— V V V — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und ICeſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Wyr offen. 4— 3 4 .2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 1 ehnes Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hit nterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für Wichentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. ac. 3 deſchmutzte, ver⸗ m Wmußte ſo iſt 1 1 —“ — König Auguſt und ſein Goldſchmied. Roman Franz Carion. Dritter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1870. — Erſtes Kapitel. Als Elſe, von Niemand geſehen, kaum das Haus ver⸗ laſſen hatte, bemerkte ſie einen vom Neumarkte herkom⸗ menden kleinen Trupp Grenadiere mit den Gewehren auf der Schulter, in deren Mitte ein baumlanger Mann ging. Sie blieb ſtehen, um zu ſehen, wo ſie Halt machen wür⸗ den, und empfand eine heimliche Freude, als ſie bemerkte, daß dies am Dinglinger'ſchen Hauſe geſchah. Einer der Soldaten faßte an deſſen Thür Poſto, die andern aber traten in daſſelbe ein. Zwei an den Häuſern hinſchrei⸗ tende Männer, in Mäntel gehüllt, folgten ihnen ins Haus. „Ausgeflogen, ihr kommt zu ſpät“, ſagte Elſe mit großer Befriedigung zu ſich und ſchritt ihres Weges weiter. Der militäriſche Beſuch, den das Dinglinger Iche Haus Carion, König Auguſt. III. 4 ———— *) 8 empfangen hatte, rief große Aufregung in demſelben her⸗ vor. Der Hofjuwelier mußte aus der Geſellſchaft herbei⸗ geholt werden und war nicht wenig überraſcht, als er in dem, der ihn hatte rufen laſſen, den Generalfeldmarſchall Flemming erkannte, der ihn zu einer Unterredung unter vier Augen aufforderte. Als dieſe beendigt war, begaben ſich beide, von Soldaten gefolgt, von denen zwei bren⸗ nende Lichter vorantrugen, nach Zephanja's Wohnung hinauf. Sie fanden dieſelbe verſchloſſen. „Sie ſchläft entweder ſchon oder iſt nicht da“, ſagte Herr Dinglinger. Da das ſtarke Donnern an die Thür keinen Erfolg hatte, ſo mußte der Gedanke aufgegeben werden, Zephanja ſei in der Wohnung anweſend, und Flemming drang dar⸗ auf, daß die Thür geöffnet werde. Der Hofjuwelier ſah ſich gezwungen, mittels Anwendung des Hauptſchlüſ⸗ ſels in die Wohnung der Ciſelirerin einzutreten. Es ließ ſich nicht mehr an deren Abweſenheit zweifeln. Flemming gebot Ausſuchung; er hoffte das zu finden, was ihm die Hauptſache war, das Eheverſprechen des Königs, von welchem Gräfin Coſel geäußert hatte, es befinde ſich in einer treuen ſichern Hand, in der es Nie⸗ mand wähne. Daß Zephanja den von ihm für Gräfin Dönhoff beſtimmten Zettel an die Coſel gegeben, erſchien ihm als ſicherſtes Zeichen eines geheimnißvollen Einver⸗ 3 ſtändniſſes zwiſchen beiden, und auf Grund deſſen nahm eer an, daß die Gräfin wohl das wichtige Document Zephanja anvertraut haben könne, einer Hand, in der es allerdings Niemand ſo leicht vermuthen konnte. Es fand ſich jedoch nichts, wie genau auch Alles durchſucht wurde. Was Zephanja ſelbſt anlangte, ſo mußte man annehmen, daß ſie noch nicht nach Hauſe gekommen ſei. „Es thut mir leid, Ihm, Herr Hofjuwelier, ſo viele Moleſten zu machen, um ſo mehr, da es Seine Braut betrifft“, ſagte Flemming.„Ich kann mir wohl denken, daß Er davon aufs äußerſte alterirt ſein wird, kann Ihm aber beim beſten Willen nicht helfen. Um was es ſich handelt, weiß der Herr, und ſehe ich Ihn für einen zu rechtſchaffenen Diener Seiner Majeſtät, unſers aller⸗ gnädigſten Königs und Herrn, an, als daß ich glauben könnte, es läge Ihm nicht ſelber am Herzen, dieſe Ange⸗ legenheit ins Klare gebracht zu ſehen. Dieſes zu bewerk⸗ ſtelligen, wird Er es als angezeigt finden, daß in Seinem Hauſe Wache bleibt.“ Ueber des Hofjuweliers Geſicht lief der Schatten eines Unmuths, der ihm nicht verſtattete, die Antwort ab⸗ zuwägen.„Excellenz“, hob er an,„wenn ein treuer Diener Seiner Majeſtät des Königs keiner Rückſicht⸗ nahme für ſeinen guten Ruf ſich erfreuen darf, dann ſteht 1* 4 ſter Herr ihm bisher zu erzeigen geruhte, denn dann iſt der redliche Mann nichts als ein Sklave der Willkür. Ich kann mir nicht denken, daß es der Wille Seiner Majeſtät iſt, meinen guten Namen unter meinen Mit⸗ bürgern abſichtlich zu vernichten.“ „Was ſoll dieſe Rederei?“ fuhr Flemming übermüthig auf.„Glaubt der Herr, ich thue Ihm zu viel, wenn ich Wache in Sein Haus lege?“ „Za, das glaube ich, Excellenz“, entgegnete Dinglinger gereizt.„Mein Wort, daß ich dafür Sorge tragen werde, Mademoiſelle Zephanja, ſobald ſie nach Hauſe kommt, von einem etwaigen Fluchtverſuch zurückzuhalten, muß ebenſo viel gelten als das Ehrenwort eines Edelmanns. Der gute Ruf eines Bürgers, Excellenz, ſtützt ſich nicht auf den Zufall der Geburt, ſondern iſt ein oft ſchwer genug errungenes Gut, welches auch eine Würdigung verdient, und ich möchte den ſehen, der ein ſolches theures Gut leichtſinnig antaſten läßt. Die in meinem Hauſe bleibende Wache iſt nicht nur eine Verdächtigung, ſondern auch eine Entehrung für mich. Ich kann nicht auf die Gaſſe hinaustreten und meinen Mitbürgern verkünden: Man hat dieſe Wache nicht, um ſich meiner Perſon zu verſichern, in mein Haus gelegt, ſondern um eines Ver⸗ dachts gegen meine Verlobte willen.“ es übel genug mit dem Vertrauen, das ſein allergnädig⸗ — 5 „Der Herr Hofjuwelier ſpricht in einer Weiſe, die ganz darnach ausſieht, als finde Er keinen Makel an der flüchtigen Perſon“, entgegnete Flemming ſpöttiſch. „Eure Excellenz ſprechen meine Anſicht aus. Ich pflege Niemand zu verurtheilen, von deſſen wirklicher Schuld ich nicht überzeugt bin; Eure Excellenz prakticiren das Gegentheil. Dieſe Ueberzeugung deutet mir aber auch an, daß ich auf meines königlichen Herrn Gunſt nicht länger vertrauen darf, weil ich keine Sicherung gegen irgend eine geſetzloſe Vergewaltigung beſitze, und ich glaube, daß, um dergleichen zu entgehen, es das Beſte ſein wird, wenn ich anderswo feſten Grund und Boden zu ge⸗ winnen ſtrebe, und ich denke, dies wird mir nicht gar ſo ſchwer fallen.“ Es würde unmöglich geweſen ſein, gegen den General⸗ feldmarſchall einen größern Trumpf auszuſpielen, als der Hofjuwelier dies ſo eben gethan hatte. Flemming kannte den Stolz des Königs auf ſeinen berühmten Goldſchmied und wußte, wie ſehr dieſer bei dem hohen Herrn in Gunſt ſtand, er durfte es nicht darauf ankommen laſſen, den König in ſeiner Vorliebe für denſelben empfindlich zu be⸗ rühren. Sein Project, die Coſel für immer zu entfernen, konnte ſogar dabei ſcheitern. Auguſt's Charakter war zu unbeſtändig, und wer bürgte dafür, daß nicht Zwiſchenfälle ſich einſtellten, die ſich jetzt noch gar nicht einmal denken ließen? Flemming fand es daher gerathen, gute Miene zum böſen Spiele zu machen, ſo widerlich ihm das auch war. Mit erkünſteltem Lachen rief er: Herr, Er jiſt eine Pulvertonne, das muß ich ihm nachſagen. Wenn Er den Rock des Königs nicht in Seinem Hauſe ſehen will, ſo kann ich Ihm den Gefallen wohl thun, die Wache zu entfernen; aber er bürgt mir dann auch für die Feſthaltung Seiner Verlobten, wenn ſie ſich im Hauſe einfindet.“ „Excellenz brauchen deshalb keine Sorge zu tragen.“ Flemming verließ in ſehr unwirſcher Gemüthsver⸗ faſſung das Haus und die Wache folgte ihm. In dieſer Nacht kam kein Schlaf in des Hofjuweliers Augen, er hoffte auf Zephanja's Rückkehr; aber der Morgen kam und ſie blieb aus. Jetzt konnte er nicht mehr zweifeln, daß der Verdacht Flemming's, ſie habe das Document im Beſitz, ein gerechtfertigter ſei und Zephanja, in Furcht deswegen, nicht zurückkehre. Ein anderer Grund ihres Ausbleibens kam ihm nicht in den Sinn. Wo aber war ſie hin? Dafür gab es auch nicht einmal eine Ver⸗ muthung.. Gegen Mittag kam der König. Er ſah Dinglinger'’s niedergeſchlagene Miene.„Wir haben da ein Räthſel vor uns, daß Ihm ſchwer zu ſchaffen macht, wie ich ſehe“, ſprach er gütig.„Kann Er ſich auf nichts beſinnen, * * ———— e 7 was irgendwie als zur Erklärung dieſes ſeltſamen Vor⸗ kommniſſes dienlich zu betrachten ſein dürfte?“ „Majeſtät, auf nichts, wie ich auch mein Gedächtniß mit Nachſinnen zermartere; ich finde nichts, gar nichts!“ „Iſt in ihrer Wohnung Alles gründlich durchſucht worden?“ 2 „Majeſtät, ich bin ſeit geſtern Abend nicht mehr hinauf⸗ gekommen, wo in des Herrn Generalfeldmarſchalls Flem⸗ ming Gegenwart die Soldaten ſich dieſes Auftrags ent⸗ ledigten.“ „Grenadiere ſcheinen mir wenig zur Ausführung ſolcher Aufgabe verwendbar zu ſein, ein Angriff mit Bajonett und Kolben läßt ihnen jedenfalls beſſer“, meinte der König. Nach einer Pauſe, in der er einigemal im Zimmer auf und nieder gegangen war, blieb er plötzlich vor dem Hofjuwelier ſtehen und ſprach:„Dinglinger, höre Er!“ „Majeſtät!“ „Wir ſelbſt wollen ſuchen, vielleicht ſind wir glück⸗ licher im Finden. Führe Er mich hinauf in Zephanja's Wohnung.“ Bald darauf traten beide in dieſe ein. Das Fehlen Zephanja's am Werkbret, an dem er, wenn er hinaufkam, ſie ſitzen zu ſehen gewohnt war, machte einen höchſt unangenehmen Eindruck auf Dinglinger. Es dünkte ihm nicht anders, als ſie ſei ihm plötzlich über Nacht geſtorben. Es war ſo ſtill in der Wohnung, nicht ein⸗ mal der Laut einer Thätigkeitsäußerung drang aus dem Hofe herauf, denn es war Mittagszeit und die Arbeiter waren ins Vorderhaus zu Tiſche gerufen worden. Eine Wehmuth bemächtigte ſich des Mannes, die er nur mit Mühe unterdrücken konnte. Alles grüßte ihn bekannt, er hatte es oft geſehen, und jetzt war es ein Nachlaß. Er erinnerte ſich, daß ſie mehrmals geäußert hatte, dieſe Wohnung ſei ihr ſo lieb, ſo traulich anheimelnd gewor⸗ den, daß ſie ihn bitte, ſie ihr auch für ſpäter zu laſſen, und nun fehlte ſie, die belebende Seele dieſer kleinen ſtillen Räumlichkeit. Die von ihr ſelbſt gearbeiteten Gips⸗ modelle ſtanden auf den Bretern, ihre Zeichnungen lagen wie ſonſt auf dem Tiſche, an der Hinterwand hing die Laute, mit der ſie, um ſein Begehr zu erfül⸗ len, einigemal den Vortrag ſpaniſcher Lieder begleitet hatte. Das war Alles vorhanden, nur ſie nicht. Wo war ſie? Entweder war für den Fall einer Entdeckung, daß ſie die Beſitzerin jenes vom König eigenhändig der Gräfin Coſel ausgeſtellten Eheverſprechens ſei, Alles zu ihrer Flucht, zur Sicherung ihrer perſönlichen Freiheit Nöthige im voraus veranſtaltet geweſen oder es war ihr ein Unglück zugeſtoßen. Die letztere Annahme lag keineswegs außer dem Bereiche des Möglichen. Die Gaſſen der 1 1—— —— ꝗᷣoͤůͤ- 9 kurfürſtlichen Reſidenz, mehr als mangelhaft beleuchtet, geſtatteten leicht eine finſtere That an einem wehrloſen Weibe, zudem gab es noch nicht mit Häuſern beſtandene Plätze gerade genug, um ein Verbrechen zu begünſtigen, und Zephanja kannte die Oertlichkeit viel zu wenig, um ſich auf einem ihr gänzlich fremden Terrain, wohin ſie vielleicht in der Angſt ihres Herzens gerathen war, zurecht⸗ zufinden. Dinglinger fand ſich von der Möglichkeit dieſes lebhaft in ihm aufſteigenden Gedankens zu ſehr bedrückt, um eine desfallſige Aeußerung dem König zu verſchweigen. „Bilde Er ſich nicht gleich das Schlimmſte ein, ich hoffe im Gegentheil eine baldige Aufklärung dieſes Räth⸗ ſels“, ſprach der König; aber woher dieſe kommen ſollte, davon ſchwieg er. Sie hatten Alles durchſucht, nirgends war eine Spur deſſen zu finden, worauf dieſe Durchſchau gerichtet ge⸗ weſen war. Sie ſtanden beide am Werkbrete, auf dem ſich noch die Lampe, das von Zephanja zuletzt gebrauchte Arbeitszeug, ja ſelbſt der Becher befand, an welchem ſie gerade gearbeitet hatte. „Hier ſind auch Fächer“, bemerkte der König.„Hat Er hier ſchon geſucht?“ „Nein, Majeſtät. Dieſe wenigen Käſten dienen zur Bequemlichkeit des Arbeitenden, um dies oder jenes vom 10 Werkbret zu beſeitigen oder für nächſten Gebrauch aufzu⸗ bewahren.“ Der König zog einige der Käſten auf. Sie enthielten kleine Werkzeuge, Blätter mit Zeichnungen und andere Nothwendigkeiten zur Arbeit. Plötzlich rief der König, als er das letzte Käſtchen aufgezogen hatte:„Was iſt das?“ Ein Blick des Hofjuweliers auf den betreffenden Gegenſtand ließ ihn ſofort denſelben erkennen. Es war die kleine, Zephanja als Hinterlaſſenſchaft ihrer Mutter nach ihres Onkels Tode übermittelte Schatulle.„Maje⸗ ſtät, jetzt weiß ich's, daß ihr ein Unglück widerfahren iſt!“ ſprach Dinglinger. „Woher weiß Er das plötzlich?“ „Dies Käſtchen, ein Meiſterſtück mauriſcher Kunſt⸗ arbeit, war ihr Heiligthum. Es iſt, wie ſie mir ſagte, ein Erbſtück in der Familie ihrer Mutter geweſen. Wenn je der Gedanke an Flucht in ihre Seele gekommen wäre, früher oder auch erſt geſtern Abend, ſo würde ſie bei Aus⸗ führung deſſelben dies Käſtchen ſicher nicht zurückgelaſſen haben. Ich ſage das mit Ueberzeugung, denn ich weiß, wie ſehr ihr Herz an dieſem Erbſtück hing. Es iſt mein Ein und Alles, hat ſie mir mehrmals geſagt und es inbrünſtig geküßt. Und, Majeſtät, warum hätte ſie auch . flüchten ſollen? Je mehr ich darüber nachdenke, deſto 11 klarer erkenne ich, daß keine Nothwendigkeit ſie dazu trieb. Wenn ſie wirklich im Beſitz eines ihr von Gräfin Coſel übergebenen Documents ſich befunden, ſo war ſie immer noch nicht ſo ſtraffällig, um nur in der Flucht ihre Ret⸗ tung zu finden. Unmöglich konnte ihr das als ein ſchweres Verbrechen angerechnet werden. Auch war Zephanja eine denkende Perſon, die ſich nicht ſo leicht von einer ſie über⸗ kommenden Angſt beherrſchen und kopflos machen ließ. Nur die brutale Weiſe ihrer Arretur auf Befehl Seiner Excellenz des Herrn Generalfeldmarſchalls konnte Anlaß zu ihrer Fluͤcht werden, und ihrer Angſt, von den ſie verfolgenden rohen Soldaten wieder ergriffen zu werden, iſt es allein zuzuſchreiben, daß ſie, im Abenddunkel in den ihr unbekannten Gaſſen ſich verirrend, einem Verbrecher zum Opfer gefallen iſt. Arme Zephanja!“ Dieſer Erklärung folgte ein längeres Schweigen, dann ſagte der König mißbilligend:„Der Flemming iſt ein ungeſtümer Mann, es iſt nicht zu leugnen.“ Und wieder folgte eine Pauſe, die er mit den Worten aufhob:„Mir fällt ein, daß ſie in den Beſitz eines nach ihres Onkels Tode ihr von Paris durch meinen Geſandten übermittelten Erbtheils gelangte. Wie ſteht es damit?“ Der Hofjuwelier ſchlug ſich vor die Stirn und rief: „Majeſtät, im Trubel der Angſt habe ich dies außer Augen gelaſſen! Ich ſelbſt that ja das Geld auf Zinſen für ſie aus.“ 12 „Dann gewinnt die Anſicht, daß ihr ein Unglück widerfahren, allerdings die Oberhand.“ Jener fühlte ſich ſo ſehr von dieſer Beiſtimmung er⸗ ſchüttert, daß er auf einen Seſſel ſich niederließ und das Geſicht mit beiden Händen bedeckte.— Ein peinliches Schweigen waltete zwiſchen beiden. Der König war eben⸗ falls tief ergriffen. Sein planlos über die Plattform hinſtreifender Blick kehrte zu dem Werkbret zurück und blieb auf der noch in dem herausgezogenen Schubfache ſtehenden Schatulle haften. Er nahm ſie heraus und betrachtete ſie aufmerkſam, da ſie ſeinen Sinn für Schönes wach rief; er bewunderte die feine eingelegte Silberarbeit als einen Beweis, wie hoch die Kunſt unter dem Maurenvolke geſtiegen war, um ſo Zierliches und Geſchmackvolles zu ſchaffen. Der Schlüſſel befand ſich im Schloſſe der Schatulle. Der König hatte ſie vor ſich auf das Werkbret geſtellt und ſich auf den Schemel niedergelaſſen, der Zephanja beim Arbeiten als Sitz gedient hatte. Nachdem er aufgeſchloſſen und den Deckel zurückgelegt, fiel ſein erſter Blick auf die beiden Portraits auf Elfenbein in einfachen Gold⸗ rahmen. Das weibliche Portrait zog ſeine ganze Aufmerkſam⸗ keit auf ſich. Der in ſeinem Geſicht ſich verrathende Ein⸗ druck dieſes Anſchauens war nicht nur der des höchſten ——— 13 Erſtaunens, ſondern auch der einer in ihm erweckten beglückenden Erinnerung. Gleich einem leuchtend hervor⸗ brechenden Sonnenſtrahle kündete ſich in ſeinen Zügen die freudige Ueberraſchung eines unerwarteten Wieder⸗ erkennens. 4 Es war das feingemalte Bruſtbild eines jungen Weibes in einfacher ſpaniſcher Frauentracht. Das ſcharf ge⸗ ſchnittene, aber dennoch liebliche Antlitz mit großem, leb⸗ haft blickendem Augenpaar, kleinem Mund mit ſchwellenden, korallenrothen Lippen, freier Stirn und ſanft gerötheten Wangen, welche dem etwas gebräunten Teint eine erhöhte Friſche verliehen, trug einen Anflug des arabiſchen oder jüdiſchen Typus, welcher noch anſchaulicher durch die dies Frauengeſicht umgebende und zu Seiten des ſchlanken Halſes auf den Schultern ruhende reiche, glänzend ſchwarze Lockenfülle hervortrat. Die im Zimmer herrſchende Stille begünſtigte augen⸗ ſcheinlich des Beſchauenden Eingehen in eine ihn der Gegenwart entrückende Erinnerung. Den Ellbogen auf den Pfeilnagel am Werkbret und die Stirn in die Hand geſtützt, bemerkte er nicht, daß Dinglinger ſich erhoben und hinter ihn getreten war.„Das ſei ihrer Mutter Bild, hat ſie mir geſagt“, hörte ihn der König plötzlich ſprechen. „Ihrer Mutter?“ 14 „Und das männliche Portrait ſtelle ihren Onkel dar. Die beiden Portraits ſeien frappant ähnlich.’“ König Auguſt ſchenkte dem männlichen Bruſtbild kaum einen Blick. Der hinter ihm Stehende bemerkte nicht daß ſeines königlichen Herrn Lippen ſich bewegten, als ginge ein lautloſer Name über ſie. Nach einer Weile bemerkte der Hofjuwelier, auf die Schatulle deutend: „Das hier innen ſtehende Käſtchen enthält einige Schmuckgegenſtände aus mauriſcher Zeit, ſehr ſchön ge⸗ arbeitet.“ Der König legte das Frauenportrait beiſeite und be⸗ trachtete den in gleicher Art wie die Schatulle ſelbſt mit Silberarabesken reich ausgelegten, flach aufliegenden Deckel des Käſtchens. An zwei Seiten des letztern ſelbſt ragten ein paar flache Silberöſen hervor, welche zu deſſen Herausheben aus der Schatulle dienten, in die es ſo genau hineinpaßte, daß auch nicht die Schneide eines Meſſers zwiſchen die enganſchließenden Wände hätte ein⸗ dringen können. Der Inhalt dieſes kleinen zierlichen Behältniſſes ließ über ſeine Herkunft durchaus keinen Zweifel aufkommen. Die Halbmond⸗ und Sternform der Steinfaſſung der Ringe und der Broſche deutete auf jene lange ſchon entſchwundene Zeit mauriſcher Herrſchaft. Der König widmete ihnen diejenige Aufmerkſamkeit, welche man Alterthümern erweiſt. * ——;—ͦᷣxꝛℳ;⸗---—— —— 15 „Im Gegenſatz zu dieſen immerhin werthvollen Rin⸗ gen werden Eure Majeſtät auch einen ganz unſcheinbaren Goldreif mit Kapſel finden, den kein mauriſcher Gold⸗ ſchmied gearbeitet hat, denn er trägt eine eingravirte franzöſiſche Deviſe und, was das Sonderbarſte iſt, ein eingeſtanztes Zeichen, das faſt ausſieht wie die zwei ge⸗ kreuzten kurſächſiſchen Schwerter in Eurer Mafjeſtät Wappen.“ „Ha, dieſer Ring!“ rief der König überraſcht aus, ihn vor ſich hinhaltend. Dinglinger, welcher, da er hinter dem König ſtand, den Ausdruck höchſten, faſt ſchreckhaften Erſtaunens in deſſen Geſicht nicht ſehen konnte, deutete deſſen Ausruf dahin, daß der hohe Herr verwundert ſei, ein ſo geringen Werth habendes Object unter ſo werthvollen zu finden. Erklärend ſagte er: „Für ſeine Beſitzerin mag der Ring jedenfalls einen Werth gehabt haben und entſinne ich mich, daß Zephanja mir ſagte, ſie habe geſehen, daß ihre Mutter ihn recht inbrünſtig an die Lippen gedrückt habe. Urſprünglich hat er aber nicht in das Schmuckkäſtchen gehört, das kann man ſich denken.“ König Auguſt ließ als Antwort ein vieldeutiges„Hm!“ hören und zeigte ſich nachſinnend. „Da liegt noch etwas“, bemerkte der Hofjuwelier, hinter ———— tulle blickend. dem König heror ans Werkbret tretend und in die Scha⸗ „Was?“ „Ich weiß es nicht, Zephanja hat nichts davon er⸗ wähnt.“ Der König nahm das ſchon erwähnte kleine, aber durch die Länge der Zeit in ſeinem Prachteinband ſtark unſcheinbar gewordene Buch, deſſen Pergamentblätter nur nooch loſe zuſammenhingen und deſſen buntgemalte und theilweiſe goldene Inſchriften bedeutend verblichen ſich zeigten, heraus.„Eine Art Koran oder ein ähnliches Buch“, ſagte er, die Schriftzeichen auf den Pergament⸗ blättern betrachtend.„Ich entſinne mich, in der Samm⸗ lung türkiſcher Trophäen, welche meinem höchſtſeligen Herrn Vater bei der Befreiung Wiens von den bela⸗ gernden Schaaren der Moslems zufielen, ein ganz ähn⸗ liches Buch geſehen zu haben. Für uns iſt es eine nicht zu deutende Hieroglyphe.“ Indem er das Buch wieder hineinlegen wollte, ge⸗ wahrte er ein Papier auf dem Boden der Schatulle. Er zog daſſelbe heraus und fand, daß es nicht blos eine einfache, vielleicht zum Schutz des einſt ſeinem Be⸗ ſitzer gewiß als eine heilige Reliquie dienenden Buches gegen etwaige Reibung vorſorglich hineingelegte Papier⸗ unterlage ſei, ſondern ein vollſtändig zuſammengefaltetes ——ᷣ —— 17 Schreiben, deſſen Brüche ſich durch die Länge der Zeit ſo feſt auf einander“ gepreßt hatten, daß es großer Vorſicht bedurfte, ſie auseinander zu bringen, ohne das dünne, mürbe Papier zu zerreißen. Es war ein auf drei Seiten eng beſchriebener Bogen, deſſen zierliche, kleine Schrift jedenfalls von einer Frauenhand herrührte. Die Dinte zeigte ſich verblaßt, an manchen Stellen ſogar ſo verlöſcht, daß nur ein gelblicher Fleck geblieben war.„Ein Schreiben in ſpaniſcher Sprache“, ſagte der König. „Verſtehen Eure Majeſtät Spaniſch?“ „Nein, ein paar Worte höchſtens. Da kann man nicht vom Verſtehen einer Sprache reden. Die Ueber⸗ ſchrift kann ich ungefähr deuten: An meine geliebte Tochter Zephanja.“ „An Zephanja“, wiederholte der Hofjuwelier vor ſich hin. Nach einer Weile, in welcher König Auguſt vor ſich hinſann, als ob ihn angelegentlichſt ein Gedanke beſchäf⸗ tige, wendete er ſich zu jenem mit den Worten:„Ich werde das Käſtchen und ſeinen Inhalt an mich nehmen, er intereſſirt mich.“ „Wie Eure Majeſtät wünſchen.“ Das in der Stadt ſich verbreitende Gerücht von dem ſpurloſen Verſchwinden der Braut des Vofjune iers fand Carion, König Auguſt. III. 2 wenige Tage ſpäter eine Vervollſtändigung dahin, daß die Anſicht Platz griff, ſie ſei das QOpfer eines Verbrechens geworden. Man wollte ſogar wiſſen, Seine Majeſtät der König habe einen Preis auf die Entdeckung deſſelben aus⸗ geſetzt und werde derſelbe nur deshalb nicht publicirt, um den oder die Uebelthäter nicht zur Vorſicht anzu⸗ ſpornen. Zweites Kapitel. Die Dämmerung breitete ihre erſten Schleier über das Elbthal, als ein Reiter auf einem ſtattlichen Schweiß⸗ fuchs, Mann und Roß mit Staub bedeckt, langſam auf der Freiberger Straße der kurfürſtlichen Reſidenzſtadt Dresden zuritt. Die Sonnenhitze war den Tag über groß geweſen, ſodaß der mildere Abendhauch zur Wohl⸗ that für Jeden wurde, den ſein Gewerbe genöthigt hatte, die Tagesſtunden nicht ungenutzt vorübergehen zu laſſen. So kräftig der Schweißfuchs auch war, ſo ſah man's ihm doch an, daß er ſehr ermüdet ſein mußte, denn ſein Gang war langſam, der Reiter und der hinter demſelben auf⸗ geſchnallte volle Mantelſack, welche bei kleiner Tour für das ſtarke, rüſtige Thier eine kaum merkbare Laſt zu nennen waren, ſchienen ihm wirklich zur hart drückenden 2* 20 geworden zu ſein, es ließ den Kopf hängen und gab ſo das untrüglichſte Zeichen von Ermattung. Am Freiberger Schlage hatte der Reiter das über jeden einpaſſirenden Fremden verhangene Examen zu be⸗ ſtehen, eine Umſtändlichkeit, die zu jener Zeit mit einem großen Ernſte betrieben wurde. Der Wachtcommandant notirte mit feierlicher Miene die ihm gemachten Angaben: Johannes Gruner, Handelsreiſender für Firma Jakob Wirth in Augsburg. „Und wo wird der Herr einkehren?“ „Man hat mir das Trompeterſchlößchen am See empfohlen.“ In dieſem Moment ſchüttelte ſich der Schweißfuchs und jener ſagte lachend:„Ich glaub's, daß es dich ſchauert, armes Vieh! Das iſt noch ein ſchönes Stück Weg für deine müden Knochen.“ Ein auf der Bank vor der Thorſchreiberei ſitzender Bürger meinte:„Wenn der Herr nicht gerade hin muß, möchte ich ihm den Palmbaum oder die Schnecke an⸗ rathen.“ „Der Palmbaum iſt eine Fuhrmannskneipe, das iſt kein reputirlicher Ort für den Herrn“, verbeſſerte der Wachtcommandant.„Da iſt die Schnecke an der Weiße⸗ ritz doch weit eher paſſend. Er wird dort gut aufgehoben ſein.“ eeneeeeneeueeeeieneneneneeee. n 21 „Mehr verlange ich auch nicht“, ſtimmte der Reiter bei.„Alſo entſcheide ich mich für die Schnecke. Beſchreibe Er mir den Weg.“ „Iſt nicht nöthig, ich muß auf dem Nachhauſeweg an der Schnecke vorüber, kann den Herrn alſo hinbringen.“ Der auf der Bank Sitzende hatte ſich erhoben und nach rit einigen Abſchiedsworten gegen den Thorbeamten ſagte er, : zu dem Reiter gewendet:„Wenn's Ihm beliebt, Herr b ich bin zum Gehen fertig.“ Wie das ſich ſo zu machen pflegt, kamen der zu Roß und ſein Führer unterwegs mit einander ins Reden und ee der letztere fragte:„Der Herr iſt alſo zum erſten Mal in unſerer kurfürſtlichen Reſidenzſtadt?“ hs„So iſt es.“ rt.,„Ich denke,'s wird Ihm hier gefallen. An Kurzweil für fehlt's bei uns gerade nicht, und wenn Er längere Zeit hier bleiben ſollte—“ der„Einige Tage nur“, fiel ihm der Reiter ins Wort. uß,„Sobald meine Geſchäfte abgemacht ſind, geht's wieder an-⸗ weiter.“. „Das iſt ein Schade für Ihn. Na, wenn's aber iſt nicht anders geht, muß Er die Zeit möglichſt zuſammen⸗ der nehmen. Sieht der Herr, hier iſt der Palmbaum, von iße⸗ dem ich redete.“ Eine zuſammengefahrene Wagenburg von hochbepackten 22 Frachtwagen ſtand vor dem Hauſe und des Lärmens war gerade genug, denn Manche legten die Geſpanne vor, um in der Nacht der Kühle wegen zu fahren, Andere luden Tonnen, Fäſſer, Kiſten und Säcke ab, um heute Abend noch damit zu Stande zu kommen, denn wenn der mor⸗ gende Tag wieder ſo heiß wurde, ward die Arbeit doppelt ſauer. „Die Schnecke iſt alſo keine ſolche Fuhrmannseinkehr?“ fragte der Reiter. „Nein, habe der Herr keine Angſt davor. Wir haben nicht mehr weit, ſwwas Seinem Scheweißfuchs ſehr lieb ſein wird.“ „Ich mein's auch. Das Reiſen zu Pferd hat ſein Gutes, aber auch viel Unangenehmes. Man iſt in immer⸗ währender Angſt um ſein Thier, und das hat mich zu dem Entſchluß getrieben, von hier aus Fahrgelegenheit zu nehmen und den Schweißfuchs zu verkaufen.“ „So?“ Nach einer Weile ſagte der Fußgänger: „Kann ich dem Herrn vielleicht dienen? Bin mit einem Roßtäuſcher bekannt, der ein ganz reſpectabler Mann iſt.“ „Bin's zufrieden. Er weiß ja, wo ich zu finden ſein werde.“ Sie hatten die Schnecke erreicht. Es war unterdeß ziemlich düſter geworden.„Danke dem Herrn für ſeine Freundlichkeit“, ſagte der Reiter,„und's bleibt bei dem, ——— —— 8 3 —— 23 was wir wegen des Schweißfuchſes beſprochen haben. Der Hausknecht ſoll Ihm, wenn ich gerade abweſend bin das Pferd vorführen und das Weitere wird dann zwiſchen uns mündlich abzumachen ſein. Des Abends werde ich jedesmal zu Hauſe ſein.“ Nachdem der ſtramm gepackte Mantelſack abgeſchnallt war, erſchien der Wirthsſohn mit Licht in der Thür des Wohnhauſes, um den Ankömmling in eine der im Ober⸗ geſchoß befindlichen Stuben für Fremde zu führen. Der Voranleuchtende, welcher den wuchtigen Mantelſack auf die Schulter genommen, bemerkte nicht, daß der ihm Fol⸗ gende ein ſcharfes Augenmerk auf die Oertlichkeit richtete, die er paſſiren mußte. Sie beſtand in einem kurzen, aus dem Hofe an der Kellerthür vorbeiführenden Gange nach der Treppe im Flur, der im Scheine des Lichtes außer der Hausthür zu beiden Seiten Zimmerthüren zeigte. Unweit der etwas vorſpringenden und mit hölzernem Geländer verſehenen Treppe geſtattete eine offenſtehende Thür den Einblick in die von einer Lampe erleuchtete Küche.— Als der Reiſende Beſitz von der ihm angewieſenen zweifenſtrigen Stube genommen, das ihm heraufgebrachte Abendeſſen verzehrt und es für heute abgelehnt hatte, in die Gaſtſtube hinunterzukommen, weil er müde ſei, unterſuchte er die äußere Oertlichkeit ſeiner Wohnung. Dieſe Umſchau nahm ebenſo wenig Zeit in Anſpruch als die im untern Theil des Hauſes. Aus ſeiner Stube tretend, ſtand er in einem Gange zwiſchen zwei Reihen mit Nummern bezeichneter Fremdenſtuben, an deſſen Ende ein Fenſter ſich befand, um das Tageslicht einzulaſſen. Obwohl es jetzt dunkel war, ſo erkannte der Hinaus⸗ ſchauende doch, daß hier das Haus von einer Planken⸗ einfriedigung, welche einen ſchmalen Hof ausmachte, be⸗ grenzt wurde. Ein Schuppen und aufgeſchichtetes Holz und Balken deuteten an, daß es ein zu Scharwerksarbeiten benutzter Raum ſei. „Für den Nothfall“, ſagte der Fremde zu ſich, in ſein Zimmer zurückgehend. Die Tageshitze hatte das mit Schindeln gedeckte Haus ſtark durchzogen und machte die Oeffnung der beiden Fenſter nöthig. Es zog kühl von unten herauf und ganz leiſes Rauſchen beſtätigte die Vermuthung des Hinausſchauen⸗ den, daß die Weißeritz am Hauſe vorüberfließe. Sehen konnte er das Waſſer nicht, dazu war es zu dunkel. Gegenüber befand ſich kein Gebäude. Dieſer Umſtand war ihm ungemein lieb, denn er ver⸗ gewiſſerte ihn, daß er bei der Beſchäftigung, die er ſogleich vornahm, gäuzlich unbeachtet ſein werde. Und welche Beſchäftigung war dies? Keine andere als das Auspacken des Mantelſacks. Mit der Neugier, wie man ſie bei ——— ——— 25 Dingen äußert, die man nie geſehen hat, nahm der Fremde Stück für Stück aus dem Mantelſack heraus. Es waren Wäſche und Kleidungsſtücke. Letztere probirte er auf ſei⸗ nen Körper und fand ſie zu ſeinem größten Vergnügen vollkommen paſſend; ſelbſt Schnallenſchuhe fehlten nicht. Ein Paquet Briefe, mit einem Faden Garn zuſammenge⸗ bunden, deutete auf eine ausgebreitete Correſpondenz. Das letzte Stück, ein feſt zuſammengeſchnürter Lederbeutel, deſſen Oeffnen ihm Mühe machte, belohnte dieſe über⸗ reich, denn er fand als Inhalt mehrere Rollen Gold⸗ und eine Zahl harter Guldenſtücke darin. Sofort machte er ſich ans Ausrechnen und brachte eine Summe von über fünfhundert Thalern heraus. „Doch einmal eine Erbſchaft, die mich wieder in die Höhe bringt,'s war auch die höchſte Zeit“, ſagte er zu ſich vergnügt.„Hätte ja betteln gehen müſſen, war ratten⸗ kahl ausgebeutelt— das Spiel hatte mich ſchändlich im Stich gelaſſen.“ Nachdem er ſich dem Vergnügen überlaſſen, ſich im Beſitz von ſo viel Geld zu wiſſen, nahm er das Paquet Briefe her und begann ſie einzeln mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit durchzuleſen.„Muß dem Burſchen ordentlich dank⸗ bar ſein, daß er ſo vorſorglich ſeine Briefſchaften zuſam⸗ mengehalten“, redete er in beſter Laune, ſie wieder zuſammenbindend.„Wer ſollte in mir nicht den Johannes 26 Gruner von Augsburg ſehen! Kenne ja deſſen ganze Familienſippſchaft nun von A bis Z.!“ Nachdem er ſo von Allem Kenntniß genommen, verſchloß er mit Ausnahme von einigen Wäſch⸗ und Kleidungsſtücken Alles wieder in den Mantelſack Eine dicke Brieftaſche, die er in der Bruſttaſche ſeines Rockes trug, kam nun an die Reihe des Geprüftwerdens. Sehr befriedigt von dem ſich ergebenden Reſultate, ſprach er heiter zu ſich: „Bin ich ſo glücklich, die Gelder alle einzukaſſiren, ſo habe ich im Umſehen ein Vermögen von über fünfzehnhundert Thalern, und dann kann ich drauf drücken, daß mir For⸗ tuna im Spiel wieder günſtig ſein muß. Salch ein ge⸗ lungener Steinwurf! Hahaha!“ Indeß die Natur überwältigte allmälig die Aufregung, in der er ſich befand. Müde von dem ſcharfen Ritt in der Tageshitze, lehnte er ſich in dem Kanapee zurück und nach kurzer Zeit fielen ihm die Augen zu. Bald ſchlum⸗ merte er feſt ein. Das Licht, immer düſterer brennend, warf einen matten Schein auf ſein Geſicht. Letzteres ließ deutlich erkennen, daß der Mann früher vollen An⸗ ſpruch auf die Bezeichnung ſchön habe machen können. Die gerötheten Wangen gaben demſelben jetzt noch den Anhauch blühender Jugend. Er war eine ſchlanke Mittel⸗ figur, ein noch junger Mann im Anfang der dreißiger 27 Jahre. Die Ruhe, welche jetzt von ihm Beſitz genom⸗ men, wich jedoch allmälig einer Aufregung, die ſehr bald ſich in zuckenden Bewegungen, im Zuſammenballen der Hände, zuweilen auch im Vor⸗ und Rückwärtsſetzen des einen oder des andern Fußes, vorzüglich aber in dem immer ſtärker werdenden Mienenſpiele kund gab. Es mußte ein in außerordentlich lebhaften Farben auftretendes Traumbild, entſprungen der Erinnerung an ein wirkliches Erlebniß, ſein, welches dieſen ſo ſehr be⸗ ſchäftigte, daß er ſich den Körper vollkommen unterthänig machen und ſogar in Worten davon Kunde geben konnte. War auch das, was ſeine Lippen ausſprachen, anfangs ſo leiſe, daß es ſelbſt für ein ſehr aufmerkſames Ohr kaum verſtändlich erſchienen wäre, ſo wuchs doch nach und nach die Verſtändlichkeit ſeines Sprechens im ſchla⸗ fenden Zuſtande ſo ſehr, daß die Worte wie von einer ſehr heiſern Stimme mühſam geſprochen klangen. „König! Wie viel? Zehn Gulden ſtehen, wer hält noch mit? Niemand mehr? Zehn Gulden! König verliert! Aß! Was ſoll ſtehen? Fünfzehn Gulden, Niemand mehr? Fünfzehn Gulden— noch drei— achtzehn Gulden! Aß verliert! Dame! Wer hält noch mit? Zwanzig Gulden— zwanzig Gulden! Noch fünf— fünfundzwanzig Gulden! Dame verliert!“. 3 Eine Pauſe folgte. Der Schlafende reckte ſich, es 28 ſchien, als höre er einer Rede zu. Plötzlich rief er: „Was, Herr, was? Ich ein Schurke, ein falſcher Spieler?“ Den raſchen Bewegungen ſeiner Arme nach zu ſchlie⸗ ßen, die ſo ausſahen, als wollte er auf ihn Eindringende oder Losſchlagende von ſich abhalten, mußte ſich ſei⸗ nem Geiſte das Bild eines heftigen Kampfes vergegen⸗ wärtigen. Sie minderten ſich allmälig, ſein Kopf fiel wie müde auf die Schulter, ſeine Arme ſanken ſchlaff am Körper herab, ſeine Athemzüge gingen nur ſchwach, die vor wenig Sekunden wie vor Wuth und Schmerz ſich verzerrenden Geſichtszüge ſpannten ſich ſichtbar ab. Der Schlummernde bot das Bild eines in vollſtändige Bewußt⸗ loſigkeit Verſunkenen. Eine Weile verging dem Schläfer in dieſem lethar⸗ giſchen Zuſtande, dann zeigten ſich abermals Spuren neuer geiſtiger Thätigkeit an ihm. Er richtete den Kopf auf, langſam hob ſich ſeine Rechte nach dem Nacken, als ob er da einen Schmerz empfinde, ein ſchwerer Athemzug entrang ſich ſeinem Munde.„Nacht, Nacht über mir, um mich!“ ſtöhnte er.„Sie haben mich auf die Straße geworfen, ich muß fliehen— fort, fort von hier!“ An dieſen Ausdruck der Erkenntniß ſeiner Lage ſchloß ſich jedenfalls das Phantaſiegebilde der Flucht und ſprach ſich in einer ununterbrochenen Bewegung ſeiner Füße aus, als befänden ſie ſich im raſchen Gange. Obwohl ſein 29 Körper nicht um ein Haar breit aus der ruhenden Stellung auf dem Kanapee wich, ſo gab ſich doch eine gewiſſe Regbarkeit deſſelben kund, ein leiſes Bewegen, das mit dem der Füße übereinſtimmte. Seine Geſicht röthete ſich, das Athmen zeigte ſich beſchleunigt, wie bei einem auf raſchen Marſch Begriffenen. Nach und nach minderte ſich indeß dieſe Beweglichkeit und hörte bald ganz auf. „Müde, müde— ruhen— der Tag bricht an.“ Dieſe ziemlich deutlich geſprochenen Worte gingen einem Zuſtand von Ruhe voraus, der nun eintrat. Täuſchender hätte die Ruhe eines traumlos Schlum⸗ mernden nicht ſein können als die ſeine, nicht das ge⸗ ringſte Zucken gab ſich an ihm kund. Plötzlich ſchien er jedoch in ſeiner Traumruhe wie von einem Geräuſch auf⸗ geſtört zu ſein, neue Beweglichkeit machte ſich bemerkbar an ihm. Sein Kopf hob ſich, als wolle er mit den ge⸗ ſchloſſenen Augen die Urſache des Geräuſches erſpähen. Das neue vor ihm ſich entfaltende Traumbild gewann ſchnell Bedeutung und Leben. „Ein Reiter“, murmelte er,„biegt in den Hohlweg ein.“ Sichtbar wuchs die Spannung ſeiner Züge, ſein Kopf neigte ſich nach vorn, ſein Hals ſchien ſich zu ver⸗ längern.„Das iſt er, das—“ Mit beiden Händen griff er auf dem Kanapeeſitz um ſich, dann die Linke, mit 30 deren Fingern er einen Gegenſtand zu umſpannen ſchien, erhebend, neigte er Hals und Kopf noch weiter vor. Eine ſchwingende Bewegung dieſer Hand, und deren Finger ſchloſſen ſich ſofort, als ſei das, was ſie umſpannt hatten, ihnen entſchlüpft.„Getroffen!“— die heiſere Stimme des Träumenden klang wie Jubel—„er iſt vom Roſſe geſtürzt.“ Nun gerieth der Schläfer in gewaltige Auf⸗ regung.„Hinunter! Hinunter!“ ging's über ſeine Lippen, und mit den Händen arbeitend, als müſſe er Geſträuch und Geſtrüpp beſeitigen, wendete er den Körper bald rechts, bald links. Lebhaft auf dem Gange vor dem Zimmer erſchallende Stimmen riſſen den von ſeinem Traumbild ganz und gar Umgarnten gewaltſam aus dem Schlummer; aber er war noch ſo ſehr von dem lebhaften Traum befangen, daß er ſich nicht gleich davon befreien konnte, ſondern vor ſich hinmurmelte:„Da liegt er mit zerſchmetterter Schläfe.“ In dem Gange draußen ließ ſich die ſehr hörbare Stimme der Schnecke⸗Wirthin in Folgendem vernehmen: „Sie glaubt's nicht, Jungfer Malchen, was mir das für Freude macht, ſo liebe Landsleute in meinem Hauſe zu wiſſen. Habe für Sie und für den Herrn Vater meine beſten Stuben beſtimmt, weil Ihr doch ein paar Wo⸗ chen werdet hier wohnen bleiben müſſen, und da möchte ich's Euch gern ſo gaſtlich wie möglich machen.“ —— 31 „Ich finde Sie ganz ſo, wie der Herr Vater mir Sie geſchildert hat, ſo gut und ſo freundlich, und wenn die Leute in hieſiger kurfürſtlicher Reſidenz nur halb ſo ſind wie Sie, da muß es ſich ſchon ganz fürtrefflich hier leben laſſen.“ „Da habe Sie keine Sorge, Ihr wird's hier ſchon gut gefallen. Morgen ſoll mein Auguſt mit Ihrem Herrn Vater an einige Orte gehen, wo ich denke, daß paſſende Quartiere für Sie ſind. Und wenn ſich ein ſolches gefunden, ſoll ſogleich der Bote fort, daß Ihr Bruder, der Mosje Ruprecht, mit dem Frachtwagen nachkommt.“ „Wird ſich der Bruder Ruprecht nach dem Boten ſehnen! Sie glaubt's nicht, was der unſerm Städtel gram iſt.“ „Ja, wer jahrelang in ſo großen Orten geweſen iſt, wie der Mosje Ruprecht, der iſt an einen andern Ton gewöhnt. Apropos, Jungfer Malchen, ſei Sie aber ganz aufrichtig, wie hat Ihr denn bei Ihrer Frau Baſe die Jungfer Elſe gefallen?“ „ un, ganz gut. Von vielen Umſtänden iſt ſie gerade nicht, aber das—“ Dieſe Unterhaltung fand für das Ohr des Traunden ihren Abſchluß, indem eine Thür der jenſeitigen Fremden⸗ ſtubenreihe zugemacht wurde, die beiden Sprechenden alſo eingetreten waren. Wenige Minuten ſpäter ließen 32 ſich die Tritte zweier Männer auf der Treppe hören. Der eine ſagte mit einer etwas ſchlarrenden Stimme: „Ich ſeh's mit Vergnügen kommen, daß Er, mein lieber Mosje Auguſt, mit meinem Ruprecht ſeelensfreund wird. Am Ruprecht wird Er ſeine Freude haben. Der weiß zu erzählen von Paris, Wien, Frankfurt am Main, daß es eine Luſt iſt, ihm zuzuhören.“. „Freue mich ſchon auf ſeine Bekanntſchaft, und der Jürg, mein Schulkamerad und guter Freund, freut ſich auch. Für jetzt aber wohl zu ſchlafen. Die Thür da führt in Sein Zimmer, höre meine Frau Mutter drin mit Seiner liebwertheſten Jungfer Tochter ſprechen. Ginge gern mit hinein, muß aber in die Gaſtſtube hinunter, man kann die Dienſtleute nicht allein laſſen.“ „Recht ſo, Mosje Auguſt, immer auf dem Damm ſein im Geſchäft. Da kommt man vorwärts. Habe Er alſo gute Nacht.“ Nach einem halben Stündchen herrſchte die tiefſte Ruhe im Hauſe, der dumpfe, aber weit durch die nächt⸗ liche Stille dringende Hornruf des Wächters verkündete den Schluß des Tagewerks. Frau Rasmus indeß hatte nicht im Sinne, Feierabend zu machen, ohne ein für Mütter höchſt wichtiges Kapitel— das der Verheirathung — mit ihrem Sohne verhandelt zu haben. Ohnehin mit einer trefflichen Suada ausgerüſtet, ſchlug bei dieſer ———— 33 ſie ſehr beſchäftigenden Angelegenheit ihre Sprechfertig⸗ keit ungemein hohe Wellen, indem ſie ihrem herzlieben Auguſt zu beweiſen ſuchte, daß die Partie mit des Herrn Hofſchneiders Tochter für ihn eine ſehr annehmbare und erwünſchte ſein müſſe, denn wie ſie geſprächsweiſe von deren Vater ſelbſt gehört habe, ſei Jungfer Malchen eine Dreitauſendthalerpartie; ſo viel nämlich wolle er ihr mitge⸗ ben, wenn ſie ſich verheirathe. „Und hübſch iſt Jungfer Malchen auch, alſo greif' zu, Auguſt, jetzt haſt Du's noch in der Hand, jetzt iſt ſie noch ganz frei. Habe, um das herauszukriegen, auf den Buſch bei ihr geklopft und weiß es ganz gewiß, daß ſie bis jetzt noch nicht ans Heirathen gedacht hat. Das iſt was werth, mein Sohn.“ „Ja, dreitauſend Thaler“, antwortete jener lachend. „Iſt das etwa ein Pappenſtiel?“ „Bewahre, Frau Mutter,'s iſt'n ſchönes Sümm⸗ chen. Na, wir wollen ſehen,'s will Alles ſeine Wege und vor allen Dingen das Schlafengehen, denn ich bin heute todmüde.“ Somit war dieſer mütterliche Fingerzeig als frucht⸗ tragendes Samenkorn in Auguſt's Denken gelegt und Frau Rasmus gab ſich der Hoffnung hin, ihren Wunſch mit der Zeit in Erfüllung gehen zu ſehen, denn der Auguſt hätte ja keine Augen im Kopfe haben müſſen, Cuarion, König Auguſt. III. 3 ——— „— 34 wenn er der hübſchen Dreitauſendthalerpartie ſich nicht bei Zeiten hätte verſichern wollen, und was ihrem Mutter⸗ herzen ſehr zur Beruhigung diente, beruhte in der Ueber⸗ zeugung, daß ihr Herzensſohn ein ſehr guter Rech⸗ ner ſei. Der Auguſt hatte die Gaſtſtube verlaſſen, die von innen von ſeiner Mutter verriegelt wurde. Dann trat ſie in den Verſchlag, das Nebenſtübchen, um durch die Küche, die ebenfalls von ihr ſtets ſelbſt verſchloſſen wurde, in ihre Schlafſtube zu gehen. Mit Ueberraſchung ſah ſie ihren Mann bei der Küchenlampe an einem Tiſch ſitzen und in der aufge⸗ ſchlagenen Bibel leſen. Zu ſeinen Füßen auf einem nie⸗ drigen Bänkchen ſaß, den Kopf an ſeine Kniee gelehnt, Fiekchen und ſchlief. Schwerer Zorn über dieſe ihr ſehr nutzlos ſcheinende Vergendung des Brennöls trat in das Geſicht der Frau und mit hartem Tone fuhr ſie ihn an: „Was ſoll das? Wer hat Dir erlaubt, bei nächt⸗ licher Zeit Dich hierher zu ſetzen und zu leſen? Dazu iſt am Tage Zeit genug, und was Du lieſeſt, ſchafft weder Dir noch einem Andern Nutzen. Hörſt Du nicht, Rasmus? Das Buch zu, ſage ich!“ Da der Angeredete ſie gar nicht zu beachten ſchien, ſtieg ihr Aerger dermaßen, daß ſie ihm das Buch weg⸗ reißen und ihn auf dieſe Weiſe zwingen wollte, ihren 3 .. 35 Befehl zu reſpectiren. Indeß ihr guter Wille gelangte nicht zur Ausführung; Rasmus griff ſo feſt zu, als ſeine Frau das Bibelbuch ihm wegreißen wollte, daß ſeine Finger ſich um ihr Handgelenk wie ein hart um⸗ ſchließendes Band legten und die Frau, erſchreckt von dieſer Aeußerung eines Widerſtandes und einer Kraft, deren ſie ihn gar nicht fähig gehalten, laut aufſchrie. „Biſt Du ganz verrückt geworden, Rasmus?“ zürnte die Frau.„Laß los, laß los! Du zerbrichſt mir das Handgelenk.“ „Es wäre eben nur ein Handgelenk, Du aber haſt mich zerbrochen. Du haſt daſſelbe an mir gethan, was der Pſalmiſt vom Gottloſen ſagt: Er zerſchläget und drücket nieder und ſtößet zu Boden den Armen mit Gewalt. Und ſo haſt Du mich zerſchlagen, niederge⸗ drückt und mich zu Boden geſtoßen. Du biſt die böſe Schlange geweſen, die mir Gift in die Seele geflößt hat, daß ich elend geworden bin, wie einer nur je werden kann.“ Frau Rasmus verlor die Geiſtesgegenwart ſo ganz und gar, daß ſie den Sprechenden, der in ihren Augen ſeit Jahren ſchon eine unnütze Null war, mit Blicken des Entſetzens anſtarrte, im Zweifel, ob ſie ihn für ganz übergeſchnappt oder für zurechnungsfähig halten ſolle. Und doch ſchien Letzteres der Fall zu ſein. Seit ein paar 3* —— 36 Monaten hatte der Mann dem Trunke entſagt, obwohl er nicht von ſeinem ſcheuen und ſeltſamen Weſen gelaſſen und ganz das Bild eines Blödſinnigen gewährte, deſſen Geiſteskraft zu ſchwach iſt, um geordnet zu denken und ihn beſchäftigende Gedanken feſtzuhalten. Nur ſelten noch erſchien er in der Gaſtſtube und dann nur für kurze Minuten. Sein vom frühern Trunke verwüſtetes Ge⸗ ſicht hatte die brandrothe Färbung, das Aufgedunſene verloren, es ſah gelblich welk aus. Es waren Wochen vorübergegangen, ohne daß er von ſeiner Frau beachtet worden war, jetzt auf einmal kam er ihr ganz verän⸗ dert vor. Sein Geſicht zeigte eine Spannkraft in den Muskeln, wie ihr eine ſolche ganz fremd bei ihm er⸗ ſchien, denn ſelbſt in ſeinen guten, geſunden Tagen hatte ſie dergleichen nicht an ihm bemerkt. Indeß ſchien der Frau zur Ableitung ihres Schrecks ein ihr paſſend erſcheinender Ableiter zu kommen, als Fiekchen, die ſie bisher gar nicht bemerkt hatte, ſich von dem Fußbänkchen zu Füßen des Vaters aufrichtete und, die Mutter erblickend, in Angſt ſchnell aufſtehen wollte. „Iſt der kleine Balg auch noch hier?“ rief ſie und griff mit der freien Hand nach dem Kopfe des Mäd⸗ chens, um demſelben einen empfindlichen Schlag zu geben. Indeß dieſe Stunde war keine glückliche für ſie. 37 Ehe ſie noch das Kind bei den Haaren feſt erfaſſen konnte, hatte Rasmus auch ihr anderes Handgelenk er⸗ griffen und ſeine Finger mit ſolchem Nachdruck um daſ⸗ ſelbe gepreßt, daß die Adern ihres Unterarms in einigen Sekunden wie blutſtrotzend aufſchwollen. Ohne auf den Verſuch der Frau, ſich den eiſernen Klammern zu ent⸗ ziehen, die ſie völlig in des Mannes Hand gaben, zu achten, ſprach Rasmus zu ſeinem Töchterchen: „Geh, mein Fiekchen, geh zu Bette, vergiß Dein Nachtgebet nicht und ſchlafe wohl.“ „Gute Nacht!“ ſagte die Kleine leiſe und ſchüchtern und eilte zur Küche hinaus. Rasmus ließ, ſobald ſein Kind fort war, die Frau los. Dieſe war ſchwer ergrimmt, daß er es gewagt hatte, die Kleine in ſeinen Schutz zu nehmen und zwar unter ſo erſchwerenden Umſtänden, welche dem Mädchen die mütterliche Oberherrſchaft ſehr zweifelhaft erſcheinen laſſen mußten. „Nun, das lobe ich mir, das lobe ich mir!“ ſprudelte die Frau giftig.„Alſo Du willſt den Herrn ſpielen, Du? Willſt mich in meines Kindes Augen zum Ge⸗ ſpötte machen? Das wäre mir recht. Sollſt am läng⸗ ſten im Hauſe geweſen ſein; es gibt ſchon noch Orte, wo ſie mit Verrückten auf eine Weiſe umzugehen ver⸗ ſtehen, die ganz geeignet iſt, ſie zum Gehorſam zu brin⸗ 38 gen. Du ſollſt doch keine Woche länger hier Dein Brod eſſen, Du unnützer Menſch! Das ſage ich Dir! Der Spaß von heut Abend bricht Dir den Hals.“ Sie wollte fort, Rasmus hielt ſie am Arme zurück. „Laß los, Verrückter! Soll ich um Hülfe ſchreien?“ „Wie Du willſſt, ich hindere Dich nicht daran“, ſagte der Mann ſich erhebend.„Es iſt mir gleich, ob das, was ich Dir zu ſagen habe, die Leute mit hören, oder ob Du es allein hörſt. Wie ein Tag kommt, wo die Todten auferſtehen und der Herr der Heerſchaaren zu Gerichte ſitzt und lohnt und verdammt, ſo iſt auch für mich der Tag der Offenbarung des großen, auf mir laſtenden Verbrechens gekommen und die Leute ſollen'’s erfahren, wer die Schlange war, die mich dazu angetrie⸗ ben, und wie ſie ſich des Sündenlohns, den ich mit meiner Seelenruhe erworben, ſich insgeheim bemächtigt hat.“ G Dieſe Rede fiel ſo ſchwer wie ein über ihrem Haupte zuſammenbrechender Berg auf die Frau nieder, daß ſie kein Wort der Entgegnung fand und ihn mit Blicken des Entſetzens anſtarrte, als ſähe ſie ein Geſpenſt vor ſich. Wie willenlos geworden, ließ ſie ſich von dem Mann auf einen Seſſel niederdrücken. Draußen herrſchte tiefe Stille, die Nacht behauptete ihr Recht, ſie breitete ernſtes Schweigen über Stadt und Land. Und Rasmus reckte ſich wie einer, der zum Kampfe gehen will und — 39 die Kraft ſeiner Arme verſucht, indem er ſie ausſtreckt und raſch wieder zurückzieht. Dann hob er an: „Denn Egypten iſt nichts und ihr Helfer iſt vergeb⸗ lich. Darum predige ich davon alſo: die Rahab wird ſtille dazu ſitzen. So gehe nun hin und ſchreibe es ihnen vor auf eine Tafel und zeichne es in ein Buch, daß es bleibe für und für ewiglich.“ Nach kurzer Pauſe redete er weiter: „Ich war ein glücklicher Mann und heiter war ich und fröhlich, denn hatte ich auch nur wenig, ſo war ich doch zufrieden. Und warum hätte ich es nicht ſein ſollen? Hatte mir Gott doch zwei Kinder gegeben, beide geſund und kräftig, an denen ich Freude hatte, große Freude. Freilich war ich nur ein Diener und der Lohn ging, wie er kam, aus der Hand in den Mund. Da trateſt Du an mich heran und rechneteſt mir vor, wie armſelig wir wären, und ſpornteſt mich an, mich um mehr Verdienſt zu kümmern. Mit jedem Tage brachteſt Du dieſe Stein aushöͤhlt, ſo geſchah's endlich auch mir. Deine täglich ſich wiederholende Rede ſchlich ſich wie Gift in meine Seele ein, mit meiner Heiterkeit war's aus und ich ſann und ſann, wie's möglich ſei, mehr Geld zu er⸗ werben. Ich fand aber nichts, was mich dies Ziel hätte erreichen laſſen.“ 40 Die Frau ſchaltete in ihrer harten, heftigen Weiſe ein: „Ich denke doch, jede andere Frau hätte auch nicht dazu geſchwiegen, daß es nur mit genauer Noth auslangte.“ „Höre weiter und vergiß nicht, daß es im Propheten heißt: die Rahab wird ſtille dazu ſitzen. Ich bin eben daran, es auf eine Tafel zu ſchreiben und in ein Buch einzuzeichnen, daß es bleibe für und für ewiglich.“ Das Weſen des Mannes zeigte eine ruhige Energie, die ſo ſehr abweichend von ſeinem frühern Benehmen war, daß ſie der Frau im hohen Grade imponirte und dieſe eine Scheu vor ihm empfand, welche ſtetig zunahm. Er redete ſcheinbar ſo ruhig, als erzähle er ihr etwas Alltägliches, und doch war die Art, in der er es that, ſo ungewöhnlich, daß ſie begriff, wie lange in ſei⸗ nem Geiſte es vorbereitet ſein mußte, die Vergangenheit, von der er ſeit Jahren nicht geſprochen, jetzt in die Ge⸗ genwart zurückzurufen. Dieſe Ueberzeugung drängte ſich ihr gewaltſam auf, als ſie ſah, daß ihr Einwurf ihn nicht in Zorn oder Erregung zu bringen vermochte, und deshalb kam eine Furcht vor ihm bei ihr zur Geltung, die ſie zu bewältigen nicht im Stande war. Rasmus redete weiter in dem ruhigen Tone: „Da eines Tages entdeckte ich, daß meines Vor⸗ geſetzten Tochter, das ſchöne Fiekchen, eine Liebſchaft mit einem Junker habe. Ich hätt's ihrem Vater anzeigen 41 ſollen, aber der Junker verſtand es, mir die Zunge zu binden mit harten Silberlingen, und verſchwor ſich hoch und theuer, daß er ohne ſie nicht leben könne. O, er war ein ſchöner, junger Cavalier und hatte die Rede ſo ſehr in der Gewalt, daß er einen Engel des Herrn hätte verlocken können. Die harten Silberlinge wanderten in Deine Hand, ohne daß Du erfuhrſt, wie ich zu ihnen gekommen. Ein paar Tage ſpäter kam Graf Zech, die rechte Hand des Statthalters Fürſten Egon von Fürſten⸗ berg, ins Archiv zu meinem Vorgeſetzten, dem Archivar Weber, von dem ich bald aus dem Vorſaale herein⸗ gerufen wurde. Ich ſollte auf die Leiter ſteigen, um dem Archivar, der ſich durch harten Fall den Fuß beſchä⸗ digt hatte, aus einem der Repoſitorien in dem Zimmer Nummer fünf Schriftſtücke herabzulangen. Graf Zech war mit anweſend; er lobte die ſtrenge Ordnung des Archivars, der die zuſammengehörenden Schriftſtücke in Mappen, an denen Papierſtreifen mit der Bezeichnung ihres Inhalts hingen, zuſammenhielt, ſodaß er zu jeder Zeit, ohne zu ſuchen, die Papiere oder Documente, welche man von ihm forderte, finden konnte.„Er kann ja leſen“, ſagte der Archivar zu mir.„Gebe Er mir aus dem obern Fache die Mappe mit dem Zettel: Gräflich Promnitz'ſche Urkunden herunter!“ Als ich es gethan, gingen die beiden Herren in das Bureau, ich in den 42 Vorſaal zurück. Der Umſtand, daß der Archivar ein wenig ſchwerhörig war, nöthigte den Grafen Zech, mit ſtarker Stimme zu ihm zu ſprechen, und ich hörte des⸗ halb, wie er ſagte:„Der Herr Graf wünſcht über mehrere Clauſeln in dem zum Teſtament ſeines hochſeligen Herrn Vaters gehörenden Codicill Aufklärung, um Weiterun⸗ gen mit ſeinem ältern Herrn Bruder auszuweichen. Schicke Er mir die betreffenden Papiere zu, ich werde ſie durchgehen und annotiren, was er dann im Namen des kurfürſtlichen Archivs an den Herrn Grafen zu antwor⸗ ten hat.““ Rasmus machte eine Pauſe, indem er ſeine beiden Hände an die Stirn hielt und eine Weile in dieſer Stellung blieb, wobei ſeine Athemzüge ſehr ſtark hörbar wurden, als ſei ihm die Bruſt ſchwer beengt. Dann ließ er die Hände ſinken und fragte:„Wie iſt's gekommen, daß Eva zum Apfelbiß vom Baume der Erkenntniß ver⸗ leitet wurde? Durch die Schlange“, beantwortete er ſich ſelbſt die Frage und fuhr dann fort: „Meine Schlange warſt Du, denn mit jedem Tage prickelteſt Du neu an mir, daß ich Geld zu erwerben ſuchen müſſe, damit es bei uns nicht armſelig hergehe. Der Teufel hat's gehört und redlich dafür geſorgt, ba ich Gelegenheit zum Geldverdienſt fand.“ Frau Rasmus ſchien ſich aufraffen und ihm wider⸗ 43 ſprechen zu wollen, aber die eiſige Ruhe des Mannes imponirte ihr ſo ſehr, daß ſie nicht wagte, ihn zu unter⸗ brechen. Sie empfand eine Furcht vor ihm, die ſie vor ſich ſelbſt nicht rechtfertigen konnte, da ihre bisherige Stellung zu einander ſie zu der Ueberzeugung gedrängt hatte, daß er nichts, ſie und ihr Wille Alles ſei. Ohne Rückſichtnahme auf ihre ſichtbar angſtvolle Un⸗ ruhe redete Rasmus weiter von dem freundlichen, glatten Weſen des Junkers, der ſich wie ein guter Freund an ihn angeſchloſſen, ihn öfter mit Wein und Leckerbiſſen tractirt und ihm eines Tages zugeflüſtert habe, wie es nur von ihm abhänge, eine anſehnliche Summe zu ver⸗ dienen, ohne daß es ihm beſondere Mühe koſte, worauf er, Rasmus, geäußert, daß er das nicht von der Hand weiſe, wenn er den Verdienſt mit gutem Gewiſſen machen könne. Da habe der Junker unbändig gelacht und zu ihm geſagt, daß, wenn man alle die Mittel und Wege kennen ſollte, durch welche die meiſten großen Familien zu ihren Reichthümern gelangt wären, man ſich ſtark verwundern würde. Faſt an jedem der vornehmen Ge⸗ ſchlechter hafte ein kleines Geheimniß der Art, das da be⸗ weiſe, daß ihre Ahnen weder zu feig noch zu dumm geweſen wären, um ſich ihnen bietende günſtige Gelegen⸗ heiten zum Erwerben auszubeuten. Und der Junker habe ſo überzeugend ihm vorgeſtellt, wie nur auf außer⸗ 44 gewöhnliche Art Summen zu verdienen ſeien, in deren Beſitz er nie im Leben kommen könne, wenn er ſich auf das ſteifen wolle, was man im hausbackenen Sinne Ge⸗ wiſſen nenne, daß er ganz confus davon geworden und, von dem ewigen Prickeln der Frau gedrängt, endlich ein⸗ gewilligt habe, ihm das von dem Archivar an den Gra⸗ fen Friedrich Promnitz auf Halbau abzuſendende Schrei⸗ ben, ehe er daſſelbe im Hofmarſchallamte zur Beförde⸗ rung abgäbe, auf ein paar Stunden zur Durchſicht auszuantworten. Der Junker habe ihm nämlich erzählt, daß zwiſchen den beiden gräflichen Brüdern großer Zwie⸗ ſpalt des väterlichen Teſtaments wegen herrſche und Graf Erdmann Promnitz auf Sorau, welcher Wind da⸗ von bekommen, daß ſein Bruder ſich an das kurfürſtliche Kabinet gewendet, um unter einem Vorwande deſſen An⸗ ſichten über verſchiedene Klauſeln des Teſtaments zu er⸗ fahren, die Anſichten dieſer höchſten Inſtanz kennen zu lernen wünſche, um bei dem Proceſſe ſich nicht ſelbſt im Lichte zu ſtehen. Und Rasmus hatte die Befriedigung, daß, als er das mit dem kurfürſtlichen Archivſiegel ver⸗ ſchloſſene Schreiben aus des Junkers Händen mit einer Belohnung von einem Viertelhundert Thalern für dieſen Dienſt zurückerhielt, auch nicht die Spur, daß es geöffnet worden, zu bemerken war. Ha, ein Viertelhundert Thaler! Rasmus vergaß ſchnell beim Anblick dieſer ihm 45 groß dünkenden Summe, um welchen Preis er ſie er⸗ worben. In einzelnen kleinen Poſten gab er ſie an Frau Cordel und hatte wenigſtens die Beruhigung dafür, daß er auf ein paar Wochen von ihrem Drängen nach Geld⸗ erwerb befreit blieb. Rasmus hatte dies in ſo ruhiger Weiſe erzählt, als ſei er ganz unbetheiligt bei dieſer Verletzung der Dienſt⸗ treue. Frau Cordel fühlte ſich vollkommen außer Stande, etwas darauf zu entgegnen. Sie ſaß bleich und zitternd vor Schreck vor ihm, der gar nicht zu bemerken ſchien, welche Verwandlung mit ihr vorgegangen. Die Ruhe des Mannes mußte um ſo erſchütternder auf ſie wirken, als ſie das Gepräge der vollſtändigſten Vorbereitung an ſich trug und ihr die Ahnung einflößte, daß er ihr nicht um deswillen die Vergangenheit zurückrufe, um ihr ein Geſtändniß abzulegen, ſondern um einen Entſchluß aus⸗ zuführen, von dem ſie ſie ſich allerdings noch keine deut⸗ liche Vorſtellung machen konnte, von dem ſie aber fürchtete, daß er ihr Unheil bringen werde. Und das, was ſie noch erfuhr, war auch im weiteſten Sinne des Wortes geeignet, dieſe Vermuthung zu beſtätigen. Rasmus erzählte weiter, daß der Junker darauf be⸗ ſtanden, eine Einſicht in die Originaldocumente zu gewin⸗ nen, da in dem Briefe des Archivars manches ſehr Weſentliche gar nicht erörtert worden ſei, und als er ſich ————C—C—C—C—C—;——́́——a.u—mmyei 4 46 geweigert, dieſe Zumuthung in Ausführung zu bringen, weil der Archivar die Schlüſſel zu den Archivzimmern Niemand vertraue, ſondern ſie mit nach Hauſe nehme, habe jener lachend geſagt, das ſei kein Hinderniß, er ſelbſt werde ihm die Schlüſſel verſchaffen. Ob ihm die Summe von dreihundert Thalern für dieſe kleine Gefäl⸗ ligkeit zu gering erſcheine? Dieſer ihm in Ausſicht geſtellte Reichthum habe ihn willfährig gemacht. Im Schutze zeitigen Abenddunkels, als der Archivar nach ſorgfältigſtem Verſchluſſe der ſo viel Wichtiges enthal⸗ tenden Räume das Haus verlaſſen, habe er mit nach⸗ gemachten Schlüſſeln, zu deren Herſtellung Sophie das Wichtigſte beigetragen, indem ſie ihrem Vater die Schlüſſel entwendet und zum Zweck eines Wachsabdrucks an ihren Geliebten gegeben, die Zimmer wieder geöffnet, der Mappe mit der Bezeichnung„Gräflich Promnitz'ſche Ur⸗ kunden“ ſich bemächtigt und die ihm verſprochene Summe erhalten. Der Verwandte, bei dem der Junker in der Weintraube gewohnt, hätte als Leiche auf dem Parade⸗ bett im Zimmer nebenan gelegen, und da die Leute zu dieſer Leichenſchau ſich gedrängt, ſei es ihm leicht gewor⸗ den, unbeachtet unter den Vielen ins Haus zu kommen und es auch wieder zu verlaſſen. Der Junker habe die Papiere aus der Mappe genommen, flüchtig überleſen und zwei derſelben zurückbehalten mit dem Bedeuten, er 7 4 wolle ſie copiren und ſie ihm am andern Mittag durch Fiekchen wieder zuſtellen. Rasmus ließ eine Pauſe folgen. Ein peinliches Schweigen laſtete auf beiden Perſonen. Der Mann regte kein Glied, ſein Geſicht erſchien wie aus Stein gehauen. Nach einer Weile jedoch kam Leben in ihn, ſeine mattblickenden Augen gewannen ſchnell einen un⸗ heimlichen Ausdruck und ſeine Arme hoben ſich ganz in der Weiſe empor, wie man dies an Predigern bemerkt, wenn ſie glauben, zur Bekräftigung gewiſſer Stellen in ihren Vorträgen etwas Sichtbares thun zu müſſen. Mit dumpfer Stimme hob er an: „Sondern ich will ihn deinen Schindern in die Hand geben, die zu deiner Seele ſprachen: Bücke dich, daß wir überhin gehen, und lege deinen Rücken zur Erde, wie eine Gaſſe, da man überhin laufe.— Und ſo iſt es geſchehen!“ fuhr er fort.„Ich bin den Schindern in die Hand gegeben worden und Du, Weib, Du warſt mit ihnen und haſt harte Sünde auf Deinem Gewiſſen. Es ſoll Alles offenbar werden, ich will in die Welt hin⸗ ausſchreien, daß ſie es alle hören, wie Du Dich des Sündenlohnes heimlich bemächtigteſt und doch mich unter die Füße trateſt, von dem Du wußteſt, daß er ihn ver⸗ dient hatte mit ſeiner Seelenruhe.“ „Rasmus!“ ſtammelte Frau Cordel. 48 „Schweig!“ rief er auflodernd,„Du biſt mein Schinder bisher geweſen, jetzt will ich der Deine ſein, und Alles ſoll zu Ende gehen.“ Wieder folgte eine Pauſe, in der ſich in dem Weſen des ſchwer aufgeregten und gleichſam in ſeinen Seelentiefen aufgewühlten Mannes ein ſo jäher überraſchender Wechſel der Stimmung vollzog, daß derſelbe von erſchreckender Wirkung auf die Frau war, die in gänzlicher Zerknir⸗ ſchung bebend und mit auf die Bruſt geſenktem Haupte vor ihm ſaß. In derſelben ruhigen Weiſe wie früher redete er dann: „Ueber Nacht verſchwand der Junker mit Fiekchen und mit ihm die zwei Documente, die er zurückbehalten. In meiner Seele raſte die Angſt der Verdammniß, ich verfluchte mich um meines Verbrechens willen; aber Nie⸗ mand fragte nach den Documenten. Das gab mir wieder Ruhe; aber es war die Ruhe eines Deliquenten, der mit jeder Minute den Eintritt des Henkers erwartet, um ihn zum Richtplatze zu führen. Ich war nahe daran, mir das Leben zu nehmen, und doch war ich zu feig dazu. Ich war ein elender, jammervoller Mann, der ſorgſam ſeine Qual verbarg. Wer da ſagt, die Sünde nage gleich Skorpionen am Menſchenherzen, ſpricht keine Lüge aus, ich habe ihr Na⸗ gen empfunden und wurde elend darunter. Ein Wort 8 ——n 49 von mir und der Archivar hätte nicht ſeine Tochter ver⸗ loren, gleich im Anfang wäre ihr Verhältniß mit dem Junker zerſtört worden; aber ich hatte es nicht verrathen und mir die Zunge mit harten Silberlingen binden laſſen. Täglich trat im Anblick des Mannes, den Schmerz und Gram bleich und krank gemacht hatten, mein Verbrechen an ihm neu vor meine Seele und ich verfluchte im Stillen Dich, die mich zum Gelderwerb getrieben. Und doch war alles das nichts gegen das mich ergreifende Ent⸗ ſetzen, als das Fehlen der Documente entdeckt und der Archivar, gebrandmarkt mit dem Namen Verbrecher, in den Kerker geworfen wurde. Ich verfiel in Irrſinn, der nur zuweilen von einem kurzen Aufblitzen des Geiſtes ge⸗ lichtet wurde. Horch auf, Cordel, was ich in ſolch einem Augenblick erlebte!“ rief er laut, ſie rüttelnd, deren Oberkörper zuſammengeſunken auf den Knieen zu ruhen ſchien. Sie ſchaute auf, unſichern, verſtörten Blickes. „Du weißt's, Weib, wovon ich reden will“, ſprach er. „Du weißt'’s! Dein Gewiſſen zuckt in Deinen Augen, ich ſehe es; aber Du ſollſt und mußt es erfahren, daß die Erinnerung an jenen lichten Augenblick feſt und un⸗ vergeßlich in meinem Gedächtniß trotz aller Seelenqualen geblieben iſt. Horch auf!“ Als habe er die Abſicht, der Erinnerung, i er jetzt Carion, König Auguſt. III. 3 1 gedachte, den Beigeſchmack des Schauervollen zu geben, hob er mit gedämpfter, faſt ans Flüſtern ſtreifender Stimme an: „Wie Nacht lag es auf mir, ich wußte und fühlte es, aber ich konnte die Finſterniß nicht von mir ſcheuchen, denn ich war gebrochen und gelähmt am Geiſte vom Fluche des Verbrechens. Wenn es zuweilen hell in mir wurde, dann ſtieg mein Denken aus wirren, angſtvollen Träumen auf und ich erkannte Alles um mich, ich hörte Alles, wurde es auch noch ſo leiſe geſprochen; aber ich hatte nicht die Kraft, mich zu bewegen oder zu reden, ich lag wie ein Todter mit ſtarren Gliedern. Das geſchah mir eines Mittags. Ich hörte Dich ſuchen in dem Wand⸗ ſchrank, in dem ich meine Wäſche aufzuheben gewohnt war. Welche Angſt! Da hinein, im hinterſten Winkel hatte ich den Sündenlohn verſteckt. Du fandeſt ihn. Geld! Harte Thaler hat er! riefſt Du im höchſten Erſtaunen. Du zählteſt ſie. Wo hat er ſie her? fragteſt Du Dich laut und wendeteſt Dich zu mir; aber ich lag ſtarr, regungslos, auf mir der Fluch der Unfähigkeit, zu ſpre⸗ chen, mich zu bewegen. Er iſt jedenfalls bei dem Ur⸗ kundendiebſtahl betheiligt, das hat er verdient dabei, es kann nicht anders ſein, das iſt's, das muß es ſein. Wie käme er ſonſt zu dem vielen Gelde? Ich hörte Dich das ſagen und ſah, wie Du die beiden Beutel, in Deine Schürze gewickelt, hinaustrugſt. Von jener Stunde bis zur jetzigen ſind neun Jahre vergangen, nie kam ein Wort von dem Gelde über Deine Lippen. Du kannteſt mein Verbrechen und nahmſt den Lohn dafür hinweg und— mißhandelteſt mich. Das thateſt Du, Du, Weib! Nun ſoll's anders werden, nun will ich des Propheten Wort wahr machen an Dir, Dich den Schindern in die Hand geben. Du biſt die Hehlerin meines Verbrechens! Du hätteſt den Archivar erretten können von Kerker und Tod, wenn Du den Fund des Geldes bei mir ange⸗ zeigt. Du thateſt es nicht; indeſſen Du ſchwiegſt nicht aus Liebe zu mir, weil ich der Vater Deiner Kinder bin, ſondern aus Gier nach dem Gelde. Ich zeige mich und Dich an, damit die Laſt des Schweigens endlich von mir abfällt und ich die Strafe für mein Verbrechen hier verbüßen kann, um nicht in die ewige Verdammniß ge⸗ ſtoßen zu werden. In mir iſt keine Feigheit mehr, ich ſehne mich nach der Buße. Auch Dich ſoll ſie treffen, Dich, Hehlerin, die Schlange, die mich verdorben hat.“ Frau Rasmus glitt vom Stuhle herab, des Mannes Rede hatte ihrer rohen Seele den Stab gebrochen, eine namenloſe Furcht vor der ſie erwartenden Strafe ſich ihrer bemächtigt. Mit einem Male war ihr bisheriges Verhältniß zu Rasmus umgewandelt. Er, der Geduldete, gleichſam rechtlos im Hauſe Lebende, ſtand vor ihr als 4* ——— — 5² Rächer aller an ihm verübten Härte und Verachtung. Sie erkannte, daß ſein jetziger Zuſtand weit gefährlicher als ſein früherer Irrſinn ſei. Er befand ſich im Sta⸗ dium religiöſer Ueberſpannung, welche die höchſte Macht über ihn äußerte, da ſich mit derſelben eine Klarheit des. Denkens verband, die eine fortdauernde Aufregung in ſeinem Geiſte wach hielt und ihm gebieteriſch den Drang nach Buße als ſein einziges und höchſtes Ziel erſchei⸗ nen ließ. Die Zerknirſchung der Frau war trotz alledem nicht von ſo ausſchließlicher Art, daß ſie jeden bei ihr aufſtei⸗ genden Gedanken, ihn auf irgend eine Weiſe zu beruhigen, gefügig zu machen, hätte im Keime erſticken können, aber es mangelte ihr jetzt der Schlüſſel, der ihr es möglich machte, einen andern Entſchluß als den des Selbſt⸗ verraths bei ihm anzuregen. Sie wußte im Moment nichts aufzufinden, was eine noch größere Macht als die ihn beherrſchende religiöſe Ueberſpannung über ihn hätte ausüben können. In dieſer Rathloſigkeit ergriff ſie eine ſeiner Hände und ſagte: „Rasmus, Rasmus, bedenke, was Du thun willſt.“ „Ich hab's bedacht und darum geſchieht es“, lautete ſeine Antwort. „Du willſt mich verderben; aber Du verdirbſt ja nicht mich allein, auch den Auguſt, Deinen Sohn.“ 53 „Schweig'!“ rief der Mann in Erregung.„Den habe ich lange verloren, der iſt mir zum Fremden geworden. Du haſt ihn von mir abwendig gemacht und er iſt trefflich in Deiner Schule gediehen. Er erkennt ſeinen Vater nicht mehr in mir und verachtet mich. Darum ſoll es von ihm heißen, wie im Hoſeas der Herr ſagt: Ephraim iſt ein Kalb, gewöhnt, daß es gerne driſchet. Ich will ihm über ſeinen ſchönen Hals fahren; ich will Ephraim reiten, Juda ſoll pflügen und Jakob eggen.“ Frau Rasmus entwickelte eine ungemeine Aehnlich⸗ keit mit einem Schiffer, der, von Wind und Wetter ver⸗ ſchlagen, ſein leck gewordenes Fahrzeug zum Stranden zu bringen bemüht iſt, um wenigſtens Land zu gewinnen und dem Untergange auf offener See zu entgehen. Sie redete von der dringenden Nothwendigkeit, das von ihr im Wandſchranke gefundene Geld als eine rechtzeitige Unterſtützung zur Anzahlung auf die Schnecke gebraucht zu haben, was als einziger Ausweg ihr geblieben, um ſich und den Kindern eine Zukunft ohne Hunger und Elend zu ſichern. Jede Anzeige des Geldfundes würde eben⸗ ſo viel als ein Mord geweſen ſein, den ſie an ſich und den Ihren hätte begehen ſollen. „Lag denn nicht Schweres genug auf mir?“ rief ſie. „Woher hätte mir Hülfe werden ſollen? Und konnte ich meine Vermuthung, daß Du das Geld als Lohn für 54 Deine Betheiligung am Documentendiebſtahl erworben haben könnteſt, als meine Ueberzeugung von einer wirklichen Thatſache zur Anzeige bringen? Ich hatte keinen Beweis dafür und Du warſt außer Stande, eine bündige Er⸗ klärung abzugeben. Durfte ich als Dein Weib über⸗ haupt gegen Dich zeugen? Hätte man nicht mit Fingern auf mich gewieſen, wenn ich dieſe Anzeige gemacht hätte, ohne einen Halt dafür zu haben? Und war meine Ver⸗ muthung auch die gerechtfertigtſte, kann mir Jemand daraus ein Verbrechen machen, daß ich die geſchehene Uebelthat nicht veröffentlicht habe, um nicht auf unſere Kinder das Brandmal eines Vergehens zu bringen?“ „Schweige!“ rief der Mann.„Was nicht damals geſchehen iſt, ſoll jetzt geſchehen. Es ſoll, ſage ich! Ich will nicht den Fluch mit in die Grube hinunter⸗ nehmen, daß durch mich eines ehrlichen Mannes Name ein geſchändeter bleibt im Andenken der Men⸗ ſchen, ich will nicht wandeln als Verfluchter jenſeits des Grabes, ich will meine Sünde bekennen vor Gott und der Welt.“ Frau Cordel erwiderte nichts. Sie ſann nach, wie es ihr gelingen könne, einen Weg der Rettung aufzu⸗ finden. Ihr Denlen, ſonſt ſo leicht Mittel und Wege findend, wenn es galt, einer Verlegenheit ſich zu ent⸗ winden, ſchien jedoch wie gelähmt. Rasmus dagegen 55 ſprach mit größter Ruhe:„Es iſt beſſer, an uns erfüllt ſich Jeremiä Wort: Man höret ein Geſchrei zu Horo⸗ naim, vom Verſtören und großen Jammer, als daß die böſe That verborgen und die Schande des Verbrechens auf dem Namen des Sohnes deſſen laſten bleibe, der meinetwegen und durch Dich den Tod im Kerker fand und deſſen Weib in Gram und Armuth endete.“ Gereizt rief die Frau:„Nun denn, ſo richte Dich und mich zu Grunde! Stürze Deinen Sohn in den Verruf eines ſchlechten Namens und Dein Töchterchen, Dein Goldkind, laß zu Schanden werden, daß es roth werden muß vor Scham, wenn es Jemand beim väter⸗ lichen Namen nennt. O wird das eine ſchöne Aus⸗ ſteuer für Dein geliebtes Fiekchen ſein, wenn es ſich ſagen muß: Mein Vater hat mich ſo ſehr geliebt, daß er mich mit Schmach bedeckt in die Welt ſtieß!“ Rasmus zeigte ſichtbar einen großen Schreck. Daran ſchien er nicht gedacht zu haben, daß er durch die Aus⸗ führung ſeines Vorſatzes dem Kinde, an dem er mi ganzer Seele hing, einen mit Schande bedeckten Namen auf Lebenszeit hinterlaſſe. Der Gedanke durchſchauerte ihn.„Fiekchen!“ murmelte er vor ſich hin. Die Frau hatte die Saite bei ihm angeſchlagen, deren Getön alle Fäden ſeiner Seele durchzitterte, das Rein⸗ menſchliche gewann im Nu den Sieg über das Starre 56 ſeiner religiöſen Ueberſpannung. glich er einem von feſt gefrorener Schneelaſt umſtarrten Baum, an dem lauer Thauwind die Eiskruſte in Tropfen auflöſt. Die Frau ſah die Wandlung in ſeinem Weſen, und wenn es ihr auch nicht gelang, ihn zu der Anſicht zu bewegen, daß das Verbrechen, deſſen er ſich ſchuldig gemacht, weniger auf ihm laſte als auf dem Junker, der ihn dazu verführt, und daß es ja durchaus nicht in ſeinem Willen gelegen habe, den Archivar ins Verderben zu ſtürzen, ſo hatte ſie doch ſo viel Macht über ihn gewon⸗ nen, daß er um Fiekchen's willen ſeinen Entſchluß, an ſich ſelbſt zum Verräther zu werden, aufgab. Das kleine Mädchen war alſo gleichſam zur Hand⸗ habe geworden, durch welche der Verrückte, wie Rasmus in ihren Augen als ſolcher erſchien, geleitet und unſchäd⸗ lich gemacht werden konnte. Die Vernunft ſagte der Frau, daß ſie verſuchen müſſe, Fiekchen an ſich zu gewöhnen und ihren Mann nie aus den Augen zu laſſen, ihn auf⸗ merkſam zu überwachen. In letzter Zeit hatte ſie ihn faſt gar nicht mehr beachtet. Sie wußte von ihm nur, daß er nicht mehr dem Trunke fröhnte, ſelten einmal in die Gaſtſtube kam und faſt ſtets in ſeinem Stübchen verblieb. Dieſe Iſolirtheit des Mannes, ſo angenehm ſie ihr auch war, hatte ihn gefährlich gemacht, wie ſie zu ihrem größten Schrecken erfahren, und ſie glaubte, In dieſem Augenblick 57 daß nichts geeigneter ſein dürfte, ihn ſeinem Hang zum Irrſinn zu entreißen, als ihn zu einer Thätigkeit anzu⸗ ſpornen, die es ihm unmöglich mache, ſeinem wirren Denken und ſeinen Gewiſſensbiſſen ſich hinzugeben. In einem Gaſthofe konnte es nicht fehlen, eine ſolche Thätigkeit, durch welche er zugleich vom Umgange mit den Gäſten fern gehalten wurde, aufzufinden, und als der Morgen zum neuen Tagewerk rief, war Frau Rasmus vollkom⸗ men mit ſich im Klaren, wie ſie das bewerkſtelligen wollte. Der Augsburger Handelsreiſende erſchien am andern Morgen zeitig in der Gaſtſtube, um das Frühſtück ein⸗ zunehmen. Auguſt leiſtete ihm Geſellſchaft; es iſt ja natürlich, daß fremde Geſchäftsleute über ſo Manches Auskunft verlangen, und Herr Gruner gehörte unter allen Umſtänden zu den reſpectabeln Reiſenden. Sein Aeußeres glich in dem feintuchenen Kleide dem eines Cavaliers, ſeine Manieren zeigten etwas ungeſucht Nobles und Auguſt beſaß den für einen Gaſtwirth gehörigen Unter⸗ thänigkeitsſinn, um ſeinem Gaſt die möglichſte Ehre zu erzeigen. Der Fremde verlangte die Wohnungsadreſſen mehrer angeſehener Handelsfirmen von ihm zu wiſſen und notirte ſich dieſelben. „Im Klepperbein'ſchen Geſchäft habe ich einen ſehr guten Freund, der daſelbſt als Commis functionirt“, ſagte Auguſt.„Wenn der Herr es wünſchen ſollte, ſo 58 würde ich dieſen anweiſen, Ihm vielleicht in irgend einer Angelegenheit Auskunft zu geben und beiſtändig zu ſein.“ „Iſt nicht vonnöthen“, antwortete jener vornehm ab⸗ weiſend.„Ich habe nur mit den Herren Principalen zu thun, nicht mit deren Leuten.“ Des Fremden erſter Gang in die Stadt galt dem Aufſuchen eines Beutlers, um ſich eine Geldkatze nach eigener Angabe zu beſtellen, die, ohne aufzufallen, auf bloßem Leibe getragen werden könne und vor allen Dingen waſſerdicht ſei, denn auf Reiſen ſei ſolche Verwahrungs⸗ art die zweckmäßigſte. Die ſofortige Vorausbezahlung brachte den Meiſter zur Zuſage, die beſtellte Arbeit bis zu den Nachmittagsſtunden zu fertigen. Die Klepperbein'ſche Firma aufzuſuchen hatte keine Schwierigkeit, jedes Kind kannte ſie. Der Reiſende des berühmten Handelshauſes Jakob Wirth fand eine höchſt zuporkommende Aufnahme. Der Dresdner Geſchäftsherr, welcher nach Durchleſung des ihm überreichten Briefs ſich ſehr geehrt fühlte, in dem jungen feinen Mann den künftigen Aſſocié und Schwieger⸗ ſohn ſeines in der Handelswelt hochgeachteten Augsburger Geſchäftsfreundes kennen zu lernen, lobte deſſen Abſicht, mit den Herren, die mit ſeinem künftigen Schwiegervater in Verbindung ſtänden, ſich perſönlich bekannt zu machen. Ein ſolides Frühſtück, zu dem ihn Herr Klepperbein einlud, — 59 konnte als Ausdruck dieſer Freude gelten. Die Unter⸗ haltungsgabe des Fremden war ſo gewandter, feiner Art, daß jener, ganz entzückt davon, ihn einlud, am heutigen Nachmittage Theilnehmer an einer Luſtpartie in die Um⸗ gegend zu ſein. „Erſt das Geſchäftliche, lieber Herr, dann das Ver⸗ gnügen“, antwortete der junge Reiſende ſich verneigend. „Ich denke mich dann noch einige Tage zur Umſchau in hieſiger kurfürſtlicher Reſidenz aufzuhalten.“ „Dann alſo, abgemacht“, ſprach jener, ihm freund⸗ ſchaftlich die Hand ſchüttelnd.„Wäre zu wünſchen, daß unſere jungen Kaufleute ſich des Herrn Deviſe zur Richtſchnur nähmen.“ Ein paar Worte auf einen Streifen Papier notirend, nachdem der Fremde geäußert hatte, daß ihm eine Zahlung in Gold des Transports wegen angenehmer ſei, ſendete der Geſchäftsherr einen Diener ins Comptoir und kurze Zeit darauf trat Jürg Weber ein.„Zähle Er dort auf, Jürg, vierhundertfünf⸗ undvierzig Thaler.“ „Zu Befehl.“ Wenig Minuten ſpäter hatte ſich Zürg des Auftrags entledigt. Der Fremde zählte die Summe nach und ſtrich ſie ein, ſofort um eine Feder bittend, um die Beſcheinigung auszufertigen. „Nun, Jürg“, hob Herr Klepperbein an,„da Er doch 60 gern in die Welt hinaus will, um Seine Kenntniſſe in unſerm kaufmänniſchen Geſchäftsleben zu erweitern, ſo denke ich Ihm das beſte Zeugniß Seiner Brauchbarkeit und Solidität auszuſtellen, wenn ich für vorkommende Fälle gegenwärtigem hochachtbaren Herrn Ihn empfehle. Firma Jakob Wirth in Augsburg iſt eine ſo hochan⸗ geſehene in unſerer Handelswelt, daß eder Commis ſich Glück wünſchen kann, bei derſelben Anſtellung zu finden.“ „Hochverehrter Herr“, ſagte Jürg, ſich vor dem Frem⸗ den verneigend,„beſſere, mir mehr zu Gunſten ſprechende Referenzen als dieſe Empfehlung meines hochachtungs⸗ werthen Lehrherrn und Herrn Principals könnte ich wohl unmöglich beſchaffen und bitte daher, mich des Herrn Beachtung freundlichſt empfohlen zu halten.“ „Werde darauf Rückſicht nehmen“, ſprach jener;„s kann ſich wohl fügen, daß zum Neujahr eine Stelle bei uns frei würde. Melde Er ſich deshalb zu Michaelis. Sein Herr Principal legt vielleicht ein paar Zeilen an meinen Herrn Schwiegervater mit ein ſich auf meinen⸗ heutigen Beſuch beziehend, und ich denke da für Ihn wirken zu können.“ Als Jürg das Zimmer verlaſſen hatte, äußerte der Fremde:„Ein hübſcher junger Mann, wohlgeſtaltet und freundlichen Ausſehens.“ 61 „Und brav in jeder Beziehung“, fügte Herr Klepper⸗ bein hinzu. Eine halbe Stunde ſpäter verließ der Augsburger ſeinen Geſchäftsfreund, um, wie er ſagte, ſeine weitern Geſchäfte zu beſorgen. Drittes Kapitel. Im güldenen Schwerte am Altmarkte zu Dresden war zu dieſer Zeit eine vornehme Dame mit Diener⸗ ſchaft, unter der ſich ſogar ein Mohr befand, und meh⸗ reren Equipagen eingekehrt und hatte die ganze Reihe Zimmer des erſten Stockwerks in Beſchlag genommen. Es war die verwittwete Gräfin Helene Marianne Char⸗ lotte von Promnitz auf Halbau, geborene Gräfin Tenczin, die in ihrer Perſon zugleich die reichſte Erbin Ober⸗ ſchleſiens repräſentirte. Wenn ſich abnorme Charakter⸗ eigenheit jemals durch Aeußerlichkeiten ausdrückte, ſo war dies bei Gräfin Helene Promnitz im angebehüleſten Maße der Fall. In männlicher Kleidung würde ſie ganz gut für einen Mann haben gelten können, denn es war ſo wenig Weib⸗ 63 liches an ihr, daß eben nur ihre weibliche Kleidung ihr Geſchlecht andeutete. Ihre Geſtalt, über Mittelgröße, war voll, maſſiv, mancher Aufläder hätte in dieſer Beziehung hinter ihr rangirt. Dieſer ſtämmige Frauenkörper trug in vollkommenſter Harmonie mit ſeinen maſſiven Formen einen großen Kopf und das Geſicht hätte nur der An⸗ deutung von Bartwuchs bedurft, um als männlich zu gelten. Voll und breit, mit einem ſehr ſtarken wie eine Kugel vorſtehenden Kinn, was auf einen trotzigen, un⸗ beugſamen Charakter deutete, beſaß es keine andere Aus⸗ zeichnung als die eines dicken Lippenpaares, das, wie allbekannt, als Zeichen roher Sinnlichkeit angeſehen wird, und einen durchdringenden, funkelnden Blick, welcher ſchnell entflammte Leidenſchaftlichkeit verkündete. Dieſe vornehme Dame war wirklich die Repräſen⸗ tantin einer Eigenart ihres Geſchlechts, wie ſie zum Glück nur ſelten gefunden wird. Roh und ſinnlich, leiden⸗ ſchaftsvoll und faſt immer in Aufregung durch häufigen Genuß von geiſtigen Getränken, unter denen der Brannt⸗ wein ihr als ſehr beliebter Haustrunk galt, beſaß ſie die Entſchloſſenheit eines Wilden in tollen Wagniſſen, uner⸗ müdliche Ausdauer in Haß und Rache und jenen von der Ausſtattung mit ſolchen Eigenſchaften ganz untrennbaren Appendix einer höchſt plebejen Ausdrucksweiſe, die nicht ſelten alle Schranken des Anſtands mit Füßen trat. 64 Eine wilde Jägerin, die ihres Vergnügens wegen manches gute Roß zu Schanden jagte, eine Piſtolen⸗ ſchützin, welche darauf wetten konnte, den Kopf des Treff⸗ buben zu treffen, ohne die Hand deſſen zu verletzen, der ſich zu dem Wagſtück hergab, dies Kartenblatt mit ſeinen Fingern emporzuhalten, und die wegen dieſer Kunſtfertig⸗ keit und ihrer Liebhaberei für dieſe Feuerwaffe von den Unterthanen ihres verſtorbenen Gemahls den Namen Piſtolengräfin erhalten hatte, eine Verächterin der fei⸗ nen Umgangsformen unter ihren hohen Standesgenoſ⸗ ſen, welche von ihr widernatürliche, unſinnige Schön⸗ thuerei und Verkleiſterung genannt wurden, entbehrte ſie der Anmuth ganz und gar. Es mußte eine ſehr ärgerliche Angelegenheit ſein, um derentwillen ſie nach der kurfürſtlichen Reſidenz gekom⸗ men, denn mit langen Schritten durchmaß ſie das Zim⸗ mer und trat, zuweilen dieſe Spaziergänge unterbrechend, ans Fenſter, die Augen über den Markt ſchweifen laſſend und vorzüglich ihre Aufmerkſamkeit der Richtung nach dem Gaſthauſe zum güldenen Ring zuwendend, das, ebenfalls am Altmarkt gelegen, mit dem güldenen Schwerte rivaliſirte. Höchſt verdrießlich rief ſie, als ſich das Ge⸗ ſuchte nicht erblicken laſſen wollte: „Wo bleibt der Kerl nur? Das Pietiſtenpack horcht ihn aus, weiter iſt'’s nichts, kann mir's denken. Die ganze — Geſellſchaft in eine Piſtole geladen und zum Teufel ge⸗ ſchoſſen, könnte nichts ſchaden.“ Dieſer Aerger fand eine Art Ableitung, indem ſie zu einem am Fenſterpfeiler ſtehenden Tiſche trat und ſich aus einer mit Korbgeflecht umwundenen Flaſche ein Glas ſtarlduftenden Branntwein eingoß und mit einem Zuge ausleerte. Sie fing dann aufs neue ihre Promenade an und in deren Verlauf machte ſie ihren zornigen Ge⸗ danken in folgenden Worten Luft: „Der Satan muß meinen verſtorbenen Eſel geritten haben, eine ſolche verflucht dumme Klauſel ins Teſtament zu ſetzen; aber natürlich, Art läßt nicht von Art, die Promnitze ſind durch die Bank heilige Halunken. Wird das ein Jubel für die liebe Sippſchaft ſein, daß ich den Jungen hergeben muß, will ich nicht ein Drittel der Erb⸗ ſchaft zum Teufel fahren laſſen.“ Dieſe harte Bedingung konnte als ſicherſter Beweis gelten, welches Vertrauen ihr verſtorbener Gemahl zu ihr gehegt hatte, indem er auf dem Sterbebette noch da⸗ für ſorgte, daß die Erziehung ſeines kaum zwei Jahre alten Söhnchens ihr entzogen werde. In ſeiner kurzen Ehe mit ihr war er zu der Einſicht gekommen, daß der unter ihrer mütterlichen Aufſicht erwachſende Knabe eben keine Zierde ſeines hohen Namens werden würde, und hatte deſſen Erziehung der frommen Süiefgroümntter Carion, König Auguſt. III. deſſelben, der Prinzeſſin von Weißenfels⸗Dahme, über⸗ wieſen, die für gewöhnlich auf ihrem niederlauſitziſchen Schloſſe Drehna lebte. Um allen Streitigkeiten und der Nichtreſpectirung ſeines Willens von ſeiten ſeiner Ge⸗ mahlin, deren Charakter er zu ſeinem größten Leidweſen vollſtändigſt hatte kennen lernen, im voraus die Spitze abzubrechen, hatte er die oben erwähnte Bedingung dem Teſtament einverleibt. Wie er ganz richtig geahnt, ſo erfüllte es ſich. Seiner Wittwe Mutterliebe wog nicht den Verluſt des Drittels der ihr zufallenden Erbſchaft auf und heute war ſie in Dresden an gekommen, um der Prinzeſſin, die wegen der Herſtellung einer jungen, bei ihr lebenden und ſich in der Behandlung eines Dres⸗ dener Arztes befindenden Verwandten ſich in der kurfürſt⸗ lichen Reſidenz aufhielt, das Knäblein zu übergeben. Sie freute ſich bei dieſer Gelegenheit der alten ehrwür⸗ digen Dame Kränkungen zufügen zu können, und daß ihr Secretär, den ſie mit der Meldung ihrer Ankunft in den güldenen Ring, wo die Prinzeß Wohnung ge⸗ nommen, geſchickt hatte, ſo lange ausblieb, regte ihr die Galle ganz beſonders auf. Ans Fenſter tretend, rief ſie, den endlich zurück⸗ kehrenden Boten erblickend:„Da kommt die Blindſchleiche! Wie langſam der Kerl die Knochen hebt! Zu Hauſe auf Halbau würde ich ihn bald zum Hüpfen bringen; eine dA –EE— —— 67 einfache Schrotladung thät's, nichts weiter.“ Ihr Zorn wuchs bedeutend, da nach ihrer Berechnung der Zurück⸗ kehrende viel zu langſam kam.„Die Hetzpeitſche verdient Er, Schurke, für Seinen Dienſteifer, daß Er es weiß!“ ſchrie ſie ihm entgegen.„Danke Er Gott, daß ich eine Frau von ſanfter Gemüthsart bin, die ſich nicht an ſo ruppigem Hund, wie Er einer iſt, vergreift.“ „Gnädige Frau Gräfin—" s Maul halten, keinen Mucks— Bedientenzeug hat zu ſchweigen. So iſt's bei mir.“ Nach einem einmaligen Auf⸗ und Abſchreiten im Zimmer blieb ſie ſtehen, ſah den an der Thür Verhar⸗ renden ſcharf an und fragte dann:„Hat Er meine An⸗ kunft gemeldet?“ „Zu Befehl, gnädige Frau Gräfin. Ich erhielt den Beſcheid, zu warten, die Frau Prinzeſſin wolle mit mir ſprechen, und da konnte ich doch nicht fortgehen. So offen⸗ bare Unart von mir hätte auf die gnädige Frau Gräfin ein nachtheiliges Licht geworfen.“ „Hm, das klingt nicht dumm. Mache mir zwar den Teufel aus der heiligen Sippſchaft, aber— nun weiter. Rapportire Er, Heinze.“ „Die Frau Prinzeſſin iſt eine alte ehrwürdige Dame mit ſehr ſanfter Stimme.“ 68 „So ungefähr, wie ich zu ſprechen pflege?“ fragte die Gräfin. „Beinahe ſo.“ Die Gräfin brach in ein ſchallendes Gelächter aus. Es machte ihr viel Spaß, daß der Secretär ohne Zau⸗ dern dieſe Antwort gegeben.„Verfluchter Kerl Er!“ rief ſie.„Damit will Er mir wohl eine Grobheit ſagen? Ich jagte mir eine Kugel durchs Hirn, wenn ich zu ſo zimperlicher Art gehörte, wie dieſe erlauchte Verwandt⸗ ſchaft. Nein, ich bin von etwas anderem Schrot und Korn und bin mir ſo grade recht. Baſta! Weiter! Schieße Er los!“ Jener rapportirte, wie die Frau Prinzeß ihn des kleinen Grafen wegen befragt habe, ob er ruhiger, wei⸗ nerlicher oder zorniger, eigenſinniger Art ſei. „Geht auf mich“, ſchalt die Dame ein. „Und ob der kleine Herr Graf große Zuneigung zu ſeiner gnädigen gräflichen Frau Mutter habe, was ich denn natürlich auch bejaht habe.“ Lüge Er und der Teufel!“ lachte die Gräfin.„Der Junker hat ſo viel Zuneigung zu mir, daß er brüllt, als wenn er am Spieße ſtäke, ſobald er meiner anſichtig wird. Er hat's aber recht gemacht, Heinze, daß Er ſie ange⸗ logen, paßt mir gerade. Weiter!“ „Die Frau Prinzeß ſagte mir, ſie würde perſönlich ,— 69 bei Ihro gräflichen Gnaden erſcheinen, um den kleinen Herrn Grafen in Empfang zu nehmen.“ „So? Hm! Denkt wohl, ich werde ihr eine Rühr⸗ ſcene vorſpielen? Soll ſich wundern, verdammt wun⸗ dern.“ Sie trat ans Fenſter und hatte kaum einen Blick hinausgeworfen, als ſie rief:„Da kommt ſie ſchon— hat's verflucht eilig. Fahr' Er ab! Wenn ich klingle, ſoll die Lotte mit dem Junker kommen. Der Lakai hat die Prinzeß wie jeden andern Fremden erſt zu melden. Verſtanden?“ Die Frau Gräfin verfehlte nicht, ſich auf den ihr bevorſtehenden Beſuch nach ihrer Art aufs würdigſte vor⸗ zubereiten, indem ſie ſich aus der umflochtenen Flaſche einen Stamper Branntwein ausgoß und mit einem Zuge leerte. Dann ſchob ſie ſich einen Armſeſſel ans Fenſter und nahm Platz darin. In ihren fleiſchigen Zügen prägte ſich der Ausdruck einer hämiſchen Freude aus, ſie hatte mit Abſicht den Branntwein genoſſen. Geſpannt nach dem Vorzimmer horchend, ob ſich da nicht ein Ge⸗ räuſch hören laſſe, war ſie ſehr befriedigt, als ſie ein ſolches hörte und gleich darauf der Lakai mit der Meldung eintrat:„Die Frau Prinzeß von Weißenfels⸗Dahme.“ „Herein, an mein Herz!“ rief die Gräfin ſehr laut und eilte der Gemeldeten mit ausgebreiteten Armen ent⸗ gegen. Zärtlicher hätte keine Umarmung zwiſchen zwei 70 Freundinnen ſtattfinden können. Die Gräfin hielt die ſich ſehr ſträubende alte Dame feſt in ihren Armen und küßte ihr mehrere Male die Stirn. Als ſie ſie losließ, wankte dieſe nach einem Seſſel, und ſich auf denſelben niederlaſſend, ſagte ſie ſchwach:„Die Frau Gräfin ſcheinen ſtarke Tropfen eingenommen zu haben— riechen ſehr ſtark, dieſe Tropfen.“ „Tropfen?“ lachte die Gräfin.„Denkt kein Menſch⸗ dran. Ich habe ein Glas Branntwein getrunken, wie ich das öfters thue. Geht wie Feuer durch die Adern und das Bischen Geruch iſt nicht zu erwähnen.“ Die Miene der alten Dame konnte den Abſcheu nicht ganz verbergen, den dieſe ſehr offene Erklärung in Ver⸗ bindung mit dem ſtarken widerlichen Duft, den ſie bei der Umarmung ſo ausgiebig hatte riechen müſſen, ihr einflößte, und die Gräfin genoß das ſchöne Bewußtſein, ihr eine Unannehmlichkeit bereitet zu haben. Jene ſchien den Entſchluß, ihren Beſuch auf das Minimum von Zeit zu kürzen, gefaßt zu haben und hob ohne weitere Ein⸗ leitung an davon zu ſprechen, wie der verſtorbene Graf Friedrich es mit ſeinem edlen Charakter übereinſtimmend gefunden, für ihre, der Gräfin, unumſchränkte Freiheit und für ſeines Söhnchens Erziehung Sorge zu tragen, indem er die betreffende Klauſel ins Teſtament habe ſetzen laſſen. Es ſei vorauszuſehen, daß ſie als junge 71 Wittwe ſich wieder vermählen werde, und dann dürfte die Sorge für den kleinen Grafen ihr immerhin eine Laſt ſein. „Ich bin auch tief von den vorſorglichen Intentionen meines verſtorbenen— Gemahls gerührt“, antwortete die Gräfin ſpöttiſch.„Wie gütig er meiner bei Abfaſſung ſeines letzten Willens gedacht hat, beweiſt die ſchöne An⸗ ordnung, daß ich mit dem Drittel ſeines mir zufallenden Vermögens zu büßen haben ſollte, wenn ich ſeiner An⸗ ordnung hinſichtlich der Erziehung meines Sohnes nicht Folge leiſten wollte.“ „Sie ſcheinen das zu ſchwer zu nehmen, meine Theure“, ſprach die Prinzeß. „Ich denke nicht“, lautete die Antwort.„Wem ich dieſe ſaubere Teſtamentsklauſel verdanke, weiß ich.“ „Dem Hochſeligen, wem ſonſt?“ „Meiner heiligen Frau Schwägerin auf Sorau.“ „Sie irren, Gräfin, Sie irren.“ „Fürchten Sie das nicht, Frau Prinzeß. Jeder Jäger muß wiſſen, mit was für Ladung er dies oder jenes Stück Wild zu erlegen hat, und die heilige Schwägerin hat die ganz richtige in Anwendung gebracht, um meinen ſchwachköpfigen Gemahl zu dieſer ſaubern Intention zu ſtimmen. O, es iſt eine köſtliche Geſchichte, die ich Ihnen Spaßes halber mittheilen will.“ 72 „Ich bitte, meine Theure—“ „Bitten Sie nicht. Ich halte es für eine Pflicht gegen mich ſelbſt, Ihnen zu beweiſen, daß ich die Wege und Thaten der frommen Sorauer Sippſchaft ganz gut kenne. Ich war eines Tages auf der Jagd— ja ſo, das iſt zu unheilig für Ihr Ohr, thut mir leid, kann Ihnen das aber nicht erſparen. Als ich gegen Abend nach Hauſe kam, fand ich den Grafen, meinen Gemahl, ſtark verändert. Er war ſehr nachdenklich geworden. Worüber? Ich erfuhr es nicht. Hatten ihn die Beſuche mehrerer Cavaliere aus der Umgegend aufgeregt? Es mußte ſo etwas ſein. Erſt nach ſeinem Tode wurde ich klar darüber, ich fand ein Schreiben der heiligen Sorauerin in ſeinem Nachlaß vor. Es war ſo fromm geſchrieben, daß mir übel dabei wurde— eine Menge hinverbranntes Gewäſch von Chriſti Verdienſt um die ſündige Menſchheit und wie es Pflicht eines Jeden ſei, die Seinen vor dem Moloch zu retten. Und hinterher kam es, daß ich ein unbeſtreitbares Familienglied beſagten Molochs ſei und er, mein Gemahl, wenigſtens ſeinen Sohn retten müſſe, daß er mir nicht überlaſſen bleibe und ſein Seelenheil auf ewig verloren gehe. Sogar der Rath, daß mir ein Drittel ſeines nachzulaſſenden Vermögens teſtamentlich entzogen werden ſolle, wenn ich die Erziehung des jun⸗ gen Grafen nicht in Ihre Hand legen würde, fand ſich 73 in dieſem Briefe vor. Nun, Frau Prinzeß, gefällt Ihnen dieſer heilige Spaß? Gewiß, er iſt echt chriſtlich, weil doch einmal Ihre erlauchte Verwandtſchaft das Chriſten⸗ thum zum Steckenpferd gemacht hat, auf dem ſie ſo groß⸗ mächtig einhertrottirt.“ Die alte Dame war in ſchwere Verlegenheit gerathen. Sie ſah das zornrothe Geſicht der Gräfin und glaubte beſorgen zu müſſen, daß die leicht zu Extremen Geneigte in ſolcher Stimmung zu einer viel ſchlimmern Demon⸗ ſtration ſich veranlaßt finden könnte. Ihre Blicke folgten angſtvoll der im Zimmer heftig auf und nieder Schreitenden, die endlich ſtehen blieb und funkelnden Auges rief:„Wiſſen Sie, Frau Prinzeß, was ich im erſten Augenblick der Wuth, als ich dieſen Schandbrief geleſen hatte, zu thun willens war? Ich wollte nach Sorau und der heiligen Schwägerin eine Kugel durch den Kopf jagen als Belohnung für den guten Rath; aber zum Glück fiel mir ein, daß es Leute gibt, die keinen Schuß Pulver werth ſind.“ „Laſſen Sie uns zu einer Verſtändigung kommen, meine Theuerſte“, bat die alte Dame. „Es würde unnöthig ſein, meine Gnädigſte. Sie ſind in dieſer Sache Partei und das alte Sprichwort: Eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus, könnte ſich hier nur beſtätigen. Melden Sie das, was Sie jetzt bei mir erfahren haben, der heiligen Sorauerin und fügen 74 Sie zugleich hinzu, daß ſie nicht wähnen ſolle, mit mir fürs Leben ſchon ins Klare gekommen zu ſein. Es gibt noch etwas zwiſchen uns abzumachen, das ich nie vergeſſen werde, und das iſt der Documentendiebſtahl im hieſigen Archive. Frau Prinzeß, ich habe eine verdammt gute Naſe und bin dieſer verfluchten Geſchichte auf der Fährte. Melden Sie auch das meiner heiligen Frau Schwägerin nach Sorau— wird ſich ſehr darüber freuen, die edle Dame!“ „Ich ſehe aber nicht ein, warum Sie, Frau Gräfin, mich mit derlei Unannehmlichkeiten ſo zu ſagen überhäufen.“ „O meine Gnädigſte, an der Erklärung des Warum ſoll's nicht fehlen. Ich gehöre nicht zu jener Halunkenſorte, die aus dem Buſche hervorſchießt, ſondern bin eine Frau, die dem Gegner auf den Leib rückt. Meinen Sohn über⸗ gebe ich Ihnen, wie das Teſtament es fordert, weil ich nicht ſo einfältig bin, ein Drittel der Erbſchaft verlieren zu wollen. Indem man mir auf dieſe ſchlaue Weiſe mein Mutterrecht entriſſen, hat man nicht daran gedacht, daß ich trotzdem Mutter des Kindes bleibe und als ſolche auch mein Recht üben werde. Dieſe Uebung aber beſteht darin, daß ich den von Sorau ausgehenden Fäden des Documentendiebſtahls nachſpüre, um eines ſchönen Tags mit der Enthüllung dieſes ſaubern Geſpinnſtes hervor⸗ treten zu können. Das wird meinem Sohn mehr nützen 2 — e .„—— 75 als die Pietiſterei, die man ihm einflößen wird, damit er fein heilig werde. Wenigſtens erhalte ich ihm damit ſeine Rechte und Anſprüche auf ſein Erbe, die— doch genug davon. Ich ſehe, Sie ſitzen hier wie auf einer Marter⸗ bank, und ich denke,'s wird Ihnen lieb ſein, ſich davon erlöſt zu ſehen.“ Sie gab ſofort das Klingelzeichen. Eine Pauſe folgte, deren Peinlichkeit die Gräfin dadurch zu heben ſuchte, daß ſie ein kleines Käſtchen auf den Tiſch ſetzte jund es auf⸗ ſchloß.„Sehen Sie dieſe Prachtpiſtolen, Frau Prinzeß“, ſagte ſie lachend.„Ausgezeichnete Rohre, ſicherer Schuß. Habe eine anſehnliche Garnitur Piſtolen, dieſe hier aber ſtehen allen als Nummer eins voran. Hier das Zeichen des Verfertigers Randoli in Piſtoja ſpricht dafür, daß ſie die echteſte Waare dieſer Art ſind. Betrachten Sie nur die ſchöne eingelegte Silberarbeit!'s iſt eine Luſt, ſo 'ne Waffe in der Hand zu haben, weil man ſich darauf verlaſſen kann.“ „Ich danke, ich danke“, ſprach die alte Dame, der ſie das Käſtchen zum Anſchauen hinhielt, abwehrend.„Ich verſtehe nichts von dieſen Dingen.“ „Bei meiner armen Seele, daran habe ich nicht ge⸗ dacht“, rief die Gräfin mit ſchallendem Gelächter.„Par⸗ don, Frau Prinzeß. Würde mir ebenſo gehen, wenn Sie mir mit Ihrem heiligen Krimskrams von geiſtlichen Bü⸗ 76 chern angezogen kämen, verſtehe auch den Teufel von dem dummen Zeug, was da drinnen ſteht.“ Im Vorzimmer regte es ſich, man hörte eine Kinder⸗ ſtimme. Eine Kammerfrau trat ein, einen kleinen Kna⸗ ben, deſſen Gehübungen aus jüngſter Zeit datirten, an der Hand. „Das iſt mein Gräflein“, ſprach die Gräfin.) „O, ein lieber kleiner Engel!“ rief die alte Dame und bemühte ſich, den Kleinen zum Handgeben zu bewegen. „Er iſt ſehr ſchüchtern“, bemerkte ſie, da dieſer Verſuch ſchlecht ablief. „Das hat er von mir“, ſagte ſeine Mutter ſtrocken. „Seine Wäſche und Garderobe werde ich ſogleich nach⸗ bringen laſſen. Nehmen Sie ihn hin, Frau Prinzeß.“ Der kleine Graf war ſehr widerhaarig. „Lotte“, ſagte die Gräfin, um dies Sträuben zu be⸗ endigen,„trage Sie ihn der Frau Prinzeß nach.“ Auf dem Arm der ihm bekannten Wärterin gab ſich der kleine Hochariſtokrat ſchnell zufrieden. „Wollen Sie ihm Ihren mütterlichen Segen geben, meine Theure?“ fragte die alte Dame in franzöſiſcher Sprache. „Wozu, meine Gnädigſte? Sollte mein Segen in Ihrem frommen Hauſe wirklich von Wirkung ſein können? Ich bezweifle das ſtark und glaube, es dürfte da heißen: Was will Saul unter den Propheten?“ —— 77 Nach dieſer Entgegnung trat ſie auf ihr Söhnchen zu, das wunderbarerweiſe gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit ſich diesmal nicht ſchreiend von ihr abwendete, ſondern ihr mit ſeinen klaren blauen Augen ins Geſicht ſah. Machte dieſer Zufall einen ſo ſtarken Eindruck auf die Gräfin, daß ihr wilder Sinn ſich dadurch bezwungen und beſänftigt fühlte, oder unterlag ſie wirklich der Schwere der Ueberzeugung, daß ſie das Kind entweder nicht mehr oder, wenn ſie es wiederſehen werde, durch die daſſelbe erwartende pietiſtiſche Erziehung ganz ihr, der Mutter, entfremdet wiederfinden dürfte, ſie küßte den Kleinen auf Stirn und Mund und wendete ſich dann raſch ab, dem Fenſter zu. Leiſe verließ die Prinzeß mit Lotte und dem kleinen Grafen das Zimmer. Als die Gräfin ſie über den Markt ſchreiten ſah, wendete ſie ſich, einen Fluch ausſtoßend, von dieſem Anblick ab und warf ſich tief aufathmend auf einen Seſſel nieder, ſich einem ſehr unluſtigen Sinnen hingebend, dem ſie ſich nach einer lan⸗ gen Weile mit den zornigen Worten entriß: „Zum Teufel mit der ganzen heiligen Brut! Ich muß andere Saiten aufziehen, um ihnen einen Spaß zum Haarausraufen zu machen, und das will ich, das will ich!“ Der Lakai im Vorzimmer erhielt Befehl, den Secretär Heinze zu ihr zu beſcheiden, und als letzterer ins Zimmer 78 trat, fand er ſie anſcheinend ganz ruhig am Tiſche in einigen Briefen blätternd. Nach einer Weile ſprach ſie zu ihm: „Heinze, Er war in frühern Zeiten, wie Er mir ge⸗ ſagt hat, bei dem hier verſtorbenen Geheimrath von Rei⸗ ſewitz, wo er deſſen Verwandten, den Junker von Oertzen, perſönlich hat kennen lernen.“ „Ja.“ „Auch deſſen Geliebte, Fiekchen Weber, hat Er kennen gelernt.“ „Ja, war'n bildhübſches Mädchen.“ „Eſel Er! Glaubt Er, ein Junker wird ſich in ein häßliches verlieben ſollen? Weiter! Lungere Er hier herum, ob Er nicht auskundſchaften kann, wo dieſe Perſon ſich jetzt aufhält. Vor einem halben Jahre iſt ſie in Osnabrück geweſen.“ „Das ſchöne Fiekchen Weber?“ fragte Heinze faſt erſchrocken.„Mein Himmel! Als was denn?“ „Als das Weib eines in der Welt umherziehenden Seilſchwenkers.“ Heinze ſchien vor Erſtaunen über dieſe ihm ſo uner⸗ wartet zu Ohren kommende Nachricht die Faſſung zu ver⸗ lieren. „Horch Er' hier auch herum, ob Niemand etwas vom 79 Junker weiß, wo dieſer ſich aufhält, was er treibt, in welchen Verhältniſſen er lebt.“ Ganz confus antwortete der Secretär:„Wie die gnädige Frau Gräfin befehlen!“ Nach einer Weile ſprach die Dame:„Kann Er hier nichts auskundſchaften über die Frauensperſon, ſo geht Er auf Reiſen. Sein Ziel iſt Osnabrück und Seine Aufgabe, Nachforſchung von Ort zu Ort zu halten, wohin ſich die Seilſchwenkerbande gewendet. Hat Er ſie glücklich aufgefunden, wird Er mir ſofort durch Stafette Nachricht zukommen laſſen. Am beſten wäre es frei⸗ lich, wenn Er hier etwas Sicheres über den Junker von Oertzen aufſpürte. Das würde die Reiſe nach Osnabrück ent⸗ weder ganz unnöthig machen oder ſie mindeſtens verſchieben Geht Er klug zu Werke, Heinze, ſo kommt es mir nicht auf hundert Dukaten Douceur an für Seine Bemühung. Die ſoll Er haben. Zum Zwecke des Herumſpürens gebe ich Ihm freie Zeit, ſolange wir hier ſind. Sei Er aber keine Ente, die das Schnattern nicht laſſen kann, halte Er reinen Mund gegen Jedermann, was ich jetzt zu Ihm geſprochen. Er kann nun gehen.“ Als vor acht Jahren die Gräfin Promnitz von Halbau jenen ſchlimmen Auftritt mit ihrem Schwager, dem Grafen Erdmann zu Sorau, gehabt, von dem der Hofſchneider ſeiner Landsmännin, der Frau Cordel Ras⸗ 80 mus, ſeiner fünfundſiebzigjährigen Baſe, der Frau Spieker, und dem Jürg Weber erzählt hatte, war die tolle und wilde Dame auf etwas aufmerkſam geworden, das Junker Oertzen in ſeiner Vertheidigung ausgeſprochen und das auf den erſten Blick von gar keiner Bedeutung ſchien, da es blos den Junker anging. Nach einigem Nachdenken fand die Gräfin indeß doch gerade darin einen Anknüpfungspunkt für weitere Nach⸗ forſchungen und die eintretenden Verhältniſſe begünſtigten ihr Vorhaben. Der alte Waldwärter Zumpe, welcher zu gleicher Zeit die Aufſicht über das dicht neben ſeiner be⸗ ſcheidenen Dienſtwohnung ſtehende Waldhaus Marienhaus führte, war vom Grafen Erdmann ſofort ſeines Dienſtes entlaſſen worden, weil er ohne Anfrage und ohne Erlaubniß einzuholen, dem vom Junker Oertzen entführten Mädchen daſelbſt ein Aſyl gewährt hatte. Der alte Mann hatte, weil der Junker ein naher Verwandter des Forſtmeiſters war, ein Auge zugedrückt. Dieſe Gefälligkeit machte ihn brodlos und er wäre in die traurigſte und hülfloſeſte Lage verſetzt worden, wenn nicht die Gräfin von Halbau ihn ſofort in ihre Dienſte genommen hätte. Daß ihr Schwager, Graf Erdmann, in ſeiner Entrüſtung ſowohl den Junker aus der Sorauer Herrſchaft verwieſen, als auch den alten Waldwärter Knall und Fall ſeines Dienſtes ent⸗ —— —— 81 laſſen hatte, bezeugte, daß er durchaus nichts von dem Urkundendiebſtahl gewußt, er würde ſonſt gezwungen ge⸗ weſen ſein, Rückſichten gegen den Junker zu nehmen. Demnach folgerte die Gräfin ganz logiſch, daß ſeine Ge⸗ mahlin, die ihr bitterfeind war, nicht ohne Kenntniß dieſes Vorgangs und mit dem Kanzler Heinſius im ge⸗ heimen Einverſtändniß ſei. Gelang es ihr, die Enthül⸗ lung des Documentendiebſtahls zu ermöglichen, ſo führte ſie dadurch einen harten und ſchweren Schlag gegen ihre Feindin, den dieſe ſobald nicht verwand. Die aus dem Waldhauſe Entflohene konnte vielleicht dazu beitragen. Der alte Waldwärter und ſein Weib erzählten übereinſtimmend, daß die junge Perſon mit ihrem kleinen, kaum drei Monate alten Kinde ein ſehr elendes Daſein geführt habe. Sie hätten ſie oft mit dick⸗ verweinten Augen geſehen und den Abend vor ihrer Flucht, als der Junker zu Beſuch gekommen, hätte es zwiſchen beiden einen ſehr böſen Auftritt gegeben. Sie habe ſo entſetzlich geweint, daß ſie es bis in ihr Häuschen gehört hätten, und die Frau habe deshalb zu ihrem Manne ge⸗ ſagt:„Alter, ſo kann das nicht fortgehen, Du mußt da⸗ zwiſchen fahren, der Junker erſchlägt ſie am Ende. Das können wir bei Gott nicht verantworten.“ Sie wären von der Hinterſeite ins Waldhaus eingetreten und hätten ge⸗ hört, wie die junge Perſon mit von Thränen erſtickter Carion, König Auguſt. III. 6 Du Dich Meilen tief in die Erde. Du haſt mich namenlos unglücklich gemacht und ins Elend geſtürzt. Ich kann nicht einmal mehr für meinen Vater beten, ohne mich ſelbſt zu verfluchen, denn ich reichte von Dir verblendet die Hand zu ſeinem Untergange, ich ſtahl ihm die Schlüſſel und nun liegt er im Kerker um meinetwillen. Im Ker⸗ ker! Großer Gott, haſt Du keinen Blitz, mich zu er⸗ ſchlagen?“ Der Junker habe hellauf gelacht, ihr einen böſen Schimpfnamen an den Hals geworfen und ihr gedroht, ſie zu erwürgen, wenn ſie jemals wieder ſich einfallen ließe, ihm Vorwürfe zu machen, denn an ihr ſei ſchon kein guter Faden geweſen, als er ſie habe kennen lernen. Dann habe er das Waldhaus verlaſſen, und da die junge Perſon ſich ruhig verhalten, ſeien auch ſie in ihr Häus- chen gegangen. Am andern Vormittage habe ſich's gezeigt, daß die junge Perſon mit ihrem Kind in der Nacht entflohen ſei. Keine Nachforſchung hätte ein Reſultat ergeben, und als der Junker das gehört, habe er frohen Herzens gerufen: „Sie iſt zum Teufel gegangen, deſto beſſer, da bin ich ſie los!“ Die Gräfin ließ nichts unverſucht, in aller Stille der Stimme dem Junker zugerufen:„Wenn es eine göttliche Gerechtigkeit gibt, ſo muß ſie Dich finden, und vergrübſt Entflohenen auf die Spur zu kommen. Niemand auf mehrere Meilen in der Runde konnte ſich jedoch entſinnen, ein ähnliches Frauenzimmer mit einem Kinde geſehen zu haben. Die Nachforſchungen mußten aufgegeben werden. Der alte Waldwärter und ſein Weib ſtarben nach einigen Jahren und hinterließen einen Enkel, einen jungen an⸗ ſtelligen Burſchen von ungefähr fünfzehn Jahren, der ſeines aufgeweckten Weſens wegen von der Gräfin zu einem Oberförſter in die Lehre gegeben wurde. Ueber dem im Dresdner Archiv geſchehenen Documenten⸗ diebſtahl lag tiefes Stillſchweigen; die Gräfin erfuhr den im Königſteiner Kerker erfolgten Tod des Archivars, mit welchem dies räthſelhafte Ereigniß begraben zu ſein ſchien, denn es verlautete nichts mehr von dem Verbrechen; ſelbſt⸗ verſtändlich aber blieb der Nachtheil, der durch die ent⸗ wendeten Documente den Anſprüchen der Halbauer Grafenfamilie bei irgend einem Sterbefall eines der Ihren zugefügt wurde, und dieſe Ueberzeugung prickelte unab⸗ läſſig an der Gräfin, die nichts ſehnlicher wünſchte, als auf irgend eine Weiſe ſich rächen zu können. Ihr Haß gegen ihre Schwägerin, die heilige Sorauerin, wie ſie ſie nannte, war unauslöſchlich. Erinnerte ſie ſich an des verſtorbenen Waldwärters und ſeines Weibes Erzählung von dem nächtlichen Vorgange zwiſchen dem Junker und ſeiner von ihm mißhandelten Geliebten im Waldhauſe 6* b 84 Marienhaus, ſo bedauerte ſie nichts mehr, als daß es ihr nicht gelungen, die Spur der ſchönen Sophie zu ent⸗ decken; dann hätte ſie mindeſtens einen wichtigen Theil, wenn nicht das Ganze des verbrecheriſchen Geheimniſſes in der Hand gehabt. Sie gab jedoch die Hoffnung nicht auf, eines Tages doch noch das Räthſel zu löſen oder gelöſt zu ſehen. In des Waldwärters Enkel, Curt, hatte ſie eine leben⸗ dige Erinnerung an die aus Marienhaus Entflohene. Seine Großmutter und er hatten Fiekchen in der tiefen Einſamkeit des Waldhauſes bedient.„Die erkenne ich nach hundert Jahren wieder“, hatte Curt behauptet. Nun, hundert Jahre dauerte es freilich nicht, bis ſich ſeine Be⸗ hauptung beſtätigte, nur an acht Jahre. Als ein hoch aufgeſchoſſener, ſtattlicher Burſche war er nach ſehr gut überſtandener Lehrzeit an einen reichen Herrn, der im Osnabrückſchen bedeutende Ländereien hatte, von der Gräfin empfohlen worden. Bei einem nur einen Tag und eine Nacht dauernden Aufenthalt des reichen Cavaliers in der Stadt Osnabrück hatte er deſſen Erlaubniß benutzt, mit ein paar andern Dienern deſſelben die Vorſtellung eines Seiltänzers zu beſuchen. An der Kaſſe ſaß Fiekchen Weber. Sie erkannte ihn in ſeiner glänzenden Jägerlivree nicht, er aber ſie auf den erſten Blick. Einige Worte, die er —— 85 ihr zuflüſterte, machten ſie im höchſten Grade beſtürzt. Später verſchwand ſie von der Kaſſe; Curt ſah ſie, ſoviel 3 Mühe er ſich auch gab, nicht wieder. Auf ſeine Frage, wer die hübſche junge Frau geweſen, die an der Kaſſe geſeſſen, erhielt er die Antwort: Die Frau Principalin. Ihr Name, den man ihm nannte, war ein italieniſcher, den er ſchnell vergaß und, da er ſehr zeitig des Morgens mit ſeinem Herrn abreiſte, auch keine Gelegen⸗ heit hatte, ſich wieder ins Gedächtniß zu rufen. Er ver⸗ fehlte jedoch nicht, ſeiner Gönnerin, der Frau Gräfin, Bericht über dieſes Wiederſehen abzuſtatten. Jetzt, wo ſie ihren Sohn dem Teſtament ihres ver⸗ ſtorbenen Gemahls gemäß an deſſen Stiefgroßmutter hatte . zur Erziehung übergeben müſſen, war ihr ohnehin bitterer Haß gegen alle, die zur Familie Promnitz gehörten, womöglich noch geſtiegen und ihr einziger Gedanke der, einen Act der Rache gegen ſie auszuführen. Konnte 4 es eine tiefer einſchneidende Rache geben, als wenn ſie den Beweis beibrachte, daß beim Documentendiebſtahl im Dresdner Archive ihre Schwägerin nicht unbethei⸗ ligt geweſen ſei? . Das Reſultat ihrer Combinationsfähigkeit gab ſich in der Heinze gegebenen Weiſung kund. Sie war reich, brauchte keine Summe zu ſcheuen, um ihre Racheluſt zu befriedigen, und der Gedanke an die Möglichkeit, die hei⸗ lige Sippſchaft brandmarken zu können, that ihr unge⸗ mein wohl. Weniger gut geſtimmt als ſeine Herrin fühlte ſich 8 ihr Secretär Heinze. Die Erinnerung an den Junker von Oertzen verſetzte ihn in Angſt. Er war ja deſſen Mitgenoſſe bei dem Verbrechen geweſen, welches die Gräfin entdeckt zu ſehen wünſchte. Für ein anſehnliches Stück Geld hatte Heinze von ſeiner Fähigkeit, Handſchriften nachzuahmen, eine glän⸗ zende Probe abgelegt, indem er an Stelle des Schreibens— des Archivars an den Grafen Promnitz auf Halbau, wel⸗ ches Rasmus dem Junker von Oertzen auf die Dauer einiger Stunden überliefert, ein anderes verfertigte. Dieſes falſche Schreiben ward ſpäter die Urſache, den Archivar, der darin ſeine Handſchrift nicht leugnen konnte, der plan⸗ mäßigen Unterſchlagung der Urkunden ſchuldig zu finden. Auch bei Fiekchen's Flucht war Heinze als Helfershelfer des Junkers betheiligt geweſen. Die Noth hatte ihn gezwungen, bei der Gräfin als deren Secretär in Dienſt zu treten, da er jahrelang mit ſehr kärglichen Stellungen hatte vorlieb nehmen müſſen, indem er in dieſer Beziehung durchaus nicht vom Glück begünſtigt worden und immer in ſehr ärmlicher Lage geblieben war. Bei dem Charakter dieſer Dame war es eine Art Martyrium, ihr Untergebener zu ſein, und da keiner der —— 5 . 4 Diener wegen der ſtark hervortretenden Neigung ihrer Herrin zu Gewaltthätigkeiten lange aushielt, ſo war na⸗ türlich auch Heinze bedacht, ſich bei Zeiten nach etwas Anderem umzuſehen. Die Furcht, daß durch ein Unge⸗ fähr die Gräfin zur Entdeckung ſeiner Theilnahme an dem ſchnöden Betruge gelangen könne, ängſtete ihn fort⸗ während und er trachtete darnach, die Ausſicht feſtzuhal⸗ ten, welche ſich ihm für die Zukunft bot. Dieſe Ausſicht beſtand in ſeiner Verheirathung mit Sabine Nitzſchold. Heinze's Neigung zu ihr war nicht von der leicht⸗ fertigen Art, von der man zu ſagen pflegt: Aus den Augen, aus dem Sinn. Daß er vor Jahren, als er beim Geheimrath von Reiſewitz in Dienſt geſtanden und nach deſſen Tod frei geworden war, ſie dahin beredet hatte, heimlich ihre Mutter zu verlaſſen und mit ihm zu fliehen, lag in der Nothwendigkeit, ſie dem mütterlichen Zorn zu entziehen, der ſich über ihrem Haupte entladen mußte, ſobald ihr ängſtlich verhehlter Zuſtand derſelben offenbar wurde. Die Flucht mißglückte, und während Heinze fern von Dresden ſich befand, gab Sabine einem Knäblein das Leben. Ihre Mutter hatte mit großen Opfern die Schande der Tochter glücklich vertuſcht, das Kind wurde bei einer armen Frau erzogen und es gelang der Mutter, bei der durchlauchtigen Frau Kurfürſtin Sabine in Dienſt zu bringen; aber zwiſchen dieſer und dem Heinze war aufgehoben, ſie blieben in ſelbſtverſtändlich geheimer brief⸗ licher Verbindung mit einander. Der Mutter ſchweres Siechthum war die Urſache ge⸗ weſen, daß Sabine aus dem Dienſte ihrer hohen Herrin ſchied. Vorausſichtlich mußte der Tod der alten Frau Siech⸗ thum in nicht allzuferner Zeit ein Ende machen, und es war natürlich, daß Sabine der Gedanke an ihre endliche Vereinigung mit Heinze vor allen andern beſchäftigte. Durch Herrn Dinglinger eingeführt, verkehrte auch Jürg Weber bei Nitzſcholds. Die kranke Frau hatte ſeine Aeltern, ſeine Schweſter gekannt, war ſogar mit ſeiner Mutter herzlich befreundet geweſen, und des jungen Man⸗ nes gegen ſie geäußertes freundliches Weſen machte ihr ſchon um deswillen viele Freude, als ſie darin nicht nur einen zarten Beweis ſeiner Kindesliebe zu der verſtorbenen Mutter, ſondern auch einen ihr wohlthuenden Dank für ihre dieſer bewieſene Freundſchaft erblickte. Jürg gelang es, auch Sabine für ſich zu gewinnen, und weil dieſe Niemand hatte, dem ſie Vertrauen ſchenken, und wohl vorausſetzen konnte, daß der Hofjuwelier, dem als Freund ihrer Mutter ihre Vergangenheit nicht unbekannt ge⸗ blieben, ihn wenigſtens theilweiſe damit vertraut ge⸗ macht habe, ſo fand ſie es gerathen, ihre Angelegenheiten durch dieſe Trennung das frühere Verhältniß keineswegs vor ihm nicht zu verheimlichen, und er erfuhr zu ſeiner 89 Freude, daß Heinze ihr mitgetheilt habe, ſeine Gräfin werde nach Dresden kommen, er alſo mit. Heinze war der Einzige, von dem er über den Junker von Oertzen und die Leute hier, mit denen dieſer verkehrt hatte, etwas Sicheres erfahren konnte. Es fuhr Jürg ſogar der Gedanke durchs Hirn, es ſei gar nichts Unmögliches, daß Heinze ſelbſt in gewiſſer Weiſe bei dem Verbrechen betheiligt geweſen, er unterdrückte aber dieſe ihm öfter kommende Vermuthung. Sabine durfte nicht das Ent⸗ fernteſte davon merken, ja er bat ſie, in ihrem Briefe an Heinze ſeiner Perſon keine Erwähnung zu thun. Sabine glaubte in dieſer Bitte die Vorſicht zu erblicken, Heinze nicht etwa eiferfüchtig zu machen, und obwohl ihr das lächerlich vorkam, ſo befolgte ſie doch dieſen Rath. Plötzlich erhielt ſie eines Vormittags einen Zettel, auf dem Heinze ihr ſeine Ankunft in Dresden anzeigte und ſie bat, einen Ort ihm anzugeben, wo er ſie am Abend des nächſten Tages ſprechen könne. Sie gab das Gaſthaus zur Schnecke an der Weißeritz an, wo ſie im Ge⸗ leit einer Freundin, die daſelbſt bekannt ſei, ihn erwarten wolle. Jürg, der mit Auguſt Rasmus als Freund ver⸗ kehrte und ihn oft an freien Sonn⸗ und Feiertagsabenden beſuchte, hatte Sabinen die Schnecke als paſſendſten Ort vorgeſchlagen, und da der Abend, an welchem Heinze eine Zuſammenkunft mit ihr wünſchte, gerade einem Sonntage 90 gehörte, ſo verſprach er ihr, mit Elſe ſie abzuholen, damit ihr guter Ruf nicht leide. Elſe war ungemein überraſcht, ihn, der ſcheinbar die Großmutter und vor allen Dingen ſie vernachläſſigt hatte, indem er immer ſeltener zu ihnen zu Beſuch kam, ſich am zeitigen Nachmittage ſchon einfinden zu ſehen.„Da möchte unſereins wohl mit Handkuß für die hohe Ehre danken, die der Herr Jürg uns erweiſt?“ fragte ſie ironiſch.„Du mein Gott, man weiß gar nicht recht, wie man mit ſo fürnehmen jungen Herren umzugehen hat, um nicht etwa mit Redensarten anzuſtoßen.“ „Kann man ſich ganz gut denken, Jungfer Elſe“, ſcherzte Jürg.„Man ſieht's Ihr an, daß Ihr die De⸗ muth ins Blut getreten; aber unſereiner iſt viel zu barmherzig und menſchenfreundlich, um Sie ſo elend zu Grunde gehen zu laſſen, darum komme ich, Ihr—“ „Gebe Er's nicht zu hoch, Mosje Jürg,'s iſt ſchon mancher Schieferdecker vom Dache gefallen, Seinem Hoch⸗ muthe kann's auch paſſiren. Ich wüßte nicht, an was ich elend zu Grunde gehen ſollte.“ „Am Schweigen“, lachte Jürg. „Am Schweigen?“ Elſe ſchien von ſeinem Lachen entweder angeſteckt oder etwas, wovon Niemand anders als ſie wußte, machte ihr ſo viel Vergnügen, daß ſie un⸗ willkürlich mit einſtimmte.„Nu,'s geht ja ganz prächtig; 91 ich ſehe es ein, daß man ſich beim Schweigen ganz gut befinden kann“, ſagte ſie.„Es iſt immer eine heimliche Freude, etwas mehr als andere Leute zu wiſſen, und wenn ſich eine ganze Stadt den Kopf zerbricht über das, was ſie nicht weiß, iſt es erſt recht ein Hauptſpaß, wie ein kleiner Gott darüber lachen zu können. Das verſteht der Herr Jürg nun freilich nicht trotz ſeiner einge⸗ bildeten Vornehmheit; aber ich verſtehe es und befinde mich ganz gut dabei. Ja, ja, Herr Jürg, der alte Jeſus Sirach hat Recht: Ein Weib, das ſchweigen kann, das iſt eine Gottesgabe.“ „Freilich hat er Recht!“ rief Jürg, der nicht ahnte, daß der Rede Elſe's ein tieferer Sinn zu Grunde lag. „Meine Gottesgabe biſt Du und deshalb will ich auch heute das Schweigen brechen über das, was mich abhielt, öfter zu Euch zu Beſuch zu kommen.“ „Das wollteſt Du?“ fragte Elſe erſtaunt. „Deswegen bin ich ja da, närriſches Ding. Komm ins Stübchen zur Großmutter, die ſoll's mit hören, denn ſie hat ein Recht darauf, Alles zu wiſſen, was ich Dir zu ſagen habe. Sie iſt die Urheberin deſſen, was ich Dir verſchweigen mußte, weil Herr Dinglinger dies für nothwendig erachtete, da ein Geheimniß, wie er ganz richtig ſagt, eben nur ſo lange geheim bleibt, als der, den es angeht, es allein für ſich behält.“ 92 Elſe war ganz perplex. Der Jürg wollte von was Geheimem erzählen und die Großmutter und der Hof⸗ juwelier wußten darum! Das war ja das Außerordent⸗ lichſte, was geſchehen konnte ſund was ſie kurz vorher noch gar nicht als möglich ſich hätte denken können. Mit Erſtaunen hörte ſie ſeiner Erzählung zu. Alſo nur deshalb hatte er die Bekanntſchaft mit Nittz⸗ ſcholds angeknüpft, um eine Spur derjenigen Perſonen aufzufinden, welche mit Herrn von Oertzen in näherer Beziehung geſtanden hatten? Elſe's Wangen brannten in tiefer Scham um ihres ungerechten Argwohns willen. Jürg wurde von dem Gedanken an die Möglichkeit, das verbrecheriſche Gewebe zu entdecken, das ſeines Vaters ehrlichen Namen gebrandmarkt, deſſen Tod im Kerker ver⸗ anlaßt, ſeine Mutter in Gram und Verzweiflung geſtürzt hatte, ſo heftig aufgeregt, daß ihm unbewußt Thränen über die Wangen rollten. Unwillkürlich griff Elſe nach ſeiner Hand und küßte ſie. „Aber, Mädel, was treibſt Du denn? Was ſoll denn das Händeküſſen?“ fragte er verwundert. „O nimm's nur hin, Du herzensguter Junge“, ſagte ſie in offenbarer Rührung,„ich weiß ſchon, warum ich's thue. Ich habe Dich in böſem Verdacht gehabt und bin ein einfältig Ding geweſen. Verſtehſt Du's nun?“ Die Großmutter ſagte:„Mit mir könnt's alle Tage ◻* —- ——·+ 12——½2à— 93 zu Ende ſein, denn ich ſchaffe nichts mehr in der Welt, ich bin ein altes, gebrechliches Weibsbild, das drei Ellen tief unter der Erde am beſten aufgehoben iſt; aber wenn's der Herrgott recht gnädig mit mir machen will, ſoll er mich's noch erleben laſſen, das Verbrechen an Deinem Vater aufgeklärt zu ſehen. Das möchte ich noch erleben, dann will ich mit dem frommen Simeon ſagen: Herr, nun laſſe Deinen Diener in Frieden dahinfahren, denn meine Augen haben Dein Heil geſehen.“ Elſe hatte es in ſich, recht liebenswürdig ſein zu können, und als ſie heute Abend die Bekanntſchaft mit Sabine Nitzſchold machte, war dieſe bald ſo ſehr von ihr eingenommen, als wäre jene eine lang erprobte Freundin von ihr. Elſe's kräftiges, reſolutes Naturell, einmal in heitere Stimmung verſetzt, tönte klangvoll fort wie eine lange nachſchwingende Saite. Das war nichts Gemachtes, Geſuchtes, ſondern der natürliche Erguß eines fröhlichen Herzens. „Wenn Er mit Seiner Elſe nicht glücklich wird, Mosje Jürg, da gibt's kein Glück mehr auf Erden“, be⸗ merkte Sabine auf dem Wege nach dem Gaſthauſe zur Schnecke. „Ich wüßt' auch gar nicht, warum der Jürg mit mir nicht ein Leben wie im Himmel führen ſollte!“ meinte Elſe lachend.„Ich lebe ja ganz nach Jeſus Sirach. Der hat's Schwarz auf Weiß in der Bibel geſagt: Ein Weib, das ſchweigen kann, das iſt eine Gottesgabe. Nun, die bin ich, darauf kann ich's heilige Abendmahl nehmen.“ Jürg und Sabine lachten, denn es klang zu drollig. Sie wußten freilich nicht, daß Elſe mit Schweigen ein Geheimniß verhüllte, von dem nur ſie allein in der gan⸗ zen Stadt wußte. Und darauf war ſie ungemein ſtolz, ſie kam ſich wie ein Held vor, der eine Großthat ausge⸗ führt hat, nur mit dem Unterſchiede, daß ein ſolcher vor der ganzen Welt bewundert wird, ſie aber in die Noth⸗ wendigkeit ſich verſetzt ſah, ſich allein zu bewundern; aber wie ein friſcher Wind die Segel bläht, ſo war wirklich dadurch ein friſcher Hauch in ihr Weſen gedrungen, ſie empfand hohe Befriedigung in dem Bewußtſein, daß zwei Menſchen in der Ferne ihrer mit Dank gedachten. Wie gern hätte ſie das Geheimniß ihrem Jürg ver⸗ traut, aber hatte der nicht ſelbſt geſagt, daß der Herr Hofjuwelier der Meinung ſei, ein Geheimniß bleibe nur ſo lange geheim, als der, den es angehe, es allein für ſich behalte? Und nur ſie allein ging es an, deshalb ge⸗ ſchah dem Jürg kein Abbruch, kein Unrecht, wenn ſie darüber ſchwieg. In der Schnecke war es heute zum Sonntagabend ziemlich leer. Der prächtige Abend hielt die Leute im 95 Freien gefeſſelt, erſt die ſpätern Abendſtunden führten ſie in die Stadt zurück. Heinze war noch nicht da, nur einige Bürger ſaßen beim Bierkruge. Zu Elſe's Erſtaunen trat der Krümel⸗Schneider mit Frau und Kindern und ſeinem Wohnungsnachbar, dem Rathsſchreiber, nebſt deſſen ſchwerhöriger Schweſter auch ein. Der Krümel⸗Schneider verſicherte hoch und theuer, jetzt erſt wiſſe er, wie den Kindern Jsraels zu Muthe geweſen, ehe Moſes mit ſeinem Stabe Waſſer aus dem Felſen geſchlagen habe. Einen ſo grimmen Durſt hätte er nicht einmal auf ſeiner großen Reiſe nach Nördlingen erlitten, wie heute. Rathsſchreiber Gutbier ſchien ganz wohlauf zu ſein, ſein trübes melancholiſches Weſen ihn verlaſſen zu haben, er lachte herzlich über die Ungeber⸗ digkeit ſeines kleinen Wohnungsnachbars, der der Jungfer Elſe, die er redſelig begrüßt hatte, triumphirend zuflü⸗ ſterte: „Sehe Sie einmal den Gutbier an, Jungfer. Den habe ich gründlich kurirt! Das ſoll mir'n Doctor von Pro⸗ feſſion nachmachen! Wird's bleiben laſſen.“ Ein Wagen fuhr vor. Der Auguſt kam mit dem So⸗ rauer Hofſchneider und deſſen Tochter von einer Spazier⸗ fahrt zurück. Frau Rasmus konnte nicht Worte genug finden, um ihre Freude auszuſprechen, daß der Jungfer Malchen der Ausflug zu Wagen ſo gut gefallen habe. „Muß mir's erſt bequem machen“, ſagte der Hof⸗ ſchneider.„Werde bald wieder unten ſein, laſſe Dich in guter Geſellſchaft zurück.“ Allmälig füllte ſich die Gaſtſtube. Frau Rasmus hatte alle Hände voll zu thun, denn der Auguſt ſpielte den Galanten bei Jungfer Malchen, und ihn in dieſer ſüßen Beſchäftigung zu ſtören, wäre ihr als etwas ganz Unverantwortliches erſchienen, denn eine Dreitauſend⸗ thalerpartie fand ſich nicht gleich wieder. Jürg We⸗ ber empfand eine gewiſſe Langeweile, er wartete ſehn⸗ ſüchtig auf das Erſcheinen Heinze's. Indeß überraſchte ihn eine Bekanntſchaft, die er flüchtig vorübergehend ge⸗ macht und die er hier wiederzufinden durchaus nicht erwartet hatte. Der Handelsreiſende Herr Gruner von der hochan⸗ ſehnlichen Firma Jakob Wirth zu Augsburg trat in die Gaſtſtube und ging nach dem Seitenſtübchen. Freilich konnte ſich's Jürg nicht erklären, einen Herrn, der, wie ihm ſein Principal geſagt hatte, Aſſocié und Schwie⸗ gerſohn in spe eines ſo renommirten Handelsherrn ſei, in einem Gaſthauſe dritten Ranges verkehren zu ſehen, während andere Handelsreiſende gewöhnlich Gaſt⸗ häuſer, die höhere Anſprüche an Eleganz und Bequem⸗ lichkeit erfüllen konnten, zu ihren Stationen erkoren; aber die Manieren des Fremden waren ſo artig, daß er deſſen Einladung, ihm ein Viertelſtündchen zu ſchenken, unmög⸗ 97 lich ablehnen konnte. „Werde Dich hier einſtweilen vertreten“, ſagte Auguſt in guter Laune.„Hoffe doch, daß die ehrſamen Jungfern damit zufrieden ſein werden.“ „Laſſe ſich der Herr Jürg ja nicht abhalten“, redete Sabine. „Alſo mit allgemeiner Erlaubniß“, ſcherzte der Fremde, ſich gegen die Frauenzimmer verbeugend.„So komme Er denn, Herr Jürg!“ Und ſich beſonders zu Auguſt wendend, ſprach er:„Laſſe Er uns eine Flaſche Wein von Seinem beſten und zwei Gläſer da hinein bringen.“ Jürg's Arm in den ſeinen nehmend, verſchwanden beide in dem Seitenſtübchen. Sabinen brauchte nicht lange mehr auf Heinze's Ein⸗ treffen zu warten, und da etwas ſpäter auch der Herr Hofſchneider ſich einfand, ſo hatte jeder Theil der kleinen Geſellſchaft ſeinen Unterhaltungskreis für ſich. Jürg war nicht an Weingenuß gewöhnt. Der Fremde hatte ihn bewogen, ein paar Gläſer in raſcher Aufeinan⸗ derfolge zu trinken— es war unmöglich, deſſen verbindliche Einladung abzuweiſen— und Jürg's Wangen glühten von dem belebenden Geiſte des ſonſt ſehr ſelten für! ihn fließenden Getränks. Einen beſſern Geſellſchafter als Herrn Gruner konnte es nicht geben, er ließ auch nicht Carion, König Auguſt. III. 98 die geringſte Pauſe im Geſpräch eintreten, er wußte immer etwas Neues, Intereſſantes aufs Tapet zu bringen. Eben erzählte er von ſeinen Erlebniſſen auf einer Reiſe jenſeits des Rheins, als von ihnen unbeachtet die Thür zur Küche geöffnet wurde und Rasmus eintrat. Anfänglich ſchien es, als wollte er in die Küche zurück⸗ treten, indeß das von Gruner Erzählte mußte ihn außerordentlich intereſſiiren, denn er blieb ſtehen und horchte geſpannt. Die Beiden ſaßen ihm mit dem Rücken zugewendet, ſie konnten ihn alſo nicht ſehen, auch war das Geräuſch in der nebenan befindlichen Gaſtſtube zu lebhaft, als daß ſein leiſes Kommen ihn hätte verrathen können. Rasmus' Geſicht zeigte wieder den jähen Uebergang von höchſter Abſpannung zum Straffwerden. Er neigte den Oberkörper und beſonders den Kopf vor, als läge ihm daran, jedes Wort des Erzählenden aufzufangen; geräuſchlos trat er den Beiden näher, bis er ziemlich dicht neben dem Fremden ſtand, der, Jemand neben ſich bemerkend, auffahrend fragte: Was ſoll's? Was will Er?“ „'s iſt Herr Rasmus, der äüee der Schnecke“, ſagte⸗ Jürg begütigend. Beide Männer ſtanden, einander anſtarrend, gegen⸗ über. Der Fremde ſchien für den Augenblick alle Geiſtes⸗ gegenwart verloren zu haben, man hätte glauben ſollen. 99 er ſähe ein Geſpenſt vor ſich, deſſen Anblick ihm allen Muth genommen und ihn ſtumm vor Schreck gemacht habe. Plötzlich ſchrie Rasmus gellend auf:„Oertzen! Junker von Oertzen!“ „Wie? Junker von Oertzen?“ rief Jürg, durch den Namen gewaltig aufgerüttelt.„Der Entführer meiner Schweſter?“ In dieſem Moment ſchien dem Fremden der volle Muth zurückgekehrt zu ſein. Rasmus einen Stoß vor die Bruſt verſetzend, der dieſen zurücktaumeln machte, würde er mit einem Sprunge durch die in die Küche führende Thür ſich der doppelt gefährlichen Begegnung entzogen haben, wenn nicht Jürg mit raſchem Griff ihn beim Rockſchooße gepackt und zurückgeriſſen hätte. Mit einer Wuth, wie ein Raubthier ſie äußert, wenn es ſich in ſeiner Flucht gehindert ſieht, wandte ſich der Fremde gegen Jürg, der alle Gefahr vergeſſend ſich ſofort auf ihn warf. Es gab ein heftiges Ringen zwi⸗ ſchen ihnen. Jürg hing einer Schlange gleich am Leibe ſeines Gegners, der ſich vergebens von ihm zu befreien ſuchte. Rasmus hatte ſich von dem empfangenen Stoße erholt und leiſtete nun Jürg Beiſtand. Seine heiſere Stimme kreiſchte gleich dem widrigen Geſchrei der ein Aas um⸗ kreiſenden Krähen in aufflammender Wuth:„Das ſoll 7 Deine letzte freie Stunde ſein, Junker von Oertzen! Du ſollſt keine Urkunden mehr ſtehlen.“ Sein Angriff aber ward von dem Fremden auf eine Weiſe abgewieſen, die ihn ſofort unfähig machte, deſſen linken Arm feſtzuhalten. Es war jenem gelungen, mit ungeheurer Kraftanſtrengung ſeine Rechte dem ihn um⸗ ſchlingenden Jürg zu entreißen, und ſie raſch in ſeine Rocktaſche verſenkend, zog er ſie im Nu mit einem Dolchmeſſer bewaffnet wieder hervor und augenblicklich fuhr die ſcharfe Klinge in Rasmus' Bruſt. „Mord! Mord!“ kreiſchte der Getroffene.„Mörder! Zu Hülfe! Zu Hülfe! ſchrie Jürg, der im Lichtſcheine das Funkeln der Klinge geſehen hatte und Rasmus nieder⸗ ſtürzen hörte. In der Gaſtſtube hatte man den Hülferuf vernommen, die Thür wurde aufgeſtoßen, man drang herein, ſah Rasmus am Boden liegen und den mit dem Fremden ringenden Jürg, der deſſen Rechte gepackt hatte und ſie fern von ſich hielt, um ſich vor der von ihr geführten Klinge zu ſchützen. „Junker von Oertzen! ſchrie eine ſchlarrende Stimme, es war die des Sorauer Hoſfſchneiders.„Junker von Oertzen! rief ein Anderer von den Eingedrungenen. Der jähe Schreck, Leuten, die ihn kannten, ſich gegenüber zu ſehen, machte den Junker für einen Moment wehrlos. —— 101 Jürg ward in dieſem Augenblick ſeiner Herr; aber auch nur ſcheinbar, denn die Gefahr, in der jener ſchwebte, war ſo gebieteriſch für ihn, daß er ſofort ſeine Geiſtes⸗ gegenwart wieder gewann und mit verzweiflungsvollem Kraftaufwand ſich Jürg's zu erwehren ſuchte. Der Vor⸗ theil neigte ſich ſofort auf ſeine Seite. „Zu Hülfe! Zu Hülfe!“ ſtöhnte Jürg,„er erwürgt mich!“ Einen Moment ſpäter fiel er wie leblos zu des Junkers Füßen nieder. Jetzt ſtürmte man auf den Junker ein, doch man konnte ſich ſeiner nicht bemächtigen. Mit Blitzesſchnelle flog ſeine Rechte mit dem Dolchmeſſer vor den Augen der auf ihn Eindringenden im Kreiſe uumher, man wich zurück, einer wurde im Gedränge vor⸗ geſtoßen und der ſcharfe Stahl riß ihm augenblicklich eine tiefe Wunde am Halſe, er taumelte zurück, ein ſtarker Blutſtrahl färbte die weiße Halsbinde des Getroffenen. Das Entſetzen darüber ſchlug die Angreifer für den erſten Augenblick mit Muthloſigkeit und der Junker überſah den ſich ihm bietenden Vortheil nicht. Mit einem Satz ſprang er in die Küche und ſtürmte aus dieſer die Treppe zu ſei⸗ nem Zimmer hinauf. . Mit dem Geſchrei:„Mord! Mord!“ tobte man ihm nach. Man kam zu ſpät, das Zimmer war verriegelt, als man hinaufkam. „Dem Erſten, der einzubrechen wagt, jage ich eine Kugel durch den Kopf!“ ſcholl es von drinnen heraus. Keiner wollte das ſichere Opfer ſein. Man ſchrie nach der Stadtguardia und wie ſeltſamn der Flur füllte ſich mit dieſer, als man kaum den Wunſch nach deren Beiſtand ausgeſprochen. Sie kam, aber nicht des eben erzählten Vorgangs wegen, von dem ſie ja nichts wiſſen konnte, ſondern unter Anführung einer Magiſtrats⸗ perſon, um den Straßenräuber feſtzunehmen, der vor wenigen Tagen auf dem Wege von Freiberg nach der kurfürſtlichen Reſidenz einen Handelsreiſenden mittels eines Steinwurfs vom Pferde geſtürzt und für todt an der Straße habe liegen laſſen, ſich, nachdem er ihn ausgeplündert, des Pferdes bemächtigt, auf der Straße nach Dresden fortgeritten, an ſelbigem Abend hier an⸗ gekommen und in dieſem Gaſthauſe eingekehrt ſei. Der Bürgersmann, der ihn vom Freiberger Schlage hierher gewieſen, befand ſich an der Seite des Magiſtratsherrn. Die Stadtguardia nahm nun die Stelle der Gäſte ein und erließ vor der geſchloſſenen Zimmerthür ſtehend Aufforderung um Aufforderung an den drinnen ſich Be⸗ findenden, gutwillig zu öffnen. Keine Antwort erfolgte. „Der Kerl iſt verteufelt tückiſch“, ſagte der Rottmeiſter. „Aber hinein müſſen wir, alſo brecht auf!“ Als dieſer Befehl vollzogen und der Eingang in die finſtere Stube frei war, zögerte man noch, einzutreten. Nun wurde Licht gebracht— das Zimmer war leer, die Fenſter ſtanden 103 offen. Nach eifriger Durchſuchung kam man zu der Ueberzeugung, daß der Geſuchte mittels eines Sprunges in die unten vorüberfließende Weißeritz ſich ſalvirt habe, alſo von ſeiner Haftnahme keine Rede ſein könne. Indeß eine Perſon ſtellte ſich freiwillig zur Haft. Unten in dem Seitenſtübchen lagen Rasmus und der Andere, dem des Junkers von Oertzen herumflirren⸗ des Dolchmeſſer den Hals durchſchnitten, als tödtlich Verwundete. Der letztere war der Secretär der ver⸗ wittweten Gräfin Promnitz auf Halbau. Jürg Weber hatte ſich von dem ihn erſticken ſollenden Kehldrucke unter des Junkers Hand wieder erholt. „Komm Er, Nachbar Gutbier“, ziſchelte der Krümel⸗ Schneider dem Rathsſchreiber zu,„hier iſt ſchlecht ſein, hier wollen wir uns keine Hütten bauen.“ „Geh Er nach Hauſe, nehme Er meine Schweſter mit, ich habe einen andern Weg zu machen“, lautete die Antwort. „Plagt Ihn denn ſchon wieder Seine verdammte Narrheit?“ eiferte jener; aber der Rathsſchreiber hörte nicht auf ihn, ſondern trat zu dem Magiſtratsherrn, mit dem er eine Weile leiſe redete; dann hörte man die⸗ ſen ſagen:„Rottmeiſter, den Mann hier bring' Er in Gewahrſam!“ Der Krümel⸗Schneider ſchien ſeine fünf Sinne zu verlieren, als er ſeinen Nachbar von vier Bewaff⸗ neten fortführen ſah.„An ſolcher Nachbarſchaft kann der geſcheidteſte Kerl zu Grunde gehen“, ſagte er klein⸗ laut, dem Abgeführten nachſchauend, und auf die Stirn deutend, fügte er bei:„Der hat's! Der hat's wirklich!“ —V—ꝛʒꝛ⅓3— Viertes Kapitel. „Eine rothe Deviſa! Eine rothe Deviſa!“ brüllte die Zuſchauermenge, daß der Circus wie von einem mächtigen Donnerſchlag erbebte. Rauſchende Trompetenfanfaren, von Paukenwirbel unterſtützt, ſteigerten den Volksjubel bis zum ſcheinbaren Wahnſinnsausbruch. Es gibt nichts in der Welt, was dem Spanier in dem Moment, wo der Kampfſtier in die Arena tritt, wichtiger erſcheinen könnte als eben das Auftreten dieſes Vierfüßlers. Der Stier mit der rothen Deviſe verſetzt ihn in die höchſte Aufregung. Nur beſonders gezüchtete Raſſeſtiere tragen die Aus⸗ zeichnung der rothen Bandſchleife. Von ihnen iſt Muth, Ausdauer und Kraftäußerung zu erwarten, wie von kei⸗ nem andern ſeines Geſchlechts, welcher nicht mit der 106 rothen Schleife als Creditiv ſeiner edlen Abkunft an⸗ gethan iſt. Ein Cavalier unter ſeinesgleichen, ſchert ſich der Gehörnte den Teufel um Sonnenglanz, Muſik und Ge⸗ ſchrei und ſchreitet bedächtig und ernſt, wie große Herren zu thun pflegen, Alles um ſich her ignorirend, aus ſei⸗ nem Zwinger. Er iſt in der That ein Prachtſtück, hat feines, glänzendes Haar, einen langen, elaſtiſchen Schweif, gelenkige Knice kleine Hufe, ſtarke, ſchwarze, nicht zu lange Hörner, bewegliche runde Ohren und dunkle feurige Augen. Seine Geſtalt iſt impoſant, herkuliſch ohne maſſige Schwerfälligkeit. Man kann ohne Uebertreibung von ihm ſagen, ſeine Abkunft und die Zucht oder viel⸗ mehr die Pflege, die er genoſſen, haben einen Edelherrn aus ihm gemacht. Und weil ſeine Erſcheinung eine ſo vollendet ſchöne iſt, durchbrauſt den Circus auch ein ſolcher Jubelſturm. Im Tendido, dem untern Platz des weiten Amphi⸗ theaters, von wo aus man den beſten Ueberblick über das Ganze genießt, ſcheint der Rauſch, den der Anblick des ſchönen Kampfſtiers bei allen bewirkt, kein Ende neh⸗ men zu wollen. Die jungen reizenden Manolas, jene verlockenden Evastöchter, welche ein leichtes, luſtiges Schmetterlingsleben führen, ohne jedoch frech zu ſein, deren ganzer Reichthum meiſt nur in der ſchwarztaffetnen 107 Basquina(Ueberkleid) und in der Mantilla(Schleier) be⸗ ſteht, die ſie ſo wunderbar maleriſch um ſich zu drapiren wiſſen, ſind außer ſich über die tadelloſe Erſcheinung des Gehörnten. Der Tendido iſt der Sammelplatz eines Ständegemiſches ohnegleichen und Abbés und Canonici wetteifern mit den luſtigen Manolas in Jubelrufen, die dem Träger der rothen Deviſe gelten und dieſen ſehr gleichgültig laſſen. Doch plötzlich bleibt er ſtehen, er riecht das vor kurzem vergoſſene, den Boden netzende Blut eines ſeines Geſchlechts und ein tiefes Schnauben folgt der Erkenntniß, in eine Mörderhöhle gerathen zu ſein. Mit dumpfem Brummen erhebt er das gehörnte Haupt und kaum erblickt er die im Circus ſtehenden Banderilleros, als er wüthend auf ſie zuſtürzt, die gleich Spreu im Winde auseinanderſtieben und auf gut Glück über die Barriere ſpringen, welche die Arena von dem Zuſchauer⸗ raume trennt und letztern ſichert. Im Nu reiten auch die Picadores ein. Um die Wuth des Thieres aufs äußerſte zu ſteigern, kitzeln ſie es mit ihren langen Lanzen ſo ſchmerzhaft, daß es bald aus zahlloſen Wunden über und über blutet. Weißer Schaum entquillt deſſen Maul und raſch hinter einander zerfleiſcht es mit ſeinen Hörnern vier Pferde. Einer der Pica⸗ dores kommt bei dem Zuſammenſturz ſeines Kleppers unter denſelben zu liegen und er wäre verloren, wenn nicht augenblicklich Banderilleros und Chulos gleich einem Schwarm Fliegen in das Kampfrund eindrängen, um den wüthenden Stier von dem Geſtürzten abzuleiten. Mit ihnen erſcheint der Coprador, der durch ein dem Sttier vorgehaltenes rothes Tuch dieſen reizt, daſſelbe, deſſen grelle Farbe ihn erſt recht in die höchſte Wuth verſetzt, zu vernichten. Und ein Jubelgeſchrei von ſei⸗ ten der Zuſchauer feiert den ſchäumenden Vierfüßler. „Bravo, Toroz!“(Bravo, Stier!) brauſt es gleich Donnerſchall durch den weiten Raum. Dem Picador, der unter dem mit zerriſſener Bruſt am Boden ſich wälzen⸗ den Roſſe liegt, gelingt es, ſich glücklich über die Schran⸗ ken zu flüchten. Trotz des ſchweren Kampfes und der vielen Wunden, aus denen das Blut wie kleine Bäche herabrieſelt, iſt der Stier noch nicht ermüdet, und obgleich die Arena einen ſcheußlichen Anblick bietet, indem die vier unter entſetz⸗ lichen Schmerzen in ihrem Blute ſich wälzenden Pferde in der Arena liegen, ſteigert ſich der Ausdruck des Vergnügens der Zuſchauer doch zum Grauſenerregenden. Ein Ausbruch von Tobſucht ſcheint alle ergriffen zu haben, die jungen reizenden Manolas ſind die Tonange⸗ ber und alle Anweſenden folgen ihrem Beiſpiele. Eine plötzlich in dieſen Lärm hineinſchmetternde Trompetenfan⸗ fare iſt das Zeichen für die Banderilleros und Chulos, —— ———. 109 ſofort vom Kampfplatz zu verſchwinden, der Stier und die am Boden liegenden tödtlich verletzten Pferde bleiben allein. Eine momentane Pauſe folgt, dann ſcheint der hohle Bau von tauſendſtimmigem Bravo zuſammenbrechen zu ſollen. Der Matador, der Hauptkämpfer, tritt allein auf den Kampfplatz. Eine herrliche Männergeſtalt! Die Zu⸗ ſchauerinnen gerathen förmlich in einen raſenden Taumel, die vornehmen Damen ſchwenken ihre Tücher, die Ma⸗ nolas ihre Fächer, von ihren ſchönen Lippen brauſt es wie Sturmwehen:„Viva el currito Alfonso!’ Der ſchöne Matador verneigt ſich mit der Miene eines Man⸗ nes, der ſich dieſer Huldigung werth weiß. Der Stier ſcheint gar nicht für ihn zu exiſtiren. An der Schranke ſteht der von dieſer neuen Scene Ueberraſchte und betrachtet den Matador mit funkelnden Augen, doch kaum wendet ſich dieſer ihm entgegen, ſo ſenkt er den Kopf und ſtürzt auf ihn zu. Jetzt beginnt ein gefährliches Spiel. Im ſelben Mo⸗ ment, in dem der Stier den Mann ſchon mit den Hörnern zu berühren ſcheint, macht dieſer eine kleine Wendung, indem er zugleich ein rothes Tuch abſeits ſchwenkt. Hart an ihm vorüber ſchießt der von dem rothen Ableiter plötzlich Verblendete, den jener mittels einer raſchen Bewegung ihm gleichſam vor der Naſe wegzieht. Das 110 weite Gebäude erdröhnt von Beifallsſtürmen. End⸗ lich will der Matador, nachdem er den unabläſſig auf ihn einſtürmenden Stier wiederholt durch geſchickte Kör⸗ perwendungen getäuſcht und hart unter ſeinem Arme, an ſeiner Bruſt hat vorüberſchießen laſſen, den aufs neue im höchſten Stadium der Wuth auf ihn zuſtürzenden Vierfüßler mit einem kunſtgerechten Stoße ſeines Schwer⸗ tes im Sprunge fällen, wie er dies Bravourſtück ſchon viele Male zum Entzücken des Publikums und zu ſei⸗ nem höchſten Ruhme ausgeführt hat; aber im ſelben Augenblick wankt ſein linker Fuß, er vermag ſich nicht aufrecht zu halten und ſinkt aufs Knie, durch welche unwillkürliche Bewegung ſeine Hand mit dem Schwerte aus der Richtung kommt. Zum Glück für ſein Leben brauſt der Stier an ihm, der ſich mit der linken Hand auf den Boden ſtützt, hart an ſeiner Rechten, vorüber. Der Anprall des wüthenden, ſchnaubenden Thieres iſt jedoch ſo gewaltig, daß das Schwert aus der Fauſt des Matadors weitab in die Arena geſchleudert wird. Todtenſtille im weiten Hauſe. Man ſieht einer furchtbaren Scene entgegen, die mit des berühmten und mit ſchallenden Vivas begrüßten Stierkämpfers Tod endigen muß. In dieſem verhäng⸗ nißvollen Moment ſchwingt ſich ein junger Mann, der mit einigen Andern ganz vorn an der Bruſtwehr im Tendido 111 geſeſſen hat, über die Schranke, im Nu fliegt ſein Degen aus der Scheide, aber auch im Nu ſtürzt der Stier auf ihn zu, die nächſte Sekunde muß den kühnen ſchönen Jüngling von den Hörnern des Blindwüthigen durchbohrt ſehen. Doch die Angſt der vornehmen Damen, der reizen⸗ den glutäugigen Manolas iſt umſonſt. Kunſtgerecht wie ein alter, vielerprobter Toreador fällt der Fremde mit einem Degenſtoße das ſchnaubende, blutüberſtrömte Thier mitten im Sprunge, daß es zu ſeinen Füßen zuſammen⸗ 1 4 bricht. b Nun löſt ſich der Alp des Entſetzens von allen Herzen. 3 Ddie auss höchſte erregten Zuſchauer ſchreien auf, Vivas durch⸗ rauſchen gleich Meerestoben die weite Halle, die luſtigen t Manolas brennen im Jubel über dieſe kühne That ihre dern ſie in den Circus, die hohen Sennoras werfen aus den Logen dem ſchönen Sieger ihre Blumenſträuße zu, 1 8 alle ohne Ausnahme befinden ſich im Zenith der höchſten Leidenſchaftlichkeit. Der junge Fremde nimmt keine Notiz von dieſem ihm geltenden Jauchzen. Raſch verläßt er t den Circus. Papierfächer an, ſchwingen ſie über dem Kopf und ſchleu⸗ n Wer iſt dieſer kühne Toreador? fragt man ſich. Nie⸗ ⸗ mand weiß es. Darüber indeß ſind alle einverſtanden, it daß Spanien nicht ſein Vaterland ſei. Man hat ein Märchen erlebt, aber deſſen Auflöſung fehlt. 112 Im Hotel von Paris, in der Nähe der Puerta del Sol, gab es in einem der Zimmer, welche einige erſt am Nachmittag angekommene Fremde in Beſitz genommen hatten, viel Gelächter., Magiſter Paul Anton, Profeſſor zu Halle und ſeiner Glaubensrichtung nach Pietiſt vom reinſten Waſſer, erging ſich vor einigen jungen Herren über das ſündhafte, mordſüchtige Spanien in einer lan⸗ gen, geharniſchten, echt deutſchen Rede, der man durchaus keine Flüchtigkeit als Makel nachſagen konnte. Da er zugleich ein ſehr gelehrter Mann war, ließ er es nicht an gewichtigen Citaten fehlen, die ſeinen heiligen Zorn aufs eifrigſte unterſtützen und das Recht ſeines Straf⸗ ſermons aufs bündigſte zu beweiſen im Stande ſein ſollten., „Es iſt dies hispaniſche Land eine ungeheure Mörder⸗ grube“, ſchloß der würdige Reiſeprediger ſeine langathmige Rede,„ein Reich, in dem viele Hunderttauſende, die nicht an den päpſtlichen katholiſchen Wuſt glauben konn⸗ ten und glauben wollten, elendiglich in den Kerkern und auf den Scheiterhaufen zu Grunde gingen. Gott muß dies Land mit Ach und Weh ſchlagen, denn deſſen Sün⸗ den und Verbrechen ſtinken zum Himmel auf. Wie? Hat uns von dieſem gegenwärtig regierenden letzten habs⸗ burgiſchen Spanierkönig, Karl II., nicht ein erleuch⸗ teter und ganz im Stillen der gereinigten Lutherlehre ————— 113 anhängender gelehrter Spanier, als wir wegen Eurer Durchlaucht Unwohlſein in der franzöſiſchen See⸗ und Hafenſtadt Bayonne verweilen mußten, geſagt, daß unter der kleinen Zahl ſeiner Landsleute, die gezwungen ſind, um ihrer perſönlichen Freiheit willen und wegen ihrer Familien ihre wahre Meinung über das große reli⸗ giöſe und ſtaatliche Elend Spaniens ſorgfältigſt zu ver⸗ bergen, die Rede gehe, Gott habe dieſen Herrn im Zorn geſchaffen, weshalb ſein Gehirn wie ausgebrannt und ſein Herz von hartem Granit ſei? O wehe, wehe, wo ſolcher König regiert, der noch vor ſieben Jahren, um ſich einen Sitz im Himmel zu erwerben, ein großes Auto⸗da⸗fé abhalten und hundertvierunddreißig Ketzer öffentlich verbrennen ließ! Kann es anders ſein, als daß das dumme Volk ſich nach dem Beiſpiele dieſes Königs richtet und bei ſolchen ſcheußlichen Schauſpielen, wie die Stiergefechte ſind, jubelt und in Entzücken ſchwimmt? Und als Diener Gottes und Eurer Durch⸗ laucht wohlverordneter Reiſeprediger entblöde ich mich nicht, Eurer Durchlaucht vorzuhalten, daß Höchſtdero Kampf mit dem wüthigen Vieh in dem Circus keine Gott beſonders wohlgefällige That geweſen. Es will ſich nicht für den Prinzen des großberühmten kurfürſtlichen Hauſes von Sachſen geziemen, ſein Leben wie ein beſol⸗ deter ſpaniſcher Stierkämpfer aufs Spiel zu ſeben Der⸗ Carion, König Auguſt. III. 114 gleichen Kraftproben müſſen wohlerzogene Prinzen ſolchem lumpigen ſpaniſchen Pack überlaſſen, ebenſo wie es einem Sohne ſo hohen kurfürſtlichen Hauſes ſchlecht anſtehen würde, mit Seiltänzern, Affen⸗ und Hundedreſſirern, Komödianten und der übel beleumundeten Brut der Ma⸗ gier und Hokuspokusmeiſter gemeinſchaftliche Sache zu machen. Als Höchſtdero Reiſeprediger iſt es meine Schuldigkeit, das auszuſprechen, was ich ſo eben unter⸗ thänigſt zur Nachachtung bemerkt haben will, da ich Höchſtdero Herrn Vater Kurfürſtlicher Durchlaucht ver⸗ antwortlich dafür bin und auch nicht zu den Ochſen gehöre, die ſich während des Dreſchens das Maul ver⸗ binden laſſen.“ Der junge Prinz Friedrich Auguſt erhob ſich von ſeinem Sitze, und das Kelchglas mit feurigem Xeres in der Hand, antwortete er mit einem ſcheinbar tiefen Ernſte und den unverkennbaren Zeichen großer Rührung, von der er in Wahrheit jedoch nichts empfand:„Herr Magiſter und ehrwürdiger Freund, behüte mich der Him⸗ mel, daß ich Ihn als einen ſtumm gemachten Ochſen anſehen ſollte, im Gegentheil glaube ich, daß meines Herrn Vaters Kurfürſtliche Durchlaucht oder vielmehr meine gnädigſte Frau Mutter und Seine Ehrwürden, der Herr Hofprediger Doctor Spener, deren Seelenfreund, keine beſſere Wahl hätten treffen können, als mir einen — 115 Mann Seinesgleichen, deſſen Anſchauungen der Dinge um uns jederzeit ſo correct ſind und Hand in Hand mit dem Gott gefälligſten Weſen zu gehen pflegen, auf die Reiſe mitzugeben. Bitte Ihn, mein ehrwürdiger Freund, aber inſtändigſt, auch bedenken zu wollen, daß ich wie ein flügge gewordenes Vöglein, das zum erſten Male aus dem warmen Aelternneſte in die Welt hinausflattert, in vie⸗ len Stücken noch ganz unerfahren ſein muß. Wo ſollte die wahre Erkenntniß denn in ſo jungen Jahren, wie die meinigen, herkommen? Das wäre nicht wohl zu denken; aber nichtsdeſtoweniger fallen Seine Mahnworte nicht auf dürren Fels oder auf einen ausgebrannten Acker, ſondern in ein warmes, empfängliches Gemüth und wer⸗ den ſicher ihre Früchte tragen. Darum bringe ich Ihm aus wahrer Hochachtung das Glas des trefflichſten Xeres, wie man ihn eben nur auf ſpaniſchem Grund und Bo⸗ den, ſeiner Heimat, trinken kann. Schenke unſerm from⸗ men Freunde ein, Vitzthum.“ Und als dies geſchehen war, bat der junge Prinz: „Thue Er mir Beſcheid, Herr Magiſter. Unſer Sachſen⸗ land ſoll floriren, wo die wahre Gottſeligkeit zu Hauſe iſt!“ 8 „Sollte eigentlich keinen ſpaniſchen Wein trinken, denn er geht ſtark ins Blut und macht hitzigen Nebel im Hirn“, meinte der geiſtliche Herr, aber ſeine blinzelnden 8* Blicke nach dem für ihn vollgegoſſenen Glas, auf deſſen köſtlichem Inhalt die Schaumperlen ihr neckiſch Spiel wie luſtige Kobolde trieben, bezeugten, daß hinter ſeinen verwehrenden Worten das Verlangen ſich verbarg, den guten Trunk ſich anzueignen.„Bei ſolchem guten Trink⸗ ſpruch, wie Eure Durchlaucht ihn ausgebracht, möchte es doch unthunlich erſcheinen, nicht Beſcheid zu thun, darum ſtimme ich ein: Unſer Sachſenland ſoll leben, wo die wahre Gottſeligkeit zu Hauſe iſt!“ Die Gläſer klangen an einander. „Feuer, ſehr viel Feuer, als wenn er in der Hölle gekocht wäre“, bemerkte der würdige Magiſter nach dem Trinken. „Nichts von der Hölle, mein frommer Freund. Unſer wackerer Gottesſtreiter, Doctor Martinus Luther, hat geſagt und ich habe mir's als große Weisheit ins Ge⸗ dächtniß eingeprägt: Was zum Munde eingeht, iſt keine Sünde, aber was ausgeht. Den Wein aber hat Gott wachſen und reifen laſſen, er geht zum Munde ein und iſt deshalb keine Sünde, am allerwenigſten iſt er in der Hölle gekocht.“ „So iſt's, Durchlaucht haben unbeſtritten Recht“, ſtimmte Herr von Haxthauſen bei, der bei dem Prinzen die Functionen eines Reiſemarſchalls verſah.„Und weil der Wein ein von Gott gegebenes, die Menſchenherzen e a a § echt“, inzen weil erzen 117 erfreuendes Gewächs iſt, bringe auch ich einen Spruch aus, von dem kein echter Sachſe und Proteſtant ſich ausſchließen wird und darf. Unſers gnädigſten Herrn Kurfürſten Durchlaucht, der echt lutheriſche Fürſt im deutſchen Lande, ſoll hoch leben!“ „Da kann ich nicht zurückbleiben“, meinte der Ma⸗ giſter lächelnd und leerte ſein Glas. „Dem Himmel ſei Dank, bleibt mir doch auch ein feiner Spruch übrig, von dem ich überzeugt bin, daß die ganze proteſtantiſche Welt in denſelben einſtimmt“, redete Vitzthum.„Unſere fromme Frau Kurfürſtin, das Muſter aller lutheriſchen deutſchen Frauen, und ihr gottſeliger Freund und Berather, der hochehrwürdige Doctor Spener, die Zierde unſerer Kirche, der Mann nach dem Herzen Gottes, ſie leben hoch!“ Was der Prinz beabſichtigt hatte und worin er ſo⸗ gleich von ſeinen einſichtsvollen Reiſegefährten unterſtützt worden war, dem würdigen Magiſter zu einem Rauſche zu verhelfen, ging glücklich von ſtatten. Von dem frommen Herzen des theologiſchen Mannes kbdſte ſich die verknöchernde Kruſte des Pietismus wie vom Thau⸗ wind ins Tropfen gebrachte Eiszapfen, er wurde luſtig, ſeine Augen glänzten feucht, daß man es ihm anſah, wie der fremde Geiſt in ſeinem Hirn raſch zur Uebermacht gelangte, und als er im fröhlichen Sturme ſogar Lieder 118 aus ſeiner lange hinter ihm liegenden Studentenzeit an⸗ ſtimmte, wurde es unwiderleglich ſichtbar, daß ſein ge⸗ wöhnlicher Standpunkt zu den überwundenen gehöre. Dieſer erſten Wirkung des feurigen ſpaniſchen Weines folgte aber bald eine zweite, entgegengeſetzte: der gelehrte Herr ward ſtill und theilnahmlos, ſein ehrwürdiges Haupt ſank müde auf die Bruſt, und unverſtändliche Worte mit ſchwerer Zunge lallend ſchlief er ein. „Den wären wir glücklich los!“ ſagte Prinz Friedrich Auguſt lachend.„Jetzt haben wir ihn im Sack, er darf nichts mehr an meines Herrn Vaters Durchlaucht refe⸗ riren, was mich bei demſelben in ein nachtheiliges Licht ſetzen könnte, denn wenn es laut würde, daß Seine Ehr⸗ würden ſich einen Rauſch angetrunken, dürfte dies keine glänzende Empfehlung für ihn zur Erlangung einer Sine⸗ cure ſein.“— Es war eine luſtige Tour, welche Prinz Friedrich Auguſt von Sachſen unter dem Namen eines Grafen von Meißen im Maimonat 1687 durch das weſtliche Eu⸗ ropa in Begleitung ſeines Spielgenoſſen und Pagen von Vitzthum und des Herrn von Haxthauſen machte. Selten ſtimmten drei Gemüther ſo überaus wohl zuſammen, wie das des Prinzen mit denen ſeiner Begleiter, junger, lebensluſtiger Cavaliere, von denen man mit Recht ſagen konnte, daß ſie nur ausgeflogen, um ihren Lebensmai 119 in vollen Zügen genießen zu können. Der ſiebenund⸗ zwanzigjährige Fürſtenſohn reiſte keineswegs, um ſich mit Kenntniſſen zu bereichern, wenn auch dies die Abſicht ſeines Vaters, des Kurfürſten Johann Georg III., war. Der überwiegende Hang zu ſinnlichen Genüſſen ſtand bei dem Prinzen in zu grellem Gegenſatz zu der Aufgabe, ſeinen Geiſt zu bilden. Dieſer Mangel an geiſtigen Vorzügen trat bei ihm indeß faſt gar nicht hervor, da er mit einer ſchönen Erſcheinung eine wunderbar beſtechende Feinheit der Manieren verband, die ihn überall empfahl und ihn Jedem lieb machte. Sein freundliches, heiteres Weſen erwarb ihm Freunde, ſeine Präſentationsgabe gewann ihm die Herzen und ſeine Empfänglichkeit für alles Schöne im Gebiete der Künſte gab ihm einen Nimbus, welcher ihm einen Ruf in der Kunſtwelt ſicherte. Paris hatte keine Freuden mehr für ihn, die ihn als neu hätten überraſchen können, er hatte ſie alle durchge⸗ kkoſtet; die Damenwelt der Seineſtadt, entzückt von dem ſächſiſchen Prinzen, ſchwärmte für ihn und er flog von Sieg zu Sieg, wie der Schmetterling von Blume zu Blume. Ludwig's XIV. glänzende Hofhaltung, die großartigen Feſte und Luſtbarkeiten, die Verſchwen⸗ dungsſucht deſſelben, welche nie daran dachte, daß das Volk im Schweiße ſeines Angeſichts die Steuern auf⸗ bringen mußte, die der Hof auf die üppigſte Weiſe ver⸗ 120 geudete, wurden ſeine Vorbilder. Es war eine im ſchön⸗ ſten Gewande ſich gebende Liederlichkeit, welche ſo reizend wirkte, daß der Nacheiferungstrieb bei einem ſo lebeluſtigen Prinzen die reichlichſte Nahrung finden mußte, zumal ſich ihm das herrſchende Princip an Ludwig's Hofe, daß der König, als einzig und allein Bevorzugter im Lande, Niemand für ſein Thun und Treiben verantwortlich ſei, als ein höchſt ſchmeichelhafter und acceptabler Grundſatz tief einprägte.“ Mit dieſem Verderbniß in Herz und Geiſt, das nur durch die ihm angeborene, ihn ſo außerordentlich liebens⸗ würdig machende Milde ſeines Gemüths gemildert wurde, kam er nach Spanien. Kaum in Modrid angelangt, begab er ſich mit ſeinen Begleitern in den Circus, um einem von Privatunternehmern veranſtalteten Stierge⸗ fechte beizuwohnen. Der ehrwürdige Magiſter, den er und ſeine beiden Reiſecavaliere als einen Aufpaſſer und Hemmſchuh für ihre Ausſchweifungen betrachteten, worin ſie auch gar nicht irrten, hatte ſich wunderbarerweiſe entſchloſſen, mit von dieſer Partie zu ſein, um, wie er ſagte, die ſpaniſche Sündhaftigkeit von Angeſicht zu An⸗ geſicht kennen zu lernen. Das Bewußtſein ſeiner Ath⸗ letenkraft und der Reiz, den das ſich ihm vor Augen ſtellende gefährliche Spiel auf ihn ausübte, hatten den Prinzen unwillkürlich hingeriſſen, ſich an Stelle des im — 121 entſcheidenden Augenblicke verunglückten Matadors dem Stier entgegen zu ſtellen. Das Jubelgeſchrei der Menge bei dieſer unerwartet vor ihr ſich in wenigen Minuten abwickelnden Scene eines großartigen Muthes hatte den Weheruf des ent⸗ ſetzten Magiſters verſchlungen. Seine Hochwürden war, wie vom Entſetzen gelähmt, gar nicht im Stande, ſich auf dem Nachhauſewege in ſtrafreichen Aeußerungen zu ergehen, aber die Bußpredigt blieb dem waghalſigen Prinzen deshalb nicht geſchenkt. Der Leſer kennt den Ausgang dieſes Auftrittes. Der würdige Reiſeprediger gerieth durch den ihm gleichſam aufgezwungenen Rauſch 1 in eine totale Abhängigkeit von dem Prinzen. Wie hätte er, der ſelbſt in die Fallſtricke des Teufels gefallen war — und ſeiner pietiſtiſchen Nüchternheit ein arges Schnipp⸗ r chen geſchlagen hatte, die Lebensluſt des Prinzen tadelnde Berichte an deſſen erlauchte Aeltern ſenden können! n Wie ein Lauffeuer hatte ſich die Kunde von dem Vorgang im Circus noch am ſelben Abend in der Hauptſtadt ver⸗ breitet, und eben die Unkenntniß, wer der kühne fremde . Toreador ſei, machte dieſe Angelegenheit noch viel inte⸗ 3 reſſanter, als ſie an und für ſich war. Erſt der nächſte n 4 Tag löſte das Räthſel, als der ſächſiſche Prinz am Hofe n König Karl's II. erſchien. Eine große Anzahl Perſonen n des hohen und niedern Dienſtes Seiner Majeſtät hatte dem ——,;— 12² Stiergefechte beigewohnt und man erkannte ſofort in dem fremden Prinzen den unerſchrockenen Kämpfer von geſtern Abend. Wer den ſpaniſchen Volkscharakter kennt, der weiß, daß es in den Augen der Spanier keine höhere Em⸗ pfehlung gibt als perſönlichen, ritterlichen Muth. Im Weſen dieſer ernſten, ſtolzen Nation liegt es, der Ritterlichkeit jederzeit den Vorzug vor allen andern Tugenden zu geben, und kommt eine ſolche herrliche Er⸗ ſcheinung dazu, wie der Prinz ſie in ſeiner Perſon dar⸗ ſtellte, ſo ſteht ihm der Weg zu allen Herzen offen. Wenn man flachgeſchliffener Diamanten Feuer erhöhen will, legt man ihnen Folie unter. Zwiſchen dem ſäch⸗ ſiſchen Prinzen und dem König Karl II. war eine ſo künſtliche Schönheitsſteigerung durchaus unmöglich, denn hätte der Prinz auch die Hülfsrolle der Folie in ſeiner Perſon vertreten, ſo würde der König doch nicht zu dem Werthe des flachgeſchliffenen Diamanten in ſeiner äußern Erſcheinung ſich haben erheben können. Er war einer jener Männer, durch deren ſchlaffen Geſichtsausdruck auch nicht die Spur geiſtiger Begabung leuchtet. Man konnte von ihm behaupten, er ſei ſo auf die Welt gekommen, wie er jetzt nach ſiebenundzwanzig Regierungsjahren ausſah, welk, geiſtlos, mit ſtumpfem Lächeln, wenig beweglichen Zügen und ganz von der ——— 1 123 Marionettenart, die ohne den, welcher die Drähte regiert, durch die ſie in Bewegung geſetzt wird, ein vollſtändiges Nichts iſt. Verſteift, wie alle bis dahin bekannten, zur Familie Habsburg zählenden Abkömmlinge, in ein ſtarres Formenweſen, durch das ihm wie einem Heidengotte Weihrauchduft und der Dunſt von Blut⸗ und Brand⸗ opfern geſpendet wurde, war er eben nur eine Figur, der man die königlichen Gewänder übergehängt und eine Königskrone aufgeſetzt hat. Als verkommener Erbe eines Geſchlechts, deſſen Thaten für Spanien keine beſonders heilbringenden geweſen waren, verſtand er deren Verdienſte eben nur dadurch zu bereichern, daß er als vollkommener Pfaffenknecht in ſeiner Herzloſigkeit und Hohlheit jede geiſtige Regung im ſpaniſchen Volke unterdrückte. Das lebensfriſche Element in dem ſächſiſchen Fremd⸗ ling fand unter den vornehmen Damen der ſpaniſchen Capitale die allgemeinſte Anerkennung und es gehörte nur deren heißblütiges Naturell dazu, um ihn, den ſchönen Ketzer, ſchnell in Liebesnetze zu verwickeln, was bei ſeinem Hang zur Sinnlichkeit eben keiner beſondern Anſtrengung bedurfte. Er war im Verlaufe weniger Tage zum Jdol der hochgeborenen Donnas geworden und bald curſirte die Sage, die junge, ſchöne Marqueſa Manzares erfreue ſich ſeiner beſondern Huldigung. Damals beſaß Madrid noch keinen Prado, den be⸗ 124 kanntlich erſt der Bourbon Karl III. faſt hundert Jahre ſpäter anlegen ließ. Die Umgebung der königlichen Reſidenzſtadt war nüchtern, wenn dieſe vergleichende Bezeichnung zwiſchen einer gänzlich reizloſen Umgegeud und der durch Kunſt und Schönheitsſinn vortheilhaft um⸗ gewandelten Lage einer Stadt erlaubt iſt. Die regel⸗ mäßigen prächtigen Alleen, die jetzt den grünen natür⸗ lichen Salon Madrids, den Prado, durchkreuzen, exiſtirten damals nicht. In den hügeligen Umgebungen befanden ſich nur einige kleine Villen verſtreut, die für ihre Be⸗ ſitzer keinen andern Werth beſaßen, als daß ſie ihnen den vollſtändigen Genuß der Einſamkeit boten. Und ein ſolches Aſyl der Verborgenheit war es, das den Prinzen ſo mächtig anzog, daß er es Abend für Abend, von ſei⸗ nem treuen Vitzthum begleitet, aufſuchte, um in die bezau⸗ bernden Glutaugen der reizenden Marqueſa Manzares zu ſchauen. Außerhalb der Stadtmauer, am Wege nach der ſo⸗ magnetiſch ihn anziehenden Villa ſtanden einige einfache bürgerliche Häuſer, von kleinen Gärten umgeben, die der einzige und zugleich beſte Schmuck für dieſe höchſt be⸗ ſcheidenen Wohnungen waren, deren Erbauer wie Beſitzer durchaus nicht Anſpruch auf architektoniſche Schönheit für ſie zu erheben geneigt waren. Wenn die Däm⸗ merung niederſank, war dieſe durch nichts ſich auszeich⸗ 125 nende Umgebung der Stadt von dem lebendigen Treiben in der letztern förmlich abgeſperrt. Wen hätte es auch gelüſten ſollen, hier draußen, wo Alles im Abenddüſter ſo geſpenſtiſch ſtill war, auf einem Grund und Boden Erholung zu ſuchen, den der Geſpenſterglaube zu bevöl⸗ kern für gut befunden hatte, ein Umſtand, welcher bei der ſpaniſchen Volksbildung ganz geeignet war, eine gewaltige Scheu vor dieſer Gegend in den Gemüthern hervorzurufen und zu nähren. Der Cdelſteinhändler Ramiro Gomeles war Beſitzer eines ſolchen Grundſtücks. Sein Charakter trug, obwohl er ein junger und ſogar in ſeinem Aeußern ſich vortheil⸗ haft auszeichnender Mann war, nichts in ſich, was ihn ſeinen Nachbarn hätte angenehm machen können. Man mied ihn, weil man von ihm behauptete, er ſei tückiſch, verſchloſſen, rachſüchtig. Man hielt ſich überzeugt, daß alle die übeln Eigenſchaften der mauriſchen Raſſe, von der er abſtammte, was er ſtets mit verletzendem Hoch⸗ muthe gegen Andere hervorhob, in ihm ſich vereinigten, während die guten und edlen Tugenden ſeines Stamm⸗ volks ihm mangelten. Sonach ſtand er in keinem Ver⸗ band mit der Nachbarſchaft, die jeder Berührung mit ihm auswich. Man beklagte aber ſeine junge Gattin, von der verlautete, daß ſie an ſeiner Seite ein höchſt un⸗ glückſeliges Daſein führe und in der tiefen Einſamkeit M———e . 7 .— 126 gleich einer lebendig Begrabenen, abgeſchloſſen von den ihrer Jugend ſo ſehr entſprechenden Genüſſen heitern Umgangs mit ihresgleichen, gehalten werde. Man wußte, daß ſie nur ſelten in die Stadt kam und auch dann nur unter ſtrengſter Ueberwachung ihres Gatten. Da Sennor Ramiro's Geſchäft dieſen zwang, weite Reiſen zu machen, ſo blieb die ſchöne Tereſita unter der Obhut eines finſtern, grämlichen Mannes, Na⸗ mens Diaz, und deſſen Weibes, der die Stelle einer Duenna bei ihr vertretenden Jacoba, zurück, und ihr Leben war um ſo beklagenswerther, als dieſe Beiden ſie mit Argusaugen hüteten. Die einzige Freiheit, die ihr ver⸗ blieb, beſtand darin, daß man ſie nicht in der Luſt be⸗ ſchränkte, zur Abendzeit in dem buſchreichen Garten mit der Laute im Arm zu promeniren, zu ſpielen und zu ſingen. Aus den Fenſtern ihrer im Erdgeſchoß befind⸗ lichen Wohnung, aus der zwei Stufen in den ſehr wenig gepflegten und von einer ziemlich hohen Mauer um⸗ ſchloſſenen Garten führten, ſah ſie eben nichts, was ſie hätte erheitern können, und die Geſellſchaft der alten Ja⸗ coba war zu wenig anziehend, als daß die junge ſchöne Frau dieſe hätte freiwillig wünſchen mögen. Da noch zum Ueberfluß zwei ſtarke Doggen als Wächter zur Nachtzeit den Garten durchſtreiften, ſo hielt weder Diaz noch ſein Weib es für nöthig, ihr Wächteramt über die —— 127 Tageszeit auszudehnen. Auf die beiden Hunde konnten ſie ſich getroſt verlaſſen, ſie würden Jeden zerriſſen haben, der es hätte wagen wollen, den Garten zu betreten. Eine Unterbrechung der gewohnten, ſchmerzlich auf das warme Gemüthsleben der jungen Frau wirkenden Einſamkeit war vor kurzer Zeit eingetreten. Eine Nichte der Frau Diaz war unerwartet zu Beſuch ge⸗ kommen, und dies junge lebensluſtige Mädchen, nebenbei die einzige Verwandte der Duenna, brachte gewiſſermaßen einen Umſturz der ſtreng eingehaltenen Hausordnung her⸗ vor.„Wenn ich bei Euch, Oheim, kein weiteres Ver⸗ gnügen haben ſoll, als mich in das traurige Stück von Garten einzuſpinnen, ſo erlebt Ihr morgen ſchon die Ueber⸗ raſchung, mich los zu ſein“, erklärte Ines entſchieden, und ihre Baſe fand es gerathen, ihren Alten zu einem Ver⸗ gnügen für Ines zu ſtimmen, was ſie auch durch⸗ ſetzte. Da Diaz indeß ſich ſeines Wächteramts über ſeine junge Herrin erinnerte, ſo beſchloß er, ſie mitzu⸗ nehmen. Der Beſuch des Circus wurde unternommen, und ſeltſamerweiſe war dieſes Schauſpiel, an welchem die junge Frau, der offenbaren Thierquälerei wegen, die ihr weiches Herz haßte, nur gezwungen Theil nahm, der . Anlaß, daß ſie von dem Tage an ſich an einer Erinnerung weidete, die ihre ganze Seele erfüllte und der ſie ſich mit großer Vorliebe hingab. Sie hatten im Tendido Platz —— genommen und zwar in der Nähe der Fremden, von denen der eine ſo heldenmüthig ſich dem Stiere mit der rothen Deviſe ſtatt des in Todesgefahr ſchwebenden Mata⸗ dors zum Kampfe ſtellte. Die Schönheit des jungen Mannes war ihr aufgefallen. Ines, die neben ihr ſaß, betheuerte lachend, daß es der prächtigſte Cavalier unter den vielen jungen Herren im Circus ſei. Seine kühne That vervollſtändigte den tiefen Eindruck, den der An⸗ blick des jungen Helden auf Tereſita gemacht hatte, und die Einſamkeit, in der ſie zu leben gezwungen war, denn die lebensluſtige Ines hatte nur wenige Tage noch bei ihren Berwandten weilen können, da eine Botſchaft ihrer in Toledo lebenden Aeltern ſie wegen unerwartet ſchneller Rückkehr ihres Bräutigams zurückrief, nährte die Er⸗ innerung an den ſchönen Fremdling nur noch mehr. Sie wurde zu ihrem liebſten Denken und es trat wie ein ſtilles Glück an ſie heran, wenn die Dämmerung niederſank und Diaz und ſein Weib ſich ihres Wächter⸗ amts für überhoben hielten, ſich ungeſtört dieſem ſüßen Denken hingeben zu können. Dann glitten ihre Finger über die Saiten des Inſtruments und leiſe ſang ſie jene zauberiſch ſchönen Liebeslieder, die, von den Mauren auf die Spanier, von Volksmund in Volksmund übergegangen, den glühenden Hauch ſüdländiſcher Empfindungsfähigkeit in ſich tragen. Und wenn ihr Denken zurückkehrte zu 129 dem ſie ſo ſchmerzlich berührenden Verhältniß, in dem ſie zu ihrem Gatten ſtand, wurde ihr das Herz wie von einem Froſtſchauer zuſammengekrampft. Einen langen Monat vor ſeiner Abreiſe übers Meer nach England, wohin er ſein Hauptgeſchäft machte, hatte ſchon ein böſer Zwiſt ſie mit ihm veruneinigt. Ohne Ab⸗ ſchied von ihr zu nehmen, hatte er ſie verlaſſen und bei ſeinem wenig verſöhnlichen Charakter mußte ſie erwarten, daß er gerade ſo wiederkehren werde, als er von ihr geſchieden war. Ihre Angſt vor dieſem Wiederſehen war demnach gerechtfertigt. Und fragte ſie ſich, ob es eine Möglichkeit ſei, daß ſie den jungen ſchönen Cavalier wieder⸗ ſehen werde, ſo mußte ſie ſich ſelbſt mit nein antworten. Die Wolken zogen pfeilſchnell am Abendhimmel hin wie raſch einander nachrückende Heeresmaſſen, der Mond konnte nicht die Uebermacht gewinnen, nur hin und wieder überſpielte er mit Streiflichtern den düſtern Garten. Tereſita ſaß vor den erleuchteten Fenſtern ihrer Wohnung auf einer Bank, neben ihr ruhten, die mächtigen Köpfe auf die Vorderpfoten gelegt, die beiden Packer, die ſich ſo ſehr an ſie gewöhnt hatten, daß ſie ihr aufs Wort gehorchten. Plötzlich erhoben die Thiere die Köpfe, Laute waren ihnen zu Ohren gedrungen, die ſie ſofort in Aufregung ver⸗ ſetzten.„Ruhe! Ruhe!“ ſagte Tereſita, die Hände auf ihre Köpfe legend.„Das geht uns nicht an.“ Carion, König Auguſt. III. 9 haftes Geräuſch entſtanden, das ſich nicht deuten ließ; auch ein Schrei ließ ſich vernehmen, aber gedämpft, dann wurde es ſtill. Es berührte Tereſita zu wenig, was da draußen vorging, ſie ſpielte auf der Laute fort; aber die Hunde neben ihr wurden immer unruhiger, tiefes Knurren hören laſſend, richteten ſie ſich auf. Das war ein Zei⸗ chen, daß ſie etwas Ungewöhnliches vernahmen. Auch die junge Frau begann aufzuhorchen. Ihr kam es vor, als raſchele es in der Tiefe des Gartens in den Baum⸗ zweigen; plötzlich hörte ſie ein Geräuſch, gleich dem Fallen eines ſchweren Gegenſtandes von einem Baume herab. Die Hunde waren nun nicht mehr zu halten. Mit kur⸗ zem, ſcharfem Gebell ſtürzten ſie beide gleichzeitig in die nachtdunkle Baumwildniß hinein; angſtvoll flog die Sen⸗ nora, ohne zu wiſſen, was ſie that, ihnen nach. Er⸗ ſchrocken blieb ſie aber ſtehen; ſie hörte einen Mann zornig ſprechen, von den Hunden aber keinen Laut äußern und doch waren dieſe gar nicht ſo geartet, Fremden gegenüber ſich leicht zu beruhigen. Was war das? Raſche, lebhafte Schritte kamen aus der Gartentiefe heran. Tereſita's Füße wurzelten vor Entſetzen an der Stelle feſt, wo ſie ſtand. Plötzlich erblickte ſie den Heran⸗ kommenden. In jeder Fauſt trug er einen Hund feſt an der Kehle gepackt. Sie vermochte nicht zu fliehen. Auf dem vorüberführenden Wege war ein ſehr leb- Was der mit der Laſt ſeiner vierfüßigen Gegner vor ſie hintretende Fremde ſprach, blieb ihr vollkommen unver⸗ ſtändlich, ihre Sinne ſchienen bis auf den des Auges von ihr gewichen zu ſein; vor ſich ſieht ſie den jungen ſchönen Cavalier, deſſen kühne That ihn zum Helden des Circus gemacht hat. Die ſtumm gewordenen Hunde von ſich zu beiden Seiten ins Gebüſch ſchleudernd, wo ſie ſich ſcheu ver⸗ kriechen, tritt der Fremdling ihr noch näher. Seine Mutter⸗ ſprache iſt hier unbekannt, er verſucht in franzöſiſcher Mundart mit der erſtarrt ſcheinenden Sennora ſich zu verſtändigen, und dies gelingt inſofern, als ſie in dieſer Sprache, wenn auch ſehr unvollkommen, ſich doch zur Noth auszudrücken vermag, da ſie in ihrer Kinderzeit mit ihrem Vater in Frankreich, wo dieſer eine Seidenweberei zu Perpignan gegründet, eine kleine Reihe Jahre verlebt hatte und erſt nach deſſen Tode mit ihrer Mutter in die Heimat Granada zurückgekehrt war. An dieſen Mo⸗ ment der Tereſita gewordenen Ueberraſchung knüpfte ſich ein Geheimniß, deſſen Möglichkeit weder Diaz noch ſein Weib ahnte. In jenem in ſpaniſcher Sprache geſchriebenen Briefe an ihre geliebte Tochter Zephanja, welcher, ſo ſorgfältig in der Schatulle verwahrt, von König Auguſt aufgefun⸗ den worden war, lag es enthüllt und die Kenntniß deſſel⸗ 9* ben rief in ihm Erinnerungen wach, die ſeinen Aufent⸗ halt in Madrid betrafen. Er verhehlte ſich nicht, daß der Rückblick auf jenes Geheimniß, deſſen der Brief ge⸗ dachte, ein ihn ebenſo beglückender als mit dem bitter⸗ ſten Selbſtvorwurf belaſtender ſei. Das tiefe, nur ſelten vom Mondlichte durchſchimmerte Grau jenes Abends, an welchem er Tereſita kennen lernte, hatte ihn als Opfer der vom Marquis Manzares ge⸗ dungenen Banditen am einſamen Wege verbluten ſehen ſollen. Seine fabelhafte Körperkraft und derſelbe kalt⸗ blütige Muth, den er im Kampfe mit dem Stiere bewie⸗ ſen, vereitelten das gegen ihn ausgeführte Attentat der Rache des von ihm in ſeinem Gattenrechte ſchwergekränk⸗ ten Manzares. Trotzdem er die mit Wunden bedeckten Banditen in die Flucht gejagt hatte, war er doch nicht vor einem erneuten und das zweite Mal vielleicht beſſer gelingenden Ueberfall auf ſeinem Wege nach dem Stadt⸗ thore geſichert. Dies bedenkend, entſchloß er ſich ſchnell, da er die Töne einer Laute aus dem mit einer ziemlich hohen Mauer eingefriedigten Garten am Wege dicht in der Nähe des Kampfplatzes hörte, daſelbſt für die Dauer dieſer Nacht ein Aſyl zu ſuchen. Seiner gewaltigen Muskelſtärke gelang es, ſich an der glatten Mauer hin⸗ aufzuziehen und jenſeits derſelben an einem der ziemlich —y— 133 dicht zuſammen ſtehenden, tiefes Dunkel verbreitenden Bäume herabzuſteigen. Das damit unmittelbar verbundene Geräuſch hatte die beiden Packer aufmerkſam gemacht, und kaum hatte er durch einen Sprung aufs Gerathewohl den Boden erreicht, als er ſich auch von den Thieren angeſprungen und gefaßt fühlte. Nur einer ſolchen Unerſchrockenheit, die ſich auf ihre eigene erprobte Kraft in Gefahren ſtützen konnte, war es möglich, mit raſchem Griff die beiden Thiere zu bewältigen. So oft er ſeitdem zu nächtlicher Zeit den Garten betrat, verkrochen ſie ſich voll Furcht, nur leiſe knurrend; ſie wagten keinen Angriff mehr auf ihn. Den Brief Tereſita's an ihre Tochter Zephanja in Ueberſetzung vor ſich, vertiefte ſich König Auguſt in die mit voller Lebensfriſche vor ſeinem Geiſte ſich gleich einem Bilde aufrollende Erinnerung jenes ihn damals ſo be⸗ glückenden Liebesgeheimniſſes. Wie ein ſchöner Traum, der beſeligend noch im wachenden Zuſtande nachwirkt, gedachte er der ſchönen, anſpruchsloſen Sennora, deren Bild vor ihm lag. Sie hatte nie nach ſeinem Range ge⸗ fragt, ſie liebte ihn um ſeiner ſelbſt willen, ſie war glück⸗ lich wie ein Kind, dem ein Wunſch erfüllt wird, wenn er bei ihr war. Nicht wilde, genußſüchtige Leidenſchaft trieb ſie in ſeine Arme, nur jene Hingebung eines tief empfindenden weiblichen Weſens, das ohne Bedenken den Geliebten als einen Gott anſchaut, dem es jedes Opfer ſchuldig zu ſein wähnt. Der grelle Contraſt zwiſchen ihrem finſtern Gatten Ramiro und ihm trug weſentlich dazu bei, ihrer Neigung zu dem ſchönen Fremdling Vorſchub zu leiſten. Blickte der Prinz auf ſeine übrigen Liaiſons, ſo mußte er ſich bekennen, daß ſie Flittertand, Rauſchgold gegen die Liebesinnigkeit Tereſita's waren. Darum hütete er auch das Geheimniß, das ſeine nächtlichen Beſuche bei ihr umgab, ſo ſorgfältig, daß ſelbſt ſein treueſter und in all ſeine Abenteuer eingeweihter Freund Vitzthum nichts da⸗ von erfuhr. Der Prinz hatte ihren Namen wiſſen wollen.„Nenne mich Tereſita“, hatte ſie geantwortet.„Der andere Name, den ich trage, iſt mir zu wenig lieb, als daß ich ihn aus Deinem Munde hören möchte. Iſt Liebesglück an Namen gebunden?“ Obwohl ihn dies Verſchweigen gereizt hatte, zu wiſ⸗ ſen, wer ſie ſei, ſo blieben doch ſeine Nachforſchungen in dieſer Beziehung vergeblich. In der Stadt ſelbſt küm⸗ merte man ſich nicht um die wenigen Anſiedler vor dem Thor und ernſtlicher in ihrer nächſten Nachbarſchaft for⸗ ſchen zu laſſen, wagte er nicht, um ſein ſchönes Geheim⸗ niß nicht zu gefährden. Im Briefe an Zephanja war Folgendes beſonders für ihn wichtig: 135 „So, mein heißgeliebtes Kind, habe ich Dir ein Ge⸗ ſtändniß abgelegt, wie ſelten eine Mutter es vor ihrer Tochter thun wird; aber ich kenne Dein Herz, Deine Liebe wird deshalb nicht weniger mein Andenken ehren. Es war keine Verirrung, deren ich mich, wie von einer Schuld⸗belaſtet, zeihen könnte, es war vielmehr ein Glück, ein namenloſes Glück für mich, ihn zu lieben, von ihm geliebt zu werden. Kann Gott verlangen, daß das an der Seite eines aufgezwungenen, verhaßten und es ſtets quälenden Gatten lebende junge Weib dem höchſten und einzigen Glücke, der Liebe, entſage, wenn ſie es findet? Nein, nein! Und daß mir der Himmel günſtig blieb, erkannte ich daraus, daß Ramiro, der in Zorn und Haß von mir geſchieden war, von ſeiner Reiſe nach England nicht zurückkehrte, weil das Schiff, das ihn nach Spanien bringen ſollte, in einer Sturmnacht unterging. Allein in der Welt ſtehend, faſt arm, weil mit dem vom Meere Verſchlungenen auch ein kleines von meiner Mutter mir hinterlaſſenes Vermögen, das er in ſeinem Juwelenhan⸗ del mit verwendete, verloren ging, fand ich bei Deinem Onkel Gomeles eine ſichere Freiſtatt. Er ahnte nicht, daß Du nicht ſeines Bruders Kind ſeieſt, und überwachte Dich mit rührender Liebe und Sorgfalt. Granadas Erde, dieſe heilige Erde, die meiner mauriſchen Vor⸗ fahren Eigenthum geweſen, wird mich als Todte auf⸗ nehmen. Ich ſegne Dich, Zephanja, mein theures Kind. Werde ſo glücklich in Deinem Leben, wie ich es geweſen in der Liebe zu ihm, der Dein Vater iſt und von dem ich Dir kein anderes Andenken hinterlaſſen kann als den ſchlichten Goldreif, der die Deviſe trägt: Mon coeur est pour vous.“ Der König vermochte nicht, ſich einer tiefen Rührung zu erwehren; er blieb lange Zeit im Anſchauen des Por⸗ traits Tereſita's verſunken, dann legte er es nebſt dem Briefe in die Schatulle, die er ſorgſam verſchloß und in das Fach eines Schrankes ſtellte. Mit langſamen Schrit⸗ ten wandelte er im Gemache auf und nieder. Die durch den Brief Tereſita's in ihm erzeugte Stimmung war eine ungewöhnlich ernſte. Ein Vorwurf legte ſich beſon⸗ ders gleich einem Alp an ſein Herz. Wie? Hatte er nicht für die Kinder ſeiner öffentlichen Maitreſſen geſorgt mit aller Milde und Freigebigkeit, wie dieſe Eigenſchaften überhaupt Grundzüge ſeines Weſens genannt werden mußten? Was hatte er für Zephanja, die Tochter der⸗ jenigen gethan, die ihn nicht, um in der Welt zu glänzen und durch ihn emporgehoben zu werden, ſondern um ſei⸗ ner ſelbſt willen geliebt hatte? In das tolle, wüſte Treiben der großen Seine⸗ ſtadt zurückgekehrt, hatte er ſie vergeſſen, und war auch im Verlaufe der Jahre dann und wann eine Rückerin⸗ 137 nerung an ſie in ſeinem Geiſte aufgeſtiegen, ſo glichen doch dergleichen unwillkürliche Blicke in die Vergangen⸗ heit nur den Frühnebeln, die verſchleiernd über Berg und Thal ſich breiten, aber ſchnell von der Macht der aufgehenden Sonne zerriſſen in dem Ocean der Lüfte verſchwinden. 85 Welche wunderbare Fügung des Geſchicks! Die, in deren Adern ſein Blut floß, war aus weiter Ferne hier⸗ her geführt worden, um hier ihr Ende zu finden, jeden⸗ falls unter der Hand eines Verbrechers, und er, von dem ſie mit vollem Rechte Hülfe hätte beanſpruchen können, konnte ihr nicht einmal ein Grab gewähren! Der Ge⸗ danke war ein zu tief einſchneidender, als daß er ihn ſo ſchnell von ſich hätte abwerfen können. Leiſes Klopfen an der Thür bezeichnete eine ihm zu machende Meldung. Der Lakai kündete die Bitte des Hofjuweliers Dinglinger und des Generalproveditors und Hofagenten Jonas Meyer um geneigtes Gehör bei Seiner Majeſtät in einer wichtigen Angelegenheit. Sie wurden angenommen. Des Hofjuweliers Geſicht zeigte die Bläſſe eines Schreckens, der keineswegs zu den leicht zu überwinden⸗ den gehören mußte. Es wäre unmöglich geweſen, wenn dem König dies hätte entgehen können. „Was iſt Ihm, Dinglinger?“ fragte er erſtaunt. 138 „Er ſieht ja aus, als ob der Tod ihm leibhaft erſchienen wäre.“ „Majeſtät, Zephanja lebt!“ ſtieß der Gefragte wie athemlos heraus und ließ einen tiefen Athemzug folgen, als fühle er ſich wie von einer ſeine Bruſt beengenden ſchweren Bürde erleichtert. „Zephanja lebt?“ rief der König mit einem Tone, welcher die freudige Ueberraſchung ausdrückte, die dieſe Kunde ihm bereitete. „Sie lebt, ja, ſie lebt“, wiederholte jener,„aber nicht für mich. Geruhen Eure Majeſtät meinem Beglei⸗ ter zu erlauben, daß er Ihnen Bericht darüber erſtatte.“ „Rede Er, Meyer.“ „Majeſtät“, hob der jüdiſche Hofagent an„ich habe unter der Prager Judenſchaft Verwandte, die große Geldgeſchäfte machen und von denen einer vorzüglich den Edelſteinhandel betreibt. Ein feiner Kenner davon der Jakob Mendel, muß ich ſagen, und ein feiner Mann, der mit den böhmiſchen hohen Cavalieren auf beſtem Fuße ſteht.'s iſt dort ſo wie hier und allerwärts, daß die fürnehmen Dames Liebhaberinnen von prächtigem Ge⸗ ſchmeide ſind, und der Jakob Mendel, als Lieferant der ſchönen Waare, ſteht deshalb mit den Juwelenhänd⸗ lern in den größten Städten in Verbindung, und ſo iſt— auch der reiche Bernard in Paris ſein Geſchäftsfreund, 139 wie der meinige. Wie ich vor etwa einer Woche nach Prag komme und Mendel und ich reden über Ge⸗ ſchäftliches, höre ich zu meinem Erſtaunen, daß der Mou⸗ ſieur Charles Bernard, der Sohn vom Pariſer, zu glei⸗ cher Zeit in Prag geweſen iſt, wie er hier in Dresden war.„Wie iſt das möglich?“ frage ich.„Wie hat er ſein können an zwei ſo weit von einander gelegenen Or⸗ ten zugleich?“ Jakob Mendel beweiſt mir's Schwarz auf Weiß aus ſeinem Zahlungsbuche, denn er hatte an Mon⸗ ſieur Charles Bernard auf Anweiſung deſſen Vaters eine Summe Geldes ausgezahlt. Ich erkundige mich näher, und da ergibt es ſich, daß es geweſen iſt ein Anderer, als der mir die Juwelen von ſeinem Vater gebracht hat, denn der in Prag Einkaſſirende iſt, wenn auch ein junger Mann und von recht hübſchem Aeußern, doch von kleiner unterſetzter Statur geweſen, während unſer Monſieur Charles Bernard eine große ſchlanke Geſtalt beſaß und dunkles Haar, während jener röthlich blondes hatte. Und der Mendel erzählt mir, daß ſein Charles Bernard auf einen guten Freund in Prag gewartet, der endlich angekommen und mit dem er habe abreiſen wollen. In der Stunde vor der Abreiſe ſei er, Mendel, nochmals zu ihm ins Hotel gegangen, um ſich zu verabſchieden von ihm. Da hat er denn einen jungen Herrn, wie unſern Charles, und eine Dame bei ihm gefunden. Letztere habe 140 ihn, den Mendel nämlich, gebeten, gelegentlich ein von ihr in aller Eile geſchriebenes Billet an den Herrn Hof⸗ juwelier gelangen laſſen zu wollen, was er ihr natürlich zugeſagt. Das Billet hat er mir zur Beſtellung bei meiner Rückreiſe eingehändigt. Geſtern Abend angekommen, habe ich es heute Morgen Herrn Dinglinger überbracht, der vor Schreck bei deſſen Durchleſung faſt geſtorben wäre. „Majeſtät, hier iſt es.“ Mit dieſen Worten über⸗ reichte Dinglinger das Billet dem Könige, der, ans Fen⸗ ſter tretend, daſſelbe las und, es dann wieder zuſammen⸗ faltend, mit den Worten zurückgab:„Mit dieſen Zeilen hat ſie uns wohl von einer traurigen Befürchtung befreit, aber keines⸗ wegs das Räthſel gelöſt, welches ſich an ihre Flucht knüpft.“ „Majeſtät, ſie bleibt todt für mich“, rief der Hofju⸗ welier. „Ihrem Schreiben nach gewiß“, ſtimmte König Auguſt bei.„Darum muß um Seinetwillen die Entdeckung, daß ſie lebt, ein ſtreng bewahrtes Geheimniß bleiben. Hat Er, Meyer, vielleicht gegen die Seinigen etwas davon verlauten laſſen?“ „Nein, Majeſtät, keine Silbe.“ „So iſt das Geheimniß geſichert. Dinglinger, ich habe beſonders mit Ihm zu ſprechen.“ Eine Handbe⸗ wegung gegen den jüdiſchen Hofagenten deutete deſſen Entlaſſung an. ——— 141 Es fiel nicht auf, daß der Hofjuwelier länger als eine halbe Stunde bei ſeinem königlichen Herrn verweilte und wie ein Träumender vor ſich niederſchaute, als er deſſen Gemach verließ. Ein paar Wochen ſpäter wurde der franzöſiſche Geſandte zu einer Audienz bei König Auguſt gemeldet, in welcher er demſelben ein eigenhändiges Schreiben Ludwig's XIV. und zugleich ein ſolches von der Frau Herzogin von Soubiſe überreichte. Dieſer Dame war die Nachricht zugekommen, daß ihr Sohn Charles nach Dresden gereiſt ſei. Weshalb? Das konnte ihr kein Räthſel bleiben, ſie kannte ja ſeine unerſchütter⸗ liche Neigung zu der Ciſelirerin; aber entſchloſſen, ihn dieſer Thorheit mit allen ihr zu Gebote ſtehenden Mitteln zu entreißen, und getrieben von der Befürchtung, daß ſie nicht mächtig genug ſei, ihren Sohn von einem Schritte abzuhalten, welcher, wenn er einmal geſchehen, ſich nicht mehr ungeſchehen machen ließ, wandte ſie ſich an König Ludwig, um durch ſein Anſehen ihrer Bitte an König Auguſt, ſelbſt Mittel der Gewalt anzuwenden, um den Prinzen von dieſer Mesalliance abzuhalten, Nachdruck zu geben. „Melden Sie Ihrem allergnädigſten Herrn und Kö⸗ nig, daß ich die mir von ihm erzeigte Ehre eines eigen⸗ händigen Schreibens mit einem gleichen erwidern und thun werde, was ich vermag, um die Frau Herzogin hin⸗ 142 ſichtlich ihres Wunſches jedes Kummers zu entheben“, lautete König Auguſt's Antwort. „Sire, ich kenne die Veranlaſſung, welche die Frau Herzogin zu dieſem Schreiben beſtimmt hat“, ſprach Mar⸗ quis de Monti.„Prinz Charles Sonbiſe iſt glücklicher⸗ weiſe noch nicht hier angelangt.“ „Sie ſind im Irrthum, mein Herr Geſandter“, ent⸗ gegnete der König.„Er iſt hier geweſen und hat die betreffende Dame entführt.“ „Sire— er iſt hier geweſen?“ ſtammelte erſchrocken der Marquis. „Ich hoffe jedoch dieſe Angelegenheit ſo zu ordnen, daß Seine Majeſtät, Ihr Herr und König, und die Frau Herzogin von jeder Furcht unangenehmer Verwickelungen in dieſer Angelegenheit befreit werden. Melden Sie das vorläufig, mein Schreiben an Seine Majeſtät König Ludwig wird folgen.“ Nach dieſer kurzen Audienz machte König Auguſt mehrere Gänge durchs Gemach. Ein Gedanke beſchäf⸗ tigte ihn angelegentlich, er verdüſterte ihn jedoch nicht, ſondern erheiterte ihn ſogar. In dieſer guten Stim⸗ mung ſprach er vor ſich hin:„Armer Dinglinger, du biſt um die Braut gekommen; aber wer kann dir helfen! Ich nicht und auch Niemand anders. Der ſie hat, gibt ſie nicht heraus und mit Recht— von Juwelen 143 dieſer Art trennt man ſich nicht.“ Die Erinnerung, daß er es doch gethan, daß er Tereſita vergeſſen im Taumel der Lüſte, ſchwebte als Schatten über ſeine Stirn; aber nur für Augenblicke, dann klärte ſich dieſe, und als ſei der Selbſtvorwurf dieſer Schuld gleich einer ſein Denken ſtörenden Beläſtigung von ihm abgefallen, ſagte er halb⸗ laut:„Tereſita, ich will an Zephanja ſühnen, was ich an Dir verbrach.“ Fünftes Kapitel. Wie ſtets zu den Zeiten, wo König Auguſt in ſeiner ſächſiſchen Haupt⸗ und Reſidenzſtadt anweſend war, der Unterhaltungsſtoff in hohen und niedern Kreiſen der Be⸗ völkerung ein weit ergiebigerer war als zur Zeit ſeiner Abweſenheit, ſo auch diesmal kurz vor der Abreiſe des Königs nach Polen. Ereigniſſe ungewöhnlicher Art nahmen Vieler Gemüther in beſondern Anſpruch. Gräfin Coſel, welche ſich nach Pillnitz, ihrem Luſt⸗ ſchloſſe, einem Geſchenke König Auguſt's, zurückgezogen, war von da ſpurlos verſchwunden, zum Entſetzen derer, welche ein Intereſſe daran hatten, ſie feſtgenommen zu ſehen. Im Pillnitzer Schloſſe mußte Manches vorge⸗ gangen ſein, was dieſe ſtolze Frau bis zur Flucht 145 getrieben hatte; das Wenige, was darüber verlautete und was man in den hohen Cirkeln unter dem Siegel der Ver⸗ ſchwiegenheit von Mund zu Mund colportirte, war bei alledem zu unbedeutend, um als maßgebend für ihre Flucht betrachtet werden zu können. Zumuthungen waren ihr gemacht worden, welche ſie mit Verachtung und Abſcheu abwies, zugleich diejenigen, die ſich dazu hergegeben, dieſe Bolzen zu verſchießen, mit dem bitterſten Spotte brand⸗ markend. Und worauf gründete ſich dieſer Widerſtand der Gräfin Coſel? Auf das feſte Vertrauen, das ſie noch jetzt zu dem Könige hegte, den ſie nur von ihren Feinden gegen ſie eingenommen wähnte. Herr von Haxthauſen, der ſich ihrer Gunſt erfreute, hatte von dieſem ihrem feſten Vertrauen zu Seiner Majeſtät erzählt, wornach die Gräfin ihre Hoffnung, der König werde wieder zu ihr zurückkehren, mit den Worten aus⸗ geſprochen:„Ich habe drei Kinder von ihm“ und als der Erzähler ihr entgegnet, daß auch die Königsmark und die Teſchen jede ihm einen Sohn geboren, habe ſie erzürnt gerufen:„Schweigen Sie von dieſen Weibern, die nur ſeine Buhlerinnen waren; ich aber bin ſeine Frau. Das iſt ein Unterſchied.“ Sein Einwurf, daß der König eine rechtmäßige Gemahlin und von dieſer einen Sohn als Thronfolger beſitze, habe ſie ebenfalls nicht in ihrer Hoffnung auf den König erſchüttert und ſie Carion, König Auguſt. III. 10 146 habe voll Zuverſicht geſagt, er werde ſie ſicher nicht verlaſſen. Man lächelte über dieſe Sicherheit der gefallenen Mai⸗ treſſe, welche die vollkommenſte Gelegenheit hatte, die Nie⸗ derträchtigkeit der Hofmenſchen im weiteſten Sinne des Wortes kennen zu lernen. Flemming's Creaturen waren unermüdlich, ſie zu kränken und ſie, was bei ihrem ſtolzen, hochfahrenden Sinn nicht ins Reich der Unmög⸗ lichkeit gehörte, zu einem Exceß zu treiben. Dies gelang indeß nicht, denn ihr zur Seite als Rathgeber ſtand Herr van Tinnen, welchem ſie große Macht über ihre Entſchlie⸗ ßungen eingeräumt hatte und deſſen Rathſchlägen ſie bereit⸗ willigſt nachkam, weil ſie die Ueberzeugung in ſich trug, daß er, der reiche, unabhängige Mann, ihr wahrhaft treu ergebener Freund ſei, der nicht nur über die Jahre hinaus war, wo man hätte denken können, er ſei von Liebe zu ihr entbrannt, ſondern auch nicht im mindeſten dar⸗ nach trachtete, ſich durch ſie eine Stellung am Hofe zu gewinnen. In Flemming's Augen galt Herr van Tinnen als eine verkörperte Todſünde, er haßte ihn bitter, weil ſein niederländiſches Phlegma ihn vor Thorheiten bewahrte und der König dem hochgebildeten Manne nicht abhold war, ſich oft mit ihm über Kunſtwerke unterhielt und ihn einen Mann nannte, der in allen Sätteln gerecht ſei⸗ 147 Was unmöglich ſchien, hatte Herr van Tinnen faſt zu Stande gebracht, der König neigte ſich dem Entſchluſſe zu, mittels van Tinnen ein der Coſel ſehr günſtiges Arrangement einzugehen. Die ihr feindliche Clique, in der Furcht, daß auf dieſe Weiſe die Gräfin am Hofe immer eine gewiſſe Herrſchaft ansüben, dadurch Einfluß auf den König haben und bei einer ſich bietenden günſtigen Gelegenheit wieder in die alten Rechte eintreten könne, gerieth in höchſte Aufregung und ließ alle Minen ſpringen, um den ihr ſo gefährlich ſcheinenden Vergleich zu hintertreiben. Und es gelang wirklich den vereinten Beſtrebungen dieſer Biederleute, unter denen der Oberhofmarſchall Graf Lö⸗ wendahl, welchen Gräfin Coſel als ihren Verwandten durch ihre Fürſprache an den Hof gebracht und zu dieſer Stellung befördert hatte, als ihr erbittertſter Feind ſich ganz beſonders auszeichnete, den König dahin zu brin⸗ gen, ſeine gütigen und günſtigen Geſinnungen gegen die frühere Geliebte und deren Freund van Tinnen in ihr Gegentheil umzuwandeln und ihn gegen beide aufs äußerſte zu erbittern. Gräfin Dönhoff hatte das Ver⸗ gnügen, bei dieſer Wendung der Dinge ſich das Zeugniß geben zu können, daß ihr Einfluß bei Seiner Majeſtät im Steigen ſei. Van Tinnen's ſcharf beobachtender Geiſt bemerkte dieſen 10* 148 Vorgang und er beſchloß, das Netz der Verleumdung ud des Haſſes mit einem kühnen Streiche zu zerreißen. Er wählte dazu eine Stunde, in der er den den Freuden der Tafel ebenſo ſehr als denen der Liebe ergebenen König in guter Laune zu finden glaubte, und ver⸗ langte nach abgehaltenem Diner zu ihm gelaſſen zu wer⸗ den. Die Lakaien wollten ihn bewegen, aus dem Vor⸗ zimmer ſich zu entfernen, van Tinnen widerſetzte ſich, der Lärm drang ins Gemach des Königs, deſſen Ober⸗ kammerherr Vitzthum herauskam und ſeine ganze Beredt⸗ ſamkeit an ihm verſuchte, ihn von ſeinem Verlangen abzu⸗ bringen, denn Seine Majeſtät ſei ſehr aufgebracht gegen ihn und habe heute bei Tafel ſtark getrunken. An dem Nie⸗ derländer prallte dieſe Warnung ab; ohne ſich zurückhal⸗ ten zu laſſen, trat er mit Vitzthum zugleich ins königliche Gemach. Der König, deſſen Geſicht vom Weingenuſſe glühte und der den Vorgang mit angehört hatte, rief ihm ein zorniges„Hinaus!“ zu. Van Tinnen, feſt in ſeinen Entſchlüſſen, hob nichtsdeſtoweniger an zu ſprechen, und dieſe Dreiſtigkeit brachte den hohen Herrn ſo außer ſich, daß er heftig auf ihn zutrat, ihn in einen Winkel trieb, wo er in höchſter Aufregung ihn zu Boden warf, mit Fußtritten tractirte und ihn zwang, das Zimmer zu verlaſſen. kel arf, 149 Zwei Tage ſpäter verbreitete ſich die Kunde von der Flucht der Gräfin Coſel aus Pillnitz. Die Behandlung, welche van Tinnen erfahren, war der ſicherſte Fingerzeig für ſie, in welchem Grade ihre Feinde das Uebergewicht erlangt hatten und was ihr bevorſtehen konnte, wenn ſie ſich nicht rechtzeitig der Gewalt entzog. Van Tinnen ward nicht mehr in Dresden geſehen, man vermuthete, daß ihre Flucht auf ſeinen Rath erfolgt ſei. Wenige Tage vor der Abreiſe des Königs lief die Meldung des bei Friedrich Wilhelm I. von Preußen accreditirten Ge⸗ ſandten ein: Gräfin Coſel ſei in Berlin angekommen, und Seine Majeſtät habe ihr ſeinen Schutz zugeſagt, ſolange ſie ſich jeder Störung des guten Einvernehmens zwiſchen den beiden Königen enthalten werde. Obgleich man hoffte, daß die ſchöne Flüchtige dieſe Bedingung bald übertreten ſich ſtill reſignirend dem Geſchicke zu fügen, ſo war ſie jetzt im fremden Lande doch nicht weniger gefährlich als früher und ihre Gegner fühlten die Nothwendigkeit, ſie ſorgſam überwachen zu laſſen, um möglichſt eine Gele⸗ genheit, ihr den Schutz des Preußenkönigs zu entziehen, zu erſpähen. Daß ſie das Eheverſprechen jetzt gegen König Auguſt veröffentlichen werde, deshalb hegte man 3 keine Beſorgniß; der ſtreng ſittliche Charakter Friedrich Wilhelm's I. war die beſte Bürgſchaft dafür, daß der⸗ würde, da ihr Temperament keineswegs der Art war, t 150 gleichen Agitationen gegen ſeinen Nachbar, mit dem er in Frieden lebte, ſofort im Keime erſtickt werden würden; aber man war deshalb nicht ſicher, daß ſie nicht auf Rache gegen König Auguſt ſinne. Der Zeit mußte alſo die Entſcheidung in dieſer kitzli⸗ chen Angelegenheit überlaſſen bleiben. Eins hatte man gewonnen, ſie war der Nähe des Königs entrückt und bei deſſen ſchwankendem Charakter, der leicht Früheres vergaß, mußte ihre Entfernung als ein weſentlicher Vor⸗ theil und Sieg betrachtet werden. Ein zweites Ereigniß machte nicht weniger Senſation, da, wenngleich die Angelegenheit ſelbſt in einem Wirths⸗ hauſe dritten Ranges zum Austrag gelangt war, doch ebenfalls die Hochariſtokratie nicht unbetheiligt dabei er⸗ ſchien. Der Vorgang in der Schnecke an der Weißeritz hatte die Stadtbevölkerung in höchſte Spannung verſetzt. Tödtlich verwundet lag Rasmus in ſeinem Hauſe. Nach ärztlicher Unterſuchung war er nur noch ein paar Tage unter die Lebenden zu zählen. Kein beſſeres Prognoſtikon ſtellte ſich für den ebenfalls tödtlich verwundeten Heinze heraus, welchen man ins nahe Siechhaus gebracht hatte. In Betracht der Unmöglichkeit, Ausſagen von beiden Todescandidaten zu erhalten, wenn man die ihnen nur karg noch zugemeſſene Zeit verſäume, hatte ſich aller 151 Gewohnheit entgegen, die Dinge nicht zu übereilen, das Gericht gemüßigt gefunden, ſo ſchleunig als möglich die nöthigen Protokolle aufnehmen zu laſſen. Den beiden Schwerverwundeten gegenüber war dies ein übles und höchſt langweiliges Stück Arbeit, es mußte unter ärztli⸗ chem Beiſtand geſchehen, um ihnen die nöthige Schonung zu gönnen. Auch der Sorauer Hoſſchneider ſah ſich in die Angelegenheit hineingezogen, aber weit mehr noch Jürg Weber, welcher in unmittelbarſter Weiſe bei dem Kampfe mit dem Junker von Oertzen betheiligt ge⸗ weſen war. Da bei derlei Ereigniſſen eins ins Andere greift und ſich Schlußfolgerungen oft aus den allergeringſten Daten ergeben, ſo erſtreckte ſich die Ausſagen⸗Auf⸗ nahme noch über eine Zahl Dresdner Kaufleute, welche an den Junker auf die von ihm ihnen vorgelegten An⸗ weiſungen der Firma Wirth größere oder kleinere Sum⸗ men gezahlt hatten. Wem hätte die Ahnung aufſteigen ſollen, daß dieſer mit feinen Manieren und ſo ſicher auftretende Handelsreiſende ein Betrüger ſei, der auf verbrecheriſche Weiſe ſich in den Beſitz dieſer Papiere geſetzt habe! Allen Nachforſchungen zum Trotz hatte ſich keine Spur des entflohenen Junkers entdecken laſſen. Man fand in dem von ihm bewohnten Zimmer Kleider, Wäſche 152 und Briefe, aber kein Geld. Erſt nach mehreren Tagen erfuhr man, daß er noch in ſelbiger Nacht mittels eines Fuhrwerks die Stadt verlaſſen habe. Der Kutſcher, der ihm dieſen Dienſt geleiſtet, war ſchon am Tage vorher von ihm beſtellt worden, um am nächſten Morgen ihn nach Herzberg zu fahren. Unter dem Vorwande, daß er, wolle er nicht großen Verluſt erleiden, noch in dieſer Nacht fort müſſe, wofür er ſelbſtverſtändlich das Fuhr⸗ lohn verdoppeln werde, hatte er den Mann bewogen, ihm zu willfahren. Somit war er der Feſtnahme ent⸗ gangen und es war in jener Zeit faſt mit Gewißheit zu ſagen, daß derjenige, welcher einen ſolchen Vorſprung ge⸗ wonnen und Geld genug bei ſich hatte, um ſeine fernere Freiheit nicht gar zu ängſtlich beſorgt ſein durfte, denn die polizeilichen Anſtalten lagen damals mehr, als gut war, im Argen.. Rasmus ruhte auf ſeinem Bette, bleich und regungs⸗ los, als habe ihn ſchon der Tod berührt. Tiefe Stille herrſchte in der Kammer. Sein kleines Töchterchen ſtand allein an ſeinem Lager, mit ihren kleinen warmen Hän⸗ den ſeine kalte Rechte umſchließend. Nach langer Pauſe hob der tödtlich Verwundete ſeine matt über die Augen gefallenen Lider auf und ſein feuchter verſchwimmender Blick fiel auf das Kind. Ueber das blaſſe Geſicht des an der Ausgangspforte des Lebens angekommenen Mannes 153 zog es wie heller Sonnenſchein. er leiſe. „Will Er was, Herr Vater?“ fragte die Kleine, das Ohr ſeinem Munde nähernd, da ſeine Stimme zu ſchwach war, um nur in geringer Entfernung verſtändlich zu ſein. „Das Knäblein bat, als der Todesengel es von der Erde genommen, beim lieben Gott für ſeine Aeltern, die viel Böſes gethan und ſchwere Sünden auf ſich geladen daß er ihnen barmherzig ſein ſolle.“ „Ach ja,'s war'n frommes unſchuldiges Knäblein.“ „Wie Du, mein Kind, wie Du fromm und unſchuldig biſt. Wenn ich todt ſein werde, thue wie das Knäblein und bitte Gott, daß er mir barmherzig ſein möge. Das wird er erhören. Sonſt habe ich ja Niemand, der meiner gedenken möchte.“ „Die Mutter und Bruder Auguſt“, erinnerte die Kleine. Rasmus verneinte mit Kopfſchütteln, aber er ſprach ſeine Meinung darüber nicht aus. Nach einer langen Pauſe, in der ihm die Lider wieder über die Augen ge⸗ fallen waren, ermunterte er ſich und flüſterte:„Singe, Fiekchen.“ „Was, Herr Vater?“ Eine Weile verging, ehe der Gefragte antwortete, dann „Fiekchen“, ſprach 154 klang es von ſeinen weißen Lippen:„Liebſter Vater, ich, Dein Kind, komm' zu Dir geeilet.“ Sofort fing Fiekchen zu ſingen an. Die klartönende Stimme des kleinen Mädchens ſchien auf den Todwunden wie eine erhebende Kraft zu wirken, ihn geiſtig gleichſam auf ſanften Schwingungen aufzurichten aus der Schwäche, die ihn beherrſchte, ſodaß allmälig ein Ausdruck von Heiterkeit ſein Antlitz überbreitete. Die ſchwere Schuld, die ihn ſo lange Jahre bedrückt, ſein Denken in Verwirrung verſetzt, ihn zu einem geiſtig Kranken gemacht hatte, wich wie ein böſer, ſteckender Nebel von ihm. Wie vor Da⸗ vid's Saitenſpiel die böſen Geiſter des Wahnſinns von Saul wichen, ſo fiel die Angſt vor der Verantwortung vor Gottes Richterſtuhl, die ihm bald bevorſtand, von Rasmus ab, aus ſeines Kindes Munde drang ihm die Hoffnung auf Gnade und Vergebung ins Herz. Und in dieſer gehobenen Stimmung fanden ihn die Gerichts⸗ perſonen, denen Jürg Weber, Frau Rasmus und Au⸗ guſt folgten. Man wollte Fiekchen entfernen, aber Ras⸗ mus hielt die Hand des Kindes mit Aufbietung ſeiner letzten Kraft feſt, man mußte ihm willfahren, Fiekchen an ſeinem Lager laſſen. Frau Rasmus hatte allen Halt ver⸗ loren, ihr determinirtes Weſen war vollſtändig verſchwun⸗ den; ſie fürchtete, der Mann, der hart an der Pforte des Todes keine Rückſicht mehr zu nehmen brauchte, den 155 ſie in ſeiner Krankheit mißhandelt hatte, werde auch von dem Sündenlohne ſprechen, um den er ſein ehrlich Ge⸗ wiſſen verkauft und den ſie ohne Gewiſſensbiſſe an ſich geriſſen. Ihr Sohn Auguſt hatte große Noth, ſie an ſeinem Arme aufrecht zu erhalten. Die Gerichtsperſonen fanden ſich höchlich überraſcht, Rasmus faſt mit Heiterkeit ein umfaſſendes Geſtändniß ablegen zu hören; ſie hatten gefürchtet, ſchwere Mühe mit ihm zu haben, und gerade das Gegentheil trat ein. Als er mit den Worten:„Ich habe nichts verſchwie⸗ gen— Gott ſei mir gnädig!“ ſein Bekenntniß ſchloß, fiel auch ſein etwas aufgerichtetes Haupt zur Seite aufs Kiſſen nieder, ſchwer erſchöpft von der übermächtigen An⸗ ſtrengung lag er ohnmächtig auf ſeinem Lager. Schwei⸗ gend ſtanden die Anweſenden um daſſelbe. Frau Rasmus athmete tief auf. Der Sterbende hatte ſie nicht verdorben, obwohl er es mit wenigen Worten gekonnt hätte. Plötz⸗ lich kam große Unruhe über ihn, ſichtbare Angſt verzerrte ſein Geſicht.„Singe, Fiekchen, ſinge!“ hörte man ihn mit gebrochener Stimme lispeln, und das kleine Mädchen, immer noch die Hand des Vaters in den ſeinen haltend, hob mit dem feinen Stimmchen ſofort den Vers zu ſingen an, bei dem es durch den Eintritt der Anweſenden unterbro⸗ chen worden:„Ach verzeih mir, ach vergib, was ich mißge⸗ handelt.“ Tief ergriffen ſtimmten die Andern mit ein. Ehe 156 der Vers noch zu Ende gebracht war, flog ein kaum merkbares Zucken über das Antlitz des Sterbenden, der Tod hatte ihn berührt. Seines Kindes Geſang war für ihn zum harmoniſchen Flügelwehen des Friedensengels geworden, der die Seele des Reuevollen aufwärts leitete. Und als nach Beendigung des Geſanges tiefes Schweigen eintrat, nahte ſich Jürg Weber dem Todten, legte die Hand auf deſſen Bruſt und rief in der höchſten Auf⸗ regung, in die ihn die nunmehr erlangte Kenntniß des an ſeinem unglücklichen Vater begangenen Verbrechens ver⸗ ſetzt hatte:„Herrgott, ich rufe Deine Gerechtigkeit an, den Schändlichen, der dieſen Mann hier verkeitet zu ſo ſchwerer Sünde und meines armen Vaters ehrlaee Na⸗ men und Leben vernichtete, mich finden zu laßfen, um en der verdienten Strafe zu überliefern!“ 1 Im Siechhauſe war faſt gleichzeitig ein Protokoll aufgenommen worden, dem auf ihr Anſuchen die ver⸗ wittwete Gräfin Promnitz beiwohnte. Heinze, der den Abſchluß ſeines Lebens vor ſich ſah, erleichterte gleichfalls ſein Gewiſſen, indem er bekannte, daß er auf des Jun⸗ kers von Oertzen Andrängen und Verleitung die Hand⸗ ſchrift des unglücklichen Archivars täuſchend nachahmend, jenen Brief gefälſcht habe, welcher von Rasmus vor der Beförderung durch das Hofmarſchallamt nach Hal⸗ bau an den nun verſtorbenen Grafen Friedrich daſelbſt in des Junkers Hände für einige Stunden übergeben worden. Es würde dem Charakter der verwittweten Gräfin Promnitz ſchier unmöglich geweſen ſein, wenn ſie bei dieſer Entdeckung ſich hätte ruhig verhalten ſollen.„O, Er iſt doch ein verfluchter Halunke!“ ſchrie ſie auf.„Solch einen ſataniſchen ſchlechten Streich auszuführen und dann noch in meinem Dienſte ſich ſatt zu freſſen! Hätte ich das ahnen können, ich hätte Ihm die Schurkenſeele aus dem Leibe peitſchen laſſen, Kerl.“ Der Gerichtsbeamte hielt ſich für berufen, der hoch⸗ geborenen Dame bemerklich zu machen, daß ſie hier keine Stinyne habe, indeß die Frau Gräfin war total anderer eryr 9 do fiel in ſo gröblicher Weiſe aus und nannte der bereits weißes Haar hatte, einen ſchim⸗ meligen Federfuchſer, um den ſie ſich den Teufel ſchere, daß der ſo übel Behandelte ſich genöthigt ſah, die Dame hinausbringen zu laſſen. Wenn auch durch die beiden Ausſagen der Punkt der Brieffälſchung feſtgeſtellt wurde und ſchon daraus hervor⸗ ging, daß Archivar Weber das Opfer der abſcheulichſten Intrigue geworden, ſo herrſchte doch eine völlige Dun⸗ kelheit über das, was als das eigentliche Verbrechen be⸗ zeichnet werden mußte, über den Verluſt der Documente. In weſſen Händen befanden ſich dieſe? Hatte Junker Oertzen, der ſie nach Rasmus Ausſage empfangen, an ſeinen Auftraggeber ausgeliefert? Nur der Umſtand, daß der König auf einige Tage Dresden verlaſſen hatte, hielt die Piſtolengräfin ab, perſönlich bei Seiner Majeſtät ihre Sorauer Schwägerin als die Urheberin dieſer In⸗ trigue anzuklagen und eine Unterſuchung zu beantragen. Da es nicht verſchwiegen bleiben konnte, welchen lebhaften Antheil Jürg Weber an dieſen Vorgängen nahm, ſo fand ſie ſich veranlaßt, ihn zu ſich rufen zu laſſen. Der junge Mann entſprach der an ihn gerichteten Auf⸗ forderung, und da ſeine Erſcheinung wie ſein beſchei⸗ denes, fern von falſcher Höflichkeit ſich haltendes Beneh⸗ men der Frau Gräfin gefielen, ſo machte ſie ihm rückhaltata⸗ alle auf ſeine unglückliche Schweſter ſich beziehenda Mittheilungen. 1 „Habe Er Geduld, Mosje“, ſagte ſie ſchließlich zu ihm. „ch laſſe nicht locker, bis ich der ganzen Teufelsfahrt auf der Spur bin, und dann Gnade Gott dem, den ich auf ſchlechten Wegen finde. Für den wäre es beſſer, ſeine Mutter hätte ihn im erſten Bade erſäuft. Weiß Er, Mosje, daß ich und Er in der verfluchten Geſchichte ſo zu ſägen natürliche Alliirte ſind? Ja, Alliirte, nur mit dem Unterſchiede, daß Sein Vater dabei zu Grunde ging, ich aber noch obenauf bin.“ „Gnädige Frau Gräfin, meines Vaters ehrlicher Name 159 wird wiederhergeſtellt, aber ſein Gram, nach einem langen, tadelloſen Wandel in ſeinem Amte vor aller Welt ſich als ein Dieb entehrt zu ſehen, die zahlloſen Thränen meiner guten Mutter, die hülflos und verarmt kaum vor den Leuten ſich zu zeigen wagte, ihr Schmerz, mich als arme vater⸗ und mutterloſe Waiſe zurücklaſſen zu müſſen unter dem erdrückenden Fluche eines gebrandmarkten Na⸗ mens, das kann nie gebeſſert, nie ungeſchehen gemacht werden. Das Verbrechen hat geſiegt und die Recht⸗ ſchaffenheit, die nichts als ihr gutes Bewußtſein für ſich hat, iſt ein trauriges Opfer dieſes Sieges geworden. Meine Aufgabe bleibt es, durch mein Thun der Welt zu beweiſen, daß vom guten Stamme nur gute Früchte zu erwarten ſind, und ich will redlich dieſem Ziele nachſtreben. Bisher hat Gott mir treulich beigeſtanden, er wird es gewiß auch ferner. Ich bin unverzagt.“ Die mannhafte Dame ſtand vor ihm und ihr durch⸗ dringender Blick haftete feſt auf ihm, deſſen Wangen und Stirn in der Gefühlsaufregung, die ihn jetzt beherrſchte, ſich ſtark geröthet hatten.„Er iſt'n braver Kerl“, ſprach ſie mit einem Anklang von Wohlwollen.„Das ge⸗ fällt mir. Winſelige Kerls ſind mir in den Tod zuwider, taugen den Teufel nicht. Er iſt Seiner Profeſſion nach Dütchenkrämer? Dieſe ſeltſame Bezeichnung ſeines Berufs trug etwas⸗ ſo Komiſches in ſich, daß Jürg ſich eines Lächelns nicht enthalten konnte. „Kommt ihm das ſo geſpaßig vor?“ fragte die Dame pikirt. „Za, gnädige Frau Gräfin“, antwortete der junge Mann offenherzig. „Ehrlich iſt Er, wie ich ſehe. Ein Anderer von Sei⸗ nem Metier hätte gar nicht erſt gemuckſt. Nun, ich hab's Ihm nicht zum Tort geſagt, daß Er ein Dütchenkrämer iſt, denke Er das nicht von mir. Kaun Er dafür, daß Er als armer Waiſenknabe zu einem ſolchen Erwerbe greifen mußte? Ich glaube, Er hätte einen richtigen Waidmann abgegeben. Die Jägerei iſt doch'n ganz an⸗ der Ding.“ „Gnädige Frau Gräfin, wir können nicht alle Jäger ſein“, entgegnete Jürg.„Wie Gott ſo vielerlei Geſchöpfe geſchaffen, die alle ihren Nutzen im großen Univerſum haben, wenn wir denſelben auch nicht gleich beim erſten Blick herausfinden, ſo auch iſt es eine weiſe Einrichtung, daß es unter den Menſchen ſo vielerlei Berufsarten gibt, weil der eine den andern und aller Thätigkeit zuſam⸗ men das große Ganze erhält. Gäbe es nur Jäger im Lande, würde es traurig beſtellt ſein mit der Ordnung und dem Rechte, denn Jeder will leben und einer hat keinen gültigern Anſpruch als der Andere, ſich durch ſeine ——— 161 Thätigkeit und Arbeit die Mittel zum Lebensunterhalt zu verſchaffen.“ „Hm, das klingt nicht dumm“, ſtimmte die Gräfin ein.„Wären alle Leute gräflichen Ranges, möchte ich keine Gräfin ſein. Das iſt richtig, denn ich müßte mich ſelbſt bedienen, was jetzt das ordinäre Pack thut.“ Jürg beachtete dieſe weiſe Erkenntniß der Gnädigen micht, ſondern fühlte die Nothwendigkeit, derſelben Achtung vor ſeinem, dem Kaufmannsſtande, einzuflößen. „Es mag vielleicht als Ueberhebung erſcheinen, wenn ich, der junge Kaufmann, der noch ſo viele Erfahrungen zu machen hat, ehe er ſeinen Namen in die Reihe der hochgeachteten Firmen des Handelsſtandes wird ſetzen dürfen, mich zum Vertheidiger der Ehre des kaufmänni⸗ ſchen Berufs aufwerfe, aber nichtsdeſtoweniger, gnädige Frau Gräfin, liegt mir die Verpflichtung ob, den Stand, dem ich angehöre und mit Luſt und Eifer angehöre, Ihnen als einen höchſt ehrenvollen der menſchlichen Geſellſchaft vorzuführen.“ „Er gibt's hoch, Mosje“, ſagte die Dame lachend, „aber junger Wein gährt, eine alte Geſchichte. Na, ſchieß⸗ Er los.“ War es überhaupt möglich, Jemand zu überzeugen, daß der Handel im Allgemeinen der einflußreichſte Er⸗ zieher der geſammten Menſchheit ſei, der die Erde zum Carion, König Auguſt. III. 11 162 Gemeingute aller Völker gemacht habe, durch den nicht nur eine Menge Kräfte in Bewegung geſetzt, ſondern auch der Geſichtskreis und die Kenntniſſe der Menſchen erweitert würden und dadurch der Reiz nach Belehrung über uns ferne und doch ſo wiſſenswerthe Dinge ſtets neue Anregung empfange, welche zur Vermehrung geiſtiger und mora⸗ liſcher Güter führe, ſo erreichte Jürg's eifrige Erklärung, wie nur der Handel als Bindeglied aller Völker der Erde deren Thätigkeit zu einem ſo großartigen Ganzen ſchaffe, durch welches der Menſchengeiſt den erhabenſten Triumph feiere, dies Ziel vollkommen. „Iſt es vernünftig, daß man des Kaufmanns im Binnenlande ſpottet, weil er in Düten die Waaren aus fremden Ländern verabfolgen muß, da ſeine Kunden ſie nicht centnerweiſe ſich erwerben können? Dies kleine, ſcheinbar unbedeutende Wirken iſt ſo eng mit den großen Handelsunternehmungen verknüpft, daß dieſe ohne daſſelbe nicht beſtehen, ja nicht einmal gedacht werden könnten. Der kleine Kaufmann trägt in ſeinem Berufe zu dem Nutzen bei, deſſen Theilnehmer alle Völker der Erde ſind, und darum, gnädige Frau Gräfin, bin ich ſtolz, einem Stande anzugehören, der ohne Ruhmredigkeit der Wohl⸗ thäter der ganzen Menſchheit ſich nennen kann.“ Die vornehme Frau hatte ihm mit ſichtbar geſtei⸗ gertem Erſtaunen zugehört; in ihrem hochariſtokratiſchen 163 Bewußtſein war jedenfalls nie eine Ahnung aufgedämmert, daß bürgerliche Menſchen ſich ſo großer Dinge rühmen könnten, wie eben dieſer junge Mann ihr gegenüber ohne Scheu gethan; aber bei allem ihrem Dünkel und ihren großen Schattenſeiten war ſie ein zu ehrlicher Charakter, als daß ſie nicht eine gewiſſe Achtung vor ihm hätte empfinden ſollen. Nach einer Weile ſagte ſie:„Er iſt ja'n ganzer Kerl! Ihm kann der Teufel ſo leicht kein Ohr abſchwatzen; aber Er hat Recht, Jeder hält auf ſeine Couleur. Da wir, wie ich Ihm ſchon geſagt habe, durch den uns geſpielten niederträchtigen Schurkenſtreich Alliirte geworden ſind, ſo glaube ich ein Recht zu haben, für Ihn etwas zu thun. Hier meine Hand und mein Ehrenwort: zu Seinem Anfange als Kaufmann leihe ich Ihm fünftauſend Thaler gegen landesübliche Zinſen. Behagt Ihm das?“ „Gnädige Frau Gräfin!“ rief Jürg überraſcht und die Freude, ſo unerwartet einen längſt im Stillen ge⸗ hegten Wunſch erfüllt zu ſehen, überflog mit hellem Strahl ſein offenes, freundliches Geſicht. „Nichts geſchwatzt darüber, das bleibt unter uns. Bin's Ihm eigentlich ſchuldig, denn Sein Vater iſt infolge der an meiner Kinder Recht verübten Bosheit zu Grunde gegangen und hat alſo nichts für Ihn thun können, des⸗ halb trete ich ein. Die Sache iſt abgemacht. Baſta!“ Als die Dame ſich allein ſah, befand ſie ſich in auf⸗ 11* 164 fällig gutem Humor; ſie pfiff ſehr vergnügt ein Jagdlied vor ſich hin und trat dann zu der umflochtenen Flaſche, ein volles Glas leerend, als finde ſie es für nöthig, ſich ſelbſt zu belohnen. In ähnlicher glücklicher Stimmung befand ſich Elſe. Die Schatten, welche zuweilen ſo unerquicklich an ihrem Lebenshorizonte aufgeſtiegen, waren ſämmtlich verſchwunden, es war heller, freundlicher Himmel über ihr, denn der Jürg kam faſt täglich zur Großmutter. Nun wußte Elſe, welch ein braves Herz er ſei und wie jeder Argwohn hinſicht⸗ lich einer Untreue ſeinerſeits nichts Anderes ſei als ein häßlich ſchreckendes Phantom, das ihr geſundes Denken einſchüchtere und ihr ſchlimme Stunden bereite. Bei ihrem lebhaften und reſoluten Naturell war es kein Wunder, daß ſie der Großmutter gerade herausſagte, den Jürg verdiene ſie eigentlich gar nicht, an dem habe ſie nicht viel anders gehandelt wie das Judenvolk, das da geſchrieen habe: Kreuzige ihn! Kreuzige ihn! weil böſe Menſchen den Herrn verdächtigt hätten; und ſei der Krümel⸗Schneider auch nicht zu dieſer ſchlimmen Sipp⸗ ſchaft zu zählen, die abſichtlich falſche Rede und Zeugniß aufbrächte, ſo habe doch ſein Elſterſchnabel ſo albernes Zeug zu Tage gefördert, daß ſie ganz confus in ihrer dummen Eiferſucht geworden ſei und Kreuzige ihn! gegen den Jürg geſchrieen habe. 165 Mit Nitzſchold's Sabine hatte Elſe Freundſchaft ge⸗ ſchloſſen. Es war ein recht hartes Geſchick über die arme Sabine gekommen. Sie ſtand jetzt ganz allein, der Tod hatte ihre Mutter abgerufen und der Heinze war an ſeiner Verwundung geſtorben. Wenn ſie auch nicht mittel⸗ los daſtand, ſo war ihr im Heinze doch der entriſſen, auf den ſie die Hoffnung ihrer Zukunft geſetzt hatte. Seine Helfershelferſchaft bei dem vom Junker von Oertzen ausgeführten Verbrechen verurtheilte ihn zwar als Mit⸗ verbrecher, aber Sabine fand doch einen ſeine That be⸗ deutend mildernden Umſtand in ſeiner großen Armuth und in dem Beſtreben, ſich einen Verdienſt, denn jedenfalls hatte ihn der Junker gut dafür bezahlt, nicht entgehen zu laſſen. So ſchwere Schuld auch auf ihm laſtete, ſo war doch ſeine Liebe zu ihr eine treue ehrliche geweſen, wie hätte Sabine ihn alſo verurtheilen können! Am Abend des Tages, an dem Jürg Weber von der Pi⸗ ſtolengräfin das Anerbieten, ihn mit der Summe von fünftauſend Thalern zu unterſtützen, empfangen hatte, erſchien er bei der Großmutter, um die Nachricht dieſes Glückes ihr und Elſe mitzutheilen. „Mein Jürg“, ſagte die Matrone,„nun iſt's bei mir an der Zeit, daß ich ſagen kann: Herr, laſſe Deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben Dein Heil geſehen. Was ich gewünſcht habe in ſtillen Stun⸗ 166 den, das hat mich Gott erleben laſſen. Deines Vaters ehrlicher Name iſt wiederhergeſtellt, mein Zürg, und durch das gnädige Anerbieten der fürnehmen Dame iſt Dir eine gute Ausſicht für die Zukunft erſchloſſen, denn meine Hinterlaſſenſchaft, die Elſen zufällt, hinzugerechnet, wirſt Du einen guten Anfang in Deinem Geſchäft haben und ich kann ruhig mein altes Haupt aufs Sterbekiſſen legen. Was Tauſenden und Tauſenden, und wären ſie noch ſo reich, nicht geſchieht, das geſchieht mir altem Weibe. Ich darf in dem Bewußtſein hingehen, daß zwei glückliche Menſchen, die ich und die mich lieb gehabt ha⸗ ben, an meinem Sarge ſtehen. Seht, Kinder, das iſt der erſte Strahl aus der Himmelsſonne, der mir zur dunkeln Fahrt hinüber leuchtet.“ Elſe war ſo tief erſchüttert, daß ſie ſchluchzend der Großmutter zu Füßen fiel und ihre Kniee umklammerte. Jürg, nicht minder gerührt, ergriff die Hand der Greiſin und wollte eben zu ihr ſprechen, als draußen im Vorſaal die dünne Stimme des Krümel⸗Schneiders ungemein laut wurde. Man hörte ihn der Magd zu⸗ rufen:„Ich muß hinein, geht nicht anders, muß, muß! Begreift Sie das? Die Großmutter muß das erfahren. So etwas iſt noch gar nicht da geweſen, ſolange die Welt ſteht, kommt auch nicht wieder.“ „Was hat nur der Schreihals?“ fragte die Groß⸗ 167 mutter unmuthig, denn der Moment, welcher durch den kleinen Nadelhelden unterbrochen wurde, war ein ſehr feierlicher. Als Zürg die Thür zum Vorſaal öffnete, ſetzte der Krümel⸗Schneider an ihm mit einem Sprunge vorüber, wie ein vom geſpannten Bogen abſchnellender Pfeil, und als er ſich glücklich im Zimmer ſah, ſagte er triumphi⸗ rend:„Drinnen bin ich, herausbringen ſie mich nicht eher wieder, bis die Großmutter Alles erfahren hat.“ „Was ſoll ich erfahren?“ fragte die Matrone. „Was Ungeheuerliches, was ganz Ungeheuerliches“, referirte der Kleine.„Die Frau weiß, daß mein Nachbar Gutbier an jenem Abend, wo in der Schnecke ſo arge Teufelei vorkam, ſich verarretiren ließ. Am andern Tag wurde es erſt ruchbar, warum. Er habe mit dem ent⸗ ſprungenen Junker ein Verbrechen begangen, das wolle er offenbaren, denn ſein Gewiſſen ſei wund davon, hatte er dem Magiſtratsherrn geſagt. Von einem Geſtändniß war aber gar keine Rede. Wär's dem Rathsdoctor nach⸗ gegangen, hätte man ihn ſchon nächſten Tags wieder laufen laſſen, denn der war der Meinung, es ſei wieder einmal'n verwirrter Nebel in ſeinem Hirn aufgeſtiegen und er habe nichts zu offenbaren; aber der geſtrenge Herr Bürgermeiſter ſah die Sache anders an und der Raths⸗ ſchreiber mußte im Arreſt bleiben, um ihm fürs künftige — * 1 168 die Luſt zu benehmen, einen hochweiſen Rath anzulügen. Wie ich jetzt, um mich hierher nach Hauſe zu trollen, am Rathhauſe vorbeigehe, ruft mich mein Gevatter Froſch, der gerade auf Wache iſt, mit den Worten an:„Weiß Er's ſchon von Seinem Nachbar Gutbier?“—„Was denn?* frage ich erſchrocken, denn ich denke, er hat ſich im Gefängniß erhängt.„Ein Geſtändniß hat er vor ein paar Stunden abgelegt, daß die edlen Herren vom Rathe die Gänſehaut überlaufen hat. Was es eigentlich betrifft, iſt noch nicht laut geworden, aber eins weiß ich. Man hat zu Seiner Ehrwürden dem Herrn Superintendenten geſchickt und der geſtrenge Herr Bürgermeiſter iſt jetzt ſelbſt zu dem geiſtlichen Herrn hin. Habe auch den Herrn Syndikus ſagen hören: Wer hätte das von dem Gutbier gedacht!“ Glaub' Sie mir's Frau, mich hat's ordentlich geſchüttelt bei dem Gedanken, daß ich ſo lange Jahre neben einem Menſchen gewohnt habe, der etwas Schreckliches auf dem Gewiſſen mit ſich herumgetragen hat.“ „Aber was iſt es denn Schreckliches?“ fragte Jürg. „Was?“ entgegnete der Krümel⸗Schneider perplex. „Ja, was, das weiß ich nicht; aber Schreckliches muß es ſein, wenn den ganzen Magiſtrat die Gänſehaut über⸗ läuft.“ 5 Der würdige Stallſchneider Seiner Majeſtät des Königs empfand in ſeinem bürgerlichen Tugendbewußtſein 169 im vollſtändigſten Grade den Schauder nach, dem nach ſeines Gevatters Ausſage der ſämmtliche Magiſtrat bei Gutbier's Bekenntniß unterlegen ſein ſollte. „Das ſoll mir bald klar werden. Ich gehe zum Herrn Syndikus, der ſich wohlwollend gegen mich bewieſen und mir erklärt hat, er als alter Freund meines unglück⸗ lichen Vaters habe nie daran geglaubt, daß dieſer das ihm zur Laſt gelegte Verbrechen begangen, und freue ſich nun deſſen ehrlichen Namen wiederhergeſtellt zu ſehen“, ſprach Jürg.„Kann man wiſſen, ob nicht auch das, was Gutbier ausgeſagt, mit der Schandthat, welche an mei⸗ nem ſeligen Vater begangen worden iſt, in Verbindung ſteht?“ Die Großmutter billigte dieſen Entſchluß Jürg's und Elſe, obwohl ſie gern geſehen hätte, daß Jürg bei ihnen geblieben wäre, wagte keinen Widerſpruch. Eine ſo ſeltſame Ausſage als die Gutbier'ſche war allerdings geeignet, die Gemüther der ihn anhörenden Magiſtratsherren mit Schauder zu erfüllen. Zu jener Zeit, als Gutbier in ſeiner Eigenſchaft als Rathswächter ſeiner großen impoſanten Geſtalt wegen ſtets zur Ehren⸗ präſentation bei den Leichenbegängniſſen vornehmer und reicher Leute verwendet wurde, war er auch zu der Be⸗ ſtattung des wirklichen Geheimraths Baron von Reiſe⸗ witz commandirt. Der Sitte nach hielten die mit beflorten 170 Hellebarden dem Leichenzuge voranſchreitenden Ehren⸗ repräſentanten abwechſelnd Wache bei dem zur Parade aufgebahrten Todten. An Gutbier war die Reihe kurz vor der Zeit, daß die Leiche zum Zuge abgeholt werden ſollte. Das gaffende Volk war entfernt, die eingeladenen Verwandten und Freunde hatten ſich zu der für ſie her⸗ gerichteten Collation begeben, um ſich mit Wein und aufgetragenen Gebäck in ihrem großen Leide zu ſtärken. Ein Gleiches geſchah von ſeiten der Leichenträger und des zur Beerdigung gehörenden Perſonals, welche gleichfalls mit Imbiß und Trunk in einem abgelegenen Zimmer rega⸗ lirt wurden. Die durch die vielen Lichter erzeugte Wärme in dem Paradezimmer und der dadurch ſich ſehr bemerkbar ma⸗ chende Leichendunſt veranlaßten den Wache haltenden Gut⸗ bier, der aus Erfahrung wußte, daß ſich jetzt kein Menſch um den Todten kümmere, in ein Nebengemach zu treten, aus welchem eine durch einen kleinen Vorhang halb ver⸗ deckte Thür in ein anderes Zimmer führte. Er hatte kaum neben dieſer letztern Thür auf einem Seſſel Platz genommen, als ſeine Aufmerſamkeit lebhaft in Anſpruch genommen wurde. Er hörte zwei Perſonen in das Nebenzimmer treten; ein Blick auf deſſen Thür zeigte ihm, daß ſie auf der Seite, wo er ſaß, verriegelt war, weswegen er nicht nöthig hatte, ſich zu entfernen. Seine 171 Erwartung, daß der Beiden Geſpräch ſich um den Todten drehen werde, erfüllte ſich nicht, was ſie aber ſprachen, machte ihn bald aufmerkſam. „Er iſt'n ganzer Mann“, hörte er den einen ſagen. „Gebe Er die Mappe her, und während ich die Docu⸗ mente durchſehe, ſtreiche Er die dreihundert Thaler ein, Er hat ſie ehrlich verdient.“—„Ehrlich nun gerade nicht“, antwortete der andere.„Der Herr Junker kann mir's glauben, daß mir jetzt noch angſt und bange iſt, wenn ich daran denke, daß es herauskommen könnte.“— „Rede Er doch nicht ſo dumm. Ich verrathe Ihn nicht, denn ich thäte mir ſelbſt den ſchlechteſten Dienſt und Ihn halte ich für nicht ſo dumm, ſich ſelber auf den Bau zu bringen.“ Gutbier hörte Silber klimpern, er ſtand leiſe auf, ſchob den Fenſtervorhang ein wenig beiſeite und ſah den Junker Papiere durchſehen und Rasmus das Geld in einen Beutel ſtreichen. Letztern kannte er. Dann hörte er den Junker ſagen:„Die beiden Papiere hier muß Er mir hier laſſen, jetzt iſt die Zeit zu kurz, um einige nöthige Notizen daraus mir zu machen.“ Rasmus proteſtirte gegen das Hierlaſſen der Schrift⸗ ſtücke, indeß vergebens, der andere ſagte:„Sei Er nicht albern, morgen Mittag ſtellt Fiekchen ſie Im wieder zu und Er ſteckt ſie zu den andern in die Mappe. Wer weiß dann etwas davon?“ Es bedurfte nur eines Blickes, 5 — 172 um zu ſehen, daß der Junker die beiden in Rede ſtehenden Papiere auf einen der Thür gegenüberſtehenden Tiſch legte. Dann nahm er das Licht und verließ das Zimmer, es hinter ſich und Rasmus abſchließend. Was mögen denn das für Papiere ſein? fragte ſich Gutbier, der die Ahnung hatte, daß hier etwas Ungewöhnliches im Werke ſei. Schnell entſchloſſen riegelte er die Thür auf, mit zwei großen Schritten befand er ſich an dem Tiſch und die Papiere hinwegnehmend, trat er zurück in das Ge⸗ mach, deſſen Thür wieder verriegelnd. Die tiefe Stille in dem tageshell erleuchteten Paradezimmer machte ihn dreiſt. Zu Häupten der Leiche tretend, durchſah er die Papiere, es waren Codicille zu einem Teſtamente. Ehe er jedoch die Durchſicht derſelben nur zum vierten Theil beendet, hörte er Schritte ſich raſch dem Zimmer nähern. In der Angſt wußte er die Papiere nicht an⸗ ders und ſicherer zu verbergen, als daß er ſie haſtig zu Kopf der Leiche zwiſchen die Sargwand und das Füllſel, auf dem der Todte lag, ſteckte. Er hoffte ſie aus dieſem Verſteck baldigſt wieder hervorziehen und ſie bei ſich verbergen zu können; dieſe Erwartung aber ſchlug fehl. Die Träger wurden herbeigerufen, der Sarg ge⸗ ſchloſſen und eine Viertelſtunde ſpäter ſchritt Gutbier ſchon mit ſeinen Kameraden, die Hellebarde ſchulternd, dem nach der Frauenkirche dirigirten Leichenzug voran. 173 Seit dieſem Abend hatte der Arme ſelten noch eine ruhige Stunde, eine unbeſchreibliche Angſt peinigte ihn. Erſt das Gerücht, welches den Archivar des Documenten⸗ diebſtahls beſchuldigte, machte ihm klar, um was es ſich eigentlich handle, Rasmus' Verfall in Wahnſinn vervoll⸗ ſtändigte die Erkenntniß bei ihm, welch ein Verbrechen er, ohne es zu wollen, begangen habe. Faßte er auch den Vorſatz, ein offenes Bekenntniß abzulegen, ſo fehlte es ihm doch an Muth, ſich ſelber anzuzeigen. Eine lange dauernde Krankheit warf ihn nieder, und als er ſie überſtanden, war Alles zu ſpät, der Archivar im Königſteiner Kerker geſtorben, Rasmus ſeines Dienſtes entlaſſen. Und von da an rührte ſein Zuſtand des periodiſchen Wahnſinns; ſeine geſchäftige Einbildungskraft führte ihm das Geſchehene ſo lebhaft vor den Geiſt, daß er es aufs neue zu durchleben vermeinte. Er wurde ein elender, kranker Menſch. Rasmus' weitere Lebensſchickſale blieben ihm unbekannt, er wußte nicht, daß, als er in des Krümel⸗Schneiders Geſellſchaft in der Schnecke ein⸗ kehrte, er in deſſen Hauſe ſei. Das ſo unerwartete Zuſammentreffen mit dem Junker und Rasmus, der blutige Vorgang, der ſich vor ſeinen Augen entſpann, ergriffen ihn ſo gewaltſam, daß er den Entſchluß faßte, ein Geſtändniß abzulegen, und ſich ſelbſt der Behörde überlieferte. 174 Am nächſten Vormittag begaben ſich der Bürger, meiſter und mehrere Herren vom Rath in Begleitung des Herrn Superintendenten wie auch der verwittweten Frau Gräfin Promnitz und Jürg Weber's nach der Frauenkirche. Hinter ihnen wurden die Kirchthüren ge⸗ ſchloſſen. Unter Vortragung von Fackeln ſtieg man in die Gruftgewölbe hinab. Voran ſchritt der Kirchner Michaelis. Kein Wort wurde von den ihm Nachfolgen⸗ den gewechſelt. Alle ſchienen unter dem Druck des unheimlichen Bewußtſeins, ſich in den Räumen der Todten⸗ welt zu befinden, verſtummt zu ſein. Endlich hatte man die Gruft erreicht, der Kirchner öffnete ſie, und auf einen der daſelbſt ſtehenden Särge deutend, ſagte er:„Dies iſt der letzte hierher gebrachte, und wie die Aufſchrift des Täfelchens ausweiſt, ruht der verſtorbene Geheimrath von Reiſewitz darin.“ „Oeffnet ihn!“ befahl der Bürgermmeiſter, nachdem der Superintendent einige Worte hatte vorhergehen laſſen, wie es hier nicht gelte, frevelnd die Ruhe der Todten zu ſtören, vielmehr ein Werk der Nothwendigkeit zu erfüllen, um einer ſchlimmen That auf den Grund zu kommen. Es koſtete einige Mühe, die ſtark eingeroſteten Schrau⸗ ben, welche den Deckel auf dem untern Sargtheil feſt⸗ hielten, zu lockern. Endlich konnte er abgehoben werden. Das rothe Fackellicht fiel auf den darin liegenden Leichnam. 8 2 175 Auf des Bürgermeiſters Wink hoben zwei Raths⸗ wächter das zuſammengeſunkene Lager, auf dem der Todte ruhte, ein wenig in die Höhe, während ein dritter zu Häupten des letztern an der Sargwand mit der Hand bis auf den Boden fuhr und ſie zu⸗ rückziehend zwei noch unverſehrt gebliebene, aber in Brüche gerathene und etwas übelduftende Papiere her⸗ ausbrachte. Ohne die weitere Verfügung des Bürger⸗ meiſters abzuwarten, bemächtigte ſich die Gräfin ſofort der Papiere. Ein flüchtiger Blick genügte, um ihr ſo⸗ gleich auf beiden das Promnitz'˖ſche Wappen vor Augen zu führen. „Hätte ich doch nimmermehr geglaubt, daß ein Sarg auch zum Dohlenneſte zu gebrauchen wäre“, ſagte ſie in beſtem Humor.„Da nehme Er die Papiere in Verwahrung, Herr Bürgermeiſter, und erſtatte Er Sei⸗ nen Bericht darüber. Heute Mittag ſchon mache ich perſönlich Seiner Majeſtät Mittheilung von der Sache.“ Zu einem der Rathswächter gewendet, fügte ſie hinzu: „Hole Er für ſich und Seine Kameraden bei mir im güldenen Schwerte das Trinkgeld für die Commiſſion hier. Auch Er komme zu mir“, ſagte ſie zum Kirchner, der ſich dankbar verneigte. Jürg Weber lehnte an der dunkeln Gruftwand, die Hände wie im Gebet gefaltet.„Und mein armer Va⸗ 176 ter mußte ſchmachbedeckt im Kerker, meine gute Mutter in Gram und Herzeleid ſterben, weil der Elende ſchwieg, deſſen Wort ihn hätte retten können!“ rief er. Der Superintendent trat zu ihm und ihm die Hand auf die Schulter legend, ſagte er in väterlich mahnendem Tone: „Mein junger Freund, gedenke Er des Wortes im Hiob: Denn der Böſe wird behalten auf den Tag des Verderbens, und auf den Tag des Grimmes bleibet er. Ueberlaſſe Er dem Herrn die Vergeltung, ſie bleibt nie aus, und wenn ſie kommt, dann wehe dem, deſſen Haupt ſie trifft. Seines Vaters ehrlicher Name iſt hergeſtellt, das Weitere wird Gott fügen. Amen!“ „Amen!“ klang es von den Lippen der Andern. Sechstes Kapitel. Die freie Stadt Danzig, ehedem Mitglied der mäch⸗ tigen Meerbeherrſcherin, der Hanſa, prangte an einem der mittlern Tage des Aprils 1716 im außerordentlich⸗ ſten Feſtſchmuck. Wie im Hafen alle Schiffe flaggten, ſo wehten auch gewaltige Fahnen in Unzahl, gehoben von einer leichten Briſe, daß ſie gleich Schwingen un⸗ herab, koſtbare Teppiche hingen aus den Fenſtern, über die Gaſſen gezogene Guirlanden und an manchen Straßenein⸗ gängen Ehrenpforten deuteten auf eine große Empfangs⸗ feierlichkeit. Keine deutſche Stadt vermochte würdiger bei feſtlichen Gelegenheiten zu erſcheinen als eben Danzig. Pa⸗ radirt doch heutzutage noch der Mittelpunkt alles politiſchen und ſocialen Lebens, der Langmarkt und die Langgaſſe, als Carion, König Auguſt. III. 12 ſichtbarer Geiſter in der Luft flatterten, von den Häuſern 2— 178 ein Verein der impoſanteſten alterthümlichen, den erſten Decennien des ſechzehnten Jahrhunderts entſtammenden Gebäude, wahrhafte Prachtbauten, an denen die Kunſt der Steiubildnerei Meiſterſtücke aufweiſt, die, auf Koſten der reichen Beſitzer ſogar aus Portugal und Italien herbei⸗ geführt, das Auge entzücken. Es iſt eine ruhige Pracht, die ſich hier entfaltet, vielgeſtaltig und doch von aller Ueberladung fern, zu der das ehrwürdige Rathhaus aus den lange verklungenen Tagen des vierzehnten Jahr⸗ hunderts, der Springbrunnen mit dem von ſeinen Meer⸗ roſſen gezogenen Neptun, meiſterhaft in Erz gegoſſen, und die ſchöne Façade des Artus⸗ oder Junkerhofs ihren Theil beitragen. Veranlaſſung zu dieſem Feſtſchmucke gab die erwarteite Ankunft Seiner Majeſtät des Königs Auguſt von Polen, des Schutzherrn der freien Stadt, wie es ſeit dem Vertrage vom Jahre 1454 alle polniſchen Könige geweſen waren. Die zu Danzig abzuhaltende Hochzeitsfeier der Bruders⸗ tochter des Zaaren Peter I. mit dem Herzoge von Mecklen⸗ burg, zu welcher der mit einem ſehr zahlreichen Gefolge von Bojaren anweſende ruſſiſche Selbſtherrſcher ſelbſt⸗ verſtändlich ſeinen Nachbar und Bundesgenoſſen Auguſt eingeladen, hatte außerdem eine nicht geringe Zahl von Fürſtlichkeiten als Hochzeitsgäſte nach Danzig geführt. Dieſe Fürſten und Herren waren gegen die Mittags⸗ 179 ſtunde, eine äußerſt ſtattliche Cavalcade bildend, an ihrer Spitze Zaar Peter, zur Einholung des Königs demſel⸗ ben entgegengeritten. Und als die Kanonen donnerten und die Stadtglocken ihr Willkommen in die Weite hinausſangen, wurde es in allen Gaſſen, die der große glänzende Zug paſſiren mußte, lebendig, das lange Harren der zahlloſen Menge fand ſein Ende und dieſe Gewißheit erregte die heiterſte Stim⸗ mung. Das den König begrüßende Jubelgeſchrei wälzte ſich brauſend wie ein von Felſen eingeengter hoch⸗ angeſchwollener Strom von Gaſſe zu Gaſſe. Von den Altanen, die der Danziger Beiſchläge nennt und welche vor den untern erhöhten Stockwerken breite Terraſſen bilden, zu denen Freitreppen hinaufführen, ließen die Frauen und Jungfrauen ihre Tücher zum Gruße flattern. Der König und der Zaar ritten nebeneinander. Der letztere bekümmerte ſich nicht darum, daß der Vergleich ſeiner Erſcheinung mit der des Königs nicht zu ſeinem Vortheil ausfallen konnte. Kaum vier Jahre wa⸗ ren vergangen ſeit der Zeit, daß dieſe beiden Gewaltigen in Dresden zuſammen geweſen waren, und doch hatte der Zaar in ſeinem Aeußern eine bedeutende Veränderung erlitten. Seine urſprünglich angenehmen Geſichtszüge zeigten ſich ſehr vertieft und dadurch erhielt ſein Antlitz den Ausdruck einer Härte, die, wenn ſein lebhafter, durch⸗ 12* 180 dringender Blick auf Jemand haften blieb, ihm das Ge⸗ präge der Wildheit gab. In mancher Beziehung ſtrafte eine gewiſſe Gutmüthigkeit, die er zuweilen äußerte, den⸗ Eindruck, den ſein Anblick machte, Lügen, wenn ihn jedoch ſeine blitzgleich auflodernde Leidenſchaftlichkeit des Zornes, für den er keine Schranke kannte, ergriff, ſo war ſeine Nähe jederzeit gefährlich, er artete in Ungerechtigkeit und Grauſamkeit aus. Heute hatte er das Möglichſte an ſich gethan. Er trug ein wenn auch ſehr einfach, aber doch geſticktes Galakleid und eine blonde Stutzperrücke, auf die er ſeinen Federhut geſtülpt hatte. König Auguſt hatte ſich allerdings im Aeußern auch ein wenig verändert, jedoch nur zu ſeinen Gunſten. Seine Geſtalt zeigte— eine Folge der von ihm ſehr geliebten Tafelfreuden— eine Hinneigung zur Wohlbeleibtheit, doch jetzt verlieh ihm dieſer Anflug von körperlicher Fülle ſogar etwas Augengefälliges, er vermehrte das Imponi⸗ rende ſeiner Erſcheinung. Von den Wogen des Volksjubels geleitet, gelangten er und der Zaar an das Rathhaus, wo ein Theil des Rathes ihn empfing, während der andere Theil dies am Stadtthor bereits gethan und ſich dem Zuge angeſchloſſen hatte. Ehe man den König nach erfolgter Begrüßung in die Rathsſtube hinaufführte, kredenzte ihm ein greiſes „ ——2 8 181 Stadtrathsmitglied den gebräuchlichen Ehrentrunk, und Kö⸗ nig Auguſt, ſich der ungezählten Menge zuwendend, deu⸗ tete mit einer Bewegung des goldenen Pokals an, daß er auf Danzigs Wohl trinke. Als ob ein Sturm losbräche, wirbelte das Volksjauchzen in die Lüfte. Von den Rathsherren geleitet, betraten der König und der ihn begleitende Zaar die Sommer⸗Rathsſtube, wo ſich der erſtere eine viertelſtündige Erholung gönnte, um dann mit friſcher Kraft die ſeiner harrenden Depu⸗ tationen im Remter empfangen zu können. Der Raum, in dem ſie ſich befanden, zeugte von dem Schönheitsſinn und dem Reichthum der Danziger Bür⸗ gerſchaft. Dieſe Sommer⸗Rathsſtube, mit rothem Sammt ausgeſchlagen, mit einer Decke von ausgezeichnetem Holz⸗ ſchnitzwerk und trefflichen Gemälden an den Wänden, ließ erkennen, daß man mit feinem Verſtändniß Alles zu ver⸗ meiden gewußt hatte, was den Sinn für ſchöne Einfach⸗ heit hätte beleidigen können. Während der Zaar in einem Armſeſſel Platz nahm, ſeine Dubina, den dicken ſpaniſchen Rohrſtock, mit dem er Jeden, Bojar oder Bauer, der unglücklich genug war, ſeinen Zorn zu erregen, höchſt eigenhändig durch⸗ zuprügeln pflegte, zwiſchen den Knieen auf den Bo⸗ den ſtemmte, die Hände über deren ſilbernen Knopf faltete und auf den aufwärts geſtreckten Daumen ſeiner 5 182 rechten Hand ſein Kinn ſtützte, wodurch ſein vorgebeug⸗ ter Oberkörper die Stellung eines Lauernden annahm, ſpazierte der König, dem das lange Reiten im Parade⸗ ſchritt unangenehm geweſen, lebhaft in dem anſehnlichen Stubenraum auf und nieder. Nach einer Weile wendete er ſich zu dem Zaaren mit den Worten:„Sire, auch das Königſein hat ſein Be⸗ ſchwerliches.“ Peter hob den Kopf, fixirte ihn ein paar Sekunden und antwortete dann:„Ich denke mir, es geht uns wie den Bäumen auf einer Höhe. Sie haben den erſten Sonnenſtrahl, aber auch den erſten Sturm.“ „Ja, ja“, ſtimmte König Auguſt bei.„Der Ver⸗ gleich iſt zutreffend. Nun, wir müſſen ſehen, die Sonne für uns feſtzuhalten.“ Ein brummender Ton aus des Zaaren Munde als Antwort ließ unentſchieden, ob er eine Beiſtimmungs⸗ äußerung bedeuten, oder ob er eine abweichende Anſicht ausdrücken ſolle. Nach einer Pauſe jedoch ließ ſich die zaariſche Majeſtät alſo vernehmen: „Ich wünſche dem Herrn Bruder Glück zu dieſem Experiment, glaube aber nicht, daß ihm daſſelbe gelin⸗ gen wird, erſtens ſchon deswegen nicht, weil der Herr Bruder nicht das Vergnügen hat, ein Jude zu ſein, und—“ 183 König Auguſt lachte hellauf.„Warum müßte ich die⸗ ſes Experiments wegen gerade ein Jude ſein?“ fragte er in beſter Stimmung. „Weil der merkwürdige Vorgang des Sonnenſtillſtan⸗ des, ſoviel ich weiß, nur einmal ſeit der Schöpfung vorge⸗ kommen iſt, und zwar im Intereſſe der Juden, und, wie erzählt wird, dazu eine Gebetskraft gehört, die nach meinem Dafürhalten bei Niemand weniger als bei Eurer Majeſtät vorhanden ſein dürfte.“ „Herr Bruder, Sie haben Recht, ganz Recht; ich würde jedenfalls ein grauenhaftes Fiasco an mir ſelber erleben“, ſtimmte der König heiter bei. Die Unterhaltung war ſomit gleichſam auf einen blu⸗ migen Pfad geleitet und ſetzte ſich eine Weile ſo fort. Der Zaar äußerte aber dann nach kurzer Pauſe:„Wir Herren der Nationen ſpinnen jeden Tag ein Stück Ge⸗ ſchichte ab, aber es bleibt ein abgeriſſenes, loſe in den Lüften flatterndes Gewebe, wenn wir nicht ein ewiges Leben oder Nachfolger haben, die in unſerm Sinne fort⸗ arbeiten.“ König Auguſt wußte aus Erfahrung, daß ſein zaari⸗ ſcher Herr Bruder, ſobald er auf dies Kapitel kam, ſtets verdüſtert wurde, und um ihn davon fern zu halten, warf er leicht ein:„Man muß ſich nicht mit ſolchen Hirngeſpinnſten quälen.“ — 184 „Je nach den Umſtänden mag das gut ſein“, ant⸗ wortete Peter.„Ich würde es nicht über mich bringen können, glauben Sie mir das. Sie wiſſen, welch ein beklagenswerther Vater ich bin. Ich habe mir ſelbſt meinen und Rußlands ſchlimmſten Feind gezeugt. Alexei, mein Sohn, iſt ein Taugenichts, ein verſteckter Conſpirant gegen mich. Kann ich von dem ſeiner traurigen Ehe mit der wolfenbüttler Prinzeß, welcher er durch ſeine Ver⸗ worfenheit ein frühes Grab bereitete, entſproſſenen Söhn⸗ chen erwarten, daß es das Sprichwort: Wie der Baum, ſo die Frucht, Lügen ſtrafen wird?“ „Ich beklage, Sire, daß meine Gemahlin bei dieſer Verbindung ihre Hand im Spiele hatte.“ Der Zaar wies mit heftigem Kopfſchütteln dieſe An⸗ klage des Königs gegen die Entfernte zurück.„Nicht ſo, nicht ſo“, ſagte er.„Ich trage allein die Schuld, weil ich in dem Glauben ſtand, der Teufel könne durch einen Engel bekehrt werden.“ „O laſſen Sie uns davon abbrechen. Dergleichen verſtimmt und Sie geſtehen mir zu, daß ein König, der mit ſolchem Jubel vom Volke empfangen wird, nicht weniger dafür thun kann, als ſich heiter zu zeigen. Kom⸗ men Sie mit nach meinem Dresden. Ich hoffe Sie dort umzuſtimmen.“ „Es hat mir in Ihrer Reſidenz ſehr wohlgefallen“, 185 entgegnete der Zaar und fuhr dann fort:„Ihrem Dinglinger wird's Vergnügen machen, wenn ich ihm ſage, daß ich in Petersburg ein Haus nach dem von dem ſeinen mitgenommenen Plane habe erbauen laſſen. Ich erinnere mich gern an die Tage, wo ich Wohnung bei ihm genommen hatte. Jetzt iſt der brave Mann gewiß ſehr glücklich mit Zephanja verheirathet.“ „Er iſt verheirathet, aber nicht mit Zephanja.“ „Wie? Nicht mit ihr? Und Sie warben damals für ihn um ihre Hand?“ „Nun, Sire, da ſind wir glücklich auf ein Thema ge⸗ kommen, welches uns von der leidigen Politik entfernt. Erlauben Sie mir, Ihnen in aller Kürze eine prächtige Liebesgeſchichte zu erzählen. Sie wird auch Sie inter⸗ eſſiren.“ Obwohl König Auguſt bemerkte, daß über des Zaren Geſicht ein verſtohlenes Lächeln glitt, ſo beachtete er es doch nicht weiter und unterrichtete ihn mit wenigen Wor⸗ ten von der Flucht Zephanja’'s mit dem Prinzen von Soubiſe. „Soubiſe?“ fragte die nordiſche Majeſtät.„Ich habe in meinem Gefolge einen franzöſiſchen Edelmann nebſt Gemahlin, welche mehrere Jahre in Moskau gelebt ha⸗ ben und nun nach Frankreich zurückkehren wollen, weil der Regent Frankreichs, der Herzog von Orleans, die 86 Verbannung aufgehoben hat, welche der verſtorbene König Ludwig XIV. über den jungen Cavalier ver⸗ hängte. Ich hörte ihn von dem Prinzen von Soubiſe ſprechen, er kennt ihn. Ha, was fällt mir ein! Es iſt möglich, daß er mit ſeiner Gemahlin im Remter ſich be⸗ findet, um dem feierlichen Deputationsempfang beizu⸗ wohnen.“ Mit einer Rapidität, welche der Zaar ſtets äußerte, wenn ihn etwas lebhaft intereſſirte, öffnete er die Thür zur rechten Hand, welche unmittelbar in den Renter führte, und nach einigen Augenblicken trat er mit einem jungen eleganten Cavalier und einer von dieſem an der Hand geführten dichtverſchleierten Dame ein. „Sire, mein Name iſt Charles, Prinz von Soubiſe“, hob der Prinz nach tiefer Verbeugung an.„Dieſe Dame iſt meine mir rechtmäßig angetraute Gemahlin.“ Die Ueberraſchung des Königs, bei dem bloßen Na⸗ men Soubiſe ſchon groß, erſtieg den höchſten Grad, als die Dame das dichte Schleiergewebe mit einer raſchen Handbewegung von ihrem Geſicht entfernt hatte. „Zephanja!“ rief der König. „Der Herr Bruder ſehen, wie es möglich iſt, ſich in das Herz eines Prinzen hineinzuciſeliren“, bemerkte der Zaar in guter Laune. „Zephanja!“ wiederholte der König, als könne er 187 ſich von der ihm gewordenen Ueberraſchung noch nicht erholen. „Majeſtät, ich rufe Ihre Gnade an“, hob die Dame an.„Der Anſchein iſt gegen mich, ich weiß es; aber ich flüchte unter den Schutz jener Allgewalt, welche Alles und alle regiert und der wir alle unterthan ſind. Ich habe keine andere Vertheidigung, als Eurer Majeſtät das Geſtändniß abzulegen: ich fühle mich außerordentlich glück⸗ lich in der Liebe zu meinem Gemahl und in der ſeinigen zu mir. Nie wäre ich ſo glücklich an der Seite des als Menſch wie als Künſtler ſo hochachtungswerthen Dinglin⸗ ger geworden. Ich liebte ihn nicht, ich achtete ihn nur, mein Herz gehörte—“ „Dieſem falſchen Charles Bernard“, rief König Auguſt, ihr die Fortſetzung des Geſtändniſſes erſparend, und ſein ohnehin freundliches Antlitz zeigte ſich ungemein heiter. „Ich weiß Alles, Alles“, ſetzte er hinzu. „Ja, Sire, es gehörte mein und nur die Intrigue hatte uns getrennt; aber ich hatte vor Gott dem All⸗ wiſſenden geſchworen, nie von der Dame meines Herzens abzulaſſen und als Edelmann war ich meinem Schwur und ihrer Liebe Treue ſchuldig“, ſprach der junge Her⸗ zog und ſah dabei ſeine Gemahlin mit einem Blicke an, der deutlich zeigte, wie glücklich er in ihrem Beſitz ſich fühle. 8 188 „Prinz“, entgegnete der König lächelnd,„Ihre Ritter⸗ ſchaft hat ſich belohnt und eine Beruhigung kann ich Ihnen geben: mein braver Dinglinger wird keinen Ein⸗ ſpruch gegen Sie, den Räuber ſeiner Verlobten, erheben, er reſpectirt wie ich die Allgewalt, von der Ihre Ge⸗ mahlin die Ueberzeugung, daß wir alle ihr unterthan ſind, ſo ſchön ausgeſprochen hat. Mein Dinglinger iſt verheirathet und kennt das Geheimniß, das Sie, Ze⸗ phanja, nach Dresden führte und Sie, Prinz, einen ſo ſchlauen Coup ins Werk ſetzen ließ.“ „Wie, Sire, unſer Geheimniß iſt—“ „Kein Geheimniß mehr für mich, für ihn“, fiel ihm der König ins Wort.„Ich lade Sie ein, auf meiner Rückreiſe von hier nach Dresden mich mit Ihrer Ge⸗ mahlin zu begleiten und von da aus Ihren Weg nach Frankreich anzutreten. Sie finden dort Alles geordnet. Ihre Ehe bedarf nur der Veröffentlichung, um als voll⸗ gültig anerkannt zu werden, in den Liſten des hohen franzöſiſchen Adels wird Ihre Gemahlin als Zephanja Gomeles, Reichsgräfin von Auguſtenburg, aufgeführt werden.“ „Wie?“ rief der Prinz aufs höchſte überraſcht und Zephanja war kaum fähig, die wenigen Worte:„Mein Himmel, was bedeutet das?“ hervorzuſtammeln. „Auch ein Geheimniß“, antwortete König Auguſt —— 189 lächelnd,„aber eins, das ich vor Ihnen verborgen hal⸗ ten werde.“ Und auf ſie zutretend, ihre linke Hand er⸗ greifend und ſeine Rechte auf ihre Schulter legend, ſprach er:„Es iſt ein althergebrachtes Recht an meinem Hofe, daß der Landesfürſt die ihm vorgeſtellt werdenden Damen der Hochariſtokratie mit einem Kuſſe begrüßt; ich habe Sie, Frau Zephanja Gomeles, Reichsgräfin von Auguſten⸗ burg, mir ſelber vorgeſtellt und thue nun auch nach mei⸗ nem Fürſtenrechte.“ Nach dieſen Worten drückte er einen Kuß auf ihre Stirn. Das Oeffnen der in den Remter führenden Flügel⸗ thüren beendete dieſe Scene. Der oberſte Stadtdiener mit ſeinem reich mit Gold⸗ quaſten und einem funkelnden goldenen Knopfe verzierten Stabe trat mit tiefen Verbeugungen auf die Schwelle und verkündete mit lauter Stimme, daß die Deputationen der Geiſtlichkeit, der Kaufmannſchaft, der Zünfte und Innungen gekommen ſeien, in tiefſter Unterthänigkeit der königlichen Majeſtät ihre Huldigung darzubringen. König Auguſt, begleitet vom Zaaren und dem jungen Her⸗ zog und deſſen Gemahlin, betrat den Remter, begrüßt von dem einſtimmigen Rufe:„Lange lebe unſer allergnä⸗ digſter Schutzherr, Seine Majeſtät König Auguſt von Polen!“ Der Remter, ein weiter, auf einem einzigen Grund⸗ „ — — 190 pfeiler ruhender Raum, gewährte einen ungemein anzie⸗ henden Anblick, nicht allein durch ſeine reiche Decorirung, ſondern auch durch das bunte Bild, das die Deputationen, welche mit ihren Emblemen und in ihren zunftmäßigen Ehrenkleidern erſchienen waren, gewährten. Nie hatte das Gefolge des Königs, das ſich im weiten Halbkreis um den ihm bereiteten reichgeſchmückten Thronſeſſel gereiht, ſeinen Herrn ſo heiter geſehen als jetzt bei Annahme der Deputationen, welche in der Regel ein höchſt lang⸗ weiliges Vergnügen iſt, beſonders wenn, wie dies hier doch der Fall war, jeder Sprecher daſſelbe Thema be⸗ handelt. Die königliche Milde und Freundlichkeit begeiſterte die am Langmarkt der Rückkehr der Deputationen harrende Volksmaſſe, als ſie davon Kunde empfangen, zum Aus⸗ bruch eines wahrhaft tollen Jubels und die Stimmung der Danziger blieb durchgängig eine freudig gehobene während der Anweſenheit des Königs. Man überbot ſich in dem Beſtreben, ihm und ſomit auch dem Zaaren, ſeinem Bundesgenoſſen, ſowie den übrigen Fürſtlichkeiten Luſtbarkeiten und Feſte der verſchiedenſten Art zu bieten, und ſo wechſelten großartige Bankette, Ballfreuden, Meeresfahrten mit Wettrudern und Feuerwerke mit ein⸗ ander, um den hohen Gäſten der Stadt die Zeit aufs angenehmſte zu verkürzen. Fremde von nah und fern -, DSD S ͤ— —2&—— 2 ꝙ i 191 waren herbeigeeilt, um dieſe luſtigen Tage Danzigs mit zu genießen, und ſchon der nächſte Tag, ein Sonntag, zeigte den hochgeſteigerten Verkehr in den Straßen der altberühmten Stadt, der immer größere Dimenſionen annahm, als der Abend herannahte. Man harrte auf der Langgaſſe und dem Lang⸗ markt zu Tauſenden der glänzenden Auffahrt der hohen Gäſte vor dem Artus⸗ oder Junkerhof, denn die reiche Kaufmannſchaft hatte ihnen zu Ehren ein Bankett da⸗ ſelbſt veranſtaltet, von dem man im voraus Wunder⸗ dinge erzählte. Nach Schluß des Banketts ſollte ein groß⸗ artiges Feuerwerk an der Mottlau abgebrannt werden. Das Alles waren Lockungen von ganz beſonderer An⸗ ziehungskraft für Fremde und Einheimiſche und die Gaſſen zeigten ſich wie von einer Völkerwanderung belebt. In den Nachmittagſtunden war ein junger Kaufmann mittels Schiffes von Stettin angekommen und hatte ein ihm empfohlenes Gaſthaus zum Quartier gewählt. An Geſchäftsgänge war heute nicht zu denken, theils der vorgerückten Tageszeit wegen und weil es Sonntag war, theils auch des Banketts wegen, das die Han⸗ delsherren, an die er Empfehlungsbriefe bei ſich führte, im Junkerhofe vereinigte. Der Wirth des Gaſthau⸗ ſes machte ihm den Vorſchlag, da an dieſem Abende doch nichts Geſchäftliches mehr abzumachen ſei, die ita⸗ —ääää»-— 192 lieniſchen Komödianten zu beſuchen, um wenigſtens die Zeit angenehm zu verbringen. Wenn es ihm genehm ſei, wolle er ihm ſeinen Schwager zur Begleitung mit⸗ geben. „Der Herr wird in unſerer guten Stadt auch viele Landsleute von ſich finden, die mit Seiner Majeſtät unſerm Schutzherrn, König Auguſt von Polen, ſeit geſtern hier anweſend ſind“, bemerkte der Gaſthausbeſitzer. „Ich weiß das“, antwortete der Fremde.„Darum kürzte ich meinen Aufenthalt in Stettin um einige Tage ab, um hierher zu kommen. Ich hoffe im Gefolge Seiner Majeſtät die Rückreiſe nach Dresden mitmachen zu können.“ „Hat der Herr Ausſicht dazu?“ „Gewiß. Seine Majeſtät kennt mich perſönlich und hat mir ſeine Gnade ſchon in anderer Beziehung ſo reich⸗ lich erwieſen, daß es Thorheit wäre, an ſeiner Geneh⸗ migung in Betracht meiner Bitte nur im geringſten zu zweifeln.“ Die ſichere Ueberzeugung, mit welcher der Fremde von der ihm zu erweiſenden königlichen Gnade ſprach, verlieh ihm in den Augen des Wirthes eine höhere Werthſchätzung. Er hätte nicht geglaubt, daß der ſchlichte und beſcheidene Fremde ſich ſolcher hohen Protection erfreue. Bei dem Beſuch der italieniſchen Komödianten —, —— 193 blieb es, und da bis zu dieſer Zeit noch einige Stun⸗ den hin waren, ſo verweilte der Fremde in ſeinem Zimmer, um ſeine Effecten auszupacken und ſeine Brief⸗ ſchaften zu ordnen. In dieſer letztern Beſchäftigung begriffen, kam ihm ein Schreiben unter die Hand, das bei ſeiner Abreiſe von Dresden ihm ohne ſein Wiſſen mit unter ſeine Effecten geſchoben worden und das er erſt gefunden, als er in Stettin ſeinen Mantelſack auspackte. Wie er es da mit großer Freude durchleſen, ſo auch jetzt. Es lautete gegen den Schluß zu: „Wie ſchön es auch in der Fremde ſein mag, die Heimat iſt ſie doch nicht, da iſt Alles tauſendmal hüb⸗ ſcher und Du verſtehſt auch Alles hier viel beſſer. Drau⸗ ßen unter den fremden Leuten wird gewiß Vieles ſein, was Dich nicht ſo anheimelt wie zu Hauſe. Ich habe unbändige Angſt in mir, daß Du verwegen ſein und auf die See gehen könnteſt, denn das Stettin ſoll ja halb ins Meer hineingebaut ſein. Ich bitte Dich um Gottes⸗ willen, thu mir das Leid nicht an, geh nicht aufs Waſſer. Sch könnte keine Nacht ruhig ſchlafen, wenn ich mir den⸗ ken müßte: Jetzt ſitzt er auf den paar Bretern und ſchwimmt im Dunkel und es kommt mit einem Male ein Sturm dahergeſauſt, wirft’'s Schiff um und er ver⸗ ſinkt in die bodenloſe Tiefe. Ach lieber Gott, mir wird Carion, König Auguſt. III. 13 194 beim Schreiben ſchon eiskalt. Wo ſollte ich denn da meinen herzensguten Jürg herausfinden?'s iſt ja ſchlechterdings unmöglich. Solchen Jürg, wie Du einer biſt, gibt's vielleicht keinen mehr in der lieben Gottes⸗ welt, und Du weißt's recht gut, daß die Elſe, deren Herz wie mit Ketten an Dich geſchmiedet iſt, dann recht ſehr, ſehr unglücklich wäre. Was möcht's mir denn helfen, daß ich eine Frau Kaufmännin geworden bin, wenn ich meinen Kaufmann verloren hätte! Du brauchſt eigent⸗ lich gar nicht in die Fremde,'s iſt ganz unnöthig. Ich, Deine Herzenselſe, liefere Dir täglich mit und ohne Sicht, wie Dir's gefällt, ein volles Hundert der zärt⸗ lichſten Küſſe, verhoffend, daß Du ſie mir nicht ſchuldig bleibſt, ſondern ſie mir mindeſtens mit fünfzig Procent vergüteſt. Viele tauſend und abertauſend Lebewohle an Dich, mein herzensguter Jürg und— geh mir nicht aufs Waſſer.“ Wenn der Jürg wirklich recht mißmuthig geſtimmt geweſen wäre, was eben jetzt nicht der Fall war, das Herz hätte ihm weit, weit aufgehen müſſen vor Freude, denn ſo wie ſie es in den Zeilen ausgeſprochen, ſo dachte und fühlte Elſe, das wußte er. Jürg's Zukunft war entſchieden. König Auguſt, un⸗ terrichtet von dem an dem Archwvar begangenen Ver⸗ brechen, hatte großmüthig aus ſeiner Privatſchatulle eine 195 bedeutende Summe zu ſeiner Selbſtſtändigmachung aus⸗ geworfen, aber dem Herkommen gemäß mußte er noch drei Jahre als Commis außerhalb ſervirt haben. Auf Herrn Klepperbein's Empfehlung fand er in einer Leip⸗ ziger Groſſohandlung eine ſehr günſtige Stellung. Elſe fühlte ſich freilich ſehr unglücklich darüber, Leipzig war ſo weit von Dresden entfernt, man fuhr ja zwei ganze Tage lang bis dahin. Jetzt erſt fiel es ihr centner⸗ ſchwer aufs Herz, daß ihre Schulkenntniſſe ſo armſelig waren, daß ſie nicht einmal Geſchriebenes zu leſen, ge⸗ ſchweige denn ſelbſt zu ſchreiben im Stande war; aber ein ſo reſolutes Naturell wie das ihre fand in dieſer be⸗ trübenden Erkenntniß durchaus keine Veranlaſſung zum Verzweifeln. Ein Vierteljahr ſpäter empfing Jürg einen von ihr ſelbſt geſchriebenen Brief, in welchem die wichtige Bemerkung ſtand:„Schreibe mir nur getroſt, ich hab's weg, Geſchriebenes zu leſen.“ Elſe's entſchloſſener Wille hatte etwas zu Stande gebracht, was ihr ein außer⸗ ordentliches Vergnügen bereitete. Jetzt war ſie ſo gelehrt wie Mamſell Gomel, die ſie oft im Stillen um das Glück beneidet hatte, geſchriebene Briefe leſen und ſelbſt ſchreiben zu können. In ihr Leben war übrigens auch ein großer Schmerz gefallen, die Großmutter war heimgegangen. 13⸗ 196 Jetzt wohnte ſie beim Sorauer Hofſchneider, der ſammt ſeinem noblen Ruprecht ſich ſehr zufrieden mit dem Re⸗ ſultat ſeines Etabliſſements erklärte. Jürg hatte ihr, der nun Alleinſtehenden, das Unterkommen ausgemacht und Malchen, des Hofſchneiders Tochter, war ihr eine recht liebe Freundin geworden. Wenn's Elſe einmal bang ums Herz wurde, dann ging ſie zu Herrn Dinglinger, der ſo große Stücke auf ihren Jürg hielt und lachend zu ihr ſagte: „Mache Sie, daß Sie auf die Plattform hinauf⸗ kommt, da kann Sie recht nach Herzensluſt an Ihren Jürg denken, denn von da oben herunter hat Sie ja wohl manch liebes Mal mit dem Herrn Commis Zeichen⸗ ſprache ſtudirt.“ 3 Ach ja, die Plattform war für Elſe ein wahrhaft gefeiter Platz. Da kamen ihr Erinnerungen, denen ſie gern und willig Einkehr bei ſich verſtattete. Die an Jürg hatten natürlich den Vorrang, und wenn ſie an dem Steingeländer ſtand, das die Plattform an der Seite des Klepperbein'ſchen Nachbarhauſes abgrenzte, und hin⸗ unter auf den Gang ſchaute, von dem aus Jürg ſo manches Mal zu ihr herauf die ſtummen Betheuerungen ſeines guten Herzens geſendet hatte, da falteten ſich un⸗ willkürlich ihre Hände wie zum Gebet und ſie ſprach vor ſich hin:„Lieber Hergott, erhalte mir meinen Jürg, 197 der ſo weit von mir iſt! Was ſollte ich denn ohne den Jürg auf Deiner ſchönen Welt anfangen?“ Und wie an einem Roſenkranze die Ave⸗Maria⸗Perlen mit den Paternoſters wechſeln, ſo löſten ſich in ihrem Denken die Erinnerungen an ihre Erlebniſſe auf der Plattform eine nach der andern ab. Sie gedachte des Douchebades, mit welchem der Zaar den Jürg auf ſo unverantwortliche Weiſe eingeweicht hatte, und an dieſen unangenehmen Rückblick, der ihren Zorn erregte, ſchloß ſich die ihr großes Vergnügen gewährende Erinnerung an Mam⸗ ſell Gomel, welche mit ihrer Hülfe, und zwar am hellen lich⸗ ten Tage, als Magd verkleidet, einen Tragkorb auf dem Rücken, das Geſicht, als ob ſie an heftigem Zahnſchmerz litte, dick verbunden, ein über den Nacken herabhängendes und vorn tief in die Stirn hereingezogenes buntes Tuch über dem Kopf, in einem rothgeſtreiften Friesrocke und einer Leinenjacke die Stadt verlaſſen hatte und von dem mit eigenem Geſpann in einiger Entfernung ſie erwar⸗ tenden Prinzen aufgenommen worden war. Wo weilte Zephanja? Wie der Stadt blieb ſie auch ihr ſpurlos verſchwunden. Ueber eins empfand Elſe jedoch keinen Scrupel und das war, wenn ſie daran dachte, daß ſie Zephanja beigeſtanden, dem Verhältniſſe zum Hofiuwelier zu entgehen. „Was hätt's ihm geholfen, eine Frau zu haben, 198 deren Herz nicht ſein war?“ philoſophirte ſie.„Ich hätt's um kein Haar anders gemacht als Mamſell Gomel. Den Jürg, wenn er mich zu ſuchen gekommen wäre, würde ich nun und nimmer haben fahren laſſen, und hätt' ich auch an zehn das Jawort gegeben.“ Wenn ſie an die Ciſelirerin dachte, kam ihr nicht ſelten das Lachen an. Wußte ſie nicht mehr als die ganze Stadt über deren Verſchwinden? Wie Alles verbleicht, was wir in unſerer Erinnerung tragen, ſo auch bei Elſe das öftere Denken an Manſell Goomel, denn Ereigniſſe ſehr wichtiger Art verdrängten bei ihr die Reminiſcenzen aus früherer Zeit. Jürg Weber kam aus Leipzig zurück und trat in die Dresdener Kaufmannsgilde. Die Jahre, welche er in dem Leipziger Großhandlungshaus zugebracht hatte, waren für ihn un⸗ gemein lehrreiche geweſen. Er hatte die Quellen der Waarenbezüge und namentlich das Speditionsgeſchäft ken⸗ nen gelernt und widmete ſich vor allem dieſer letztern Handelsbranche, da er durch Mittel in den Stand geſetzt wurde, ſein Ziel nachdrücklich zu verfolgen. Elſe war nunmehr Frau Kaufmännin und würde ſich außerordent⸗ lich glücklich gefühlt haben, wenn ihr Jürg nicht nöthig gehabt hätte, zur Anknüpfung von Handelsverbindungen Reiſen zu machen. Auf einer ſolchen war er begriffen, als er in Danzig ankam. — 8 ———+½——;—. —,—,,— SO,—„— 199 Der herannahende Abend führte ihm den Schwager des Gaſthausbeſitzers zu, mit dem er ſich in die Bude des Principals Pinetti am Holzmarkt begab, deſſen Ge⸗ ſellſchaft ungemeine Anziehungskraft auf die Danziger übte. Die pantomimiſchen Ballets dieſer Italiener, un⸗ terſtützt durch ihre Tanzkunſt und eine überaus glän⸗ zende Garderobe nebſt feinem Theater, überflügelten weit alle andern Sehenswürdigkeiten, welche hierher gekommen waren, um während der faſt halbmonatlichen Anweſen⸗ heitsdauer der hohen Herrſchaften Geſchäfte zu machen. Jürg konnte ſich nicht über Maulfaulheit ſeines Führers beklagen, denn dieſer ſchien es ſich zur Aufgabe gemacht zu haben, ihn nach Möglichkeit zu unterhalten, und erreichte auch wirklich dieſes Ziel, indem er ihm von den Denkwürdigkeiten Danzigs erzählte, was Jürg's In⸗ tereſſe lebhaft anregte. „Wir werden nicht mehr hineinkommen“, bemerkte letzterer, als ſie in die Nähe der Kaſſe gelangt waren, an der es ein fürchterliches Gedränge Schauluſtiger gab. „Spaß“, antwortete ſein Führer.„Sehe der Herr mich an und dann frage Er ſich, ob ich zu ſchwächlich fürs Durchrudern bin. Halte Er ſich nur an mich. Wir werden alsbald an der Kaſſe anlangen.“ Das war in Wahrheit keine Prahlerei. Eine ſo vierkantige Geſtalt wie die des ehrlichen Danzigers durfte 200 ſich wohl etwas Ungewöhnliches im Bahnbrechen zumu⸗ then, und als Jürg mit dieſem gewichtigen Führer endlich auf einer Bank des amphitheatraliſch gebauten Zuſchauerraums Platz genommen, ſagte er lachend:„Der Herr hat wahrhaftig ein Meiſterſtück gemacht. Ich hätt's nicht geglaubt, daß wir hereinkommen würden.“ An Unterhaltung bis zum Anfang der Darſtellung, die mit einem pantomimiſchen Schwank:„Hercules in der Klemme“ beginnen ſollte, fehlte es nicht. Unter den Schauluſtigen gab es viel Spaß, Jeder wollte ſich ſo viel als möglich Bequemlichkeit für ſein Eintrittsgeld verſchaffen und dies allgemeine Beſtreben veranlaßte die lächerlichſten Conflicte, bei denen ſich die Danziger un⸗ verblümte Ausdrucksweiſe preiswürdig hervorthat. Die Stadtdiener hatten alle Hände voll zu thun, um ſchlich⸗ tend, beruhigend und warnend die aneinander Gerathenen zur Verträglichkeit zu bewegen. Die in beſter Stimmung ſich befindenden Zuſchauer gewährten ein wahrhaft buntes Bild und es machte Jürg viel Vergnügen, der allmäli⸗ gen Entwirrung der öfters als undurchdringliche Knäuel Ankommenden und nach Sitzen Schreienden zuzuſehen. „Hier auf der Bank vor uns ſind noch mehrere Sitz⸗ plätze frei“, bemerkte Jürg zu ſeinem Nachbar. „Haben ja Nummern, ſehe der Herr nur“, war deſſen Antwort, und gleich darauf dieſen, der nach der andern 201 Seite ſich umſah, leicht anſtoßend, flüſterte er ihm zu: „Da kommen ſchon unſere Vorderleute. Hätte der Herr eher den Wolf genannt, wäre er hierher gerannt.“ Drei Cavaliere verurſachten durch ihr Spätkommen einen Aufſtand unter denen, die bereits auf der Bank ſaßen, daß es faſt den Anſchein hatte, als ſollte es zwi⸗ ſchen dieſen und jenen zu unliebſamen Reibungen kom⸗ men; nur die Beredtſamkeit eines ſchnell herbeieilenden Stadtdieners verhinderte üble Folgen dieſer Störung. Jürg war aufgeſtanden, um den Vorgang mit anzu⸗ ſehen. Plötzlich fühlte ſein Nachbar ſich krampfhaft von ihm am Arme gefaßt. „Was iſt dem Herrn?“ fragte dieſer verwundert. „Der— der dort! Herr meines Lebens, es iſt Oertzen, Junker Oertzen“, ſtammelte Jürg, vor Schreck über deſſen Anblick ganz bleich. „Ein Bekannter von dem Herrn?“ fragte jener. „Ein Mörder— ein Mörder, der in Dresden ent⸗ ſprungen iſt. So wahr ich ſelig werden will, er iſt es!“ „Der da?“ fragte jener, ſich nun gleichfalls erhebend. Unterdeß waren die in etwas angeheitertem Zuſtande ſich befindenden drei Ankömmlinge zu ihren numerirten Plätzen gelangt und wollten ſich eben niederlaſſen, als der von Jürg des ſchweren Verbrechens eines Mordes Be⸗ 202 züchtigte aufblickend dicht vor ſich, nur durch die Bank ge⸗ trennt, den Feind erkannte, welcher gewiß nicht unterlaſſen würde, Alles aufzubieten, was zu ſeiner Ergreifung füh⸗ ren konnte. Er ſah ſich hier in eine Falle gerathen, der zu entgehen zu den beſondern Glücksfällen zu zählen war, und der momentane Schreck machte ihn ganz ſtarr. „Oertzen— Mörder! Mörder! Haltet ihn feſt, er iſt ein entſprungener Mörder!“ ſchrie Jürg plötzlich auf. Trotz des lebhaften, lärmenden Summens der Zuſchauer⸗ menge war dieſer Schrei ziemlich deutlich von vielen der Umſitzenden vernommen worden. Man fuhr von den Bänken auf. „Ein Mörder unter uns!“ kreiſchten mit Entſetzen Frauen und Mädchen. „Greift ihn! Haltet ihn feſt! Stadtdiener herbei! Ein Mörder! Ein Mörder!“ ſchrieen männliche Stimmen. Während ein Theil der Zuſchauerinnen in blinder Angſt auf die Bänke ſprang, um aus der Nähe eines ſo ſchrecklichen Verbrechers zu flüchten, hatten mehrere der nächſt Sitzenden Anſtalt gemacht, den Junker feſtzu⸗ halten, der vom Nachbar Jürg's hart am Kragen gefaßt worden war. Mit blutrünſtigem Geſicht, von einem JFauſtſchlag Oertzen's hart getroffen, ſank Jürg auf die Bank nieder. Da auch die Gefährten Oertzen's ſich thätlich einmiſchten, ſo entſtand ein ſo heftiges Durcheinander, durch die Couliſſen, ſchlich er auf den Fußſpitzen nach 203 daß es dem, deſſen Feſtnahme es galt, gelang, ſich der Fauſt des ihn am Rockkragen Haltenden mit einem ge⸗ waltigen Ruck, der demſelben den Kragen in der Hand ließ, zu entreißen. Das Gewühl der gegen einander Los⸗ ſchlagenden bot ihm die Möglichkeit, unter den Bänken durchzukriechen. „Kein Mannsbild hinauslaſſen, Stadtdiener!“ brüllte der den abgeriſſenen Rockkragen in der Hand Haltende. „Der Mörder kann uns nicht entgehen.“ Das Glück begünſtigte indeß den entſchlüpfenden Oertzen. In der allgemeinen Aufregung war er unbe⸗ merkt bis an die gemalte Leinwandverkleidung gekommen, welche zu beiden Seiten die Bühne vom Zuſchauerraum trennte, und es wurde ihm leicht, dieſe von den wenigen Nägeln loszureißen, mittels deren ſie am Boden feſtgehal⸗ ten und ſtraff geſpannt wurde. In dem Trubel, da Jeder mit ſich ſelbſt beſchäftigt war, gewahrte Niemand ſein Durchkriechen, und als er ſich hinter der Leinwand erhob, ſah er die Bühne ſich zur Seite, auf der die bereits im Coſtüm ſich befindenden Künſtler und Arbeitsleute am Vorhang gedrängt ſtanden, um zu hören und zu ſehen, was es draußen im Zuſchauerraume gäbe. Dieſen günſtigen Moment, wo Niemand für ihn Augen hatte, benutzend, ſchwang er ſich aufs Podium, und gedeckt 204 dem Hintergrund, wo er einen Ausgang zu finden hoffte. Es gab da auch eine Thür, indeß ſie war geſchloſſen. Seitwärts bemerkte er eine zweite Thür. Die Noth⸗ wendigkeit, wenigſtens einen ſichern Verſteck zu finden, veranlaßte ihn zu dem Verſuche, ob ſich dieſe zweite Thür öffnen laſſe. Dies war der Fall, er trat in einen kleinen erleuchteten Raum. Nach ſchnellem Ueberblick erkannte er, daß er keine Hoffnung habe, hier ſich für geborgen halten zu können. Es war ein Garderobe⸗ oder Ankleideraum, er ſah mehrere mit Flittern beſetzte Kleidungsſtücke an Nägeln hängen. Eben wollte er ſich auf den Rückweg begeben, als eine Frauenſtimme ihn fragte:„Was ſucht der Herr hier?“ Gleichzeitig ſchob ſich ein Schirm beiſeite und er ſah eine in das Coſtüm einer Zauberin gekleidete junge Frau, die eben einem kleinen Mädchen das Flügelgewand eines Genius übergeworfen hatte, an einem Tiſche ſitzen, auf welchem ein brennendes Licht ſtand und mehrere kleine glänzende Garderobeſtücke lagen. „Ich wollte— ich—“ ſtammelte der Flüchtige wie verſteint bei ihrem Anblicke und ganz unwillkürlich ging der Name Fiekchen über ſeine Lippen. Der von ihm ausgeſprochene Name war in das Ohr der jungen Frau gedrungen, ſie ſah ihn ſcharf an, und ſich raſch erhebend, rief ſie:„Oertzen! Oertzen! Verderber meines Lebens!“ ffte. ſſen. toth⸗ iden, Thür einen e er, alten aum, an als Herr r ſah Frau, eines „auf kleine 2 wie ging ihm Frau ebend, bens!“ 205 Einige Sekunden vergingen im gegenſeitigen Anſtarren. Der Junker gewann zuerſt die nöthige Faſſung. Von draußen drang der brauſende Tumult wie das dumpfe Donnern einer Meeresbrandung an ſein Ohr. Sein ſtets zu egoiſtiſchen Calcüls fertiger Geiſt erkannte dies unerwartete Wiederſehen ſeiner ehemaligen Geliebten als eine ihm vom Schickſal gewährte Begünſtigung zu ſeiner Rettung, aber er durfte nicht zögern, ſich nicht von der herannahenden Gefahr überraſchen laſſen. Zu dieſem Zwecke ſprach er, ſich ihr ein wenig nähernd:„Sophie! Ich habe hier Streit mit einem Cavalier bekommen, man will mich verhaften, ich habe mich hierher gerettet, um der Haftnahme zu entgehen. Es wird jedenfalls eine Thür von hier ins Freie führen, Du mußt mich retten.“ Wie ein Steinbild, deſſen Züge unbeweglich bleiben, ſtand Fiekchen Weber vor ihm, ſie ſchien keines Lautes mächtig zu ſein. Der Junker rüttelte ſie am Arm. „Oeffne mir die Thür! Oeffne ſie mir!“ drängte er. „Pinetti trägt den Schlüſſel bei ſich, um ſicher vor Dieben zu ſein“, antwortete ſie. „Teufel!“ ſtieß der Junker heraus. Seine Blicke durchforſchten haſtig den kleinen Raum, in dem er ſich befand.„Sollte ſich nicht vielleicht ein ſicherer Winkel in der Nähe hier finden laſſen?“ „Keiner!“ klang Fiekchen's Antwort und zwar ſo ton⸗ 206 los, daß der Junker ſchnell zu der Einſicht kam, wie er auf gütliche Weiſe keine Hülfe von ihr zu erwarten habe. Er glaubte ſie durch Drohungen ſchrecken zu müſſen, um ſie ſeinem Wunſche gefügig zu machen. „Biſt Du von Sinnen, Weib? Du willſt mich preis⸗ geben?“ rief er mit halber, gedämpfter Stimme, wie ſie große Erregung zu begleiten pflegt.„Vergißt Du, daß Du Dich mit mir verdirbſt? Ein Wort von mir und Du biſt verloren.“ Mit einer Ruhe, die auffallend gegen ſeine angſtvolle Haſt contraſtirte, antwortete ſie:„Ich weiß es.“ Er faßte gewaltſam ihre Linke. In ſeinen Fingern, mit denen er ihr Handgelenk umſpannte, gab ſich ein Zittern kund, als laufe ein Fieber durch ſeinen Körper. „Fiekchen, Fiekchen“, preßte er zornig heraus,„haſt Du vergeſſen, wie heiß Du mich liebteſt? Es iſt un⸗ möglich, unmöglich, das kannſt Du nicht vergeſſen haben. Ich bekenn's ja, daß ich gegen Dich gefehlt habe. Ver⸗ gib mir, ich bereue von ganzem Herzen meine Ver⸗ blendung. Du darſſt nicht unverſöhnlich ſein, nur jetzt nicht, jetzt nicht. Wir haben ein und daſſelbe Geheim⸗ niß zu verbergen, wir müſſen zuſammenhalten. Wenn es entdeckt würde, was auf Dir, auf mir laſtet,'s wäre um uns beide geſchehen.“ Nach einer kurzen Pauſe rief er dringend:„Hörſt Du nicht, was ich ſage? Gib er abe. um eis⸗ ſie daß und olle eru, ein per. haſt un⸗ ben. Ver⸗ Ver⸗ jetzt eim⸗ denn bäre rief 207 Antwort!“ Ihr fortdauerndes Schweigen brachte ihn ſo außer ſich, daß er ſie anherrſchte:„Antwort will ich oder, Gott ſoll mich verdammen, ich erwürge Dich!“ „Du biſt zu jedem Verbrechen fähig, wie könnte ich daran zweifeln!“ ſprach Sophie in demſelben ruhigen, gleichgültigen Ton, deſſen ſie bisher ſich gegen ihn be⸗ dient hatte. Mit einem raſchen Griff riß ſie das Schub⸗ fach des Tiſches auf, vor dem er ſie ſitzend gefunden, und in der nächſten Sekunde ſchon blitzte ein Dolch in ihrer Hand. „Ich bin nicht in Deine Hand gegeben, Verworfener, Du irrſt“, redete ſie weiter, und die gehobene Stimme deutete an, daß die von ihr bisher behauptete Ruhe hoher Aufregung gewichen ſei. Erſchrocken prallte Oertzen, ihr Handgelenk loslaſſend, zurück. Sein Auge ſtierte nach dem Dolche, er fürchtete offenbar eine Gewaltthat von ihr. „Höre mich an, Elender“, begann Sophie.„Als ich am Morgen nach meiner Flucht mit meinem Knäblein am Rande des Waldes, wo die Landſtraße ſich vorüber⸗ zieht, tief erſchöpft niederſank, ging die Sonne auf und ſie ward mir zur Zeugin, wie ich zu Gott um Rache an Dir flehte, der mich verdorben und namenlos elend gemacht, der meinen Vater in Schande und Tod ge⸗ ſtürzt hat. Und Gott erhörte mich; ich verſtand da⸗ 208 mals ſeine Fügung nicht, heute erſt erkenne ich ſie. Der Seiltänzer Pinetti kam mit ſeiner kleinen Geſellſchaft und einem Wagen auf der Landſtraße am Waldrande, wo ich lag, vorüber. Der Mann erbarmte ſich mein, er nahm mich mit. Ich wurde ſein Weib in wilder Ehe, denn um zu leben, blieb mir kein anderes Mittel als die Unehre; aber ich wollte, ich mußte leben, ich hoffte auf Rache an Dir. Mein Knäblein ſtarb, ich aber blieb leben. O, des Knäbleins Tod machte mich luſtig ſogar. Es war Dein Kind, und als ich es vor mir ſterben ſah, da kam's wie eine Bürgſchaft mir zu Sinn, daß ich auch Dich vor meinem Angeſicht noch zu Grunde gehen ſehen würde. An dem Gedanken zehrte ich, wie ein Verhungernder an der aufgeſparten letzten Brodrinde krumenweiſe zehrt, und heute ſoll er ſich erfüllen. Du entkommſt dem Gerichte nicht. Gott hat Dich meiner Hand übergeben. Es ſoll und muß aus ſein mit Dir, mit mir.“ Was von der alſo Sprechenden zu erwarten ſei, konnte dem Junker kein Geheimniß bleiben. In ihrem ſtieren und doch ſo unheimlich funkelnden Auge kündete ſich die durch eine Reihe Jahre vorbereitete fixe Idee, die Rächerin des an ihr begangenen Verbrechens werden zu müſſen. In ihren Lebensverhältniſſen, dem öftern Wechſel und mithin vielfacher Zerſtreuung unterworfen, 209 lag es, daß er niemals dominirend aufgetreten war und daher auch bei ihren Umgebungen keine Beachtung ge⸗ funden hatte, aber er glich eben deshalb einer verſteckten Mine, die nur des zündenden Funkens bedarf, um auf⸗ zufliegen. Oertzen's Wiederſehen war dieſer Funke, und wenn es dieſem nicht gelang, ſich aus ihrer Nähe zu retten, konnte er nicht zweifeln, daß ſich ihr Ausſpruch: Es ſoll und muß aus ſein mit Dir, mit mir, pünktlich erfüllen werde. Wer des Selbſtverrathes fähig iſt, hat aller Rück⸗ ſichtnahme, jeder milden Regung Andern gegenüber ent⸗ ſagt, und Sophie hatte jahrelang ſich mit dem Gedanken an Rache getragen, daß es jetzt kein Schreckniß mehr für ſie ſein konnte, ſich zu erinnern, daß ſie ſich ſelbſt dadurch den Untergang bereite. Oertzen erkannte, daß jetzt nicht lange zu ſinnen war. Nur der Gedanke an ſeine Rettung, alles Andere aus⸗ ſchließend, ſtand vor ſeinem Geiſte. Auf welche Weiſe ſie zu erlangen ſei, berührte ihn nicht, er hatte nie an Gewiſſensbiſſen gekränkelt und jetzt wäre der ungünſtigſte Moment geweſen, einen ſolchen ungewohnten Gaſt auf⸗ kommen zu laſſen. Feſt in ihre Augen blickend, mit denen ja die geringſte ihrer körperlichen Bewegungen zu⸗ ſammenhing, ſagte er mit verſtellter Freundlichkeit: „Sophie, laß uns ruhig mit einander ſprechen. Ich—“ Carion, König Auguſt. III. 14 2 210 „Schweig' Böſewicht! Jedes Wort von Dir iſt Lüge. Du verläßt die Garderobe nicht, bis—“ Sie gelangte nicht zu Ende. Mit der Behendigkeit eines Raubthiers ſprang er auf ſie zu und bemächtigte ſich ihres bewaffneten Arms mit einem glücklichen Griffe, während ſeine andere Hand wie eine Eiſenklammer raſch um ihren Hals ſich legte, daß ſich kein Schrei ihrem Munde entringen konnte. In wenig Augenblicken mußte ſie erwürgt zu ſeinen Füßen zuſammenſinken. In dieſem verhängnißvollen Moment geſchah etwas, das ihn erſchreckte und an der ſofortigen Ausführung ſeines Vorhabens hinderte. Er hatte das kleine Mädchen vergeſſen, das ſich erſchrocken hinter den Schirm geflüch⸗ tet und jetzt, da es ſeine Mutter von dem Fremden an⸗ gegriffen ſah, ein mörderliches Geſchrei erhob. Einen Fluch ausſtoßend, hielt Oertzen, nach der Schreienden blickend, in ſeinem entſetzlichen Beginnen ein, und dieſer Moment war zugleich der Wendepunkt in ſeinem Ver⸗ brecherleben. Auf der Schwelle der Thür erſchien auf das Schreien des kleinen Mädchens eine koloſſale Män⸗ nergeſtalt im Coſtüm eines Wilden, mit einem zottigen, von Meſſingſpangen feſtgehaltenen Bärenfell angethan, in der Hand eine mächtige Keule haltend. Ohne Zaudern ſchwang er dieſe ſchwere Waffe, die, die Schulter des Junkers faſt zerſchmetternd, dieſen ſofort in die Kniee 211 ſinken machte. Die Wucht des Schlages war von ſolcher Gewalt, daß auch Sophie mit dem zu Boden Stürzen⸗ den niederfiel. Auf der Bühne erhob ſich gleichzeitig der Ruf mehrerer Stimmen:„Er muß hier ſein! Nirgends anders! Er hat nirgends hinaus gekonnt.“—„Im Namen des hochedeln Rathes unſerer freien Stadt Danzig muß Alles genau durchſucht werden!“ rief eine durchdringende Stentor⸗ ſtimme und wenige Sekunden ſpäter drangen Stadtdiener in den Garderoberaum, Jürg Weber mit blutrünſtigem Geſicht und ſein Begleiter mit ihnen. „Da iſt er! Das iſt der Mörder!“ rief Jürg, den Junker am Boden erblickend. Als man Fiekchen aufhob, fand ſich's, daß beim Nie⸗ derſturz des von dem Keulenſchlage zuſammenbrechenden Junkers, in den ſie mit geriſſen worden, der Dolch in ihrer Hand, die jener krampfhaft feſtgehalten hatte, durch eine üble Wendung ihr tief in die eigene Bruſt ge⸗ drungen war. Wenn auch tödtlich, ſo war die Wunde doch nicht der Art, daß ſie ſofort den Tod hätte nach ſich ziehen ſollen. Der Ausſpruch der Aerzte gab Sophien noch eine Lebens⸗ friſt von einigen Tagen. Pinetti, der Darſteller des Hercules, gab an, daß er in dem Wahne geweſen, der Junker ſei ein Dieb, welcher, da der überfüllte Zuſchauer⸗ 14* 212 raum die Hinwegnahme der vollen Kaſſe nöthig gemacht, dieſe, welche in ſeine Garderobe gebracht worden, habe ſtehlen wollen und von ſeiner Frau dabei ertappt worden ſei. Das Geſchrei des kleinen Mädchens und das, was er, Pinetti, bei ſeinem Eintreten ſelbſt geſehen, habe ganz darauf hingedeutet, daß der freche Dieb die Frau auf gewaltſame Weiſe zum Schweigen zu bringen beſtrebt geweſen ſei. Auf König Auguſt's Wunſch wurde nichts unverſucht gelaſſen, um das verrinnende Leben Fiekchen's ſo lange als möglich zu erhalten; es galt durch ihre Ausſagen Licht in das verbrecheriſche Gewebe zu bringen, bezüglich deſſen Seine Majeſtät die ihm durch die Piſtolengräfin eingeflößte Vermuthung, die Sorauer Gräfin ſei deſſen eigentliche Urheberin, nicht unwahrſcheinlich zu finden ſchien. Vom Junker Oertzen, den man ins Gefängniß gebracht hatte, war kein Geſtändniß zu erlangen, er ſchwieg hartnäckig auf alle an ihn gerichtete Fragen. Fiekchen'’s Ausſagen gaben keine weitere Aufklärung über den oder die Urheberin, in deren Auftrage Oertzen das ſchändliche Bubenſtück ausgeführt hatte. Da es nicht ſeine eigene Sache war, ſo konnte er nur durch große Verſprechungen dafür gewonnen worden ſein, und es war einleuchtend, daß die, zu deren Werkzeug er ſich gemacht, auch Profit von dem erwarteten, was er ins Werk ſetzte. Nur die p 213 Sorauer Grafenlinie konnte einen Nutzen von dem Dieb⸗ ſtahl der Urkunden ziehen. Wenn eine Sühnung für Fiekchen noch möglich war, ſo beruhte dieſe in ihrer aufrichtigen Reue. Als ſie nach drei Tagen ihre letzte Stunde kommen fühlte und Jürg an ihr Schmerzenslager trat, ſagte ſie mit leiſer Stimme und ſeine Hand mit den ihrigen umklammernd:„Ich bin nicht ganz verworfen. Der Vater ſchickt mir, ſeiner verlorenen Tochter, ſeine Vergebung durch Dich, den meine ſchwere Sünde zur vater⸗ und mutterloſen Waiſe machte. Das iſt ein Gnadenſtrahl aus Himmelshöhen. Denke meiner mit Milde und Vergebung.“ Und daß Jürg es that, bezeugte ſeine tiefe Er⸗ ſchütterung an ihrem Grabe. Pinetti und das kleine Mädchen, ihr Kind, waren außer ihm die einzigen Leid⸗ tragenden. Am vorletzten Morgen vor des Königs Ab⸗ reiſe von Danzig lief die Meldung ein, daß Junker Oertzen in der vergangenen Nacht bei einem Fluchtver⸗ ſuche durch den Sturz vom Dache in den Gefängnißhof das Genick gebrochen habe. Sein Tod zog für immer den Schleier über eine verbrecheriſche Intrigue zwiſchen den Mitgliedern eines hohen Hauſes. In König Auguſt'’s Gefolge befanden ſich der Herzog von Soubiſe und ſeine Gemahlin, von welcher der Zaar mit den Worten Abſchied nahm: 214 „Es wird, hoffe ich, nicht das letzte Mal ſein, daß wir uns ſehen. Ich denke, Sie in Paris in Ihrem Hotel als Ihr Kunſtverwandter begrüßen zu können, Madame. Ich, der Ciſeleur von Gottes Gnaden, werde doch nicht ganz leer ausgehen, wenn es Andern gelingt, ſich Herzen zu ereiſeliren! Was meinen Sie dazu?“ „Sire, Ihres großen Rußlands Herz umfaßt faſt einen Welttheil und lebt fort, wenn auch Jahrhunderte vergangen ſein werden. In dies weite, gewaltig ſchlagende Herz haben Sie Ihren Ruhm für ewige Zeit eiſelirt, und wie die Zeitgenoſſen Ihre Schöpfung bewundern, ſo werden es auch die Nachkommen thun“, antwortete die Herzogin mit einer tiefen Verbeugung. Ueber des Zaaren Geſicht flog der Ausdruck großen Vergnügens.„Iſt es mir doch, als ſäße ich wie vor vier Jahren auf dem Geländer der Dinglinger'ſchen Plattform zu Dresden und eine gewiſſe Mademoiſelle Zephanja redete zu mir von dem, was meine Seele allein erfüllt, von meinem heiligen Rußland, das jetzt noch unter den Na⸗ tionen der Erde ein Kind iſt, einſt aber ein Rieſe ſein wird, unter deſſen Auftreten die morſch gewordenen Throne ſeiner Feinde brechen werden“, ſagte er.„Dann bin ich nicht umſonſt meine Bahn gewandelt.“ Ihre Hand küſſend, ſetzte er hinzu:„Madame, auf frohes Wiederſehen in Ihrem ſchönen Frankreich!“ 215 Könige reiſen ſchnell; ehe noch die Mitternacht des letzten Aprils den Erſtlingstag des Mais gebar, langte König Auguſt in ſeiner Elbreſidenz wieder an. In den vier Jahren war ſo Manches vorgegangen, was in die Kategorie des Außergewöhnlichen gehörte. Die Glanz⸗ tage der Reichsgräfin Coſel hatten ein Ende mit Schrecken gefunden. Wie ihre Feinde ganz richtig vermutheten, hatte ſie in Berlin, nachdem ſie ein anderthalbjähriges Schweigen beobachtet, ſich durch ihren Zorn verleiten laſſen, böſe Reden über König Auguſt zu führen. Man war von Dresden aus klagbar geworden und Friedrich Wilhelm I. verwies ſie nach Halle. So nahe der ſächſi⸗ ſchen Grenze war ſie gleichſam auf einen verlorenen Poſten geſtellt, wo ſie ihren Feinden nicht mehr entgehen konnte; denn obwohl ſie ein ſtilles, ſehr eingezogenes Leben da⸗ ſelbſt führte, mit Niemand außer mit dem treuen van Tinnen in Berührung kam, der ſie nicht in ihrer Noth verließ, wußte man es mittels ſchlauer Machinationen beim König von Preußen durchzuſetzen, daß er ſie an Sachſen auslieferte. Eine Compagnie des Muſterregi⸗ ments des alten Deſſauers nahm ſie eines Nachts in ihrer Wohnung gefangen und wenige Wochen ſpäter brachte man ſie ebenfalls zur Nachtzeit in die Bergfeſte Stolpen, wo ihr der Johannisthurm als Gefängniß an⸗ gewieſen wurde. Dies Verfahren trug dem König Auguſt jedoch keines⸗ wegs Ruhm und Bewunderung ein. Die ſchöne, geiſt⸗ reiche Gefangene gewann in ihrem Unglück mehr Freunde, als ſie je in ihren guten Tagen hätte hoffen können. Ueber dieſem ſo hervorſtechenden Ereigniſſe waren die Folgen des Vorgangs in der Schnecke faſt gänzlich ver⸗ geſſen worden. Nur Wenige erinnerten ſich gelegentlich noch an das, was vor vier Jahren in dieſem Gaſthauſe zum Austrag gekommen, und unter dieſen war Seiner königlichen Majeſtät Stallſchneider Meiſter Krümel der⸗ jenige, der gern davon ſprach, weil, wie er ſich ſehr ſinnig auszudrücken beliebte, er ſo mitten drin in der geheim⸗ nißvollen Geſchichte geſeſſen, ohne daß es ihm an Leib und Leben, Ehr und Gut etwas geſchadet habe. Sein Nachbar Gutbier, der, als das ſein Hirn verwirrende Geheimniß von ſeinem Gewiſſen abgefallen war, wieder geiſtig genas, hatte auf Verwendung der Piſtolengräfin eine Anſtellung in einer kleinen Stadt erhalten, wodurch er in Dresden für immer verſcholl. Zürg Weber war der Einzige, für den der Vorgang in der Schnecke zum wahren Glücke ausſchlug. Es ging wohl ein Geflüſter in den hohen Kreiſen, daß die Frau Herzogin von Soubiſe keine Fremde in Dresden ſei, aber wie in der Hofluft ſo Vieles erſtickt und unterdrückt wird, ſo war es auch in dieſer Sache — 5 — — 217 der Fall. Man erzählte ſich das nur unter vier Augen, wobei man aber überzeugt war, daß ein intereſſantes Geheimuiß zu Grunde liegen müſſe, in welchem Seiner Majeſtät dem König eine Hauptrolle zufalle, denn er zeichnete die Frau Herzogin bei jeder Gelegenheit be⸗ ſonders vor den andern Damen aus; auch des Königs rechte Hand, Graf Flemming, die Allmacht im Lande, eiferte dieſem Beiſpiele ſeines Gebieters nach, und das war nicht ohne Bedeutung für ſcharf beobachtende wohl⸗ geſchulte Hofmenſchen. Obwohl Flemming Ehrgeiz im reichlichſten Maße beſaß und ſich gern mit der Kenntniß der verborgenſten Dinge am Hofe brüſtete, ſo verſuchte man doch vergeblich, auch nur Andeutungen von ihm über die auffällige Bevorzugung dieſer Dame zu erlangen. König Auguſt hatte derſelben einen Hinweis auf das Verhältniß gegeben, in welchem ſie zu ihm ſtehe. Dies geſchah bei Gelegenheit der Uebergabe der Schatulle ihrer Mutter an ſie. Zephanja verbarg ihre Freude nicht, dies Erbſtück von der theuren Mutter wiederzuſehen. Sie war in dem Glauben geweſen, es auf der Reiſe nach Rußland verloren zu haben. „Sire“, ſagte ſie,„es iſt mein größter Reichthum aus jener Zeit, wo ich ſo glücklich war, eine liebende Mutter zu beſitzen.“ „Ein Reichthum, der Ihnen hohe Zinſen getragen hat und noch tragen wird“, äußerte der König und lächelnd ſetzte er hinzu:„Die Frau Herzogin von Soubiſe wird äaber auch mir einen Antheil an dem Inhalt dieſer ſo zierlich gearbeiteten Schatulle gewähren müſſen. Ich be⸗ anſpruche nur zwei Dinge davon: dieſen Brief Ihrer Mutter und dieſen Ring.“ „Wie, Sire, dieſen Brief und dieſen einfachen Ring?“ „Es gibt Urſachen, die uns das ſcheinbar Unbedeu⸗ tendſte werthvoll erſcheinen laſſen“, antwortete der König. „Um dieſer beiden Dinge willen haben Sie, Zephanja, in mir einen Freund gewonnen. Denken Sie über die Bedeutung dieſer Worte nach und beobachten Sie wie ich ein unverbrüchliches Schweigen darüber.“ Jetzt wußte Zephanja die Urſache, welche der vom König beim deutſchen Kaiſer für ſie erwirkten Erhebung zur Reichsgräfin von Auguſtenburg zu Grunde lag, aber ſie hielt dies Wiſſen als ein heiliges Geheimniß in ihrem Herzen verwahrt, nur ihrem Gemahle theilte ſie es mit. Außer ihnen wußten nur der verſtorbene König Ludwig, die Herzogin⸗Mutter, Zaar Peter, Flemming und Dinglinger darum. Als ſie zum erſten Male den berühmten Goldſchmied in ſeinem Hauſe beſuchte, ſagte dieſer in ſeiner einfachen Herzlichkeit:„Geſtatten Sie Ihrem einſtigen Verlobten,. 219 Ihnen die Fortdauer ſeiner Verehrung für Sie aus⸗ ſprechen zu dürfen.“ „O mein Freund, mein würdiger Freund, Sie haben mir ſo Vieles zu verzeihen und beſchämen mich durch Ihre Milde!“ rief die Herzogin. „Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen. Was geſchehen iſt, liegt überwunden hinter mir; aber im Gegentheil, ich bin Ihnen Dank ſchuldig.“ „Mir? Ahl!“ „Sie hielten mich für werth, an die Stelle deſſen zu treten, dem Ihr Herz gehört hatte und von welchem Sie durch die Beſtrebungen Anderer getrennt worden waren. Ich nehme den von Ihnen damals in Betreff meiner Werbung um Ihre Hand gefaßten Entſchluß, die Meinige werden zu wollen, als einen Beweis der Achtung für mich.“ „So iſt es, ſo iſt es!“ ſtimmte die Herzogin bei. „Dieſe Achtung werde ich Ihnen, ſolange ich lebe, zollen.“ „Ihnen, Herr Herzog, habe ich jedoch eine Sie ſehr niederſchlagende Kunde mitzutheilen“, wendete ſich Ding⸗ linger lächelnd zu Charles. „Mir eine niederſchlagende Kunde? Um Himmels⸗ willen ſprechen Sie!“ „Sie werden auf meiner Plattform nicht mehr Ge⸗ 220 legenheit finden, dem Treiben der Zimmerleute zuzuſehen, um ſich ein Bild von der das große Ganze in ſtetem Gang erhaltenden Thätigkeit zu machen.“ Charles von Soubiſe lachte hell auf.„Sehr gut, ſehr gut, mein Freund. Der Hieb ſitzt.“ „Ebenſo bin ich überzeugt, daß Ihnen die wechſeln⸗ den Beleuchtungen durch das Abendlicht nicht mehr be⸗ ſonders gefallen werden, da in der kleinen Wohnung der Plattform gegenüber keine Mademoiſelle Zephanja mehr ciſelirt. „Ich glaube es auch!“ rief Herzog Charles fröhlich. „Wer die Sonne mit Händen greifen kann, hat nicht nöthig, ſie auf anderer Leute Dächern zu ſuchen. Seien wir Freunde, mein Herr, rechtſchaffene Freunde! Ich habe bei allen meinen Sünden und Fehlern doch eine Tugend, die Ihnen Freude machen wird. Ich ſchätze den Mann nicht nach ſeinem Range oder nach ſeinem Kleide, ſondern nach dem, was er leiſtet und was er ſeinem Herzen nach als Meenſch iſt, und darum bitte ich Sie um Ihre Freundſchaft.“ Wenige Abende ſpäter ſah die Plattform des Ding⸗ linger'ſchen Hauſes eine kleine Geſellſchaft um eine Tafel zu einem freundſchaftlichen Mahle vereint. Der Hof⸗ juwelier und ſeine Gattin, Herzog Charles und ſeine Gemahlin und der Kaufmann Jürg Weber mit ſeiner Frau Kaufmännin ſaßen da und der gute Wein hatte 221 die Herzen auf die Zungen gehoben, die laue Mai⸗ nacht mit ihrem glänzenden Sternenheere begünſtigte die fröhlichſte Laune. Wenn je, ſo ſchwamm jetzt Elſe in einem wahren Wonnemeer. Hatte ſie im Anfange auch große Scheu gefühlt, in Geſellſchaft eines ſo vornehmen Herrn zu ſpeiſen, wie der Herzog doch einer war, ſo hatte dieſe Schüchternheit bald dem heitern Muthe weichen müſſen, der ihrem reſoluten und von ein paar Gläſern Wein zur vollen Entfaltung gebrachten Naturell grund⸗ eigen war. Die Frau Herzogin hatte ihr ein verſiegeltes Papier übergeben mit dem Bemerken, daß ſie Pathe bei dem jungen Weltbürger oder der jungen Weltbürgerin ſein wolle, welchen oder welche die Frau Kaufmännin in einigen Monaten als ihr liebes erſtgeborenes Kindlein in ihre Arme ſchließen werde, und da ſie wegen der großen Entfernung nicht zur Taufe kommen könne, ſo bäte ſie, dies am Tauftage dem Kinde in die Wiege als ein Angebinde von einer treumeinenden Freundin ſeiner Mutter zu legen. „Das ſoll geſchehen“, rief Elſe, die keine Ahnung hatte, was der Inhalt des Papiers ſei.„Wenn es nur erſt ſo weit wäre, mir wär's lieb. Und was will ich meinem Goldpüppchen von meiner guten, lieben Mamſſell Gomel erzählen!“ 222 Der Hofjuwelier flüſterte Jürg Weber zu:„Zetzt habe ich etwas weg.“ „Nun?“ „Seine Elſe, Herr, iſt im Complot geweſen, hat Zephanja damals fortgeholfen, denn umſonſt ſchenkt Nie⸗ mand fünfundzwanzigtauſend Francs zum Angebinde. In dem verſiegelten Papier liegt die Schenkungsurkunde dieſer von mir hier zinsbar angelegten Summe. Ich weiß es.“ „Das will ich ſogleich erfahren, ob ſie die Heimliche geſpielt hat oder nicht“, meinte Jürg.„Es iſt aber gar nicht denkbar, denn meine Elſe hat's Schweigen nicht gelernt.“ Er kam jedoch bald zu einer total andern Anſicht. Als er ſie aufs Gewiſſen fragte, ob ſie bei der Flucht der Mademoiſelle Zephanja die Hand im Spiele gehabt habe, ſah ihn Elſe groß an und entgegnete:„Wie kommt Er mir vor, Herr Zürg Weber? Nehme Er doch die Bibel zur Hand und ſuche Er da im Buche Sirach den ſchönen Spruch auf, den Ihr alle mir vor⸗ gepredigt habt: Ein Weib, das ſchweigen kann, das iſt eine Gottesgabe. Und die bin ich, Seine Gottesgabe. Verſteht Er?“ Ende. Druck von Bär& Hermann in Leipzig.