. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 4 edeme Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————————— auf 1 Monat: 4 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Im Sonnenlichte ſchimmernd, gewährte die Ueberſchau der Dresdener Umgegend von einer Höhe ein außerordentlich anmuthiges, Auge und Herz erfreuendes Landſchaftsbild. Aus dem von funkelnden Sonnenlichtern leuchtenden Stromſpiegel ſtrahlte der Glanz ins Aethermeer zurück, die terraſſenartig bis in die Nähe der Stadt ſich auf⸗ Carion, König Auguſt. —— 2 thürmenden buſch⸗ und waldreichen Gelände des rechten Ufers boten alle jene Farbenwandlungen, wie ſie der Herbſt mit ſich bringt, vom dunkelſten Grün bis zum lichten Gelb. In öſtlicher Ferne traten die Berghäupter des Elbhochlandes, ihre rieſigen Formen in der reinen Luftbläue ſcharf markirend, ſo klar hervor, daß ihre Ent⸗ fernung um ein gutes Theil verkürzt erſchien, und hinter ihnen wob feiner blaugrauer Duft einen geheimnißvoll den Blick in die Weite ſchließenden Hintergrund. Freilich waren die Felder kahl, aber der Mangel des reizenden, wohlthuenden Anblicks in ſommerlicher Luſt und Luft wogender Aehrenfelder und im ſaftigſten blu⸗ menreichen Grün prangender Wieſen verlor unter dem Verklärungsſchimmer der freundlichen Herbſtſonne ſeinen zur Wehmuth ſtimmenden Eindruck, der nie fehlt, wenn ein herbſtlich grauer Ton über ein Landſchaftsbild aus⸗ gegoſſen iſt. Die Höhe, von welcher aus einige unſerer Geſchichts⸗ erzählung angehörende Perſonen die ſtromauf⸗ und ſtrom⸗ abwärts weithin ſich darſtellende Elblandſchaft überſchau⸗ ten, war weder ein Berg noch ein Hügel, ſondern die Plattform eines Hauſes mitten in der Stadt. Der Beſitzer deſſelben nannte ſich Johann Melchior Dinglinger, einer der berühmteſten Künſtler ſeiner Zeit in Gold, Emaille und Edelſteinen, und war Hofiuwelier * „ — 8 4 3 des erſten ſächſiſchen Polenkönigs, der heutzutage noch nicht nur im Volksmunde, ſondern auch in der Geſchichte als Auguſt der Starke bekannt iſt, eine Bezeichnung, die ſeiner ungewöhnlichen Körperkraft als unvergängliches Denk⸗ mal geblieben. Die Plattform, deren wir erwähnt, galt dem Künſtler als eine heitere Erinnerung an das ſüdliche Italien, wo er als junger Mann, dem die ganze Welt offen ſteht, fröhliche Tage verlebt hatte. Etwas konnte er freilich nicht ändern, das nördlichere Klima, welches mit der italieniſchen Bedachungsweiſe allerdings ſehr in Contraſt ſtand, indeß die Plattform war einmal geſchaffen und ſie vertrat im Sommer und bei heiterem Wetter die Stelle eines offenen Empfangs⸗ und Geſell⸗ ſchaftsſaales zugleich, denn Dinglinger's Name war durch ſein dem grünen Gewölbe einverleibtes Kunſtwerk„Der Hofhalt des Großmoguls Aureng⸗Zeb“ eine europäiſche Berühmtheit geworden, und kein Fremder— Dresden war damals ſchon wie noch jetzt die Stadt der Fremden— ver⸗ ſäumte, ſich Eintritt in dieſe reichſte aller Kunſtſammlun⸗ gen zu verſchaffen, um des berühmten Goldſchmieds Meiſterwerk zu bewundern, an dem er ſieben Jahre lang mit ſeinen drei Brüdern und vierzehn Gehülfen gear⸗ beitet hatte. 1 Sein erfinderiſcher Geiſt hatte aber auch ſein in der ⁸ großen Frauengaſſe befindliches vierſtöckiges Haus, deſſen 1 4 äußere Fronte ſich in nichts von den Nachbarhäuſern zur Rechten und Linken unterſchied, mit verſchiedenen, durch Schönheit wie durch Nützlichkeit ſich auszeichnenden innern Einrichtungen ausgeſtattet. Ein mit Bildhauerarbeit geſchmücktes Waſſerbecken, aus deſſen Mitte goldene Ku⸗ geln auf dünnen Waſſerſtrahlen in unermüdlichem Spiele auf und nieder ſtiegen, war mit einem Druckwerk ver⸗ ſehen, welches, von einem einzigen Manne in Bewegung geſetzt, das Waſſer in eine auf der Plattform befindliche Ciſterne trieb, wo es bei vorkommender Feuersgefahr durch eine metallene, ungemein leicht zu regierende Spritze anf die Nachbardächer geſchleudert werden konnte. Die Plattform, nur dem Vorderhauſe angehörend, denn Hinterhaus und die ſchmalen, den Hof bildenden Seitengebäude waren mit gewöhnlicher Bedachung ver⸗ ſehen, hatte ein ringsum laufendes Steingeländer, um ein möglicherweiſe ſich ereignen könnendes Unglück durch Hinab⸗ ſturz eines vom Schwindel Ergriffenen zu verhüten. An der Geländerſeite, welche der Gaſſe zugewendet war, rag⸗ ten ein paar mächtige Windfänge empor, von denen zwei eiſerne bewegliche Stangen bis ins untere Stockwerk hinabreichten und dort auf zwei metallenen Scheiben nicht nur die Richtung des Windes, ſondern auch deſſen Be⸗ e ſchaffenheit, ob mäßig, ſtark oder zu Sturm ſich neigend, angaben? In der Nähe des die öſtliche Seite der Plattform * * 8 einſchränkenden Geländers geſtattete ein auf feſtem Stän⸗ der ruhender Tubus den Ausblick in die Ferne des Elb⸗ hochlandes. Seit zwei Tagen weilte ein hoher Gaſt in Herrn Dinglinger's Hauſe, Zaar Peter der Erſte von Rußland. Es war ein Ereigniß ungewöhnlicher Art für die Dresdener, einen Fürſten ſo beſondern Rufs als Gaſt bei einem ihrer Mitbürger zu wiſſen. Obwohl dieſer hohe Herr ſchon ein paar Mal in Dresden anweſend ge⸗ weſen, ſo übte er doch, ohne ſich darum zu kümmern, eine bedeutende Anziehungskraft auf das Publikum aus. Die große Frauengaſſe, ohnehin eine ſehr viel begangene, ſehr frequente Gaſſe, da ſie auf den Neumarkt führt, wo ſich damals noch die alte Frauenkirche mit ihrem Kirchhofe und die Hauptwache mit ihren Zierrathen, dem Galgen, dem Pranger und dem hölzernen Eſel, und die Eingänge in die Rampiſche und Pirnaiſche Gaſſe und in die ungemein breite Moritzſtraße befanden, zeigte ſich jetzt mehr als je menſchenbelebt. Es war recht augenfällig, daß die meiſten der Paſſanten der Neugier wegen die Gaſſe durchgingen; faſt alle hielten ſich auf der dem Dinglinger'ſchen Hauſe gegenüberſtehenden Häuſerreihe und blickten an der Fronte des berühmten Goldſchmiedshauſes hinauf, denn im zweiten oder dritten Stocke ſollte der nordiſche Selbſtherrſcher wohnen, und es konnte ſich doch —— 5 6 eine günſtige Gelegenheit ergeben, ihn an ein Fenſter treten zu ſehen. Dieſe Schauluſt erlitt plötzlich eine Art Schreck, denn ihr Gegenſtand wurde allerdings allen ſichtbar, aber in einer Stellung, welche keineswegs als ein ſchmeichelhaftes Compliment für das neugierige Publikum zu deuten möglich war. Der Herr hatte ſich auf das Geländer geſetzt, mit der Kehrſeite der vierſtöckigen Tiefe zu. Sein Wirth ſaß entfernt von ihm an einem Tiſche und ſchrieb einige von ſeinem hohen Gaſt gewünſchte No⸗ tizen auf ein Blatt Papier. Als er damit fertig war, ſah er ſich nach dem Zaaren um, der einige Minuten vor⸗ her noch mit ſchweren Schritten auf der Plattform hin und her promenirt war, und der heftigſte Schreck machte Herrn Dinglinger's Geſicht bleich, als er den Geſuchten auf dem Geländer ſitzen ſah, wo es nur einer geringen unbedachten Körperbewegung bedurfte, um ſeinen Sturz in die Tiefe und ſeine gewiſſe Zerſchmetterung herbei⸗ zuführen. „Sire“, rief er ihm zu,„Sie haben einen Platz zum Sitzen gewählt, der Sie in die Gefahr eines Ihr Leben bedrohenden Sturzes bringen kann.“ Mit größter Seelenruhe ſah ſich der Herr nach der Tiefe um und ſagte gleichgültig:„Ich ſitze hier ganz gut.“ 7 Dieſe Verſicherung mußte wahr ſein, denn der Selbſt⸗ herrſcher blieb auf ſeinem ungewöhnlichen Sitze. Da ihm jedoch die Angſt Dinglinger's nicht entgehen konnte, fügte er ironiſch lächelnd hinzu:„Glauben Sie vielleicht Meiſter, der Zaarenthron ſei ein beſſerer Sitz als der hier?“ „Ah, Sire, dann bin ich glücklich, ein Goldſchmied zu ſein.“ „Hm, ja; aber wir können nicht alle Goldſchmiede ſein“, bemerkte Peter, und über ſein breites, markiges Geſicht zog ein plumpes Lachen.„SIch verſichere Ihnen, Meiſter, daß es Zeiten gibt, wo Fürſt zu ſein mehr Kunſt beanſprucht, als Goldſchmied ſein.“ Dieſes Geſpräch wurde in franzöſiſcher Sprache ge⸗ führt, deren Kenntniß und geläufige Verwendung der Zaar ſeinem Erzieher, Le Fort, einem Franzoſen, ver⸗ dankte. In deutſcher Sprache ſich auszudrücken, würde ihm bei ſeiner Unkenntniß derſelben unmöglich geweſen ſein. Er war nur des Holländiſchen und Plattdeutſchen durch ſeinen Umgang mit holländiſchen Schiffern und Schiffs⸗ bauleuten mächtig. Zwiſchen den beiden allein auf der Plattform ſich befindenden, jeder in ſeiner Weiſe berühmten Männern war ſelbſtverſtändlich der Unterſchied in ihrer äußern Erſcheinung auch ein außerordentlicher. — — —— 8 Herr Dinglinger repräſentirte die feine Hofmanier, der Zaar die rohe Kraft, der die Civiliſation noch blut⸗ wenig Abbruch gethan. Des erſtern hagere Perſönlich⸗ keit zeigte ſich in einem pfirſichblütenen Kleide mit großen ſchillernden Perlmutterknöpfen, einer weißgelblichen ſeidenen, mit bunter Stickerei gezierten Weſte, ſchwarz⸗ ſeidenen Kniehoſen, weißſeidenen Strümpfen mit kunſtreich ausgenähten Zwickeln, Laſchenſchuhen mit breiten ſilbernen, wie Spiegel glänzenden Facettenſchnallen und einer blon⸗ den Stutzperrücke. Die blendend weiße Wäſche, in einem feinen, mit breiten Spitzenkanten beſetzten Halstuche be⸗ ſtehend, deſſen Enden die Weſte bis unterhalb der Bruſt deckten, und die mit gleicher reicher Spizenkante beſetzten, bis an ſein unterſtes Fingergelenk vorreichenden Man⸗ ſchetten zeichneten ihn als einen Mann aus, der ſich in feiner Geſellſchaft zu bewegen gewohnt iſt, und doch war es trotz dieſer feinen Kleidung unmöglich, die Einfachheit zu überſehen, der er huldigte. Er trug nichts von Gold an ſich, außer zwei Trauringen, Zeugen ſeiner beiden Ehen, die der Tod bereits getrennt hatte. Der Zaar gewährte durchaus nichts von dem Bilde eines Mannes, welchem der Stempel der Erhabenheit als Mitgabe fürs Leben in ſeiner äußern Erſcheinung aufgedrückt iſt. Er war der vollkommene Mann in Grau, wie ſeine Kleidung ihn auch darſtellte, denn er trug ein † 2 9 jedes Schmuckes entbehrendes Soldatenkleid, einen kurzen grautuchenen, von oben bis unten zugeknöpften Rock. Ein paar hoch über die Kniee hinaufreichende, ſtark mit Fett getränkte Stiefel, welche ſeine faltigen Lederbeinklei⸗ der kaum bemerken ließen und mit eiſernen Sporen ver⸗ ſehen waren, vervollſtändigten ſeinen Anzug. Ein Gürtel von fahlem Leder umſchloß ſeine Hüften, an deren linker ein kurzes, aber breites Schwert herabhing. Die große, dem Athletiſchen ſich zuneigende Perſönlichkeit Peter's be⸗ ſaß nichts Einnehmendes, ſie deutete auf die ihm inne⸗ wohnende rohe Kraft, welche nur wenig von einem ſchwachen Anflug höflicher Umgangsmanier überfirnißt wurde, aber ſofort in ihrer plumpen Urſprünglichkeit erſchien, ſobald er, leidenſchaftlich erregt, die nöthige Mäßigung vergaß. In dieſer ſich nicht ſo beſonders empfehlenden Hülle wohnte aber ein großer, erhabener, ein hohes Ziel ver⸗ folgender Geiſt, rieſig in ſeiner Willenskraft und Aus⸗ dauer, und dieſer Geiſt, dem die Schlacken pöbelhaften Weſens nur zu ſehr anhingen, verkündete ſich in ſeinen großen, hellleuchtenden Augen. Sie beſaßen die Doppel⸗ gabe, herzlich⸗aufrichtig zu blicken und wilde, zornige, vernichtende Blitze zu ſchleudern, die dem, welchen ſie trafen, jede Hoffnung auf Gnade als unmöglich erſchei⸗ nen ließen. 10 Ein niedriger Hut, am Rand mit einer ſchwarzen Feder eingefaßt, ſaß ihm auf das linke Ohr gedrückt, wodurch ſeine Stirn faſt zum dritten Theile bedeckt wurde, eine Beſchattung, welche durchaus nicht beitrug, ſeinen Anblick zu einem heitern zu machen; aber der gleichſam kokett ſitzende Hut gab ſeinem Geſicht den Aus⸗ druck von Entſchloſſenheit, welche er in Wahrheit in kei⸗ ner auch noch ſo üblen Situation ſeines thatenreichen Lebens entbehrt hatte. Der Hofjuwelier, keineswegs von der Angſt um das Leben ſeines hohen Gaſtes durch deſſen Gleichgültigkeit gegen die Gefahr des Hinabſturzes befreit, beſtrebte ſich etwas aufzufinden, was denſelben veranlaſſen könne, ſeinen gefährlichen Sitz aufzugeben. In dieſer großen Verlegen⸗ heit fiel ſein Blick auf den Tiſch, wo mehrere Thon⸗ pfeifen lagen und ein Teller mit grob geſchnittenem holländiſchen Tabak ſtand. Der Zaar war kein paſ⸗ ſionirter Raucher, nur ſein Umgang mit Schiffern und Schiffsbauleuten hatte ihn, um ganz in ihre Gewohn⸗ heiten ſich hineinzuleben, bewogen, das Tabakrauchen zu lernen, ohne beſondern Geſchmack daran zu finden; aber er wollte dieſen in lakoniſcher Grobheit ſich auszeich⸗ nenden Leuten, die er als Vorbilder betrachtete, in Allem gleich ſein, und ſo rauchte er. Zudem erfreute ſich dieſer Zeitvertreib auch einer königlichen Sanction. Sein 11 Bundesgenoſſe, die Majeſtät von Polen, das Muſter der feinſten Repräſentation, gab ſich der Luſt zu rauchen mit einer großen Vorliebe hin, jedoch nur, wenn er die Leip⸗ ziger Meſſen beſuchte, an denen er großes Vergnügen fand, oder wenn er gewiß war, für einige Stunden frei von Damengeſellſchaft zu bleiben. „Sire, beliebt es Ihnen, ein Pfeifchen zu rauchen?“ fragte Herr Dinglinger in der Hoffnung, ſeinen hohen Gaſt dadurch zum Verlaſſen ſeines Sitzes zu bewegen. „As u pelieft, mynheer, en Pipje te smooken?“ ſcherzte der Zaar in Erinnerung an ſeinen Aufenthalt in Holland und ſeine dortigen Freunde. Die Heiterkeit, die dieſer Rückblick ihm gewährte, zeigte ſein durch den Ein⸗ fluß von Wetter aller Art gebräuntes Geſicht wie von einem Sonnenleuchten überflogen.„Ja, ſtopfen Sie die Pfeifen“, ſagte er.„Ich hoffe, mein königlicher Herr Bruder wird nicht zu lange auf ſich warten laſſen.“ Dieſe Weiſung mußte befolgt werden. Der Gold⸗ ſchmied ging an den Tiſch, um das ihm übertragene Ge⸗ ſchäft zu vollziehen.„Wenn nur Jemand käme“, ſprach er verdrießlich vor ſich hin.„Dieſer Zaar iſt gar nicht ſo wie andere Menſchen, er weiß nichts von Gefahr, ſie exiſtirt nicht für ihn. Es ſcheint ihm ſogar Vergnügen zu machen, alles das zu thun, wovon andere Leute ſich entfernt halten. Er liebt das Ungewöhnliche und ich bin 12 überzeugt, nur um zu wiſſen, wie es thut, wenn dem Gehenkten der Strick die Kehle zuſchnürt, würde er ſich ſelbſt henken laſſen, ſobald er die Gewißheit hätte, recht⸗ zeitig abgeſchnitten zu werden, um weiter fort zu leben. Es iſt eine verzweifelte Ehre, die mir dieſer hohe Herr dadurch erzeigt, bei mir ſein Quartier genommen zu haben, und doch muß ich mich der Schicklichkeit wegen ſehr glücklich darüber zeigen.“ Wie ſehr Herr Dinglinger in ſeinem Urtheile über Zaar Peter im Rechte war, bezeugte eine Thatſache, die allerdings zu den merkwürdigſten Beweiſen ſeltſamer Ein⸗ fälle des ruſſiſchen Selbſtherrſchers zählte. Auf einer ſeiner Reiſen von Karlsbad nach Sachſens Hauptſtadt war er in der kleinen ſächſiſchen Grenzſtadt Olbernhau abgeſtiegen, um die faſt dichtanliegende Saigerhütte in Augenſchein zu nehmen. Das Niederſchmettern des durch Waſſerkraft getriebenen ungeheuren Hammers gefiel ihm ſo ſehr, daß er den Wunſch ausſprach, auf dem Hammer reitend deſſen Niederſchläge mitzumachen. Vorſtellungen fruchteten nicht, die zaariſche Majeſtät beſtand darauf, und ſich auf den Hammer ſchwingend, empfand er bei deſſen die Hütte zum Beben bringenden Niederſchlägen das größte Vergnügen; ein Ritt, den bis dahin noch kein Menſch verſucht hatte und nach ihm zu verſuchen ſich geneigt fühlte. F= F= 13 19 „Dem Himmel ſei Dank, Zephanja kommt. Sie wird wohl ſo glücklich ſein, ihn von dem gefährlichen Sitze wegzubringen.“ Dieſe Troſtworte, welche der Hofjuwelier an ſich ſelbſt richtete, betrafen eine junge Dame, welche ſo eben auf der Plattform erſchien. Auch der Zaar hatte ſie ſo⸗ gleich erblickt und rief ihr zu:„Kommen Sie hierher zu mir, Mademoiſelle Zu— Zu— bei allen Heiligen, jetzt finde ich Ihren Namen nicht.“ „Zephanja, Sire.“ „Richtig, Zephanja. Es iſt aber auch ein Name, der in meinem Rußland unbekannt iſt.“ „Ich glaube das wohl, Sire. Mein Vaterland Spa⸗ nien und Ihr Rußland ſind faſt durch einen Welttheil von einander geſchieden. Was in dem einen gebräuchlich iſt, kennt man in dem andern nicht.“ Während dieſer gewechſelten Reden war die junge Dame mit einer leichten Verbeugung zu dem Zaar ge⸗ treten. Ihr gebräunter Teint deutete auf ihre ſüdliche Heimat. Sie war nicht über Mittelgröße und die ſpaniſche Mantille ſowie das darunter getragene Kleid von ſchwarzer Seide. Ueber ihrem ſchönen, laber ſcharf geſchnittenen Antlitz lag ein Hauch von Ernſt, welcher jedes allzudreiſte Annähern an ihre Perſon gleich im voraus als eine ihr zug l gefügte Verunehrung zurückwies. 14 Da ſie die Mantille ein wenig vom Vorderhaupte zu⸗ rückgeſchoben, ſo wurde ihr glattgeſcheiteltes und hinter den Ohren in Locken herabfallendes Haar ſichtbar; es war glänzend ſchwarz, gleich polirtem Ebenholz. Bei längerem prüfenden Anſchauen ihres Geſichtes ſchien es, als trüge daſſelbe einen leiſen Anflug des jüdiſchen Ty⸗ pus, jedoch war dieſe Bemerkung eine zu wenig begrün⸗ dete, um die Vermuthung, ſie ſtamme von jüdiſchen Aeltern, aufkommen zu laſſen, denn auch in ihrem Beneh⸗ men zeigte ſich etwas, das dem leichterregten jüdiſchen Weſen als ſchärfſter Gegenſatz entgegenſtand, eine große Ruhe. Dieſe Tochter des Südens ſchien der Leidenſchaft⸗ lichkeit nicht zugänglich. Der Zaar fragte nach einer Pauſe:„Hätten Sie wohl Luſt, mein Rußland kennen zu lernen?“ Man ſagt, es ſei dort ſehr kalt.“ „Kalt, kalt! Die ſagen es, welche Rußland nicht kennen“, entgegnete Peter lebhaft.„Seien Sie aufrichtig, Mademoiſelle, man hat Ihnen von Rußland nur bei⸗ läufig geſagt, es ſei kalt, man hat Ihnen andere Dinge von Rußland erzählt, Verleumdungen, Beſchimpfungen. Ge⸗ ſtehen Sie mir das, Zephanja.“ „Sire, Sie wünſchen es, und ſo ſage ich Ihnen offen, man ſpricht von Rußland als von einem Lande, deſſen Volkszuſtände nicht viel verſchieden ſein ſollen von denen — 15 der auf niedriger Stufe der Civiliſation ſtehenden Völker. Das iſt keine Empfehlung, die einem Luſt machen könnte, ein ſolches Land und deſſen Bewohner kennen zu lernen.“ Ganz gegen ſeine Gewohnheit verharrte Peter in tiefem Schweigen. Nach einer Weile richtete er den bei dem Schweigen planlos über die Plattform ſchweifenden Blick auf Zephanja. „Auch ich habe das Recht und zwar das heiligſte, das es gibt, von Rußland zu ſprechen, weil ich es kenne, wie Gott die Menſchenherzen kennt. Mein Ruß⸗ land iſt ein vom Himmel reich geſegnetes Land, in dem der Norden und der Süden ihre Wunder wirken, ein Land, deſſen Volk zwar noch in der Kindheit ſteht, aber Alles in ſich vereint, um zum Rieſen emporzuwachſen, der einſt zwei Welttheilen ſeine Geſetze geben wird. Auf dieſem Lande ruht der heilige Geiſt der Kraft, der Ein⸗ heit, der die Nationen groß macht und ſie aufzieht zu erhabenen Thaten, welche in der Zukunft ihnen aufgeſpart ſind. Das iſt mein Rußland, mein heiliges Vaterland. Die ruſſiſche Nation ſchreitet allein unter allen Nationen Europas einer vollbeſetzten Tafel zu, ein Jüngling voll Kraft und Ausdauer, voll Begeiſterung und Opfer⸗ muth, während die übrigen Nationen, deren Kraft zu einem großen Aufſchwunge erlahmt iſt, weil ſie 16 alt geworden ſind, ſich überlebt haben, fern bleiben müſſen im Gefühle ihrer Ohnmacht.“ Ueber das wetterdunkle Antlitz trieb die Begeiſte⸗ rung des Sprechenden heiße Blutwellen bis unter den Hutrand hinauf, ſeine Augen funkelten. Es war ſicht⸗ bar, daß ihm Zephanja's Schweigen eine unangenehme Empfindung verurſachte. Mit Heftigkeit rief er:„Warum ſchweigen Sie? Sprechen Sie, ich befehle es.“ „Sire“, antwortete die junge Dame mit einer Ruhe, die ſein leidenſchaftliches Auflodern für gar nicht beach⸗ tenswerth zu halten ſchien,„wenn ich ſpreche, geſchieht es aus freiem Willen, nicht auf Befehl. Ich bin nicht Ihre Unterthanin.“ „Oh!“ Zaar Peter fand in ſeinem Erſtaunen, ſich einem Stolze gegenüber zu wiſſen, der weder erkünſtelt war, noch in einer Gemüthserregung zum Ausdruck kam, keinen andern Laut für ſeine Ueberraſchung, indeß dieſer offene Stolz gefiel ihm, nicht nur, weil er ihm neu, ſondern auch weil der tiefe Ernſt dieſes jugendlichen Frauen⸗ antlitzes das unverwerflichſte Zeugniß einer Willensfeſtig⸗ keit war, die unter allen Umſtänden Achtung verdiente. In einem faſt gutmüthigen Tone ſagte er:„Nun, ſo ſprechen Sie aus Ihrem freien Willen.“ Mit einer leichten Verneigung des Hauptes ant⸗ —— 17 wortete Zephanja:„Sire, ich ſchwieg auf die mir von Ihnen gegebene begeiſterte Schilderung Ihres Rußland, aber nicht deshalb, weil ſie keinen Eindruck auf mich be⸗ wirkt hätte, im Gegentheil, ſie regte mich zu einem Ge⸗ danken an, den ich nur ſchweigend denken zu dürfen glaubte.“ „Nennen Sie dieſen Gedanken.“ Nach kurzem Zögern ſprach die junge Dame:„Mir drängte ſich unwillkürlich die Frage auf: Wird dieſer Zaar, dieſer echte Sohn ſeines von ihm ſo heiß geliebten Vaterlandes, ein ewiges Leben haben, um ſeine Nation zu der Höhe zu heben, von der er ſo begeiſtert ſpricht? Oder trägt er die Sehergabe ſeines Propheten in ſich, vor welcher die Thaten ſeiner Nachfolger ihm als die gelungene Fortſetzung ſeines großen Werkes erſcheinen?“ Peter blickte vor ſich nieder, ohne eine Antwort dar⸗ auf zu geben. Zephanja ſah, wie ein ſchwerer Schatten ſein Geſicht verdüſterte, ſodaß ſelbſt ſeine Lippen ſich wie krampfhaft auf einander preßten. Es war ſichtbar, daß jeder Funke von Begeiſterung, wie ſie noch kurz vorher ihn beherrſcht hatte, von ihm gewichen, daß ein Schmerz ſich ſeiner bemächtigte, wie eben nur ein Mann einesgleichen empfinden kann, der all ſein Hoffen und Streben zuſammenbrechen ſieht. Die Erinnerung an die S Möglichkeit, daß die Rieſenaufgabe, die er ſich ſelbſt Carion, König Auguſt. I. 2 — 18 geſtellt, an der er ſo lange Jahre mit raſtloſem Eifer gearbeitet, mit dem Schluſſe ſeines Lebens nichts als ein phantaſtiſcher Verſuch, nichts als ein zerriſſener Faden ſein ſollte, der haltlos in der Luft flatterte und ver⸗ weht wurde, berührte die wunde Stelle ſeines Herzens auf das empfirdlichſte. Und zu dieſem Möglichkeitsge⸗ danken geſellte ſich zum Ueberfluß eine Ueberzeugung, die ihn wie Fieberfroſt durchſchauerte. Sein Sohn und Thronfolger war ein kraft⸗ und ſaftloſer Wüſtling, dem jeder Aufſchwung zur Beſſerung verhaßt, deſſen tiefe Verſunkenheit in die gemeinſten Laſter auch nicht die Spur einer Hoffnung zuließ, je eine Aenderung ſeiner Sinnesart bei ihm eintreten zu ſehen. Ein ſolcher Nachfolger auf dem Throne war ein lebendiger Fluch für das große Civiliſationswerk, das er, ſein Vater, mit Aufbietung aller ſeiner Kräfte begonnen und bis jetzt, das erhabene Ziel unverrückt im Auge haltend, fortgeführt hatte. Dies ſeine gewaltige geiſtige Kraft lähmende Bewußtſein, nach ſeinem Tode alle Früchte ſeines Strebens untergehend ſich vorſtellen zu müſſen, betäubte ihn wie ein auf ihn niederfahrender Blitzſtrahl, er vergaß die Gegenwart Zephanja's, den Ort, wo er ſich befand. Im Nu überwuchs ihn eine jener Anwandlungen von Krampf, denen er hülflos unterworfen war. Sein — — 19 Geſicht verzerrte ſich entſetzlich, ſeine Arme fuhren über Kopfhöhe empor, die Fäuſte ballten ſich drohend, hör⸗ bares Zähneknirſchen begleitete dieſe drohende Geberde, ſein Oberkörper begann zu ſchwanken— ein Augenblick noch und er wäre ſeiner Bewegungen unmächtig in die Tiefe hinabgeſtürzt. In dieſem verhängnißvollen Moment ſprang die heftig erſchrockene Zephanja hinzu und riß ihn von dem gefähr⸗ lichen Sitze herunter. Das Plötzliche dieſes Augriffs verſcheuchte den ihn beherrſchenden Krampf im Nu, aber Zephanja konnte das Zittern nicht verbergen, das ihre ſchlanke Geſtalt als Folge ihres vor wenig Sekunden gefühlten Entſetzens vor ſeinem Anblicke ergriffen hatte. Beide ſtanden ſchweigend vor einander; Herr Dinglinger, mit dem Rücken ihnen zugewendet und am Tiſche beſchäftigt, hatte nichts von dieſem Vorgange bemerkt. Es gehörte zu den Seltſamkeiten, daß dieſe Krampf⸗ anwandlungen den Zaar nicht unfähig zum Denken machten; ſobald ſie nach natürlichem Verlaufe vorüber waren oder durch irgend ein Vorkommniß geſtört wurden, fühlte hatte die volle Erinnerung deſſen, was mit ihm ge⸗ ſchehen war, wie ein Ereigniß dieſer Art an der Tafel des Königs von Preußen aufs unwiderlegbarſte bewies. er ſich ſofort wieder im Beſitze ſeiner geiſtigen Kraft und 20 An der Seite der Königin überfiel ihn plötzlich ein ſolcher Krampf, ohne daß irgend eine leidenſchaftliche Erregung vorhergegangen. Seine Hände fuhren, Meſſer und Gabel haltend, in der Luft umher, ſeine Geſichtszüge verzerrten ſich grauenvoll; die Königin ſprang erſchrocken mit einem Schrei von ihrem Stuhle und flüchtete zu ihrem Ge⸗ mahle. Sofort war des Zaaren Krampfanfall vorüber und er ſprach, ſeinen Zuſtand entſchuldigend:„Fürchten Sie nichts, Madame, ich füge Ihnen kein Leid zu. Was Sie ſahen, ſind die Folgen des Giftes, das meine zärt⸗ liche Schweſter mir in meiner Kindheit beibringen ließ, aber ſie gehen glücklicherweiſe immer bald vorüber.“ Jetzt wandte ſich ſein Blick von der noch bebenden Zephanja auf das Geländer, dann wieder zurück zu der jungen Dame. Er reichte ihr ſchweigend die Hand. Dieſer ſtumme Dank war höhern Werthes, als die ſchmeichel⸗ hafteſten Worte es hätten ſein können. Unterdeß war eine vierte Perſon auf der Plattform erſchienen, Herrn Dinglinger's Magd, welche auf einem ſilbernen Tablett zwei becherartig geformte Taſſen von weißem Porzellan brachte, aus denen kleine Wöllchen heißen Dampfes aufſtiegen. D dunkelflüſſigen Inhalts kündete denſelben als Kaf lthuend die Nerven anregende Getränk 11 U as kräftige Arom des fee an. Gehörte dieſes woh damals ſchon nicht mehr zu den neuaufgekommenen Ge⸗ 9 9 0 19 S 21 nüſſen, da in großen Städten bereits Kaffeehäuſer etablirt waren, ſo machten doch die Taſſen den gerechteſten An⸗ ſpruch auf den Ruhm der Neuheit. Erſt vor zwei Jahren(1710) hatte die ſächſiſche Re⸗ gierung dieſe neuerfundene Manufactur in einer kleinen Auswahl von Geſchirren zu dem verſchiedenſten Gebrauche auf der Leipziger Meſſe zum Verkaufe ausſtellen laſſen und damit das außerordentlichſte Aufſehen bewirkt. Keine noble Haushaltung hätte ſich den Mangel dieſes gleich⸗ ſam im Umſehen beliebt gewordenen und in hohen Ruf gekommenen ſchönen Geſchirrs vergeben, die Meißner Porzellanfabrik konnte nicht allen den an ſie geſtellten Lieferungsanforderungen entſprechen, deren Zahl war zu groß. „Man merkt's, daß man bei Seiner Majeſtät meines königlichen Herrn Bruders von Polen Hofjuwelier ſich befindet“, ſcherzte der Zaar, nachdem ſein Wirth ihm die Pfeife in Brand geſetzt und er einen Schluck des duften⸗ den Getränks verſucht hatte. „Sire, ich halte es für Pflicht, meines allergnädigſten Herrn und großmüthigen Gönners Beiſpiel, ſoweit meine bürgerlichen Verhältniſſe es erlauben, nach beſten Kräften nachzueifern“, antwortete Herr Dinglinger. „Warum trinken Sie nicht mit uns?“ fragte Peter Zephanja. 22 „Sire, ich kann dem Kaffee keinen Geſchmack abge⸗ winnen. Ich bin nach ſpaniſcher Sitte erzogen, man findet in Spanien Chokolade angenehmer.“ „Nichts thut mir mehr leid, als Spanien nicht ge⸗ ſehen zu haben“, bemerkte der Hofjuwelier.„Für Bau⸗ meiſter und Goldſchmiede iſt es eine Schule voll der herrlichſten Beiſpiele. Die mauriſche Architektur und die mauriſchen Goldarbeiten ſind gleich ſehr berühmt. Leider aber iſt es auch der Ketzerhaß, mit dem man in dieſem Lande alle verfolgt, welche nicht der katholiſchen Religion angehören. Dies war der Grund, warum ich als Pro⸗ teſtant es vermied, die ſpaniſche Grenze zu überſchreiten.“ Nach kurzem Schweigen entgegnete der Zaar: „Die ſpaniſchen Regenten haben ſich zu Sklaven ihrer Prieſter gemacht, indem ſie vergaßen, daß ſie die Herren des Landes ſeien und es in unvordenklichen Zeiten eher Fürſten gab als Prieſter. Die prieſter⸗ liche Obergewalt iſt für jedes Volk ein Unglück. In meinem Rußland kennt man Unduldſamkeit gegen Anders⸗ glaubende nicht, denn ich kenne ſie nicht.“ In dieſen letzten Worten ſprach Peter das Programm ſeiner Regierung ſo beſtimmt aus, daß ſich gar nicht daran zweifeln ließ, er betrachte ſich als die allein leitende Seele Rußlands. Herrn Dinglinger's Magd trat an ihren Herrn heran 23 mit der leiſen Frage:„Bedarf der Herr Hofjuwelier noch meiner?“ „Bleibe Sie hier, Elſe! Es kann möglich ſein, daß dies oder jenes gebraucht wird.“ Während an dem Tiſche eine lebendige Unterhaltung in Gang kam, hatte ſich Elſe auf die weſtliche Seite der Plattform zurückgezogen und ſchaute dort über das Ge⸗ länder in den Hof des nur dreiſtöckigen Nachbarhauſes hinab. Ihr Blick reichte bis unterhalb des offenen Ganges im dritten Geſchoß des ſchmalen ihr gegenüber ſtehenden Seitengebäudes, welches gleich dem, über deſſen Dach ſie hinabſah, die Verbindung des nachbarlichen Vorder⸗ und Hinterhauſes nach damaliger Bauart ver⸗ mittelte. Elſe hatte auf dem erwähnten offenen Gange einen Gegenſtand entdeckt, der weit mehr Anziehungskraft auf ſie ausübte als die prächtige Fernſicht, der ſie den Rücken zukehrte. Dort ſtand ein junger Mann in einer grauen Aermel⸗ jacke, eine blauröthliche Latzſchürze vorgebunden und auf dem Kopfe eine braune, geſtrickte Wollenmütze mit einer ihm am Ohre herabhängenden Troddel. Ein von Elſe kommendes halblautes Hüſteln ward die Urſache, daß er, zu ihr aufſchauend, ſeine Beſchäftigung, eine große Menge getrockneter, in Schwingen um ihn her ſtehender Kräuter nach beſtimmtem Gewichte abzuwiegen und in Düten zu 24 verpacken, unterbrach. Dieſe Arbeit und ſein Anzug ließen auf ſeinen Stand als Commis des Nachbars, des Laboranten und Chemikers Herrn Doctor Otto Klep⸗ perbein, ſchließen, welcher ſeinen Namen durch ein treff⸗ liches Magenpflaſter weltbekannt gemacht hatte. Zwiſchen Elſe und dieſem Ladenjüngling entſpann ſich eine äußerſt lebhafte Zeichenſprache, welche das ganze vieldeutige Regiſter ſtummer Geberden, wie ſie mittels der Hände und Geſichtszüge ſich ausdrücken laſſen, durch⸗ lief. Für Elſe mußte es ungemein ſchmeichelhaft ſein, daß der junge Mann nicht ermüdete, die rechte Hand auf die Stelle ſeines Herzens zu legen, während ſeine linke in gänzlicher Selbſtvergeſſenheit die Wage mit ihren leer auf und nieder fahrenden Schalen feſthielt, als beabſichtige er die pantomimiſchen Betheuerungen ſeines liebevollen Herzens ihr nöthigenfalls vorzuwiegen. des Empfindungsaustauſches vertieft, daß ſie nicht be⸗ merkte, wie die am Tiſche Sitzenden aufmerkſam auf ihre ſtumme, aber zeichenreiche Unterhaltung geworden waren, ſich erhoben und geräuſchlos hinter ihrem Rücken ſich nahten, um zu erſpähen, welchem Gegenſtande die⸗ ſelbe gelte. Die Plattform war nicht ſo geräumig, daß dies Nahen viel Zeit erfordert hätte. Obwohl die Sporen des Zaaren, ſoviel Mühe er ſich auch gab, — 25 leiſe aufzutreten, ein wenig klirrten, ſo hatte die ſich mit dem Oberkörper über das Steingeländer beugende Elſe doch kein Ohr für dieſen verrätheriſchen Ton, und darum gelang es Peter, unbemerkt von ihr an das Geländer zu treten. Ein Blick genügte, ihn erkennen zu laſſen, um was es ſich hier handle. Sofort trat er leiſe zurück. Sein Erſcheinen war nur von der Dauer einiger flüch⸗ tigen Sekunden geweſen, aber immer lange genug, um von dem Ladenjüngling bemerkt zu werden. In ſchnell auf einander folgenden heftigen Zeichen deutete er Elſe an, daß ein Unberufener ſie belauſche, aber in ihrer 5 Ahnungsloſigkeit fand Elſe kein Verſtändniß in ſeinen Andeutungen, und in Angſt darum gerathend, bog ſier ſich noch weiter über das Geländer, und die Hand als Schirm gegen das Verhallen der Stimme an eine Seite ihres Mundes haltend, fragte ſie halblaut hinunter: „Was willſt Du nur, Jürg?“ Wenige Sekunden ſpäter ſchoß ein mächtiger, gut viſirter Waſſerſtrahl in hohem Bogen über das Geländer dem Befragten mit ſolcher Gewalt auf Geſicht und Bruſt nieder, daß er von dem ihn ſo unerwartet überflutenden eiskalten Sturzbade zum Tod erſchrocken mit einem Auf⸗ ſchrei an die Gangwand zurücktaumelte. Dieſem Angſt⸗ ſchrei, mit dem ſich faſt unmittelbar ein Laut des Ent⸗ 26 ſetzens von ſeiten Elſe's miſchte, ſchloß ſich ein laut gellendes Gelächter des Zaaren an, welcher, durch ſeinen Wirth mit der Behandlung der metallenen Feuerſpritze bekannt gemacht, den Spaß dieſer Taufe ausgeführt hatte und noch, als Elſe ſich verſtört umſah, mit der einen Hand den entleerten Schlauch, mit der andern den Spritzenſchwengel haltend, von ihr erblickt wurde. Außer ſich, in höchſter, ihre Beſinnung ganz ver⸗ drängender Aufregung ſtürzte Elſe mit dem Ausrufe: „Das iſt ſchändlich!“ auf den ſie um eine Kopfhöhe überragenden Zaar und faßte ihn an der Bruſt. Dies dem Selbſtherrſcher ganz unerwartete Attentat auf ſeine geheiligte Perſon überraſchte ihn derart, daß er für den erſten Moment ganz verdutzt auf das Mädchen niederſah; indeß ſein Erſtaunen wandelte ſich ſchnell in eine Aufwallung des wildeſten Jähzorns. Mit gewaltiger Kraft packte er Elſe, hob ſie empor und wendete ſich mit ihr dem Geländer zu. Seine Abſicht, ſie in den Hof hinabzuſtürzen, ließ ſich nicht bezweifeln; Elſe ſchrie in ihrer Todesangſt um Hülfe. In dieſem verhängnißvollen Moment eilte Zephanja auf den Zaar zu mit dem Rufe:„Sire, wollen Sie ein Ihren Ruhm entehrendes Verbrechen an einem ſchwachen Mädchen verüben?“ Dieſer rechtzeitige Ruf verfehlte ſeinen Eindruck nicht. 1 5. — 27 Ernüchtert in ſeinem Zorne ließ er das Mädchen auf den Boden nieder. „Seine Majeſtät der König!“ rief Herr Dinglinger, dem der Schreck über dieſen Vorgang förmlich in die Glieder geſchlagen war. König Auguſt hatte ſo eben die Plattform betreten. Zweites Kapitel. Zwiſchen dem Hofjuwelier und ſeiner Magd Elſe fand noch an demſelben Abend eine ſehr unangenehme gegen⸗ ſeitige Erklärung ſtatt, welche einer von zwei mit einander Krieg führenden Parteien mit allem Nachdruck geſchlagenen, aber unentſchieden bleiben den Schlacht glich. So wenig Herr Dinglinger auch von ſeinem hohen Gaſte erbaut war, deſſen Eigenthümlichkeiten oft ſehr ver⸗ letzend zu Tage traten, und ſo große Vorſicht der Umgang mit demſelben erforderte, um ihn nicht zum Jähzorn zu reizen, ſo war er doch durch ſein Einleben in die Ge⸗ wohnheiten der vornehmen Welt, mit der er ſo vielfältig in Verkehr ſtand, und durch die ihn bei jeder Gelegen⸗ heit auszeichnenden Gunſterweiſe ſeines königlichen Herrn und Gönners in daſſelbe Gleis gerathen, welches Hof⸗ — 29 ſchranzen als die Richtſchnur ihres Thuns und Treibens verfolgen, das heißt, er hatte jene Devotion gegen Alles, was den Anſpruch auf erlaucht trug, in ſich aufgenom⸗ men, die ſich ſelbſt verleugnet, ihre wahre Meinung in das Joch des unterthänigſten Schweigens zwingt und ſich widerſpruchslos zeigt. Zudem war ſein Ehrgeiz, einen ſo hohen Herrn als Gaſt im Hauſe zu haben, nicht wenig angeregt, und dieſer Grund ſchon ſchien ihm hinreichend, Elſe mit einem ſehr ſtarken Verweiſe für ihren groben Verſtoß gegen die einem ſo hohen Herrn gebührende Ehr⸗ furcht zu bedenken. Indeß die junge Magd war, wie er zu ſeinem Erſtaunen erfuhr, durchaus nicht von der ſchwächlichen Art, die ſich, ſelbſt wenn das beſte Recht auf ihrer Seite iſt, leicht einſchüchtern läßt. „Der Herr Hofjuwelier hat mir da eine Predigt ge⸗ halten, wie die Herren Geiſtlichen keine eindringlichere einem Delinquenten halten könnten, dem Galgen und Rad bevorſtehen, damit er nur ja recht reuevoll und bußfertig von hinnen fährt; aber das ſchlägt bei mir nicht ein. Ich gehöre zu denen, die ſich an unſers Herrn Chriſtus Wort halten: Mit dem Maße, wo ihr ausmeſſet, ſoll euch eingemeſſen werden, und ſo ſage ich dem Herrn Hof⸗ juwelier, mit allem ſchuldigen Reſpekt vor ihm, gerade heraus, mir thut'’s gar nicht leid, daß ich dem ruſſiſchen 4„.. großen Herrn gezeigt habe, unſereins habe auch eine 5 gezeigt h Ambition in ſich, die ſich nicht zur Zielſcheibe von Späßen machen läßt.“ „Sie weiß nicht, was Sie redet Elſe. Es iſt Ihr ja kein Haar gekrümmt worden; der Spaß Seiner Majeſtät ging Sie ja nicht an, nur den Kaufmannsburſchen.“ „Der Jürg iſt ein Ausgelernter, Herr Hofiuwelier, die im Franzöſiſchen Commis heißen“, entgegnete Elſe „ ſtolz.„Man muß Jedem ſeine Ehre geben. Und übri⸗ gens, da der Jürg mich dereinſt heirathen wird, ſo— „Oh!“ ſchaltete ihr Brodherr ein. „Da ſehe ich nichts zu ohn, Herr Hofjuwelier. Eine Weibsperſon muß bei Zeiten daran denken, unter eine an⸗ ſtändige Haube zu kommen, und unter die bringt mich der Jürg Weber gewißlich. Das iſt n reputirlicher Menſch. Wir ſind von Kindsbeinen an gute Freunde, und neulich, wie wir zuſammen bei meiner Großmutter waren, hat er’s Kapitel aufs Heirathen gebracht und hat mir mit Hand und Mund verſprochen, daß, wenn er's ſo weit gebracht habe, um ſelber ein kleines Lädchen anzulegen, ich ſeine Frau Kaufmännin werden ſoll. Das will was ſagen, Herr Hofjuwelier! Und der Herr will mir zu⸗ muthen, daß ich ruhig wie eine Holzfigur zuſehen ſoll, wenn mein künftiger Eheliebſter durch ſolchen groben ruſ⸗ ſiſchen Spaß ſo unverantwortlich eingeweicht wird? Und wenn der ruſſiſche Zaar der Großmogul wäre, den der 31 Herr Hofjuwelier ſo ſchön aus Gold und Edelſteinen ge⸗ macht hat, daß alle Welt davon wie von den ſieben Wunderwerken redet, ſo thut mir's nicht leid, daß ich ihn an der Bruſt gefaßt habe. Dadurch begreift er vielleicht, daß er nicht das Recht hat, reputirlichen Leuten abſcheu⸗ lich mitzuſpielen. Der Jürg konnte nichts thun, alſo war's meine Sache, weil ich ſeine künftige Frau Ehe⸗ liebſte werde. Das verſteht ſich von ſelbſt.“ So indignirt auch Herr Dinglinger von Elſe'’s un⸗ verantwortlicher Keckheit hinſichtlich ihres Attentats war, ſo wandelte ſich doch ſein Aerger darüber in eine beſſere Stimmung um. Elſe's reſolutes Weſen, das ihm bisher, obwohl ſie bereits zwei Jahre in ſeinem Hauſe diente, unbekannt geblieben war, ſtreifte ſo hart an der Grenze des Komiſchen hin, daß er mit Mühe ein Lächeln unter⸗ drücken mußte. Sie hatte ſich dermaßen in Eifer ver⸗ ſetzt, daß ihr Geſicht hochroth geworden, und die nicht all⸗ zu große unterſetzte Geſtalt, den linken Arm wie einen Henkel in die Seite geſtemmt, zeigte etwas energiſch Herausforderndes. Man ſah es dem Mädchen an, daß es mit vollem Ernſte bei der Sache war, um die es ſich handelte. „Ein großes Glück für Sie, Elſe, daß Mademoiſelle Zephanja rechtzeitig den Zaar zu beruhigen verſtand“, ſagte er.„Denke Sie doch, wenn er nicht abgehalten worden wäre in ſeinem Zorn, Sie hätte ja auf die elen⸗ deſte Weiſe von der Welt Ihr Leben eingebüßt.“ Die Erinnerung an den in ihr Gedächtniß zurückge⸗ rufenen verhängnißvollen Moment ſchien Elſe zu durch⸗ ſchauern, indeß dieſe Anwandlung von Schwäche währte nur eine kurze Weile; dann den Kopf ſchüttelnd, als wolle ſie ſich von der unangenehmen Reminiscenz befreien, ſagte ſie mit großer Zuverſicht:„Eins wäre dann aber gewiß geweſen.“ „Was?“ „Der Herr Hofjuwelier hätte ſicherlich ſeinen hohen Gaſt für das angeſehen, was er unter allen Umſtänden iſt, für einen— „Schweige Sie, Elſe!“ rief Herr Dimglinger.„Ich will nichts weiter von der Sache hören.“ Nach einer Weile wendete er ſich mit der Frage an ſie:„Jürg Weber nannte Sie den jungen Mann da drüben bei Klepper⸗ beins? Iſt er von hier?“ „Ja, Herr Hofjuwelier, ein Dresdener Kind, das beſte von allen, die hier jemals aufgewachſen ſind; aber ſchon als kleiner Knabe hat's Unglück ſchwer auf ihn nieder⸗ gedrückt: ſein Vater iſt im Kerker auf dem Königſtein ge⸗ ſtorben, ſeine Mutter ein paar Jahre ſpäter in großem Gram und Herzeleid und Armuth. Darauf iſt der kleine vater⸗ und mutterloſe Waiſenknabe bei meiner Großmutter ——— 33 aufgezogen, die ihn ſeines guten Herzens wegen ſo lieb wie mich hat.“ „Doch nicht der Sohn des Archivars Weber?“ „Freilich, Herr Hofjuwelier.“ Es folgte eine Pauſe, dann ſagte jener:„Es war eine ganz abſonderliche Geſchichte mit dem Weber. Heut⸗ zutage ſind noch Viele in dem Glauben, er ſei an der Veruntreuung von wichtigen Papieren, die man ihm zur Laſt legte und welche Bezichtigung er nicht von ſich ab⸗ wälzen konnte, unſchuldig und ein Opfer des Haſſes ſeiner Feinde geworden, Andere dagegen ſind von ſeiner Schuld überzeugt. Wer ſoll's an's Licht bringen! Er iſt todt! Todte können nicht ſprechen. Dem Zürg— Ihrem Jürg kann Sie gelegentlich ſagen, daß er mich einmal beſuchen ſoll— kann vielleicht etwas für den jungen Mann thun“, ſetzte er hinzu. „Wenn der Herr Hofjuwelier das wollte, er würde ſich ein Gotteslohn verdienen“, ſprach Elſe fröhlich.„Der Jürg iſt wirklich'ne gute Seele, die es werth iſt.“ „Ich glaub's ſchon, Sie muß das ja wiſſen. Gehe Sie jetzt wieder an ihre Geſchäfte.“ Herr Dinglinger war auffallenderweiſe, nachdem ihn Elſe verlaſſen hatte, von einem längern Nachdenken ge⸗ feſſelt. Die Erinnerung an den auf dem Königſtein im Kerker verſtorbenen Archivar Weber gehörte mit in ſeine Carion, König Auguſt. I. 3 34 Vergangenheit. In den erſten Jahren nach ſeiner An⸗ ſiedlung in Dresden als Goldſchmied auf König Auguſt's Wunſch hatte er des Archivars Tochter erſter Ehe kennen gelernt. Sophie war ein ſchönes, lebensluſtiges Mädchen und Dinglinger glücklich, als er ihr Jawort erhielt, die Seine werden zu wollen; aber der ſchöne Traum ſeines Glücks verflog plötzlich bei der Entdeckung, daß ſie ein geheimes Verhältniß mit einem Cavalier unterhalte, dem er zum Deckmantel dienen ſollte. Er blieb ſofort der Familie fern, betrauerte aber dieſe Verirrung Sophiens aufrichtig, weil er ſie geliebt hatte. 4 Es war ihm ſchwer geworden, dieſe bittere Erfahrung zu verſchmerzen, er konnte die ſchöne und im Umgange ſo liebenswürdige Sophie nicht ſo ſchnell vergeſſen, als ſie wegen der an ihm begangenen Täuſchung es verdient hätte. Seine bürgerliche Stellung legte ihm jedoch die Nothwendigkeit auf, an eine andere Wahl zu denken. Einem vom Könige ſo ſichtbar Begünſtigten ſtellten ſich in den bürgerlichen Kreiſen keine Hinderniſſe in dieſer Beziehung entgegen. Wenige Monate nach ſeiner Ver⸗ heirathung tauchte das Gerücht auf, des Archivars ſchöne Tochter ſei aus Dresden verſchwunden, und bald vervoll⸗ ſtändigte ſich daſſelbe, da es ruchbar wurde, daß ſie mit einem jungen Baron von Oertzen auf und davon ge⸗ gangen. Dinglinger fühlte ſich gewiſſermaßen ſchmerzlich 9 35 davon berührt, weil die Erinnerung an Sophie unwill⸗ kürlich wieder neu und zwar um ſo mehr erregt wurde, als er in ſeiner Ehe nicht das Glück fand, welches er erwarten zu dürfen geglaubt hatte. Seine Gattin gehörte jener Frauenklaſſe an, welche eine äußerliche Umgangsbildung beſitzen, aber der Fähig⸗ keit entbehren, ſich warmherzig an den Mann anzuſchmie⸗ gen. Die Kluft, die dadurch zwiſchen ihr und ihm be⸗ ſtand, ließ ſich nicht überbrücken, obwohl er ſich redlich Mühe gab, das gemeſſene, philiſtröſe Weſen ſeiner Gattin durch ein freundliches Entgegenkommen zu durchgeiſtigen. Es gelang ihm nicht, ſein lebhaft empfindendes Gemüth fühlte ſich erkältet in ihrer Nähe. Niemand ahnte dies ſorgfältig von ihm verborgene Mißverhältniß in ſeiner Ehe, und eben in dieſem letztern wurzelte die Urſache der Erinnerung an Sophie. Wie innig mußte ſie lieben können, daß ſie aller Schranken vergeſſend, welche, durch Familienbande und Sitte geheiligt, die Jungfrau in einen beſtimmten Kreis bannen, ihr Vaterhaus und allen den ſo beglückenden Verhältniſſen, wie ſie die Heimat und das kindliche Herz Jedem bereiten, verlaſſen konnte, um dem zu folgen, welchem ihre Neigung gehörte! Wie glücklich wäre er ge⸗ worden, wenn ihre Liebe ihm gegolten hätte! Wenn ſchon das Verſchwinden Sophiens große Senſation in der 35 Stadt hervorgerufen hatte, ſo noch mehr die Kunde, welche faſt ein Jahr ſpäter alle beſchäftigte. Archivar Weber war auf Befehl des Statthalters, des Fürſten Egon von Fürſtenberg, plötzlich verhaftet worden. In den erſten Tagen, als dies geſchehen, konnte man ſich keinen andern Grund denken, als der in Gewahrſam Genommene habe ſich ſein Geſchick durch die ziemlich rück⸗ ſichtslos bei jeder Gelegenheit an den Tag gelegte Feind⸗ ſeligkeit gegen die katholiſche Religion, welcher nicht nur der Statthalter, ſondern ja auch der König angehörte, zugezogen. Man beklagte den Mann, welchen man als aufrichtigen und eifrigen Lutheraner kannte, von Herzen, aber wer konnte ihm helfen? Die öffentliche Meinung wich freilich im Religionspunkt ſtark und ſchneidend von dem ab, was in den Hofkreiſen feſtgehalten wurde. Obwohl die Uebertritte von Lutheranern zum Katho⸗ licismus nach der Converſion König Auguſt'’s nur ver⸗ einzelt blieben, ſo gab es doch genug Zeichen, daß römi⸗ ſcherſeits die möglichſten Anſtrengungen gemacht wurden, um Seelen zu fiſchen. Des Königs Wahl, in der Perſon des Fürſten Egon von Fürſtenberg, eines Katholiken, dem Sachſenlande einen Statthalter zu geben, hatte die Ge⸗ müther tief erbittert, und es war gar kein ſo unlogiſcher Schluß, daß dieſer hohe Herr, um einen ſo entſchiedenen Feind der römiſchen Beſtrebungen, wie den Archivar, 37 unſchädlich zu machen, denſelben auf irgend eine Denun⸗ ciation hin habe verhaften laſſen. Welcher Art die letztere war, erfuhr man erſt einige Monate ſpäter, nachdem ein Unterſuchungsproceß gegen den Archivar in Gang ge⸗ bracht war. Im Archive fehlten Documente, über deren Verbleib der Angeklagte keine Auskunft geben konnte und jede Kenntniß von deren Abhandenkommen entſchieden leugnete⸗ Da Niemand anders dieſelben entwendet haben konnte, indem die Schlüſſel zu den Zimmern, in welchen die wichtigſten Papiere verwahrt wurden, nur in des Archi⸗ vars Hand ſich befanden, ſo mußte natürlich auch auf ihm allein die Schuld ruhen und ſein Leugnen half nichts. Des Doecumentendiebſtahls für ſchuldig erklärt, wurde er nach der Feſtung Königſtein gebracht. Ehe noch ein Jahr um war, erlag der Mann dem Grame. Daß ſeine Gattin in Armuth verſank, öffnete wohl Manchem die Augen, der ihn trotz ſeiner vieljährigen Unbeſcholten⸗ heit doch für ſchuldig gehalten, weil es nun erſt auf der Hand lag, daß, wenn er wirklich das Verbrechen der Ver⸗ untreuung der Papiere begangen, er doch nur der Beſtechung ſein Ohr geliehen habe, um eine Summe zu erringen, ſeine Gattin alſo im Beſitze von Mitteln ſich hätte be⸗ finden müſſen. Die Ereigniſſe der Zeit überwucherten ſchnell dies 38 Vorkommniß, man vergaß daſſelbe, denn man hatte Anderes, Wichtigeres, Jeden unmittelbar Berührendes, nicht nur zur Unterhaltung Dienendes, ſondern auch als Laſt zu Tragendes zu durchleben. In Herrn Dinglinger's Gedächtniß war die Erinne⸗ rung an die ſchöne Sophie und an das Unglück ihres Vaters durch Elſe wieder zurückgerufen worden und er faßte den Entſchluß, ſoviel in ſeinen Kräften ſtehe, für den Jürg zu ſorgen, wenn er ihn ſolcher Unterſtützung würdig finde. Das Denken an die von ihm einſt Heiß⸗ geliebte regte unmittelbar ein anderes in ihm an. Er hatte faſt vor Jahresfriſt ſeine zweite Gattin begraben und ſein großer Haushalt erforderte eine weibliche Seele, welche ſtrenge Aufſicht führte, ſeine Kinder bedurften einer Mutter. Wie ſollte er außerhalb ſuchen, was er ſo ganz in der Nähe hatte? Seit einem Jahre, kurz vor dem Tode ſeiner zweiten Gattin, war Zephanja auf Wunſch des Königs in ſein Haus gekommen. Als Künſtlerin im Ciſeliren und Graviren fand ſie ausdauernde und lohnende Beſchäftigung. König Auguſt verſtand es, diejenigen, welche er ſich geneigt zu machen wünſchte, durch kunſt⸗ und werthvolle Geſchenke zu gewinnen, und ſah ſich genöthigt, dem pol⸗ niſchen Großadel gegenüber dieſe feinere Art von Be⸗ ſtechung in ununterbrochene Anwendung zu bringen. Reiche 39 Geſchmeide, prächtige Silberſervice, koſtbare Porzellan⸗ gefäße gehörten in erſter Reihe zu dieſen Lockmitteln, und darin lag die Urſache, daß ſein Hofiuwelier ſich of mit Aufträgen überhäuft ſah, die, da er keinen ſeinen An⸗ forderungen entſprechenden Ciſeleur finden konnte, nicht ſo ſchnelle Ausführung fanden, als der König es wünſchte, weil Dinglinger ſelbſt die Ciſelirarbeiten übernehmen zunſi. „Vielleicht gelingt es, in Paris einen brauchbaren Künſtler für dieſe ſo nöthige wrunct zu finden“, bemerkte er eines Tages gegen den König, welcher dieſe Idee höchſt praktiſch fand und ſeinem Geſandten am Tuilerien⸗ hofe den Auftrag, einen geſchickten Ciſeleur zu engagiren, ſofort zu ertheilen beſchloß. Einige Monate ſpäter langte Zephanja Gomeles bei Herrn Dinglinger an. Ihre Arbeiten erregten des Königs und ſeines be⸗ rühmten Goldſchmieds Bewunderung. Beide ſahen ſich indeß gezwungen, von der Neugier, aus Zephanja's Munde zu erfahren, welche Umſtände ſie bewogen hätten, ſich einer Kunſt zu widmen, welche immer von Männern aus⸗ geübt werde, abzuſtehen.„Mein Onkel Gomeles iſt Ciſeleur“, ſagte ſie.„Ich bin mit ihm in meiner frühe⸗ ſten Jugend aus Spanien nach Paris gekommen.“ Mehr äußerte ſie nicht, und der tiefe Ernſt, welcher einem Schleier gleich das Weſen der jungen Künſtlerin über⸗ 40 breitete, war die beſte Abwehr gegen jede weitere Nach⸗ forſchung über alles Andere, ſie Betreffende. Sie arbeitete mit raſtloſem Eifer, und die gelegentliche Bemerkung des Hofjuweliers, ſie müſſe ſich Erholung gönnen, beantwor⸗ tete ſie mit einem leichten Lächeln und der Entgegnung: „Mein Herr, dieſe bietet mir die Arbeit. Sie iſt nöthig für mich.“ Der Tod der zweiten Gattin Dinglinger's verän⸗ derte ihre Stellung inſoweit, als ſie auf ſeine Bitten ſich einverſtanden erklärte, wenn hoher Beſuch ſich bei ihm einfand, demſelben auch Zutritt in ihr Atelier zu gewähren. Die feingebildete Weiſe hinſichtlich der Er⸗ klärung und Unterhaltung bei ſolchen Gelegenheiten, die mancherlei Kenntniſſe, die ſie dabei an den Tag legte, wenn die Unterhaltung wiſſenſchaftliche Dinge berührte, und vorzüglich die Haltung, welche ſie hochgeſtellten, durch ruhmreiche Namen ausgezeichneten Perſonen gegenüber beobachtete, als ob ſie mit ihnen auf gleicher Stufe ſtände, ohne jedoch durch einen lächerlichen Eigendünkel zu verletzen, hatte den Hofjuwelier eines Tages zu der ſcherzhaften Bemerkung veranlaßt, wer nicht wiſſe, daß ſie für Lohn arbeite, müſſe glauben, ſie gehöre der hohen Geſellſchaft an, wenn er ſie in der Unterhaltung mit der⸗ ſelben ſähe. „Mein Herr, es thut mir leid, aus Ihrem Munde 41 eine Rede zu hören, die ſo wenig Ermuthigendes für einen Künſtler hat, wie Sie ſelbſt doch einer ſind“, ant⸗ wortete Zephanja.„Was mich betrifft, ſo bin ich ſtolz auf die Selbſtſtändigkeit, die meine Arbeiten mir gewäh⸗ ren. Welchen Vorzug ſollte die hohe Geſellſchaft mir gegenüber beanſpruchen können? Ich wüßte keinen. Ohne das unverdiente Glück, die Erben großer Namen und großer Reichthümer zu ſein, eines Geburtsranges, den ſie dem Ohngefähr verdanken, nicht ihrem eigenen Werthe, würden ſie— die meiſten wenigſtens— ziemlich ſpur⸗ los in der großen Maſſe verſchwinden. Dem Künſt⸗ ler hat Gott ſein Adelsdiplom verliehen, der Mann der Wiſſenſchaften ſteht, durch ſein geiſtiges Mühen erhoben, auf der Höhe, welche nicht durch Geburtsrang zu er⸗ reichen iſt, warum alſo ſollen ſie eine Unterwürfigkeit als Feſſel ſich anlegen, die ebenſo unnöthig als ent⸗ würdigend iſt?“ Dies war allerdings eine ganz ungewöhnliche An⸗ ſchauungsweiſe, welche zu den damals noch herrſchenden Unterthänigkeitsbegriffen in grellem Gegenſatze ſtand, indeß der berühmte Goldſchmied, obwohl das höfiſche Weſen ein Theil ſeines Selbſt geworden war, glaubte nicht an⸗ nehmen zu dürfen, daß dieſer Meinungsunterſchied zwiſchen ihm und Zephanja eine ſeinem Wunſche, ſie ſeine Gattin werden zu ſehen, entgegenſtehende Schranke bilden 42 würde. Zephanja ſtand allein, darin lag ſeine Hoffnung auf ihren Beſitz, und der Ueberzeugung, daß er bei ſeiner Werbung um ihre Hand der Unterſtützung ſeines könig⸗ lichen Herrn und Gönners ſich erfreuen dürfe, glaubte er gewiß ſein zu können. Zephanja befand ſich in ihrem Atelier. Das Hinterhaus war in den unterſten beiden Stock⸗ werken von den Brüdern Dinglinger's und ihren Gehülfen be⸗ wohnt, das dritte Stockwerk zur Werſſtatt eingerichtet und im vierten hatte die junge Künſtlerin ihre Wohnung und ihr Atelier. Hier oben, wo das Tagelicht aus der Quelle, früh am erſten und abends am längſten, ihr Arbeitszimmer erhellte, weilte ſie in ruhiger Abgeſchieden⸗ heit, denn der Straßenlärm, das erſchütternde Rollen ſchweren Fuhrwerks war hier nicht zu verſpüren, höchſtens als leiſer Nachhall, wenn ein beſonders ſchwerer Wagen durch die Gaſſe fuhr. Trotz dieſer Entfernung von allen Störungen durfte ſie nicht über Einſamkeit klagen. Aus der, wie bemerkt, unter ihrem Atelier gelegenen Werk⸗ ſtätte drangen immer Zeichen der Thätigkeit zu ihr hinauf, zuweilen ertönte auch aus derſelben ein frohes Lied. Nur dann und wann ſchallten aus dem Hofe Hammerſchläge zu ihr empor, denn in den Räumlich⸗ keiten zu ebener Erde befanden ſich der Herd zum Schmel⸗ zen, der Ambos, die Ziehbänke und das Walzwerk. ————— 43 Von einer Ausſicht aus den Fenſtern des vierten Stockwerks eines Hinterhauſes konnte ſelbſtverſtändlich keine Rede ſein. Sie bot nur das Stück Himmel, das über den Hof ſich hinſpannte, die durch das Steingeländer umſchloſſene Plattform mit ihren Windfängern und dem für den Tubus befeſtigten Ständer und zu beiden Seiten des Hofes die Gänge der ſchmalen Seitengebäude, mittels deren man aus dem Vorderhauſe in das hintere gelangte, obwohl auch eine beſondere Wendeltreppe in letzterem aus dem Hof hinaufführte. Es war alſo wenig Zer⸗ ſtreuendes aus den Fenſtern dieſes vierten Stockwerks zu ſehen, höchſtens eine Schaar Sperlinge, welche ihre Familienangelegenheiten mit viel Gezänk unter ſich ab⸗ machten und zuweilen in heftige Fehde untereinander geriethen, wobei mancher dieſer händelſüchtigen Herren 8 Federn laſſen mußte. Das Atelier der Ciſelirerin bot für denjenigen, welcher ſich keinen rechten Begriff von einer ſolchen Werk⸗ ſtätte plaſtiſcher Kunſt in ſo kleinem Maßſtabe machen konnte, einen immerhin lehrreichen Anblick. Am Fenſter ſtand das Werkoret, auf dem eine Menge Werkzeuge bunt durcheinander lagen, Grabſtichel von allen Größen, Rüſſelfeilen, Bunzen, Zirkel, feine Blattſägen, kleine Meißel, Schwunghämmer und Dreils zum Bohren. Eine ¹ ſchwarze Holztafel, welche der am Werkbret Sitzende 1 1.7) S ——— 44 bequem mit der Hand erlangen konnte, war zum Auf⸗ ſtecken genannter Werkzeuge beſtimmt. An den Wänden hin, wo ſie ſich hatten anbringen laſſen, trugen Breter Thonmodelle von Statuetten, meiſt Figuren der griechi⸗ ſchen Mythologie angehörend, kleinen ſcherzhaften Gruppen von ſpielenden Kindern und Thieren und Gefäßen von den verſchiedenſten Formen, auch lagen auf einem Tiſche aufgeſchlagene Modellircartons. An der Hinterwand, durch die eine Thür in einen Alkoven führte, hing eine Laute. Der geräumige Ziegelofen verbreitete eine ange⸗ nehme Wärme im Atelier, denn dem Tage mit mildem Sonnenſchein war ein ſchneller Wetterumſchlag gefolgt, rauher Nordwind fuhr kältend durch die Gaſſen, der Himmel hatte jenes weißlichgraue Wolkengewand ange⸗ legt, welches auf baldigen Schneefall deutet. Zephanja ſaß in einem grauen Blouſenkleide mit eng anliegenden Aermeln am Werkbret, deſſen Schooßfell mittels einer Oeſe an dem zu dieſem Behufe in Bruſt⸗ höhe ihrer Blouſe angenähten Knopf hing, um die beim Feilen oder durch den Stichel abfallenden Stäubchen und Spänchen vor dem Verlorengehen zu bewahren. Mit raſt⸗ loſem Eifer bediente ſie ſich der Rüſſelfeile, um den vor⸗ her ausgearbeiteten Vertiefungen einer einen Leuchter⸗ ſchaft umſchlingenden Blumenranke jede Unebenheit zu nehmen. 45 Wie erſchöpft von der Anſtrengung des langen Ge⸗ brauchs der Feile ließ ſie dieſe nach einer Weile ruhen und die Hand mit dem Leuchter ins Schooßfell nieder⸗ gleiten. Die Augen, ohne einen beſtimmten Gegenſtand zum Schauen zu faſſen, ſchienen an der weißgrauen Wolkendecke über dem Hofe und der Plattform zu haften, und doch war es nicht dieſer unerquickliche, an den dem Anſchein nach viel zu früh ſich einſtellen wollenden Win⸗ ter erinnernde Anblick, welcher das Denken Zephanja's beſchäftigte. Weit ab, nach einer fernen Gegend unter einem andern, mildern Himmelsſtriche flog ihre Erinnerung. 4 Sie gedachte der Tage ihrer Kindheit, die ſie mit ihrer Mutter und ihrem Onkel in dem reizend ſchönen und von warmer Sonne überfloſſenen Granada verlebt hatte. Ihre ſehr lebhafte Einbildungskraft zauberte ihr die ſchönen Bilder jener glücklichen Zeit jetzt in ſo hellen Farben vor das geiſtige Auge, daß ſie ſich, alles andere Denken ausſchließend, ihnen mit derſelben Kinderfreude hingab, die ſie damals empfunden. Sie dünkte ſich im Löwenhofe der prächtigen Alhambra zu ſein. Ein unbeſchreiblicher Wohllaut von Freude und Bewunderung hob ihre Seele wie auf Schwingen empor, und die milde, weiche Luft des Granadaſchen Paradieſes ſchien ihre Wangen jetzt ebenſo wohlig zu umſchmeicheln, 46 als ſei ſie noch das kleine ſechsjährige Mädchen, deſſen klare Augen von einem unwiderſtehlichen Zauber gefeſſelt an dem Prachtbaſſin in Mitte dieſes berühmten Hofes hingen, den die Reiſenden unſerer Tage noch mit derſelben Bewunderung anſtaunen, wie ehemals die Mauren ſie bei ſeinem Anblick empfanden und ihn als ein Wunder⸗ werk ihrer herrlichen Architektur betrachteten, die nur unter einem ſo reinen, blauen und warmen Himmel ge⸗ deihen konnte. Ha, welche Schönheit der prächtigen, von zwölf chimäriſchen Ungeheuern getragenen großen Mar⸗ morſchale, aus deren Mitte ſich eine kleinere, ebenfalls aus einem Stücke Marmor gefertigten mit Arabesken und Inſchriften gezierte Schale erhebt und einen maje⸗ ſtätiſchen, im Sonnenglanze alle Regenbogenfarben ſpielen⸗ den Waſſerſtrahl emporſendet, zu deſſen würdiger Be⸗ gleitung die zwölf Ungeheuer aus allen Kräften Waſſer ſpeien! Und von der Waſſerſculptur dieſes Prachtbaſſins, dem noch zu König Boabdil's Zeit der ſüßeſte Reiz, die Far⸗ benglut und der Duft der es umgebenden üppigſten, wohlgepflegteſten Tropenflora, nicht mangelte, wendete ſich der Blick des kleinen Mädchens auf die den Hof um⸗ laufende und einen unbeſchreiblichen Reiz auf das Auge ausübende offene, von hundertundzwanzigſ chlanken Marmor⸗ ſäulen getragene Gallerie, in denen alle nur denkbare Grazie, 47 Eleganz und Zierlichkeit der Verhältniſſe zu den durch⸗ ſichtigen Bogen und der Größe und Pracht des Ganzen ſich harmoniſch vereinen. Es war ein ſtilles Entzücken, dem ſich das kleine Mädchen ohne alles Nebendenken hin⸗ gab, ein Vergnügen, für das es keinen bezeichnenden Namen hatte und das den unwiderſtehlichen Drang in ſeiner Seele erweckte, auch ſo Schönes ſchaffen zu können. Aus dieſer Neigung, welche zu denen ihrer Altersge⸗ noſſinnen, die nur in Spielen Freude fanden, einen grellen Gegenſatz bildete, gingen kleine Verſuche in plaſti⸗ ſchen Arbeiten hervor, und ihr Onkel Gomeles, der Ciſe⸗ leur, erkannte die wunderbare Anlage in ihr, in ſeiner Kunſt einſt Ruhmwürdiges zu leiſten. Der überraſchend ſchnell erfolgende Tod ihrer Mutter, an der ſie mit vollem Herzen hing und von der ſie ſchwärmeriſch geliebt wurde, brachte eine große Verände⸗ rung in ihr junges Leben. Ihr Onkel Gomeles verließ mit ihr Granada und nach einer langen beſchwerlichen Reiſe langten ſie in Paris an. Warum dieſe Verände⸗ rung ihres Aufenthalts, das kümmerte Zephanja nicht, ſie fühlte nur den Kummer um ihre gute Mutter und um ihre Heimat Granada. War derſelbe auch ein an⸗ haltend langer, da ihre Gemüthsrichtung eine ernſtere war, als ſie bei ſo jungen Mädchen zu ſein pflegt, ſo verlor er doch allmälig ſeine Schärfe und verwandelte ſich in jenes ſtill im Menſchengemüth ſich bergende Er⸗ innerungsglück, welches mit unſichtbaren Fäden die Ver⸗ gangenheit an die Gegenwart knüpft. Unbekannt in der Königsſtadt an der Seine, wo ſie nicht einmal der Sprache kundig war, ſah ſie ſich allein auf ihren Onkel angewieſen. Nur er konnte von der theuern verlaſſenen Heimat, von der fern ruhenden Mutter mit ihr reden, und er that es. „Nun gibt es keine Gomeles mehr in Granada“, ſagte er eines Abends im Verlaufe einer ſolchen Unter⸗ redung mit ſeiner kleinen Nichte. „Du warſt der einzige Mann dieſes Namens“, be⸗ merkte Zephanja. „Der letzte“, verbeſſerte jener und verſenkte ſich in Schweigen. Nach einer Weile hob das Mädchen an:„O, der Name Gomeles wird in Granada doch nicht vergeſſen ſein. Gibt es nicht da die ſteil bergan führende Straße La cuesta de Gomeles, welche Granada von den Um⸗ faſſungsmauern der Alhambra trennt?“ „Und ſie iſt das einzige Gedächtniß meiner Vorfahren geblieben“, antwortete der Ciſeleur in einem Tone, aus dem Schmerz und Freude zugleich ſprachen. Er ſah das Staunen ſeiner Nichte.„Du ſtaunſt, Zephanja? Nun, ich glaube Dir, daß es Dich überraſchen muß, von etwas — —— 49 zu hören, wovon Du an Ort und Stelle nichts gehört haſt. Du ſollſt es jetzt erfahren.“. Er ließ eine Pauſe eintreten, dann erzählte er ihr Folgendes: „Unter dem Maurenvolke gab es große ruhmvolle Geſchlechter, die ihm berühmte Helden und weiſe Staats⸗ männer gegeben hatten und ſein Stolz waren. Die Abencerragen, die Zegris und wie dieſe erlauchten Ge⸗ ſchlechter alle hießen, waren jedoch nicht höhern Ranges und Anſehens als die Gomeles. Wie im Rathe der Sultane die Vorzüglichſten, waren ſie auch die erſten Ritter und Führer der Schaaren des Maurenvolkes in offener Feldſchlacht. Aber der allmächtige Gott hatte die Tage des Glanzes gezählt, die das ebenſo tapfere wie Wiſſenſchaften und Kunſt liebende und durch ſeinen Ge⸗ werbfleiß reiche Volk genoſſen, und verhängte das ſchwere Geſchick des Untergangs über daſſelbe. Die chriſtlichen Könige des nördlichen Spaniens überzogen es mit Krieg, und der die himmliſchen Heerſchaaren führt, war mit ihnen im Bunde. Die mauriſchen Ritter und Edlen be⸗ deckten die Schlachtfelder mit ihren von Wunden ſtarren⸗ den Körpern, und die, welche es vermochten, flohen über das Meer in die ehemalige Heimat an der afrikaniſchen Küſte. Viele Hunderttauſende des unter den ſiegenden Chriſtenſchwertern zertrümmerten Volkes wühlten denſel⸗ Carion, König Auguſt. I. 50 ben Weg der Rettung. Von den erlauchten Gomeles „war nur eine fürſtliche Frau mit einem ſchwerkranken Knäblein zurückgeblieben. Sie konnte die Flucht nicht wagen, denn ihres Kindes Leben würde ſicher unter deren Anſtrengungen und Entbehrungen verloren geweſen ſein. Gezwungen trat die Fürſtin zum Chriſtenthum über, ſie hoffte einen Theil der reichen Beſitzungen der Gomeles für ihr Kind zu retten, weil doch manche mauriſche Eble, die ihren Glauben an den Propheten abgeſchworen, mit dem Wiederbeſitz ihrer Liegenſchaften begnadigt worden waren; aber ſie erfuhr die ſchlimmſte Enttäuſchung. Mit den Gütern der Gomeles waren caſtiliſche Große belehnt worden und für ſie und ihr Kind blieb nichts als eine geringe Unterſtützungsſumme, die man ihnen auswarf. Die hohe Frau wies dies Almoſen zurück, und in ihrer großen Seele wohl erwägend, daß ein Armer mit einem erlauchten, ruhmreichen Namen eher ein Gegen⸗ ſtand des Mitleids als der Ehrerbietung, wie ſeine Vor⸗ fahren ſich derſelben im ganzen Volke rühmen konnten, ſein würde, faßte ſie den Entſchluß, alle Hoheit des Na⸗ mens abzulegen und ihren Sohn, das einzige Kleinod, das ihr aus einer glänzenden Vergangenheit geblieben, als Bürger zu erziehen, der mit fleißiger Hand ſein Leben verdient. Und ſo geſchah es.“ Da Gomeles eine Pauſe eintreten ließ, wagte ſeine Nichte ——2—— 51 die Frage:„Mußte ſie denn mit ihrem Knaben in Spa⸗ nien bleiben? Konnte ſie nicht hinüber nach Afrika, wo ſie unter ihrem Volke gewiß die Anerkennung ihrer und ihres Sohnes hoher Abſtammung gefunden haben und ſicher unterſtützt worden ſein würde?“ „Mein Kind, die Hand des Allmächtigen ruhte ſchwer auf dem Maurenvolke“, antwortete der Onkel.„Die alte Heimat, von andern Volksſtämmen während der langen Reihe von Jahrhunderten, die die Mauren in Spanien zugebracht hatten, bewohnt, bot ihnen kein ruhiges Aſyl, nichts als Kämpfe und Widerwärtigkeiten aller Art, ihre Herrſchaft brach unter dieſen traurigen Umſtänden ſchnell zuſammen und ſomit auch die Schranken der altgewohn⸗ ten Sitten. Wer hätle ſich unter ſolchen Umſtänden eines Weibes und eines ſchwachen Knabens annehmen ſollen! Nichts verbleicht ſchneller als der Glanz eines großen Geſchlechts, dem die Armuth zur Seite ſteht.“ „Das iſt aber traurig“, bemerkte das junge Mädchen. „Die fürſtliche Mutter des einzigen übriggeblie⸗ benen Sprößlings der Gomeles beſtimmte, ehe ſie ſtarb, daß die Nachkommenſchaft ihres Sohnes ſich nur mit Töchtern und Söhnen aus mauriſchen, zum Chriſtenthum übergetretenen Familien verbinden ſolle, nie aber mit Spanierinnen oder Spaniern. Dieſe Ver⸗ fügung iſt als unverrückbares Geſetz feſtgehalten worden, 4 52² die Gomeles haben echt mauriſches Blut in ihren Adern, ſie haben ihren Stammbaum rein erhalten von jeder ſolchen verpönten Vermiſchung. Als geſchickte Juweliere und Ciſelirer konnten ſie aller Hülfe ihrer ehemaligen Standesgenoſſen entbehren, ſie ſind Jahrhunderte hin⸗ durch erlauchte Bürger geblieben. Mein Bruder Ramiro iſt todt, ich bin der letzte Mann des einſt ſo ruhm⸗ reichen Geſchlechts.“ Dies Bewußtſein ſchien den Erzähler ſchwer nieder⸗ zudrücken, er ließ das Geſicht auf die Bruſt niederſinken und verharrte eine lange Weile, dann erhob er ſich und ſagt:„Es iſt nicht gut, von ſolchen Dingen zu ſprechen, wenn die Zukunft ein Abgrund iſt, der die Vergangen⸗ heit unwiederbringlich auf immer begräbt.“ „Noch eins, Onkel“, ſagte das Mädchen.„Alle Namen haben ihre Bedeutung, wie geſagt wird— Zephanja iſt kein chriſtlicher Taufname; was mag er bedeuten? „Die dem Herrn verbürgt iſt“, antwortete der Ci⸗ ſelirer.„Einer der Gomeles erhob einſt eine ſchöne jüdiſche Jungfrau aus vornehmem Hauſe zu Cordova, die dieſen Namen trug, zu ſeiner Gemahlin, und da ſie ebenſo gütig als klug war, wurde ihr Name ein ſtehender für die Töchter der erlauchten Familie. Man ehrte auf dieſe Weiſe ihr Andenken.“ Die dem Herrn verbürgt iſt“, wiederholte ſich das 77— — 53 junge Mädchen zuweilen ſpäter, wenn es an die Bedeu⸗ tung ſeines Namens dachte. Es lag eine beſondere Er⸗ hebung für ſie in dem Gedanken, einen Namen zu tra⸗ gen, deſſen Sinn ein ſo tief religiöſer war und der zugleich ſeit langen Jahren als Ehrenname in der erlauchten Fa⸗ milie Gomeles gegolten hatte. Ueberhaupt machte die Erzählung des Onkels einen tiefen Eindruck auf Zephanja's Gemüth. In ihrem ge⸗ wöhnlich ernſten, ſtillen Geiſte erweckte die Erinnerung, einem Geſchlechte entſproſſen zu ſein, das einſt auf der Höhe des Ruhms ſeinem Volk ein leuchtender Stern erſter Größe geweſen, einen Stolz, welcher nichts mit dem Dünkel gemein hat, der kein anderes Streben kennt, als zu glänzen, ſeiner Eitelkeit Weihrauch geſtreut zu wiſſen, ſondern auf ein Bewußtſein von Selbſtachtung ſich gründet. Als ob ein Funke heiligen, unvergänglichen Feuers in ihrer Seele glühe, ſo durchdrang dieſe Erinne⸗ rung all ihr künftiges Thun und bewahrte ſie vor jedem Anhauch einer Verletzung der unſichtbar vor den Augen der Welt von ihr eifrig feſtgehaltenen Würde, das letzte Glied eines erlauchten Hauſes zu ſein. Sie fühlte es, daß, um dieſem Stolze gerecht zu werden, ſie vor allen Dingen ſich ſelbſt auf eine Höhe der Bildung heben müſſe, welche ſie geiſtig frei mache von der Befangenheit und niedern Stellung Unwiſſender in der Geſeellſchaft, 54 und widmete ſich mit bewunderungswürdiger Ausdauer der Aneignung von Kenntniſſen, die ſonſt nicht bei dem weiblichen Geſchlecht ſo beſonders beliebt ſind, weil ſie großen Ernſt erfordern. Sie ſetzte dieſe Selbſtbelehrungen und Bereicherun⸗ gen ihres Geiſtes durch das Studium der Geſchichte, der Erdkunde und anderer Wiſſenſchaften mit demſelben Eifer und Erfolg fort, als ſie ſchon lange thätig in ihres Onkels Kunſt geworden und ihre geſchmackvollen Ciſelir⸗ arbeiten große Anerkennung gefunden hatten. Ze⸗ phanja war zur Jungfrau aufgeblüht. Trug ihre Er⸗ ſcheinung durch ihre ſitzende Lebensweiſe auch nicht die Friſche, welche andere ihrer Altersgenoſſinnen aus⸗ zeichnete, die, nicht durch Arbeit gebunden, ſich freier Bewegung erfreuen konnten, ſo überbreitete doch der Reiz der Ebenmäßigkeit der Formen und der ſchöne, aber ſcharf gezeichnete und den arabiſchen Typus ver⸗ rathende Geſichtsausdruck ihre ſchlanke Geſtalt mit einem Nimbus fremdartiger Schönheit, der ſie intereſſant machte. Eines Tages hatte ſie im Auftrage ihres Onkels eine kleine Anzahl reich eiſelirter Silbergeſchirre an einen der erſten Goldſchmiede der Seineſtadt abzuliefern. „Köſtlich gearbeitet“, lobte dieſer, mit Wohlgefallen jedes einzelne Stück betrachtend.„Prinz Charles von 2 des Hofes ungemein gefallen hat und zum Modeartikel 55 Soubiſe, der dieſe Sachen zum Hochzeitsgeſchenk ſeiner Schweſter, welche ſich mit dem Herzog von Penthievre vermählt, beſtellt hat, wird ſehr erfreut über die ſo wohl gelungene Ausführung ſeiner Zeichnungen ſein. An dieſem Prinzen iſt der Welt ein Künſtlergenie verloren gegangen. Seinem Schönheitsſinn verdanke ich manches herrliche Deſſin, das, in Gold ausgeführt, den Damen geworden iſt, wie zum Beiſpiel dieſe Ohrgehänge hier. Sehen Sie nur, wie reizend ſie ſich machen!“ Er hatte kaum dieſe Erklärung beendet, als vor dem Laden ein junger, elegant gekleideter Herr zu Pferde hielt, abſtieg und, den Zügel ſeinem Reitknecht zuwerfend, nach einigen Worten an denſelben in den Laden trat. „Prinz Charles von Sonbiſe ſelbſt“, ſagte der Gold⸗ ſchmied.„Wie ſich das ſchön trifft! Sie können nun aus ſeinem eigenen Munde Ihr Lob hören, Mademoiſelle.“ „Laſſen Sie mich in dies Kabinet treten, mein Herr. Ich wünſche—“ Es war zu ſpät, der Prinz trat raſch ein. Er be⸗ merkte Zephanja nicht; ſie hatte ſich ſchnell hinter den Vorſprung zurückgezogen, den eine der zwei mit den gegenüberſtehenden Wänden durch einen Bogen verbun⸗ denen Säulen bildete, welcher den Laden in zwei hinter einander folgende Hälften trennte. Des jungen Cavaliers 56 Blick wendete ſich allein den auf dem Ladentiſche ſtehen⸗ den Silbergeſchirren zu. „Ich habe ſie ſo eben erhalten“, ſagte der Gold⸗ ſchmied,„und hoffe, Sie werden zufrieden geſtellt ſein, mein Prinz. Es iſt unmöglich, feinere Ciſelirarbeiten zu ſehen.“ „Sie haben Recht, Meiſter, vollkommen Recht!“ rief der junge Hochariſtokrat enthuſiaſtiſch.„Welche Sauber⸗ keit in der Ausführung! Wie zierlich dieſe Blumenranken um die Leuchterſchäfte ſich ſchlingen! Es iſt eine Meiſter⸗ arbeit, ſie wird allgemeine Bewunderung finden. Ich muß mit dem Meiſter bekannt werden. Er ſoll mir eine prachtige Idee ausführen helfen. Seiner Majeſtät des Königs nächſter Geburtstag wird uns Gelegenheit geben, Allerhöchſtdemſelben ein Geſchenk zu widmen, welches eine der ſinnigſten Huldigungen für ſeinen Ruhm ſein wird, einen ſilbernen Schild mit erhabener Arbeit, die vorzüglichſten Momente ſeiner königlichen Laufbahn darſtellend, eine Idee, welche bei meinen Freunden die lebhafteſte Zuſtimmung fand.“ „In der That eine prächtige Idee“, pflichtete der Goldſchmied bei.„Sie haben aber nicht weit nach dem Meiſter zu ſuchen, mein Prinz. Mademoiſelle Gomeles hat ſich in übergroßer Beſcheidenheit hinter die Säule da zu⸗ rückgezogen. Sieund ihr Onkel ſind die kunſtreichen Ciſeleure.“ ———— 57 „Wie? Eine Dame?“ rief der Prinz in höchſtem Erſtaunen, indem er an Zephanja's Verſteck herantrat und ſie bei der Hand faſſend mit aufrichtiger Freund⸗ lichkeit bat:„O, Mademoiſelle, haben Sie die Güte, Ihre Verborgenheit aufzugeben. Kann ich einen andern Wunſch hegen als den, eine Künſtlerin kennen zu lernen, welche ſo Schönes zu ſchaffen im Stande iſt?“ Zephanja's Antlitz war von einem Glutſchein über⸗ goſſen. In ihrem Herzen regte ſich die Abneigung, ſich zum Gegenſtand leerer, höflicher Redensarten gemacht zu ſehen; aber war es die Herzlichkeit, die ſichtbar unver⸗ fälſchte Freude des Prinzen, die er in der ſchnell von ihm in Gang gebrachten Unterhaltung mit ihr an den Tag legte, ſie fühlte ſich bald von der wohlthuenden Empfindung überraſcht, an die Wahrheit deſſen, was er ſprach, glauben zu dürfen. Seine Manieren waren freilich die wohlgeſchulten eines in den höchſten Kreiſen ſich bewegenden Cavaliers, aber wie er jetzt mit ihr redete, durchaus mit keiner Silbe an ſeine hohe Geburt erinnernd, glich er einem Singvogel, welcher, ſeinem Käfig entflohen, aus voller Bruſt, ſich auf dem Zweige eines Waldbaums wiegend, das reine Lied erſchallen läßt, wie es ſeiner Art gegeben iſt. Es lag ein Wohl⸗ laut für ſie in der Ueberzeugung, daß es keine bloße Ga⸗ lanterie bei dem Prinzen ſei, die er gegen ſie anwende, —— 58 vielmehr der volle Ausdruck eines gütigen Gemüthes, das ſich mit warmer Empfindung allem dem hingab, was An⸗ regungskraft auf ihn übte. Wie von hellem Sonnenſchein überleuchtet, zeigte ſich Zephanja's Geſicht bei dieſer Erinnerung. Da klangen raſche, ſtarke Schritte auf dem offenen Gange. Sie ſah hinaus. Es war Eſſe, die ſo eilfertig zu ihr kam. Drittes Kapitel. Wenn auch nicht zu großer Gewandtheit, ſo doch zu einem ziemlichen Verſtändniß hatte Zephanja es in der Erlernung der deutſchen Sprache während ihres Aufent⸗ halts in Dresden gebracht. Sie fühlte die Nothwen⸗ digkeit, ſich, wenngleich nicht ohne ſeltſame Accentuirung der Silben, die ihr nicht mundrecht waren, in derſelben ausdrücken zu können, denn nur Herr Dinglinger ver⸗ ſtand Franzöſiſch, die Uebrigen im Hauſe nicht, und doch mußte ſie mit ihnen umgehen, vorzüglich mit Elſe, welche in letzterer Zeit ſie faſt ausſchließlich zu bedienen und ihre kleinen Angelegenheiten zu beſorgen hatte. Elſe fand einen großen Stolz darin, ſagen zu können, die Franzöſin ſei ihre Schülerin und mache unter ihrer Lei⸗ tung uugeheuere Fortſchritte im Deutſchen. Als ſie jetzt bei Zephanja eintrat, erzählte ſie dieſer: „Morgen haben wir große Geſellſchaft im Hauſe, hat der Herr Hofjuwelier mir geſagt. Der ruſſiſche Bär, der meinen Jürg ſo katzennaß gemacht und mich in ſeinem Grimm in den Hof hinunterſtürzen gewollt hat— Gott bewahre doch jeder ehrlichen Chriſtenmutter Kind vor ſolchem zaariſchen Unhold!— will vor ſeiner über⸗ morgen ſtattfindenden Abreiſe Geſellſchaft bei ſich be⸗ wirthen. Von mir hat er ſeinen Segen zur Reiſe im voraus, ich ſage ſicherlich: Fort mit Schaden.“ „Es war zu erwarten“, antwortete Zephanja. Elſe faßte dieſe Antwort falſch auf, indem ſie glaubte, ſie gelte ihrem guten Reiſeſegen für Peter. „Ich wüßte wahrlich nicht, was ich dieſem ruſſiſchen Bär zu ſeinem Abſchied Anderes wünſchen ſollte“, redete ſie, in Eifer gerathend.„Iſt denn ein Commis, wie mein Jürg einer iſt, auf der Straße gefunden worden, daß ihn Jeder, dem's Spaß mocht, begießen kann? Ich denk's nicht. So ein Ruſſe weiß freilich nicht, was hinter einem Commis ſteckt. Bin geſtern Abend noch auf einen Sprung bei meiner Großmutter geweſen, der Jürg war auch hingekommen, und als Großmutter die Geſchichte von dem abſcheulichen Spaße gehört hatte, ſagte ſie zu ihm:„Laß dich's nicht grämen, mein Jürg. 61 Es iſt heutigen Tages wie in alten Zeiten, von denen ſchon der Prediger ſagt: Es iſt ein Unglück, das ich ſah unter der Sonne, nämlich Unverſtand, der unter den Gewaltigen gemein iſt.“ Die Großmutter muß es wiſſen, das iſt'ne geſcheidte Frau. Und mich hat ſie ermahnt, Ihr, der franzöſiſchen Mamſell, nur ja recht dankbar zu ſein. Na, das verſteht ſich ja von ſelbſt. Sie, Mamſell Gomel, hat mich ja gerettet, daß nicht der babyloniſche Ruſſe mich— Herr Gott, wenn ich dran denke, wird mir ſchwarz vor den Augen. Der Zaar ſah wie der wilde Löwe aus, den ich in der königlichen Menagerie geſehen habe.“ „Nun, nun, Elſe, Sie iſt mir keinen Dank weiter ſchuldig, ich habe nichts dabei gethan, als—* „O, daß Sie dazwiſchen gefahren, als mich das zaariſche Ungeheuer gepackt hatte, das iſt's ja gerade, was ich nie vergeſſen werde, ſolange ich lebe“, unterbrach Elſe ſie in großer Aufregung.„Ich bin nur neugierig, was mein Herr Pathe Michaelis, der Frauenkirchner, ſagen wird, wenn ich hm davon erzähle.“ Zephanja wünſchte die Schnellzüngige fortzubringen. Sie ſagte ihr, ſie habe jetzt für ſie nichts zu beſorgen. Plötzlich brach die Magd in helles Lachen aus, und ſich an die Stirn ſchlagend, rief ſie:„Nein, wie kann man ſo vergeßlich ſein! Das iſt aber ſtark und gerade 2 ſo, als wenn einer am Tage vergeſſen wollte, daß es heller lichter Tag ſei. Ja, daran iſt nur der ruſſiſche Unhold ſchuld, wegen dem bin ich ſeit geſtern ganz confus im Kopfe. Habe ja der Mamſell Gomel einen Brief zu bringen, den ein Kurier aus dem Hofmarſchallamte vor kaum einer Viertelſtunde an den Herrn Hofjuwelier ab⸗ gegeben hat, und was eigentlich die Urſache iſt, daß ich gleich heraufgehen mußte. Hier iſt er. Ich kann ganz gut ſächſiſch Gedrucktes leſen, aber ſo was aus der weiten Welt bringe ich nicht zuſammen.“ Sie deutete auf die franzöſiſche Aufſchrift des Briefes, den ſie Ze⸗ phanja überreichte. „Von meinem Onkel“ rief dieſe, die Schriftzüge der Adreſſe erkennend.„Wie lange, wie lange habe ich mich nach einem Briefe von ihm geſehnt!— Ich danke Ihr, Elſe, ich danke Ihr, der Brief macht mir große, große Freude“, ſetzte ſie deutſch hinzu. „So iſt es recht“, ſtimmte Elſe bei.„Wenn ich der Manſell nur immer recht viel Freude machen könnte, ich möchte mich ſelber darüber freuen.“ Nach einer kleinen Weile ſagte ſie in einem ſchäkernden Tone:„Na, na, ich merke was. O, unſereins iſt nicht auf den Kopf ge⸗ fallen. Das denkt man ſich ſchon.“ Zephanja's Aufmerkſamkeit war zu ſehr mit dem Briefe beſchäftigt, bei deſſen Erbrechen ihre Hand ———ÿ———— 63 merkbar zitterte, um auf die Rede der Magd zu achten. Sie hatte nur deren letzte Worte verſtanden. „Was denkſt Du ſchon?“ fragte ſie. „ nu, was das für ein Vergnügen ſein muß, ſo viel Geſchriebenes von einem guten Freunde zu kriegen.'s iſt ſchlimm, daß ich mit dem Schreiben ſo im Hintertreffen geblieben bin und Geſchriebenes nicht leſen kann. Der Jürg und ich hätten's hier ganz bequem. Wir könnten alle Tage Briefe mit einander wechſeln. An einem Bindfaden übers Dach heruntergelaſſen oder herauf⸗ gezogen, ging prächtig. Aber eins iſt wahr, Mamſell Gomel, es gibt gewißlich nichts Schöneres in der Welt, als ſich denken zu können, daß man ſo recht von Her⸗ zen mit Schmerzen geliebt wird. Das geht über alle guten Biſſen und über die ſchönſten Kleider, denn die erſtern ſchmecken nur gut, ſolange man ſie ißt, und die andern halten auch für keine Ewigkeit aus; aber die Liebe, die Liebe hält. Wenn ich meine Liebe zu Jürg aufgeben ſollte, ich wäre das unglückſeligſte Mädel in ganz Dresden. Sohbald ich früh aufſtehe, denk ich ſchon an den Jürg, geh' ich mit der Dorothee auf den Markt und wir haben die Körbe voll, kommt mir's bei, wie ſchön es ſein muß, wenn ich einmal Frau Kaufmännin ſein und für den Jürg, meinen Herrn Cheliebſten, ein⸗ kaufen werde, daß er immer des Mittags was Gutes 64 auf dem Tiſche findet, und des Abends— Gott, ich denk' tagsüber wohl hundertfältig an ihn, daß ich manchmal das Nothwendigſte darüber vergeſſe!— und des Abends, wenn ich nicht einen Sprung zur Großmutter wagen kann, wird mir ganz übel zu Muthe, denn der Jürg kommt faſt alle Abende hin. Und beim Abendſegen ver⸗ geſſe ich den Jürg ebenſo wenig wie beim Morgenſegen. Da ſage ich nicht zum lieben Herrgott: Sei mir gnädig und barmherzig, ſondern: Sei meinem Jürg und mir gnädig und barmherzig. Wenn unſereins nicht noch das bischen Liebe hätte, möcht’s gar traurig mit uns be⸗ ſtellt ſein. Und es ſteckt doch, ſo zu ſagen, ein Stück Chriſtenthum darin, denn der Apoſtel ſagt ja: Wenn ich mit Menſchen⸗ und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, ſo wäre ich ein tönend Erz oder eine klin⸗ gende Schelle. Dem Apoſtel wird's doch Niemand ab⸗ ſtreiten wollen, daß er das Kapitel von der Liebe beſſer als alle Andern kennt! Uebrigens iſt auch, wie neulich unſer Herr Diakonus in der Predigt erklärte, das Haupt⸗ gebot der chriſtlichen Kirche: Wir wollen uns unter ein⸗ ander lieben. Nun, das thue ich rechtſchaffen, Gott und der Jürg wiſſen's am beſten. Aber da ſtehe ich und ſchwatze und ſchwatze, als gäbe es weiter nichts zu denken und zu thun im Hauſe, und bin hier auch ganz überlei, denn Sie hat ja den Brief von ihrem guten 65 Freunde. Wenn mir der Jürg nur auch einmal ſo einen Spaß machte und mir einen Brief ſchriebe, das wäre ein raſendes Vergnügen für mich; aber freilich, leſen könnte ich ihn nicht, unſereins iſt mit ſeinem vollen Herzen immer ſchlimm daran. Wenn Sie mich nöthig hat, darf Sie nur in den Hof hinunterrufen, Mamſell Gomel.“ Von all dem Geſchwätz der zungenfertigen Elſe hatte Zephanja ſehr wenig gehört, denn. ihre Blicke hafteten auf dem in ſpaniſcher Sprache geſchriebenen Briefe. Eine große Unruhe hatte ſich ihrer bemächtigt, die Buchſtaben tanzten vor ihren Augen und eine geraume Weile ver⸗ ſtrich, ehe ſie ſo viel Faſſung errungen, das Leſen zu beginnen. Der Inhalt war folgender: „Meine theure Zephanja! Ich ſtehe allein, Du biſt fern von mir— darin liegt viel Trauer für uns beide, ein harter Druck, dem wir uns nicht entziehen können und der unſer beiderſeiti⸗ ges Leben verödet; denn weder Dir noch mir kann es Freude gewähren, daß wir durch unſere Kunſt viel Geld verdienen. Was nützt es uns? Nichts. Kein Sonnen⸗ ſtrahl mehr fällt auf den, der im Beſitze des Mammons ſich weiß, als auf den Armen. Wie glücklich waren wir in Granada! Es iſt wahr, meine Kunſt warf mir dort nur einen gerade auskömmlichen Verdienſt ab, doch Carion, König Auguſt. I. 5 66 wir gehörten zuſammen, wir waren die drei letzten Zweige eines ehemals in reicher Pracht blühenden Bau⸗ mes, in unſern Seelen in eins verwachſen, eins durch den Namen, den wir tragen. Du weißt die Urſache nicht, warum ich nach Deiner Mutter Tode die Heimat unſerer Väter verließ, die Stätte mied, in deren Boden alle die theuren Erinnerungen wurzeln, die für uns ſo werthvoll ſind, wie für einen König die Traditionen und Legenden ſeines Hauſes. Immer waren die Gomeles erlauchte Bürger, wie unſere Vorfahren erlauchte Fürſten waren. In den wenigen Worten: ich war der Geeiſtlichkeit wegen freiſinniger Aeußerungen verhaßt geworden, liegt die Urſache der Ueberſiedelung nach Frankreich. Du warſt noch zu ſehr Kind, als daß Dir eine Kenntniß davon erſprießlich geweſen wäre, darum erfuhrſt Du nichts von den Anfeindungen, denen ich unterworfen war. Nirgends in Spanien wäre ich der Beaufſichtigung, der Verfolgung von ſeiten der Prieſter entgangen, darum zog ich es vor, in einem fremden Lande ein Aſyl zu ſuchen. Wie in Deinem Kinderherzen großes Weh um dies Verlaſſen der theuren Heimat herrſchte, ſo erdrückte mich faſt das Bewußtſein, als der letzte Gomeles fern von der Stätte, die den Ruhm und die Herrlichkeit ſeines Geſchlechts ge⸗ ſehen, ein Grab in fremder Erde ſuchen zu müſſen; aber — 67 ich hatte für Dich zu ſorgen, für Dich, Zephanja! Es würde eine freventliche Sorgloſigkeit geweſen ſein, hätte ich mich Gefahren ausgeſetzt, die Dir meinen Beiſtand entriſſen und Dich Fremden überliefert haben würden. Gab es ſolcher traurigen Beiſpiele doch genug! Der Menſch bedürfte der Allwiſſenheit, um kommen⸗ den Verhängniſſen entgehen zu können! Wir ſind ihnen nicht entgangen, darin liegt unſer Schickſal. Ich will nicht davon ſprechen, denn wir iinden es ja, unſere Trennung iſt eine milde und doch ſo ſchmerzhafte Wirkung des über uns gekommenen en Von Charles von Soubiſe weiß ich nur ſo viel, daß, wie man erzählt, der König ihm ſelbſt eine Partie ausgeſucht haben ſoll, die er allerdings nicht zurückweiſen darf. Ich habe ihn nur einmal und bei der Gelegenheit auch nur flüchtig geſehen. Es war in der Notre⸗Dame, in die ich mich begeben hatte, um die ſchö⸗ nen Basreliefs am Hochaltar, von denen ich eins an einem großen Kelche nachahmen ſoll, in Augenſchein zu nehmen. Charles von Sonbiſe begleitete ſeine Mutter und eine andere junge Dame aus der Kirche. Als er mich erblickte, wendete er das Geſicht nach einer der Ka⸗ pellen, die beiden hohen Damen grüßten mich mit kaum merkbarem Kopfnicken. Alſo auch er wie die Andern! Und um einen ſolchen leichtlebigen Prinzen wir getrennt! 68 Es war eine bittere Empfindung für mich. Früher glü⸗ hend im Bewußtſein, Deine Liebe zu beſitzen, und nun Scham, daß er Dich geliebt hat. Vergiß ihn, Zephanja, ich bitte Dich, vergiß ihn. Denke, er iſt Deiner nicht werth. Du haſt gehandelt, wie eine edle Liebende handelt, haſt Dich zum Opfer gebracht, er dagegen— genug davon. Vergiß ihn.“ Zephanja ließ das Schreiben aus der Hand ſinken. Ihr gebräuntes Antlitz war ſo bleich geworden, als hätte eine Ohnmacht ſie überkommen. Es war ein Todes⸗ ſtreich, der ihre Seele getroffen hatte. Ob in dieſem Zuſtande klare Gedanken hinter ihrer Stirn arbeiteten? Wohl nicht, es war eine Betäubung, der ſie unterlag und die ſich nicht ſo ſchnell verlor. Ihr Glaube an Edles, an die Wahrheit großer heiliger Empfindungen war plötz⸗ lich zerſtört und der Zuſammenbruch dieſes Glaubens raubte ihr allen Halt. Erſt nach langer Weile gewann ſie wieder eine Herrſchaft über ſich. Mechaniſch griff ſie nach dem auf den Boden niedergeflatterten Brief, ſie las weiter. Er enthielt nur noch die Erzählung der Ge⸗ ſchäftsverhältniſſe des Onkels. Als Nachſchrift, ein paar Tage ſpäter von ihm geſchrieben, fand ſie Folgendes: „Eben komme ich vom Hofjuwelier des Königs, für den ich eine bedeutende Zahl kleiner goldener, zum Emailliren beſtimmter Nippes ciſelirt hatte. Während 69 meines Dortſeins fuhr eine prächtige Equipage vor, Lakaien hoben eine junge Dame heraus, ich ſchlüpfte ins Atelier. Als ſie wieder das Gewölbe verlaſſen und fort⸗ gefahren war, ſagte mir der Hofjuwelier, die Dame ſei die Comteſſe von Roucoulard geweſen, die reichſte Erbin in ganz Frankreich, und werde ſich mit dem Prinzen Charles von Soubiſe vermählen, die glänzendſte Partie, die er je unter den franzöſiſchen Großadelsdamen machen könne.„Reichthum kommt zu Reichthum“, bemerkte ich darauf.„Es iſt immer ſo“, gab er zur Antwort.„Hier aber tritt doch noch etwas Anderes hinzu, um künftiges Glück dieſem Paare prophezeien zu können. Der Prinz ſchwärmt für ſie. Man ſagt, er betrachte dieſe Verbin⸗ dung als die höchſte Gunſt, die ihm das Geſchick erweiſe.“ Eintretende Käufer beendigten raſch unſer kaum begonne⸗ nes Geſpräch; ich verließ den Laden, wo mir die Ver⸗ vollſtändigung der bittern Erfahrung geworden, wie wenig Vertrauen wir auf unſere Menſchenkenntniß ſetzen dürfen. Einen Gewinn werden wir indeß haben. Die voll⸗ zogene Vermählung des Prinzen mit der Comteſſe Roucoulard gibt Dir die Freiheit, hierher zurückzukehren, zu mir, der mit Sehnſucht dieſen glücklichen Tag erwartet. Deiner Mutter ſchönes Schmuckkäſtchen, eine Reliquie — — 70 aus den Tagen des Ruhms unſeres Volkes, das wir bei Deiner Abreiſe trotz allen Suchens nicht fanden, iſt wieder zum Vorſchein gekommen und ich hebe es Dir auf. Es iſt ein Stück mauriſcher Kunſtarbeit und wird Dich, wenn ich einmal nicht mehr bin, daran erinnern, daß Du ein Fürſtenkind biſt. Lebe wohl, meine Ze⸗ phanja!“ Schweigend barg dieſe das Schreiben in einem Koffer, dann nahm ſie wieder auf dem niedern Polſterſchemel vor dem Werkbret Platz und verſuchte den ſchmerzlichen Eindruck, den der Inhalt des Briefes auf ſie gemacht hatte, durch emſiges Arbeiten zu übermeiſtern; aber dies gelang ihr nicht. Sie ſah ſich genöthigt, den Grabſtichel beiſeite zu legen. Ihre Hand begann zu zittern. In ihrem Gemüthe wuchs eine Aufregung empor, die zu bezwingen ſie nicht im Stande war. Wie ein mittels Durchbruch unterirdiſcher Queller überflutendes Berg⸗ waſſer mit raſendem Toſen, Welle an Welle einander jagend, überſtürzend, mit wildem Schäumen ſich durch die Felſenengen zwängt und rauſchend zwiſchen ſeinen ſteinigten Ufern dahinſchießt, bis es allmälig beſänftigter der Ebene zufließt, ſo auch überflutete ein harter Schmerz Zephanja's ganzes Weſen. In ihren Augen glänzten große Tropfen, ſtumme und doch ſo beredte Zeugen der 3 gewaltigen Erſchütterung, welche ſich ihrer bemächtigt 8 — . 71 hatte; aber ſie fand ſich wieder, nur auf kurze Zeit konnte der Sturm der ſchmerzvollen Empfindung, ſo ſchnell ſich vergeſſen zu wiſſen, ihrer Herr bleiben. Wie nach einem heftigen Gewitter Stille in der Natur ein⸗ zutreten pflegt, die elektriſche Spannung in den Lüften ſich löſt, ſo milderte ſich der Aufruhr in Zephanja's Ge⸗ müth. Es ſtahl ſich ſogar ein Lächeln über ihr Geſicht. „Wie närriſch bin ich, daß ich mich von einem Kummer überwachſen laſſe, zu dem ich kein Recht habe“, ſagte ſie ſich ſelbſt ſtrafend.„Warum denn mein Selbſtopfer, wenn es nicht zu ſeinem Glücke hätte ſein ſollen? Und da er nun dies Ziel erreicht hat, fühle ich mich troſtlos? Ich habe Urſache, unzufrieden mit mir zu ſein. Es iſt ein häßlicher Neid, der ſich meiner bemächtigt hat. Ich will ihn ausrotten, er ſoll das beſſere Theil in mir nicht ver⸗ giften. Sie muß ſeiner würdig ſein, ſonſt könnte er ſie nicht lieben, nicht für ſie ſchwärmen, wie der Hofjuwelier gegen den Onkel geäußert hat.“ Selbſtverleugnung in der Liebe iſt die höchſte Probe ihres Werthes und wird ſelbſt in den edelſten Herzen nicht ſelten durch die nicht ganz zu unterdrückenden leiden⸗ ſchaftlichen Aufwallungen getrübt. Der Eigennutz bildet einen nur ſchwer zu beherrſchenden Grundzug des menſchlichen Weſens und ſeine Macht über uns reicht von der Geburtsſtunde bis zum Erlöſchen des Lebens. Zephanja fühlte trotz aller angeſtrebten Erhebung ihres beſſern Theils doch das unausgeſetzte Prickeln ihres tief beleidigten Glaubens an Charles' unerſchütterliche Nei⸗ gung zu ihr. Darin lag ein Schmerz für ſie, der ſie aufregte. Er kam mit der Schnelligkeit des Blitzes über ſie, und wenn ſie ſich auch ſagte: Er ſollte mich ja ver⸗ geſſen, darum geſchah es, daß ich ihm entſagte, daß ich ihn floh. Nun iſt'’s geſchehen— er ſchwärmt für eine Andere. Daß er mich aber ſo ſchnell vergeſſen konnte, ſo ſchnell!— der Gedanke kehrte immer wieder, er ließ ſich nicht zurückdrängen und ſeine Hartnäckigkeit erſchwerte ihr den Sieg über ſich ſelbſt. Von jener Stunde an, wo Prinz Charles von Sou⸗ biſe mit ihr im Laden des Goldſchmieds zuſammentraf, wob ſich um beide ein Band der innigſten gegenſeitigen Zuneigung. Prinz Charles hatte Zutritt im Hauſe ihres Onkels gefunden. Seine Idee, dem König zu ſeinem nächſten Geburtstage einen reich eiſelirten Schild zu widmen, ſollte da ihre Ausführung finden, und es war ja ſo natürlich, daß der Prinz täglich kam, um das ſchöne Werk allmälig in ſeiner Ausführung wachſen zu ſehen. Onkel Gomeles fühlte ſich durch das Vertrauen, dieſe Arbeit ſich übertragen zu ſehen, außerordentlich geſchmei⸗ chelt, denn gelang ſie zur Zufriedenheit, ſo ward ſein Name berühmt. Der Nachhall des Lobes in den höchſten 73 Kreiſen durchlief dann alle Schichten der Geſellſchaft⸗ Ein ſo ernſter Charakter der bereits weit in Jahren vor⸗ gerückte Ciſeleur auch war, für den Ruhm des Künſtlers war er nicht unempfindlich. In dem Prinzen fand er einen für Kunſt enthu⸗ ſiaſtiſch Begeiſterten, der nicht wie ſo Viele die Kunſtliebe als ein Prunkgewand betrachtete, welches ihnen zu einem Anſehen verhalf, ſondern ſelbſt ein höchſt talentvoller Zeichner war, wie dies auch die Zeichnung der erhabenen Arbeiten des Schildes beſtätigte. Es that dem gealterten Manne wohl, ſich als Künſtler von dem Prinzen geehrt zu ſehen, und deſſen freundliches Weſen machte ihm den Umgang mit demſelben ſo lieb, daß, wenn einmal die Stunde verfloſſen war, wo Charles gewöhnlich zu kom⸗ men pflegte, er mit nicht verhehlter Unruhe äußerte:„Es ſcheint nicht, als wollte er heute kommen. Hm, hat vielleicht Abhaltungen, Leute ſeines Standes ſind nicht immer Herren ihrer Zeit— iſt heute vielleicht gar nicht in Paris. Wie man ſich doch an Jemand gewöhnen kann! Es fehlt mir etwas, wenn ſein Platz hier leer bleibt. Das muß ich ſagen, ich habe noch nie einen ſo liebens⸗ würdigen und trotz ſeiner hohen Geburt ſo beſcheidenen jungen Cavalier kennen gelernt.“ Onkel Gomeles ahnte nicht, daß ſeine ſchweigſam bleibende Nichte nicht mindere Sehnſucht noch Charles 74 von Soubiſe empfand. Es war ſo traulich, wenn er zwiſchen ihr und dem Onkel am Werkbret faß. In Augenblicken, wenn letzterer auf kurze Zeit das Atelier verließ, was doch öfter vorkam, legte Charles ſeine Hand auf Zephanja’s Arm und ſagte leiſe:„Haben Sie heute keinen freundlichen Blick für mich? Sie wiſſen es ja, daß ich darnach geize.“ Es wurde der jungen Künſtlerin ſchwer, das Ent⸗ zücken zu verbergen, welches ſeine Worte in ihr an⸗ regten; aber ſie gab ſich Mühe, ihre wahre Empfindung zu verſchleiern. Lächelnd entgegnete ſie:„Ich zweifle, daß man es in Ihren hohen Geſellſchaftskreiſen gut heißen würde, wenn men Sie dies zu einem bürger⸗ ichen Mädchen äußern hörte.“ „Gewiß nicht, Zephanja. Ich bin ſo ehrlich, Ihnen zu ſagen, daß es eine allgemeine Indignation hervor⸗ rufen würde. Wollen Sie mich aber dafür ſtrafen, daß mich das Ohngefähr zu einem Prinzen gemacht hat? Es wäre hart und grauſam. Muß ich es Ihnen denn wiederholen, daß ich mich zu Ihnen gezogen fühle? Zephanja, geben Sie mir eine Gelegenheit, mit Ihnen unter vier Augen ſprechen zu können, ich bitte, ich be⸗ ſchwöre Sie.“ „Nein, Prinz, geben Sie dieſen Gedanken auf. Ihre Geburt macht an Sie Anſprüche, welche zu erfüllen 75 Ihre Pflicht iſt. Ich kann nicht wünſchen, mich zu einem Gegenſtand Ihrer ſpäter ganz gewiß erfolgenden Verachtung zu machen. Laſſen wir dies Geſpräch. Bleiben Sie uns freundlich geſinnt, ich hege keinen andern Wunſch.“ „Zephanja!“ rief der Prinz leiſe.„Sie verſchleiern ſich vor mir.“ „Ich thue, was ich, ohne zu erröthen, vor Gott und mir ſelbſt verantworten kann.“ Eine gelegentliche Aeußerung des Onkels, daß ſie die Gewohnheit der arbeitenden Klaſſe in Spanien, früh⸗ zeitig die Kirche zu beſuchen, auch hier in Paris beibe⸗ halten hätten, denn ſeine Nichte wohne früh ſechs Uhr der heiligen Meſſe in der Modelainekirche bei, er pflege erſt um ſieben Uhr daſſelbe zu thun, wenn Zephanja zurückgekehrt ſei, fiel bei Prinz Charles auf fruchtbares Erdreich. Ein tiefes Geheimniß verhüllte von nun an die frühen Kirchenbeſuche Zephanja's, der Winter mit ſeinen finſtern Morgen war ganz geeignet zum Schützer deſ⸗ ſelben. An des Prinzen Charles Seite, von ſeinem Mantel mit umfangen, um ſie vor dem feindlichen Wehen der Morgenluft zu behüten, verließ ſie allmorgentlich die Kirche. Es waren trotz der ſchneidenden Kälte kurze Viertelſtunden einer Seligkeit, die Zephanja's ſtilles Leben mit einem Zauber überſtrahlten, dem ſie ſich nicht ent⸗ ziehen konnte, obſchon zuweilen in ihr die ernſte Frage auftauchte: Wozu kann dies Geheimniß führen? Solche Augenblicke der Erkenntniß machten ſie freilich verſtört und ihr Onkel überraſchte ſie zu ſeinem größten Erſtaunen zuweilen in einer faſt gänzlichen Abweſenheit ihres Denkens.„Ueble Stimmungen“, damit entſchuldigte ſie ſich.„Du mußt kommenden Sommer die Wohlthat der freien Landluft genießen, die ſitzende Lebensweiſe hat dieſe Verſtimmungen bewirkt“, ſagte Onkel Gomeles G der Schild war fertig, die eiſelirte Arbeit daran die Hauptſache und zugleich ein Meiſterſtück. Mit Ver⸗ wunderung erfuhr man, daß eine junge Dame ſtark be⸗ theiligt bei dieſer Arbeit ſei und die ſchwierigſten und an Feinheit der Ausführung zugleich ausgezeichnetſten Partien ihrer Hände Werk wären. Es übte einen Reiz auf die vornehme Geſellſchaft aus, die Künſtlerin kennen zu lernen, und Zephanja ſah ſich in die Damencirkel ein⸗ geführt. Der Umſtand, daß ſie Spanierin war, und ihr gemeſſenes, ruhiges Benehmen, ihre Beſcheidenheit und doch zugleich die Feſtigkeit, mit der ſie Alles von ſich fern hielt, was einer Selbſterniedrigung vor den Er⸗ wählten des Glückes gleich ſah, machten ſie zu einem Gegenſtand der Achtung von deren Seite. Der könig⸗ liche Geburtstag, an welchem der kunſtreich gearbeitete Schild zum bewunderten Object des ganzen Hofes wurde, brachte ihrem Onkel den Titel Hofeiſeleur. In der herzoglichen Familie Soubiſe empfing Ze⸗ phanja Zeichen beſonderer Gunſt. Die Herzogin⸗Mutter hatte ſie ganz in ihren Schutz genommen; ſie war eine fein gebildete Dame, welche ſich dem künſtleriſchen Streben, möglichſt Vollendetes zu ſchaffen, bei allen Gelegenheiten ſehr geneigt zeigte; ihre beiden Töchter, Charles' Schweſtern, ahmten dem mütterlichen Beiſpiele nach. Zephanja fühlte ſich wohl in dieſem Kreiſe hochgebildeter Frauen, die ihr Beweiſe achtungsvoller Zuneigung gaben. Aber war ſie glücklich? Nein. In ihrem Herzen herrſchte eine Unruhe, der ſie kaum Herrin wurde. Wie ſollte ſich ihr Verhältniß zu Charles löſen? Und ehe ſie es noch ahnte, trat die Entſcheidung ihr ſchon nahe. Sie hörte zufällig die Herzogin⸗Mutter einer ſie beſuchenden Dame erzählen, Seine Majeſtät habe ihr bei der letzten Cour in Verſailles angedeutet, daß er wünſche, die junge Gräfin Roucoulard mit ihrem Sohne verbunden zu ſehen. Die Vortheile dieſer durch königliche Gunſt ſo gut wie ſchon beſchloſſenen Partie wurden von der Frau Herzogin mit großer Befriedigung beſprochen. Comteſſe Roucou⸗ lard hatte nicht nur das Glück, die reichſte Erbin Frank⸗ reichs zu ſein, ſondern beſaß auch den Vorzug jugendlicher 78 Schönheit und einer großen Verwandtſchaft mit den an⸗ geſehenſten Familien des Landes, Alles Dinge, die in ſo hohem Hauſe ihrer Würdigung gewiß ſind. Zephanja empfand einen ſtechenden Schmerz bei An⸗ hörung dieſer Entſcheidung über ihre Liebe zu Charles. Konnte er, der Sohn einer dem königlichen Throne ſo naheſtehenden Familie, ſich der über ihn verfügenden Huld Seiner Majeſtät widerſetzen, ohne den größten Eclat her⸗ beizuführen und ſeine eigene, ihn zu den höchſten Würden im Staate beſtimmende Laufbahn verblendeterweiſe auf immer zu zerſtören? Sie fühlte, daß ſie ihm das Bei⸗ ſpiel der Entſagung geben müſſe, daß es an ihr ſei, ihn ſeinem künftigen Glücke entgegenzuführen. Die Gelegen⸗ heit dazu ergab ſich bald. An einem Sonntag⸗Nachmittag, als Zephanja ins Hotel Soubiſe kam, war die Herzogin⸗Mutter eben mit ihren beiden Töchtern ausgefahren. Der alte würdige Intendant des herzoglichen Hauſes geleitete ſie in den Empfangsſaal, wo, wie er meinte, es ihr an Unterhal⸗ tung bis zur Rückkehr der gnädigſten Damen nicht mangeln werde, denn ſie werde die neueſte Collection engliſcher Kupferſtiche auf den Tiſchen ausgelegt finden. Zephanja blätterte in den prächtig mit dem Stichel aus⸗ geführten Bildern, ihre Blicke hafteten wohl auf ihnen, aber ihr Denken ſchweifte weit ab. 79 Plötzlich legte ſich ſanft eine Hand auf ihre Schulter. Sie ſah auf, Prinz Charles ſtand neben ihr, die weichen, den Fußboden überbreitenden Teppiche hatten ſein Nahen unhörbar gemacht. Der tiefe ſittliche Ernſt in Zephanja's Gemüth mußte jetzt zur Geltung gelangen, ſollte der Prinz dem ihm ſich bietenden und ſeinem hohen Range ſo durchaus ent⸗ ſprechenden Glücke einer Verbindung mit der Comteſſe entgegengeführt werden. Sie erklärte ihm die Noth⸗ wendigkeit ihrer beiderſeitigen Entſagung. Aufwallend rief er:„Nie will ich von Dir laſſen, Zephanja! Gott verwerfe mich am Tage des Gerichts, wenn meine Liebe zu Dir ſich nach den äußern Um⸗ ſtänden wandeln ſollte. Wäre ich werth, als Fürſt ge⸗ boren zu ſein, wenn ich mich zum Sklaven gegen meine Neigung machte, nur weil Andere es verlangen? Comteſſe Roucoulard würde und müßte unglücklich an eines Ge⸗ mahls Seite werden, deſſen Herz ſie nicht beſitzt. Dies Verbrechen will und kann ich nicht auf meine Seele laden.“ „Hören Sie mich, Prinz!“ entgegnete Zephanja. „Sie lieben mich, ich weiß es und bekenne, daß dies Be⸗ wußtſein für mich ein großes Glück geweſen iſt; aber nie wird mir die Pflicht aus dem Auge ſchwinden, jeder Hoffnung zu entſagen, welche thörichter Egoismus mir 80 aufzudringen verſucht, der Hoffnung, die Ihrige zu werden. Sind auch die Formen ſtarr, ja verletzend, die der Stände⸗ unterſchied um uns aufgebaut hat, ſo müſſen wir uns ihnen doch fügen; eben dieſe Formen ſind nothwendig zur Erhaltung des Ganzen, ohne ſtrenge Gliederung der Stände fiele jede Ordnung zuſammen. Wer ſagt Ihnen, ob nicht eine bittere Reue im Verlaufe der Jahre Sie beſchleichen könnte, daß Sie einer romantiſchen Neigung gefolgt ſind, wenn Sie von Ihren Standesgenoſſen ge⸗ mieden, aus den hohen Cirkeln am Hofe ausgeſchloſſen würden? Dergleichen zu ertragen, dazu gehört eine ſtarke Seele. Prinz, glauben Sie, es würde für mich ein Glück ſein, die Ihnen widerfahrende Zurückſetzung zu ſehen, zu wiſſen, daß ich die alleinige Urſache derſelben ſei? Ach, welch traurigen Stolz auf ſeinen Werth muß ein Weib beſitzen, welches Solches ſieht und weiß und in verblendeter Ruhe bleiben kann! Das iſt keine Liebe, ich wenigſtens kann nie ſo lieben, nie— es iſt eine ehrloſe Liebe, ein Brandmal, von dem ich mich fern halten werde, ſolange ich noch einen Hauch von Selbſtachtung in mir trage. Wir müſſen einander entſagen, das allein iſt unſer Glück. In Ihrer Erinnerung werde ich dann unvergeſſen ſein. Sehen Sie, welchen Vortheil ich dadurch erringe? O ich verſtehe es recht wohl, eigennützig zu handeln, und in meinem Gedächtniß wird der Dank nie —,.,— 81 verlöſchen, daß Sie mir ein Glück bereiteten, welchem ich unter dem Drucke der Verhältniſſe entſagen mußte, wollte ich Ihrer würdig bleiben. Das iſt unſer beiderſeitiges Loos. Ich halte das meinige feſt.“ Ohne daß ſie es bemerkten, hatte ſich die ſchwere rothſammtene Portière vor der in die Gemächer der Herzogin⸗Mutter führenden Thür ein wenig verſchoben und ein paar Augen blickten auf die in der Nähe eines Fenſters Stehenden. Wie hätten ſie jetzt an eine ſorg⸗ fältig zu beobachtende Vorſicht denken ſollen! Wenn Zephanja's Entſchluß, ihrer Liebe zu Charles zu entſagen, noch nicht unerſchütterlich feſtgeſtanden hätte, ſo würde er zu ſolcher Feſtigkeit durch die ihr ſo wohl⸗ thuende Freundlichkeit der Herzogin⸗Mutter gediehen ſein, welche eine kurze Weile nach der von ihr belauſchten Scene zwiſchen Zephanja und dem Prinzen mit Geräuſch in den Empfangsſaal trat. Die hohe Frau ſchien die Erregung der Künſtlerin nicht zu bemerken, ſie nahm ſie mit in ihr Gemach. So voll Güte hatte die Herzogin noch nie ſich gegen Ze⸗ phanja gezeigt wie heute. Und dieſer ſich ihr ſo freund⸗ lich erweiſenden Dame hätte ſie das ſchwere Leid anthun ſollen, ihr den Sohn, den Stolz ihres Hauſes, zu ent⸗ fremden? Zephanja's Entſchluß ſtand feſt; aber eine Sorge Carion, König Auguſt. I. 6 82 laſtete ihr ſchwer auf dem Herzen. Sie fürchtete das leicht zur Exaltation geneigte Gemüth Charles', der es nicht an Verſuchen, ſich ihr zu nähern, fehlen laſſen würde. Und doch fand ſie keine Art und Weiſe, ſich ihm ganz entziehen zu können. Dies beſchäftigte ihr Denken auf dem Nachhauſewege angelegentlich. „Ich habe unerwarteten Beſuch gehabt“, erzählte ihr der Onkel.„Der Geſandte des ſächſiſchen Polenkönigs war hier. Er hat von ſeinem königlichen Herrn den Auftrag erhalten, einen geſchickten Eiſeleur zu engagiren. Ich ſoll ihm einen ſolchen vorſchlagen. Gute, ausdauernde Be⸗ ſchäftigung, Wohnung und Koſt bei deſſen berühmtem Hofjuwelier in der ſächſiſchen Hauptſtadt, hoher Lohn wird zugeſichert. Aber wo einen ſolchen hernehmen?“ Zephanja fühlte ſich von einem Schreck durchdrungen. Was ſie vom Onkel eben jetzt gehört hatte, erſchien ihr wie ein Fingerzeig des Schickſals; aber ſo ein kräftiges Naturell ſie auch beſaß, ſo bebte ſie doch vor dem Ge⸗ danken zurück, dieſen ſich ihr bietenden Ausweg benutzen zu ſollen. Glich ſeine Ausführung nicht einem Exil? In ein fernes, unbekanntes Land ſollte ſie fliehen, um einer Leidenſchaft zu entrinnen, welche nie die Befriedigung erwarten durfte, ihr Ziel zu erringen? Allein in einem fernen Lande unter Fremden zu ſtehen, nur auf ſich ſelbſt angewieſen, nicht einmal der fremden Sprache mächtig— es war eine ſchwere Anforderung, eine Ent⸗ ſagung mit allem Leid verbunden, welches, da ſelbſt alle die ſüßen Gewohnheiten ihres bisherigen Zuſammenlebens mit ihrem Onkel in nichts zerfallen mußten, das Herz zu brechen im Stande war. Ihr Onkel ahnte nichts von der ſchweren Kummerlaſt, die ſie ſchweigend trug; der dunkle Abend machte ihn indeß mit demſelben bekannt. Am Ausgange der Straße, in welcher Gomeles' Wohnung und Atelier lag, hielt eine Equipage. Ein granhaariger Diener hob eine in einen Mantel gehüllte Dame heraus und begleitete ſie zu dem Ciſeleur. „Die gnädigſte Frau Herzogin von Soubiſe!“ rief Zephanja im höchſten Grad überraſcht. Onkel Gomeles wallte ſich entfernen, er glaubte, der Beſuch gelte nur ſeiner Nichte. „Bleiben Sie, mein Herr“, ſprach die Herzogin. „Was mich herführt, müſſen auch Sie wiſſen.“ „Durchlaucht ſagen das ſo ſchwer, ſo bedeutungsvoll“, entgegnete Gomeles erſtaunt. „Es iſt es auch, mein Herr.“ Zephanja erfuhr jetzt aus der Herzogin Munde, daß dieſe unbemerkte Zeugin ihrer Entſagungserklärung ge⸗ weſen ſei. „Mein liebes Kind, Sie haben ſich meine vollſte Hochachtung errungen“, redete die hohe Frau weiter. 6* 84 „So ſpricht und handelt nur ein edles weibliches Herz, und dieſe Erkenntniß gibt mir das Vertrauen, daß Sie Ihre ſchöne That auch vollenden werden. Die Rang⸗ und Standverhältniſſe legen uns allen große, ſchwere Opfer auf, man kann ſie nur in den ſeltenſten Fällen ungeſtraft überſpringen. Sie kennen meinen Sohn, den Prinzen. Trotz ſeiner vielen guten Eigenſchaften beſeelt ihn doch ein ſo hartnäckiger Widerſtandsgeiſt, daß er allen Wünſchen und Bitten, von einer einmal gefaßten Zunei⸗ gung oder Abneigung abzulaſſen, entſchiedene Weige⸗ rung entgegenſtellt. Sie irren, wenn Sie glauben, Ihre Erklärung werde ihn zu der Einſicht leiten, daß es an ihm ſei, Ihrer großherzigen Entſagung nachzuahmen, den gebieteriſch zwingenden Verhältniſſen Rechnung zu tragen. Ich kenne Charles beſſer, er iſt dadurch nur noch mehr entflammt worden.“ Eine Pauſe folgte. Die Herzogin ſchien in Verle⸗ genheit zu ſein, wie ſie dem, was eigentlich der Zweck ihres Beſuchs war, Worte geben ſollte, um es weniger ins Herz ſchneidend erſcheinen zu laſſen. Weder Ze⸗ phanja noch ihr Onkel ſtörten ſie in dem Beſtreben, die rechte Weiſe aufzufinden, um ihr Ziel zu erreichen, und ſie erreichte es wirklich. Zephanja ſollte Paris auf ſo lange verlaſſen, bis Charles' Vermählung eine vollendete Thatſache geworden. Ihren alten Onkel traf es wie ein —.,.,— —— 85 Blitzſtrahl. Seine Nichte, an die er ſo gewöhnt war, ſollte ihm entriſſen werden! Der Gedanke war furcht⸗ bar für den alten Mann. „Och werde mich nie zu dieſem Vorſchlage verſtehen, gnädigſte Frau Herzogin“, ſagte er.„Zephanja mir ent⸗ reißen, iſt nicht weniger, als mein Herz in zwei Hälften ſpalten und die eine wegwerfen.“ Die Herzogin erklärte ihm, daß es ihr weh thuc, ihn mit ſo ſchwerem Kummer zu überhäufen, und doch ſei ſeiner Nichte Entfernung die einzige milde Weiſe, aus dieſer Situation zu kommen. Wenn Seine Majeſtät der König, der die Verbindung Prinz Charles' mit Comteſſe Roucoulard als eins ſeiner Lieblingsprojecte betrachte, in Erfahrung bringe, welcher Urſache des Prinzen Wei⸗ gerung entſpringe, dürfte es leicht möglich ſein, daß Ze⸗ phanja an einen unfreiwilligen Aufenthaltsort gebracht würde, wo ſie Zeit zur Ueberlegung fände, daß es beſſer für ſie geweſen wäre, ihren, der Herzogin, Vorſchlag an⸗ zunehmen, da derſelbe ihr nicht nur ihre volle Freiheit gewähre, ſondern auch dahin gehe, ſie jeder Sorge um Exiſtenzmittel zu entheben. „Gnädigſte Frau, ich kann arbeiten und bin ſtolz, mir das erwerben zu können, was ich bedarf“, entgegnete Zephanja.„Unterſtützungen und Almoſen weiſe ich ent⸗ ſchieden zurück. Niemand hat das Recht, mich zu ernie⸗ 86 drigen. Ihre Drohung, laſſen Sie mich dieſelbe gelinder bezeichnen, Ihre Andeutung des ſich über mein ſchuld⸗ loſes Haupt entladenden königlichen Zorns erſchreckt mich nicht, obwohl ich weiß, daß der Gewalt ſelbſt das größte Unrecht zu begehen leicht wird. Warum ſollte ich jedoch an Ihrer Behauptung des Widerſtandsgeiſtes des Prinzen zweifeln? Auch ich fürchte ihn, wenn ich demſelben auch einen andern Namen zu geben mich veranlaßt ſehe. Mein Opfer der Entſagung würde keins ſein, ſolange der Prinz mich hier weiß, ich muß fort und ich will es.“ Und ſich zu ihrem Onkel wendend, ſagte ſie:„Melde morgen früh dem Geſandten des ſächſiſchen Polenkönigs, daß ich das Engagement annehme. Damit wird dieſe Angelegenheit erledigt. In wenigen Tagen, gnädigſte Frau, werden Sie aller Furcht enthoben ſein, einen Eclat durch mein längeres Verweilen hier herbeigeführt zu ſehen. Ich war glücklich in dem Bewußtſein, von dem Prinzen geliebt zu werden, mein Dank für das mir bereitete Glück beſteht in der Selbſtverbannung. Ich will nur ſein Glück.“ Der alte Ciſeleur war hart niedergedrückt durch Ze⸗ phanja's unwandelbaren Entſchluß. Nach Verlauf einer Woche befand ſie ſich auf der Reiſe nach Dresden, zu welcher ihr der Geſandte einen Begleiter mitgegeben hatte. Sie erſchien ſich ſelbſt einer Blume gleich, über die ein — — 87 tödtender Froſt hinweggegangen und ihre Blüten zum Welken gebracht hat. Es war eine harte Prüfung, in 8 eine fremde Welt zu treten, losgeriſſen von Allem, was ihr lieb und theuer war. Als ſie ihre Sachen in Dres⸗ den auspackte, fand ſie auf dem Boden einer Kiſte einen Beutel mit fünftauſend Livres in Gold nebſt einem Schrei⸗ ben der Herzogin. Ihr Onkel hatte unbemerkt die Summe mit dem Briefe der hohen Frau hineingelegt. „Gold für ein gebrochenes Herz!“ lächelte Zephanja bitter.„Die Frau Herzogin will ſich abfinden. Daß doch dieſe vornehmen Leute dem Gelde die Allmacht zu⸗ trauen, Alles ausgleichen, Alles vergeſſen machen zu 5 können!“ Wenn ſie an das Vergangene zurückdachte, tauchte ſtets ganz im Hintergrunde ihres Herzens ein Gedanke auf, den ſie vergebens zu unterdrücken bemüht war, da er ihr ſo recht im Innerſten wohlthat. War Charles⸗ Liebe zu ihr eine wahrhafte geweſen, ſo mußte ihre Selbſtverbannung ſich als ein nutzloſes Opfer heraus⸗ ſtellen, und darum unterlag ſie auch dem auf ſie einſtür⸗ menden großen Schmerze, als ſie aus ihres Onkels Schreiben die Täuſchung kennen lernte, der ſie ſich in Bezug auf den Prinzen hingegeben hatte. Warf ſie den Blick in die Zukunft, ſo fühlte ſie ſich nicht ermuthigt. Im Innerſten ihres Weſens war ſie — 88 vernichtet, ſie beſaß keinen Anker für das Hoffen mehr. Es iſt etwas Wunderbares um die erſte Liebe eines edlen Frauenherzens, ſelbſt wenn deren Gegenſtand derſelben nicht würdig war. Tief verſenkt in Gemüth und Herz, ſind die Wurzeln einer ſolchen heiligen Neigung unausrottbar, in der Werk⸗ ſtatt des geſchäftigen Geiſtes verhält ſich ein Schimmer aus den glückſeligen Tagen der Selbſttäuſchung, und wie ſehr er auch unter den das Denken überflutenden Ein⸗ drücken, wie die Zeit ſie mehr oder weniger hervorruft, ver⸗ bleichen mag, die Wundergabe, plötzlich in lebensvollem Colorit aufzublühen, bleibt ihm; die von der Laſt der Jahre gebeugte Matrone flüchtet mit Vorliebe zu dem ſchönen farbenglühenden Heiligthume ihrer Vergangenheit. Die Erinnerung, wenn der Schmerz um das Verlorene im Verlaufe der Zeit ſich in ruhiges Zurückſchauen verwandelt hat, iſt eine treue Begleiterin im altgeworde⸗ nen Leben. Keine Verdammungsſucht entweiht dieſe Ein⸗ kehr bei ſich ſelbſt. War auch Letzteres der Fall bei Zephanja, ſo war ſie doch noch viel zu jung, um ihre Empfindungen ſogleich bemeiſtern zu können. Sie ſagte ſich ſelbſt, daß ſie Un⸗ recht that, Charles des Wankelmuths anzuklagen; aber ſie vermochte ſich nicht gleich zu finden, der Schmerz, von ihm ſo ſchnell vergeſſen worden zu ſein, war zu friſch, 89 und ſie hatte Niemand, gegen den ſie ſich hätte aus⸗ ſprechen können. Zu ſtolz, um in Thränen Linderung des ſie durchzuckenden Wehs der bitterſten Enttäu⸗ ſchung zu ſuchen, ließ ſie nach außen hin keine verräthe⸗ riſche Andeutung deſſelben dringen; nur derjenige, welcher ſie aufmerkſam ins Auge faßte, konnte bemerken, daß der Ernſt in ihren Zügen ein noch tieferer geworden. Sie arbeitete mit Emſigkeit an der Blumenzier des ſilbernen Leuchters. Unſichtbar von der Seele geweinte Thränen ſind auch Silber, aber nicht von der Welt als werthvoll anerkanntes. Viertes Kapitel. Zu den bei Reiſenden niederer Klaſſe im Rufe der Billigkeit ſtehenden Gaſthäuſern der Vorſtädte Dresdens zählte die Schnecke an der Weißeritz in erſter Reihe. Es war ein einſtöckiges, langhin ſich dehnendes Gebäude, deſſen Aeußeres inſofern mit dem über der Thür be⸗ feſtigten Schilde, eine Schnecke darſtellend, im Einklange ſtand, als die Unterhälfte der Fronte einen weißen An⸗ ſtrich zeigte, während das Obergeſchoß in einem ſtark vergrauten Zuſtande ſich befand und ſonach die Vermu⸗ thung erregt wurde, als wäre man mit dem neuen An⸗ ſtrich wegen Mangel an Zeit nur halb fertig geworden. Der Wirth, Rasmus, ſtellte in ſeiner Perſon ſeinem Gaſthauſe leider kein ſehr empfehlendes Zeugniß aus. Er war ein vom Genuß geiſtiger Getränke aufgeſchwemmter 91 Mann mit einem Vollmondsgeſicht, deſſen Naſe ſtark ins Kupferfarbige ſpielte und der zuweilen in einem Zuſtand von höchſt verdächtigem Schwanken geſehen ward. Seine Stellung im eigenen Hauſe war keine beſon⸗ ders ehrenvolle, denn er galt ſeiner Trunkſucht wegen ſehr wenig in den Augen ſeiner Familie. Man betrach⸗ tete ihn als eine Null. Frau Cordel, welche mit Unter⸗ ſtützung ihres zweiundzwanzigjährigen Sohnes Auguſt die Wirthſchaft führte, verſtand es trefflich, ſich in Reſpekt zu ſetzen, wenn es galt, ihr Hausrecht zu brau⸗ chen, und Niemand konnte ſich entſinnen, daß ſie einem unverſchämten Gaſte gegenüber je den Kürzern gezogen habe. Mutter Natur hatte ſie ebenſo freigebig mit kör⸗ perlichen Kräften wie mit einer ganz beſonders beweg⸗ lichen Zunge ausgerüſtet, wie ſie überhaupt ſehr raſcher und energiſcher Gemüthsart war. Außer ihrem Sohne Auguſt beſaß ſie noch ein Kind, ein Mädchen von ungefähr zwölf Jahren, Sophie, in der Verkürzung Fiekchen genannt, welches ſich jedoch weit weniger ihrer Zuneigung erfreute als Bruder Auguſt. Die Urſache der mütterlichen Unzufriedenheit mit Fiekchen beruhte in dem einfachen Umſtand, daß die Kleine zu ihrem Vater hielt, ſo wenig auch deſſen Verhalten dazu angethan war, ſich jene Ehrfurcht und Hochachtung zu erwerben, welche ein kindliches Herz zu feſſeln vermag. —ñ; 1 92 genug, um ſich zu ſagen, daß die Trunkſucht den Vater verächtlich und zum Gegenſtande ſpottenden Gelächters mache, aber ſie empfand für ihn doch ein tiefes Mitleid und fühlte ſich glücklich, wenn es ihr gelungen war, ihn zum Rückzug aus der Gaſtſtube zu bewegen, dagegen ſehr troſtlos, wenn er ihren ſchmeichelnden Bitten wider⸗ ſtand und nicht fortzubringen war. Es würde unnatürlich geweſen ſein, wenn der Trunken⸗ bold nicht einen Unterſchied unter ſeinen Familiengliedern zu machen ſich gedrungen gefühlt hätte. Während er ſeiner Frau auszuweichen ſuchte und Scheu vor ihr empfand, ſeinem Sohne gegenüber Zorn äußerte, bezeigte er Fiekchen eine offenbare Zuneigung als Ausdruck ſeiner Dankbarkeit für ihre kindliche Liebe. Wie von innerer Nothwendigkeit getrieben, ſuchte Rasmus zuweilen, wenn er ſich im Zuſtande der Nüch⸗ ternheit befand, die Nähe ſeines Kindes; es ſchien eine große Beruhigung für ihn zu ſein, wenn er Hand in Hand neben dem kleinen Mädchen ſitzen konnte. Als ob ein Friedenshauch über ihn komme, ſo glätteten ſich ſeine Züge, das Unheimliche, wie ſtark dem Trunk ergebene Leute ſolches ſtets in ihren Geſichtern als Verräther ihrer traurigen und entnervenden Leidenſchaft zu tragen pflegen, verſchwand bis zur ſchwachen äußerlichen Andeutung der⸗ Fiekchen als zwölfjähriges Mädchen war urtheilsfähig 3 —e— —— 93 ſelben, ſeine ſtieren Augen blickten ruhig, obgleich das Gläſerne, Verſchwimmende natürlich nicht aus ihnen wich. In der Regel verhielt er ſich ſchweigend, ſchon die in ſeiner Hand ruhende Kindeshand ſchien ihm eine Be⸗ friedigung zu gewähren, welche er abſichtlich nicht ſtören wollte. Wenn er ſprach und mit ſeiner heiſern Stimme Fragen an Fiekchen richtete, ſo bewegten ſich dieſe meiſt immer in einem und demſelben Kreiſe. Dann redete er von Saul und David und fragte zuweilen nach dem, was ſie in der Schule gelernt habe. „Heute hat uns der Herr Schulmeiſter eine wunder⸗ ſchöne Geſchichte erzählt“, antwortete Fiekchen, als er eines Nachmittags mit ihr in dem Verſchlage neben der allgemeinen Gaſtſtube ſaß, welche zu dieſen Stunden und in dieſer Jahreszeit, wenn nicht Fremde in der Schnecke eingeſprochen hatten, wenig oder gar nicht beſucht war. „Ich möcht's hören.“ „O ich will's Ihm ſchon erzählen, aber ſo ſchön wie er Herr Schulmeiſter kann ich's freilich nicht.“ „Bleibt ſich gleich.“ „Da iſt einmal ein Mann und eine Frau geweſen, die viel Böſes auf der Welt thaten. Der Mann war gar ein ſchlimmer Räuber und Mörder. Die hatten ein Kind, ein Knäblein, aber ſo klein es auch noch war, ſo ſah es doch ſchon ein, was es für ſchlimme Aeltern habe. 94 Es hatte gehört, wie Vater und Mutter von einer böſen That zuſammen redeten, die der Vater in einer dunklen Nacht an einem Manne begangen, welcher auch Weib und Kinderchen hatte. Sie wußten nicht, daß ihr Knäb⸗ lein in ſeinem Bettchen nicht ſchlief, ſondern wach war, darum redeten ſie mit einander von der ſchlimmen That ſo offen, als ob Niemand ſie höre.„Und hier wäſchſt Du morgen das Blut von meinem Rocke“, ſagte der Mann zur Frau.„Wenn's Jemand ſähe, könnt's ver⸗ rathen werden, und ſie kämen mir auf die Spur, daß ich den Alten erſchlagen habe. Und morgen früh vergrabe ich die Geldkatze, die ich ihm abgenommen. Sie iſt eben⸗ falls ſehr blutbefleckt. Es ſoll ſie kein Menſch zu Geſicht kriegen.““ Fiekchen ließ eine Pauſe folgen, indem ſie die Hand an die Stirn legte, als müßte ſie ſich erſt beſinnen. „Fahr' fort“, drängte Rasmus, mit dem Kopf an die Breterwand des Verſchlags gelehnt und die Augen ge⸗ ſchloſſen haltend. Die vom Trunk ſtark gerötheten Lider hingen ihm ſchlaff nach den Wangen herab, ſodaß man ihn ganz wohl für einen Schlafenden halten konnte. „Will's gleich“, antwortete das kleine Mädchen.„Ich hab' nur was überhört, denn manchmal ſpricht unſer Herr Schulmeiſter ganz leiſe, daß man ihn kaum ver⸗ ſtehen kann. Das iſt recht ſchlimm mit ihm.“ — — 95 „Erzähle mir nur das, was Du weißt“, ſagte der Vater. „Nun, das kann ich ſchon. Das Knäblein wurde ſpäter zum Tode krank, ſein Vater ſaß zu der Zeit im Gefängniß als böſer Mörder. Der Hund des erſchlagenen Mannes war zufällig durch die offen gebliebene Thür in das Gärtchen gelaufen und hatte die von ſeines Herrn Blut befleckte Geldkatze ausgeſcharrt. Dadurch war die böſe That herausgekommen. Mit der Frau ging Nie⸗ mand um, denn ſie war bei allen ſehr verhaßt, und nur der gute Paſtor beſuchte ſie in ihrer großen Noth, daß ſie nicht verkommen ſollte, weil ſie vom lieben Gott ja gar nichts wußte. Da ſtand ſie nun beim ſterbenden Knäblein und der gute Paſtor auch. Sie hatte nie ge⸗ weint in ihrem Leben, jetzt aber, wo ſie das Knäblein verlieren ſollte, rannen ihr heiße Thränen übers Geſicht und ſie fragte, ob denn der liebe Gott ſo hartherzig ſein könne, ihr das Knäblein zu nehmen, worauf der Paſtor ſagte, daß ſie deſſen Verluſt als eine Strafe des himm⸗ liſchen Vaters und als eine Wohlthat für das Kind an⸗ ſehen ſolle, welches, von ihr erzogen, doch nur ein böſer Menſch werden würde. Da ſchrie die Frau entſetzlich auf, fiel nieder auf die Kniee und rief den lieben Gott um Erbarmen an mit ihr und dem Kinde; aber es war zu ſpät, das Knäblein ſtarb im ſelben Momente.“ 96 „Hm, nun iſt's aus?“ fragte Rasmus mit Zeichen von Unruhe. „Nein“, ſagte die Kleine.„Jetzt kommt's Beſte. Der Schutzengel trug des Kindes Seele zum lieben Gott hin⸗ auf und dort bat die kleine Seele, der gute Herrgott möge doch barmherzig ſein mit Vater und Mutter und ihre großen Sünden ihnen verzeihen. Da ſagte der Himmelsvater:„Um Deiner Kindesliebe willen will ich ihnen ein Erbarmer ſein.“ Und der Tod bekam Befehl, die Beiden anzurühren; man fand ſie als Leichen, den Mann im Kerker, die Frau auf der Erde neben ihres Knäbleins Bettchen. Und der Herr Schulmeiſter ſagte: „Seht ihr, um der Liebe einer ſchuldloſen Seele willen erweiſt Gott ſelbſt denen, die Mord und Uebelthaten be⸗ gangen, noch ſeine Gnade. Eines Kindes Bitte iſt heilig vor des Herrn Thron.““ Rasmus ſchien ſo ſehr von dieſer einfachen Erzählung erſchüttert, daß es ihn wie krampfhaft ſichtbar in den Gliedern zog, als würden dieſe durch einen verborgenen Mechanismus bewegt, dann erhob er ſich, und auf die Kleine niederblickend, ſagte er faſt im Flüſtertone:„Fiek⸗ chen, bitte ſchon jetzt für Deinen Vater.“ Er wollte den Verſchlag verlaſſen, als draußen in der Gaſtſtube die Stimme ſeiner Frau in ſehr kreiſchender Weiſe laut wurde. Rasmus erſchrak heftig, er trat zurück, — 97 und Fiekchen einen Wink gebend, ſagte er:„Da hinaus, Kind. Sie würde ſchelten, ſähe ſie Dich hier bei mir.“ Von der Gewißheit des mütterlichen Keifens über⸗ zeugt, eilte das kleine Mädchen geräuſchlos durch die aus dem Verſchlag in die Küche führende Thür. Rasmus, welcher ſtets ſeiner Frau auswich, wenn ſich dies nur thun ließ, beobachtete dieſe Verheimlichung ſeiner Perſon auch jetzt, indem er ſich, ſtatt, wie er früher beabſichtigte, in die Gaſtſtube zu gehen, wieder auf ſeinen Platz niederließ. Sich ſchlafend ſtellend, für den Fall, daß ſeine Ehehälfte etwa in den Verſchlag blicke, um nicht bei ihr in den Verdacht zu kommen, er habe ſie belauſchen wollen, glich ſein Thun genau dem des Straußes, der, wie erzählt wird, in höchſter Gefahr, wenn es ihm trotz ſeiner Läuferkraft nicht calch ſcheint, der ihm geltenden Verfolgung ſich zu entziehen, n Kopf unter einem ſeiner Flügel verbirgt. Dieſe Ee war der ſchlagendſte Beweis ſeines traurigen Ehelebens. Mit der Herrſchaft über ſich ſelbſt hatte er auch die in ſeinem Hauſe, in ſeiner Familie verloren und war zur Null herabgeſunken, die ohne Zähler keinen Werth beſitzt. Da Frau Cordel nie ſich gemüßigt fand, in ihren vier Pfählen leiſe zu ſprechen, denn ſie ſei— das waren ihre Worte— wie die ganze Stadt wiſſe, eine achtbare Frau, die keine Urſache habe, auf Filzſocken einherangehen. Carion, König Auguſt. I. — 98 mus Gelegenheit, ohne lauſchen zu wollen, ſamkeit ſtark erregt wurde. der Mann unbekannt, obgleich ihm 8 Gedächtniſſe doch dieſe dunkle hellſten Färbung aufgefriſcht, als ihres Gaſtes nannte. Erinnerung F ſich Beſindenden geführten Geſprächs. wirklich?“ fragte Frau Cordel. der Andere. ſammen, wohl aber der Menſchen Kinder. dünkte, und weil der mit ihr in die Gaſtſtube gleichzeitig ein⸗ getretene Gaſt ebenfalls ſehr laut ſprach, ſo hatte Ras⸗ die Unter⸗ haltung beider vollkommen zu verſtehen. Der Gegenſtand derſelben berührte ihn bald ſo ſehr, daß ſeine Aufmerk⸗ War ihm anfänglich auch deſſen ſchlarrende Stimme ſchon gehört zu haben, ohne ſich jedoch erinnern zu können, wann und wo dies geweſen ſei, ſo wurde in ſeinem durch den Trunk geſchwächten ſchnell zur rau Cordel den Namen Bei Anhörung deſſelben fühlte Rasmus einen Schreck; aber dieſe höchſt unangenehme Empfindung, die ihn wie ein elektriſcher Strahl durchfuhr, ſchärfte wider alles Er⸗ warten ſeine heruntergebrachten geiſtigen Kräfte und ſeinem Ohr entging kein Laut des von den in der Gaſtſtube „Nun ſage Er mir um Gotteswillen, iſt Er's denn „Leibhaftig, meine liebe Frau Landsmännin, mit Haut und Haar, Knochen und allem Zubehör bin ich's“, lachte „Ja, ja, Berg und Thal kommen nicht zu⸗ Gehöre frei⸗ in 99 lich ſchon unter die alte Klaſſe von Kindern, aber inſo⸗ fern ich Vater und Mutter gehabt habe, zähle ich doch immer unter die Kinder. Das läßt ſich begreifen, denke ich, gelt?“ „Er iſt immer noch ſo, wie Er von jeher war, das muß man Ihm laſſen.“ „Hoffentlich in gutem Sinne, Frau Rasmus. Und weiß ſie, woher das kommt?“ „Hm, weil Er einen guten Humor hat.“ „Weil ich ein Schneiderblut bin“, erklärte jener mit der ſchlarrenden Stimme, indem er gleich hinterher ein Gelächter folgen ließ, das ſich im Gebiete der Fiſteltöne bewegte.„Sie glaubt's nicht, was der Stand auf den Mann einwirkt. Ich könnte Ihr eine ganze itanei von Profeſſioniſten herzählen, bei denen es aufs Haar ein⸗ trifft, daß ihre Arbeiten einen großen Einfluß auf ihre Gemüthsbeſchaffenheit äußern. Na, ſage Sie, Frau Lands⸗ männin, wie geht's Ihr? Es ſind jetzt wohl an zwölf Jahre her, daß ich nicht hier in der kurfürſtlichen Reſi⸗ denz geweſen bin.“ „So lange ſollt's ſein?“ „Das kann Sie ſich gleich ausrechnen. Ich war damals als Freßgevatter beim Tauffeſte Ihres Töchter⸗ leins eingeladen. Lebt die Kleine noch?“ „Za, ſie iſt nun bald zwölf Jahr alt.“ 7* 7 100 „Da hat Sie's; aber nun eine andere Frage, die Sie mir nicht übel deuten muß. Bei uns in Sorau hat's geheißen, Sie hätte ſo viel Unglück mit Ihrem Manne erlebt. Er ſei kopf⸗ oder hirnkrank geworden.“ „Leider Gottes ja, Herr Kohren, das iſt ſo, und jetzt iſt's noch weit ſchlimmer. Der unglückſelige Mann hat ſich, als die Herren Hofärzte ihn ſo weit gebracht hatten, daß er wieder ſeinen Poſten verſehen konnte, den Trunk angewöhnt und ſeine fünf Sinne förmlich umgebracht. Das iſt gewiß ein ſchweres Kreuz, was der Herrgott mir durch dieſen Mann aufgebürdet hat.“ „Bedauere Sie, das iſt ja ein Heidenunglück. Hat wohl aber eine Penſion bekommen, der Rasmus?“ „Hat ſich was mit Penſion!“ entgegnete Cordel. „Erſtens hatte er noch nicht ſo lange gedient, um darauf Anſpruch zu haben, und zweitens wurde er wegen Trunk⸗ ſucht entlaſſen. Wo ſoll da eine Penſion herkommen?“ „Unter ſolchen Umſtänden war freilich keine zu er⸗ warten.“ „Verſichere Ihm, Herr Kohren, daß ich da viel Schlimmes durchgemacht habe, und zwei Kinder dabei auf dem Halſe zu haben, iſt wahrhaftig keine Kleinig⸗ keit.“ „Aber einen Grund muß doch ſeine geiſtige Krankheit gehabt haben.“ „ 101 „Hat ſie auch. Als ſein Vorgeſetzter, an dem er mit Leib und Seele hing, eines ſchlechten Streichs wegen verhaftet wurde, fing's beim Rasmus an, daß er wie ſtumpfſinnig einherging, und das wurde täglich ſchlimmer, bis es zuletzt gar nicht mehr mit ihm ging. Ich ge⸗ denke noch mit Todesſchreck der Stunde, wo der Kanzliſt Stabmeyer zu uns kam mit der Nachricht, daß vom Königſtein die Meldung eingelaufen, ſein ehemaliger Vor⸗ geſetzter ſei am Morgen todt in ſeinem Kerker gefunden worden. Der Rasmus brüllte wie ein wildes Thier, warf ſich auf den Boden nieder, wälzte ſich, raufte ſich die Haare und geberdete ſich wie ein von allen guten Geiſtern Verlaſſener, immer ſchreiend:„Die Unſchuldigen müſſen elend hinſterben und die Schuldigen bleiben ver⸗ ſchont!« Das war der Anfang ſeines Verrücktſeins.“ Der ungeſehene Ohrenzeuge im Verſchlage ſchien von Krämpfen befallen worden zu ſein. Durch ſeinen großen, ſchweren Körper zuckte es derart, daß es den Anſchein gewann, als müſſe er jeden Augenblick von ſeinem Sitze auf den Boden ſtürzen. Ein leiſe gur⸗ gelnder Ton entrang ſich ſeinem Munde, und dieſem Zeichen einer ihn durchtobenden Schmerzempfindung folgte ein Zittern in ſeinen Gliedern, als wäre er von einem ſeine Kräfte überanſtrengenden Marſche erſchöpft. Mit beiden Händen ſich an die beiden Seiten ſeines Sitzes —ÿ 102 anklammernd, bewahrte er ſich vor etwaigem Herunter⸗ fallen. Seine Nähe blieb den in der Gaſtſtube ſich Be⸗ findenden unbekannt, wozu das Pantoffelſchlürfen der 4 Magd jedenfalls beitrug. Dieſelbe hatte Bier gebracht und Frau Cordel ſagte ſelbſtgefällig:„Trinke Er, Herr Kohren! Denk,'s wird Ihm munden— meine Bierpflege wird von allen meinen Gäſten gerühmt.“ Das Klappen des Deckelkrugs deutete an, daß ihr Landsmann ihrer Einladung Folge geleiſtet hatte, und jeden etwaigen Zweifel, daß die Wirthin zu viel geſagt haben könne, ſchlug ſeine Belobung:„Mein Seel, das iſt ein Staatsbier! So haben wir's in Sorau nicht, ob⸗ wohl alle Welt ſagt, das Sorauer Bier ſei was ganz Vortreffliches“, gänzlich aus dem Felde. Nachdem Frau Cordel ſich, ſehr erfreut darüber, in einer Auseinanderſetzung der nöthigen Bierpflege ergangen hatte, fragte ſie:„Er iſt wohl nur zum Beſuch bei Sei⸗ ner alten Frau Baſe hergekommen?“ „Nun, das gerade nicht, obwohl ich natürlicherweiſe nicht unterlaſſen werde, die alte fünfundſiebzigjährige Frau, die meines ſeligen Vaters leibliche Schweſter iſt, zu beſuchen. Ich will fort von Sorau, hier Bürger 3 und Meiſter werden und, wenn ſich's günſtig macht, mich* hier ankaufen.“ Eine Pauſe folgte, dann ſagte Frau Cordel:„Er 103 . —: will mir wohl was aufbinden, Herr Kohren? Sieht Er mich denn für ſo hagelsdumm an, daß ich glaube, ein hochgräflicher Hofſchneider könne Vergnügen daran finden, noch einmal von vorn anzufangen und ſeine langjährige gute Stellung anfzugeben?“ „Werde Sie mir nicht ärgerlich, Frau Landsmännin, weil's ſo ausſieht, als wollte ich mir einen Spaß mit Ihr machen! Es iſt mein völliger Ernſt, und kam ich deshalb her, um hier die Gelegenheit kennen zu lernen. Weiß wohl,'s iſt ein wagehalſiger Entſchluß für einen Manmn, der ſchon tief in die Fünfzig iſt und im Ganzen hinſichtlich ſeines Gewerbes bisher nicht klagen kann; aber es gibt doch auch Urſachen, die zu reſpectiren ſind, wegen welcher man das Ungewöhnliche zu thun ſich ge⸗ drungen fühlt.“ „Das mag wohl ſein, aber ich begreife einmal nicht, wie ein geſcheidter Mann—“ „Viel Ehre, Frau Rasmus, viel Ehre für mich“, unterbrach ſie jener lachend.„Sie wollte ſagen, daß ein geſcheidter Mann einen ſolchen Schwabenſtreich machen kann, aus dem warmen Neſte weggehen und ſich ein neues bauen will. Horch' Sie zu.“ Der ehrenwerthe hochgräfliche Hofſchneider entwickelte den ihn zu der beabſichtigten Ueberſiedelung drängenden Grund dahin, daß ſein Sohn, der Ruprecht, von der Wanderſchaft nach Hauſe gekommen und ein ganz ausge⸗ zeichneter Schneider ſei, der in den berühmteſten Werk⸗ ſtellen Deutſchlands, im reichen Frankfurt am Main, in Wien und Berlin, in Venedig, ja ſogar in Paris beim Hofſchneider der königlichen Majeſtät gearbeitet habe. Wenn man den Ruprecht, der wie ein Galanthomme aufträte, nur ſähe, müſſe man ſchon überzeugt ſein, daß er für die vornehmen Dames ein Schneider von Genie ſei. Es müſſe Jedem einleuchten, daß ſich ein Menſch, der ſeine Sache ſo verſtehe wie der Ruprecht, nicht werde tadeln und ſchurigeln laſſen von einer Perſon, die nur darum es thue, weil dieſer ein junger Mann von Welt ſei, der die Pietiſterei, wie ſie im Sorauer Schloſſe* zu Hauſe, als eine Scheinheiligkeit anſähe und um keinen Preis darin einſtimme.„Will ich einen Sohn als Stütze für meine ältern Tage haben, muß ich mich. zur Ueber⸗ ſiedelung entſchließen, denn der Ruprecht hat mir's mit dürren Worten herausgeſagt, daß er in dem langweiligen Sorau nicht bleibe. So ſind wir denn endlich nach vielem Hin⸗ und Herreden zu dem Beſchluß gekommen, nach der 6 kurfürſtlichen Reſidenz überzuſiedeln.“ Frau Rasmus meinte, da er ſeinem Ruprecht ein ſolches Zeugniß über deſſen Talent ausſtelle, könnte er 4 allerdings wohl darauf rechnen, daß er hier ſich in ſeinen Erwartungen nicht getäuſcht ſehen werde.„Und da empfehle ich Ihm vor allem, ja den Beſuch bei Seiner Frau Baſe nicht zu unterlaſſen“, ſetzte ſie hinzu. Der hochgräfliche Hofſchneider lachte unbändig. Sie ſpaße wohl, ſagte er, denn die alte fünfundſiebzigjährige Frau, die ihr Lebelang nicht modiſch geweſen, werde doch in ihrem hohen Alter nicht zur Modedame ſich umge⸗ wandelt haben. „Das nicht, aber ſie kann Ihn empfehlen, und ich denke, Empfehlungen braucht Jeder zum Anfange eines Geſchäfts. Das verſteht Er nicht, darum ſieht Er mich ſo komiſch an. Werde es dem Herrn gleich klar machen. Die alte Margareth, Seine Frau Baſe, hat viel hohe Kundſchaft am Hofe und in den fürnehmen Familien. Sie gießt nämlich Eier und deutet daraus die Zukunft. Das muß freilich unter uns bleiben, verſteht Er? Es kommen große Damen zu ihr, um über ihr Schickſal etwas von ihr zu erfahren. Wenn ſie bei ſolchen Gelegenheiten Ihm und Seinem Sohne zu Gunſten ſpricht, dürfte es nicht ohne Einfluß bleiben.“ 8„Habe Sie Dank, meine liebe Frau Landsmännin, ſchreibe mir das hinters Ohr. Krumme Wege helfen meiſt eher zum Ziele als die geraden, das iſt einmal ſo der Welt Lauf, und wir Schneider ſind ſo zu ſagen die richtigen Leute, mit der Welt um die Wette zu laufen.“ Das Klappen des Deckelkrugs deutete an, daß der hochgräfliche Hofſchneider ſein ſchlarrendes Organ aber⸗ mals anzufeuchten für gut befunden. Nach einer Pauſe hob Frau Cordel an:„Nun erzähle Er mir aber auch was von Sorau. Man hört doch gern was von ſeinem Geburtsorte, und wenn wir Sorauer hier in der kur⸗ fürſtlichen Reſidenz auch ein ganz hübſches Häufel zu⸗ ſammen ſind, ſo kommen wir doch nicht ſo zu einander, um gegenſeitig über das oder jenes zu plaudern.“ „Von unſerm Sorau iſt im Ganzen wenig zu ſagen. Bei uns geht Alles ſeinen Gang wie in der Tretmühle. Hinzens Sohn macht mit Kunzens Tochter Hochzeit und Kunzens Sohn mit Hinzens Tochter, daß die erſparten Groſchen hübſch in der Freundſchaft bleiben. Wenn nicht dann und wann ein tüchtiger Zank, eine Eheſcheidung oder ein Begräbniß wäre, ſchlief's Leben im Städtel ſanft und ſelig ein. Zum Glück hat'’s unſere gnädigſte Herrſchaft übernommen, uns zuweilen Stoff zur Unter⸗ haltung zu geben. Freilich bleibt das nur Klatſch, denn 's Genaue kann eben nur Jemand erfahren, der, wie ich zum Beiſpiel, oft im Schloſſe zu thun und mancherlei wichtige Bekanntſchaften dort hat.“ „Das wäre mir gerade recht, wenn Er von dem Genauern ſpräche“, meinte die Wirthin.„Wie ich vor ein paar Jahren gehört habe, hält Seine Erlaucht der Herr Graf Promnitz einen Hofſtaat wie eine kleine ——y — — 107 Majeſtät— aber trinke Er erſt, Herr Kohren. Sei Er Seinem Leibe kein Stiefvater. Iſt der Krug leer, wird er friſch gefüllt.“ „Bin kein großer Held im Trinken.“ Indeß diente das Zuklappen des Deckelkrugs als Beweis, wie pünkt⸗ lich der würdige Hofſchneider der Aufforderung ſeiner liebenswürdigen Frau Landsmännin nachkam. Dann hob er an: „Die Leute haben nicht gelogen, wenn ſie ſagen, unſers Herrn Erlaucht halte einen Hofſtaat wie eine kleine Majeſtät. Da fehlt's ebenſo wenig an Hoffräuleins, Jagdpagen, Kammerhuſaren, Läufern, Hofzwergen, als an einem Hofprediger, adligen Forſtmeiſtern, Stall⸗ meiſtern, Hofräthen und ſelbſt an einer hundert Mann ſtarken Leibwache.“ „Es iſt alſo kein Schwindel mit der Leibwache? Habe es dafür gehalten.“ „Seit unſer Herr Graf Erdmann der Zweite mit der Prinzeſſin Anna von Sachſen⸗Weißenfels vermählt iſt, hält er ſich dieſe Rieſengarde, baumhohe Kerls mit furchtbaren Bärmützen. Das wäre Alles ganz gut für unſer Städt⸗ chen, den's kommt doch mancher ſchöne Groſchen da⸗ durch unter die Leute; aber da gab's auch wieder einen Uebelſtand. Zwei Leute ſtanden an der Spitze der Ge⸗ ſchäfte Seiner Erlaucht, mit denen kein Satan aus⸗ 108 kommen konnte. Das war der Hauptmann von Reiſe⸗ witz und der Kanzler Heinſius, letzterer ganz und gar des Teufels Vorlauf. Den ſein Kopf war ein wahr⸗ hafter Vulkan von niederträchtigen Praktiken aller Art. Und um das Dreiblatt vollſtändig zu machen, muß noch die italieniſche Signora Collobella hinzugerechnet werden, die im Schloſſe Alles commandirt, ſodaß ſelbſt die gnädigſte Frau Prinzeß ſich nicht ſelten ihren Anord⸗ nungen fügen muß. Die kleine ſchwarzbraune Hexe, eine Jugendbekanntſchaft Seiner Erlaucht, iſt ſogar evangeliſch geworden, nur aus Liebe zur hochgräflich Promnitz'ſchen Familie, wie es heißt. Das iſt die Perſon, mit der mein Ruprecht böſe zerfallen iſt, weil ſie ſeine Arbeit getadelt hat. Unter uns geſagt, das pietiſtiſche Heiligen⸗ weſen unſers Grafenhauſes ſtimmt ganz und gar nicht mit deſſen Thaten. Hat doch Seine Erlaucht mit ſeinem Herrn Bruder Friedrich auf Halbau ſeit langen Jahren in böſem Haſſe und Zwietracht gelebt bis zu deſſen Tode. Iſt das auch chriſtlich?“ „Was Er ſagt! Der Halbauer Graf iſt todt? Seit wann denn?“ „Es iſt ungefähr drittehalb Monat her, daß er zur ewigen Ruhe gebracht wurde. Unſere Erlaucht war natür⸗ lich als Familienoberhaupt dabei gegenwärtig, fuhr aber, als ſie den Verblichenen in die Gruft geſenkt hatten, ——y— —-— 109 ſofort auf und davon, um ſeiner hochgeborenen Frau Schwägerin nicht in die Hände zu gerathen, denn die hätte böſen Skandal mit ihm angefangen. Das iſt das tollſte Weibsſtück auf hundert Meilen in der Runde, eine Piſtolenſchützin, wie ſich Mancher gratuliren würde, ſo treffen zu können wie ſie. Das Volk nennt das tolle Weib deshalb auch nur die Piſtolengräfin.“ „'s iſt mir ſo, als hätte ich ſchon einmal etwas von ihr erzählen hören; aber unſereinem läuft ſo Vieles zwiſchen durch, worauf man zu hören hat, daß man ſo Manches vergißt.“ „Das iſt ein gefährliches Stück von einem Weibs⸗ bilde. Hat ihren Gemahl in ſeinen jungen Jahren zu Tode geärgert und iſt unſerer Erlaucht und Familie ſpinnefeind, nennt ſie nur die allerheiligſte Sorauer Sipp⸗ ſchaft. Ueber ihrem Bett hat ſie ſtets zwei geladene Piſtolen hängen, und der Bediente, der ihr die Nachricht von ihres Gemahls Tode brachte, hatte es nur ſeiner Schnelligkeit zu danken, daß er mit dem Leben davon⸗ kam. Die hochgeborene Frau fand es nöthig, zum Schein, als hätte ſie der Schreck ſo heftig ergriffen, in Ohnmacht zu fallen. In der Angſt hält ihr der kopf⸗ loſe Kerl angebrannten Schwefel unter die Naſe und ſofort ſpringt die Gnädigſte wüthend auf, reißt eine Piſtole von der Wand, und nur, daß der Menſch glück⸗ — 110 lich genug die Thür erreichte und ſie hinter ſich zuwarf, bewahrte ihn vor der ihm nachgefeuerten Kugel, welche das Thürſchloß zertrümmerte.“ „Das muß ja'n wahres Höllenweib ſein!“ „Unſere Erlaucht hat dieſelbe Anſicht“, fuhr der Hof⸗ ſchneider fort.„Die Feindſchaft zwiſchen den beiden hoch⸗ gräflichen Herren Brüdern datirt ſchon eine Reihe Jahre her. Ich entſinne mich ganz deutlich eines Auftritts im Schloſſe, den die Piſtolengräfin herbeiführte und der mir damals angſt und bange machte, denn ich dachte nicht anders, als es könne ohne Mord nicht abgehen.“ „Ach, das erzähle Er, Herr Kohren, aber trinke Er erſt.“ „Ja,'s iſt nöthig, habe mir den Hals ganz trocken geredet.“. Nachdem der Mann dem vorſorglichen Winke ſeiner lieben Landsmännin treulich nachgekommen, hob er aufs g—— neue an: „Seine Erlaucht hatte mich eines Nachmittags zu ſich befehlen laſſen; war ihm da eine Idee wegen einer Veränderung an der Uniform ſeiner Rieſengarde aufge⸗ ſtiegen, und darüber ſollte ich, obwohl derlei grobe Arbeit ganz und gar nicht in meinen Bereich ſchlägt, mein Gut⸗ 3 achten geben. In Erlauchts Augen iſt ein Schneider eben ein Schneider. Wir waren noch lange nicht mit dem 111 wichtigen Commiß⸗Kapitel fertig, als der Schloßtambour Parademarſch ſchlug und aus dem Hofe herauf das ſchnelle Rollen eines Wagens hörbar wurde. Seine Erlaucht ſprang ans Fenſter und ich wie im Duſel ihm nach. Wir erblickten die Piſtolengräfin, die, in ihrem Wagen ſtehend und in der Hand die Zügel des nach polniſcher Sitte breit neben einander geſpannten Vier⸗ geſpanns, eben vor dem Portale vorfuhr, und hörten ſie mit gewaltiger Stimme dem Wachtcommandanten zu⸗ rufen:„Seine Erlaucht der Graf anweſend?“ Zufällig ſah ich auf den gnädigen Herrn und erſchrak nicht wenig, denn er war im Geſicht ſo weiß wie eine friſchgetünchte Kalkwand geworden.„Fort mit Ihm!“ rief er mir zu. „Durch die Zimmer gehe Er, daß Er ihr nicht in den Weg kommt. Fort, fort!« Ich ließ mir das nicht zwei⸗ mal ſagen, ſondern lief, ſo ſchnell ich konnte, durch die Zimmerflucht; aber im letzten Gemache fand ſich's, daß ich nicht hinauskonnte, die auf den Seitencorridor führende Thür war abgeſchloſſen und kein Schlüſſel im Schloſſe. In meiner Herzensangſt lief ich zurück, ich dachte aus einer andern Zimmerthür vielleicht hinaus zu gelangen; aber davon war keine Rede und zu meinem Entſetzen traten Seine Erlaucht und die Piſtolengräfin in das große Empfangszimmer ein, neben dem ich mich befand. Nun war an ein Fortkommen gar nicht mehr zu denken und ich ſchlüpfte hinter die Portieère der geſchloſſenen Thür, um, wenn's den Herrſchaften ja einfiele, in mein Verſteckzimmer einzutreten oder durchzugehen, ich wenig⸗ ſtens nicht geſehen würde.“ „Bin doch neugierig, was da vorgegangen iſt.“ „Von dem, was ſie ſprachen, verſtand ich nichts,'s war Franzöſiſch, wie ich aus einigen mir bekannten Worten dieſer Sprache heraushörte. Es ging aber äußerſt heftig zwiſchen ihnen her; die hochgeborene Frau ſchrie zuweilen, als wäre Seine Erlaucht taub, und dabei ſchlug ſie auf den Tiſch, daß es krachte. Nach einem ſolchen Schlage folgte eine plötzliche Stille. Ich hörte den gnädigſten Herrn ein paar Schritte gehen, und gleich darauf ſchellte die Klingel. Der Leibdiener Auguſtin trat ein.„Der Kanzler Heinſius ſoll kommen!“ befahl Seine Erlaucht. „Und den Andern, auch ein guter Biſſen, nicht zu ver⸗ geſſen“, erinnerte die Gräfin in deutſcher Sprache. „Junker Oertzen beim Forſtmeiſter beſcheide Er auch her“, fügte der Herr hinzu.„Aber ſogleich!« comman⸗ dirte ſeine hochgeborene Frau Schwägerin.— Nun trat eine Ruhe ein wie nach einem zornigen Gewitter; Seine Erlaucht verſuchte ein paarmal zu ſprechen, die Dame gab keine Antwort und ſo blieb Alles ſtill. Das dauerte ziemlich lange, bis endlich der Kanzler Heinſius eintrat. Seine Erlaucht wollte ihm wahrſcheinlich ſagen, warum — —-— 113 er hergerufen worden, aber die Gräfin ſchnitt ihm ohne Umſtände das Wort vom Munde ab und ſagte deutlich:„Bemühen Euer Erlaucht ſich nicht. Ich habe ſchon das rechte Zeug dazu, ſolche Kerls ins Verhör zu nehmen.““ „Das iſt eine ſchöne Anrede, wird dem Kanzler ſchlecht behagt haben.“ „Jetzt ging's noch viel heftiger her als vorher zwiſchen Seiner Erlaucht und ſeiner hochgeborenen Frau Schwägerin. Der Kanzler wollte ſich verdefendiren und zwar in franzöſiſcher Sprache, da ſchrie ihn die Dame gar böſe an:„Rede Er deutſch, denn Er iſt ein deutſcher Halunke!“ Was ich aus dem heftigen Hinundherreden entnehmen konnte, war die Beſchuldigung, daß Heinſius den Secretär ihres Gemahls beſtochen und dieſer gräf⸗ liche Beamte die im Beſitze ſeines gnädigen Herrn be⸗ findlichen Abſchriften von im Dresdener Archive aufbe⸗ wahrten Documenten ihm ausgeliefert habe. Dieſer un⸗ treue Diener hätte geſtern in ſeiner Todesſtunde das Verbrechen bekannt und darum ſei ſie nun hier, um ihn, den Kanzler, zur Rechenſchaft zu ziehen. An dem Heinſius fand ſie jedoch einen hartgeſottenen Sünder, der ſich nicht werfen ließ.„Er leugnet's alſo?« ſchrie die Dame wüthend.„Jetzt und immer!“ entgegnete dieſer.„Der⸗ gleichen muß bewieſen werden; aber aus den wirren Carion, König Auguſt. I. 8 oaͤͤaͤhͤͤͤſͤſſͤſſſſ 114 Reden eines Sterbenden iſt nicht der Schluß zu ziehen, daß ſie wirkliche Wahrheiten ſind.“ Kurzum, die Gräfin konnte nichts Beſtimmtes gegen ihn aufbringen und 6 wurde immer wüthender.“ „Was ſagte denn Seine Erlaucht?“ „Habe kein Wort von ihm gehört; er wußte wohl, daß Heinſius derjenige ſei, der ſich nicht ſo leicht ein⸗ ſchüchtern läßt.“ „Meint Er, daß der Heinſius, wie Er ihn nennt, wirklich den Halbauer Secretär beſtochen hat?“ O, dem ſieht noch viel Schlechteres ähnlich, und ich ———— glaub's, daß er es gethan hat, denn was nachkam, ſah ganz darnach aus, als ſei das Recht auf der Gräfin Seite. Junker von Oertzen trat ein und es erhob ſich ein grimmiger Spectakel. Ihm ſagte die hochgeborene Frau auf den Kopf zu, daß er ſeine Hand im Spiele gehabt bei der Entwendung von Documenten aus dem Dresdener Archive.“ „Herr des Lebens, das iſt wohl die Weber'ſche Ge⸗ ſchichte?“ rief Frau Cordel. „Das kann ich Ihr freilich nicht ſagen“, antwortete der hochgräfliche Hofſchneider.„Ich entnahm nur ſo viel daraus, daß der Junker ſich zu dem erwähnten Zwecke längere Zeit in Dresden aufgehalten haben ſolle, indeß die Frau Gräfin hatte gleiches entſchiedenes Un⸗ — 4 115 glück mit ihm wie mit dem Kanzler. Der Junker war ebenſo hart geſotten wie dieſer. Er bat Seine Erlaucht um die Erlaubniß, ſich vertheidigen zu dürfen, und da dieſer ſich nun bemüßigt fand, doch auch ein Wort zu dem außergewöhnlichen Vorgange zu ſprechen, ſo ſah ſich die hochgeborene Dame gezwungen, die Vertheidigung des Junkers anzuhören, welche dahin ging, daß er, bei einem hochgeſtellten Verwandten in Dresden lebend, dort in die Netze eines ſchönen Mädchens gefallen und, als jener geſtorben ſei, ſie bei Nacht und Nebel entführt, hierher und in die Waldklauſe Marienhaus gebracht habe. Das ſei ſein Vergehen und er glaube, darüber habe nur Seine Erlaucht zu entſcheiden.—„Und wo iſt die Perſon? Wer war ſie?“ rief die Gräfin. Ohne irgend ein Zögern antwortete Junker von Oertzen:„Sie war die Tochter des Archivars und jedenfalls hat der oder die Berichterſtatter der gnädigſten Frau Gräfin in dieſem Umſtande eine Beziehung meiner Perſon zu einer, wie Höchſtdieſelbe zu äußern geruhte, ſtattgefundenen Ent⸗ wendung von Documenten aus dem Dresdener Archive zu finden geglaubt. Euer Erlaucht geſtehen mir gewiß zu, daß Jemand, der mit dem Vater eines Mädchens in einer Gemeinſchaft ſteht, wie ſolche ein Diebſtahl doch nothwendig bedingen muß, nicht nöthig hat, die Tochter heimlich zu entführen.““ 8* 116 „Der Vernunft nach ſcheint der Junker da ganz Recht gehabt zu haben“, bemerkte Frau Cordel.„Es iſt auch hier, als der Archivar verhaftet worden war, gar keine Rede von Herrn von Oertzen hinſichtlich einer Betheili⸗ gung deſſelben bei der Veruntreuung der Documente ge⸗ weſen. Die Entführung der ſchönen Sophie Weber fand übrigens auch faſt ein Jahr früher ſtatt. Doch was gab denn der feine Junker hinſichtlich der von ihm Ent⸗ führten an?“ „Er ſagte, ſie habe es nur ein paar Monate in dem einſamen Waldhauſe ausgehalten, dann ſei ſie eines Nachts flüchtig von dannen gegangen und er habe ſich zu tröſten gewußt, weil er zu der Einſicht gekommen, daß er ſich in eine Thorheit eingelaſſen, die auf dieſe Weiſe das beſte Ende gefunden, was ſie je hätte finden können. Daß er die Wahrheit geredet, werde der alte Förſter Zumpe, der ja noch in Marienhaus wohne, be⸗ ſtätigen.“ Dieſe für die Frau Cordel ſo höchſt intereſſante Er⸗ zählung fand ſofort ihr Ende, da der Sohn des Hauſes in die Gaſtſtube kam. Der Mutterſtolz trat ſofort in ſein Recht und ſie ſtellte den Liebling ihres Herzens dem hochgräflichen Hofſchneider als ihre Stütze im Hauſe vor. „Sonſt wär's gar nicht möglich, die Wirthſchaft hier 117 zu führen“, ſetzte ſie hinzu.„Da gehört mehr als ein Kopf mit einem Paar Augen dazu, und mein Auguſt, das muß ich ihm nachſagen, iſt ganz tüchtig auf dem Zeuge. Er glaubt nicht, liebſter Herr Landsmann, was man in einem Gaſthofe für Erfahrungen mit den Leuten macht.'s iſt kein Wunder, wenn man da den Glauben an die Menſchheit verliert.“ Der würdige Sorauer fand dies nicht nur ſehr rich⸗ tig, ſondern ſprach auch ſeine Freude aus, den ſo hoch⸗ gelobten Aſſiſtenten der Frau Cordel von Angeſicht zu Angeſicht und zwar als einen jungen Mann, der ſich ſehr zu ſeinem Vortheil ausgebildet, wiederzuſehen, denn vor zwölf Jahren ſei der Mosje Auguſt ein kleines, unbedeutendes Bürſchchen geweſen; er hoffe, daß er und ſein Sohn, der Ruprecht, recht gute Freunde werden würden. Auf ſeiner Mutter Frage, wohin er zu gehen beab⸗ ſichtige, antwortete Auguſt:„Zu Großmutter Spieker. Will's dem Jürg ſagen laſſen, daß er nächſtens zu uns kommen ſoll.“ Der hochgräfliche Hofſchneider fand die Gelegenheit, in Auguſt's Geſellſchaft ſeiner alten Frau Baſe den erſten Beſuch abzuſtatten, ſehr günſtig, und auf die Bemerkung der Frau Cordel, daß er ihr noch das Ende der Erzählung von der Piſtolengräfin ſchuldig ſei, gab er 118 lachend zur Antwort, ſie ſolle ſich nicht darum grämen, denn da er doch mehrere Tage in der kurfürſtlichen Re⸗ ſidenz bleiben und bei ihr wohnen werde, gäb's ja noch Gelegenheit in Menge, die erwähnte Geſchichte zu Ende zu bringen. „Sonſt ließ ich Ihn jetzt auch nicht fort“, ſcherzte die Wirthin von der Schnecke, beide aus der Gaſtſtube begleitend, die eine Zeit lang leer von Gäſten blieb. Rasmus ſaß noch feſt auf ſeinem Schemel, aber ſein vom Trunk aufgedunſenes Geſicht zeigte eine auffallende Ver⸗ änderung: die matte kupferne Röthe deſſelben war einer widernatürlichen Bläſſe gewichen, es trug das Gepräge des Unheimlichen. Weſſen er Ohrenzeuge geworden, hatte ſo tief in ſein gleichſam verwahrloſtes Denkvermögen einge⸗ griffen, daß die plötzliche Umwandlung aus einem Zuſtande nur halber oder theilweiſer Zurechnungsfähigkeit, des Ver⸗ ſchwimmens klarer Vorſtellungen, die feſtzuhalten er nicht die Kraft in ſich fühlte, in den eines ſcharf aus⸗ geprägten, ſich ihm gewaltſam aufdrängenden Gedanken⸗ gangs, als wären die übermächtig in ſeinem Hirn auf⸗ ſteigenden Bilder der Erinnerung die Folgen friſch erleb⸗ ter Eindrücke, ſein ganzes Weſen beherrſchen und als unmittelbare Wirkung ſeinem Aeußern einen Ausdruck geben mußte, der an das Geſpenſtige ſtreifte. Eine dämoniſche Gewalt hatte ihn übermeiſtert und ——— 119 zugleich die Nacht verſcheucht, die auf ſeinem Geiſte laſtete und deren Urheber er ſelbſt geweſen. Wie aus ſchwerem Traume erwachend, athmete er nach langer Zeit hoch auf, ſtierte umher, als müſſe er ſich mit ſeiner Um⸗ gebung vertraut machen, und allmälig kam Leben und Bewegung in ſein Geſicht. Die Ruhe um ihn begünſtigte die Wiederkehr einer Kraft, die er lange nicht mehr ſein Eigenthum genannt hatte, die Kraft, geregelt zu denken. Er erhob ſich von dem Schemel.„Die Unſchuldigen müſſen elend dahinſterben und die Schuldigen bleiben leben“, ſprach er langſam und nachdenklich vor ſich hin und nach einer Weile richtete er die Frage an ſich: „Aber warum bleiben ſie leben? Warum?“ Jetzt trat eine längere Pauſe ein, in der über ſein aufgedunſenes Geſicht ein zufriedenes Lächeln ſich verbreitete, ein Schein von Heiterkeit, der mit ſeinem bisherigen ſtumpfſinnigen Weſen ungemein ſcharf contraſtirte.„Sie müſſen leben, um ihre Thaten ſelbſt bezeugen zu können. Das war es, das! Jetzt weiß ich es, und ich glaube feſt daran, es macht mich froh.“ Indem er ſo vor ſich hinredete, hatte ſich geräuſch⸗ los die in die Küche führende Thür ein wenig ge⸗ öffnet, Fiekchen’s Geſicht ſchob ſich durch den Spalt hin⸗ durch und das kleine Mädchen fragte:„Der Herr Vater iſt noch hier?“ 120 In der über ſein ganzes Weſen ſich ausbreitenden Heiterkeit rief Rasmus ſein Töchterchen zu ſich, das, ganz erſtaunt, ihn in einer Gemüthsſtimmung zu ſehen, wie es ſich einer ſolchen bei ihm gar nicht erinnern konnte, ſich ihm mit der Frage näherte:„Der Herr Vater hat wohl was recht Gutes geträumt?“ „Geträumt? Nein, nein, das war kein Traum. Jetzt weiß ich Alles. Die Schuldigen müſſen leben bleiben, um Zeugniß ablegen zu können, wenn es Zeit iſt. Singe, Fiekchen, ich möchte einmal ſingen, bin ſo viele Jahre lang ſtumm geweſen, und ſonſt ſang ich ſo gerne, wie gerne! Das Bußlied, Fiekchen, ſinge das Bußlied.“ In ſeiner Unſchuld, die nichts von des Vaters wirrer Rede verſtand, hob das kleine Mädchen nach kurzem Be⸗ ſinnen mit ſchwacher, aber klarer Stimme das damals ſehr beliebte Buß⸗ und Beichtlied zu ſingen an:„Herr, ſtraf' mich nicht in Deinem Zorn.“ Und mit der klaren Stimme ſeines Kindes miſchte ſich die heiſere des Mannes, mit deſſen Geiſt und Ge⸗ müth in dieſer Stunde eine merkwürdige Wandlung vor⸗ gegangen war. Seine Hände auf Fiekchen's Haupt gelegt haltend, ſchien er mit jedem Verſe des Liedes an Kraft zu wachſen. In der eigenthümlichen Erhebung ſeines ſo lange in tiefer Verſunkenheit ſchmachtenden Geiſtes gab er ſich nur einer andern Art von Verwirrung deſſelben ———ᷣõꝛIõõ 121 hin, die jedoch nichts von den abſtoßenden, widerwärtigen Aeußerlichkeiten Geiſteskranker in ſeinem Benehmen er⸗ ſcheinen ließ, im Gegentheil ihm den Anſchein gab, als ſeien alle Merkmale ſeiner ehemaligen Verdüſterung von ihm plötzlich und für immer abgefallen. Und doch lag dieſer Umſchwung ſeines geiſtigen Weſens nur in der blitzartig in ſein Seelenleben gefallenen fixen Idee: Die Schuldigen müſſen leben, um ihre Thaten ſelbſt be⸗ zeugen zu können. Fünftes Kapitel. Die große Frauengaſſe, welche durch Zaar Peter's Quartiernahme bei dem berühmten Goldſchmied Ding⸗ linger in den Augen des Publikums eine ganz beſondere Bedeutung gewonnen hatte, war an dem Nachmittage, an welchem der moskowitiſche Selbſtherrſcher vor ſeiner am nächſten Tage ſtattfindenden Abreiſe ein Feſtmahl gab, das Ziel einer ununterbrochenen Wallfahrt, denn es gab da ſo Manches zu ſehen, was die Schauluſt befriedigen konnte. Die ausſchließlich in der kurfürſtlichen Re⸗ ſidenzſtadt Dresden herrſchende Luft war durch und durch Hofluft. Es fehlte freilich auch nicht an Leuten, welche das üppige Treiben am Hofe Auguſt's des Starken als eine Schwächung des Anſehens der fürſtlichen Würde betrachteten, nicht an Leuten, die aus dem buntflimmern⸗ — — 123 den Glanze der höfiſchen Unmoralität, die ſich hier im großen Train breit machte, den Verfall der Sittlichkeit im Volke ſelbſt weiſſagten und himmliſche Strafen für dies Gebaren für die Zukunft prophezeiten; aber die Stimmen dieſer Unglücksverkünder beſchränkten ſich nur auf einen ſehr kleinen Bruchtheil in der Bevölkerungs⸗ menge, die wohl nach Tauſenden von Köpfen, aber nicht nach Tauſenden von Denkenden zählte und eben nur dem zu huldigen gewohnt war, was der Augenblick brachte. Welch prächtiges Mahl mußte das von dem Zaaren gegebene ſein! Die Ladendiener von Monſieur Choiſeul, dem franzöſiſchen Weinhändler in der Schloßgaſſe, und die Küfer des ſeit wenigen Jahren erſt beſtehenden Leipziger Weinkellers auf der Pirnaiſchen Gaſſe, deſſen Gaſträume ein ziemlich umfangreiches Souterrain einnahmen, was allerdings mit den Begriff Keller anfs beſte harmo⸗ nirte, brachten große Körbe mit Flaſchen edlen Reben⸗ ſaftes geſchleppt, die Kochburſchen und Aufwärter aus dem goldnen Ring am Altmarkte, dem damals be⸗ deutendſten Hotel der kurfürſtlichen Reſidenz, wo der Zaar zur Zeit früherer Anweſenheit in Dresden gewohnt und jetzt ſein Gefolge untergebracht war, und die Aufwärter das Traiteurs Schimmel in der alten Kriegskanzlei auf der Schloßgaſſe ſchafften anſehnliche Tragen mit Speiſen 124 Zwei Rathsknechte in ihrer ſtattlichen ſchwarzen und mit gelben Kragen und Aufſchlägen verſehenen Gewandung, mächtige Hellebarden mit gewaltig dicken Troddeln in den eben erwähnten Stadt⸗ oder Rathsfarben in den Händen, bewachten die Thür des Hauſes, um nicht hineingehören⸗ den Perſonen den Eintritt zu verwehren, und das war allerdings kein leichtes Stück Arbeit. Diener in könig⸗ licher Livree, zur Tafelbedienung befohlen, und große Körbe mit ſilbernen Tafelgeräthen, von dem Unterper⸗ ſonal der königlichen Silberkammer überwacht, fanden gleichfalls ihren Weg in das Goldſchmiedshaus. Und was außer allen dieſen Sehenswürdigkeiten, von denen eigentlich Niemand etwas Genaueres zu ſehen bekam, denn die Speiſen wurden verdeckt gebracht, das Silber⸗ geräth in wohlverſchloſſenen Körben und nur die Wein⸗ flaſchen ſah man in Natura die Hälſe und die geſiegelten Köpfe aus ihren engen Zellen hervorſtrecken, die Schau⸗ luſt bedeutend anzog, das waren die Herren des zaari⸗ ſchen Gefolges. Die Bojaren trugen reich mit Edelſteinen oder Gold verzierte lange Kaftane; an breiten glänzenden Gürteln, welche die kurzen, darunter ſichtbaren Röcke feſt zuſammenhielten, hingen die mit koſtbaren Griffen ver⸗ ſehenen Säbel; die weiten, mit handbreiten Gold⸗ oder Silbertreſſen beſetzten Beinkleider verſchwanden in hohen, 125 bis an die Kniee hinauf gerollten Stiefelſchäften von braunem oder gelbem weichen Leder. Die meiſten trugen das Fes mit Agraffe und weißem Reiherbuſch, nur einige hatten runde, niedrige Hüte mit Federſchmuck. Es war etwas Fremdes, was beim Anblick dieſer reichen Mosko⸗ witen vors Auge trat und daher auch die Neugier um ſo mehr anzog. Eins nur war allen dieſen vornehmen Herren gemein⸗ ſam; jeder von ihnen trug eine goldene Kette mit einem oder auch mehreren daran hängenden kleinen Heiligen⸗ bildern in meiſt mit Edelſteinen reich beſetzten Gold⸗ rahmen. Indeß konnte Niemand behaupten, daß dieſe halb europäiſchen, halb aſiatiſchen Cavaliere beſondere Notiz von dem Volke genommen, es mochten ihnen dieſe Neu⸗ gierigen nicht anders als die moskowitiſchen Leibeigenen erſcheinen, von denen ſie ſo und ſo viel Tauſende von Seelen commandirten. Als dieſe vornehmen Fremden erſchienen, hatten die Rathswächter vollauf zu thun, das ſich nach der Thür drän⸗ gende Volk zurückzuhalten, und Mancher erhielt einen Denkzettel in die Rippen von den eifrig ihren Dienſt verwaltenden Hellebardiſten. „Gevatter Froſch, laß mich nur ſo'n Biſſel hinein⸗ ſchlüpfen, ich mach' Deinem Niklas auch die nächſten neuen Hoſen fürs halbe Geld“, flüſterte eine dünne Stimme 126 an einen der großen, höchſt bärbeißig ausſehenden Rathsmänner hinan. „Biſt wohl närr'ſch, Krümel⸗Schneider?“ entgegnete der von dieſem Anſinnen ſehr indignirte Wächter. „Das gerade nicht, aber ich bin Schneider;'s iſt wegen der Maskenbälle, daß man ſich ſo n fremdes Ge⸗ wandel genau anſieht. Setz die Beine auseinander, Gevatter, ich ſchlüpf durch, es ſieht’s Niemand.“ Dieſer Vorſchlag wurde von dem kleinen, ſehr hagern Männlein mit ſo rührender feiner Stimme ſeinem lan⸗ gen Gevatter zu⸗ oder vielmehr hinaufgeflüſtert, daß dieſer bewegt davon herabmurmelte:„Na, da ſchlüpf durch.“ Im nämlichen Moment, als der Kleine den Kopf durch die ungewöhnliche Paſſage ſchob, brauſte der Ruf: „Der König kommt!“ die Gaſſe entlang, gleichzeitig drängte ſich die Volksmenge an die beiden Häuſerreihen, um dem unter Vorritt von Pagen und unter Vortritt von Läufern ſich raſch nahenden königlichen Wagen freie Bahn zu laſſen. Durch das plötzliche heftige Zurückdrängen geriethen die beiden an der Thür des Dinglinger'ſchen Hauſes einander gegenüberſtehenden Rathshellebardirer ſo hart an die Wand, daß es ihnen unmöglich wurde, ſich zu bewegen, ſie ſtanden förmlich eingekeilt zwiſchen der Haus⸗ 127 wand und der Volksmenge. Gervatter Froſch verſuchte das Möglichſte, um dem Krümel⸗Schneider auf irgend eine Weiſe zum Rückzuge behülflich zu ſein, denn jetzt ihn in das Haus hineinſchlüpfen zu laſſen, wäre ganz un⸗ denkbar geweſen. Zu allem Unglück aber ſtand hinter ihm ein vierſchrötiger Schmiedegeſelle, welcher jeden Verſuch des kleinen zwerghaften Schneiders, ſich ſeiner üblen Stellung und ſomit ſeinen Hals der durch ſeines Gevat⸗ ters ſtämmiges Piedeſtal ihm zur lebendigen Klammer gewordenen Paſſage zu entziehen, mit einigen derben Püffen abwehrte. Niemand achtete jetzt auf dies kleine Intermezzo, weil aller Blicke nach dem ausſteigenden König und deſſen Begleitern gerichtet waren. Es gehörte zu den erfreulichen Eigenſchaften König Auguſt's des Starken, jederzeit eine milde, gewinnende Freundlichkeit als wahren, nicht erkünſtelten Ausdruck ſeiner imponirenden Erſcheinung zu äußern. Für einen Mann, welcher im Genuß der Lebensfreuden ſo aus⸗ dauernd war und welcher im Wechſel den Reiz fand, den Becher der Luſt bis auf die Neige auszukoſten, war dieſe Aeußerung nur eine natürliche Conſequenz. Hatten ihm auch die Ereigniſſe der Zeit manche Bitterkeit, manche herbe Erfahrung gebracht, ſo überwog doch bei ihm der Sinn für Vergnügungen die Nachhaltigkeit ſolcher ————— 128 üblen Eindrücke. Er war ein leichtlebiger König, weder ein weitblickender Staatsmann, deſſen Combination die Möglichkeiten und Folgen politiſcher Schachzüge in ſeinen Bereich zog, noch ein Held, der, von der Victoria mit Lorbeer bekränzt, ſeinen Namen mit Blut und Eiſen in die Steintafeln der Geſchichte ſchrieb; nur eine ſchöne Einzelerſcheinung war er, welche trotzdem einen unge⸗ heuern Umſchwung in ſeiner Zeitgeſchichte hervorrief, der heiterſte Reformator, den je die Erde getragen, denn durch ihn brach ſich eine neue Zeit Bahn, und es kam ein Segen über Deutſchland, der nachhaltig wirkte. Sein Hauptunſtern beſtand darin, daß es mit ihm zu⸗ gleich einen vierzehnten Ludwig von Frankreich gab. Original und Copie bleiben immer verſchieden. Bis zu ſeinem Auftreten als Monarch lag die trau⸗ rigſte Unfreiheit des Geiſtes als Alpdruck auf Deutſchland, die Naturnothwendigkeit einer Reaction vollzog ſich in ihm und durch ihn, denn in ſeiner Perſon ſtellte ſich der Uebergang von der alten, durch Rohheit, geiſtige Unfrei⸗ heit und trotz allen theologiſchen Schwulſtes in die Feſſeln des craſſeſten Aberglaubens geſchmiedeten Zeit zu einer neuen, freiern und gebildetern Anſchauung dar. Sein Bei⸗ ſpiel bewirkte Nacheiferung, und wenn auch ſein Hof ein Venusberg, ſo zu ſagen, eine Hochſchule für die raffi⸗ virteſten Debouchen war, ſo wurzelten doch in dem vor 129 den Augen alles Volkes auf dieſe Weiſe zubereiteten, durch viele Fäulniß gedüngten Boden die erſten Faſern, wenn wir dieſe Bezeichnung dafür anwenden dürfen, der Freiheitsbeſtrebungen in ſpäterer Zeit. Indem man den Nimbus der Erhabenheit zerſtörte, bereitete man den beſten Humus für die aufblühende Erkenntniß der Geiſter. Der erſte aus dem königlichen Wagen Steigende war von kleiner, ſchmächtiger Figur, mit einem langen Geſicht, einer Adlernaſe und ruhigen, ſcheinbar unbeweglichen Zügen ausgeſtattet. Es war der als ruſſiſcher Oberſt nach der ſiegreichen Schlacht von Pultawa in König Auguſt's Dienſte getretene Graf Frieſen, unter den mit Titeln und Rang ausgezeichneten Männern ſeiner Zeit eine wirklich ſolide Größe, der geiſtig bedeutendſte Mann am ſächſiſchen Hofe. Ihm folgte der Oberfalkenier und Kammerherr, Graf Vitzthum, des Königs Günſtling, der als Page und Kammerjunker mit ihm die europäiſche Tour gemacht hatte und ſein ganzes Vertrauen beſaß. Wie Graf Frieſen die Kleinheit repräſentirte, ſo Graf Vitzthum die Ebenmäßigkeit einer langen, ſchlanken Män⸗ nergeſtalt mit dem unverkennbaren Gepräge größter Gutmüthigkeit in dem bildſchönen Antlitz. Beide Cavaliere, an den Seiten des Wagenſchlags ſtehen bleibend, ſtreckten dem nun ausſteigenden König Auguſt die Hände als Carion, König Auguſt. I. 9 ———— 130 Stützen entgegen, und mit ein paar Tritten befand ſich der Monarch vor dem Hauſe ſeines Hofjuweliers. Einen Moment verweilend, überblickte der König das dicht gedrängt ſtehende Volk und grüßte freundlich nach allen Seiten hin. Es war nichts Gemachtes in dieſem Gruße. Die Herzensgüte, die aus den Zügen ſeines männlich ſchönen Geſichts leuchtete, war der wirkliche Grundton ſeines Gemüthes. Wenn wir von ſeiner im⸗ ponirenden Erſcheinung geſprochen haben, ſo bezog ſich dies keineswegs auf eine koloſſale Größe der Geſtalt, im Gegentheile ragte er nicht ſehr über Mittelgröße empor, aber er beſaß einen außerordentlich kräftigen, tadelloſen Formenbau, und die ſchöne, ungezwungen ſtolze Haltung lieh ihm dem Anhauch einer Grazie, welche ſeinen beiden Begleitern mangelte, obwohl Graf Frieſen wegen ſeiner graziöſen Manieren in den Hofkreiſen ſehr gerühmt ward und Graf Vitzthum, wenn auch geiſtig unbe⸗ deutend, doch in der Geltung eines ganz beſonders für den Hof geſchaffenen Cavaliers ſtand, den man ſeiner ſtets arti⸗ gen, belebten und aufgeräumten Weiſe wegen hochſchätzte. An der Hausthür erſchien der Hofjuwelier, ſeinen Herrn und Gönner zu begrüßen. „Ah, da mein Dillinger!“ ſprach der König laut zu Vitzthum.„Gehen wir.“ Der König hatte jedoch kaum drei Schritte gethan, n, 131 als er überraſcht ſtehen blieb, und indem ſein ſchönes Geſicht von dem es im Nu überfließenden Sonnenſcheine eines nicht zu unterdrückenden Lachens leuchtete, rief er: „Vitzthum, ſieh dieſe unbezahlbare Larve!“ Dabei deutete er auf das zwiſchen den Beinen ſeines würdigen Gevatters Froſch eingeklemmte lange Geſicht des Krü⸗ mel⸗Schneiders. Dieſe Worte, die von den in vorderſter Reihe ſtehenden Leuten des die kurze Paſſage zwiſchen dem Wagen und der Hausthür umdrängenden Publikums deutlich vernommen worden, lenkten deren Blicke auf den Krümel⸗ Schneider und trotz der Gegenwart des Königs konnte man ſich nicht enthalten, laut aufzulachen.„Unglückſeliger Krümel, gehſt zurück?“ murmelte Gevatter Froſch, ſchnell erkennend, daß nur dieſer die Urſache des Gelächters ſei, und verſuchte ihn mit der zum Präſentiren vor Seiner Majeſtät gerade vor ſich hingehaltenen Hellebarde, dieſe ganz an ſich heranziehend, zurückzudrücken. Die Berüh⸗ rung der mit einzelnen Eiſenknöpfen als Zier bis zum Drittel von unten herauf beſchlagenen Hellebardenſtange mochte aber für den Krümel⸗Schneider eine ſo empfind⸗ liche ſein, daß er ſehr hörbar rief:„O Gottchen, Ge⸗ vatter, meine Naſe!“ Ein paar Worte des Königs an Vitzthum, und der Eingeklemmte erhielt ſeine Freiheit, indem ſein Gevatter 9* 132 Froſch auf Befehl ſich in jene wunderbare Stellung verſetzen mußte, die einſt der rhodiſche Koloß behauptete, unter dem die ſchwer befrachteten Seeſchiffe mit vollen Segeln wie unter einem rieſige Thore hinglitten. Die äußere Erſcheinung des kleinen Schneiders ſtreifte ſtark ins Gebiet des Komiſchen, aber ſein innerer Menſch beſaß jenes reſolute Naturell, das ſich nicht ſo leicht einſchüchtern läßt und den momentanen Zufälligkeiten die Spitze bietet, ſobald dabei nicht körperliche Kraft ins Spiel kommt. „Allergnädigſte königliche Majeſtät“, hob er nach einer ſo tiefen Verbeugung, daß ſein Kopf höchſtens nur anderthalb Spannen breit vom Boden entfernt blieb, ſofort an,„wenn ich, der Krümel⸗Schneider, nicht vor⸗ und nicht rückwärts aus meines Gevatters Froſch Bein⸗ klemme kommen konnte, wie ſoll da erſt ein Kameel durch ein Nadelöhr gehen? Ich begreif's nicht.“ „Wie kam Er in dieſe lächerliche Situation?“ fragte der Oberfalkenier. „Weil ich was ſehen wollte“, lautete des kleinen Mannes Antwort.„Hinter den Goliathen kommt's Davidchen allemal ſchlecht weg. Als Schneider, der an Maskeradenanzügen arbeiten muß, wollte ich die Herrſchaften ſehen, für unſereinen iſt dergleichen immer lehrreich. Wie hätte ich's denn anders machen ſollen?“ ——— ——— 133 Ein paar franzöſiſche Worte des Königs, den dieſe Scene ſehr beluſtigte, veranlaßten den Grafen Vitzthum, dem Krümel⸗Schneider die Erlaubniß zu geben, ſich den königlichen Lakaien anzuſchließen. „Was ſagſt Du nun, Gevatter Froſch?“ rief der kleine Held von der Nadel triumphirend, als er den Lalaien nach ins Haus trat.„s Davidchen iſt dies⸗ mal über'n Goliath gekommen. Seine allergnädigſte Majeſtät ſoll leben!“ Dieſes kleine Intermezzo hatte nicht nur den König und ſeine Begleiter, ſondern auch das Publikum ſehr beluſtigt, und indem unter dem letztern die Mittheilung des komiſchen Vorfalls curſirte, ſodaß das Lachen weithin, wie an einer Klippe brandende Wogen ihre Kreiſe ziehen, ſich auf die Fernſtehenden verpflanzte, blieben die noch vorfahrenden Gäſte des Zaaren ziemlich unbeachtet. Der Zaar hatte ſich heute ſtaatsmäßig herausgeputzt, wenigſtens nach ſeiner Meinung, die äußern Flitter nicht nur nicht beachtete, ſondern ſogar verachtete. Er trug ein ſpaniſches Wams mit fliegenden Aermeln, enge Beinkleider und dazu ſehr bequeme holländiſche Schifferſchuhe, ein kleines ſchwarzes Barett deckte ſein glattgeſchorenes Haupt. Die Sorge, ſeinen Kopf vor Erkältungen zu ſchützen, lag ihm jederzeit ſehr am — 134 Herzen, weshalb er es auch für probat hielt, gelegent⸗ lich eines Beſuchs des Gottesdienſtes in der Hanſeſtadt Danzig, wo er der Heiligkeit des Ortes wegen das Haupt entblößen mußte, dem neben ihm ſitzenden Bür⸗ germeiſter die Lockenperrücke vom Kopfe zu nehmen und ſie ſich aufzuſetzen, eine Wanipulation, welche jedenfalls die Gemeinde nicht zu höherer Andacht ſtimmte. Zaar Peter zeigte ſich heute als ein außerordentlich heiterer und liebenswürdiger Wirth, welcher ſeinen Gäſten mit dem beſten Beiſpiele im Trinken voranging. Er hatte nicht vergeſſen, die fremden Geſandten ein⸗ zuladen, und beſonders erhielt der von Frankreich, Mar⸗ quis de Monti, viele Zeichen ſeiner Aufmerkſamkeit. Mit großem Vergnügen erinnerte er ſich ſeines Aufent⸗ halts in Paris, und der Marquis war fein genug, ihm das Compliment zu machen, daß er es verſtanden, mit einem einzigen Wort ſich die Sympathien des Hofes und der Pariſer zu erwerben. „Ich weiß, was Sie meinen, Herr Marquis“, lachte Peter.„Ich trug den kleinen Dauphin, der mich am Portal bewillkommte, auf meinen Armen die Treppe hinauf, indem ich rief: Ich trage Frankreich auf meinen Armen! Nun, es war volle Wahrheit und ſicher im Sinne meines königlichen Herrn Bruders Ludwig, der ——— den unwiderlegbar wahren Grundſatz: L'état c'est moi, für jeden Monarchen als Parole ſeiner Regierung feſt⸗ geſtellt hat. Seiner Majeſtät meinem königlichen Bruder von Frankreich gehe es wohl!“ Mit dem Geſandten anſtoßend, der nicht verſäumte, im Namen ſeines Herrn Dank und Erwiderung des guten Wunſches dem Zaa en abzuſtatten, fühlte ſich letz⸗ terer ungemein angeregt und äußerte:„Meine Herren Brüder im Abendlande wiſſen es nicht, wie gut ſie's haben. Sie ſind lachende Erben, ich dagegen bin ein Hausvater, der ſeine Kinder erſt groß zu ziehen und ihr Erbe fruchttragend zu machen hat. Das iſt ein Unter⸗ ſchied, den auszugleichen wohl als ſchöne Aufgabe er⸗ ſcheint, aber ein langes Leben beanſprucht. Wird mir der Allmächtige es vergönnen? Wer kann es ſagen?“ Kam Zaar Peter auf dieſes ernſte Thema, ſo gab es nichts, was ihn ſofort dieſem Ideengang hätte ent⸗ reißen können, und in den Seſſſel ſich zurückleh⸗ nend, überließ er ſich jetzt dem Denken über dieſen Gegenſtand, den man als die Achſe ſeines geiſtigen We⸗ ſens bezeichnen konnte und zu deſſen Realiſirung ihm kein Opfer zu groß und Ströme Menſchenblutes nicht zu koſtbar waren. Marquis de Monti ſtörte ihn nicht bei dieſer innern Einkehr und betrachtete unterdeß mit großem Vergnügen die Aufſätze, mit welchen die königliche Silberkammer die Tafel des Zaaren geſchmückt hatte. Beſonders war da einer, Abraham im Begriff, ſeinen Sohn zu opfern, darſtellend, dem er das größte Intereſſe als einer aus⸗ gezeichneten Ciſeleurarbeit widmete. Die edle Plaſtik in den beiden an Jahren ſo verſchiedenen Geſtalten des fanatiſch⸗ſchwärmeriſchen Erzvaters und ſeines jungen, die gehorſame Hingebung in den väterlichen Willen ſo treu ausdrückenden Sohnes Iſaak mußte auf jedes Gebildeten Auge von mächtig ergreifender Wirkung ſein. Der Marquis hatte darum gebeten, daß man ihm ſeiner Kurzſichtigkeit wegen dieſen etwas entfernt von ihm ſtehenden Aufſatz näher rücke, und als man ſeinem Verlaugen gern willfahrt hatte, ſchien er bei deſſen naher Betrachtung ungemein überraſcht. „Feſſelt Sie dieſe plaſtiſche Darſtellung ſo ſehr, Herr Marquis?“ fragte eine wohltönende Stimme hinter ihm und ein Kopf neigte ſich zu ſeinem Ohre nieder.„Bleiben Sie, bleiben Sie, Herr Marquis“, fügte der Sprechende bei, indem er die Hand auf die Schulter des aufſtehen Wol⸗ lenden legte.„Gefällt Ihnen dies Meiſterſtück der Ciſelir⸗ kunſt?“ „Sire, ich habe einen ganz gleichen Aufſatz auf der Tafel meines gnädigſten Herrn und Königs in Verſailles bewundert. Ganz denſelben, Sire, ich entſinne mich ——— 137 deſſen genau. Wäre es denkbar, wollte ich ſagen, der Aufſatz ſei ein und derſelbe, ſo täuſchend ähnlich ſind ſie einander.“ Mit lächelnder Miene antwortete König Auguſt:„Sie wären der Wahrheit ſehr nahe gekommen, Herr Marquis, wenn Sie der Vermuthung Raum gegeben hätten, daß eine und dieſelbe Meiſterhand beide Kunſtarbeiten ge⸗ ſchaffen, und zwar eine Dame.“ „Sire—“ „Zweifeln Sie nicht, Herr Marquis. Ich ließ die junge Künſtlerin durch meinen Geſandten in Paris enga⸗ giren und muß ihm das Zeugniß geben, daß es voll⸗ kommen unmöglich geweſen ſein würde, meinen Wunſch entſprechender zu erfüllen, als es geſchehen. Ich hoffe Mademoiſelle Zephanja Gomeles dahin zu beſtimmen, daß ſie mein Dresden als zweite Heimat wählt.“ „Sire, ich hatte Gelegenheit, dieſe Künſtlerin, deren Namen Sie eben nannten, vor zwei Jahren perſönlich im Hotel der Frau Herzogin von Soubiſe kennen zu ler⸗ nen. Die Frau Herzogin von Soybiſe intereſſirte ſich ſehr für ſie. Was konnte aber die junge Künſtlerin be⸗ wegen, von Paris, wo ſie ſo viel Anerkennung und Huld fand, ſich wegzuwenden? „Ich habe alle Urſache, zufrieden mit der Acquiſition zu ſein, die ich an ihr gemacht habe, um nicht nach den Beweggründen zu forſchen, welche ſie beſtimmten, meine Anerbietungen anzunehmen“, entgegnete König Auguſt. „Sire, ich wünſche, daß Ihre Hoffnung, dieſe Künſt⸗ lerin Ihrem Hofe und Ihrer Reſidenz für immer zu gewinnen, ſich erfüllen möge.“ „O, Mademoiſelle Zephanja beſitzt einen zu ernſten, nachdenklichen Charakter, um nicht ſorgfältig eine ge⸗ ſicherte gegen eine nicht geſicherte Zukunft abzuwägen. Mein Hoſfjuwelier iſt eine empfehlenswerthe Partie für ſie. Auf alle Fälle iſt dieſer als Künſtler wie als Menſch von allen geachtete Mann ihrer würdig.“ Und lächelnd fügte der König hinzu:„Ich bin ſo wenig ge⸗ wohnt, Körbe zu empfangen, daß ich nicht glauben kann, Mademoiſelle Gomeles, bei der ich für meinen Dillinger werben will, werde mich mit einem Geflecht dieſer Art bedenken.“ Während der König dieſen Gedanken ausſprach, hatte Zephanja in Elſe eine Geſellſchafterin, die heute mehr als jemals ſprachſelig ſich erwies. Die Dämmerung war bereits ſo tief niedergeſunken, daß die Künſtlerin ſchon bei Lichte arbeitete. Draußen drillte der Wind, der ſich mit Einbruch des Abends erhoben, die Wind⸗ fänge auf der Plattform, in dem Atelier war es lauſchig warm und das durch die waſſergefüllte hohe Glasſchale fallende Licht der hinter derſelben bren⸗ 139 nenden Lampe ruhte wie ein blendendweißer Mond⸗ ſchimmer auf dem Pfeilnagel, an dem Zephanja emſig den Stichel handhabte. Aus dem Hofe herauf ſchallte heute das Gewirr mehrerer Stimmen; Herr Dinglinger hatte aus den untern Räumlichkeiten, inſoweit ſich dies nur thun ließ, die Geräthſchaften entfernen laſſen, welche zum Bereiten des Golddrahtes und Goldblechs erfor⸗ derlich waren und dadurch für das niedere Gefolge ſeines hohen Gaſtes einen mit herbeigeſchafften Tiſchen und Bänken ausgeſtatteten Aufenthaltsort gewonnen, eine Vor⸗ ſicht, die ſich als höchſt praktiſch erwies, da die könig⸗ lichen Lakaien, welchen ein Gemach im erſten Geſchoß des Hinterhauſes zum Aufenthalt angewieſen worden, keineswegs von dieſer fremden Geſellſchaft ſehr erbaut geweſen wären, welche ſtark ans Rüde ſtreifende Ma⸗ nieren beſaß und ſchon wegen völliger Unkenntniß der deutſchen Sprache jeder Verſtändigung unzugäng⸗ lich war. „Höre Sie nur, Mamſell Gomel, was dieſe Wil⸗ den zuſammenkröhlen!„bemerkte Elſe ſehr indignirt nach einer in der von ihr faſt allein geführten Unterhaltung⸗ eingetretenen Pauſe.„Iſt das nicht ſchrecklich? Verhüt's der Himmel, daß die Sippſchaft je wieder in unſer Haus kommt! Unſer Herr Hofjuwelier hat ſie ebenfalls ſatt, obſchon er ſich nichts davon merken läßt; natürlich, dazu 140 iſt er zu klug. Etwas Gutes hat aber dieſe ruſſiſche Heimſuchung doch für ihn.“ Es war vielleicht mehr Zufall als Abſicht, daß Ze⸗ phanja von ihrer Arbeit aufblickend die Augen auf Elſe richtete, welche dadurch in den Glauben gerieth, ſie habe ſie nicht verſtanden.„Mit dem Guten meine ich nämlich, daß er dadurch zu der Erkenntniß kommt, daß er nicht Wittwer bleiben kann, daß er heirathen muß. Das hat Sie verſtanden, gelt?“ „Ja, ja, Monſieur Dillinger heirathen“, antwortete Zephanja. „Heirathen, gewiß, das iſt das Einzige, was ihm die Sorge fürs Hausweſen abnimmt. Wenn eine Frau im Hauſe iſt, braucht er ſich nicht mehr darum zu kümmern. Es iſt wahr, er kann eine Menge Hände bezahlen, die alle im Hauſe mit wirthſchaften helfen, das Rechte fehlt aber doch. So ein Wittmann, dem ſo viel Sorge auf dem Halſe liegt, wie unſerm Herrn Hofjuwelier, kommt mir vor wie einer, dem der Sonnenſchein ab⸗ handen gekommen iſt und der im Trüben ſeine Straße wandelt.“ Ein aus den Hofräumlichkeiten heraufſchallendes Sin⸗ gen unterbrach Elſe's Klagen um ihren ohne Sonnen⸗ ſchein wandelnden Brodherrn. „Höre Sie nur dieſe Halbmenſchen da unten, Mam⸗ 141 ſell Gomel!“ rief ſie ärgerlich.„Das ſoll Jemand mit geſunden Ohren gefallen!'s iſt ein um kein Haar ande⸗ res Gekröhle, als unſere Spittelleute verführen, wenn ſie in Sanct Materni Kirche haben.“ Nach einer Weile hatte ſich der Aerger bei ihr über den ſehr wirren Singſang gelegt und ſie nahm den unterbrochenen Gedankengang wieder auf.„Wenn ich's nur dem Hern Hofjuwelier ſtecken könnte, daß er wegen einer Zukünftigen das Nothwendigſte erfahren kann; aber wie ſoll ich's ihm beibringen? Und's iſt doch ſo; andere Leute ſind auch nicht auf den Kopf gefallen und dazu recht noble Leute.“ Zephanja hatte dieſe verblümte Andeutung offen⸗ bar nicht verſtanden, ſie fragte:„Wer iſt gefallen auf den Kopf? Elſe fand darin eine Aufforderung, ihr nach Kräften klar zu machen, was ſie damit meine. Sie erzählte von ihrer Großmutter Deutungsgabe und daß viele und darunter die vornehmſten Damen zu derſelben kämen, ſich in Kenntniß über ihre Zukunft zu ſetzen. Um Zephanja das deutlich zu machen, gehörte allerdings eine beſondere Ausdauer im Erklären dazu, indeß Elſe befand ſich im vollſtändigſten Beſitze derſelben, um ſo mehr, als ſie dabei vom Stolze auf ihre Großmutter und von dem gutge⸗ meinten Wunſche, daß ihr Brodherr ſich der wunder⸗ — ——————— q· 142 baren Prophetie derſelben bedienen möge, geleitet wurde. Als Zephanja den Sinn deſſen erfaßt zu haben gewiß war, was Elſe ihr mit ſo viel Aufwand von Beredt⸗ ſamkeit, die nach jedem nur denkbaren Hülfsmittel griff, ſich ihr verſtändlich zu machen, auseinander geſetzt hatte, ſagte ſie lächelnd:„O, wie kann alt Weib wiſſen, was von der Zukunft verhüllt iſt!“ „Nun, nun, ich habe mein Lebtag gehört, daß es gar nichts ſo Ungewöhnliches iſt, daß Prophezeiungen eingetroffen ſind, die andere Leute gethan haben, warum ſollten die meiner Großmutter ſchlechter ſein? Das iſt eine ſehr fromme Frau, welche Bibel und Geſangbuch ſchier auswendig weiß, und da iſt's alſo gar nichts ſo Ee⸗ ſtaunliches, daß ſie ein wenig mehr als Andere verſteht in Dingen, die verwunderlich genug ſind und die ſich Niemand erklären kann. So zum Beiſpiel weiß ich's ganz beſtimmt, daß ich noch einmal eine Frau Kaufmännin werde, und meinem Liebſten hat ſie's auch geſagt, daß er feſt darauf rechnen köne, ſeines Vaters Unſchuld käme noch an den Tag und zwar aus einem Sarge. Das Nähere drum und dran wiſſe ſie freilich nicht, aber geſchehen würde es ſicherlich. Das klingt ganz kurios, aber wenn's die Groß⸗ mutter ſagt, läßt ſich gar nicht daran zweifeln.“ Eine Zeit, wie die damalige, in welcher der tollſte Aberglaube, dem Vornehme wie Geringe huldigten, in 143 vollſter Blüte ſtand, mußte als beſte Entſchuldigung für Elſe's Wahn hinſichtlich der Unfehlbarkeit der Prophezei⸗ ungen ihrer Großmutter dienen, zumal da die Liebe des jungen Mädchens für die greiſe Frau einen unbezweifelt großen Antheil daran hatte. Die Gemüther der damals Lebenden erwieſen ſich für Außergewöhnliches ungemein empfänglich, geiſtige Bildung und Unglaube waren weit weniger als heutzutage Gemeingut des Volkes im Gan⸗ zen. Roh in Sitten, war man es auch in den Anſchau⸗ ungen der Naturkräfte, die Geſetzgebung ſelbſt hatte die Verfinſterung der Geiſter beſonders begünſtigt, indem ſie die ſcheußlichſten Martern und Todesarten als Strafe über alle die verhängte, welche der Hexerei und Zauberei und anderer wahnſinniger Erfindungen, die ſammt und ſonders auf Umgang und Kenntniß mit übernatürlichen Weſen und Kräften hinausliefen, angeklagt waren. Eine Zeit, in der man Wettermacher und Peſterzeuger auf dem Schaffot oder auf dem Scheiterhaufen dem Volke vorführte, war nicht dazu angethan, durch Vernunft gerin⸗ gere Grade von Aberglauben zu entkräften. Letzterer hatte ſich als einer der abſcheulichſten Paraſiten an die Menſchheit hinangerankt und ſie überwuchert. Auguſt's des Starken Regierungsantritt war von jenem berüchtigten Neitſchützer Hexenproceß begleitet geweſen, deſſen Theilnehmer aus allen Ständen der Geſellſchaft, von der Hefe des Pöbels 144 bis in das kurfürſtliche Schloß hinauf ſozuſagen eine Stufenleiter bildeten, welche in der Perſon der verwitt⸗ weten Kurfürſtin gipfelte. Nur wenige auserleſene Gei⸗ ſter ſtanden erhaben über dieſen Schwächen ihrer Zeitge⸗ noſſen, aber wenn auch von Jahr zu Jahr die freiern Anſchauungen, wie König Auguſt der Starke ſie als Eigenthum ſeines aufgeklärten Geiſtes beſaß, immer wei⸗ ter um ſich griffen, ſo dauerte es doch noch lange, lange Jahre, ehe der entwürdigende Aberglaube, welcher einem von unterirdiſchen Quellen genährten See glich, der ſeine Umgebungen überflutet, allmälig eingedämmt, in immer engere Kreiſe zurückgedrängt wurde. Elſe fand einen ſo reichhaltigen Erzählungsſtoff hin⸗ ſichtlich der Weiſſagungsgabe ihrer Großmutter, daß ſie faſt ununterbrochen Mademoiſelle Zephanja mit der Flut ihrer Suade überſchüttete, natürlich in der Ueberzeugung, daß die Künſtlerin ihr ein ſehr aufmerkſames Ohr leihe. Ob dies wirklich der Fall, blieb unentſchieden. Ein be⸗ ſonderes Ereigniß führte unerwartet ſchnell das Ende ihres Beſuchs herbei. Das vierte Stockwerk des Hofes, daſſelbe, in dem die Ciſelirerin ihre Wohnung hatte, zeigte ſich plötzlich hell erleuchtet. Auf dem Gange zu letzterer erſchienen Hoflakaien, jeder mit einer brennenden Kerze, und ihnen folgten der Zaar und König Auguſt. „Daß mich Gott im Himmel beſchütze, da komme ich — —— 145 2 dem ruſſiſchen Bären wieder in die Hände!“ rief Elſe erſchrocken. Es war unmöglich, daß ſie ſich dieſer Be⸗ gegnung entziehen konnte, denn auf das Pochen an der äußern Wohnungsthür ſah ſie ſich genöthigt, dieſe zu öffnen. Die beiden hohen Herren gingen, ohne ihr eine Beachtung zu ſchenken, an ihr vorüber, und ſehr glücklich, nicht zum Gegenſtand der Blicke des Zaaren geworden zu ſein, vor dem ſie ebenſo viel Abneigung wie Furcht empfand, eilte ſie den Gang entlang nach ihres Herrn Wohnung hinab. „Sie ſind wie eine Biene ſo fleißig“, bemerkte der König gegen Zephanja, nachdem dieſe zwei auf dem Tiſche ſtehende Kerzen angezündet hatte.„Ich kann mich nicht entſinnen, Sie nur ein einzig Mal müßig gefunden zu haben.“ „Sire, die Arbeit iſt ein Glück. Ich würde mich unglücklich fühlen, wenn ich nicht arbeiten ſollte oder könnte.“ Zaar Peter, dem der ſtarke Genuß des Weins das Geſicht ſehr geröthet hatte, ſprach beiſtimmend:„Sie haben Recht. Jedem iſt ſein Platz, ſeine Arbeit ange⸗ wieſen. Wenn man erſtern ausfüllt, der andern ent⸗ ſpricht, das allein iſt der Segen und die Wohlthat, welche der Einzelne zum Beſten des großen Ganzen beiſteuert. Es iſt ſchade, Mademoiſelle, daß Sie kein Mann ſind. Carion, König Auguſt. I. 10 * 146 Männer mit ſolchem Grundſatz ſind werthvolle Edelſteine. Es iſt manches Aehnliche zwiſchen uns. Auch ich bin Ciſeleur, nur in etwas anderer Weiſe. Ihre Arbeit be⸗ ſteht darin, aus dem Ganzen zu geſtalten, demſelben ein augengefälliges Anſehen zu geben, meine Arbeit iſt eine ganz gleiche; die Stoffe, in denen wir arbeiten, allein ſind verſchiedene, die Ihrigen Metalle, die meinigen lebendiges Fleiſch und Blut. Sie genießen jedoch den Vortheil, daß der Stoff Ihnen keinen Widerſtand entgegenſetzt, ich habe den meinigen erſt zu bekämpfen, um ihn wider⸗ ſtandslos zu machen; indeß haben unſere Arbeiten gleiches Schickſal mit einander: nach uns müſſen Andere kommen, die ihnen den Schliff, die Politur geben.“ „Nun, Mademoiſelle“, ſcherzte König Auguſt,„Sie hören, wie nahe wir einander als Kunſtgenoſſen ſtehen, denn wohl oder übel muß ich mich zu der Ueberzeugung meines Herrn Bruders Majeſtät bekennen, daß wir Regenten die Ehre haben, Ciſeleure von Gottes Gnaden zu ſein.“ „Auf ſolche Kunſtgenoſſenſchaft hätte ich allerdings volle Urſache, ſtolz zu ſein“, äußerte Zephanja lächelnd. Der König neigte freundlich das Haupt gegen ſie. „Sie werden glauben, unſer Beſuch bei Ihnen ſei ein Ergebniß der Neugier, Sie bei Ihrer abendlichen Arbeit zu überraſchen, oder die Folge einer zufälligen guten — ,— Laune, ein uns überkommener Drang, die Tafelfreuden durch eine Zerſtreuung zu unterbrechen; von allen dieſen Vermuthungen würde keine die richtige ſein.“ „Sire, dann bin ich allerdings nicht im Stande zu errathen, welchem Anlaß ich die Ehre verdanke, Ihren Beſuch zu empfangen“, entgegnete Zephanja. „Der Anlaß iſt ein herzlich gut gemeinter“, redete der König weiter.„Ich wünſche meinem Hofe, meiner Reſidenz eine Künſtlerin Ihres Werthes für immer zu erhalten. Sie hören, ich bekenne Ihnen aufrichtig, daß ich nicht frei von Eigennutz bin. Um aber dies Ziel zu erreichen, muß natürlich Ihre Zukunft vollkommen ge⸗ ſichert ſein und dies kann nur dann geſchehen, wenn Sie den Wunſch eines als Künſtler und Menſch gleich ehren⸗ werthen Mannes, ſich ehelich mit Ihnen zu verbinden, durch Ihre Zuſtimmung erfüllen wollten.“ „Sire“, ſtammelte Zephanja und über ihr gebräuntes Antlitz zog die Bläſſe eines Schreckens hin, den ſie nicht zu unterdrücken vermochte. „Dieſer Mann iſt Ihnen kein Fremder, es iſt mein Hofjuwelier“, erklärte der König.„Sie haben die fünf⸗ viertel Jahre daher, daß Sie hier in ſeinem Hauſe leben, gewiß Gelegenheit gehabt, ihn beurtheilen zu können, und ich zweifle nicht, daß dies Urtheil ihm nur ſehr günſtig ſein kann.“ 10* ————————————— 148 Da Zephanja Schweigen beobachtete und ihre Blicke am Boden hafteten, fand ſich der König in ſeiner An⸗ nahme, ſie werde ohne Schwierigkeit auf ſeinen Vor⸗ ſchlag eingehen, enttäuſcht. Er ſah ſich ihr gegenüber in eine ihm gänzlich fremde Verlegenheit verſetzt, weil das Benehmen der Künſtlerin zu der Zuvorkommenheit, mit der er ſeinen Wünſchen entſprochen zu ſehen gewohnt war, einen ſehr ſchroffen Gegenſatz bildete. Obwohl er ſich davon unangenehm berührt fühlte, ſo war doch dieſe Empfindung nicht ſo übermächtig, um die ihm ange⸗ vorene Herzensgüte und die Erkenntniß, daß es Zeugniß eines ehrenwerthen Charakters ſei, einen Widerſtand zu äußern, wenn das an ihn Herantretende ſeinen Sym⸗ pathieu und Anſchauungen fremd ſei, nicht zur Geltung kommen zu laſſen. In gütigem Tone ſprach er zu ihr: „Wähnen Sie nicht, daß dieſer mein Vorſchlag mehr ſein ſoll als ein gutgemeinter Wunſch von mir. Ich kenne freilich nicht Ihre Vergangenheit und ging von der Anſicht aus, daß Jemand, der ſich dazu entſchließen kann, ſo weit von ſeiner Heimat in ein fremdes Land zu überſiedeln, gewiß frei von Verbindungen ſein muß, die ſonſt nicht leicht zerreißbare Feſſeln um das Herz legen.“ „Sire“, hob Zephanja mit mühſam errungener Ruhe 149 an, obwohl es feucht in ihren Augen von tief innerer Bewegung,„glänzte meine Vergangenheit iſt mein Geheim⸗ niß und alſo mein unbeſtreitbares Eigenthum. Es mag viele Menſchen geben, die kein ſolches Eigenthum beſitzen, deren Vergangenheit eine unbeſchrieben gebliebene Tafel iſt, und ſie ſind vielleicht glücklich zu nennen. Ich zähle nicht zu ihnen und doch kann ich, ohne vor mir ſelbſt erröthen zu müſſen, auf das hinter mir Liegende zurückblicken. Sire, darin beſteht mein Glück. Ich könnte ſtolz darauf ſein, denn ich habe es mit vielem Weh er⸗ kauft; aber dieſer Stolz wäre daſſelbe, was ein präch⸗ tiges Monument auf einem Grabe voll Moder iſt, ein Zierrath, der weder den Todten noch den Lebenden von Nutzen iſt.“ Als ſie ſchwieg, ſprach König Auguſt mit wohlthuend mildem Tone:„Was Sie mir da ſagen, deutet auf herbe Erfahrungen hin; aber ich glaube gerade deshalb eine ge⸗ wiſſe Berechtigung zu haben, Sie aufmerkſam zu machen, daß es eine der größten Schwächen iſt, wenn man durch das Anklammern an Verlorengegangenes, durch die Er⸗ hebung einer wenn auch noch ſo gerechten Trauer zum alleinigen Idol unſeres Denkens das Gute, was die Zeit uns bringt, abzuweiſen ſich beſtrebt. Ich halte es für unbillig gegen uns ſelbſt, denn es iſt alles Andere, nur keine Charaktergröße. Ueberdenken Sie das, 150 Mademoiſelle, und dann entſcheiden Sie ſich über meinen Vorſchlag. Ich ſehe es für eine Nothwendigkeit an, ſo⸗ bald die Brücken hinter uns abgebrochen ſind, vorwärts zu gehen, um feſten Grund und Boden zu gewinnen. Welches Glück erwarten Sie von einer Iſolirung? Die Zukunft bietet Ihnen keinen Lohn dafür, ſicher aber Vorwürfe, deren Recht ſich dann nicht abweiſen läßt.“ „Sire“, ſagte Zephanja,„ich vermag nichts gegen alles das aufzuſtellen, was Sie mir vor die Seele führten; aber es mag leichter ſein, gegen eine Leiden⸗ ſchaft des Kopfes als gegen eine des Herzens zu kämpfen.“ „Beide ſind gefährliche Feinde“, verſetzte König Auguſt raſch.„Das Sklaventhum, das die eine wie die andere über uns verhängt, weicht nur in der Art der Feſſeln ab, mit denen ſie Kopf wie Herz umſchlingen.“ Niemand konnte mit größerem Rechte dieſen Aus⸗ ſpruch thun als dieſer erſte ſächſiſche Polenkönig, der der Spielball beider verſchiedenartigen und doch in ihren Wirkungen ſo wenig unterſchiedenen Leidenſchaften war. Seine Ehrſucht hatte ihn zum Bewerber um eine Krone gemacht, deren Juwelen ſich für ihn in Dornen ver⸗ wandelt hatten, und doch war dieſe Leidenſchaft ſeines Kopfes nicht geſtillt, als ihm dieſe Dornenkrone vom Haupte geſtoßen worden war, im Gegentheil, ſie wachte mit verſtärkter Kraft in ihm auf, als ſich ihm nach des 151 Zaaren ſiegreicher Schlacht bei Pultawa aufs neue Ge⸗ legenheit zeigte, ſie an ſich zu bringen. Sie machte ihn blind für die Leiden, die er durch Fröhnung ſeines Ehr⸗ geizes ſeinem Erblande im Uebermaße aufbürdete, indem er es mit dem trügeriſchen Flimmer eines Königsdiadems entſchädigte, das nichts werth war. Seine Glanz⸗ und Prunkſucht waren die ſtützenden Pfeiler dieſer Leidenſchaft, welche ſeinem eigenen Hauſe die ſchwerſten Wunden ſchlug, weil er verblendet und rückſichtslos es den Gefahren der Schwächung gegenüber den deutſchen Fürſtenhäuſern, die die Kräfte ihrer angeſtammten Länder nicht im Auslande vergeudeten, entgegenführte. Weniger gefahrvoll waren die Leidenſchaften ſeines Herzens, ſie hatten das Schickſal üppig zur Blüte aufgeſchoſſener Blumen, deren Glanz und Schönheit früher oder ſpäter welkt. Zaar Peter hatte unterdeß die auf dem Werkbret ſtehenden Arbeiten Zephanja's und die verſchiedenen Werk⸗ zeuge, denen ſie ſich bediente, in genauen Augenſchein genommen, wie er dies ſtets zu thun pflegte, wenn er eine Werkſtätte, mochte ſie einem Gewerbe dienen, welches es ſei, betrat, denn nie verließ ihn der Gedanke, ob deſſen Verpflanzung nach Rußland nicht fruchtbringend für ſein Volk ſein könne. Die Wärme in dem Atelier taugte wenig zu ſeinem vom Weingenuß erhitzten Blute, der Schweiß perlte ihm in großen Tropfen auf der Stirn und er wendete ſich zum König mit der Frage „Haben Sie, mein Herr Bruder, beſchloſſen, mich die heißen Freuden der Hölle vorkoſten zu laſſen?“ Lachend rief König Auguſt:„Sire, ich theile den Genuß mit Ihnen, laſſen Sie ſich das einen Troſt ſein; indeß Sie erinnern rechtzeitig, daß unſere Gegenwart unten vermißt werden wird. Gehen wir alſo.“ Der Zaar trat zu Zephanja, und ihr die Hand reichend, ſagte er:„Wenn Sie Urſache haben ſollten, meines Herrn Bruders Land zu verlaſſen, ſo erinnern Sie ſich, daß auch ich eins beſitze, in welchem Sie will⸗ kommen ſein werden. Sie dürfen nicht Furcht haben, daß Ihnen die Temperatur, wie ſie hier iſt, dort fehlen wird, Rußland iſt reich an Wäldern und ich verſpreche Ihnen im voraus, daß Sie nicht Urſache haben ſollen, ſich über Mangel an Holz zu beklagen. Und vergeſſen Sie auch nicht, was ich Ihnen vor wenigen Tagen auf der Plattform von meinem Rußland ſagte.“ „Einen Monarchen, der, wie Sie, Sire, nur für ſein Volk lebt, vergeſſen zu können, halte ich für unmöglich; nur das Kleine und Kleinliche entſchwindet der Erin⸗ nerung“, ſprach die Künſtlerin.„Sire, ich bitte um die Gnade, den Beſten und Erleuchtetſten der ruſſiſchen Nation, deren Bewunderung Sie gewiß ſind, mich als in Ihrem Gedächtniß eingereiht betrachten zu dürfen. 153 Ich weiß kein beſſeres Abſchiedswort an Sie, Sire, zu richten.“ Der Zaar ſchaute ſie mit jenem ihm eigenthümlichen ſtrahlenden Blick an, in dem unverkennbar große Freude ſich ausprägte.„Leben Sie wohl, Zephanja“, ſagte er. „Ich wünſche Ihnen auf meinem Lebenswege wieder zu begegnen.“ Mit einem Scherze führte König Auguſt den Zaar aus dem Atelier und Zephanja blieb, mit hinreichendem Stoff zum Nachdenken verſehen, in demſelben zurück. Zum erſten Male trat die Zukunft ohne alle romantiſche Zuthat an ſie heran. Die Wirklichkeit der Verhältniſſe ſtand nackt vor ihrem Blicke, von keinem täuſchenden Gewande umhüllt. Der Kampf gegen dies herzloſe Ge⸗ ſpenſt mußte den letzten Duft ihres Liebestraums, in dem ſie noch vor anderthalb Jahren ſo glücklich geweſen, für immer zerſtören. Und doch war es unmöglich, dieſem Kampfe und dieſer Niederlage zu entgehen! Welch ſchneidender Gegenſatz in den beiden Geſtalten des Prinzen Charles von Soubiſe und des Hofjuweliers! Erſterer ein glänzender Jüngling aus einer Region, in der es den mit Geiſt und Gemüth Begabten ſo leicht wird, mit beflügelter Seele zu ſchwärmen, aus Allem, was das Leben beut, den Honigtropfen zu ziehen und die Sterilitäten der Alltäglichkeit unbeachtet zu laſſen; 154 der Andere an das Enge, Kleine gewöhnt, bedrückt von den Anforderungen ſeiner bürgerlichen Stellung, ein un⸗ terthäniger Diener ſeines Herrn, wenngleich ein ſchaffen⸗ des Talent. Jener ein Schmetterling, der über Blumen⸗ fluren ſich hinſchwingt, eine über ſonnenbeglänzter Waſſer⸗ fläche luſtig tändelnde Libelle, dieſer eingepfercht in ſtarre Formen, wie der ſtädtiſche Kaſtengeiſt ſie mit Strenge aufrecht erhielt, und vorzeitig gealtert unter den An⸗ ſtrengungen ſeines Erwerbs. Aber wie hätte vor dem Forum der Vernunft die Entſcheidung anders ausfallen können als zu Gunſten des ihr vom König gemachten Vorſchlags? Hatte ſie nicht ſelbſt dem Prinzen entſagt? Und hatte er ſie nicht vergeſſen, ganz nach Art der leichtbeſchwingten Schmetter⸗ linge, die tändelnd von Blume zu Blume flattern? Stand es in ihres Onkels Briefe nicht klar und deutlich ge⸗ ſchrieben, daß er, entzückt von der Comteſſe Roucoulard Schönheit, Liebenswürdigkeit und vielleicht auch geſtachelt von der Ueberzeugung, in ihr die reichſte Erbin Frank⸗ reichs zu gewinnen, nur für ſie Aug' und Ohr hatte? Das regte einen bittern Schmerz in ihrer Seele an. Und was bot ihr der Andere? Ihm war jede Schwär⸗ merei fern. War es möglich, daß er ſie mit einem höhern Grade von Zuneigung, als der einer aufrichtigen Freundſchaft entſtammt, lieben konnte? Nein. Eine ſolche —y— 155 geweſen; ſeine Freundſchaft aber trug das Gepräge des ehrlichen und treuen Herzens des Mannes. Und war ſie nicht ſelbſt in bürgerlichen Verhältniſſen erzogen? Wohnte das Glück nur beim Glanze und in den heitern Räumen eines Herzogshauſes? Ebenſo wenig vermochte ſie des Königs Mahnung an die Iſolirung, welche ſie ſich ſelbſt bereitete, zu ent⸗ kräften. Onkel Gomeles war in Jahren weit vorgerückt. Sie kannte ihn; er gehörte nicht zu denen, welche ſich leicht an Andere anzuſchließen vermögen, und mit ihrer Entfernung mußte er in eine tiefe Vereinſamung ſich verſetzt fühlen. In dieſem Gedanken lag für ſie eine gebieteriſche Aufforderung, ihn derſelben zu entziehen. Es ſtand feſt bei ihr, nach Paris, das ihr Glück, aber auch ihr Leid geſehen, nie wieder zurückzukehren, Onkel Gomeles ſollte zu ihr kommen und ſie konnte ſich keine Urſache denken, daß er ſeine Einwilligung dazu verſagen werde. Dies Denken regte ſie ungemein auf. Es war ſchon tiefe Nacht, die Mitternachtsſtunde hatte ausgeklungen, als ſie noch über einem Schreiben an ihn ſaß. Sie hatte ihm ſo unendlich viel mitzutheilen, ſie ſchrieb mit der Seele und verſchwieg ihm nichts. Wie ein Beicht⸗ geſtändniß war es aus der Feder aufs Papier gefloſſen Illuſion ſich von ihm zu machen, wäre eine Thorheit 156 und die letzten Worte ihres Briefes lauteten:„Entſcheide, was ich thun ſoll, thun muß. Ich habe Dir nichts mehr zu ſagen, ſelbſt Gott der Allmächtige würde keinen Gedanken in mir finden können, dem ich nicht Worte in dieſem langen Schreiben an Dich gegeben hätte.“ Die Verbindung zwiſchen der kurfürſtlich ſächſiſchen Reſidenz und der großen Seineſtadt war immerhin eine lebhafte. Der ſächſiſche Hof und der Adel fanden es ſehr nothwendig, von dorther die neueſten Erzeugniſſe der Mode zu beziehen, und demnach unterlag die Be⸗ förderung eines Briefes nach Paris keiner Schwierigkeit. 1 5 1 4 —— Sechstes Kapitel. In nicht allzu großer Entfernung von dem interimiſti⸗ ſchen Rathhauſe, zu welchem man während der Abtra⸗ gung des auf dem Altmarkt befindlichen alten und des Aufbaus des neuen Rathhauſes an der Ecke der Scheffelgaſſe das Eckhaus der Schreibergaſſe eingerichtet hatte, deſſen eine Fenſterfronte der genannten Gaſſe zugewendet iſt, während die andere den Altmarkt begrenzt und eine freie Ausſicht über letztern gewährt, ſtand am andern Ende derſelben Gaſſe ein zweiſtöckiges Haus, deſſen verſteckte Lage demſelben ſehr zu gute kam, da es eher ſeiner Bau⸗ fälligkeit als ſeines gefälligen Anſehens wegen ins Auge fiel. Die Lage war deshalb eine verſteckte zu nennen, weil die innere Stadtmauer, hinter der ſich der Stadt⸗ graben und bombenfeſte Kaſematten bargen, von ziemlicher 158 Höhe war und der Weg an dieſer Mauer, demnach ein ſchluchtartiger, keineswegs zu den beliebten gehörte, die man, um zu ſehen und geſehen zu werden, gern auf⸗ geſucht hätte. Nur niederes Publikum verkehrte daſelbſt; die Schreibergaſſe ſelbſt war, weil in ihren Häuſern viel Einkehr von Botenfuhrleuten ſtattfand, während des Tages ſogar ſehr geräuſchvoll, beſonders an Wochenmarkttagen, zur ſpäten Abendzeit aber legte ſich nach dem Tageslärm in der Regel eine tiefe Ruhe auf ſie. Das in Rede ſtehende Haus, gewöhnlich das Spie⸗ ker'ſche genannt, wenn auch dem Lärm des Tagesverkehrs ſehr nahe, war demſelben doch nicht ſo ausgeſetzt, daß er deſſen Bewohnern hätte auffällig unangenehm werden können. Der ſchluchtartige Weg an der Mauer vergönnte der Wagenpaſſage zu wenig Breite, um bevorzugt zu werden, und dieſer Umſtand war entſcheidend genug, um die an dieſem Ende der Gaſſe ſtehenden Häuſer vor der Erſchütterung des Fuhrwerks bewahrt zu laſſen. Die Bewohner beider einander gegenüber ſich befin⸗ denden Häuſer erfreuten ſich obendrein des großen Vor⸗ zugs, zweier Aus⸗ oder Eingänge ſich bedienen zu können, je nachdem ihre Geſchäfte es bedingten. Die Hausthür auf der Schreibergaſſe konnte als der öffentliche, die Pforte an der Mauer als der geheime, keiner Beobach⸗ tung unterliegende betrachtet werden, und hinſichtlich des 159 Spieker'ſchen Wohnhauſes war dieſe Bezeichnung ſeiner Ein⸗ und Ausgänge eine vollkommen gerechtfertigte, denn durch die auf den Weg„an der Mauer“ mündende Pforte gingen gegen die Abendzeit zuweilen verhüllte Geſtalten ein und aus, die am Tage ſich nie daſelbſt hätten finden laſſen. Die Beſitzerin dieſes Hauſes war die in unſerer Geſchichtserzählung ſchon mehrfach erwähnte Großmutter Elſe's, welche von dem geringen Miethzinsertrage, einer kleinen Penſion und ihrem Verdienſte lebte, der jedoch unter die Rubrik„geheime Einnahmen“ gehörte, wie der Leſer weiß. Und dieſe Einnahmequelle war eine unver⸗ ſiegbare, weil in der vornehmen Damenwelt ihr Renomme, die Zukunft vorausſagen zu können, ein ſehr verbreitetes war. Die Frau hatte von der gütigen Natur die zu dem Amt einer Prophetin vor allen Dingen nothwendige äußere Ausſtattung erhalten. Sie beſaß eine große, Achtung gebietende Geſtalt, ein ernſtes, aber ſelbſt für ihr hohes Alter noch ganz hübſches Geſicht, ohne jenen Runzelreichthum und jene welke Farbe die ſchon an das Grab erinnert, wie das ja meiſt an Frauen gefunden wird, welche die Hälfte der ſiebziger Jahre überſchritten haben. Sie erfreute ſich geſunder Augen und Zähne und machte ſo auf Jeden, der mit ihr verkehrte, den Ein⸗ 160 druck einer Matrone, die ſich gut conſervirt hat, während das ſilberweiße, ſchlicht geſcheitelte Haar, wie es am Saume der ſchwarzſeidenen Haube hervorſchaute, ihr zu⸗ gleich etwas Ehrwürdiges verlieh. In einem ledernen Sorgenſtuhl ſitzend, neben ſich einen Tiſch, auf dem die Bibel und das Wittenbergiſche Geſangbuch, dieſes in ſchmalem Format, deshalb aber um ſo dickleibiger, beide aufgeſchlagen ihr zur Hand lagen, hörte ſie dem Bericht eines ihrer Abmiether, des Krümel⸗ Schneiders, mit großer Aufmerkſamkeit zu. Das kleine, ungemein ſchmächtige, aber durch und durch queckſilberne Männlein entwickelte ſeine Abneigung, länger mit ſeinem Logisnachbar zuſammen zu wohnen, außerordentlich lebhaft. „Ich denk' nicht, daß'n vernünftiger Chriſtenmenſch mir's übel deuten kann, wenn ich ſag', daß ich mit einem Verrückten oder Beſoffenen nicht mehr zuſammen⸗ wohnen mag“, redete er ſehr eifrig.„Mit dem iſt's ja nicht mehr auszuhalten, man kommt aus einem Tod in den andern. Unſereiner iſt'n Menſch von Conduite, in Schneider, alſo'n weit feinerer Menſch als'n Raths⸗ ſchreiber, weshalb man derlei Hallotria nicht verträgt. Die ſind für Leut', die Leder oder Huf an den Händen haben. Ich glaub doch nicht anders, als ich muß um⸗ ſinken auf der Stelle, wie ich geſtern Nachmittag mit 161 dem Gutbier von der Seegaſſe ſelbander dem Altmarkt zugehe und eine fürnehme Proceſſionsleiche kommt aus der Webergaſſe heraus. Der Gutbier wurde plötzlich ganz ſchweigſam neben mir. Ich ſeh' mir'n an und erſchrecke grauſam. Er ſah wie'n weißes Handtuch aus im Geſicht und ich hab's gehört, wie ihm die Zähn' im Mnnde geklappert haben.—„He, Nachbar Gutbier“, ſag' ich zu ihm,„'s wird Ihm wohl ſchlecht? Komm' Er hier an der Marktſeite hin nach dem Rathhauſe. Da ſind Seine guten Freunde, da kann Er ſich erholen.“— Ja, hätt' ich das zu einem Scheit Holz geſagt, wär's gleich geweſen, Nachbar Gutbier gab ebenſo wenig Ant⸗ wort. Wie eine lange Hopfenſtange, auf deren Spitze ein Menſchengeſicht ſteckt, ſtand er und ſtarrte nach der Proceſſionsleiche, vor der her vier Rathswächter in Trauermänteln, umflorten Hüten und mit den Hellebar⸗ den einherſtolzirten. Und plötzlich packt er mich bei der Schulter, daß ich denk, er will mir'n Schulterknochen ausrenken, und eh' ich mir's verſehe, reißt er mich wie'n Flederwiſch durch die ungeheure Menge Leute hindurch, die da gaffen ſtanden.„Nachbar! Nachbar!“ ſchrie ich; aber ich habe eben nicht lange ſchreien können, denn alle haben auf mich neingepufft, als ſchlügen ſie auf einem Kalbfelle herum.“ Nach einer kurzen Pauſe fuhr Meiſter Krümel fort: Carion, König Auguſt. I. 11 162 „So zerrte oder riß mich Nachbar Gutbier durch bis zu den neben dem Leichenwagen hergehenden Leichen⸗ trägern. Was er wollte, weiß ich nicht, denn mir war zu jämmerlich mitgeſpielt worden, als daß ich noch meine fünf geſunden Sinne hätte ganz beiſammen haben ſollen. Ich hörte den Nachbar nur ſchreien:„Der hat's! Der hat's! Was das bedeuten ſollte, habe ich nicht heraus⸗ gekriegt, die Andern aber ebenſo wenig. Nur das weiß ich, daß wir beide feſtgenommen und ins Rathhaus gebracht wurden. Ich hätt's nicht um einen Deut beſſer gehabt wie alle andern Verarreſtirten, wenn nicht grade mein guter Gevatter Froſch auf Rathswache geweſen wäre; aber loslaſſen konnte er mich doch nicht. So kriegt' ich denn auf ſeine Fürſprache'n Kämmerl mit einem Pritſchel zum Schlafen für mich allein; aber ich Ihr zu, liebe Frau Spieker, trotzdem mein ſchwör's ch mir zehnmal für einmal verſichert Gevatter Froſ hat, daß das Pritſchel aus ſchönem weichem Holz ſei, Morgen kaum meine paar Glieder rühren habe ich heute iner Stunde hat mich können, ſo hart habe ich gelegen. Vor e der Herr Actuarius Grellmann, den ich ſchon lange die Ehre habe zu kennen, abgehört und mich gnädigſt entlaſſen, weil's gar nicht möglich wäre, daß ich der Urheber ſo großen Skandales ſei. Aber ich frag doch jeden Chriſten⸗ mnenſchen, ob ich neben einem Verrückten oder Beſeſſenen W C kö Fl kan daſ ſta wei mei Got dieſe Sch Erin ſie n was So f ab d Kron drigt werde / ſeh's mich Meiſt 163 wohnen bleiben ſoll, der mich, einen Schneider von guter Conduite, der jetzt ſogar die Arbeit für den Stall Seiner königlichen Majeſtät bekommen hat, maſſakriſch wie einen Flederwiſch behandelt, mir zu Prügeln von ganz unbe⸗ kannten Leuten verholfen hat und die Urſache geweſen iſt, daß ich als Friedensſtörer verarreſtirt worden bin und ſtatt in meinem guten Bette auf einem Pritſchel aus weichem Holze habe liegen müſſen, daß mir jetzt noch meine Glieder wie zerſchlagen ſind? O Gottchen! o Gottchen!“ Die Matrone hatte mit großer Aufmerkſamkeit dieſem klagenreichen Bericht zugehört. Als der Krümel⸗ Schneider, erſchöpft von der langen Rede und von der Erinnerung an ſeine eben erzählten Leiden, ſchwieg, ſprach ſie mit vieler Salbung:„Höre Er an, Meiſter Krümel, was der Prophet Heſekiel Kapitel 21 Vers 26 ſagt: So ſpricht der Herr Herr: Thue weg den Hut und hebe ab die Krone, denn es wird weder der Hut noch die Krone bleiben, ſondern der ſich erhöhet hat, ſoll genie⸗ drigt werden, und der ſich geniedrigt hat, ſoll erhöhet werden.“ „Hm“, meinte der kleine Held von der Nadel, nich ſeh's nicht gut ein, was ich daraus für einen Troſt für mich ſchöpfen ſoll. Habe ich auch einen Hut, denn ein Meiſter von der hochehrſamen Schneiderinnung ohne Hut 11* 164 wäre ganz undenkbar, ſo habe ich doch keine Krone, wenngleich meine Frau behauptet, das Weib wäre des Mannes Krone. Und die Frau kann ich doch nicht weg⸗ thun, was würde das hochlöbliche Conſiſtorium dazu ſagen?“ „Faſſ' Er's nicht falſch auf, Herr Krümel. So iſt’s nicht gemeint“, entgegnete die Matrone.„Durch den Rathsſchreiber, Seinen Wohnungsnachbar, iſt Er genie⸗ drigt worden, man hat Ihn auf die Rathhauswache geſchleppt, ſo muß Er auch durch denſelben erhöhet werden.“ Der kleine queckſilbrige Schneider drehte ſich wie die Windfahne an ihrer Spindel auf ſeinem Stuhle hin und her und äußerte:„Mit der Erhöhung könnt's ſo lange anſtehen, als ich überhaupt's Leben habe, und dann iſt erſt die Erniedrigung richtig im Schuß.“ „Horch' Er“, fuhr die greiſe Frau fort.„Ich habe den Gutbier ſchon lange im Auge gehalten und bin zu der Meinung gekommen, daß dem Mann was Schlimmes auf dem Herzen liegen muß. Was? Wer kann's ſagen Eins iſt mir klar geworden, und das, glaube ich, wird eine Bedeutung haben. Wenn er zu mir hereingekommen— er hat Manches für mich in Reinſchrift bringen müſſen— und ich hab' eins von den ſchönen Liedern in meinem Wittenbergiſchen Geſangbuch hier ihm vorgeleſen, wie z. B.: ſ Leinem G. B.: 165 „O Welt, ich muß dich laſſen“, oder:„Menſch, bedenke ſtets dein End’“, oder ſonſt eins, was zu den Sterbe⸗ liedern gehört, wie die Kreuzſchüler hier vor den Häuſern abſingen, in denen Leichen liegen, dann, ich hab's ganz gut gemerkt, iſt ihm allezeit ſchlecht zu Muth geworden, ſein ohnehin blaſſes Geſicht wurde fahl und aſchfarben, als läge er ſelber im Sarge, und es iſt mir auch nicht entgangen, daß er ſich alle Mühe gegeben hat, ein Schlottern ſeiner Hände und Beine vor mir zu ver⸗ bergen.“ „Das wär' kurios“, meinte Krümel. „Gelt? Was geſtern geſchehen, iſt ſicher damit im Zuſammenhange, ich laſſ' mir's nicht ausreden. Auf dem Gutbier liegt eine ſchwere Schuld, denn ſolche Furcht und Angſt und ſolches verrückte Gebaren iſt nicht natürlich. Wenn Er's klug anzuſtellen wüßte und es herausbrächte, was bei dem Mann zu Grunde liegt, ſieht Er, Meiſter, das könnte und müßte Ihn erhöhen in den Augen aller geſcheidten Leute.“ „Schwerebrett, das wär' freilich etwas, das nicht alle Tage vorkommt!“ rief der kleine Mann, überzeugt, durch ſolche Entdeckung große Ehre einzulegen.„' iſt aber ein feiner Faden, der da eingefädelt werden müßte, denn der Gutbier iſt auch ein Neunhäutiger, der nicht auf den Kopf gefallen iſt.“ 166 „Hm, ich denke mir, zu ſolchem feinen einzufädelnden Faden ſei Er, Herr Krümel, der rechte Mann. Und da iſt Er noch im Vortheil dabei;'s kann Ihm ſo gar ſchwer ſchon deswegen nicht werden, weil Er ſein Nachbar iſt. Die Suſe, des Rathsſchreibers Schweſter, möcht's gewiß gern ſehen, wenn Er ſich jetzt eben noch ſo freundſchaftlich gegen ihren Bruder zeigte wie bisher, denn die halbtaube Perſon iſt doch keine aufmunternde Geſellſchafterin für ihn.“ „Ja, ja“,'s iſt'ne Commiſſion, die ich mir erſt zu⸗ ſchneiden müßte wie'n Gewandel“, meinte Krümel. „Und vom Ausziehen wäre da alſo gar keine Rede?“ „Natürlich nicht. Er bleibt in Seinem Loſament, wie bisher. Denk nicht, daß Er eins billiger und bequemer bekäme, wie das Seinige in meinem Hauſe.“ „Abgemacht!“ ſtimmte der kleine Schneider bei, dem die letzte Bemerkung der Matrone ſchlagend erſchien. „Wenn Er was vor ſich bringen kann, Meiſter Krü⸗ mel, ſo iſt's eben nur hier im Hauſe möglich. Durch die Gnade Seiner Majeſtät iſt Er wegen des Spaßes, den Er Allerhöchſtderſelben bei Gelegenheit des zaariſchen Feſtmahls in des Herrn Hofjuweliers Hauſe gemacht hat, zum Stallſchneider ernannt worden, und wenn auch die Jacken und Livreien der Stallbedienten gerade keine feine Arbeit ſein mögen, ſo bringt ſie doch etwas ein, em — 167 und daß er ſich jetzt vier Geſellen halten kann, wo er ſonſt allein mit der Nadel ſticheln mußte, um für Weib und Kinder das tägliche Brod zu verdienen, möchte auch ſchwer ins Gewicht fallen. Billiger Zins und lohnende Arbeit, das iſt ſchon etwas, das nicht überſehen wer den darf.“ Meiſter Krümel fand das höchſt logiſch, und aufſtehend ſagte er, der Matrone die Hand reichend: „Na, es bleibt dabei. Ich werde aus dem Nachbar etwas herauszulocken ſuchen. Verlaſſe Sie ſich drauf.“ „Vergeſſe Er nicht, daß ſich's um den Sinn oder die Bedeutung der beiden Worte: Der hat's! handelt. Da paſſ' Er ja gut auf, das iſt die Hauptſache und der Schlüſſel zu dem Geheimniß.“ Die Matrone blieb lange Zeit, nachdem der Krümel⸗ Schneider ſich entfernt hatte, nachdenklich. Ein ganz unbeſtimmtes Ahnen drängte ſich in das Sinnen der greiſen Frau, als müſſe das Unheimliche in dem Weſen des Rathsſchreibers ſie näher angehen, als es den An⸗ ſchein habe, obwohl nichts für dieſe Vermuthung ſprach. Der Mann war früher bei der Rathswache angeſtellt geweſen. Seine große Figur entſprach der Anforderung, die man in dieſer Beziehung an dieſe Leute machte. Gutes Betragen und Pünktlichkeit im Dienſt hatten ihm bald zu der Beförderung zum Oberwächter verholfen, 168 und da ſich ſeine Handſchrift als eine höchſt verwend⸗ bare erwies, ſo bekam er den Poſten eines Raths⸗ ſchreibers. Schon ehe er in dieſe Stellung eintrat, welche nach jetzigen Begriffen ohngefähr die eines mit feſtem Gehalte angeſtellten Copiſten ſein würde, bemerkte man an ihm eine Veränderung, die ſchroff genug mit ſeinem ſonſtigen heitern Weſen contraſtirte. Er war ſcheu geworden, vermied es, ganz im Gegenſatz zu ſonſt, mit ollen, er fürchte ſich, Andern offen ins Geſicht zu ſehen. Das war allerdings ſehr auffallend, indeß es machte keine Störung in ſeinen dienſtlichen Arbeiten, im Gegen⸗ ſeinen Kameraden umzugehen, und man hätte meinen theil zeigte der Mann eine ungeheuere Arbeitsluſt, er ſchrieb zu Hauſe unermüdlich, während ſeine Kameraden die ihnen bleibenden freien Stunden der Erholung wid⸗ meten. Er hat zu dickes Blut, hieß es. Damit war Alles erklärt. Seine zurückgezogene Lebensweiſe ſchadete Niemand und deshalb ließ man ihn unbehelligt. Im Hauſe, wo er wohnte, ſpürte man ihn kaum. Seine Schweſter, die halbtaube Suſe, ein ſtilles Weſen, kam mit den wenigen Perſonen, welche das Haus mit be⸗ wohnten, in zu wenig Berührung, um irgend einen Conflict herbeizuführen. Der Krümel⸗Schneider war als Nachbar eine ausgezeichnete Acquiſition für Jemand, der in den ihm nächſt Wohnenden eine friedliebende — 169 Seele ſich wünſcht. Das queckſilberne Naturell Krümel's, ſo grell es auch gegen des Rathsſchreibers finſtere Ge⸗ müthsart abſtach, war doch ganz geeignet, dieſem ihn lieb zu machen, und in ei Gegenwart wenigſtens klärte ſich der trübe Schatten, der beſtändig auf Stirn und Zügen des dickblütigen Vannes lag, inſoweit auf, daß er ſich mit ihm gern unterhielt. Solchergeſtalt ſtellte der Schneider in ſeiner kleinen Perſon ein Bindemittel zwiſchen dem Nachbar und der Außenwelt vor, und es war ſogar zwiſchen dieſen beiden im Aeußern wie in ihren Gemüthsäußerungen weſent⸗ lich verſchiedenen Männern eine Art Freundſchaft ent⸗ ſtanden, welche jedoch nach dem 2 Wahnſinnsausbruch des Rathsſchreibers, deſſen Folgen der Krümel⸗Schneider ſo unangenehm empfinden mußte, ſofort für immer zerriſſen geweſen wäre, wenn nicht Frau Spieker den durch die ihm widerfahrene Arretur ſich in ſeiner Reputation gröb⸗ lichſt verletzt haltenden Schneider dahin bewogen hätte, das auf ſeinem Nachbar ruhende Geheimniß herauszulocken. Das war ein Auftrag, welcher dem Meiſter Krümel zu einem ſtolzen Aufſchwung verhalf, da er ihn als einen Beweis der Anerkennung ſeiner Klugheit von ſeiten ſeiner Wirthin, für die er den größten Reſpekt hegte, betrachten mußte. Auch den Rathsſchreiber Gutbier entließ man noch 170 an ſelbigem Tage, da nach des ihn unterſuchenden Arztes Ausſpruch von ihm nichts Uebles zu fürchten, die durch ihn veranlaßte Störung aber ein Ergebniß einer plötz⸗ lich bei ihm eingetretenen Geiſtesſtörung ſei, welche eben⸗ ſo raſch wieder verſchwunden, als ſie bei ihm aufgetaucht wäre. Das gute Zeugniß, welches von ſeiten ſeiner Vorgeſetzten ihm einſtimmig gegeben wurde, und des Krümel⸗Schneiders zu Protokoll genommene Ausſage, daß er ihn nie in ſolchem verrückten Zuſtande geſehen, trugen weſentlich bei, ihn frei zu laſſen. Gewiß war es ſeltſam, daß man den Ruf des ſo unerwartet irr Ge⸗ wordenen: Der hat's! Der hat's! gar nicht beachtete, ihnen gar kein Gewicht beilegte und nur die Matrone dieſe wenigen Worte von ſo großer Bedeutung fand, daß ſie feſt überzeugt war, in ihnen ruhe das Geheimniß, welches dieſes Mannes Leben ſo traurig verdüſtert habe. Viele abwärts gerollte Jahre lagen hinter der Greiſin. Sie hatte Vieles geſehen und erlebt und in ihrer eigenen Verwandtſchaft hatte das Schlimme eine große Rolle geſpielt. Der Archivar Weber, der Gatte ihrer jüngſten Schwägerin, war im Elende des Kerkers geſtorben, verurtheilt von allen, welche dem auf ihn gefallenen Schein des Verbrechens unbedingt Glauben ſchenkten. Wenn die greiſe Frau zuweilen gegen ihre Enkelin Elſe von dem Weber'ſchen Unglück ſprach, äußerte ſie ſtets: 171 „Sieh, Kind, ich bin ſchon hübſch alt, es iſt keine große Freude, ein alter Menſch zu ſein, denn was neben ihm aufwächſt, kennt er nicht und verſteht's auch nicht, 's iſt nicht viel anders, als wenn die jungen Leute in ganz anderer Mundart redeten, die man auch nicht ver⸗ ſteht, und daher iſt's gar närriſch, wenn alte Leutle ſo traurig thun bei dem Gedanken, daß der gute Freund mit der Senſe hinter ihnen drein ſchleichen und in einem ganz unerwarteten Augenblicke ihnen ins Ohr flüſtern könnte: Komm mit ins kühle Kämmerlein, da biſt am beſten aufgehoben und's thut Dir kein Zahn mehr weh. Mir wär's gerade recht, wenn's einmal geſchieden ſein ſoll, denn ich weiß, das Alte und Abgenutzte muß dem Jungen, dem Kräftigen weichen, und hätte drum kein Grämen in mir, wenn mir auch von Dir und vom Jürg Weber Abſchied zu nehmen recht ſchwer werden möchte; aber ſo recht im Herzen hätte ich doch einen Wunſch und ich meine nicht, daß er vermeſſen ſei vor Gott. Ich möcht' nämlich ſo lang leben, bis das Ver⸗ brechen an den Tag gekommen, das dem Archivar Che⸗ und Leben gekoſtet, ſein Weib vor Gram getödtet und den Jürg zu einer Waiſe gemacht hat. Ich glaub's nun einmal nicht, daß der Archivar die große Sünde der Veruntreuung von Documenten begangen, die man auf ihn gewälzt hat. 172 Elſe war ganz natürlich derſelben Meinung, denn ihr Zürg war in ihren Augen die beſte Menſchenſeele, die es überhaupt auf dem Erdenrunde geben konnte, und der hätte der Sohn eines ſo ſchweren Verbrechers ſein ſollen? Das war ja ganz unmöglich. Wer den Beelzebub zum Vater hat, der kann doch kein Engel des Lichts ſein. Der Apfel fällt nie weit vom Stamme und am Strauche, der ſaure, zuſammenziehende Beeren trägt, wachſen er⸗ fahrungsgemäß keine ſüßen. Der Hofjuwelier, auf deſſen Wunſch ſich Jürg vorgeſtellt, hatte ihn einen ſehr hübſchen jungen Mann genannt, der, wie er hinzu⸗ ſetzte, ſeitens ſeines Principals das beſte Lob habe. Wenn mannsſtande treu bleiben zu wollen. „Warum ſoll ich mich zum unterthänigen Herren⸗ diener hergeben, wo ich ſelbſt Herr ſein oder wenigſtens werden kann?“ hatte er ihm entgegnet.„Ich halte den Bürger allein für den freien Mann, denn wenn auch Schickſalsgunſt oder Glück von recht ſehr großem Ein⸗ fluß auf die Zukunft jedes Menſchen ſein mögen, ſo 173 iſt der Bürger, der das von ihm mühſam erlernte Geſchäft, ſei es, welches es ſei, betreibt, doch vor⸗ zugsweiſe derjenige, der ſich allein den Grund und Boden bereitet, auf den er ſeine Zukunft baut. Der Herrendiener iſt es nicht, er hängt von der guten oder ſchlechten Laune ſeines Gebieters ab, er iſt eine Maſchine, die dieſer regiert, ſein Wille iſt ſo gut wie keiner. Er braucht nichts gelernt zu haben als die Kunſt, ſich zu bücken und widerſpruchslos zu ſein. Und iſt ein Beamter viel beſſer daran? Er iſt ein Leibeigener, der ſeinen Geiſt, ſein Denken vermiethet hat. Das Schickſal meines unglücklichen Vaters iſt nicht dazu angethan, mir als ein lockendes Ziel vorzuſchweben. Ich will meinem eigenen Fleiße meine Lebensſtellung verdanken und ich denke, dies iſt ein rechtſchaffenes Streben.“ Freilich war es ein ſüßer Gedanke für Elſe, dereinſt Frau Kaufmännin zu werden, indeß wäre eine Anſtellung ihres Jürg bei Hofe, der ſo viel Glanz ausſtrahlte, ihr gar nicht unlieb geweſen. Mit Erſtaunen bemerkte ſie, daß Jürg, der ſo gefügig für alle ihre Wünſche war, ihr in dieſem Punkte einen entſchiedenen Widerſtand ent⸗ gegenſetzte. Sie war anfänglich troſtlos darüber. Das Neue, Ungekannte, ſein ſteriles Weſen, dem ſie nicht bei⸗ kommen konnte, weder durch Bitten, doch an ſie zu denken, noch durch Schmollen, das ihr bei ihrem leb⸗ 174 haften, offenen Naturell unendlich ſchwer wurde und nur bei eittem verunglückten Verſuche blieb, noch auch durch ein energiſches Auftreten gegen ihn, erſchien ihr als ein höchſt bedeutungsvolles Zeichen einer unglücklichen Zukunft an ſeiner Seite. Die Sache mußte vor das Forum der Großmutter gebracht werden. „Aus mir und dem Jürg wird nichts“, erklärte ſie der Greifin.„Das iſt ein Hartkopf, der mich in die Elbe laufen ſehen kann, ohne nachzugeben, wenn er ein⸗ mal auf etwas beſteht. Herrgott, was müßte das für ein Leben zwiſchen uns werden! Ich wäre gar nichts im Hauſe, gar nichts. Der Herr Hofjuwelier hätte ihm einen guten Dienſt bei Hofe verſchafft und er lehnt's ab — denke ſich die Frau Großmutter, er lehnt's ab, will Kaufmann bleiben. Und hat doch nichts in der Hand, um nur den kleinſten Laden anlegen zu können. Iſt das nicht eine Störrigkeit, die mich höchſt unglücklich machen muß? Wenn die Frau Vernünftiges will, muß der Mann nachgeben. Davon gehe ich nicht ab. Ich muß auch was im Hauſe zu ſagen haben.“ Die Großmutter blätterte in ihrer Bibel; Elſe ſah ihr eine Weile mit Mißbehagen zu und ſagte dann gereizt:„Die Großmutter wird's nicht in der Bibel finden, wovon ich mit ihr geredet habe.“ — 175 „O doch, mein Kind, doch. Da hab' ich's ſchon. Jeſus Sirach ſagt: Ein freundliches Weib erfreut ihren Mann, und wenn ſie vernünftig mit ihm umgeht, er⸗ friſcht ſie ihm ſein Herz. Ein Weib, das ſchweigen kann, das iſt eine Gabe Gottes.“ Eine Weile verſtrich, ohne daß die greiſe Frau oder ihre Enkelin ein Wort geredet hätte, dann hob die erſtere an:„Der Jeſus Sirach iſt ein feiner Lehrer in Allem, was das Leben betrifft. Wenn Du über etwas Dir Anſtößiges belehrt ſein willſt, da nimm ihn vor und ich denke, er ſagt Dir mit wenigen Worten ſo viel Kluges, daß ein Anderer mit großen ſchönen Redensarten es nicht beſſer herausbringen könnte. Freilich eins mußt Du dabei ganz weglaſſen, ſonſt nützt Dir auch die Weis⸗ heit Jeſu Sirach's nichts.“ „Was wäre denn das?“ „Du mußt weglaſſen, was vom Uebel iſt, und das iſt die Ueberhebung Deines Willens über die Vernunft deſſen, der ſpäter Dein Mann werden ſoll. Daß der Jürg Dir nicht nachgibt, iſt für Dich eher ein Zeichen von Glück als von Unglück. Du biſt im ſchweren Un⸗ recht gegen ihn und er iſt mir dadurch noch lieber ge⸗ worden, daß er feſt in ſeiner Meinung bleibt. Nimm das zu Herzen und thue darnach, es wird für Dich nur zum Beſten ſein.“ 176 Elſe's geſunder Sinn fand ſich bald ins rechte Gleis zurück und aller Aerger verflog raſch aus ihrem Gedächt⸗ niß. Der Jürg fragte lachend:„Wer hat Dich denn um⸗ gewandelt? Noch vorgeſtern, wenn es nicht anders ging, daß Du mich anſehen mußteſt, war's nicht viel anders, als reizte Dich was zum Nieſen, und heute biſt Du mäuschengut. Wer hat das Wunder bewirkt?“ „Ein ganz alter Herr.“ „Ein alter? Wie heißt er denn?“ „Jeſus Sirach“, antwortete Elſe lachend.„Ja, Du ungeheuerlicher Hartkopf, wegen Dir muß ich mit derlei Urgroßvätern, die ein paar tauſend Jahre alt ſind, Be⸗ kanntſchaft machen. Iſt das nicht erſchrecklich?“ Jürg lachte aus vollem Herzen. Er merkte, daß die Großmutter bei dieſer uralten Bekanntſchaft thätig ge⸗ weſen. In das bisher einem gleichmäßig ſtill zwiſchen blumigen Ufermatten hinfließenden Bache ähnelnde Leben des Ladenjünglings ſollte aber plötzlich eine bewegende, verändernde Kraft treten. Am Sonntag⸗Nachmittag traf er bei der Großmutter den Sorauer hochgräflichen Hof⸗ ſchneider, welcher in der ausgezeichnetſten Laune von der Welt war, weil ſich ihm kein Hinderniß ſeiner Ueber⸗ ſiedelung nach der kurfürſtlichen Reſidenz in den Weg geſtellt hatte. —————.,——— 177 Die Großmutter veranlaßte ihn, nachdem ſie ihn mit Jürg bekannt gemacht hatte, dieſem die Scene im Sorauer Schloſſe, deren Ohrenzeuge er geworden, zu erzählen, weil Niemand berechtigter als eben Jürg zur Kenntniß⸗ nahme dieſes ſeltſamen Vorgangs ſei, und es war ſelbſt⸗ enſindiu daß Meiſter Kohren ſofort darauf einging. Der Erzähler hatte der an ihn ergangenen Aufforderung mit möglichſter Vollkommenheit entſprochen und ſchwieg ſchon, als Jürg wie von einem Traum befangen ihn immer noch anſtarrte. Ihm war es nicht anders, als ſähe er vor ſich das erſte Siegel von einem mit mehreren großen Siegeln verſchloſſenen Buche geſprengt. Von der Schmach des Verbrechens, die auf ſeinem verſtorbenen Vater haftete, hatte bisher Niemand zu ihm geſprochen. Wer hätte es thun ſollen? Die Großmutter glaubte nun einmar nicht an die ſeinem im Kerkerelend untergegangenen Vater zur Laſt gelegte Veruntreuung und hatte es daher vermieden, dieſes traurigen Ereigniſſes in ſeiner Gegenwart zu gedenken. Es hätte ja keinen Nutzen gehabt. Zürg war jung, heiter, glücklich, warum ihm dieſen Sonnenſchein trüben? Der Kreis ſeiner Bekannten war klein, vielleicht wußte nicht einer derſelben um die ſchreckliche, bereits von einer Reihe von Jahren über⸗ wachſene und in Vergeſſenheit gebrachte Kataſtrophe, welche das Lebensglück ſeiner Aeltern ſo vollkommen zerſtörte Carion, König Auguſt. I. 12 178 und ihn zur vater⸗ und mutterloſen Waiſe gemacht hatte. Und wenn auch einer darum wußte, würde es ein ſehr ſchlechtes Herz verrathen haben, Jürg mit dieſer Erin⸗ nerung zu kränken. Man hatte den ſtillen, gutmüthigen Jüngling lieb. Jetzt plötzlich und zum erſten Mal fiel ein Dämmer⸗ ſchein auf das Dunkel dieſes ſcheinbar von jeder Erwäh⸗ nung ausgeſchloſſenen unſeligen Ereigniſſes und es ſtellte ſich daſſelbe als das Getriebe einer finſtern That vor ſeine Augen. Er bebte von Schauer ergriffen und fühlte ſich unfähig, eine Aeußerung ſeines Entſetzens von ſich zu geben. Wie ein jäh zuckender Blitz hatte dieſe Kunde ſein Denken erſchüttert, er war deſſen ungewohnt. „Faſſe Dich, mein Jürg“, ſprach die Großmutter. „Die Tage und Stunden in unſerm Leben ſind einander ungleich, ſie bringen Gutes und Böſes, es gibt helle und dunkle Tage, und ein heller iſt der heutige für Dich. Iſt's nicht wie ein Wunder anzuſehen, daß Meiſter Kohren, der der ganzen unglückſeligen Angelegenheit ſo⸗ fern ſteht, hierher kommen mußte, um Licht zu bringen in die Nacht einer Schandthat, die eines rechtſchaffenen Mannes Ehre und Leben vernichtet und die Seinen in Gram und Elend geſtürzt hat?“ Dieſe Mahnung der Greiſin brachte den Jürg zur Beſinnung. Der Hofſſchneider erzählte noch Manches, —— —— 179 was wichtig für ihn war. Junker Oertzen, der Entführer der ſchönen Sophie, ſei bei Seiner Erlaucht dem Herrn Grafen in ſchwere Ungnade deshalb gefallen, weil der erlauchte und ſtark dem Pietismus zugeneigte Herr es für eine Verunehrung ſeines hochgräflichen Namens an⸗ geſehen, daß ſich der Junker unterfangen, ſeine entführte Geliebte in dem Waldhaus Marienhaus unterzubringen, was darauf hindeuten könne, daß er, der Erlauchte, Theil an dem habe, was ſeine tolle Schwägerin von Halbau ihm zum Vorwurfe gemacht. So wäre der Junker ſpur⸗ los vom Hofe verſchwunden, ſein Ohm, der Forſtmeiſter, aber ein paar Jahre darauf geſtorben, doch den Neffen hätte Niemand bei der Beerdigung geſehen. Auch der Kanzler Heinſius ſei nicht mehr am Leben und ein Vetter ſeines Namens wäre an ſeine Stelle getreten. Mit dem verſtorbenen Heinſius, den Jeder auf der Herrſchaft für einen ausgemachten Halunken gehalten habe, ſei jedenfalls der begraben worden, welcher die Fäden des Verbrechens des Documentendiebſtahls angeſponnen und genau ge⸗ kannt habe. „Für wen aber hätte dieſer Kanzler eine ſolche Schand⸗ that ins Werk ſetzen können, wenn Seine Erlaucht der Graf wirklich nichts davon gewußt haben ſoll?“ fragte Jürg. „Die Frau Prinzeß, Seiner Erlaucht Gemahlin, iſt 12* Mutter eines Sohnes. Ein junger Erbgraf kann unter llen Umſtänden einen Zuwachs zu ſeinen Beſitzungen brauchen, wenn's auch auf Koſten ſeines Geſchwiſterkinds geht. Der Pietismus, dem unſere Sorauer Herrſchaft anhängt, verträgt ſchon dergleichen Bereicherung“, meinte der Hofſchneider. 4 Jürg Weber fühlte ſich durch die Kenntniß des ſo bedeutungsvollen Vorgangs in tiefſter Seele erregt. An ſolches ernſte Denken war er nicht gewöhnt, es über⸗ wuchs ihn und koſtete ihm viel Mühe, ſich hineinzufinden, die mancherlei Gedanken, die, oft einander widerſprechend, gleich üppig genährten wilden Schößlingen in ſeinem Hirn wirr durcheinander aufſtiegen, zu ordnen. Ein Gedanke aber drängte ſich allen vor und wurde der Mittelpunkt, um den ſich bald all ſein Denken drehte, der Gedanke nämlich, ob es nicht möglich ſei, daß er, ſoviel an ihm ſei, das Dunkel aufhellen könne, welches die Helfershelfer bei dem Bubenſtücke verdecke; denn die geſunde Vernunft ſagte ihm, daß, wenn zufolge der von der Piſtolengräfin gegen den Junker von Oertzen ſo beſtimmt ausgeſprochenen Beſchuldigungen dieſer wirklich der Böſewicht ſei, welcher die Entwendung der Documente hier am Orte durchge⸗ ſetzt habe— und warum ſollte dieſe Vermuthung eine un⸗ zutreffende ſein, da dieſer junge Edelmann ja der Ent⸗ führer ſeiner Stiefſchweſter geweſen?— er als Fremder 4 4 4 * — —õ —— 181 Perſonen zur Seite gehabt haben müſſe, die, vertraut mit der Oertlichkeit und den Verhältniſſen, ſich zur Aus⸗ führung des Raubes hergegeben hätten. Wie es ſtets zu gehen pflegt, daß ein Gedanke den andern hervorruft, ſo entquoll dieſem ſehr logiſchen Schluß eine Vermuthung, welche Jürg ſchauern machte, weil ſie nur zu ſehr dem Bereich des Möglichen angehörte. Sophie hatte in ihrer blinden Leidenſchaft zu Oertzen nicht nur ihre jungfräuliche Ehre, ſondern auch die Kindesliebe zum Vater vergeſſen, wer bürgte dafür, daß ſie bei dem Documentendiebſtahl nicht Mitwiſſende, vielleicht gar ſelbſt thätig geweſen? Der Junker hatte jedenfalls, um ſein Vorhaben durchzuführen, die Liebſchaft mit ihr, als zu ſeinem Plane gehörend, angefangen. Welch entſetz⸗ liches Gewebe von Schlechtigkeit mußte dieſes Menſchen Seele bergen! Jürg war von der Möglichkeit, daß ſich Alles wirklich ſo verhalten haben könne, wie erdrückt. Dies Denken lag gleich einer Bergeslaſt auf ihm, und er fühlte das Bedürfniß, einem Andern mitzutheilen, was ſeine reine Seele ſo ſchwer beängſtete. Die Großmutter war die Einzige, der er dies Ungeheure vertrauen zu können glaubte. Die Greiſin wiegte bedenklich den Kopf und ihrer Gewohnheit gemäß warf ſie dann den Blick auf die ſtets ihr zur Seite auf dem Tiſche liegende Bibel, und indem ſie darin blätterte, ſagte ſie:„Es ſpricht Jeſaias der Prophet mit ſcharfen Worten: Wehe denen, die verborgen ſein wollen vor dem Herrn, ihr Vornehmen zu verhehlen, und ihr Thun im Finſtern halten und ſprechen: Wer ſiehet uns? Und wer kennet uns?“ Nach einer kurzen Pauſe redete ſie dann weiter:„Hör' mir zu, Jürg. Die Abtrünnigkeit iſt eine Grube, die keinen Grund hat, wes⸗ halb der, welcher den feſten Boden unter den Füßen ver⸗ loren hat, immer tiefer ſinkt, ſodaß er zuletzt nicht mehr zurück kann, ſondern in der Grube verſchwindet. So iſt’'s gegangen mit Deiner Schweſter Fiekchen. Ich habe viele einſame Stunden in meinem alten Leben, in ſolchen geht Alles, Großes und Kleines, was ſich mir je vor die Augen gedrängt hat, an mir vorüber. Und darunter iſt auch der Gedanke, daß Fiekchen's Schuld nicht allein in dem Verlaſſen ihres Vaters, ſondern wohl haupt⸗ ſächlich darin beſtehe, daß ſie die Hand gegen des Vaters Ehre und Leben erhoben, ich meine, das Verbrechen, deſſen er bezichtigt wurde, durch ihren Beiſtand erſt möglich ge⸗ worden ſei. Ich habe nichts über dieſen Gedanken ge⸗ äußert, weil die Sache eine lang verjährte iſt; aber weil Du ihn ausgeſprochen, ſo ſage ich Dir, Du biſt es nicht allein, der das denkt. Es gibt vielleicht noch einen Men⸗ ſchen in der Stadt, der ſolcher traurigen Vermuthung nicht ganz fern ſein dürfte, aber ſie für ſich behält, weil's nichts an dem Geſchehenen ändert.“ „Es gäbe noch Jemand? Wer könnte das ſein?“ „Der Herr Hofjuwelier Dinglinger“, antwortete die Matrone. „Iſt das möglich?“ „Warum ſollte es unmöglich ſein? Fielchen hätte er gern zur Frau gehabt und ging deshalb in Deines ſeligen Vaters Hauſe aus und ein, und alle Welt meinte damals, ſie werde den berühmten Goldſchmied heirathen. Er iſt manchmal bei mir hier geweſen, der Herr Dinglinger, wenn er Fiekchen abholte. Das wäre ein Mann für ſie geweſen und ſie jetzt eine hochangeſehene Frau. Er ſprang plötzlich ab, und Dein ſeliger Vater kam zu mir und fragte nach, was das mit dem Herrn Hofjuwelier wohl für'ne Bewandtniß haben könne, daß er nicht mehr ſein Haus beſuche. Ich wußt's auch nicht. Wer hätte ſolche Heimlichkeit wohl hinter dem Fiekchen geſucht! Sie verſtand's ja, wie die pure Unſchuld zu thun. Als aber Alles geſchehen, womit ich ſagen will, als ſie dem Aeltern⸗ hauſe entwichen war, da traf ſich's, daß beim Heraus⸗ gehen aus der Kirche der Herr Dinglinger, ohne daß er's vermeiden konnte, an mich herankam— damals ging ich noch in die Kirche, ſeit dem ſchweren Falle über die Hausſchwelle kann ich's ſchon ſeit Jahren nicht mehr— 184 und weil der Zufall uns beide zuſammengebracht und ein Wort das andere gab, ſagte er mir offenherzig, daß er durch einen Freund von der geheimen Liebſchaft Fiek⸗ chen's mit dem Junker Oertzen Kenntniß erlangt, ſich mit eigenen Augen überzeugt und deshalb weggeblieben ſei. Deinen Vater habe er mit der Kunde, wie ſich ſeine Tochter verworfen, nicht betrüben wollen.“ „Dann müßte Herr Dinglinger auch vielleicht die Leute kennen gelernt haben, mit denen der Junker verkehrte“, ſchaltete Jürg ein. „Iſt ſchon möglich, denn es ſcheint ganz unſtatthaft zu ſein, anzunehmen, daß er wegen eines vagen Gerüchts, ohne von deſſen Grund oder Ungrund ſich überzeugt zu haben, ſeine Neigung ſo plötzlich aufgegeben habe. Gewiß iſt's ihm ſchwer genug ans Herz gegangen, denn Fiekchen war ein ſchönes Mädchen, und es war ihm anzuſehen, wie lieb er ſie hatte.“ „So werde ich mit dem Herrn Hofjuwelier ſprechen“, antwortete Jürg nach einer Weile.„Die Sache geht auch ihn gewiſſermaßen an, denn ich kann mir nicht denken, daß Jemand ſo ganz vergeſſen könne, was er dereinſt verloren hat, und ein Herz verlieren, das man mit aller Inbrunſt liebt, muß ein Schmerz ſein, der nicht ſo leicht verwunden wird. Wird Herr Dinglinger, wie ich hoffe, überzeugt davon, daß ſchon viel gethan iſt, wenn es gelingt, 185 die Leute kennen zu lernen, mit denen der Junker Um⸗ gang gepflogen, ſo habe ich einen Helfer gewonnen, der mir viel nützen kann. O Herr mein Gott, wenn ich ſo glücklich wäre, das Verbrechen ans Licht zu bringen, welches den Namen meines unglücklichen Vaters entehrt, das ihn in den Tod geſtürzt hat!“ Ergriffen von dem Gefühlsausdruck des Jünglings, erhob ſich die Matrone, auf den an ihrer Seite lehnenden Stab geſtützt, da ihr der eine Fuß durch den Fall über die Hausſchwelle kraftlos geworden. Ihre große Geſtalt hatte etwas Imponirendes, ihr vom Schnee des Alters eingerahmtes Antlitz trug, wie ſchon erwähnt, das Ge⸗ präge der Ehrwürdigkeit. Hochaufgerichtet, das Haupt ſtolz aufgeworfen und indem ihre Augen von einem hellen Glanze leuchteten, ſtreckte ſie die Rechte nach Jürg mit den Worten:„Und es wird Dir gethan werden, wie Dein Sohnesherz es anſtrebt. Das prophezeie ich Dir, ich, das greiſe Weib am Rande des Grabes. Denn ſiehe, ſpricht der Prophet Maleachi, es kommt ein Tag, der brennen ſoll wie ein Ofen; da werden alle Verächter und Gottloſe Stroh ſein, und der künftige Tag wird ſie anzünden, ſpricht der Herr Zebaoth, und wird ihnen weder Wurzel noch Zweig laſſen.“ Auf Jürg war der Vergleich anzuwenden, daß er über Nacht plötzlich zum Manne gereift ſei, der die Kraft und den Muth in ſich fühlt, Alles für das ihm vorſchwebende Ziel einzuſetzen. Dieſe Umwandlung würde von keinem Werthe geweſen ſein, wenn ſie nicht auch ſeinem äußern Menſchen ſichtbare Spuren ihres Vor⸗ handenſeins aufgedrückt hätte. Sein offenes, freundliches Geſicht zeigte den trübenden Schatten eines Ernſtes, eines Nachdenkens, wie man an ihm zu bemerken nicht gewohnt war. Gleich einem flüchtigen Rauſche war die glückliche Sorgloſigkeit aus ſeinem Weſen verſchwunden, welche ihn bisher ausgezeichnet hatte; er erſchien ſchweig⸗ ſam und in ſich gekehrt. Elſe konnte natürlich dieſe Veränderung an ihrem Jürg nicht entgehen. Wenn ſie mit ihm ſprach, geſchah es, daß er Manches, was ſie ſagte, ganz überhörte, und dies Zeichen von Geiſtesabweſenheit ängſtete ſie nicht wenig. Er war ganz im Gegenſatz zu ſonſt nicht ſo unbefangen heiter, es ſchien ihr, als müſſe er ſich Mühe geben, daran zu denken, daß ſie es ſei, welche mit ihm ſpreche. Bei ihrem lebhaften Naturell konnte eine eifer⸗ ſüchtige Regung nicht ausbleiben und ſie entſchloß ſich dieſer Vermuthung ohne weiteres Worte zu geben.„Mir kommt' faſt vor, als hätteſt Du andere Götter neben mir“, ſagte ſie ihm dreiſt auf den Kopf zu. So ernſt ſie auch war, ſo klang dieſe Frage nach Vielgöttern doch ſo komiſch, daß Jürg hellauf lachte; aber Elſe fand ſich da⸗ 3 —ͤ —— durch dermaßen beleidigt, daß von einer Verſtändigung gar keine Rede ſein konnte und Jürg ſich von ihr zurück⸗ zog, ohne weitere Verſuche zu machen, die ſchwer Er⸗ zürnte zu beſänftigen. Das hatte Elſe nicht erwartet; es erſchreckte ſie nicht wenig, bei ihm abermals Zeichen einer Entſchiedenheit zu finden, welche ihm früher ſo ganz fern lag. Sie fühlte ſich deshalb höchſt unglücklich; aber die Großmutter wieder um Rath zu fragen, vermied ſie, weil dieſe würdige Ma⸗ trone es nur mit den altteſtamentlichen Größen zu thun habe, die einen ſo ſchwierigen Fall, wie zwiſchen ihr und dem Jürg, gar nicht gekannt hätten. Zu deren Zeit müſſe es ganz anders geweſen ſein. Jeſus Sirach hatte ſtark an Renommee bei ihr verloren, denn ſein Spruch: Ein Weib, das ſchweigen kann, iſt eine Gabe Gottes, erſchien ihr als eine Entwürdigung des ganzen weiblichen Geſchlechts.„Warum hätte der Herrgott uns denn Zunge und Mund gegeben, wenn wir ſchweigen ſollen oder wenn's Schweigen etwas ſo gar Verdienſtliches wäre?“ eiferte ſie heftig in ihren Gedanken; aber im Herzen war ihr gar nicht wohl zu Muthe, denn es vergingen mehrere Tage, ohne daß ſich Jürg blicken ließ. Jetzt war es ſicher, er hatte andere Götter neben ihr. Mademoiſelle Zephanja war in dieſer Nothzeit für ſie der einzige Anhalt. Auch auf dieſer ſchien eine Laſt 188 zu liegen, denn ſo wortkarg, ſo nachdenklich hatte Elſe ſie noch gar nicht geſehen. „Glaubt Sie, Mamſell Gomel, daß es eine treue Mannsſeele auf Erden gibt?“ fragte Elſe ſie. „Ich weiß das nicht“, lautete die ruhige Antwort der Künſtlerin. „Nein, es gibt keine, keine, und es iſt ſchade, wenn unſereins ſolchen Aberglauben bei ſich nährt. Da geht einem ein Stück vom Herzen allemal mit verloren, wenn man es nachher erfährt. Die Mannsbilder ſind alle, alle Abgötterer. O mein lieber Himmel, was habe ich au meinem Jürg für eine ſchreckliche Erfahrung gemacht! Das iſt nicht auszuſagen! Der iſt Dir treu wie Gold, habe ich gedacht und bin kindsfroh in meinem Herzen geweſen. Nun habe ich's, nun bin ich es weiſe geworden, wie treu er mir iſt. Ach, ich Närrin, mir geſchieht ganz recht. Das bringt mich um. Der Jürg hat mich auf dem Gewiſſen, wenn ich an der von ihm an mir be⸗ gangenen Sünde zu Grunde gehe.“ Obwohl Elſe nicht zu den weichen Gemüthern ge⸗ hörte, denen ein Thränenerguß leicht zu Gebote ſteht, ſo erregte die heftige Empfindung des ſchweren Unrechts, das ſie von Jürg erleiden zu müſſen glaubte, doch ihre Thränendrüſen ſo ſehr, daß ſie zu ſchluchzen begann. Zephanja fühlte Mitleid mit ihr und tröſtete ſie nach 7 ——;, ÿõÿ— —— 189 Kräften. Wie zufällig fragte ſie:„Hat Sie denn ſo viele Beweiſe gegen den Jürg?“ Dieſe einfache Frage machte Elſe verdutzt.„Beweiſe? Nein, die hab' ich nicht“, bekannte ſie leiſe.„Der Jürg iſt aber ſo ſchweigſam gegen mich und ausgelacht hat er mich Kunn als ich's ihm ins Geſicht ſagte, er habe an⸗ dere Götter neben mir. Das iſt doch der ſtärkſte Beweis, daß er ſich ſchuldig ihie 5 Nie hatte Elſe Mademoiſelle Zephanja mit ſo großer Lebendigkeit drrchen hören als jetzt. Es war ihr aller⸗ dings unmöglich, einen Theil deſſen zu verſtehen, wovon die Ciſelirerin redete, denn wenn es derſelben an einem drulihe Ausdruck für das mangelte, was ſie ſagen wollte, erſetzte ſie denſelben durch ſpaniſche oder franzöſiſche Worte; aber der Zuſammenhang ergab doch den Sinn ihrer Rede. Elſe erhielt eine Strafpredigt von ihr, wie ſie einer ſolchen nicht gewärtig geweſen. Zephanja ſagte ihr, daß ſie an ſich ſelber ſich verfündige, indem ſie ſich Vermuthungen hingäbe, die eben nichts weiter für ſich hätten, als daß ſie in ihrem Kopfe ſpukten. Wenn ſie eine Nebenbuhlerin zu haben glaube, die es recht böſe gegen ſie meine, ſo ſolle ſie ſich ſelber nur als dieſe betrachten, die, wenn ſie gegen Jürg ſo fortfahre, denſelben ſicher zwingen werde, von ihr ſich abzuwenden. „Sie kennt es noch nicht, Elſe, was das für ein 190 Schmerz iſt, zu wiſſen, daß ein geliebter Mann uns ver⸗ geſſen und in einer Andern ſein Idol gefunden hat“, ſprach Zephanja.„Ihr Schmerz dagegen iſt ein im Uebermuthe ſelbſt gemachter, darum iſt er nichts werth. Werfe Sie ihn beiſeite, weil er Sie vergiftet.“ Das Ungewöhnliche, Unerwartete, die Ciſelirerin in olchen Eifer gerathen zu ſehen und aus ihrem Munde o ernſte Mahnung zu hören, hatte ſeine Wirkung auf Elſe nicht verfehlt. Sie war aufrichtig genug, ſich ſelbſt zu bekennen, daß ihre Eiferſucht auf nichts fuße, und ſie ſann, während ſie die Treppe hinunterſtieg, nach, wie es möglich ſei, ſich mit Jürg, ohne ſich etwas zu ver⸗ geben, wieder zu verſöhnen. Bei alledem tauchte aber noch ein anderes Denken in ihr auf. Sie hatte einen Einblick in Zephanja's Schickſal gethan. Wie hatte deren Auge in feuchtem Glanz geſchwommen, wie ihre Stimme gebebt, als ſie von dem Schmerze ſprach, wenn ein geliebter Mann das Herz, das ihm treu anhing, vergeſſen und in einer Andern ſein Idol gefunden habe! Den Schmerz mußte ſie ſelbſt erlitten haben, das mußte der Ausdruck der Wahrheit ſein, nicht ein leeres Reden. Jetzt wußte Elſe, warum Zephanja ſo ſtill und zurückgezogen lebe; über ihren Liebesfrühling war ein tödtender Froſt hin⸗ gezogen und hatte den Blütenreichthum ihrer Seele ver⸗ nichtet. Und darum war ſie gewiß auch ſo weit von zu 191 Hauſe in die Fremde überſiedelt, um der Stätte zu ent⸗ fliehen, wo ſie ſo Schweres erfahren. Plötzlich aber ſah ſich Elſe in dieſem Denken ge⸗ ſtört. Sie hörte die Vorſaalthür der Dinglinger'ſchen Wohnung öffnen und den Hofjuwelier zu einem Andern ſprechen: „Ich kann Ihm nur die Verſicherung geben, mein lieber Mosje, daß ich Ihn ſehr ſchätze, und verlaſſe Er ſich auf meine gegebene Zuſage, Ihn dabei in Allem zu unterſtützen, ſoweit dies in meinen Kräften ſteht. Nöthi⸗ genfalls werde ich Seiner Majeſtät dem König, meinem erhabenen Herrn und Gönner, davon Mittheilcung nachyen., und in dem Falle ſei Er verſichern, daß durchgegriffen wird.“ „So gehe ich denn mit der großen Freude und der Hoffneung von dannen, meiner Sache einen wahren Freup'd gewonnen zu haben, und bitte mich dem Herrn Hofjuwelier aufs beſte empfohlen zu halten“, antwortete der Andere, in deſſen Stimme Elſe voll Erſtaunen die Jürg's erkannte. Die Thür des Vorſaals wurde geſchloſſen und leichte Schritte die Treppe hinab deuteten an, daß der junge Mann das Haus verlaſſen wolle. Das durfte Elſe nicht abwarten. Sie rief ihm nach:„Mosje Jürg! Mosje Jürg! Komm Er doch einmal zurück.“ Und er kam wirllich. Elſe fand es höchſt nöthig, ihre große Freude, daß ihre Stimme nichts von ihrem Einfluſſe auf ihn ver⸗ loren habe, zu verbergen.„Er hat ſich wohl erkundigen wollen, ob ich noch am Leben ſei?“ „Nein, Elſe, das iſt es wirklich nicht, weshalb ich beim Herrn Hofjuwelier war, weil ich's ja im voraus wußte, daß Du zu den Unſterblichen gehörſt.“ „Damit will Er meiner wohl ſpotten?“ „Ich denke nicht daran. Warum ſollte ich das auch? Wer Liebe im Herzen trägt, gehört den Unſterblichen an, genn ohne Liebe gäb's keine Unſterblichkeit. Und ſollte ich denn zweifeln, das Du liebſt, mich liebſt mit ganzem vollem Herzen? Hätteſt Du den grrimmigen Ruſſenzaar im Zorn angefaßt, weil er mich zum Geweenſtande ſeines ſchlechten Spaßes machte, wenn Deine Liebe zu mir keine Wahrheit wäre?“ „Und das haſt Du mir nicht vergeſſen?“ fragte Eggſe, gerührt ihm die Hand reichend. B „Solange ein Lebenshauch in mir iſt, werde ich es nie!“ rief der junge Mann, ſie an ſich ziehend.„Wer ſo ehrlich liebt wie Dn, Elſe, der findet ſich leicht wieder, wenn ihn auch einmal eine Anwandlung von ungerechter Eiferſucht überkommen hat. Das wußte ich, darum ließ ich Dich ruhig gehen, und jetzt iſt das Ueble hinter uns. I 193 Sich, darin liegt die Unſterblichkeit deſſen, der wirklich liebt. Der ſchlimme Gedanke kann ſeine Liebe nicht tödten.“ Elſe fand kein Wort, um ihrem Glücke, zwiſchen ſich und ihm Alles ausgeglichen zu ſehen, was ihr ſo ſchweren Kummer verurſacht hatte, einen Ausdruck zu geben; aber die Neugierde, was ihn zu dem Herrn Hofjuwelier geführt habe, prickelte doch zu gewaltig an ihr, als daß ſie die Frage darnach hätte unterdrücken können. „Ei nun, Kind, das ſoll Dir kein Geheimniß bleiben, denn ich weiß ja, daß Dein beſter Freund der altteſta⸗ mentliche Jeſus Sirach iſt.“ „Wie meinſt Du das?“ „Sollſt es gleich erfahren. Der alte Herr ſagt: Ein Weib, das ſchweigen kann, iſt eine Gottesgabe. Da ich Dich nun als—“ Lebhaftes Geräuſch von Schritten im Hausftn eine ſchnelle Trennung Elſe ſchlüpfte in den*. ſehr zufrieden mit d. in das Geheimniß L dem Beſuche eini⸗ Verdrießlich mu Sirach mag in Weib, das ſe gen— ſch Carie 194 er nur damit gemeint haben kann!“ Ihr Nachdenken über dieſen ihr als eine unerhörte Demüthigung für ihr Ge⸗ ſchlecht erſcheinenden Ausſpruch des alten Weiſen blieb natürlich ohne jegliches Reſultat und ſehr ärgerlich füllte ſie den Schluß:„Das Mannsvolk von heute und das vor Jahrtauſenden iſt ſich gleich wie ein Ei dem andern. Dieſer Jeſus Siroch und mein Jürg ſtimmen in dem Punkte, die Frauensleute zum Schweigen zu verurtheilen, ganz überein. O Gott, iſt das eine Männerwelt!“ Ende des erſten Bandes. 3. ———— — v1