— — 14 — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von..— Eduard Oflmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Hinterlegen. welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 8 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— 2 auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 W— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer ſne Erſatz des Ganzen verp flichtet.— 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterperleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ 5 1 8 2 4 1 A * L icht⸗ un d Schatten⸗Gemaͤlde 5 i n 8 V gemuͤthlichen Erzaͤhlungen . von 3— M. Freiinn von Callot. b 12 — 4 4 3 * 1 Brünn, 13 2 2. Bei Joſeph Georg Traſiler. — J. Die edle Entſagung. Sine Erzahlung. ) ———— — Inhalt. Seite I. Die edle Entſagung. Eine Erzählung. 3 II. Redlichkeit und Liebe. Eine Erzählung nach einer wahren Anekdote... 62 III. Die Kunſtreiſe. Eine komiſche Erzäh⸗ lung nach aufgegebenen Worten..99 IV. Die Unſichtbare. Eine Erzählung. 185 V. Die geſpenſtiſche Ratte. Eine komiſche Erzählung,...„ 217 1 VI. Sinnenreiz und Seelenliebe. Eine Er⸗ zählung...„.. 2493 Eliſe von Dammberg war die einzige Toch⸗ ter eines ſehr geachteten Gubernialrathes zu P. Ihre Eltern, ohne eben großes Vermoͤ⸗ gen zu beſitzen, hatten ein gutes Einkommen, und lebten ſehr anſtaͤndig. Eliſe genoß eine gute Erziehung, und es ward kein Aufwand geſcheut, die Talente, welche die Natur ihr verliehen hatte, auf das Beſte auszubilden. Ein weiches, empfäͤngliches Herz, ein leicht faſſender Geiſt, Biegſamkeit des Charakters, mit den herrlichſten Anlagen vereint, wa⸗ ren die Grundlagen, welche von ihren wei⸗ ſen Eltern ſo gluͤcklich benuͤtzt wurden, daß Eliſe bald alle Maͤdchen ihres Alters an geiſtigen Vorzuͤgen uͤbertraf. Die Natur hatte ſie auch in koͤrperlicher Hinſicht ſo reichlich begabt, daß ſie in ihrem ſiebzehnten Jahre als das ſchoͤnſte und liebenswuͤtdigſte Frauenzim⸗ mer zu P. bekannt war. 1 Bei allen dieſen Vorzuͤgen war es wohl nicht zu wundern, daß ſie eine Menge von Bewunderern hatte; die Mehrzahl beſtand auch hier wie uͤberall aus faden Gecken, die ihre lauwarmen Flammen auf jedem Altar zum Opfer darbringen, aber es gab auch einige Maͤnner von achtungswerthem Charakter dar⸗ unter, deren Antraͤge in jeder Hinſicht be⸗ ruͤckſichtigt zu werden verdienten; wir wollen hievon nur zwei bezeichnen, deren Bewerbun⸗ gen bedeutenden Einfluß auf Eliſens Schick⸗ ſal hatten, und welche darum in ihrer Ge⸗ ſchichte einen Platz einzunehmen verdienen. Der eine, Wohlfeld, war freilich gerade noch einmal ſo alt als Eliſe, doch da dieſe erſt ſiebzehn Jahre zaͤhlte, ſo war ſein Alter eben dasjenige, wo der Mann erſt vollkommen ausgebildet, von den Schlaken jugendlicher Thorheit und Unbeſonnenheit gereinigt, erſt dieſen Namen mit Recht verdient. Ein be⸗ deutendes Amt, und ein großes Vermoͤgen, welches er beſaß, machten ihn in oͤkonomiſcher Hinſicht fuͤr jedes Maͤdchen zur wuͤnſchens⸗ wertheſten Parthie, ſo wie ſein untadelhaftes Betragen, ſein edler, beſonnener und ſanfter Charakter Buͤrge waren, daß keine mit ihm ungluͤcklich ſehn wuͤrde. Seine Geſtalt war edel, ſeine Zuͤge angenehm, und bezeichneten 7 ganz die ſchoͤne Seele, die ſie belebte. Wahl⸗ feld war Dammbergs Freund, er war in eben dem Amte angeſtellt, und beſuchte das Haus des Gubernialrathes taͤglich; er ſah Eliſen nach und nach vom Kinde zur Jungfrau her⸗ an reifen, hatte erſt ſeine Freude an dem hol⸗ den kleinen Maͤdchen, und fuͤhlte, da ihre ſchoͤnen Eigeuſchaften ſich entwickelten, die reinſte, edelſte Liebe fuͤr ſie. Die ernſte Beſon⸗ nenheit ſeines Charakters theilte ſich auch ſei⸗ nen Gefuͤhlen mit, er war kein raſcher unbe⸗ ſonnener Juͤngling, in deſſen Innern Sturm und Drang tobt, und deſſen Leidenſchaft dem 5 Ausbruch eines flammenſpeienden Vulkans gleicht; ſeine Liebe war herzliches auf Ach⸗ tung gegruͤndetes Wohlwollen, das nur auf ſanfte wohlthuende Art ſich aͤußern konnte, und welches dem Gegenſtande dieſer Gefuͤhle um ſo ſchmeichelhafter ſeyn mußte, da es durch hoͤhere Vorzuͤge erworben, und darum um ſo daurender war. Da er es fuͤr Unrecht hielt, Gefuͤhle in dem Herzen eines Maͤdchens zu erregen, die vielleicht von ihren Eltern nicht gebilligt wuͤrden, ſo wendete er ſich zuerſt au dieſe, und erhielt von ihnen volle Zuſage, wenn die Neigung der Tochter, welche ſie auf keine Weiſe beſchraͤnken wollten, mit ſeinen Wuͤ uſchen uͤbereinſtimme. Wohlfeld zeigte nun x — 8 Eliſen unverhohlen die Gefuͤhle, welche ſein Herz ſchon durch laäͤngere Zeit fuͤr ſie fuͤhlte; das holde unbefangene Maͤdchen, das bisher noch fuͤr keinen Mann etwas empfunden hat⸗ te, und gewohnt war, Wohlfelden von ihrer fruͤheſten Jugend an als den achtungswerthe⸗ ſten Freund ihres Hauſes anzuſehen, fuͤhlte ſich durch ſeine Wahl geehrt, und willigte um ſo lieber in dieſe Verbindung, da ſie wußte, daß ſie dadurch die Wuͤnſche ihrer Eltern, beſon⸗ ders ihres guten Vaters erfuͤllen wuͤrde. Wohl⸗ feld war entzuͤckt, das Jawort wurde gegeben, die Ringe gewechſelt, und die Verlobung in einem Zirkel auserwaͤhlter Freunde gefeiert. Da Eliſe noch jung war, ſo wuͤnſchte die Mutter, daß die Verbindung noch ein Jahr verſchoben wuͤrde, und Wohlfeld war es auch zufrieden, da er die Geliebte in der Eltern Hauſe taͤglich ſehen und ſprechen konnte; es war ihm im Gegentheil gar nicht unlieb, weil er in ſeinem Hauſe einige Veraͤnderungen an⸗ bringen, und deßwegen bauen laſſen wollte. Er theilte Eliſen alle ſeine Ideen mit, zeigte ihr die Riſſe von Haus und Garten, und ließ alles nach ihren Wuͤnſchen einrichten. Die El⸗ tern ſahen mit Entzücken die ſchoͤne Harmo⸗ nie und das Vertrauen der Brautleute, und ſegneten das Schickſal ihrer Tochter. 9 Es iſt nunmehr Zeit, auch den Charakter Sellings(des zweiten von Eliſens Bewerbern, deren wir eben gedachten) zu ſchildern. Guſtav Selling war der einzige Sohn eines reichen Kaufmanns; fruͤh verlor er ſeine beiden El⸗ tern, und kam unter die Vormundſchaft des Gubernialrathes, der weitlaͤufig mit ihm ver⸗ wandt war. Dammberg nahm ihn zu ſich ins Haus, und erzog ihn mit der groͤßten Sorg⸗ falt; er waͤhlte einen rechtſchaffenen, geſchickten Mann von gepruͤftem Charakter zu ſeinem Hofmeiſter, und behandelte ihn in jeder Ruͤck⸗ ſicht wie ſeinen leiblichen Sohn. Nur um wenige Jahre aͤlter als Eliſe war er ihr treuer Spielgefaͤhrte, und die bei⸗ den Kinder liebten ſich wie Geſchwiſter. Gu⸗ ſtav war ein wilder feuriger Junge, der tau⸗ ſend loſe Streiche aus Muthwillen(nicht aus Boßheit) beging, der Hofmeiſter war ſtreng und ſtrafte hart; der ſanften Eliſe gelang es oft, von dein ernſten Manne Guſtavs Strafe zu erbitten, das gute Maͤdchen bat ſo gern fuͤr den kleinen Wildfang, und wer konnte„ ihren ruͤhrenden Bitten, wer dieſen thränen⸗“— den Augen, dieſer melodiſchen Floͤtenſtimme widerſtehn! Guſtav lohnte ihre Herzensguͤte mit der innigſten Anhaͤnglichkeit; das inte⸗ reſſanteſte ſeiner Spiele ward auf die Seite 10 geſetzt, wenn Eliſe rief, jeden iheer Wuͤnſche ſuchte er zu erfuͤllen, und er kannte weder Gefahr noch Beſchwerlichkeit, wenn es darauf ankam, ihr eine Freude zu machen. So hat⸗ te er einſt an dem Ufer des tiefen Baches Vergißmeinnicht geſehn, welche Elife vorzuͤg⸗ lich liebte; er wollte ſie fuͤr ſie pfluͤcken, er kletterte den ſteilen Abhang hinab, das lockre Erdreich wich unter ſeinen Fuͤßen, er ſtuͤrzte in die Wellen, welche den leichten Knaben pfeil⸗ ſchnell fortriſſen. Ohne Rettung waͤre er ver⸗ loren geweſen, denn die Fluthen trieben ihn einer Muͤhle zu, unter deren Raͤdern er ſicher den Tod gefunden haͤtte, wenn nicht gluͤcklicher Weiſe ein Muͤhljunge ihn geſehn und heraus⸗ gezogen haͤtte. Ein andermal war Eliſens Kanarienvogel aus ſeinem Kaͤfig entkommen, Fliſe liebte das zahme Thierchen ſehr und be⸗ weinte ſeinen Verluſt. Selling kam eben von einem Spaziergange mit ſeinem Hofmeiſter nach Hauſe, er hoͤrte von Eliſen die Urſache ihres Kummers; der kleine Fluͤchtling ſaß auf dem Dache des gegenuͤber ſtehenden Hauſes, „ſchnell flog Guſtav über die Straße, ein klei⸗ nes Geſchenk brachte den Hausmeiſter dahin, ihm den Boden zu oͤffnen, im Hui war der Knabe auf dem Dache, und Eliſe ſah ihn dort ſo ſchneil ihrem verlornen Liebling nachſetzen, —— ———;;— 11 daß ſte vor Angſt und Schrecken voͤllig außer ſich war; als ſie ſich erhohlte, ſtand Guſtav neben ihr, und hielt ihr triumphirend den kleinen Deſerteur entgegen, den er bis auf den Schornſtein verfolgt und dort mit der groͤß⸗ ten Gefahr herabzuſtuͤrzen gefangen hatte. Eliſe liebte den jungen Selling mit der rei⸗ nen ſanften Zaͤrtlichkeit einer guten Schwe⸗ ſter; aber ſeine Gefuͤhle fuͤr ſie waren von ganz andrer Art, und als ſechzehnjaͤhriger Juͤngling liebte er das zwoͤlfjaͤhrige Maͤdchen mit aller Kraft einer gluͤhenden Leidenſchaft. Er bewachte jeden ihrer Schritte, beneidete jeden, den ſie anſah, und trieb alle Thorhei⸗ ten, zu welchen die ausſchweifendſte Eifer⸗ ſucht ein jugendliches leidenſchaftliches Ge⸗ muͤth zu verleiten im Stande iſt. Der Gubernialrath, welcher dieſe Lei⸗ denſchaft ſehr bald bemerkte, dachte auf Mit⸗ tel, ſie von ihrem Gegenſtande abzuleiten und unſchaͤdlich zu machen; darum beſchloß er, Guſtaven mit ſeinem Hofmeiſter auf Reiſen zu ſchicken. Dieſer betrug ſich ſehr ungeſtuͤm, als er dieſe Beſtimmung erfuhr, denn der Gedanke, ſich von Eliſen trennen zu muͤſſen, war ihm ſchrecklich; doch fuͤr welchen feuri⸗ gen Juͤngling haͤtte es nicht Reiz, das vaͤter⸗ liche Haus zu verlaſſen, und hinaus in die 12 Welt zu kommen? Der heiſſe innre Drang des zugendlichen Herzens ſtrebt nach außen! hin⸗ aus hinaus, ins Freie, ins Weite! So uͤber⸗ wand auch Guſtav den Schmerz, Eliſen ver⸗ laſſen zu muͤſſen, durch den Gedanken, die Welt zu ſehn. Die Anſtalten zur Reiſe waren bald ge⸗ macht, und der Augenblick der Trennung war geſchwinder da als man dachte; mit Thraͤnen riß er ſich los von allen, beſonders von der geliebten Schweſter, der er ſchluchzend tau⸗ ſend Verſicherungen gab, daß er ſtets an ſie denken, und ihr Bild ihn ſtets umſchweben wuͤrde. Guſtav hielt Wort, ſeine Liebe fuͤr Eliſen ward ſein Schutgeiſt bei jeder Gefahr die ſeiner Unſchuld drohte; edle tugendhafte Liebe iſt der beſte Schild gegen die gefaͤhrli⸗ chen Anlockungen der Verführung und des Laſters. 3 Selling durchreiſte Frankreich, Italien, England und die Schweitz; er reiſte mit Nut⸗ zen, denn er durchlief nicht fluͤchtig dieſe Laͤn⸗ der, geleitet durch ſeinen redlichen Erzieher, hielt er ſich uͤberall auf, wo etwas ſehens⸗ werthes zu ſehen, wo etwas fuͤr ihn zu ler⸗ uen war. Fuͤuf Jahre war er ſchon abweſend, als er zu Baſel in der Schweitz ſeinen Hofmeiſter —·.—„»———.+——. 13 verlor, dem ein Schlagfluß ploͤtzlich das Le⸗ ben raubte. Er benachrichtigte ſeinen Vor⸗ mund ſogleich davon, und bat zuruͤckkehren zu duͤrfen, welches ihm auch bewilligt wurde. Selling kam nach P. und alles erſtaunte uͤber den ſchoͤnen, hohen Juͤngling, deſſen gan⸗ zes Benehmen aͤußerſt liebenswuͤrdig war, und von der feinſten Urbanitaͤt zeigte. Eliſe eilte ihm entgegen, und empfing ihn mit der Zaͤrt⸗ lichkeit einer Schweſter, doch mehr empfand ſie nicht, ſo ſchoͤn er auch geworden war. Guſtav war hingeriſſen von Eliſens Aublick, der hoͤchſte Grad von Leidenſchaft tobte in ſeinem Innern, und er konnte den Augen⸗ blick kaum erwarten, wo er ohne Zeugen ſie ſehen, zu ihren Fuͤßen das Geſtaͤndniß ſeiner heiſſen innigen Liebe ablegen, und um Gegenliebe flehen konnte. Dieſe Gelegenheit fand ſich bald, aber Eliſe theilte ſeine Gefuͤhle nicht, mit der edlen Offenheit, welche ihren Charakter bezeichnete, geſtand ſie ihm, daß ſie ihm recht herzlich gut ſey, daß ſie aber von Kindheit an gewohnt, ihn als ihren Bruder zu betrachten, nie andre Gefuͤhle als die ei⸗ ner zaͤrtlichen Schweſter, fuͤr ihn haben werde. Bei der Lebhaftigkeit von Sellings Cha⸗ rakter, kann man ſich denken, welche Wir⸗ 44 kung dieſe Erkloͤrung bei ihm hervorbringen mußte. Sein Schmerz war graͤnzenlos! doch hatte der junge Mann durch die Ausbildung, die er bekommen hatte, jene Feſtigkeit erlangt, welche den Muth gibt, den Schmerz zu wi⸗ derſtehen, und die edle Mittel ergreift, um ſelben nicht zu unterliegen. Von jeher hatte er große Luſt zum Soldatenſtande gezeigt, ſeine ungluckliche Liebe fuͤr Eliſen beſtimmte ihn nun, dieſen Stand zu waͤhlen, um ent⸗ weder auf dem Felde der Ehre, den ſchoͤnen Tod fuͤrs Vaterland zu ſterben, oder wenig⸗ ſtens unter den ernſten Beſchaͤftigungen des Krieges ſein Ungluͤck zu vergeſſen⸗ Der ſie⸗ benjaͤhrige Krieg gab ihm die ſchoͤnſte Gele⸗ genheit dazu, er erhielt die Erlaubniß ſeines Vormunds, und trat als Volontair ein ein Dragouer⸗Regiment, welches P. ſogleich ver⸗ laſſen und das erſte von allen ſich dem Fein⸗ de entgegen ſtellen mußte. Herzlich und ruͤh⸗ rend war der Abſchied von ſeinem Vormund und Eliſen, welche tauſend Thraͤnen vergoß, und ſich ſelbſt nicht ganz ohne Grund Vor⸗ wuͤrfe machte, da ſie ſich als die Urſache an⸗ ſah, wegen welcher der geliebte Bruder ſich den Gefahren des Krieges ausſetzte. Kurze Zeit darnach bewarb ſich Wohl⸗ feld um Eliſen und ſie ward ſeine Braut; O— ——„2zͤe— △☛ᷣ 15 beide waren ſehr gluͤcklich, er lernte das ſanfte Herz ſeiner Verlobten erſt jetzt recht kennen, da ſie es nun fuͤr Pflicht hielt, ihrem kuͤnftigen Gatten auch nicht den kleinſteu Ge⸗ danken zu verbergen; er war entzuͤckt uͤber die jungfraͤuliche Zartheit ihrer Gefuͤhle, und pries taͤglich ſein frohes Schickſal, welches dieſen Engel ihm habe zu Theil werden laſ⸗ ſen. Sie ward gegenſeitig taͤglich mehr von ſeinen edlen Geſinnungen uͤberzeugt, und lernt, dieſen vortrefflichen Mann taͤglich mehr ſchaͤt⸗ zen. Die Eltern waren unausſprechlich gluͤck⸗ lich in dem Gluͤck ihres geliehten Kindes, und alle ſahen der froheſten Zukunft entgegen. In dem erſten Stockwerk des Hauſes, deſſen zweites Dammberg bewohnte, wohnte die junge Graͤfinn Werlitz, die eine der ſchoͤn⸗ ſten Damen W.s und erſt ſeit einem Jahre verheirathet war. So ſtolz auch ſonſt der hohe Adel zu P. iſt, und ſo wenig er der ſogenannten zweiten Nobleſſe den Zutritt in ihre Geſellſchaften verſtattet, ſo machte doch die Graͤfinn hiervon eine Ausnahme; ſie be⸗ ſuchte Dammbergs, lud ſie zu ſich und konnte beſonders nicht ohne Eliſen leben. Der Grund zu dieſer Herablaſſung war wohl nicht ganz reine Herzensguͤte; die Graͤfinn war waͤhrend ihrer Schwangerſchaft ſehr kraͤnklich, und da⸗ 16 durch gezwungen, lbeinahe immer zu Hauſe zu bleiben; da ſie nun keine Freundinn hatte, welche ſie genug liebte, um ihr zu Gefallen auf die geſellſchaftlichen Freuden und Vergnuͤ⸗ gungen Verzicht zu leiſten, deren man in P., beſonders im Faſching, ſo viele genießen kann, ſo war ſie herzlich froh, daß die gutmuͤthige Eliſe ihr alle Muße, und beſonders die Aben⸗ de widmete. 5 Eliſe war gern bei der Graͤfinn, dieſe war ein heitres, froͤhliches Geſchoͤpf. Wohl etwas leichtſinnig und unbeſonnen, und ohne beſondern Verſtand, doch nicht ohne Witz; ihre naiven drolligten Einfäͤlle waren origi⸗ nell, und man war ſicher, daß, wo ſie war, die Unterhaltung wohl immer nur frivole Ge⸗ genſtaͤnde betreffen, aber immer lebhaft blei⸗ ben, und nie ins Stocken gerathen wuͤrde. Eliſe freute ſich immer auf den Abend, den ſie faſt taͤglich bei der Graͤfinn zubrachte; dieſe zeigte ihr ſo viele Anhaͤnglichkeit, daß ſie ſich dadurch recht herzlich angezogen fand. So⸗ bald ſie nun die Spielparthien fuͤr ihre El⸗ tern, wobei Wohlfeld nie fehlte, arrangirt hat⸗ te, eilte ſie immer zu ihrer neuen Freundinn welche ſie mit offnen Armen empfing. Die beiden Freundinnen brachten nicht alle Abende allein zu, es war oft noch ein drittes, und 127 zwar ein männliches Weſen bei ihnen; doch war Eliſe immer froh, wenn es weg blieb; denn mit Mißvergnüͤgen bemerkte ſie, daß die Graͤfinn den jungen Mann mit Blicken anſah, die ihr bei aller ihrer Unbefangenheit auffal⸗ len mußten. Dieſer junge Mann hieß Graf Neiborn, er war Anfangs ſeltner, dann oͤf⸗ ter, und endlich alle Abende da. Der Gemahl der Graͤfinn, der eine der erſten Stellen im Lande bekleidete, konnte nur ſelten den klei⸗ nen Zirkel vermehren, und kam er, ſo glaub⸗ te Eliſe nicht undeutlich leiſe Spuren von Mißvergnuͤgen uͤber die Anweſenheit Neiborns in ſeinen Augen zu leſen; doch ſchien die Graͤfinn dies wenig zu beachten, und Eliſe wuͤrde geglaubt haben, ſich geirrt zu haben, da ihr ihre Unbekanntſchaft mit den leichten Sitten der großen Welt manches in einem grelleren Lichte zeigte, als es wirklich war, und ſie hieruͤber ſchon mehrere Erfahrungen gemacht hatte, ſo wuͤrde ſie dieſe Bemerkung auch auf dieſe Rechnung geſchrieben haben, wenn ihr nicht die Graͤfinn einſt in einer traulichen Stunde, das Geſtaͤndniß gemacht haͤtte, daß Neiborn ehemals ihr Liebhaber ge⸗ weſen, daß ſie ihn ſehr geliebt habe, daß aber ein alter Oheim ſie gezwungen habe, den Grafen Werlitz zu ehelichen. 48 Eliſe konnte ihr nicht verbergen, wie ſehr es ſie in Erſtaunen ſetze, daß ſie ſich der Gefahr eines Umganges mit dem Manne ausſetzte, mit welchem ſie in ſo naher Beziehung ge⸗ ſtaunden, und welche die Pflicht ihr nun zu vergeſſen zwaͤnge. Die Graͤfinn lachte und ſagte: gutes Maͤdchen! werden Sie nur erſt eingeweiht in die Geheimniſſe der großen Welt, ſo werden Sie eine andere Anſicht von den Dingen um ſie her bekommnen! dann faſelte ſie wieder fort, und es war nicht möglich ein vernuͤnftiges Wort mit ihr zu ſprechen. Eliſen mißfiel dieß Verhaͤltniß im hoͤch⸗ ſten Grade, ſie achtete den Gemahl der Graͤ⸗ finn, der allgemein als ein edler vortreffli⸗ cher Mann bekannt war, und es that ihr weh die gute Meinung, welche ſie bisher von der Graͤfinn gehabt hatte, herabſtimmen zu muͤſſen. Gewohnt immer offenherzig ge⸗ gen ihre Eltern zu ſeyn, theilte ſie ſelben ih⸗ re Bemerkungen mit, und bat um Belehrung, wie ſie bei dieſem Aulaſſe ſich zu verhalten habe; auch Wohlfeld ward davon unterrich⸗ tet, und das allgemeine Reſultat ging dahin aus, daß man nur das Wochenbette voruͤber⸗ gehn laſſen wollte, um den Umgang wo nicht abzubrechen, doch wenigſtens einzu⸗ ſchraͤnken. Dieß geſchah auch, und es ließ ſich ehr fahr Bte, ge⸗ zu lund erſt belt, den ſelte ein öͤch⸗ Braͤ⸗ effli⸗ ihr isher men ge⸗ t ih⸗ ung, lten rich⸗ ahin liber⸗ wo nzu⸗ ſich ———— 19 um ſo leichter thun, da die Graͤfinn nach dieſem Zeitpunkte viele Beſuche zu empfan⸗ gen und zu erwiedern hatte, und bald nach⸗ her⸗ da das Fruͤhjahr eintrat, auf ihr Land⸗ gut ging, wo ſie den ganzen Sommer uͤber zu bleiben gedachte⸗ Die Graͤfinn kam einen kurzen Abſchieds⸗ beſuch bei Dammbergs zu machen; ſie dankte Eliſen mit vieler Herzlichkeit fuͤr die ihr ge⸗ brachten Opfer, lud ſie ein, ſie bald auf ihrem Schloſſe zu beſuchen, und fuhr noch denſelben Tag froh und heiter dahin ab. Der Graf mit wenigen Dienern blieb in P. zu⸗ ruͤck, da ſeine Geſchaͤfte ihm nicht erlaubten, ſich zu entfernen. Der Bau von Wohlfelds Hauſe gedieh immer weiter, und der Zeitpunkt ſeiner Ver⸗ bindung mit Eliſen war nicht mehr ſehr fern, als die Frau von Dammberg gefaͤhrlich krank, und in wenig Tagen ein Opfer des Todes wurde. Nur der, welcher den Tod einer ge⸗ liebten Gattinn oder einer theuern Mutter er⸗ lebte, kann ſich eine Vorſtellung von dem Schmerz machen, den Dammberg und Eliſe bei dieſem Verluſt empfanden. Wohlfelds treue Anhaͤnglichkeit und Theilnahme allein gewaͤhrte den Traurenden Troſt, und hielt ſie aufrecht bei ihren Leiden. Die Verbindung B 2 2 1—— 26 mußte nun bis zu Ende der Trauerzeit, alſo um ſechs Monate verſchohen werden; dann hatte der Gubernialrath eingewilligt, zu ſei⸗ nen Kindern zu ziehn, und den Reſt ſeiner Tage mit ihnen zuzubringen. So lebte die kleine Familie ſtill dahin, und widmete dem Andenken der Verblichenen manche Thraͤne der Erinnerung. Eliſe, welche jetzt die Geſchaͤfte der Haus⸗ frau zu beſorgen hatte, wollte einſt des Mor⸗ gens ausgehn, um etwas zu kaufen; als ſie auf dem letzten Abſatz der Stiege war, hielt eine Kutſche an derſelben, der Bediente oͤff⸗ nete den Schlag, und es ſprang ein junger Mann aus ſelber, welcher ein junges Frauen⸗ zimmer heraushob, in der Eliſe zu ihrem Er⸗ ſtaunen die Graͤfinn erkannte. Dieſe flog in ihre Arme, bedauerte den Tod ihrer Mutter, und fuͤhrte ihr in ihrem Begleiter ihren Bruder den Graſen Horuek auf, welcher ſo eben von ſeinen Reiſen, und zwar gerade von Paris zuruͤckkomme. Er wußte ſeine Schweſter auf dein Lande, und fuhr zu⸗ erſt zu ihr, da er ſie zäͤrtlich liebte, und ſich ſehnte, ſie zu ſehen. Eliſe mußte nun dem Gra⸗ fen ins Geſicht ſehen, und ihre Blicke fuhren ſchnell zuruͤck, gluͤhende Roͤthe uͤbergoß ihr reizendes Geſicht, und ihr Auge ſuchte den ſun dur der fen ſta ſeit ſten Die te, ſch but ver Lek gle ſen Se ein we 11 Al 3 zut fuͤt ſei⸗ einer die dem hielt öff nger uen⸗ Er⸗ den hrem druek und dußte r zu⸗ ſich Bra⸗ hren ihr den 21 1 het 2 —₰ — Boden; nie in ihrem Le ſung ſo verloren! Ein nnmenloſes Gefüͤhl durchſtroͤmte ihre Bruſt, und um keinen Preis der Welt waͤre ſie faͤhig geweſen, dem Gra⸗ fen noch einmal ins Auge zu ſehen. Dieſer ſtand verloren in Eliſens Anblick, und dankte ſeiner Schweſter, daß ſie ihn mit dem ſchoͤn⸗ en und liebenswuͤrdigſten Frauenzimmer be⸗ kannt gemacht habe, welche er je geſehen habe. Die Graͤfinn kuͤßte Eliſen, verſprach noch heu⸗ te ſie zu beſnchen, und huͤpfte die Treppe hinauf; ihr Bruder folgte ihr, hach hdem er Eiiſe war in einem Zuſtand der Betaͤu⸗ bung, aus welchem ſie ſich kaum zu reißen vermochte. Es gibt Momente im menſchlichen Leben, welche mit nichts in der Welt ſich ver⸗ gleichen, und darum ſich nicht be i ſen. Ein Blitzſtrahl faͤhrt oft plöͤtzlich it Seele, welche die gleichgeſtimmte, vielleicht in einem andern Planeten ihr ſchon näh wandte Schweſter erkennt, und von dieſem Augenblick an ſie gefeſſelt ſich nicht mehr los⸗ zureißen vermag. Nicht jeder iſt ezſän iieh fur dieſe Sympathie, und nur zarten, ſeine ———— 22 organiſirten Weſen, in welchen der Geiſt das hoͤhere, vielleicht nicht ganz mit dem Koͤrper in Verhaͤltniß ſtehende Subjekt iſt, wird die⸗ ſer hohe Grad von Reizharkeit der Seele zu Theil. Bei Eliſen war dies der Fall; obgleich ihre Erziehung ſehr beſonnen war, und Schwaͤrmerei ihr nie geduldet wurde, lag der Grund zu jenen Gefuͤhlen doch tief in ihrer Seele; ohne Anlaß hatte ſie Jahre durchlebt und war in ihrer Ruhe geblieben, doch ploͤtz⸗ lich faͤhrt der Strahl in ihre Seele, und hoch lodert die Flamme empor! Sie kam nach Hauſe und ging halbtraͤu⸗ mend umher, zum Theil war ſie auch be⸗ ſchämt, ſich ſo benommen zu haben, ſie fuͤhl⸗ te wohl, daß ihre Verlegenheit, ihr ploͤtzliches Erroͤthen ihre Empfindungen verrathen ha⸗ ben mußten; ſie fuͤrchtete den Beſuch der Gräͤ⸗ finn, weil ſie vermuthete, daß der Bruder ſie begleiten wuͤrde. Bei Tiſche war ſie einſilbig, und ſchuͤtzte Kopfweh vor um ihre ungewoͤhn⸗ liche Stimmung zu entſchuldigen; Vater und Braͤutigam aͤußerten viel Beſorgniß um ſie, und beſchwuren ſie, da ſie ihren Geſchaͤften nachgehen mußten, ja ihre theure Geſundheit in Acht zu nehmen. Um fuͤnf Uhr kam die Graͤfinn, aber zu ——— ihrer hlebt ploͤtz⸗ träͤu⸗ Eliſens Beruhigung kam ſie allein; ſie betrug ſich ſo freundlich und herzlich, daß dieſe nicht umhin konnte, ihr recht gut zu ſeyn. Sie ſprach viel von ihrem geliebten Bruder, ruͤhm⸗ te ſeine vortrefflichen Eigenſchaften und ſag⸗ te, daß er ganz bezaubert von ihr ſey; und dieſes ſagte ſie, wolle viel ſagen, da er bis⸗ her immer ein entſchiedener Weiberfeind ge⸗ weſen, und noch keine ihm gefallen habe. Eliſe erroͤthete aufs neue, ihr Herz ſchlug laut, und ſie that alles Moͤgliche die Ideen der Graͤfinn auf einen andern Gegenſtand zu leiten, und dieſes ſie beaͤngſtende Ge präͤch abzubrechen. Die Graͤfinn lud Eliſen, ihren Vater und Wohlfelden auf den kunftigen Abend zu einen kleinen Souper, zu welchen bloß kleine Geſellſchaft auserwaͤhlter Freunde ge⸗ beten war; ſie blieb da bis der Gubernialrath nach Hauſe kam, wo ſie ihre Einladung wie⸗ derholte, und nachdem ſie die Verſicherung er⸗ halten, daß man erſcheinen werde ſich empfahl. Wohlfeld kam dieſen Abend nicht, da er ſich nicht wohl befand, auch die Einladung für Morgen, konnte er aus dieſem Grund nicht annehmen. Dammberg wollte einen Spaziergang machen, und lud ſeine Tochter ein, ihn auf ſelbem zu begleiten, ſie bat aber 24 ſie zu entſchuldigen, da ihr Kopfweh noch zugenommen habe, und ſie ſich nicht getraue, ſich der feuchten Abendluft auszuſetzen. Es war das erſtemal in ihren Leben, daß Eliſe ihrem Vater eine Unwahrheit ſagte, ihr Kopf war vollkommen geſund, aber ihr Herz war um ſo kraͤnker! Sie blieb ganz einſam, und hatte volle Muße den Begebenheiten des ver⸗ floſſenen Tages, und ihren eigenen ſie befrem⸗ denden Geſinnungen nachzudenken. Unbe⸗ greiflich war es ihr ſelbſt, wie ſie ſo ploͤtzlich von den Anblick eines Menſchen ergriffen werden konnte, den ſie nur einen Augenblick geſehen hatte! ſie fuͤhlte ſich ganz veraͤndert, ſie fuͤhlte wohl, daß das was ſie bisher fuͤr Wohlfeld empfunden hatte, nicht Liebe war, daß dieſe erſt beim Anblick des Grafen mit ganzer Staͤrke der Leidenſchaft in ihr erwacht ſey, der Gedanke nun bald Wohlfelden heira⸗ then zu muͤſſen, war ihr nun ſchrecklich, und dieſe Veraͤnderung ſo ſchnell, in wenigen Stunden! O ſie war ſo boͤſe auf ſich ſelbſt! und doch konnte ſie ihre Empfindungen nicht bezwingen! doch hoffte ſie mit der Zeit viel⸗ leicht damit zu Stand zu kommen, wenigſtens nahm ſie ſich feſt vor, Wohlfelden nichts da⸗ von merken zu laſſen, und ihr gegebenes Wort getreu zu erfuͤllen.— noch raue, Es Fliſe Kopf war und ver⸗ rem⸗ nbe⸗ tzlich iffen blick dert, fur var, mit acht eira⸗ und igen bſt! cht diel⸗ tens da⸗ vort — 25 Den Abend des kommenden Tages erwar⸗ tete Eliſe nicht ohne banges Herzklopfen; er erſchien, und ſo gut und verſtaͤndig Eliſe auch war, war ſie doch ſo ſehr Maͤdchen, daß ihre Trauerkleidung dießmal mit beſonde⸗ rer Sorgfalt gewaͤhlt ward, daß ihre blonden Locken dießmal ſchoͤner als je geringelt, in uͤppigen Wellen ihren blendend weißen Hals und ihr reizendes Geſicht umfloſſen. Schoͤn war Eliſe in dieſer Kleidung, die ihre Reize noch mehr erhob, aber mehr als ſchoͤn war das was aus ihren holden Zuͤgen ſprach, je⸗ ner Funke des Prometheus, ohne welchen die ſchoͤnſte Geſtalt ohne Intereſſe bleibt, und einer ſchoͤn geformten Bildſaͤule gleicht. Hornek war ſchon bei ſeiner Schweſter, als Eliſe mit ihrem Vater eintrat; dieſe hatte ſich vorgenommen, alle ihre Faſſung zuſam⸗ men zu nehmen, und nicht wieder die Rolle von geſtern zu ſpielen, und es gelang ihr we⸗ nigſtens in ſo weit, daß ſie die verbindlichen Reden des Grafen mit jenem Anſtande beant⸗ worten konnte, welchen man von einem jun⸗ gen Frauenzimmer von hoͤherem Stande und Bildung zu erwarten berechtigt iſt. Die Ge⸗ ſellſchaft war nicht ſehr zahlreich, aber ſie beſtand aus lauter ſehr gebildeten Menſchen, den einzigen Neiborn ausgenommen, deſſen 26 wilde Lebhaftigkeit mit dem feinen Benehmen der uͤbrigen merklich kontraſtirte. Graf Wer⸗ litz, welcher die Geſellſchaft auch mit ſeiner Gegenwart beehrte, unterhielt ſich viel mit dem Gubernialrath, den er ſchon lange kann⸗ te, und ihn ſehr hoch ſchaͤtzte. Der aͤltere Theil der Geſellſchaft ſetzte ſich endlich au die Spieltiſche, indeſſen die juͤngern im Neben⸗ zimmer am Fortepiano ſich unterhielten. Hor⸗ nek ward zueeſt aufgefordert zu ſpielen; er praͤludirte mit einem Ausdruck und einer Staͤr⸗ ke, die alles uͤbertraf, was Eliſe je gehoͤrt hatte, und fiel dann mit einem ſchoͤnen Ueber⸗ gang in eine Arie ein, die er mit einer reinen vollen Tenorſtimme mit den ſanfteſten Modu⸗ lazionen und dem richtigſten Ausdrucke ſang. Bei jeder gefuͤhlvollen Stelle war ſein großes ſchoͤnes Auge auf Eliſen gerichtet, welche ihm gegenuͤber ſaß. Die Worte druͤckten die Sehn⸗ ſucht nach einem geliebten noch nicht gefun⸗ denen Gegenſtand aus, deſſen Daſeyn die liebende Seele ahndet, und ihn zu finden hofft; die Muſik war ſehr ſchoͤn, und die Begeiſterung, mit welcher der ſchoͤne junge Mann ſang, war hinreiſſend. Lange ſchon hatte er geendet, und alles blieb ſtill, jede Bruſt hob ſich hoͤher, und jeder Blick war zur Erde geſenket. Endlich ſchrie der wild⸗ hmen Wer⸗ einer mit ann⸗ ltere n die ben⸗ Hor⸗ ; er taͤr⸗ hoͤrt eber⸗ einen odu⸗ ang. oßes ihm ehn⸗ fun⸗ die nden die nge hhon jede var lde 27 luſtige Neiborn laut auf, es ſey einmal Zeit etwas Geſcheidters zu thun, er lud jemand von der Geſellſchaft ein, ein paar luſtige Walzer zu ſpielen, und forderte die Graͤfinn auf, mit ihm zu tanzen; dieſe eine leiden⸗ ſchaftliche Taͤnzerinn ließ ſich nicht lange bitten, und ihr folgte bald die ganze Geſell⸗ ſchaft, bis auf Eliſen, welche ſich Hornecks Aufforderung verbat, da ihre Trauerkleidung und mehr noch die Stimmung ihres Herzens ſie gar nicht zu dieſer Unterhaltung geeignet machten. Der Graf begleitete ſie zu einen Sitze, wo er an ihrer Seite Platz nahm. Eliſe war ſehr verlegen, ſie bat ihn ſich nicht von dem allgemeinen Vergnuͤgen auszuſchlie⸗ hen, er verſicherte aber, daß er obwohl ſonſt ein großer Freund vom Tanzen, ſich heute gar nicht geneigt dazu fuͤhle, und daß er das Vergnügen, in ihrer Geſellſchaft zu ſeyn, um keinen Preis der Welt aufopfern wuͤrde. Eliſe brachte nun das Geſpraͤch auf die Muſik, und pries die Arie, welche er geſungen hatte; er ſagte, daß ſowohl Poeſie als Muſtik ſein eige⸗ nes Werk ſey, und daß die Worte ſo ganz den bisherigen Zuſtand ſeiner Seele ausge⸗ druͤckt haͤtten.„Doch!“ rief er mit Begeiſte⸗ rung aus, indem er ihre Hand ergriff;„ſo war es! nun nicht mehr! gefunden habe ich, — 29 was ich ſo lange ſuchte, den Engel, deſſen Bild ſchon ſuit den fruͤhſten Jugendjahren vor meiner Seele ſchwebte; und uͤbertroffen ſeh ich noch mein ſchoͤnes Ideal! holde goͤtt⸗ liche Eliſe! Ihr erſter Anblick hat mich hin⸗ geriſſen, ich liebe Sie unausſprechlich. Ach moͤchten Sie meine Gefuͤhle theilen, und mich dadurch zum gluͤcklichſten Sterblichen machen!“ Eliſe zitterte, ſie bot alle Kraͤfte auf, es ge⸗ lang ihr ſo viel Faſſung zu erringen, daß ſie mit dem ihr eigenen Anſtand ihm ſagen konn⸗ te, daß ſie ihn baͤte, ſie mit Geſpraͤchen die⸗ ſer Art zu verſchonen, welche anzuhoͤren ihre Verhaͤltniſſe verboͤten. Bei dieſen Worten ſtand ſie auf und gieng an das Fortepiano, wo ſie ſich anbot, den Spielenden abzuloͤſen, um, da ſie doch nicht tanze, wenigſtens auf dieſe Weiſe ihren Theil zur Unterhaltung der Geſellſchaft beizutragen. Man hoͤrte auf zu tanzen, und Eliſe hielt ſich ſtets ſo nahe zur Geſellſchaft, daß es Horneken unmoͤglich war, ihr etwas beſonderes ſagen zu koͤnnen. Man ging zum Souper, und Eliſe kam auf Veranlaſſung der Graͤfinn neben Hornek zu ſitzen, der es ſich ſehr angelegen ſeyn ließ, ſie angenehm zu unterhalten; doch blieb er immer in den Schranken der Beſcheidenheit. Er ſprach viel von ſeinen Reiſen und hielt 29 ſich beſonders lange bei der Beſchreibung der Schweizergegenden auf, von deren praͤchtigen ffen majeſtäͤtiſchen Anſichten er mit Begeiſterung oͤtt⸗ ſprach. Er ſagte, daß er die vorzuͤglichſten hin⸗ Naturſzenen gezeichnet habe; die Graͤfinn, Ach die unfern von Eliſen ſaß, rief hier aus: ich„Dieſe Zeichnungen muͤſſen Sie ſehen! ich ha⸗ u!“ be ſie alle bei mir, und wenn mein liebes ge⸗ Lieschen mich morgen Vormittags beſuchen ſie will, ſo wollen wir ſie durchſehen.“ Eliſe, nu⸗ welche ſelbſt zeichnete, und die Kunſt ſehr die⸗ liebte, verſprach zu kommen. Die Graͤfinn ihre ſprach zu ihrem Bruder:„Du ſollſt wiſſen, rten daß meine Freundinn ſelbſt Kuͤnſtlerinn in die⸗ no, 5 ſem Fache iſt, und daß ihr kunſtreicher Pin⸗ ſen, 4 ſel die ſchoͤnſten Gemaͤlde erſchafft.«„Alſo auf wieder ein Talent mehr,“ fluͤſterte der Graf der Eliſen zu;„o Eliſe, was werden Sie noch zu aus mir machen?“ Ein ſtrafender Blick aus zur ihrem Auge brachte ihn jedoch ſogleich wieder dar, u ſich ſelbſt, und er blieb in der gehoͤrigen Faſſung, bis die Geſellſchaft aufbrach, wo er am ſich doch nicht enthalten konnte, Eliſens Hand nek an ſeine Lippen zu druͤcken, und ihr zuzu⸗ ieß, fluͤſtern, daß ſeine Ruhe auf immer dahin ſey. er Die Gefuͤhle, welche Hornek gegen Eliſen eit. geaͤußert hatte, waren wirklich in ſeinem Her⸗ elt zen; er wurde von ihrem Anhlick eben ſo er⸗ 80 griffen, wie ſie von dem ſeinigen. Noch nie hatte ſein Herz Liebe gefuͤhlt, bisher hatte er mit dieſer Leidenſchaft nur geſpielt, und im Grunde alle Weiber verachtet, denn noch hat⸗ te er kein weibliches Weſen gefunden, welches nur die entfernteſte Aehnlichkeit mit dem Ide⸗ al gehabt haͤtte, das er in ſeinem Buſen her⸗ umtrug. Er ſah Eliſen, und liebte ſie im er⸗ ſten Augenblick, ein geheimer Zug zog ihn zu ihr, und ſein Herz ſagte ihm, daß er die ſehn⸗ lich geſuchte Geliebte gefunden habe. Seine Seele war erhaben uͤber die kleinlichen Vor⸗ urtheile ſeines Standes, und er war wirklich geſonnen, Eliſen ſeine Hand anzubieten, wel⸗ ches er, da er reich und ganz unabhaͤngig war, um ſo leichter aus fuͤhren konnte. Er erſchrack, als die Graͤfinn ihn von Eliſens Verhaͤltniß zu Wohlbergen unterrichtete, doch da ſie ihm zu verſtehen gab, daß von des Maͤdchens Sei⸗ te wohl ſchwerlich Liebe, ſondern bloße Ach⸗ tung und der Wunſch ihres Vaters die Ver⸗ bindung geknuͤpft habe, ſo hoffte er, daß ſich alles noch aufloͤſen, und zu ſeinem und Eli⸗ ſens Gluͤck wenden laſſe. Den Gubernialrath rief um dieſe Zeit ein Geſchaͤft von P. ab, und auch Wohlberg mußte ihn begleiten; vor fuͤnf bis ſechs Wo⸗ chen konnten ſie nicht zuruͤckkommen, und — —— 22 — 3¹ Dammberg willigte gern in das Verlangen der Graͤfinn, daß Eliſe die Zeit der Abwe⸗ ſenheit des Vaters und Verlobten bei ihr auf dem Lande zubringen moͤchte. Wohlfeld war nicht ganz zufrieden mit dieſem Vor⸗ ſchlage, es ſchien als ob eine geheime Ahn⸗ dung ihm ſage, daß Geſahr fuͤr ſeine Liebe daraus erwachſen koͤnne; doch war er zu klug, ſich dieſen Argwohn merken zu laſſen, und er erlaubte ſich auch nicht die kleinſte Hinweiſung darauf; nur druͤckte er Eliſen beim Abſchied feſt an ſein Herz, und bat ſie nie zu vergeſſen, daß von ihrer Liebe, das Gluͤck ſeines Daſeyns abhaͤnge. Nachdem die beiden Maͤnner abgereiſet waren, drang die Graͤfinn in Eliſen ſich auch ſobald als moͤglich reiſefertig zu machen, da ſie die ſchoͤne Jahreszeit benuͤtzen wolle. Auch hatte ſie ihr Kind zu Werlitz(ſo hieß ihr Landgut) unter der Aufſicht ſeiner Waͤrterin⸗ nen gelaſſen, und ſie ſehnte ſich, es wieder⸗ zuſehn. Eliſe fand dieſe Sehnſucht ſo ſchoͤn und natuͤrlich, daß ſie ſelbſt gern alles dazu beitragen wollte, um ſelbe recht bald zu ſtil⸗ len. Auch freute ſie ſich ſelbſt auf den Ge⸗ nuß des Landlebens und der herrlichen Na⸗ tur, nur ein Umſtand war, der ihr dieſe Freude verbitterte, und dies war die Furcht, 3² daß Horneck vielleicht ſeine Schweſter beglei⸗ ten wuͤrde, doch die Graͤfinn hob dieſe Be⸗ ſorgniß bald dadurch, daß ſie ihr ſagte, ihr Bruder koͤnne zu ihrem Mißvergnuͤgen ſie nicht begleiten, da er durch verſchiedene An⸗ gelegenheiten, deren Berichtigung nach ſeiner langen Abweſenheit hoͤchſt noͤthig waͤre, ge⸗ zwungen werde in P. zu bleiben, daß er aber ſpaͤter, wenn er ſein in der Naͤhe gelegenes Landgut beſuchte, gewiß zu ihnen kommen wuͤrde. Die Graͤfinn und Eliſe richteten ihre klei⸗ nen Reiſegeraͤthſchaften eiligſt zuſammen, ſie verließen froͤhlich und gutes Muthes die Stadt, und kamen nach einer kurzen Reiſe gluͤcklich auf dem Landgute Werlitz an, wo ſie den kleinen Theodor geſund und munter antrafen. Die Graͤfinn fuͤhrte Eliſen uͤberall herum, und dieſe war bezaubert von der paradieſiſchen La⸗ ge des Schloſſes und der umliegenden Ge⸗ gend. Die Graͤfinn machte nun Eliſen mit ihrer Lebensweiſe auf dem Lande bekannt.»Ich bin,“ ſprach ſie, geine kleine Faulenzerinn, und von der goldenen Morgenſonne, welche unſre Dichter ſo reizend beſchreiben, ſehe ich ſelten einen Strahl; ſollten Sie liebe Freun⸗ dinn, wie ich faſt glaube, gerne fruͤhe Tag machen, ſo bitte ich Sie, hierin ganz nach ſeine ne il den, len lebt. mneht Eliſ 1 ihr alles Her. Grẽ eus 65 vorzubereiten. Der Gouverneur verlangte, daß die Vermählung ſobald als moͤglich vollzo⸗ gen, und Hornek, daß die Abreiſe auf ſei⸗ nen Poſten, eben ſo ſchnell beſtimmt werden moͤchte. Hornek ging in ſein Haus, nicht zu ſei⸗ ner Schweſter zuruͤck; er ſchloß ſich in ſein Kabinet, und dort uͤberließ er ſich ganz dem Ausbruch des heftigſten Schmerzens! armer men Mann! ſelbſt mußte er der Moͤrder ſeines klei⸗ Gluͤckes werden! welch ein Tauſch! Eliſe 6 und Amalie! Die erſte, der Inbegriff aller Vollkommenheiten, die andere eine ſtolze, her⸗ cklich riſche Koquette, mit allen Lappen der Alletags⸗ den welt behangen!— Was ihn am meiſten kraͤnkte, war das Bewußtſeyn, daß Eliſe durch afen. ſeine Liebe ungluͤcklich geworden ſey; denn oh⸗ und ne ihn waͤre ſie Wohlfelds Gattinn gewor⸗ La⸗ den, und haͤtte gewiß an der Seite dieſes ed⸗ Ge⸗ len Mannes ein heiteres, frohes Leben ge⸗ lhper lebt. Erſt am andern Tag, als er ſeine nun⸗ „Ich mehrige Braut ſchon beſucht hatte, ſah er einn, Eliſen wieder; ernſte ſtilee Trauer war uͤber elche ihr ſchoͤnes Geſicht verbreitet, doch that ſie eich alles, ihm den Schmerz zu verbergen, der ihr eun⸗ Herz zerriß, ſie verließ bald das Zimmer der Tag Graͤfinn, um in dem ihrigen, ſich ungeſtoͤrt nach gusweinen zu koͤnnen. E 556 Der Graf entdeckte nun ſeiner Schweſter, welch' ein Opfer er ihr gebracht habe, und ſte von Reue und Dankbarkeit durchdrungen umfaßte ſeine Knie. Er forderte nun, daß ſie ſogleich ſich in ein Kloſter begeben moͤchte, und ſie war ſelbſt froh, die Welt verlaſſen zu koͤnnen, in welcher ſie, da ihr Ruf ſo ge⸗ brandmarkt war, doch nur eine ſchlechte Rol⸗ le geſpielt haͤtte; auch war durch dieſe ent⸗ ſetzliche Begebenheit ihr Herz ſo tief erſchuͤt⸗ tert, daß ihr ganzer Charakter geändert war, daß ſie ihren vorigen Leichtſinn wahrhaft be⸗ reute, und ſich ernſtlich vornahm, durch wahre Froͤmmigkeit ihre Vergehen abzubuͤßen. Nuͤr ihr Kind, das ſie verlaſſen mußte, lag ihr noch am Herzen, doch Hornek beruhigte ſie dadurch, daß er verſprach, Vaterſtelle bei dein Knaben zu vertreten, und Eliſen zu bitten, daß ſie den Kleinen, welchen ſie immer ſo zaͤrtlich geliebt habe, zu ſich nehmen, und ſo lange ſeine Pflegerinn ſeyn moͤchte, bis er geeignet ſey, unter maͤnnliche Leitung zu kommen. Die Graͤfinn war damit ganz zu⸗ frieden, ſie fuͤhlte wohl, daß ihr Sohn in Eliſens Haͤnden beſſer aufgehoben war, als in den ihrigen, auch glaubte ſie, daß dies die einzige Vergeltung ſey, welche ſie Eliſen fuͤr das Opfer, das ihr dieſe gebracht, geben koͤnne. — Sie eigenn hatte dieſe Ande in ſ ling welc einat aber zu Thet ſie e pfar getr eine abzl ſpre Der da mur in Not Beg ihre her ſal i dem itten, er ſo nd ſo 8 er 3 zu zu⸗ an in „ als s die 1 fuͤr onne. 67 Sie beſaß ein kleines Landgut, welches ihr eigenthuͤmlich gehoͤrte, Eliſe kannte es, und hatte immer Wohlgefallen daran gefunden, dieſes ſchenkte ſie Eliſen, welche es als ein Andenken von ihr annahm, und beſchloß, dort in ſtiller Einſamkeit mit ihrem theuern Zoͤg⸗ ling zu wohnen. Hornek und Eliſe ſahen ſich noch einmal, welch ein Geſpraͤch! unverhohlen zeigten ſie einander, was es ſie koſte, ſich loszureißen, aber die Tugend gab ihnen Kraft, das Opfer zu vollbringen. Der Graf hohlte den kleinen Theodor, und legte ihn an Eliſens Herz, und ſie empfing das fuͤße Geſchenk als ein Unter⸗ pfand ſeiner ewigen Freundſchaft, die, obgleich getrennt, entfernt, doch ſtets ihre Seelen ver⸗ einen werde. Sie begehrte noch dieſen Tag abzureiſen, und forderte von Hornek das Ver⸗ ſprechen, daß er ſie nie wiederſehen wolle. Den Briefwechſel konnte ſie nicht verſagen, da er als naͤchſter Verwandter Theodors Vor⸗ mund war, und ſie mit dieſem nothwendig in ſchriftlicher Verbindung bleiben mußte. Noch denſelben Abend verließ ſie P. in der Begleitung Theodors, ſeiner Waͤrterinn und ihres getreuen Maͤdchens, nachdem ſie vor⸗ her noch die ganze Bitterkeit ihres Schick⸗ ſals bei dem Abſchied von dem Geliebten E 2 ——õʒ—— 68 empfunden hatte. Die Graͤfinn bezog das Kloſter. Horneks Vermaͤhlung mit Graͤfinn Ama⸗ lien von Terny wurde vollzogen, und der Ungluͤckliche reiſte mit ſeiner ſtolzen, Eliſen in keinem Stuͤcke zu vergleichenden Gemahlinn nach ſeinem Geſandtſchafts⸗Poſten, wo nur der Gedanke, der Retter ſeiner Schweſter geweſen zu ſeyn, ihn vor Verzweiflung ſchuͤtzen konnte. Er begrub ſich in Geſchaͤfte, und Amalie, der es nur darum zu thun geweſen, eine reiche vornehme Frau zu werden und ein glaͤnzen⸗ des Haus zu machen, welches der Graf ihr nicht verwehrte, begehrte nichts anderes von ihm. Er war äußerſt mißvergnuͤgt, und der Gram untergrub ſeine Geſundheit ſo ſehr, daß er binnen einigen Jahren kaum der Schat⸗ ten deſſen war, was er einſt geweſen. Nur Eliſens Briefe waren Labſal fuͤr ihn, und ſo ſehr ſich auch das edle Maͤdchen bemuͤhte, alles in ſelben unberuͤhrt zu laſſen, was den geringſten Bezug auf ihr ehemaliges Verhaͤlt⸗ niß haͤtte haben koͤnnen, ſo war er doch jedes⸗ mal ſo ſehr davon ergriffen, daß die Wunden ſeines Herzens von neuem zu bluten anfin⸗ gen, aber dieſer Schmerz war Wolluſt fuͤr ihn. In Eliſens ſanftem Herzen hatte der Schmerz eine andere Geſtalt angenommen. 3 das Ama⸗ d der iſen in ahlinn ur der weſen onnte. e, der reiche unzen⸗ af ihr 3 von id der ſehr, jchat⸗ Nur nd ſo -uͤhte, den !haͤlt⸗ jedes⸗ inden anfin⸗ ihn. der amen. 69 Sie uͤberließ ſich der ſuͤßen Ruͤckerinnerung an die entflohenen Tage ihres Gluͤckes ohne Zwang, denn ſie verletzte dadurch keine Pflicht; ihr Herz gehoͤrte ungetheilt und, ewig dem Geliebten, den ſie, obwohl er das Eigenthum einer andern war, doch ohne Pflichtverletzung lieben konnte, da ſie ſeine Liebe nicht entge⸗ gen begehrte, und ihre Gefuͤhle tief in ihre Bruſt verſchloß. Sie liebte ihren kleinen Zoͤg⸗ ling, deſſen Zuͤge taͤglich mehr Aehnlichkeit mit jenen ſeines Oheims bekamen, mit wah⸗ rer muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit, und ihr ganzes Daſeyn war ſeiner Pflege gewidmet. So hatte ſie zwei Jahre durchlebt, als ſie einen Brief von Wohlfelden erhielt, der ihr aufs neue ſeine Hand anbot; ſein Zart⸗ gefuͤhl hatte ihn den Wunſch ſeines Herzens ſo lange unterdruͤcken geheißen, bis er hoffen konnte, daß ſeine Freundinn den heftigſten Sturm ihrer Empfindungen uͤberwunden habe und ſich in der Stimmung befaͤnde, den Vor⸗ ſchlaͤgen treuer gepruͤfter Freundſchaft Gehoͤr zu geben. »Ich bin,“ ſo ſchrieh er,„kein Juͤngling⸗ den heiſſe gluͤhende Leidenſchaft dahinreißt, ich achte Sie unendlich hoch; die herzliche innige Freundſchaft, welche einſt uns verband, iſt noch ſo lebendig in meinem Herzen! Gehen 70 Sie mir Ihre Hand und ſeyn Sie verſichert, daß ich Ihre ſtille Trauer um den verlornen Geliebten nie mißbilligen, daß ich ſie ſelbſt mit Ihnen theilen will. Alles, was die zaͤrtlichſte uneigennuͤtzigſte Freundſchaft vermag, will ich aufbieten, Ihnen Ihre Lebenstage wenn ſchon nicht gluͤcklich, wenigſtens ruhig verleben zu machen; ich verlange nichts als Ihre Freund⸗ ſchaft, und biete Ihnen nur darum meine Hand an, um vor den Augen der Welt be⸗ rechtigt zu ſeyn, Sie zur Beſitzerinn alles deſſen zu machen, was ich mein nennen kann.“ Eliſe war ſehr geruͤhrt, und es that ihrem Herzen wehe, den edlen Mann durch eine abſchlaͤgige Antwort kraͤnken zu muͤſſen. Sie dankte ihm in den ruͤhrendſten Ausdruͤk⸗ ken fuͤr ſeine edlen Geſinnungen, aber ſie ge⸗ ſtand, daß ſie ſeinen Wunſch nicht zu erfüͤl⸗ len vermoͤchte. Sie bat ihn, ſtets ihr Freund zu bleiben. Sie verhehlte ihm nicht, daß ſie Horneken noch liebe, und daß dieſe Liebe nie aufhoͤren werde, in ihrem Herzen zu gluͤhen. Sie bat ihn, recht oft an ſie zu ſchreiben, aber ſie nie zu beſuchen, weil ſein Anblick Erinnerungen an die ſchoͤnen Tage in dem Hauſe ihrer geliebten Eltern und an alles, was ſie verlor, in ihr erwecken, und ihren Schmerz erneuen wuͤrde; nur einmal wuͤnſche ——— cherk, ornen ſt mit lichſte ll ich ſchon en zu eund⸗ meine lt be⸗ alles ann.“ that durch uͤſſen. druͤk⸗ je ge⸗ erfuͤl⸗ reund aß ſie be nie 3uͤhen. eiben, Inblick dem alles, ihren ͤnſche ſie ihn noch zu ſehen, wenn ſie gewiß wiſſe, daß ſie ſterbe; dann wuͤrde ſie ihm es wiſſen laſſen, denn ſie wuͤnſche, daß der beſte be⸗ waͤhrteſte Freund ihrer erſten Jugendjahre ihr die Augen zudruͤcken moͤchte. Hornek ging binnen wenig Jahren hin⸗ uͤber ins beſſere Leben, und ſein letzter Seuf⸗ zer war Eliſe! ſein ganzes Vermoͤgen ließ er (außer einem anſehnlichen Wittwengehalt fuͤr Amalien) ſeinem Reffen, zu deſſen Vormunde er Wohlfelden ernannt hatte. Wohlfeld legte ſein Amt nieder, und kehrte nach P. zuruͤck, um dort naͤher bei Eli⸗ ſen zu ſeyn, und die Angelegenheiten ſeines Muͤndels beſſer betreiben zu koͤnnen, er wech⸗ ſelte haͤufig Briefe mit ihr, aber er blieb ſei⸗ nem gegebenen Verſprechen, ſie nicht zu ſehen, getreu, ſo ſchwer es ihm auch wurde, Wort zu halten. Eliſe ward durch Horneks Tod tief er⸗ ſchuͤttert, obwohl ihre Gefuͤhle fuͤr ihn da⸗ durch keine Veraͤnderung erlitten, denn fuͤr ſie war er ja laͤngſt todt, und ſo, wie ſie ihn liebte, konnte ſie auch nun die einen andern Planeten bewohnende Seele immer fort lieben, bis auch ſie aufſchweben, und dort durch und mit ihm zu einer Gluͤckſeligkeit gelangen wuͤr⸗ de, von welcher ſie hier eine kur ze Zeit den 72 ſie aber noch nicht reif geweſen. Aufwaͤrts ging ihr Streben! aufwaͤrts blickte ſie in ſternhellen Raͤchten zu jenen ſchoͤnen glaͤnzen⸗ den Himmelskörpern! auf einem von ihnen wohnt der Geliebte, und dort wird ſie ihn wiederfinden. Eine Freude war Eliſen noch aufbehal⸗ ten, einſt meldete man ihr einen jungen Mann und ein Frauenzimmer; ſie traten ein und es war Selling, der Geſpiele ihrer Jugend; an ſeiner Seite war eine ſchoͤne junge Perſon, in welcher er ihr ſeine Gattinn auffuͤhrte. Eliſe war ſehr erfreut, ihren lieben Bruder, wie ſie ihn noch immer nannte, zu ſehen. Er war ein ſchoͤner kraͤftiger Mann geworden, aus deſſen Augen wahrer Heldenmuth blickte; er hatte eine glaͤnzende Narbe an der Stirne und trug einen Orden, welchen er bei der Schlacht bei Collin ſich erworben hatte, auch ſeine Frau hatte er dieſer Schlacht zu dan⸗ ken, wie er auf ſolgende Art erzählte. »Als ich,“ ſprach Selling,„verwundet ward, trugen meine Leute, welche mich ſehr liebten, mich als einen Todten vom Schlachte felde, und ſuchten irgend einen ſichern Ort, wo ich vielleicht mich wieder erhohlen, uud noch getettet werden koͤnnte. Ein tief im Ge⸗ Vorgeſchmack genoſſen, zu deren Realiſirung indet ſehr acht⸗ Ort, uud Ge⸗ 73 hoͤlz liegendes Jaͤgerhaus ward von ihnen entdeckt, und zu meinem Zufluchtsort beſtimmt. Der Foͤrſter, ein wuͤrdiger alter Mann, und ſein gutes Weih nahmen mich willig auf. Als ich erwachte, lag ich in einem reinen Bette, ſah den alten Foͤrſter und ſeine Frau bemuͤht, mich ins Leben zurück zu rufen, und an dem Fuße meines Bettes dieſes holde Ge⸗ ſchoͤpf hier weinend. Ich erfuhr, wo ich war, und benuͤtzte die erſten Kraͤfte, die ich fuͤhlte, dieſen guten Menſchen herzlich zu danken. Der Foͤrſter beſaß ziemlich viel Kenntniſſe in der Heil⸗ kunde, und legte den erſten Verband an, doch traf er ſpaͤter Anſtalten, daß ein Wundarzt geholt wurde. Die Wunde war tief und ge⸗ faͤhrlich, ich wurde ſehr krank, und ſchwebte durch mehrere Wochen zwiſchen Tod und Le⸗ ben. In dieſer Zeit thaten meine guten Wirths⸗ leute alles moͤgliche fuͤr mich, das ſchoͤne lie⸗ benswuͤrdige Minchen(des Foͤrſters Dochter,) wich nicht von meinem Bette, auch wollte ich von niemand etwas einnehmen, als von ihrer Hand, kurz es entſpann ſich zwiſchen uns ein zaͤrtliches Verſtaͤndniß, das unſere Herzen knuͤpften, ohne daß ein Wort uͤber unſre Lip⸗ pen kam. Ich wurde geſund, meine Pflicht rief mich von dannen, ich riß mich von Wilhel⸗ 74 minen und ihren guten Eltern los, nachdem ich den letztern verſprochen hatte, bei eintre⸗ tendem Winter ſie als Gattinn in das Win⸗ terquartier zu fuͤhren. Mein Regiment war nach Schleſten gegangen, ich folgte dahin, wir hatten einen ſehr lebhaften Feldzug, waren in mehreren Affairen ungluͤcklich, ich ward gefan⸗ gen und nach Breslau gefuͤhrt. Es war uns Gefangenen ſtreng verboten, mit jemand in Feindesland Briefe zu wechſeln, ich konnte alſo weder an Wilhelminen ſchreiben, noch von ihr Nachricht erhalten. Es dauerte drei Jahre, bis ich ranzionirt wurde, ich benüuͤtzte die erſte Gelegenheit, zu Wilhelminen zu flie⸗ gen; wie groß war mein Eutſetzen, als ich die ganze Gegend ringsum verheert, das Haus niedergebrannt, und von den Menſchen, wel⸗ che hier gewohnt hatten, nicht die kleinſte Spur fand. Ich erfuhr, daß unſere Pandu⸗ ren dieſe Verwuͤſtung angerichtet, daß der Foͤrſter von ihnen ſo mißhandelt geworden, daß der alte Mann davon geſtorben ſey; Wil⸗ helmine habe ſich mit ihrer Mutter weggezo⸗ gen, arm und hoͤchſt nothduͤrftig gekleidet, da die Barbaren ſie ganz ausgepluͤndert hatten; den Ort ihres Aufenthaltes wußte mir Rie⸗ mand zu ſagen. Ich war in Verzweiflung, ich durchſuchte die ganze umliegende Gegend, ver⸗ 75 gebens! ich konnte keine Spur von ihnen ent⸗ decken. Ich mußte zuruͤck, ich erhielt Beloh⸗ nung, ward Rittmei ter und erhielt den ar Orden; aber mich ekelte alles an, das Bild ir. meiner ungluͤcklichen Geliebten, die mit ihrer in Mutter vielleicht ein Raub des Elends ge⸗ . worden, verfolgte mich uͤberall, und vergoͤnute ns mir keinen Angenblick Ruhe. Der Friede ward in geſchloſſen, ich erhielt meinen Abſchied mit ate Beibehaltung des Charakters und des Ordens, ch und ich begab mich nach P., um dort zu bet leben. ze Als ich einſt mißmuthig und verſtimmt tee in der Vorſtadt herumſchlenderte, wohin ich ich in Gedanken, ich wußte ſelbſt nicht wie, ge⸗ us kommen war, da hoͤrte ich ploͤtzlich meinen el⸗ Namen von einer ſanften mir wohlbekannten ſte Stimme nennen, ich blickte auf, und es war ie meine geliebte Wilhelmine, welche aus dem der Fenſter eines kleinen Hauſes mir zurief; ich , flog die Treppe hinauf, und fand mich ploͤtz⸗ il⸗ lich in Minchens Armen, die alte Mutter kam d⸗ auch herbei und weinte Freudenthraͤnen. Min⸗ a chen erzaͤhlte, daß ſie, als die Soldaten ihr R; Haus gepluͤndert und niedergebrannt hatten⸗ e mit ihrem ſterbenden Vater Zuflucht in dem ch Hirtenhauſe gefunden haͤtten, daß ihr Vater 4 in wenigen Stunden geſtorben ſey, und daß 1 76 ſie ſich dann aufgemacht haͤtten, nach P. zu gehen, wo ſie in der Vorſtadt dieſe kleine Wohnung gemiethet, und wo Wilhelmine durch Naͤhen ſo viel verdient hätte, daß ſie bisher ehrlich aber aͤußerſt ſparſam haͤtten leben koͤn⸗ nen. Meine Freude, die Geliebte wiederge⸗ funden zu haben, war unbeſchreiblich, ich rich⸗ tete mein Haus zum Empfang einer Frau ein, ſchafte fuͤr Wilhelminen und ihre Mutter al⸗ les an, was ſie nur wuͤnſchen konnten, und fuͤhrte vor vierzehn Tagen meine Geliebte an den Traualtar. Ich bin gluͤcklich, und hoffe, Wilhelmine iſt es auch; ihre Mutter ſoll ihre Tage bei uns beſchließen, und ſich nie uͤber den Schwiegerſohn zu beklagen haben. Ich hoͤrte, theure Schweſter, Ihre traurige Ge⸗ ſchichte, und komme mit meiner Frau, um Sie zu bitten, bei uns als unſere geliebte Schwe⸗ ſter zu wohnen, und uns die Freude zu goͤn⸗ nen, durch freundſchaftliche Theilnahme die Wunden zn heilen, welche das Schickſal Ih⸗ nen ſchlug.« Eliſe dankte ihrem Jugendfreund fuͤr die⸗ ſen wohlwollenden Antrag, lehnte ihn aber von ſich ab, mit der Bitte, ſie ihrer ſelbſtge⸗ waͤhlten Einſamkeit zu uͤberlaſſen. Sie nahm auf immer Abſchied von Selling und der ſchoͤnen freundlichen Wilhelmine, deren ſchoͤne Augen voll Thraͤnen ſtanden. Eliſe druͤckte ſie zaͤrtlich an ihr Herz, wuͤnſchte ihnen beiden das beſte dauerndſte Gluͤck, und ſie fuhren mit dem wehmuͤthigſten Andenken an die un⸗ gluͤckliche Freundinn nach P. zuruͤck. Eliſe lebte nun bloß fuͤr den jungen Theodor, er wuchs heran, ward ſchoͤn, feurig und liebenswuͤrdig. Eliſens ſanfte Schwer⸗ muth milderte das zu große Feuer, und gab ſeinem Charakter etwas zaͤrtliches und wei⸗ ches. Sie bildete ſein Herz, machte ſelbes em⸗ pfaͤnglich fuͤr die Schoͤnheiten der Natur, ſie ſtieg mit ihm auf die Gipfel der Berge, zeigte ihm den weiten Umkreis, ſagte ihm, daß dieß, was er ſehe, nur ein kleiner ſehr unbedeuten⸗ der Theil der Erde ſey, daß dieſe Erde ſelbſt nur klein gegen jene glaͤnzenden Himmelskoͤr⸗ per ſey, welche ſie ihm des Nachts vom Bal⸗ kon des Schloſſes zeigte; endlich ſagte ſie ihm daß ein allmaͤchtiges Weſen alles dieſes erſchaf⸗ fen, und bis auf dieſen Augenblick erhalten habe, daß alles was wir beſaͤßen, von die⸗ ſem Schoͤpfer herkomme, welchen wir Gott nennen, und der nichts anderes von uns dafuͤr verlange, als daß wir gut und da⸗ durch gluͤcklich waͤren. Der Knabe faltete ſeine Häͤndchen und ſank mit ſeiner Leh⸗ rerinn dankhar auf die Knie, indem er dem 78 großen Weſen gelobte, ſtets gut und dankbar zu bleiben. Noch einige Jahre lebte Eliſe, aber die Schwaͤrmerei, der ſie ſich uͤberließ, die ſtille Trauer, der ſie ſich ganz hingab, untergrub ihren zarten Koͤrperbau; ſie erlag dieſen ver⸗ zehrenden Gefählen, welkte zuſehends ab, und wankte dem Grabe zu. Bald erhielt Wohl⸗ feld den Ruf, an das Sterbelager ſeiner Freundinn zu kommen, er empfing den letzten Hauch des ſelbſt im Sterben noch liebens⸗ wuͤrdigen Engels, der nun der Erde entnom⸗ men aufſchwebte dorthin, wo ſie den Gelieb⸗ ten wiederfinden mußte. Sie lag im weißen Todtenkleide ſchoͤn wie ein entſchlafener Se⸗ raph da, ein heitres Laͤcheln ſchwebte auf den Lippen der Todten, und zeigte, daß ſie mit ſeligen Gedanken entſchlafen war. Wohlfeld zollte ihrem Tode die zaͤrtlich⸗ ſten Thraͤnen, er ließ den Leichnam ihrem Wun⸗ ſche gemaͤß in ihrem eigenen Garten an einem Platze begraben, den ſie ſelbſt ſchon lange dazu gewidmet und zubereitet hatte; es war ein von Thraͤnenweiden eingeſchloſſenes Rondeau, das ſie mit Lilien und weißen Roſen bepflanzt, und taͤglich ſelbſt gepflegt und begoſſen hatte; in der Mitte war der Grabhuͤgel, auf dieſem eine einfache Urne, zu deren Umſchrift ſie fol⸗ gende Skrophen aus Salis ſchoͤnem Gedichte: das Grab, gewaͤhlt hatte. Nur hier an dieſem Orte Wohnt die erſehnte Ruh, Nur durch die enge Pforte, Geht man der Heimath zu⸗ 1 Das arme Herz hienieden Von manchem Sturm bewegk, Erlangt den wahren Frieden, Nur wenn es nicht mehr ſchlägt. Wohlfeld nahm den jungen Theodor zu ſich und erzog ihn im Geiſte Eliſens; oft fuͤhrte er ihn hinaus auf das Grab der ge⸗ liebten Freundinn, dort im ſanften Schimmer des Mondes ſaß er mit ihm, und wiederholte ihm, was die Verklaͤrte ihm gelehrt hatte; des Knaben weiches Herz floß über von weh⸗ muͤthigen Empfindungen, er gelobte, die ju⸗ gendliche Hand auf die Urne gelegt, das An⸗ denken der edlen Pflegerinn dadurch zu ehren⸗ daß er immer der Tugend treu bleiben, daß er dieß Geluͤbde alle Jahre an dieſer Staͤtts wiederhohlen und Rechenſchaft ablegen wolle, daß er in der Zwiſchenzeit ſelbem getreu ge⸗ blieben ſey. Er hielt Wort, alle Jahre an Eliſens Todestage beſuchte der Juͤngling ihren Todtenhuͤgel, und ſchwur aufs Neue Treue der Tugend; nie hatte er Urſache, in reuevol⸗ lem Gefuͤhl des verletzten Geluͤbdes den Kreis der Thraͤnenweiden zu betreten, mit freier Zu⸗ verſicht konnte er die Hand auf die Urne le⸗ gen; der Mond goß ſein Silberlicht herab, und aus der Thraͤnenweiden Geraͤuſch fluͤſterte der ihn umſchwebende Geiſt der Seligen ihm Beifall zu. Durch Wohlfelds Weisheit zu Kenntniſſen und jeder ſchoͤnen Eigenſchaft gebildet, ward er einer der vortrefflichſten jungen Maͤnner ſeiner Zeit. 49 Hornek erklaͤrte Eliſen als ſeine verlobte Braut, nachdem vorher im Beiſeyn ſeines Schwagers(der eigens dieſerwegen nach Werlitz kam,) die Verlobung vollzogen wurde. Er drang in ſie, ihn noch waͤhrend der Trau⸗ erzeit um ihren Vater zum Altar zu beglei⸗ ten, aber ſie bat ihn, ihre Empfindungen zu ſchonen, und ihr noch einige Zeit zur Erhoh⸗ lung zu goͤnnen. Da die rauhe Jahreszeit heran kam, kehr⸗ te man nach P. zuruͤck, wo Eliſe bei der Graͤ⸗ finn blieb, da es nicht ſchicklich geweſen waͤre, daß ſie allein fuͤr ſich gewohnt haͤtte. Die Graͤ⸗ finn dachte dieſen Winter nachzuhohlen, was ſie den vorigen verſaͤumt hatte; ſie genoß alle Unterhaltungen, und zwar in ſolchem Maße, daß ſie nur wenige Stunden des Tages ſich zu Hauſe befand, und dieſe kurze Zeit war dem Putze und den Vorbereitungen zu neuem Vergnuͤgen gewidmet. Der arme kleine Theo⸗ dor wüuͤrde ganz ſeiner Waͤrterinn uͤberlaſſen geweſen ſeyn, wenn ſich nicht Eliſe ſeiner angenommen haͤtte; ſie hatte ihn oft auf ihrem Zimmer, wo ſie die meiſten Abende in Hor⸗ neks Geſellſchaft verlebte; ſie ſchaukelten den Kleinen wechſelweiſe auf den Knien; Hornek war entzuͤckt, wenn er das ſuͤße kleine Ge⸗ ſchoͤpf auf Eliſens Schooße ſah, und ſie es . D F 950 zaͤrtlich an ihren Buſen druͤckte, ſeine Phan⸗ taſie ſtellte ſie ihm als Mutter, und das Kind als ſeinen Sohn vor!— 1 Eliſe hatte durch die Blattern ihre blen⸗ dende Schoͤnheit verloren, doch war ſie noch immer hoͤchſt reizend; ihr ſchoͤnes blaues Au⸗ ge ſprach noch immer ſo ſanft die ſchoͤnen Gefuͤhle ihres Herzens aus, ihr Purpurmund war noch ſo lieblich und einladend zum Kuſſe, den blendendweißen Hals umringelten noch immer die goldenen Locken und die mit Roſa⸗ Farbe getuſchten niedlichen Finger der zarten weißen Haͤnde waren noch immer ſo bezau⸗ bernd ſchoͤn; nur der Schmelz von ihren Ro⸗ ſenwangen war etwas verblichen, und die glatte Lilienhaut war durch Gruͤbchen uneben geworden, doch ſchadete dieß im Ganzen der lieblichen Geſtalt nicht, und machte ſie im Ge⸗ gentheil noch intereſſanter. Hornek liebte ſie unausſprechlich; er ließ ihr Schmuck und Kleider machen, wie ſie ſich fuͤr ſeine kuͤnftige Gattinn ſchickten, und der leiſeſte Wunſch, der ihren Lippen entſchluͤpfte, wurde erfuͤllt. Dieſe Verbindung machte nicht geringes Aufſehen in P., alles ſchrie uͤber Horneks Thorheit, ein Maͤdchen von Eliſens Herkunft zu heirathen, er, der die Wahl unter den Er⸗ ſten des Adels gehabt haͤtte. Alle Onkeln und — — han⸗ Lind len⸗ noch Au⸗ dnen und uſſe, noch oſa⸗ rten au⸗ Ro⸗ die eben der Ge⸗ ſie und tige ſch, Ut. iges geks unft Er⸗ und Tanten fielen ihn an, und ſuchten ihn von ſeinem Entſchluſſe abzubringen, aber verge⸗ bens, er war unerſchuͤtterlich. Beſonders war der Gouverneur Graf Terny aufgebracht uͤber dieſe Heirath; er ſelbſt hatte drei mannbare Toͤchter, die er laͤngſt ſchon gern verheirathet haͤtte; da die jungen Damen eben nicht ſehr liebenswuͤrdig, und obendrein ſtolz und boß⸗ haft waren, ſo hatte ſich bisher kein Freier zu ihnen gemeldet, welches ſie gar hoch em⸗ pfanden; denn da der Vater die erſte Stelle im Lande einnahm, ſo glaubte ſowohl er, als ſeine holden Fraͤulein, ſie waͤren berechtigt auf die erſten Parthien Anſpruch zu machen, und jeden bedeutenden Mann, der eine ande⸗ re Wahl traf, ſahen ſie als ein ihnen entriſ⸗ ſenes Gut au. Der Gouverneur ließ Horneken die Hand ſeiner aͤlteſten Tochter und einen bedeutenden Geſandtſchaftspoſten heimlich antragen; dieſer aber bedauerte, von ſeiner Guͤte keinen Ge⸗ brauch machen zu koͤnnen, da er in Hinſicht der Braut ſchon verſehen, und ruͤckſichtlich des zweiten nicht geſonnen ſey, ſein Voter⸗ land zu verlaſſen, ſondern auf ſeinen Guͤtern zu leben, und dort ſeine Familie und ſeine Unterthanen gluͤcklich zu machen. Der Gou⸗ verneur war aͤußerſt aufgehracht uͤber dieſe 8 2 6² Antwork, er bereute, ſich ſo bloß gegeben zu haben, und ſchwur, ſich an ihm zu raͤchen, wozu ſich leider nur zu bald Gelegenheit fand. Da man ſah, daß Hornek von ſeiner Ver⸗ bindung nicht abzubringen war, ſo wendete man nun die Waffen gegen Eliſen; tauſend unverdiente Kraͤnkungen hatte das unſchul⸗ dige Maͤdchen zu leiden, man begegnete ihr bei jeder Gelegenheit auf die ſtolzeſte veraͤcht⸗ zhſte Weiſe, und ſprengte ſogar aus, Hornek hielte ſie als ſeine Maͤtreſſe, und ſey weit entfernt, ſie zu ſeiner Gemahlinn machen zu wollen. Eliſe bekam anonyme Briefe, welche ihr Warnungen dieſer Art gaben; ſie kannte ihren geliebten Grafen zu gut, um dieſe Be⸗ ſchuldigungen zu glauben, es kraͤnkte ſie aber tief, ihren unbeſcholtenen Ruf dieſen Laͤſte⸗ rern Preis gegeben zu wiſſen. Ihre Lage war um ſo peinlicher, da ſie ſelbe vor dem Ge⸗ liebten verbergen mußte, von deſſen Lebhaf⸗ tigkeit zu befuͤrchten war, daß er Rache an ihren Verfolgern nehmen, und ſich dadurh in verdrießliche Haͤndel verwickeln werde. Die Graͤfinn, welche ihr haͤtte Troſt geben köoͤn⸗ nen, von einem Wirbel der Zerſtreuung fort⸗ geriſſen, bekuͤmmerte ſich wenig um ihre kuͤnſ⸗ tige Schwaͤgerinn, welcher ſie, ſeitdem ſie ſo hieß, ihre vorige Gunſt entzogen zu haben ſchien. — 53 Ueberhaupt erſchien der Charakter der Graͤfinn Werlitz ſeit einiger Zeit in ſehr zwei⸗ deutigem Lichte; man fing an leiſe zu fluͤ⸗ ſiern, daß ihre ehemalige Verbindung mit dem wuͤſten Neiborn wieder erneuert waͤre, und daß ſie an einem verdächtigen Orte Zuſam⸗ menkuͤnfte haͤtten. Man weiß, wie es mit ſol⸗ chen Geruͤchten geht, man fluſtert ſich ſelbe zuerſt ins Ohr, und bald fpricht die ganze Stadt laut davon. Auch Hornek hoͤrte die⸗ ſes Geruͤcht und theilte Eliſen ſeine Beſorg⸗ niſſe mit; dieſe, gewohnt jeden Fehler ihres Nebenmenſchen zu entſchuldigen und auf das beſte auszulegen, erklaͤrte das ganze als eine Verlaͤumdung, doch da ihr Hornek die Ver⸗ ſicherung gab, daß das, was er wiſſe, nur zu gegruͤndet ſey, geſtand ſie ihm, daß ſie ſelbſt ſchon fruͤher, als ſie ihn gekannt, Be⸗ merkungen uͤber dieſen Gegenſtand gemacht, welche ſie genoͤthigt haͤtten, den Umgang mit der Graͤfinn abzubrechen, der nur durch ihn wieder erneuert worden ſey; doch habe ſie (da ſich Neiborn auf dem Lande nicht ſehen ließ, die Graͤfinn auch ſeiner nie erwaͤhnte) geglaubt, daß dieſes Verhaͤltniß aufgehoͤrt habe. Hornek nahm ſich vor, ſeiner Schweſter am ſolgenden Tage ernſtliche Vorſtellungen uͤber ihre Auffuͤhrung zu machen. Aber wahr iſt ₰ 54 es, was wir heut thun koͤnnen, ſollen wir nicht auf morgen aufſchieben, heute war es noch Zeit— morgen iſt es zu ſpaͤt! Der Gemahl der Graͤfinn hatte das den Ruf ſeiner Gattinn beſchimpfende Geruͤcht auch ſchon gehoͤrt; doch da er gewohnt war, nichts nach dem Schein zu beurtheilen, ver⸗ barg er ſeinen Schmerz daruͤber, und ſuchte ſich Gewißheit zu verſchaffen. Es war im Car⸗ neval, die Graͤfinn beſuchte die Redoute; Graf Werlitz, deſſen ernſter Charakter ihn ſonſt nie an dieſer Luſtbarkeit Theil nehmen ließ, folgte ſeiner Gemahlinn in eine Maske gehuͤllt; obgleich auch ſie und Neiborn maſkirt waren, wurde es ihm doch nicht ſchwer, ſie beide zu erkennen, und er folgt ein einiger Ent⸗ fernung jedem ihrer Schritte. Nachdem ſie ungefaͤhr zwei Stunden auf der Redoute ge⸗ blieben waren, ſchlichen ſie fort; Graf Wer⸗ litz folgte ihnen, ſie ſtiegen in einen Mieth⸗ wagen, auf welchen er hinten aufſprang. Der Wagen hielt vor einem uͤbelberuͤch⸗ tigten Hauſe, Werlitz ſprang ab, und druͤckte ſich in die Vertiefung des Hausthores. Nei⸗ born hob die Graͤfinn heraus, hieß den Wa⸗ gen fortfahren, und wollte eben das Haus⸗ thor aufſchließen, als ihn Werlitz bei der Bruſt faßte, und ihm ein fuͤrchterliches Halt! * —— aaske entgegen donnerte. Die Graͤfinn erkannte die Stimme ihres Gemahls, und ſtuͤrzte ohnmäch⸗ tig zu Boden. Sie mochte eine geraume Zeit ohne Be⸗ wußtſeyn gelegen haben; als ſie ſich erhohlte, war Neiborn nicht mehr da, und unfern von ihr ſah ſie beim Schimmer der Gaſſenlaterne einen dunklen Koͤrper am Boden liegen; ſie buͤckte ſich, und wer beſchreibt ihr Entſetzen, als ſie ihren Gemahl mit Blut bedeckt und todt da liegen ſah! ihr Haar ſtraͤubte ſich em⸗ por, ſie floh ſo ſchnell ſie es vermochte nach Hauſe, wo ſie mit aller Gewalt an der Glof⸗ ke riß. Der Thuͤrſteher war zwar befremdet, ſie ganz allein und zu Fuße nach Hauſe kom⸗ men zu ſehn, aber er getraute ſich nicht, et⸗ was daruͤber zu aͤußern. Die Graͤfinn ließ ſich von ihren Frauen zu Bette bringen; dieſe mußten den Ueberreſt der Nacht bei ihr zu⸗ bringen, und ſie war dieſe Zeit uͤber in einer Unruhe und Beaͤngſtigung, die auffallend war, und ihren Dienerinnen verſchiedene Muthma⸗ ßungen gab. Es ward Tag, die Stunde, wo der Graf ſonſt gewoͤhnlich ſeinem Kammerdiener zu klingeln pflegte, war laͤugſt voruͤber, und al⸗ les blieb ſtul tin ſeinem Schlafgemache; man war daruͤber unruhig, da er ſonſt in ſeiner 56 Schweſter war. Lebensweiſe die puͤnktlichſte Ordnung hielt, doch getraute man ſich nicht ihn vielleicht aus dem Schlafe zu ſtoͤren. Auch die Graͤfinn, die wie man wußte, ſpaͤt in der Nacht krank nach Hauſe gekommen war, wollte man nicht beunruhigen. Der Kammerdiener lief zu Graf Hornek, der bereits ſchon von dem graͤßlichen Ereigniß unterrichtet, eben im Begriff war⸗ ſich zu ſeiner Schweſter zu begeben. Man hatte den todten Koͤrper auf der Straße gefunden, und ihn auf die Polizeidi⸗ rektion gebracht. Der Getoͤdtete war ein zu bekannter Mann, als daß man ihn nicht haͤtte erkennen ſollen, und man benachrichtigte ſei⸗ nen Schwager ſogleich davon. fuͤgte ſich dahin, und fand den Ungluͤcklichen durch einen Dolchſtich getoͤdtet; der Dolch ſtack noch in der Wunde, der Thaͤter hatte den Dolch in der Wuth ſo tief in die Bruſt des Ermordeten geſtoßen, daß er ihn nicht zuruͤckzuziehen vermochte. Hornek, wie ver⸗ nichtet von dieſem ſchrecklichen Vorfall, und dieſes um ſo mehr, da der Zuſammenhang Hornek ver⸗ ſo klar vor ſeinen Augen lag, hatte ſeinen Schwager ſehr werth geachtet, und fluchte in ſeinem Herzen der Verworfenen, die ſeine Als der Graf in die Wohnung ſeiner ——& ——— ⁸+, 57 Schweſter kam, war es ihm unmoͤglich, ſo⸗ gleich zu ihr zu gehn; ſein gantes Gefuͤhl ſtraͤubte ſich, die Ungluͤckſelige zu ſehen, die durch Leichtſinn und Buhlerei Schuld an dem Tod des edlen Biedermannes war. Er ging zuerſt zu Eliſen, die beunruhigt durch das un⸗ gewoͤhnliche Hin⸗ und Herlaufen im Hauſe voll beaͤngſtigender Empfindungen war. Als ſie Horneken bpleich und entſtellt eintreten ſah, ahndete ſie etwas ſchreckliches. Der Graf brach⸗ te ihr das entſetzliche Ungluͤck auf die ſcho⸗ nendſte Weiſe bei, er bat ſie, der Gräfinn beizuſtehen, und den kleinen vaterloſen Theo⸗ dor unter keinen Umſtaͤnden zu verlaſſen, welches ſie ihm auf das heiligſte verſprach. Er begab ſich nun zu ſeiner Schweſter, die er im Bette mit allem Ausdrucke des Ent⸗ ſetzens in ihren Zuͤgen antraf; doch wollte ſie ſich ſtellen, als wuͤßte ſie von nichts, und ganz unbefangen ſcheinen. Sie erzaͤhlte, daß ſie auf der Redoute eine Uebelkeit befallen ha⸗ be, und daß ſie von einer Dame, welche ſie ſelbſt nicht kenne, nach Hauſe gebracht wor⸗ den ſey. Dieſes empoͤrte ihren Bruder, er hieß ihre Frauen abtreten; mit einem durchdrin⸗ genden Blicke ſah er ſie an;„Verworfene,⸗ ſchrie er mit graͤßlicher Stimme,„biſt du Mit⸗ ſchuldige des Moͤrders?⸗ Bleich und bebend, mit zitternder Stim⸗ me rief ſie:„Bei Gott und allen Heiligen beſchwoͤr ich dich, Bruder! iſt Neiborn ent⸗ flohen?« „Elende! nur des ſchaͤndlichen verruch⸗ ten Moͤrders Rettung liegt dir am Herzen, jetzt in dieſem Augenblick, wo man den edleu ermordeten Gatten hierher bringen wird! Sprich Ungluͤckſelige! warſt du beim Mord zugegen? antworte, erwarte nicht, daß die Gerichte dich fragen!“ „Ich weiß von nichts, ich ſtuͤrzte ohn⸗ maͤchtig zu Boden, als ich Werlitz Stimme hoͤrte. Erbarme dich Bruder, ſage mir, ob Neiborn gerettet iſt,“ „Ich weiß davon dir nichts zu ſagen⸗ auch weiß ich nicht, ob er als der Moͤrder er⸗ kannt iſt; aber ich weiß es, deine durch Schuld gebleichte Wange verraͤth mir es, zeugte ſonſt auch nichts gegen ihn!“ Man rief ihn ab; der Leichnam war ge⸗ bracht worden, und der Polizeidirektor ließ den Grafen bitten, zu ihm zu kommen. Man hatte mit vieler Anſtrengung den Dolch aus der Wunde gezogen, und gefunden, daß er von einem in P. befindlichen Meiſter gemacht war, man befragte dieſen, und er geſtand, daß er ſelben erſt kürzlich an Graf Neiborn verkauft — 59 habe. Des ermordeten Graſen Anweſenheit auf der Redoute war nicht ganz unbemerkt geblieben; der Zorn, der in ſeinem Innern gluͤhte, machte es ihm zum Beduͤrfniß, die Maske auf Augenblicke abzunehmen, um Luft zu ſchoͤpfen; ſo ſchnell er ſelbe auch wieder vornahm, ward er doch erkannt, und da man ſeine Gemahlinn und Neiborn auch erkannt hatte, ſo ſetzte man ſich daraus bald eine Geſchichte zuſammen, welche der Wahrheit ziemlich nahe kam. Nur that man der Graͤ⸗ finn darin zu viel, daß man ſie fuͤr mitſchuldig an dem Morde hielt, und daß man glaubte, ſie wiſſe um Neiborns Aufenthalt, oder habe ihn gar irgendwo verſteckt. Es war nur eine all⸗ gemeine Stimme gegen ſie, und der Poͤbel war ſo von Wuth wieder ſie entbrannt, daß man ſie geſteinigt haben wuͤrde, haͤtte ſie ſich irgendwo blicken laſſen. Sie war aber weit entfernt ausgehen zu koͤnnen, der heftige Schrecken hatte ſie wirklichſſo angegriffen, daß durch einige Tage ihr Leben in der groͤßten Gefahr war. Eliſe verließ ſie in die⸗ ſem traurigen Zeitpunkte keinen Augenblick; ſo ſehr ihre fleckenloſe Seele vor der Verbrecherinn zuruͤckbebte, reichte ſie ihr doch huͤlfreich die Hand⸗ und goß mit ſchonender Engelsmilde Balſam in das zerriſſene Herz der Verzweifelnden. Unter deſſen ging die Unterſuchung, und die gerichtliche Prozedur gegen Neiborn ihren Gang fort; man hatte unter ſeinen Schriſten Briefe der Graͤfinn gefunden, in welchen dieſe nicht undeutlich zu verſtehn gab, daß ſie ſich gluͤcklich duͤnken wuͤrde, wenn der Tod das verhaßte Band ihrer Ehe loͤſte, damit ſie den Geliebten, der ihr Herz beſaͤße, auch ihre Hand gehen koͤnne. Dieſe Briefe benuͤtzte man zum Nach⸗ theil der Ungluͤcklichen, man hielt ſie fuͤr die Anſtifterinn und ſprach von gefaͤnglicher Haft. Der Gouverneur, der Horneks abſchlaͤgige Ant⸗ wort auf ſeinen Antrag noch nicht vergeſſen hatte, nahm ſich vor, dieſe Sache auf das Strengſte, ohne alle Nuͤckſicht fuͤr die Familie unterſuchen zu laſſen, und dann den Bericht an die Monarchinn zu machen, welche ſelbſt ein Beiſpiel ehelicher Treue, nichts ſtrenger beſtrafte, als Vergehen gegen dieſe; was muß⸗ te ſie erſt hier thun, wo die Beſchuldigung, an dem Mord des Gatten Theil zu haben, das Verbrechen ſo ungeheuer vergroͤßerte. Die Graͤfinn hatte keinen Zeugen, ſie war al⸗ lein geweſen; ſie hatte, ſtatt Laͤrm zu machen⸗ als ſie den Mord entdeckte, ſich ſtill nach Hau⸗ ſe begeben, war dort ſo aͤngſtlich und unru⸗ hig geweſen, als verfolgte ſie der Geiſt des 4 61 Erſchlagenen; alles dieß zuſammen genommen mußte nothwendig großen Verdacht auf ſie werfen. Hornek erzitterte, als ihm der Poli⸗ zeidirektor und der Juſtiz⸗Praͤſident die Sache ſo erklärten, er ſah wohl ein, daß ſeine Schwe⸗ ſter unwiederbringlich verloren, oder wenig⸗ ſtens der Schande einer oͤffentlichen Beſchim⸗ pfung ausgeſetzt ſey. Eliſe theilte den Schmerz des Geliebten, und trug alles dazu bei, ſeine Leiden durch die zaͤrtlichſte Theilnahme und die ſanfteſten Troͤſtungen der Freundſchaft zu mildern. Sie brachte ihn dahin, daß er ſeine ungluͤckliche Schweſter wieder ſah, und der ſtrenge buͤßen⸗ den reuigen Suͤnderinn Vergebung gelobte. Ach! er ſollte ihr noch ein groͤßeres Opfer bringen. Der Arzt erklaͤrte, daß die Graͤfinn wie⸗ der geſund ſey, und das Gericht forderte, daß ſie in engen Verhaft gebracht werde; wer ſchildert ihre Verzweiflung bei dieſem Ur⸗ theilsſpruche! Sie warf ſich zu Horneks Fuͤ⸗ ßen, ſie hob flehend ihre Haͤnde zu ihm em⸗ por, und beſchwur ihn bei dem Andenken ihrer theuern unvergeßlichen Mutter, unter deren Herzen auch er gelegen habe, ſie zu retten, ſie nicht der Schande Preis zu geben!— Der Graf ſtand mit wildem verzweifelnden Blick —— — 52 ſtumm da, ploͤtlich riß er ſich los und ſtuͤrzte zur Thuͤre hinaus. Nach einer Stunde ließ er Eliſen bitten, auf ihr Zimmer zu kommen, wo er ſie er⸗ warte. Er ging ihr mit von Thraͤnen getruͤb⸗ ten Augen entgegen, er faßte ſie bei der Hand und ſah ſie lange ſprachlos an; dann druͤckte er ſie mit Heftigkeit an ſeine Bruſt und rief: „Eliſe! theures unausſprechlich geliebtes Maͤd⸗ chen! wie ſoll ich Dir ſchildern, was in mei⸗ nem Innern vorgeht? wie Dir ſagen, welch ein Opfer ich bringen und von Dir fordern will?« Er verbarg ſein Geſicht an ihrem Buſen, und ſeine gluͤhenden Thraͤnen floſſen haͤufiger. „Hornek! theurer Geliebter meiner Seele! ich verſtehe dich; laß uns zeigen, daß'es noch etwas Beſſeres, Hoͤheres gibt, als ſelbſt die edelſte reinſte Liebe iſt, laß uns dieſe der Tu⸗ gend zum Opfer bringen! Ich bin zu allem bereit, was du thun willſt, denn du kannſt nichts Unrechtes thun. Geh! rette deine Schweſter, und ſey mir ſo das Symbol der Tugend, die ich ſtets in Dir verehren werde« Hornek fuhr zum Gouverneur, der ihn mit ſolchem Stolz und ſolcher Harte empfing, daß der Graf Muͤhe hatte, ſich in Faſſung zu erhal⸗ ten, doch zwang er ſich, und als die Zeugen entfernt waren, ſprach er: 63 »Wir ſind nun allein, Herr Gouverneur! Sie haben vor mehreren Monaten mir einen Antrag gemacht, welchen anzunehmen mie meine damaligen Verhaͤltniſſe nicht erlaubten; die Lage der Dinge hat ſich geaͤndert, und ich bitte ſie nun um die Hand ihrer aͤlteſten Fraͤu⸗ lein Tochter und um den angetragenen Ge⸗ ſandtſchafts⸗ Poſten.“ »Hin,“ ſprach der Gouverneur,„hm mein werther Herr Graf! Sie fanden doch damals den Antrag ſo verwerflich! doch ich verſtehe Sie! ja ja! die Zeiten haben ſich freilich ge⸗ aͤndert! gaͤlte es nicht das Gluͤck meiner Lieb⸗ lings⸗Tochter, welche Sie bis zum raſend⸗ werden liebt, bei Gott? ich wuͤrde nun eben ſo ſproͤde thun, als vorher Sie thaten, aber Amalie liebt Sie, ſie ſoll gluͤcklich werden, und ſie mit ihr! Sie bekommen einen Schatz an dem lieben Maͤdchen, ſie hat eine Erzie⸗ hung bekommen, wie eine Prinzeſſinn, und war bisher, wie auch ihre Schweſtern, die Zierde unſerer Zirkeln, denn an bon ton und Eleganz haben meine Toͤchter gewiß nicht ih⸗ res Gleichen in der ganzen Stadt. Topp Graf! Sie ſollen ſie haben, aber mitgeben, das muß ich Ihnen ſagen, mitgeben kann ich ihr nichts.“ „ Hiervon iſt keine Rede, ich bin, wie ———— 64 Sie wiſſen, reich genug, um jede Mitgabe entbehren zu koͤnnen; doch kann ich Ihnen nicht verhehlen, daß ich eine Bitte an Sie habe, die nun durch unſer naͤheres Verhaͤlt⸗ niß Forderung wird, meine Schweſter⸗— „Ah! Ihre Frau Schweſter iſt alſo noch immer ſo krank? Sie iſt, wie ich hoͤre, ganz außer ſich über den Verluſt des gellebten Gat⸗ ten! Man ſagte mir, ſie habe den Wunſch geaͤußert in kloͤſterlicher Einſamkeit, ihre Tage der Trauer um ſelben zu weihen; wie ſchoͤn! wie ruͤhrend! Ja ich glaube es wohl! es muß entſetzlich ſeyn, auf ſo unvermuthete Art den Gemahl zu verlieren, waͤhrend ſie ſich dem ſchuldloſen Vergnuͤgen des Tanzes uͤber⸗ laͤßt, mordet ein Boͤſewicht ihr ganzes Gluͤck! wahrſcheinlich war es einer, der ihn berauben wollte, als der arme Graf im Begriff war, von der Redoute nach Hauſe zu gehn. Ich werde den ganzen Vorfall noch heute unſrer gnaͤdigſten Monarchinn nach W. melden, die fromme erhabene Frau wird gewiß innigſt geruͤhrt uͤber das Betragen Ihrer vortreffli⸗ chen Frau Schweſter, dieſer ihre befondere Gnade ſchenken.« Der Gouverneur wollte Horneken ſogleich zu ſeiner Tochter fuͤhren, dieſer verbat es ſich aber, und erſuchte ihn; ſie erſt auf ſeinen Beſuch 83 eigenem Gefallen zu handeln; Sie haben Ih⸗ re abgeſonderten Zimmer, koͤnnen ſich Ihr Fruͤhſtuͤck bringen laſſen, wann und wohin Sie wollen, und ſind ganz unumſchraͤnkte Frau Ihren Vormittag zuzubringen, wie Ih⸗ nen gut duͤnken wird. Ein Fortepiano haben Sie in Ihrem Zimmer, und der Schluͤſſel zur Bibliothek haͤngt immer im Speiſeſaal. Zu Mittags ſehen wir uns, und wollen dann immer verabreden, wie wir den Nachmittag und Abend zubringen wollen.“ Wer war nun gluͤcklicher, als Eliſe, die nun volle Freiheit hatte, die ſchoͤnen Mor⸗ genſtunden benuͤtzen zu koͤnnen. Sie machte gleich den folgenden Morgen Gebrauch von dieſer Freiheit, indem ſie kurz nach Aufgang der Sonne das Schloß verließ, und nachdem ſie ein kleines Waͤldchen durchwandelt hatte, einen Berg erſtieg, auf welchem noch die Ueber⸗ reſte einer alten Burg ſtanden. Von jeher war ſie eine leidenſchaftliche Liebhaberinn von jenen grauen Ueberreſten der Vorwelt geweſen, und wo ſie eines in der Naͤhe wußte, konnte keine Beſchwerlichkeit des Weges ſie abhalten, es zu beſuchen. Der Berg war hoch, und Eliſe mußte oft ruhen, bis ſie den Gipfel, auf wel⸗ chem das Schloß ſtand, erſtiegen hatte. Das alte Gemaͤuer, rings umſchattet von dunkeln E 8 * 344½ Tannen und Foͤhren, auf einem Berge gele⸗ gen, der mitten in einem Kreis von kleinern Bruͤdern ſein ſiolzes Haupt hoch gegen den Himmel empor hob; das dumpfe Rauſchen des Waldes, die Dunkelheit, die in den tie⸗ fen Schluchten, die noch im Schatten lagen, herrſchte, indeſſen die hohen Gipfel der Ber⸗ ge bereits von den rothen Strahlen der Mor⸗ genſonne vergoldet waren, dieß alles machte einen unbeſchreiblichen Eindruck auf Eliſen. Weit, weit ſah ihr Auge hinaus in die vor ihr ausgebreitete Gegend, und nur der Hori⸗ zont begraͤnzte ihre Blicke. Sie wendete ſich um, welch ein Anblick! eine Welt von Bergen ſah ſie vor ſich, gleich den rieſenhaften Wellen eines hochge⸗ thuͤrmten Meeres, deſſen wogendes Schwanken, der Finger der Allmacht ploͤtzlich ſtocken hieß!— unnennbare Gefuͤhle durchdrangen ihre Bruſt! ſie fuͤhlte ſich ſo ſelig! Wie klein ſchien ſie ſich ſelbſt im Vergleich mit dieſen Rieſenmaſſen! und doch wieder wie groß, begabt mit einem Geiſte, der das= choͤne, was um ſie ber war, faſſen und zu bewundern vermochte! Thraͤnen der ſuͤßeſten Wehmuth fuͤllten ihre ſchoͤnen Augen, ſie ſank auf ihre Knie und erhob ihr fuͤhlendes, von heißer Anbethung und Dank ergluͤhendes Herz, zu „eͤ 2 2.2 v — S — 35 dem allmaͤchtigen Schoͤpfer, deſſen Wink alles en dieſes Erhabene, Große, Schoͤne, aus Nichts een hervorgerufen, deſſen allbelebender Hauch auch en in ihr die fuͤhlende, dankende Seele erweckt e⸗ hat!— en, Lange blieb ſie auf dieſem Berge und ge⸗ er⸗ noß die ſchoͤne Ausſicht; ſie fuͤhlte ſich geſtaͤrkt ör⸗ und erheitert durch das Einathmen der fri⸗ hte ſchen Bergluft. Sie ſtieg in den alten Mau⸗ n. ern umher, und ein wehmuͤthiges Gefuͤhl er⸗ or griff ſie; wo ſind die, welche einſt dieſe oͤden ri⸗ Gemaͤcher bewohnten? auf dieſer von Dorn und Neſſeln bewachſenen Staͤtte umarmte ck! vielleicht die Burgfrau den geliebten Gatten, ich, bei der Heimkehr nach gefahrvoller Fehde! in ge⸗ b der begrasten Burgkapelle, dort wo unter dem en, Schutt die Marmorſtufe hervorblickt, knuͤpfte ken vielleicht ein frommer Prieſter das Band der gen Ehe zwiſchen zwei liebenden Herzen! wo ſeyd ein ihr nun? Schutt und Staub eure ehemaligen ſen Wohnungen, Staub der Verweſung ihr ſelbſt. oß, Doch nein! doch nein! ihr lebt in einer beſ⸗ as fern Welt, ihr blickt herab auf die verfallenen ern Truͤmmer, und laͤchelt uͤber das Treiben der ith Menſchen die Werke fuͤr die Ewigkeit zu bau⸗ re en glauben, welche doch der Hauch der Ver⸗ Jer gaͤuglichkeit in einer kurzen Spanne Zeit ver⸗ zu wittern macht. C 2 36 Dieſe Betrachtungen gaben Eliſen ein ſchmerzliches Gefuͤhl, dem ſie nicht nachhaͤn⸗ gen mochte. Sie ſtieg den Berg hinab, und kam bald in freundlichere Gefilde; ein Fuß⸗ pfad fuͤhrte ſie durch bebluͤmte Wieſen, wel⸗ che von einem ſilberhellen Bache durchſchnit⸗ ten und von lachenden Feldern umgeben wa⸗ ren, in das ſchoͤne, aus niedlichen Haͤuſern beſtehende Dorf, deſſen heiter und zufrieden ausſehende Bewohner ſie freundlich gruͤßten⸗ und ſie einluden, bei ihnen von ihrem Spa⸗ ziergange auszuruhen. Eliſe ging in ein Haus und ward von den Bewohnern desſelben mit Entzuͤcken aufgenommen, und mit köͤſtlicher Milch bewirthet. Ihre holdſelige Geſtalt, ihr freundliches gutmuͤthiges Benehmen zog die guten Landleute an, ſie reichten ihr beim Ab⸗ ſchiede freundlich die Hand, und baten ſie, bald wieder zu kommen. Sie kam aufs Schloß zuruͤck, wo ſie von der Graͤfinn ſchon erwar⸗ tet wurde; dieſe ſaß in einem Gartenſaal, und hatte den kleinen Theodor auf ihrem Schoße⸗ Eliſe liebkoſte das liebliche Kind und er⸗ zaͤhlte von ihrem Spaziergange; bald darauf ging man zu Tiſche, Nachmittags fuhr man ſpazieren, und beſchloß dann den Abend mit freundſchaftlichen Geſpraͤchen. So vergingen vierzehn Tage in ſchuldloſen laͤndlichen Ver⸗ ————-—— ſ 5 k 3 t 1 1 ſ e ——— 87 gnuͤgungen, welche Eliſe zu den angenehmſten Tagen ihres Lebens zaͤhlte. Als Eliſe einſt von einem ſehr interef⸗ ſanten Spaziergange nach Hauſe kehren woll⸗ te, ſah ſie in der Entfernung einen wohlge⸗ kleideten Maun auf ſich zukommen, den ſie nicht ohne Schrecken fuͤr Graf Hornek erkann⸗ te; er begruͤßte ſie mit einer Lebhaftigkeit, welche ihre Wangen mit hoher Roͤthe faͤrbte, und ihr die Empfindungen zuruͤckrief, welche ſein erſter Anblick bei ihr rege gemacht hatte. Er geſtand ihr, daß es ihm unmoͤglich gewe⸗ ſen ſey, laͤnger ohne ſie auszuhalten, und daß er alles verlaſſen habe, um ſie zu ſehen, und das Gluͤck zu genießen, einige Tage in ihrer Geſellſchaft zuzubringen. Er hatte von ſeiner Schweſter erfahren, wo ſie war, und hatte ſie aufgeſucht.. Eliſens Lebensweiſe war nun geaͤndert, die Morgenſpaziergaͤnge wurden zwar noch fortgeſetzt, aber ſie ging nicht mehr allein, Hornek war ihr Begleiter, wie viel ſchoͤner waren ſie nun! Auch er liebte die Natur, er ſprach ſo ſchoͤn, ſo ruͤhrend. Ach Eliſe! wo blieben deine Vorſaͤtze! ſie hing an ſeinen Blik⸗ ken, an ſeinen Lippen, denen harmoniſche Re⸗ de entklang. Er erzaͤhlte von ſeinen Schwei⸗ zerwanderungen, er fuͤhrte ſie im Geiſte auf den Gotthard, auf die Schneekuppe, an die Gletſcher, er ließ ſie den Donner der Schnee⸗ lawine hoͤren, und wieder fuͤhrte er ſie in die Alpenhuͤtte, wo der Senner an der Seite ſei⸗ nes braunen Weibes den Kuͤhreigen blies, die guten Kuͤhe ihre Koͤpfe neigten, und den ge⸗ liebten Toͤnen entgegen lauſchten. Er pries ſich gluͤcklich, endlich einmal eine Seele ge⸗ funden zu haben, die ihn verſtehen, die ihn faſſen koͤnne. Oft im Feuer der Begeiſterung druͤckte er ihre Hand an ſein pochendes Herz, und ihr fehlte es an Kraft, ſie zuruͤckzuziehen. Einſt, als ſie einmal wieder auf den Truͤmmern der alten Burg, verloren im An⸗ blick der ſchoͤnen Gegend daſtand, ſah ſie Hor⸗ nek mit unverwandten Blicken an, ſie hatte⸗ um beſſer umher ſehen zu koͤnnen, den Stroh⸗ hut von den blonden Locken genommen, wel⸗ che der friſche Morgenwind um das bluͤhende Geſicht wehte; das blaue Auge blickte ſo hell in die Gegend hinaus, es hob ſich die ſchoͤn gewoͤlbte Bruſt mit ſanften Zuͤgen, ſie ſtand ſo unwiderſtehlich reizend vor ihm da, daß er alles um ſich her vergeſſend, ſie feſt an ſein Herz druͤckte, und ſeine Lippen auf ihren Pur⸗ purmund heftete. Sie widerſtand nicht, ihr Geſicht ſank auf ſeine Bruſt, und ein Strom von Thraͤnen benetzte ihre Waugen.„O Eli⸗ —„22ͤͤ 39 ſe,« rief er aus,„du liebſt mich! du biſt mein!«— Eliſe konnte nicht ſprechen, ihre Thraͤnen ſtroͤmten fort und ſie konnte ſich kaum aufrecht erhalten. Hornek ſprach ihr Muth zu, er geſtand ihr, daß ihr Verhaͤltniß mit Wohlfeld ihm bekannt ſey, daß er aber ies. auf deſſen ernſten beſonnenen Charakter ſeine ge⸗ Hofſnungen baue; daß er uͤberzeugt ſey, daß hn es Wohlfelden ſo ſehr um ihr Gluͤck zu thun ſey, daß er willig zuruͤcktreten werde, ſobald er finden wuͤrde, daß ſie ſelbes in einer Ver⸗ em. bindung mit ihm nicht finden wuͤrde.„Nein,“ en ſagte Eliſe,„das kann ich nicht! ich kann n⸗ 6 mein gegebenes Wort nicht zuruͤcknehmen, ſeit e drei Jahren liebt mich dieſer edle Mann mit tte, V der zaͤrtlichſten Liebe, er iſt der Freund mei⸗ öh⸗ nes Vaters, den meine Sinnesaͤnderung aufs gel⸗ außerſte betruͤben wuͤrde. Ach Hornek! ja ich nde liebe Sie ſeit dem erſten Augenblick, wo ich ell Sie ſah, aber ich muß dieſe Liebe bekaͤmpfen ¹ on Dringen Sie nicht ferner in mich, ich kann nd meinen Entſchluß nicht aͤndern. Laſſen Sie er uns nach Hauſe gehen, und in Zukunft jede ein Gelegenheit uns allein zu ſehen, vermeiden. lv⸗ Sie gingen ſchweigend und truͤb neben ein⸗ hr. 4 ander her, und kamen beide traurig nach Hauſe. Im Schloſſe fanden ſie auch dieſelbe — 40 Stimmung, die Graͤfinn war aͤußerſt nieder⸗ geſchlagen, ſie rief ihren Bruder in ihr Ka⸗ binet, ſie blieben eine geraume Zeit darinnen, und als ſie an der Tafel erſchienen, war tiefe Trauer auf ihren Geſichtern ausgedruͤckt, und Eliſe bemerkte, daß ihre Blicke oft mit⸗ leidig auf ihr ruhten. Nach der Tafel kam der Pfarrer des Orts, ein ehrwuͤrdiger Greis, welchen Eliſe vorzuͤglich ſchaͤtzte; man brach⸗ te das Geſpraͤch auf unerwartete Ungluͤcks⸗ faͤlle, wie noͤthig es ſey ſich auf ſolche vor⸗ zubereiten, weil wir nicht wuͤßten, was in der naͤchſten Minute uns begegnen koͤnne; daß oft ein Zeitraum von wenig Wochen un⸗ ſere ganze Lage veraͤndere, und daß wir oft unſre theuerſten Angehoͤrigen, auf die ſchnell⸗ ſte und unvermuthetſte Weiſe verloͤren. Eliſe ward aufmerkſam, ein banger Schauer uͤber⸗ lief ſie, und ſie begann zu ahnden, daß dieſe Geſpraͤche Bezug auf ſie haben koͤnnten. Die Ungluͤckliche deutete ihre Gefuͤhle nicht un⸗ richtig, es ging ſie leider nur zu nahe an! Die Graͤfinn hatte kurz vorher, als Eliſe mit Hornek von dem Spaziergange zuruͤck⸗ kamen, einen Brief von Wohlfelden erhalten, in welchen dieſer ſie bat, ihre Freundinn auf das Schrecklichſte, was ihr begegnen konnte, auf den ploͤtzlichen Tod ihres geliebten Va⸗ —— .—·——— 41. ters vorzubereiten. Ein Sturz mit dem Wa⸗⸗ gen uͤber den Abhang eines Berges hatte dem Gubernialrathe eine gefaͤhrliche Verwundung zugezogen, an welcher er in wenigen Stunden ſeinen Geiſt aufgab. Wohlfeld ſchrieb ferner, daß er eben beſchaͤftigt ſey, die Angelegen⸗ heiten des Verſtorbenen in Ordnung zu brin⸗ gen, daß er nach Beendigung dieſes Geſchaͤf⸗ tes ſogleich nach P. zuruͤckeilen werde, wo er binnen vierzehn Tagen einzutreffen hoffe. So ſchonend man auch Eliſen das Un⸗ gluͤck beibrachte, ſo war doch die Wirkung ſchrecklich, welche dieſe Nachricht auf ſie hat⸗ te; mit einem durchdringenden Schrei des Ent⸗ ſetzens ſank ſie leblos zu Boden, und es brauchte mehrere Stunden, bis ſie ihr Bewußtſeyn wie⸗ der erhielt. Fuͤrchterliches Erwachen! ihr war wohl geweſen in jenen Augenblicken der Fuͤhl⸗ loſigkeit! Als ſie die Augen aufſchlug, fiel ihr erſter Blick auf den Grafen, der an ihrem Bette kniete und ihre Hand mit Thränen ba⸗ dete.»Gottlob,“ rief er aus, als er ihr Auge geoͤffnet ſah,„Gottlob, ſie kehrt ins Leben zuruͤck!« Er nannte ſie mit den ſuͤßeſten Na⸗ men, er bat ſie mit der ſanfteſten Stimme, ſich zu beruhigen, und ihr theures Leben fuͤr ihre Freunde zu erhalten, die gewiß alles aufbieten wuͤrden, ihr ihren Verluſt, nicht zu 4²³ erſetzen— dieß iſt unmoͤglich!— aber ihr ſelben ertraͤglich zu machen. Eliſe war be⸗ taͤubt, nur dunkle verworrene Ideen durchkreuz⸗ ten ihr Gehirn, ſie lag bald in brennender Fieberhitze dahin, und der aus dem naͤchſten Staͤdtchen herbeigeholte Arzt verſicherte, daß eine bedeutende Krankheit im Anzuge ſey. Hornek ſchickte ſogleich einen reitenden Boten nach P., der auf jeder Stazion Pferde wech⸗ ſeln mußte, und ließ von dort den berühmte⸗ ſten Arzt rufen. Die Art der Krankheit erklaͤrte ſich bald, denn es brachen die Blattern aus, welche Eliſe,(da man in jenen Zeiten die wohlthaͤ⸗ tigen Schutzmittel gegen dieſe verheerende Seuche noch nicht kannte) noch nicht gehabt hatte. Das Uebel war von ſehr boͤſer Gat⸗ tung, aber ſo boͤsartig es auch war, ſo wich Hornek doch nicht von ihrem Bette; alles, was die zaͤrtlichſte Liebe und Sorgfalt zur Erleichterung der Geliebten erſinnen konnte, bot er auf, um ihr nur einige Erquickung zu verſchaffen. Sein Herz war zerriſſen bei den fuͤrchterlichen Leiden des armen Maͤdchens, die in den heftigſten Paroxismen dalag, und entſtellt von der gräßlichſten aller Krankheiten ſelbſt ein ſcheußliches Anſehn hatte. In ihren Phantaſien war aber ſtets ſein Bild vor ihren 1 1 8 43 Blicken, und ſie ſprach ihre heiße gluͤhende Leidenſchaft ſo deutlich aus, daß nicht nur Hornek, ſondern alle, welche ihr Zimmer betraten, davon unterrichtet wurden.“ »Als die Krankheit gerade den hoͤchſten Grad erreicht hatte, kam Wohlfeld; die Graͤ⸗ finn uͤbernahm es, ihn auf den Zuſtand vor⸗ zubereiten, in welchem er Eliſen finden wuͤr⸗ de, ſie konnte auch nicht umhin ihm einige Winke von der Lage der Sache zu geben; ſie ſagte ihm, daß ihr Bruder ſehr viel Theil⸗ nahme fuͤr die Kranke aͤußere, und ihr Lager beinahe nicht verlaſſe, und daß dieſe hingegen in ihren Phantaſien ſtets von ihm ſpreche, und ihn beinahe nicht einen Augenblick miſſen könne. Wohlfeld war ſehr betreten uͤber dieſe Nachrichten; er verlangte Eliſen zu ſehen, welches der Arzt nur unter der Bedingung geſtattete, daß er ſich ihr nur auf ſolche Art naͤhern wolle, ohne daß ſie ſelbſt ihn gewahr wuͤrde, weil ſie ihn ſonſt doch vielleicht er⸗ kennen, und ſein Anblick ſie zu ſehr erſchuͤt⸗ tern, und nachtheilig fuͤr ſie werden koͤnne, weil eben jetzt die entſcheidende Kriſis, und darum die groͤßte Gefahr ſey. Wohlfeld trat im Schatten des vor dem Bette ſtehenden Schirmes, in Eliſens Zimmer; die Kranke war gerade im heftigſten Fieber, ſein und alt Horneks Bild, beſchäftigte ihre Phantaſie. Sie machte ſich Vorwuͤrfe, daß ſie ihn nicht mehr liebe, daß ſie treulos ſei, ſie geſtand unter Thraͤnen und Schluchzen, daß ſie mit gluͤhender Leidenſchaft an Hornek hange! er war tief erſchuͤttert, und eilte fortzukommen. Er bat ihn ungeſtört in ſeinem Zimmer zu laſſen, und ſchloß ſich in ſelbem ein.“ „Die ganze Nacht hindurch, ging er mit ſtarken Schritten auf und ab, ſeine Seele war tief bewegt, und ſein Herz von den ſchmerz⸗ lichſten Gefuͤhlen zerriſſen! erſt bei Aubruch des Tages, als der Anblick der Sonne, der erwachenden Natur ihn erheiterte, da konnte er einen Entſchluß faſſen, der von der Art war, daß er den Charakter des edlen Man⸗ nes vollkommen entſprach.“ „Er ließ den Grafen bitten, zu ihm zu kommen.„Graf!“ ſprach er:„Es kann Sie nicht befreiden, daß ich nach der geſtrigen Szene am Krankenbette in dem Umfang dieſes Schloſ⸗ ſes kein Bleibens mehr habe, um jedoch eini⸗ germaßen beruhigt von hier zu gehen, muß ich erſt naͤheren Aufſchluß uͤber Ihre Geſin⸗ nungen, gegen meine ehemalige Braut haben. Was ſind ſie zu thun entſchloſſen?« „Wenn Sie Ihre Anſpruͤche aufzeben wol⸗ len, werde ich Eliſen meine Hand anbieten.“ —„»„·2ͤ————Ü— 45 »Haben Sie aber auch bedacht, welche Hinderniſſe ſich Ihnen entgegenſtellen koͤnnen, Sie haben eine große vielvermoͤgende Fami⸗ lie, und Eliſe iſt nicht von ſtiftmaͤßigem Adel. »Die Verwandten, welche ich habe, haben keine Gewalt uͤber mich, ich bin voͤllig unab⸗ haͤngig; ich hoffe Eliſe wird an meiner Seite ſich gluͤcklich fuͤhlen, und ſich nicht nach den faden Zirkeln ſehnen, zu welchen laͤcherlicher Ahnenſtolz ihr den Zutritt verwehren koͤnnte. Ich beſitze Guͤter genug, um ein halb Duzend Soͤhne damit zu verſorgen, die wenn ſie mei⸗ ne Denkart erben, es einſt an der Seite ei⸗ nes guten Weibes nicht bedauern werden, daß ſie nicht Kammerherren werden koͤnnen, und meine Toͤchter werden, wenn ſie der Mutter gleichen, gewiß nicht ohne Maͤnner bleiben; und alſo nicht genoͤthigt ſeyn, die Stelle ei⸗ nes Stiftfraͤuleins zu ſuchen.“ „Die zaͤrtliche Sorgſalt welche Sie Eli⸗ ſen waͤhrend dieſer ſchrecklichen und abſchrek⸗ kenden Krankheit bewieſen, iſt ein Bürge, daß ſie ſie leidenſchaftlich lieben, aber ſind Sie auch gewiß, daß ihre Liebe nicht erkalten wird, wenn ihre Schoͤnheit durch dieſe Krankheit dahin waͤre? pruͤfen Sie ihr Herz Graf! denn nach dem Ausſpruch des Arztes, wird von Eliſens Reizen kaum eine Spur uͤbrig bleiben. 46 Ich opfre Eliſens Gluͤck, die Ruhe meines Lebens, meine Ruhe, meine Zufriedenheit, aber bei Gott! ſollte ſie ungluͤcklich werden, dann wuͤrde ich ſtrenge Rechenſchaft von Ihnen fordern. Ich mag ſeyn wo ich will, ſo wer⸗ de ich mir ſichere Nachricht von Ihrem Be⸗ nehmen gegen das theure Geſchoͤpf zu ver⸗ ſchaffen wiſſen.“ „Beruhigen Sie ſich, edler Mann! ich weiß es ſchon laͤnger durch den Arzt, daß Eliſens Geſicht durch die Blattern entſtellt ſeyn wuͤrde, aber liebte ich denn dieſes? O nein, den Engel liebe ich, der in ihrem Herzen wohnt, der jetzt wie vorher aus ihren Augen blickt! die holde ſanfte Engelsguͤte, die jede ihrer Handlungen bezeichnet, und mich in ihrem Be⸗ ſitz zum gluͤcklichſten Sterblichen machen wird.⸗« „Wohlan! ſo uͤberreichen Sie Eliſen, wenn ſie wieder geneſen iſt, dieſen Brief und den Ring, mit welchem ſie ſich mir verlobte. Moͤge ſie in Ihren Armen das Gluͤck finden, welches ich ſo gerne ihr gegeben haͤtte, und das ſie in ſo vollem Maße verdient.“ Wohlfeld verließ augenblicklich das Schloß, und eilte nach P., wo er ſich um eine auswaͤrtige Anſtellung bewarb, ſie auch erhielt, und nachdem er ſein Haus vermiethet hatte, ſo ſchnell als moͤglich P. verließ. ——— 47 Eliſens Krankheit hatte ſich an dem Abend, als Wohlfeld da war, gebrochen, und ſie ging mit ſchnellen Schritten der Geneſung zu. Sie redete nicht mehr irre, und ſprach daher nicht mehr von ihrer Liebe zu Hornek; doch mußte ſie ihn oft mit dankbarer Zaͤrtlichkeit anblicken, wenn ſie ihn ſo ſorgfaͤitig beſchäftigt ſah, ihr alles zu verſchaffen, was ſie nur wuͤnſchen konnte. Auch konnte ſie ſich nicht enthalten, ihm ſanft die Hand zu druͤcken, wenn ſie ſah, daß er die ihrige, obwohl ſie mit eiternden Geſchwuͤren bedeckt war, an ſein Herz, an ſeine Lippen druͤckte. Nichts feſſelt uns wohl mit innigerer Dankbarkeit, als die zaͤrtliche Pflege, die uns jemand am Krankenbette er⸗ weiſet; es iſt ſo ein reines hingebendes Opfer, das der Geſunde dem Leidenden bringt, es thut ſo wohl, die kleinen Dienſtleiſtungen aus einer freundlichen Hand zu einpfangen, daß dadurch Perſonen, welche uns vorher ganz gleichguͤltig, ja oft unangenehm waren, hohen Werth fuͤr uns erhalten. Wie innig mußte daher Eliſe durch die aufopfernde Sorgfalt Horneks geruͤhrt ſeyn, ſie, die ihn ſo ſehr liebte! der junge bluͤhende Mann verſchloß ſich in die dumpfige Krankenſtube, und goͤnnte ſich nicht die kleinſte Erholung, kaum erlaubte er ſich ein paar Stunden Schlaf, und ſelbſt 48 dieſe hatte er ſich(wie ihr ihr Maͤdchen ſag⸗ te) verſagt, als ſie noch in Gefahr war, wie ſehr, wie innig war ſie geruͤhrt von ſeiner Anhänglichkeit! Eliſens Geſundheit war bald voͤllig wie⸗ der hergeſtellt, da die Krankheit einmal uͤber⸗ wunden war, erhohlten ſich bei ihrer Jugend ihre Kraͤfte bald. Sie betrauerte tief und innig den Tod des geliebten Vaters, auch fragte ſie die Graͤfinn, ob ſie denn von Wohl⸗ feld nichts wuͤßte; dieſe verhehlte ihr nicht, daß er da geweſen, daß er mit ihrem Bruder geſprochen, und ihm einen Brief fuͤr ſie gege⸗ ben habe; Eliſe verlangte den Brief zu leſen, und da ſie in ihrer Geneſung ſo weit vorge⸗ ruͤckt war, daß fuͤr ihre Geſundheit kein Nach⸗ theil davon zu befuͤrchten war, ſo gab ihr Hornek deuſelben. Wohlfeld ſchrieb, daß ihre Geſinnungen gegen Hornek ihm bekannt ſeyen, daß er weit entfernt, Anſpruͤche geltend machen zu wol⸗ len, deren Erfüllung ſie nicht mehr begluͤk⸗ ken wuͤrde, ſelbe freiwillig aufgebe; daß er ewig ihr wahrer unveraͤnderter Freund bleiben, und es ihr bei jeder Gelegenheit zeigen werde. Eliſe vergoß tauſend Thraͤnen, und es that ihr ſehr wehe, dem edlen Manne ſeine Liebe mit Schmerz ver golten zu haben⸗ II. Redlichkeit und Liebe. Eine Erzählung n ach einer wahren Anekdote. 7—— 4 So ſey doch vernuͤnftig, Roͤſe,“ ſagte Ka⸗ tharina zu ihrer Tochter,„was hilft das be⸗ ſtändige Weinen? Es ſind nun vierzehn Tage, daß Gottfried fort iſt, und ſeit dieſem Augen⸗ blicke ſind deine Augen noch nicht trocken ge⸗ worden! die Arbeit bleibt liegen, es geht nichts von der Stelle, du weißt recht wohl, wie noͤthig es iſt, daß wir fleißig ſind, denn die Miethzeit iſt vor der Thuͤre, und der Haus⸗ zins noch nicht halb beiſammen.“ «Ach Mutter!“ ſchluchzte das Maͤdchen, vergebt mir, ich kann ohne Gottfried nicht leben! ich kann nicht aufhoͤren zu weinen, denn wenn ich denke, daß er fort iſt, dann fließen meine Thraͤnen unaufhaltſam!“ „Aber ſage mir, was ſoll da herauskom⸗ men?— Dein ſeliger Vater hat dir gar nichts hinterlaſſen, Gottfried iſt auch arm; du weißt, daß alles unſer Beſtreben, alle unſere F 2 84 Arbeit nicht zulangt, daß wir bei aller Spar⸗ ſamkeit das Roͤthige nicht aufbringen koͤnnen, daß Schulden uns druͤcken, und daß unſere Lage taͤglich trauriger und huͤlfloſer wird. Ach! du koͤnnteſt helfen, wenn du wollteſt! Wenn du doch deine thoͤrichte Liebe fuͤr Gott⸗ fried bezwingen, und den reichen Stadtſchrei⸗ ber heirathen wollteſt.“ „O Mutter, um Gotteswillen,“ ſchrie Roͤschen und warf ſich an ihre Bruſt,»habt Mitleid mit eurem armen Kinde! Ach bedenkt doch, wie oft der gute Gottfried ſeinen muͤh⸗ ſam erworbenen Wochenlohn mit uns theilte, 8 und ſelbſt hungerte und darbte, um uns vor dem drückendſten Mangel zu ſchuͤtzen! und nun zum Lohn dafur muß er fort aus ſeiner Va⸗ terſtadt! Ich bin Schuld an ſeinem Ungluͤck, denn meinetwegen verfolgt ihn der haͤßliche Stadtſchreiber! Ihr ſeyd undankbar gegen den guten Jungen, aber ich kann, ich will es nicht ſeyn! O Gottfried, wo du auch ſeyn magſt, dein Roͤschen bleibt dir ewig treu! Tag und Nacht will ich ſpinnen, will zu den häͤrteſten Arbeiten mich verdingen, um euch Mutter zu erhalten, aber treulos werde ich nie.« »Nun,« ſagte die Mutter,«thue was du willſt! Du weißt, daß ich ſelbſt den Gott⸗ fried lieb gehabt habe, wie meinen leiblichen 95 Sohn, und wenn nur die geringſte Ausſicht par⸗ da waͤre, daß er dich heirathen koͤnnte, ſo nen, wollte ich gern meinen Segen dazu geben, nſere aber leider ſehe ich keine, denn wenn man wird. gar ſo blutarm iſt, wie ihr Beide ſeyd, iſt keſt! wohl an keine Heirath zu denken. Fort mußte Bott⸗ er nun, das weißt du, ſonſt hätte man ihn hrei⸗— zum Soldaten genommen, und wahr iſt es auch, daß der Stadtſchreiber daran Schuld iſt. Ich chrie kann ihm dieſe Tuͤcke auch nicht verzeihen, und habt will dich darum nicht zwingen, ihn zu neh⸗ enkt men, weil ich ihn ſeit dieſem Vorfall fuͤr einen üh⸗ tuͤckiſchen Mann halte. Je nun, Gott wird ilte,* uns helfen.“ Wahrend dieſer Rede hatte Ka⸗ Vor tharina ihren Pelz angezogen, um in die Kir⸗ nun che zu gehen, und Roͤschen hatte ſich wieder Va⸗ an ihr Spinnrad geſetzt. luͤck, Katharine war die Wittwe eines ehrlichen iche Leinwebers in dem Staͤdtchen Truͤbau in Maͤh⸗ den ren. Ihr Mann war einſt wohlhabend gewe⸗ es ſen, hatte ein huͤbſches Haus und mehrere yn 1 Aecker und Wieſen beſeſſen. Mißwachs, Theu⸗ u! rung und endlich eine Feuersbrunſt zerruͤtte⸗ den ten ſeine Vermoͤgensumſtaͤnde, er verfiel aus ch Gram daruͤber in eine langwierige Krankheit, ,.8. die vollends alles verzehrte. Er ſtarb, und as hiinterließ ſeiner Wittwe und ſeinem Kinde 5 kaum ſo viel, daß ſie einige Tage durch ihr 86 Leben friſten konnten. Roͤschen war zwoͤlf Jahre alt, als ihr Vater ſiarb. Sie bezog mit ihrer Mutter ein kleines, halbverfallenes Haͤuschen, das dem Stadtſchreiber gehoͤrte, und in dem entlegenſten Winkel des Staͤdt⸗ chens lag. Mutter und Tochter ſpannen, ſtrick⸗ ten und wuſchen fuͤr die Leute, aber ſo ſehr ſie ſich auch anſtrengten, ſo reichte der arm⸗ ſelige Erwerb doch nicht hin, es fehlte uͤberall und die Mutter war gezwungen, mehrere Schulden zu machen. Neben der Huͤtte, die Katharina bewohnte, hatte ein wohlhabender Schuhmacher ſein Haus. Gottfried war ſein Lehrjunge. Der Meiſter und die Geſellen ſprachen oft von der armen Nachbarinn, die ſie einſt in beſſern Umſtaͤnden gekannt hatten, und nun ihre trau⸗ rige Lage bedauerten. Gottfried war ein guter Junge, er hatte herzliches Mitleid mit der Ar⸗ men, und beſchloß ſogleich, alles, was ſeine be⸗ ſchraͤnkte Lage erlaubte, fuͤr ſie zu thun. Er ſuchte die Bekanntſchaft der Nachbarinnen zu machen, welches er leicht bewerkſtelligte. Sein gutes offenes Geſicht, ſeine freundliche Zuthaͤ⸗ tigkeit erwarben ihm bald die Zuneigung und das Vertrauen der Mutter und Tochter; bald ward Gottfried von ihnen wie Sohn und Bru⸗ der behandelt. Nun trug Gottfried alles, was — 87 er verdiente, zu Katharinen; da er noch keinen Lohn hatte(da er Lehrjunge war) darbte er ſich ſein Brod und ſeinen Sonntagsbraten ab, um es ſeinen Freundinnen zu bringen. Auch die weuigen Groſchen, die er von den Geſellen fuͤr Kleider⸗ und Stiefelputzen bekam, gingen dieſen Weg. Es war ſeine einzige Freude am Feier⸗ abend oder des Sonntags Nachmittags, an Roͤs⸗ chens Seite zu ſitzen, und ihr aus der Bihel oder einem alten Geſchichtsbuche vorzuleſen. Roͤschen war fuͤnfzehm Gottfried achtzehn Jahre alt geworden, er war ausgelernt, und wurde nun Geſelle. Das beſtaͤndige Beiſammen⸗ ſeyn der jungen Leute, die Unbefangenheit, mit der die beiden jungen Herzen ſich gegenſeitig entfalteten, entwickelte nach und nach die zar⸗ teſte innigſte Liebe bei ihnen, die um ſo dauren⸗ der war, da ſie nicht ploͤtzlich, ſondern durch Wohlwollen, Dankbarkeit und Vertrauen ent⸗ ſtauden war. Der gute Gottfried trug nun ge⸗ woͤhnlich ſeinen Wochenlohn zu Katharinen; dieſe liebte ihn wie ihren Sohn, und Roͤschen hing mit aller Zaͤrtlichkeit der erſten Liebe an ihm. Roͤschen war ein bildſchoͤnes Maͤdchen geworden, aus ihren hellen blauen Taubenau⸗ gen blickte eine ſanfte fromme Engelsſeele; ſchlank und fein war ihr Wuchs, dreifach mußte ſie die Flechten des weichen kaſtanienbraunen 88 Haares um den Scheitel winden, und wenn ſie es loͤſte, fiel es bis zur Ferſe herab. Auch Gott⸗ fried war ein huͤbſcher Burſche, aus deſſen run⸗ dem freundlichen Geſichte Redlichkeit und Herzensguͤte ſprachen. Katharina hatte ſchon zweimal den Haus⸗ zins nicht zuſammenbringen koͤnnen. Der Stadtſchreiber, ein harter Mann, hatte ge⸗ droht, ſie einſperren zu laſſen; da machte ſie ſich eines Morgens mit Roͤschen auf, ihn um nochmalige Friſt zu bitten. Mit ſchwerem klopfenden Herzen pochte ſie leiſe an die Thuͤre und trat auf ſein„Herein« furchtſam in das Zimmer. Der Stadtſchreiber ſaß eben beim Fruͤhſtuͤck. Er war ein alter Junggeſelle, der in der Jugend ziemlich flott gelebt hatte, und nun im Alter die Folgen dieſer Lebensart fuͤhlte; Gicht und Podagra plagten ihn, und eben jetzt waren ſeine Fuͤße dicht in Kiſſen gehuͤllt, weil dieſer fatale Gaſt wieder bei ihm eingekehrt war. Er fuhr Katharinen hart an; hieß ſie ein liederliches Weib, die ſeine Guͤte mißbrauche, und drohte ſie augenblicklich aus der Wohnung jagen zu laſſen. Katharina weinte, und Roͤs⸗ chen flehte mit ihrer ſanften Floͤtenſtimme um Gnade. Er ſah das Naͤdchen an, und ihr An⸗ blick ſetzte ihn in Erſtaunen. Er ließ ſie naͤher treten, ſie kuͤßte ſeine Hand, und der Alte ver⸗ „* 89 gaß Gicht und Podagra. Er kneipte ſie in die bit⸗ ſammtnen Roſenwangen, und verſprach ihr nicht 1ns nur Nachſicht, ſondern ſchenkte ihr auch noch nd einen blanken Thaler. Er ſagte, ſobald er ge⸗ ſund ſey, wolle er ſelbſt kommen, um zu ſehen, g⸗ wie es bei ihnen ausſehe. Roͤschen, das unſchul⸗ Der dige Roͤschen war vor Freude außer ſich, aber ge⸗ ihre verſtaͤndigere Mutter ſah ganz ernſthaft aus; ſie ihr leuchtete ſehr wohl ein, warum der Stadt⸗ uim ſchreiber ſo zahm bei des ſchoͤnen Maͤdchens ein Bitten wurde, doch ſchwieg ſie klüglich von re ihren Beſorgniſſen. as Nicht lange darnach kam der Stadtſchrei⸗ imn ber in Katharinens Wohnung. Roͤschen war e eben nicht zu Hauſe. Nach einigen Umſchwei⸗ 1d fen trat er mit dem Vorſchlag hervor, ſie ſolle 6; ihm die Tochter zur Haushaͤlterinn uͤberlaſſen, bt wo ſie goldene Tage haben ſolle, an welchen il dann natuͤtlich die Mutter auch Antheil haben t werde. Katharine entſchuldigte ſich damit, daß n das Maͤdchen gar nicht zu ſo einer Stelle ge⸗ „ eignet ſey, da ſie vom Haushalte gar nichts 9. verſtuͤnde; und daß ſie ſelbe auch bei ihrer 2 eigenen Schwaͤche und zunehmendem Alter 1 nicht miſſen koͤnnte. Seit dieſer Zeit kam der 1 Stadtſchreiber ſehr oft, und machte alle moͤg⸗ 1 lichen Verſuche, die Mutter anderen Sinnes zu machen, aber alle ſeine Bemuͤhungen blie⸗ 90 ben vergebens. Er war dermaßen in das Maͤd⸗ chen verliebt, daß er ihr den Autrag machte, ſie zu heirathen. Dieſer Antrag waͤre freilich in okonomi⸗ ſcher Hinſicht ein großes Gluͤck fuͤr Noͤschen geweſen, und die Mutter that alles moͤgliche, ſie zur Annahme zu bewegen; aber das Maͤd⸗ chen wollte durchaus nichts davon hoͤren. Selbſt wenn ihr Herz noch frei geweſen waͤre, wuͤrde ſie ſich nicht haben entſchließen koͤnnen⸗ den alten Podagriſten zu nehmen, um wie viel weniger jetzt, da ſie dem geliebten Gottfried haͤtte ungetreu werden muͤſſen. Sie ſagte dem verliebten Brautwerber unverhohlen, daß ſie ihn nie heirathen werde, und zog dadurch ein fuͤrchterliches Ungewitter uͤber den armen Gott⸗ fried zuſammen. Denn der Stadtſchreiber hatte bald herausgebracht, daß der junge Schuſtergeſelle ſein beguͤnſtigter Nebenbuhler und Schuld an Roͤschens Weigerung ſey. Dieſen verhaßten Nebenbuhler ſo bald als moͤglich aus dem Weg zu raͤumen, war nun ſein einziger Wunſch, und bald bot ſich ihm. die Gelegenheit dazu an.— Es wurde im Staͤdtchen rekrutirt, und Gottfried ward auf des Stadtſchreibers Ver⸗ anlaſſung auf die Rekrutenliſte geſetzt. Zum Gluͤck fuͤr ihn erfuhr es ſein Meiſter, der ihm 91 fehr gut war. Er benachrichtigte ihn davon, gab ihm Geld, und trug alles dazu bei, ihm fortzuhelfen. Der Abſchied der beiden Lieben⸗ den war außerſt ſchmerzlich; Noͤschen hing bleich, mit ſtroͤmenden Augen in Gottfrieds Armen; er richtete ſie auf, und ſprach ihr Muth zu.»Faſſe dich, geliebtes Maͤdchen,“ ſprach er,„habe Vertrauen auf die Vorſicht, ſie wird uns nicht verlaſſen, ſind wir doch beide ehrlich und gut! glaube mir, wir wer⸗ den uns vielleicht bald und gluͤcklicher wieder ſehen. Bis dahin, liebes Roͤschen, trage mit Geduld die Pruͤfung, die uns der Himmel auf⸗ legt, und erhalte mir deine Liebe.“ Er kuͤßte ſie noch einmal, und riß ſich dann weinend von ihr los. Wir haben geſehen, wie Roͤschen die Trennung von ihm fuͤhlte, und wie ent⸗ ſchloſſen ſie war, ihm treu zu bleiben. Fuͤr Roͤschen ſchlich die Zeit langſam un⸗ ter Kummer und Thraͤnen dahin, die Mut⸗ ter ſeufzte, ſchalt auch wahl mitunter, und der Stadtſchreiber erneuerte oft ſeine frucht⸗ loſe Bewerbung. 4 So war der Winter traurig vobingeſihli⸗ chen, der holde Fruͤhling kam und belebte die Natur, Auf Flur und Feld keimten Blumen hervor, die bluͤhenden Baͤume dufteten Wohl⸗ geruch aus, jedes Weſen freute ſich der ſchoͤ⸗ 92 nen Jahreszeit; nur auf Roͤschen machte die ſühone Natur im Fruͤhlingsſchmucke keinen Ein⸗ druck. Das arme Maͤdchen welkte graͤmlich da⸗ hin, und Katharine fuͤhlte mit innigem Schmerz, daß ſie ihr armes Kind bald zu Grabe beglei⸗ ten wuͤrde. 4 Ein halbes Jahr war vergangen, und Gottfried hatte noch keine Zeile geſchrieben. „Ach er iſt todt,“ rief Roͤschen oft aus., An fremdem Orte mußte er ſterben, und keine freundliche Hand hat ihm die Augen zuge⸗ drückt! Ach, und ich muß in Gram und Schmerz mich verzehren, ohne den Troſt zu haben, den Raſenhuͤgel beſuchen zu koͤnnen, der ſeine Gebeine deckt. Ach Gottfried! bald folge auch ich dir, dort werde ich dich wie⸗ derfinden.“— So jammerte das arme Maͤd⸗ chen, und die Mutter weinte mit ihr. Eines Tages war Roͤschen den ganzen Tag uͤber recht traurig geweſen, ſie war ſo ſchwach und erſchoͤpft, daß ſie die Mutter beredet hatte, ſich zeitlich zu Bette zu legen. Sie ſetzte ſich zu ihr, und ſprach ihr Troſt zu. Sie erinnerte ſie an das, was Gottfried ihr beim Abſchiede geſagt habe, wie er ſie er⸗ mahnt hatte, auf die Vorſicht zu vertrauen. Da klopfte es an das niedere Fenſter, Katha⸗ rine machte auf, und o Himmel! Gottfrieds —— 2 93 wohlbekannte Stimme ſcholl ihr entgegen, und fragte aͤngſtlich um Roͤschens Befinden. Noͤschen hatte die Frage vernommen, ſie ſprang aus dem Bette, um dem Geliebten entgegen zu eilen, ehe ſie aber noch bie Thuͤre erreichen konnte, ſank ſie, von Freude und Ueberraſchung uͤberwaͤltigt, ohnmaͤchtig zu Bo⸗ den. Als ſie erwachte, lag ſie in des Geliebten Armen, ihr Haupt an ſeine Bruſt gelehnt, ihr Geſicht von ſeinen Thraͤnen uͤberſtroͤmt. O wer malt den Uebergang vom Schmerz zum hoͤchſten Entzuͤcken! Euch, ihr gefuͤhlvollen Seelen, die die Natur mit dem herrlichſten der Schaͤtze, den alle Koſtbarkeiten der Welt nicht aufwiegen, mit einem fuͤhlenden Herzen und reger Theilnahme an dem Wohle Anderer beſchenkt hat, euch uͤberlaſſe ich es, euch Roͤs⸗ chens Empfindungen zu vergegenwaͤrtigen. Naach und nach kamen Roͤschen und Gott⸗ fried wieder zur Beſinnung, und Fragen und Erklaͤrungen kamen nun an die Reihe. Wie Gottfried,“ rief Roͤschen,»biſt du es ſelbſt? iſt es moͤglich?«„Ja, geliebtes Maͤdchen,« ſagte er,„ich bin es. Ich komme, um dich abzuholen, und mich nie wieder von dir zu trennen; auch die gute Mutter ſoll uns beglei⸗ ten, wir wollen vereint leben, bis der Tod einen von uns abruft; dann werden die Zu⸗ * — 94 ruͤckgebliebenen ſanfte Thraͤnen ſeinem Ange⸗ denken weihen, bis wir uns dort alle wieder⸗ finden werden. Setzt euch zu uns, Mutteb Katharine, hoͤrt, was mir auf meiner Wander⸗ ſchaft begegnet, und was mich jetzt in den Stand ſetzt, mein Roͤschen von euch zum Weibe begehren zu koͤnnen. Als ich mich aus deinen Armen riß, lie⸗ bes Roͤschen, da war es, als wollte mir das Herz brechen. Ich wanderte weinend zum Thor hinaus, und als ich an dem Gottesacker vor⸗ beikam, da draͤngte es mich, der Eltern Grab noch einmal zu beſuchen, und dort um Ruhe und Staͤrke zu bitten. Ich ſank im bitterſten Gefuͤhl des Schmerzens auf den Raſenhuͤgel, und ploͤtzlich fiel eine Zentnerlaſt von meinem Herzen. Der Himmel war bisher umwoͤlkt ge⸗ weſen, jetzt theilten ſich die dunkeln Wolken, die wohlthaͤtige Sonne beſchien und erwaͤrmte mich. Mir war, als fluͤſterte des Vaters Stim⸗ me aus dem Grabe mir zu:»So wird dich nach truͤben Tagen der Freude Strahl wieder beleuchten und erwaͤrmen.« Geſtaͤrkt und mit neuen Hoffnungen belebt ſtand ich auf und ging weiter, indem ich mich oft umwendete, und der geliebten Heimath, in der ich dich, mein Alles verließ, tauſend Lebewohl ſagte. Ich nahm an verſchiedenen Orten Kondi⸗ „ 4]„ ☛—☛—ꝓꝶ Add d 95 tion, doch litt es mich nirgends lauge, nach wenigen Wochen mußte ich immer wieder wei⸗ ter; dieß iſt die Urſahe meines Stillſchwei⸗ gens, da ich mir vorgenommen hatte, erſt dann dir zu ſchreiben, wenn ich einen beſtimmten DOrt meines Auſenthaltes angeben koͤnnte. Doch dieſer Zeitpunkt erſchien nie, es trieb mich immer raſtlos vorwaͤrts. So kam ich nach Oeſterreich, wo ich die Hauptſtadt vor⸗ bei immer laͤngſt des Donau⸗Stromes aufwaͤrts ging. Ich war muͤde geworden, es fing an warm zu werden, und ich ſuchte abwaͤrts der Straße in einem kleinen Gebuͤſche Schatten und Ruhe. Ich mochte eine Zeitlang geſchla⸗ fen haben; als ich erwachte, ſah ich aus dem Stand der Sonne, daß es gegen Mittag war, ich verdoppelte meine Schritte, um das Staͤdtchen Kloſter***, welches, wie ich wußte, — nicht mehr fern ſey, zu erreichen. Als ich auf die Straße kam, auf welcher der Staub ſehr dick lag, fuͤhlte ich einen fe⸗ ſten Koͤrper unter meinen Fuͤßen. Ich buͤckte mich und hob ihn auf. Als ich den Staub da⸗ von geſchuͤttelt, ſah ich, daß es eine rothe ſaffianene Brieftaſche war, in welcher, als ich ſie oͤffnete, zu meinem Erſtaunen zwoͤlftauſend Gulden in Banknoten lagen. Ich fand uͤbri⸗ gens gar nichts, was mir Aufſchluß gegeben 96 haͤtte, wo das Geld hingehoͤre. Nur ſo viel wußte ich, daß ich es nicht behalten duͤrfte, und darum eilte ich ins Staͤdtchen, um das Gefundene ſogleich abzugeben, und mir dafuͤr einen Zehrpfennig auszubitten. Als ich dem Buͤrgermeiſter mein Anliegen eröͤffnete, ſah mich dieſer mit frohem Erſtau⸗ nen an. Der Buͤrgermeiſter begleitete mich in das Stift der regulirten Chorherren, wo wie er ſagte, dieſes Geld(welches der Kaͤmmerer unterwegs verloren, und das bereits vermißt worden ſey) hingehoͤrte. Hier ward ich von mehreren geiſtlichen Herren, welche alle meine Handlung lobten, zum Herrn Praͤlaten gefuͤhrt, der mir, nachdem er mich freundlich auf die Achſel geklopft und einen ehrlichen Burſchen genannt hatte, mit eigener Hand tauſend Gul⸗ den aus der gefundenen Brieftaſche uͤberreichte und dazu ſprach:»„Hier mein Sohn haſt du den zwoͤlften Theil deſſen, was du ganz haͤt⸗ teſt behalten koͤnnen, wenn du ein Schurke geweſen waͤreſt; welches du aber nie ſo mit Ruhe und Zufriedenheit wuͤrdeſt genoſſen ha⸗ ben, wie dieſe Summe, auf der der Segen des Himmels ruht, da ſie der wohlverdiente Lohn ſeltener Ehrlichkeit iſt. Hoͤre ehrlicher Burſche, du gefällſt mir, willſt du dich hier anſiedeln? haſt du ein Handwerk gelernt, und ,——— . 97 welches ſind deine Verhaͤltniſſe? ſage mir al⸗ les, denn ich will wie ein Vater an dir han⸗ deln. Da ich den hochwürdigen Herrn ſo gut ſah, mußte ich weinen, ich fiel auf die Knie und kuͤßte die dargebotene Vaterhand unter tauſend Dankſagungen. Ich ſprach frei von der Leber weg, entdeckte ihm meine ganze Lage und wie ich dich liebte, und du mich. Da ſprach er mit freundlichem Laͤcheln:„Nun wohl, mein Sohn, ſo hohle dein Roͤschen, ich kaufe dir ein Schuhmachergewerbe, dann zie⸗ heſt du fort und bringſt dein Maͤdchen und ihre Mutter; denn trauen will ich dich ſelbſt, damit man ſehe, wie ich Redlichkeit ſchaͤtze⸗ und damit dein Beiſpiel andere zur Nach⸗ ahmung reize.“ Hier bin ich nun, um euch zu holen; mit dem Buͤrgermeiſter iſt alles abgethan, ich bin frei. Eure Schuld an den Stadtſchreiber wie alles andere iſt berichtigt, und morgen mit dem Fruͤheſten geht es fort, denn die Fuhre iſt ſchon beſtellt. Ich erfuhr, beſtes Maͤdchen, deine Kraͤnklichkeit, und war aͤußerſt betruͤbt daruͤber, doch ich ſehe nun, daß es Gottlob noch keine Gefahr hat. Kummer war der Grund davon, die Freude wird dich ſchuell wieder geſund machen.“ Gottfried ſprach wahr; Roͤschen ſtand 6 7 98 am Morgen bluͤhend da, die blauen Augen hatten wieder den vorigen Glanz erhalten, und die Freude laͤchelte von dem holden Ge⸗ ſicht. Als ſie in Kloſter?*** ankamen, war jede Spur von Krankheit verſchwunden. Der guͤtige Praͤlat hielt Wort, er traute das gluͤckliche Paar ſelbſt, und hielt ihnen die Hochzeit aus, die er ſelbſt mit mehreren der wuͤrdigen geiſtlichen Herren auf kurze Zeit mit ſeiner Gegenwart beehrte. Bis an ſeinen Tod blieb er ein Beſchuͤtzer des redlichen Gott⸗ frieds, der reichlichen Erwerb fand, weil Al⸗ les von dem ehrlichen Schuſter(unter dieſem Namen war er in der ganzen Gegend bekannt) wollte arbeiten laſſen. Er ward ein ſehr wohl⸗ habender Mann, und lebte mit ſeinem Roͤs⸗ chen gluͤcklich und zufrieden. Seinen Kindern, deren er mehrere hatte, praͤgte er ſtets den Grundſatz ein, daß Redlichkeit uber alles gehe, und daß feſtes Vertrauen auf die Vorſicht ſich immer bewaͤhre, weil oft im groͤßten Un⸗ gluͤck ſchnelle Huͤlfe von oben koͤmmt. — III. Die Kunſtreiſe. — Eine komiſche, über nachſtehende zwölf Worte gemachte Erzaͤhlung: Dichtkunſt. Vetter. Mordgewehr. Hohl⸗ ſpiegel. Maulſchelle. Epigramm. In⸗ telligenzblatt. Durchhaus. Arreſtant. Pflaſtertreter. Incognito. Nervenfieber. Erſtes Kapitel. Dichtkunſt. Es war noch fruͤh am Morgen, und die Strahlen der Sonne waren noch nicht ganz uͤber den ſchwarzen Kiefernberg heraufgeſtie⸗ gen, als der Schullehrer Falke ſeine kleine beraͤucherte Stube verließ, und mit gravitaͤti⸗ ſchen Schritten vor den mit Wintergruͤn be⸗ wachſenen Fenſtern des Schulhauſes auf und ab ſpazierte. Ein entfaͤrbter verſchliſſener Flausrock vertrat die Stelle des Schlafrockes, und den Kopf bedeckte eine Nachtmuͤtze, wel⸗ che einmal weiß geweſen ſeyn mochte, nun aber um den Vorrang mit einer Quitte zu ſtreiten vollkommen berechtigt war. Das ſtruppichte, mit Flaumfedern reichlich beſaͤete Haar quoll durch die haͤufigen Oeffnungen obbeſagter Muͤtze, welche nachlaͤſſig uͤber ein Ohr herabgezogen war, indeſſen das andere * 102 in ſeiner ganzen betraͤchtlichen Groͤße dem Au⸗ ge zur Schau geſtellt, mit einer dahinter ge⸗ ſteckten Schreibfeder prangte. Schwarze, le⸗ derne Beinkleider, deren Defekte der invalide Flausrock kaum zu bergen vermochte, und ein paar alte unſcheinbare Pantoffeln vollendeten das reizende Morgen⸗Negligée des liebens⸗ wuͤrdigſten aller Schul⸗Monarchen. In wie fern Herr Bonifazius Falke je⸗ nen Beinamen verdienen mochte, moͤgen meine Leſer, und beſonders die Leſerinnen erſt dann entſcheiden, wenn ich ſie mit dem ganzen Umfange ſeiner phoſiſchen und moraliſchen Voll⸗ kommenheiten bekannt gemacht haben werde. Herr Bonifazius Falke, wohlbeſtellter Schullehrer zu Weißenbach, war ein Mann in ſeinen beſten Jahren, das heißt, zwiſchen vier⸗ zig und fuͤnfzig. In ſeiner Jugend war er ſtolz auf ſeine ſchlanke Geſtalt geweſen, jetzt war aber dieſe Schlankheit durch die Jahre und die bei ſeiner undankbaren Bedienſtung nothgedrungene ſparſame Lebensweiſe in eine ſo totale Duͤrre verwandelt worden, daß er im eigentlichſten Verſtande zu einem Kirchen⸗ manne geworden war. Seine Naſe, von wel⸗ cher er ſelbſt immer behauptete, daß ſie viel Aehnlichkeit mit jener des Cicero habe, war von ſo anſehnlicher Laͤnge und ſo krumm ge⸗ 103 bogen, daß die gottloſe Schuljugend ſie in mer mit dem Schnabel einer Eule veroich Neben dieſer Koͤniginn aller Naſen hatten ſich ein paar tiefliegende Katzenaugen einquar⸗ tirt; welche aus nachbarlicher Hoͤflichkeit ihre Strahlen ſtets der lieblichen Nachbarinn zu⸗ warfen. Duͤrre, ſchmale, verbleichte Lippen 1 zogen ſich uͤber die Gelb und Schwarz ge⸗ fleckten Ruinen ehemaliger Zaͤhne hin, und machten nahe Bekanntſchaft mit den großen weit abſtehenden, hochrothen Ohren. Man ſetze noch hinzu, daß es dem Mann bei ſeinen aͤmtlichen und Privatgeſchaͤften nicht immer moͤglich war, dem Wachsthum ſeines halb wei⸗ ßen, halb ſchwarzen Bartes die gehoͤrigen Schranken zu ſetzen, ſo wird man geſtehen müſſen, daß er in der That eine reizende Au⸗ ßenſeite hatte. In der Schule war er ein ſtrenger Beherrſcher aller derjeniger Kinder⸗ deren Eltern es verſaͤumten, ſeine Nachſicht durch woͤchentliche Geſchenke von Butter und Eiern zu erkaufen, das kleinſte Vergehen ward dann mit der unerbittlichſten Strenge geruͤgt; deſto mehr konnten aber jene auf ſeine Gefaͤl⸗ ligkeit rechuen, welche ſeine Kuͤche mit dieſen Artikeln verſahen, ſie durften ungeſtraft jeden Muthwillen ausuben, und jede Nachlaͤſſigkeit in Hinſicht des Lernens ſich erlauben. Ueber⸗ 10½ haupt aber waren die Schulgeſchäfte bei ihm nur Nebendinge, da er ſich ganz mit der Dichtkunſt beſchaͤftigte, und ſich fuͤr einen Liebling Apolls, und ſeine ſchalen Verſe fuͤr Mieiſſerſtuͤcke hielt. Eben jetzt wogte in ſei⸗ nem Gehirne wieder ein Strom dichteriſcher Begeiſterung, und er ſchritt darum mit lang⸗ geſtreckten Schritten und wildrollenden Au⸗ gen auf dem Raſenplatz vor ſeiner Reſidenz einher. Zweites Kapilte. „ 4 Der Vetter. Wir wuͤrden unſerem Schulmanne Un⸗ recht thun, wenn wir glauben wollten, daß heute Phoͤbus Apollo allein ſeinen ſanften Morgenſchlummer geſtoͤrt, und ihn bewogen habe, ſelbſt das gewoͤhnliche Fruͤhſtuͤck von 1 Schnaps und Brot, ohne welches er nie uͤber die Schwelle ſeiner Stube trat, zu vergeſſen. Es war noch ein anderer Gott mit im Spiele, und zwar der loſeſte, leichtfertigſte aus der ganzen Goͤtterſchar; der kleine launenhafte Boͤſewicht, deſſen Geſchoß Niemanden verſchont und der ſeine mit Widerhacken verſehenen Pfeile oft in Honig, oft aber auch in Galle 105 taucht. Das kleine Ungethuͤm hatte ſich in der die ſchelmiſchen Augen des loſen Rieckchens inen verſteckt, und von dieſem Verſteck aus das für vertrocknete Herz des armen Schulmannes ſo ſei⸗ wacker beſchoſſen, daß er laͤngſt ſchon Cha⸗ made geſchlagen und ſich der reizenden Sie⸗ ng⸗ gerinn auf Gnade oder Ungnade ergeben hatte. l⸗„Rieckchen war die Nichte des Gerichts⸗ ſchreibers, der nach dem geſtrengen Herrn Ver⸗ walter die erſte Perſon im Dorfe war. Das liebliche bluͤhende Maͤdchen war fruͤher in die Schule gegangen, und hatte ſchon damals vor Falkens grauen Augen große Gnade ge⸗ funden. Auch war Rieckchen ein huͤbſches, folgſames, gelehriges Madchen; Falke, dem in⸗ 3 die Poeſie immer im Kopfe ſpukte, verglich ſie aß mit allen Goͤttinnen des Olymps, wozu Rieck⸗ ten chen aus vollem Halſe lachte, und ihn bat, gen ſie als eine gute Chriſtinn mit dieſem heidni⸗ on ſchen Namen zu verſchonen. Das Naͤdchen er war neunzehn Jahre alt geworden, war ſchoͤn, lt. gut, und von froͤhlicher munterer Laune, die le, nicht ſelten in einen kleinen Muthwillen aus⸗ er artete. Die Frau Verwalterinn hatte ſie zur ke Firmung gefuͤhrt, und ſeitdem viel Guͤte fuͤr t ſie gehabt. Dieſe Frau war vom beſten Cha⸗ 1 rakter, und hatte bei viel Herzensguͤte, Geiſt 2 und Bildung. Sie hatte eine einzige Tochter, 106 deren taͤgliche Geſellſchafterinn Rieckchen wur⸗ de, und dadurch unendlich viel an Bildung gewann. Die beiden Maͤdchen waren von gleichem Alter, waren beide gleich munter, und veruͤbten manchen kleinen Muthwillen, deſſen Zielſcheibe nicht ſelten der ehrſame Herr Bonifazius Falke ſeyn mußte. Als nun vol⸗ lends ſeine Liebe fuͤr Rieckchen an den Tag kam, da fanden die beiden Schaͤckerinnen reich⸗ lichen Stoff, ihrer froͤhlichen Laune den Zuͤ⸗ gel ſchießen zu laſſen, und auf Koſten des armen verliebten Gecken zu lachen. Umn dieſe Zeit kam ein junger Mann aus der Hauptſtadt nach Weißenbach, der dem. Verwalter ſehr empfohlen war, und auf dem Amte praktiziren ſollte. Sein Vater, ein rei⸗ cher Kaufmann zu W“**“, wollte ihn fuͤr die Oekonomie gebildet haben, da er geſonnen war, ihn auf dem Lande zu etabliren, und ihm ein Landgut zu kaufen. Roſen, ſo hieß der junge Mann, war huͤbſch und wußte ſich ſehr vortheilhaft zu praͤſentiren; er hatte in der Hauptſtadt jene feine geſellſchaftliche Bil⸗ dung erhalten, die ſich durch ein leichtes, fei⸗ nes Benehmen auszeichnet, und den Mann. von Welt charakteriſirt. Ueberdieß zeigte er Verſtand, verbunden mit ſeltener Herzensguͤte, und war uͤberhaupt aͤußerſt intereſſant. Die — 2 ———, 8A8K 2— 107 beiden ſungen Freundinnen waren nicht die letzten, we che dieſe Bemerkung machten, und beſonders hatte er auf Rieckchens Herz Ein⸗ druck gemacht. Auch ihm zeſe das muntere harmloſe Geſch pf; was erſt Wohlgefallen war, wurde durch taͤglichen Umgang bald Liebe, die man ſich auch, da es an Gelegenheit dazu nicht fehlte, bald gegenſeitig geſtand. Der verliebte Schullehrer war ſeinerſeits nicht muͤſſig, die Geliebte ſeines Herzens mit den Ausgeburten ſeiner Dichtungskraft zu be⸗ ſtuͤrmen; Oden, Hymnen und Sonette ent⸗ ſtroͤmten ſeiner fruchtbaren Feder, und wur⸗ den, auf zierlich geraͤndertes Papier geſchrie⸗ ben, in Rieckchens Strickkoͤrbchen gelegt, wel⸗ che dieſe Meiſterſtüͤcke der Poeſte, nachdem ſie ſich mit Antonien ſatt daruͤber gelacht hatte⸗ zu Haubenmuſtern oder Papilloten verſchnitt. Eben heute war er im Begriffe, Rieckchens Geburtstag durch eine Ode zu feiern, welche alles uͤbertreffen ſollte, was je von ſeiner Fe⸗ der gefloſſen, und wie er hoffte, das Felſen⸗ herz der grauſamen Schoͤnen ſchmel zen, und ſeiner Liebe geneigt machen ſollte. Er hatte die ganze Nacht durch ſich gemartert, und kaum ein paar Verſe muͤh hſam herausgebracht: 108 Steige herauf aus den bläulichten Fluten Goldener Phöbus, und lenk' die geflügelten Roſſe⸗ Höher empor in das blaue azurne Gefilde! Lachle du freundlicher, heute dem roſichten Tage Welcher das ſchönſte der Mädchen gebar. Hier ging ihm der Faden aus, vergebens zerkaͤute er die Feder, vergebens zerbrach er ſich den Kopf, denn nach alter Sage kann da nichts herauskommen, wo nichts darin iſt, wenn es auch zerbrochen wird. Darum ent⸗ riß er ſich ſo fruͤh dem Schlafe und eilte ins Freie, weil er hoffte, dort wuͤrde Apoll ihn beſſer beguͤnſtigen, doch vergebens! die Mu⸗ ſen waren eben ſo ſproͤde gegen ihn als Rieck⸗ chen, und er mußte ſich bequemen, obige fuͤnf Zeilen, gar zierlich in einen Kranz von Ro⸗ ſen und Vergißmeinnicht geſchrieben, dem holdſeligen Rieckchen darzubringen. Das Maͤdchen wuͤrde den alten Narren ſchon lange abgefertigt haben, haͤtte ſelber nicht an ihrem Vetter einen Goͤnner gehabt, auf deſſen Gunſt er ſich ſtuͤtzen konnte. Dieſer Better Mathias Loͤwe war einſt in Militair⸗ Dienſten geweſen, hatte es bis zum Wacht⸗ meiſter gebracht; er hatte durch einen Schuß das rechte Auge verloren, und man hatte ihn zum Gerichtsſchreiber in Weißenbach gemacht, um durch diefe ziemlich eintraͤgliche Stelle 209 ſeine Tapferkeit und treuen Dienſte zu beloh⸗ nen. Der alte Kriegsknecht hatte ein braves Weib genommen, und da er kein Kind bekam, nahm er Rieckchen, die Tochter ſeines Bru⸗ ders, welche beide Eltern fruͤh verlor, zu ſich, und vertrat Vaterſtelle bei ihr, denn er hielt ſie wie ſein eigenes Kind. Der alte Loͤwe liebte nichts ſo ſehr, als die Zeitungen, und Erzaͤhlungen von Kriegen und Schlachten. Da nun durch den Verluſt des einen Auges das andere auch geſchwaͤcht war, und dieß ihn am haͤufigen Leſen verhin⸗ derte, ſo war es ihm erwuͤnſcht, daß der Schullehrer ihn taͤglich des Abends beſuchte, und ihm die Zeitung oder eine deutſche Ueber⸗ ſetzung des Tacitus oder des Polibius vorlas. Der Alte lebte voͤllig wieder auf, beſonders hielt er viel auf den Tacitus, denn als einem aächten Deutſchen lag ihm natuͤrlich die Ge⸗ ſchichte ſeines Volkes am meiſten am Herzen. Loͤwe traktirte ſeinen Vorleſer aus Dankbar⸗ keit immer mit gutem Wein, welchen Rieck⸗ chen, wenn ſie zugegen war, einſchenken mußte; aber die kleine Schelminn ſchlich ſich meiſtens hinter dem Ruͤcken des Vetters mit Beguͤnſtigung der Muhme,(die Falken nicht leiden mochte,, hinweg, und ging zu An⸗ tonien, wo ſie noch einen Dritten fand 110 der ihr freilich lieber war, als ihr alter Adonis. Oritles Kapitel. Mordgewehr. Der Schullehrer hatte ſich durch ſein Vorleſen wirklich ſo ſehr in der Gunſt des Gerichtsſchreibers feſtgeſetzt, doß dieſer ohne ihn beinahe nicht mehr leben konnte; ſo bald Loͤwe die Amtsſtube verließ, ſehnte er ſich ſchon nach der Geſellſchaft ſeines gelehrten Freundes, und zählte die Minuten, bis er kam, mit großer Ungedutd. Falke hatte außer dem Talent vorzuleſen noch die gefaͤllige Gabe, des Alten Kriegsbegebenheiten zehnmal anzu⸗ hoͤren, ohne es im Mindeſten merken zu laſ⸗ ſen, daß ſie ſchon ſo oft wiederholt geworden. Das leichtfertige Rieckchen, wenn ſie zugegen war, rief wohl oft aus:„Ach Herr Vetter, das erzaͤhlen Sie ja ſchon zum fuͤnfzehnten⸗ mal!“ Aber der Alte ließ ſich durch ſie nicht irre machen, er hieß ſie ein naſeweiſes dum⸗ mes Ding, und fuhr in ſeiner Erzaͤhlung fort. Er konnte dabei oft ſo ſehr in Eifer gerathen, daß er einen Saͤbel, welchen er noch aus ſei⸗ nem Militairſtande beſaß, von der Wand 111 herabriß, und mit ſelbem um ſich herumhieb, um ſeinen zitternden Zuhoͤrern anſchaulich zu machen, wie er ſich gegen die uͤberlegene Men⸗ ge der Feinde vertheidigt, und ſich durchge⸗ hauen habe. Der Schullehrer haͤtte ihm dieſe lebhafte Darſtellung gern geſchenkt, denn er hatte einen entſchiedenen Widerwillen gegen jede Gattung von Mordgewehr, und ſo oft ihm der Saͤbel etwas naͤher kam, fuhr er zuruͤck, und druͤckte ſich feſt in den Winkel hinter dem Tiſche. Der alte Held laͤchelte, es war ihm nicht unlieb, daß Falkens Zaghaf⸗ tigkeit ſich ſo arg geberdete, weil ihm dadurch die Aengſtlichkeit eines feindlichen Huſaren ins Gedaͤchtniß kam, der einſt vor ihm auf⸗ den Knien gelegen, und um Pardon geflehet hatte. Auf dieſe Heldenthat that ſich Loͤwe am Meiſten zu Gute, darum wurde ſie auch am oͤfteſten wiederholt, und der arme Falke mußte gar aft zu der Ecke ſeine Zußucht nehmen.. So unentbehrlich aber auch der Schul⸗ lehrer dem Gerichtsſchreiber war, und ſo groß auch die Vorliebe war, die dieſer fuͤr jenen hatte, ſo bezog ſich doch dieſe keinesweges auf deſſen Liebe zu Rieckchen; im Gegentheil haͤtte ſichs Loͤwe im Traume nicht einfallen laſſen, daß Falke ein ſolcher Narr ſeyn wuͤrde, ſich ——— 112 in das Maͤdchen zu vergafſen. Loͤwe war ein alter Haudegen, dem Ainor nie recht hatte beikommen koͤnnen, der daher auch leiden⸗ ſchaftliche Liebe fuͤr wahren Unſiun erklaͤrte, und jeden einen Narren ſchalt, der ſich ihrem Eindrucke uͤberließ. Er ſelbſt war nie verliebt geweſen, und hatte nach ſeiner Ueberſezung in den Cioilſtand ſich nur darum ein Weib genommen, damit ſie ſein Haus beſorgen und ihn warten und pflegen ſolle. Haͤtte er nur die kleinſte Ahndung von dem gehabt, was in Falkens Herzen vorging, ſo wuͤrde er ihn, unbeſchadet ſeiner Freundſchaft fuͤr ihn, gar weidlich ausgelacht und verſichert haben, daß es ihm nicht einfallen koͤnne, die junge bluͤ⸗ hende Nichte mit einem Klapperbeine zu ver⸗ heirathen.. Obgleich dieß nun unſer liebes Maͤdchen von der Furcht einer Verbindung mit dem eckelhaften Falke befreite, ſo gab es ihr doch noch keine Hoffnung fuͤr ihre Herzens Ange⸗ legenheit. Der alte Vetter hatte nebſt meh⸗ reren Eigenheiten auch dieſe, daß er allem abhold war, was aus der Hauptſtadt kam, und ſtädtiſche Manieren an ſich hatte. Roſen war ein feiner junger Mann, deſſen Beneh⸗ men von ſtadtiſcher Bildung zeigte; zudem hatte er einmal geaußert, daß er ſich nie haͤtte „ 113 entſchließen koͤnnen, Soldat zu werden, weil dieſer Staud, ſo verehrungswerth er auch ſey, doch auch viel rohes, und daher fuͤr den fein⸗ fuͤhlenden Mann viel aſchreende s an ſich habe. Damit hatte er es nun mit Loͤwen gaͤnz⸗ lich verdorben; dieſer fuhr mit einem Grim⸗ der zu ſeinem Namen paßte, auf ihn ein und wuͤrde ihn ſicher zur Stube hinausge⸗ trieben haben, wenn ſich nicht die Frau ein⸗ gemengt, und um das Aergſte zu verhuͤten, Roſen unter dem Vorwand abgerufen haͤtte, daß der Verwalter um ihn geſchickt habe. Der 18 Alte Hißhiets aber, daß ihm der Gelbſchnabel mtoRor or 5 1 61 nie wieder uͤber die Schwelle kommen ſolle. Das arme Rieckchen war am meiſten zu be⸗ 7 7. 1 dauern, ſie ſah wohl ein, daß bei dieſen Um⸗ ſaͤnden die Erfuͤllung ihres Wunſches noch ſehr fern ſey. Indeſſen mußte man ſich zu troͤſten ſuchen, und auf beſſere Ausſichten hoffen. Zu Rieckchens Gluͤck war ihre Muhme die beſte Frau von der Welt, und liebte ſie von ganzem Herzen. Die gute Frau war in der Jugend nic ht ſo unempfindl ich gegen die Liebe geweſen, als ihr Maun. Sie war die Tochter eines Foͤrſters, hatb einen jungen Jaͤger herzlich geliebt, und wafe ſeine Gattinn geworden; er ſtarb fruͤhzeitig und ſie beirau⸗ H 8 114 erte ihn durch viele Jahre. Erſt ſpät, als eine Frau von vierzig Jahren gab ſie dem Gerichts⸗ ſchreiber ihre Hand, weit er ihr eine gute Verſorgung anbieten konnte, und ſie ihn als einen rechtlichen Mann kannte. Auch lebte ſie mit ihm recht gut; bei allen ſeinen Eigenhei⸗ ten war der alte Loͤwe ein guter ehrlicher Mann, der ſeine Frau ihres guten Charakters wegen ſchaͤtzte, und ſie ſehr werth hielt. Sie kannte genau alle ſeine Schwaͤchen, und wußte ſie ſo zu benuͤtzen, daß ſie trotz allem Stolz, mit welchem er auf ſeiner Alleinherrſchaft be⸗ ſtand,(wie jedes kluge Weib) doch ſtets ihren Willen durchſetzte. Sie benahm ſich jedoch ſo beſcheiden dabei, daß der Alte immer in dem Wahne ſtand, er allein ſey der gebiethende Herr im Hauſe, und alles zittere vor ihm. Dieſe Frau nun nahm Rieckchens Liebe in Schutz, und verſprach ihr, ſie zu Roſens Frau zu machen, wenn anders die Liebe des jungen Mannes ſich bewaͤhrte, und er darthun koͤnne, daß ſein Vater ſelbe billige. Roſen verſicherte, daß er die Einwilligung ſeines Vaters ſchrift⸗ lich hringen wolle, da er ohnehin von ſelbem auf einige Wochen nach der Stadt berufen ſey und eheſtens dahin abgehen werde. Damit waren nun alle theilnehmenden Perſonen zufrieden, und man trennte ſich mit den beſten Hoffnungen. 115 VBiertes Kapilel. 1 Hohlſpiegel. An einem ſchoͤnen Morgen war ganz hei⸗ Weißenbach in Aufeuhr; ein Gedraͤnge von cher Menſchen wogte um das Gaſthaus herum, ebs beſonders war die holdſelige Dorfjugend in Sie zahlreicher Menge dort verſammelt, und ob⸗ ißte wohl ſchon laͤngſt die Stunde geſchlagen hatte, olz, in welcher Herr Falke ſeinen Thron zu beſtei⸗ be⸗ gen und von ſelbem auf ſie herabzudonnern ren pflegte, ſo fuͤhlten ſie doch keinen Beruf, das ſo herrliche Schauſpiel, ſo ſie hier genoſſen, zu dein verlaſſen, und ſich in die dumpfe Schule zu nde verfuͤgen. Der Schullehrer, gewohnt, daß hm. ſeine Zoͤglinge ſtets mit dei Schlage der in Stunde erſchienen, hielt es fuͤr noͤthig, ſelbſt rau nachzuſehen, was Schuld an dieſer Verzoͤge⸗ gen rung ſey, er ging alſo in hoͤchſt eigener Per⸗ me, ſon in die Gegend des Wirthshauſes. Als ihn ete, die Kinder gewahr wurden, ſtoben ſie freilich ift⸗ auseinander, aber nur um ſich auf der an⸗ ein dern Seite wieder zu verſammeln; auch war ſey er ſelbſt zu ſehr mit dem was er ſah beſchaͤf⸗ en tigt, um auf ſie Acht zu haben. Herr Falke hatte en, nebſt vielen andern guten Eigenſchaften auch n. noch jene, daß er gerne alles wiſſen mochte, H 2 116 und es war alſo ganz natuͤrlich, daß er ſei⸗ nen langen Hals ſo ſehr ausſtreckte, als er nur vermochte, um den Gegenſtand der allge⸗ meinen Neugierde mit eigenen Augen ſehen zu koͤnnen, wobei ihm ſeine anſehuliche Leibes⸗ laͤnge ſehr zu ſtatten kam. Das erſte, was ihm in die Augen fiel, war ein mit Leinwand bedeckter Wagen, an welchen ein Pferd und ein Eſel geſpannt waren; der Wagen ſtand dicht an der kleinen Thuͤre des Hauſes, in dieſer Thuͤre ſtand ein großer, ſtarker, alter Mann, deſſen Geſicht braun war, und deſſen ſchwarze Augen unter breiten buſchichten Au⸗ genbraunen hervorblitzten. Er nahm verſchie⸗ dene Sachen in Empfang, welche ihm aus dem Wagen von jemand zugereicht wurden, von dem Falke nichts als die Haͤnde ſehen konnte, dieſe ſchienen ihm einer Frauensper⸗ ſon zu gehoͤren. Es war ein ſonderbares Ge⸗ miſch von Dingen, die nach und nach zum Vorſchein kamen; da gab es Hunde, Voͤgel in Kaͤfigen, verſchiedene Kiſten, Koͤrbe und Schachteln. Als endlich dieſe zweite Arche Roah entleert war, ſprang zuletzt ein weib⸗ liches Weſen aus ſelber, deſſen Anzug und Bildung ſo ſonderbar war, daß ſie ſowohl den Schullehrer als alle Umſtehenden in Er⸗ ſtaunen ſetzte. 117 Es war eine jugendliche, ziemlich lange er Geſtalt von dunkler Farbe; große ſchwarze lge⸗ Augen ſahen ſtolz, doch nicht frech um ſich zu her, und eine re iche Fuͤlle rabenſchwarzer bes⸗ glaͤnzender Locken dräͤ àn3ls ſich unter einem vas grauen Bieberhute hervor, und floß geringelt and uͤber den Ruͤcken Punad. Ihre Kleidung 6 und ſtand aus einem ſcharlachrothen Reitkleide, and welches zwar hier und da etwas ab geſtoßen, in 1 aber immer noch huͤbſch genug war, um den alter umherſtehenden Gaffern koͤſtlich zu duͤnken. ſſen Mit einem Sprunge war ſie aus dem Wagen, lu⸗ 4 und eben ſo ſchnell in der Gaſtſtube, wohin 2 Feinſtweilen die abgepackten Sachen gebracht 8 aus worden waren.“ Der braune Mann gab nun. den, dem Wirthe in gebrochenem Deutſch den Be⸗ hen fehl, fuͤr die Beſpannung zu ſorgen, und ver⸗. ver⸗ fuͤgte ſich auch in„das Zimmer. Ge⸗ Falke, der faſt vor Neugierde ſtarb, waͤ⸗ um re ihnen gern gefolgt, wenn er ſich getraut gel haͤtte; aber das Maͤdchen ſah mit ſo ſtolzen ind veraͤchtlichen Blicken um ſich herum, und der che alte Mann blitzte unter ſeinen buſchichten ib⸗ Augenbraunen ſo wild hervor, daß er den nd Muth verlor. Endlich erbarinte der Zufall ſich hl des Neugierigen, und verſchaffte ihm die Be⸗ r⸗ aaſuſ der Freiden; denn der Wirth kam jetzt ſelbſt, um ihn zum Eintritt in die Stube einzuladen. Es war dieſem unmoͤglich⸗ ſich mit dem Fremden, der nur wenig gebro⸗ chenes Deutſch ſprach, zu verſtaͤndigen, und er bat daher Falken, die Stelle des Dollmet⸗ ſches zu uͤbernehmen. Der Fremde begruͤßte Falken hoͤflich, doch mit Wuͤrde, er war ein Italiener und ſprach ziemlich fertig Latein, unſer Schulmann hatte das ſeinige auch noch nicht ganz vergeſſen, und ſo konnten ſie ſich einander verſtändlich machen. Der Fremde ſagte Falken, daß er ein reiſender Mechani⸗ kus ſey, und in den meiſten Orten, wo er üͤber Nacht bliebe, ſeine Kunſtſtuͤcke produ⸗ ziere; da er nun gezwungen ſey, heute und morgen hier zu bleiben, um ſeinen ermuͤdeten Thieren Ruhe zu goͤnnen, ſo gedenke er mor⸗ gen Abend hier zu ſpielen; er bat ihn, ihn zur Orts⸗Obrigkeit zu fuͤhren, und ihm ſo⸗ wohl die Erlaubniß zum Spielen, als auch den hierzu erforderlichen Ort zu verſchaffen. Das Maͤdchen hatte ſich indeſſen abſeits an einen Tiſch geſetzt; ſie hatte den Hut ab⸗ genommen, und Falke, der ihr gerade gegen⸗ äber ſtand, konnte ſie nun mit aller Muße betrachten. Ihre Zuͤge waren fein und regel⸗ maͤßig, man kounte kein ſchoͤneres feurigeres Auge ſehen, als dieſe dunkeln flimmernden Zitterſterne, aber es lag in dieſem Feuer etwas 119 wildes furchterweckendes, und ſo wie ihr Auge ihn traf, mußte das ſeine ſchnell den Boden ſuchen. Der Alte ging endlich mit Falken hin⸗ weg, nachdem er ihr zuvor befohlen hatte, die Sachen alle gehoͤrig zu orduen; ſie ſtand mit einigem Unwillen auf, indem ſie in einer Sprache antwortete, welche Falke durchaus nicht verſtand. Im Laufe des Geſpraͤchs hatte ſie der Alte oͤfters genannt, und Falke wußte nunmehr, daß ſie Heliodora hieß. Die Erlaubniß zum Spielen war von der Orts⸗Obrigkeit erhalten, und eine große Scheune zum Schauplatze angewieſen worden. Da der Fremde ſich den Dorfbewohnern nicht verſtaͤndlich machen konnte, ſo bat er den Schullehrer inſtaͤndigſt, ihn nicht zu verlaſſen, und ihm gegen eine gute Belohnung beizu⸗ ſtehen. Es wurden nun Anſtalten getroffen⸗ die Scheune gehoͤrig einzurichten, wobei ſich Falke ſo thaͤtig bewies, und ſo viel Geſchick⸗ lichkeit zeigte, daß der Kuͤnſtler nicht aufhoͤ⸗ en konnte, ihn zu loben, und mehrmals den Wunſch aͤußerte, ihn zum Gefaͤhrten bei ſeinen Kunſtreiſen zu haben. Die Stunde der Vorſtellung nahte heran, ganz Weißenbach war in der Scheune ver⸗ ſammelt, und erwartete mit geſpannter Neu⸗ gierde, daß der myſtiſche Vorhang aufgezogen 120 werde, der ſo viel wunderbares verbarg. Die Honoratioren des Ortes, nemlich Verwalter, Gerichtsſchreiber, Pfarrer ꝛc. ꝛc. fuͤllten die erſten Reihen der Baͤnke, und hinter ihnen war ein buntes Gedraͤnge der guten Dorſ⸗ bewohner; auch aus der umliegenden Gegend hatte der Ruf, daß in Weißenbach ein ſo ſeltenes Schauſpiel gegeben werde, vieſe Men⸗ ſchen herbeigelockt, und die Scheune war zum Erdruͤcken voll. Die Dorf⸗Muſtkanten(mit Ausnahme des Schullehrers, der auf der Buͤhne beſchaͤftigt war) formirten das Orche⸗ ſier, und ihr herrliches Spiel zerriß das Trommelfell der Anweſenden; beſonders zeich⸗ nete ſich der erſte Violinſpieler aus, er war der lahme Bart! benamſet, vertrat außer ſei⸗ ner muſſkaliſchen Anſtellung auch noch die Stelle eines Flickſchneiders, und war ein Mei⸗ ſter in der Muſtk, denn er kratzte ſo wacker darauf los, daß er jeden Abend einige Bü⸗ ſchel Saiten brauchte, weil ſie unter ſeinem kraͤftigen Strich gleich morſchen Zwirnfaͤden riſſen. Endlich hob ſich der neidiſche Vorhang, und der Schullehrer in ſeinem Sonntagsrocke mit aufgekaͤmmten und dick gepuderten Haa⸗ ren trat hervor, um in einer zierlichen Rede dem Publikum bekannt zu machen, daß er aus Gefaͤlligkeit es uͤbernommen habe, dem 121 hochzuverehrenden Auditorium alles zu erklaͤ⸗ ren, was ſie heute ſehen wuͤrden, da der Me⸗ chanikus aus Unkunde der deutſchen Sprache ſelbes ſeibſt zu thun außer Stande ſey. Er bat in deſſen Namen um Nachſicht und Ge⸗ duld, und nachdem er ſeinen ſteifen Ruͤcken zu einem tiefen Buͤckling gezwungen hatte, entfernte er ſich mit gravitaͤtiſchen Schritten. Nun hoͤrte man hinter den aus ſpaniſchen Waͤnden beſtehenden Kouliſſen einen heftigen Wortwechſel zwiſchen einer maͤnnlichen und weiblichen Stimme, welche letztere endlich in ein heſtiges Weinen ausbrach. Die Zuſeher wurden ſchon ungeduldig, als es endlich ſtille ward, und nach einigen Minuten Heliodora in einem idealiſchen Anzuge, einen Kranz von friſchen Roſen in ihren ſchwarzen Haaren und eine Guitarre in ihren Armen hervortrat, Die ſchoͤne ſchlanke Geſtalt, mit einem weißen anſchmiegenden Gewand bekleidet, nahm ſich bei der Beleuchtung vortrefflich aus, und ihr ſeines Geſicht, auf welchem noch der Ausdruck des Weinens lag, machte einen ſehr intereſſanten Eindruck. Sie praͤludirte einige Minuten, und ſang. dann mit einer bezau⸗ bernden Stimme und allem Ausdruck der Lei⸗ denſchaft eine von jenen ſchmelzenden italieni⸗ 1²³² ſchen Arien, in welchen dieſe Nation ſo ſehr excellirt, und wohl immer allen Andern den Vorrang ſtreitig machen wird. Als ſie geen⸗ digt hatte, eilte ſie ſchnell, ohne das Publi⸗ kum eines Blickes zu wuͤrdigen, hinter die Szene, und alles ſtaunte ihr nach. Die Ge⸗ bildeteren, newlich die, welche in den erſten Reihen ſaßen, beſprachen ſich uͤber die ſelt⸗ ſame Erſcheinung eines ſolchen Maͤdchens un⸗ ter dieſen Umſtaͤnden, und man erſchoͤpfte ſich in Muthmaßungen, wie ſie wohl in dieſe Lage gerathen ſeyn koͤnne. Die uͤbrigen Vorſtellun⸗ den gingen nun ihren Gang fort, und es wuͤrde eine wenig belohnende Muͤhe ſeyn, ſie naͤher zu bezeichnen, da jeder unſerer Leſer dieſe gewoͤhnlichen Kunſtſtuͤcke gewiß ſchon kennt. Doch verdient das letzte, eine durch einen Hohiſpiegel bewiekte Geiſtererſcheinung be⸗ merkt zu werden, weil ſie auf den groͤßten Theil der Zuſeher, welche nie etwas aͤhnliches geſehen hatten, einen ganz beſonderen Ein⸗ druck machte. Die in ein Schauſpielhaus ver⸗ wandelte Scheune wurde gaͤnzlich verfinſtert, und nur der Platz ſelbſt, wo die Geiſter er⸗ ſcheinen ſollten, war von einem fahlen Schim⸗ mer erleuchtet. Es erſchienen mehrere Helden des Alterthumes, und zuletzt Abäͤlard und Heloiſe. Die Figuren waren gut gezeichnet⸗ 1 ſehr den geett⸗ ubli⸗ die Ge⸗ erſten ſelt⸗ un⸗ ſich Lage llun⸗ d es ſie dieſe eunt. einen be⸗ ßten iches Ein⸗ ver⸗ tert, er⸗ im⸗ den und get, 123 und hatten wirklich ein ſo taͤuſchend Geiſter⸗ aͤhnliches Anſehen, daß die einfachen Land⸗ leute, unfahig, ſich dieſe Erſcheinungen na⸗ tuͤrlich zu erklären, ſehr geneigt waren, den Fremden fuͤr einen Zauberer zu halten, der die Macht beſitze, die Verſtorbenen aus ihren Graͤbern hervorzurufen. Furcht und Erſtau⸗ nen war auf den Geſichtern ausgedruͤckt, man rief um Licht und verließ draͤngend die Scheu⸗ ne, weil keiner der letzte an dieſem fuͤrchter⸗ lichen Aufenthalte bleiben wollte. Falke blieb bei dem Mechanikus zuruͤck, der eine reiche Einnahme gehabt hatte, und außer der verſprochenen guten Belohnung ſei⸗ nen Gehuͤlfen auch noch zu einem Abend⸗ ſchmaus einlud, zu welchem ſich dieſer nicht lange bitten ließ, und ſeinem Goͤnner in das Gaſthaus folgte.— Fuͤnftes Kapitel. Die Maulſchelle. Der Fremde, welchen wir(weil jedes Ding in der Welt einen Ramen haben muß) Aurelio nennen wollen, war in ſehr guter Laune, und trank dem Schullehrer wacker zu; dieſer ermangelte nicht, ihm Beſcheid zu thun, 124 wie er denn uͤberhaupt ſtets bei Appetit und großem Durſte war. Während dem Eſſen ruͤhmte Aurelio die Vorzuͤge ſeiner Lebens⸗ weiſe und ſeiner Beſchaͤftigung, welche ihm ſo reichen Gewinn gaͤbe, daß er ſie mit keiner andern in der Welt vertauſchen moͤchte. Außer⸗ dei, ſetzte er hinzu, habe ſie noch den Vor⸗ theil, daß er ſein eigener Herr ſey und von „Niemanden abhaͤnge.„Ach!“ ſeufzte Falke, »von allem dieſem iſt leider meine Lage das Gegentheil. Ich muß mich mit ungezogenen Kindern plagen, um nur hoͤchſt nothduͤrftig mein elendes Leben zu friſten, und haͤnge bei⸗ nahe von jedem Einwohner des Ortes ab, deſſen unwiſſenden Jungen ich ſchmeicheln muß, da die Gemeinde mich groͤßtentheils be⸗ zahlt, und aus dieſem Grunde berechtigt zu ſeyn glaubt mich wie ihren Kuͤhhirten zu be⸗ handeln. Ja, oft iſt es mir geſchehen, daß ein Bauer, deſſen gottloſem Rangeu ich die⸗ —₰— verdiente Zuͤchtigung nicht laͤnger ſchenken konnte, mir alle Unbilden anthat, und mir mit trockenen Worten ſagte, daß ich thun muͤßte, was die Gemeinde wollte, weil ſie mich ſonſt ohne Weiters vom Dienſte brin⸗ gen wuͤrden. Ach glauben Sie mir, an mir und den meiſten meiner Kollegen geht der Fluch: Du ſollſt dein Brod im Schweiße * dein Erfu nicht fan eine ich. gen mach meit mir Ich mich den und wet koͤn kon leg⸗ me me und Eſſen bens⸗ ihm keiner ußer⸗ Vor⸗ von Falke, das enen eftig bei⸗ ab, cheln b be⸗ t zu 1 be⸗ daß die iken mir hun ſie deines Angeſichtes verdienen, wahrhaſt in Erfuͤllung.“ „Aber warum aͤndern Sie Ihre Lage nicht?«. »Ach hochgeehrter Herr! was ſoll ich an⸗ fangen? wie ſoll ich jetzt in meinen Jahren eine neue Laufbahn beginnen, und was koͤnnte ich bei meinem gaͤnzlichen Mangel an Vermoͤ⸗ gen wohl unternehmen?“ „Wohlan, ich will Ihnen einen Vorſchlag machen. Verlaſſen Sie Ihre undankbare Ge⸗ meinde und gehen Sie mit mir; Sie helfen mir, und dafuͤr theilen wir den Gewinn. Ich habe geſehen, daß Sie geſchickt und fuͤr mich ſehr brauchbar ſind, und hoffe, wir wer⸗ den uns gut zuſammen vertragen.“ »Ihr Vorſchlag gefäͤllt mir ganz wohl, und ich wuͤrde mit beiden Haͤnden zugreifen, wenn ich gleich davon Gebrauch machen koͤnnte; wie fange ich es aber an, hier loszu⸗ kommen? muß ich erſt meinen Dienſt nieder⸗ legen, ſo muß ich ſo lange hier bleiben, bis⸗ mein Nachfolger koͤmmt, und daruͤber koͤnnen mehrere Wochen, wohl Monate hingehen.“ »Dieß waͤre auf keinen Fall thunlich. Wenn Sie ſich aber entſchließen koͤnnen, mei⸗ nen Vorſchlag anzunehinen, ſo daͤchte ich, Sie ſtiſirten ſich Morgen mit dem Fruͤheſten in der Stille, und erwarteten mich im naͤchſten Walde, durch welchen die Straße fuͤhrt, wo ich ſie dann mit dem Wagen abhohlen werde⸗ Ich muß ohnehin ſehr fruͤh aufbrechen, und wir koͤnnen ſchon weit weg ſeyn, ehe man Sie vermißt.* Falke bat um eine Stunde Bedenkzeit, und ging, nachdem er verſprochen hatte, noch heute wiederzukommen und ſeinen Entſchluß zu melden, nach Hauſe, um dort alles reiflich zu uͤberlegen. Er dachte dem Vorſchlag nach, und fand ihn, je naͤher er ihn beleuchtete, je vortheilhafter. Er war es muͤde, ſich laͤnger halbtodt zu plagen, um eine elende Kartoffel⸗ koſt und Duͤnnbier zu gewinnen, und das läͤſtigſte aller Geſchäfte, den Unterricht ver⸗ dorbener Kinder fortzuſetzen. Aurelio's Lage der ſich nichts abgehen ließ, ſtach gar merklich gegen ſeine eigene armſelige Exiſtenz ab, und beſtimmte ihn je eher je lieber mit ſelbem in Verbindung zu treten⸗ Hiezu kam noch, daß Rieckchen alle Ta⸗ ge ſproͤder gegen ihn wurde, und ihm immer ſchnoͤder begegnete; auch der Gerichtsſchrei⸗ ber hatte, aufmerkſam gemacht durch einige Winke ſeiner Frau, ſchon ein paarmal von alten Narren geſprochen, welche verdienten, von ihrer laͤcherlichen Verliebtheit mit der chſten „ wo werde. und man ekzeit, noch ſchluß ſeiflich nach, m in Ta⸗ nmer hrei⸗ inige vont iten, der 127 Hetzpeitſche kurirt zu werden.„Auf,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„ermanne dich Falke, und zeige, daß du ein Genie biſt. Was willſt du hier unter dieſen rohen Menſchen, die deine Talente nicht zu ſchaͤtzen wiſſen? willſt du deine Perlen den Saͤuen vorwerfen? Hinaus in die Welt, dort gibt es Arbeit fuͤr deinen Genius. Bald wird dein Name in Zeitungen und Journalen glaͤnzen, bald wirſt du mit Reichthum und Ehre uͤberhaͤuft in ſchoͤnen Gewaͤndern prangen, und Amor wird ſchon dafuͤr ſorgen, dir ein Maͤdchen zuzufuͤhren, das, von beſſerem Geſchmacke, als das naſe⸗ weiſe Dorfgänschen Rieckchen, deine Vorzuge zu ſchaͤtzen wiſſen wird. Ja wer weiß, ob nicht gar das Wundermaͤdchen, die reizende Heliodora dir zu Theil wird. Alſo nicht lange geſaͤumt und Weißenbach verlaſſen, du haſt hier nichts zu verlieren, aber dort alles zu gewinnen.« Sobald er dieſen Mounolog mit dem gehoͤ⸗ rigen Pathos geſprochen hatte, war er voll⸗ kommen mit ſich ſelbſt einig, und ſein Ent⸗ ſchluß gefaßt. Er ging nun zu Aurelio, um ihm denſelben bekannt zu machen, und das weitere mit ihm zu beſprechen. Es wurde al⸗ les in Richtigkeit gebracht, und Aurelio ver⸗ ſprach, ſeinen uunmehrigen Reiſegeſellſchafter 128. fruͤhe in dem nahegelegenen Walde abzuhohlen. Ein kleiner Koffer, welcher die Garderobe und abrigen trausportablen Habſeligkeiten des Schullehrers enthielt, ward von ſelbem noch dieſen Abend in das Wirthshaus heruͤber ge⸗ ſchaft, weiches um ſo eher unbemerkt geſche⸗ hen konnte, da in ganz Weißenbach alles ſchon ſchlief. Man trennte ſich unn mi dem gegen⸗ ſeitigen Verſprechen, ſich am nächſten Morgen recht fruͤhe einzufinden. Man kann leicht denken, daß Falke nicht viel ſchlief; ſobald der Nachtwaͤchter das leztemal gerufen hatte und der Morgen heran zu daͤmmern begann, ſchlich er ſich mit einemn Päckchen Papiere,(welche ſeine Lieblings⸗Ge⸗ dichte enthielten) unter dem Arme zum Hin⸗ terpfoͤrtchen hinaus, ging uͤber das morſche wankende Bret, das ſtatt eines Steges uͤber den Muͤhlbach gelegt war, und kletterte in möglichſter Geſchwindigkeit den hohen mit dunklem Wald bekraͤnzten Kiefernberg hinauf, wo ihn ein verſchlungener Fußweg auf die durch den Wald fuͤhrende Fahrſtraße brachte. Hier lagerte er ſich etwar abſeits, um uicht vielleicht einem Voruͤbergehenden in den Wurf zu kommen, obwohl er auf dieſen Fall gefaßt war, und ſich vorgenommen hatte, zu ſagen, daß er den Mechanikus habe uͤberraſchen, und hier Ahſc einer fuͤrcl fing er j ſeine halte Wer lichke gen brin groß lenz. klop lich den ſchon hegen⸗ korgen nicht das heran einem 5⸗Ge⸗ Hin⸗ orſche uͤber te in mit nauf, f die achte. nicht Wurf efaßt agen, und 129 hier auf der Straße nochmals von ihm hahe Abſchied nehmen wollen. Er ſaß wohl eine gute Stunde unter einer Haſelſtaude, und ſchon begann er zu fuͤrchten, daß Aurelio ihn im Stiche laſſe; er fing an, es zu bereuen, ſich mit ſelbem, den er ja gar nicht kannte, eingelaſſen und ihm ſeinen Koffer, worin ſeine ganze Habe ent⸗ halten war, ſo unbedingt anvertraut zu haben. Wer kennt nicht die Beſorgniſſe und die Aengſt⸗ lichkeit, die langes vergebliches Erwarten ir⸗ gend eines Gegenſtandes bei jedem hervor⸗ bringt, dem die Natur nicht eine beſonders große Doſis von Geduld(oft auch von Indo⸗ lenz) verlieh. Falke ſaß mit bangem Herz⸗ klopfen unter obbenannter Haſelſtaude, end⸗ lich hoͤrte er das Geraſſel des langſam uͤber den Berg ſich waͤlzenden Fuhrwerkes. Die elende Beſpannung vermochte kaum den Wagen zu ſchleppen, das magere Pferd welches ein Abkoͤmmling der beruͤhmten Roſſi⸗ nante zu ſeyn ſchien, hatte keine Kraft in ſei⸗ nen ſteifen Knochen, und ſein langoͤhriger Ge⸗ fährte mußte die ganze Arche(die bei ihrem ganzen Inhalte nicht leicht war) ganz al⸗ lein ziehen. Der gute Langohr war das beſte gefaͤlligſte Geſchoͤpf von der Welt, doch konnte er nicht mehr thun, als in ſeinen Kraͤften 3 130 ſtand, und die Zumuthung, daß er allein die ganze Laſt dieſen ſteilen Berg hinan ſchlep⸗ pen ſollte, brachte ihn ſo aus der Faſſung, daß er ploͤtzlich ſtehen blieb, und ſich weder durch Zureden noch durch Schlaͤge von der Stelle bringen ließ. Als Falke von der Hoͤhe, auf welcher er ſtand, dieſen Uebelſtand gewahr wurde, eilte er ſchleunig zu Huͤlfe; er und Aurelio ſchoben den Wagen ruͤckwaͤrts nach, und ſo gelang es ihnen endlich, den Gipfel des Berges zu erreichen, von welchem ſich die Straße bald wieder ſanft abwaͤrts ſenkte, und dann in der Ebene fortging, wo das Fuhrwerk leicht wei⸗ ter kommen konnte. Aurelio und Falke gin⸗ gen neben dem Wagen her, um den Thieren die Laſt zu erleichtern, und nur Heliodora ſaß tief verſteckt in demſelben. Falke hatte ſchon mehrmals verſucht, ſie anzureden, oder ihr wenigſtens durch Zeichen ſeine Ergebenheit zu zeigen, aber ſie ſah ihn immer mit finſtern Blicken an, und drehte ihm den Ruͤcken zu. Dieß machte ihn aber nicht muthlos, er hoffte ſich ihr auf der Reiſe naͤhern, und durch al⸗ jerlei Dienſtleiſtungen bei ihr einſchmeicheln zu koͤnnen. Als ſie in das erſte Quartier ka⸗ men, nahm er ſich vor, die Sachen aus dem Wagen herauszutragen, das Maͤdchen aber enheit nſtern n zu. hoffte h al⸗ cheln r ka⸗ dem aber 131 widerſetzte ſich heftig, und als er, da er ſie vermuthlich nicht verſtand, nicht ablaſſen wollte, gab ſie ihm eine ſo tuͤchtige Maulſchelle, daß ihm Funken vor den Augen flimmerten, und er ſich ſelbſt gelobte, dieſer wilden Schoͤu⸗ heit nicht ſo bald wieder zu nahe zu kommen. Dieſe Maulſchelle hatte indeſſen eine vor⸗ treffliche Wirkung, denn ſeine Liebe für He⸗ liodoren kuͤhlte ſich durch ſelbe dermaßen ab, daß ſie ganz verſchwand, und er auf immer von ſelber geheilt war. Die Reiſe ging lang⸗ ſam weiter nach der Hauptſtadt, wir wollen ſie ihren Weg verfolgen laſſen und uns einſt⸗ weilen nach Weißenbach verfuͤgen, um zu ver⸗ nehmen, was dort ſich begeben, und wie das Verſchwinden des Schulmeiſters dort aufge⸗ nommen wurde. Der Tag, an welchem Falke Weißenbach verließ, war ein Donnerſtag, folglich einer von jenen, an welchen die Schule nicht beſucht wurde; man war gewohnt, ihn an dieſen Ta⸗ gen wenig zu ſehen, weil er ſelbe meiſtens den Muſen weihte; er wurde daher nicht eher vermißt, als am Abend, wo man ihn bei Ge⸗ richtsſchreibers erwartete. Als die Stunde, in welcher er gewoͤhnlich zu kommen pflegte, ge⸗ ſchlagen hatte, und er nicht wie gewoͤhnlich erſchien, war Loͤwe uͤber dieſen Verzug ſchon ₰ 2 ö— — — — — ungeduldig, als aber eine Viertelſtunde nach der andern verging, und er noch immer nicht kam, ward der Alte recht herzlich boͤſe. Ma⸗ dame Löwe beorderte die Magd zuzuſehen, wo der Schullehrer bliebe; dieſe kam mit der Nachricht zuruͤck, daß ſeine Wohnung ver⸗ ſchloſſen ſey, und ihn auch Niemand im gan⸗ zen Dorfe den ganzen Tag uͤber geſehen habe. Der Gerichtsſchreiberinn ſchien dieß bedenk⸗ lich, denn es war ihr bange, daß Falken et⸗ was uͤbles begegnet ſey; ſie trug dieſe Beſorg⸗ niſſe ihrem Manne vor, der ſelbe mit ihr theilte, und beſchloß, mit Beiziehung der Orts⸗ Obrigkeit die Thuͤre oͤffnen zu laſſen. Er traf deshalb die gehoͤrigen Anſtalten, und verfuͤgte ſich mit dem Richter und Geſchwor⸗ nen, begleitet von vielen Neugierigen vor das Schulhaus, wo der Schloſſer den Befehl erhielt, die Thuͤre aufzuſperren. Waͤhrend dieß geſchah, aͤußerten die Um⸗ ſtehenden verſchiedene Muthmaßungen uͤber dieſes ſonderbare Ereigniß⸗ einige meinten, den Schuͤllehrer habe der Schlag getroffen⸗ an⸗ dere, die ihm feind waren, er habe ſich er⸗ haͤngt, da er ja doch, ſo lange man ihn kenne, ein Narr geweſen, die alten Weiber aber mein⸗ ten, der Boͤſe, Gott ſey bei uns! habe ihm das Genick umgedreht, da er ja doch kein recht Goͤtt re, Men geſch uͤber liege droß woll Thuͤ was alle aber gelte Vo rich Wo und wa 133 3 rechter Chriſt geweſen, weil er die heidniſchen Goͤtter ſtets im Munde gehabt. Auf das wah⸗ re, nemlich auf eine Entweichung rieth kein Menſch, es geſchah, was in der Welt ſo oft geſchieht, daß man oft die Urſache von etwas uͤberall ſucht, da man ſie gerade vor der Naſe liegen hat. Loͤwe, den der Schnickſchnack ver⸗ droß, ſchrie voll Galle:„Ihr Teuſelsweiber⸗ wollt ihr das Maul halten? wartet, bis die Thuͤre offen iſt, da werden wir wohl ſehen, was es gibt.«— Die Thuͤre ging auf, und alles wollte bunt durcheinander hineinſtuͤrzen, aber der Gerichtsdiener und der Waͤchter fluͤ⸗ gelten ſich breit davor hin, und trieben das Volk von Amtswegen zurück. Nur die Ge⸗ richtsperſonen traten hinein, und fanden die Wohnung voͤllig leer; auf dem Tiſche lag ein unverſiegelter Brief, der an Loͤwen gerichtet war, worin Falke die Urſachen angab, warum er Weißenbach ſo ploͤtzlich verlaſſe, und ihn bat, ſich ſeiner anzunehmen, und ſeine Ver⸗ folgung zu verhindern, da er nichts Boͤſes gethan, Niemand etwas ſchuldig ſey, und Weißenbach nur darum verlaſſe, weil er hoffe, anderwaͤrts ſein Gluͤck beſſer zu machen, als hier, wo er ohne ſeine(Loͤwens) Unterſtuͤtzung bei der magern Kartoffelkoſt ſchon lange haͤtte zu Grunde gehen muͤſſen. Uebrigens empfahl er ſich ſeinem geneigten Angedenken, und ver⸗ ſicherte ſeiner Seits, daß er nie aufhoͤren wer⸗ de, ſich ſeiner zu erinnern, er hoffe dereinſt vielleicht in guͤnſtigern Umſtaͤnden ihn wieder zu ſehen, und ihn perſoͤnlich von der Fort⸗ dauer ſeiner Freundſchaft unterrichten zu koͤn⸗ nen. Loͤwe ſtampfte zornig mit dem Fuße⸗ daß die Fenſter klierten.„Nun ſo ſchlage das Donnerwetter darein,“ ſchrie er,„der alte Narr läͤuft in die weite Welt, und glaubt, dort wuͤrden ihm die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Aber beim Lichte beſehen, hat er Unrecht? was er hier hat, findet er üͤberall, Schande iſt es, daß die Gemeinde den Mann halb verhungern laͤßt, der ihre Kinder zu Menſchen bilden ſoll.“ Als es draußen bekannt wurde, daß Falke fort ſey, war man gar uͤbel damit zufrieden; es that den Leu⸗ ten leid, daß ihn nicht der Schlag gerührt, oder daß man ihn nicht erhaͤngt gefunden & hatte, weil es da recht viel Anlaß zum Traͤt⸗ ſchen und endlich gar eine Leiche gegeben haͤt⸗ te, wobei viel Unterhaltung geweſen waͤre. Man ging mißvergnügt nach Hauſe, nur die alten Weiber hielten noch Klub, und meinten, ganz richtig waͤre die Sache doch nicht, man haͤtte die Entweichung nur ausgeſprengt, um das Ganze zu bemaͤnteln, der Boͤſe, Gott ſey man Leu⸗ ihrt, uden raͤt⸗ haͤt⸗ are. die tten, nan um ſey bei uns, werde Falken wohl durch die Luft davon gefuͤhrt haben; man machte einander auf die halbeingeſtuͤrzte Wand des Schorn⸗ ſteins aufmerkſam, auch wollten ſie in der Gegend einen erſtickenden Schwefelgeruch be⸗ merkt haben. Dieſe Bemerkungen theilten ſie ſich jedoch nur in der Stille mit, weil ſie Herrn Lowen fuͤrchteten, der allgemein als ein wahrer Iſegrimm bekannt war. Es ging, wie es immer zu gehen pflegt, es wurde einige Wochen in der Schenke und in allen Spinnſtuben von dem entflohenen Schulleh⸗ rer getraͤtſcht, endlich hoͤrte man auf, und vergaß ihn bald, da die Ankunft ſeines Nach⸗ folgers wieder Stoff zu neuem Geſchwaͤtze lieferte. Eine Perſon war aber in Weißenbach, welcher die ploͤtzliche Abreiſe Falkens wahre Herzensfreude machte, dieß war das gute Rieck⸗ chen, die dadurch ſeine laͤſtigen Liebesbewer⸗ bungen los ward; auch baute ſie darauf einen Plan, der, wie ſie hoffte, ihrer Liebe guͤnſtig werden ſollte. Es ſtand nicht lange an, ſo hatte ſie es dahin gebracht, ihren geliebten Roſen an Fal⸗ kens Statt zum Vorleſer erwaͤhlt zu ſehen, zwar ſtraͤubte ſich der Alte gar ſehr dawider, als Roſen ſich durch Madame Loͤwe anbieten ließ⸗ 136 aber endlich ſiegte doch die Begierde, die er hatte, ſeine Abendunterhaltungen fortzuſetzen, und Roſen wurde zum Vorleſer an⸗ und auf⸗ genommen; es gelang dem jungen Manne bald, ſich in des Vetters Eigenheiten finden zu lernen; dieſer hingegen verbeſſerte die uͤble Meinung, welche er bisher von ihm gehabt hatte, taͤglich mehr, und bald war er ihm ſo guͤnſtig, daß Rieckchen alles fuͤr die Erfuͤllung ihrer Wuͤnſche hoffen durfte. Da nun Ro⸗ ſens Vater auch ihre Liebe billigte, ſo durf⸗ ten die Liebenden ſich mit Recht ſchmeicheln, ſehr günſtige Aſpekten fuͤr ihre Herzensange⸗ legenheiten vor ſich zu haben. Wir wollen ſie ihren frohen Gefuͤhlen uͤberlaſſen, und uns wieder um lunſere Reiſegeſellſchaft um⸗ ſehen. Sechstes Kapitel. Epigramm. Unſere Kuͤnſtlergeſellſchaft kam nach eini⸗ gen Tagen, nachdem ſie auf der Reiſe man⸗ 4 che Beſchwerden hatte dulden muͤſſen, in der großen bevoͤlkerten Hauptſtadt an; es war eben Jahrmarkt, und es wimmelte uͤberall von Menſchen, ſo daß es Aurelio nur mit ie er etzen, auf⸗ danne inden uͤhle ehabt in ſo Uung Ro⸗ durf⸗ heln, ange⸗ ollen um⸗ 8 8 4 und vieler Muͤhe gelang, in der Vorſtadt in einem Gaſthauſe mit ſeinen Geraͤthſchaften Unter⸗ kunft zu finden. Er miethete eine hoͤlzerne Bude, wo er ſeinen Schauplatz aufſchlug, und ſpielte mit großem Beifall; da er wirk⸗ lich mehrere ſehr gute mechaniſche Kunſtſtuͤcke machte, ſo hatte er haͤufigen Zuſpruch, wel⸗ ches bei der großen Bevoͤlkerung der Stadt und der noch groͤßeren Neugierde ſeiner Be⸗ wohner ganz natuͤrlich war. Falke that ihm dabei gute Dienſte, und alles wuͤrde vortreff⸗ lich gegangen ſeyn, wenn dieſer letztere ſich nicht durch eine Albernheit in große Unannehmlich⸗ keiten verwickelt haͤtte. Falke hatte an der Wirthstafel und in dem Kaffeehauſe, welches er taͤglich beſuchte, verſchiedene Bekanntſchaf⸗ ten gemacht. Sein albernes Betragen und ſeine poetiſchen Floskeln, welche er oft ſo mal à propos anbrachte, hatten ihn von den er⸗ ſten Tagen an zum Gegenſtande des allgemeinen Spottes und zur Zielſcheibe des Witzes ge⸗ macht. Es waren einige junge jovialiſche Herren da, welche ſich, da er ſich ſeiner Dich⸗ ter⸗Talente gegen ſie geruͤhmt hatte, man⸗ chen Spaß mit ihm machten, und einer aus ihnen beſchloß, ſich ſeiner zu einem Geſchaͤfte zu bedienen, deſſen Ausfuͤhrung er ſelbſt nicht uͤbernehmen wollte, weil es eben nicht ſehr 138 ruͤhmlich war; er wollte es mit dem armen Falke machen, wie ehemals jener Affe, der mit der Katzenpfote die Kaſtanien aus dem Feuer langte, welche er verzehren wollte. Dem Kafſeehauſe gegenuͤber wohnte eine Dame, welche von entſchieden ſchlechtem Rufe war, übrigens aber ein praͤchtiges Haus mach⸗ te, glaͤnzende Equipage hielt, und unter der Zahl ihrer Verehrer Maͤnner von hohem Rang und großer Bedeutung zaͤhlte, auch fehlte es ihr aus dieſem Grunde nicht an Protektion. Einer von obbenannten jungen Herrn war von ihr beleidigt worden, und bruͤtete nun ſchon lange uͤber dem Plau, ſich empfindlich an ihr zu raͤchen; mit Falkes Beihuͤlfe hoffte er dieſen Plan ſo auszufuͤhren, daß im Ent⸗ deckungsfalle die ganze Schuld auf jeuen fiele. Madame Mucke, wie ſie ſich nannte, war vor 5 Jabren nach St** gekommen; ein Bru⸗ der von ihr war hier in einer Fabrike als Werkmeiſter angeſtellt, und zu dieſem hatte ſie, da Vater und Mutter bald nach einander ge⸗ ſtorben, ihre Zuflucht genommen. Ihre El⸗ tern waren ehrliche aber gemeine Landleute geweſen, und das Maͤdchen erſchien in Stu** in laͤndlicher Tracht. Ein kurzer ſchwarzer Rock mit farbigem Bande eingefaßt, ein ro⸗ thes zeugenes Mieder, rothe Struͤmpfe und 139 ein großer Strohhnt machten ihren ganzen Putz aus. Aber reizend war Roſine, das lieb⸗ lichſte ſanfteſte Geſicht ſah unter dem groben Strohhut hervor, das rothe Mieder bedeckte den ſchoͤnſten Buſen, und der niedliche kleine Fuß ſah ſelbſt in dem rothen Strumpf wie gedrechſelt aus. Der Herr, dem die Fabrike Seherta⸗ in welcher ihr Bruder arbeitete, ſah ſie einmal zufaͤllig bei ſelbem, und er, der ein großer Freund des ſchoͤnen Geſchlechtes war, beſchloß ſogleich, ſich dieſes friſche Land⸗ bluͤmchen zuzueignen. Wer zweifelt wohl, daß es ihm bald gelang, das unſchuldige einfaͤl⸗ tige Bauernmaͤdchen durch Geſchenke und Schmeicheleien zu verfuͤhren? Roſine fiel, er⸗ ſchien bald oͤffentlich als Herrn Ar*r*s Mä⸗ treſſe in langen ſeidenen Kleidern, bewohnte ein ſchoͤn meublirtes Haus, und war ſo ge⸗ lehrig, daß in kurzer Zeit jede Spur ihrer laͤndlichen Einfalt verſchwunden war, und ſie an Sitten und Betragen ihren Zunftgenoſ⸗ ſinnen ſo aͤhnlich war, wie ein Ey dem an⸗ deren. Wie ſchnell bilden ſich doch ſolche Ge⸗ ſchoͤpfe in dieſer Hinſicht aus! es häͤtten viel⸗ leicht Jahre dazu gehoͤrt, Roſinen zu einem tauglichen Dienſtmaͤdchen abzurichten, die Kokettenkuͤnſte lernte ſie in wenigen Wochen. Zwei Jahre dauerte dieß Schlaraffenle⸗ 140 ben, als Herrn A'**s Vermoͤgensumſtaͤnde in Unordnung, und endlich ſo gaͤnzlich in Ver⸗ fall geriethen, daß er nicht mehr im Stande war, ſeine gewohnte Lebensweiſe fortzuſetzen⸗ Er konnte nun auch fuͤr Roſinen nicht mehr ſo viel thun, und ſie mußte ſich bequemen, manchen ihrer Wuͤnſche unerfuͤllt zu ſehen. As hatte gehofft, ſie wuͤrde ſich aus Liebe zu ihm und aus Dankbarkeit dieſe Einſchraͤukung gefallen laſſen, aber er hatte ſich ſtark geirrt⸗ Wie ſollte ein Weib, das niedrig genug denkt ſich zu verkaufen, der edlen Gefuͤhle der Dank⸗ barkeit fähig ſeyn? Roſine verließ ihn, nahm alle ſeine Geſchenke mit, bezog nun unter dem Namen Madame Mucke eine eigene Wohnung⸗ und wucherte dort ſo gut mit ibrem Talen⸗ te, daß ſie auf recht glaͤnzendem Fuße leben konnte. Sie hatte eben jetzt einen alten rei⸗ chen Kavalier in ihren Schlingen, und he⸗ trug ſich, wie ſolche Kreaturen meiſtens thun, ſo uͤbermuͤthig, als ob ſie wirklich eine Per⸗ ſon vom Range waͤre. 3 An dieſem Daͤmchen nun wollte der jun⸗ ge Herr ſein Muͤthchen kuͤhlen, er verſprach Falken zwei Dukaten, wenn er ein recht beiſ⸗ ſendes Epigramm auf ihre ehemaligen und jetzigen Verhaͤltniſſe machen, darin aber auch des alten Narren ruͤhmlichſt erwaͤhnen wuͤrde, langt ſend, weit dem Falke aobſch trage an d lichen als dons verl ten, resp gleit vor, das Pas pöoͤb ne 141 der ſich in den Schlingen dieſer Empuſe, zer⸗ gleich einer verdorrten Fliege in dem Netze ande einer Spinne gefangen haͤtte. Falke, fuͤr wel⸗ tben. chen das Gold mehr anziehende Kraft hatte, nehr als das Eiſen fuͤr den Magnet hat, griff be⸗ nein, ggierig nach dieſer Gelegenheit, ſich welches zu hen. verdienen, und ſegnete ſein Geſchick, das ihm zu dieſen Erwerb zuſchickte. Er machte das ver⸗ kung langte Epigramm, und zwar ſo grob und beiſ⸗ irrt. ſend, daß ſelbſt der Beſteller ſeine Erwartung enkt weit uͤbertroffen fand; beſonders war darin lank⸗ dem alten Herrn uͤbel mitgeſpielt worden. hm Falke mußte nun dieſe Schmaͤhſchrift zierlich dem abſchreiben, einſtegeln und auf die kleine Poſt ng⸗ tragen, von wo aus es denſelben Tag noch len⸗ an die Behoͤrde abgeliefert wurde. Ungluͤck⸗ ben licherweiſe empfing Madame Mucke den Brief, ket⸗ als ſie eben in Geſellſchaft ihres alten Kory⸗ be⸗ dons Thee trank, der eiferſuͤchtige Liebhaber un, verlangte ihn unerbrochen von ihr zu erhal⸗ er⸗ ten, und ſie, die ſich keiner verdaͤchtigen Cor⸗ respondenz bewußt war, uͤberlieferte ihn ſo⸗ in⸗ gleich. Der alte Herr zog ſein Augenglas her⸗ ach vor, und las das groͤbſte beißendſte Epigramm, eiſ⸗ das jemals aus der Feder eines ungezogenen ind Pasquillen⸗Dichters gefloſſen. Die niedrigen ich poͤbelhaften Epitheten, mit welchen ſeine eige⸗ de, ne Perſon helegt war, empoͤrten ihn im hoͤch⸗ 142 ſten Grade, und er ſchwur nicht zu ruhen, bis er den Verfaſſer entdeckt haͤtte, welchen er dann fuͤr ſeine Ungezogenheit, derb zuͤchti⸗ gen laſſen wolle. Falke hatte es nicht uͤber das Herz brin⸗ 1 gen koͤnnen, ſein wie er glaubte witziges Ge⸗ dicht ganz der Vergeſſenheit zu uͤbergeben; (denn daß die Empfängerinn ſich deſſen nicht ruͤhmen werde, leuchtete ihm wohl ein), er theilte es deßwegen mehreren ſeiner Bekann⸗ ten mit, und ſo war es denn ſehr leicht, ihn als den Verfaſſer zu erkennen. Ais er den folgenden Abend ſich eben nebſt Aurelio in die Schauſpielbude begeben wollte, kam ein Poli⸗ zei⸗ Komiſſaͤr von zwei Schutzengeln begleitet, und man fuͤhrte ihn, ohne auf ſeine Demon⸗ ſirationen zu achten, in das Polizeihaus, wo wir ihn, da er dort im Trocknen ſitzt, und fuͤr ſeine werthe Perſon keine weitere Gefahr zu beſorgen iſt, ganz ruhig wollen ſitzen laſſen, und uns einſtweilen um die fernere Kuͤnſtler⸗ geſellſchaft, und beſonders um Heliodoren, welche,(wir bergen es nicht) unſer Liebling iſt und uns beſonders intereſſirt, bekuͤmmern wollen. — ſchen ras und den, ſprac alle des g nach der liode wun ren wele dene Maͤ acht wa⸗ 143 Siebentes Kapitel. Intelligenzblatt. Aurelios Kunſtſtuͤcke, beſonders ſeine Ta⸗ ſchenſpielerkuͤnſte machten Aufſehen; Heliodo⸗ ras Geſang, ihre ſchoͤne Geſtalt, die Haltung und Wuͤrde in ihrem ganzen Weſen riſſen je⸗ E den, der ſte ſah, zur Bewunderung hin. Man uns ſprach uͤberall von der ſchoͤnen Italienerinn, ihn alle Journale waren voll von ihrem Lobe, den und beſonders ließ ihr eines derſelben Gerech⸗ de tigkeit widerfahren. Da dieſes Blatt gewoͤhn⸗ dli⸗ lich den Ausſchlag gibt, und den Geſchmack itet, des gebildeten Publikums beſtimmt, ſo beſuchte ie nach dieſer vortheilhaften Empfehlung ſelbſt i der hohe Adel Aurelios Bretterbude. Bei He⸗ und liodoras Schoͤnheit war es wohl nicht zu ahr wundern, daß ſich viele junge und alte Her⸗ ſene ren fanden, welchen ſie beſonders gefiel, und ler? welche ſowohl ihr als auch Aurelio verſchie⸗ ten, dene Antraͤge von gewiſſer Art machten; das lnn Maͤdchen wies aber jeden mit Stolz und Ver⸗ achtung zuruͤck, und Aurelio ſchien ſeine Er⸗ wartungen hoͤher zu ſpannen. Endlich erſchien einer von jenen graugewordenen Wolluͤſtlin⸗ gen, die ſelbſt noch im Alter die Suͤnde nicht verlaſſen, und die ihr weißes Haar nicht ah⸗ 144 haͤlt, Geſchoͤpfe zu verderben, deren Großvaͤ⸗ ter ſie ſeyn koͤnnten; er bot Aurelio eine ſo betraͤchtliche Geldſumme fuͤr Heliodoras Be⸗ ſitz, daß dieſer den ſchaͤndlichen Handel mit ihm ſchloß, und ſich nur einige Tage bedung, um die Gelegenheit herbeizufuͤhren, ihm das Maͤdchen ohne Aufſehen uͤberliefern zu koͤnnen. Zwei Tage nach dieſer Verabredung ſpielte Aurelio wie gewoͤhnlich des Abends, und das Schauſpielhaus war gepreßt voll Menſchen; beſonders war dießmal viel Adel da. Helio⸗ dora trat unter lauten Beifallsbezeigungen auf die Buͤhne, und wollte eben, nachdem ſie einige Griffe auf der Guitarre gemacht hatte, anfangen zu ſingen, als ploͤtzlich von dem er⸗ ſten Parterre aus ihr Nahme von einer maͤnn⸗ lichen Stimme im Tone des hoͤchſten Affektes ausgerufen wurde. Ein junger Mann draͤngte ſich gewaltſam durch, ſprang uͤber Baͤnke und Orcheſter auf das Theater, und riß Heliodo⸗ ren, welche mit dem Ausruf Giulio ihm ent⸗ gegeneilte, an ſein Herz. Es war ein Tumult ohne gleichen; eine Dame, welche in der erſten Reihe im Parterre ſaß, fiel in Ohnmacht, und ein alter Herr, der neben ihr war, fluch⸗ te und tobte. Aurelio, der verblaſſend daſtand, lietz die Cortine herablaſſen, und der alte Herr kam in Begleitung des Polizei⸗Kommiſſaͤrs, — bßvaͤ⸗ me ſo Be⸗ l mit ung, das nnen. pielte d das ſchen; Helio⸗ ngen m ſie hatte, ſein ere nann⸗ fektes raͤngte e und liodo⸗ ment⸗ umult erſten nacht, fluch⸗— tand, Herr ſſars, 145 ſeinen Reffen(dieß war Giulio) abzuholett⸗ Der junge Mann hielt Heliodoren feſt um⸗ ſchlungen und ſchwur, daß er ſie, da er end⸗ lich ſo gluͤcklich ſey, ſie wieder zu finden, nie mehr verlaſſen werde, daß er Aurelio erwuͤr⸗ gen und das Maͤdchen aus der ungluͤcklichen Lage reißen wuͤrde, in welche die Boßheit ſei⸗ ner Verwandten ſie geſtuͤrzt habe. Der alte Herr war ein Fremder von Bedeutung, ſein Nahme war Graf Galvanni, dem Polizei⸗Kom⸗ miſſar war er bekannt, und die Bedeutenheit ſeines Ranges gab ſeinen Ausſagen Gewicht⸗ Der Graf ſagte, daß ſein Reffe, ein liederli⸗ cher Burſche, dieſes Maͤdchen in Italien ken⸗ nen gelernt, daß ſie als eine abgefeimte Buh⸗ lerinn ihn an ſich gezogen habe; daß natuͤr⸗ lich er ſo wenig als Giulios Mutter(die Da⸗ me, welche in Ohnmacht fiel und des Grafen Schweſter war), dieſe Verbindung haͤtten bil⸗ ligen koͤnnen, und darum auf Mittel bedacht geweſen waͤren, ſelbe zu trennen, daß nun dieß ungluͤckliche Zuſammentreffen ſeine klu⸗ gen Maßregeln vernichtet haͤtte, und er nun verlange, daß das Maͤdchen in ſichere Ver⸗ wahrung gebracht wuͤrde, damit ſie nicht etwa mit ihrem Liebhaber davon ginge. Auf Aure⸗ lio warf er einen wuͤthenden Blick, und be⸗ ſchied ihn auf den folgenden Tag zu ſich, dann K 146 entfernte er ſich, nachdem er dem Kommiſſäͤr ihr nochmals empfohlen hatte, die Verwahrung des Maͤdchens zu beſorgen. Die arme Heliodora ward von Giulios Seite geriſſen, und in das Kloſter der Urſu⸗ linerinnen gebracht, welche fromme Damen ehen keine Freude hatten, daß man ihnen ein ſo fuͤndiges Weltkind, ein Theater⸗ Maͤdchen, wie ſie ſie nannten, aufzuheben gab. Man empfing das arme Geſchoͤpf mit ſichtbarem Unwillen, fuͤhrte ſie in eine enge Zelle, deren ganze Geraͤthſchaften in einem engen Bett⸗ chen, einem Stuhl und einem Betſchemmel (auf welchem ein Krucifix und ein Todtenkopf den ſtand) beſtanden, dort hieß man ihr, ſich ru⸗ Graͤ hig zu verhalten, fleißig zu bethen, und ſchloß auf ſie dann ein. war Galvanni, einer der reichſten Herren von lich Ver hatte eine Graͤfinn Terramonte zur Gat⸗ klei tinn gehabt, ein zartes ſanftes Weſen, wela vor ches nicht zu dem ſchwarzen, gallſuͤchtigen Ge Manne paßte, dem es aufgeopfert wurde, und Re der ihr Leben zur druͤckendſten Sklaverei machte. an Als ſie ſchon einige Jahre in dieſer traurigen bei Lage geſchmachtet hatte, ward ihr Gemahl als ler Geſandter nach Konſtantinopel geſchickt, und Er ſie mußte ihn dahin begleiten. Ihre Lebensart lat ward nun noch trauriger, denn es mangelte hie niſſaͤr hrung iulios Urſu⸗ amen en ein dchen, Man barem deren Bett⸗ emmel enkopf ch ru⸗ ſchloß t von Gat⸗ wel⸗ tigen und achte. -rigen hl als und sart gelte 147 ihr hier noch die Geſellſchaft ihrer Freundin⸗ nen, welche ſie in Ver zuruͤck gelaſſen hatte; und ſie wuͤrde ganz ungluͤcklich geweſen ſeyn, wenn ihr nicht das Schickſal eine Freundinn zugefuͤhrt haͤtte, welche ihr bitteres Schickſal durch ſanften Troſt zu verſuͤßen bemuͤht war. In Pera(der Vorſtadt, wo die Chriſten in Konſtantinopel wohnen) lebte die reiche Wittwe eines griechiſchen Kaufmannes; ihr Haus war neben dem Palais des Geſandten, und die beiden Gaͤrten nur durch eine niedere Hecke abgeſondert; in dem Garten des Ge⸗ ſandten war eine Terraſſe, von welcher man den benachbarten ganz uͤberſehen konnte. Die Graͤfinn, die viel Zeit in dieſem Garten und auf der Terraſſe, welches ihr Lieblingsplaͤtzchen war, zubrachte, ſah in dem benachbarten taͤg⸗ lich eine ſchoͤne Frau in Begleitung eines kleinen, reizenden, dunkelgelockten Maͤdchens von 5 bis 6 Jahren ſpazieren gehen; die edle Geſtalt der Mutter und die holden, kindlichen Reize der Kleinen ſprachen ſie ſo freundtich an, daß der Wunſch bei ihr entſtand, dieſe beiden intereſſanten Geſchoͤpfe naͤher kennen zu lernen, und ihres Umganges zu genießen. Die Erfuͤllung dieſes Wunſches war leicht zu er⸗ langen; die Kaufmannsfrau, welche Afanaſia hieß, fand ſich durch den Antrag der Graͤfinn — K 2 148 geehrt, man ſah ſich oͤfter, gefiel ſich immer beſſer, und bald waren die beiden Frauen und die kleine Heliodora unzertrennlich. Der Ge⸗ ſandte ſah wohl etwas ſcheel dazu, indeſſen verhinderte er dieſen Umgang doch nicht, und gab ſelbſt ſeine Einwilligung, daß von der Terraſſe eine Stiege in Afanaſias Garten ge⸗ macht wurde, durch welche beide vereinigt wurden, und mittelſt welcher die Freundinnen zuſammen kommen konnten, ohne die Straße zu betreten. Die kleine Heliodora war beinahe mehr bei der Graͤfinn, als bei ihrer Mutter, denn dieſe konnte beinahe nicht ohne ſie le⸗ ben. Das Kind ſchlief oft bei ihr, hieß ſie ihre zweite Mutter, und hing mit unaus⸗ ſprechlicher Liebe an ihr. Auch die Graͤfinn liebte das ſuͤße Maͤdchen mit der Zaͤrtlichkeit einer Mutter; ſie that alles, um dem holden Kinde den Aufenthalt bei ihr recht angenehm zu machen, und erfuͤllte jeden kleinen Wunſch der kleinen Schmeichlerinn, die es recht gut verſtand, das Herz ihrer Goͤnnerinn immer feſter an ſich zu feſſeln. So lebten dieſe beiden Frauen durch drei Jahre wie Schweſtern, als dieſes gluͤckliche Verhaͤltniß durch ein ſchreckliches Ereigniß ver⸗ nichtet wurde. Es brach einſt ploͤtzlich in Afa⸗ naſias Haus Feuer aus; es war des Nachts, 149 und alles wurde ein Naub der Flammen. Die ungluͤckliche Hausfrau erwachte erſt, als das Feuer ſchon weit um ſich gegriffen hatte, und beinahe das ganze Haus brannte. Helio⸗ dora ſchlief dieſe Nacht gluͤcklicherweiſe bei der Graͤfinn, aber die arme Mutter hatte im Schrecken darauf vergeſſen; der Fluͤgel, wo die Kleine ſonſt mit ihrer Waͤrterinn ſchlief, ſtand ſchon in vollen Flammen, die arme Mut⸗ ter ſtuͤrzte ſich mit fuͤrchterlichem Angſtgeſchrei mitten in die Flammen, um das geliebte Kind zu retten, und ward ein Opfer muͤtterlicher Liebe, denn die Gemaͤcher ſtuͤrzten ein, und ſie ward halb im Schutt vergraben, aus welchem man ſie am folgenden Morgen mit zerbroche⸗ nen Gliedern halbverbrannt hervorzog; man that alles, um ſie zu retten, aber vergebens! ſie gab in wenig Stunden ihren Geiſt unter unſaͤglichen Schmerzen auf, nachdem ſie vor⸗ her ihr Kind der Graͤfinn, welche ſie keinen Augenblick verließ, empfohlen, und dieſe ihr gelobt hatte, Mutterſtelle bei Heliodoren zu vertreten, und ſie wie ihr leibliches Kind zu halten. Man hatte vergebens alles gethan, um dem Feuer Einhalt zu gebieten; das ganze Haus verbrannte, und Heliodorens ganze Ha⸗ be ging in Rauch auf. Die Graͤfinn ſchloß das weinende Naͤdchen in ihre Arme, und x 180 gelobte ihr nochmals, ihre Mutter zu ſeyn. Es koſtete viel Muͤhe, von dem Grafen die Erlaubn ß zu erhalten, daß die Graͤfinn das kleine Mädchen behalten durfte, da er aber ſah, daß ſie feſt darauf beſtand, willigte er endlich doch ein. Die gute Graͤfinn behandelte nun die Kleine wie ihr eigenes Kind, und ihre muͤtterliche Liebe ward von dieſer mit der herzlichſten Anhaͤnglichkeit belohnt. Einige Wochen nach dem unglüͤcklichen Brande kam einſt in der Abenddämmerung ein Mann, welcher die Graͤfinn zu ſprechen verlangte, er wurde gemeldet, und erhielt die Erlaubniß einzutreten. Er gab ſich als einen alten Diener Afanaſiens zu erkennen, und uͤberreichte der Graͤfinn eine Schatulle, in der viel Geld und Schmuck war, welche Afanaſia in einem unterirrdiſchen Gewoͤlbe verborgen, und wovon niemand als die Verſtorbene und er Wiſſenſchaft gehabt hatten. Es gelang ihm, ſich durch den Schutt durchzuarbeiten, und ſo das Käſtchen zu retten. In Konſtantinopel iſt es nichts ungewoͤhnliches, daß man ſeine beſten Schatze vergraͤbt, denn bei der Zuͤgel⸗ loſigkeit des dortigen Poͤbels ſind Feuersbruͤnſte und dabei Pluͤnderungen der Reichen ſehr haͤu⸗ fig, und jeder ſucht ſeine beſte Habe ſo zu verwahren, daß ſie vor Habſucht und Flam⸗ —,— ſeyn. n die n das aber gte er udelte dihre t der lichen rrung ſechen it die ſeinen und der ſaſta gen, und hin⸗„ nd pel ine del⸗ ſte u⸗ I i⸗ 151 men geborgen ſind. Der Diener, der nun die Graͤfinn als Heliodorens Mutter betrachtete, aͤbergab ihr dieſen Schatz mit der Bitte, ihn vor Jedermann, ſelbſt vor ihrem Gemahle zu verbergen. Kurze Zeit darnach erhielt der Graf den Ruf, in ſein Vaterland zuruͤckzukehren, und die Graͤfinn trat mit Freuden die Reiſe da⸗ hin an. Sie kam in Veer an, und ward dort von allen, die ſie kannten, mit Jubel empfangen; ſie wuͤrde dort recht vergnuͤgt gelebt haben, wenn ſie nicht gezwungen geweſen waͤre, eine perſonifizirte Furie in ihrer Naͤhe zu dulden. Die Schweſter des Grafen, Marcheſe Lugia⸗ no war, waͤhrend ihr Bruder in Konſtantino⸗ pel war, Wittwe geworden, und hatte ſich nach dem Tode ihres Gatten von der Terra⸗ firma, wo ſie ſonſt auf ihrer Villa lebte, wie⸗ der in ihre Vaterſtadt gezogen. Dieſe Schwe⸗ ſter war des Grafen leibhaftes Ebenbild, nur mit dem Unterſchied, daß ihr Herz boßhafter, ſtolzer und eigennütziger war als das ſeinige. Da des Grafen Palais waͤhrend ſeiner Abweſenheit leer ſtand, ſo hatte ſie mit ſeiner Bewilligung das zweite Stockwerck bezogen, wo ſie dieſer bat, auch fuͤr die Zukunft zu bleiben, und eine Familie mit ihm zu machen. 15² Er liebte dieſe Schweſter ungemein. Die arme Graͤfinn hatte an ihrer Schwaͤgerinn eine boßhafte, läſtige Aufpaſſerinn, die ihr jede Freude des Lebens verbitterte, alles dem Gra⸗ fen zutrug und es ihm in dem gehaͤffigſten Lichte darſtellte. Beſonders war ihr die arme Heliodora verhaßt, und ſie verabſaͤumte keine Gelegenheit, ſie und dadurch die Graͤfinn zu kraͤnken. Die Marcheſe hatte einen Sohn, einen holden, liebenswuͤrdigen Juͤngling von 15 Jahren, reizend wie der Liebesgott, feu⸗ rig, kuͤhn, ſtolz, und dabei doch wieder gut und zaͤrtlich, riß er alle Herzen an ſich; ſeine Tante, die gute Graͤfinn liebte ihn ungemein, und die zehnjaͤhrige Heliodora hing ſchwaͤr⸗ meriſch an ſeinen Blicken; auch Giulio liebte die Kleine, ſie waren oft beiſammen, und nannten ſich Bruder und Schweſter. Das Madchen war uͤber ihr Alter groß und ver⸗ ſtaͤndig, die Graͤfinn hielt ihr Lehrmeiſter, bil⸗ dete ihren Geiſt und ihr Herz; der Er folg entſprach den Mitteln, und binnen einigen Jahren war Heliodora idealiſch ſchoͤn, geiſt⸗ reich und ausgebildet in jedem ſchoͤnen Ta⸗ lente, das die Natur ihr verliehen hatte. Sie waͤre ganz ohne Fehler geweſen, wenn nicht eine Leidenſchaftlichkeit, die oft beinahe in Wildheit ausartete, ihr angehangen haͤtte, wel⸗ 153 arme che die gute Graͤfinn mit allen Bemuͤhungen eine nicht ganz zu unterdruͤcken vermochte. Das jſede eeinzige Mittel, dieſe zu große Lebhaftigkeit zu Gra⸗ daͤmpfen, war, ſie an das ungluͤckliche Schick⸗ igſften ſal ihrer Mutter zu erinnern. Die Graͤfinn arme ſprach oft mit ihr davon, und erzaͤhlte ihr keine die naͤhern Umſtände dieſes ſchrecklichen Er⸗ n zu eigniſſes, welche Heliodorens Gedaͤchtniß, da ohn, ſie damals noch ſo jung war, wieder ent⸗ von ſchluͤpft waren; doch erinnerte ſie ſich noch feu⸗-⸗ ſehr gut auf die Geſtalt ihrer theuern Mutter. gut Die Graͤfinn zeigte ihr einſt das ihr gehoͤrige ſeine Kaͤſtchen, in welchem ſich unter anderm Schmuck nein, auch ein mit Brillanten veich verziertes Me⸗ vaͤr⸗ daillon befand, welches ein ſehr gut getroffenes iebte Portrait ihrer Mutter enthielt. Das Maͤdchen und benetzte es mit ihren Thraͤnen, druͤckte es an DHas ihr Herz, und von dieſem Augenblicke konnte per⸗ die Graͤfinn alles mit ihr machen, was ſie bila wollte, wenn ſie ihr verſprach, ihr das ge⸗ Ig liebte Bild auf eine Stunde zu uͤberlaſſen; ben. gerne wuͤrde ihr dieſe es ganz gegeben haben, ſt⸗ wenn ſie nicht haͤtte befuͤrchten muͤſſen, daß 2 es von der Marcheſe oder dem Grafen ent⸗ deckt wuͤrde, und man ſie vielleicht zwingen koͤnnte, das ganze Kaͤſtchen den Haͤnden des Grafen auszuliefern. In den Herzen der beiden jungen Leute 154 erwachte gegenſeitige Liebe, die bei zwei ſo feurigen Geſchoͤpfen zur hoͤchſten Leidenſchaft werden mußte. Die Graͤfinn liebte beide, und ſie haͤtte nichts ſehnlicher gewuͤnſcht, als die beiden ihr ſo theuern Geſchoͤpfe gluͤcklich ma⸗ chen zu koͤnnen; aber ſie fuͤhlte wohl, daß we⸗ der der Graf noch ihre Schwaͤgerinn in eine Verbindung willigen wuͤrden, die in ihren Augen Mesalliance war, und ihren beider⸗ ſeitigen Erwartungen ſo wenig entſprach. Sie that alles, die beiden jungen Liebenden zur Vernunſt zuruͤckzufuͤhren, aber vergebens! Wann hoͤrt wohl leidenſchaftliche Liebe auf die Stimme der Vernunft? Giulio ſchwur, daß er nicht ruhen werde, bis Heliodora ſeine Gattinn ſeyn werde, und das Maͤdchen be⸗ theuerte, daß ſie nie aufhoͤren werde, ihn zu lieben, wenn ſie auch durch Meere von ihm getrennt wuͤrde. Die Graͤfinn ſah wohl ein, daß ſie ſich vergebens dieſer Leidenſchaft wi⸗ derſetzen wuͤrde, und uͤberlies es dem Schick⸗ ſal, den Knoten zu loͤſen, und die Sache zum Beſten der beiden Liebenden zu lenken⸗ So ſtanden die Sachen, als die Graͤfinn ploͤtzlich erkrankte, und ihr Uebel ſo ſchnell uͤberhand nahm, daß ſie ſtarb, ohne die ge⸗ ringſte Verfuͤgung wegen Heliodoren treffen zu koͤnnen. Das unglückliche Maͤdchen, wel⸗ 155 ches nun erſt ganz verwaiſt war, fuͤhlte ihren Verluſt mit tiefem, unſaͤglichem Schmerze; ſie benetzte die Hand der erblaßten Wohlthaͤterinn mit heiſſen Thraͤnen, und ſelbſt Giulios Lieb⸗ koſungen vermochten nicht, ſie der tiefen Trau⸗ er zu entziehen, in welche ſie verſunken war. Die Ungluͤckliche! ſie hatte nur zu viel Urſa⸗ che, ſich dem Kummer zu uͤberlaſſen, denn es dunkelte ihr nun eine ſchwarze grauenvolle Zukunft entgegen.. Der Graf bemaͤchtigte ſich alles deſſen, was ſeiner Gemahlinn gehoͤrt hatte, er durch⸗ ſuchte alle Schraͤnke, und fand in dem Schrei⸗ bepult der Graͤfinn Heliodorens Schatulle. Als er den Deckel oͤffnete, lag obenauf eine Schrift von der Hand ſeiner Gemahlinn geſchrieben, und mit ihrer Unterſchrift und Siegel verſe⸗ hen, worin dieſe bezeugte, daß alles, was in dem Kaͤſtchen enthalten, ein Nachtaß Afana⸗ ſiens und Heliodorens Eigenthum ſey. Der Graf, den die große Summe Geldes und die praͤchtigen Diamanten gar freundlich anfun⸗ kelten, beſchloß auf der Stelle ſich dieſes Scha⸗ tzes zu bemaͤchtigen, er trug daher die Scha⸗ tulle in aller Stille auf ſein Zimmer, und ver⸗ ſchloß ſie ſorgſaͤltig. Heliodoren kuͤndigte er an, daß er ihr ferner eine Zuflucht in ſeinem Hauſe goͤnnen wolle, und ſie zur Bedienung 1256 ſeiner Schweſter, der Marcheſe, beſtimmt habe. Das Maͤdchen dankte ihm fuͤr ſeine Vorſorge, verſicherte ihn aber, ſelbe nicht zu beduͤrfen, da ihr bewußt ſey, daß die Graͤfinn ein Ver⸗ maͤchtniß ihrer Mutter fuͤr ſie in den Haͤnden gehabt habe, welches ſie in den Stand ſetzte, unabhaͤngig von ſeiner Gnade zu leben, und das zu fordern ſie ſich nun berechtigt glaubte. Der Graf ſchien erſtaunt uͤber dieſe Zumu⸗ thung, und betheuerte, nichts gefunden zu ha⸗ ben; er ließ im Beiſeyn mehrerer Gerichts⸗ perſonen die Effekten der Verſtorbenen unter⸗ ſuchen, und da ſich nichts fand, behandelte er Heliodoren als eine boßhafte Betruͤgerinn, wel⸗ che glaubte, durch dieſe Angabe etwas von ihm zu erzwingen. Da nach dieſem Vorfalle der Augenſchein wirklich wider das arme Maͤd⸗ chen war, ſo faßten ſelbſt jene, welche bei der Unterſuchung zugegen waren, eine unguͤnſtige Meinung von ihr; man ermahnte ſie, die Wohlthaten des Grafen nicht mit Undank zu lohnen,, und ſich gluͤcklich zu ſchaͤtzen, daß ihr dieſer noch ferner eine Freiſtaͤtte in ſeinem Hauſe anboͤte. Was konnte die Ungluͤckliche thun? ganz ohne alle Mittel, ihre Lage aͤndern zu koͤnnen, mußte ſie wohl nothgedrungen im Hauſe bleiben, und ſich der Willkuͤhr der bðö⸗ ſen Marcheſe uͤberlaſſeu. Nur Giulio's Liebe 1257 hielt ſie aufrecht in ihrer verzweiflungsvollen Lage, und entſchaͤdigte ſie fuͤr die unwuͤrdige Behandlung, welche ſie von ſeiner Mutter und dem Grafen erdulden mußte, welche beide ſich es ordentlich zum Geſchaͤfte machten, ſie zu kraͤnken und zu demuͤthigen. Die Marcheſe fing gleich damit an, daß ſie ihr ihr ſchoͤn meublirtes Zimmer wegnahm, und ein kleines Stuͤbchen anwies, das aͤußerſt aͤrmlich eingerichtet war, und deſſen Fenſter in ein enges Gaͤßchen fuͤhrten. Sonſt hatte ſie an der Tafel geſpeiſet, jetzt wollte man ſie zwingen, mit den Hausbedienten zu eſſen; ſie erklaͤrte aber, daß ſie dieſes nimmermehr thun, und eher gar nicht eſſen wuͤrde; ſie ver⸗ langte, man ſollte das Eſſen auf ihr Zimmer bringen, und beſtand ſo feſt und mit ſolcher Heftigkeit auf dieſem Begehren, daß man end⸗ lich gezwungen war, ihren Willen zu erfuͤllen. Die Marcheſe bot nun alles auf, um ihr die bitterſten Kraͤnkungen zuzufuͤgen, und als ſie Giulios Liebe entdeckte, da ward ſie vollends ſo wuͤthend, daß Heliodora fuͤr ihr Leben haͤtte zittern muͤſſen, wenn nicht die Heftigkeit und der Muth, welchen man an ihr kannte, ihre Feindinn zaghaft gemacht haͤtte. Heliodora drohte ſich an den Raguſaniſchen Geſandten zu wenden, und ihn um Schutz gegen ihre 158 Verfolger anzuflehen; dieſer edle Mann, den ſie als einen ſolchen kannte, hatte ſie in Kon⸗ ſtantinopel, wo er ſich damals befand, als Kind oft an ihrer Mutter Seite geſehen, und ſie in BWu***, wo er ſie nachher bei der Graͤ⸗ finn fand, oft ſeines Wohlwollens verſichert, von ihm durfte ſie Schutz und Gerechtigkeit erwarten. Der Graf und ſeine Schweſter zitterten hei der Entſchloſſenheit dieſes Maͤdchens, da⸗ rauf konnten und durften ſie es nicht ankom⸗ men laſſen; ſie bruͤteten uͤber einem Plane, der werth war, in dem Gehirn zweier ſo boß⸗ hafter niedriger Seelen entſtanden zu ſeyn, und es handelte ſich nur darum, einen Men⸗ ſchen zu finden, deſſen Herz boßhaft genug war, um ihnen zur Ausfuͤhrung die Hand zu bieten. Lange ſchon kannte der Graf Aurelio, der ein Avanturier war, ſich unter mancher⸗ lei Geſtalten herumtrieb, und füͤr Geld zu allem, ſelbſt zum Banditen brauchen ließ. Da ihn viele von dieſes Menſchen Verbrechen be⸗ kannt waren, hatte er deſſen Schickſal in ſei⸗ nen Haͤnden, und konnte darauf rechnen, daß er alles thun wuͤrde, was er ihm auftruͤge. Er gab ihm tauſend Dukaten mit der Bedin⸗ gung, daß er Heliodoren die kommende Nacht 159 entfuͤhren, und ſie dann auf welche Art es ihm beliebte aus der Welt ſchaffen ſollte, nur muͤßte er darauf bedacht ſeyn, daß man in Verrs keine Spur davon habe, wo das Maͤd⸗ chen hingekommen ſey. Ihr Verſchwinden wuͤrde man dadurch erklaͤren, daß ſie ſelbſt entflohen ſey. Aurelio war ſehr bereitwillig zur Ausfuͤhrung dieſes Planes, ſein Bleiben war ohnehin nicht mehr in VB***, wo er ſchon zu bekaunt war, und wo die Juſtiz nur darauf lauerte, ihn auf einem Bubenſtuͤcke zu ertappen, um ihn feſtzuhalten. Giulio hatte mit der Geliebten verabre⸗ det, daß ſie fliehen wollten; er hatte einen Oheim vaͤterlicher Seite, der ihn ſehr liebte, und in Sicilien lebte; zu dieſem wollte er nun mit Heliodoren ſeine Zuflucht nehmen, und er wüͤrde die Liebenden um ſo eher auf⸗ genommen haben, da er in Feindſchaft mit Giulios Mutter und deren Bruder lebte. Die⸗ ſer Oheim war ein ſehr edler Mann, und die beiden jungen Leute waͤren glüͤcklich geweſen, wenn ſie ihr Vorhaben ausfuͤhren haͤtten koͤn⸗ nen. Giulio wollte nur noch einige Vorberei⸗ tungen machen, er wollte dem Oheim ſchrei⸗ ben, ihm ſeine Lage entdecken und ihn bitten, ihm und der Geliebten ſeines Herzens ſeine Vaterarme zu oͤffnen; wenige Tage lagen 260 noch zwiſchen dem zur Flucht beſtimmten, ſie hofften gluͤcklich zu entkommen, aber anders war es im Buche des Schickſals geſchrieben! die Boßheit ſiegte, und die Unſchuld erlag. Heliodora, eben durch Kummer und Thraͤnen, deren ſie ſeit dem Tode ihrer Wohl⸗ thäͤterinn ſo viele vergoß, ein wenig einge⸗ ſchlafen, als die Marcheſe ſelbſt an ihre Thuͤre klopfte, ihr befahl aufzuſtehen, und ſich anzu⸗ kleiden, da den Grafen ſo eben ein Schlag⸗ fluß beruͤhrt, und er nur noch wenige Stun⸗ den zu leben habe. Heliodora vergaß in dies ſem Augenblicke, daß der Graf ihr Feind und Berfolger war, ſie ſah jetzt nur den leidenden Menſchen in ihm; ſie kleidete ſich eilends an, um zu ihm zu gehen und ihm Huͤlfe zu lei⸗ ſten. Als ſie die Thuͤre oͤffnete, ward ihr ſchnell ein dickes Tuch uͤber den Kopf geworfen, ihr die Haͤnde auf den Rücken gebunden, ſie mit moͤglichſter Schnelligkeit fortgetragen, in eine Gondel gelegt, und ſo bei Nacht und Dun⸗ kelheit fortgefuͤhrt. Alles dieß geſchah ſo ſchnell, der Schreck war ſo heftig, das dicke Tuch benahm ihr den Athem ſo ſehr, daß das arme Maͤdchen die Beſinnung verlor, und leblos in der Gondel lag. Als ſie erwachte, war ihr Geſicht unbedeckt, und ihre Haäͤnde waren frei. Sie befand ſich auf einem Felſen im 161 Meere, der nur zur Zeit der Ebbe von den Wellen unbedeckt blieb, der Morgen daͤmmerte heran, und Aurelio war eben im Begriff, mit dem Fahrzeuge von dem Ufer abzuſtoßen. Sie uͤberſah in dem Augenblick ihr Schickſal, es war erwieſen, daß ſie hierher gefuͤhrt worden war, um umzukommen; der den Menſchen angeborne Trieb, Liebe zum Leben, erwachte mit ganzer Staͤrke in ihr, ſie eilte bis an den Rand des Waſſers, ſie weinte, ſchrie und flehte ſo ſehr, daß ihr Jammer das Herz des Schiffers ruͤhrte, der ein Genoſſe Aurelio's war; dieſer bat fuͤr ſie um Gnade, er machte ihn aufmerkſam auf die Schoͤnheit des Maͤd⸗ chens, von welcher er mehr Gewinn haben koͤnne, als die lumpigen tauſend Dukaten des Grafen, die er ja uͤberdieß ſchon vorhinein empfangen habe. Aurelio ließ ſich bereden, er verſprach Heliodoren mitzunehmen, doch mußte ſie den fuͤrchterlichſten Eid ſchwoͤren, Nie⸗ manden zu entdecken, wer ſie waͤre, nie eine andere, als die griechiſche Sprache zu ſpre⸗ chen, nie zu verſuchen zu entfliehen, und alle ſeine Befehle zu vollziehen; im kleinſten Ueber⸗ tretungsfalle haͤtte ſie den Tod von ſeiner Hand durch Gift und Dolch zu erwarten. Unter dieſen Verhandlungen war die Fluth beträͤchtlich hoͤher geſtiegen, und He⸗ 8 den Wellen umzukommen, oder alles zu be⸗ ſchwoͤren, was man von ihr begehrte. Man hieß ſie in die Gondel ſteigen⸗ und fuhr dem feſten Lande zu⸗ Aurelio ging mit ſeiner Begleiterinn nach Piatenza, und von da wieder weiter; er rich⸗ tete ſich nach und nach zu ſeinen mechani⸗ ſchen Kunſrreiſen ein, denn fruͤher ſchon hatte er einmal dieß Gewerbe getrieben. Heliodora hatte unausſprechliche Kraͤgkungen zu erdul⸗ den, ſie m e ſich bequemen, nach der Laune ihres Tyran en zu ſpielen und zu ſingen, um ſo das Brod erwerben zu helfen, und jeden Augenblick hatte ſie zu fuͤrchten, daß ſie ge⸗ mordet wuͤrde; ihre Lage war unausſprech⸗ lich elend; in ihrem Innern wuͤthete ein Grimm gegen ihren Peiniger, ſie verachtete die Menſchen, die kamen, dieſe armſeligen Kuͤnſte zu ſehen, und verzehrte ſich faſt in dieſen Gefuͤhlen. Aurelio fuͤhrte ſie weit in der Welt herum, bis ſie endlich der Zufall in*** mit dem geliebten Giulio zuſammen⸗ brachte. liodoren blieb nur die Wahl, entweder in 163 Achtes Kapitel. Durchhaus. Wenn das vorige Kapitel etwas lang war und uͤber das Maß, welches wir uns bisher geſetzt hatten, hinausſchweifte, ſo wer⸗ den die Leſer uns billig entſchuldigen, wenn ſie erwaͤgen, daß es nothwendig war, ihnen die noͤthigen Aufſchluͤſſe uͤber Heliodoren und ihr Verhaͤltniß zu Aurelio zu geben. Von dem empfindſamen eile unſerer Leſer, naͤmlich von den holden Leſerinnen, hoffen wir nicht nur Entſchuldigung, ſondern ſogar Beifal zu verdienen, denn dieſen ſauften Geſchoͤpfen war gewiß ſchon lange Heliedorens Lage eine druͤckende Laſt, und es iſt ihnen gewiß lieb⸗ Aufklärung uͤber ihr Schickſal erhalten zu haben.. Ails man Heliodoeen vodn Giulios Seite geriſſen hatte, war dieſer wuͤthend auf ſeinen Oheim zugefahren, und wuͤrde ihn erwuͤrgt haben, wenn ihn nicht die Umſtehenden daran verhindert haͤtten. Der Polizei⸗Kommiſſär riß ihn mit ſich fort, und fuͤhrte ihn in ſeine eige⸗ ne Wohnung, wo er alles aufbot, ihn zu be⸗ ruhigen. Dieſer Kommiſſär war ein verſlaͤn⸗ diger rechtlicher Mann; aus den Aeußerungen, L 2 164 welche dem jungen Marcheſe entfielen, ſah er wohl, daß die Angaben des alten Grafen nicht ganz richtig waren, doch war hier erſt Unterſuchung noͤthig; der Graf war ein zu bedeutender Mann, und man konnte nicht ſo vorſchnell gegen ſelben verſahren. Was ihm aber hoͤchſt nothwendig ſchien, war Aurelios Verhaftung, der bei der ganzen Sache in ſehr verdaͤchtigem Lichte erſchien. Er bat daher Ginlio, einſtweilen in ſeiner Wohnung zu ver⸗ weilen, nnd verfuͤgte ſich wieder nach dem Schauplatze, den er aber bereits leer fand, da Aurelio das Praͤvenire geſpielt, und ſich auf die Beine gemacht hatte. Es wurden ſo⸗ gleich mehrere Polizeidediente ausgeſchickt, um ihn aufzufinden, und es gelang auch wirklich zweien von ihnen, ihn zu fangen; dieſe hat⸗ ten verabredet, ein Haus, welches ein Durch⸗ haus war, und von deſſen Thuͤren die eine auf die Baſtei fuͤhrte, zu beſetzen; einer von beiden verſteckte ſich an der Hinterpforte, in⸗ deſſen der andere in einem Laden gegenuͤber dem Haupteingange lauerte. Aurelio kam be⸗ guͤnſtigt von der beginnenden Dunkelheit her⸗ an, um ſich durch dieſes Haus auf die Ba⸗ ſtei, und von dort uͤber die verſchuͤtteten Fe⸗ ſtungswerke aus der Stadt zu ſchleichen; als er im Hauſe war, und eben durch einen lan⸗ — 165 gen dunkeln Gang der Hinterthuͤre zugehen wollte, kamen auf ein verabredetes Zeichen beide Maͤnner ſchnell herbei, er wurde von 8 ihnen gepackt, und alles Straͤubens ungeachtet ſo in Arreſt gefuͤhrt. ihm Giulio ward des andern Tages von dem lios Kommiſſaͤr zu dem Miniſter gefuͤhrt, der ihn fehe ſehr guͤtig empfing und ihm verſprach, ſich nher Heliodorens auf das Thaͤtigſte anzunehmen. ver⸗ Es that Giulio wehe, ſeinen Oheim ankla⸗ dem gen, und die Schändlichkeit ſeines Benehmens hud, anfdecken zu muͤſſen, aber es handelte ſich da⸗ ſich rum, der bedraͤngten Unſchuld Recht zu ver⸗ ſo⸗ ſchaffen, und er wuͤrde ſo gehandelt haben, um wenn ihm auch Heliodora voͤllig freind gewe⸗ lich ſen waͤre. at⸗ ch⸗ Neuntes Kapitel. eine von Der Arreſtant. in⸗ ber Die Unterſuchung gegen Aurelio wurde be⸗ nun auf der Stelle vorgenommen, man fand unter ſeinen Papieren Beweiſe von ſchreckli⸗ chen Verbrechen, welche der Boͤſewicht veruͤbt hatte; der Arreſtant war zweimal ſchon ls verhoͤrt worden, und hatte ſchon zwei Morde 1 und viele andere Schandthaten eingeſtanden; 166 er fah wohl ein, daß ein außerſt ſtrenges Ur⸗ theil ſeiner warte, und als man ihn einſt wie⸗ der zum Verhoͤr fuͤhren wollte, fand ihn der Kerkermeiſter todt auf ſeinem Strohlager. Das blaue aufgedunſene Geſicht und die ſchwarzen Flecken, welche ſich an der Leiche zeigten, lie⸗ ßen gleich vermuthen, daß er Gift genommen habe, wenn man auch nicht das Flaͤſchchen gefunden haͤtte, worin ſelbes aufbewahrt ge⸗ weſen war. Der Miniſter ſprach mit dem Grafen und rieth ihm freundſchaftlich, Heliodoren ihr Kaͤſt⸗ chen zu geben, und ſich der Verbindung mit ſeinem Neffen nicht ferner zu widerſetzen, weil dieſer ſonſt aufs aͤußerſte gebracht, leicht Din⸗ ge koͤnnte laut werden laſſen, welche ihm nicht zur Ehre gereichen, und viel Verdruß machen koͤnnten. Der Graf beruͤckſichtigte die gegebe⸗ nen Winke, und uͤbergab dem Maͤdchen die Verlaſſenſchaft ihrer Mutter; was die Ver⸗ bindung mit ſeinem Neffen belangte, ſo gaben er und die Marcheſe in ſo weit nach, daß ſie ſich der Abreiſe der Liebenden nicht widerſetz⸗ ten. Dieſe reiſten nach Sizilien zu Giulios Oheim, der in der Gegend von Palermo ein Landgut und eine praͤchtige Villa beſaß, und ſie mit offenen Armen empfing. Er verband liee mitſammen und machte ſie dadurch ſo gluͤck⸗ lic 6 Ur⸗ wie⸗ t der Das rzen lie⸗ men chen ge⸗ und Kaͤſt⸗ mit weil Din⸗ licht chen bebe⸗ die Per⸗ ben ſie ſetz⸗ ios —— 167 lich, als nur immer ein paar Liebende ſeyn koͤnnen, die endlich nach ſo vielen Hinderniſ⸗ ſen das Ziel ihrer Wuͤnſche erreicht haben. Es iſt nun endlich einmal Zeit, uns um den armen Falke zu bekuͤmmern, welchen wir im Polizeihauſe verlaſſen haben, wo er volle Zeit hatte, Betrachtungen anzuſtellen, und die Bemerkung zu machen, daß es nicht gut ſey, ſeinen Witz auf Unkoͤſten anderer ſpielen zu laſſen. Er ſchrieb aus ſeinem Gewahrſam ein unterthaͤniges Promemoria an den ſo grob beleidigten alten Herrn, bat um Gnade und geſtand, daß er nur das Werkzeug eines An⸗ dern geweſen und ſelbſt nicht eingeſehen habe, wie ſtrafbar er ſich durch ſein Vergehen ge⸗ macht habe. Der Alte, der eben bei guter Laune war, lachte daruͤber, daß er ſich die Schelle habe anhaͤngen laſſen, und befahl ihn frei zu laſſen. Der Arme war ohnehin uͤbel genug daran, denn da Aurelio verungluͤckte, war auch ſein getraͤumtes Gluͤck zu Ende; mißmuthig bezog er ſein altes Gaſthans mit dem Unterſchied, daß er ſtatt wie ehemals mit Aurelio im eigenen Zimmer zu wohnen, nun die allgemeine Schenkſtube zum Aufent⸗ halte waͤhlen mußte. Einſt ſtand er verdrießlich unter der Ein⸗ fahrt des Thores, und dachte nach, was er 7 168 Weißenbach verlaſſen zu haben, wo ihm ſeine Schullehrerſtelle ein zwar kleines, doch ſicheres Auskommen verſchaffte, ſtatt daß er hier, ſo⸗ bald die wenigen Gulden, welche er beſaß, verzehrt ſeyn wuͤrden, die ſchoͤne Wahl zwi⸗ ſchen Betteln und Hungern vor Augen hatte. Dieſe truͤbſeligen Ideen wurden durch die An⸗ kunft eines huͤbſchen Wagens unterbrochen, der mit ein paar raſchen Pferden beſpannt ſo ſchnell zum Hausthor hineinfuhr, daß Falke Muͤhe hatte, durch einen ſchnellen Seiten⸗ ſprung auszuweichen, um nicht niedergewor⸗ fen zu werden. Ein junger Maun und ein ſchoͤnes junges Frauenzimmer ſtiegen aus dem Wagen; wer mahlt Falkens Erſtaunen! es war Roſen und Rieckchen. Sie erkannten den geweſenen Schullehrer ſogleich, und erkundig⸗ ten ſich um ſeine Umſtaͤnde. Da er nun er⸗ zaͤhlte, wie traurig ſeine Lage ſey, da winkte Rieckchen Roſen mit ſo bittender Miene zu, daß er dem armen Bekümmerten Troſt und Huͤlfe verhieß. Sie nahmen ihn mit auf ihr Zimmer, und dort erklaͤrten ſie ihm die Urſa⸗ che ihrer Erſcheinung in der Hauptſtadt. „»Sie waren noch nicht gar lange von Weißenbach weg,“ ſagte Rieckchen,„als mein guter alter Petter es auf immer verlaſſen beginnen ſollte; wie ſehr bereute er nun, 169 8 mußte; er ſtarb nach einer kurzen Krankheit, nachdem er vorher ſeine Einwilligung zu mei⸗ ner Verbindung mit meinem lieben Roſen ge⸗ geben hatte. Sein Vermoͤgen hat er zu glei⸗ chen Theilen mir und ſeiner Frau hinterlaſſen, mein Roſen wollte aber nicht zugeben, daß ich etwas davon behielte, ſo ließ ich alles der guten Muhme, die es wohl um mich verdiente, da ich ihr ſo viel zu danken hatte. Ich wurde mit Roſen getraut, und bald darauf kaufte dieſer mit Bewilligung ſeines Vaters das Gut Weißenbach, welches der bisherige graͤfliche Beſitzer verkaufen mußte, um ſich dringender Schulden zu entledigen. Ja ja, lieber Falke! ſehen Sie mich nur mit großen Augen an! Ihre ehemalige Schuͤlerinn ſteht nun als Ge⸗ mahlinn des Erb⸗ Lehn⸗ und Gerichts⸗Herrn von und zu Weißenbach vor Ihnen. Sehen Sie nun, daß mein liebes Maͤnuchen Mittel in den Haͤnden hat, Ihnen zu helfen?«„Ja,“ fiel hier Roſen ein,„ich kann und werde Ihnen helfen; ich bin nach W. gekommen, um meinem Vater mein liebes Weibchen vor⸗ zuſtellen, in vierzehn Tagen gehen wir wieder nach Weißenbach zuruͤck, dann begleiten Sie uns, ich werde ſchon ein Plaͤtzchen fuͤr Sie finden, und muͤßte ich Sie auch zu meinem Hofpoeten machen.⸗ Falke war außer ſich 170 vor Freude, und gelobte ewige Dankbar⸗ keit. Das junge Paar fuhr in die Stadt zu Roſens Vater, welcher ſie nicht mehr von ſich ließ, es wurde das Gepaͤck abgeholt und Falken bedeutet, ſich auch zu Roſens zu ver⸗ fügen. Der arme geweſene Schulmann war ganz betaͤubt von ſeinem Gluͤcke, er ſtaunte die praͤchtigen Gemaͤcher an, und konnte ſich gar nicht darein finden, ſo ſchoͤn zu wohnen und ſo koͤſtlich zu eſſen, als er hier that; es vergingen mehrere Tage, ehe er ſich beſinnen und begreifen konnte, daß er es ſelbſt ſey, deſſen hagere braune Figur ihm aus dieſen Kriſtallſpiegeln entgegengrinſe. Rieckchen hatte ihm einen ſchoͤnen Anzug machen laſſen, und nun wirbelte ihm gar der Kopf. Die innige Herzensguͤte dieſer guten Menſchen hatte aber ſo tiefen Eindrnck auf ihn gemacht, daß er ganz umgeaͤndert war, ſein Herz war von Dankbarkeit durchdrungen, er hing mit ganzer Seele an ſeinen Wohlthaͤtern, und wuͤrde be⸗ ſonders fuͤr Rieckchen ſein Leben geopfert haben. — ——— — kbar⸗ 171 Zehntes Kapitel. Der Pflaſtertreter. Roſen hatte verſchiedene Geſchaͤfte, wel⸗ che ihn oft verhinderten, ſeine Frau zu be⸗ gleiten, und dieſe mußte ſich es manchmal ge⸗ fallen laſſen, allein auszugehen. Rieckchen wan nie in der Hauptſtadt geweſen, es war alſo wohl nichts beſonderes, daß ſie einſt, als ſie in eine Vorſtadt ging, um etwas zu kau⸗ fen, ſich verirrte, und ſich ploͤtzlich entfernt von Haͤuſern an den Ufern der Donau befand. Es war ſchon Abend und es wurde ihr ganz bänglich, da kam ihr ein ſehr elegant geklei⸗ deter junger Mann entgegen; ihr verlegenes aͤngſtliches Weſen mußte ihm auffallen, und er frug, ob er ihr in etwas dienen koͤnne? Das junge Weibchen, unbekannt mit den Ge⸗ fahren, welche jugendliche Unbefangenheit in großen Staͤdten zu befuͤrchten hat, geſtand ihm, daß ſie ſich verirrt habe, und bat ihn, ſie auf den rechten Weg zu bringen. Er bot ihr ſehr artig den Arm und verſicherte, ſie bald auf einen Platz zu bringen, wo Mieth⸗ kutſchen ſtuͤnden, und wo er ſie dann ſelbſt in einem derſelben nach Hauſe begleiten wuͤr⸗ de. Er wußte ſo angenehm zu ſchwatzen, daß Niieckchen der ziemlich betraͤchtliche Weg, den ſie machten, ganz kurz vorkam. Endlich kamen ſie an den obbenannten Platz, der junge Herr hob Rieckchen in einen Wagen, nachdem er vorher mit dem Kutſcher leiſe geſprochen hat⸗ te, er ſetzte ſich an ihre Seite, und der Kut⸗ ſcher fuhr aͤußerſt ſchnell ab. Das arme Weib⸗ chen war in gute Haͤnde gekommen! der junge Herr war einer der berüchtigteſten Pflaſter⸗ treter W's, ein Wuͤſtling ohne gleichen, der den ganzen Tag ſichs zum einzigen Geſchaͤfte machte, alle Gaſſen abzulaufen, und Jagd auf jedes huͤbſche Geſicht zu machen, das er durch die Lorgnette erſpaͤhen konnte. Er wur⸗ de allgemein verachtet, und jedes ehrliche Weib oder Maͤdchen wich ihm auf hundert Schrit⸗ te aus. Rieckchen war ihm ſo recht in den Wurf gekommen, er frohlockte uͤber den ſchoͤ⸗ nen Fang, und nahm ſich vor, ſein gutes Gluͤck zu benuͤtzen. Es war indeſſen voͤllig dunkel geworden⸗ und Rieckchen wunderte ſich, daß ſie trotz der Schnelligkeit, mit der ſie fuhren, noch immer die Stadt nicht erreicht hatten. Sie ſah aus dem Fenſter, und wie erſchrack ſie, als ſie ſich fern von der Stadt in einer waldigen Gegend ſab. „Ums Himmelswillen!“ rief ſie aus,„wo faͤhrt uns der Kutſcher hin?« — den amen Herr m er hat⸗ Kut⸗ Weib⸗ junge ſter⸗ , der ſchaͤfte Jagd as er wur⸗ Weib ſchrit⸗ n den ſchoͤ⸗ gutes rden⸗ 3 der nmer aus e ſich ſah. „wo 173 „Nun wo werde ich hinfahren,“ ſprach dieſer,„halt ins Wirthshaus zwiſchen den Bruͤcken, wie mir der Herr befohlen hat.“ „Was ſoll ich dort? O ich bitte Sie, laſſen Sie umkehren, mein Mann und Schwie⸗ gervater werden ohnehin ſchon um mich be⸗ ſorgt ſeyn.“ »Nein, ſchoͤnes Weibchen,“ lorach der Pflaſtertreter,“ ſo ſchnell wollen wir uns nicht trennen. Ich laſſe Sie heute nicht von mir, und Sie muͤſſen mir ſchon dieſe Nacht ihre Geſellſchaft goͤnnen; das Maͤnnchen wird ſchon wieder zu beſaͤnftigen ſeyn, wenn Sie auch erſt am Morgen, oder noch ſpaͤter nach Hauſe kommen.“ Er wollte ſie umarmen, ſie ſtieß ihn zu⸗ ruͤck und ſchrie aus voller Kehle um Huͤlfe, ſie bot alle ihre Kraͤfte auf, um ſich loszu⸗ reißen und aus dem Wagen zu ſpringen, aber vergebens, ihr Geſchrei verhallte in der Luft, und der Boͤſewicht hielt ſie ſo feſt, daß ſie nicht vermochte, ſich loszureißen; das arme Weib war in Verzweiflung; da hoͤrte ſie aus der Ferne den Schall eines Poſthorns, ſie ver⸗ doppelte ihr Geſchrei, und ihr Entfuͤhrer, der befuͤrchtete, daß jemand kommen koͤnnte, und nicht Luſt hatte, ſich Unannehmlichkeiten aus⸗ zuſetzen, befahl dem Kutſcher, ſeitwaͤrts in den 174 Wald zu fahren, dieſer nahm aber in der Dunkelheit die Reihe zu kurz, und der Wa⸗ gen warf um. Nun war guter Rath theuer, der Wagen war zu ſchwer, daß ihn der Kut⸗ ſcher allein haͤtte aufheben koͤnnen, und der junge Herr im Wagen war in einem Zuſtan⸗ de, daß er gar nicht darauf denken konnte, Hülfe zu leiſten; es waren die Fenſterglaͤſer zerbrochen, und diee hatten ihn ſo beſchaͤdigt, daß ſein Geſicht und ſeine Hände mit Blut bedeckt waren. Nieckchen hatte außer einer kleinen Kontuſion am Arme keinen Schaden S . genommen; ſie wuͤnſchte nur ſehnlichſt, daß die Poſt⸗Chaiſe ſie bald erreichen, und ſie da⸗ durch ihrer fatalen Lage entriſſen werden moͤchte, indeſſen der Verwundete und der Kutſcher fluchten und den Zufall verwuͤnſchten. Eilftes Kapitel,. Das Inkognito. Der Schall des Poſthorns kam immer naͤher, und die an der naͤherkommenden Ku ſche angebrachten Laternen ſchimmerten immer heller durch die Baͤume. Jetzt kam das Fuhr⸗ werk heran, es war ein ſchoͤner moderner Rei⸗ ſewagen mit vier Poſtpferden beſpannt; indem Wagen ſaßen zwei Herren, und auf dem n der Wa⸗ heuer, Kut⸗ d der ſtan⸗ hunte, glaͤſer lidigt, Blut einer haden 3 daß 2 da⸗ erden der hten. mer dut mer ihr⸗ Nei⸗ bent pem 175 Kutſchbock hatten ein Jaͤger und Bedienter Platz genommen. Der Poſtillon hielt an, als er die umgeworfe Kutſche gewahr wurde, Jaͤ⸗ ger und Bedienter ſprangen ab, um huͤlfreiche Hand anzulegen, der Poſtillion folgte ihrem Beiſpiele, und ſelbſt die beiden Herren ſtiegen aus, um den Verungluͤckten beizuſpringen. Man half Rieckchen und ihrem Begleiter aus dem Wagen, und dieſe benuͤtzte gleich den er⸗ ſten Auge blick, die beiden Herren um Schutz gegen den Niedertraͤchtigen anzuflehen, der ſich ihr⸗ epuch ſo ſchaͤndlichen Betrug be⸗ maͤchtigt hatte. Der eine dieſer Herren, wel⸗ cher der vornehmexe ſchien, ſagte ihr, ſie ſolle ruhig ſeyn, er wolle ſie mit ſich in die Stadt nehmen und dort beſorgen, daß ſie noch heute zu ihrem Gatten gebracht wuͤrde. Er drohte dem verwundeten Boͤſewicht, ſeinen ſchlechten Streich bei der Polizei anzugeben, und wollte ihn deßwegen in Begleitung des Jaͤgers in die Stadt ſchicken, aber auf ſein inſtaͤndiges Fle⸗ hen ließ er ihn ſeine Straße ziehen; er war ohnehin fuͤr ſeine Frevelthat beſtraft, denn ſein Geſicht war von den Glasſcherben ganz⸗ zerſchnitten, und ein Auge war durch einen Splitter, der in demſelben ſtack, ſo gefaͤhrlich verwundet, daß wenig Hoffnung da war,, ſel⸗ bes zu retten. 348 176 Rieckchen ſetzte ſich mit den beiden Her⸗ ren in den Wagen, und man fuhr unter dem lauten Klange des Poſthorns der Stadt zu. Der Poſtillon hielt an einem der beruͤhmte⸗ ſten Gaſthoͤfe, wo ſchon der Sekretair und mehrere Bediente, welche vorausgegangen wa⸗ ren, ihren Herrn erwarteten. Man ging in die Zimmer hinauf, welche ſchon bereitet und ſchoͤn beleuchtet waren. Rieckchen erſchrack, als der Herr, an deſſen Seite ſie geſeſſen, den Oberrock aufknoͤpfte, und ſie unter demſelben einen Stern hervorſchimmern ſah; er bemerkte ihre Verlegenheit und ſprach ihr Muth zu; auch er erſtaunte, als er beim Schein der Wachskerzen das ſchoͤne, bluͤhende Geſchoͤpf ſah.„Bei Gott!“ rief er aus,»bald moͤchte ich es Ihrem Entfuͤhrer nicht veruͤbeln, daß er luͤſtern nach Ihrem Beſitze war. Aber be⸗ ruhigen Sie ſich, liebes Kind, ich kann die ſchoͤne Blume, die im freinden Garten bluͤht, wohl bewundern, ohne ſie darum pfluͤcken zu wollen. Mein Sekretair wird Sie nach Hau⸗ ſe begleiten, es freut mich, daß ich gerade nooch zu rechter Zeit kam, um Sie aus den Klauen des Boͤſewichts zu befreien.« Rieck⸗ chen dankte dem edlen Manne mit der herz⸗ lichſten Ruͤhrung, und fuhr nun in Beglei⸗ zung des Sekrerairs nach Hauſe. Unterwegs Her⸗ r dem t zu. hmte⸗ - und nwa⸗ ng in t und hrack, 7, den ſelben nerkte h zu; der choͤpf öͤchte daß r be⸗ n die n zu Hau⸗ rade den Lieck⸗ erz⸗ Plei⸗ begs 77 fruͤg ſie ihren Begleiter, wer ihr Retter waͤs re, und erfuhr von ſelbem, daß es der Prinz von**r ſey, der Inkognito gereiſt waͤre, nun aber, da er ſich in W. laͤngere Zeit auf⸗ zuhalten gedenke, dieſes Inkognito ablegen werde. Er beſchrieb ihr den Prinzen als einen edien, vortrefflichen Mann, deſſen ganzes bis⸗ heriges Leben eine Reihe edler, großmuͤthiger Handlungen geweſen ſey. Man kann ſich leicht vorſtellen, welche Beaͤngſtigung die beiden Roſen empfanden, als es Abend, ünd endlich gar Nacht gewor⸗ den war, und Rieckchen noch immer nicht nach Hauſe kam; ihr Mann lief fort, ſie zu ſuchen, und alle Hausbedienten wurden aus⸗ geſchickt, ſie aufzufinden, ſie kehrten traurig und unverrichteter Sache nach Hauſe. Der junge Roſen war in Verzweiflung, und ſeit Vater, der die holde muntere Schwiegertoch⸗ ter recht herzlich lieb gewonnen hatte, war es nicht minder. Da hielt ploͤtzlich ein Wagen vor dem Hauſe, und ehe man noch Zeit hatte, nachzuſehen, wer es waͤre, flog die Thuͤre auf, und Rieckchen lag in Roſens Armen. Die Freude des Widerſehens war unendlich groß, Rieckchen wurde von Allen umrungen, jeder wollte ſie ſehen und ihre Hand kuͤſſen, um gewiß uͤberzeugt zu ſeyn, daß die liebe, jung⸗ M 178 Frau(welche in den wenigen Tagen ihres Aufenthaltes im Hauſe alle Herzen gewonnen hatte), wieder da ſey; beſonders war Falke außer ſich vor Freude, er geberdete ſich wie toll und ſprang wie unſinnig herum. Roſen dankte dem Sekretair, und bat ihn, Sr. Durch⸗ laucht in ſeinem Namen den innigſten Dank zu ſagen; er nahm ſich vor, den folgenden Tag ſelbſt aufzuwarten, um dem edlen Prin⸗ zen ſeine unterthaͤnige Ergebenheit und Dank⸗ barkeit zu bezeigen. Auch der alte Roſen uͤber⸗ haͤufte den guten Sekretair mit Dankſagun⸗ gen, und bat, waͤhrend ſeiner Anweſenheit in ſeinem Hauſe zu ſchalten und zu walten, als ob es ihm gehoͤre, und ihm nur Gelegenheit zu verſchaffen, ſeine Dankbarkeit thaͤtig bewei⸗ ſen zu koͤnnen. Die uͤbrige Zeit, welche Roſen und Rieck⸗ chen noch in W. zuhrachten, verging in Ver⸗ gnuͤgen und Unterhaltungen, an welchen Falke auch Theil nahm, und ſich dadurch uͤber⸗ gluͤcklich fuͤhlte. Die beiden Roſeus hat⸗ ten dem Prinzen von*** ihre Aufwartung gemacht, er hatte ſie ſehr freundlich em⸗ pfangen, und hatte dem jungen Mann einen ſchoͤnen Ring fuͤr Rieckchen als ein Ange⸗ denken an jenen kritiſchen Abend und ein war⸗ nendes Erinnerungszeichen mitgegeben, daß man ihres onnen Falke ) wie Roſen urch⸗ Dank enden Prin⸗ Dank⸗ uͤber⸗ agun⸗ eit in 7, als nheit ewei⸗ Rieck⸗ Ver⸗ Falke uͤber⸗ hat⸗ rtung em⸗ einen Ange⸗ war⸗ man 179 einer ſchoͤnen Außenſeite nicht immer trauen duͤrfe. Zwoͤlftes Kapitel. 1 Rervenſieber. Die Zeit der Abreiſe nahte heran, der alte Roſen umarmte ſeine geliebten Kinder, und ſie fuhren von ſeinen Segenswuͤnſchen begleitet zum Thore hinaus. Da auf der Reiſe eben nichts merkwuͤrdiges vorfiel, wollen wir uns gleich nach Weißenbach verfuͤgen, wo man ſie ſchon erwartete, und Madame Loͤwe, der Verwalter, der Pfarrer und Antonie ſie empfingen. Man erſtaunte, als man Falken in ihrer Geſellſchaft ſah; Roſen erklaͤrte, auf welche Art ſie ſelben gefunden, und ſetzte hin⸗ zu, daß er geſonnen ſey, ihn auf irgend eine Weiſe zu verſorgen.»Nun,“ rief hier der Pfarrer aus,„das muß wahr ſeyn, was ſeyn ſoll, ſchickt ſich wohl! Wiſſen Sie, Herr Ro⸗ ſen, daß Falkens Nachfolger waͤhrend Ihrer Abweſenheit an einem Nervenfieber ge⸗ ſtorben iſt? Nun koͤmmt dieſer gerade wie ge⸗ rufen, die Gemeinde hat ſich ohnehin oft nach ihm geſehnt, da man mit dem Verſtorbenen gar ſchlecht zufrieden war, da nu Herr Falke 180 Ihre Protektion hat, wird ſich gewiß niemand weigern, ihm ſeine vorige Stelle wieder zu geben, was ich dabei thun kann, will ich herzlich beitragen, um ihm ſelbe zu verſchaffen.« Roſen und der Pfarrer betrieben die Sa⸗ che ſo eifrig, daß Falke drei Wochen nach ſeiner Ankunft in Weißenbach die Schulwoh⸗ nung wieder bezog. Rieckchen hatte das ganze Haus reinigen und ſauber einrichten laſſen, auch hatte ſie eine alte Magd, welche einſt bei Loͤwen gedient, fuͤr den Schullehrer auf⸗ genommen, damit es ihm nicht an Bedienung fehle, und hatte ſeine Kuͤche und Vorraths⸗ kammer mit allem Nothwendigen ſehr reichlich verſehen. 5 Ehe Falke ſein voriges Amt wieder an⸗ trat, hatte ihn Roſen vorgenommen und ihm gerathen, ſich ſeinen Schuldienſt mehr angele⸗ gen ſeyn zu laſſen, als er vorher gethan hat⸗ te; deßwegen ſollte er der leidigen Poeſie ent⸗ ſagen, oder ihr wenigſtens nur ſeine muͤſſigen Stunden widmen; er legte ihm die Bildung der Jugend aus Herz, zeigte ihm, daß er auf der Stelle, auf welcher er ſtehe, große Pflich⸗ ten in dieſer Hinſicht zu erfuͤllen habe, daß er dadurch viel zur Volksverbeſſerung beitragen könne, und mehr Nutzen ſchaffen und gerech⸗ tere Anſpruͤche auf den Dank und den Beifall — —— mand der zu ill ich affen.« ie Sa⸗ nach woh⸗ ganze laſſen, einſt auf⸗ enung aths⸗ chlich r an⸗ d ihm igele⸗ mhat⸗ e ent⸗ ſſigen ldung r auf Pflich⸗ daß er ragen erech⸗ eifall —— 181 ſeiner Zeitgenoſſen und der Nachwelt haben wuͤrde, als wenn ſelbſt die gelungenſten Ge⸗ dichte aus ſeiner Feder floͤßen. Falken, welcher durch die Erfahrungen⸗ die er gemacht hatte, klüger geworden war, leuchteten dieſe Gruͤnde ſehr wohl ein, er ge⸗ lobte feierlichſt, den guten Rath ſeines Goͤn⸗ ners zu befolgen. Er verſprach, der Poeſie feierlichſt zu entſagen, und bedung ſich nur aus, daß er Rieckchens Geburtstag jedes Jahr beſingen duͤrfte; Roſen gab ihm dieß zu, und gab ihm noch alle Geburtstage in der Fami⸗ lie Preis; er verſprach dafuͤr zu ſorgen, daß Falkens Muſe in dieſer Hinſicht oft Beſchaͤf⸗ tigung bekommen ſollte; ferner ward ihm die Verſicherung gegeben, daß es ihm an nichts fehlen ſolle, und daß er bei jedem Unfalle, der ihn traͤfe, ſich an Roſens wenden und ſichere Huͤlfe von ihnen erwarten duͤrfe. Die Gemeinde von Weißenbach, welche nun einſehen gelernt hatte, daß Falke erſt bei weitem noch nicht der ſchlechteſte unter ſeinen Amtsbrüdern ſey, vermehrte ſein Einkommen um vieles und verſprach, ihm auf geziemende Artzu begegnen; und ſo trat er unter den ſchoͤnſten Ausſichten mit Luſt und Freuden ſein Amt an. Rieckchens Geburtstag gab ihm bald dar⸗ nach Gelegenheit, ſeiner poeſiereichen Phantaſie 182 die Zuͤgel ſchießen zu laſſen. Eben ſo, wie im vorigen Jahre, ſtand er mit der Sonne auf, und begab ſich auf den Raſenplatz vor dem Schulhauſe; aber wie ſo ganz anders war ſein Ausſehen! Der alte verſchliſſene Flaus⸗ rock hatte einem ſauberen kottonenen Schlaf⸗ rocke Platz gemacht, eine blendend weiße Nacht⸗ muͤtze bedeckte das rein gekaͤmmte Haar, und ein paar funkelneue gelbe Pantoffeln zierten ſeinen Fuß. Seine ganze Geſtalt hatte ſich ſehr vortheilhaft veraͤndert, denn da ihn we⸗ der Nahrungsſorgen noch thoͤrichte Liebe wie ehemals quaͤlten, ſo hatte ſein Geſicht einen Ausdruck von Ruhe bekommen, der ſeinen ſonſt unangenehmen Zuͤgen das ſchneidende benahm, und ſie, wenn ſchon nicht huͤbſch, doch ertraͤglich machte. Lange ſtand er in Ge⸗ danken verloren, und ſah der aufgehenden Sonne entgegen; die Begebenheiten des ver⸗ gangenen Jahres gingen vor ihm voruͤber, ſeine Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen des Dankes, er ſank auf ſeine Kuie und erhob ſein Herz zu dem, der die truͤben Wolken, wel⸗ che den Horizont ſeines Lebens verhüllten, ſo ſchoͤn erheitert, und alles ſo zu ſeinem Beſten gelenkt hatte. Die Muſen, dießmal gefaͤlliger als das vorige Jahr, ließen ſich auch nicht lange bit⸗ 2 — einen ſeinen idende uͤbſch, in Ge⸗ henden 3 ver⸗ ruͤber, n des erhob wel⸗ 1, ſo Beſten das 3 hit⸗ 193 een, ihm ein Gedicht einzugeben, welches der Abdruck ſeines dankbaren Herzens war, und zeßwegen von Rieckchen mit Ruͤhrung auf⸗ genommen wurde. Falke war Theilnehmer an dem kleinen Feſte, welches Roſen gab, um den Geburtstag ſeines geliebten Weibes zu feiern, und der Tag wurde in Luſt und Freu⸗ de in einem kleinen Kreiſe guter Menſchen zu⸗ gebracht.. Rieckchen und Roſen lebten gluͤcklich und zufrieden in einem Kreiſe bluͤhender Kinder, die alle gut wurden wie ihre Eltern. Wohl⸗ thun, heitere, ſchuldloſe Froͤhlichkeit bezeich⸗ nete den Charakter dieſer liebenswuͤrdigen Fa⸗ nilie, die jeder liebte, der das Gluck hatte, ſie kennen zu lernen. Bis in ihr ſpaͤteſtes Alter blieb Rieckchens Geiſt voll Munterkeit und Leben, und bis dahin hoͤrte ſie nicht auf, Blumen auf den Lebenspfad ihres geliebten Gatten zu ſireuen, der noch im Greiſenalter ſie mit dem Feuer der Jugend liebte. Die alte Muhme blieb bei ihnen, bis ſie ſtarb, und ward von Rieckchen kindlich gepflegt. Auch Antonie, Rieckchens Freundinn, ward gluͤcklich; ein Buſenfreund Roſens kam nach Weißenbach, ſah dieſes holde Maͤdchen, und fuͤhlte Liebe fuͤr ſie, welche bald von ihr erwiedert wurde; da er wohlhabend und voͤl⸗ 184½ lig unabhaͤngig war, begehrte er ſie von den Eltern zur Gattinn, erhielt die Einwilligung und kaufte ein Landgut in der Naͤhe von Weiſ⸗ ſenbach, wo dann beide Freundinnen das Gluͤck genoßen, das ſchoöͤne Band ihrer Ju⸗ gendfreundſchaft fortdauernd zu erhalten. Falke ward in Ruhe und Zufriedenheit ſehr alt, und erinnerte ſich bis an das Ende ſeines Lebens ſeiner Kunſtreiſe, welche ſehr uͤbel fuͤr ihn haͤtte ausfallen koͤnnen, welche aber durch eine wunderbare Fuͤgung der Vor⸗ ſicht die Quelle ſeines nunmehrigen Gluͤckes und Zufriedenheit ward. Eine Erzählung. — 685 — H — 4— — — — Ludwig Baron Rieder war Oberlieutenank in einem Infanterie Regimente, welches zu W. in Garniſon lag. Er war ein ſchoͤner zunger Mann, voll Geiſt und Liebenswuͤrdig⸗ keit. Sein Charakter und ſeine Sitten waren unbeſcholten, und ſein Betragen in jeder Hin⸗ ſicht tadellos. Sein Vater war ein ſehr ver⸗ dienſtvoller Stabsoffizier geweſen, er war ge⸗ ſtorben, als Ludwig erſt fuͤnf Jahre alt war, und hatte ſeine Wittwe mit dieſem Sohne ganz ohne Vermoͤgen hinterlaſſen. Die Baro⸗ ninn hatte ihren Gemahl gegen Revers ge⸗ heirathet, und konnte daher nach den hieruͤber beſtehenden Geſetzen keinen Anſpruch auf eine Penſion machen. Da ſie kein eigenes Vermoͤgen beſaß, war ſie genoͤthiget, von dem wenigen zu leben, was ſie durch Fleiß und Geſchicklichkeit zu erwerben im Stande war. Sie war von einer edlen Familie. Ihre Eltern hatten ihr kein 183 Vermoͤgen hinterlaſſen; aber eine vortreffliche Erziehung hatten ſie ihr gegeben, und dieſe machte ſie jetzt faͤhig, ihren geliebten Sohn ſelbſt zu unterrichten, bis er das gehoͤrige Alter erreicht hatte, um in eine Militair⸗Aka⸗ demie aufgenommen zu werden. Das gute Ta⸗ lent des Knaben und der unermuͤdete Fleiß der Mutter brachte es dahin, daß Ludwig in einem Alter von acht Jahren vollkommen kor⸗ rekt las und ſchrieb, ziemlich fertig franzoͤ⸗ ſiſch ſprach, rechnete, zeichnete und Klavier ſpielte. Die Baroninn liebte ihren Sohn un⸗ ausſprechlich. Sie opferte ſich ganz fuͤr ihn auf, zog ſich von allem Umgange zuruͤck, und widmete ihm ihr ganzes Daſeyn. Der Kuabe hing mit graͤnzenloſer Zaͤrtlichkeit an der gu⸗ ten Mutter, und vergalt durch Fleiß und Folgſamkeit die Opfer, welche ſie ihm brachte. Als Ludwig zehn Jahre alt war, kam er in die Akademie, wo man bei der Pruͤfung, der jeder neuaufgenommene Zoͤgling unterworfen iſt, uͤber ſeine Faͤhigkeiten und Kenntniſſe er⸗ ſtaunte, weil ſelbe weit uͤber ſein Alter gin⸗ gen. Aeußerſt ſchwer fiel es der Baroninn, ſich von dem geliebten Sohne zu trennen, aber die Ueberzeugung, daß dieſe Trennung zu ſeinem Beſten nothwendig ſey, gab ihr Muth und Standhaftigkeit, ſie zu ertragen. ———— 189 Die Erziehung, welche der junge Rieder in der Akademie bekam, war ſo zweckmäßig, und er benützte die Gelegenheit, die er dort fand, ſich Kenntniſſe zu erwerben, ſo gluͤck⸗ lich, daß er zur Zeit ſeines Austrittes als einer der geſchickteſten unter den Zoͤglingen als Offizier in einem Infanterie Regimente angeſtellt wurde. Hier erwarb er ſich durch ſeine Faͤhigkeiten und ſolides Betragen die Achtung ſeiner Vorgeſetzten und Kameraden, und durch ſeine Herzensgüte die Liebe ſeiner Untergebenen. Seine Mutter lebte auch in W., ſie genoß ſeines Umganges und war gluͤcklich in dem Gefuͤhl, einen ſo edlen Sohn zu ha⸗ ben. Er bezeigte ihr alle Achtung und Liebe, die nur ein gueer Sohn einer guten Mutter bezeigen kann. 8 Es brach Krieg aus, Rieder ward Lieut⸗ nant. Er riß ſich thraͤnend von der theuren Mutter los, aber er war entzuͤckt, ins Feld zu ruͤcken, fuͤr ſein Vaterland, fuͤr ſeinen Mo⸗ narchen zu kaͤmpfen, und dadurch einen Erſatz fuͤr die Wohlthat der Erziehung leiſten zu koͤnnen, die er durch deſſen Gnade genoſſen hatte. Er hatte Gelegenheit, dieſen Wunſch zu erfuͤllen. Er zeichnete ſich hei mehreren Affairen ſowohl durch Tapferkeit als Klugheit gus. Der Krieg war mit zwei Feldzuͤgen be⸗ 190 endigt, und Rieder kehrte als Oberlieutnant nach W. in Garniſon zuruͤck.. Er eilte in die Arme der geliebten Mut⸗ ter, die ihn mit Frendenthraͤnen empfing und an ihr Herz druͤckte. Als der erſte Rauſch der Freude voruͤber war und Rieder Zeit zu Be⸗ obachtungen gewann, machte er die Bemer⸗ kung, daß die theure Mutter in den zwei Jahren ſeiner Abweſenheit ſehr abgenommen hatte. Sie war bleich und hager, ihre Stim⸗ me zitternd und ſchwach. Der Baron war aͤußerſt beſorgt, er ließ augenblicklich einen der beſten Aerzte holen; dieſer geſtand dem zaͤrtlichen Sohne aufrichtig, daß der Zuſtand der Krankheit langwierig und unheilbar ſey, da ſie ganz ohne Kraͤfte und ſehr ſchwach waͤre. Der gute Sohn bot alles auf, was in ſeiner Macht ſtand, um ihr alles zu verſchaf⸗ fen, was ſie bedurfte. Er ſuchte jeden ihrer Wuͤnſche zu erfuͤllen, und verließ ſie nur dann, wenn Dienſtpflicht ihn von ihrem Bette ab⸗ rief. Die Mutter erkannte mit inniger Ruͤh⸗ rung die aufopfernde Liebe des guten Soh⸗ nes. Gerne haͤtte ſie noch gelebt, um ihm Freude zu geben; aber ach! ihre Lebenskraͤfte waren erſchoͤpft. Sie litt lange und ſtarb end⸗ lich in den Armen des theuern Sohnes, das ſterbende Haupt an ſeine treue Bruſt gelehnt! 191 — Rieder war außer ſich vor Schmerz. Er küßte die ſtarren Häͤnde der geliebten Todten, und draͤckte ſie an ſein Herz. Er ſprach in den zaͤrtlichſten, ruͤhrendſten Ausdruͤcken zu ihr, als lebte ſie noch. Ach! ſie, die ſeine beſte Freundinn, ſeine Pflegerinn von dem erſten Augenblicke ſeines Daſeyns geweſen; ſie, von der er wußte, daß ſie ihn uͤber al⸗ les liebte, ſie war dahin und er nun allein, ohne ein Herz, an welches er ſich anſchlie⸗ ßen konnte! Noch ein Umſtand trug dazu bei, ſeinen Kummer zu vermehren. Die Krankheit ſeiner Mutter hatte ſeine Kaſſe ganz erſchoͤpft, ja er war ſogar gezwungen geweſen, waͤhrend ſelber eine Summe aufzunehmen, welche er bei ſeiner beſchränkten Gage erſt in langer Zeit erſtatten zu koͤnnen vorausſah. Er machte die Anſtalten zur Beerdigung, ohne zu wiſſen, wovou er ſie bezahlen wuͤrde koͤnnen. Dort⸗ hin, wo er die vorige Summe geborgt hatte, konnte er ſich nicht wenden, ſein Ehrgefuͤhl verbot es ihm, ſich ſo ſehr bloß zu geben, und er befand ſich in der aͤußerſten Verlegen⸗ heit. Er ging einen Freund aufzuſuchen, der mit ihm erzogen war, dieſem durfte er ohne Scheu ſeine Lage entdecken, denn ſie liebten ſich wie Bruͤder. Auch dieſer Gang war ver⸗ gebens, Hartmann, ſo hieß dieſer Freund, hatte ſelbſt kein Geld und wußte auch keines zu verſchaffen. Troſtios kehrte er in die Woh⸗ nung der Verſtorbenen zuruͤck. Er hatte, als er fortgegangen war, alles wohl verſperrt, und den Schluͤſſel zur Thuͤre in die Taſche geſteckt. Er trat in das Zinmer. Es war ſchon dunkel. Das Kabinet, in welchem die Ent⸗ ſchlafene lag, ſtand offen und der matte Schein der Todtenlampe ſchimmerte ihin entgegen: Es war ein baͤngliches Gefuͤhl, das ihn er⸗ griff. Er zuͤndete Licht an und nahm ſich vor, zur Zerſtreuung die Schriften der Verſtorbe⸗ nen durchzuſehen, bis ſein Diener, welchen er beſtellt hatte, kommen würde. Als er das Licht auf das Marmortiſchchen unter dem Bilde ſeiner Mutter ſetzen wollte, fiel ihm auf ſel⸗ bem ein verſiegeltes Paͤckchen in die Augen, welches, wie er beſtimmt wußte, vorher nicht da gelegen hatte. Er los die Aufſchrift, und fand zu ſeinem Erſtaunen, daß ſie an ihn ge⸗ richtet war. Als er es aufmachte, glänzte ihm eine elegante, goldgeſtickte Brieftaſche entgegen, in welcher er bei naͤherer Unterſuchung funf⸗ hundert Gulden in Banknoten fand. Sie wa⸗ ren in ein Papier eingeſchlagen, auf welchem ge⸗ ſchrieben ſtand: dem guten Sohn zu Er⸗ fuͤllung der letzten Pflicht. Auf dem vie eund, eines Woh⸗ als perrt, aſche ſchon Ent⸗ chein egen. n er⸗ ) vor, torbe⸗ ſen er Licht Bilde f ſel⸗ ugen, nicht „, und an ge⸗ te ihm gegen, fuͤnf⸗ ie wa⸗ ein ge⸗ 1 Er⸗ f dem erſten Blatte der Schreibtafel ſtanden folgende vier Zeilen: 3 Dort in jenen Sterngefilden, Wo ihr freier Geiſt nun wohnt, Wird des Sohnes zarte Milde Erſt noch reichlich ihm gelohnt! Rieder war außerſt erſtaunt. Er hatte Alles feſt verſchloſſen, als er wegging, eben ſo hatte er es bei ſeiner Ruͤckkehr gefunden. Jetzt kam Johann, der Bediente, der Baron befragte ihn, ob er fruͤher ſchon da geweſen, und ob die Thuͤre offen geblieben? Johann antwortete, daß er wohl ſchon da geweſen ſey, da aber Alles verſchloſſen war, ſey er wieder weggegangen und komme ſo eben erſt aus der Kaſerne. Rieder verſank in tiefes Nachdenken. Er konnte ſich dieſe Begebenheit nicht erklaͤren, und mußte es der Zeit uͤber⸗ laſſen, ihm Aufklaͤrung daruͤber zu geben. Da es indeſſen erwieſen war, daß das Geld(es mochte nun auf was immer fuͤr Weiſe auf das Tiſchchen gekommen ſeyn) ihm zugedacht war, ſo machte er ohne Anſtand von demſel⸗ ben Gebrauch, um die theuern Ueberreſte der geliebten Mutter auf anſtäͤndige Art beerdi⸗ gen zu laſſen, und mit dem Uebrigen die ge⸗ machte Schuld zu tilgen. Am Tage der Beerdigung ging er zu der N 194 Hausfrau, um ihr die Wohnung, welche ſeine Mutter bewohnt hatte, aufzukuͤndigen, welches nach einem zu W. beſtehenden Geſetze, drei Monate vor dem Ausziehen geſchehen mußte. Die Hausfrau war eine reiche Wittwe, Na⸗ mens Schmidt. Sie war eine gute Frau, welche der Baroninn viele Gefaͤlligkeiten er⸗ wieſen hatte. In ihrer Jugend war ſie eine der groͤßten Schoͤnheiten W's. geweſen, und hatte immer einen Schwarm von Anbethern um ſich gehabt. Sie war noch jetzt in ihrem ſechs und dreißigſten Jahre eine ſchoͤne Frau, und konnte immer fuͤr die aͤltere Schweſter einer jungen Nichte gelten, welche ſie bei ſich, und ſeit ihrem vierten Jahre erzogen hatte. Da ſie ſehr reich war, ſo fehlte es ihr auch jetzt noch nicht an Huldigungen und es bublte ſo Mancher um ihre Hand. Sie gab aber Keinem Gehoͤr und erkläͤrte oftmals beſtimmt, daß ſie ſich nie entſchließen wuͤrde, ihre gluͤck⸗ liche Unabhängigkeit gegen Hymens Feſſein (deren ihr guter Stern ſie einmal entledigt habe) zu vertauſchen. Die Nichte, bei welcher Frau von Schmidt Mutterſtelle vertrat, hieß Julie und war jetzt in ihrem zwanzigſten Jahre. Sie war eine blaſſe ſchmaͤchtige Geſtalt. Ihre Zuͤge waren fein und regelmaͤßig, aber die Blattern hat⸗ ten ehem ein blend ſtani ſanft ſie ſ doch in G gehoͤ ſant Han! chen erwe Male uͤber blaue ſchoͤr ken Juli die ſucht! klein wuß mit e ſeine velches „ drei nußte. „Na⸗ Frau, en er⸗ ie eine „ und hethern ihrem Frau, hweſter dei ſich, hatte. or auch bublte b aber ſtimmt, gluͤck⸗ Feſſeln ntledigt Schmidt ar jetzt ar eine waren en hat⸗ —— 195 ten ihr uͤbel mitgeſpielt, und ihr von ihren ehemaligen Reizen nichts uͤbrig gelaſſen, als ein paar ſehr ſchoͤne blaue Augen, einen blendend weißen Hals und eine reiche Fuͤlle ka⸗ ſtanienbrauner Haare. Ihr Betragen war ſauft und anſtändig, und das wenige, was ſie ſprach, zeigte von gebildetem Verſtand; doch war ſie gewoͤhnlich ſehr wortarm, und in Geſellſchaft meiſtens nur Zuhoͤrerinn. Es gehoͤrte viel dazu, ihr das Geſpraͤch intereſ⸗ ſant zu machen. Es mußte von einer edien Handlung oder von irgend einem Ungluͤckli⸗ chen die Rede ſeyn, um ihre Theilnahme zu erwecken. Dann belebte ſich aber mit einem Male dieß bleiche Geſicht, eine zarte Roͤthe uͤberffoß die Wangen und in den großen blauen Augen glaͤnzten Thraͤnen. So wenig ſchoͤn auch Julie war, in ſolchen Augenblik⸗ ken war ſie hoͤchſt reizend. Der Baron hatte Julien zuweilen bei ſeiner Mutter geſehen, die ſie beſonders in ihrer letzten Krankheit be⸗ ſucht und ihr mit zaͤrtlicher Sorgfalt hundert kleine Dienſtleiſtungen erwieſen hatte. Sie wußte es immer ſo einzurichten, daß er ſelten mit ihr zuſammen traf, da ſie nur jene Stun⸗ den zum Beſuche waͤhlte, wo er, wie ſie wußte, durch den Dienſt verhindert ward zu kommen. Traf er ſie ja manchmal noch, ſo war ſie in 1 N 2 196 ſichtlicher Verlegenheit, antwortete auf Alles, was er ihr ſagte, ſehr kurz und ſuchte bald einen Vorwand, ſich entfernen zu koͤnnen. Die Kranke war dann immer unerſchoͤpflich in dem Lobe des guten Maͤdchens, das fuͤr ſie ein Engel des Troſtes war; denn Julie wußte ſie ſo ſchoͤn zu troͤſten, daß die Leidende nach jedem ihrer Beſuche heiterer und voll froher Lebenshoffnungen war. Der Sohn wußte ihr herzlichen Dank dafuͤr, obwohl es ihn ein we⸗ nig verdroß, daß ſie ihm ſo gefliſſentlich aus dem Wege ging. Als Rieder dießmal kam, ward er von der Tante mit wahrer Theilnahme empfangen. Juliens Betragen war herzlich; ſie beklagte ſeinen Verluſt, auch ſie hatte die Verſtorbene geliebt. Der ſanfte melodiſche Ton ihrer Stim⸗ me, ſprach wohlthuend zu ſeinem Herzen. Er ſah in ihren Augen Thraͤnen glaͤnzen und die⸗ ſes ihm ſonſt gleichguͤltige Geſicht daͤuchte ihm zum erſtenmale ſehr interreſſant zu ſeyn. Es iſt ſicher wahr, daß man oft Jahrelang mit Jemandem umgeht und ihn nicht beachtens⸗ werth findet, bis man bei irgend einem An⸗ laſſe in gleichen Gefuͤhlen zuſammentrifft, und nun erſt die Uebereinſtimmung der Seelen findet, welche man vorher nicht geahnet hatte. Julie erhielt von dieſem Augendlicke entſchie⸗ Alles, e bald en. Die in dem ſie ein wußte de nach froher ßte ihr ein we⸗ ich aus er von bfangen. pekl agte orbene Stim⸗ en. Er hte ihm 1. Es g mit chtens⸗ in Au⸗ t, und Seelen hatte. tſchie⸗ ud die⸗ 197 denen Werth in Rieders Augen, und ein zartes ſhnathetiſches Band zog Beider Her⸗ zen an. Da die Wohnung der Verſtorbenen noch zu ſeiner Dispoſition war, ſo benuͤzte er ſelbe und brachte taͤglich mehrere Stunden dort zu, welche er theils dem Andenken an ſie, theils der Lektuͤre widmete, wozu er in dieſem Auf⸗ enthalte mehr Ruhe hatte, als in ſeinem Quartier, welches in der Kaſerne war. Er hatte Alles ſo gelaſſen, wie es bei den Lebens⸗ zeiten ſeiner Mutter geweſen. Ihr Bild hing dem kleinen Kanapee gegenuͤber, auf welchem er oft Stundenlang ſaß und die geliehten, theuern Zuͤge betrachtete. Einſt an ſeinem Geburtstage ging er mit beſonders wehmuͤthigen Gefuͤhlen im Herzen dahin. Ach! dieſer Tag war ſo reich an Er⸗ innerungen fuͤr ihn! Seit den erſten Tagen ſeines Daſeyns bis an ihr Ende, hatte die gute Mutter bei aller Beſchraͤnktheit ihrer Lage es doch immer moͤglich zu machen ge⸗ wußt, ihm an dieſem Tage irgend eine Freude zu machen. Als er noch in der Akademie war, hatte ſie ſich oft das Noͤthigſte abgedarbt, um ihn an dieſem Tage ſehen und ihm ein klei⸗ nes Geſchenk machen zu koͤnnen. Alles dieſes fiel ihm heute ein, ſein Herz war voll Weh⸗ 198 muth und Schmerz, und doppelt fuͤhlte er heute den Verluſt der Theuern. Mit dieſen Empfindungen betrat er das Zimmer. Sein erſter Blick fiel auf das Portraͤt; wie erſtaunte er, als er es mit Blumen bekraͤnzt fand. Auf den Tiſchen und Kaͤſten ſtanden Porzelainva⸗ ſen mit duftenden, geſchmackvoll geordneten Bouqueten. Der Tiſch bei dem Kanapee, wo er gewoͤhnlich zu ſitzen pflegte, war mit den koͤſtlichſten Erfriſchungen beſetzt, und auf einem kleinen, reichgeſtickten Kiſſen lag eine praͤchtige goldene Repetiruhr, um deren ſchoͤn gearbeitete Kette ein Papier gewunden war, auf welchem folgende Worte geſchrieben ſtan⸗ den: dem guten Sohne zum Angedenken. Der Baron war aͤußerſt betroffen. Er rief Johann, der ſo eben gekommen war, die⸗ ſer ſtaunte mit ihm. Man unterſuchte die ganze Wohnung, man fand keine Spur einer geheimen Thuͤre noch ſonſt etwas verdaͤchtiges. Die Schrift auf dem Zettel hatte ſehr viel Aehnlichkeit mit jener in der Schreibtafel und es war ſehr wahrſcheinlich, daß beide Ge⸗ ſchenke von einer Hand kamen. Aber von wem? — Welch ein Weſen war es, das ſich durch verſchloſſene Thuͤren den Zutritt in dieſe Zim⸗ mer zu verſchaffen wußte?— Er war ohne Vorurtheil, ſein Geiſt war hell und aufge⸗ 8 u ſtan⸗ en. n. Er ar, die⸗ hte die ir einer chtiges. hr viel el und de Ge⸗ wem? durch Zim⸗ ohne aufge⸗ 199 klaͤrt. Die Vernunft ſagte ihm, daß es natuͤr⸗ lich mit dieſen ſeltſamen Ereigniſſen zugehen muͤſſe, doch konnte er ſich das Wie? nicht er⸗ klaͤren. Das Bild ſeiner Mutter ſchien ihm zuzulaͤcheln, er hielt es fuͤr ein Spiel der aufgeregten Phantaſie und ſuchte ſich von die⸗ ſen Ideen loszumachen; aber vergebens! das Bild laͤchelte wirklich. Er ſah es oft von al⸗ len Seiten an, und immer war das freund⸗ liche Laͤcheln uͤher die theuern Zuͤge verbreitet, welches vorher(tauſendmal hatte er ja das Bild vorher geſehen) nicht da war. Es war daſſelbe Bild, nur friſcher und heiterer als ſonſt. Es war dieſelbe heitere, freundliche Miene, mit der die gute Mutter an dieſem Tage der Freude dem geliebten Sohne entge⸗ gen zu kommen und ihn an ihr Herz zu druͤk⸗ ken pflegte. Seine Ideen verwirrten ſich, er wußte nicht, was er denken ſollte. Unruhig ging er in ſeine Wohnung, wo er die Nacht durch ſich vergebens zerquaͤlte, einen wahr⸗ ſcheinlichen Grund aufzufinden, ſich die ſelt⸗ ſamen Begebenheiten des vergangenen Abends erklaͤren zu koͤnnen. Seine Vernunft lag mit der Phantaſie im Streit, und er wuͤrde am Ende geglaubt haben, er habe getraͤumt, wenn ihn nicht die Anweſenheit der Uhr von der Wirklichkeit uͤberzeugt haͤtte. Er ging am fruͤ⸗ 200 hen Morgen wieder in die Wohnung ſeiner Mutter, und fand zu ſeinem Erſtaunen Alles wieder ſo, wie es gewoͤhnlich zu ſeyn pflegte. Die Blumen waren weg, das Bild hatte die laͤchlende Miene wieder verloren und ſah ihn wieder mit wehmuͤthigem Ernſte an. Nun glaubte er gewiß, ein lebhafter Traum habe ihn geaͤfft, aber da ſchlug ihm die Uhr in ſei⸗ ner Taſche ihr lebhaftes Tiktak ſo hoͤrbar ent⸗ gegen, daß ihm kein Zweifel mehr uͤbrig blieeb. Nun war die Sache durch dieſe neue Veraͤn⸗ derung noch unerklaͤrbarer geworden. Er ſchwankte zwiſchen tauſend Zweifeln hin und her, und mußte in dieſer peinlichen Ungewiß⸗ heit bleiben, da er aus dieſem Labyrinth durch⸗ aus keinen Ausweg zu finden wußte. Er getraute ſich nicht, gegen irgend je⸗ manden dieſes ſonderbaren Abenteuers zu er⸗ waͤhnen, weil er befuͤrchten mußte, fuͤr einen Traͤumer oder Viſionaͤr gehalten zu werden und ſich dem Spotte ſeiner Kameraden aus⸗ zuſetzen. Er befahl ſeinem Bedienten die ſtreng⸗ ſte Verſchwiegenheit, und Johann, der ſeinem Herrn gaͤnzlich ergeben war, befolgte ſeine Befehle genau. Die Zeit, wo Rieder die Wohnung ganz raͤumen mußte, nahte heran, er ging zu Frau von Schmidt, um ihr die Schluͤſſel zu uͤber⸗ u er⸗ einen erden aus⸗ eng⸗ nem ſeine anz rau er⸗ — 201 geben. Sie war in ſichtbarer Bewegung. Sie erſchoͤpfte ſich in Gruͤnden, um ihn zu bewe⸗ gen, die Wohnung ferner, und zwar unent⸗ geldlich zu behalten, da ſie ohnehin nicht ge⸗ ſonnen ſey, ſelbe wieder zu vermiethen, weil ſie beſorge, keine ſo ſtille und ruhige Parthei zu finden, wie die Verſtorbene geweſen. Der Baron ſah ſie mit Befremdung an; ſie erroͤ⸗ thete, und ein ploͤtzlicher Gedanke fuhr ihm durch den Sinn. Er ſchlug das Anerbieten beſtimmt aus. Um mehr Aufklaͤrung uͤber ſeine vorige Bemerkung zu haben, aͤußerte er, daß trotz Allem, was Vernunft und Aufklä⸗ rung dawider einwenden koͤnnten, er uͤber⸗ zeugt waͤre, daß die Wohnung nicht geheuer ſey. Er erwartete ſicher, daß Frau von Schmidt wieder erroͤthen wuͤrde, er hatte ſich aber be⸗ trogen, ſie blieb in ruhiger Faſſung. Sie ſpottete uͤber ſeine Aeußerung, und wunderte ſich, wie ein Mann von ſo viel Verſtand ſo etwas nur erwaͤhnen koͤnne. Sie bedauerte, daß er ihr wohlgemeintes Anbieten nicht an⸗ nehme, und drang ihm das Verſprechen ab, ſie wenigſtens recht oft zu beſuchen. Julie war ſtill und in ſich gekehrt. Ihre Stimme war bei dem wenigen, was ſie ſprach, weich und beklommen. Man ſah ihr an, daß ſie et⸗ was ſchmerzhaft druͤckte, und daß ſie nur mit 202 Muͤhe die Thraͤnen zuͤruͤckhielt, welche in den blauen Augen emporſteigen wollten. Rieder fuͤhlte ſich ſelbſt wunderbar geruͤhrt. Dieſes ſanfte ſtille Geſchoͤpf machte einen nie gefuͤhl⸗ ten Eindruck auf ſein Herz, und er konnte ſich nicht verhehlen, daß er ihr recht gut war. Es war im Sommer, die in W. garniſo⸗ nirenden Regimenter ruͤckten in ein Luſtlager, welches in einer Entfernung von mehreren Stunden von der Stadt gehalten wurde. Die Hitze war ſehr groß, und es gebrach an Er⸗ friſchungen aller Art. Als der Baron einſt aͤußerſt erhitzt und ermattet vom Exerzieren nach Hauſe kam, fand er in ſeinem Zelte einen Korb voll der ſchoͤnſten Fruͤchte, Oran⸗ gen, Zitronen und kuͤhlenden Saͤften. Johaun wurde befragt, er war abweſend geweſen, die Wachen hatten Niemanden bemerkt, und man wußte nicht, wie der Korb in das Zelt ge⸗ fommen ſey. Seit dieſem Tage nahmen die Ueberraſchungen kein Eude. Bald fand er et⸗ was im Zelt, ohne daß man wußte, wie es hingekommen; bald hatte in ſeiner Abweſen⸗ heit ein Unbekannter ein Paket oder einen Korb gebracht. Alles was an Speiſe und Ge⸗ traͤnk Leckeres zu erſinnen war, zierte ſeine Tafel. Oft auch lagen geſchmackvolle Nip⸗ pes, auch oft Kleidungsſtuͤcke, auch ein paar⸗ —————, S S NA2 haunn die man ge⸗ die et⸗ es ſen⸗ inen Ge⸗ eine ip⸗ lar⸗ mal kuͤnſtlich gearbeitete Boͤrſen mit Gold ge⸗ 203 fuͤllt in den Packeten. Es war unmoͤglich, daß dieſe Begebenheiten haͤtten verborgen blei⸗ ben koͤnnen, und Rieder mußte manche Nek⸗ kerei uͤber ſeine unſichtbare Liebſchaft von ſei⸗ nen Kameraden erdulden, Dieſes Verhaͤltniß fing an, ihm herzlich laͤſtig zu werden. Es beleidigte ſein Ehrgefuͤhl, Geſchenke anzuneh⸗ men; er haͤtte Alles in der Welt darum ge⸗ geben, ſie zuruͤckgeben zu koͤnnen. Daß ſie von weiblicher Hand kamen, bezeigte theils die Auswahl, auch waren ihnen nicht ſelten Verſe oder zaͤrtliche Billets beigefuͤgt, deren Zuͤge dieſes verriethen. Er ließ uͤberall aufpaſſen, und es gelang ihm einmal, des Ueberbringers habhaft zu werden, er hatte aber wenig Ge⸗ winn davon, da ſelber ein oͤffentlicher Bothe war, dem die Sachen von Jemand ihm Unbe⸗ kanntem uͤbergeben waren. Die Lagerzeit war vorbei, man ruͤckte in W. ein, und Rieder bezog ſein altes Quar⸗ tier in der Kaſerne. Wenige Tage nach ſeiner Ankunft beſuchte er Frau von Schmidt, und ward von ihr mit ſo ausgezeichneter Freude empfangen, daß es unmoͤglich war zu verken⸗ nen, welche Gefuhle er wider ſeinen Willen in dem Herzen dieſer Frau erweckt hatte. Wie wenig er auch geſonnen war, dieſe Gefuͤhle 204. zu erwiedern, ſo ſchmeichelten ſie doch ſeiner Eitelkeit(es ſollen, ſo ſagt man, die Herren der Schoͤpfung reichlich mit dieſer Untugend begabt ſeyn) Frau von Schmidt war trotz ihrer ſechs und dreißig Jahre noch eine ſchoͤ⸗ ne Frau. Sie war gut, verſtaͤndig und ſehr reich; es bewarben ſich ſo viele um ſie, und er allein war der Vorgezogene. Iſt es ein Wunder, wenn er ſich in dieſem Vorzug ein wenig gefiel? Indeſſen gingen die Geſchenke der Un⸗ ſichtbaren immer fort, und es verging keine Woche, wo er nicht welche erhielt. Da da⸗ runter wirklich Sachen von Werth und mit⸗ unter betraͤchtliche Geldſummen waren, ſo war Rieder dadurch zu einem Grade von Wohl⸗ ſtand geſtiegen, den zu erreichen er bei ſeiner beſchränkten Lage nie hatte hoffen duͤrfen. Die Beweiſe von Zuneigung, welche ihm Frau von Schmidt taͤglich gab, ließen ihn ſehr wahrſcheinlich vermuthen, daß ſie die unbe⸗ kannte Fee ſey. So viel Grund er aber auch zu dieſer Vermuthung hatte, ſo fehlte es ihm doch an einem entſcheidenden Beweis. Auch war ein gewiſſes Etwas in ſeinem Herzen, das ihm dieſen Beweis eben nicht ſehr wuͤn⸗ ſchenswerth machte. Juliens anſpruchsloſe, doch anziehende Geſtalt, ihr zarter Sinn, ihre 205 Beſcheidenheit und vor allem die ſtille Liebe, die fuͤr ihn aus ihren blauen Augen ſprach, zogen ihn täglich mehr an. Hierzu kam noch, daß er immer neue Vorzuüͤge an ihr entdeckte, welche ſie emſig vor ihm verbarg, und die ge⸗ rade darum, weil er ihre Entdeckung bloß dem Zufalle verdankte, um ſo mehr Eindruck mach⸗ ten. Er uͤberraſchte ſie mehrmals am Forte⸗ piano, das ſie meiſterhaft ſpielte; und als einſt die Tante nicht zu Hauſe, und im Vor⸗ ſaal Niemand zugegen war, kam er in Ju⸗ liens Zimmer, wo er ſie an der Staffelei mit der Verfertigung eines aͤußerſt gelungenen Gemaͤldes beſchaͤftigt fand. Dieſe ſo beſcheiden verborgenen Talente machten ſie ihm ſtets werther. Die Leidenſchaft, welche Frau von Schmidt fuͤr Riedern hatte, ſtieg taͤglich hoͤher, und die Gewalt, die ſie ſich anthat, ſelbe zu bekaͤm⸗ pfen, griff ihre Gefundheit dermaßen an, daß ſie in eine Krankheit verfiel, in deren Fieber⸗ paroxismen ſie den Zuſtand ihres Herzens deut⸗ lich ausſprach. Julie, die wirklich die zaͤrt⸗ lichſte Liebe für den Baron fuͤhlte, erſchrack nicht wenig uͤber dieſe Entdeckung. Es war ihr nicht entgangen, daß auch ſie geliebt wer⸗ de, und ſie hatte ſich im Stillen den ſuͤßeſten Hoffnungen uͤberlaſſen, Jetzt ſah ſie, daß die Frau, der ſie alles verdankte, ihre Wohlthaͤ⸗ terinn, ihre Mutter, nach gleichem Ziele mit ihr ſtrebe. Eine von ihnen mußte ungluͤcklich ſeyn und bei Juliens edlem Herzen konnte es nicht lange unentſchieden bleiben, welche von beiden das Opfer bringen ſollte. Rieder hatte als Freund vom Hauſe ſelbſt am Kranken⸗ bette Zutritt, da die Kranke in hellen Augen⸗ blicken ſehnlichſt nach ihm verlangte⸗ Als dieſe einſt ſchlief und Julie beſchaͤf⸗ tigt war, ging er einſtweilen in der letztern Zimmer, um den Augenblick zu erwarten, wo man ihn ins Krankenzimmer rufen wuͤrde. Er blieb ziemlich lange allein und die Zeit wurde ihm lang. Er trat in ein Kabinet, in welchem Julie gewoͤhnlich zu arbeiten pflegte. Mehrere Gemaͤlde ſtanden verkehrt an der Wand berum. Langeweile und Neugierde trie⸗ ben ihn an, ſie zu beſehen; er kehrte mehrere um, und wie erſtaunte er, als er in dem einen jenes laͤchlende Portraͤt ſeiner Mutter ent⸗ deckte, das er an ſeinem Geburtstage mit Blumen bekraͤnzt ſtatt des gewoͤhnlichen ge⸗ funden hatte. Run war ihm Alles klar! Ju⸗ lie hatte das Bild gemahlt, war durch ir⸗ gend eine geheime Thuͤre in die Wohnung ge⸗ kommen, hatte das Bild in die Rahme ge⸗ paßt, und dann wieder gegen das alte ver⸗ 207 tauſcht. Die Geſchenke aber waren von der Tante gekommen, denn Iulie ſelbſt beſaß kein Vermoͤgen und konnte daher keine Koſtharkei⸗ ten verſchenken. Juliens Eintritt weckte ihn aus dem Nachdenken, in welches er verſunken war. Sie hatte geweint, die Tante war ſehr ſchlecht und die Aerzte fuͤrchteten fuͤr ihr Le⸗ ben. Sie bat ihn, ſich zu entfernen und ihr morgen eine Unterredung zu goͤnnen, da ſie etwas aͤußerſt wichtiges mit ihm zu ſprechen habe. Der Baron ging nachdenkend nach Hauſe. Nun hatte er alſo jenen Beweis, vor welchem ihm ſo gegraut hatte! So viele Verpflichtun⸗ gen hatte er dieſer Frau, die um ſeinetwilen ſtirbt! Aus den dringendſten Verlegenheiten hatten ihn ihre Wohlthaten geriſſen, und nun ſollte er undankbar und gefuͤhllos ſie ſterben laſſen? Vertraͤgt ſich dieſes mit ſeinem Cha⸗ rakter, mit dem Charukter eines Mannes von Ehre?— Aber Julie?— Sein Herz wurde von den peinlichſten Gefuͤhlen zerriſſen, und er konnte zu keinem Entſchluſſe kommen. Er beſchloß endlich abzuwarten, bis er mit Ju⸗ llien geſprochen, und nach dem, was ſie ihm ſagen wuͤrde, ſeine Handlungsweiſe einzurich⸗ ten. Sobald es der Wohlſtand erlaubte, ging er zu ihr. Sie erwartete ihn in ihrem Zim⸗ 208 mer. Mit der feinſten Schonung wußte ſie ihn mit dem ungluͤcklichen Gemuͤthszuſtande ihrer Tante bekannt zu machen. Sie ſagte ihm, wie innig ſie dieſe Frau liebe, die ſeit der zarte⸗ ſten Kindheit Mutterſtelle bei ihr vertreten habe und wie ungluͤcklich, ſie ihr Verluſt ma⸗ chen wuͤrde. Sie hob den Charakter der Frau von Schmidt ſo ſchoͤn heraus, machte ihn mit dem ganzen Umfange ihrer Vorzuͤge bekannt, und ſchloß damit, daß ſie ihn beſchwur, dieſe edle, vortreffliche Frau zu retten, welche Liebe fuͤr ihn an den Rand des Grabes gebracht habe. Rieder war betroffen, Alles dieſes aus Juliens Munde zu hoͤren. Er ſah ihr ins Auge; ſie huͤtete ſich wohl, jenes Feuer darin blicken zu laſſen, welches er ſonſt darinnen fand, wenn er ſie anſah. Er ward ganz irre an ihr und glaubte ſich getaͤuſcht zu haben, als er ahndete, daß ſie ihn liebe. Er bekannte Julien die Entdeckung, welche er geſtern an dem Bilde gemacht habe, und bat ſie um Auf⸗ ſchluß uͤber jene ſonderbaren Begebenheiten. Inulie laͤugnete nicht, daß ſie das Gemaͤlde gemahlt habe. Sie entdeckte ihm, daß alle jene geheimnißvollen Geſchenke von der Tante ka⸗ mnen, welche zwar Anfangs bloß aus reinem Wohlwollen gegen den guten Sohn und dem Wunſche, auf zarte und unbekannte Art ſeine — e ihn fhrer wie arte⸗ reten ma⸗ Frau mit annt, dieſe Liebe racht aus ins darin innen 3 irre aaben, annte en an Auf⸗ eiten. naͤlde jene e ka⸗ einem dem ſeine 200 Lage zu verbeſſern, gehandelt habe. Seit ſelbe aber ihn naͤher kennen gelernt, ſey heiße, gluͤ⸗ hende Liebe an die Stelle jener Empfindung getreten, und dieſe wuͤrde ſie toͤdten, wenn er ſelbe unerwiedert laſſe. Rieder war in der peinlichſten Lage. Dankbarkeit zog ihn auf die eine, Liebe auf die andere Seite. Zwar Julie hatte ihm ſo ganz und gar keine Reigung gezeigt, ihr gan⸗ zes Beſtreben ging nur dahin, ihn fuͤr die Tante zu intereſſiren. Wenn ſie ihn wirklich geliebt haͤtte, waͤre ihr dieß moͤglich geweſen? Er liebte Frau von Schmidt nicht, aber er achtete ſie ſehr hoch und fuͤhlte ſich ihr zur hoͤchſten Dankbarkeit verpflichtet. Er mußte ſich geſtehen, daß dieſe Empfindungen hinlaͤng⸗ lich zu einer gluͤcklichen Ehe waͤren, zu wel⸗ cher ohnehin weniger gluͤhende Leidenſchaft, als auf Achtung gegruͤndetes Wohlwollen und Freundſchaft erfordert wuͤrden. Die Erxaltati⸗ on, mit der jede aufopfernde Handlung ein edles großmuͤthiges Gemuͤth erfuͤllt, bemaͤch⸗ tigte ſich ſeines Kopfes und Herzens, und zeigte ihm die Rettung ſeiner Wohlthaͤterinn als die heiligſte Pflicht. Er ging am andern Tage zu der Kranken und bot ihr ſein Herz und ſeine Hand an. Es brauchte viel Ueberredung von ſeiner und Juliens Seite, ehe ſie i entſchloß, 210 das Opfer, wie ſie es nannte, anzunehmen; doch endlich willigte ſie ein, und ſchien ſich ganz dem frohen Gefuͤhle einer gluͤcklichen Zukunft zu uͤberlaſſen. Frau von Schmidt ward bald von ihrer Krankheit hergeſtellt. Der Baron hatte auf Verlangen der Braut, welche ihn nicht den Gefahren des Krieges blosgeſtellt wiſſen wollte, den Dienſt quittirt. Sie batte ein ſchoͤnes Landgut gekauft, welches ſie ihm zum Braut⸗ geſchenk gab. Der Fruͤhling nahte heran, man ging dorthin ab, und in wenig Wochen ſollte die Vermaͤhlung vollzogen werden.(Verlobt waren ſie bereits.) Die Braut ſchien hoͤchſt gluͤcklich. Das Gefuͤhl ihres Gluͤckes ſuchte ſie uͤber alles zu verbreiten, was um ſie war. Beſonders uͤberſchuͤttete ſie Julien mit Ge⸗ ſchenken, ſie bekam einen ſolchen Vorrath von Schmuck und Kleidern, daß man haͤtte ver⸗ ſucht werden koͤnnen zu glauben, Frau von Schmidt ſtatte ihre Nichte als Braut aus. Julie war dankbar fuͤr die Guͤte ihrer Tante aber freuen konnte ſie ſich nicht recht! Sie war ſtiller, ernſter und blaͤſſer als je, und der freundliche Schimmer ihrer hlauen Augen um⸗ duͤſtert. Es wurden die praͤchtigſten Anſtalten zu dem bevorſtehenden Feſte gemacht, und Ju⸗ lie war die Seele aller dieſer Anſtalten. Von dein uner blick Ried Geſu welcl ſtren, dern getre bläſſ ſchne Als roth ſchm Juli Tan es h ein hatt den vor und auf ſem uͤber eine deſſe men; ſich elichen ihrer ſe auf oͤnes Braut⸗ „ man ſollte berlobt hoͤchſt hte ſie war. Ge⸗ th von e ver⸗ u von aus. Dante Sie d der rum⸗ alten Ju⸗ Von t den vollte, 211 dem fruͤheſten Morgen war ſie beſchaͤftigt; und unermuͤdet, goͤnnte ſie ſich nicht einen Augen⸗ blick Ruhe. Die Tante beredete ſie einſt in Rieders Gegenwart daruͤber, ſie hieß ſie ihre Geſundheit ſchonen, da ſie ſehr uͤbel ausſehe, welches gewiß die Folge dieſer raſtloſen An⸗ ſtrengung ſey. Dieſe Aeußerung bewog Rie⸗ dern, Julen anzuſehen, und wie vom Blitze getroffen fuhr er zurück, als er ihre Todten⸗ bläſſe gewahr wurde, welche bei ſeinem Blicke ſchnell mit glüͤhender Fieberroͤthe wechſelte. Als er die blauen Augen erloſchen, die ſonſt rothen Lippen erbleicht ſah, durchzuckte ein ſchmerzhaftes Gefuͤhl ſeine Bruſt. Ach! er liebte Julien noch, und war nun der Verlobte ihrer Tante! Sein Wort war ihm heilig, er mußte es halten. Der Vermaͤhlungstag erſchien. Es war ein reizender Maientag. Frau von Schmidt hatte ſchon am Tage vorher erklärt, daß ſie den Morgen(die Trauung ſollte erſt Abends vor ſich gehen) im Freien zubringen wolle, und deshalb das Fruͤhſtuͤck in den Pavillon auf der Terraſſe beſtellt. Die Ausſicht von die⸗ ſem Plaͤtzchen war bezaubernd ſchoͤn. Man uͤberſah ein lachend gruͤnes Thal, das von einem betraͤchtlichen Fluße durchſchnitten ward, deſſen Wellen von den Strahlen der Morgen⸗ . O 2 212 ſonne vergoldet im Feuer zu glaͤnzen ſchie⸗ nen. Die bunten Wieſen waren mit ſchnee⸗ weißen Laͤmmern bedeckt, in den Gipfeln der bluͤhenden Baͤume ſangen muntere Saͤnger ihr trillernd Lied von Zweig auf Zweig huͤ⸗ pfend. Frau von Schmidt war bezaubert von der ſchoͤnen Morgenſcene, ſie machte Riedern und Julien, die be⸗ ihr waren, auf⸗ merkſam auf Alles, was ihr reges Gefuͤhl ſo ſehr anſprach; aber Beide ſchienen in die⸗ ſem Augenblicke wenig empfaͤnglich dafuͤr zu ſeyn. Julie war ſehr blaß, und ihren Au⸗ gen ſah man die durchwachte und durch⸗ weinte Nacht an. Rieders Herz zog ſich bei jedem Blick auf das leidende Maͤdchen kramp⸗ haft zuſammen. Die Braut ſchien dieſes Al⸗ les nicht zu bemerken und war heiterer und froͤhlicher als je. Als das Fruͤhſtuͤck geendet war, lenkte Frau von Schmidt das Geſpraͤch auf Juliens Mutter. Sie erzaͤhlte dem Ba⸗ ron, wie ſehr ſie dieſe Schweſter geliebt ha⸗ be, wie theuer ihr Julie als deren Tochter ſey; wie ſie das Kind immer mehr lieb ge⸗ wonnen, und wie ſie ſie ſo ſehr liebe, als wenn ſie ihre eigene Tochter waͤre, und daß das Gluͤck des lieben Maͤdchens ihr Wunſch und ihr Beſtreben ſey. Julie zerfloß in Thraͤnen, und warf ſich der Tante in die Ar⸗ durch⸗ ich bei rampſ⸗ ſes Al⸗ er und geendet eſpraͤch in Ba⸗ bt ha⸗ Tochter eb ge⸗ e, als ad daß Bunſch oß in ie Ar⸗ — me, die ſie zaͤrtlich an die Bruſt drüͤckte. „Ja,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, waͤh⸗ rend welcher ſie Julien und den Baron wechſelsweiſe angeſehen hatte,„meine gelieb⸗ te Julie! mein theurer Freund! ihr beiden mir einzig werthen Geſchoͤpfe, euer beider⸗ ſeitiges Gluͤck ſoll das Ziel meiner Wuͤnſche, das Beſtreben meiner Handlungen ſeyn. Gluͤck⸗ lich ſollet ihr, muͤſſet ihr werden,« rief ſie, indem ſie ploͤtzlich den Verlobungsring vom Finger nahm und ihn Julien anſteckte. Sie ergriff die Haͤnde der beiden Eeſtaunten, fuͤg⸗ te ſie zuſammen und ſprach:„Seyd gluck⸗ lich und liebet mich als eure muͤtterliche Freundinn.“ As man von dieſer angrei⸗ fenden Scene ſich erholt hatte, erklaͤrte Frau von Schmidt ihr Betragen folgendermaßen: „Es iſt wahr, lieber Baron, daß ich Sie liebte und daß meine Leidenſchaft fuͤr Sie einen hohen Grad erreicht hatte. Ihr Be⸗ tregen hatte mich bald uͤberzeugt, daß Sie Julien liebten, und in Juliens Augen las ich gleiche Gefuͤhle fuͤr Sie. Ich gab mir alle Muͤhe, meine Liebe zu Ihnen zu uͤber⸗ winden, und die Gewalt, die ich mir des⸗ halb anthat, warf mich auf das Kranken⸗ bette. Juliens zaͤrtliche Sorgfalt, ihre Liehe fuͤr mich und das großmuͤthige Opfer, welches und Riedern aus vollem Herzen nannte) dort 214 ſte mir bringen wollte, ruͤhrte mich auf das innigſte. Ich gelobte, nicht weniger großmuͤ⸗ thig zu ſeyn und meine ſelbſtiſche Leidenſchaft zu uͤberwinden. Es gelang mir vollkommen. Der Edelmuth, mit welchem Sie, werther Freund, den ſchoͤnen Gefuͤhlen der Dankbarkeit ihre Liebe zum Opfer bringen wollten, hat mich uͤberzeugt, welch ein edler Mann Sie ſind, und wie gluͤcklich meine Julie als Ihre Gattinn ſeyn wird. Als Sie mir ihre Hand anboten, war ſchon feſt beſchloſſen, daß Sie Juliens Gemahl werden ſollten. Damit Sie ſich meine Einrichtungen gefallen laſſen moͤchten, ohne daß Ihre Delikateſſe einen Anſtoß daran finde, ſpiel⸗ te ich bisher die Rolle der Braut, welche ich aber nun zur weitern Aus fuͤhrung an Julien übertrage. Die Gaͤſte ſind, geladen und alle da⸗ von unterrichtet, daß ich nicht mein, ſondern meiner geliebten Nichte Hochzeitsfeſt feire.“« Den Ausbruch der Freude und des Dah⸗ kes der beiden Liebenden zu beſchreiben,, fehlt es mir an Ausdruͤcken, und ich begnuͤge mich bloß zu ſagen, daß ſelbe ganz der Groͤße ihres Gluͤckes entſprachen.. Die Vermaͤhlung wurde auf dem Landgute gefeiert, und Frau von Schmidt brachte den Sommer mit ihren Kindern(wie ſie Julien ſchaft nmen. erther arkeit t mich , und attinn boten, liens meine e daß ſpiel⸗ he ich Fulien le da⸗ ndern c. 4 Da⸗ fehlt mich ihres gute den lien dort f das ßmuͤ⸗ 215 zu. Als der Winter kam, ging man nach W. zuruͤck, wo die Tante dem jungen Ehepaar die kleine Wohnung einraͤumte, welche die Baro⸗ ninn bewohnt hatte. Hier machte Julie ihren Gemahl mit einer verborgenen Tapetenthuͤre bekannt, mittelſt welcher ſie ehemals auf ihrer Tante Befehl die Rolle der Unſichtbaren ge⸗ ſpielt hatte. Das Portrait der verſtorbenen Mutter ward wieder auf die vorige Stelle aufgehangen; aber nicht das alte, ſondern je⸗ nes von Julien gemahlte, laͤchelnde Bild. Der Baron behauptete, daß ſeine Mutter, wenn ſie lebte, bei dem Gluͤcke ihres Sohnes keine andere, als dieſe frohe, laͤchelnde Miene haben wuͤrde.— Julie begluͤckte ihren Gatten durch ihre vortrefflichen, wenig ſchimmernden, aber um ſo dauernderen Eigenſchaften. Sie ſelbſt war gluͤcklich in dem Beſitze des beſten und edelſten der Maͤnner, und Frau von Schmidt ſonnte ſich in dem Gluͤcke ihrer Kinder, deſſen Urhe⸗ hberinn ſie war. 3 ———— 1 9 Eine komiſche Erzählung. 23 — — 8 — — FE A — — .(— 2 — A⁸ Einleitung. Eine kleine Geſellſchaft gebildeter Menſchen, die ihre Verhaͤltniſſe noͤthigten, den Winter auf dem Lande an einem aͤußerſt langweili⸗ gen Orte zuzubringen, bildete einen geſell⸗ ſchaftlichen Zirkel, der ſich taͤglich verſammelte, um die langen Winterabende durch heitere, witzige Geſpraͤche, durch verſchiedene geiſtreiche Geſellſchaftsſpiele um die Haͤlfte ihrer Dauer zu betruͤgen. Unter mehreren dieſer Spiele kam auch eines an die Reihe, dem gegenwaͤr⸗ tige kleine Erzaͤhlung ihr Daſeyn dankt. Die⸗ ſes Spiel beſtand darin, daß eines der Glie⸗ der der Geſellſchaft ſich einen Stoff zu ir⸗ gend einem ſchriftlichen Aufſatze waͤhlte, in welchen jeder der Geſellſchaft einen ihm ſelbſt * beliebigen Satz einſchalten konnte. Dieſe Saͤtze mußte dann der Verfaſſer mit ſeinem angegebenen Stoffe ſo zu verbin⸗ 220 den wiſſen, daß aus ſelben ein zuſamnenhaͤn⸗ gendes Ganzes entſtand. Da man ſich be⸗ muͤhte, durch recht unpaſſende Saͤtze das Ge⸗ ſchaft zu erſchweren, und da nach den Ge⸗ ſetzen der Geſellſchaft der Aufſatz binnen vier⸗ undzwanzig Stunden abgeliefert werden muß⸗ te, ſo kann man ſich denken, daß es ſeine Schwierigkeiten hatte, etwas ertraͤgliches zu liefern. Ein in ihrer Wohnung entſtandenes Geraͤuſch, das man auf Rechnung einer Rat⸗ te ſchrieb, bewog Frau von C., welche eben die Reihe traf, ihrer Erzaͤhlung obigen Ti⸗ tel zu geben, zu welcher ihr folgende Saͤtze gegeben wurden. 1. Sie verlor heute ihre Haarperuͤcke. 2. Der Stephansthurm iſt krumm. 3. Zwiſchen zwei Seſſeln ſaß er auf der Erde. 4. Hier geboren, dort erzogen, bin ich hier und dort nicht heim. Erſtes Kapitel. Sie verlor heute ihre Haarperücke. In dem Städtchen Quitſchhauſen wohnte vor ungefähr dreißig Jahren eine Wittwe, 4 haͤn⸗ be⸗ Ge⸗ Ge⸗ vier⸗ nuß⸗ ſeine s zu denes Rat⸗ eben n Ti⸗ Saͤtze Wuth des muͤtterlichen Ungethuͤms ſo weit, 221 welche Frau Winter, oder wie ſie ſich ſelbſt nannte, Frau von Winter hieß. Sie war in den Jahrszeiten ihres Lebens bereits zu jener Epoche vorgeruͤckt, die ihr Name bezeichnete, obwohl ſie ſelbſt dieſes nicht anerkennen und noch immer fuͤr eine angenehme Herbſtblume gelten wollte. Es machte ihr daher eben keine große Freude, daß Roſine, ihre einzige Toch⸗ ter, immer ſchoͤner und groͤßer heranwuchs, und nun, da ſie das neunzehnte Jahr erreicht hatte, in ſo lieblicher Bluͤthe erſchien, daß die veralteten Reize der eitlen Mutter durch ſie voͤllig verdunkelt wurden. Die Eitelkeit und Gefallſucht der Mutter war ſo groß, daß ſie die muͤtterliche Liebe weit uͤberwog; Roſine ward von ihr der Liebenswuͤrdigkeit wegen beneidet, welche die Natur ihr in ſo reichem Maße zugetheilt hatte. Nicht ſelten war das arme Maͤdchen den bitterſten Kraͤnkungen, ja oft gar Mißhandlungen ausgeſetzt, und manche Thraͤne entfloß den ſanften Taubenaugen und benetzte perlend die zarten Roſenwangen. Ro⸗ ſine hatte ein gutes, ſanftes Herz; trotz der uͤhlen Behandlung liebte ſie doch ihre Mutter, und trug die boͤſen Launen derſelben mit kind⸗ licher Ergebung. Eines Tages aber ging der Zorn und die 222 daß Roſine beinahe fuͤr ihr Leben bangen mußte. Die Veranlaſſung zu dieſer Heftigkeit war fol⸗ gende. Frau Winter hatte aus der fernen Reſidenz ſich eine neue Haarperuͤcke verſchrie⸗ ben, unter welcher ſie ihr beinahe kahles graues Haupt verbergen, und ſich dadurch um zehn Jahre juͤnger luͤgen wollte. Nebſt dieſer Pe⸗ ruͤcke kam noch ein Kopſputz a la Tippo Saib (eine Art von Turban, die damals Mode waren) und ein ſchoͤner roſenfarbener Atlaß⸗ Kaftan. Beide Stuͤcke waren wirklich von be⸗ ſonderer Schoͤnheit, und Roſine wuͤrde in ſel⸗ ben wie ein Engel ausgeſehen haben; zu ihrer Mutter gelben Haut paßten ſie freilich nicht, und dieſe ſah darinnen einer verſchrumpften Orange aͤhnlich, die mit Roſaband umwik⸗ kelt iſt. Frau Winter ſelbſt aber glaubte in dieſem Staate ſo bezaubernd ſchoͤn zu ſeyn, daß kein Maͤnnerherz ihr widerſtehen koͤnne. Es kam der Sonntag. Dieſer Tag iſt an kleinen Orten der merkwuͤrdigſte in der gan⸗ zen Woche; wer etwas neues bekoͤmmt, hebt ſolches auf, um damit an dieſem Paradetage einherzuſtolziren und in der Kirche die Andacht der Anweſenden in Neid und Erſtaunen zu verwandeln. Roſine erhielt ſchon am Abend vorher den Befehl, recht zeitig aufzuſtehen und in die Fruͤhmeſſe zu gehen, damit ſie 223 ſpaͤter die Toilette der Mutter beſorgen koͤn⸗ ne; denn dieſe pflegte Predigt und Hochamt zu beſuchen, weil dann die meiſten Menſchen in der Kirche waren, und ſie da Gelegenheit hatte, ihren Putz zur Schau zu tragen. Auch hatte ſie nebſtbei noch eine Abſicht. Es wohnte im Stadtchen ein penſionirter Major, der un⸗ ter den Waffen grau geworden, und ungeach⸗ tet einer Menge Sonderbarkeiten in ſeinem Charakter ein edler, biederer Mann voll Lau⸗ ne, Witz und Jovialitaͤt war. Er war Edel⸗ mann und beſaß ein anſehnliches Vermoͤgen. Frau Winter ſtach der Kitzel, gnaͤdige Frau Majorinn zu werden, gar gewaltig, und ſie beſchloß, alle Waffen aus dem Arſenal ihrer verbluͤhten Reize hervorzuholen, um dieſen Bundseverwandten des Kriegsgottes mit Sturm zu erobern. Major von Berneck, obwohl Sol⸗ dat, war voll wahrer, aͤchter Religioſitaͤt. Selten verſaͤumte er des Sonntags den Got⸗ tesdienſt, weil er der Meinung war, daß es billig ſey, wenigſtens einmal die Woche eine Stunde dem zu weihen, dem wir alle Tage unſeres Lebens danken. Er kannte die alte Koquette aus mehreren Geſellſchaften, und lachte ſie mit ihren Anmaßungen aus, perſi⸗ flirte ſie auch mitunter, welches ſie aber in dem Bewußtſeyn ihres Werthes ſtets fuͤr ver⸗ 224 ſtekte Liebeserklaͤrungen auslegte. In der Kir⸗ che war ſie oͤfters mit ihm zuſammen gekom⸗ men, und da ſie einigemale im Herausgehen gerade unter der Kirchenthuͤre mit ihm zuſam⸗ mengetroffen, bot er ihr aus angeborner rit⸗ terlicher Hoͤflichkeit gegen Damen den Arm, um ſie nach Hauſe zu begleiten. Man kann ſich leicht denken, wie ſtolz ſie auf dieſe Be⸗ gleitung war, und mit welchen triumphiren⸗ den Blicken ſie um ſich her ſah. Auch heute hoffte ſie ihn wieder zu finden und in der ſo ſorgfaͤltig gewaͤhlten Kleidung beſonderen Ein⸗ druck auf ihn zu machen. Roſine ſtand mit dem erſten Strahle des Tages auf, ringelte die blonden Locken, zog das ſchwarze, von der Mutter abgelegte Taft⸗ kleid an, ſetzte den einfachen, mit einer blau⸗ en Schleife gezierten Strohhut auf, und war in dieſem prunkloſen Anzuge ſchoͤn, wie die juͤngſte der Grazien. In der Kirche war ſie ganz Andacht, hier war ja der einzige Ort, wo ſie ihre un⸗ verſchuldeten Leiden klagen konnte. Sie(hob ihre ſchoͤnen Augen zu jenem empor, von dem ſie Geduld und Staͤrke erbat, um ohne Mur⸗ ren ihr Schickſal ertragen zu koͤnnen. Sie hatte Alles um ſich her vergeſſen und gar nicht bemerkt, daß ein junger, ſchoͤner Mann Kire gekoin⸗ sgehen uſam⸗ er rit⸗ Arm, kann e Be⸗ hiren⸗ heute der ſo Ein⸗ ſle des „ zog Taft⸗ blau⸗ d war ie die dacht, te un⸗ e lhob r dem Mur⸗ Sie gar Nann 2²25 ihr von der Straße gefolgt war, und ſie jetzt unausgeſetzt mit brennenden Blicken betrach⸗ tete. Die Meſſe war aus, Roſine erhob ſich, und nun, als ſie ſich wendete, um ſich zu ent⸗ fernen, ward ſie den jungen Herrn gewahr, und eine Purpurroͤthe uͤberflog ihre Wangen, als ſie ſein Anſtarren bemerkte. Mit zur Erde gehefteten Blicken ſchluͤpfte ſie bei ihm vorbei, und eilte mit ſchnellen Schritten bis an die Thuͤre ihres Hauſes; doch da konnte ſie doch einem kleinen Anfalle von Neugierde nicht wi⸗ derſtehen, ſie mußte doch ſehen, ob er ihr ge⸗ folgt ſey, ſie wandte den Kopf, und o Him⸗ mel, da ſtand er dicht hinter ihr! Er ver⸗ beugte ſich mit Anſtand, ergriff aber, als ſie ſich entfernen wollte, ihren Arm, beſchwor ſie, ihm nicht ſo ſchnell zu entfliehen und ihm zu ſagen, ob ſie die Tochter der Frau Winter ſey? Roſine bejahte dieß mit leiſer Stimme, denn ſie war unausſprechlich verlegen.„Nun holde Roſine,“ ſprach er,„kennen Sie denn Ihren Spielgefaͤhrten Hermann Berneck nicht mehr? Freilich ſind acht Jahre ein langer Zeitraum und ich muß mich ſeither nicht we⸗ nig veraͤndert haben. Sie, liebes Maͤdchen, ſind aber noch immer der holde Engel, der Sie als Kind waren und ich habe Sie augen⸗ blicklich erkannt.“ Roſine bezeigte ihre leb⸗ P 3 226.. hafte Freude uͤber das Wiederſehen des Ju⸗ gendfreundes, doch bat ſie ihn, ſie jetzt nicht laͤnger aufzuhalten, da die Mutter auf ſie warte und laͤngeres Außenbleiben ihr gewiß Verdruß verurſachen wuͤrde. Hermann, der Frau Winters boͤſe Launen von ehedem kannte, und ſelbſt oft Theil an ihnen genommen hatte, fand Roſivens Beſorgniſſe gegruͤndet; er druͤck⸗ te ihre Hand zaͤrtlich an die Lippen, verſprach, ſie bald zu beſuchen und verließ ſie. Frau Winter ſaß ſchon an der Toilette, ſie hatte ſchon kuͤnſtliche Lilien und Roſen auf ihre runzlichte Stirn und Wangen ge⸗ pflanzt, und war nur noch Roſinens Huͤlfe zu Anlegung des kuͤnſtlichen Haarſchmuckes ge⸗ waͤrtig. Sie fuhr ihr ſcheltend entgegen, hieß ſie faul und unaufmerkſam, daß ſie auf ſich warten laſſe, und befahl ihr, alſogleich zum Werke zu ſchreiten. Stillſchweigend ordnete Roſine mit kuͤnſtlicher Hand den falſchen Lok⸗ kenbau, doch geſchah es wohl, daß ſie manch⸗ mal eine Nadel zu tief ſteckte und der Ver⸗ wundeten einen Schrei auspreßte, denn ihre Gedanken waren ſo ſehr mit dem wiedergefun⸗ denen Jugendfreund beſchaͤftigt, daß ſie ihr jetziges Geſchaͤft ganz daruͤber vergaß, nur, wenn die Mutter ſie ſcheltend anfuhr, er⸗ wachte ſie aus ihren Traͤumen. Wint ein g welch da di neu ligen ſie in recht ander ſchrie deine freien Anbe Waͤh einig mach Maͤn artig ohne peruͤ ſelbe ten, den; Sch mach zu b ihren 8 Ju⸗ nicht uf ſie gewiß , der annte, hatte, druͤck⸗ prach, pilette, Roſen en ge⸗ ſlfe zu s ge⸗ n, hieß uf ſich h zum rdnete n Lok⸗ nanch⸗ Ver⸗ n ihre gefun⸗ ſie ihr nur, er⸗ 227 Der Anzug war vollendet, und Frau Winter ſtand da, wie einer unſerer Dichter ein geſchminktes, altes Frauenzimmer ſchildert, welches er ein Meiſterſtuͤck der Mahlerei nennt, da die Zeichnung antik, die Farbengebung aber neu ſey. Nachdem ſie noch einen wohlgefaͤl⸗ ligen Blick auf den Spiegel geworfen, eilte ſie in die Kirche, um dort, wie ſtie hoffte, recht bewundert und beneidet zu werden. Aber anders ſtand es im Buche des Schickſals ge⸗ ſchrieben. Grauſames Fatum! wer entgeht deinen Geſetzen! Der hohe Dom lag auf einem freien Platze, auf welchem Gott Aeolus von Anbeginn ſeinen Wohnſitz aufgeſchlagen hatte. Waͤhrend der Toilette der Dame hatten ſich einige ſeiner muthwilligſten Kinder aufge⸗ macht, und trieben ihr luſtiges Spiel mit Mänteln und Huͤten. Kaum hatten dieſe un⸗ artigen Geſellen Frau Winter erblickt, als ſie ohne Reſpeckt vor ihrer Schoͤnheit die Haar⸗ peruͤcke nebſt dem Tippo Saib ergriffen und ſelbe im Staube kugelnd am Boden fortroll⸗ ten, zu großer Beluſtigung der Voruͤbergehen⸗ den; indeſſen die baarhaͤuptige Matrone vor Schreck und Beſchaͤmung beinahe in Ohn⸗ macht fiel. Um ſie vollends zur Verzweiflung zu bringen, ſah ſie den Major kommen, der ihren Hauptſchmuck, den ihm der Wind eut⸗ 12 228 gegenwirbelte, mit ſeinem Stocke auffing, und ihr ſelben gleich einer erbeuteten Trophaͤe la⸗ chend entgegentrug. Als er ſie in einem ſo bedenklichen Zuſtande fand, hatte er Mitleid mit ihr, er bot ihr ſeinen Arm, um ſie nach Hauſe zu bringen. Mit einigen ernſtlichen Drohungen ſchaffte er die nachfolgenden Gaſ⸗ ſenjungen ab, und brachte ſeine zitternde Be⸗ gleiterinn zu Roſinen, die erſtaunt war, die Mutter in dieſem Zuſtande ankommen zu ſe⸗ hen. Der Major erklaͤrte ihr die Urſache mit kurzen Worten:„Sie hat heute ihre Haar⸗ peruͤcke verloren, der Wind riß ſie ihr vom Kopfe, dieß iſt Alles. Geben Sie ihr eine tuͤchtige Portion Kammillenthee und bringen Sie das Haarneſt wieder in Ordnung, ſo wird ſie ſich bald wieder von dem Schreck erhohlen. Nachmittags komme ich wieder und bringe Ihnen meinen Sohn mit. Lebe wohl, liebe Kleine;“ damit klopfte er Roſinen auf die rothen Wangen und entfernte ſich. Roſine brachte die Mutter auf den Divan zur Ruhe und gab ihr ſtaͤrkende Arzenei, um die ge⸗ ſunkenen Lebensgeiſter wieder zu erwecken. 1 d, und häe la⸗ nem ſo Mitleid e nach ſtlichen Gaſ⸗ de Be⸗ ar, die zu ſe⸗ he mit Haar⸗ r vom r eine ringen ng, ſo Schreck der und wohl, en auf Roſine Ruhe die ge⸗ en. 229 Zweites Kapitel. Der Stephansthurm iſt krumm. Als ſich Frau Winter erhohlt hatte, fiel ſte mit dem heftigſten Zorne uͤber ihre arme Tochter her; ſie gab ihr Schuld, daß ſie aus Neid und Bohheit die Peruͤcke nicht gehoͤrig befeſtigt habe; ſie behandelte ſie ſo grauſam, daß das arme Maͤdchen aus vollem Halſe ſchrie. Ihr Geſchrei rief den im naͤmlichen Stockwerke wohnenden Syndikus des Staͤdt⸗ chens herbei. Dieſer Mann, Feil mit Namen, war in Roſinen verliebt, und hatte ſich bei der Mutter ſo einzuſchmeicheln gewußt, daß ſie ſehr geneigt war, ihm das Maͤdchen zur Frau zu geben. Feil war ein armſeliger, geiſt⸗ und herz⸗ loſer Menſch, der ſich aber einbildete, ſehr gelehrt zu ſeyn. Er ſchrieb Abhandlungen uͤber Alles, was ihm vorkam, und wagte es, ſeinen elenden Schnickſchnack den Verlegern anzubieten, welche ihm aber den freundſchaft⸗ lichen Rath gaben, ſelbe dem Gewuͤrzkraͤmer zu Pfeffer duͤten zu verhandeln. Das Geſchrei der geliebten Roſine hatte ihn vom Schreibe⸗ vult aufgeſtoͤrt, wo er eben in einer ſehr ge⸗ lehrten philoſophiſchen Abhandlung bewies, 230 daß der Stephansthurm krumm ſey. Er fing, um dieſes zu beweiſen, die Unterſuchung des Steinbruches an, aus welchem die Steine zum Baue dieſes Thurmes genommen wur⸗ den, und ging die Art und Weiſe, wie das Gebäude aufgefuͤhrt wurde, ſehr langweilig durch. Der paradoxeſte von ſeinen Saͤtzen war aber jener, daß er behauptete, die Baumeiſter haͤtten ihr Handwerk ſchon damals eben ſo gut verſtanden, als jetzt, indem ſie durch Zu⸗ ruͤckbehaltung der Eiſenſchließen ſich bereichert, und dadurch den Bau mangelhaft gemacht haͤt⸗ ten, wodurch dann der Thurm bei der erſten Erſchuͤtterung ſeine Spitze geneigt habe. Der gelehrte Narr erſchoͤpfte ſich, um zu beweiſen, was jeder, der offene Augen hat, ohne ſeine Abhandlung ſieht, nemlich: der Gtephand⸗ thurm iſt krumm. Bei aller ſeiner Gelehrſamkeit war Herr Feil ein alberner Geck, der bis uͤber die Ohren in Roſinen verliebt war, und das Maͤdchen mit ſeiner ekelhaften Liebe uͤberall verfolgte. Roſine konnte ihn nicht leiden, und nur die Furcht vor der Mutter, welche, wie ſchon ge⸗ ſagt, ihn recht wohl leiden konnte, hielt ſie ab, ihm ganz mit der Verachtung und dem Unwillen zu begegnen, die ſie gegen ihn fuͤhlte. Feil war aber auch ein aͤußerſt widerlicher 2 r fing, ig des Steine wur⸗ ie das gweilig en war meiſter eben ſo ch Zu⸗ eichert, ht haͤt⸗ erſten e. Der weiſen, e ſeine phans⸗ Herr Ohren ͤdchen folgte. ur die on ge⸗ et ſie dem uͤhlte. licher 231 Menſch. Seine Geſtalt war unfoͤrmlich, er war ſo klein, daß er Roſinen kaum bis an die Achſel reichte; doch was ihm an Laͤnge ab⸗ ging, erſetzte er durch die Breite; er hatte duͤnne, ſpindelartige Beine, einen uͤberhangen⸗ den Schlotterbauch, ein paar kleine, giftig ſchwarze, tiefliegende Augen, eine aufgeſtuͤlpte Naſe, einen weiten, mit aufgeworfenen Lip⸗ pen verſehenen Mund. Welch ein Gegenſtuͤck zu der reizenden Roſine! Uebrigens war auch ſein Charakter paſſend zu dieſer reizenden Fi⸗ gur. Er war falſch, heuchleriſch, klatſchhaft, aͤußerſt aberglaͤubiſch und geitzig, welches letz⸗ tere wohl eben ſo viel Antheil an ſeiner Be⸗ werbung um Roſinen haben mochte, da, wie er wußte, Frau Winter reich, und Roſine ihre einzige Erbiun war. So verhaßt aber der Spyndikus Roſinen ſonſt war, ſo ſah ſie doch dießmal ſeine Erſcheinung recht gern, denn ſein Eintritt wirkte gleich einem Wetter⸗Ab⸗ leiter auf den Zorn der Mutter. Der niedrige Schmeichler ſchmeichelte der eitlen Frau auf die unverſchaͤmteſte Art, und ſchlug ihr, wie man zu ſagen pflegt, das Rauchfaß um die Naſe. Sie, die ſich ſelbſt den Jubegriff aller Vollkommenheiten waͤhnte, ſog begierig den betaͤubenden Duft ein, und ihr Zorn beſaͤnf⸗ tigte ſich um ſo viel mehr, da Roſine ver⸗ 23² ſprach, bis Nachmittags mit gaͤnzlicher Her⸗ ſtellung des verungluͤckten Kopfßutzes fertig zu ſeyn. Indeſſen ſich Frau Winter mit ihrem kuͤnftigen Schwiegerſohne unterhielt, hatte der Major mit ſeinem Sohne eine noch intereſ⸗ ſantere Unterhaltung. Der Major liebte die⸗ ſen Sohn, der erſt geſtern nach einer achtjaͤh⸗ rigen Abweſenheit zu ſeinem Vater zuruͤckge⸗ kehrt war, mit der zaͤrtlichſten Vaterliebe. Der junge Menſch war in Quitſchhauſen geboren, fruͤhzeitig war ſeine Mutter geſtorben, der Majo hatte ihn einige Jahre, ſo gut er konn⸗ te, ſelbſt erzogen. Da er aber fuͤhlte, daß er nicht faͤhig war, dem Jungen, der ausgezeich⸗ nete Anlagen beſaß, in dem armſeligen Staͤdt⸗ chen die gehoͤrige Ausbildung zu geben, ſo ſchickte er ihn in die Hauptſtadt zu ſeinem Bruder, wo er große Summen auf ſeine Er⸗ ziehung verwendete. Der Erfolg hatte den Mitteln vollkommen entſprochen, und Herrmann kam als ein vor⸗ trefflicher junger Mann in ſeine kleine Vater⸗ ſtadt zuruͤck. Der Major, der betraͤchtliche Be⸗ ſitzungen in der Gegend hatte, wuͤnſchte, daß ſein Sohn bei ihm bleiben und ſich verheira⸗ then moͤchte. Er kannte Roſinen von Kind⸗ heit an als ein gutes, ſanftes Geſchoͤpf, und als: hegt nes welc ein Maj Roſ die ter ſuch hau ſo erte er inem 2 Er⸗ unen vor⸗ aker⸗ Be⸗ daß eira⸗ ind⸗ und 233 als die beiden Kinder noch zuſammen ſpielten, hegte er den Wunſch, die Kleine einſt als ſei⸗ nes Sohnes Frau zu ſehen; ein Wunſch, in welchen Roſinens Vater(der Rathsherr und ein ſehr achtungswerther Mann war, den der Major liebte) mit einſtimmte. Seither war Roſinens Vater geſtorben, Herrmann war in die Stadt gekommen, und war, da der Va⸗ ter ihn ſelbſt immer in der Hauptſtadt be⸗ ſuchte, binnen acht Jahren nicht nach Quitſch⸗ hauſen gekommen. Als der Major Roſinen ſo ſchoͤn und fromm heranwachſen ſah, erneu⸗ erten ſich jene Wuͤnſche in ſeiner Bruſt, und er ſah dem Augenblick mit Ungeduld entgegen, wo die beiden jungen Leute ſich ſehen, und, wie er gar nicht zweifelte, gegenſeitige Liebe bei ihnen erwachen wuͤrde. Er war ſehr er⸗ freut, als Herrmann bei Tiſch ihm erzoͤhlte, daß er ſeine Jugendfreundinn bereits geſehen und geſprochen, und ſie ſo liebenswuͤrdig ge⸗ funden habe, daß er ganz von ihr bezau⸗ bert ſey. Der Major theilte ſeinem Sohne den Plan mit, den er mit ihm und Roſinen habe, und dieſer war voll dankbaren Entzuͤckens. Nachmittags fuͤhrte er ihn zu Frau Winter, die den angenehmen Beſuch erwartend, bereits wieder in ihrem neuen Staate gleich einer 234 Sultaninn auf dem Divan prangte, indeſſen Roſine mit ihrem goldenen Lockenkoͤpfchen von keinem andern Schmucke als jugendlicher Lie⸗ benswuͤrdigkeit umgeben, mit holder Freund⸗ lichkeit ihnen entgegen kam. Der alberne Syn⸗ dikus war auch da, und warf ſcheele Blicke auf den jungen Bernek, in welchem er wohl den Nebenbuhler ahndete. Der Major liebte Nachmittags ein Spielchen zu machen, auch Frau Winter war den Karten nicht abhold, und Herr Feil mußte ſich(wollend oder nicht) entſchließen, der dritte Mann bei einer Tapp⸗ Parthie zu ſeyn. Durch dieſe Anordnung er⸗ hielt unſer junges Paͤrchen volle Freiheit, un⸗ geſtoͤrt ſich beſprechen zu koͤnnen. Herrmann wuͤnſchte den Garten(deu ehemaligen Schau⸗ platz ihrer kindiſchen Spiele) zu ſehen; Roſine fuͤhrte ihn dahin. Sie ſetzten ſich in die bluͤ⸗ hende Hollunderlaube. Die Erinnerung an die Tage ihrer frohen Kindheit machten ſie ſo gluͤcklich! Herrmann nannte ſie wie ehemals ſeine geliebte Roſine, ſie umſchloßen ſich zaͤrt⸗ lich, wie ehemals, und Herrmann kuͤßte von ihren Lippen das Geſtaͤndniß ihrer Liebe hin⸗ weg. Roſine machte ihn nun mit dem Pla⸗ ne ihrer Mutter in Anſehung des Stadt⸗ ſchreibers bekannt, er bat ſie aber, ſich zu beruhigen und ſich ganz auf ſeinen Vater zu ver! Gli un⸗ mann ſchau⸗ io ſine bluͤ⸗ in die ie ſo emals zaͤrt⸗ von hin⸗ Pla⸗ tadt⸗ 5 zu er zu 235 verlaſſen, der gewiß fuͤr ihr beiderſeitiges Gluͤck ſorgen wuͤrde. Driltes Kabikel. Er ſaß zwiſchen zwei Seſſeln auf der Erde. Als ſich die Geſeilſchaft empfahl, winkte Frau Winter dem Syndikus dazubleiben; er ließ ſich nicht lange bitten, und zu Roſinens Mißvergnuͤgen lud ihn die Mutter zum Abend⸗ eſſen. Herr Feil wußte die alte Frau recht angenehm zu unterhalten. Sie war eine be⸗ ſondere Freundinn von Geſpenſterhiſtoͤrchen, und dieß war ein Thema, in welchem er un⸗ erſchoͤpflich war. Er erzaͤhlte ſo viele ſchauer⸗ liche Abenteuer, die, wie er ſagte, theils ihm ſelbſt, theils Bekannten von ihm(lauter glaub⸗ wuͤrdigen Maͤnnern) begegnet waren, daß ſei⸗ ne Zuhoͤrerinn einmal uͤber das andere ein kalter Schauder uͤberlief, beſonders da unter dieſen Erzaͤhlungen die Zeit ſo ſchnell voruͤber⸗ gegangen, daß die ſchauervolle Mitternachts⸗ ſtunde nicht mehr fern war. Eben wollte Frau Winter auch ihr Kontingent zu dieſen fuͤrch⸗ terlichen Geſchichten liefern, indem ſie erzaͤhl⸗ te, wie es hier im Hauſe auch nicht geheuer ſey, da vor etwa dreißig Jahren eine graͤß⸗ 236 liche Mordthat in ſelbem veruͤbt geworden; als ihr ploͤtzlch das Wort im Munde ſtockte, denn in der nebenanſtoßenden Kammer, welche keinen andern Ausgang, als die Thuͤre in das Speiſezimmer hatte, ließ ſich ploͤtzlich ein pol⸗ trendes Getoͤſe hoͤren, daß ſowohl ſie, als den furchtſamen Stadtſchreiber, der an alle Am⸗ menmaͤrchen glaubte, mit Furcht und Entſetzen erfuͤllte. Nur Roſine behielt ihre Faſſung, ſie ergriff das eine der auf dem Tiſch befindlichen Lichter, und ging beherzt in die Spukkammer, wo ſie aber ungeachtet ihres emſigen Suchen nichts fand, was ihr Aufklaͤrung uͤber das Geraͤuſch haͤtte geben koͤnnen, welches man gehoͤrt hatte. Indeſſen hoͤrten die beiden Furchtſamen das Getoͤſe bald unter ihren Fuͤßen, bald in der einen, bald in der andern Ecke des Zim⸗ mers. Hilf Himmel, wie geberdeten ſie ſich! Sie ſprangen beide vom Tiſche auf, der Syn⸗ dikus wollte entfliehen, ſtolperte aber in der Eile ſo haſtig fort, daß er uͤber einen im We⸗ ge ſtehenden Schemmel fiel, und ploͤtzlich ſaß er auf der Erde zwiſchen zwei Seſſeln. Das Ungluͤck wollte noch, daß er, als er ſich im. Fallen erhalten wollte, das Tiſchtuch erhaſch⸗ te und ſelbes mit Allem, was darauf war, auf ſich herabriß. Da nun nebſt einer Bou⸗ 237 geille rothen Weines auch ein Flaͤſchchen Pro⸗ venzer⸗Oel und ein Lungenbraten in ſchwar⸗ zer Sauce auf dem Tiſche geſtanden, ſo kann man ſich leicht denken, welche ſchoͤne Figur er, beſalbt mit allen dieſen Fluͤſſigkeiten, machte. Roſine ſprang, als ſie den Fall hoͤrte, ge⸗ ſchwind mit dem Lichte herein, wo ſie dann unter heftigem Lachen dem Verungluͤckten auf die Beine half, der ſich ſchleunigſt empfahl, und zu Hauſe ſeine Thuͤre mit einem Druden⸗ fuß und drei Kreutzen bezeichnete, damit kein Spuk herein koͤnne. Frau Winter war von dem Schreck heftig ergriffen, dieß war heute ein banger, unruhvoller Tag geweſen. Es fiel ihr ein, daß es gerade der Jahrstag von dem Tode ihres Mannes war, und dieſe Erinne, rung vermehrte ihre Furcht dermaßen, daß ſie ſich nicht getraute, allein in ihrem Zimmer zu bleiben, und Roſine den Befehl erhielt, ihre Schlafſtaͤtte auf dem Divan in ihrer Muͤtter Schlafzimmer aufzuſchlagen. Roſine trug (nachdem ſie die Mutter entkleidet und zu Bette gebracht hatte), die neue Peruͤcke und den Tippo Saib in einer Schachtel in die Spukkammer, und legte dann ihr Engelskoͤpf⸗ chen auf das Kiſſen, und nachdem ſie ſich in einem kurzen Gebete dem Schutze der Vorſe⸗ hung empfohlen hatte, entſchlief ſie ſanft. Frau 238 Winter aber konnte nicht ſchlafen, die Bege⸗ benheiten des heutigen Tages hatten ſſe zu ſehr erſchuͤttert. Seit den zehn Jahren, wel⸗ che ſeit dem Tode ihres Gatten verſtrichen waren, hatte ſie ſich ſeiner nie ſo lebhaft er⸗ innert, wie heute. Zum erſtenmale geſtand ſie ſich ſelbſt ein, daß ſie dem redlichen Manne ſo manche bittere Stunde gemacht, und durch den haͤufigen Verdruß, den ſie ihm gemacht hatte, die Veranlaſſung zu ſeinem Tode ge⸗ weſen ſey. Sein Bild ſchwebte ſo lebhaft vor ihren Blicken; ſie ſah ihn, wie er auf dem Sterbebette ſeine Haͤnde bittend emporhob und flehte, daß ſie Roöſinen gut halten, und gegen die Arme, die Niemanden in der Welt mehr habe, als ſie, eine zaͤrtliche, ſorgſame Mutter ſeyn moͤchte. Es fiel ihr ſchwer aufs Herz, daß ſie, ihr ihm hieruͤber gegebenes Wort nicht gehalten, und im Gegentheile das gute Maͤdchen, das ihr mit der kindlichſten Liebe zugethan war, mit Haß und Mißhand⸗ lung behandelt habe. Sie beſchloß reuevoll, ihre bisherigen Fehler wieder gut zu machen, und gleich damit anzufangen, daß ſie ihrer Tochter die freie Wahl eines Gatten ſelbſt zu⸗ geſtehen, und ſie darum nicht mehr mit dem haͤßlichen Syndikus quaͤlen wolle, von wel⸗ chem ſie wohl ſelbſt einſah, daß er nicht ge⸗ egee zu Wel⸗ ſchen er⸗ ſie anne trch acht ge⸗ vor dem hob und Velt ame aufs nes das ſten nd⸗ oll, den, rer zu⸗ em el⸗ ge⸗ verſagen, und ſie wandelte recht froͤhlich an 239 ſchaffen war, ein Maͤdchen wie Roſine gluͤck⸗ lich zu machen. Sie gelobte dem Schatten des Verſtorbenen feierlichſt, von nun an das Gluͤck der guten Roſine zu ihrem einzigen Augenmerke zu machen, und aller ſelbſtiſchen Eigenliebe, ſo wie ihrer thoͤrichten Eitelkeit zu entſagen. Durch dieſe Geluͤbde fuͤhlte ſie ihr Herz erleichtert, und ſchlief endlich, da be⸗ reits der Morgen herandaͤmmerte, beruhigt ein. Viertes Kapitel. Hier geboren, dort erzogen, bin ich hier und dort nicht heim. Roſine ſtand wie geſtern mit dem erſten Strahle der Morgenroͤthe auf und ging, nach⸗ dem ſie einige haͤusliche Geſchaͤfte beſorgt hat⸗ te, in die Fruͤhmeſſe. Nach der Kirche traf ſie Hermannen, der auf ſie gewartet hatte, und ſie beredete mit ihm, ein kleines Waͤldehen zu beſuchen, das ganz nahe an den Thoren des Staͤdtchens lag, und ein recht lieblicher, zu einem Morgenſpaziergange ganz geeigneter Ort war. Da es noch ſehr fruͤh war, und die Mutter, wie ſie gewiß glaubte, noch ſchlief, ſo wollte ſie dem Geliebten die Bitte nicht 240 ſeinem Arme dahin. Hier, umwehet vom fri⸗ ſchen Morgenwind, umduftet von bluͤhenden Buͤſchen ſetzten ſie ſich im Schatten der gruͤ⸗ nen Bäͤume auf einen Stein, und hier entfal⸗ tete Hermann ſein ganzes Herz vor dem ge⸗ Jiebten Maͤdchen, die er bald ſeine Gattinn nennen zu koͤnnen hoffte. Er ſagte ihr, daß ohne ihren Beſitz der Aufenthalt in der Ge⸗ gend(die er doch des Vaters wegen wäaͤhlen muͤßte) ihm unertraͤglich ſeyn wuͤrde. In der Hauptſtadt erzogen, nach den ver⸗ feinerten Sitten der großen Welt gebildet, waren ſeine Anſ ſichten von Allem ſo beſchaf⸗ fen, daß ihn in ſeinem kleinlichen Geburtsorte (wo Spießbüͤrgerlichkeit und Kraͤhwinkelei uͤberall hervorleuchteten) Alles anekeln mußte. „Hier geboren, dort erzogen, bin ich hier und dort nicht heim,“ ſagte er.„Ich ſtehe hier gleich einer Wieſenblume, die in ein kuͤnſtli⸗ ches Treibhaus in ſorgfaͤltig gewaͤhlter Erde verpflanzt ward, und die nun wieder mit dem kalten, trockenen Erdreich des Wiesgrundes vorlieb nehmen ſoll. Das geht nicht! die im uppigen Boden emporgeſchoſſenen Ranken wuͤr⸗ den verdorren, und Geiſt und Herz dabei zu Grunde gehen. Nur du ſuͤßes Geſchoͤpf kannſt das Bindungsmittel zwiſchen meiner Kultur und der gar zu rohen Natur hier werden. in fri⸗ henden r gruͤ⸗ entfal⸗ em ge⸗ battinn daß aͤhlen en ver⸗ ebildet, hpeſchaf⸗ rtsorte vinkelei mußte. ier und he hier kuͤnſtli⸗ - Erde nit dem eundes die im nwuͤr⸗ bei zu kannſt Kultur eerrden. r Ge⸗ 244 Dein lieblich feeundlicher Sinn, deine hoide Sanftmuth und deine zarte unſchuldsvolle Liebe ſoll und wird mich tolerant gegen das mit meinen Gefuͤhlen unvereinbare machen, das mir hier bei jedem Schritte aufſtoßen muß. Roſine ſchmiegte ſich freundlich an ihn an und gelobte, daß ſie Alles aufbieten wolle, um ihn zufrieden und gluͤcklich zu machen; er kuͤßte die zaͤrtlichen Betheuerungen von ihren Lippen und druͤckte ſie feſt an ſein Herz. Wie ſchnell verfliegt die Zeit unter dieſen Ge⸗ ſpraͤchen! Roſine mußte nach Hauſe, ſie war nicht ohne Beſorgniß, daß die Nutter erwacht ſeyn, und ſie vermißt haben koͤnne, und daß dann wieder eine heſtige Szene ſie erwarte. Sie eilte ſo ſchnell als moͤglich fort, fand die Mutter wirklich ſchon aus dem Bette, und erſtaunte nicht wenig, als dieſe, ſtatt ſie mit Scheltworten zu empfangen, ſie zum erſten⸗ mal in ihrem Leben mit mätterlicher Zaͤrtlich⸗ keit kuͤßte und an ihr Herz druͤckte. Das gute Maͤdchen war vor Freuden außer ſich, ſie warf ſich mit ſolchem Entzuͤcken zu der Mut⸗ ter Fuͤßen, daß dieſe Thranen der ruͤhrendſten Freude vergoß. 242 Die geſpenſtiſche Natte. Beſchluß. Als Roſine ihre Mutter ankleiden wollte, und zu dieſem Ende die Schachtel oͤffnete, in welche ſie geſtern Nachts die Peruͤcke aufgeho⸗ ben hatte, da ward mit einemmale das Geſpenſt ſichtbar, das geſtern ſo große Verwirrung an⸗ geſtellt hatte. Zu Roſinens Schrecken ſprang aus der Schachtel eine große Ratte, welche augenblicklich die Flucht ergriff und ſich in ein am Fußboden befindliches Loch rettete. Mitten in dem Haarputz wimmelten ſechs junge, blinde Raͤttchen, welche die Entſprungene dieſe Nacht in dieſem weichen Neſte geboren haben mußte⸗ Die aͤngſtliche Bemuͤhung, ſich ein bequemes Wochenbett zu verſchaffen, war wahrſcheinlich die Urſache ihres Herumgalterns, bis endlich die Peruͤcke in die Schachtel gelegt wurde, und ſie auf dieſe Weiſe ihre Wünſche erfuͤllt ſah. Da das Loch am Fußboden wahrſcheinlich nur die Fortſetzung eines ausgehoͤhlten Gan⸗ ges unter dem Speiſezimmer war, ſo war nun erklaͤrt, wie man auch dort das Geraͤuſch und zwar an verſchiedenen Stellen bemerken konnte. Als Roſine ihrer Mutter zitternd Be⸗ richt von dem Unfalle gab, und ihr die neu⸗ gebot widen Vorf Allem ſagte dieſen ſprac Putz Haa wie Auch ner ſchre die 5 laſſe Mi ſiunt aus zun mit Fra ligte um war und leu ußte. hemes nlich adlich irde, fuͤllt nlich Gan⸗ war uſch rken Be⸗ leu⸗ 243 geborne Rattenfamilie zeigte, lachte dieſe, ganz wider die Erwartung der Tochter, uͤber den Vorfall. Sie befahl ihr, die Schachtel ſammt Allem darin befindlichen wegzuwerfen. Sie ſagte, ſie fuͤhle, daß ſie bereits zu alt ſey, um dieſen Thorheiten laͤnger anzuhaͤngen. Sie ver⸗ ſprach Roſinen, ihr allen ihren jugendlichen Putz zu ſchenken, ſich in Hinkunft ihrer grauen Haare nicht zu ſchaͤmen und ſich ſo zu kleiden, wie es einer Frau von ihren Jahren gezieme. Auch machte ſie ihr bekannt, daß ſie ſich fer⸗ ner nicht vor den Bewerbungen des Stadt⸗ ſchreibers zu fuͤrchten habe, und daß ſie ihr die Wahl ihres kuͤnftigen Gatten ſelbſt uͤber⸗ laſſen wolle. Roſine war entzuͤckt uͤber die Guͤte ihrer Mutter; da ſie ſelbe ſo gut fuͤr ſich ge⸗ ſinnt fand, hielt ſie es fuͤr ihre Pflicht, ihr aus ihrer Liebe zu Hermann kein Geheimniß zu machen. Sie entdeckte ihr ihr Verhaͤltniß mit ihm, und bat um ihre Einwilligung. Frau Winter umarmte ihre Tochter, und bil⸗ ligte von ganzem Herzen ihre Wahl. Der Major kam noch an dieſem Tage, um Roſinen fuͤr ſeinen Sohn zu begehren, er ward von der Mutter ſehr wohl aufgenom men, und ſie ſegnete die beiden Liebenden aus vol⸗ lem Herzen. Die Hochzeit ward nach kurzer . O 2 244 Friſt vollzogen, und die glaͤnzende Tafel in eben jenem Speiſezimmer gehalten, wo vor einigen Wochen die vermeintliche Spuckge⸗ ſchichte vorgefallen war. Frau Winter, voll heiterer munterer Laune, erzaͤhlte ſelbſt dem Major und den anweſenden Gaͤſten jenes laͤ⸗ cherliche Abenteuer, das, wie ſie offenherzig geſtand, ſo viel Antheil an ihrer Sinnesaͤn⸗ derung hatte. Der Major war der Erſte, der das Glas ergriff, um auf das Wohl der ge⸗ ſpenſtiſchen Ratte zu trinken, durch die ſo viel Gutes geſchehen war, und alle Gaͤſte folgten ihm. Die Liebenden dachten aber nicht nur an die ſem Tage, ſondern an jedem Tage ihres Lebens mit dankbaren Gefuͤhlen an jenen Zufall, denn ſie waren durch ihn unausſprech⸗ lich gluͤcklich geworden. d vor uckge⸗ „ voll dem es laͤs Herzig esaͤn⸗ ſe, der er ge⸗ die ſo Gaͤſte nicht Tage jenen rech⸗ fel in VI. Sinnenreitz und Seelenlieb c. Eine Erzählung. C= 8=—-—— In der lebhaften, glaͤnzenden Reſidenzſtadt B. lebte der Baron von Mailberg. Er war jung, reich, ſchoͤn und unabhaͤngig. In einem Alter von zweiundzwanzig Jahren hatte er⸗ ſeine Eltern verloren, und war unumſchraänk⸗ ter Herr eines großen Vermoͤgens geworden. Ein heller Verſtand, durch gute Erziehung ausgebildet, ein edles, menſchenfreundliches Herz, verbunden mit der feinſten Urbanitaͤt machten ihn zu einem liebenswuͤrdigen Manne. Sein unbeſcholtener Ruf und die ſtrenge Sitt⸗ lichkeit ſeines Lebenswandels erwarb ihm die allgemeine Achtung. In ſo fruͤher Jugend ſich ſelbſt uͤberlaſſen, im Geraͤuſche der großen Welt, allen Anlockungen und Sefahren der Verfuͤhrung ausgeſetzt, gehoͤrte gewiß viel So⸗ liditaͤt des Charakters dazu, um ſeine Tugend fleckenlos zu bewahren. Mailberg bewahrte ſie. Mit reinem Herzen und Sitten ſchritt er im Selbſtgefuͤht ſeines Werthes gleich einem 248 Halbgotte einher. Bluͤhend und ſchoͤn glich er dem vatikaniſchen Apoll, und ſeine edlen Zuͤgs ſchienen von einer hehren Glorie umfloſſen. Jeder ſchoͤne Buſen hob ſich hoͤher, wenn er in eine Geſellſchaft trat. Jedes weibliche Auge blickte ihm ſehnſuͤchtig nach, wenn er auf ſei⸗ nem arabiſchen Hengſte, unter deſſen toͤnenden Hufen Funken ſtoben, die Straßen durchflog. Auf den Baͤllen klopfte jedes Herz in banger Erwartung, wen er zum Tanze waͤhlen wuͤr⸗ de; die Gewaͤhlte ſah dann mit Stolz auf ihre Geſpielinnen, die ſie um dieſen Vorzug beneideten. Bei allem Eindrucke, welchen der Baron auf die Herzen der Damen machte, blieb das ſeine ſtets unbefangen; er war gegen alle gleich artig, und gab er ja einmal einer unter ihnen einen beſondern Vorzug, ſo war es geiviß die Unbedeutendſte und darum von allen Maͤnnern vernachlaͤſſigte, die er vorzog. Dieſe ſchonende Guͤte gegen jene armen Ge⸗ ſchoͤpfe, welche gewoͤhnlich ſo manchen Kraͤn⸗ kungen bei geſellſchaftlichen Unterhaltungen ausgeſetzt ſind, erwarb ihm ihre graͤnzenkoſe Dankbarkeit. Das Betragen der meiſten jun⸗ gen Männer auf Baͤllen und in Geſellſchaften iſt weit verſchieden von jenem des Barons. Es iſt empoͤrend, mit welcher veraͤchtlichen Gleichguͤltigkeit ſie alle Frauenzimmer behan⸗ ich er Zuͤgs gegen einer war von rzog. Ge⸗ 2 raͤn⸗ agen loſe jun⸗ ften ons. cen an⸗ mit einem alten, graͤmlichen Manne verheira⸗ 249 deln, welche ſich nicht durch Schoͤnheit aus⸗ zeichnen, oder ſie durch Koketterie anziehen. Es iſt, als wollten ſie dieſen ſchimmernden Schoͤnheiten auf Koſten ihrer minderglaͤnzen⸗ den Mitſchweſtern ein Opfer bringen. Der edle, feinfuͤhlende Mann wird ſich nie ſo zu handeln erlauben. Er wird fuͤhlen, daß es wider den wahren guten Ton, daß es wider die Geſetze des geſellſchaftlichen Vereins ſtrei⸗ tet, es ſelbſt gegen das unbedeutendſte Mit⸗ glied der Geſellſchaft an Achtung und Auf⸗ merkſamkeit fehlen zu laſſen. Mailberg war zu edel, zu feinfuͤhlend, um nicht nach dieſen Grundſaͤtzen zu handeln. Er war der Be⸗ ſchutzer aller Unterdruͤckten. Keiner von den eleganten Herren durfte es wagen, ſich unan⸗ ſtändig gegen das haͤßlichſte oder anſpruchs⸗ loſeſte Frauenzimmer zu betragen. Er wußte es gewiß dahin zu bringen, daß die Beleidigte auf eine, fuͤr ihren Gegner beſchaͤmende, Art Genugthuung erhielt. Es kam eine fremde Dame nach B., de⸗ ren Schoͤnheit und Geiſtesbildung allgemeines Aufſehen erregte. Auch Mailberg ſah ſie und mufßte geſtehen, daß er nie etwas reizenderes geſehen habe. Pauline von Fallborn war eine junge Wittwe. Sie war nur wenige Jahre 250 thet geweſen, welchen zu nehmen, ſie von ihrer Familie gezwungen ward. Sie hatte außerſt mißvergnuͤgt mit ihm gelebt. Vor kurzer Zeit hatte er zu ihrem Vergnuͤgen den klugen Einfall gehabt, zu ſterben, und ſie zur Erbinn ſeines betraͤchtlichen Vermoͤgens ein⸗ zuſetzen. Ihr alter, eiferſuͤchtiger Tirann hatte ſie gezwungen, in gänzlicher Abgeſchiedenheit mit ihm auf dem Lande zu leben. Sie kam jetzt, da ſie frei war, nach B. um ſich dort zu etabliren, und ſich fuͤr die erlittenen Drang⸗ ſale durch heiteren Lebensgenuß zu entſchaͤ⸗ digen.. Frau von Fallborn war ſchoͤn, ſie war mehr als ſchoͤn, ſie war aͤußerſt liebenswuͤr⸗ dig. Es war über ihr ganzes Weſen eine un⸗ nachahmliche Grazie verbreitet, die Allem, was ſie that, einen eigenen, bezaubernden Liebreiz gab. Wenn die ſchoͤn geformten Lip⸗ pen ſich oͤffneten und der weißen Perlenzaͤhne Schmelz zwiſchen ihnen hervorblinkte, die ſchoͤ⸗ nen, dunkelblitzenden Augen dabei ſo hell und klar unter den feingetuſchten Bogen durch die langen, ſeidenen Wimpern freundlich durch⸗ ſchimmerten; ein holdes Lächeln ſich uͤber das reizende Geſicht ergoß und in den zarten Ro⸗ ſenwangen ſich kleine Gruͤbchen formten, dann war man wie feſt an ihren Anblick gee von hatte Vor den ie zur ein⸗ hatte enheit kam dort ang⸗ ſchaͤ⸗ war wuͤr⸗ 2 un⸗ Ulem, nden Lip⸗ ihne choͤ⸗ und die rch⸗ das Ro⸗ ten, ge⸗ 4* 231 bannt, und konnte ſich nicht ſatt an ihr ſehen. Ihre Geſpraͤche waren witzig und geiſtvoll, und ihre Talente ausgebildet. Sie ſpielte das Fortepiano meiſterhaft, ſang ſo gut als Cata⸗ lani, tanzte wie Terpſichore, zeichnete und mahlte vo rtrefflich, ſprach alle gebildeten Spra⸗ chen mit großer Gelaͤufigkeit, kurz, ſie war ein Inbegriff von Allem, was eine ſeinge⸗ bildete Dame charakteriſirt. Mailberg ſah dieß reizende Weib, und ſein bisher fuͤr die Liebe unempfaͤngliches Herz war beim erſten Anblicke gefangen. Auf Pau⸗ linen machte die ſchoͤne, edle Geſtalt des jun⸗ gen Mannes den lebhafteſten Eindruck. Naͤ⸗ here Erkundigungen, welche ſie einzog, uͤber⸗ zeugten ſie, daß eine Verbindung mit ihm das hoͤchſte Gluͤck fuͤr ſie ſeyn wuͤrde. Bei ihrem Scharfſinne wußte ſie bald, welche Rolle ſie zu ſpielen hatte, um ihn zu feſſeln, und ſie ſpielte ſo ſchoͤn, daß Mailbergs Leiden⸗ ſchaft fuͤr ſie bald den hoͤchſten Gipfel erreichte, und er zu ihren Fuͤßen ihr ſein Herz und ſeine Hand zum Opfer brachte. Pauline, welche ihren Zweck erreicht hatte, fand kei⸗ nen Grund, ihn lange ſchmachten zu laſſen; ſie geſtand ihm Gegenliebe. Kein Hinderniß ſtellte ſich dieſer Verbindung entgegen, und „ ſie ward, da der Baron bei feierlichen Hand⸗ 292 lungen kein Geraͤuſch liebte, im Stillen voll⸗ zogen. Der Baron fuͤhrte ſeine ſchoͤne Gemah⸗ linn auf ſeine Guͤter, wo er den Sommer durch bloß den ſuͤßen Gefuͤhlen der Zaͤrtlich⸗ keit im Genuſſe der ſchoͤnen Natur ſich uͤber⸗ laſſen wollte. Auch Pauline ſchien ſich un⸗ ausſprechlich gluͤcklich zu fuͤhlen, denn der ſchoͤunſte und liebenswuͤrdigſte aller Maͤnner war ihr zu Theil geworden. Mailbergs Guͤter lagen in einer ſehr ſchoͤnen Gegend, welch' ein Goͤttergenuß fuͤr ihn in den Armen der Liebe, an dem Buſen der Natur zu ſchwel⸗ gen! Halbe Tage ſchwaͤrmte das gluͤckliche Ehepaar in dieſen ſchoͤnen Gefilden umher. Bald ſaßen ſie auf einem bemoosten Steine am rauſchenden Waſſerfalle, und der Laut ihrer Kuͤſſe vermiſchte ſich mit dem Geraͤuſche der Wellen. Oder ſie erſtiegen die Gipfel der hohen Berge. Dann ſahen ſie hin in die weite Ebene, in die reichen Felder, die lachenden Wie⸗ ſen, die friedlichen Doͤrfer weit unter ihnen. Ueber ihnen das blaue, azurne Gewoͤlbe des Himmels, von dem die goldene Sonne freund⸗ lich auf ſie herabſchimmerte. Im innigſten Gefuͤhle ihres Gluͤckes ſchloßen ſie ſich feſt in die Arme und fuͤhlten die ganze Fuͤlle irdiſcher Biheſigieſe 1 ah⸗ mer lich⸗ ber⸗ un⸗ der nner uͤter lelch der wel⸗ iche her. reine Laut ſche der eite Vie⸗ telt. des nd⸗ ten in ..1 — 253 Der Sommer war vergangen; der Herbſt⸗ wind fuhr uͤber die Felder, und raſſelte mit den gelben, abgefallenen Blaͤttern. Taͤglich wurden die Baͤume ihres Schmuckes mehr beraubt, und drohten bald nackt und blätter⸗ los dazuſtehen. Dichte Nebel lagen auf den Gebirgen und loͤſten ſich in Regen auf, den der kalte Nordwind platſchernd an die Fen⸗ ſter peitſchte. Der Aufenthalt auf dem Lande fing an unangenehm zu werden. Pauline aͤußerte den Wunſch, nach B. zuruͤckzukehren, welches um ſo noͤthiger ſchien, da ſie ſich Mutter fuͤhlte und kraͤnkelte. Sie bedurfte aͤrztliche Huͤlfe, die ihr auf dem Lande gaͤnz⸗ lich fehlte. Dieſer Vorſatz wurde bald aus⸗ gefuͤhrt, und nach wenigen Tagen ſaß Pau⸗ line in der Loge des Opernhauſes, wo ihr der Geſang der erſten Saͤngerinn mehr Vergnuͤ⸗ gen gewaͤhrte, als ihr die Zaubermelodieen Philomelens in den Laubgebuͤſchen ihres Par⸗ kes je gegeben hatten, ſo ſehr ſie auch in je⸗ nen Zeiten der Begeiſterung das Gegentheil zu fuͤhlen glaubte. Pauline war eitel, ſie liebte das Vergnuͤ⸗ gen und die große Welt. Nur der erſte Tau⸗ mel der Le idenſchaft hatte ſie hinreißen koͤn⸗ nen. Die Flitterwochen waren vorbei; der ſchoͤne, angehetete Mann war ihr angetrauten Gemahl, der nicht mehr zu ihren Fuͤßen ſchmachtete und ſie taͤglich zehnmal mit der Liebesgoͤttinn verglich. Man wuͤrde Paulinen Unrecht thun, wenn man ihre Treue gegen Mallberg in Verdacht ziehen wollte, ſie liebte ihn noch immer, wenn auch ſchon jene uͤber⸗ ſpannte Leidenſchaft etwas gedaͤmpft war. Aber ſie war gewohnt zu glaͤnzen und ange⸗ betet zu werden. Es gefiel ihr, einen Schwarm von Gecken um ſich verſammelt zu ſehen, die nur von ihren Blicken zu leben ſchienen. Mailberg konnte ſich nicht enthalten, heim⸗ lich die Bemerkung zu machen, daß er ſich in Paulinens Charakter doch ein wenig ge⸗ irrt habe, und daß ſie nicht frei von Kokette⸗ rie ſey. Noch war er aber zu ſehr in ſie ver⸗ liebt, um nicht fuͤr jeden ihrer Fehler Ent⸗ ſchuldigung zu finden. Auch zeigte ſie ihm bei jeder Gelegenheit ſo viel Anhaͤnglichkeit, daß er ihrem lebhaften Charakter den Hang zum Vergnuͤgen gerne uͤberſah, und ihrer Eitelkeit gerne dieſe kleinen Triumpfe goͤnnte. Er hoff⸗ te, daß ſie, ſobald ſie Mutter ſeyn wuͤrde, von heiligeren Gefuͤhlen angezogen gern frei⸗ willig Verzicht auf dieſe Armſeligkeiten lei⸗ ſten wuͤrde.— Dieſer ſo ſehnlichſt gewuͤnſchte Zeitpunt erſchien. Pauline gebar eine Tochter, die ihr * 255 Ebeubild war, und ſchou jetzt verſprach, einſt eine eben ſo vollendete Schoͤnheit zu werden, wie die Mutter. Mailberg war außer ſich vor Entzuͤcken, er drückte bald den kleinen Engel, bald die geliebte Gattinn an die Bruſt, indeſſen Pauline ſich mit der Wahl ihres Wo⸗ chenbett⸗Putzes beſchaͤftigte, das Kind fluͤch⸗ tig kuͤßte, und dann der gedungenen Amme uͤberließ, da ſie aus Furcht, einen Theil ihrer Reitze zu verlieren, ſich nicht entſchließen konn⸗ te, ihre Mutterpflichten zu erfuͤllen, und das Kind ſelbſt zu naͤhren. Ihre Weigerung, hier⸗ in Mailbergs Wunſch zu erfuͤllen, machte ihn zum erſtenmale wahrhaft unzu frieden mit ihr⸗ Er konnte ſich nicht entbrechen, ihr ſeine Un⸗ zufriedenheit merken zu laſſen. Sie weinte und beſchuldigte ihn des Mangels an Liebe, da er ihre zarte Geſundheit der Gefahr aus⸗ ſetzen wollte. Vergebens berief ſich der Baron auf das Beiſpiel hundert anderer eben ſo zar⸗ ter Frauen; vergebens bewies er ihr, daß die Natur dem Weibe dieſe Beſtimmung gegeben habe, und daß nie etwas zum Nachtheil der Geſundheit ſeyn koͤnne, was die Natur ſelbſt zugemeſſen habe. Alles, was er ſagen konnte, war tauben Ohren gepredigt, und die kleine Henriette mußte ihre erſte Nahrung aus dem Buſen einer Fremden ſaugen, weil ihre eitle 288 Mutter ihr den ihrigen verſagte. Dieß war der erſte Stoff zu ernſtlichem Verdruſſe, den der Baron gegen ſeine Gemahlinn fuͤhlte. Dieſes Widerſtreben, eine ihr heilig ſeyn ſol⸗ lende Pficht zu erfuͤllen, verletzte ſein Herz. Er begann von dieſem Augenblicke an, ſie nicht mehr mit den Augen eines verblendeten Liebhabers anzuſehen, der Zauber war ver⸗ ſchwunden, und Mailberg war nicht mehr gluͤcklich. Pauline ging aus ihrer Wochenſtube ſchoͤs ner als je hervor, und glaͤnzte wieder in al⸗ len Zirkeln als die Seele der Geſellſchaft. Sie ſah die kleine Henriette taͤglich einmal, fand ſie allerliebſt und ſchickte ſie dann in die Kinderſtube zuruͤck, ohne ſich durch ſie von irgend einer Unterhaltung abhalten zu laſſen, Mailberg, der das Kind uͤber Alles liebte, fuͤhlte mit tiefem Schmerze den Leichtſinn der Mutter, die von einem Strudel der Zerſtreu⸗ ung fortgeriſſen, bloß fuͤr das Vergnuͤgen zu 1 jeben ſchien. Es kam ein fremder Prinz mit ſeiner Ge⸗ mahlinn nach B. Ihm zu Ehren wurden bei Hofe verſchiedene Feſte gegeben. Da Mailberg vom erſten Adel und einer der reichſten Ka⸗ * paliere war, mußte er mit ſeiner Gemahlinn dabei erſcheinen. Paulinens Schoͤnheit, durch war e, den fuͤhlte. n ſol⸗ Herz. ſie andeten r vers⸗ mehr le ſchoͤs in al⸗ ſchaft. inmal, in die ie von laſſen, liebte, un der ſtreu⸗ gen zu * er Ge⸗ en bei ilberg 1 Ka⸗ hlinn durch 257 den geſchmackvollſten Putz erhoͤht, zog des Fuͤrſten Aufmerkſamkeit an. Ihr Witz, ihr Geiſt, ihre Liebenswuͤrdigkeit bezauberten ihn. Auf den Hofbaͤllen war ſie ſeine Taͤnzerinn, bei jeder Luſtparthie waͤhlte er ſie zur Ge⸗ faͤhrtinn, er bewies ihr ſo viel Aufmerkſam⸗ keit und zeichnete ſie durch beſonderen Vor⸗ zug ſo aus, daß ſeine Leidenſchaft bald von dem ganzen Hofe bemerkt ward. Der Prinz war ein ſchoͤner Mann, der in dem Rufe ſtand, ungeachtet er verehlicht war, ein be⸗ ſonderer Verehrer ſchoͤner Frauen zu ſeyn. Ein Hang, der ſeine Gemahlinn(eine edle, tugendhafte Prinzeſſinn) ſehr unglüͤcklich machte, da ſie ihn zaͤrtlich liebte. Paulinens Hang zum Vergnügen, ihr Leichtſinn und beſonders ihre Eitelkeit(dieſe gefäͤhrliche Klippe, an der ſchon ſo manche weibliche Tugend ſcheiterte) wuͤrden dem Prin⸗ zen den Sieg uͤber ihr Herz leicht gemacht haben, wenn Pauline ihren Gatten nicht noch wirklich geliebt haͤtte, obgleich ſie ihn etwas ſcheute, da ſie in ſeinen Blicken die Mißbilli⸗ gung ihres thoͤrichten Betragens las, unge⸗ achtet er bisher noch nichts daruͤber geſprochen hatte. Sie gab ſich dem ſuͤßen Gefuͤhle, die ausgezeichnete, von dem Prinzen bewunderte⸗ Schoͤnheit zu ſeyn, mit dem ganzen Triumphe R 238 der weiblichen Eitelkeit hin. Sie ſog begierig den Honigſeim der Schmeichelei ein. Sie er⸗ wiederte ſeine ſchmachtenden Blicke mit jenen Zauberblitzen aus ihren dunkeln Augen, die ihr zu Gebothe ſtanden, und die nie ihre Wir⸗ kung verfehlten. Sie zog durch tauſend Kos kettenkuͤnſte ihn bald an, ſtieß ihn bald zuruͤck, um ihn dann wieder anzuziehen. Sie trieb mit einem Worte jenes loſe Spiel, das jene heilloſen Feen im uͤbermuͤthigen Gefuͤhle ihrer Reize ſich ſo gern mit Maͤnnern erlauben, die ſchwach genug ſind, ihre Feſſeln nicht abzu⸗ ſchuͤtteln. Sie liehte den Prinzen nicht; ſie wollte ſich nur unterhalten, wollte Vergnuͤgen genießen, aber treulos wollte ſie nicht werden, ihre Tugend wollte ſie ihrer Eitelkeit nicht zum Opfer bringen. Wie unvorſichtig ging Paulne in die Schlinge! Wer kann bei dieſem gewag⸗ ten Spiele ſagen: bis hierher und nicht wei⸗ ter! Das Weib, das den Mann, deſſen Vor⸗ haben: ſie zu verfuͤhren, ſie bemerkt, anhoͤrt, iſt verloren; beſonders wenn es ein Mann iſt, der wirklich liebenswuͤrdige Eigenſchaften be⸗ ſitzt; den oft noch ſein Rang in ein Verhaͤlt⸗ niß mit ihr bringt, daß ſie, wenn ſie ſeine Annaͤherung nicht gleich im Anfange vermei⸗ det, ſich nicht leicht wieder loszuwinden ver⸗ mag. Und dann, aufgeregte Sinnlichkeit, ein egierig Hie er⸗ jenen , die 4 Wir⸗ d Ko⸗ uruͤck, trieb s jene ihrer n, die abzu⸗ bt; ſie nuͤgen derden, ht zum aulne ewag⸗ t wei⸗ Vor⸗ nhoͤrt, nn iſt, en be⸗ rhaͤlt⸗ ſeine ermei⸗ ver⸗ , ein 259 einziger unbewachter Augenblick, Gelegenheit, die der geuͤbte Verfuͤhrer nur zu wohl her⸗ beizufuͤhren verſteht, und ſie faͤllt. Darum noch einmal; wer den Verfuͤhrer um ſich dul⸗ det, hat ſchon halb eingewilligt, ſeine Beute zu werden. Mailbergs Auge ſah zu hell, um nicht zu bemerken, welchen Weg Pauline ging, und welcher Gefahr ſie ſich ausſetzte. Er konnte nicht gleichguͤltig dabei bleiben, und er verbarg ihr nicht, wie unzufrieden er mit ihr ſey, wie ſehr er ſein Herz und mehr noch ſeine Ehre durch die zweideutigen Geruͤchte gekränkt füͤhle, welche auf ihre Unkoſten bei Hofe und in der Stadt herumgingen. Er machte ihr bittere Vorwuͤrfe uͤber ihr leichtſinniges Betragen und forderte, ſie ſolle ſich unter dem Vorwande einer Unpaͤßlichkeit zuruͤckziehen, um dem Prin⸗ zen auf ſchickliche Art ausweichen zu koͤnnen. Pauline, welche ſich bewußt war, bis jetzt noch nichts gethan zu haben, das ihr Unrecht ſchien, nahm ſeine Zumuthungen ſehr uͤbel. Sie verſicherte ihn, daß ſie zu viel Urſache habe, ſich ſelbſt zu vertrauen, um einer einge⸗ bildeten Gefahr auszuweichen; daß ſie zu ſtolz ſey, eine Luͤge zu erſtünen, und daß ſie uͤber⸗ haupt nicht Luſt habe, ſich einzuſperren, um ſeine uͤbelangebrachte Eiferſucht zu beruhigen. 260 Daß ſie geglaubt, auf ſeine Achtung An⸗ ſpruch zu haben, und darum berechtigt zu ſeyn, ſich von ſchimpflichen Verdachte befreit zu glauben. Sie zeigte bei dieſer Unterredung ſo viel Stolz, Haͤrte und Trotz, daß Mailberg ſie mit Unwillen und im bitterſten Gefuͤhle des Unmuthes verließ.⸗ In der Ehe iſt gewoͤhnlich der erſte ernſt⸗ liche Streit(beſonders wenn er bis zu Aus⸗ bruͤchen der Heftigkeit koͤmmt) die Urſache von mehreren folgenden, und oft folgt aus ihm die gaͤnzliche Aufloͤſung einer unter den ſchoͤn⸗ ſten Ausſichten geſchloſſenen Verbindung. Die wenigſten Menſchen ſind ſo ganz von Eigen⸗ liebe frei, daß ſie ihre Schwaͤchen ohne Groll aufgedeckt, und ſich daruͤber zur Rede geſtellt ſehen koͤnnen. Meiſtens bleibt ein Widerwil⸗ len gegen denjenigen zuruͤck, der es wagte, dieſe mißtoͤnenden Saiten zu beruͤhren. Nur eine aͤußerſt zarte Behandlung, ein unvermerk⸗ tes Dahinfuͤhren, daß der fehlende Theil ſelbſt ſein Unrecht fuͤhlt, kann ſo wirkſam ſeyn, daß das Herz des Bereuenden noch feſter an den ſich knuͤpft, gegen den es ſich vergangen hat. Die ſchonende Guͤte des Beleidigten gegen den Schuldigen ſammelt Kohlen auf deſſen Haupt, und zermalmt auch das verhaͤrtetſie Herz durch Reue. An⸗ ggt zu befreit edung ilberg le des ernſt⸗ Aus⸗ e von s ihm choͤn⸗ Die Figen⸗ Broll eeſtellt rwila dagte, Nur nerk⸗ ſelbſt daß den hat. egen eſſen etſte 261 Wenn Mailberg nach dieſen Grundſätzen gehandelt haͤtte, wuͤrde es ihm wahrſcheinlich gelungen ſeyn, Paulinen zur Erkenntniß und Reue zuruͤckzufuͤhren. Aber wer iſt immer faͤ⸗ hig, mit Ueberlegung zu handein, wenn Leiden⸗ ſchaft die Bruſt erfuͤnt, wenn das Bewußtſeyn, Recht zu haben, den Unwillen gegen den Be⸗ leidiger erweckt, und die Haͤre, mit welcher dieſer ſein Unrecht laͤugnet, ſelben noch immer vermehrt. Der Baron hatte Paulinen ſo gren⸗ zenlos geliebt, er hatte ſich nicht das kleinſte Unrecht vorzuwerfen, er hatte Alles in der Welt fuͤr ſie gethan, und ſie wollte ihm nicht einmal dieß kleine Opfer bringen, das ſie doch ſeiner, ja ihrer eigenen Ehre zu bringen ſchul⸗ dig war. Pauline ihrerſeits huͤllte ſich in ihr ſtolzes Selbſtgefuͤhl. Sie verſchloß abſichtlich die Augen vor allem Uebrigen. Sie wollte ihr Unrecht nicht fuͤhlen, weil es ihre Eitelkeit beleidigte, ſelbes einzugeſtehen; daher blieb ſie nur immer bei dem Gedanken ſtehen:„ich ha⸗ be noch keine meiner Pflichten verletzt, und ver⸗ diene dieſen kraͤnkenden Verdacht nicht.“ Sie bedachte nicht, daß es fuͤr ein Weib nicht ge⸗ nug iſt, ſchuldlos zu ſeyn, daß es ihr Pflicht iſt, auch den Schein zu vermeiden. Weib⸗ liche Ehre iſt eine zarte Bluͤthe, von dem giftigen Hauche entehrender Geruͤchte getrof⸗ 262 en, bebt ſie ſelten das zerknickte Haupt mehr empor! Die Herzen der beiden Gatten entfernten ſich taͤglich mehr von einander; in ihrem ge⸗ genſeitigen Betragen herrſchte eine ſchneidende Kaͤlte; ſie vermieden ſich, ſo viel ſie konnten, und vermochten kaum ſo viel uͤber ſich, ihr Verhaͤltniß vor den Augen der Welt zu ver⸗ bergen. Doch wie konnte ein ſolches Verhaͤltniß lange verborgen bleiben?— Der Prinz, der Paulinen nicht aus den Augen ließ, bemerkte mit Vergnuͤgen die Uneinigkeit, die zwiſchen ihr und dem Baron herrſchte, und hoffte Vor⸗ theil fuͤr ſich daraus zu ziehen. Er verdoppelte ſeine Aufmerkſamkeit, er gab glaͤnzende Feſte, deren Koͤnigiun ſie war, und that mit einem Worte Alles, was ihrem Stolze, ihrer Eitel⸗ keit ſchmeicheln konnte. Ihr Mißverhaͤltniß mit Mailberg, deſſen kaltes, finſteres Betragen ge⸗ gen ſie machten ſie nur zu geneigt, die ſchmei⸗ chelnde Verehrung des Verfuͤhrers zu dulden. Sie ſchloß ſich immer ſeſter(zwar, wie ſie meinte, nur mit wohlwollenden, dankbaren Gefuͤhlen) an den, der ihren Werth zu ſchaͤt⸗ zen wußte, und floh den finſtern, tadelſuͤchti⸗ gen Gemahl, in deſſen Blicken ſie ſtets Vor⸗ würfe las. Pauline taumelte im Vergnügen und Sinnenrauſche fort, ihr guter Name, mehr rnten n ge⸗ dende nten, „ ihr l ver⸗ aͤltniß , der nerkte iſchen Vor⸗ pelte Feſte, einem Eitel⸗ ß mit n ge⸗ hmei⸗ Iden. 2 ſie daren chäͤt⸗ chti⸗ Vor⸗ ügen ane, 263 ihr Ruf war unwiederbringlich verloren. Sie war nahe an den Rand des Abgrundes getre⸗ ten, und wuͤrde gewiß hineingeſtuͤrzt ſeyn, wenn ihr nicht die Augen gewaltſam geoͤffnet worden waͤren. Mailberg erhielt einen Brief, der ihn auf einige Monate von B. abrief. Da er ſchon lange mit ſeiner Gemahlinn auf ſehr fremdem Fuße gelebt hatte, ſo fiel es dieſer eben nicht ſeor auf, daß er nicht Abſchied von ihr nahm. Mit Henrietten letzte ſich der Baron noch vor der Abreiſe, nachdem er der Waͤrterinn(einer redüchen, vernuͤnftigen Frau) das Kind auf die Geele gebunden, und ihr bei ſeiner Zuruͤck⸗ kunft reiche Belohnung verſprochen hatte. Als er den Reiſewagen beſtieg, uͤbergab er dem Haushofmeiſter einen Brief, mit dem Befehl, ſelben der Baroninn zu uͤbergeben. Der Haus⸗ hofmeiſter befolgte dieſen Befehl; Pauline er⸗ brach das Schreiben mit Schrecken, und las, wie folgt.. Nadame! „Das druͤckende Mißverhaͤltniß, welches ſeit einiger Zeit zwiſchen uns beſteht, iſt von der Art, daß unſere beiderſeitige Ruhe eine Veraͤnderung unſerer Lage nothwendig macht. Wir haben uns beide in den Erwartungen betrog en, welche wir von einer Verbindung 264 hatten, die unter ſo ſchoͤnen Ausſichten ae⸗ ſchioſſen ward, und uns ſo viele Gluͤckſeligkeit verſprach. Ohne mich in weitlaͤufige Eroͤrte⸗ rungen einzulaſſen, um darzuthun, wer von uns beiden die Schuld dieſer grauſamen Si⸗ tuation traͤgt, begnuͤge ich mich, Ihnen zu ſagen, daß ſie mir unertraͤglich iſt, und daß ich Alles aufbieten muß, ſelbe zu enden, wenn ich nicht daruͤber zu Grunde gehen ſoll. Dieſe Gruͤnde haben mich bewogen, eine gerichtliche Scheidung anzuſuchen. Ich habe die Bewilli⸗ gung bereits erhalten, und ſchließe ſelbe bier bei. Es freut mich, Sie von einer Verbindung befreien zu koͤnnen, die unter dieſen Umfaͤn⸗ den nur ein druͤckendes Joch fuͤr beide gewe⸗ ſen waͤre. Da ich Ihuen fuͤr den ſchoͤnen Wahn von Gluͤckſeligkeit(den ſie mir durch einige Zeit zu geben ſo guͤtig waren) Verpflichtun⸗ gen habe, ſo hat mein Sachwalter den Auf⸗ trag erhalten, jede Bedingung einzugehen, wel⸗ che Sie machen wollen, die einzige ausgenom⸗ men, Ihnen unſer Kind ausfolgen zu laſſen. Ihr bisheriges Betragen gegen die arme Hen⸗ riette uͤberzeugt mich, daß es Ihnen ſehr leicht werden wird, ſie zu miſſen, wo ich im Ge⸗ gentheile durch dieſen Verluſt hoͤchſt ungluͤck⸗ lich werden wuͤrde. Waͤhlen Sie uͤbrigens von meinen Guͤtern, welches Sie wollen, Laßenſee ge⸗ ligkeit oͤrte⸗ von Si⸗ n zu daß venn Dieſe tliche villi⸗ bier dung ſaͤn⸗ ewe⸗ Lahn inige tun⸗ Auf⸗ wel⸗ oin⸗ ſſen. den⸗ icht Ge⸗ ck⸗ von ſee 268 ausgenommen, welches ich fuͤr mich und Hen⸗ rietten zum Wohnorte beſtimmt habe. Oder ſollten Sie mehr Vergnuͤgen finden, in B. zu wohnen, ſo habe ich befohlen, daß Ihnen auch mein Palais ganz eingeraͤumt und Sie in deſ⸗ ſen voͤlligen Beſitz geſetzt werden. Leben Sie wohl und gluͤcklich, wenn Sie dieß noch wer⸗ den koͤnnen.“ Ernſt Freiherr v. Mailberg. Als Pauline dieſes Blatt las, ward ſie heftig erſchuͤttert. So weit hatte ſie nicht ge⸗ glaubt, daß es kommen wuͤrde. Sie war nicht laſterhaft, ſie war nur eitel und unbeſonnen. Wie Schuppen fiel es jetzt von ibren Augen, ſie ſah mit einem Male, an welchem Abgrunde ſie geſtanden, welch einen Mann ſie verloren habe!— Doch empoͤrte ſich ihr Stolz, nach⸗ geben wollte ſie durchaus nicht, und ſo faßte ſie den Entſchluß, B. augenhlicklich zu ver⸗ laſſen, und ſich vor Mailberg, ſo wie vor den Augen der ganzen Welt zu verbergen. Sie druͤckte ihre Tochter mit tauſend Thraͤnen an ihr Herz, und reiſte dann ab, ohne von Mailbergs großmuͤthigen Anerbiethungen Ge⸗ brauch zu machen. Sie nahm nichts von ihm, nicht einmal die Geſchenke, ſo ſie volk ihm erhalten hatte. Nur ſein Portrait, von wel⸗ chen ſie die reiche Einfaſſung abloͤſte, benetzte 266 ſie mit ihren Thraͤnen, und verbarg es in ihren Buſen. Als der Sachwalter am andern Tage kam, um im Namen des Barons mit ihr zu unterhandeln, hoͤrte er mit Erſtaunen, daß ſie abgereiſt ſey, ohne zu ſagen wohin. Er war ſehr betroffen daruͤber, und verfuͤgte ſich dann zu Madame Mayer, Henriettens Waͤrterinn, welcher er den Befebl uͤberbrachte, ſogleich mit dem Kinde nach Laßenſee abzuge⸗ hen, wo der Baron ſie bei ſeiner Zuruͤckkunft zu finden boffe. Malibergs Abreiſe und Paulinens plöͤtz⸗ liches Verſchwinden machte großes Aufſehen; ihr Betragen war ſchon lange aufgefallen und getadelt worden. Ihre Schoͤnheit und noch mehr ihre Verbindung mit dem ſchoͤnen, rei⸗ chen Mailberg hatte ihr ſchon lange den Neid der ganzen welblichen Welt in B. zugezogen; ſie wuͤrde, wenn ſie wirklich fleckenlos geblie⸗ ben waͤre, gewiß der Schmaͤhſucht nicht ent⸗ gangen ſeyn, um wie viel mehr war ſie nun dieſer ausgeſetzt, da ihr Betragen ſo viel An⸗ laß zu gerechtem Tadel gab. Alles fiel nun über ſie her, und wenn man ſie nicht ganz auf die niedrigſte Stufe herabſetzte, ſo geſchah es nur, weil man das Anſehen des Prinzen ſcheute, der ſich uͤber ihre Abreiſe nicht troͤſten konnte, und Alles anwendete, ihren Aufenthalt zu entdecken. —-—— 3 in ndern s mit unen, ohin. fuͤgte ttens lachte, zuge⸗ kunft ploͤtz⸗. ehen; und noch „ rei⸗ Neid gen; eblie⸗ ent⸗ nun An⸗ nun auf nur, der und ken. 267 Mailberg kehrte nach zwei Monaten von ſeiner Reiſe zuruͤck. Er ging gerade nach La⸗ ßenſee, welches mehrere Tagereiſen von der Reſidenz eutfernt lag, und welches er eben dieſer Entfernung wegen zum Wohnorte fuͤr ſich gewaͤhlt hatte. Er betrat das alte Schloß mit wehmuͤthigen Empfindungen. Seit ſeinem fuͤnfzehnten Jahre hatte er es nicht mehr be⸗ treten; jeder Schritt in demſelben erinnerte ihn an die gluͤcklichen Jahre der Unbefangen⸗ heit, die er hier an der Seite ſeiner geliebten Eltern verlebt hatte. Der Baron verlebte hier ſeine Zeit ſehr einſam und einfoͤrmig. Er be⸗ ſchaͤftigte ſich groͤßtentheils mit der Jagd und der Lektuͤre. Auch der kleinen Henriette wid⸗ mete er manche Stunde; er konnte das ſuͤße Geſchoͤpf nie ohne Ruͤhrung anſehen. Er ge⸗ lobte feierlich, ihr durch verdoppelte Sorgfalt und Zaͤrtlichkeit den Verluſt der Mutter zu erſetzen, die nie werth geweſen war, dieſen heiligen Namen zu fuͤhren, da ſie alle Pflich⸗ ten ſo leichtſinnig verletzte, welche die Bande der Natur und Liebe ihr aufgelegt hatten. „»O Ungluͤckſelige!« rief er aus,„welch eine Seligkeit fuͤr dich und mich hat dein Leicht⸗ ſinn zerſtoͤrt. In der Naͤhe von Laßenſee hatte die alte Generalinn von Weſtenried ihren Wittwenſitz, 268 wo ſie ſich beſtaͤndig aufhielt. Sie kannte Mailberg von ſeiner Kindheit an, und war eine vertraute Freundinn ſeiner verſtorbenen Mutter geweſen. Die gute, alte Frau war das Bild einer ehrwuͤrdigen Matrone. Bei ihrem hohen Alter war ihr Geiſt noch lebhaft und thaͤtig, ihr Herz gefuͤhlvoll und edel. Sie lebte hier ruhig und ſtill, fern von dem Ge⸗ raͤuſche der großen Welt, die mit ihrem arm⸗ ſeligen Treiben das hoͤhere Alter, das, ſo zu ſagen, mit einem Fuße ſchon jenſeits ſteht, anekelt. Sie hatte eine Enkelinn bei ſich, das juͤngſte Kind ihrer ſchon vor zehn Jahren ver⸗ ſtorbenen, einzigen Tochter. Die aͤltere war verheirathet, und dieſe, Ottilie mit Namen, lebte bei der guten Großmutter, um ſie zu pflegen, und durch ihre kindliche Sorgfalt die Muͤhſeligkeiten des Alters zu erleichtern. Ot⸗ tilie war ein engelgutes Geſchoͤpf, mit dem zaͤrtlichſten, weichſten Herzen begabt, ſanft, gefaͤllig und verſtaͤndig. Sie hing mit der in⸗ nigſten Liebe an der Großmutter, und ihr ein⸗ ziges Beſtreben ging dahin, der alten Frau Vergnuͤgen zu machen. Obgleich Ottilie erſt achtzehn Jahre alt war, ſo fand ſie es doch nicht langweilig, ihre Tage an der Seite einer ſiebenzigjaͤhrigen Frau zu verleben. Ihr Geiſt⸗ obwohl er lebhaft und auf das Beſte ausge⸗ —— kannte war benen war Bei tbhaft Sie Ge⸗ arm⸗ ſo zu ſteht, das ver⸗ war inen, e zu t die Ot⸗ dem 269 bildet war, ſchmiegte ſich doch freundlich in die Feſſeln, die ihm angelegt waren, und kein leiſer Seufzer nach Freiheit entſchluͤpfte ihrer Bruſt. Schoͤn war Ottilie nicht; ihre Geſtalt warz war ſchlank und nymphenhaft, aber ihre Zuͤge konnten keinen Anſpruch auf Schoͤnheit machen. Ein flaches, rundes Geſicht, welches Geſundheit und Jugend mit Lilien und Roſen auͤberſtreuten, eine etwas aufgeſtuͤlpte Naſe, ein kleiner Purpurmund und ein paar helle, from⸗ me Taubenaugen machten aber immer ein ganz erträgliches Ganzes, welches man, da es von dem Ausdruck der freundlichſten Gutherzigkeit begleitet war, recht lieblich fand, ungeachtet man geſtehen mußte, daß man das Maͤdchen nicht huͤbſch nennen konnte. Sie war nach dem Tode ihrer Mutter bei der Generalinn von ihrer aͤlteren Schweſter erzogen worden. Marianne, ſo hieß dieſe Schweſter, war um acht Jahre aͤlter, als Ottilie, und als die Mutter ſtarb, war ſie ſchon ſechzehn alt. Dieſes liebenswuͤrdige Maͤdchen hatte von ihrer vortrefflichen Mutter die beſte Erziehung er⸗ halten, und war an Herz und Geiſt ein edles, vollkommen ausgebildetes Geſchoͤpf. Die Er⸗ ziehung ihrer juͤngeren Schweſter war ihr Lieb⸗ lingsgeſchaͤft, dem ſie ſich mit allem Eifer wid⸗ —— 270 mete. Die Großmutter ſtand ihr darin treu⸗ lich bei. Eine zweckmäßige Lektuͤre, und vor Allem die laͤndliche Abgeſchiedenheit, in der dieſe Familie, fern von den Thorheiten der großen Welt lebte, machte es moͤglich, in dem Charakter des ſanften Maͤdchens jene ſanfte, reine Engelsguͤte zu entwickeln, die Alles, was ſie that, bezeichnete. Der Charakter der Kin⸗ „ der bildet ſich meiſtens durch das Beiſpiel ihrer Umgebungen. Ottilie ſah lauter gute Menſchen um ſich, es ward ihr immer mit Liebe begegnet, Alles, was ſie ſah und hoͤrte, war Tugend, Menſchenliebe, Wohlthaͤtigkeit. Dieſe ſchoͤnen Gefuͤhle mußten ſich ſo feſt mnit ihr verweben, daß kein Raum fuͤr etwas An⸗ deres in ihrer Seele blieb, und Eitelkeit, Ge⸗ fallſucht und Eigenliebe ihr freid waren. Marianne hatte vor zwei Jahren einen jun⸗ gen Landedelmann geheirathet, mit welchem ſie, ungeachtet er nicht reich war, das gluͤck⸗ lichſte, beneidenswertheſte Leben fuͤhrte. Die P. beiden Schweſtern trennten ſich aͤußerſt ſchwer. zu Auch der Abſchied von der Großmutter war ve ſchmerzlich, es brauchte lange Zeit, ehe beide de ſich über die Abweſenheit der geliebten Schwe⸗ u ſter und Enkelinn ſich troͤſten konnten. er Mailber gs Geſchichte, ſeine Trennung voon 8 Paulinen war hier ſchon hekannt geworden. E — 8 1* N treu⸗ d vor In der en der dem anfte, „ was Kin⸗ eiſpiel gute er mit hoͤrte, igkeit. ſt mit s An⸗ „ Ge⸗ daren. jun⸗ elchem gluͤck⸗ Die hwer. war beide hwe⸗ von den. 271 Die Generalinn, welche den Baron ſeines be⸗ kannten guten Charakters wegen ſehr hoch⸗ ſchaͤtzte, und ihm als dem Sohne ihrer beſten Freundinn mit einer Art muͤtterlicher Zunei⸗ gung zugethan war, bedauerte den edlen, un⸗ gluͤcklichen Mann. Oft war er und ſeine trau⸗ rige Lage der Gegenſtand ihrer Geſpraͤche mit ttilien, und lange vor ſeiner Ankunft hatte ſie beſchloſſen, ihn in ihren Zirkel zu ziehen, und Alles aufzubieten, um ihn zu erheitern. Sobald der Baron in Laßenſee angekom⸗ men war, mußte ihn Ottilie in einem verbind⸗ lichen Schreiben im Namen der Großmutter nach Feldheim(ſo hieß ihr Landſitz) einladen. Mailberg war die erſte Zeit nach ſeiner An⸗ kunft zu ſehr verſtimmt, um die Einladung anzunehmen, er entſchuldigte ſich mit Unpaͤß⸗ lichkeit, und verſprach zu kommen, ſo bald er ſich erholt haben wuͤrde. Mailbergs Herz blutete noch zu ſtark. Pauline, ſo viel Urſache ſie ihm auch zur Un⸗ zufriedenheit gegeben hatte, war ihm noch un⸗ vergeßlich, und er fuͤhlte ihren Verluſt tief in der Seele. Der edle Stolz, mit dem ſie jede Unterſtuͤtzung von ihm ausgeſchlagen hatte, erwarb ihr einen Theil ſeiner Achtung wieder. Die Einſamkeit gab ihm Muße, nachzudenken. Er kuͤhlte ſich nicht ganz ohne Schuld; er 272² mußte ſich ſelbſt geſtehen, daß es ihm bei mehr Maͤßigung haͤtte gelingen koͤnnen, die Verirrte auf ſanfte Weiſe auf den rechten Weg zurüuͤck⸗ zufuͤhren. Er war beaͤngſtigt wegen ihrer Zu⸗ kunft, und gab ſeinem Sachwalter den Auf⸗ trag, Alles aufzubieten, um ihren Aufenthalt zu entdecken, aber alle Nachforſchungen blie⸗ ben vergeblich, Pauline war verſchwunden. Ma lberg konnte ſich ſchicklicherweiſe dem Umgange mit der Generalinn nicht entziehen. Sie war ſeine Nachbarinn, war eine Herzens⸗ freundinn ſeiner verſtorbenen Mutter geweſen, und hatte ihm in ſeiner fruͤheſten Jugend ſo manchen Beweis ihres Wohlwollens gegeben. Der Wohlſtand ſowohl, als der eigene Wunſch ſeines Herzens trieb ihn an, die muͤtterliche Freundinn zu beſuchen. Als Kind war er oft in dieſem Schloſſe geweſen, die Gegend hatte ſo manche ſuͤße Erinnerung für ihn, und die kurze Fahrt da⸗ hin, verſetzte ihn in ſo heitere Stimmung, als er ſeit langer Zeit nicht geweſen war. Er trat in einen Gartenſaal, wo er die Ge⸗ neralinn in Geſellſchaft ihrer Enkelinn antraf, welche einen kleinen Kreis niedlich gekleideter Bauernmaͤdchen um ſich hatte, denen ſie Un⸗ terricht im Stricken gab. Die alte Frau fuhr freudig von ihrem Sopha auf, als ſie den . mehr rirrte ruͤck⸗ r Zu⸗ Auf⸗ thalt blie⸗ ben. e dem iehen. zens⸗ beſen, nd ſo geben. unſch rliche hloſſe ſůße 4 da⸗ ung, War. Ge⸗ traf, deter Un⸗ uhr. den 273 Baron erblickte.„Ah ſieh da, mein lieber Nach⸗ bar,« rief ſie ihm entgegen,„willkommen, tau⸗ ſendmal willkommen, Sohn meiner beſten Freundinn!“ Mailberg, geruͤhrt durch die Herzlichkeit dieſes Empfanges, konnte ſich nicht enthalten, die dargereichte Hand mit zaͤrklicher Verehrung an die Lippen zu druͤk⸗ ken, und ihre wohlwollenden Aeußerungen reichlich zuruͤckzugeben.„Wie lange,“ ſagte ſie,„iſt es, werther Freund, daß ich Sie nicht ſah! Damals noch ein Juͤngling, deſſen Ro⸗ ſenwangen kaum ſeichter Flaum beſchattete, jetzt ein hoher Mann, in ganzer Fuͤlle der Kraft. Ach! warum hat meine gute Eugenie nicht das Gluͤck erlebt, den geliebten Sohn ſo zu ſehen! Doch ſie ſieht ihn jetzt und fei⸗ ert gewiß dieſe Scene des Wiederſehens mit uns.“ Mailberg war innigſt geruͤhrt, auch in ihm wurde die Erinnerung an ſeine gute Mutter lebendig, und ſeine Augen wurden feucht. Die Generalinn, welche fuͤhlte, daß es Zeit ſey, einzulenken, machte den Baron auf Ottilien aufmerkſam, indem ſie ihm ſolche als ihre Enkelinn, ein Fraͤulein von Milden auf⸗ fuͤhrte. Er begruͤßte ſie mit jener beſcheidenen Ungezwungenheit, welche den Mann von ſei⸗ nen Sitten und Ton bezeichnet. Ottilie er⸗ 6 „ 274 wiederte ſeine Begruͤßung mit Erroͤthen und einer liebenswuͤrdigen Schuͤchternheit, welche ihr ſehr wohl ließ. Man verließ den Saal, um ſich in die obern Zimmer zu begeben. Ottilie verabſchiedete ihre Schuͤlerinnen, und folgte dann ihrer Großmutter, welche an dem Arme ihres Fuͤhrers die Treppen erſtieg. Hier flog Ottilie bei ihnen vorbei, um das Zimmer, welches ſie betreten wollten, zum Empfang der geliebten Großmutter vorzubereiten. Als ſie eintraten, war ſie eben beſchaͤftigt, das letzte Fenſter zuzumachen, damit kein Zug⸗ wind der theuern Geſundheit Schaden brin⸗ gen moͤchte. Die Kiſſen auf dem Divan, wo die Generalinn gewoͤhnlich ſaß, waren auf⸗ geklopft und ſo gerichtet, daß ſie bequem da⸗ ran lehnen konnte.„Ich danke dir, gutes Maͤdchen,“ ſprach die Großmutter, und reich⸗ te dem lieben Kinde die Hand zum Kuſſe, die dieſe mit allem Ausdrucke kindlicher Zaͤrtlich⸗ keit kuͤßte.„Sehen Sie, lieber Baron,“ ſagte die alte Frau, als ſie bequem ſaß,„welch ein gluͤckliches Alter ich habe. Dieſes liebe, gute Maͤdchen ſinnt Tag und Nacht auf mein Wohl und mein Vergnügen. Ihrer ſorgſamen Pflege habe ich meine fortwaͤhrende Geſund⸗ heit zu danken. Sie koͤnnen ſich nicht vorſtel⸗ len, wie ſinnreich ſie iſt, Alles, was mich umgil mich ter,“ Sie fuͤr 8 vorbi ner l und Mu zen zu Thr reg zuſt und en und welche Saal, begeben. n, und ſan dem g. Hier Bimmer, npfang t. Als t, das Zug⸗ n brin⸗ an, wo t auf⸗ ein da⸗ gutes reich⸗ ſe, die irtlich⸗ ſagte ch ein „gute mein amen ſund⸗ rſtel⸗ mich 4 V b —— 275 umgibt, zur Quelle von Gluͤckſeligkeit fuͤr mich zu machen.“„Gute, theure Großmut⸗ ter,“ fiel Ottilie hocherroͤthend ein, beſchaͤmen Sie mich nicht. Ach! was koͤnnte ich wohl fuͤr Sie thun, was Sie mir nicht tauſendfach vorhinein bezahlt haͤtten in den Tagen mei⸗ ner huͤlfloſen Kindheit, als ich verwaiſt war, und Sie mir und meiner Schweſter Ihre Mutterarme oͤffneten, um uns an Ihrem Her⸗ zen den Verluſt der theuern Eltern vergeſſen zu machen.“ In Ottiliens Augen glaͤnzten Thraͤnen. Ihr Zartgefuͤhl verbot, ihr aufge⸗ regtes Gefühl den Blicken eines Fremden dar⸗ zuſtellen; ſie eilte aus dem Zimmer hinweg, und flog in den Garten, wo ſie in ihrer Lieb⸗ lingslaube ſich dem Ausbruche ihrer Empfin⸗ dungen ganz uͤberließ. So viel Antheil an dieſer weichen, zaͤrtlichen Stimmung auch die dankbare Liebe der Großmutter haben mochte, ſo war ſelbe doch nicht der alleinige Grund davon. Mailbergs Geſchichte, welche ſie aus dem Munde der Generalinn auf eine fuͤr ihn ſehr vortheilhafte Art hatte erzaͤhlen gehoͤrt, „hatte ihr, ohne daß ſie ihn kannte, viel In⸗ tereſſe fuͤr ihn eingefloͤßt; jetzt erſchien dieſer edle, ungluͤckliche Mann ſelbſt. Und wie er⸗ ſchien er? als das Ideal alles Schoͤnen und Liehenswuͤrdigen, umſchleiert mit jenem un⸗ S 2 —— 276 widerſtehlich anziehenden Ausdrucke des Lei⸗ dens. Schiller ſagt: Haſt du die Schoͤnheit nie im Momente des Leidens geſehen? Nie haſt du die Schoͤnheit geſehen! Ottilie fuͤhlte tief in ihrem Herzen die Wahrheit dieſes Satzes. Der ſchoͤne, ungluͤck⸗ liche Mann, wie innigen, herzlichen Antheil nahm ſie an ſeinen Leiden! was wuͤrde ſie nicht darum gegeben haben, ihn gluͤcklich zu wiſſen! Das gute Maͤdchen war weit entfernt zu ahnden, wie weit dieſes Mitleid ſie fuͤhren koͤnnte, und uͤberließ ſich dieſem daher um ſo ſorgloſer. Mallberg verließ die Generalinn mit dem Verſprechen, bald wieder zu kommen. Er hielt Wort, und bald brachte er beinahe alle Aben⸗ de in Feldheim zu. Oft bat ſich auch die Ge⸗ neralinn die kleine Henriette auf einige Tage mit ihrer Waͤrterinn aus, und dieſe Tage waren dann immer Feſttage fuͤr Ottilien, die das ſuͤße, kleine Geſchoͤpf nicht von ihren Ar⸗ men ließ, und es mit den zaͤrtlichſten Liebko⸗ ſungen uͤberhaͤufte. Mailberg hatte Gelegen⸗ heit, Ottilien naͤher kennen zu lernen, und taͤglich mehrte ſich ſeine Achtung fuͤr ſie. Vie⸗ le Meilen rings umher war ſie unter dem Na⸗ men des guten Fraͤuleins bekannt, und uͤber⸗ — 8 Lei⸗ te des in die gluͤck⸗ ntheil de ſie ch zu tfernt äͤhren m ſo dem hielt lben⸗ Ge⸗ Tage Tage die Ar⸗ bko⸗ geu⸗ und Die⸗ Nas 277 all ſprach man von ihrer herzlichen Guͤte, von ihrer Wohlthaͤtigkeit. Ihr zartes Benehmen gegen ihre Großmutter, die ſanfte Nachgie⸗ bigkeit, mit welcher ſie ſich in alle Launen der alten Frau(die bei all ihrem Geiſte doch nicht frei von den Schwaͤchen des Alters war) zu fuͤgen wußte, und vor Allem der wenige Prunk, den ſie mit dieſen vortrefflichen Eigen⸗ ſchaften machte, riſſen die Bauern oft zur Be⸗ wunderung hin.„Ach!“ ſeufzte er oft,„wie gluͤcklich haͤtte ich ſeyn koͤnnen, wenn Pauline Ottiliens Eigenſchaften beſeſſen hätte. Stun⸗ denlang konnte er ſich dem ſuͤßen Traume uͤberlaſſen, Paulinens Reize und Ottiliens Guͤte in eins verſchmolzen zu ſehen, welch ein Engel wuͤrde dies ſeyn! Zwei Jahre waren ſo verfloſſen, von Paulinen war nichts in Erfahrung zu brin⸗ gen, und der Baron mußte ſie fuͤr todt halten. Immer feſter ſchloß ſich Mailberg an ſei⸗ ne verehrungswuͤrdige Rachbarinn und ihre liebenswuͤrdige Enkelinn an, als ſich jetzt ein Umſtand ereignete, der ihn noch feſter mit ihnen vereinen mußte. Henriettens Waͤrterinn ward von einer gefaͤhrlichen und langwierigen Krankheit befallen, und der Baron wuͤrde des Kindes wegen in der aͤußerſten Verlegenheit geweſen ſeyn, wenn ihm nicht die Generalinn — — den Antrag gemacht haͤtte, das Kind ſammk der Waͤrterinn nach Feldheim zu bringen, und beide Ottiliens Pflege zu üͤberlaſſen. Mailberg nahm dieſen guͤtigen Antrag mit Dank an, und Henriette ſowohl, als Mada⸗ me Mayer wurden auf der Stelle nach Feld⸗ heim gebracht, wo ſie an Ottilien die lieb⸗ reichſte Pflegerinn hatten. Die gute Mayer genas wohl zuech Ot⸗ tiliens Pflege wieder von ihrer Krankheit, es blieb ihr aber eine Schwäche zuruͤck, von welcher der Arzt behauptete, daß ſie bleibend ſeyn, und am Ende in eine Auszehrung uͤber⸗ gehen wuͤrde. Sie bat daher, da ſie zur fer⸗ nern Erziehung Henriettens unfähig war, den Baron um ihre Entlaſſung. Sie hatte eine Schweſter, welche mit einem Foͤrſter verhei⸗ rathet war zu dieſer wollte ſie ziehen, und dort den Ueberreſt ihrer Tage zubringen. So ungern auch Mailberg die bisherige treue Waͤrterinn ſeines Kindes verlor, ſo fand er ihr Begehren doch billig, er ſetzte ihr einen reichlichen Gehalt aus, und entließ ſte mit der Verſicherung, daß es ihr immer frei ſte⸗ hen wuͤrde, ſich an ihn zu wenden, wenn ſie irgend etwas beduͤrfe. Der Verluſt dieſer treuen Perſon wuͤrde ihm noch empfindlicher geweſen ſeyn, wenn nicht die Generalinn ſich erbo an ten. then ſammt ingen, laſſen. g mit Nada⸗ Feld⸗ . lieb⸗ 5 Ot⸗ kheit, von eibend uͤber⸗ r fer⸗ „ den 2 eine erhei⸗ und So tree nd er einen mit fee⸗ n ſie leſer cher ſich 279 erbothen haͤtte, Henrietten, die bereits ganz an Ottilien gewoͤhnt war, bei ſich zu behal⸗ ten. Dem Baron fiel durch dieſes Auerbie⸗ then ein großer Stein vom Herzen. Er war nun noch öfter in Feldheim, wo er immer lieber geſehen wurde. Ottilie liebte die kleine Heuriette mit der innigſten Zaͤrtlichkeit, und das Kind hing ganz an ihr. Wer das liebe Maͤdchen mit der holden Kleinen auf den Schooß geſehen haͤtte, ohne ihre Verhaͤltniſſe zu kennen, wuͤrde ſie beſtimmt für die Mutter gehalten haben. Mailberg ſtand oft verloren im Anſchauen der reizenden Gruppe, und leiſe Wuͤnſche ſtiegen in ſeiner Bruſt empor. Noch war er aber nicht geeignet, dieſe leiſe Sprache zu verſtehen, denn noch umgaukelte ihn das Bild der praͤchtigen Pauline, und verdunkelte die ſtillen, beſcheidenen Reize der liebenswuͤrdigen Ottilie. Ottiliens Herz ward von Tag zu Tag nit heißerer Liebe fuͤr ihn erfuͤllt, doch machte ſie keinen Anſpruch auf Gegenliebe. Sie war gluͤcklich genug, wenn ſie ihn nur ſehen konnte. Das Sonnenlicht auf ſeiner Wange ſpielen zu ſehen, die Luft einzuathmen, die ſeine Stirne kuͤhlte, war Al⸗ les, was ſie begehrte. Es war das beſeligen⸗ de Gefuhl der erſten Liebe! der magiſche Zau⸗ berton, der von der bisher unberuͤhrten Saite 280 ihres Herzens in ihrem Innern erklang! O ſuͤße Schwaͤrmerei des jugendlichen Gemuͤthes, das dem Eindrucke zaͤrtlicher Sympathie zu⸗ erſt ſich oͤffnet, gleich der jungen Knospe der Roſe, die dem erſten Hauche lauer Luͤfte die zarten Blaͤtter entfaltet.— Mailberg ſah wohl, daß ſie ihn liebte, er war geruͤhrt von der Schwaͤrmerei, mit der ſie an ihm hing, aber ſein Herz war noch nicht ganz losgeriſ⸗ ſen von der ſchoͤnen Undankbaren, deren Auf⸗ enthalt zu erforſchen er noch immer vergeb⸗ liche Muͤhe anwendete. 5 Noch ein Jahr war vergangen, als ſich ein Umſtand ereignete, der Mailbergs Geſin⸗ nungen endlich aͤnderte. Ottilie fuhr einſt mit Henrietten ſpazieren; ſie begegnete dem Baron, der eben nach Feldheim ritt, und man hielt von beiden Seiten an, um ſich zu beſprechen. Es war auf einem hohen Teichdamme, wo die Begegnung geſchah. Das Pferd, welches der Baron ritt, war aͤußerſt lebhaft und un⸗ ruhig, es wollte nicht ſtehen bleiben; er be⸗ ſtrafte es fuͤr dieſe Unart, es wurde ſtützig, baͤumte ſich, ging immer zurüͤck, glitt ploͤtzlich mit den hinteren Fuͤßen uͤber den Damm hin⸗ ab, und ſtuͤrzte mit ihm in das Waſſer. Ot⸗ tilie ſtieß einen fuͤrchterlichen Schrei aus, und ſchnell, ehe man es verhindern konnte, war 24 2ͤcen— g1 O uͤthes, pie zu⸗ pe der ſte die 8. ſah t von hing, geriſ⸗ Auf⸗ ergeb⸗ s ſich eſi n⸗ mit aron, hielt chen. wo lches un⸗ be⸗ tig, lich din⸗ t⸗ nd ar 282 ſie aus dem Wagen, und ſprang dem Gelieb⸗ ten nach in die Fluten. Dem Baron war gar nichts geſchehen, er hatte ſich waͤhrend des Falles aus den Buͤgeln losgemacht, er konnte ſchwimmen, er war ganz unbeſchaͤdigt. Otti⸗ lien aber zog man ohnmaͤchtig aus dem Tei⸗ che, und es blieb einige Stunden unentſchie⸗ den, ob ſie wieder erwachen wuͤrde. Endlich ſchlug ſie die Augen auf, und ihr erſter Blick fiel auf Mailberg, der an ihrer Seite kniete, und ihre Hand bald an ſeine Lipypen, bald an ſeine Bruſt druckte. Er gab ihr tauſend zaͤrt⸗ liche Namen, und verſicherte ſie ſeiner herz⸗ lichſten Liebe. Die gränzenloſe Zaͤrtlichkeit, mit der das holde Maädchen ihn liebte, die ſo weit ging, daß ſie ſelbſt ihr Leben fuͤr ihn gewagt hatte, loͤſte die ſtarre Eisrinde, die ſein Herz bisher umgeben hatte. Ottilie mit ihren un⸗ bedeutenden Zuͤgen ſchien ihm jetzt viel ſchoͤ⸗ ner, als die leichtſinnige Pauline zur Zeit ihrer blendendſten Schoͤnheit geweſen war. Der Baron zoͤgerte nicht, die Generalinn von ſeinen Geſinnungen zu unterrichten, und ſie um die Hand ihrer Enkelinn zu bitten, Die gute Großmutter ſah dadurch den Wunſch erfuͤllt, den ſie ſchon lange ſtill in ihrer Bruſt genäͤhrt hatte. Der Varon, der Ottilien nicht von ihrer Großmutter trennen wollte, lud dieſe N 282 ein, mit ihnen nach Laßenſee zu ziehen. Sie nahm die Einladung an, und genoß ſo noch immer die zaͤrtliche Pflege des liebevollen Ge⸗ ſchoͤpfes, denn Ottilie vergaß uͤber den neu⸗ eren Pflichten der Gattinn die andlichen Pftiuh⸗ ten nicht. Gluͤcklich war der Baron, unausſorech⸗ lich gluͤcklich durch die herzliche Liebe, durch die Engelsguͤte ſeiner jungen Gattinn. Welch ein Unterſchied zwiſchen dieſem ſtillen, heite⸗ ren Leben und jenen ſtuͤrmiſch wechſelnden Scenen an Paulinens Seite! Dort ſollte er den Launen der Eitlen ſtets huldigen, hier war man bemuͤht, ſeine Wuͤnſche zu errathen, um ſie augenblicklich zu erfuͤllen, Dort ſollte er anbethen, hier ward er angebethet. Otti⸗ liens Gemuͤth war rein und klar, wie Kri⸗ ſtall; da ſtieg kein truͤbes, unlauteres Woͤlk⸗ chen auf. Ihr frommes, kindliches Herz kann⸗ te keine unregelmaͤßigen Wuͤnſche. Das Gute war ihr angeboren, wie das Athemholen, da⸗ rum war ſie nicht ſtolz darauf; ſie konnte nicht begreifen, was ihr Gatte oft an ihr zu loben fand, da ihre Handlungsweiſe ſo na⸗ tuͤrlich aus ihren Gefuͤhlen entſprang, daß ſie gar nicht anders handeln konnte. Ottilie ward Mutter, ſie gebar einen Sohn, den Mallberg mit Entzuͤcken an ſeine Bruſt druͤckte. Sie Sie noch Ge⸗ neu⸗ flich⸗ brech⸗ urch Welch heite⸗ nden e er hier hen, ollte Otti⸗ Kri⸗ oͤlk⸗ ann⸗ Hute da⸗ inte zu na⸗ ſie ard erg Sie 283 naͤhrte das Kind ſelbſt, nie wuͤrde ſie einer Fremden gegoͤnnt haben, ihre Mutterpflichten mit ihr zu theilen. Sie befand ſich ſehr wohl dabei, und der kleine Adolph gedieh vortref⸗ flich. Henriette ward durch die Geburt ihres Bruders keineswegs beeintraͤchtigt, denn die gluͤcklichen Eltern theilten ihre Liebe und Sorg⸗ falt gewiſſenhaft zwiſchen die geliebten Kinder. Drei ſchnell voruͤber eilende Jahre waren den Gluͤcklichen in ungetruͤbter Gluͤckſeligkeit vergangen, als der heitere Himmel ihres Le⸗ bens durch eine truͤbe Wolke verdunkelt wur⸗ de. Die gute, alte Generalinn, welche nun ein Alter von ſechsundſiebenzig Jahren erreicht hatte, bezahlte der Natur ihren Tribut ſtarb in Ottiliens Armen. Tief empfand ihren Verluſt, doch ergab ſie ſich ohne ren den Fuͤgungen der Allmacht, welc ohnehin die theure Großmutter ein Stut ter hatte erreichen laſſen, das nur We zu Theil wird. Feldheim fiel nach dem Talannedt Verſtorbenen zu gleichen Theilen Ottilien ihrer Schweſter zu. Da Mailbergs Ve gensumſtaͤnde ſo glaͤnzend waren, und Ott auf den Fall ſeines Todes Laßenſee zum? wenſitz verſchrieben war, ſo trat dieſe mit willigung ihres Gatten die ganze Erbſ 284 an Mariannen ab, die ſelbe wohl bedurfte, da ſie eine zablreiche Familie hatte, und das kleine Landgut, welches Herr von Welting(ſo hieß ihr Gemahh beſaß, nur wenig eintrug. Da dieſes Gut keine angenehme Lage hatte, ſo zogen ſie nach Feldheim, wodurch Ottiliens Vergnügen noch mehr erhoͤht wurde, da ſie nun die geliebte, ſo lang enthehrte Schweſter in der Naͤhe hatte, und ihres Umganges recht oft genießen konnte. Marianne war im Kreiſe ihrer Familie ſehr gluͤcklich, ihr Gatte war ein edler, gebildeter Mann, der ſeine Frau und Kinder ungemein liebte, und alle Eigen⸗ ſchaften eines guten Hausvaters beſaß. Die beiden glücklichen Familien machten beinahe nur eine aus, ſie lebten auf dem vertrauteſten Fuße zuſammen, und verbrachten ihre Zeit aur die angenehmſte Art. Jetzt erſchien eine ernſte Periode. Deutſch⸗ la 3 muͤde des fremden Druckes, erwachte, und ruͤſtete ſich zum Streite wider ſeine Un⸗ terdruͤcker. In allen deutſchen Staaten ging der Adel mit, gutem Beiſpiele vor, und bot heine Kraͤfte dem Vaterlande an. Beſonders zeichnete ſich hierin der P**ſche Adel aus. Nan ſchoß große Summen zuſammen, ſelbſt die Damen brachten ihren Schmuck, ihr Gold, ihr Silber zum Opfer. Es wurden Orden — tfte, das g(ſo trug. hatte, liens ſie beſter recht rei ſe war rau gen⸗ Die nahe eſten Zeit eſch⸗ hte, 285 errichtet, man verbruͤderte ſich und ſchwur den Feinden den Untergang. Alles war von Va⸗ terlandsliebe beſeelt und gluͤhte vor Verlan⸗ gen, Teutonias Schmach im Frankenblute ab⸗ zuwaſchen. Der Baron, in deſſen Bruſt lange Unwille getobt hatte bei dem Uebermuthe der frechen Fremdlinge, war einer der erſten, der aus den erleſenſten ſeiner Unterthanen ein Korps bildete, und ſich an deſſen Spitze ſtell⸗ te, den Kampf um Voͤlkerfreiheit mit den Horden des korſiſchen Uſurpators zu kaͤmpfen. Er riß ſich aus den Armen der geliebten Gat⸗ tinn, die, ſo ſchmerzhaft ihr auch die Tren⸗ nung von ihm fiel, doch willig ihren Schmerz dem Vaterlande zum Opfer brachte. Sie wein⸗ te ihm nur ſanfte Thraͤnen nach, und lebte dann mit ihren Kindern und Freunden, ſtill und einſam, flehte zum Himmel um die Er⸗ haltung des Geliebten, und freute ſich ſchon jetzt auf ſeine gluͤckliche Wiederkehr. Wer kennt nicht die großen Begebenhei⸗ ten jenes merkwuͤrdigen Zeitraumes, wo ganz Deutſchland zu einem gemeinſchaftlichen Zwecke vereint, mit beiſpielloſer Einigkeit, große und edle Plaͤne befolgend, das ſchmaͤhliche Joch abſchuͤttelte? Die ſpaͤte Nachwelt wird noch mit heiligen Staunen die Großthaten der verbuͤndeten Helden bewundern, und lauten —— 286 Dank fuͤr die wiedererlangte Freiheit des Va⸗ terlandes gegen den Himmel rufen. Ottilie erhielt fleißig Nachricht von den geliebten Gatten, deſſen Name mehrmals in den öͤffentlichen Blaͤttern mit Ruhm genannt wurde. Die große Schlacht bei Leipzig war geſchlagen, die Armeen waren bereits uͤber den Rhein vorgerüͤckt. Da ward Mailberg, der mit ſeinem Korps eine Anhoͤhe beſetzt hatte, von einem feindlichen Detaſchement aͤberfallen. Das Gefecht war ſehr hitzig; Mailbergs Korps erhielt den Sieg, er ſelbſt ſank aber von einer feindlichen Musketenkugel getroffen vom Pferde. Seine Leute, die ihn anbetheten, trugen ihn auf ihren Gewehren aus den Getuͤmmel. Es gelang ihnen, ein gut gebautes Haus, deſſen Aeußeres von Wohl⸗ habenheit der Bewohner zeigte, zu finden. Hier ward der Baron in ein nettes Zimmer gebracht, auf ein weiches Bette gelegt, wo der Wundarzt ſeine Wunde unterſuchte, die wohl tief, aber nicht toͤdtlich war. Das Be⸗ denklichſte dabei war der große Blutverluſt⸗ der den Verwundeten ſo ſchwach machte, daß er durch zwei Tage beinahe ohne Lebenszei⸗ chen lag. Das Haus gehoͤrte einer Dame, welche vor mehreren Jahren ſich hier ange⸗ ſtedelt hatte, und in faſt kloͤſterlicher Einſam⸗ —— ke ha 8 Va⸗ n den als in nannt war uͤber lberg, peſetzt ement itzig; ſelbſt kugel e ihn ehren ein Bohl⸗ nden. mer 4 lo die Be⸗ (uſt, daß zei⸗ me, ge⸗ ⸗* 297 keit lebte. Als der Wundarzt den erſten Ver⸗ band angelegt hatte, war ſie in das Zimmer getreten, um nachzuſehen, ob der Kranke auch alles habe, was er beduͤrfe. Mailberg lag mit geſchloſſenen Augen in todesaͤhnlichen Schlummer da, als ſie ſich ihm naͤherte. Sie ſah ihn an, und ploͤtzlich ſtuͤrzte ſie ſelbſt be⸗ wußtlos zu Boden. Es war Pauline, die den beleidigten Gatten bleich, blutend und ent⸗ ſtellt vor ſich ſah. Sie erwachte, und ihre Thraͤnen floſſen unaufhaltſam. Sie wich nicht von ſeinem Lager, bis der Arzt die wieder⸗ kehrende Beſinnung bemerkte und ſie bat, ſich⸗ zu entfernen, da ihr Anblick ihn zu ſehr er⸗ ſchuͤttern wuͤrde. Erſt nach einigen Tagen, da der Zuſtand des Kranken ſich merklich gebeſ⸗ ſert und der Arzt ihn auf die Erſcheinung vorbereitet hatte, durfte Pauline es wagen, ſich ſehen zu laſſen. O welch ein Wiederſe⸗ hen! Pauline kniete an dem Bette und benetz⸗ te ſeine Hand mit Thraͤnen. Mailberg hob ſie empor und zog ſie an ſein Herz.— Pau⸗ line war nun ſeine Waͤrterinn, ſie litt es durchaus nicht, daß irgend eine fremde Hand ihm etwas reichte. Auf einem Stuhle an ſei⸗ nem Bette brachte ſie die Naͤchte zu, und be⸗ lauſchte ſorgſam jeden ſeiner Atheizuͤge. Als das Wundfieber nachließ, und jede Gefahr 288 voruͤber war, erzaͤhlte ſie ihm, was ſie waͤh⸗ rend der Treunung von ihm gelitten, wie tief ſie ihr Unrecht gefuͤhlt, und daß ſie beſchloſ⸗ ſen hatte, ſich ſelbſt dafuͤr zu beſtrafen indem ſie ſich jeden Troſt verſagte, und darum auch nicht die kleinſte Rachfrage nach ihm oder ihrem Kinde ſich erlaubte. Sie war ganz Lie⸗ be und aufopfernde Zaͤrtlichkeit. Von ſeiner Verbindung mit Ottilien wußte ſie noch nichts, und er, in deſſen Herzen Mitleid und wieder⸗ erwachte Zaͤrtlichkeit fuͤr die reizende Pflege⸗ rinn taͤglich ſtaͤrker ſprachen, er hatte nicht den Muth, ſie durch dieſe Nachricht zu be⸗ truͤben. In Mailbergs Herzen war die Liebe für Paulinen nie ganz erloſchen, der Zauber⸗ reiz ihrer Schoͤnheit hatte ihn ſo ſehr gefeſ⸗ ſelt, daß ſelbſt in Ottiliens Armen ihr Bild ihn nicht verließ. Dieſes Wiederſehen, ihre leidenſchaftliche Liebe für ihn, ihre Thraͤnen, ihre Reue, ihre zauberiſche Schoͤnheit, Alles zog ihn unwiderſtehlich an. Seine Sinne waren gefangen, ſie beſtachen das Herz. und (o Maͤnner, Naͤnner) die edle, gute, ſanfte Ottilie ward vergeſſen. Mailberg war laͤngſt hergeſtellt, aber er fuͤhlte keine Luſt, Paulinen zu verlaſſen. Eine von der Verwundung zu⸗ rüͤckgebliebene Schwaͤche mußte ihm zum Vor⸗ wande dienen. Den Befehl uͤber ſein Frei⸗ 8 e waͤhe wie tief ſchloſ⸗ indem in auch oder nz Lie⸗ ſeiner nichts, bieder⸗ Pflege⸗ nicht zu be⸗ * Liebe auber⸗ gefeſ⸗ Bild „ ihre raͤnen, Alles Sinne und gaufte aͤngſt linen 1z!⸗ Vor⸗ Frei⸗ 289 korps hatte der unter ihm ſtehende Major er⸗ halten. Es war dies ein braver Soldat, der Muth und Tapferkeit beſaß, mit dem alſo das Baterland eben ſo gut berathen war, als mit ihm ſelbſt. Ottilie ſah mit Sehnſucht den Briefen des Geliebten entgegen, ſie bangte, als dieſe jetzt durch laͤngere Zeit ausblieben. Sie hatte ſchon einigemale geſchrieben, ohne Antwort zu erhalten. Es vergingen mehrere Monate, und noch immer keine Nachricht von Mailberg! Ihr Schwager Welting, dem die Sache be⸗ denklich vorkam, ſchrieb endlich heimlich an den Major, den er lange ſchon kannte, und als einen Ehrenmann ſchaͤtzte. Er ſchrieb ihm, wie er fuͤrchte, daß ſeinen Schwager ein Un⸗ fall getroffen, da auf einmal alle Nachrichten von ihm ausblieben. Er ſchilderte ihm Otti⸗ liens Kummer und beſchwor ihn, ihm Auf⸗ klaͤrung uͤber dieſes ſonderbare Stillſchweigen zu verſchaffen. Der Major, der Ottilien kann⸗ te und ſchaͤtzte, war mit Mailbergs Betragen außerſt unzufrieden. Die fruͤheren Begebenhei⸗ ten Mailbergs und Paulinens, ihr unanſtaͤn⸗ diges Verhaͤltniß mit dem Prinzen war ihm nicht unbekannt, ſeine ſtrenge Tugend hatte ſie da der Schein ſo ſehr wider ſie war, laͤngſt verdammt, und ſelbſt wenn Mailberg noch T ———— 290 frei geweſen waͤre, wuͤrde er die Schwaͤche ge⸗ mißbilligt haben, mit der ſich dieſer der Leicht⸗ ſinnigen wieder hingab. Um wie viel ſtrafba⸗ rer mußte er ihm nun erſcheinen, da er durch ſein Betragen ein Weib ungluͤcklich machte, das jeder, der es kannte, als einen Engel ver⸗ ehrte. Gewohnt, immer den geraden Weg zu gehen, unbekannt mit jenem ſchonenden Be⸗ tragen, das nur zarteren Seelen eigen iſt, handelte er auch hier ſeinem Charakter ge⸗ maͤß. Willig unterzog er ſich der Beſchwerde, einen Weg von mehreren Meilen zu machen, um dem Verlockten einen Seelenſpiegel vor⸗ zuhalten, in welchem ſich dieſer eben nicht in dem ſchoͤnſten Lichte erblickte. Um noch wirk⸗ ſamer zu ſeyn, that er das in Paulinens Ge⸗ genwart, und forderte ſie ſelbſt auf, ihren Freund zu ſeiner Pflicht zuruͤckzuweiſen. Schrecklich war der Eindruck, den die Ent⸗ deckung von Mailbergs Wiederverheirathung mit Ottilien auf Paulinen machte; ſie war davon wie vernichtet. Auch Mailberg war auf das heftigſte erſchuͤttert; Ottiliens Bild, das ſo lange ſeinem Gedaͤchtniſſe entwichen war, erſchien wieder in ſeiner ruͤhrenden Lieblich⸗ keit vor ſeinen Blicken, und die frommen, blauen Augen ſchienen in Thraͤnen gehuͤllt ihn zu fragen:„Was that ich dir, daß du ——= ihren deiſen. Ent⸗ thung war ar auf „ das war, eblich⸗ nmen, ehuͤllt 6 du 291 mich ſo graͤnzenlos ungluͤcklich machen willſt?⸗ — Er verſprach dem biedern Major, in we⸗ nig Tagen aufzubrechen, und in den Schooß ſeiner Familie zuruͤckzukehren. Dieſer nahm ſeinen Handſchlag darauf und ging zu ſeinem Corps zuruͤck, wo er im Vertrauen auf Mail⸗ bergs Zuſage an Herrn von Welting ſchrieb, ſelbem mit ſeiner gewoͤhnlichen Offenheit den ganzen Hergang beſchrieb, und ihm die Ver⸗ ſicherung gab, daß ſein Schwager in kurzer Zeit ſelbſt eintreffen wuͤrde. Welting war betroffen uͤber die erhaltenen⸗ Nachrichten. Er mußte ſie vor Ottilien ge⸗ heim halten, weil er wohl voraus ſah, wel⸗ chen ſchrecklichen Eindruck ſelbe auf ſie machen wuͤrden. Ottilie war uͤber Mailbergs Still⸗ ſchweigen aͤußerſt bekuͤmmert. Sie bemerkte wohl, daß man etwas vor ihr verberge, und ihr ahndete das ſchrecklichſte. Welting beru⸗ higte ſie hieruͤber, und gab ihr die heiligſten Verſicherungen, daß Mailberg lebe und ge⸗ ſund ſey. Sie verlangte die Briefe zu ſehen, aus welchen er jene Gewißheit ſchoͤpfe; Wel⸗ ting durfte ihr ſelbe nicht zeigen, und mußte ſie ihren Zweifeln uͤberlaſſen. Er rechnete ſicher darauf, daß der Baron in einigen Wo⸗ chen ſelbſt erſcheinen wuͤrde, dann war ja Allles gut. Mochte ſie ſich bis dahin immer . T 2 „* 292 noch ein wenig graͤmen, um ſo lebhafter wird dann die Freude ſeyn. Es vergingen mehrere Wochen, es ver⸗ gingen Monden, und Mailberg kam immer noch nicht und ſchrieb auch nicht. Ottilie verzehrte ſich in ſtillen Gram, und wankte bleich wie ein Schatten umher. Einſt fuhr ſie mit ihren Kindern nach Feldheim, um bei der geliebten Schweſter Troſt fuͤr ihr gequaͤltes Herz zu ſuchen. Marianne war mit ihrem Manne zu einem Beſuche in der Nachbar⸗ ſchaft gefahren. Das ganze Schloß wurde geputzt und aufgeraͤumt, nur Weltings Zim⸗ mer war im gehoͤrigen Zuſtand; die kleinen Weltings fuͤhrten die Tante dahin, um die Ruͤckkehr der Eltern zu erwarten, welche bald erfolgen mußte. Die Kleinen liefen mit Hen⸗ rietten und Adolph in den Garten, um zu ſpielen, und Ottilie blieb allein in der Stube zuruͤck. Sie trat an Weltings Schreibtiſch, ein offener Brief lag vor ihr. Ein flüch⸗ tiger Blick, den ſie auf ihn warf, ließ ihr Mailbergs Namen gewahr werden. Nun glaubte ſie berechtigt zu ſeyn, ihn zu leſen; ſie hoffte dadurch doch einmal die bange Un⸗ gewißheit beendigt zu ſehen, in der ſie ſchon ſo lange ſchwebte. Unſelige Neugierde! Ach die baͤngſte Ungewißheit, war dieſer ſchreck⸗ 4 ler wird s ver⸗ immer ttilie wankte ühr ſie bei der uaͤltes ihrem chbar⸗ durde Zim⸗ leinen n die e bald Hen⸗ m zu Stube ötiſch, flüch⸗ ß ihr 293 lichen Wirklichkeit noch vorzuziehen. Es war jener Brief des Majors, den ſie las; ihres Gatten Verirrung, ſein Verhaͤltniß zu Pau⸗ linen, alles, alles! Zwar fand ſie auch ſein Verſprechen, zuruͤckzukommen, aber ach! Wie viele Monden waren ſeither verfloſſen, und noch war er nicht da!— Welting und Ma⸗ rianne fanden ſie vom Weinen erſchoͤpft, halb ohnmaͤchtig. Ihre, durch ſo langen Kummer geſchwaͤchte Geſundheit widerſtand dieſem Schlag nicht, ſie wurde gefaͤhrlich krank, und ſchwebte lange an dem Rande des Grabes. Die zaͤrtliche Pflege ihrer Freun⸗ de entriß ſie zwar dem Tode, doch blieb ein ſchleichendes Fieber zuruͤck, das ſie verzehrte, und mit Schmerzen ſahen ſie ſie ihrer baldi⸗ gen Aufloͤſung entgegen gehen. Welting, der Ottilien wie ſeine Schwe⸗ ſter liebte, wurde immer aufgebrachter uͤber Mailbergs Pflichtvergeſſenheit. Er ergriff die Feder, um ihn zur Rechtſchaffenheit zuruck⸗ zurufen. Er ſchrieb mit herzzermalmenden Ausdrücken, er mahlte mit Flammenzuͤgen das Zild ſeiner Vergehungen. Er zeigte ihm die ſterbende Ottilie und hieß ihn ihren Moͤrder. Er beſchrieb ihm den Jammer der armen Wai⸗ ſen, denen ſeine Untreue die Mutter entriß⸗ Mailberg war erſchuͤttert von der Gewalt 294 dieſer Worte, die wie die Stimme des ewigen Richters in ſeinem Innern wiederhallten!— Als er dem Major verſprochen hatte, Pauli⸗ nen zu verlaſſen, war es ihm wirklich Ernſt⸗ geweſen, ſein Wort zu halten; er hatte auch ſchon wirklich alle Anſtalten zur Abreiſe ge⸗ troffen. Paulinens wuͤthender Schmerz, mit dem ſie an ſeine Bruſt ſich warf und betheu⸗ erte, daß ſie die Trennung von ihm uicht uͤber⸗ leben wuͤrde, ruͤhrte ihn ſo ſehr, ihre Schoͤn⸗ heit wirkte mit ſolcher Zauberkraft auf ihn, daß es ihm unnoͤglich war, ſich loszureißen. Er verſchob die Reiſe von einem Tage zum andern, es wurden Monden daraus, und im⸗ mer feſter hatte ihn die ſchoͤne Schlange um⸗ ſchlungen. Jetzt erwachte aber mit einemmale ſein Gewiſſen, er mußte fort, und gaͤlte es ſein und Paulinens Leben, Ottilie mußte ge⸗ rettet werden. Er machte Paulinen ſeinen un⸗ wandelbaren Entſchluß bekannt, er gab ihr Weltings Brief zu leſen. Sie wurde bleich und ſank ohnmaͤchtig in ſeine Arme. Als ſie ſich erhohlte, ſtieß ſie bittere Klagen aus, doch beſtuͤrmte ſie ihn nicht, wie ſonſt, zu bleiben; ſie verſchloß ſich in ihr Zimmer, ernſt und feierlich trat ſie aus dieſem wieder hervor, ihr Geſicht war bleich, duͤſtere Schwermuth ſprach aus ihren Zuͤgen, keine Thraͤne netzte ———— t l i öͤ—. „.— ——— —,—V;ʒ‧;ʒ2——ᷣ— V—:——— 295 ihr Auge; oft ſtarrte ſie mit weitgeoͤffneten Augen vor ſich hin, und man ſah, daß ein ſchrecklicher Kampf in ihr vorging. Der Vor⸗ abend des Tages, welchen der Baron zu ſei⸗ ner Abreiſe beſtimmt hatte, erſchien. Bis Mit⸗ ternacht mußte er an Paulinens Seite blei⸗ ben, die ſich oft mit dem ganzen Ausbruche ihrer heftigen Leidenſchaft in ſeine Arme warf, hald leblos wie eine Buͤſte vor ſich hinſtarrte. Mit dem letzten Schlage der Glocke riß ſie ſich ploͤtzlich los. Er rief ihr nach, daß er Morgen noch Abſchied von ihr nehmen werde. Sie wendete ſich um, und ſagte langſam mit feierlicher Stimme:„»Morgen, ja morgen!“ dann eilte ſie in ihr Schlafzimmer. Mailberg ſtand ſehr fruͤh auf, die Poſt⸗ pferde kamen, der Wagen ſtand ſchon gepackt vor der Thuͤre. Er hatte gefliſſentlich den Ab⸗ ſchied von Paulinen bis auf den letzten Au⸗ genblick geſpart, um ihn ſo kurz als moͤglich zu machen. Er ging in ihr Zimmer, und o Himmel, wie fand er ſie! Pauline lag todt auf dem Ruhebette, ihre ſchoͤnen Augen wa⸗ ren herausgedrungen, das ſonſt ſo reizende Geſicht war ſcheußlich aufgedunſen und voll ſchwarzer Flecken. Die Ungluͤckliche hatte Gift genommen. Ein Brief an Mailberg, der auf dem Tiſche lag, zeigte, daß ſie ſchon lange mit dem Gedanken umgegangen war, ſich den Tod zu geben, wenn ſie von ihm getrennt wuͤrde. Ihr Mangel an tugendhaften Grund⸗ ſätzen hatte ſie dahin gebracht, ſelbſt verſchul⸗ detes Ungluͤck durch Verbrechen gut machen zu wollen. Dieß iſt die Stufe, auf welche Leichtſinn, Mangel an aͤchter Religioſttaͤt und unmoraliſche Grundſatze meiſtens fuͤhren. Entſetzen hatte den Baron bei dieſem An⸗ blicke ergriffen; er ſtuͤrzte hinweg von der graͤß⸗ lichen Scene, warf ſich in den Wagen und flog raſtlos der Heimath zu. Er reiſte Tag und Nacht, um ſo ſchnell wie moͤglich zu Ot⸗ tilten zu kommen. Er bebte bei dem Gedan⸗ ken, daß er zu ſpaͤt kommen koͤnnte. Je naͤ⸗ her er der Heimath kam, deſto aͤngſtlicher ward ſein Gefuͤhl; wenn er zu ſpaͤt kaͤne— wenn er Ottilien nicht mehr faͤnde! Gott im Him⸗ mel!— Laut und bdoͤrbar klopfte ſein Herz, als er die Thuͤrme ſeines Schloſſes erblickte. Immer naͤher und naͤher kam er, jetzt flog der Wagen durch das Dorf, jetzt den Hügel hnian, auf welchem das Schloß ſtand; don⸗ nernd rollte er uͤber die Schloßbruͤcke Er ſtieg aus, ohne den Muth zu haben, Jeman⸗ den um Ottilien zu fragen. Halb bewußtlos ſtieg er die Treppe hmauf, oͤffnete die wohl⸗ bekannte Thuͤre von Ottiliens Zimmer, und ſch den trennt rund⸗ ſchul⸗ nachen velche t und 3 n An⸗ graͤß⸗ n und e Tag zu Ot⸗ zedan⸗ Fe näͤ⸗ ward wenn Him⸗ Herz, blickte. t flog Huͤgel don⸗ 2 Er eman⸗ ußtlos wohl⸗ und 297 lag in den Armen der geliebten Gattinn. Er fand Ottilien ſehr bleich und ſchwach, eine ſanfte ruͤhrende Geſtalt, die halb ſchon einer beſſern Welt anzugehoͤren ſchien. Seine Kin⸗ der kamen, er druͤckte ſie an ſein Herz, und zerfloß in Thraͤnen der Freude. Henriette war jetzt acht Jahre alt, ſie war ganz das Eben⸗ bild ihrer ungluͤcklichen Mutter. Der kleine Adolph war ein holdſeliger Knabe. Die ſanfte Ottilie beweinte aufrichtig die ſchreckliche Todesart der ungluͤcklichen Pauline. Richt der leiſeſte Vorwurf kam uͤber ihre Lip⸗ pen. Sie war ja wieder ſo unausſprechlich gluͤcklich in dem Beſitze des geliebten Gatten. Ihre Geſundheit erhohlte ſich bald wieder, ſie ward wieder heiter, und ihre Liehe, ihr reines, zaͤrtliches Gemuͤth gaben dem Gemahle zum zweitenmal jenen hohen Grad von dau⸗ ernder, ruhiger Gluͤckſeligkeit, die nie das At⸗ tribut gluͤhender Leidenſchaften, die nur im⸗ mer die Folge reiner, tugendhafter Handlun⸗ gen iſt. Henrietten, welche, als ſie erwuchs, ſo ſchoͤn ward, als ihre Mutter geweſen, hatte ſie ſo erzogen, daß ihre Schoͤnheit Gieſes oft ſo gefaͤhrliche Geſchenk der Natur) nur ihrer Tugend zur Folie diente. Man hatte ſie gelehrt, ſo wenig ſtolz auf dieſen frivolen Vorzug zu ſeyn, daß ſie ſelbe als eine Gabe u des Schoͤpfers anſah, deren ſie ſich unwuür⸗ dig mache, wenn ſie ſich nicht beſtrebe, ihr durch beßere und dauerndere Eigenſchaften erſt reeuen Werth zu geben. Mailberg lernte Ottilien taͤglich mehr ſchaͤtzen und lieben, er ward von ihr angebe⸗ thet, und ſeine Glückſeligkeit war keines Zu⸗ woachſes mehr faͤhig. Dauernd bis in ihr ſpaͤ⸗ teſtes Alter, waren ihre gegenſeitigen Gefuͤhle, und unveraͤnderlich ihr Gluͤck, da es ſich nicht auf voruͤbergehenden Sinnenreiz, da es ſich auf Seelenliehe gruͤndete. ————— ——