2 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 1 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen..— 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr. Pf. 1 Ml. 50 Pf. 2 Nr.— Pf. „ 1, 1— 9—— u 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — a —— 3 ——— ———ñ— — Der alte Deſſauer. Hiſtoriſcher Roman Franz Carion. Erſter Band. Leigzig, Ernſt Julius Günther. 1867. Druck von Heinr. Mercy in Prag. Ich bin ich, wie ich auch ward gemacht. Shakſpeare's„König Karl“. Jürſt Leupold durchmaß mit haſtigen Schritten die Länge ſeines Arbeitsgemachs, deſſen Fenſter die Aus⸗ ſicht auf die am Deſſauer Schloſſe in ruhiger, unwan⸗ delbarer Gleichmäßigkeit vorüberfließende Mulde boten. Sein von Zorn dunkelroth überflogenes Geſicht hatte im Zuſtande der Aufregung— und in einem ſolchen befand er ſich jetzt— eine ungemein zutreffende Aehnlich⸗ keit mit der Furcht einflößenden Phyſiognomie eines von ſchweren und finſtern, gleichſam ſich gegenſeitig bekäm⸗ pfenden und unter zuckenden Blitzen gegeneinander an⸗ wogenden Wetterwolken belaſteten nächtlichen Himmels. Sein zu Gewaltthaten ſtark geneigter Sinn prägte bei ſolchen Gelegenheiten ſich ſo ſcharf in ſeinen Zügen aus, daß deren Anblick ein grauenerregender war; das rohe, ungebändigte Kraftbewußtſein in ihm gab ſich alsdann Carion, Der alte Deſſauer. I. 1 2 unverhüllt, keine Schranke achtend und jeder ſanftern menſchlichen Regung entkleidet. Unter die Zahl der Be⸗ dauernswerthen gehörte der, welcher die Urſache ſolcher Zornesäußerung bei ihm war, denn die Verhängung grau⸗ ſamer Strafen, ein trauriges Zeichen ſeiner Zeit, galt ihm, dem Gewaltmenſchen, als fürſtliches Vorrecht und er bediente ſich deſſen mit Vorliebe. In ſolchen Momenten war es ſelbſtverſtändlich, daß Niemand nach ſeiner Nähe gelüſtete, weil es gar nichts Auffallendes war, daß ſein Unmuth ſich auf den ihm zunächſt Befindenden warf und etwas an ihm herausfand, das ihn zum Gegenſtande eines oft mit ſehr unangenehmen Folgen verbundenen Donnerwetters machte. Eine ſolche Befürchtung ſchien der an der Thür in ſcheinbarer Erſtarrung aller Gliedmaßen ſtehende Feld⸗ webel nicht zu kennen. Er glich in ſeiner Unbeweglich⸗ keit einer ſteinernen Figur, der man das Soldatenkleid mit allen dazu gehörenden Anhängſeln angethan hat. Selbſt ſeine Augen gehorchten dem eiſernen Zwange, welcher den Soldaten damaliger Zeit zur Entäußerung jedes Selbſtwillens heranbildete und zur gedankenloſen Maſchine machte. Er ſah ſo ſtarr und unverwandt gerade aus, als wollte er die ſeinem Standpunkte gegen⸗ über ſich zwiſchen den beiden Fenſtern des Gemaches be⸗ findende Wand, an der das Portrait Friedrich Wilhelm's I., 3 des Freundes und königlichen Gönners des Fürſten, hing, mit dem Blicke durchbohren. Der Fürſt trat, nachdem er einige Male ſein Arbeits⸗ gemach zornvoll durchſchritten hatte, an eins der Fenſter, drückte die Stirn an den Rahmen und begann mit ge⸗ waltiger Fingerkraft an den Scheiben ſeinen Lieblings⸗ marſch zu trommeln, der heute noch in der preußiſchen Armee in gutem Andenken ſteht und mit vollkommenem Recht des Deſſauers Hymne genannt werden kann, denn abgeſehen davon, daß es keine andere Melodie für ſein Ohr und Gedächtniß gab, die er ſich einzuprägen fähig geweſen wäre, gipfelte ſich in dieſem allbekannten Marſche der Ruhm ſeiner Kriegsthaten und war derſelbe ſomit eine glorioſe Erinnerung für ſeinen ungeſtümen Ehrgeiz und ſeine wilde Soldatenluſt. Nach einer Weile unterbrach er ſeine Fingerübungen an den Scheiben mit einem gewaltigen Fluche, und von dem Fenſter zurück ſich wendend, begann er aufs neue ſeinen zornigen Spaziergang, bei welchem das, was ihn zu ſo furchtbarem Unmuthe gebracht hatte, einen Aus⸗ druck durch kurz und heftig hervorgeſtoßene Rede erhielt. „Sollen an mich denken, die Hunde! Will ihnen's Ausreißen einſtreichen, daß ſie auf Lebenszeit genug dran haben ſollen! Will ein Exempel ſtatuiren! Verdamme Gott die Canaillen!“ 1* Bei dieſer letztern Verwünſchung blieb er mit einem das Gemach durchſchütternden Fußſtampfen vor dem wie aus einem Guß als Standbild hingeſtellten Feldwebel ſtehen. Ob er erwartete, daß dieſer Unbewegliche etwas ſeiner grimmigen Entrüſtung Beifall Zollendes äußern würde, oder ob er an ihm irgend einen Verſtoß oder nachläſſiges Ueberſehen der Vorſchriften des peinlich⸗ lächerlichen Gamaſchendienſtes wahrgenommen, blieb ſo lange unentſchieden, bis er den mit keinem Auge Zucken⸗ den anſchrie: „Kerl, iſt Er Feldwebel bei den Stockfiſchen?“ „Nein, bei Ew. Durchlaucht Leibgrenadieren.“ „So? Haben meine Grenadiere keine Mäuler?“ „O ja.“ „Nun?“ „Ew. Durchlaucht Grenadiere thun aber die Mäuler nicht eher auf, als bis ſie gefragt werden. So will's die Subordination und damit baſta!“ Wenn bisher des Fürſten ingrimmiges Geſicht Aehn⸗ lichkeit mit einem von verderbenſchwangern Wetterwolken überzogenen nächtlichen Himmel aufwies, ſo zeigte es jetzt die erfreuliche Wandlung eines Durchbruchs der Sonnenſtrahlen durch die erwähnte finſtere Wolkendecke, denn ein behagliches Lächeln erheiterte die Zornmiene Leupold's, und dem Unbeweglichen auf die Schulter 5 klopfend, ſprach er in einem verſöhnenden kamerad⸗ ſchaftlichen Tone: „Er hat Recht, Brommer, Er hat ganz Recht, daß Er mir den Wiſcher gibt; freut mich von Ihm. Er iſt ein Schockſchwerenöther, der's fauſtdick hinterm Ohre hat, und ein Muſterkerl für meine Grenadiere iſt Er. Was wahr iſt, bleibt wahr.“ Brommer zeigte ſich bei dieſem unzweideutigen Lobe ſo unempfindlich und ſteinern, als wäre er mit Taubheit geſchlagen. Er kannte ſeinen Herrn zu genau, um nicht zu wiſſen, daß es dieſem eine wahre Seelen⸗ freude war, ſeine Soldaten durch freundliche, wohl⸗ wollende Zuſprache zu irgend einem Verſehen oder Außer⸗ achtlaſſen der dienſtlichen Pflicht zu verleiten, um ſie dann dafür ſtrafen zu können; denn wenn ſchon die Men⸗ ſchenquälerei in allen Armeen des damaligen Deutſch⸗ land zur Tagesordnung gehörte und die Soldaten in den Augen ihrer Obern ganz gleich mit geiſtloſen Maſchinen rangirten, die ſchweigend jede Behandlung hinzunehmen hatten, ſo zeichnete ſich der Deſſauer Leupold, wie er ſich gewöhnlich ſtatt Leopold zu nennen pflegte, in dieſer be⸗ liebten Form und Norm doch ganz beſonders aus, und man konnte von ihm ohne Uebertreibung behaupten, daß er die Soldatenquälerei vollkommen ausſtudirt habe. Stockprügel über den auf einem Verſehen ertappten —————— 4 ——;ʒ;——— 6 Soldaten, wenngleich der Fürſt ſelbſt ihn erſt dazu verleitet hatte, zu verhängen, gehörte zu deſſen kleinen angenehmen Ergötzlichkeiten, und merkwürdigerweiſe herrſchte unter den Soldaten die Anſicht, daß dieſe auf ihren Rücken und Hintertheilen höchſt accurat ausge⸗ führten Manipulationen mit Haſelſtöcken gar nicht ehren⸗ rührig, im Gegentheile zur militäriſchen Bildung unum⸗ gänglich erforderlich ſeien. „Los! Rührt Euch!“ commandirte der Fürſt, der ſo eben erſt zu bemerken ſchien, daß ſein Brommer noch in der peinlichen Steifheit eines Muſtergrenadiers verharrte. Mit reglementsmäßigem Aufſtampfen des linken Fußes genügte der Feldwebel dem Commando, die feſt an die Seiten geſchloſſenen Arme zeigten ſich augenblicklich locker und loſe und das kameradſchaftliche Verhältniß, das von Kindesbeinen an zwiſchen dem Fürſten und ihm beſtanden, trat ſofort in Geltung. „Nun rede Er, Fritze, thue Er's Maul auf. Ich laſſe die Canaillen kreuzweis ſchließen für ihr Aus⸗ reißen.“ „Die Nürnberger hängen Keinen, ſie hätten ihn denn zuvor.“ „Kerl, biſt Du des Teufels?“ fuhr Leupold auf. „Habe ich als Fürſt nicht das gute Recht, meine Landes⸗ kinder zu tractiren, wie es mir gefällt?“ d 4 „Wenn die Landeskinder aber jenſeits der Grenze ſind, iſt's alle mit dem Recht.“ „Mache mir den Teufel aus der Grenze!“ ſchrie 3 der Fürſt, aufs neue in Zorn gerathend.„Was mein 2 iſt, hole ich mir, und den will ich ſehen, der mir's ver⸗ wehren will!“ Dieſer zornigen Verſicherung ließ er ein ganzes Regiſter der in ſeinem Munde üblichen Kernflüche nachpoltern. „Ja, wir haben's immer ſo gehalten, wir nahmen, was wir nehmen wollten, und fragten den Kukuk dar⸗ nach, ob's einen Andern crepirte oder nicht; aber hier iſt's etwas Apartes. Morgen ſind die Vögel ausge⸗ flogen und wir haben's leidige Nachſehen, was für Leute wie wir, die auf ihre Reputation halten, allemal der ſchlechteſte Spaß iſt. Wenn was geſchehen ſoll, muß es heute noch geſchehen— friſche Fiſche gute Fiſche, ſage ich. Und's darf auch nicht ſo offen geſchehen, als wenn wir eine Batterie ſtürmen wollten, pfiffig müſſen wir dabei zu Werke gehen. Man muß den Witz auf ſeiner Seite haben, das iſt die Hauptſache. Der Mohrenwirth ſoll ein verflucht geriebener Kerl ſein, und Ew. Durch⸗ † laucht Landeskinder ſind auch nicht auf den Kopf ge⸗ fallen, denn ihr Landesvater iſt es nicht.“ Nach kurzem Nachdenken ſprach der Fürſt:„Hm, 's läßt ſich hören, daß man dabei auch einen Spaß für 35 ſich haben ſoll. Hm, ſehr gut das! Biſt kein Dumm⸗ kopf, Fritze, weiß es, warſt immer ein Pfiffikus. Na, was könnten wir für einen Witz machen? Sinne nach, wie man einen einfädelt.“ „Das bricht ſich nicht ſo übers Knie hin, werden aber ſchon was ausſpintiſiren, denke ich.“ Sicher gehörte es unter die Rubrik„pfiffig“, daß Brommer es ſo zu drehen verſtand, ſeines gewaltigen Herrn Zorn derart abzuleiten und denſelben einem Nach⸗ denken unterzuordnen, welches ſogar etwas Schmeichel⸗ haftes für ihn hatte, da er ſehr wohl wußte, wie er unter ſeinen Soldaten als Mordſchwerenöther ange⸗ ſehen war, eine Bezeichnung, in der ſich nicht nur der höchſtmögliche Reſpect vor ihm als heldenmüthigem Schlachtenführer, ſondern auch die Ueberzeugung aus⸗ ſprach, wie es ganz unmöglich ſei, ihn an Witz zu über⸗ treffen. Das dunkle, wettergebräunte Antlitz des Fürſten erheiterte ſich bei der Ausſicht auf einen tollen Spaß in⸗ ſoweit, als dies bei der Härte ſeiner Züge nur denk⸗ bar war. Er und ſein Brommer, welcher als Sohn eines Hofbedienten ſein Spielkamerad als Knabe und ſpäter als Soldat des dem Fürſten ſo ſehr ans Herz gewachſenen Muſterregiments zu Halle, deſſen Mann⸗ ſchhaften er aus eigener Taſche höhere Löhnung und den 9 ———— — — — —“ 9 Offizieren Gagezuſchüſſe gewährte, ſein erklärter Liebling geblieben und noch war, weil keiner ſo wie dieſer den militäriſchen„Avec“ gründlichſt inne hatte und an Muth als Vorbild allen ſeinen Kameraden voranleuchtete, boten in ihren beiderſeitigen Erſcheinungen eine wahr⸗ haft auffällige Verſchiedenheit. Beide konnten ſich auf die Bezeichnung„ausgezeichnete Perſönlichkeiten“ etwas zu gute thun. Leupold vereinte in der ſeinen Alles, was Schreck einflößen konnte. Sein hageres, dunkles Geſicht trug den Ausdruck der Härte; ſelbſt wenn ſeine Laune in Luſtigkeit ſich überſtürzte, verſchwand der in ihm herr⸗ ſchende Grundton der Wildheit nie ganz, ja in höchſter Stimmung, die gewöhnlich bei ſeinen Zechgelagen ihren Gipfelpunkt erreichte, trat derſelbe zum allgemeinen Ent⸗ ſetzen erſt recht lebhaft hervor. Man konnte von ihm ſagen, er verleugne ſeinen innern Menſchen nie, und wenigſtens genoß er dadurch bei Freunden und Feinden die Anerkennung, daß er immer einer und derſelbe ſei, immer zur Gewaltthat bereit, der Verſtellungskunſt un⸗ fähig, wenn ſie ſich über den Bereich ſeiner Soldaten⸗ liebhaberei erheben ſollte. Für alle die, welche ihn kannten, war ſein Aeußeres der vollkommenſte Baro⸗ meter für alle Wandlungen ſeiner Launen. Den furchterregenden Ausdruck ſeines Geſichts erhöhten die an ſeinen Schläfen lang und loſe gleich Mähnenbüſcheln herabfallenden Haare, und der von ihm mit Vorliebe getragene Zwickelbart, der viel Aehnliches mit einem Zapfen hatte, mußte als der richtigſte Grad⸗ meſſer der ihn bewegenden Leidenſchaftlichkeit betrachtet werden. Begann dieſer Haarſchmuck zu vibriren, ſo war mit Beſtimmtheit darauf zu rechnen, daß ſein Zorn ſich ſteigerte und den ein ſchlechter Ausgang bedrohte, der Gegenſtand deſſelben war. Das höchſte Zeichen von Grimm drückte der Fürſt durch Zurückwerfen des Kopfes in den Nacken aus, wobei natürlich der Zwickelbart von ſelbſt eine ſcheinbar aufſteigende Bewegung machte. Vor dieſem Zeichen der Wuth erbebte Jeder in ſeiner Um⸗ gebung, weil man aus Erfahrung wußte, daß dann in der Regel etwas folgte, was ſich weder vor göttlichem noch menſchlichem Geſetze rechtfertigen ließ. In ſolchem Zuſtande bewegten ſich dann die Flügel ſeiner ſtarken Naſe wie in Thätigkeit geſetzte Blaſebälge, und um die Furchtbarkeit ſeines Anblicks zu erhöhen, ſchoſſen ſeine großen, feurigen Augen tödtliche Blitze. Und doch waren dieſe Augen, vor deſſen Zorn⸗ blitzen Jeder erbebte, die einzigen Juwelen, die dieſes gewaltthätigen Kriegsfürſten äußere Erſcheinung ſchmück⸗ ten. Sie beſaßen die Fähigkeit, durch Freundlichkeit, ja gärtliche Blicke ihm Zuneigung zu erwerben, wenngleich 11 ſeine Ausdrucksweiſe dieſen Boten ſanfter Regungen in ſeinem Innern nicht als glänzende Folie diente, denn ſeine Manier zu ſprechen wich auch in ſolchen Momen⸗ ten der Klärung ſeines beſſern Selbſt ſelten von der rauhen Form ab, die ihm ſo eigenthümlich geworden durch Erziehung und Gewohnheit. Was ſeine Erziehung betraf, ſo war ſie eine ziem⸗ lich verwahrloſte, da ſein Vater Befehl gegeben, daß Niemand ſeinem Willen ſich widerſetzen dürfe, ſomit alſo keinem ſeiner Lehrer eine Macht über die Ausbrüche einer ſich frühzeitig bei ihm zeigenden Störrigkeit und eines ſehr leidenſchaftlichen Weſens zuſtand. Folgerecht erſtarkte der fürſtliche Sprößling in rohen Kraftäußerungen, die ihm lieber als jegliche Aneignung von Bildung waren. Seine Neigung zum Kriegerſtande, welche ſehr bald Befriedigung fand, verwilderte ihn noch mehr, und der ihm angeborene Hang zur Tyrannei, der ſo viel Nahrung in dem Commando über willenlos auf ſeinen Befehl in den Tod ſich ſtürzende Regimenter erhielt, ſowie ein ſtark aus⸗ geprägtes ſtolzes Bewußtſein ſeiner fürſtlichen Würde ließen ihm die Menſchenrechte in ſehr verächtlichem Lichte erſcheinen, und er zollte nur dem Achtung, was entweder durch eine Eigenſchaft mit einer gleichen, ihm ſelbſt innewohnenden harmonirte oder was durch nach Jahr⸗ hunderten zählendes Herkommen, wie eben hohe Geburt ſind, ihm geheiligt dünkte. Wie alle zu Gewaltthat geneigten Männer war er ſinnlicher Genußſucht ergeben, weil ihm die Veredlung des Gemüths mangelte, die vor jedem derartigen Aus⸗ wuchſe der Roheit Scheu empfindet, und er würde nichts mit ſeinem wilden Thun Verſöhnendes in ſich getragen haben, wenn in ſeinem Leben nicht Manches bezeigt hätte, daß er einer jener ſeltſamen Charaktere ſei, welche ſich mit einem zur Probe angeſchliffenen Diamant ver⸗ gleichen laſſen, an dem durch die vom Schliff nur obenhin berührten Stellen der Strahl und Glanz ſeines innern Werthes ſich Bahn bricht. Er konnte lieben und um ihm theure Weſen weinen, und obſchon dieſe Ergüſſe ſchönen menſchlichen Empfindens in barockſter Form bei ihm zu Tage traten, ſo waren ſie doch unverfälſchte Zeugen des bei ihm tief eingeſargten edlen Theils und durchaus rein von jeder entwürdigenden Nebenempfindung, daß ſie an ihm, der in den meiſten Dingen des Augen⸗ blicks Sklave war, als um ſo höher anzuſchlagende Tugenden erſcheinen. Sonderling in Allem, gehorchte er doch unbedingt dem erhabenen Zuge, welcher das Men⸗ ſchenherz zum Heiligthume macht. Der vor ihm in voller Uniform ſtehende Brommer bot trotz des Stempels des Rieſenhaften, denn er war und Heldenthum in aller Augen anerkannte Vorzüge 13 einen halben Kopf größer als der Fürſt, doch nichts Ungefälliges in ſeinem Aeußern. Sehr vortheilhaft ge⸗ wachſen, hätte er in ſeinen jüngern Jahren ſicher das vollendetſte Modell zu einem Herceules abgegeben, und wenn auch jetzt, wo er bereits den vierziger Lebens⸗ jahren nahe gekommen war, etwas mehr Leibesfülle ſich an ihm bemerkbar machte, ſo konnte er doch noch mit beſtem Rechte ein ſchöner Mann genannt werden. Die geſunde Röthe ſeines regelmäßigen Geſichts, das durch einen mit einer gewiſſen Eleganz ſpitzgedrehten, glänzend ſchwarzen Schnauzbart ein fröhlich.martialiſches Aus⸗ ſehen erhielt, machte ſeine Erſcheinung angenehm. Der Fürſt ſowohl als Feldwebel Brommer, ein⸗ ander gegenüberſtehend, hatten ſich offenbar im Nach⸗ ſinnen über die Erfindung eines Witzes vertieft, bis endlich der erſtere in ſehr ärgerlichem Tone das Schweigen brach und zu dem vor ihm Stehenden ſagte: „Es ſcheint mir nicht, als ob wir etwas Geſcheidtes aushecken werden, Fritze. Sollte mich doch verflucht crepiren, wenn die Schockſchwerenöther mir eine Naſe drehen könnten.“ „Man möchte des Teufels werden um eines ver⸗ nünftigen Gedankens willen“, brummte der Feldwebel. „Bin doch ſonſt nicht auf den Schädel gefallen, und jetzt iſt mir's Hirn wie ausgebrannt.“ Der Fürſt begann ſeinen Marſch zu pfeifen und ſchritt dem Fenſter zu. Nachdem er eine Weile daſelbſt geſtanden und auf die Mühlen an der Mulde hinunter⸗ geſehen hatte, rief er plötzlich:„Alle Teufel! Ich hab's, ich hab's, Fritze!“ „Was, Durchlaucht?“ „Komm Er her! Sieht Er den lahmen Kerl dort mit dem Leierkaſten auf dem Rücken nach der Mühle gehen?“ „Ja,'s iſt der alte Juſt aus Wörlitz. „Den läßt Er ſofort in der Mühle arretiren.“ „Den alten Juſt?“ fragte Brommer, als ob er ſeinen Ohren nicht recht traue. „Mag der Kerl Juſt oder Teufel heißen, was ſchiert's mich? Feſtnehmen läßt Er ihn, damit holla!“ Brommer ſchien perplex geworden, er ſtarrte ſeinen Herrn ſo ungläubig an, als wenn er deſſen Befehl ſelbſt für einen räthſelhaften Spaß hielte. „Verfluchter Kerl, will Er etwa Mätzchen machen?“ ſchrie der Fürſt.„Den lahmen Vagabunden ſoll Er arretiren, hört Er nicht?“ „Halten Ew. Durchlaucht zu Gnaden, das geht nicht.“ „Was? Was? Das geht nicht? Und das ſagt Er mir?“ ſchrie Herr Leupold wie raſend auf. 15 „Von meiner Seite geht's nicht“, wiederholte Brom⸗ mer feſt und ohne jegliche Scheu.„Für den alten Juſt muß ich ſprechen, wäre ſonſt nicht werth, ein rechtſchaf⸗ fener Grenadier⸗Feldwebel zu ſein.“ „So? Was hat Er denn mit dem Lumpaci für 'ne große Freundſchaft, daß Er ſich's ſo franchement herausnimmt, mir gegenüber ſich auf die Hinterbeine zu ſetzen und Ordre zu verweigern?“ „Vor drei Wochen hat der Alte trotz ſeines lahmen Beins, das ihm übrigens ein Andenken an Ew. Durch⸗ laucht unter allen Armeen Europas berühmt gewordene Deckung des Rückzugs nach Nördlingen iſt, einem viel⸗ verſprechenden Soldaten Ew. Durchlaucht das Leben gerettet, der bei einem Haare in der Mulde ertrunken wäre, wenn der Alte nicht ſein eigenes Leben daran geſetzt hätte.“ „So? Wer war der Soldat?“ „Mein Junge, mein Leupold, bei dem Ew. Durch⸗ laucht Pathe geſtanden und der das vollkommenſte Zeug zu einem rechtſchaffenen Soldaten hat. Abgeſehen davon, daß der alte Juſt mir dadurch ein Wohlthäter geworden denn welcher Vater ſähe ſein Kind lieber todt als le⸗ bendig— hat er ſich durch die Aufopferung ſeines Le⸗ bens um Ew. Durchlaucht ſchönſtes Regiment verdient gemacht, und keiner von Ew. Durchlaucht Grenadieren iſt ein ſo undankbarer Hund, um dergleichen zu vergeſſen. Der Soldat, der ſein Regiment liebt, liebt auch ſeinen Fürſten. Ich wollte das nur beiläufig bemerkt haben, um darzuthun, daß es meine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit iſt, in Sachen des Regiments zu ſprechen, bei dem mein Leupold auf Ew. Durchlaucht Befehl vorläufig ſchon eingezeichnet iſt und die Löhnung erhält wie jeder andere Soldat, wenngleich er ſeines gar zu jugendlichen Alters wegen erſt übers Jahr eintreten kann.“ Der Fürſt maß ihn mit ſeinen großen, feurigen Augen, als wollte er in des ehrlichen Mannes Seele irgend einen Fehl aufſpüren, aber die Ruhe, mit welcher Brommer dieſen Blick aushielt, veränderte den furchter⸗ regenden Ausdruck von Entrüſtung, auf einen Wider⸗ ſpruch geſtoßen zu ſein, bei dem ihn Anblitzenden ſchnell in jenes freundliche Leuchten ſeiner Blicke, das einen ge⸗ winnenden Eindruck auszuüben vermochte und ſeine oft in Grauſamkeit ausartende Härte vergeſſen ließ. Brommer auf die Schulter ſchlagend, ſagte er lachend: „Er iſt doch ein neunhäutiger Teufel, Fritze! Immer fährt Er mir in die Parade. Na, na, ich packe Ihn ſchon noch einmal; gebe Er Acht, ich packe ihn, dann zwieble ich Ihn dafür aber vollgültig, verlaß Er ſich 17 drauf. Warte ſchon lange, ob Er Schwerenöther nicht einmal einen Bock ſchießen wird!“ „Durchlaucht dürften ſich da wohl ebenſo ver⸗ rechnet haben wie vor fünfundzwanzig Jahren mit der Dellauer Bäuerin, deren Butter—“*) „Halt Er's Maul!“ fuhr Herr Leupold auf.„Bringe Er mir die alte Geſchichte nicht aufs Tapet, crepirt mich heute noch.“ Nach kurzer Pauſe fuhr er fort: „Aber pfiffig war das Weibsbild, muß ich ſagen, hat mich redlich dafür ausgezahlt, daß ich— na, weg damit! Ich will hoffen, daß Er etwas dümmer iſt als die Dellauerin.“ *) Varnhagen von Enſe erzählt, die Dellauerin habe Butter in der fürſtlichen Küche feilgeboten und von Leopold, der dazu ge⸗ kommen, einen Preis gefordert, den er übermäßig fand. In ſeinem gutgelaunten Ingrimm befahl er, die Bäuerin, ſo viel als nöthig entblößt, feſtzuhalten und ihr die ſchon in der Küche abgelegten Butterſtücke, mit welchen ſie ihn habe ſchnellen wollen, auf höchſt unſaubere Weiſe nachzuwerfen. Heulend nahm die Frau ihre mißhandelte Waare vom Boden auf und machte ſich damit fort. Nach einiger Zeit ſieht Leopold die Frau wieder und fragt höhniſch, ob ſie wieder ſo theure Butter habe.„Iſt ſchon längſt hier verkauft“, erwidert ſie, in ſeine Küche zeigend.„Sieht Er, ich habe ſie um einen Dreier wohl⸗ feiler gegeben, und da hat Er ſie doch freſſen müſſen.“ Er wollte anfangs raſend werden, aber das Stückchen war zu ſehr in ſeinem Geſchmacke, um nicht der Bäuerin ihre ſelbſtgenommene Genugthuung zu gönnen. Carion, Der alte Deſſauer. I. 2 „Müſſen's abwarten; kommt Zeit, kommt Rath“, antwortete Brommer lachend. „Iſt richtig; die lange vorher gemachten Dispoſi⸗ tionen taugen den Teufel nicht, habe ſie nie leiden mögen. Der Augenblick gibt's Rechte allein und dann drauf und dran, biegen oder brechen, das iſt das Beſte. Sollte meinen, ich hätte dieſe gute Methode den Fran⸗ zoſen, den Bairiſchen und den Schweden klar gemacht.“ „Und wie, Durchlaucht, und wie!“ ſtimmte Brom⸗ mer lachend bei.„Hatte die Geſellſchaft vor uns doch einen Heidenreſpect, als wären wir ſammt und ſonders geborene Menſchenfreſſer.“ Dieſe Erinnerung an die Siege, welche die Preu⸗ ßen unter Führung des Fürſten erfochten hatten, ſtimmte denſelben ungemein luſtig, er lachte hell auf und ent⸗ gegnete:„War's denn anders möglich mit ſolchen Staats⸗ kerlen, wie Du einer biſt, Fritze?“ Mit dem Ausdrucke einer Kameradſchaftlichkeit, wie ſie nur unter in vielen Gefahren erprobten und eben dadurch eng und treu mit einander verbundenen Kriegern beſtehen kann, faßte Fürſt Leupold den Feldwebel unterm Arme, und indem er mit ihm mehrere Gänge durchs Zimmer machte, wobei ein⸗ zelne beſonders hervorleuchtende Vorkommniſſe aus dem Kapitel ſeiner ruhmreichen Feldzüge von ihnen ſehr eifrig abgehandelt wurden, verſchwand jeglicher Rang⸗ 19 unterſchied zwiſchen ihnen, ſodaß ſie in jene glück⸗ liche Zeit zurückverſetzt erſchienen, wo ſie als Knaben in ungetrübteſter Vertraulichkeit ſich über ihre zu⸗ ſammen ausgeführten luſtigen Streiche oft unterhalten hatten. Endlich blieb der Fürſt mit ihm an einem der Fenſter ſtehen, drehte höchſt gutmüthig das eine der kunſt⸗ voll faſt zur Dünne einer Stecknadelſpitze auslaufenden Enden von Brommer's Schnauzbart unter der Bemer⸗ kung:„Haſt einen Staatsſchnauzer, Kerl, Gott ſtraf mich, einen Schnauzer, wie ihn keiner im ganzen Re⸗ gimente aufweiſen kann, biſt aber auch eine Perle im Regimente, weiß das zu ſchätzen. Halt'mal, daß wir's Wichtigſte für jetzt nicht vergeſſen. Sieh, da iſt mir ein ganz verteufelter Jux eingefallen, wie ich die Hundskerle beim Mohrenwirth leimen kann.“ „Na, wie denn?“ In dieſem Augenblicke trat der anhaltiniſche Ge⸗ ſammte Geheime Rath in der Perſon Johann Georg von Raumer's, ebenfalls wie Brommer Jugendfreund und Special Leupold's, ins Zimmer. „Warte Er, Raumer, habe nur noch einige Ordres zu geben.“ Nach dieſer Erklärung redete der Fürſt angelegent⸗ lichſt, aber leiſe in den Feldwebel hinein, der zuletzt hell⸗ 9 auflachend ausrief:„Durchlaucht, das gibt'nen verfluchten Jux!“ „Gelt, Du Schwerenöther, s iſt'ne prächtige Idee? Ja, wer den Deſſauer leimen will, muß früh aufſtehen. Hahaha! Da hat's Haken. Nun aber drauf und dran, Fritze! Wird Alles obſervirt, wie ich's angegeben, haben wir die Kerle beim Wickel, und weder Gott noch Teufel ſollen ſie dann vom blaurothen Tuche loskriegen.* Ach⸗ tung! Kehrt! Marſch!“ Brommer hatte ſich beim Commando„Achtung!“ ſo lothrecht gerichtet, daß kein Richtſcheit eine größere Ab⸗ weichung von der ſenkrechten Linie an ihm herausgefunden haben würde, als eine ſolche von dem menſchlichen Kör⸗ per überhaupt bedingt wird. Im gleichmäßigſten Parade⸗ ſchritte, der kaum an ſeinem ſtreng ordonnanzmäßigen Zopfe eine Beweglichkeit verſpüren ließ, marſchirte er zur Thür hinaus. 5 „Ein Prachtkerl, ein Prachtkerl, vom Herrgott extra zum Grenadier geſchaffen“, ſprach der Fürſt, vergnügt ſich die Hände reibend.„s iſt ne Freude, ſolche Leute zu commandiren.“ Nach einer kurzen Pauſe trat er zu Raumer mit der Frage:„Na, Hansjürg, was bringt Er? Teufeleien wieder? Kann mir's ſchon denken. Die Canaillen lehnen ſich gar zu gern auf, wenn unſereins einen Wunſch hat, den man gern ausgeführt wiſſen will.“ 21 Der noch vor wenig Sekunden ſo heitere Geſichts⸗ ausdruck des Fürſten verſchwand unter dieſen Worten ſo jählings, als ob ſeine Züge plötzlich von tiefdunkler Nacht überſchattet würden, wie überhaupt die Ueber⸗ gänge von guter zu ſchlechter Laune, von Gemüthlich⸗ keit zum Zorn bei ihm ſeelten einer vorherigen grad⸗ weiſen Einleitung bedurften, was theils in ſeinem ra⸗ piden, zum Extrem ſich ſtets geneigt zeigenden Charakter beruhte, theils und zwar in den meiſten Fällen aus der ſeiner verkehrten Erziehung entſtammenden und von ihr gepflegten Eigenwilligkeit hervorging, der gegenüber die wohlbegründetſten Rechte Anderer als ungeſetzlicher Wi⸗ derſpruch ihm erſchienen. Herr von Raumer nahm, ohne zu antworten, aus einer mitgebrachten Mappe Schriften zum Vortrage. Ehe er jedoch zu letzterem gelangte, rief der Fürſt ärgerlich: „Mag das Geſchreibſel nicht erſt anhören! Referire Er mir's in Kürze, Hansjürg, habe mehr zu thun.“ Die Ahnung, welchen Inhalts Raumer's beabſich⸗ tigter Vortrag wenigſtens dem größten Theile nach ſein werde, hatte den Fürſten nicht getäuſcht. Seine Gewalt⸗ herrſchaft überſchritt alles herkömmliche Recht, alle Juſtiz⸗ ordnung, er betrachtete ſie als Ausfluß ſeines göttlichen Fürſtenrechts und betrieb mit einer Beharrlichkeit ohne⸗ 22 gleichen den Auskauf der Rittergutsbeſitzer und anderer Eigenthümer, wie begüterter Bauern, Landprediger, Mühlen beſitzer, deren liegende Gründe ihm gefielen. Alles im deſſauiſchen Lande unterlag dem Zwange ſeiner Willkür. Die Idee, alleiniger Landbeſitzer in ſeinem Fürſtenthum zu ſein, beherrſchte ihn ausſchließlich, und ſo aller Ge⸗ rechtigkeit hohnſprechend, mußten die beſten Adelsfami⸗ lien, da gegen ihn kein Recht im deutſchen Reiche zu finden war, ihre altbeſeſſenen Rittergüter gegen die Kammertaxe hingeben und vom Erbe ihrer Väter ſchei⸗ den, wodurch das Land wohl an den Gewaltherrn fiel, aber auch der Landesadel daſſelbe verließ⸗ Der aus der deſſauiſchen Superintendentenfamilie Raumer hervor⸗ gegangene Geſammte Geheime Rath Johann Georg zählte nicht zu dieſem ſchwer von fürſtlicher Willkür bedrückten Erbadel, er war ein Neugebackener, wie die Altadligen die Neucreirten ſpöttiſch bezeichneten, und da er weder Grundbeſitz noch vererbte Liegenſchaften ſein nannte, auch vollkommen geeignet, ſeines Herrn Pläne auf gutem oder böſem Wege zur Ausführung zu bringen. Während ſeines mündlichen Referats lehnte der Fürſt mit über der Bruſt verſchränkten Armen am Tiſche, ſeine Mienen verfinſterten ſich immer mehr. Endlich rief er auffahrend: Halt Er ein! Der Teufel ſoll dem Herzig die Kerze „2 erer len⸗ im kür. hum Ge⸗ imi. zu die chei⸗ fiel, der rvor⸗ deorg illkür die und ſein gläne ngen. Fürſt eiſche, ndlich 23 alten! Werde den Himmelhund mürbe machen, ſo wahr ich Leupold heiße!“ „Durchlaucht, es wird ſchwer halten, einen Beweis aufzubringen, daß der Mann im Unrecht ſei. Das Gut iſt ſchon über hundert Jahre lang Herzig'ſches Eigen⸗ thum, dagegen—“ „Und hätte er den Beweis, daß es direct von Adam und Eva auf ſeine Familie vererbt worden ſei, ich will's haben, ich will! Hört Er? Das ſchlägt jede Oppoſition nieder!“ donnerte der Fürſt mit ſeiner Lö⸗ wenſtimme, indem er zugleich einen Fauſtſchlag auf den Tich führte, daß deſſen Platte dumpf nachdröhnte. „Was? Ich, der ſich den Kukuk ums Reichsgericht ſchert, der die Edelleute aus ihren Erbgütern gebracht hat, ohne daß ein Hahn darum krähte, ſoll an ſolchem bürgerlichen Lump zu Schanden werden? Er muß den Tollwurm im Kopfe haben, Hansjürg, daß Er die Albern⸗ heit vor mir auskramt, Beweiſe gegen des Mannes Recht aufzubringen, werde ſchwer halten. Was frage ich nach Beweiſen! Hol' ſie der Fuchs! Ich werde die Sache ſelbſt zu Ende bringen; in acht Wochen iſt das Gut mein!“ „Möchte wiſſen, wie!“ entgegnete Herr von Raumer faſt grob, denn er kannte ſeinen Herrn zu genau, um nicht zu wiſſen, wie dieſer behandelt ſein wollte. „Soll Er erfahren!“ rief der Fürſt und fügte mit einem ſchallenden Gelächter hinzu:„Ich bringe einen Beweis gegen den Kerl, daß er Gott dankt, wenn ich ihm nur ſein Gut noch abkaufe.“ Der Gedanke an eine beabſichtigte Gewaltthat än⸗ derte des Fürſten üble Stimmung ſchnell um. Sich nach ſeiner Gewohnheit die Hände reibend, ſpazierte er immer⸗ fort lachend im Zimmer herum.„Na, was hat Er noch in Petto, Hansjürg?“ fragte er endlich, nach⸗ dem er ſich beruhigt hatte, zu dem Geheimrath tretend. „Drei Juden haben um die Erlaubniß gebeten, ſich in Deſſau anzuſiedeln.“ „Wer ſind die Rackers?“ Herr von Raumer las aus dem dieſe Geſuche be⸗ treffenden Schriftſtücke ihre Namen: Manaſſes Uditz Prag, Abraham Goldſchmied aus Kaſſel, Jakob Waldche aus Weimar. Der Fürſt ließ ein langgedehntes„Hm!“ von ſch hören. Eine Pauſe folgte. Der Geheimrath war nicht wenig erſtaunt, in einer Sache, die der fürſtlichen Kaſſe ein ganz hübſches Sümmchen einbrachte— denn die Juden mußten ein ganz anſehnliches Einſtands⸗ und Schutzgeld an dieſe zahlen— ſeinen Herrn zögern zu ſehen, was in An⸗ gelegenheiten, wo ſeine Kaſſe bereichert wurde, nie vor⸗ gekommen war. 7 5 SͤEGNͤSͤͤ”S hi 25 „Was reſolviren Ew. Durchlaucht auf dieſe Ge⸗ ſuche?“ fragte er endlich. „Um der vermaledeiten Juden willen habe ich vor einigen Tagen in Berlin einen ganz verfluchten Aerger gehabt“, hob Leupold an.„Hatte meinen königlichen Herrn und Freund ſchon halb und halb ſo weit gebracht, daß er meinem Rathe zufolge, ſich zum Alleinbeſitzer ſeines Landes durch Auskauf des Adels zu machen, wodurch er ſeine Ein⸗ nahmen mindeſtens ums Fünffache mehren könne, mein Syſtem als ein höchſt erſprießliches für einen regierenden Herrn zu betrachten anfing, als der Grumbkow, der überall mein Gegner iſt, eintrat. Sagte doch dieſer Ohrwurm, als Se. Majeſtät der König ihm von Aller⸗ höchſtſeiner Geneigtheit für meinen Vorſchlag erzählte, mir gerade ins Geſicht: Was in Deſſau ſich ausführen laſſe, ſei für einen König von Preußen eine Verſündigung an ſeinem Ruhme. Preußen dürfe niemals auf gleicher Stufe mit Deſſau ſtehen, wo es nur Bettler und Juden gäbe.“ „Das war ſtark!“ „Ich faſſ' ihn ſchon noch!“ rief der Fürſt mit zorn⸗ funkelnden Blicken.„Soll ihm nicht geſchenkt ſein, dafür bürge ich. Mache mir den Teufel aus dem Grumbkow und ändere ſeinetwillen mein Syſtem nicht um ein Haar breit.“ 26 Nach kurzer Pauſe gab er Befehl, den drei ange⸗ meldeten Israeliten die Niederlaſſungsgenehmigung aus⸗ zufertigen, aber unter der Bedingung eines erhöhten Schutzgeldes, damit man doch ein Pflaſter auf den Grumbkow'ſchen Spott habe, ſetzte er feixend hinzu. Raumer's Vortrag war geendet, und eben wollte er ſich verabſchieden, als der Fürſt durch die angenehme Ausſicht, ſeiner Kaſſe ein erhöhtes Judenſchutzgeld zu⸗ fließen zu ſehen, ſchnell erheitert zu ihm ſagte:„Schade, Hansjürg, daß Er geſtern Abend außerhalb war, wir haben einen Heidenſpaß gehabt.“ „Hab' ſchon davon gehört, Durchlaucht.“ „Hat Er? Ja, ich glaub's, ſo was kommt nicht alle Tage vor.'s war zum Teufelholen, hahaha!“ Dieſe Erinnerung machte den Fürſten ſo luſtig, daß ihm ſein fortdauerndes Gelächter Thränen in die Augen trieb und er den guten Spaß mit den eigenen Händen beklatſchte. Seine Zechgelage, von Jedem gefürchtet, der die Ehre hatte, dazu gezogen zu werden, überſprangen in der Regel jede Schranke gemüthlicher Anheiterung und endeten mit großen und ſchweren Niederlagen oder viel⸗ mehr mit einem gründlichen Erſoffenſein der fünf Sinne derjenigen, deren Natur nicht ſo kräftig als die des Fürſten war, dem ein Rauſch wenig anhatte. Am geſtrigen — H ———2——=— ————+——,— inge⸗ aus⸗ öhten den inzu. te er ehme ) zu⸗ hade, wir t alle luſtig, Alugen änden er die gen in g und viel⸗ Sinne fürſten ſtrigen 27 Abend hatte ein Präſident, bekannt als mäßiger Trinker, im Glauben, die Geſellſchaft ſei im Stadium des Rauſches ſchon ſo weit vorgeſchritten, daß ſie ſein Entweichen nicht bemerken werde, die Gelegenheit abgeſehen, ſich heimlich zu entfernen; indeß der Fürſt hatte ihn beobachtet und der Flüchtling wurde unter raſendem Halloh in der Stadt geſucht, endlich gefunden, unter wüſtem Gelächter auf einen Ochſen geſetzt und in dieſem Aufzuge durch die Gaſſen nach dem Schloſſe zurücktransportirt. Der durch den ihn umbrauſenden Lärm ſcheu ge⸗ machte Vierfüßler warf, die Flucht ergreifend, ſeinen un⸗ freiwilligen Reiter zum Gaudium der johlenden Zecher und der ſie umſchwärmenden Gaſſenjungen ſehr unſanft zu⸗ Boden. Nach damaliger Anſicht ſchadete ſolcher ſkanda⸗ löſe Vorgang der präſidentlichen Ehre keineswegs, da es ein Jux in Sr. Durchlaucht Geſchmack und das Deſſauer Publikum an dergleichen gewöhnt war. Um dieſer ver⸗ gnüglichen Erinnerung Werth zu erhöhen, hatte der Früh⸗ rapport, welcher dem Fürſten vorgelegt wurde, die Mel⸗ dung gebracht, daß der zu Falle gebrachte Präſi⸗ dent, einige unerhebliche Contuſionen abgerechnet, keinen Schaden genommen habe, mithin hatte Fürſt Leupold die vollkommenſte Urſache, ſich bei Vergegenwärtigung des tollen Spaßes fröhlich die Hände zu reiben, und das untrüglichſte Zeichen guter Laune verkündete ſich dadurch, daher kommen. Die Ausſicht, daß ihm ein neuer Spaß 28 daß er den die Saufcompagnie feiernden und ſeinen Sol⸗ daten ſo lieb gewordenen Text ſeines und ihres Lieblings⸗ marſches mit ſeiner gewaltigen Stentorſtimme vor ſich hinkrähte. Als er zufällig ans Fenſter trat und einen Blick nach der Schloßmühle hinunter warf, ſteigerte ſich ſeine Luſtig⸗ keit zu einem Mark und Bein erſchütternden Juchzen, denn er ſah ſeinen Brommer in Begleitung des alten, ſeinen Leierkaſten auf dem Rücken ſchleppenden Juſt von bevorſtehe, begleitete ihn auf dem Wege zum Zimmer ſeiner Gemahlin, und es war ſelbſtverſtändlich, daß er ge höchſt roſig gelaunt daſelbſt eintrat. m II. Die Fürſtin Anna Louiſe erhob ſich bei ſeinem Kommen von ihrem am Fenſter ſtehenden Lehnſeſſel, um ihm entgegen zu gehen. „Sitzen bleiben, Annelieſe, ſitzen bleiben!“ rief er 8 ihr zu.„Kenne die Devoirs eines Cavaliers gegen ſeine Dame zu gut, um ſie jemals zu vergeſſen. Gut ge⸗ nem ef er ſeine 29 ſchlafen? Gewiß, ſiehſt ja ſo friſch aus wie ein Tambour, wenn er die Reveille ſchlägt. Freut mich, freut mich. Sollſt immer ſo ausſehen, meine liebe Apothekerin, gehört zu Nummer eins in meinem Eheſtandskatechismus, daß Du mir zu keinem vertrockneten Roſenblatte zuſammen⸗ ſchrumpfſt. Trage alle Sorge dafür, iſt auch meine ver⸗ fluchte Pflicht und Schuldigkeit, weiß das. kein Verdienſt für mich. Setze Dich, Annelieſe!“ Sie wollte einen naheſtehenden Seſſel für ihn heran⸗ ziehen. „Laß, laß, weißt's ſchon, hocke nicht gern auf den gepolſterten Dingern, ſitzt ſich beſſer im Sattel, da hat man doch einen Schluß.“ Ein Lächeln überlief der Fürſtin Geſicht, und ſie fragte ſcherzend:„Ich möcht's wohl bedauern, daß mein Herr Leupold mich nicht zu Pferde hat kennen lernen.“ „Zu Pferde— in der Apotheke? Hahaha!“ Anna Louiſe reichte ihm die weiße feine Hand, die in ſeiner großen braunen Rechten faſt unſichtbar geworden wäre, wenn nicht zwiſchen ſeinen Fingern das zarte Weiß der ihren durchgeſchimmert hätte.„Aber mehr lieben hätte mich mein Leupold doch nicht können, als er ſeine Annelieſe zu Fuße geliebt hat und noch liebt“, ſprach die Fürſtin freundlich. „Straf' mich Gott, nein!“ rief der Gewaltige auf⸗ ——y richtig.„Das wäre nicht möglich geweſen, biſt heute wie damals meine Herzliebſte. Es mag ſein, daß die Leute Recht haben, wenn ſie mich einen wunderlichen Heiligen nennen, was mich aber den Teufel nicht ſchiert; doch in dem Punkte, Schockſchwerenoth! Annelieſe, da muß der Mann auf dem Poſten ſein; ob er Generalfeldmarſchall oder Stockgemeiner iſt, bleibt ſich gleich. Ein Hundsfott, der ſein Weib wie'ne gekaufte Waare anſieht, die er ins Geröll wirft, wenn er ſie ein paar Jahre beſitzt. Die Parole vor dem Schwarzrock gilt fürs ganze Leben.“ „Du haſt's den Leuten bewieſen, daß das eine hei⸗ lige Parole iſt“, fügte die Fürſtin hinzu. Ein luſtiger Gedanke mußte ſo eben in Leupold's Hirn auftauchen, ſein Geſicht zeigte den Anflug eines Lächelns, das wie Alles bei ihm in ſtürmiſcher Eile ſich bald zu einem hellen Gelächter entwickelte. „Ueber welchen Einfall lachſt Du?“ fragte die Fürſtin. „Bah, nicht viel Geſcheidtes! Sehe alleweile das Schafsgeſicht unſeres Marſchalls ſo lebhaft vor mir, als ſtände der Fettwanſt hier zur Stelle. Hahaha! Der Kerl ſah jämmerlich aus, als ich meiner gnädig⸗ ſten hochſeligen Mama rund heraus erklärten daß ich, ihr Leupold, und möchte ſie noch ſo bärbeißig thun, die Jungfer Lpotheten zu meiner Frau machen würde. Horreur! ſchrie der Eunuche in ſeinem Fette. Eine Mesalliance! Das geht nicht, darf nicht ſein, kann nicht geſtattet werden!—'s iſt möglich, daß ich damals der Hofunke ein Biſſel ſtark auf die Füße getreten haben vürde, wenn die gnädigſte Mama nicht dazwiſchenge⸗ fahren wäre; zog ſich das Murmelthier à la Krebs zurück und ich ſagte: Gnädigſte Mama, ich will die Annelieſe und davon laſſe ich nicht, abgemacht!“ „Ja, wer hätte je gedacht, daß die Annelieſe Föhſe noch einmal zur Fürſtin werden würde!“ äußerte die Fürſtin lächelnd. „Und was für eine Fürſtin!“ rief Leupold.„Donner und Teufel, ſoll eine dagegen aufkommen! Eine echte und rechte Soldatenfrau, die wie der beſte Feld⸗ webel Buch und Rechnung über die Compagnie führt und s Haus verſorgt. Ja, Annelieſe, ich hab' ſchon gewußt, was ich wähle, meinem Hauſe geht der Sieg der Frau Kröte durch Dich nicht verloren, und deshalb wird's blühen, wenn auch von uns beiden kein Gebein mehr vorhanden iſt.“ Indem Leupold dieſer uralten, das anhaltiniſche Geſchlecht betreffenden Sage erwähnte, nach welcher eine Fürſtin aus demſelben Namens Kröte einen Zauber⸗ ring zu den Familienkleinodien gelegt mit der Prophe⸗ zeiung, daß, ſolange derſelbe exiſtire, Haus Anhalt ge⸗ Föhſe, hatte ſie deihen werde, gab er den ſicherſten Beweis, daß ſein Streben einzig darauf abziele, ſeinen Nachfolgern eine geachtete Stellung im deutſchen Reiche zu ſchäaffen, ihnen ein Land zu hinterlaſſen, in welchem ſie als freie Fürſten, unabhängig vom Regimente des Adels, der nicht ſelten als der erbittertſte Fürſtenfeind ſich gezeigt, walten und auf kleinem Raume eines großen Beſitzes ſich erfreuen könnten. Und niemals hätte er eine beſſere Wahl hinſichtlich einer Gemahlin zu treffen vermocht, als daß er Anne⸗ lieſe zu dieſer Stellung erhob. Ihre ganze Erſcheinung war zur Repräſentation fürſtlicher Würde geſchaffen. Ihre hohe, edle Geſtalt, deren zarte Formen, die ſtolle und dem Auge imponirende Haltung ohne den dünkel⸗ haften Ausdruck einer nur eben durch den Zufall Geburt angewöhnten Ueberhebung, eine Freundlichke des Weſens, welche ihr aller Zuneigung erwarb u zugleich allen Ehrfurcht einflößte, machte ſi 8 fähig, der Reihe derer zu glänzen, die von Kindesbeinen auf vom Schickſal nur zu einem glanzvollen Daſein erkoren ſcheinen, ohne irgend ein anderes Verdienſt in die Wag⸗ ſchale des Glücks legen zu können, als daß ſie Töchter altberühmter Geſchlechter ſind. Im Hauſe aters, des Deſſauer Apothekers Hund doch rund zu jener geiſtigen Befähigung 33 gelegt, die ihr den Wechſel, aus den beſcheidenen Ver⸗ hältniſſen bürgerlichen Lebens in den Fürſtenſtand über⸗ zutreten, möglich gemacht, ohne den Spöttern, die jeden Emporkömmling bekritteln, Blößen zu geben. Immer dieſelbe, als Tochter des Bürgers wie als Gemahlin des oft zur härteſten und roheſten Willkür geneigten Fürſten, wußte ſie deſſen Achtung unter allen Umſtänden ſich zu erhalten, und indem ſie das verſtand, war ſie ſeiner Liebe gewiß, die ſie ſofort verloren haben würde, wenn ihr Walten nicht ein ſo kluges geweſen wäre, welches an ihm den Unterſchied zwiſchen der rauhen Schale und dem geſunden Kern wohl beachtete. Es gehörte mehr als körperliche Schönheit dazu, einen Mann wie Fürſt Leupold dauernd zu feſſeln. Die Jahre daher hatten Anna Louiſens Reize bedeutend ge⸗ mindert, als Mutter von zehn Kindern konnte ſie keinen Anſpruch mehr erheben, ihrer äußern Erſcheinung einen Sieg zu danken, der bei einem Gemahle von ſolcher wilden, ſtürmiſchen und der Sinnlichkeit ſich unbedenklich hingebenden Art, zu dem Wunderbaren zählte. Nur die geiſtige Ueberlegenheit, der richtige feine Takt, der immer friſch ihr Eigenthum gebliebene Schimmer einer unge⸗ künſtelten Liebenswürdigkeit und die harmoniſche Ueber⸗ einſtimmung mit ſeinem Streben, einen ſtreng geregelten Staatshaushalt durch weiſe Sparſamkeit als Quelle er⸗ Carion, Der alte Deſſauer. I. 3 34 höhter Finanzkraft zu führen, hielten ihn in ihren Banden und machten ihn, welcher, wenn es Durchführung ſeiner Anſchauungen galt, alle Mittel der Willkür in Bewe⸗ gung ſetzte, ohne Am re Weh der in ihren heiligſten Rechten Verletzten zu kün nern, zu ihrem Unterthan, je⸗ doch auf eine ihm ſo wenig fühlbare Weiſe, daß er ihrer Leitung nicht inne wurde. Von einem Alter mit ihm, hatte ſie dem wilden, die feinen Regeln der Sitte verachtenden fürſtlichen Jünglinge ſich angeſchmiegt. War es Liebe oder der ge⸗ heime Zug einer höhern Beſtimmung, vielleicht gar ein ſchon im Herzen des noch ſo jungen Mädchens keimender geſchmeichelter Ehrgeiz, ſich von ihm ausgezeichnet zu ſehen— wer konnte das ſagen! Man erſtaunte über eine Neigung, die nach gewöhnlichen Bedingungen nicht möglich oder lebensfähig ſein konnte, da Prinz Leupold's Weſen roh, ſo ganz außer Rand und Band ſich erwies, daß jede andere weibliche Seele vor näherem Umgange mit ihm zurückſchreckte. Und doch ein ſo feſtes Zuſammen⸗ halten beider, eine unwandelbare gegenſeitige Neigung zu einander, die allen Verſuchen, ſie zu trennen, wider⸗ ſtand! Die Fürſtin⸗Mutter hatte anfänglich die Kinder⸗ freundlichkeit ihres Erbprinzen mit Annelieſe begünſtigt, weil ſie vermeinte, die Rückſichten, welche der fürſtliche 35 Knabe gegen ein ſchwaches kleines Mädchen nahm, würden ſeinen zu den ſchlimmſten Ausſchreitungen ge⸗ ewe⸗ neigten Sinn mildern. Sie glaubte ein gutes Recht zu gſten dieſer Annahme zu haben, da ſie mit Vergnügen be⸗ je⸗ merkte, daß er, der ſich von Niemand bändigen ließ, ihrer ſich freiwillig den Bitten und Wünſchen des kleinen Mädchens unterwarf, ſeinen wilden, trotzigen Sinn ihr lden, unterordnete, daß er ſogar, wenn er ſeine Geſpielin durch lichen ſeine Roheit beleidigt hatte und dieſe darüber Thränen r ge⸗ vergaß, zur Abbitte ſich verſtand; aber die Zeit lehrte r ein die fürſtliche Mutter, daß das, was ſie als eine vor⸗ ender übergehende Kinderneigung angeſehen, ſo tiefe Wurzeln et zu in beiden Herzen geſchlagen, daß es eben nur mittels r eine emſigſter Bekämpfung ausgerottet werden könne. öglich Bei ihrem fürſtlichen Sohne glaubte ſie durch Zer⸗ Weſen ſtreuung das rechte Mittel gefunden zu haben, ihn Anne⸗ „daß lieſe vergeſſen zu machen, und ſeine überſprudelnde Luſt, ge mit als ihm die Fürſtin⸗Mutter erklärte, daß ſie eine Reiſe nmen⸗ nach Italien zur Vermehrung ſeiner Kenntniſſe für ge⸗ eigung eignet halte, ſchien ihr die ſicherſte Bürgſchaft zu geben, wider⸗ das vor Augen habende Ziel zu erreichen. Was die Apo⸗ thekerstochter anlangte, ſo war die Abweſenheit Leupold's einder⸗ der ſicherſte Zeitpunkt, ſie durch eine Heirath für immer unſtigt, ihm aus den Augen zu rücken; indeß man ſtieß bei ihr riſtliche auf entſchloſſenen Widerſtand, ſich zu verehelichen, ja man 3*¾ 36 kam zu der Erkenntniß, daß ſelbſt ihr zu Ohren gebrachte falſche Nachrichten über Leupold ſie zu keinem Zweifel an deſſen treuem Feſthalten an ihr zu bringen vermochten, und ſo blieb denn kein and re Hoffen übrig als das, der Erb⸗ prinz, der, wie man ſichere Kunde von ſeinem Begleiter, Herrn von Chaliſac, hatte, auf der ganzen langen Reiſe mit keiner Silbe Annelieſens gedacht, ſondern ſich unbe⸗ ſorgt in den Strudel von Bacchanalien und Vergnügungen aller Art geſtürzt habe, werde auch ſie vergeſſen haben. Wie wenig dies der Fall war, ergab ſich daraus, daß er, ehe er ſich nach ſeiner Rückkunft zu ſeiner fürſt⸗ lichen Mutter begab, die Apotheke und ſeine Annelieſe beſuchte. Die Verlegenheit, was nun zu beginnen ſei, rieth das ſchlechteſte Mittel als ein durchſchlagendes an, nämlich Mißtrauen in ſein Herz zu ſäen. Ein junger Verwandter Annelieſens, Doctor der Medi⸗ ein, nicht heimiſch in Deſſau, aber auf ſeiner Rückreiſe in die Heimat begriffen, halte ſich in der Apotheke auf, flüſterte man ihm zu, und Vater Föhſe habe auch ſchon die Aeußerung veerllauten laſſen, daß ſeine Tochter nichts gegen ihre Verheiratung mit demſelben einzuwenden habe. Welche Freude! Das rechte Mittel war gefunden, Leupold mied die Apotheke. Faſt zwei Wochen genoß man das Vergnügen, ſich mit dem Gedanken zu tragen, er werde die als treulos ihm dargeſtellte Annelieſe keines ragen, keines 37 Andenkens mehr würdigen. Indeß auch dieſe Rechnung war eine falſche und ihr fiel ſogar ein Menſchenleben zum Opfer. Eines Tages an der Apotheke vorbeireitend, be⸗ merkte der junge Fürſt den Doctor und Annelieſe in heiterer Unterhaltung am Fenſter ſtehen. Im Nu ſprang er aus dem Sattel, und den Degen aus der Scheide reißend, ſtürzte er wuthſchnaubend in das Haus. Wenige Minuten ſpäter ſchrillte ein Schrei durch das Haus, der Doctor, der unſchuldige Gegenſtand einer von Hof⸗ ſchranzen erfundenen Lüge, lag in ſeinem Blute röchelnd am Boden.„Du haſt ſein Weib werden wollen?“ ſchrie Leupold das Mädchen wild an. „Es iſt weder mir noch ihm eingefallen, Gott iſt mein Zeuge.“ Am Hofe herrſchte paniſcher Schrecken; dieſe raſche Blutthat erſtickte jede fernere Anwandlung, eine neue Lüge zu erfinden, die allzeit fertige Speculation der Hofleute ſchauderte vor der Degenſpitze Leupold's als möglichem Lohn für ihre Talente. Nichtsdeſtoweniger knüpfte man die Hoffnung an dieſen Hof und Stadt durchrieſelnden Schreck, Annelieſe werde jetzt von ihrer Neigung zu Leupold geheilt ſein, denn welche Ausſicht ſtand ihr bevor, wenn ſie als ſein Weib ſeinem Miß⸗ trauen, ſeiner wüthenden Eiferſucht verfiel? Und abermals hatte man ſich verrechnet. Auch das 38 vergoſſene Blut zog zwiſchen ihm und ihr keine Schranke. Die Fürſtin⸗Mutter wagte es nicht mehr, ihn ſeiner Neigung zu Annelieſen zu entreißen, und vielleicht kam ſie auch zu der Ueberzeugung, daß es eben nur der felſenfeſten, ausdauernden Gegenliebe Annelieſens möglich ſein dürfte, einen ſo wilden und furchtbaren Charakter wie den ihres Sohnes zu ſänftigen. Im nä⸗ hern Umgange mit der dereinſtigen bürgerlichen Schwie⸗ gertochter fand ſie an dieſer Eigenſchaften heraus, die ihr allmälig die Ueberzeugung einflößten, daß ſich in deren Weſen Alles vereine, was eine Fürſtin zieren könne. Ein edler, ruhiger und gebildeter Geiſt, der nie im überſtürzenden Haß Urtheile fällte und ſich in Allem erſt klar zu werden ſuchte, ehe er ſich für etwas entſchied, ein ſolches Gegengewicht konnte nicht ohne Einfluß auf Leupold's zügelloſe Leidenſchaftlichkeit bleiben, da er mit allen Kräften ſeines Herzens an ihr feſthielt und ihre Liebe als ein unentbehrliches Kleinod in ſeiner Fürſten⸗ krone betrachtete. Zudem mußte ihre feine Weiblichkeit, der zarte Duft einer holden Jungfräulichkeit, der gleich⸗ ſam wie das Arom einer Blume ihrem Aeußern eine ungemeine Anziehungskraft verlieh, die noch obendrein von ihrer ſchönen Erſcheinung unterſtützt wurde, ihn zwingen, ſeiner oft in Roheit, ja Gemeinheit ausartenden Geſinnung wenigſtens einige Feſſeln anzulegen, und auch die rec Ch mi zeu ſtü hur dur und geg ihn ſch das mü ſche 39 dieſe Nothwendigkeit der Scham vor ihr war ein unbe⸗ rechenbarer Vortheil hinſichtlich der Milderung ſeines Charakters, dem eine ſtarke Doſis Cynismus beige⸗ miſcht war. Und wenn die Fürſtin⸗ Mutter noch einer Ueber⸗ zeugung bedurft hätte, daß der Bürgerstochter das Wag⸗ ſtück gelingen werde, glücklich mit dem durch die Erzie⸗ hung verwahrloſten und doch nicht aller guten Empfin⸗ dungen baren Fürſtenſohne zu leben, ſo bot ſich deren unwandelbare Liebe zu demſelben als eine Bürgſchaft, gegen die kein Zweifel aufkommen konnte. Sie kannte ihn mit allen ſeinen Fehlern, aber auch mit dem in ihm ſchlummernden Guten, ſie verſtand wie der Bergmann das Todtliegende und das Rothgüldene in Herz und Ge⸗ müth dieſes ungewöhnlichen Mannes zu ſcheiden und zu ſchätzen. Eine geborene Fürſtentochter, nach dem damaligen Gebrauche den ihr beſtimmten Gemahl nicht weiter als im Bilde kennend, würde, mit Leupold vermählt, in bodenloſes Unglück geſtürzt worden ſein, das Bürger⸗ kind, das er liebte und das ihm mit ſchmiegſamer Treue anhing, hatte ſogar eine glückliche Zukunft an ſeiner Seite vor ſich. Und ſo erfüllte es ſich auch. Seine Ehe mit Anna Louiſe ward zum Muſter für alle ſeine Unterthanen. Man verehrte und liebte „ 8 40 die vom Kaiſer erſt zur Reichsgräfin, dann zur Reichs⸗ fürſtin erhobene Apothekerstochter, die ihren einzigen Stolz in die Erwerbung dieſer Volkszuneigung ſetzte und anfänglich ihren Gemahl auf ſeinen Kriegszügen begleitete, bis der Zuwachs ihrer Familie und ihre Ge⸗ ſundheitszuſtände ſie nöthigten, von dieſen Aufopferungen abzulaſſen und in Deſſau zu bleiben, wo ſie an ſeiner Stelle das Land regierte und zwar mit ſo günſtigem Erfolge, daß der rückkehrende Gemahl ihren erlauchten Geiſt anerkennen mußte und ſein Vertrauen auf ſie die tiefſten Wurzeln bei ihm ſchlug, weshalb er ſelbſt in den verwickeltſten, durch ſeine Stellung am Berliner Hofe herbeigeführten Feindſeligkeiten mit den Umgebun⸗ gen des Königs ihren Rath einholte. So war ſie ihm unentbehrlich geworden, trotz der ungeheuern Charakterverſchiedenheit zwiſchen ihm und ihr. Er liebte ſeine Annelieſe als ſein höchſtes Gut, er war ſtolz auf ſie, das Weib ſeiner Wahl, und zollte ihr, freilich in ſeiner rauhen Weiſe, jene aufrichtige Verehrung, deren Grund auf der richtigen Erkenntniß ihrer Tugenden und Vorzüge beruhte. Indem ſie nie den Verſuch machte, ihn durch Tadel ſeiner wilden Gemüthsart, ſeiner Ausſchreitungen ändern zu wollen, ließ ſie ſeine Ei⸗ genthümlichkeit unangetaſtet und gewann die Herrſchaft über ſeinen innern Menſchen, ein Sieg, der zwar ver⸗ 41 hüllt blieb, aber doch um ſo bedeutungsvoller war, als er ihr die Freiheit wahrte, ſich ſelbſt anzugehören. „Wo iſt unſere Geſellſchaft?“ fragte Leupold. „Bei Louiſen“, antwortete die Fürſtin.„Victor iſt bei ihr.“ „Gut, gut. Der Bernburger geht ins Feuer, wie ich merke. Na, iſt mir lieb. Ich denke, Louiſe wird ſich als ſeine Frau wohl fühlen. Ein Prachtmädel, meine Louiſe, eine echte Soldatentochter, exercirt wie der beſte Kerl in meinem Halleſchen Regimente.“ „Der Brommer hat ſich viel Mühe mit ihr gegeben.“ „Bah, wird nicht übermäßig geweſen ſein die Mühe,'s liegt bei dem Mädel ſchon im Blute. Eine Eiche trägt allezeit Eicheln, niemals Bucheckern oder Holzäpfel, alte Sache das.“ Eine Pauſe folgte. Der Fürſt ſpazierte in ⸗dem Zimmer herum, ſeinen Marſch ſummend. Dann trat er wieder zu ſeiner Gemahlin und äußerte: „Habe verfluchten Aerger in Berlin gehabt. Kann's nicht begreifen, warum der Herrgott ſolche nichtsnutzige Kerle auf der Welt herumlaufen läßt, die doch eigentlich keinen Schuß Pulver werth ſind. Derlei Otterngezücht befindet ſich aber ganz wohl.“ „Du haſt Dich gegen mich noch nicht über Deinen diesmaligen Aufenthalt in Berlin ausgeſprochen.“ 42 „Hm“, brummte Leupold,„wer zum Teufel ſteckt ſich's Maul gern mit Sauerampfer voll!“ „Gewiß Niemand“, ſtimmte die Fürſtin bei.„Viel⸗ leicht aber iſt es ganz gut, wenn man Unangenehmes dann und wann mit Perſonen beſpricht, die, inſofern ſie nicht unmittelbar davon berührt ſind, ein ruhigeres Ur⸗ theil, mindeſtens eine andere Anſchauung über die Sache haben.“ „Mag ſein!“ Nach dieſer Aeußerung des Einverſtändniſſes trabte Leupold von neuem im Zimmer herum, ein Zeichen, daß er ſehr angeregt war. Sein Geſicht zeigte wieder den finſtern Zornausdruck und endlich trat er, den Kopf in den Nacken werfend, zu ſeiner Gemahlin. „Die Königin hat den elenden Kerl, den Grumbkow, auf ihre Seite gebracht, der Hundsfott ſteht im engli⸗ ſchen Solde. Die Freundſchaft zwiſchen Preußen und Oeſterreich iſt in die Brüche gegangen, und wenn nicht etwas gefunden wird, das wie Pfeffer zwiſchen die gute Tunke mit England fährt, bringt die Königin den Um⸗ ſchlag der Doppelheirath zu Stande. Die Hoffnung, meinen Neffen, den Schwedter Markgrafen, mit einer königlichen Prinzeſſin vermählt zu ſehen, iſt rein beim Teufel; der König iſt zum alten Weibe geworden, das kein Gedächtniß mehr für ſeine Jugend hat. Himmel⸗ 43 ſchwerenoth, iſt das der Lohn für meine Dienſte, daß er meine Wünſche ſo zurückſchiebt, als kämen ſie von einem überläſtigen Bettelmanne! Donner und Teufel ſollen drein ſchlagen, wenn ich das ruhig hinnehme! Bin ich der Schubiak, dem man einen Braten vor die Naſe hält, um ihm dann ſtatt deſſen eine verdorrte Brodrinde zwiſchen die Zähne zu klemmen?“ Wüthend trabte Leupold abermals im Zimmer auf und nieder. Seine Gemahlin hatte die Hand an die Stirn gelegt, um etwas ſeinen Zorn, der ſo leicht zu Ausſchreitungen ſich hinreißen ließ, Beſchwichtigendes aufzu⸗ finden. Es war eine Nothwendigkeit für ſie, ihm auf dieſe Weiſe ihre Theilnahme an den Tag zu legen, denn ſie wußte ſehr gut, daß eben ſolche von ihrer Seite allerdings nur mittelbare Thätigkeit ihn an ſie feſſelte und ſein Vertrauen auf ihre Klugheit immer mehr beſtärkte. Es war nicht leicht, in dem Intriguenwirrwarr am preußiſchen Hofe einen denkbar günſtigen Ausweg auf⸗ zufinden, zumal ſie die daſelbſt ſich gegenſeitig zur Gel⸗ tung hervordrängenden Perſonen nicht perſönlich kannte, nur durch den Fürſten ſich ein Bild der dortigen Parteiungen zu ſchaffen vermochte; indeß ihr klarer Geiſt bewältigte ziemlich glücklich dieſe große Schwierigkeit. Ihr gutes Gedächtniß ſtand ihr dabei treulich zur Seite; ſie erinnerte ſich gleichſam überſichtlich alles deſſen, was 44 er bei frühern Gelegenheiten über die Berliner Hof⸗ verhältniſſe ihr mitgetheilt hatte, und obwohl ſie gezwungen war, die Schilderungen der dabei Betheiligten, wie er ſie gab, erſt von dem Ueberhauche ſeines Haſſes gegen dieſelben zu ſondern, ſo ſchuf ſie ſich doch eine An⸗ ſchauung daraus, welche ihr in ſolchen Momenten wie der jetzige von großem Vortheile war. Leupold's ärgſte Feindin am Berliner Hofe war die Königin und ihr höchſter Wunſch eine Doppelheirath zwiſchen ihrem Kronprinzen und einer engliſchen Prin⸗ zeſſin und dem Prinzen von Wales und einer ihrer Töchter. Königin Sophie Dorothea aus dem Hauſe Hannover beſaß einen bedeutenden Stolz und Ehrgeiz; der Krone England, welche ihrem Vater zugefallen war, wollte ſie durch dieſe Doppelverbindung eine Allianz mit Preußen ſchaffen, und obwohl ihr Gemahl, der König, nicht beſonders für dieſen Plan geneigt ſich zeigte, ſo gab ſie doch denſelben nicht auf, ſelbſt als ein bedeutendes Zerwürfniß zwiſchen Preußen und England ausbrach, da die hannoverſchen Behörden ernſte Maß⸗ regeln gegen die Gewaltthaten preußif r Werber er⸗ griffen hatten, was in den Augen des kriegsluſtigen Friedrich Wilhelm I. als ein ungeheueres Verbrechen erſchien, von England aber als eine nur gerechte Maß⸗ nahme angeſehen wurde. Einige andere Irrungen traten 45 noch hinzu, um die Feindſeligkeit zwiſchen den beiden Höfen zu nähren. Friedrich Wilhelm I. ergrimmt, wollte ſogleich ſeine älteſte Tochter mit dem Markgrafen von Schwedt, des Deſſauers Neffen, verbinden und rüſtete ſich zum Kriege. Königin Sophie erkannte in dem Fürſten von Deſſau, deſſen Roheit ihr ſtets zuwider war, nicht nur den Feind ihres Plans, ſondern auch den Feind des Hauſes Hannover, dem ſie von Geburt angehörte. Er beſchul⸗ digte Hannover, ihm, das heißt, dem Hauſe Anhalt, den Beſitz Lauenburgs, auf das es Anſprüche habe, vorent⸗ halten zu haben, und ſein Haß kannte keine Grenzen. Mit Eifer trieb er den König Friedrich Wilhelm I. zum Kriege an, in welchem er den Oberbefehl führen ſollte. Indeß die ſchöne Doppelausſicht für ſeinen Ehrgeiz, die gewünſchte Vermählung ſeines Neffen mit einer Königstochter und der Krieg gegen Hannover⸗England, ſollte ſich nicht verwirklichen. Grumbkow, Friedrich Wil⸗ helm's I. Miniſter und erklärter Feind des Deſſauers, verband ſich, um des letztern Einfluß auf den König zu brechen, mit der Königin. Der Zeitpunkt war beſon⸗ ders günſtig zu einer Umſtimmung ihres Gemahls, denn Oeſterreich und Spanien hatten zu Wien einen Bund geſchloſſen, und da dieſer politiſche Vorgang von großer Tragweite ſein konnte, ſo war ein Gegengewicht nöthig, 46 und was der Deſſauer am wenigſten vermuthet hatte, geſchah. Die Differenzen zwiſchen Preußen und Hanno⸗ ver⸗England wurden friedlich beigelegt und die frühern Ausſichten zur nähern Familienverbindung zwiſchen ihnen ſtellten ſich wieder her. Der Deſſauer ſchäumte vor Wuth, aber er mußte ſchweigen, gegen den königlichen Willen durfte und konnte er nicht ankämpfen. Er wußte ſehr gut, wer die Urheber ſeien, die ſeinen Hoffnungen den Todesſtoß ge⸗ geben. Seinem tiefen Haß gegen die Königin, von der er ſich verabſcheut wußte, konnte er keine Folge geben, ſie ſtand ihm zu fern, nicht ſo Grumbkow, und die Gelegenheit zur Rache an dieſem ergab ſich ſehr bald. Um den König, den man, wie er ſehr gut er⸗ kannte, von ihm abwendig machen wollte, wieder an ſich zu feſſeln, hatte er ihm das in Deſſau praktiſch ausge⸗ führte Auskaufsſyſtem des Adels auch in Preußen einzu⸗ führen vorgeſchlagen. Der zufällig dazu kommende Grumbkow bezeichnete das dem Könige angeprieſene Syſtem als ein unehrenhaftes für einen König und ſchloß ſeine Widerlegung mit jener Phraſe, bei deren Erinne⸗ rung jetzt noch des Fürſten Geſicht wie von einem dunklen Blutſtrome übergoſſen ſich zeigte. „Und wie war Dein Abſchied von Berlin?“ fragte Annelieſe, nachdem er ihr die ihn in des Königs Augen läc mif Be Fei ein zuſ dri ſar los ſo 47 lächerlich und verächtlich machende Sottiſe Grumbkow's mitgetheilt hatte. „Bah, prächtig nicht, ungefähr ſo, als wenn ich im Beſitze einer guten Stellung und im Bewußtſein, den Feind aufs Haupt zu ſchlagen, plötzlich die Nachricht von einem jämmerlichen Waffenſtillſtande, den die Federfuchſer zuſammengeſtoppelt, bekommen habe und des Teufels drüber werden möchte“, antwortete Leupold.„Se. Majeſtät geruhten in Allerhöchſtihrer Gnade uns zu⸗ ſammenzuſchweißen, wie's der Schmied macht, wenn er ein altes und ein neues Stück Eiſen zu einem Ganzen hämmert“, fuhr er höhniſch fort und brach dann wild los:„Straf mich Gott, zum zweiten Male reite ich nicht ſo aus Berlin. Einer von uns bleibt dann auf dem Platze.“ Die Fürſtin erhob ſich aus ihrem Seſſel und trat zu ihm, ſeine Hände ergreifend. „Wozu das, Annelieſe?“ fragte er erſtaunt. „Ich will meinen Simſon feſſeln, daß er mit dem ſtürzenden Thore nicht ſich, nur die Philiſter erſchlägt“, antwortete ſie ſcherzend. „Soll'n tüchtiger Kerl geweſen ſein, der Simſon“, äußerte Leupold.„Die Geſchichte mit dem Eſelskinn⸗ backen iſt ganz verflucht kurios.“ „Gewiß, aber heutzutage iſt dies Hülfsmittel ab⸗ gekommen“, redete die Fürſtin.„Dafür gibt's andere Er ſchritt abermals durchs Zimmer, dann hielt er Dinge, die, wenn ſie gut gehandhabt werden, daſſelrle Na verrichten.“ gen „Nun?“ 3 „Alles würde eine andere Geſtalt gewinnen, wenn Dir Oeſterreich einen gewandten Staatsmann an den Ber⸗ Wie liner Hof ſchickte.“ wer „Hm!“ digt „Der König liebt die engliſche Freundſchaft nicht. mit Du ſelbſt haſt mir mehrmals von dieſer Abneigung Sr. Majeſtät erzählt. Auf dieſem Boden muß geſäet wer⸗ dem den, dann dürfte die Ernte unzweifelhaft günſtig aus⸗ den fallen.“ wo „Ja, das läßt ſich hören“, ſtimmte der Fürſt bei. ſein „Es wäre die Schwerenoth zu kriegen, wenn man in Oeſterreich keinen geſcheidten Kopf auftreiben könnte, der das engliſche Netz, das man dem Köaig über den Kopf geworfen, zerriſſe.“ in ſeinem Spaziergang ein und ſprach: „Ja, da ſteht aber noch ein ganz verda ſcher Reiter im Wege.“ Elephanten. Hundsfötte r mit ſuperfeinen lbe 49 Naſen. Wie könnte man vor dieſen Kerlen was verber⸗ gen?'s iſt unmöglich!“ „Das ſcheint nur ſo, Leupold. Prinz Eugen iſt Dir zugethan, Dein Freund. Sein Wort dringt am Wiener Hofe durch. Es muß hier ein Mann gefunden werden, auf den Verlaß iſt, der ihn von der Nothwen⸗ digkeit unterrichtet, in Berlin das öſterreichiſche Intereſſe mit Kraft zu vertreten.“ „Ganz recht, ein Mann, ein geſcheidter Kerl, von dem Niemand ahnt, daß er ein Gewerbe von mir an den Prinzen hat, das iſt klar; aber wo den finden, wo ihn finden? Er darf von Niemand in Wien gekannt ſein und—“ Ein leiſes dreimaliges Pochen an der Thür deutete die Meldung eines Dieners an.„Herein!“ rief der Fürſt mit gewaltiger Stimme und der ſo Befohlene kam ſofort der Weiſung nach.„Was ſoll's?“ herrſchte ihm Leupold verdrießlich zu. „Mosje Bonnafox bittet um die Gnade, der durch⸗ lauchtigſten Frau ein Geſuch vortragen zu dürfen“, war die Antwort. „So? Nun, da ſcheint es, bin ich überflüſſig; Mosje Bonnafox iſt ein aimabler Schwerenöther, weiß das ſchon.“ „Er ſoll kommen“, entſchied die Fürſtin, welche nicht Carion, Der alte Deſſauer. I. 4 nur aus dieſer Antwort ihres Gemahls erſah, daß er dieſem einer zu Halle lebenden franzöſiſchen Emigranten⸗ familie angehörenden jungen Manne beſonders günſtig geſinnt ſei, ſondern auch aus Erfahrung wußte, daß Mosje Jéréme Bonnafox, der in Deſſau die Stellung eines Poſtbeamten bekleidete, ſehr wohl bei ihm ange⸗ geſchrieben ſtehe, indem er vollkommen das beſaß, was der Franzoſe leichthin mit esprit bezeichnet, jene Ge⸗ wandtheit, ſich in allen Situationen zurechtzufinden, und ein gut Theil Muth, um einem gewagten Abenteuer nicht ſo leicht aus dem Wege zu gehen, etwas, was unter allen Umſtänden des Fürſten Anerkennung errang⸗ Bonnafox trat ein. Leupold ſchaute ihn ſtarr an. Es hätte ihm viel Vergnügen gemacht, den jungen Mann in Verwirrung zu ſetzen, indeß dieſer ließ ſich dadurch nicht beirren. In einem Tone, als fühle er ſich glücklich in der Gewißheit, für ſein Anbringen die beſte Ausſicht zu haben, rief er:„Dieu soit loué ine Sache ſteht ſehr gut. Ich reüſſire und raut.“ Unwillkürlich begann der Für 1n„So?“ ſagte er.„Seit wann. Mosje Bonnafox, iſt es denn Sitte, daß Er meine Gemahlin für Seine Anliegen in Anſpruch nimmt?“ 1 „Pardon, Durchlaucht! Ich habe geleſen in der Mythologie, daß die Göttinnen immer von den Sterb⸗ liche wun 51 lichen ſind angefleht worden, wenn es galt einen Herzens⸗ wunſch, und weil ſind abgekommen die Göttinnen, habe ich mir gedacht, die Fürſtinnen ſind getreten an deren Platz. Das wird kein dummer Gedanke geweſen ſein, mein' ich.“ „Ob der Kerl mich nicht zwingt, in ein Horn mit ihm zu blaſen!“ rief Leupold lachend.„Alſo, Mosje Bonnafox, heraus mit der Farbe. Was für ein Anbringen an meine Gemahlin hat Er?“ „Ich bin troſtlos, ſehr unglücklich, wenn ich verlier' die Partie; hängt mein Herz daran ſo feſt, daß ich nicht ablaſſen kann davon. Ah, hélas, was iſt ſo große Lieb' für eine Qual!“ „Was? Was? Die Lieb' macht ihm Qual?“ fragte der Fürſt und der Ton in ſeiner Frage verrieth die luſtige Stimmung, in welche ihn dieſe Unterbrechung des vorigen ernſten Themas verſetzte.„Soll meine Gemahlin ihm dieſe Qual lindern helfen?“ „Durchlaucht“, hob Mosje Bonnafox an,„ich habe geſehen einen Menſchen ertrinken, wie er gegriffen hat um ſich her, um etwas zu erhaſchen, woran er ſich feſt⸗ halten könne. In dem Falle bin ich. O das iſt traurig, ſehr traurig! Darum bin ich gekommen hierher, um die gnädigſte Frau Durchlaucht anzuflehen, mir beizuſtehen in meiner großen Noth, denn ſie iſt ein Engel der Lieb' in Perſon.“ 4* 52 „Na, das läßt ſich hören. Ich denke, er macht Dir da ein Compliment, Annelieſe, das, wie ich nicht anders ſagen kann, keine fade Schmeichelei iſt.“ „Gilt es denn ein Complot gegen meine Beſchei⸗ denheit, daß ich ſo unerwartet mit Engeln rangirt werde?“ fragte die Fürſtin ſcherzend. „Was wahr iſt, bleibt wahr, abgemacht! Bonnafox, komm' Er zur Sache.“ „Es iſt ein groß Unglück für mich, daß ich nur bin ein Poſtverwalter. Das iſt zu wenig, viel zu wenig für meine Geliebte, weil ſie iſt eine Dame vom Hofe.“ „Schwerenoth! So hoch hat er ſich verſtiegen?“ „Fragt die Lieb' nach der Höhe?“ Der Fürſt wechſelte einen Blick mit ſeiner Gemah⸗ lin und ſprach dann:„Da kann ich ihm nicht Unrecht geben, die Liebe ſchert ſich den Teufel um hoch und niedrig. Sie geht wie ein tapferer Soldat drauf und dran. Wer iſt denn Seine Charmante?“ „Fräulein von Mitagheim.“ „Die Geſellſchafterin unſerer Louiſe?“ fragte die Fürſtin erſtaunt. „So iſt es, gnädigſte Durchlaucht.“ „Einen dummen Geſchmack hat Er nicht, Bonnafox. Hm, alſo in die iſt Er geſchoſſen? Was ſoll aber da meine Gemahlin dabei thun? Ich ſehe es nicht ein. Rede Er!“ reüſſi ben, es ni Stell warf Fräul liebte wollte ſein i „Sile gibt walter Fräule Fürſtit nafox. meine Er!“ 53 „Ich habe eine kleine Ahnung, warum ich nicht reüſſire bei Mademoiſelle. Ich wollt' verwetten mein Le⸗ ben, daß ein Anderer ihr Herz gefangen hat.“ „Wer?“ „Mon dieu, ich weiß es nicht; vraiment, ich weiß es nicht.“ „Aber wie kommt Er auf die Idee, daß Seine Stellung zu gering iſt für die Anſprüche des Fräuleins?“ warf die Fürſtin ein. „Mein Garçon, ein Amant der Zofe von dem Fräulein, hat mir gebracht die Poſt, daß, als ſeine Ge⸗ liebte geſprochen mit dem Fräulein darüber, wenn es wollte machen eine reiche Partie, würde Mosje Bonnafox ſein überglücklich, das Fraulein darauf geſagt habe: „Silence! Für den Fall, daß ich mich vermählen will, gibt es ſchon noch einen Andern als einen Poſtver⸗ walter.““ „Und daraus ſchöpft Er den Argwohn, daß des Fräuleins Herz auch einem Andern gehöre?“ fragte die Fürſtin wieder. 3 „Nicht daraus allein, o nein, aber die Zof' hat ge⸗ ſprochen von kleinen Billets, die das Fräulein zuweilen ganz heimlich leſe und gar ängſtlich damit thue. Ich muthmaß' nur, daß es Billets ſein mögen von einem Liebhaber.“ 54 „Und Sein Geſuch an meine Gemahlin, Mosje Bonnafox? Ich hoffe, daß Er nicht verlangt, ſie ſolle ſich in Seine Liebesgeſchichte miſchen“, ſprach Leupold. „Ich kenn den profond respect für die gnädigſte Frau Durchlaucht, um nicht ſo Ungebührliches nur zu denken“, entgegnete Mosje Bonnafox, indem er eine tiefe Verbeugung vor der Fürſtin machte.„Ich hab' bitten wollen um gnädigſte Fürſprach bei Ew. Durch⸗ laucht, mir zu geben ein anderes Amt.“ „So? Ein anderes Amt? Hm, wollen ſehen.“ Leupold's Blicke hafteten muſternd auf dem Bitt⸗ ſteller, den jedoch dieſes Fixiren durchaus nicht außer Faſſung ſetzte, da er des Durchlauchtigen Manier ſchon kannte. Mosje Bonnafox, gemeinhin ſo genannt, weil ſein ganzer Familienname Bonnafox de Montjoie St.⸗ André zu lang geweſen wäre, um ihn im Geſpräche zu wiederholen, warg ein junger Mann, der wie ſo viele Söhne franzöſiſcher Emigrantenfamilien in Deutſch⸗ land ſeine Carrière zu machen ſuchte und auf deren erſter Staffel bereits ſtand, da es ihm durch Fürſprecher gelungen war, deſſauiſcher Poſtverwalter zu werden. Sein Aeußeres war nicht unangenehm, aber es beſaß auch nichts beſonders Augengefälliges— eine lange aufgeſchoſſene Geſtalt mit einem etwas bleichen Geſicht. In der Stadt liebte man ihn nicht; es berührte unangenehm, daß ſeine tosje ſolle pold. digſte ur zu eine hab' Durch⸗ Bitt⸗ außer ſchon t, weil e St.⸗ präche n vie ſo deutſch⸗ n erſter precher verden. aß auch choſſene r Stadt aß ſeine 55 franzöſiſche Galanterie gewiſſe ſcharfgezogene Grenzen beachtete, indem die Bürger in ſeinen Augen wenig zu gelten ſchienen und er ihnen zuweilen mit einer Gering⸗ ſchätzung begegnete, als wolle er damit andeuten, daß er ſie nicht würdig halte, von einem franzöſiſchen Edel⸗ manne mit Freundlichkeit behandelt zu werden. Da aber Fürſt Leupold ihn begünſtigte und offenbar ihm gewogen war, ſo wagte natürlich Niemand, Mosje Bonnafox nur im mindeſten in den Weg zu treten. Zudem fiel noch ein anderer Umſtand ſehr bevorzugend für ihn in die Wage: er gehörte einer ſehr wohlhabenden Familie an, ein Grund, welcher ihm einen bedeutenden Vorſchub lei⸗ ſtete, um in guter, gewählter Geſellſchaft angenehm zu erſcheinen. Nach einer Weile hob der Fürſt an:„Würde Er, Mosje Bonnafox, ſich wohl die Fähigkeit zutrauen, eine geheime Commiſſion glücklich durchzuführen?“ „Durchlaucht, es kommt an auf die Prob'. Ich will nicht ſagen zu viel, wenn's aber wär' eine Commiſſion für Ew. Durchlaucht, ich glaub' behaupten zu können, daß mir nichts zu ſchwer ſein würde, um Ew. Durch⸗ laucht hohe Gnad' zu gewinnen.“ „Glaub's, glaub's“, ſagte der Fürſt, und einen Blick auf ſeine Gemahlin werfend, fragte er dieſe:„Hältſt Du die Wahl für gut?“ 56 „Mosje Bonnafox wird, hoffe ich, derſelben aufs beſte entſprechen.“ „Abgemacht alſo; morgen früh laſſe Er ſich bei mir melden; aber Stillſchweigen erſte Bedingung!“ „Durchlaucht machen mich ſehr glücklich“, betheuerte Bonnafox. „Was ein anderes Amt anlangt, dafür werde ich Sorge tragen, da laſſe Er ſich keinen Kummer machen. Sein Bruder, der Lieutenant in meinem Halleſchen Re⸗ giment, ſoll ebenfalls meine Gnade verſpüren, verſpreche Ihm das. Und was Seine Liebesaffaire mit der Mitags⸗ heim betrifft, wird meine Gemahlin dafür ſorgen, daß ſie möglichſt zu Seinen Gunſten ausſchlägt. Das verſtehen die Weiber beſſer zu arrangiren als unſereiner.“ Lautes Gelächter im Nebenzimmer und das Ge⸗ räuſch mehrerer daſelbſt eintretender Perſonen endete die für Mosje Bonnafox ſo günſtig ausfallende Audienz. Der Fürſt befand ſich in der beſten Laune. Das Vergnügen, Jemand gefunden zu haben, durch den es ihm möglich war, an Prinz Eugen unter dem Siegel des Geheimniſſes Kunde von den Oeſterreich ungünſtigen Vorgängen am Berliner Hofe zu geben, und ſonach die Hoff⸗ nung bei ſich nähren zu können, daß der Partei der Kö⸗ nigin und Grumbkow's von Wien aus ein Bein geſtellt werde, machte ihn heiter, und dieſe Heiterkeit ſteigerte ſie 57 ſich bedeutend, als er unter den Lachenden im Nebenzim⸗ mer die Stimme ſeiner Lieblingstochter Louiſe erkannte. „Was hat ſie nur wieder!“ rief die Fürſtin horchend. „Was wird ſie haben; dem Bernburger Lection im erte Geſchwindſchritt geben. Ein Prachtmädel, meine Louiſe!“ Nach dieſen Worten öffnete er die Thür des Ne⸗ ich benzimmers und der mehrſtimmige Ruf:„Der Papa!“ hen. ließ ſich hören. Gleichzeitig flog ihm Louiſe an den Hals Re⸗ und der Fürſt hob ſie mit einem Ruck auf den Arm, che indem er in ein ſchallendes Gelächter ausbrach und mit gs⸗ ihr nach dem Fenſter zu chaſſirte, wo ſich ſeine Gemah⸗ ß ſie lin befand.„Da haſt Du Deine wilde Hummel“, rief ehen er lachend, indem er die Prinzeſſin auf den Fußboden herabließ. Ge⸗„Wilde Hummel?“ fragte die Prinzeſſin luſtig. dete„Papa, ich werde mit Dir losgehen auf Piſtolen. Eine tenz. Prinzeſſin und eine Hummel, welcher Vergleich!“ Das„Gut, mein Täubchen, gehen wir los, wenn es Dir es gefällt“, ſtimmte Leupold in den heitern Ton ein. egel„Schade, daß mein Regiment nicht hier iſt, es könnte igen dabei lernen, wie man davonläuft, wenn's losgeht. off⸗ Hahaha!“ Kö⸗„Bitte ſehr, Papa, keine Reſpectwidrigkeit“, ent⸗ tellt gegnete die Prinzeſſin, den Kopf aufwerfend und die Linke erte in die Seite ſtemmend, während ſie die Rechte warnend 58 erhoben hielt.„Ich bin Sr. Durchlaucht von Deſſau älteſte Tochter, das iſt, glaube ich, hinreichend, um von einem ſchimpflichen Davonlaufen nicht zu reden. Der Deſſauer iſt nie davongelaufen, wenn's losging, die ganze Welt weiß das, und ich, ſeine Aelteſte, laufe erſt recht nicht.“ Und mit Pathos fügte ſie hinzu, Leupold nach⸗ ahmend:„Bah, drauf und dran, biegen oder brechen, wir ſtellen unſern Mann, mag's kommen, wie es will. Und ich bin ein Soldatenkind, nicht zu vergeſſen!“ „Mädel— Louiſe!“ ſchrie Leupold auf und ſchloß jubelnd die Prinzeſſin in die Arme, während ihm Freu⸗ denthränen über die dunklen Wangen liefen. Nach einer Weile richtete er ſich wieder auf, und indem er ſeine Rechte auf ſeiner Gemahlin Schulter legte, ſagte er mit offenbarer Aufrichtigkeit zu dieſer: „Ich muß geſtehen, meine Liebe, Du haſt hier ein Muͤſter in der Erziehung geliefert, das Dir alle Ehre macht. Ich war ſehr in Furcht, daß durch die Kinker⸗ litzchen, mit denen ſich heutzutage die Töchter anſtändiger Leute die Köpfe bis zum Verrücktwerden füllen müſſen, das Natürliche, der richtige Inſtinkt, oder wie das Ding heißen mag, zum Teufel gehen würde, aber bei unſerer Louiſe iſt das nicht der Fall, was mich gar ſehr freut.“ Dieſe Erklärung, zu der ſich der Fürſt in ſeiner Vaterfreude gedrungen fühlte, bezog ſich auf die doppelte mit Erziehungsmethode, die er in ſeiner Familie eingeführt hatte, indem ſeine fünf Söhne ausſchließlich unter ſeiner Leitung verblieben, die Erziehung der Prinzeſſinnen aber ohne Einrede ſeiner Gemahlin überlaſſen war. Die Früchte ſeiner Erziehungsweiſe bethätigten ſich allerdings auffallend genug, denn es gab keine unwiſſendern Prinzen in irgend einem fürſtlichen Hauſe jener Zeit, als die Söhne des Deſſauers es waren. Nur mit Mühe konnte er dazu gebracht werden, ihnen einen Lehrer zu geben; ſeine große Abneigung gegen die Wiſſenſchaften trug die alleinige Schuld an dieſer geiſtigen Verkommenheit ſeiner Söhne, welche dagegen bis auf einen im Kriegsdienſte als Männer vom Fache ſich erwieſen. Seine Gemahlin befolgte jedoch eine ganz andere Richtung. Ihre Prinzeſſinnen erhielten eine durchaus feine Erziehung, ihr geiſtiger Theil blieb nicht vernachläſſigt, und ſo war es bei Prinzeſſin Louiſe keineswegs nur Sucht, ſich bei dem fürſtlichen Vater auf Koſten ihrer jüngern Schweſtern einzuſchmeicheln, indem ſie ſeiner Leidenſchaft für den Soldatenſtand auf ſo eigenthümliche Weiſe hul⸗ digte, ſondern eine wirkliche, aus dem Herzen kommende Neigung dafür. Ihr offenes Gemüth hielt mit dieſer unter andern Umſtänden bei einer jungen Dame viel⸗ leicht ſehr unpaſſend erſcheinenden Vorliebe für das Soldatenweſen nicht zurück, weil ſie gar nicht ahnte, daß 60 Jemand darin etwas Ungeziemendes erblicken könne, und die Fürſtin⸗Mutter trat dieſen aller weiblichen Prüderie ſpottenden Kundgebungen Louiſens nicht entgegen, theils weil ſie ja ſelbſt die Gemahlin eines Kriegsführers war, theils weil trotz der überſprudelnden Munterkeit der Prinzeſſin dieſe doch ſtets in den Schranken der Weiblich⸗ keit blieb. Die Perſonen, welche mit Prinzeſſin Louiſe gekom⸗ men waren, hatten ſich bisher jeder Aeußerung ihrer Anweſenheit enthalten. Es waren außer Anna Wilhel⸗ minen, der kleinern Schweſter Louiſens, und dem Fräulein Regina von Mitagsheim noch der regierende Fürſt von Bernburg, Victor Friedrich, ein junger Herr, welcher, mit einem ſehr angenehmen Aeußern ausgeſtattet, bereits um die Hand der Prinzeſſin Louiſe angehalten hatte, aber vom Fürſten Leupold dahin bedeutet worden war, daß noch ein Jahr vergehen müſſe, ehe er die jetzt erſt Vierzehnjährige heimführen könne. Zwiſchen dem jungen bernburger Fürſten und ſeinem künftigen Schwiegervater herrſchte in den meiſten Bezie hungen eine große Uebereinſtimmung der Anſichten, der einzige Punkt, in dem ſie jedoch gänzlich von einander abwichen, beruhte in dem Mangel der Leidenſchaftlichkeit für den Soldatenſtand bei dem jungen Fürſten, woraus er auch gegen den Deſſauer kein Hehl machte, der dies eA ee——ß ᷣ e 2—ph — —,—.—,—„1ͤ— a e—— 28 8— 81 61 freilich tief beklagte, aber einſichtsvoll genug war, es nicht anſtößig zu finden, daß dieſe junge Durchlaucht, welche die fürſtliche Paſſion der Parforcejagd nach ſeinem Beiſpiele im Bernburgiſchen eingeführt, auch nach Kräften den Auskauf des daſelbſt ſeßhaften Adels betrieb, eigen⸗ händig das Grubenleder umſchnallte und in höchſteigener Perſon wie jeder andere Bergmann die von ihm wieder in flotten Gang gebrachten anhaltiniſchen Gruben be⸗ fuhr, was, da er ſich durch Verträge mit den übrigen Häuſern Anhalts in den Beſitz ſämmtlicher Bergwerke im Harze gebracht hatte, für das vor ſeinem Regierungs⸗ antritt ſehr im Argen liegende Bergweſen von un⸗ gemeinem Vortheile war, indem durch ſeinen Eifer dieſe ehemals ziemlich ergiebige Branche im bernbur⸗ giſchen Staatshaushalte einen neuen Aufſchwung nahm. Fürſt Leupold nannte ihn wegen dieſer Vorliebe für den Bergbau den unterirdiſchen Soldaten, den Vetter Mineur, den Herrn von Leder, welche Spötterei indeß keineswegs böſe gemeint war, da die Reſultate, welche der junge Bernburger bereits erzielt hatte, jeden möglicherweiſe ernſt gemeinten Spott nieder⸗ ſchlugen. „Nun, Vetter Victor, ich hoffe, daß Louiſe aus Dir doch noch einen ganz leidlichen Soldaten machen wird“, wendete ſich Leupold ſehr gut gelaunt zu ihm.„Es 62 müßte ja mit Hexerei zugehen, wenn Du nicht etwas von dieſem echten Soldatenkinde profitiren ſollteſt.“ „Ich hoffe nicht, Vetter Leupold, daß mir dergleichen je paſſiren kann“, entgegnete der Bernburger frei⸗ müthig. „Oho!“ „Jeder in ſeiner Art, Vetter Leupold, ſo ſcheint mir's recht zu ſein. Du auf der Ober⸗, ich in der Unter⸗ welt. Umgekehrt wäre es bei uns beiden bloße Spie⸗ lerei. Hätte unſer Vetter von Köthen nur ein wenig Paſſion für Luft oder Waſſer, ſo würden wir Anhal⸗ tiner ein ganz prächtiges Dreiblatt ſein.“ Der Deſſauer lachte hell auf.„Ja, ja,'s iſt ein Unglück mit dieſem Vetter von Köthen“, ſtimmte er bei. „Iſt ein Büchernarr, gelehrt bis zum Exceß, daß kein vernünftiger Menſch mit ihm umgehen kann. Nennt mich den wiedergeborenen Holofernes, und kommen wir zuſammen, ſollte man denken, ich ſpräche chaldäiſch oder ein anderes Kauderwelſch, er verſteht mich nicht und verſichert mir, daß meine Sprache zu blumenreich für ſein daran nicht gewöhntes Ohr ſei.“ Dieſe Erklärung erweckte aufs neue die gute Laune, ſelbſt die Fürſtin lächelte, und der Bernburger meinte ſcherzend:„Ja, Vetter, das Blumenreiche iſt einmal Deine Art. Wer Dich loswettern hört, dem geht's nicht 63 um ein Haar anders, als wenn ihm ſtarker Blumenduft in die Naſe fährt, er wird betäubt davon.“ en Für den Fürſten Leupold konnte es gar nichts An⸗ i⸗ genehmeres geben, als wenn ihm dergleichen die Aner⸗ kennung ſeines, wie er glaubte, für den Umgang mit Soldaten unentbehrlichen Sprachtalents Betreffendes zu t Ohren kam. Er hielt es für unabläſſig nothwendig, die Kernflüche, deren er ſich bei beſondern Anläſſen in einer e- faſt erſchöpfenden Reihenfolge gleich einander übertäuben⸗ ig den Donnerſchlägen bediente, ſeinen Reden hin und wie⸗ l der einzuweben, und ſelbſt im Königsſchloſſe zu Berlin war ſeine ſo gewürzte Redeweiſe nichts Fremdes. Der in Bernburger hatte dadurch der heitern vetterlichen Laune ei. gleichſam den Moſesſtab angelegt, ſodaß ſie luſtig ſprin⸗ in gend ſich über eine Menge Gegenſtände ergoß, die er, nt einmal angeregt, aufs Tapet brachte und unter denen ir gewöhnlich die Erzählung von Schnurren, welche dem er Soldatenkreiſe oder ſeiner humoriſtiſchen Umgangsweiſe nd mit ſeinen Deſſauer Bürgern entſtammten, ein Haupt⸗ ür theil ausmachte, weil ihm die Erinnerung daran un⸗ gemein viel Vergnügen gewährte. ie, Es war unmöglich, daß die Zuhörer dabei ernſt te bleiben konnten, denn die Redeweiſe Leupold's, obwohl al ſoldatiſch roh und nicht ſelten mit gemeinen Ausdrücken geſpickt, welche dem glatten Hofton ein Schnippchen um 64 das andere ſchlugen, erfreute ſich in ſolchen Momenten, wo er ſeinem Humor den Zügel ſchießen ließ, gewiſſermaßen jener Anziehungskraft, welche das Ungewöhnliche, Bur⸗ leske jederzeit übt, und zugleich war es auch die Furcht, welche Jedermann vor ihm empfand, die es durchaus nicht geſtattete, irgend ein Zeichen von Langweile oder Mißſtimmung zu äußern. Lachen ſteckt an, und ſo gab ſich ſelbſt das am Ein⸗ gange ins Nebenzimmer ſtehende Fräulein Regina von Mitagsheim dieſem Erguſſe der Heiterkeit hin, welcher jedoch augenblicklich einer Wandlung unterlag, als Leu⸗ pold's Blick ſich auf ſie richtete und feſt auf ihr haften blieb. „Donner und Teufel, was hat Sie für ſchöne Zähne!“ rief er, in der Erzählung einer ſeiner Schnurren plötzlich innehaltend.„Lache Sie noch einmal! Na, na, zur Schwerenoth, hört Sie nicht? Sie ſoll noch einmal lachen. Sie hat ja Zähne, wie mein beſter Grenadier ſie nicht hat. Na, drauf und dran, lache Sie los!“ „Durchlaucht!“ ſtammelte das Fräulein. „Zum Teufel mit Ihrer Ziererei! Lachen ſoll Sie, Ihre Zähne will ich ſehen. Prächtige Zähne zum Pa⸗ tronenabbeißen!“ Des Fräuleins Geſicht übergoß Scham und Schreck mit einer brennenden Röthe. Die Fürſtin trat an ihren Ge der 65 Gemahl heran und entſchuldigte das Fräulein, daß es der Weiſung durchaus nicht entſprechen könne, da es zu ſehr erſchrocken ſei. t,„Erſchrocken?“ fragte Leupold erſtaunt.„Wovor?“ us„Papa“, rief Prinzeß Louiſe, indem ſie ihren Arm der um des Fräuleins Hüfte legte,„Regina iſt meine Freun⸗ din. Das wird genug ſein, um ſie bei Dir zu ent⸗ in- ſchuldigen. Ich gebe ihr jetzt Unterricht im Parade⸗ on marſche und ſie läßt ſich ganz gut an, verſichere ich Dir. her Ah, was fällt mir ein! Du ſollſt mich im Parade⸗ eu. marſche prüfen. Brommer hat geſagt, Deine Halleſchen ten Grenadiere könnten nicht beſſer marſchiren als ich. Wollen ſehen, ob er Recht hat. Niemand kann das beſſer beurtheilen als Du, der ein ſo ſchönes Regiment lich commandirt.“— zur Die Prinzeſſin hatte das rechte Mittel getroffen, nal den leicht zum Zorn Gereizten zu beſchwichtigen. Ueber ſie der Soldatenſpielerei vergaß er die ſchönen Zähne des Fräuleins von Mitagsheim, und um dieſe Schrulle, welche die junge Dame ſo unglücklicherweiſe in die Kate⸗ ie, gorie der Pferde verſetzte, deren Gebiß bekanntlich Ge⸗ Pa⸗ genſtand ſorglicher Prüfung der Liebhaber dieſer edlen Thiere zu ſein pflegt, ihm aus dem Gedächtniſſe zu ver⸗ reck wiſchen, entſchloß ſich auch der bernburger Vetter an ren ddieſer Parademarſchübung Theil zu nehmen. Die gute Carion, Der alte Deſſauer. I. 5 ———— —õ—n—mjmÿ 66 Laune Leupold's wurde durch dieſes Auskunftsmittel ſchnell zu voriger Höhe erhoben. Ueber ſeines fürſtlichen Vetters ſeltſame Schwen⸗ kungen bei dieſem mit ſteif ausgeſtreckten Beinen von ihm und Louiſen ordonnanzmäßig ausgeführten Marſche, zu dem er mit dem Munde den erforderlichen Trommel⸗ ſchlag nachahmte, lachte er unbändig, und als der Diener mit der Meldung eintrat, Feldwebel Brommer wolle Sr. Durchlaucht einen Rapport abſtatten, ſchrie Leupold: „Herein mit ihm! Kann gleich mit marſchiren.“ Brommer trat ein und ſchien frappirt von dem, was er ſah, indeß der Fürſt commandirte:„Auf dem Linken antreten, Brommer! Vorwärts! Marſch!“ Leupold's Gaudium war deſto größer, je mehr er bemerkte, daß ſein Vetter dieſe Marſchübung bald über⸗ ſatt bekam. Plößlich in jene noch weit langſamere und jeden Rekruten zur ſtillen Verzweiflung bringende Marſch⸗ übung, die den menſchlichen Körper zum kunſtvollen Balanciren auf einem Fuße zwingt, übergehend, zählte der Fürſt:„Einunddreißig! Zweiunddreißig! Leber⸗ wurſt und Sauerkraut!“ „Das halte der Satan aus! Ich bin kein Seiltänzer!“ rief der Bernburger, aus dem Gliede ſpringend. „Komm, Brommer“, lachte Leupold.„Den haben wir geprankelt! Enpfehle mich dem Herrn Vetter zu gen einr Vet Bro La nock in d rüſt e und arſch⸗ vollen zählte Leber⸗ zer!“ haben ter zu 67 geneigtem Wohlwollen, und ſollte der Herr Vetter wieder einmal Luſt zum Marſchiren haben, darf's der Herr Vetter nur ſagen, bin gern zu Dienſten bereit. Gelt, Brommer, das war ein Jux!“ Des Fürſten gewaltiges Lachen ſchallte auf dem Corridor zu ſeinen Zimmern noch ſo lange, bis er mit dem ihm folgenden Brommer in dieſe eingetreten war. Im Wirthshauſe zum Mohren auf kurſächſiſchem Grund und Boden, ziemlich dicht an der deſſauiſchen Landesgrenze, ging's am Nachmittag deſſelben Tages, deſſen kleine Ereigniſſe in vorſtehenden Abſchnitten be⸗ reits erzählt worden ſind, ziemlich laut her. Acht junge rüſtige Männer, einige darunter ſogar von bedeutender Körperlänge, feierten hier bei vollen Krügen ihre glück⸗ liche Entweichung vor der Gefahr, unter dem milden Regimente ihres Landesvaters als Soldaten dienen zu müſſen. Es waren ſämmtlich Deſſauer, die ſich durch rechtzeitige Flucht dieſem Zwange entzogen hatten. Beim Mohrenwirth hatte ſchon mancher deſſauiſche * 5 68 Ausreißer für kurze Zeit Aufnahme und Verſteck ge⸗ funden, denn ſein Haus lag für Jeden, dem in Deſſau nichts Gutes bevorſtand, ſo recht zur Flucht einladend von der Grenze kaum ein Viertelſtündchen entfernt. Ein langer Streifen Wald bot den aus unangenehmen Gründen Ueberſiedelnden einen guten Schutz, möglichſt ungeſehen in das Nachbarland hinüberzukommen. Beſonders geſchäftig zeigte ſich der Mohrenwirth allemal dann um die deſſauiſchen Flüchtlinge, wenn dieſe Geld hatten, alſo Bürgerſöhne waren, und da dieſer günſtige Umſtand auch heute ſtattfand, fo fehlte es nicht von ſeiner Seite an Aufforderungen an ſie, ſich ihrer Freiheit zu erfreuen. Das Glück, ſich eines drückenden Zwanges ledig und enthoben zu wiſſen, iſt unter allen Umſtänden zu tief ins Menſchenherz eingreifend, als daß der Groſchen Geld angeſehen würde, wenn es gilt, dieſer Freude einen Ausdruck zu geben. „Heute Abend müſſen wir tanzen!“ rief einer der Flüchtlinge. „Schade nur, daß Gottfried ſeine Geige nicht bei ſich hat“, bemerkte ein Anderer. „Die bringt der Matthes erſt morgen früh mit“, lautete Gottfried's Aeußerung.„Mußte ſie zu Hauſe laſſen,'s wäre ſonſt aufgefallen.“ „Heda, Wirth, wie wird da das Tanzen möglich k ge⸗ Heſſau adend tfernt. hmen glichſt wirth dieſe dieſer nicht ihrer kenden allen d, als 8 gilt, er der cht bei mit“, Hauſe nöglich 69 zu machen ſein?“ fragte der, welcher den Vorſchag ge⸗ macht hatte. „Ja, das hat ſeine Haken“, war deſſen Antwort. „An Mädeln ſoll's Euch nicht ffehlen, aber die Muſi⸗ kanten, da liegt der Knüppel beim Hunde. Wo die her⸗ nehmen?“ „Ohne Muſikanten geht's Tanzen nicht, das iſt klar“, ſagte ein Anderer.„Und wenn's nur ein lumpiger Dorf⸗ fidler iſt,'s iſt doch was.“ „Was hinkt denn dort für'n Menſchengewächs heran?“ fragte ein Dritter, den Wirth auf einen na⸗ henden Gaſt aufmerkſam machend. „Scheint mir ein Leierkaſtenmann zu ſein“, meinte der Wirth gleichgültig. „Ein Leierkaſtenmann?“ ſchrie der, der den Einfall gehabt, heute Abend zu tanzen.„Hurrah, da ſind wir ja durch! Der Kerl muß uns zum Tanze leiern.'s geht Alles in der Welt; wer die Henne nicht haben kann, muß ſſich mit dem Eie begnügen. In Ermangelung eines Dorffidlers hält der Leierkaſten vor.“ Dieſer Vorſchlag fand bei den jungen Leuten die allgemeinſte Annahme, man wollte ſich halb todt lachen über den Einfall. „Wenn der Leierkaſten nicht beſſer iſt wie der Kerl ſelbſt, wird's'ne miſerable Hupſerei werden“, meinte 70 der Mohrenwirth, den Künſtler ins Auge faſſend, den die Laſt ſeiner an breiten Lederriemen über der Schulter auf dem Rücken getragenen Drehorgel zum öftern Aus⸗ ruhen zwang, wobei er ſich für das ſchwere Inſtrument eine Stütze ſchuf, indem er ſeinen Knotenſtock unter daſ⸗ ſelbe ſtemmte, was ihm allerdings die Möglichkeit ver⸗ gönnte, die ſo ſichtbar ſeine Kräfte allzuſehr anſtrengende Bürde ein wenig zu erleichtern. Endlich war der arme und zum Ueberfluß mit einem lahmen Beine ausgeſtat⸗ tete Leiermann an die Mohrenſchenke gekommen, vor welcher ein roher Holztiſch nebſt einer an der Haus⸗ wand befeſtigten Bank den Wanderer zur Ruhe einluden. Auf erſtern ſetzte der Ankömmling ſeinen ſchweren Kaſten, er ſelbſt aber fiel von der Anſtrengung faſt athemlos auf die Bank nieder. Der Wirth und ſeine Gäſte ſammelten ſich um ihn. Wollte man von des Mannes Aeußerem auf ſeinen Leierkaſten ſchließen, ſo mußte derſelbe allerdings erbärmlich ſein. Die lange hagere Figur des ſich ſein täglich Brod müh⸗ ſam Erleiernden zeigte ſich in ein trauriges Coſtüm ge⸗ hüllt, das, obwohl es keine ſogenannten Offenherzigkei⸗ ten, ſondern ſtatt deren Flickſtücke beſaß, doch die nächſte Anwartſchaft auf die Lumpenſtampfe mit dem unbeſtreit⸗ barſten Rechte behaupten konnte. Sein Kopf, in einer von z0g alle zun Fil Unt das ein zuſ hül lief we tial der dar und lac kan den ulter Aus⸗ ment daſ⸗ ver⸗ ende arme geſtat⸗ „ vor Haus⸗ uden. veren faſt ſich einen mlich müh⸗ n ge⸗ igkei⸗ ächſte eſtreit⸗ einer 71 von den Augenbrauen bis tief in den Nacken hinab ge⸗ zogenen Zipfelmütze ſteckend, auf der ein an den Verfall aller irdiſchen Dinge mahnender, an vielen Stellen bis zum gänzlichen Haarverluſt abgeſchabter breitkrempiger Filzhut ſaß, war ihm müde auf die Bruſt geſunken. Unter der Zipfelmütze lief ihm quer von der Stirn über das linke Auge herab eine Binde, dies verhüllend, und ein dickes wollenes Tuch, über der Mütze auf dem Kopfe zuſammengebunden und von dem Hute oben verdeckt hüllte Kinn und Unterkiefer ein. Nur am Barte ließ ſich erkennen, daß der Arme ehemals Soldat ge⸗ weſen und dieſe von der Natur ihm gewordene mar⸗ tialiſche Decoration als die einzige Errungenſchaft aus der Zeit ſeiner kriegeriſchen Thätigkeit betrachtete und darum auch beibehielt. „Woher, Freund?“ fragte der Wirth. „Aus dem Hungerlande“, lautete die mit hörbar ungefügiger, ſchwerer Zunge gegebene Antwort. „Aha, das geht auf den deſſauiſchen Schwerenöther“, lachte der Wirth.„Er war wohl Soldat?“ „Ja. „Und jetzt treibt Er ſich mit dem Leierkaſten herum?“ „Hm, weil ich nicht Steine als Brod verdauen kann. Hunger thut weh. s geht Allen ſo, die invalid werden. Der Leupold denkt ja, daß man in ſeinem Lum⸗ pendienſte zum reichen Mann werden kann. Na, ich bin's nicht geworden.“ „Wahrhaftig nicht, das kann Jeder beſchwören, dem Er zu Geſichte kommt“, lachte der Wirth und die Uebri⸗ gen mit. „Deswegen ſind wir auch ausgekniffen!“ rief einer der jungen Leute.„Dem Leupold wollen wir was teufeln.“ „Recht ſo, wenn ſie nur alle den guten Gedanken hätten“, kicherte der Invalid.„s iſt hier ein hübſch ſicherer Ort dazu, gar nicht weit von der Grenze.“ „Wenn er auch herüberguckt, muß er doch mit langer Naſe abziehen“, erklärte ein Anderer. Die lange Naſe für den Leupold ſchien dem Inva⸗ liden vielen Spaß zu machen, er lachte ausgelaſſen vor ſich hin, und als ihm der Wirth ſagte, die jungen Herren wollten heute Abend ein Tänzchen machen und er ſolle aufſpielen für ein gutes Trinkgeld, meinte er, ihm ſei das wie gefunden, nach ſeiner Pfeife hätte ſchon Mancher getanzt und ſie würden ſich ſehr freuen, was für hübſche Stücke er ihnen aufſpielen könne. „Alſo die Mädels zuſammengetrommelt, Wirth! In drei Stunden iſt die Sonne unter, dann wollen wir los⸗ fegen, was das Zeug hält!“ mahnte der, welcher den 73 jetzt hinſichtlich ſeiner Ausführung durch kein Hinderniß mehr gehemmten Tanzvorſchlag gemacht hatte. Während der Wirth in eigener Perſon ſich der Mühe unterzog, die ſchmuckſten Mädchen aus dem nahen Dorfe zur bevorſtehenden Tanzfreude einzuladen, hatten die jun⸗ gen Männer den Invaliden mit ſeinem Leierkaſten in die Gaſtſtube hineingenommen. Da ging's nun luſtig über den Leupold her; Jeder wußte was aufzutiſchen, was gerade nicht rühmenswerth klang. Dem Invaliden ſchienen ein paar Stamper Schnaps die ſchwerfällige Zunge zu löſen und er trieb's mit dem Schimpfen auf den Landesvater am tollſten, ſodaß es ſelbſt einem der jungen Leute zu ſtark erſchien und er zu ihm ſagte: „Na, Er läßt auch keinen guten Biſſen am Leupold, das iſt doch'ne Schande. Ich bin ausgeriſſen, weil ich nicht unter ſeine Soldatenfuchtel will, denn das iſt wahr, darin iſt er ein wahrhafter Seehund; aber ſonſt hat er auch manches Gute an ſich. Unſer Deſſau zum Beiſpiel wäre gerade noch ſo ein elendes Neſt wie vordem, wenn er nicht ſo viele Bauten unternähme. Das bringt Geld unter die Leute, ſie verdienen dabei. Was des Leupold Leuteſchinderei anlangt, ſo iſt's freilich arg damit; doch er ſteckt auch manchen bittern Spott dafür ruhig ein. Alles, was recht iſt; aber man muß auch nicht ſo ganz ungerecht ſein, einem jedes Gute abzuſprechen.“ 74 „Nu, nu, ich reiße dem Leupold ja nicht den Kopf ab“, gab der Invalid kleinlaut zu.„Viel gute Haare mögen aber nicht an ihm ſein, denn, wie man hört, hauſt er ja wie ein Drache im Lande,'s iſt Keiner mehr ſeines Eigenthums ſicher. Wenn's ihm gefällt, muß der Mann heraus, und wenn er bei Gott oder Teufel klagt,'s hilft ihm nichts.“ „Da hat der Leiermann Recht“, rief ein Anderer. „Wie manche Familie hat er aus ihrem Erbgut ver⸗ trieben! Bezahlt hat er's, ja, aber wie? Nach der Kammertaxe, und die iſt prächtig, einen Thaler Werthes bezahlt ſie mit einem Groſchen.“ Es war nicht viel anders, als ſollte hier über den Deſſauer ein ägyptiſches Todtengericht gehalten werden, denn zu Guͤnſten dieſes dem Richterſpruche Verfallenen kam ſehr wenig zum Vorſchein, bis einer auf das Kapitel der Schwänke gerieth, die vom Leupold in aller Munde waren. Das war nun freilich ein ſehr reichhal⸗ tiges, denn in keinem Staate Deutſchlands hatte ſich ein ſo wunderbares Verhältniß zwiſchen Fürſt und Volk herausgebildet, als eben in Deſſau. Die Tyrannei, welche hier vom Fürſten ausging, war zu einem Naturverhältniß geworden, das theils in deſſen Macht ſich begründete, theils durch ſeine bis zur vertraulichſten Gemeinſchaft ſelbſt mit dem Geringſten X —„——————S,,„.2 2 — — 75 im Volke gehende Herablaſſung immer neue Nah⸗ rung erhielt, weshalb man mit Recht ſagen konnte, nie habe ein Fürſt im Volke größern Antheil gehabt und behalten, ſodaß ſich um ihn ein munteres und ganz eigenthümliches Leben geſtaltete, wie nirgendwo anders. Sein Beiſpiel, Witze der derbſten Art zu reißen, eiferte das Volk an, ihm nachzuahmen, und da dies gerade mit ſeinem Geſchmacke übereinſtimmte, ſo gab es jederzeit neuen Stoff zur Lachluſt, um ſo mehr, wenn es einem ſeiner Lieblinge aus dem Volke gelungen war, ihn zu überliſten, was er mit wunderbarer Gutmüthigkeit, aber auch mit dem feſten Vorſatze aufnahm, gelegentlich die Schlappe durch einen noch ſchlagendern Witz wieder gut zu machen. Selbſt die Gaſſenbuben Deſſaus waren eifrigſt das bemüht, ihn zu hänſeln. Wenn er ohne Beute von aller der Jagd heimkehrte, rotteten ſie ſich in Haufen zuſam⸗ Wal. men und verfolgten den verdrießlichen Herrn mit dem em Geſchrei;:„Etſch, er hat nichts, er hat nichts!“ bis zu Volk ſeinem Schloſſe. Allgemeines Gelächter erregte folgende gegenſeitige Ueberliſtung. ung, Einem ſeiner Lieblinge aus dem Volke, dem Bäcker sin Jochen, hatte er zwei Klaftern Holz mittels einer ſchrift⸗ zur lichen Anweiſung geſchenkt. Zufällig kommt er vorbei⸗ zſten geritten, als das Holz abgeladen iſt. Die ungeheuern 76 Vorräthe ſehend, die da zum Hineinſchaffen ins Haus bereit liegen, läßt er den Bäcker rufen und ſchreit ihn an:„Kerl, wie viel Holz habe ich Dir angewieſen?“ Ohne Verlegenheit antwortet dieſer lächelnd:„Durch⸗ laucht, das war ſo wenig, da habe ich noch ein Nüllchen zugeſetzt“ Die Dummdreiſtigkeit dieſes Lieblings ſchien dem Gewaltigen ſo ſehr zu imponiren, daß er darüber lachte und das Nüllchen gelten ließ; aber daß darauf etwas von ſeiner Seite erfolgen werde, war vorauszu⸗ ſehen. Eine lange Zeit verſtrich, Leupold beſuchte dann und wann ſeinen guten Freund, ohne daß etwas geſchah. Eines Nachmittags im Spätherbſt aber hielt er während eines gräßlichen Wetters im Wagen vor deſſen Hauſe und ließ den Bäcker herausrufen, der ſchnell in Hemds⸗ ärmeln und mit bloßen Füßen in Pantoffeln am Wagen⸗ ſchlage erſchien. Als der Bäcker die Frage, ob er ein wenig Zeit zum Plaudern übrig habe, dann ſolle er einſteigen, ſie wollten eine kleine Spazierfahrt mit ein⸗ ander machen, bejaht und ſich, wie er war, da Leopold nicht zugab, daß er ſich erſt ankleidete, eingeſetzt hatte, ging's luſtig vorwärts. Nie war der Fürſt ſo gut ge⸗ ſtimmt geweſen, der Bäcker hatte das vergnügliche Be⸗ wußtſein, ihn ſo trefflich zu unterhalten, daß er faſt gar nicht aus dem Lachen kam; aber als das ſtarke kräftige 77 Geſpann eine Tour von zwei Meilen in aller Schnellig⸗ keit zurückgelegt hatte, ließ Leupold plötzlich halten, der Wagenſchlag wurde geöffnet und der Bäcker genöthigt, unter den verbindlichſten Dankſagungen für geleiſtete Ge⸗ ſellſchaft und der Verſicherung, ihn nicht, ferner vom Hauſe und Backofen zurückhalten zu wollen, auszuſteigen. Tiefes Abenddunkel, ſchauderhaftes Regenwetter und ein zwei Meilen langer, ſtark aufgeweichter Weg bezahlten den in Hemdsärmeln und bloßfüßig in Pantoffeln nach der Stadt zurück Wandernden für das„Nüllchen“, ſodaß er fortan Gegenſtand des Spottes der ganzen Stadt war. Dergleichen Späße auf ſeine wie auf fremde Koſten erwarben dem Fürſten eine Popularität eigener Art. Man haßte, fürchtete und liebte ihn im Volke ebenſo, wie er von ſeinen Soldaten als ewiger Qualgeiſt gehaßt, als erbarmungslos den kleinſten Fehl Strafender ge⸗ fürchtet und doch auch wieder wegen ſeiner Leutſeligkeit und Freigebigkeit geliebt wurde. Einer aus der Geſellſchaft der Flüchtigen meinte, auf Leupold's Rechtsgefühl dürfe keine Menſchenſeele vertrauen, da ſei der Wetterhahn auf dem Dache eben⸗ ſo zuverläſſig. Als Beweis erzählte er, was er von einem Soldaten, welcher Augenzeuge geweſen, gehört habe. Ein alter und ein junger Soldat, der letztere ein bildhübſcher Kerl, waren, auf der Deſertion begriffen, 78 hart an der ſächſiſchen Grenze feſtgenommen, zurückgebracht und laut Standrecht zum Galgen verurtheilt worden. Den jungen wünſchte der Fürſt gerettet zu ſehen und that den Ausſpruch, nur einer von beiden ſolle ſterben und das Loos darüber entſcheiden. Trommel und Würfel wurden gebracht, der alte warf die meiſten Augen. „Canaillen, das kann nicht gelten, werft noch einmal!“ ſchrie Leupold zornig; aber dreimal hintereinander ge⸗ wann der alte. Wüthend rief der Fürſt dem jungen Deſerteur zu:„Schurke, nun kann ich Dir nicht mehr helfen!“ und beide endeten ſofort ihr Leben an der nächſten Weide. „Ach was, das wiſſen wir ja Alles ſchon!“ unter⸗ brach ein Anderer der Ausreißer dieſe Unterhaltung. „Der Teufel iſt einmal ſchwarz, wir werden ihn nicht weiß anſtreichen. Wollen wir lieber was ſingen.“ Der Vorſchlag fand allgemeinen Beifall, der Invalid mußte ſein Inſtrument in Thätigkeit ſetzen und bald drang lärmender Geſang, mit den zuweilen ſehr dishar⸗ moniſch quitſchenden Tönen der abgenutzten Drehorgel gemiſcht, durchs ganze Haus, wurde jedoch, nachdem er länger als eine halbe Stunde gedauert hatte, auf eine höchſt unerwartete und ſchreckhafte Weiſe zum Schweigen gebracht. Der vom nahen Dorfe zurückkehrende Wirth hatte eine Abtheilung Preußen bemerkt, welche aus dem acht den. und und urfel gen. al!“ ge⸗ ngen nehr der nter⸗ ung. nicht valid bald shar⸗ orgel m er eine eigen Wirth 79 Waldſtreifen hervorkam und auf die Mohrenſchenke zu marſchirte. Sein Ruf:„Die Preußen kommen! Raſch in den Keller hinunter, um Gotteswillen raſch, ſonſt ſeid Ihr alle verloren! Er auch mit, Alter, vorwärts!“ brachte die Geſellſchaft in höchſte Aufregung. Alle ſtürzten der Thür zu, dem voraneilenden Wirthe nach. Die Ver⸗ wirrung war ſo groß, daß Niemand bemerkte, wie das lahme, beim Gehen nachgeſchleppte Bein des Invaliden plötzlich zu einem ganz kräftigen und geſunden geworden war und er ſeinen Kaſten, unter deſſen Laſt er bei ſei⸗ nem Kommen faſt zuſammenzubrechen ſchien, mit wun⸗ derbarer Rüſtigkeit über die Schulter hing und von dannen trug. Die Mohrenſchenke war in Wahrheit aufs trefflichſte zu einem Verſtecke für Leute geeignet, denen daran lag, nicht geſehen zu werden. Nur ein paar Stufen auf der Kel⸗ lertreppe hinabzuſteigen bedurfte es, um jeder, auch der ſorgſamſten Nachforſchung mit vollſtändigſter Sicher⸗ heit zu entgehen. Rechts in der Mauer befand ſich daſelbſt ein Haken, an welchem verſchiedene kleinere Utenſilien hingen, wie ſie zur Hauswirthſchaft gebraucht werden. Ein ſtarker Druck auf dieſen Haken, und in der Mauer öffnete ſich eine Drehthür, die ſo viel Raum bot, daß ſelbſt der mit dem Leierkaſten belaſtete Invalid, 80 von der Seite gehend, mit Unterſtützung des Wirthes durchpaſſiren konnte. „Tiefſte Ruhe!“ gebot der Wirth.„Hier findet Euch kein Satan, wenn er nicht durch eine Mauer ſehen kann.“ Die Drehthür ſchnappte in ihr Gewinde zurück, die ſo in Sicherheit gebrachte Geſellſchaft befand ſich in einem auch nicht vom geringſten Lichtſtrahl erhellten Dunkel und in einem tiefen Schweigen. Wenige Minu⸗ ten ſpäter hörten die Verſteckten das Klirren von Gewehren im Hausflur, deſſen Hinterwand zur Hälfte von der Mauer ihres Aſyls gebildet wurde. Sie konnten ganz deutlich das Geräuſch ſtarker Schritte und das Commando eines Offiziers vernehmen, auch eine andere Stimme, die einen Disput mit dem Wirth führte, welcher Stein und Bein ſchwor, daß er am heutigen Tage noch keine deſſauiſche Menſchenſeele bei ſich geſehen habe und er in Dresden hinſichtlich dieſes Ueberfalls Klage führen werde. „Schweig, ausgefreſſener Kerl!“ donnerte ſein Gegner los.„Wir wiſſen längſt, daß Deine Bude eine ganz ver⸗ fluchte Spelunke iſt, wo alles Geſindel ein warmes Neſt findet. Gib die Ausreißer heraus, oder wir demoliren das Haus, daß kein Stein auf dem andern bleibt.“ Der Wirth blieb bei ſeiner Behauptung, daß ihm egner ver⸗ Neſt blixen 4 ihm 81 himmelſchreiendes Unrecht geſchähe; ſie möchten nur ſein Haus von oben bis unten durchſuchen, ſo würden ſie ſelbſt ſehen, daß er ein wahres Weltwunder von Wahr⸗ heitsliebe ſei. „Das iſt der Brommer“, flüſterte einer der Ver⸗ ſteckten ſeinen Kameraden zu.„Ich kenne die Beſtie an der Stimme, gerade ſo ein Unthier wie ſein Herr, der Leupold.“ Die Hausſuchung kam ſchnell in Gang. Während die hölzerne, ins Obergeſchoß führende Treppe unter den ſchweren Tritten einer Abtheilung Soldaten knarrte, ſtieg eine andere in den Keller hinunter, der der Wirth in Perſon vorleuchtete, damit ſich keiner der Herren ſtoße, wie die Verſteckten ihn laut ſagen hörten. „Die oben und die unten ſind geleimt; der Mohren⸗ wirth iſt ein köſtlicher Kerl“, flüſterte wieder einer der in wahrhaft ägyptiſcher Nacht Geborgenen, und er hatte Recht, denn die oben Durchſuchenden kamen fluchend die Treppe heruntergetrabt, während ihre ebenſo vergeb⸗ lich ſuchenden Kameraden aus dem Keller hinaufſtiegen. „Die Herren werden's nun wohl einſehen, wie ſie mich unſchuldigen Mann in einem ganz ungerechtfertig⸗ ten Verdacht gehabt haben!“ ſprach der Wirth laut, worauf ein tüchtiger Fluch Brommer's als Nachhall folgte. Carion, Der alte Deſſauer. I. 6 8² Unmittelbar darauf begann der Invalid zu leiern. „Kerl, biſt Du verrückt? Ich drücke Dir die Kehle zu!“ rief der ihm zunächſt Stehende, büßte aber den Griff nach des Leiernden Halſe mit einem von dieſem ſo gewaltig geführten Fauſtſchlag ins Geſicht, daß er zu Boden fiel. Die Andern drängten ſich an ihn heran, um ihn für ſeinen Verrath kalt zu machen, aber mit Donnerſtimme ſchrie der Invalid: „Auf die Kniee, Ihr Schurken! Ich bin der Leupold! He, Brommer, Brommer, faſſe den Spitzbuben von Wirth! Wenn er nicht ſogleich dieſe Diebshöhle öffnet, hängt den Halunken ſofort auf!“ Und von einer wahr⸗ haft ſataniſchen Luſt ergriffen, leierte der Deſſauer mit einer ſo raſenden Gewalt, daß es in ſeinem Kaſten knatterte und krachte, bis zuletzt der Walzenhebel in Stücke brach. Faſt gleichzeitig knarrte auch die Drehthür. Der Wirth fand es für räthlicher, ſeine Schützlinge ihrem Schickſale preiszugeben, als ſich ſelbſt eins zuzuziehen, das bei des Deſſauers bekannter Sinnesart durchaus nicht unter die Rubrik einſchüchternder Drohungen gen hörte, ſondern immer nicht weit von der Ausführung entfernt war. Ein paniſcher Schrecken hatte ſich der Ver⸗ ſteckten bemächtigt, als der Invalid ihnen ſeinen Namen zugedonnert hatte, Jeder von ihnen unterlag dem nieder⸗ 83 ſchmetternden Bewußtſein, nun dem vollgültigen Zorne des Fürſten verfallen zu ſein. Brommer, den mit dem brennenden Lichte in der Hand verſehenen und an allen Gliedern ſchlotternden Wirth am Kragen gepackt haltend und vor ſich herſtoßend, trat nun in das Verſteck ein, das lih a als ein ziemlich geräu⸗ miges Gemach erwies. „Nimm die Kerle in Empfang, Brommer, und ſo⸗ fort mit ihnen, wenn ſie an Ort und Stelle angekom⸗ men ſind, ins Loch“, befahl der Fürſt, die ſein Geſicht verändernde Vermummung abreißend. Das Licht beleuchtete die angſtbleichen Geſichter der ſomit zu den ſchlimmſten Qualen des Standes Verur⸗ theilten, dem ſie hatten entfliehen wollen. „An Leupold habt Ihr ſchlechte Geſellſchaft mehr Schandbares herausgefunden als am Teufel ſelbſt“, redete er mit höhniſchem Lachen.„Nun will ich mal den Spieß umkehren und ſehen, was ich an Euch herausfinde, wenn Ihr die blaurothe Jacke tragt.“ Indem er ſie betrachtete, verweilte er beſonders beim Anſchauen des einen, dem ſein durchdringender, funkelnder Blick faſt ein Fieber zuzuziehen ſchien. „Wie heißt Du?“ ſchnauzte er ihn an. „Gottfried Langermann.“ „Wie? Langermann? Sein Vetter iſt Jäger, he?“ 6* 84 „Er iſt mein Oheim und Pathe, Durchlaucht; er und die Muhme Martha haben nichts von meinem Vor⸗ haben gewußt.“ „Braucht Er nicht zu beſchwören, da kenne ich die beiden Alten beſſer— reputirliche Leute. Hm, Er, Gott⸗ fried, war der einzige unter den Kerls hier, der noch einen guten Biſſen an mir gelaſſen hat, obgleich Er mich trotzdem für einen wahrhaften Seehund hält. Na, das ſind Anſichten, will Ihm das nicht zu hoch ankreiden. Ins Loch muß Er mit, da hilft Ihm nichts— mitgefangen, mitgehangen. Dem braucht Er nicht die Hände binden zu laſſen, Brommer, den übrigen aber allen. Lieute- nant Bonnafox!“ „Zu Befehl, Durchlaucht“, war die Antwort des Offiziers, der ſeither hinter ihm geſtanden. „Morgen früh laſſe Er die Kerls nach Halle trans⸗ portiren und auf die Hauptwache ſetzen, bis ich komme. Der Langermann bleibt vorläufig in Deſſau. Adieu!“ Der Fürſt verließ das Verſteck und trat einſtweilen in die Wirthsſtube, um ſeinen Wagen zu erwarten, welcher dem dem Kutſcher ertheilten Befehle gemäß nur langſam den nach der Mohrenſchenke marſchirenden Soldaten nachkommen ſollte und noch nicht ſichtbar war. Der Wirth ſtand in der Stellung einer zuſammengebo⸗ genen Weidenruthe an der Thür, etwaiger Befehle har⸗ 85⁵ rend. Der Deſſauer würdigte ihn keines Blickes. End⸗ lich kam der Wagen und Brommer trat zugleich ein mit der Meldung, daß die Ausreißer zum Marſche fertig wären.. „Gut, Brommer, gut. Heute haben wir einen prächtigen Jux ausgeführt, gelt?“ „Ja, Durchlaucht;'s fehlt nur noch, daß wir den Mohren da weiß weſchen.“ Er deutete dabei auf den Wirth. „Den?“ fragte Leupold lachend.„Nein, Brom⸗ mer, ſolche Kerle muß es auch geben. Wo Aas iſt, ſammeln ſich die Raben, und dazu taugt der da voll⸗ kommen.“ Der Wagen fuhr vor, die Soldaten ſtanden in Reih und Glied. Mit freundlichem Kopfnicken grüßte Leupold ſeine Blauen und dann erfolgte ein dröhnendes: „Fort!“ Das Geſpann griff aus, in wenig Minuten war der Wagen hinter den Stämmen des die Grenze bezeichnenden Waldſtreifens verſchwunden, die Preußen marſchirten mit ihren Gefangenen energiſch hinterdrein, und dann ward es in der Mohrenſchenke ſo ſtill, als wenn nichts die gute Ordnung des Hauſes geſtört hätte, nur der Wirth kratzte ſich hinter den Ohren, denn die Gefangenen hatten ihre Zeche nicht bezahlt, die preußi⸗ ſchen Soldaten in aller Eile einige Flaſchen Branntwein, 86 natürlich ohne an Zahlung zu denken, ausgeleert, und er mußte noch froh ſein, daß der Deſſauer eine ſo ſchlechte Meinung von ihm hatte, die ihn der Wäſche, jedenfalls eine derbe Tracht Prügel, welche Brommer ſo gern an ihm verſucht hätte, mit heiler Haut entgehen ließ. Am andern Morgen ritt Fürſt Leupold ſchon frühzeitig ſpazieren. Alle, die ihm begegneten, verwunderten ſich über ſeine gute Laune, denn er nickte ihnen freundlich zu, und die er genauer kannte, erhielten ſogar einen wörtlichen Gruß mit der Frage:„Nun, wie geht Dir's?“ oder: „Schon auf dem Zeuge?“ Was den Gewaltigen ſo leutſelig geſtimmt hatte, wußte freilich Niemand, und wohl alle meinten, der wunderſchöne Morgen müſſe dem Leupold ins Herz geſchienen und ihn ſo mäuschengut gemacht haben. Das war aber auch ein ſo lieblicher Morgen, der die trübſte Menſchenſeele erheitern konnte. Die leichten Dunſtſchleier, die das goldene, auf der Mulde glitzernde Sonnenlicht ſiegend durchbrach, verwehten als letzte Ver⸗ laſſenſchaft der vom Morgen wieder tief begrabenen Nacht im leiſen Luftzuge von Oſten her ſpurlos im weiten Raume. Funkelnde Pracht, aus Myriaden Tropfen ſtrömend, feierte an Bäumen und Gräſern das Aufer⸗ ſtehungsfeſt der in aller Herrlichkeit als blitzendes Schild im blauen wolkenloſen Aether majeſtätiſch heraufſchwe⸗ 87 benden Sonne, Himmel und Erde hatten ein Feſtgewand angelegt, zu dem das Geläute der Kirchenglocken— denn es war Sonntag— in wunderbare Harmonie trat. War auch dem Fürſten der ſchöne ſonnige Morgen lieb, ſo war er doch nicht der Urheber ſeiner guten Stimmung. Dieſe beruhte lediglich auf der angenehmen Erinnerung an die geſtern Abend in der Mohrenſchenke ihm gelungene Ueberliſtung ſeiner ausgeriſſenen Landes⸗ kinder. Dergleichen Spaß hielt in der Regel lange bei ihm vor. Es lag ſo in ſeiner Gemüthsart, ſich des Erfolgs ſolch kleinen Kriegs ganz beſonders zu er⸗ freuen, er betrachtete ihn gewiſſermaßen als Lebens⸗ würze, und gewiß war er da nicht im Unrecht, denn einem Manne, der für edlere Vergnügungen keinen Sinn beſitzt, muß natürlich an dergleichen Zerſtreuungen viel gelegen ſein, welche ſeiner Gewalt wie ſeiner Erſindungs⸗ gabe gleich ſehr ſchmeicheln. In aller Behaglichkeit, wie ſie ſich bei ſolchem ſtür⸗ miſchen Charakter wie der ſeine nur als außerordent⸗ liches Reſultat einer fröhlichen Erinnerung denken läßt, vergönnte er ſeinem Pferde, nachdem es die Mulden⸗ brücke paſſirt, langſamen Schrittes den Weg nach dem Thiergarten zu nehmen. Am Eingange deſſelben ſtand das Wohnhaus des Jägers Langermann, der, ſeine Pfeife rauchend, auf einer 88 Holzbank ſaß und ein paar Hunde apportiren ließ.„Was Teufel, die Durchlaucht?“ brummte der Alte vor ſich hin, als er den Fürſten herankommen ſah.„Was iſt denn da wieder los?“ Mit dieſen Worten ſtand er auf, ſchob die dampfende Pfeife in den Fenſterwinkel und ging dem Fürſten entgegen, der ihm ſehr heiter zurief: „Na, alter Langermann, guten Morgen! Machſt Dir, wie ich ſehe,'n Sonntagsvergnügen mit den Hunden?“ „'s iſt ſo, Durchlaucht“, erwiderte der Alte.„Laſſe ſie ſtudiren und denke, einer wird's doch noch zum Profeſſor bringen, daß man'n Biſſel Ehre davon hat.“ Der Fürſt lachte unbändig. Langermann ſtand hoch bei ihm in Gunſt und oft ſagte er von ihm, St.⸗Hu⸗ bertus, der Schutzpatron des edlen Waidwerks, müſſe bei ihm Pathe geſtanden haben, denn er ſei ein Jäger aus dem ff. „Wollen Ew. Durchlaucht Promenade im Gehege reiten?“ „Nein, zu Dir will ich, dann wieder zu Hauſe.“ „'s iſt gut. Marthe, Butter, Brod, Käſe und den Wachholder, raſch, Durchlaucht iſt da! Alſo zu mir wollen Durchlaucht? Aha, merk's ſchon,'s Trainiren liegt Ew. Durchlaucht am Herzen? Na, morgen über acht Tage geht'’s los.“ qui Un 89 „Ja, morgen über acht Tage“, ſtimmte der Fürſt bei und fügte lachend hinzu, indem er ſich zugleich auf die Bank niederließ, während Langermann den Zügel des Pferdes um einen nahen Baumſtamm ſchlang:„Habe geſtern ſchon zur Probe trainirt, Alter— s war i ver⸗ teufelter Spaß.“ „So? Wo hatten denn Durchlaucht die Hunde dazu her? Habe doch geſtern Abend beim Oberjäger nicht eine Silbe davon gehört.“ Ueberlaut lachend und ſich nach ſeiner Gewohnheit die Hände reibend, antwortete Leupold ſeelenvergnügt: „Ja, ſiehſt Du, Langermann, das iſt eben der Humor von der Geſchichte. Bin Hund und Jäger ſelbſt geweſen und habe die nöthigen Fanfaren auf dem Leierkaſten geſpielt. Dergleichen kommt nicht alle Tage vor, ſage ich Dir.“ „Die Fanfaren auf nem Leierkaſten?“ fragte Langer⸗ mann ganz perplex.„Das wär' der Teufel! So was hab⸗ ich meiner Seel' noch nicht gehört; muß ja verflucht quitſchig geklungen haben.“ „Hat's auch, hat's auch! Hahaha!“ „Durchlaucht wollen mich wohl zum Schotentoffel machen? Scheint mir ſo.“ Während Leupold ſich der Lachluſt mit demſelben Ungeſtüm hingab, wie Alles, was ihn lebhaft intereſſirte, 90 in dieſer Weiſe ſich bei ihm ausſprach, trat eine kleine, ſehr wohlbeleibte Frau auf die Hausthürſchwelle und rief, die Hände vor Verwunderung zuſammenſchlagend: „Mein himmliſcher Vater, da iſt ja unſer Durch⸗ lauchtchen ſchon!“ „Ja, bin da, Frau Langermann. Sie ſieht ja heute wie ein Maikätzchen aus, ſo patſchirlig.“ „Ehedem, ehedem, Durchlauchtchen, hätte das auf mich gepaßt, jetzt aber, wo man den Schimmel zur Schau trägt und, wie mein Peter da ganz richtig ſagt, der Klapperbein nur darauf lauert, uns zu heſſen*), da hat's mit dem Patſchirlichen aufgehört.“ „Na, verkümmert ſieht Sie noch nicht aus, Frau“, äußerte der Fürſt gutmüthig in derſelben Jägerſprache. „Nein, verkümmert iſt ſie noch nicht, und werde ich Ew. Durchlaucht gleich den Beweis geben, daß ſie ſich eines Paares prächtiger Läufte erfreut, wenn ſie nicht gleich einen Haken ins Haus zurückſchlägt und mit dem Frühſtück ſich ſputet.“ *) Heſſen bedeutet in der Jägerſprache bei der Parforcejagd das mittels Hirſchfänger auszuführende Abſchlagen der großen Sehne über dem Knie des Hinterlaufs des Hirſches, ſobald dieſer ſich der verfolgenden Meute geſtellt hat. Es machte den Hirſch ſo⸗ fort wehrlos und für das Abfangen bexreit, war aber für die Jäger, welche es vollzogen, nicht ohne Gefahr. 8 eine, und end: urch⸗ heute auf ſchau der hat's rau“, fache. e ich ſich nicht dem d das Sehne ſer ſich ſch ſo⸗ ür die 91 Bei dieſen Worten griff Langermann nach der Hunde⸗ peitſche. „O Du himmelſchreiender Peter, Dich macht der Herrgott drüben gewiß noch zum Hundejungen!“ rief Frau Martha in komiſchem Zorn und verſchwand im Hauſe. Langermann's bärbeißiges Geſicht hellte ſich auf und er ſagte mit einem Anklange von Treuherzigkeit: „'s iſt'n ſeelengutes Thier, meine alte Marthe, und hat einen hölliſchen Reſpeet vor der Hundepeitſche, ob⸗ wohl ſie noch nie einen Schlag von mir bekommen hat. Ein Weib ſchlagen, pfui! Das iſt'ne Schande für den Mann.“ Das Geſpräch erlitt jetzt eine kleine Unterbrechung. Die Magd hatte einen Tiſch herausgetragen und bald darauf folgte die Frau ſelbſt mit dem ſchneeweißen Lin⸗ nentuche zum Ueberbreiten und dem verlangten Früh⸗ ſtück. „Darf ich Durchlauchtchen einſchenken?“ „Thue Sie das, Frau Marthe.“ „Und nun marſch, Alte, ins Haus!“ commandirte Langermann. „Bleibe Sie hier!“ ſagte Leupold. „Wenn's Ew. Durchlaucht ſo haben wollen, mir auch recht“, brummte der Jäger. Nachdem der Fürſt ein wenig von dem Imbiß ge⸗ 9² noſſen und einen Stamper Wachholder geleert hatte, erzählte er ſein Abenteuer in der Mohrenſchenke.„Die Kerle haben wie die Rohrſpatze auf mich räſonnirt, nur einer machte es manierlicher mit mir“, fuhr er fort. „Nannte mich zwar einen Seehund und ſchwatzte auch etwas von Menſchenſchinderei, aber er erboſte ſich doch, daß ſeine Kameraden kein gutes Haar an mir ließen. Hat mir gefallen von dem Kerl und will mich bei ihm revangiren, deshalb komme ich zu Euch, müſſen das mit⸗ ſammen beſprechen.“ „Wir?“ fragte Langermann.„Wie verſtehe ich das?“ „Mein himmliſcher Vater, mir geht ein Licht auf!“ rief die Frau.„Unſer Gottfried, der heilloſe Schlingel, war's doch nicht etwa, von dem Durchlauchtchen da reden?“ „Ja, der war's“, beſtätigte der Fürſt.„War aber doch räſonnabel von ihm, daß er den Muth hatte, gegen ſeine Kameraden mir die Stange zu halten.“ „'s iſt doch'n verdammter Junge!“ fuhr Langer⸗ mann auf.„Was habe ich mit dem Kerl ſchon für Aerger gehabt! Erſt will er ſeinem ſeligen Vater im Grabe und mir den Spuk machen, ein Schwarzrock zu werden. Jägerblut in der Pfaffenkutte— ein Gedanke, der mich faſt närriſch gemacht hat, und weil ich's atte, Die nur ort. auch och, ßen. ihm mit⸗ ich uf!“ ngel, da aber gegen nger⸗ für im ck zu anke, ich's 93 nicht zugab, iſt er Muſikus geworden. Na,'s iſt auch ein Stand, hinter dem nichts Reelles iſt, aber die Leute tanzen wenigſtens nach ſeiner Fidel,'s iſt doch noch was Luſtiges bei der Hungerleiderei. Und jetzt—“ Der Mann griff unwillkürlich nach der Hundepeitſche, ſo empörte ihn der Gedanke an den ungerathenen Neffen. „Das iſt aber Alles die Folge Deines fürnehmen Um⸗ gangs, Marthe, dadurch iſt der Kerl ſo verdorben worden“, rief er. „Das habe ich mir gedacht, daß ich die Schuld kriegen werde!“ eiferte die Frau ebenfalls ärgerlich. „Daß er keine Luſt zur Jägerei hatte, trotzdem er ein Jägerkind iſt, das wird mir in die Schuhe geſchoben. Warum? Weil ich beim Kanzler, Herrn von Mitagsheim, gut angeſchrieben ſtehe und der brave Herr an dem Gott⸗ fried Gefallen fand und es ihm Spaß machte, ihn zu ſich kommen zu laſſen und ihn in verſchiedenen Dingen zu unterrichten. Durchlauchtchen bitte ich ganz unter⸗ thänigſt, es mit dem Gottfried gnädig zu machen. Er iſt eine gute, herzige Seele, na,'n Biſſel überſchnappt, das iſt wahr, aber ſonſt durch und durch rechtſchaffen. Zum Soldatenweſen taugt er gar nicht, da kommt er ſicher aus dem Arreſt's ganze Jahr nicht heraus, und ſo ein Soldat nützt doch auch zu nichts.“ „Nein, nein, ſolche Kerle kann ich nicht brauchen, 94 da hat Sie Recht; aber was machen wir denn mit dem Schwerenöther?“ Es folgte eine Pauſe. Der alte Langermann ſtand mit auf einander ge⸗ kniffenen Lippen zu Boden ſtierend und ſeine Frau blinzelte mit den Augen, als hielte ſie mühſam eine ſich hervordrängen wollende Thräne zurück. Nach einer Weile rief Leupold heftig: „Na, zum Teufel, Langermannn, hat Er's Reden verlernt?“ „Halten zu Gnaden, Durchlaucht“, hob der Jäger an,„s geht einem alten Manne nahe, der ſeine Fünf⸗ undſechzig auf dem Rücken und die Grube vor ſich hat, wenn er ſich ſagen muß: Haſt dein ganzes Leben lang dich brav und rechtſchaffen gehalten und nun iſt es aus mit dir, bleibt einer zurück, der den Langermännern Schande macht als ungerathenes Früchtchen. Durchlaucht, das trifft aufs Blatt und hat mir ſchon manche Le⸗ bensſtunde verbittert. Weil wir beide keine Kinder mit einander haben, ich und die Marthe, war ich ordentlich froh, daß mein ſeliger Bruder, auch ein rechtſchaffener Jägersmann, wie Durchlaucht wohl wiſſen, mir bei ſeinem Tode den Jungen, den Gottfried, hinterließ, dachte, den willſt du zu einem tüchtigen Jäger aus⸗ bilden, daß Gott und die Welt Freude an ihm haben 95 ſollen. Ja Proſit, nichts war's damit. Keine Spur von Luſt zum edlen Waidwerk in ihm, nichts als Lari⸗ farigeſchichten in ſeinem Kopfe! Na, da fahre ich nun zur Grube wie ein Bettelmann, der eben nichts vor ſich gebracht hat.'s iſt traurig, Durchlaucht. Der Fürſt erhob ſich, trat zu dem alten Jäger, klopfte ihm auf die Achſel und ſagte ungemein mild: „Langermann, ſo ſoll's nicht kommen mit Dir. Ich pardonnire Deinen Neffen unter der Bedingung, daß er zur Jägerei übergeht. Ich denke doch, das wird den Kerl vernünftig machen, denn als Soldat bekäme er alle Tage ſeine gehörige Fuchtel, wenn er an Anderes denkt als an den Dienſt. Nimm ihn vor, ſtutze ihn zu und das Weitere wird ſich finden.“ „Ach, Durchlaucht ſind ſo gnädig!“ rief Langer⸗ mann. „Na, na, keine Lobpreiſungen, Alter! Stelle Dir vor, daß ich zwei Fliegen mit einer Klappe getroffen habe.“ „Wie denn das?“ „Dir erweiſe ich eine Wohlthat, indem ich Dir die Hoffnung gebe, aus Deinem Neffen noch einen vernünfti⸗ gen Kerl werden zu ſehen. Nimm das als meine Aner⸗ kennung für Deine treuen Dienſte. Und bei Deinem Neffen revangire ich mich dafür, daß er der einzige 96 war, der ein gutes Haar an mir gelaſſen hat. Seine Kameraden ſollen aber gehörig für ihre Schimpfereien auf ihren Landesvater geknöchelt werden, das habe ich ihnen zugeſchworen, ſollen an die Mohrenſchenke denken.“ „Ach, Durchlauchtchen,'s iſt doch wahrhaftig wahr, was im heiligen Bibelbuche geſchrieben ſteht.“ „Na, was ſteht denn drin? Von mir etwas 24 „Ja, Durchlauchtchen, denn es ſteht geſchrieben im Buche der Sprüche: Wenn des Königs Angeſicht freund⸗ lich iſt, das iſt Leben; und ſeine Gnade iſt wie ein Abendregen.“ „Bedanke mich bei Ihr, Frau“, antwortete Leupold und fügte aufrichtig hinzu:„Hätte das in meinem Leben nicht erfahren, wenn Sie mir's nicht geſagt hätte. Es iſt ein ganz gutes Buch, wie ich überall höre.“ Leupold verhehlte nie, daß es mit ſeiner Kenntniß höherer Dinge ſchlecht beſtellt ſei; Alles, was ſein in vielen Stücken außerordentlich praktiſcher und geſunder Menſchenverſtand nicht ſofort begreifen konnte, ließ er ruhig links liegen, ohne ſich über die Unkenntniß zu grämen, in welche er durch dieſe Abneigung gegen mühevolles Denken ſich ſelbſt verſetzte. Deswegen griff er auch nie weder in eigentliche Gerichtsſachen noch in kirchliche Verhältniſſe ein, da er von dem Einen ſo wenig † 97 wie vom Andern verſtand. Die Bibel war ihm in Wahr⸗ heit ein ſehr unbekannter Quell, aus dem zu ſchöpfen er ſchon deshalb nie getrachtet hätte, weil die Schilde⸗ rungen altteſtamentlicher Kriege und Schlachten ſo ganz abweichend von der Kriegskunſt ſeiner Zeit waren und Wunder wie der Einfall der Mauern von Jericho beim Poſaunenblaſen, die große, durch den Eſelskinn⸗ backen bewirkte Niederlage der Philiſter und dergleichen mehr darin vorkommen, deren ſich ein auf ſeine Repu⸗ tation haltender Feldherr der neuern Zeit alle Urſache zu ſchämen haben würde. Der alte Langermann wurde unerwartet in Bewe⸗ gung geſetzt, indem das von ihm nur loſe angebundene Pferd durch einige lebhafte Bewegungen mit dem Kopfe den Zügel vom Baume gelöſt hatte und, dies kaum inne werdend, im muntern Galopp in die grüne Wildniß hineinjagte, in der die rothgoldnen Sonnenlichter im Schatten zwiſchen den Bäumen gleich hüpfenden Fun⸗ ken luſtig hin und her wogten, je nachdem der Luft⸗ zug in dem reichen Blätterſchmucke ſein flüſterndes Spiel trieb. „Werd's bald zurückbringen, Durchlaucht“, ſagte Langermann, dem Thiere nachgehend. „Fang's geſcheidt an, Alter, der Fuchs hat's hinter'n Ohren!“ rief Leupold ihm lachend nach, überzeugt, 7 Carion, Der alte Defſauer. 1. 98 daß der Langermann ein ſchweres Stück Arbeit damit haben werde. „Durchlauchtchen ſind doch die Gnade ſelbſt“, hob die Frau nach einer Weile an; Leupold ließ ſie jedoch nicht weiter reden, ſondern fiel ihr rauh ins Wort: „Komme Sie mir nicht mit ſolchen Kinkerlitzchen an⸗ geſtochen. Wer Teufel ſoll Ihr das dumme Zeug glauben? Ich nicht und Andere noch viel weniger, kenne das beſſer. Wenn's Mancher mit dem Maule abthun könnte, ſäße ich ſchon längſt im tiefſten Schwefelpfuhle, wo der Satan ſeine Jünger nicht hinſteckt.“ 3 „Ja, das kann ſchon ſein, Durchlauchtchen, aber ſchlimm wär's, wenn's nicht auch wieder Leute gäb', die nicht ſo denken. Da iſt zum Beiſpiel der Herr Kanzler von Mitagsheim. Was wird der gute Herr ſich freuen, daß das Gewitter ohne Blitzſtrahl über den Gott⸗ fried hinweggegangen iſt! Und dann ſeine Nichte, Fräu⸗ lein Regina, die den Gottfried ſo herzlich lieb hat wie eine Schweſter den Bruder.“ „Die Regine, welche bei meiner Louiſe Geſellſchafts⸗ fräulein iſt?“ fragte der Fürſt aufhorchend. „Ja, die, Durchlauchtchen, eine wahre Engelsſeele von einem Fräulein. Kommt manchmal zu uns zu Be⸗ ſuch, wenn—“ 99 „Der Gottfried da iſt, gelt?“ fragte Leupold forſchend. „Nu ja, wenn's auch nicht allemal trifft, aber doch meiſtens. Mein Alter merkt ſo was Subtiles nicht, unſereiner aber hat für dergleichen ſichere Augen. Hab's wohl bemerkt, daß ſie manchmal heimlich mit einander tuſcheln. Na, junges Blut,'s iſt nicht anders.“ „Freilich, freilich!“ ſtimmte Leupold unter lautem Lachen bei, um die redſelige Alte zu täuſchen, daß ihn das verrathene Geheimniß überraſche.„Ja, wenn man jung iſt, treibt man's ſo. Sie weiß es ja, Frau, wie ich und meine Annelieſe zuſammengehalten haben. Meine hochſelige Frau Mutter hat Himmel und Hölle aufge⸗ boten, um uns auseinander zu bringen, Alles ſchlug fehl, ſind doch zuſammen gekommen. Hahaha!“ „Ja, weil Durchlauchtchen drauf drücken und ſagen konnten: Ich will und damit abgemacht! Das kann aber nicht Jeder. Der Gottfried iſt ein armer Junge, die Regina ein adlig Fräulein, das iſt ſchon eine andere Sache.“ „Sie meint, er wird ſich das überlegen, he?“ „Hoffe es wenigſtens. Mein himmliſcher Vater, das würde ein ſchöner Spektakel werden, wenn der Kanzler die Heimlichkeit erführe, denn ſo ein guter Herr— er iſt, da verſtünde er keinen Spaß. Hab's letzthin 7* 100 ſelbſt von ihm gehört, daß er ſagte, ſeine Nichte habe glänzende Ausſichten vor ſich. J nu, da hat er gewiß Recht, bildhübſch iſt die Regina, das muß wahr ſein. Wenn ſie auch kein Vermögen hat, gibt's doch reiche Herren genug, denen die Schönheit einer Frau mehr gilt als Geld.“ „O ja! Aber hat denn Sie als Muhme dem Gottfried noch nicht geſteckt, daß er da auf unrechter Fährte iſt?“ „Verſteht ſich.“ „Nun, was gab er Ihr für'ne Antwort?“ „Gelacht hat er wie ein Schießvogel und mir gerade heraus geſagt, ich ſolle ihn doch nicht für einen Dumm⸗ kopf halten. Bildhübſch wäre das Fräulein freilich, aber mit der Liebe zwiſchen ihr und ihm ſei nichts,'s wäre pure Freundſchaft.“ „So?“ „Ich glaub's ihm aber nicht,'s iſt nur Ausrede.“ „Man muß es abwarten.“ Aus der Ferne rief Langermann:„Ich habe den Fuchs, Durchlaucht!“ „Hätt's nicht gedacht, daß er ſo ſchnell ſeiner wieder habhaft werden würde“, äußerte der Fürſt, ihm entgegen gehend. Nachdem Langermann rapportirt hatte, daß der im Gebüſch hängen gebliebene Zügel die Urſache der den gen der 101 Verhinderung weiterer Flucht des Fuchſes geweſen, ſetzte ſich Leupold auf und ein leichter Gertenhieb regte das prächtige Thier zu dem raſcheſten Trabe an. Im Schloſſe wartete bereits Bonnafox auf ſeine Rückkehr. IV. Die Fürſtin durchwandelte, an ihrer Seite die Erb⸗ prinzeß von Barby, die breiten, Schatten ſpendenden Baumgänge des Deſſauer Schloßgartens. Ein herrlicher Sommertag, dem ein in vorhergehender Nacht ſtattge⸗ fundenes Gewitter durch erfriſchenden Regen gleichſam den Segen zu ſeinem kurzen Erdenlaufe gegeben, breitete eine milde Schönheit über dieſe grüne Welt aus, welche unter dem beſondern Schutze der durchlauchtigen Frau ſtand. Von einem fernen Raſenplatze her ſchallte das fröhliche Lachen der drei mit ihren Geſpielinnen luſtig. herumtollenden jüngſten Prinzeſſinnen Töchter als Ge⸗ genſatz zu dem ernſten Geſpräche zwiſchen der Fürſtin und der Frau Erbprinzeß, welche, von einem längern Aufenthalte bei der in freiwilliger Zurückgezogenheit zu Pretzſch lebenden Gemahlin Auguſt's des Starken, der 10²2 Kurfürſtin Eberhardine, kommend, auf der Durchreiſe am Deſſauer Hofe einen nur wenige Stunden währenden Beſuch abſtattete. Gewährten die glänzenden Feſte des Polenkönigs zu Dresden und Warſchau den hohen Kreiſen an andern Höfen auch einen ſtets ergiebigen Unterhaltungsſtoff, der nicht an Intereſſe verlor, weil er ein ſtets erneuter und mit immer neuem Reize ausgeſtatteter blieb, ſo hatte der Kurfürſtin Eberhardine Selbſtverbannung von dem überluſtigen Hofe zu Dresden nicht minderes Intereſſe für edle Frauengemüther. Die Fürſtin ſprach nach einer Weile, nachdem die Erbprinzeſſin von dem ſtillen, freundlichen Weſen der im Selbſtexil Lebenden erzählt hatte: „Meine theure Freundin, ich habe ſchon oft dar⸗ über nachgedacht, wie es ein trauriger Vorzug für viele fürſtliche Frauen zu ſein ſcheint, der Welt als Beiſpiel von Ergebung in ein ſchweres Schickſal zu dienen. Nichts, glaube ich, greift tiefer in ein feinfühlendes weibliches Herz, als ſich unverſtanden zu wiſſen. Es iſt, ich weiß es, ein großer Unterſchied zwiſchen Sr. Majeſtät dem König Auguſt und meines Gemahls Durchlaucht. Der König iſt das Muſter feiner Sitte, mein Gemahl dage⸗ gen, deſſen Erziehern es nicht geſtattet worden, das Na⸗ turwüchſige ſeines Weſens abzuſchleifen, iſt darum der ern der 103 ſelbe heute noch, der er als Knabe, als Jüngling geweſen, immer der nämliche, unverfälſchte hinſichtlich des Guten wie des Schlimmen an ihm. Glauben Sie mir, Theuerſte, daß es mir nicht unbekannt iſt, wie viele Frauen es gibt, welche nicht begreifen können, daß ich mit einem Gemahle, der ſeiner Leidenſchaften ſo wenig Herr iſt wie mein Leupold, doch glücklich lebe.“ Ein feines Lächeln glitt über der Sprechenden Antlitz, ſie ſchwieg einige Sekunden, dann redete ſie weiter, und in dem Tone, in welchem dies geſchah, kündete ſich eine warme, innige Empfindung: „Ich ſelbſt habe mir dieſe Frage geſtellt und bin da zu einem Vergleiche gekommen, der mich vollkommen von dem Unrechte jedes Zweifels bei meinem Glück überzeugt hat.“. „Durchlaucht, ich bitte denſelben mir mitzutheilen.“ „Hören Sie alſo! Ein junges Mädchen fand einſt ein Buch. Es blätterte nach Kinderart flüchtig darin herum. Jede Seite, die es aufſchlug, erſchreckte es, denn ſo Vieles, was ein Mädchenherz mit Abſcheu erfüllen muß, ſtand in dem Buche als Text. Schon wollte es daſſelbe als einen, ſchlechten Fund wegwerfen, da ſiel zufällig ſein Blick auf ein Blatt in der Mitte und es las: Betrachte dein ls den Engel der Verſöhnung, der deine öſcht. Und auf einer andern Seite ſtand: 104 Wärſt du von Fehlern ſchwarz wie die Nacht, haſt aber ein Weib, das dich liebt, ſo ſieh es an als eine Sonne, die dich mild beſcheint, und liebe es, ſolange dein Leben dauert. Und auf einer dritten Seite las es: Im Weibe deiner Wahl achteſt du dich nur ſelbſt, vergiß das nie!“ Die Fürſtin ſchwieg, dann ſprach ſie lächend nach einer Weile: „Nun, Prinzeſſin, das junge Mädchen war ich, das gefundene Buch mein Gemahl. Das Buch hat ſich um kein Blatt verringert, es iſt noch ſo, wie ich es gefunden, ſein Inhalt, Schlimmes und Gutes, unverändert. Darum aber bin ich glücklich, weil ſich das Gute darin bewährt hat.“ Die Erbprinzeſſin antwortete: „Durchlaucht, der Vergleich mit dem Buche iſt ein zutreffender. Die Frau Kurfürſtin Eberhardine fand auch ein ſolches, das in ſeinen Umfangsblättern durch den Zauber ſchönen Textes ihr junges Herz ſo ſehr ein⸗ nahm, daß ſie es für durch und durch gut hielt; jaber als es nach Jahren in der Mitte aufgeſchlagen wurde, erkannte ſie zu ihrem tiefſten Leide, daß da—“ „Ein ganz anderer Text zu leſen war“, ergänzte die Fürſtin. „So iſt es, meine Theuerſte. Für uns iſt es eine unabweisbare Nothwendigkeit, eine zu Erk des näch bro Pa⸗ bot ein und hat die die die 105 eines ſolchen von uns gefundenen Buches ungeleſen zu laſſen; ſpäteres Leſen darin iſt meiſt von bitterer Erkenntniß begleitet.“ Dieſes Geſpräch wurde jetzt durch die Ankunft des Erbprinzen Guſtav und ſeines in den Altersjahren nächſtfolgenden Bruders Leopold Maximilian unter⸗ brochen. „Gnädigſte Mama, in drei Tagen wird unſeres Papas Durchlaucht zurückkehren, ſo eben brachte ein Eil⸗ bote von Magdeburg die Nachricht“, meldete der Erbprinz, ein junger Mann von vierundzwanzig Jahren, nachdem er und ſein um ein Jahr jüngerer Bruder die Erbprin⸗ zeſſin von Barby begrüßt hatten. „Papa hat ſchreckliche Angſt ums richtige Trai⸗ niren ſeiner Hunde“, lachte Leopold Maximilian.„Er hat die Gnade gehabt, mir die Meute ſammt und ſon⸗ ders ans Herz zu legen und mir einzuſchärfen, täglich die Beſtien Train jagen zu laſſen. Auch ſoll ich den neuen Jagdpfeifer beſonders im Auge haben, daß er die Fanfaren ſich gut einſtudire. Papa Durchlaucht be⸗ ehrt mich mit großem Vertrauen, ich weiß das zu ſchätzen.“ „Wie läßt ſich der neue Jagdpfeifer an?“ fragte die Fürſtin theilnehmend. „Gnädigſte Mama, ganz ſo wie ein junger Hund, 106 der auf allen Spuren herumſchnüffelt und ſeine vier⸗ beinigen Kameraden in Confuſion bringt“, antwortete der Prinz und ſetzte ſcherzend hinzu:„Es könnte was aus ihm werden, wenn er, ſtatt auf dem Horn die Fan⸗ faren zu blaſen, ſie heruntergeigen dürfte. Ich werde Papa dieſen Vorſchlag machen, er iſt neu, originell, wird ihm gefallen. Ein geigender Jagdpfeifer iſt noch nicht dageweſen, wir werden mit dieſer Erfindung Auf⸗ ſehen machen.“ „Mein Sohn, ich hoffe von Deinem guten Harzen daß Du nichts thun wirſt, was dieſem armen jungen Menſchen den Zorn des Papas zuziehen könnte“, ſprach die Fürſtin ernſt.„Jeder iſt zu beklagen, der nicht an ſeinem Platze ſteht.“ „Gnädigſte Mama, es bedarf eben nur dieſer An⸗ deutung, daß beſagter neugebackener Jagdpfeifer ſich Deiner Protection erfreut, um mich für ihn zu inter⸗ eſſiren“, entgegnete der Prinz, ihr die Hand küſſend. „Ich wußte das; meine Söhne haben ſtets offene Herzen für meine Wünſche, und dieſe Ueberzeugung rechne ich als einen weſentlichen Theil meines Lebenglücks.“ „Hat das mein erſtgeborener Herr Bruder gehört?“ rief der Prinz in ſeiner heitern Weiſe.„Unſere gnä⸗ digſte Mama erkennt unter uns fünfen keine Primo⸗ genitur bezüglich ihrer Liebe au uns.“ — d tärif ſten ſchie nich Geſt und Priꝛ vor öfte zu und Vor geei ſchle verl lau als des ſche und ſchi 107 „Gewiß nicht“, ſtimmte die Fürſtin lächelnd bei. Dieſe beiden jungen Prinzen in Offiziersuniform — denn der Zuſchnitt am Hofe Leupold's war ſtreng mili⸗ täriſch, alle vom Fürſten ſelbſt an bis auf den gering⸗ ſten Diener trugen kein anderes Kleid als das ſoldatiſche— ſchienen ganz geſchaffen, dem Ruhme ihres Vaters dereinſt nichts vergeben zu wollen. Sie waren große, ſchlanke Geſtalten im Vollgenuſſe kräftig blühender Geſundheit, und beſonders zeigte die Fürſtin für ihren zweitgeborenen Prinzen eine lebhafte Zuneigung. Seine Heiterkeit und vor allem wohl ſein chevalereskes Weſen, das ihm öfter Gelegenheit gab, Empfindungen und Anſchauungen zu äußern, die ihrem weiblichen Herzen wohlthuender und anziehender erſcheinen mußten als die militäriſchen Vorzüge, die ſie unter der Leitung ihres Vaters ſich an⸗ geeignet hatten, machten ihn zu ihrem Lieblinge. Vom Eingang des Gartens her ertönte Trommel⸗ ſchlag und die kleinen Prinzeſſinnen mit ihren Geſpielinnen verließen ihren Spielplatz, dem Bruder Moritz entgegen laufend, der mit ſeiner ihm von Papa Durchlaucht als beſonderer gnadenreicher Beweis der Anerkennung des dem Knaben unleugbar innewohnenden militäri⸗ ſchen Talents verehrten Compagnie wohl einexereirter und gut uniformirter Knaben ſeines Alters heranmar⸗ ſchirt kam. 108 „Laſſen wir dieſe Liliputaner vor uns defiliren“, rief Prinz Leopold Maximilian.„Ich werde meinem Herrn Bruder Generalfeldmarſchall Moritz den nöthigen Wink geben, ſeine Armee hier in den kühlen Schatten zu bringen. Guſtav, beſorge Seſſel für die gnädigſte Mama und die Frau Erbprinzeß!“ „Er iſt ungemein liebenswürdig“, bemerkte die Erb⸗ prinzeß, als ſie ſich mit der Fürſtin allein ſah. Prinz Guſtav kam jedoch ſo ſchnell mit aus dem nahen Ron⸗ del entlehnten Seſſeln zurück, daß der Fürſtin nicht Zeit blieb, etwas auf dieſe Acußerung der Erbprinzeß zu erwidern. Trommel⸗und Pfeifenklang nahten ſich ſchnell, man hörte das ziemlich kräftige Commando des elfjährigen Füh⸗ rers der kleinen Compagnie. Ihr vorausgeeilt kam Prinz Leopold Maximilian mit ſeinen beiden jüngern Brüdern, Dietrich und Eugen, Jünglingen von einundzwanzig und achtzehn Jahren, ebenfalls in Offiziersuniform. „Bilden wir die Einfaſſung um die beiden Solitärs, denen zu Ehren die unüberwindliche Armee von Bruder Moritz hier vorüberdeſilirt“, ſprach der Prinz, indem er ſich mit den Brüdern hinter die Seſſel der beiden Damen ſtellte, und zu dem Ohr der Erbprinzeß ſich nie⸗ derbeugend, hinter der er ſeinen Platz genommen hatte, raunte er ihr ſcherzend zu:„Um Himmelswillen, gnädigſte Frau, lächel! Brude keinen 5 der in gleich ander Mor Vorw Para einſch ſten Die und riette ſich „Ma auf j bis fi haber mit ſchire 109 Frau, nehmen Sie ſich ja recht zuſammen. Nur keine lächelnde Miene, Sie würden unrettbar verloren ſein, Bruder Moritz und ſeine Himmelsſtürmer verſtehen keinen Spaß.“ Plötzlich hörte der Trommelſchlag auf, das Geräuſch der im Gleichſchritt auf dem Kiesboden Marſchirenden gleichfalls, man hatte Halt gemacht. Einige ſchnell ein⸗ ander folgende Commandowörter deuteten an, daß Prinz Moritz ſeine Truppe richtete, dann ertönte ſein:„Achtung! Vorwärts! Marſch!“ Tambour und Pfeifer begannen den Parademarſch. Voran der am Ende des Baumgangs in dieſen einſchwenkenden Knabencompagnie erſchienen die drei jüng⸗ ſten Prinzeſſinnen Hand in Hand mit ihren Geſpielinnen. Die dreijährige, von vielem Tollen auf dem Spielplatze und jetzt vom Marſchiren ermüdete kleine Prinzeß Hen⸗ riette erblickte kaum ihre durchlauchtige Mama, als ſie ſich von der Mädchenſchaar losriß und mit dem Rufe: „Mama, nimm mich auf den Schooß, ich bin ſehr müde“, auf ſie zulief und auch ihren Wunſch erfüllt ſah. Ein Tambour und ein Pfeifer, zwei Knaben von vierzehn bis fünfzehn Jahren, nach Kräften ihre Inſtrumente hand⸗ habend, eröffneten den militäriſchen Zug. Prinz Moritz, mit gezogenem Degen unmittelbar vor der Truppe mar⸗ ſchirend, commandirte, in die Nähe der Fürſtin⸗Mutter 110 und der Frau Erbprinzeß kommend, ein kräftiges:„Prä⸗ ſentirt's Gewehr!“ indem er gleichzeitig mit dem Degen ſalutirte. Mit einem Ernſte, als hinge Wohl und Wehe der ganzen königlich preußiſchen Armee von ihrer guten Haltung ab, defilirte die Knabencompagnie vorüber, ohne in ihren Gliedern das geringſte Schwanken zu zeigen. Feldwebel Brommer und ſein Sohn Leupold machten, in einer kleinen Diſtanz folgend, den Schluß. Brommer's Geſicht glänzte von Wonne, daß Alles ſo gut ging. „Gnädigſte Frau Erbprinzeß, Sie haben ſich unver⸗ gleichlich gehalten, auch nicht die Spur eines Lächelns war bei Ihnen zu ſpüren, ich habe Sie ſcharf beobachtet“, ſcherzte Prinz Maximilian.„Sie ſind jetzt, wie ich hoffe, über Deutſchlands Zukunft beruhigt.“ „Ganz und gar“, lachte die Gefragte.„Doch Scherz beiſeite, es war allerliebſt. Dieſe kleinen Helden ſchienen ganz vom Bewußtſein ihrer Aufgabe durchdrungen zu ſein.“ „Nichts iſt amüſanter, als wenn unſeres Papas Durchlaucht diefe Uebungen der petit monde mitmacht. Er und ſein Brommer ſehen wie Rieſen unter dieſen Kleinigkeiten aus, und wer eine mitleidige Seele hat, kann's wohl bis zu einer Gänſehaut bringen, wenn er Papa Durchlaucht loswettern hört, als wollte er die ganze kleine Geſellſchaft mit Haut und Haar ver⸗ ſchlingen.“ wörtlich. Dem rauhen, zornigen und leider zu oft in 111 Des Prinzen Humor erregte viel Heiterkeit. Prinzeß Louiſe ſuchte ihre durchlauchtige Mutter auf, welche die neckende Frage, ob ſie endlich mit ihrem Briefe an Victor fertig ſei, an ſie richtete. „Ja, gnädigſte Mama, vollſtändig. Jetzt komme ich aber, Dich um eine Gnade zu bitten, nämlich die einer Audienz für eine arme Frau.“ „Jetzt?“ „Freilich jetzt, die arme Frau ha einen weiten Weg nach Hauſe und obendrein vier Kinder. Sie weint ſehr.“ „Dann natürlich iſt die erbetene Audienz nicht auf⸗ zuſchieben.“ 3 „Gnädigſte Mama, ich ſollte doch meinen, daß Bitt⸗ ſteller ſich nach den für Audienzen hergebrachten Stunden zu richten hätten“, ſprach der Erbprinz. „Mein Sohn, wenn Fürſten ſich von Gottes Gna⸗ den zum Throne berufen erklären, dann dürfen ſie auch nie vergeſſen, daß Gottes Gnade ſich nicht auf gewiſſe Stunden des Tages beſchränkt, in denen der Menſch ſich flehend an ſie wenden darf. Ueberdenke das und Du wirſt es natürlich finden, daß ich jetzt gehe, um die Bitte der armen Frau zu hören.“ Annelieſens Herzensgüte war für die Deſſauer ſprich⸗ 112 grauſame Härte und Ungerechtigkeit ausartenden Weſen ihres Gemahls gegenüber übte ſie eine große Macht über denſelben. Nur weibliche Klugheit konnte bei einem Charakter ſeiner Art, der bei der geringſten Ver⸗ anlaſſung gleich einem ſtachligen Rochen die ſchlimmen, ſcharfen Ecken ſeiner wilden, ſtürmiſchen Natur als Jedem Verderben drohende Waffen entgegenſtreckte, auf einen Sieg hoffen, und im Beſitze der Kunſt, einen ſo unglei⸗ chen Kampf zu führen, war es der Fürſtin ſchon oft ge⸗ lungen, Thränen zu trocknen, die ſeine Alles über den Haufen werfende Willkür hervorgerufen hatte. Man wußte das. Sie war die einzige Seele, die Einfluß auf ihn übte, und weil ſie dieſe Macht nur anwendete, um Gutes zu wirken, ſein übles Thun weniger fühlbar zu machen, ſo liebte man ſie wie einen guten Engel, und wem eine Angſt ſchwer auf dem Herzen lag, der wendete ſich vertrauensvoll an ſie. Auch die Frau, die mit rothverweinten Augen auf dem Treppenperron ihrer wartete, hatte alle ihre Hoffnung auf ſie geſetzt. Die vom ſchwerſten Kummer Niederge⸗ drückte fiel ihr zu Füßen, indem ſie ſie um ihre Hülfe anflehte. Eine Gewaltthat Leupold's hatte ohne Scheu vor ſchwerem Unrechte der Aermſten häusliches Glück zerſtört. Sie war die Gattin des bürgerlichen Gutsbeſitzers 113 Herzig, von dem Herr von Raumer dem Fürſten ge⸗ meldet hatte, daß er ſein bereits über hundert Jahre von ſeiner Familie beſeſſenes Gut nicht verkaufen, ſondern ſeinen Kindern erhalten wolle. Leupold war in ſolchen Fällen nie verlegen, ſeinen Willen durchzuſetzen. Sol⸗ daten waren beordert worden, Händel mit dem Manne anzufangen, und da dergleichen Befehle mit größter Be⸗ peitwilligkeit von den rohen Kriegsknechten in Ausführung gebracht wurden, ſo geſchah es, daß es zu einer blutigen Schlägerei kam, in welcher der Mann ſein Eigenthum und ſeines Weibes von ihnen ſchwer angetaſtete Chre vertheidigte. Natürlich war er der unterliegende Theil und wurde gefänglich eingezogen. Den Drangſalen, die man den Armen im Kerker empfinden ließ, zu entgehen, gab es nur einen Ausweg, nämlich den Soldatenrock an⸗ zuziehen. Die Rekrutenübungen verhängten indeß nicht mindere Pein über ihn, da Stockprügel nicht nur als probates Mittel zur militäriſchen Bildung betrachtet und deshalb im Uebermaß angewendet wurden, ſondern auch ſehr geeignet erſchienen, einen Mann, der ſich hinſichtlich ſeines bisherigen Lebensganges unſaglich unglücklich unter dieſer aus den Auswürflingen aller Länder beſtehenden Kameradſchaft fühlen mußte, in die tiefſte Verzweiflung zu ſtürzen. Der Fürſtin zitterte das Herz im Buſen Earion, Der alte Deſſauer. I. 8 als die Frau außer ſich vor Jammer und Schmerz ausrief: „Und bei alledem, was an uns Himmelſchreiendes geſchieht, ſollen wir noch in der Kirche für den Landes⸗ vater beten? Es iſt unmöglich, kein Gott, kein Menſch kann das verlangen, daß wir um Segen für den bitten, der Miſſethaten an uns verübt. Wir waren gglücklich, lebten ſtill dahin und jetzt, jetzt ſind wir elend, namen⸗ los elend geworden! Ihre Durchlaucht ſind Frau und Mutter, denken Sie ſich in meine Lage hinein. Den Mann, den Vater meiner Kinder unter den Händen ſa⸗ taniſcher Peiniger zu wiſſen, denen es Vergnügen macht, ihn zu ſchlagen, auf jegliche Art und Weiſe zu turbiren, o großer Gott, Durchlaucht, Hülfe, Hülfe in dieſem Jammer!“ „Liebe Frau“, ſprach die um Hülfe Angerufene, und ihre ſonſt ruhige, klare Stimme klang ſo unſicher und zaghaft, als fürchte ſie ſich ſelbſt vor dem, was ſie zu ſprechen im Begriffe ſtand,„der große Kummer hat Ihr ſchlimme Reden über die Lippen getrieben, ich will ſie nicht gehört haben, denn das Unglück entſchuldigt ſie. Meine Hülfe kann nur eine ſehr geringe ſein, ſie bleibt vielleicht nur ein Verſuch, meines durchlauchtigen Ge⸗ mahls Willen günſtig für Ihren Mann zu ſtimmen. Ich ſage Ihr das offen und ehrlich. Was. würde Ihr eine beſtin könn all d chen verm die hielt welch brach desL „Sie zorni das ſie t jede kein bei 6 in w zurüc moch Gew viele 115 beſtimmte Zuſage nützen, die ich Ihr doch nur geben könnte, um Sie los zu werden? Das ſicherſte Mittel, all das Unglück zu beenden, das über Sie hereingebro⸗ chen iſt, bleibt immer, daß ſich Ihr Mann in das Un⸗ vermeidliche fügt.“ Die Frau ſtarrte ſie mit weit aufgeriſſenen Augen an. „Unſer Erbgut verkaufen ſoll er, ſeinen Kindern die Scholle Erde vergeuden, weil—“ Die Frau hielt inne, ließ eine kurze Pauſe eintreten, während welcher es gewitterhaft in ihren Zügen zuckte; dann brach ſie plötzlich in ein Mark und Bein erſchüttern⸗ des Lachen aus, das dem Wahnſinn anzugehören ſchien. „Sie ſind ſich alle gleich, alle“, ſagte ſie dann mit zornigem Stammeln halblaut vor ſich hin.„Ich hätte das wiſſen ſollen, es ſteht ja im neuen Teſtamente: Und ſie theilten ſeine Kleider unter ſich. Da iſt jedes Wort, jede Thräne umſonſt. Ich will nur gehen, denn hier iſt kein Erbarmen, hier nicht;'s iſt nicht einmal mehr bei Gott zu finden, ſonſt ließ er den Greuel ja nicht zu.“ Mit ſchnellen Schritten verließ ſie das Gemach, in welchem die Fürſtin ſo erſchüttert in ihrem Herzen zurückblieb, daß ſie ſich nur mit Mühe zu faſſen ver⸗ mochte. Sie konnte ſich's nicht verhehlen, daß die Gewaltherrſchaft ihres Gemahls ſchweres Uebel über viele Schuldloſe brachte, und ebenſo wenig gab ſie ſich 8* 116 der Selbſttäuſchung hin, ſo viel Macht über ihn zu beſitzen, um ihn zum Wiedergutmachen aller ſeiner grauſam⸗ men Willkürhandlungen zu bewegen. Sie wußte, daß bei ſeinem wilden Jähzorn Verſuche, ihn von ſeinen einmal gefaßten Beſchlüſſen abzubringen, jederzeit gefähr⸗ liche Wagſtücke waren, ſie kannte aber auch die Grenze ihrer Macht über ihn, die ſie nicht überſchreiten durfte, wollte ſie ſich nicht ſelbſt um die Möglichkeit bringen, auf ihn gelegentlich einzuwirken. Sein Hunger nach Landeigenthum in ſeinem Fürſtenthume gehörte zu einer ſo tief wurzelnden Leidenſchaft bei ihm, daß jede wenn auch noch ſo ſchonende Kritik ihn bis zum Aeußerſten empörte, indem er ſie als einen Eingriff in ſein Fürſten⸗ recht anſah. Darum fühlte ſich die durchlauchtige Frau gezwungen, jede ihr zugemuthete Einmiſchung ſolcher Art abzulehnen. Die Hand über die Augen legend, trat ſie ans Fenſter; es galt den Mißton, der ſich ihrer Seele be⸗ mächtigt hatte, ſchweigen zu machen, die Ruhe wieder⸗ zugewinnen, die gewöhnlich ihr Eigenthum und das Fundament war, auf welchem allein ſich das Glück ihrer Ehe mit einem Gemahle erbaut hatte, der nur außer⸗ halb der gewöhnlichen Normen den allein für ihn paſſen⸗ den Boden fand. Nach einiger Zeit ließ ſie die Hand herabgleiten, ihr Blick fiel auf den ſonnebeſchienenen nicht 117 Garten, und als ſie ſich zum Verlaſſen des Zimmers zurückwenden wollte, gewahrte ſie Fräulein Regina von Mitagsheim, welche in dem Vordertheile des Gartens langſam daherſchritt und auf einer Bank, dem Spring⸗ brunnen gegenüber, Platz nahm. Regina ahnte nicht, daß ſie beobachtet werde. Sie. ſchien ſehr angelegentlich über etwas nachzudenken, denn auch nicht eine Bewegung ihres Körpers gab ſich kund, der auf die Bruſt herabgeſunkene Kopf verrieth keine Re⸗ gung. „Mein Himmel, ſie iſt ſehr traurig!“ ſagte die Fürſtin leiſe vor ſich hin.„Armes Kind, auch in Dein junges Leben greift ſeine Willkür ein und Du wirſt deren Opfer werden. Wer kann Dir helfen!“ Sie wußte, daß ihr Gemahl dem nach Wien in geheimer Sendung abgeſchickten Bonnafox de Mont⸗ joie St.⸗André für den Fall, daß er ſeine Miſſion glücklich vollziehe, die Hand Reginens zugeſagt hatte. Vorausſichtlich war es, daß der Kanzler, ihr Oheim, als gehorſamer fürſtlicher Staatsdiener dem Willen ſei⸗ nes gnädigſten Herrn nicht widerſtreben werde, zumal Regina vermögenslos und die Partie mit dem einer ſehr wohlhabenden Familie angehörenden Bonnafox eine finanziell gute zu nennen war. Es ließ ſich auch bezweifeln, daß der Fürſt Bonnafox eine 118 höhere und einträglichere Beamtung geben werde, wo⸗ durch jeder mögliche Widerſpruch, den Regina erheben konnte, von ſelbſt wegfallen mußte. Ihr Herzensgeheimniß, das Bonnafox nur als eine geſtaltloſe Muthmaßung vorgeſchwebt hatte, ſchien ſofort entdeckt, als Frau Marthe Langermann in ihrer übergroßen Redſeligkeit dem Fürſten von der offenbaren Zuneigung des Fräuleins zu Gottfried erzählt hatte, und Leupold beſchloß, um die heimliche Liebe beider zu ſprengen, daß der von ihm Begnadigte Jagdpfeifer werden ſolle. Dieſe tief untergeordnete Stellung Gott⸗ fried's beim Jagdweſen müßte auf Regina, welcher nach Ausſage von Bonnafox ein Poſtverwalter zu ge⸗ ring erſchien, eine entſcheidende Wirkung äußern, meinte der Fürſt. Hatte ſie auch für den jungen Mann, deſſen Talent zur Muſik im Hauſe ihres Onkels große Unter⸗ ſtützung gefunden, nach Mädchenart eine ſchwärmeriſche Zuneigung in ihrem Herzen genährt, ſo zerſtiebte doch ſicherlich dieſer Blütenduft, ſobald derjenige, dem er galt, einem Stande angehörte, dem jeder romantiſche Zauber fern lag. Dieſer Calcul des Fürſten entbehrte keineswegs geſunder Logik, die in dieſem Falle auch noch einer Abneigung Rechnung trug, welche in ſeiner Roheit wurzelte. 119 In ſeinen Augen war nämlich Alles, was Muſik hieß, wenn es nicht gerade unumgänglich zu den noth⸗ wendigen Leiſtungen der Militärmuſikbanden oder zur Jagdpfeiferei gehörte, unnütz. Er hatte auch nicht den mindeſten empfänglichen Sinn für einen muſikaliſchen Genuß, und daher kam es, daß er Jeden für einen Ta⸗ gedieb anſah, der ſich dieſer Kunſt widmete. Wie er in ſo vielen Stücken ein Wilder war, ſo auch in Be⸗ ziehung zur Muſik. Es gehörte keineswegs unter die Erfindungen, daß man ſich in der gebildeten Welt erzählte, er habe bei einer Parade zu Halle zwei Waldhorniſten, welche, während die übrigen Hautboiſten fortmuſicirten, Pauſen in ihrem Part zu beachten hatten und deshalb, wie üblich, ihre Inſtrumente im Arme ruhen ließen, mit höchſteigenhändig ertheilten Stockprügeln und dem ermunternden Zurufe: „Canaillen, wollt Ihr gleich blaſen?“ zu erneuter Thätig⸗ keit aufs Gerathewohl gezwungen, da alle Erklärung, die Leute ſeien im vollkommenſten Rechte, die von ihnen eingehaltenen Pauſen ſeien ausdrücklich vom Componiſten vorgeſchrieben, bei ihm keinen Eingang fand. Indem er Gottfried Langermann zu der ſchnödeſten muſikali⸗ ſchen Dienſtleiſtung, wie der eines Jagdpfeifers, verur⸗ theilte, glaubte er nichts weniger als ſich an der nutz⸗ loſen Muſikmacherei gründlichſt zu rächen. 120 Seine durchlauchtige Gemahlin hegte natürlich an⸗ dere Anſichten und deshalb fühlte ſie mit dem zu ſolchem Knechtsdienſt Erniedrigten ein aufrichtiges Mitleid und beſchloß, ſowie ſich ihr nur die Gelegenheit biete, ihn von demſelben zu befreien. Ja, in Regina's trauer⸗ vollem Nachdenken glaubte ſie den Ausdruck des tiefen Kummers zu erkennen, den ſie über Gottfried's Schickſal empfinde, und in ihrer Herzensgüte hielt ſie den Moment für günſtig, ſich dem jungen Mädchen als eine theilnehmende Freundin zu zeigen. Sie ging deshalb in den Garten hinunter, um mit Regina zu ſprechen. 1 Gewiß, es mußte ein recht ſchweres und trauriges Denken ſein, was dieſe jetzt ſo ſehr allen Wahrnehmun⸗ gen von außen her entfremdete, daß ſie der Fürſtin Kommen gar nicht bemerkte. Die Ruhe um ſie her und das eintönige Plätſchern des Springbrunnens trugen ſicher dazu bei, das junge Mädchen vergeſſen zu laſſen, wo es ſich befand. Die Fürſtin blieb vor ihr ſtehen, Regina merkte es nicht. Erſt als die Fürſtin ſich ihr noch einen Schritt näherte, blickte ſie auf, und erſchrocken, die durchlauchtige Frau vor ſich zu ſehen, erhob ſie ſich ſchnell. „Sie hat wohl ſchweres Herzeleid?“ lautete deren Frage. 121 „Ich? O nein, ich— es iſt hier ſo ruhig und ſtill, daß man ſich wohl zum Schlummer geneigt fühlen kann.“ „Um am Tage zu ſchlummern, iſt Sie doch noch zu jung, Regina“, entgegnete die Fürſtin.„In Ihrem Alter hat das Leben ſo viele bunte Lichter, die Auge und Phantaſie beſchäftigen, daß ans Einſchlummern gar nicht zu denken iſt.“ Eine Pauſe folgte. Reginens liebliches Geſicht zeigte ſich von einer tiefen Röthe der Verwirrung über⸗ goſſen. „Sie hat Herzeleid und dergleichen läßt nicht an den Schlummer denken“, ſprach die durchlauchtige Frau weiter.„Ich kenne das, was Sie ſo traurig macht.“ „Ach, mein Himmel!“ ſtieß das junge Mädchen im größten Schreck heraus und faltete die Hände über hem Buſen. „Ruhig, nur ruhig, meine Liebe! Laſſe Sie ſich des nicht in die Glieder ſchlagen. Sehe Sie mich nicht mt ſo furchterfüllten Augen an, als ob Sie von mir etuas Schlimmes erwartete. Ich will Ihr wohl, und daß Sie das glaube, ſage ich Ihr offen heraus, daß ich Ihre Neigung zum Gottfried Langermann nicht tadle. Das hat ſich von ſelbſt gemacht und eben deshalb trifft Sie kin Vorwurf. Wenn man ſo jung iſt wie Sie, 122 behauptet das Herz eine Macht, der man ſich nur dann entziehen kann, wenn man ſſich bereits Grundſätze zur Lebensrichtung geſammelt hat. Das konnte bei Ihr freilich noch nicht der Fall ſein und eben deshalb iſt Sie der Stimme Ihres Herzens ohne weiteres gefolgt. Wir würden nie vom Lichte ſprechen können, wenn wir nichts vom Dunkel wüßten. Ganz ſo iſt's auch mit Ihrer Neigung zum Gottfried. Sie hat es ſelbſt nicht gewußt, daß Sie den jungen Mann liebt. Er war all⸗ täglich in Ihres Oheims Hauſe. Es lag für Sie etwas Anziehendes im Umgange mit ihm, der, ſoviel ich weiß, für die Muſikkunſt ſchwärmt. Sein ganzes Weſen hat durch dieſe edle Schwärmerei einen Aufſchwung empfan⸗ gen, welcher ihn vor vielen andern jungen Leuten ſeines Standes vortheilhaft auszeichnet. Ich kann mir leicht denken, warum er unſer deſſauer Land mit andern ſeiner Freunde flüchtig verließ. Theils war es der Wider wille, Soldat werden zu müſſen, der ihn dazu trieb, theill, und das kann wohl ein Hauptmotiv ſeiner Flucht g⸗ weſen ſein, die Hoffnung, in einer der berühmen Muſikkapellen zu Dresden oder Wien einen Platz zu finden. Ihre Neigung, Regina, hat durch ſein ſetzi⸗ ges Geſchick die Erfahrung ſchweren Kummers gejiacht und deshalb weiß Sie nun erſt, daß Sie den Sott⸗ fried liebt.“ 123 Regina ſchien zu jeder Antwort unfähig. Ihre Augen ruhten mit dem offenbarſten Ausdrucke des Erſtaunens auf der durchlauchtigen Frau, welcher dieſe zu„der An⸗ nahme verleitete, das junge Mädchen fühle ſich zu ſehr überraſcht von ihrer Kenntniß dieſes Herzensgeheimniſſes, um eine Entgegnung hervorbringen zu können. In einem Tone, in dem die unverkennbarſte Herzensgüte ſich kund gab, redete die Fürſtin daher weiter: „Was den Gottfried betrifft, ſo gebe Sie ſich zu⸗ frieden. Ich werde Sorge tragen, daß er ſeiner jetzigen Stellung entriſſen wird und im Auslande für ſein mu⸗ ſikaliſches Talent ſich eine demſelben entſprechende ſuchen kann.“ „Ach, welches Glück für den armen Gottfried!“ rief das Mädchen lebhaft.„Darf ich ihm das ſagen, gnädigſte Frau Durchlaucht?“ „Thue Sie das, natürlich unter dem Siegel der Ver⸗ ſchwiegenheit. Von Ihr, Regina, hoffe ich Beſonnenheit und ruhige Ergebung in das, was nun einmal nicht zu ändern iſt. Ihre Aufgabe iſt es, einen Traum zu ver⸗ geſſen, der nichts für ſich hat und vor jeder ernſten Prüfung, wie ſolche der Blick auf die Zukunft verlangt, als ein Duftgebilde zerrinnen muß. Gottfried iſt keine Partie für Sie. Mache Sie ſich mit dieſer Er⸗ kenntniß im voraus vertraut, damit, wenn einmal eine 124 Anforderung, einem andern Manne Ihre Hand zu reichen, an Sie herantritt, dieſe Ihr nicht überraſchend kommt.“ Und Regina freundlich auf die Wange klopfend, ſagte ſie faſt mit Zärtlichkeit:„Wie der Kummer um den Gottfried Sie traurig gemacht hatte! Nun, nun, meine Liebe, habe Sie nur Muth. Wenn Sie ſich einmal gar nicht Rath weiß, dann wende Sie ſich nur an mich, Sie wird an mir eine Freundin finden, die Sie gern glücklich ſehen will.“ Nach dieſen Worten der freundlichſten Theilnahme verließ die durchlauchtige Frau das junge Mädchen, welches beſtürzt wie angewurzelt eine lange Weile auf derſelben Stelle ſtehen blieb, wo jene mit ihr geſprochen hatte. Es lag wie ein ihren Geiſt umſchwebender Nebel auf Regina, der ſie verhinderte, ſich ſchnell in das zu finden, was ſie eben gehört; aber als dieſer Druck auf ihr klares Denken zu weichen begann, ſchwand ihre Beſtürzung vor einem um ſo größern Erſtaunen, für welches ſie anfänglich keinen Ausdruck fand. Erſt nach und nach, wie das immer bei ſeltſamen Ueberraſchungen der Fall zu ſein pflegt, löſte ſich auch dieſe Feſſel bei ihr und faſt er⸗ ſchrocken ſprach ſie vor ſich hin: „Ach, in welchem Irrthum iſt die herzensgute Durch⸗ laucht! Gottfried iſt ja gar nicht mein Geliebter, wer hat ſie nur das glauben gemacht?“ cichti verur erwel etwas ihrett ernie ihn t gnäd mant Gede könn mutl geben nach Fam 125 So viel Kummer Regina ihr Herzensgeheimniß verurſachte, ſo konnte ſie ſich doch nicht eines Lächelns erwehren; ein ſolcher Irrthum war zu komiſch. Indeß etwas Gutes hatte er doch. Die Fürſtin fühlte ſich um ihretwillen zu dem Entſchluſſe getrieben, Gottfried der erniedrigenden Stellung zu entreißen, zu der ihr Gemahl ihn verurtheilt hatte, und indem der auf Befehl ſeines gnädigſten Landesherrn geiſtig Gemißhandelte als Deck⸗ mantel für ihr Liebesgeheimniß galt, blieb diefes folge⸗ richtig auch für alle Andern wirklich ein Geheimniß. Dieſe ſich ihr aufdrängende Ueberzeugung und der Gedanke, Gottfried eine ſo gute Botſchaft mittheilen zu können, waren ganz geeignet, ihrer Erſcheinung den ſo an⸗ muthig machenden Anhauch jugendlicher Heiterkeit zuu geben, und in dieſer günſtigen Stimmung begab ſie ſich nach jenem Theile des Gartens, wo die Fürſtin mit ihrer Familie verweilte. V. Im letztvergangenen Herbſte war der Kanzler Herr von Mitagsheim mit Regina, ſeiner Nichte, nach Halle gefahren, wo eine hochbetagte Verwandte der Mitags⸗ heim'ſchen Familie ſchwer erkrankt darnieder lag. Seine Amtsgeſchäfte geſtatteten ihm keinen längern Aufenthalt daſelbſt, aber er ließ ſeine junge Nichte zurück bei der kranken Dame, damit dieſe nicht ganz verlaſſen und Fremden preisgegeben ſei. Es war eine ſchwere Auf. gabe für ein junges Mädchen, ſich der Pflege einer durch Alter und Krankheit mürriſch gewordenen Frau zu unter⸗ ziehen, indeß Regina ſchickte ſich ziemlich gut in dies frreudenloſe Pflegeramt, das eben deshalb, weil ſie hier eigentlich nur auf ſich allein verwieſen war, denn ſie kannie Niemand in Halle, doppelt ſchwer auf ihr laſtete. In Deſſau hatte ſie ihre Geſpielinnen gehabt, hier war ſie ledig⸗ lich auf die alte Muhme beſchränkt, und von Anknüpfung von Bekanntſchaften mit jungen Damen, die ſich unter andern Umſtänden gewiß leicht für ſie gemacht haben würde, war in einem Verhältniß, wie das ihre, welches die Rede. Regina hielt trotzdem muthig aus, die Kranke gewöhnte ſich ſchnell an ſie und vermißte ſie daher ſie zum Aufgeben aller Vergnügungen zwang, gar nicht 1 einer zu ſch Regit Reih „grenz treter was konn friſch die 2 letzte derr alle ags⸗ eine halt der und Auf. urch ier⸗ dies hier nnte In ꝛdig⸗ fung inter aben lches nicht ranke daher 4 127 ſchmerzlich, wenn ſie ſich auch nur auf die Dauer von einer Stunde aus dem Hauſe entfernte, um friſche Luft zu ſchöpfen und ſich Bewegung zu verſchaffen. „In der Mittagsſtunde eines Sonntags erging ſich Regina langſam am Ufer der Saale, deren Lauf eine Reihe großer Bäume bezeichnete, die zugleich der an⸗ grenzenden Wieſe als Marke diente, daß ſie nicht be⸗ treten werden dürfe. Dieſer Spaziergang vereinte Alles, was Jemand, welcher Erholung bedurfte, wünſchen konnte, Sonnenlicht und ſchützenden Baumſchatten, den friſchen, vom Waſſer aufſteigenden Hauch und zugleich die Ausſicht auf das jenſeitige Ufer des Fluſſes, welchen letztern die auf ſeiner ruhigen Fläche ſich wiegenden Sonnenſtrahlen zu einem goldſchillernden und zwiſchen 3 immer noch grünen Ufern hervorleuchtenden Bande umwandelten. Der Dunſt der Krankenſtube hatte Regina's Bruſt beklommen gemacht, ſie ſog froh den ſtärkenden Hauch ein, der hier erquickend ihre Wangen berührte. In ſonntäglicher Mittagsſtunde war der Uferpfad wenig begangen, ſie durfte nicht fürchten, einer unange⸗ nehmen Begegnung ſich auszuſetzen; zudem lag der Weg ſo nahe bei der Stadt, daß ſie dieſe bald wieder erreichen konnte, und ſelbſt für den Nothfall, daß wirklich eine unhöfliche Begegnung ihr widerfahre, bot der nicht 128 allzuweit entfernte Wachtpoſten an einer Pul ſicherlich den erforderlichen Schutz. 8 Durch die hier herrſchende Stille drang der Trom⸗ mellärm der in der Stadt aufziehenden Wachparade ihr ſehr abgeſchwächt ins Ohr. Dieſem militäriſchen Schauſpiele, dem jederzeit eine bedeutende Zuſchauer⸗ menge beiwohnte, war es heute wohl hauptſächlich zu danken, daß der Fußpfad am Fluſſe menſchenleer ſich 9 zeigte. Vor ſich hinausblickend, ſah Regina die Ab⸗ löſung des Wachtpoſtens an der Pulverhütte auf einem andern Wege zur Stadt zurückmarſ ſchiren, und ringsum war Niemand zu gewahren, der des jungen Mädchens Denken irgendwie hätte ſtören können. So jung Regina auch war, hatte ſie Urſache genug, um ſich zuweilen mit dem Rückbli ihre Vergangenheit wie mit der Ueberſchau ihrer wart zu beſchäftigen. Als Waiſe, welche vermögenslos in der Welt ſtand, war ſie ungefähr zehn Jahre alt in ihres Oheims, des Kanzlers, Haus gekommen und empfand daſelbſt den ſchwer laſtenden und entmuthigenden Druck des Be⸗ wußtſeins, das Gnadenbrod zu eſſen. Der Oheim hatte bei Lebzeiten ihres Vaters, ſeines Bruders, in keinem guten Vernehmen mit demſelben geſtanden, denn beider Charakter lief zu weit auseinander, und er würde 129 ſich, als dieſer plötzlich geſtorben und deſſen Wittwe in kürzeſter Friſt ihm im Tode nachgefolgt war, Re⸗ gina's nicht angenommen haben, wenn ſich dieſe Barm⸗ herzigkeit nur halbwegs hätte umgehen laſſen, denn er war nicht Herr in ſeinem Hauſe, ſeine Gemahlin ent⸗ ſchied in allen Fällen über ſein Thun. Die Aufnahme der nun auch die Mutter verloren habenden Regina in ſeine Familie von ſich zu weiſen, ließ ſich des Geredes der Leute wegen nicht thun, die Frau Kanzlerin, eine brüske, hoffärtige Dame, mußte ſich wohl oder übel dazu verſtehen, und die Verwaiſte genoß demnach keine Freudentage in des Oheims Hauſe. Die gnädige Tante ließ es ihr bei jeder Gelegenheit fühlen, daß ſie eine nur der Schicklichkeit wegen Geduldete ſei, und es war ſehr folgerichtig, daß das Kind Regina ſich ſcheu von jedem möglichen Hervortreten zurückhielt, um die Liebloſigkeit ihrer Verwandtin nicht noch mehr anzuregen. Eben dies ſtille Verhalten der Waiſe ſeines Bru⸗ ders machte indeß auf den Oheim einen guünſti⸗ gen Eindruck. Trotzdem er Allem, was ſeine Fa⸗ milie und ſein Hausweſen betraf, durch die Umſicht ſeiner Gemahlin überhoben wurde, ſchenkte er Regina doch allmälig mehr Theilnahme, als bei ſeiner Gleich⸗ gültigkeit und Seelenruhe in Familienangelegenheiten Carion, Der alte Deſſauer. I. 130 ſich hätte erwarten laſſen. Er ſetzte es merkwürdiger⸗ weiſe durch, daß Regina an dem ſeinen beiden faſt in einem Alter mit ihr ſtehenden Töchtern gegebenen Unter⸗ richte Theil nehmen durfte. Mit dieſem Siege über ſeiner Gemahlin Abneigung gegen die Nichte war aber auch ſein günſtiges Wirken für dieſe zu Ende. So gingen die Jahre hin für Regina. Das Ertra⸗ gen des auf ihr laſtenden feindſeligen Druckes hinderte indeß ihre äͤußere Entwickelung nicht, ſie wurde ein ſchönes Mädchen, und dieſer Umſtand war in den Augen ihrer gnädigen Tante keineswegs zu ihren Gunſten ſprechend, denn deren eigene Töchter kamen dadurch in den Nachtheil, weniger berückſichtigt zu merden. Unter ſolchen ungünſtigen Verhältniſſen welche Regina ſchließlich immer nur auf ihr eigenes Selbſt anwieſen, war es durchaus nichts Wunderbares, daß ſie einem vorwiegenden Hang zum Nachdenken ſich gern hingab. Alles, was ſie näher oder entfernter, heiter oder traurig berührte, unterwarf ſie demſelben. Dieſe Selbſt⸗ ſchau wuchs mit den Jahren zu einer Art ſtillen Cultus bei ihr und ward zugleich, da ſie ihn vor aller Blicken verbarg, zum Träger ſchwärmeriſcher Empfindungen, die ſich jedoch nie nach außen hin offenbarten. Ihre Jugend— ſie war erſt ſiebzehn Jahre alt— verlor glücklicherweiſe unter dem Zwange, immer ſich 131 ſelbſt zu überwachen, keineswegs an Friſche, die natür⸗ liche Heiterkeit ihres Weſens, auf einer kräftigen, blühen⸗ den Geſundheit beruhend, gewann im Gegentheil dadurch, indem ſie ihrer Weiſe, ſich zu geben, den Wohllaut einer ernſtheitern Innigkeit gab. Wie für ſo viele arme Mädchen ein hübſches oder gar ſchönes Aeußeres die einzige Mitgift iſt, welche das Schickſal ihnen mit auf die Lebensreiſe gibt, ſo war dies auch bei Regina der Fall. Sie beſaß eine ſchlanke, aber kräftige, mittelgroße Geſtalt von einer Hal⸗ tung, die man hätte verſucht ſein können, ſtolz zu nennen, wenn nicht der Ausdruck einer aus großer Herzensgüte ſtammenden Freundlichkeit in ihrem Antlitz gleich einem aus ihrem Innerſten hervorbrechenden Lichtſtrahl Jedem, mit dem ſie in Berührung kam, ſchnell ein Vertrauen zu ihr eingeflößt hätte, welches ſonſt nur Ergebniß der Prüfung in einem längern Umgange zu ſein pflegt. Ihr edelgeformtes Antlitz trug einen Anhauch von Kindlichkeit, der beſonders in deſſen ſanften Zügen und in dem ruhig blickenden graublauen Augenpaar eine weſentliche Stütze fand. Mit dieſen Vorzügen, welche für jedes weibliche Weſen eine beneidenswerthe Ausſtat⸗ tung der äußern Erſcheinung ſind, verband ſich bei Regina eine klangvolle Stimme und eine gebildete Aus⸗ drucksweiſe, welche beide Eigenſchaften ihrer Perſönich 13² keit den Nimbus der Anmuth verliehen. Ihr mangelte freilich jene herausfordernde Schönheit, die zum plötzli⸗ chen Siege über Männeraugen geſchaffen iſt, indem ſie zur Bewunderung und Leidenſchaft hinreißt, dafür hatte ſie den eigenthümlichen Reiz jener leidenden Schönheit empfangen, die die Herzen ſo mächtig anzieht und welche, wenn der Vergleich nicht allzu gewagt er⸗ ſcheint, wie das keuſche Mondlicht ſanft und Sehnſucht erweckend ſtrahlt, während jene andere, mit plötzlichem Sieg gekrönte glühendem Sonnenbrande ähnelt, der das Blut ſiedend durch die Adern treibt. Indem ſie jetzt den Fußpfad längs des Fluſſes langſam dahinging, beſchäftigte ſie ſichmit dem Gedanken an die ihr mit dem Jahreswechſel bevorſtehende Verän⸗ derung ihrer Stellung. Der Zufall hatte es gefügt, daß ſie eines Tages zu Ende des vergangenen Sommers mit des Oheims Familie Wörlitz beſucht hatte, als die Fürſtin mit ihren Töchtern ein paar Stunden ſpäter eben daſelbſt eintraf. Durch dies Zuſammentreffen von ungefähr war Prinzeſſin Louiſe mit Regina bekannt ge⸗ worden und die Folge dieſer Bekanntſchaft war der von der Fürſtin gegen den Kanzler ausgeſprochene Wunſch, ſeine Nichte, welche ihrer Tochter ſo ſehr gefallen hatte, als deren Geſellſchafterin in den Hofdienſt treten zu laſſen.. Ehr von dies lauc daß jahr uner kom Neit gele bar, ſchn läch bah ſchn zwu ſeli ſie ſcht teri Exi dar mit ⁸⏑½— B 133 Es wäre die gröbſte Verletzung der ſchuldigen Ehrerbietung und Unterthänigkeit von ſeiten des Herrn von Mitagsheim geweſen, hätte er einen Einwand gegen dies ſeine Nichte ſo ſehr ehrende Verlangen der durch⸗ lauchtigen Frau erheben wollen, und ſo wurde beſchloſſen, daß die Ueberſiedelung Regina's an den Hof zum Neu⸗ jahr geſchehen ſollte. Sie freute ſich im Stillen, auf ſo unerwartete Weiſe dem Hauſe des Oheims zu ent⸗ kommen, und fühlte es ſehr gut heraus, wie der hämiſche Neid ihrer gnädigen Frau Tante und deren Töchter ſie gelegentlich zu kränken verſuchte, freilich nicht ſo offen⸗ bar, daß Regina hätte Anlaß finden können, ſich zu be⸗ ſchweren, aber ſpöttiſche Bemerkungen, Anſpielungen und lächelnd ausgeſprochene gute Rathſchläge für ihre Lauf⸗ bahn am Hofe waren nicht minder tief eindringende und ſchmerzende Stiche, die ſie ruhig hinzunehmen ſich ge⸗ zwungen ſah. Als ein nur ſchlecht verhülltes Ergebniß dieſer feind⸗ ſeligen Stimmung ihrer nächſten Verwandten betrachtete ſie die ihr gewordene Aufgabe, bei der hochbetagten, ſchwerkranken Verwandtin die Dienſte einer Geſellſchaf⸗ terin zu leiſten. Ihr Aufenthalt zu Halle glich einem Exil aufs Haar, und doch fühlte ſich Regina inſofern damit zufrieden, als er ihr Befreiung von dem Umgange mit der gnädigen Frau Tante und deren Fräulein Töch⸗ 134 tern gebracht hatte, denn ſo unwirſch die kranke Dame auch zuweilen war, ſo äußerte ſie doch in Stunden, wo ihre körperlichen Leiden ein wenig nachließen, ein dank⸗ bares Vertrauen gegen Regina und ſprach ſich offen über das Unpaſſende des Altersverhältniſſes zwiſchen ihr und ihrer in erſter Jugendblüte ſtehenden Pflegerin aus. Das Einzige, was Regina durch ihre Entfernung aus dem Hauſe des Oheims zu entbehren gezwungen war, beruhte auf einer ihr lieb gewordenen Gewohnheit. Der Oheim, welcher ſo wenig ſeine Herrſchaft als Mann und Vater ſich hatte wahren können, daß er im eigenen Hauſe nur den Platz einer Null einnahm, welche man nach beliebiger Erforderniß dem Zähler beifügen kann, bewahrte mit einer ausdauernden Feſtigkeit des Willens die Freiheit eines Steckenpferdes für ſich, dem er ganz und gar ergeben war. Im Geigenſpiele fand er den höchſten Genuß, den er ſich überhaupt verſchaffen konnte, und um denſelben zur möglichſten Vollkommenheit zu bringen, hatte er Gottfried Langermann, einen armen, aber talentvollen, ſich von dem äußerſt geringen Ertrage eines Muſikers ernährenden jungen Mann zum Partner gewählt, welcher täglich zu Beſuch bei ihm erſchien und mit ihm geigte. Herr von Mitagsheim gewann den für die edle Muſikkunſt ſchwärmeriſch begeiſterten Jüngling lieb und verb ſond Bach deſſe fähig ner des ſond lich mit eine 135 verbeſſerte aus eigenen Mitteln nicht nur deſſen Einkünfte, ſondern unterſtützte auch durch Anſchaffung von Sebaſtian Bach's berühmten Compoſitionen für Klavier und Orgel deſſen Selbſtſtudium dieſer den Inbegriff höchſter Leiſtungs⸗ fähigkeit in ſich vereinender, von Menſchenhand geſchaffe⸗ ner Muſikinſtrumente. Da Regina ſich den im Hauſe des Onkels obwaltenden und ihr, wie ſchon erwähnt, be⸗ ſonders feindſeligen Stimmungen zufolge ſelbſtverſtänd⸗ lich mehr an dieſen hielt, ſo wurde ſie natürlich auch mit Gottfried bekannt und zwiſchen beiden geſtaltete ſich eine allmälige freundſchaftliche Zuneigung. Theils begrün⸗ dete ſich dieſe in beider Jugend, theils waren es auch die drückenden Verhältniſſe, unter denen ſie litten, welche die Kluft des Standesunterſchieds zwiſchen ihnen über⸗ brückten. Gottfried war ſonach die einzige Seele, die ihr auf⸗ richtige Theilnahme bezeigte, denn er war nicht blind für die üble Stellung, welche ſie im Hauſe des Onkels ein⸗ nahm. Wenn verletzende Aeußerungen der gnädigen Frau Tante Thränen in Regina's Augen getrieben hatten, ſprach er ihr Troſt zu, und die Herzlichkeit, mit der er dies that, war ganz geeignet, ein immer größeres Vertrauen zu ihm bei ihr zu erwecken. Dieſen Freund vermißte f ſie jetzt ſehr. Sie fühlte ſich vereinſamt, und die ihr durch den langjährigen 136 Druck aufgezwungene Gewohnheit, ſich dem Nachdenken zu überlaſſen, in dem für heute auch die Hoffnung, durch die ihr bevorſtehende Ueberſiedelung an den Hof dem traurigen Zwange in des Oheims Hauſe enthoben zu werden, eine große und ihr Herz mit freudevoller Er⸗ wartung erfüllende Rolle ſpielte, war die Urſache gewor⸗ den, daß ſie, ohne es zu bemerken, den an der Pulver⸗ hütte hinführenden Fußpfad entlang gegangen war und, erſt als ſie aufblickte, wahrnahm, daß es nur eines Schritts bedurfte, um das ihr zur Rechten ſtehende kleine Gebäude hinter ſich zu laſſen. In der Stadt ſchlugen die Glocken die erſte Stunde des Nachmittags. Regina fand es für nöthig, um ſchneller nach Hauſe zu kommen, den Weg einzuſchlagen, den die Ablöſungsmannſchaft zu nehmen pflegte; er war ein bedeu⸗ tendes Stück kürzer, als der Fußpfad am Waſſer, den ſie gekommen. Um auf dieſen nähern Weg zu kommen, der längs der Nordſeite der Pulverhütte in ſchräger Linie die Wieſe ſtreifte, mußte ſie erſt die Weſtſeite des Gebäudes entlang gehen, wo ſich der Eingang in daſſelbe und natürlich auch der Wachtpoſten befand, der von Zeit zu Zeit das kleine Haus umſchritt. Jetzt ſah ſie ihn nicht, er machte wahrſcheinlich ſeine Runde und war an der Oſt ſeite. Flüchtig eilte ſie an der Hütte hin, deren Bau aus drei Theilen beſtand, die beiden Flügel hervor⸗ der Mittel⸗ 137 theil mit dem Eingange zurückgeſchoben. Eben wollte ſie über den freien Raum vor dem Mitteltheile laufen, als ſie plötzlich erſchrocken einhielt. Sie erblickte den mit dem Rücken ihr zugewendeten Wachtpoſten, wie er im Begriffe ſtand, ſeine Flinte zu laden. Es war nichts Seltenes, daß militäriſche Selbſtmorde vorfielen; die in höchſter Blüte ſtehende Menſchenſchin⸗ derei mußte den gezwungen oder freiwillig in den Dienſt gekommenen Soldaten, wenn er vor ſich ſelbſt nur noch einige Achtung hegte, zur Verzweiflung treiben. Regina hatte einige Male in Deſſau Gelegenheit gehabt, militäriſche Uebungen zu ſehen, und demzufolge wußte ſie, daß er die Flinte lade. Warum? Der Gedanke, der Mann wolle einen Selbſtmord begehen, hatte ſie ſo ſehr in Angſt verſetzt, daß ihre Füße, wie mit Blei be⸗ ſchwert, ihr den Dienſt verſagten. Sie wußte nicht, was ſie thun ſollte. Sie war allein, und eine ganz natürliche Furcht, daß ein in Verzweiflung zum Selbſtmord ent⸗ ſchloſſener Soldat ihr, wenn er ſie gewahr werde, ein Leid zufügen könne, übermannte ſie. Während ſie unſchlüſſig nicht den Muth hatte, ihre Anweſenheit zu verrathen, und doch auch zugleich die Möglichkeit, daß der Soldat, durch ſie in ſeinem entſetz⸗ lichen Vorhaben geſtört, vielleicht daſſelbe ganz aufge⸗ ben könne, vor ihre Seele ſich drängte, hatte der von ihr mit Blicken des Entſetzens Beobachtete die Flinte geladen und ſie an die Wand gelehnt. Regina ſah, wie er einen Brief aus der Taſche zog und denſelben las, dann ihn zu Boden fallen ließ, beide Hände vor die Stirn ſchlagend. Sie hörte, wie der Unglückliche einige Worte ſprach, dann die Uniform aufriß und, die Mün⸗ dung des Gewehrs, deſſen Bajonett am Boden lag, un⸗ terhalb der Bruſt anſetzend, den rechten Fuß in Höhe des Drückers hob, um mittels deſſen Berührung Feuer zu geben. „Halt' Er ein!“ Dieſer Schrei der höchſten Angſt aus dem Munde Regina's, Zeugin einer ſo blutigen That werden zu ſollen, äußerte einen ſolchen Schreck auf den Soldat, daß er an die Wand taumelte und ſtarren Blicks nnch dem jungen Mädchen ſtierte. Eine Pauſe folgte. „Warum ſtört Sie mich?“ fragte dann der Selbſt⸗ mörder dumpf.„Jetzt wäre es vorüber, ein nichts⸗ würdiges Leben zu Ende, das nichts weiter als den Schuß Pulver werth war, um es zu allen Teufeln zu ſchicken!“ „Unglücklicher Menſch, wie kann Er ſo läſterlich von etwas ſprechen, was Ihm nicht einmal gehört.“ 139 „Mein Leben gehört mir nicht?“ entgegnete jener. „Sie iſt wohl nicht recht bei Sinnen? Hat Sie nicht geſehen, daß es nur eines kleinen Stoßes an den Drücker bedarf, um eine Kugel durchs Herz zu treiben?“ „Ja, das habe ich, aber eben von Ihm ſollte der kleine Stoß nicht ausgehen, darum hat mich Gott zur rechten Zeit hierher geführt, um eine Greuelthat zu ver⸗ hindern, die Er nie mehr gut machen, ja nicht einmal mehr bereuen könnte. Sein Leben gehört Gott, weiß Er das? Wer es ſelbſt kürzt, war keiner Wohlthat Got⸗ tes würdig und iſt nichts Anderes als ein feiger Dieb, der ſich ehrlos fortſchleicht, weil er in keines ehrlichen Menſchen Auge ſehen kann, ohne vor ſeiner eigenen Jämmerlichkeit ſich zu entſetzen. Möchte Er denn ehrlos ſein? Deſſen halte ich Ihn nicht für fähig.“ Der Soldat veränderte ſeine Stellung an der Wand nicht, aber es war ſichtbar, daß das Starre aus ſeinem Blicke wich und weniger die wilde Verzweiflung als das Erſtaunen der Ueberraſchung, aus dem Munde eines jungen, ſchönen Mädchens ſich ſo angeſprochen zu hören, ihn jetzt beherrſchte. Nach einer Weile fragte er: „Wer iſt Sie?“ „Er ſieht es ja, ein Mädchen. Denkt Er vielleicht, daß ich gut reden hätte, weil ich nicht wüßte, wie ſchwer das Herz vom Kummer niedergedrückt werden 140 kann? Da irrt Er ſehr. Wenn auch nicht ſolchen Kum⸗ mer, wie Er ihn haben mag, ſo habe ich doch auch mein gehöriges Theil Leid, das kann Er glauben. Wenn man frühzeitig Vater und Mutter verloren hat und zur Waiſe geworden iſt, die von der Gnade ſchlimmer Ver⸗ wandten leben muß, das iſt gewiß ein gar bitteres Loos und hat mich manche Thräne im Stillen gekoſtet.“ „Sie gehört hier in die Stadt?“ „Nein. Warum will Er das wiſſen? Das kann Ihm doch einerlei ſein, dächte ich.“ „Nein, das kann es mir nicht ſein.“ „Warum nicht?“ Der Soldat ſchwieg, ſein Blick haftete aber ſo feſt auf ihr, als wolle er ihr durch die Augen ins Herz ſchauen. „Er antwortet mir ja nichtz?“ ſprach ſie. „Nein, ich— mag nicht.“ „Was Er für ein ungeberdiger Menſch iſt!“ rief das junge Mädchen.„Ich habe Ihn von einem großen Verluſte gerettet und Er thut ſo bärbeißig gegen mich, als hätte ich Ihm Böſes zugefügt. Schäme Er ſich!“ Es folgte abermals eine Pauſe. Der Soldat ſah zu Boden, er ſchien mit ſich über etwas zu Rathe zu gehen. Von der Stadt her tönten zwei Glockenſchläge. „Mein Himmel, ſchon halb zwei! Ich muß nach gebe bin, ſich Er daß daß her chens ein Sor vom zu m Hall iſt 6 „ſo wen muf weg run ein Tenn und Ver⸗ 0os kann ſo Herz rief oßen nich, ich!“ ſah e zu läge. nach 141 Hauſe, bin ſchon viel zu lange geblieben.“ Und raſch entſchloſſen trat Regina auf den Soldaten zu.„Jetzt gebe Er mir das Verſprechen, daß, wenn ich fortgegangen bin, Er nicht von neuem an den ſündhaften Vorſatz, ſich zu entleiben, denken will“, ſagte ſie dringend. „Liegt Ihr ſo viel an mir?“ fragte der Soldat. „Und das kann Er noch fragen?“ rief ſie.„Hat Er keine Mutter gehabt, die ſich ſeinetwegen ſorgte, daß Ihm kein Leid geſchähe? Und meint Er nicht, daß ich ebenfalls, die der Herrgott zu rechter Zeit hier⸗ her geführt hat, Ihn an einer nie wieder gut zu ma⸗ chenden Unthat gegen ſich ſelbſt zu hindern, ſo zu ſagen ein Mutterrecht an Ihm erworben, alſo auch große Sorge habe, daß Er, wenn ich fort bin, ſich doch wieder vom böſen Geiſte faſſen läßt?“ Dieſe Rede ſchien einen großen Eindruck auf ihn zu machen, in ſeine geſpannten Züge kam Bewegung. Halblaut ſagte er:„Ja, daß ich jetzt noch lebe, daran iſt Sie ſchuld.“ „Und weil Er das ſelbſt ſagt“, ſprach Regina eifrig, „ſo wird Er wohl auch einſehen, daß ich ganz Recht habe, wenn ich von einem Mutterrechte an Ihm rede. Jetzt muß Sein Leben ein ganz neues für Ihn ſein und des⸗ wegen verlange ich von Ihm, daß Er mir die Zuſiche⸗ rung gibt, es nicht meuchelmörderiſch anzutaſten. Ich 142 kann's von Ihm nicht glauben, daß Er mir die Freude einer guten That nicht gönnen will.“ „Sie kennt mich nicht, wie käm's, daß Sie meinem Verſprechen vertrauen ſollte?“ Mit einem Anflug von Innigkeit antwortete Re⸗ gina:„Weil ich Ihn nicht für ſchlecht halte. Das Un⸗ glück hat Ihn nur ſo ſehr überwuchert, daß Er den klaren Blick und mit dem auch die Hoffnung auf ein Beſſerwerden und den Glauben an Gott verloren hat.“ „Ja, das Unglück hat mich überwuchert“, ſtimmte der Soldat bei, und der Ausdruck von Zorn funkelte in ſeinen dunklen Augen, indeß nur für wenig Se⸗ kunden; dann klärte ſich ſein Regina Furcht verur⸗ ſachender Blick ſchnell zu dem milden Leuchten einer ungekünſtelten Bewunderung auf, und ihr die Hand rei⸗ chend, ſagte er:„Ich verſpreche Ihr, nie wieder Hand an mich zu legen. Glaubt Sie an mein Wort?“ „Ja!“ „Und Sie kann es, Sie kann es!“ rief jener faſt leidenſchaftlich.„Wie Sie hat noch Niemand zu mir geſprochen. Faſt glaube ich, daß Gott Sie hierher ge⸗ führt hat.“ „Daran zweifle Er ja keinen Augenblick“, eiferte das Mädchen.„Er ſollte nicht verloren gehen, darum mußte ich den Weg hier vorüber einſchlagen. Doch ich nie 8 143 2 muß fort. Lebe Er wohl und gebe Er böſen Gedanken nie wieder Raum bei ſich. Ich gehe von Ihm weg mit ſo fröhlichem Herzen, als wäre mir ſelbſt eine große Wohlthat geſchehen.“ „Nur einen Augenblick noch“, ſprach der Soldat, ſie bei der Hand haltend.„Wird Sie von dem, was Sie hier erlebt hat, gegen Andere ſprechen?“ „Das wäre ja ebenſo viel als ein Verrath an Ihm. Nein, ich verſchweige es. Und ich hätte auch Niemand, dem ich's ſagen könnte“, fügte das Mädchen lächelnd hinzu. .„Ihren Namen ſage Sie mir noch. Es iſt trau⸗ rig an Jemand zu denken, dem man keinen Namen zu geben weiß.“ „Regina heiße ich“, war die Antwort der ſich ſchnell ſeiner Hand Entziehenden und flüchtig Davoneilenden. Dem jungen Mädchen gab dieſes Erlebniß in der erſten Zeit einen faſt unerſchöpflichen Stoff zum Nach⸗ denken, welches nach allen Seiten durchzuarbeiten, ihr die vollkommenſte Muße am Krankenlager der greiſen Verwandtin geſtattete. Regina geſtand es ſich unverhohlen, daß dieſe Beſchäftigung jetzt für ſie eine Art Glück ſei, denn die Langeweile würde ihr zur unerträglichen Marter geworden ſein. Freilich kam auch große Angſt in ihr Herz, als eines Nachts die Lärmkanonen ihre Donner über die 144 Stadt hinrollten, was die Deſertion eines Soldaten be⸗ deutete. War er es? Sie zitterte bei dem Gedanken, daß man ihn einfangen könne. Welche fürchterliche Strafe wartete dann ſeiner! Sie fühlte ihr Herz von dieſem Bangen erleichtert, als ſie am folgenden Tage, auf dem nach dem FHinterhauſe führenden Gange ſtehend, im Hofe die Leute des Majors, der die erſte Etage be⸗ wohnte, beim Putzen ihrer Pferde ſich gegenſeitig er⸗ zählen hörte, daß der Deſerteur, ein Tambour, welcher ſich an ſeiner Kameraden Eigenthum vergriffen und der geſchehenen Entdeckung durch Flucht hatte entgehen wollen, eingefangen worden ſei. Kaum hatte ſie dieſen Schrecken überwunden, als ein paar Tage ſpäter das Gerücht ſich verbreitete, an der kleinen Pulverhütte habe ſich der Wachtpoſten, ein junger Mann, erſchoſſen. Sie faßte Muth und fragte einen der Burſchen des Majors, warum der Unglückliche wohl Hand an ſich gelegt habe. „Na, wer kann das mit Gewißheit ſagen!“ war die Antwort.„Bei uns kann einer leicht auf ſolche Fineſſen kommen. Seine Compagnie gibt ihm das Lob eines ganz braven Kerls, aber ſein Corporal ſoll ihn gottes⸗ läſterlich gedrängelt haben.“ Regina konnte ſich einer großen Niedergeſchlagenheit nicht erwehren; ſie wollte ſich ſelbſt gern überreden, dieſe 145 Theilnahme für den Unglücklichen entſpringe lediglich da⸗ her, weil ſie ihn perſönlich gekannt habe; aber dieſe Selbſt⸗ täuſchung hielt nicht recht vor. Wie eine Trauer war es über ſie gekommen, und wenn ſie am Krankenbette der alten Dame ſaß, konnte ſie ſich nicht der lebhaften Erinnerung an ihn entziehen, ihre Phantaſie war ſo wider⸗ ſpenſtig geſchäftig, das ſeltſame Zuſammentreffen mit dem Selbſtmörder ihr immer neu ins Gedächtniß zurückzurufen. Warum hatte ſie nur ſeinem Verſprechen getraut? Wenn ſie dann, als fürchte ſie ſich ſelbſt eine Rechtferti⸗ gung darüber zu geben, ſich gleichſam ganz insgeheim geſtand, daß etwas in des jungen ſchlanken Mannes Weſen gelegen habe, das ihr Glauben an ihn und Zu⸗ verſicht zu ihm eingeflößt, ſo war das eine Wahrheit, die ihr nach dem Erlebniß mit ihm eine große Heiterkeit ins Herz gebracht hatte. Obwohl ſein Benehmen gegen ſie anfänglich trotzig, zurückſtoßend geweſen war, ſo hatte es ſich doch zuletzt in eine Herzlichkeit umgewandelt, die bei ſeinem gewinnenden Aeußern einen wohlthuenden Eindruck auf ſie gemacht hatte. Und wenn ſie dieſer Erinnerung in dem jeder Zerſtreuung abholden Verhältniß, das wie ein Hohn auf ihre ſchöne Jugend ſie an das einſame Krankenbett der hochbetagten Verwandtin feſſelte, nachgehangen hatte, ſagte ſie faſt traurig zu ſich ſelbſt: Carion, Der alte Defſaner. I. 10 146 „Mir hätte er ſein Wort nicht brechen ſollen, ich hatte ſoviel Glauben an ihn!“ Es war ſchon Ende November. Der Herbſt, der ſich ſo prächtig angelaſſen, hatte ſeine Phyſiognomie bedeu⸗ tend verändert; aus dem fröhlich lächelnden, mit bunten Blättern ſpielenden Knaben war ein wild daherſtürmender Mann geworden, der rückſichtslos Alles niederrannte, was ihm im Wege war; nicht der letzten noch an den Zweigen haftenden Blätter ſchonte er. Kalt und herzlos jagte er über die Felder hin, durchbrauſte die Wälder mit dem Geheul der wilden Jagd, und ſo ſah es überall öde und traurig aus, in Flur und Buſch, auf Höhen und in Thälern, und der Himmel ſpannte eine graue Trauer⸗ hülle über Stadt und Land, als wolle er das farbloſe Naturbild in den Rahmen einer tiefen Troſtloſigkeit faſſen. Mit der Kranken ging es im Gleichverhältniß zu dem den Tod ausſäenden Herbſtunwetter täglich ſchlechter, es war vorauszuſehen, daß ſie der Stunde entgegengehe, in welcher der Ausgleich zwiſchen irdiſcher Größe und tiefem Jammer beginnt. Regina's Ausgänge beſchränkten ſich nur noch auf den jeweiligen Beſuch der Kirche. So kam ſie am erſten Adventſonntage auch aus derſelben zurück. Das eiſige Sturmbrauſen, welches durch die Gaſſen ſo gewaltſam hinfegte, daß es körperlicher Kraft n, ich r ſich dedeu⸗ unten ender was heigen jagte r mit berall n und kauer⸗ blo ſe ſigkeit ß zu echter, iehe, und inkten So elben ) die Kraft 147 bedurfte, um nicht niedergeworfen zu werden, hatte ſie ſo ſehr erſchöpft, daß ſie, im Hausflur angelangt, ſich an die Wand lehnen mußte, um ſich von der großen Anſtrengung zu erholen. Sie hatte ein paar Minuten lang auf dieſe Weiſe geruht, als auf der Treppe raſch herabkommender Männerſchritt hörbar wurde; deshalb raffte ſie ſich auf, um durch den Hof die Hintertreppe hinaufzugehen, da ſie dem Soldaten, als welchen ſit den Herabkommenden in dem Dunkel auf der Treppe erkannt hatte, ausweichen wollte. Kaum hatte ſie einige Schritte gethan, als der halb⸗ laute Ruf ihres Namens ihr zu Ohren drang. Erſtaunt ſah ſie ſich um; der noch auf der Treppe ſtehende Soldat ſtreckte ihr die Hand entgegen. Regina war von dieſem gänzlich unerwarteten Wiederſehen ſo ſehr überraſcht, daß ſie in vollſtändiger Verwirrung fragte:„Ich denke, Er hat ſich erſchoſſen?“ „Ich gab Ihr ja mein Wort, nicht wieder Hand an mich zu legen“, antwortete jener, die wenigen Stufen herabeilend und ihre Hand ergreifend. Da er bemerkte, daß Regina in großer Verlegenheit war, ſagte er:„Wie hat Sie nur dergleichen von mir glauben können! Seit jener Stunde an der Pulverhütte war Sie meine Kö⸗ nigin, meine Regina. Sie weiß doch, daß Ihr Name Königin bedeutet? Was man ſeiner Königin ſchwört, 10* 148 muß heilig gehalten werden, und ich hab's ſo gehalten. Freut Sie ſich nicht darüber?“ „Ja, gewiß“, antwortete Regina ungemein befangen, und in ihrer kaum etwas geminderten Verwirrung fragte ſie:„Wie hat Er denn erfahren, daß ich hier wohne? Es kennt mich ja Niemand in der Stadt.“ „Sie wohnt hier?“ rief der Soldat und über ſein Geſicht flog ein heller Freudenſtrahl.„Wahrhaftig, das iſt eine ebenſo wunderbare Fügung als jene, daß Sie an der Pulverhütte vorübergehen und meine Retterin von einer, wie Sie damals ganz recht ſagte, nie wieder gut zu machenden Unthat werden mußte. Ich bin beim Herrn Major, der hier im Hauſe wohnt, für dieſen Monat als Ordonnanz commandirt und kann Sie alſo alle Tage ſehen, wenn ſie nämlich auch fernerhin geneigt ſein ſollte, in dem Mutterrechte, das Sie ſich an mir erworben, wie Sie damals ſo ſchön ſich ausdrückte, eine Veranlaſſung zu finden, mir zuweilen einen freundlichen Blick und ein gut gemeintes Wort zu gönnen.“ Eine tiefe Purpurröthe färbte Regina's Geſicht, ſie gab keine Antwort darauf, aber der Soldat ſchien durch⸗ aus nicht geſonnen, das glückliche Wiederſehen ungenützt vorübergehen zu laſſen. „Regina heißt Sie, das hat Sie mir geſagt, aber alten. ngen, ragte hne? ſein „das Sie tterin bieder beim dieſen alſo eneigt h an rückte, einen rt zu dt, ſie durch⸗ enützt aber 149 möchte Sie mir nicht auch Ihren Familiennamen ſagen?“ bat er. Mit einer Haſt, die eigentlich nur das Ergebniß des ihr ſich aufdrängenden Gedankens war, ihn gleich⸗ ſam zurückzuſchrecken, aus dem Glauben zu reißen, daß er einem bürgerlichen Mädchen gegenüberſtehe, antwor⸗ tete ſie:„Regina von Mitagsheim; mein Oheim iſt Sr. Durchlaucht des Fürſten Leupold Kanzler.“ „Eine Adelsdame alſo ſind Sie?“ fragte der Sol⸗ dat, ohne ein Zeichen des Schreckens über ſeine Drei⸗ ſtigkeit zu verrathen.„Wie hätte das auch anders ſein können bei einer adligen Geſinnung!“ „Laß Er meine Hand los, ich muß eilen hinauf⸗ zukommen.“ Ehrerbietig küßte der Soldat ihre Hand, dann ließ er ſie los und mit einer Verbeugung ſprach er:„Erlau⸗ ben Sie, Fräulein, Ihnen noch zu ſagen, daß es zwiſchen uns keine andere Schranke des Standesunterſchieds gibt als dieſen Rock, zu deſſen Wahl als Schutzmit. tel vor ſchlechten Menſchen ein ſeltſames Verhängniß mich gebieteriſch zwang. Wenn Sie—“ Geräuſch, von oben herabdringend, unterbrach nicht nur ſeine Weiterrede, ſondern flößte Regina ſo viel Schrecken ein, daß ſie ohne Zögern in den Hof und die Hintertreppe hinaufeilte. Der Soldat blieb einige Se⸗ 150 kunden lang ſtehen, ihr nachſchauend, bis ſie unter dem Wandbogen verſchwand, welcher zu der Hintertreppe führte. Das Haus verlaſſend, ſprach er vor ſich hin:„Re⸗ gina, meine Regina— ja bei Gott, ſie muß meine Regina ſein und bleiben für immer, mag es kommen, wie es will!“ Von dem argen, eiſig durchſchauernden Sturmſauſen auf der Gaſſe ſchien er nicht das Mindeſte zu ſpüren, denn er ging ſo langſam und nachdenklich an den Häu⸗ ſern hin, als wäre das ruhigſte Wetter von der Welt und eine wohlthuende, erfriſchende Mailuft umſpiele ſein Geſicht. Wie der November in ſeinen Endtagen ein gar grimmiges Antlitz zu zeigen begonnen, ſo trat der Decem⸗ ber ganz genau in deſſen Fußtapfen ein. Der Winter in ſeiner unfreundlichſten, läſtigſten Geſtalt zog mit wil⸗ den Schneeſtürmen und dichten, die Luft verfinſternden Nebeln einher als wüthender Feind, der ſelbſt Blitz und Donner in ſeinem Gefolge hatte, um ſeine ſchreckener⸗ regende Erſcheinung noch furchtbarer zu machen; aber trotzdem war er doch für Viele ein Freund verſchwiege⸗ nen Glücks. Regina gehörte unter dieſe Zahl, denn zwiſchen ihr und dem Soldaten Philipp Gruner hatte ſich ein Verhält⸗ niß a niſſes Stütz aufge zug werd alten von ſeine zeige fung ſein Reg verl Glü an „M von Ve⸗ Um aus 151 niß angeſponnen, das, vom Mantel des tiefſten Geheim⸗ niſſes bedeckt, dem jungen Mädchen eine weſentliche Stütze in dem traurigen Pflegeramt wurde, das man ihr aufgebürdet hatte, um an ihr den ihr gewordenen Vor⸗ zug zu rächen, Geſellſchafterin der Prinzeß Louiſe zu werden. Der letzte Tag des Jahres ſah das Begräbniß der alten kranken Verwandtin. Der Kanzler war zu demſelbem von Deſſau gekommen, um bei der Rückreiſe zugleich ſeine Nichte wieder mitzunehmen. Er glaubte, ſie werde ſich außerordentlich heiter zeigen, einer ſolchen für ihre Jugend allzu harten Prü⸗ fung ſich nun enthoben zu wiſſen, und er fand zu ſeinem Erſtaunen das Gegentheil dieſer Erwartung in Regina's Weſen. Sie war traurig, niedergeſchlagen, als verliere ſie durch ihre Rückkehr nach Deſſau ein großes Glück. „Es iſt auffallend merkwürdig, wie ſich der Menſch an Alles gewöhnen kann!“ äußerte ſich der Herr Kanzler. „Man hätte eher denken ſollen, Du würdeſt froh ſein, von hier wegzukommen, als daß Du Kummer um den Verluſt einer alten kranken Frau empfändeſt, die doch als Umgang in Anbetracht Deiner Jugend ſo zu ſagen ein ſcharf ausgeprägter Gegenſatz zu derſelben ſein mußte.“ „Oheim“, entgegnete Regina ernſt,„für Jemand, 152 der von dem Wohlwollen ſeiner nächſten Verwandten ſo ausgezeichnet wird, daß ſie ihn zu einem Liebesdienſte ſolcher Art beſtimmen konnten, iſt es gewiß ein großes Glück, ein Herz gefunden zu haben, von welchem der Abſchied, die Trennung ein Schmerz iſt.“ Der Kanzler ließ wohlweislich dieſen Geſprächsge⸗ genſtand fallen, denn er fand es nicht für rathſam, Vorwürfe ſo gerechter Art von ſeiten Regina's heraufzube⸗ ſchwören, welche nicht nur ein ſehr trübes Licht auf ſeine weibliche Familie werfen, ſondern auch, wenn ſie laut wurden, einer Anklage gegen ihn ſo täuſchend ähnlich ſein mußten, daß Jedermann ſie als eine ſolche und zwar nicht ungerechte anerkannte. Regina verließ Halle mit einem Geheimniß im Herzen, welches der hochſtudirte Herr Oheim freilich nicht ahnte. Als ſie mit ihm den vor dem Hauſe vorgefahrenen Reiſewagen beſtieg, ſtand ein Soldat an der Thür. Re⸗ gina ſchaute, als der Wagen ſchon im Rollen war, noch einmal zurück nach dem Hauſe. Der Soldat ſtand noch da und machte ein militäriſches Honneur. Ein Kopf⸗ nicken Regina's war die Antwort auf dieſen Abſchieds⸗ gruß. Wie ſehr auch das neue Verhältniß, in das ſie nach ihrer Ankunft in Deſſau trat, geeignet war, ſie zu zer⸗ ſtreuen, und wie zum Glücke verändert auch ihre nun⸗ 153 mehrige Stellung bei der ebenſo lebhaften wie liebens⸗ würdigen Prinzeß Louiſe ſich geſtaltete, ſo vermißte ſie doch bei alledem etwas, das zu einem Bedürfniſſe für ihr Herz geworden war. Zwiſchen ihr und dem Soldaten Philipp hatte ſich ein Verhältniß entſponnen, welches unter dem Schutze des Geheimniſſes ſo ſchnell an Innig⸗ keit der Empfindung gewachſen war, daß ſie nun, wo ſie ihn nicht mehr in ihrer Nähe wußte, der traurigen Empfin⸗ dung einer Leere ſich hingegeben ſah, die nur erſt dann, als ſie durch Gottfried Langermann einen Brief von Philipp erhalten hatte, von ihrem Einfluß auf ſie verlor. In Regina's Leben war ein Sonnenſtrahl jenes Glückes gefallen, das wir mit dem allgemeinen Namen Liebe bezeichnen, und er mußte um ſo nachhaltigern Einfluß auf ſie üben, als er eben in der traurigen Vereinſamung, zu der ſie ſich am Krankenbette der alten Verwandtin verurtheilt fühlte, gleich einer Tröſtung vom Himmel ſie aufrecht erhielt und ihr eine bisher unge⸗ kannte Spannkraft verlieh, durch welche es eihr möglich wurde, einem ihrer Jugend gegenüber unnatürlichen Zwange nicht zu erliegen. Das Heiligſte, was die Menſchen⸗ bruſt erfüllen kann, jenes zum hellen glänzenden Lichte 4 aufdämmernde ſüße Empfinden der Zuneigung, die frei von aller herriſchen Leidenſchaftlichkeit als eine das ganze 154 ſeeliſche Weſen wie ein feines Arom durchziehende In⸗ nigkeit ſich nur dem geliebten Gegenſtande offenbart, erhob das junge Mädchen über alle die Selbſtbedenken, die es ſich hätte machen müſſen, wenn nicht dieſe Neigung zu Philipp eine ſo reine, ſo vorwurfsloſe geweſen wäre. Das Geheimniß, das ſich um dieſe Liebe hüllte, war nicht wenig dazu angethan, ſie zu einem Theil ihres Selbſt zu machen. Geheimniſſe ſolcher Art ſind gleich den Beetfenſtern, die dem darunter aufſchießenden jungen Pflanzenwuchſe wohl das wohlthuende Sonnenlicht zu⸗ führen, doch ihn zugleich vor rauhem Luftzuge ſchützen. Es gibt darum nur eine wahre Liebe, und das iſt die erſte, die ein junges Herz durchglüht, jede andere ſpä⸗ tere Zuneigung trägt den Hauch der Leidenſchaft in ſich. Regina, durch ihre Stellung im Hauſe des Onkels zu einer Zurückgezogenheit in ſich ſelbſt angewieſen, empfand eben deshalb viel tiefer als andere ihres Geſchlechts. Freude oder Leid fanden in ihrem Nachdenken einen ungemein fruchtbaren Boden, und die Innigkeit ihres ſo gebieteriſch zur Selbſtſchau gedrängten Gemüths gab daher auch folgerecht Allem, was ſie angenehm und wohl⸗ thuend berührte, den Anhauch eines Glücks, welches ſie ſo lange als möglich feſtzuhalten ſuchte. Sie war zu jener Schwärmerei geneigt, welche das Gemüth zum ſtillen verborgenen Heiligthume um 155 wandelt und zur feſten, wenngleich nach außen hin nicht wahrnehmbaren Stütze für das wird, was als Allerhei⸗ ligſtes unabläſſig Gedanken und Empfindungen anregt. Zwiſchen ihr und Philipp gab es kein Geheimniß; ſie wußte, wer er war, und dieſe Kenntniß überhob ſie jeder Selbſtbeſchuldigung, einer Neigung zu folgen, welche der Tadel der Unſtatthaftigkeit treffen mußte, ſobald der jetzige Stand der Niedrigkeit des jungen Mannes allein in Beurtheilung kam. Mit ihrer Rückkehr nach Deſſau würde das Ge⸗ heimniß ſein Ende erreicht haben, wenn Regina in Gottfried Langermann nicht einen verſchwiegenen Freund gekannt hätte, der, das war ſie von ihm überzeugt, un⸗ ter allen Umſtänden ihr Beiſtand leiſten würde. Sie hatte ſich nicht getäuſcht, Gottfried übernahm die Vermittelung eines Briefwechſels zwiſchen ihr und Philipp. Deſſau war damals mit Halle hinſichtlich der militäriſchen In⸗ tereſſen, die den Fürſten angelegentlichſt beſchäftigten, aufs engſte verbunden und folgerichtig ein ſehr ſtarker Verkehr zwiſchen beiden Städten im Gange, was natürlich auch der Briefbeförderung beſonders zu ſtatten kam. Wer wäre wohl auf die Vermuthung gekommen, daß eines armen Muſikers Unbedeutendheit einer geheimen Correſpondenz ſolcher Art als ſicherſter Schutz gegen mögliche Entdeckung diene? 156 Gottfried gehörte ſeiner Stellung nach zu dem Theile der Einwohnerſchaft, deſſen Verkehr Niemandes Neugier reizt, wie überhaupt arme Leute in ihren Lebensverhält⸗ niſſen keiner beſondern Beachtung unterworfen ſind. Viele hielten ihn für einen Narren, weil eer es beſſer hätte haben können, als er es wirklich hatte, wenn er nicht ganz aus der Art ſeiner Familie geſchlagen wäre, was ihm den bitterſten Groll, die offenbarſte Abneigung ſeines Oheims, des würdigen Peter Langermann, zugezogen, ſo⸗ daß er von dieſem auch nicht die mindeſte Unterſtützung empfing. Solange die Familie Langermann beſtand, waren deren männliche Sprößlinge echte Waidmänner im fürſt. lichen Dienſte, gleichſam geborene Jünger des heiligen Hubertus geweſen, ein Ruhm, den Peter Langermann nicht hoch genug anſchlagen zu können glaubte und der zugleich das feſteſte Fundament eines Stolzes war, wel⸗ cher den alten Waldmenſchen durch und durch beſeelte. Um ſo empfindlicher mußte der Gedanke bei ihm ein⸗ greifen, daß der letzte der Langermanns ſich ſo ſchmäh⸗ lich verworfen habe, daß auch kein Tropfen Jägerblut in ihm zu verſpüren ſei. Für einen ſolchen Verworfenen irgend eine verwandtſchaftliche Zuneigung nur zu äußern oder ihn gar zu unterſtützen, würde der Alte als ein unverzeihliches Vergehen gegen die Ehre ſeiner bereits 157 unter kühlem Graſe ruhenden Vorfahren betrachtet haben; aber es wurmte tief in des grauhaarigen Waidmanns Herzen, eine ſolche Schande zu erleben. Obwohl Marthe als eine Frau von echt praktiſcher Natur ihrem Alten in dieſer Anſchauungsweiſe nur Recht geben konnte, ſo fand ſie ſich doch bewogen, für ihren Neffen zu thun, was in ihren Kräften ſtand, um ihn nur einigermaßen über Waſſer zu halten, wie ſie ſagte. Peter Langermann hatte den Taugenichts von Muſi⸗ kanten nicht mehr im Hauſe gelitten, weil das ein Skandal für einen Jäger ſei, dergleichen Tagedieberei in ſeinen vier Pfählen zu dulden, und Frau Marthe brachte ihn im Hauſe ihrer Muhme, der Frau Feldwebel Brommer, unter. Gottfried's Verdienſt durch Aufſpielen bei Tanzmuſiken in der Stadt und Umgegend war ſehr kümmerlich, indeß er ließ keine Klage deshalb hören, ſein Jugendmuth überwand dieſe harte Prüfung um ſo eher, als er ſich nun im vollen Beſitze der Freiheit fühlte, ſeiner Neigung zur Muſik unbehindert nachzu⸗ leben. 1 Sein gefälliges Aeußeres, ſeine freundlichen Manieren und vor allem ſeine unverwüſtliche Heiterkeit hatten ihm nicht nur Frau Brommer's Zuneigung erworben, ſondern auch die ihrer älteſten Tochter Sibylle, eines jungen Mädchens, das merkwürdigerweiſe, ohne Schwärmerin AA 158 zu ſein, eine ſehr lebhafte Empfindungsfähigkeit für Höheres, Edleres, als in dem Familienkreiſe eines Feld⸗ webels vorzukommen pflegt, beſaß. Dieſe Gleichſtim⸗ mung führte zwiſchen Gottfried und Sibylle ein engeres Aneinanderſchließen herbei, und der junge Muſikus, dem jetzt noch der Blick in die Zukunft als eine ihm ſehr fernliegende Nothwendigkeit erſchien, gab ſich der ihm ſich bietenden freundlichen Gegenwart ohne alle Bedenk⸗ lichkeit hin. Er beſaß in vollem Maße die glückliche Gabe des leichten Muſikantenhumors, der ſich den Kummer nicht ſo leicht über den Kopf wachſen läßt und ſich deſſen freut, was die Minute ihm Gutes bringt. Eine höchſt günſtige Wendung für ihn datirte ſich von dem Tage an, als ſeine Muhme, Frau Marthe, ihn beim Kanzler, Herrn von Mitagsheim, empfahl, deſſen Steckenpferd, wie alle Welt wußte, Geigen⸗ und Klavier⸗ ſpielen war. Bis zu ihrer Verheirathung mit Peter Langermann hatte ſie im Mitagsheim'ſchen Hauſe ge⸗ dient, der Kanzler es aber nicht vergeſſen, wie ſeine Aeltern ſie als eine Perle von Treue und Redlichkeit ſchätzten, und darum fand Gottfried auf ihr Verwenden auch Zutritt zu ihm. Obwohl nur Dilettant, erkannte Herr von Mitagsheim doch ſchnell das große Muſik⸗ talent des jungen Mannes, deſſen aufrichtiges Weſen ihm beſonders wohl gefiel, ſodaß er ihn nicht nur 159 mit baarem Gelde, ſondern auch durch eine warme Em⸗ pfehlung an den Organiſten der Schloß⸗ und Stadt⸗ kirche zu St.⸗Mariä unterſtützte, welcher letztere ihm darauf unentgeltlichen Unterricht ertheilte und, um ihn jener traurigen Muſikmacherei auf Tanzböden zur Er⸗ werbung des täglichen Brodes zu entreißen, den Ver⸗ dienſt der Notenſchreiberei für kirchliche Muſik zu⸗ wendete. Wenngleich Frau Marthe keine Ahnung von dem hohen Werthe der Muſikkunſt hatte, ſo ſtieg doch, als ſie die Verſicherungen des Herrn Kanzlers wie des Herrn Organiſten hörte, daß ihr Neffe bei ſeinem Fleiße und ſeinem Talente unter halbwegs ihm günſtigen Umſtänden eine ſehr gute Stellung bei einer der berühmten Muſik⸗ kapellen an großen Fürſtenhöfen erringen könne, in ihr die Vermuthung auf, daß die Muſik nichts ſo Nutzloſes und keine Tagedieberei ſei, wie ihr Peter ſich auszu⸗ drücken pflegte. Es würde Gottfried's leicht zum Vertrauen geneigtem Weſen widerſprochen haben, wenn Regina's freundliche Theilnahme an ſeinem Geſchicke ihn kalt gelaſſen hätte; es war ihm nicht entgangen, in welchem drückenden Verhältniſſe ſie in des Oheims Hauſe lebte, und er ver⸗ ſicherte ihr eines Tages, wo er die Bemerkung machte, daß ihre ſchönen hellen Augen thränenfeucht waren, daß 160 ſie, wenn er je im Stande ſein ſollte, etwas zu ihrem Glücke beizutragen, unbedingt auf ihn zählen könne. Es war damals keine Ausſicht vorhanden, daß Regina je in die Lage kommen könne, von dieſem Anerbieten Ge⸗ brauch zu machen, doch als ſie von Halle nach Deſſau zurückgekehrt war, blieb er der einzige Freund, von deſſen rechtſchaffenem Herzen ſie ſich überzeugt hielt, daß er ihr Vertrauen nicht mißbrauchen werde. Unter ſeiner Vermittelung fand, wie ſchon erwähnt, die ge⸗ heime Correſpondenz zwiſchen ihr und Philipp ſtatt. Regina's Stellung als Geſellſchafterin der Prinzeß Louiſe war eine ſehr angenehme und bald verband beide eine recht innige Freundſchaft. Der Prinzeſſin ungekün⸗ ſteltes, lebhaftes Naturell und ihre Herzensgüte konnten nicht ohne Einfluß auf ihre Geſell ſchafterin bleiben, und Regina würde ſich an ihrer Seite vollkommen glücklich gefühlt haben, wenn nicht zuweilen recht ſchwere Be⸗ ängſtigungen ihr das Herz bedrückt hätten. Konnte nicht ein zufälliger Verrath ihr Geheimniß vor aller Augen enthüllen? Denn es war für Gottfried mit ziemlichen Schwierigkeiten verbunden, da ſie jetzt nur ſelten im Hauſe ihres Oheims verkehrte, ihr die an ſie gerich⸗ teten Billets zuzuſtecken, wie es nicht minder ſchwierig war, ihre Antworten in ſeine Hand zu bringen. Indeß das Glück war ihr günſtig, es erfolgte keine Entdeckung. 161 und als das Frühjahr mit ſeinen linden Lüften und ſeiner grünen Pracht wiedergekommen, verfiel Gottfried auf die Idee, daß ſich die Einhändigung der gegenſeitigen Correſpondenz am leichteſten bewerkſtelligen laſſe, wenn ſie die Prinzeß Louiſe dahin bewege, zu gewiſſen Stunden mit ihr den Thiergarten zu beſuchen, wo er gleichzeitig beim Oheim Peter Langermann, ohne Aufſehen zu er⸗ regen, ſich einfinden könne. Dieſer Plan kam zur Aus⸗ führung. Die Prinzeß, welche glaubte, Regina ſei eine große Freundin der grünen Waldfreiheit, fand in der Beſtim⸗ mung zu dieſen Beſuchen eine um ſo größere Freude, als ſie ihrer Freundin dadurch einen Wunſch erfüllen konnte. Peter Langermann, bei dem kein Verſuch ſeiner Frau, ihn mit dem Neffen, den er ein entartetes Reis am Stamm der Langermanns nannte, anſchlug, fand in deſſen Kommen jedesmal die Veranlaſſung zu gehen. Der alte Mann zog dann mit ſeinem ſchweren Grolle in den friſchen duftigen Wald hinein, auf deſſen Aeſten und Zweigen die Vöglein vom Glücke der Liebe und des Wiederfindens ſangen und wo über ſeinem grauen Haupte die Sonnenſtrahlen mit ihren blendenden Lich⸗ tern die ſaftig grünen Blätter zu durchſichtiger Sma⸗ ragdherrlichkeit unwandelten. Alles über und um ihn zeigte Luſt und Lebensfreude und nur er allein trug die finſtere Nacht der Unverſöhnlichkeit in ſich! Carion, Der alte Deſſauer. I. 11 162 Anfänglich hatten die Beſuche der Prinzeß mit Re⸗ gina der Frau Marthe Langermann ungemeines Ver⸗ gnügen gemacht; ſie fand eine beſondere Ehre darin, daß ſich das liebenswürdige„Prinzeſſel“ zu ihr auf die Bank vor dem Hauſe ſetzte und ſo ſeelenfroh mit ihr plauderte, als wäre ſie ihresgleichen; aber eines Tages fiel es der Frau Marthe doch ganz beſonders auf, Fräulein Re⸗ gina in vertraulich⸗heimlicher Unterhaltung mit dem Neffen zu ſehen, ſodaß ſie bald von der Ahnung, dieſe Ver⸗ traulichkeit könnte ihre beſondere Urſache haben, erfaßt wurde. Sie beſchloß dieſe Wahrnehmung weiter zu ver⸗ folgen, und zu ihrem größten Schrecken glaubte ſie ihren Verdacht, ein geheimes Liebesverhältniß beſtehe zwiſchen ihnen, beſtätigt zu finden. Frau Marthe hatte„Durch⸗ lauchtchen“ dieſe Mittheilung gemacht, weniger als ein Ergebniß ihrer Geſchwätzigkeit als ihres guten Herzens, welches durch die Begnadigung des Neffen zu einem aufrichtigen Erguſſe alles deſſen, wovon es bewegt wurde, vermocht worden war. Zu dieſem Zeitpunkte hatte ſich die Situation jedoch gänzlich verändert. Philipp, vom Major ſeines Ba⸗ taillons als ein ganz ausgezeichneter Schreiber empfoh⸗ len, befand ſich ſeit einer Woche in der Kanzlei für mili⸗ täriſche Angelegenheiten zu Deſſau, und jene geheime Cor⸗ reſpondenz mit Regina von Mitagsheim hatte demnach ihr ſein wäh ſot daſe zu ſ perſ Hal Nich als bede Bez! Sol 163 Ende erreicht. Der Fürſt fand offenbar Gefallen an dem hübſchen Kerl, der mit Brommer um den Preis militäriſcher Propreté zu ringen ſchien und noch oben⸗ drein dieſem Staatsfeldwebel gegenüber im Beſitz eines Vorzugs war, nämlich des Vorzugs eines jugendlichen Alters. Die Kanzlei befand ſich dem Fürſten zur Hand, das heißt, im Schloſſe ſelbſt, während der in ihr fungirende Schreiber bei Brommer einquartiert war. Für Philipp zeigte ſich der erſtere Umſtand als beſonders günſtig, da ſeine Function im Schloſſe ihm die Möglichkeit ge⸗ währte, Regina zu ſehen und auch gelegentlich zu ſprechen. Was ſein Quartier bei Brommer anlangte, ſo wußte Philipp den Vortheil, in Gottfried einen Freund daſelbſt zu beſitzen, als eine nicht kleine Schickſalsgunſt zu ſchätzen. Beide junge Männer kannten ſich bereits perſönlich, denn Gottfried hatte einige Ausflüge nach Halle gemacht, wo er ihm von Regina Briefe gebracht. Nichts verrieth jedoch dieſe Bekanntſchaft zwiſchen ihnen, als Philipp ins Quartier bei Brommer kam. Der Feldwebel bemerkte ein paar Tage ſpäter mit bedeutender Betonung gegen ſeine Tochter Sibylle in Bezug auf Philipp: „Das iſt ein Kerl, wie vom Herrgott extra zum Soldaten geſchaffen. Den mußt Du angeln, Bille, wenn 11* 164 Du vernünftig ſein willſt. Was ſoll das alberne Ge⸗ plänkel mit dem Muſikanten, der's in ſeinem ganzen Leben nicht über die lumpige Bierfidelei hinausbringen wird? Kreuzdonnerwetter, wäre mir gelegen, mein Mädel einem Vagabonden zum Weibe zu geben, denn was iſt ſeine ganze Muſikerei anders als leeres Stroh⸗ dreſchen! Aber der da, dem ſteckt ein prächtiger Feld⸗ webel ſchon jetzt in den Knochen, das ſage ich, und Durchlaucht hat ſich ſchon vernehmen laſſen:„Schwerenoth, freue mich, einen ſo ſtrammen Kerl in der Kanzlei zu haben, ſieht nach was aus, äſtimire ſolche Leute, die den Pli weg haben.“ He, Bille, ne Frau Feldwebelin wäre doch was ganz Anderes als ein hungeriges Muſi⸗ kantenweib?“ „s kommt darauf an, Vater“, hatte Bille kurz geantwortet.„Ich kenne den Menſchen ja noch gar nicht.“ Feldwebel Brommer war in allen Stücken ſeines durchlauchtigen Herrn Abbild. Ihm wie dieſem ging der Soldatenſtand über Alles, und war Brommer auch nicht von ſo wilder Art wie ſein gnädigſter Herr Leupold, ſo fehlte es ihm doch keineswegs an jener ſolda⸗ tiſchen Ueberhebung, die Alles, was außerhalb militäri— ſcher Schranken ſich bewegt, mit ungemeiner Verach⸗ tung betrachtet. Die Liſt erſchien ihm ebenſo wie cher klei wet Leb byl ſeit He⸗ zen gen tein enn toh- feld⸗ und oth, i zu die elin uſi⸗ kurz gar ſeines ging auch pold, olda⸗ itäri⸗ 165 ſeinem Kriegsherrn eine erlaubte Hülfe, und da er zur Freude ſeines gnädigſten Herrn Leupold bei ſo vielen Gelegenheiten ſchon eine ganz achtbare Speculationsgabe in dieſer Beziehung an den Tag gelegt hatte, ſo ward es ihm jetzt nicht ſchwer, etwas zu erfinden, was im Stande war, den Muſikanten Gottfried Langermann, den er ebenſo wie deſſen würdiger Vetter Peter für nichts Anderes als einen Tagedieb anſah, auf eine durchgrei⸗ fende Manier für immer aus ſeinem Hauſe zu ſchaffen, ohne daß er als Urheber dieſes Anſchlags erſchiene. Vor einer ſolchen Deutung ſuchte er ſich deshalb zu ſichern, weil er, der rieſengroße und höchſt mannhafte Feldwebel, jedem Disput mit ſeiner Ehehälfte auszuwei⸗ chen Urſache hatte, denn bei ſolchen Gelegenheiten war er jederzeit der Unterliegende. Das gute Mundwerk der kleinen Frau bearbeitete ihn, ohne ſich vor ſeinem Los⸗ wettern zu fürchten, auf eine ſo determinirte Weiſe, daß es ihm ganz unmöglich wurde, dagegen aufzukommen. Die Nachwehen ſolcher ehelichen Fehden brachten ſeine Reputation noch viel mehr herunter, denn Frau Eva Brommer verſtand es prächtig, ihm durch Schmollen das Leben ſauer zu machen. Daß ſie und ihre Tochter Si⸗ bylle große Stücke auf Gottfried hielten, wußte er zu ſeinem Aerger, ebenſo, welch ein Spektakel entſtehen würde, wenn er auf Entfernung dieſes muſikaliſchen Va⸗ 166 gabonden aus dem Hauſe dringen wolle; deshalb war er ſehr erfreut, auf eine Liſt verfallen zu ſein, deren Ur⸗ heberſchaft Gottfried's Oheim mit vieler Glaubwürdigkeit in die Schuhe geſchoben werden konnte. Die Rekrutenaushebung, wie Fürſt Leupold ſie betrieb, trug den vollkommenen Charakter der Brutalität, wie ſie damals beim Militär gäng und gebe war; ſie ſchmeckte ſo ganz nach der Art und Weiſe eines Ueber⸗ falls, daß ſie unbedenklich eine Menſchenfängerei ge⸗ nannt werden konnte. Die jungen Männer, welche durch ihr Aeußeres als tauglich betrachtet werden konnten, wurden gewöhnlich zu einer und derſelben Stunde feſt⸗ genommen, ja ſelbſt auf der Straße abgefangen, wenn man ſie etwa nicht zu Hauſe fand. Dem Fürſten Leupold machten dergleichen ſchreckhafte Ueberraſchungen viel Spaß und die Deſſauer mußten es immerhin noch als eine Mäßigung ihres durchlauchtigen Landesvaters erachten, daß er die Rekrutirung nicht auf jene ſchändliche Weiſe betrieb, wie der kurſächſiſche Feld⸗ marſchall von Schöning, welcher in den ſächſiſchen Städten und Dörfern die waffenfähigen Männer des Sonntags auf dem Wege zur Kirche oder vor der Kirchthür, wenn der Gottesdienſt geendet hatte, wegfangen ließ, ein Gebaren, um deſſenwillen ihn das Volk laut auf den Straßen verfluch te, bis er unter der Laſt dieſes all⸗ 167 gemeinen Weheſchreis, der ſelbſt von den Kanzeln herab ſeinen Namen als den eines Gottloſen brandmarkte, in Wahnſinn dahinſtarb. Lieutenant Bonnafox leitete diesmal die Rekrutirung und Gottfried verfiel derſelben, es gelang ihm jedoch, wie bereits erzählt, mit andern ſeiner Unglücksgefährten zu entweichen. Keine Annahme war ſo naheliegend, als daß der Oheim Peter thätig bei dieſer dem jungen ſtattlichen Mann geſchehenen ſchreckhaften Ueberraſchung geweſen ſei, weshalb Frau Eva Brommer und ihre Tochter Sibylle auch den Vater Feldwebel nicht mit Vorwürfen überhäuften. Seine Liſt war gelungen; daß der Fürſt ganz beſondere Gnade gegen Gottfried walten ließ, ſchwächte den Erfolg derſelben nicht. Gottfried, zum Jagdpfeifer beſtimmt, mußte auf fürſtlichen Befehl beim Oheim wohnen und durfte die Stadt auf eine lang hinaus feſtgeſetzte Zeit nicht betreten, damit ihm die Raupen aus dem Kopfe gingen. Regina war außerordentlich durch das Unglück ihres treuen und rechtſchaffenen Freundes betroffen, zu deſſen Erlöſung aus dem verhaßten Zwange ſie keine Möglich⸗ keit ſah. Es fiel ihr ſchwer aufs Herz, nichts für ihn thun zu können, der ihr ſo thätig beigeſtanden hatte. Nur einmal hätte ſie ihn ſprechen mögen, doch auch dies war nicht in Ausführung zu bringen, denn Prinzeß Louiſe 168 hatte ſtrengſte Ordre vom durchlauchtigen Herrn Papa erhalten, ihre Spaziergänge nicht mehr bis in den Thier⸗ garten auszudehnen. Warum das? Sie und Regina konn⸗ ten ſich die Urſache dieſes Verbots, das natürlich auch die letztere mit betraf, nicht enträthſeln. Erſt an jenem Tage, wo die Erbprinzeffin von Barby zu Beſuch bei der durchlauchtigen Frau gekom⸗ men war, dieſe letztere Regina nach jener freundlichen Zuſprache im Rondel verlaſſen hatte, begann ſich der Schleier dieſes Räthſels für dieſe zu lüften. Welche Täuſchung hatte den Irrthum hervorgerufen, in dem ſich die durchlauchtige Frau über ſie und Gottfried be⸗ fand? Aber noch weit mehr beſchäftigte ſie der Drang, den armen Gottfried von der Hoffnung zu unterrichten, welche die Fürſtin ihr hinſichtlich ſeiner gegeben hatte. Wer anders konnte der Ueberbringer dieſer frohen Bot⸗ ſchaft an ihn ſein als Philipp? Und daß dieſer nicht zögern würde, dieſelbe zu übernehmen, deſſen war ſie gewiß. Deshalb kam ihr die verlorene Heiterkeit wie⸗ der, welche ihrer anmuthigen Erſcheinung als Glorie diente, und die durchlauchtige Frau nickte ihr freundlich zu, als ſie ſie ſo aufgeheitert ſah. 169 VI. Die Glocken riefen zur Nachmittagskirche, als Feld⸗ webel Brommer mit Frau und Tochter, letztere Arm in Arm mit Philipp, nach dem Thiergarten promenirten. Es war ein ſchöner Sonntagsnachmittag, ſo recht ſon⸗ nengoldig, ohne jedoch zu übermäßig heiß zu ſein. Im duftigen Waldſchatten mußte es ſich prächtig ruhen, und dieſe Erwartung ſchien bei den vier Spaziergängern im voraus eine beſonders gute Stimmung bewirkt zu haben. Der würdige Feldwebel, welcher mit ſeiner CEhehälfte ein gut Stück Weges entfernt hinter ſeiner von Philipp geführten Tochter einherſchritt, ſtrich ſich, beide im Auge habend, höchſt wohlgefällig ſeinen Staatsſchnauzer ein⸗ mal ums andere und drehte als beſonderes Zeichen guter Laune deſſen Spitzen kunſtvoll zwiſchen den Fingern. „Ich ſollte meinen“, hob er endlich an,„die Beiden davorn müßten ein ganz koſtbares Pärchen abgeben. Der Philipp iſt'n Kerl aus dem ff, gewachſen wie eine Tanne und propre, daß er alle Stunden zur Parade gehen kann, ſchließlich ein hübſches Mannsbild, als hätt' ihn ſo'n Pinſelfritze angemalt, daß er wie Milch und Blut ausſehen ſoll, und unſere Bille iſt auch kein im Wachsthum zurückgebliebener Knirps, ſondern'n Mädel, 170 dem man's anſieht, daß der Vater das richtige Maß hat, um bei Sr. Durchlaucht Halleſchem Regimente nicht hinten im letzten Gliede ſtehen zu müſſen.“ Ein ſehr wohlgefälliges Lächeln überſchwebte das breite und von Geſundheit ſtrahlende Antlitz des würdi⸗ gen Feldwebels, wobei er wie zufällig einen Blick an ſich heruntergleiten ließ, als wolle er ſich hinſichtlich ſeiner ſchmucken Perſönlichkeit eine ſchmeichelhafte Befriedigung verſchaffen. Frau Eva ſah weniger zufrieden aus als ihr mar⸗ tialiſcher Eheherr. Den Blick ſehr mißmuthig auf die vor ihr hergehenden Beiden gerichtet, ſagte ſie nach einer Weile: „Hm, ich will nicht dagegen ſprechen, daß der Phi⸗ lipp''n ganz hübſcher Menſch iſt und daß er mit der Zeit es bis zum Feldwebel bringen kann—“ „Bringen wird, Frau“, fügte der Feldwebel ſchnell hinzu.„Hat's richtige Zeug zu ſolch einer Charge. Das kannſt Du freilich nicht beurtheilen, glaub's ſchon.“ „Die Sonne ſcheint Dir wohl gerade nieder auf den Kopf, daß Du ſo dummes Zeug ſchwatzeſt, Brom⸗ mer!“ entgegnete die kleine Frau ärgerlich.„Wachſen die Feldwebel bei Euch jetzt wie die Rettige in ſo und ſo viel Wochen? Jetzt iſt der Menſch noch Stockgemei⸗ ner, ehe er ein Chargirter wird, hat's Zeit. Mache mich taß icht das rdi⸗ an iner ung nar⸗ die iner Phi⸗ der nell Das auf om⸗ ſen und ei⸗ mich 171 doch nicht dumm, als wenn dergleichen über Nacht paſſi⸗ ren könnte. Wie lange haſt Du gebraucht, ehe Du Feld⸗ webel wurdeſt, und biſt noch obendrein ein guter Freund vom gnädigſten Herrn Leupold und haſt die Kriege mit⸗ gemacht! Wenn die Bille ſo lange warten ſoll, ehe ſie unter die Haube kommt, wird ſie alt dabei und kriegt's Geſicht voll Runzeln.“ „Wenn der Philipp einmal Corporal iſt, kann's ſchon losgehen mit den Beiden“, meinte Brommer. War's mit uns anders, Eva?“ „Was Ihr Mannsleute doch für'ne kurzſichtige Ge⸗ ſellſchaft ſeid!“ rief die kleine Frau, welche wie ein Da⸗ vid neben dem Goliath von Cheherrn einherſchritt.„Mit mir war es ein Anderes. Ich, als einzige Tochter meiner ſeligen Aeltern, hatte einen Rückhalt, will ſagen eine Erbſchaft zu erwarten, Du ſetzteſt Dich von Anfang an in ein warmes Neſt, wir brauchten nicht von Deinen paar Groſchen Löhnung zu leben. Außer der Bille haben wir noch drei Kinder, das will was ſagen! Ver⸗ ſtanden?“ Feldwebel Brommer blieb ſtehen, ſtemmte ſeinen Stock mit ausgeſtreckter Rechten gravitätiſch in den Sand des Weges und ſchlug ein lautes Gelächter auf. „Iſt er denn ganz von Sinnen?“ fragte die Frau zornig.„Herrgott,'s iſt nicht auszuhalten mit den Manns⸗ bildern! Da lacht er wie'n Schießvogel, wenn man von ernſthaften Dingen redet, als wär' es eitel Spaß.“ „Iſt's auch“, ſagte Brommer grob.„Dummes Zeug durch und durch. Von was ſoll der Muſikante die Bille ernähren? He, möcht' es wiſſen. O Du kluge Frau! Von der Eva, die vom Baume der Erkenntniß genoſſen hat, kannſt Du meiner Seel' nicht abſtammen, das muß eine andere Eva geweſen ſein, eine, die vom Baume der Dummheit ſich einen Holzapfel abgeriſſen.“ Dieſes Zwiegeſpräch, welches im beſten Zuge war, das würdige Ehepaar in das Gleis ehelicher Zänkerei zu bringen, fand dadurch eine rechtzeitige Unterbrechung, daß Philipp und Bille, als ſie das Familienoberhaupt ſo gewaltig lachen hörten, nach demſelben zurückgewendet, ſtehen geblieben waren.„Was hat denn der Herr Vater, daß er ſo kreuzfidel iſt?“ fragte Bille, und Philipp meinte: „Der Herr Feldwebel iſt heute ja gar luſtiger Dinge.“ „'s iſt manchmal ſo, beſonders Sonntags, wenn die Sonne ſo ſchön ſcheint“, antwortete Brommer.„Und wenn die Mutter noch obendrein ſo guter Laune iſt und mir Geſchichten zum Teufelholen erzählt, da muß man losplatzen, man mag wollen oder nicht. Uebrigens denke ich,'s iſt hier'n ganz hübſcher Ort zum Lachen,'s fällt kein Haus davon ein und es wird auch keine Seele davon an Zahnweh ſterben. Vorwärts! Marſch!“ 173 an Alle vier ſchritten nun, ohne daß auf dieſe ſarka⸗ 6,⸗ ſtiſche Antwort des würdigen Feldwebels eine Bemer⸗ Yug kung geäußert wurde, dem Thiergarten zu, an deſſen lle Eingange Peter Langermann's Haus ſtand, deſſen Hunde u! durch Mark und Bein erſchütterndes Gebell ihre Ankunft en anzeigten. Frau Marthe war die erſte am Platze, welche uß die Ankommenden mit ungemeiner Redſeligkeit empfing der und über den unerwarteten, aber um ſo liebern Be⸗ ſuch aufs freudigſte überraſcht zu ſein verſicherte; dann ar, kam Herr Peter Langermann aus dem Hauſe, welcher, erei ehe er zur Begrüßung gelangen konnte, erſt mit der ng, Peitſche die lärmenden Vierfüßler zur Ruhe bringen upt mußte. det,„Alter Peter, wir ſind Dir vier Mann hoch vors ter, Quartier gerückt, Du biſt doch nicht brummig darüber?“ te: ſagte der Feldwebel, dem weißhaarigen Waidmann die he.“ Hand reichend, und nachdem dieſer verſichert hatte, daß enn er ſolche Beſucher ſehr gern ſehe, nahm jener wieder Und das Wort, um ihm Philipp vorzuſtellen.„Der Herr und Philipp ſieht verdammt fürnehm aus, als wäre er ein ran Stück Offizier“, bemerkte Peter. nke„Vor der Hand aber nur gemeiner Grenadier und ällt gegenwärtig als Schreiber in der Militärkanzlei Sr. ele Durchlaucht angeſtellt“, fügte Frau Eva hinzu, wodurch ſie ihrem Zorn über den unſchuldigen Gegenſtand des 174 noch ſehr ſtark in ihrer Erinnerung befindlichen Zankes mit ihrem Ehemanne Luft zu machen ſuchte. „Sage Er mir, Herr Förſter, ſind die gewaltig hohen Bäume da gleich ſo groß, wie ſie jetzt ſind, aus der Erde hervorgekommen?“ fragte Brommer nach den vieläſtigen Lindenſtämmen zeigend. „Will Er mich narren, Herr Brommer?“ entgegnete Peter.„Das weiß doch jeder Schulbube, daß eine Menge Jahre dazu gehören, ehe das Bäumchen zu ſol⸗ chem Baume erwächſt.“ „Aber mein Weib weiß es doch nicht, ſonſt würde es nicht ſo albern ſein und ſich erinnern, daß Feldwebel nicht wie die Pilze nach einer Regennacht aufſchießen, ſondern von der Pike an gedient haben müſſen. Aus dem Grenadiergemeinen wird erſt nach und nach ein Feldwebel, und dazu gratulire ich Ihm im voraus, Philipp, wenn es auch noch einige Jährchen bis dahin dauert.“ Frau Eva hatte heute einen offenbaren Unglückstag und ihr Gemüthszuſtand war daher kein beſonders freundlicher. Sie trug einen ſchweren Aerger über ihre Tochter in ſich, welche ihre Zuneigung zum Gottfried, dem ſie, die Mutter, ſehr geneigt war, ganz und gar aufgegeben zu haben ſchien um des ſchmucken Philipp willen, der ihr gewaltig in die Augen ſtach und gegen H H P 175 welchen ſie einen Reſpect zeigte, als wäre er ein großer vornehmer Herr, denn ſie nannte ihn auch nicht anders als„Herr Philipp“. Frau Eva war ſehr aufgebracht, daß ihre Bille eine ſolche Wandelbarkeit in ihrer Liebe an den Tag legte. „Das zeigt von einem ſehr veränderlichen Herzen und ein ſolches Herz iſt ſchlecht. Hätte meiner Tochter dergleichen Faſelei nicht zugetraut und ſchäme mich in ihre Seele hinein, daß ſie ein Geſchöpf iſt, das ſich wie eine Wetterfahne um ihre Spindel dreht“, hatte die, was die Treue betraf, höchſt reſpectable Frau gegen ihren Mann gezäußert, der ſich ganz in der Manier ſeines durchlauchtigen Herrn vergnügt die Hände rieb, denn er hielt ſich feſt überzeugt, ſeine Andeutung wegen Philipp habe bei Bille dieſe Veränderung hervorgebracht. Es war auch wirklich auffällig, daß das Mädchen, welches anfänglich ſo wenig Notiz von dem Philipp genommen, gleichſam im Handumdrehen andern Sinnes geworden war und, als Mutter Eva ſie deshalb zur Rede ſetzte, lachend zur Antwort gegeben hatte: „Laſſe Sie ſich, Frau Mutter, deshalb kein graues Haar wachſen! Ich weiß ſchon, was ich thue, und der Herr Philipp gefällt mir nun einmal,'s iſt'n bildſchöner Mann und für dergleichen bin ich auch nicht blind.“ Hatte Frau Eva ſich ſchon über dieſe Entgegnung 176 ſchwer entſetzt, ſo wuchs der Zorn über ihre Tochter noch weit mehr, als Vater Brommer für den Sonntags⸗ nachmittag den Spaziergang nach dem Thiergarten vor⸗ ſchlug und Bille lebhaft dafür ſtimmte, wenn der Herr Philipp ſie begleiten dürfte, was vom Vater Feldwebel ſofort nicht nur als ſtatthaft, ſondern auch als höchſt wünſchenswerth bewilligt wurde. Das war in Frau Eva's Augen zu arg, ein ſolcher Hohn für den armen Gott⸗ fried von ſeiten Billens grenzte ans Unbegreifliche, und ſie würde ſich ſicher nicht an dem Spaziergange bethei⸗ ligt haben, wenn ſie nicht geglaubt hätte, durch ihre Ge⸗ genwart wenigſtens das Verletzendſte dieſer Liebloſigkeit ihrer eigenen Tochter dem beklagenswertheſten aller Jagd⸗ pfeifer gegenüber unmöglich zu machen. Der Gang nach dem Thiergarten gab ihr erſt recht Gelegenheit zum Aerger über Bille. War das ein geheimnißvolles Ziſcheln und Flüſtern zwiſchen den beiden vor ihr her⸗ gehenden jungen Leuten, als könnten ſie ſich nicht genug Süßes und Liebes ſagen, und das Mädchen ſah ſo heiter aus, daß ihm das Glück, wie man zu ſagen pflegt, aus den Augen ſtrahlte. Vor dem Hauſe hatte Frau Marthe den Tiſch gedeckt und Bier, Brod, Butter und deliciös durchzogene Käs⸗ chen, ſogenannte Quärgel, aufgeſetzt. Der Feldwebel verzehrte von dieſen Liebesgaben ein Erkleckliches, er war ent 177 ſehr wohl geſtimmt, auch dem Philipp mundete es treff⸗ lich und der alte Peter Langermann nöthigte nach Kräf⸗ ten zum Immermehrzulangen. Frau Eva bemerkte mit einiger Genugthuung, daß der Appetit bei Sibyllen doch kein rechter ſein mochte, denn ſie genoß blutwenig und zuweilen flogen ihre Blicke wie ſcheu an den Fenſtern des Hauſes vorüber, als fürchte ſie, Jemand da zu er⸗ blicken, der ihr nicht lieb ſei. „Aha, das böſe Gewiſſen!“ ſagte Frau Eva zu ſich. „Ja, ja, das bleibt nicht aus.“ Von Gottfried war nichts zu verſpüren. Schlief er denn? Bei dem Lärm, den die Hunde gemacht hatten, war das ja ganz un⸗ möglich.„Wo ſteckt denn Ihr Neffe?“ fragte ſie Frau Marthe. „Im Gehege draußen, rennt wie vor'n Kopf ge⸗ ſchlagen in den Schneußen herum, hat ſein Horn mitge⸗ nommen und übt ſich zuweilen im Blaſen von Fanfaren. s iſt'n Kreuz mit dem jungen Menſchen. Mein Alter, iſt auch manchmal fuchsteufelswild auf ihn. So iſt es aber, wenn ſich der Menſch einer, einer— wie ſoll ich nur gleich ſagen— ja, einer Liebſchaft ergeben hat, die Alles, nur nicht vernünftig iſt.“ „Na, Frau Muhme, da muß ich denn doch bitten. Ich habe gar nichts ſo Unvernünftiges darin gefunden“, entgegnete jene.„Dergleichen hätte ich auch nicht ge⸗ Carion, Der alte Deſſauer. I. 12 178 duldet, in meinem Hauſe kommt ſo etwas nicht vor, darin ſollte Sie mich wohl kennen.“ Frau Marthe ſchien verblüfft; dieſe Antwort paßte ja nicht im mindeſten zu dem, wovon ſie geſprochen. „Was will denn die Frau Muhme damit ſagen?“ fragte ſie.„Es iſt ja gar nicht die Rede von Ihr, nur von meinem Neffen, daß der ſich was Unvernünftiges in den Kopf geſetzt hat. In der Sache habe ich doch beſtimmt Recht, wenn ich behaupte, der Herr Kanzler von Mitags⸗ heim, ſo ein guter Herr und wie ſehr er auch dem Gott⸗ fried gewogen iſt, wird's und kann's doch niemals zuge⸗ ben, daß ſeine Nichte Regina, die ganz andere Ausſichten hat, wenn ſie heirathen ſoll, ſich an einen ſo armen Burſchen hängt. Ich bin nicht ſo ſehr auf den Kopf gefallen, um mir's nicht erklären zu können, wie ſich der Gottfried hat ſo hoch verſteigen und Fräulein Regina ſo hat vergeſſen können, daß ſie als adliges Fräulein keinen Muſikanten heirathen darf. Junge Leute denken natürlich an ſolche Dinge nicht. Durchlauchtchen hat mir darin vollkommen Recht gegeben, als ich ihm erzählte, was für Bemerkungen ich hinſichtlich der geheimen Lieb⸗ ſchaft Gottfried's und Regina's gemacht hätte. Glaube Sie nur, Frau Muhme Brommer, es hat mich ſehr tief bekümmert, als ich dahinter kam. Meinem Alten darf ich kein Wort davon ſagen, der iſt in ſolchen Dingen wie 179 eine geladene Büchſe, die beim leiſeſten Drucke losplatzt. Wenn er noch das erführe, daß der Gottfried dem Fräu⸗ lein den Kopf verdreht hat, dann wäre das Unglück fertig. Du mein Himmel, ich hoffe doch, der Gottfried wird zur Vernunft zurückkehren und ſich die dumme Ge⸗ ſchichte aus dem Kopfe ſchlagen. Bis jetzt ſieht's freilich noch nicht ſo aus, er iſt ganz wie ſtupid und niederge⸗ ſchlagen, als hätte er alle ſieben Seligkeiten verloren.“ Die Frau Feldwebel ſtarrte wie Jemand, der aus einem Traume durch auf ſein Geſicht niederträufelndes kaltes Waſſer erweckt wird, auf die Sprechende, dann wendete ſich ihr Blick auf ihre Tochter Bille, die, die Augen niederſchlagend, mit Mühe ein Lächeln verbarg, welche Beſtrebung, einen tiefen Ernſt zu erkünſteln, ihren Zügen den Ausdruck eines zurückgedrängten Zornes lieh. „Nu, Bille, da hören wir ja kurioſe Geſchichten!“ rief Mutter Brommer. „Ich bin gar nicht ſo ſehr darüber erſtaunt“, gab die Tochter zur Antwort.„Habe ſchon davon Kenntniß gehabt, die Frau Mutter wird's nun wohl einſehen, warum ich ſo ganz anders geworden bin und weswegen ich heute mit hierher ging. Der Gottfried ſoll's mit eigenen Augen ſehen, daß eine reputirliche Jungfer wie ich ſich nicht ſo ſehr zu betrüben braucht, wenn— na, ich 4 12* 180 wiill nicht erſt davon reden, s iſt gerade keine Freude dabei.“ „Herrgott, iſt das ein Muſtkantenungeheuer, der Gottfried!“ klagte Frau Brommer, die Hände im Schooße faltend. Ein ſolcher Geſprächsſtoff gehörte ſo ganz und gar in den Bereich der weitſchweifigſten Auseinanderſetzungen für Frauen, daß er die Aufmerkſamkeit beider Muhmen und Jungfer Sibyllens vollkommen in Anſpruch nahm und ſie ſich in ein leiſes, flüſterndes Weſen vertieften, als müßten ſie den ſehr eifrig beſprochenen Gegenſtand in den Mantel des undurchdringlichſten Geheimniſſes hüllen. Von ſeiten der Männer wurden ſie darin in keiner Weiſe geſtört. Der alte Langermann war ganz Ohr, denn Philipp, der ſich ihm als Sohn eines bei einem in Schleſien Güter beſitzenden Baron in Dienſt geſtandenen, nun aber verſtorbenen Jägers genannt hatte, entwickelte ſo viele Kenntniſſe von der Jagd, daß dem hochbetagten Waidmann ſo zu ſagen das Herz vor Freuden aufging, einen Menſchen ohne Jagdrock ſo ver⸗ nünftig vom Jagdweſen ſprechen zu hören. Beſonders war es die Parforcejagd, über welche Philipp ſich ſehr gründlich unterrichtet zeigte. „Hör’ Er, an Ihm finde ich großes Behagen und möchte faſt ſagen— wenn nämlich mein guter Freund⸗ der boße gar gen men hm ten, tand iſſes in und bei ienſt atte, dem vor ver⸗ ders ſehr und 181 Feldwebel Brommer, nicht zugegen wäre, denn der könnt's gewaltig übelnehmen— daß es ſchade iſt, daß Er nicht zur Jagdcompagnie gehört“, meinte der alte Langermann.„Er iſt ja ein verflucht geſattelter Jagdkundiger, und ſoll mir lieb ſein, wenn Er mich fleißig beſucht, denn Er hat's ſo recht weg, zu erzählen vom Waidmannsgeſchäft, daß es einem alten Burſchen, wie ich bin, ordentlich das träge gewordene Blut in neuen Gang bringt. Was lacht Er denn, Brom⸗ mer?“ „Bah, wegen Seiner großen Fürſorge, daß ich nicht hören ſoll, wie Er den Jäger über den Soldaten ſetzt. Frage Er doch mal den durchlauchtigen Herrn darum, was der dazu ſagt? Schwerenoth, alter Grün⸗ rock, bei den Parforcejagden, die unſer gnädigſter Herr in Italien, den Niederlanden, in Franken, an der Oſtſee und auf der Inſel Rügen abgehalten hat, gab's kein Peitſchenknallen wie bei Euch, wenn Ihr mit einer Meute Hunde und mit unterlegten Pferden einen Soundſoviel⸗ Ender bis zum Zerplatzen der Lungenflügel hetzt. Da ſchmetterten Kanonen ihren Singſang über die Schlacht⸗ felder hin, als müßte die Erde in Stücke gehen, und dem bravſten Kerl zitterte anfänglich die Seele im Leibe, bis er erſt mitten drin war im dichteſten Pulverdampf und mit gefälltem Bajonett Sturm lief. Sieht Er, ſo jagen wir, die Blauröcke, Parforce und's iſt am Ende auch nicht zu verachten, denke ich.“ „Na, na, Feldwebel, nehm' Er's nicht krumm, hab's nicht ſchlimm gemeint“, ſprach der alte Langermann. „Jeder lobt ſeine Waare und hat ſeinen Rock lieb.“ „Iſt ſo und der meine, dünkt mich, weil er blau iſt, nicht um ein Haar ſchlechter als ein grüner. Wollte das nur ſo nebenbei bemerkt haben. Abgemacht, Alter!“ „Abgemacht!“ Der Friede wurde durch einen rechtſchaffenen Hände⸗ druck der Beiden beſtätigt, dann ſagte Langermann: „Eins muß Er mir aber bei dem Friedensſchluſſe zwiſchen uns mit dreingehen laſſen. Ich möcht's von dem da gern hören, wie ſie's in ſeiner Gegend mit dem Trainiren der Hunde halten.“ „Na, da erzähl' Er's ihm, Philipp“, ſagte Brom⸗ mer lachend.„Die Jäger kommen ſchon um deswillen nicht in den Himmel, weil ſie ohne Hunde nicht beſtehen können.“ Langermann fand keinen Anlaß in dieſer Bemer⸗ kung des Feldwebels, ſich zu einer Gegenrede zu ver⸗ ſtehen; Philipp's Bericht über das beſagte Trainiren in⸗ tereſſirte ihn weit mehr. „Es wird wohl nicht viel anders ſein als hier zu Lande“, hob der junge Mann an.„Wenn die Hunde 183 daran gewöhnt worden ſind, tüchtige Touren zu machen, und jeder ſeinen Namen kennt, werden ſie zur Trainjagd aufs Rendezvous geführt. In einer Diſtanz von acht⸗ hundert bis tauſend Schritten hält ein gut berittener Reitknecht, der an einer Stelle im Walde einen an einer Stange befeſtigten Hirſchlauf, mit künſtlicher Witterung bereitet, fallen läßt. Sind die Hunde auf dieſem ver⸗ brochenen Platze angelangt, jagt der Reitknecht in der angegebenen Diſtanz, den Hirſchlauf hinter ſich herzie⸗ hend, weiter. Nach zwei Minuten Halt, damit die Hunde die Witterung in die Naſe kriegen, blaſen die Jagdpfeifer die Fanfare beim Anlegen des Hirſches, die Jäger juchzen dazu, und fort jagen die Hunde, zu deren beiden Seiten die Jäger reiten, mit demſelben Laut, als wäre es eine wirkliche Hirſchfährte, die ſie verfolgen. Zuweilen wird die Meute geſtoppt(ange⸗ halten), indem ein Jäger, ohne jedoch mit der Hetpeitſche zu knallen, den vorderſten Hund beim Namen und ihm „Derriere!“ zuruft. Das wird mehrmals wiederholt, um Hunde und Pferde an Gehorſam zu gewöhnen, bis endlich nach ungefähr dreiviertel Stunden der mit dem Hirſchlauf weit vorausjagende Reitknecht dieſen aufnimmt und das Trainjagen ſomit geendet iſt.“ „Ganz wie bei uns! Ganz wie bei uns!“ rief der Förſter ſehr vergnügt.„Das muß ich Sr. Durchlaucht ſagen.“ 5* 1 184 In dieſem Augenblicke drangen aus ziemlicher Ferne im Thiergarten langgezogene Horntöne allen zu Ohr. „Es iſt mein Neffe Gottfried“, ſagte der Förſter, und im Tone dieſer Erklärung war es recht wahr⸗ nehmbar, daß ihm dabei der Aerger ins Herz trat.„Ich wüßte nicht, was ich drum gäbe, wenn der Burſche nur's Viertel von dem kennte, was Er weiß, Philipp. Denkt Sr. Durchlaucht, er wird ein guter Jagdpfeifer werden, weil er doch ein Muſikant iſt— ja, damit iſt's nichts. Soll er die Fanfare zum Anlegen des Hirſches blaſen, bläſt er die à la sortie oder à la vue oder gar Halali, als wäre das Alles einerlei— wie geſagt,'s iſt e'/n Jammer mit dem Burſchen, für mich ſo zu ſagen ein Nagel zum Sarge.“ „Darf man im Thiergarten ſpazieren gehen?“ fragte Philipp.„Bin lange nicht unter einem grünen Dache geweſen.“ „Wenn's ihm Vergnügen macht, da gehe Er nur in Gottes Namen. Vielleicht begegnet er meinem Neffen, und wenn Er Luſt hat, mit der verſtockten Seele ſich einzulaſſen, ſo ſage Er ihm nur, was ſein alter Oheim für Aerger an ihm hätte und ob er ſich nicht in ſein Herz hineinſchämte, eine ſo widerſpenſtige Creatur zu ſein. Vielleicht wirkt's, glaub's aber nicht, bei Muſi⸗ kanten iſt Hopfen und Malz verloren.“ 185 Feldwebel Brommer ſah dem durch die Büſche Ge⸗ henden mit offenbarem Vergnügen nach.„Doch ein ſtatt⸗ licher Kerl, der Philipp!“ ſagte er.„Na, Se. Durch⸗ laucht wird auch'n Uebriges für ihn thun; denke mir, wird bald Gefreiter werden, und hat er erſt die Sproſſe erreicht, geht's bald höher mit ihm. Seht nur, wie ſtramm er dahinſchreitet!'s iſt meiner Seel’'ne wahre Luſt, einen ſo ſtattlichen Soldaten zu ſehen.“ Vater Brommer hatte das mit Abſicht geſagt, denn er bemerkte, daß ſeine Tochter dem Fortgehenden nach⸗ blickte und, wie er wahrzunehmen glaubte, mit einer unverhohlenen Freude, was ihn natürlich ſehr befriedigte, denn er hielt es nur für ganz in der Ordnung, daß ein ſolcher Prachtkerl dem Mädchen gefalle. Heiliger Sonntagsfriede lagerte auf der grünen Welt des Thiergartens. Die Schönheit des ſonnenreichen Nachmittags ſtrahlte in Millionen auf und nieder hüpfen⸗ den Lichtern, die durch das reiche Laubwerk der alten vieläſtigen Bäume den Weg auf den leicht mit Moos und Gras überwachſenen Boden hinab gefunden hatten, vor Philipp's in das tiefere Walddüſter einlenkenden Schritten, woher dann und wann ein klagender Horn⸗ ton ſich hören ließ. Hier war Ruhe, ungeſtörte Einſam⸗ keit und doch reiches, genußſüchtiges Leben ringsherum. Auf den Aeſten und Zweigen regte ſich's in trauter 186 Liebesheimlichkeit, die Vöglein hatten übervoll zu thun mit ihrer jungen Brut, die mit endloſem Pipen der von der Jagd nach Inſekten und Käfern heimkehrenden Alten warteten. Da gab es ein luſtig Geflatter hin und her, alle Arten Lockrufe durcheinander, und flinke Eichhörnchen ſchwangen ſich von Aſt zu Aſt und fuhren mit Blitzes⸗ ſchnelligkeit nieder aus den vom reinſten Sonnengolde durchleuchteten Wipfeln bis zur Wurzel der Baumrieſen. Der Sperber verrichtete ſein Zimmermannsgeſchäft in raſtloſer Thätigkeit, ſein Klopfen an die Borken der Stämme, um ſich aus deren Klinſen und Höhlungen die ſeinen Appetit lüſtern machenden Würmer hervorzuholen, war weithin vernehmbar, und der ſich ſelbſt preiſende Kukuk hielt mit ſeinesgleichen ein wetteifriges Aus⸗ rufen ſeines Namens in weite Ferne hinaus als einziger Egoiſt unter den Mitbewohnern des grünen Bereichs, während ganze Trupps ſchlanken, ruhig äſenden Damm⸗ wilds auf den langen Wieſenſtrecken zu Seiten des Fahr⸗ wegs nicht eher Notiz von dem Herannahen eines Men⸗ ſchen nahmen, als bis der Luftzug ihnen deſſen Witterung in die Naſe trug und der Warnungston des älteſten, viel⸗ erfahrenen Bocks ſie zum eiligen Rückzuge aufforderte, der dann nach dem ſchützenden Gebüſche und dem Wald⸗ dickicht hin in flüchtigen Sätzen und in der alten guten Ordnung des Gänſemarſches in Ausführung gebracht 187 wurde, wobei die Kälbchen, blökend den Rieken nach⸗ ſpeingend, Proben von der jugendlichen Kraft ihrer Seh⸗ nen ablegten. Es war ein wunderbar ſchönes Bild geſchäftigen Waldlebens, das ſich da vor Philipp aufgethan in herz⸗ erfriſchender Anmuth, wie ſie aus des Schöpfers Hand dem Walde gegeben als Heimat ſo vieler Weſen, von denen jedes im Gefühle ſeiner Freiheit und nach ſeiner Art und Weiſe glücklich iſt; aber jetzt achtete der nach der Richtung, aus der die einzelnen Horntöne in ſein Ohr klangen, Gehende nicht auf dieſe zu ſeiner Seele ſprechenden Reize ungekünſtelter Natur, ſein Schritt war raſch, eilig, bis er endlich an eine Blöße kam, an deren anderer Seite er Gottfried auf einem vom Wind umge⸗ brochenen Baumſtamm, das Jagdhorn im Arm und die Stirn in die linke Hand gedrückt, ſitzen ſah. Der arme Burſche bot in dieſer nachdenklichen Stel⸗ lung ein Bild ſchweren Kummers, die einzige Seele in dem grünen luſtigen Waldrevier, die nichts vom Glücke zu wiſſen ſchien, das für ihn ja ebenſo umgebrochen war wie der Stamm, auf dem er ſaß. Der leiſe von Philipp gethane Ruf ſeines Namens ermunterte ihn aus ſeinem trüben Sinnen, er blickte überraſcht auf— in geringer Entfernung von ſeinem Sitze ſtand Philipp, der nun raſch auf ihn zuſchritt. 188 „Mein Gott, bin ich denn im Traum?“ fragte Gottfried, ſich die Stirn reibend, als der zu ihm Tre⸗ tende, die Hand auf ſeine Schulter legend, ihn mit den Worten anredete: Erſchrecke Er nicht, ich bin's leibhaf⸗ tig mit Haut und Haar.“ „Aber hier? Wie iſt das möglich? Ich begreif's nicht“, antwortete jener. „Ich glaub's ſchon, daß Ihm das als eine Art Weltwunder vorkommt, aber es iſt trotz alledem ſo wahr und wirklich, wie da oben die liebe Sonne auf uns nie⸗ derſcheint“, entgegnete Philipp heiter, und ſich umſehend, ſagte er:„Das hier iſt ein ganz allerliebſtes Plätzchen für zwei Leute, die ſich ſo Mancherlei zu ſagen haben, was nicht für anderer Leute Ohr gehört. Wir wollen damit nicht lange zögern, ſondern drauf und dran gehen, wie Se. Durchlaucht zu ſagen belieben und mein Gön⸗ ner, das Muſter aller Feldwebel, als ehrlicher Partiſan es bei jeder paſſenden Gelegenheit wiederkäut. Vor allen Dingen ſehe Er mich als einen Engel der Hoff⸗ nung an, denn ich habe Ihm eine Nachricht zu verkünden, die ihm die Seele ſo federleicht machen wird, daß Er ſich beſſerer Flügel erfreuen darf als weiland Icarus, dem die Sonne ſie ſchmolz, daß er ins Meer ſtürzte und elendiglich erſoff.“ „Der Herr Graf ſind ſehr heiter“, bemerkte Gottfried. 189 „Ei, närriſcher Kauz, gehört das nicht zur Hoffnung, wie die Naſe zum Geſicht? Hat Er jemals geſehen, daß man einen Leichenbitter ſchickt, um zu einem luſtigen Kindtaufſchmauſe einzuladen?“ lachte jener.„Nun höre Er.“ Und er erzählte ihm die Aeußerung der Fürſtin hin⸗ ſichtlich der füj ihn anzubahnenden Erlöſung aus der ihm von deren durchlauchtigem Gemahl bereiteten Ver⸗ urtheilung zur Jagdpfeiferei. „Wie die durchlauchtige Frau das bewerkſtelligen will, weiß ich Ihm zwar nicht mitzutheilen, aber daß es ihr ernſter Wille iſt, iſt daraus abzunehmen, daß ſie Regina geſtattet hat, Ihm unter dem Siegel des Ge⸗ heimniſſes das zu ſagen oder ſagen zu laſſen, zu welch letzterem Auftrage ich mich ganz prächtig ſchickte und deshalb ihn auch auszuführen erhielt.“ „Und ich verzweifelte ſchon, daß ich ganz vergeſſen ſei von allen, die mich kennen!“ rief Gottfried. „Sieht Er, was die Kleingläubigkeit thut!“ rief Philipp lachend, doch ſchnell in eine ernſte Stimmung übergehend, fuhr er fort:„Ich am allerwenigſten darf Ihn wegen dieſes Verzagens und Verzweifelns tadeln, denn ich bin ja ſelbſt aus ſo tiefem Verſunkenſein alles Mannesmuthes durch einen guten Engel gerettet worden und läge ſchon längſt als ein elender Selbſtmörder 190 ſchimpflich aus der Welt gegangen unter der Erde. Darum gehört auch mein ganzes Leben dieſem Engel, meiner Königin Regina.“ Eine Pauſe folgte zwiſchen beiden jungen Männern. Philipp gab ſich, wie es ſchien, der ihn überwältigenden Erinnerung an jene Stunde hin, wo er Regina zum erſten Male geſehen hatte. Nach einer Weile ſtrich er ſich mit der flachen Hand über die Stirn und ſagte: „Da ſieht Er, Gottfried, wie leicht es iſt, das Bischen Humor zu verlieren, was man braucht, um an⸗ dern Freudenbote zu werden. Weiter jetzt. Er iſt dem⸗ nach wider Sein Wiſſen zum Geliebten einer jungen Dame gemacht worden, durch wen, weiß ich nicht, aber es iſt gerade gut ſo, denn dadurch allein kommt Er aus der Klemme. Nun werde Er aber nicht eiferſüchtig, wenn ich Ihm ſage, daß Seine Sibylle und ich jetzt einen Liebesfaden vor den Augen der Welt abſpinnen.“ Gottfried ſah ihn mit großen Augen an, Philipp aber rief lachend: „Will Er mir etwa dafür an den Hals? Beruhige Er ſich, mein lieber Gottfried, und leſe Er hier das Briefchen von Seiner Herzallerliebſten, das wird hoffent⸗ lich allen Eiferſuchtsnebel aus Seinem Kopfe und Herzen treiben.“ Gottfried entfaltete mit Haſt das ihm in die Hand 191 geſchobene Briefchen und las es, dann ſprach er mit warmer Empfindung zu Philipp:„Herr Graf, wie ſoll ich Ihnen danten für Ihre eilnabune an meinem Schickſal? Ich— „Schwatze Er doch nicht ſo närriſches Zeug, Gott⸗ fried!“ unterbrach ihn jener.„Thue ich denn etwas Anderes für Ihn, als Er für Regina und mich gethan hat? Ich wüßte nicht, wir haben nur die Rollen mit einander gewechſelt. Früher beſorgte Er meine Cor⸗ reſpondenz mit Regina und nun thue ich daſſelbe zwi⸗ ſchen Ihm und Seiner Sibylle und ſcheint mir das ganz in der Ordnung zu ſein, weil eine Liebe der andern werth iſt. Wenn ich nicht ganz irre, habe ich bei Seinem Oheim, dem alten Waldmenſchen, bereits einen Stein im Brete erworben und denke von dem grauen Hubertus⸗ jünger gut aufgenommen zu werden, wenn ich hin und wieder zu Beſuch bei ihm vorſpreche. Dadurch wird Ihm Gelegenheit, mir was Schriftliches zuzuſtecken, wie ich eine ſolche finde, von Seiner Sibylle Ihm Lebens⸗ und Liebeszeichen zu bringen. So haben wir alle vier einen handgreiflichen Vortheil von dem Geheimniſſe, das wir wie eine Wolkenfeſtung um uns aufbauen. Das Weitere findet ſich. Jetzt komme Er mit mir, damit Er wenigſtens das ſtille Vergnügen genießt, Seine Herz⸗ allerliebſte wieder einmal von Angeſicht zu Angeſicht zu 192 ſehen. Und als Zeichen, daß Er durch mich von Allem unterrichtet iſt, lege Er ihr gegenüber Seine rechte Hand wie von ungefähr auf meine linke Schulter. Das wird der Jungfer Sibylle, die es gar ängſtlich um Ihn hat, mehr Freude machen, als wenn Er Gott weiß welche fabelhaft ſchöne Rede an ſie hielte.“— Sie gingen mit einander dem Förſterhauſe zu, auf dem Wege dahin über die ohne ihr Zuthun die durch⸗ lauchtige Frau hinſichtlich Regina's und Gottfried's be⸗ fangende Täuſchung ſich unterhaltend. „Das iſt aber gerade zu Seinem Glücke, Gottfried, denn eben dieſe Täuſchung bewegt die durchlauchtige Frau, Ihm beizuſtehen“, ſprach Philipp.„Ich fange an zu ahnen, daß man mit Regina einen Plan vorhat und Ihn deswegen fortſchaffen will, damit es dann um ſo leichter bei ihr heißen könne: Aus den Augen, aus dem Sinn. Nun, wir müſſen es abwarten. Er hat nichts zu thun, als zu ſchweigen, und dieſe Fiſchtugend wird Er wohl mit günſtigem Erfolge feſthalten, traue ich Ihm zu.“ Gottfried antwortete nicht, denn ſie waren eben in die Allee eingetreten, welche ſchnurgerade nach dem Ein⸗ gang und alſo nach dem Hauſe des Oheims Langermann führte. Mit ſcharfem Blicke hatte er dort die kleine Geſellſchaft erkannt und Sibylle unter derſelben. 11 —,—1 +—2½ o— — 193 „Rehme Er ſich zuſammen“, raunte ihm der an ſeiner Seite Gehende zu.„Er verdirbt ſich und uns.“ Gottfried's Empfang ſeitens der Anweſenden war ſehr wenig günſtig für ihn. Der alte Langermann warf kaum einen Blick auf ihn, der Aerger ſchien ſich in dem faltenreichen Geſichte des grauhaarigen Jägers förmlich feſtgeſetzt zu haben, ſodaß es wie ein durch langdauern⸗ den, Froſt erſtarrter Boden keiner plötzlichen Aufthauung fähig war. Feldwebel Brommer ſchnitt aufs vollſtändigſte die Grimaſſe eines Menſchen, der ſich im Stillen ins Fäuſtchen lacht, weil er ſich im Vortheil einem Andern gegenüber weiß, und ſeine Ehehälfte, Frau Eva, ſah mit einer offenbaren Verachtung auf den jungen Mann, den es wie ein elektriſcher Funke durchzuckte, als er bemerkte, wie ein flüchtiger freundlicher Blick Sibyllens ihn ver⸗ ſtohlen begrüßte. Nur die Muhme Marthe bezeigte ſich gütig gegen den Neffen, als er mit Philipp zu dem Tiſche trat. Sie bot ihm einen Trunk Bier, denn bei der Wärme könne einer im Walde ſchon durſtig werden. „Den friſchen Trunk laſſe Er ſich ja nicht entgehen, der iſt gut dazu, alles das, was ich Ihm geſagt habe, hinunterzuſpülen“, redete Philipp lachend. „Was hat Er ihm geſagt?“ fragte der alte Lan⸗ germann. „Was werde ich ihm geſagt haben! Daß es eine Carion, Der alte Deſſauer. I. 13 — ————— 194 Schande iſt für einen, der aus Jägerblut ſtammt, ſich als Muſikant herumtreiben zu wollen und mit Gewalt zu einem vernünftigen Broderwerbe gezwungen werden zu müſſen. Ich denke mir, das hat bei ihm gezündet, wenigſtens hat er mir unterwegs verſichert, er wolle die Muſikgeſchichte an den Nagel hängen, und ſich Sr. Durch⸗ laucht Gnade würdig machen durch Eifer in ſeinem Dienſte. Beſtätige Er, Mosje Gottfried, die Wahrheit deſſen, was ich jetzt Gutes von Ihm vermeldet habe.“ „Ja, das iſt buchſtäblich wahr“, ſagte Gottfried, die rechte Hand auf Philipp's linke Schulter legend. „Der liebe Himmel geb's, daß Du Wort hältſt“, rief Frau Marthe.„Na, Alter, gib ihm die Hand, damit er ſieht, daß Du Dich ſchon über den guten Vor⸗ ſatz freut. Man muß Groll und Aerger. nicht ewig halten, das iſt nicht nur gegen alle Chriſtenpflicht, ſon⸗ dern ſtößt auch den Reuigen von uns zurück. Wie ſoll da einer Muth haben ſich zu beſſern, wenn er nicht bei uns ein Entgegenkommen findet?“ „Na,'s ſoll ſein“, ſagte der Förſter noch halb im Zorne.„Hier iſt meine Hand zur Verſöhnung, aber der Fuchs ſoll mich holen, wenn ich Dich nicht—“ Er unterbrach ſeine grollige Drohung und ſagte nach kurzer Pauſe zu Philipp gewendet:„Na, na, äuge Er mich nur nicht ſo an, als wolle Er mich aufs Bajonett —— 88—2— 195 ſpießen, ich hatte nur eine kleine Bemerkung auszuſprechen für den Fall, daß der Neffe Gottfried wieder rückfällig würde.“ „Ei, alter Herr, ich halt's mit Seiner Frau Lieb⸗ ſten!“ rief der Soldat lachend.„Die ſcheint mir das Richtige getroffen zu haben, um den Mosje da auf die rechte Fährte zu bringen.“ „Soll mir lieb ſein; krampft mich genug, wenn ich denken muß, der letzte Langermann habe ſich ver⸗ worfen und ſei'n Ausſchüßling geworden. Na, baſta, müſſen's abwarten, nicht gleich Halali blaſen. Vor allen Dingen mag's gut ſein, daß er jetzt Charge genommen, das Weitere findet ſich.“ Der Friede war ſomit zwiſchen Oheim und Neffen angebahnt, und es zeigte ſich recht ſichtbar, wie der alte Waidmann dadurch in ſeiner ſchon vorher gefaßten Zu⸗ neigung zu Philipp noch mehr beſtärkt wurde, denn ſo harter und grolliger Natur er auch war, ſo enthob er ſich doch nicht des wohlthuenden Gefühls, den trüb⸗ ſeligen Gedanken, einen aus der Art geſchlagenen Neffen zu haben, fernerhin aufgeben zu können. Beim alten Peter brach ſich die Wärme der Empfindung nur allmälig Bahn, er gehörte nicht zu denen, welche ſo leichthin dem erſten heftigen Ruck einer Freude oder eines Kummers unterliegen; ein gewiſſermaßen ſtörriger 13 196 Charakter und eine Rauheit in ſeinem Benehmen, die durch Gewohnheit und Alter einen Harniſch um ſein Herz gelegt hatten, bewahrten ihn vor großen augenblick⸗ lichen Erregungen. Darum bildete ſich bei ihm der Groll ebenſo wie die Zuneigung nur langſam aus. Die letztere war offenbar jetzt im Steigen begriffen, denn in einem gutmüthigen Tone, der ihn faſt liebenswürdig machte, ſagte er zu Philipp:„Trinke Er, wenn's Ihm ſchmeckt. Ich hoffe, daß Er auch inskünftige weiß, wo ich wohne.“ „Abgemacht, alter Herr! Wenn's Ihm recht iſt, komme ich zuweilen zu Beſuch hierher; muß doch ſehen, wie mein Verſöhnungswerk zwiſchen Ihm und dem da geräth.“. „Ich danke, der Oheim ſoll ſeine Freude an mir haben“, ſprach Gottfried. „Halte Wort, Gottfried!“ rief der Förſter ihm zu. „Habe viel Kummer um Dich, meines rechtſchaffenen Bruders Sohn, gehabt. Na, weg damit! Hat's Schlimme ſo viel Raum in meinem Herzen gefunden, daß es mich wie eine ſchwere Laſt niedergebeugt hat, ſoll auch nun die Hoffnung aufs Gute Grund und Boden bei mir haben.“ Als Feldwebel Brommer mit den Seinigen und Philipp den Thiergarten in der Abendkühle ver⸗ „ 197 laſſen hatten, fragte der letztere, welcher mit Sibyllen die Nachhut bildete, dieſe unterwegs:„Sie hatte doch Gelegenheit, ein paar Worte mit Ihrem Schatze zu wechſeln?“ „Ja, Herr Philipp, ich mußte aber ſehr auf der Hut ſein wegen der Frau Mutter.“ „Wie ſo?“ Sibylle erzählte, was Frau Marthe der Mutter und ihr unter dem Siegel des Geheimniſſes mitgetheilt, was die Mutter ſo gegen den Gottfried aufgebracht habe, daß ſie, als die Frau Muhme gelegentlich ins Haus gelaufen, um der Magd einen Auftrag zu geben, ihr ernſtlich verboten, den falſchen, heuchleriſchen Burſchen je wieder anzuſehen. „Laſſe Sie ſich das nicht grämen, Jungfer Bille, denke Sie ſich die Verkennung, welche da Ihren Schatz trifft, als daſſelbe, was wir an ſo vielen Tagen erleben. Dichte ſchwere Nebel machen oft den Morgen ſo trübe, daß man glauben muß, es könne nur ein grauer, fin⸗ ſterer Regkntag folgen; aber der ſchwere Nebel fällt, blauer Himmel zeigt ſich und endlich bricht die Sonne durch, ſodaß ob der Herrlichkeit, welche wie ein Zauber uns überraſcht hat, uns das Herz aufgeht, denn von außen kommt uns das Licht und ruft auch in uns den Sonnenſchein wach, der nichts Anderes iſt als die Erkenntniß, daß wir einer Täuſchung ledig geworden ſind, die uns wie ein ſchwerer Nebel umfangen hatte. Sie iſt eine verſtändige Perſon, Sibylle, und brauche ich Ihr deshalb auch nicht erſt zuzuſprechen, daß Sie unſer Geheim⸗ niß ganz beſonders vorſichtig hüte, denn nicht um des Gottfried willen hat die Frau Durchlaucht ſich ent⸗ ſchloſſen, ihm beizuſtehen, daß er aus der widerwärtigen Stellung, in der ſein Muſiktalent für immer untergehen muß, erlöſt werde, ſondern Fräulein Regina's wegen. Geſchieht eine Entdeckung des wahren Sachverhalts durch Ihre Schuld, Sibylle, ſo hat Sie nicht nur Regina und mich verdorben, ſondern auch Ihren Gottfried ſelbſt, denn dann wird es Niemand einfallen, ſih ferner um ſein Schickſal zu kümmern.“ Sibylle meinte, an ihr ſolle es nicht liegen, deſſen könne er überzeugt ſein; es würde ihr freilich recht ſchwer werden, ſo geheimnißvoll zu thun und der Mutter ſchlimme Reden über den Gottfried ruhig anzuhören, aber es müſſe ja geſchehen, das ſähe ſie ein. - Frau Eva war in der That wie umgewandelt in ihrem Urtheile über den Soldaten Philipp, an dem ſie jetzt ſehr preiswürdige Eigenſchaften entdeckte, was ihrem Gatten ungemeines Vergnügen machte. Die Befürchtung Sibyllens hinſichtlich der ſchlimmen Reden der Mutter über den Gottfried war gar nicht ungegründet, denn 199 vorzüglich in den erſten Tagen nach dem gemeinſchaft⸗ lichen Beſuche bei Langermanns im Thiergarten erging ſie ſich ins Breiteſte über dieſen Gegenſtand ihres Zorns, und es gehörte wirklich ein ziemlicher Grad von Selbſt⸗ v erleugnung ihrer Liebe zu dem ſo ſchwer Verurtheilten dazu, um ruhig dabei zu bleiben. Fürſt Leupold war wieder zurückgekehrt. Seine Anweſenheit in der Stadt machte ſich im⸗ mer bald der Bevölkerung bemerklich, denn er muſterte Alles ſtreng durch, was während ſeines Fernſeins ge⸗ ſchehen war, welche Durchſchau aller Vorgänge dem Einen gute, freundliche Worte, dem Andern aber ent⸗ ſetzlich grobe Rüffel, wenn nicht Empfindlicheres eintrug. Auf dieſe Art hielt er ſeine Deſſauer ſtets in Athem und machte ſich zum Mittelpunkte, um den ſich ſo zu ſagen ihre ganze Exiſtenz drehte. Niemand war vor ihm ſicher, weil man wußte, daß er in allerlei Verkleidungen her⸗ umſchlich und für Alles ein ſcharfes Ohr hatte. Jeder, der nur ein wenig Werch am Rocken trug, zitterte vor der Möglichkeit, von ihm zur Rechenſchaft gezogen zu werden. Wie wenig mit ihm zu ſpaßen ſei, hätte faſt der junge Candidat der Theologie erfahren, welcher vom Superintendenten Schardius gleich am erſten Sonntage nach Herrn Leupold's Rückkehr mit einer Probepredigt ——— ——— — ——— — in der Schloßkirche begünſtigt worden war, zu der ſich auch wider Erwarten der Fürſt ſelbſt einfand. Der junge Prediger hatte zum Eingange ſeiner Predigt die Geſangsbuchverſe genommen: Kein Hunger und kein Dürſten, Kein' Noth und keine Pein, Kein Zorn des großen Fürſten Soll mir ein' Hind'rung ſein. Wie raſend fuhr der Durchlauchtige zum Entſetzen des Candidaten wie der verſammelten Gemeinde auf und wollte im Glauben, das gehe auf ihn, den Predi⸗ ger mit dem Stocke bedienen. Nur mit Mühe gelang es, ihm klar zu machen, daß nicht er, ſondern der Höl⸗ lenfürſt Beelzebub gemeint ſei. Freilich lachten die Deſſauer im Stillen, aber ein recht behagliches Lachen war es doch nicht, denn der Leupold'ſche Stock ſchwebte eigentlich über aller Häuptern wie ein Damokles⸗ ſchwert. Wer konnte mit voller Ueberzeugung ſagen, der gut gelaunte Ingrimm des Gewaltigen, der in Rau⸗ heit und Roheit ſeiner Sitten und leidenſchaftlichen Ausbrüchen ſeines Zorns ſeinesgleichen ſuchte und den Anſtand als ein gar nicht exiſtirendes Ding anſah, werde bei irgend einer ihn betreffenden Gelegenheit ſchonend und rückſichtsvoll an ihm vorübergehen! Bei Fürſt Leupold war immer Sonnenſchein mit Sturm⸗ — —— 201 wetter gepaart zu erwarten. Wer jedoch den rechten Augenblick traf, wo er durch irgend etwas in beſonders gute Stimmung verſetzt worden war, konnte dreiſt etwas bei ihm wagen, ohne zu fürchten, daß er eine Fehlbitte that. Niemand verſtand ſeine Gemüthsbewegungen beſſer zu beurtheilen als die Fürſtin, aber obwohl ihr Regi⸗ na's Leid recht am Herzen lag und ſie bereits auch mit Hülfe ihres Sohnes Maximilian einen Plan zu deſſen Abhülfe entworfen hatte, welcher nur dann glücklich zu Stande kommen konnte, wenn ihr Gemahl ſich in einer ſehr heitern Stimmung befand, ſo ſchien ſich doch kein ſo günſtiger Moment finden zu wollen, und ohne einen ſolchen durfte ſie es nicht wagen, eine Unvor⸗ ſichtigkeit der Art würde ihr ſelbſt Nachtheil gebracht haben. Ihr Gemahl hatte empfindlichen Aerger, denn von Berlin aus war abermals eine ſehr verſtändliche Mah⸗ nung gekommen, ſeine blauen Kerle in Halle beſſer in Zaum und Zügel zu halten, damit der akademiſche Se⸗ nat und die Bürgerſchaft nicht immer dazu ſich gedrängt fühlten, Se. Majeſtät den König um Abhülfe der durch die Garniſon verurſachten Uebelſtände zu beſtür⸗ men. Vorzüglich war es der Schluß des Schreibens, das den Fürſten um ſo gewaltiger in Zorn brachte, als ——— — ———ᷣ—ᷣ—ͦᷣÿ—UKCBʒ́;́;— — 20² er darin ſehr deutlich die ſpottſüchtige Rache Grumb⸗ kow's herausfühlte. Es lautete: „Sollten Ew. Durchlaucht außer Stande ſein, Ihre⸗ Soldaten in ſtrenger Mannszucht zu halten, daß ſie ſich nicht gewaltſamer Eingriffe und gröblichſter Exceſſe gegen Univerſität und Bürgerſchaft wie bisher ſchuldig machen, ſo würde Se. Majeſtät unſer allergnädigſter Herr und König ſich bewogen fühlen, des Generals Grafen Schwe⸗ rin jetzt in Frankfurt an der Oder ſtehendes Regiment, über das weder der daſige Univerſitätsſenat noch Bür⸗ gerſchaft Klage führen, nach Halle zu verſetzen und Ew. Durchlaucht Regiment, von welchem leider dergleichen Gutes nicht geſagt werden kann, zu dislociren.“ „Soll der Teufel den Hundsfott von Grumbkow doch lothweiſe zerreißen!“ ſchrie Leupold wild.„Ich renne mit dem Kerl noch zuſammen, drauf ſchwöre ich Stein und Bein; aber dann iſt er hin wie'ne Fleder⸗ maus. Den Schwerin, die feine Puppe, mir zum Tort nach Halle verſetzen zu wollen, müſſen wir abwarten und wollen's abwarten. Hahaha, würde das eine Herr⸗ lichkeit zwiſchen dem zahmen Schwerin und den Halle⸗ ſchen Profeſſoren ſein, hörte am Ende noch Collegien der feine Schwerin— verfluchte Schnäbelei! Aber jetzt denkt der Grumkow's Heft in Händen zu haben, weil die Königin, die mich auch im Magen hat, ihn deckt — und die engliſche Partei ihn hält. O du Ohrwurm, haſt Oeſterreich ausgebiſſen und willſt nun an mich? Sollſt deinen Mann finden! Hänge den Kerl noch ſelbſt auf, wenn ſich Niemand dazu finden ſollte.“ In dieſen übermäßigen Aerger des Gewaltherr⸗ ſchers von Deſſau fiel indeß ganz unerwartet ein ſehr beruhigender Sonnenſtrahl. Mosje Bonnafox, der vor ein paar Monaten in geheimer Miſſion an den Prinzen Eugen nach Wien gegangen, ließ ſich als von ſeiner Reiſe zurückgekehrt melden. Ehe Mosje Bonnafox noch ſeinen Bericht beginnen konnte, faßte der Fürſt ihn bei den Schultern und ſchrie ihn an:„War Er glücklich oder ging die Sache ſchief? Heraus damit, ich will's wiſſen!“ „Sehr glücklich, extraordinär glücklich!“ ſtammelte Bonnafox, unter dem gewaltigen Schütteln des Fürſten bald roth, bald blaß werdend. Herr Leupold ſtieß ein Luſtgeheul aus, das unge⸗ mein viel Aehnlichkeit mit dem wilden Jauchzen eines Indianers beſaß, der ſeines Feindes Scalp erobert hat. Alles an dieſem deutſchen Fürſten trug das Gepräge des Seltſamen, Erſchreckenden, er war bis auf die Noth⸗ wendigkeiten, die die menſchliche Natur erfordert, ein durchaus Anderer als ſeine Mitmenſchen, in Allem, im Guten und Böſen, in Freude oder Grimm brach ſeine 204 Neigung zum Gewaltigen durch. In der Aufregung des jetzigen Moments hätte er, wenn er es bemerkt hätte, es ſicher nicht begriffen, warum Mosje Bonnafox höchſt ſeltſame Bewegungen mit ſeinen Schultern ver⸗ ſuchte, bald die eine, bald die andere höher zog, weil ihm die Kugeln unter des durchlauchtigſten Herrn Fingerdruck wie zerquetſcht vorkamen. „Rapportire Er, Bonnafox, wie ging Alles? Er iſt ein ganz verfluchter Kerl, muß ich Ihm ſagen, aber ich weiß ſchon, wo der Satan mit langer Naſe abziehen müßte, da ſetzt ein Franzoſe noch etwas durch.“ Nach dieſem Complimente lachte der durchlauchtigſte Herr un⸗ bändig, und als auch dieſer Ausbruch ſeiner großen Zu⸗ friedenheit ſich wie periodiſches Einherbrauſen eines Sturms gemindert hatte, kam Mosje Bonnafox der an ihn gerichteten Aufforderung nach und ſeattete einen ausführlichen Bericht ab. Die öftern Ausrufungen von ſeiten des Fürſten:„Sehr gut, ſehr gut! Schwe⸗ renoth! Bravo!“ und andere Bemerkungen mehr be⸗ gleiteten den Rapport, welchen Bonnafox in einem Ge⸗ miſch von Deutſch⸗franzöſiſch ablegte, weil ihm im Er⸗ zählungseifer das Deutſche zuweilen ganz unanwendbar vorzukommen ſchien, weshalb er gegen den Schluß ſeiner Erzählung ganz und gar ſich ſeiner franzöſiſchen Mut⸗ terſprache bediente und mit den Worten ſchloß:„Mon- 205 seigneur, le Prince m'a donnèé cette lettre à Votre Altesse“, wobei er einen ſorgſam in blaues Papier eingeſchlagenen Brief entwickelte und dieſen dem Fürſten übergab, welcher mit demſelben ans Fenſter eilte und, nachdem er ihn mit gieriger Haſt erbrochen, deſſen Inhalt mit größter Aufmerkſamkeit las. Der In⸗ halt mußte den Erwartungen Leupold's im höchſten Grade entſprechen, denn als er mit dem Leſen zu Ende war, ſprang er auf Mosje Bonnafox zu, ſchlug ihm vertraulich und vergnügt auf die Schulter und ſagte: „Bonnafox, Er iſt ein Staatskerl! Er hat die Com⸗ miſſion glücklich zu Ende gebracht, bin mit Ihm ganz zufrieden. Er iſt ſo recht der Mann für dergleichen Af⸗ fairen, die man nicht an die große Glocke hängt.“ „Sehr glücklich von dem Lobe Ew. Durchlaucht, und habe nun die esperance, daß Durchlaucht mir werden allergnädigſt beiſtehen von wegen meiner großen amour zu dem ſchönen Fräulein von Mitagsheim.“ „Die ſoll Er haben, Wort ein Mann! Hab's Ihm verſprochen und gilt bei mir das Verſprechen ebenſo wie dem Pilatus ſeine Schrift, von der er ſagte: Was ge⸗ ſchrieben, iſt geſchrieben. Der Faden, den ich einfädle, muß vernäht werden, kein anderer; darauf kann Er Gift nehmen, daß die Sachen nach meinem Kopfe gehen.“ Mosje Bonnafoyx wollte in große Dankſagungen aus⸗ 206 brechen, aber der Fürſt fiel ihm ins Wort mit der Wei⸗ ſung, das tiefſte Stillſchweigen über Ziel und Zweck ſeiner Abweſenheit zu beobachten und den Galanten beim Fräulein von Mitagsheim zu ſpielen; dann erfolgte die Entlaſſung des überglücklichen Commiſſionärs in geheimen diplomatiſchen Angelegenheiten. Mit dem Briefe in der Hand wollte Herr Leupold eben zu ſeiner Gemahlin eilen, als der Lakai einen Bo⸗ ten des Herzogs von Sachſen⸗Merſeburg meldete.„Herein mit dem Kerl!“ rief der Fürſt. Der Gemeldete erſchien als Ueberbringer einer ſchriftlichen Einladung ſeines gnä⸗ digſten Herrn an die Durchlaucht von Deſſau, den bei Merſeburg im nächſten Monat ſtattfindenden Uebungen des zu dieſem Zwecke in der Nähe des Dorfes Neiſche cam⸗ pirenden ſächſiſchen Infanterieregiments des Oberſt Marche als Gaſt des Herzogs beiwohnen zu wollen. Hatte ſchon die gute Botſchaft, die Bonnafox überbracht, des Fürſten gute Laune in beſonders hohem Grade angeregt, ſo ver⸗ vollkommnete ſich ſeine frohe Stimmung durch dieſe Einladung zu einem Vergnügen, das ſo ganz in ſeinem Geſchmacke und zugleich eine Schmeichelei für ſeinen mi⸗ litäriſchen Ehrgeiz war, aufs höchſte. „Ich komme, ich komme! Sage Er das ſeinem durch⸗ lauchtigen Herrn. Laſſe danken für die Einladung und vermelde Er der gnädigſten Frau Herzogin meinen pro⸗ 207 fondeſten Reſpect und vorläufigen Handkuß. Wird mir Vergnügen machen zu ſehen, wie der Marche, der ein ganz reſpectabler Offizier iſt, ſeine Kerle dreſſirt hat. Hier nehm’ Er'was auf den Rückweg.“ Ein Geſchenk von drei Goldſtücken belohnte den Boten und der Fürſt eilte nun zu ſeiner Gemahlin, bei der er die Geheimräthin von Beer und Frau von Rau⸗ mer, die Gemahlin des den langen Titel Anhaltiniſcher Ge⸗ ſammter Geheimer Rath führenden Regierungsdirectors fand.„Habe mit meiner Frau zu reden!“ Dieſe wenigen Worte genügten vollkommen, die beiden Damen zum eiligſten Rückzuge unter tiefen Knixen zu vermögen. „Da lies, Annelieſe! Bonnafox iſt retour und der guten Grumbkow'ſchen Sippſchaft legt der Teufel ein Ei ins Neſt.“ Im Tonc, in dem dies geſprochen wurde, erkannte die Fürſtin ſofort die beſonders gute Stimmung ihres Ge⸗ mahls und würde, ohne erſt das Billet vom Prinzen Eugen durchzuleſen, deſſen Inhalt gekannt haben, indeß der ihr gegebenen Anweiſung mußte ſie Folge leiſten. Nachdem ſie geleſen, ſagte ſie ſcherzend:„Nun, Leupold, da erfüllt ſich's ja buchſtäblich zu Deinen Gunſten, was König David, der große Pſalmiſt, von Gott gegen ſeine Feinde erfleht hat.“ „So? Nun, was war das?“ 208 „Meine Widerſacher müſſen mit Schmach ange⸗ zogen und mit ihrer Schande bekleidet werden wie mit einem Rocke.“ „Widerſacher? Ganz recht, ganz vernünftig von David. Der Teufel ſoll den Grumbkow und ſeine ganze Sippe holen!“ Nach einer Pauſe fuhr er fort: „Der Prinz ſchreibt, daß ein Mann nach Berlin ge⸗ ſchickt werden ſolle, der die ſtaatsmänniſche Feuerwerks⸗ kunſt aus dem Grunde verſtehe, um die engliſche Mine zu ſprengen. Freue mich auf das Manöver. Die Oeſter⸗ reicher haben's hinter den Ohren, wedeln freundlich und kommen ſo geſchickt hintenrum, daß man's nicht merkt.“ „Mosje Bonnafox hat da ein Meiſterſtück gemacht.“ „Nicht wahr, Annelieſe? Ja,'s iſt'n Schwere⸗ nöther, der Bonnafox! Wollen ihn warm halten, kann uns noch manchmal nützen. Muß ihm nun aber auch mein Wort halten, verſteht ſich von ſelbſt. Die Mitags⸗ heim ſteckt ihm gewaltig im Kopfe und werde ich darum heute noch mit dem Kanzler darüber ſprechen.“ „Nun, Leupold, ſag' aufrichtig, war mein Plan, ſo ganz in aller Stille in Wien beim Prinzen Eugen die ärgerlichen Geſchichten am Berliner Hofe zur Kenntniß zu bringen, nicht ein ganz glücklicher?“ „Allemal, meine herzliebſte Annelieſe. O Du biſt 209 ſchon ein geſcheidtes Weibsbild und weißt die Sachen ſo klug anzufaſſen, daß ſie gelingen müſſen.“ „Und weißt Du, wodurch ſolches Gelingen faſt alle⸗ mal im voraus geſichert wird?“ fragte ſie lachend. „Nein, weiß ich nicht.“. „Daß man bei einer durchzuführenden Sache vor⸗ her den Boden bearbeitet und, wenn Hinderniſſe vor⸗ handen ſind, ſie in aller Stille aus dem Wege räumt, damit ſie nachher nicht im Wege ſtehen.“ „Das läßt ſich hören, ja; aber das geht nicht immer. Hab's mein Tag mit dem Drauf⸗ und Drangehen ge⸗ halten und bin jederzeit gut dabei gefahren.“ „Gewiß, wenn Du an der Spitze Deiner Regimenter dem Feinde gegenüber ſtandeſt. Nun, die ganze Welt weiß es, vor dem Deſſauer hatten ſie Heidenreſpect.“ „Ja, ja, den haben wir ihnen rechtſchaffen einge⸗ bläut!“ lachte Herr Leupold laut auf. „Was aber feinere Dinge anlangt, ſo ſchlägt's Drauf und Dran doch zuweilen fehl und es iſt beſſer auf dem Wege der Liſt zu verfahren.“ Der Fürſt ließ ein gedehntes„Hm!“ hören. „So würde es mir viel Vergnügen machen, wenn Du mir das Arrangement hinſichtlich der Mitagsheim überließeſt.“ „Warum das?“ Carion, Der alte Deſſauer. I. 14 210 „Weil ich zu der Ueberzeugung gekommen bin, daß wirklich eine recht intime Liebſchaft zwiſchen ihr und dem neuen Jagdpfeifer beſteht.“ „Was? Iſt der Kerl des Teufels?“ ſchrie der Fürſt auf.„Die alte Langermann hätte alſo Recht gehabt? Sollten ihm doch tauſend Schock Donnerwetter in die Parade fahren, wenn ſich der Muſikantenlümmel unter ſtehen wollte, ſeine dumme Liebelei mir als ſpaniſchen Reiter in den Weg zu ſtellen.“ „Warum ſo aufbrauſen, Leupold? Der Menſch kann in aller Ruhe beſeitigt werden.“ „Unter eine Compagnie geſteckt?“ „Nein, fort mit ihm, ganz fort aus dem Lande. Du biſt willens, unſerm Maximilian die Dir als An⸗ erkennung Deiner Verdienſte von Sr. Majeſtät geſchenk. ten Güter in Preußen abzutreten und ſoll er Deiner Beſtimmung zufolge Anfang September dahin, um ſie zu übernehmen. Was iſt da weiter? Maximilian nimmt den Menſchen mit und dürfte er dort jedenfalls beſſer verwendet werden als hier, da er ſchreiben, leſen und rechnen kann.“ „Als Jagdpfeifer taugt der Kerl den Teufel nicht, das iſt ſicher.“ „Er verſchwindet hier und mit ſeiner Amour iſt's aus.“ — — 82—.——,—,-ʒ- 211 „Gut, ſoll ſo ſein. Fort mit dem Taugenichts, ſoll nach Bubanien. Maximilian mag ſehen, was er aus dem Vagabonden machen kann, viel wird's nicht werden.“ Nur auf ſolche Weiſe vermochte die Fürſtin ihren Gemahl zu leiten, eine andere Manier wäre bei einem Charakter wie der ſeine nicht denkbar geweſen; die Ge⸗ müthsſtimmungen waren bei ihm wohl zu beachten, und es gehörte nicht nur ſeine Hochachtung vor dem feinen Geiſte Annelieſens dazu, ſondern auch ihre Manier ihm gegenüber, welche ſich nie in offenbaren Widerſpruch gegen ihn verirrte, um ihn zu dem oder jenem zu be⸗ ſtimmen. Jedes Eingehen von ſeiner Seite in ihre An⸗ ſchauungen konnte zugleich als eine ihr gebrachte Huldi⸗ gung gelten. Aus Erfahrung wußte ſie, daß er nie eine ihr gegebene Zuſage widerrufe, und dieſer Ueberzeugung zufolge war ihr Wunſch erreicht, Regina das Vergeſſen einer Neigung möglich zu machen, welche unter den ob⸗ waltenden Verhältniſſen keiner Erfüllung entgegenreifen konnte. Ende des erſten Bandes. Verlag von Ernſt Inlius Günther in Leipzig. Hart Geld. Roman von Charles Reade, Verfaſſer von„It is never too lade to mend“. Aus dem Ingliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 6 Bände. 8. Geheftet. Preis 4 Thlr. Durchs Leben überwunden. Roman von John dhafenen Aus dem Ingliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. —— ———