5 B -=— 8 — 3—— 8 Leihbibliothek deutſcher, eugliſcher und franzöſiſcher Literatur . von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Deihß- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe kinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ird. 5 33 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für achentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Ihre jeweilige, ſtets nur auf die Dauer von ein paar Wochen, oft nur von einigen Tagen im voraus von ihr beſtimmte Anweſenheit in der kurfürſtlichen Re⸗ ſidenz ward bei Hofe als etwas nichts weniger denn Freude⸗ volles betrachtet. Die luſtige Geſellſchaft, welche dieſem Kreiſe angehörte, konnte eine Fürſtin nicht liebgewinnen, die in allen Dingen in ihrer Perſon ſowohl als in ihrem Wandel das ſtricte Gegentheil von dem war, was am königlichen Hofe zur Tagesordnung gehörte; für die lutheriſche Einwohnerſchaſt, mindeſtens für die beſſern Carion, König Auguſt. II. 1 1 Klaſſen derſelben, war ihr Kommen ſtets etwas Er⸗ hebendes. Man nannte die hohe Frau die Betſäule Sachſens 1 und bezeichnete damit den hohen Grad ihrer Frömmig⸗ 12 keit. Wo ſſie ſich blicken ließ, empfing ſie vom Volke die aufrichtigſten Beweiſe der Verehrung und Zuneigung. Es war unmöglich, daß ſich die Theilnahme an ihrem Geſchicke, welches ihrem edlen weiblichen Herzen ſo harte, mit wahrhaft chriſtlichem Heroismus getragene Prüfungen auferlegt hatte, deutlicher ausſprechen konnte. 1 König Auguſt ſelbſt, obwohl das eheliche Band mit ihr eben nur dem Namen nach noch beſtand, wagte es 42* 1 nicht, ſie in irgend einer Art zu behelligen, die öffentliche Meinung des ganzen Landes mußte reſpectirt werden; aber ungeachtet der Hochachtung, die er für ſie, die mit Würde ſo viel Schweres ertrug, an den Tag legte, fand er ſich doch nicht veranlaßt, das Leben in Saus und Braus, wie ſein königlicher Hof es ſeit einer ziemlichen Reihe von Jahren gewohnt war, nur im mindeſten zu beſchränken. Die Kurfürſtin, um nicht dem Verrufe der Störrigkeit, der Säulenheiligkeit, in dem ſie ohnehin unter den leichtlebigen Hofleuten ſtand, ganz zu verfallen, ließ ſich zuweilen bereit finden, bei den prunkvollen Luſtbar⸗ keiten, welche ihr Gemahl mit ſo viel Erfindungsgeiſt in Scene zu ſetzen wußte, zu erſcheinen. Natürlich wußte 4 4 44„„ —* G/ 4/ R 4 — — 3 Jeder, daß ihr Herz keine Freude daran fand und ihre Gegenwart nur das Ergebniß ihres Beſtrebens war, der allbekannten Selbſtſcheidung zwiſchen ihr und demſelben † das Gepräge des Haſſes zu nehmen, den man von feindlicher Seite ihr nur allzugern angedichtet hätte. Wie ſehr ſie ſich ſelbſt verleugnen konnte, hatte ſich namentlich beim Beſuch des Dänenkönigs am Dresdener Hofe herausgeſtellt. Seiner heißgeliebten Reichsgräfin Coſel die möglich 1 höchſte Ehre zu erweiſen, hatte König Auguſt die An⸗ . weſenheit ſeines erhabenen Freundes vom Inſelreiche erwählt, indem er einen prachtvollen Götteraufzug ver⸗ anſtaltete. Der Dänenkönig, der ehemalige Landesherr der Coſel, ſtellte den Jupiter, Auguſt den Apollo vor, die ſchöne Conſtanze erſchien als Diana mit ihrem Nym⸗ phenchore und einer Muſikbande, in einem von goldenen Schnitzereien blitzenden Triumphwagen. Umfloſſen von Licht und Luſt, konnte es kein reizenderes Weib auf Erden geben; Mohammed's Paradieſes⸗Huris, ſo üppig und ſchön orientaliſche Phantaſie ſie auch ſchildert, hätten vor dieſer wunderbaren Göttin beſchämt zurückweichen müſſen. Die 4 Kurfürſtin dagegen figurirte als beſcheidene Veſtalin in dem Tempel der Veſta. Selten tritt die Wahrheit ſo richtig die Stellungen bezeichnend im luſtigen Spiele auf! Wenige Jahre waren ſeitdem vergangen und wieder 1* wohnte die hohe Frau einer fröhlichen Maskerade in den weiträumigen Schloßſälen bei. Um ſich für die freudloſe Einſamkeit ihres Torgauer Hofhalts zu entſchädigen? Nein, um dem gefällig zu ſein, welcher ſo ſchwer an ihrem Herzen ſich vergangen und noch verging. Wie ſtark in der Kunſt der Entſagung mußte der Charakter dieſer Fürſtin ſein, um auch nur die eine Stunde in dem luſtigen Gewühle dieſes Hofjubels aus⸗ zuhalten! Sie erſchien dabei ohne Maske und war nur Zuſchauerin. Welch reiche Pracht in den von einem Lichtmeere ſtrahlenden Räumen! Dieſe Hofredouten waren keine für Bürgerliche ab⸗ geſchloſſenen. Der König liebte es, viele heitere Menſchen um ſich zu ſehen, und darum war der Tanzplatz in zwei Hälften getheilt. Die für den Hof und deſſen erlauchte Gäſte war eine ſehr umfangreiche, prächtig decorirte Eſtrade, zu welcher einige Stufen hinaufführten. Ein königlicher Hauptmann nebſt einigen Trabanten hatte hier ſeinen Poſten. Jeder, der dieſen erhöhten Circus betreten wollte, war verpflichtet, die Maske abzunehmen, um ſich zu erkennen zu geben; Fremde von Adel gaben ihren Namen dem Hauptmann an, der ſie in ein Buch aufzeichnete. Hinter dieſer Eſtrade lagen die Spielzimmer und der große Speiſeſaal, in welchem achtzehn Tafeln 5 zum Souper einluden. Der König liebte die Pracht zu ſehr, um in ſeiner Erſcheinung dieſe nicht zur vollſtän⸗ digſten Repräſentation zu bringen. Man ſah ihn faſt allabendlich in ſeinem Brillantſchmuck, welcher heutzutage noch in dem ſogenannten grünen Gewölbe als Schau⸗ ſtück vom höchſten Werth die Bewunderung und das Staunen aller Beſucher deſſelben erregt. Ermüdet und gelangweilt von dem glänzenden und doch ſo ſeelenloſen Taumelbilde vor ihren Augen hatte Kurfürſtin Eberhardine ſich in die weiter entlegenen Ge⸗ mächer entfernt, um ſich von der geiſttödtenden Anſtren⸗ gung, Aufmerkſamkeit für etwas zu zeigen, was ihr zu⸗ wider war, zu erholen. Selbſt der blendende Lichtglanz hatte einen üblen Eindruck auf ihre Augen gemacht. Die ferner gelegenen Gemächer waren nicht grell erleuchtet, in manchen derſelben verbreiteten nur einige hinter friſch duftenden Reiſergewinden brennende Lampen ein Dämmer⸗ licht. Die Kurfürſtin ließ ſich in einem ſolchen, das durch einen etwas zu beiden Seiten vorſpringenden Bogen in zwei ungleiche Hälften getheilt war, auf einem Sopha nieder. Sie erinnerte ſich aus ihrer frühern Zeit, daß ihre Schwiegermutter hier ihre kleine Bibliothek in einigen Schränken gehabt hatte und der erwähnte Bogen durch eine Portiere geſchloſſen werden konnte. Im Verlaufe der Zeit hatte ſich hier ſo viel geändert, und ſie, die Mitherrin des alterthümlichen Schloſſes, ſtand als eine vereinſamte Fremde in ſeinen Räumen! Und wahrlich, ſie war fremd geworden unter dieſen Leuten, die kein Herz für ſie hatten und von denen ſie angewidert wurde. Was ſie von zu ihr haltenden Ge⸗ treuen bei ihrer Ankunft hier gehört hatte über die Ver⸗ hältniſſe, in die ihr Gemahl mit Damen verwickelt war, machte allerdings einen Eindruck auf ſie. Zwiſchen dem König und der Coſel ſollte ein Bruch geſchehen ſein, der noch nicht öffentlich erklärt, deſſen Vorhandenſein aber deswegen nicht wegzuleugnen ſei, denn die bisher allmächtige Gunſtdame fehlte bei den Luſtbarkeiten. Die Urſache dieſes Zerwürfniſſes beruhe in der Herrſchſucht und Eiferſucht der Coſel. Es ſolle im Werke ſein, eine Dame aus polniſchem hohen Adelsgeſchlechte an ihre Stelle treten zu laſſen. Es war ein tiefer Schmerz für die Kurfürſtin, ſolche Dinge ſich zur Kenntniß gebracht zu wiſſen, und doch erfüllte die Kunde von dem nahen Sturze der Coſel ſie mit einer gewiſſen Befriedigung. War die Coſel nicht dieſelbe Frau, welche auf ihren baldigen Tod wartete? Hatte ſie nicht den durch ihre allerdings wunderbare Schönheit verblendeten König zur Ausſtellung eines Ver⸗ trags getrieben, dem zufolge er ſie nach dem Ableben ſeiner rechtmäßigen Gemahlin als ſolche und als Königin —,— O —— 7 anerkennen zu wollen gelobte? Mit ihrem Sturze mußte dieſer herrſchſüchtige Plan zuſammenbrechen. Die Kurfürſtin war Weib und ſie konnte die heimliche Freude darüber nicht unterdrücken. Die Ruhe, die ſie in den abgelegenen Gemache fand, hatte ihr Erholung gewährt. Sie wollte ſich eben er⸗ heben, um ſich ganz in ihre Zimmer zurückzuziehen. Auf dem Corridor harrten ihre Lakaien ihres Winkes. Ge⸗ räuſch leichter flüchtiger Schritte in dem anſtoßenden Gemache veranlaßte ſie, ſitzen zu bleiben. Sie hatte die Ueberzeugung, da ſie hinter der einen Seite des Bogens ſaß, von der durchpaſſirenden Perſon nicht bemerkt zu werden. Die Eintretende gewahrte ſie auch wirklich nicht, blieb in Mitte des Gemachs einige Augenblicke ſinnend, dann entrang ſich ihren Lippen ein Seufzer, ſie wankte nach einem Seſſel am Fenſter und fiel mit einem aber⸗ maligen Ausdrucke eines Schmerzes oder Leides auf den⸗ ſelben nieder. Sich etwas vorbeugend, erblickte die Kur⸗ fürſtin eine Dame in einem blauen Domino, welche die Augen— die Larve lag ihr im Schooße— mit den Händen bedeckte. Jedenfalls gehörte die Trägerin des blauen Dominos zu den zahlreichen Liebesintriguan⸗ tinnen am Hofe, deren Spiel durch eine noch ſchönere oder auch noch ſchlauere Nebenbuhlerin durchkreuzt wor⸗ den war. “ 8 Dieſer ziemlich wahrſcheinliche Gedanke machte der Kurfürſtin die Situation des Sichverborgenhaltens nicht angenehmer und ſie beſchloß noch eine Weile zu warten, ob die ihr Unbekannte vielleicht ſich bewogen finde, ihren Platz und das Gemach zu verlaſſen. Dies ſchien jedoch nicht der Wille jener zu ſein, im Gegentheil wurde ſie unruhig. Bei einem vorſichtig nach ihr geworfenen Blick bemerkte die Kurfürſtin, daß ſie die Larve wieder vor dem Geſichte hatte und, der Wendung ihres Oberkörpers nach zu ſchließen, geſpannt auf etwas lauſchte. Das Räthſel löſte ſich unerwartet ſchnell. Ein raſcher männ⸗ licher Schritt nahte. Die Dame am Fenſter erhob ſich. Ein Schreck durchbebte die Kurfürſtin, ſie erkannte in dem Hereintretenden ihren Gemahl. In Mitte des Gemachs blieb er ſtehen. Die Dame im blauen, Domino vertrat ihm entſchloſſen den Weg. „Sie wollen mich im Sturme erobern?“ fragte er lachend.„Gut, ich bin Freund der Energie in der Liebe. Offenes Viſir aber, meine Schöne— demaskiren Sie ſich. Ihr Billet ſpricht von— Himmel und Erde, Conſtanze!“ Die Trägerin des blauen Dominos hatte raſch die Larve vom Geſicht gezogen. So ſchön ſie war, trat Auguſt doch, unangenehm von ihrer Gegenwart berührt, — — — 9 einen Schritt zurück, indem er ihr zürnend die Hand entzog, nach der ſie ſchnell gegriffen hatte. „Conſtanze! Ihre Conſtanze, Majeſtät— die Mutter Ihrer Kinder!“ rief die Gräfin.„Die Bosheit meiner Feinde hat mich von Ihrem Herzen gedrängt, es iſt dieſen Elenden gelungen, mich bei Ihnen anzuſchwärzen, ſodaß ich, ich, die die gerechteſten Anſprüche beſitzt, mich zu Kunſtgriffen verſtehen muß, um nur Aug' in Aug' mit Ihnen zu gelangen.“ „Keine Scene, Gräfin, ich liebe dergleichen nicht, Sie wiſſen das“, entgegnete König Auguſt. Die ſo zurechtgewieſene Dame beobachtete eine kurze Weile lang Schweigen, dann ſprach ſie mit unverkenn⸗ barer Ironie:„Eure Majeſtät befinden ſich, wie ich be⸗ merke, in dem verzeihlichen Irrthum, ſich einer Ihrer Maitreſſen gegenüber zu denken. Gegen ſolche Subjecte, die von dem ephemeren Glanze eines luſtigen Liebes⸗ taumels und von dem verlockenden Reize reicher Mittel zum Genuſſe des Lebens geblendet ſind, haben Sie allerdings das beſte Recht, ſie abzuweiſen, wenn ſie Ihnen nicht mehr gefallen; aber mit mir iſt das anders. Ich bin nicht Ihre Maitreſſe, ich bin Ihre Gemahlin. Sie wiſſen, um welchen Preis Sie mich gewannen, Majeſtät. Die Scham hätte mich zu Boden drücken müſſen, hätte ich nur die Zahl derer, die nichts Anderes 10 erſtreben, als nur in Ihren Umarmungen zu ſchwelgen und vor einer miſerablen Hofgeſellſchaft ihr Glück zur Schau zu tragen, vermehren ſollen. Ich wollte nicht vor mir ſelbſt erröthen, mich nicht ſelbſt mit der Schmach ſo unehrenhafter Stellung bedecken, darum ſtellte ich den Ihnen bewußten Preis. Ich war durch ihn gerechtfertigt vor mir. Wenn auch nicht öffentlich anerkannt als Ihre Gemahlin, hatte ich die Anerkennung von Ihnen doch Schwarz auf Weiß. Die Welt mußte es einſt erfah⸗ ren, daß Conſtanze von Brockdorf nicht um kleiner, ver⸗ ſchwindender Vortheile, um luſtiger Tage willen ſich habe verwerfen können, ſondern daß ſie ihren Werth kannte.“ „Beendigen Sie Ihre Lamentation, Gräfin, ſie hat kein Intereſſe für mich!“ rief der König gereizt. „Nun denn kurz geſagt, wie Sie es wünſchen. Man will die Dönhoff in Ihre Arme führen. Solange ich lebe, wird das nicht geſchehen. Bei Gott, reizen Sie das von Ihnen verſtoßene Weib nicht zum Aeußerſten, es geſchieht ein Unglück— ich prophezeihe Ihnen dies.“ „Sie ſind toll, Gräfin.“ „Nicht toll, mein ſchöner König, ich will Ihnen nur die Bedeutung eines Weibes in Erinnerung bringen, das Sie vor Ihrem Hofgeſinde, vor der Welt entehren, ob⸗ gleich es Ihre rechtmäßige Gemahlin iſt.“ In dieſem Augenblick drang ein leichtes Geräuſch zu beider Ohren; Eberhardine trat hinter dem Bogen hervor. König Auguſt war ſo ſehr überraſcht von ihrer plötzlichen Erſcheinung, daß er nicht einen Laut für ſein Erſtaunen hatte; die Gräfin ließ einen Laut des Schreckens über ihre Lippen ſchlüpfen. „Ihre Concubine ſpricht etwas aus, das eine zu große Wahrheit iſt, als daß ich derſelben nicht beiſtim⸗ men ſollte“, ſagte die Kurfürſtin.„Zu dieſer Entehrung Ihrer rechtmäßigen Gemahlin würde es zählen, wenn Sie dieſe Perſon nicht fofort entfernen wollten.“ „Gehen Sie Gräfin, gehen Sie!“ ſprach Auguſt in großer Verwirrung. „Nicht von der Stelle, ich will mein Recht— ich be⸗ haupte es.“ „Sie ſollen ſogleich Ihr Recht haben, Madame. Ein Ruf von mir und der Hof eilt herbei, um über das begründetſte Anrecht einer Fürſtin und die ſchnöde An⸗ maßung einer— Gunſtdame deren Gemahls zu ent⸗ ſcheiden.“ Dieſe mit dem bitterſten Spott ausgeſprochene Dro⸗ hung, zu deren Verwirklichung Eberhardine an die Thür zu dem hierher führenden Zimmer trat, wirkte ſo tief einſchneidend auf Gräfin Coſel, daß ſie trotz ihres ener⸗ giſchen Charakters voll Entſetzen zurück nach der Wand 12 taumelte. Sie wußte, daß ſeitens der Kurfürſtin von einer Rückſichtnahme oder Schonung nicht die Rede war. Der Haß in deren Herzen gegen ſie, aufs engſte mit ihrem Denken verwachſen, hatte keinen öffentlichen Eclat zu fürchten, im Gegentheil mußte eine ſolche von ihr herbeigeführte draſtiſche Scene zu ihren Gunſten aus⸗ ſchlagen, denn alle Feinde, welche Madame de Coſel hatte— und die mächtigſten und einflußreichſten Perſonen des Hofes zählten zu dieſer Feindesſchaar— würden darin ein Gaudium gefunden und ſie, die alle durch ihre Herrſch⸗ ſucht und Anmaßung beleidigt hatte, einer niemals zu verwiſchenden Demüthigung ſich ausgeſetzt haben. „So ſehr wird Eure Majeſtät von Ihrer heiligen Gemahlin geliebt, daß ſie nicht für nöthig hält, Ihnen eine unangenehme Scene vor Ihrem Hofe zu erſparen. Ich denke zu weltlich, um mit ſolcher Frömmigkeit in die Schranken treten zu können, darum bringe ich Eurer Majeſtät das Opfer, durch meine Entfernung Sie dieſer Unannehmlichkeit zu überheben. Entſcheiden Sie, wer Ihrer Liebe würdiger iſt— ſie oder ich!“ Mit raſchen Schritten entſchwand die Trägerin des blauen Dominos dem Gemache. Eine Pauſe trat ein, in der der König vergebens ſeine Verlegenheit zu beherrſchen beſtrebt war. Eberhardine trat langſam an ihn heran.„Ich be⸗ klage Eure Majeſtät. Sie haben eine für einen König, welcher der Herr von vielen Millionen Unterthanen iſt, ſehr widerliche Miſſion durchzuführen“, hob ſie an.„Sie ſind ſtets in der nicht beneidenswerthen Situation, ver⸗ buhlte Weiber verſöhnen zu müſſen.“ Auguſt wählte das in ſeiner Lage einzig ihm bleibende Auskunftsmittel, nämlich Schweigen, um damit jede wei⸗ tere Folge ähnlicher Aeußerungen ſeiner Gemahlin abzu⸗ ſchneiden. Er bot ihr ſtumm die Hand, um ſie von hier nach dem Ballſaale fortzuführen. „Ich werde mich in meine Zimmer begeben“, ſagte die hohe Frau ausweichend.„Vorher aber wünſchte ich von Ihnen eine Beruhigung zu erhalten.“ „Welche?“ „Daß Gräfin Coſel, das Ende ihrer alle Gemüther empörenden Herrſchaft erreicht habe.“ „Sorgen Sie ſich nicht deswegen, ſie iſt abgethan.“ Der Blick der Kurfürſtin ruhte mit ſichtbarem Kum⸗ mer auf der ſchönen, männlichen Geſtalt ihres Gemahls. In ihrem Herzen regte ſich die Erinnerung, wie glücklich ſie ſich im erſten Jahre ihrer Ehe mit ihm gefühlt hatte. Unter der Macht dieſes Rückblicks wurde ſie weich, aber gleichzeitig bemächtigte ſich ihrer auch ein harter, ihre Seele erſchütternder Schmerz, den ſie nicht verbergen konnte und welcher ihre Augen feuchtete. „Was iſt Ihnen, Eberhardine?“ fragte der König, dies bemerkend. „Auguſt, mein Mutterherz iſt in ſchwerer Angſt. Wo iſt mein Sohn? Was haben Sie mit ihm vor? Mir ſind entſetzliche Dinge zu Ohren gekommen, die—“ „Mir ſcheint der Ort für derlei Fragen zu wenig gut gewählt, als daß Sie hoffen dürften, von mir eine genügende Antwort zu erhalten“, unterbrach der König ihre Rede. „Sie irren, mein Gemahl. Zu ſolcher inhaltſchweren Frage iſt jeder Ort der rechte. Ich bin eine Mutter, die um das Seelenheil ihres Sohnes ſich ſchwer ängſtet. Sie wußten es in Leipzig, auf der Fahrt hierher und hier ſo anzuordnen, daß ich nie einen Augenblick fand, mit Ihnen allein zu ſein. Faſt muß ich an Abſichtlich⸗ keit glauben und darum ſehe ich mich gezwungen, den jetzigen Augenblick zu ergreifen, um Sie aufs Gewiſſen zu fragen: Wollen Sie mir auch den Sohn vom Herzen reißen und ihn dem Baal opfern, der ſich zu Rom als Stellvertreter Gottes auf Erden anpreiſt? Wenn Sie mit der Antwort zurückhalten, muß ich an das entſetz⸗ liche Gerücht glauben, daß mein Sohn ſich in der Angſt ſeines Herzens an mehrere Geſandte evangeliſcher Fürſten gewendet habe, mit der Bitte, ihn aus der Noth zu retten, da man ihn, den lutheriſch Erzogenen, durch — — 15 allerlei Verlockungsmittel zum Katholicismus bekehren wolle. Ich muß daran glauben, daß Königin Anna von England und König Friedrich von Dänemark vergebens dagegen Vorſtellungen bei Ihnen erhoben, ich muß daran glauben, daß—“ Ohne ein Zeichen von Unwillen zu verrathen, fiel ihr der König ins Wort, indem er ſehr freundlich ſprach: „Eberhardine, ich beklage ſehr, daß vielgeſchäftige Zungen es ſich zur Aufgabe machen, Sie mit aus der Luft gegriffenen Erfindungen zu beunruhigen. Ich bin nicht gewillt, Sie einer Angſt preiszugeben, welche ſo ſchwer auf Ihrem Herzen laſtet, daß, wie ich bemerkt habe, Ihre Augen feucht geworden ſind. Dieſe Thränen Ihrer mütterlichen Liebe zu trocknen, halte ich für meine Pflicht, jedoch ſcheint mir der Ort hier ſehr unpaſſend. Ich bitte um die Erlaubniß, Sie in Ihre Zimmer führen zu dürfen, um dort ungeſtört mit Ihnen zu ſprechen. Dadurch glaube ich zugleich Ihren Argwohn, als wünſchte ich abſichtlich jede Beſprechung zwiſchen uns zu hinter⸗ treiben, aus dem Felde ſchlagen zu können.“ Und lächelnd ſetzte er hinzu:„Wenn ich auch ein recht arges Weltkind bin, dem der liebe Himmel eine ſtarke Doſis Schmetter⸗ lingsnatur mit auf den Lebensweg gegeben hat, ſo denke ich doch, daß deſſenungeachtet manches Gute in mir iſt, welches, in Anſchlag gebracht, das Maß meiner Sünd⸗ haftigkeit mindeſtens zu einem ſtark abgeſtrichenen machen dürfte. Und unter dieſes mir bewahrte Gute gehört in erſter Reihe die aufrichtigſte Hochachtung gegen Sie, Eberhardine.“ Mit dieſen Worten küßte er ihr die Hand. Die wohlthuende Empfindung, welche durch dieſe ſo liebesfreundliche Rede des Königs in dem Herzen ſeiner Gemahlin erweckt wurde, erheiterte deren ernſten Geſichts⸗ ausdruck, als flöge ein heller Strahl der untergehenden Sonne über dämmerndes Abendgewölke hin. Wie ſie ſo Arm in Arm nach ihren Zimmern ſchritten, hätte Jeder, der nicht die tiefe, ſeit Jahren ſich immer er⸗ weiternde Kluft zwiſchen ihnen kannte, das Urtheil fällen müſſen, dies Fürſtenpaar ſei in Allem ein Herz und eine Seele; im Aeußern ſchienen ſie ſo glücklich. Und in ihren Erſcheinungen waren beide ſich gleich an Schön⸗ heit. Eberhardinens hohe, majeſtätiſche Geſtalt entbehrte nicht der Schönheit eines Antlitzes, deſſen regelmäßige Züge freilich infolge des tiefen Kummers, den ſie über ihr zerſtörtes Eheglück gleich einer unaufhörlich nagenden Natter in ſich trug, unter dem Bann einer ſtreng gehaltenen Ruhe lagen, der das eifrigſt fort⸗ geſetzte Beſtreben verrieth, ſtets die Herrſchaft über ihr Thun ſich zu bewahren, immer unerregt, leiden⸗ ſchaftslos zu erſcheinen und Niemand einen Einblick in — ihr Inneres zu geſtatten. Die Gleichmäßigkeit ihrer Empfindungen, ihr wenig zu Aufwallungen geneigtes 4 Gemüth erleichterten ihr allerdings die Iſolirung, welche ſie mit einer Art Vorliebe als ein Glück betrachtete, aber eben in dieſer mit einer ſtark vorwiegenden Hinneigung zum Pietismus ſich aufs engſte paarenden Gleichgültig⸗ keit gegen alle Anſprüche auf hochgeſteigerte Lebensgenüſſe wurzelte die Unfähigkeit, mit ihrem Gemahle im Einver⸗ 1 ſtändniß zu bleiben. Sie entfremdete ſich ihm, der für Alles, was nur Lebensluſt, Lebensgenuß betraf, eine un⸗ überwindliche Leidenſchaſt empfand. Süd und Nord paſ⸗ ſen nicht zuſammen und König Auguſt und ſeine Ge⸗ 8 mahlin trugen beide Schuld an ihrer Trennung, ihre Gemüther mußten ſich gegenſeitig entfremden, da ſie ein⸗ ander zu ungleich in ihren Neigungen waren. König Auguſt beſaß die Gabe der Ueberredung in zu hohem Grade, als daß ſeine Gemahlin ſich nicht hätte beruhigt fühlen ſollen durch das, was er für nöthig fand, hinſichtlich des ungefährdeten Seelenheils des Kron⸗ prinzen ihr vorzuſtellen. Freilich that er das in ſeinem Sinne; aber die Art und Weiſe, mit der es von ihm geſchah, überzeugte ſie, wie die ihr zu Ohr gekommenen und ſie ſo ſchwer beängſtigenden Gerüchte nicht auf dem Boden der Wahrheit fußten, und ihr Mutterherz genoß S. das Glück der Täuſchung, ihren geliebten Sohn nicht von Carion, König Auguſt. II. 2 18 den Gefahren der Verlockung zum Katholicismus um⸗ geben zu wiſſen. Und doch war die Converſion deſſen, an dem ihre Seele mit unendlicher Liebe hing, eine ſchon geſchehene, aber noch vom Schleier des tiefſten Geheimniſſes bedeckte Thatſache! Am 27. November 1712 hatte der ſächſiſche Kron⸗ prinz, auf ſeiner Reiſe in Italien von drei Jeſi Hündakre s, Salerno, Vogler und Kopper, der letztere als ſein Reiſe⸗ ſecretär unter dem Namen Weddernoy, alle drei in weltlicher Tracht, begleitet, in Bologna ſein katholiſches Glaubensbekenntniß in die Hände des Cardinallegaten Caſſoni abgelegt und der Papſt wünſchte dem Converti⸗ ten in einem ſalbungsreichen Schreiben Glück. Kurfürſtin Eberhardine war durch dieſe Beſprechung mit ihrem Gemahle außerordentlich glücklich geſtimmt, und als Sabine, ihre Zofe, ſie entkleidete, ſprach ſie mit ungemeiner Freundlichkeit zu dieſer:„Sie hat mir ja noch gar nicht berichtet, wie Sie Ihre Mutter gefunden hat? Sie glaubt wohl nicht, daß ich an dem Schickſal derer Theil nehme, welche einſt bei mir im Dienſte ſtan⸗ den, aber eine Reihe von Jahren von mir weg ſind? Das iſt nicht fein von Ihr, Sabine.“ „Gnädigſte Frau“, antwortete die Zofe, ihr die Hand küſſend,„wir wiſſen es ja alle, wie gütig und 19 freundlich Höchſtdero Geſinnungen uns zugewandt ſind, und wenn ich nicht wagte, von meiner Frau Mutter zu 3 ſprechen, ſo hat es den Grund, daß ich in großem Kum⸗ he, mer darum bin, wie ich es meiner gnädigſten Frau Kur⸗ ke fürſtin vorbringen ſoll.“ „Aber, Sabine, was redet Sie denn da? Ich ver⸗ ſtehe Sie nicht.'s kommt mir nicht anders vor, als 6; redete ein Ruſſe oder Engländer in ſeiner Mutter⸗ 1 ſprache zu mir. Was hat Sie denn Kummervolles vor⸗ in zubringen? Sage Sie es doch deutlich heraus.“ „Die Frau Mutter habe ich nicht gut gefunden; die ſchlimme Krankheit, von der ſie hart gepeinigt wird, hat noch mehr zugenommen und ſie iſt ganz unbeholfen ge⸗ worden. Da muß Sie nun Jemand haben, der ſie 9 pflegt und wartet. Mit den fremden Leuten um Lohn 5 iſt nicht viel gethan, und ſo will ſie denn ein unter⸗ it„;;;. 8 thäniges Schreiben bei meiner gnädigſten Frau Kur⸗ d.d.:;:. fürſtin einreichen, mich aus Höchſtdero Dienſte zu ent⸗ n laſſen.“ 1 2„ Es folgte ein Schweigen, dann ſagte die hohe Frau⸗ „Sabine, glaube Sie nicht, daß ich meiner Bequemlich⸗ 5 keit zu Liebe Ihrer kranken Mutter die kindliche Pflege entziehen will, die ſelbe von Ihr mit Fug und Recht er⸗ 6 wartet, denn jede Mutter hat ein heiliges, unantaſtbares d Anrecht auf ihr Kind, und wäre ein ſolches auch bis in 2* 20 den Himmel hinaufgewachſen, es bleibt immer ſeiner Mutter Kind, der es Dank und Liebe ſchuldet. Sage Sie Ihrer Mutter, daß es keines beſondern Schreibens bei mir bedarf, obwohl ich Sie, Sabine, ungern aus meinem Dienſte entlaſſe, denn ich bin nun die Jahre daher an Sie gewöhnt und mit Ihr zufrieden. Nun, nun, weine Sie nicht. Das heißt ja nicht auf immer geſchieden. Sollte Ihrer Mutter etwas Menſchliches widerfahren, nun, ſo weiß Sie mich ja zu finden. Tor⸗ gau iſt nicht aus der Welt, vorausgeſetzt, daß ich noch am Leben bin.“ Ehe ſie Sabine für dieſe Nacht entließ, fragte ſie: „Ich hoffe doch, daß auch die ehemaligen guten Freunde und Bekannten Ihrer Mutter ſich um die von Krankheit Geplagte bekümmern und ſie nicht unbeſucht laſſen werden?“ 4 Sabine meinte, die meiſten derſelben hätten in der Beziehung ein recht ſchlechtes Gedächtniß, nur einige fragten noch nach ihr und unter dieſen ſei der Hofju⸗ welier Dinglinger derjenige, der ſie nicht vernachläſſige und ſich immer erinnere, daß ihr, Sabinens Vater ein Freund von ihm geweſen. „Das freut mich vom Dinglinger; iſt ein rrchiſchaffe⸗ ner Mann, werde ihn morgen beſuchen“, ſagte die Kur⸗ fürſtin. 21 „Zur Frau Mutter hat er geäußert, daß er wieder heirathen müſſe. Ohne Hausfrau könne ſeine Haus⸗ haltung nicht beſtehen.“ „Natürlich“, ſtimmte die hohe Frau bei, die in Be⸗ treff des allerdings höchſt icen Heirathskapitels ganz Weib war und für alles darauf ſich Beziehende ein ungemein lebhaftes Intereſſe an den Tag legte.„Iſt ihm nur zu wünſchen, daß er als dritte Panefi a eine heimführt, welche, von beſſerer Geſundheit als ſeine beid verſtorbenen Frauen, ihm nicht ſobald wieder vom 8 entriſſen wird. Es wäre ein eigenthümliches ſchlimmes Geſchick, das den braven Mann träfe.“ „Ach, das muß ſehr traurig ſein, eins nach dem andern begraben zu laſſen, mit denen man jahrelang glücklich und zufrieden gelebt hat“, äußerte Sabine. Die Kurfürſtin bejahte durch ein ſchweigendes Kopf⸗ nicken. Nach einer Weile fragte die Dienerin:„Darf ich meiner gnädigſten Frau wohl etwas ſagen?“ 83 „wuriun nicht? Von Ihr iſt nicht zu erwarten, daß es etwas Unpaſſendes ſein wird. Darum ſage Sie es in Gottes Namen heraus.“ „Gegen die Frau Mutter hat der Herr Dinglinger auch noch geäußert, daß er ſchon eine Wahl getroffen die auch ſein allergnädigſter Herr, Seine Majeſtät der König, als gut befunden und gebilligt habe. Es ſei aber ——“ * —ᷣᷣ’Oͦ—— 0 ₰ — 2 keine Deutſche, ſondern eine Ausländerin, eine ſehr ge⸗ ſchickte Künſtlerin, die mit in ſeinem Hauſe wohne—“ „In ſeinem Hauſe wohne?“ unterbrach die hohe Frau mit offenbarem Schreck die Sprechende.„Das wäre ja ein Verſtoß gegen alle Schicklichkeit. Es ge⸗ bührt ſich, daß die Frau erſt nach vollzogener Trauung in ihres Mannes Haus zieht; aber vorher— vorher ſchon! So kann ſich der Dinglinger doch nicht verworfen haben, daß er aller guten Sitte dermaßen ins Geſicht ſchlägt!“ „Es iſt vielleicht auch anders und ich habe die Frau Mutter nur falſch verſtanden“, entſchuldigte ſich Sabine. Die Alles, was ins Bereich des Unſtatthaften ge⸗ hörte, ſtreng verwerfende Kurfürſtin war ſehr ſtark von dem Gedanken berührt, daß der bisher ihrer Achtung ſich ſo ausſchließlich erfreuende Hofjuwelier ſich eines derar⸗ tigen Verſtoßes gegen alle Schicklichkeit doch ſchuldig ge⸗ macht haben dürfte, der ſeinen Mitbürgern als ein höchſt übles Beiſpiel erſcheinen und dem religiös⸗ſittlichen Ge⸗ fühl bei ſchwachen, leicht verlockten Gemüthern großen Abbruch thun müſſe. Sie zeigte ſich ſehr ernſt, nach⸗ denklich und äußerte nach einer Weile:„Ich werde mich morgen perſönlich im Dinglinger'ſchen Hauſe von dem Stande dieſer Angelegenheit unterrichten.“ Die ſtark religiöſe Pedanterie der hohen Frau, deren 23 Herzenseigenſchaften die edelſten waren, bildete einen ſtarren, unerſchütterlichen Grundzug ihres Charakters, und es zeigte ſich nur als folgerichtig, daß ſie ſich ſehr beunruhigt von Allem fühlte, was dieſem feindlich gegen⸗ über ſtand. In ihm wurzelte ihr Abſcheu gegen das aus⸗ ſchweifende Luſtleben am Hofe ihres Gemahls, und wenn ſie auch gegen letztern ſelbſt ſich verſöhnlich und ergeben erwies, obwohl er in ihren Augen der Schuldigſte unter den Schuldigen, ein Jerobeam war, der durch ſein gott⸗ loſes Beiſpiel Israel verführte, ſo war es eben nur die Liebe zu ihm, welche den Triumph über ihr ihn treffen⸗ des Verdammungsurtheil davontrug. Es war wahr⸗ hafte innige Zuneigung, die ſie mit ihm verbunden hatte, und ſie überwog ſelbſt nach ihrer Entſagung des Zu⸗ ſammenlebens mit ihm alle gerechte Bitterkeit über ſeinen Wandel in ihrem Herzen. Was ſie jetzt bezüglich des ihr in ſo trübem Lichte vorſchwebenden Falles empfand, gehörte in die Rubrik tiefgefühlten Mitleids, und wie ſehr dies ſie beſchäftigte, davon zeugte der von ihr ſo⸗ fort nach der Morgenbetſtunde an einen ihrer Diener ertheilte Befehl, dem Hofjuwelier zu melden, ſie werde ihn im Laufe des Vormittags beſuchen. Im Hauſe Dinglinger's hatte nur in Betreff Zephan⸗ ja's eine Veränderung ſtattgefunden. Mit Jahresſchluß war ihr durch das Hofmarſchallamt die durch den bei 24 Ludwig XIV. accreditirten ſächſiſchen Geſandten, Baron Suhm, eingelangte Nachricht vom Tode ihres Onkels zu⸗ gekommen und nebſtbei ein von dem Verſtorbenen zwei Tage vor ſeinem Hinſcheiden an ſie gerichtetes Schreiben. Es lautete: „Meine theure Zephanja! Wenn Du dieſe Zeilen empfängſt, iſt in mir, ſeinem letzten männlichen Sproſſen, das erlauchte Geſchlecht der Gomeles auf immer aus dem Sonnenlichte dieſer Erde verſchwunden. Du allein bleibſt übrig, die letzte Tochter der Gomeles— ach, lebe wohl, lebe tauſendmal wohl! Es iſt der letzte Zuruf Deines Onkels an Dich. Von Dir weiß ich's, Du wirſt nie vergeſſen, daß Fürſtenblut in Deinen Adern fließt. Dieſer Stolz ſei zugleich Dein Schutz in allen Lagen, in die Dich das Schickſal führt. Sei geſegnet in Allem! Da ich fühlte, daß es raſch mit mir zu Ende gehen werde, ſchloß ich mit Jean Delangle, meinem beſten Ge⸗ hülfen, deſſen Du Dich erinnern wirſt und der der Sohn einer hieſigen wohlhabenden Bürgerfamilie iſt, den Ver⸗ kauf meines ganzen Geſchäftes ab, Alles wird ſein, wenn ich die Augen geſchloſſen habe. Der ſächſiſche Geſandte, Baron Suhm, hat mir auf mein Bitten zugeſagt, mein Teſtamentsvollſtrecker ſein zu wollen. Du empfängſt von ihm meine Hinterlaſſenſchaft von zwanzigtauſend ——.— —— 25 Livres, zu der Jean Delangle die Kaufſumme von fünf⸗ tauſend Livres zu legen hat. Alle meine Sachen ſind verkauft, denn Du kannſt nichts davon brauchen. Du empfängſt als Andenken an Deine ſelige Mutter die kleine, mit prächtiger Silberarbeit eingelegte Schatulle, ein Erbſtück aus ihrer Familie. Was in dem Innern dieſes Käſtchens liegt, wird Dich ſtets an ſie und mich erinnern. Gedenke unſerer in Liebe! Kehre nicht nach Paris zurück, Zephanja; es wird Dich vor Kummer ſchützen, wenn Du dieſem Rathe folgſt. Weiteres darüber zu äußern iſt unnöthig. Sollte 1 ſich Dir in dem fremden Lande die Gelegenheit bieten, die Gattin eines braven Mannes zu werden, ſo laſſe ſie nicht ungenutzt vorübergehen. Es gibt nichts Traurigeres in der Welt als das Loos eines einſam unter den Menſchen ſtehenden Weibes, deſſen Jugend verrauſcht iſt. Glaube nicht, daß eine ſolche Stellung eine freie, wün⸗ ſchenswerthe ſei, ſie iſt vielmehr ein ſich täglich erneuen⸗ des Unglück.“ Noch mehrere kurze einzelne Sätze, in denen ſich der ſchnell wechſelnde Gedankengang des ſeine Auflöſung vor Augen Sehenden angedeutet fand, ſchloſſen das Schreiben. Wie ſehr dem bald vom Leben Scheidenden die Vor⸗ ſtellung, Zephanja vereinſamt ſich denken zu ſollen, das —— 26 Herz beſchwert haben mochte, ging aus einigen als Nach⸗ ſchrift angehängten Zeilen hervor. Er beſchwor ſie, um ihrer ſelbſt willen die Gelegenheit, eines braven Mannes Weib zu werden, ja nicht zu verſcherzen. Die letzten Worte lauteten:„Mit dieſer Bitte ſtirbt Dein Oheim. Erfülle ſie!“ Zephanja fühlte ſich ſo tief von dem unerwarteten Tode des einzigen, ihre Vergangenheit vom zarteſten Kindesalter an kennenden Freundes und Verwandten er⸗ ſchüttert, daß ſie mehrere Tage ſich nicht von dem auf ſie einſtürmenden Schmerze erholen konnte. Es war ihr nicht anders, als hätte ſie aufs neue ihre Heimat ver⸗ loren; in dem Verſtorbenen baſirte ſich für ſie ja das ſchöne Bewußtſein der Zuſammengehörigkeit mit ihm, ſie waren eines und deſſelben Blutes mit einander, er hatte ihr durch ſeine treue Sorge Vater und Mutter erſetzt und ſein letzter Brief an ſie zeugte von ſeinem Kummer um ihre Zukunft. Das berührte ihr Herz ſo wehe⸗ thuend, daß es aller ihrer geiſtigen Kraft bedurfte, um ſich zu ermannen. Sie kam ſich unſaglich verarmt vor. Die ihr gewordene Erbſchaft hatte keinen Reiz, keinen Werth für ſie. Das todte Geld war ja ohne Seele. Als ſie es über ſich gewann, die ihr mit überſchickte Schatulle ihrer lange ſchon in kühler Erde ruhenden Mutter zu öffnen, entſtrömten ihren Augen die erſten r Thränen in dieſen Tagen und ihre Empfindungen wur⸗ den milder, ſanfter; das auf ihr laſtende ungeheure Weh ſchien wie die harte, ſtarre Eiskruſte eines Gletſchers zu ſchmelzen, von ihren heißen Thränen leiſe verzehrt zu werden. In der kleinen Schatulle fand ſie die beiden Portraits der Mutter und des Oheims als große Me⸗ daillons außerordentlich ſchön und treu auf Elfenbein gemalt in einfache Goldrahmen gefaßt. Als ſprächen ſie zu ihr, ſo ähnlich waren die beiden kleinen Bilder und verſetzten ſie in die Täuſchung, als ſähe ſie die Theuren lebend vor ſich, und daran erhob ſich ihre Seele. Sie wurde ruhiger; die Bilder verbarg ſie als ihr Aller⸗ heiligſtes ſorgſam vor jedem fremden Auge, als würden ſie entheiligt durch das Anſchauen Anderer. Herr Dinglinger hatte ſich in dieſen Tagen harten Schmerzes ihr als ein treumeinender, warmherziger Freund gezeigt und ſie mußte ſich bekennen, daß ſein Be⸗ ſtreben, ſie zu tröſten, ſogar etwas ungemein Rührendes hatte; ſelbſt Elſe, deren derbes Naturell ſonſt nicht in allzu große Weichherzigkeit umſchlug, bewies ihr ihre Theilnahme auf eine Weiſe, die zu Herzen ſprach. Sie ſah ganz ab von ihrer gewöhnlichen Manier, Mamſell Gomel mit Neuigkeiten zu unterhalten und ſagte, wenn ſie kam: „Ich will nur ein Biſſel bei Ihr bleiben und will 28 ganz ſtill ſein!'s iſt immer beſſer, wenn man in ſo großer Traurigkeit Jemand bei ſich weiß, da kommen doch die ſchlimmen Geiſter, wie die Gedanken ſolche ſind, nicht ſo über einen, als wenn man einſam in ſeinen Gram verloren ſitzt.“ Dergleichen richtiges und herzliches Gefühl hatte ſich von Elſe kaum erwarten laſſen. Kurfürſtin Eberhardinens Beſuch beim Hofjuwelier hatte die Beſorgniß eines Verſtoßes gegen die Moral aus dem Herzen der hohen Frau verſcheucht, und ſein un⸗ verhohlen ausgeſprochener Wunſch, Zephanja ſeine Gattin werden zu ſehen, berührte jene ſchwache Seite bei ihr, welche in ihren von ſo vielen ſchmerzlichen eigenen Er⸗ fahrungen doch geläutert ſein ſollenden Anſchauungen von ehelichem Unglück als eine ſehr räthſelhafte Erſcheinung betrachtet werden mußte. Sie beſaß einen ungemein ſtarken, ſie ſehr glücklich machenden Hang, Ehen zu ſtif⸗ ten, obwohl ſich ihr längſt die Ueberzeugung durch die beklagenswertheſten Beiſpiele aufgedrängt haben mußte, daß faſt alle die von ihr mit dem größten Eifer geſtif⸗ teten Ehen abſolut unglückliche geworden waren. Eine der letztern, deren Zuſtandekommen ſie be⸗ ſonders nach Kräften bewirkt hatte, die Verehelichung der ven ihr heißgeliebten, reizend ſchönen und anmuthi⸗ gen Wolfenbüttler Prinzeß mit dem rüden Großfürſten⸗ 29 Thronfolger von Rußland, des Zaaren Peter Sohn, war das traurigſte Beiſpiel aller zum Unglück ausge⸗ ſchlagenen ehelichen Verbindungen, bei denen ſie ihre Hand im Spiele gehabt hatte; nichtsdeſtoweniger war die Verblendung der Kurfürſtin ſo groß, daß ſie ſich dieſer Neigung mit unerſchüttertem Eifer hingab und in des Hofjuweliers Aeußerung, er wiſſe nicht, ob Ze⸗ phanja auf ſeinen Wunſch, den Seine Majeſtät der König allergnädigſt ſogar perſönlich bei ihr zu unterſtützen ge⸗ ruht habe, einzugehen gedenke, einen mächtigen Anſporn fand, die Künſtlerin dazu zu ſtimmen. Dinglinger mußte ſie zu ihr führen. Die hohe Frau fand ſie bei der Arbeit, und das noble Benehmen derſelben, der tiefe, durch die Trauer noch mehr hervortretende Ernſt in den ſchönen regel⸗ mäßigen Zügen Zephanja's, die edle plaſtiſche Ruhe in ihrer Haltung, in ihren Bewegungen waren ganz geeig⸗ net, die hohe Frau für ſie einzunehmen, und was beſon⸗ dern Reiz auf ſie ausübte, das war die ihr allerdings ſeltſam erſcheinende Bemerkung, daß dieſe Künſtlerin ſich gänzlich fern hielt von jener Unterthänigkeit, an die ſie durch alle, die ihr nahten, gewöhnt war. Und doch ſprach nicht das mindeſte Verletzende, keine Ueberhebung in Zephanja's Weſen ſich aus, ja im Gegentheile erleich⸗ terte deren Weiſe der hohen Frau das Beſtreben, dem 6 Umgangston eine gewiſſe Freundlichkeit zu geben, die das Gefühl des ſich gegenſeitig Fremdſeins vollkommen ausſchloß. Ihre Unterhaltung wurde in franzöſiſcher Sprache geführt, da Zephanja im Deutſchen doch noch zu wenig geübt war, um ſich mit Leichtigkeit darin ausdrücken zu können. Der Hofjuwelier war in der Nähe der Thür ſtehen geblieben, um des Befehls der Kurfürſtin, ſie wieder fortzugeleiten, gewärtig zu ſein. Er wurde zu⸗ weilen von ihr ins Geſpräch gezogen, das ſich anfäng⸗ lich nur um die Ciſelirkunſt drehte. Es entging ihm nicht, daß ſich die hohe Frau von Zephanja ſehr ange⸗ ſprochen fühlte und ihr Ton die Färbung einer Herzlich⸗ keit annahm, welche ſichtbar auf jene einen ſehr wohl⸗ thuenden Eindruck machte. „Ich wünſchte Ihrer Zukunft wegen etwas für Sie thun zu können, Mademoiſelle, aber was, was?“ ſprach die Kurfürſtin.„Ich glaube, daß der Gedanke an Ihre Zukunft auch Ihren hingeſchiedenen Oheim ſehr beküm⸗ mert haben mag. Wir wünſchen ja denen, die wir lie⸗ ben, das beſte Glück. Sie ſagten mir, er ſei Ihr ein⸗ ziger Verwandter geweſen.“ „Es iſt ſo.“ „Sie ſtehe demnach allein in der Welt, und das iſt ſchlimm. Man findet nicht leicht Herzen, an die man 834 —.,.— 31 ſich anſchließen kann. Selbſtſtändigkeit iſt gewiß ein wohlthuendes und erhebendes Bewußtſein, aber unſer Geſchlecht iſt nicht darauf angewieſen, einſam auf einer Höhe zu ſtehen, ſondern im Anſchluß an einen Mann ſich und dieſem das Leben zu verſchönern. Ihr Oheim hat ſicher auch den Wunſch gehabt, Sie, das einzige theure Weſen, das er zurückläßt, dem Schutze eines braven Mannes vertrauen zu können. Es würde unmöglich ſein, daß er Sie geliebt haben könne, wenn dieſer Wunſch für Ihr Glück, für Ihre Zukunft ihm nicht in ſeinen letzten Augenblicken vor der ſcheidenden Seele geſchwebt haben ſollte.“ Zephanja war ſo ſehr von dieſer Behauptung er⸗ griffen, daß ſie im unwillkürlichen Drange des in ihr ſo lebhaft berührten Gefühls der Kurfürſtin die Hand küßte. „Was iſt Ihnen, mein liebes Kind?“ „O Madame, Sie ſprachen meines guten Oheims letzte Gedanken aus, ſie galten mir“, ſagte ſie mit leiſer Stimme. „Laſſen Sie mich in ſeinem Sinne handeln, meine Theure, für Ihr Beſtes Sorge tragen“, hob die hohe Frau an.„Betrachten Sie meine Anweſenheit als die mittelbare Folge des Segens für Sie auf ſeinen im Tode erblaſſenden Lippen. Die von uns erfüllten — 2* 32 Wünſche geliebter Todten wandeln ſich ſtets zum Segen für uns. Dieſe Wahrheit iſt heilig. Ihr Oheim würde es als ein Glück betrachtet haben, wenn er gewußt hätte, daß Sie in dem Hauſe eines Mannes geborgen ſind, der Sie achtet und liebt, für deſſen reinen, tadelloſen Cha⸗ rakter ich mit meiner fürſtlichen Frauenehre bürge.“ Zephanja war ſo ſehr überraſcht von dieſer Wen⸗ dung, daß ſie die Küdten. etwas darauf zu entgegnen, verloren zu haben ſchien. Die Kurfürſtin beſaß ſo viel Ehrfurcht Gebietendes ie ſprach mit einem ſo hohen Ernſte, der keinen Zweifel aufkommen ließ, daß ſie ihre Miſſion, hier ein Ehebündniß zu ſtiften, als etwas Gott beſonders Wohlgefälliges betrachte und entſchloſſen ſei,— unter allen Umſtänden ihr Ziel zu erreichen. Ganz gegen ihre ſonſtige Gewohnheit, ruhig und gemeſſen zu ſprechen, gab ſie ſich bei der fortgeſetzten Zuſprache einer immer ſteigenden Wärme der Empfindung hin, und Zephanja konnte ſich der Ueberzeugung nicht ver⸗ ſchließen, daß ſie, wenn ſie je den Wunſch ihres. im Kummer um ihre Zukunſt dahingeſchiedenen Onkels 4 erfüllen wolle, die ſich ihr jetzt bietende Gelegen⸗ heit, einem braven Mann ihre Hand zu reichen, anneh⸗. men müſſe. Sie durfte freilich nicht hoffen, daß ihre Neigung zu ihm jemals eine ſolche poſievolle, ihre Seele ganz er⸗ ——— füllende werden könne, als ihre Liebe zu Charles Sou⸗ biſe geweſen war; aber hatte dieſer ſie beſeligende Rauſch verſchwiegenen Glückes ausgehalten? Nein, er zerſtiebte nicht nur an den ungleichen Standesverhältniſſen, ſondern auch an Charles' Leichtfertigkeit. Wenn die Liebe zwi⸗ ſchen ihm und ihr ein hohes Lied zu nennen geweſen war, ſo glich das ohne jede Leidenſchaftlichkeit zu ſchlie⸗ ßende Band mit dem ſchlichten Bürger einem einfachen Lehrgedicht, das nicht begeiſtert, aber die durch ſein Ver⸗ ſtändniß geläuterte Seele gleichmäßig erwärmt. Zephanja fühlte ſich unerwartet in einen Wirbel von einander widerſprechenden Empfindungen veeſſetzt, unter dem ſie willenlos wurde. Sie hörte Alles, was die Kurfürſtin ſprach, ſie hatte nichts von ihrer Urtheils⸗ kraft verloren, denn ſie mußte ſich bekennen, daß die eindringlichen Reden der hohen Frau nur Wahres ent⸗ hielten; aber es kam zu ſchnell über ſie, der Gedanke an einen Entſchluß trat faſt ſtürmiſch an ſie heran, und das betäubte ſie ſo ſehr, daß ſie allen Widerſtandes bar ſich fühlte und in dieſem Zuſtand von Betäubung ſich nicht zu dem Muthe einer Weigerung aufraffen konnte, als die Kurfürſtin ihre Hand ergriff und ſie in diejenige Dinglinger's, den ſie herbeigewinkt, legte. Als fühle ſie ſich von dem ſchweren Vorwurfe einer Verſündigung durchrieſelt, ſo zuckte Zephanja zuſammen, 3 Carion, König Auguſt. II. “ als ſie aus Dinglinger's Munde den freudevollen Aus⸗ ruf hörte:„Meine theure Verlobte, wie glücklich machen Sie mich!“ „Amen!“ ſagte die hohe Frau. Von einer Ohmacht ergriffen, ſank Zephanja ihm in die Arme. —— 4 d Zweites Kapitel. Nach wenigen Tagen war die Dinglinger'ſche Haus⸗ genoſſenſchaft in Kenntniß von der bevorſtehenden Verän⸗ derung, welche die nothwendige Folge der Verlobung ihres Herrn mit Mademoiſelle Zephanja Gomeles für das Haus und deſſen bisherige Ordnung ſein mußte, und es lag in der Sache ſelbſt, daß die Kunde von dieſem unerwarteten Ereigniß ſehr ſchnell ſich weiter verbreitete. Die Ciſelirerin war ihres zurückgezogenen Lebens wegen zu wenig bekannt, als daß man nicht hätte fragen ſollen: Wer iſt die Glückliche, welche eine ſo gute Partie macht? Es war blutwenig, was man darüber erfuhr. Das einzige Gewiſſe beſtand darin, daß ſie eine Spa⸗ nierin und zugleich eine ſehr geſchickte Künſtlerin ſei und jedenfalls Herr Dinglinger ein außerordentlich gutes Ge⸗ 3* ſchäft mit dieſer Heirath mache, denn aus dem Oberhof⸗ marſchallamte war ausgeplaudert worden, ſie habe eine ungeheuer große Erbſchaft von Paris aus zugeſchickt erhalten. Für einen Hofjuwelier mußte das ſeine Spe⸗ culationen in Edelſteinen unterſtützende große Vermögen ſeiner Zukünftigen vor allem auf ſeine Wahl beſtim⸗ mend eingewirkt haben, das ließ ſich einſehen; aber wie immer der krittelnde Blick Mißgünſtiger Mängel und Schwächen der Beneideten hervorzuſuchen ſich beflei⸗ ßigt, ſo geſchah es auch in dieſem Falle. Daß Zephanja von der Führung eines Hausweſens nichts verſtehe und des Hofjuweliers Kindern keine Mutter ſein werde, dar⸗ über waren die bürgerlichen Frauen, vorzüglich die mit heirathsfähigen Töchtern geſegneten, vollkommen einig. Auch am Hofe fand die Nachricht von der Verlobung des berühmten Goldſchmieds raſche Verbreitung. Die Frau Kurfürſtin, ſehr glücklich über ihre gelungene Cheſtif⸗ tung, hatte ihrem hohen Gemahle perſönlich die Kunde davon mitgetheilt. „Ich gönne meinem wackern Dinglinger das beſte Glück“, antwortete König Auguſt.„Mademoiſelle Ze⸗ phanja Gomeles hat, wie mir ſcheint, alle Urſache, Ihnen, Eberhardine, Dank zu ſagen, denn aus ihrer Vergangenheit müſſen trübe Erinnerungen, vielleicht ſehr ſchmerzliche Enttänſchungen über gehofftes Glück ihre 37 Seele belaſten, wenigſtens verriethen dies einige ihrer Entgegnungen, als ich ihr den Vorſchlag der nun ange⸗ bahnten Verbindung eröffnete, und ich hoffe, ſie wird um ſo mehr bemüht ſein, Dinglinger nach allen ihren Kräften glücklich zu machen.“ Der König liebte es aus leicht begreiflichen Urſachen nicht, mit ſeiner Gemahlin eine längere Beſprechung über das Herz berührende trübe Erinnerungen und ſchmerz⸗ liche Enttäuſchungen zu halten, ſondern lenkte ſehr ge⸗ wandt davon ab, indem er ein Thema aufgriff, das ſie jederzeit ungemein anzog, da es unmittelbar alle Saiten ihres Herzens tönen machte. Er brachte die Rede auf den Kronprinzen, weil er wußte, daß er ſie mit dieſen Täuſchungen unendlich glücklich und ſich vor Vorwürfen von ihrer Seite, wenn er ihr die nackte Wahrheit hätte ſagen wollen, ſicher mache. Mußte auch ſpäter die trau⸗ rigſte Enttäuſchung folgen, ſo hatte ſie bis dahin doch etwas, das ſie erhob und über ſo Vieles ſchweigen ließ, was, zwiſchen ihnen liegend, ihr weibliches Gefühl aufs tiefſte verletzte. Die milde, verbindliche und freundliche Weiſe des Königs hatte die natürliche Folge, daß die hohe Frau ſich heiterer zeigte, als dies je bei einer ihrer frühern Anweſenheiten am Hofe der Fall geweſen, zumal da ihre heimlichen Berichterſtatter ihr einſtimmig verſicherten, daß Gräfin Coſel wirklich passé ſei. Dieſe “ 38 hellere Gemüthsſtimmung der Kurfürſtin bewirkte auch, daß ſie in den noch wenigen Tagen ihres diesmaligen Aufenthalts am Hofe ſehr lebhafte Theilnahme an den bei⸗ den Verlobten durch faſt tägliche Beſuche im Dinglinger⸗ ſchen Hauſe kund gab. Fühlte ſich auch der Hofjuwelier durch dieſe Theil⸗ nahme an ſeinem Glück ungemein befriedigt, ſo koſtete es ſeiner Verlobten doch viel Anſtrengung, ſich ſo zu beherr⸗ ſchen, daß der Zwieſpalt in ihrem Gemüthe nicht offen⸗ bar wurde. Obwohl ſie ſich nicht gegen die Ueberzeugung verſchließen konnte, daß die Kurfürſtin mit wahrhafter Freude hoffte, zwei Herzen zu einem Glücksbunde ver⸗ einigt zu haben, ſo empfand ſie doch vor ihr eine Furcht, die ſich nicht niederkämpfen ließ, und ſie war im Stillen froh, als ihre Abreiſe von Dresden dieſe Be⸗ ſuche endigte. Zephanja fühlte ſich wegen des Zwieſpalts in ihrem Innern außerordentlich beſtürzt. In ihr regten ſich heftig mit einander kämpfende Gewalten und Stimmen. Die Vernunft ſagte ihr, daß ſich für ſie keine beſſere Gelegenheit bieten konnte, ihre Zukunft zu einer ehrenvoll geſicherten zu machen, als die Verbindung mit dem Hof⸗ juwelier; ſie ſagte ihr, daß die ruhige Zuneigung dieſes Mannes zu ihr eine höchſt achtbare ſei und gewiß Hun⸗ derte von Jungfrauen ſich glücklich ſchätzen würden, von — 39 dieſem Manne geliebt und zu ſeiner Lebensgefährtin er⸗ wählt worden zu ſein. Hatte ſie ein höheres Glück zu hoffen, als eine ſo ehrliche Liebe eines von Jedermann hoch⸗ geachteten Mannes ihr bot? Ihr Verſtand widerlegte es. Ihres verſtorbenen Onkels Wunſch war erfüllt, wenn ſie, dies Glück erkennend, es zur feſten Stütze ihrer Zukunft machte, und doch, es war ſeltſam genug, überwog eine aus ihrem Herzen nicht weichen wollende Scheu vor dieſer Verbindung den Ausſpruch ihres Verſtandes um ein Bedeutendes und erneute den Kampf mit ſtets größer werdendem Vortheile. Lag dieſe Scheu darin, daß der Hofjuwelier bereits das vierzigſte Lebensjahr angetreten hatte? Nein. Wenn auch nicht zu den durch friſche Jugend ſich empfehlenden Männern zählend, ſtellte ſich ſeine Perſönlichkeit doch als die eines mit nicht unangenehmem Aeußern begabten Mannes dar, ſeine Umgangsweiſe baſirte auf einer durch guten Unterricht und ſteten Verkehr mit hochſtehenden Perſonen erworbenen Bildung. In ſeinem Weſen trat das biedere, freundliche Gemieth ſeiner ſchwäbiſchen Landsleute, natür⸗ lich veredelt im Ausdruck, ſehr merkbar hervor; Leiden⸗ ſchaften ſchien er fremd zu ſein, wenn nicht der ihn be⸗ ſeelende Ehrgeiz, möglichſt Kunſtvolles in ſeinen Arbeiten zu leiſten, ihm als Leidenſchaft angerechnet werden mochte, und mit dieſem Drange, Schönes zu geſtalten, verband 1 ſich bei ihm eine Begeiſterung, die keineswegs einer leben⸗ digen Phantaſie entbehrte. Aber dieſe blieb immer im Bereich einer Gemeſſenheit, melche höhern Gedanken⸗ ſchwung hemmte, ihm gleichſam ſtarre Schranken zog. Zephanja erinnerte ſich unwillkürlich an Charles Soubiſe. Seine Begeiſterung für Schönes und Erha benes riß ungeſtüm mit ſich fort, in ſeinen Phantaſien lag Glut der Empfindung, und wenn ſie mancher mit ihm verlebten Stunden gedachte, durchſtrömte ſelbſt noch die Erinnerung daran ihr Denken, ihr Herz mit Wärme. Das fehlte ihrem Verlobten gänzlich. Aus Allem, was er ſprach und that, erkannte ſie wohl, daß er ſie aufrich⸗ tig liebte, er überhäufte ſie mit Aufmerkſamkeiten aller Art und doch fühlte ſie ſich nicht zu ihm gezogen. Be⸗ reitwillig war er darauf eingegangen, daß ſie ihrem Onkel ein Trauerjahr widme. Ein leidenſchaftlich lieben⸗ der Verlobter würde heftigen Widerſpruch gegen dieſe lang hinausgedehnte Trauerfriſt erhoben haben, Herr Dinglinger entgegnete lächelnd:„Ich hoffe, meine Theure, Sie werden ſich bewogen finden, ſelbſt dieſe Zeit abzu⸗ kürzen.“ Der Zwieſpalt in ihr war durch keinen auch mit noch ſo vielem Ernſte gefaßten Vorſatz, mit voller Hin⸗ gabe die Seine werden zu wollen, niederzukämpfen, und doch fühlte ſie, wie ſie dem ehrenwerthen Manne die — 41 höchſte Achtung und Schonung ſeines Zartgefühls ſchuldig ſei. Sie ſah ſich gezwungen, eine Täuſchung feſtzuhalten, für die ſie zwar keine Rechtfertigung fand, gewiſſermaßen aber eine Entſchuldigung vor ſich ſelbſt. Sie hoffte nämlich, im Laufe des ihr ſo bereitwillig zugeſtandenen Trauerjahrs anderer Anſchauung zu werden. Wenn ſie ſich wie ermüdet und abgeſpannt von dieſem Kampfe gegen ſich ſelbſt fühlte, öffnete ſie die in einem Fache des Werkbretes wohl verborgen ſtehende Scha⸗ tulle ihrer Mutter. War es doch, als fließe ihr aus dieſem theuren Andenken eine Beruhigung zu, welche wohlthätig die feindlichen, ſie ſo ſehr beunruhigenden Gewalten zum Schweigen zwänge. So glaubte ſie we⸗ nigſtens, obwohl dieſer Zauber jedenfalls nur in der Zerſtreuung ſeinen Grund hatte, die durch den Anblick dieſes Erbſtücks jederzeit bei ihr bewirkt wurde. Ihr Gedächtniß war ſcharf, bei einiger Anregung erinnerte ſie ſich genau an viele kleine Einzelnheiten aus ihren Kin⸗ derjahren. Eine dieſer Erinnerungen war ihr vor all den andern lebhaft in der jungen Seele geblieben. Kurze Zeit vor dem Tode der Mutter war ſie mit dieſer, die ſchon krank lag, allein geweſen, hatte bei ihr auf dem Bettrande geſeſſen und mit ihren Kinderhänden deren linke Hand umſpannt, während dieſe mit einem Blicke unendlicher Liebe an ihr hing. Aber dieſer Blick unſaglicher Freude ging unerwartet in einen offenbar traurigen, ſchmerzlichen Ausdruck über, ein paar große Tropfen perlten an den Wimpern der Kranken. Plötzlich zog ſie die Kleine mit großer Heftigkeit an ſich. Ze⸗ phanja war erſchrocken über dieſes Gebaren, ſie fing an zu weinen.„Sei ſtill, mein Kind, ich habe Dich nicht erſchrecken wollen; ich habe Dich ja ſo lieb, ſo lieb, daß es mir großen Schmerz macht, Dich verlaſſen zu ſollen“, ſagte die Kranke.„Geh, hole mir mein Käſtchen.“ Zephanja gehorchte.„Das iſt Alles Dein“, redete die Vorige weiter, nachdem ſie aus der Schatulle ein genau in dieſelbe paſſendes Käſtchen herausgenommen und es geöffnet hatte. Es enthielt kleine Schmuckgegen⸗ ſtände, unter ihnen mehrere Ringe. Zephanja ſchob im kindiſchen Spiele die mit blitzenden Steinen beſetzten Reifen an ihre kleinen Finger.„Die paſſen mir nicht“, ſagte ſie.„Später werden ſie es, mein Kind, glaube mir das.“ Einer der Ringe fiel zu Boden. Als ihn Zephanja aufgehoben, betrachtete ihn die Mutter eine lange Zeit unverwandt, dann ſprach ſie einige Worte leiſe vor ſich hin und küßte ihn.„Iſt er ſo viel werth?“ fragte die Kleine.„Ja, für mich und“— Ihr Auge wandte ſich nach dem Kinde, aber ſie ſprach nichts weiter. „Laß mich ihn auch beſehen“, bat Zephanja. Die andern — ——— waren viel ſchöner, ihre Steine blitzten und funkelten, dieſer der Mutter ſo liebe hatte gar keinen. Es war ein einfacher, breiter geriefter Reif mit einem Herzen als Kapſel, deren Boden ſich mittels eines Charniers öffnete. „Die ſind viel ſchöner“, meinte die Kleine. Erſt in ſpäteren Jahren kam ihr ein beſſeres Ver⸗ ſtändniß. Wie die Schatulle ſelbſt durch die ſchön ein— gelegte Arbeit, die Silberzierrathen ſich als ein aus der mauriſchen Glanzzeit herrührendes Erbſtück auf den erſten Blick verrieth, und Zephanja wußte ja, daß es in der Familie Gomeles feſtſtehender Grundſatz war, daß ſich deren Söhne nur mit Töchtern von Familien mauriſcher Abkunft verehelichten— ihre Mutter gehörte einer ſolchen an— ſo waren jedenfalls auch die blitzenden Edelſtein⸗ ringe heilig gehaltene Andenken aus jenen lange ver⸗ ſchwundenen Tagen der mauriſchen Herrſchaft. Die For⸗ men der Steinfaſſungen waren meiſt halbmondförmig, nur ein paar zeigten die Sternform. Ein Gehänge, die Stelle einer Broche vertretend, das, mit zwei goldenen Nadeln eingeſteckt, das Oberkleid mauriſcher Frauen zu⸗ ſammenhaltend auf dem Buſen ruhte, hatte ebenfalls die Halbmondform. Onkel Gomeles erkannte dieſe Gegenſtände als Reli⸗ quien aus jener entſchwundenen Zeit der Größe und des Ruhms ſeines Volkes. Welchen Werth der einfache Goldreif mit der Herzkapſel für ihre Mutter gehabt haben könne, wußte er nicht. Im Innern des Reifs ſtanden die Worte in franzöſiſcher Sprache: Mon coeur est pour vous. Zephanja ſagte ihm, die Mutter habe den Ring geküßt; der Onkel zuckte die Achſeln und meinte, das deute nur darauf hin, daß er für ſie den hohen Werth eines lieben Andenkens gehabt habe; übri⸗ gens ſei der Ring jedenfalls nicht ſpaniſche Arbeit. Zephanja war wenig befriedigt von dieſem Urtheil, jedoch der Ring verlor dadurch nicht in ihren Augen. Was der Onkel nicht bemerkt hatte, erblickte ſie. In der nach unten gekehrten Seite der Herzkapſel fand ſie ein Zeichen, wie eine Art Wappen geformt. Deutlich waren ein paar gekreuzte Schwerter, die Spitzen abwärts ge⸗ richtet, darin zu erkennen. War dies das Zeichen des Goldſchmieds? Dieſe Frage blieb beiden natürlich unbeantwortet. Das genau das leere Viereck der Scha⸗ tulle ausfüllende Schmuckkäſtchen war, wie ſchon erwähnt, herauszunehmen und bildete, da es einen Deckel beſaß, ein zu jedem andern beliebigen Gebrauche zu verwenden⸗ des Käſtchen, das, von gleicher ſchöner Arbeit, mit Sil⸗ berzierrathen ausgelegt, wie die Schatulle ſelbſt als Zier überall hingeſtellt werden konnte. Als Zephanja die Schatulle von Paris erhielt und ſie öffnete, fand ſie nach Herausnahme des Käſtchens, 45 auf dem die beiden Portraits lagen, auf dem Boden des leeren Raums ein nur wenig ſchmäleres und kürzeres kleines Buch liegen. Durch die im hohlen Viereck vorſte⸗ henden, kaum bemerkbaren Leiſten, auf denen das Schmuck⸗ käſtchen ruhte, war das darunter liegende Buch vor jedem Druck geſichert. Zephanja kannte es aus ihrer Kindheit, ſie hatte es einigemal in ihrer Mutter Händen geſehen. Onkel Gomeles, der es ebenfalls kannte, hatte es als ein Buch bezeichnet, in welchem Sprüche arabiſcher Wei⸗ ſen auf dünne Pergamentſtreifen in arabiſcher Schrift geſchrieben ſtänden. Es war von hohem Alter, dem An⸗ ſchein nach viel gebraucht, denn ſeine Blätter hingen nur noch loſe beiſammen; der genarbte, mit arabiſcher Gold⸗ ſchrift bezeichnete Einband war durch ſein Alter ſo un⸗ ſcheinbar geworden, daß von der Goldſchrift nur noch Spuren zu bemerken waren. Nach der Mutter Tode hatte der Onkel es in der erwähnten Lage, als er das Schmuckkäſtchen herausgenommen, am Boden der leeren Schatulle bemerkt und zu Zephanja geſagt:„Laſſen wir es ruhig da liegen. Sie hat es ſelbſt hineingelegt und ihr Wille ſei von uns geehrt. Sie wollte, da es auch zu den Reliquien ihrer alten Familie gehörte, es wahr⸗ ſcheinlich vor gänzlicher Zerſtörung ſchützen.“ Und das war die Urſache, daß Zephanja auch jetzt es unberührt liegen ließ. Die Bildniſſe der Mutter und — 46 des Onkels waren für ſie das Wichtigſte, nicht der In⸗ halt des Schmuckkäſtchens ſelbſt, denn nie hatte ſie einen der Ringe an den Fingern der Mutter geſehen. Wenn ſie auch dann und wann den Deckel aufſchlug, ſo war es immer nur ein Blick der Pietät für das einſtige Eigen⸗ thum der ſo frühzeitig ihr Entriſſenen, den ſie auf dieſe Werthgegenſtände warf; ebenſo wenig prickelte Neugier an ihr, das ihr bekannte alte Büchlein ſeiner geborgenen Lage zu entziehen. Sie hätte es nur anſehen können, denn deſſen Inhalt wäre ihr doch unverſtändlich ge⸗ blieben. Aber aus den beiden Bildern wehte es ihr wie Troſt entgegen, dieſe Beiden hatten ſie mit voller Seele geliebt. Das wußte ſie und dies flößte ihr jene Beruhigung ein, die für ſie eine Wohlthat war. Nichtsdeſtoweniger blieb die Furcht vor der ihrer harrenden Zukunft ungemindert in ihrem Herzen. Da traf es ſich, daß Elſe, welche ſehr große Freude darüber empfand, daß Mamſell Gomel ihre Frau Hof⸗ juwelierin werden ſollte, einmal auf das ihr ſehr geläufige Redekapitel von der Weiſſagungsgabe ihrer Großmutter gerieth. „Ja, wer die Zukunft kennen ſollte!“ äußerte Zephanja ſchwer aufathmend. „Das kann Ihr doch keine Sorge machen, liebwer⸗ ——— 47 theſte Mamſell Gomel“, meinte Elſe.„Gehe Sie nur einmal mit zur Großmutter. Da wird Ihr der Glaube ſchon in die Hand kommen, daß die mehr weiß als an⸗ dere Leute. Und erfahren wird's auch Niemand. Der Herr Hofjuwelier iſt nach Leipzig kutſchirt, von wo er in vier, fünf Tagen erſt zurückkommen kann, denn anderthalb Tage hin, anderthalb Tage her, wenn Alles gut geht, macht allein ſchon drei Tage aus und die Geſchäfte wollen doch auch ihre Zeit haben. Er iſt ſchon manchmal ſechs, ſieben Tage ausgeblieben. Wenn's dunkel geworden iſt, hole ich Sie ab, liebwertheſte Mamſell; keine Men⸗ ſchenſeele ſoll uns ſehen. Und weit iſt's auch nicht, wo die Großmutter wohnt.“ Zephanja kämpfte mit dem Entſchluſſe, auf dieſen Vorſchlag einzugehen.„Es dürfte doch auffallen, wenn man kein Licht in meiner Wohnung ſieht“, äußerte ſie. „Da läßt ſich ſchon helfen“, ſagte Elſe.„Die Lampe voll Oel laſſen wir brennen, damit iſt Alles abge⸗ macht.“ „Aber—“ „Thut Sie doch, als ging's an Kopf und Kragen!“ rief Elſe lachend.„Es bleibt dabei, ich hole Sie ab, und Furcht braucht Sie nicht zu haben, liebwertheſte Jungfer Gomel. Wenn ich bei Ihr bin, iſt Sie ſicher vor aller Gefahr.“ 48 Elſe erſchien wirklich, als das tiefere Dunkel des Januarabends hereingebrochen war. Der etwas heftig wehende Wind hatte die Gaſſen und den Altmarkt faſt menſchenleer gemacht. „Schade, daß mein Jürg erſt um neun Uhr Feier⸗ abend machen kann, ſo lange bleibt nämlich der Laden auf. Er möchte ſich's gewiß zur größten Freude rechnen, der liebwertheſten Mamſell Gomel ein reſpectabler Be⸗ gleiter zu ſein“, ſagte Elſe, und in der Erinnerung an ihren Jürg ſehr glücklich ſich fühlend, erzählte ſie der von ihr Begleiteten, daß beſagter Jürg bei einem Monſieur Laborde franzöſiſchen Sprachunterricht genommen und, wie er ihr geſagt habe, verzweifelte Fortſchritte mache. Ihm fehle es nur an Gelegenheit, mit franzöſiſchen Leuten zu⸗ ſammenzukommen und ſich üben zu können. Nach einer Weile ſtieg ein außerordentlich geſcheidter Gedanke in ihr auf, und da derſelbe ganz wunderbar mit ihrer guten Meinung für Zephanja und ihrer Neigung zu Jürg zu⸗ ſammenſtimmte, ſo fand ſie ſich veranlaßt, ihn ſogleich auszuſprechen. Die an ihrer Seite Dahinſchreitende fühlte ſich plötzlich von ihr im Gehen zurückgehalten. „Iſt Ihr etwas?“ fragte Zephanja überraſcht von dem unerwarteten Halt. „Freilich, liebwertheſte Mamſell Gomel, freilich. Meint Sie nicht, daß es meinem Jürg ſehr nützlich ſein „ã„ã ——;ʒ—:— 49 könnte, wenn er ſo hin und wieder mit Ihr franzöſiſch parliren dürfte. Der Herr Hofjuwelier würde am Ende nichts dagegen haben, denke ich, und—“ Ehe Elſe ganz den ihr ſehr wichtigen Gegenſtand ins Klare bringen konnte, hörte ſie eine dünne Stimme neben ſich ſprechen:„Das iſt ja wohl die Jungfer Elſe? Hör's an der Stimme. O, Sie kenne ich unter Tau⸗ ſenden heraus! Sie geht ſcharf ins Zeug, wenn Sie ins Reden kommt.“ „Sieh mal, der Krümel⸗Schneider! Wo will Er denn hin?“ „Nach Hauſe, Jungfer Elſe. Und Sie?“ „Auch dahin, wohin Ihn ſein Weg führt, die Frau Großmutter beſuchen.“ „Das iſt wohl eine gute Freundin von Ihr?“ fragte der kleine Mann neugierig, nachdem er einige Male den Hals ausgereckt hatte, um die an Elſe's rechter Seite Gehende genauer ſehen zu können. „Ja“, gab die Gefragte kurz zur Antwort. Der Krümel⸗Schneider ſchwieg einige Minuten, unter⸗ deß ſie über den Altmarkt zwiſchen Budenreihen hin⸗ ſchritten. Als ſie daraus hervortraten, fand ihr Beglei⸗ ter ſchnell einen Anknüpfungspunkt zur Unterhaltung, denn wie ſeine Hand beim Nähen, war auch ſein Mund⸗ werk unermüdlich.„Wie hübſch das ausſieht!“ ſagte er, Carion, König Auguſt. II. 4 ——— 50 auf die den weiten Marktplatz begrenzenden hohen Häuſer zeigend.„Ueberall Licht, faſt aus allen Fenſtern. Sehe ich fürs Leben gern, kommt mir immer wie der heilige Chriſtabend vor, wenn die Lichterbäume brennen. Wo denkt die Jungfer wohl, daß ich herkomme?“ „Er hat wahrſcheinlich Arbeit weggetragen.“ „Das gerade nicht; unſereiner arbeitet für Seiner königlichen Majeſtät Stall, da kommen die Leute meiſt ſelbſt und holen ihre Sachen;'s geht Alles ins Große jetzt bei mir, keine Einzelklepperei mehr.“ Herr Krümel hatte dies mit gehobener Stimme geſprochen, denn für ihn lag in der Charge eines königlichen Stallſchneiders ein ſeinem Dünkel außerordentlich ſchmeichelndes Bewußt⸗ ſein. Da Elſe nichts dazu ſagte, redete er weiter:„Sie kennt ja wohl die Nitzſchold'ſchen Leute?“ „Verſteht ſich; genauer freilich nicht, nur ſo, wie man viele Leute in der Stadt dem Namen nach kennt.“ „Ganz recht, ganz recht. Nun, die Sabine Nitz⸗ ſchold iſt jetzt wieder bei der Frau Mutter zu Hanſe.“ „Ich kenne ſie nicht.“ „Kann mir's denken. Damals, als die Sabine zur durchlauchtigſten Frau Kurfürſtin kam, war Sie, Elſe,'n Mädel von kaum zehn Jahren.“ „So? Nun, da geht mich Seine Erzählung eigentlich — gar nichts an.“ 1 „Sie ſelber nicht; aber den Jürg Weber geht ſie etwas an.“ „Den Jürg? Wie denn das?“ „Will ich Ihr ſagen. Die Nitzſcholds ſind Baireuther und kamen als verheirathete Leute mit der durchlauchtig⸗ ſten Frau Kurfürſtin hier an, als unſers jetzigen Königs Majeſtät Allerhöchſtſie als Bräutigam heimgeführt hatte. Das war Anno dreiundneunzig— ich weiß es noch wie heute, denn ich hatte in dem Jahre zum erſten Male ge⸗ heirathet und wohnte damals auf der Webergaſſe mit den Nitzſcholds in einem und demſelben Hauſe. Ein paar Jahre vergingen, da kam der Nitzſchold aus dem Dienſt, weil, wie man ſich zuflüſterte, er ſeiner durch⸗ lauchtigſten Frau Kurfürſtin Verſchiedenes von Aller⸗ höchſtdero Gemahl verrathen habe, was einen großen Spectakel verurſachte; der allergnädigſte Herr beſtand darauf, daß der Nitzſchold ſeine Stellung als Kämmerier verlaſſe. Ein Jahr ungefähr darnach kaufte der Nitz⸗ ſchold die Weintraube gleich nebenan, und auch ſeine Frau verließ nun den Dienſt als Kammerfrau bei ihrer Frau Kurfürſtin. Die Weintraube kam unbändig in die Höhe, weil Wirth und Wirthin auf dem Zeuge waren und Niemand ſchnellten. Aber wie es ſo manchmal ſchlimm zu gehen pflegt, kaum vier Jahre ſpäter ſtarb Nitzſchold. Das war ein harter Schlag für die Frau, die Gaſthofs⸗ 4* ——— ſorge auf dem Halſe, und ihr Töchterchen, die Sabine, war damals noch ein junges Ding von kaum fünfzehn Jahren, auf das noch kein Verlaß war.“ Der Krümel⸗Schneider, der mit ſeinen beiden Beglei⸗ terinnen eben an der offenen, im Innern erleuchteten Halle des intermiſtiſchen Rathhauſes an der Schreiber⸗ gaſſenecke vorüberging, krähte ſeinem Gevatter Froſch, den er als Wachtmann darin auf und ab ſchreiten ſah, mit ſeiner dünnen Stimme einen guten Abend zu und würde ſich jedenfalls mit dieſem vortrefflichen Freunde in eine Unterhaltung über ſehr wichtige Dinge eingelaſſen haben, wenn Elſe mit Zephanja nicht energiſch fort⸗ geſchritten wäre, wodurch er die Genugthuung verloren hätte, ſeine Erzählung zu Ende zu ſpinnen. „Auf ein ander Mal, Gevatter Froſch. Gute Wacht!“ Nach dieſen in Eile jenem zugerufenen Worten hüpfte er den Beiden ſchnell nach und konnte ſich nicht enthalten, Elſe die ſehr bedeutungsvolle Aeußerung zum Anhören zu geben, daß ſie einen ungewöhnlichen Schritt am Leibe habe. Da Elſe ihm nicht darauf antwortete, nahm er den abgeriſſenen Faden ſeiner Erzählung wieder auf. „Die alte Nitzſchold iſt ein kluges Weibsbild, und ſo führte ſie die Bewirthſchaftung des Gaſthofs fort. Die dadurch auf ihr liegende Laſt vereinfachte ſie, indem ſie das zweite Stockwerk an den alten Geheimrath von 8 53 Reiſewitz, der ſeiner großen Kränklichkeit wegen, um die Hülfe der Aerzte nahe bei der Hand zu haben, von ſeinem Freigut am Plauenſchen Grunde hereinzog, feſt vermiethete. Das ging ſo ein paar Jahre recht gut fort. Unterdeß war Sabine ein wunderhübſches Mädchen ge⸗ worden, und wenn ſie mit ihrer guten Freundin, der Fiekchen Weber zuſammen war— die Beiden hingen wie Kletten aneinander— wußte man nicht, von welcher man ſagen ſollte, daß ſie ſchöner ſei.“ „Fiekchen, des Archivars Tochter? Das iſt ja die Schweſter von Jürg geweſen“, ſprach Elſe, und die von ihr Zephanja zugeraunte Bemerkung:„Wir können nun ein wenig langſam gehen, wir ſind nicht weit von der Großmutter Haus“, bewies, daß des Krümel⸗Schneiders Erzählung ſie zu intereſſiren beginne. „Ganz recht, des Archivars Tochter. Die Fremden waren ganz des Teufels auf die beiden hübſchen Mädel, aber Mutter Nitzſchold wußte ſich ſchon Reſpekt zu ver⸗ ſchaffen. Da hätte ich's Keinem rathen mögen, ſich was gegen die Schicklichkeit zu erlauben. Der Ge⸗ heimrath im zweiten Stocke war ein Stück Werwolf, ein alter geiziger Iſegrimm, hatte nur einen Bedienten und ſeit einem Jahre einen jungen Menſchen bei ſich, den ihm ſein naher Verwandter, der hochgräfliche Prom⸗ nitzſſche Director, als Secretarius zugeführt hatte. Mit —,— —ᷓ 8 54 dem Gehalte, den er vom Geheimrath bezog, mocht's traurig ausſehen, denn an Geld fehlte es dem Heinze immer, aber dabei war er ein hübſcher junger Mann, der auf Schulen geweſen und von was zu reden wußte. Bei Mutter Nitzſchold hatte er einen guten Stand. Wenn ein in der Weintraube einkehrender Fremder etwas Schriftliches bei einer Behörde einzureichen hatte, wußte ſie es dem Heinze zuzuwenden. Das aber dachte ſie nicht, daß der junge Mann auch bei ihrer Sabine einen 9 4 guten Stand, natürlich ganz insgeheim, gewonnen habe. Nach kurzer Pauſe hob Meiſter Krümel wieder an: „Da kam ein junger Herr, ein Junker von Oertzen aus Sorau, ein Verwandter des alten Geheimraths, und blieb bei dem. Wie's ſo zu gehen pflegt, der Junker verliebte ſich in die ſchöne Fiekchen Weber und dieſe in ihn. Sabine begünſtigte das heimliche Verhältniß. Was geſchehen iſt, weiß die Jungfer Elſe. Das ſchöne Fiekchen ging mit dem Junker in derſelben Nacht durch, als man den alten Geheimrath am Abend mit großem Pomp be⸗ graben hatte. Heinze, welcher von dem alten Geizhals nur mit einem ſehr dürftigen Legate bedacht worden, wollte, wie er vorgab, nach Freiberg reiſen, um dort eine ihm angetragene Stelle anzunehmen. Die Nitzſchold aber überraſchte ihr Sabinchen zur Nachtzeit, als ſie mit einem großen Bündel mit ihm entfliehen wollte.“ ; „Die Sabine?“ „Ja, die Sabine. Das gab gewaltigen Spectakel. Mutter Nitzſchold hatte faſt den Tod davon, als es ſich herausſtellte, warum die Sabine fortgewollt. Sie verſteht wohl, Jungfer Elſe, was ich meine? Es wurde vertuſcht, natürlich— die Sabine wäre für immer be⸗ ſchimpft geweſen. Ein Jahr ſpäter kam ſie durch Ver⸗ wendung ihrer Mutter zur durchlauchtigſten Frau Kur⸗ fürſtin in Dienſt. Ich glaub's aber nicht, daß die durch⸗ lauchtigſte Frau erfahren, welches ſchweren Fehltritts die Sabine ſich ſchuldig gemacht hat.“ „Aber was hat der Jürg mit dieſer Geſchichte zu ſchaffen? Ich ſeh's nicht ein.“ „Hm, hätte es vielleicht nicht ſagen ſollen. Das war dumm.“ „Was denn? So rede Er doch. Jetzt will ich's gerade wiſſen“, drängte Elſe, die ſtarke Anwandlung von Eifer⸗ ſucht verſpürte. „Na, der Jürg verkehrt bei Nitzſcholds. Da weiß Sie's nun. Mir iſt's aufgefallen.“ Zum Weiterreden war keine Zeit mehr, denn ſie hatten das Haus erreicht. Elſe fühlte ſich ungemein angeregt. Was hatte der Jürg bei Nitzſcholds zu thun? Die alte kranke Frau konnte nichts Anziehendes für ihn haben, das lag am Tage; alſo mußte es nur Sabine —— 56 ſein, der zu Gefallen er ging. Bei ſo lebhaftem Na⸗ turell, wie das Elſe's, bilden ſich Vermuthungen außer⸗ ordentlich leicht, und ehe Elſe noch mit Zephanja in die Wohnung der Großmutter eintrat, durchloderte ſchon ein heftiger Zorn über Jürg's Untreue ihr Herz. Eine fremde Dame ſei eben bei der Großmutter, hatte das ihnen die Thür öffnende Mädchen geſagt. Sie warteten alſo in einem kleinen Stübchen neben dem Vor⸗ ſaale. Zephanja fühlte ſich durchaus nicht aufgelegt zum Sprechen, ſie war gewiſſermaßen in Beſtürzung wegen der Urſache ihres Beſuchs in dieſem Hauſe. Der Ge⸗ danke, ſich einem lächerlichen Aberglauben in die Arme werfen zu wollen, trieb ihr Scham ins Herz. Sie fühlte ihre Wangen glühen. Das war nicht die Schärfe des kaltwehenden Windes, nicht die Folge des ungewohn⸗ ten raſchen Ganges, ſondern der Ausdruck richtigen Ge⸗ fühls, einer Thorheit ſich hinzugeben, die von vernünftig Denkenden mindeſtens belächelt werden würde. Dieſes keineswegs erfreuliche Denken machte Zephanja wortkarg. Der Wunſch, ſich noch jetzt der Weiſſagungsgabe der Großmutter Elſe's zu entziehen, ſtieg ſehr lebhaft in ihr auf, aber wie ſollte ſie das bewirken? Unerwartet kam ihr ein Ereigniß dabei zu Hülfe. Ein lebhaftes ängſtliches Rufen drang aus der Stube, — —;,— —,j 57 in der ſich die Großmutter und die fremde Dame be⸗ fanden, durch den engen Vorſaal in Elſes und ihrer Begleiterin Ohr. Die Stimme des Mädchens hörten ſie gleich darauf in den Worten:„Herr Gott, was iſt denn geſchehen?“ im Vorſaal. Die jenſeitige Stuben⸗ thür wurde aufgeriſſen und eine fremde weibliche, ſehr energiſch und gebieteriſch klingende Stimme rief:„Friſches Waſſer! Raſch! Die alte Frau iſt umgefallen, ohnmächtig. Raſch, raſch!“ Es bedurfte eben nur dieſer Worte, um Elſe ſofort in Bewegung zu ſetzen. Außer ſich ſtürzte ſie durch den Vorſaal nach jener Stube, und die erſchrocken zurück⸗ bleibende Zephanja hörte ſie dort aufſchreien:„Ach, um Gotteswillen, Großmutter!“ Was war geſchehen? Elſe hatte von ihrer Groß⸗ mutter als von einer hochbetagten Frau geſprochen— ſollte dieſe vielleicht plötzlichem Tode erlegen ſein oder im Sterben liegen? Beides war ja ſehr leicht möglich. Angſterfüllt, daß ſie gerade jetzt in dieſem Hauſe ſich be⸗ finden mußte, trat Zephanja in den Vorſaal hinaus. Die jenſeitige Stubenthür war in der Verwirrung offen gelaſſen worden. Sie konnte hineinſehen. Zwei Kerzen brannten auf dem in der Mitte ſtehenden Tiſche. Ein hohes weißes Trinkglas, zur Hälfte mit einer molken⸗ artigen weißen Flüſſigkeit gefüllt, ſtand dabei. Zwiſchen e— 58 den Kerzen hindurch ſah Zephanja die Matrone mit leichenfahlem Geſicht und geſchloſſenen Augen, den Kopf ſeitwärts an die Lehne ihres Polſterſtuhls geneigt, wie eine Todte liegen. Elſe und das Mädchen waren emſig beſchäftigt, ihr Stirn und Schläfe mit kaltem Waſſer zu reiben. Seitwärts des Tiſches erblickte Zephanja eine Dame, deren Geſicht auf dieſe drei Perſonen gerichtet war, ſo⸗ daß ſie es nicht ſehen konnte, doch ihre freiſtehende Geſtalt zeigte einen prachtvollen, majeſtätiſchen Wuchs. Betäubt von der Ueberraſchung dieſes Vorkommniſſes war die Ciſelirerin an die offene Thür der Stube getreten, ſie bedurfte dazu nur weniger Schritte. Das dadurch ver⸗ urſachte leichte Geräuſch bewog die Dame, ſich um⸗ zuſehen. Zephanja trat unwillkürlich, von Erſtaunen ergriffen, einen Schritt zurück. Welche Schönheit eines Frauenantlitzes! Sie glaubte eine Königim vor ſich zu ſehen; es war der Ausdruck des Großen und Erhabenen, eines Heroismus in ihrem Aeußern, der ſich aufs wunderbarſte mit dem Liebreize weiblicher Anmuth in ihr vereinte. Der weiße Teint, die fein gebildete Naſe, der kleine purpurrothe Mund, den ſie jetzt wie erſtaunt von Zephanja's Anweſenheit, in der ſie wohl auf den erſten Blick die Fremde in 59 dieſem Hauſe erkannt haben mußte, etwas geöffnet hatte, durch welchen Zufall ſich zwei glänzend weiße Reihen kleiner Zähne, dicht wie Perlen aneinander gereiht, zeigten, und vor allem die großen ſchwarzen ſtrahlenden Augen— Alles wirkte harmoniſch zuſammen, das Antlitz der Dame als ein vollendet ſchönes erſcheinen zu laſſen. Nach wenigen Sekunden trat ſie der an der Thür Stehenden einen Schritt näher mit der in franzöſiſcher Sprache an ſie gerichteten Frage:„Wer ſind Sie?“ „Zephanja Gomeles“, lautete die Antwort, die jeden⸗ falls nicht erfolgt wäre, wenn die ſie Leiſtende nicht ſo ſehr von dem übermächtigen Eindruck, den die vor ihr ſtehende majeſtätiſche Erſcheinung auf ſie äußerte, ſich ein⸗ genommen gefühlt hätte. Eine ſehr kurze Pauſe folgte. Die Dame in der Stube ließ prüfend den Blick über ihr Gegenüber hin⸗ ſchweifen. Die ſchwarze Kleidung Zephanja's gab ihr bei ihrem ein wenig gebräunten Teint allerdings etwas Düſteres, die Mantille, die ſie nach ſpaniſcher Art trug, glich indeß dieſe nicht beſonders empfehlende Eigenſchaft ihres Aeußern durch die Fremdartigkeit dieſes Kleidungs⸗ ſtücks aus und lieh ihr den Reiz der Ueberraſchung. „Ich habe Ihren Namen ſchon gehört; aber von wem? Sie ſind Franzöſin?“ „Spanierin, aus Granada gebürtig.“ 60 „Ah, jetzt weiß ich's. Der König hat Ihren Namen gegen mich erwähnt. Sie ſind Künſtlerin, nicht?“ „Ciſelirerin.“ Die Dame trat ihr jetzt mit offenbarem Vertrauen näher und ſagte mit einem unausſprechlich freundlichen Lächeln:„Ich vermuthe, daß Sie in gleicher Abſicht wier ich hier ſind. Nun, dieſe Abſicht iſt zwar vereitelt“— ſie warf einen leicht zu verſtehenden Blick auf die Matrone, die röchelnd wieder zu athmen begann—„aber ich habe, glaube ich, nicht Urſache, dieſe Vereitelung zu beklagen, denn ſie entſchädigt mich durch Ihre Bekanntſchaft.“ Zephanja verbeugte ſich und die Dame redete weiter: „Wir ſind hier überflüſſig. Laſſen Sie uns gemein⸗ ſchaftlich gehen.“ „Ich bin zu warten gezwungen, denn ich kenne den Weg zu wenig, um mich nach Hauſe zu finden. Elſe hat mich hierher geleitet und wird mich auch zurückführen.“ „Dafür werde ich Sorge tragen. Die Perſon dort, die Sie Elſe nennen, kann unter den hier obwaltenden Umſtänden nicht ſobald fort von hier. Das iſt begreiflich. Vertrauen Sie ſich getroſt meinem Schutze. Ich bin nicht allein. Einer meiner Diener erwartet mich unten am Hauſe, und wen Chriſtenſen geleitet, der hat alle Ur⸗ ſache, ſich dem ſchönen Bewußtſein perſönlicher Sicherheit hinzugeben. Gehen wir alſo.“ 61 „Dieſe Dame wird die Gnade haben, mich nach Hauſe geleiten zu laſſen, Elſe.“ „Ich komme nach, ſobald ich hier fort kann“, ant⸗ wortete dieſe ganz wirr von der Angſt um die Groß⸗ mutter. „Kommen Sie.“ Der Dame zur Linken folgte ihr Zephanja, über⸗ raſcht, daß dieſe nicht die Treppe hinabging, ſondern, als ſie aus dem kleinen Vorſaale getreten, einen durch ein Lämpchen ſpärlich genug erhellten ſchmalen Gang hin⸗ ſchritt, der ebenfalls zu einer Treppe führte, welche ſie hinabſtieg. Eine Frau, wahrſcheinlich durch das Knarren der hölzernen Stufen aufmerkſam gemacht, trat aus einer Thür neben der Treppe und öffnete eiue andere ſehr ſchmale, unmittelbar ins Freie, auf den Weg„an der Mauer“ führende Thür. Die voranſchreitende Dame ließ der ſich tief verneigenden Schließerin ein Geldſtück in die Hand fallen. Draußen trat ein baumlanger Mann aus dem tiefen Schatten der Mauer ihnen entgegen. „Haben Sie noch Bange um Ihre Sicherheit?“ fragte die Dame in ſcherzendem Tone, indem ſie auf den Mann deutete. „Befehlen, gnädigſte Frau Gräfin?“ fragte jener. „Nach Hauſe, mein ehrlicher Chriſtenſen.“ Als anderthalb Stunden ſpäter Zephanja, von Chriſten⸗ 62 ſen geleitet, das Dinglinger'ſche Haus wieder betrat, hatte ſie alle Urſache, an das Erlebniß von heute Abend als an ein ganz beſonderes zu denken. Die Dame, mit der ſie bekannt geworden und auf deren Wunſch ſie dieſelbe nach Hauſe hatte begleiten müſſen, war Reichsgräfin Coſel geweſen, die der Hof als passé bezeichnete. Drittes Kapitel. Da Vergnügungen, wenn ſie raſch auf einander folgen, zu ſehr ermüden und der Luſt, welche dabei doch haupt⸗ ſächlich beabſichtigt wird, am meiſten ſchaden, ſo ließ der König eine Ruhezeit für einige Tage eintreten, während welcher er ſich nach Auguſtusburg begab, um dem Waid⸗ werk obzuliegen. Unter allen Umſtänden war dies eine Erfriſchung nach den Fatiguen üppiger Feſte, und der Winter ſtand dem Wunſche nach ſolcher vollkommen bei, denn ſeit ein paar Tagen war ſcharfer Froſt eingetreten, und obwohl die ſtrenge Temperatur ein wenig ſich ge⸗ mildert hatte, ſo war ſie dem Jagdvergnügen nur um ſo günſtiger geworden, denn eine ſtarke„Neue“(friſch⸗ gefallener Schnee) hatte die Gebirgsgegend in Weiß ge⸗ kleidet, und die Jägerwelt, damals in hohem Anſehen, 64 da König Auguſt der Starke nicht aus der Art geſchlagen und wie ſeine Vorfahren ein gewaltiger Nimrod vor den Herrn war, jubilirte. Am nächſten Tage ſollte die letzte Jagd vor der Rückkehr nach Dresden gehalten werden. Es war in den erſten Nachmittagsſtunden, daß König Auguſt nach abgehaltener Tafel an einem der Fenſter des geräu⸗ migen Speiſeſaals ſtand und die wie mit einem weißen Brautgewande bekleidete Gegend überſchaute. Gegen Südoſt begrenzen die Altenberger, Frauenſteiner und Saidaer Berge den weiten Fernblick gleich einem in ver⸗ ſchiedenen Auszackungen ſich erhebenden Gürtel um das wunderbar ſchöne Bild, deſſen näherer und fernerer Vor⸗ grund einen reichen Wechſel von Wäldern, Wieſen, Dör⸗ fern und Schlöſſern dem Auge bietet. Bis zu dem ſächſiſchen Fichtel⸗ und dem böhmiſchen Keilberge im Süden ſchweift der Blick und trifft am näher liegenden Pöhlberge auf Annaberg und den weiterhin rechts über die terraſſenartig ſich aufthürmende Gebirgslandſchaft her⸗ ſchauenden Greifenſtein, während der Weſten an dieſe gleich himmelan ſtürmenden erſtarrten ungeheuern Erd⸗ wellen die Rabenſteiner und Hohenſteiner Höhen, nach rechts hin die Rochlitzer Steinbrüche und die Harthaer Berge anreiht, der Colmberg bei Oſchatz aber den nörd⸗ lichen Schlußpunkt des prachtvollen Gemäldes ausmacht. 65 Jetzt breiteten ſich zwar nicht die hellen Töne ſom⸗ merlicher Luſt über dieſe entzückende Fernſicht, der Winter iſt einfach und kennt nur die beiden ſchroffen Gegenſätze im Reiche der Farben, Weiß und Dunkel, und doch war die Ausſchau eine erhabene, großartige. Die Lichter der Nach⸗ mittagsſonne glitzerten leuchtend auf den weithin lehnan ſich ſtreckenden Schneeflächen, von den Wäldern her ſchim⸗ merten die an Aeſten und Zweigen hängenden ſtarren Schneelaſten der Waldrieſen gleich reichem Geſchmeide im Sonnenglanze, und die noch ferner gelegenen, ſcheinbar die reine Azurkuppe des Himmels berührenden Berge umſtanden als Wächter, deren Häupter im unaufhör⸗ lichen Dienſte weiß geworden, das herrliche Winter⸗ Landſchaftsbild, über dem kein Wölkchen ſchwebte. Weit entfernt von dem in dieſe Umſchau vertieften König ſaßen am andern Ende des Sgeiſeſaals drei ſeiner Cavaliere an einem kleinen, mit einer Marmor⸗ platte belegten Tiſche und ſprachen einigen Flaſchen echten Rheinfalls mit einem Humor zu, wie er nicht nur gut geſchulten Zechern, ſondern auch den lebeluſtigen Cava⸗ lieren eines Hofes geziemte, welchem die chronique scandaleuse ihre ſchönſte Blütenſammlung verdankte. Die Ungenirtheit, mit welcher dieſe Herren ſich gegen⸗ ſeitig mit allerliebſten Anekdötchen aus dieſem ſo wohl⸗ gepflegten Gebiete unterhielten, deutete auf die Freiheit, Carion, König Auguſt II. welche ihr königlicher und der Heiterkeit ſo ausſchließlich ſich zuneigender Gebieter ihnen zugeſtanden, eine Freiheit, die den Anſtrich einer Conceſſionsgewährung für geleiſtete und noch zu leiſtende Dienſte trug. Der lebhafteſte dieſer Herren war der nach dem Könige mächtigſte und reichſte Mann im Lande, der all⸗ mächtige Miniſter und zugleich das Haupt aller Militär⸗ chargen, der Generalfeldmarſchall Graf von Flemming; der andere der gemüthliche Vitzthum, welchen, wie ſchon erwähnt, der Hof als den liebenswürdigſten und zugleich wohlmeinendſten Cavalier anerkannte, der Niemand als Feind gegenüber trat; der dritte vereinte in ſeiner Per⸗ ſon die geſchmeidigen Manieren eines lebeluſtigen Hof⸗ manns mit dem kräftigen, zuweilen ſelbſt brutalen Weſen ſeines Standes. Es war der Oberhofjägermeiſter von Leibnitz, der, da er zugleich die Direction aller ſäch⸗ ſiſchen Flößen unter ſich hatte und auch Amtshauptmann zu Frauenſtein und Lauenſtein war, die verſchiedenſten Aemter in ſich vereinigte. Dieſe Excellenz der Forſten und Flößen hatte nichts gemein mit dem berühmten Gelehrten ihrer Zeit als den Namen. Der gelehrte Freund der philoſophiſchen Köni⸗ gin war bürgerlicher Abkunft, der Oberhofjägermeiſter dagegen der Sohn einer alten Meißner Adelsfamilie. Er beſaß jene merkwürdige Eigenſchaft aller echten Nimrode 67 nämlich die Kunſt, die unglaublichſten Anekdoten mit einem Anhauch von Wahrheitsliebe zu erzählen, der nichts zu wünſchen übrig läßt und eben deshalb ſelbſt im Wiederholungsfalle immer noch von einigem Werth erſcheint, da Jedermann die Jägerlügen als das zu neh⸗ men pflegt, was ſie von Hauſe aus ſind. Herrn von Leibnitz' glückliches Talent hatte ſeine beiden Freunde aufs angenehmſte unterhalten und in dem Rheinfall eine würdige Secundantſchaft gefunden. Graf Flemming fand es nun genehm, ein Pröbchen ſeiner ſatiriſchen Muſterung der hohen Hoſchargen zum Beſten zu geben, und da er in dieſem Genre ganz be⸗ ſonders excellirte, ſo blieb die Unterhaltung in einem ſehr lebendigen Fluſſe. „Meſſieurs“, fuhr der Generalfeldmarſchall im Ver⸗ laufe dieſer pikanten und meiſt zutreffenden Anſpielungen fort,„es iſt gewiß ſchwer, es Jedem recht zu machen. Vermag der Herrgott doch nicht einmal mit dem Bauern⸗ volk über dies Kapitel ins Reine zu kommen, denn ſchickt er Regen, will der Bauer Sonnenſchein, und umgekehrt, er kommt in dieſem Punkte nie ins Klare mit den dummen Dorfteufeln. Man muß es daher an⸗ erkennen, daß wir an Seiner Majeſtät Hofe einen Mann haben, bei dem ſich darin etwas lernen läßt. Kann mir Jemand einen Fall aufſtellen, daß unſer Ober⸗ ſtallmeiſter, Baron Racknitz, bei irgend einem in den Verdacht gekommen wäre, mit ſeinem Verſtande den eines Andern überflügeln zu wollen? Ich glaub's nicht. Er genießt ſelbſt von ſeiten der Pferde die Anerkennung, Niemand, auch ſie nicht, in dieſer Beziehung zu geniren; ſelbſt ſeine Frau liebt ihn deshalb, weil er ihrem Wunſche, bei Hofe deſto mehr mit ihrem Witze zu glänzen, nie in den Weg tritt. In vollkommenſter Uebereinſtimmung mit den Pferden und der Frau Baronin befindet ſich unſer Oberhofmarſchall. Ah, welche Herzensfreundſchaft zwiſchen ihnen! Sie ſind nie verſchiedenen Sinnes, ein Triumvirat comme il faut.“ „Excellenz, Pardon, daß ich nach etwas frage, was eigentlich gar nicht in mein Reſſort gehört“, flüſterte, ſich nahe zu ihm neigend, Herr von Leibnitz.„Man munkelt, Seine Majeſtät habe in Polen eine neue Acqui⸗ ſition in— in—“ „Wie er truchſt! Wie dieſe grüne Excellenz truchſt, als habe ſie unvorſichtig einen zu großen Biſſen ver⸗ ſchluckt!“ lachte der Generalfeldmarſchall.„Sehen Sie nur, Vitzthum, dieſer köſtliche Jagdmenſch möchte ſich gern in unſer Vertrauen flößen, weil er einmal Floßdirector iſt. Alter Leibnitz, ſcharf aufs Blatt gehalten, Sie ris⸗ kiren dabei nichts.“ „Nun, nun, Herr Graf, es gibt bei uns denn doch 69 Dinge, bezüglich deren man Urſache hat, ſehr ſubtil auf⸗ zutreten.“ „Richtig, alter grüner Jagdfreund; aber unter uns hier iſt dieſe Subtilität unnütz. Sie erwähnten der neuen Acquiſition unſeres königlichen Herrn. Nun, es iſt ſo, wie man munkelt. Wir werden wieder etwas polniſche Sauce zur Abwechſelung mit unſern deutſchen und franzöſiſchen Ragouts bekommen; unſere Tugendhaf⸗ tigkeit wird dadurch um keinen Deut verbeſſert; aber ich habe eine gute Naſe und glaube, daß die neue Herrlich⸗ keit von etwas geringerer Dauer als die Ewigkeit ſein wird.“ „Aber Madame de Coſel iſt noch im Regimente“, bemerkte der Oberhofjägermeiſter.„Sie iſt nicht die Dame, die gutwillig zurücktreten wird, wie mir ſcheint.“ Die Erwähnung der Reichsgräfin ſchien den General⸗ feldmarſchall wie ein kältender Nord anzuwehen. Aus ſeinem vom Wein gerötheten Geſicht wich der heitere Ausdruck. Er ſchwieg, vor ſich niederblickend, daß es recht deutlich ſichtbar ward, wie widerwärtig ihm die Erinnerung an dieſe Frau ſei, welche er hinſichtlich der Gunſt des Königs am meiſten zu fürchten hatte. Sein Stolz fühlte ſich dadurch empört, denn er wußte aus vieler Erfahrung, wie die Reichsgräfin keine Gelegenheit vorbeigehen ließ, ihren Haß ihm bemerkbar und den König von ihm abwendig zu machen. „Excellenz haben einen faux pas gemacht. Flemming und die Coſel ſind geſchworene Feinde“, ſünſtert Vitzthum dem Oberhofjägermeiſter zu. „Hm, ich glaub's ſchon, aber er wollte es ja, daß ich ſcharf aufs Blatt halten ſolle.“ In dieſem Augenblick trat der König geräuſchvoll einen Schritt vom Fenſter zurück, aber keineswegs, um daſſelbe zu verlaſſen, denn er blieb ſtehen, und die feſt⸗ gehaltene Richtung ſeiner Augen nach außerhalb ließ ver⸗ muthen, daß er etwas ihm Auffallendes beobachte. Die drei Cavaliere waren aufmerkſam geworden. Der Ober⸗ falkenier Graf Vitzthum erhob ſich als der am Fenſter zunächſt Sitzende und ſchaute hinaus. Sein Blick traf nichts als ein kleines Planwägelchen, das, langſam von einem, wie es ſchien, ermüdeten Pferde gezogen, auf dem ſchneebedeckten Wege von Oederan her dem Städtchen Schellenberg zurollte. „s iſt nichts, eine elende Bauernkarrete; es muß etwas Anderes geweſen ſein, was Seiner Majeſtät Auf⸗ merkſamkeit angezogen hat.“ Mit dieſem Berichte ließ ſich Graf Vitzthum wieder auf ſeinen Sitz nieder. Indeß war es wirklich die Bauernkarrete geweſen, welche dem König einen Schreck eingejagt hatte. Das ſchlichte Wägelchen war langſam herangekommen, das daſſelbe ziehende Thier, keins der kräftigſten, ging in langſamem Schritt die ſanft lehnan ſich hebende Straße. Auf einer Stelle dem Schloſſe gegenüber blieb es einige Sekunden ſtehen, entweder vom Kutſcher angehalten oder um ein wenig zu raſten. Bei dieſer Gelegenheit lüftete ſich auf der dem Schloſſe zugewendeten Wagenſeite deſſen über Reifen geſpannte graublaue Leinwandbedachung ein wenig und ein Frauenantlitz, in eine Kapuze gehüllt, den Blick aufs Schloß gerichtet, wurde ſichtbar. König Auguſt's ſcharfes Auge glaubte die Gräfin Coſel zu er⸗ keunen und er fühlte ſich von Schreck ergriffen, welche Empfindung die Urſache war, daß er einen Schritt vom Fenſter zurücktrat. 1 War es denn aber möglich, daß ſie, vor der er Furcht empfand, deren entſchloſſener Geiſt den ſeinen beherrſchte und deren enragirtes Weſen ihn zwang, ſtets auf Verheimlichung ſeiner anderweitigen Liaiſons zu ſin⸗ nen, es wirklich ſein konnte, die er zu ſehen glaubte? Gewiß, er mußte ſich getäuſcht haben. Das Planwägel⸗ chen fuhr ſo langſam weiter, daß er es lange mit den Augen verfolgen konnte. Wäre die drinnen Sitzende wirk⸗ lich die Gräfin geweſen, ſo würde ſie unter allen Um⸗ ſtänden mit raſchem, kräftigem Geſpann gefahren ſein, nicht mit ſolch müdem Bauerngaule. Was hätte ſie damit be⸗ zwecken können? Heimlich ihn überwachen? Morgen war die letzte Jagd und nach dem Diner die zülreiſe nach Dresden feſtgeſetzt. Der König lebte ſchon ſeit längerer Zeit mit der Gräfin Coſel in Spannung, die durch ſeinen letzten Auf⸗ enthalt in Warſchau nur noch zugenommen hatte. Es gehörte zu der tiefen Demoraliſation, daß man, um den Sturz der Coſel herbeizuführen, die Anknüpfung eines Gunſtverhältniſſes des Königs zu einer Dame aus einer der höchſtſtehenden polniſchen Großadelsfamilien als „eine Nothwendigkeit aus Staatsraiſon“ herausfand, damit die Polen nicht unzufrieden würden, daß die ſchönen Töchter des Landes ſo wenig Berückſichtigung in den Augen ihres Herrn fänden. Nur die vollkommene Lieder⸗ lichkeit, wie ſie unter dem feilen polniſchen Großadel herrſchte, konnte in dieſer Bevorzugung eine ihm erwie⸗ ſene Ehre finden. Demnach hatten diejenigen, welchen die Coſel mehr als unbequem geworden war, da ſie den König beherrſchte, ihr Spiel halb gewonnen, und es galt nur noch die Weiſe herauszufinden, wie man die ſo ſehr gehaßte Gunſtdame zu der Herausgabe des ihr von König Auguſt zur Zeit, als er um ihre Liebe warb, ausgeſtellten Eheverſprechens, vermöge deſſen er ſie nach ſeiner Gemahlin 79 5 Eberhardine Tode als rechtmäßige Gemahlin und Königin anerkennen wollte, bewegen könne. Es war dies unter allen Umſtänden eine ſehr ſchwie⸗ rige Aufgabe, da der Charakter dieſer Frau kein gewöhn⸗ licher war und ſie ſchon Proben ihrer Reſolutheit in viel Geringeres betreffenden Dingen gegeben. Man hatte nicht vergeſſen, daß ſie, noch in der Eigenſchaft eines Kammerfräuleins der Gemahlin des Erbprinzen Ludwig Rudolf von Braunſchweig, dieſen mit einer derben Ohr⸗ feige abgefertigt hatte, als er, von ihrer allerdings außer⸗ gewöhnlichen Schönheit entflammt, ſie eines Tages mit Gewalt küſſen wollte. Die Hofwelt Braunſchweigs war über dieſen„horreur“ entſetzt, und als eine ungeheuer wichtige Tradition pflanzte ſich die wenn auch von der zar⸗ ten Hand eines unvergleichlich ſchönen däniſchen Fräuleins ausgegangene, trotzdem aber als ſchauervolles Attentat auf die Wange eines Prinzen betrachtete energiſche Abweiſung in den Kreiſen anderer Höfe fort. Die aus dieſer unvergeſſen gebliebenen Probe ihres Muthes und ihrer Selbſtachtung hervorgegangene Er⸗ fahrung für Andere hatte um ſo weniger Verlockendes, ſie zur Entfaltung neuer Kraftandeutungen herauszu⸗ fordern, als die Urſache dazu eine ſie nicht nur aufs tiefſte verletzende, ſondern auch den offenbarſten Treu⸗ bruch an dem ihr gegebenen königlichen Verſprechen be⸗ kundende Thatſache war, die mit einem Striche ſie in die Klaſſe derjenigen Frauen warf, welche ſie gründlichſt verachtete, weil ſie keine Ehre, keinen Stolz auf ihren Werth beſaßen und ſich um kurzen Genuſſes ſinnlicher Freuden, um eines ſchnell verlodernden Glanzes willen zu Sklavinnen erniedrigt hatten. Man erzählte ſich ſogar, daß es zwiſchen dem König und der Gräfin nach ſeiner letzten Rückkehr aus Warſchau zu ungemein heftigen Auftritten gekommen wäre. Die Gräfin, durch ihre gut bezahlten Spione aufs genaueſte von allen den König betreffenden Vorgängen in der pol⸗ niſchen Hauptſtadt unterrichtet, ſei, ihre Heftigkeit bis zur Wuth ſteigernd, ſo weit gegangen, dem König zu drohen, daß ſie ihn erſchießen werde, wenn er es ſich einfallen laſſe, ihr gutes und ſchriftlich in ihrer Hand befindliches Recht anzutaſten, und dieſes mit aller Vorſicht von Mund zu Mund verbreitete Gerücht ſchien ſeine Beſtätigung in dem Umſtande zu finden, daß ſchon an den letzten Carnevalsluſtbarkeiten die Gräfin nicht Theil genommen hatte. Der König war von der Mißſtimmung ſeiner ſonſt ſo heißgeliebten Coſel gleichfalls ſehr unan⸗ genehm berührt und es hatte dem Generalfeldmarſchall viel Mühe gekoſtet, zu verhüten, daß von ſeiten Seiner Majeſtät eine Annäherung an dieſe energiſche Dame vor dem Aufbruche zur Jagdpartie nach Auguſtusburg ſtatt⸗ 75 fand. Obwohl dies gelungen war, konnte Graf Flem⸗ ming, ihr eifrigſter Widerſacher, ſich doch nicht der Be⸗ fürchtung erwehren, daß ſie nach der Rückkehr des Königs Mittel und Wege finden werde, aufs neue ihn an ſich zu feſſeln, und geſchah dies, ſo war ſein Plan, die Lücke auszufüllen, welche in des Königs zur Gewohnheit ge⸗ wordenen Neigung, die Farben und Feſſeln einer Favo⸗ ritin zu tragen, eingetreten war, vollkommen geſcheitert. Das war es, was den Grafen Flemming ſo uner⸗ wartet aus ſeinem Humor riß, als der Oberhofjäger⸗ meiſter ſich dahin äußerte, Madame de Coſel werde ſchwerlich gutwillig zurücktreten. Es erinnerte den Generalfeldmarſchall an die Bemerkung, die er ſich nicht hinwegleugnen konnte, daß des Königs Stimmung trotz der Jagdfreuden getrübt ſei, was unter allen Umſtän⸗ den— er kannte darin ſeinen Herrn zu genau— bei demſelben auf ein Bedauern des Zwiſtes mit der Coſek deutete. Dieſer Empfindung entſprang die Ver⸗ düſterung, welche auf dem Gemüthe des Königs lagerte. „Flemming!“ rief der König, das Fenſter verlaſſend. „Majeſtät!“ „Wir wollen die vor dem Diner eingelaufenen De⸗ peſchen durchgehen.“ Mit leichtem Kopfnicken gegen die beiden andern Cava⸗ liere, die mit dem Generalfeldmarſchall zugleich ſich erhoben 76 hatten, verließ der König das Speiſezimmer, von Flem⸗ ming gefolgt. Die Depeſchen beanſpruchten kein Nachſinnen, keine beſondere Beſprechung; es waren Berichte, die lediglich nur eine flüchtige Kenntnißnahme erforderten. Es ent⸗ ging Flemming nicht, daß der König noch etwas auf dem Herzen hatte, das er ausſprechen wollte, wozu er aber nicht den rechten Anfang finden konnte. Er ging langſam im Zimmer auf und ab. Plötzlich blieb er ſtehen und fragte mit erkünſteltem Lachen:„Weißt Du wohl, Flemming, daß ich vorhin einen argen Schreck hatte?“ „Du?“ fragte der Generalfeldmarſchall, in das Lachen einſtimmend.„Du biſt gut gelaunt, mir ein ſolches Märchen aufbinden zu wollen.“ Das vertrauliche Du zwiſchen dem Herrn und dem Diener, wenn ſie miteinander allein waren, bezeugte von ſeiten des erſtern die Danlbarkeit gegen den andern, der ſich bei der Beſchaffung der polniſchen Krone für ihn ungemein verdient gemacht und keine Mühe, keine Anſtrengung geſcheut hatte, ihm bei der ſo ſehr zerſplitter⸗ ten und durch Intriguen aller Art ſich auszeichnenden Königswahl die Stimmen zu verſchaffen. Freilich hatte dieſe Brüderſchaft auch zuweilen Unzuträglichkeiten im Gefolge gehabt, denn Graf Flemming, einmal ins Trin⸗ ken kommend, überſprang im Rauſche die Schranken der 77 Etikette und verfuhr mit ſeinem königlichen Herrn wie mit einem ganz gewöhnlichen Zechbruder; indeß war er ſtets ſo glücklich geweſen, Auguſt's Unwillen und Ungnade auf eine Weiſe zu beſchwören, die deſſen Gutmüthigkeit in Anſpruch nahm und ganz geeignet war, den König mit ihm zu verſöhnen. „In allem Ernſt, Flemming, ich ſah eine Bauern⸗ karrete auf der Straße daherkommen, die auf wenige Augen⸗ blicke dem Schloſſe gegenüber hielt und aus deren Lin⸗ nenbedachung ein Frauengeſicht herausſchaute, von dem ich hätte beſchwören wollen, es ſei das Conſtanze's.“ „Der Wagen fuhr dann raſch davon?“ „Nein, langſam, wie ich ihn hatte herankommen ſehen. Der Gaul mochte ſehr ermüdet ſein.“ „Und in der Karrete ſoll die Coſel geſteckt haben? Welche Phantaſterei! Die Erklärung liegt aber nicht weit ab. Uebermorgen iſt Jahrmarkt im Städtchen hier und da kommt allerlei Geſellſchaft her, unter Anderm auch ein weltberühmter Feuerfreſſer und Schwertverſchlucker, wie mir der Stadtrichter ſtolz erzählt hat. Da kann es leicht möglich ſein, daß Du die Frau Feuerfreſſerin für die Gräfin angeſehen haſt. Hahaha! Ein köſtliches Ver⸗ wechſeln, muß ich ſagen!“ Das Lachen des kurzen, unterſetzten, fleiſchigen Man⸗ nes, deſſen Geſicht nie ganz einer gewiſſen Gravität 0 18 entbehrte, ſelbſt wenn er mitten in der tollſten Luſt ſich befand, reizte, da Alles an ihm zu hüpfen ſchien, den König ſo ſehr zum Lachen, daß er unwillkürlich mit einſtimmte, zumal dabei Flemming's langes Haar, in das nur ein paar Knoten eingeflochten waren, denn ſelten kam eine Perrücke auf ſeinen Kopf, gleichſam einen Tanz um ſeinen Nacken und auf ſeinen Schultern be⸗ gann, was demſelben das Ausſehen einer auf und nieder ſpringenden Mähne verlieh. „Nein, nein, die Gräfin war's auf keinen Fall. Was wollte ſie auch hier?“ Der König gab keine Antwort auf dieſe Frage ſeines Günſtlings, der ebenſo gut wie er ſelbſt überzeugt war, daß es der Gräfin durchaus nicht an Unternehmungs⸗ geiſt mangele, um, wenn ihr ein Gedanke vorſchwebe, ihn auch zur Ausführung zu bringen. Nach einer Weile ſagte er:„Ich hoffe, Flemming, Du wirſt nicht unter⸗ laſſen, zu erforſchen, wer die Dame iſt, die in letzter Zeit bei der Gräfin Zutritt gewonnen hat. Es iſt ſelt⸗ ſam, daß Niemand ſie kennt.“ „Ja, es iſt ſeltſam“, ſtimmte Flemming bei.„Ich hoffe indeß, daß wir nicht lange im Dunkel darüber blei⸗ ben werden. Eine Fremde iſt es aber ſicher, wie man mir mitgetheilt hat. Sie ſpricht nur ſehr unvollkommen deutſch, und ich denke auf der richtigen Fährte zu 79 ſein, wenn ich eine polniſche Intrigue dahinter verſteckt glaube.“ Der König blieb nachſinnend am Fenſter ſtehen, auf deſſen Scheiben er leiſe trommelte.„Möglich, möglich!“ hörte ihn ſein Günſtling ſagen. Wie von einem plötz⸗ lichen Entſchluß getrieben, wandte er ſich raſch nach dieſem um und ſprach:„Ich geſtehe Dir, Flemming, daß die Dönhoff, obwohl jung, ſchön und mit einer ſehr liebens⸗ würdigen Naivetät begabt, trotz alledem nicht die An⸗ ziehungskraft auf mich ausgeübt hat, wie die Coſel dies ſogar jetzt noch vermag, obwohl ſie ſchon eine Dreißigerin iſt. Die Dönhoff iſt in Wahrheit weder ſo ſchön noch ſo geiſtreich wie Conſtanze.“ „Geſchmacksſache“, verſetzte Flemming.„In dieſem Artikel hat Jeder ſeine Meinung; aber ich bemerke Dir, daß eine Liaiſon mit der Dönhoff Vortheile gewährt, welche Madame de Coſel nun und nimmer in die Wag⸗ ſchale legen kann. Der Dönhoff Vater, der Krongroß⸗ marſchall Bielinsky, iſt Chef einer ſehr einflußreichen polniſchen Partei und dieſe wird dadurch für Dich ge⸗ wonnen, daß man eine Tochter aus dieſer Familie zur Maitreſſe en titre erhebt. Bürgerliche Menſchen wür⸗ den das nicht goutiren, unter Leuten von Rang weiß man dergleichen Verbindungen zu ſchätzen. Bah, was iſt's auch weiter! König Salomo wird der Weiſe ge⸗ 80 nannt und— wußte einheimiſche wie fremde ausge⸗ zeichnet ſchöne Blumen zu würdigen. Sein Judenvolk war aufgeklärt genug, ihm auch das als eine Erhebung über die Gewöhnlichkeit anzurechnen, und jeder Vernünf⸗ tige findet darin den feinen Sinn für Schönheit heraus, welchen Salomo dadurch bethätigte. Ein weiteres Zeichen, wie man in Polen ſich durch dieſe projectirte Maitreſſen⸗ ſchaft geſchmeichelt fühlt, liegt in dem ſchnellen und wider⸗ ſtandsloſen Eingehen ihres Gemahls auf Deinen Wunſch, ſich von ſeiner jungen Gemahlin ſcheiden zu laſſen. Das katholiſche Conſiſtorium iſt in dieſem Punkte ebenſo gefügig wie es das ſächſiſche lutheriſche in Betreff der Scheidung der Coſel von ihrem Gemahle war. Hoym begnügte ſich mit einer Abtretungsſumme von fünfzigtauſend Thalern, Graf Dönhoff wird ſeinen guten Willen ſich nicht höher bezahlen laſſen. Die Coſel iſt aber gefährlich. Denke an Deinen mit ihr gemachten ſchriftlichen Contract! Wäre ihre Liebe zu Dir eine wahrhafte, ſie würde nicht anſtehen, dies Document Dir zurückzugeben. Sie will herrſchen, will Königin ſein und ſcheut den Eclat nicht, der aus ihrer Weigerung hervorgehen muß, wie ſie recht gut weiß. Du haſt ihn aber zu ſcheuen. Warum? Das brauche ich Dir nicht erſt zu erörtern. Darum muß ſie ungefährlich gemacht, beſeitigt werden. Sie muß fallen, ſage ich, oder Du 81 fällſt vor der Macht Deines in ihrer Hand befind⸗ lichen Eheverſprechens. Die Veröffentlichung deſſelben verurtheilt Dich in den Augen des Sachſenvolkes zum—“ Eine heftige Handbewegung des Königs, der ſich zu dem Sprechenden zurückwandte, hinderte dieſen, in ſeiner pommerſchen Rückſichtsloſigkeit das Wort auszuſprechen, welches, eben weil es die vollkommenſte Wahrheit ent⸗ hielt, den König erſchreckte. Sie ſtanden einander eine Weile lang ſchweigend gegenüber, der allmächtige Miniſter, ſeines Herrn Herr, und der König, ſeines Miniſters Unterthan. Auguſt's Blick war verdüſtert, umwölkt. Ueber ſein männlich ſchönes Geſicht hatte ſich ein Schatten gelegt. Flemming zeigte dagegen eine Ruhe, wie ſie nur Jemand haben kann, der ſich im Bewußtſein der Uebermacht gegen einen ſchwachen Feind fühlt. Wie er ſo unbeweg⸗ lich und den Blick feſt auf den König richtend vor dieſem ſtand, glich er in ſeiner kurzen, ſtark gedrungenen Figur einem harten, eiſenfeſten Eichenſtamm ſeiner pommerſchen Heimat, den kein Sturmanprall zu beugen im Stande iſt. Von nun an floß beider Beſprechung in einem ruhigen Strome weiter. Flemming hatte ſeines Herrn Herz in der Hand und verſtand es trefflich, daſſelbe wie Carion, König Auguſt. II. 6 82 weiches Wachs zu behandeln, welchem ohne Schwie⸗ rigkeit jede Form und Geſtalt zu geben iſt. Sie kann⸗ ten einander ſo ziemlich genau und dieſe gegenſeitige Kenntniß ihrer Eigenſchaften führte zuweilen ſogar zu beluſtigenden Vorkommniſſen, die natürlich dem Hofe nicht unbekannt blieben und Stoff zum Lachen gaben. Eins derſelben, deſſen Koſten allein auf Flemming fielen, bezeichnete ſchlagend die vertrauliche Stellung beider zu einander. Ein anſehnliches deutſches Haus wollte einen Erb⸗ folgevergleich mit Sachſen abſchließen, jedoch einige bei dieſem Geſchäfte ſich herausſtellende Punkte brachten Wei⸗ terungen hervor, welche an dem Zuſtandekommen des Vergleichs zweifeln ließen. Wider alles Erwarten ge⸗ dieh derſelbe jedoch plötzlich zum Abſchluß und König Auguſt hatte die ganz richtige Ahnung, daß dabei ein anderer Factor mitgewirkt habe. Vor dem Unterzeichnen des Documents ſprach er dem Geſandten ſeine Zufrie⸗ denheit über den Ausgleich des Streites aus und fragte dann vertraulich, aber feſt:„Ich hoffe von Ihnen zu erfahren, wie viel Flemming bekommen hat, um ſich mit allen Punkten einverſtanden zu erklären. Ich werde nicht eher das Document ratificiren, als bis Sie mir dieſe Mittheilung gemacht haben.“ Der Schreck des Geſandten ließ erkennen, daß der König ſehr richtig vermuthet hatte, 83 und um das ſo weit gediehene Geſchäft nicht noch in der letzten Minute ſcheitern zu machen, bekannte er offen: „Fünfzigtauſend Thaler.“—„Sehr honett, hätte nicht ſo viel geglaubt“, lautete des Königs Antwort, indem er ſofort unterzeichnete. Als der Geſandte ſich entfernt hatte, ließ König Auguſt ſeinen Günſtling rufen, und nachdem er demſelben geſagt hatte, was der Geſandte be⸗ kannt, fügte er hinzu:„Flemming, das iſt zu viel für Dich. Du wirſt die Hälfte an mich zahlen.“ Flem⸗ ming's Aerger war außerordentlich. Mit polternden Redensarten verlangte er vom Geſandten die ihm abge⸗ nommene Hälfte, worauf dieſer natürlich nicht einging, und der allmächtige Miniſter genoß, da dieſer ihm wider⸗ fahrene Streich ſchnell am Hofe die Runde machte, das unliebſame Vergnügen, ſich ausgelacht zu ſehen. Als er jetzt ſeinen Herrn verließ, hatte er die Be⸗ friedigung, dieſen wieder in eine gute Stimmung verſetzt zu haben. Anguſt der Starke war zu leichtlebig, um ſich lange trübem Sinnen hingeben zu können. Es machte ihm ſtets großes Vergnügen, bei ſeiner jeweiligen Anweſenheit in der Auguſtusburg deren weite Räumlichkeiten zu durchwandern. Aus Allem, worauf hier ſein Auge fiel, ſprach ihn der Wohllaut ge⸗ diegener Pracht an und nichts konnte ihn mehr ergötzen als das Bewußtſein, ſich von einer ſolchen umgeben zu 6* 84 ſehen. Darum auch liebte er es, dies großartigſte aller ſächſiſchen Schlöſſer zu beſuchen. Auguſtusburg iſt noch heutigen Tages ein ebenſo gewaltiger als umfangreicher Bau, wenngleich im Verlaufe der Zeit dieſe Stätte fürſtlichen Ueberfluſſes vielfache Umwandlungen erfahren, vereinſamt und in Oede ver⸗ wandelt worden iſt. Die drei Baumeiſter der Auguſtusburg, der berühmte Leipziger Bürgermeiſter Hieronymus Lotter, der als Ingenieur in hohem Rufe ſtehende Graf Lynar und der beiden in Kunſt⸗ und Schönheitsſinn ebenbürtige Architekt von der Mahr, haben ſich ein glänzendes Denkmal durch Aufführung dieſes Schloßkoloſſes geſetzt, bei deſſen Bau tauſend Maurer beſchäftigt waren. Noch zu Auguſt's des Starken Zeit ſtand es unver⸗ ändert in ſeiner urſprünglichen Geſtalt, nämlich der eines Vierecks nach den vier Himmelsgegenden, mit ſeinen vier Stockwerken auf dem faſt anderthalbtauſend Fuß über der Nordſee erhabenen Porphyrberge, der in frühern Zeiten das Raubſchloß der Ritter von Schellenberg ge⸗ tragen, hoch in die Lüfte ragend, daß es weithin geſehen werden konnte. Die vier Pavillons des Schloſſes, durch niedrigere Flügelgebäude verbunden, bildeten das Viereck und hatten ihre beſondern Namen. Im Lindenhauſe, dem nordöſtlichen Pavillon, befond ſich ein prachtvoller 85 Huldigungsſaal, im Sommerhauſe eine Gallerie ſächſiſcher Fürſtenbilder; im Haſenhauſe hatte der Humor ſeine Reſidenz aufgeſchlagen, denn alle Wände dieſes Pavillons trugen Abbildungen von Haſen, in menſchlichen Beſchäf⸗ tigungen dargeſtellt, wie Soldaten, Jäger, Buchdrucker, Fiſcher u. ſ. w. Der nach Siddoſt gelegene Pavillon, das Kuchen⸗ oder vielmehr Küchenhaus, diente mit ſeinen Salons den Tafelfreuden. Das Volk, erſtaunt über die Größe des Schloſſes, behauptete, daß es ſo viele Fenſter als das Jahr Tage, ſo viele Wetterfahnen als das Jahr Monate, ſo viele Schornſteine habe, als es Wochen im Jahre gübe. Es war ein wohlthuendes ſchmeichelndes Bewußtſein für König Auguſt, ſolche Wanderungen anzuſtellen. Mit vorzüglichem Vergnügen promenirte er durch die Flucht Zimmer, deren Fenſter der ſüdlichen Schloßfronte ange⸗ hörten und deren Wände meiſt mit Jagdbildern und Jagdrequiſiten decorirt ſich zeigten. Jeder ſeiner Vor⸗ fahren, vom Kurfürſten Auguſt J. an, hatte hier reichen Beitrag geliefert, und da dieſelben als Herren dieſes groß⸗ artigen Schloßgebäudes auch ſämmtlich als Betheiligte bei den dargeſtellten Jagdſcenen abconterfeit waren, ſo boten ſie ihm eine Art Familien⸗Bildergallerie, die nicht ohne großes Intereſſe für ihn war. Keiner ſeiner Vorfahren hatte mehr beigetragen, dieſe 86 mit Jagdſcenen aller Art zu füllen, als Johann Georg I., deſſen Jagdzüge en gros in der Regel mindeſtens vier Wochen und gewöhnlich ein Viertel des Landes in An⸗ ſpruch genommen hatten. Es war ein Stück luſtiger Zeitgeſchichte, die ſich hier in ziemlich grellen Farben präſentirte. Zwiſchen derſelben und ſeinen, König Auguſt's, Tagen lagen nicht ganz hundert Jahre; eine lange Kette glücklicher und unglücklicher Ereigniſſe für das Sachſenland war mit dieſen verſchwundenen Jahren vorübergegangen, und jetzt ſchritt er, der Nachkomme dieſer proteſtantiſchen Nimrode, als von ſeiner Väter Glauben Abgefallener an ihnen vorüber. Wie wenig berührte ihn das! Wenn ein Heinrich IV. von Frank⸗ reich ein Königreich für eine Meſſe anzuhören nicht zu theuer erkauft hielt, wie hätte es ihm leid ſein ſollen, eine gleiche Anſicht praktiſch durchzuführen! Er ging in ſeine Gemächer zurück. Als er eins derſelben öffnete, tönte ihm ein tiefes Brummen entgegen. „Ho, Petz, hat man dir deine Honigſchnitten noch nicht gereicht?“ rief der König einem ſich aus einem Winkel halb aufrichtenden Bär zu, der, ungefähr drei Jahre alt, durch die ihm ſeit ſeiner Geburt zugewandte Pflege ein höchſt ſtattliches und großes Thier geworden war und ſich durch ſeine Gutmüthigkeit und Zahmheit 87 visher rühmlichſt ausgezeichnet hatte.„Auf, Petz, auf! Du ſollſt diniren“, befahl ihm Auguſt, und gehorſam richtete ſich der zottige Burſche ganz auf. Der König trat zurück an die vom breiten Corridor hereinführende Eingangsthür und rief gutgelaunt hinaus:„Ehregott, das Diner für Mosje Petz!“ Dann zurück ins Zimmer tretend, wendete er den Schritt dem Thiere zu, und deſſen Kopf mit der Hand klatſchend, redete er ihm freundlich zu:„Mußt dich ein wenig in Geduld faſſen, Petz, es wird nicht lange dauern, dann haſt du dein Diner und ich werde die Ehre haben, es dir zu ſerviren.“ Mosje Petz drängte ſich an ſeinen Herrn ſo hart an, daß dieſer, welcher mit einem Fuße auf der dicken Trod⸗ deldecke ſtand, die des anſehnlichen Burſchen Lagerſtätte im Zimmerwinkel bildete, etwas den feſten Stand verlor und wankend einen Schritt zurück an die Wand treten mußte. „Petz, keine Flegeleien!“ rief Seine Majeſtät lachend.„Vergiß nicht, daß du ein gebildeter Bär biſt.“ Mit dieſen Worten empfing der Geſchmeichelte zugleich einen ſo fühlbaren Stoß von der Fauſt ſeines Herrn, daß er etwas zurücktaumelte. Sofort folgte ein etwas ſtärkeres Brummen. „Dieſer grobe Widerſpruch hilft dir nichts, Petz. Sei nicht unartig, du zottiger Geſell, ſonſt werde ich 88 dir eine ernſte Lehre geben, wie du dich gegen mich zu benehmen haſt.“ Der König durchſchritt das Zimmer, welches außer einigen Tiſchen und Stühlen von Eichenholz mit alter Schnitzarbeit nur ein Schreibepult aus gleicher feſter Holz⸗ art und mit vielen phantaſtiſchen Schnitzereien ausgeſtattet enthielt. Die Wände beſtanden aus einer durch das Alter etwas unſcheinbar gewordenen braunen Holzverkleidung, in welche Vierecke gemalt oder gebeizt waren. An der einen hing Kurfürſt Auguſt's I., des Erbauers des Schloſſes, Bild, im vollen Jagdcoſtüm ſeiner lange ver⸗ klungenen Zeit, an einer andern der Hirſchfänger des Königs. Letzterer nahm Platz am Schreibepulte, aber er hatte ſich kaum auf den Stuhl niedergelaſſen, als der befohlene Ehregott mit einer Schüſſel mit Honig be⸗ ſtrichener Brodſchnitten eintrat. „Warum läßt Du Petz ſo lange warten?“ fragte der König.. „Majeſtät, Petz iſt ſehr unwirſch ſeit einigen Tagen, er brummt höchſt verdächtig. Vielleicht hat er das Ge⸗ brumme ſeiner Kameraden aus dem Bärengarten unter den Fenſtern hier gehört und das hat ihn ſtutzig gemacht. Ich kann mir's nicht anders denken und ich— ich—“ „Nun, warum ſtockſt Du?“ „Majeſtät, ich bekenne es ehrlich, ich habe Furcht vor Petz.“ ——— 89 Der König lachte hellauf.„Haſenherz Du! Petz iſt ſanftmüthig wie ein Lamm und hat gute Erziehung ge⸗ noſſen. Geh!“ Während dieſes Zwiegeſprächs hatte ſich Petz wieder aufgerichtet und watſchelte ſchwerfällig, nachdem Ehregott das Zimmer verlaſſen hatte, zum König, bei dem er ſtehen blieb. Jeder Andere hätte die Furcht Ehregott's vor einer nähern Bekanntſchaft mit dem wohlbeleibten, kräftigen Thiere ſehr natürlich gefunden, nur der König, ſeine eigene Körperſtärke kennend, hatte keine Anwand⸗ lung einer ſolchen. Petz ſtand ſo ruhig neben ihm, daß der Anſchein von Gefahr in ſeiner unmittelbaren Nähe den Augen Seiner Majeſtät wie eine Fabel erſchien. „Hält dich der Haſenfuß für bösartig“, ſprach der König lachend.„Gut, wir wollen eine Probe machen, Petz, wie weit deine Gemüthlichkeit geht. Paß auf, Petz, das Diner beginnt.“ Er reichte dem ſtattlichen Burſchen eine Honigſchnitte, welche derſelbe mit großer Gier verſchlang.„Ah, du haſt Appetit, Petz!“ rief der König.„Deſto beſſer für die Probe.“ Er reichte dem Thiere die zweite Honigſchnitte, doch als der zottige Ge⸗ ſell ſie erfaſſen wollte, zog er ſie ihm raſch weg. Dieſes Spiel des Zufaſſens und des Wegziehens wiederholte der König mehrmals, das Thier blieb ruhig dabei. 90 „Brav, Petz, brav!“ lobte Seine Majeſtät, ihm den gewaltigen Kopf klatſchend.„Jetzt eine andere Probe. Halte dich tapfer, Petz!“ Er hielt ihm die größte Honig⸗ ſchnitte hin und Petz erfaßte ſie, im ſelben Moment ent⸗ riß ihm aber der König mit einem raſchen Ruck dieſelbe, ſodaß nur ein ganz kleiner Theil davon in des Zottigen Maule blieb. Ein dumpfer Ton des Mißbehagens ent⸗ rang ſich dem Rachen des Thieres. „Was iſt das, Petz?“ donnerte ihn der König an. „Keinen Mucks mehr! Paß auf!“ Und er wiederholte das nämliche Manöver mit dem Bären. Diesmal aber nahm Meiſter Petz den Spaß ſehr übel auf. Er ſtieß ein tiefes zorniges Gebrumme aus und ſchlug mit der Tatze den König auf den Arm. Der Schlag war ſo ſchwer geweſen, daß der davon Getroffene den Arm nieder⸗ ſinken ließ. Dieſe Schmerzempfindung veranlaßte ihn zu einer heftigen Zornesäußerung: er ſtieß das Thier mit dem Fuß in die Weichen. Als habe der zottige Geſell nur ein ſolches Attentat auf ſich abwarten wollen, um ſeiner Feindſeligkeit Luft zu machen, richtete er ſich ſofort auf den Hinterbeinen auf, ſeine Augen rollten wie Feuerräder, der dazu auf⸗ geſperrte Rachen bewegte ſich einige Male auf und nie⸗ der klappend, wie zur Uebung, ein furchtbares Gebiß ³ 2D2.= —— 8 SG2 = + 91 zeigend, und dieſe gefahrdrohende Aeußerung, das Werk einiger Sekunden, wurde gleichzeitig von einem ſo mark⸗ erſchütternden Brummen begleitet, daß dem König kein Zweifel mehr blieb, was die nächſte Folge dieſer höchſt verdächtigen Zeichen ſein werde. Seine Stellung dem aufgeregten Thiere gegenüber war keine günſtige. Zwi⸗ ſchen den Tiſch, auf welchem die Schüſſel mit den Honigſchnitten ſtand, und den Stuhl, auf dem er kurz vorher geſeſſen, eingeengt, denn das Schreibepult war dicht an die Wand geſchoben, bot ſich ihm kein anderes Mittel, Petz von ſich abzuhalten, als eine Schranke gegen denſelben zu gewinnen. Mit gewaltiger Kraft riß er plötzlich den eichenen Tiſch zwiſchen ſich und das Thier, welches dadurch einen ſo ſtarken Stoß in die linke Seite erhielt, daß es niederſtürzte. Der König war für den Moment frei, aber auch nur für den Moment, denn Petz raffte ſich mit unglaublicher Schnelligkeit vom Boden auf und gewann ihm, der, auf die durch die heftige Bewegung des Tiſches herabgeſchleu⸗ derte Honigſchnitte tretend, welche er vorhin dem Zotti⸗ gen entriſſen, ausgeglitten und faſt zu Falle gekommen war, den Vorſprung nach der Thür ab. Die Lage des Königs ward kritiſch. Die funkelnden Augen, der weit aufgeriſſene Rachen des zornſchnaubenden Petz, aus dem ein heißer 0 ₰ — Dunſt quoll, und ſein entſetzliches Brummen, das einem dumpfen Brüllen glich, ließen einen harten Kampf erwar⸗ ten, und dieſer begann auch ſofort. König Auguſt entging mit Mühe den Angriffen des in immer höherem Grade ſeine Wuth kundgebenden Thieres, dem er mit einem hoch geſchwungenen Stuhle harte Schläge auf den Schädel verſetzte; aber auch dieſe Waffe entriß ihm Petz und der ſchwere Stuhl flog krachend zu Boden. Dieſes ſtarke Geräuſch und die immer lauter werdenden Wuthäußerungen des zottigen Ungethüms, das alle Lehren der ihm zu Theil gewordenen Erziehung voll⸗ ſtändig vergeſſen hatte, waren auf dem Corridor gehört worden. Ehregott riß die Thür auf und ſtieß bei dem, was er ſah, ein ſo gellendes Geſchrei aus, daß die Leute im Schloſſe alarmirt wurden. Man ſtürzte aus allen Thüren heraus. „Die Beſtie niederſchießen!“ brüllte der Oberhof⸗ jägermeiſter ſeinen Jägern zu, aber man hatte natürlich keine Gewehre bei ſich und eilte zurück, um dieſe zu holen. Auf einen Kampf mit einem Bären war man nicht vorbereitet. Die Lakaien ſchrieen durcheinander. Des Königs Kampf mit Petz dauerte fort. Der Oberhof⸗ jägermeiſter, der Einzige, der mit gezogenem Hirſchfänger außerhalb der Schwelle ſtand, überſchrie die ſich von der offenen Thür zurückdrängenden und von ihren zuletzt 93 herbeigekommenen Kameraden ungeſtüm vorgedrängten Lakaien um ein Bedeutendes, aber über die Schwelle zu treten und durch einen Angriff mit der blanken Waffe das wüthende Thier von dem König ab und auf ſeine eigene Perſon zu lenken, wagte er nicht. Vergebens hatte der König darnach getrachtet, in die Nähe ſeines an der Wand hängenden Hirſchfängers zu gelangen. Petz ſtand ihm im Wege und er war gezwun⸗ gen, ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf die ungemein raſch auf einander folgenden Angriffe des Thieres zu richten, um den von deſſen Tatzen nach ihm geführten Schlägen und dem Schnappen mit dem weitaufgeriſſenen Rachen nach ihm zu entgehen. Ein nicht ſehr großer Tiſch, den Seine Majeſtät mit ungemeinem Geſchick regierend zwiſchen ſich und ſeinem wüthenden Gegner feſthielt, war ſeine einzige Waffe, und nur wenn es ihm gelang, mit dem Tiſche ſo zu manövriren, daß er nach der Wand, an der der Hirſch⸗ fänger hing, gelangte, war es möglich, daß er mittels eines gut geführten Stoßes das Thier fällen konnte. Dazu aber ſchien vor der Hand noch keine Hoffnung zu ſein. Die Jäger waren mit ihren Büchſen zurückgekehrt, aber ſie konnten nicht wagen, ſie abzufeuern, da die Nothwendigkeit den König zwang, ſeine Stellung oft zu wechſeln, um den Angriffen von Petz auszuweichen. Wer bürgte dafür, daß nicht eine Kugel den König traf? Der Oberhofjägermeiſter ſchrie mit allem Kraftaufwand: „Achtung! Achtung! Achtung!“ aber zum Commando: „Feuer!“ kam es aus vorſtehend erwähnter Urſache nicht. Petz ſchien im Vortheil ſeinem Herrn gegenüber zu ſein. Der König, der ſich einem wohlgeführten Schlag von deſſen Tatze nicht ganz hatte entziehen können, wankte. In dieſem Moment größter Gefahr gellte der Schreckens⸗ ſchrei einer weiblichen Stimme aus der Mitte der im Anſchlag liegenden Jäger heraus und man hörte die dem Angſtſchrei unmittelbar folgenden Worte von derſelben Stimme:„Laßt mich durch! Laßt mich durch! Ich will, ich muß zu ihm!“ Der König hatte die Rufende erkannt.„Haltet ſie zurück!“ rief er.„Haltet ſie zurück!“ Dieſer kurze, mit ſtarker Stimme gerufene Befehl ſchien das wüthende Thier für den Moment zu erſchrecken. Es ließ für einige Sekunden in ſeinen Angriffen ab und dieſe benutzte der König zum raſchen Sprung an die Wand, von der er den Hirſchfänger herunterriß und mit deſſen im Nu entblößter Klinge er das Ungethüm erwartete, das ſich auch ſofort auf ihn ſtürzte. Aber es hatte ſeinen Mann gefunden. Mit dumpfem Gebrumm brach es zu König Auguſt's Füßen zuſammen, ein dampfender Blut⸗ ſtrom quoll aus ſeinem vom Hirſchfänger durchſtoßenen 95 Herzen. Nach einigen krampfhaften Zuckungen des plum⸗ pen Körpers war Petz verendet. Ehe noch die von Erſtaunen ergriffenen Jäger die Schwelle überſchritten, drängte ſich Gräfin Coſel durch ſie hindurch ins Gemach. Mit ausgebreiteten Armen eilte ſie auf den König zu, und nicht des Blutes achtend, das aus des Bären Herzwunde rann, warf ſie ſich zu Auguſt's Füßen nieder mit dem Rufe:„Mein Held, mein Auguſtus! Du biſt gerettet, Gott ſei Dank dafür!“ Eine halbe Stunde ſpäter erſchien Graf Flemming beim König. Er hatte ſeiner Gewohnheit nach eine kurze Sieſta gehalten und mit Verdruß gehört, was ſich unter⸗ deß Außerordentliches begeben. „Theuerſte Excellenz, tauſend Dank für Ihre Herzens⸗ güte, die mir Gelegenheit gegeben hat, die Erſte ſein zu können, unſerm geliebten Könige Glück zu ſeiner Rettung aus ſo großer Gefahr zu wünſchen!“ rief ihm die Coſel mit einer ſo offenbar heitern Miene entgegen, daß eben nur Jemand, der die bittere Feindſchaft zwiſchen ihr und dem Generalfeldmarſchall genau kannte, ſich nicht durch ihre glatten, verbindlichen Warte täuſchen ließ, ſondern den ſchneidendſten Hohn aus denſelben herausfühlte. Flemming's Geſicht hatte in dieſem Augenblicke viel Aehnliches mit einem gewittervollen Horizonte, an dem Blitze hin und her zucken. Es ſah grauenhaft finſter aus 96 und um ſeine Mundwinkel ſpielte es wie von gichtiſcher Schmerzanwandlung, um ſo mehr, als er bemerkte, daß der König ein Lächeln auf ſeine Koſten nicht unterdrücken konnte. „Ja, Flemming, ich hatte ſchon recht geſehen, als ich Dir ſagte, ich hätte Conſtanze in der Bauernkarrete erkannt. Sie war es, wie Du ſiehſt. Sie wollte mich überraſchen und darum dies Incognito.“ Der König lachte hellauf.„Es iſt köſtlich, köſtlich! Du wollteſt mich glauben machen, Flemming, ich hätte die Frau Feuer⸗ freſſerin, deren Mann ſich hier auf dem Jahrmarkt pro⸗ duciren wird, für Conſtanze angeſehen.“ „Ah, welche allerliebſte Chargen mir mein theurer Freund zuwendet“, lachte die Gräfin.„Excellenz, ich finde Sie immer liebenswürdiger.“ Flemming beſaß in manchen Beziehungen ungemeine Aehnlichkeit mit ſeinen heimatlichen Eichen; er war feſt und dauerhaft wie ſie und konnte mit großer Seelenruhe manchem gegen ihn gerichteten Streich Widerſtand bieten. Zudem war er viel zu gut geſchulter Höfling, als daß er es nicht verſtanden hätte, in jetziger ihm anfänglich nicht ganz behaglichen Situation den Mantel ſo auf die Schulter zu hängen, daß ihm der Wind nicht ſchaden konnte. Beim Souper hätte man meinen ſollen, er und die Gräfin Coſel ſeien die treueſten Alliirten und ganz 97 und gar eines Sinnes. Sie überboten ſich gegenſeitig in dem Beſtreben, dem König einen heitern Abend zu bereiten. Eins war ſicher, vor der Hand hatte Gräfin Coſel wieder das Feld gewonnen. Carion, König Auguſt. II. Der Großmutter Spieker Schlaganfall war von um ſo ernſtern Folgen begleitet, als die davon Betroffene in ſo vorgerückten Lebensjahren ſtand, welche eine Wie⸗ derherſtellung um ſo weniger erwarten ließen, weil ihre Kräfte bereits in zu ſtarker Abnahme begriffen waren, um die ärztlichen Verordnungen zu unterſtützen. Unter dieſen betrübenden Umſtänden war es für Elſe zur Noth⸗ wendigkeit geworden, Herrn Dinglinger um ihre ſofortige Entlaſſung aus ſeinem Dienſte zu bitten, und er war einſichtsvoll genug, ſie ihr nicht zu verweigern. Elſe ſelbſt verließ das Haus des Hofjuweliers in ſehr trüber Stimmung, denn erſtens erſchien ihr das Scheiden aus demſelben wie ein wirkliches Scheiden von Jürg und⸗ zweitens hatte ſie ſich die Zeit daher an„Mamſell Gomel“ 99 ſo ſehr gewöhnt, daß ihr das Aufgeben dieſer ihr liebge⸗ wordenen Bekanntſchaft ſehr ſchwer aufs Herz fiel. Im Dinglinger'ſchen Hauſe hatte ſie für ihr leb⸗ haftes Naturell immer neue Anregung gefunden, als Krankenpflegerin bei der Großmutter mußte ſie indeß ihr junges, energiſch empfindendes Weſen mit Gewalt niederdrücken, ſie mußte ſich dem Zwange unterwerfen, ihrer gewöhnlichen Lebhaftigkeit ſich zu entäußern. Und doch hätte ſie das Alles mit Geduld ertragen, wenn nicht der Krümel⸗Schneider mit ſeinem unſe plauder von Sabinens Vergangenheit und den j Beſuchen Jürg Weber's bei ihr einen raſtlos ſie ſchmer lichſt verwundenden ſchlimmen Gedanken ihr in die See geworfen hätte. Wie ein Brandſtifter ſein böſes Werk ohne den Ge⸗ danken beginnt, daß er auch über Perſonen, welche un glücklich zu machen gar nicht in ſeiner Abſicht liegt, Ver⸗ derben bringen könne, weil er nicht der Flammen Herr iſt, ſo auch hatte des Krümel⸗Schneiders unbewachte Zunge ein arges Zerwürfniß zwiſchen Elſe und Jürg herbeigeführt. Sie glaubte in ihrem beſten Rechte zu ſein, dem Jürg ſchwere Vorwürfe zu machen, und da dieſer nicht wenig ſich beſtürzt zeigte, ſie ſo genau von ſeinen Be⸗ ſuchen bei Niſcholds unterrichtet zu wiſſen, ſo erſchien er △ 4 100 ihr als ein überführter Sünder an ihrem Herzen, der keiner Verzeihung würdig ſei. Von dem Tage an kam Jürg nur ſelten zur Großmutter. Elſe war ſehr un⸗ glücklich darüber, ihr einziger Anhalt blieb der Krümel⸗ Schneider, der im Obergeſchoß wohnte. Wenn die Großmutter gegen die Abendzeit eingeſchlummert war, eilte ſie zu ihm hinauf. Sie wollte Nachricht über den Jürg haben.. „Ja, denkt Sie denn, Jungfer Elſe, der Jürg wird's an die große Glocke hängen, was ihn zu den Nitzſcholds hinzieht?“ fragte der kleine Schneidermeiſter ärgerlich über das Andrängen Elſe's.„Ich bin Seiner könig⸗ lichen Majeſtät Stallſchneider, aber kein Liebesbote oder gar ein Liebespoſten, der ſich vors Haus lagert, um den Aufpaſſer zu machen auf Alles, was drin vorgeht. Ich bin doch nicht deswegen Meiſter geworden!“ „Rede Er doch nicht ſo wunderlich!“ entgegnete Elſe gereizt.„Warum hat Er denn erſt ſolch Aufhebens ge⸗ macht, daß der Jürg zu den Weibsleuten geht, wenn Er ſich jetzt auf die Hinterbeine ſetzen will? Hätte Er vorher nicht geplappert, ſo fragte ich Ihn jetzt nicht.“ „Ja, das war dumm von mir, hätt's Maul halten ſollen“, ſtimmte der kleine Mann aufrichtig bei.„Jetzt hab' ich's dafür.“ „Hat Er A geſagt, muß Er auch B ſagen, Meiſter 101 Krümel, davon hilft Ihm Niemand los. Ich verlang's von Ihm, daß er Nachforſchung hält, was das für ein Verhältniß zwiſchen Jürg und Sabine iſt.“ „Wende Sie ſich an den Herrn Hofjuwelier, der kann's Ihr jedenfalls beſſer ſagen als ich.“ „Er ſchwatzt wohl im Traume?“ „Denk's nicht, mit der Nähnadel in der Hand träumt ſich's ſchlecht, von wegen des Stechens. Vom Herrn Hofjuwelier zu reden, ſo meine ich ganz auf der rechten Fährte zu ſein, denn wie ich geſtern Abend in der Däm⸗ merung nach unſerm Innungshauſe ging— des Sonntags abends trifft man da viele Bekannte— ſah ich den Herrn Hofjuwelier und Ihren Jürg miteinander an den Häuſern hinſchreiten. Zeit hatte ich genug und deswegen ſchlen⸗ erte ich hinter ihnen drein, ganz verwundert über die icke Freundſchaft zwiſchen ſolchem hoch berühmten Mei⸗ ſter, wie der Herr Dinglinger einer iſt, auf den die ganze Stadt ſtolz ſein kann, und einem bloßen Laden—“ Elſe's Geſicht färbte ſich im Nu zornroth und mit ſehr energiſchem Tone fiel ſie ihm ins Wort.„Meiſter Krümel“, ſagte ſie ſcharf,„mache Er ſich nicht lächerlich mit einfältigen Bemerkungen über den Jürg, das verbitte. ich mir, daß Er es nur weiß. Wenn ich auch Urſache habe, auf ihn giftig zu ſein, ſo hat Er doch kein Recht, ihn herunterzuſetzen, merke Er ſich das, ich leid's nicht. 8 L 9§ d 102 Der Jürg iſt Commis und verſteht auch Franzöſiſch, das will was ſagen. Wer weiß, ob einer von Seiner ganzen Schneiderſippſchaft das verſteht.“ „Schwerebrett, Sie geht ja hölliſch ins Zeug, Jungfer f Elſe!“ rief jener gutmüthig lachend.„Na, eins iſt ſicher wahr: Verliebte ſind wie Keſſelflickervolk. Bin auch nicht anders geweſen, wie ich mit meiner ſeligen Dorothee, meiner erſten Frau, Liebesleute ſpielte. Hätte mir einer was gegen die zum Angehör geben ben Ich bin nicht der Größte, aber mmit einem Goliath hätte ich an⸗ Ihr gebunden. Darin bin ich'n Mordskerl! Ne Aih alſo auch au übel, daß 3 gegen mich ſo gröblich los⸗ zieht Ihres Herrn Jürg wegen. Das wäre zwiſchen uns abgemacht. Nun will ich Ihr nur ſagen, daß, habe ich nicht ganz falſch gehört, der Name Sabine zwiſchen beiden einigemal erwähnt wurde. Zuletzt gingen beide miteinander ins Haus, wo Nitzſcholds wohnen, das daſ⸗ ſelbe iſt, was ſie 15 edem bewohuten, ehe ſie die Weintraube nebenan kauft Es lnee e eine Pauſe. Der Krümel⸗Schneider nähte eifrig fort, Elſe ſaß, die Hände in die Schooß gelegt, den Kopf auf die Bruſt geneigt, in tiefem Nachſinnen da. 3 Sie wurde ganz wirr in ihrem Denken. Konnte denn der Jürg wirklich auf ſchlechtem Wege wandeln, wenn. Herr Dinglinger um ſeine Beſuche bei Nitzſcholds wußte? 103 Das war gar nicht denkbar, zumal der Hofjuwelier das zwiſchen ihr und dem Jürg beſtehende zarte Verhältniß kannte. Wie ſehr auch der Argwohn, die Eiferſucht an ihr prickelten, ſo hob ſich doch mit ſiegender Uebermacht die Liebe zu Jürg wieder in ihrem Herzen zur Geltung empor, und der Krümel⸗Schneider hörte mit Verwun⸗ derung ſie vor ſich hinſprechen:„Bin ich nicht ein recht unglückliches Mädel! Eine ſchwerkranke Großmutter, einen Schatz, den ich ſo lieb habe, und keinen Glauben, keine Hoffnung, keine Liebe in mir! Ich muß ja elendiglich zu Grunde gehen bei den Zuſtänden.“ Ehe jener jedoch ſein Erſtaunen über dieſe von Elſe unbewußt ausgeſprochene Klage in einer Bemerkung äußern konnte, wurde die Thür ſchnell geöffnet und eine ältliche Frauensperſon trat auf die Schwelle mit den in großer Angſt hervorgeſtoßenen Worten:„Ach, Meiſter Krümel, komme Er doch um Gotteswillen ſchnell her⸗ über, der Bruder iſt wieder einmal ganz confus gewor⸗ den! Du mein Himmel, ich fürchte mich zu Tode.“ „Komme gleich, Jungfer Suſe. Es iſt doch'n rechtes Unglück mit dem Gutbier! Dachte ſchon, er wäre über den Berg, fällt er wieder in die alte Geſchichte zurück.“ Während ſich der Krümel⸗Schneider vom Tiſche ſchwang, fragte Elſe:„Was iſt denn mit dem Gutbier?“ 104 „Was wird's ſein! Er iſt wieder einmal verrückt ge⸗ worden. Ein unglückſeliger Menſch!“ „Daß er Ihm nur nichts Böſes anthut“, warnte Elſe. „Werde ihn erſt durchs Küchenfenſter beobachten. Sie kann auch mitkommen, Jungfer, dergleichen ſieht Sie nicht alle Tage.“ An der offenen Thür zu der Wohnung ſeines Nach⸗ bars Gutbier ſtand deſſen Schweſter Suſe.„Er iſt wieder ganz aus dem Häuschen“, jammerte ſie;„komme Er nur, Meiſter Krümel.“ Vorhaus und Küche waren eins. Dieſer Raum em⸗ pfing das Tageslicht in allerdings ſehr geminderter Hel⸗ ligkeit durch ein Fenſter, das aus der ein ziemlich geräu⸗ miges Viereck darſtellenden Stube in die Küche mündete. Ein verſchiebbarer Vorhang verhinderte den Einblick von drinnen heraus in letztere. Es war jetzt Abendzeit. Auf dem Herde ſtand eine düſter brennende Lampe, welche dieſen ſchon am Tage nicht eben ſehr hellen, bei Abend natürlich, wenn in der Stube kein Licht brannte, ganz finſtern Raum ſo weit erleuchtete, daß der hier Eintretende ſich nicht an hervorſtehenden Gegenſtänden ſtoßen konnte. Elſe, für die ältliche Jungfer Suſe keine Unbekannte, trat hinter dem Krümel⸗Schneider ein und folgte ihm zu dem von dem erwähnten Vorhang bedeckten Fenſter. 105 Durch eine geringe Verſchiebung des dünnen Zeuges auf beiden Seiten des Fenſters gewannen der kleine Schneider und Elſe unbemerkt eine Ueberſicht der Stube, in deren Mitte ein nicht allzubreiter langer Tiſch mit einem darauf geſtellten ſchmalen, nicht ſehr hohen, offenen Kaſten ſtand. Hinter dem Tiſche, aber einen bequemen Durchgang laſſend, am Pfeiler zwiſchen den beiden die Ausſicht auf die Straße habenden Fenſtern, war eine kleine Kommode ſichtbar, auf der außer verſchie⸗ denen Gegenſtänden, Gläſern und Käſtchen, ein Unſchlitt⸗ licht in einem kupfernen Leuchter brannte. Der unge⸗ putzte Docht ragte in hohen ſchwarzen Räubern mit glühenden Spitzen über die tiefer brennende Flamme empor, wodurch natürlich der Leuchtkraft der letztern ſtarker Abbruch geſchah, ſodaß man ſagen konnte, es war eine Art Zwielicht in der Stube. Indeß waren die Gegenſtände, welche ſich in dem Raume befanden, doch hinreichend zu erkennen, und ſie zu überſchauen machte eben keine Mühe, denn es gab deren nur wenige— ein Schrank, ein Tiſch mit Schreibmaterialien, einige Stühle, ein an der Wand befeſtigtes Regal mit Büchern und gegenüber ein zweireihiges Geſchirrbret, auf dem ſich ſauber geputzte Zinnteller und blankgeſcheuerte kupferne Geräthſchaften präſentirten. Eine Verſtärkung der ſehr getrübten Helligkeit des auf der Kommode brennenden 106 Lichtes bewirkte der als ſchmaler Streifen in dunklen Holzrahmen gefaßte Spiegel. Da der Ofen nur halb ſichtbar war, weil er der Eſſe wegen im Winkel der Stube ſtand, hatten der Krümmel⸗Schneider und Elſe einen unbeſchränkt freien Einblick in letztere. Der Rathsſchreiber ſelbſt, dem ihr Lauſchen galt, eine große ſtarkknochige Männergeſtalt, vollſtändig mit den Unterkleidern bekleidet, jedoch in Hemdärmeln, ſtand in der Stellung eines Lauſchenden in der Nähe der Kammerthür. Es war ſichtbar, daß des Mannes Geiſt in außerordent⸗ licher Spannung ſich befinden mußte. Sein Geſicht, un⸗ beweglich in ſeinen Zügen, glich einem verſteinten Me⸗ duſenantlitz. Unbeſchreiblich verzerrt, war es halb der Kammerthür zugewendet, die Augen blickten ſtier und 9 regungslos vor ſich hin, kein Glied ſeines Körpers zuckte. Die ſeitwärts vorgeneigte Stellung des letztern erlitt kein Wanken, obwohl der rechte Fuß nur auf den Zehen ruhte, was hinreichend bewies, wie ſein wirrer Geiſt ganz und gar ſich im Beſitz der Herrſchaft über den Leib befand. Das mehr trübe als helle Licht in der Stube lieh dem Manne den Ausdruck des Geſpenſtigen, Grauenerregenden. Elſe wollte ſich von dieſem unerfreulichen Anblick eben abwenden, als plötzlich wie mit einem Schlage Leben und Bewegung in den unheimlichen Menſchen kam. Sich im Nu zu ſeiner vollen Größe aufrichtend, ſchloß er die Augen, und da Alles ſtill war, hörten ſie ihn, nachdem er eine Zeit lang die Lippen wie ſprechend bewegt hatte, ſagen:„Tauſend Thaler— tauſend Thaler!— Ich kann reich werden— tauſend Thaler! Was mag's nur ſein? Ob ich's wage?— Tauſend Thaler— ich kann reich werden.“ Der Gedanke an den Reichthum ſchien der allein den geiſtesirren Mann beherrſchende zu ſein, er gab deſſen etwas zuſammengeſunkenem Körper neue Spannkraft. Nach abermaligem kurzen Horchen an der Thür drückte er ſichtbar vorſichtig, als wolle er jedes Geräuſch vermeiden, die Thürklinke nieder, dann trat er behutſan auf die Schwelle, mit vorgeſtrecktem Kopfe in das Innere hineinlauſchend. Plötzlich drückte er die Thür weiter auf und verſchwand in der Kammer, jedoch nur für die Dauer weniger Sekunden. Dann trat er mit derſelben Eilfertigkeit wieder aus der Kammer und hob vorſichtig die Klinke, ſodaß die Thür ganz ohne Geräuſch ſich wieder ſchloß. Mit nur halb verſtändlicher Stimme hörten ſie ihn ſprechen:„Ich hab's! Ich hab's! Tauſend Thaler! Ich bin reich!“ Eilfertig ging er auf die andere Seite des Tiſches. Jetzt begann eine lebhafte Bewegung ſeiner Hände, über deren Bedeutung die Beiden am Küchenfenſter in völ⸗ ligem Dunkel blieben. Ebenſo wenig vermochten ſie einen 108 Sinn darin zu finden, daß er, die rechte Hand vor ſich hinſtreckend, als halte dieſe etwas, worauf ſeine Augen ruhten, die Linke über Haupthöhe erhob, als wolle er einen ungeheuren Schreck ausdrücken. Plötzlich aber ſchauerte er zuſammen; einen Augenblick lauſchend, trat er dann raſch an den auf den Tiſch ſtehenden offenen Ka⸗ ſten und griff mit beiden Händen hinein. Es ſah aus, als verberge er etwas darin. Gleich darauf ſtellte er ſich gleicſam in Parade, den rechten Arm etwas von ſich ſtreckend, als halte er etwas mit der Hand. Bald veränderte er die Stellung und alle Zeichen großen Schreckens gaben ſich in ſeinem Geſichte kund. „Was hat er nur in dem Kaſten?“ fragte der Krü⸗ mel⸗Schneider die vor Angſt an allen Gliedern bebende Schweſter des Irrſinnigen. „Alle Schreibereien von Jahren her“, antwortete dieſe. „Er hat ihn aus der Kammer herausgeholt, weil er was ſuchte.“ „s iſt doch kurios“, meinte jener.„Da kann der Satan nicht klug daraus werden, unſereiner erſt recht nicht, wenngleich man königlicher Majeſtät Stallſchneider iſt. Ich will mal zu ihm hineingehen.“ „Thue Er's nicht, Meiſter Krümel“, warnte Elſe. „Wer wird ſo vermeſſen ſein!“ „Habe Sie doch keine Furcht wegen mir, Jungfer —9 à☛ 109 Elſe“, antwortete der kleine Schneider ſehr großſpreche⸗ riſch.„Der und ich, wir kennen einander ſchon.“ Nach dieſen heldenmüthigen Worten trat er ſehr geräuſch⸗ voll in die Stube, indeß der Muth, mit dem er geprahlt, verſchwand ſofort, denn kanm hatte er ſeine Anrede mit den Worten begonnen:„Nun, Nachbar Gutbier, wie—“ als der Irre wie ein Stoßvogel auf ihn losfuhr, ihn bei der linken, Schulter packte und, mit der andern Hand auf den Kaſten zeigend, ihm ins Geſicht ſchrie: „Der hat's! Der hat's!“ Der Griff mochte des kleinen ſchwächlichen Krümel⸗ Schneiders ſpitze Schulter höchſt unſanft berührt haben, denn er brüllte fürchterlich auf, und da jener durch dieſes Geſchrei ſeines lieben Nachbars, wie es ſchien, in der ſeinen Geiſt ſo ausſchließlich beherrſchenden wirren Phantaſie nicht nur erſchüttert, ſondern auch derſelben entriſſen wurde, ſo ließ er ihn los und taumelte gleich einem Schwerberauſchten, der aus tiefem, todähnlichem Schlafe ungeſtüm erweckt wird, auf einen an der Wand ſte⸗ henden Stuhl nieder. Der Krümel⸗Schneider war höch⸗ lichſt über die ſeiner Schulter angethane Wehethat empört und ſchüttete ſeinen Zorn über den ſich mit kei⸗ nem Worte Vertheidigenden in einer faſt tobſüchtigen Suada aus. Elſe verließ die Gutbier'ſche Wohnung. Was ſollte 110 ſie noch da? Der räthſelhafte Irrſinn des Rathsſchreibers blieb doch ungelöſt. Der Unglückliche hatte über das, was ihm in dieſem Zuſtande vorſchwebte, noch nie ein erklärendes Wort geäußert, er hielt es als Geheimniß feſt verſchloſſen in ſich. Seit jenem Tage, wo er bei Ge⸗ legenheit des aus der Webergaſſe kommenden Leichenzugs ein öffentliches Aergerniß veranlaßt hatte, war nichts mehr dem Aehnliches von ſeiner Seite geſchehen, und des⸗ halb ſetzte ſein getreuer Nachbar dieſe Ruhe in Gutbier's Benehmen auf Rechnung ſeiner Beſtrebungen, ihn ver⸗ nünftig zu machen. Nicht nur ſeine ſchmerzende Schulter, ſondern auch der Aerger, ſich in ſeinem ihm ſehr ſchmei⸗ chelhaften Bewußtſein, den Verrückten hergeſtellt zu haben, ſo ſehr enttäuſcht zu ſehen, machte den kleinen Schneider ungemein giftig. Nachdem auch dieſer ſchneidermeiſterliche Zornſtrom ſich endlich beruhigt hatte, fand es Herr Krü⸗ mel nothwendig, den auf Alles ſchweigenden Rathsſchreiber ſcharf ins Gebet zu nehmen, wie er ſich ausdrückte, indem er alles das, was er durch das Küchenfenſter ge⸗ ſehen hatte, ihm vors Gedächtniß führte, ja ihm ſogar die erlauſchten ſeltſamen pantomimiſchen Bewegungen durch perſönliche Nachahmung darzuſtellen ſich bemühte und zugleich die von jenem geführten, gar keinen Sinn zu haben ſcheinenden Reden mittels deren Wiederholung ihm in Erinnerung bachte. Die ſich im Aeußern des T Rathsſchreibers durch Zucken und Beben ſichtbar ma⸗ chenden Schauer und daß der Mann mit den Händen ſein Geſicht bedeckte, ſah der ehrenwerthe Meiſter für unbeſtreitbare Beſtätigung tiefſter Zerknirſchung des Nach⸗ bars an, ſolch dummes Zeug zu Tage gefördert zu haben. „Das kommt aber nur von Seinem ewigen Stuben⸗ hocken her“, entſchied der Krümel⸗Schneider ſehr weiſe. „Da wird's Blut dick, was bei einem vollſäftigen Goliath wie Er gar nicht zu verwundern iſt, und dann koimt Ihm die Hitze in den Kopf und Er ſchnappt über— kann man ſich ja an den Fingern abzählen. Künftig nehme ich Ihn mit, wenn ich zu Biere gehe. Das iſt Zer⸗ ſtreuung für Ihn und ein Krug Bier bringt Ihn auch nicht um. Ich will Ihn ſchon kuriren, Nachbar.“ Während der würdige Stallſchneider Seiner könig⸗ lichen Majeſtät beſchloß, den Rathsſchreiber auf dieſe höchſt humane Weiſe in die Kur zu nehmen, überließ ſich Elſe einem ſehr unangenehmen Denken, deſſen einziges Reſultat jedoch vollkommen mit ihrem energiſchen Naturell überein⸗ ſtimmte, nämlich darauf hinauslief, perſönlich den Herrn Hofjuwelier um Aufſchluß über Jürg's Beſuche bei Nit⸗ ſcholds anzugehen. Das konnte natürlich nur dann erſt ſtattfinden, wenn die Großmutter ſich wieder ein wenig erholt hatte, was bei deren hohem Alter in kaum 112 merklicher Weiſe geſchah. Es vergingen demzufolge acht oder zehn Tage, ehe ſie es wagen konnte, auf einige Abend⸗ ſtunden die kranke Matrone der alleinigen Obhut des Mädchens zu überlaſſen. Bei der Gelegenheit hoffte ſie zugleich bei ihrer guten Freundin, der Mamſell Gomel, wieder einmal ein halbes Stündchen verplaudern zu können. Es that ihr ſo leid, daß Zephanja nicht von der Weiſſagungsgabe der Groß⸗ mutter einen Einblick in ihre Zukunft hatte profitiren können; aber aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben; wenn die Großmutter wieder geneſen ſein würde, ließ ſich das an dem Unglücksabend nicht zur Ausführung Gekommene nachholen. Ein die Fronte des Dinglinger'ſchen Hauſes überſtrei⸗ fender Blick zeigte Elſe, daß der Hofjuwelier ſich daheim befinde. Die einfenſtrige Stube, wo er gewöhnlich des Abends mit ſeinen ſchriftlichen Arbeiten oder mit Deſſein⸗ zeichnen oder auch mit Leſen ſich beſchäftigte, war erleuchtet; erſt in den ſpätern Abendſtunden ging er in Geſellſchaft. In den Hof tretend, fand ſie auch die Fenſter der Vohnung Zephanja's erhellt, auch ſie war alſo zu Hauſe. Elſe ſah ſich demnach im voraus von dem Re⸗ ſultate ihres Ausgangs befriedigt und ſtieg wohlgemuth die Treppe hinauf. Ihr erſter Weg führte ſie zu Herrn Dinglinger. nehmend nach dem Befinden der Großmutter, und als er erfahren, daß es beſſer mit der alten Frau gehe, fragte er lächelnd:„Nun will Sie wohl wieder in mein Haus, Elſe? Schlage Ihr das gar nicht ab, vorzüglich da, wie Sie ja wohl weiß, bei mir eine Veränderung im Hausweſen ſtattfindet, und“— fügte er lächelnd hinzu— „wer den Papſt zum guteik Freunde hat, unter allen Umſtänden von St.⸗Petrus in den Himmel eingelaſſen wird. Meine Verlobte, Mademoiſelle Zephanja, iſt Ihr ſehr gewogen und ich bin feſt überzeugt, daß ſie ſich ſehr freuen wird, wenn ich ſie mit der Nachricht überraſche, daß Sie wieder ins Haus kommt. Für eine Zeit lang muß Sie ſich freilich noch gedulden, jetzt iſt Ihr Platz beſetzt.“ „Sage dem Herrn Hofjuwelier meinen unterthänigſten Dank und freue mich ſolch wohlgeneigter Geſinnung in Betreff meiner“, antwortete Elſe.„Da habe ich aber noch etwas, was mir gar ſchwer aufs Herz drückt und wovon der Herr Hofjuwelier mir allein helfen kann.“ „Das klingt ja ſeltſam. Nun, nur heraus mit der Sprache. Sie wird doch nicht verlangen, daß ich Ihres bedrückten Herzens wegen erſt Rathsherr werden ſoll?“ bemerlte Herr Dinglinger ſehr gut gelaunt. Gegen ihre Gewohnheit zögerte Elſe, offen mit der Carion, König Auguſt. II. 8 Er war ſehr freundlich gegen ſie, erkundigte ſich theil⸗ 114 Sprache herauszugehen, endlich ſagte ſie:„'s iſt recht ſchlimm; ich weiß nicht, wie ich's dem Herrn Hofjuwelier auf eine geſcheidte und glimpfliche Weiſe vorbringen ſoll, daß er mich nicht für eine Närrin anſieht.“ „Iſt's denn etwas ſo gar Erſchreckliches, daß eine ſo reſolute Perſon wie Sie, Elſe, nicht einmal Worte dafür findet? Das kenne ich gar nicht an Ihr.“ „Na, mag's'raus kommen, wie's will, ich kann's nicht ändern“, ſagte Elſe, indem ſie ſich gewaltſam zum Entſchluſſe, offen mit der Sprache herauszugehen, auf⸗ raffte und ihrem frühern Dienſtherrn ohne weiteres ihren Kummer wegen Jürg's Beſuchen bei Nitſcholds vertraute. „Das hat Sie alſo glücklich ausſpionirt?“ fragte Herr Dinglinger, und der Blick, den er auf ſie richtete, war ſo ernſt, daß er ſie in große Verwirrung brachte Da ſie nichts darauf zu antworten wußte, denn ſie konnte doch unmöglich erzählen, die Kunde vom Krümel⸗Schneider erfahren zu haben, ſie hätte ſich ja ſchämen müſſen, auf Grund ſolchen Geſchwätzes Argwohn gegen den Jürg bei ſich haben aufkommen zu laſſen, hob der Hofjuwe⸗ lier an: „Mit Ihr, Elſe, wird der Jürg Weber jedenfalls kein großes Glück machen, im Gegentheil, denke ich, bindet er ſich eine Ruthe auf, die ihm viel Schmerzen verurſachen 8 n D e 115 dürfte. Ihr fehlt das, was zur wahren Liebe gehört und für dieſe daſſelbe iſt, was die Lebensluft für unſer Daſein, Ihr fehlt der Glaube an Jürg's Rechſchaffenheit, ſie traut ſeiner Ehrlichkeit nicht. Das iſt gleich im voraus der Todeskeim für ſein zu hoffendes Glück mit ihr. Sie macht ſich zu deſſen Todtengräberin. Aendere Sie ſich, und iſt Ihr das Ernſt, ſo ſchlage Sie, da Sie doch eine Bibel hat, nach, was der alte Weiſe Jeſus Sirach über die einer Frau unentbehrlichen Tugenden ſagt. Da wird Sie den guten Spruch finden: Ein Weib, das ſchweigt, iſt eine Gottesgabe. Denke Sie darüber nach und be⸗ herzige Sie die Moral davon. Gehe Sie nun, ich habe zu thun.“ Elſe's Geſicht war kalkweiß geworden, eine ſolche Strafmahnung hatte ſie nicht erwartet. Sie fühlte ſich ſo beſtürzt, daß ſie kein Wort hervorbringen konnte und wie vom Taumel ergriffen hinauswankte. In dem Zu⸗ ſtande von Betäubung, in dem ſie ſich befand, vergaß ſie zu Zephanja hinaufzugehen. Was ſollte ſie bei ihr, der Glücklichen? Als wenn ihre Kräfte ſie verlaſſen wollten, ſo ſchwach und hinfällig fühlte ſie ſich, als ſie ſchief über die Gaſſe das Eckhaus erreicht hatte, welches die eine Häuſerreihe der engen, in die Frauengaſſe einmündenden Schuhmachergaſſe begrenzt. Hier blieb ſie ſtehen und lehnte ſich an die Hauswand. Der Schreck mußte erſt . 8* 116 überwunden werden, den des Hofjuweliers harte Worte ihr in Herz und Glieder geworfen hatten. Als wäre ſie von einem Traume befangen, deſſen ſie ſich nicht erwehren konnte, ſtarrte ſie hinüber auf das Dinglinger'ſche Haus und auf den neben demſelben befindlichen Laden des Spezereihändlers Klepperbein. Im erſtern hatte ſie ſo rückſichtslos harte Verurtheilung er⸗ fahren und in dem andern wußte ſie den Jürg, der ihre Nähe gar nicht ahnte. Konnte ſie denn wirklich Jemand heißer lieben als den Jürg? Das war ja nicht möglich. Und doch wurde ihr ein ſo großes Verbrechen daraus gemacht, daß ſie, von Furcht geſtachelt, er könne ihr entriſſen werden, ſich ſchlim⸗ men Gedanken hingegeben hatte. Daran war nur der unſelige Krümel⸗Schneider ſchuld, deſſen Geſchwätz hatte ſie ſo ſehr aufgeregt, daß ſie in ihrer Angſt den Glauben an Jürg's Treue verloren hatte. Wäre jetzt der Jürg aus dem Laden herausgetreten und hätte, ſie erblickend, gefragt:„Was thuſt Du denn hier, Elſe?“ ſie würde in der tiefen Zerknirſchung, von der ſie ganz be⸗ herrſcht wurde, vor ihm auf die Kniee niedergeſunken ſein und zu ihm gefleht haben:„Vergib mir, Jürg! Ich will immer an Dich glauben!“ Der Jürg aber trat eben nicht aus dem Laden heraus und in die bittere Empfindung der vergeblichen Hoffnung miſchte ſich plötzlich ein außerordentlich großer Zorn über Jeſus Sirach. „Mit dem uralten Juden habe ich nichts als Unglück“, ſprach Elſe zu ſich.„Erſt bringt ihn die Großmutter aufs Tapet, dann der Jürg und nun gar der Herr Hof⸗ juwelier, und wer weiß, wer noch, wenn das ſo fortgeht. Das iſt ja ein wahrer Mörder an mir, der Jeſus Sirach, als wenn er's gerade nur auf mich abgeſehen hätte!“ Die wunderbare Uebereinſtimmung hinſichtlich der An⸗ wendbarkeit ſeiner Sprüche machte indeß auf Elſe tiefen Eindruck. Sie gelangte allmälig zu der Vermuthung, daß ſie wirklich die Urheberin ihres eigenen Unglücks ſein müſſe, und daß der Hofjuwelier gar nicht ſo Unrecht habe, wenn er von dem Verluſte des der Liebe unentbehrlichſten Erforderniſſes, des Glaubens, geredet. Die Eiferſucht war ja ein geborener Zweifel, und wie unnütz dieſer dem Jürg gegenüber geweſen, ging ja offenbar daraus hervor, daß Herr Dinglinger den wahren Grund der Be⸗ ſuche Jürg's bei den Nitſchold'ſchen Frauensleuten genau kennen mußte, ſonſt hätte er gewiß nicht ſeine Partie ge⸗ nommen. Indem ſie dieſe ganz richtige Auſchauung in ſich feſtſtellte, faßte ſie zugleich den feſten Entſchluß, durch⸗ aus keinem argwöhniſchen Gedanken hinſichtlich Jürg's mehr bei ſich Raum zu geben, möge ihr auch gegen ihn zu Ohr gebracht werden, was da wolle. 118 „Ich glaub's nicht, daß er mich ganz und gar ver⸗ geſſen kann, ich glaub's nicht; nein, das wäre ja ſchon der erſte Zweifel wieder, den ich gegen ihn bei mir auf⸗ kommen ließe. Er iſt ein zu guter Junge und er hat mir ja geſagt, daß er mir in ſeinem ganzen Leben nicht meinen Zorn gegen den grobgeſpaßigen Ruſſenzaar, der mir bald das Leben gekoſtet hätte, vergeſſen werde. Und der Jürg hält ſein Wort— er kommt zu mir zu⸗ rück; wir ſind ja ſo zu ſagen von Kindesbeinen an Liebes⸗ leute— er kommt ganz ſicher.“ Dieſe Ueberzeugung Elſe's glich dem goldigen Son⸗ nenaufgange nach ſchwerer Wetternacht, ſie fühlte ſich heiter werden. Fortgehend ließ ſie noch einen Blick über das Dinglinger'ſche Haus ſtreifen, wobei ſie die Bemerkung machte, daß des Hofjuweliers einfenſtrige Stube lichtlos geworden. Er hatte, kurz nachdem Elſe ihn verlaſſen, ſeine Ar⸗ beitszeit beendet, und nach geſchehenem Wechſel ſeines Anzugs verließ er ſeine Wohnung, um in Geſellſchaft zu gehen, wie er das allabendlich zu thun pflegte. Ans Hoffenſter tretend, blickte er nach Zephanja's Wohnung hinauf. Sie war lichthell.„Unermüdlich fleißig“, ſagte er lächelnd zu ſich.„Ich will ihr noch einen guten Abend wünſchen.“ Er ſtieg zum vierten Stock hinauf und ging den 119 Gang des Seitengebäudes entlang. Sein Klopfen blieb erfolglos. Sollte ſie eingeſchlafen ſein? Obwohl Vor⸗ hänge den Einblick durch ihre Fenſter verhinderten, ſo erkannte er doch, daß ſie nicht am Werkbret ſitze, denn mitten auf dieſem ſtand die brennende Lampe und der Schatten, den der Kopf der bei der Arbeit auf niedrigem Schemel Sitzenden auf den Vorhang am Fenſter hätte fallen laſſen müſſen, fehlte ganz. Der Gedanke, es könne ihr etwas Uebles zugeſtoßen ſein, verſetzte den Hofjuwelier in Angſt; er eilte ins Atelier ſeiner Gehülfen im dritten Stockwerk hinab, da er ſich erinnerte, daß die Schlüſſel zu den auf der andern Hofſeite gelegenen Küchen beider 8* Stockwerke des Hinterhauſes ganz gleiche waren. Ohne zu ſagen, was er wolle, durchging er die Werkſtätte und nahm den in der Küchenthür ſteckenden Schlüſſel zu ſich, um ſogleich die ſchmale, aus dem Hofe ins vierte Stock⸗ werk führende Wendeltreppe hinaufzuſteigen. Ohne Hinderniß gelangte er, da innen kein Schlüſſel des Küchenthürſchloſſes ſteckte, nun in Zephanja's Woh⸗ nung. Die Bewohnerin war nicht anweſend, wie er in der nicht allzu großen Räumlichkeit ſchnell bemerkte. Be⸗ troffen blieb der Mann ſtehen. Er wußte ſich darüber um ſo weniger Aufklärung zu geben, als er ſich nicht er⸗ innern konnte, daß Zephanja je hinſichtlich einer Bekannt⸗ ſchaft, die ſie hier gemacht habe, eine Aeußerung gethan. * 85 —, 120 Dies Räthſel verſtand er nicht zu löſen und doch drängte es ihn, die Urſache ihrer Abweſenheit kennen zu lernen. Er verließ die Wohnung ſeiner Verlobten, nachdem er vorher die Lampe möglichen Schadens wegen unterſucht hatte. Sie war voll gefüllt. Wie? Lag hier eine abſichtliche Täuſchung zu Grunde? Er wollte den ſich ihm gewaltſam aufdrängenden Ge⸗ danken von ſich abwehren, aber dieſer kehrte immer wieder zurück, und Herr Dinglinger fühlte, wie ſich ſeiner eine nicht niederzukämpfende Unruhe bemächtigte. Hinabſteigend brachte er den Schlüſſel wieder an ſeinen Ort und verließ dann das Haus. Er beſchloß, im Dunlel der Häuſer auf der andern Seite der Gaſſe ihre Rückkunft abzuwarten. Es war eine tarke Geduldsprobe, die er beſtehen mußte, denn volle zwei Stunden vergingen, ehe Zephanja's Rückkehr er⸗ folgte. Er ſah ſie an der Seite eines ihm Unbekannten auf derſelben Häuſerſeite im Dunkeln einherſchreiten Ein tiefer Thürbogen verdeckte ſeine Geſtalt. Beide blie⸗ ben in ſeiner Nähe ſtehen, ſie wechſelten einige Worte franzöſiſch, jedoch ſo leiſe, daß der von ihnen unbemerkt Stehende nur die von Zephanja geſprochenen Abſchieds⸗ worte:„A revoir!“ verſtehen konnte, dann eilte ſie über die Gaſſe und verſchwand in dem Hauſe. Ihr Begleiter wartete ſo lange, als ſie zu ſehen war, dann ſchlug er 121 ſeinen kurzen Mantel dichter um ſich und eilte den Weg zurück, den er wenige Minuten vorher gekommen war. Der Hofjuwelier fühlte ſich ſo ſehr überraſcht, daß, als er den Entſchluß faßte, dem raſch Davongehenden zu folgen, dieſer bereits einen ſo großen Vorſprung vor ihm hatte, daß an ein Erreichen deſſelben nicht mehr zu denken war, und um dieſe Unmöglichkeit noch gewiſſer zu machen, kamen einige junge Leute laut lachend und ſprechend von der Rosmaringaſſe her, wodurch das Ge⸗ räuſch der Schritte jenes für den ihn Verfolgenden gänzlich verloren ging. Nach wenigen Schritten gab Herr Dinglinger ſeine Abſicht auf und ging zurück. Der Gedanke, ſeiner Gewohnheit gemäß in Geſellſchaft zu gehen, verſchwand ſofort aus ſeiner Seele, er begab ſich in ſeine Wohnung. Seine Arbeitsſtube wurde wie⸗ der lichthell. In des ſtillen, einfachen Bürgers Leben war ein Ereigniß getreten, welches ihn ganz unfähig machte, ſich mit etwas Anderem zu beſchäftigen als mit der ihm wi⸗ derfahrenen Ueberraſchung ſo ungewöhnlicher Art. Mit großen lebhaften Schritten maß er die Länge der Stube. Er ging mit ſich zu Rathe, was in ſeiner Situation zu beginnen ſei. Rief er ſich das Erlebte ins Gedächtniß zurück, ſo wollte ſich ihm die Ueberzeugung aufdrängen, daß er vor einem Geheimniſſe ſtehe, das um ſo ſchwerer 122 zu enträthſeln ſei, als der Abſchied der Beiden durchaus nicht den Charakter eines Liebesverhältniſſes getragen hatte, was doch, wenn ein ſolches ſtattfand, unter allen Umſtänden der Fall geweſen ſein würde. Der Abſchied wäre von mehr Worten begleitet geweſen, als er es in der That war. Ihr Begleiter ſchien nur die cava⸗ liere Pflicht erfüllt zu haben, ſie unter ſeinem Schutze nach Hauſe zu bringen. Aber wo kam ſie her? Dies war zu erforſchen, ehe er ſie von ſeiner Kennt⸗ niß ihres geheimnißvollen Ausgangs unterrichtete. Er war ſich dieſe Erforſchung ſelbſt ſchuldig, er mußte er⸗ gründen, ob er getäuſcht ſei, ſeine Mannesehre verlangte das gebieteriſch, und bei einigem Nachdenken gelangte er zu dem logiſchen Schluſſe, daß es nur von ihm abhänge, das Geheimniß kennen zu lernen. Er wollte ihr gegen⸗ über Schweigen feſthalten, ſie durfte nicht ahnen, daß er um ihr Thun wiſſe, ſie mußte dadurch ſich ſicher fühlen, denſelben Weg wieder zu wandeln, von dem er ſie heute hatte zurückkommen ſehen; nur ſo konnte es ihm gelin⸗ gen, ihr Geheimniß kennen zu lernen. Zephanja hatte in kurzer Zeit viel erlebt. In ihr bisher ſo ſtilles, zurückgezogenes Leben war ein wohlthuen⸗ der Lichtblick gefallen. Seit jenem Abende im Hauſe der Großmutter Elſe's empfand ſie das Glück eines freund⸗ f w 1 4 1 . ö* 3 2 3. 2 3 123 lichen Umgangs mit der Gräfin Coſel. Sie war verarmt, bitter verarmt geweſen an dieſem Glücke, das ſie im Hotel der Fürſtin Soubiſe hatte kennen und lieben ler⸗ nen und das ſie ſeitdem ſchmerzlich entbehrt hatte. Elſe konnte natürlich gar nicht in Betracht kommen, wenn es galt, auch dem beſcheidenſten Wunſch nach gebildetem Um⸗ gange zu entſprechen. Im Umgange mit Perſonen, die über die andern Beziehungen zum Leben mittels ihres gebildeten Geiſtes ſich zu erheben verſtehen, liegt ein wunderbarer Reiz für Jeden, dem die Trivialität ſeiner Umgebung die Lichtſtrahlen eines geläuterten Ideenaus⸗ tauſches entzieht, nach denen er ſich ſehnt und die, wie Reinheit der Luft für den Lungenorganismus unum⸗ gänglich nothwendig iſt, für Geiſt und Herz eine Er⸗ friſchung, eine Kräftigung ſind, ohne welche beide in traurige Oede verſinken. Es war ein Wohllaut, der Zephanja's Herz durchſtrömte, als Gräfin Coſel ihr mit ſo viel Freundlichkeit entgegenkam, wie ehedem die Damen von Soubiſe ihr erwieſen hatten, und wenn ſie dieſe Bekannt⸗ ſchaft vor ihrem Verlobten verſchwiegen hatte, ſo geſchah es nur deshalb, weil ſie wußte, wie ſehr er gegen die Gräfin eingenommen war. Wenn vielleicht auch nicht geradezu verboten, würde er doch ganz beſtimmt als ihr Verlobter ſeinen Wunſch, von jedem Umgange mit der Gräfin abzuſtehen, ihr als —— — — —½———-—— —-—— — 124 Richtſchnur ihres Verhaltens in dieſer Hinſicht aus⸗ geſprochen haben, und dies ſtrebte ſie zu vermeiden. Ze⸗ phanja hatte hinſichtlich der Gräfin vom Hofjuwelier manches derſelben ungünſtige Urtheil äußern hören, zum Beiſpiel, wie man ſie allgemein bei Hofe und in der Stadt wegen ihres alle tief verletzenden Stolzes haſſe und wie man alles Mögliche aufbiete, ſie von ihrer Höhe herabzuſtürzen, bisher aber geſcheitert ſei an der Abneigung des Königs, diejenige, die er bis zum Wahnſinn geliebt, deren wunderbare Schönheit noch jetzt von keiner der Damen, die im Verlaufe der Jahre an den Hof gekommen, übertroffen worden, fallen zu laſſen. Der Vergleich zwiſchen der Gemahlin des Königs und der Gräfin fiel zu Gunſten der letztern aus. Wenn beide zwei Sternen erſten Ranges glichen, ſo verlor Eberhardine doch bedeutend bei dieſem Vergleiche. Ihre Erſcheinung war ehrfurchtgebietend, ſie war eine ſchöne Frau, aber ſie hatte Aehnlichkeit mit dem Nordſtern, deſſen Glanz, über Eisregionen ſich ergießend, die Kälte derſelben angenommen. Ihre überwiegende Neigung zum Pietismus hatte ihrem Weſen eine kalte Ruhe verliehen, die ein lebhaft empfindendes Gemüth nicht zu erwärmen vermochte. Gräfin Coſel ſtellte das vollſte Gegentheil in ihrer Erſcheinung dar. Sie glich dem funkelnden 125 Stern am tiefblauen Himmel des Südens, deſſen Strah⸗ len wie leuchtende Säulen zur Erde reichen. In ihr vereinte ſich wunderbar gebietende Majeſtät mit un⸗ beſchreiblicher Anmuth. Der Mann, der ihre Huld ge⸗ noß, mußte von dem Zauber ihres Weſens durchdrungen werden. Am Hofe war große Freude geweſen, daß es ge⸗ lungen, die Coſel aus des Königs Herz und Sinn zu drängen. Dieſe kleinen neidiſchen Geiſter hatten das ſüße Bewußtſein, in ihrer ſie tief verachtenden Feindin eine Allmacht zu Boden geworfen zu ſehen, unter deren Willen ſie ihr Nichts um ſo mehr gefühlt hatten, als all der Aufwand von geheimen Künſten, mit denen ſie gegen dieſe Herrin des Hofes intriguirt, ſich als nutzlos erwie⸗ ſen. Flemming hatte das unmöglich Scheinende be⸗ werkſtelligt, den König zum Bruche mit Madame de Coſel zu beſtimmen. O, dieſer Flemming war wirklich admi⸗ rabel; er hatte eine Herculesthat vollbracht. Der große Jubel war jedoch ein wenig verfrüht. Wie durch Zau⸗ ber hatte die ſchöne, geiſtvolle Gräfin wieder des Königs Gunſt gewonnen und Flemming trug ſchweren Aerger davon. Sein beſtimmender Einfluß auf den König, deſſen er ſo gern ſich rühmte, war, wie Figura zeigte, nichts als Flunkerei eines übermüthigen Höflings geweſen. Daß —:— 1 V 126 der Charakter des Königs der unbeſtändigſte ſei, darüber waren nun alle einig, und ſie hatten darin auch voll⸗ kommen Recht, denn der ſtarke Auguſt war nur körper⸗ lich ſtark, ſonſt aber dem Augenblick willenlos unter⸗ than. Erſt nach und nach wurde es bekannt, auf welche Weiſe die Gräfin Coſel ſich in der Gunſt des Königs wieder befeſtigt hatte. Der dem Leben Auguſt's ſo gefahr⸗ drohende Vorgang im Schloſſe Auguſtusburg blieb nicht verſchwiegen, aber er diente der Gräfin eher als eine ſie verherrlichende Illuſtration denn zum Schaden. Keine von all den Damen des Hofes hätte den Muth beſeſſen, ſich dem wüthend und mordluſtig gewordenen Raubthier ent⸗ gegen zu ſtürzen, um ihren königlichen Geliebten aus deſſen Klauen zu retten, und das hatte bei dieſem ſo tief eingegriffen, daß Flemming ſein Spiel verloren. „Bah, ſie hat nur ein Gegenſtück zu der Scene ge⸗ liefert, die Seine Majeſtät vor ihr zu ſpielen für gut fand, um in ihren Beſitz zu gelangen“, äußerte man mit boshaftem Lächeln.„Der König liebt Kraftproduc⸗ tionen, Madame de Coſel auch, und darin beſteht das Geheimniß ihrer aufs neue bethätigten gegenſeitigen Anziehungskraft.“ Man wußte nichts Beſſeres auf⸗ zufinden, um dem Aerger über die getäuſchte Hoffnung, ihren Fall als Thatſache betrachten zu können, ein wenig —.— 127 Luft zu machen, als daß man zu dem abgeſchmackten und von Lady Montague ſorgſam als höchſt intereſſant no⸗ tirten und in ihren Schriften der Welt mitgetheilten Märchen griff, nach welchem König Auguſt vor die ſchöne Conſtanze Hoym, in der einen Hand ein Hufeiſen, das er vor ihren Augen zerbrochen, und in der andern einen Sack mit hunderttauſend Kronthalern, als Werber um ihren Beſitz hingetreten ſein ſollte. Gräfin Coſel kannte ihre Leute zu gut, um von deren Freundlichkeit, als ſie mit dem König von der Auguſtus⸗ burg zurückgekehrt war, nur einen Augenblick getäuſcht zu werden. Sie wußte, daß ſie nun erſt recht die Ziel⸗ ſcheibe der Bosheit ihrer Feinde geworden ſei und deren jetzige Ruhe die vollkommenſte Aehnlichkeit mit Meeres⸗ wogen habe, die durch Ausgießen der Oelladung für eine kurze Zeit geglättet erſcheinen. Sie war zu klug, um von der ſcheinbaren Gleichgültigkeit Flem⸗ ming's ſich einſchläfern zu laſſen. Er war ein Feind, der keineswegs die Großmuth beſaß, einem ebenbürti⸗ gen Feinde einen gelungenen Coup zu verzeihen. Nur ein energiſcher Charakter wie der ihre verzagte nicht in dieſem Kampfe; aber es gab doch Stunden, in denen ihr Muth wankend wurde. In einer ſolchen Stunde, wo die Sorge um ihre Zukunft ſie quälend beſchäftigte, trat die Erinnerung an 128 ſie heran, daß ſie von einer Frau gehört habe, welche aus gegoſſenem Eiweiß wahrſage. Ihr gutes Gedächt⸗ niß hatte ſogar den Namen und die Wohnung derſelben behalten. Der Umſtand, daß man auf dem ſehr wenig begangenen Wege„an der Mauer“ in das Haus dieſer Norne gelangen könne, ohne die Gaſſe paſſiren zu müſſen, erleichterte ihrem treuen Chriſtenſen, der wie ſie aus Holſtein ſtammte und auf ihres Vaters, des däniſchen Oberſten von Brockdorf, Gute Deppenau geboren war, das Auffinden derſelben ungemein. Auf Chriſtenſen war in allen Dingen Verlaß, ſie wußte das. Mit der rüh⸗ rendſten Treue, die gleichſam ſein eigentlichſtes Lebens⸗ element war, verband ſich eine ganz dazu paſſende Eigen⸗ ſchaft, er war wortkarg und dieſe Eigenheit zugleich Ur⸗ ſache, daß er in dem großen Bediententroß am Hofe iſolirt ſtand. Seine mannhafte, ſehr große Geſtalt und ein paar gelegentlich von ihm gegebene Beiſpiele, daß er Spott nicht vertragen könne, ſicherten ihm einen voll⸗ kommenen Reſpekt bei ſeinen Kameraden, das heißt, keiner bezeigte Luſt, mit dieſem Vertreter des ehrenwer⸗ then holſteiner Volksſtamms anzubinden. Die plötzliche Krankheitsanwandlung der Matrone verhinderte deren Zukunftsorakelſpruch, hatte aber eine andere der Gräfin nicht unangenehme Folge, die Bekannt⸗ ſchaft mit Zephanja. Dieſe war ſchon einigemal bei 129 ihr geweſen. Sie fühlte ſich wohlthuend von der liebens⸗ würdigen Umgangsweiſe der Gräfin berührt. Alles Ge⸗ künſtelte und Geſchraubte lag derſelben fern und des⸗ wegen kam ſchnell zwiſchen beiden eine Vertraulichkeit zu Stande, welche Zephanja, ehe ſie Madame de Coſel per⸗ ſönlich kennen gelernt hatte, nicht für möglich gehalten haben würde. War das die Frau, welche man wegen ihres Hoch⸗ muths, ihrer rückſichtslos ausgeſprochenen und auch durchgeführten Herrſchſucht ſo allgemein haßte? Zum Verſtändniß des auffallenden Widerſpruchs zwiſchen der öffentlichen Meinung und dem Benehmen der Gräfin, wie dieſe es im Umgange mit Zephanja äußerte, mag die Aeußerung dienen, die ſie ihrer neuen Bekannten gegenüber, welche ſichtbar von der Pracht der von der Gräfin bewohnten Zimmer überraſcht war, fallen ließ:„Legen Sie kein zu großes Gewicht auf dieſe Aeußerlichkeiten und laſſen Sie ſich nicht dadurch einſchüchtern, in unſerer Unterhaltung Rückſichten beſonderer Höflichkeit als vorwaltende Richt⸗ ſchnur betrachten zu wollen. Was Sie hier ſehen, iſt wie ein Gewand, welches mir nur ſo lange geliehen iſt, als ich noch nicht unter die geſtürzten Größen zu zählen bin. Sehen Sie darin nicht mehr, als es iſt, einen ſchimmernden Prunkmantel über einem mit Wunden aller Art behafteten Körper. Die Welt fällt vor dem Flitter Carion, König Auguſt. II. 9 130 anbetend nieder, er dient zur Erhaltung der Unterthänig⸗ keit und der Demuth nicht nur der Maſſe, ſondern auch derer, welche den höchſten Schichten der Geſellſchaft angehören.“ „Die Frau Gräfin ſcheint bittere Erfahrungen ge⸗ macht zu haben“, äußerte Zephanja. „So iſt es, meine Liebe. Ich bin zu der Erkenntniß gedrängt worden, wie käuflich Alles iſt, und darum ver⸗ achte ich den charakterloſen Pöbel, der in allen Schichten der Geſellſchaft ſo überreich vertreten iſt. Man weiß das, darum haßt man mich. Nur ſo lange gehorcht der ſtörrige Gaul ſeinem Reiter, als er deſſen Sporen fühlt. Doch weg mit dieſem unangenehmen Denken! Sie ſind glücklich, meine Liebe, Sie wiſſen von derlei Kämpfen nichts. Als Frau eines einfachen Bürgers wird Ihre Zukunft das freundliche Loos eines Baches ſein, der zwiſchen blumenreichen Ufern ruhig und ungetrübt dahin⸗ fließt.“ Zephanja blickte zu Boden. „Wie, meine Gute, ſollte es nicht ſo ſein?“ fragte die Gräfin.„Ah, was fällt mir ein! Ich traf Sie bei der Eiergießerin. Gewiß, Sie hegen Beſorgniß wegen Ihrer Zukunft. Glauben Sie nicht mit dem Hof⸗ juwelier glücklich zu werden? Liebt er Sie nicht ſo, wie Sie geliebt zu werden wünſchen?“ 131 „Herr Dinglinger iſt ein durchaus edler Mann, der der vollen Liebe eines Weibes würdig iſt. Ob ich ihm dieſe entgegenbringen kann, ich weiß es noch nicht. Ich habe noch Erinnerungen zu begraben.“ „Mir fehlt die Berechtigung, in Ihr Vertrauen zu dringen, meine Liebe, aber ich nehme aufrichtigen Antheil an Ihrem Geſchick. Wenn Sie auch nicht dieſelben Er⸗ fahrungen gemacht haben wie ich, ſo werden ſich dieſe doch in einem Punkte gleichen, in dem der ſchmerzlichen Erkenntniß, einen ſchönen Traum von Liebesglück ver⸗ geblich geträumt zu haben.“ „So iſt es.“ Die Gräfin ließ eine Pauſe folgen. In ihrem ſchönen Antlitz gab ſich ein Zucken wie von einem plötz⸗ lichen Schmerze kund, während ihre Lippen ſich feſt auf⸗ einander preßten.„Ach ja“, hob ſie dann an,„ich wähnte mich auch glücklich in dem Beſitze eines Gemahls, dem ich mit voller Seele anhing, für den ich, aus Liebe zu ihm, gern geſtorben ſein würde, wenn mein Tod zur Erhöhung ſeines Glückes hätte beitragen können. Ich war damals erſt neunzehn Jahre und ſo glücklich in dem Gedanken, ſeine Liebe auf immer zu beſitzen. Die Enttäuſchung hätte mir bald das Leben gekoſtet. Mein Traum war aus, für immer aus.“ Madame de Coſel hatte mit dieſer kurzen Erklärung 9* —— ————y— —— — das traurige Loos ihrer kurzen Ehe mit dem Geheimrath von Hoym geſchildert. Sie wußte damals noch nicht, wie ſchnell dem Glücke Enttäuſchung folgen kann. Der gewandte, liebenswürdige Cavalier, der ihr Herz gewon⸗ nen hatte, war eine vollkommene Don⸗Juan⸗Natur und liebte den Wechſel zu ſehr, als daß er nicht bald auch ſeiner ſchönen Gemahlin überdrüſſig geworden wäre. Um ſie zu beſeitigen, damit ſie ihm nicht bei ſeinen Ausſchreitungen ein beſchwerendes Hinderniß ſei, hatte er ſie in die Einſamkeit eines ſeiner Güter, Lichtenau, ge⸗ bracht. Die zum fröhlichen Lebensgenuß geſchaffene junge Frau war hier gleichſam außer Curs geſetzt. Die Oede des Landlebens machte ihr Herz traurig. War das das Glück, das ſie mit Recht beanſpruchen konnte? Aber immer noch vertheidigte ſie den herzloſen Gatten, bis ſie ihn plötzlich in ſeiner ganzen Miſerabilität erkannte, als er ſie ſeinem Gebieter, dem König, vorſtellte. Welch ein Handeln und Feilſchen um ihren Beſitz Mit Ekel erfüllte ſie das Treiben und ihr ſcharfer, ent⸗ ſchloſſener Geiſt erkannte in dieſem verächtlichen Getriebe, daß nur derjenige nicht mit Selbſtverachtung ſich be⸗ ſchmuze, welcher es verſtehe, daſſelbe unter ſeine Füße zu treten. Es gelang ihr dies im höchſten Grade. Nicht allein ihre bewunderungswürdige Schönheit, ſondern beſonders das Uebergewicht ihres feinen Geiſtes 133 machte ihr den König unterthänig. Indem ſie ihn voll⸗ ſtändig beherrſchte, lag der Hof in dem von ihr über den⸗ ſelben verhängten Bann der Unterthänigkeit. Sie war deſſen ſtolze Gebieterin und das Bewußt⸗ ſein, ſich um ihrer Allmacht willen von allen gehaßt zu wiſſen, ſchmeichelte ihr. Trotzdem war ſie nicht ſo ver⸗ blendet, ſich in voller Sicherheit zu fühlen, und ſtets auf der Hut, ihren Gegnern jeden Zoll breit feſten Grund und Boden zu entziehen, ſobald ſich eine Gelegenheit dazu bot. Ihre Bekanntſchaft mit Zephanja gewährte ihr großes Vergnügen. Von ihr war ſie überzeugt, daß ſie keinerlei Verbindung am Hofe habe, ſie war dieſem gänzlich fremd. Wenn dies ſchon eine große Empfehlung für Ze⸗ phanja in den Augen der Gräfin war, ſo machte eine andere Eigenſchaft der neuen Bekanntſchaft dieſe ihr be⸗ ſonders lieb. Zephanja war nicht unwiſſend in der Viſſenſchaft der Hiſtorie, der Länderkunde. Beſonders war die Geſchichte des zum größten Theile untergegan⸗ genen mauriſchen Volkes und der ſpaniſchen Juden, die beiderſeitig ſo viel zum Ruhme Spaniens gewirkt hatten und dem chriſtlichen Fanatismus unterliegen mußten, un⸗ gemein anziehend für die Gräfin. Es gewährte ihr ſelbſt als hochbejahrte Greiſin noch großes Vergnügen, über 134 die Werke der Weiſen und großen Gelehrten der jüdiſchen wie auch der arabiſchen Nation ſich unterrichten zu laſſen. An dem Abende, als der Hofjuwelier Zephanja's Nachhauſekunft im Geleite eines Fremden belauſcht hatte, war dieſe im vollen Vertrauen, daß er, da er des Abends gewöhnlich auszugehen pflegte, nicht zu ihr hinaufkommen werde, den ſchon mehrere Male insgeheim von ihr unter⸗ nommenen Weg zur Gräfin gewandelt. Das abendliche Dunkel und Chriſtenſen, der pünktlich um ſieben Uhr an der Ecke des Jüdenhofs ihrer als Begleiter harrte, waren für ſie ein ſicherer Schutz. Kurze Zeit nach ihrem Eintritt bei der Gräfin ward derſelben ein Herr van Tinnen gemeldet. „Iſt er aus Paris zurück?“ rief Madame de Coſel ſehr erfreut, und ſich zu Zephanja wendend, ſagte ſie: „Es iſt mir um Ihretwillen lieb, daß Herr van Tinnen den glücklichen Gedanken hatte, mir ſeinen Beſuch noch heute Abend zu machen. Sie werden in ihm einen ſehr angenehm unterhaltenden Cavalier kennen lernen, welcher uns viel von Paris wird erzählen können, und das muß auch für Sie ſehr intereſſant ſein, da dieſe prächtige Kö⸗ nigsſtadt ja Ihre zweite Heimat iſt.“ Die Gräfin hatte nicht zu viel von Herrn van Tinnen geſagt. Er beſaß in hohem Grade die Kunſt, pikant zu 135 erzählen, und ſo trug er an dieſem Abend auch faſt allein die Koſten der Unterhaltung. „Sie ſind heute unübertrefflich, Herr van Tinnen“, ſprach die Gräfin ſehr heiter.„Ich verſichere Ihnen, daß ich noch heute dem Zufalle dankbar bin, der Sie— es ſind nun fünfzehn Jahre ſeitdem verfloſſen— an die prächtigen Ufer des Leman führte. Die Saiſon war damals eine ungemein glänzende, aber es gab eine ſo ungeheure Menge Flachköpfe unter der noblen Geſell⸗ ſchaft, daß meine damalige Herrin und, ich ſage es mit Stolz, meine Freundin, die Prinzeß Auguſt Wilhelm von Braunſchweig⸗Wolfenbüttel, öfters gegen mich äußerte, wie all die Naturpracht und die zahlreiche Geſellſchaft uns doch Stunden der Langeweile bringen würden, wenn Herr van Tinnen es nicht ſo meiſterhaft verſtände, die Unter⸗ haltung immer neu zu würzen. Ah, was fällt mir ein! Erinnern Sie ſich noch der hübſchen Entführungsgeſchichte von Mademoiſelle Heloiſe Beaumont, die des jungen Grafen Laudal Braut war, aber keine Sympathie zur Ehe mit ihm fühlte und, um derſelben zu entgehen, ſich von einem Italiener, einem venetianiſchen Nobile, bei Nacht und Nebel in einem Fahrzeug über den See brin⸗ gen ließ, das am andern Tage umgeſtülpt und herren⸗ los auf dem See ſchaukelnd gefunden wurde?“ „Ei, wie ſollte ich nicht!“ entgegnete van Tinnen 136 lachend.„Der Venetianer war ein gewiegter Burſche! Indem er durch das umgeſtürzte Boot ſein Intriguenſtück zur Tragödie umwandelte und alle Welt in den Glau⸗ ben verſetzte, ſeine ſchöne Heloiſe und er lägen unten auf dem Seegrunde, weshalb eifrige Nachforſchungen daſelbſt angeſtellt wurden, kam er glücklich mit ihr über alle Berge und ließ ſich in Venedig mit ihr copuliren. Es war ein Hauptſpaß, den verblüfften Laudal zu ſehen, der höchſt gravitätiſch ſchon alle Gratulationen zu ſeiner nahe bevorſtehenden Hochzeit mit ihr angenommen hatte. Der arme Graf konnte es gar nicht begreifen, daß ſie den Venetianer liebenswürdiger als ihn gefunden hatte. Ha⸗ haha!“ Dieſe ſpaßhafte Erinnerung war ganz geeignet, die Unterhaltung im flotteſten Gange zu erhalten. Nach einer Weile bemerkte van Tinnen: „Etwas Aehnliches iſt jetzt anch in Paris vorgekom⸗ men, nur mit dem Unterſchiede, daß die Sache keinen ſolchen tragiſchen Anſtrich hatte als Mademoiſelle Heloiſe's Selbſtrettungsverſuch.“ „O erzählen Sie, Herr van Tinnen“, bat die Gräfin. Van Tinnen kam der an ihn geſtellten Aufforderung ſogleich nach. „Zu den beſten Familien am Tullerienhofe zählen — — ,— 137 die Soubiſe. Ich hatte die Ehre, öfter zu den Réu⸗ nions in dieſem Hauſe, wo man die Erlauchten der Ge⸗ burt und des Geiſtes bei ſolchen Gelegenheiten ſtets vereinigt findet, geladen zu werden. Die Frau Herzogin und ihre Töchter ſind Muſter der feinſten Bildung und Prinz Charles, der einzige Sohn dieſer Familie, iſt nicht nur im Umgange der liebenswürdigſte Cavalier, ſondern auch unter den Kunſtkennern ein Stimmführer, deſſen Urtheile in dieſer Beziehung die allgemeinſte An⸗ erkennung ſelbſt bei Künſtlern finden. Das Glück hatte ihm die reichſte Erbin Frankreichs, die junge Comteſſe Roucoulard, als Verlobte zugeführt, und wie es ſich von ſelbſt verſteht, ſchien Prinz Charles, da die Comteſſe mit dem Reichthum zugleich eine wahrhaft liebliche Erſchei⸗ nung und einen heitern, gebildeten Geiſt verbindet, außer⸗ ordentlich glücklich. Dieſe Partie war eine von Seiner Majeſtät König Ludwig ſelbſt gewünſchte und Prinz Charles von Soubiſe konnte feſt darauf rechnen, daß er ſchnell zu den höchſten Staatsämtern emporſteigen würde. Vergangenen Herbſt ſollte die Vermählung ſtattfinden. Aber was geſchieht? Plötzlich erklärt Mademoiſelle Roucoulard, daß ſie dieſe Verbindung nicht eingehen werde. Welch ein Aufſehen gab dies! Der Hof, die höchſten Adelskreiſe ſind von dieſem Wechſel der Geſin⸗ nungen der jungen Dame entſetzt, man begreift ihn um 138 ſo weniger, als ſie bisher eine ſo aufrichtige und innige Zuneigung zu dem Prinzen geäußert hatte. Alle Welt erwartete, daß Charles von Sonubiſe ſich im höchſten Grade unglücklich fühlen werde, aber dies war nicht der Fall. Zu Jedermanns Erſtaunen rühmt er die Herzens⸗ güte der jungen Dame, er ſpricht es offen aus, daß er ſie bewundere. Das iſt ein Räthſel, aber man kann es nicht löſen. Erſt zwei Wochen ſpäter, als Seine Ma⸗ jeſtät von einer Rundreiſe in die Provinzen zurückkehrt, geſchieht etwas, was gewiſſermaßen ein Licht auf dieſen ſeltſamen Vorgang wirft. Prinz Charles' Erſcheinen bei Hofe wird ſuspendirt. Warum? Hm, weil er der ſchuldige Theil an dem von der Comteſſe gethanen Schritte ſein muß; wie wäre anders die königliche Un⸗ gnade zu erklären, beſonders als man erfahren, daß ſeine bisherige Verlobte eine Audienz bei Seiner Ma⸗ jeſtät gehabt! Das Haus Sounbiſe verſinkt nun in Trrauer, ſeine angenehmen, glänzenden Réunions finden nicht mehr ſtatt. Der Kunde von einem harten Zer⸗ würfniß der Frau Herzogin mit ihrem Sohne folgt deſſen Verſchwinden aus Paris. Man erfuhr nichts über ſeinen Aufenthalt. Alles wird verſchwiegen. Ehe ich von Paris abreiſte, hörte ich jedoch, daß er zurück⸗ gekehrt ſei, aber ſich allem geſellſchaftlichen Verkehr fern halte.“ „ 139 Nachdem van Tinnen ſeine Erzählung beendet, fragte er die Gräfin:„Nun, Madame, habe ich nicht Recht? Dieſe Geſchichte hat viel Aehnliches mit der von Mademoiſelle Heloiſe Beaumont und Graf Laudal, nur daß das flüſſige Element keine Rolle dabei ſpielts aber eins iſt auch ohnedies als ſicher anzunehmen, die Liebe beider Damen zu ihren Verlobten lag ſicher auf Seegrund gebettet.“ Weder die Gräfin noch der Erzähler ahnten, welchen außerordentlichen Eindruck das eben Gehörte auf Zephanja hervorbrachte. Sie mußte ihre ganze Beſonnenheit aufbieten, um nicht zu verrathen, wie nahe das Geſchick Charles' ſie berührte. Ihre Aufmerkſamkeit für alles Andere war natürlich verloren und ſie wünſchte nichts ſehnlicher, als die Zeit herankommen zu ſehen, wo ſie ſich bei der Gräfin verabſchieden könne, um ſich ſelbſt anzugehören. Es war ihr unmöglich, die Begleitung des Herrn van Tinnen abzulehnen, ſo ſehr ſie dies auch gewünſcht hätte, da ſie ſich ſagen mußte, daß der geſprächige Cavalier ſich durch⸗ aus nicht von ihrem Unterhaltungstalente erbaut fühlen werde. Fünftes Kapitel. Der Hofjuwelier war in ſchwerem Zweifel, was er von ſeiner Verlobten halten ſolle, als er am nächſten Vormittag, wie er das bisher gethan, ihr ſeinen Beſuch machte. Zephanja gab auch nicht das geringſte Zeichen von Befangenheit kund, im Gegentheil erſchien ſie ihm heiterer als ſonſt, ja es bedünkte ihn, als ſei ſie heute viel herzlicher, er ſah ſie ſogar lachen, ein Umſtand, der bei ihrem ernſten Charakter ihm beſonders auffallend erſchien. Beabſichtigte ſie ihn zu täuſchen? Faſt ſchien es ſo und doch widerſprach ihr einfaches Benehmen, das gänzlich Ungeſuchte in ihren Reden dieſer Muth⸗ maßung vollſtändig.„Elſe war geſtern Abend bei mir“, warf er leicht hin.„Sie hat gewiß auch Sie beſucht, Zephanja.“ 141 „Ich habe ſie nicht geſehen“, antwortete dieſe. „Nun, es iſt denkbar, daß ſie zu ſehr von dem erregt war, was ich ihr ſagte.“ „War das etwas ſo Unangenehmes?“ „Je nun, das, was ich ihr ſagte, hatte viel Aehnlich⸗ keit mit einer Strafpredigt.“ „Warum hatte Elſe eine ſolche verdient?“ „Ich ſagte ihr, daß zu einer wahren Liebe vor allem der Glaube an die Rechtſchaffenheit des geliebten Gegen⸗ ſtandes gehört und daß der geringſte Zweifel an derſel⸗ ben dem Spatenſtich des Todtengräbers gleicht, der ein Grab auswirft. Die Eiferſucht gegen den Jürg Weber macht die Elſe ganz kopfwirr. Ich kenne den jungen Mann und glaube mit gutem Gewiſſen für ihn bürgen zu können. Daß ſie nicht von Allem, was er thut, unter⸗ richtet iſt, hat bei ihr der Vermuthung Bahn gebrochen, er gehe geheime Wege. Sind Sie nicht auch der Anſicht Zephanja, daß es ein Unglück iſt, ſolche Gedanken in ſich zu tragen?“ „Gewiß muß das ein um ſo größeres Unglück ſein, wenn die Befürchtung geheimer Wege nur eine Fiction iſt, weil dadurch das Vertrauen gebrochen und ſomit der Grund der Liebe untergraben wird. Meinen Sie aber nicht auch, daß derjenige, welcher geheime Wege wandelt, ſelbſt wenn er nicht zu fürchten hätte, daß irgend Je⸗ 142 mand ſie als verbotene verdammen könnte, ebenfalls zu beklagen iſt?“ „Ich kann mir nicht denken, daß es ſolche Wege geben könne“, antwortete Herr Dinglinger. Zephanja blickte einige Sekunden lang, ſich einem, wie es ſchien, ſie verdüſternden Nachdenken hingebend, vor ſich hin, dann erhob ſie das Geſicht zu ihm und ſprach mit einer Feſtigkeit im Tone, die auf eigene Er⸗ fahrung deutete:„Gewiß, er iſt zu beklagen, und wäre er es auch nur wegen der Unruhe, die ihn ängſtet.“ „Laſſen wir dies Thema“, ſagte der Hofjuwelier. „Es ſcheint mir nicht dazu angethan, unſere Unterhaltung angenehm zu beleben. Sie, meine Theure, ſind glück⸗ licherweiſe nicht in der Lage, geheime Wege wandeln zu müſſen, wozu alſo eine Vertheidigung derſelben? Wer ſich durch den Augenſchein überzeugen will, wie Sie ſelbſt noch am Spätabend eifrig arbeiten, der darf nur, wie ich es zum Beiſpiel thue, wenn ich in gewohnter Weiſe des Abends in Geſellſchaft gehe, einen Blick nach Ihrer Wohnung hinaufwerfen, er wird ſtets die brennende Lampe auf Ihrem Werkbret ſtehen ſehen.“ Es entging dem Sprechenden nicht, daß Zephanja einen Schreck zu verbergen beſtrebt war, indem ſie ſich zur Seite wandte und unter den verſchiedenen Modell⸗ zeichnungen auf dem Tiſche eine mit der Feder ausge⸗ 143 führte neue hervorſuchte, die ſie ihm mit den Worten reichte:„Dieſe mauriſche Fruchtſchale in Geſtalt des Löwenbrunnens der Alhambra, glaube ich, dürfte ſich als ein vorzügliches Muſter für einen Tafelaufſatz eignen.“ „Prächtig, prächtig!“ rief der Hofjuwelier.„Ich werde Seiner Majeſtät dem König dies Deſſin zur Anſicht vor⸗ legen und zweifle nicht, daß er davon entzückt ſein wird. Ich bewundere Ihre Gedächtnißtreue, da Sie, wie Sie mir erzählten, als Kind ſchon von Granada weggekom⸗ men ſind.“ „Sie erzeigen mir zu viel Ehre“, ſagte die Ciſelirerin lächelnd.„Wenn mir auch als kleines Mädchen der Löwenhof mein liebſter Spielplatz war, ſo würde ich doch trotz der beſten Erinnerungsgabe— und ich kann mich in Allem, was meine ſchöne Heimat betrifft, einer ſolchen rühmen— nicht im Stande geweſen ſein, dieſen Prachtbrunnen zu entwerfen, wenn nicht mein ſeliger Onkel alle ſich auf mauriſche Kunſtdenkmäler beziehen⸗ den Bilder und Zeichnungen eifrig geſammelt und ich mich derſelben als Muſter zum Zeichnen bedient hätte. Dadurch ſind mir dieſe Denkmäler reicher und lieb⸗ licher Ornamentik im Gedächtniß geblieben. Das iſt, wenn es überhaupt ein ſolches iſt, mein ganzes Verdienſt.“ „Zu beſcheiden“, bemerkte Herr Dinglinger, und es 144 war bei ſeiner Begeiſterung für alles Schöne, was irgend⸗ wie mit der Goldſchmiedekunſt in Verbindung ſtand, nur folgerecht, daß er über dieſes ſeinen Ehrgeiz mächtig an⸗ 4 regende Thema ſich in ein längeres Geſpräch einließ. Von dieſem ſo ernſten Gegenſtande ihres Ideenaus⸗ tauſches kam er auf einen andern zu ſprechen/ der ihn faſt zum Verrathe ſeiner Entdeckung am geſtrigen Abend geführt hätte.„Zephanja“, ſagte er warm werdend, „das Geſchick hat uns wunderbar zuſammengeführt. Ich hoffe glücklich mit Ihnen zu werden, hoffen auch Sie das? Sprechen Sie es aufrichtig aus, wenn Sie glauben, daß es irgend etwas gibt, was Ihre Zukunft, wenn Sie meine Gattin ſein werden, trüben könnte.“ Was er von ihr nicht erwartete, ein freiwilliges Heraustreten aus der Gemeſſenheit, in der ſie ſich ihm gegenüber bisher verhalten hatte, geſchah jetzt. Zephanja erhob ſich und trat, ihn die Hand reichend, mit den Worten dicht an ihn heran: „Ich hoffe auf eine meinen beſcheidenen Wünſchen entſprechende glückliche Zukunft an Ihrer Seite und ſtehe nicht an, Ihnen zu erklären, daß es mich einen harten Kampfgekoſtet hat, mit den Erinnerungen zu brechen, welche in meiner Vergangenheit wurzeln, ſo unbedeutend dieſe auch ſein mag. Dieſe Erinnerungen ſind nun auf immer begraben und ich trete von heute an in ein 145 neues Leben, in das mir kein beſchämender Vorwurf von früherher folgt. Auch dieſes iſt ein Glück, das vielleicht nur Wenigen gegönnt ſein mag. Indem ich den ver⸗ ſchließenden Grabſtein auf meine Vergangenheit gewälzt habe, bitte ich Sie, nicht nach dieſer zu forſchen. Was begraben iſt, muß begraben bleiben für immer. Ich deute Ihnen nur an, daß es nichts weiter als das Leid betrifft, das ich mir ſelbſt durch das Vergeſſen der ſtar⸗ ren Formen bereitete, welche die Stände trennen. Ent⸗ täuſchung war die Urſache, daß ich Paris verließ. Sie wiſſen nun Alles— in wenigen Worten eine ganze Geſchichte. Dieſe Offenherzigkeit glaubte ich Ihnen ſchul⸗ dig zu ſein.“ „Ich danke Ihnen, Zephanja, für dieſe Offenheit, denn ich ſehe in ihr den Beweis Ihres ehrlichen Willens, ganz, mit voller Seele meine Gattin werden zu wollen“, ſprach der Hofjuwelier. „Das will ich!“ antwortete jene.„Wenn ſich das, wovon ich eben redete, nur auf die Vergangenheit bezog, ſo laſſen Sie mich jetzt auch das Geſtändniß eines kleinen Geheimniſſes der letztverfloſſenen drei Wochen daran reihen.“ „Sie haben mir ein Geſtändniß abzulegen?“ „So iſt es.“ Und Zephanja erzählte ihm von ihrem Gange zu Carion, König Auguſt. II. 10 140 Elſe's Großmutter und ihrer dort gemachten Bekannt⸗ ſchaft mit der Gräfin Coſel, hinzufügend, daß ſie ſeitdem einigemal dieſe Dame zur Abendzeit unter ihres Die⸗ ners Chriſtenſen Geleite beſucht habe, der ihrer harrend ſie zu ſeiner Herrin gebracht und ſie auch wieder nach Hauſe zurückbegleitet. „Ich kenne dieſen Chriſtenſen— ein baumlanger Hol⸗ ſteiner“, bemerkte der Hofjuwelier. „Nur geſtern bei meinem Nachhauſegehen entbehrte ich ſeiner Begleitung, die auf Wunſch der Gräfin ein eben erſt angekommener Cavalier, ein Herr van Tinnen, übernahm.“ Dieſe einfache Erklärung erfreute Herrn Dinglinger außerordentlich, denn er erkannte daraus, daß Ze⸗ phanja, ohne eine Ahnung zu haben, daß er von ihrer geſtrigen Nachhauſekunft unterrichtet ſei, ein wirklich wahres Geſtändniß gemacht. Dieſe Ueberzeugung ward auch die Urſache, daß er weniger gegen ihre Bekannt⸗ ſchaft mit der Gräfin eiferte, als dies unter andern Um⸗ ſtänden der Fall geweſen ſein würde, obwohl er ihr ſagte, daß ihr Umgang mit dieſer Dame ſeinen Beifall ſchon deshalb nicht haben könne, weil ſelbe am Hofe ver⸗ ie eine Frau von ſtarkem, energiſchem e den kleinen, niedrigen Seelen ihre Verachtung fühlen läßt!“ rief Zephanja, ſie eifrig verthei⸗ digend.„Der Umgang mit der Gräfin iſt für mich eine Erfriſchung, ja, ich ſage nicht zu viel, wenn ich ihn eine Wohlthat nenne. Sie kennen ſie nicht, laſſen Sie mich Ihnen ſie ſchildern, wie ich ſie kennen gelernt habe.“ Es wäre unmöglich geweſen, daß Frau von Coſel einen beredtern Anwalt hätte finden können; Zephanja ſprach mit Feuer von dem feingebildeten Geiſte derſelben, von dem Zauber ihres Umgangs und wie ſehr unrecht man thue, wenn man ſie nach dem Scheine beurtheile. „Gewiß, meine Theure, ich habe alle Urſache, mich glücklich zu preiſen“, ſagte der Hofjuwelier lächelnd. „Wenn Sie ſchon mit ſo großem Eifer für Jemand ſich ausſprechen, deſſen Bekanntſchaft Sie kaum erſt gemacht haben, ſo darf ich um ſo mehr hoffen, daß ich als Ihr Gatte wenigſtens einer ebenſo warmen Zunei⸗ gung Ihrerſeits mich zu erfreuen haben werde als Gräfin Coſel. Ich bin weit entfernt davon, Ihre Sympathie für dieſelbe beſchränken zu wollen, ich halte mich nicht für berechtigt, nur im geringſten Ihnen die Freude oder, wie Sie ſelbſt ſagten, die Wohlthat zu verkümmern, welche Sie in dem Umgange mit ihr finden; aber ich bitte Sie, Zephanja, ſeien Sie vorſichtig. Wenn es mög⸗ — lich iſt, ſo laſſen Sie wie bisher Ihre Beſuche bei ihr in Geheimniß gehüllt ſein. Vergeſſen Sie nicht, daß 10* meine Beziehungen zum Könige und zum Hofe über⸗ haupt mit einer ſolchen Freundſchaft in offenem Wider⸗ ſpruch ſtehen.“ Soweit ſah ſich Zephanja des ihr unleidlichen Zwan⸗ ges enthoben, ihre Beſuche bei der Gräfin heimlich fortzu⸗ ſetzen, ohne daß der Hofjuwelier darum wußte, ſie hatte von ſeiner Seite nicht das Peinliche einer möglichen Ent⸗ deckung mehr zu fürchten; übrigens verhehlte ſie ſich nicht, daß ihr Verlobter, indem er ihr dieſe abendlichen Gänge nicht verwehrte, ihr einen unbeſtreitbaren Beweis ſeiner großen Zuneigung gegeben habe, da er ſelbſt Geg⸗ ner der Gräfin war. Welches Vertrauen mußte er auf ſie ſetzen, daß er ſogar ſeine Abneigung gegen diejenige verleugnete, deren Umgang ihr ſo angenehm erſchien! Woher war die Wandlung in Zephanja's Geſinnungen gekommen, daß ſie ſich jetzt entſchloſſen zeigte, mit vollem Herzen ſeine Gattin zu werden, da ſie doch noch geſtern vor dieſem Gedanken zurückſchreckte? Van Tinnen's Erzählung von der rückgängig gewor⸗ denen Vermählung der Comteſſe Roucoulard mit Charles Soubiſe war die Urſache dieſer Sinnesänderung. Konnte ihr ein anderes, dieſe reiche Erbin zu dem offenen Bruche bewegendes Motiv denkbar erſcheinen, als daß dieſe zu der Ueberzeugung gelangte, Charles ſei unbeſtändig in ſeiner Liebe zu ihr? Wie ſchnell hatte er ſie, Zephanja, 149 vergeſſen trotz ſeiner heiligen Eide, nie von ihr zu laſſen! Und die Comteſſe mußte ihrer Sache ſehr ſicher ſein, da der Zorn des Königs gegen ihn ſich in ſeiner Verwei⸗ ſung vom Hofe ausſprach. Je länger und je weiter Zephanja über das Ver⸗ nommene nachdachte, deſto ſtärker drängte ſich ihr die Ueberzeugung auf, daß ſie ſich unnützerweiſe zu einem Selbſtopfer mache, das in keiner Weiſe, ſelbſt vor dem Forum der Leidenſchaft nicht gerechtfertigt werden könne. In ihrem allzu feſten Vertrauen auf Charles⸗ Liebe lag ihr Fehler. Wie thöricht! Sie liebte ihn noch, trotzdem daß er ſie ſo leicht vergeſſen hatte! Und wie er ſich dieſer Leichtfertigkeit des Wechſels gegen ſie ſelbſt ſchuldig gemacht, ebenſo mußte er ſich gegen die Comteſſe vergangen haben, dieſe dahinter gekommen ſein und von dieſer Entdeckung empört in raſchem, energiſchem Handeln die Verbindung mit ihm, welche ihr eine un⸗ glückliche Zukunft an ſeiner Seite in gewiſſe Ausſicht ſtellte, zerriſſen haben. Wenn dies in einem Kreiſe geſchehen konnte, in wel⸗ chem dergleichen ſchnelle Entſchließungen höchſt ſelten vor⸗ kommen, weil man meiſt beſondern Anſichten vom ehe⸗ lichen Zuſammenleben huldigt, ſo würde es eine unver⸗ antwortliche Verblendung Zephanja's geweſen ſein, wenn ſie noch länger in der Abhängigkeit einer durch ſolches —ᷣ—ÿ—ͦ—ᷣᷣꝛ—ꝛ—ꝛ—:—-—⸗—⸗—x———— ————— 150 Beiſpiel zur Lächerlichkeit geſtempelten Leidenſchaft ver⸗ harren und ihr eigenes Wohl und Wehe als nichts bedeu⸗ tend ganz und gar hätte vergeſſen wollen. Die gleichzeitige Erinnerung an ihres verſtorbenen Onkels Wunſch, die ſich ihr möglicherweiſe bietende Gelegenheit, eines braven Mannes Gattin werden zu können, nicht zu verſcherzen, trat ſo lebhaft, ja gebieteriſch Nachachtung fordernd vor ſie hin, daß ſie den Entſchluß faßte, mit ganzer Seele ihrem Verlobten anzugehören. Sie hatte viel gut zu machen; ihr Benehmen— ſie konnte ſich dieſen Selbſtvorwurf nicht erſparen— gegen ihn war bisher nicht das des Vertrauens, ja ſo⸗ gar ein kaltes, mühſam gekünſteltes geweſen. Von nun an ſollte es ein anderes ſein. Und es ward auch ein ſolches. Zephanja vergalt nach beſten Kräften die jeden Tag vom Hofjuwelier ihr erwieſenen Aufmerkſamkeiten. Es war ſichtbar, wie glück⸗ lich dieſer ſich fühlte, und an ſie trat die Ueberzeugung heran, daß man lieben lernen könne und jedenfalls eine auf die Ueberzeugung vom Werthe deſſen, den man mit jedem Tag näher kennen lernt, baſirte Zuneigung größere Dauer verſpreche als eine vom Augenblick geborene leiden⸗ ſchaftliche Liebe, welche für Mängel und Fehler des erko⸗ renen Gegenſtandes verblendet und unzugänglich iſt. Wenn auch die Manieren in den geſelligen Bürgerkreiſen, 151 in denen Herr Dinglinger ſie einführte, ihr nicht immer anziehend erſchienen, ja oft das Widrige engherziger Kleinſtädterei ſie empfinden ließen, ſo ſagte ſie ſich doch, daß das vielleicht nur an ihr liege, inſofern ſie einen zu hohen Maßſtab an den ihr ſo gänzlich neuen Umgang lege. Sie hätte viele Freundſchaften ſchließen können, denn man drängte ſich an ſie heran, wie es überhaupt im Weſen des Deutſchen begründet iſt, daß das Fremde nicht nur angeſtaunt, ſondern auch in den meiſten Fällen als etwas Unvergleichliches geehrt wird. Ihre wöchent⸗ lichen Beſuche bei der Gräfin Coſel entſchädigten ſie reich⸗ lich dafür. So war die Oſterzeit herangekommen. Der April mit ſeinen mildern Lüften hatte diesmal, wie es ſchien, dem Mai den Krieg erklärt und deſſen ſtille Anmuth ſich vorzeitig angeeignet. Seine ſonſt füblichen Launen trüb⸗ ten den blauen Himmel nicht, der ſich über dem reizenden, wieder im erſten grünen Lehuna prangenden Elbthal wölbte. Die Auferſtehungsfeier in der Natur ver⸗ herrlichte die große Feier des Lrrhligen Auferſtehungs⸗ feſtes. Am Hofe war es althergebrachte Sitte, die hohen Feſte nie ohne Luſtbarkeiten vorübergehen zu laſſen, und ſo fanden auch an den diesjährigen Oſterfeiertagen dergleichen ſtatt. Der dritte Feſttag brachte einen 152 glänzenden Ball bei dem Generalfeldmarſchall Grafen Flemming. Der Reichthum dieſes allmächtigen Miniſters ließ von der bevorſtehenden Luſtbarkeit etwas ganz Außer⸗ ordentliches erwarten. Er liebte den Prunk wie ſein königlicher Herr und gehörte zu den Bonvivants, deren der Hof des ſtarken Auguſt ſo ungemein viele zählte. Als der Abend dieſes dritten Feſttages hereinge⸗ brochen, rollte eine prächtige Carroſſe nach der an⸗ dern unter Vortritt von Läufern mit Fackeln über die Brücke durch die Holländiſche Gaſſe dem Palais Flemming's zu, deſſen Portal von einem Doppel⸗ poſten Grenadiere behütet und von einer Menge bren⸗ nender Lampen tageshell erleuchtet ward, während ein Lichtmeer aus den vielen Fenſtern der beiden erſten Stockwerke auf den freien Platz hinabfiel. Von der Brücke bis zum genannten Palais flammten aus Kienkörben mächtige Feuer an den Häuſerreihen hin, welche die glänzenden Wappenmalereien an den wegen ihrer Viel⸗ zahl langſam fahrenden Caroſſen aufs deutlichſte erken⸗ nen ließen. Wie im Aeußern Alles aufgeboten worden, um den möglichſten Glanz herzuſtellen, ſo natürlich auch im Innern dieſes prächtigen Palaſtes. Reichthum und Kunſtſinn hatten nichts verabſäumt, den Wohllaut des Schönen in dieſen großen Räumen heimiſch zu machen. — 153 Als Gräfin Coſel in reichſter Toilette und ſtrahlend vom Gefunkel eines prachtvollen Geſchmeides eben den koſtbaren Pelz ſich umhängen ließ, der ſie während der Fahrt über die Brücke vor jedem erkältenden Lüftchen ſchützen ſollte, trat ihr alter Chriſtenſen auf die Schwelle, und ſeine ans Kinn gelegte Hand galt ſeiner ſchönen Herrin als Zeichen, daß er ihr etwas mitzutheilen habe, das nicht für Anderer Ohr paſſe. Ein ſchnell erdachter Auftrag entfernte die Zofe auf eine kurze Weile aus dem Ankleidezimmer, dann trat die Gräfin raſch auf ihren baumlangen Diener zu mit der Frage:„Was bringſt Du, Chriſtenſen?“ „Von Herrn van Tinnen.“ Dabei reichte er ihr einen zuſammengefalteten Zettel mit der Bemerkung: „Schnell zu leſen und ſofort zu verbrennen.“ „Gut, Chriſtenſen.“ Der treue Holſteiner verließ das Zimmer, die Thür leiſe hinter ſich ſchließend. Auf dem Zettel ſtand in plattdeutſcher Sprache:„Vorſicht! Eine fremde Dame, dicht verſchleiert, vor drei Stunden in Flemming's Palais abgeſtiegen. Diener polniſch. Luft unrein.“ „Luft unrein?“ ſprach die Gräfin vor ſich hin.„Ha, Flemming ſpielt mit verdeckter Karte. Alſo Achtung auf Alles!“ Sofort loderte der an einer Kerze entzündete Zettel in Feuer auf. Einige Minuten ſpäter beſtieg die 154 Gräfin mit einer Geſellſchaftsdame die Carroſſe, dem am Wagenſchlag ſtehenden Chriſtenſen zuflüſternd:„Van Tinnen ſoll auf Piket ſtehen.“ „Gut.“ Die Wagenthür flog zu, Chriſtenſen ſchwang ſich raſch zum andern Lakai auf den Tritt, das Viergeſpann brauſte wie auf Schwingen des Windes über die Brücke hinüber, von der aus man die der Elbe zugewendete Seite des Flemming'ſchen Palais glänzend erleuchtet er⸗ blickte. Kaum einige Pferdelängen voraus fuhr der König. Die Geſellſchaftsdame machte die Gräfin auf dieſen Umſtand aufmerkſam. „So muß es auch ſein, meine Liebe der Cavalier hat ſeine Dame zu empfangen“, antwortete Gräfin Coſel heiter. „Seine Majeſtät wird ſehr erfreut ſein, Sie in ſo glücklicher Laune zu ſehen.“ „Warum ſollte ich nicht gut gelaunt ſein?“ fragte die Gräfin lachend.„Wenn man ſich im Beſitze vieler guter Freunde weiß, hat man ſtets Urſache zur Heiterkeit.“ Der König trat, als er die Equipage ſeiner nange⸗ beteten“ Coſel erblickte, raſch an deren Wagenſchlag und hob ſie heraus.„Madame“, ſprach er galant, unſer gleichzeitiges Eintreffen ſtellt mir einen höchſt angeneh⸗ men Abend in Ausſicht.“ 155 „Majeſtät, ich befinde mich in der glücklichen Si⸗ tuation eines Schiffers, der die Sonne ſtrahlend aus den Wellen ſteigen ſieht, auf welche er das Heil ſeiner Fahrt ſetzt.“ „Immer bilderreich, ſchöne Conſtanze“, lächelte der König.„Ich muß alſo dem Beiſpiel der Sonne nach⸗ eifern, um Ihrer Anſchauung gerecht zu werden.“ Man hatte die Freundlichkeit zwiſchen dem König und der Gräfin bemerkt, und als ſie, von ihm begleitet, die mit prächtigen Teppichen belegte Treppe hinaufſchritt, flüſterte einer aus dem ihnen folgenden Schwarm von Kammerherren, Kammerjunkern und Pagen ſeinem Nach⸗ bar leiſe zu:„Sie iſt noch nicht passé, wie Figura zeigt.“ „Bah““ entgegnete dieſer.„Was will das ſagen? Vergeſſen Sie nicht, daß wir im April leben.“ Die Begrüßung ſeitens des Generalfeldmarſchalls und deſſen Gemahlin, einer geborenen Sapieha und ver⸗ wittweten Fürſtin von Radziwill, war die vollkommenſte Täuſchung, die nur gut geſchulte Höflinge auszuführen vermögen. Nachdem ihr Gemahl der Gräfin Coſel un⸗ ter dem Ausdruck der größten Freude, ſie bei ſich empfangen zu können, die Hand geküßt hatte, bemächtigte ſich Frau von Flemming derſelben und geleitete ſie in eine für ſie beſonders eingerichtete Garderobe. Die ſtolze Frau Feld⸗ 15 marſchallin, von der alle Welt wußte, daß ſie ein ziemlich getreues Abbild der Xanthippe war und mit dieſem ſeit Jahrtauſenden in dem höchſt übeln Rufe eines Quäl⸗ geiſtes ſtehenden Weibe auch die Aehnlichkeit des Ge⸗ ſchickes theilte, in ihrem Gemahl einen Eheherrn zu beſitzen, der, wie der weiſe Sokrates, all ihre bösartigen Tücken mit Engelsgeduld ertrug, ſtellte ein Beiſpiel der Selbſt⸗ demüthigung auf, ſindem ſie aus wahrhafter Freude, die Gräfin bei ſich zu ſehen, wie ſie ſagte, ſich zu deren Zofe machte und ihr die Pelzhülle abnahm. „Ich wünſche nichts ſehnlicher, meine theure Gräfin, als daß der heutige Abend die zwiſchen uns noch hin und wieder obwaltenden Mißverſtändniſſe ganz beſeitigen möge“, ſagte Dame Flemming zärtlich. „Verlaſſen Sie ſich darauf, daß es auch mein eifrig⸗ ſter Wunſch iſt, Alles aus dem Wege zu räumen, was mir feindlich iſt“, antwortete Gräfin Coſel.„O glauben Sie mir, daß ich mich nach der Stunde ſehne, die mir Gelegenheit verſchaffen wird, meine Freunde und meine Feinde wie zwei ſich gegenüberſtehende Heerlager geſondert zu ſehen.“ „„Ich zweifle nicht, daß es Ihnen bald gelingen wird, dies Vergnügen ſich zu verſchaffen“, entgegnete jene ſpitz. „Ich hoffe es zuverſichtlich, Madame.“ — —— nͤ ⏑ ——— 157 Gräfin Coſel erkannte ſehr wohl, daß dies Wortgefecht ihre zärtliche Freundin in eine gewiſſe Reizbarkeit zu ſetzen ſchien, darum war ſie ſehr erfreut, als ihre Diene⸗ rinnen eintraten, um für den Fall, daß ihr Anzug einer Nachhülfe bedürfe, dieſe ſofort zu leiſten. Kaum war dies geſchehen, als auch Seine Majeſtät perſönlich er⸗ ſchien, um die Gräfin in den Saal zu geleiten. Des Hofuweliers Bitte an den Generalfeldmarſchall, ſeiner Braut die prächtige Schau der Ballfreude ver⸗ ſchaffen zu dürfen, hatte ſofort Genehmigung erhalten und Herr Dinglinger war infolge deſſen mit Zephanja anweſend. Sie waren nicht die Einzigen, welche dieſe Erlaubniß genoſſen. Es gab ſo viele Leute, welche gleich⸗ ſam mit zum Hoftrain gehörten und eine Ehre darin ſuchten, bei ſolchen Gelegenheiten nicht zu fehlen. War dies auch ſeitens des Hofjuweliers nicht der Fall, ſo trieb ihn doch der Wunſch, Zephanja eine Freude zu be⸗ reiten. Er hörte keinen Widerſpruch von ihr, weil ſie erkannte, daß dieſe Idee eben nur ſeinem guten Herzen entſprungen und es ihn gekränkt haben würde, wenn ſie nicht darauf eingegangen wäre. Sie hatten mit Andern ſehr gute Plätze in dem großen Empfangsſaale gefunden, um die eintretenden Ballgäſte des Generalfeldmarſchalls zu ſehen. Es war ein gediegener Glanz, der ſich hier den Augen bot. Der Hofjuwelier machte den Cicerone, er kannte die Hofperſönlichkeiten genau und flüſterte ſeiner Verlobten deren Namen ins Ohr. „Seine Majeſtät der König und Ihre gute Freundin, Gräfin Coſel“, raunte er ihr plötzlich zu. Eben überſchritten die Genannten die Schwelle der weitgeöffneten Flügelthür, Pagen und Kammerherren eilten wie ein Bienenſchwarm voraus, um freien Weg zu bah⸗ nen. Alle, die noch nicht den Tanzſaal erreicht hatten, blieben ſofort ſtehen und begrüßten mit tiefen Verbeu⸗ gungen den hohen Herrn, auf deſſen rechten Arm Gräfin Coſel ihre linke Hand gelegt und ſo von ihm geleitet wurde. Wie ſchön war ſie! Wer ſah ihr die zweiund⸗ dreißig Jahre an! Ihre prächtige, imponirende Ge⸗ ſtalt in rauſchender lichtblauer Seidenrobe hatte etwas Königliches. Es war ein Kranz junger Damen gegen⸗ wärtig, wie man nur am Hofe des prächtigen vierzehntén Ludwig von Frankreich und am Dresdner Hof, den beiden Sammelplätzen weiblicher Schönheiten, dergleichen Flor finden konnte, und doch war Gräfin Coſel ſchöner als alle. Der Nimbus klaſſiſcher Schönheit, unterſtützt von Anmuth und dem Bewußtſein ihres Werthes, umgab ſie. Den Augen jedes mit den Verhältniſſen unbekannten Fremden würde ſie unbedingt als Königin dieſes prächti⸗ gen Hofes erſchienen ſein, denn es war eine Augenweide, 159 dies in ſeinen beiderſeitigen Erſcheinungen gleich herrliche Paar zu ſehen. Der Triumph geſ ſchmeichelten Stolzes ſtrahlte aus der Gräfin leuchtenden ſchwarzen Augen, ſie glich einer Juno, die ihren ungetreuen Jupiter in feſten Banden hält. Zephanja begriff jetzt, wie Gräfin Coſel in der Herrſch⸗ ſucht für all ihr Thun einen Sporn finden mußte, ſie begriff die Energie, den Haß, den dieſe ſchöne Frau allen denen entgegenſetzte, welche den Verdacht, ihr feindlich zu ſein, in ihrer Seele erregten, und ſie zweifelte nicht, daß jede dieſer weiblichen Schönheiten nicht mindern Haß gegen dieſelbe im Herzen trage. Der Eintritt des Königs mit der Gräfin Coſel war als das Zeichen zum Beginn des Balls zu betrachten Man eilte auf die Plätze. In dieſem Moment trat die Couſine des Generalfeldmarſchalls, der heute beſonders bemüht war, ſeiner Feindin ſich im liebenswürdigſten Lichte zu zeigen, mit einer fremden jungen Dame im polniſchen Coſtüm ein, die in ihrem ſchlanken, elaſti⸗ ſchen Aeußern ſowie im Antlitz den Typus des Kind⸗ lichen de „Majeſtät, meine Couſine, die K rongroßſchatzmeiſterin Frau von Przebendowska, bringt uns eine erſt heute Nachmittag angekommene liebe Freundin, Gräfin Dön hoff, als Theilnehmerin unſeres Ballfeſtes, welche ſehr 65₰ 60 glücklich iſt, Eure Majeſtät begrüßen zu dürfen“, ſtellte Flemming die Fremde vor. Mit jenem Zauber kindlicher Heiterkeit, der ſelbft den griesgrämigſten Hypochonder wohlthuend berührt, nahte ſich Gräfin Dönhoff, eine junge Dame von zwanzig Jahren, dem König, und ſich tief vor ihm verneigend, ſagte ſie fröhlich in geläufigem Franzöſiſch:„Sire, Alles ſtrebt dem Sonnenlicht zu, und da ich gerade daſſelbe Recht habe, flatterte ich aus meinem polniſchen Vaterlande nach meines Herrn und Königs Reſidenz, um mich hier in den Strahlen Seiner Majeſtät zu ſonnen. Gewiß, Sire, ich habe zu Allem Anlage, nur nicht zur Heiligkeit, denn ich lache lieber, als ein halbes Mal den Roſenkranz abzubeten; trotzdem bin ich eine recht gute Chriſtin und habe Salomonis Spruch nicht vergeſſen: Wenn des Kö⸗ nigs Angeſicht freundlich iſt, das iſt Leben, und ſeine Gnade iſt wie ein Abendregen. O Sire, ſolchem Regen weiche ich nicht aus.“ Die Ueberraſchung war für den die Heiterkeit beſon⸗ ders liebenden Auguſt eine ſo angenehme, daß er deren Eindruck nicht verbarg. Die Blicke aller ruhten auf Gräfin Dönhoff mit großem Intereſſe, denn es war kein Geheimniß, daß Flemming ſie an die Stelle der ihm verhaßten Coſel bringen wollte, und man erkannte in dem plötzlichen Erſcheinen dieſer jungen Dame ein gut abge⸗ 161 kartetes Spiel des Generalfeldmarſchalls. Gräfin Dön⸗ hoff beſaß bei ihrem heitern Naturell ſicher nichts von dem Stolze und von der Herrſchſucht der Coſel, man konnte ſich alſo dieſen Tauſch wohl gefallen laſſen, denn der geringſte Profit bei dieſem Maitreſſenwechſel beſtand dann wenigſtens in luſtigen Hoffeſten. „Van Tinnen“, ſagte Gräfin Coſel leiſe vor ſich hin, gewaltſam jeden Ausdruck des Mißbehagens unterdrückend, das die Erſcheinung dieſer Nebenbuhlerin, die ihr bisher perſönlich fremd geweſen, bei ihr bewirkte. Sie kannte den König zu genau, um nicht aus ſeiner Miene abzunehmen, was in ihm vorging, und konnte ſich nicht verhehlen, daß der Dönhoff Auftreten ganz der Art ſei, den den Wechſel liebenden Auguſt für ſie ſehr ſtark einzunehmen. Er war der Schmeichelei ungemein zugänglich und Gräfin Dönhoff hatte ihm öffentlich gehuldigt. Dadurch hatte ſie in ſeiner Gunſt ſchon eine hohe Stufe errungen, und ihrer Munter⸗ keit konnte es leicht gelingen, ihn ganz für ſich zu ge⸗ winnen. Das Soubrettenhafte in dem Weſen dieſer jungen polniſchen Dame übte keine geringe Anziehungskraft auf einen König aus, der es zu ſeinem Lebensgeſchäft machte, ſich zu beluſtigen. Es mußte ſich bald zeigen, wie weit ſie zu fürchten war. „Was habe ich Ihnen geſagt, cher ami? Sie Carion, König Auguſt. II. 11 162 ſollen nicht vergeſſen, daß wir im April leben“, raunte einer der Kammerherren ſeinem Nachbar zu. 3 „Wahrhaftig, Sie haben recht, Theuerſter. Jetzt glaube ich auch, ſie iſt passé“, ſtimmte der Gefragte bei. „Flemming iſt der beſte Holzhacker, den es geben kann“, verſetzte jener lächelnd.„Er führt ſeine Axt ſo oft gegen den Baum, bis er endlich umſtürzt.“ Dieſe kurzen Wechſelreden bezeichneten genau, was der Hof dachte. Wohl niemals hatte Gräfin Coſel mehr Huldigungen empfangen als gerade an dieſem Abende. Man bemühte ſich förmlich, ſich ihr nähern zu dürfen, man zeigte ſich überglücklich, wenn die ſchöne Frau freund⸗ liche Antwort gab. Und was war das Alles? Der mit dem Hofſtudium ſo genau vertraute Kammerherr ſtieß ſeinen Nachbar an und flüſterte ihm zu:„Sehen Sie, Liebſter, wie Madame de Coſel im Curs geſtiegen iſt? Wie nennen Sie das?“ „Ich geſtehe, daß ich nicht recht weiß, was davon zu halten iſt.“ „Sie müſſen noch viel lernen, Herr Freiherr“, lächelte der Andere.„Haben Sie ſchon etwas von Henkersmahl⸗ zeiten gehört?“ 8 „O ja! Man gibt dem Deliquenten die beſten Biſſen, die er ſich wünſcht, um ihm den Gedanken, bald unter die nicht mehr Lebenden zu gehören, zur Höllenqual zu machen.“ 163 „Da haben Sie es, Theuerſter. Daſſelbe geſchieht hier, der Gräfin Coſel wird heute die Henkersmahlzeit ſervirt.“ Der Ball war außerordentlich animirt, der König ungemein heiter; er zeigte heute ganz beſondere Sympathie für die ſo glänzend durch weibliche Schönheiten vertretene polniſche Nationalität, und die Frau Krongroßſchatzmeiſterin, unter deren Schutz Gräfin Dönhoff ſtand, erfreute ſich vor allen öfterer freundlicher Anſprachen Seiner Majeſtät. In einer Pauſe promenirte der König mit dieſer Dame, deren Stellung am Hofe ohnehin durch die Verwandtſchaft mit dem einflußreichſten Manne eine ſehr bedeutende war, durch die glänzenden Säle. Es mußte etwas ſehr Wich⸗ tiges ſein, was ſie beſprachen, denn der König war zu⸗ weilen ganz Ohr für die ihm von Frau von Przeben⸗ dowska gegebenen Antworten; ſeine Miene dabei war eine heitere, das mit ihr geführte Gefpräch alſo unter allen Umſtänden ein höchſt angenehmes.„Ah, ſieh da, mein Dinglinger, ich werde ihm ſogleich Auftrag geben“, ſagte Seine Majeſtät, unter den bevorzugten Zuſchauern ſeinen Hofjuwelier erblickend. Ein in der Nähe befindlicher Page erhielt Befehl, dem Hofjuwelier ſofort, ohne daß An⸗ dere es hörten, mitzutheilen, daß er den König in den Zimmern der Frau Krongroßſchatzmeiſterin erwarten ſolle. 11* 164 „Ich hole Sie hier ab, Zephanja“, ſagte der Befohlene, eiligſt den Saal verlaſſend. Die allein Bleibende fühlte ſich ermüdet, die von den vielen Lichtflammen und der großen ſich hier bewegenden Menge ausſtrömende Wärme hatten eine unbehagliche Em⸗ pfindung über ſie gebracht. Dazu lag etwas Geiſttödtendes in dieſem Schauen, und nichts iſt widerlicher als Langeweile, obwohl ſich Zephanja Mühe gab, ſie zu bekämpfen, indem ſie ſich nach Kräften beſtrebte, die ihr lieben Erinnerungen aus ihrer Vergangenheit ſich ins Gedächtniß zu rufen; aber der Ort war für ſolches Verſenken in die Ver⸗ gangenheit ein vollkommen unpaſſender, das ſie umgebende Geräuſch ein nicht zu beſeitigendes und die Unterhaltung der Zuſchauerinnen, unter denen ſie ſtand, eine ſo reizlos flache, nur über den Putz der Balldamen ſich ergehende, daß ſie ſich entſchloß, die hinter ihr auf den Corridor führende Thür, durch die auch der Hofjuwelier ſich ent⸗ fernt hatte, zu benutzen, um ſich draußen zu erholen Sie empfand auch wirklich, als ſie hinausgetreten, die Wohlthat einer friſchern Temperatur. Einer der auf dem Corridor hin und her eilenden Lakaien kannte ſie.„Bediene Sie ſich doch des Stuhles da“, ſagte er, indem er einen Seſſel heranzog.„Der Herr Hofjuwelier wird wohl nicht allzu lange ausblei⸗ ben; Seine Majeſtät iſt eben von des Herrn General⸗ —— 165 feldmarſchalls Excellenz begleitet in die Zimmer der Frau Großkronſchatzmeiſterin gegangen, wo er ihn hinbeſtellt hatte.“ Drinnen rauſchte die Muſik aufs neue, und der Corridor wurde allmälig von Dienern leer, die ſich nach dem Hauptſaale hingezogen hatten. Dieſe Ruhe that Zephanja ungemein wohl. Nach einer Weile hörte ſie Schritte in der Entfernung, die raſch näher kamen. Der Her⸗ ankommende blieb plötzlich vor ihr ſtehen, betrachtete ſie und ſagte dann in franzöſiſcher Sprache:„Nehmen Sie wieder Platz, ma chère. Ich will Sie nicht umſonſt hier gefunden haben, nur ein paar Augenblicke Geduld.“ Er trat in die Nähe eines Wandleuchters, um im Scheine von deſſen Lichtflamme einige Worte auf einen Papier⸗ ſtreifen zu ſchreiben, den er einem kleinen Notizbuch ent⸗ nahm. Zephanja war überzeugt, daß ſie ſich nicht irre, in dem Schreibenden Excellenz Flemming zu erkennen, obwohl ſie ſich nicht zu denken vermochte, was der Vor⸗ gang bedeuten ſolle. Sie hatte ihn heute Abend zum erſten Mal perſönlich geſehen und konnte ſich auch nicht erinnern, daß er jemals Gelegenheit gehabt, ſie kennen zu lernen. „Geben Sie dies Ihrer Gräfin. Es bleibt Ihrer Invention überlaſſen, wie Sie es ſobald als möglich in deren Hand bringen wollen. Nur raſch, meine Gute.“ Nachdem er ihr den zuſammengefalteten Papierſtreifen in die Hand gedrückt, ſchritt der vornehme Herr mit einem leichten Kopfnicken weiter. Zephanja war ſo ſehr überraſcht, daß ihr das eben Erlebte wie ein Traumbild vorkam, das, noch in den wachen Zuſtand übergegangen, ſie beſchäftige. Der Zettel in ihrer Hand brachte ihr jedoch die Ueberzeugung, daß ſie nichts weniger als einer Sinnestäuſchung unterworfen geweſen. Vielleicht erhielt ſie Aufſchluß, zwenn ſie den Inhalt des Zettels las. Sie fand Folgendes: „Sie ſind im Siege, die C. vollſtändig passé. Seine Majeſtät beſtellte eben einen Schmuck für Sie. Gebrauchen Sie Ihren Sieg. Vorwärts! F.“ Wenn die Bezeichnung„die C.“ nicht in dieſen wenigen Worten enthalten geweſen wäre, würde der Inhalt des Zettels ganz und gar räthſelhaft für Zephanja geblieben ſein, aber dieſer Buchſtabe, der Anfangsbuchſtabe des Namens Coſel, gab ihr inſofern Licht, als ſie von der Gräfin und van Tinnen mehrere Male hatte erwähnen hören, daß Flemming deren erbittertſter Feind ſei. Sie war zu wenig mit den Hofintriguen vertraut, um ſich denken zu können, worum es ſich eigentlich handle, nur daß etwas der Gräfin Coſel ſehr Nachtheiliges bevorſtehe, war ihr klar. Wenn es in der Möglichkeit lag, dieſe ſchnell davon zu unterrichten, konnte vielleicht die ihr ☛☚ . t 1 167 drohende Gefahr abgewendet, mindeſtens in ihrer Total⸗ wirkung geſchwächt werden, aber wie ſollte ſie das bewerk⸗ ſtelligen? Sie fühlte ſich von Angſt ergriffen, da ſie gar keinen vermittelnden Weg dazu ſah. Da kam ihr der Gedanke an van Tinnen. Von ihm wußte ſie, daß er ein eifriger Freund der Gräfin ſei; aber wie ihn unter der Menge finden und, wenn ihr das auch gelang, wie ihm unbemerkt ein Zeichen geben, daß ſie ihn ſprechen müſſe? Er war hier, ſie hatte ihn gleich zu Anfang des Balles geſehen. Ihre gänzliche Unbe⸗ kanntſchaft mit den Räumlichkeiten des Palais ſtellte Alles in Frage. Wie von einem Inſtinkt getrieben, ging ſie den Corridor entlang bis zur Treppe. „Iſt der Herr Hofjuwelier immer noch nicht zurück?“ fragte derſelbe Lakai, der vorhin ſchon ſo freundlich ſich gegen ſie erwieſen hatte und ſich hier müßig umhertrieb. „Nein.“ „Er wird ſchon kommen“, tröſtete der Mann.„Dort hätte Sie beſſeres Warten gehabt als hier; aber trete Sie nur einſtweilen in unſer Büffet. Ich will nach dem Herrn Hofjuwelier ausſchauen, meine Livree bringt mich überall durch.“ Der Mann geleitete ſie in den Vorſaal und deutete ihr eine Seitenthür an mit den Worten:„Das iſt das 168 Büffet für die Dienerſchaft.“ Und nach der andern Seite hinhorchend, ſagte er lachend:„Höre Sie nur, wie luſtig es dadrin zugeht!“ Man hörte von rechts her, wo ſich eine große offene Flügelthür befand, lautes Lachen. „Wer befindet ſich dort?“ fragte Zephanja. „Die Cavaliere an den Büffets. Ja, die Excellenz Flemming kann's geben und die Herren haben für die Delicateſſen, die ſie da in Maſſen aufgetiſcht finden, einen ungeheuern Appetit. Ich gehe jetzt nach dem Herrn Hof⸗ juwelier.“ Der Mann entfernte ſich; zögernd blieb Zephanja ſtehen. Sollte van Tinnen an den Büffets ſein? Es ſprach etwas dafür. Geſprächsweiſe hatte er geäußert, daß er ſich für das Tanzen durchaus nicht mehr intereſſire, es ſtrenge ihn ungebührlich an. Indem ſie darüber nach⸗ dachte, hörte ſie aus der offenen Flügelthür Stimmen dringen. Sie hielt ſich ganz dicht an die Thür zu dem Dienerbüffet, um im Fall der Noth da ſchnell eintreten zu können. Mehrere Cavaliere, einen in ſtark ange⸗ ſäuſeltem Zuſtande ſich befindenden Freund in ihrer Mitte geleitend, wollten denſelben in ein abſeits gelegenes Gemach bringen. „Es iſt unverantwortlich von dieſem van Tinnen, daß er ihn ſo niedergetrunken“, ſagte einer der Herren. „Dieſer Holländer iſt aber im Trinken nicht umzubringen, * 169 eine eiskalte Seebärennatur. Polenz, rufe doch einen der Lakaien herbei. Dort die Thür!“ In dieſem Augenblick wurde van Tinnen's Stimme von der Flügelthür her laut.„Führen Sie ihn in den Garten hinab, Meſſieurs. Ich gebe ihm zwanzig Tro⸗ pfen von meinem Lebensäther und in einer halben Stunde iſt er wieder munter wie ein Fiſch im Waſſer, der ſich des Sonnenſcheins freut.“ „Sie ſcheinen auf derlei Extratouren gut vorbereitet, Herr van Tinnen.“ „Was man fürs Haus braucht, Meſſieurs“, war die lachende Antwort. Van Tinnen trat zu dem berauſchten Cavalier und ſagte:„Herr Kammerjunker, ich werde Sie ſchnell wieder in die frühere Verfaſſung ſetzen. Bitte, öffnen Sie den Mund; einige Tropfen dieſes von Mynheer van der Lüe erfundenen unübertrefflichen Aethers, und der fremde Geiſt, der Sie ſo ſehr unterjocht hat, weicht wie vor der kräftigſten Beſchwörungsformel zurück.“ „O, ich kann ſehr gut— ſehr gut ſtehen— ich bin gar nicht—“ „Bitte, öffnen Sie den Mund. So, das war ge⸗ ſchehen. Nun in die freie Luft mit ihm, Meſſieurs die Wirkung bleibt nicht aus, mein Ehrenwort darauf!“ Aehnliche Scenen kamen bei ſolchen Anläſſen öfter vor, ſodaß es nicht beſonders auffiel, wenn ein Verun⸗ 170 glückter dieſer Art von ſeinen Freunden beſeitigt wurde, um öffentliches Aergerniß zu vermeiden und ſeinen Ruf nicht in Schaden zu bringen. Während die Cavaliere in Betreff ihres Freundes der Weiſung van Tinnen's nachkamen, dieſer ſelbſt aber das Etui ſchloß, in welchem er Mynheers van der Lüe unüber⸗ trefflichen Aether nebſt einem kleinen ſilbernen Löffel ver⸗ wahrte, hatte ſein ſcharfes Auge Zephanja erkannt, und raſch auf ſie zutretend, fragte er:„Um Himmelswillen, was thun Sie hier?“ „Nehmen Sie dies Papier, Herr van Tinnen, geben Sie es der Gräfin Coſel, aber bald, ſehr bald. Ich erhielt es vom Grafen Flemming, er muß mich verkannt haben.“ Ehe jener nur noch eine Frage über das ihm in die Hand gedrückte Papier an ſie richten konnte, wurde die Thür zum Dienerbüffet von innen geöffnet, und Zephanja ſchlüpfte in daſſelbe hinein, ohne daß man ſie genau be⸗ merkt hätte. Sie hatte nicht lange zu warten, der Lakai trat bald darauf mit dem Hofiuwelier ein. Zephanja klagte über Hitze und Müdigkeit und Herr Dinglinger war ſofort bereit, den Nachhauſeweg mit ihr anzutreten.„Die friſche Nachtluft wird Ihnen wohl thun“, ſagte er.„Kommen Sie!“ Die Nacht war mild und ruhig und der Gang über die Brücke deshalb nicht unangenehm, im Gegentheil nach —— .. —:———ÿõÿ 171 der überſtandenen Hitze in den Ballſälen ſogar von einer ſehr wohlthuenden Wirkung. „Eine Neuigkeit muß ich Ihnen mittheilen“, ſprach der Hofiuwelier leiſe.„Der heutige Abend hat unſerem Hofe eine Veränderung gebracht.“ „Wie ſo?“ „Gräfin Coſel hat das Regiment verloren, an ihre Stelle tritt Gräfin Dönhoff.“ „Ah!“ „Gewiß, es iſt ſo. Seine Majeſtät war ſo ſehr von dieſer kleinen elaſtiſchen Polin entzückt, daß Allerhöchſt Sie mir ſchon heute Abend den Auftrag ertheilten, einen Schmuck für dieſe neue Göttin in kürzeſter Friſt zu ſchaffen, Bra⸗ celletten und Collier von Chryſopras mit Opalen kar⸗ muſirt. Ich muß morgentfrüh gleich zum Brillanten⸗Meyer ſchicken.é Er hat, wenn ich nicht ganz irre, eine ſchöne Garnitur Chryſopras und Opale. Seine Majeſtät kommt morgen zu mirz, um ſelbſt die Auswahl der Steine zu treffen. Daraus läßt ſich abnehmen, wie ſehr er von dieſer Dame eingenommen iſt.“ „Und was wird aus der Gräfin Coſel?“, fragte Zephanja. „Je nachdem ſie ſich ſtellt. Iſt ſie nachgiebig, ſchafft ſie ſich ein zunabhängiges Loos, iſt ſie trotzig, und das ſieht ihr ähnlicher als die Nachgiebigkeit, kann es für ſie 4 172 zum Unglück ausſchlagen. Flemming iſt ihr unverſöhn⸗ licher Feind.“ 3 Der Morgen war ſchon im Anbruche, als Zephanja erſt einſchlief. Sie fühlte ſich zu ſehr von dem der Gräfin möglicherweiſe bevorſtehendem Schickſale angeregt, denn auch ſie war der Meinung des Hofjuweliers, daß Trotz ihr ähnlicher ſähe als Nachgiebigkeit. ———,— Sechstes Kapitel. Am andern Morgen promenirte ein junger, eleganter Mann an der Seite einer ebenfalls jungen Dame in den Anlagen eines der ſchönſten in der Stadt gelegenen Gärten. Die junge Dame war eine Jüdin, der Gar⸗ ten der ihres reichen Vaters, des königlichen Ge⸗ neralproveditors und Hofagenten Jonas Meyer, welcher mit ſeinem Compagnon und Glaubensgenoſſen Berndt Lehmann eins der größten Häuſer auf der Pirnaiſchen Gaſſe beſaß, von deſſen innerer prachtvollen Einrichtung man in der Stadt faſt Unglaubliches erzählte. Das Judenhaus, wie man es nannte, war in den Augen der Dresdner Bevölkerung nicht nur der Hort des Reich⸗ thums, ſondern auch der des Wohllebens. Wie in Wien Oppenheimer, in Berlin Liebmann die 174 großen Geldbeſchaffer für die betreffenden Höfe waren, ſo das Haus Lehmann und Meyer für Auguſt den Star⸗ ken, der nicht ſelten infolge der Vergeudung ungeheurer Summen für ſeine mehr als luxuriöſen Feſte und Luſt⸗ barkeiten in außerordentlicher Geldklemme ſich befand. Berndt Lehmann hatte ſich dem König ganz beſonders als Mann für große Geſchäfte empfohlen, als er 1697 den Verkauf von Quedlinburg an Kurbrandung zu Stande brachte, um ihm Geld zur Krönung in Polen zu ver⸗ ſchaffen. Nit derſelben Geſchäftsgewandtheit hatte er die Anleihen effectuirt, welche nach dem Einfall Karl's XII. von Schweden in Sachſen im Jahre 1706 gemacht wer⸗ den mußten. War Berndt Lehmann dadurch bei dem König und den höchſten Verwaltungsbeamten außerordent⸗ lich gut, accreditirt, ſo war es ſein Compagnon Jonas Meyer nicht minder. Ihm vorzüglich waren die Juwelen⸗ lieferungen übertragen, welche Seine Majeſtät mit vollen Händen an ſeine Maitreſſen in Geſtalt von Schmuck⸗ gegenſtänden aller Art ſpendete. Zener alberne Haß gegen die Juden exiſtirte in Dres⸗ den deshalb nicht, weil es allgemein bekannt war, wie menſchenfreundlich ſich die beiden Genannten gegen die chriſtlichen Armen bezeigten. Während ſein Compagnon Berndt Lehmann durch und durch Geſchäftsmann war, der trotz ſeiner zahlreichen Verbindungen keine Neigung * 175 für das große Treiben empfand, hatte Jonas Meyer ar⸗ den richtigen Schick für eine feine Tournüre, er reprä⸗ rer 3 ſentirte für ſeinen Compagnon mit das reiche Wechſel⸗ ſt⸗ 4 haus durch eine nach außen hin und in allen jenen Be⸗ ziehungen, wo Glanz erforderlich wurde geäußerte Nobleſſe, ſers wie ein wohlgeſchulter Edelherr. Die von ihm ge⸗ 97 gebenen Feſte erfreuten ſich der lebhafteſten Betheiligung —nde. der höchſten Hoftreiſe.*) Die innere Einrichtung ſeines per⸗ Hauſes war ebenfalls ſein Werk; kein Grandſeigneur die durfte ſich dieſer aufs feinſte und reichſte decorirten II. Räume ſchämen. Der Garten zeigte in allen ſeinen er⸗ Theilen den Schönheitsſinn Meyer's. In Schatten ſpen⸗ em denden Lauben ſtiegen Fontainen, die Luft in heißen ent⸗ Sommertagen kühlend, und als ein Wunder architekto⸗ las niſcher Pracht wurde das Bad gerühmt, das er ſich da⸗ len⸗ ſelbſt hatte erbauen laſſen. Was beſonders einen ſehr len guten Eindruck auf die chriſtliche Bevölkerung her⸗ uck⸗ vorbrachte, war der Umſtand, daß die zahlreichen Commis dieſes in ſo vielen Branchen arbeitenden Ge⸗ es⸗ ſchäfts nicht aus lauter Glaubensgenoſſen der beiden Chefs wie beſtanden, ſondern mindeſtens zum dritten Theile Chri⸗ die ſten waren, welche ſämmtlich die angenehme, coulante non ar, *) Die Feſte Jonas Meyer's wurden ſelbſt vom Kurprinzen ing und deſſen Gemahlin, der ſtolzen Erzherzogin Joſephine, beſucht. „„ 176 Umgangsweiſe lobten, welche ſie von Jedermann in dieſem Hauſe genöſſen. Die junge jüdiſche Dame hatte ihren Begleiter in eine Laube geführt, wo beide Platz nahmen.„Ich wünſchte Ihr ſchönes Paris beſuchen zu können“, ſagte ſie. „Mademoiſelle, ſollte Ihr Herr Vater nicht zu be⸗ wegen ſein, dieſen Ihren Wunſch zu befriedigen?“ fragte der Andere. „Seine Geſchäfte feſſeln ihn an Dresden.“ „Einen Vortheil hätten Sie unbedingt ſchon im vor⸗ aus für ſich, da Sie ein ziemlich geläufiges Franzöſiſch ſprechen, während ich denſelben in Deutſchland ganz und gar entbehre, denn ich verſtehe kein Wort von der deut⸗ ſchen Sprache. Unter Deutſchen, die meine Mutter⸗ ſprache nicht verſtehen, bin ich wie verrathen und ver⸗ kauft. Sie wären in Paris ſolcher Unannehmlichkeit nicht ausgeſetzt.“ „Ich kann mir denken, wie ſehr unangenehm das ſein muß, die Leute ſprechen zu ſehen, zu hören und doch nichts zu verſtehen.“ „Ihr Herr Vater hat mir aber Muth gemacht, dies meine geringſte Sorge ſein zu laſſen, denn die Gebil⸗ deten hier ſprächen durchgängig franzöſiſch, auch der Herr Hofjuwelier, dem er mich heute vorſtellen will, ſei voll⸗ kommen in meiner Mutterſprache zu Hauſe.“ * — 1 — 1⁷ʃ „Und Mademoiſelle Zephanja Gomeles, ſeine Braut, ſpricht das Franzöſiſche außerordentlich ſchön. Das darf aber nicht in Erſtaunen ſetzen, denn ſie iſt in Paris auf⸗ gewachſen.“. Die junge Dame, welche der ſtäubenden Fontaine etwas zu nahe gerückt war und einzelne von dem nieder⸗ ſtürzenden Strahle abfliegende Tropfen auf ihr Kleid fallen ſah, erhob ſich, um ihren Sitzplatz zu verändern, weshalb ſie den Ausdruck eines das Geſicht des jungen Mannes überfliegenden Schreckens nicht bemerken konnte. „Ah, ich glaubte, der Hofjuwelier ſei ein alter Herr“, bemerkte er.„Da Sie aber von ſeiner Braut ſprechen, kann dies nicht der Fall ſein.“ „Er iſt ein Maun in den vierziger Lebensjahren höchſtens. Mademoiſelle Zephanja iſt Künſtlerin im Ci⸗ ſeliren. Sie macht eine ſehr gute Partie. Herr Ding⸗ linger ſcheint ſie ſehr zu lieben.“ „Und ſie ihn natürlich.“ „Wahrſcheinlich, ich kann darüber kein Urtheil fällen. Wie ich bemerkt habe, geht ſie freundlich auf alle ſeine Wünſche ein; trotzdem glaube ich nicht, daß ſie leiden⸗ ſchaftlicher Liebe fähig iſt, wenngleich ſie ſpaniſches Blut in den Adern hat. Ihr Weſen iſt ernſt. Vor einigen Tagen war der Hofjuwelier mit ihr bei uns. Mir ſchien es, als läge eine Trübung auf ihrem Weſen, aber ich Carion, König Auguſt. II. 12 ₰ 178 kann mich leicht geirrt haben. Unſere Seelenſtimmungen ſind ſich nicht alle Tage gleich.“ Nach einer Weile fragte die junge Dame, da ſie gewahrte, daß ihr Zuhörer ſtarr vor ſich hinblickte:„Beſchäftigt Sie, Monſieur Bernard, das, was ich von Mademoiſelle Zephanja berichtete, ſo ſehr?“ „Ah, vergeben Sie, Mademoiſelle! Der Schein iſt gegen mich, als wäre ich nicht aufmerkſam für Ihre Worte, und doch haben dieſe eine Erinnerung in mir an⸗ geregt, die, weil ſie meinen liebſten Freund betrifft, mich jederzeit tief ergreift. Mein Freund liebte ein armes, namenloſes Mädchen, das ſich durch ihrer Hände Arbeit den Lebensunterhalt erwarb; aber dieſe Neigung wurde zer⸗ ſtört durch die Verhältniſſe, in denen mein Freund durch ſeine Geburt ſteht. Er gehört nämlich einer hohen Adelsfa⸗ milie an. Seit dieſer Zeit laſtet eine Trübung auf ſeinem Weſen, welche nicht von ihm weicht. Glauben Sie, Mademoiſelle, daß eine wahrhafte, heilige Liebe im Herzen eines Menſchen ganz und für immer erlöſchen kann?“ „Nein, nein, das glaube ich nicht. Ah, Monſieur Bernard, dies Kapitel iſt eins der traurigſten für die Töchter meines Volkes. Bei uns entſcheidet meiſt das Geld, das Herz hat bei unſern ehelichen Verbindungen nur dann eine Stimme, wenn das Glück ſo günſtig iſt, daß die Vermögensverhältniſſe gleicher Art ſind. So 179 lieb mich mein Vater hat, ſo würde er doch nie ſeine Einwilligung zu einer Verbindung zwiſchen mir und einem armen Manne unſeres Glaubens geben, und wäre er noch ſo rechtſchaffen.“ Eine Stimme rief hier:„Sarah!“ „Es iſt unſere Baſe. Entſchuldigen Sie meine Ab⸗ weſenheit auf einige Minuten“, ſprach das junge Mädchen und wollte eben die Laube verlaſſen, als Herrn Jonas Meyer's Stimme am Eingange des Gartens ſich etwas zornig vernehmen ließ:„Was haſt Du zu ſchreien, Baſe? Wirſt Du nie profitiren von der Höflichkeit und von der Schicklichkeit, wenn meine Tochter iſt in der Con⸗ verſation mit einem fremden Herrn?“ Was die oben wahrſcheinlich am offenen Fenſter ſtehende Baſe ent⸗ gegnete, war nicht zu verſtehen, man hörte nur das Zu⸗ ſchlagen eines Fenſters und das Geräuſch der etwas eiligen Schritte des Herrn Jonas Meyer, der bald am Eingange der Laube erſchien mit der an Monſieur Bernard gerichteten höflichen Aufforderung, ſich zum Be⸗ ſuche bei dem Herrn Hofjuwelier anzuſchicken, der ihm ſo eben ein Billet geſchickt mit der Bitte, ſich zu ihm zu bemühen und von Roſetten und Chryſopras mitzubringen was er eben gegenwärtig beſitze. „Stehe jeden Augenblick zu Dienſten“, antwortete Monſieur Bernard. 12* 2 180 Das Geſchäftliche war abgemacht und Herr Meyer, ein ſtattlicher Mann, promenirte mit ſeinem Gaſt und ſeiner Tochter durch die Gartenpartien zurück ins Haus, das die beiden an Jahren ſo verſchiedenen Männer bald miteinander verließen, um ſich nach Herrn Dinglinger's Wohnung zu begeben. Sarah blickte ihnen vom Fenſter aus nach.„Ein feiner junger Herr“, ſprach ſie vor ſich hin.„Hat mir ſehr gefallen. Wäre er einer von uns und er wollte mich haben, der Vater würde ſich, glaube ich, keine Mi⸗ nute lang beſinnen. Es iſt ſchlimm, daß er keiner von den Unſern iſt, und noch viel ſchlimmer, daß er die vier Wochen, welche er ſich hier aufhalten will, nicht bei uns wohnen bleiben kann, weil Reb Prager mit der Familie in ein paar Tagen zu Beſuch kommt.“ Das Dinglinger'ſche Haus war von den Beiden bald erreicht und die Aufnahme, welche von ſeiten des Hofju⸗ weliers der Sohn des reichen Pariſer Juwelenhändlers und Hoflieferanten Seiner Majeſtät des Königs Lud⸗ wig XIV. fand, eine außerordentlich freundſchaftliche. „Der junge Herr hat mir zugleich von ſeinem Herrn Vater die beſtellte Garnitur Brillanten überbracht; ſchöne Waare, bei Gott“, erzählte Herr Jonas Meyer.„Wenn Seine Majeſtät die Steine ſehen, werden Allerhöchſt⸗ dieſelben entzückt ſein von ihrer Reinheit.“ —oẽ 4 „Legen wir ſie ihm zur Anſicht vor“, ſagte jener. „Immer coulant, der Herr Hofjuwelier“, bemerkte Jonas Meyer mit einem ſehr gravitätiſchen höflichen Kopfnicken. Nachdem in Kürze zwiſchen beiden Geſchäftsmännern noch der Wunſch des Königs, den mit Opalen zu kar⸗ muſirenden Chryſoprasſchmuck betreffend, beſprochen war und Jonas Meyer ſeinen in Etuis zur Anſicht vorge⸗ legten Vorrath dieſer ſchönen Edelſteine dem Hofjuwelier noch beſonders angeprieſen hatte, wendete dieſer die Unter⸗ haltung ſo, daß auch der junge Fremde, der ihm durch ſein ebenſo beſcheidenes als feines Benehmen außer⸗ ordentlich gefiel, zur Theilnahme an derſelben gezogen wurde. „Ich bin geſtern Abend hier angekommen“, erzählte Monſieur Bernard.„Da ich für zwanzigtauſend Livres Brillanten bei mir führte, glaubte ich es für ſicherer halten zu müſſen, gleich bei Herrn Jonas Meyer vor⸗ zufahren, alz die Nacht in einem Hotel zuzubringen, wo ich doch der Möglichkeit ausgeſetzt ſein konnte, beſtohlen zu werden. Bin dem Herrn aber für ſeine wahrhaft lieb⸗ reiche Aufnahme ſehr zu Dank verbunden.“ Der Juwelenhändler erklärte, daß er ſich unglücklicher⸗ weiſe zu ſeinem größten Bedauern nicht in der Lage be⸗ finde, Monſieur Bernard länger als noch ein paar Tage Wohnung anbieten zu können, da er einen Verwandten nebſt Familie zu Beſuch erwarte. Der Hofiuwelier meinte lachend, da werde er ſich ins Mittel ſchlagen und für des jungen Herrn Unterkommen Sorge tragen müſſen. Bei ſeinem Nachbar, dem Spezereihändler, ziehe in dieſen Tagen ein nach Leipzig verſetzter Beamter bei der Hauptacciſe, der mehrere Jahre daſelbſt gewohnt habe, nach ſeinem Beſtimmungsorte fort und er zweifle nicht, daß Herr Klepperbein ſich zu dem freundnachbarlichen Zugeſtändniß, ſelbe Wohnung auf eine kurze Zeit an Monſieur Bernard zu vermiethen, bereit finden laſſen werde. Dies Geſpräch wurde durch das hörbare Vorfahren eines Wagens am Hauſe unterbrochen. Ein Blick vom Fenſter hinab überzeugte den Hofjuwelier, daß es der König ſei.„Haben Sie die Güte, Monſieur Bernard, in das zweite Zimmer nebenan zu treten“, bat Herr Ding⸗ linger, die Seitenthür öffnend und auf eine andere aus dieſem in ein Nebengemach führende Thür deutend.„Meine Braut wird die Ehre haben, Ihnen Geſellſchaft zu leiſten.“ Und dem König entgegeneilend, gab er im Vorſaal noch einer Dienerin Befehl, Mademoiſelle Zephanja zu bitten, ins blaue Zimmer ſich zu begeben. Monſieur Bernard befand ſich in dem blauen Zim⸗ mer. Herrn Dinglinger's letzte Worte hatten ihn in „ 183 eine außerordentliche Aufregung verſetzt.„Endlich, endlich!“ ſagte er vor ſich hin.„Wie habe ich dieſe Stunde er⸗ ſehnt!“ Er horchte geſpannt auf jedes Geräuſch. Von dem Zimmer her, aus dem er gekommen, wurde bald lautes, aber unverſtändlich bleibendes Sprechen vernehm⸗ bar, dann, nach einer langen Weile, hörte er einen leiſen, flüchtigen Schritt, der ſich von anderer Seite nahte. Der junge Mann konnte kaum ein ſeinen Körper durchlaufen⸗ des Zittern bemeiſtern. Mit dem Geſicht nach dem einen Spiegel tragenden Pfeiler zwiſchen den beiden Fenſtern gewendet, mußte er in dieſem die eintretende Perſon genau erblicken, während ihr, da er ſeitwärts ſtand, dies nicht möglich war. Nach einem momentanen Verweilen auf der Schwelle, von wo ſie den ihr nicht ſehr höflich ſcheinenden Fremden betrachtete, ſchritt Zephanja ins Zimmer. Jener rührte ſich nicht. „Mein Herr, ich beklage, daß ich Ihnen keine anziehendere Geſellſchaft als mich zur Verkürzung— Charles!“ Der Ruf war ein mehr dumpfer als vom Schrecken ihr entriſſener lauter. Sie wankte zurück, er bewahrte ſie vor dem Falle in ſeinen ſie raſch umſchlingenden Armen. „Zephanja, ich bin es— Charles Sonbiſe, deſſen ͤͤͤͤͤͤͤäuſãõãvôãõãõõqqqqqqq 184 Liebe zu Dir nie aufgehört hat in ſeinem Herzen. Jetzt habe ich Dich wiedergefunden und nie mehr will ich von Dir laſſen, nie! Lieber ſterben, als von Dir mich trennen. Faſſe Dich, Zephanja, die Minuten ſind koſtbar. Es iſt eine wunderbare Fügung des Himmels, daß wir uns wiedergefunden haben. Ich beſchwöre Dich, Zephanja, bei dem Andenken an Deinen verſtorbenen Onkel, die einzige Dir verwandte Seele auf Erden, faſſe Dich! Auf mich mußt Du jetzt all Dein Vertrauen, Dein Hoffen, Dein Lieben ſetzen. Wir gehören von nun an uns wie — ehemals.“ Zephanja erhob ſich langſam. Ihre Hand ſtrich über 1 die Stirn, als müſſe ſie einen Traum verwiſchen, der 8 ihr Denken erdrücke. Dann ſchaute ſie ein paar Sekun⸗ den lang den vor ihr Stehenden ruhigen Blickes an und ſprach:„Prinz Charles, reden Sie dieſe Sprache nicht mehr. Was einſt geweſen iſt, liegt hinter mir, meine Vergangenheit deckt ein Grabſtein. Was er birgt, iſt für mich todt.“ „Nie und nimmer!“ fuhr der junge Soubiſe heftig auf.„Wie? Nachdem ich, um Dir, Zephanja, treu zu bleiben, dem edelſten Frauenherzen entſagt, mit meiner Familie gebrochen, nachdem ich nichts geſcheut habe, was alle Bande von mir abzuſtreifen im Stande war, hüllſt Du Dich in ein Grabtuch des ſtrengſten Ernſtes 4 — A* 8 8 ——õõ———— 185 und weiſeſt mich ab, als wäre ich Deiner Liebe nicht würdig 29 „Zephanja fühlte ſich durch dieſen Vorwurf erſchüt⸗ tert.„Sie hätten der Comteſſe Roucoulard entſagt?“ fragte ſie bebend. „Ich! Weil ich an Ihrem Herzen, an Ihrem Lebens⸗ glücke nicht zum Verräther werden wollte“, entgegnete Char⸗ les feſt.„Offen bekenne ich, daß ich zu muthlos, zu feig geweſen, um ihr gleich anfangs das Geſtändniß abzu⸗ legen, daß mein Herz nicht frei ſei und eine tiefe, heilige, nur mit meinem Leben hinſterbende Neigung michl an Dich feſſele. Ein ſolches Geſtändniß war aufs engſte mit dem Zuſammenbruche aller Verhältniſſe verbunden, in denen ich groß geworden, die mir lieb und theuer waren, weil ſie gleich unſichtbaren Fäden mein Daſein umſtrickten, und ich bebte vor der Kataſtrophe zurück, die ich dadurch heraufbeſchwor. Darin lag der Grund, daß ich gegen die Comteſſe von einem Tage zum andern ſchwieg und das Verbrechen der Täuſchung immer ſchwerer auf mich lud. Zephanja, es iſt ein anderer Maßſtab an das Thun eines geborenen Fürſten zu legen, als an das eines gewöhnlichen Mannes, der nicht einmal ſeine ge⸗ ſellſchaftliche Stellung um eines Schrittes willen verliert, der den Hochgeborenen ſofort aus dem Kreiſe treibt, dem er von Geburt angehört. Während jener nur den Haß 186 einiger Familien auf ſich zieht und nur kleine Nachtheile erleidet, verliert der Hochgeborene die Achtung ſeiner Standesgenoſſen, verſchließt ſeine Zukunft mit eigener Hand, zerfällt mit ſeiner Familie, weil er ihren Ruf dem Spotte preisgibt, indem er die vom Ahnherrn auf ſeine Nachkommen vererbten Traditionen des Ehrgeizes und des Ruhms mit Füßen tritt. Du entſagteſt mir, Dein Bei⸗ ſpiel durfte und konnte nicht ohne Nacheiferung von mei⸗ ner Seite gegen die Comteſſe bleiben, ſollte ich mich nicht ſelbſt als einen Elenden verachten, und eines Tags geſtand ich ihr, was ich ihr ſo lange verſchwiegen.“. Charles Soubiſe ließ eine Pauſe eintreten. Er war tief erregt und ein ſichtbares Beben durchlief ſeinen 24 Körper. „Ich werde jene Stunde nie vpergeſſen“, ſprach er dann mit gepreßter Stimme,„nie, nie! Ich will nicht davon ſprechen, daß die Comteſſe faſt dem Schrecke erlag, nur das will ich erwähnen, daß ich in jener Stunde den Edelmuth des Frauenherzens in aller ſeiner Herrlichkeit erkennen lernte. Comteſſe Roucoulard hatte keinen Vor⸗ wurf für mich. Thränenden Auges fragte ſie mich:„Wie ſoll ich Sie vor der Verbindung mit mir retten?“ Auf ihr durfte der Makel, daß das Aufgeben unſerer Verbin⸗ 4 dung von mir ausgehe, nicht haften, ſie mußte die ſein, welche unſere Trennung ausſprach, und ſo geſchah es zum 187 Entſetzen der hohen Adelskreiſe. Der König verwies mich vom Hofe, zwiſchen meiner gütigen Mutter und mir 5 trat ein Zerwürfniß ein, das mich von Paris forttrieb. Nach monatelanger Entfernung kehrte ich zurück und lebte zurückgezogen von meinen Standesgenoſſen. Da wollte es der Zufall, daß ich mit einem Cavalier zuſammentraf, der einige Zeit ſich in Dresden bei Marquis de Monti, unſerm hieſigen Geſandten, aufgehalten hatte. Wir ſpra⸗ chen von den Kunſtſchätzen, welche König Auguſt ſammelt, und der Cavalier ließ im Verlauf unſerer Unterhaltung die Bemerkung einfließen, daß der König unter Pariſer Künſtlern Acquiſitionen mache, er nannte Deinen Namen, 4 und von dem Geheimniß Deines Aufenthalts, das Dein Onkel ſtreng gegen Jedermann verſchwiegen gehalten, war ſomit der Schleier gelüftet. Weitere Nachforſchungen be⸗ ſtätigten die Wahrheit dieſer Nachricht; ich erfuhr, daß der Ciſeleur Jean Delangle, der Deines Onkels geſchäft⸗ liche Einrichtungen gekauft, die Kaufſumme dafür an den Geſandten des ſächſiſchen Polenkönigs, Baron Suhm, zur Uebermittelung an Dich gezahlt, und vom Seeretär dieſes Geſandten, deſſen Bekanntſchaft ich zu erlangen wußte, ward mir die vollſte Auskunft über Dich gegeben. Ich zauderte nicht, meinen Weg hierher zu nehmen. Mein Freundſchaftsverhältniß zu Charles Bernard, einem jun⸗ gen talentvollen Maler, Sohn des ſehr reichen Pa⸗ —— 188 riſer Juwelenhändlers, welcher zu ſeiner weitern Ausbildung eine Reiſe durch Deutſchland nach Italien antreten wollte, verſchaffte mir die Möglichkeit, unter ſeinem Namen hier einzutreffen. Eine Garnitur Brillanten, die er in ſeines Vaters Auftrag an den jüdiſchen Hofagenten Jonas Meyer hier abzuliefern hatte, diente mir als Creditiv, mich bei dieſem als Sohn ſeines reichen Pariſer Geſchäfts⸗ freundes einzuführen. Wer könnte ahnen, daß der Ueber⸗ bringer ſolcher werthvollen Juwelen nicht der rechte Charles Bernard ſei!“ Nach einer kurzen Pauſe ſchloß der Sprechende ſeine Erlärung mit den Worten:„Du weißt nun Alles, Ze⸗ phanja. Jetzt iſt es an Dir, den Grabſtein, der, wie Du ſagteſt, Deine Vergangenheit deckt, zu beſeitigen. Unſere Trennung war ein ſchmerzlicher Traum, er ging vorüber, unſer Wiederfinden iſt der erſte Strahl uns wieder la⸗ chenden Glücks. Ich habe Dich in harter Probe errungen, Du biſt mein, es gibt nichts, was noch zwiſchen uns treten könnte.“ „Ich bin die Verlobte des Hofjuweliers“, antwortete Zephanja tonlos. „Das iſt keine Feſſel, die Dich hindern könnte, mir zu folgen.“ Eine Pauſe folgte. Zephanja war in tiefer Bewegung, ihr Blick wurzelte am Boden. —„— — —— 189 „Liebſt Du den Mann?“ fragte der Prinz. Ein tiefes Aufathmen der Gefragten galt ihm als Antwort. „Nein, Du liebſt ihn nicht, es iſt ſchon deshalb nicht möglich, weil Du mich dann nie geliebt haben könnteſt. Ein ſo raſches Erkalten wahrer, inniger Liebe iſt un⸗ denkbar. Ein falſcher Heroismus wäre es aber, ſich zum Selbſtopfer um eines in Unkenntniß der wirklichen Ver⸗ hältniſſe gegebenen Wortes willen zu machen. Du gehörſt mir an vor Gott, das iſt genug, um mein Recht auf Dich feſtzuhalten, mag es kommen, wozu es wolle. Ich bin auf Alles gefaßt.“ Aus dem Zimmer, in welchem der König, der Hofjuwelier und Jonas Meyer, der Generalproveditor, ſich befanden, wurde ſtarkes, das Verlaſſen der Wohnung ſeitens des hohen Herrn andeutendes Geräuſch vernehmbar, dann trat Stille ein, welche vermuthen ließ, daß die Beiden ihm das Geleite hinunter gaben. Stürmiſch ſchloß Charles Zephanja an ſein Herz. Sie ſetzte ihm keinen Widerſtand entgegen; das Ueber⸗ raſchende, was ſie in der kurzen Spanne von kaum einer Viertelſtunde erlebt hatte, war von zu ſtarker Einwirkung, als daß ſie der ſie jetzt durchſtrömenden Empfindung eines Glücks, das ihr noch kurz vorher unmöglich erſchie⸗ nen wäre, wenn ihr Jemand davon geſprochen hätte, nicht 190 mit einer Willenloſigkeit ſich hätte hingeben ſollen, die ihn erkennen ließ, wie ihre Liebe zu ihm die frühere ſei. Stand er vor ihr nicht glänzend gerechtfertigt da? Hatte er nicht mit all den ihm zur ſüßeſten Lebensgewohnheit gewordenen Verhältniſſen ſeines Standes, mit dem Theuer⸗ ſten, ſeiner Familie, gebrochen, um ihr, die jetzt in ſeinen Armen ruhte, ſein treues Herz zu bewahren? Wie klein erſchien ihre einſtige Entſagung dagegen! Gleich⸗ wie das Wort vor der That verſchwindet, ſo erloſch auch ihr Thun als bedeutungslos vor dem ſeinen. Sie hatte nichts aufgegeben als einen ſchönen Tranm, der den Umſtänden gemäß loſe in der Luft flatterte, ohne einen ſichern Boden zu haben, an dem er hätte haften bleiben können, er dagegen opferte ein glänzendes Leben im Kreiſe der Seinen und ſeiner ihm ebenbürtigen Freunde, inmitten eines prächtigen Hofes. Welcher Unterſchied! Und wie ſie ſich gegenſeitig in die Augen ſchauten, war Alles ausgeglichen, es gab nichts mehr zwiſchen ihnen, keinen Zweifel, keine Frage, nur Glauben an ein⸗ ander. Sie durchlebten ſchweigend eine Minute des ſeligen Bewußtſeins, eins geblieben zu ſein trotz Zeit und Raum. Der Grabſtein von Zephanja's Vergangenheit war weggewälzt, ſie barg nichts Todtes mehr, ſondern 191 Leben, ſchönes Leben, wie dieſer gegenwärtige Augenblick es in ſich ſchloß. Als der Hofjuwelier, gefolgt von Jonas Meyer, in das Gemach trat, fanden ſie Bernard an dem einen, Zephanja am andern Fenſter ſtehen. Der Hofagent zeigte ſich beſonders gut gelaunt, ein Beweis, daß er ein ſchönes Geſchäft gemacht hatte. Auf ſeine Aufforderung an Herrn Dinglinger, den jungen Herrn auf die Platt⸗ form zu führen, ging dieſer bereitwillig ein. Sie ſtiegen hinauf. Zephanja wollte ſich, als ſie das vierte Stockwerk erreicht hatten, durch den offenen Gang im Seitengebäude nach ihrer Wohnung im Hinterhauſe entfernen. „Wo will die Dame hin?“ fragte Bernard den ihm zur Seite gehenden Jonas Meyer. „Sie wohnt dort“, antwortete dieſer, auf die Fenſter deutend, welche man ſehen konnte.„Und ſie hat auch ihr Atelier daſelbſt. Sie wiſſen, daß ſie Künſtlerin im Ciſe⸗ liren iſt. Es wird Sie vielleicht intereſſiren, es zu ſehen. Der Herr Hofjuwelier und ſeine Mademoiſelle Braut werden gewiß ſehr gern erbötig ſein, Ihnen einen Ein⸗ blick in dieſe Kunſtwerkſtätte zu geſtatten, von der man behaupten kann, daß, da ſie dem Himmel am nächſten, auch alles das, was daſelbſt entſteht und vollendet wird, das Gepräge der höchſten Vollkommenheit trägt.“ 4 192 „Wunderſchön geſagt, Herr Meyer“, lachte der Hof⸗ juwelier, der die Lobpreiſung des Hofagenten gehört hatte.„Muß aber beipflichten, da es vollkommene Wahr⸗ heit iſt.“ Zephanja führte auf Wunſch ihres Verlobten die Herren in ihre Wohnung. Sie ſchien Furcht zu haben, daß Charles ſich verrathen würde, wenn in ihm die Erinnerung an jene ſchönen Tage wach werde, wo er ſo oft im Atetier ihres Onkels mit dieſem und ihr am Werkbrete geſeſſen hatte; allein der Prinz äußerte durch⸗ aus keine Vergeßlichkeit in ſeiner Rolle. Als ſie die Wohnung Zephanja's verließen, verabſchiedete er ſich von letzterer mit den Worten:„Mademoiſelle, ich bin Ihnen ſehr dankbar, daß Sie mir vergönnt, Kenntniß von dem Entſtehen Ihrer ſchönen Kunſtarbeiten zu nehmen. Sie bewohnen ein kleines Tusculum, das, wenn auch unſcheinbar von außen, doch im Innern die Hauptbedin⸗ gung für eine Künſtlerwerkſtätte, Stille und Fernhaltung möglicher Störung, erfüllt. Ich hoffe der Ehre Ihres Wiederſehens mich erfreuen zu dürfen.“ Und ſcherzend ſetzte er hinzu:„Da ich Maler bin, ſo ſind wir ja Kunſtverwandte, Sie in Metall und ich mit Pinſel und Palette.“ 3 Zu Herrn Dinglinger's kleinen Schwächen gehörte die Eitelkeit, ſeine Plattform von allen Dresden beſuchen⸗ 193 den Fremden als eine treffliche Idee bewundert zu ſehen Der Ausblick in die Ferne war aber auch ein wa hrhaft reizender. Monſieur Bernard ſprach ſeine Ueberraſchung, einen ſolchen Genuß hier zu finden, in ſehr lebhafte Worten aus. „Wiſſen Sie, Herr Hofjuwelier, wenn ich das Glück hätte, zu den Bewohnern Ihres Hauſes zu gehören“, ſchloß er,„ſo würde ich Ihnen mit der Bitte läſtig fallen, mir die Erlaubniß zu gewähren, mich täglich hier heraufbegeben zu dürfen, um dieſes reizende Fernbild ſo oft als nur möglich zu genießen.“ „Nun, mein junger Herr, dieſe Erlaubniß gebe ich Ihnen gern, ohne daß Sie Bewohner meines Hauſes ſind“, lachte der Hofjuwelier geſchmeichelt.„Wenn es Ihnen Vergnügen gewährt, mein Bellevue zu beſuchen, ſo ſteht Ihnen dieſes zu allen Stunden frei. Uebrigens hoffe ich, wie ich ſchon bemerkt habe, daß wir auf die kurze Zeit Ihres Hierverweilens Nachbarn werden, ich will heute Nachmittag noch dieſe Angelegenheit in Ordnung bringen. Sie werden dann, wenn Alles ſo geht, wie ich hoffe, in dieſem Hauſe hier wohnen.“ Er geleitete ihn an die Seite der Plattform, die das Klepperbein'ſche Haus begrenzte und die Einſicht in deſſen Hofraum gewährte. „Für ein paar Wochen freilich werden die Beſucher Carion, König Auguſt. II. 13 194 meiner Plattform den unangenehmen Anblick eines Bal⸗ kengerüſtes hier an dieſer Seite mit in den Kauf neh⸗ men müſſen“, ſprach der Hofjuwelier zum Hofagenten. „Nachbar Klepperbein ſieht ſich gezwungen, die Bedachung dieſes angrenzenden Seitengebäudes gänzlich erneuern zu aſſen.“ Während die beiden Männer noch andere nur ihnen wichtig erſcheinende Dinge verhandelten, promenirte der junge Fremde an dem Steingeländer der Plattform hin und verweilte an der Seite derſelben, von welcher aus man die Berge des ſächſiſch⸗böhmiſchen Elbhochlandes vor ſich hatte und zugleich die das rechte Elbufer bis in die Nähe der kurfürſtlichen Reſidenz umgürtende Höhenkette 4 betrachten konnte. Weniger den Blick auf dieſes prächtige Bild des lieblichen Elbthales richtend, als denſelben nach links werfend, wo Zephanja's Wohnung ſich befand, ſtand Charles am Steingeländer. Er ſah ſie und ſeine Rechte legte ſich auf die Stelle ſeines Herzens, denn er bemerkte, daß auch ſie herüberſah. 6 Von dieſer Geberde gewahrten die beiden Männer, da. er ihnen mit dem Rücken zugewendet ſtand, natürlich nichts. 4 Am Nachmittage kam der Hofjuwelier mit Zephanja Jonas Meyer und brachte die Nachricht, daß ſein achbar Klepperbein ohne Umſtände eingewilligt habe 31 N 4„ 95 und die von dem noch heute abreiſenden kurfürſtlichen Beamten innegehabte Wohnung im dritten Stockwerk morgen Nachmittag zu Charles' Ueberſiedelung bereit ſtehe. Man promenirte im Garten, wobei Charles Gelegenheit fand, einigemal allein mit Zephanja zu ſprechen. Es entging ihm nicht, wie ſehr ſie aufgeregt war. In ihrer Seele kämpften lebendiges Pflichtgefühl und Liebe einen langen, harten Kampf. Dieſer Zwieſpalt machte ſie unſicher, warf ihr Angſt ins Herz. Zuweilen dünkte es ihr, als müſſe ſie vor den Hofjuwelier hin⸗ treten und ihm Alles ſagen, er hatte ja das begründetſte Recht auf ihr Vertrauen. Der Gedanke, dieſes täu⸗ ſchen zu ſollen, widerſtrebte ihrer ehrenhaften Geſinnungs⸗ weiſe. Verdiente der Mann, der ſich in der Liebe zu ihr ſo glücklich fühlte und ihr ſo viele Zeichen ſeiner auf⸗ richtigen Neigung gab, nicht, daß ſie ihm ein offenes Bekenntniß ablegte? Dem aber ſtand die ganz begrün⸗ dete Furcht gegenüber, daß ein ſolches zugleich ein Verrath an Charles ſein würde. Sein Geheimniß war dann ent⸗ deckt, und es war nur zu wahrſcheinlich, daß König Auguſt, davon unterrichtet, den Prinzen, wenn erforderlich, ſogar mit Gewalt zwingen werde, ſeine Vereinigung mit ihr aufzugeben. In den Augen der vornehmen Welt war zwar Vieles erlaubt, was nicht mit der Moral übereinſtimmte, aber 13* 196 nichts erſchien ärgerlicher als Mesalliancen. Man ſcheute kein Mittel, ſie unmöglich zu machen, und hier handelte es ſich um den einzigen Sohn einer Herzogsfamilie. Der König verpflichtete ſich den Monarchen Frankreichs und deſſen höchſten Adel zu Danke, ſobald er in dieſem Falle ſich der Perſon des Prinzen verſicherte. Ein Schauer durchrieſelte Zephanja, wenn ſie ſich das vorſtellte und der Verſtand ihr dann ſagte, daß auch ihre Freiheit ver⸗ loren ſein würde. Der König, von Flemming aufgeſtachelt, hatte faſt zu gleicher Zeit eine heftige Scene mit der Gräfin Coſel. Seine Anerbietungen für die Rückgabe des ihr einſt in der ihn faſt wahnſinnig machenden Gier nach ihrem Beſitze gegebenen ſchriftlichen Eheverſprechens waren von ihr mit Zorn und Hohn zurückgewieſen worden. Sie hatte ihm böſe Dinge geſagt, wie eben nur ſie ein Recht, ihm ſolche zu ſagen, zu haben glaubte.“ „Wähnen Eure Majeſtät nicht, daß ich mich ſo er⸗ niedrigen laſſe wie die Keſſel, die Königsmark, die Frau von Spiegel und die Lubomirska. Sie ließen ſich abfin⸗ den. Warum nicht? Sie gehörten zu der Art Frauen, die recht gut wiſſen, daß ſie keinen andern Werth be⸗ ſitzen als einen leicht käuflichen. Ich hoffe, daß es Niemand gibt, der mich auf gleicher Stufe mit ihnen ſtehend nur denken kann. Dies wäre eine Beleidigung — 197 für mich. Und um einer ſolchen nicht ausgeſetzt zu ſein, willige ich in keine der Anerbietungen Eurer Ma⸗ jeſtät. Ich werde mein Recht zu finden wiſſen; noch gilt Schwarz auf Weiß.“ Der König gab ſich alle Mühe, ſie milder zu ſtimmen, Frau von Coſel jedoch blieb unerſchütterlich. „Der Teufel ſteht Ihnen zur Seite und dieſer Teufel heißt Flemming“, eiferte ſie am Ende dieſer unliebſamen Scene.„Er hetzt an Ihnen herum und verblendet Sie, indem er ſich Ihnen als guter Bruder gibt. Jagen Sie ihn in die Hölle, wohin dieſer Ränkeſpinner gehört. Er mißbraucht das ihm leider zu gnädig zugewendete Herz ſeines Herrn und Königs. Für wie dumm mich dieſer Teufel hält, daß er meint, ich, die ſchutzloſe Frau, habe das Document, das meinen Rechtsanſpruch enthält, bei mir in Verwahrung! Nein, Majeſtät, die gehaßte Coſel hat es treuer, ſicherer Hand zur Aufbewahrung anver⸗ traut, einer Hand, in der es Niemand wähnt! Wer mit nichtswürdigen Feinden ſo umgeben iſt wie ich, fühlt ſich zur Vorſicht ermuntert.“ Nach einer Pauſe fragte die Gräfin:„Hat das Eure Majeſtät ſo ſehr erſchreckt? Und doch werden Sie es nur als eine Maßregel der Nothwendigkei erkennen müſſen, wenn Sie ſich in meine Stellung verſetzen wollen. Ein Narr, der nicht für ſein eigenes Heil ſorgt. weiſen d ſtehenden Documents Ihnen zur Vereinigung mit Ihrer angetrauten Gemahlin unumgänglich nothwendig iſt, ſo lege ich es morgen in Ihre Hand. daß ich keinen Grund habe, ich thue es, weil es mein W glücklich zu wiſſen. will ich weichen, Ihres Flemming.“ Die etwas leiſe geſprochene Antwort des Königs war kaum verſtändli klang die Replik d ſehr erregt. „Die Dönhoff iſt Soubrette, ſie beſtellt haben. ahnte in ſeiner Herzensfreude nicht, Dönhoff gerichtetes Billet: C. passé. haha!“ Nach einer Pauſe gab die Coſel höhniſch den Rath, ſeinen theuren Flemming anßnerkfan dagegen 198 mir Eure Majeſtät, daß der Beſitz des in auf dieſe Dame zu lieben, Eure Majeſtät Nur Ihrer angetrauten Gemahlin nie aber der ſchändlichen Machination Betrieb Flemming's Stunden vor ſeinem Ballfeſt insgeheim angekommen. Ich wußte das, ehe ich zum Balle fuhr. ſogar, daß Eure Majeſtät, Ja, ich wußte entzückt von der polniſchen in einer der Tanzpauſen einen S Ha, dieſer wackere, edle Flemming daß ſein an die „Sie ſind im Si Der König hat ſo eben einen Schmuck für Sie beſtellt«— in meine Hände kommen würde. zu machen, künftig, wenn er wieder zu ſo großer Freude Anlaß finde, ſie nicht voreilig auf einem Zettel in die Welt zu poſaunen. Dieſer Vorgang curſirte als geheime Sage in den Hofkreiſen. Gräfin Dönhoff hatte einen Platz in König Auguſt's Herzen erobert, darüber war man allgemein einig, aber hinſichtlich der Meinungen über den von der Gräfin Coſel zu leiſtenden Widerſtand herrſchte große Verſchiedenheit. Es werde noch manche unerwartete Scene geben, behaupteten Viele; der Charakter dieſer Frau ſei zu energiſch, um ſich zu einer gütlichen Abfindung bereit finden zu laſſen. Andere wieder glaubten, daß die Ueber⸗ redungskunſt des Königs doch den Sieg über ihren Starr⸗ ſinn davontragen werde. War am Hofe das Zerwürfniß ein höchſt lebhaft beſprochener Gegenſtand, weil er doch den vollkommenſten Anſtrich eines Skandals hatte, ſo verbreitete ſich die Kunde davon auch unter der Stadtbevölkerung, und die meiſten Stimmen konnten als Ausdruck der Entrüſtung gegen die Coſel gelten. Beſonders war ihr die Geiſtlich⸗ keit aufſäſſig, weil ſie dieſe ſchwarzen Herren bei jeder Gelegenheit ihre tiefe Verachtung hatte fühlen laſſen. Die Gefügigkeit, mit der das evangeliſche Eonſiſtorium ihre Scheidung von ihrem Gemahle, dem Herrn von Hoym, in Vollzug geſetzt, trotzdem es Niemand ein Geheim⸗ niß war, weshalb dieſe Scheidung veranlaßt wurde, hatte der Gräfin, welche ohnehin keinen beſondern Hang zu religiöſer Schwärmerei in ſich verſpürte, noch vollends den kleinen Reſt kirchlicher Anhänglichkeit aus dem Herzen geriſſen. Die ſchwarzen Herren haßten ſie dafür gründ⸗ lichſt und es kam nicht ſelten vor, daß man in verblüm⸗ ten Anſpielungen auf der Kanzel ihrer eben nicht lo⸗ bend gedachte. Einer der Geiſtlichen der Kreuzkirche hatte ſie ſogar von der Kanzel herab vor zahlreicher Gemeinde die Bethſabe Sachſens genannt. Die Gräfin verlangte energiſche Beſtrafung des geiſt⸗ lichen Herrn vom König, der ihr entgegnete, daß di Prediger alle Wochen einmal eine Stunde und einen Ort hätten, wo ſie ſagen könnten, was ſie wollten; ſollte es jedoch einem dieſer Herren beikommen, außer dieſem Ort und außer dieſer Stunde ungeziemende Worte über ſie zu äußern, ſo werde er ihn ſofort feſtnehmen laſſen. Und dieſer Erklärung fügte er ſcherzend hinzu: „Meine Theure, bedenken Sie wohl, daß die lutheriſche Kanzel ſchon zu hoch für Seine Heiligkeit den Papſt iſt, um wie viel mehr für mich, ein bloßes Welt⸗ kind.“ Mit wahrer Leidenſchaft ſuchte man Alles hervor, was die ſchöne, ſtolze Frau als eine Geißel für den Wohlſtand des Landes darſtellen konnte. Die unſaglichen 201 Summen, welche der König vergeudete, um ihr ſeine Liebe zu bezeigen, und die im Ganzen faſt mehr aus⸗ machten, als der Unterhalt einer Armee beanſpruchte, mußten vom Volke aufgebracht werden. Dies empörte aller Gemüther, denn es war ein immer weiter freſſen⸗ der Krebsſchaden am Lande. Mit welcher Pracht hatte ihr der König ihre wahrhaft fürſtliche, neben dem Schloſſe belegene und mit demſelben durch eine bedeckte Gallerie in Verbindung ſtehende Wohnung ausſtatten laſſen! Die prachtvoll eingerichteten und nach den vier Jahreszeiten ausdecorirten Zimmer ſuchten ihresgleichen, die ihr bei⸗ gegebene Dienerſchaft war eine faſt ebenſo zahlreiche als die des Königs ſelbſt. Darum ging die Kunde, daß Seine Majeſtät der Gräfin habe andeuten laſſen, dieſes Prachtgebäude zu verlaſſen, wie ein Lauffeuner von Mund zu Munde und erregte große Freude. Am Hofe ſelbſt freute man ſich diesmal nur im Stillen, um ſich nicht wieder ſo ſtark zu blamiren wie früher, wo man ſich gegenſeitig Glück gewünſcht hatte, als ſie in Ungnade gefallen, und dann, als ſie mit König Auguſt von der Auguſtusburg im vollen Wiederbeſitz ihrer Macht zurückgekehrt war, kaum wußte, wie man die Scham über den voreilig gefeierten Triumph ge⸗ ſchickt verbergen ſollte. Jetzt allerdings hätte man mehr 202 Grund gehabt, mit Gewißheit an ihren Sturz zu glau⸗ ben als damals, denn der König fuhr oder ritt täglich.. zu Flemming, in deſſen Palais Gräfin Dönhoff wohnte; aber man hielt die Politik des Abwartens aufrecht, denn wer konnte wiſſen, was für unerwartete Ereig⸗ niſſe eintraten, um der Coſel auch diesmal wieder beizu⸗ ſtehen. Für König Auguſt und Flemming gab es für jetzt kein wichtigeres Ereigniß als die Entfernung der Coſel und vor allen Dingen die Wiedererlangung des Ehever⸗ ſprechens. Letzteres galt vorzüglich als Chrenſache für. den König, der nicht wünſchen kannte, daß daſſelbe öffent⸗ 3 lich bekannt werde. Flemming war wüthend. Welcher. ſichern Hand, in der es Niemand wähnte, hatte ſie das wichtige Document anvertraut? An dieſem Räthſel ſcheiterte ſeine Klugheit. „Ich gebe Dir carte blanche, Flemming, alle 1 Schritte anzuordnen, die Dir nothwendig erſcheinen, um dieſe Perſon in unſere Gewalt zu bringen“, ſagte der König. „Sei verſichert, Auguſt, daß ich nicht mit Sammt⸗ pfötchen zugreifen werde, ſobald ich der Beſtie auf der Spur bin“, betheuerte der Generalfeldmarſchall zornig. „Und wer war die Hexe, der ich den Zettel an Madame de Dönhoff gab?“ brachte er dann aufs Tapet.„Ich 203 hatte ſie noch nie geſehen und dies verleitete mich zu dem Glauben, ſie ſei eine der polniſchen Dienerinnen, die mit der Dönhoff hier angekommen. Sie ſprach ein . die gutes Franzöſiſch, und da ich ſie im Corridor ſitzend fand, hielt ich mich für ganz berechtigt zu dieſer An⸗ nahme.“ „Wir ſtehen vor ein paar Räthſeln, die wir zu unſerer eigenen Beruhigung löſen müſſen“, ſagte der König.„Forſche, ſtelle Netze auf, wie Du willſt, Du haſt ganz freie Hand.“ Flemming verſchwor ſich hoch und theuer, er wolle hinter dieſe vermaledeite Geſchichte kommen, es möge 4 koſten, was es wolle. König Auguſt hatte alle Urſache, f auf ſeines Freundes Wort volles Vertrauen zu ſetzen, er kannte deſſen Energie und Rückſichtsloſigkeit zu genau, um nicht ſicher zu ſein, daß ſich derſelbe durch nichts dlhat laſſen werde, die gewünſchte Entdeckung herbeizuführe . Den hohen Herrn beſchäftigte eben nur der Reiz des Umgangs mit ſeiner neuen, wenn auch noch gleichſam incognito anweſenden Gunſtdame. Der energiſche Wider⸗ ind der bittere Hohn, den die Coſel ihm entgegenſetzte, . und das ſeinen Ehrgeiz ſchwer verletzende Bewußtſein, 3 ihr gegenüber in Abh hängigkeit ſich zu fühlen, mußte folge⸗ 4 richtig in dem heitern, jugendfriſchen, tändelnden Weſen der Dönhoff einen grellen Gegenſatz finden, der ihm um Oel 204 ſo angenehmer erſchien, als er über ihre Rivalin aufs tieffte empört war. Das Gerücht, Gräfin Coſel werde nach ihrem Luſt⸗ ſchloß Pillnitz überſiedeln, verbreitete ſich in der Stadt und beſtätigte die Kunde ihres Falles. Auch Zephanja hörte den Hofjuwelier davon ſprechen und der ganz na⸗ türliche Wunſch, die Gräfin noch einmal zu ſehen, ent⸗ ſtand bei ihr, die ſich mitten in ein Geheimniß hinein V verſetzt ſah, vor deſſen möglicher Entdeckung ſie zitterte und welches doch wie ein Zaubernetz ſie umgarnte, dem 3 ſie ſich nicht entreißen wollte und auch nicht konnte. Charles hatte die ihm eingeräumte Wohnung im Nachbarhauſe bezogen. Es verging kein Tag, an dem er ſich 3 4 nicht auf der Plattform einfand, um die reizende Aus⸗ ſicht zu genießen, obwohl dies Vergnügen jetzt bedeuten⸗ der Störung unterlag; denn um die Bedachung des Sei⸗ tengebäudes des Nachbarhauſes zu erneuern, hatten Zim⸗ merleute ein auf den Gang des dritten Stockwerks ſich ſtützendes Gerüſt aufgeführt und des Hämmerns und Sägens war kein Ende. Von der Plattform konnte man ohne alle Mühe dieſes rüſtige Hantieren überſehen, wenn man den unumgänglich damit verbundenen Lärm nicht ſcheute. Der Hofjuwelier fand Monſieur Bernard gewöhnlich vor der Feierabendzeit der Zimmerleute die Fortſchritte des kleinen Baues betrachtend. 205 „Ich verbinde hier zwei Genüſſe mit einander, die jederzeit großen Eindruck auf mich gemacht haben“, er⸗ klärte ihm der junge Mann.„Die Sonnenuntergänge von hier aus zu ſehen, wie die mannichfaltigſten Färbun⸗ gen vom höchſten Glanze bis zum Verſinken in Dämme⸗ rung ſich umwandeln, wie das ganze ſchöne Thal, an⸗ fänglich überfloſſen von Gold⸗ und Purpurſtrahlen, bei abnehmender Farbenglut in einen lichten Roſenſchimmer ſich hüllt und dann die Abendnebel über dieſen einen duftigen Schleier ziehen, hinter dem die Majeſtät der Nacht all⸗ mälig ihr ſternſtrahlendes Haupt erhebt, iſt für mich von außerordentlichem Nutzen. Sie wiſſen, mein Herr, welch ſchweres Studium für den Maler die Farben⸗ wiedergabe des Himmels, namentlich bei Auf⸗ und Untergang der Sonne iſt. Ich finde für die wechſelnden Abendbeleuchtungen hier oben ein gleichſam aufgeſchla⸗ genes Lehrbuch. Was die Arbeit dieſer Bauleute be⸗ trifft, ſo hat mich dieſe ſtets intereſſirt, denn ſie iſt ein kleines Bild des großen Ganzen, das auch nur durch Zuſammengreifen aller in Allem ſich erhält.“ Der Hofjuwelier ahnte nicht, daß Monſieur Bernard, der ihm ſo wohl gefiel, ſein größter Feind ſei. Wenn die Nacht heraufgezogen war, zeigten ſich zwei Männer beſchäftigt, auf dem Baugerüſt eine der Leitern, deren ſich die Zimmerleute bedienten, an die Brandmauer des Dinglinger'ſchen Hauſes anzuſetzen. Die Leiterſtangen reichten bis zum Steingeländer der Plattform hinauf. Stand die Leiter feſt, dann ſtieg einer der Männer die Sproſſen hinan, ſchwang ſich über das Geländer, eilte über die Plattform und ſtieg vorſichtig die Treppe hinab, welche in das vierte Stockwerk führte. Die Thür war nie verſchloſſen, weil da öben ſich nichts befand, das einer ſorglichen Verſchließung bedurft hätte, und für den Fall eines in der Stadt irgendwo ausbrechenden Feuers um dies von der anſehnlichen Höhe der Plattform über⸗ ſehen zu können, der ungehinderte Zugang nur erwünſcht ſein konnte. Dieſe Thür ſtieß unmittelbar— nur ein kleiner Raum von einigen Schritten Breite befand ſich dazwiſchen— auf den zu Zephanja’s Wohnung führen⸗ den Gang im Hinterhauſe. Und dieſer kühne Wanderer war Monſieur Bernard. Es waren geheimnißvolle ſchöne Stunden, die er und Zephanja da mit einander verlebten. Der dumpfe Klang der Mitternachtsglocken erſt ſah Charles ſcheiden. Sein treuer Hilaire hielt Wache an der Leiter, und jedes Ge⸗ räuſch vermeidend, legten ſie letztere wieder an ihren Platz. Wer hätte dies nächtliche Geheimniß ahnen ſollen! In dieſen Stunden, welche von der Nacht behütet wurden, hatten Charles und Zephanja den Plan für ——— wohl, meine Liebe, ich nehme von Ihnen Abſchied, als 207 e Zukunft beſprochen; nur über einen Punkt waren ſie 14 nicht einverſtanden, die Art ihrer Flucht von hier. Auf welche Weiſe ſollte dieſe geſchehen? Was die ſorgſamſte Ueberlegung nach allen Seiten hin nicht zu Stande gebracht hatte, das entſchied uner⸗ wartet ein Augenblick der Angſt. Der Ausgang des Aprils war nahe. Zephanja eilte an einem der letzten Abende deſſelben, als es dämme⸗ rig wurde, zur Gräfin Coſel; es ſollte ihr letzter Be⸗ ſuch bei ihr ſein. Die Gräfin nahm ſie freundlich auf. Es ſchien ihr Freude zu machen, daß Zephanja zu denen gehörte, welche die für den Augenblick vom Glücke Ver⸗ laſſene nicht vergeſſen hatten. „Werden wir uns wiederſehen, meine Gute?“ äußerte ſie, als ſich Zephanja nach einem einſtündigen Aufenthalte bei ihr verabſchiedete.„Es iſt eine Frage, die ich mei⸗ nerſeits unbeantwortet laſſen muß, weil mein nächſtes Schickſal ein ſo ungewiſſes iſt, daß es mich zu der Re⸗ ſignation eines Soldaten zwingt, der dem Feinde gegen⸗ über auf einem verlorenen Poſten ſteht und nur auf ſeinen Muth angewieſen iſt. Nun, komme es, wie es wolle. Eins weiß ich ſicher im voraus: ich werde noch manche Erfahrungen zu machen haben, die ich jetzt noch nicht einmal annähernd mir denken kann. Leben Sie 208 müßte ich ſterben gehen. Ich bin überzeugt, daß Sie für alle Fälle meiner mit wohlmeinendem Herzen gedenken werden.“ Die ſchöne ſtolze Frau war tiefbewegt, ihre Stimme klang weich, faſt bebend; Zephanja ſchied nicht ohne Rüh⸗ rung von ihr, denn ſie wußte, es war ein Scheiden ohne Wiederſehen. Chriſtenſen folgend, der, wie allemal, ſie auch heute nach Hauſe geleitete, fiel es ihr auf, daß der Mann ſie anſah, als wollte er ihr etwas ſagen, und doch ſchwieg, als fände er nicht das rechte Wort dazu. „Fehlt Ihm etwas?“ fragte Zephanja. „Hm, das gerade nicht, aber—“ „Nun?“ „Komme Sie nicht wieder zur Frau Gräfin, ich rathe es Ihr gutmeinend;'s iſt nicht mehr geheuer bei uns und um uns.“ „Ich verſtehe Ihn nicht.“ „Hm, ich meine, daß wir wie Diebsgeſindel über⸗ wacht werden. Seit ein paar Wochen wird um uns her ſpionirt und Jeder ſcharf aufs Korn genommen, der mit unſerer Gnädigen verkehrt. Der Flemming, des Gott⸗ ſeibeiuns lieber Herr Schwager möcht' gegen unſere Frau Gräfin gern etwas aufbringen und— na, da weiß Sie wohl genug. Der Flemming iſt'n böſer Chriſt und wehe dem, den er einmal auf dem Zuge hat.“ 209 Der Mann hatte das halblaut geſagt, als beſorge er, daß auf der Treppe, die ſie herunterſtiegen, Lauſcher ſtänden. Das war um ſo beängſtigender für Zephanja, als ſie mit Schrecken ſich daran erinnerte, daß ſie Urſache habe, Flemming zu fürchten. Die Gräfin hatte ihr im Verlaufe des Geſprächs dafür gedankt, daß ſie den von ihm geſchriebenen Zettel an van Tinnen gegeben, und lächelnd die Bemerkung hinzugefügt, wie Excellenz Flem⸗ ming von dieſer Verwechſelung der Perſon der Empfän⸗ gerin, die— dafür habe ſie geſorgt— ihm nicht unbe⸗ kannt geblieben ſei, jedenfalls ſich ſehr unangenehm über⸗ raſcht gefühlt haben werde. Jetzt aber war nicht Zeit darüber nachzudenken, ſie traten aus dem Portal ins Freie. Der Abend war ziemlich dunkel und der Wind, wenngleich lau, wehte doch unangenehm genug von der Sophienkirche her. Die Laternenlichter am äußern Portal flackerten hin und her und blendeten durch ihr unruhiges Leuchten mehr, als ſie nützten. Die Beiden hatten kaum ein paar Schritte gethan, als plötzlich ein in einen Mantel Gehüllter ihnen entgegentrat mit dem barſchen Anrufe:„Halt! Wer iſt die Perſon, die Er begleitet?“ „Wen geht's was an?“ entgegnete Chriſtenſen grob. „Gebe Er Raum oder ich mache Ihm Beine.“ Carion, König Auguſt. II. 14 210 „Verkaledeiter holſteiner Lümmel!“ fuhr jener auf, und den Mantel zurückſchlagend, fragte er:„Kennt Er mich?“ „Excellenz Graf Flemming“, antwortete Chriſtenſen beſtürzt. „Wer iſt die Frauensperſon da?“ „Eine Dame.“ Zephanja zitterte bei dem Erkennen Flemming's wie Espenlaub. Des Windes wegen hatte ſie die Mantille ſo feſt ums Geſicht gezogen, daß es nicht möglich war, dies zu erkennen. In der Angſt hielt ſie ſie unterm Kinn feſt zuſammen. Plötzlich faßte eine Männerfauſt ſie hart an der Schulter und gab ihr einen Schwung, daß das La⸗ ternenlicht ihr Geſicht hell beleuchtete. Bei der Gelegen⸗ heit ließ ſie im Schreck die Mantille auseinander fahren. „Tod und Teufel, das iſt dieſelbe, welche— Hierher! Nehmt ſie feſt!“ War der Vorgang bisher für Zephanja angſtein⸗ flößend, ſo gewann er durch dieſen Befehl Flemming's das Gepräge des Schreckenerregenden im vollſten Grade, denn das tiefe Abendgrau belebte ſich plötzlich. Hinter einem Mauervorſprunge ſprangen zwei Grenadiere her⸗ vor und packten ſie. Der baumlange Chriſtenſen blieb indeß nicht unthä⸗ tiger Zuſchauer bei dieſem ſeiner Schutzbefohlenen in — — 211 ſeiner Gegenwart widerfahrenden Ueberfall. Ohne ſon⸗ derliche Kraftanſtrengung ließ er ſeine knochige Fauſt auf des einen Arm niederfallen, während er mit der andern Hand deſſen Kamerad im Genick packte und ihn mit kräftigem Ruck beiſeite ſchleuderte. Kaum fühlte ſich Zephanja frei, als ſie voll Angſt flüchtete. Flemming ſtieß einen furchtbaren Fluch aus und hetzte die Grenadiere ihr nach. Ein Wettlaufen begann, in dem ſie ſchließlich Siegerin blieb, denn die ſchwerfälligen Männer vermochten nur eine kleine Weile lang ihr dicht an den Ferſen zu bleiben. Durch ihren ſchwarzen An⸗ zug und vom Dunkel des Abends begünſtigt entging ſie ihrer Verfolgung, als ſie den Jüdenhof erreicht hatte. Faſt zuſammenbrechend unter der übermäßigen Anſtren⸗ gung des ungewohnten raſchen Laufes gewann ſie das Dinglinger'ſche Haus, von ihren Verfolgern hörte ſie nichts, ſie hatten ſie aus den Augen verloren. Konnte ſie aber ſagen, daß ſie wirklich gerettet ſei? Nur für jetzt, füj die Dauer des heutigen Abends, wenn Chriſtenſen, der ja von Flemming gekannt war, ſich nicht eher zur Ausſage, wer ſie ſei, bequemte. Es blieb dem Manne zuletzt nichts Anderes übrig, als dies Geſtändniß abzulegen, wollte er nicht über ſich ſelbſt all die Unannehmlichkeiten verhängt ſehen, welche 14* 212 von Flemming ſicher, um ihn reden zu machen, zu er⸗ warten waren. Und was dann? Zephanja ſah ſich in eine Situation verſetzt, von der ſie nur Schlimmes zu fürchten hatte, ſelbſt der Hofjuwelier mußte ihr Gegner ſein. Tiefathmend ſtieg ſie die Treppen nach ihrer Woh⸗ nung hinauf. Kaum hattte ſie jedoch den Gang betreten, als ſie von neuem aufs heftigſte erſchreckt wurde. An ihrer Thür ſah ſie im Dunkel eine Geſtalt ſtehen, die ſie für Charles hielt. Mit vermehrter Haſt eilte ſie vor⸗ wärts mit dem Rufe:„O mon cher Charles!“ aber un⸗ mittelbar an dieſen Ruf ſchloß ſich auch ein Laut des Schreckens, ſie prallte entſetzt zurück. 3 Gleichzeittg mit dem Rufe Zephanja's war der Prinz die Treppe von der Plattform herabgekommen, hörte ſie ſeinen Namen rufen und ſah, ſoviel ihm das Duſter geſtattete, ſie mit einem Schreckenslaut zurück⸗ taumeln. Ohne Bedenken eilte er auf ſie zu; doch ehe er noch ſprechen konnte, ſagte die im Duntkel ſtehende Perſon: „Aber gute Mamſell Gomel, ſieht Sie mich denn fürn Geſpenſt an? Ich bin doch'n Mädel von ganz richtigem Fleiſch und Blut und habe hier ruhig auf Sie gewartet, weil ich mir dachte, Sie wäre beim Herrn Hoſfjuwelier unten und würde bald heraufkommen, denn — —py— — Perſon? Und was iſt überhaupt vorgefallen? Du biſt 213 die Lampe brennt in Ihrem Zimmer. Ich— Herr mei⸗ nes Lebens, wer iſt der fremde Menſch hier?“ unterbrach ſie in großem Schreck ihre Rede. Zephanja hatte ſich ſchnell gefaßt; der Moment dul⸗ dete keine lange Ueberlegung, keine Furcht, kein Zagen, er drängte zum Handeln. „Elſe, meine gute Elſe“, ſagte ſie,„komme Sie mit in meine Wohnung, Sie ſoll Alles erfahren; ich weiß ja, Sie iſt meine Freundin, Sie meint es gut mit mir.“ „Rechtſchaffen, Mamſell Gomel, das iſt ſicher; aber der hier?“ „Komme Sie nur, drin hört Sie Alles. Hier der Schlüſſel— öffne Sie.“ Elſe ſchloß die Thür auf, der Prinz führte Zephanja in die Wohnung. „Ich verſtehe nichts von alledem. Wer iſt dieſe in großer Aufregung“, flüſterte Charles Zephanja zu, die ihn dahin beruhigte, daß von Elſe nichts zu fürchten ſei und ſie ihn über Alles aufklären werde. Elſe war nicht wenig erſtaunt, beim Lampenlichte in Charles einen bildhübſchen jungen Mann zu ſehen.„Na, das iſt merkwürdig“, murmelte ſie vor ſich hin. Bei Zephanja äußerte der Schreck, den ſie vor we⸗ nigen Minuten über die im Dunkeln ſtehende Elſe em⸗ 214 pfunden, eine ſtarke Gegenwirkung in Beziehung auf die Angſt, die ſie während ihrer Flucht vor den Grenadieren ausgeſtanden. Ihre Geiſtesgegenwart war herausgefordert, ſie erkannte, daß es jetzt an ihr ſei, zu handeln, wenn ſie nicht die Hoffnung aufgeben wollte, der unausweichlichen Inhaftnahme, die ihr von ſeiten Flemming's unter allen Umſtänden drohte, zu entgehen. Sie mußte Elſe gewin⸗ nen, welche der Zufall ihrem Geheimniß in den Weg ge⸗ führt hatte.. „Mein Jürg“, ſagte ſie zu ihr, indem ſie auf Charles wies. „Der hübſche junge Herr Ihr Jürg, Mamſell Gomel?“ fragte Elſe verdutzt.„Was wird denn der Herr Hof⸗ juwelier dazu ſagen? Das iſt doch höchſt kurios!“ Zephanja ergriff ihre Hand, zog ſie zu ſich heran und erklärte ihr in leidenſchaftlicher Aufregung, wie Charles und ſie ſich vor Jahren ſchon innigſt geliebt, durch Dazwiſchentreten verſchiedener Perſonen aber aus⸗ einander gebracht worden wären, ſodaß ſie in Ver⸗ zweiflung, weil ſie ihn untreu gewähnt hätte, Paris verlaſſen habe. „s iſt ganz ſo wie mit dem elſterſchnäbligen Krümel⸗ Schneider, der mich auch gegen den Jürg ganz desperat gemacht hatte, daß ich faſt um den Verſtand kam“, ſchalt Elſe ein. 215 Zephanja redete weiter, indem ſie ſie daran erinnerte, wie ſie ihr einmal geſagt habe, daß ſie noch nicht wiſſe, was das für ein Schmerz ſei, wenn ein geliebter Mann ein ihm treu anhängendes Herz vergeſſe und in einer Andern ſein Idol gefunden habe. „Ja, Mamſell Gomel, deſſen erinnere ich mich noch ganz deutlich“, ſtimmte Elſe bei,„und mir ſchoß damals damals gleich das Blatt, daß Sie davon als von einer recht bittern Selbſterfahrung geſprochen haben müſſe. Ich ſah damals ſogar eine Thräne in Ihren Augen glänzen.“ Wie groß die Täuſchung geweſen, in der ſie, Ze⸗ phanja, ſich befunden, ſei ihr erſt dann klar und deutlich geworden, als ihr Geliebter, um ihr ſeine Treue zu be⸗ weiſen, ſie hier im fremden Lande aufgeſucht habe. Des Hofjuweliers Gattin zu werden ſei ihr unmöglich. Ihre Verbindung könne nur zu ihrem beiderſeitigen Unglück ausſchlagen. Elſe fand das vollkommen richtig.„Und deswegen kam Sie ſo athemlos heraufgeſtürzt, Mamſell Gomel?“ fragte ſie.„Das begreife ich doch nicht!“ Zephanja ſah ſich gezwungen, ihr auch darüber Auf⸗ ſchluß zu geben, wobei ſie an den Vorgang jenes Abends anknüpfte, an dem ſie mit Elſe bei deren Großmutter ge⸗ weſen und mit der Gräfin Eoſel bekannt geworden. Sie 216 ſchilderte deren gütiges Benehmen und erwähnte, daß man, weil dieſe Dame jetzt in große Ungnade gefallen, alle die feſtnähme, die mit ihr im Verkehr geſtanden. Nur durch Flucht ſei ſie der Arretur entgangen, als ſie heute Abend von der Gräfin Abſchied genommen und dieſe verlaſſen gehabt hätte. Graf Flemming ſelbſt ſei bei der Arretur zugegen geweſen, der ſie ſich noch glücklich ent⸗ zogen; aber morgen früh ſpäteſtens, wenn nicht noch in dieſer Nacht, würde man kommen, ſich ihrer bemächtigen und eine Unterſuchungshaft über ſie verhängen, denn es gälte, der Beförderung eines Schreibens nachzuſpüren, das der Gräfin Coſel übergeben worden ſei und eine böſe Intrigue Flemming's zum Inhalt habe. „Sind das Geſchichten!“ rief Elſe.„Wie will Sie ſich aber retten, Mamſell Gomel?“ „Ein ſicherer Zufluchtsort erwartet mich— die Woh⸗ nung meines Geliebten!“ „Herr Gott!“ Zephanja erhob ſich und ſprach:„Elſe, in Ihrer Hand liegt jetzt mein Schickſal. Wenn Sie ſich daran erinnert, daß ich Ihr das Leben rettete, als der Zaar im wildaufbrau⸗ ſenden Zorn Sie von der Plattform in den Hof hin⸗ unterſtürzen wollte, dann brauche ich keinen Verrath von Ihr zu fürchten.“ „Müßte doch das ſchlechteſte Mädel unter Gottes lieber Sonne ſein, wenn ich Sie verrathen wollte. Auf mich kann Sie Felſen bauen, Mamſell Gomel, ich ſchweige wie das Grab. Mir ſoll einer kommen und einen Verrath zumuthen, der kriegt's ordentlich von mir, daß ihm die Luſt zur zweiten Anfrage vergeht.“ Elſe war gewonnen. Die Erinnerung an ihre durch Zephanja bewirkte Rettung aus der Hand des Zaaren überwog in ihrem zu lebhaften Empfindungen ungemein geneigten Herzen jede Rückſichtnahme auf den bedeutenden Verſtoß gegen die althergebrachte Sitte und Moral, ohne den ihre Freundin nicht der Gefahr der Verhaftung ent⸗ riſſen werden konnte. Mit größter Verwunderung ver⸗ nahm ſie, daß Zephanja nicht auf dem gewöhnlichen Wege das Haus verlaſſen werde. Wie das gemeint ſei, konnte ſie ſich gar nicht vorſtellen. Wie ſollte Jemand, ohne die Hausthür zu paſſiren oder aus einem Fenſter der Wohnung zu ebener Erde zu ſteigen, aus dem Hauſe kommen können! Indeß ihre Ueberraſchung ging in voll⸗ ſtändige Verblüffung über, als ſie, nachdem Zephanja in größter Eile ein Bündel Wäſche zuſammengepackt hatte, das Charles in Empfang nahm, die Wohnung geräuſch⸗ los verließen, den Gang durchſchritten und, ſtatt die Treppe hinunterzugehen, zur Plattform hinaufſtiegen. „Wohnt denn Ihr Jürg über den Dächern oder gar im Himmel, Mamſell Gomel?“ fragte Eſſe leiſe. 218) „Sie wird's gleich erfahren“, flüſterte dieſe zurück. Der Abend lag dunkel über der Plattform und den Dächern, der Wind hatte ſich ein wenig gemindert. Freundlich war der Anblick, den die in den Wohnungen ringsum und in der Ferne brennenden Lichter und Lam⸗ pen boten, doch keins von den Dreien hatte ein Auge dafür, ſchweigend ſchritten ſie nach dem jenſeitigen Ge⸗ länder. „Hilaire!“ rief Charles, ſich hinabbeugend, ſeinem Diener zu. Von unten erfolgte Antwort herauf. Elſe verſteinerte faſt. Ihr ſchon an das tiefe Abend⸗ grau gewöhntes Auge ſah wohl die beiden Leiterſtangen über die Brüſtung hervorragen, ſonſt aber war Alles dunkel. Zwiſchen Charles, und ſeinem Diener wurden noch einige Worte gewechſelt. Zephanja ergriff Elſe's Hand. „Gott und Sie kennt mein Geheimniß, Niemand weiter“, hob ſie leiſe an und erklärte ihr, daß Charles im dritten Stockwerk des Nachbarhauſes wohne, daſelbſt alſo ihr Aſyl ſei und ſie ſie morgen erwarte. „Wie will Sie denn da hinunterkommen?“ fragte Elſe ganz kleinlaut.„Sie kann ja in den Hof ſtürzen, Mamſell Gomel. Ich zittere am ganzen Leibe vor Angſt um Sie.“ Charles ſprach einige Worte zu Zephanja; er deutete 219 ihr die Art und Weiſe an, wie ſie ſich über das Gelän⸗ der ſchwingen ſolle, um die erſte Sproſſe zu erreichen, dann ſchüttelte er Elſe die Hand und mit raſchem Schwunge befand er ſich jenſeits des Geländers. Halte Sie mich, Elſe“, flüſterte Zephanja. Mecha⸗ niſch, wenn auch ganz kopfwirr, griff Elſe zu, in weni⸗ gen Sekunden verſchwand die Hinabſteigende, von Charles kräftigſt unterſtützt, in der Tiefe. Bald darauf bewegten ſich die Leiterſtangen, Charles und ſein Diener bargen die Leiter an ihrem frühern Ort. Dann folgte ein leichtes Geräuſch und es trat nun tiefe Stille ein, nur der Wind ſtrich rauſchend über die Plattform und die Dächer hin. So rührigen und reſoluten Naturells Elſe auch war, was ſie jetzt erlebt hatte, war ihren bisherigen Erleb⸗ niſſen ſo gänzlich fremd, daß ihr die Fähigkeit, ſich zu faſſen, ruhig und geordnet zu denken, vollſtändig ab⸗ handen gekommen war und es eine lange Weile dauerte, ehe ſie dazu gelangte, ſich mit der Situation vertraut zu machen. „Sind das Geſchichten!“ murmelte ſie vor ſich hin. „Wer mir davon erzählt hätte, daß ich ſo mitten hinein⸗ kommen würde in eine ſolche Abenteuerlichkeit, ich hätte ihn einen Narren geheißen, und doch ſtecke ich drin, ſo recht mitten drin;'s iſt höchſt merkwürdig!“ Der Wind erhob ſich wieder ſtärker und kältender, ſodaß längerer Aufenthalt auf dieſer Höhe fühlbar un⸗ angenehm wurde und Eſſe ſich gedrungen fand, ſie zu verlaſſen. Zugleich kam ihr aber ein Gedanke, welcher ihr Vergnügen gewährte, weil er in jeder ſeiner Bezie⸗ hungen ihr recht paſſend auf ihre Mitwirkung bei dem eben Geſchehenen und ihr ferneres Verhalten erſchien, und erheitert ſprach ſie vor ſich hin: „Zu meinem Aerger haben ſich alle auf den alten Juden Sirach verſteift und mir vorgepredigt: Ein Weib, das ſchweigen kann, iſt eine Gottesgabe; nun will ich einmal ein ſolches ſein und ſchweigen wie der Fiſch im Waſſer. Dann haben ſie ihren Willen, der alte Jude den ſeinigen und ich— bin eine prächtige Gottesgabe.“ Ende des zweiten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. —