch die Straßen wandeln ſah, ihr großes Leid tragen würde. Zu aller Erſtaunen gab Sibyllle kein äußeres Zeichen von Erregung über das ihr wider⸗ fahrene Unglück kund, obgleich es gewiß war, daß ihr jeder Gedanke an eine Heirath mit Korporal Philipp für immer als unmöglich erſcheinen mußte, denn wurde er ergriffen und nach Deſſau abgeliefert, ſo ſtand es ſelbſt im günſtigſten Falle, wenn Herr Leupold, weil Philipp ein„Staatskerl“ war, ihn nicht als Deſer⸗ teur aufhängen ließ, doch feſt, daß er ſchrecklich gedrang⸗ ſalt wurde und jedenfalls alle Ausſicht, jemals wieder ,———.—,„- 131 Korporal zu werden, aufgeben mußte. Die Tochter eines ſo wohlrenommirten Feldwebels Sr. Durchlaucht konnte keinen gemeinen Soldaten heirathen, das lag auf der Hand, und demnach hatte ſie alle Urſache, ſich tief betrübt zu zeigen. Da man aber weder roth verweinte Augen an ihr bemerkte, noch irgend andere Zeichen einer gewaltſam unterdrückten Trauer, ſo war man ſehr raſch damit fertig, ſie zu verurtheilen.„Aus den Augen, aus dem Sinn“, ſagten Viele;„das iſt bei Soldaten nun einmal nicht anders, die Sol⸗ datenmädels denken ebenſo“; aber Andere meinten, es könnte wohl ſein, daß Sibylle mehr und Näheres von Philipp wiſſe, als ihr Vater ahne. Im Allgemeinen hatten letztere Recht. Der würdige Feldwebel ſelbſt nahm ſchweres Aergerniß an dem ſo ruhigen Weſen ſeiner Tochter und begriff nicht, wie es möglich ſei, daß ſeine Bille ſich nicht dieſes Verluſtes wegen die Haare ausraufe. Um das Maß ſeines Aergers voll zu machen, gerieth er mit ſeiner Frau Cheliebſten in harten Disput, denn ſie verdammte den„Deſerteur“ aufs vollſtändigſte. In ihren Augen exiſtirte kein Milderungsgrund für ſein ſchnödes Da⸗ vonlaufen. „An die Bille hätte der Menſch denken ſollen“, behauptete ſie.„Durchlaucht hätte ihm nicht den Kopf 9* 132 abgeriſſen; aber freilich das hoffärtige, unbändige Weſen Seines vielgeliebten Herrn Philipp, ſein über⸗ mäßiger Dünkel, der ſich auch von einem Hauptmann nichts ſagen laſſen wollte, trieb ihn zu einer Inſubor⸗ dination; natürlich, ſo'n gehätſchelter Korporal dünkt ſich ja Wunder wer zu ſein! Nun ſitzt die Bille da, nun ſitzt ſie da, verlaſſen wie'n armes Vöglein auf dem Neſte, dem man's Männchen weggeſchoſſen hat. O du himmliſche Barmherzigkeit, wer nimmt ſie denn jetzt? Ich möcht's wiſſen! Jetzt kann der geſtrenge Herr Feldwebel Brommer ja ſehen, wo er für ſeine eheleibliche Tochter einen Mann herkriegt. Er kann ja einmal den Freiwerber bei einem Mannsbild machen, wenn das auch zur verkehrten Welt gehört; ver⸗ ſuche Er doch Sein Glück, verſuche Er's doch, bringe Er die Bille unter die Haube. Das iſt jetzt Seine verfluchte Schuldigkeit, wie Se. Durchlaucht immer zu ſagen pflegt. Er hat ja ſo lange gedrängelt, bis die Bille ſich in den Mosje Philipp verliebte. Da thue Er nun auch was für ſie. Sie iſt ja Sein eheleiblich Kind. So'nem großmächtigen Herrn Feldwebel wie der Herr Brommer wird das doch nicht zu ſchwer werden!“ Sibylle war nicht die einzige Seele, welche um die Art und Weiſe wußte, wie Korporal Philipp oder 8 d AG —₰ 2— V 8⁸8 8=S=S 133 vielmehr Graf Hubert Buſſy⸗Rabutin ſeine ſogenannte Deſertion bewerkſtelligt hatte; jedoch was derſelben unmittelbar vorhergegangen war, davon hatte Gott⸗ fried Almarich ſie allerdings nicht umſtändlich, ſondern nur inſoweit unterrichtet, als es ihm nöthig ſchien, daß ſie davon wiſſe, um ſeine Deſertion als eine ihn gebieteriſch zwingende Nothwendigkeit zu ſei⸗ ner und ſeines Geheimniſſes Rettung zu erkennen. Was im Hauſe des ermordeten Fremden vorgegangen war, davon war Gottfried ſelbſt erſt durch Hubert unterrichtet worden. Hausflur und Treppe waren ſo finſter und letztere, deren ſchmale, unbequeme Stufen ſich um einen Pfei⸗ ler wanden, ſo ſteil, daß Hubert, um nicht durch einen Fehltritt von derſelben hinabzuſtürzen, nur mit größter Vorſicht und indem erſeine Hände zum Taſten gebrauchte, dieſen Aufgang zu erklimmen im Stande war. Da die Treppe von Holz und die Kanten ihrer Stufen von vielem Begehen eine gewiſſe ſchlüpfrige Abſchüſſigkeit beſaßen, welche ein feſtes Auftreten des Hinauf⸗ oder Herabſteigenden bedingte, ſo wäre es platterdings un⸗ möglich geweſen, daß der oben Wohnende ſein Kommen nicht hätte hören ſollen. Hubert hatte die oberſte Stufe erreicht und wollte eben mittels Umhertaſten mit den Händen ſich über 134 die ihn umgebende finſtere Oertlichkeit vergewiſſern, als er unweit von ſich leiſe ſchlürfende Schritte hörte. Eine Thür that ſich auf und der Bewohner, ein brennendes Licht in der Hand, erſchien vor ihm. Zwiſchen beiden Perſonen herrſchte die Stille der Ueberraſchung. Sich einander gegenüber zu ſtehen, mar⸗ kirte ſich bei jedem von ihnen. Der Fremde unterlag für den Moment ſichtbar einem Schreck, indeß er mochte zu ſehr an Selbſtbeherrſchung gewöhnt ſein, denn ſein Geſicht verlor ſchnell dieſen Ausdruck. Sein Aeußeres gab die Erſcheinung eines wohl⸗ häbigen Bürgers, der ſich in der glücklichen Lage befindet, ein ſorgenfreies Leben genießen zu können. Die nicht übermäßige Körperfülle lieh ihm das gute Ausſehen eines Lebemannes, ſein Geſicht, voll und geſund, ſchien jedenfalls eher beſtimmt, den Ausdruck der Heiterkeit als den bittern tiefen Ernſtes zu tragen. Ein ziemlich weiter, lang herabreichender und durch ein paar Knöpfe unter der Bruſt zuſammengehaltener dunkelfarbiger Hausrock und ein das Haupt deckendes Sammtkäppchen gaben ihm den Anſtrich eines Häus⸗ lichkeitsſinnes, der aufs vollkommenſte mit ſeiner ganzen Erſcheinung ſtimmte. Ebenſo wie Hubert ihn ins Auge faßte, geſchah dies von ſeiten des Doctors in Bezug auf Hubert, und ———2————, — r e n 135* faſt ſchien es, als mache des letztern augengefälliges Aeußeres einen angenehmen Eindruck auf ihn. Die Uniform ſtand der ſchlanken Jünglingsgeſtalt Hubert's außerordentlich gut und das friſche, edelgeformte Antlitz mit dem hellen, Muth ausſprechenden Augen⸗ paar ſchien zu künden, daß deren Inhaber zu Allem entſchloſſen ſei, was dazu gehöre, um dem feindlichen Schickſal keck entgegen zu treten. „Will der Herr zu mir?“ fragte der Doctor. „Es iſt ſo.“ „Im Auftrage eines Seiner Herren Offiziere?“ „In eigener Sache“, antwortete Hubert. „So? Nun, da trete der Herr ein.“ Die Stube, in die der Sprechende mit einer leich⸗ ten Handbewegung ihn zu kommen einlud, war höchſt einfach möblirt. Inmitten derſelben zeigte ſich ein großer, braun angeſtrichener, auf einem Kreuzgeſtell ruhender Tiſch, auf dem ein anderes brennendes Licht ſtand. Bücher, von welchen eins aufgeſchlagen lag, und Schreibzeug mit Papier deuteten an, daß der Be⸗ wohner hier mit Leſen und Schreiben ſich zu beſchäftigen pflege. Eine dickbäuchige Kommode, überdeckt mit einem weißen Tuche, darauf ein paar Trinkgläſer und ein niedriger Waſſerkrug, ein paar Stühle in den Ecken der Stube und an den Wänden mehrere Bilder, Pferde, 3 136 Rinder und Hunde darſtellend, machten die ganze Ein⸗ richtung der eben nicht ſehr großen Räunlichkeit aus, die trotzdem etwas friedlich Anheimelndes hatte. Nachdem der Inhaber dieſer ſchmuckloſen Wohnung die Thür zugemacht, ſchob er ſeinem Beſucher einen Stuhl in die Nähe des Tiſches, auf den er das von ihm bisher in der Hand getragene Licht geſtellt hatte, ſo⸗ daß nun von der Mitte dieſer Räumlichkeit aus ein 4 ziemlich heller Lichtſchein ſich verbreitete. „Setze ſich der Herr und rede Er.“ Hubert machte keinen Gebrauch von dem ihm an⸗ 3 Doctor vor, und ihm feſt ins Auge blickend, ſagte dächtigen.“ „Ihn? Er irrt ſich wohl in meiner Perſon.“ „Ich denke nicht.“ „Dann gebe Er mir den Ort an, wo ich dies ge⸗ than haben ſoll.“ „Im Dornbuſch“, autwortete Hubert feſt.„Er befand ſich in guter Geſellſchaft dort. Die beiden Korporale Wenzel und Fleiſcher und des Bürgermeiſters Bedienter waren es, denen Er erzählte, daß Er in mir einen Gefangenen des Rothenthurmthors erkannt habe. Wie meint der Herr das zu beweiſen?“ gebotenen Sitze, ſondern trat einen Schritt gegen den er:„Der Herr hat ſich Mühe gegeben, mich zu ver⸗ 137 Statt aller Antwort beobachtete der Fremde ein tiefes Schweigen. Es war ſichtbar, daß er ſich durch dieſe Beſchuldigung zu ſehr überraſcht fühlte, um ſo⸗ gleich auf irgend eine geſchickte Art ſich in die Poſi⸗ tion eines Abweiſenden oder in die eines Zugeſtehen⸗ den verſetzen zu können; trotzdem zeigte ſein Geſicht auch nicht den geringſten Ausdruck von Furcht, im Gegentheil hing ſein Blick unverwandt an Hubert, ſodaß dieſer faſt in Verwirrung gerieth, da er nicht wußte, wie er dieſes offene, unerſchrockene Anſchauen deuten ſolle. „Der Herr bleibt mir die Antwort ſchuldig?“ fragte er dann, um ſich ſelbſt aus dieſer Unklarheit zu reißen.„Hält Er mich nicht für werth, mir die Urſache zu nennen, warum Er dies Gerücht über mich ausſprengte?“ „Bei meiner Seelen Seligkeit, auch ſogar die Stimme iſt es, die ich jetzt wieder höre!“ ſtieß der Andere, ſeine gegenwärtige unangenehme Situation ganz vergeſſend, hervor. Wenn er durch dieſen Ausruf, der eine offenbare Beſtätigung des von ihm ausgeſtreuten Gerüchts war, beabſichtigte, bei dem Korporal einen Schreck zu be⸗ wirken, ſo hatte er vollkommen ſein Ziel erreicht; Hubert konnte eine ſchreckhafte Ueberraſchung nicht 2 138 bemeiſtern. Dieſe ihn für den Moment überwältigende Empfindung verſchwand indeß ebenſo ſchnell wieder bei ihm wie ein auf der Oberfläche eines vom Waſſer eines Quells geſpeiſten Baſſins auftauchendes und auch flüchtig wieder zerrinnendes Bläschen. Mit einem ruhig ſein ſollenden Tone fragte er:„Was redet der Herr von meiner Stimme?“ Ein faſt gemüthliches Lächeln glitt über des Frem⸗ den wohlgenährtes Antlitz, woraus ein beſſerer Menſchen⸗ kenner als der Korporal jedenfalls den Schluß ge⸗ zogen hätte, daß jener ſich nun im Vortheile ihm gegenüber befand. Und ſo war es wirklich, denn daß Hubert des Fremden Rede gerade auf ſeine Stimme bezog, verrieth deutlich, wie ſehr er ſich davon ge⸗ troffen fühlte. Nach einer kurzen Pauſe ſagte der Fremde im Tone gewinnender Freundlichkeit: „Der Herr hat ganz Recht, daß er mich zur Rechen⸗ ſchaft wegen einer Thorheit zieht, die ich aufrichtig bereue. Und gewiß wird der Herr mir auch die Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen, mir nicht auf den Kopf ſagen zu wollen, daß ich ausgeſprochen hätte, er ſei unbezweifelt derſelbe, den ich als Gefangenen in das Rothethurmthor habe bringen ſehen. Die Rede war nur von einer werkwürdigen Aehnlichkeit, die Er 8—— 8———— 1 139 mit dem beklagenswerthen jungen Mann hat und die mir ſo ungemein aufgefallen iſt.“ Aus dieſem Zugeſtändniß einer begangenen Thor⸗ heit klang beſonders bei der von dem Sprechenden be⸗ rührten auffälligen Aehnlichkeit des Korporals mit einem beklagenswerthen jungen Mann ſo viel Herz⸗ lichkeit, ein ſo aufrichtiges Mitleid heraus, daß Hubert ſich davon nicht unangenehm angeſprochen fand. „Und wer war oder iſt der mir ſo ähnlich ſein ſol⸗ lende junge Mann, von dem der Herr redet?“ fragte er. „Der junge Graf Hubert Buſſy⸗Rabutin, ein Opfer einflußreicher Feinde, die ihn um ſein Geburts⸗ recht zu bringen beabſichtigen“, lautete die ruhig ge⸗ gebene Antwort. Als ob er nicht im geringſten be⸗ merke, daß der vor ihm Stehende ſich von der Kennt⸗ niß ſeines Namens und ſeiner Verhältniſſe ungemein frappirt fühle, fuhr er fort, weiter zu ſprechen:„Ich denke, der Herr wird mir Glauben beimeſſen, wenn ich ihm ſage, daß mir mein mitleidiges Herz da einen üblen Streich geſpielt hat. Als ich mit den von Ihm genannten beiden Korporalen und des Bürgermeiſters Diener im Dornbuſch ſprach, lag mir nichts weiter an, als mich über des Herrn Perſon zu vergewiſſern; ich hatte keine üble Abſicht dabei. Ich will es ſogar 140 geſtehen, daß ich im Stillen einen Plan damit ver⸗ band.“ Hubert ließ nur ein einfaches„So?“ von ſich hören, worauf der Andere fortfuhr: „Ja, einen Plan. Hätte ich nur die geringſte Wahrnehmung gemacht, daß ich mich hinſichtlich Seiner Perſon nicht in einer Täuſchung befand, nämlich, daß Er wirklich der junge Mann ſei, den ich in Ihm wieder⸗ zuſehen geglaubt habe— Er wird mir zugeſtehen, daß ſolche Leute wie die beiden Korporale, Seine Ka⸗ meraden, die Ihm ziemlich feindſelig geſinnt ſind, weil Se. Durchlaucht Ihm ſo vorzüglich gewogen ſich zeigt, recht wohl geeignet ſind, bei derlei Erkundigungen die beſte Auskunft geben zu können, denn eine directe Anfrage bei dem durchlauchtigen Herrn würde für mich doch ein Ding der Unmöglichkeit geblieben ſein— nun, dann wäre es des Herrn Schade nicht geweſen.“ „Inwiefern?“ Der Gefragte entgegnete lächelnd:„Der Herr examinirt mich ja förmlich.“ „Bleibe Er bei der Sache.“ „O, wenn Ihm das Vergnügen macht, warum nicht?“ Eine kurze Pauſe trat ein, dann hob der Fremde an: ——,—,————— ⸗—S—,y4/j¼ 141 „Wenn ich eben von einem Plane redete, den ich, ſobald mir nämlich die Ueberzeugung geworden wäre, daß Er und der junge Graf, den ich genannt habe, eine und dieſelbe Perſon ſeien, zu Gunſten dieſes Unglücklichen hätte ins Leben treten laſſen, ſo würde derſelbe eben keinen andern Zweck gehabt haben, als Ihm die Beweiſe zu liefern, welches Complot gegen Ihn ſpielt, welcher Art die Mittel ſind, die man an⸗ wendete, um Ihn um die Rechte und Anſprüche Seiner hohen Geburt zu bringen. Es dürfte nicht wenig Aufſehen erregen, wenn es plötzlich am Wiener Hofe kund würde, der ſo ausdauernd verfolgte, durch die Erfindung ſeiner Feinde, unter denen ſein Stiefbruder, der kaiſerliche Obriſthofkanzler, keine geringe Rolle ſpielt, zum Sohne eines Graner Schweinezüchters ent⸗ ehrte—“ Der Sprechende kam nicht zum Beendigen ſeiner Rede. Hubert trat, leidenſchaftlich erregt, ſchnell auf ihn zu und fragte mit hörbar vor Aufregung zittern⸗ der Stimme:„Das könnte der Herr?“ „Ja.“ Eine Pauſe folgte. Beide ſahen einander feſt ins Auge. Hubert hatte beide Hände auf des Fremden Schultern gelegt, dann fragte er, wie von einem täuſchenden Traume ſich losreißend, mit halber, un⸗ 142 ſicherer Stimme:„Und ſolche Beweiſe wären wirklich in des Herrn Hand?“ „Ja, Herr Graf Buſſy⸗Rabutin.“ „Ich?“ „Kein Anderer“, entgegnete der Doctor feſt.„Kein Anderer würde irgend eine Theilnahme für die in meinem Beſitze befindlichen Beweiſe eines Verbrechens äußern, das ihn nicht berührt.“ Hubert trat zurück. Er befand ſich in einer Art von Betäubung, die er nicht ſofort zu bewältigen vermochte. Der Doctor, deſſen ſcharfer Aufmerkſamkeit dies nicht entging, ſchien es für nöthig zu halten, ihm beizu⸗ ſtehen, daß er ſich von dieſer Ueberraſchung erhole. „Hören Sie mich ruhig an, Herr Graf“, hob er an; „es iſt nothwendig für Sie, Ihre ungetheilte Auf⸗ merkſamkeit mir zu ſchenken.“ „Spreche der Herr.“ „Sie ſehen in mir einen ſchlichten Mann, der, wenn er Ihnen beiſteht, Ihre Feinde verſtummen zu machen, im voraus überzeugt iſt, daß er auch durch Ihre Großmuth für ſich eine ſichergeſtellte Zukunft als Lohn für ſeine rechtſchaffene Handlungsweiſe, durch die Sie Rang und Reichthum wiedergewinnen, erwerben wird. Ich glaube nicht, daß ich mich in dieſer Hoff⸗ nung täuſche.“ —05 CO 00 143 „Nein, beim Himmel, der Herr täuſcht ſich nicht. Ich würde Ihn als Retter meines ganzen Lebens⸗ glücks, als einen theuren, mir zum Beiſtand geſendeten Freund anſehen!“ rief Hubert lebhaft. „Nur für keinen Bela Iſtvanſi“, bemerkte jener lächelnd. „Wie? Der Herr kennt dieſen Iſcharioth?“ „Aus den ſchriftlichen Beweiſen, die das gegen den Herrn Grafen geſponnene Complot enthüllen und, wie ich ſchon ſagte, in meiner Hand ſich befinden, nicht perſönlich. Doch haben der Herr Graf die Gnade, mir zuzuhören. Die Nothwendigkeit, Ihr Incognito zu wahren, bedingt von meiner Seite einen Widerruf hinſichtlich der von mir ausgeſprochenen Aehnlichkeit zwiſchen Ihnen und dem fraglichen Gefangenen des Rothenthurmthors zu Wien. Geben Sie mir morgen Gelegenheit dazu. Beſuchen Sie in Geſellſchaft einiger Korporale den Dornbuſch, ich werde die beiden Unter⸗ offiziere Wenzel und Fleiſcher veranlaſſen, ebenfalls mit mir dahin zu kommen, und es dann laut aus⸗ ſprechen, daß ich mich in Ihrer Perſon täuſchte. Ich wünſche nichts ſehnlicher, Herr Graf, als Ihre Sicher⸗ heit jeder Gefährdung zu entziehen, denn ich weiß, daß Sie auch hier nicht ſicher ſind. Ihre Feinde in Wien haben am königlichen Hofe zu Dresden gute 144 Freunde, welche nicht verſäumen würden, den durch⸗ lauchtigen Herrn Leupold in Ihnen einen Betrüger erblicken zu laſſen, ſobald ſie die beſtimmte Ueberzeu⸗ gung von Ihrem hieſigen Aſyle hätten, und was würde dann Ihr Loos ſein? Auslieferung nach Wien. Hoffen Sie dort auf keine Gerechtigkeit, denn ich zweifle, daß Sie je wieder Ihrer Freiheit ſich erfreuen dürften. Es gibt ſo viele Mittel, einen Menſchen, der gewiſſen Leuten im Wege iſt, verſchwinden zu laſſen.“ „Der Herr ſcheint von Allem wohl unterrichtet zu ſein“, bemerkte Hubert. „Ich bin es auch, Herr Graf“, ſagte dieſer offen heraus,„und zwar durch das ſeltenſte Ohngefähr von der Welt, welches mir die Beweiſe deſſen, was man gegen Sie unternommen, in die Hand ſpielte. Für jetzt freilich darf ich noch nicht hoffen, Ihr Vertrauen zu beſitzen, aber ich hoffe es erwerben zu können. Uebri⸗ gens nimmt es mich nicht Wunder, daß Ihr Herz ſich ſträubt, Jemand unbedingt Glauben zu ſchenken, der Ihnen heute zum erſten Male vor Augen gekommen iſt. Sie haben die vollſte Urſache, am Menſchenherzen zu zweifeln.“ Hubert befand ſich in einem höchſt ſeltſamen Zwie⸗ ſpalt ſeiner Empfindungen. Indem die Vorſicht ihn ————— 145 mahnte, ſich kalt zu zeigen, jeder noch ſo natürlichen Aufregung Herr zu bleiben, lag doch in der Stimme des ſo klar und mit warmer Herzlichkeit zu ihm ſpre⸗ chenden Fremden etwas ungemein Sympathiſches, daß es faſt unmöglich ſchien, ihm Vertrauen zu verweigern. Und noch etwas miſchte ſich in dieſen Widerſtreit, das ganz geeignet war, denſelben zum ausſchließlichen Vor⸗ theil jenes zu wenden— die Wohlthat des Stolzes. Das Geheimhalten ſeines erlauchten Namens und Ge⸗ burtsranges, das Verſtecken ſeiner gerechten Anſprüche unter das dürftige Gewand eines armen deſſauiſchen Korporals hatten ihn zuweilen heftig empört und einen Zorn gegen die ihn verfolgende Ungerechtigkeit, gegen die Laſt der Unehre, eine eingeſchmuggelte Creatur niedrigſter Klaſſe ſein zu ſollen, in ihm rege gemacht, den er ſtets nur mit Mühe hatte unterdrücken können. Die Hand dem Fremden reichend, ſagte er: „Ich vertraue Ihm, Herr, denn ich glaube, Er iſt ein ehrlicher Mann.“ Indem jener die Verſicherung ſeiner edlen Ab⸗ ſichten ausſprechen wollte, ließen ſich polternde Tritte auf der hölzernen Treppe vernehmen und zugleich ein paar kernige franzöſiſche Flüche, welche der Herauf⸗ kommende über die tiefe Finſterniß und die miſerable Treppe ausſtieß. Carion, Der alte Deſſauer. III. 10 146 „Treten Sie in dies Nebengemach, Herr Graf“, bat der Wohnungsbeſitzer.„Es iſt nothwendig, daß man Sie nicht bei mir ſieht.“ Während Hubert dieſer Weiſung folgte, ging jener, dem Hauptmann Bonnafox zu öffnen. Welche Wen⸗ dung beider Beſprechung nahm, iſt ſchon erwähnt. Hubert, empört von der Niederträchtigkeit dieſes Offi⸗ ziers, riß auch ſein Seitengewehr aus der Scheide, als dieſer ſeinen Degen blank zog. Obgleich der Haupt⸗ mann bei dem bedeutenden Unterſchiede der Waffen ſcheinbar den Vortheil für ſich hatte, ſo würde er doch gegenüber der Gewandtheit Hubert's verloren geweſen ſein, hätte ſich nicht der Fremde, getrieben von der Angſt, einen Mord in ſeiner Wohnung geſchehen zu ſehen, zwiſchen die Fechtenden gedrängt, wodurch ihn ein Hieb Hubert's ſo tödtlich am Halſe traf, daß er ſofort zuſammenbrach und ein breiter, aus der Wunde fließender Blutſtrom ſich am Boden zu einem Tümpel ſammelte. Hauptmann Bonnafox ſetzte Hubert's Flucht kein anderes Hinderniß in den Weg als ein furchtbares Geſchrei nach dem Korporal Wenzel, mit dem Hubert auf der dunklen Treppe zuſammenſtieß, ein Umſtand, welcher für den eiligſt Heraufkommenden ſo unheil⸗ voll wurde, daß man ihn ſpäter am Fuße der Treppe in ———— géV— 147 in einer todtenähnlichen Bewußtloſigkeit liegen fand. Beſonders günſtig für Hubert's von ſeinem treuen Gottfried unterſtützte Flucht war der ſtarke Regen, welcher die noch vor kurzem in den Gaſſen Verkeh⸗ renden eiligſt in die Flucht getrieben hatte, ſodaß die Beiden ganz freien Weg fanden und von Niemand geſehen wurden. Als die Thurmglocken die erſte Morgenſtunde ver⸗ kündeten, ſchwamm ein kleiner Kahn, von zwei kräfti⸗ gen Nuderern getrieben, den Elbſtrom abwärts. Der Regen hatte zwar nachgelaſſen, dafür aber lagerte eine ziemlich dichte Finſterniß auf dem dumpf rauſchenden Waſſer. Die in dem Fahrzeuge ſich Befindenden wech⸗ ſelten nur ſelten ein Wort miteinander. Es war eine unheimliche Fahrt, von den beiderſeitigen Ufern auch keine Spur zu ſehen, und als der Morgen nahte und im Oſten ſich eine fahle Färbung verſpüren ließ, ging das tiefe, auf Strom und Land liegende Dunkel in einen dichten grauen Nebel über, der gleich einem undurch⸗ dringlichen Vorhang Himmel und Erde zu verbinden ſchien. Dieſe Umwandlung von dichtem Schwarz in tiefes Grau und aus dieſem ſchließlich zu einem allmäligen Hellwerden ward in derſelben ſelten durch ein Wort unterbrochenen Stille von den Leuten in dem kleinen Kahn durchgemacht, und erſt als 10* 148 im Oſten ein bleicher rother Streifen nach dem andern erſtand und den Nebel zu durchſchimmern begann, hob eine dünne, etwas heiſere Männerſtimme an: „Hochgelobt ſei der Gott meiner Väter! Ich hätte doch nicht gedacht, daß wir in der Grabesnacht glück⸗ lich und wohlbehalten durchkommen würden! Iſt mir doch geweſen zu Muthe, als ſollte ich jeden Augenblick erſäuft werden und habe ich gezittert tief in meine Seele hinein, wie wenn ich's kalte Fieber hätte.“ „Ja,'s war teufliſch dunkel, Herr Salomo, kann man nicht anders ſagen“, ſtimmte der am Steuer hockende Schiffer bei.„Bin bei mancher üblen Wetter⸗ ſtunde heruntergeſchwommen denſelben Weg, aber daß es jemals ſo finſter geweſen wäre wie dieſe Nacht, erinnere ich mich nicht. Paß auf, Thomas, links rüber!“ Der Kahn machte eine Wendung, und durch den immer lichter werdenden, vom brennendſten Morgen⸗ roth durchfloſſenen Nebel bemerkten die in dem Fahr⸗ zeuge Sitzenden, daß ſie ſich dem Ufer näherten. Eine Weile noch ſchwamm der Kahn längs deſſelben hin, dann erſt legte der Schiffer an. „Soll ich auf Ihn warten, Herr Salomo?“ fragte der Schiffer. „Werde mit meines Bruders Fuhrwerk zurückkom⸗ 149 men“, war die Antwort.„Fahrt nach Hauſe zurück und—“ Bei dieſen Worten legte der Sprechende den Zeigefinger der Rechten auf den Mund. „O, nicht nöthig, erſt daran zu erinnern, weiß ſchon; muß es ja meinetwegen ſelber thun. Na, gute Geſchäfte, Herr Salomo.“ An Seite des Genannten, eines kleinen, ſchwäch⸗ lichen Männleins, ſchritt die große, kräftige Geſtalt eines jungen Mannes, der ſich mit Fug und Recht unter die ſtreitbaren Helden der Philiſtäer rechnen konnte, mit feſten Schritten hin, während der neben ihm Wandelnde offenbar dem Volke Israel angehörte. Nach einem kurzen Schweigen ſprach letzterer ſehr heiter:„'s wird mir wohl,'s wird mir wieder ganz wohl zu Muthe. Dort iſt Aken, ſieht's der Herr? Und da links herüber die Gebäude ſind meines Bru⸗ ders Löbel Aaron Beſitzthum. Hätt's nicht gedacht, als wir ſchwammen auf dem Waſſer, daß wir glück⸗ lich herkommen würden. Gelobt ſei der Gott meiner Väter dafür!“ Sein Begleiter ſchaute unverwandt nach den Ge⸗ bäuden hin, welche ihm als Löbel Aaron's Beſitzthum bezeichnet worden waren, zuweilen auch ſtreifte ſein Blick nach der kleinen, wohl kaum eine ſtarke Viertel⸗ ſtunde davon entlegenen Stadt Aken hin.„Und Ihr 150 meint, daß ich bei Eurem Bruder ſicher vor Nach⸗ ſpürung bin?“ fragte er. „Sicher wie in Vater Abraham's Schooße“, ant⸗ wortete Salomo.„Was werden ſie hier nachſpüren? 's iſt doch nicht deſſauiſch Gebiet. Und wer ſoll auf die Idee kommen, daß der Herr bei Löbel Aaron ver⸗ ſteckt iſt? Niemand.“ „Ich bin Euch zum größten Danke verpflichtet, Herr Salomo. Ihr thut an mir, als wäre ich einer Eures Volkes.“ Der Jude lachte. „Warum lacht Ihr? Haltet Ihr's für etwas Schimpf⸗ liches oder—“ „Was ſchmußt der Herr für tolles Zeug! Wenn ich gelacht hab'— und ich habe gelacht, ich lache noch— ſo hat das nichts mit Ihm zu ſchaffen, ſondern nur mit der Durchlaucht, mit dem wüthigen Holo⸗ fernes, der uns Juden die Seel' aus dem Leibe preſſen möchte, wenn's ihm einen Thaler mehr einbrächte. Gott, was für ein Goliath iſt dieſe Durchlaucht! Und wenn ein klein Davidche wie ich ihm eins verſetzen kann, iſt's doch immer eine große Freud'.“ In dieſer Freude des israelitiſchen Mannes ſprach ſich verſtändlich genug die tiefe Entrüſtung über das von roheſten Gewaltthaten gekennzeichnete fürſtliche —— 151 Regiment aus, welche in jedes denkenden und fühlen⸗ den Menſchen Seele Wurzel geſchlagen hatte. Und doch trug die ſchrankenloſe, von cyniſchen, pöbelhaften Ausſchreitungen ſo ſehr überwürzte Despotie des durch⸗ lauchtigen Herrn Leupold immer noch den Anſtrich eines geſunden Humors, während die ſeines könig⸗ lichen Kriegsherrn eben nur aus Acten von grau⸗ ſamer Härte und Gewaltäußerungen beſtand. Wenig⸗ ſtens hatten die nicht ſelten bis aufs Blut geſchuri⸗ gelten Deſſauer dann und wann doch das Vergnü⸗ gen, über die aus dem Gröbſten gehauenen Späße ihres durchlauchtigſten Landesvaters zu lachen, der in ſeinem ingrimmigen Humor es nicht übel nahm, wenn ihm wieder ein Streich geſpielt wurde, der ihn dem Gelächter preisgab, wogegen die Berliner aller Klaſſen, die königliche Familie ſo wenig ausgenommen wie der ärmſte Mann in der Stadt, in einem ewigen Zittern zu leben gezwungen waren, daß irgend eine Zufälligkeit ihren allergnädigſten Herrn Friedrich Wil⸗ helm I. zu einem Zornausbruche treiben könne, in dem er keine Schonung kannte, denn der Grimm die⸗ ſes königlichen Herrn zeigte ſich ſogar erfinderiſch, wenn ihm die Gicht nicht erlaubte, ſeine Diener aller⸗ höchſteigenhändig mit dem Stocke zu prügeln, indem er ſich in ſolchen trübſeligen Zeiten dadurch entſchädigte, 152 daß er eine der ſtets neben ſeinem Lager auf dem Stuhle liegenden, mit Salz geladenen Piſtolen ergriff und ſie auf den abfeuerte, den er ſeiner phyſiſchen Ohn⸗ macht wegen nicht handgreiflich abſtrafen konnte, eine Entſchädigungsmanier, die manchem dieſer an Mißhandlungen gewöhnten Diener ſchwere Verletzun⸗ gen zuzog. Es war eine Zeit, wo die Fürſten ihren Völkern die praktiſche Anleitung gaben, ſich bald der Wickel⸗ ſchnuren und Windeln zu entledigen, welche ſie zu geiſtig Unmündigen machten. Ein Viertelſtündchen ſpäter trat Hubert an der Seite Salomo's in das Gehöfte von deſſen Bruder Reb Löbel Aaron ein, jedoch nicht auf dem gewöhnlichen Wege durch das große Hofthor, ſondern durch eine Pforte, zu welcher der erſtere den Schlüſſel bei ſich führte, ein Beweis, daß hier ſchon manche Heimlichkeit ein Aſyl gefunden haben müſſe. Auch kamen ſie nicht durch den großen Hof, auf welchem große und kleinere Frachtwagen ſtanden, bei denen Knechte beſchäftigt waren, dieſe von langer Fahrt zurückgekommenen Fuhr⸗ werke wieder in beſten Stand zu ſetzen, andere ſtark⸗ knochige Roſſe vor den offnen Stallthüren putzten, ſondern durch ein kleines Höfchen, in welches nur die Fenſter eines ſchmalen Gebäudes Ausſicht hatten, 1 153 während die andern drei Wände fenſterloſen Ställen angehörten. „So, nun iſt der junge Herr ſicher und die Durch⸗ laucht hat das Vergnügen, ſich zu ärgern. Gotts Wunder,'s iſt doch auch'n Späßchen“, ſagte Salomo lachend, indem er mit ſeinem Begleiter in das ſchmale bewohnte Gebäude eintrat. V. Im fürſtlichen Schloſſe wäre zur ſelben Zeit die Anwendung des bibliſchen Ausdrucks:„Hier iſt gut ſein, hier laßt uns Hütten bauen“ die lächerlichſte Parodie geweſen, denn Herr Leupold befand ſich in einer ſo ingrimmigen Stimmung, daß ſämmtliche Mit⸗ bewohner in immerwährender Angſt ſchwebten, eine oder die andere Mißhandlung— es gab deren in ver⸗ ſchiedenen Abſtufungen— über ſich hereinbrechen zu ſehen. In Zeiten ſo ſchlechter Laune kamen alle ſeine Kernflüche zu Tage und ſeine überhaupt mit dem Rollen des Donners verwandt ſcheinende Stimme ließ ſich bei jeder Gelegenheit hören. Selbſt ſeine durch⸗ lauchtige Gemahlin hielt ſich, ſobald es ſich nur halb⸗ weegs thun ließ, von ihm fern, denn ſie kannte ſeinen Hang, jeder Ungerechtigkeit, wenn er ſich einmal im galligen Zuſtande befand, unbedenklich ſich hinzugeben, ohne 155 ſich um die Perſönlichkeit zu kümmern, die er damit ſchwer verletzte. In ſolcher Aufregung hatte man ihn lange nicht geſehen. Das Entweichen des Korporals Philipp erſchien ihm wie ein Eingriff in ſein Recht als Landes⸗ und Kriegsfürſt. „Das hätte der Kerl nicht an mir thun ſollen, das nicht, Brommer!“ ſprach er öfter zu dieſem. „Wem bei allen Teufeln ſoll ich denn noch trauen, wenn der Kerl nicht ſtichhaltig erfunden wurde? Schockſchwerenoth, ſo viel Raiſon mußte er im Leibe haben, daß er der Ehre und dem Rechte ſich ſtellte.“ Brommer pflegte zu dieſen Ausbrüchen eines Zorns, dem eine ſtarke Miſchung von Leid beiwohnte, nichts zu ſagen; er hatte es einmal verſucht, worüber Herr Leupold faſt raſend geworden war. „Nun, Durchlaucht“, hatte ſich der Feldwebel da⸗ mals vernehmen laſſen,„der Philipp war'n fei⸗ ner Kerl, das muß wahr ſein. Habe allemal meine Freude an ihm gehabt, wenn ich ihn ſo vor mich hin⸗ treten ſah, als wäre er ein geborener Fürſt oder Graf oder ſonſt ſo was. Eben deshalb hat er's Weite ge⸗ ſucht, weil er weder eine Ehre drin entdeckt haben mag, ſich fuchteln zu laſſen, denn dergleichen hätte ihm doch bevorgeſtanden, noch ein Recht Ew. Durch⸗ laucht, ihn zu beſtrafen.“ 156 Herr Leupold brüllte vor Zorn wie ein Stier. Im erſten Moment war er nahe daran, den Feldwebel niederzuſtechen. In des Fürſten Katechismus zählte ſchon der Gedanke, daß Jemand es wagen könne, die Auflehnung gegen das ihm als Fürſten zuſtehende Recht über Leben und Tod als eine ſich von ſelbſt verſtehende Sache der Klugheit und des Selbſtſchutzes anzuſehen, unter die todeswürdigen Verbrechen; indeß der Brommer wußte ſeinen Mann zu faſſen. Als Herr Leupold ausgetobt, ſprach der unerſchrockene Feldwebel: „Halten zu Gnaden, Durchlaucht, jetzt möchte ich auch einmal reden, wie mir der Schnabel gewachſen iſt, und ich denke, dazu habe ich'n Recht, das zehn⸗ tauſend Teufel mir nicht hinwegdisputiren ſollen.“ „Soll mich Wunder nehmen, was Er Rebeller noch aufbringen kann!“ „Werden wir ja ſehen, nur abwarten“, hob Brom⸗ mer an mit einer wahrhaft eiſigen Kaltblütigkeit, die höchſt ſonderbar gegen die Wildheit ſeines durchlauch⸗ tigen Gebieters contraſtirte, deſſen ohnehin dunkles Geſicht wie eine ſchwarze Gewitterwolke anzuſehen war, aus der in raſcher Aufeinanderfolge grell flam⸗ mende Blitze zucken. Der wüſte fürchterliche Zorn, welcher Herz und Gemüth des Deſſauers durchlohte 157 und alle mildern Regungen bei ihm erſtickte, welche ſich überhaupt ſehr ſelten bei ihm einſtellten, arbeitete förmlich krampfhaft in ſeinem Geſichte, ſodaß es faſt ausſah, als leide daſſelbe an Convulſionen. „Was iſt denn geſchehen an jenem Abende, wo Korporal Philipp flüchtig wurde?“ begann Brommer ſeine Gegenrede.„Bah, da ſtehen wir und wiſſen's nicht. Hauptmann Bonnafox hat Ew. Durchlaucht zwar Rapport abgeſtattet, das iſt richtig; aber das iſt auch Alles. Ich hab' mein Lebtag noch nicht gehört, daß irgend einer, der Werch am Rocken hat, zum Kukuk geworden iſt, der ſeinen Namen ausſchreit. So dumm iſt keine Menſchenſeele und wäre ſie die dümmſte von allen, die es gibt.“ Ein tiefes Knurren Herrn Leupold's bezeugte, daß er in dieſem Punkte beiſtimmte. „Was hatte der Philipp bei dem Fremden zu ſchaffen?“ redete der Feldwebel weiter.„Bah, da ſtehen wir wieder und wiſſen nichts. So viel Erkun⸗ digungen ich auch eingezogen habe, hat ſich doch Nie⸗ mand gefunden, der ihn jemals bei dem Fremden oder mit demſelben in Geſellſchaft oder auch nur im Ge⸗ ſpräch geſehen hätte. Das iſt auffallend, ich denk's wenigſtens. Wer den Philipp ſo gekannt hat wie ich, der muß ſagen, daß er zu Unehrenhaftem nicht 158 gemacht war; alſo muß es was ganz Apartes ge⸗ weſen ſein, das ihn bewog, den Fremden aufzuſuchen. Mit dem ſiebenbürgiſchen Jäger, dem Gottfried, wel⸗ cher beim alten Langermann wohnt, iſt er an jenem Abend von meinem Hauſe weggegangen, um ihn bis an den Holzſteg zu begleiten, wie er das ſchon oft gethan, denn der Gottfried hat ihm ſehr gefallen und waren beide ganz gute Kameraden geworden. Der Gottfried hat mir erzählt, daß, als er am Holzſteg Abſchied von ihm genommen, er, der Philipp nämlich, geſagt habe: er hätte noch ein ſchweres Geſchäft ab⸗ zumachen. Der Gottfried hat das für'n Spaß ge⸗ nommen, denn wie hätte ihm nur einfallen können, daß ſo eine verfluchte Geſchichte daraus entſtehen könnte! Nun calculire ich ſo: Der Fremde und der Philipp ſind wahrſcheinlich in böſen Streit miteinander gerathen, ob nur wegen des von erſterem ausgeſtreu⸗ ten Gerüchts, daß er ihn als Arreſtat in die Wiener Rothenthurmthor⸗Gefängniſſe habe bringen ſehen, in die nur Mörder und Räuber geſteckt werden— wer kann das ſagen! Ein Halunke will ich aber ſein, wie Ew. Durchlaucht mich gnädigſt zu tituliren beliebten, wenn der Philipp dem Kerl gegenüber nicht in ſeinem vollſten Rechte geweſen iſt, und was mit dem Hauptmann hinterdrein gefolgt iſt, na, das ſteht ——jjü—:— /·,—/ 159 auf einem Blatte, das wir bis jetzt nicht zu leſen ge⸗ kriegt haben. Iſt es da unmöglich, wenn der Philipp, jedenfalls zur Inſubordination heftig gereizt— ſtampft ja doch ſelbſt das widerſtandsloſe Schaf mit den Vor⸗ derbeinen auf, wenn es geneckt wird!— den Säbel herausgeriſſen und, wie Blut gefloſſen, ſich ſalvirt hat? Ew. Durchlaucht Recht, Inſubordination und Deſertion zu ſtrafen, ficht kein Teufel an; aber wer kann be⸗ haupten, daß der Philipp in dieſem von Ew. Durch⸗ laucht ihm gegenüber angewandten guten Rechte, denn ſchon des Beiſpiels und der Herren Offiziere wegen hätte er der Strafe nicht entgehen können, für ſein Recht dem Ermordeten gegenüber nicht das größte Unrecht erblickt hat? Und ein ſo feiner Kerl wie er hat unter allen Umſtänden auch zu viel Ambition, um—“ „s iſt gut! Halt' Er's Maul!“ fiel Herr Leupold ein, was ein ſicheres Zeichen war, daß er im All⸗ gemeinen Brommer's Auseinanderſetzungen beiſtimme; dann trabte er im Zimmer auf und nieder mit ſehr ungleichen Schritten. Verrieth ſich durch dieſe ſchon ſeine Aufregung, ſein Aerger, ſo noch mehr durch die mehrmals ſcheiternden Verſuche, ſeinen Lieblingsmarſch zu pfeifen, denn immer gab es da Töne, die ihm nicht pariren, nicht aus dem zugeſpitzten Munde heraus⸗ — ———— 2— ——————— 6 160 wollten, wie das meiſt Flötenbläſern zu gehen pflegt, die im Anſatz noch Laien ſind.„Verfluchte Hunds⸗ föttereien!“ hörte ihn Brommer vor ſich hingrollen. „Hat der Teufel den Miſchmaſch erfunden— man möchte verrückt darüber werden!“ Faſt ſchien es, als hätte er Brommer's Anweſen⸗ heit ganz und gar vergeſſen, denn er ſtellte ſich ſchließ⸗ lich ans Fenſter und trommelte mit aller Kraft der Finger auf den Scheiben, als beabſichtige er deren Zertrümmerung. Plötzlich rief er:„Da geht Seine Bille, Brommer!“ „So? Mir gleich, kann meinetwegen zum Teufel gehen.“ „Hat Er nichts über den Philipp von ihr heraus⸗ lockeriren können?“ wandte ſich Herr Leupold fragend nach ihm um. „Der Aerger über meine beiden Weibsleute bringt mich faſt um“, antwortete der Gefragte.„Meine Alte iſt rein des Satans in ihrer Erbitterung gegen den Deſerteur und gibt mir's bei jeder Gelegenheit zum Anhören, daß ich ja ordentlich darauf verſeſſen geweſen wäre, den feinen Herrn Philipp zu meinem Schwiegerſohne zu haben, und die Bille iſt erſt gar nichtswürdig. Statt ſich die Haare auszuraufen, daß ihr ein ſolcher Bräutigam verloren gegangen, iſt ſie 161 ruhig und gleichgültig dabei, als wäre gar nichts paſſirt, und wie ich geſtern zu ihr ſagte:„Na, Bille, Dir ſieht man's eben nicht an, daß Dir's Herz weh thut nach dem Philippe, antwortete mir das Mädel trocken: „Der Vater denkt doch nicht etwa, ich werde mich wegen Seinem Herrn Philipp zu Tode grämen? Iſt's der nicht, iſt's'n Anderer, da iſt mir nicht bange.“ Soll da nicht ein Schock Donnerwetter dreinſchlagen?“ „Schlecht von Seiner Bille, daß ſie nicht zur Fahne hält. Ja, die Weibsleute, die Weibsleute, die haben den Satan im Nacken!“ Mit dieſer Beiſtimmung Sr. Durchlaucht war das gute Einvernehmen mit dem Brommer wieder ange⸗ bahnt. Herr Leupold ſchien ſich's von dem Tage an zur Norm gemacht zu haben, des Korporals Philipp nicht wieder zu erwähnen, aber wer ihn kannte, der wußte wohl, daß ſein Schweigen nur einer mühſam über das Geſchehene gebreiteten Decke gleiche; unter derſelben gährte ſchwerer Aerger. Hauptmann Bonna⸗ fox erfuhr denſelben ſehr ſchnell durch Verſetzung in eine fern gelegene Garniſon, die Korporale Wenzel und Fleiſcher wurden aus des Fürſten Kanzlei ent⸗ fernt und mußten ſtatt der Feder wieder die Flinte in die Hand nehmen, eine Veränderung, die auf keinen Fall ihren Wünſchen entſprach. Was insbeſondere den Carion, Der alte Deſſauer. III. 11 162 Korporal Wenzel anlangte, ſo hatte der Sturz auf der finſtern Treppe einen ſo nachtheiligen Einfluß auf ihn geübt, daß er kaum nach Jahresfriſt wegen auf⸗ fällig zunehmender Gedankenloſigkeit den Abſchied er⸗ hielt, um als Bettler vor den Häuſern ein elendes Daſein zu friſten. Was der durchlauchtige Herr im Stillen gehofft hatte, erfüllte ſich zu ſeinem Erſtaunen auch nicht. Ueber die Verhältniſſe des Ermordeten ergab ſich auch gar keine Kunde, kein Verwandter hielt Nachfrage nach ihm, er war im vollſten Sinne des Wortes ein Fremder, an dem Niemand Antheil nahm oder irgend einen Anſpruch zu haben ſchien. Für einen Kriegs⸗ mann, der Allem, was ihm widerfährt, frei und kühn in die Augen zu ſehen gewohnt iſt, konnte nichts ärgerlicher ſein, als einem Geheimniß gegenüber zu ſtehen, deſſen Enträthſelung außer ſeiner Macht lag. Indeß eine Hoffnung blieb ihm noch, in dieſem ihm ſo widerwärtigen Dunkel aufgeklärt zu werden. Er erwartete eine ſolche Aufklärung von ſeiten des Prinzen; aber freilich da konnte noch manche Woche vergehen, ehe dieſe erfolgte. Auch Regina hatte ihr Theil Trübſal zu tragen. Vom langen Libuſch hatte ſie zwar einen kleinen Zettel empfangen, auf dem die Worte ſtanden:„Sicher, aber 163 nicht hier, ſond—“ Da der Streifen Papier, auf den dies geſchrieben war, bei dem halben Worte abgeriſſen ſich zeigte, ſo war jede Entdeckung ſeiner Bedeutung aus dem Bereiche des Möglichen geſtrichen. Wer hätte auf die Vermuthung kommen ſollen, daß dieſe wenigen Worte für irgend Jemand einen Troſt ent⸗ halten ſollten! „Morgen werde ich Brommer's Bille beſuchen, ſage Er ihr das, Libuſch, wenn Er ſie vielleicht ſieht“, flüſterte ihm Regina zu. „Schon gut. Heute Abend nach dem Feierabende hier komme ich zu Feldwebels; haben auch ein Gärtchen, das unter meine Aufſicht gegeben iſt. Werd's pünkt⸗ lich ausrichten!“ „Sicher, aber nicht hier, ſond—“ Dieſe wenigen Worte entlaſteten Regina allerdings von einem großen Theile ihrer Angſt um Hubert, aber halbes Wiſſen iſt nie im Stande, ein ſorgenvolles Herz ganz zu be⸗ ruhigen, halbe Hoffnung wird in vielen Lebensver⸗ hältniſſen erſt recht die Nährerin banger Zweifel. Wenn man ihn trotz des ihr unbekannten Aſyls, das er gefunden, entdeckte! Dieſer ſie beſchleichende Ge⸗ danke zitterte wie verzehrender Blitzſtrahl durch ihre Seele, ſie fühlte ſich ſchwach werden unter ſeinem Eindrucke, und die Folge davon war eine tiefe Nieder⸗ 11* 164 geſchlagenheit, die ſich ihrer bemächtigte. Sie mußte alle ihr zu Gebote ſtehende moraliſche Kraft aufbieten, um dieſe tief herabgeſunkene Stimmung ihres Ge⸗ müths zu verbergen. Am andern Nachmittag eilte ſie zu Brommers. Sie fand den Gottfried Almarich da, der, wie er ſagte, geglaubt habe, den Herrn Feldwebel zu Hauſe zu treffen; aber den hielt der Dienſt feſt, er hatte das Exerciren der Rekruten zu inſpiciren, weil Se. Durch⸗ laucht, der heute ſeinem Halleſchen Muſterregimente einen Beſuch abſtattete, morgen die in und um Deſſau liegende neue Mannſchaft beſichtigen wollte. Es gehörte zu den Eigenthümlichkeiten der Frau Brommer, mit einer ganz beſondern Ausdauer alles das, was ihr ganz beſonders gefallen oder worüber ſie ſich unmäßig geärgert hatte, bei jeder Gelegenheit wieder aufs Tapet zu bringen, und ſie ließ ſich deshalb auch heute in Regina's Gegenwart entſchieden verurtheilend über den Korporal Philipp vernehmen. „Ein ſchöner Mosje“, ſagte ſie;„geht mir nichts dir nichts zum Henker, ohne daran zu denken, daß er hier eine reſpectable Jungfer Liebſte ſitzen hat. O meine arme Bille thut mir in der Seele leid! Muß ſie nun, weil der Herr Vater in den Philipp ganz vernarrt war und auch die Durchlaucht, unſer gnä⸗ ——.—, ,) SD==————= 2 —————,,— 165 digſter Herr Leupold, den Philipp für'n Wunderthier anſah, wie kein zweites mehr auf Gottes Erdboden zu finden ſei, wie'ne Wittib daſitzen, der ſie den Mann im Kriege todtgeſchoſſen haben. Na, mir kommt nicht mit Euerm feinen Herrn Philipp, ich will Euch jagen, daß Ihr an das gute Biſſel von einem Korporal im Leben nicht mehr denken ſollt.“ Gottfried Almarich machte allerdings den Verſuch, den Abweſenden zu vertheidigen, indeß das war ver⸗ gebliche Mühe. Mit Frau Eva war ſchwer oder unter Umſtänden gar nicht durchzukommen, wenn ſie ſich's einmal in den Kopf geſetzt hatte, Jemand ins Bodenloſe zu verdammen; ihr Mundwerk beſaß zu dieſem Zwecke alle Vorzüge einer gut conſtruirten Windmühle, deren Flügel den Luftſtrom gehörig faſſen. Während Gott⸗ fried Almarich ſich der vollen und ungehinderten Aus⸗ ſtrömung ihres Aergers ausſetzte, waren Regina und Sibylle miteinander hinaus ins Gärtchen gegangen. Der lange Libuſch hatte an deſſen Ende eine präch⸗ tige Bohnenlaube gezogen, die gut gepflegt eine üppig dichte Decke und Seitenwände beſaß und ſelbſt in größter Sonnenhitze den erquickendſten Schatten ſpendete. Es war des Vater Feldwebels Lieblingsplätzchen, wo er gern zu Mittag ein Ruheſtündchen hielt, ohne von Jemand geſehen und geſtört werden zu können. 166 „Hier ein Briefchen an Sie, das der Almarich mir vor kurzem erſt zugeſteckt hat“, ſagte Sibylle zu Regina, als ſie in die Laube getreten waren.„Leſen Sie ſchnell.“ Es hätte dieſer Mahnung nicht bedurft. Mit zitternder Hand öffnete Regina das zuſammengefaltete Papier und las: „Ich bin frei. Du, meine Theure, weißt das ſchon, aber daß ich nicht allzuweit von Dir bin und doch in einem ſichern Aſyle, das weißt Du nicht. Den Ort darf ich nicht nennen, Namen ſind Verräther oder können es werden, wenn das Mißgeſchick ſeine Hand im Spiele hat. Um mich iſt große Einſamkeit, die zuweilen einen recht bedrückenden Einfluß auf mich ausübt, aber denke ich an Dich und Deine treue Liebe zu mir, dann kehrt der ſinken wollende Muth, wie von einem allmächtigen Sonnenſtrahle aufs neue be⸗ lebt, in meine Seele zurück und eine Stimme flüſtert mir zu: Halte aus, auch für Dich gibt es noch einen Himmel der Glückſeligkeit. Und ſo thue auch Du, meine theure Herzensgeliebte. Zage nicht, fürchte nicht, gewiß wir werden noch vereint, wenn die dunkle Nachtwolke, welche jetzt unſern Weg verfinſtert, vom anbrechenden Morgen verſcheucht ſein wird. Lebe wohl und denke an Deinen treuen H.“ —3———, 167 Die Leſende ließ das in ihrer Hand zitternde Blatt raſch in der Taſche ihres Kleides verſchwinden, dann richtete ſich ihr Blick durch die kleinen Lücken des Blättergrüns, das, von der hellen Nachmittagsſonne durchleuchtet, alle Gegenſtände in der Laube mit ſmaragdgrünem Glanze übergoß. Ein tiefes ſchmerz⸗ liches Nachdenken hatte Regina's Seele ergriffen. Faſt unbewußt ſragte ſie vor ſich hin:„Wird mir denn wirklich jemals ein ungetrübtes Glück blühen?“ „Aber, Fräulein Regina, geben Sie ſich doch nicht ſolcher Muthloſigkeit hin“, mahnte Sibylle.„Was iſt denn das für ein troſtloſes Weſen, als wäre nun auf einmal Alles verloren und gar keine Hülfe mehr denkbar! Bin ich denn beſſer daran wie Sie? Ich glaub's nicht. Mein Gottfried ſitzt in Wien an der Welt Ende bei kaiſerlicher Majeſtät und geigt, was das Zeug hält, und ich— na, ich komme mir vor wie ein Lockvogel, den der Vogelſteller herausgeſteckt hat, daß er ſeine Kameraden heranrufen ſoll. Du guter Gott, mir geht's viel, viel ſchlimmer als Ihnen. Den ich locken möchte, der hört's nicht, und den ich locken mußte, der hat Adje geſagt. Und ſo einen Herrn Vater zu haben, wie mir gerade beſchert worden, das iſt auch kein Vergnügen. Mich ſieht er nicht mehr an, ich bin für ihn gar nicht mehr auf der Welt, ich bin 168 nicht mehr ſeine gute herzliebe Bille, bewahre nein, ſeine bittere Pille bin ich. Wenn die Mutter Frau nicht zufällig anders dächte als er, ich hätte ja ein Höllenleben auszuſtehen.“ „Ja, was ſoll aber aus uns beiden werden?“ fragte Regina. „Was da werden ſoll? Ich kann's freilich nicht wiſſen. Eins ſage ich Ihnen jedoch im voraus: den Korporal Philipp heirathe ich auf keinen Fall.“ Und dabei lachte Sibylle ſo herzlich, daß ſelbſt Regina ſich zu einem Lächeln gedrängt fühlte. „Wie glücklich Du biſt, Bille! Du kannſt noch ſcherzen, und mir iſt's Herz ſo ſchwer, weil ich auch gar keinen Ausweg ſehe.“ „Geben Sie ſich nur zufrieden, Fräulein, das kommt Alles, wie es kommen ſoll. Die Auswege lie⸗ gen freilich nicht ſo auf der Hand, daß man ſie mit einem Blicke überſehen kann, denn wenn's ſo wäre, würden's ja keine Auswege ſein. Das ſind Hinter⸗ thüren, Nebenpförtchen, die man vorher gar nicht be⸗ merkt, nur erſt, wenn ſie ſich aufthun. Mir iſt nicht bange, und ich denke, wir können nichts Anderes thun, als, was da kommt, ruhig abwarten. Und übrigens, das müſſen wir doch ehrlicherweiſe geſtehen, bis jetzt iſt Alles noch ganz glücklich gegangen; mein Gottfried ——— 2—·— ————— 30 169 und Ihr Herr Graf ſind beide unſerm brüllenden Leupold aus dem Garne entgangen, und für uns beide wird doch wohl auch ein wenig von dem Glück abfallen.“ Die laute Stimme der Frau Eva, die mit Gottfried Almarich aus der Wohnung in das Gärtchen trat, machte der Fortſetzung des Geſprächs zwiſchen den beiden Mädchen ein ſchnelles Ende. Regina empfing faſt allwöchentlich entweder durch den langen Libuſch oder durch Gottfried Almarich kleine Briefchen von Hubert. Gottfried ſtattete ſeinem jungen Herrn von Allem, was in Deſſau vorging, den möglichſt ge⸗ naueſten Bericht ab. Ueber etwas, das in ſo geheim⸗ nißvoller Weiſe die Urſache ſeiner Flucht geworden war, über das Treiben des fremden Doctors gelang es Hubert allerdings nicht irgend eine Aufklärung zu erlangen, obwohl ſein Gottfried ſich alle Mühe ge⸗ geben hatte, vom Feldwebel Brommer ſich nähere Kenntniß über den Ermordeten zu verſchaffen. Brommer hatte von dem, was ihm ſein durch⸗ lauchtiger Herr hinſichtlich der von dem Fremden hinterlaſſenen Briefſchaften in größter Aufregung er⸗ zählte, nur ſo viel capirt, daß der nun todte Mann einige ſchlechte Brüder haben müſſe, welche dem Reichs⸗ feldmarſchall Prinzen Eugen einen böſen Streich hätten 170 ſpielen wollen oder geſpielt hätten. Er, der Brommer, ſei aus Sr. Durchlaucht ſehr zornigen Reden in dieſer Sache nicht recht klug geworden, und Herrn Leupold darum zu befragen, würde unſtatthaft und bei dem bekannten Temperamente deſſelben vielleicht ſogar von üblen Folgen für ihn geweſen ſein. Aus dieſem mehr als unklaren Berichte konnte Hubert natürlich nicht ahnen, in welchem nahen Be⸗ zug zu ihm die als Hinterlaſſenſchaft des Fremden aufgefundenen Papiere geſtanden hatten, und es war daher nur folgerichtig, daß ſein Denken an den ſo unabſichtlich Gemordeten immer nur ein Irren und Schwanken zwiſchen Vermuthungen blieb, die jedoch, und das begründete ſich in Hubert's edlem Gemüthe, keineswegs jenen zum Gegenſtande des Haſſes in ſeiner Erinnerung an ihn machten. Die freundliche, faſt gemüthliche Weiſe, wie ſich der Fremde zu ihm zu ſtellen verſtanden hatte, ließ bei Hubert durchaus nicht den Gedanken aufkommen, daß er es mit dem ge⸗ wandteſten ſeiner Feinde zu thun gehabt habe, der, wäre ſein Tod nicht rechtzeitig dazwiſchen getreten, jedenfalls ihn derart mit Täuſchungen zu umſpinnen. gewußt haben würde, daß er, ohne es nur im min⸗ deſten zu ahnen, ein ſicheres Opfer ſeiner Verfolger geworden wäre. — ———8 ²—, ²N˙—˙—£.2 88 ——.—.,-—,— —— — 171 Es war eine ſchwere Prüfung der Geduld für Hubert, in die Einſamkeit des Aſyls bei Reb Löbel Aaron gebannt zu bleiben. Wenn irgendwo, ſo hatte er hier die vollkommenſte Sicherheit für ſeine Perſon gefunden. Des jüdiſchen Frachtfuhrwerksbeſitzers Haus wurde von Niemand anders beſucht als von Leuten, die mit ihm im geſchäftlichen Verkehre ſtanden. Für denſelben diente das Vordergebäude, deſſen Fenſter in den großen Hof gingen, in dem die Geſchirre und die Pferdeſtälle ſich befanden. In das Innere der Fami⸗ lienwohnung Löbel Aaron's, wohin nur deſſen nächſte Verwandte Zutritt hatten, kam kein Fremder. Es war ein ziemlich ſtattliches Hintergebäude, an welches ein weitläufiger, ſehr ſchattenreicher Garten ſtieß. Das ſehr ſchmale Seitengebäude, das Hubert bewohnte, be⸗ ſaß kein Fenſter nach dem Garten, wohl aber eine Thür oder Pforte, die in dieſen führte. Ein alter Diener Löbel Aaron's, auf den ſich derſelbe ganz verlaſſen konnte, verſorgte Hubert mit allem zum Leben Nöthigen. Nichts mangelte ihm hier als die Freiheit. Er war frei und doch ein Gefangener. Dieſes ſichere Verſteck würde ihn nicht lange haben halten können, hätte er ſich nicht durch ſeine Liebe zu Regina an die Scholle gebunden gefühlt. Durfte er an ſeine Frei⸗ 172 heit allein denken, während jede neue Woche den Tag näher heranbrachte, welcher ſeine Geliebte an den ver⸗ haßten Bonnaforx ſchmieden ſollte? Bei Hubert's Charakter war dies unmöglich. Ein zweiter und nicht weniger ſchwer in die Wagſchale fallender Beweggrund, der ſein Verbleiben in Löbel Aaron's Hauſe forderte, be⸗ ruhte in der Erwartung eines Schreibens aus Wien. So verging Tag um Tag, Woche um Woche. Die Angſt, wie das enden ſolle, zehrte faſt ſichtbar an Re⸗ gina. Der Sommer mit ſeiner Pracht und Fülle war gekommen, aber all die Schönheit, die er ſo reich ausſtreute, machte keinen erhebenden Eindruck auf ſie. Welcher Gegenſatz zwiſchen ihr und der in Wonne und Glück ſchwelgenden Prinzeß Louiſe! Dieſe ſtrah⸗ lend in heiterſter Jugend, fröhlich im Liebeszauber, der ihre Tage verklärte; Regina tiefes Nachdenken auf der Stirn, Trauer in den Augen, die mehr am Boden wurzelten, als daß ſie weit aufgethan ins Leben hinein⸗ ſchauten, wie es ihrer Jugend, ihrer Schönheit doch ganz natürlich zukam. Obwohl ſie nie ſehr geröthete Wangen gehabt hatte, ſo ſchien doch auch das ſanfte Roth allmä⸗ lig von denſelben zu weichen und einer krankhaften Bläſſe Platz zu machen. Sie war offenbar leidend. Die Fürſtin erkannte das. Sie fühlte ſich Regina zu ſehr zugethan, um nicht den Verſuch zu machen, ſie auf⸗ 173 zurichten. Sie glaubte den rechten Grund des Lei⸗ dens zu kennen, welches Regina ſo wortlos und doch in der Veränderung ihres Aeußern ſo ausdrucksvoll trug. Was hätte es anders ſein können als die große und tiefe Abneigung gegen den Bürgermeiſter Bonna⸗ fox! Mit jedem neuen Tage verkürzte ſich ja die Friſt bis zu dem Trauungstage mit ihm. Von einer ſeligen Bräutigamszeit konnte Herr Bonnafox allerdings nicht ſprechen, denn wenn Regina auch nicht die Regeln der Schicklichkeit gegen ihn in Anderer Anweſenheit unterließ, ſo zeigte ſie ſich doch ſo kalt, ſo theilnahmlos dabei, daß Jeder erkennen mußte, wie wenig dieſer Mann ihre Liebe beſitze. Sr. Durchlaucht machte es ungemein viel Spaß, wenn Bonnafox zuweilen verſicherte, ſeine Zukünftige ſei ungemein aimable und charmant, beſitze aber wenig Feuer, keine Phantaſie in der Liebe. „Das iſt Seine Sache, Monſieur Bonnafor“, ſagte Herr Leupold lachend.„So'n liebenswürdiger Schwerenöther, wie Er einer iſt, wird wohl einen Blaſebalg aufzutreiben wiſſen, wodurch Er ihr die nöthige Phantaſie beibringen kann, daß ſie Ihn für einen Cupido oder wie die Teufelsrange heißt, anſieht. Mache Er uns den Jux, Bonnafox.“ Der Bürgermeiſter gehörte indeß zu jenen zähen 174 Charakteren, die nicht ſo leicht von dem ablaſſen, auf was ſie einmal verſeſſen ſind, und dann war es auch, wie er glaubte, eine Forderung ſeiner Ehre, die jeden Gedanken an Rücktritt unter ſolchen Umſtänden als einen ſeiner ganz unwürdigen verwarf. Die Fürſtin hatte es verſucht, ihm anzudeuten, daß er kei⸗ nem beſondern Glücke an Regina's Seite entgegen⸗ ſähe, aber Monſieur Bonnafox beſaß zu viel Eigen⸗ liebe, um ſich vorſtellen zu können, daß, wenn Made⸗ moiſelle ſeine Gemahlin geworden, ſie ſich erſt recht unglücklich fühlen würde. Bei Sr. Durchlaucht hatte der Name Bonnafox an gutem Klang verloren und es würde bei dem fürſtlichen Herrn kein unangeneh⸗ mes Vermerken hervorgerufen haben, wenn der Bür⸗ germeiſter ſich zu der Erklärung bewogen gefunden hätte, daß er von der Partie mit Fräulein Regina von Milagsheim abzuſehen gewillt ſei. Da er dazu ſich nicht gedrängt fühlte, ließ es Herrn Leupold auch ganz kalt, welchen Verlauf dieſe Ehe nehmen werde. Indeß Tag und Stunde ſind ſich nie gleich im Leben, und beſonders an Fürſtenhöfen ereignet es ſich oft, daß Gunſt und Ungunſt für irgend eine Perſönlichkeit ſchnellem Wechſel unterworfen ſind. Auch für Monſieur Bonnafox fand in ſeinem bei Sr. Durchlaucht etwas ſtark geſunkenen Credit ein ganz unerwartet ſchneller Umſchwung ſtatt. 175 Vom Agenten Gräfe in Wien liefen Berichte an den Fürſten ein. Deſſen Wunſch, das Erſtgeburts⸗ recht in ſeiner Familie durch kaiſerliche, auf zuſtim⸗ mende Prüfung des Reichshofraths ſich baſirende Sanction als unantaſtbar für alle Zukunft eingeführt zu ſehen, erlitt eine Verzögerung, weil, wie der Agent meldete, des Kaiſers Majeſtät vom Luſtſchloſſe Laxen⸗ burg eine größere Reiſe angetreten habe und nach der⸗ ſelben ſich zu den berühmten Jagden nach Ungarn begebe, von denen Allerhöchſtderſelbe erſt zum Be⸗ ginn der Adventfeier nach der Wiener Hofburg zurück⸗ kehre, bis zu welcher Zeit der Reichshofrath auch nur die unaufſchieblichſten Geſchäfte in Betrachtung ziehe, weshalb Sr. Durchlaucht Begehr bis zur Advent⸗ zeit aufzuſchieben das Erſprießlichſte ſein werde. Freilich zog Herr Leupold die Augenbrauen dicht zuſammen und ſeine Stirn zeigte eine dicht auf ein⸗ ander ſich häufende Lage Falten, die ſeinem ſchweren Aerger einen ſehr erkennbaren Ausdruck verliehen. „Kinkerlitzchen, nichts als gottverdammte Kinker⸗ litzchen“, grollte er höchſt unmuthig vor ſich hin. „Dieſer Reichshofrath taugt den Teufel nicht, iſt grade wie der Hemmſchuh an einer Bauernkarrete, daß ſie nicht ins Rollen kommt. Kaiſerliche Majeſtät ſollte die Tintenkleckſer zum Henker jagen! Die Kerle 176 ſind ja zuletzt noch im Stande, die Nacht zum Still⸗ ſtande zu bringen, daß die Sonne nicht mehr auf⸗ geht.“ Aergerlich ſchob der Fürſt das Blatt beiſeite und ergriff einen mitgeſendeten Brief, der ſeine Auf⸗ merkſamkeit ganz beſonders in Anſpruch nahm, denn er trug das Wappen des Prinzen Eugen. „Na, endlich einmal Antwort! Habe lange darauf gepaßt!“ rief er.„Werde doch nun erfahren, was es mit der ſaubern Brüderſchaft des ermordeten Halun⸗ ken in der Ziegelgaſſe für eine Bewandtniß hat.“ Indeß dieſer Erwartung ſah er nicht entſprochen. Das Schreiben hatte den Anſtrich des Geheimnißvollen, was er nicht mit ſeinen geſunden fünf Sinnen zu⸗ ſammenreimen konnte. Nachdem der Prinz ihm im Eingange des Briefes für die Einſchickung der bei dem ermordeten Fremden vorgefundenen Briefſchaften ſeinen Dank ausgeſprochen, lautete der weitere Inhalt, wie folgt: „Ew. Durchlaucht werden aus den jedenfalls von Ihnen geleſenen Papieren erſehen haben, daß es ſich um ein Verbrechen handelt, deſſen Netze ſo gut gelegt waren, daß ſie immer unſichtbar blieben, ſchließlich aber das Opfer, dem es galt, ſo umſtrickt haben wür⸗ den, um es für immer vom Schauplatze des Lebens 177 verſchwinden zu machen. Der in dem durch Ew. Durchlaucht mir eingeſendeten Magiſtratsdocumente geſchilderte Mord, ſo wenig darin auch das Motiv deſſelben erläutert iſt, gehört unter die wunderbaren Fügungen, vor denen wir ſtaunen müſſen. Ew. Durch⸗ laucht kennen meine Ruhe, die ſich großen Erſchütte⸗ rungen nicht ſo leicht widerſtandslos hinzugeben pflegt, aber gegenüber dieſer Fügung fühlte ich mich von dem Bewußtſein überwältigt, daß dann und wann eine unſichtbare Hand aus den Wolken herabgreift, um die Bosheit und die Schlechtigkeit durch ſich ſelbſt zu ver⸗ nichten. Hier iſt es im wahren Sinne des Wortes geſchehen; Korporal Philipp's Waffe, durch welche, nach Inhalt des Magiſtratsdocuments, der Fremde fiel, war von der unſichtbaren Hand geleitet, von der ich eben ſprach. Wenn Korporal Philipp in Ew. Durchlaucht Gewalt ſein ſollte, ſo dürfte er Ihnen jedenfalls den Sinn deſſen, wovon hier die Rede, ſchon erklärt haben. Ich nehme Ihre waffenbrüderliche Freundſchaft in Anſpruch, ihm ſofort mitzutheilen, daß ſeine Gegenwart in Wien hinſichtlich der Buſſy⸗Rabu⸗ tin'ſchen Angelegenheit von Nothwendigkeit iſt.“ Herr Leupold hörte mit Leſen auf. Er rieb ſich die Stirn wie einer, der den Schlaf von ſich ſcheuchen will. Aus dem, was er geleſen, wurde er nicht klug. Carion, Der alte Deſſauer. III. 12 178 Kannte der Prinz den Deſerteur? Faſt ließ ſich das vermuthen, und doch ließen ſich auch Zweifel dagegen aufbringen, denn war nicht anzunehmen, daß der Prinz dieſe Bekanntſchaft dann durch Genaueres, Faßbareres beſtätigt haben würde? Er las den Brief noch zweimal, doch mit demſel⸗ ben unerquicklichen Reſultate. Sein Geſicht verdunkelte der Zorn zum Erſchrecken, die Spitzen ſeines Bartes begannen höchſt bedenklich zu vibriren, ſein Blick nahm jenes wüthige Funkeln an, das zu allen Zeiten die höchſte Erregung bei ihm conſtatirte. „Soll mich eine Million Schockſchwerenoth neun⸗ undneunzigtauſend Klaftern tief in den Erdboden ver⸗ ſchlagen, wenn ich ein geſundes Wort aus dem gan⸗ zen Krimskrams herausleſen kann!“ ſchrie er zornig. „Korporal Philipp— Korporal Philipp— ja, wo hat der Teufel den Kerl hingeſchleudert? Wo iſt die Beſtie?“ Der Zuſtand von Ingrimm trieb ihn gewohnheits⸗ mäßig im Zimmer auf und nieder, wobei er, ein Spiel der in ihm tobenden Wuth, ſich zum Narren an einem Räthſel werden zu ſehen, jene an Roſſen ſehr hübſch ſich ausnehmende Manier, den Kopf öfter ſtolz in den Nacken zu werfen, unbewußt an ſich ſelbſt zeigte. Alles Brüten, wie die in dem Briefe Eugen's ſich be⸗ —— —D—9—2—6 —.,—„,—— 179 findende Andeutung von einer wunderbaren Fügung und einer aus den Wolken unſichtbar herabgreifenden Hand zu verſtehen ſein möchte, war vergebens, und folgerecht fühlte ſich der durchlauchtige Herr durch dies ihn umgebende Dunkel aufs höchſte entrüſtet, und in dieſer gefährlichen Stimmung faßte er den Entſchluß, ſeine Gemahlin zu Rathe zu ziehen. Die hohe Frau hatte ſchon oft in ſehr verwickelten Fällen klaren Blick gezeigt, war es nicht möglich, daß ſie auch jetzt einen ſolchen haben konnte? Wie ein angeſchoſſener Eber ſtürmte er aus ſeinem Zimmer nach der Wohnung ſeiner Gemahlin. Dieſe war eben beſchäftigt, mit Hülfe Regina's Namenszüge in feine weibliche Wäſche, die zu der Ausſtattung der Prinzeß Louiſe gehörte, welche mit ihrem Bräutigam zum Beſuch nach Barby gefah⸗ ren war, zu ſticken, und jedenfalls würde die fürſtliche Frau in dieſem Selbander mit Regina Gelegenheit gefunden haben, ein gutgemeintes ernſtes Wort über deren ſo ſichtbar niedergedrückte Stimmung zu ſprechen; aber Herrn Leupold's wildes Hereinſtürmen mit dem gewaltigen Rufe„Annelieſe!“ ſtörte dieſen Vorſatz gründlichſt. Er ſah ſo erſchreckend aus, daß Regina einen halblauten Angſtſchrei bei ſeinem Anblick aus⸗ ſtieß. „Packe Sie ſich zum Henker!“ ſchrie der Zornige, 12* 180 dem dieſer Schreckenslaut nicht entgangen war.„Ich habe mit meiner Frau zu ſprechen.“ „Wir werden das im Nebenzimmer abthun können, denke ich, Leupold; Regina muß hier fleißig arbeiten“, entgegnete die Fürſtin, ſchnell zu ihm tretend, indem ſie nach der Verbindungsthür zum Nebengemache deu⸗ tete. Herrn Leupold's Antwort darauf war wohl zu hören, aber nicht zu verſtehen, wenigſtens verſtand Regina nichts von derſelben, ſie hörte nur ein tiefes Gebrumme, wie ſolches an Bären in ſchlechter Laune zu vernehmen iſt. Die hohe Frau wollte ihn zuerſt ins Nebenzimmer eintreten laſſen, indeß eine Anwandlung von chevale⸗ resker Artigkeit trieb Herrn Leupold zu dem an ſie mit einer Stimme, als habe er eine ſchwerhörige Compagnie vor ſich, gerichteten Commando:„Hinein zum Teufel!“ und ohne Zögern erfüllte die in ſo zarter Weiſe mit Ehre Ueberhäufte ſeinen Wunſch. Ihr nun ins Zimmer nachfolgend, ſchlug er hinter ſich die Thür ſo krachend zu, daß ſie im Nu wieder auf⸗ ſprang. Regina zitterte, denn der Gedanke, daß ſie unwill⸗ kürlich Zuhörerin des zwiſchen den beiden fürſt⸗ lichen Perſonen gepflogenen Geſprächs werden müſſe, da der zwiſchen den beiden Flügeln der Thür ſich 181 befindende Spalt das Herausdringen der Stimmen bei⸗ der vermittelte, erfüllte ſie mit Angſt, doch ſie konnte nichts dagegen thun und gab ſich alle Mühe, in ihre Arbeit ſich zu vertiefen; indeß das half nur wenig, denn des Fürſten Organ war ſelten ſo gefügig, ſich bis zum Flüſtern abzudämpfen. Von dem von der hohen Frau Geſprochenen hörte ſie nur wenig. „Lies, lies!“ hatte Herr Leupold commandirt. Eine Pauſe folgte, alsdann rief der Gewaltige:„Na, na, Annelieſe, iſt das nicht, um die Schockſchwerenoth zu kriegen? Mit Fäuſten möchte ich dreinſchlagen— ein ganz verfluchter Affront, der mich trifft.“ Die Fürſtin antwortete, worauf ihr Gemahl heftig ſchrie:„Hier ſteht's, hier! Wenn Korporal Philipp in Ew. Durchlaucht Gewalt ſein ſollte— Kreuzteufel⸗ Donnerwetter, er iſt es ja nicht— der Halunke, der niederträchtige Deſerteur! Hundert blanke Thaler dem, der mir den Kerl zur Stelle ſchafft!“ Für Regina konnte es nichts Entſetzlicheres geben als das eben Vernommene. Kaum hatte ſie ſo viel Selbſtbeherrſchung, um ihren Schreck nicht durch einen unwillkürlich ihre Lippen überſpringenden Laut zu verrathen. Die Möglichkeit, daß ein nach dieſer Geld⸗ ſpende gierig lungernder ſchlechter Menſch an Hubert einen Verrath ausüben könne, hatte ſie wie ein Blitz 182 durchzuckt, die Sinne vergingen ihr faſt und der Athem ſtockte ihr in der Bruſt. Ihre weitere Auf⸗ merkſamkeit auf das vom Fürſten und ſeiner Gemah⸗ lin im Nebenzimmer geführte Geſpräch unterlag jetzt einer Betäubung, wie ſolche faſt immer mit einem großen Schreck unmittelbar verbunden zu ſein pflegt. Erſt nach einer Weile wich dieſer Zuſtand von ihr; ſie hörte Herrn Leupold's Stimme gemäßigter ſprechen, er mußte von ſeiten ſeiner Gemahlin zu einer Ver⸗ ſtändigung über das, was ihn ſo ſehr in Zorn verſetzt hatte, gebracht worden ſein, und dies betraf ohnſtrei⸗ tig Hubert's Geſchick. Regina konnte ſich darüber nicht täuſchen. Plötzlich hörte ſie Herrn Leupold fragen:„Was Seckendorf? Wo ſteht denn was von Seckendorf?“ Der Fürſtin Antwort blieb Regina unverſtändlich, aber ſie ließ ſich durch ihres durchlauchtigen Gemahls folgende Rede ſehr gut deuten.„Tauſend Teufel, den Schluß in Gräfe's Rapport habe ich ganz über⸗ ſehen. Alſo Seckendorf kommt nach Berlin? Hm, ein Gelehrter, aber mit allem Reſpect vor ihm zu ſagen, handhabt er dabei Degen und Commandeurſtab, daß jeder ehrliche Kerl ſeine Freude dran haben kann.“ Ein ſehr ſtarkes Geräuſch verrieth, daß Se. Durch⸗ laucht ſich vergnügt die Hände rieb, dann ſagte er 183 lachend:„Ich denke, wenn der Seckendorf erſt ſich ein wenig in Berlin eingeniſtet hat, wenn er erſt warm ge⸗ worden, wird meinen Seelensfreund Grumbkow gelegent⸗ lich der Teufel holen. Habe von dem Seckendorf ſagen hören, er ſei ein ſolcher Pfiffkopf, daß er im Nothfalle dem Herrgott die Weltkugel aus der Hand ſchwatzen könne. Hahaha! Wohl bekomm's, mein liebes Brüderchen Grumbkow, wohl bekomm's!“ Abermals mußte die hohe Frau in Bezug auf dieſen den Fürſten ſehr beluſtigenden Gegenſtand entgegnet haben, denn Se. Durchlaucht ſagte in beifälligem Tone:„Ja, der Bonnafox hat ſeine Commiſſion gut ausgerichtet, werde ihn zum Rath creiren und ſoll ein ordentliches Präſent zu ſeiner Hochzeit mit der Milagsheim von mir haben.“ In dieſem ausgeſprochenen huldreichen Vorſatze Herrn Leupold's lag für Regina die Vorausſicht, daß nur ein ungewöhnliches Ereigniß ſie von der ihr an des Bürgermeiſters Seite drohenden unglücklichen Zu⸗ kunft werde befreien können. Von woher dieſe Hülfe ihr kommen ſollte, das wußte ſie freilich nicht, für jetzt wenigſtens zeigte ihr der Blick ins Leben nur ſchwere düſtere Wetterwolken. War ihr bange ge⸗ weſen, daß der Fürſt nach Schluß der von ihr wenig⸗ ſtens zu einem bedeutenden Theil gehörten Be⸗ 184 ſprechung mit ſeiner Gemahlin die Bemerkung machen werde, daß die Thür, die er ſo gewaltſam hinter ſich zugeworfen, nur angelehnt ſei, ſo verſchwand dieſe Be⸗ fürchtung, welche bei der Kenntniß ſeines harten, mehr als rauhen Charakters gewiß keine ungerechtfertigte war, ſofort, denn die äußere Thür des Vorzimmers wurde lebhaft aufgeriſſen, Prinzeß Louiſens fröhliches Lachen ſchallte vernehmbar in Regina's Ohr und wenige Sekunden darauf trat die heitere Fürſtentochter in Be⸗ gleitung ihres Bräutigams und der Frau Erbprinzeß von Barby in das Zimmer. „Meine gnädigſte Mama nicht da, Herzchen?“ fragte ſie. „Mit Ihrem gnädigſten Herrn Vater hier im Neben⸗ zimmer.“ „Werden ſie Augen machen, wenn wir ſo ſchnell wieder ins Quartier zurückkommen!“ lachte die Prin⸗ zeß.„Denke nur, Reginchen, ein halb Stündchen vor der Stadt begegnete uns ſchon unſere liebe gute Frau Erbprinzeß— alſo rechtsum kehrt! und da ſind wir wieder. Das hat ſich prächtig, ganz prächtig gemacht. Nun aber wollen wir uns als eingetroffen bei unſerm durchlauchtigen Herrn Commandanten melden, Höchſt⸗ dieſelben möchten die Unterlaſſung des ſchuldigen Rapports verteufelt krumm nehmen.“ Und luſtig A. 185 eilte ſie nach der Thür, und dieſe aufſtoßend und auf der Schwelle ſtehen bleibend, meldete ſie mit dem ernſteſten Geſichte von der Welt, nachdem ſie in ſol⸗ datiſcher Weiſe mit dem Fuße aufgeſtampft und das Honneur gemacht:„Von der Patrouille zurück, gnä⸗ digſter Herr Wachcommandant! Habe zu melden, daß wir eine höchſt gefährliche Perſon arretirt haben.“ „Alle Teufel!“ lachte die Durchlaucht.„Wen?“ „Eine gewiſſe Frau Erbprinzeß von Barby, halten zu hohen Gnaden.“ Und ſich nach der Gemeldeten zurückwendend, commandirte ſie:„Arreſtatin vor⸗ treten— marſch!“ Die gute Laune Herrn Leupold's, auf der ſchaden⸗ frohen Hoffnung fußend, ſeinem Seelenfreunde Grumb⸗ kow durch den klugen Seckendorf ein Bein geſtellt zu ſehen, erging ſich in einem unbändig ſchallenden Gelächter, das von allerlei liebkoſenden Beziehungen, wie:„Kleiner Teufelsbraten!“„Koboldchen!“„Fiſſe⸗ madentenmacherin!“ und ähnlichen Schmeichelnamen begleitet war. VI. Unter den zwölf Regenten, die ſich brüderlich in die Herrſchaft des Jahres theilen, iſt der Auguſt ein gar üppiger, an Luſt und Wohlleben gewöhnter Herr, der ſeiner königlichen Abkunft Stempel auf offener Stirn trägt und fröhlich auf das von ihm ſo huldreich begünſtigte Treiben der großen und kleinen, zwei⸗ und vierbeinigen, kriechenden, ſchwimmenden und fliegenden Welt ſchaut, der er aus ſeinem unerſchöpflichen Schatze reife Freuden ſpendet. Und in Wald und Gehege iſt ſein Thron aufgeſchlagen, ſtrahlend und funkelnd im wun⸗ derbarſten Smaragdglanze, weil draußen auf den freien Feldern die goldenen Aehren unter luſtigem Schnittergeſang fallen, der Wald aber in voller Herr⸗ lichkeit ſteht, ein von vielen Hunderten von Säulen getragener Palaſt, wie keines ſterblichen Menſchen Hand ihn jemals erbauen kann. Freilich ſind, wenn — 187 der Auguſt ſeine Herrſchaft beginnt, die ſeelenvollen Liebesklänge verſtummt, die unter dem Kindeslächeln des Mai aus traulichem Blättergrün erſchallen und die Herzen der Hörer weit und frei machen in den heiligſten Empfindungen, aber der Auguſt iſt deshalb, weil ihm dieſe Töne mangeln, kein armer Herr, im Gegentheil er iſt der reichſte Herr, den es nur geben kann, er hat Alles in Ueberfluß und ſtreut ihn mit voller Hand aus, Jedem ein gütiger Geber. Wer den prächtigen Wald zur Auguſtzeit durchzieht in früher Morgenſtunde, wo die junge Sonne golden durch Aeſte und Zweige lauſcht, oder zur Abendfeier, wenn im linden Weſthauche die Zweige ſich leiſe be⸗ wegen und ſummende Käfer mit kaum hörbaren Klän⸗ gen die Ruhezeit einläuten, dem wird's wohl im Herzen, ſelbſt wenn er nicht weiß, wovon und daß von der Schönheit und Lieblichkeit der äußern Welt die innere des Menſchen geweckt wird zum Mitempfin⸗ den, zur Theilnahme an der Freudentafel der Mutter Natur, die eine nimmer endende und immer gleiche Liebe zu allen Weſen trägt, mögen ſie Namen haben, welche ſie wollen, und mag ihre Verſchiedenheit von andern Geſchöpfen noch ſo groß und auffallend ſein. Und iſt des Waldgängers Gemüth nicht vertrocknet unter der Gewohnheit des Alltagslebens, da klingt's 188 auch aus ihm heraus, ein Lied macht ihm die Bruſt weit und offen, und im luftigen duftigen Walde ſchallt's und verhallt's, die gefiederten Sänger ſchweigen, aber der Menſch tritt an ihre Stelle und— der Wald hei⸗ ligt ihn. Eine ſolche ſeltene und wunderbare Empfindung war auch über den alten Peter Langermann gekommen, obwohl Morgen⸗ und Abendfeier in ſeinem Waldrevier keine ihm unbekannten Herrlichkeiten waren, die ſo übermächtig auf ihn hätten einwirken können, daß ſein altes und von ſeinem Handwerk und ſeinem oft ſehr rohen Umgange mit ziemlich dicker Rinde umzoge⸗ nes Herz von beſonders gehobenen Empfindungen hätte geſchwellt werden können; aber heute war dies der Fall, der alte Waldmenſch fühlte deut⸗ lich, daß ihm ſo ſonderbar, ſo ungewöhnlich zu Muthe ſei. Es war Abend. Milde Luftwellen zogen ſanft durch die grüne Pracht der hohen Waldbäume, die nieder⸗ gehende Sonne ſtieg langſam von Aſt zu Aſt, von Zweig zu Zweig empor, die vollſaftigen Blätter ſchim⸗ merten von ihr durchſchienen gleich grünglänzenden zahlloſen Augen in kaum merkbaren Bewegungen, eine trauliche Dämmerung bettete ſich auf den weichmooſigen Boden zu Füßen der ſchlanken Stämme, nur allmälig 189 ſichtbar dem emporfliehenden Sonnenlichte folgend. Das Dammwild zog hier und da in langer Reihe in das tiefere Innere des Geheges, die jungen Thiere ſprangen fröhlich hinter den Müttern her, und über dieſe Waldeinſamkeit lagerte ſich ein ſchöner, wohlthuender Friedenshauch. Peter Langermann fühlte ſich in einer ſo eigenthümlichen Stimmung, wie er ſich ſolcher ſeit vielen, vielen Jahren nicht erinnern konnte. Aus ſeiner lange, lange verfloſſenen Kindheit, deren er doch ſonſt gar nicht zu gedenken pflegte, tauchten Bilder in ſeinem Gedächtniß auf. Sein Vater war ein rechter Nimrod vor ſeinem weltlichen Herrn, aber auch ein frommherziger Jäger vor ſeinem Gott geweſen. Wenn er mit ihm, dem Peter, und deſſen Bruder, als beide noch Knaben, bei ſchönen Abendzeiten oder wenn der Mond voll und lichtweiß über den Waldgruppen hing, noch einen Gang im Revier machte und ihnen von dem oder jenem erzählte, was Alles der Wald für Merk⸗ würdigkeiten und Wunder in ſich ſchließe, dann fing er wohl auch an ſein Lieblingslied zu ſingen und die beiden Knaben mußten ihre Kinderſtimmen mit erklin⸗ gen laſſen. Sie waren da ſo fröhlich geweſen. Seit⸗ dem war dem alten Peter ein vieljähriges, von hartem Dienſt ſchwer belaſtetes Leben verrauſcht, nur ſelten kam ihm noch die Erinnerung an jene lange verklun⸗ 190 genen Kindertage, und wenn es der Fall war, ſo ging's ihm wie dem Schiffer, der weit, weit über nachtbedeck⸗ ter Meeresfläche in ſehr undeutlicher Hellung das Feuer eines Leuchtthurms erblickt. Heute aber ſtieg's allzumächtig in ihm auf, und ganz unwillkürlich ſtimmte er des lange ſchon heimgegangenen Vaters Lieblingslied an:„Was mein Gott will, das geſcheh' allzeit.“ Es war dem greiſen Peter, als werde ſeine Bruſt weiter beim Singen, es that ihm wohl, ſich in dem alten lieben Liede zu ergehen. Solche gehobene Stimmung war für ihn eine Ueberraſchung, für die er kein anderes Verſtändniß hatte, als daß es heute Abend gar ſo ſchön und lauſchig im Walde ſei, um auch einmal etwas Frommes denken oder ſingen zu können. Er hatte, ſeinen langſamen Schritt fort⸗ gehend, auch den zweiten Vers dieſes alten evange⸗ liſchen Kirchenliedes begonnen, aber das Singen im Gehen, ihm ſo ganz ungewohnt, denn Jäger zählen im Walde zu den ſtillen Leuten, ſtrengte ihn an, er wollte deshalb auch mit dem zweiten Verſe aufhören, als er zu ſeinem höchſten Erſtaunen eine kräftige Stimme, die Jemand gehörte, der auf einem in der⸗ ſelben Richtung mit dem Hauptwege parallel den Buſch durchlaufenden Pfade dahinſchritt, das Lied mitſingen hörte. Peter war faſt beſtürzt. Hier im ver⸗ ſe 191 ſchloſſenen Thiergarten ein Fremder, von dem er nichts wußte? Und doch war ihm die Stimme bekannt! Er hatte ſofort im Singen eingehalten, der aber, den er nicht ſehen konnte, ſetzte unbeirrt den Vers bis zu deſſen Ende fort: „Sein Wort iſt wahr, Denn all mein Haar Er ſelber hat gezählet; Er hüt't und wacht, Stets für uns tracht't, Auf daß uns gar nichts fehlet.“ Wer konnte denn das ſein, der in dieſer grünen Welt wie zu Hauſe that und ein Lied zu ſingen wußte, welches zu den Ueberlieferungen in der Familie Langer⸗ mann gehörte? Der alte Peter ſtand verblüfft mitten auf dem breiten Wege. Da rauſchte es im Gebüſch, und wenige Augenblicke ſpäter bogen ſich auch die äußern Zweige des ſich den Hauptweg entlang hin⸗ ziehenden hohen Strauchwerks auseinander, ein junger Mann bahnte ſich einen Weg hindurch. Es war kein Jäger, er trug einen lichtblauen Rock. „Ohm Peter!“ Der Ruf klang weithin durch die begonnene ſtille Dämmerung, und ehe ſich's der würdige Vorſteher die⸗ ſer ſchönen Wildniß verſah, war er von zwei kräftigen 192 Armen umſchlungen und der ihn herzte und küßte, rief luſtig:„Er kennt mich wohl nicht, Herr Ohm? Ich bin ja Sein Neffe, der Gottfried, der kaiſerliche Muſikante!“ Nun war's heraus. „Der kaiſerliche Muſikante?“ fragte der Alte ganz verdutzt.„Nun, das iſt ja kurios, ſehr kurios! Aber woher denn durch den Buſch? Das begreif' ich nicht.“ „Er wird's gleich, Herr Ohm. Gebe Er Acht.“ Während Peter Langermann ſeinen Gang machte, war der Neffe Gottfried im Forſthauſe angekommen. Die Frau Muhme hatte hellauf geſchrien in der Ueberraſchung, als ſie ihn erkannte, und beſah ſich ihn mit großem Vergnügen, wie ſtattlich und fröhlich Sr. kaiſerlichen Majeſtät Geigenſpieler geworden, der vor Jahresfriſt ein ſo bittertrauriges Menſchenkind ge⸗ weſen, daß einem bei ſeinem Anblick das Herz weh thun konnte, wenn er mit dem Jägerhorn ins Grüne hinauszog, um— ebenſo wie die Hunde trainirt zu werden.„Heute ſoll's Plinzen geben!“ rief Frau Nartha und in dieſer Verkündigung gipfelte ſich der höchſte Ausdruck ihrer Freude über Gottfried's An⸗ kunft. Konnte ſie ihm eine größere Ehre anthun, als ihn mit ſeinem Lieblingseſſen erfreuen? Während ſie 193 in der Küche der Plinzen wegen ſchaffte, ſchickte ſie den Neffen ins Gehege, um den alten Peter zu ſuchen. Das maulfaule Weſen hatte der Alte freilich nicht abgelegt, dazu war er zu ſehr verknöchert in der Ge⸗ wohnheit, aber Freude hatte er doch, große Freude, den einzigen außer ihm noch exiſtirenden Langermann ſo ſtattlich wie einen Cavalier wiederzuſehen. Zu Worte kam er nicht viel, was für den Ankömmling auch gerade kein Verluſt war. Der Gottfried erzählte, wie Se. kaiſerliche Majeſtät ihm ſehr gnädig zugethan ſei, ihm einen Urlaub bis Anfang November be⸗ willigt und ihn ſogar mit zweihundert Gulden zur Reiſe und zur Hochzeit ausgeſtattet habe. „Hochzeit? He, wie iſt das zu capiren? Du Hoch⸗ zeit? Ich bin da nicht auf der Fährte“, gab der Alte, verblüfft den Neffen anſehend, zurück. „Der Ohm iſt nur geſtoppt“(Jägerausdruck für: auf der Fährte angehalten), ſagte Gottfried lachend. „O das wird Er ſchon ſehen. Eine Hochzeit gibt's unter allen Umſtänden, komme ja deshalb von Wien her, um mir eine Frau zu holen.“ „Von hier?“ „Verſteht ſich, Ohm, von hier. Bin ja ein Deſſauer 4 Kind, und— na, das iſt eine ganze lange Geſchichte, Carion, Der alte Deſſauer. III. 13 194 die ſo luſtig und ſo traurig iſt, daß man zugleich drüber lachen und weinen kann.“ „Ja, ja,'s Heirathen iſt immer eine luſtige und traurige Geſchichte geweſen“, ſtimmte der alte Wald⸗ menſch bei;„aber wen denn?“ „Die Brommerſ'ſche, die Bille.“ „Oh!“ In dieſer dürftig kleinen Silbe drückte der wür⸗ dige Peter Langermann den Zuſtand der höchſten Ueberraſchung aus, in die ihn die Nennung des Gegenſtandes der Liebe ſeines Neffen verſetzte. In Auflöſung von das menſchliche Herz betreffenden Räth⸗ ſeln war er mehr als ſchwach, Frau Martha hatte ihm nie Anlaß gegeben, ſich in derlei oft alle Lebens⸗ freude verbitternde Speculationen zu vertiefen. „Ich hoffe doch, die Bille iſt geſund und wohlauf?“ fragte Gottfried, da der Alte eine ſehr bedenkliche Miene zeigte. Peter Langermann antwortete:„Wie'n Rehkalb“, und dann fand er ſich gedrungen, einen Anlauf zu etwas Außerordentlichem, nämlich zu einer Er⸗ klärung der im Brommer'ſchen Hauſe eingetretenen Verhältniſſe, in die der deſſertirte Korporal Phi⸗ lipp ſehr ſtark verwickelt war, zu nehmen, um ſeinen Neffen im voraus zu bedeuten, daß es 195 wohl am beſten ſein werde, ſich da fern zu halten. „J nu, Ohm, der Verſuch ſchadet nichts. Die Bille iſt ein geſcheidtes Mädchen und wird hoffentlich denken: Iſt der eine fort, nehme ich den andern.“ „Aber der Brommer, der Vater— da iſt's ge⸗ ſtoppt. Der Brommer—“ „Den heirathe ich ſicher nicht, Ohm, darauf kann Er ſich verlaſſen“, ſagte Gottfried lachend;„s wäre ein kurioſer Guſto.“ Unter dieſen Wechſelreden waren ſie in die Nähe der Langermann'ſchen Wohnung gelangt, aus welcher der unterdeß nach Hauſe gekommene Gottfried Almarich ihnen entgegeneilte. Es war ein recht vergnügter Abend, den ſie mit⸗ ſammen verlebten, nachdem Frau Martha die höchſte Ge⸗ nugthuung einer Köchin zu Theil geworden, nämlich ihre Plinzen, auf deren Zubereitung wie auf ihren Wacholder⸗ branntwein ſie ſich nicht wenig zugute that, bis auf die kleinſte Krume verſchwinden zu ſehen. Am Tiſche vor dem Hauſe ſaßen ſie bis tief in die Mitternachts⸗ ſtunde hinein; der Neffe Gottfried wußte ſo Vieles zu erzählen von der Kaiſerſtadt, daß ans Zurruhegehen erſt ſpät gedacht wurde. Für Frau Martha konnte es gar nichts Intereſſanteres geben als den Gedanken, 13* daß ihr Gottfried vernünftig geworden und eingeſehen habe, wie ſeine Liebelei mit Fräulein von Milagsheim doch zu nichts führen könne und er deshalb ſeine Augen auf Brommer's Bille geworfen habe.„Da helfe ich nach“, ſagte ſie mit der Miene einer huldvollen Be⸗ ſchützerin.„Die großbrodige Geſchichte mit dem Kor⸗ poral Philipp iſt zu Waſſer geworden und die beiden Brommer'ſchen Weibsbilder machen ſich auch nicht ſo viel daraus“— ſie blies dabei über den Daumennagel hin.„Daß der Herr Feldwebel ſich ſo ſehr in ſei⸗ nen Herrn Philipp vernarrt hat und ſeiner Frau jetzt Widerpart hält, das iſt freilich über die Maßen albern von ihm; aber das kann nicht ſtören, wenn nur die Bille zu Deiner Bewerbung ja ſagt. Im Nothfalle bringe ich ihm, wenn er keine Raiſon annehmen will, unſer Durchlauchtchen auf den Hals, da wird er ſchon klein beigeben— iſt mir gar nicht bange drum.“ Gottfried Langermann's Ausſichten waren alſo bis auf den Vater Brommer geſichert, und was als eine nicht zu unterſchätzende Hauptſache ganz beſonders ins Gewicht fiel, war die Verſicherung der Frau Muhme, Durchlauchtchen habe nachgerade eine andere Anſicht von einem kaiſerlichen Muſikanten bekommen. Dazu habe nicht nur deſſen gnädigſte Frau Gemahlin, 197 ſondern auch ſein würdiger Ohm Peter ſelbſt bei⸗ getragen, der gelegentlich einmal, wie ſie ſich aus⸗ drückte, ſeinem durchlauchtigen Jagdherrn gegenüber ordentlich die Strafkatze gezogen und ihm klar ge⸗ macht habe, daß ein Muſikante, welcher kaiſerlicher Majeſtät Gnade ſich erfreuen dürfe, kein Lumpaci und Vagabund ſein könne, abſonderlich wenn be⸗ ſagter zu ſo hoher Ehre gelangter Muſikante ein Langermann ſei. Es lag in Frau Martha's Weiſe, ihr Licht nicht unter den Scheffel zu ſtellen, weswegen ſie ſehr merk⸗ bar dem Neffen zu verſtehen gab, daß ſie es geweſen, die ihrem Herrn und Meiſter, ſeinem Ohm, den Kopf zurecht geſetzt und ihn zur Einſicht gebracht habe, daß es mehr als dumm ſei, Jemand, der bei ſo hohem Herrn Anerkennung und Gunſt gefunden, wie er, der Gottfried, beim Kaiſer, für einen Taugenichts und Herumlungerer zu halten, und heiße das ebenſo viel, als kaiſerliche Majeſtät beſchimpfen, denn es ſei ein uralter Spruch: Gleich und gleich geſellt ſich gern— und demnach müßte der allerhöchſte Potentat der Chriſtenheit ſelber ein Lumpaci ſein, wenn er mit einem ſolchen umginge, geſchweige denn von der Schmach zu reden, die der nächſte Verwandte des ſo hoch Bevor⸗ zugten ſeinem eigenen Namen zufüge, wenn er in unver⸗ 198 antwortlicher Hartnäckigkeit denſelben für einen Nichts⸗ nutz halte. Gottfried hatte von Wien nicht nur ein Schreiben von der Prinzeß⸗Mutter des jungen Grafen Hubert Buſſy⸗Rabutin, ſondern auch eine bedeutende Summe in Gold und Wechſeln mitgebracht; Almarich nahm Beides in Empfang, um es am nächſten Tage Hubert zu übergeben. Se. Durchlaucht war auf einer Inſpectionsreiſe begriffen, eine Angelegenheit, welcher er als der erſten und höchſten Pflichterfüllung ſeines hohen Ranges als preußiſcher Feldmarſchall mit einem Eifer oblag, der lobend von ſeinem königlichen Freunde in Berlin an⸗ erkannt wurde. Die Beſuche Herrn Leupold's in den verſchiedenen Garniſonen brachten den Soldaten da⸗ ſelbſt eben keine Feiertage, denn mit Falkenblick er⸗ ſpähte der Gewaltige jeden kleinen Fehl, und die des⸗ halb ertheilten Naſen, die von oben herunter den ganzen Inſtanzenzug abwärts bis zum Korporal paſ⸗ firten, prägten ſich in der Regel in Geſtalt blutrünſti⸗ ger Schwielen auf den Rücken der Mannſchaften aus. Zu ſolchen Beſuchszeiten des Durchlauchtigen ſchien die Luft gewitterſchwanger auf den Garniſonen zu laſten und das Pferdehaar, an dem das Damoklesſchwert über jedem Haupte dieſer beklagenswerthen Soldateska 199 hing, drohte in jedem Augenblicke zu zerreißen. Man holte erſt wieder freier Athem, wenn der Gewaltige Abſchied genommen. Für diesmal wußte man in Deſſau, daß ſich Herr Leupold etwas länger in Berlin aufhalten werde, weil es zur würdigen Hochzeitsfeier ſeiner ge⸗ liebten Tochter Louiſe noch manche Anordnung zu treffen gab. So ſparſam auch der Fürſt ſein mochte, ja wie er auch in manchen Beziehungen ſogar in die unnobelſte Knickerei verfiel, ſo hielt er es doch für ein Gebot der Ehre des Hauſes Anhalt, deſſen Haupt er war, bei vorkommenden Gelegenheiten ſplendid zu erſcheinen, und daß die Vermählungsfeier ſeiner Louiſe eine ſolche Gelegenheit ſein werde, ſtand feſt. Dieſe Feſtlichkeit ſollte erſt Mitte November ſtattfinden und jetzt ſchon kannte man den größten Theil des Programms, auch welche hohen Gäſte dabei ſich ein⸗ ſtellen würden. Selbſtverſtändlich war es, daß es ohne militäriſches Gepränge dabei nicht abgehen werde, und die Jünger des heiligen Hubertus redeten viel von den großen Parforcejagden, die Se. Durchlaucht abhalten laſſen würde, denn die königliche Majeſtät von Preußen war Hochzeitsgaſt und bekanntlich ein ebenſo gewaltiger Nimrodsſohn als Herr Leupold ſelbſt. Die königlichen Jagden von Wuſterhauſen 200 waren, obwohl denen des ſächſiſchen Polenkönigs an höfiſchem Luxus weit nachſtehend, doch in der Jäger⸗ welt an allen deutſchen Höfen ein ſtehendes Kapitel der Unterhaltung; es war alſo Stoff genug vorhanden, um die Erwartung aller Stände in der deſſauiſchen Re⸗ ſidenz, wo es in Abweſenheit des Gebieters ſehr ſtill zuging, gar ſehr zu ſpannen. Erſt wenn der durchlauchtige Gewaltherrſcher wie⸗ der zurückgekehrt war, wich die Einförmigkeit des All⸗ tagslebens mehr oder minder aus dem kleinbürgerlichen Gleiſe. Es ereignete ſich dann immer etwas Neues, ja ſogar ſehr Unerwartetes, das Manchem freilich recht hart zu Herzen ging und auf lange Zeit empfindlich wehe that, denn Herr Leupold verſtand es nicht, die Leute mit Sammtpfötchen anzufaſſen, nicht nur ſeine zornigen Griffe, ſondern ſelbſt ſeine Liebkoſungen hat⸗ ten jederzeit etwas Bärenmäßiges. So war denn der September zur Herrſchaft ge⸗ kommen, ehe der Durchlauchtige diesmal zurückkehrte. Im Ganzen hatte ſich nichts, wenigſtens nicht offenbar im Schickſalsgange der Perſonen verändert, welche der Leſer kennt. Im Brommer'ſchen Hauſe hatte ſich das üble Zerwürfniß zwiſchen Vater, Mutter und Tochter förmlich eingeniſtet; der würdige Feldwebel wurde ſei⸗ nes Lebens nicht froh und ſein Haus, ſonſt ſein 201 Allerheiligſtes, hatte allen Reiz für ihn verloren. Wenn es irgend möglich war— und er ſuchte es meiſt möglich zu machen— vermied er es, zeitig nach Hauſe zu kommen. Der Anblick eines keifenden Weibes und noch mehr der große Anſtoß, den er an ſeiner ſonſt ihm ſo lieb geweſenen Bille ſcheinbar charakterloſem Weſen in Bezug auf ihre Amourſchaft mit dem kaiſerlichen Muſikanten nahm, ließen ihn ſeine Häuslichkeit fliehen. Der ehrliche, goldtreue Feldwebel, der mit ſeinem Blut den geſchworenen Fahneneid mit Freuden beſiegelt haben würde, wenn ihm der Tod wie ſo vielen braven Kameraden auf den Schlachtfeldern, wo unter Herrn Leupold's Führung die Preußen ſich den Siegeslorbeer errungen hatten, entgegengetreten wäre, konnte es nicht verſchmerzen, daß ſein Kind, ſein eigenes Fleiſch und Blut, auf ſo ſchändliche Weiſe „fahnenflüchtig“ geworden. „Die Haare ſollte ſie ſich ausraufen, jammern und wehklagen ſollte ſie, daß der Teufel ihren Herzliebſten geholt hat“, grollte er vor ſich hin.„Und was thut ſie ſtatt deſſen? Mit dem kaiſerlichen Muſikanten fädelt ſie da eine Liebſchaft ein, als wäre das in aller Ordnung vor Gott und den Menſchen. O pfui, pfui, Bille! Solche Schlechtigkeit hätte ich Dir nicht zugetraut.“ So murrte der ehrliche Brommer vor ſich 202 hin und ſteifte ſich zu dem Entſchluſſe, nimmermehr ſeine Zuſtimmung zu geben, wenn der Gottfried Langer⸗ mann, wie Frau Eva ihm bereits mit ſehr determi⸗ nirten Worten angekündigt hatte, um die Bille bei ihm anhalten werde.„Iſt doch ein Schandkerl, ſo'n Fiedler! Hat da mit dem Fräulein von Milagsheim geliebäugelt und dem armen Dinge dummes Zeug in den Kopf geſetzt, daß unſere gnädigſte Frau Fürſtin dazwiſchen ſpringen mußte, um die tolle Geſchichte nur auseinander zu wirren und den Kerl glücklich fortzuſchaffen, damit nicht das Unheil noch größer werde, und nun kommt der gottvergeſſene Burſche von Wien her und angelt um die Bille, die ihm früher nicht gut genug war und die jetzt auch dumm genug iſt, ein Herz und eine Seele mit ihm zu ſein. Da müſſen zehn Millionen Donnerwetter dreinſchlagen, wenn ich dazu ja ſagen ſollte.“ Während dieſes Zerwürfniß den Frieden des Brommer'ſchen Hauſes wie ein böſer Wirbelwind bis auf den Grund ſtörte, verlebte Regina ihre Tage in einer Art ſchwankenden Zuſtandes, der für ein ſo zart beſaitetes Gemüth nur von Nachtheil ſein konnte. Hoffen und fürchten— zwiſchen dieſen beiden Polen drehte ſich all ihr Denken, und dieſe fortgeſetzte Qual wirkte ſchwer verdüſternd auf ſie. Wenn ſie -—-— α— 8—9—————— + ——— 203 keinen Ausweg fand, dann war die Entdeckung der Wahrheit nicht zu hindern, daß Gottfried Langermann nur der Deckmantel ihrer Neigung zu Hubert ge⸗ weſen ſei. An Feldwebel Brommer's Verweigerung ſeiner Ein⸗ willigung zu Sibyllens Verehelichung mit dem kaiſer⸗ lichen Muſikanten mußte ihr Geheimniß ſcheitern; wer hätte verlangen können, daß Sibylle das Glück ihrer ganzen Zukunft opfern und das von ihr bisher treu⸗ lich beobachtete Schweigen fortſetzen ſolle! Kam ihre Verehelichung mit dem Langermann ſchen Neffen nicht jetzt zu Stande, wo er auf Urlaub und zu dieſem Zwecke in Deſſau anweſend war, dann konnten lange Jahre vergehen, ehe er wieder dahin kam. Dieſe Ueber⸗ zeugung mußte zuletzt für Sibylle entſcheidend werden und ſie, wenn ihres Vaters ſtarrer Sinn ſich nicht erweichte, demſelben entdecken, in welchem großen Irr⸗ thum er ſich über ihr von ihm als fahnenflüchtig angeſehenes Benehmen befinde. Dieſe Vorausſicht bekümmerte Regina außerordent⸗ lich. Zu ihrem größten Leidweſen war ihr geheimer Verkehr mit Hubert ſehr geſtört, dem langen Libuſch nämlich die Gelegenheit entzogen, die Rolle eines Ver⸗ mittlers kleiner Zettel fortzuſetzen. Der Hofgärtner hatte ihm Arbeiten angewieſen, welche ihn an Stellen 204 im Garten beſchäftigten, wo eine Annäherung Regi⸗ na's an ihn ſchon deshalb unmöglich wurde, weil ſie nur unter den Augen Mehrerer ſtattfinden konnte. Es war ſelbſtverſtändlich, daß von ſeiten Gottfried Al⸗ marich's nichts gethan werden konnte, um dieſen Uebel⸗ ſtand zu beſeitigen. Unter welchem Vorwande hätte er ſich Eintritt ins fürſtliche Schloß verſchaffen wollen? Regina ſah ſich alſo ſo ziemlich vollſtändig iſolirt und ohne alle Nachricht von Hubert. Wie gern wäre ſie zu Sibyllen geeilt, um dort etwas von ihm zu erfahren, aber mußte ſie nicht den Schein meiden? Es gab ſo viele wache Augen, die auf dieſem Wege ſie bemerkt hätten, und würde nicht ſchnell die Muth⸗ maßung, ihr Gang zu Brommers geſchehe nur, um den Gottfried Langermann zu ſehen, ihr Herz ziehe ſie dahin, das Ohr ihrer fürſtlichen Gebieterin erreicht haben? Schwer bedrückt von der Angſt um Hubert und von der tiefen Bekümmerniß, jeden Weg, von ihm Nachricht zu erhalten, verſchloſſen, ſich ſo gleichſam ganz ver⸗ laſſen zu wiſſen, konnte ſie eine tiefe Niedergeſchlagen⸗ heit nicht bemeiſtern. Wenn auch in ihrer Seele zu⸗ weilen die Hoffnung aufſtieg, daß dieſes fortgeſetzte Bangen unnöthig ſei, Hubert gewiß auf Mittel ſinnen und eins finden werde, ſie von der Verbindung mit — —9 12—— 205 dem ihr ſo tief verhaßten Bonnafox zu retten, ehe noch der verhängnißvolle Tag komme, an dem ſie deſſen Gemahlin werden ſollte, ſo waren das doch immer nur Sonnenblicke, wie ſie zuweilen zwiſchen Wetterwolken hindurchleuchten, um ſchnell wieder von deren nächtigem Dunkel verhüllt zu werden. Ihrer fürſtlichen Gebieterin entging die traurige Stimmung nicht, in der ſich Regina befand. Das Wohlwollen, welches dieſelbe für ſie hegte, ließ es ihr als eine ſchöne Aufgabe erſcheinen, das junge Mädchen, deſſen Kummer ſie zu kennen wähnte, aufzurichten. Der Milde der hohen Frau wäre es unmöglich ge⸗ weſen, ein hartes Urtheil über Regina zu fällen, und darum führte ſie eine Gelegenheit herbei, eine ernſtfreund⸗ liche Mahnung ihr ans Herz zu legen. Regina ver⸗ ſtand es, geſchmackvoll und ſauber zu ſticken, und es gab jetzt, wo die Ausſtattung der Prinzeß Louiſe noch nicht ganz fertig war, noch Manches in dieſer Arbeits⸗ branche zu thun. Die Fürſtin liebte es, unter ihrer Aufſicht die Arbeit gethan zu ſehen, und darum be⸗ fand ſich Regina jetzt oft bei ihr im gewöhnlichen Wohnzimmer. 1 Dem jungen Mädchen gegenüber, deſſen liebliches feines Geſicht ſich ſo ernſt und nachdenklich zeigte, nahm die hohe Frau den Standpunkt eines Bergkun⸗ 206 digen ein, der ſich auf die Manipulationen der Wün⸗ ſchelruthe verläßt, die ihm die in der Tiefe verborge⸗ nen Erzgänge andeuten ſoll. Wollte ſie doch im Herzen und im Denken Regina's etwas erwecken, das im Stande war, dieſer eine Stütze zur Selbſterhebung über widrige Verhältniſſe zu werden. Sie glaubte, wenn es ihr gelänge, Herz und Verſtand Regina's anzuregen, ſo würde dieſe für eine eindringliche Zu⸗ ſprache empfänglich werden. „Wenn ich ſo an die Zeit zurückdenke, wo ich mir meiſt ſelbſt meine eigene Ausſtattung arbeitete, da tritt es als eine wunderbare Genugthuung an mich heran, daß ich damals meinem Verſtande ein noch größeres Recht als meinem Herzen einräumte“, hob die Fürſtin zu dieſem Zwecke eines Vormittags an.„Es war ein ſchweres Ringen, das ich da durchmachen mußte. Mein Gemahl liebte mich, ich wußte das wohl, aber ſein zorniges Weſen, das Gewaltſame in ſeiner Handlungs⸗ weiſe, die Willkür, die er bei keiner Gelegenheit zügelte, prophezeiten mir eine traurige Zukunft. Ich befand mich in einem argen Zwieſpalt mit mir ſelbſt.“ Nach kurzer Pauſe redete ſie weiter: „Es war ein Wagniß, wie auch alle Leute es da⸗ für anſahen, daß ich mich entſchloß, als Gemahlin an des Fürſtenſohnes Seite zu treten, doch ich habe nicht 207 Urſache gehabt es zu bereuen. Hätte ich danach han⸗ deln ſollen, was ich thörichterweiſe ſelbſt fürchtete und was mir als ganz zuverſichtlich vorhergeſagt wurde, daß ich unglücklich werden würde, ja werden müßte an der Seite eines Gemahls, der alle Form, alle Schranken des Hergebrachten verlachte, deſſen Thun außer dem Kreiſe der Gewöhnlichkeit ſtand, ich hätte nie das Glück kennen lernen, mit vollſter Wahrheit ſagen zu können: der Mann, deſſen Gemahlin ich mit Furcht und Zagen geworden bin, hat mich zu ſeinem Allerheiligſten gemacht. Beweiſt das nicht, wie leicht Täuſchungen möglich ſind und wie unrecht man thut, wenn man Einflüſterungen oder eigenen irrigen Em⸗ pfindungen Folge leiſtet und dem Verſtande den ihm bei allen Handlungen gebührenden Einfluß ver⸗ kümmert?“ Es folgte eine Pauſe. Regina arbeitete mit ver⸗ doppelter Emſigkeit; es war nicht ſchwer zu bemerken, daß ſie ſich durch dieſen Redeeingang ihrer hohen Ge⸗ bieterin beängſtigt fühlte, da es wohl von ihr geahnt wurde, wie das von der Fürſtin aufgeſtellte Beiſpiel auf ſie Bezug haben ſolle. „Bücke Sie ſich nicht ſo tief nieder auf die Arbeit, meine Liebe, das verdirbt Ihr die Augen“, ſagte die hohe Frau. „Es iſt eine üble Gewohnheit, gnädigſte Frau“, entſchuldigte ſich Regina mit leiſer Stimme. „Die muß Sie ablegen, meine Gute. Ich warne Sie, denn ich möchte Sie vor allem Uebel behütet wiſſen. Das kann Ihr nur lieb ſein, daß ich Ihr ſo wohl will.“ Der ſanfte, herzliche Ton, mit dem die Fürſtin dies ſprach, berührte Regina's Herz ſo ſehr, daß ihr un⸗ willkürlich eine Thräne in den Wimpern perlte, die ſie dem Blicke der hohen Frau nicht verbergen konnte. „Sie weint ja, Regina!“ bemerkte dieſe. „O meine gnädigſte Herrin“, rief das Fräulein leiſe,„wie könnte ich denn ungerührt bleiben bei ſo vieler Güte, die Sie mir erweiſen!“ Freundlich ſtrich die Fürſtin mit der Hand über die Stirn der Sprechenden.„Ich denke mir, meine Liebe, da Sie keine Mutter hat, die an Ihr Herz klopfen und dem ſagen kann: Was dich bedrückt, iſt nur eine Thor⸗ heit, von der Du Dich frei machen mußt, iſt es meine Pflicht, Ihr dieſen Mangel zu erſetzen. Ja, ja, das Herz iſt zuweilen ein recht falſcher Rathgeber, darum muß man den Verſtand als unentbehrlichen Stecken und Stab zu Hülfe nehmen. Da gibt's freilich nicht ſelten ein ſchweres Kämpfen und Ringen, aber es iſt doch zum Heile, wenn der Verſtand durchſchlägt, ich das ken 209 meine, wenn er den Sieg über thörichte Abneigungen oder, wie es gerade trifft, über unpaſſende und ver⸗ werfliche Neigungen davonträgt.“ Die letztere Bemerkung erſchreckte Regina un⸗ gemein. Sollte die Fürſtin Kenntniß von ihrer Liebe zu Hubert haben, in dem ſie nur den Korporal Philipp erblickte, wie ihre Worte es ja deutlich genug bezeich⸗ neten? War ein Verrath an ihr begangen worden? Indeß dieſe Vermuthung Regina's fand keinen wei⸗ tern Anhalt, da die hohe Frau dieſen Gegenſtand der Beängſtigung für ſie auch mit keiner Silbe weiter berührte, folglich anzunehmen war, daß die Worte „unpaſſende und verwerfliche Neigungen“ von keiner andern Bedeutung hatten ſein ſollen, als nur einen Gegenſatz des Sinnes im vorhergehenden Satze damit auszudrücken. Der Fürſtin war die Erregung bei Regina nicht entgangen und ſie glaubte ſich auf dem rechten Wege, um mit ihr ein offenes Wort reden zu können, von dem ſie entſcheidenden Einfluß verhoffte.„Laſſe Sie die Arbeit auf eine kurze Zeit ruhen und höre Sie mir zu.“ Regina leiſtete der Weiſung ſofortige Folge, und die nun an ſie gerichtete Mahnung ihrer fürſtlichen Herrin beſprach mit großem Eifer ihr übles Verhältniß 14 Carion, Der alte Deſſauer. III. zu Bonnafox und wie ſehr thöricht es ſei, wenn ein Mädchen, das kein Vermögen beſitze, das Glück, einen wohlſituirten Gatten zu erlangen, von ſich ſtoße, einen Mann, der es über Alles liebe und an deſſen Seite es einer ſorgenloſen Zukunft entgegenſehen und einen geachteten Namen tragen könne.„Was kann Sie da⸗ gegen aufbringen, Regina? Sage Sie mir das, aber nehme Sie dabei den Verſtand zu Hülfe.“ Schon der Gedanke an Bonnafox widerte das Fräulein heftig an; dieſer Mann erſchien ihr wie ein böſer Geiſt, der über ſie einen Schatten breitete, unter deſſen Einwirkung ihr ganzes Empfinden wie unter großem Kälteeindruck zuſammenſchauerte. Sie mußte Antwort geben, dieſelbe war nicht zu umgehen, und in einer merkbaren Erregung ſprach ſie: „Gnädigſte Frau, ich bin noch zu jung, zu un⸗ erfahren, um über weitgreifende Lebensverhältniſſe mich äußern zu dürfen, doch über das, was ich empfinde, was, ich möchte ſagen, mein eigenſtes Eigenthum iſt, glaube ich berechtigt zu ſein, mich ausſprechen zu müſſen. Ihre große Herzensgüte, gnädigſte Frau, iſt es, die mir die Verbindung mit Monſieur Bonnafox annehmbar erſcheinen zu laſſen ſich beſtrebt, aber ich finde nichts in mir als Abneigung gegen ihn, ja ich bekenne es, ich betrachte ihn mit Abſcheu, weil ich 211 glaube, daß ein Mann, der Selbſtachtung und Gefühl für Ehre in ſich trägt, unmöglich auf einer Ehe be⸗ ſtehen kann, von der er im voraus weiß, daß ſie vom andern Theile als ein Unglück angeſehen wird. Ich kann mich nicht mit dem Gedanken befreunden, daß es mit Fug und Recht ein Machtgebot geben ſoll, das mich zum Unglücklichwerden verdammt.“ Regina hatte ſich ſo ſehr in Eifer hineingeredet, daß ſie den Muth in ſich fühlte, ihre Antwort mit einem ganz beſtimmten Ausdruck zu ſchließen, welcher als ihr feſter Entſchluß für den Fall, daß man noch härtern Zwang gegen ſie anwenden wolle, zu be⸗ trachten war.„Ich werde Bonnafox nie meine Hand geben, lieber— ſterben“, ſagte ſie mit gehobener Stimme. „Mein Himmel, ſo ſpreche Sie doch nicht ſo, als habe Sie ſchon über ſich beſchloſſen“, ſprach die Fürſtin erſchrocken über dieſe feſte Willensäußerung, die ſie Regina gar nicht zugetraut hatte. Eine Pauſe trat ein, die endlich von der hohen Frau mit dem Ausrufe beendet wurde:„Was ſoll da nun werden! Ich weiß es nicht. Bonnafox hat meines durchlauchtigen Ge⸗ mahls Zuſage, mit Louiſens Hochzeit ſoll auch die Ihre gefeiert werden.“ Regina antwortete nicht, ſie blickte auf die im 14* 212 Rahmen aufgeſpannte Arbeit. Es war ein tiefes Weh, das jetzt ihr Herz durchzog. Auch ſelbſt dieſe ſo herzensgute hohe Frau fand keine Willkür darin, daß ihres Gemahls Durchlaucht ſie, das arme, vermögens⸗ und freundeloſe Fräulein, als einen Gegenſtand oder Waare verhandelt hatte, über die ihm das unbeſtreit⸗ barſte Beſtimmungsrecht zuſtehe. Die Fürſtin brach das Schweigen endlich mit den Worten: „Regina, das iſt ein übler Trotz, dem Sie ſich hingibt, gleichſam um ſich an dem Schickſale zu rächen, welches mit rauher Hand Ihren Liebestraum zerſtört hat.“ Das Fräulein ſchien ſie nicht zu verſtehen, es hob das bisher auf der Arbeit haftende Auge nach ihr auf und fragte ſichtbar überraſcht:„Meinen Liebestraum 20 „Ja, Ihren Liebestraum“, wiederholte die Fürſtin mit dem gewichtigen Tone der Ueberzeugung.„Es läßt ſich leicht einſehen, daß ſich eine große Bitterkeit Ihres Herzens bemächtigt haben muß, da Sie nun zu der Erkenntniß ſich gedrängt fühlt, wie unpaſſend Ihre Neigung zu dem Gottfried Langermann ge⸗ weſen iſt.“ Dieſe Wendung hatte Regina allerdings nicht er⸗ wartet, ſie überraſchte ſie und faſt wäre ihr ein Lächeln —— 213 über dieſen fortdauernden Irrthum ihrer gnädigen Herrin angekommen.„Ich liebe den Gottfried Langer⸗ mann nicht und habe ihn nie geliebt“, ſagte ſie mit entſchiedener Ruhe. „Wie? Will Sie mich täuſchen? Den Gottfried Langermann hätte Sie nicht geliebt?“ Regina erkannte, daß ſie eine große Unbeſonnen⸗ heit begangen, der hohen Frau gegenüber das Gegen⸗ theil von deren Meinung zu behaupten. Dieſer Irr⸗ thum ihrer Gebieterin mußte ja der Schutz ihres Geheimniſſes bleiben.„Gnädigſte Frau“, hob ſie mit nicht ganz zu verbergender Verwirrung an,„ich wünſche dem Gottfried Langermann gewiß alles Gute, aber ich—“ Die Fürſtin war von dem Widerſpruch Regina's zu ſehr indignirt, um ihr eine Vertheidigung zu ge⸗ ſtatten.„Schweige Sie!“ rief ſie mit größerer Heftig⸗ keit, als ihrem milden Weſen ſonſt eigen war.„Es iſt die ſchlimmſte Untugend, wenn man ſich aufs Leugnen verlegt. Dergleichen habe ich nicht von Ihr erwartet, es thut mir leid, daß ich dieſe Bemerkung an Ihr machen muß. Ich kann jeden Fehl verzeihen, ich habe Nachſicht mit Jedem, der ſich einer Verblen⸗ dung hingibt; aber nie muß ſich der Fehlende, der in Verblendung Irrende ſo weit vergeſſen, der Wahrheit 214 das Brandmal der Lüge aufdrücken zu wollen. Nehme Sie ſich ein Beiſpiel an dem Gottfried Langermann, der, zur Einſicht gekommen, jetzt durch eine ſeinem Stande und der Vernunft entſprechende Verheirathung ſeine Verirrung vergeſſen zu machen ſucht; Sie aber iſt, wie ich jetzt zu meiner Ueberraſchung erkenne, ein trotziges Gemüth, Sie—“ Ihre Rede wurde durch die Meldung der Kammer⸗ frau unterbrochen, Frau Martha Langermann laſſe die gnädigſte Frau um Audienz bitten. „Sie ſoll kommen“, ſagte die Fürſtin, und mit merkbar ungnädigem Tone Regina befehlend, mit der Arbeit aufzuhören und zu warten, bis ſie ſie werde rufen laſſen, wendete ſie ſich von ihr ab. Regina fühlte ſich ſo tief erſchüttert von dieſem Zeichen der Unzufriedenheit ihrer ſonſt ſo gütigen und wohlwollenden Herrin, daß ſie einen Thränenguß nicht zurückhalten konnte. „Werde Sie vernünftig, dann vergeſſe ich dieſe Stunde“, ſprach die Fürſtin, welche ihr Weinen hörte. „Uebrigens eins ſage ich Ihr jetzt, damit Sie ſich damit vertraut machen kann“, fügte ſie ſehr ernſt und nachdrucksvoll hinzu.„Ihre Heirath mit dem Bonna⸗ for betreibe ich von nun an, daß Sie es weiß. Ich könnte es nicht verantworten, daß Sie das Glück 215 Ihrer Zukunft einer Lächerlichkeit wegen von ſich ſtößt. Gehe Sie nun!“ Eben trat Frau Martha Langermann ein. Regina ging, das liebliche, von Thränen überfloſſene Geſicht 5 herabgeneigt, an derſelben vorüber. Frau Martha's Anliegen mußte bei der hohen Frau viel Intereſſe erwecken, denn die Audienz dauerte über eine gute halbe Stunde. Ende des dritten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Von dem Verfaſſer des vorliegenden Romans erſchien bereits in meinem Verlage: 4 Johann Georg I. von Sachſen Hiſtoriſcher Roman von Franz Carion. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. Ferner erſchienen: Von Wien nach Vilagos. Hiſtoriſ cher Roman von Ferdinand Stolle. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 3 Thlr. Leipzig, Ernſt Inlius Günther. —— —