“ ₰ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.; 4. Abonnement. Daſſelbe zmuß voraus zbezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 4 3 4 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſenet, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe it auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 1 ) 1 Der alte Deſſauer. Hiſtoriſcher Roman Franz Carion. Zweiter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1867. —— „, 4. „ A& (X SAN V à— — des achtzehnten Jahrhunderts noch der Sitz eines ſächſi⸗ Das iſt der Liebe heil'ger Götterſtrahl, Der in die Seele ſchlägt und trifft und zündet, Wenn ſich Verwandtes zum Verwandten findet, Da iſt kein Widerſtand und keine Wahl, Es löſt der Menſch nicht, was der Himmel bindet. Braut von Meſſina. Die alte Biſchofsſtadt Merſeburg, im erſten Drittel ſchen Herzogs, Moritz Wilhelm, befand ſich am frühen Morgen des 16. Auguſt 1723 in einer bedeutenden Aufregung, denn wie auf Sturmesſchwingen hatte ſich ſchon einige Tage vorher die Kunde, die anhalt⸗deſſaui⸗ ſche Durchlaucht mit Höchſtdero Prinzen und einem krie⸗ geriſchen Gefolge werde daſelbſt ankommen, um das in der Nähe campirende löbliche Infanterieregiment des Oberſten Marche zu beſichtigen und Gaſt des genannten Herzogs zu ſein, unter der ganzen Stadtbevölkerung und in der Umgegend verbreitet, und die Folge davon war, daß Jeder, der nur halbwegs von ſeinen Geſchäften ſich loswinden konnte, ſich dieſer Schau theilhaftig zu machen Carion, Der alte Deſſauer. II. 2 ſuchte. Die deſſauiſche Durchlaucht ſtand beim Volke genau auf derſelben Stufe wie ein Wunderthier oder eine ſonſtige ans Fabelhafte ſtreifende Merkwürdigkeit. Man hatte zu viel des Sonderbaren von dem„deſſauiſchen Schwerenöther“ gehört, um nicht begierig zu ſein, ihn ſelbſt von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen. Kaum hatte die Stadtuhr das zweite Viertel der fünften Morgenſtunde verkündet, als auch theils zu Wa⸗ gen, theils zu Pferde Fürſt Leupold, von dreien ſeiner Prinzen, Leopold Maximilian, Dietrich und Moritz, und einer Suite preußiſcher Offiziere begleitet, Merſe⸗ burg paſſirte und ohne Aufenthalt ſich in das Lager des ſächſiſchen Infanterieregiments begab. Die Ankunft des durchlauchtigen preußiſchen Feldmarſchalls war das Signal, daß ſich das Regiment ſofort auf den Exercirplatz be⸗ gab, und nach beifälliger Muſterung der ſchönen, wohl⸗ genährten und gut gekleideten Soldaten begannen die Uebungen en bataille und im Feuer, wobei Fürſt Leupold ſeine beiden ältern Söhne— Moritz war da⸗ mals noch Knabe— auf den rechten und linken Flügel als Flügelmänner ſtellte, welche in dieſer Eigen⸗ ſchaft ſämmtliche Exercitien mitmachten. Gleich einem Alles überflutenden Strome hatte ſich die Zuſchauermenge aus der Stadt nach dem Anger gedrängt und ſtand einer Mauer gleich im Viereck um das + 3 glänzende, bewegliche militäriſche Schauſpiel, um zugleich den Deſſauer anzuſtaunen, welcher letztere allerdings in ſeiner Perſon der Anziehungspunkt für aller Blicke wohl zu ſein verdiente, denn ſicher hatte man noch nie einen Feldmarſchall dergeſtalt coſtümirt geſehen wie ihn. Zu der preußiſchen Feldmarſchallsuniform trug er grauleinene Unterkleider vom gröbſten Zeuge und ein⸗ fachſten Zuſchnitte. Bei ſeiner langen Figur war dieſe ſeltſame Zuſammenſtellung von Kleidungsſtücken noch viel auffallender und würde ſicher der umgekehrte Fall, die Erſcheinung eines Matroſen in ſeidenen Escarpins und blitzenden Schnallenſchuhen, ſtatt des ariſtokratiſchen Fracks ſeine gewöhnliche ſteife Theerjacke auf dem Leibe, nicht mehr Senſation gemacht haben. Seinen kleinen Hut zierte das alte brandenburgiſche Feld⸗ zeichen Eichenlaub, welches von der Schlacht bei War⸗ ſchau unter dem großen Kurfürſten hergeleitet wird. Die Uebungen waren dermaßen zu ſeiner Zufrieden⸗ heit ausgefallen, daß, als ſie beendigt waren, er dem Re⸗ gimente zweihundert Thaler ſchenkte, um ſich dafür Ver⸗ gnügen machen zu können, und nachgehends den Grena⸗ dieren noch insbeſondere viele Dukaten, Thaler und Gul⸗ den ſpendete. Ein koſtbares Frühſtück in Oberſt Marche s Zelte vereinte dann den Fürſten und ſeine Prinzen und Offiziere mit den ſächſiſchen Offizieren bis nach ein Uhr, dann aber rief der Appellſchlag die Grenadiere des Regiments in vollkommenſter Ausrüſtung zuſammen, und nachdem der durchlauchtige Herr Leupold ſie nach ſeinem Belieben in Glieder abgetheilt hatte, marſchirte er, ſeine beiden ältern Prinzen mit bloßem Degen voran, in Mitte der Grenadiere mit ſeinem jüngſten Sohne Moritz, ebenfalls mit entblößtem Degen, durch die Gaſſen der Stadt aufs Schloß. Dieſen militäriſchen Zug ſchloſſen die preußiſchen und die Offiziere des ſächſiſchen Regi⸗ ments, gefolgt von einer ungeheuren Menſchenmenge, welche jedoch von den herzoglich ſächſiſchen Trabanten mit Gewalt vom Nachdrängen ins Schloß zurückgehal⸗ ten wurde. Jedermann ahnte, daß dieſer merkwürdigen Proceſſion etwas noch Merkwürdigeres folgen werde, und Niemand hatte ſich in dieſer Vermuthung getäuſcht. Das Seltſame, Gewaltthätige war ſo ganz im Geſchmacke der deſſauiſchen Durchlaucht, daß ſelbſt im Schloſſe, wo Herzog Moritz Wilhelm, welcher eine große Geſell⸗ ſchaft von fürſtlichen und andern hohen Standesperſo⸗ nen zur Tafel geladen, eben das Zeichen zum Beginn derſelben gegeben hatte, alle von einem paniſchen Schrecke ergriffen wurden und die dampfenden Speiſen in größter Eile wieder abgetragen werden mußten, als die Meldung vom Herannahen des Deſſauers mit ſeiner auffallenden Begleitung anlangte. Fürſt Leupold hatte die ihn auf 5 dem Exercirplatze erneut treffende Einladung, zur Mit⸗ tagstafel auf dem Schloſſe ſich einfinden zu wollen, mit dem Bemerken abgelehnt, er müſſe mit ſeinesgleichen, den Soldaten, eſſen. Bange ſahen der Herzog und ſeine Gäſte dem, was da kommen ſollte, entgegen, als das Getrappe der Sol⸗ daten auf der breiten Schloßtreppe hörbar wurde und der Leibdiener Herzog Moritz Wilhelm's dieſem, ſeinem Herrn, noch zu allem Ueberfluß mittheilte, daß auf der deſſauiſchen Durchlaucht Befehl auch Oberſt Marche ein Corps von der Infanterie in aller Eile nachgeführt gebracht habe. Was ſollte da vorgehen? Welche Tollheit hatte der wilde und nicht ſelten aller Schicklichkeit Hohn ſprechende Herr Leupold im Sinne? Lange darüber nach⸗ zudenken blieb nicht Zeit, die Lakaien riſſen ſchon die hohen Flügelthüren weit auf. In der bereits angegebenen Ord⸗ nung zog der Deſſauer mit ſeiner ganzen Begleitung in den Saal und einigemal um die Tafel herum, dann ließ er die Grenadiere exerciren, und ein Todesſchreck überkam den Schloßherrn und ſeine Gäſte, als die Feld⸗ muſik des Regiments nebſt den bereits anweſenden Hoftrompetern und Paukern das Zeichen ſich fertig zu halten bekam, während die Soldaten ihre Ge⸗ wehre laden und die Lakaien die Weingläſer füllen mußten. Die Saalfenſter wurden ſämmtlich geöffnet, die Durchlaucht von Deſſau brachte Geſundheiten aus unter gewaltigen, von Trompeten, Pauken und ſämmtlicher Feldmuſik geblaſenen und gewirbelten Tuſchen, und die Grenadiere gaben ſo ſtarke Salven zu den Fenſtern hinaus, daß dieſe in Menge zerſprangen und das ganze Schloß und der nahe Dom erbebten. In den Gaſſen der Stadt rollte und praſſelte der Widerhall dieſer Salven wie die dumpfen, ununterbrochen einander fol⸗ genden Donnerſchläge eines überaus ſtarken Gewitters. Wie in ſeinem Grimme ein Ungethüm, erwies ſich Fürſt Leupold auch in ſeiner guten Laune als ein ſolches. Rück⸗ ſichtnahme kannte er nicht, und es machte ihm gerade Spaß, daß die koſtbaren Kleider der Damen wie der Cavaliere durch den den ganzen Saal füllenden Pulver⸗ rauch wie durch das große Gedränge Schaden litten; ſeine und der Soldaten Garderobe waren gegen derlei feindſelige Angriffe geſichert. Verzweiflung und Hunger peinigten den Herzog und ſeine Gäſte, denn erſt um vier Uhr hörte das Geſundheittrinken der deſſauiſchen Durch⸗ laucht und der damit verbundene Höllenlärm auf, indeß von einer Erlöſung aus dieſem greulichen Spektakel war noch keine Rede, denn Fürſt Leupold bekam eine ſchreck⸗ liche Anwandlung von Tanzluſt, und die Regimentsmuſik, unterſtützt von den Hoftrompetern und Paukern, erhielt „ 7 Befehl aufzuſpielen. Er ergriff die regierende Herzogin von Merſeburg, Prinz Leopold Maximilian die Erb⸗ prinzeſſin von Barby, die übrigen aber die andern vor⸗ nehmen Damen. Die bloßen Degen behielten ſie bei dieſem Herumſpringen in der linken, die Damen in der rechten Hand. In einer kurzen Pauſe flüſterte Prinz Leopold Maximilian ſeiner Tänzerin lachend zu:„Soll ich Ihnen, gnädigſte Frau, etwas prophezeien, das ſo buchſtäbliche Erfüllung finden wird, als morgen früh ein neuer Tag anbricht?“ „Und was wäre das?“ fragte die Erbprinzeß faſt weinend, denn ihre ſchöne geſtickte Robe ſah höchſt trau⸗ rig aus, und wo ihr Blick nur hintraf, ſtreifte er über die durch dies wüſte, den Anſtand aufs tiefſte ver⸗ letzende Gebaren bewirkte Zerſtörung. „Wenn meines gnädigſten Papas Durchlaucht es glücklich bis zur Abfahrt von hier nach Halle gebracht haben wird, werden alle, die nur die Hände erheben können, ihm und uns drei Kreuze nachmachen.“ „Erwarten Sie keinen Widerſpruch von mir“, ant⸗ wortete die Erbprinzeß. „Bewahre, gnädigſte Frau, das wäre eine Selbſt⸗ verleugnung, die nicht nur meine Prophezeiung Lügen ſtrafen, ſondern auch ganz daſſelbe ſein würde, als wenn Jemand, dem der Fuß ſchmerzt, ſich aus Vergnügen dar⸗ über den Kopf abſchlagen ließe.“ Die Tanzluſt des Fürſten, während welcher Zeit die Grenadiere im Saale Parade machten, endete erſt nach Verlauf von zwei Stunden, wo die Soldaten noch⸗ mals reichlichſt beſchenkt entlaſſen wurden, aber im Schloßhofe noch dreimal bei voller Muſik Salve ſchie⸗ ßen mußten. Nachdem die Verwüſtungen im Saale, ſo gut ſich das in der Eile thun ließ, beſeitigt worden waren, wurde die Tafel ſervirt, und die deſſauiſche Durch⸗ laucht, höchſt vergnügt über all den Jux, welcher Höchſt⸗ dieſelbe hier erfreut, brachte mit den Ihrigen in Geſell⸗ ſchaft des herzoglichen Paares und der Gäſte des letztern an derſelben bis um zehn Uhr zu, wo endlich der von Vielen im Stillen ſehnlichſt herbeigewünſchte Ab⸗ ſchied dieſes bizarren hohen Gaſtes höchſt friedlich erfolgte. Das ſonſt ſo ſtille Merſeburg hatte einen wunder⸗ baren Tag erlebt und ſeine Bevölkerung drängte ſich zu dieſer Nachtſtunde noch um die auf dem Domplatz ſeit Mittag ununterbrochen haltenden Pferde, Wagen und Bedienten des preußiſchen Feldmarſchalls und ſeiner Suite. Dieſen Vier⸗ und Zweifüßlern waren dergleichen Geduldproben nichts Seltenes; ſie waren daran ge⸗ wöhnt, viele Stunden, ja ganze Tage und Nächte auf, — 9 einer Stelle, ohne zu ſpeiſen und zu füttern, auf ihren Herrn zu warten. Unter Beleuchtung einer Menge Fackeln ſchwamm die deſſauiſche Equipage auf zwei zum Ue⸗ berſetzen der Saale in Bereitſchaft gehaltenen großen Fähren ans jenſeitige Ufer und verſchwand wie ein ſpur⸗ loſer Spuk im Dunkel der Nacht. Fürſt Leupold war einmal ſo recht in ſeiner Art vergnügt geweſen und dieſe Erinnerung begleitete ihn nach Deſſau, wohin er nach einigen Tagen zurückkehrte. Dort hatte ſich hinſichtlich der Ordnung der Dinge nichts verändert, weil Alles daſelbſt ſeinen gewohnten Gang nahm, wie dies in einem ſtreng militäriſch organiſirten Staatsgetriebe ſtets der Fall zu ſein pflegt; nur in den Verhältniſſen einiger, dem Leſer bekannten Perſonen war ein Wandel eingetreten, der ihre Zukunft tief genug berührte. Mosje Bonnafox Bewerbung um Regina's Hand war deutlich und für die damit Beehrte ſehr erſchreckend hervorgetreten. Der Kanzler, welcher ſich immer noch als der einzige ihrer Verwandtſchaft be⸗ wieſen hatte, der Regina nicht offenbar feindſelig ge⸗ ſinnt war, bezeigte bei dieſer Gelegenheit ſo wenig Theilnahme an ihrem einſtigen Glücke oder Wehe, daß er ihren Widerwillen gegen Mosje Bonnafon eine Albernheit nannte. Regina glaubte anfänglich aus ihm nur die Stim⸗ 10 men ſeiner Gemahlin und Töchter zu hören, denen, das wußte ſie, es ſicher viel Vergnügen machen würde, ſie zu einer freudeloſen Verbindung gezwungen zu ſehen, un d ſie mied des Oheims Haus, um dieſen ſie ängſtigenden Redereien zu entgehen. Wie es gekommen ſei, daß der Poſtverwalter Eintritt beim Kanzler gefunden, da früher auch gar keine Beziehung zwiſchen beiden ſtattgefunden hatte, das wußte ſie freilich nicht und ahnte es auch nicht einmal, indeß ſie ſollte im Verlaufe der Zeit doch eine Ahnung davon bekommen, welche Hebel in Bewe⸗ gung waren, um ſie zu einer Verbindung zu drängen, die ſie, auch wenn ſie keine andere Neigung im Herzen getragen, doch verabſcheut hätte. Der durchlauchtige Herr Leupold, welcher trotz aller ſeiner Rauheit und ſeiner mit denen der meiſten übrigen Menſchen ſcharf contraſtirenden Anſchauungen doch eine ganz beſondere Neigung für das Glück beſaß, inmitten ſeiner Familie ſich zu befinden, liebte es, an ſchönen Abenden, vorzüglich bei Mondbeleuchtung, mit ſeiner Gemahlin und ſeinen Prinzen und Prinzeſſinnen im Garten zu luſtwandeln. Die ſchönen lauen Abende des Auguſt luden beſonders zu dieſem Vergnügen ein, und zwar um ſo mehr, als man nicht wiſſen konnte, von welcher Beſchaffenheit der September ſein und ob auch er die freundliche Phyſiognomie ſeines Vorgängers 11 ſo unverrückt beibehalten werde. Die Fürſtin mußte bei ſochen Erheiterungen ihres Gemahls natürlich von einem eigenthümlich wohlthuenden Genuſſe der abend⸗ lichen Herrlichkeit abſehen, denn Herr Leupold blieb immer derſelbe, ſeine Art und Weiſe veränderte ſich nicht, und wenn auch die Ruhe und Stille, welche den Garten ſo lauſchigeheimiſch machte, inſofern einen Einfluß auf ihn übte, daß er ſich ſehr zur Heiterkeit geneigt zeigte, ſo trug doch auch dieſer Ausdruck einer guten Gemüths⸗ ſtimmung das ihm einmal aufgedrückte Gepräge der Rauheit; ſelbſt ſein herzliches, jedoch ſehr heftiges Ge⸗ lächter war ganz dazu geeignet, ſchüchterne Gemüther zu erſchrecken. Es gehörte unter allen Umſtänden eine Ge⸗ wöhnung dazu, um aus dem lärmenden, polternden Weſen des Fürſten das herauszufinden, was wirklich liebenswürdig war. Man hatte in einem Rondel Platz genommen. Die Diener hatten Wein aufgeſetzt, dem in ſolchen guten Stunden Se. Durchlaucht gern zuſprach und es liebte, wenn auch ſeine ältern Söhne ſeinem Beiſpiele folgten. Die Abenteuer ſeiner Feldzüge in Italien waren es beſonders, deren er ſich im Familienkreiſe mit größter Lebhaftigkeit erinnerte, und obwohl er ſie ſchon öfter erzählt hatte, ſo kam er doch bei ſolchen Gele⸗ genheiten gern auf dieſelben zurück und Niemand wagte 12 ſelbſtverſtändlich einen Proteſt gegen dieſe Wiederho⸗ lungen. Man hörte in Ergebenheit zu, weil ſich nichts Anderes thun ließ. „'s war eine ganz verfluchte Partie, die Einnahme von Caſſano!“ hob er an einem der letzten durch be⸗ ſondere Schönheit ausgezeichneten Auguſtabende an, als er ſich mit ſämmtlicher Familie, die kleine dreijährige Prinzeß Henriette Amalie nicht ausgeſchloſſen, welche auf ihrer durchlauchtigen Mutter Schooße eingeſchlummert war, niedergelaſſen hatte.„Prinz Eugen hatte einen Streifſchuß am Kopfe weggekriegt und der Leiningen lag gar todt niedergeſtreckt in ſeinem Blute, ſodaß Nie⸗ mand zum Oberbefehl übrig blieb als eben ich. Damals, 1705, war ich ein Kerl von neunundzwanzig Jahren, und das iſt ein Alter, wo man ins Zeug geht. Drauf und dran, biegen oder brechen, ſo iſt immer meine Loſung geweſen und an dem Tage von Caſſano erſt recht, denn da galt's die Reputation. Schwerenoth, wir hatten eine Hitze zum Verrücktwerden, die Sonne brannte ſo glü⸗ hend nieder, daß meine Kerle ausſahen, als flennten ſie, ſo rann ihnen der Schweiß über die Geſichter, aber ablaſſen? Dachte nicht dran. Vorwärts ging's, immer vorwärts. Die Franzoſen lachten ſich hinter den Gräben von Caſſano ſchon ins Fäuſtchen, daß wir vor den beiden Kanälen wie Ochſen am Berge ſtehen würden; aber wir * „. 13 machten's den Beſtien klar, was richtige Soldaten ſind. Durch, durch! commandirte ich, und meine Kerle ſetzten wie ein endloſer Zug Waſſerratten durch. Na,'s lief manchem in den Hals, daß er nicht wieder herauskam aus dem Bade; aber Caſſano ward unſer, wir lachten zuletzt, ſo naß wir waren. Es gab eine böſe Schmeißerei, ehe wir die Falle nehmen konnten; den Franzoſen ging es dort an den Kragen und wurden ſie es zu ihrem Schrecken gewahr, daß deutſche Soldaten mit dem Ba⸗ jonett wie mit dem Brodmeſſer umzugehen verſtehen.“ Der Fürſt ließ eine Pauſe eintreten, in der er ein Glas Wein trank. 55„Schade, Papa Durchlaucht, daß ich damals noch nicht auf der Welt war, das hätte ich mitgemacht!“ rief ſein Liebling, der vierzehnjährige Prinz Moritz. „Du kleiner Teufelskerl!“ lachte der Fürſt, ihn am Ohre zupfend.„Das war kein Kinderſpiel.“ „Meint Papa Durchlaucht, ich und meine Com⸗ pagnie wären Kinder? Parbleu, Papa, der König zahlt uns die Löhnung und die Majeſtät treibt keine Kinder⸗ . ſpielerei. Noch ein paar Jährchen hin und wir ſind Kerle, die den Türken und Kroaten nicht weichen.“ „Nur gnädig, Herr Generalfeldmarſchall, wollen's uns nie mehr herausnehmen, Höchſtdero Rieſencompagnie für Kleinigkeiten anzuſehen“, ſpöttelte Herr Leupold ——.— ÿÿõ⅛⅓¼¾ — 14 ſeelenvergnügt über ſeines Lieblings militäriſches Ehr⸗ gefühl. „Bis zum General bringſt Du es im Leben nicht, Mo⸗ ritz“, bemerkte ſein Bruder Prinz Guſtav.„Ein General muß leſen und ſchreiben können.“ „Iſt das wahr, Papa Durchlaucht?“ fragte Moritz, der in Allem, was Kenntniſſe bedarf, der unwiſſendſte Prinz war, den man an einem Hofe damaliger Zeit finden konnte, da ſein durchlauchtiger Papa an ihm, dem jüngſten ſeiner Söhne, das Problem gelöſt zu ſehen wünſchte, was aus einem Menſchen werden könne, der ſogar die nothdürftigſten Schulkenntniſſe entbehre und förmlich als Wilder ohne allen Unterricht aufwachſe. „Kinkerlitzchen, einfältige Kinkerlitzchen!“ brummte der Fürſt.„Mit Leſen und Schreiben ſchlägt man weder eine lumpige Fliege noch einen Feind todt, der mit Ka⸗ nonen und Bajonetten zum Betteltanze aufſpielt. Feder⸗ fuchſer und Generale, das paßt zuſammen wie eine Gans und ein Löwe, verſtanden? Laß Dich nicht ſchüch. tern machen, Moritz, Du biſt gerade ſo recht erzogen, wie Du biſt. Ich verſteh's, den Mann zu taxiren, und ſage Dir, ein General ſchlägt ohne Leſen und Schreiben den Feind beſſer als einer, der erſt lange Schrei⸗ bereien macht und ſich nachher, wenn was ſchief und conträr geht, nicht aus der Patſche zu helfen weiß. Schwerenoth, mir ſind alle gelehrten Offiziere ein Greuel.“ Selbſtverſtändlich wagte Niemand gegen dieſen Aus⸗ ſpruch einen Proteſt zu erheben, und die Verſtimmung, in die der durchlauchtige Herr durch dieſe ſeine Erziehungs⸗ methode ſtark in Schatten ſtellende Bemerkung ſeines Erſtgeborenen verſetzt worden war, würde der Familien⸗ freude für dieſen Abend ein ſchnelles Ende gemacht haben, wenn nicht Prinzeß Louiſe ihn aufgefordert hätte, weiter von Caſſano zu erzählen. „Ja, mein Herzenspüppechen, für mich hatte der Sieg eine Niederlage zur Folge, die mich bald unter die Todten gebettet hätte“, redete Herr Leupold.„Die raſende Sonnen⸗ glut, die etwas zu ſtarke Abkühlung in den beiden Ka⸗ nälen und die Anſtrengung überhaupt zogen mir, was ich im Leben nicht geglaubt hätte, ein hitziges Fieber zu und mußte ich mich nach Brescia ſchaffen laſſen, wo ich mit dem verwundeten Herzog von Würtemberg und dem General Graf von Reventlow ein Hotel miethete. 's würde aber Alles den Teufel nichts nutz geweſen ſein, Hotel, Doctor und Medicin, wenn nicht Eure Mutter wie ein guter Schutzgeiſt bei mir geweſen wäre. Das war eine Pflegerin! Straf' mich Gott, wenn ich Dir das je vergeſſe, meine liebe, liebe Annelieſe! Haſt damals vielen Kummer um mich getragen.“ — 16 „Um ſo größer war die Freude, als Du nach mehreren ſchweren Wochen wieder genaſeſt“, ſprach die Fürſtin. „Der Brommer hat mir damals redlich beigeſtanden, das mußt Du auch nicht vergeſſen.“ „Vergeſſ' es auch nicht, bleibt mein alter Spiel⸗ kamerad, der's herzenstreu mit mir meint.“ Der Fürſt hatte über den Tiſch hinüber ſeiner Ge⸗ mahlin Hand ergriffen und ſein auf ſie gerichteter Blick glänzte wie Sternleuchten. Um eines einzigen ſolchen tief aus ſeinem Herzen hinauf ins Auge ihm tretenden reinen und wahrhaftigen Ausdrucks edler Empfindung willen konnte man das Schlimme an ihm vergeſſen, und von der Ueberzeugung, daß ſolch ein Liebesblick bei einem Manne ſeiner Art als verſöhnendes Zeichen zwiſchen Hölle und Himmel gelte, ließ ſich auch nicht ein Deut hinwegdisputiren. Eine kurze Pauſe folgte.„Einſchenken!“ rief dann der Fürſt mit Donnerſtimme den beiden am Eingange etwaiger Befehle harrenden Dienern zu, die eilfertig her⸗ beiſprangen, dem Befehl Folge zu leiſten. Als die Gläſer für ſeine Söhne vollgeſchenkt waren, erhob er ſich, ein Beiſpiel, dem die Prinzen ſofort folgten, und das Glas hochhaltend rief er mit einer Stentorſtimme, als müßten es die beiden Flügel eines in breiteſter Co⸗ lonne aufgeſtellten Regiments hören:„Dem beſten 17 Weibe, der gütigſten Mutter! Hoch! Ausgetrunken bis zur Nagelprobe! Hoch!“ Und die fünf Prinzen, ihre vollen Gläſer mit dem ſeinen zuſammenklingen laſſend, riefen ein weithin ſchallen⸗ des Hoch in die ſtille Nacht hinein. „Mein guter Leupold“, ſprach die Fürſtin mit weicher, von tiefer Bewegung zeugender Sti mme,„Du machſt mich noch ſtolz. Es dürfte wohl nicht viele fürſt- liche Frauen geben, die ſo wie ich von ihren Gemahlen geehrt werden, denn nur das, was nicht künſtlich vor⸗ bereitet worden, was das Herz in einem glücklichen Au⸗ genblicke ſchafft, wie der jetzige Moment dies Hoch ge⸗ ſchaffen hat, das allein iſt Ehre und macht froh.“ „Ja, aber einige Salven hätten ſchon dazu gehört, Annelieſe, das iſt ſicher. Na, für heute mag's ſein, weil meine Blauen nicht zur Stelle ſind; ein an⸗ deres Mal bring' ich's mit ein, verlaß Dich drauf.“ Prinz Leopold Maximilian rief bei ſeinem durch⸗ lauchtigen Vater die Erinnerung an den Beſuch zu Mer⸗ ſeburg ins Gedächtniß und der Fürſt ließ ſeiner Fröh⸗ lichkeit alle Zügel ſchießen. „'s war'n verfluchter Jux“, ſagte er lachend,„über den ſich ſogar der Hofglaſer gefreut haben wird, denn 's iſt nicht ſchlecht gepulvert worden; die Weißröcke ha⸗ ben's los, ein Peloton zu geben, das mit einem Schlage Carion, Der alte Deſſauer. II. 2 — 18 praſſelt. Tüchtige Kerle, muß ich ſagen, aber Oberſt Marche iſt auch'n Soldat, der ſein Handwerk aus dem Grund verſteht.“ Die Prinzen kannten alle Eigenthümlichkeiten ihres durchlauchtigen Papas zu genau, um nicht jederzeit, wenn ſich eine Gelegenheit ergab, darauf einzugehen, und konnte ihm jetzt etwas angenehmer ſein, als über die prompt von des ſächſiſchen Oberſten Marche Infanterieregimente ausgeführten verſchiedenartigen Märſche ſich auszuſprechen? Prinz Leopold Maximilian, der geiſtreichſte unter ſeinen Brüdern, wußte durch kluge Oppoſition den fürſtlichen Vater in die beſte Laune zu verſetzen oder, wie jetzt der Fall war, zu erhalten, indem er Anſichten äußerte, welche jener wieder ſehr eifrig bekämpfte oder doch einer ſehr eingehenden Beſprechung unterwarf. Ueber das Kapitel der Märſche ließ ſich ein Weites und Breites verhandeln, da auf exact ausgeführten Märſchen oft der Sieg einer kleinen Armee über eine große beruht. Herr Leupold als gewiegter Prakticus auf Schlachtfeldern er⸗ achtete es für ſeine heiligſte Pflicht, in dieſer Beziehung ſchulmeiſterlich, mit erklärendem Wort und womöglich durch ſichtbare Zeichen unterſtützt, irrige Anſchauungen ſeiner ohne Ausnahme dem Militärſtande angehörenden Söhne zu berichtigen. Der von dem genannten Prinzen in Anregung gebrachte Aufmarſch eines Heeres in Schlacht⸗ — derſt dem hres venn ounte ompt nente chen? ſeinen glichen 19 ordnung vor dem zum Kampfe bereiten Feinde griff zu tief in den Schatz ſeiner militäriſchen Erfahrungen ein, um ſich nicht umſtändlichſt über die dazu erforderlichen Schwenkungen und Deckungen der Regimenter zu ver⸗ breiten, damit ſie nicht unnöthig dem verheerenden feind⸗ lichen Feuer ausgeſetzt würden. „Werde Dir die nöthigen Bewegungen auseinander⸗ ſetzen, mein Sohn“, ſagte der Fürſt.„Weg da mit den Flaſchen und Gläſern! Dazu braucht man Raum. Was das Auge ſieht, das glaubt das Herz, und ſehen muß man dergleichen Dispoſitionen, ſonſt begreift ſich's nicht. Ich hab's aus der Praxis gelernt und das iſt allerdings ſchon das Beſte, aber leider iſt jetzt kein Krieg, die Welt iſt zum Murmelthier geworden, das ſeinen Winterſchlaf hält. Daran iſt aber Niemand anders ſchuld als die gottvergeſſene Federviehwirthſchaft an den Höfen. Sucht Holz, Kerle“, rief er den Bedienten zu, indeß ein zufälliger Griff ſeiner Hand an die rechte Weſtentaſche überhob die Diener des Herbeiſchaffens von Holzſtückchen, womit ihr Herr gewöhnlich in ſolchen Fällen die Poſitionen der Regimenter bezeichnete.„Laßt s ſein, Kerle, hab' ſchon.“ Und mit dieſem Widerruf des vorigen Befehls zog der durchlauchtige Herr einen zu⸗ ſammengefalteten Brief hervor und xiß, ohne ihn erſt eines Blickes zu würdigen, ein Stück nach dem andern 2* 20 davon ab, mit ihnen auf dem vom Mond hell beleuch⸗ leten, grün angeſtrichenen Tiſche die Poſitionen der Trup⸗ pen vor dem Abmarſch und dann die bezeichnend, welche fie mittels Flankenmärſchen vor dem Feinde einnehmen müßten. Als dieſe letztern markirt waren, unterbrach ihn Prinzeß Louiſe, auf eins der zerriſſenen Briefſtückchen zeigend, mit der Frage:„Papa, da ſteht ja der Name Sr. Majeſtät des ſächſiſchen Polenkönigs Auguſt geſchrieben?“ „Wo?“ „Hier.“ „Millionen Schwerenoth! Das iſt ja der Brief, den mir Se. Majeſtät von Polen geſchrieben und den ich erſt vor ein paar Stunden erhalten habe!“ rief der durchlauchtige Herr, mit den Fingern in der Luft ſchnalzend. „Verfluchter Streich das! Hatte ihn in die Weſtentaſche, geſteckt. Wer kann denn an Alles denken!“ „Man müßte ihn fein wieder zuſammenkleben“, meinte der Erbprinz. „Dieſe Menge kleiner Fetzen?“ fragte Herr Leu⸗ pold.„Schöne Kleberei das! Man hätte dann mehr Klei⸗ ſter als Brief.“ „Aber Du kennſt ſeinen Inhalt doch?“ nahm die Fürſtin beſorgt das Wort. „Den Inhalt? Gewiß, habe ihn ja geleſen. Se. Majeſtät luden mich zu den bei Dresden abzuhaltenden Fel ver Reg ben von jung Fall den ſter wür Fürf öſter mich Spi der das vern übe des in des Auf 21 Feldmanövern von Allerhöchſtdero Infanterie ein und verbanden damit zugleich die Anfrage, ob unter meinem Regimente zu Halle ein ſich für den Sohn des verſtor⸗ benen kaiſerlichen Generalfeldmarſchalls und Gouverneurs von Siebenbürgen Grafen Buſſy⸗Rabutin ausgebender junger Menſch ſich habe anwerben, und ſei dies der Fall, ihn ſofort feſtnehmen und ſchleunigſt nach Dres⸗ den transportiren zu laſſen, was den kaiſerlichen Mini⸗ ſter Graf Sinzendorf zu größter Dankbarkeit verpflichten würde.“ „Ein Betrüger alſo?“ ſprach die Fürſtin. „Bah, wer kann das wiſſen!“ entgegnete der Fürſt.„Es gehen ganz verfluchte Dinge unter den großen öſterreichiſchen Familien vor. Bin herzlich froh, daß ich mich nicht in die Lage verſetzt ſehe, mich in dergleichen Spiel zu miſchen; in meinem Regimente gibt's keinen, der ein ſolches verkapptes Grafenſöhnchen wäre. Werde das morgen Sr. Majeſtät dem König von Polen direct vermelden.“ Nach dieſen Worten ſtrich der Fürſt mit der Hand über den Tiſch hin und ſchob die ſämmtlichen Stückchen des Briefes in ſeine Weſtentaſche, theils um ſie nicht in die Hände der Diener kommen zu laſſen, theils auch des Reſpects vor dem königlichen Handſchreiben wegen. Aufſtehend gab er das Zeichen zur Erhebung für alle. — Die Fürſtin trat zu ihm mit der leiſe an ihn gerichteten Frage, wie er zu der Meinung komme, daß der junge Mann, auf den man ſächſiſcherſeits ſo eifrig fahnde, kein Betrüger ſein dürfte? „Sieh, Annelieſe“, antwortete Herr Leupold, indem er ihren Arm unter den ſeinen ſchob und ein Stück Weges entfernt von dem Rondel mit ihr auf und nie⸗ der promenirte,„Prinz Eugen hat mir jeweilig im Feld⸗ lager aus der Wiener Skandalchronik komiſche Dinge erzählt, und da ich mit dem verſtorbenen Generalfeld⸗ marſchall Graf Buſſy⸗Rabutin perſönlich bekannt war — muß es ihm im Grabe nachſagen, war ein tüchtiger Offizier— ſo entſann ich mich ſchnell, was ich ihn betreffend von Eugen gehört hatte. Der ehemalige Reichshofkanzler Graf Sinzendorf war kaum zwei Mo⸗ nate todt, als ſeine Wittwe, eine geborene Prinzeſſin von Holſtein, den Buſſy⸗Rabutin heirathete. Na,'s war allerdings auffällig, daß es damit ſo Hals über Kopf ging, aber es ſoll ſeine Urſachen gehabt haben. Die Familie Sinzendorf, über die merkwürdig raſche Heirath wüthend, ſetzte die Trennung der Söhne des verſtor⸗ benen Reichshofkanzlers von ihrer Mutter bei kaiſerli⸗ cher Majeſtät durch. Daß mein Feldkamerad Buſſy⸗ Rabutin wirklich einen Sohn von ihr hatte, weiß ich beſtimmt, denn er ſprach einigemal, da er wußte, daß Fam Fürſ gefül Bro an, Arm ſtam nach liebſt kratz jede ob e lich auch ich Söhne hatte, von demſelben zu mir und äußerte dabei den Wunſch, nur noch ſo lange leben zu können, bis dieſer, der als ſein Erbe ſeinen Verwandten ein Dorn im Fleiſche ſei, ſo weit herangewachſen ſei, um ſelbſt⸗ ſtändig dazuſtehen. Ich denke mir, es kann da ebenſo gut eine Teufelei von dem Sinzendorf unterlaufen, wie daß ein Betrüger ſich die Geburtsrechte dieſes Buſſy⸗ Rabutin'ſchen Sohnes angeeignet habe, weshalb man ihn verfolgt. Das Beſte bei der ganzen Geſchichte iſt, daß ich nichts damit zu thun habe.“ „Es iſt traurig, wenn in einer ſo hochſtehenden Familie dergleichen Dinge vorkommen!“ bemerkte die Fürſtin, als ſie von ihrem Gemahl zu den Ihren zurück⸗ geführt wurde. „Sie ſteht ja da, als hätten Ihr die Hühner das Brod gefreſſen“, fuhr der durchlauchtige Herr Regina an, welche, ein Umſchlagetuch für ihre Prinzeß auf dem Arme haltend, ganz in ſich verſunken an einem Baum· ſtamme lehnte, als hätte ſie über ſchwerfaßliche Dinge nachzudenken.„Schwerenoth, Sie wäre meine Herz⸗ liebſte! Der Bonnafox wird ſich verdammt im Kopfe kratzen, daß er ſo ein lamentables Ding heimführt. Na, jedem Narren ſeine Kappe. Er muß ſchon ſelbſt zuſehen, ob er Sie ins Feuer bringt. Dazu kann ich ihm frei⸗ lich nicht helfen.“ 24 „Was haſt Du wieder mit meiner Regina, Papa Durchlaucht?“ fragte Prinzeß Louiſe. „Was ſoll ich haben! Crepirt mich, eine Perſon zu ſehen, die wie eine Thränenlampe daſteht, wenn ſie hei⸗ rathen ſoll.“ „Regina heirathen? Ach, da weiß ich ja noch gar nichts davon! Wen denn, Papa?“ „Den Bonnafox.“ „Den— Bonnafox?“ Die Prinzeß lachte hell auf. „Was lacht denn der Grünſchnabel?“ fragte der Fürſt ärgerlich. „Daß die Regina den Bonnafox heirathen ſoll. Ich möchte ihn nicht, nein, wahrhaftig nicht, und die Regina wird ihn auch nicht wollen, das kann ich mir denken, und ſie hat da vollkommen Recht. Wer kann ihr etwas zumuthen, was ſie nicht will?“ „Aber, Louiſe!“ ſprach die Fürſtin. „Bitte, gnädigſte Mama, gib mir nicht Unrecht. Ich bin eine anhaltiniſche Prinzeß und habe einen Papa, der vor Niemand ins Mänſeloch kriecht, das gibt mir das Recht, gerade herauszuſagen, was ich denke, und ich denke eben, daß es ein ſehr ſchlimmer Zwang ſein würde, wenn meine gute Regina einem Mann ihre Hand geben ſollte, den ſie nicht liebt. Und daß man an unſerm Hofe über ſolchen Zwang hinaus iſt, das—“ 25 „Schweig!“ rief der Fürſt mit Donnerſtimme. „Wie ich die Kinder taufe, ſo heißen ſie und nicht anders. Und ſie ſoll den Bonnafor heirathen, dabei bleibt's. Ich will's, abgemacht! Davon bringt kein Satan ein Jota weg!“ Keine weitere Rückſicht auf die Seinigen nehmend, verließ der Fürſt ohne Gutenachtgruß das Rondel; ſeine Gemahlin ging ihm ſchnell nach, um ihn zu begütigen. „Du ſündigſt wahrhaftig zu ſehr im Vertrauen auf Papas Zuneigung für Dich“, ſprach der Erbprinz nach einer Pauſe. Prinzeß Louiſe wendete ſich nach ihm, betrachtete ihn einige Sekunden mit auffallender Geringſchätzung, und ihn dann am Arme faſſend, ſagte ſie:„Ich habe Dir etwas ins Ohr zu flüſtern.“ „Mir?“ „Ja, Dir!“ Nach dieſer Entgegnung führte ſie ihn einige Schritte abſeits, und ihn ein wenig zur Seite nie⸗ derziehend, damit ihr Mund ſein Ohr erreichen konnte, raunte ſie ihm zu:„Du Phariſäer, wenn ich den Mund aufthun und ſagen wollte: Der, welcher mich tadelt, daß ich gegen einen Zwang ſpreche, durch den ein gutes Mädchenherz unglücklich gemacht wird, ſchleicht ganz verſtohlen zur ſchönen Brauerstochter Johanna Herre und—“ 26 „Pſt! Biſt Du des Kukuks, Louiſe?“ unterbrach ſie der Erbprinz beſtürzt. „Ganz und gar nicht, mein Herr Bruder, ich will Dir damit nur andeuten, daß es abſcheulich von einem Mann iſt, zu heucheln, und daß ich das jedenfalls zur Sprache bringe, wenn es Dir wieder einmal ein fallen ſollte, mich zu tadeln. Komm, Regina!“ Von dieſer gefolgt, verließ ſie das Rondel. Ihre Schweſtern begleiteten ſie, da bereits die Kammerfrau kam, um dieſelben zu holen; die Prinzen blieben noch zurück und Leopold Maximilian fragte lachend: „Louiſe hat Dir wohl eine Schmeichelei geſagt, Bru⸗ der Guſtav? Es ſcheint faſt ſo. Ja, man ſollte es nicht glauben, was ſich ein ſolches Dämchen gegen den Erſt⸗ geborenen herausnimmt! Gar keine ſchuldige Ehrfurcht vor Dir.'s iſt abſcheulich von Louiſen!“ Der Erbprinz ſagte kurz:„Gute Nacht!“ und ging raſch dem Schloſſe zu. „Was mag ihm Louiſe nur geſagt haben?“ fragte Prinz Moritz. „Bah, es wird nicht viel Beſonderes geweſen ſein. Sie haben immer Heimlichkeiten zuſammen.“ Zwiſchen den beiden älteſten Brüdern, dem Erb⸗ prinzen und Leopold Maximilian, beſtand ſchon ſeit Jahren eine gewiſſe Rivalität, welche ſich von ſeiten —õõõõ —— des letztern hin und wieder in ſarkaſtiſchen Bemer⸗ kungen kundgab und vielleicht ſeine Urſache darin fand, daß der erſtere ſich zuweilen einiger Ueberhebung gegen ſeinen Bruder ſchuldig machte, denn er beſaß einen ſtar⸗ ken Beigeſchmack von Stolz auf ſein Erſtgeburtsrecht und ließ die Neigung blicken, ſeinem gewaltigen Vater nachzuahmen. Dieſe Rivalität trat beſonders bezeichnend hervor, als Fürſt Leupold für ſeine Familie im Jahre 1722 das Erſtgeburtsrecht eingeführt hatte, wonach ſeine ſ nachgeborenen Söhne nur Apanagen erhielten. Um ſeinen zweiten Sohn zu entſchädigen und deſſen allerdings nur in den Schranken der Spöttelei bleibender Feindſeligkeit gegen den Erbprinzen die Spitze abzubrechen, war der Fürſt zu dem Entſchluſſe gekommen, die beiden vom Kö⸗ t nig Friedrich Wilhelm I. ihm geſchenkten großen Güter in Preußen, Bubainen und Norkitten*), ihm abzutreten, und der Prinz ſollte in wenigen Tagen zur Uebernahme dieſes großen Grundbeſitzes von Deſſau abreiſen. Ueber⸗ e haupt machte es ſich ſeitens des Fürſten und ſeiner Gemahlin zuweilen bemerkbar, daß ſie einige ihrer Kinder als Lieblinge auszeichneten. Der Fürſt erwies ſich ſeinem älteſten wie dem jüngſten Sohne und ganz beſonders *) Zwiſchen Wehlau und Inſterburg am Pregel gelegen. ſeiner Tochter Louiſe zugeneigt, die Fürſtin dagegen zeigte ſich für ihren Zweitgeborenen ſehr eingenommen, deſſen Weſen, ein weit ſchmiegſameres als das ſeiner Brüder, ihr am meiſten zuſagte. Zudem beſaß dieſer Prinz fei⸗ nere Manieren und einen höhern Bildungsgrad, was ihn dem mütterlichen Herzen noch beſonders empfohlen haben würde, wenn nicht ſeine offenbare Hinneigung zu ihr ihm ſchon einen Vorrang vor ſeinen Geſchwiſtern bei ihr erworben hätte. Die kleinen Vorkommniſſe dieſes Abends, wenn auch an ſich ganz unbedeutend, waren doch immer der Art, daß ſich dieſe erwähnten Zu⸗ und Abneigungen unter der fürſtlichen Familie kund⸗ gaben. Prinzeß Louiſe fühlte ſich allerdings ein wenig be⸗ treten über ihres durchlauchtigen Papas Benehmen ge⸗ gen ſie. Regina blieb lange noch, mit ihr ſprechend, an ihrem Bette ſitzen, und dieſe Stunde brachte die beiden jungen Herzen einander ſo nahe, als vielleicht Jahre dies nicht vermocht hätten. „Siehe, meine gute Regina, ich muß mich einer ſehr thörichten Handlung anklagen“, hob die Prinzeß an.„Nicht nur daß ich den Papa ſchwer erzürnt habe durch mein unzeitiges Lachen, denn daß er mich Grünſchnabel nannte, war der ſicherſte Beweis, welchen großen Aerger er an mir genommen hatte, ſondern ich habe auch Dir unend⸗ 29 lich geſchadet, ohne es zu wollen. Nun iſt es ſicher, daß Du den Affen Bonnafax heirathen mußt.“ „Nie, nie!“ rief Regina.„Ich haſſe den Mann, der fremden Beiſtandes bedarf, um ſich ein Weib zu er⸗ werben!“ „Da haſt Du auch ganz Recht, Regina, aber bei meinem durchlauchtigen Papa hilft das nur nicht, das iſt eben das Unglück. Der abſcheuliche Bonnafox hat ſein Wort, und Du haſt es ſelbſt gehört, Liebſte, wie er ſich dabei vermeſſen hat. Wenn er einmal ſagt: Da bringt der Satan kein Jota davon, iſt'’s allemal ſicher, daß er ſein Wort durchſetzt, mag's biegen oder brechen, das iſt ihm gleichgültig.“ Regina ließ das Geſicht in die Hände ſinken und gab ſich dem Kummer hin, über ihrer Zukunft eine Wetterwolke ſchweben zu wiſſen, die ihr Verderben drohte. Die junge Prinzeß war aufrichtig betrübt, ſie ſo traurig zu ſehen. Sie richtete ſich im Bette auf, und ihren Arm um Regina's Hals lenend, ſagte ſie faſt flüſternd: „Es ſieht Manches viel ſchlimmer aus, als es iſt, meine liebe Freundin, man darf nur nicht gleich den Muth verlieren, das iſt das Allerſchlimmſte. Wenn ich es auch wagen wollte, an meinem durchlauchtigſten Papa herumzureden, ſo iſt doch ſicher Alles umſonſt, und ich geſtehe Dir aufrichtig, Liebe, daß mir ſelbſt nicht ganz wohl bei dem Gedanken iſt, auf welche Weiſe ich den Papa wieder gut machen ſoll. Daß er nicht in ein Donnerwetter ausbrach, ſondern, ohne gute Nacht zu ſagen, fortrannte, zeigt wohl, daß er ſich aus Liebe zu mir zurückgehalten hat; das gerade macht mir aber am mei⸗ ſten Angſt, denn wenn ein tiefſchwarzes Wetter am Him⸗ mel ſteht und ſich verzieht, ohne zu blitzen und zu donnern, da kann man beſtimmt darauf rechnen, daß es wieder⸗ kommt und dann ſehr übel wirthſchaftet. Auch kenne ich meinen gnädigſten Papa zu gut, um mich in ihm zu täuſchen. Mit dem iſt's nicht um ein Haar anders als wie mit der Suppe, in die man einen Löffel Salz wirft. Im erſten Momente merkt man's beim Koſten nicht, daß ſie ſtark verſalzen iſt, aber ein paar Sekunden ſpäter, wenn ſich das Salz aufgelöſt hat, da hat man die Beſcherung, die Suppe iſt nicht mehr zu genießen.“ „Ich bin ſehr unglücklich, Niemand zu haben, der ſich meiner annehmen kann“, ſprach Regina. „Ja, Du biſt wirklich ſchlecht daran, das iſt wahr. Der Gottfried Langermann kommt fort, die gnädigſte Mama hat den Bruder Maximilian bearbeitet, daß er beim durchlauchtigen Papa ſich den jungen Mann aus⸗ bitte, und das iſt denn auch geſchehen und Papa hat Ja geſagt. Da thut Dir nun freilich das Herz weh, daß der Gottfried, den Du ſo recht lieb hatteſt, Dir S.=Söä= 31 entriſſen wird; aber, Liebchen, etwas muß ich Dir ſagen: Gottfried würde doch nie eine Partie für Dich geweſen ſein. Denke nur, ein Muſikant und ein adliges Fräu⸗ lein, das paßt im Leben nicht zuſammen.“ Regina antwortete:„Der Irrthum, zwiſchen mir und dem Gottfried habe ein Liebesverhältniß beſtanden und beſtehe noch, iſt für den armen jungen Mann die Erlöſung aus einer traurigen Lage geworden, und das iſt ein Segen, den er durch ſein rechtſchaffenes Herz verdient hat und deſſen ich mich freue.“ „Wie, Du liebſt den Gottfried nicht?“ fragte die Prinzeſſin erſtaunt. „Nein!“ „Das iſt ja aber ein heilloſer Wirrwarr mit Dir, Regina!“ rief jene.„Wir bedauern Dich im Stillen, daß Dir das Herz brechen wird des Gottfried wegen, und auf einmal kommt's heraus, daß damit nichts iſt und wir alle auf falſcher Fährte ſind.“ „Ich bin an dieſem Irrthum unſchuldig.“ „Du liebſt alſo gar nicht?“ Regina ſchwieg. „Warum gibſt Du mir keine Antwort? Ich ſollte meinen, Regina, gegen mich brauchteſt Du nicht zu ſchweigen. Du weißt es recht wohl, daß ich Dir gut bin und es mir wehe thun muß, wenn ich ſehe, wie 32 Du trotzdem kein Vertrauen zu mir haſt. Sieh, ſieh, da kommt's heraus, was ich manchmal ſchon zu Dir ge⸗ ſagt habe: Wir Prinzeſſinnen haben eigentlich wenige oder gar keine Freundinnen, die es recht aufrichtig mit uns meinen. Du gißſt ſelbſt ein Beiſpiel dafür.“ „Sagen Sie das nicht, Prinzeſſin!“ rief Regina aufwallend.„Sie thun mir ſchweres Unrecht.“ „Wenn ich das glauben ſoll, und ich möchte es ſo gern, dann beweiſe mir Vertrauen. Wird Dir das ſo ſchwer?“— Nach einer Pauſe, da Regina ſtumm blieb, redete die Fürſtentochter weiter:„Ach. Du armes Ding thuſt mir recht leid. Es muß eine ſehr traurige Liebe ſein, die Dir ſogar das Vertrauen zu mir verbietet.“ Reggina antwortete:„Sagen Sie, Prinzeſſin, eine kummervolle Liebe und doch eine, die mich unendlich glücklich macht.“ „Das klingt zu närriſch, ich kann's nicht zuſammen⸗ reimen. Kummervoll und doch unendlich glücklich! Iſt das wirklich möglich?“ „Es iſt ſo. Wenn Sie nicht von mir verlangen, daß ich Ihnen den Namen deſſen nennen ſoll, dem mein Herz gehört, wenn Sie mir geſtatten, über ſeine jetzige Stel⸗ lung zu ſchweigen, ſo ſollen Sie mein Geheimniß, ſo⸗ weit es mein Eigenthum iſt, erfahren.“ de ve R der Die nur thu ger lern nehn Her tief ſpre in ſ ſie ihn ein Em hatte 3 emp „Soweit es Dein Eigenthum iſt? Mein Himmel, das iſt ja wieder räthſelhaft!“ rief die Prinzeß höchſt verwundert.„Hat denn Jemand außer Dir noch ein Recht über Dein Geheimniß?“ „Er, mein Geliebter.“ „Ah, ſo meinſt Du es? Nun, da ſprich nur von dem, was Dein Eigenthum iſt. Wenn es ſo ſchwer hält, Dich davon reden zu machen, ſo gebe ich gern die Hoff⸗ nung auf, etwas zu erfahren, was nicht Dein Eigen⸗ thum iſt.“ Regina erzählte, daß ſie in Halle einen jungen Mann gerade in dem verhängnißvollen Moment habe kennen lernen, als er ſich mittels eines Schuſſes das Leben zu nehmen im Begriffe geſtanden. Sie habe ihm warm ins Herz geredet, von ſo entſetzlicher That abzuſtehen, und tief ergriffen von ihren Worten hätte er ihr das Ver⸗ ſprechen geleiſtet, den ſchrecklichen Entſchluß nie wieder in ſeiner Seele aufkommen zu laſſen. Durch Zufall ſei ſie ſpäter näher mit ihm bekannt geworden und habe ihn ſo lieb gewonnen, daß der Gedanke an ihn für ſie ein Glück ſei, welches ſelbſt im tiefſten Leide ſie erhebe. Regina's Wangen überlief als Ausdruck dieſer Empfindung ein helles Roth, daß es faſt den Anſchein hatte, als ſteige eine Flamme aus ihrem Herzen empor. Carion, Der alte Deſſauer. II. 3 34 „Und was hindert Dich, laut zu ſagen, daß Du nur A eben ihn und keinen Andern willſt?“ fragte die wi Prinzeß. hö „Sein Geheimniß“, antwortete Regina.„Es ſind feh Familienverhältniſſe, die ihn zwingen, unbekannt zu bleiben. Abſcheuliche, nach ſeinem Erbe lüſterne Verwandte würden me ihn ſofort verderben, wenn ſie ſeinen Aufenthalt und Fre den Namen wüßten, unter dem er ſich vor ihrem Haß geb und ihrer Rache verbirgt.“ „Könnte ihm da nicht mein durchlauchtiger Papa gem beiſtehen?“ biſt Zum Glück bemerkte die Prinzeß, die ſich nach dem nich hinter ihr herabrutſchenden Bettkiſſen umſah, nicht, daß hüb in Regina's Geſicht ſehr deutlich ſich der Anflug eines nich großen Schreckens kund gab. Indem ſie denſelben be⸗ unſe meiſterte, während ſie das herabgerutſchte Kiſſen zurecht⸗ folg mal legte, ſagte ſie:„Nein, Hubert iſt kein Preuße.“ „Und Du ſtehſt im Briefwechſel mit ihm? Natürlich, erha wie kann ich erſt fragen!“ „Ja, und Gottfried Langermann, die treue, ehrliche Seele, hat denſelben vermittelt.“ der „Ah!“ Die Prinzeß fügte nach dieſem Ausruf des Kum Erſtaunens lächelnd hinzu:„Jetzt kann ich mir ſchon er⸗ ſpra klären, warum man ihn für Deinen Geliebten ſelbſt ge⸗ Lieb ſo m halten hat. Liebchen, das i*ſt ja ein ganzer Roman, worin 9 b 5 eines n be⸗ arecht⸗ ürlich, hrliche uf des on er⸗ bſt ge⸗ worin 35 Alles geheimnißvoll zugeht. Wenn nun aber Gottfried, wie beſtimmt iſt, mit meinem Bruder Deſſau verläßt, hört ja der Briefwechſel auf, weil der Vermittler fehlt?“ „Es bedarf deſſelben nicht mehr, Hubert lebt nicht mehr in Halle, er iſt ganz fort, aber er hat einen guten Freund gefunden, durch den er mir Nachricht von ſich geben wird.“ Wahrhaftig, meine liebe Regina, ich bekomme einen gewaltigen Reſpect vor Dir!“ rief die Prinzeß.„Du biſt ſo ins Geheimnißvolle hineingerathen, daß ich gar nicht weiß, was ich dazu ſagen ſoll. Es muß aber ganz hübſch ſein, ſo eine Heimlichkeit zu haben. Mir geht es nicht ſo gut, hei meiner Liebe iſt Alles officiell, wie unſer geheimer Rath von Raumer ſagt.“ Eine kurze Pauſe folgte, dann fragte Prinzeß Louiſe:„Haſt Du ſchon ein⸗ mal Nachricht von ihm durch ſeinen guten Freund erhalten?“ „Nein“, ſagte Regina, die Augen niederſchlagend. Die Prinzeß nahm die Verlegenheit, welche ſie an der vor ihr Stehenden bemerkte, für den Ausdruck ihres Kummers, noch keine Nachricht empfangen zu haben, und ſprach gutmüthig:„Nun, nun, ſei nicht traurig, meine Liebe. Er wird Dir ſchon ſchreiben, denn da Du ihn ſo mit ganzer Seele liebſt, iſt er gewiß auch brav und 2 5 36 gut, und macht es Dir Freude zu wiſſen, daß Du an mir jederzeit eine getreue Helferin haben wirſt, ſo ver⸗ ſpreche ich Dir das. Wir müſſen etwas auffinden, was Dich vom dem franzöſiſchen Narren Bonnafox losmacht. Das wird freilich ſchwer halten, denn Papa Durchlaucht— nun, wir wollen das beſchlafen. Ich muß noch darüber nachdenken, wie ich meinen gnädigſten Papa wieder gut mache, das iſt eine Hauptſache. Das kommt dann auch Dir zugute. Gute Nacht, Liebchen! Gute Nacht, und träume etwas Angenehmes!“ Regina verließ das Schlafgemach der Prinzeß und ſchritt den Corridor entlang, der nach der Treppe zum zweiten Stock führte, in welchem ſich ihre Wohnung be⸗ fand. Am Treppenfenſter angelangt, weilte ſie lauſchend einige Sekunden, legte dann ein kleines abgeriſſenes Stückchen Papier in die Ecke auf den Sims, daß man denken konnte, der Luftzug habe es dahin geweht, und eilte nun raſch die Treppe hinauf in ihr kleines Gemach. Ach, ſie hatte viel zu denken, das Herz war ihr ſo ſchwer, als werde es von Eentnerlaſt zuſammen gedrückt. „Gott, mein Gott, wie ſoll das enden? keinen Ausweg, keine Hülfe“, ſprach ſie vor ſich hin. „Ach, armer Hubert, wenn man dich hier entdeckte! Wenn man wüßte, daß das einfache Kleid eines Solda⸗ Ich ſehe tief unſſ rieſ dur ver nie woz ſenes man 37 ten dich bisher vor deinen erbſüchtigen Verwandten geſchützt hat! Du wäreſt verloren, unrettbar verloren. Ein Grab oder ein Kerker auf ewig würde dich aufneh⸗ men, wenn du von hier ausgeliefert würdeſt.“ Thränen entfielen den ſchönen Augen Regina's, ſie ſaß lange an ihrem Bette in Nachdenken verſunken, denn zu dem Bilde einer ſchrecklichen Zukunft ihres Geliebten geſellte ſich die Furcht vor dem ihr ſelbſt nun ſicher in Ausſicht ſtehenden troſtloſen Geſchicke, Bonnafox' Gattin zu werden. Wie von einem Fieberſchauer überwältigt, fuhr ſie unter dem Alpdrucke dieſes ihr Entſetzen erre⸗ genden Gedankens zuſammen. Doch Regina gehörte nicht zu den kleinmüthigen, verzagenden Seelen, die bei drohen⸗ den Gefahren ſich ſelbſt verlaſſen. Nachdem ſie der ſte faſt erdrückenden Wucht des jeden Sonnenſtrahl der Hoff⸗ nung von ihr abwehrenden Unglücks ſich eine Zeit lang wie willenlos hingegeben hatte, dämmerte allmälig der tief bei ihr geſunkene Muth wie ein Fünkchen, das ſich unſichtbar unter todter Aſche erhalten, auf und wuchs mit rieſiger Schnelle, die fnſtern Bilder ihrer Einbildungskraft durch ſeine Leuchtkraft gewaltſam in ihr Schattenreich verſcheuchend. „Nein, ich will nie dieſes Menſchen Weib werden, nie will ich von Hubert laſſen, mag es kommen, wie und wozu es will!“ rief ſie leiſe.„Wer kann mich zwingen? 38 Wer hat ein Recht, mich ins Unglück zu ſtoßen? Nie⸗ mand, Niemand!“ Und mit dieſem feſten Entſchluſſe trat ſie ans Fen⸗ ſter. Der Mond übergoß mit ſeinem blendend weißen Lichte den tief unten liegenden Garten und ſchwebte als ſchimmerndes Schild in hoher Aetherregion. Eine wun⸗ dervolle Nacht breitete Sabbathsfrieden unter ihrem von Glanz durchwebten Mantel aus. Regina fühlte ſich ge⸗ hoben durch ein wunderbar in ihre Seele eindringendes Vertrauen. Ihre Arme nach dem mondhellen Nacht⸗ himmel ausſtreckend, ſprach ſie leiſe: „Nein, du Barmherziger, der du ſo überherrlich deine Erde geſchmückt haſt, daß ſie für alle Menſchen⸗ herzen ein Paradies des Glückes werden ſoll, du wirſt mich nicht verlaſſen. Dir will ich Alles getroſt anheim ſtellen, denn von dir iſt die Liebe uns geſchenkt und du kannſt nicht die ihren ſchlimmen Feinden zum Spott geben, die dir, dem ewigen Gotte der Liebe vertrauen!“ Noch lange ſtand ſie am Fenſter. Im mil den Mondlicht wuchs ihre Hoffnung auf unſichtbaren Schutz ſo groß und mächtig in ihrem Herzen auf, daß auch jede Spur von Angſt aus demſelben entwich. Als ſie am andern Morgen zur Prinzeß ging, warf ſie den Blick nach der Stelle, wo ſie in tiefer Nachtſtunde das kleine abgeriſſene Stück Papier im — — =S 2=2 o Nie⸗ Fen⸗ eißen endes kacht⸗ ſchen⸗ virſt aheim und und zum Liebe a mil baren daß ging, tiefer im er Winkel des Treppenfenſters hingelegt hatte. Es war nicht mehr da, und dieſe Ueberzeugung erhöhte nur noch mehr den Muth, den ſie im Herzen trug, und machte ſie ſo⸗ gar heiter, ſodaß der Anblick, der ſich ihr beim Eintritt in das Gemach ihrer jungen Herrin bot, ſie zu lautem Lachen bewog. Prinzeß Louiſe hatte ſich ſeltſam metamorphoſirt. Ueber ihrem Kleide trug ſie die Grenadieruniform des Halleſchen Regiments ihres Vaters, die ſpitze Grena⸗ diermütze auf dem Kopfe, das Lederzeug vorſchrifts⸗ mäßig übergehangen und eine Muskete in der Hand. Feldwebel Brommer war bei ihr, er hatte ihr dieſe militäriſche Ausſtattung als die ſeines vierzehnjährigen Sohnes geliefert und inſpicirte ſſie mit Kennerblick, damit ja nichts Ordonnanzwidriges zu bemerken ſei. „Mein Himmel, was haben Sie vor, Prinzeß?“ „Papas Durchlaucht gut machen. Alles im Stande, Brommer?“ „Alles.'s kann losgehen.“ „Erwarte mich hier, Regina.“ Nach dieſen Wor⸗ ten verließ die Prinzeß, von Brommer geleitet, das Zimmer und ſtellte ſich als Schildwache vor der Thür des gnädigſten Papas auf, während Brommer ſich nach dem Aufgang der Treppe hinzog, um dort ungeſehen zu warten. Es war die Zeit, wo Fürſt Leupold in ſein 40 Arbeitszimmer zu gehen pflegte. Pünktlich, wie es einem militäriſchen Manne geziemte, trat er faſt mit dem Glockenſchlage ſieben Uhr aus ſeiner Thür, um ſich in das derſelben ſchiefüber gelegene Zimmer zu begeben. Nie ſtand ein Poſten vor ſeiner Thür und er war nicht wenig erſtaunt, das Klirren eines Ge⸗ wehrs zu ſeiner Linken zu hören. Sein Blick richtete ſich dahin; die Prinzeß ſtand, das Gewähr präſentirend, vor ihm. Dieſe Ueberraſchung war ſo groß, daß er ſie einige Sekunden lang verblüfft betrachtete, dann aber in ein ſchallendes Gelächter ausbrach. „Schwerenoth, Mädel, was ſind das für ver⸗ fluchte Kinkerlitzchen?“ rief er. Keine Antwort erfolgte, die Prinzeß ſtand unbe⸗ weglich in Haltung wie in Geſichtszügen. „Zum Donnerwetter, rede!“ „Durchlaucht, unterm Gewehre darf der Soldat nicht reden, ſo beſagt's das Reglement, ausgenommen daß er—“— „Alſo Er iſt auch dabei, Er verfluchter Kerl?“ fragte der Fürſt, ſich nach dem Sprechenden umſehend, der kein Anderer als Brommer war, welcher unbemerkt herangetreten. 3 „Zu Ew. Durchlaucht Befehl.“ „Na, weiß ſchon, was Er ſagen will, das Re⸗ 41 glement, ja, ja, ganz recht.“ Und mit Donnerſtimme commandirte er:„Schultert's G'wehr! Beim Fuß G'wehr! Los! Mädel, thu's Maul nun auf! Wozu die Kinkerlitzchen?“ „Um meines gnädigſten Papas Durchlaucht um Verzeihung für meine Unart von geſtern Abend zu bitten“, ſprach die Prinzeß.„Es that mir weh, die Regina, der ſch ſo recht von Herzen gut bin, eher verlieren zu ſollen, als ich von hier fortkomme. Der Bonnafox hätte doch ſo lange warten können, und deshalb wurde ich ärger⸗ lich auf ihn. Warum ſoll ich denn ſeinetwegen meine beſte Freundin einbüßen? Ich bin meines gnädigſten Papas Tochter und gerade ſo wie er, ich fahre auch gleich aus dem Häuschen. Donnerwetter, eines rechten Soldaten Kind macht keine langen Kinkerlitzchen, wenn es was auf dem Herzen hat, das ſteckt einmal ſo in der Art.“ Die Prinzeß ſprach das in ſo komiſcher Manier, daß der Fürſt abermals in helles Lachen ausbrach. „Pardon, Papa?“ „Ja doch, Pardon, Du kleine Seekatze; aber nicht mehr thun, ſonſt—“ Die Prinzeß küßte ihm die Hand, dann com⸗ mandirte ſie ſelbſt:„Achtung! Schultert's G'wehr! Präſentirt's G'wehr!“ und ſtand in letzterer Po⸗ ſition wieder ſo unbeweglich da, als ſei ſie eine Stein⸗ figur. „Na, Brommer“, ſagte der Fürſt,„'s iſt doch'n pudelnärriſch Ding, meine Louiſe! Schultert's G'wehr! Beim Fuß G'wehr! Los!“ Und nachdem die Prinzeß dem Commando mit der Genauigkeit eines tüchtig geſchul⸗ ten Soldaten entſprochen, wobei auch das übliche Auf⸗ ſtampfen des Fußes nicht fehlte, ſchloß ſie Herr Leupold mit einem Kuſſe in ſeine Arme und ſagte ſehr gnädig:„Na, und was Deine Regina betrifft, muß der Bonnafox noch ein Jährchen warten, bis Du unter die Haube biſt. Kann ihm nicht helfen, abgemacht! Jetzt, Louiſe, komm zur Mama, die muß auch ihren Spaß haben.“ II. Im Langermann'ſchen Hauſe war es recht ſtill ge⸗ worden. Das alte Ehepaar ſchien nach Gottfried's in den erſten Tagen des September vor ſich gegangener Ab⸗ reiſe mit dem Prinzen Leopold Maximilian vereinſamt zu ſein, denn außer den Jagden, bei denen der alte Förſter nicht fehlte, gab's jetzt, wo das Herbſtwetter un. 43 angenehm, die Tage bei dem trüben Himmel ſo kurz wurden, daß es ſich kaum verlohnte, ſpazieren zu gehen, nur ſelten Beſuche. Die alten Leute blieben daher auf ſich beſchränkt. Frau Martha ſuchte ſich freilich nach Kräften zu entſchädigen, indem ſie mit der Magd, wie es ge⸗ rade kam, im Guten oder Böſen ſich unterhielt, aber das blieb doch immer ein einſeitiges Weſen, weil ihr da gar kein Widerſpruch entgegengeſetzt wurde, und was iſt denn die Seele aller Unterhaltung? Widerſpruch, Aeußerung verſchiedenartiger Anſichten; wo dieſe fehlen, erſtickt die Luſt zur Unterhaltung. Mit ihrem alten Peter war ſelten und auch dann nur blutwenig zu ſprechen. Die alte Waidmannsſeele war entſetzlich maulfaul geworden, ſeitdem der Gottfried ſich nicht mehr im Hauſe befand. Er ſchaute ſo mürriſch darein, daß es recht deutlich hervortrat, wie ihm etwas fehlte, das ihm lieb geworden war, obwohl er es nie mit Worten ausgeſprochen. Nur Frau Martha wußte, was ihm fehlte; ſie kannte ihren Alten durch und durch, ſie wußte, welches Herz hinter ſeinem brummigen, mürriſchen Gebaren ſich verſteckte. Der Gottfried fehlte ihm. Wenn⸗ gleich nicht einverſtanden mit der alles Andere überwie⸗ genden Vorliebe zur Muſik bei dem Neffen, hatte er ihn doch liebgewonnen wie einen eigenen Sohn, und Frau Martha würde ſich ſicher nicht auf falſcher Fährte befun⸗ ——— 44 den haben, wenn ſie behauptet hätte, daß, wenn das Tagewerk mit dem frugalen Abendbrod beſchloſſen, der Neffe in ſeine Kammer hinaufgegangen war und noch ſtundenlang bei offenem Fenſter Geige ſpielte, der Alte ſich mit brennender Pfeife auf die Bank vor dem Hauſe pflanzte und nicht eher vom Platze wich, bis da oben kein Ton mehr klang. Was einem widerlich iſt, thut er gewiß nicht. Ja, der alte Mann ſchämte ſich zu ge⸗ ſtehen, daß er nicht ſo ſteinhart und unzugänglich ſei, wie er zu ſein ſchien; Gottfried's Geigenſpiel hatte ſich ihm in Ohr und Herz eingeſchmeichelt, und weil die dadurch an⸗ geregten angenehmen Empfindungen ihm ſo ganz fremd waren, wußte er ſich nicht anders zu helfen, als darüber ein ſtarres Schweigen zu beobachten. Seit dem Tage, wo Feldwebel Brommer mit Frau und Tochter in Begleitung des Soldaten Philipp zu Be⸗ ſuch bei Langermanns geweſen waren, hatte ſich zwiſchen Onkel und Neffe ein beſſerer Faden angeſponnen. Beim letztern war das trübſelige Weſen merkwürdigerweiſe ganz verſchwunden, er hatte mit einem Male wieder ſo viel Muth bekommen, als wenn er von einem ihm bevorſtehenden großen Zukunftsglücke feſt überzeugt wäre. Und die einem Jagdpfeifer ſo nothwendige Kenntniß der verſchie⸗ denen Fanfaren und alles Drum und Dran dieſer Charge ging ihm jetzt wie ſpielend in den Kopf zu des Oheims größter Freude, nur mit dem Reiten wollte es nicht recht vorwärts. Der Vortheile, ein Pferd immer in der Gewalt zu haben, ſchien Gottfried nicht inne werden zu können, und es war ſchon öfter vorgekommen, daß das mit ihm durchgehende Pferd ihn abgeworfen hatte. „Na, wird's ſchon noch capiren“, ſagte der alte Peter voll guter Hoffnung.„'s iſt freilich nicht gleich gelernt. ſich feſt im Sattel und Bügel zu halten, wenn der Vierbein unter einem wie ein wildgewordener Satan dahinraſt; aber zuletzt kriegt man's doch weg, der Beſtie den Willen zu brechen. Wie ein Donnerſchlag kam es dem Alten über den Kopf, als ſein durchlauchtiger Herr eines Tages zu ihm ſagte:„Höre Er, Langermann, ein Jagdpfeifer, der, wenn er à la vue oder gute Jagd blaſen ſoll, ſich und ſeine Knochen erſt vom Boden aufleſen muß, weil ihn's Pferd⸗ abgeſattelt hat, iſt den Teufel nichts nütze. Solche Kerle kann ich nicht brauchen, daher auch Seinen Neffen nicht.“ „Durchlaucht“, ſtammelte der Alte ſo ſehr er. ſchrocken, daß er kaum dies eine Wort herausbrachte. „Habe ihn meinem Sohne mit abgetreten, ſoll mit ihm fort nach Bubainen und Norkitten. s gibt dort zu ſchreiben und zu rechnen die ſchwere Menge, denke mir, der Taugenichts wird da beſſer am Paatze ſein wie hier, wo er der ganzen Jägerei zum Skandal herumläuft.“ „Aber—“ „Schwerenoth, alter Langermann, ich hoffe nicht, daß Ihn der Teufel reitet und Er dagegen proteſtiren will? Ich hab's meiner Frau und meinem Sohne zu⸗ geſagt, alſo abgemacht! Er kennt mich wohl? Bei mir ziehen zehn Pferde keinen Strang, wenn ich einmal ent⸗ ſchieden habe: ſo ſoll's ſein.“ Nach einer Pauſe, als wenn ihn des alten Waldmenſchen gar trübſeliges Ge⸗ ſicht zum Mitleiden ſtimmte und er ihn durch einen Troſt aufrichten wollte, ſetzte er hinzu:„Hätte den Tau⸗ genichts eigentlich unter meine Blauen ſtecken ſollen, daß er zum ordentlichen Kerl würde; na aber,'s iſt ein⸗ mal ſo, hab's Wort gegeben, hol's der Teufel! Er kommt auf die Art weg von hier und ſeine dumme Liebelei mit der Mitagsheim hört auf.“ Langermann's altes Geſicht zeigte Beſtürzung und Staunen zugleich. „Das weiß Er wohl nicht einmal, Peter, daß es dem Fidler eingefallen iſt, ihr den Kopf zu verdrehen? Wie ich Ihm ſage! Die Regina iſt ganz dumm davon geworden und eben deshalb ſoll er fort, daß die alberne Geſchichte ein Ende hat und mir nicht im Wege ſteht, wenn ich ſie verheirathe.“ Damit war dieſe wichtige, über Gottfried's Zukunft entſcheidende Beſtimmung eingeleitet. Peter wußte, daß von des Durchlauchtigen Wort auch kein Deut abgehe, und er ſchwieg; aber ſeine ſtille Freude, den Neffen unter ſeinen alten Augen auf der Waidmannslaufbahn fortſchreiten zu ſehen, war vereitelt, und gewiß mußte es faſt auffallend erſcheinen, daß der alte Mann ſogar Zeichen zärtlichen Kummers dem Gottfried gegenüber blicken ließ. Die bevorſtehende Trennung von demſelben machte ihn weich, es war ja vorausſichtlich, daß er ihm für immer durch die Verſetzung nach Bubainen ent⸗ riſſen wurde. Dieſe Härte ſeines fürſtlichen Herrn fiel dem altgedienten Jäger als eine nicht zu entſchuldigende Willkür ſchwer aufs Herz, wodurch natürlich nur Gott⸗ fried gewann. Für Peter Langermann war es daher ein Troſt, daß Philipp ihn öfter allein oder als Be⸗ gleiter der Frau Brommer und deren Tochter beſuchte. Gegen den Philipp konnte er ſich ausſprechen. Am Abend vor der Abreiſe Gottfried's kam der unterdeß zum Gefreiten avancirte Soldat, um Abſchied von ihm zu nehmen. Der Abend war ſo mild, die Sterne funkelten prächtig in der unermeſſenen Höhe, Philipp ſchlug vor, im Freien ein wenig zu promeniren, da er den lieben langen Tag wie angeſchraubt am Pulte ſitzen müſſe.„Kommt nicht zu ſpät zum Eſſen herein, 's iſt heute die Henkersmahlzeit“, ſagte der alte Langer⸗ mann. Es mußte ſehr Wichtiges ſein, was die beiden — 48 jungen Männer beſprachen, ſie redeten leiſe zuſammen, während ſie miteinander in der Hauptallee hingingen, als ob ſie hier, wo doch zuverläſſig kein menſchliches Ohr ſie hörte, belauſcht zu werden fürchteten. Das Abendeſſen ging ſtill vorüber, die Unterhaltung ſtockte faſt, daß es recht deutlich wurde, wie die vier Men⸗ ſchen jeder ſeinen Theil zu denken hatte. Der alte Langermann ſah dieſe Mahlzeit gar nicht mit Unrecht für die letzte an, wo er mit dem letzten Sprößling ſeines Namens zuſammenſitze, und daß dieſe Gewißheit ihm viel. zu ſchaffen macht, gab ſich dadurch kund, daß er mehrere Male vom Tiſche aufſtand, um, wie er ſagte, nach den Hunden zu ſehen, ob ſie ordentlich angekettet wären und ob das Thor gut geſchloſſen ſei, oder ob ſich nicht etwa das Wetter ändere. Weder Frau Martha noch die bei⸗ den jungen Männer fragten ihn, wenn er wieder herein⸗ kam, ob er hinſichtlich der Hunde, des Thores und des Wetters etwas Widriges wahrgenommen, ſie ſahen es ihm an, daß der bevorſtehende Abſchied ihm ſchwer ans Herz griff. Es war in der vierten Morgenſtunde, als Gott⸗ fried, einen vollen Jagdranzen über die eine Schulter und über die andere ſeinen Geigenkaſten gehangen, dem Oheim und der Muhme am Thiergartenthore Lebewohl geſagt hatte, dann ſchritt er im Morgengrauen nach der 49 Brücke zu, und als er dieſe paſſirt und eine Strecke längs der Schloßſeite hingegangen, traten ihm zwei Per⸗ ſonen entgegen, von denen die eine die Arme um ihn ſchlang und kaum ſprechen konnte, weil ihr das Weinen faſt die Worte erſtickte. Das war ein recht wehthuender Abſchied. Gottfried legte die Hand Sibyllens in die Philipp's und ſagte leiſe: „Vertraue mir und dem Herrn Grafen, es wird Alles gut werden. Siehe da den Morgenſtern, wie er funkelt; der ſagt mir's, daß, wie er jetzt unſern Kummer ſieht, er auch unſere Freude ſehen wird, wenn wir wieder zuſammenkommen.“ Wie er raſch von den Beiden ſich losmachte und am Schloſſe hineilte, ſtanden ſie noch ſo lange ihm nach⸗ ſchauend auf derſelben Stelle, als ſie ihm im Morgen⸗ düſter mit den Blicken folgen konnten, dann traten ſie ſchweigend den Rückweg an. In den Augen des Brommer'ſchen Ehepaars galten Sibylle und Philipp als Liebesleute, und der würdige Feldwebel hatte dieſe ihm beſonders erfreuliche Gewiß⸗ heit ſeinem durchlauchtigen Herrn mitgetheilt, der eine ſolche Mariage als ganz ordnungsgemäß fand und ſie als einen Beweis dafür anſah, daß der Gefreite Philipp ein höchſt reſpectabler und vernünftiger Kerl ſei, wes⸗ wegen er demſelben auch ſeine Zuneigung bei jeder ſich Carion, Der alte Deſſauer. II. 4 bietenden Gelegenheit verſpüren ließ. Es war keine leichte Aufgabe, mit dem Durchlauchtigen auszukommen. Sein wilder, Flammen gleich auflodernder und zugleich vernichtender Jähzorn erſchreckte faſt täglich alle mit ihm in Berührung Kommenden. Sämmtliche von Berlin ihm als Secretäre zuge⸗ ſchickte junge Männer boten in der Regel Himmel und Hölle auf, um von ihrem Poſten ſo ſchleunigſt als möglich abberufen zu werden. Sie verſtanden nicht mit dieſem geſtrengen Herrn umzugehen, der alle, die ihm nicht gefielen, unter die Rubrik„Canaille“ warf. Ein zweiter Umſtand, der jedem in ſeiner Kanzlei Beſchäf⸗ tigten das Leben zu einer fortgeſetzten Reihe von Tanta⸗ lusqualen machte, beſtand in der Schreibwuth Sr. Durch⸗ laucht. Ohne von irgend einer orthographiſchen Regel Notiz zu nehmen und in jede Silbe ein h einſetzend fertigte er bei einer faſt unleſerlichen Handſchrift, welche von Jedem, der ſie entziffern mußte, ein tiefeingehendes Studium dieſer ſeltſamen Striche und Schnörkel forderte, eine Menge Reſeripte und Befehle ſelbſt im Schema und übergab dieſe Hieroglyphen zur Copie, was dem damit Betrauten jederzeit den Angſtſchweiß auf die Stirn trieb. Obwohl bei den unausweichbaren Donnerwettern, die der Fürſt bei dem geringſten Verſehen losließ, wel⸗ ches in dieſen Arbeiten, ſeiner Anſicht zufolge, deren 51 Sinn entſtellen konnte, Jeden Zittern ergriff, der an milde, rückſichtsvolle Behandlung gewöhnt war, liefen doch auch zuweilen Lächerlichkeiten mit unter, daß es eben⸗ falls wieder der Kunſt der Selbſtbeherrſchung bedurfte, um nicht in ein lautes Gelächter auszubrechen. Es war zum Beiſpiel vorgekommen, daß der Fürſt ſeine eigene Handſchrift nicht zu entziffern vermochte und darüber höchſt zornentbrannt wurde. Beſonders hatte ſein Adjutant einen ſchweren Dienſt, da er die in dringenden Fällen an die Oberſten und Majore eigenhändig geſchriebenen Befehle oder Anfragen des Fürſten zu beſorgen und die Antworten zu rappor⸗ tiren hatte. Unter die Rubrik„dringende Fälle“ ge⸗ hörte vor allem auch das, was Sr. Durchlaucht hin⸗ ſichtlich der Erſchwerung des ohnehin ſchon peinlichen Gamaſchendienſtes plötzlich einfiel und natürlich auch ſchleunigſt ausgeführt werden mußte. Mit ſchwerem Herzen ſah ſich der Adjutant dann und wann zu der“ Meldung gezwungen, der Oberſt oder der Major könn trotz des beſten Willens Sr. Durchlaucht Ordre nicht leſen und bitte unterthänigſt um eine etwas deutlicher geſchriebene; dann krachte eine wahrhafte Flut von Don⸗ nerwettern über dergleichen Begehren los. Schließlich nahm Se. Durchlaucht den zurückgeſchickten Befehl, aber ver⸗ gebens ſich anſtrengend, aus ſeiner eigenen Handſchrift 4* deren Inhalt zu entwirren, platzte er endlich zornig los: „Schwerenoth, ich hab's ja auch nicht geſchrieben, daß ich's leſen will!“ und brummend wie ein geneckter Bär begann er zum guten Ende eine neue Ordre zu ſchrei⸗ ben, die wenigſtens hinſichtlich der Schrift ſo weit ver⸗ edelt war, daß der betreffende Offizier nach einigem Stu⸗ diren den Sinn daraus folgern konnte. Während der Friedenszeit, wie ſolche zum Segen des deutſchen Landes und zum größten Verdruſſe Fürſt Leupold's das zweite Fünftel des achtzehnten Jahrhun⸗ derts bezeichnete, war kein beſonderer Generalatsſecretär in der deſſauiſchen Kriegskanzlei angeſtellt, einige gut ſchreibende Unteroffiziere und Soldaten machten die allein von Sr. Durchlaucht geleiteten Geſchäfte ab. Ihre Arbeit war wirklich keine ganz leichte, da ſie zwiſchen der Brutalität ihres Herrn und ſeiner Hieroglyphenſchrift in einer immerwährenden Klemme ſteckten und nie ſicher waren, daß ihnen eine ſchlechte Stunde bevorſtehe. Phi⸗ lipp konnte ſich allein einer gewiſſen Auszeichnung er⸗ freuen; der Fürſt behandelte ihn ein wenig rückſichts⸗ voller als ſeine Kanzleikameraden, und es leuchtete oft trotz ſeines brutalen Weſens recht merkbar durch, daß er ſein Liebling war. Lag dies an der männlich⸗ſchönen Haltung, dem ſelbſt im ordinären Soldatenrocke faſt ele⸗ gant zu nennenden Aeußern Philipp's, oder war es ſeine 53 unerſchütterliche Ruhe, der feſte, furchtloſe Blick, den er ſeinem allen Launenanwandlungen ſich hingebenden durch⸗ lauchtigen Herrn entgegenſetzte, die ihm dieſe Zuneigung erworben, wer konnte darüber etwas Genaues entſchei⸗ den? Man wußte nur, daß er ihm zuweilen Geld gab, um ſich einen guten Tag zu machen, gewöhnlich ein Gunſtzeichen, um welches der damit Beglückte von ſeinen Kameraden beneidet wurde. „Ein leibhafter Glückspilz, der Philipp. Unſereinem wird's nicht ſo gut wie dem. Hat ſchon wieder einen Gulden vom Alten geſchluckt“, brummte ein in der Kriegskanzlei angeſtellter Corporal. „Hm, wundert mich nicht, Wenzel. Wer den Papſt zum Freunde hat, kann leicht über Nacht zum Cardinal werden, ſo iſt wenigſtens das Sprichwort, und daß es wahr ſein muß, ſieht man am Philipp. Macht da der Sibylle die Cour, weil ihr Vater beim Durch⸗ lauchtigen gut ſteht. Ja, graue den Kater nur hinter den Ohren und er ſpinnt dir den ſchönſten Faden“, antwortete ein anderer militäriſcher Scribent, deſſen gelb⸗ liches Zigeunergeſicht ſchon an und für ſich die Farbe des galligen Neides andeutete, der dem dünnleibigen, wie auf einem Streckbret in die Länge gezogenen Bur⸗ ſchen ſchon oft das Leben verbittert haben mochte. „Wir ſind doch auch Kerle, die ſich ſehen laſſen können“, murrte der Vorige.„Mit uns macht der Alte keine ſolchen Umſtände wie mit dem Gelbſchnabel. Uns gegenüber ſind gleich alle Millionen Donnerwetter von der Schnure los und er flucht das Blaue vom Him⸗ mel herunter, daß einem vor Schrecken die Haare grau werden können; dem aber hat er noch kein ſchlechtes Wort geſagt, wenn man es ihm auch angeſehen hat, daß es ihn zum Erſticken würgte.“ Nach einer Pauſe ſtummen ärgerlichen Nachdenkens meinte der Gelbliche:„Na, das möchte Alles noch ſo hingehen,'s iſt Jedem zu gönnen, den der Alte mit ſeinen gottesläſterlichen Grobheiten verſchont; aber des⸗ halb darf er nicht wie ein Pfau thun, der auf ſein Rad ſtolz iſt. Bei uns geht der Hochmuth betteln. Heute Morgen ſchön Wetter und am Nachmittag ein Wolken⸗ bruch oder Hagelſchlag, daß kein Baum mehr ſtehen bleibt. Der Philipp trägt die Naſe verflucht hoch in die Luft gereckt, das crepirt mich bis in die Nieren. Wer iſt der Kerl, daß er, der's jetzt erſt zum Gefreiten ge⸗ bracht hat, uns, alte anerkannte Corporale, gleichſam über die Achſel anſieht, als wären wir Pack und er allein eine Charge? Nimmt er jemals wohl Theil an einem kameradſchaftlichen Vergnügen? Sieht man ihn in irgend einer Schenke? Nein, thut apart wie der Groß⸗ mufti.“ 4 55⁵ Von dieſen Wurzel faſſenden Anfängen eines im Stillen gegen ihn gerichteten Haſſes bemerkte Philipp ſelbſt nichts, da er ſeine Kameradſchaft wenig beachtete, indem nicht nur ſeine Neigungen nicht für eine ſolche ſtimmten, ſondern auch ſeine eigenen Angelegenheiten ihn viel zu ſehr beſchäftigten, um ſich Anderem zuzuwenden, was ihn kalt und theilnahmlos ließ. Es war ja ein Doppelgeheimniß, über welches er wachen mußte. Seine eigene Perſon bedurfte ebenſo ſehr der Verhüllung wie ſeine Liebe zu Regina, und die Sorge dafür nahm ihn außerordentlich in Anſpruch; ein geringfügiger Zufall konnte eine Entdeckung des einen oder des andern Ge⸗⸗ heimniſſes herbeiführen. Dieſe Befürchtung vertrat voll⸗ kommen die Stelle eines über ſeinem Haupte hängenden Damoklesſchwertes, und nur der Muth, den ihm ſeine Liebe zu Regina verlieh, erhob ihn über den ſchwächen⸗ den Zweifel am glücklichen Gelingen ſeines Wagſtücks. Am Abende jenes Tages, an deſſen Morgen er im Winkel des Treppenfenſterſimſes das von Regina hin⸗ gelegte kleine abgeriſſene Stück Papier als Zeichen, daß ſie ihn ſprechen müſſe, bemerkt und weggenommen hatte, fand er ſich pünktlich in einem Theile des fürſt⸗ lichen Gartens ein, welcher in der Regel weder von der fürſtlichen Familie noch von einem der Leute des Gärt⸗ ners zu dieſer Zeit betreten wurde, denn er bot nur ein — von einem Pfade durchſchlängeltes, ziemlich dichtes Gebüſch, das an der innern Seite der den Garten umgebenden Mauer ſich hinzog. Es war ein ſtilles, von vielem Baum⸗ ſchatten verdunkeltes Plätzchen, das nur an ſehr warmen Sommerabenden einem Luſtwandler anziehend erſcheinen konnte. Störung dieſer Einſamkeit war nicht ſo leicht zu befürchten. So prächtig die vergangene Nacht geweſen war, ſo trübe und wolkenſchwer hing an dieſem Abende der Himmel über der Stadt, ein Unwetter ſchien ſeinem Ausbruche nahe zu ſein. Philipp verzweifelte an Regi⸗ na's Kommen, doch endlich nach langem Harren, als er ſchon glaubte, die Furcht vor dem nahenden Wetter halte ſie ab, ſich einzufinden, drang ein leiſes Kniſtern im Sande zu ſeinem Ohre und Regina flog nach wenigen Sekunden auf ihn zu. „Das iſt einer der wenigen glücklichen Augenblicke meines Lebens“, ſagte Philipp, die Athemloſe in ſeine Arme ſchließend. „Ach, mich treibt die Angſt hierher“, antwortete das Fräulein leiſe.„Dir und mir droht Gefahr.“ „Es muß etwas Wichtiges ſein, das Dich bewog, mich hierher zu beſcheiden, und daß Du trotz des finſtern Himmels doch kommſt, macht meine Vermuthung zur Gewißheit. Sprich, liebes Herz, was iſt's? Einer ge⸗ 57 kannten Gefahr, einem als offener Feind vor uns ſtehen⸗ den Unglück kann man getroſter in die Augen ſehen als einem nur in der Befürchtung uns ſchreckenden.“ „Deine Feinde ſcheinen Deine Spur gefunden zu haben“, hob Regina an und theilte ihm die in dem Billet König Auguſt's an den Fürſten Leupold enthaltene und ihn betreffende Anfrage mit. „Und das hat Dich ſo ſehr in Angſt gebracht?“ fragte der Soldat.„Mir erſcheint es im Gegentheil als die günſtige Nachricht, daß man meine Spur ver⸗ loren hat, man würde ſonſt nicht den Polenkönig um ſeine Vermittlung angegangen ſein; dieſer Weg iſt zu un⸗ gewöhnlich. Sorge Dich alſo nicht ſo ſehr darüber, meine Herzenskönigin. Dieſer einfache Rock iſt der beſte Schutz meines Geheimniſſes. Wer ſollte auf den Ge⸗ danken kommen, in einem Soldaten Sr. Durchlaucht von Deſſau einen Grafenſohn zu ſehen, der der zärtlichen Liebe ſeiner Verwandten entflohen iſt? Sicher Niemand. Meine beim freiwilligen Eintritt in das Halleſche Regi⸗ ment vorgelegten Papiere bezeichnen mich als Philipp Gruner, Sohn eines ſchleſiſchen Förſters. Wer ſollte auf die Idee verfallen, daß ſie einem längſt im Grabe Ruhenden gehören!“ Regina holte ſchwer Athem, dann ſagte ſie:„Es mag ſein, daß ich zu furchtſam bin, aber bin ich darum —— — 58 zu tadeln? Welche Zukunft ſteht mir bevor! Mein Him⸗ mel, ich zittere ſchon bei dem Gedanken, ſie könne zur Wahrheit werden.“ „Wie, Regina, ſo wenig Vertrauen haſt Du zu mir daß Du fürchten kannſt, ich würde, ſobald eine Ent⸗ deckung unſerer Liebe ſtattfände, Dich der Beſchämung 8 überlaſſen, die Geliebte eines gemeinen Soldaten gewe⸗ ſen zu ſein? Mein Geheimniß würde dann eine öffent⸗ liche Anklage gegen meine Verwandten werden, der Liebe zu mir ſollteſt Du Dich nicht zu ſchämen haben.“. Regina entriß ihn der Vermuthung, daß dieſe Furcht ſie ängſtige, ſie theilte ihm die vom Fürſten über ſie ge⸗ troffene Beſtimmung mit, die Gattin von Bonnafox und zwar nach Jahresfriſt zu werden. Der Eindruck, den dieſe Kunde auf ihn bewirkte, war ein ſo tief eingreifen⸗ der, daß er für den erſten Moment faſt ſprachunfähig geworden zu ſein ſchien; dann aber folgte ein Ausbruch des Zorns bei ihm, welcher Regina erſchreckte. „Niemand ſoll Dich mir entreißen, Niemand!“ rief er mit mühſam gepreßter Stimme, indem er ſie heftig umſchlang.„Ich will nicht einen Himmel gefunden haben, um ihn zu verlieren. Mein biſt Du, mag es kommen, wozu es will! Ich weiche Keinem! Wie, ich ſollte Dich, die für mich zum rettenden Engel geworden iſt, der ich mein neues Leben danke, hingeben an einen 59 Andern und mich zu ſtiller Ergebung verſtehen? Ver⸗ dammt ſei dieſer entehrende Gedanke, ich weiſe ihn als eine unauslöſchliche Schande von mir. Jene Mittags⸗ ſtunde, wo Dein„Halt ein!” mich vom Selbſtmorde abhielt, wäre eine nutzloſe für mich geweſen, nichts bliebe mir übrig, als mit Reue und Selbſtverhöhnung überladen zum zweiten Male Hand an mich zu legen, mich—“ .„Um Gotteswillen, ſprich nicht weiter, Hubert, es iſt Sünde, der Du Worte leihſt“, flehte Regina in fieberhafter Angſt.„Laß uns ruhig überlegen, was wir gegen die mir drohende Gefahr unternehmen können. Wir werden gewiß etwas auffinden, es iſt ja noch ein volles Jahr, ehe dieſe ſchreckliche Zukunft an mich herantreten ſoll. Ich beſchwöre Dich, Hubert, höre auf mich, hilf mir denken. O, es iſt ja unmöglich, daß Gott, der uns auf ſo wunderbare Art zuſammengeführt, uns ein Glück wie der entreißen ſollte, das er uns erſt hat finden laſſen. Nein, nein, Hubert, wir dürfen uns nur nicht ſelbſt auf⸗ geben, ſo haben wir immer noch die Hoffnung, zu dem erſehnten Ziele zu gelangen.“ Dieſe Mahnungen verfehlten bei Hubert den Ein⸗ druck nicht, den ſie hervorbringen ſollten.„Ja, ich glaube an Dich und dieſer Glaube ſoll nicht aus meiner Seele weichen. Ich will immer an Dich glauben als meinen ‚;· 60 guten Engel!“ ſprach er.„Mein heißes Blut verblen⸗ det mich oft, daß ich den klaren Blick verliere. Hier meine Hand, Regina, ich will Deiner Leitung folgen.“ „Wir wollen Alles genau beſprechen“, ſagte ſie, er⸗ ſtaunt über ſich ſelbſt, daß ſie, die Angſtvolle, Ver⸗ zagende, einen Rath aufgefunden in der großen Bedräng⸗ niß. Arm in Arm gingen ſie im leiſen Geſpräch den Pfad auf und nieder. Der Wind, der ſich unterdeß erhoben, durchfuhr raſchelnd die dichtbelaubten, wie in einer Wild⸗ niß eng zuſammenſtehenden Bäume und machte ihre Schritte unhörbar. Wie aus der Nacht der Morgen hervorbricht, ſo klärte ſich, nachdem der wildaufgeflammte Sturm der Empfindung in Hubert's Herzen ſich geſänf⸗ tigt hatte, ſein von Leidenſchaft gefangener Blick. Mit Mühe verbarg Regina vor ihm die große Unruhe ihres Herzens bei dem Gedanken an die Zukunft; ohne dieſe Selbſtbeherrſchung wäre es unmöglich geweſen, ihn zum Eingehen auf ihren nur von der Angſt ihr eingegebenen Plan zu bewegen, eine ſchweigende Ergebung in das von dem Fürſten über ſie verhängte Schickſal, Bonnafox Gattin zu werden, von ihrer Seite feſtzuhalten. Eine Jahresfriſt lag ja noch zwiſchen heute und jenem Tage, wo ſie mit dem ihr aufgedrungenen Manne an den Altar treten und die Seine werden ſollte. Was konnte ſich nicht Alles in dem langen Zeitraume begeben, das 1 ſie zuſ 61 dieſe Beſtimmung vereitelte, ihr zum Schutze gegen die⸗ ſelbe wurde! Dieſe Hoffnung regte ſich in der That bei Regina, ſie hatte ſich förmlich in dieſelbe hineingeſprochen, ſodaß ſie ſie liebgewann und ihr feſten Glauben ſchenkte. Fern rollender Donner erinnerte ſie an die Rück⸗ kehr ins Schloß. Hubert begleitete ſie bis an den Aus⸗ gang des Gartens. Sie waren ſicher, daß jetzt, wo die dunklen Wetterwolken den Abend tiefgrau gemacht hatten, der Donner immer näher und verſtärkter heran⸗ rollte und der Vorbote des Gewitterausbruchs, ein wie raſend heulender Sturm, unter deſſen Anprall die Bäume wie unter ſchweren Schmerzen ächzten, Niemand ihnen begegnen werde. Durch die Baumgänge gehend, waren ſie vor dem Sturmbeben ſo geſchützt wie vor eines Un⸗ berufenen Auge. Faſt hatten ſie den Ausgang erreicht, da glitt ein furchtbarer Blitz aus der ſchwarzen Wolken⸗ decke nieder. Regina ſchrak vor dem blendenden Lichte zuſammen, die augenblicklich wieder eintretende Finſterniß betäubte ſie, ſodaß ſie wankte. Hubert faßte ſie in ſeinen Arm.„Laß uns ſchwö⸗ ren, einander Treue bis zum Tode zu bewahren“, flü⸗ ſterte er ihr zu.„Hörſt Du es, Regina? Bei dem all⸗ mächtigen Gotte, der Blitz und Donner in ſeiner Macht hat, ſei es gelobt: wir wollen nicht von einander laſſen, 62 in keiner Gefahr, in keiner Noth. Das Leben ſoll nichts haben, was uns ſchrecken könnte, treu unſerer Liebe zu bleiben. Wir gehören einander im Leben und im Tode. Sage ja, ſage Amen!“ „Ja! Amen!“ hauchte Regina zitternd. „So biſt Du meine Braut, Gottes Ohr hat's ver⸗ nommen, das Band zwiſchen uns iſt unauflöslich, komme, was da wolle!“ Und wieder leuchtete ein greller Blitz in die Gar⸗ tennacht nieder und ein ſchwer dröhnender Donnerſchlag rollte hinterdrein. „Amen! Amen!“ rief Hubert aus voller Bruſt in den Wettergraus, deſſen Gewalt ein plötzlich fallender Regen niederhalten zu wollen ſchien. Flüchtig entſchlüpfte Regina durch den Garten und gelangte ungeſehen ins Schloß, während der Soldat einem andern Ausgange zueilte, der in der Regel nur von den Leuten des Gärtners begangen wurde und ihn zu einem Fenſter zu ebener Erde im Schloſſe führte. Daſſelbe vorſichtig aufſtoßend, ſchwang er ſich flüchtig über deſſen Brüſtung hinein, und einen dunklen Gang durchtappend, ge⸗ langte er unbemerkt nach dem Mitteltheile des Schloſſes. Hier bedurfte es keiner weitern Vorſicht; es war nichts Auffallendes, die Schreiber aus der Kriegskanzlei erſt ſpät abends nach Hauſe gehen zu ſehen. 63 Draußen tobte das Wetter fort; trotz des heftigen Regens kreuzten ſich ſtarke Blitze und erderſchütternde Donnerſchläge folgten hinterdrein. In dieſem Wetter konnte Philipp nicht fort, erſt mußte der Regen wenigſtens nachgelaſſen haben. Er hätte dies in der Wachtſtube ab⸗ warten können, zog es jedoch vor an einem Fenſter ſtehen zu bleiben und in den Elementenaufruhr hinauszu⸗ ſchauen. Seine Stimmung hatte ſo viel Aehnliches mit dieſem wirren Kampfe. Er konnte ſie nicht wie ein Gewand, das ihm zuwider geworden, von ſich abthun. Der Blick in ſeine Vergangenheit war ein Blick in tiefe Nacht, nur ein ganz ſchwacher Hoffnungsſchimmer, daß dies Dunkel ſich löſen, zum hellen Tage für ihn werden könne, dämmerte in ihm, und mit der Angſt eines Ertrinkenden, welcher krampf⸗ haft nach dem ſchwachen Strohhalme greift, um ſich vom Verſinken in die Tiefe zu retten, hielt auch er ſich an dieſem Hoffnungsſchimmer feſt. Bei dem Gedanken an Regina be⸗ mächtigte ſich ſeiner eine Aufwallung von Zorn, der fieber haft ihn durchzitterte. „Sie haben mir Alles genommen, Namen und Erb⸗ recht“, ſprach er dumpf vor ſich hin,„ſie haben mich dem Tode in die Arme geworfen, dem ich wie durch ein Wunder entrann, und mich zum Flüchtling gemacht, welcher im Kleide der armſeligſten Sklaverei als ein Geächteter fern 64 von ſeiner Heimat lebt. Und auch ſie ſollte ich verlieren, ſie, die ich für das koſtbarſte Kleinod einer ganzen Welt halte? Nein, eher gehe mein Leben zu Grunde, eher ich auch dies Opfer bringe.“ Im finſtern Sinnen legte er den Kopf ans Fenſter und ſtand lange Zeit ſo ſchweigend. Draußen tobte das Gewitter nur noch in einzelnen Blitzen und immer fer⸗ ner grollendem Donnerrollen, der Regen trieb nicht mehr vom Sturm gejagt an die Fenſter, ſondern fiel ruhig nieder. Philipp blickte auf, es war wie in Ueber⸗ einſtimmung mit der Wetteränderung auch in ſeiner Seele ruhiger geworden; er verließ ſeinen bisherigen Standpunkt und ſchwenkte in einen kurzen Gang ein, der nach dem großen Eingange in den Garten führte. Hier ſtand gewöhnlich eine Schildwache, aber er ſah ſie nicht, was ihn wohl wunderte, aber nicht weiter be⸗ ſchäftigte. Zu ſeinem Erſtaunen bemerkte er indeß im Vorbeigehen, daß der Mann, das Gewehr beim Fuß, in die Fenſterniſche gelehnt, ſtehend ſchlief. Die Strafe auf dies ſchwer verpönte Vergehen war eine in der deſſaui⸗ ſchen Diseiplin mit Blut geſchriebene, und um den Mann zu retten, damit er nicht vom wachthabenden Corporal überraſcht werde, trat Philipp an ihn heran und rüttelte ihn, bis er ſich ermunterte.„Du ziehſt Dir ſchwere Strafe zu, Kamerad, wenn man Dich ſchlafend findet“, 65 ſagte er.„Ermuntere Dich; beſinne Dich nicht lange.“ Voll Entſetzen ſtarrte ihn der Aufgerüttelte an. „Und Er verräth mich nicht?“ fragte er ſtotternd in der ihn faſt betäubenden Ueberraſchung. „Nein, aber bleib' munter. Du haſt Branntwein getrunken, ich rieche es.“ „Ja, um mein Elend zu erſäufen“, war die Antwort. „Du erſäufſt es nicht auf dieſe Art, nur mehr Qual ziehſt Du Dir zu.“ Ja, die Schläge“, ſtimmte der Mann ſchaudernd bei, was bewies, daß er bereits unter dieſem beliebten Bildungsmittel hart gelitten. „Du biſt nicht aus freiem Antriebe Soldat?“ „Behüte mich Gott vor dieſem Selbſtmord! Die Werber haben mich übertölpelt;'s iſt jetzt über ein Jahr her, daß ich dies Doppeltuch trage. Ich bin Gärtner und war auf der Reiſe, um mir ein Unterkommen zu ſuchen, da geſchah's zu meinem Unglücke. Fs macht ihnen Spaß, den langen Libuſch, wie ſie mich nennen, zu drängeln, ſodaß ich ein Leben wie ein zur Hölle Verdammter führe.“ „Laß Dein Branntweintrinken, dann haſt Du einen Feind weniger.“ Carion, Der alte Deſſauer. II. 5 Mit dieſen Worten verließ Philipp den Mann und befand ſich bald darauf außerhalb des Schloſſes auf dem Nachhauſewege. Es gehörte zu den militäriſchen Späßen da⸗ maliger Zeit, den Menſchen⸗ oder Rekrutenfang auf eine Weiſe zu betreiben, die dem Witze ebenſo wie der Gewalt einen ziemlich weiten Spielraum ließ, und derjenige Werber, der mit Hülfe des Witzes ſeine Rekrutenſchaaren zu mehren verſtand, beſaß natürlich ein ſehr gutes Renommée unter ſeinesgleichen und obendrein die Gunſt des Fürſten. Als ein ſolcher nicht auf den Kopf gefallener Werboeoffizier galt Lieutenant Bonnafox, dem jedes Mittel recht war, wenn es ihn in den Beſitz von tüchtigen und mög⸗ lichſt langgewachſenen Rekruten ſetzte. Man erzählte ſich in den Soldatenkreiſen höchſt ſchaurige Einfälle, die er bei dieſem lebendigen Fleiſchſchacher zu Tage gefördert, wenn es ſich nämlich als unthunlich erwies, den Weg der Gewalt zu beſchreiten, und es iſt ſelbſt⸗ verſtändlich, daß ein ſolcher brauchbarer Offizier vom durchlauchtigen Herrn Leupold ſehr geſchätzt war, während es eine Menge Soldaten gab, die den tüch⸗ tigen Menſchenfänger in den tiefſten Abgrund der Hölle verwünſchten. Unter die letztern gehörte auch der lange Libuſch, und Lieutenant Bonnafox und 50— 67 Korporal Wenzel waren für ihn Perſonen, deren Namen in das Bereich der ſiebenten Bitte gehörten. Wie ſehr der Lieutenant ſich in neueſter Zeit der Gunſt ſeines gnädigſten Herrn Feldmarſchalls erfreute, gab ſich dadurch kund, daß man ihn öfter als deſſen Begleiter ſah. Lieutenant Bonnafox beſaß ein außerordentlich ſcharfes Gedächtniß, mit einem ebenſo ſcharf aus⸗ geprägten Spürſinn gepaart, welcher es gleichſam den Soldaten vom Geſichte ablas, ob ſie von der Furcht gequält wurden, daß an ihnen irgend ein Fehl ge⸗ funden werden könne. Ein mit ſolcher guten Witte⸗ rung ausgeſtatteter Offizier ſtand natürlich bei ſeinem Fürſten und Herrn in beſtem Anſehen, welcher ihn öfter zur Begleitung rufen ließ, vorzüglich wenn er ſich vorgenommen hatte, die verſchiedenen Wachen zu viſitiren. Bei einem ſolchen Umgange war es, daß der Fürſt eine Schildwache am Akenſchen Thore bemerkte, welche das Gewehr auf eine ſo merkwürdig ſchlechte Art trug, daß es ihr wie ein über die Schulter ge⸗ legter und von einem daran befeſtigten ſchweren Ernte⸗ kranze niedergezogener Rechen hintenüber hing. Der Fürſt blieb wie erſtarrt beim Anblick dieſes Greuels ſtehen, dann machte ſich ſein Zorn in einem heftigen 5* 68 Fluche Luft und er fragte den Lieutenant:„Wer iſt dieſer Halunke? Kennt Er ihn?“ „Ja, Durchlaucht. Er heißt Herzig und iſt der⸗ ſelbe Kerl, den wir auf Befehl Ew. Durchlaucht, weil er ſein Erbgut nicht verkaufen—“ „Der alſo?“ Das zornige Geſicht des Fürſten nahm ſchnell einen andern Ausdruck an, der viel Aehnliches von dem Triumphe des Fuchſes in der Fabel über die eitle Elſter zeigte.„Ein prächtiges Gewächs, der Kerl! Hunderttauſende ſolcher Canaillen jagen keinen Franzoſen zum Teufel.“ Nach dieſen Worten ſchritt der Fürſt gerade auf den Mann zu, ſodaß er demſelben, ohne daß dieſer, der ſeine Poſten⸗ ſtrecke abſchritt, ihn ſah, dicht in den Rücken kam. Mit einer Donnerſtimme commandirte er:„Halt! Still⸗ geſtanden!“ Faſt wäre dem zum Tode Erſchrockenen die läſſig getragene Muskete von der Schulter gefallen, als er ſich umſehend ſeinen Kriegsherrn erkannte. „Schandkerl Er! Schlumpert wie ein Waiſenjunge auf dem Poſten herum. Werde Ihn wieder zu den Rekruten ſtecken, daß ſie Ihm den Comment beibringen. Herr Lieutenant, der Kerl ſoll abgelöſt werden.“ Leichenbläſſe überzog des Aermſten Geſicht; an allen Gliedern ſchlotternd, daß das mühſam im Arm 69 gehaltene Gewehr wie eine Zitternadel ſchwankte, ſtand der ein ſchlimmes Schickſal Ahnende vor dem Gewal⸗ tigen, deſſen Blick ſo wild auf ihm ruhte, wie ihn nur ein Raubthier ſeiner lebendigen Beute gegenüber zeigen kann. Nach geſchehener Ablöſung mußte der Mann vor der Thorwache allein ſtehen bleiben. Der Fürſt ſtellte ein Examen mit ihm an, deſſen Ausgang das Schlimmſte für den in größter Bangig⸗ keit vor ihm Stehenden fürchten ließ; indeß der Aus⸗ druck des Grimms verlor ſich allmälig aus den harten Zügen des Durchlauchtigen und er ſagte mit einem Anflug von Ironie: „Iſt Er nicht ein blitzdummer Kerl, Herzig? Läßt ſich drillen und die Gamaſchen anpaſſen, anſtatt daß er ſeinen Erbbettel mir abtritt! Und Frau und Kinder hat Er auch? Da iſt's erſt recht unverant⸗ wortlich von Ihm, ſo ein Hartkopf zu ſein! Er hat's allein verſchuldet, daß er den Schießprügel tragen muß.“ „Nein, Ew. Durchlaucht Soldaten—“ „Pſt! Weiß ſchon, was Er ſagen will“, lachte der Fürſt, ihm ins Wort fallend.„Ja,'s ſind Teufelsſchwerenöther, meine Soldaten, aber nebenbei ſehr reſpectable Leute, über die ſchimpfe Er nicht.“ Und zum Lieutenant gewendet, ſagte er:„Wollen's diesmal gnädig machen. Herzig ſoll nur vier Wochen mit den Rekruten exerciren. Iſt nicht unbillig, denke ich. Notir' Er's, Herr Lieutenant.“ Nachdem dieſer dem Befehl nachgekommen, ſagte der Fürſt:„Weiter gehen nun, vielleicht finden wir noch einen Kameraden zu dem da.“ Zum Fortgehen ſich anſchickend, ſprach er leichthin zu dem von dem Befehl, die traurige Rekrutenſchule nochmals durch⸗ machen zu müſſen, völlig Niedergeſchmetterten:„Wenn's Ihm gelegentlich mal einfallen ſollte, Sein Gut zu ver⸗ kaufen, komme Er nur zu mir, Er weiß ja, wo ich wohne.“ „Ich will's Ew. Durchlaucht heute ſchon ver⸗ kaufen“, ſtammelte Herzig. „Na, ſieht Er, das iſt geſcheidt. Warum läßt er ſich erſt ſo lange kitzeln, ehe Er lacht? Das war eſel⸗ haft von Ihm.“ Und nun folgte der Gutshandel ſo raſch wie eine längſt durchgeſprochene Sache, wobei der Verkäufer eben nur ja zu ſagen braucht.„Morgen unterſchreibt Er den Contract, und als beſondere Er⸗ kenntlichkeit von meiner Seite ſoll er vom Militär frei ſein, wenn Er nämlich nicht etwa auf Avance⸗ ment dienen will.“ Lachend und ſich vergnügt die Hände reibend, ging der Durchlauchtige, vom Lieutenant begleitet, 71 weiter. Das war ein Stückchen in ſeinem Geſchmacke geweſen, er freute ſich dieſer der Verzweiflung abge⸗ preßten Huldigung ſeiner Willkürherrſchaft. Die gute Laune, in die er gerathen war, gab ſich durch eine große Freundlichkeit gegen ihm begegnende bekannte Bürgersleute kund. Er blieb nicht ſelten ſtehen und unterhielt ſich mit ihnen. Die bevorſtehende Bürger⸗ meiſterwahl bewegte die Leute aufs lebhafteſte und der Fürſt ließ ſich von dem einen oder dem andern der ihm Begegnenden die Namen der ſich um dieſe Stelle bewerbenden Candidaten nennen. Es mußte ihm dabei ein Gedanke gekommen ſein, der ihn ſehr beſchäftigte, denn als er, zum Schloſſe zurückgekehrt, den Lieutenant entließ, befahl er ihm, ſeinen Bruder, den Poſtverwalter, zu ihm zu ſchicken. Mit Erſtaunen und Entrüſtung vernahm ſchon in der nächſten Woche die Bürgerſchaft, daß ſich ein neuer Candidat zum Bürgermeiſteramte gemeldet habe und zwar der durchaus nicht beliebte Poſtverwalter Bonna⸗ fox. Man ſah es für eine Keckheit ohnegleichen an, daß ein Mann, der bisher nicht das mindeſte Verdienſt um die Stadt ſich erworben, der gar nicht zur Bürger⸗ ſchaft gehörte, es wagen konnte, mit Leuten in die Schranken zu treten, denen langjährige Verwaltung bürgerlicher Aemter einen gegründeten Anſpruch auf die erwähnte Stelle gab, indeß die Entrüſtung ver⸗ wandelte ſich in Schrecken, als es allmälig ruchbar wurde, daß Bonnafox nur auf Befehl Sr. Durch⸗ laucht als Candidat aufgetreten ſei. Zur Abwendung dieſes Zwanges mußte etwas gethan werden, und man beſchloß als einzigen Ausweg, demſelben zu entgehen, den Wahltag zu verſchweigen. Die Wahl ſollte an einem Tage vorgenommen werden, wo der Fürſt nicht anweſend ſei. Alles ſchien ſich trefflich zu fügen. Ende October pflegte Se. Durch⸗ laucht in der Regel nach Magdeburg zur Garniſons⸗ inſpection abzugehen, um ſodann in Halle bei ſeinem Muſterregiment das gleiche Geſchäft zu wiederholen. Er blieb dann mindeſtens zehn Tage fern von Deſſau. Während dieſer Zeit mußte alſo die Wahl erfolgen. Die Angelegenheit war im Stillen gut eingeleitet und der Ausgang verſprach die Wünſche der Bürgerſchaft zu krönen. Ein bitterkalter Allerſeelentag verſammelte die Väter der Stadt in der großen Rathsſtube; im hohen alterthümlichen Kamine loderte ein mächtiges Feuer, eine angenehme Wärme aushauchend. Man lachte einander vergnügt zu, daß man den durchlauchtigen „Schwerenöther“ um den Triumph bringe, Rath und Bürgerſchaft nach ſeiner Pfeife tanzen zu laſſen. Um 73 elf Uhr vormittags ſollte die Wahl beginnen; Jeder hatte ſchon den Zettel mit dem Namen desjenigen in der Hand, den er zum Bürgermeiſter gewählt wiſſen wollte. Nur noch wenige Minuten fehlten bis zur Vollendung der elften Stunde. Eben räusperte ſich der hochwürdige Superintendent Schardius, um den vielbedeutenden Wahlact mit einer feierlichen Rede einzuleiten, als das raſche Rollen eines Vierſpänners hörbar wurde, der am Rathhauſe hielt. Ein paar Sekunden ſpäter ſtürzte ein Rathsknecht mit der Meldung herein:„Se. Durch⸗ laucht ſind ſo eben angekommen.“ Alle Geſichter ſchienen ſich zu verlängern, man war wie verſteinert. Verrath mußte hier im Spiele ſein, das war klar. Zum Nachdenken blieb wenig Zeit, denn der Fürſt trat raſch ein und ſagte in un⸗ beſchreiblich guter Laune:„Bah, teufelsmäßig kalt heute, bin ganz durchgefroren, werde mich ein wenig bei Euch wärmen.“ Er zog ſogleich einen Stuhl an den Kamin, und ſich auf denſelben niederlaſſend, fuhr er mit einem freundlichen Grinſen fort:„Bin wohl gerade recht zur Wahl gekommen? Freut mich, freut mich. Na, da fangt an, will Euch helfen. Werde die Namen auf den Wahlzetteln leſen, einer von Euch ſchreibt ſie auf, da wird die Sache raſch gehen.“ Der Superintendent bat um Genehmigung, den ——————— wichtigen Actus mit einer feierlichen Anſprache eröffnen zu dürfen. „Ja, ja, thue Er das; ich hoffe auch zum Feuer⸗ lichen mein gutes Theil beizutragen.“ Bei dieſer Zuſtimmung blinzelte der Durchlauchtige mit dem linken Auge nach den im Kamin lodernden Flammen und ein mühſam verhaltenes Lachen umſpielte ſeine Mundwinkel. Hätten die Herren vom Rathe dieſe ganz eigenthümliche Mimik ſchärfer beachtet, als ſie es thaten, an welchem Ueberſehen wohl der Schreck, ihren W 0. Herrn und Landesvater gerade in dieſer Stunde bei ſich zu erblicken, ſchuld war, ſo würden ſie im voraus überzeugt geweſen ſein, daß etwas ihre Wünſche Durch⸗ kreuzendes von ſeiner Seite geſchehen werde. Nachdem der hochehrwürdige Superintendent mit einem Auf⸗ 5 wand von ſchönen, mit Bibelſtellen durchwebten Worten i —— die Anſprache gehalten, nahte einer nach dem andern des hochweiſen Rathes und überreichte mit tiefſtem k Bückling Sr. Durchlaucht ſeinen mit dem Namen des q Candidaten beſchriebenen Zettel. Es machte einen ſelt⸗ d e 5 — ſamen und faſt verdummenden Eindruck auf die Herren, als Se. Durchlaucht, langſam Zettel um Zettel öffnend, den Namen Bonnafox las und ſie dann gleichgültig ins Feuer warf. Als er auch den letzten Zettel auf dieſe Art expedirt hatte, warf er einen ſpöttiſchen Blick — — nen ter⸗ eſer dem men ſeine ganz 2 es hren bei raus urch⸗ hdem auf die Anweſenden und ſagte:„Einſtimmige Wahl — Bonnafox iſt Bürgermeiſter. Freut mich!“ Und mit einem kurzen„Adieu!“ verließ er die Rathsſtube, in der die zurückbleibenden hochweiſen Herren ſich ein⸗ ander mit Blicken anſahen, in denen ſich die größte Indignation kund gab. Die Wahl als ungültig zu erklären, war nicht nur unthunlich, ſondern auch gefährlich, da mit dem durchlauchtigen Herrn Leu⸗ pold ſich nicht ſpaßen ließ, und ſo verbreitete ſich denn binnen einer Stunde der unerhörte Vorgang unter der Bürgerſchaft und rief bei allen eine gewaltige, wenn auch ſchweigſame Entrüſtung hervor. Für Se. Durchlaucht ſelbſt war dieſer Tag ein äußerſt fröhlicher, denn das Bewußtſein, einen Act der Willkür mittels Liſt durchgeſetzt zu haben, ſchmeichelte ihm zu ſehr, als daß er ſich viel hätte darum küm⸗ mern ſollen, ob auch das Recht nicht zu kurz dabei komme. Bonnafox war einmal ſein Günſtling und das allein beſtimmend für ihn, zudem galt es auch, ſein demſelben gegebenes Wort zu löſen, das heißt, ihm eine andere Stelle und damit zugleich Regina's Hand zu verſchaffen. Auch ins Schloß hatte die Kunde von dieſer Bürgermeiſterwahl den Weg gefunden und wie abſichtlich war die überraſchende Neuigkeit der Prinzeß Louiſe, bei 76 der ſich gerade Regina befand, von der Kammerfrau der erſtern mitgetheilt worden. „Ruhig, Liebchen, ruhig, wir inſpiriren im Stillen dagegen“, redete die Prinzeß leiſe ihrer guten Freundin zu, da ſie den Schreck bemerkte, dem dieſe bei An⸗ hörung dieſer Nachricht unterlag. „Jetzt wird das Schlimme an mich herantreten. Mein Himmel, wie ſoll das enden!“ antwortete Regina ebenſo leiſe. Die Vermuthung, daß nun das geſchehen werde, was ſie befürchtete, erwies ſich als vollkommen gerecht⸗ fertigt, denn in den Nachmittagsſtunden wurde Prinzeß Louiſe mit Regina zu der Fürſtin beſchieden. Beim Eintritt in deren Gemach zögerte Regina vorwärts zu ſchreiten, denn ſie erblickte den Kanzler, ihren Oheim, nebſt ihrer Tante und den beiden Couſinen daſelbſt, was darauf ſchließen ließ, das etwas im Werke ſei, weil die genannten Perſonen nur auf Verlangen der durchlauchtigen Frau hier erſchienen ſein konnten. „Gnädigſte Mama, wir ſind da“, ſagte die Prinzeß. „Was haſt Du zu befehlen?“ Der Fürſtin wurde die Antwort erſpart, denn außerhalb erklangen ſchwere Schritte.„Papas Durch⸗ laucht kommt auch?“ fragte die Prinzeß überraſcht, während ihr Blick auf Regina fiel, aus deren feinem le denn Durch⸗ raſcht, keinem 77 und lieblichem Antlitz jeder Blutstropfen verſchwunden zu ſein ſchien. Durch die vom Diener haſtig aufgeriſſene Flügel⸗ thür trat der Fürſt raſch ein, gefolgt von Bonna⸗ fox. Die weibliche Familie des Kanzlers, der in tiefſter Reverenz wie eine Weidenruthe vorn überbog, ſank ſchier in die Kniee bei dem unterthänigſten Knixe vor dem Gewaltigen, der, ohne ſie weiter zu beach⸗ ten, als daß er ſie mit einem flüchtigen Blicke ſtreifte, ſich etwas rauh vernehmen ließ:„Da iſt ja die ganze Milagsheim'ſche*) Sippſchaft beiſammen, wie ich ſehe. Trete Er heran, Bonnafox!“ Und wie bei deſſen An⸗ blick von der Erinnerung an die Ueberliſtung des hochweiſen Rathes beluſtigt, redete er in guter Laune, auf Bonnafox deutend, weiter:„Den habe ich heute zum Bürgermeiſter meiner Reſidenz ernannt, und weil er dazu auch eine Bürgermeiſterin braucht, denn der Adam will eine Eva haben, der Bürgerſchaft zum löblichen Beiſpiel, ſo will ich ihm auch dazu helfen. Auf Sie, Regina, iſt ſeine Wahl gefallen und darum gebe Sie ihm jetzt die Hand als ſeine Verlobte. Nach meiner Louiſe Hochzeit mit meinem durchlauch⸗ *) So, und nicht Mitagsheim, iſt auch im erſten Bande zu leſen. ———— 78 tigen Vetter von Bernburg ſoll der Bonnafox Sie heimführen.“ Von Regina ſchien alles Leben gewichen, ſie ſtand wie betäubt; aber des Fürſten donnernder Zuruf: „Schwerenoth, will Sie mir etwa Kinkerlitzchen machen? Die Hand gebe Sie ihm!“ erſchreckte ſie ſo heftig, daß ſie wie von einem Blitzſtrahl durchzuckt zu⸗ ſammenfuhr und mechaniſch die Rechte dem ihr gewalt⸗ ſam Aufgedrungenen hinreichte. „Ich werde ſehr glücklich ſein durch dieſe ſchöne Hand“, ſagte Bonnafox zärtlich, indem er Regina's Hand küßte und an ſein Herz drückte. „Seine Sache, geht uns nichts an“, polterte der durchlauchtige Herr.„Exercire Er ſich, den ange⸗ nehmen Schwerenöther zu ſpielen, das iſt'n gar feines Perſönchen, das!“ Jedenfalls glaubte er damit etwas ſehr zur Situation Paſſendes geſagt zu haben, denn zu den Verwandten Regina's ſich wendend, fuhr er in ſehr guter Laune fort:„Nun könnt Ihr den Beiden da gratuliren. Mosje Bonnafox de Montjoie St.⸗André feiert heute einen doppelten Glückstag, den er ſich gewiß roth im Kalender anſtreichen wird.“ Während der Kanzler in höchſt weihevoller Weiſe für ſich und ſeine weibliche Familie Regina Glück wünſchte, drängten ſich ein paar ſchwere Thränen⸗ 79 tropfen in deren Augen; aber ein zufälliger Blick 3 auf ihre Freundin, die Prinzeß, die, hinter ihrem durchlauchtigen Papa ſtehend, mittels einer Handbe⸗ f. wegung ihr Muth zuwinkte, rief die Erinnerung in e7 ihr wach, daß einer lebe, der ſein ganzes Vertrauen ſo auf ihre Standhaftigkeit geſetzt habe, und dieſe Mahnung ihres Herzens wurde zum Impuls für ein Zuſammen⸗ raffen all ihrer Beſonnenheit. III. Zur ſelben Zeit, als die bereits erzählten Ereig⸗ niſſe ſich nach und nach an einander reihten, erfreute ſich die hohe Ariſtokratie der Kaiſerſtadt Wien eines höchſt intereſſanten Unterhaltungsſtoffes, welcher noch obendrein den Vortheil des Nachhaltigen für ſich in Anſpruch nahm, weil ſich immer neue Veranlaſſungen fanden, ſeiner wiederholt zu gedenken. Um dieſen Unterhaltungsgegenſtand wob ſich der Nimbus des Romanhaften, was ihn beſonders anziehend machte, und da er ſo recht eigentlich im Schooße einer der erlauchteſten Familien der hochariſtokratiſchen Kreiſe ſeine Wurzeln geſchlagen hatte, ſo war es nur folge⸗ recht, daß er für alle, die denſelben angehörten, von großem Reiz ſein mußte. Dieſem Familienroman oder auch Familien⸗ geheimniß lagen folgende frühere Thatſachen zu Grunde. —— S„ 81 Das hochgräfliche, in zwei Linien, die ältere oder die Ernſtbrunner und die jüngere, die Frydauer oder Neuburger getheilte Haus Sinzendorf, verwandt durch Verbindungen mit mehreren großen Familien, Fürſten und Reichsgrafen, wie Hohenzollern, Fürſtenberg, Limburg⸗Styrum, und ſeit 1653 mit dem Reichserb⸗ ſchatzmeiſteramt belehnt, ſowie durch Kauf der großen Grafſchaft Reineck ſelbſt zur Reichsſtandſchaft erhoben, erlangte durch die Vermählung des Hofkammerprä⸗ ſidenten unter Leopold I. Georg Ludwig von Sinzen⸗ dorf, eines Sproſſen der Frydauer oder Neuburger Linie, mit einer Prinzeß Eliſabeth von Holſtein den höchſten Glanz. Dieſe Dame beſaß ein bedeutendes Vermögen, ſodaß ſie eine der reichſten Partien war, welche ein ſelbſt nicht fürſtlich geborener Cavalier je machen konnte, abgerechnet die hohen Verbindungen, in welche er durch dieſe Gemahlin kam. Trotzdem daß alle Bedingungen, dieſe Ehe zu einer ganz beſonders glücklichen zu machen, vorhanden waren, denn die Prinzeß beſaß den Zauber einer außer⸗ gewöhnlichen Anmuth in ihrer Perſönlichkeit ſowohl als durch ihre geiſtige Bildung, waltete doch kein ver⸗ trauliches Verhältniß zwiſchen dieſen beiden Gatten, nur der äußere Schein breitete ſeine Täuſchungen über die große Kluft, die zwiſchen ihren baiderſeitigen Cha⸗ Carion, Der alte Deſſauer. II. —————-— 82 rakteren von Jahr zu Jahr ſich erweiterte. Prinzeß Eliſabeth's zur Innigkeit geneigtes Gemüth mußte ſich einem Gemahl entfremden, welcher, wie ſie zu ſpät erkannte, die vollkommene Natur eines Aals beſaß, der, ebenſo glatt, ſo ſchmiegſam wie dieſer, auch das kalte Blut eines ſolchen in ſich trug. Der Hofkam⸗ merpräſident entpuppte ſich vor ihr als ein herzloſer Menſch, der im tiefſten Innern ſeines Weſens eine gemeine Habſucht verbarg, zu deren Befriedigung er mit einer ſeltenen Vollkommenheit den Heuchler ſpielte. So wußte er alle zu täuſchen, die er zu täuſchen beab⸗ ſichtigte, und Kaiſer Leopold eröffnete den Reigen der⸗ ſelben. Der Graf hatte ſich zu ſeinem Liebling empor⸗ geſchwungen, und vermöge der kaiſerlichen Gunſt ge⸗ nügte er ſeiner ſchlau verſteckten Habſucht und verübte die großartigſten Unterſchleife und Betrügereien, bis es endlich ſeinen Feinden gelang, ihn durch dem Kaiſer vorgelegte Beweiſe ſeiner Handlungsweiſe zu ſtürzen. Ehe dieſer Sturz noch erfolgte, hatten aufmerk⸗ ſame Augen bereits das liebeleere Verhältniß ſeiner Ehe mit Prinzeß Eliſabeth erſpäht. Man hatte in Erfahrung gebracht, daß eben nur die Mutterliebe die Prinzeß abhielt, die Scheidung von ihrem Gemahl zu beantragen. Sie hatte dem Grafen zwei Söhne geboren und empfand Scheu, ihnen das Beiſpiel eines zeß ſich ſpät ſaß⸗ das kam⸗ loſer eine ig er dielte. beab⸗ r der⸗ por⸗ ſt ge⸗ erübte , bis Kaiſer türzen. fmerk⸗ ſeiner tte in ebe die nahl zu Söhne l eines 83 älterlichen Zerwürfniſſes, wie jede Scheidung ein ſolches conſtatirt, vor Augen zu führen. Das große Haus, welches ſie führte und das Sammelplatz für alle nach Wien kommenden diſtinguirten Fremden war, mußte ſie für die Leerheit ihrer Ehe an geiſtigen Genüſſen entſchädigen; ſie fand da Anknüpfungspunkte, wie ſolche die hochariſtokratiſche Geſellſchaft Wiens ihr nur in ſehr geringem Maße gewährte. Hätte ihr Vermögen unter Verwaltung ihres Gemahls geſtanden, ſo würde ſie ſich allerdings ſehr in Verwendung des Zinſen⸗ ertrags gehemmt geſehen haben; ſo aber war ſie Herrin deſſelben geblieben und hatte bei Schließung ihrer Ehe mit dem Grafen nur ein gegenſeitiges Ver⸗ mächtniß rechtskräftig abgeſchloſſen. Dieſer Pact be⸗ ruhigte ihren Gemahl wenigſtens durch die Hoffnung, daß er im Falle ihres Todes, und er erwartete, daß ſie, die oft ſehr leidend war, ihn nicht überleben werde, ihr Erbe werden würde. Allmälig ward die Kluft zwiſchen beiden Gatten ſo groß, daß man ſie bemerkte. Die Prinzeß lebte, wenn auch unter einem Dache mit dem Grafen, doch fern von aller nähern Berührung mit ihm, und dieſe Abſonderung trat noch viel ſchärfer hervor, als ſein ſchon erwähnter Sturz aus kaiſerlicher Gunſt erfolgte und er ſeine hohe Beamtung aufgeben mußte. 6* 84 Sie hatte damals kaum das dreißigſte Lebensjahr überſchritten, und obwohl viele Frauen dieſes Alters Urſache haben, über das allzuſchnelle Verſchwinden ihrer äußern Reize zu klagen, ſo befand ſie ſich durch⸗ aus nicht in dieſem Falle. Sie war eine ſehr ſchöne Frau, ihr anmuthiges Weſen beſaß dieſelbe ungekün⸗ ſtelte Friſche wie ehedem, und es durfte daher nicht Wunder nehmen, daß ihr von vielen Cavalieren der Hof gemacht wurde. Doch dieſe Huldigungen hatten ſie gänzlich unberührt gelaſſen, wenigſtens gelang es den geübteſten Frauenaugen nicht, irgend einen dieſer Anbeter als von ihr bevorzugt erklären zu können. Dieſe Freiheit der Prinzeß, ihrer Zuneigung Herrin zu bleiben, endete indeß, als Graf Buſſy⸗Rabutin, ein Herr von franzöſiſcher Abkunft, nach Wien kam und daſelbſt um eine Anſtellung im Heere nachſuchte. Er würde vielleicht ſeinen Wunſch nicht ſo ſchnell erfüllt geſehen haben, wenn die Prinzeß ſich nicht ſo eifrig für ihn verwendet hätte. Seine Erſcheinung wie die Art und Weiſe ſich zu geben zeichneten ihn außer⸗ ordentlich vortheilhaft vor vielen ſeiner Landsleute aus, die in der Kunſt, gute Geſellſchafter zu ſein, die Pointe ihres Ehrgeizes ſuchten. Herr von Buſſy⸗Rabutin, eine prächtige Helden⸗ geſtalt, ein Mann, deſſen gebildeter Geiſt ſich durchaus n, ein n und Er erfüllt eifrig bie die außer⸗ dsleute tin, die Helden⸗ urchaus 85 nicht auf den Abweg, nur in anmuthigen Plaudereien zu excelliren, verirrte und welcher, angezogen von der Prinzeß anmuthsvollem Umgang, ſich ihrer vollen Zu⸗ neigung erfreute, ward bald als ihr Geliebter von den tauſendäugigen Spähern bezeichnet, und daß ſie ſich nicht getäuſcht hatten, that ſich zu aller Erſtaunen und zwar auf höchſt eclatante Weiſe kund. Graf Sin⸗ zendorf, ihr Gemahl, der bei der Rückreiſe von einem ſeiner Güter durch den Umſturz des Wagens eine ſtarke Gehirnerſchütterung erlitten, ſtarb wenige Tage, nachdem man ihn nach Wien gebracht hatte. Sein Tod machte die Prinzeß frei von den widerlichen Banden, die ſie an ihn gefeſſelt hatten. Ganz gegen alle Gewohnheit vermählte ſie ſich kaum zwei Monate nach dem Begräbniß des Hofkammerpräſidenten mit dem Grafen Buſſy⸗Rabutin und von dem Tage an fühlte ſie das Glück einer aus wahrer Liebe ge⸗ ſchloſſenen Ehe. Die ältere Linie der Sinzendorfs machte zwar den Verſuch, im Intereſſe der beiden Söhne ihres ver⸗ ſtorbenen Vetters den zwiſchen dieſem und ſeiner Gemahlin gerichtlich abgeſchloſſenen Pact umzuſtoßen, in⸗ deß das haarklare Recht konnte nicht beſeitigt werden, und ebenſo vergeblich war die Bemühung, der Prinzeß mittels kaiſerlichen Befehls ihre beiden Söhne ab⸗ zufordern, um ſie nicht unter ſtiefväterlicher Aufſicht bleiben zu laſſen. So entſtand ein tiefer Groll zwiſchen der ältern Linie Sinzendorf und der Prinzeß nebſt ihrem Gemahl Buſſy⸗Rabutin, den dieſe Beleidigung jedoch nicht hinderte, alles in ſeinen Kräften Stehende aufzubieten, ſeine Stiefſöhne gewiſſenhaft zu leiten, denn vom Erziehen im engern Sinn des Wortes konnte deshalb keine Rede ſein, weil der älteſte ſchon im dreizehnten, der jüngere im zwölften Lebensjahre ſtand. Bald hingen ihm auch die Knaben mit Leib und Seele an, und vorzüglich der älteſte ſchloß ſich feſt an ihn, weil ihn der Kriegerſtand beſonders an⸗ zog und es ſchwer für ihn geweſen ſein würde, einen gediegenern Lehrer in den Kriegswiſſenſchaften zu finden als dieſen Stiefvater. Leider ffiel dieſer ältere Stief⸗ ſohn auf ſeinem erſten Feldzuge in Ungarn gegen die Türken. Wo aber wäre ein vollkommenes Glück zu finden! Der heißeſte Wunſch des durch ſeine Tapferkeit zu hohen militäriſchen Würden gelangten Grafen, von ſeiner geliebten Gemahlin einen Erben zu haben, ſchien ſich nicht erfüllen zu wollen. Sie hatte ihm mehrere Töchter geboren, welche jedoch noch vor Ablauf ihres erſten Lebensjahres geſtorben waren, und er hatte ſich dieſes Wunſches ſchon begeben, als die Prinzeß nach cht hen ebſt ung nde ten, rtes hon ahre Leib ſich an⸗ einen nden Stief⸗ n die nden! ferkeit „von ſchien ehrere ihres te ſich 3 nach langjähriger Ehe wieder in geſegnete Umſtände kam und, mit ihm auf einer Reiſe in Ungarn begriffen, in der Stadt Gran eines Knäbleins genas. Nun erſt fühlte ſich Buſſy⸗Rabutin ganz glücklich und es war ſeines Lebens höchſte Aufgabe, dieſen ihm ſo ſpät ge⸗ ſchenkten Sohn mit aller Sorgfalt zu erziehen. Seine Anſichten aber über die Erziehung der Söhne hochadliger Familien ſtimmten durchaus nicht mit der als Norm feſtgehaltenen, wonach die heranwachſende männliche Jugend mit übertriebener Vorſicht vor jedem rauhen Lüftchen bewahrt wurde; er ging von dem richtigen Grundſatze aus, daß nur in einem kräftigen Körper ein geſunder Geiſt wohnen könne, und die Verhältniſſe geſtatteten ihm ganz unerwartet, die Erziehung ſeines Sohnes ſo zu überwachen, daß ſie in ſeinem Sinne geſchah. Als kaiſerlicher Generalfeldmarſchall und geheimer Rath hatte er die Stelle eines Gouverneurs von Siebenbürgen erhalten, und die Entfernung von Wien war groß genug, um ihm ein ganz ſelbſtſtändiges Handeln nicht nur in ſeinen hohen Amtsgeſchäften, ſondern auch in ſeinem Hauſe möglich zu machen. Hubert, ſein Sohn, wuchs in einer Freiheit auf, die ebenſo einflußreich auf ſeine äußere Erſcheinung als auf ſein Gemüth und Geiſtesleben einwirkte. Er war ein kräftiger Knabe, der kein Roß für zu wild hielt, 88 um es zu reiten; der Wald übte beſonders eine unwiderſtehliche Anziehungskraft auf ihn, die Jagd liebte er leidenſchaftlich, und unter der Obhut eines deutſchen Förſters trieb er das edle Waidwerk mit einer Kühnheit, welche an einem vierzehnjährigen Knaben in Verwunderung ſetzte. In allen ſeinem Thun ſprach ſich eine Entſchloſſenheit aus, die als Grundzug ſeines Charakters, welcher offen und ehrlich jedes Ding beim rechten Namen nannte und den Aus⸗ druck großer Selbſtſtändigkeit bei jedem Anlaß äußerte, durch die Freiheit, die ihm ſein Vater gönnte, bedeu⸗ tenden Vorſchub erhielt. Unter des letztern und tüch⸗ tiger Lehrer Leitung entwickelten ſich ſeine geiſtigen Anlagen ebenſo ſchnell, er zeigte ſich als denkender Kopf. Eins freilich mangelte ihm, jene Glätte in den Umgangsformen, die ſich leicht zu ſchmiegen und zu biegen verſteht; aus ſeiner Redeweiſe leuchtete eine Ungebundenheit, die ſich auf das Bewußtſein innerer Kraft ſtützt. Die wenig verfeinerten Sitten in Siebenbürgen ließen das Außergewöhnliche einer ſolchen Erziehung nicht als abnorm erſcheinen, aber trotz aller herzlichen Zuneigung zu ihm fühlte ſeine Mutter doch zuweilen die Furcht in ſich aufſteigen, daß ihr Hubert niemals —*2— ſt eine agd ines mit igen nem als rlich Aus⸗ erte, deu⸗ tüch⸗ tigen ender den und eine nerer irgen hung lichen veilen mals 89 in die hohen Regionen des Hofes ſich ſchicken würde. Dieſe Befürchtung trat indeß erſt dann beſonders leb⸗ haft bei ihr hervor, als ihr Sohn erſter Ehe, Graf Philipp Ludwig Sinzendorf, Kaiſer Joſeph's I. Obriſt⸗ hofkanzler, zu Beſuch nach Hermannſtadt kam. Jenes gute Verhältniß, das zwiſchen ſeinem ältern Bruder und dem Grafen Buſſy⸗Rabutin gewaltet, fand hin⸗ ſichtlich des Obriſthofkanzlers in Bezug auf den letztern keine Anwendung. Graf Philipp war ſeiner eigenen Familie anhänglich, das heißt, er hielt zu ſeinen Vet⸗ tern von der Ernſtbrunner Linie, und es konnte nicht ausbleiben, daß auch er von der Abneigung dieſer gegen Buſſy⸗Rabutin, den ſie einen verſchmitzten Ein⸗ dringling nannten, welcher durch Verführung der Mutter ſich des Reichthums derſelben bemächtigt habe, um deren Söhne erſter Ehe an ihrem rechtmäßigen Erbe zu ſchädigen, angeſteckt war. Weil Buſſy⸗ Rabutin nun ſelbſt einen Sohn hatte, war nach Lage der Sachen deſſen Stiefbruder, dem Obriſthofkanzler, die Ausſicht auf ein großes Erbe von ſeiten ſeiner Mutter ganz verſperrt. Seinem Beſuch in Hermannſtadt lag die Abſicht unter, die Verhältniſſe im Hauſe Buſſy⸗Rabutin's zu ſtudiren, um möglicherweiſe doch etwas für ſich zu retten. Da er erwarten mußte, daß ſein Stiefvater 90 eher für ſeinen Sohn als für ihn, der ſeinen Feinden ſich angeſchloſſen, hinſichtlich der mütter⸗ lichen Erbſchaft ſorgen werde, hoffte er auf das gute Herz ſeiner Mutter, und er hatte ſich auch nicht ver⸗ rechnet, dieſe erwies ſich ihm ſehr gütig. Sie ver⸗ ſchrieb ihm zu ſeiner Vermählung mit der verwittwe⸗ ten Gräfin Löwenſtein⸗Rochefort, welche er ihr per⸗ ſönlich zu melden gekommen ſei, wie er ſagte, eins ihrer bedeutendſten Güter, und der ſo reich Bedachte war nun überzeugt, daß, wenn ſie ihren Gemahl über⸗ elbe, es nicht unter die Unmöglichkeiten gehören würde, daß aus ihrer bedeutenden Hinterlaſſenſchaft noch ein Erkleckliches für ihn abfallen würde. Er täuſchte ſich nicht bei der Annahme, daß ſie ſtolz auf ihn ſei; ſein Auftreten war das eines Grand⸗ ſeigneurs; ſeine feinen Manieren, die ganze Art und Weiſe ſeines Benehmens mußten einer Frau wohl⸗ gefallen, welche früher in den hohen Kreiſen heimiſch geweſen und ſo zu ſagen ſich ſelbſt aus deren Sonnen⸗ bereiche zurückgezogen um einer Verblendung willen, die durch die Länge der Zeit von ihr abgelaſſen und ſie nun das Aufgegebene, Verlorene deſto ſchmerzlicher vermiſſen ließ. Wenn auch nicht[ganz, ſo hatte der Obriſthofkanzler doch im Haupttheile ſeiner Vermuthung Recht. Durch ſeinen Beſuch und ſeine Erzählungen —,— — ind hl⸗ iſch en⸗ len, und icher der zung ngen 91 aus dem Wiener Hofleben waren bei der Prinzeß Erinnerungen wach geworden, welche nur allzuſehr geeignet waren, ſie die Leere empfinden zu laſſen, welche mit den geſellſchaftlichen Zuſtänden in der ſieben⸗ bürgiſchen Hauptſtadt unmittelbar verbunden war. Und wenn noch etwas als Anregung zu ſtiller Unzufriedenheit in ihrem Herzen dienen konnte, ſo war es die große Verſchiedenheit zwiſchen ihren Söhnen. Der vierzehnjährige, in einer Freiheit, die ihm keine Zügel anlegte, erzogene Hubert erſchien ihr roh und eckig gegen ſeinen in ſo hoher Charge ſtehenden geſchmei⸗ digen Stiefbruder. Es war das erſte Mal, daß ſie an dieſem kräftigen, oft ins Ungeſtüme ausartenden Knaben ein Aergerniß nahm. Das Lächeln, womit der Herr Bruder Obriſthofkanzler ihn betrachtete und welches von dieſem recht wohl bemerkt wurde, rief in deſſen jungem Herzen eine tiefe Abneigung gegen ihn hervor, der er jedoch keinen Ausdruck geſtattete, weil ihm jener allen Anlaß dazu zu entziehen verſtand. „Meine gnädigſte Mama könnte dem Kaiſerhofe ein ganz unbeſchreibliches Vergnügen verſchaffen, wenn es ihr belieben wollte, meinen Herrn Bruder, dieſen Typus weißer Wilder, dorthin zu bringen“, ſagte der Obriſthofkanzler lächelnd.„Es iſt ſchon der Mühe werth, einen in ſeiner ſchönſten Blüte ſtehenden Her⸗ cules zu ſehen, der von den Regeln des Anſtandes ſo viel wie nichts weiß und an dem die oberflächlichſte Civiliſation verſchleiert vorübergegangen iſt. Für den Fall, daß er wirklich einmal nach Wien kommen ſollte, werde ich, das verſpreche ich Ihnen, gnädigſte Mama, die brüderlichſte Sorgfalt für ihn tragen, damit er nicht durch dieſen Mangel an Anſtand in den Verdacht kommt, er ſei der Sohn eines Kannibalen, der ſich für den Sohn des tapfern Generalfeldmarſchalls Grafen Buſſy⸗Rabutin ausgibt.“ Dieſer lächelnd hingeworfene Spott war ein Funke, der nicht ſo leicht im Herzen der bereits in vorge⸗ rückten Jahren ſtehenden Prinzeß⸗Mutter erloſch. Sie ſuchte Gelegenheit, ihren Gemahl aufmerkſam zu machen, wie nothwendig es ſei, Hubert der unbeſchränkten Frei⸗ heit zu berauben; aber ſie bereute dieſen Verſuch ſehr, denn der Graf ahnte ſogleich, wer dieſen Gedanken ihr eingegeben, und was ſonſt nie zwiſchen ihnen ge⸗ ſchehen war, erfolgte jetzt: ein heftiger Auftritt, in welchem er ſich zornig über die Sinzendorfer Clique ausſprach, der, wie er ſagte, Hubert ein Dorn im Auge wäre, weil er ihr, ſeiner Mutter, rechtmäßiger Erbe ſei. Der Zorn, in den ſich Graf Buſſy⸗Rabutin hinein⸗ geredet hatte, trieb ihn zu Aeußerungen, welche von ke, ge⸗ Sie den, rei⸗ ehr, iken ge⸗ in ique im ziger nein⸗ von 93 ſeiner großen Aufregung Zeugniß gaben. Nach ſo vielen Jahren erſt erfuhr ſie, daß ihr Gemahl die Be⸗ leidigungen nie vergeſſen hatte, welche ihm, dem ver⸗ mögensloſen Flüchtling, von den Sinzendorfs ange⸗ than worden waren, als ſie ihm ihre Hand reichte. Was dieſe unternommen, um das Document, das ſie in aller Form Rechtens zur Univerſalerbin des Hof⸗ kammerpräſidenten machte, für ungültig zu erklären welche Wege ſie eingeſchlagen, um die fernere Erziehung ihrer Söhne ihr mittels kaiſerlicher Ordre zu ent⸗ ziehen, hatte einen unauslöſchlichen Haß in ſeinem Herzen erweckt, dem er bisher keine Worte geliehen, dem er jetzt aber einen Ausbruch geſtattete, welcher die Prinzeß in Schrecken und Angſt verſetzte, weil ſie ihn nie in ſolcher leidenſchaftlichen Aufwallung geſehen hatte. „Ja, ja, könnten dieſe Intriguanten meinen Sohn erbunfähig machen, könnten ſie Beweiſe liefern, daß er nicht Blut von meinem Blut, nicht Fleiſch von meinem Fleiſche ſei, ſie würden nichts ſcheuen, um dies auszuführen; aber ſie können es nicht— nein, ſie können es nicht!“ rief er wüthend und ein zorn⸗ volles Lachen folgte ſeiner Rede.„Dafür iſt geſorgt“, fuhr er in ſeiner wilden Aufregung fort;„dieſer Triumph wird ihnen nicht werden, eher müßten die 94 Todten aus ihren Gräbern aufſtehen und Zeugniß ab⸗ legen, daß—“ Der überaus heftige Zornanfall erſtickte die Stimme Buſſy⸗Rabutin's, er fiel ſchwer keuchend auf einen Seſſel nieder, und es dauerte lange, ehe er, der im dichteſten Kugelregen mit unerſchütterlichem Gleich⸗ muth dem Tode ins Auge geſehen, wieder Faſſung errang. Seine Gemahlin hütete ſich, je wieder die Sprache auf dies Kapitel zu bringen, da ſie fürchtete, daß er das Opfer eines nochmaligen Zornanfalls ſolcher Art ſein könnte; die Größe des Haſſes gegen die Sinzendorfs, der in ſeiner Seele ſo lange Jahre wie ein glimmender Funke unverlöſchlich fortgelebt, machte ſie ſchaudern. Es entging ihr nicht, daß der erwähnte Zornausbruch von unheilvollen Folgen für ſeinen durch die vielen ausgeſtandenen Kriegsſtrapazen ohnehin mürbe gewordenen Körper geweſen, ob⸗ wohl er es zu verbergen ſtrebte; er begann zu ſiechen und anderthalb Jahre ſpäter machte der Tod dieſem Siechthum ein Ende. Der Obriſthofkanzler bot als guter und einfluß⸗ reicher Sohn ſeiner nun ſchon an die ſechziger Lebens⸗ jahre herangetretenen Mutter ſeinen Beiſtand in ihrer Vereinſamung an, da, wie er ſagte, ſein Stiefbruder Hubert noch manches Jahr brauchen werde, um die 95 nöthigen Lebenserfahrungen zu ſammeln, wie die un⸗ umgänglichſten Umgangsformen ſich anzueignen. Es bedurfte keines langen Zuredens, die Prinzeß⸗Mutter zu dem Entſchluß zu vermögen, Hermannſtadt, ihren langjährigen Aufenthaltsort, mit der Kaiſerſtadt Wien zu vertauſchen. Ueber Hubert's jugendlichen Lebensgang hatte der Verſtorbene in einem Codicill zu ſeinem Teſtamente feſte Verfügungen getroffen. Er ſollte das reformirte Collegium in Debreczin für die Dauer von drei Jahren, dann aber die Univerſität Leyden beſuchen. Die Wahl des Studiums blieb ihm gänzlich über⸗ laſſen, ſowie auch die Geſtaltung ſeiner Zukunft. Außer dieſer Hubert's Willen ſo wenig beſchränkenden Vorſchrift hatte der Graf noch eine andere beigefügt, welche die Wahl der ihm als Begleiter dienenden Perſonen feſt beſtimmte. Dieſe waren der gräfliche Hausarzt, Doctor Weilenberger, ein würdiger Herr, dem Hubert ſtets ſich ſehr ergeben gezeigt und von welchem der Verſtorbene die feſte Ueberzeugung be⸗ ſeſſen, daß er den Jüngling wie einen Sohn liebe; ferner ein junger, dem Hauſe Buſſy⸗Rabutin durch viele ge⸗ noſſene Wohlthaten zum innigſten Dank verpflichteter ungariſcher Edelmann, Namens Bela Iſtvanſi, ſodann der Sohn des deutſchen Förſters, Gottfried Almarich, 96 der, nur ein paar Jahre älter als Hubert, ſich deſſen ganzer Zuneigung erfreute, und endlich der treu⸗ geprüfte Diener des Verſtorbenen, Franzli, der von nun an ausſchließlich um die Perſon ſeines Sohnes ſein ſollte. Hubert folgte ſeiner Mutter nicht nach Wien, ſondern bezog das Debrecziner Collegium. Es zog ihn nicht nach der kaiſerlichen Reſidenzſtadt; der Obriſt⸗ hofkanzler hatte ihm zu wenig gefallen und er ſelbſt ſo unumwunden ſeine Abneigung gegen ihn noch bei Lebzeiten ſeines Vaters ausgeſprochen, daß ſeine Mutter es gar nicht ſehr bedauerte, nicht von ihm nach Wien begleitet zu werden. Der lebensmuthige Hubert ſtand jetzt im ſiebzehnten Lebensjahre. Er war ein ungemein kräftiger hochgewachſener Jüngling, ſein Aeußeres einnehmend, Geſundheit und die friſcheſte Jugend erhöhten als ganz beſondere Empfehlungen das Gewinnende ſeiner Perſönlichkeit, und ſeine Mutter hegte die feſte Ueberzeugung, daß ſein Aufenthalt in Debreczin beitragen werde, den ihm innewohnenden wilden Ungeſtüm zu zügeln und ihn mit jener Zurück⸗ haltung vertraut zu machen, welche das Fundament für die Aneignung der feinen Manieren in den hohen Kreiſen zu ſein pflegt, auf die ſeine Geburt ihn hinwies. ſen eu⸗ von nes ien, zog riſt⸗ lbſt noch eine nach bert ein ſein heſte ngen utter lt in enden trück⸗ ment hohen t ihn 97 Das waren die Thatſachen, welche dem ſich ſpäter abwickelnden Familienroman zu Grunde lagen. Galt ehedem das Haus der Prinzeß Eliſabeth von Holſtein, als ſie die Gemahlin des Hofkammer⸗ präſidenten Grafen Ludwig von Sinzendorf geweſen war, für eins der gaſtlichſten Wiens, als Sammelplatz aller diſtinguirten Fremden, ſo behauptete es jetzt, nachdem ſie als Wittwe des Generalfeldmarſchalls Grafen Buſſy⸗ Rabutin nach der Kaiſerſtadt zurückgekehrt, ganz daſ⸗ ſelbe Renommée, nur mit dem Unterſchiede, daß ſeine erlauchte Herrin keine junge und ſchöne Frau mehr war, ein Umſtand, der jedoch nicht in beſondere Be⸗ achtung kam, da er erſtens ſehr natürlich erſchien und zweitens auch einen Erſatz durch den faſt täglich daſelbſt ſtattfindenden Verkehr des berühmten Prinzen Eugen von Savoyen fand, den Armee und Volk durch den Beinamen„der edle Ritter“ ſelbſt für die Nach⸗ welt unvergeßlich machten. Die hohe Ariſtokratie des Kaiſerſtaates verfehlte daher nicht, ſich in den täglich offenen Salons der verwittweten Prinzeß einzufinden, und ſelbſt die Aſſembléen in der kaiſerlichen Burg vermochten nicht dem Hauſe der Prinzeß den Ruhm, die Elite der Geſellſchaft in ſich zu vereinigen, ſtreitig zu machen. Nur in einem ſolchen ausgewählten Kreiſe wurde Carion, Der alte Deſſauer. II. 7 98 es den Wien beſuchenden Fremden hohen Standes möglich, gewünſchte Verbindungen anzuknüpfen, mit den ausgezeichnetſten Perſonen bekannt zu werden und auch die Neugier zu befriedigen. Für letztere war Prinz Eugen allerdings ein ſehr wünſchenswerther Gegenſtand, beſonders da ſeine Erſcheinung eine voll⸗ kommene Ueberraſchung für alle die bot, welche nur ſeinen Ruhm, aber nicht ſeine Perſon kannten. Den meiſten von den letztern geſchah das, was ſo häufig geſchieht, wenn man ſich Phantaſiebildern überläßt; ſie erſtaunten, beſonders wenn ſie den her⸗ kuliſchen wilden Deſſauer geſehen hatten, in Prinz Eugen ein Männlein zu finden, das ſowohl in ſeinem Aeußern als in ſeinem Benehmen den entſchiedenſten Gegenſatz zu jenem bildete. Man ſah ihn ſtets im Salon der Prinzeß Hol⸗ ſtein an einem und demſelben Spieltiſch ſitzen, an dem die ſchöne Lorel Batthyanyi faſt nie fehlte. Seine kleine zarte Figur verſchwand beinahe gegenüber den hochaufgebauſchten Damen und er trug ſo wenig Glänzendes an ſich, daß man die allerdings blank⸗ geputzten Meſſingknöpfe ſeines braunen Kapuzinerüber⸗ rocks für den einzigen Gegenſtand zu halten beſtimmt wurde, mit welchem er brilliren wolle. Dieſer ſchlichte, aber bequeme Ueberrock, der durchaus nicht wenig blank⸗ rrüber⸗ ſtimmt Dieſer s nicht 99 geeignet war, ſeine Figur beſonders vortheilhaft her⸗ vorzuheben, war ſein Lieblingskleid, von deſſen Ge⸗ rauche er nur bei außerordentlichen Gelegenheiten abſah. Im Munde ſeiner Krieger hatte es ihm den Beinamen„das Kapuzinerl“ verſchafft, was er recht wohl wußte und weshalb er dieſes Ueberkleid noch mehr ſchätzte, denn jeder Blick darauf ſagte ihm, daß ſeine Soldaten im Enthuſiasmus für ihn und blind vertrauend auf den unter ſeiner Führung ihnen werden müſſenden Sieg ihm wie Kinder einem Vater an⸗ hingen. Sein längliches, gelblichbraunes, durch eine charakteriſtiſche lange Pferdenaſe markirtes Geſicht mit den meiſt aufwärts blickenden Augen zeigte den Aus⸗ druck des Schläfrigen, ja faſt Einfältigen, und nur wenn ſein Denken und Empfinden angeregt wurde, gewannen ſeine ruhigen, unbeweglich ſcheinenden Züge Elaſticität und Leben; immer aber blieb der Grund⸗ ton derſelben eine freundliche Milde, wie überhaupt aus allem ſeinem Thun eine bewundernswürdige heitere Seelenruhe ſprach. Einen beſondern, wohlthuend zu nennenden Zauber übten ſeine kleinen ſchwarzen Augen aus; ihre leuchtenden ſeelenvollen Blicke elektriſirten ebenſo wohl ſeine Soldaten, wie ſie ihm die Herzen der Frauen gewannen. 7* 100 Zu jener Zeit, als die zum zweiten Male Wittwe gewordene Prinzeß Holſtein nach Wien zurückkehrte, trug der„edle Ritter“ noch keine Alongeperrücke, wie das erſt in ſeinem höhern Alter der Fall war, ſondern ſein eigenes ſchwarzes Haar mit zwei ſteifen Locken. In allem Aeußerlichen und Perſönlichen der ſchlagendſte Gegenſatz ſeines Zeitgenoſſen, des Deſſauers, war er dies auch in der allerdings nicht preiswürdigen Angewöhnung des Tabakſchnupfens. Seine Weſten⸗ taſchen ſtrotzten immer von jenem ſcharfen ſpaniſchen Tabak, der als ein ſehr feingeriebenes oder gemahlenes rothgelbes Pulver die Gehirnnerven eines Jeden zu zerreißen droht, welcher nicht an dieſen Haugout ge⸗ wöhnt iſt. Seine Anweſenheit an irgend einem Orte abzuleugnen, wäre unmöglich geweſen, weil der bei ſeinem häufigen Priſennehmen verſtreute Tabak ihn verrieth. Trotzdem war jede Dame glücklich, in ſeine Nähe zu kommen, und man beneidete im Stillen die Gräfin Lorel Batthyanyi, welche von ihm beſonders ausgezeichnet wurde. Eine gleiche und nur in ihrem Ausdruck verſchie⸗ dene Gunſt genoß an ſeiner Seite die Prinzeß Hol⸗ ſtein, und ihr Haus ward darum von ihm mit Vor⸗ liebe beſucht, weil ihr verſtorbener Gemahl Buſſy⸗ Rabutin einer ſeiner beſten Waffenbrüder geweſen und 70 S2—— 2 rttwe orte, ücke, war, eifen der uers, digen eſten⸗ iſchen hlenes en zu ut ge⸗ Orte er bei c ihn 1 ſeine len die onders erſchie⸗ 8 Hol⸗ it Vor⸗ Buſſy⸗ ſen und 101 am königlichen Hofe in Frankreich, ohne daß Jemand darum wußte, ihm Unterricht in der Mathematik er⸗ theilt hatte, wodurch zwiſchen beiden, wenngleich Buſſy⸗ Rabutin um zehn Jahre älter als er war, eine dauernde Freundſchaft entſtanden war, welche der Prinz jetzt auf deſſen Wittwe übertrug, die nebenl ihrem Sohne, dem Obriſthofkanzler, in ihm einen treuen Freund und Berather ſah. Dem ſcharfen Blicke Eugen's konnte es nicht entgehen, daß Graf Philipp Sinzen⸗ dorf, wenn auch ſeine Worte ſehr ſchön klangen, doch für ſeinen auf dem Debrecziner Collegium ſtudirenden jungen Stiefbruder Hubert kein Herz hatte, daß er ſich unausgeſetzt bemühte, durch leicht hingeworfene Bemerkungen über denſelben die Mutter gleichgültig gegen ihn zu ſtimmen, ſodaß der Prinz dieſe oft ſehr niedergeſchlagen fand. Für die bereits in Jahren vorgerückte Dame war es natürlich ein ſchwerer Kummer, ſich ſagen zu müſſen, daß Hubert dieſelbe ſheftige Abneigung wie ſein ver⸗ ſtorbener Vater gegen den Namen Sinzendorf hege, denn ſie wußte recht wohl, daß dieſer vom Vater auf ihn vererbte Widerwille die Urſache war, daß Hubert, ſtatt ſie nach Wien zu begleiten, ſofort nach Debreczin ſich begeben hatte. In der Seele des Jünglings hatte ſich alſo ein tiefer Groll gegen ſeinen hochgeſtellten Stiefbruder eingeniſtet, und dies Bewußtſein rief bei ihr die Erinnerung an jenen heftigen Auftritt mit ihrem verſtorbenen Gemahl hervor, an deſſen Mög⸗ lichkeit ſie gern gezweifelt haben würde, wenn ſie ihn nicht zu ihrem Entſetzen erlebt hätte. Der Obriſthofkanzler hatte wohl bemerkt, daß ſeine Mutter etwas vor ihm verberge. Es war eben dieſe Erinnerung. Er verſtand es, ſie allmälig dahin zu bringen, daß ſie davon ſprach. „Es iſt wahrhaft ſeltſam, wie mein verſtorbener Herr Stiefvater in ſeinem Haſſe ſich ſo weit vergeſſen konnte, uns, den Sinzendorfs, deren Name doch nicht um ein Haar geringer im Werthe ſteht als der ſeine, die Bosheit zuzutrauen, die rechtmäßigen Anſprüche ſeines Sohnes durch Zweifel an deſſen Geburtsechtheit zu leugnen“, ſagte Graf Philipp.„Sie ſelbſt, gnä⸗ digſte Mama, werden mir zugeben!, daß der hochſelige Herr Stiefvater jedenfalls einem höchſt beklagenswerthen Paroxysmus unterlag, als er die tolle Idee ausſprach, daß nur dann, wenn die Todten aus ihren Gräbern auferſtänden, wir die Beweiſe ſtellen könnten, ſein Sohn ſei nicht ſein leiblicher Sohn. Nun, es iſt eben gut, daß wir nicht Freunde von derlei ſchaurigen Er⸗ perimenten ſind“, fügte er lächelnd hinzu. Die Prinzeß war ganz damit einverſtanden, daß bei mit ög⸗ ihn eine dieſe n zu vener geſſen nicht ſeine, prüche tchtheit gnä⸗ ſelige erthen prach, cäbern , ſein t eben en Ex⸗ n, daß 103 ihr verſtorbener Gemahl ſich in einem Stadium von plötzlich eingetretenem Wahnſinn befunden haben müſſe, um dergleichen ausſprechen zu können. Das Lächeln ihres Sohnes, des Obriſthofkanzlers, beſtärkte ſie darin und es war ihr lieb, da dieſe Erinnerung überhaupt ſchreckhaft für ſie war, daß er dieſelbe nicht weiter beachtete, denn er erwähnte ihrer nicht mehr. Prinz Eugen erkannte, wie der Obriſthofkanzler immer mehr Macht über ſeine Mutter gewann, und er hielt es für Pflicht, ſich des Sohnes ſeines Waffenbruders an⸗ zunehmen, obwohl er denſelben nicht perſönlich kannte; indeß Alles, was er über den Jüngling hörte, über⸗ zeugte ihn, Idaß dieſer durch die unbeſchränkte Frei⸗ heit, die ſein Vater ihm ſchon als Kind gewährt, zu einer leidenſchaftlichen Willensfeſtigkeit, einem ſtark ausgeprägten Hang zur Selbſtſtändigkeit gediehen ſei, die unter einer taktvollen Leitung zu den lobenswer⸗ theſten Eigenſchaften für den Charakter eines Mannes herangebildet werden könnten. Es erſchien ihm als eine unabweisbare Pflicht, Alles, was in ſeinen Kräften ſtehe, zu thun, um den Namen ſeines verſtorbenen Waffenbruders, als eines tapfern Kriegers, in deſſen Sohne fortleben zu laſſen, und dieſem Vorſatz gemäß machte er ſich zum Anwalt deſſelben bei deſſen er⸗ lauchter Mutter, die ſehr gern auf den Vorſchlag ein⸗ ging, Hubert unter der Leitung des Prinzen den Kriegerſtand wählen zu laſſen. In den erſten Ferien, welche den Schülern des Debrecziner Collegiums auf die Dauer von ſechs Wochen geſtatteten, ihre Aeltern zu beſuchen oder einen längern Ausflug zu unter⸗ nehmen, kam Hubert alſo auf ihren Wunſch nach Wien; das Verlangen, den Prinzen Eugen, der, wie die Mutter ihm geſchrieben, ſich lebhaft für ihn inter⸗ eſſire, perſönlich kennen zu lernen, hatte ſogar über ſeine Abneigung gegen den Stiefbruder den Sieg davongetragen. Für die hohen Kreiſe Wiens war ſeine Erſchei⸗ nung ungemein intereſſant. Man fand den jungen Wilden, der von all dem Formenkram der wortreichen Höflichkeit und den feinen Maniereng der hohen Welt nichts verſtand, allerliebſt. Seine jugendliche Schön⸗ heit, die Kraft, deren geborener Repräſentant er zu ſein ſchien und welche ſein mit den Umgebungen keines⸗ wegs ſtimmendes kerniges Sichgehenlaſſen gleichſam wie mit einem Schilde deckte, entzückten, er war etwas Neues, Ungewöhnliches, und da Prinz Eugen laut ausſprach, daß dieſer durch eine ſeltſame Erziehung allerdings manchen Anforderungen der Geſellſchaft gegenüber außerhalb den Schranken des Herkömmlichen ſich befindende Jüngling, dem nichts weiter als die 105 Schule des Gehorchens fehle, einen angenehmen Ein⸗ druck auf ihn mache, ſo fiel auch das allgemeine Ur⸗ theil günſtig über ihn aus. Hubert brachte dem Prinzen Huldigungen un⸗ gewöhnlicher Art dar, indem er ihm mit vollkräftigem jugendlichem Enthuſiasmus ſagte, daß er an ihm erſt das Beiſpiel ſehe, wie ein wahrer Held kein Goliath zu ſein brauche, indem nicht die gewaltige Fauſt oder ein wilder furchtbarer Blick, ſondern der Geiſt allein die Maſſen lenke, und obwohl er ſehr zufrieden mit der ihm von Gott verliehenen großen kräftigen Ge⸗ ſtalt ſei, ſo würde er doch ſofort mit einem kleinen ſchmächtigen Körper gern vorlieb nehmen, wenn er jemals ein Prinz Eugen werden könnte. Leider war die Zeitdauer der Ferien zu kurz, um das ſich ſonſt väterlich geſtaltende Verhältniß des Prinzen zu Hubert ganz zu befeſtigen, aber die wenigen Wochen hatten doch eine Zuneigung zu dem Jüngling bei ihm hervorgerufen, welche, wie das überhaupt in Eugen's mildem Charakter begründet war, nicht ſo leicht zu den bald vergeſſenen Dingen gezählt werden konnte, um ſo mehr, als es ihm wohlthat, ſich uneigennützig von Hubert geliebt zu wiſſen, eine Ueberzeugung, die einem Manne von ſolchen Erfahrungen, wie Eugen ſie trotz aller ihm von der kaiſerlichen Hofgeſellſchaft 106 erwieſenen tiefen Reſpectbezeigungen zu machen Ge⸗ legenheit hatte, von großem, unſchätzbarem Werthe ſein mußte. 3 Um die Prinzeß⸗Mutter ganz glücklich zu machen, hatte ſich auch das üble Verhältniß zwiſchen dem Obriſthofkanzler und Hubert ſcheinbar völlig aus⸗ geglichen. Erſterer zeigte ſich ſogar bemüht, den Jüng⸗ ling durch Freundlichkeit für ſich zu gewinnen; Hubert ſchien dies nicht zu überſehen, und das gegenſeitige Vernehmen beider, welche an Charakter ſo verſchieden von einander waren, ließ nichts zu wünſchen übrig. So hatte Hubert die Kaiſerſtadt verlaſſen. Wenn auch die Geſellſchaft, in welche er daſelbſt vermöge ſeiner hohen Geburt eingeführt worden war, ihn nicht beſonders gefeſſelt hatte, da alles Förm⸗ liche ihn anwiderte, ſo nahm er doch einen Eindruck mit von Wien hinweg, welchen er gern feſthielt, weil er ſich durch denſelben geſchmeichelt und gehoben fühlte. Noch nie war in ſeiner Seele das Bewußt⸗ ſein des Vorzugs, den ihm ſeine Geburt gab, ſo lebendig hervorgetreten als jetzt, er hatte es mit einer nie bekannten Befriedigung empfunden, daß er für Höheres geboren ſei und zu den Auserwählten gehöre, die auf den Höhen der Geſellſchaft ſtehen, denen alle Wege zu den höchſten Würden ſich gleichſam von ſelbſt ⸗ Ge⸗ ſein hen, dem aus⸗ üng⸗ bbert eitige ieden rig. ſelbſt war, zörm⸗ druck weil hoben wußt⸗ b, ſo einer er für gehöre, n alle ſelbſt 107 erſchließen als Zugehörigkeiten ihres hohen Standes. Und dies Bewußtſein, dies ſtolze Empfinden war für ihn eine mächtige Anregung, ſein Denken mehr auf ſich ſelbſt zu richten, als er dies bis jetzt gethan hatte, und ſo ging eine bedeutende Umwandlung mit ihm vor. Der Ehrgeiz, ſich auszuzeichnen, um des Namens, den er führte, würdig zu werden, bewegte ſeine junge, leicht entflammte Seele. IV. Kaum ein Jahr war ſeit dem Beſuche des jungen Grafen Hubert bei ſeiner Mutter zu Wien verfloſſen, als daſelbſt unter dem Siegel des Geheimniſſes eine Kunde von Mund zu Munde ging, die faſt unglaublich klang, aber eben deshalb dazu angethan war, das Intereſſe der müßigen und um pikanten Unterhaltungs⸗ ſtoff oft verlegenen vornehmen Welt in hohem Grade in Anſpruch zu nehmen. Es hieß, in Gran ſei die Entdeckung gemacht worden, daß Hubert nicht der Sohn des Feldmarſchalls Buſſy⸗Rabutin und der Prinzeß Holſtein, ſondern der Sprößling eines Hai⸗ ducken ſei, welcher erſt vor kurzem verſtorben wäre. Derſelbe habe früher unter dem Generalfeldmarſchall als Soldat gedient und ſei in der Schlacht bei Zentha 1697 ſchwer verwundet, jedoch wiederhergeſtellt und beim Graner Comitate als Gefängnißwärter angeſtellt igen ſen, eine blich das ngs⸗ rade die der der Hai⸗ wäre. ſchall entha und eſtellt 109 worden, habe aber dieſen Poſten aufgegeben und ein Stück Land angekauft, das er bis zu ſeinem Tode bewirthſchaftet. Die ziemliche Entfernung Wiens von der Stadt Gran und die Unvollkommenheit der da⸗ maligen Verkehrsmittel geſtatteten nicht, das Dunkel dieſer Sage zu lichten, man mußte ſich an das halten, was man hörte und was man mit eigenen Augen be⸗ merkte. Die Prinzeß⸗Mutter war eine Zeit lang für Jedermann unzugänglich, es hieß, ſie ſei erkrankt. Genauere Nachrichten ergaben, daß die alte Dame allerdings ſich in einem Zuſtande großer Angegriffen⸗ heit befinde, dieſe aber die Folge eines argen Schreckens ſei, den ſie gelegentlich eines Beſuchs zweier ungariſcher Herren gehabt habe. Es entging den Ar⸗ gusaugen der in neugierige Spannung Vefſetzten, was an dieſem ſeltſamen Gerüchte Wahres ſei, nicht, daß ſeitdem der Obriſthofkanzler und ſeine Vettern von der Ernſtbrunner Linie auffällig viel mit der Prinzeß⸗Mutter verkehrten; auch Prinz Eugen war mehrmals bei der alten Dame vorgefahren, man hatte ſeine roſinfarbenen Iſabellen vor ihrem Hauſe halten ſehen und zwar in Stunden, wo er ſonſt nie ausfuhr. Plötzlich hieß es, die Prinzeß habe in Begleitung ihres Sohnes, des Obriſthofkanzlers, eine Reiſe unter⸗ 110 nommen, man erfuhr auch, daß dieſe einem Ausflug nach Ungarn galt, und fand darin die Beſtätigung, daß das erwähnte Gerücht doch wohl nicht aus der Luft gegriffen ſei. Und das war es wirklich nicht. Die Prinzeß⸗Mutter hatte ſich in Begleitung ihres Sohnes, des Obriſthofkanzlers, perſönlich nach Gran begeben, um an Ort und Stelle über die ſo entſetzliche Kunde, welche man ihr von Gran aus gerichtlich gemeldet, Näheres zu erfahren. Das Ergebniß, welches man ihr gerichtlicherſeits vorlegte, beſtand in Folgendem: Frau Hanulik, ihrem Gewerbe nach Hebamme, ziemlich bei Jahren und ſchwach an Geiſt wie an Körper, hatte eines Tages, wie ſie ſagte, von Ge⸗ wiſſensbiſſen getrieben, einem der Comitatsrichter das Geſtändniß abgelegt, daß ſie bei einem Kindertauſch behülflich geweſen, wodurch, ihrem Ausdrucke nach, ſie inſofern ein himmelſchreiendes Verbrechen begangen habe, als ein von katholiſchen Aeltern geborenes Kind zum Ketzer gemacht worden ſei. Die Gemahlin des Generalfeldmarſchalls Grafen Buſſy⸗Rabutin näm⸗ lich habe ſich genöthigt geſehen, in Gran ihre Ent⸗ bindung abzuwarten, und habe dabei ihre Dienſte in Anſpruch genommen. Zu gleicher Zeit ſei auch die Frau des Haiducken Fazekas, eines Gefängnißwärters flug ung, Luft Die nes, ben, nde, ldet, ſeits ume, an Ge⸗ das auſch , ſie ngen renes ahlin näm⸗ Ent⸗ te in die rters 111 beim Comitate, niedergekommen und zwar mit einem Knäblein, während die Gemahlin des vornehmen Offiziers wenige Stunden ſpäter eines Töchterchens geneſen. Letzterer habe ihr in großer Erregung ver⸗ ſprochen, wenn der Himmel ihm einen Sohn gewähre, wolle er ihr ein Geſchenk von hundert Dukaten machen, da es aber ein Mädchen geweſen, ſei er, wie von einem Blitzſtrahle niedergeſchmettert, auf einen Seſſel geſunken, und ſie habe in ihrem Kummer gerufen: „Hätte es denn nicht umgekehrt ſein können, daß das Weib des Fazekas des Mädchens und die vornehme Dame des Knäbleins Mutter geweſen wäre?“ Dieſe Worte habe der vornehme Herr aufgefangen und ſie bewogen, die Vermittlerin bei Fazekas, den ſie gut gekannt, dahin zu machen, daß dieſer ſein um ein paar Stunden älteres Knäblein gegen das Mäd⸗ chen vertauſche, wofür er fünfhundert Dukaten ſofort bekommen ſolle, mit dem Verſprechen, ſich fernerer Unterſtützung verſichert halten zu können. Die Nacht und die Nähe der Fazekas'ſchen Wohnung hätten dieſen Kindertauſch begünſtigt. Die von der Reiſe ermüdete Dienerſchaft des Grafen habe im Schlafe gelegen, da die Wehen der Dame ſich wieder beruhigt und man deren Niederkunft erſt für den nächſten Tag erwarten zu können geglaubt habe; man ſei überhaupt 112 um ſo ſorgloſer geweſen, als man ja in ihrer, der Frau Hanulik Perſon eine in ſolchen Angelegenheiten erfahrene Frau bei ihr als Wächterin gewußt. Die Dame ſei von einer Ohnmacht umfangen und ſo ſchwach geweſen, daß ſie wie todt dagelegen hätte. Nur ein Diener des Grafen habe um dieſen Handel gewußt. Sie könne aber von dieſem Zeugen nichts weiter ſagen, als daß er ſehr unvollkommen Ungariſch verſtanden und ein Franzoſe geweſen ſei. So wenig dies Geſtändniß im Munde einer Frau, die ſich dem Trunke ergeben und in ihren häus⸗ lichen Verhältniſſen, weil des angedeuteten Laſters wegen ſich ſeit Jahren Niemand ihres Beiſtandes als Hebamme mehr bedient hatte, ſehr heruntergekommen war, glaubwürdige Geltung gefunden haben würde, zumal da in ihrer Ausſage doch Manches dunkel und räthſelhaft blieb, was auf Rechnung ihrer Vergeßlich⸗ keit ſeit den verfloſſenen achtzehn Jahren geſetzt werden mußte, ſo fand ſich doch auch Vieles vor, was geeignet war, ihr Geſtändniß als ein wahrheitsgetreues er⸗ ſcheinen zu laſſen. Der vier Jahre vorher als ziemlich wohlhabender Schweinezüchter verſtorbene Fazekas und ſein ſchon früher verſtorbenes Weib waren gute Bekannte der Frau Hanulik geweſen, ja Fazekas hatte ſich auch dann der eiten Die 2 ſo aätte. andel nichts griſch einer häus⸗ aſters s als mmen würde, l und eßlich⸗ verden reignet es er⸗ bender ſchon te der h dann 113 nicht von ihr zurückgezogen, als ſie in ihren Ver⸗ mögensumſtänden herunterkam. Alle diejenigen, welche ihn kannten, und ſelbſt ſeine eigene zahlreiche Fa⸗ milie beſtätigten, daß er ſtets zu ſeiner Tochter Roſi⸗ milla, die ein Jahr vor ſeinem Hinſcheiden das Zeit⸗ liche in der Blüte ihrer Jahre geſegnet, eine auf⸗ fallende, faſt reſpectvolle Liebe geäußert und ihr, die er, wenn er guter Laune geweſen, ſcherzweiſe das Grafenkind genannt, ſogar eine beſſere Erziehung als ſeinen übrigen Kindern habe geben laſſen, wodurch zwiſchen ihr und ihren Geſchwiſtern eine Schranke ge⸗ bildet worden ſei, welche Neid und Zwietracht unter ihnen erregt und Roſimilla, die ſich durch die über⸗ große väterliche Zärtlichkeit und durch ihr ſchönes Aeußeres beſonders gehoben gefühlt, zu einem ſtolzen Weſen gegen dieſe verleitet habe, beſonders da der Vater ſie nie zu den niedern Beſchäftigungen, wie ſie im Hauſe einer zahlreichen Familie jedes Mitglied der⸗ ſelben treffen, verwendet. Wenn dies auffällig genug erſchien, ſo lag doch noch etwas vor und zwar bei Gericht, das Frau Ha⸗ nulik's Ausſage gar ſehr unterſtützte. Der älteſte Sohn des Fazekas, welcher das väterliche Geſchäft des Schweinezüchtens fortgeſetzt hatte, aber dabei nicht vom Glücke begünſtigt worden war und überdies ſtark Carion, Der alte Deſſauer. II. 8 114 einem liederlichen Leben zuneigte, hatte in kurzem ſo viel Schulden aufgehäuft, daß auf Andrängen ſeiner Gläubiger und ſeiner eigenen Geſchwiſter, die ſich ſchwer in ihren Forderungen an ihn geſchädigt ſahen, das Gericht einſchreiten mußte, um ſo viel als möglich von dem Vorhandenen für dieſe zu retten. Selbſt⸗ verſtändlich hatte man ſich dabei aller Papiere be⸗ mächtigt, die ſich in ſeiner Wohnung vorfanden, und unter dieſen fielen dem Gerichte auch einige Briefe des Generalfeldmarſchalls Grafen Buſſy⸗Rabutin an den verſtorbenen Vater des Verſchuldeten in die Hände. Wenn es zum höchſten Erſtaunen anregte, daß ein Herr in ſo hoher Stellung mit einem obſcuren Schweinezüchter auf ſo freundſchaftlichem Fuße ge⸗ ſtanden, um ihn der Ehre zu würdigen, Briefe an ihn zu ſchreiben, ſo war deren Inhalt von einer Art, welche klar darthat, daß ihm der Graf zu großem Danke verpflichtet geweſen ſein mußte; aber erſt durch Frau Hanulik's merkwürdige Ausſage erhielt dieſe räthſelhafte Dankbarkeit eine Deutung, an die natür⸗ lich Niemand gedacht hatte. Man legte der Prinzeß dieſe Briefe ihres ver⸗ ſtorbenen Gemahls vor und ſie erkannte ſofort ſeine Handſchrift, in der auch keine der Eigenthümlichkeiten ſo ner ſich zen, blich lbſt⸗ be⸗ und riefe an die ß ein ruren ge⸗ n ihn Art, oßem durch dieſe natür⸗ ver⸗ ſeine hkeiten 115 fehlte, durch welche ſich dieſelbe vor faſt allen andern auszeichnete. Die damalige franzöſiſche Manier, Schnörkel bei den Anfangsbuchſtaben der Hauptworte anzubringen, zeigte ſich hier im reichlichſten Maße vertreten, und beſonders war es ein öfter ſich wiederholender kühner, ſchlangenartig ſich zuſammen rollender Zug, der Buſſy⸗ Rabutin eigen geweſen, welcher jede Annahme, als ſeien dieſe Briefe in ungariſcher Sprache und mit vielen orthographiſchen Fehlern nicht von ſeiner Hand geſchrieben, aus dem Felde ſchlug. Der Inhalt der⸗ ſelben erſchien ihr, nachdem ſie Frau Hanulik's Aus⸗ ſage kannte, durchaus nicht räthſelhaft, wenn die Be⸗ ſtätigung derſelben ſich auch nicht mit klaren Worten ausgeſprochen fand. Einer dieſer Briefe lautete: „Fazekas, mein wackerer Freund, daß ich ſolche Freude erlebe, danke ich Dir. Führt Dich Dein Weg, ich meine Dein Gewerbe, in meine Nähe, ſo wirſt Du nicht unterlaſſen, mich aufzuſuchen. Der Knabe wächſt herrlich heran; ich bin glücklich, wenn ich ihn anſehe, denn ich weiß es, er wird meinem Namen Chre machen, der mit mir ſonſt zu Grabe ginge, da ich nur noch der einzige des alten berühmten Geſchlechts Buſſy⸗Rabutin auf dieſer Erde war. Ohne Dich, braver Fazekas, wäre mir dies Glück nie zu Theil geworden. 8* 116 Dein Grafenkind blüht ſchön auf, ſchreibſt Du mir, nun, ſo iſt uns beiden ja geholfen und ich glaube, Du wirſt es natürlich finden, daß ich etwas beitrage, der kleinen Roſimilla Freude zu machen. Beifolgende zwanzig Dukaten verwende für ſie. Ich erwarte von Dir, daß Du ihr auch eine dem Namen Grafenkind wenigſtens einigermaßen entſprechende Erziehung geben laſſen wirſt, denn ich wiederhole mein Dir damals in Gran gegebenes Verſprechen, daß ich für ihre Zu⸗ kunft Sorge tragen werde. Ich ſehe dies als eine Pflicht an.“ Der Schlußſatz enthielt nichts als die Verſicherung, daß Fazekas ſich jederzeit auf ſeinen Beiſtand verlaſſen könne. Die Prinzeß⸗Mutter konnte jetzt keinen Zweifel mehr hegen, daß der Kindertauſch, deſſen Frau Hanulik ſich anklagte, auf vollſtändiger Wahrheit beruhe und die Frau dies Geſtändniß nur abgelegt habe, um ihrer Gewiſſensangſt ledig zu werden, ſich von dem nagen⸗ den Vorwurf zu befreien, ſie habe ein Kind katho⸗ liſcher Aeltern, des Fazekas und ſeines Weibes näm⸗ lich, in die Hände von Proteſtanten, wie Graf Buſſy⸗ Rabutin und ſeine Gemahlin es waren, geliefert und es ſo dem Moloch der Ketzerei geopfert. Die Prinzeß⸗Mutter beobachtete ein tiefes Schwei⸗ mir, aube, rage, gende von ikind geben als in Zu⸗ 2 S eine erung, rlaſſen - mehr lik ſich und die n ihrer nagen⸗ katho⸗ 8 näm⸗ Buſſy⸗ ert und Schwei⸗ 417 gen, ihr Blick war ſtarr auf das eben von ihr geleſene Blatt gerichtet, aber ihre Gedanken weilten ſicher wo anders. Ihr neben ihr ſtehender Sohn, der Obriſt⸗ hofkanzler, unterbrach die faſt unheimliche Stille mit den Worten: „Gnädigſte Mama, mich will bedünken, nun be⸗ dürfte des hochſeligen Herrn Stiefvaters ſeltſame Rede, daß die Todten erſt aus ihren Gräbern aufſtehen müßten, um zu beweiſen, daß Hubert nicht Fleiſch von ſeinem Fleiſche, Blut von ſeinem Blute ſei, keines weitern Commentars.“ „Nein“, antwortete die Angeredete zuſammen⸗ ſchaudernd.„Und das konnte er an mir thun, mich durch eine ſolche Täuſchung zwingen, den Sprößling gemeiner Leute für mein eigenes Kind zu halten, dieſen als ſolches zu herzen und zu küſſen! Es iſt eine ab⸗ ſcheuliche That, die er an mir verübt hat; ich kann ſie ihm nie vergeben!“ Der Obriſthofkanzler fügte hinzu:„Es iſt eine traurige That, gnädigſte Mama, zu der ihn— ich weiß wenigſtens nicht, wie ich ſie mir anders erklären ſoll— nur ein grimmiger Haß gegen Alles, was den Namen Sinzendorf trägt, verleitet haben kann. Die Befürchtung, daß die ihm neugeborene Tochter gleich ihren vorangegangenen Schweſtern einem frühzeitigen 118 Tode verfallen könne und ihm demnach die Möglichkeit, ſich an uns durch Entziehung Ihrer dereinſtigen Hinterlaſſenſchaft, gnädigſte Mama, zu rächen, ent⸗ gehen werde, ſcheint mir der wahre Grund ſeines Handelns geweſen zu ſein, weil ich unmöglich einem Manne ſeiner Art zutrauen kann, daß er um der bloßen Schrulle willen, ſeinen Namen in der Welt fortleben zu laſſen, ſich zu einer ſo widrigen Gemein⸗ heit verirrt habe.“ „Ach, Philipp, er beſaß einen bedeutenden Fonds von Ehrſucht“, ſprach die Prinzeß⸗Mutter. „Nun, in dem Falle, gnädigſte Mama, der uns hier vorliegt, hat ſie ſich dann in einer Weiſe verirrt, die von nichts ferner iſt als von Ehre und ſowohl für Sie als für mich eine dringende Aufforderung enthält, dieſe triſte Angelegenheit ſo zu ordnen, daß die Welt kein Aergerniß daran finden kann. Ich bitte, überlaſſen Sie das mir. Ich finde es für nothwendig, die dem Trunk ergebene Frau Hanulik von hier zu ent⸗ fernen, um der Möglichkeit der Weiterverbreitung dieſer uns wahrlich nicht zum Ruhm dienenden Entdeckung vorzubeugen. Man wird von ſeiten des hieſigen Comi⸗ tatsgerichts, denke ich, keine Bedenklichkeiten erheben, wenn ich die Sache zu verſchleiern trachte. Ich habe doch Ihre Zuſtimmung, gnädigſte Mama?“ keit, tigen ent⸗ eines einem der Welt mein⸗ fonds uns Lrirrt, owohl erung , daß bitte, endig, zu ent⸗ dieſer deckung Comi⸗ iheben, h habe 119 „Und Hubert?“ fragte die alte Dame, in deren Herzen ſich ein Schmerzgefühl um den Jüngling regte. Der Obriſthofkanzler beſaß hinlängliche Menſchen⸗ kenntniß, um zu wiſſen, daß dieſe Frage einen Punkt berührte, der mit beſonderer Feinheit abgethan werden mußte, um ſie zu einem Einverſtändniß mit ſeiner Anordnung zu bewegen. Mit einer Miene, welche einen ſchweren Kummer ausdrückte, ja ſelbſt mit einem Tone, der ſchmerzlich erregt klang, rief er: „ Ach, der Unglückliche, ich beklage ihn tief! Iſt er denn beſſer daran als ein aus allen Himmeln Ge⸗ ſtürzter? Ihm gegenüber dürfen wir nie vergeſſen, daß er keine Schuld an dem Zuſammenſturz ſeiner glück⸗ lichen Jugendträume trägt, ja es iſt ſogar unſere Pflicht, ihn dafür zu entſchädigen und zwar auf eine Weiſe, die unſerer würdig iſt, die er bei einigermaßen ruhiger Ueberlegung des furchtbaren Schlags, der ihn, den Schuldloſen, trifft, annehmen kann, ohne ſich be⸗ ſchimpft zu fühlen. Dieſes Arrangement wird unſer beiderſeitiges Nachdenken ſehr in Anſpruch nehmen, gnädigſte Mama, da es zugleich eine Rechtfertigung für uns vor unſerm eigenen Gewiſſen und unſerer Ehre ſein muß. Ich bekenne Ihnen aufrichtig, daß ſein— wie ſoll ich es gleich nennen?— den Um⸗ gangsformen der hohen Kreiſe, auf die der bisher mit 120 Recht von ihm geführte Name ihm den gegründetſten Anſpruch gab, ſpottendes, trotziges, die eingeführte Sitte unter hohen Standesperſonen herausforderndes Benehmen mich ihm ſehr abgeneigt gemacht hatte, obwohl ich mir ſagte, daß dies nicht ſeine Schuld, ſondern die ſeiner ſeltſamen Erziehung ſei und, ich kann jetzt nach dem, was wir über ſeine wahre Ab⸗ ſtammung erfahren haben, wohl hinzuſetzen, in dem ſchlechten Blute, das in ſeinen Adern rollt, das vor⸗ züglichſte Element gehabt hat, ſich auf ſolche wider⸗ wärtige Weiſe auszubilden; aber ſein Unglück verſöhnt mich mit ihm und ich bitte Sie, gnädigſte Mama, ſich verſichert zu halten, daß ich nur in dieſem Sinne und von ſolcher milden Geſinnung geleitet danach ſtreben werde, für Sie auf ein Abkommen mit ihm zu denken, welches Ihnen das Bewußtſein gibt, Alles gethan zu haben, was nur die ausgedehnteſte Pflicht und Groß⸗ muth je von Ihnen beanſpruchen könnten.“ Die alte Dame war tief von dem Vorgange er⸗ griffen, der ſie factiſch um einen Sohn ärmer machte, an dem ſie, wenngleich ſie die Folgen ſeiner unge⸗ wöhnlichen Erziehungsweiſe an ihm mit Mißbilligung ſah, doch mit einem mütterlichen Stolze gehangen hatte. In ihr Herz war ein Zwieſpalt zwiſchen Zuneigung zu Hubert und jenem durch ſo viele Lebensjahre, als & 2ä— 121 ſie zählte, wohlgepflegten und feſtgewurzelten Erhaben⸗ heitsbewußtſein ihres Ranges gefallen, daß ſie gleich einem lecken Schiffe nach beiden Seiten ſchwankte, ohne einen Halt finden zu können, weswegen ſie ihrem Sohne, dem Obriſthofkanzler, das Ordnen dieſer wider⸗ wärtigen und ſie ſo tief berührenden Angelegenheit überlaſſen zu müſſen glaubte, weil er ja ihre einzige Stütze und zugleich als nächſter Verwandter Hubert's auch von ſelbſt auf eine friedliche Verſtändigung mit demſelben angewieſen war. Nach ihrer Rückkehr in die Kaiſerſtadt verſuchte ſie, ſoviel in ihren Kräften ſtand, dem ſich in ihrem Hauſe ſammelnden Geſell⸗ ſchaftskreis gegenüber ſo heiter als möglich zu erſcheinen, da ſie wohl ahnte, daß aller Augen auf ſie ſich richten würden. Es war ein herber Kampf, den ſie gegen ſich ſelbſt führte, ein Kampf, der ihr durch den Umſtand noch mehr erſchwert wurde, daß Prinz Eugen, der Einzige, dem man als Freund und Waffenbruder des verſtorbenen Grafen Buſſy⸗Rabutin Mittheilung über die erſchreckende Entdeckung des Geburtsverhältniſſes Hubert's hatte machen müſſen, ſich ganz entſchieden zu des letztern Gunſten und offenbaren Zweifel an dem angeblich von deſſen Vater begangenen Kindertauſche ausgeſprochen hatte, ſodaß ſie in ein ihre Gemüths⸗ — — —— 122 ruhe höchſt ſtörendes Schwanken zwiſchen dem Glauben an die Wahrheit dieſes von ihrem verſtorbenen Ge⸗ mahle begangenen Verbrechens, welches ihre fürſtliche Ehre unverzeihlich verletzt hatte, und der ſchwachen Hoffnung auf die Möglichkeit, dieſe That als nicht geſchehen betrachten zu können, wozu natürlich keine Ausſichten vorhanden waren, ſich verſetzt fand. Auf Verlangen des Obriſthofkanzlers hatte ſich das Graner Comitatsgericht bewogen gefunden, die Hinterlaſſenen des Haiducken Fazekas eidlich über ihres verſtorbenen Vaters etwaige beſondere Verhältniſſe nach außen und über ihre ebenfalls verſtorbene Schweſter Roſimilla und deren beſondere Stellung in der Familie zu vernehmen. Die Ausſagen lauteten faſt einſtimmig dahin, daß im Laufe der Jahre einige⸗ mal ein großer Mann im Fazekas'ſchen Hauſe zum Beſuch gekommen ſei, der nur eben mit dem Vater verkehrt habe. Sie, die Kinder, wären dann jedesmal in eine Stube des Hintergebäudes verwieſen worden, nur Roſimilla habe dableiben dürfen, und wenn der Fremde wieder fortgegangen, habe das kleine Mädchen ihnen ſchöne Geſchenke gezeigt, wie goldene Kreuze zum Umhängen und ſogar feines Spielzeug. Vater Faze⸗ kas und ſelbſt die Mutter hätten offenbar Roſimilla einen Vorzug vor ihnen, deren Geſchwiſtern, gegeben, ben Ge⸗ liche ichen nicht keine ſich die ihres tniſſe rbene g in ateten inige⸗ zum Vater esmal prden, n der lidchen e zum Faze⸗ ſimilla geben, 123 das Grafenkind, wie der Vater das Mädchen gern ge⸗ nannt, habe ſogar beſſere Kleidung empfangen, und beſonders habe es viel Eiferſucht und Mißgunſt unter ihnen hervorgerufen, daß der Vater, der in der Regel mit Schlägeaustheilen nicht ſehr zurückhaltend geweſen ſei, Roſimilla niemals geſchlagen habe. So wäre ſie denn wie eine Abart in der Familie aufgewachſen, und es habe gar nicht anders kommen können, als daß ſie durch den Schutz und Rückhalt, den ſie am Vater beſtändig gehabt, ſtolz geworden ſei. Sie habe ſich etwas Beſſeres als ſie gedünkt, und da ſie auch ein ſchönes Mädchen und durch einen beſſern Unterricht, den ſie genoſſen, gebildeter geweſen und nicht Theil genommen an der gewöhnlichen Hausarbeit, ſo habe zwiſchen ihr und ihnen eine ſtille Abneigung beſtanden, beſonders da Roſimilla zuweilen verächtlich gegen ſie geäußert, daß ihr eine ganz andere Zukunft als ihnen bevorſtehe, denn ein vornehmer Herr werde dafür Sorge tragen. Ihr ſchneller Tod hätte übel auf den Vater gewirkt; von der Zeit an habe er gekränkelt, bis er ſelbſt geſtorben. Dieſe Ausſagen bekräftigten allerdings nebſt den von dem verſtorbenen Generalfeldmarſchall an Fazekas geſchriebenen Briefen nur allzuſehr das Geſtändniß der Frau Hanulik, ſodaß ſelbſt Prinz Eugen, als man ihn 124 auch davon in Kenntniß geſetzt hatte, keine andere Aeußerung abgab als die, es ſei ihm unmöglich, an eine That zu glauben, durch welche ſein Freund und Waffenbruder Buſſy⸗Rabutin einen Betrug an ſeiner eigenen Ehre und zugleich an ſeinem Vaterherzen ver⸗ übt haben würde. Für die Neugierigen ergab ſich wenigſtens kein Reſultat, das ihren Bemühungen, in dieſer Sache etwas Genaueres zu erfahren, Vorſchub geleiſtet hätte; der Schleier des Geheimniſſes breitete ſich ſorg⸗ ſam über Alles, was Licht in dieſes Dunkel hätte bringen können, nur die Bemerkung machte man, daß die ESinzendorfs älterer Linie jetzt noch viel öfter im Hauſe der Prinzeß geſehen wurden. Von alledem nichts ahnend, überließ ſich Hubert den Jugendfreuden im Kreiſe ſeiner Commilitonen zu Debreczin. Man liebte ihn, denn es war kein Falſch in ſeiner jungen Seele. Wie der Schmetterling luſtig von Blumenkelch zu Blumenkelch flatternd ſeiner Flügel⸗ decken Pracht entfaltet, ſo auch er das vom Glück rüſtiger Geſundheit, kräftiger Jugend und dem Be⸗ wußtſein des Reichthums erfüllte Herz. Er war der fröhlichſte unter den Jünglingen, die daſelbſt ihren Studien oblagen und in ihm einen treuen Freund be⸗ dere an und mner ver⸗ kein ache ätte; ſorg⸗ unkel achte jetzt ſehen ubert n zu falſch uſtig lügel⸗ lück Be⸗ der ihren d be⸗ 125 ſaßen, der, wenn ſie in Noth waren, ſtets mit ſeinen reichen Mitteln ihnen aushalf. Das Debrecziner war dasjenige unter den drei Collegien Ungarns, welches wegen der daſelbſt herrſchen⸗ den Lehrfreiheit von den Söhnen der Reformirten ſtark beſucht wurde; weniger erfreuten ſich Patak und Papa einer zahlreichen Studentenſchaft. Der furcht⸗ bare Druck, den die Jeſuiten, welche Leopold I. ganz nach Belieben hatte ſchalten laſſen, auf die Proteſtan⸗ ten ausübten, indem ſie in nicht ſeltenen Fällen mit Kerker, Landesverweiſung und andern Zwangsmitteln gegen beſonders ausgezeichnete Perſonen oder ganze Familien derſelben vorgingen, hatte ſich trotzdem, daß Kaiſer Joſeph I. für ſeine akatholiſchen Unterthanen ſchützende Vorſchriften gegeben, um nichts verringert, ja letztere hatten nur noch mehr die jeſuitiſche Schlau⸗ heit, ihre Gegner durch nichtswürdige, geheimnißvoll geführte Streiche niederzuwerfen und zu beſeitigen, herausgefordert. Noch weit ſchlimmer wurde aber dieſer troſtloſe Zuſtand, obwohl drei Fünftel des ungariſchen Volkes Proteſtanten waren, unter Kaiſer Karl VI. Die Jeſuiten und der katholiſche Klerus ließen Karl's Reſolutionen zum Schutze der Akatho⸗ liken gar nicht rechtskräftig werden. Die Verweiſung proteſtantiſcher Angelegenheiten an einen aus katho⸗ 126 liſchen Prälaten und Edelleuten beſtehenden Statt⸗ haltereirath und an die damals meiſt vom Klerus ab⸗ hängigen Behörden der Comitate machte ihre Feinde zu ihren Richtern; der Decretateid, nach dem bei der Mutter Gottes und allen Heiligen geſchworen werden mußte, beraubte ſie der Fähigkeit, Civilämter und vor Gericht, wenn ſolches auf Eid erkannte, Recht zu erhalten. Der Zwang zum Uebertritte nahm alle Formen von der offenen Gewalt bis zur feinſt aus⸗ geſponnenen, durch Verheißungen und Ueberredung geſtützten Intrigue an, die Proteſtanten waren im vollen Sinne des Wortes rechtlos gemacht, denn Synoden, Convente, Collecten, ja ſelbſt gemeinſchaft⸗ liche Bittſchriften gehörten für ſie zu den ſtreng ver⸗ botenen Dingen. Es war daher begreiflich, daß der allerdings nur paſſiv geäußerte Widerſtand der ſchwer in ihrer Religions⸗ ausübung und ihrenſtaatsbürgerlich en Rechten Bedrückten beſonders in den Orten, wo ſich evangeliſche oder reformirte Lyceen oder Gymnaſien befanden, gleich⸗ ſam Mittelpunkte erkannte. Die Jugend iſt leicht zu entflammen, das ſchnell rollende Blut fragt weniger nach den Folgen, und ſo fehlte es in ſolchen Städten nicht an Reibungen. Eine ſo kräftige Natur wie die Hubert's konnte „———,— 127 unmöglich bei derartigen Parteiungen müßig bleiben, und ſchon ſein Geburtsrang wie die reichen Mittel, über die er verfügte, wurden Urſache, daß ſich die in Debreczin ſtudirende Jugend um ihn ſchaarte, und ihn, den noch ſo jugendlichen Studenten an der Spitze, wurde eine feſte Phalanx gegen die katholiſchen Dränger geſtiftet. Doctor Weilenberger, obgleich ſelbſt reformirt, fand es für nöthig, durch ernſte Mahnungen das aufbrauſende Gemüth des ihm zur Obhut anver⸗ trauten Jünglings von Ausſchreitungen in dieſer Be⸗ ziehung abzuhalten. „Sie ziehen ſich die Feindſchaft dieſer Rotte Korah zu, welche für Alles ein eiſernes Gedächt⸗ niß hat“, warnte derſelbe.„Glauben Sie doch ja nicht, daß den Argusaugen dieſer Geſellſchaft nur das Geringſte entgeht, ſie hält überall ihre Auf⸗ paſſer.“ „Bah, laſſen Sie dieſe Schwarzen die langen Ohren in unſere luſtigen Commerſe ſtecken, ſie werden ſie wieder bei Zeiten zurückziehen, weil ſie nur ihre eigene Schmach hören werden“, antwortete Hubert lachend.„Wer ſoll denn für das Recht heiß fühlen, wenn wir es nicht ſind, denen noch feuriges Blut durch die Adern treibt?“ „Bedenken Sie Ihre Verwandſchaft, Hubert. Der 128 Obriſthofkanzler, Ihr Stiefbruder, iſt Katholik, wie ſein Vater es war.“ „Und wegen dieſer Bruderſchaft, meinen Sie, Doctor, ſoll ich mich zum Blinden machen laſſen, nicht ſagen, was wahr und recht iſt und was ich als ſchlecht verabſcheue? Es iſt die mißlichſte Empfehlung für die brüderliche Liebe, daß ich heucheln ſoll. Ich will nicht anders ſein, anders denken und anders handeln als mein verſtorbener Vater und— reden wir nicht mehr davon, Doctor. Sie wiſſen, ich halte meine Unab⸗ hängigkeit für das größte Glück, für ein noch größeres Glück aber, daß ich den rechten Muth in der Bruſt habe, frei zu ſein, keine Kriecherſeele bin, ſo ganz und unverſtellt mich gebe, wie ich denke und fühle. Ach, es muß troſtlos ſein, ſich wie eine Schlingpflanze an einen Andern zu hängen, der weiter nichts für ſich hat als das Vergnügen, Menſch zu ſein und oben⸗ drein ein Menſch, der nicht einmal ſelbſtſtändig zu denken wagt und, wenn ihm ja einmal ſolche Wider⸗ wärtigkeit geſchieht, ſich den Mund mit tauſend Knebeln ſperrt, damit ja kein Hauch derartigen pflicht⸗ widrigen Denkens über ſeine Lippen ſpringen kann.“ Ein helles Lachen folgte ſeiner Rede, ſein jugend⸗ lich ſchönes Geſicht ſpiegelte den Ausdruck einer luſtigen Erinnerung wieder, die plötzlich in ihm aufſtieg. 129 Doctor Weilenberger wußte, daß ſich ſein lebhafter Geiſt oft in Extremen gefiel und wie wenig Hubert daran dachte, das zu verbergen, was ſein Denken und Empfinden berührte. Es war unmöglich, daß eine offener ſich gebende Seele als die ſeinige gefunden werden konnte, weil die verdüſternden Schatten der Furcht und niedrigen Denkens keinen Einfluß auf ihn hatten, der Muth, gehoben von froher Jugendluſt ſein ganzes Weſen durchleuchtete, daß es vor Jedermanns Blicken wie ein aufgeſchlagenes Buch dalag. „Warum lachen Sie, Hubert?“ „Wenn ich mich an meinen Aufenthalt in Wien erinnere, muß ich es, ich mag wollen oder nicht. Schade, daß Sie nicht dabei ſein konnten, Doctor, als ich zum erſten Mal in den Salon meiner gnädigſten Mama von dieſer eingeführt wurde. Ich ſah es den guten Leuten an, wie ſehr ſie erſchrocken waren, daß ich junges Blut ſo wenig Umſtände machte, zu ſagen, was mir wohl und was mir nicht gefiel. Es ver⸗ donnerte ſie ſammt und ſonders, daß ich ſo ganz und gar nichts von den ſteifen Complimenten verſtand, die ſie ſich gegenſeitig erwieſen, man ſtaunte mich wie ein Weltwunder an, und als eine Dame mich lachend fragte:„Sagen Sie, reizender Ganymed aus Sieben⸗ bürgen, wo haben Sie dieſe liebenswürdige Unwiſſen⸗ Carion, Der alte Deſſauer. II. 9 oyQ—— T 130 heit in den geſellſchaftlichen Formen her?“ antwortete ich ihr:„Dies Glück, gnädige Frau, habe ich an einem Waldbache profitirt.“ Man ſah ſich an, weil g man nicht wußte, wie der Waldbach zu der Frage n n p ſtimme. Natürlich wurde ich zur Erklärung dieſer räthſelhaften Entgegnung aufgefordert.“ „Und wie lautete dieſe?“ fragte der Doctor.„Ich höre jetzt das erſte Wort davon, Sie haben mir nie 8 etwas davon erzählt.“ ſj „Nun, es iſt auch nichts beſonders Erhebliches V dabei, deswegen konnte ich es leicht vergeſſen.„Gnä⸗ dige Frau,“ ſagte ich,„die ſiebenbürgiſchen Waldbäche di haben die Eigenthümlichkeit, daß man ſie der Klarheit ihres Waſſers wegen als Spiegel benutzen kann. Die ri 6 3 Bauern dort thun das auch. Da ſah ich denn, eines di Tages durch den Forſt ſchlendernd, ein Bauermädchen am Bachrande ſitzen und ſeine langen braunen Haare T in Zöpfe winden. Ich wollte dabei meinen Spaß H haben, ſchleiche mich hinter die Dirne, deren Geſicht 4 ſo treu und ehrlich aus dem flüſſigen Waſſerſpiegel ſch zurückſchaute, als wäre es das wirkliche; ich aber, fa mich hinter ihrem Kopf ſchnell vorneigend, ſchneide ein abſcheuliches Geſicht, das auch im Waſſer ſein Gegen⸗ 1 bild findet. Die Dirne ſchrie auf und wollte fliehen; ich hielt ſie mit der Frage, warum ſie ſo erſchrocken tete an weil rage ieſer „Ich nie liches Gnä⸗ bäche arheit Die eines ädchen Haare Spaß Geſicht ſpiegel aber, ide ein Gegen⸗ fliehen; ſhrocken 131 ſei, zurück.„Weil Dein Geſicht ſo jämmerlich ausſah“, war ihre Antwort. Der Menſch ſoll ſich doch niemals anders geben, als er iſt. Nun, das habe ich mir ge⸗ merkt und Sie wiſſen nun, gnädige Frau, wo ich meine Unwiſſenheit in den geſellſchaftlichen Formen profitirt habe.“ Und lachend ſetzte Hubert hinzu:„Ich verſichere Ihnen, Doctor, es hat Niemand mehr meiner zu ſpotten verſucht. Sie hatten an der Geſchichte vom Waldbache genug.“ Bela Iſtvanſi trat lebhaft ein und meldete, daß die Pferde ihrer harrten. „Recht ſo! Wollen wir heute wieder einen Wett⸗ ritt machen, Bela?“ fragte der junge Graf, ihm auf die Schulter klopfend. „Bin's zufrieden; aber nicht wieder auf ſolchem Terrain wie das letzte Mal; ich habe nicht Luſt, den Hals zu brechen.“ „Ich auch nicht, Bela, glaube mir das; aber was ſchärft den Muth mehr als Ueberwinden von Ge⸗ fahren?“ „Wenn's die Noth erfordert, kommt auch der Muth.“ „So warte ihn zu Hauſe ab, bis er kommt. Ich werde allein reiten.“ 9* 13²2 Und mit den Worten eilte, die Gerte ergreifend, Hubert aus dem Zimmer. Bela ſtampfte zornig mit dem Fuße und murmelte einige Worte vor ſich hin. Der Doctor ſagte verweiſend zu dem Zurückgebliebenen: „Sie müſſen von dem jungen Herrn nicht Alles ſo ſchwer aufnehmen. Sie wiſſen ja, wie lieb er Sie hat. Sie ſind der Genoſſe ſeiner Knabenfreuden und er hat Ihnen ſtets Beweiſe gegeben, wie ſehr ſein Herz an Ihnen hängt.“ „Ja; aber er hat zuweilen verdammte Launen, daß ich faſt denken muß, als wolle er mich mitunter daran erinnern, daß ich der Sohn eines verarmten Edelmanns und er—“ „Dummes Zeug, was Sie ſich da in den Kopf ſetzen!“ rief der Doctor unwillig.„Hubert iſt eine durch und durch edle Natur, heißblütig, ohne Rück⸗ halt in dem, was er denkt und thut, kein Falſch in ihm, immer derſelbe heute, der er geſtern und ſein Lebtag geweſen. Laſſen Sie keinen ſolchen ihn ver⸗ unehrenden Gedanken in Ihrem Herzen aufkommen; es wäre ein ſchlechter Lohn, den Sie ihm für ſeine ehrliche Freundſchaft zahlten. Eilen Sie ihm nach, reiten Sie mit ihm und er wird Sie nicht zurück⸗ weiſen, im Gegentheil wird es ihn freuen, daß Sie ihn begleiten.“ 133 Für die Dauer einiger Augenblicke ſchien Bela Iſtvanſi dieſer Mahnung kein Gehör geben zu wollen, dann aber, als wenn das Beſſere in ihme ſiege, eilte er raſch aus dem Zimmer. Der Arzt ſah ihm mit Erſtaunen nach.„Was iſt das?“ redete er vor ſich hin.„Kann das noch ein Freund ſein, der erſt einer Aufforderung bedarf, ſeinem Freunde nachzueilen, damit keine Kluft zwiſchen ihnen entſtehe? Wer hat in Bela Iſtvanſi's Herz böſe Saat geſtreut?“ Sinnend über die Beantwortung dieſer ihm in⸗ haltſchwer dünkenden Frage, begab ſich Doctor Weilen⸗ berger in ſein Gemach. Wäre er Bela Iſtvanſi nur bis zur halben Treppe hinunter gefolgt, ſo würde er jedenfalls ſchneller zu dem Ziele gelangt ſein, ſich über des jungen ungariſchen Edelmanns auffallendes Be⸗ nehmen wenigſtens zum Theil aufgeklärt zu ſehen. Vor dem Hauſe ſtanden die von einem Stallbedienten gehaltenen Pferde, unten im Hausflur aber unter⸗ hielt ſich Hubert mit einem jungen Mädchen, deſſen dunkles, gelbliches, doch ſchönes, ſcharf geſchnittenes Geſicht, aus einer Fülle glänzend ſchwarzer Haare, die in breiten Zöpfen turbanartig den Kopf umwanden, wie aus einem polirten Ebenholzrahmen ſchauend, auf Zigeunerabſtammung deutete. 134 Es war Miriam, ein Zigeunerkind, deſſen Vater und Mutter ſeit langen Jahren ſchon geſtorben und zwar der erſtere als Soldat unter einem vom Grafen Buſſy⸗Rabutin befehligten Regimente, welches bei einem Sturm faſt ganz aufgerieben wurde. Graf Buſſy⸗Rabutin hatte den zum hülfloſeſten Invaliden zuſammengehauenen Soldaten in ſein Haus als Thür⸗ hüter aufgenommen, und als er geſtorben, blieb auch deſſen Wittwe mit ihrem kleinen Töchterchen daſelbſt, weil der Generalfeldmarſchall ſich des Kindes anzu⸗ nehmen verſprochen hatte. Miriam verlor bald auch die Mutter durch den Tod und ward dem Lakai des Grafen, Franzli, einem Wiener, zur fernern Auf⸗ ſicht übergeben, in deſſen Familie ſie von nun an lebte. So wuchs ſie empor, und zeitig, wie dies ihren Stammesgenoſſen eigenthümlich iſt, entwickelte ſich die früher unanſehnliche Geſtalt des Mädchens zu einer außerordentlichen Feinheit der Formen und ihr dunkles Geſicht zu einer Schönheit, welche deſto auffälliger wurde, je mehr ſie an Alter zunahm. Der Franzli hatte ſein Weib durch den Tod ver⸗ loren, ſeine beiden Kinder befanden ſich im fernen Wien, und darum hatte er ſeinen Herrn um die Er⸗ laubniß gebeten, Miriam auch ferner bei ſich zu be⸗ halten, weil er ſich ſo ſehr an das Kind gewöhnt habe. ————DDD— ater nd afen bei Graf iden hür⸗ auch elbſt, anzu⸗ auch i des Auf⸗ in an ihren h die einer unkles älliger d ver⸗ fernen ie Er⸗ zu be⸗ habe. 135 In Miriam's Charakter zeigte ſich die glücklichſte Miſchung des leichten, ſorgloſen Sinnes ihrer Stammes⸗ genoſſen mit den guten Früchten einer geregelten Er⸗ ziehung. Sie ſchien nur zu leben, um zu lachen, denn noch hatte kein rauher Hauch ihr junges Leben be⸗ rührt. Der Franzli hatte ſie lieb, die Sorge kannte ſie nicht und über ihre Zukunft ſich in düſtere Betrachtungen einzulaſſen, lag ihr gänz⸗ lich fern. Und warum hätte ſie ſich in einen Ernſt hinein⸗ träumen ſollen, der gar ſo wenig Anmuthiges hatte, um ihrer jugendlichen Fröhlichkeit gefallen zu können? Hubert, der vornehme Grafenſohn, war ihr gewogen, das wußte ſie. Er ſcherzte gern mit ihr, ohne jedoch jene feine Grenze zu überſchreiten, auf deren einer Seite Zuneigung und Achtung, auf deren anderer Ge⸗ ringſchätzung liegt. Frauennaturen ſind leicht empfän⸗ lich für Alles, was einen angenehmen Eindruck auf ſie macht. Hubert, nur ſechs Jahre älter als ſie, beachtete die Standeskluft zwiſchen ihm und ihr nicht, er benahm ſich ihr gegenüber nicht als Herr, ſondern wie ein Jugendfreund, konnte es da anders ſein, als daß ſie an ihm hing mit allen Fäden ihres Herzens? Das hielt ſie aber geheim, der Franzli durfte ſo etwas gar nicht ahnen, er hätte, ſo lieb ſie ihm war, Zeter 136 geſchrien, und Hubert fand es ja natürlich, daß ſie gern mit ihm lachte. Er redete aber auch zuweilen ſo närriſches Zeug, daß ſie lachen mußte. Als er jetzt allein herunter⸗ kam, um ohne Bela Iſtvanſi auszureiten, ſtand ſie an der Hausthür, die beiden ſchönen Rapphengſte be⸗ trachtend, obwohl das nicht der eigentliche Zweck ihres Hierſtehens geweſen ſein mochte. Hubert, deſſen Kommen ſie nicht zu bemerken ſchien, machte ſich ihr bemerkbar, indem er ſie leiſe mit der Spitze ſeiner Reitgerte am Halſe kitzelte, und ein kleiner luſtiger Wortwechſel kam ſchnell zwiſchen ihnen in Gang. Die Erinnerung an ſeine Anweſenheit in Wien bei ſeiner gnädigſten Mama und in der bei dieſer ſich zuſammenfindenden hohen Geſellſchaft mochte, da er ja vor kurzem erſt davon zu Doctor Weilenberger ge⸗ ſprochen hatte, in ihm wieder aufſteigen, denn er ſagte zu ihr:„Weißt Du, kleine Miriam, daß ich mich mit Dir beſſer unterhalte, als ich mich mit den vornehmen Damen in Wien an irgend einem Tage oder Abende, ſolange ich dort war, unterhalten habe?“ „Wie kommt das?“ „Wie wird's kommen? Sehr natürlich. Du biſt durch und durch die Miriam, die vornehmen Frauen aber ſind wie die Leuchtkäfer, man ſieht ſie nicht alle 137 Tage ſich gleich. Du biſt mir viel lieber, denn ich verſtehe Dich, in Deinen ſchwarzen Augen liegt Deine Seele, heute wie geſtern und morgen wie heute Schade, daß Du keine vornehme Dame biſt!“ Das klang ſo komiſch, daß Miriam laut lachte. Hubert lachte mit, klopfte ſie freundlich auf den ſchlanken Hals und eilte hinaus zu ſeinem Pferde. Bela Iſtvanſi hatte auf der Treppe geſtanden und nur gehört, daß die Beiden lachten, warum, hatte er nicht verſtehen können, aber ſeine Lippen kniffen ſich feſt auf einander, ſeine Rechte ballte ſich, in des jungen Mannes Seele ſchien ein Blitzſtrahl verheerend gefallen zu ſein, von Fröhlichkeit war keine Spur mehr darin. Wie ein Pfeil vom Bogen ſchoß er die Stufen hinab und eilte vor's Haus hinaus. Ein zornvoller Zlick ſiel auf Miriam, die erſchrocken zurücktrat, als er an ihr vorbeiflog. „Da biſt Du ja“, ſagte Hubert freundlich.„Ich wußte wohl, daß Du mich nicht allein reiten laſſen würdeſt. Nun friſch in den Sattel geſprungen, Bela!“ Im nächſten Augenblick flogen die Rapphengſte die Gaſſe entlang. Miriam ſah den Reitern nach, ſoweit ſie ſie ſehen konnte, aber ſie lachte nicht mehr, ſie war gedankenvoll geworden. Es fiel ihr ein, daß ſie von ihrer Mutter gehört habe, wie es bei ihrem Volke 138 einen Spruch gäbe, der da heißt: Der böſe Geiſt zieht an deiner Seite daher. Der Gedanke, hier könne er zutreffen, brachte ihr Bangigkeit ins Herz, doch nur für kurze Zeit; denn daß Bela Iſtvanſi gegen ſie zornig ſei, weil ſie ſeine Zudringlichkeit zurückgewieſen und auf ſeine Frage:„Warum biſt Du gegen Hubert ſo hingebend?“ geantwortet hatte:„Ei, das liegt in mir, ich muß, weil ich ihn lieb habe; mit Dir aber iſt's ein Anderes, Du haſt nichts in Dir, was mir ge⸗ fällt“, das ſchien ihr natürlich; aber was ſollte er gegen Hubert zornig ſein? Nur gegen ſie hatte er ein Recht dazu, wenn er überhaupt ein ſolches aus ihrer Abneigung gegen ihn herleiten konnte. Als ſie ins Haus zurückging, begegnete ihr Gott⸗ fried Almarich, der Förſtersſohn, der treue Freund und Diener Hubert's. Es war nicht ſeine Gewohn⸗ heit, viel zu ſprechen, aber wenn er es that, geſchah es nicht ohne Grund. Der junge Mann in Jäger⸗ livree beſaß ein echt deutſches Gemüth, man wußte immer, woran man mit ihm war, und wegen dieſer deutſchen Ehrlichkeit liebte ihn Hubert beſonders. „Miriam“, ſagte Gottfried, bei der die Treppe Heraufkommenden ſtehen bleibend,„ich habe etwas bemerkt, was mir auffällig erſcheint.“ „An mir?“ ieht er nur rnig und t ſo mir, iſt'’s ge⸗ te er c ein ihrer Gott⸗ keund vohn⸗ eſchah gäger⸗ wußte dieſer rreppe etwas 139 Von Dir iſt keine Rede. Vor fünf Tagen— ja, es iſt ſo lange her— bin ich Abends um die Stadt gegangen. Draußen beim Buſche, durch den der Weg zum katholiſchen Kirchhof führt, ſah ich drei Männer kommen. Was gingen ſie mich an! Ich hatte mich auf eine Moosbank niedergeworfen und dachte eben, wie es doch was Anderes ſei, da⸗ heim durch den Forſt auf Wildfährte zu ziehen, als hier in der Stadt zu vertrocknen. Das iſt für Jägerblut ein ſchlimmer Gedanke. Ich hatte dabei die Drei vergeſſen, die nahe an mich herangekommen waren und an mir langſam vorübergingen. Was ſie, die mich nicht bemerkten, redeten, verſtand ich nicht, es geſchah in fremder, wahrſcheinlich latei⸗ niſcher Zunge. Den einen erkannte ich an der fetten, krächzenden Stimme, es war der katholiſche Pfarrer von hier; der andere war mir fremd, aber ich wollte den Kopf dran ſetzen, daß es auch ein Pfaff geweſen. Der in ihrer Mitte ging, ſchien ihnen nur zuzu⸗ hören, ich konnte ihn nicht deutlich ſehen; aber plötz⸗ lich hörte ich auch ihn ſprechen, und wer denkſt Du, daß es geweſen ſein könne?“ „Wie ſoll ich das errathen!“ „Bela Iſtvanſi war's.“ „Ah!“ 140 „Es ſteckt etwas in dieſem Ungar, das in eines rechtſchaffenen Mannes Herz nicht ſtecken ſoll. Was hat er als Proteſtant mit katholiſchen Geiſtlichen zu verkehren? Alſo paß auf, Miriam, in aller Stille, verſteht ſich.“ Ein Diener vom Gericht mit einem Schreiben an Doctor Weilenberger verlangte dieſen perſönlich zu ſprechen. Gottfried führte ihn zu dem Doctor. „Bleibe einige Augenblicke“, ſagte der letztere zu Gottfried, nachdem er das gerichtliche Schreiben dem Diener abgenommen und demſelben auf aus⸗ drückliches Verlangen den Empfang ſchriftlich be⸗ ſcheinigt, worauf der Mann ihn verließ. „Hm, was mag das Schreiben enthalten?“ murmelte der Doctor vor ſich hin.„Es iſt ſeltſam, daß man über den richtigen Empfang eine Quittung verlangte. Was hätte ich mit dem Gericht oder das Gericht mit mir zu thun?“ Er erbrach es, während Gottfried ſich die Zeit mit dem Beſehen der wunderlichen Zeichnungen ver⸗ trieb, die an den Wänden der Stube hingen, ſämmt⸗ lich von des Beſitzers eigener Hand ſtammten und anatomiſche Präparate darſtellten. In dieſer Be⸗ ſchäftigung ſah ſich Gottfried plötzlich durch den Aus⸗ ruf des Doctors:„Gott im Himmel!“ unterbrochen. nes Las zu ille, ben llich bere iben aus⸗ be⸗ 311 ſam, tung das Zeit ver⸗ umt⸗ und Be⸗ Aus⸗ 141 Mit dieſen Worten des höchſten Schreckens taumelte der Leſende zugleich in ſeinen Seſſel nieder. Das gerichtliche Schreiben nebſt einem beiliegenden, mit dem gräflich Sinzendorf'ſchen Wappen geſiegelten Briefe war dem Doctor aus der Hand gefallen und lag am Boden. Gottfried ſprang ſofort hinzu. Der alte Herr ſah ſo bleich vom Schreck aus, als hätte er ſein eigenes Todesurtheil geleſen; er ſchien die Fähigkeit zu ſprechen verloren zu haben. Gott⸗ fried, der gar nicht auf den Gedanken kam, daß dieſer Zuſtand des gelehrten Herrn durch den Inhalt des Schreibens herbeigeführt worden ſein könne, wollte eben den Franzli herbeirufen, als Doctor Weilen⸗ berger ſich ſo weit ermannte, daß er dies verhindern konnte. „Laß, laß!“ ſagte er.„Dies Geheimniß erfährt Franzli noch früh genug! Ach, Hubert, armer be⸗ klagenswerther Hubert!“ „Was iſt denn mit Hubert? Warum nennt ihn der Herr Doctor arm und beklagenswerth? Iſt ſeine gnädigſte Mama geſtorben?“ Der Doctor erhob ſich langſam, und die von Gottfried aufgehobenen und auf den Tiſch gelegten Schreiben ergreifend, ſprach er wie von einem Schauer durchrieſelt: 142 „Alles iſt ihm geſtorben— Alles, was ſeine junge Feuerſeele bisher mit Stolz und Freude erfüllt hat. Das Grab der Niedrigkeit, ja der Ehrloſigkeit hat ſich für ihn aufgethan. Hier ſteht's, hier! Er ſei nicht der Sohn unſeres verſtorbenen Herrn, ſondern der eines Haiducken, eines Schweine⸗ züchters.“ ſeine füllt gkeit Er errn, ſeine⸗ V. Die Prinzeß⸗Mutter war durch den Verluſt eines Sohnes ſo tief erſchüttert, daß es ihr viel Mühe koſtete, nach außen hin den großen und tiefen Zwie⸗ ſpalt, in den dieſe entſetzliche Entdeckung ſie verſetzt hatte, zu verbergen. Der Obriſthofkanzler und ſeine Vettern von der ältern Linie Sinzendorf ließen zwar nichts unverſucht, der in ihren alten Tagen noch ſo ſchwer vom Schickſal getroffenen Prinzeß⸗Mutter Troſt über dieſen Verluſt einzuflößen, ſie waren jedoch nicht ſehr glücklich darin, denn die alte Dame ſchwankte gleich einem vom Winde bewegten Schilfrohr zwiſchen dem Glauben, daß ihr verſtorbener Gemahl wirklich den Kindertauſch bewerkſtelligt, und dem Zweifel an deſſen Möglichkeit. Gedachte ſie der Liebe, mit der der Ver⸗ ſtorbene an Hubert gehangen, der Freude, die er ge⸗ äußert über die kräftige Entwickelung des Knaben, ſo —ö⸗—⸗⸗⸗--õf.,-,-/⸗́:́́ßßt M 144 ſträubte ſich ihre Vernunft, anzunehmen, daß dieſe Liebe, dieſe Vaterfreude nur das Reſultat eines hohlen Ehrgeizes geweſen ſein ſolle, den Namen Buſſy⸗Rabu⸗ tin der Nachwelt durch Hubert erhalten zu ſehen, und ebenſo wenig vermochte ſie an einen ſo tiefen Haß gegen die Sinzendorfs in dem Herzen ihres Gemahls zu glauben. Der Mann hatte ſtets in ſeinem Thun die ſtrengſte Biederkeit gezeigt, ſein gerader Charakter jede Handlung verabſcheut, die er vor ſeiner Ehre nicht hätte rechtfertigen können, und er ſollte in miß⸗ verſtandener Ehrſucht ſich ſo weit verirrt haben, ein Verbrechen begehen und den dadurch erworbenen Gegenſtand mit allen Kräften eines Vaterherzens lieben zu können? Dieſer Unmöglichkeit gegenüber erhoben ſich frei⸗ lich wieder Erinnerungen, die ſich nicht abweiſen ließen. Buſſy⸗Rabutin, der ſeinem älteſten Stiefſohn wie ein Vater gewogen geweſen, haßte deſſen jüngern Bruder, den Obriſthofkanzler, wegen deſſen Undankbarkeit, weil dieſer ſich von ihm abgewendet und den Sinzendorfs zugeſellt hatte. Wie tief die Abneigung gegen ihn in der Seele des Generalfeldmarſchalls Wurzel geſchlagen, zeigte ſein Schweigen, wenn von demſelben zufällig die Rede war; nie ging der Name des Obriſthofkanzlers über ſeine Lippen, und er würde ſicher von dieſem bei ieſe len bu⸗ und Haß ahls hun akter Ehre miß⸗ ein denen ieben frei⸗ eßen. ein uuder, weil porfs n in agen, g die zlers bei 145 ihm zur feſten Norm gewordenen Vorſatze nicht abge⸗ wichen ſein, wenn ſeine Gemahlin nicht ſelbſt, wie ſchon erwähnt, durch ihre Bemerkungen, er möge Hubert's Freiheit beſchränken, ihn in einen Zuſtand von Aufregung verſetzt hätte, welcher ihn gleichſam ſich ſelbſt entriß. Vor einem ſolchen Haſſe, wie Buſſy⸗ Rabutin ihn lange Jahre verſchloſſen in ſich getragen, verſchwand natürlich, wenn die alte Dame darüber nachdachte, der Zweifel, daß er des Kindertauſches fähig geweſen ſei, und ſie befand ſich in einem ſo traurigen Schwanken, daß ihr nachgerade der Muth zu einem ſelbſtſtändigen Denken in dieſer ihr Herz tief berührenden Angelegenheit fehlte. Der Obriſthofkanzler hatte ſich der Mühe des Ausgleichs mit Hubert in ihrem Namen unterzogen. Es ſollte Alles auf dem Wege der Güte geſchehen. Unter der Bedingung, daß Hubert ſofort dem ihm nicht gebührenden Namen Buſſy⸗Rabutin entſage, ſollte er eine Abfindungsſumme von zwanzigtauſend Gulden baar ausgezahlt erhalten. Um ihn zu dieſem Vergleich zu vermögen, denn daß er ſich nicht freiwillig dazu verſtehen werde, war von ihm vorauszuſetzen, hatte man einen kleinen Zwang beliebt, indem vom Graner Comitatsgericht an das zu Debreczin alles den Kinder⸗ tauſch Betreffende in protokollariſchen Abſchriften mit⸗ Carion, Der alte Deſſauer. II. 10 — 146 getheilt wurde, mit der Aufforderung, Hubert zur Beibringung von Gegenbeweiſen zu veranlaſſen, ein Verlangen, dem zu entſprechen er vorausſichtlich nicht im Stande war. Ein vom Obriſthofkanzler beigelegtes Schreiben an den Doctor Weilenberger war beſtimmt, deſſen Mitwirkung zu dem gebotenen Ausgleiche zu gewinnen, wofür ihm außer andern nicht unbedeutenden Vortheilen der lebenslängliche Fortbezug ſeines Gehalts zuge⸗ ſichert wurde, und zwar ohne dafür eine Verpflichtung zu irgend einer Dienſtleiſtung zu haben. Auch von den übrigen Perſonen der Umgebung Hubert's war keine vergeſſen; die ihnen gebotenen Entſchädigungen zeugten durchgängig von großmüthiger Freigebigkeit. Der alte Franzli ſollte ſnach Wien überſiedeln, um ſeine Tage im Hauſe der Prinzeß⸗Mutter zu be⸗ ſchließen. Man erwartete mit Spannung den Eilboten, der Nachricht von Debreczin bringen ſollte, was von ſeiten Hubert's zu gewärtigen ſei. Factiſch war er ſeiner Erbanſprüche enthoben, das wußte man wohl, aber man fürchtete nicht mit Unrecht, daß er ſich eben nicht gutwillig fügen werde, ſeinem Charakter zufolge war das zu erwarten. Man kam auch bald zu der Ueberzeugung, daß man ſich darin nicht getäuſcht habe. zur ein nicht eiben deſſen nnen, heilen zuge⸗ chtung h von war bungen bigkeit. , um zu be⸗ n, der s von war er wohl, ch eben zufolge zu der ht habe. 147 Eines Nachmittags befand ſich die Prinzeß⸗Mutter allein. Sie war ſehr niedergedrückt und lehnte in den weichen Polſtern ihres Sophas. Bei jedem Geräuſch im Vorzimmer horchte ſie auf, ſie erwartete ihren Sohn, den Obriſthofkanzler. Es war ihr plötzlich in den Sinn gekommen, nach Debreczin zu reiſen und die ſie ſo ſehr bekümmernde Angelegenheit ſelbſt in die Hand zu nehmen. Die Wage in ihrem Herzen war für Hubert geſtiegen, ſie wollte nicht an die Aus⸗ ſage der Graner Hebamme glauben, ihr beſſeres Theil ſträubte ſich, ihrem Gemahle ein derartiges Verbrechen zuzutrauen, und doch wußte ſie nichts aufzufinden, was Frau Hanulik's Geſtändniß hätte entkräften können. Ihre Niederkunft zu Gran hatte ſie faſt dem Tode in die Arme geworfen. Sie erinnerte ſich aus jenen Tagen ſchwerer Erkrankung nur, daß ihr Ge⸗ mahl ihr oft geſagt, wie glücklich er ſich durch die Geburt eines Sohnes fühle; auch entſann ſie ſich, daß ihres Gemahls franzöſiſcher Kammerdiener Beaupré, damals ein Mann in den Mitteljahren, bald nach ihrer Geneſung ſeines Dienſtes entlaſſen worden ſei, weil, wie es geheißen, er bruſtleidend wäre und das ungariſche Klima nicht vertragen könne. Lebte dieſer Beaupré noch und wo? Wenn er noch lebte, mußte 10* Frau Hanulik's Ausſage durch die ſeine entweder be⸗ kräftigt oder entkräftet werden. Dem trat freilich wieder etwas entgegen, das tief niederſchlagend auf die Prinzeß⸗Mutter wirkte. Wenn ſie die Frage an ſich richtete, welchen Vortheil Frau Hanulik wohl mit ihrer Ausſage überhaupt könne haben erzielen wollen, ſo blieb ihr trotz allen Sinnens doch immer nur die Antwort: es ſei zur Reinigung ihres Gewiſſens ge⸗ ſchehen. Die den untern Volksſchichten angehörende Frau lebte ja außer aller Berührung mit Perſonen höhern Standes, ihre Verhältniſſe waren armſeliger Natur, ſie hatte kaum ſo viel, um ihr Leben durchzu⸗ bringen, und konnte auch bei vernünftigen Sinnen nicht erwarten, daß ihre Ausſage ihr eine Belohnung eintragen werde. Demnach mußte ihr Geſtändniß auf Wahrheit beruhen, und daß ſie des franzöſiſchen Dieners erwähnt hatte, war nicht ohne Werth für ihre Glaubwürdigkeit. Die Prinzeß⸗Mutter war durch dieſen Kampf für und wider außerordentlich angegriffen. Der Obriſt⸗ hofkanzler ließ lange auf ſich warten, gewiß hielt ihn eine vom Kaiſer präſidirte Geheime⸗Conferenzraths⸗ ſitzung in der Hofburg zurück; indeß plötzlich wurden raſche männliche Schritte im Vorzimmer hörbar, die Zimmerthür wurde mit ſtürmiſcher Haſt, was keiner 1O 2 e 2 G9 2 8SD 8A⏑ be⸗ llich auf an mit llen, die 3 ge⸗ rende ſonen eliger rchzu⸗ linnen nung auf iſchen h für pf für Pbriſt⸗ lt ihn Praths⸗ purden r, die keiner 149 der Lakaien gewagt hätte, aufgeriſſen, und mit dem Rufe:„Ach, da iſt ſie! Da iſt meine gnädigſte Mama!“ eilte Hubert im ſtaubigen Reitkleide auf ſie zu. „Hubert!“ rief die Prinzeß⸗Mutter zum Tode erſchrocken bei dem Anblicke des jungen Mannes, denn die lange Reiſe zu Pferde in Sonnenhitze, Regen und Wind hatte ſeinem Geſicht jene bräunliche dunkle Färbung gegeben, die ihm den Anſtrich einer Wild⸗ heit lieh, zu welcher natürlich ſeine innere Aufregung nicht wenig beitrug. „Ja, Hubert, Hubert, Graf von Buſſy⸗Rabutin!“ rief der junge Mann, und indem er ſich ihrer Hand bemächtigte und dieſe küßte, zitterte er ſelbſt von der heftigen, ihn wie ein glühender Lavaſtrom durch⸗ brauſenden Empfindung wilden Zorns.„Man will mir das heiligſte Gut rauben, das Bewußtſein, daß ich Ihr Sohn bin, gnädigſte Mama, man ſchändet den Namen meines theuern Vaters im Grabe, indem man mich von der Höhe herunterſtürzen will, auf die mich meine Geburt geſtellt! Darum bin ich hier, ich will mein Recht, ich will meines edlen Vaters geſchmähte Ehre vertheidigen, ich will nicht der Stein ſein, den man nach Belieben rechts oder links werfen kann. Ich will Ihr wankendes Herz feſthalten, gnädigſte Mama, —— daß es der erbärmlichen Lüge und Intrigue nicht gelingen ſoll, es von mir zu reißen. Das will ich, das will ich!“ Eine Pauſe folgte. Die Prinzeß⸗Mutter fühlte ſich ſo ſehr erſchüttert von dieſem plötzlichen, un⸗ erwarteten Wiederſehen Hubert's, daß ſie kein Wort fand, um auszuſprechen, was jetzt ihr Inneres be⸗ wegte. In ſeinem Anſchauen verſchwand die Mög⸗ lichkeit, daß er nicht ihr Sohn ſei, wie Nebel vor der Sonne. Dieſe herrliche Jünglingsgeſtalt im Vollbeſitz der Kraft und Geſundheitsfülle, dieſes feurige Augen⸗ paar, aus dem die Entrüſtung, ein Verbrechen gegen ſich begangen zu wiſſen, gleich einer verzehrenden Flamme hervorbrach, dieſe in heftigſter Zornwallung noch feſtgehaltene Liebe zu ihr und ſeine Entſchloſſen⸗ heit, den Kampf mit denen aufzunehmen, die ſeinen Geburtsvorzug anzutaſten gewagt hatten, beſiegten in ihrem Herzen ſogar das Auftauchen jeder Erinnerung an den Obriſthofkanzler, der im Verein mit ſeinem Vetter von der Sinzendorfer Linie, dem kaiſerlichen Obriſthofmeiſter Grafen Sigmund, den Kindertauſch als eine ausgemachte, nicht umzuſtoßende Thatſache feſthielt und den Gedanken einer betrügeriſch ihnen zugeſchobenen Verwandtſchaft mit dem Sprößling eines Haiducken als die ſchwerſte, unverzeihlichſte 8& ͤS8 n & — ½— 8—8¼ ú 8ú 22 151 Entwürdigung ihrer eigenen hohen Geburt und ihres Ranges betrachtete.. „Wie, gnädigſte Mama, Sie haben kein Wort für mich, den Sohn deſſen, dem Ihre Hand, Ihr Herz gehörte? Iſt es wirklich den Schändlichen, welche nach der unbefleckten Ehre meines im Grabe ruhenden Vaters die Hand ausſtrecken, um ſie in den Staub der Gemeinheit zu treten, gelungen, Sie zu dem Glauben zu drängen, er habe das Verbrechen be⸗ gehen können, welches mich ausſtößt aus der Zahl derer, die auf einer erhöhten Stufe in der Geſellſchaft ſtehen? Es iſt nicht möglich, daß ſie ſolchen Sieg über Sie ſchon davongetragen hätten. Was wäre dann Ihre Ehe mit meinem hochſeligen Vater anders ge⸗ weſen als eine fortgeſetzte Lüge an dem Heiligſten, was das Menſchenherz kennt, an der Wahrheit der Liebe, der Hochachtung, der Treue zu dem Manne, deſſen Namen Sie trugen! Um Ihrer ſelbſt willen dürfen Sie ſolchen Vorwurf nicht auf ſich laden, Sie dürfen der Welt nicht das entſetzliche Beiſpiel einer Unehre geben, die Ihren Namen brandmarken, welche die Weiblichkeit in Ihnen zum Spotte werden laſſen würde!“ „Halte ein, Hubert, halte ein!“ rief die Prinzeß⸗ Mutter.„Willſt Du mich tödten?“ 152 „Nein, um Sie für mich zu erhalten, kam ich her. Konnten Sie erwarten, daß ich wie ein ab⸗ genutztes Gewand mich beiſeite werfen, mich mit der Gnadenſpende von zwanzigtauſend Gulden wie ein Miethling ablohnen laſſen würde? Ich will keine Gnade, nur mein Recht, und nie, ſo wahr Gott mir helfe, werde ich etwas Anderes als mein Recht ver⸗ langen! Dies Recht gibt mir zugleich den unantaſt⸗ baren Anſpruch auf Ihr Mutterherz.“ Die Prinzeß⸗Mutter verſuchte ſeine Heftigkeit zu beſchwichtigen, und es gelang ihr auch inſoweit, als er ruhig ihre Erzählung anhörte, wie Alles gekommen ſei, was jetzt gleich einem vernichtenden Blitzſtrahle in ſein junges Herz gefallen war. Als ſie ihre Er⸗ zählung beendet hatte, blieb er zu ihrem nicht geringen Erſtaunen ſo gelaſſen, als ob das eben von ihm Ge⸗ hörte nicht ihn, ſondern einen Fremden beträfe. „Nun, und Ihre Meinung, gnädigſte Mama?“ fragte er. Die alte Dame war ſo überraſcht von dieſer Frage, daß ſie in Verwirrung gerathend nicht wußte, was ſie antworten ſollte, ohne ihn aufs neue in Auf⸗ regung zu verſetzen. „Ihre Meinung kann doch unmöglich die ſein, daß das Band der Mutterliebe ein ſo leicht zerreiß⸗ „—O — — 153 bares ſei, um durch das Hirngeſpinnſt eines tollen, pöbelhaften Weibes ſofort morſch in allen ſeinen Fäden aufgelöſt zu werden?“ Dabei haftete ſein Blick ſo eindringend auf ihr, als wolle er im Grunde ihrer Seele leſen. „Hubert“, ſprach die Prinzeß⸗Mutter nach einer Weile, in der ſie nach Faſſung gerungen,„ich ſtehe nicht außerhalb der Schranken, welche die Ehre mei⸗ nes Ranges mir gezogen hat, ich muß dieſer Rechnung tragen, ſo ſchwer es meinem Herzen fällt. Ich habe Verpflichtungen zu beobachten, die mir für mein Ver⸗ halten eine feſte Richtſchnur vorzeichnen. Laſſe dieſen Umſtand nicht aus den Augen.“ „Nein, ich werde Ihrem Wunſche gemäß ihn be⸗ herzigen“, entgegnete Hubert, indem er ſich zugleich aus dem Seſſel erhob, den er ſich vorhin an das Sopha geſchoben, um ihr gegenüber zu ſitzen. Die Ruhe, mit der er dies ſprach, verfehlte nicht, als ſcharfer Contraſt gegen ſeine wilde Aufregung von vorhin ihr Schreck einzuflößen.„Erlauben Sie mir, da ich der Verletzte in dieſer Sache bin, alſo ein Recht habe, mich darüber auszuſprechen, Ihnen offen, alſo ohne Zurückhaltung meine Meinung zu ſagen. Das wird Ihnen den Vortheil bieten, daß Sie über meine Ge⸗ ſinnungen nicht in Unkenntniß bleiben. Leider darf 154 ich das nach dem, was ich ſo eben gehört, nicht von den Ihrigen ſagen, doch das fällt hier nicht beſonders ins Gewicht.“ Nach einer kurzen Pauſe fuhr er fort: „Solange Sie leben, werde ich Sie, nur Sie als meine gnädigſte Mama betrachten. Daß Sie ſich ſo leicht mit dem Gedanken vertraut machen konnten, einen Sohn zu verlieren, iſt für mich traurig genug, und wenn Sie es Ihrem Range ſchuldig ſein zu müſſen glauben, ein ſolches Opfer zu bringen, ſo kann ich es nur beklagen, daß Sie ſich unter dem Drucke einer Sklaverei befinden, die kein erhebendes, beſſeres Gefühl in Ihrem Herzen duldet. Glauben Sie mir, daß mich der Gedanke, wie ſchnell und wie leicht Sie mich aufopfern konnten, eiskalt durchſchauerte, als die vom Graner Comitatsgericht an mich geſtellte Aufforderung mir übergeben wurde, Beweiſe, daß ich der rechtmäßige Sohn Buſſy⸗Rabutin's ſei, beizubrin⸗ gen. Welche Hirnloſigkeit! Ich ſoll Beweiſe bringen. Ich fühlte es heraus, der Würfel ſei bereits über mich geworfen und man wolle nur den Schein der Gerechtigkeit für ſich haben. Von noch tieferer Wir⸗ kung war das von Ihrem Herrn Sohne, dem Obriſt⸗ hofkanzler, beiliegende Schreiben. Jede Zeile deſſelben war beſtimmt, mich zu entehren. Dieſe Güte, dieſe von ders Sie ſich aten, nug, zu 1, ſo dem ndes, auben d wie zuerte, eſtellte aß ich brin⸗ ngen. über in der Wir⸗ Pbriſt⸗ elben dieſe 155 Freundlichkeit, dies Beklagen meines Unglücks und dieſes Entſchädigungsangebot—“ Hubert vermochte bei dieſer Erinnerung die Ruhe, die er ſich gewaltſam aufgezwungen, nicht länger zu behaupten, ein Schrei des Zorns glitt über ſeiue Lippen. Er fühlte, daß er in dieſem Zuſtande wilden Aufbrauſens den vielleicht noch im Herzen der Prinzeß⸗ Mutter glimmenden Funken der Mutterliebe vernichten könnte, daher enteilte er mit den Worten:„Ich ſehe Sie wieder. Laſſen Sie mich dann die Mutter wieder⸗ finden. Ich werde nie von meinem Rechte laſſen!“ dem Zimmer. Die alte Dame bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen, ſich in die weichen Polſter zurück⸗ werfend. Es war ein toller Gedanke, der ihn von Debreczin nach Wien getrieben hatte. Vergebens hatte Doctor Weilenberger ſeine ganze Beredtſamkeit aufgeboten, um ihn davon abzubringen, Hubert war wie vom Wahnſinn befallen, ſein ganzes Denken concentrirte ſich in dem einzigen Gedanken, entehrt zu ſein. Doctor Weilenberger ſah ſich gezwungen, zuletzt dieſe weite Reiſe, die zu damaliger Zeit nicht ohne große Schwierig⸗ keit und Gefahren ſich bewerkſtelligen ließ, zuzugeben, da er von ihr wenigſtens eine Zerſtreuung für den aller ſeiner ſchönen Ausſichten plötzlich beraubten ——ͤͤͤ 156 Jüngling zu hoffen begann. Was ſollte der Entehrte in Debreczin? Würden ſeine Commiltonen noch Um⸗ gang mit ihm gepflogen haben? Sicher nicht. Am nächſten Tage ſchon war das Gerücht, der ſchöne reiche Hubert, dem alle Freund waren, ſei der Sohn eines Schweinezüchters, in ganz Debreczin verbreitet, es ging als eine erſtaunenswerthe Neuigkeit wie ein Lauffeuer von Munde zu Munde. Wie eine ſolche Verbreitung überhaupt möglich geweſen war, blieb räth⸗ ſelhaft, faſt ſchien Abſichtlichkeit daran Theil zu haben. Doctor Weilenberger ſowohl wie Gottfried Al⸗ marich hatten eine Ueberraſchung. Blos der letztere ſollte Hubert's Begleiter ſein, aber Bela Iſtvanſi erbot ſich freiwillig, mit nach Wien zu reiten. Es war ein Anerbieten, das man ein Opfer nennen mußte, denn ein ſolcher Ritt war mit ſchweren Anſtrengungen ver⸗ knüpft, und ſie hatten geglaubt, Bela ſei kein wahrer Freund Hubert's. Nur ein ſolcher konnte ſich ſelbſt ſolche Mühſeligkeiten und Strapazen auferlegen, um den Freund nicht zu verlaſſen. Der Sommer war heiß, ſie hatten unſaglich zu leiden. Hubert würde nicht geraſtet haben, wenn die Pferde nicht der Ruhe bedurft hätten, dieſe Noth⸗ wendigkeit allein zwang ihn, auch ſich einige Ruhe zu gönnen. Gottfried mußte ſich geſtehen, daß er ſich 157 in Bela geirrt habe, denn dieſer ließ keine Gelegen⸗ heit ungenutzt vorübergehen, wo er Hubert erheitern konnte. „Ich habe mich damals geirrt, ich muß mich geirrt haben“, ſagte der ehrliche Gottfried zu ſich. „Es kann nicht Bela Iſtvanſi geweſen ſein, der mit den beiden katholiſchen Patres ging. Hielte er mit dieſer Geſellſchaft zuſammen, würde er nicht ſo aus⸗ dauernd treu in ſeiner Freundſchaft für Hubert ſein. Hm, es war Abend und die Stimmen täuſchen.“ So kamen ſie nach Wien. Hubert, kaum aus dem Sattel geſprungen, eilte zur Prinzeß⸗Mutter. Das Reſultat dieſes Beſuchs war keineswegs ermuthigend für ihn. Wenn er noch an die Liebe ſeiner gnädigſten Mama zu ſeiner Perſon glaubte, ſo konnte er dieſe jetzt nur noch als eine von einem feindſeligen Schneeſturm mit der Wucht einer Schnee⸗ laſt überdeckte Blüte betrachten. Aus dem zagenden Weſen der alten Dame hatte er die Scheu und Furcht herausgefühlt, die ſie ihm gegenüber empfand; ſie hatte es vermieden, ihm den Namen Sohn zu geben, und doch hielt er ſich überzeugt, daß ſie ſich nicht ſo ſehr von ihm abgewendet haben könne, um dieſen ihm unter den jetzigen Umſtänden doch beſonders theuren Namen ihm zu verſagen, wenn ſie ſich nicht unter dem ſchweren 158 Drucke einer ihm feindſeligen Uebermacht befände, von der ſie mit allen Mitteln, die nur irgend einen Ein⸗ fluß auf ſie zu bewirken verſprachen, beherrſcht wurde. Er irrte nicht, wenn er die Familie Sinzendorf für den Feind anſah, der ihm hier entgegentrat. Hubert war zu ſehr von dem Beſuche bei ſeiner Mutter in ſeiner Hoffnung, es bedürfe nur ſeines Er⸗ ſcheinens bei ihr, um ihr Herz wieder für ſich zu ge⸗ winnen, getäuſcht worden, um noch an einen Sieg ſeiner aufs engſte mit ſeiner Zukunft verwachſenen Angelegenheit durch eigene Kraft zu glauben. Er mußte ſich ſagen, daß nur dann noch etwas für ihn zu hoffen ſei, wenn es ihm gelänge, einen Freund zu finden, deſſen Anſehen groß genug ſei, für ihn einzu⸗ ſtehen, ihn in Schutz zu nehmen. Das Bewußtſein aber, ohne ſolchen in Wien zu ſtehen, übte einen faſt geiſtlähmenden Einfluß auf ihn. Langſam, nachſinnend, faſt erdrückt von der Wucht des Unglücks, ging er nach dem Gaſthaus zurück, in dem er mit Bela Iſtvanſi und Gottfried einſtweilen abgeſtiegen war. Es hatte ſeinem Gefühle allerdings widerſprochen, nicht unmittelbar in dem Hauſe eintreten zu ſollen, deſſen Sohn er war; indeß Bela Iſtvanſi's eindring⸗ liche Vorſtellung, daß er ſich dadurch nur die Freiheit zu handeln, die großen Werth für ihn haben müßte, ———— — hen, llen, heit 159 ſichere, hatte entſchieden und er empfand jetzt zu ſei⸗ nem größten Leid die Wohlthat dieſes Rathes. Das mütterliche Haus würde ſich nicht zu ſeiner Aufnahme geöffnet, er der offenbaren Schmach der Ausſchließung ſich preisgegeben haben. Der Umſturz ſeiner Hoff⸗ nungen verſetzte ihn in dieſelbe Situation, in die ein den Ocean durchkreuzendes Schiff kurz vor Ausbruch eines am Horizont ſich aufthürmenden Wetters geräth, wenn gänzliche Windſtille die Segel ſchlaff an den Maſten hängen läßt, kein Luftzug über die unendliche Waſſerwüſte hinſtreicht und jede Bewegung des Fahr⸗ zeugs aufgehört hat; auch er fühlte ſich rathlos, was er beginnen ſollte. Er ſträubte ſich gegen den Ge⸗ danken, Wien verlaſſen zu ſollen, ohne ſeinem Schick⸗ ſal irgend eine Wendung zu ſeinen Gunſten gegeben zu haben. In dieſe Rathloſigkeit fiel plötzlich ein durch einen unbedeutenden Anſtoß von außen ihm kommender Gedanke. Ein Trupp Soldaten zog an ihm vorüber, er hörte ſie vom Prinzen Eugen ſprechen, und ſofort wußte er, an wen er ſich zu wenden habe; war ja der Prinz ſeines verſtorbenen Vaters Freund und Waffenbruder. Zu ihm ging ſein Weg und er war auch ſo glücklich, den Prinzen in ſeinem ſchönen Schloſſe Belvedere anweſend zu finden und von deſſen 160 Adjutanten, mit welchem er im vorigen Jahre bekannt geworden, ſofort zur Audienz gebracht zu werden. Prinz Eugen empfing ihn mit der ihm eigenthümlichen Liebenswürdigkeit, und dies gab dem davon unendlich wohlthuend berührten Jüngling den Muth, aus vollem Herzen, ohne jeglichen Rückhalt zu ſprechen. Er ſchloß mit der Frage:„Halten Ew. Durchlaucht meinen hoch⸗ ſeligen Vater eines ſolchen gemeinen Betrugs für fähig, deſſen Entdeckung mich in die bodenloſe Tiefe der Gemeinheit hinabſtürzen muß, wenn es mir nicht gelingt, etwas aufzufinden, was ſie als eine der ab⸗ ſcheulichſten Lügen enthüllt?“ „Nein, Buſſy⸗Rabutin war ein Ehrenmann in jeder Beziehung“, antwortete der Prinz ohne Zögern. „Er liebte Sie mit der vollen Zärtlichkeit eines glück⸗ lichen Vaters, ich weiß das; er würde Sie aber nicht geliebt haben, wären Sie nicht ſein Sohn. Ich er⸗ kenne Sie als ſolchen, leider aber iſt das für Sie kein Beiſtand, oder es iſt wenigſtens kein Beweis für Sie, mein junger Freund, welchen Sie Ihren Feinden als vollgültig entgegenſtellen könnten, denn das Zeugniß, mit welchem Sie auftreten müſſen, beanſprucht eine unantaſtbare Glaubwürdigkeit.“ „Mein Himmel, wo ſoll ich ein ſolches Zeugniß auftreiben?“ rief Hubert beſtürzt. die die ſel 161 „Kennen Sie Ihre Feinde?“ fragte der Prinz. „Es ſind die Sinzendorfs; ſie haben mir ſchon das Herz der Mutter abwendig gemacht.“ „Ich halte ſie nur für Leute, die den glücklichen Fiſchzug Anderer ausbeuten, zu ihrem Vortheile na⸗ türlich.“ „Anderer? Sollte ich noch andere Feinde haben? Ich kenne ſie nicht.“ Mit einem eigenthümlichen Lächeln bemerkte der Prinz darauf:„Es gibt Feinde, die man nicht ken⸗ nen, wohl aber fühlen lernt.“ „Ich verſtehe Ew. Durchlaucht nicht.“ „Das iſt das Unglück Ihrer Jugend, daß Sie mit einer ſolchen ſchlimmen Erfahrung kämpfen müſſen, die Ihnen keinen Zoll breit Fleiſch und Blut ent⸗ gegenſtellt, wo ſich der geheime Feind faſſen läßt.“ „Es gibt alſo ſolche geſpenſterhafte Feinde? Ich höre das erſte Wort davon.“ „Nun, mein junger Freund, ich will Sie mit dieſer Kenntniß durch ein Beiſpiel aus meinem eige⸗ nen Leben bereichern, denn Geſchehenes überzeugt ja ſelbſt den Ungläubigſten.“ Nach einer kurzen Pauſe fuhr der Prinz fort: „Im Jahre 1708 ſtand ich nach der Schlacht von Oudenarde mit der Armee vor Lille, dem Schlüſſel Carion, Der alte Deſſauer. II. 11 —mõy——mm——x 162 Frankreichs auf der Nordſeite. Die Belagerung dieſes wichtigen Platzes war eine ſehr beſchwerliche. Eines Tages erhielt ich einen Brief aus dem Haag mit der lq Aufſchrift:„A son Eminence le Prince Eugène.“ Ich lachte, mir einen Titel gegeben zu ſehen, den nur ve Cardinäle zu führen pflegen, da ein Feldherr ja ſo a wenig von der geiſtlichen Erhabenheit eines ſolchen m hohen Prälaten beſitzt. Als ich das Couvert erbrochen, fand ich weiter nichts darin als ein mit einem fetten me Stoffe durchtränktes graues Papier. Indem ich es, im noch nicht ahnend, wohin der Spaß ziele, auf den mi Boden warf, fühlte ich eine Anwandlung von Uebel⸗ Fr keit, Betäubung. Eine gleiche Wirkung äußerte ſich Fre bei meinem zufällig anweſenden Adjutanten General unt Dopt und meinem Kammerdiener. Letzterer hob es ſich trotzdem vom Boden auf und ſteckte es meinem Hunde aus in das Maul. In kurzer Zeit ſtarb das Thier unter Eh heftigen Zuckungen, trotzdem man ihm ein ſtarkes Gegen⸗ auf gift eingeflößt hatte. Ich war gerettet und kannte nun Pfl die Tragweite der Fähigkeiten meiner Feinde.“ ſuc „Welches abſcheuliche Verbrechen!“ rief Hubert nu mit der leidenſchaftlichen Entrüſtung eines edlen jun⸗ ſpr gen Herzens.„Iſt es Ew. Durchlaucht nicht gelun⸗ das gen, den Verworfenen zu entdecken, der dieſe gegen oder Ihr Leben gerichtete Schandthat verübt hatte?“ chen chen, ſetten es, den lebel⸗ ſich neral bb es unde unter begen⸗ nun hubert jun⸗ gelun⸗ gegen 163 „Ich kannte ſeine Freunde, das war für mich genug, um ſeine nähere Bekanntſchaft nicht zu ver⸗ langen.“ Hubert ſchien den Sinn dieſer Antwort nicht zu verſtehen, denn in ſeinem Blicke ſprach ſich Erſtaunen aus, die Unſicherheit, darüber zu einem Verſtändniß mit ſich zu kommen. Lächelnd ſagte der Prinz: „Ich bin Ihnen den Commentar dazu ſchuldig, mein junger Freund. Se. Heiligkeit der Papſt hatte im ſpaniſchen Erbfolgekriege, in welchem Oeſterreich mit den Seemächten England und Holland gegen Frankreich allürt war, trotz ſeiner Neutralität die Franzoſen mit einer bedeutenden Summe Dublonen unterſtützt. Meine ſiegreiche Armee mußte leben, um ſich ſchlagen zu können, ich mußte Contributionen ausſchreiben und empfing dafür von den Jeſuiten den Ehrentitel Kirchenräuber. Einen ſolchen zu vertilgen, auf welche Weiſe es auch ſei, gehört zu den jeſuitiſchen Pflichten. Das iſt die einfache Erklärung jenes Ver⸗ ſuchs, mich unſchädlich zu machen. Man ging dabei nur auf den Sinn eines zum Geſetz gewordenen Aus⸗ ſpruchs des Jeſuiten Mariana ein, nach welchem über das Leben eines Regenten durch Vergiftung des Sattels oder der Kleider zu disponiren erlaubt iſt.“ „O welch entſetzliche Lehre!“ rief Hubert. Dann 11* 164 trat eine Pauſe ein. Der Jüngling, obwohl angeregt durch dieſe Erzählung aus dem Leben des großen Heerführers, ſah ſich in einen Zwieſpalt mit ſich ſelbſt verſetzt; er konnte ſich nicht denken, in welchem Be⸗ zuge das, was der Prinz ihm vertraut hatte, zu ſeiner eigenen Angelegenheit ſtehen könne. Indeß jener, welcher in Hubert's Schweigen dieſe Unkenntniß zu ahnen ſchien, ſprach mit der ihm eigenen ruhigen Heiterkeit, indem er ſeine feingegliederten Hände, die ſo wuchtig den Feldherrnſtab zu führen verſtanden, auf des Jünglings Arme legte:„Was Ihnen ge⸗ ſchieht, iſt eine Abart des gegen mich verſuchten Be⸗ ſeitigungsmittels.“ „Was ſagen Ew. Durchlaucht?“ fuhr Hubert faſt erſchrocken auf. „Ich glaube mich nicht zu täuſchen, mein junger Freund, wenn ich dieſe Behauptung ausſpreche. Daß Sie ein reicher Erbe ſind, das würde keinen Haß gegen Sie erregen, aber Sie ſind Proteſtant, wie Ihr Vater es war, wie Ihre Mutter es noch iſt. Man fürchtet, daß Sie, der ſchon jetzt auf dem Lyceum von Debreczin ſich zum Mittelpunkt der proteſtantiſchen Jugend daſelbſt gemacht hat, dereinſt ein ſchlimmer Feind werden könnten, und— welche Zufälligkeiten und begünſtigenden Gelegenheiten dabei mitgewirkt 165 haben mögen, weiß ich freilich nicht— man verfiel auf ein noch ſichreres Mittel, als die verderbliche Aus⸗ dünſtung eines mit dem ſtärkſten Gifte getränkten Papiers iſt, um Sie aus der Liſte der Gefährlichen zu ſtreichen. Dies iſt bis jetzt vollkommen gelungen. Kein Gericht wird Ihnen Beiſtand leiſten, wenn Sie mit Ihren Anſprüchen an den Namen Ihres Vaters und an die dereinſtige Hinterlaſſenſchaft Ihrer Prinzeß⸗ Mutter auftreten, denn der Zweifel an Ihrem Ge⸗ burtsrechte iſt nicht eher zum Schweigen zu bringen, als bis Gegenbeweiſe erbracht ſind.“ Hubert's moraliſche Kraft ſchien durch dieſe Worte vollkommen gebrochen; ſeine ſonſt ſo muthvoll leuch⸗ tenden Augen ſuchten den Boden, ſichtbar lief ein Zittern durch die kräftige, ſchlanke Jünglingsgeſtalt und über das offene, ſchöne Antlitz zog eine tiefe Bläſſe hin; aber dieſer Zuſtand tiefſter Niedergeſchlagen⸗ heit war nur von kurzer Dauer. Wie von einer plötzlich in ihm ſich regenden Spannung ſeines geiſtigen Theils emporgeſchnellt, richtete er ſich ſtolz auf. „Durchlaucht“, rief er,„ich weiß nicht, woher ich dieſe Gegenbeweiſe nehmen ſoll, aber hier vor Ihnen, dem Freunde meines hochſeligen Vaters, ſchwöre ich es: ebenſo wenig wie mein Recht will ich meinen Namen aufgeben, eher ſterben, als die Ehrloſigkeit 166 mir zu Schulden kommen laſſen, verzagend und feig mich einem Raube an meinem Heiligſten unterworfen zu haben. Krieg zwiſchen den Räubern und mir! Ein gerechter Gott wird mir beiſtehen, er kann mich und mein Recht nicht verlaſſen!“. Der Prinz reichte ihm gerührt die Hand, die der Jüngling lebhaft an ſeine Lippen drückte. „Ich erkenne in Ihnen meinen theuern Waffen⸗ bruder Buſſy⸗Rabutin wieder. So würde er geſprochen und geſchworen haben. Ich will Ihr Beiſtand ſein, ſoweit meine Kräfte reichen. Laſſen Sie uns jetzt über Ihr Verhalten hier in Wien ſprechen; dies muß eine Hauptſorge ſein, um Sie vor jeder Blöße zu be⸗ wahren, zu der jugendliches Ueberwallen des Zorns verleiten kann.“ „Ich werde Ihren Rathſchlägen gehorchen.“ „Das Gehorchen, mein junger Freund, iſt ein Hauptſtück der Schule, die fürs Leben vorbereitet“, ſprach der Prinz und fügte lächelnd hinzu:„Ich glaube, das wird ſchon an und für ſich eine ſchwere Aufgabe für Sie ſein.“ Und mit dem Wohlwollen, durch welches er ſich diejenigen zu verpflichten wußte, die in wichtigen An⸗ gelegenheiten ſeinen Rath, ſeinen Beiſtand zu erbitten kamen, ſetzte er Hubert die Nothwendigkeit auseinander⸗ —+ 18=S— —— 18 ——+—.,.». 10 ſt ein itet“, „Ich hwere r ſich An⸗ bitten nder⸗ 167 ſeinen leidenſchaftlichen Ungeſtüm hier ſtreng im Zaum zu halten, das heißt, ſich ſelbſt zu beſiegen. Zu dieſem Zwecke ſollte er ſich zurückgezogen halten, wenig öffentlich und nur dann erſt wieder im Hauſe der Prinzeß⸗Mutter erſcheinen, wenn er von ihm, dem Prinzen, das Zeichen dazu erhielte. An dieſen zweiten und zugleich letzten Beſuch bei ſeiner gnädigſten Mama ſollte ſich auch ſofort ſeine Abreiſe ſchließen, er ſich jedoch nicht zurück nach Debreczin, ſondern auf die von ſeinem verſtorbenen Vater erworbene große Be⸗ ſitzung bei Hermannſtadt begeben, um dort die weitern Anordnungen des Prinzen zu erwarten, der monatlich durch militäriſche Poſtreiter dorthin Befehle in Armee⸗ angelegenheiten befördern ließ und auf demſelben Wege dienſtliche Anzeigen vom dortigen Gouvernement empfing. Als Hubert ihn verlaſſen hatte, gab ſich der Prinz einem ernſten Nachdenken hin, welches einen düſtern Schatten auf ſein gewöhnlich den Ausdruck heiterer Ruhe tragendes Geſicht warf. In dieſem Momente, wo ſeine Augen planlos an der Decke des Zimmers hafteten, mochte wohl die Menge der ſelt⸗ ſamen Erfahrungen, die er in ſeinem thatenreichen Leben und beſonders am kaiſerlichen Hofe gemacht hatte, an ſeinem Geiſte vorüberziehen; für jetzt ſuchte er nur die auf die Sinzendorfs bezüglichen feſtzuhalten. 168 Wie dieſe jetzt im Begriffe ſtanden, die recht⸗ mäßigen Anſprüche Hubert's vernichten zu helfen, da ihnen die Gelegenheit dazu geboten war— ein Vor⸗ haben, das ſchon deshalb vom beſten Erfolge begleitet ſein mußte, weil die Gerichte in ſämmtlichen Ländern Oeſterreichs keiner ſelbſtſtändigen Freiheit genoſſen, ſondern unter dem Alles erdrückenden Einfluſſe der herrſchenden klerikalen Partei ſich befanden— ſo hatte, nur in anderer und wahrlich nicht zarterer Weiſe, der religiöſe Haß an ihnen ein Kunſtſtück vollführt, welches dieſe urſprünglich proteſtantiſche Familie in eine katholiſche umgewandelt hatte. Auf Befehl Kaiſer Leopold's I. waren der Wittwe des 1677 verſtorbenen Reichshofraths Rudolf von Sinzendorf, augsburgiſcher Comfeſſion, ihre am Sarge des todten Vaters weinenden Kinder entriſſen worden, um ſie katholiſch erziehen zu laſſen. Es lag auf der Hand, daß man dieſen zu dem höchſten Hof⸗ und Staatsämtern gelangten Conver⸗ titen allen möglichen Vorſchub leiſten werde, um den Sohn eines Ketzers von ſeinem Erbrechte auszu⸗ ſchließen. Der ruhige Ueberblick, den Prinz Eugen über die Zuſtände in den kaiſerlichen Landen warf, zeigte ihm, dem frei Denkenden, ein ſehr trübes Bild und gab ihn zugleich die Ueberzeugung, daß ſich ſo leicht kein 169 Hercules finden werde, um hier die Arbeit im Augias⸗ ſtalle zu wiederholen; doch eben dieſe Gewißheit war es, welche ihn antrieb, für Hubert nach Kräften zu wirken. Er verbarg ſich nicht, daß es nicht geringer Mühe bedürfen werde, um für den Jüngling ein nur einigermaßen günſtiges Reſultat zu erzielen. Vor allem glaubte er die Prinzeß⸗Mutter dahin beſtimmen zu müſſen, daß ſie frei von jedem Zweifel an der rechtmäßigen Geburt Hubert's werde. Während er, dieſe Aufgabe vor Augen, zu handeln begann, brachte Hubert traurige Tage banger Er⸗ wartung in dem Gaſthauſe zu, in welchem er mit ſeinen Freunden abgeſtiegen war. Es gehörte unter die ſchwerſten Selbſtverleugnungen für einen an Frei⸗ heit gewöhnten Jüngling, ſich wie eine Schnecke in ihrem Hauſe zu halten; nur des Abends ging er in Geſellſchaft eines oder des andern ſeiner Begleiter aus, zuweilen auch gingen beide mit ihm. Zu jener Zeit wäre es ſehr unbeſonnen geweſen, in der Dämmerung oder zur Nachtzeit ſich ohne Waffen durch die Gaſſen Wiens zu wagen. Mord und Raub gehörten damals noch zu den häufigen Vor⸗ kommniſſen in der kaiſerlichen Reſidenzſtadt, von poli⸗ zeilicher Sicherheit wußte man nichts oder blutwenig, das Recht des Stärkern trug immer den Sieg davon. 170 Drei junge Männer, welche durchaus kräftiger Natur waren, durften ſich indeß ſchon auf ſich ſelbſt ver⸗ laſſen, und nichts lag Hubert ferner als die Furcht, einer widerwärtigen Bekanntſchaft erwähnter Art ſich ausgeſetzt zu ſehen. Es war ein etwas getrübter Vollmondsabend, als er mit Bela Iſtvanſi und Gottfried langſam durch die Gaſſen zog; die Glocke auf dem Stephansthurme hatte ſchon längſt den engliſchen Gruß verkündet und ihre kleinern Schweſtern auf den vielen Pfarrkirchen und Kloſterthürmen ihn in allen Tonarten nach⸗ geſungen. Die Drei waren bis an den Donauarm gekommen, der außerhalb des Rothen Thurmthors die damalige Schlagbrücke überſpannte. Hier wehte ein leiſer und milder Luftſtrom und Hubert ſchaute lange auf die ſich auf den kleinen murmelnden Donauwellen wiegenden und, je nachdem verdüſternde Wolken am Abendhimmel den Mondſchein für kurze Momente verdrängten, in Schatten verſchwindenden Mondlichter. Die Gefangenſchaft, zu der er ſich hatte verſtehen müſſen, äußerte ſich bei ihm in einer Niedergeſchlagen⸗ heit, die wie eine Centnerlaſt auf ihm ruhte. Er wünſchte nichts ſehnlicher herbei, als bald das ver⸗ ſprochene Zeichen von dem Prinzen zu empfangen, um ſein Schickſal zu irgend einem Ausgang gebracht zu 171 ſehen. Der Blick in die Ferne ſchmerzte ihn wie Heimweh, die Unthätigkeit, zu der er ſich verdammt fühlte, ſchien ſein ſonſt ſo ſtürmiſch fließendes Blut verdickt zu haben. Er war ſchweigſam geworden, ſelbſt gegen ſeine Freunde. „Es thut noth, daß wir bald fortkommen von hier“, ſagte Bela zu ihm.„Die Luft hier ſcheint Dir nicht wohl zu thun, Du biſt nicht mehr der fröhliche Hubert wie ſonſt.“ „Ich glaube das ſelbſt“, antwortete dieſer.„Ob ich der je wieder werde, wer kann's wiſſen!“ Gottfried trat zu ihnen heran und brummte ſehr unwirſch:„Weiß der Teufel, was das ſein ſoll! Habe ſchon lange einen Burſchen im Auge, der uns auf dem Fuße nachſchleicht. Seht dahin, da iſt er!“ Es war ſo, wie er ſagte. In der Ferne war eine dunkle Geſtalt zu bemerken, die jedoch nicht ſtehen blieb, ſondern, wie ſie bemerkten, ihnen näher kam, und als ſie ſo nahe heran war, daß man ſie deutlich ſehen konnte, zeigte ihr ſchwerer und nach beiden Seiten ſchwankender Gang, daß es ein Be⸗ trunkener war, welcher ohne Plan und Ziel vorwärts ſtolperte. Bela ſagte lachend:„Gottfried ſieht Geſpenſter.“ Der Trunkenbold ſchien ſich in dem nämlichen 172 Falle zu befinden. Als er ihnen ſo nahe war, daß er ihnen beinahe gegenüberſtand, kreiſchte er erſchreckt ſo laut um Hülfe, daß es von den Häuſern am jen⸗ ſeitigen Ufer wiederhallte. „Der Kerl iſt unſinnig“, ſagte Hubert.„Kommt, daß wir uns nicht etwa den Verdacht aufladen, wir hätten ihm etwas zu Leide gethan.“ Indeß ihr Fortgehen wurde von dem immerfort um Hülfe Schreienden verhindert, der ſich auf die Erde warf und Bela's Füße umfaßte mit dem Geſchrei: „Mein Geld her— mein Geld! Ihr habt mir mein Geld abgenommen!“ „Ich werde ihm eine kleine Zahlung zukommen laſſen und ihn in die Donau werfen“, meinte Gottfried. Der von ihm etwas unſanft Angepackte ſetzte ihm jedoch einen ſo energiſchen Widerſtand entgegen und ſchlang die Arme ſo feſt um ſeinen Leib, daß Gott⸗ fried, um ſich von ihm zu befreien, ſich in einen Kampf mit ihm einlaſſen mußte, in welchem er erkannte, daß er es mit einen Gegner von großer Körperkraft zu thun habe, dem er kaum gewachſen war. Das furchtbare Geſchrei des Trunkenen war in⸗ deß nicht ungehört verhallt. Vom Salzgries her eilte ein Trupp junger Männer heran und aus der Richtung 173 der Schlagbrücke ließ ſich der ſchwere Tritt der Rumor⸗ wache vernehmen, die dort ihre Station hatte. Vergebens bemühten ſich Hubert und Bela, den Schreienden von Gottfried loszureißen, es ſchien un⸗ möglich, und als es ihnen endlich mit vieler Anſtren⸗ gung gelungen und der nach Hülfe Brüllende ſich allein am Boden wälzte, waren die zu Hülfe Eilenden ſchon ſo nahe, daß ihnen auszuweichen nicht mehr möglich war. Der Mond ſtand jetzt ſo klar am Him⸗ mel, daß man jeden Geſichtszug erkennen konnte, und Hubert erkannte wirklich in einem der jungen Leute den ihm im vorigen Jahre bekannt gewordenen Sohn des kaiſerlichen Geheimraths Marquis von Realp. Ihm nahe tretend, ſagte er, auf den am Boden ſich Wälzenden deutend:„Ein Trunkenbold, der uns für die Räuber ſeines Geldes angeſehen hat.“ „Wer iſt Er, daß man Ihm das aufs Wort glau⸗ ben ſoll?“ entgegnete jener hochfahrend. „Sie werden mir glauben, wenn ich Sie daran erinnere, daß wir uns heute nicht zum erſten Male ſehen. Ich bin Graf Hubert Buſſy⸗Rabutin“, ant⸗ wortete der Gefragte ruhig. „Alle Teufel, der Sohn des Schweinezüchters!“ rief der junge Herr von Realp mit widerlichem Lachen. „Ich danke für ſolche Bekanntſchaft.“ 174 Wie ein Schauer überlief der Schreck, ſich zum Geſpötte gemacht zu ſehen, denn die guten Freunde Realp's brachen in ein wüſtes Gelächter aus, Hubert's kräftige Geſtalt. Unwillkürlich riß er die Klinge aus der Scheide, doch im gleichen Momente kehrte ihm die Beſonnenheit zurück.„Kommt!“ rief er Bela und Gottfried zu, und die blanke Waffe in der Hand, ſchritt er durch die kleine Schaar der jungen von einem Trinkgelage kommenden Edelleute mit einem gebieteri⸗ ſchen:„Raum da!“ „Raum für den Haiduckenſohn!“ ſchrie Realp höhnend. Es wäre von dem ungeſtümen, leicht aufbrauſenden Charakter Hubert's zu viel verlangt geweſen, hätte er auch dieſe erneute Beſchimpfung geduldig hinnehmen ſollen. Mit einem Satze ſprang er auf Realp zu, und dieſen hart an der Bruſt faſſend und ihn ſchüt⸗ telnd, donnerte er ihm zu:„Elender Bube, willſt Du—“ aber zum vollen Ausdruck ſeines Zorns gelangte er nicht, denn im Nu warfen ſich Realp's Genoſſen auf ihn, und nur ſeiner Gewandtheit hatte er es zu danken, daß er nicht ſofort zu Boden geriſſen wurde. Es ent⸗ ſpann ſich ein Kampf mit blanken Klingen, in welchem Gottfried an Hubert's Seite wacker dreinſchlug. Realp ſpornte, ſelbſt das Beiſpiel des Muthes gebend, 175 ſeine Freunde an, das Edelmannshandwerk, den Degen zu gebrauchen, dem Sohne des Schweinezüchters zu legen— da ſtreckte ein gut geführter Stoß Hubert's ihn zu Boden. „Mord! Mord!“ Dieſes Geſchrei durchſchrillte die ſtille Luft weithin und veranlaßte die ſchon ziemlich nahe gekommene Rumorwache, ſich noch mehr zu be⸗ eilen. Der Fall Realp's hatte eine Pauſe in dem Gefechte herbeigeführt. Hubert ſah im Mondlicht den jungen von ſeinem Degen in die Bruſt getroffenen Cavalier zum Tode verwundet am Boden liegen und ſtand wie betäubt; Gottfried riß ihn mit den leiſe zugeflüſterten Worten: „Vorwärts, ſonſt greift man uns!“ fort, ohne daß der feſt von ihm am Arme Gefaßte Widerſtand ge⸗ leiſtet oder einer der Genoſſen Realp's ihnen den Weg zur Flucht zu verſperren gewagt hätte. Hubert war von dem Bewußtſein, eines Mordes ſich ſchuldig gemacht zu haben, ſo ſehr beherrſcht, daß ſeine eigene Sicherheit keinen Werth für ihn gehabt haben würde, wenn nicht Gottfried für dieſe Sorge getragen hätte.„Wir müſſen die Stadt ſogleich ver⸗ laſſen“, raunte er ihm unterwegs zu.„Eure Freiheit wäre unwiederbringlich dahin, wenn man Euch hier abfaßte, und wie lange kann es dauern, daß ſie uns 176 auffinden? Alſo fort, fort, es iſt für uns unter dieſen dieſen Umſtänden das Beſte.“ „Ja, ja“, ſtimmte Hubert mechaniſch bei, und kaum anderthalb Stunden ſpäter jagten beide ſchon auf der Landſtraße hin. Bela Iſtvanſi fehlte, ein Beweis für ſie, daß man ſich ſeiner bemächtigt habe. „Es hat Alles ſein Gutes, Herr“, ſagte Gottfried. „Hat man ihn gefaßt, was jedenfalls geſchehen, ſo wird ſeine Ausſage nur von Nutzen für Euch ſein. Uebrigens iſt es beſſer, er ſitzt feſt, als Ihr, denke ich.“ So ritten ſie durch die Mondſcheinnacht und be⸗ fanden ſich am andern Morgen ſchon jenſeits der Grenze auf ungariſcher Erde. Der ſcharfe Ritt, die Kühlung, welche mit dem Nahen des Morgens einge⸗ treten war, hatten von Hubert die Betäubung ver⸗ ſcheucht, die nach dem blutigen Ereigniß wie ein Alp auf ihm gelegen hatte, aber dieſe Ernüchterung brachte ihm auch das Bewußtſein, daß ſeine Sache ſchon ſo gut wie verloren und Flucht das Einzige ſei, ſeine perſönliche Freiheit zu retten. VI. Hatten die traurigen Sicherheitszuſtände bei nächt⸗ licher Zeit den Kaiſerhof wie den achtungswerthen Theil der Bürger und Einwohner Wiens ſchon tief erregt, ſo brachte das Gerücht von dem blutigen Er⸗ eigniß, dem der einzige Sohn des Marquis von Realp zum Opfer gefallen war, den allgemeinen Unwillen zum vollſtändigſten Ausdruck. Was half es, daß Kaiſer Karl VI., um allen Gelegenheiten zu Zweikämpfen und ſonſtigen Ausbrüchen ungezügelter Leidenſchaft⸗ lichkeit vorzubeugen, das Geſetz erlaſſen hatte: alle bei den großen Maifahrten des Adels im Prater zu Pferde erſcheinenden Cavaliere ſeien verpflichtet, an den am Eingange ſtehenden Jäger die Piſtolen aus den Halftern abzuliefern, wenn die Nächte dazu ver⸗ wendet wurden, Meucheleien auf offener Straße aus⸗ zuführen. Carion, Der alte Deſſauer. II. 12 178 Marquis Realp, ein Günſtling des Kaiſers, trug auf ſchwere Beſtrafung des Mörders ſeines Sohnes an, obwohl die den letztern behandelnden Aerzte Hoffnung für Erhaltung ſeines Lebens gaben. Der Kaiſer war empört, und es ward eine ſcharfe Verfolgung des flüchtig Gewordenen anbefohlen; innerhalb der kaiſer⸗ lichen Staaten und im Reiche ſollte er nicht vor der Aufgreifung ſeiner Perſon ſicher ſein. In den hohen Kreiſen wußte man allgemein, daß Hubert Buſſy⸗Rabutin der Verfehmte ſei, und man erzählte ſich eine Menge Fabeln von dem Haiduckenſohne, der in ſeiner Wildheit und Unbändigkeit keiner Oberherr⸗ ſchaft ſich fügen wolle und dem es ganz gleich ſei, ob er einen Haſen oder einen Menſchen tödte. Das Ereigniß, das ihn zur ſchleunigſten Flucht gezwungen, hatte zugleich Prinz Eugen's Bemühungen, das Herz ſeiner Prinzeß⸗Mutter ihm wiederzuge⸗ winnen oder vielmehr es von dem dem Jüngling ſo nachtheiligen Einfluß der Sinzendorfs zu befreien, ſo entſchieden durchkreuzt, daß er die Unmöglichkeit ein⸗ ſah, ferner für ihn zu wirken. Zuweilen wollte es ihm zwar ſcheinen, als ſei das, was geſchehen, nur ein geſchickter Plan geweſen, um Hubert von der Mutter zu trennen und ſomit auch ſeine Einwirkung auf dieſe zu jenes Gunſten zu nichte zu machen, in⸗ lan ſtal trel erle der nich we ihm den lenl fre er im den dert alte der err⸗ 179 deß er hatte dafür keine Beweiſe und es blieb ihm nichts Anderes übrig, als das Opfer einer unver⸗ droſſen ihr Ziel verfolgenden Partei zu bemitleiden. Hubert hatte auf ſeiner Flucht Debreczin berührt und zwei Nächte und einen Tag daſelbſt geraſtet. Nur Doctor Weilenberger, ſeinem Erzieher, und dem alten Franzli vertraute er ſeine unglückliche Lage. Der einzige Rath, den ſie unter den traurigen Umſtänden zu geben wußten, war der, er möge ſich, um in den Beſitz der nöthigen Mittel zur weitern Flucht zu ge⸗ langen, auf ſeine väterliche Beſitzung bei Hermann⸗ ſtadt begeben und dort raſch die Pachtgelder ein⸗ treiben laſſen; ſie aber wollten nach Wien. Der im Namen der Prinzeß⸗Mutter vom Obriſthofkanzler erlaſſene Befehl verpflichtete den alten Franzli beſon⸗ ders dazu, und der Doctor meinte, es würde ihm nicht ſchwer fallen, in Wien Praxis zu erwerben, wenn er dies für nöthig befinde. So könnten ſie ihm vielleicht nützen, wenigſtens ihm Nachricht über den Stand ſeiner Angelegenheit geben. Doctor Wei⸗ lenberger hatte einige von früherer Zeit her ihm be⸗ freundete Berufsgenoſſen in Wien und an dieſe ſollte er die Adreſſen ſeiner Briefe richten, damit ſie ſtets im Verkehr mit einander blieben. Mit dem Grauen des Morgens wollte Hubert in 12* 180 Begleitung des treuen Gottfried nach Siebenbürgen aufbrechen. Auf ſeinem Bette hingeſtreckt, überließ er ſich vorher noch der Ruhe; er fühlte ſich matt, ab⸗ geſpannt, und was er nicht erwartet hatte, erfolgte, ein ſanfter Schlummer ſchloß ihm die Augen. Nach einiger Zeit erwachte er dadurch, daß Jemand ihn leiſe berührte. Miriam ſtand vor ihm; zugleich ſah er auf ſeiner Bruſt etwas Flimmerndes liegen und griff danach. Es war ein Talisman von der Größe eines Handtellers an einer Schnur zum Umhängen. „Was willſt Du hier, Kind, und was ſoll das?“ fragte er, ſtaunend den Talisman betrachtend, der aus einem dünnen Stück Silberblech beſtand, mit eingra⸗ virtem Bilde der Sonne, in deren Mitte der wachſende Mond mit ſeinen beiden Hörnern ſich zeigte, während an den Spitzen der ausgezackten Sonnenſtrahlen Sterne hafteten. „Ich will Dir einen Schutz mitgeben, daß Sonne, Mond und Sterne Dich in der Noth nicht verlaſſen“, antwortete ſie leiſe. „Und das ſoll er ſein?“ entgegnete Hubert lächelnd, auf den Talisman deutend. „Ja, das iſt er. Glaub's nur, daß er ein rechter Schutz iſt. Die Mutter hat mir ihn hinterlaſſen, er mag ſchon viele hundert Jahre alt ſein. Bei unſerm ́ da we hel nie Ha dig wu Er Han meit denk daru Deit das etwa nigſt 181 Volke iſt's ſo, daß von den großen Familien jede ihren Talisman hat, und mit mir ſtirbt die Letzte der Tſchangwi⸗Familie.“ „s iſt Aberglaube von Dir, Miriam, aber was das gute Herz mir gibt, weiſe ich nicht zurück. Ich werde ihn als Andenken tragen.“ Ueber das dunkle Geſicht des Mädchens lief der helle Sonnenſchein der Freude. Es ſank am Bette nieder, auf dem Hubert aufgerichtet ſaß, ergriff ſeine Hand und küßte ſie. Dergleichen demuthsvolle Hul⸗ digung hatte er nie von ihr angenommen, obwohl er wußte, daß ſſie den Zigeunern eigenthümlich ſeien. Er entzog ihr daher raſch die von ihr feſtgehaltene Hand und rief faſt unwirſch: „Laß die Poſſe, Du biſt nicht als Sklavin in meines hochſeligen Vaters Hauſe auferzogen. Ich denke nicht anders als er.“ „Nein, ich weiß das, Du biſt wie er gütig und darum wirſt Du auch behütet ſein und zum Siege in Deiner ſchlimmen Sache kommen.“ „Wie, Du prophezeiſt mir, kleine Miriam? Siehe, das habe ich noch nicht an Dir gekannt; aber weil's etwas Gutes iſt, läßt ſich's auch gut anhören.“ Geräuſch auf der Treppe ließ das Mädchen ſchleu⸗ nigſt aufſpringen.„Lebe wohl, ich ſehe Dich wieder, 182 Herr!“ Mit dieſen Worten verſchwand Miriam ſo raſch und geräuſchlos aus dem Gemache, daß Hubert an ihrem Abſchiedsbeſuche hätte zweifeln können, wenn nicht der anf ſeiner Bruſt ruhende Talisman ihn eines Andern belehrt hätte. Draußen ließ ſich Gottfried's Stimme vernehmen, der ſeinen jungen Herrn zu wecken kam. Eine halbe Stunde ſpäter trabten beide auf der noch von keinem Morgenſchimmer überleuchteten Straße ſchweigend neben einander hin. Hubert's Stimmung war keine fröhliche. Der Abſchied von Doctor Weilen⸗ berger, der ihn wie einen Vater liebte, und von dem alten Franzli hatte ihm ſo wehe gethan, als wenn er die Gewißheit hätte, daß ſie für ihn nicht mehr vor⸗ handen ſein ſollten. Miriam zeigte ſich nicht im Haus⸗ flur, als er durchſchritt, um ſich draußen, wo Gott⸗ fried mit den beiden Roſſen ſeiner wartete, in den Sattel zu ſchwingen; aber aus einem Dachkammer⸗ fenſter herab hörte er die leiſen Worte zu ſeinem Ohre dringen:„Sonne, Mond und Sterne werden Dich in Deiner Noth nicht verlaſſen.“ Der ehrliche Gottfried, obwohl der Wandel im Geſchicke ſeines jungen Herrn ihm ſchwer das Herz bedrückte, gab ſich alle Mühe, dieſen aufzumuntern, indeß gelangen dieſe Verſuche ſo wenig, daß er ſich genöthigt ſah, ſie einzuſtellen. Wenn Hubert dann 183 und wann ein Wort an ihn richtete, ſo bezog ſich daſſelbe meiſt auf Bela Iſtvanſi's Schickſal. „Nun, er wird keine Roſen pflücken“, antwortete dann Gottfried achſelzuckend.„Im Deutſchen gibt's ein Sprichwort, das ganz genau auf ihn paſſen dürfte: Wer die Henne nicht haben kann, muß ſich mit dem Ei begnügen. Diesmal iſt er unglücklicherweiſe das Ei, das ſie ſtatt der Henne gefaßt haben.“ Ihren Weg legten ſie ohne jeglichen Unfall zurück, und die reichen Abwechslungen, welche ihnen die herr⸗ lichen Landſchaften, die prachtvollen Wälder boten, die ſie zu paſſiren hatten, blieben doch nicht ganz ohne Einfluß auf Hubert. Er ward mittheilſamer, die Hoff⸗ nung, daß Bela Iſtvanſi's Ausſage für ihn das wich⸗ tige Reſultat haben werde, nicht als Urheber des blutigen und mit Mord endigenden nächtlichen Kampfes angeſehen zu werden, ſchien ihn aufzurichten, und ſeine leicht beſchwingte Phantaſie, ſo bald ſie nur ein wenig ſich von den Banden der Trauer um verlorenes Glück befreit fühlte, that das Ihrige, um ihn den heitern Muth wieder lieb gewinnen zu laſſen, der allein der Jugend Eigenthum zu ſein pflegt. Auf ſeines hochſeligen Vaters Beſitzthume, ſeinem ihm von Gott und Rechtswegen gehörenden Erbe, lebte er wieder auf. Die Freiheit ſchien die Nebel 184 banger Erwartung, wie ſich ſein Geſchick noch geſtalten werde, bald ganz von ſeiner Seele zu löſen. Hier in dieſem von der kaiſerlichen Reſidenz ſo entfernten Winkel wußte man nichts von dem, was über ihn gekommen und weswegen er hierher ſich gewendet hatte. Gottfried's Vater war der Einzige, der Alles erfuhr. „'s iſt ſchlimm“, ſagte der hochbetagte Mann, „aber ich hab's oft erlebt, daß, wenn die Jagd den ganzen Tag ſchlecht war, ſich's am Abend doch noch machte. Vorerſt ſitzt der junge Herr hier ſicher; für's Zweite muß man ſehen, wie die Geſchichte in Wien ſteht, und ich denke, wir werden das am beſten er⸗ fahren durch Vetter Philipp, der nach der Kaiſerſtadt will, um ſich einen Schreiberpoſten zu ſuchen. Und was den Kindertauſch anlangt— bah,'s iſt ein ſchänd⸗ liches Hirngeſpinnſt, nichts weiter. Wer unſern alten hochſeligen Herrn Grafen gekannt hat, glaubt nicht an die Albernheit, und darum wird's auch in dem Stücke Licht werden.“ Vetter Philipp Gruner, ein junger Mann aus der Verwandtſchaft des Förſters in Schleſien,, hatte die weite Reiſe nicht geſcheut, um die in dieſen abge⸗ legenen Winkel verſchlagenen Angehörigen ſeiner Familie kennen zu lernen, und wenn auch der Vetter Förſter — 185 darüber brummte, daß ein ſo kräftiger junger Menſch der Federfuchſerei ſich ergeben, ſtatt ein richtiger Jä⸗ gersmann vor dem Herrn zu werden, ſo hatte er doch den ehrlichen Schleſier gern, weil nichts Gekünſteltes an ihm war. Hubert fand den Vorſchlag hinſichtlich Gottfried's Vetter gut, und Philipp Gruner verſicherte ihm treuherzig, daß er ſich ganz auf ihn verlaſſen könne, wenn er ihm nur irgend einen Anhalt geben wolle, an wen er ſich in Wien wenden ſolle, da er dort ganz fremd ſei. Wen aber gab es in Wien, auf den Hubert einige Hoffnung ſetzen konnte, außer Prinz Eugen? In einem langen Schreiben an ihn ſetzte er die Urſache ſeiner Flucht klar auseinander, und ſchon war die Abreiſe Philipp's feſtgeſetzt, als dieſer heftig erkrankte und nach zweiwöchentlichem Krankenlager ſtarb. Bereits waren drei volle Monate ſeit Hubert's Flucht aus Wien ver⸗ ſtrichen, der Herbſt war im Anzuge und verkündete ſich bereits zur Morgen⸗ und Abendzeit durch ſcharfe, ſchneidende und durchkältende Luftſtrömungen von den Gebirgen her. Ein Verlaſſen ſeines Aſyls konnte unter ſolchen Umſtänden nicht erfolgen, es ſollte erſt ein Weg gefunden werden, durch den er Auskunft über das erhalten könne, was in Wien nach ſeiner Flucht geſchehen war. Und eine ſolche Auskunft ließ nicht 186 lange auf ſich warten. Bela Iſtvanſi kam plötzlich eines Abends bei ihm an. Er hatte ſich, wie er er⸗ zählte, gleichfalls durch Flucht aus dem Gefängniß ge⸗ rettet, in das man ihn nach ſeiner Ergreifung an jenem unſeligen Abende gebracht hatte. Man habe ihm offenbar Gelegenheit zu ſeiner Befreiung geben wollen, denn die anfängliche ſtrenge Ueberwachung ſei faſt in Nachläſſigkeit umgeſchlagen, die er zu benutzen nicht unterlaſſen habe; ſo ſei er glücklich aus Wien entkommen. Von Presburg aus wäre er mit einem Donau⸗ ſchiffer bis Ofen und mit Hülfe eines daſelbſt anſäſ⸗ ſigen Verwandten zu einem Pferde und einer kleinen Baarſchaft gekommen, um nach Debreczin zu gelangen, wo er gerade noch rechtzeitig eingetroffen, um den zur Abreiſe nach Wien gerüſteten Doctor Weilenberger und den alten Franzli zu finden. Der erſtere laſſe ihm den Rath ertheilen, ſeine Flucht nicht nach Süden, ſondern nach Norden oder Weſten zu richten. Der Weg durch die Karpaten ſei der bei weitem ſicherſte. „Solange ich hier ſicher bin, werde ich hier bleiben“, ſagte Hubert und erkundigte ſich angelegentlich, ob der Sohn des Geheimraths Realp todt auf dem Platze geblieben oder mit dem Leben davongekommen ſei. Bela vermochte keine genaue Antwort zu geben; im faf mu der 187 Gefängniß ſei keine Kunde darüber ihm zugekommen, aus den mit ihm angeſtellten Verhören zu ſchließen glaube er jedoch, daß der junge Marquis ſeinen Spott auch mit dem Leben bezahlt habe. „Von mir iſt ſein Blut nicht zu fordern!“ rief Hubert tief erregt. Der Gedanke, daß ein Mord auf ſeiner Seele laſte, verdüſterte ihn ſehr. Er bedurfte mehrerer Tage, um ſich von der niederſchlagenden Macht dieſer Selbſtan⸗ klage zu befreien. Bela wie Gottfried trugen das Ihrige bei, ihm Muth und Zuverſicht durch Zureden wiederzugeben, und die Zerſtreuung der Jagd, die er ſo leidenſchaftlich liebte, half dazu. In Geſellſchaft Bela's und Gottfried's durchzog er auf flüchtigem Roß die prächtigen Waldungen, und dieſe Thätigkeit ließ ihn allmälig das auf ihm laſtende Geſchick der Ent⸗ ehrung faſt vergeſſen. Als ſie eines Abends von einem ſolchen Jagdaus⸗ flug nach Hauſe kamen, raunte der alte Förſter ſeinem Sohne zu, daß er heute Leute in der Umgegend ge⸗ ſehen, die ihm wenig behagt hätten. Es wäre ihm faſt vorgekommen, als ſtudirten ſie das Terrain. In⸗ deß vergingen mehrere Tage, ohne daß der Wahrneh⸗ mung des Förſters irgend etwas gefolgt wäre, das den Charakter des Verdächtigen beſtätigt hätte. Ent⸗ 188 weder hatte der alte Mann ſich getäuſcht oder es war bloße Zufälligkeit geweſen, daß ihm unbekannte Leute in der Nähe des kleinen Schloſſes aufgeſtoßen waren, denen ſein Argwohn eine böſe Abſicht unterſchob. Hubert hatte nichts davon erfahren, nur Bela war davon unterrichtet worden, aber das Verſtreichen meh⸗ rerer Tage und Nächte in Ruhe ſprach zu ſehr gegen die Mahnung zur Vorſicht von ſeiten des alten Förſters. Eine Nacht jedoch war hinreichend, um Hubert's Schickſal plötzlich umzugeſtalten. Das Schloß ward in aller Stille von Militär umſtellt. Verrath hatte das Thor geöffnet und Hubert erwachte als Gefangener. Gottfried konnte ſich nur dadurch retten, daß er ſich aus dem Fenſter ſeiner Kammer mittels eines ſich herüberneigenden ſtarken Aſtes auf eine uralte Linde ſchwang und ſich in deren Krone verbarg. Er blieb dadurch unentdeckt, und nachdem er in dieſer luftigen Poſition ein paar Stunden ausgehalten, während wel⸗ cher er einen Wagen hatte fortrollen hören, der, wie er ganz richtig vermuthete, Hubert entführte, und dem durch die Soldaten verurſachten Lärm im Schloſſe wieder die größte Stille gefolgt war, ließ er ſich vor⸗ ſichtig aus ſeinem Verſteck herab. Bleich vor Schreck und Kälte betrat er das weit offen ſtehende Thor des Schloſſes, neben dem die beiden Wächterhunde erſchla⸗ 189 gen lagen. Das wenige Dienerperſonal fand er ein⸗ geſperrt, aber von Hubert und Bela keine Spur. Wi⸗ der Erwarten war wenig demolirt, nur einige Thüren waren eingeſchlagen. Beim Anbruch des Tages ent⸗ deckte der die Zimmer durchwandernde Gottfried in ſeines jungen Herrn Schlafkabinet am Boden eines Wäſchſchrankes eine bedeutende Summe Geld, welche, wie es ſchien, derſelbe für alle Fälle hier, in einem Leibgurt verwahrt, niedergelegt hatte. Dieſer Fund war den Soldaten entgangen und Gottfried bemäch⸗ tigte ſich deſſelben, wie von einer Ahnung getrieben, daß er noch vielleicht dem Eigenthümer gute Dienſte leiſten könnte. Das Geſchehene war eine jener überraſchenden Aufhebungen von Perſonen geweſen, die zu damaliger Zeit in allen Ländern nicht gerade zu den Seltenheiten gehörten und Mißliebige aus der Geſellſchaft verſchwin⸗ den machten. Eine tiefe unheimliche Stille läg von nun an auſ allen Bewohnern des Schloſſes. Vom Schickſale ihres jungen Herren und ſeines Freundes Bela Iſtvanſi er⸗ fuhr Niemand etwas; mit dem Neujahr fand ſich ein von der Hermannſtädter Regierung geſchickter Admi⸗ niſtrator ein, der ſeine Wohnung im Schloſſe nahm und eine durchgängig andere Ordnung einführte, der 190 auch der alte Förſter weichen mußte. Ein halbes Jahr ſpäter wich er ganz vom Schauplatze des Lebens und ſein Gottfried faßte den Entſchluß, ſich nach Wien zu begeben. Dort wußte er Doctor Weilenberger und den alten Franzli, vielleicht, daß er über Hubert und Bela von ihnen etwas erfuhr. Seine Heimat war ihm widerwärtig geworden. Doctor Weilenberger hatte durch ein glückliches Ungefähr einen Platz als Arzt im Hauſe des Prinzen Eugen gefunden und ſich durch ſein biederes, offenes Weſen die Gunſt dieſes hohen Herrn erworben. Gott⸗ fried's Erzählung von Hubert's Feſtnahme berührte Weilenberger in tiefſter Seele, er theilte dem Prinzen Alles mit. „Dann iſt er verloren, in irgend einer Feſtung findet er für Lebenszeit ſein Grab“, ſagte der Prinz. „Und nichts vermöchte ihn zu retten?“ rief der Doctor in ängſtlicher Spannung. Der Prinz zuckte die Achſeln. Er kannte die Ge⸗ waltthätigkeiten, die unter dem Schutze des Geheim⸗ niſſes begangen wurden, zu gut, um dem Doctor nur die geringſte Hoffnung geben zu können. Zwei Jahre vergingen ſeitdem. Gottfried war als Livreejäger in den Dienſt eines meiſt zu Wien lebenden ungariſchen Magnaten, eines Grafen Bat⸗ hes zen nes ott⸗ orte zen ng nz. der Ge⸗ im⸗ ur als bien 191 thyanyi getreten. Trotzdem ihm nichts mangelte, wollte ſich doch bei ihm die ſeinem Alter angemeſſene Heiterkeit nicht einfinden. Es fehlte dem ehrlichen Burſchen etwas, oder er hatte vielmehr einen Gedanken zu viel, den an Hubert, deſſen unglückliches Schickſal er nicht vergeſſen konnte. Wenn er mit dem alten Franzli zuſammenkam, was öfter geſchah, war meiſt nur Hubert Gegenſtand ihrer Unterhaltung. Das er⸗ hielt bei ihnen den wunden Fleck immer offen und empfänglich für jede Berührung. Die Prinzeß⸗Mutter müſſe auch zuweilen Gewiſſensbiſſe haben, meinte Franzli, denn ſie ſchaue öfter ſo traurig aus, daß Niemand ſie für eine ſo reiche Dame halten würde, wenn er ſie ſähe. Ruhig wäre ſie in ihrem Herzen nicht, darauf wolle er ſchwören. Zuweilen ſei es ihm vorgekommen, als habe ſie ein Bedürfniß, mit ihm zu ſprechen, indeß ſei es noch nicht dazu gekommen. Miriam dagegen zeigte, wenn Gottfried mit ihr redete, wun⸗ derbarerweiſe ſich gar nicht ſo verzagt in Betreff Hubert's.„Sonne, Mond und Sterne werden ihn nicht verlaſſen“, ſagte ſie mit einer Beſtimmtheit, die faſt komiſch klang. Gottfried verſtand den Sinn dieſer von ihr unerklärt bleibenden Rede nicht und nahm an der kleinen zierlichen Zigeunerhexe großen Anſtoß. Graf Batthyanyi machte eine Reiſe nach Brünn 192 zu dem dortigen, weitläufig mit ihm verwandten Bi⸗ ſchof. Gottfried mußte ſeinen Herrn begleiten. Der Feſtungscommandant des Spielbergs beſuchte öfter das biſchöfliche Palais, und es war nichts Auffälliges, daß Graf Batthyanyi auf die Idee gerieth, dies alte hoch über die Stadt emporragende Eulenneſt in ſeinem Innern ſehen zu wollen. Der Commandant verſtand ſich dazu. Gottfried war bei dieſer Partie ſeines Herrn Begleiter. Es war eben kein ſchöner Anblick, den das Elend, das ſich hier in reichſter Vertretung zuſammengefunden, gewährte. Der Commandant machte ſelbſt den Führer. „Sie haben einen entſetzlichen Poſten“, ſagte der Graf ſchaudernd vor dem, was er ſah.„Und alle dieſe Ihrer Obhut Empfohlenen find Räuber und Mörder?“ „Die meiſten, nicht alle. Die in dieſem vor uns ſtehenden Hauſe wohnen, ſind die Ausgezeichneten oder, wenn Ihnen das verſtändlicher klingt, unſere Nobleſſe, Leute aus den beſſern Ständen, die hier aufzuheben und vor Verirrungen zu bewahren man allerhöchſten Orts für gut befunden hat.“ Den Grafen verlangte nicht nach ihrem Anblicke, denn das bezeichnete Haus mit den kleinen Eiſengitterfen⸗ ſtern ſah ſchon unglückverkundend und traurig genug aus geſ den hin ſter Got 193 aus, ſodaß Niemand Sehnſucht nach den Jammer⸗ geſtalten in deſſen Innerem empfinden konnte. „Gehen wir, Herr Commandant, ich will mir nicht den Appetit zum Mittagsmahl noch mehr verderben.“ Indem der Graf weiter ſchreiten wollte, war oben hinter den ſtarken Eiſenſtäben eines der kleinen Fen⸗ ſter ein blaſſes Geſicht erſchienen, bei deſſen Anblick Gottfried vor Schreck halblaut aufſchrie. „Was gibt's?“ wendete ſich der Commandant raſch zu ihm. „Dort— dort— Hubert— ich erkenne ihn, er mich. Er nickt mir zu. Hier alſo—“ „Fort, fort!“ drängte der Commandant zornig. „Keinen Blick mehr hinauf, ich darf dergleichen Regle⸗ mentswidrigkeiten nicht dulden.“ „Gehorche!“ befahl der Graf. Gottfried war nicht von dem Befehl, wohl aber von dem, was er geſehen, ſo betäubt, daß er mechaniſch ohne Rückblick hinter ihnen drein ins Commandanten⸗ haus ſchritt, das nicht um ein Haar beſſer ausſah als jenes, nur daß es große Fenſter ohne Gitter hatte. Gottfried ſah ſich vom Commandanten in ein ſtren⸗ ges Verhör genommen. Er ſagte nur das aus, was der Wahrheit gemäß war. Der Graf, ſein Herr, ſchauderte bei Anhörung des Schickſals des unglück⸗ Carion, Der alte Deſſauer. II. 13 194 lichen Hubert und ſprach den Entſchluß aus, für ſeine Befreiung nach Kräften zu wirken. Und dies geſchah auch redlich. Prinz Eugen, von der Auffindung Hu⸗ bert's auf dem Spielberg, der als einer der ſcheuß⸗ lichſten Kerkerplätze in den kaiſerlichen Staaten betrach⸗ tet wurde, unterrichtet, fand den geeignetſten Weg, den Aermſten, an dem ein abſcheuliches Verbrechen begangen worden war, ſeinen übermächtigen Feinden zu entreißen. Er wußte zu gut, daß der gerade Weg, ſeine Be⸗ freiung zu erwirken, ein nutzloſer ſein werde, deshalb ſetzte er eine geheime Machination ins Werk, die Hu⸗ bert's Todfeinde mit einem ungeheuren Schreck über⸗ raſchen mußte. Gräfin Lorel Batthyanyi, Eugen's Freun⸗ din, war auch die der ſchönen Gräfin Althann, einer Dame von höchſtem Einfluß am Wiener Hofe, indem ſie als Jugendliebe des Kaiſers deſſelben ganze Zu⸗ neigung noch in ſo hohem Grade beſaß, daß, wer irgend ein durch Hinderniſſe aller Art gehemmtes An⸗ liegen durch ſie zum Ohre des Kaiſers zu bringen ver⸗ mochte, in der Regel ſich günſtigen Erfolg von ihrer Fürſprache verſprechen durfte. Ohne daß Jemand in Wien es ahnte, geſchahen dieſe geheimen Schritte zu Hubert's Befreiung; ein eigenhändig vom Kaiſer ge⸗ ſchriebener Entlaſſungsbefehl und eine vom Prinzen 195 Eugen ausgeſtellte Ordre an den Commandanten des Spielbergs öffneten dem Unglücklichen das Thor der Feſtung, an dem ihn ſein treuer Gottfried erwartete, welchen Graf Batthyanyi großmüthig ſeines Dienſtes entlaſſen hatte, da der aus dem Kerker Befreite eines ſo treuen Freundes, dem er ganz vertrauen könne, be⸗ dürfen werde. Die Roſen der Jugend auf Hubert's Wangen hatte die Kerkerluft gebleicht, er war hinfällig, das Elend ſchien an ſeinem Lebensmarke allzuſehr gezehrt zu ha⸗ ben. So kam er in Gottfried's Begleitung eines Ta⸗ ges in Wien an und fuhr vor dem Hauſe ſeiner Mut⸗ ter vor, wo eben die roſinfarbenen Iſabellen mit der Kutſche des Prinzen Eugen hielten. Der alte Franzli, der den Thürſteherpoſten ſeit kurzem verſah, ſchrie laut auf vor Freude, ſeinen jungen Herren wiederzuſehen, und Miriam, welche eben die Treppe herunterkam, warf ſich im leidenſchaftlichſten Ausbruch des Glückes dieſes Wiederſehens vor ihm nieder, unter Freuden⸗ thränen den Saum ſeines Rockes küſſend. „Sonne, Mond und Sterne haben Dich nicht ver⸗ laſſen, Herr!“ rief ſie leiſe im Uebermaße ihrer zum höchſten Grade geſteigerten Empfindungen. „Nein, Du treues Herz“, ſagte er, tief gerührt vom Anblicke des Glückes, in welches das Wiederſehen mit 13* 196 ihm die zierliche Mädchengeſtalt verſetzt hatte, und in⸗ dem er nur ihr verſtändlich auf ſeine Bruſt deutete, fügte er hinzu:„Sie bleiben mein Talisman für immer.“ Was ſich im Gemache der Prinzeß⸗Mutter begab, ſchien für ihn auf immer entſcheidend zu ſein. Als die alte Dame, welcher Prinz Eugen von dem zufäl⸗ ligen Wiederfinden Hubert's auf dem Spielberge Kunde gegeben und zugleich klar auseinandergeſetzt hatte, daß kein Zweifel mehr vorliege, wie man ſyſtematiſch zu Werke gegangen ſei, um ihn ohne Mord aus der Liſte der Lebenden zu ſtreichen, den bleichen Jüngling vor ſich ſah, der halblaut die zagende Frage an ſie richtete: „Erkennen Sie mich für Ihren Sohn, gnädigſte Mama?“ fiel ſie ihm in die Arme und der Ruf: „Mein Sohn! Mein armer Sohn!“ ging über ihre Lippen. Sie war tief ergriffen und ſchauderte förmlich bei der Ueberzeugung von der Bosheit, welche den langſamen qualvollen Kerkertod über ihn verhängt hatte, um ihn zu beſeitigen. Man ſtaunte nicht wenig, als man erfuhr, daß die Prinzeß⸗Mutter Hubert in ihrem Hauſe Zimmer ein⸗ geräumt und ſolchergeſtalt mit den Sinzendorfs ge⸗ brochen habe, welche dagegen einen Schwur darauf ſetzten, daß ſie dieſen Stiefbruder nicht eher für eben⸗ 197 bürtig anerkennen wollten, als bis vollkommene Be⸗ weiſe ſeiner bevorzugten Geburt beigebracht worden wären. Der Kaiſer konnte nichts in dieſem Familien⸗ zwiſt thun, er mußte dem Recht ſeinen Lauf laſſen, und ſo entſtand eine Kluft zwiſchen den Sinzendorfs und der Prinzeß⸗Mutter, die ſich nicht mehr über⸗ brücken zu laſſen ſchien. Obwohl eine Unterſuchung anbefohlen wurde, wem die Eigenmächtigkeit, Hubert länger im Kerker zu halten, da der junge Marquis von Realp nicht nur am Leben erhalten, ſondern voll⸗ ſtändig wiederhergeſtellt worden war, zur Laſt falle, ſo ward doch nichts weiter ermittelt, als daß man im Drange der Geſchäfte vergeſſen habe, dem Kaiſer eine Begnadigungsſchrift ſeinetwegen vorzulegen. Hubert erholte ſich ſchnell wieder von den Kerker⸗ leiden; man ſah ihn täglich in Gottfried's Begleitung ausreiten, den Salon ſeiner Mutter beſuchte er jedoch nie. Dies war eine Vorſicht, welche Prinz Eugen ihm als unabweisbar anbefohlen, aber ſie ſchmerzte ihn empfindlich; er fühlte, daß der auf ihn geworfene Makel ihn von dem Umgange mit Perſonen ſeines Standes iſolirte. Dieſe fortgeſetzte Demüthigung er⸗ tragen zu ſollen, verdüſterte ihn ungemein und raubte dem Glücke, ſich in dem Beſitz des Herzens ſeiner Mutter zu wiſſen, den Nimbus der Freude. Seine 198 Stellung im mütterlichen Hauſe war eine ſo ſeltſame, daß er ihrer bald überdrüſſig ward; ſeine jugendliche Heiterkeit wich einer Bitterkeit, die ihm das Leben ver⸗ haßt machte. Er kam ſich wie ein Schmarotzer vor, welcher ſich an eines freigebigen Reichen Tafel nährt, ohne mehr Anſpruch auf deſſeng Freundſchaft zu haben als einer der bezahlten Diener deſſelben. „Nehmen Sie dieſe ſchwere Prüfung Ihres leicht entflammten Ungeſtüms als das, woran es in Ihrer Erziehung gefehlt hat, mein junger Freund“, ſagte Prinz Eugen, als Hubert ihm klagte, daß er eine ſolche entehrende Stellung nicht länger ertragen könne. „Sie haben nie gehorchen, nie den Umſtänden Rech⸗ nung tragen gelernt, und darin beſteht einzig und allein die Kunſt, glücklich durch die Charybdis und Scylla des Lebens zu ſteuern. Sie müſſen dieſe Prüfung ertragen, denn Sie wiſſen, was auf dem Spiele ſteht.“ Auf Eugen's Rath hatte die Prinzeß⸗Mutter einen der berühmteſten Advocaten Wiens gewonnen, Hu⸗ bert's Angelegenheit zu führen. Dieſer gelehrte Herr ging dabei von einer Anſicht aus, welche der Prinz vollkommen billigte. Ihm galt es nicht, die Entdeckung von Wahrheit oder Lüge bezüglich der beim Graner Comitatsgerichte gemachten Ausſage der Frau Hanulik als Hauptſache ins Auge zu faſſen, ſondern das ver⸗ ſol 199 brecheriſche Thun der geheimen Feinde des Grafen⸗ ſohnes hinſichtlich deſſen gewaltſamer Fortführung und Einſchließung auf dem Spielberge ohne vorherige gerichtliche Verurtheilung ans Licht zu ziehen. Wenn es gelang, dieſe Feinde kennen zu lernen, mußte ſich das war ſeine Ueberzeugung, jenes den Makel ob⸗ ſcurer Abkunft auf Hubert werfende Geſtändniß der Frau Hanulik ſchon von einem ganz andern Geſichts⸗ punkte aus darſtellen. Die Prinzeß⸗Mutter hatte ihm vollkommen freie Verfügung über die zu dieſen Entdeckungen nöthigen Geldmittel ertheilt, und ganz in aller Stille begann der Advocat ſeine Forſchungen, die ſich vor der Hand auf zwei verſchollene Perſonen bezogen, auf Bela Iſtvanſi und auf Frau Hanulik ſelbſt, von welcher es hieß, ſie ſei in Gran kurze Zeit nach ihrer Ausſage vor Gericht geſtorben. Von Bela war gleichfalls jede Spur verſchwunden. Hatte er ſich in jener verhäng⸗ nißvollen Nacht gerettet, wo man Hubert in ſeinem väterlichen Schloſſe gefangen nahm, und was war aus ihm geworden? Gottfried hatte ſich zufällig erinnert, daß er eines Abends in Debreczin Bela im Geſpräch mit zwei Perſonen habe gehen ſehen, von denen er den einen als den Pfarrer der katholiſchen Gemeinde daſelbſt erkannt zu haben glaubte, und 200 Doctor Weilenberger gab an, daß ihm damals eine verhaltene Feindſeligkeit Bela's gegen Hubert aufge⸗ fallen ſei, Ausſagen, die auf ein geheimes Vorbereiten eines Schlages deuteten, ohne doch einen feſten Beweis zu liefern, daß Bela in ein Complot gegen Hubert verwickelt geweſen ſei. Von Bela ſelbſt irgend eine Spur zu entdecken, erſchien dem Advocaten als Hauptbedingung alles Nachforſchens, ſein ſo gänzliches Verſchollenſein deutete allein ſchon auf etwas Geheimnißvolles hin. Welche Zeit aber konnte verfließen, ehe in dies Dunkel ein Lichtſtrahl fiel! Hubert's ſonſt ſo lebens⸗ freudiges Weſen verfiel ſichtbar einem trüben Ernſte, der mit ſeiner kräftigen Jugend gar wenig ſtimmte. Er kam ſich wie ein Verdammter vor, der unter ſchwer tragenden Fruchtbäumen hinwandelt, ohne ſeinen ewigen Hunger mit einer ihrer lockenden Früchte ſtillen zu können, vor deſſen Munde der kühlendes Waſſer ſpen⸗ dende Quell ſofort verſiegt, ſobald ſeine durſtbrennen⸗ den Lippen demſelben nahen. Er ward von allen ſeinen Standesgenoſſen gemieden; traf man zufällig mit ihm zuſammen, ſo empfing er einige kalte Höflich⸗ keiten, nichts weiter. Es lag ſichtbar zu Tage, daß man zur Partei der Sinzendorfs hielt und ihn ignorirte, ihm auswich, ſich nicht mit ihm befaſſen wollte. 201 Sein Umgang beſchränkte ſich auf gelegentliche Be⸗ ſuche bei Prinz Eugen, der, über dem Urtheil der Menge erhaben, ihn durch ſeine Autorität vor Be⸗ leidigungen ſchützte, denen er unter andern Umſtänden ſicher ausgeſetzt geweſen ſein würde, auf Doctor Weilenberger, der als ſein alter Erzieher ihm die Liebe eines Vaters erwies und beſtrebt war, ſeinen ſinken⸗ den Muth aufrecht zu erhalten, auf ſeinen treuen Gottfried, welcher ihn bei jedem Gange aus dem Hauſe wie ſein leiblicher Schatten begleitete. Oft ſaß er in der Loge des alten Franzli und dann kauerte Miriam zu ſeinen Füßen. „Wahrhaftig, kleine Miriam“, ſagte er eines Tages zu ihr,„Du biſt glücklicher wie ich. Deine Ab⸗ ſtammung gibt Dir keine Rechte und Niemand iſt Dir darum feindlich geſinnt, denn wer ſollte Dir Deine Niedrigkeit ſtreitig machen!“ Miriam ſenkte das braune Antlitz zu Boden. Wäre Hubert nicht ſo ſehr vom Zorne gegen das ihn mit dem Fluche der Entehrung verfolgende Schickſal erregt geweſen, ſo würde er wohl bemerkt haben, wie ein außerordentlicher Schreck ihre leicht beweglichen Züge ſtarr machte, als ob ein Todesſchauer ſie be⸗ rührt hätte, und zwei große Thränen über die Wangen in ihren Schooß hinabfielen; aber er gewahrte dies 202 nicht, er war mit ſich ſelbſt zu ſehr beſchäftigt. Ueber ihr glänzend ſchwarzes Haar mit der Hand ſtreichend, wie er dies oft gethan, redete er weiter:„Iſt mir doch ſchon in böſen Stunden der Gedanke aufgeſtiegen, daß ich faſt wünſchen möchte, von ſo verachteter, recht⸗ loſer Herkunft zu ſein wie Du, dann wüßte ich ein Herz zu finden, das mich um meiner ſelbſt willen liebte.“ Miriam hob das Geſicht zu ihm auf und fragte: „Herr, glaubſt Du wirklich, daß nur Zigeuner lieben können?“ „Ich denke es, weil ihnen weder Ehre noch Schande dabei in den Weg tritt“, antwortete er faſt gleichgültig. „Ich glaube, Du haſt Recht, Herr. Die wahre Liebe darf nicht von der Ehre abhängen und nicht von der Schande verſcheucht werden. So können nur Zigeuner lieben.“ Gottfried, der ſeinen jungen Herrn nach dem Bel⸗ vedere, Prinz Eugen's Palais, begleiten ſollte, trat ein und machte dieſer ſeltſamen Unterhaltung ein Ende. Miriam blieb lange Zeit vor ſich hinſinnend ſtehen, als die Beiden die Loge verlaſſen hatten. Ihr blieb ſo viel zu denken! Heute zum erſten Male hatte er die Kluft bezeichnet, welche zwiſchen ihm und ihr gähnte, noch nie war ein ſolches Wort über ſeine Lippen gekommen, und daß er, ſelbſt im Unglücke, jetzt von ihrer niedrigen Abſtammung ſprechen konnte, das hatte ein tiefeinſchneidendes Weh in ihre leicht zur Leidenſchaftlichkeit entflammte Seele geworfen Und doch ſprach eine laute Stimme in ihrem Herzen für ihn! Wie troſtlos mußte er ſich fühlen, wenn ihm Stunden kommen konnten, die ihm, dem ſtolzen Herren⸗ ſohne, die verachtete Niedrigkeit ihrer Geburt als eine Art Glück erſcheinen ließen! Und welch ein Glück! Schamlos, für Ehre und Schande gleich unempfäng⸗ lich dünkte ihm die Liebe im Herzen einer Tochter ihres Stammes. Und doch zweifelte er nicht, daß ihr Herz ihn um ſeiner ſelbſt willen liebe. Welcher Widerſpruch! „Nur Zigeuner können lieben“, ſprach ſie leiſe vor ſich hin.„Möchte mein Schickſal es wollen, daß ich ihm das beweiſen könnte.“ Dieſer Gedanke beſchäftigte ſie aufs lebhafteſte, weil ſie keine Möglichkeit ſah, ihm je einen ſolchen Beweis geben zu können. Hubert, der keine Ahnung hatte, daß er der Ur⸗ heber ſo ſchweren Denkens der kleinen Miriam ge⸗ worden ſei, ſchritt ſchweigend den ziemlich langen Weg nach dem Belvedere hin, gefolgt von ſeinem ge⸗ 204 treuen Gottfried. Sie hatten ſchon die Landſtraße erreicht, als ſie einen Auflauf von Menſchen am Wege bemerkten. „Da ſcheint ein Unglück paſſirt zu ſein“, ſagte Gottfried, hinter ihm näher herantretend.„Ein Wagenrad iſt jedenfalls in einem der vielen Löcher zerbrochen.“ „Sieh nach, was da vorgefallen.“ Gottfried ließ ſich das nicht zweimal ſagen und eilte hin. Hubert ſchritt langſam weiter; aber ſchon nach wenigen Sekunden fand ſich Gottfried athemlos wieder bei ihm ein. „Nun?“ „Herr, ſo wahr mich Gott erſchaffen hat, ich habe ihn wiedergeſehen.“ „Wen?“ „Bela Iſtvanſi.“ „Dort?“ „Ja, Herr, dort. Er ſteht mit einem Pater Jeſuiten, in deſſen fetter, ſchnarrender Stimme ich denſelben Geiſtlichen erkannt habe, der an jenem Abende mit ihm und dem Debrecziner Pfarrer nach dem Kirchhofe—“ „Komm!“ befahl Hubert und eilte ihm voran dem von einer Menſchenmenge umgebenen Wagen zu, deſſen Bo 205 Achſe zerbrochen war. Gottfried hatte ſich nicht geirrt, Bela Iſtvanſi ſtand nebſt einem wohlbeleibten Jeſuiten⸗ pater bei dem Fuhrwerk, dem eben ein Stellmacher zu Hülfe geeilt war. Hubert bedurfte aber nur dieſes Anblicks, um aus der Geſelſſchaft, in der er Bela Iſtvanſi ſah, die feſte Ueberzeugung zu ſchöpfen, daß dieſer, der Freund und Gefährte ſeiner Knaben⸗ und Jünglingsjahre, einen abſcheulichen Verrath an ihm be⸗ gangen habe. So erſchreckend und die gerechte, ihm das Herz krampfhaft zuſammenziehende Entrüſtung lähmend wirkte dieſe ſich ihm gewaltſam aufdrängende Ueberzeugung auf ihn, daß er ohne Bewegung, nur den Blick ſtarr auf Bela geheftet, unter dem Menſchen⸗ knäuel eine Weile lang ſtehen blieb, ehe wieder ſein ſonſt ſo leicht entflammtes Blut ihm raſch durch die Adern rollte. Die vor ihm Stehenden mit beiden Armen zu einer Gaſſe auseinander drängend, wie der Schwimmer die ihn vom Ufer zurückwerfende bran⸗ dende Welle, trat er hinter Bela. Gottfried, ſein treuer Schatten, hatte ſich ihm ſofort nachgeſchoben. „Bela Iſtvanſi, treffen wir uns hier?“ fragte Hubert plötzlich, die Hand auf des Genannten Schulter legend. Unter der Ueberraſchung, ſo unvermuthet die Stimme deſſen zu hören, an dem er den abſcheulichſten Verrath begangen, knickte Bela faſt in die Kniee, Todtenbläſſe 206 überzog ſein Geſicht, unſicher wie ein im bodenloſen Moor Verſinkender ſtreckte er die Linke nach dem Jeſuitenpater aus, als bedürfe er eines Halts. „Wer iſt der Fremde?“ fragte der geiſtliche Herr erſtaunt, ſeinen Gefährten in ſo gänzlicher Unfähig⸗ keit, ſeine Beſonnenheit aufrecht zu erhalten, ſehen zu müſſen. „Hubert Buſſy⸗Rabutin!“ antwortete Hubert. „Ihr kennt den Namen, Pater, ſo gut wie dieſer Judas. Du gehſt mit mir, Bela, ich will Dich nicht gefunden haben, ohne den an mir verübten ſchänd⸗ lichen Iſchariothsſtreich ans helle Tageslicht gebracht zu ſehen. Vorwärts!“ „Die Hand von ihm, er iſt einer der Unſern!“ rief der Jeſuit. „Eben weil er das iſt, muß er mit mir. Faſſe ihn an, Gottfried! Geht er nicht gutwillig, ſo brauchen wir Gewalt.“ Die Umſtehenden hatten bis jetzt nichts von dieſen Hin⸗ und Herreden verſtanden, weil ſie in ungariſcher Sprache geführt worden, obſchon ſie wohl merken mochten, daß hier von einer friedlichen Begegnung keine Rede ſei. „Laßt mich!“ ſchrie Bela, plötzlich mit Aufbietung aller Kraft ſich von der ihn feſt am Arme haltenden Hand Hubert's losreißend und Gottfried einen Stoß vor die Bruſt verſetzend, daß dieſer zurücktaumelte. „Laßt mich, ich habe nichts mit Euch Ketzern zu ſchaffen!“ „Es ſind Ketzer, verdammte Ketzer, die an dieſem zu unſerer heiligen Kirche übergetretenen jungen Edelmann ſich rächen wollen!“ rief der Jeſuitenpater in deutſcher Sprache dem umſtehenden Volke zu.„Helft, Leute! Laßt dergleichen Schreckliches nicht vor Euern Augen geſchehen!“ Dieſe Worte wirkten wie ein in ein offenes Pulver⸗ faß geſchleuderter Feuerbrand. Unter dem Geſchrei: „Ketzer ſind's! Nieder mit ihnen! Schlagt ſie todt!“ erfolgte ſofort ein Angriff mit Fäuſten auf Kubert und Gottfried, ſodaß der erſtere kaum ſchnell genug ſeinen Degen aus der Scheide reißen konnte, um ſich der gleich wilden Thieren ihn Anfallenden zu erwehren. Gottfried konnte ihm nicht als Helfer in dieſer Noth beiſtehen; man hatte ihm durch unerwartet raſches Wegziehen der Füße den feſten Boden entriſſen und die großen ſchwere Geſtalt ſtürzte von wielen Fauſt⸗ ſchlägen überwältigt nieder, wehrlos ſeinen Feinden preisgegeben. Die Gewandtheit Hubert's im Führen der Klinge hielt allerdings eine Weile ihm die An⸗ greifer vom Leibe, der Pater ſtachelte ſie jedoch immer 208 von neuem an, ſich des Ketzers zu bemächtigen, und es gelang endlich, ihn durch Stöße mit dem vom Stellmacher gebrauchten Hebebaum zum Verlaſſen ſei⸗ nes günſtigen, ihm den Rücken deckenden Standpunktes am Wagen zu zwingen, ſodaß ſich der ungleiche Kampf nach der Mitte des Weges zog. Es war vorauszu⸗ ſehen, daß Hubert, von der wüthenden Menge umtobt, bald das Schickſal ſeines Gottfried theilen werde. Es ſollte indeß dahin nicht kommen. Des Weges von der Stadt her rollten mehrere Hofcarroſſen, von reitenden Arcieren umgeben. Man war ſo ſehr in den Kampf mit dem Einzelnen vertieft, daß man ſie erſt bemerkte, als einige dieſer Kaiſergardiſten unter den Haufen hineinſprengten und ihn auseinander trieben. Um ſeinen Verfolgern zu entgehen und ohne recht zu wiſſen, was er that, denn der Kampf hatte ihn faſt ſinnenwirr gemacht, ſprang Hubert, den bloßen Degen in der Hand, auf den Wagenſchlag der voran⸗ fahrenden Carroſſe. Dieſer Anblick entlockte der mit ihrem erhabenen Gemahle darin ſitzenden Kaiſerin einen Schrei des Entſetzens. Die Arcièren bemächtigten ſich ſofort des Frechen, der ſich auf dieſe ſeltſame Weiſe retten wollte, und wer nur einige Kenntniſſe von den Folgen hatte, welche die kleinſte Unterlaſſung der Ehr⸗ 209 erbietung vor kaiſerlicher Majeſtät nach ſich zog, der konnte feſt überzeugt ſein, daß dieſe in der Verwirrung geſchehene That Hubert'’s für dieſen die ſchwerſte Strafe nach ſich ziehen werde. Bei der Langſamkeit der damaligen Unterſuchungsweiſe war es nicht zu verwundern, daß er nach vier Monaten noch in einer engen Zelle des Rothenthurmthors ſaß, ohne auf eine baldige Entſcheidung ſeines Geſchicks hoffen zu können. Er ſchien von allen verlaſſen, keine Kunde aus der Außenwelt drang in ſein Ohr, er verwünſchte die Stunde ſeiner Geburt. Wurde er auch nicht ſo ge⸗ halten wie ein gemeiner Verbrecher, ſo war ſein Da⸗ ſein doch ein elendes, trauriges. Eines Tages öffnete ſich ſein Kerker, er ward zum Verhöre geführt. Die⸗ ſelben Fragen, die ihm ſchon öfter vorgelegt worden waren, beantwortete er mit den ebenſo oft von ihm ertheilten Antworten. Der Unterſuchungsrichter ließ dann die Gerichtsperſonen ſich entfernen. Hubert ſtaunte; was ſollte das bedeuten? „Sie ſind Ihr eigener Feind, Graf Buſſy⸗Rabutin, wenn Sie nicht auf das eingehen, was ich Ihnen mit⸗ zutheilen habe“, hob der ernſte Mann an. „Wie, Sie nennen mich bei dem Namen, der mir von Gott und Rechtswegen gebührt?“ rief Hubert. Carion, Der alte Deſſauer. II. 14 „ ſ 210 „Ich wüßte Sie nicht anders zu nennen“, war jenes ruhige Antwort.„In den Augen eines Juſtiz⸗ mannes gilt nur das Bewieſene; aber davon iſt jetzt nicht die Rede. Sie ſind frei, ſobald Sie Ihr Wort verpfänden, daß Sie fern von Wien unter anderm Namen leben wollen.“ „Und von wem ſtammt dieſer Vorſchlag?“ „Ich habe keine Erlaubniß, Namen zu nennen, nur das kann ich Ihnen ſagen, daß dieſe Verbannung, die Sie ſich ſelbſt auflegen, ich meine die Bedingung, irgendwo unbekannt zu leben, Ihnen mehr Vortheile bietet, als wenn der Spruch des Gerichts Sie trifft, in einem weit entfernten Gefängniſſe zu den Ver⸗ ſchollenen zu gehören. Wie Sie die Verbindung mit Ihren hieſigen Freunden unter irgend einem deckenden Geheimniſſe wieder anknüpfen wollen, das iſt dann Ihre Sache. Die Wahl iſt, denke ich leicht für Sie.“ „Ich nehme Ihren Vorſchlag an in der Voraus⸗ ſetzung, daß man mich in den Beſitz der nöthigen Mittel ſetzt, um leben zu können.“ „Das wird geſchehen, Graf. Der nächſte Morgen ſieht Sie fern von hier in Freiheit.“ Damit war dieſe Unterredung geendet und Hubert wanderte in ſeine Gefängnißzelle zurück. In der nächſtfolgenden Mitternachtsſtunde hielt in der Thor⸗ =———— —„——— ͤ„— tzt 211 halle ein Planwagen, auf dem ſich mehrere Soldaten befanden. Der ſie befehligende Korporal machte ſie, als Hubert einſtieg, auf eine Umhängetaſche mit den Worten aufmerkſam:„Des Gefangenen Eigenthum wohl in Acht zu nehmen.“ Das ſtarke Geſpann griff raſch aus, ſobald es erſt die Schlagbrücke hinter ſich hatte. Die Nacht war dunkel, regneriſch, die Fahrt deshalb langweilig, da kein Wort gewechſelt wurde, denn der Commandirende hatte gleich anfänglich auf Hubert's Frage:„Wohin bringt man mich?“ lakoniſch geantwortet:„Wohin meine Ordre lautet.“ Nach vierſtündiger Fahrt— es war noch dunkel, denn man befand ſich tief im Spätherbſt— rollte der Wagen in einen Hof. Ein paar Militärs traten ihm entgegen, der Korporal lieferte ihnen den Trans⸗ portirten aus und zog ſich mit ſeinen Soldaten zurück. Dies Alles ging ſo förmlich zu, daß Hubert ſich wirk⸗ lich noch für einen Gefangenen hielt. Indeß wurde dieſe eben nicht erheiternde Vermuthung ſofort aus ſeiner Seele verſcheucht, als der älteſte der beiden Militärs ihn in ein Zimmer weiſend ſagte:„Sie ſind frei. Meine bezüglich Ihrer Perſon erhaltene Ordre legt mir nur die einzige Pflicht auf, Sie an Ihr gegebenes Ehrenwort zu erinnern.“ Nach einer kurzen Ruhe, während welcher der Tag 14* 212 langſam anbrach, unterſuchte Hubert die Umhängetaſche. Sie enthielt Wäſche und einige Kleidungsſtücke, und zwar ſolche, die er früher nie beſeſſen und deren Aeußerem nach er zu der Ueberzeugung kam, daß die⸗ jenigen, welche für ſeine Befreiung thätig geweſen, es für ſeine Sicherheit am geeignetſten gehalten hatten, daß er in gewöhnlichem Bürgergewande erſcheine. Und dieſe ihre Meinung erhielt die ſicherſte Beſtä⸗ tigung durch das Auffinden einiger Zeugniſſe, welche auf den Namen Philipp Gruner, ſeiner Beſchäftigung nach Schreiber aus Schleſien, lauteten. Er hatte den Träger dieſes Namens perſönlich gekannt und zweifelte nicht, daß ſein treuer Gottfried, um ſeine Befreiung wiſſend, auf den Gedanken gekommen ſei, ihm durch Beilegung dieſer Zeugniſſe die Art und Weiſe, ſein Incognito zu bewahren, habe andeuten wollen. Eine noch inliegende gut gefüllte Börſe mit Silbergeld ſollte ihn vor Mangel ſchützen. So dunkel und unfreundlich die Nacht geweſen war, ſo glänzend ſchön wurde der aus ihr hervor⸗ gehende Tag, der ihn auf dem Wege nach Prag fand. In ſeiner Seele war es auch Tag geworden, er wußte ſich von Freunden unterſtützt und neue Hoffnung ſchwellte ihm die Bruſt, der alte Muth machte ihn jugendfröhlich, und ſo zog er, im Aeußern wie im — — 213 Namen ein Anderer geworden, wohlgemuth die be⸗ lebte Straße nach der alten Königsſtadt an der Moldau hin. Die neuen Berührungen, in welche er, der Fuß⸗ wanderer, auf der Straße kam, verkürzten ihm die Reiſe. Er hatte nur die Verhältniſſe reicher Leute in ſeinem hohen Stande kennen gelernt, jetzt lernte er auch die jener armen Leute kennen, die ihr tägliches Brod mühſelig erwerben müſſen, und er verhehlte ſich nicht, daß es der Mühe werth ſei, dieſe Erfahrungen zu machen, die er im eigentlichſten Sinne des Wortes aus der Tiefe des großen Ganzen ſchöpfen konnte. Oft freilich, wenn er ermüdet vom Marſche auf einem Rain an der Straße lagerte, wollte ihm der Wechſel, den er jetzt erlebte, wie ein Traum vorkommen. War's doch mit ihm wie im Märchen, wo der ver⸗ ſtoßene Prinz die gefährlichſten Proben beſtehen muß, um für ſein erhabenes Ziel, den Beſitz des ihm zu⸗ gehörenden Throns, die rechte Weihe zu empfangen. Dachte er zurück an das, was hinter ihm lag, ſo zuckte es wohl heftig in ihm wie ein großer Schmerz um ein verlorenes Gut; aber er raffte ſeinen Muth zuſammen, und wie dicht verſchleiert auch ſeine Zu⸗ kunft vor ihm ſtand, ſo kam doch kein Verzagen in ſeine Seele. Er wanderte weiter voll der Luſt, wie 214 ſie die Straße eben gab, es war ihm leicht und frei ums Herz, wie es ihm ſonſt nie geweſen war. Es bedurfte für ihn keines beſondern Entſchluſſes, um jeden längern Aufenthalt in Prag, das in ſo vielfältigen Beziehungen zu Wien ſtand, zu meiden; er mußte fürchten, hier bald aufgeſpürt zu werden, und auch die Ausſicht, in eine geheime Correſpondenz mit Doctor Weilenberger zu treten, war nicht nur unſicher, ſondern auch, wenn er wirklich einen An⸗ knüpfungspunkt zu demſelben fand, bei der geringſten Entdeckung ſeines Incognito gefährlich. Er begriff, daß es denjenigen, durch deren Hülfe— und dieſe mußte von immerhin mächtiger Art ſein— er jetzt frei war, beſonders darum zu thun geweſen, ihn fern und ſicher vor dem Einfluſſe ſeiner Feinde zu wiſſen; aber von einer perſönlichen Sicherheit für ihn konnte innerhalb der kaiſerlichen Staaten keine Rede ſein. Jenſeits der böhmiſchen Grenze ſchien ihm dieſe Gefahr nicht vorhanden und er wanderte daher nach Sachſen. Das friſche, aber ſchöne und trockene Spätherbſt⸗ 5 wetter begünſtigte ihn ungemein, und wie der Sonnen⸗ ſchein die mächtigen Berg⸗ und Felſenhäupter über⸗ goldete, welche das Böhmerland von Sachſen ſcheiden, ſo auch glänzte in ſeiner Seele der Sonnenſchein des — 215 Muthes, denn immer feſter und dauernder wurde die Ahnung bei ihm, daß er auf dem Wege zum Glücke wandle. Und dies erhebende Vorausempfinden ſchien ſich auch erfüllen zu wollen. Kaum noch eine Stunde von Dresden entfernt, ſchritt er, denn die Dämmerung legte ſich ſchon leiſe auf das reizende Elbthal, rüſtig der Stadt zu. Plötzlich ſchlug ein lautes Hülfs⸗ geſchrei von Frauenſtimmen an ſein Ohr. Eine Kutſche, von zwei in raſcheſter Carrière hinter ihm die Straße einher brauſenden Pferden gezogen, aus deren offenem Innern das weibliche Hülfsgeſchrei drang, ließ ihn ein Unglück vermuthen, und es bedurfte nur eines Blickes, um ihn zu überzeugen, daß dem wirklich ſo war, denn er ſah keinen die Zügel haltenden Kutſcher auf dem Bock. Sofort war ſein Entſchluß gefaßt, hier rettend einzugreifen, und dies gelang ihm auch, ſo ſehr die ſcheuen und wild ſich aufbäumenden jungen Thiere ſeiner ſie feſt am Zügel haltenden Hand ſich zu entreißen ſtrebten. Die Kutſche kam zum Stehen, das Hülfsgeſchrei verſtummte, eine ältere Dame ſah zwiſchen den zurückgeſchlagenen Ledervorhängen heraus und fragte nach ihrem Kutſcher, nach ihrem Bedienten. Hubert wußte ebenſo wenig Antwort zu geben als die ſich um das Fuhrwerk ſammelnden Leute. Endlich kam der Diener mit der Peitſche in der Hand keuchend 216 nach, mit der Meldung, der Kutſcher ſei am Aus⸗ gange des letztpaſſirten Dorfes vom Bocke geſtürzt. „Ach, Himmel, wie werden wir nach Hauſe kommen ohne Kutſcher!“ jammerte die Dame. „Wenn die gnädige Frau ihren Bedienten zurück⸗ ſchicken will, daß er für den Verunglückten Sorge trägt, werde ich Sie fahren.“ „Wird Er das können? Die Pferde ſind jung und ſcheu.“ „Verſuchen Sie es mit mir.“ Dieſe ruhig gegebene Antwort ſchien der Gnädigen zu imponiren, und da ihr keine andere Wahl nach Hauſe zu kommen blieb, ſo nahm ſie das Anerbieten an. Der Diener mußte auf dem Tritte ſeinen Platz einnehmen, während einer der Umſtehenden durch ein Geldſtück bewogen ward, für den verunglückten Kutſcher im Dorfe die nöthige Hülfe zu ſchaffen. Die Pferde ſtiegen kerzengrade in die Höhe, als Hubert ſich auf den Bock geſchwungen, aber mit der Natur dieſer edlen Thiere vertraut, bei denen Furcht eine große Schwäche in der Zahl ihrer preiswürdigen Eigenſchaften zu ſein pflegt, ließ er die Peitſche um ihre Köpfe ſauſen, und im raſcheſten Jagen ſtürmten ſie erſchreckt aufs neue die Straße dahin; doch Hubert's immer ſtraffer wer⸗ dende Zügelführung machte ihnen bald bemerkbar, daß 350 ge 1g 217 ſie nun einem feſten Lenker unterthan geworden, und ehe ſie noch die Stadt erreichten, waren ſie ſchon in einen kurzen, ruhigen Trab gefallen. Durch die Zurufe des hintenaufſtehenden Dieners geleitet, führte Hubert Geſchirr und Geſpann durch die ihm unbekannten Gaſſen der Stadt und lenkte das letztere durch einen weit offen ſtehenden Thorweg in einen Hofraum, der zu einem herrſchaftlichen Hauſe gehörte. Ein Stallknecht, ganz verwundert, daß ein junger kräftiger Mann vom Bocke ihm die Zügel zu⸗ warf, fragte:„Wo iſt denn der Jakob?“ Von Hubert empfing er keine Antwort, denn eben war ein alter Herr mit einem ihm vorantretenden, einen Armleuchter mit brennenden Kerzen tragenden Diener an der Thür erſchienen und begrüßte zwei Damen, die ſchon erwähnte ältere und eine junge, denen der mit dem Wagen gekommene Diener bereits hatte ausſteigen helfen. Die junge Dame, die dem alten Herrn als ihrem Papa in aller Eile in franzöſiſcher Sprache zurief, welches Unglück ſie hätten nehmen können, feſſelte Hubert's Blicke als eine höchſt reizende Erſcheinung. Die alte Dame befahl dem Diener, Hubert ein Trink⸗ geld zu verabreichen. Dieſer wies es zurück. „Iſt Er ſo hochmüthig?“ fragte jener empfindlich. 218 „Das nicht, ich will nur nicht eine mir ſelbſt er⸗ wieſene Gefälligkeit mir bezahlen laſſen. Jetzt bin ich ſchon in der Stadt, zu Fuße wäre ich jedenfalls noch ein gutes Stück davon entfernt.“ Der Herr, der in Kürze von ſeiner Tochter erfahren, daß ſie die Verhütung eines ſchweren Unfalls nur dem jungen Manne zu verdanken hätten, fragte gut⸗ müthig:„Er iſt wohl fremd hier?“ „Es iſt ſo, ich ſuche ein Unterkommen.“ „Wie heißt Er?“ In dieſem Moment ſein Denken mehr auf die junge, ihn freundlich anſehende Dame richtend als auf ſein Incognito, antwortete er raſch:„Hubert Buſſy—“ Faſt hätte er den Namen ganz ausgeſprochen. „Und Er iſt aus?“ „Der Gegend von Wien.“ „Für heute Nacht bleibe Er in meinem Hauſe, wegen des Unterkommens werden wir morgen mit einander ſprechen. Er wird Sorge für ihn tragen, Matthes.“ „Zu Befehl, Herr Geheimrath.“ Der folgende Tag ſah Hubert in ein Verhältniß treten, welches ihm ganz neu war. Der Herr Geheim⸗ rath übertrug ihm die Stelle eines Privatſchreibers, da ihm die Handſchrift Hubert's wohlgefiel, und dieſer ——-—- 8 219 erhielt auch die Verſicherung, möglichſt nach einiger Zeit, wenn er ſich erſt eingearbeitet habe, hinſichtlich einer Anſtellung begünſtigt zu werden. Es war ein Unter⸗ kommen, welches ein Schreiber von Metier ſich nicht beſſer hätte wünſchen konnen, und Hubert war auch inſoweit damit zufrieden, als er ſein Incognito dabei gewahrt wußte. Nur etwas erregte ſeinen Widerwillen. Die alte Dame, eine Verwandte des Geheimraths, zeigte ſich ihm auffällig abgeneigt, und mit ihr ſtimmte die Dienerſchaft vollſtändigſt. Die erſtere vermißte bei dem Schreiber die von Leuten, welche bezahlt werden, gewohnte Demuth gegen Hochgeſtellte, die Diener wie⸗ der klagten wieder über den unerträglichen Hochmuth dieſes hergelaufenen Menſchen, der ſich mit ihnen nicht weiter einlaſſe, als es ſchlechterdings nöthig ſei. Hu⸗ bert kümmerte ſich weder um die Gnädige noch um die dienſtbaren Geiſter. Die Schreiberei beim Geheimrath war wenig an⸗ ſtrengend; der alte Herr hatte nur einen Theil der Correſpondenzen an die bei auswärtigen Höfen be⸗ glaubigten Geſandten Sachſen⸗Polens, darunter die an den zu Wien reſidirenden Grafen von Lagnasco. Hubert, welcher, wenn das Schriftliche der betreffenden Meldungen an dieſe Herren beendet war, auch die Ver⸗ ſiegelung der Papiere zu beſorgen hatte, nahm die Ge⸗ 220 legenheit wahr, mit Erlaubniß des Geheimraths einen Brief an Doctor Weilenberger mit einzuſchließen. Günſtigere Anknüpfung zu einer Correſpondenz konnte ihm nicht ſo leicht wieder geboten werden, und er war⸗ tete mit Sehnſucht auf Antwort, als ſeiner Berechnung nach die Zeit, eine ſolche zu erhalten, faſt verſtrichen war. Eine Aufklärung der ihn betreffenden Verhältniſſe mußte ja von höchſter Bedeutung für ihn ſein, und — ſie blieb aus. Allmälig füllte eine unbeſtimmte Angſt ſeine Seele. Warum keine Antwort? fragte er ſich und konnte ſich die Frage nicht beantworten. War Doctor Weilenberger vielleicht geſtorben, und wenn dies der Fall, in weſſen Hand gerieth dann ſein Schreiben? Sagte er ſich auch, daß der Doctor viel⸗ leicht warten wolle, bis in ſeiner Angelegenheit irgend etwas von Bedeutung vorgefallen ſei, ſo verſcheuchte dieſe Annahme ſeine Beängſtigung doch nur auf kurze Zeit. Er zitterte bei der Möglichkeit der Vorſtellung, daß es im Plane ſeiner Feinde gelegen haben könne, ihn in Freiheit ſetzen zu laſſen, zum Flüchtling zu machen, um ihn dann um ſo gewiſſer verderben zu können. Von ſolchen ſchwarzen Phantaſien gefoltert, faßte er den Entſchluß, wieder zurück nach Wien ſich zu be⸗ 4 4 4 .———— 1 4 221 geben oder wenigſtens in deſſen Nähe, um klar zu ſehen und wenn möglich eine Wendung in ſein Schick⸗ ſal zu bringen, mochte es ſein, welche es wollte. Nur ein Umſtand hielt ihn noch von gänzlichem Verzagen ab. Wenn er an das in ſeiner Umhängetaſche vorge⸗ fundene Zeugniß des verſtorbenen Schreibers Philipp Gruner dachte, ſo erſchien es ihm mehr als wahrſchein⸗ lich, daß, da ſelbiges nur von ſeinem treuen Gottfried ſtammen konnte, auch jedenfalls ſeine Mutter mit im Einverſtändniß hinſichtlich ſeiner Flucht geweſen ſein müſſe. Sie konnte nicht ſein Verderben wollen, eben⸗ ſo wenig Gottfried, ihre Theilnahme blieb ihm daher eine geſicherte. Dieſer Gedanke hatte freilich das Schickſal eines zwiſchen Wetterwolken vorbrechenden Sonnenſtrahls, er ging ſchnell wieder im Dunkel unter, mit dem ſeine beängſtigenden Phantaſien ihn gleichſam umhüllten. Eines Abends, wo dieſer quälende Widerſpruch ihn beſonders in Anſpruch nahm, durchlas er das Zeugniß Philipp Gruner's. Es war eine rein mecha⸗ niſche Handlung, wie man dergleichen in Momenten vornimmt, wo man ſich vom Zweifel in ein Labyrinth ſich widerſprechender Hoffnungen und Befürchtungen verſetzt fühlt. Tritte in dem zu ſeinem kleinen Stüb⸗ chen führenden Gange mahnten ihn, das Papier zu 222 beſeitigen; er ſchob es vorläufig in die Bruſttaſche ſeines Rocks. Der Diener rief ihn zum Herrn Ge⸗ heimrath. Der alte Herr, bei dem ſich ein Offizier befand, war in großer Aufregung. „Wer iſt Er?“ herrſchte er ihm zu. „Des gnädigen Herrn Geheimraths Schreiber.“ „Ein Elender iſt Er, den man von Wien aus verfolgt.“ Bei dieſen Worten erklärte der Offizier Hubert mit kurzen harten Worten ſeine Feſtnahme auf Antrag des kaiſerlichen Geſandten Grafen Waldſtein. Hubert ſtand ſprachlos, denn ſeine nächſte Zukunft gähnte ihn als bodenloſer Abgrund an, aus dem er keine Erlöſung erwarten konnte. Mit Schauder ge⸗ dachte er ſeiner Kerkerſchaft auf dem Spielberge, aber mit dieſer furchtbaren Erinnerung erwachte auch zu⸗ gleich der ſo natürliche Drang nach Rettung. „Wage Er keinen Widerſtand, wenn Er nicht in Ketten gelegt ſein will“, herrſchte der Offizier ihm zu und rief, an die Thür tretend, einen auf der Treppe ſeiner Befehle harrenden Korporal nebſt zwei Grena⸗ dieren herbei. Hubert erhielt die Weiſung, in ihrem Beiſein ſeine Habſeligkeiten mitzunehmen und dann ihnen zu folgen. Ohne Widerrede verließ Hubert das Zimmer. Draußen empfingen ihn die höhniſchen Blicke 223 der Diener, er ſchritt mit ſchweigender Verachtung an ihnen vorbei nach ſeinem Stübchen. Sein Hirn hatte ein Gedanke möglicher Rettung durchzuckt, und wenn er vereitelt wurde, was konnte er noch weiter verlie⸗ ren? Seine Freiheit hatte er ja ſchon verloren. Er packte ſeine Wäſche in die Taſche, wobei er ſeinen Geldbeutel, ohne daß es auffiel, zu ſich ſteckte. Der Gehorſam, mit dem er Alles that, nahm den ihn Bewachenden jede Urſache zur Unzufriedenheit, ſie hat⸗ ten nicht nöthig, ihn zu größerer Eile anzutreiben, er eilte von ſelbſt bei ſeiner Beſchäftigung.„Meinen Hut“, ſagte er ſich umſehend, als die Taſche zuge⸗ ſchnallt auf dem Tiſche lag. In der weit offen ſtehen⸗ den Kammer hing der Hut am Nagel, er ging hinein, nahm ihn herab, verlor ihn aber aus der Hand, ſodaß er hinter die Thür fiel. Indem ſich Hubert danach bückte, warf er die Thür heftig ins Schloß, ſchob eiligſt den innern Riegel vor, und den Hut ſich auf den Kopf drückend, wagte er durch das ſchnell aufgeriſſene Fenſter den Sprung aus der Höhe eines Stockwerks. Schwer erſchüttert durch den ganzen Körper, ver⸗ mochte er in den erſten Augenblicken nicht ſich zu be⸗ wegen; aber die Noth ſeiner Situation überwog den Schmerz, den er empfand, die Minuten mußten benutzt werden. An den Hofraum ſtieß der Garten, nur durch 224 einen ziemlich hohen Heckenzaun von demſelben ge⸗ trennt. Mit eiſerner Willenskraft ſeinen Schmerz be⸗ zwingend, gelangte er über dieſen Zaun und eilte un⸗ ter den ihres Laubſchmucks beraubten Bäumen dahin. Deutlich drang in ſein Ohr das dumpfe Krachen der von den Grenadieren mit den Kolben ihrer Gewehre nach der Kammerthür geführten Stöße und beflügelte ſeine Eile. Mit Aufbietung aller Kraft überkletterte er die den Garten von dem angrenzenden Felde ſchei⸗ dende Mauer und befand ſich nun im Freien. Der rauhe ſtürmiſche Abend mit tiefſchwarzem Himmel war ihm inſoweit günſtig, als ihm auch nicht eine Menſchenſeele begegnete. So ward ſeine Flucht gedeckt. Welche Straße er einſchlug, blieb in ſeiner Lage gleich; am Morgen, nachdem er die ganze Nacht hindurch marſchirt, erfuhr er von Landleuten, er befinde ſich auf dem Wege nach Leipzig. Schon glaubte er ſich geborgen, als er am dritten Tage die berühmte Meßſtadt erreichte, doch man war auf ſeiner Spur und ein förmliches Treiben von Dorf zu Dorf erfolgte. Mit einem Bauer, der an ihm den Fang⸗ lohn verdienen zu können glaubte, mußte er ſchwer ringen, ſeine Gewandtheit half ihm indeß auch hier gegen die rohe Kraft, und endlich gelangte er todmüde nach Halle. 225 Hier wußte er ſich ſicher vor der Gefahr, auf ſäch⸗ ſiſchem Grund und Boden ergriffen zu werden, doch ein neuer Schreck überkam ihn: ſein Geldbeutel war bei dem Ringen mit dem Bauer verloren gegangen, er ſah ſich in die bitterſte Armuth verſetzt und wußte nicht, womit er am nächſten Morgen das Wenige, was er im Wirthshauſe genoſſen, bezahlen ſollte. In die⸗ ſer hülfloſen Lage ſprach ihn ein Korporal von des Deſſauers Muſterregiment an, und Hubert kam nach einigem Nachſinnen zu der Erkenntniß, daß der Ein⸗ tritt in dies Regiment der einzige Ausweg ſei, ſeinen Feinden zu entgehen. Wer ſollte ihn in der Gemein⸗ ſchaft von Leuten vermuthen, deren nähern Umgang jeder nur einigermaßen Gebildete von ſich abhielt! Der ſchöne, kräftige junge Mann, deſſen Körper⸗ größe vollkommen den Anſprüchen an Länge und Ge⸗ ſtalt entſprach, die beſonders bei dieſem Regiment maßgebend waren, wurde als eine gute Acquiſition betrachtet; aber der ſklaviſche Gehorſam, die Mißhand⸗ lungen, die Rohheit ſeiner Kameraden ekelten ihn an, auch ſah er keine Möglichkeit vor ſich, von hier aus ſich mit Doctor Weilenberger in Verbindung zu ſetzen. So würde Hubert vielleicht den in ihm aufſteigenden Gedanken an Deſertion zur Ausführung gebracht haben, hätte er ge⸗ wußt, wohin er ſich in ſeiner tiefen Armuth wenden ſolle. Carion, Der alte Deſſauer. II. 15& 226 Lebensüberdruß drängte ſich allmälig in ſein Herz und in einer Anwandlung von Schwermuth würde er ſich den Tod gegeben haben, wenn nicht Regina ihn daran verhindert hätte. Von dieſem Augenblicke an gewann ſein Daſein wieder einen Werth für ihn, und faſt ſchien es, als zeige ſich nun auch eine freundlichere Seite ſeines Standes für ihn. Seine Schreibekunſt verſchaffte ihm bei ſeinem Oberſt eine erträgliche Stellung und zugleich das Glück, Regina wiederzuſehen. Unglückliche Le⸗ benslagen verbinden die Herzen ſchneller als glückliche. Regina lernte Hubert's Geheimniß kennen und ein Einverſtändniß zwiſchen beiden erfolgte. Gottfried Lan⸗ germann ward, da Regina für ſeine Verſchwiegenheit und Treue bürgte, in Hubert's Geheimniß eingeweiht, und als Prinz Leopold Maximilian unter dem Vor⸗ wande, ihn mit nach Bubanien zu nehmen, auf Wunſch ſeiner durchlauchtigen Mutter ihm außerhalb des deſ⸗ ſauiſchen Gebiets freie Wahl gelaſſen, ſich zu be⸗ geben, wohin er wolle, hatte er den Weg ſchnurſtracks nach Wien eingeſchlagen. Ende des zweiten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. Von demſelben Verfaſſer erſchien bereits in meinem * Verlage: n s f Johann Georg J. von Sachſen. 3 Hiſtoriſcher Roman 3 von e. Franz Carion. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. Ferner erſchienen: Die Thefabrikanten. Komiſch⸗ſocialer Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Von Wien nach bilagos. Hiſtoriſcher Roman Ferdinand Stolle. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 3 Thlr. Der Held von Garika. Roman aus den Ländern des Kaukaſus von Adolf Mützelburg. 3 Bände. 8. Geheftet. Preis 3 Thlr. Ernſt Julins Günther. Leipzig. —— 1 8 — 2