E. V. Vulwer's ſaͤmtliche Werke. Siter Sänd⸗ Die letzten Tage von Pompeji. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von O. von Czarnoweki. Dritten hei Aachen und Leipzig, Verlag von Jacob Anton Mayer. (Bruͤſſel bei J. A. Mayer und Somerhauſen.) 1 8 3 4. 2 —— —— Die letzten Tage von Pompeji. Vom Verfaſſer des Pelham, Eugen Tram, England und die Engländer, u. f. w. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von G. von Czurnowski. Srit te h in 1 Aachen und Leipzig, Verlag von Jacob Anton Mayer. (Bruͤſſel bei J. A. Mayer und Somerhauſen.) 1 8 3 4. ———— — 2 „So iſt der Veſud und ähnliche Ereigniſſe fallen in je⸗ dem Jahre vor. Aber alle bisherigen Ausbrüche ſind, wenn man ſie ſelbſt in einem einzigen zuſammenfaſſen wollte, unbedeutend gegen das, was in der Periode ſich zutrug, von Der Tag verwandelte ſich in Racht, und die Nacht in voll⸗ komntene Fiuſterniß— eine faſt unglaubliche Menge Staub und Aſche wurde ausgeworfen, das Land, das Meer und die Luft erfüllend, und zwei ganze Städte, Herkulaneum und Pompeji, begrabend, als die Bewohner in dem Thea⸗ ter ſaßen!““ Dio Cassius. lib. I. XVI. Keuntes Kapitel. Ein Gewitter im Suͤden.— Die Hoͤhle der Hexe. Glautus und Jone machten eine Spazierfahrt, als die Hitze des Tages nachließ, um des kühlen und an⸗ genehmen Abends zu genießen. Zu jener Zeit waren unter den Roͤmern mehrere Arten von Fuhrwerk ge⸗ bräuchlich; die reichen Buͤrger bedienten ſich meiſtens, wenn ſie nur in kleiner Geſellſchaft fuhren, der Biga, die bereits in dem erſten Theile dieſes Werkes beſchrieben wurde; das Carpentum*) war fuͤr die Matronen beſtimmt, und hatte nur zwei Räder; die Alten machten auch Gebrauch von einer Art von Säaͤnften, die bequemer eingerichtet waren, als die unſrigen, indem man ſich in ihnen auch niederlegen *) Fuͤr oͤffentliche Feſte und Spiele war ein koſtba⸗ rerer vierrädriger Wagen, das Pilentum, im Gebrauch. Bulwer's Werke. Taſchenausg. III. 1 2 konnte*). Ein anderes Fuhrwerk wurde fuͤr Reiſen und fur kleinere Landfahrten benutzts es faßte drei bis vier Perſonen, hatte ein Verdeck, welches abge⸗ nommen werden konnte; und entſprach ſehr dem Zweck unſerer Britska, wenn es auch in der äußern Ge⸗ ſtalt ſehr von ihr verſchieden war. Einen ſolchen Wagen hatten die Liebenden, nur von einer Sklavin der Jone begleitet, gewahlt. Einige Stunden von der Stadt befand ſich zu jener Zeit eine alte Ruine, die überbleibſel eines griechiſchen Tempels; und da fuͤr den Glaukus und die Jone Alles, was Griechen⸗ land betraf, von Intereſſe war, ſo hatten ſie den Entſchluß gefaßt, dieſe Ruinen zu beſuchen.— Der Weg ging anfangs durch Weingärten und Olivenwäldchen, bis er, ſich gegen den Veſuv zu windend, allmählig rauher wurde— und bei jeder Hffnung im Walde ſahen ſie auf jene dunklen Hoͤh⸗ len in den zerriſſenen Felſen, welche Strabo beſchrie⸗ ben hat, die aber durch die verſchiedenen Ausbruͤche des Vulkans jetzt verſchwunden ſind. Die Abendſonne warf lange Schatten uber den Berg; hier und da hoͤrten ſie aus dem wilden Buſchwerk die landliche Muſik des Schafers ertönen. Oft bemerkten ſie die ſeidenharigte Ziege mit ihrem gewundenen Horn, welche noch jetzt unter dem italieniſchen Himmel oft an die Idyllen des Virgil erinnert, auf den Huͤgeln, *) Doch hatten ſie auch die Sella, in der ſie ſaßen. ——— —„————— 3 und die bereits rothlichen Trauben prangten an den Reben⸗Feſtons, die von einem Baume ſich zum an⸗ dern zogen. über ihnen ſchwebten leichte Wolken in dem heitern Himmel, die ſich kaum zu bewegen ſchie⸗ nen: wahrend ihnen dann und wann zur rechten Seite eine Ausſicht auf die See ſich oͤffnete, in der das Sonnenlicht jenes wunderbare Farbenſpiel bildete, welches hier einen ſo eigenthuͤmlichen Reiz hervor⸗ bringt. „Wie ſchoͤn,“ ſagte Glaukus in einem halb flüſternden Tone,„iſt jenes Gleichniß, welches die Erde unſere Mutter nennt! Mit welcher himmliſchen und gleichmäßigen Liebe vertheilt ſie ihre Wohlthaten unter ihre Kinder; und ſelbſt jenen unfruchtbaren Gegenden, denen die Natur Schönheit verweigert hat, entzieht ſie ihre Gaben nicht. Auf dem kahlen und verbrannten Boden jenes erloſchenen Vulkans gedeiht noch der Weinſtock. Ach, in einer ſolchen Stunde und Scene, wie dieſe, koͤnnten wir uns wohl denken, daß das lachende Geſicht des Fauns aus die⸗ ſen gruͤnen Rebengehängen hervorblicke, oder daß wir die Bergnymphe durch das Dickicht eilen ſehn. Aber es gab keine Nymphen mehr, ſchone Jone, als Du geſchaffen wurdeſt!“— Niemand ſchmeichelt mehr, als der Liebende, und doch ſcheinen ihm in dem übermaß ſeiner Gefuhle die Schmei⸗ cheleien nur alltäͤgliche Redensarten zu ſein. Man ſagt, daß die Achtung, welche auf die Leidenſchaft folgt, 1* 4 mehr begluͤcke, als dieſe— es iſt moͤglich— wenn alle Triebfedern der Einbildungskraft, der Hoffnung, des Ehrgeizes auf ein Ziel vereinigt werden, ſo keh⸗ ren ſie gewoͤhnlich bald zu ihren natürlichen Quellen zuruͤck. Die Liebe iſt eine Revolution— während ihrer Dauer fehlt es an Harmonie, an Ordnung; ſie kann daher keine dauernde Glückſeligkeit gewäh⸗ ren; wenn aber die Revolution voruͤber iſt, wundern wir uns ſelbſt uͤber jenen fieberhaften Zuſtand. Was mich betrifft, ſo glaube ich, daß es mehrere Arten unvollſtändigen Gluͤckes gibt, die dem vermeintlich vollkommenen Gluͤcke vorzuziehen ſind. Was der Erde die Luft, das ſind dem Herzen ſeine Wuͤnſche und ſeine Sehnſucht. Sie kamen bei den Ruinen anz ſie betrachteten ſie mit jener Theilnahme, mit welcher wir die gehei⸗ ligten Spuren unſerer Vorfahren verfolgen— ſie verweilten dort, bis der Abendſtern an dem roſigten Himmel erſchien; und als ſie in dem Zwielicht zu⸗ ruckkehrten, waren ſie ſchweigſamer, als vorher, denn unter dem Sternenhimmel wurden ſie ſich noch mehr ihrer gegenſeitigen Liebe bewußt. Die Gewitterwol⸗ ken, welche der Egyptier vorher geſehen hatte, ſam⸗ melten ſich jetzt uber ihren Häuptern. Zuerſt ver⸗ kundete ein ferner, aber lauter Donner den bevor⸗ ſtehenden Kampf der Elemente, und darauf zogen ſich plötzich die dunklen, ſchweren Wolken am Him⸗ mel Die Schnelligkeit, mit der in die⸗ — Sn 5 ſem Klima ein Gewitter ſich bildet, erſcheint faſt uͤbernatuͤrlich, und vermag leicht den Aberglauben, die Wirkſamkeit einer beſondern Gottheit vorauszu⸗ ſetzen.— Einige ſchwere Tropfen drangen durch die Zweige, welche uͤber ihrem Wege hingen, und kurz darauf verblendete der helle Blitz, der die ganze Gegend mit magiſchem Lichte erleuchtete, und ſo⸗ gleich wieder in das Dunkel zurück ſinken ließ, ihre Augen. „Fahre ſchneller, guter Carrucarius,“ ſagte Glaukus,„das Gewitter droht.“— Der Sklave trieb die Mauleſel an, ſie zogen den Wagen ſchnell uͤber den rauhen, ſteinigten Weg— die Wolken zogzn ſich immer dichter zuſammen, im⸗ mer lauter tontè der Donner, und in Strömen goß der Regen hekab. „Fuͤrchteſt Du Dich?“— fluſterte Glaukus, in⸗ dem er Jonen naͤher ruͤckte. „In Deiner Geſellſchaft furchte ich mich nicht,“ erwiederte ſie ſanft. In dieſem Augenblick gerieth der Wagen(der leicht und ſchwach gebaut war, wie denn, trotz ihres gefälligen Kußern, die meiſten Vorrichtungen dieſer Art damals fuͤr den praktiſchen Gebrauch wenig dauerhaft waren) in ein tiefes Geleiſe, uͤber dem ein Baumſtamm lag; der Sklave trieb mit einem Fluch ſeine Maulthiere noch ſchneller an, das Rad wurde — aus ſeiner Achſe gehoben, und der Wagen fiel plötz⸗ lich um. Glaukus, der keinen Schaden genommen hatte, ſprang ſchnell auf, um der Jone beizuſtehn. Auch ſie war unverletzt geblieben; mit einiger An⸗ ſtrengung wurde die Carruca(oder der Wagen) wieder empor gehoben. Sie fanden jedoch, daß er ihnen länger keinen Schutz gewähren konnte; das Verdeck war nämlich zertruͤmmert, und der Regen ſtroͤmte in das Innere. Was war unter dieſen Umſtanden anzufangen? Sie waren von der Stadt noch ziemlich weit ent⸗ fernt— kein Haus und kein Zufluchtsort ſchien in der Nähe zu ſein. „Eine halbe Stunde von hier,“ ſagte der Sklave, „wohnt ein Schmidt; ich könnte holen, damit er das Rad wieder an die Carruca befeſtigt— aber beim Jupiter, welches unwetterz meine Gebieterin wird durchnäßt ſein, ehe ich zurückkehren kann.“ „Laufe wenigſtens hin,“ ſagte Glaukus,„wir muͤſſen ſehn, wie wir bis dahin uns vor dem Re⸗ gen ſchuͤtzen.“ Glaukus fuͤhrte die Neapolitanerin nach einem der dichtbelaubteſten Bäume in der Nähe; er be⸗ deckte ſie mit ſeinem Mantel, aber auch dadurch konnte der herabſtromende Regen nicht abgehalten werden, und plötzich, als Glaukus ſeiner ſchönen Begleiterin noch Muth zuſprach, fuhr der Blitz in einen der dicht vor ihnen ſtehenden Bäume, und zer⸗ 7 ſplitterte mit einem ungeheuern Gekrach deſſen dicken Stamm. Hierdurch wurde ihnen die Gefahr deut⸗ lich, welche ihnen an ihrem Zufluchtsorte drohte, und der Grieche ſah ſich aͤngſtlich nach einer ſicherern Stelle um. „Wir ſind jetzt,“ ſagte er,„auf der halben Hoͤhe des Veſuv's; es muß hier irgend eine Hoͤhle in den Felſen ſein, wenn wir ſie nur finden koͤnnten, um uns dorthin zu fluͤchten.“ Als er, einige Schritte vortretend, ſeine Blicke ſpaͤhend nach dem Berge richtete, ſah er, nicht weit von ihnen, den Schein eines roͤthlichen Lichtes. „Dieſer Strahl,“ ſagte er,„muß von dem Herde irgend eines Schäfers oder Winzers kommen; er wird uns zu einem gaſtlichen Obdach fuͤhren. Willſt Du hier bleiben, waͤhrend ich— aber nein— das wuͤrde Dich der Gefahr ausſetzen.“ „Ich will lieber mit Dir gehn,“ ſagte Jonez „auch kann ich dem Regen unter dieſen verrätheri⸗ ſchen Zweigen doch nicht entgehn.“ Der Grieche fuͤhrte jetzt die, durch ihre zitternde Sklavin begleitete Jone dem Lichte zu. Bald aber kamen ſie in ein wildverwachſenes Gebuͤſch, und oft verloren ſie den leitenden Strahl aus dem Geſicht. Immer ſchneller und wilder ſtroͤmte jetzt der Regen herab, die flammenden Blitze folgten ſich in kurzen Zwiſchenräumen; demungeachtet drangen ſie vor, in⸗ dem ſie hofften, wenn jenes Licht ihnen auch ver⸗ N ſchwaͤnde, doch endlich zu einer Huͤtte oder Hohle zu gelangen. Das Gebüſch wurde immer verwachſener — der leitende Strahl hatte ſich ihren Blicken gänz⸗ lich entzogen; aber ein ſchmaler Pfad, den ſie mit Muͤhe und Anſtrengung verfolgen mußten, indem nur die Blitze ihn erhellten, fuͤhrte ſie den Berg hinauf. Plotzlich legte ſich der Regen; vor ſich er⸗ blickten ſie zerriſſene und rauhe Maſſen verwitterter Lava, die der ſchnell wechſelnde Blitz nur noch ſchreck⸗ licher erſcheinen ließ. Bisweilen ſchwebte der flam⸗ mende Strahl uͤber den grauen Felſen, die theil⸗ weiſe mit Moos oder Gebuͤſch und verkruͤppelten Baumen bedeckt waren, als ſuche er vergeblich einen ſeiner Wuth wuͤrdigern Gegenſtand; dann blieb wie⸗ der die ganze Gegend vor ihnen in Finſterniß ge⸗ huͤllt, und das Gewitter zuckte in flammenden Bli⸗ tzen uͤber der See, und ließ die aufgeregten Wogen in einem roͤthlichen Licht erglaänzen, und das Meer wurde oft fuͤr Augenblicke ſo hell erleuchtet, daß man die ſcharf begränzten Kuͤſten des Meerbuſens von dem ſchroffen Vorgebirge Miſenum bis zu dem ſchoͤnen Surrent und die ſich hinter demſelben erhe⸗ benden rieſigten Berge verfolgen konnte. Die Liebenden ſtiegen beſorgt und ungewiß uͤber das Ziel, den Pfad immer weiter hinauf, als plötzlich durch einen hellen Blitz, der einen lichten Schimmer zurück ließ, ſie in einiger Hoͤhe vor ſich den geheimnißvollen Strahl wieder erblickten. Ein ſchnell darauf folgender Blitz, „ 8 „„—„e— 9 durch den die Erde und der Himmel wie mit einem rothlichen Feuer erfuͤllt zu ſein ſchienen, ließ ſie noch deutlicher die Gegend unterſcheiden. Es war kein Haus in der Nähe zu ſehen, doch glaubten ſie in der Hohle, aus welcher das Licht drang, eine menſch⸗ liche Geſtalt zu erblicken. Jetzt umgab ſie wieder dichte Finſterniß, doch der Strahl uͤber ihnen wurde ihnen nicht mehr durch den blendenden Schein der Blitze verborgen. Sie beſchloſſen, jene Hohe zu er⸗ ſteigen, und mußten ihren Weg zwiſchen Felſen⸗ blöͤcken verfolgen, über denen hier und da wildes Gebuͤſch hing; aber immer mehr näherten ſie ſich dem Licht, und endlich ſtanden ſie der Offnung einer Hoͤhle gegenuͤber, die durch große uͤbereinander ge⸗ fallene Felſenſtuͤcke gebildet zu ſein ſchien; und in⸗ dem ſie in dieſen Raum blickten, fuͤhlten ſie ſich un⸗ willkuhrlich von Furcht und Entſetzen ergriffen. Es brannte in der Hoͤhle ein Feuer, uͤber wel⸗ chem ein kleiner Keſſel hingz auf einer duͤnnen eiſer⸗ nen Säule ſtand eine Lampe, und an jenem Theile der Felſenwand, wo das Feuer brannte, hingen meh⸗ rere Reihen von Kraͤuterbundeln, welche dort trock⸗ nen ſollten. Ein vor dem Feuer liegender Fuchs ſtarrte mit ſeinen großen, rothlichen Augen die Frem⸗ den an. Sein Haar ſträubte ſich, und zwiſchen den grinſenden Zähnen ſtieß er einen hohlen Ton hervor. In der Mitte der Hoͤhle ſah man eine irdene Sta⸗ tue, welche drei Kopfe von ſeltſamer und phantaſti⸗ 10 ſcher Bildung trug, und zwar einen Hunde⸗, einen Pferde⸗ und einen Bärenkopf; vor dieſer gewohn⸗ lichen populaͤren Darſtellung der Hekate ſtand ein kleiner Dreifuß. Aber nicht allein dieſe Gegenſtnde waren es, welche denen, die in die Hohle ſchauten, ein unheim⸗ liches Gefuhl verurſachten, noch mehr war es der Anblick des alten Weibes, welches, vor dem Feuer ſitzend, durch die Flammen beſchienen wurde. Man ſieht vielleicht in keinem Lande ſo viele alte Weiber, als in Italien; in keinem Lande verwandelt ſich die weibliche Schonheit im Alter zu einer ſo abſchrecken⸗ den Häßlichkeit. Das alte Weib, welches ſie erblick⸗ ten, gehörte jedoch keineswegs zu den widerwärtig⸗ ſten; im Gegentheil, ihr Geſicht verrieth noch die Spuren einer regelmäßigen, wenn auch ſcharf aus⸗ geſprochenen Bildung;— ſie ſahen in jenem ſchreck⸗ lichen Antlitz, deſſen unbewegliche Augen ſie anſtarr⸗ ten mit Blicken, welche die ihrigen ſchienen feſt ban⸗ nen und bezaubern zu wollen, in jenen blauen Lip⸗ pen, den eingefallenen, bleichen Wangen, den hervor⸗ ſtehenden Backenknochen, dem langen, duͤnnen, grauen Haar, der gelben, runzlichen Haut,— eine Erſchei⸗ nung, wie nur das Grab ſelbſt ſie darzubieten vermag. „Es iſt eine Leiche,“— ſagte Glaukus. „Nein, es bewegt ſich, es iſt ein Geiſt, oder eine — 11 Parva,“ ſtammelte Jone, indem ſie ſich an die Bruſt des Athenienſers ſchmiegte. „O, fort, fort von hier,“— fluͤſterte die Skla⸗ vin—„es iſt die Hexe des Veſuv!“— „Wer ſeid Ihr?“— ſprach jetzt eine hohle und geiſterartige Stimme.—„und was wollt Ihr hier?“— Dieſer ſchreckliche und unheimliche Ton, der gans mit der furchtbaren Erſcheinung im Einklang ſtand, und der die Stimme keines lebenden Sterblichen, ſon⸗ dern mehr die eines von dem Styr zuruͤckgekehrten Schatten zu ſein ſchien, wuͤrde Jonen in das fuͤrch⸗ terlichſte unwetter zuruͤckgetrieben haben, hätte ſie nicht Glaukus, trotz ihres Widerſtrebens, in die Hoͤhle gezogen. „Wir ſind durch den Sturm verungluͤckte Reiſende aus der benachbarten Stadt,“ ſagte er,„und folg⸗ ten dem Strahl dieſes Feuers bis hierherz wir ſuchen Schutz und Huͤlfe an Deinem Herde.“ Während er dieſes ſprach, ſtand der Fuchs vom Boden auf, und ging auf die Fremden zu, indem er ſein Gebiß knirſchend zeigte. „Zuruͤck, Sklave,“ ſagte die Hexe; und auf den Ton ihrer Stimme kroch das Thier ängſtlich zuruͤck, und begleitete blos mit ſeinen ſchnellen, funkelnden Blicken die Bewegungen der Eingetretenen. „Kommt an das Feuer, wenn Ihr wollt,“ ſagte die Alte zum Glaukus und ſeinen Begleiterinnen. „Ich bewillkommne nie ein lebendiges Weſen— außer die Eule, den Fuchs, die Krote und die Schlange— deshalb kann ich auch Euch nicht be⸗ willkommnen; aber kommt ohne Willkomm an das Feuer; weshalb ſollen wir Complimente machen?“ Die Sprache, in der die Hexe ſie anredete, war ein ſonderbares und barbariſches Latein, in welches manche Worte aus einem noch roheren und älteren Dialekt mit unterliefen. Sie bewegte ſich nicht von ihrem Sitze, ſondern hatte ſtarr ihre Blicke auf ſie gerichtet, als Glaukus Jonen half, die Mäntel ab⸗ zulegen, und er ihr einen Sitz auf einem Holzhau⸗ fen bereitete, da keine andere Vorrichtung dieſer Art zu bemerken war,— und die Kohlen zu einer leb⸗ hafteren Flamme anblies. Die Sklavin, durch das Beiſpiel ihrer Gebieterin ermuthigt, legte ebenfalls ihre lange Palla ab, und ſuchte ſich ängſtlich auf der andern Seite des Heerdes einen Sitz. „Ich befuͤrchte, daß wir Dich ſtören,“ ſagte Jone mit einſchmeichelnder Stimme. Die Hexe erwiederte nicht; ſie erſchien, wie ein Weſen, welches fuͤr einen Augenblick von den Todten auferſtanden, darauf aber gleich in den ewigen Schlummer zuruck verfallen war. „Sagt mir,“ fragte ſie plötzlich nach einer lan⸗ gen Pauſez„ſeid Ihr Bruder und Schweſter?“— „Nein,“ ſagte Jone erröthend. „Seid Ihr verheirathet?“— — 13 „Auch nicht,“ erwiderte Glaukus. „Alſo Verliebte!— Ha! ha! ha!“— Und die Here lachte ſo lange und ſo laut, daß es in der Hoͤhle wiederhallte. Jone fuͤhlte ſich uͤber jenen ſeltſamen Scherz tief verletzt; Glaukus murmelte ſchnell einen Gegenzau⸗ ber, der die Wirkung des Omen aufheben ſollte, und die Wangen der Sklavin wurden ſo blaß, als die der Hexe ſelbſt. „Woruͤber lachſt Du?“— fragte Glaukus die Letztere etwas ungeſtuͤm. „Lachte ich?“— erwiederte ſie zerſtreut. „Sie iſt geiſtesabweſend,“ fluͤſterte Glaukus; und kaum hatte er dieſes geſagt, ſo begegneten ſeine Blicke den funkelnden und wuͤthenden Augen der Alten. „Du luͤgſt!“ ſagte ſie grimmig. „und Du biſt eine unhoͤfliche Wirthin,“ erwie⸗ derte der Grieche. „Ich bitte Dich, reize ihren Zorn nicht, theurer Glaukus!“— ſagte Jone leiſe zu ihm. „Ich will Euch ſagen,“ ſo ſprach jetzt die Hexe, „weshalb ich lachte, da ich erfuhr, daß ihr Ver⸗ lobte ſeid. Es geſchah, weil es den Alten und Häß⸗ lichen Vergnügen gewährt, junge, feurige Liebende zu ſehn, wie Ihr ſeid, und zu wiſſen, daß die Zeit kommen wird, wo ſie ſich einander uberdruͤſſig wer⸗ den— uͤberdrüſſig— uͤberdruͤſſig— Ha! ha! ha!“— 14 Jetzt war an Jonen die Reihe, die traurige Pro⸗ phezeihung zuruckzuweiſen. „Dii avertite omen— die Goͤtter moͤgen es verhuͤten!“ ſagte ſie.„Aber Du armes Weib kennſt wohl wenig von der Liebe, ſonſt wuͤrdeſt Du wiſſen, daß ſie ſich nicht verändert.“ „War ich nicht einſt jung,“ erwiederte ſchnell die Hexe,„und bin ich jetzt nicht alt und häß⸗ lich?— Wie die Geſtalt, ſo veraͤndert ſich auch das Herz.“ Nach dieſen Worten verſank ſie wieder in eine tiefe Todesruhe. „Haſt Du ſchon lange hier gewohnt?“— ſagte Glaukus nach einer Pauſe, als dieſes unheimliche Stillſchweigen ihm unertraglich wurde. „Ja, gewiß— ſchon ſehr lange!“ „Es iſt aber ein trauriger Aufenthalt.“— „Ha! das kannſt Du wohl behaupten— die unterwelt befindet ſich unter unſern Fuͤßen!“— er⸗ wiederte die Alte, indem ſie mit ihrem knoͤchernen Finger nach der Erde zeigte.„Und ich will Dir ein Geheimniß mittheilen;— die Schreckniſſe da unten bereiten Vernichtung fuͤr Euch hier oben vor, fuͤr Euch, die Ihr jung ſeid, und ſchön und le⸗ bensfroh.“— „Aus Deinem Munde kommen nur boͤſe Worte,“ ſagte Glaukus,„die der Gaſtfreundſchaft uͤbel an⸗ —— — ſtehn, und kunftig will ich lieber dem Gewitter, als Deinem Willkommen entgegen gehn.“ „Daran wirſt Du wohl thun— Es ſollte mich Niemand aufſuchen, als der unglckliche.“ „Und weshalb nur der ungluͤckliche?“— fragte der Athenienſer. „Ich bin die Here des Berges, erwiederte ſie mit einem hoͤhniſchen Lächeln;„mein Geſchäft iſt, den Hoffnungsloſen zu helfen; fuͤr die ungluͤckliche Liebe habe ich Zaubertraͤnke, den Geizigen verſpreche ich Schätze; auch der Rachſucht gebe ich Tränkez fuͤr die Gluͤcklichen und Guten habe ich, wie das Leben auch, nur Fluͤche.— Store mich jetzt nicht mehr.“ Nach dieſen Worten beobachtete die ſchreckliche Bewohnerin dieſer Höhle ein ſo hartnaͤckiges Still⸗ ſchweigen, daß die Bemuͤhungen des Glaukus, wieder eine unterredung mit ihr anzuknuͤpfen, vergeblich waren. Sie verrieth durch keine Bewegung ihrer harten Zuͤge, daß ſie ihn auch nur anhöre. Gluͤck⸗ licherweiſe legte ſich aber jetzt der Sturm, welcher eben ſo kurze Zeit gedauert hatte, als er heftig ge⸗ weſen war; der Regen ließ immer mehr nach, und als nun auch die Wolken ſich verzogen, drang der milde Strahl des Mondes wieder herab, und be⸗ leuchtete alle Winkel dieſes ſchrecklichen Ortes. Nie hatte der Mond vielleicht eine der Kunſt des Ma⸗ lers wurdigere Gruppe beſchienen. Die junge Jone, 3 —— 16 in der Bluͤthe ihrer Schönheit, ſaß an dem Feuer; ihr Geliebter, der die Anweſenheit der Hexe ſchon zu vergeſſen anfing, lag ihr zu Fuͤßen, aufwärts ſchauend in ihr holdes Antlitz, und ſuͤße Worte der Liebe fluͤ⸗ ſternd— die blaſſe und ängſtliche Sklavin in eini⸗ ger Entfernung, und die furchtbare Hexe mit ihren ertödtenden Blicken ſie abwechſelnd anſtarrend.— Doch dieſe ſchoͤnen Weſen waren heiter und unbe⸗ ſorgt(ſo große Macht ubt die Liebe in der Geſell⸗ ſchaft der Liebenden); ſie glaubten, ihrer duͤſtern und wilden umgebung ſich unbewußt, wie in ein beſſeres Daſein verſetzt zu ſein. Der Fuchs beobachtete ſie noch immer aus ſeinem Winkel mit ſcharfen und 3 gluͤhenden Blicken, und als Glaukus jetzt wieder die. Hexe betrachtete, bemerkte er zum erſtenmale grade unter ihrem Sitz die glänzende Haut und den erho⸗ die benen Kopf einer großen Schlange, und ſei es, daß ſch die lebhaften Farben des Mantels, welchen der St Athenienſer uͤber die Schultern der Jone gelegt hatte, Fr des Thieres Zorn reizten, oder geſchah es aus einem kra andern Grunde, die Schlange erhob den Kopf mit ihren funkelnden Augen immer mehr, als mache ſie St ſich zu einem Sprunge gegen die Neapolitanerin be⸗ che reit;— Glaukus ergriff ſchnell einen der halb ver⸗„ brannten Feuerbraͤnde von dem Heerde, worauf die n Schlange, wahrſcheinlich dadurch noch wuͤthender ge⸗ macht, hervor ſprang, und mit lautem Ziſchen 6 — 17 ſich zu einer Hohe erhob, die faſt der des Griechen gleich kam. „Here!“— rief Glaukus,„rufe Deine Beſtie zuruck, oder ich todte ſie.“— „Sie iſt nicht giftig,“ ſagte die Alte, welche in Folge ſeiner Drohung aufgeſtanden war,„aber ehe ſie noch dieſe Worte ausgeſprochen, war die Schlange auf den Glaukus zugeſprungen; dieſer bog ſich, es bemerkend, ſchnell und gewandt zur Seite, und ver⸗ ſetzte dem Thier einen ſo gewaltigen und richtig ange⸗ brachten Schlag auf den Kopf, daß es niederfiel und ſich in der Aſche wand. Die Hexe trat wuͤthend vor, und ſah den Glau⸗ kus mit einem Ausdruck an, wie die wildeſte der Furien ihn nicht ſchrecklicher haben konnte, aber trotz dieſes fuͤrchterlichen Aufbietens der gehaͤſſigſten Leiden⸗ ſchaften behielt ihr Geſicht noch Spuren fruͤherer Schoͤnheit, und erhielt ſich frei von jener rohen Fratzenhaftigkeit, in der die nordiſche Einbildungs⸗ kraft oft den Schrecken darzuſtellen geſucht hat. „Du haſt,“ ſagte ſie mit feſter und gehaltener Stimme, welche durch ihre Ruhe dem leidenſchaftli⸗ chen Wechſel ihrer Zuͤge keineswegs entſprach,— „Du haſt bei mir Schutz und Obdach gefunden, und an meinem Feuer Dich erwaͤrmt;— Du haſt Gu⸗ tes vergolten mit Boͤſem;— Du haſt das Thier verwundet, welches ich liebte, und das mein Eigenthum war; das Thier, welches vor allen den Goͤttern ge⸗ Bulwer's Werke. Taſchenausg. III. 2, 18 heiligt, und den Menſchen ehrwuͤrdig iſt ²)— jetzt hoͤre Deine Strafe. Bei dem Mond, dem Beſchutzer der Zaubereien, beim Orkus, wo die Rache wohnt, ich fluche Dir, und Du ſeiſt verflucht!— Moge Deine Liebe ungluͤcklich, Dein Name verachtet ſein, moͤgen die unterirdiſchen Dich bezeichnen; moͤge Dein Herz verdorren und abſterben, und Deine letzte Stunde noch Dich an die Prophezeihungen der Zau⸗ berin des Veſuvs erinnern!— Und Du,“ fugte ſie hinzu, indem ſie ſich ſchnell zur Jone wendete, und ihren rechten Arm erhob— als Glaukus ihr unge⸗ ſtum in die Rede fiel: „Hore auf, Schreckliche,“ rief er.„Mich haſt Du verflucht, und ich unterwerfe mich dem Beſchluß der Gotter— ich trotze Dir und verachte Dich, aber ſpreche nur ein Wort gegen jenes Maädchen, und ich will den Fluch Deiner ſchaͤndlichen Lippen in Deinen Sterbefluch verwandeln— nimm Dich in Acht!“— „Ich habe nichts mehr hinzuzufuͤgen,“ erwie⸗ derte die Hexe, indem ſie wild auflachte,„denn in Deinem Fluch iſt Deine Geliebte mit eingeſchloſſen, und um ſo mehr, da ich aus ihrem Munde Deinen Namen hoͤrte, und jetzt weiß, mit welchem Wort ich *) Die Romer, ſowie vielleicht jedes aͤltere Volk, betrachteten die Schlangen, die ſie oft gezähmt in ihren Haͤuſern hielten, und ſelbſt mit auf ihre Gaſtmahle brachten, als beſonders heilig. . — 19 Dich den Daͤmonen zu uͤbergeben habe. Glaukus — Du biſt verflucht!“— Rachdem die Hexe dieſe Worte geſprochen, kniete ſie neben der Schlange nie⸗ der, die ſie vom Heerde zog, und ſah ihre Gäſte mit keinem Blick mehr an. „O, Glaukus,“ ſprach Jone aͤngſtlich,„was haben wir gethan?— Laß uns forteilen von dieſem ſchrecklichen Orte— der Sturm und Regen hat ſich gelegt. Vergib ihm, gute Alte, nimm Deinen Fluch zuruͤck— er beabſichtigte blos, ſich zu ver⸗ theidigen— nimm dieſes Friedensopfer an, um, was Du geſagt, zu widerrufen.“ Und Jone trat vor, und legte ihren Geldbeutel in den Schooß der Zauberin. „Fort, fort!“— rief dieſe grimmig.„Den Fluch, der einmal geſprochen iſt, koͤnnen nur die Parzen widerrufen— fort!“ „Komm, Theure!“— ſagte Glaukus ungedul⸗ dig.„Glaubſt Du, daß die Goͤtter uͤber oder unter uns die ohnmächtigen Raſereien der Verruͤcktheit ho⸗ ren?— Komm!“— Die Hexe gab keine Antwort mehr, ſondern ſchlug ein langes und helles Gelaͤchter auf, deſſen Echo in der Hoͤhle widerhallte. Die Liebenden athmeten freier, als ſie in die friſche Abendluft getreten waren, doch die Scene, deren Zeugen ſie geweſen, die Worte und das Ge⸗ lächter der Hexe erfuͤllten das Herz der Jone noch mit Schrecken, und ſelbſt Glaukus vermochte noch nicht ganz, dieſen Eindrucken ſich zu entziehen. Das Gewitter war voruͤber; nur dann und wann rollte noch ein ſchwacher Donner in den entfernteren Wol⸗ ken. Mit vieler Muͤhe fanden ſie den Weg zu ihrem Wagen, der jetzt wieder hinlänglich fuͤr die Ruͤck⸗ reiſe in Stand geſetzt worden war, und der beſorgte Carrucarius, der ſo oft den Herkules gefragt hatte, wo ſeine Herrſchaft geblieben ſei, war außer ſich vor Freuden, als er ſie wiederſah. Vergeblich waren die Bemuͤhungen des Glaukus, Jonen aufzuheitern; ihm ſelbſt wurde es ſchwer, ſeine muntre Stimmung wieder zu gewinnen. Sie gelangten bald an das Thor der Stadt;— als es 3 ihnen geoffnet wurde, trat ihnen eine durch Skla⸗ 33 ven getragene Sänfte in den Weg. „Es iſt zu ſpät,“ ſagte die Schildwache zu dem, der in der Sänfte ſaßz„es darf Niemand mehr aus der Stadt.“ „Ich will blos nach der Villa des Marcus Poly⸗ 3 bius,“ erwiederte die Stimme, die den Liebenden 4 ſehr gut bekannt war.„Ich werde bald zuruͤckkeh⸗ ren. Ich bin Arbaces, der Egyptier.“ Die Schildwache beruhigte ſich hiermit, und die Saͤnfte wurde dicht bei dem Wagen, in dem Glau⸗ kus und Jone ſaßen, vorbei getragen. „Arbaces, in dieſer Stunde!“— ſagte Glaukus ——— —— 5 —— —————,— — —„und kaum kann er wieder hergeſtellt ſein— wo⸗ hin kann er ſo ſpät noch wollen?“— „Ach!“ erwiederte Jone, indem ſie in Thränen ausbrach,„mein Gemuͤth wird immer mehr durch uble Vorbedeutungen beängſtigt. Schuͤtzt uns, 0 Göͤtter, oder wenigſtens,“ murmelte ſie bei ſich ſelbſt, „ſchuͤtzt meinen Glaukus!“— Zehntes Rapitrl. Der Beſitzer des flammenden Guͤrtels und ſeine Gehuͤl⸗ fin.— Das Schickſal ſchreibt ſeine Weiſſagungen in rothen Buchſtaben, aber wer kann ſie leſen?— Arbaces hatte gewartet, bis das Gewitter verzogen war, um in dem Dunkel der Nacht die Hexe des Veſuv aufzuſuchen. Er lag ausgeſtreckt in ſeiner Saͤnfte, welche durch ſeine treueſten Sklaven getra⸗ gen wurde, denen er gewohnt war, in ſeinen géheim⸗ ſten unternehmungen ſich anzuvertrauen, und er uͤberließ ſich dem Vorgefuͤhl ſeiner Rache, wie der Hoffnung, bald in den Beſitz des Gegenſtandes ſeiner Liebe zu gelangen. Auf dieſer kurzen Strecke beweg⸗ ten ſich die Sklaven faſt eben ſo ſchnell, als die Mauleſel in ihrem gewohnlichen Schritt; und Ar⸗ baces kam bald an einen engen Pfad, den die Lie⸗ benden verfehlt hatten, der aber durch die wilden Weinreben auf dem kuͤrzeſten Wege zu der Wohnung der Hexe fuͤhrte. Hier ließ er die Sänfte anhalten, und indem er den Sklaven befahl, ſich in dem Ge⸗ vuſch zu verbergen, damit ſie nicht etwa durch einen zufaͤllig vorbeigehenden Wanderer bemerkt wuͤrden, ſtieg er allein, ſeine noch ſchwachen Glieder durch einen langen Stab unterſtutzend, den ſteilen Abhang hinauf. Von dem heitern Himmel fiel kein Regen mehr, aber an den Rebenblättern hingen noch große Tropfen, und das Waſſer hatte ſich in dem fel⸗ ſigten Wege hier und da geſammelt. „Fuͤr einen Philoſophen muͤſſen es wohl ſeltſame Leidenſchaften ſein,“ dachte Arbaces bei ſich ſelbſt, „die Einen, der, wie ich, eben vom Krankenbette erſtanden iſt, ſolche nächtliche Wege fuͤhren— aber wenn Rache und Liebe ihr Ziel verfolgen, ſo koͤnnen ſie ſelbſt aus dem Tartarus ein Eliſium machen.“ — Der Mond ſchien heiter und klar uͤber jenem duͤſtern Wanderer, und er erblickte vor ſich daſſelbe Licht, welches die Schritte des Glaukus und der Jone geleitet hatte. Er blieb, als er die Hffnung der Hoͤhle erreicht, ſtehn, um ſich etwas zu erholen, und trat darauf mit ſeinem gewohnten ſtattlichen und ruhigen vz ſen ein. — 23 Der Fuchs ſprang auf, und verkuͤndete ſeiner Gebieterin durch ein widerliches Heulen die Ankunft eines neuen Gaſtes. Die Hexe ſaß wieder, ruhig wie eine Leiche, ne⸗ ben dem Feuer, und zu ihren Fuͤßen lag die ver⸗ wundete Schlange auf trockenem Mooſe, durch das ſie halb bedeckt wurde; der Egyptier bemerkte jedoch mit ſchnellem Blick, daß ſie ſich noch langſam be⸗ wegte, und ihre glaͤnzenden Schuppen ſich hin und her wanden. „Zuruͤck, Sklave!“ ſagte die Here wieder zum Fuchs, und das Thier kroch, ſtumm, aber wach⸗ ſam in ſeinen Winkel zuruͤck. „Erhebe Dich, Dienerin der Nacht und des Ere⸗ bus;“ ſagte Arbaces in befehlendem Ton,„ein Machtiger in Deiner Kunſt gruͤßt Dich! Erhebe Dich, und heiße ihn willkommen!“— Die Hexe erhob jetzt ihren Blick zu der gewal⸗ tigen Geſtalt und den finſtern Zuͤgen des Egyptiers. Sie betrachtete ihn lange und mit unverwandtem Auge, als er in ſeinem morgenländiſchen Gewand, mit uͤbereinandergeſchlagenen Armen und ſtolzer, ge⸗ bieteriſcher Stirne vor ihr ſtand. „Wer biſt Du,“ ſagte ſie endlich,„der Du Dich maͤchtiger nennſt, als die Zauberin der brennenden Felder, und als die Tochter des untergegangenen hetruriſchen Geſchlechts?“— „Ich bin Der,“ erwiederte Arbaces,„den alle 24 Zauberer vom Norden zum Suͤden, vom Oſten zum Weſten, vom Ganges zum Nil, von den Thälern Theſſaliens bis zu den ufern der gelben Tiber, als ihren Lehrer anerkennen.“ „Ich kenne nur einen ſolchen Mann in dieſer Gegend,“ ſagte die Here,„den die gewöhnlichen Menſchen, unbekannt mit ſeinen höheren Eigenſchaf⸗ ten, Arbaces, den Egyptier nennenz uns, die wir in dieſem geheimen Wiſſen erfahrener ſind, iſt er unter dem Namen: Hermes mit dem flammenden Guͤrtel bekannt.“ „So ſchaue mich an,“ ſagte Arbaces,„ich bin es.“ Indem er dieſes ſagte, zog er ſein Gewand zu⸗ ruͤck, und zeigte einen ſcheinbar feurigen Güͤrtel, der um ſeinen Leib flammte, und in deſſen Mitte auf einer Platte ein Zeichen eingegraben war, deſſen Bedeutung der Hexe bekannt ſein mußte, denn ſie ſtand ſchnell auf, und warf ſich dem Arbaces zu Fuͤßen.„ „Ich bin alſo ſo gluͤcklich,“ ſagte ſie mit demü⸗ thiger Stimme,„den Herrn des mächtigen Gürtels zu ſehn— ich bringe Dir meine Huldigung dar!“— „Stehe auf,“ ſagte der Egyptier,„ich bedarf Deiner Dienſte.“— Indem er dieſes ſprach, ſetzte er ſich auf den⸗ ſelben Holzſtamm, welcher fruͤher der Sitz der Jone 5 „ . 25 geweſen war, und winkte der Hexe, ihren Platz wie⸗ der einzunehmen. „Du behaupteſt,“ ſagte er,„eine Tochter des alten etruriſchen*) Geſchlechts zu ſein, von deſſen Felſenſtaͤdten noch jetzt die gewaltigen Mauern ver⸗ ächtlich auf das Räubergeſchlecht hinab ſchauen, wel⸗ ches ſeiner uralten Herrſchaft ſich bemächtigt hat. Dieſe Stämme kamen theils aus Griechenland, theils waren ſie Fluͤchtlinge aus einem noch brennendern Klima. In jedem Fall biſt Du egyptiſchen ur⸗ ſprungs, denn die Griechen, welche die eingebornen Staͤmme von Hellas unterwarfen, waren unruhige Soͤhne Egyptens, die vom Nil verbannt wurden. Auch Deine Vorfahren, o Zauberin, ſchwuren daher in jedem Fall den meinigen unterwuͤrfigkeit. Durch Geburt ſchon biſt Du dem Arbaces unterthan, wie auch in Deinem geheimen Wiſſen. JZetzt hore mich an, und gehorche!“ Die Hexe neigte ihr Haupt. „Welche geheime Zauberkuͤnſte wir auch beſitzen mögen,“ fuhr Arbaces fort,„ſo muͤſſen wir doch oft, um unſere Zwecke erreichen zu können, zu natuͤr⸗ lichen Mitteln unſere Zuflucht nehmen. Der Ring**), *) Es wird uͤberfluͤſſig ſein, zu bemerken, daß die Etrurier ihrer Zaubereien wegen beruͤhmt waren.„ ) Auxtvlohcteic. und der Kryſtall*), die Aſche*), und die Kraͤu⸗ ter***) taͤuſchen uns bisweilen; auch die höhern Ge⸗ heimniſſe des Mondes entbinden ſelbſt den Beſitzer des flammenden Guͤrtels nicht immer von der Noth⸗ wendigkeit, dann und wann fuͤr menſchliche Zwecke menſchliche Mittel anzuwenden. So hoͤre mich denn! Du kennſt, wie ich glaube, genau die Eigenſchaften aller giftigen Kraͤuter; Du weißt, welche Säfte die Lebenskraft zerſtoͤren und das Blut in den jungen Adern erſtarren machen koͤnnen. Habe ich Recht?— Sprich! und aufrichtig!“— „Maächtiger Hermes! allerdings bin ich mit die⸗ ſem Wiſſen vertraut. Betrachte dieſe meine leichen⸗ haften Zuͤge, die Farbe des Lebens iſt nur deshalb aus ihnen geſchwunden, weil ich uͤber den verderb⸗ lichen Kräutern wache, welche Tag und Nacht in jenem Keſſel ſieden.“ Der Egyptier entfernte ſeinen Sitz, als die Hexe dieſes ſprach, aus einer ſo gefährlichen und unge⸗ ſunden Naͤhe. „Du haſt alſo,“ ſagte er,„jenen Grundſatz al⸗ les tiefern Wiſſens ausgeuͤbt, der da lautet: Ver⸗ achte den Körper, um den Geiſt weiſe zu machen. *) Kovoralolcvrela. **) Tpoohrslc. ***) Borawoltrela. ——— Aber jetzt hoͤre, was ich von Dir verlange. Morgen Abend kommt zu Dir ein eitles Maͤdchen, welches von Deiner Kunſt einen Liebeszauber erheiſchen wird, um von einer Andern die Augen abzuwenden, welche nur ihr Liebe geſtehen ſollen.— Statt eines Liebes⸗ trankes aber gib dem Madchen eines Deiner gefähr⸗ lichſten Gifte. Moͤge der Liebende ſeine Geluͤbde den Schatten vorſeufzen.“ Die Hexe zitterte am ganzen Leibe. „O, vergib, vergib, ſchrecklicher Meiſter!“ ſagte ſie ſtammelnd,„aber das wage ich nicht. Das Ge⸗ ſetz iſt in dieſen Städten ſtrenge und wachſam; ſie werden mich ergreifen, und mit dem Tode beſtrafen.“ „Fuͤr welche Zwecke braueſt Du denn Deine Ge⸗ traͤnke?“— ſagte Arbaces ſpoͤttiſch.— Die Hexe verbarg ihr Geſicht mit den Haͤnden⸗ „Oh,“ ſagte ſie mit einer ungewoͤhnlich ſanften und klagenden Stimme,„vor Jahren war ich nicht, was ich jetzt bin;— ich liebte; ich glaubte, wieder geliebt zu werden.“ „Und in welcher Verbindung ſteht Deine Liebe mit meinen Befehlen?“— fragte Arbaces. „Habe Geduld mit mir, ich bitte Dich,“ erwie⸗ derte die Hexe.„Ich liebte!— eine Andere, nicht ſo ſchön, als ich— ja, bei der Nemeſis, nicht ſo ſchoͤn,— entzog mir meinen Auserwählten. Ich gehörte zu jenem etruriſchen Stamme, deſſen Mit⸗ glieder faſt alle in den Geheimniſſen der finſtern 28 Magie bewandert waren. Meine Mutter ſelbſt war eine Zauberin— ſie theilte das Rachegefuͤhl ihres Kindes;— aus ihren Händen empfing ich den Trank, der mir meinen Geliebten wieder gewinnen— von ihr auch das Gift, welches meine Nebenbuhlerin todten ſollte. Oh, zerſchmettert mich, ihr Felſen⸗ wände! meine zitternden Haͤnde verwechſelten die Ge⸗ fäße; mein Geliebter fiel mir allerdings zu Füßen, aber todt, todt! Welchen Werth hat ſeit jener Zeit das Leben fuͤr mich gehabt?— Ich alterte zuſehends, ich ergab mich den Zauberkünſten meines Stammesz durch einen unwiderſtehlichen Antrieb muß ich mich noch ſtets ſelbſt mit einer ſchrecklichen Strafe züchti⸗ genz noch immer ſuche ich die ſchädlichſten Kraͤuterz noch immer bereite ich Gift zu; noch immer bilde ich mir ein, daß ſie fuͤr meine verhaßte Nebenbuh⸗ lerin beſtimmt ſeien, noch immer glaube ich, daß ſie ihre Schoͤnheit in Staub verwandeln werdenz noch immer ſehe ich die zuckenden Glieder, die ſchäumen⸗ den Lippen, die ſtarren Augen meines Aulus,— meines durch mich ermordeten Aulus.“ Die Hexe verfiel in krampfhafte Zuckungen; Ar⸗ baces betrachtete ſie mit neugierigen, aber verächt⸗ lichen Blicken. „und dieſes verwerfliche Geſchöpf hat noch menſch⸗ liche Empfindungen,“ dachte er,„ihre Ruͤckerinne⸗ rung bläͤſet noch die Aſche deſſelben Feuers an, wel⸗ ches den Arbaces verzehrt— ſo ſind wir Alle! Ge⸗ —.— * —— * —— 29 heimnißvoll iſt die Verbindung der Leidenſchaften, die uns Alle bewegen.“— Er antwortete nicht, bis ſich die Alte wieder etwas erholt hatte. Sie neigte ſich auf ihrem Sis hin und her, mit den ſtarren Augen in die Flamme blickend.* „Deine Geſchichte iſt allerdings ſchrecklich,“ ſagte Arbaces,„aber jene Leidenſchaften ſind nur für die Ihgend geeignet— das Alter muß unſere Herzen hart und unempfindlich machen;— ſo wie die Auſter in jedem Jahre ſchwerer wird, ſo muß auch jedes Jahr unſer Herz mit einer dickeren Rinde umgeben. Schlage Dir dieſe Dinge aus dem Sinn! Und jetzt hore, was ich Dir noch ſagen will! Bei Deiner Rache befehle ich Dir, mir zu gehorchen! fuͤr die Rache rufe auch ich Dich auf!— Jener Juͤngling, den ich aus meinem Wege raͤumen will, hat meinen geheimen Kuͤnſten ſelbſt getrotzt; dieſer lächelnde Wuͤſtling, ohne Geiſt und Gefuͤhl, der keinen an⸗ dern Vorzug hat, als den der Schoͤnheit— ſie moͤge verflucht ſein!— dieſes Inſekt, dieſer Glaukus— ich ſage Dir, beim Orkus und bei der Nemeſis, er muß ſterben!“— und der Egyptier ſchritt bei dieſen Worten, un⸗ eingedenk ſeiner Schwaͤche, und Alles vergeſſend, außer ſeiner Rache, wild und ungeſtuͤm in der dunk⸗ len Hoͤhle auf und ab.. „Du nannteſt den Glaukus, mächtiger Mei⸗ 30 ſter?“— ſagte die Hexe,„und ihr dunkles Auge funkelte bei dieſem Namen mit aller jener Gluth der Rache, die der Einſame und Verachtete auch bei der Erinnerung kleinerer Beleidigungen ſo heftig zu fuͤh⸗ len pflegt. „Ja, ſo heißt er, aber was kuͤmmert Dich der Name? Laß ihn wenigſtens nach drei Tagen nicht mehr als den eines Lebenden genannt werden!“— „Hoͤre mich!“— ſprach jetzt die Hexe, inde wie aus einem Traum zu erwachen ſchien;„ich bin Deine Sklavin und Deine Magd; ſchone mich! Wenn ich dem Mädchen, von welchem Du ſprichſt, gäbe, was Du verlangſt, ſo wuͤrde es gewiß entdeckt wer⸗ den, denn die Todten finden immer Racher.— Nein, furchtbarer Mannz wenn Dein Beſuch bei mir, Dein Haß gegen Glaukus bekannt wuͤrde, ſo koͤnnten Deine Zauberkunſte vielleicht kaum Dich ſelbſt be⸗ ſchuͤtzen!“— „Ha!“ ſagte Arbaces, und plötzlich hielt er inne; und dieſes war, als ein Beweis, wie blind die Lei⸗ denſchaft auch die ſchärfſten Augen macht, das erſte⸗ mal, daß die Gefahr, der er ſelbſt durch dieſe Art der Befriedigung ſeiner Rache ſich ausſetzen wuͤrde, einem ſonſt ſo vorſichtigen Manne erſt einleuchtend geworden war. „Aber,“ fuhr die Hexe fort,„wenn ich, ſtatt deſſen, was den Tod herbei fuͤhrt, ihm nur gebe, was das Gehirn verwirrt und verduͤſtert, was den, ——— — —— 31 der es verſchluckt, unfaͤhig fuͤr die gewöhnlichſten Geſchaͤfte des Lebens macht, zu einem verworfenen, raſenden Weſen,— wird dann Deine Rache nicht auch befriedigt, Dein Zweck ebenfalls erreicht ſein?“— „Oh, Hexe, nicht laͤnger die Dienerin, nein, die Schweſter des Arbaces,— um wie viel groͤßer iſt der Scharfſinn des Weibes ſelbſt in der Rache, als der unſrige! um wie viel ſchrecklicher, als der Tod, iſt ein ſolches Loos!“— „Und,“ fuhr die Alte fort, indem ſie ihren ab⸗ ſcheulichen Plan immer mehr entwickelte,—„dieſes wuͤrde wenig Verdacht erregen koͤnnen, denn unſer Schlachtopfer kann aus vielen tauſend Gruͤnden, die man weiter nicht unterſuchen wird, verruͤckt gewor⸗ den ſein. Er kann in den Weinbergen eine Nym⸗ phe*) geſehn haben, oder der Wein ſelbſt hat dieſe Wirkung gehabt— ha! ha!— man kuͤmmert ſich nie ſo genau um Alles, was die Götter ſelbſt ver⸗ anlaßt haben koͤnnen. und wenn auch das Schlimmſte ſich ereignete— wenn man erfuͤhre, daß es ein Liebestrank geweſen ſeiz ſo wuͤrde ſelbſt die Schone, die ihm ihn beigebracht, Entſchuldigung finden. Maͤchtiger Hermes, habe ich Dir nicht einen guten Rath gegeben?“— „Du ſollſt zwanzig Jahre länger dafuͤr leben,“ — 2 1 *) Nach dem volksthuͤmlichen Aberglauben der Alten veranlaßte der Anblick einer Nymphe Verruͤcktheit. ſagte Arbaces,—„ich will eine neue Epoche Dei⸗ nes Schickſals in die bleichen Sterne ſchreiben, Du ſollſt nicht umſonſt dem Herrn des flammenden Guͤr⸗ tels gedient haben. und hier, Alte, grabe Dir mit dieſen goldenen Werkzeugen eine waͤrmere Zelle in Deiner ſchrecktichen Hoͤhle aus. Ein Dienſt, den Du mir leiſteſt, ſoll Dir eintraͤglicher ſein, als wenn Du tauſend ſtaunenden Bauern Deine Wahrſagun gen verkaufſt.“ Indem er dieſes ſprach, warf er einen ſchweren Geldbeutel auf den Boden, der den Ohren der Hexe nicht unmuſikaliſch erklang, denn wenn ſie auch viele Bequemlichkeiten entbehren konnte, ſo beſaß ſie doch gerne die Mittel, durch welche dieſe zu erlan⸗ gen ſind. „Lebe wohl,“ ſagte Arbaces,—„ beobachte gut die Sterne, wenn Du Deinen Trank bereiteſt— Deine Schweſtern beim Wallnußbaum*) werden Dich beneiden, wenn Du ihnen erzaͤhlſt, daß Dein Freund und Beſchutzer Hermes der Egyptier iſt. Morgen Abend beſuche ich Dich wieder.“ Er hielt ſich nicht länger auf, um die Dankſagun⸗ *) Das beruͤhmte Stelldichein der Hepen zu Bene⸗ vent. Die gefluͤgelten Schlangen, welche dieſen Zuſam⸗ menkunften beiwohnen ſollten, und lange in dieſen Ge⸗ genden ein verehrtes Symbol waren, ſtehn wahrſchein⸗ lich mit egyptiſchem Aberglauben in Verbindung. 33 gen der Hexe anzuhören; mit eilenden Schritten trat er aus der Hoͤhle und eilte den Berg hinab. Die Zauberin hatte ihn bis zum Ausgang be⸗ gleitet, und hier ſtand ſie noch lange, ihm nach⸗ ſchauend, und als der bleiche Strahl des Mondes ihr leichtafarbiges Antlitz und ihre duͤrre Geſtalt beſchien, die gegen den dunklen Felſenhintergrund noch mehr hervorgehoben wurden, da ſchien es wirklich, als wenn ein mit uͤbernatuͤrlicher Magie begabtes We⸗ ſen aus dem finſtern Orkus hervorgeſtiegen ſei, und an deſſen ſchwarzem Thore Wache halte. Die Hexe trat nun langſam wieder in ihre Hoͤhle zuruͤck, hob die ſchwere Boͤrſe auf, nahm die Lampe, und indem ſie in den entfernteſten Winkel ihrer Hohle ſich be⸗ gab, trat ſie in einen ſchmalen, finſtern Gang, der, durch vorſpringende Felſenecken verborgen, nur ganz in der Nähe ſichtbar war. Sie ſtieg einige Schritte hinab, und hob einen Stein auf, unter den ſie ihren Schatz legte; auch zeigte der Schein der Lampe meh⸗ rere Muͤnzen von verſchiedenem Werth, welche die Dankbarkeit und der Aberglaube ihr bereits fruͤher verehrt, und die ſie hier verborgen hatte. „Ich mag Euch gerne betrachten,“ ſagte ſie, indem ſie das glänzende Metall mit gierigen Blicken muſterte;„denn wenn ich Euch anſehe, ſo fuhle ich⸗ daß ich wirklich maͤchtig bin. und wenn ich noch 20 Jahre länger lebe, wie werde ich Euch vermeh⸗ ren können! O, Du großer Hermes!“— Bulwer's Werke. Taſchenausg. III. 3 Sie legte den Stein wieder zurecht, und verfolgte den Gang noch einige Schritte weiter, und blieb vor einer tiefen, unregelmäßigen Offnung in der Erde ſtehen. Als ſie hier lauſchte, horte ſie von Zeit zu Zeit ſeltſame polternde, donnernde Toͤne in der Ent⸗ fernung, mit einem lauten, knirſchenden Geräuſch, als wenn Metalle ſich gegen einander vieben— auch drang ſchwarzer, nach Schwefel riechender Rauch empor, und verbreitete ſich ſpiralfoͤrmig in der Hoͤhle. „Die Schatten ſind unruhiger, als gewoͤhnlich,“ ſagte die Here, indem ſie ihre grauen Locken ſchuͤt⸗ telte; und als ſie in die Höhlung ſah, erblickte ſie tief unten lange Streifen eines rothlichen Lichtes. „Sonderbar!“ ſprach ſie, indem ſie zuruͤckbebte, „erſt ſeit den letzten zwei Tagen bemerke ich jene feurigen Erſcheinüngen— was koͤnnen ſie bedeu⸗ ten?“— Der Fuchs, welcher ſeine Gebieterin begleitet hatte, ſtieß ein widerliches Geheul aus, und kroch nach der oberen Höhle zuruͤck— ein kalter Schau⸗ der erfaßte die Alte ſelbſt, denn auch die Ingſtlich⸗ keit des Thieres ſchien nach dem Aberglauben jener Zeit ihr ein boͤſes Omen zu ſein; ſie murmelte ih⸗ ren Gegenzauber, ſchwankte zitternd zuruͤck, und be⸗ gab ſich zu ihren Kräutern, um die Befehle des Egyptiers zu erfullen. „Er nannte mich eine Verruͤckte,“ ſagte ſie, als 35 der Rauch aus dem dampfenden Keſſel ſtieg,— „wenn der Puls kaum mehr ſchlaͤgt, dann iſt es traurig, verruͤckt zu ſein;— aber, wenn,“ fuͤgte ſie mit wildem und hoͤhniſchem Tone hinzu,— „wenn die Jungen, und Schoͤnen und Starken ploͤtz⸗ lich verruͤckt werden— ach, das iſt ſchrecklich!— Brenne, Flamme! Kocht, ihr Kraͤuter— ich verfluchte ihn, und er ſoll verflucht ſein.“ In derſelben Nacht und zu derſelben Stunde, als Arbaces in jener unheimlichen Hoͤhle die Here be⸗ ſuchte— wurde Apaecides getauft. Eilftes Bapitel. Das Gewebe iſt fertig, aber das Netz kommt in andere Haͤnde. „Und Du haſt den Muth, Julia, heute Abend die Hexe des Veſuv, und noch dazu in der Begleitung jenes ſchrecklichen Mannes, zu beſuchen?“ „Glaubſt Du, Nydia,“ erwiederte Julia ängſt⸗ lich,„daß wirklich etwas zu beſorgen ſein moͤchte? — Weshalb ſollte ich dieſe alten Wahrſagerinnen mit ihrem Zauberſpiegel fuͤrchten, mit ihren Sieben 3** und mit ihren) im Mondſchein gepflückten Kräutern. Sie ſind, glaube ich nur liſtige Betrüger, welche vielleicht nichts gelernt haben, als den Liebestvant, den ich verlange, aus ganz einfachen Gewächſen zu vltein onn nanbc dut nbane bis ku „Fürchteſt Du aber Deinen Begleiter nicht?“ Den Arbaces?— ich ſah, bei der Diana, nie⸗ mals einen hoflicheren Mann, als jenen Zauberers und et wurde ſogar ſchoͤn ſein, wenn ſein Geſicht nicht ſo braun wäre.“ nneK Wenn Nydia auch blins war, ſo hatte ſie doch Beobachtungsgeiſt genug, um zu bemerken, daß Julia durch die Galanterieen des Arbaces ſich grade nicht werde in Schrecken jagen laſſen. Sie rieth ihr da⸗ her weiter nicht abz ſie nährte vielmehr in ihrem aufgeregten Herzen den Wunſch, zu wiſſen, ob die Zauberin wirklich im Stande ſei, die Liebe zu feſſeln. 102 ½ „Laß mich mit Dir gehn, edle Julia„ ſagte ſie endlich,„meine Anweſenheit gewaͤhrt zwar keinen Schutz, aber ich moͤchte gern dieſes Abenteuer mit Dir beſtehn.“— bi E n 3 n* Dein Anerbieten gefällt mir ſehr,“ erwiederte die Tochter des Diomed. Aber wie wird es Dir möglich ſein?— wir können erſt ſpät zuruͤckkehren — mat wird Dich vermiſſen“— Jone iſt nachſichtig erwirderte Nydia.„Wenn Du mir ertauben willſt, unter Deinem Dache zu —————— 37 ſchlafen, ſo kann ich fagen, daß Du, meine fruͤhere Beſchuͤtzerin und Freundin, mich eingeladen haſt, einen Tag bei Dir zuzubringen, und meine theſſali⸗ ſchen Lieder zu ſingenz ihre Hoflichkeit wird Dir eine ſo kleine Gefälligkeit gern gewähren.— „Nein, bitte Du ſie ſelbſt deshalb um geizn niß;“ ſagte die hochmuͤthige Julia;„ich will der Neapolitanerin keine Verpflichtung haben!“— „Nun, es ſei ſoz ich will jetzt gleich meinen Wunſch vortragen, der gewiß nicht wird, und dann zuruͤckkehren.“ „Thue es, und Dein Bett ſoll in meiner eigenen Schlafkammer bereitet werden.“ Hierauf vertieß Rydia die ſchöne Pößipejanerin. Auf ihrem Ruͤckwege begegnete ſie dem Wagen des Glaukus, deſſen muthige und ſtolze Roſſe den Gegenſtand allgemeiner Bewunderung bildete. Du bluhſt ja, wie Deine eignen Roſen, meine tiebliche Rydia, und wie befindet ſich Deine ſchone Gebieterin?“ „Ich habe ſie heute Morgen nicht geſehn,“ erwie⸗ derte Nydia—„aber—“ nAber was?— Tritt etwas zurück, daß die Perde Dir nicht zu nahe kommen.“ Aher glaubſt Du, Jone werde mir riuhen, ahi ich den heutigen Tag bei der Julig, der Foch⸗ ter des Diomedes, zubringe? ſie wünſcht s, und 38 war gütig gegen mich, als ich noch wenige Freunde hatte.“ „Die Götter mögen Dein bantbares Herz ſegnen! ich will fuͤr Jonens Erlaubniß gut ſagen!“— „Darf ich denn auch die Nacht uͤber dort blei⸗ ben?“— fragte Nydia, indem ſie ſich durch das Lob beſchaͤmt fuhtte, welches ſie ſo wenig verdient zu haben ſich bewußt war. „Wie es Dir und der ſchoͤnen Julia gefällt. Gruͤße ſie von mir;— und wenn Du ſie ſprechen hoͤrſt, Nydia, ſo merke Dir den unterſchied ihrer Stimme von jener der Jone. Vale!“ Glaukus hatte ſich von den Anſtrengungen der vorigen Nacht vollkommen erholt; ſeine dunkeln Locken wehten im Winde, ſein Herz huͤpfte vor über⸗ muͤthiger Freude, elaſtiſch, wie ſeine muntern par⸗ thiſchen Roſſe, er war wie der Gott ſeines Landes, jugendlich und kräftig.— Genieße die Gegenwart, wem es geſtattet iſtz wer vermag in der Zukunft zu leſen!—— Arls der Abend heran nahte, ſtieg Julia in ihre Sänfte, in welcher auch noch Platz fuͤr ihre blinde Gefahrtin war, und die Sklaven nahmen den Weg nach den ländlichen Bädern, die Arbaces als Ver⸗ ſammlungsort beſtimmt hatte. Dem natuͤrlichen Leichtſinn der Pompejanerin erſchen dieſe Unterneh⸗ — 39 mung nur als eine angenehme Aufregung; vor Allem aber entzuͤckte ſie der Gedanke ihres bevorſtehenden Triumphs uͤber die verhaßte Neapolitanerin. Vor dem Thore der Villa war eine kleine muntre Gruppe verſammelt, als die Sänfte in den Eingang der fuͤr das weibliche Geſchlecht beſtimmten Bäder getragen wurde. „Mir ſcheint es,“ ſagte Einer aus jener Gruppe, „daß ich in der Dämmerung die Sklaven des Dio⸗ medes erkenne.“ „Allerdings, Klodius,“ ſagte Salluſt,„es iſt wahrſcheinlich die Sänfte ſeiner Tochter Julia. Sie iſt reich, mein Freundz weshalb bewirbſt Du Dich nicht um ſie?“ „Nun, ich hoffte, Glaukus wuͤrde ſie heirathen. Sie verbirgt ihre Neigung nicht, und da er groß⸗ muͤthig und unglucklich ſpielt—“ „So wuͤrden die Seſterzien in Deine Caſſe ge⸗ langt ſein, weiſer Klodius; ein Weib iſt eine ſchone Sache— wenn ſie einem andern Manne angehoͤrt!— „Aber,“ fuhr Klodius fort,—„da Glaukus, wie ich hore, die Neapolitanerin heirathen wird, ſo muß ich doch mein Glück mit dem Mädchen noch verſuchen. Auf jeden Fall wird wenigſtens die Lampe des Hymen vergoldet ſein, und das Gefaäß uns mit dem Geruch ſeiner Flamme verſoͤhnen. Ich werde mir nur ausbedingen, mein Salluſt, daß Diome⸗ 40 des Dich nicht zum Vormund über ſeiner Lochter Vermögen*) macht“ „Ha, ha! laß uns hinein— mein Comniß ſator; der Wein und die Kraͤnze erwarten uns.“ Julia ſchickte ihre Sklaven in den Theil des Gebäudes, welcher zu deren Aufenthalt beſtimmt war, trat darauf mit Nydia in die Bäder ein, und ging, indem ſie die Anerbietungen der Wärterinnen ab⸗ lehnte, durch eine beſondere Thure in den Garten. „Sie hat gewiß hier mit Jemand eine Zuſam⸗ menkunft,“ ſagte eine der Sklavinnen. „Was geht das Dich an?“ etwiederte eine Auf⸗ ſeherin zornig—„ſie bezahlt fuͤr die Bäder, und es koſtet uns keinen Säffran. Solche Badegäſte bringen am meiſten ein. Horch! hoͤrſt Du nicht die Wittwe in die Hände klatſchen? Laüfe— ſchnell!“ c Julia und Mybia grlůndti tiden q un be⸗ ſuchteren Theil des Gartens vermieden, an den durch den Esyntier Ort. ⸗ Sent *) Es war ein altes zriſchet Geſetz, daß Niemand ein Frauenzimmer zum Erben einſetzen durfte. Dieſes Geſetz wurde dadurch umgangen, daß ein Freund zum fingirten Erben, glſo eigentlich nur als Vormund uͤber das Vermögen, eingeſest wurde, ſo daß, wenn er nicht rechtlich war, vieſes Vertrauen leicht mißbraucht werden konnte. übrigens wurde jenes Geſetz ſchon vor der Beit dieſer Geſchichte nicht mehr in Anwendung gebracht. — —— 41 — runden Grasplatze ſchien der Mond auf die Statue des Silenus— der muntre Gefährte des eingot⸗ tes hatte ſich an ein Felſenſtuͤck gelehnt— be buchs des Bacchus lag zu ſeinen Fuͤßen, und über dem Munde hielt er mit ausgeſtrecktem Arme eine große Traube, die er lachend zu bewillkommnen ſchien. „Ich ſehe nicht den Zauberer,“ ſagte Julia, in⸗ dem ſie ſich umſah; doch kaum hatte ſie dieſe Worte geſprochen, ſo trat der Egyptier in ſeinem weiten Gewande langſam aus dem Gebuͤſch⸗ „Salve, ſüßes Mädchen! Doch ha!— wen haſt Du bei Dir?— wir duͤrfen keine Begleitung haben.“ „Es iſt nur das blinde Blumen⸗ Maͤdchen, wei⸗ ſer Zauberer,“ erwiederte Juligs„ ſie iſt eine Theſſalierin.· „Oh, Nydia,“ entgegnete cw. kenne ſie wohl.“ Nydia trat zuruͤck und zitterte. „Du warſt, wie ich glaube, ſchon in meinem Hauſe,“ ſagte er, und darauf trat er ihr näher, und fluſterte ihr in das Ohr:„Du kennſt den Eid!— Geheimniß und Stillſchweigen, jetzt wie damals, oder wehe Dir!“— Aber, dachte er bei ſich ſelbſt weshalb ſoll man mehr vertrauen, als es noͤthig iſt, ſelbſt den Blinden?—„Julia, kannſt Du Dich mir allein anvertrauen?— Glaube mir, der Zauberer iſt nicht ſo furchtbar, als er ſcheint.“— Er zog Julien freundlich bei Seite, und ſprach weiter:„Die Here ſieht nicht gerne mehrere Gäſte zugleich bei ſich; laſſe Nydien hier, bis wir zuruͤckkommenz ſie kann uns nichts nutzen— und, was den Schutz be⸗ trifft, ſo genuͤgt Deine Schonheit— Deine Schön⸗ heit und Dein Rang— ja, Julia, ich kenne Deinen Namen und Deinen Stand. Komm, vertraue Dich mir an, ſchoͤne Nebenbuhlerin der juͤngſten aller Najaden!“ Die eitle Julia ließ ſich, wie wir geſehn haben, nicht ſo leicht in Angſt jagen; die Schmeicheleien des Arbaces gefielen ihr, und ſie willigte bald ein, Nydien bis zu ihrer Ruͤckkehr dort zu laſſen; auch drang dieſe ſich keineswegs auf, denn die Stimme des Egyptiers hatte wieder ſchreckliche Erinnerungen in ihr erweckt, die nur Neugierde und Eiferſucht fuͤr einen Augenblick betäuben konnten; ſie fuͤhlte ſich erleichtert, als ſie hoͤrte, daß ſie nicht mitge⸗ hen werde. Sie kehrte nach dem Hauſe zuruͤck, und erwar⸗ tete in einem der Zimmer ihre Ruͤckkehr. Als das arme Kind hier in ihrer ewigen Finſterniß ſaß, überwältigten ſie viele bittre und finſtre Gedanken. Sie dachte an ihr eigenes trauriges Schickſal; wie ſie weit von dem Lande ihrer Väter warz entfernt von der muͤtterlichen Sorgfalt, die einſt ihre Kind⸗ heit pflegte; des Tageslichtes beraubt, und Fremden ſich als Fuͤhrern anvertrauen muͤſſendz— unglück⸗ — 43 lich in dem einen ſanften Gefuͤhle ihres Herzenss— liebend und ohne Hoffnung, außer jener, welche ihr theſſaliſcher Aberglaube ihr noch in Liebestraͤnken und Zaubereien vorſpiegelte. Die Natur hatte in das Herz dieſes armen Mäb⸗ chens den Saamen der Tugend gelegt, doch ſollte er niemals reifen. Die Lehren des ungluͤcks ſind nicht immer wohlthätig— oft beſſern und erweichen ſie das Herz, oft aber verhärten und verſchlechtern ſie es nur. Wenn wir uns durch das Schickſal härter behandelt fuͤhlen, als die, welche uns umgeben, und in unſeren eigenen Thaten die Gerechtigkeit dieſer Strenge nicht anerkennen, ſo werden wir leicht ge⸗ neigt, die Welt uns feindlich geſinnt zu halten, uns mißtrauiſch zuruͤck zu ziehen, gegen unſer beſſeres Selbſt zu kämpfen, und den finſtern Leidenſchaften uns hinzugeben, die ſo leicht durch das Gefuͤhl, daß uns unrecht geſchehe, entwickelt werden. Die ur⸗ ſpruͤnglich ſo ſanften Anlagen der Nydia wurden durch ihr Schickſal verändert, welches ſie ſchon ſo fruͤh zur Sklavin machte, ihr einen verwerflichen Men⸗ ſchen zum Gebieter gab, und ihre aͤußere Lage nur ver⸗ beſſerte, um die Wuth aller innern Stuͤrme ſie em⸗ pfinden zu laſſen. Ihr Gefühl fuͤr Recht und Un⸗ recht wurde durch eine Leidenſchaft verblendet, der ſie ſich hingegeben hatté; und dieſelben tragiſchen Mo⸗ tive, die uns oft in den Frauen der klaſſiſchen Zeit, einer Myrrha, einer Medea, erſcheinen— die, wenn ſie einmal der Liebe ſich ergaben, in wilder Raſerei Alles mit ſich rriſen— herrſchten und eietten in ihrer Bruſt. Die Zeit verfloß; endtich wurde die Fhur des Zimmers, in welchem Nydia noch in ihren 3ern Gedanken vertieft ſaß, leiſe geoffnet. „D, Dank ſei den unſterblichen Göttern!“— ſagte Julia.„Ich bin zurüͤckgekehrt; ich habe jene ſchreckliche Höhle verlaſſenz nn. Nydia, laß uns gleich wieder fort“— 6 enn Erſt als ſie in d6 Sint inn. he Iuia weiter: 990 „Oh,“ ſagte e n ih eine — ſchreckliche Zauberſpruͤche; und das Leichen⸗ geſicht der Here! doch ſtille davon! Ich habe den Trank erhalten; ſie verbuͤrgt mir ſeine Wirkung, Meine Nebenbuhlerin wird ihm bald gleichguttig ſein— und vih— mnib aui wird Sakw an⸗ toteni“ nmhe anc nnunn 1 „Glautus]“— rjef Rybia Ach, MWädchen, ich ſagte Hir zuerſt, daß 6 nicht den Athenienſer liebe, aber ich ſehe jett, daß ich mich Dir vollkommen anvertrguen kann— ich liebe allerdings den ſchonen Griechen!“— anhe Welche Gefühle bewegten jetzt das Herz der Ry. — ſie hatte dazu beigetragen, den Glaukus von der Jone zu entfernen, aber nur, um durch die ganze Macht der Zauberei ſeine Liebe auf eine Andere zu . ——— ———— 4⁵ ubertragen. Sie fuͤhlte ſich faſt uͤberwältigt durch die neuen Leidenſchaften, welche ſie beſtuͤrmten; in der Finſterniß konnte jedoch Julia die Aufregung ih⸗ rer Gefährtin nicht bemerken; ſie ſchwatzte noch Vie⸗ les uber die verſprochene Wirkung ihres Liebestran⸗ kes, frohlockte ſchon zum Voraus uͤber die Demüthi⸗ gung der Jone, und ſprach dann wieder von den Schreckniſſen der Scene, welche ſie verlaſſen hatte, von dem ruhigen, feſten Benehmen des Arbaces, und der Ehrfurcht, welche die furchtbare Alte ihm erwieſen habe. Nydia war wieder zu ſich gekommen; es ſtieg ein Gedanke in ihr aufz ſie ſchlief in dem Zim⸗ mer der Julia, konnte ſie ſich des Frankes bemaͤchtigen?— Sie kamen in Diomevs Hauſe an, und bega⸗ ben ſich in Julia's Zimmer, wo das— erwartete. „Trinke, Nydia; es war kühl peut⸗ Abendz mir iſt das Blut noch in den Adern erſtarrt.“ Und Julia ſtuͤrzte— Becher des gewurzten Weines hinunter. „Du haſt den Trank,“ ſagte Nybia,„taß doch ſehn;— wie klein das Fläſchchen iſt! welche— hat die Flüſſigkeit?“— „Klar wie Kryſtall,“ erwiederte Julia, indem ſie das Fläſchchen zuruͤcknahm;„man kann es von rei⸗ nem Waſſer nicht unterſcheiden. Die Hexe verſichert, 46 es ſei auch geſchmacklos. Wenn es auch nur wenig iſt, ſo genuͤgt es doch, um die Treue des Geliebten fuͤr ewig zu feſſelnz; es muß in eine andere Fluſſig⸗ keit geſchuͤttet werden; und Glaukus kann blos durch die Wirkung ahnen, was er verſchluckt hat.“ „Alſo unterſcheidet es ſich durchaus von ſießn Waſſer nicht?“— „Nein; es iſt eben ſo farblos. Sieh, wie klar, als wenn es aus den Strahlen des Mondes Kreitt waͤre.“ „Uund wie iſti das Flaͤſchchen verſchloſſen?“ „Nur durch einen kleinen Stoͤpſel— ziehe ihn fort— es iſt ganz geruchlos. Seltſam, daß, was zu keinem Sinne ſpricht, alle Sinne beherrſchen ſoll.“ 2 „Iſt die Wirkung augenblicklich?“ „Gewoͤhnlich— bisweilen wirkt es aber erſt nach einigen Stunden.“ „O, welcher herrliche Wohlgeruch!“— ſagte Nydia ploͤtzlich, indem ſie ein kleines pläſchchen vom Tiſche nahm, und daran roch. „Gefaͤllt er Dir? das Fläſchchen iſt mit Edel⸗ ſteinen von einigem Werth beſetzt— Du wollteſt heute Morgen das Armband nicht von mir anneh⸗ men— wirſt Du dieſes Fläſchchen auch aus⸗ ſchlagen?“— „Solche Wohlgeruͤche, wie dieſe, nůſen es ſein, welche eine Blinde an die großmuͤthige Julia erin⸗ — —— ich will dieſe Waſſerflaſche neben mein Bett ſtellen, 47 nern koͤnnten.— Wenn das Fläſchchen nicht zu koſt⸗ bar iſt.“— „Oh, ich habe noch viel koſtbarere;— behalte es, Kind!“— Nydia bedankte ſich, und ſteckte das Flaͤſchchen in ihren Guͤrtel. „und wird der Liebestrank dieſelbe Wirkung ha⸗ ben, von wem er auch beigebracht wird?“— „Wenn das häßlichſte alte Weib unter der Sonne ihn dem Glaukus gäbe, ſo wuͤrde er ſie und keine Andere fuͤr ſchoͤn halten.“ Julia wurde jetzt, durch den Wein erhitzt, immer munterer und ausgelaſſener, ſie lachte laut, und ſprach uͤber hundert verſchiedene Gegenſtände, und es war ſchon nach Mitternacht, als ſie ihre Skla⸗ vinnen rief, und ſich ausziehen ließ. Als dieſe wie⸗ der entlaſſen waren, ſagte ſie zur Nydia: „Ich will dieſen heiligen Trank nicht von mir laſſen, bis die Stunde meines Triumphes kommt. Liege hier unter meinem Kopfkiſſen, glänzender Geiſt, und gewaͤhre mir gluͤckliche Traͤume!“— Mit dieſen Worten legte ſie das Flaͤſchchen unter ihr Kiſſen.— Nydias Herz klopfte gewaltig. „Weshalb trinkſt Du blos Waſſer, Nydia?— Miſche es doch mit Wein.“ „Ich habe ein kleines Fieber,“ erwiederte das blinde Mädchen,„und das Waſſer kuͤhlt mich ab— 48 mich fliehen ſollte. Schoͤne Julia, ich muß Dich ſehr fruh verlaſſen— ſo will es Jone— vielleicht noch ehe Du aufgewacht biſt; daher meine Gluͤckwuͤnſche!“— „Vielen Dank!— m wir uns wier ſehn, wirſt Du den Glaukus zu meinen Fuͤßen finden.“ Sie legten ſich nieder, und Julia, durch die An⸗ ſtrengungen des Tages ermuͤdet, ſchlief bald einz aber inhaltsſchwere Gedanken beſchäftigten das Ge⸗ muͤth der Theſſalierin. Sie horchte auf das tiefe Athmen der Julia, und ihr feines Ohr verſicherte ſie bald, daß ihre Gefährtin im tisſſten⸗— liege. „Jetzt ſtehe mir bei, Venus!“ ſagte ſi eiſe Sie erhob ſich vorſichtig aus dem Bett, goß die wohlriechende Eſſenz aus dem Fläſchchen, welches Julia ihr verehrt hatte, auf den marmornen Boden; ſpuͤtte es ſorgfältig mehrere male mit dem Waſſer aus, welches neben ihr ſtand, und indem ſie das Bett der Julia leicht fand(denn die Nacht war fuͤr ſie wie der Tag), griff ſie mit zitternder Hand un⸗ ter das Kopfkiſſen, und bemächtigte ſich des Hexen⸗ trankes.— Julia bewegte ſich nicht, ihr Athem blieb regelmäßig und ungeſtört. Nhdia eröffnete darauf das Fläſchchen, goß beſſen Inhalt in das ihrige, welches ihn bequem faßte; und indem ſie jenes mit klarem Wäſſer wieder füllte, degte ſie es ſachte auf damit ich mich erfriſchen kann, wenn der Schlaf 49 ſeine fruͤhere Stelle. Darauf ſchlich ſie ſich wieder zu ihrem Bette, und erwartete, mit welchen Ge⸗ danken! den Anbruch des Tages. Die Sonne ging auf— Julia ſchlief noch— Nydia zog ſich ſtille an, verbarg ihren Schatz ſorg⸗ fältig in ihrem Guͤrtel, nahm ihren Stab, und be⸗ eilte ſich, das Haus zu verlaſſen. Der Thuͤrſteher Medon grußte ſie freundlich, als ſie die Treppe hinabſtieg, welche nach der Straße fuhrte; ſie hoͤrte ihn nicht; ihr Gemuͤth war ver⸗ wirrt und abweſend, und jeder Gedanke, den ſie er⸗ faßte, war eine Leidenſchaft. Sie fuͤhlte die friſche Morgenluft auf ihren Wangen, ohne daß die ſchla⸗ genden Pulſe Kuͤhlung empfunden hätten. „Glaukus,“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt,„die unwi⸗ derſtehlichſten Liebeszauber könnten meine Liebe zu Dir nicht erhöhen— aber Jone— doch nein, keine Reue, keine Gewiſſensbiſſe— Glaukus, Dein Lächeln beſtimmt mein Schickſal, und Dein Loos!— o Hoff⸗ nung! o Freude! o Entzuͤcken! Dein Loos iſt in die⸗ ſen Händen!“— Bulwer's Werke. Taſchenausg. III. 4 Anmerkung zum dritten Buch. 1) Seite S. Der Einfluß des böſen Auges. Dieſer Aberglaube, deſſen ich mehr als einmal in dieſem Werke erwäͤhnt habe, beſteht noch immer mit kaum vermin⸗ derter Kraft in Groß⸗Griechenland. Ich erinnere mich, daß ich einſt zu Neapel mit einer Dame vom höchſten Range mich unterhielt, die zugleich ſo geiſtig gebildet und kenntnißreich war, als es ſelten bei den Vorneh⸗ men beider Geſchlechter in Italien der Fall iſt, als ich bemerkte, daß ſie plötzlich erblaßte und zugleich eine ſchnelle und eigenthuͤmliche Bewegung mit dem Finger machte. „Mein Gott, jener Mann!“ fluͤſterte ſie zitternd. „Welcher Mann?“ „Sehn Sie, der Graf.. 6 er iſt ſo eben ein⸗ getreten.“ „Es muß ihm ſehr ſchmeichelhaft ſein, einen ſo gro⸗ ßen Eindruck zu machen; er war ohne Zweifel einer von den Bewunderern der Signora.“ „Bewunderer! Der Himmel wolle es verhüten! Er —,—— 51 hat das boͤſe Auge. Er ſah mich an; es wird mir gewiß etwas Schreckliches widerfahren.“ „Ich ſehe nichts Beſonderes in ſeinen Augen“ „Deſto ſchlimmer. Die Gefahr iſt um deſto großer, weil man ſie nicht ſieht. Es iſt ein ſchrecklicher Menſch⸗ Als er das letzte mal meinen Mann anſah, geſchah es beim Kartenſpiel, und er verlor an jenem Abend be⸗ deutend. Der Graf begegnete meinem kleinen Knaben im Garten, und das arme Kind brach noch an dem⸗ ſelben Abend den Arm. Ach, was ſoll ich thun?— es droht mir gewiß etwas Fuͤrchterliches— und, o Him⸗ mel, er bewundert meinen Kopfputz!“— „Haͤlt denn Jeder die Augen des Grafen für ſo ſchrecklich, und ſeine Bewunderung fuͤr ſo gefährlich?“— „Jeder— man fürchtet ihn allgemein; und, es iſt ſonderbar, er wird ſo aufgebracht, wenn er bemerkt, daß man ihn vermeidet.“— „Das iſt allerdings ſehr merkwuͤrdig!— Der Un⸗ gluͤckliche“— Zu Neapel iſt dieſer Aberglauben fuͤr die Juweliere ſehr vortheilhaft, denn ſie verkaufen viele Zauber und Talismane gegen das mal-occhio. Auch in Pompeji hat man deren eine Unzahl gefunden, doch waren ſie nicht immer von ſo elegantem und anſtaͤndigem Außern. Im Allgemeinen war, wie noch jetzt, ein Korallenſchmuck als ein Abwendungsmittel boͤſer Zauber am meiſten be⸗ liebt. Von den Thebanern behauptete man, die Eigen⸗ ſchaft des boͤſen Blicks ſei bei ihnen erblich, und ſie koͤnnten ſelbſt einen erwachſenen Mann damit todten. In Afrika, wo auch dieſer Aberglaube noch beſteht, ſoll⸗ ten einzelne Familien nicht allein die Gabe haben, Kin⸗ der auf dieſe Weiſe zu toͤdten, ſondern ſelbſt Baͤume ab⸗ ſterben zu laſſen— ſie thaten dies nicht durch Fluͤche, ſonbern durch Lobeserhebungen. In unſern Zeiten haben 4* 52 oft Politiker und Staatsmaͤnner die letztere Eigenſchaft, und ſo bald ſie anfangen, irgend eine Einrichtung zu loben, ſo iſt es Zeit, ſich vor ihr zu bedanken. Dieſes malus oculus war nicht immer verſchieden von dem Auge anderer Menſchen. Beſonders aber waren Per⸗ ſonen, namentlich vom ſchoͤnen Geſchlecht, zu meiden⸗ welche doppelte Pupillen hatten. Man ſchrieb den Illy⸗ riern dieſe Verunſtaltung zu. In allen Gegenden, ſelbſt im Norden, galt immer das Auge fuͤr den Hauptſitz der Zauberei; aber heut zu Tage ſind auch Damen mit Einer Pupille oft boͤſe Zauberinnen;— ſo ſehr vervoll⸗ kommnen wir uns gegen unſere Vorfahren. Die letzten Tage von Pompeji. Viertes Buch. — 8 8 — ₰ — 8 5 — 2 8 — 3 — 2 4 8 8 — 8 — 8 8 — 8 2 *. Ovid. — Erstes Bapitel. Bemerkungen über den Eifer der erſten Chriſten⸗— Zwei Maͤnner faſſen einen gefͤhrlichen Entſchluß.— Wände haben Ohren, beſonders heilige Waͤnde!— Wer die fruͤhere Geſchichte des Chriſtenthums beobachtet, wird ſich uͤberzeugen, wie nothwendig fuͤr deſſen Erfolge jener kuͤhne Eifer war, der, keine Gefahren furchtend, der Gnade ſelbſt trotzend, ſeine Anhänger begeiſterte und ſeine Märtyrer zum Tode begleitete. Die gute Sache einer herrſchenden Kirche wird durch den Geiſt der unduldſamkeit ver⸗ rathen, da hingegen derſelbe Geiſt eine ſchwache und verfolgte Kirche unterſtuͤtzt. Es war noth⸗ wendig, den Glauben Anderer zu verabſcheuen, zu verſpotten, zu verfolgen, um den Verſuchungen, die er darbot, zu entgehenz es war unumgänglich noth⸗ wendig, zu glauben, nicht allein, daß die heilige Schrift den wahren Glauben, ſondern daß ſie auch den einzigen ſelig machenden Glauben enthalte, um den Bekehrten zu ſtärken fur die Strenge dieſer 56 neuen Lehre, und ihn zu der heiligen, aber gefährli⸗ chen Unternehmung anzufeuern, die Heiden und die Polytheiſten fuͤr das Chriſtenthum zu gewinnen. Jener Sektengeiſt, der die Tugend und den Himmel nur fuͤr die Auserwählten beſtimmte, der andere Götter fuͤr böſe Geiſter erklärte, und alle Nicht⸗ chriſten mit den Qualen der Hölle beſtrafte— machte es dem Gläubigen natuͤrlich zur Pflicht, Alle fuͤr ſeinen Glauben zu gewinnen, an welche die Bande menſchlicher Neigungen ihn feſſeltens und der durch das Wohlwollen gegen die Menſchen gezogene Kreis wurde noch mehr durch das Streben erwei⸗ tert, auch wirkſam zu ſein fuͤr das Reich Gottes. Zu Ehren des chriſtlichen Glaubens geſchah es, daß der Chriſt ſeine Lehren dem Skepticismus Einiger, dem Widerwillen Anderer, der verächtlichen Zuruͤck⸗ weiſung der Philoſophen, dem frommen Achſelzucken des Volkes aufdrangz— ſeine Unduldſamkeit ſelbſt war das geeignetſte Mittel fuͤr ſeinen Erfolg; und der Heide mußte ſich zuletzt denken, es ſei wirklich etwas Heiliges in einem ſo ungewöhnlichen Eifer, den kein Hinderniß abſchreckte, keine Gefahr zuruͤck⸗ weichen ließ, und der ſelbſt auf der Folterbank oder auf dem Blutgeruͤſt die Entſcheidung der Wahrheit ſeiner überzeugungen von einem ganz andern Tribu⸗ 26 nal erwartete, als es bei den Disputationen der ſpecu⸗ lativen Philoſophie der Fall war, nämlich von einem ewigen Richter. Derſelbe Enthuſtasmus, welcher ———— ——— — — den Chriſten des Mittelalters grauſam und bigot machte, bildete den Chriſten der erſten Zeit zu einem Helden ohne Furcht. unter dieſen ernſten, kuhnen und ſtolzen Natu⸗ ren gehorte Olinthus mit zu den kuhnſten. Kaum war Apaecides durch die Gebraͤuche der Taufe in die chriſtliche Gemeinſchaft aufgenommen worden, als der Nazarener ihm begreiflich machte, daß er jetzt ſeinen Prieſterſtand aufgeben muͤſſe. Es war einleuchtend, daß, wenn er den wahren Gott an⸗ betete, er ſelbſt aͤußerlich nicht die Altäre des böſen„ Feindes laͤnger ehren durfte.* Doch dieſes war noch nicht Alles; Hlinthus glaubte, grade dieſer Prieſterſtand des Apaecides konne ein Mittel werden, um das getäuſchte Volk uͤber die betrugeriſchen Orakel der Iſis aufzuklären. Es ſchien ihm, der Himmel habe dieſes Werkzeuß ſeiner Abſichten geſchickt, um die Augen des Volkes fur das wahre Licht empfänglich zu machen, und um vielleicht die Bekehrung der ganzen Stadt vor⸗ zubereiten. Er nahm daher nicht Anſtand, durch die erſten Eindruͤcke uberwältigender Begeiſterung auf den Muth und den Eifer des Apaecides zu wir⸗ ken. Sie kamen, wie ſie es vorher verabredet hat⸗ ten, den Abend nach der Taufe des Prieſters der Iſis in dem Hain der Zybele, den wir ſchon fruͤher beſchrieben haben, zuſammen. „Bei der nächſten feierlichen Befragung des Ora⸗ 58 kels,“ ſagte Olinthus,„trete Du ſelbſt an das Ge⸗ laͤnder vor, verkuͤnde laut dem Volke den Betrug, den man ſich erlaubt— fordere es auf, einzutreten und ſelbſt Zeuge der groben, wenn auch liſtigen Taſchenſpielerei zu ſein, welche Du mir beſchrieben haſt. Fuͤrchte nichts— der Herr, der den Daniel beſchuͤtzte, wird auch Dich in ſeinen Schutz nehmen;. wir— die Chriſtengemeinde, werden unter der Menge ſein; wir wollen die Zaudernden antreiben; und ich ſelbſt werde, bei dem erſten Ausbruch des unwillens und der Beſchaͤmung im Volke den Palm⸗ 3 zweig, das Sinnbild der heiligen Schrift, auf jenen Altar pflanzen— und meine Zunge wird beſeelt werden durch den heiligen Geiſt des lebendigen Gottes!“— Bei ſeiner Aufregung war dem Apaecides dieſer Vorſchlag nicht unangenehm. Er freute ſich, ſo bald eine Gelegenheit zu finden, ſich in dieſer neuen Secte durch kräftiges Handeln auszuzeichnen, und zu ſeinen heiligeren Antrieben kam auch das Gefuͤhl der Rache uͤber die Täuſchungen, deren Opfer er ſelbſt gewe⸗ ſen war. In jener uͤbermuͤthigen Geringſchätzung aller Hinderniſſe(eine, fuͤr alle kuͤhnen und gefaähr⸗ lichen unternehmungen nothwendige Blindheit) be⸗ merkte weder Olinthus noch der Bekehrte alle 2 Schwierigkeiten, die dem Gelingen ihres Planes ent⸗ gegen ſtanden, und die am meiſten durch den ehr⸗ 6 furchtsvollen Aberglauben des Volkes ſelbſt bedingt 59 werden mochten, das vor den geheiligten Altären der großen egyptiſchen Goͤttin dem Zeugniß ihres eigenen Prieſters wohl kaum geglaubt haben wuͤrde. Apaecides willigte in dieſen Vorſchlag mit einer Bereitwilligkeit, die den Olinthus erfreute. Sie trennten ſich mit der Verabredung, daß Olinthus uͤber dieſes große unternehmen ſich mit den Ange⸗ ſehenſten ſeiner chriſtlichen Bruͤder beſprechen, ihren Rath einholen, und ihrer unterſtuͤtzung fuͤr dieſen wichtigen Tag ſich verſichern ſolle. Es traf ſich grade!, daß am zweiten Tage nach dieſer Zuſammen⸗ kunft ein großes, der Iſis geheiligtes Feſt gefeiert werden ſollte, und dieſes bot die beſte Gelegenheit fur die Ausfuhrung jenes Planes dar. Sie beſchloſſen, ſich an demſelben Orte am naäͤchſten Abend wieder zu treffen, um genau zu beſtimmen, in welcher Art die unternehmung ausgefuͤhrt werden ſolle. Der letzte Theil dieſer Unterredung hatte bei dem Sacellum, einer kleinen Kapelle, die bereits fruͤher beſchrieben wurde, Statt gefunden, und kaum war Olinthus und der Prieſter aus dem Haine verſchwun⸗ den, ſo trat hinter der Kapelle eine finſtere und abſchreckende Geſtalt hervor. „Ich habe Dich nicht umſonſt behorcht, mein Herr College,“ ſagte Kalenus, denn er war esz „Du, der Prieſter der Iſis, biſt guch nicht umſonſt mit dieſem Chriſten zuſammen gekommen. Ach! warum konnte ich doch Euren koſtlichen Plan nicht 60⁰ ganz hoͤren! Genug! ich weiß wenigſtens ſo viel, daß Ihr beabſichtigt, die heiligen Geheimniſſe zu entdecken, und daß Ihr morgen wieder hier zuſam⸗ men kommt, um das Weitere zu beſprechen. Moͤge Oſiris dann mein Gehoͤr ſchaͤrfen, damit Eure un⸗ erhoͤrte Frechheit mir ganz kund werde. Sobald ich Alles weiß, muß ich es dem Arbaces mittheilen. Wir wollen Eure Unternehmung vereiteln, meine Freunde, ſo klug Ihr auch zu ſein glaubt. Fuͤr jetzt bleibt Euer Geheimniß noch ein verſchloſſener Schatz in meiner Bruſt.“— Hierauf ſchlug er ſein Gewand um ſich, und ſchlich nachdenkend weiter. Zweites Bapitel. Ein klaſſiſcher Wirth, ein klaſſiſcher Koch und eine klaſſiſche Kuͤche.— Der Beſuch des Apaecides bei der Jone;— ihre Unterredung. Der Tag war gekommen, an dem Diomedes ſeinen auserwählten Freunden ein Feſt geben wollte. Der liebenswuͤrdige Glaukus, die ſchoͤne Jone, der wuͤr⸗ dige Panſa, der ſtattliche Klodius, der unſterbliche Fulvius, der Stutzer Lepidus, der Epikuraer Salluſt ——— ————— 61 waren nicht die einzigen Gaͤſte. Er erwartete auch einen ehemaligen Senator aus Rom(Eeinen bei Hofe ſehr einflußreichen Mann) und einen großen Krieger aus Herkulanum, der mit dem Titus gegen die Ju⸗ den gefochten, und da er ſich im Kriege außerordent⸗ lich bereichert hatte, durch ſeine Freunde ſtets ver⸗ ſichert wurde, daß ſein Vaterland fuͤr ſeine uneigen⸗ nuͤtzigen Bemuͤhungen ihm ewig Dank ſchuldig ſei! Die Geſellſchaft beſchraͤnkte ſich aber auch noch nicht auf dieſe Zahl, denn obgleich es einige Zeit lang unter den Romern gebraͤuchlich war, nicht weniger als drei, und nicht mehr als neun Perſonen zu Ti⸗ ſche einzuladen, ſo wurde dieſes Geſetz durch die Verſchwenderiſchen doch oft uͤbertreten. Auch erzählt uns die Geſchichte, daß einer der reichſten Buͤrger Roms gewöhnlich eine auserwählte Geſellſchaft von 300 Perſonen bewirthete. Diomedes war jedoch be⸗ ſcheidener, und begnugte ſich, die Anzahl der Muſen zu verdoppeln. Seine Geſellſchaft beſtand aus 18 Perſonen.„Je groͤßer die Geſellſchaft, deſto luſti⸗ ger,“ ſagt das Sprichwort— was mich betrifft, ſo habe ich bei Mahlzeiten immer grade das Gegen⸗ theil gefunden! Es war der Morgen des zu jenem Feſte be⸗ ſtimmten Tages, und wenn auch Diomedes ſelbſt gern den vornehmen Herrn, und ſogar etwas den Gelehrten ſpielte, ſo hatte er doch genug Erfahrung als Kaufmann, um zu wiſſen, daß das Auge des 62 Herrn die Thätigkeit der Diener anregt. Er ging deshalb in ſeiner ungegurteten Tunika, ſeine beque⸗ men Pantoffeln an den Fuͤßen, und mit einem klei⸗ nen Stocke in der Hand, mit dem er bald ſeine An⸗ weiſungen gab, bald den Rucken eines trägeren Ge⸗ hilfen zurechtwies, durch die Stuben ſeiner prächti⸗ gen Villa. Er verſchmähte ſelbſt nicht, jenen heiligen Raum zu beſuchen, in dem die Prieſter des Feſtes ihre Opfer bereiteten. Als er in die Kuͤche trat, wurden ſeine Ohren durch das Geklapper von Schuͤſſeln und Tellern, durch Fluͤche und Befehle angenehm beruͤhrt. So klein dieſer unentbehrliche Theil des Hauſes meiſt in Pompeji geweſen zu ſein ſcheint, ſo war er doch gewöhnlich mit jener Mannichfaltigkeit von Keſſeln und Töpfen, Pfannen und Schuͤſſeln, Kuchenformen und andern Geſchirren verſehen, ohne welche ein tuͤchtiger Koch, ſei es ein klaſſiſcher oder ein mober⸗ ner, nichts fuͤr die Nahrung des Leibes leiſten zu konnen erklaͤrt. Da die Vrennmaterialien in jenen Gegenden damals, ſo wie jetzt, theuer waren, ſo ſcheint man allen Scharfſinn aufgeboten zu haben, moͤglichſt viele Speiſen bei einem kleinen Feuer zu bereiten. Man ſieht noch eine bewundernswerthe Vorrichtung dieſer Art in dem Muſeum zu Neapel, nämlich eine tragbare Kuͤche, ungefähr von der Größe eines Folio⸗Bandes, welche für vier Gerichte ange⸗ legt war, und außerdem noch einen Erwärmungs⸗ 63 apparat fuͤr Waſſer oder andere Getraͤnke enthielt. Es waͤre dieſes eine vortreffliche Zuthat zu unſeren neueren wohlfeilen Bibliotheken, indem ſie eben ſo viele Nahrung fuͤr den Koͤrper, als jene fuͤr den Geiſt darboͤte, nur mit dem unterſchiede, daß man häufiger durch das erſtere Werk, als durch das letz⸗ tere ſich befriedigt fuͤhlen wuͤrde. In der kleinen Kuͤche bewegten ſich manche Ge⸗ ſtalten, die der ſchnelle Blick des Herrn nicht ſo⸗ gleich erkannte. „Oh! Oh!“— murmelte er bei ſich ſelbſt,„der vermaledeite Congrio hat eine ganze Legion Koche zu ſeinem Beiſtand gerufen. Sie werden aber nicht umſonſt helfen, und das iſt ein neuer Poſten in mei⸗ ner heutigen Rechnung. Beim Bacchus! dreimal gluͤcklich werde ich ſein, wenn die Sklaven nicht ei⸗ nige von den koſtbaren Trinkgefäßen einſtecken— ihre Hände ſind ſchnell, und ihre Tuniken weit— me miserum!“— Die Koche arbeiteten fort, als wenn ſie die Anwe⸗ ſonheit des Diomedes nicht bemerkt hätten. „Ho, Euklio, Deine Eierpfanne! Was, iſt das die großte? ſie faßt blos 33 Eierz in den Häuſern, wo ich gewoͤhnlich diene, hält die kleinſte Eierpfanne 50) wenn es ſein muß!“— „Der gewiſſenloſe Schuft,“ dachte Diomedes bei ſich ſelbſt,„er ſchwatzt von Eiern, als wenn das hundert nur einen Seſterz koſtete!“— „Beim Merkur!“ ſchrie ein kleiner Kuͤchenjunge, „wer ſah jemals ſo veraltete Formen fuͤr das Ge⸗ bäck, als dieſe! Es iſt unmoͤglich, mit ſo rohen Materialien der Kunſt Genuͤge zu leiſten. Salluſt's ſchlechteſte Form ſtellt die ganze Belagerung von Troja dar, Hektor, und Paris und Helena— und den kleinen Aſtyanar und das hoͤlzerne Pferd hat man mit in den Kauf!“— „Schweige, Du Narr!“ ſagte Congrio, der oberſte Koch des Hauſes—„mein Herr, Diome⸗ des, iſt nicht einer von jenen Verſchwendern, die Al⸗ les nach der neueſten Mode haben muͤſſen, es koſte was es wolle.“ „Du lügſt, elender Sklave!“ ſchrie Diomedes wuͤthend,„und Du koſteſt mich bereits mehr, als der Lucullus hätte zu Grunde richten konnen— komm heraus aus Deiner Höhlez ich muß ein Woͤrt⸗ chen mit Dir ſprechen.“ Der Sklave gehorchte, indem er ſeinen Genoſſen ein bedeutungsvolles Zeichen machte. „Mann der drei Buchſtaben,“*) ſagte Diomedes in wuͤthendem Tone,„wozu haſt Du alle dieſe Tau⸗ genichtſe in mein Haus gerufen?— Ich ſehe in jeder Linie ihres Geſichts den Diebſtahl geſchrieben.“ „Ich verſichere Dich aber, Herr, es alle *) Ein gewöhnliches Schimpfwort, nach dem We von drei Buchſtaben: fur(der Dieb). P 6⁵ achtungswerthe Männer ſind— die beſten Köche aus Pompeii— ich kann von Gluͤck ſagen, daß ſie mir hfen— ſie thun es meinetwegen—“ „Deinetwegen!“— unterbrach ihn Dinmedes „und mit welchen unterſchlagenen Geldern, mit welchen Abfällen von den Markteinkaͤufen, mit wel⸗ chen in den Vorſtädten verkauften Speiſen, mit wel⸗ chen falſchen Angaben und Rechnungen uͤber zer⸗ brochenes Geſchirr, haſt Du ſie Deinetwegen miethen können?“— „Nein, Herr, haltet mich fuͤr keinen Ss die Gotter moͤgen mich verlaſſen, wenn— „Schwoͤre nicht!“— unterbrach ihn wieder der wů⸗ thende Diomedes,„denn ſonſt beſtrafen Dich auf der Stelle die Goͤtter als einen Meineidigen, und ich verliere meinen Koch noch vor dem Eſſen. Aber ge⸗ nug davon fuͤr jett— habe ein wachſames Auge auf Deine Gehuͤlfen— und erzaͤhle mir morgen nichts von zerbrochenen Vaſen, und auf unbegreif⸗ liche Weiſe verſchwundenen Trinkgefäͤßen, oder Dein ganzer Ruͤcken ſoll eine Wunde werden— und höre, Du weißt, daß Du mich für dieſe phrygiſchen Atta⸗ gens*) genug haſt bezahlen laſſen— genug, beim ¹¹ Der Attagen aus Phrygien ober Jonien galt den Römern fuͤr beſonders ſchmackhaft.„Attagen carvis suavissimae“(Athen. lib. IK. cap. 8 u. M Er war etwas ſchwerer als ein Rebhuhn. Bulwer's Werke. Taſchenausg. III. 4 66 Herkules, um einen mäßigen Mann das ganze Jahr uͤber zu ſpeiſen— ſieh zu, daß ſie nicht um ein Jota zu ſtark gebraten ſind. Du weißt, o Congviv, daß, als ich das lotztemal meinen Freunden ein Feſt gab, und Deine Eitelkeit es unternahm, einen Kra⸗ nich von Mallos gehörig zuvichten zu wollen, er wie ein Stein aus dem Ktna auf den iſch getragen wurde, als wenn alle Flammen des Phlegethon den Saft ausgebraten hätten. Sei dieſesmal vorſichtig, Congrio, uͤbereile Dich nicht! Vorſicht iſt die Mut⸗ ter großer Thaten, und wenn Du Deines Herrn Geld nicht ſparen willſt, ſo ſei wenigſtens auf ſeinen Ruhm bedacht.“ „Seit den Tagen des Herkules ſoll man puchen Schmaus in Pompeji nicht erlebt haben, als den heutigen.“ „Stille, ſtille— ſchon wieder Dein vrfluchks Prahlen. Aber ſage, Congrio, als jener hömunòu- lus, jener freche Kuͤchenjunge, meine Kuchenformen tadelte, war es mehr als bloße unverſchaͤmtheit? Ich moͤchte nicht gern aus der Mode ſein, Congrio.“ „Es iſt blos bei uns Kochen gebraͤuchlich,“ er⸗ wiederte Congrio mit der vollen Wuͤrde ſeines Amtes, „unſere Werkzeuge herab zu ſetzen, damit unſere Kunſt deſto glänzender erſcheine. Unſere Formen ſind ſchon und zweckmäßig, aber ich wuͤrde meinem Herrn rathen, bei Gelegenheit neue von—“ „Die Formen ſind noch gut genug,“ ſagte Dio⸗ 67 medes, der ſeinen Sklaven niemals ſchien ausſpechen laſſen zu wollen.— Jetzt gehe wieder an Dein Ge⸗ ſchäft— ubertreffe Dich ſelbſt— daß man den Diomedes um ſeinen Koch beneidet, daß man Dich Congrio den Großen nennt!— Geh— doch halt— Du haſt doch nicht alles Geld ausgegeben, das ich Dir fuͤr den Markt gab?“ „Alles!— Ach, die Nachtigallenzungen und die römiſchen tomacula*), und die britiſchen Auſtern, und vieles Andere, was zu weitläuftig aufzuzählen wäre, iſt noch nicht bezahlt; aber was ſchadet es— Jeder borgt dem Archimagirus**) Diomedes des Reichen!“ „O, gewiſſenloſer Verſchwender— welche Ver⸗ geudung— ich bin zu Grunde gerichtet— aber geh, eile, koche, brate, koſte, richte an— übertreffe Dich ſelbſt! Laß den römiſchen Senator uber den armen Pompejaner nicht die Achſeln zucken.— Fort, Sklave, und gedenke des phrygiſchen Vogels.“ Der Koch zog ſich in ſeine Kuͤche zuruͤck, und Diomedes begab ſich in ſeine Staatszimmer. Alles hatte ſeinen Beifall. Die Blumen waren friſch— *)„Candiduli dirina tomacula Porci““— Juvenal K. 1. 355. Es war dieſes eine ſtark gewuͤrzte, koſtbare Sauce. — Krchimagirus war der hochtönende Titel des erſten Koches. 5* 68 die Springbrunnen im Stande— der Fußboden von Moſaik blank geputzt wie ein Spiegel. „Wo iſt meine Tochter Julia?“ fragte er. „Im Bade.“ 6 „Ach, das erinnert mich daran, daß ich a noch ein Bad nehmen muß.“ unſere Geſchichte kehrt 3 Apaecides zuruͤck.— Als er an jenem Tage aus dem unruhigen und fie⸗ berhaften Schlaf erwacht war, der auf die Annahme eines mit ſeinen fruheren Anſichten ſo ſehr im Wi⸗ derſpruch ſtehenden Glaubens folgte, ſchien es dem jungen Prieſter faſt, als träume er noch; er hatte den wichtigen Schritt gethan, die L gangenheit war fur ihn gänzlich getrennt von der jede der beiden Welten beſtand fuͤr ſich. m kuͤhnen und abenteuerlichen unternehmen ſich hinge⸗ geben,— die Geheimniſſe zu enthuͤllen, die ihm mit⸗ getheilt worden waren, die Altäre zu verfluchen, denen er gedient hatte, die Goͤtter zu verrathen, deren Prieſter er war! Nach und nach fuͤhlte er, welchen Haß und welchen Abſcheu er in den frommen Gemuͤthern gegen ſich hervorrufen werde, ſelbſt wenn ſein Plan gelängez welchen ſchrecklichen Strafen ging er aber nicht entgegen, wenn ſein unerhoͤrtes Wag⸗ ſtuͤck erfolglos war, und fuͤr welches kein beſonderes, aus der Erfahrung abgeleitetes Geſetz vorlag, auf — 69 das daher die allerſchärfſten neuen Beſtimmungen in Anwendung gebracht werden konnten⸗ Durfte er von ſeinen Freunden, von ſeiner Schweſter, eine milde Beurtheilung erwarten, wenn ſie ihn auch bemitlei⸗ den wurden?— Dieſe muthige und heroiſche Hand⸗ lung wuͤrde ihren heidniſchen Anſichten vielleicht als eine gehaͤſſige Apoſtaſie, im beſten Falle aber als eine bedauernswerthe Geiſtesverwirrung erſcheinen Er beſtand aber auf ſeinem Entſchluß, er ent⸗ ſagte Allem in dieſer Welt) in der Hoffnung, der Ewigkeit in der zukuͤnftigen theilhaftig zu werden, die ihm zugeſagt worden war. Wenn von der einen Seite dieſe Gedanken ſeinen Geiſt erfullten, ſo wirk⸗ ten von der andern ſein Stolz, ſein Muth und ſeine Tugend, um ihn aufrecht zu halten und zu unter⸗ ſtutzen, und d rat noch das Gefuͤhl der Rache wegen gen und Betrugereien, die man ſich gegen ihn erlaubt hatte. 60 3 Der Kampf war heftig und dauerndz doch ſeine neuen Gefuͤhle trugen den Sieg über die alten da⸗ von. und hätten die erſten Chriſten uͤberhaupt ſich weniger von der Macht der Gewohnheit losgeſagt— wären ſie weniger Demokraten geweſen, in der rei⸗ neren und edleren Bedeutung jenes entarteten Wor⸗ tes— ſo wurde das Chriſtenthum ſchon in ſeinem erſten urſprunge zu Grunde gegangen ſein. Jeder Prieſter mußte der Reihefolge nach meh⸗ rere Nächte im Tempel ſchlafen, aber Apgecides war 70 noch nicht dezu beſtimmt. Als er ſich von ſeinem Läger erhoben hatte, zog er, wie gewohnlich, ſein prieſterliches Gewand an, und begab ſich nach dem Tempel. Er hatte, durch die aufregungen der letzten Tage erſchoͤpft, bis tief in den Morgen geſchlafen, und die Sonne beleuchtete das heilige Gebaͤude bereits mit ihren ſenkrechten Strahlen. „Salve, Apaecides!“ ſagte eine Stinm, deren naturliche Rauhheit durch lange Gewohnheit einen faſt widerlich ſuͤßen Ton angenommen hatte.„Du haſt lange geſchlafen; hat die Gottin Dich mit n chen Viſionen begluͤckt?“— „Koͤnnte ſie ihr wahres Weſen dem Volke offen⸗ baren, Kalenus, wie nz dieſe Al⸗ täre ſein?“— „Das mag wahr ſen⸗ rwill enus,„doch die Goͤttin iſt weiſe genug, nur mit den Prieſtern umzugehn.“ „Es möchte eine Zeit kommen, wo ſie wider ih⸗ ren Willen entſchleiert wird.“ „Es iſt nicht wahrſcheinlich, ſie hat ſeit vielen Jahrhunderten triumphirt, und was ſo lange der Zeit widerſtanden hat, unterliegt ſelten der Neue⸗ rungsſucht. Aber hore, junger Bruder, Deine Be densarten ſind ſehr unvorſichtig.“ „Dir gebuͤhrt es am wenigſten, mir Schweigen zu gebieten,“ erwiederte Apaecides ſtolz. — 71 „So hitzig!— doch ich will mich nicht mit Dir ſtreiten. Hat der Egyptier Dich nicht von der Noth⸗ wendigkeit uͤberzeugt, mein Apaecides, daß wir unter einander einig ſein muͤſſen? Hat er Dir nicht be⸗ wieſen, daß es weiſe iſt, das Volk zu taͤuſchen, da⸗ mit wir genießen koͤnnen? Er waͤre nicht der große Zauberer, fuͤr den er gilt, wenn er Dir dieſes nicht vegreiftich gemacht hätte.“ 1 2 Du biſt alſo auch ſein Schuͤler?— ſagte Apae⸗ cides mit einem ſpottiſchen Lächeln. „Ich bedurfte dieſer Lehren aber weniger, als Du. Die Matur hatte mich bereits mit der Liebe zum Vergnuͤgen, und mit der Sehnſucht nach Macht und Reichthum begabt. Lang iſt der Weg, der den Wolluͤſtling zur ſtrengen Entſagung fuͤhrt, aber es iſt blos ein Schritt von der Suͤnde zur Verſtellung. Fuͤrchte die Rache der Gottin, wenn Du dieſes Ge⸗ heimniß verrathen wollteſt.“— 8351 „Fuͤrchte Du die Stunde, wenn das Grab ge⸗ oͤffnet, und die Fäulniß offenbart wird,“ erwiederte Apaecides feierlich. Vale“ u n6 Mit dieſen Worten uͤberließ er den Flamen ſei⸗ nen Gedanken. Als er ſich einige Schritte vom Tempel entfernt hatte, ſah er zuruͤck. Kalenus hatte ſich bereits nach dem Verſammlungszimmer der Prieſter begeben, denn es nahte jetzt die Stunde jenes Mahls, welches die Alten Prandium nannten/ und das unſerm Fruͤhſtüͤck entſpricht. Der weiße 72 Tempel erhob ſich glaͤnzend in der Sonne. Die Altäre dampften von Weihrauch, und waren mit Fränzen geſchmuͤckt. Der Prieſter blickte noch ein⸗ mal gedankenvoll auf dieſe Scene— es war das letztemal fuͤr ihn!— Er ſetzte darauf langſam ſeinen Weg dem Hauſe der Jone fort, denn er wollte ſeine einzige Verwandte, ſeine innigſte, wie ſeine erſte Freundin noch ſehn, bevor möglicherweiſe auch dieſes Verhält⸗ niß fuͤr immer aufgeloͤſt wuͤrde, und er dem Ver⸗ hängniß des nächſten Tages entgegen ginge. Er kam an ihrem Hauſe an, und fand ſie nit der Nydia im Garten. Das iſt herrlich, Apaecides,“ Jone fen⸗ ig,„daß Du endlich kommſt. Wie ſehnſuͤchtig habe ich Dich erwartet! Wie vielen Dank bin ich Dir ſchuldig! — Warum haſt Du auf keinen meiner Briefe geantwov⸗ tet?— o, Du haſt Deine Schweſter vor der Schande geſchuͤtzt. Was kann ſie ſagen, um Dir zu dänken, jetzt, da Du endlich gekommen biſt?“— „Du biſt mir keinen Dank ſchuldig, meine ſuͤße Jone, denn Deine Sache war auch die meinige; laß uns uͤber jenen verworfenen Menſchen nicht wei⸗ ter ſprechen— wie gehäſſig muß er uns Beiden ſein! Ich werde vielleicht bald Gelegenheit haben, die Welt von ſeiner angeblichen Weisheit und von ſeiner heuchleriſchen Strenge zu uͤberzeugen. Aber wir wollen uns ſetzen; ich bin ermüdet durch die . Hitze des Tages, wir wollen uns in jenen, jee⸗ meine Schweſter.“ unter einer Platane, die lebendigen Epringbrun⸗ nen vor ſich, den gruͤnen Raſen zu ihren Fuͤßen, wo die muntre Zikade, welche einſt in Athen ſo beliebt war, hier und da im Graſe huͤpfte;— der Schmet⸗ terling, das ſchoͤne, der Pſhche geweihte Sinnbild im ſiciliſchen Farbenglanz*) uͤber dem Blumenflor, er ſelbſt eine gefluͤgelte Blume, flatterte,— hier ſaßen Bruder und Schweſter eine Zeit lang, das letztemal auf dieſer Erde, traulich beiſammen.— Man kann jetzt vielleicht dieſelbe Stelle betretenz aber der Garten iſt nicht mehr vorhanden, die Säu⸗ len ſind zertruͤmmert, der Springbrunnen rauſcht nicht mehr. Der Wanderer möge in den Ruinen von Pompeji das Haus der Jone ſelbſt ſuchenz ich will die noch ſichtbaren überbleibſel gewohmlichen Touriſten nicht verrathen. Der gefuͤhlvolle Reiſende wird ſie leicht entdecken; und wenn es ihm ge⸗ lungen iſt, ſo moͤge er das Geheimniß fuͤr ſich behalten. Sie ſetzten ſich, und Nydia ſuchte die Einſamkeit in einem entfernteren Theile des Gartens „Jone, meine Schweſter,“ ſagte der junge Prie⸗ ſter,„lege Deine Hand auf meine Stirne, und fuͤhle, ¹) In Sicilien werden vielleicht die ſchönſten Schmet⸗ terlingsarten gefunden. wie ſie brennt. Auch Deine Stimme laß mich hö⸗ ren, denn ſie iſt erfriſchend und erquickend meinem Gemuͤth. Sprich mit mir, aber ſegne mich nicht! Sprich keines jener Worte, die wir in un⸗ ſerer Kindheit fuͤr heilig zu halten gelehrt wurden.“ „Ach, und was ſoll ich dann ſagen? unſere Sprache iſt ſo mit unſerer Religion verwoben, daß ich kalt und gefuͤhllos werden muß, wenn ich jede Beziehung auf unſere Goͤtter aus meinen Worten verbanne.“ „Unſere Goͤtter!“— murmelte Apaecides mit einem Schauder;„Du handelſt bereits gegen meinen Wunſch.“ m Soll ich denn blos von der Iſis mit Dir reden?⸗ „Dem boͤſen Geiſte!— nein, lieber bleibe ſumm fuͤr immer, wenigſtens, wenn es Dir moͤglich iſt— doch genug— genug davon. Nicht jetzt will ich mit Dir ſtreiten; nicht jetzt wollen wir mit einander rechten. Du betrachteſt mich als einen Abtruͤnnigen, und ich ſchaͤme mich Deiner als einer Göͤtzendienerin Rein, meine Schweſter, laß uns dieſe Gedanken ver⸗ bannen. Bei Dir fuͤhle ich mich ruhig. Fuͤr eine Zeit wenigſtens kann ich die Vergangenheit vergeſ⸗ ſen. Wenn ich ſo vertraulich neben Dir ſitze, ſo denke ich, daß wir wieder Kinder ſind, und daß der Himmel uns Beiden noch läͤchelt. Denn ach, wenn ich meinem Verhaͤngniß entgehe, und es mir geſtat⸗ r n „ 75 tet iſt, uͤber einen heiligen und erhabenen Gegenſtand mit Dir zu reden, und ich faͤnde dann Deine Ohren verſchloſſen und Dein Herz erhaͤrtet, welche Hoff⸗ nung fuͤr mein Schickſal koͤnnte meine Verzweiflung uͤber das Deinige aufwiegen? In Dir, meine Schwe⸗ ſter, ſehe ich ein ſchoͤneres, edleres Bild meiner ſelbſt. Soll der Spiegel bleiben, und die Geſtalt ſelbſt zer⸗ brochen werden, wie das Gefäß des Töpfers? Ach nein— nein, Du wirſt meinen Worten Glauben ſchenken. Erinnerſt Du Dich noch, wie wir Hand in Hand in den Feldern von Bajae wandelten, und Blumen pfluͤckten? eben ſo werden wiv, Hand in Hand, eintreten in den ewigen Garten, und uns mit unvergänglichen Blumen kränzen!“— Jone hoͤrte, betäubt und verwirrt durch Worte, deren Sinn ſie nicht verſtand, aber durch den kla⸗ genden, ſanften Ton ihres Bruders bis zu Thraͤnen geruͤhrt, dieſen Erguͤſſen eines vollen und uͤberſtroͤ⸗ menden Herzens zu. Apaecides ſelbſt, deſſen Kußeres faſt immer ungeſtuͤm oder verſchloſſen war, fuͤhlte ſich ungewöhnlich erweicht. Die edelſten Empfin⸗ dungen nehmen das Gemuͤth ganz in Anſpruch, und laſſen den Geiſt der Finſterniß und des Unmuths oft ſcheinbar auf der Oberflaͤche erſcheinen. Man haͤlt uns, weil wir dem kleinlichen Treiben um uns her keine Theilnahme ſchenken, für gefüuͤhllos, ſo wie fuͤr reizbar und empfindlich, weil wir in unſeren himmliſchen Träumen nicht geſtört ſein wollen. Denn 76 da es keine eitlere Hoffnung gibt, als die, daß ein menſchliches Herz Sympathien in dem andern finden werde, ſo beurtheilt uns Niemand richtig, und Nie⸗ mand, nein, ſelbſt die uns am nächſten ſtehen nicht, laͤßt uns Gerechtigkeit widerfahren! Wenn wir todt ſind, und die Reue zu ſpät iſt, dann verwundert ſich vielleicht Freund und Feind, wie Weniges in uns ihrer Verzeihung bedurfte! „So will ich denn von unſern Kinderjahren mit Dir ſprechen,“ ſagte Jone.„Soll jenes blinde Mädchen das Lied von den Tagen der Kindheit ſin⸗ gen?— ihre Stimme iſt ſuͤß und wohlklingend, und in jenem Liede kommt nichts vor, das Dir un⸗ angenehm ſein koͤnnte⸗“ „Weißt Du die Btes meine ecnin fragte Apaecides. „Ich glaube ja, den die einfache Melodie nt ſie meinem Gedaͤchtniß eingeprägt.“ za „So ſinge ſie lieber ſelbſt. Deine Stimme, die ſo viele Erinnerungen aus fruͤherer Zeit in mir weckt war mir immer ſuͤßer, als jede andere.“ Jone winkte einer Sklavin, die im Säulengange ſtand, ließ ſich ihre Laute hWn und ſang ve — notti n nach 5 Auch unſrer Kindheit Himmel droht Wohl oft der Sturme Wuth, Auch ihr bringt manche Natter Tod⸗ Die unter Blumen ruht, und Mißgeſchick, Folgt oft dem Gluͤck, Das uns die Jugend bot!— Von geſtern kennt das Kind den Schmerz⸗ WVon heute ſeine Sorgen; Der Zukunft aber lacht ſein Herz, Die es erwartet morgen. Wo Sonnenſchein — Auch nicht dringt ein, Kann doch der Strahl erwärmen. Auch unſern ſpaͤtern Jahren beut Das Schickſal manche Wonne, Doch nicht ſo ſchnell vernarbt das Leid, Sank erſt des Lebens Sonne. Iſt Kinderſpiel Nicht mehr das Ziel, Dann iſt der Stab verloren. 3 Der Regenbogen glänzt nicht mehr, Wenn Ungewitter ziehen, Wie wollen wir dem finſtern Heor Der Wolken jetzt entfliehen? Iſt Kinderſpiel 9 Nicht mehr das Ziel,„ Dann iſt der Stab verloren. Jone hatte abſichtlich dieſes Lied gewählt, denn wenn wir traurig und darniedergebeugt ſind, ſo iſt grade die Stimme der Freude uns der größte Miß⸗ tonz die Schwermuth nur vermag uns wieder auf⸗ * . 78 zuheitern, denn finſtre Gedanken konnen erweicht werden, und ſo verlieren ſie ihre Härte, und ihre Farben verſchmelzen mit dem Idegl. Wie der Arzt als Heilmittel für einen inneren Schmerz eine aͤußere Wunde veranlaßt, die das tödtlichere Gift hervor lockt, ſo beſteht auch die Kunſt, den Verſtimmun⸗ gen des Gemuͤths zu begegnen, darin, das Leiden, welches im Innern wuͤthet, durch eine mildere Trau⸗ rigkeit auf die Oberfläche zu ziehen. Und ſo ver⸗ gaß auch Apaecides, indem jene Silberſtimme ihn an die Vergangenheit erinnerte, aller Sorgen der Gegenwart. Er unterhielt ſich lange mit ſeiner Schweſter, und als er aufſtand, um ſie zu vevlaſſen, fuͤhlte er ſich gluͤcklicher und beruhigter. „Jone,“ ſagte er, indem er ihre Hand druͤckte, „wenn Du Verläumdungen uͤber mich hoͤren wuͤrdeſt, konnteſt Du ihnen wohl Glauben ſchenken?“ „Nein, mein Bruder, niemals!“ „Denkſt Du Dir nicht, ſelbſt nach Deinem Glau⸗ ven, daß das Unrecht dereinſt beſtraft, und die guten Thaten belohnt werden?“ „Kann ich daran zweifeln?“ „Glaubſt Du alſo auch, daß der wahrhaft Gute jeden ſelbſtſuͤchtigen Vortheil der Tugend aufopfern muß?“ „Wer ſo handelt, iſt den Göttern ähnlich.“ „und Du glaubſt, daß der Zuſtand nach dem Grabe dem Maße des Verdienſtes entſprechen wird?“ 79 „So müſſen wir hoffen.“ Küſſe mich, meine Schweſter. Noch eine Frage — Du wirſt dem Glautus vermahlt— vielleicht trennt uns dieſe Verbindung noch mehr— aber da⸗ von ſproche ich jetzt nicht— liebſt Du den Glau⸗ kus?— nein, Schweſter, antworte aufrichtig.“ „Ja,“ flüſterte Jone erroͤthend. Fühlſt Du, daß für ihn Qu Alles aufopfern, ſelbſt Schande ertragen, und dem Tode entgegen gchen Sönnteſt? Ich habe gehoͤrt, daß die wahre mche Liobe bis zu dieſem übermaß geht.“— 6 Alles das) mein Bruder, könnte ich fuͤr Glau⸗.— kus thun, und es wäre mir nicht einmal eine Auf⸗ opferung, denn fuͤr ve welche wir lieben, gibt es„ kein kein Opfer. Senug! wenn das Weib ſo fuͤr den Mann fuͤhlt, wie muß dann der Mann fuͤr ſeinen Gott ſich auf⸗ opfern?“ Er ſprach nichts mehr— ſein ganzes Weſen ſchien mit einem höheren Leben erfuͤllt, ſeine Augen gluͤhten, auf ſeiner Stirn war die Thatkraft eines Mannes zu leſen, der es wagen konnte, fuͤr ſeinen Glauben zu handeln. Seine Blicke begegneten denen der Jone; er kuͤßte ſie, druͤckte ſie an ſeine Bruſt, und einen Augenblick darauf hatte er das Haus ver⸗ laſſen. Jone blieb noch lange nachdenkend und ſtumm ſitzen. Ihre Sklavinnen erinnerten ſie, daß der —m———————— 8⁰ Abend herannahe, und ſie beim Diomedes eingeladen ſei. Endlich erwachte ſie aus ihren Träumereien, und bereitete ſich, nicht mit dem Stolze der Schön⸗ heit, ſondern ſchwermuͤthig und gleichguͤltig, zu dem Feſte vorz ein Gedanke nur verſöhnte ſie mit jenem Beſuch,— ſie fand dort den Glaukus; ſie konnte ihm ihre Beſorgniſſe uber ihren Bruder mittheilen. Liebe! eine Segnung iſt es, die vor allen an⸗ dern Deine keuſchen und heiligen Verbindungen von. den ſundhaften, den Eros von dem Anteros, untep⸗ 6 ſcheidet;— nur denen, die wir ohne Verbrechen lie⸗ 3 ben, gewaͤhren wir das Zutrauen, unſere häuslichen und Familienangelegenheiten ihnen mitzutheilen. Un⸗ geſetzliche Verbindungen ſind blos eine Leidenſchaft, bei den geſetzlichen aber wird die Heiligkeit, die Zäpt⸗ lichkeit und das gegenſeitige Zutrauen aller menſch⸗ lichen Verhältniſſe verknuͤpft. Homer legte jene ruͤh⸗ renden Worte, die in jeder Zeit, in der aͤlteſten, wie in der neueſten, ſo viele Wahrheit enthalten, nicht 1 der Helena, ſondern der Andromache in den Mund: 1 Wahrend mein Hektor noch lebt, ſeh' ich in Dir den P Vater, und die Mutter, 6— Alles ſeh' ich in Din — — Drittes Rapitel. Eine Geſellſchaft und ein Diner nach der Mode in Pompeji. Sauuſt und Glaukus waren auf dem Wege nach dem Hauſe des Diomedes. Trotz ſeiner ſchwelgeri⸗ ſchen Lebensweiſe fehlte es dem Salluſt nicht an achtungswerthen Eigenſchaften. Hätte er ſich es nicht in den Kopf geſetzt, ein Philoſoph ſein zu wollen, ſo wäre er ein nuͤtzlicher Buͤrger, ein vortrefflicher Freund, kurz ein Mann ohne Tadel geweſen. Er hatte aber in jenen Schulen, in denen die Romer das Echo griechiſcher Weisheit widerhallten, die Leh⸗ ren eingeſogen, durch welche die ſpätern Epikurder die einfachen Grundſätze ihres großen Meiſters ver⸗ kehrten und entſtellten. Er uͤberließ ſich gänzlich dem Vergnuͤgen, und bildete ſich ein, die Weisheit beſtehe blos im Genuß. Doch beſaß er Kenntniſſe Witz und Gutmuͤthigkeit; und im Vergleich zu der Verderbtheit des Klodius und der Weichlichkeit des Bulwer's Werke. Taſchenausg. III. 6 Lepidus erſchien wenigſtens die ungeſchminkte Auf⸗ richtigkeit ſeiner Laſter faſt als Tugend. Aus dieſem Grunde zog ihn Glaukus ſeinen andern Gefaͤhrten vor; er dagegen ſchätzte die edlen Eigenſchaften des Athenienſers, und liebte ihn faſt ſo ſehr, als— eine kalte Muräne, oder als eine Flaſche des beſten Falerner Weins. „Dieſer Diomedes iſt ein recht einfaͤltiger Alter,“ ſagte Salluſt,„aber er hat einige gute Eigenſchaf⸗ ten— in ſeinem Keller.“ „und einige reizende— in ſeiner Tochter.“ „Gewiß, Glaukus, aber dieſe Reize ſcheinen Dich nicht ſehr zu rühren. Ich denke, Klodius hat nicht uͤbel Luſt, Dein Nachfolger zu werden.“ „Er wird willkommen ſein. Auf dem Bankett ihrer Schoͤnheit wird gewiß kein Gaſt als eine musca*) betrachtet.“ „Du biſt ſcharf— aber ſie hat allerdings etwas von der Korinthierin an ſich— es kann aber ein gutes Paar werden!— Wie nachſichtig ſind wir doch, daß wir mit dieſem Taugenichts von einem Spieler umgehn!“— „Das Vergnuͤgen vereinigt ſeltſame Varietäten,“ erwiederte Glaukus.„Er unterhält mich—“ „und ſchmeichelt;— aber er weiß ſich auch gut *) unwillkommne oder uneingeladene Gäſte wurden muscae oder Fliegen genannt. 8 83³ bezahlt zu machen! er laͤßt ſeine Schmeicheleien mit Goldſtaub beſtreuen.“ „Du machſt oft Anſpielungen, als ob er im Spiel betruͤge— glaubſt Du es wirklich?“ „Mein theurer Glaukus, ein römiſcher Edler hat ſeine Wuͤrde zu behaupten— dieſes iſt koſtbar— Klodius muß betruͤgen wie ein Gauner, um als vornehmer Mann leben zu koͤnnen.“ „Ha, Ha!— allerdings, ſeit Kurzem ſpiele ich auch nicht mehr. Ach, Salluſt, ich hoffe, daß ich eine thoͤrichte Jugend wieder gut machen kann, wenn Jone mein Weib iſt. Wir Beide ſind fuͤr Beſſeres geboren, als womit wir jetzt die Zeit vergeuden; wir muͤſſen unſre Andacht edlern Tempeln weihen, als den Ställen des Epikur!“ „Ach,“ erwiederte Salluſt in einem faſt ſchwer⸗ muͤthigen Tone,„was koͤnnen wir mehr thun?— Das Leben iſt kurz, jenſeits des Grabes iſt es finſter. Es gibt keine beſſere Weisheit, als die, welche ſagt: Genieße!“— „Ich zweifle, beim Bacchus! oft, ob wir wirk⸗ lich auch Alles genießen, was das Leben uns darzu⸗ bieten vermag.“ „Ich bin ein mäßiger Mann,“ erwiederte Sal⸗ luſt,„und mache auf das Hoͤchſte nicht Anſpruch. Wir ſind Alle, wie Miſſethaͤter, und uͤbertäuben uns, während wir am Rande des Grabes ſtehn, mit Wein und Myrrhen;— thäten wir es aber nicht, ſo 6* 84 wuͤrde der Abgrund uns zu ſchrecklich erſcheinen. Ich geſtehe, daß ich zur Schwermuth geneigt war, bevor ich mich ſo tapfer an das Trinken gab,— ſeitdem bin ich wie neugeboren, mein Glaukus.“ „Ja— aber am nächſten Morgen biſt Du auch wieder abgeſtorben.“ „Allerdings, der nächſte Morgen iſt unangenehm, das geſtehe ich; aber wäre dieſes nicht der Fall, ſo wuͤrde man niemals Luſt zum Leſen haben— ich ſtudire bisweilen, weil ich— bei den Göttern! ge⸗ wohnlich bis zum Wr fuͤr alles Andere un⸗ ſihis bin.“ „Ei, ſchaͤme Dich, Du roher Scythe.“ „Pah, das Schickſal des Pentheus treffe den⸗ der den Bacchus verlaͤugnet!“— „Gut, Salluſt, bei allen Deinen Fehlern biſt Du der beſte Wüſtling, den ich je kennen lernte; und waͤre ich in Lebensgefahr, ſo wuͤrdeſt Du gewiß in ganz Italien der einzige Mann ſein, der den Finger ausſtreckte, um mich zu retten.“ „Vielleicht geſchähe es doch nicht, wenn ich mitten im Eſſen wäre. Aber wir Italiener 3 allerdings ſchreckliche Egoiſten.“ „Alle Menſchen, die der Freiheit entbehren, ſ d es,— ſagte Glaukus mit einem Seufzer.—„Nur die Freiheit macht die Menſchen fähig, ſich für ein⸗ ander aufzuopfern.“ Dann muß die Freiheit fuͤr einen cn . 1 ——— — — — 8.— ep 3 S c— — ſo e⸗ 85 recht langweilig ſein,“— antwortete Salluſt.— „Doch da ſind wir am Hauſe des Diomedes.“ Da dieſe Villa eine der groͤßten bis jetzt ausge⸗ grabenen, und uͤberdem ganz im Styl einer vorſtad⸗ tiſchen Villa, wie der roͤmiſche Architekt ihn uns uͤberliefert hat, erbaut iſt, ſo wird es nicht unin⸗ tereſſant ſein, in Kurzem die Zimmer zu beſchreiben, durch welche unſere Gäſte kamen. Sie traten durch daſſelbe kleine Veſtibul ein, wo wir ſchon vorher den alten Medon kennen gelernt haben, und gingen durch einen Saulengang, techniſch das Periſtil genanntz denn der Hauptunterſchied zwi⸗ ſchen einer vorſtädtiſchen Villa und einer ſtädtiſchen Wohnung beſtand darin, daß in der erſtern der er⸗ waͤhnte Säulengang ganz dieſelbe Stelle einnahm, wie in der letztern das Atrium. In der Mitte des Periſtils befand ſich ein offener Hof, welcher das Impluvium enthielt. Von dieſem Periſtil fuͤhrte eine Treppe in die Geſchäftsſtuben, ein kleiner Gang an der entgegen⸗ geſetzten Seite ſtand mit dem Garten in Verbin⸗ dungz der Saͤulengang wurde durch mehrere kleine Zimmer umgeben, die wahrſcheinlich fuͤr Gäſte vom Lande beſtimmt waren. Eine andere Thuͤre zur linken Seite fuͤhrte in einen kleinen dreieckigen Por⸗ tiko, der zu den Bädern gehoͤrte, und hinten war das Gaderobenzimmer, in dem die feſtlichen Anzuge für die Sklaven und vielleicht auch fuͤr den Herrn 86 ſich befanden Noch nach ſiebzehn Jahrhunderten wurden dieſe überbleibſel klaſſiſcher Kleidungen, halb zerfetzt und in Staub zerfallen, gefunden, und hat⸗ ten ſich folglich laͤnger erhalten, als ihr geiziger Beſitzer es vorherſehn konnte. Doch wir kehren jetzt zum Periſtil zuruͤck, und wollen verſuchen, dem Leſer eine überſicht der gan⸗ zen Reihe von Zimmern zu geben, wie ſie durch die Gäſte betreten wurden. Man denke ſich daher zufoͤrderſt die Säulen des Portiko's mit Blumenkränzen behangen; die Säulen ſelbſt unten roth bemalt, und die Waͤnde mit glän⸗ zenden Freskogemaͤlden geſchmuͤckt. Weiter hin ſah man hinter einem, faſt ganz zuruͤckgezogenen Vor⸗ hange in das Tablinium oder den Salon(der da⸗ mals durch Glasthüren verſchloſſen werden konntch. Zu beiden Seiten dieſes Tabliniums befanden ſich kleine Zimmer, und dieſe, ſo wie das Tablinium ſelbſt, ſtanden mit einer langen Gallerie in Verbin⸗ dung, die auf beiden Seiten ſich auf die Terraſſen eröffnete, und zwiſchen dieſen und dem mittlern Theile der Gallerie war eine Halle, in der das Feſt dieſes Tages gefeiert wurde. Alle dieſe Zimmer, welche mit der Straße faſt in gleicher Höhe lagen, befanden ſich um ein Stockwerk uͤber dem Garten; und die mit der Gallerie in Verbindung ſtehenden Terraſſen waren als Korridors auf den Säulen n lb t⸗ Athenienſer und der Römer war, wie ich bereits be⸗ 87 fortgefuͤhrt, die den Garten unten zu beiden Seiten einfaßten. Weiter gegen den Garten lagen die, bereits be⸗ ſchriebenen Zimmer der Julia. In der eben erwähnten Gallerie empfing Diome⸗ des ſeine Gäſte. Der Kaufmann machte auf Gelehrſamkeit An⸗ ſpruch, deshalb legte er eine Vorliebe fuͤr Alles, was mit Griechenland in Beziehung ſtand, zur Schau; und erwies dem Glaukus beſondere Aufmerkſamkeit. „Du wirſt ſehn,“ ſagte er zu ihm,„daß ich hier etwas klaſſiſch, etwas cekropiſch eingerichtet bin — he? Die Halle, in der wir ſpeiſen werden, iſt griechiſch. Es iſt ein Oecus Cyzicene. Wie man mir ſagt, edler Salluſt, ſo kennt man dieſe Art Zimmer in Rom nicht.“ „O,“ erwiederte Salluſt lächelnd,„ihr Pom⸗ pejaner ſucht alles Mögliche aus Griechenland und aus Rom zuſammen; moͤchteſt Du doch, Diomedes, in den Speiſen eine ſo vortreffliche Auswahl getrof⸗ fen haben, als in der Architektur!“ „Du ſollſt ſehn, Du ſollſt ſehn, mein Salluſt,“ er⸗ wiederte der Kaufmann,„wir haben Geſchmack in Pompeji, und wir haben auch Geld.“ „Das ſind zwei herrliche Eigenſchaften,“ entgeg⸗ nete Salluſt.„Aber ſieh, die ſchoͤne Julia!“— Ein Hauptunterſchied in der Lebensweiſe der 88 merkt habe, daß bei den erſtern die anſtändigen Frauen ſelten oder niemals an offentlichen Feſtlichkeiten Theil nahmen, da hingegen bei den Roͤmern das weibliche Geſchlecht die Zierde faſt eines jeden Feſtes war, welches jedoch in dieſem Fall auch meiſtens früh be⸗ endigt wurde. Die ſchoͤne Julia trat, mit einem prächtigen weißen, mit Perlen und Goldfäden geſtickten Kleide in den Saal. Kaum war ſie durch die beiden Gäſte begrußt worden, als Panſa mit ſeiner Gemahlin, Lepidus, Klodius und der roͤmiſche Senator faſt gleichzeitig eintraten; darauf erſchien die Wittwe Fulvia, dann der Dichter Fulvius, der außer dem Namen mit je⸗ ner Wittwe weiter keine Fhnlichkeit hatte; der Krieger aus Herkulaneum mit ſeinem Umbra und die weniger angeſehenen Gäſte. Jone blieb noch aus. Es war Mode bei den hoöͤflichen Alten, ſich Schmeicheleien zu ſagen, ſo oft die Gelegenheit ſich dazu darbot; auch galt es fuͤr ein Zeichen ſchlechter Erziehung, ſich, wenn man bei dem Wirthe einge⸗ treten war, ſogleich zu ſetzen. Nach der Begrüßung, die gewohnlich in dem vertraulichen Händedruck, den wir noch beibehalten haben, bisweilen auch in einer umarmung beſtand, brachten ſie einige Zeit damit zu, den Saal in Augenſchein zu nehmen, und die Bronzen, Gemaͤlde und Meubles zu bewundern, mit 89 denen er geſchmuͤckt warz eine nach unſern verfei⸗ nerten engliſchen Begriffen, welche die Gleichguͤltig⸗ keit zu einer Haupteigenſchaft des guten Tones ma⸗ chen, ſehr unhoͤfliche Mode; wir moͤchten um Alles in der Welt nicht Vieles in dem Hauſe eines Frem⸗ den bewundern, damit man nicht glauben könne, wir haͤtten nicht ſchon etwas Schoͤneres geſehn. „Dies iſt eine herrliche Statue des Bacchus!“— ſagte der römiſche Senator. „Eine Kleinigkeit,“ erwiederte Diomedes. „Welche vortreffliche Gemälde,“ ſagte Fulvia. „Kleinigkeiten,“— antwortete der Beſitzer. „Wie kunſtlich dieſe Kandelaber gearbeitet ſind!“ — ſagte der Krieger. „Wie kunſtlich!“— wiederholte ſein Umbra. „Kleinigkeiten! Kleinigkeiten!“— entgegnete der Kaufmann. Glaukus war an eines der Fenſter jener Gallerie, die mit den Terraſſen in Verbindung ſtand, getre⸗ ten, und bald ſtand die ſchone Julia neben ihm. „Iſt es eine athenienſiſche Tugend,“ ſagte die Tochter des Kaufmanns,„Diejenigen zu vermeiden, die wir einſt aufſuchten?“— „Nein— ſchoͤne Julia!“ „Mir ſcheint es aber eine von den Eigenſchaften des Glaukus zu ſein.“ „Glaukus vermeidet niemals einen Freund oder 90 eine Freundin,“ erwiederte der Grieche, indem er auf das letzte Wort einigen Nachdruck legte. „Darf ſich Julia zu ſeinen Freundinnen zah⸗ len?“— „Es wäre fuͤr den Kaiſer ſelbſt eine Ehre, eine ſo liebenswuͤrdige Freundin zu beſitzen.“ „Du weichſt meiner Frage aus,“ erwiederte die verliebte Julia;„aber ſage mir, iſt es wahr, daß Du die Neapolitanerin Jone bewunderſt?“— „Feſſelt nicht die Schoͤnheit unſere Bewunde⸗ rung?“— „Ah, gewandter Grieche, immer noch ſuchſt Du mir zu entgehen. Aber ſage, darf Julia ſich in der That Deine Freundin nennen?“ „Die Götter ſeien geſegnet, wenn Julia mich ſo ehren will; ich werde dieſen Tag fuͤr immer weiß bezeichnen.“ „Aber ſchon indem Du ſo ſprichſt, iſt Dein Auge unruhig. Deine Geſichtsfarbe wechſelt— Du be⸗ wegſt Dich unwillkuͤhrlich— es zieht Dich zu Jo⸗ nen hin.“ In dieſem Augenblick war Jone wirklich einge⸗ treten, und Glaukus hatten die durch die eiferſüͤch⸗ tige Schönheit bemerkten Bewegungen verrathen. *„Kann die Bewunderung eines weiblichen We⸗ ſens mich der Freundſchaft eines andern unwurdig machen? Rechtfertige nicht, o Julia, die Se gen der Dichter gegen Dein Geſchlecht.“ — 91 „Allerdings, Du haſt Recht; oder ich will es wenigſtens glauben. Glaukus, noch einen Augen⸗ blick;— Du wirſt Dich mit Jonen vermählen, nicht wahr?“— „Wenn das Schickſal es geſtattet, ſo iſt es meine entzuͤckende Hoffnung.“ „Nun ſo nimm denn von mir, als Zeichen un⸗ ſerer neuen Freundſchaft, ein Geſchenk fuͤr Deine Braut an. Nein, weigre Dich nicht, wie Du weißt, iſt es unter Freunden gebraͤuchlich, der Braut und dem Bräutigam einige geringe Beweiſe der Achtung zu geben.“ „Julia, ich kann Dir keinen Beweis Deiner Freundſchaft verweigern. Ich will die Gabe wie ein Omen von der Fortuna ſelbſt annehmen.“ „Dann komme, wenn die Gäaͤſte fort ſind, mit mir in mein Zimmer, und empfange es aus meinen Händen. Aber vergeſſe es nicht“— und jetzt ver⸗ ließ ſie den Glaukus, der ſich zu Jonen begab, ſo wie Julia zur Gemahlin des Panſa. Die Wittwe Fulvia und die Gattin des Aedils waren in einer wichtigen Unterredung begriffen. „Ich verſichere Dich, o Fulvia, daß nach den letzten Nachrichten aus Rom der Kopfputz mit den kurzen Locken aus der Mode gekommen iſt; man traͤgt das Haar jetzt, wie das der Julia, thurm⸗⸗ oder auch helmfoͤrmig— die galerianiſche Mode, ſiehſt Du, wie ich ſie trage; es muß ſich huͤbſch 92 ausnehmen. Ich verſichere Dich, daß es dem Ves⸗ pius(dieſes war der Name des Helden aus Herku⸗ laneum) ſehr gefällt.“ „und Niemand traͤgt das Haar, wie jene Nea⸗ politanerin, nach griechiſcher Art?“— „Was, auf der Stirne geſcheitelt, und hinten in einen Knoten gewunden? O, nein, wie lächerlich iſt das! es erinnert an die Statue der Diana. Aber dieſe Jone iſt ſchon, eh?“— „Sie gefällt den Mannern, aber ſie iſt auch reich; ſie wird den Athenienſer heirathen; ich wuͤnſche ihr viel Gluͤck. Ich denke, er wird ihr nicht lange treu bleiben; dieſe Fremden ſind ſehr unbeſtändig.“ „Ho, Julia,“ ſagte Fulvia, als die Tochter des Kaufmanns zu ihnen trat,„haſt Du den Tiger ſchon geſehn?“ „Nein!“— „Aber alle Damen ſind hingegangen, um ihn zu ſehn. Er iſt ſo huͤbſch!“— „Ich hoffe, wir werden irgend einen Verbrecher oder ſonſt Jemand fuͤr ihn und den Lowen finden,“ erwiederte Julia;„Dein Gemahl(indem ſie ſich zu Panſa's Gattin wendete) ſcheint in dieſer Angelegen⸗ heit ſich nicht Muͤhe genug zu geben.“ „Ja, die Geſetze ſind nicht ſtrenge genug,“ ſagte die Dame mit dem galerianiſchen Kopfputz;„es gibt ſo wenige Verbrechen, fuͤr welche die Strafe der Arena Statt finden kann, und die Gladiatoren wer⸗ 93 den auch zu weichlich. Die kuͤhnſten Bestiarii erklä⸗ ren ſich willig genug, mit einem Baͤren oder Och⸗ ſen zu kaͤmpfen, aber mit einem Loͤwen oder Tiger wird ihnen die Sache zu ernſthaft.“ „Sie ſind einer Mitra*) wuͤrdig,“ erwiederte Julia verächtlich. „Oh,“ ſagte die Gattin des Panſa,„habt Ihr ſchon das neue Haus unſeres trefflichen Dichters, des Fulvius, geſehn?“ „Nein, iſt es ſchoͤn?“— „Oh, ſo geſchmackvoll,— aber man ſagt, meine Theure, daß er ſo eigne Gemälde hat. Er will ſie den Damen nicht zeigen; wie ungezogen!“— „Dieſe Dichter ſind immer ſonderbare Menſchen,“ ſagte die Wittwe.„Aber es iſt ein intereſſanter Mann,— welche huͤbſche Verſe ſchreibt er! Wir machen große Fortſchritte in der Dichtkunſt, es iſt unmoglich, das alte Zeug jetzt noch zu leſen.“ „Ich bin auch Deiner Anſicht,“ bemerkte die *) Bisweilen wurden Mitven auch von Männern getragen, doch galt dies immer fuͤr ein Zeichen großer Weichlichkeit.— Der Mitra wuͤrdig ſein, hieß daher ſo viel, als ſehr wenig werth ſein. Es iſt auffallend, wie viele neuere Anſichten ſich aus dem Alterthum her⸗ leiten laſſen. Ohne Zweifel war es dieſer klaſſiſche Be⸗ griff von den Mitren, welcher den Herrn Ripon ſo eif⸗ rig fuͤr die Vertreibung der Biſchofe ſprechen ließ. Das Latein iſt eine boͤſe Sprache!— 94 Dame mit dem helmfoͤrmigen Kopfputz, in der neu⸗ ern Schule iſt weit mehr Kraft und Fuͤlle.“ Der Krieger trat zu den Damen. „Es verſohnt mich mit dem Frieden,“ ſagte er, „wenn ich ſolche Schoͤnheiten ſehe.“ „Oh, ihr Helden ſeid immer Schmeichler,“ er⸗ wiederte Fulvia, indem ſie ſich beeilte, das Compli⸗ ment beſonders auf ſich ſelbſt zu beziehen. „Bei dieſer Kette, welche ich aus des Kaiſers eigener Hand erhielt,“ ſagte der Krieger, indem er mit einer kurzen Kette ſpielte, die er dicht um den Hals trug(wogegen ſie den friedlich Geſinnten bis auf die Bruſt hinabhing)—„Bei dieſer Kette, Ihr thut mir unrecht, ich bin ein einfacher Mann, wie ein Soldat immer ſein muß.“ „Wie gefallen Dir im Allgemeinen die Damen in Pompeji?“ fragte Julia. „Bei der Venus, ſehr gut; es iſt wahr, ſie be⸗ guͤnſtigen mich etwas, und das macht meine Augen deſto empfänglicher fuͤr ihre Reize.“ „Wir lieben die Krieger,“ ſagte die Gemahlin des Panſa. „Ich ſehe, es iſt, beim Herkules! faſt unange⸗ nehm, in dieſen Städten zu ſehr ausgezeichnet zu werden. In Herkulaneum klettern ſie auf das Dach meines Atriums, um mich durch das Compluvium zu betrachten.— Die Bewunderung der eigenen 95 Mitbuͤrger iſt zuerſt erfreulich, ſie kann aber leicht läͤſtig werden.“ „Ja wohl, o Vespius!“ ſagte der Dichter, welcher der Gruppe ſich anſchloß;„ich finde es auch ſo.“ „Du!“ ſagte der ſtattliche Krieger, indem er die kleine Geſtalt des Dichters mit veraͤchtlichen Blicken maß;—„in welcher Legion haſt Du ge⸗ dient?“ „Du kannſt meine Beute, meine Exuviae in dem Forum ſelbſt ſehn,“ erwiederte der Dichter, indem er den Damen einen bedeutungsvollen Wink gab. „Ich war unter den Zeltgefahrten, den Contuberna⸗ les, des großen Mantuaners.“ „Ich kenne keinen Feldherrn aus Mantua,“ ſagte der Krieger mit ernſter Wuͤrde—„welchen Feldzug haſt Du mit gemacht?“— „Den auf dem Helikon.“ „Ich habe niemals von dieſem Feldzuge gehoͤrt.“ „Er ſcherzt ja blos, Vespius,“ ſagte Julia lächelnd. „Scherz!“— beim Mars! mit mir ſcherzt man nicht!“— „Ja, Mars ſelbſt liebte die Mutter des Scher⸗ zes,“ ſagte der Dichter etwas verlegen.„So wiſſe denn, o Vespius, daß ich der Dichter Fulvius bin. Ich bin es, der die Krieger unſterblich macht.“ „Das moͤgen die Götter verhuͤten!“ flüſterte“ 9⁵ Salluſt der Julia zu.„Wenn Vespius unſterblich gemacht wuͤrde, welcher langweilige Prahlhans wuͤrde dann der Nachwelt zur Laſt fallen!“— Der Krieger wußte nicht mehr, was er ſagen ſollte; als zu ſeiner Freude das Zeichen fuͤr den An⸗ fang des Feſtes gegeben wurde. Da wir im Hauſe des Glaukus den gewöhnlichen* Gebraͤuchen bei einem Mittagsmahl in Pompeji bei⸗ wohnten, ſo duͤrfen wir die Details in Beziehung auf die Reihefolge der Gerichte, und auf die Art und Weiſe, in welcher ſie aufgetragen wurden, uͤber⸗ gehn. Diomebes, der die Ceremonie liebte, hatte einen Nomenclator aufgeſtellt, der jedem Gaſte ſeinen Platz anwies.. Der Leſer weiß, daß bei einem feſtlichen Mahl drei Tiſche aufgeſtellt waren; der eine in der Mitte und die beiden andern an den Seiten. Die Gäſte nahmen blos die außern Seiten dieſer Tiſche ein; der innere Raum blieb fuͤr die groͤßere Bequemlich⸗ keit der ministri oder aufwartenden Sklaven frei. An einem der Seitentiſche war der Platz Juliens, und neben ihr der des Diomedes; an dem mittlern Tiſche an der einen Seite der des Rdilen, an der andern der des römiſchen Senators; dieſes waren die Ehrenplätze. Die andern Gäſte waren meiſt nach dem verſchiedenen Alter in bunter Reihe vertheilt. Durch dieſe Einrichtung, die allerdings ihre Vorzuͤge 97 hatte, mußten oft ſich die verletzt fuͤhlen, welche gerne noch fuͤr juͤnger gelten wollten. Der Sitz der Jone ſtand neben dem Ruhebett des Glaukus*). Die Sitze waren mit Schildkroͤten⸗ ſchale ausgelegt, und auf ihnen lagen Federkiſſen, mit koſtbaren babyloniſchen Stickereien geſchmuͤckt. Die Tafelaufſatze beſtanden in kleinen Götterſtatuen von Bronze, Elfenbein oder Silber. Das geheiligte Salzfaß und die Familienlaren fehlten nicht. über der ganzen Tafel und den Sitzen ſchwebte ein reicher Thronhimmel. An den Ecken eines jeden Tiſches ſtanden hohe Kronleuchter; denn der Saal war, ob⸗ gleich die Sonne noch hell ſchien, verfinſtert. Von Dreifuͤßen, die im Saale vertheilt waren, erhob ſich der koͤſtliche Dampf von Myrrhen und Weihrauchz und an dem Abacus, oder der Seitentafel, waren herrliche Vaſen und Silbergeſchirr aufgeſtellt, mit eben ſo viel Pracht(aber etwas mehr Geſchmach), als wir noch heutigen Tages auf großen Feſten es finden. Die Stelle unſeres Tiſchgebets vertrat ſtets eine den Goͤttern dargebrachte Libation, und der Veſta, *) Bei großen Tiſchgeſellſchaften ſaßen die Damen auf Seſſeln, die Männer lagen auf Ruhebetten. Nur in Familienzirkeln wurde beiden Geſchlechtern dieſelbe Bequemlichkeit geſtattet— der Grund iſt einleuchtend. Bulwer's Werke. Taſchenausg. III. 7 98 als der Goͤttin der Häuslichkeit, galt gewoͤhnlich die erſte. Nachdem dieſem Gebrauch Genuͤge gethan wor⸗ den, ſtreuten die Sklaven Blumen auf die Sitze, die Ruhebetten und den Fußboden, und ſchmuͤckten das Haupt eines jeden Gaſtes mit Roſenkränzen, in welche bunte Bänder und Epheu, letzterer, um den Wir⸗ kungen des Weins zu begegnen, eingeflochten waren; doch trugen nur die Männer Kraͤnze mit Epheublät⸗ tern, denn fuͤr Frauenzimmer war es nicht Mode, zu trinken— wenigſtens oͤffentlich nicht. Diomedes hielt es jetzt fuͤr nothwendig, einen Baſileus, oder Direktor des Feſtes zu ernennen— ein wichtiges Amt, welches oft durch das Loos, bisweilen, wie dieſesmal, durch den Wirth beſtimmt wurde. Diomedes war nicht wenig in Verlegenheit, wen er zum Direktor wählen ſollte. Der alte Senator war zu ernſthaft und zu ſchwächlich, um den Pflich⸗ ten dieſes Poſtens ganz nachzukommenz der Adil Panſa eignete ſich ſchon mehr dazu, doch wärxe die Wahl des dem Senator im Range zunaͤchſt Stehenden fuͤr dieſen eine Beleidigung geweſen. Indem er noch uͤber die Verdienſte der Andern bei ſich ſelbſt zu Rathe ging, begegneten ſeine Augen den muntern Blicken des Salluſt, und wie durch ploͤtzliche Einge⸗ bung ernannte er den lebensfrohen Epikuräer zu dem Range eines Direktors, oder arbitris bibendi. 99 Salluſt nahm mit gebuͤhrender Beſcheidenheit dieſe Wuͤrde an. „Ich bin,“ ſagte er,„fuͤr Die, welche tief trin⸗ ken, ein gnädiger Koͤnig; fuͤr die laͤſſigen Trinker aber ſoll Midas ſelbſt nicht ſtrenger geweſen ſein— drum ſeht Euch vor!“— Die Sklaven reichten den Gaͤſten ſilberne Becken mit wohlriechenden Waſſern, nach welcher Abwaſchung das Mahl begann, und die Tiſche bogen ſich faſt unter dem erſten Gange. Die anfangs einſilbige Unterhaltung geſtattete dem Glaukus und der Jone, jenes ſuͤße Gefluͤſter zu wechſeln, welches Liebenden mehr werth iſt, als alle Beredtſamkeit. Julia beobachtete ſie mit funkelnden Augen. „Wie bald werde ich ihre Stelle einnehmen!“ dachte ſie. Klodius aber, der an dem mittlern Tiſche ſaß, ſo daß er die Zuͤge der Julia gut beobachten konnte, errieth ihre Stimmung, und beſchloß, dieſelbe zu be⸗ nutzen. Er ſprach mit ihr uͤber den Tiſch in ge⸗ waͤhlten galanten Phraſen, und da er von vorneh⸗ mer Geburt und von leidlichem ußern war, ſo blieb die eitle Julia nicht unempfindlich gegen ſeine Auf⸗ merkſamkeiten. Die Sklaven wurden fortwaͤhrend durch den Sal⸗ luſt in Thätigkeit erhalten. Er ließ einen Becher dem andern mit einer Schnelligkeit folgen, als ſei 7* 100⁰ er geſonnen, jene geräumigen Keller, die noch jetzt unter dem Hauſe des Diomedes ſich befinden, aus⸗ leeren zu laſſen. Der Kaufmann begann bereits, ſeine Wahl zu bereuen, als eine Amphora nach der andern wieder gefuͤllt werden mußte. Die Sklaven, alle noch unter dem reiferen Alter(indem die juͤng⸗ ſten, welche den Wein ſchenkten, meiſt ungefähr zehn Jahr, die Andern, welche den Wein mit Waſſer miſchten, etwa fuͤnf Jahr älter waren), ſchienen willig auf den Eifer des Salluſt einzugehn, und ſchon gluͤhte das Antlitz des Diomedes, als er die zuvorkommende Bereitwilligkeit bemerkte, mit der ſie den Befehlen des Direktors nachkamen. „Entſchuldige, o Senator,“ ſagte Salluſt;„ich ſehe, Du wirſt läſſig, Deine purpurne Borte kann Dir hier nicht zu gute kommen— Trinke!“— „Bei den Goͤttern!“ ſagte der Senator huſtend, „meine Lungen ſind ſchon ganz erhitzt; Du übertriffſt in Deiner bewundernswerthen Schnelligkeit den Phae⸗ ton ſelbſt. Ich bin ſchwächlich, guter Salluſt, Du mußt Nachſicht mit mir haben.“ „Ich nicht, bei der Veſta! Ich bin ein unpar⸗ teiiſcher Monarch— Trinke!“— Der arme Senator war gezwungen, den Befeh⸗ len des Direktors zu gehorchen. Ach, jeder Becher brachte ihn den ſtygiſchen Fluthen näher. „Sachte, ſachte, mein Koͤnig,“ ſagte Diomed, wir fangen ſchon an zu—“ * 101 „Verrätherei!“— unterbrach ihn Salluſt— „hier wird kein Brutus geduldet,— kein Verrath vor der koͤniglichen Wuͤrde.“ „Aber unſere weiblichen Gäſte?“ „Sie lieben die Trinker!— Liebte die Ariadne nicht den Bacchus?“— Das Feſt hatte ſeinen Fortgang;— die Gäſte wurden immer redſeliger und lauter,— das Deſſert, oder der letzte Gang, war bereits auf dem Tiſchez und die Sklaven trugen Waſſer mit Myrrhen und Yſop für die letzte Abwaſchung umher. Zugleich öff⸗ nete ein kleiner runder Tiſch, der den Gäſten gegen⸗ über aufgeſtellt war, ſich plotzlich, und wie durch Zauberei in der Mitte, und es drang ein kuͤhler Staubregen hervor, der die Tiſche und die Gäſte be⸗ ſprengte. Als dieſes vorbei war, wurde der Vor⸗ hang uͤber ihnen fortgezogen, und man ſah einen Strick ausgeſpannt, und einer jener gewandten Tän⸗ zer, deretwegen Pompeji ſo beruͤhmt war, und deren Nachfolger auf den Feſtlichkeiten in Aſtley⸗ houſe oder in Vauxhall die Bewunderung ſo ſehr in An⸗ ſpruch nehmen, zeigte jetzt ſeine luftigen Küͤnſte grade uͤber den Köpfen der Gäſte. Dieſe Perſon, welche blos durch einen Strick von den Schädeln der Gäſte getrennt war, und die kuͤhn⸗ ſten Spruͤnge machte, ſcheinbar in der Abſicht, jene cerebrale Region zu beſuchen, wuͤrde wahrſcheinlich einer Geſellſchaft in May Fair nicht wenig Schrek⸗ 102 ken verurſacht habenz doch unſern Pompejanern ſchien dieſes Schauſpiel viel Vergnuͤgen zu gewaͤhren„ und der Beifall wurde deſto größer, je mehr der Taͤnzer jeden Augenblick auf das Haupt des Gaſtes fallen zu muͤſſen ſchien, üͤber dem er grade ſeine hals⸗ brechenden Kuͤnſte zum Beſten gab. Er gewaͤhrte in der That dem Senator den beſondern Vorzug, uͤber ihm vom Strick zu fallen und dieſen grade in dem Moment wieder mit der Hand zu ergreifen, als die ganze Geſellſchaft glaubte, der Schädel des Romers muͤſſe ſo zertruͤmmert ſein, als der jenes Dichters, den der Adler fuͤr eine Schildkrote hielt. Endlich hörte der Tänzer, wenigſtens zur großen Beruhigung der Jone, die an ſolche Unterhaltungen noch nicht ſehr gewoͤhnt war, plotzlich auf, als von außerhalb Muſik ertonte. Bald aber fing er nur noch wilder zu tanzen anz die Melodie wechſelte, und er hielt wieder innez noch konnte der Zauber nicht gelöſet werden, der ihn zu feſſeln ſchien! Er ſtellte eine Perſon dar, die unwillkuͤhrlich zum Tanzen gezwungen wird, bis eine gewiſſe Melodie ertont*). Endlich ſchien die Muſik den rechten Ton zu treffen; der Tänzer machte noch einen gewaltigen Sprung, ſchwang ſich vom Seil auf den Fußboden und huͤpfte hinaus. Jetzt folgte eine Kunſt der andern; und die Mu⸗ *) Ein in Campanien noch uͤblicher Tanz. 103. ſiker, welche außerhalb auf der Terraſſe aufgeſtellt waren, ſpielten eine ſanfte und weiche Melodie, zu welcher die folgenden Worte geſungen wurden, die jedoch durch das außerordentliche Piano des Geſan⸗ ges kaum vernehmbar waren: Horch, durch die Blumen ſenden wir den Gruß, Wie, als im kuͤhlen Hain, wo Pſilas*) ruht, Und ſeiner Kreter Nymphe raubt den Kuß, Pan's Floͤte leiſe weckt der Tone Fluth. Suͤß, wie der Wein, Laß, Harfe! ſein Das Lied, das Aphroditen preiſ't!— Zum Kampf ruft ſchmetternd der Trompete Schall, Der Tone wildes Rauſchen will der Krieg. Doch ſuͤße Lippen flieh'n den Wiederhall, Nur leiſes Fluͤſtern will der ſuͤße Sieg. Drum leiſe, leiſe Sei unſre Weiſe, Daß, wer ſie hoͤrt, die ſuͤße Stimme trinkt, Von holder Lippe, die zur Liebe winkt. Ich weiß nicht, woher es kam, aber bei den letz⸗ ten Worten dieſes Geſanges erroͤthete Jone noch mehr, als zuvor, und Glaukus hatte es gewagt, un⸗ ter dem Tiſche ihre Hand zu faſſen. „Es iſt ein huͤbſcher Geſang,“ ſagte Fulvius, indem er ſich eine Kennermiene gab. *) Bacchus. 104 „Ach, wenn Du uns begluͤcken wollteſt!“ flůͤ⸗ ſterte die Gattin des Panſa. „Wuͤnſcht Ihr, daß Fulvius ſinge?“— ſi der Koͤnig des Feſtes, der eben die Geſellſchaft auf⸗ gefordert hatte, die Geſundheit des roͤmiſchen Sena⸗ tors, und zwar einen Becher fuͤr jeden Buchſtaben ſeines Namens, zu trinken. „Kannſt Du noch fragen?“— ſagte die Ma⸗ trone, indem ſie den Dichter durch einen zärtlichen Blick auszeichnete. Salluſt rief einen Sklaven, fluͤſterte ihm einige Worte in das Ohr, und dieſer brachte kurz darauf in der einen Hand eine Harfe, in der andern einen Myrthenzweig. „Ach, ich kann nicht ſpielen,“— ſagte der Dichter. „Dann mußt Du zur Myrthe ſingen. Es iſt ein griechiſcher Gebrauch— Diomedes liebt die Griechen— ich liebe die Griechen— Du liebſt die Griechen— und das iſt nicht das Einzige, was wir Beide von ihnen haben. übrigens führe ich dieſen Gebrauch ein— ich, der Koͤnig— ſinge, unterthan, ſinge!“ Der Dichter nahm mit verſchämtem Lächeln den Myrthenzweig in die Hand, und nach einem kurzen Vorſpiel ſang er folgende Worte mit wohltönender Stimme: — Die Königswahl der Liebesgoͤtter*). Die Liebesgötter waren einſt Ganz ausgelaſſen munter, Wenn Liebesgoͤtter ſpielen, wird Es aber immer bunter. Sie lachten, ſprangen hin und her, Drauf wieder zankten ſie ſich ſehr. Pfui, pfui! das war unartig doch, Lesbia, nicht wahr, mein Liebchen? Doch zankten wir uns auch wohl noch Vor einer Stunde, Liebchen!— Die Liebesgoͤtter hatten auch Damals noch keinen König, Und Goͤtter muͤſſen, wie der Menſch, Stets werden unterthänig. Drum wollten ſie den Koͤnig wählen, Dann konnte Ruhe ja nicht fehlen. O, gib mir, Liebſte! einen Kuß, Muͤßt' ich ſein unterthaͤnig, Es waͤr' fuͤr uns ein bittres Muß, Drum lieber keinen Koͤnig!— Und unter ihrem Spielzeug fand Sich auch der Helm des Ares. Mit großen Federn, daß ſich drob Entſetzten ſelbſt die Lares. *) Die Idee zu dieſem Liede entſtand durch zwei Gemälde aus Pompeji in dem Muſeum zu Neapel⸗ welche einen Helm und eine Taube darſtellen, die durch Liebes⸗ götter auf den Thron erhoben werden. 106 Der Helm ward auf den Thron gelegt, Der gern den ſtolzen Koͤnig trägt. Da Muth die Welt gewinnt, mein Lieb! So waäͤhlten ihn die Kinder, Dein Blick, mein Kind, der Herzensdieb, Gewinnt die Welt geſchwinder. Es konnt' der Helm— ihr glaubt's wohl kaum— Die Kinder nicht regieren;— Doch wißt: ein Kind konnt' manchen Held Am Narrenſeil ſchon fuͤhren.— Und da ſie ihn zu ſehr geplagt, Hat er's mit einem Weib gewagt. Wenn Koͤnige des Lebens Laſt Allein nicht können tragen;— Auch Du wohl nichts dagegen haſt;— Willſt Du es mit mir wagen?— Der Venus Taube hatte auch Das Spiel mit angeſehen, Drum hat der Helm ſie ſich ſogleich. Zur Konigin erſehen. Die Liebesgoͤtter ſchrie'n ſich ſatt: „Koͤnig und Königin, Vivat!“ O Lesbia, koͤnnt' ich Throne doch Anbieten Dir und Kronen!— Ich Thor! kann mehr ich wuͤnſchen noch?— Dein Herz iſt mehr als Kronen!— Die Kinber freuten ſich— denn mild Muß ſein die ſanfte Taube;— Doch bald, als zu Gericht ſie ſaß, Fand ſich getaͤuſcht der Glaube. Venus lehrt ihr die Despotie, Die ſie wohl noch verlaͤugnet nie. 1 44 c—— e c e — 107 Du biſt der Taube Ebenbild.— Taͤuſcheſt Du mich noch länger?— Dein Auge iſt ſo ſanft und mild, Die Despotie noch ſtrenger. Dieſer Geſang, welcher dem lebensfrohen Sinn der Pompejaner beſonders zuſagte, wurde mit gro⸗ ßem Beifall aufgenommen, und die Wittwe beſtand darauf, ihren Namensvetter mit demſelben Myrthen⸗ zweige zu kroͤnen, zu dem er geſungen hatte. Der Zweig war leicht in einen Kranz gewunden, und der unſterbliche Fulvius wurde unter Händeklatſchen und dem Ruf: lo triumphe! gekroͤnt. Die Harfe und der Geſang machten jetzt in der Geſellſchaft die Runde, indem jeder Perſon, die vermocht werden konnte, zu ſingen, ein neuer darge⸗ reicht wurde*). Die Sonne begann jetzt zu ſinken, obgleich die Geſellſchaft, welche bereits mehrere Stunden verſam⸗ melt war, in dem verfinſterten Saal es nicht be⸗ merkte, und der Senator, der matt und muͤde war, *) Nach dem Plutarch(Sympos. lib. 1.) ſcheint es, daß der Myrthen⸗ oder Lorbeer⸗Zweig nicht der Reihe nach umher ging, ſondern von der erſten Perſon des einen Ruhebettes zu der erſten eines andern, dann von der zweiten des einen zu der zweiten des andern, und ſo weiter. 108 ſo wie der Krieger von Herkulaneum, der zurück⸗ kehren mußte, gaben das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch. „Bleibt noch einen Augenblick, meine Freunde,“ ſagte Diomedes;„wenn Ihr ſo bald gehn wollt, ſo muͤßt Ihr wenigſtens an unſerm Spiel noch Theil nehmen.“ Er winkte jetzt einem der Miniſtri, fluͤſterte ihm etwas in das Ohr; der Sklave ging hinaus, und erſchien bald wieder mit einem kleinen Gefäß, das mehrere ſorgfaͤltig zugemachte und ſcheinbar ganz ahnliche Täfelchen enthielt. Jeder Gaſt mußte eine derſelben fuͤr den Nominalwerth der niedrigſten Sil⸗ bermuͤnze erſtehen; und das Weſen dieſer Lotterie (welche eine Lieblingsbeluſtigung des Auguſtus war, der ſie einfuͤhrte) beſtand in der Verſchiedenheit der Preiſe, deren Art und Betrag auf den Täfelchen be⸗ zeichnet war. Der Dichter zog zum Beiſpiel mit ſaurem Geſicht eines ſeiner eigenen Gedichte(kein Arzt häͤtte unwilliger ſein eigenes Recept verſchlucken können); der Krieger zog eine Nadelbüchſe, welches Gelegenheit zu einigen witzigen Kußerungen uber den Herkules mit dem Spinnrocken gab; die Wittwe Fulvia erhielt einen großen Trinkbecher; Julia einen männlichen Gürtel, und Lepidus eine Schminkbuͤchſe. Der Spieler Klodius zog das ſprechendſte Loos, und er wurde roth vor ürger als er einige Wuͤr⸗ — ———————— 109 fel*) erhielt. Die unteshaltung, welche dieſe Spiele des Zufalls veranlaßten, wurde durch ein Ereigniß geſtort, das man für eine böſe Vorbedeutung halten mußte.— Glaukus zog den ſchaͤtzbarſten gller Preiſe, eine kleine marmorne Statue der Fortuna, von grie⸗ chiſcher Arbeit; als der Sklave ſie ihm aber einhaͤn⸗ digen wollte, ließ er ſie fallen, und ſie zerbrach in Stuͤcken. Dieſes erregte in der ganzen Geſellſchaft ein unheimliches Gefuͤhl, und jeder rief unwillkuͤrlich: Dii avertite omen!“— Nur Glaukus ſchien, obgleich er vielleicht den all⸗ gemeinen Aberglauben theilte, ruhig zu bleiben. „Suͤße Neapolitanerin,“ fluͤſterte er zärtlich der Jone zu, die ſo weiß geworden war, als der zer⸗ brochene Marmor;—„ich nehme das Omen an. Es bedeutet, daß durch Deinen Beſitz Fortuna mir ſchon Alles gegeben hat— ſie zerbricht ſelbſt ihr Bild, da ſie mich mit Dir begluͤckt hat.“ um den Eindruck wieder zu beſeitigen, den dieſer Zufall in einer Geſellſchaft veranlaßt hatte, die in Betracht des Bildungsgrades der Gäſte fuͤr abergläͤubiſch gelten muͤßte, wenn wir nicht auch jetzt noch oft eine Dame, weil ſie der dreizehnte *) Man fand in Pompeit mehrere falſche Würfel. Einige Tugenden mogen neuern Urſprungs ſein— aber es iſt ziemlich einleuchtend, daß alle Laſter ſehr alt ſind. 11⁰ Gaſt iſt, eine Geſellſchaft verlaſſen ſähen— kraͤnzte Salluſt jetzt ſeinen Becher mit Blumen, und brachte die Geſundheit des Wirthes aus. Hierauf folgte die des Kaiſers, und nachdem dem Merkur noch ein Becher gebracht worden, damit er ihnen einen an⸗ genehmen Schlaf ſende, wurde das Mahl durch die letzte Libation beſchloſſen, und die Geſellſchaft brach auf. In Pompeji ſelbſt bediente man ſich ſelten der Wagen, theils der engen Straßen wegen, theils weil die Stadt klein war. Die meiſten Gäſte zogen ihre Sandalen wieder an, welche ſie abgelegt hatten, und gingen, in Mäntel gehuͤllt, zu Fuß in Begleitung ihrer Sklaven zu Hauſe. Glaukus hatte Jonen bis an die Thüre be⸗ gleitet, und wurde jetzt durch einen Sklaven in das Zimmer der Julia gefuͤhrt, welche ihn dort bereits erwartete. „Glaukus!“ ſagte ſie, indem ſie die Augen nie⸗ derſchlug,„ich habe mich uͤberzeugt, daß Du wirklich Jonen liebſt— ſie iſt auch in der That ſchoͤn!“— „Julia iſt edelmuͤthig,“ erwiederte der Grieche. —„Ja, ich liebe Jonen; mögeſt Du unter den jungen Männern, die Dich bewundern, einen ſo aufrichtigen Anbeter haben!“— „Ich bitte die Götter, daß ſie mir dieſes ge⸗ währen!— Sieh, Glaukus, dieſe Perlen ſind das 111 Geſchenk, welches ich Deiner Braut beſtimme; moge Juno Jonen beſchuͤtzen!“— Mit dieſen Worten uͤberreichte ſie ihm ein Kſt⸗ chen, welches koſtbare Perlenſchnuͤre enthielt. Es war ſo ſehr gebraͤuchlich, fuͤr Perſonen, die ſich ver⸗ maͤhlen wollten, dieſe Geſchenke anzunehmen, daß auch Glaukus es nicht verweigern konnte, obgleich der ſtolze und freigebige Athenienſer beſchloß, die Gabe durch eine Gabe von dreifachem Werthe zu vergelten. Indem Julia ſeine Dankſagungen unter⸗ brach, goß ſie etwas Wein in einen kleinen Becher. „Du haſt manche Toaſte mit meinem Vater ge⸗ trunken,“ ſagte ſie lächelnd;„jetzt trinke auch einen mit mir.— Gluͤck und Geſundheit Deiner Braut!“ Sie beruͤhrte den Becher mit ihren Lippen, und uͤbergab ihn dem Glaukus. Er mußte, um nicht unhoͤftich zu ſein, den ganzen Inhalt leeren. Julia, die nichts von der Verwechſelung des Trankes durch die Nydia wußte, beobachtete ihn mit funkelnden Augen. Wenn die Hexe ihr auch geſagt hatte, daß die Wirkung vielleicht nicht unmittelbar ſein werde, ſo traute ſie doch ihren Reizen zu, daß ſie dieſelbe beſchleunigen könnten. Sie ſah ſich getäuſcht, als Glaukus ruhig den Becher niederſetzte, in demſelben gleichgultigen, aber höflichen Tone, wie bisher, ſich mit ihr unterhielt. Und obgleich ſie ihn ſo lange zuruͤck zn halten ſuchte, als der Anſtand es irgend geſtattete, 112 war doch in ſeinem Benehmen nicht die geringſte Veränderung zu bemerken. „Aber morgen,“ dachte ſie,„morgen wird der verhaͤngnißvolle Tag ſein““— und allerdings war der nächſte Tag ein ſehr ver⸗ hängnißvoller fuͤr den Glaukus. hiertes Kapitel. Die Geſchichte verweilt bei einer Epiſobe. Apaecides wanberte unruhig auf den einſamſten Spaziergaͤngen in der Nähe der Stadt umher. Die Sonne neigte ſich bereits, als er noch an den ufern des Sarnus verweilte. Nur durch einige Offnungen im Walde und in den Weingärten erblickte man die weißen und glänzenden Haͤuſer der Stadt; doch war in dieſer Entfernung nichts von dem geraͤuſchvollen Treiben in derſelben zu hoͤren. In dem Graſe huͤpfte die Heuſchrecke, und in dem Laube ertönte hier und da der Geſang eines Vogels. Sonſt herrſchte tiefe Ruhe, aber nicht die Ruhe der Nachtz die Luft trug noch die Farben des Lebens; die Inſekten W 113 ſchwaͤrmten in den Gebuͤſchen, und auf dem jenſei⸗ tigen ufer weidete die weiße Ziege. Als Apaecides nachdenkend in die Wogen hoͤrte er in ſeiner Naͤhe das Bellen eines Hundes. Eine Stimme, welche er erkannte, gebot Ruhe, und als er ſich umſah, erblickte er den alten Mann, den er zuerſt in der Verſammlung der Nazarener angetroffen hatte. Der Greis ſaß auf einem mit Moos bedeckten Steine; neben ihm lag ſein Stab, und ſeine Reiſe⸗ taſche und ein kleiner Hund, ſein Begleiter in ſo vielen gefährlichen Pilgerſchaften! Der Anblick des Alten beſänftigte wie ein Bal⸗ ſam das aufgeregte Herz des Apaecides; er näherte ſich, bat ihn um ſeinen Segen, und ſetzte ſich ne⸗ ben ihn. „Du haſt Dich zu einer Reiſe eingerichtet, Va⸗ ter!“ ſagte erz„willſt Du uns ſchon verlaſſen?“— „Mein Sohn,“ erwiederte der Greis,„die Tage, welche ich noch auf der Erde zu leben habe, ſind mir zugemeſſen; ich benutze ſie, wie es mein Beruf iſt, indem ich von Ort zu Ort wandere, Diejenigen troͤſtend, welche Gott in Seinem Namen verſam⸗ melt hat, und den Ruhm Seines Sohnes verkuͤn⸗ dend, wie er ſich an Seinem Diener bewaͤhrt hat.“ „Du haſt, wie man mir ſagt, das Antlitz Chriſti geſchaut?“— „Uund jenes Antlitz erweckte mich von den Todten! Bulwer's Werke. Taſchenausg. III. 8 114 Wiſſe, junger Mann, daß ich der bin, von dem der Apoſtel ſchreibt. Im fernen Judda in der Stadt Nain wohnte eine Wittwe, demuͤthigen Sinnes und traurig im Gemuͤth; denn von allen Banden des Lebens war nur ein Sohn ihr erhalten worden. und ſie liebte ihn mit ſchwermuͤthiger Liebe, denn er war das Ebenbild des Verlornen. Und der Sohn ſtarb. Der Stab, an den ſie ſich lehnte, war ge⸗ ſunken, das Hl war getrocknet in dem Kruge der Wittwe. Sie trugen den Sohn auf einer Bahre, und an dem Thore der Stadt, wo das Volk ver⸗ ſammelt war, ſchwiegen die Toͤne der Trauer; denn der Sohn Gottes war dort erſchienen. Die Mut⸗ ter, welche der Bahre folgte, ſchrie nicht laut vor Schmerz, aber ſtille Verzweiflung erfuͤllte ihr Ge⸗ muͤth. und der Herr hatte Mitleiden mit ihr; und Er beruͤhrte die Bahre und ſprach:„„ich ſage Dir, ſtehe auf!““— und der Todte erwachte und ſchaute in das Antlitz des Herrn. Oh, jene feierlichen und ruhigen Zuͤge— jenes milde Lächeln— jenes ſor⸗ genvolle, aber durch goͤttliches Wohlwollen erleuch⸗ tete Antlitz— es vertrieb die Schatten des Gra⸗ ves!— Ich ſtand auf— ich ſprach— ich lag lebend in meiner Mutter Armen— ja, ich bin der wiederauferſtandene Todte! Das Volk jubelte— die Muſik erklang in Toͤnen der Freude; es war nur Ein Ruf:„„Gott hat ſein Volk keſucht!““ Ich 11⁵5 horte nichts, ich ſah nichts, als das Antlitz des en loͤſers!“ Der Greis ſchwieg tief bewegt, und der junge Mann fuͤhlte ſein Blut erſtarren und das Haar ſich empor ſträͤuben. Er ſtand vor einem Mann, der die Geheimniſſe des Todes erſchaut hatte. „Bis dahin,“ fuhr der Sohn der Wittwe fort, „war ich geweſen, wie andere Menſchen— gedan⸗ kenlos, nur dem Genuß des Lebens und der Liebe ergeben; ja, ich hatte ſogar dem duͤſtern Glauben der ſinnlichen Sadduzäer mich genähert!— Aber wiederauferſtanden von den Todten, von ſchrecklichen und wuͤſten Träumen, welche dieſe Lippen niemals offenbaren duͤrfen— auf die Erde zuruͤckberufen, um ein Zeuge zu ſein von der Macht des Hochſten— wieder ſterblich, und doch Bürge der unſterblichkeit; brachte ich ein neues Leben mit aus der Vernichtung. Oh ungluͤckliches, o unglaͤubiges Jeruſalem!— Ihn, der mir das Leben wiedergegeben hatte, ſah ich ver⸗ urtheilt zu qualvollem Tode.— Ich ſah die heilige Flamme ſchweben uͤber dem Kreuz; ich hoͤrte den hohnlachenden Pobel— ich ſchrie laut— ich wüthete — ich drohte— Niemand beachtete mich— meine Stimme verlor ſich in dem wilden Getuͤmmel der Menge! Aber ſelbſt damals ſchien es mir, als habe das ſterbende Auge des Dulders mich noch ge⸗ funden— ſeine Lippe lächelte, als habe ſie den Tod beſiegt— und ich wurde ruhig Was war 8* 116 das Grab fuͤr Ihn, der ſich opferte fuͤr Andere? Die Sonne warf ihren ſcheidenden Strahl auf die bleichen Zuͤge und ſank! Finſterniß verhuͤllte die Erde; wie lange, weiß ich nicht. Ein lauter, ein ſcharfer Schrei ertoͤnte durch die Menge!— und Alles war ſtille.“ „Aber wer kann beſchreiben die Schreckniſſe jener Nacht?— ich wanderte durch die Stadt, die Erde wankte, und die Gebaͤude erzitterten in ihren Grund⸗ feſten— die Lebenden hatten die Straßen geflohen, aber nicht die Todtenz ich ſah ſie ſchweben in der Finſterniß— die unheimlichen Gäſte in den Lei⸗ chentuͤchern— mit den ſtarren Augen und mit den warnenden, drohenden Zuͤgen!— ſie blickten mich an; ich war ihr Bruder geweſen, und ſie nickten, mich erkennend, mit den Koͤpfen;— ſie waren auf⸗ erſtanden, um den Lebenden zu offenbaren, daß die Todten auferſtehn koͤnnen!“— Der alte Mann ſchwieg wieder, und fuhr bald darauf in ruhigerem Tone fort: „Seit jener Nacht entfagte ich allem Irdiſchen“ und beſchloß, nur Ihm zu dienen. Als ein Lehrer ſeines Worts, und als ein Pilgrim, habe ich die entfernteſten Gegenden der Erde beſucht, Seine Gott⸗ heit verkundend. Ich komme und ich gehe, wie der Wind, und ich ſäe die Saat, welche die Welt be⸗ gluͤckt“ „Auf dieſer Erde ſehn wir uns nicht wieder, mein Sohn!— Gedenke dieſer Stunde!— Was ſind alle Genuͤſſe, und was iſt alle Pracht dieſes Lebens?— Das Leben vergeht, wie die Flamme der Lampe, aber das Licht des Geiſtes iſt der Stern, der fuͤr immer glänzt in der Unermeßlichkeit des Raumes.“ Sie ſprachen jetzt uͤber die erhabenen Lehren der Unſterblichkeit; dieſe entzuͤckten und erhoben den Geiſt des Bekehrten, den noch manche duͤſtre Schattenbil⸗ der ſeines fruͤheren Glaubens verfolgten— der be⸗ freite Gefangene athmete jetzt endlich wieder die friſche Luft des Himmels. Zwiſchen dem Chriſtenthum des alten Mannes und jenem des Olinth war ein auf⸗ fallender unterſchied; das des Erſtern war ſanfter, edler, goͤttlicher. Der wilde Heroismus des Olin⸗ thus hatte etwas Strenges und Unduldſames— er war der Rolle, zu der er berufen worden, angemeſ⸗ ſen— und hatte mehr von dem Muth des Märty⸗ rers, als von der Sanftmuth des Heiligen. Statt zu mildern und zu beſänftigen, regte er auf und erkraͤftigte. Aber das Herz jenes Greiſes war ganz mit Liebe erfuͤllt; das Lächeln der Gottheit hatte alle irdiſchen und gemeinen Leidenſchaften aus dem⸗ ſelben verbannt, und in ihm ſah man die Thatkraft des Helden vereinigt mit der unſchuld des Kindes. „Und jetzt,“ ſagte er, da er ſich, als der letzte Strahl der Sonne verſchwand, erhob,„jetzt in der 118 kuͤhlen Dämmerung ſetze ich meinen Weg nach dem kaiſerlichen Rom fort. Auch dort wohnen noch einige heilige Maͤnner, die, gleich mir, das Antlitz Chriſti geſchaut haben; und ich ſie vor meinem Tode noch ſehen.“ „Aber die Nacht iſt kalt fuͤr Dein Alter, mein Vater, und der Weg iſt lang, und durch Rüuber gefaährdet; ruhe Dich aus bis en“ 6 „Was enthaͤlt dieſe Reiſetaſche, das den Raͤu⸗ ber in Verſuchung führen könnte?— und vie Nacht und die Einſamkeit— dieſe bilden mir die Leiter, auf der die Engel emporſteigen, und gewaͤhren mir die himmliſchen Traͤume. Oh! Niemand kann wiſ⸗ ſen, was der Pilgrim fuͤhlt auf ſeinem heiligen Pfade; keine Furcht, und keine Gefahr erſchreckt ihn— denn Gott iſt mit ihm! Die Winde rufen ihm frohe Botſchaft zu— die Wälder ſchlafen im Schatten der Fluͤgel des Allmächtigen;— die Sterne ſind die ewige Schrift des Himmels, die Zeichen der Liebe, und die Buͤrgen der unſterblichkeit. Die Nacht iſt der Tag des Pilgrims.“ Der alte Mann druͤckte, nachdem er dieſes ge⸗ ſprochen, den Apaecides an ſeine Bruſt, und als er ſeinen Stab und ſeine Taſche nahm, ſprang der Hund munter auf, und er ſetzte mit langſamen Schritten und niedergeſenkten Augen ſeinen Weg fort. Der Bekehrte ſah ihm nach, bis der Greis hinter den Baumen verſchwandz und jetzt, da die Sterne 11¹9 bereits funkelten, erwachte er aus ſeinen Traͤume⸗ reien, und erinnerte ſich ſeiner Verabredung mit dem Olinthus. Fünttes Rupitel. * Der Trank— ſeine Wirkung. Als Glaukus wieder in ſeinem Hauſe ankam, fand er Nydia unter dem Saͤulengang ſeines Gartens ſitzen. Sie hatte geglaubt, er werde vielleicht fruͤh zuruͤckkehren, und beſchloß in ihrer unruhe, die erſte Gelegenheit, welche ſich darbieten möchte, zu ergrei⸗ fen, um des Liebestrankes Wirkung zu verſuchen, während ſie auch wieder faſt dieſen Augenblick furch⸗ tete; eine ſeltſame Miſchung von Kuͤhnheit und Schuͤchternheit, welche Jeder von uns in ſeiner Ju⸗ gend erfahren hat. Wie oft ſuchten und flohen wir zugleich die Gebieterin unſeres jungen Herzens auf den Spaziergängen und in den Geſellſchaften, gin⸗ gen Stunden weit in der Abſicht, ein ſuͤßes Wort zu fluͤſtern, und kehrten zuruͤck, ohne es geſagt zu haben! Dem Himmel ſei Dank, daß, wenn wir einige Erfahrungen geſammelt, und weniger Zeit. 120⁰ und Liebe zu vergeuden haben, wir unſere Zeit beſ⸗ ſer zu Rathe zu halten wiſſen. In jener fieberhaften Stimmung erwartete auch Nydia mit gluͤhenden Wangen und klopfendem Her⸗ zen den Glaukus. Er trat in den Saͤulengang, als die Sonne eben untergegangen, und der Himmel noch ganz roſigt gefärbt war. „Ach, mein Kind, warteſt Du auf mich?“— „Nein, ich habe die Blumen gepflegt; und ver⸗ weilte nur noch etwas, um mich auszuruhen.“ „Es war heute warm,“ ſagte Glaukus, indem er ſich auf einen Sitz niederließ. „Sehr warm.“ „Willſt Du wohl den Davus rufen; er Wein hat mich erhitzt, und ich ſchmachte nach einem kuh⸗ lenden Getraͤnke.“ Hier bot ſich alſo plötzlich und unerwartet der Nydia die erſehnte Gelegenheit dar, und er ſuß gewaͤhrte ſie aus freier Wahl.“ „Ich will Dir,“ ſagte ſie mit zitternder Stinne „das Getraͤnk aus Honig und Wein, in Schnee ab⸗ gekuͤhlt, welches Jone ſo liebt, bereiten.“ „Dank, Nydia,“ ſagte der argloſe Glaukus, „wenn Jone es liebt, ſo iſt es auch mir angenehm, und wenn es Gift wäre.“ Nydia runzelte die Stirn, darauf lächelte ſie wieder; ſie entfernte ſich, und kehrte bald mit einem gefuͤllten Becher zuruͤck. Glaukus nahm ihn aus 12¹ ihrer Hand. Was hätte Nydia nicht gegeben, um eine Stunde voraus ihre Hoffnungen reifen, und den erſten Ausbruch jener erwarteten Liebe ſehn zu koͤnnenz mit mehr als perſiſcher Anbe⸗ tung den Aufgang jener Sonne zu betrachten, von der ihr leichtgläubiges Gemuͤth ſich träumen ließ, daß ſie ihre finſtre Nacht erleuchten werde! Ganz verſchieden aber waren die Gedanken und Gefuͤhle des blinden Mädchens von jenen der eitlen Julia unter aͤhnlichen umſtänden. Welche leeren und leicht⸗ ſinnigen Leidenſchaften hatten die Pompejanerin be⸗ ſeelt!— Welche kleinliche Rache, welche gemeine Eiferſucht, welche Erwartungen eines unedlen Tri⸗ umphs hatten jenes Gefuͤhl begleitet, das ſie des Namens der Liebe wuͤrdigte! Aber in dem wilden Gemuͤth der Theſſalierin war Alles reine, unge⸗ truͤbte Leidenſchaft; allerdings eine auf Irrwegen begriffene, aber keine entartete. Wie konnte ſie, erfullt mit der Liebe, wie mit dem Leben ſelbſt, der Gelegenheit widerſtehn, ſich Gegenliebe zu erwerben. Sie ſetzte ſich an die Wand, und ihr vorher ſo gluͤhendes Geſicht war jetzt weiß, wie Schnee, und ſie erwartete die nächſte Wirkung ihrer That mit niedergeſchlagenen Augen, geoffneten Lippen und krampfhaft in einander geſchlungenen Haͤnden. Glaukus hatte den Becher an die Lippen geſetztz er hatte bereits den vierten Theil ſeines Inhalts geleert, als er, indem er auf das Antlitz der Nydia 122 blickte, durch deſſen plotzliche Veränderung, durch deſſen ſeltſamen und ſchrecklichen Ausdruck ſo be⸗ fremdet wurde, daß er ſchnell abſetzte, und den Be⸗ cher noch an den Lippen haltend, ſagte: „Wie, Nydia, Nydia, biſt Du krank?— Dein Geſicht verräth es.— Was fehlt meinem armen Kinde?“— Er ſetzte jetzt den Becher nieder und ſtand auf, um ſich ihr zu nähern— als er ploͤtzlich durch ei⸗ nen fieberhaften Froſt, dem ein wilder Schwindel im Gehirn folgte, ſich erfaßt fuhlte. Der Fußboden ſchien unter ihm zu weichen— es kam ihm vor, als ſchwebe er in der Luft— eine uͤberirdiſche Fröh⸗ lichkeit bemächtigte ſich ſeines Geiſtes— er fuͤhlte ſich zu leicht fur die Erde— er ſehnte ſich nach Flugeln, ja, er glaubte, ſie ſchon zu beſitzen. Un⸗ willkührlich brach er in ein lautes, jubelndes Gelaͤchter aus. Er klatſchte in die Hände,— ſprang in die Hoͤhe, geberdete ſich wie ein Raſender. So ſchnell dieſer Anfall gekommen war, eben ſo ſchnell ging er auch theilweiſe wieder voruͤber. Er fuͤhlte jetzt das Blut wild und ungeſtüm in den Adern brauſenz es ſchien hervor drangen zu wollen, wie ein Strom, der ſeine Dämme durchriſſen hat, und dem Ozean zueilt. In den Ohren ertönte ihm ein gewaltiges Getöſe; die Adern in den Schlaͤfen ſchwollen an, als könnten ſie nicht laͤnger die wachſende Fluth bergen— darauf ſank eine Art von Finſterniß auf ———— — 123 ſeine Augen; doch durch den dunklen Schatten er⸗ glänzten die Wände, und die darauf gemalten Ge⸗ ſtalten ſchienen zu leben und ſich zu bewegen. Am ſeltſamſten war es, daß er ſich keineswegs un⸗ wohl fuͤhlte— er ſank oder wankte nicht unter der ſchrecklichen Raſerei, die ihn zu beherrſchen begann. Er fuͤhlte ſein Weſen eine friſchere Jugend durch⸗ gluhn, und ſich ſelbſt wie zu einem glaͤnzenderen Daſein erhoben. Nydia hatte auf ſeine erſte Frage nicht geant⸗ wortet— es war ihr unmoͤglich— ſein wildes und ſchreckliches Gelächter hatte ſie zuerſt aufmerkſam gemacht; ſie konnte ſeine ſeltſamen Geberden nicht ſehen— ſie konnte nicht bemerken, mit welchen un⸗ ſichern Schritten er hin und her ſchwanktez aber ſie horte die abgebrochenen, unzuſammenhaͤngenden, ſinn⸗ loſen Worte, welche er nun ausſprach. Sie gerieth in Schrecken, eilte zu ihm, kniete vor ihm nieder, umfaßte ſeine Kniee, und weinte. „Oh, ſpreche mit mir! Du haſſeſt mich doch nicht?“— „Bei der Venus!— es iſt ein ſchoͤnes Land, dieſes Cypern! Ho! wie ſie uns mit Wein, ſtatt mit Blut fullen; jetzt offnen ſie die Adern jenes Fauns, um zu zeigen, wie es ſprudelt und ſchäumt. Komm her, muntrer alter Gott! Du reiteſt auf einem alten Ziegenbock, eh! was fuͤr langes, ſeidenes Haar er hat! Er iſt mehr werth, als alle parthiſchen Roſſe. 124 Aber ein Wort mit Dir— dieſer Wein iſt zu ſtark fur uns Sterbliche— Oh, wie ſchon!— die Zweige ſind in Ruhe! die gruͤnen Wellen des Waldes haben den Zephyr gefangen und ihn ertränkt! Nicht ein Luftchen bewegt die Blätter, und ich ſehe die Träu⸗ me mit zuſammengelegten Fluͤgeln auf der ſtillen Eiche ſchlafen; und weiterhin ſehe ich einen blauen Strahl in der Luft ſchimmernz einen ſich erhebenden Springbrunnen. Ach, Du wirſt die Strahlen mei⸗ ner griechiſchen Sonne nicht verdunkeln!— und welche Geſtalt ſchwebt dort in dem Dickicht?— ſie hat einen Kranz von Eichenzweigen auf dem Haupt. In der Hand trägt ſie ein Gefäß, aus dem ſie Mu⸗ ſcheln umher ſtreut. Oh! ſeht jenes Antlitz! Er⸗ blickte man es wohl jemals ſo ſchon?— Sieh! wir ſind allein, blos ſie und ich in dem weiten Walde. Sie bewegt ſich langſam und ſchwermuͤthig. Ha! fliehe!— es iſt eine Nymphe!— es iſt eine von den wilden Napäen ²). Wer ſie ſieht, wird raſend — weh mir! ſie erblickt mich.“ „O, Glaukus, Glaukus, kennſt Du mich nicht?— beruhige Dich— Deine Worte tödten mich!“— Ein neuer Wechſel ſchien jetzt in dem verwirr⸗ ten Gemuͤth des ungluͤcklichen Athenienſers einzutre⸗ Die Nymphen, deren Aufenthalt Wätder und Huͤgel ſind. ten. Er legte ſeine Hand auf Nydia's ſeidenes Haar; er ſtreichelte ihre Locken;— er ſchaute ihr ins Antlitz, und als ob in der zerriſſenen Kette ſei⸗ ner Gedanken noch einige Glieder ungetrennt ſeien, ſchienen ihre Zuͤge ihn an Jonen zu erinnernz jetzt wurde ſeine Aufregung nur noch gewaltiger, und er brach in die Worte aus: „Ich ſchwoͤre es bei der Venus, bei der Diana, und bei der Juno, daß, wenn ich auch jetzt die Welt auf der Schulter trage, wie mein Landsmann Her⸗ kules(o, elendes Rom, Alles, was wahrhaft groß war, kam ſtets aus Griechenland; ſelbſt Deine Goͤt⸗ ter verdankſt Du uns!)— wie mein Landsmann Herkules vor mir, ſage ich, wuͤrde ich fuͤr ein Lä⸗ cheln von der Jone die Erde in das Chaos fallen laſſen. Ach, ſchoͤne Angebetete, fuͤgte er mit einer un⸗ ausſprechlich zartlichen und klagenden Stimme hinzu, „Du liebſt mich nicht— Du biſt unfreundlich gegen mich. Der Egyptier hat mich bei Dir verlaͤumdet; — Du weißt nicht, wie viele Stunden ich vor Dei⸗ nem Hauſe zugebracht habe— Du weißt nicht, wie ich gewacht habe unter dem Sternenhimmel, hoffend, Du, meine Sonne, wuͤrdeſt endlich aufgehen,— und Du liebſt mich nicht; Du verläſſeſt mich! O, ver⸗ laſſe mich jetzt nicht; ich fuͤhle, daß ich nicht mehr lange leben werde, laß mich wenigſtens bis zu mei⸗ nem letzten Blick Dich betrachten. Ich bin aus gem herrlichen Lande meiner Väter; ich habe die 126 Hoͤhen von Phyle betreten; ich habe in den Oliven hainen am Fliſſus die Hyazinthe und die Roſe ge⸗ pflückt. Du ſollteſt mich nicht verlaſſen, denn Deine Vaͤter waren Bruͤder der meinigen. Man behaup⸗ tet, dieſes Land ſei lieblich, und dieſes Klima milde, aber ich will Dich mit mir nehmen— Ho! ſchwarze Geſtalt, weshalb erhebſt Du Dich wie eine Wolke zwiſchen ihr und mir?— Auf Deiner Stirne thront ſchrecklich der Tod— auf Deiner Lippe ruht das Lächeln, welches vernichtet; Dein Name iſt Orkus, aber auf der Erde nennen Dich die Menſchen Arba⸗ ces.— Sieh, ich kenne Dich!— fliehe, dunkler Schatten, Deine Zauber ſind zwecklos!“— „Glaukus! Glaukus!“— fluͤſterte Nydia„in⸗ dem ſie unter der Buͤrde ihrer Angſt, Reue und Verzweiflung bewußtlos zu Boden ſank. „Wer ruft?“— ſagte er mit lauter Stimmez —„Jone, iſt ſie es?— Sie haben ſie fortgetra⸗ gen— wir wollen ſie retten— wo iſt mein Sti⸗ lus?— Ha, ich habe ihn! Ich komme, Jone, zu Deiner Rettung! Ich komme, ich komme!“— Mit dieſen Worten ſetzte der Athenienſer mit einem Sprunge durch den Portiko, lief durch das Haus und rannte mit ſchnellen, aber ſchwankenden Schritten, und hörbar mit ſich ſelbſt ſprechend, durch die erleuchteten Straßen der Stadt. Der ſchrecktiche Trank brannte wie Feuer in ſeinen Adern, denn die Wirkung wurde vielleicht durch den Wein noch ver⸗ 127 mehrt, den er vorher getrunken hatte. Die Buͤrger, welche an die Epceſſe naͤchtlicher Ausſchweifungen ge⸗ woͤhnt waren, machten ihm lächelnd, und indem ſie ſich zuwinkten, Platz; ſie glaubten, er ſei unter dem Einfluß des, in Pompeji ſehr verehrten bromiſchen Gottes befangen; doch wer zweimal in ſein Antlitz ſchaute, den ergriff Furcht und Entſetzen, und das . Laͤcheln erſtarb auf den Lippen. Er kam durch die lebhafteſten Straßen— als er jedoch mechaniſch den Weg nach dem Hauſe der Jone einſchlug, gelangte er in einen einſameren Theil der Stadt, und trat jetzt in den Hain der Cybele, in welchem Apaecides ſeine Zuſammenkunft mit dem Olinthus verabredet hatte. Sechstes Bapitel. Ein Zuſammentreffen verſchiedener Perſonen.— Stroöme, die ſcheinbar getrennt floſſen, ergießen ſich in einen Ozean.. Arbaces beſchloß in der ungeduld, zu wiſſen, ob der ſchändliche Trank ſeinem verhaßten Nebenbuhler durch Julien bereits beigebracht worden ſei, und mit 123 welcher Wirkung, ſeine Neugierde zu befriedigen, und nach ihrem Hauſe zu gehn. Es war, wie ich be⸗ reits bemerkt habe, in jener Zeit gebraͤuchlich, daß die Maͤnner ihre Schreibtäfelchen und den Stilus im Guͤrtel befeſtigt trugen; mit dieſem wurden ſie auch zu Hauſe abgelegt. In jenem Stilus trugen die Roͤmer in der That, unter dem Schein eines Schreibegriffels eine ſcharfe und gefährliche Waffe. Mit dem Stilus*) durchbohrte Caſſius den Cäſar in der Halle der Senatoren.— Arbaces verließ alſo, nachdem er ſich umguͤrtet hatte, ſein Haus, und ſtutzte ſich, da er noch etwas ſchwach war(obgleich Hoffnung und Rache, ſo wie ſeine eigenen medizini⸗ ſchen Kenntniſſe, die ſehr ausgebreitet waren, ihn ziemlich wieder hergeſtellt hatten), auf ſeinen langen Stab, und ſchlug den Weg nach& Villa des Dio⸗ medes ein. Schoͤn iſt das Mondlicht des Suͤdens! In dieſem Klima ſchließt ſich die Nacht ſo ſchnell an den Tag, daß die Dämmerung kaum eine Bruͤcke zwiſchen ih⸗ nen vildet. Nur einen Augenblick färbt ſich der Pur⸗ pur am Himmel etwas dunkler— im Waſſer glaͤnzt ein lichtes Farbenſpiel— gleich darauf ſiegt der Schatten uͤber das Licht— die unzähligen Sterne 1 E 7 *) Von dieſem gtuus mm das Stilet der Italiener . ——— 16 ie 129 funkeln— der Mond geht auf— die Racht hat ihre Herrſchaft angetreten! Glänzend, und ſanft glaͤnzend beleuchteten die Strahlen des Mondes den uralten, der Cybele ge⸗ heiligten Hain— die ſtattlichen Bäume warfen ihre langen Schatten uͤber den Boden, während durch die Hffnungen in den Zweigen die Sterne blickten. Die blendend weiße Farbe des Sacellums mitten in dem Hain bildete zu dem dunkeln Laub einen Gegenſatz; es erinnerte in ſeiner Heiligkeit und Feierlichkeit an den Zweck, dem das Wäldchen geweiht war. Kalenus erreichte mit ſchnellen, aber vorſichtigen Schritten unter dem Schatten der Baume die Ka⸗ pelle, und indem er ſanft die Zweige zuruͤckzog, welche ſie umgaben, verbarg er ſich in dem Dickicht, und in dieſem Verſteck war er ſo ſicher, daß er durch keinen Vorbeigehenden entdeckt werden konnte. Es war wieder ſcheinbar Alles einſam, nur in der Ferne hoͤrte man undeutlich die Stimmen einiger lärmenden Wuͤſtlinge, oder die Muſik, mit der da⸗ mals, wie jetzt noch in dieſem Klima, einzelne Ge⸗ ſellſchaften während der Sommernächte ſich in den Straßen unterhielten, und in der kuͤhlen Luft und dem herrlichen Mondſchein ſich einen milderen Tag bereiteten. Der Hain lag auf einer Höhe, von der man durch die Zwiſchenräume der Bäume in einiger Ent⸗ fernung das weite Meer uͤberſah, ſo wie an ſeinem Bulwer's Werke. Taſchenausg. III. 9 130 ufer die weißen Villen von Stabiae und die fernen laktiarianiſchen Huͤgel, welche ſich dem reinen Him⸗ mel anſchloſſen. vetzt trat Arbaces auf ſeinem Wege nach dem Hauſe des Diomed in das Wäldchen, und hier be⸗ gegnete ihm Apaecides, der zu der abgeſprochenen Zuſammenkunft mit Olinthus von einer andern Rich⸗ tung her eben eintreten wollte. „Hem, Apaecides,“ ſagte Arbaces, der den Prie⸗ ſter auf den erſten Blick erkannte,—„als wir uns zuletzt ſahen, warſt Du mein Feind. Ich habe ſeit⸗ dem gewünſcht, Dir wieder zu begegnen, denn ich hoffe, daß Du wieder mein Freund und mein 36 ling werdeſt.“ Apaeeides blieb, als er die Stimme des Sgpp⸗ tiers vernahm, plötzlich ſtehn, und blickte auf ihn mit dem Ausdruck der Verachtung und der Rache. „Elender, und Betruͤger,“ ſagte er endlich,„noch einmal biſt Du dem Tode entgangen!— Glaube aber nicht, daß es Dir gelingen werde, mich wieder in Deine Netze zu verſtricken.— Retiarius, ich bin gegen Dich gewaffnet!“— „Stille!“— ſagte Arbaces mit ſehr leiſer. Stim⸗ me— aber der, in dieſem Abköͤmmling von Köni⸗ gen unermeßliche Stolz verrieth die Wunde, welche die beleidigenden Worte des Prieſters ihm geſchlagen, in dem Zittern ſeiner Lippen und in der furchtbat drohenden Stirne. — ⸗ 131 „Stille— ſprich leiſer!— man könnte Dich hören, und wenn andere Ohren, als meine“— „Willſt Du drohen?— Wenn nun auch die ganze Stadt mich hoͤrte?“— „Die Geiſter meiner Vorfahren wuͤrden nicht dulden, daß ich Dir es vergäbe. Aber bleibe und hore mich. Du biſt wuͤthend, weil ich Gewalt ge⸗ gen Deine Schweſter brauchen wollte.— Nein, ruhig, nur einen Augenblick ſchenke mir Gehoͤr!— Du haſt Recht; ich ließ mich von der Raſerei der Leidenſchaft und der Eiferſucht uͤbereilen— ich habe es aber bitter bereut. Vergib mir— ich, der ich noch keinen Menſchen um Verzeihung bat, flehe Dich jetzt an, mir zu vergeben!— ich will meinen Fehler wieder gut machen— ich bitte um die Hand Deiner Schweſter.— Erſchrecke nicht— bedenke, was iſt die Verbindung mit jenem unwuͤrdigen Griechen im Vergleich zu der mit mir?— Uner⸗ meßlicher Reichthum— eine Abſtammung, welche in ihrem Alter Eure griechiſchen und romiſchen Namen wie von geſtern erſcheinen läßt— geheimes Wiſſen — doch Du weißt es. Gib mir Deine Schweſter, und mein ganzes Leben ſoll fuͤr die Verirrung eines Augenblicks buͤßen.“ „Wollte ich auch einwilligen, Egyptier, ſo iſt ſelbſt die Luft, welche Du athmeſt, meiner Schwe⸗ ſter ein Graͤuel; aber ich habe ebenfalls meine Be⸗ leidigungen zu vergeben— ich konnte Dir es ver⸗ 9* 132 zeihen, daß Du mich zu einem Werkzeuge Deiner Taͤuſchungen gebraucht haſt, aber nimmer, daß Du mich verfuͤhrteſt, ein Genoſſe Deiner Laſter zu wer⸗ den— ein meineidiger und verworfener Mann. Zittre! in dieſer Stunde bereite ich die That vor, welche Deine falſchen Goͤtter der Verachtung, und Dich gerechter Strafe preisgeben ſoll. Ich will Dein uͤppiges und circeiſches Leben entſchleiern— Deine Gaukeleien oͤffentlichem Hohne preisgeben— der Tempel des Goͤtzenbildes Iſis ſoll zum Geſpoͤtte der Menſchen, der königliche Name Arbaces mit Schande gebrandmarkt werden. Zittre!“ Dem Zorn auf der Stirne des Egyptiers folgte die Leichenfarbe des Todes. Er ſah ſich nach allen Seiten um, ob Niemand in der Nähe ſei, und hef⸗ tete ſeine finſtern Augen mit ſo wuͤthenden und dro⸗ henden Blicken auf den Prieſter, daß Jemand, der weniger durch den Antrieb eines heiligen Eifers be⸗ ſeelt geweſen wäre, als Apaecides, ihnen nicht feſt haͤtte begegnen koͤnnen. Dieſer aber wies ſie mit dem Ausdruck kuͤhner Verachtung zuruͤck. „Apaecides,“ ſagte der Egyptier mit leiſer, zit⸗ ternder Stimme,„nimm Dich in Acht!— Was beabſichtigſt Du?— Beſinne Dich, ehe Du antwor⸗ teſt. Iſt es die übereilung des Zorns, die Dich an⸗ treibt, oder haſt Du irgend einen feſten, beſtimmten Entſchluß gefaßt?“— „Ich rede durch die Begeiſterung des wahren 133 Gottes, deſſen Prieſter ich jetzt bin,“ antwortete kuͤhn der Chriſt,„und in der überzeugung, daß Seine Gnade Deiner Heuchelei und Deinem Göͤtzen⸗ dienſt ein Ziel geſetzt hat!— Bevor dreimal die Sonne wieder aufgegangen iſt, wirſt Du Alles wiſ⸗ ſen! Zittre, Du finſtrer Zauberer, zittre!“— In der Bruſt des Egyptiers erwachten jetzt alle die wilden und duͤſtern Leidenſchaften, welche er von ſeinem Stamme und ſeinem Vaterlande geerbt, und die er immer nur unvollkommen unter der Kälte ſeiner Philoſophie und mit der Gewandtheit ſeiner Liſt verborgen hatte. Ein Gedanke folgte ſchnell dem andern; er ſah eine Schranke ſelbſt gegen ſeine geſetzliche Verbindung mit der Jone gezogen— zwi⸗ ſchen ihr und ihm ſtand der Gehuͤlfe des Glaukus in dem Kampf, welcher ſeine Abſichten vereitelt hatte— und derſelbe Menſch wollte ſeinen Namen beſchimpfen— die Göͤttin entheiligen, der er diente, und an die er nicht glaubte, und ſeine eigenen Be⸗ truͤgereien und Laſter offentlich bekannt machen⸗ Seine Liebe, ſein Ruf, ſein Leben ſelbſt konnte in Gefahr kommen— der Tag und die Stunde ſchie⸗ nen zu irgend einem Anſchlag gegen ihn ſchon be⸗ ſtimmt zu ſein. Er hatte eben aus dem Munde des Apaecides ſelbſt vernommen, daß dieſer zum chriſt⸗ lichen Glauben uͤbergegangen; er kannte die aus⸗ dauernde Hartnäckigkeit der Anhänger jener Sekte. Dieſer war ſein Feind— er ergriff ſeinen Stilus— 134 der Feind war in ſeiner Gewalt!— Sie ſtanden jetzt vor der Kapelle; noch einmal blickte er ſich ha⸗ ſtig um; Niemand war zu ſehen, und dieſe Ein⸗ ſamkeit fuͤhrte ihn nur noch mehr zu der ſchwarzen That in Verſuchung. „So ſtirb denn in Deiner Wuth,“ ſtammelte er, „fort mit dem Hinderniß, das meinem glänzenden Geſchich noch entgegen tritt.“— und grade als der Chriſt ſich gewendet hatte, um fortzugehn, erhob Arbaces ſeine Hand hoch uͤber der linken Schulter des Apaecides, und ſtieß ſeine ſcharfe Waffe zweimal in ſeine Bruſt. Dem Prieſter war das Herz durchbohrt;— er fiel ſtumm und lautlos an dem Fußgeſtell der heili⸗ gen Kapelle nieder. Arbaces blickte noch einige Augenblicke auf ihn mit der wilden thieriſchen Freude des Sieges uͤber einen Feind. Aber bald erinnerte er ſich wieder der Gefahr, die ihm drohte; er wiſchte ſeine Waffe ſorgfältig in dem langen Graſe ab, und ſelbſt an den Kleidern ſeines Schlachtopfers, zog ſein Gewand um ſich, und ſtand im Begriffe fortzugehn, als er grade vor ſich einen jungen Mann kommen ſah, deſ⸗ ſen Schritte ſeltſam ſchwankten.— Der Mond be⸗ ſchien ſein Antlitz, welches weiß wie Marmor war. Der Egyptier erkannte den Glaukus. Der ungluͤck⸗ liche Grieche ſang unzuſammenhangende einzelne 135 Stellen aus Hymnen und heiligen Oden, wie ſte ihm grade einfielen.. „Ha!“ dachte der Egyptier, indem er ſogleich ſeinen Zuſtand, und deſſen ſchrecktiche urſache er⸗ rieth;—„der Hoͤllentrank wirkt alſo, und das Schickſal hat Dich hierher geſendet, damit ich zwei meiner Feinde zugleich vernichte!“— Er zog ſich ſchnell in das Gebuͤſch zuruͤck, und beobachtete hier, wie ein Tiger in ſeinem Verſteck, die Bewegungen ſeines zweiten Schlachtopfers. Er bemerkte das unruhige Feuer in den ſchoͤnen Augen des Athenienſers, und die Krämpfe, welche ſeine Zuͤge und ſeine blauen Lippen durchzuckten. Er ſah, daß der Grieche den Verſtand ſchon ganz verloren hatte. Als Glaukus jedoch der Leiche des Apaecides ſich näherte, aus der das ſchwarze Blut ſich noch langſam uͤber das Gras ergoß, mußte, ſo verwirrt ſeine Sinne auch waren, ein ſo unerwartetes und ſchreckliches Schauſpiel doch ſeine Aufmerkſamkeit er⸗ vegen. Er blieb ſtehn, legte die Hand an die Stirne, als wolle er ſich beſinnen, und ſagte darauf: „Ho, Endymion, ſchläfſt Du ſo feſt?— was hat Diana Dir geſagt?— Du machſt mich eifer⸗ ſuͤchtig,— es iſt Zeit, zu erwachen“— und er trat hinzu in der Abſicht, den Körper aufzuheben Der Egyptier, der ſeine eigene Schwäche vergaß and nicht fühlte, ſprang aus ſeinem Verſteck her⸗ vor, und warf den Griechen, als er ſich niederbeugte, 136 heftig zu Boden auf den Koͤrper des Chriſten, dann ſchrie er ſo laut er konnte: „Ho, Buͤrger!— Ho!— Huͤlfe!— hierher! — Ein Moͤrder!— Ein Mord vor dem Heilig⸗ thum! Helft, oder der Morder entrinnt!“— In⸗ dem er dieſes rief, ſetzte er ſeinen Fuß auf die Bruſt des Glaukus, eine uͤberfluſſige Vorſicht, denn durch die Wirkung des Trankes und die Erſchuͤtterung des Falles lag der Grieche bewegungslos und ſtumm, außer daß er dann und wann wilde und unverſtänd⸗ liche Töne ausſtieß. Als Arbaces die Ankunft Derer hier erwartete welche er herbei zu rufen fortfuhr, fuͤhlte er viel⸗ leicht einige Reue, einiges Mitleiden— denn trotz ſeiner Verbrechen waren ihm menſchliche Gefuͤhle nicht fremd;— der wehrloſe Zuſtand des Glaukus, ſeine ſinnloſen Worte machten ſelbſt mehr Eindruck auf ihn, als der Tod des Apaecides, und er ſprach halb hörbar: „Armer Staub— arme menſchliche Vernunft! wo iſt der Geiſt jetzt?— Ich koͤnnte Dich ver⸗ ſchonen, o mein Nebenbuhler, aber das Geſchick muß erfullt werden; meine Sicherheit erheiſcht Dein Opfer“— und jetzt ſchrie er nur noch lauter, als wolle er ſeine Bedenklichkeiten uͤbertaͤuben, und indem er den Stilus des Glaukus aus deſſen Guͤrtel zog, tauchte er ihn in das Blut des Ermordeten, und legte ihn neben die Leiche. 137 Bald kamen auch, eilend und athemlos mehrere Buͤrger, einige mit Fackeln, welche der Mondſchein unnoͤthig machte, deren rothe, zitternde Flamme aber das dunkle Laub der Bäume nur noch mehr hervor hob. „Hebt jene Leiche auf,“ ſagte der Ceyptie, „und bewacht den Moͤrder!“— Sie hoben den Koͤrper auf, und groß war ihr Entſetzen, als ſie in ihm die Leiche eines Prieſters der verehrten Iſis; aber noch groͤßer vielleicht war ihr Erſtaunen, als ſie in dem Angeklagten den be⸗ wunderten Athenienſer entdeckten. „Glaukus?“ riefen ſie mit einer Stimme!— „es iſt kaum glaublich!“— „Ich moͤchte glauben,“ fluͤſterte ein Mann ſei⸗ nem Nachbar zu,„daß der Egyptier ſelbſt der Mor⸗ der iſt.“ Jetzt erſchien ein Seb dem die Menge Platz machte. „Was? Hier iſt Blut vergoſſen; wer iſt der Moͤrder?“— Die umſtehenden zeigten auf den Glaukus. „Der— beim Mars, ſcheint ja das Schlacht⸗ opfer zu ſein— Wer beſchuldigt ihn?“ „Ich,“ ſagte Arbaces, indem er ſich ſtolz em⸗ por richtete, und die Juwelen, welche den Augen des Soldaten von ſeinem Gewand entgegen glänzten, 138 uͤberzeugten den wuͤrdigen Krieger ſogleich von der Achtbarkeit des Zeugen. „Verzeihe,“ ſagte er,—„Dein Name?“— „Arbaces, er iſt, denke ich, in Pompeji bekannt genug. Als ich durch den Hain gehn wollte, ſah ich den Griechen und den Prieſter in eifrigem Ge⸗ ſpraͤche begriffen. Ich wurde durch die heftigen, aber ſchwankenden Bewegungen, und durch die laute Stimme des Erſtern aufmerkſam; er ſchien mir entweder betrunken oder verruͤckt zu ſein. Plotzlich ſah ich ihn ſeinen Stilus erhebenz ich ſprang vor, aber zu ſpaͤt, um die That zu verhuͤten. Er hatte zweimal ſeine Waffe in den Koͤrper ſeines Feindes geſtoßen, und buͤckte ſich uͤber ihn, als ich in mei⸗ nem Abſcheu uͤber ein ſolches Verbrechen den Moͤr⸗ der zu Boden warf. Er fiel, ohne ſich zu wider⸗ ſetzen, welches mich noch mehr in der Meinung be⸗ ſtaͤrkt, daß er nicht ganz bei Sinnen war; denn da ich erſt kuͤrzlich von einer Krankheit hergeſtellt wur⸗ de, ſo konnte mein Stoß nur ſchwach ſein, und Glaukus iſt, wie Ihr ſeht, jung und kräftig.“ „Jetzt oͤffnet er die Augen,“ ſagte der Soldat, „ſeine Lippen bewegen ſich— ſprich, Gefangener, was erwiederſt Du auf die Anklage?“— „Die Anklage?— Ha, ha! Es war eine luſtige Geſchichte— als die alte Hexe ihre Schlange gegen mich wild machte und Hekate dazu lachte— was konnte ich thun? Aber ich bin krank— mir wird 139 uͤbel— die Schlange hat mich gebiſſen. Führt mich zu Bett, und ſchickt nach dem Arzt; der alte Isku⸗ lap ſelbſt wird kommen, wenn er hoͤrt, daß ich ein Grieche bin. Oh, helft mir— helft— ich brenne! — Mark und Gehirn, ich brenne!“— und mit einem lauten Schrei fiel der Athenien⸗ ſer in die Arme der ihm zunaͤchſt Stehenden. „Er iſt raſend,“ ſagte der Offizier mitleidig, „und in ſeinem Krankheitsanfall hat er den Prie⸗ ſter ermordet. Hat Jemand von den hier Anweſen⸗ den ihn heute geſehn?“ „Ich,“ ſagte einer der Zuſchauer,„ſah ihn heute Morgen. Er kam bei meinem Laden vorbei, und ſprach mit mir. Er ſchien aber geſund und ver⸗ nuͤnftig zu ſein.“ „und ich ſah ihn vor einer halben Stunde,“ ſagte ein Anderer,„wie er, mit ſeltſamen Geber⸗ den, und mit ſich ſelbſt ſprechend, durch die Straße ſchwankte.“ „Eine Beſtätigung des Zeugniſſes! es ſcheint leider wahr zu ſein!— Auf jeden Fall muß er zum Prätorz es iſt Schade,— ſo jung und ſo reichs aber das Verbrechen iſt ſchrecklich, einen Prieſter der Iſis in ſeinem geiſtlichen Gewande, und noch dazu dicht an der aͤlteſten unſerer heiligen Kapellen zu ermorden!“— Bei dieſen Worten wurden die Umſtehenden, mehr, als es in ihrer erſten Aufregung und Neu⸗ 14⁰ gierde der Fall geweſen, an das Abſcheuliche der That erinnert. Sie—— vor heiligem Schrecken. n „Es iſt kein Wunbet, daß die Erde gebebt hat,“ ſagte der Eine, da ſie ein ſolches Ungeheuer trug.“— „Fort mit ihm ins Gefängniß— fort!“— riefen Alle; beſonders aber hoͤrte man eine feine, durchdringende Stimme ſingen: „Im Amphitheater ſchon ſeh' ich*s Gewuͤhl, „Ho, ho, welch' ein luſtiges, herrliches Spiel!“— Es war die Stimme des jungen Mädchens, de⸗ ren unterredung mit dem Medon wir ſchon fruͤher berichtet haben. „Es iſt wahr,“ ſagten Viele,„das kommt grade zur rechten Zeit fuͤr die Spiele im Amphitheater.— Jetzt haben wir wenigſtens doch einen Gladiator fuͤr die wilden Thiere!“— und alles Mitleiden, das fuͤr den Angeklagten ſich etwa noch regen woll⸗ te, verſchwand. Seine Jugend, ſeine Schoͤnheit— machten ihn nur deſto geeigneter fur den Kampf in der Arena. „ Bringt einige Breter— oder eine Saͤnfte, wenn ſie bei der Hand iſt— um den Ermordeten zu tragen,“ ſagte Arbaces;„ein Prieſter der Iſis darf nicht wie ein abgeſchlachteter Gladiator— ſeinem Tempel gebracht werden. 141 Die umſtehenden legten jetzt die Leiche des Apae⸗ cides ehrerbietig, mit dem Geſicht nach oben, auf die Erde, und einige bemuͤhten ſich, irgend eine Vor⸗ richtung aufzufinden, um den Ermordeten, unberuͤhrt durch profane Haͤnde, zu tragen. Grade als die Menge auseinandergehn wollte, drängte ſich eine kraͤftige Geſtalt durch, und Olin⸗ thus, der Chriſt, ſtand dem Egyptier grade gegen⸗ uͤber. Seine Blicke verweilten aber zuerſt mit un⸗ ausſprechlichem Schrecken und Schmerz auf jenem Antlitz, welches noch den Ausdruck eines plotzlichen, gewaltſamen Todes trug. „Ermordet!“— ſagte er.„Haſt Du dieſes Deinem Eifer zu verdanken?— Haben ſie Dein edles Vorhaben entdeckt, und ſind ſie ihrer eigenen Schande durch Deinen Tod zuvorgekommen?“ Er wendete ſein Haupt ſchnell, und ſeine Blicke fielen auf die feierlichen Zuͤge des Egyptiers. Man konnte den Abſcheu und den Haß in dem Geſichte des Chriſten leſen, den er gegen einen Mann fuͤhlte, welchen er als ſo gefährlich und laſterhaft kannte. Er ſah ihn an, wie der Vogel den Baſilisken, unverwandt, aber mit dem Ausdruck des Schreckens. Doch Hlinthus bemeiſterte bald dieſes unheimliche Gefuhl; er ſtreckte ſeinen rechten Arm gegen den Arbaces aus, und ſprach mit tiefer und lauter Stimme: „Wer iſt der Morder dieſes jungen Mannes? So wahr der Herr lebt; ich glaube, Du biſt es, Egyptier!“ Man konnte fuͤr einen Augenblick in den duͤſtern Zuͤgen des Arbaces Unruhe und Verlegenheit bemer⸗ ken, doch dieſen folgte bald wieder Trotz und Zorn, als die Zuſchauer, durch die Heftigkeit dieſer uner⸗ warteten Anklage aufmerkſam gemacht, wieder näher und näher ſich draͤngten. „Ich weiß,“ ſagte Arbaces mit kuͤhnem Stolz, „wer mein Ankläger iſt, und ich errathe, weshalb er mich anklagt. Männer und Buͤrger!— wißt, daß der eifrigſte Nazarener, oder Chriſt, welchen Namen ſie fuͤhren moͤgen, vor Euch ſteht! Iſt es zu verwundern, wenn er in ſeiner Bosheit es wagt, einen Egyptier der Ermordung eines egyptiſchen Prieſters zu beſchuldigen?“— „Ich kenne ihn!— ich kenne den Hund!“— riefen mehrere Stimmen.„Es iſt Olinthus, dor Ghriſt, oder vielmehr der Atheiſt— er verläugnet die Goͤtter!“— „Seid ruhig, Bruͤder!“— ſagte Olinthus mit Wuͤrde,„und hoͤrt mich! Dieſer ermordete Prieſter der Iſis wurde vor ſeinem Tode Chriſt— er ent⸗ deckte mir die abſcheulichen Laſter, die Zaubereien jenes Egyptiers— die Betruͤgereien und Täuſchun⸗ gen in dem Tempel der Iſis. Er beabſichtigte, ſie oͤffentlich bekannt zu machen. Er, ein Fremder, der Niemand beleidigt, und keine Feinde hatte! wer ſollte — M— M 5 —.— —————— 143 urſache gehabt haben, ihn zu fuͤrchten, als Einer von Denen, die ſein Zeugniß ſcheuen mußten?— Wer mußte dieſes Zeugniß am meiſten fuͤrchten?— Arbaces, der Egyptier!“— „Ihr hoͤrt ihn,“ ſagte Arbaces,„Ihr hoͤrt ihn; er läſtert die Goͤtter!— Fragt ihn, ob er an die Iſis glaubt?“— „Kann ich an einen boͤſen Geiſt glauben?“ er⸗ wiederte Olinthus kuͤhn. Ein Ausdruck des Entſetzens verbreitete ſich all⸗ gemein unter den Umſtehenden. Doch der Chriſt, der jederzeit auf Gefahren vorbereitet war, und in ſeiner Aufregung alle Vorſicht hintan ſetzte, fuhr nur deſto eifriger fort: „Zuvuͤck, ihr Göoͤtzenbiener!— Dieſe Leiche ge⸗ hoͤrt Euren gotteslaͤſterlichen Gebraͤuchen nicht an, — wir, die wir an Chriſtum glauben, muͤſſen ihm die letzten, einem Chriſten gebuͤhrenden Ehren erwei⸗ ſen. Ich fordere dieſen Staub im Namen des gro⸗ ßen Schoͤpfers des Himmels und der Erden!“— Der Chriſt ſprach dieſe Worte mit ſo feierlicher und gebieteriſcher Stimme, daß die verſammelte Menge den Gefuͤhlen des Haſſes und Abſcheues, die ihre Herzen erfullten, kaum Luft zu machen wagte. und niemals, ſeitdem Luzifer und der Erzengel ſich den Koͤrper des Erloſers ſtreitig machten, gab es vielleicht eine erhabenere Scene fuͤr den Genius des Malers, als dieſe. Die dunkeln Baͤume, die weiße 144 Kapelle, der auf die Leiche des Ermordeten fallende Mondſchein, die in dem Gewühl wild hin und her bewegten Fackeln, der verſchiedene Ausdruck in den Geſichtern der Zuſchauer,— der durch ſeine Raſerei abgeſpannte Körper des Glaukus, welcher in einiger Entfernung fortgetragen wurdez und vor Allem im Vordergrunde die Geſtalten des Arbaces und des Chriſten;— Erſterer alle andern an korperlicher Groͤße uͤberragend, mit uͤbereinander gelegten Armen, vrohender Stimme, funkelnden Augen, veraͤchtlich und trotzig lächelnder Lippe;— der Letztere in ſeinen gefurchten und abgelebten Zuͤgen dennoch die That⸗ kraft ſeines Charakters darlegend, mit ſtrengem, doch gutmuͤthigem Ausdruck, kuͤhnem, aber offenem Blick, und mit ſeiner ruhigen Würde einen feierlichen Ernſt vereinigend, der dem gebieteriſchen Eindruck zu entſprechen ſchien, welchen er ſelbſt veranlaßt hatte. Seine linke Hand zeigte auf die Leiche, die rechte hatte er zum Himmel erhoben. Zetzt trat der Centurio wieder vor, und fragte: „Haſt Du, Olinthus, oder welches Dein Name ſein moͤge, außer Deinem leeren Verdachte, einen Beweis Deiner Anklage gegen den Arbaces?“— Dlinthus ſchwieg; der Egyptier lächelte hohniſch. „Forderſt Du die Leiche eines Prieſters der Iſis fur die nazareniſche oder chriſttiche Sekte?“— „Allerdings.“— „So ſchwore denn, bei jener Kapelle, bei der Statue der Cybele, bei unſerm älteſten Heiligthum in Pompeji, daß jener Mann zu Eurem Glauben gehoͤrte.“ „Wie kann ich bei der Cybele ſchwören? Ich verabſcheue Eure Tempel! ich biete Euren Goͤtzenbil⸗ dern Hohn!“ „Fort, fort mit dem Atheiſten; die Erde wird uns verſchlingen, wenn wir in einem heiligen Hain dieſe Gotteslaͤſterungen mit anhoren— fort mit ihm zum Tode!“— „Zu den wilden Thieren!“— fuͤgte eine weib⸗ liche Stimme mitten aus der Menge hinzu;„wir haben jetzt einen Mann fuͤr den Loͤwen, und einen füͤr den Tiger!“— „Wenn Du, o Nazarener, die Cybele verlaͤug⸗ neſt, an welche unſerer Gottheiten glaubſt Du denn?“— fuhr der Soldat fort, ohne ſich durch das Geſchrei ſtoͤren zu laſſen. „An keine.“ „Hort,— hoͤrt, wie er läſtert!“ rief die Menge. „O, Ihr Blinden und Tauben!“ ſprach jetzt wieder der Chriſt, indem er ſeine Stimme gewaltig erhob;„koͤnnt Ihr glauben an Götzenbilder aus Holz und Stein? Bildet Ihr Euch ein, daß ſie Augen, um zu ſehen, Ohren, um zu hoͤren, oder Hände, um Euch zu helfen, haben? Iſt jene ſtumme Geſtalt, durch Menſchenhände verfertigt, eine Gottheit?— hat ſie Menſchen geſchaffen?— ach! durch Men⸗ Bulwer's Werke. Taſchenausg. III. 10 146 ſchen wurde ſie geſchaſſen.— Seht— uͤberzeugt Euch ſelbſt von ihrer Ohnmacht, von Eurer Thor⸗ heit!“— und indem er dieſes ſagte, ſprang er zu der Kapelle, und ehe einer der Umſtehenden ſeine Abſicht errathen hatte, warf er die holzerne Statue in der Hitze ſeines Eifers von ihrem Fußgeſtell. „Seht,“ ſchrie er,„Eure Goͤttin vermag ſich nicht zu raͤchen. Iſt dies ein wuͤrdiger Gegenſtand der Anbetung?“ Man ließ ihn nicht weiter ſprechen; dieſe kuͤhne Verhoͤhnung eines ihrer groͤßten Heiligthuͤmer er⸗ fullte ſelbſt die Gleichguͤltigſten mit Wuth und Schrecken. Wie auf ein gegebenes Zeichen ſtuͤrzten Alle auf ihn zu, und wuͤrden ihn ohne die Dazwi⸗ ſchenkunft des Centurio in Stuͤcken geriſſen haben. „Ruhe!“— gebot der Soldat gebieteriſch,„ent⸗ zieht dieſen unverſchämten Gottesläugner ſeinen ge⸗ ſetzlichen Richtern nicht.— Wir haben ſchon zu viel Zeit verloren. Laßt uns beide Verbrecher den Be⸗ hoͤrden uͤbergeben;— legt den Koͤrper des Prieſters in eine Sänfte— bringt ihn nach ſeiner eigenen Wohnung.“— In dieſem Augenblick trat ein Prieſter der Iſis vor. „Ich fordere dieſe Leiche nach den Geſetzen unſe⸗ rer Prieſterſchaft.“ v—— 147 „Das Verlangen des Prieſters werde erfuͤllt,“ ſagte der Centurio.—„Wie geht es mit dem Mor⸗ der?“— „Er iſt ohne Bewußtſein, und ſcheint zu ſchlafen.“— „Wäre ſein Verbrechen nicht ſo abſcheulich, ſo konnte ich ihn bedauern.— Vorwärts!“— Arbaces begegnete, als et ſich umwendete, den Blicken jenes Prieſters der Iſis,— es war Kale⸗ nus; und es lag in dieſen Blicken etwas ſo Fin⸗ ſteres und Unheimliches, daß der Egyptier dachte: „Kennte er ein Zeuge der That geweſen ſein!“— Ein Mädchen draͤngte ſich aus der Menge her⸗ vor, und ſchaute neugierig dem Olinthus in das Geſicht:„Beim Jupiter! ein ſtarker Geſelle!— Jetzt haben wir auch einen Mann fuͤr den Tiger— fuͤr jedes Thier einen— Huzza!“— „Huzza!“— wiederholte die Menge;„einen Mann fuͤr den Loͤwen, und einen fuͤr den Tiger! — Welches Gluͤck!— Huzza!“— 10* Sechstes Kapitel. In welchem ber Leſer mit dem Zuſtand des Glaukus bekannt gemacht wird.— Die Freundſchaft wird ge⸗ pruͤft.— Die Feindſchaft gemildert; die Liebe bleibt dieſelbe, weil die Liebende blind iſt. Es war ſchon etwas ſpät in der Nacht, doch war es überall, wo die Pompejaner ſich verſammelten, noch lebhaft. Man konnte in den Zügen der Nacht⸗ ſchwärmer einen ernſtern Ausdruck als gewohnlich, bemerken. Sie unterhielten ſich in Gruppen, als ſuchten ſie die halb unangenehme, halb erfreuliche Aufregung, welche aus dem Gegenſtand ihres Ge⸗ ſpräͤchs ſich ergab, durch ihre Anzahl zu erdrucken. Es war eine Angelegenheit, in der es ſich uber Le⸗ ben und Tod handelte. Ein junger Mann eilte ſchnell an dem ſchoͤnen Säulengange des Tempels der Fortuna vorüber, und zwar ſo ſchnell, daß er mit einigem ungeſtuͤm gegen die korpulente Geſtalt des ehrenfeſten Buͤrgers Diomedes rannte, der nach ſeiner Villa in der Vor⸗ ſtadt ſich zuruck zu begeben im Begriff war. ———— 149 „Halloo!“— rief der Kaufmann, der ſich nur mit Muͤhe im Gleichgewicht erhielt,„kannſt Du nicht ſehen?— oder denkſt Du, ich kann nicht fuh⸗ len?— Beim Jupiter! Du haſt mein beſſeres Ich faſt ausgetrieben; noch einen ſolchen Stoß, und mein Geiſt wird im Hades ſein!“ us„Ah, Diomed, biſt Du es?— Entſchuldige meine e unvorſichtigkeit. Ich war zerſtreut, weil ich an das ibt traurige Geſchick des menſchlichen Lebens dachte. un⸗ ſer armer Freund Glaukus!— wer hätte ſich es vorſtellen ſollen?“ „Allerdings, aber ſage mir, Klodius, ſoll wirklich ar der Senat die Sache unterſuchen?“— *„Ja, man behauptet, das Verbrechen ſei ſo au⸗ t⸗ ßerordentlicher Art, daß der Senat ſelbſt das urtheil ch, fällen muß, und deshalb werden die Lictoren den Glaukus förmlich einführen*).“ he„Er iſt alſo oͤffentlich angeklagt worden?“— ze⸗„Gewißz wo warſt Du, daß Du es nicht er⸗ 2 fahren haſt?“— „Ich komme eben von Neapel zuruck, wohin ich in Geſchäften den Tag nach jenem Verbrechen ab⸗ en reiſete;— es iſt ſchrecklich, daß es gerade in derſel⸗ ben Nacht begangen werden mußte, da er in meinem„ Hauſe geweſen war.“ „An ſeiner Schuld iſt nicht zu zweifeln,“ ſagte *) Plin. Epist. II. 11. 12. v. 4. 13. 15⁵⁰ Klodius, indem er mit den Achſeln zuckte,„und da dieſe Verbrechen vor allen den andern kleinen Suͤn⸗ den unterſucht werden, ſo wird das urtheil wohl noch vor den offentlichen Spielen im Amphitheater erfolgen.“ „Die Spiele, o, ihr Goͤtter!“ erwiederte Dio⸗ medes, indem ein leichter Schauder ihn erfaßte,— „ſollte man ihn zu dem Kampf mit den wilden Thieren verurtheilen?— ſo jung, ſo reich!“— „Allerdings; aber er iſt ein Grieche. Wäre er ein Romer, ſo hätte man ihn bedauern muͤſſen⸗ Dieſe Fremden kann man in ihrem Gluck duldenz aber in ihrem ungluͤck muͤſſen wir nicht vergeſſen, daß ſie doch eigentlich Sklaven ſind. Wir von den vornehmen Ständen ſind aber immer mitleidig; und es wuͤrde ihm noch leidlich ergehen, wenn wir ihn zu verurtheilen hätten, denn was iſt unter uns ein elender Prieſter der Iſis?— Aber das gemeine Volk iſt abergläubiſch; ſie fordern das Blut des Schaͤnders ihres Heiligthums. Es iſt gefährlich, der oͤffentlichen Meinung nicht nachzugeben.“— „und der Gottesleugner— der Chriſt— der Nazarener, oder wie er ſonſt genannt wird?“— „Oh, der arme Menſch— wenn er der Cybele oder Iſis opfert, ſo wird ihm vergeben— ſonſt ver⸗ fällt er dem Tiger. Wenigſtens glaube ich es, aber das urtheil wird entſcheiden. Wir ſprechen während die urne noch leer iſt. Auch der Grieche kann viel⸗ ——— leicht dom tödtlichen Gſeines eignen Alphabets noch entgehen. Aber genug von dieſer traurigen Geſchichte. Wie befindet ſich die ſchone Julia?“— „Ich danke, gut.“— „Empfiehl mich ihr. Aber horch! jene Thuͤre knarrt in ihren Angeln. Es iſt das Haus des Prä⸗ tors. Wer kömmt aus demſelben?— Beim Bac⸗ chus, es iſt der Egyptier!— Was kann er dort zu thun gehabt haben?“— „Wahrſcheinlich iſt er, um uͤber den Mord Aus⸗ kunft zu geben, dort geweſen,“ erwiederte Diome⸗ des;„aber welche urſache mag das Verbrechen ver⸗ anlaßt haben? Glaukus wollte ja die Schweſter des Prieſters heirathen.“ „Ja, Viele behaupten, Apaecides ſei dieſer Ver⸗ bindung zuwider geweſen. Glaukus hat offenbar in dem Zuſtande der Trunkenheit die That begangen— ja, er ſoll ganz bewußtlos geweſen ſein, als man ihn aufhob, und iſt, wie ich hoͤre, noch nicht bei Sinnen.— Ob der Wein, der Schrecken, die Reue, die Furien oder die Bacchanalien ihn beherrſchten, das weiß ich nicht.“ „Der arme Menſch,— hat er einen guten Ver⸗ theidiger?“— *) G, der Anfangsbuchſtabe von occerog(der Tod), der verurtheilende Buchſtabe der Griechen, wie es bei den Roͤmern das U war. * 15² „Den beſten— Cajus Pollio, einen Mann von großer Beredtſamkeit. Er hat alle ins Elend gera⸗ thene Menſchen und Verſchwender von guter Fami⸗ lie fuͤr Geld aufgeboten, daß ſie ſich ärmlich anzie⸗ hen und umherlaufen, dem Glaukus Freundſchaft zu ſchwoͤren und, um die harten Buͤrger zum Mitleiden zu bewegen. Ich muß aber dem Glaukus Gerech⸗ tigkeit widerfahren laſſenz er wird mit dieſen Leuten nicht geſprochen haben, und haätte er dadurch auch Kaiſer werden konnen; er war ſehr anſtändig in der Wahl ſeiner Bekanntſchaften.— Aber dieſe Bemu⸗ hungen werden jetzt zwecklos ſein; der Dienſt der Iſis iſt fuͤr den Augenblick zu beliebt.“ „Da fällt mir ein: ich habe gerade Waaren in Alerandria. Ja, Iſis muß beſchuͤtzt werden.“ „Allerdings.— Lebe wohl, Diomedes; wir wer⸗ den uns bald wiederſehn; iſt es aber nicht der Fall, ſo muͤſſen wir im Amphitheater eine Wette machen. Alle meine Berechnungen werden durch dieſes fatale ungluͤck des Glankus geſtoͤrt. Er hatte auf Lydon, den Gladiator, gewettet; ich muß jetzt meinen gan⸗ zen Plan aͤndern. Vale!“— Klodius verließ den alten Kaufmann, ſang ein griechiſches Liedchen, und erfullte die Luft mit Wohl⸗ geruͤchen, die von ſeinem ſchneeweißen Gewande und ſeinen wallenden Haaren ſtroͤmten. „Wenn,“ dachte er,„Glaukus dem Löwen vor⸗ geworfen wird, ſo tritt mir bei der Julia Niemand 15⁵3 mehr in den Weg, und ich denke— ich muß ſie heirathen. Bei den Göoͤttern! mit dem Spiel geht es nicht mehr lange; man ſieht mir ſchon mißtrauiſch auf die Finger, wenn ich die Wuͤrfelbuͤchſe ſchuͤttle. Der boͤſe Salluſt bringt mich in Verdacht, und wenn man entdeckt, daß das Elfenbein mit Blei ausge⸗ goſſen iſt, dann wird von luſtigen Feſten und wohl⸗ riechenden Billets nichts mehr geboten. Mit dem Klodius iſt es dann vorbei! Es iſt daher beſſer, ich heirathe, gebe das Spiel auf, und ſuche mein Gluͤck am kaiſerlichen Hofe.“— Indem er ſo die Plane ſeines Ehrgeizes ent⸗ warf, wenn anders die Abſichten des Klodius dieſen edlen Namen verdienen, begegnete ihm Arbaces. „Heil, edler Klodius!— kannſt Du mir nicht ſagen, welches das Haus des Salluſt iſt?“— „Es iſt ganz hier in der Nähe, weiſer Arbaces. Aber gibt Salluſt heute Abend ein Feſt?“— „Ich weiß nicht,“ erwiederte der Egyptier,„auch wuͤrde er mich ſchwerlich dazu einladen. Aber Du weißt, daß Glaukus, der Moͤrder, ſich in dieſem Hauſe befindet.“— „Ach! der gutmuͤthige Epikuräer glaubt an die unſchuld des Griechen! Du erinnerſt mich, daß er fuͤr ihn Buͤrge geworden iſt; und bis zum Urtheil fuͤr ſeine Perſon gut geſagt hat*). Gut, Salluſt's *) Wenn ein Verbrecher einen Buͤrgen(vas in Ca⸗ 15⁴ Haus iſt beſſer, als ein Gefängniß, beſonders als jene traurige Hoͤhle auf dem Forum. Aber weshalb willſt Du den Glaukus aufſuchen?“— „Es wäre wuͤnſchenswerth, edler Klodius, wenn wir ihn vom Tode retten koͤnnten. Die Verurthei⸗ lung des Reichen macht immer einen uͤbeln Eindruck. Ich moͤchte gern mit ihm ſprechen— denn ich hore, er iſt wieder bei Verſtande, und ich wuͤnſche, die Beweggruͤnde zu ſeinem Verbrechen zu erfahren; ſie ſind vielleicht der Art, daß ſie ſeine Schuld mildern können.“ „Du biſt ſehr menſchenfreundlich, Arbaces.“— „Die Menſchenfreundlichkeit iſt die Pflicht eines nach Weisheit Strebenden,“ erwiederte der Egyptier beſcheiden.—„Wo iſt das Haus des Salluſt?“— „Ich will Dir es zeigen,“ ſagte Klodius,„wir werden gleich dort ſein.— Aber, ſage mir, was iſt aus dem armen Mädchen geworden, das der Athe⸗ nienſer heirathen wollte, aus der Schweſter des er⸗ mordeten Prieſters?“— „Oh, ſie hat faſt den Verſtand verloren. Bis⸗ weilen verflucht ſie den Moͤrder: dann wieder ruft ſie ploͤtzlich aus: Aber weshalb ihn verfluchen? O! mein Bruder!— Glaukus war nicht Dein Moͤr⸗ pitalverbrechen genannt) finden konnte, ſo durfte er erſt nach dem urtheil in das Gefaͤngniß gebracht werden. 15⁵ der;— nimmer werde ich es glauben!— Dann er⸗ greift ſie wieder ein Schauder, und ſie ſeufzt: Aber, wenn er es doch wäre?“— „ungluͤckliche Jone!“— „Aber es iſt noch ein Gluͤck fuͤr ſie, daß jene heilige Pflichten, welche die Religion fuͤr den Todten gebietet, bisher ihre Aufmerkſamkeit von dem Schick⸗ ſal des Glaukus und dem ihrigen abziehn; und ſie ſcheint es noch kaum zu ahnen, daß ihr Geliebter in richterlicher unterſuchung iſt, und ſelbſt in Todesge⸗ fahr ſchwebt. Wenn die Begraͤbnißfeierlichkeiten vor⸗ uͤber ſind, wird ihr Bewußtſein zuruͤckkehren; und ich furchte ſehr, daß es dann ihren Freunden ſehr unangenehm ſein moͤchte, zu ſehen, wie ſie den Morder ihres Bruders zu retten ſuchen wird!“ „Einem ſolchen Skandal ſollte man vorzubeugen ſuchen.“— „Ich hoffe, da ich bereits Vorſichtsmaßregeln fuͤr dieſen Zweck eingeleitet habe. Ich bin ihr Vor⸗ mund, und habe ſo eben Erlaubniß erhalten, nach dem Begrabniß des Apaecides ſie in mein Haus zu fuͤhren; dort wird ſie, wenn es den Goͤttern gefällt, ſicher ſein.“ 4 „Du haſt wohl gethan, weiſer Arbaces. Jetzt ſind wir vor dem Hauſe des Salluſt. Die Goͤtter moͤgen Dich behuͤten!— Aber hore, Arbaces— weshalb lebſt Du ſo ungeſellig und einſam? Man ſagt, Du koͤnneſt recht munter ſein— weshalb er⸗ 156 laubſt Du nicht, daß ich Dich mit den Vergnügun gen Pompejis bekannt mache?— Ich darf behaup⸗ ten, daß Niemand ſie beſſer kennt, als ich.“— „Ich danke Dir, edler Klodius; unter Deiner Leitung konnte ich es wohl verſuchen, die philyra zu tragen, aber in meinem Alter wäre ich ein un⸗ beholfener Schuͤler.“ „Oh, deshalb ſei ohne Sorgen; ich habe ſchon alte Knaben von 70 Jahren eingefuͤhrt. übrigens ſind auch die Reichen niemals alt.“ „Du ſchmeichelſt; ich werde Dich kuͤnftig einmal an Dein Verſprechen erinnern.“ „Marcus Klodius ſteht Dir zu allen Zeiten zu Dienſten;— vale!“— „Ich bin,“ ſagte jetzt der Egyptier, indem er mit ſich ſelbſt ſprach,„kein blutduͤrſtiger Menſch; ich will gern dieſen Griechen retten, wenn er durch ein freiwilliges Geſtändniß des Verbrechens Jonen fuͤr immer aufgibt, und die Entdeckung meiner That unmoͤglich macht; und ich kann ihn retten, wenn ich Julien uͤberrede, den Liebestrank einzugeſtehen. Laͤugnet er aber das Verbrechen, ſo wird Julia ſich ihres Bekenntniſſes ſchämen, und er muß ſterben. Wird er ſich entſchließen? Koͤnnte man ihn aber nicht uͤberreden, daß er in ſeiner Geiſtesverwirrung die That wirklich begangen habe? Dieſes wuͤrde mir groͤßere Sicherheit gewähren, als ſelbſt ſein Tod. Hem! wir muͤſſen das Experiment verſuchen.“ 157 Arbaces erblickte jetzt, als er an die Thuͤre der Wohnung des Salluſt trat, eine in einen Mantel gehuͤllte Geſtalt der Länge nach vor der Schwelle liegen. Sie lag ſo ſtille und unheimlich da, daß jeden Andern, als den Arbaces, die aberglaͤubiſche Furcht erfaßt haben moͤchte, er ſehe einen jener Lemures vor ſich, die vor allen andern Orten an den Schwellen der Haͤuſer ſpukten, welche ſie einſt bewohnt hatten. Aber Arbaces glaubte an ſolche Ge⸗ ſpenſter nicht. „Stehe auf!“ ſagte er, indem er die Geſtalt mit dem Fuße beruͤhrte,„Du liegſt mir im Wege.“ „Ha, wer biſt Du?“ rief jenes Weſen mit hel⸗ ler Stimme, und als es ſich von dem Boden erhob, beleuchtete der Mondſchein das hleiche Antlitz der Nydia. „Wer biſt Du? ich kenne Deine ſchreckliche Stimme.“ „Blindes Maͤdchen, was willſt Du hier ſo ſpät? — Pfui— paßt ſich das fuͤr Deine Jahre und Dein Geſchlecht?— Gehe zu Hauſe, Mädchen!“— „Ich kenne Dich,“ ſagte Nydia mit leiſer Stimme, „Du biſt Arbaces, der Egyptier;“— darauf fiel ſie, wie durch eine ploͤtzliche Eingebung veranlaßt, vor ihm nieder, umſchlang ſeine Knie, und rief in wildem und leidenſchaftlichem Tone: „O, furchtbarer und maͤchtiger Mann!— rette ihn!— rette ihn! er iſt unſchuldig! ich bin die 158 Verbrecherin! Er liegt in dieſem Hauſe krank— ſterbend,— ich bin die urſache. und ſie wollen mich nicht zu ihm laſſen,— ſie trieben das arme Maͤd⸗ chen aus der Halle. O, heile ihn! Du kennſt gewiß ein Kraut— einen Zauber— einen Gegenzauber— denn ein Trank iſt es, der ihm den Verſtand ge⸗ raubt hat!“— „Stille Kind!— ich weiß Alles— Du erinnerſt Dich nicht mehr, daß ich Julia zu der Hexe beglei⸗ tete. Wahrſcheinlich hat ſie ihm den Trank beige⸗ bracht, aber Du biſt ihrem Ruf Verſchwiegenheit ſchuldig. Mache Dir keine Vorwuͤrfe— was ge⸗ ſchehen muß, laͤßt ſich nicht ändern; aber ich will den Verbrecher beſuchen! vielleicht iſt er noch zu retten.“ Arbaces ſtieß jetzt die verzweifelte Theſſalierin von ſich, und klopfte ſtark an die Thuͤre. Die ſchweren Riegel wurden bald darauf zuruck⸗ gezogen, und der Portier fragte, indem er die Haus⸗ thuͤre halb offnete, wer da ſei. „Arbaces— wichtige Geſchäfte mit Salluſt we⸗ gen des Glaukus.— Ich komme vom Prätor.“ Der gaͤhnende Thuͤrſteher ließ den ſtattlichen Egyptier ein. Nydia ſprang vor. „Wie befindet er ſich?“— ſprach ſie.„O, i mir esl“ „Wildes Mädchen, biſt Du noch immer da?— — — 15⁵9 Schäme Dich!— Er ſoll wieder bei Verſtande ſein.“— „Gelobt ſeien die Götter!— und Du willſt mich nicht einlaſſen?— Ach, ich bitte Dich!“— „Einlaſſen,— nein. Ich wuͤrde meinen Schul⸗ tern einen huͤbſchen Empfang bereiten. Geh zu Hauſe.“— S Die Thuͤr wurde verſchloſſen, und Nydia legte ſich wieder mit einem tiefen Seufzer auf die kalten Steine. Arbaces trat inzwiſchen in das Triklinium, wo Salluſt mit einem ſeiner beguͤnſtigten Freigelaſſenen noch ſpät zu Abend ſpeiſete. „Was, Arbaces!— und in dieſer Stunde!— nimm dieſen Becher!“— „Nein, Salluſt, nur wichtige Angelegenheiten veranlaſſen mich, Dich noch zu ſtören. Wie befindet ſich Glaukus? In der Stadt ſagt man, er ſei wie⸗ der bei Sinnen.“ „Ach, gewiß!“— erwiederte der gutmuͤthige, wenn auch leichtſinnige Salluſt, indem er ſich eine Thräne aus dem Auge wiſchte;„aber ſeine Nerven ſind noch ſo abgeſpannt, und ſeine Kräfte ſo er⸗ ſchöͤpft, daß ich kaum meinen fruͤheren muntern Ge⸗ noſſen wieder erkenne. Aber ſeltſam iſt es, daß er uͤber die urſache ſeiner plötzlichen Geiſtesverwirrung keine Rechenſchaft zu geben weiß— er kann ſich nur dunkel Deſſen erinnern, was vorgefallen iſt, und 160 behauptet, trotz Deines Zeugniſſes, weiſer Egyptier, unſchuldig an dem Tode des Apaecides zu ſein.“ „Salluſt,“ ſagte Arbaces,„die Lage Deines Freundes erfordert beſondere Ruͤckſichten; und konn⸗ ten wir aus ſeinem Munde das Bekenntniß und die Beweggruͤnde ſeines Verbrechens erfahren, ſo ware von der Gnade des Senats noch Vieles zu hoffen, denn es ſteht, wie Du weißt, in der Macht deſſel⸗ ben, das Geſetz zu mildern, oder zu ſchärfen. Des⸗ halb war ich beim Prätor, und erhielt die Erlaub⸗ niß zu einer geheimen Unterredung mit dem Glau⸗ kus noch in dieſer Nacht. Du weißt, daß morgen das Verhoͤr Statt finden wird.“ „Gut,“ ſagte Salluſt,„Du wirſt Dich Deines morgenländiſchen Namens und Rufes wuͤrdig bewei⸗ ſen, wenn Du etwas von ihm erfahren kannſt.— Armer Glaukus!— und er hatte einen ſo vortreff⸗ lichen Appetit!— Jetzt ißt er nichts!“— Dieſer Gedanke ruͤhrte den gutmuͤthigen Epi⸗ kuräer beſonders. Er ſeufzte, und befahl dem Skla⸗ ven, ihm deß Becher wieder zu fuͤllen. „Es wird ſpät,“ ſagte der Egyptier,„erlaube, daß ich jetzt zum Glaukus gehe.“ Salluſt nickte bejahend, und fuͤhrte den Arbaces nach einer kleinen Stube, die durch zwei ſchlaftrun⸗ kene Sklaven von außen bewacht wurde. Die Thuͤr wird eroffnet;— Salluſt zog ſich auf das Begeh⸗ 161 ren des Egyptiers zuruͤck, und dieſer war jetzt allein mit dem Glaukus. Auf einem jener geſchmackvollen Kandelaber, die damals gebräuchlich waren, brannte neben dem ſchmalen Bette eine Lampe. Ihre Strahlen fielen auf das bleiche Antlitz des Athenienſers, und ſelbſt den Arbaces rührte die Veränderung, die er erlitten hatte. Die bluhende Farbe war verſchwunden, die Wangen eingefallen, die zuckenden Lippen welk und blau. Der Kampf zwiſchen der Vernunft und der Raſerei, zwiſchen dem Leben und dem Tode war ſchrecklich geweſen. Die Jugend und die Kraft des Glaukus hatten geſiegt, aber die Bluthe ſeines Le⸗ bens war fuͤr immer verſchwunden. Der Egyptier ſetzte ſich ſtille neben das Bett; Glaukus lag noch ſtumm, und ſeine Gegenwart nicht beachtend. Endlich begann Arbaces nach einer lan⸗ gen Pauſe: „Glaukus, mein armer Feind!— Ich komme allein und in der Stille der Nacht zu Dir,— als Dein Freund, vielleicht als Dein Retter!“— Wie das Reh vor dem Anblick des Tigers er⸗ ſchrickt, ſo entſetzte ſich Glaukus vor der plotzlichen, unvermutheten Erſcheinung ſeines Feindes. Ihre Blicke begegneten ſich; eine fliegende Röthe uͤberzog das Geſicht des Athenienſers, und die braune Wange des Egyptiers erblaßte. Endlich wendete ſich Glau⸗ Bulwer's Werke. Taſchenausg. III. 1¹ 162 kus mit einem tiefen Seufzer fort, faßte mit der Hand an die Stirne, ſank zuruͤck, und ſagte: „Traͤume ich denn noch?“ „Nein, Glaukus, Du wachſt. Bei dieſer rechten Hand, und bei dem Haupt meines Vaters, Du ſie⸗ heſt einen Mann vor Dir, der Dein Leben noch zu retten vermag.— Hoͤre! ich weiß, was Du began⸗ gen haſt, aber ich kenne auch die mildernden Beweg⸗ gruͤnde Deiner That, die Dir ſelbſt noch unbewußt ſind. Du biſt ein Morder— es iſt wahr;— läugne nicht— dieſe Augen ſahen es. Aber ich kann Dich retten; ich kann beweiſen, wie Du Deiner Sinne beraubt wurdeſt, und aufhören mußteſt, ein mit freiem Willen handelnder Mann zu ſein. Aber um Dich zu retten, mußt Du ſelbſt Dein Verbrechen eingeſtehen. unterzeichne dieſes Blatt, und Du entgehſt dem Tode.“ „Was ſind das fuͤr Behauptungen?— Moͤrder und Apaecides!— Sah ich ihn nicht, eine Leiche, und blutend auf der Erde liegen?— und Du willſt mich uͤberreden, ich ſei der Mörder geweſen?— Du luͤgſt, Menſch!— Hinweg von mir!“— „Werde nicht hitzig, Glaukus— uͤbereile Dich nicht; die That iſt bewieſenz— allerdings iſt es glaublich, daß Du Dich nicht mehr erinnerſt, was Du im Zuſtande des Wahnſinns begingſt, und wor⸗ an Deine Seele ſonſt nicht gedacht haben wuͤrde. Aber ich will es verſuchen, Dein erſchoͤpftes Gedächt⸗ niß zu unterſtuͤten. Du weißt, daß Du mit dem * 8 N — 8—* — 103 Prieſter in lebhaftem Geſpraͤch uͤber ſeine Schweſter begriffen warſt; Du weißt, daß er als ein halber Nazarener Dich bekehren wollte; er tadelte Deine Lebensweiſe, und ſchwor, daß er Deine Verbindung mit der Jone nicht dulden werde, und darauf be⸗ gingſt Du in Deiner Wuth und Raſerei die jaͤhzor⸗ nige That.— Erinnerſt Du Dich jetzt?— Leſe, was auf dieſem Papyrus ſteht; es lautet eben ſo.— unterzeichne die Schrift, und Du biſt gerettet.“ „Barbar, gib mir die geſchriebene Luͤge, daß ich ſie zerreiße!— Ich der Moͤrder von Jonens Bruder! Ich ſollte bekennen, daß ich ein Haar auf dem Haupt deſſen verletzt habe, den ſie liebt?— Laßt mich lieber einen tauſendfachen Tod erleiden!“— „Stille!“— ſagte Arbaces in leiſem Tone,„hier iſt blos eine Wahl. Dein Geſtändniß und Deine unterſchrift— oder das Amphitheater und der Ra⸗ chen des Löwen!“— Als der Egyptier ſeine Blicke auf den Leidenden heftete, bemerkte er mit Freuden, welchen auffallen⸗ den Eindruck ſeine Worte auf ihn gemacht hatten. Ein Schauder ergriff den Athenienſer, Furcht und Erſtaunen malten ſich in ſeinen Zuͤgen und in ſeinem Blick.„Grbße Goͤtter!“ ſagte er,„welche Ver⸗ wandlung iſt mit mir vorgegangen?— Vor einigen Tagen noch war mein Pfad wie mit Roſen be⸗ ſtreut— Jone die meinige— Jugend, Geſundheit, Liebe begluͤckten mich,— und jetzt quält mich Krank⸗ X 164 heit und Schmerz, und es droht Schande, Tod, und weshalb?— O, was habe ich gethan? Ach! ich bin wohl noch nicht bei Sinnen!“— „unterzeichne, und Du biſt gerettet!“— ſagte der Egyptier mit ſanfter Stimme. „Weiche von mir, Verſucher,— niemals!“— rief Glaukus.—„Du kennſt mich nicht; Du kennſt nicht den ſtolzen Sinn eines Athenienſers! Der plotz⸗ liche Anblick des Todes konnte mich fuͤr einen Au⸗ genblick erſchuͤttern, aber der Anfall iſt ſchon vor⸗ uber. Die Schande lebt ewig!— Wer wird ihr ſeinen Namen uͤbergeben, um ſein irdiſches Daſein zu retten? wer wird ſein reines Bewußtſein verkau⸗ fen, und ſich ſelbſt beflecken in den Augen des Ruhms und der Liebe? Wenn es einen elenden Feigling gibt, der dieſes vermag, um einige Jahre ſeines erbaͤrm⸗ lichen Lebens zu friſten, ſo glaube nicht, ehrloſer Barbar aus dem Morgenlande, daß Du ihn in ei⸗ nem Manne finden werdeſt, der mit dem Harmo⸗ dius und mit dem Sokrates dieſelbe Luft geathmet hat. Geh— laß mich leben ohne Selbſt⸗Verach⸗ tung, oder untergehn ohne Furcht!“— „überlege Dir es wohl!— die Klauen des Lo⸗ wen;— das Hohngeſchrei der wilden Menge; der frohlockende Blick auf Deine zerriſſenen Glieder und Deine Todesqualen; Dein Name verabſcheut, und der Schande fuͤr ewig verfallen, der Du entgeh willſt.“ 2 „Du redeſt irre!— Du biſt der Raſende!— Deine Schande beſteht nicht in dem Verluſt der Achtung Anderer, ſie beſteht in dem Verluſt unſeres eigenen Selbſtgefüͤhls. Willſt Du jetzt gehn?— Dein Anblick iſt mir ein Greuel!— Seit jeher haßte ich Dich;— jetzt aber verachte ich Dich auch⸗“ „Ich gehe!“— ſagte Arbaces, beſchaͤmt und racheduͤrſtend zugleich, doch bei alle dem mitleidige Bewunderung fuͤr ſein Schlachtopfer fuͤhlend.„Ich gehe;— wir ſehen uns noch zweimal wieder; ein⸗ mal vor Gericht— dann vor Deinem Tode.— Lebewohl!“— Der Egyptier erhob ſich langſam, ſchlug das Gewand um ſich, und verließ das Zimmer. Er be⸗ gab ſich noch zum Salluſt, deſſen Augen bereits mit dem Schlaf zu ringen begannen.„ Glaukus iſt noch ohne Bewußtſein, oder vielmehr hart⸗ naͤckig,“ ſagte er,„es iſt keine Hoffnung mehr fuͤr ihn.“ „Sage das nicht,“ erwiederte Salluſt, der ge⸗ gen den Ankläger des Athenienſers keinen Groll hatte, denn ſeine Tugend war nicht ſehr ſtrenge, und er war mehr durch das ungluͤck ſeines Freundes ge⸗ ruhrt, als von deſſen unſchuld uͤberzeugt.—„Sage das nicht, mein Egyptier, ein ſo guter Trinker ſoll, wenn es irgend moglich iſt, gerettet werden. Bac⸗ chus gegen Iſis!“— „Wir wollen ſehen,“ ſagte der Egyptier. * 166 Mit dieſen Worten entfernte er ſich. Nydia ver⸗ weilte noch vor der Hausthuͤre. „Willſt Du ihn retten?“ ſagte ſie, die Haͤnde faltend. „Komm mit mir, Kind; ich muß ſeinetwegen mit Dir ſprechen.“ „Und Du willſt ihn retten?“— Arbaces antwortete nicht, denn er war ſchon voran geſchritten; Nydia beſann ſich einen Augen⸗ blick; darauf folgte ſie ihm ſchweigend. „Ich muß dieſes Mädchen in Sicherheit brin⸗ gen,“ ſprach er bei ſich ſelbſt,„damit ſie von dem Liebestrank nichts erzählt; was die eitle Julia be⸗ trifft, ſo wird ſie ſich nicht ſelbſt verrathen.“ 3 Siebentes Rapitel. Ein klaſſiſches Vegräbniß. Wehrend Arbaces ſo beſchäftigt war, hatten in dem Hauſe der Jone die Sorge und der Tod ihren Sitz aufgeſchlagen.— Fuͤr den andern Morgen war das feierliche Begraͤbniß des Apaecides beſtimmt. Die Leiche war von dem Tempel der Iſis in das 167 Haus ſeiner nächſten Verwandten gebracht worden, und Jone hatte zugleich den Tod ihres Bruders und die Anklage gegen ihren Geliebten vernommen. Jene erſte überraſchung, welche kein anderes Gefuhl auf⸗ kommen läßt, und das vorſichtige Stillſchweigen ihrer Sklavin, war eine Urſache, daß ſie noch nicht genau von der Lage und dem ſchrecklichen Schickſal, welches den Glaukus bedrohte, unterrichtet war. Seine Krankheit, ſeine Gemuͤthsverwirrung, und das bevorſtehende Verhor waren ihr unbekannt. Sie horte blos von der Anklage gegen ihn, ſchenkte jedoch dem Geruͤchte keinen Glauben; als ſie aber erfuhr, daß Arbaces der Anklager ſei, war ſie feſt in ihrem Innern uͤberzeugt, daß der Egyptier ſelbſt das Verbrechen begangen habe. Die Wichtigkeit jedoch, mit der die Alten jeden religioſen Gebrauch behandelten, der mit dem Tode eines Verwandten in Verbindung ſtand, hatte bis jetzt ihre Zeit nur füͤr dieſen Zweck in Anſpruch genommen. Ach! es war ihr nicht geſtattet geweſen, jene zärtliche und ruͤhrende Pflicht zu erfuͤllen, die dem naͤchſten Ver⸗ wandten gebot, den letzten Athem, die entweichende Seele des Geliebten einzuhauchen,— aber ſie hatte die noch offenen Augen geſchloſſen, und bei der Leiche gewacht, als dieſe gebadet und geſalbt, in ſeſtlichen Kleidern auf dem elfenbeinernen Bettge⸗ ſtelle lag, ſie hatte das Zimmer mit Blättern und Blumen geſchmuͤckt, und den Cypreſſenzweig an der 168 Schwelle der Thuͤre erneuert. und unter dieſen traurigen Pflichten, unter Wehklagen und Gebet vergaß Jone alles übrige. Es gehoͤrte zu den lieb⸗ lichſten Gewohnheiten der Alten, die in ihrer Ju⸗ gend Geſtorbenen in der Morgendämmerung zur letzten Ruheſtätte zu bringenz denn wie ſie uber⸗ haupt dem Tode ſeine Schrecken zu benehmen ſuch⸗ ten, ſo glaubten ſie, daß Aurora, welche die Ju⸗ gend liebe, ſie fuͤr ihre umarmung geraubt habe, und wenn gleich dieſer Mythus auf den ermordeten Prieſter nicht konnte angewendet werden„ſo wurde doch der Gebrauch beibehalten*). Die Sterne erbleichten nach und nach an dem Himmel, und der Morgen dämmerte heran, als eine Menge Menſchen vor der Thuͤre des Hauſes der Jone ſtand. Lange, duͤnne Fackeln warfen ihr zit⸗ terndes Licht auf die Gruppe, welche einen feierlichen Ein⸗ druckmachte— Bald erhob ſich eine langſame und trau⸗ rige Muſik, und die Töne ſchwebten weit die einſa⸗ men Straßen hinunter, während ein Chor weibli⸗ cher Stimmen(die durch die romiſchen Dichter ſo *) Dieſes war mehr ein griechiſcher, als ein römi⸗ ſcher Gebrauch; der Leſer wird jedoch darauf aufmerk⸗ ſam gemacht, daß in den Städten Groß⸗Griechenlands die griechiſchen Gebrauche ſehr mit den römiſchen ver⸗ miſcht waren. 169 oft erwaͤhnten Praeficae), begleitet durch miſiſche Floten, folgendes Lied ſangen: Wir holen,— Wandrer zum Cochtus— Dich Zur letzten Pilgrimſchaft auf Erden nun; Für Dich der Sterne Silberglanz erblich, Und unten bei den Schatten wirſt Du ruh'n. Wir laden Niemand zu der Wallfahrt ein,— Die Kraͤnze haͤngen in dem Haus der Nacht, Des ſchwarzen Stromes Trank wird jetzt Dein Wein; Dort wird nicht mehr geſungen und gelacht.— Jetzt wirſt Du ſehn der Danaiden Qual, Den Geier, wie er an der Leber zehrt. Den Tantalus, den nie begluͤckt das Mahl⸗ Nach dem er ewig ſchmachtend doch begehrt. Den Siſyphus, wie ſtets er waͤlzt den Stein, Und alle bleichen Schatten ſiehſt Du dort, Wenn Charon in den Kahn Dich ladet ein, Der, wenn wir Dich verlaſſen, Dich fuͤhrt fort*).„ So komm, o Wandrer, dem Cypreſſenzweig! Folgt bald die Roſe, die die Urne ziert, Der Schatten muß in's unterird'ſche Reich, Wo Minos Spruch beſtimmt, was ihm gebuͤhrt. Als die Hymne beendigt war, ordnete ſich der Zug. Die Leiche des Apaecides wurde auf einer, mit purpurnen Decken belegten Bahre, die Fuͤße nach vorn, getragen. Der Deſignator, oder der *) Der Leſer darf wohl kaum erinnert werden, daß der Schatten erſt dann über den Styr durfte, wenn die Leiche feierlich zur Ruhe gebracht war. 170 Leichen⸗Marſchall, begleitet durch ſeine ſchwarz ge⸗ kleideten Fackelträger, gab das Zeichen, und der Zug bewegte ſich langſam vorwaͤrts. Zuerſt kamen die Muſikanten, welche einen feier⸗ lichen Marſch ſpielten, die ſanftern Inſtrumente wurden oft durch ein wilderes und lauteres Schmet⸗ tern der Trompeten unterbrochen; darauf folgte das gemiethete Sänger⸗Chor, und die weiblichen Stimmen waren mit denen von Knaben gemiſcht, deren zartes Alter den Gegenſatz zwiſchen Leben und Tod nur um ſo mehr hervor hob; aber die komi⸗ ſchen Perſonen, und der archimimus(der den Ver⸗ ſtorbenen nachahmen mußte) wurden von einer Feier⸗ lichkeit ausgeſchloſſen, welche ſo ſchreckliche Erinne⸗ rungen erregte. Zunächſt kamen die Prieſter der Iſis in ihren weißen Gewändern, barfuß, und Kornähren in den Haͤnden tragend. Vor der Leiche wurde das Bild des Todten und die ſeiner athenienſiſchen Vorfahren getragen. Hinter der Bahre folgte in Begleitung ihrer Sklavinnen die einzige noch lebende Verwandte; im bloßen Haupte und mit aufgeloͤſten Locken, im Geſicht weißer als Marmor, aber gefaßt und ruhig, außer daß ſie dann und wann, durch die ſanften Toͤne der Muſik zu einer Trauer angeregt, die ſich nicht mehr zuruͤckdrängen ließ, das Geſicht mit den Händen bedeckte, um ihre Thränen zu ver⸗ bergen; denn in ihrem Weſen lag nicht die laute, — 17¹ wilde Fußerung jenes Schmerzes, der oft eben ſo ſchnell wieder vergißt, als er lärmend auftritt. In jener Zeit, ſowie in allen Zeiten, war das tiefere Gefühl nicht ungeſtuͤm und laut. Der Zug ging durch das Stadtthor in die Straße der Gräber, welche noch jetzt der Wanderer in Au⸗ genſchein nehmen kann- Der Scheiterhaufen war in der Geſtalt eines Al⸗ tars errichtet, aus unbehauenen Fichtenkloͤtzen, in deren Zwiſchenräumen ſich bemerkbare Materialien befanden, und um denſelben ſtanden die finſtern, melancholiſchen Cypreſſen. Als die Bahre auf den Scheiterhaufen gelegt war, ſtieg Jone hinauf, und ſtand einige Augen⸗ blicke ſtill und bewegungslos vor dem entſeelten Koͤr⸗ per. Die Zuge des Todten hatten den erſten ſchreck⸗ lichen Ausdruck eines ſchnellen und gewaltſamen To⸗ des verloren. Verſchwunden waren fuͤr immer der Schrecken und der Zweifel, der Kampf der Vergan⸗ genheit mit der Gegenwart, die Furcht und die Hoff⸗ nung in Beziehung auf die Zukunft! Was war in der feierlichen Heiterkeit und in der geheimnißvollen Ruhe jenes Antlitzes noch ſichtbar von allen den Lei⸗ denſchaften, die einſt die Bruſt dieſes nach einem heiligen Leben ſtrebenden jungen Mannes beſeetten 2 Man hoͤrte keinen Laut, als Jone ihren todten Bru⸗ der zum letztenmal anblickte. Es war etwas Schreck⸗ liches, aber zugleich Beruhigendes in dieſem Still⸗ 172 N ſchweigen, und als es unterbrochen wurde, geſchah es ſchnell und plotzlich mit einem heftigen, gellen⸗ den Schrei, dem Ausdruck lange uͤberwältigter Ver⸗ zweiflung. „Mein Bruder, mein Bruder!“ rief die arme Waife, indem ſie ſich auf die Bahre warf,„Du, der keinem Wurm etwas zu Leide that, welchen Feind konnteſt Du reizen? O, iſt es wirklich da⸗ hin gekommen? Erwache, erwache! Wir wuchſen zuſammen auf; ſollen wir ſo getrennt werden? Du biſt nicht todt; Du ſchläfſt.— Erwache! er⸗ wache!“— Der Ton ihrer durchdringenden Stimme erregte die Theilnahme der umſtehenden, und ſie brachen in ein lautes Wehklagen aus. Dieſes erſchreckte Jo⸗ nenz ſie ſah ſich ſchnell und verſtört um, als ob ſie jetzt erſt die Gegenwart der Anderen bemerke. „Ach!“ ſeufzte ſie,„wir ſind ja nicht allein!“— 2 Sie erhob ſich, und ihr bleiches, ſchoͤnes Antlitz war wieder ruhig und ernſt. Mit zitternden, ſanf⸗ ten Haͤnden oͤffnete ſie die Augenlider des Verſtor⸗ „ benen*), aber da ſie in das gläſerne lebloſe Auge blickte, ſchrie ſie laut auf, als ſei ihr ein Geſpenſt erſchienen. Doch bald erholte ſie ſich, küßte zum letztenmal die Lippen und die Stirne ihres Bruders, und nahm mechaniſch aus der Hand des hohen Prie⸗ 1 Plin. 1I. 37. 173 ſters der Iſis die Fackel, welche derſelbe ihr dar⸗ reichte, als ſie hinabſtieg. Die Muſik verkuͤndete jetzt, daß die heilige Flam⸗ me entzuͤndet ſei, und es wurde folgende Hymne geſungen: Hymne an den Wind. Von der Wolken Sitz, o Wind, Komm zu uns herbei geſchwind, Heilig biſt Du uns, o Wind! Wie auch Deine Namen ſind.— Sei'ſt Du Auſters finſtrer Sohn, Sei'ſt Du Eurus wilder Sohn,⸗ .. Sei'ſt Du jener, deſſen Wuth, Brauſ't in nordſcher*) Wogen-Fluth, Doch ſollſt Du ſo lieb uns ſein⸗ Als der Zephyr in dem Hain, 5 Der im Zwielicht unter Bluͤthen Darf der Flora Kuͤſſe bieten. Sieh! des Weihrauchs ſuͤße Duͤfte, Senden hoch wir in die Luͤfte,— Deiner wuͤrd'ger ſchwebten ſie Ueber Tempe's Thaͤlern nie, Ueber Cypern's Cedern nimmer, Noch wo in des Mondes Schimmer, An der Roſen⸗Inſel*²) Strand ——— *) Boreas. **) Rhodus. Je die Nymphe Kraͤnze wand.— Unſre Weihgefaͤße ſenden Dir der Wohlgeruͤche Spenden, Myrrhen, Narden, Thymian, Steigt, ihr Duͤfte, himmelan!— O, erhab'ne, ew'ge Luft, Die, was iſt, in's Leben ruft, Nimm vom Staube Deine Saat, Nimm, was er von Dir nur hat. Wind, erwache!— Flamme, ſteige! Daß das Leben fuͤr Euch zeuge. Nimm Dein Eigenthum, o Luft, Sieh, wir ſenden Dir den Duft!— Er kommt, der Wind,— er ſchwebt heran!— Seht, wie er facht das Feuer an, Wie er der Flamme Leben weckt, Daß ihre Zunge gierig leckt, Den heil'gen Scheiterhaufen zehrt † Die wilde Gluth, vom Sturm genährt.— 5 Wie die Flammen⸗Schlangen gluͤh'n! Wie ſie hier und dorthin zieh'n! Seht des Feuers Gluth erwarmen In des Windes Rieſen-Armen; 4 Auf des Todes Throne ſcheinen, Sie ſich willig zu vereinen, Daß zu Staub jetzt wieder werbe, Was ihr Eigenthum, die Erde. Und in ſanftern Toͤnen ſingt,— .„ „ 1 Schwingt die Weihgefäße,— ſchwingt, + 17⁵ Von des Erdenlebens Ketten Muͤſſen Dich die Flammen retten, Von der Sterblichkeit Beſchwerden Muß Dir bald die Freiheit werden;— Feuer loͤſ't die Tyrannei!— Geiſt, entfliehe!— Du biſt frei!— Du biſt frei, und was ſind wir?— Ach! wann folgen wir wohl Dir?— und jetzt erhob ſich das praſſelnde Feuer hoch in die Lüfte; es flammte leuchtend um die dunkeln Cy⸗ preſſenzweige; die Funken flogen uͤber die Mauern der benachbarten Stadt, und der fruͤh mit ſeiner Arbeit beſchäftigte Fiſcher ſah mit Verwunderung, — wie die Gluth die Wellen des Meeres roͤthlich faͤrbte. Aber Jone ſtand von den übrigen getrennt, und indem ſie das Geſicht mit den Haͤnden bedeckte, ſah ſie weder die Flammen, noch hoͤrte ſie die Wehkla⸗ gen oder die Muſik; es hatte ſich ihrer nur ein Ge⸗ fühl bemaͤchtigt, das der Verlaſſenheit; ſie war noch nicht zu jener troͤſtenden Stimmung gelangt, in der . wir wiſſen, daß wir nicht einſam, daß die Todten bei uns ſind!— Der Wind unterſtuͤtzte die Wirkung der brenn⸗ „ baren Materialien, die in dem Scheiterhaufen ver⸗ theilt waren. Nach und nach wurden die Flammen ſchwächer, hier und da ſpruͤhten noch Funken hervor, bis ſie zuletzt erſtarben— ein Bild des Lebens;— 17⁵ wo kurz vorher noch Alles in Thätigkeit und Unruhe war, lag jetzt die todte Aſche. Die letzten Funken wurden durch die Sklaven ge⸗ loſcht und die heiße Aſche geſammelt. Die über⸗ bleibſel der verbrannten Leiche wurden mit den ſel⸗ tenſten Weinen und den koſtbarſten wohlriechenden Fluͤſſigkeiten getränkt und in eine ſilberne urne ge⸗ fuͤllt, welche feierlich auf eines der benachbarten Mo⸗ numente an der Straße geſtellt wurde, nachdem auch das mit Thränen gefüllte Fläſchchen und die kleine Münze hineingelegt worden, die fuͤr den muͤr⸗ riſchen Charon beſtimmt war. Das Grabmahl wurde mit Blumen und Kränzen geſchmuͤckt, auf dem Altar dampfte der Weihrauch, und viele Lampen hingen umher. Am nächſten Tage aber, als der Prieſter mit friſchen Blumen nach dem Monument zuruͤckkehrte, fand er, daß eine unbekannte Hand den heidniſchen Ausſtattungen deſſelben einen gruͤnen Palmzweig hinzugefügt hatte. Er ließ ihn dort, nicht ahnend, daß dies das Begräbnißzeichen der Chriſten war. Als die oben beſchriebenen Zeremonien voruber waren, beſprengte eine der Praeficae jeden von der Geſellſchaft dreimal mit dem reinigenden Zweige des Lorbeers, indem ſie das Wort ausſprach:„Iicet“ — Geht!— und die Feierlichkeit war beſchloſſen. Aber zuvor ſang die Geſellſchaft noch das ruh⸗ — —————— 177 rende Lebewohl:„Salve eternum,“ ſie wei⸗ nend mehremal wiederholte: Salve eternum. Lebe wohl, befreiter Geiſt!— 5 Heil'ge Urne, lebe wohl! In das unbekannte Land Wurdeſt Du vor uns geſandt; Doch es eilen ſchnell die Stunden, Unſer Geiſt auch wird entbunden. Salve!— salvel Lebe wohl, befreiter Geiſt! Heil'ge Urne, lebe wohl! Salve!— salve! llicet— ire licet! Trennung duldet nicht der Schmerz, Und Dein Grab iſt unſer Herz,— In ihm lebſt Du, und es traͤgt Dich ſo lange, als es ſchlägt. Salve!— salve! 5 Ilicet— ire licet!— Was die Elemente gaben, Wollen ſie auch wieder haben.— Zu den Schatten ſchwebt Dein Geiſt, Und es freut Dich, wenn Du weißt, Wo Dein Angedenken lebt, Wenn Dein Geiſt auch jenſeits ſchwebt. 4 Salve!— salve! Bulwer's Werke. Taſchenausg. III. 12 Wandeln wir auch einſt am Stabe— Kurze Zeit die Roſen bluͤh'n, Die Cypreß an Deinem Grabe, Die Cypreß bleibt immer gruͤn. Salve!— salve!— Achtrs Kapitel. In welchem der Jone ein Abentheuer begegnet. Einige von der Geſellſchaft blieben noch zuruͤck, um das Begrabnißmahl mit den Prieſtern zu theilen, Jone begab ſich aber mit ihren Sklavinnen wieder auf den Weg nach ihrem Hauſe. Fetzt, da ſie die letzten Pflichten gegen ihren Bruder erfullt hatte, erwachte ihr Geiſt aus ſeinen melancholiſchen Träumereien, und ſie dachte an ihren Geliebten und an die furchtbare Anklage gegen ihn. Sie fuͤhlte, indem̃ ſie, wie ſchon vorhin bemerkt worden, keinen Augenblick an dieſe unnatürliche Be⸗ ſchuldigung glaubte, ſondern den finſterſten Verdacht gegen den Arbaces ſelbſt nährte, daß die Pflicht, nicht allein gegen ihren Geliebten, ſondern auch ge⸗ gen ihren ermordeten Bruder, ihr gebiete, zum Prä⸗ tor zu gehn, und ihm mitzutheilen, was ſie fuͤr ge⸗ kt 1¹9 wiß hielt, wenn ſie auch keine Beweiſe fuͤhren konnte. Als ſie ihre Dienerinnen befragte, welche bisher, aus Beſorgniß, ihre Qualen und ihren Schmerz zu vermehren, von dem Zuſtand des Glaukus ihr nichts geſagt hatten, erfuhr ſie, daß er gefaͤhrlich krank geweſen ſei; daß er in dem Hauſe des Salluſt be⸗ wacht werde; und daß der Tag ſeines Verhors ſchon beſtimmt worden. „O, ihr Goͤtter!“ ſagte ſie,„habe ich ſo lange ſeiner vergeſſen konnen?— O, ich muß ihm Gerech⸗ tigkeit widerfahren laſſen; ich, die nächſte Verwandte des Ermordeten, muß ihm beweiſen, daß ich ihn fuͤr unſchuldig halte. Schnell! ſchnell! und wenn ſie mir nicht glauben, wenn ſie meiner Ueberzeugung nicht beiſtimmen wollen; wenn ſie ihn zur Verban⸗ nung oder zum Tode verurtheilen, ſo will ich we⸗ nigſtens ſein Schickſal mit ihm theilen!“— Sie beſchleunigte unwillkuhrlich ihre Schritte, doch wußte ſie kaum, wohin ſie zuerſt gehen ſollte, indem ſie bald beſchloß, den Prätor aufzuſuchen, bald zum Glaukus ſelbſt zu eilen. Sie war ſchon durch das Thor in die Straßen der Stadt getreten. Die Häuſer waren zwar meiſt ſchon eroffnet, aber man ſah noch wenige Menſchenz doch als ſie um eine Ecke bog, erblickte ſie plotzlich mehrere Männer, die neben einer bedeckten Saͤnfte ſtanden. Eine ſtatt⸗ liche Geſtalt trat mitten unter ihnen heraus, und Jone ſchrie laut auf, als ſie den Arbaces erkannte. 12* „Schoͤne Jone,“ ſagte er freundlich,„meine Muͤn⸗ del, meine Pflegetochter! verzeihe, wenn ich Deine frommen Pflichten unterbreche, aber der Prätor, fuͤr Deine Ehre beſorgt, und wuͤnſchend, daß Du Dich nicht ubereilt in die bevorſtehende Unterſuchung miſcheſt, indem er die ſeltſame Verwicklung Deiner Lage kennt, die Dich veranlaßt, Gerechtigkeit fuͤr Deinen ermordeten Bruder zu ſuchen, aber zugleich die Beſtrafung Deines Geliebten zu befürchtenz— hat Dich weiſe und vätertich der Aufſicht Deines ge⸗ ſetzlichen Vormundes uberwieſen, da er es fuͤr un⸗ paſſend hält, daß Du ohne maͤnnlichen Rath und Beiſtand handelſt. Sieh hier die Schrift, welche Dich meinem Schutze anvertraut!“— „Weiche von mir, abſcheulicher Egyptier,“ ſagte Jone, indem ſie ſtolz zuruͤcktrat.„Du biſt es, der meinen Bruder ermordet hat! Alſo Deinem Schutz, Deinen noch von ſeinem Blut befleckten Händen will man ſeine Schweſter übergeben? Ha, Du entfärbſt Dich! Dein Gewiſſen verräth Dich! Du zitterſt vor em Donnerkeil des rächenden Gottes! Weiche von mir, und uͤberlaſſe mich meiner Trauer!“— „Dein unglück hat Deine Vernunft verwirrt, Jone,“ ſagte Arbaces, indem er vergebens ſeinen ruhigen Ton zu behaupten ſuchte.„Aber ich verzeihe Dir. Du wirſt in mir jetzt, wie immer, Deinen ſicherſten Freund finden. Aber die Straße iſt nicht der Ort, uns zu verſtändigen. Herbei, Sklaven! —————— 181 Komm, meine ſuße Muͤndel, ſteige in die Sänfte.“— Die erſchrockenen Dienerinnen der Jone ſammel⸗ ten ſich um ſie.„Arbaces,“ ſagte die alteſte derſel⸗ ven,„Dein Benehmen iſt nicht geſetzlich; denn ſteht es nicht geſchrieben, daß die Verwandten eines Ver⸗ ſtorbenen bis auf neun Tage nach dem Begräbniß in ihren Wohnungen nicht beunruhigt, und in ihrer einſamen Trauer nicht geſtoͤrt werden ſollen?“— „Weib!“ erwiederte Arbaces, indem er gebieteriſch mit der Hand winkte,„eine Muͤndel unter den Schutz ihres Vormundes ſtellen, heißt nicht gegen die Trauergeſetze handeln. Ich ſage Dir, daß ich vom Prätor beauftragt bin.— Fuͤhrt ſie in die Saͤnfte!“— Indem er dieſes ſprach, umfaßte er kräftig die zuruͤckweichende Jone. Sie ſchaute ihm wild in das Geſicht, brach in ein krampfhaftes Gelächter aus, und ſagte: „Ha! ha! das iſt hubſch— vortrefflich!— Ein herrlicher Beſchuͤtzer! ein väterliches Geſetz! Ha! ha!“— und durch das unheimliche Echo jenes hel⸗ len Gelaͤchters ſelbſt erſchreckt, ſank ſie ohnmächtig nieder.... Arbaces hob ſie ſchnell in die Sänfte, welche die Sklaven ſogleich forttrugen, und die un⸗ gluͤckliche Jone ward auf dieſe Weiſe ihren weinen⸗ den Dienerinnen entriſſen. Neuntes Rapitel. Wie es der Nydia in dem Hauſe des Arbaces ergeht.— Der Egyptier fühlt Mitleiden mit dem Glaukus.— Das Mitleiden iſt fuͤr den Schuldbewußten oft ſehr unangenehm. Die Leſer werden ſich erinnern, daß Nydia dem Arbaces in ſeine Wohnung folgte, und dort erfuhr er das Geſtändniß ihrer Verzweiflung und Reue, daß namlich ſie dem Glaukus den ſchrecklichen Trank bei⸗ gebracht habe, und nicht Julia. Zu jeder andern Zeit wuͤrde es dem Egyptier vielleicht ein philoſo⸗ phiſches Intereſſe gewährt haben, den uUrſprung und das Weſen jener heftigen Leidenſchaft zu verfolgen, welche dieſes ſeltſame Mädchen in ihrer Blindheit und Sklaverei genährt hatte; aber jetzt war er zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt. Als die arme Nydia nach ihrem Bekenntniß vor ihm auf die Kniee ſank, und ihn anflehte, die Geſundheit des Glaukus wieder herzuſtellen und ſein Leben zu retten, denn in ihrer unerfahrenheit hielt ſie den finſtern Zauberer fuͤr mäͤchtig genug, Beides zu bewirken, uͤberlegte Arba⸗ ces bei ſich ſelbſt, wie er am ſicherſten das blinde 183 Mädchen in ſeinem Hauſe gefangen halten koͤnne, bis das Schickſal des Griechen entſchieden ſei. Denn wenn er ſchon, da er Nydia blos fuͤr die Mitwiſſe⸗ rin jenes Geheimniſſes, den Liebestrank betreffend, gehalten, es als ſehr gefährlich, und dem vollen Er⸗ folge ſeiner Rache hinderlich betrachtet hatte, daß ſie ungehindert handeln, vielleicht als Zeuge erſchei⸗ nen duͤrfe, und ſo die Art und Weiſe verrathen moͤchte, wie Glaukus den Gebrauch ſeiner Vernunft verloren, und wodurch das Verbrechen, deſſen er be⸗ ſchuldigt wurde, nachſichtiger beurtheilt worden waͤre; — um wie viel mehr mußte er nicht ihr Zeugniß jetzt fuͤrchten, da er wußte, daß Nydia ſelbſt dem Griechen den Trank veigebracht hatte, und da er vorherſehn konnte, daß ſie, durch die Liebe beſeelt, blos dahin ſtreben wuͤrde, ſelbſt auf Unkoſten ihres eigenen Schaamgefuhls ihren Fehler wieder gut zu machen, und ihren Geliebten zu retten?— Wie un⸗ wuͤrdig ſeines Standes und Rufes waͤre es auch fuͤr den Arbaces geweſen, als ein Kuppler fuͤr die Lei⸗ denſchaft der Julia zu erſcheinen, und mit den Zau⸗ bereien der Hexe des Veſuv ſich in Verbindung ge⸗ ſetzt zu ſehen! Kein anderer Grund hatte ihn ver⸗ moͤgen konnen, das Geſtändniß der Julia zu veran⸗ laſſen, als der Wunſch, Glaukus möchte ſich ſelbſt als den Moͤrder des Apaecides angeben, weil dieſes für die eigene Sicherheit des Egyptiers, und fuͤr 184 den guͤnſtigen Erfolg ſeines Verhaͤltniſſes zu Jonen der zweckmäßigſte Ausweg geweſen ſein wuͤrde. Nydia, die in Folge ihrer Blindheit Vieles aus dem wirklichen Leben nicht kannte, und als Sklavin und Fremde auch der roͤmiſchen Geſetze unkundig war, dachte mehr an die Krankheit und an die Gei⸗ ſtesverwirrung des Athenienſers, als an das Ver⸗ brechen, deſſen er beſchuldigt war, oder an die Ge⸗ fahren, welche aus der bevorſtehenden Unterſuchung fuͤr ihn ſich vielleicht ergeben konnten. Was wußte die arme ungluͤckliche, mit der Niemand ſprach, de⸗ ren ſich kein Menſch annahm, von dem Senat und dem urtheil— von der Wildheit des Volkes— der Arena und dem Rachen des Loͤwen? Sie war gewohnt, mit dem Gedanken an Glaukus alles Er⸗ habene und Treffliche in Verbindung zu ſetzen— ſie konnte ſich nicht denken, daß irgend eine Gefahr, außer jene, welche durch das übermaß ihrer eigenen Liebe veranlaßt worden, dieſes geheiligte Haupt be⸗ drohen koͤnne. Glaukus ſchien ihr einzig und allein fuͤr die Segnungen des Lebens beſtimmt. Nur ſie hatte dieſe glänzende Laufbahn ſeines Gluͤcks geſtört; ſie wußte nicht, ſie ließ es ſich nicht träͤumen, daß jener einſt ſo majeſtaätiſche Strom den Abgruͤnden und der Finſterniß entgegen gehe. Es geſchah da⸗ her, um das Bewußtſein wieder herzuſtellen, welches ſie verwirrt, um das Leben zu retten, welches ſie“ 185 in Gefahr gebracht hatte, daß ſie die Huͤlfe des gro⸗ ßen Egyptiers in Anſpruch nahm. „Kind,“ ſagte Arbaces, indem er aus ſeiner Traumerei erwachte,„Du mußt hier bleiben; es paßt ſich nicht fuͤr Dich, in den Straßen umher zu irren, und durch rohe Sklaven von den Schwellen fremder Häuſer geſtoßen zu werden. Ich fuhle Nach⸗ ſicht mit Deinem ohne böſe Abſicht begangenen Ver⸗ brechen— ich will Alles thun, um ſeine Folgen unſchädlich zu machen. Bleibe einige Tage ruhig bei mir, und Glaukus ſoll wieder hergeſtellt wer⸗ den.“— Ohne ihre Antwort abzuwarten, eilte er, nachdem er dieſes geſprochen, aus dem Zimmer, ſchob den Riegel vor die Thuͤre, und uͤberwies ſeine Gefangene der Aufſicht und Wachſamkeit eines Sklaven. Einſam und nachdenkend erwartete er jetzt den Anbruch des Morgens, und traf alle noͤthigen An⸗ ſtalten, um, wie wir geſehen haben, ſich der Perſon der Jone zu bemächtigen. Seine erſte Abſicht in Beziehung auf die un⸗ glückliche Neapolitanerin, war jene, die er dem Klo⸗ dius mitgetheilt hatte, namlich es zu verhindern, daß ſie thätig in die gerichtliche unterſuchung we⸗ gen der Anklage des Glaukus eingreife, und auch ihrer Klage gegen ihn, wegen ſeines fruͤheren gewaltthätigen Angriffes gegen ſie, ſeine Muͤndel, zuvorzukommenz durch welche Klage, die ohne Zwei⸗ fel, wie er ſehr wohl wußte, erfolgt wäre, die Gruͤnde ſeiner Rachſucht gegen den Glaukus, ſo wie ſein eigener hinterliſtiger und heuchleriſcher Charak⸗ ter, offenbart worden, und ſein Zeugniß gegen den Athenienſer ſehr verdächtig erſchienen wäre. Erſt nachdem er an jenem Morgen die lauten Anklagen der Jone gehoͤrt hatte, uͤberzeugte er ſich, daß in Folge ihres Verdachtes, er ſelbſt ſei der Moͤrder ihres Bruders, ihm auch noch eine andere Gefahr drohe. Er frohlockte jetzt, daß ſein Anſchlag gelungen, daß ein Weſen, welches der Gegenſland ſeiner Leiden⸗ ſchaft und ſeiner Furcht zugleich war, in ſeiner Ge⸗ walt ſei. Er glaubte nun mehr als jemals an die guͤnſtigen Weiſſagungen der Sternez und als er Jo⸗ nen in dem Zimmer ſeines geheimnißvollen Hauſes, welches er ihr angewieſen, aufſuchte; als er ſie durch ſo viele, ſich unmittelbar auf einander folgende Schläge des Schickſals überwältigt fand, als ſievon einem krampfhaften Anfall in den andern, von der Heftigkeit der Leidenſchaft in deren Erſchoͤpfung ge⸗ rieth, da entzuckte ihn doch noch mehr ihre Lieblich⸗ keit, welche kein Wahnſinn entſtellen konnte, als ihre Qualen ihn ruͤhrten, deren urheber er war.— Mit jener Eitelkeit, die Männern eigen iſt, welche in ih⸗ rem Leben fortwährend durch das Gluͤck und die Liebe beguͤnſtigt wurden, ſchmeichelte er ſich der Hoff⸗ nung, daß, wenn Glaukus vernichtet, wenn ſein Name durch ein richterliches urtheil feierlich ge⸗ 187 brandmarkt, ſein Anſpruch auf ihre Liebe für immer durch das Todesurtheil wegen der Ermordung ihres eigenen Bruders unmoͤglich geworden ſei, ihre Rei⸗ gung ſich in Abſcheu verwandeln wuͤrde; und daß ſeine Zartlichkeit und ſeine Leidenſchaft, unterſtutzt durch alle Künſte, mit denen er die weibliche Ein⸗ bildungskraft zu gewinnen wußte, ihm jene Stelle in ihrem Herzen einräumen werde, aus welcher ſein Nebenbuhler vertrieben worden ſei. Dieſes war ſeine Hoffnung; fur den Fall, daß aber auch ſie vereitelt werden ſollte, fluͤſterte ihm ſeine wilde Leidenſchaft zu:„wenigſtens iſt ſie jetzt doch in meiner Ge⸗ walt!“— Bei Allem dem quälte ihn aber jene Ingſtlich⸗ keit und Unruhe, die vor der Moglichkeit der Ent⸗ deckung zittern, wenn der Verbrecher auch unem⸗ pfindlich fuͤr die Stimme des Gewiſſens iſt— jene Furcht vor den Folgen der That, welche oft fuͤr die Reue ſelbſt gehalten wird. Die milde Luft Campa⸗ niens lag ſchwer auf ſeiner Bruſt; er ſehnte ſich, eine Gegend zu verlaſſen, wo die Gefahr mit dem Todten vielleicht noch nicht begraben ſein konnte, und da er jetzt des Beſitzes der Jone verſichert war, ſo beſchloß er, ſobald er die letzten Todeszuckungen ſeines Nebenbuhlers geſehen habe, mit ſeinem Reich⸗ thum und mit ihr, dem koſtbarſten ſeiner Schätze, irgend einen entfernten Aufenthalt zu ſuchen. „Ja,“ ſagte er, indem er in ſeiner einſamen 188 Stube auf und ab ging,„ja, das Geſetz, welches der Perſon meiner Muͤndel mich verſicherte, gewährte mir auch den Beſitz meiner Braut. Weit uber das Meer wollen wir ſchiffen, um neue unbekannte Lebensgenuͤſſe aufzuſuchen. Wir wollen, unterſtutzt durch mein Gluͤck, und durch die Ahnungen meines Geiſtes, jenen herrlichen Welttheil aufſuchen, der, wie eine geheime Stimme mir es zufluͤſtert, noch unentdeckt in einem fernen Ocean liegt. Dort kann dieſes durch die Liebe beſeligte Herz auch dem Ehr⸗ geis wieder opfern;— dort kann ich, unter Natio⸗ nen, die das römiſche Joch nicht kennon, denen ſelbſt der Name Roms unbekannt iſt, ein Reich gruͤnden, und den Glauben meiner Vorfahren einheimiſch machen,— in noch reicheren Ländern die Dynaſtie meiner ge⸗ krönten Väter fortfuͤhren, und in dem eblen Herzen der Jone das dankbare Bewußtſein erwecken, daß ſie das Loos eines Mannes theilt, der, entfernt von jener ſich ſelbſt uͤberlebt habenden Verderbtheit einer ſtlaviſchen Civiliſation, alles Große und Erhabene wieder herſtellt, und in ſeinem mächtigen Geiſt den Beruf eines Propheten und eines Konigs ver⸗ einigt.“ Nach dieſem hochtönenden Selbſtgeſpraͤch mußte Arbaces dem Verhoͤr des Athenienſers beiwohnen. Die bleiche und eingefallene Wange ſeines Schlacht⸗ opfers ruhrte ihn weniger, als deſſen Kuͤhnheit und unerſchrockenheit; denn Arbaces fuͤhlte nur einige 189 Theilnahme fuͤr das ungluͤck, aber deſto mehr für den Muth. Es iſt immer ein Anklang unſeres eige⸗ nen Weſens, das uns zu einander hinzieht. Der Held weint weniger uͤber das Schickſal ſeines Fein⸗ des, als uͤber die Standhaftigkeit, womit er es er⸗ trägt. Wir Alle ſind menſchlich, und ſo laſterhaft Arbaces auch war, ſo hatte doch auch er ſeinen An⸗ theil an unſern allgemeinen Sympathien. Hätte er nur von Glaukus die unterzeichnung ſeines Bekennt⸗ niſſes erhalten, welches, ſelbſt mehr als das urtheil Anderer, ihn aus dem Herzen der Jone verdraͤngt, und die Möglichkeit einer dereinſtigen Entdeckung fuͤr den Arbaces entfernt haben wuͤrde, ſo hätte er alle ſeine Kräfte aufgeboten, ihn zu retten. Selbſt jetzt war ſein Haß ſchon verraucht, ſeine Rachſucht abgekuͤhlt; er vernichtete ſeine Beute, nicht aus Feindſchaft, ſondern als ein, ihm in Wege ſtehendes Hinderniß. Er war aber deshalb um nichts weniger liſtig und ausdauernd in dem Plan, den Untergang eines Mannes zu bewirken, deſſen trauriges Loos die Erreichung ſeiner Zwecke nothwendig bedingte; und während er, mit ſcheinbarem Widerwillen und Mitleiden, ein Zeugniß gegen Glaukus ablegte, wel⸗ ches dieſen verdammen mußte, regte er im Geheim, und mit Huͤlfe der Prieſterſchaft jene Volks⸗Leiden⸗ ſchaften auf, die den menſchlicheren Ruͤckſichten des Senats ungeſtuͤm entgegen treten mußten. Er war auch bei der Julia geweſen, und hatte ihr das Be⸗ 190 kenntniß der Nydia mitgetheilt, wodurch es ihm gelang, die Gewiſſensbiſſe einzuſchläfern, welche jene vermocht haben koͤnnten, das Verbrechen des Glau⸗ kus zu mildern, indem ſie die Gruͤnde angab, welche ſeine Geiſtesverwirrung veranlaßt hatten; und dieſes gelang dem Arbaces um ſo leichter, da die eitle Ju⸗ lia nicht den Glaukus ſelbſt, ſondern nur ſein Gluͤck und ſeinen Ruf geliebt hatte; ſie fuͤhlte keine Nei⸗ gung fuͤr einen ungluͤcklichen mehr— nein, ſie froh⸗ lockte ſogar uͤber ein Elend, welches auch ihre ver⸗ haßte Nebenbuhlerin demuͤthigte. Wenn Glaukus ihr Anbeter nicht mehr ſein konnte, ſo war er doch auch fuͤr Jonen verloren. Veraͤnderlich und leicht⸗ ſinnig, begann ſie bereits, dem dringenden Anliegen des Klodius Gehoͤr zu ſchenken, und war nicht ge⸗ neigt, einer Verbindung mit jenem zwar vornehmen, aber nichtswuͤrdigen Menſchen durch ein oͤffentliches Bekenntniß ihrer fruͤhern Schwäche und Leidenſchaft fuͤr einen Andern, ſelbſt Hinderniſſe in den Weg. zu ſiellen. Alle umſtände waren jetzt eben ſo guͤn⸗ ſtig fuͤr den Arbaces, als verzweifelnd fuͤr den Athe⸗ nienſer. 3 Zehntes Rapitel. Nydia ſpielt die Rolle einer Zauberin. Als die Theſſalierin ſich uͤberzeugte, daß Arbaces nicht zuruͤckkehre— als ſie eine Stunde nach der andern jene Qualen der Erwartung dulden mußte, die ihre Blindheit doppelt unausſtehlich machten, be⸗ gann ſie mit ausgeſtreckten Armen in ihrem Gefäng⸗ niß umher zu fuͤhlen, ob ſie nicht irgend einen Aus⸗ weg finden könne, und da die einzige Thüre des Zimmers verſchloſſen war, ſchrie ſie laut, und mit dem Ungeſtüm eines von Natur ſchon heftigen Tem⸗ peraments, welches durch die Verzweiflung über ih⸗ ren huͤlfloſen Zuſtand noch erhoͤht wurde. „Hoh, Mädchen!“— ſagte der Sklave, der ſie bewachen ſollte, indem er die Thüre offnete;„hat Dich ein Skorpion gebiſſen? oder denkſt Du, daß wir die Ruhe hier nicht vertragen, und wie Jupiter als Kind nur durch ein Hullabaloo erhalten werden können?“ „Wo iſt Dein Herr? und weshalb bin ich hier eingeſperrt?— Laß mich gehn!“— „Ach, Kleine, kennſt Du den Arbaces ſo wenig, daß Du nicht weißt, wie gebieteriſch ſein Wille iſt? Er hat befohlen, daß Du eingeſperrt bleibſt, und eingeſperrt biſt Du, und ich muß Dich bewachen. Friſche Luft und Freiheit darf ich Dir nicht geſtat⸗ ten, aber Du kannſt etwas weit Beſſeres haben— Eſſen und Trinken!“— „Bei'm Jupiter!“ ſagte das Mädchen, indem ſie die Haͤnde rang,—„und weshalb läßt man mich nicht fort? Was kann der große Arbaces von einem ſo armen Geſchoͤpf, als ich bin, wollen?“— „Das weiß ich nicht; es ſei denn, daß Du Dei⸗ ner Gebieterin aufwarten ſollſt, die heute hierher ge⸗ bracht wurde.“ ℳ „Was, Jone iſt in dieſem Hauſe?“— „Ja, armes Kind! es ſcheint ihr auch hier nicht ſonderlich zu gefallen. Aber Arbaces iſt— bei dem Tempel des Kaſtor! ein ſehr artiger Mann gegen Frauenzimmer. Jone iſt, wie Du weißt, ſeine Muͤndel.“ „Willſt Du mich zu ihr fuͤhren?“— „Sie iſt krank— ohnmächtig vor Wuth und ürger. überdem habe ich keinen Befehl, Dich zu ihr zu bringen, und ich handle niemals ohne Befehl. ,—— lat do des nit n e 193 Als Arbaces mich über dieſe Zimmer ſetzte*), ſagte er:„„ich habe Dir blos eine Lehre zu geben, ſo lange Du mir dienſt, mußt Du weder Ohren noch Augen, noch eigene Gedanken haben; ich verlange nur eine Eigenſchaft von Dir— Gehorſam!““— „Aber was kann es ſchaden, wenn Du mich zur Jone fuͤhrſt?“— „Das weiß ich nicht; aber wenn Du Dich nach Geſellſchaft ſehnſt, ſo will ich mit Dir plaudern, Kleine, denn ich bin einſam genug in meinem Stub⸗ chen; und Du biſt ja eine Theſſalierin— weißt Du nicht irgend eine luſtige Unterhaltung mit Meſſern und Scheeren, oder kannſt Du nicht wahrſagen, wie die meiſten Deiner Landsmaͤnninnen, daß wir uns die Zeit damit vertreiben?“— „Laß mich zufrieden, Sklave, oder wenn Du doch ſprechen willſt, was haſt Du von dem Zuſtand des Glaukus gehoͤrt?“— „Ei nun, mein Herr iſt in das Verhör des Athe⸗ nienſers gegangen; Glaukus wird dafuͤr buͤßen!“— „Fuͤr was?“— „Fur den Mord des Prieſters Apaecides.“— „Ha!“ ſagte Nydia, indem ſie die Haͤnde an die Stirn druͤckte,—„ich habe allerdings etwas davon gehoͤrt, aber ich verſtand es nicht. Aber wer wird *) In den Haͤuſern der Vornehmen hatten immer mehrere Zimmer ihren beſondern Sklaven. Vulwer's Werke. Taſchenausg. III. 13 194 es wagen, ein Haar auf ſeinem Haupte zu be⸗ ruͤhren?“ „Ich furchte, der Loͤwe wird es thun.“ „Die Götter mogen es verhuͤten!— Was ſprichſt Du da?“— „Nun, ich ſage blos, daß, wenn man ihn für ſchuldig erklärt, der Loͤwe, oder vielleicht auch der Tiger ſein Scharfrichter ſein wird.“ Nydia ſprang empor, als wenn ein Pfeil ihr Herz durchbohrt hätte; ſie ſtieß einen durchdringen⸗ den Schrei aus, und indem ſie vor dem Sklaven niederſank, ſagte ſie in einem Tone, der ſelbſt ſein rohes Herz erſchuͤtterte: „O, ſage mir, daß Du ſcherzeſt— daß Du die unwahrheit redeſt— Sprich, ſprich!“— „Bei meiner Treu, blindes Maͤdchen; ich kenne nichts von den Geſetzen; es iſt vielleicht nicht ſo ſchlimm, als man ſagt. Aber Arbaces iſt ſein An⸗ kläger, und das Volk wuͤnſcht ein Schlachtopfer fuͤr das Amphitheater.— Aber was kuͤmmert Dich das Schickſal des Athenienſers?“ „Ich bin ihm Dank ſchuldig.— Du weißt alſo nicht, was geſchehen wird?— Arbaces ſein Anklä⸗ ger!— O, grauſames Geſchick!— und das Volk, das Volk— Ach, ſie konnen ſein Antlitz ſehen— wer wird grauſam gegen den Athenienſer ſeyn?— Aber war nicht die Liebe ſelbſt grauſam gegen ihn?“ Das arme Mädchen ließ den Kopf auf den Bu⸗ — „ e— 8— 8 8 e l — 195 ſen ſinken; ſie verſank in tiefes Schweigen; heiße Thraͤnen floſſen ihre Wangen hinunter, und alle freundlichen Bemuͤhungen des Sklaven, ſie zu troͤſten, chſt oder aus ihrer Traͤumerei zu erwecken, waren ver⸗ gebens. fur Als ihr Aufſeher, um ſeine haͤuslichen Pflichten der wahrzunehmen, das Zimmer verlaſſen mußte, ſam⸗ melte Nydia ihre Gedanken wieder.— Arbaces war ihr der Ankläger des Glaukus; Arbaces hatte ſie hier einge⸗ en⸗ ſperrt;— war dieſes nicht ein Beweis, daß er ven glaubte, ſie koͤnne dem Glaukus nuͤtzlich ſein?— ſein Ja, ſie war offenbar in eine Falle gelockt; ſie ſollte mit beitragen zu dem untergange ihres Geliebten! die O, wie ſeufzte ſie nach ihrer Erloͤſung! Gluͤcklicher⸗ weiſe fuͤr ſie wurde jedes andere Gefuͤhl durch den enne Wunſch, entfliehen zu koͤnnen, unterdruͤckt; und als ſo ſie uͤber die Moͤglichkeit ihrer Befreiung nachdachte, An⸗ wurde ſie ruhiger. Sie beſaß Vieles von der Ver⸗ fuͤr ſtellungsgabe ihres Geſchlechts, und dieſe war durch das ihre fruͤhe Dienſtbarkeit noch genährt worden. Sie beſchloß, zu verſuchen, ob ſie ihren Waͤchter nicht alſo taͤuſchen koͤnne, und indem ſie ſich plotzlich ſeiner klä⸗ abergläubiſchen Frage in Beziehung auf ihre theſſa⸗ zolk, liſchen Kuͤnſte erinnerte, hoffte ſie durch dieſes Mit⸗ — tel zu ihrem Zweck zu gelangen. Dieſe Gedanken — beſchäftigten ihr Gemuͤth waͤhrend des uͤbrigen Theils des Tages, und in den langen Stunden der Nacht, Bu⸗ und als Soſia am andern Morgen zu ihr kam, be⸗ 13* eilte ſie ſich, ſeiner Geſchwätzigkeit jene Richtung zu geben, die ſie fruͤher ſo ſehr zu vermeiden geſucht hatte. Sie wußte jedoch, daß die Flucht ihr nur in der Nacht gelingen konne, und ſie mußte daher mit bit⸗ term Widerſtreben bis dahin ſich gedulden. „Die Nacht,“ ſagte ſie zum Sklaven,„iſt die einzige Zeit, in welcher wir die Beſchluͤſſe des Ge⸗ ſchicks entziffern koͤnnen— dann mußt Du zu mir kommen. Aber was willſt Du wiſſen?“— „Beim Pollux! ich moͤchte gern ſo viel viſen, als mein Herr; aber das wird ſchwer zu erreichen ſein. Laß mich denn wenigſtens erfahren, wann ich Geld genug haben werde, um meine Freiheit zu er⸗ kaufen, oder ob dieſer Egyptier ſie mir umſonſt ſchenken wird. Bisweilen iſt er großmuͤthig. So⸗ dann moͤchte ich wiſſen, ob ich jenen huͤbſchen Laden in der Myropolia*) bekommen werde, den ich ſchon ſo lange im Auge habe. Mit Wohlgerüchen zu han⸗ deln iſt ein huͤbſches Geſchaͤft.“— „Es gibt mehrere Arten von Zauberei, um auf dieſe Fragen Antwort zu erhalten. Die Lithoman⸗ teia beſteht darin, daß der ſprechende Stein mit der Stimme eines Kindes antwortet; aber wir beſitzen jenen koſtbaren und ſeltenen Stein nicht. Durch die Die Laden, in denen Wohlgeruͤche verkauft wurben. ——— 9———„ —— — — cht der bit⸗ die mir en, hen er⸗ nſt So⸗ den n an⸗ auf an⸗ der zen die en. 197 Gaſtromanteia wirft der Daͤmon Geſtalten auf das Waſſer, aus denen ſich die Zukunft wahrſagen laͤßt; aber dazu gehoͤren auch Gläſer von einer beſondern Geſtalt, um die Fluͤſſigkeit aufzunehmen, und dieſe Gläſer haben wir nicht. Ich denke daher, die ein⸗ fachſte Zauberei, um Deinen Wunſch zu befriedigen, wird die Magie der Luft ſein.“ „Ich hoffe,“ ſagte Soſia zitternd,„daß keine ſchrecktichen Erſcheinungen dabei Statt finden?— Ich ſehe nicht gern Geſpenſter.“ „Sei unbeſorgt; Du wrirſt nichts ſehen; Du hoͤrſt blos an dem Brauſen des Waſſers, ob Deine Frage bejaht wird. Vor allen Dingen mußt Du, ſobald der Abendſtern am Himmel erſcheint, die Gartenthuͤr etwas offen laſſen, damit der Damon eintreten koͤnne; dann mußt Du auch Fruͤchte und Waſſer als ein Zeichen der Gaſtfreundſchaft dorthin ſtellen, und drei Stunden nach dem Zwielicht mit einem Gefäß voll kalten, reinen Waſſers hierher kommen, und dann wirſt Du Alles nach dem theſ⸗ ſaliſchen Gebrauch, wie ich ihn von meiner Mutter gelernt habe, erfahren. Aber vergiß nicht, die Gar⸗ tenthuͤr offen zu laſſen— davon haͤngt Alles ab; ſie muß, von der Zeit ab, da Du zu mir kommſt, drei Stunden lang offen ſtehn.“ „Sei unbeſorgt,“ erwiederte der nichts Boͤſes ahnende Soſia;„ich weiß, wie einem ordentlichen Mann zu Muthe iſt, wenn eine Thuͤre ihm vor der 198 Naſe verſchloſſen bleibt, ſo wie es mir lange Zeit mit der Thuͤre der Kuͤche gegangen iſt; auch weiß ich, daß einer angeſehenen Perſon, wie ein Daͤmon ohne Zweifel iſt, ein kleiner Beweis hoflicher Gaſt⸗ freunblichkeit nur angenehm ſein kann. übrigens bringe ich Dir auch hier Dein Fruͤhſtuͤck, Kleine.“— „und wie geht⸗es mit dem Verhoͤr?“— „O, die Richter ſind immer noch da, und ſchwatzen, ſprechen— es wird wohl das urtheil erſt morgen erfolgen.“ „Morgen, weißt Du das gewiß?“ „Man ſagt es.“ „und Jone?“ ſ36 2t „Beim Bacchus! ſie muß nicht mehr ſonderlich krank ſein, denn ſie war heute Morgen wieder ſtark genug, um meinen Herrn ganz wuͤthend zu machen. Ich ſah ihn wenigſtens wild genug aus ihrem Zim⸗ mer kommen.“ „Befindet ſie ſich hier in der Naäh „Nein, in den obern Zimmern;— aber ich darf hier nicht länger plaudern. Vale!“— e?“ zzS⸗jͤz—— m——————— — E. T. Vulwer's ſaͤmtliche Werke. Vierter Band. Die letzten Tage von Pompeji. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von O. von Czarnowski. Vierter„Theil. Aachen und Leipzig, Verlag von Jacob Anton Mayer. (Bruͤſſel bei J. A. Mayer und Somerhauſen.) 18 34. Die letzten Tage von Pompeji. Vom Verfaſſer des Pelham, Eugen Nram, England und die Engländer, u. I. w. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt 1 von G. von Czarnowski. Vie vter 5. Aachen und Leipzig, Verlag von Jacob Anton Mayer. (Bruͤſſel bei J. A. Mayer und Somerhauſen.) 1 8 3 4. „So iſt der Veſuv! und ähnliche Ereigniſſe fallen in je⸗ dem Jahre vor. Aber alle bisherigen Ausbrüche ſind, wenn man ſie ſelbſt in einem einzigen zuſammenfaſſen wollte, unbedeutend gegen das, was in der Periode ſich zutrug, von der wir jest ſchreiben Der Tag verwandelte ſich in Racht, und die Nacht in voll⸗ kommene Fijuſterniß— eine faſt unglaubliche Menge Staub und Aſche wurde ausgeworfen, das Land, das Meer und die Luft erfüllend, und zwei ganze Stüdte, Hertulaneum und Pompeji, begrabend, als die Bewohner in dem Thea⸗ ter ſaßen!“ Dio Cnssins. lib. T. XVI. Die letzten Tage von Pompeji. Fortſetzung des vierten Buchs. Bulwer's Werke. Taſchenausg. IV. 1 Eilftes Rapitel. Eine Wespe geraͤth in das Gewebe der Spinne. 6 Di zweite Nacht des Verhörs war bereits ange⸗ brochen; und es war faſt um die Zeit, in welcher Soſia ſein Schickſal erfahren ſollte, als in dieſelbe Thuͤre, welche der Sklave offen gelaſſen hatte, nicht einer jener geheimnißvollen Geiſter der Luft, ſon⸗ dern der ſchwerfällige und ganz irdiſche Iſis⸗Prie⸗ ſter Kalenus eintrat. Er achtete kaum auf die Opfer, welche der fromme Soſia fuͤr den unſichtba⸗ ren Gaſt hingeſtellt hatte. „Irgend ein Opfer,“ dachte er,„für den Gott der Gärten. Bei meines Vaters Haupt! wenn die⸗ ſer Gott niemals beſſer bedient wird, ſo thäte er wohl, ſeine goͤttliche Wuͤrde niederzulegen. Ach! wären wir Prieſter nicht, ſo wuͤrde es ſchlecht um die Göoͤtter beſtellt ſein. Und jetzt zum Arbaces— ich wandle zwar auf Triebſand, aber⸗die Mine un⸗ 1* ter ihm wird mir nicht entgehn. Das Leben des Egyptiers ſteht in meiner Gewalt; wie hoch wird er es anſchlagen?“— Indem er ſo mit ſich ſelbſt ſprach, ging er durch den offenen Hof in das Periſtyl, wo hier und da noch eine Lampe brannte; und plotzlich trat ihm Arbaces aus einem der Zimmer, die ſich auf den Säulengang oͤffneten, entgegen. „Ho, Kalenus, ſuchſt Du mich?“— ſagte der Egyptier, und es war einige Verlegenheit in ſeinem Benehmen zu bemerken. „Ja, weiſer Arbaces, ich hoffe, mein Beſuch kommt nicht ungelegen?“— „Nein, ſo eben noch nieſete mein Freigelaſſe⸗ ner Kallias dreimal, indem er mir zur rechten Seite ſtand— ich wußte daher, daß mir ein Gluͤck be⸗ vorſtehe, und ſieh! die Goͤtter haben mir den Kale⸗ nus geſandt.“ „Wollen wir nicht in Dein Zimmer treten, Ar⸗ baces?“ „Wie es Dir beliebt— aber die Nacht iſt milde und erquickend, ich fühle immer noch einige Schwaͤche von meiner letzten Krankheit in den Gliedern— die Luft erfriſcht mich— laß uns in den Garten gehn — wir ſind dort auch allein.“ „Sehr gern,“— erwiederte der Prieſter, und die beiden Freunde ſpazierten langſam auf einer 5 Terraſſe umher, die, mit marmornen Blumen⸗Vaſen beſetzt, ſich in dem Garten erhob. „Es iſt eine herrliche Nacht,“ ſagte Arbaces, „ſo ſchon und heiter, als jene, in der ich vor 20 Jahren zum erſtenmal die Geſtade Italiens er⸗ plickte.— Mein Kalenus, ich werde älter, aber ich will das Leben noch ſo gut genießen, als ich kann.“ „Du darfſt Dich deſſen wohl ruhmen,“ ſagte Kalenus, der nur eine Gelegenheit ſuchte, um das Geheimniß mitzutheilen, welches ſchwer auf ihn lag, der aber zugleich an jenem Abend eine noch großere Scheu, als gewoͤhnlich, vor dem Arbaces fuhlte, weil ſie durch ſeinen freundlich herablaſſenden Ton nur vermehrt wurde.—„Du darfſt Dich deſſen wohl ruhmen. Du haſt unermeßliche Reich⸗ thuͤmer, eine unerſchutterliche Geſundheit!— Du erfreueſt Dich einer glucklichen Liebe,— unerſchöpf⸗ licher Genuͤſſe, und in dieſem Augenblick biſt Du ſelbſt des Sieges uͤber Deinen gefährlichſten Feind ſicher.— „Du meinſt den Athenienſer?— Ja, morgen wird er wohl zum Tode verurtheilt werden. Der Senat laͤßt nicht nach.— Aber Du irrſt, wenn Du ihn fur meinen Feind hältſt; ſein Tod gewährt mir keinen andern Vortheil, als daß er mich von einem Nebenbuhler befreit. Ich fuhle weiter keinen Haß gegen jenen ungluͤcklichen Moͤrder.“ 6 „Mörder!“— wiederholte Kalenus mit einem beſondern Nachdruck, und heftete dabei ſeine Blicke feſt auf den Arbaces. Die Sterne beſchienen das bleiche Antlitz ihres Propheten; es war aber keine Veränderung in demſelben wahrzunehmen. Kalenus wendete ſich beſchämt ab, und fuhr ſchnell fort: „Mord! es ſchadet nichts, daß man ihm dieſes Ver⸗ brechen aufbürdet, aber Du weißt von allen Men⸗ ſchen am Beſten, daß er unſchuldig iſt.“— „Erklare Dich deutlicher,“— ſagte Arbaces mit Giter Ruhe, denn er war bereits vorbereitet auf das, was er ſchon geahnet hatte. „Arbaces,“ erwiederte Kalenus mit leiſer Stim⸗ me,„ich war in dem heiligen Hain, verſteckt in dem Gebüſch, welches die Kapelle umgibt. Ich hörte und ſah Alles, was vorfiel. Ich ſah, wie Du die Bruſt des Apaecides durchbohrteſt. Ich tadle nicht die That— ſie vernichtete einen Feind und einen Abtruͤnnigen.“ „Du ſahſt Alles!“ erwiederte Arbaces trocken— ich dachte mir es— Du warſt allein?“— „Allein?“— erwiederte Kalenus, erſtaunt über die Kaltblutigkeit des Egyptiers. „Und weshalb hatteſt Du Dich in jener Stunde dort verſteckt?“— „Weil ich gehört hatte, daß Apaecides zum chriſtlichen Glauben ubergetreten ſei— weil ich wußte, daß er dort mit dem wilden Olinthus zu⸗ 7 ſammentreffen wuͤrde, um Plane zu verabreden, wie ſie die heiligen Geheimniſſe unſerer Göttin dem Volke verrathen wollten— und ich war dort, um ihre Abſicht vereiteln zu können.“— „Haſt Du irgend Jemand ſchon mitgetheilt, was Du dort ſahſt?“ „Nein, mein Gebieter; das Geheimniß ruht noch verſchloſſen in der Bruſt Deines Dieners.“ „Wie, ſelbſt Dein Verwandter Burbo weiß es nicht?— Sei aufrichtig!“ „Bei den Göttern 1— „O, wir kennen uns, was ſind uns die Goͤtter?“ „Nun denn, bei der Furcht vor Deiner Rache! — er weiß es nicht!“— „und aus welchem Grunde haſt Du bisher die⸗ ſes Geheitmiß vor mir verborgen? Weshalb haſt Du gewartet, bis das Todesurtheil des Athenienſers vevorſteht, ehe Du mir ſagſt, daß Arbaces ein Mor⸗ der iſt? und da Du ſo lange gezoͤgert, warum ex⸗ zaͤhlſt Du mir es jetzt?“— „Weil— weil“— ſtammelte Kalenus, verwirrt und erbleichend. „Weil,“ erwiederte Arbaces mit einem freundli⸗ chen Lächeln, und indem er dem Prieſter vertraulich auf die Schulter klopfte,—„ weil— mein Kalé⸗ nus— ſprich! ich will jetzt in Deinem Herzen le⸗ ſen, und Dir die Beweggruͤnde Deines Benehmens erklären— weil Du mich erſt gaͤnzlich wollteſt in die Unterſuchung mit verwickeln laſſen, ſo daß mir kein Ausweg mehr bliebe— damit dann nicht allein der Mord, ſondern auch Meineid und Bosheit mir nach⸗ gewieſen werden könne— damit, wenn ich den Blut⸗ durſt des Volkes angeregt, weder Reichthum, noch Macht mich zu retten vermöchten, ſelbſt das chlacht⸗ opfer zu werden;— und Du theilſt mir Dein Ge⸗ heimniß jetzt mit, bevor das Verhoͤr geſchloſſen, und der Unſchuldige verurtheilt iſt, um mir zu beweiſen, welch' ein ſchändliches Gewebe Du morgen mit einem Wort zerſtören koͤnneſt;— um in dieſer, der neunten Stunde, uͤber den Preis Deiner Verſchwiegenheit mit mir zu markten, um mir begreiflich zu machen, daß meine geheimen Bemuͤhungen, die Volkswuth aufzuregen, durch Dein Zeugniß um ſo ſchrecklicher auf mich ſelbſt zurückfallen würden; und daß der Rachen des Löwen, wenn auch nicht fuͤr den Glau⸗ kus, doch fuͤr mich geoffnet ſein werde!— Iſt es nicht ſo?“— „Arbaces,“ entgegnete Kalenus, dem alle Kuͤhn⸗ heit ſeines Charakters entwichen war,„Du biſt ein Zauberer, Du lieſeſt in den Herzen der Men⸗ ſchen!“— „Es iſt mein Beruf!“— antwortete der Egyp⸗ tier freundlich lächelnd.—„Nun, ſo ſchweige,. und wenn Alles vorüber iſt, will ich Dich reich machen.“ „Entſchuldige,“— ſagte der Prieſter, als der 9 Geiz, ſeine Hauptleidenſchaft, ihm ſchnell zufluͤſterte, er moͤge von dem Verſprechen einer noch zu erwar⸗ tenden Großmuth ſich nicht abhaͤngig machen— „Entſchuldige— Du haſt Recht— wir beide ken⸗ nen uns. Wenn Du willſt, daß ich ſchweigen ſoll,⸗ ſo mußt mir etwas voraus bezahlen, als ein dem Harpokrates*) dargebrachtes Opfer. Wenn die Roſe, jenes ſuͤße Bild der Verſchwiegenheit, feſt wurzeln ſoll, ſo mußt Du noch in dieſer Nacht ſie mit einem goldnen Strom bewäſſern.“— „Wie witzig und poetiſch!“ erwiederte Arbaces, noch immer in jenem ſuͤßen Tone, der ſeinen gieri⸗ gen Genoſſen, ſtatt daß er ihn beruhigte und ermu⸗ thigte, hätte beängſtigen und abſchrecken ſollen.— „Willſt Du nicht bis morgen warten?“— „Wozu dieſer Aufſchub? Wenn ich mein Zeugniß nicht mehr geben kann, ohne den Vorwurf hoͤren zu muͤſſen, warum es nicht geſchehen ſei, ehe der un⸗ ſchuldige Mann verurtheilt worden, ſo wuͤrdeſt Du vielleicht meine Forderung zuruͤckweiſen; und Dein jetziges Zogern iſt in der That eine boͤſe Vorbedeu⸗ tung fuͤr Deine Großmuth in der Zukunft.“ „Nun wohl, Kalenus, was ſoll ich Dir be⸗ zahlen?“— „Dein Leben iſt ſehr koſtbar, und Dein Reich⸗ thum iſt ſehr groß,“ erwiederte der Prieſter grinſend. *) Der Gott des Stillſchweigens. 10 „Witzig und immer witziger— aber ſprich; nenne mir die Summe!“— „Arbaces, ich habe gehoͤrt, daß Du in Deiner geheimen Schatzkammer, unter jenen feſten oskiſchen Gewoͤlben, auf denen dieſes ſtattliche Gebäude ruht, ganze Haufen Goldes und koſtbare Vaſen und Edel⸗ ſteine haſt, welche faſt mit den glaͤnzenden Schätzen des Nero es aufnehmen können. Du kannſt genug davon entbehren, ohne daß es Dir fuͤhlbar wuͤrde, um Kalenus zu dem reichſten Prieſter Pompejis zu machen.“— „Komm, Kalenus,“ ſagte Arbaces, mit einneh⸗ mendem, ſcheinbar aufrichtigem Weſen,„Du biſt ein alter Freund, und warſt mir immer ein treuer Diener. Du kannſt nicht beabſichtigen, mein n in Gefahr zu bringen, ſo wenig, als ich geſonnen ſein kann, Dir Deine Belohnung zu verkuͤrzen; Du ſollſt mit mir in jene Schatzkammer gehen; Du ſollſt Deine Augen weiden an dem Glanz ungezähl⸗ ter Goldſtuͤcke und unſchätzbarer Edelſteine; und ich will Dir als Belohnung geſtatten, heute Nacht ſo viel mitzunehmen, als Du unter Deinem Gewande verbergen kannſt.— Wenn Du nur einmal geſehen haſt, wie reich Dein Freund iſt, ſo wirſt Du Dich uͤberzeugen, wie thöricht es wére, einen Mann zu beleidigen, den Fortuna ſo begünſtigt hat. Wenn Glaukus nicht mehr lebt, ſollſt Du der Schatzkam⸗ — 11 mer noch einen Beſuch machen. Handle ich nicht aufrichtig und als Freund?“— „O, groͤßter, beſter der Menſchen,“ ſprach Ka⸗ lenus, indem er vor Freude faſt weinte.„Kannſt Du ſo meine beleidigenden Zweifel uͤber Deine Ge⸗ rechtigkeit, Deine Großmuth vergelten?“ „Stille— wir wollen ſogleich in die oskiſchen Gewoͤlbe hinabſteigen.“ Zwülftes Rapitel. fragt das Orakel.— Wer ſich ſelbſt ver⸗ können ſelbſt die Blinden täuſchen.— Es in einer Nacht zwei neue Gefangene gemacht. Erwartungsvoll ſah Nydia der Ankunft des nicht weniger ungeduldigen Soſia entgegen. Nachdem er ſeinen Muth durch ein beſſeres Getränk, als das, welches er dem Dämon hingeſetzt, geſtärkt hatte, be⸗ gab er ſich in das Zimmer des blinden Mädchens. „Gut, Soſia,— biſt Du vorbereitet,— haſt 5 Du das Gefäß mit reinem Waſſer?“— „Ja, aber ich zittre etwas; es iſt doch gewiß, daß ich den Dämon nicht ſehn werde?— Ich habe gehoͤrt, daß dieſe Herrn weder ſchon ſind, noch ſich durch ein beſonders höfliches Benehmen aus⸗ zeichnen.“ „Beruhige Dich!— haſt auch die Garten⸗ thuͤr offen gelaſſen?“ „Ja, auch habe ich dort einen kleinen Tiſch mit huͤbſchen Nuͤſſen und Vpfeln hingeſtellt.“ „Das iſt gut, und die Thuͤre iſt jetzt offen, daß der Daämon hinein kann?“— „Gewiß.“ „Nun, ſo oͤffne denn auch dieſe Thuͤre, und laſſe ſie weit offen ſtehen. Und jetzt, Soſia, gib mir Deine Lampe.“ „Du willſt ſie doch nicht auslöſche „Nein, aber ich muß einen Zaub Strahl ſprechen; denn in dem Feuer Setze Dich!“ Der Sklave rnte und nachdem Nydia ſich einige Augenblicke ſchweigend uͤber die Lampe geneigt ſang ſie mit leiſer Stimme folgenden Zauberſpruch an denGeiſt der Luft. Geiſt der unſichtbaren Luft, Horch! Theſſaliens Tochter ruft!— Wir, die am Olymp geboren, Sind zum Zaubern auserkoren, Und den Mond vom Himmel zieht Unſer Spruch und unſer Lied.— Alles, was der Perſer kannte, Was Egypten Weisheit nannte, 13 Was der Magier erdacht, Alles ſteht in unſrer Macht. Geiſt der unſichtbaren Luft, Horch! das blinde Maͤdchen ruft!— Bei Erychthons Kunſt, die Tod Auf zu neuem Leben bot,— Bei Ithaka's weiſem Koͤnig, Dem die Quelle unterthänig, Daß ſie ſchnell, auf ſein Gebot Bilder aus der Zukunft bot.— Geiſt der unſichtbaren Luft, Eine, die Dich preiſet, ruft! Hauche in des Waſſers Flaͤche, Daß der Zauber aus ihm ſpreche. Komm, o komm! Und Du ſollſt geprieſen ſein, Mehr, als die in Paphos Hain,— Mehr als der das Licht uns ſpendet, Mehr als die die Nacht uns ſendet, Mehr ſelbſt, als des Donn'rers Macht Sei Dir Preis und Ruhm gebracht. Komm, o komm!— * „Das geſpenſ t gewiß ſchon,“ ſagte So⸗ ſia,„ich fuͤhle as an meinen Haaren herab⸗ gleiten!“— „Setze das Gefaͤß mit Waſſer auf den Boden. Jetzt gib mir ein Tuch, daß ich Dir die Augen ver⸗ binde.“ „Ah, das iſt bei ſolchen Zaubereien immer ge⸗ bräuchlich. Aber nicht ſo feſt!“— 14 „So— Du kannſt doch nichts mehr ſehn?“— „Sehn?— nein, bei'm Jupiter, nichts als Finſterniß.“— „Richte jetzt die Frage, die Du thun willſt, drei⸗ mal in leiſe fluͤſterndem Tone an den Geiſt. Wenn die Antwort bejahend ausfällt, ſo wirſt Du das Waſſer brauſen und ſprudeln horen, wenn aber das Waſſer ſtille bleibt, ſo bedeutet dies eine verneinende Antwort.“ „Aber Du wirſt doch nicht mit dem Waſſer ir⸗ gend ein Kunſtſtuͤck machen?“— „Ich will das Gefäß unter Deine Fuͤße ſtellen — ſo. Jetzt kann ich es ohne Dein Wiſſen nicht beruͤhren.“ „Ja, das iſt gut.— Jetzt, o Bacchus, ſtehe mir bei! Du weißt, daß ich Dich immer mehr ver⸗ ehrt habe, als alle andern Goͤtter, und ich will Dir jenen ſilbernen Becher widmen, den ich im vorigen Jahre dem dicken carptor(Kellner) entwendet habe, wenn Du bei dieſem, das Waſſer liebenden Geiſt ein gutes Wort für mich einlegen willſt. und Du, o Geiſt, ſchenke mir Gehör!— Werde ich mir im kuͤnftigen Jahre meine Freiheit erkaufen können?— Du weißt—, denn da Du in der Luft lebſt, ſo haben Dich ohne Zweifel die Vögel*) mit jedem Ge⸗ *) Man glaubte von den Vögeln, daß ſie alle Geheimniſſe wuͤßten. Derſelbe Aberglaube herrſcht noch 15 heimniß dieſes Hauſes bekannt gemacht;— Du weißt, daß ich ſeit den drei letzten Jahren Alles ge⸗ ſtohlen habe, was mir unter die Finger kam, wenn der Diebſtahl nicht fuͤglich entdeckt werden konnte, und doch fehlen mir noch 2000 Seſterzien an der vollen Summe. Wird es mir moͤglich ſein, o guter Geiſt! das Fehlende im Laufe dieſes Jahres zu er⸗ gänzen? Sprich! Ah, ſprudelt das Waſſer?— Nein, Alles iſt ſtill wie ein Grab.— Gut— wenn nicht in dieſem Jahr, dann doch in zwei Jahren?— Ah, ich hoͤre etwas, jetzt kratzt der Dämon ſchon an der Thuͤre, er wird gleich eintreten. In zwei Jahren— das iſt eine gute Zeit. Was, läßt ſich noch nichts hoͤren?— Nun, drittehalb Jahre, drei, vier?— Du biſt aber ſehr ſtumm, Freund Dämon; man ſieht wohl, daß Du kein Mädchen biſt, ſonſt wuͤrdeſt Du nicht ſo lange ſchweigen. Funf— ſechs— ſechszig Jahre?— Jetzt frage ich aber, bei'm Pluto! nicht mehr.“— In ſeiner Wuth ſtieß Soſia das Gefäß um, daß ihm das Waſſer über die Füße floß. Darauf machte er ſich mit vieler Muͤhe aus dem Tuche los, in das ſein Kopf ganz eingehuͤllt war— und als er die Augen jetzt aufſchlug, ſah er, daß er im Dunkeln war. im Morgenlande, und kommt auch mitunter in unſern nordiſchen Sagen vor. 16 „Was, ho, Nydia! die Lampe iſt ausgegangen. Ah, Verrätherin, und Du biſt auch gegangen; aber ich will Dich ſchon wieder finden— Du ſollſt mir dafuͤr buͤßen!“— Der Sklave tappte nach der Thuͤre zuz ſie war von außen verriegelt; er war jetzt eingeſperrt, ſtatt der Nydia. Was ſollte er aber anfangen?— Er wagte es nicht, laut zu klopfen oder zu rufen, weil er beſorgte, Arbaces werde ihn hoͤren, und entdecken, wie er üͤberliſtet worden ſei; und Nydia hatte wahr⸗ ſcheinlich jetzt ſchon die Gartenthuͤre erreicht, und war auf der Flucht. „Aber,“ dachte er,„ſie wird nach Hauſe gehn, oder irgendwo in der Stadt aufzufinden ſein. Morgen bei Tagesanbruch, wenn die Sklaven im Periſtyl an der Arbeit ſind, konnen ſie mich hoͤren, und dann kann ich auch das ſchlaue Mädchen wieder einfan⸗ gen! Ich werde ſie ſchon finden, bevor Arbaces ein Wort von der Geſchichte erfährt. Ah, das iſt der beſte Plan. Kleine Verrätherin, ich will Dich ſchon beſtrafen;— und mir blos Waſſer hier zuruͤck zu laſſen; wäre es Wein, ſo haͤtte ich doch noch eini⸗ gen Troſt.“— Während der betrogene Soſia ſein Schickſal be⸗ klagte, und ſeine Pläne machte, wie er ſich der Ny⸗ dia wieder bemächtigen koͤnne, hatte die Theſſalierin mit jener merkwuͤrdigen Gewandtheit, die den Blin⸗ den eigen iſt, ſich durch das Periſtyl geſchlichen, den 17 ſchmalen Gang gefunden, der in den Garten fuͤhrte, und war eben, mit klopfendem Herzen, im Begriff, nach der Thuͤre zu gehen, die in's Freie ging, als ſie plotzlich Schritte und die gefuͤrchtete Stimme des Arbaces hoͤrte. Sie beſann ſich einen Augenblick, dann fiel ihr ein, daß noch ein anderer Ausgang vorhanden ſei, der jedoch ſelten benutzt werde, außer von den ſchoͤnen Theilnehmerinnen an den geheimen Feſten des Egyptiers. Vielleicht konnte zufällig jene Thuͤre offen ſein. Bei dieſem Gedanken zog ſie ſich ſchnell wieder zuruͤck, ſtieg die ſchmalen Stufen zur rechten Seite hinab, und befand ſich bald in dem Gange, der nach jener Thuͤre fuͤhrte. Ach, ſie war verſchloſſen, und während ſie ſich noch davon uber⸗ zeugte, hoͤrte ſie hinter ſich die Stimme des Kale⸗ nus, und kurz darauf die des Arbaces. Sie konnte nicht bleiben, wo ſie ſtand, denn wahrſcheinlich be⸗ abſichtigten die Beiden, denſelben Weg zu nehmen. Sie trat zur Seite, und fuͤhlte, daß hier eine Treppe hinabfuͤhre. Sie ſtieg hinab.— Die Luft unten war dumpf und kalt; dieſes beruhigte ſie. Sie glaubte, ſie ſei in den Keller, oder wenigſtens an irgend einen einſamen Ort gerathen, den der ſtolze Beſitzer des Hauſes ſchwerlich beſuchen werde, als ſie ſchon wieder Schritte und Stimmen hörte. Sie drang weiter vor, indem ſie die Hände ausſtreckte, mit denen ſie oft dicke, maſſive Pfeiler beruͤhrte. Mit einer durch die Furcht verdoppelten Vorſicht Bulwer's Werke. Taſchenausg. IV. 2 18 ſetzte ſie ihren Weg fort; die Luft wurde immer dumpfer, aber wenn ſie dann und wann anhielt, um Athem zu ſchopfen, hoͤrte ſie immer noch Schritte und leiſe Tone in einiger Entfernung hinter ſich. Endlich ſtieß ſie an eine Mauer, ſo daß ſie nicht weiter konnte. War hier nicht irgend ein Verſteck, wo ſie ſich verbergen konnte? Keine Vertiefung?— Keine Offnung?— Sie fand keine— Verzweifelnd rang ſie die Haͤnde.— Als die Stimmen ſich ihr aber immer mehr naͤherten, ſchlich ſie längs der Mauer fort, plötzlich aber ſtieß ſie ſich an einem der ſcharfen Strebepfeiler, die hier und da vortraten, und fiel auf den Boden. Obgleich ſie ſich ſehr ver⸗ letzt hatte, ſo verließ ſie doch das Bewußtſein nicht. Sie ſtieß keinen Schrei aus, ſie freute ſich ſogar uͤber den Zufall, der ihr wenigſtens irgend einen Verſteck gewährte, und indem ſie ſich dicht in die, durch den Pfeiler gebildete Ecke druͤckte, ſo daß ſie wenigſtens von der einen Seite nicht geſehen werden konnte, zog ſie ihre ſchlanke Geſtalt auf den moͤg⸗ lichſt kleinſten Raum zuſammen, und ſah athemlos ihrem Schickſal entgegen. Arbaces und der Prieſter nahmen inzwiſchen ih⸗ ren Weg nach der Kammer, deren Schätze der Egyptier ſo glänzend beſchrieben hatte. Sie befan⸗ den ſich in einer geräumigen unterirdiſchen Halle; das niedrige Gewolbe wurde durch kurze, dicke Pfei⸗ ler von einer ſehr alten Bauart, die von der grie⸗ 2 19 chiſchen Anmuth jener Zeit bedeutend entfernt war, unterſtutzt. Die truͤbe brennende Lampe, welche Ar⸗ baces trug, warf nur einen ſchwachen Strahl uͤber die kahlen Wände, in denen die unbehauenen Steine unregelmäßig uͤber einander gelegt waren. Die krie⸗ chenden Bewohner dieſer Räume ſtarrten die ſeltenen Gäſte befremdet an, und zogen ſich ſcheu in ihre Hoͤhlen zuruͤck. Kalenus ſchauderte, als er ſich umſah, und die dumpfe, ungeſunde Luft einathmete. „Und doch,“ ſagte Arbaces lächelnd, indem er ſeine Engſtlichkeit bemerkte,„ſind es dieſe unheim⸗ lichen Gewoͤlbe, denen die glaͤnzenden Hallen dort oben alle ihre Koſtbarkeiten zu verdanken haben. Sie ſind, wie die Arbeiter in der menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft, wir verachten ihre Rohheit, und doch kann der Stolz, der ſich von ihnen wendet, ohne ſie nicht beſtehn.“ „Uund wohin fuͤhrt jener dunkle Gang links?“— fragte Kalenus;„er ſcheint tief in die Erde zu gehn, als wenn er ſich in den Hades wände.“ „Im Gegentheil, er fuͤhrt in die Oberwelt,“ erwiederte Arbaces unbefangen;„wir muͤſſen unſere Schatzkammer rechter Hand ſuchen.“ Dieſe Halle verzweigte ſich, ſo wie viele in den bewohnteren Theilen Pompeji's, in zwei Fluͤgel oder Gange, deren nicht bedeutende Länge durch die Fin⸗ ſterniß und die dumpfe Luft, mit welcher die Strah⸗ 2 len der Lampe kaämpften, ausgedehnter zu ſein ſchie⸗ nen, als ſie wirklich waren. Die beiden Genoſſen wendeten ſich jetzt zu demjenigen dieſer alae, welcher zur rechten Seite lag. „Der muntre Glaukus wird morgen in einem noch feuchteren und engern Raume liegen, als in dieſem,“ ſagte Kalenus, als ſie dicht an der Stelle vorbeikamen, wo der duukle Schatten des weit vor⸗ ſpringenden Pfeilers die Theſſalierin verbarg. „Aber einen deſto trockneren und groͤßeren Raum wird er den Tag darauf in der Arena haben. und wenn ich bedenke,“ fuhr der Egyptier langſam und gedehnt fort,„daß ein Wort von Dir ihn retten, und den Arbaces an ſeine Stelle bringen konnte!“ „Das Wort wird nie geſprochen werden,“— ſagte Kalenus. „Recht, mein Kalenus, es ſoll nie geſprochen werden,“ entgegnete Arbaces, indem er ſeinen Arm vertraulich an die Schulter des Prieſters lehntes— „und jetzt ſind wir an der Thuͤre.“ Die Lampe beſchien eine kleine, tief in der Mauer befindliche, mit eiſernen Reifen und großen Riegeln ſtark beſchlagene Thuͤre. Arbaces zog jetzt aus ſei⸗ nem Guͤrtel einen kleinen Ring, an dem drei oder vier kurze, aber ſtarke Schluͤſſel befeſtigt waren. O, wie ſchlug das Herz des Kalenus vor Erwar⸗ tung und Habſucht, als die roſtigen Riegel zuruͤck⸗ geſchoben wurden. — 21¹ „Trete ein, mein Freund,“ ſagte Arbaces,„ich werde die Lampe in die Höhe halten, daß Du Deine Augen an dem Glanze weiden kannſt, der Dir ent⸗ gegenſtrahlen wird.“— Der ungeduldige Kalenus ließ ſich nicht zweimal einladen, und eilte auf die Offnung zu. Kaum hatte er die Schwelle betreten, als die kräftige Fauſt des Arbaces ihn vorwärts ſtieß. „Das Wort wird nie geſprochen wer⸗ den!“ ſagte er, mit lautem frohlockendem Gelaͤch⸗ ter, und verſchloß ſchnell die Thuͤre hinter dem Prieſter. Kalenus war mehrere Stufen hinabgeſtuͤrzt, da er jedoch die durch ſeinen Fall veranlaßten Ver⸗ letzungen im erſten Augenblick nicht fuͤhlte, ſo ſprang er wieder auf, und gegen die Thuͤre zu, ſchlug mit geballter Fauſt an dieſelbe, und bruͤllte mit einer mehr thieriſchen, als menſchlichen Stimme, ſo fuͤrch⸗ terlich war ſeine Verzweiflung. „O, erloſe mich,— laſſe mich frei,“ ſagte erz „ich will ja kein Gold haben.“ Die Worte drangen nur unvollkommen durch die feſte Thuͤre, und Arbaces ſchlug wieder ein lautes Gelaͤchter auf. Darauf ſtampfte er, endlich ſeinen ſo lange zuruͤckgedraͤngten Leidenſchaften einen Aus⸗ bruch vergonnend, heftig mit dem Fuß. „Alles Gold Dalmatiens,“ ſagte er,„wird Dir jetzt kein Stuͤck trocknen Brodes erkaufen kon⸗ 22 nen. Verhungere, Elender! Dein Sterbegewinſel wird durch dieſe dichten Mauern nicht dringen. Auch wird die Luft es nie verrathen,— wenn Du hier in Deinem verzweifelten Hunger Dir das eigne Fleiſch von den Gebeinen nagſt,— daß ſo der Mann umgekommen iſt, der dem Arbaces gefährlich war, und ihm zu drohen wagte!— Lebewohl!“— „O, Mitleiden!— Gnade!— Unmenſchlicher Boͤſewicht!— Iſt das der Dank?“— Arbaces hoͤrte nichts weiter, da er bereits auf dem Ruͤckwege war. Eine häßliche Kröte lag un⸗ beholfen zu ſeinen Fuͤßen; die Strahlen der Lampe fielen auf ihre Mißgeſtalt und auf ihr ſtarres, glä⸗ ſernes Auge. Arbaces trat auf die Seite, um das Thier nicht zu beſchädigen. „Du biſt eine ſcheußliche Kreatur,“ ſagte er, „aber Du kannſt mich nicht beleidigen, deshalb liegſt Du ſicher auf meinem Pfade.“ Das durch die dichte Thuͤre gedämpfte Geſchrei des Kalenus tönte ſchwach und dumpf in die Ohren des Egyptiers. Er blieb ſtehn und horchte auf⸗ merkſam. 8 „Das iſt nicht gut,“ dachte er,„denn ich kann nicht ruhig ſein, bis jene Stimme fuͤr immer vex⸗ ſtummt iſt. Meine Schätze und Reichthüͤmer liegen zwar nicht dort, aber in dem andern Flugel. Meine Sklaven duͤrfen, wenn ſie dieſelben fortbringen, ſeine Stimme nicht hoͤren. Aber iſt dies zu beſorgen?— 1 23 Wenn er in drei Tagen noch lebt, ſo iſt, bei mei⸗ nes Vaters Bart, ſeine Stimme ſo ſchwach, daß ſie kaum wird in ſeinem Grabe vernehmbar ſein. Bei der Iſis, es iſt kalt!— ich ſehne mich nach einem tuͤchtigen Trunk gewuͤrzten Falerners.“ Der gewiſſenloſe Egyptier zog jetzt ſein Gewand dichter um ſich, und eilte fort aus dieſen unheim⸗ lichen Raͤumen Dreizehntes Rapitel. Nydia ſpricht mit dem Kalenus. Welche ſchreckliche, doch zugleich welche für ſie ſo hoffnungsreiche Worte hatte Nydia gehört! Am näch⸗ ſten Tage ſollte Glaukus verurtheilt werdenz aber es lebte ein Mann, der ihn retten, und auf den Arbaces in Loos uͤbertragen konnte, und dieſer Mann athmete nur einige Schritte von ihr!— Sie hoͤrte ſein Geſchrei und ſein Wuͤthen, ſeine Fluͤche und ſeine Bitten, wenn auch nur gedämpft und ge⸗ brochen. Er war eingeſperrt, doch ſie wußte woz — konnte ſie nur entrinnen und den Prätor auf⸗ ſuchen, ſo war es möglich, den Athenienſer durch acnthh9e 24 ſeine Ausſagen noch zu retten. Ihre Gefuhle über⸗ waltigten ſie faſt; aber ſie ſammelte alle ihre Kraͤfte, um ihr Bewußtſein zu behaupten, und nachdem ſie einige Minuten aufmerkſam gehorcht hatte, bis ſie uͤberzeugt war, daß Arbaces fort ſei, ſchlich ſie den Tönen, die aus jener ſchrecklichen Kammer hervor⸗ drangen, nach, bis ſie die Thüre erreicht har. Hier hoͤrte ſie deutlicher jene Ausbruche der Wuth und der Verzweiflung. Dreimal verſuchte ſie ver⸗ geblich, durch die dicke Thuͤre ſich verſtaͤndlich zu machen. Endlich fand ſie das Schluͤſſelloch, druckte ihre Lippen an daſſelbe, und der Gefangene hoͤrte durch eine ſanfte Stimme deutlich ſeinen Namen rufen. Sein Blut erſtarrte, ſeine Haare ſtraubten ſich empor. Welches geheimnißvolle und uͤbernatuͤrliche Weſen konnte dieſe furchtbare Einſamkeit beleben?— „Wer iſt da?“— rief er,„welches Geſpenſt, welche Larva ruft den unglücklichen Kalenus?“— Prieſter,“ erwiederte die Theſſalierin,„ich war durch den Rathſchluß der Götter, ohne daß Arbaces es wußte, ein Zeuge ſeiner Schaͤndlichkeit. Wenn es mir gelingt, von hier zu entkinnen, ſo kann ich auch Dich retten. Aber antworte mir durch dieſe Offnung auf meine Fragen.“ „Ah, geſegnet ſei'ſt Du,“ ſagte der Prieſter, „rette mich, und ich will gern ſelbſt die Gefäße auf dem Altar verkaufen, um dieſen Dienſt zu belohnen.“ „Ich bedarf nicht Deines Geldes, ſondern nur — 25 Deines Geheimniſſes.— Hoͤrte ich recht?— Kannſt Du dem Athenienſer Glaukus das Leben retten?“— „Ich kann— ich kann— deshalb hat Arbaces mich eingeſperrt und dem Hungertode uͤbergeben. Moͤgen die Furien den verruchten Egyptier dafuͤr beſtrafen!“— „Man beſchuldigt den Athenienſer eines Mordesz kannſt Du dieſe Anklage widerlegen?“— „Erloͤſe mich nur, und das ſtolzeſte Haupt in Pompeji iſt nicht freier, als das ſeinige. Ich ſah die That vollbringen durch den Arbaces; ich kann den wahren Moͤrder uberführen, und den Unſchuldi⸗ gen retten. Wenn ich aber untergehe, ſo muß auch er ſterben. Fuͤhlſt Du Theilnahme füͤr ihn?— Mein Herz trägt die urne, welche ihn verurtheilt, oder befreit!“ „Und Du willſt oͤffentliches Zeugniß von Allem ablegen, was Du weißt?“— „Ob ich will?— und wenn die Qualen der Unterwelt mir drohten!— Rache gegen den fal⸗ ſchen Egyptier— Rache! Rache!“— Nydia fühlte, als Kalenus dieſe Worte zwiſchen den Zähnen knirſchte, daß die Gewißheit der Ret⸗ tung des Athenienſers durch die heftigſten Leiden⸗ ſchaften des Prieſters geſichert ſei.— Ihr Herz klopf⸗ tez ſollte es ihr vergonnt ſein, oder nicht, ihren An⸗ gebeteten zu retten?—„Die Maächte, die mich bis hierher leiteten,“ ſagte ſie,„werden mich auch ferner 26 ſchutzen. Ja, ich hoffe, daß ich Dich retten werde. Beruhige Dich und faſſe Muth!“— „Aber ſei vorſichtig! Verſuche es nicht, das menſchliche Gefuͤhl des Arbaces in Anſpruch zu neh⸗ men; ſein Herz iſt von Marmor. Suche den Praͤ⸗ tor auf, theile ihm mit, was Du weißt; bitte ihn, daß er Soldaten und Schmiede hierher ſchicke, dieſe Schlöſſer ſind wunderbar feſt.— Die Zeit entrinnt — ich kann verhungern, wenn Du nicht eilſt!— Geh! geh!— nein, bleibe! es iſt ſchrecklich, hier allein zu ſein, die Luft iſt verpeſtet, und die Skor⸗ pionen,— ha! und die bleichen Larvae! O, bleibe, bleibe!“— „Nein,“ ſagte Nydia,„Deinethalb muß ich fort— faſſe Hoffnung und Muth. Lebewohl!“ Sie ſchlich ſich jetzt fort, und tappte mit ausge⸗ ſtreckten Armen an den Pfeilern umher, bis ſie das Ende der Halle gefunden hatte, und in den Gang gelangt war, der nach oben fuͤhrte. Hier verweilte ſie jedoch; es ſchien ihr ſicherer, ſo lange zu warten, bis vorauszuſehen ſei, daß im Hauſe Alles im tie⸗ fen Schlafe liege, und ſie durch Niemand mehr be⸗ obachtet werden koͤnne. Sie ſetzte ſich daher auf eine Stufe der Treppe.— In ihrem Herzen war jetzt Freude das vorherſchende Gefuͤhl.— Glau⸗ kus war in Lebensgefahr— aber ſie konnte ihn retten! Pierzehntes Bapttel. Arbaces und Jone— Nydia tritt wieder in den Garten. — Wird ſie entfliehen und den Athenienſer retten? Als Arbaces ſich durch jenen, bei den Schwelgern damaliger Zeit ſo beliebten gewuͤrzten Wein wieder erwaͤrmt und geſtaͤrkt hatte, fuͤhlte er ſich mehr als gewoͤhnlich heiter und kraͤftig. Der Sieg der Schlau⸗ heit gewaͤhrt ein ſtolzes Selbſtgefuͤhl, wenn auch der Gegenſtand ſelbſt verwerflich iſt. unſere eitle menſch⸗ liche Natur fuͤhlt durch das Bewußtſein uͤberlege⸗ ner Liſt und eines ſelbſt errungenen Erfolges ſich geſchmeichelt— erſt ſpäter tritt die ſchreckliche Nach⸗ wirkung der Reue ein. Es war aber kaum voraus zu ſehen, daß Arbaces jemals Reue über das Schick⸗ ſal des verworfenen Kalenus empfinden werde. Er verbannte bald die Gedanken an die Qualen und den Todeskampf des Prieſters, und freute ſich blos, daß eine große Gefahr vorüber, und ein Feind mehr beſeitigt ſei. Er hatte jetzt nur daran zu denken, 28 wie er das Verſchwinden des Kalenus bei der Prie⸗ ſterſchaft rechtfertigen koͤnne, und dieſes ſchien ihm leicht zu bewerkſtelligen. Kalenus war oft durch ihn nach den benachbarten Staͤdten in religioſen Aufträ⸗ gen geſendet worden. Er konnte jetzt vorgeben, daß er an den Altaͤren der Iſis zu Stabiaͤ und Neapel Suͤhn⸗Opfer fuͤr die Ermordung des Prieſters der Goͤttin, des Apaecides, darbringe. Wenn Kalenus geſtorben war, konnte ſeine Leiche, vor der Abreiſe des Egyptiers von Pompeji, in den tiefen Sarnus geworfen werden, und hätte man ſie entdeckt, ſo wuͤrde der Verdacht wahrſcheinlich auf die Nazare⸗ ner, als ſei er aus Rache wegen des Todes des Olinthus in der Arena, ermordet worden, gefallen ſein. Nachdem er ſchnell dieſe Maßregeln für ſeine eigene Sicherheit uͤberlegt, verbannte Arbaces alle Er⸗ innerung an den ungluͤcklichen Prieſter aus ſeinem Gedächtniß, und beſchäftigte ſich, ermuthigt durch die Erfolge, welche ſeit Kurzem alle ſeine Unternehmun⸗ gen gekroͤnt hatten, ganz mit ſeinen Plänen in Be⸗ ziehung auf Jonen. In der letzten Zeit, da er ſie geſehen, hatte ſie ihn durch einen bittern Hohn ge⸗ kraͤnkt, den ſein ſtolzes Weſen nicht erdulden konnte. Er fuͤhlte ſich jetzt ermuthigt, eine Unterredung mit ihr zu erneuern; denn ſeine Leidenſchaft für ſie war wie aͤhnliche Gefuͤhle in andern Menſchen— er ſehnte ſich nach ihrer Nahe, wenn er durch ſie auch gedemuͤthigt und erniedrigt wurde. Aus Ruckſicht 29 fuͤr ihre Trauer, legte er ſein dunkles Gewand nicht ab, rieb aber ſeine ſchwarzen Locken mit Wohlge⸗ ruͤchen ein, und ſo begab er ſich nach dem Zimmer der Neapolitanerin. Er fragte den Sklaven vor ih⸗ rer Thuͤre, ob ſie ſich ſchon niedergelegt habe, und da er hoͤrte, daß dieſes nicht der Fall, und ſie ruhiger und gefaßter, als bisher ſei, trat er ein. Er fand ſeine ſchoͤne Muͤndel vor einem kleinen Tiſche ſitzen, wie ſie nachdenkend den Kopf auf die Arme ſtuͤtzte. Der Ausdruck des Geſichts aber war nicht mehr den ſuͤßen und ſinnigen Zuͤgen der Pſyche ſo aͤhnlich, als fruͤherz; ihre Blicke waren irre und matt, und das lange ſchwarze Haar, welches ungeordnet den Ruͤcken hinabrollte, ließ die Wangen um ſo bleicher erſchei⸗ nen, welche von ihrer anmuthigen Form ſchon etwas eingefallen waren. Arbaces blickte ſie einige Augenblicke an, ehe er auf ſie zu trat. Auch ſie erhob ihre Augen, und als ſie ihn erkannte, wendete ſie dieſelben mit einem Ausdruck des Widerwillens von ihm ab. „O!“ ſagte Arbaces, als er ehrerbietig, ja ſo⸗ gar demuͤthig vor trat, und ſich in einiger Entfer⸗ nung von dem Tiſche niederſetzte.—„O, koͤnnte mein Tod doch Deinen Haß beſiegen, dann wollte ich gern ſterben! Du thuſt mir unrecht, Jone, aber ich will es dulden ohne Klagen; geſtatte mir nur, daß ich Dich bisweilen ſehe. Verachte und demu⸗ thige mich, wenn Du nicht anders kannſtz ich will 30 es zu ertragen ſuchen.— und iſt nicht jeder Ton Deines Mundes, wenn er mich auch verletzen ſollte, ſüßer fuͤr mich, als die kunſtreichſte Muſik? Wenn Du ſchweigſt, ſo erſcheint mir Alles todt und ode, es gibt kein Daſein, kein Leben fuͤr mich ohne die Me⸗ lodie Deiner Stimme.“ „Gib mir meinen Bruder und meinen Geliebten zuruͤck,“ ſagte Jone, in ruhigem und bittendem Tone, und die. rollten ihr dabei aus den xigen. „O, koͤnnte ich den Einen wieder zum Leben er⸗ wecken, und den Andern vom Tode retten,“ erwiederte Arbaces mit ſcheibarer Ruͤhrung.„Ja, um Dich gluͤcklich zu machen, wuͤrde ich meine ungluͤckliche Liebe uͤberwäͤltigen, und Deine Hand in die des Athenienſers legen. Vielleicht kann er der Anklage noch entgehn— Qrbaces hatte Maßregeln getroffen, daß ſie von dem bereits begonnenen Verhoͤr nichts erfahren konnte)— geſchieht dieſes, ſo ſteht es Dir zu, ihn frei zu ſprechen, oder zu verurtheilen. Und glaube nicht, Jone, daß ich Dir länger mit mei⸗ ner Liebe beſchwerlich fallen wuͤrde. Ich weiß, es wäre vergeblich. Geſtatte mir blos, daß ich mit Dir weine— mit Dir traure. Vergib eine über⸗ eilung, die ich tief bereue, und die ich mir nie wie⸗ der werde zu Schulden kommen laſſen. Laß mich Dir wieder blos ſein, was ich Dir einſt war— ei⸗ ** 31 nen Freund, einen Vater, einen Beſchuͤtzer. O, Jo⸗ ne, ſchone mich und verzeihe!“— „Ich vergebe Dir! Rette den Glaukus, und ich will ihm entſagen. O, maͤchtiger Arbaces! Du biſt ſtark im Boöſen, wie im Guten; rette den Athenien⸗ ſer, und die arme Jone will verſprechen, ihn nie⸗ mals wieder zu ſehn.“— Sie erhob ſich jetzt, fiel ihm zu Fuͤßen, und umfaßte ſeine Kniee:„O, wenn Du mich wirklich liebſt— wenn Du menſchlich biſt — gedenke der Aſche meines Vaters— gedenke mei⸗ ner Kindheit— gedenke aller der gluͤcklichen Stun⸗ den, die wir zuſammen verlebten, und rette meinen Glaukus!“— Der Egyptier wurde durch heftige Krämpfe er⸗ griffen; er wendete ſein Geſicht ab, und ſagte mit leiſer, hohler Stimme:„Wenn ich ihn, ſelbſt jetzt noch, retten konnte, ſo wurde ich es thun, aber das roͤmiſche Geſetz iſt ſcharf und ſtrenge. Doch wenn es mir gelingen könnte— wenn ich ihn befreien koͤnnte, wuͤrdeſt Du die Meinige, meine Braut werden?“— „Die Deinige?“— erwiederte Jone, indem ſie aufſtand.—„Deine Braut!— Noch iſt das Blut meines Bruders ungerächt! wer erſchlug ihn? O, Nemeſis! kann ich, ſelbſt fuͤr das Leben des Glau⸗ kus, Deine feierliche Rache erkaufen?— Arbaces— die Deinige?— Nimmer!“— „Jone, Jone!“— ſchrie Arbaces leidenſchaft⸗ 32 uch—„wozu dieſe geheimnißvollen Worte— wes⸗ halb bringſt Du meinen Namen mit dem Tode Dei⸗ nes Bruders in Verbindung?“— „Meine Traͤume ſagen mir es— und die Traͤu⸗ me kommen von den Goͤttern!“— „Leere Spiegelfechtereien!— Willſt Du eines Traumes wegen die unſchuld verkennen, und das einzige Mittel, das Leben Deines Geliebten zu ret⸗ ten, zuruͤckweiſen?“ „Hore mich an!“— ſagte Jone mit feſtem und feierlichem Tone,„wenn Glaukus durch Dich geret⸗ tet wird, ſo will ich nie als eine Braut in ſein Haus getragen werden. Aber ich kann die Abnei⸗ gung gegen jede andere Verbindung nicht überwin⸗ denz ich kann mich mit Dir nicht vermählen!— unterbreche mich nicht, ſondern hoͤre mich an, Arba⸗ ces!— Wenn Glaukus ſtirbt, ſo vereitle ich an demſelben Tage alle Deine Kuͤnſte, und überlaſſe Deiner Liebe blos meinen Staub!— Ja, Du kannſt den Dolch und das Gift mir entziehen, Du kannſt mich einſperren und ſelbſt in Ketten legenz aber der muthige Geiſt, der ſich zu befreien entſchloſſ en iſt, wird immer Mittel dazu finden. Hieſe ſchwachen und unbewaffneten Hände vermoͤgen, die Bande des Lebens zu loͤſen, wenn ſie wollen. Feſſ'le ſie, und dieſe Lippen werden ſich hartnäckig weigern, Luft zu ſchoͤpfen. Du biſt gelehrt— Du wirſt geleſen has ben, daß es Frauen gab, die den Tod der Schande — —— — „ vorzogen. Wenn Glaukus untergeht, ſo will ich ihm wuͤrdig nachfolgen. Bei allen Göttern des Him⸗ mels und des Oceans, und der Erde! ich weihe mich dem Tode!— Ich habe es geſagt!“— Hoch, ſtolz und kuͤhn, wie eine Begeiſterte, ſtand Jone da, und erfuͤllte die Bruſt des Egyptiers mit Ehrfurcht und Bewunderung. „Kuͤhnes Mädchen!“— ſagte er nach einer kur⸗ zen Pauſe,„Du biſt in der That wurdig, die Mei⸗ nige zu werden. O, wie oft habe ich geträͤumt von einer ſolchen Theilnehmerin an meinem erhabenen Looſe, und nur in Dir habe ich ſie gefunden!— Jone,“ fuhr er lebhaft fort,„ſiehſt Du nicht, daß wir fuͤr einander geſchaffen ſind? Kannſt Du nicht etwas, Deiner eigenen Thatkraft, Deinem eigenen Muth Verwandtes, auch in meinem ſelbſtſtändigen Geiſte erkennen?— Wir ſind geboren, um vereinigt zu werden, um dieſer erbärmlichen Welt einen neuen Geiſt einzuhauchen, wir ſind beſtimmt, das erhabene Geſchick zu theilgg, welches mir, der ich das Dunkel der Zukunft durchſchaue, prophetiſch vorſchwebt. Mit einer Entſchloſſenheit jedoch, die der Deinigen gleich kommt, trotze ich Deinen Drohungen eines ruhmlo⸗ ſen Selbſtmordes. Ich huldigs Dir als der Meini⸗ gen!— Ich kniee vor Dir, als der Koͤnigin von Ländern, die durch des Adlers Flügel nicht beſchattet werden, durch ſeine Klauen verſchont bleiben ſollen; aber ich fordere zugleich Deine Liebe und Deine Bulwer's Werke. Taſchenausg. IV. 3 34 Neigung! Vereinigt wollen wir den Ocean durch⸗ ſchiffen— vereinigt wollen wir unſer neues Reich gruͤnden; und in ferne Zeiten ſoll das Geſchlecht der Koͤnige aus dem Stamme des Arbaces und der Jone reichen!“— „Du biſt von Sinnen! Dieſe hochtönenden Prah⸗ lereien eignen ſich mehr fuͤr einen veraͤchtlichen Quackſalber, der ſeine Wundermittel auf dem Markt⸗ platze ausſchreit, als fuͤr den weiſen Arbaces. Du⸗ kennſt meinen Entſchluß; er iſt unwiderruflich wie das Fatum. Der Orkus hat mein Geluͤbde gehoͤrt, und es iſt eingeſchrieben in das Buch des unerbitt⸗ lichen Hades. Mache daher, o Arbaces! mache das Geſchehene wieder gut; verwandle den Haß in Ach⸗ tung,— die Rache in Dankbarkeit; erhalt⸗ einem Manne das Leben, den Du als Nebenbuhler nicht mehr zu fuͤrchten haſt. Dieſes iſt Deiner angebornen Natur angemeſſen, welche das Hohe und Edle nicht verlaͤugnet. Solche Handlungen wiegen ſchwer in der Waage des Koͤnigs des Todes; ſie laſſen die Schaale des Guten ſinken an jenem Tage, wenn der entkörperte Geiſt, ſein urtheit erwartend, zwiſchen dem Tartarus und dem Elyſium ſteht; ſie begluͤcken das Herz ſchon in dieſem Leben, beſſer und dauern⸗ der, als die Befriedigung einer ungluͤcklichen Leiden⸗ ſchaft es vermag. O, Arbaces, erhore mich!“— „Genug, Jone. Ich will fuͤr den Glaukus thun, was in meiner Macht ſteht, aber tadle mich nicht, wenn ich meinen Zweck nicht erreiche. Befrage ſelbſt meine Feinde, ob ich nicht alle möglichen Bemuͤhun⸗ gen angewendet habe und noch anwende, ihn zu ret⸗ ten vom Tode, und dann wirſt Du mich gelinder beurtheilen. Schlafe ruhig, Jone. Es iſt ſchon ſpät in der Nacht. Mögeſt Du günſtigere Träume von einem Manne haben, als bisher, deſſen Daſein nur durch das Deinige bedingt iſt.“ Arbaces entfernte ſich ſchnell, ohne eine Antwort zu erwarten; vielleicht fürchtete er, durch die inni⸗ gen Bitten der Jone erweicht zu werden, welche, in⸗ dem ſie ihn zum Mitleiden bewegten, doch zugleich die Qualen ſeiner Eiferſucht erhoͤhten. Aber ſelbſt das Mitleid kam zu ſpät. Hätte Jone ihm jetz auch ihre Hand als Belohnung verſprochen, ſo konnte er, da er ſein Zeugniß bereits abgelegt, da er im Geheimen das Volk durch ſeine Gehuͤlfen hatte auf⸗ regen laſſen, den Athenienſer nicht mehr retten. Auf ſeine eigene Thatkraft vertrauend, hoffte er jedoch mit der Zeit uͤher die Abneigung des Mädchens zu ſiegen, das ſeine Leidenſchaft gefeſſelt hatte. Als ſeine Sklaven ihn auskleideten, erinnerte er ſich der Nydia.— Er hielt es fuͤr nothwendig, daß Jone von der Geiſtesverwirrung ihres Geliebten nicht in Kenntniß geſetzt werde, weil dieſe das ihm zur Laſt gelegte Verbrechen entſchuldigen konnte, und es war moͤglich, daß die Neapolitanerin durch ihre Die⸗ nerinnen erfuhr, die Blinde ſei in ſeinem Hauſe, 3* 36 und ſie zu ſehen wuͤnſche.— Als ihm dieſes einflel, wendete er ſich an einen ſeiner Freigelaſſenen: „Kallias,“ ſagte er,„geh ſogleich zum Soſta, und ſage ihm, daß er unter keinem Vorwande die blinde Sklavin aus ihrem Zimmer laſſen ſolle. Aber hore— zuerſt ſuche die Sklavinnen auf, welche Jo⸗ nen bedienen, und befehle ihnen, ihr nichts davon zu ſagen, daß die Blinde unter meinem Dache iſt. Geh— ſchnell!“— Der Sklave eilte hinaus. Nachdem er ſeinen Auftrag in Beziehung auf die Dienerinnen der Jone erfuͤllt hatte, ſuchte er den wuͤrdigen Soſia auf. Er fand ihn nicht in der kleinen Kammer, wo ſein Bette ſtand; er rief laut ſeinen Namen, und aus dem, dicht dabei befindlichen Zimmer Nydia's hoͤrte er die Stimme Soſia's antworten— „O, Kallias, biſt Du es?— Die Götter ſeien gelobt!— Offne die Thüre; ich bitte Dich!“— Der Sklave ſchob den Riegel iæ, und Soſia ſtuͤrzte ihm entgegen.* „Was, Soſia, Du biſt mit dem jungen Mäd⸗ chen in dieſem Zimmer eingeſchloſſen?— Proh pu- dor! Hängen nicht gug reife Fruͤchte an den Bäu⸗ men, als daß Du— „Sage nichts von der kleinen Hexe!“— unter⸗ brach ihn Soſia ungeduldig;„ſie wird mich ungluck⸗ ſich machen!“— und er erzählte dem Kallias die en 37 Geſchichte von dem Luftgeiſt und von der Flucht der Theſſalierin. „Nun ſo hänge Dich nur gleich, ungluͤcklicher Soſia! ich komme ſo eben vom Arbaces mit dem Auftrage, daß Du das Mädchen unter keinem Vor⸗ wande auch nur auf einen Augenblick aus dieſem Zimmer laſſen ſollſt.“— „Me miserum!“— klagte der Sklave,—„was ſoll ich beginnen?— Jetzt kann ſie ſchon weit fort ſein— aber morgen will ich ſie ſchon in ihren alten Schlupfwinkeln wieder auffinden. Aber verrathe mich nur nicht, guter Kallias!“— „Ich will Alles thun, was die Freundſchaft, mit Vorbehalt meiner eigenen Sicherheit, vermag. Aber biſt Du auch gewiß, daß ſie das Haus verließ?— Vielleicht iſt ſie noch irgendwo verſteckt?“— „Wie ſollte das möglich ſein?— Sie konnte leicht in den Garten, deſſen Thuͤre, wie ich Dir ſagte, offen ſtand.“— „Nein, das iſt nicht der Fall, denn in derſelben Stunde, die Du angibſt, war Arbaces mit dem Prieſter Kalenus im Garten. Ich ſuchte dort einige Kräuter fuͤr das morgende Bad meines Herrn. Ich ſah das Tiſchchen mit den Fruͤchten und dem Waſſer dort ſtehn, aber die Thuͤre war zu, das weiß ich gewiß; Du kannſt Dich darauf verlaſſen, daß Kale⸗ nus in den Garten kam, und die Thuͤrs hinter ſich zuzog.⸗ „Aber ſie war nicht verſchloſſen.“ „Ja wohl, denn ich ſelbſt, uͤber eine Nachläſſig⸗ keit aufgebracht, welche die bronzenen Gefaͤße im Periſtyl der Verwegenheit eines Diebes haͤtte bloß ſtellen koͤnnen, drehte den Schluͤſſel um, zog ihn ab, und— da ich nicht den Sklaven fand, dem ich ihn uͤbergeben konnte— ſonſt wuͤrde ich ihn auch ſchoͤn ausgeſcholten haben— hier iſt der Schluͤſſel noch in meinem Gürtel.“— „O, guͤtiger Bacchus! ich rief Dich doch nicht vergebens an. Laß uns keinen Augenblick verlieren. Wir wollen ſogleich in den Garten— vielleicht fin⸗ den wir ſie noch dort!“— Der gutmuͤthige Kallias willigte ein, den Skla⸗ ven zu begleiten; und nachdem ſie vergeblich die nächſten Zimmer und das Periſtyl durchſucht hatten, traten ſie in den Garten. Es war ungefaͤhr um dieſe Zeit, daß Nydia be⸗ ſchloſſen hatte, ihren Verſteck zu verlaſſen, und ihren Weg fortzuſetzen. Zitternd und den Athem anhal⸗ tend,— jetzt an den mit Blumen umwundenen Säulen am Periſtyl vorbei gleitend— dann die Terraſſe hinabſteigend und unter den laubigten Bäu⸗ men fort ſchleichend, gelangte ſie an die Thuͤre— und fand ſie verſchloſſen!— Wir Alle kennen den Ausdruck des Schmerzes, der ungewißheit, der Furcht, der eine plötzliche Enttauſchung des Gefuͤhls, wenn ſch ſo ſagen darf, in den Geſichtszugen einer Blin⸗ 39 den veranlaßt. Aber welche Worte vermoͤgen die Verzweiflung der Theſſalierin in dieſem Augenblick des Schreckens zu beſchreiben! Ihre kleinen, zittern⸗ den Hände betaſteten und vefuͤhlten immer wieder von neuem die verhängnißvolle Thuͤre. Armes Mäd⸗ chen!— vergeblich hatteſt Du jetzt Deinen edlen Muth, Deine unſchuldige Liſt, Deine verdoppelten Anſtrengungen, dem Hunde und dem Jäger zu ent⸗ fliehen, aufgeboten!— Nur einige Schritte von Dir ſtanden Deine Verfolger, lachend über Deine Wuth und uͤber Deinen Zorn, und mit grauſamer Geduld, da ſie wußten, daß Du ihnen nicht mehr entgehen konnteſt, den Augenblick verzoͤgernd, wo ſie ihre Beute erhaſchen wollten.— Du konnteſt wenigſtens ihren Hohn nicht ſehen!— „Stille, Kallias!— laß ſie noch gewähren. Wir wollen doch einmal ſehn, was ſie beginnen wird, wenn ſie ſich uͤberzeugt, daß die Thuͤre nicht zu offnen iſt.“— „Sieh!— ſie erhebt ihr Geſicht zum Himmel — ſie ſinkt ermattet nieder! Nein, beim Pollur! Sie hat einen neuen Plan!— Sie will noch nicht nachgeben. Per Jovem, ein hartnäckiges Geſchoͤpf! Sieh, ſie ſpringt auf— ſie geht zuruͤck— ſie denkt auf einen neuen Streich. Jetzt rathe ich Dir, nicht länger zu warten, Soſia; ergreife ſie, bevor ſie den Garten verläßt— jetzt!“— 4⁰ „Ah, Du boſes Mädchen! ich habe Dich— eh?“ ſagte Soſia, indem er die ungluͤckt iche ergriff. Wie eines Haſen letzter menſchlicher Schrei unter dem Gebiß des Hundes— wie der gellende Ton des Schreckens eines plötzlich aufgeſtorten Nacht⸗ wandlers— ſo erſchallte das Geſchrei des blinden Mädchens, als ſie ſich durch ihren Wärter wieder ergriffen fuͤhlte. Es war ihr, als ſei dem ſinkenden Glaukus das letzte rettende Bret entriſſen worden. Sie hatte in einem Kampf zwiſchen Leben und Tod geſchwebt, und der Tod hatte jetzt das Spiel ge⸗ wonnen. ihr Götter, das Geſchrei wird das ganze unruhe bringen! Arbaces hat einen leiſen 5 Stopfe ihr den Mund!“ ſagte Kallias. „Ah, hier iſt daſſelbe Tuch, mit dem die junge Du nicht allein blind, ſondern auch ſtumm.“ Soſia trug die leichte Laſt in ſeinen Armen und erreichte bald das Zimmer, aus dem Nydia entflo⸗ hen war. Indem er den Riegel vorſchob, uͤberließ er ſie einer Einſamkeit, die ihr ſo ſchrecklich ſein müßte, als irgend eine der Qualen im Hades 6 haätte können. Here mich geblendet hat!— Komm her, jetzt biſt „ Funfzehntes Rapitel. Die Theilnahme luſtiger Genoſſen an dem Schickſal eines ungluͤcklichen.— Die Gefaͤngniſſe und deren Schlachtopfer. Es war ſchon ſpät am dritten und letzten Tage der Unterſuchung, in der Glaukus und Olinthus ſchwebten. Einige Stunden, nachdem der Gerichts⸗ hof geſchloſſen, und das urtheil geſprochen war, hatte eine kleine Geſellſchaft vornehmer junger Leute aus Pompeji ſich in dem prachtvollen Hauſe des Le⸗ pidus verſammelt. „Alſo Glaukus läugnete ſe n Verbrechen bis auf den letzten Augenblick,“ ſagte Klodius. „Ja, aber das Zeugniß des Arbaces gab den Ausſchlag; er ſah die That ſelbſt mit an,“ erwie⸗ derte Lepidus. „Was kann wohl die urſache hrſen ſein?“ „O) der Prieſter war ein duͤſtrer und wilder Geſelle. Er hat wahrſcheinlich den Glaukus uͤber ſein luſtiges Leben und ſeine Leidenſchaft fuͤr das Spiel tuͤchtig herunter gemacht, und ſchließlich ge⸗ ſchworen, er wolle nie in die Heirath mit ſeiner Schweſter willigen. Es entſtand ein hitziger Streit: Glaukus ſcheint des maͤchtigen Gottes voll geweſen zu ſein, und beging die uͤbereilte That. Die Auf⸗ regung, welche der Wein bewirkt hatte, und die Verzweiflung der Reue, verurſachten die Geiſtesver⸗ wirrung, an der er einige Tage gelitten hat, und ich kann mir leicht denken, daß der arme Menſch, in ſeiner Verwirrung, ſich des Verbrechens, welches er begangen hat, ſelbſt jetzt noch nicht bewußt iſt. So ſucht wenigſtens Arbaces die Sache zu erklären, der in ſeinem Zeugniß ſich ſehr milde und mit vielen Ruͤckſichten geaͤußert zu haben ſcheint.“ „Ja, er hat ſich dadurch allgemein beliebt ge⸗ macht. Aber in Betracht dieſer mildernden um⸗ ſtände hätte der Senat ein gelinderes urtheil fällen ſollen.“ „Es wuͤrde auch geſchehen ſein, aber man durfte es des Volkes wegen nicht wagen. Die Prieſter hat⸗ ten keine Muͤhe geſpart, um es aufzuregen; und ſie glaubten— die wilden Beſtien,— weil Glaukus reich und vornehm iſt, koͤnne er vielleicht entfliehen, und deshalb waren ſie unerbittlich, und ſuchten das Urtheil um ſo mehr zu beſchleunigen. Der Senat wagte es nicht, zu widerſtehen, bei Allem dem aber hatte Glaukus blos eine Majorität von drei Stimmen gegen ſich. Ho, Sklave, gib mir den Chier!“— „Der Grieche ſieht ſehr veraͤndert aus, aber wie ruhig und unerſchrocken dabei!“ „Ah, wir werden ſehn, ob er ſich bis morgen ſo hält. Aber was fuͤr ein Verdienſt iſt es noch, Muth zu haben, wenn jener atheiſtiſche Hund Olin⸗ thus dieſelbe Todes⸗Verachtung zeigt?“ „Der Gottesleugner!— Ja,“ ſagte Lepidus, mit frommer Wuth,„es iſt kein Wunder, daß einer der Dekurionen vor zwei Tagen bei heiterm Himmel vom Blitz erſchlagen wurde*). Die Götter zuͤrnen unſerer Stadt, ſo lange ein ſolcher Verworfener noch in ihr lebt.“ „Aber der Senat war ſo milde, daß, wenn Olinthus nur ſeine Läſterungen widerrufen, und et⸗ was Weihrauch auf den Altar der Cybele geworfen hätte, man ihn frei gelaſſen haben wuͤrde. Ich zweifle, ob dieſe Nazarener, wenn ihre Religion die herrſchende ware, ſo duldſam gegen uns ſein wuͤr⸗ den, wenn Jemand das Bildniß ihrer Gottheit um⸗ geſturzt, ihre Gebraͤuche geläſtert, und ihren Glau⸗ ben verhohnt hätte.“ „Man gewährt dem Glaukus, in Betracht der *) Plinius erzählt, daß kurz vor dem Ausbruch des Veſuv's einer der Pecuriones municipales bei heiterm Himmel durch den Blitz erſchlagen worden ſei. 44 mildernden Umſtände, noch einen Vortheil; man ge⸗ ſtattet ihm, ſich gegen den Löwen mit demſelben Stilus zu vertheidigen, mit dem er den Prieſter er⸗ mordete.“ „Haſt Du den Löwen geſehn?— Haſt Du ſeine Zähne und ſeine Klauen beobachtet, und nennſt Du das noch einen Vortheil? Mein Schwert und mein. Schild wurden ein Schilfrohr und Papyrus gegen den Angriff dieſes gewaltigen Thieres ſein!— Nein, ich halte es fuͤr die wahre Gnade, daß man ihn nicht lange hat auf ſein urtheil warten laſſen; es war daher gluͤcklich fuͤr ihn, daß unſere vortreff⸗ lichen Geſetze, langſam in der unterſuchung des Ver⸗ brechens, aber ſchnell in der Vollziehung des ur⸗ 3 theils ſind; und daß die Spiele im Amphitheater,. durch eine beſondere Fuͤgung des Schickſals gerade bis morgen hinausgeſchoben wurden. Wer den Tod lange erwarten muß, der ſtirbt zweimal.“ „Was den Atheiſten betrifft,“ ſagte Klodius, „ſo ſoll er es unbewaffnet mit dem grimmigen Ti⸗ ger aufnehmen. Auf dieſe Kämpfe läßt ſich aber nicht wetten. Oder wer will eine Wette ein⸗ gehn?“— Ein lautes Gelaͤchter erſchallte bei dieſer Frage in der Geſellſchaft. „Armer Klodius,“ ſagte der Wirth;„es iſt ſchmerzlich, einen Freund zu verlieren, aber noch ein größeres ungluͤck iſt es fuͤr Dich, wenn Du 4⁵ nicht einmal Jemand findeſt, der auf die Mög⸗ lichkeit ſeiner Rettung mit Dir eine Wette eingehn will.“ „Ja, es iſt ſchaͤndlich; es wäre doch ſowohl fuͤr ihn, als fuͤr mich noch ein Troſt in dem Bewußtſein geweſen, daß er bis auf ſeinen letzten Augenblick haͤtte nuͤtzlich ſein können.“ „Das Volk,“ ſagte der wuͤrdige Panſa,„iſt uͤber das urtheil ganz entzuͤckt. Es war ſo ſehr beſorgt, daß man keinen Verbrecher fuͤr die Spiele im Amphitheater finden werde, und jetzt, zwei ſolche Miſſethäter mit einemmal, das iſt eine wahre Wonne fuͤr die armen Menſchen! Das Volk hat ſchwere Arbeit, es muß auch einige uUnterhaltung haben!“— „Da hört man den beliebten Panſa, der nie ausgeht, ohne einen Zug Klienten, ſo lang als ein indiſcher Triumph⸗Zug hinter ſich zu haben. Er ſpricht immer fuͤr das Volk. Er wird zuletzt noch ein Gracchus werden!“ „Ich bin allerdings kein unverſchaͤmter Ariſto⸗ krat,“ ſagte Panſa. „Es wäre,“ bemerkte Lepidus,„gewiß ſehr ge⸗ fährlich geweſen, am Abend vor einem Thier⸗Kampf gnädig und nachſichtig zu ſein. Wenn ich jemals eines Verbrechens angeklagt werde, ſo gebe Jupiter, daß entweder keine wilden Thiere in den vivariis, oder daß die Gefängniſſe vg Miſſethäter ſind.“ 46 „Aber,“ fragte einer aus der Geſellſchaft,„was iſt aus dem armen Mädchen geworden, das Glaukus heirathen wollte? Eine Wittwe, ohne Frau geweſen zu ſein— das iſt hart.“— „D,“ erwiederte Klodius,„ſie befindet ſich ſicher unter dem Schutz ihres Vormundes Arbaces. Es war naturlich, daß ſie ſich unter ſeine Obhut begab, da ſie ihren Geliebten und ihren Bruder ver⸗ loren hatte.“ „Bei der ſuͤßen Venus! Glaukus hatte Gluck bei den Weibern! Man ſagt, die reiche Julia ſei in ihn verliebt geweſen.“ „Ein einfältiges Geruͤcht, mein Freund,“ ſagte Klodius;„ich war noch heute bei ihr. Wenn irgend ein Gefuͤhl dieſer Art ſie uͤberwältigte, ſo ſchmeichle ich mir, daß ich ſie getröſtet habe.“ „Wißt Ihr nicht,“ ſagte Panſa,„daß Klodius in dem Hauſe des Diomedes bedeutend auf die Fackel blaͤßt? Sie wird bald brennen, und hell leuchten auf dem Altar Hymens.“ „Wirklich?“— ſagte Lepidus.—„Was, Klo⸗ dius will ein Ehemann werden?— Pfui!“— „Beruhige Dich,“ antwortete Klodius;„der alte Diomedes iſt zufrieden, daß er ſeine Tochter an einen Mann von guter Geburt verheirathen kann, und wird ſchon mit den Seſterzen tuͤchtig heraus⸗ ruͤcken. Ihr werdet auch ſchon ſehn, daß ich ſie nicht im Atrium verſchließe. Es wird ein Tag ſein, 47 den die Freunde des Klodius weiß bezeichnen konnen, wenn er eine reiche Erbin heirathet.“ „Sprichſt Du ſo?“ ſagte Lepidus,„nun, ſo komm denn, einen vollen Becher auf die Geſundheit der ſchonen Julia!“ Während dieſe Unterredung— eine mit der Stimmung der jungen Verſchwender jener Zeit über⸗ einſtimmende, und die vielleicht vor einem Jahrhun⸗ dert in den leichtſinnigeren Geſellſchaften von Paris ein Echo gefunden hätte— waͤhrd, ſage ich, dieſe unterredung in dem praächtigen Triklinium des Lepi⸗ dus Statt fand, war die umgebung des Glaukus eine ganz andere. Nach ſeiner Verurtheilung wurde der Athenienſer der freundlichen Aufſicht des Salluſt, ſeines einzigen Freundes im ungluͤck, entzogen. Er wurde in das Forum gefuͤhrt, wo die Wachen vor einer kleinen Thure zur Seite des Fupiter⸗Tempels ſtehen blieben. Man kann noch jetzt den Ort ſehen⸗ Die Thuͤre offnete ſich auf ſeltſame Weiſe in der Mitte, indem ſie, wie unſere Drehkreuze, ſich um ihre Angeln be⸗ wegte, ſo daß ſie immer nur halb offen ſtand. In dieſe enge Offnung noͤthigte man den Gefangenen, ſetzte ihm ein Brod und einen Krug Waſſer hin, und ließ ihn in der Finſterniß, und, wie er glaubte, in der Einſamkeit. Die Veränderung, welche ihn von der Hoͤhe ſeiner jugendlichen Träume und ſeiner gluͤcklichen Liebe ſo ſchnell in den tiefſten Abgrund der Schande, und in die Schreckniſſe eines ihm be⸗ vorſtehenden qualvollen Todes geworfen, war ſo ploͤtzlich geweſen, daß er ſich kaum überzeugen konnte, er ſei nicht in irgend einem boͤſen Zauber befangen. Seine eiſerne Natur hatte die Wirkungen eines Trankes beſiegt, deſſen groͤßern Theil er gluͤck⸗ licherweiſe nicht ausgetrunken. Sein Bewußtſein war zuruͤckgekehrt, aber ſeine Nerven waren noch in einem niedergedruͤckten und dumpfen Zuſtande, und dieſes verduͤſterte auch ſein Gemuth. Sein angeborner Muth und das griechiſche edle Selbſtgefühl befaͤhig⸗ ten ihn, jede unwuͤrdige Kußerung der Furcht zu beſiegen, und ſein ſchreckliches urtheil in dem Ge⸗ richtshofe mit feſtem Blick und unveränderten Zuͤ⸗ gen anzuhoren. Aber das Bewußtſein ſeiner Un⸗ ſchuld vermochte kaum ihn noch aufrecht zu erhal⸗ ten, als die Blicke der verſammelten Menge nicht länger ſeine ſtolze Kuͤhnheit unterſtuͤtzten, und er der Einſamkeit und Finſterniß uͤbergeben wurde. Die kuͤhle, ſchwere Luft des Kerkers fiel ſchwer auf ſeine geſchwächten Nerven. Er, der bisher nur die Pracht und die Annehmlichkeiten des verfeinerten Lebens⸗ Genuſſes, keine Sorgen und keine Gefahren gekannt, warum hatte er ſein fernes Vaterland, die Oliven⸗ haine jener Huͤgel, jene unſterblichen Ströme ver⸗ laſſen? Warum hatte er ſich unter dieſe harten un⸗ erbittlichen Menſchen begeben, um ſo ploͤtzlich dem Elend anheim zu fallen? Der arme Athenienſer, wie 49 wenig hatten ihn ſelbſt ſeine Fehler und der über⸗ muth einer lebendigen Natur auf alle die Qualen vorbereitet, denen er jetzt Trotz bieten ſollte? Das wuͤſte Hohngeſchrei des Poͤbels, unter deſſen Beifall⸗ klatſchen er fruͤher ſo oft ſeine muthigen Roſſe ge⸗ bändigt hatte, klang ihm noch immer fuͤrchterlich in den Ohren. Die kalten und zuruͤckſchreckenden Ge⸗ ſichter ſeiner fruͤheren Freunde, der Genoſſen ſeiner Vergnuͤgungen, ſtanden ihm noch immer vor den Augen. Jetzt war Niemand hier, um den bewun⸗ derten Fremdling zu troͤſten und ihm Muth einzu⸗ ſprechen. Dieſe Thuͤren eroͤffneten ſich blos wieder, um ihn auf den ſchrecklichen Schauplatz eines gräß⸗ lichen und ſchimpflichen Todes treten zu laſſen. Und Jone!— auch von ihr hatte er nichts gehoͤrt; keine troͤſtende Botſchaft, kein freundliches Wort— auch ſie hatte ihn verlaſſen; ſie haͤlt ihn fuͤr ſchuldig— und welches Verbrechens?— des Mordes ihres Bru⸗ ders! Er knirſchte mit den Zähnen— er ſchrie laut auf, und ein beängſtigender Gedanke erwachte in ſeinem Gehirn. Konnte er nicht, in jener wil⸗ den Geiſtesverwirrung, die ſich auf ſo unbegreifliche Weiſe ſeiner bemaͤchtigt hatte, das Verbrechen, ohne daß er ſelbſt ſich deſſen bewußt war, begangen ha⸗ ben, deſſen man ihn beſchuldigte?— Aber ſobald dieſer Gedanke in ihm aufſtieg, wies er denſelben gleich wieder zuruͤck; denn er glaubte trotz ſeiner damaligen Geiſtesverwirrung ſich deutlich des dunk⸗ Bulwer's Werke. Taſchenausg. IV. 4 len Hains der Cybele, des bleichen Antlitzes der Leiche, und des plotzlichen Stoßes, der ihn auf ſie warf, zu erinnern. Er war von ſeiner eigenen Un⸗ ſchuld uͤberzeugt; aber von wem durfte er, bis zu den ſpäteſten Zeiten, lange nachdem ſein Korper den Elementen zuruͤckgegeben war, hoffen, daß er ihn fur unſchuldig halten, oder ſeinen guten Ruf wieder herſtellen wuͤrde? Als er ſich ſeiner Unterredung mit dem Arbaces, und der Gruͤnde erinnerte, die das wilde Herz dieſes ſchrecklichen Mannes zur Rache gegen ihn entflammt hatten, konnte er ſich nur den⸗ ken, daß er das Opfer irgend eines geheimnißvollen und tief angelegten Planes ſei— deſſen Anlage und Fortgang er vergebens zu enträthſeln ſuchte; und Jone— Arbaces liebte ſie— ſollte das Gluͤck ſei⸗ nes Nebenbuhlers auf ſeinen untergang gegruͤndet werden? Dieſer Gedanke erſchuͤtterte ihn mehr, als jeder andere, und ſein edles Herz wurde mehr durch die Eiferſucht, als durch die Todesfurcht erſchreckt. Er ſeufzte wieder laut. Jetzt ließ ſich eine Stimme aus einem Winkel jener dunkeln Hoͤhle vernehmen. „Wer“(ſagte ſic)„iſt mein Gefährte in dieſer ſchrecklichen Stunde?— Athenienſer Glaukus, biſt Du es?“— „So nannten ſie mich allerdings, als ich noch gluͤcklich warz jetzt mögen ſie mir vielleicht einen an⸗ 51 dern Namen geben. Und Dein Name, ling?“— „Ich bin Olinthus, Dein Gefaͤhrte im Gefäng⸗ niß und im Tode!“— „Was?— der, den ſie den Atheiſten nennen. 8 Iſt es die ungerechtigkeit der Menſchen, die Dich an 4 dem Daſein der Goͤtter zweifeln läßt?“— it„Ach!“— erwiederte Olinthus—„Du biſt der wahre Gotteslaͤugner— nicht ich bin es— denn Du verlaͤugneſt den einzigen wahren Gott, den Un⸗ bekannten, dem Deine athenienſiſchen Vorfahren ei⸗ nen Altar errichteten. Auch in dieſer Stunde erkenne d ich meinen Gott; er iſt mit mir im Gefaͤngniß— Fremd⸗ ſein Laͤcheln dringt durch die Finſterniß; am Rande ei⸗ des Grabes fluͤſtert mein Geiſt mir die Gewißheit et der unſterblichkeit zu, und die Erde weicht nur unter 6 meinen Fuͤßen, um mein beſſeres Ich dem Himmel ch naͤher zu bringen.“ kt.„Sage mir,“ unterbrach ihn Glaukus,„hoͤrte ich Deinen Namen nicht im Verhoͤr mit dem des ket Apaecides? Hältſt Du mich fuͤr ſchuldig?“— „Gott allein lieſet in den Herzen, aber ich hatte keinen Verdacht auf Dich.“— ſer„Auf wen denn?“ iſt„Auf Deinen Anklaͤger, den Arbaces!“— „Ha!— und weshalb?“— ch„Weil ich die Schlechtigkeit des Mannes kenne, 4* und weil er urſache hatte, den zu ſicht der irst todt iſt.“ Olinthus unterrichtete jetzt den Glaukus von n einzelnen umſtaͤnden, die der Leſer bereits kennt— von der Bekehrung des Apaecides, dem Plan, den ſie entworfen hatten, die Betruͤgereien der Iſisprie⸗ ſter, und die durch den Arbaces angewendeten Mit⸗ tel, um den Apaecides zu verfuͤhren, öffentlich dem Volke bekannt zu machen.„Wäre daher,“ ſo ſchloß Hlinthus,„der junge Bekehrte dem Arbaces begeg⸗ net, hätte er ihm ſein ſchändliches Benehmen vorge⸗ worfen, und mit der Entdeckung ſeiner Verruchtheit gedroht, ſo war der Ort und die Stunde guͤnſtig für die Rache des Egyptiers, und die Leidenſchaft ſowohl, als die Nothwendigkeit geboten ſeine That.“ „Es muß ſo geweſen ſein,“ ſagte Glaukus freu⸗ dig—„jetzt fuhle ich mich gluͤcklich.“— „Aber was nutzt Dir jetzt dieſe Entdeckung, o ungluͤcklicher! Du biſt verurtheilt, und wirſt in Dei⸗ ner Unſchuld umkommen.“ „Aber ich ſelbſt bin mir jetzt meiner unſchuld be⸗ wußt; und in meiner ſchrecklichen Raſerei hatte ich furchterliche, doch ſchnell vorübergehende Zweifel; aber, ſage mir, Mann des fremden Glaubens, biſt Du der Anſicht, daß fur kleine Irrthuͤmer, oder für die Fehler unſerer Vorfahren, wir immer durch Mächte dort oben, mit welchem Namen Du ſie auch benennen mogeſt, verflucht und verlaſſen werden?“— 53 „Gott iſt gerecht, und verläßt ſeine Geſchopfe, ihrer menſchlichen Gebrechlichkeit wegen, nicht. Gott iſt gnädig, und verflucht blos die Suͤnder, welche nicht bereuen.“ „Aber es ſchien mir, als ob der gottliche Zorn mich mit einer plotzlichen Raſerei beſtraft habe— mit einer uͤbernatuͤrlichen, nicht durch menſchliche Mittel erregten Wuth.“ „Es gibt boͤſe Geiſter auf Erden,“ erwiederte der Nazarener aͤngſtlich,„ſo wie im Himmel Gott und Sein Sohn herrſcht; und da Du dieſe nicht an⸗ erkennſt, ſo moͤgen jene Gewalt uͤber Dich gehabt haben.“— Glaukus erwiederte nicht, und es trat ein Still⸗ ſchweigen von einigen Minuten ein. Endlich ſagte der Athenienſer in einem ſanften, halb widerſtreben⸗ den Tone: „Glaubſt Du, Chriſt, nach Deiner Lehre, an die unſterblichkeit des Geiſtes— und daß Diejenigen, welche ſich hier liebten, ſich jenſeits wieder vereini⸗ gen— daß dort unſer guter Name gereinigt wird von dem Verdacht, der in dieſer Welt ihn ungerech⸗ terweiſe befleckt— und daß die Stroͤme, welche durch die Wuͤſte und den Felſen getrennt werden, in dem Hades wieder zuſammen fließen?“— „Ob ich das glaube, o Athenienſer?— Nein, ich glaube es nicht; ich weiß es, und dieſe beſeli⸗ gende Gewißheit hält mich jetzt aufrecht.— O, Cyllene,“ fuhr Olinthus leidenſchaftlich fort,„Braut meines Herzens, mir geraubt in dem erſten Monat meiner Ehe, werde ich Dich nicht wieder ſehn, und zwar in einigen Tagen?— Willkommen iſt mir der Tod, der mich in den Himmel und zu Di fuͤhrt!“— Es lag etwas in dieſem ploͤtzlichen Ausbruch des menſchlichen Gefuͤhls, was in dem Herzen des Grie⸗ chen eine verwandte Saite bewegte. Er fuͤhlte zum erſtenmal eine großere Theilnahme fuͤr ſeinen Ge⸗ faͤhrten, als die des Mitleidens. Er kroch näher zum Olinthus; denn die in vieler Beziehung grau⸗ ſamen Italiener, waren es in andern Punkten weni⸗ ger, ſie ſparten die uͤberfluſſige Kette, und geſtatte⸗ ten den Schlachtopfern der Arena die Freiheit und Geſellſchaft, welche die umſtände erlaubten. „Ja,“ fuhr der Chriſt mit heiligem Eifer fort —„die uUnſterblichkeit des Geiſtes— die Wieder⸗ auferſtehung und Wiedervereinigung der Todten, das ſind die Hauptgrundſätze unſeres Glaubens, das ſind die großen Wahrheiten, fuͤr welche ein Gott, um ſie zu verkuͤnden und zu bezeugen, den Tod er⸗ duldete. Kein fabelhaftes Elyſium, kein finſtrer Or⸗ kusz aber ein glaͤnzendes Erbtheil des Himmels ſelbſt iſt die Belohnung der Tugend.“— „So theile mir denn Deine Lehren und eine Hoffnungen mit, ſagte Glaukus. Dlinthus zogerte nicht, dieſer Bitte zu wilffah⸗ ren, und, wie oft in der fruͤheren Zeit des Chriſten⸗ 55 thums, warf es auch hier ſeinen ſanften und heili⸗ genden Strahl in die Dunkelheit des Gefaͤngniſſes, und ſeine troͤſtenden Lehren milderten die Schreckniſſe des herannahenden Todes. Serhzehntes Rapitel. Eine Moͤglichkeit der Rettung fuͤr den Glaukus. Nydia brachte Stunden der Qual und der Angſt zu, ſeitdem ſie wieder in ihre Kammer eingeſchloſſen war. Soſia hatte, als befuͤrchte er, nochmals uͤber⸗ liſtet zu werden, ſie erſt ſpaͤt am Morgen des fol⸗ genden Tages beſucht; er ſetzte ihr blos ihr Fruͤh⸗ ſtuͤck hin, und verſchloß ſchnell wieder die Thuͤre. Der Tag verfloß, es war der Tag, an dem das urtheil des Glaukus geſprochen werden ſollte; ſie haͤtte ihn retten koͤnnen, wäre ſie frei geweſen!— Da ſie dieſes wußte, ſo beſchloß das junge Mädchen, wenn die Flucht ihr auch jetzt faſt unmoͤglich er⸗ ſchiene, doch einer Verzweiflung ſich nicht zu uber⸗ laſſen, die ſie verhindern koͤnnte, jene Umſtände zu benutzen, welche ſich vielleicht noch darbieten koͤnn⸗ 56 ten. Sie beſiegte den ungeſtuͤmen Andrang der Ge⸗ fühle, die ſie zu uͤberwältigen drohten; ja, ſie ſtärkte ſich ſelbſt durch Speiſe und Trank, damit ſie vorbereitet ſein moͤchte! Sie uͤberlegte einen Plan der Flucht nach dem andern, aber ſie mußte einen jeden wieder aufgeben. Soſia blieb jedoch im⸗ mer ihre einzige Hoffnung, das einzige Werkzeug, auf das ſie rechnen konnte. Er war abergläubig geweſen, um zu erfahren, ob er ſeine Freiheit erkau⸗ fen koͤnne. Gerechte Goͤtter! ſollte er nicht beſtochen werden koͤnnen, wenn ihm die Freiheit wirklich ge⸗ währt wuͤrde?— war ſie nicht reich genug, um dieſelbe zu erkaufen? Sie trug jene koſtbaren Arm⸗ bander, das Geſchenk der Jone, und dieſelbe goldene Kette, welche, wie man ſich erinnern wird, ihren eiferſuͤchtigen Zwiſt mit dem Glaukus veranlaßt hatte. Sie erwartete mit Sehnſucht die Zeit, wo Soſia wieder erſcheinen wuͤrde, aber als eine Stunde nach der andern verging, und er immer noch nicht er⸗ ſchien, wurde ſie ungeduldig. Es ergriff ſie ein ſie⸗ berhafter Zuſtand; ſie konnte die Einſamkeit nicht länger ertragen; ſie ſchrie laut, und klopfte unge⸗ ſtum an die Thuͤre. Soſia eilte ergrimmt herbei, um ſeine Gefangene, wo möglich, zum Schweigen zu bringen. „Ho, ho, was iſt das?“— ſagte er.„Wenn Du ſo ſprichſt, junge Sklavin, ſo muß ich Dir wie⸗ * W 57 der den Mund ſtopfen. Meine Schultern muͤſſen es buͤßen, wenn mein Herr Dich hoͤrt.“— „Guter Soſia, ſchelte mich nicht— ich kann es nicht aushalten, ſo lange allein zu bleiben, die Ein⸗ ſamkeit macht mir bange. Thu mir den Gefallen, und ſetze Dich ein wenig zu mir.— RNein, fuͤrchte nicht, daß ich wieder verſuchen werde, zu entfliehenz ſetze Dich an die Thuͤre; ich will nicht weichen von dieſer Stelle.“— „Dieſe Anrede machte auf den Soſia, der ſelbſt gern plauderte, einigen Eindruck. Er fuͤhlte Mit⸗ leiden mit dem armen Maͤdchen, die mit Niemand ſchwatzen konnte. Er ſetzte ſich an die Thuͤre, lehnte ſeinen Ruͤcken gegen dieſelbe, und erwiederte: „Ich bin nicht unbarmherzig, und habe nichts dagegen, daß wir ein bischen plaudern. Aber keine Beſchwoͤrungen, keine Zaubereien mehr!“— „Nein, nein— ſage mir, guter Soſia— wie ſpaͤt iſt es?“— „Es wird ſchon Abend, das Vieh kommt von der Weide.“ Nydia ſeufzte tief.—„Wie fiel das urtheil aus?“ „Beide verurtheilt.“ Nydia unterdruͤckte einen Ausbruch des Ent⸗ ſetzens.„Gut— gut— ich dachte mir es wohl. Wann ſoll das Urtheil vollzogen werden?“— „Morgen; im Amphitheater; muͤßte ich nicht 58 Deinetwegen zu Hauſe bleiben, kleine Hexe, ſo konnte ich auch mit den übrigen hingehn.“— Rydia lehnte ſich zuruͤck— ſie konnte es nicht länger ertragen— ſie war in Ohnmacht geſunken. Aber Soſia bemerkte es nicht, denn es fing ſchon an, dunkel zu werden, und er war zu ſehr mit ſei⸗ nen eigenen Angelegenheiten beſchäftigt; er fuhr fort, es zu bebauern, daß er einem ſo herrlichen Schau⸗ ſpiel nicht beiwohnen konne, und beklagte ſich uͤber die ungerechtigkeit des Arbaces, daß er grade ihn unter allen ſeinen Mitſklaven zum Gefangenwärter auserſehen habe; und bevor er noch halb ausgeſpro⸗ chen hatte, war Nhdia mit einem tiefen Seufzer in das Bewußtſein zuruͤckgekehrt. „Du ſeufzeſt, Kleine, daß ich ſo viel entbehren muß; gut, das iſt doch ein Troſt; ſo lange Du an⸗ erkennſt, wie theuer Deine Bewachung mich zu ſte⸗ hen kommt, werde ich Dich auch nachſichtig behan⸗ deln.“— „Soſia, wie viel haſt Du noch nöthig, um Deine Freiheit zu erkaufen?“ „O, ungefähr 2000 Seſterzien.“ „Die Gotter ſeien gelobt!— nicht mehr?— Siehſt Du dieſe Armbaͤnder und dieſe Kette— ſie ſind wohl doppelt ſo viel werth. Ich will ſie Dir geben, wenn“— „Führe mich nicht in Verſuchung; ich kann Dich nicht befreien; Arbaces iſt ein ſtrenger und furcht⸗ „ 59 barer Gebieter! Wer weiß, ob ich nicht die Fiſche im Sarnus mäſten muͤßte? Ach! aller Reichthum der Welt wuͤrde mich nicht wieder in das Leben zu⸗ ruͤck rufen! Es iſt beſſer, ein lebendiger Hund, als ein todter Loͤwe zu ſein.“— „Soſia! Deine Freiheit!— Bedenke es wohl! laſſe mich nur eine kleine Stunde hinaus; wenn Du mich um Mitternacht gehn läſſeſt, ſo will ich vor Tagesanbruch wieder hier ſeinz ja, Du kannſt ſo⸗ gar mit mir gehn.“ „Nein,“ ſagte Soſia entſchloſſen,„es befolgte einmal ein Sklave die Befehle des Arbaces nicht; und man hat nie wieder von ihm gehoͤrt.“ „Aber das Geſetz gewaͤhrt einem Herrn keine Macht uͤber ſeinen Sklaven.“— „Das Geſetz iſt ſehr buͤndig, aber buͤndiger, als bindend; ich weiß, daß Arbaces immer das Geſetz auf ſeiner Seite hat. Kann mich das Geſetz ubri⸗ gens wieder in das Leben rufen, wenn ich einmal todt bin?“ Nydia rang die Häͤnde.—„Iſt denn keine Hoff⸗ nung mehr?“— ſagte ſie verzweifelnd. „Keine Hoffnung zur Flucht, bis Arbaces ſelbſt Dich gehn läßt.“— „Nun gut,“ fuhr Nydia fort;„Du wirſt doch wenigſtens einen Brief fuͤr mich beſorgen; dafuͤr kann Dein Herr Dich nicht toͤdten.“ „An wen iſt der Brief?“— „An den Praͤtor.“ „Nein, das kann ich nicht; da wuͤrde ich als Zeuge erſcheinen muͤſſen, und die Art und Weiſe, wie ſie einen Sklaven verhoͤren, iſt die Tortur.“— „Entſchuldige; ich meinte nicht den Praͤtor, ich habe mich nur verſprochen; ich meinte eine ganz an⸗ dere Perſon— den muntern Salluſt.“ „Oh, und was haſt Du dem zu ſchreiben?“— „Ich war die Sklavin des Glaukus; er erloͤſete mich von einem grauſamen Herrn; er allein iſt gu⸗ tig gegen mich geweſen; jetzt ſoll er ſterben. Es wuͤrde mich glucklich machen, wenn ich in ſeiner ſchrecklichen Lage ihm beweiſen konnte, daß noch ein dankbares Herz fuͤr ihn ſchlägt. Salluſt iſt ſein Freund— er wird meinen Auftrag erfuͤllen.“— „Ich bin uͤberzeugt, daß er es nicht thun wird. Glaukus wird zwiſchen heut und morgen an an⸗ dere Dinge zu denken haben, als an ein blindes Maͤdchen.“ 4 „Menſch,“ ſagte Nydia, indem ſie aufſtand, „willſt Du frei werden?— heute biete ich es Dir noch an— morgen iſt es zu ſpät. Die Freiheit wurde nie wohlfeiler erkauft; Du kannſt leicht, und ohne daß man Dich vermißt, das Haus verlaſſen; Du wirſt kaum eine halbe Stunde abweſend ſein. Und um einer ſolchen Kleinigkeit willen wollteſt Du die Freiheit ausſchlagen?“— Jetzt wurde Soſia wirklich in Verſuchung ge⸗ — 3 rd. n⸗ des nd, Dir heit und enz ein. Du ge⸗ 61 führt. Das Verlangen des Mädchens war freilich etwas albern; aber was ging das ihn an?— Es war deſto beſſer; er konnte Nydien verſchließen; und wenn Arbaces von ſeiner Abweſenheit erfuhr, ſo war es kein großes Verbrechen, und die Strafe konnte nur unbedeutend ſein. Sollte aber in Ny dia's Briefe mehr enthalten ſein, als ſie ſagte— ſollte ſie von ihrer Gefangenſchaft ſchreiben, wie er ſich einbildete, daß es der Fall ſein moͤchte— was war es denn auch weiter? Arbaces brauchte ja nicht zu erfahren, daß er der überbringer des Briefes ge⸗ weſen ſei. In jedem Fall war die Belohnung be⸗ deutend, die Gefahr geringe, die Verſuchung un⸗ widerſtehlich. Er beſann ſich nicht laͤnger; er wil⸗ ligte in den Vorſchlag ein. „Gib mir die Belohnung, und ich will den Brief veſorgen; aber halt!— Du biſt eine Sklavin; Du haſt kein Recht an dieſen Koſtbarkeiten; ſie gehoren Deinem Herrn.“ „Es ſind Geſchenke des Glaukus; er iſt mein Herr; wie kann er ſie jetzt zuruͤck verlangen, und wer weiß es, daß ich ſie habe?“— „Gut— ich will Dir Papyrus zum Schreiben bringen.“— In einigen Minuten hatte Nydia den Brief voll⸗ endet, den ſie aus Vorſicht in griechiſcher Sprache ſchrieb. Dieſes war ihre Mutterſprache, und faſt jeder gebildete Italiener verſtand ſie damals. Sie wand vorſichtig um die Rolle eine Schnur, deren Knoten ſie mit Wachs verſiegelte, und bevor ſie die⸗ ſelbe den Haͤnden des Soſia uͤbergab, ſprach ſie noch Folgendes zu ihm: „Soſia; ich bin blind, und eine Gefangene; Du konnteſt beabſichtigen, mich zu täuſchen.— Aber ich weihe hiermit feierlich Dein Haupt zur Rache, Deine Seele den unterirdiſchen Maͤchten, wenn Du mein Zutrauen mißbrauchſt; und ich fordere Dich auf, Deine rechte Hand ſchworend in die meinige zu legen, und mir die Worte nachzuſprechen:„„ Bei dem Boden, auf dem wir ſtehn; bei den Elementen, die das Leben erhalten, und das Leben vernichten koͤnnen! bei dem Orkus, dem Allraͤchenden! bei dem olympiſchen Jupiter, dem Allſehenden!— ich ſchwore, ich treu meinen Auftrag erfuͤllen, und dieſen rief in die Hände des Salluſt uͤbergeben will. wenn ich dieſen Eid breche, ſo moge jeder Fluch des Himmels und der Unterwelt mich treffen!““ —„So, jetzt traue ich Dir— nimm Deine Belohnung; es iſt ſchon ſpät; gehe ſogleich zum Saluſt.“— „Du biſt ein ſonderbares Maädchen, und haſt mich ordentlich erſchreckt; aber es iſt Alles in der Ordnung, und wenn Salluſt zu finden iſt, ſo uber⸗ gebe ich ihm dieſen Brief, wie ich es geſchworen habe. Bei meiner Treuz ich habe wohl meine klei⸗ 63 nen Suͤnden, aber Meineid— nein, den uͤberlaſſe ich vornehmern Leuten.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich Soſia, ſchob ſorgfältig den ſchweren Riegel vor die Thuͤre, haͤngte den Schluͤſſel an ſeinen Guͤrtel, trat in ſeine Kam⸗ mer, huͤllte ſich vom Kopf bis zum Fuß in einen weiten Mantel, und ſchluͤpfte unbemerkt und unge⸗ ſtoͤrt durch eine Hinterthuͤre. Die Straßen waren einſam und leerz er erreichte bald das Haus des Salluſt. Der Thuͤrſteher wollte ſeinen Brief in Empfang nehmen,„denn Salluſt,“ ſagte er,„iſt uͤber die Verurtheilung des Glaukus ſo traurig, daß man ihn nicht ſtören darf.“ „Ich habe aber geſchworen, dieſen Brief ihm ſelbſt zu geben, deshalb muß es auch geſchehn,“ und da Soſia aus Erfahrung wußte, daß Cerberus durch einen guten Biſſen zu beſchwichtigen iſt, ſo druͤckte er dem Sklaven ein halbes Dutzend Seſter⸗ zen in die Hand. „Gut, gut,“ ſagte dieſer indem er nachgiebiger wurde,„Du kannſt eintreten; aber um Dir die Wahrheit zu geſtehn; Salluſt vertrinkt ſeinen Gram. Das iſt ſo ſeine Gewohnheit, wenn ihm etwas Un⸗ angenehmes begegnet iſt. Er beſtellt ein vortreff⸗ liches Abendeſſen, den beſten Wein, und gibt nicht nach, bis er Alles aus dem Kopf hat— außer den Wein.“— * „ 64 „Eine vortreffliche Methode!— Ah, wie herr⸗ lich iſt es doch, reich zu ſein! Wäre ich Salluſt, ſo würde ich mir alle Tage irgend einen Gram ver⸗ trinken. Aber lege ein gutes Wort fuͤr mich beim Atrienſis ein— ich ſehe ihn kommen.“ Salluſt war zu traurig, um Geſellſchaft bei ſich zu ſehn. Er war aber auch zu traurig, um allein zu trinken; deshalb hatte er, wie es ſeine Gewohn⸗ heit war, ſeinen Lieblings⸗Freigelaſſenen bei ſich, und wohl nie wurde ein ſeltſameres Mahl gehalten. Der gutmuthige Epikuräer ſeufzte dann und wann, und wiſchte ſich die Thränen aus den Augen, und dann machte er ſich wieder mit verdoppeltem Eifer über ein neues Gericht, oder ließ ſeinen Becher von Neuem fuͤllen. „Es war,“ ſagte er zu ſeinem Gefährten,„doch ein ſchreckliches urtheil!— Ho, ho— der Vogel iſt nicht ubel, wie?— Armer, theurer Glaukus! — und was füͤr einen Rachen der Lowe hat!— Ah, ah, ah!“— und Salluſt ſeufzte— dieſer Seufzer wurde aber durch ein lautes Aufſtoßen aus dem Magen unterbrochen. „Nimm einen Becher Wein,“— ſagte der Frei⸗ gelaſſene. „Es war ein zu froſtiger Gedanke; aber wie muß der arme Glaukus jetzt vor Froſt zittern! Ver⸗ ſchließe morgen das Haus— kein Sklave ſoll hin— el 6⁵ keiner von meinen Leuten ſoll jene verfluchte Arena beſuchen— nein— nein!“— „Noch einen Becher— der Schmerz uͤberwäl⸗ tigt Dich— bei den Göttern!“ In dieſem Augenblick trat Soſia ein. „Ho, wer biſt Du?“— „Ich habe blos den Auftrag, dem Salluſt dieſes Briefchen von einem jungen Mädchen, einzuhaͤndi⸗ gen. Ich werde wohl keine Antwort bekommen? Kann ich wieder gehn?“— So ſprach der wuͤrdige Soſia, indem er den Mantel uͤber den groͤßten Theil des Geſichts gezogen hatte, und ſeine Stimme verſtellte, damit er ſpaͤter nicht wieder erkannt werden könne. „Bei den Goͤttern!— ein Kuppler!— ſiehſt Du Elender nicht, daß ich traure?— Fort mit Dir! und nimm den Fluch des Panderus mit!“— Soſia verlor keinen Augenblick, ſich wieder zu entfernen. „Willſt Du den Brief leſen, Salluſt?“— ſagte der Freigelaſſene. „Brief— welchen Brief?“— fragte der Epikuräer, denn er fing ſchon an, doppelt zu ſehen. „Verflucht ſeien dieſe Mädchen! Bin ich der Mann, an das—(Aufſtoßen)— Vergnuͤgen zu denken, wenn— wenn, mein Freund von einem Löwen ge⸗ freſſen werden ſoll?“— „Eſſe noch ein ſolches Toͤrtchen!“ Bulwer's Werke. Taſchenausg. IV. 5 K „Nein, mich!“— „Bringt ihn zu Bette!“— ſagte der Freige⸗ laſſene, und die Sklaven brachten den Salluſt, der kaum ſeinen Kopf mehr aufrecht zu erhalten ver⸗ mochte, in ſein Cubiculum, während er immer noch den Glaukus bedauerte, und die unverſchämten Ein⸗ ladungen frecher Mädchen verfluchte. Soſia ſchlich jetzt ergrimmt zu Hauſe. „Alſo ein Kuppler!“ ſprach er bei ſich ſelbſt.— „Ein Kuppler! der Salluſt hat eine böſe Zunge! Haͤtte er mich einen Schelm, oder einen Dieb ge⸗ nannt, ich wuͤrde es vielleicht verſchmerzt haben,— aber einen Kuppler! Pfui! es liegt etwas in dem Wort, was der zäheſte Magen nicht vertragen kann! Ein Schelm iſt ein Schelm, weil er es ſein will, und ein Dieb iſt ein Dieb, ſeines Vortheils wegen; und es liegt noch etwas Ehrenwerthes und Philoſo⸗ phiſches darin, wenn man ſeines eigenen Beſten wil len ein Schurke iſt;— das heißt nach Prinzipien handeln, es iſt großartig. Aber ein Kuppler iſt eine Creatur, die fuͤr einen Andern Schlechtigkeiten begeht; es iſt ein Topf, der an das Feuer geſetzt wird, damit ein Anderer ſeine Suppe darin kochen kannz— ein Tuch, an dem jeder Gaſt ſich die Haͤnde abwiſcht!— und der grobe Menſch ſchimpft mich einen Kuppler!— Ich wollte, er hätte mich lieber einen Moͤrder genannt!— Aber der Mann nein, mein Schmerz uͤberwältigt tigt ige⸗ der ver⸗ noch Ein⸗ .— nge! ge⸗ dem ann! will, genz loſo⸗ wil: pien riſt eiten eſetzt chen die mpft mich kann 67 war betrunken, und wußte nicht, was er ſagte; und uͤberdem hatte ich mich auch verſtellt. Hätte er geſehn, daß er mit dem Soſia ſprach, ſo wuͤrde er, ich wette darauf, geſagt haben:„„ehrlicher So⸗ ſia,““ und„„wuͤrdiger Mann.““— Aber meine Belohnung habe ich doch leicht gewonnen; das iſt noch ein Troſt; und, o Goͤttin Feronia! ich werde jetzt bald ein Freigelaſſener ſein! und dann will ich ſehn, wer mich noch einen Kuppler nennt!— oder er muͤßte mich denn tuͤchtig dafuͤr bezahlen!“— Während Soſia ſo mit ſich ſelbſt ſprach, kam er durch ein enges Gäßchen, das nach dem Amphithea⸗ ter fuͤhrte. Als er um eine Ecke bog, befand er ſich plotzlich mitten unter einem großen Volkshaufen. Männer, Weiber und Kinder drängten ſich lachend, plaudernd, geſtikulirend durch einander, und der wuͤr⸗ dige Soſia war, ehe er ſich deſſen noch bewußt wurde, mit in den tobenden Strom gerathen. „Was gibt's?“— fragte er ſeinen nachſten Nachbar, einen jungen Kuͤnſtler;„was gibt's? Wohin drängen ſich die guten Leute?— Theilt irgend ein reicher Patron heute Abend Almoſen oder Speiſen aus?“— „Nein, guter Freund,— es gibt noch etwas Beſſeres; der edle Panſa,— der Freund des Vol⸗ kes, hat erlaubt, daß die wilden Thiere in ihren vivariis beſehen werden duͤrfen. Morgen werden, 5 ———— 68 beim Herkules! gewiſſe Leute ſie nicht ſo ſicher in Augenſchein nehmen!“— „Es iſt eine herrliche Nacht,“ ſagte der Sklave, indem er der Menge ſich anſchloß,„und da ich mor⸗ gen nicht zu den Spielen gehn darf, ſo will ich we⸗ nigſtens die wilden Thiere jetzt noch betrachten.“ „Du haſt Recht,“ ſagte der Kuͤnſtler,„denn nicht alle Tage iſt in Pompeji ein Tiger und ein. Lowe zu ſehn.“ Die Volksmaſſe hatte nun einen großen, aber unebenen Platz erreicht, auf welchem, da er nur ſparſam und aus der Entfernung beleuchtet war, das Gedränge fur Diejenigen gefährlich wurde, deren Arme und Schultern ihm nicht kräftig widerſtehn konnten. Trotz dem waren aber beſonders die Wei⸗ ver— manche noch dazu mit einem Kinde auf dem Arme oder an der Bruſt— am eifrigſten, vorwärts zu gelangen; und ihre Klagen, wenn ſie verletzt wurden, ertonten oft laut und kreiſchend uͤber den tieferen männlichen Stimmen. Beſonders aber machte ſich die Stimme eines jungen Mädchens hoͤrbar, welches ſich jedoch zu glucklich zu fuͤhlen ſchien, als daß die unbequemlichkeiten dieſer Wanderung ihr haͤtten empfindlich werden koͤnnen. „Aha!“— rief das Maädchen einer ihrer Ge⸗ fährtinnen zu;„ich habe Euch immer geſagt, daß wir noch einen Mann für den Löwen bekommen 1 wurden, und jetzt haben wir für den Tiger auch i⸗ tzt en te r, 15 e⸗ aß en uch 69 noch einen!— Ich wollte, daß es ſchon morgen waͤre!“ „Ho! ho!— welch' ein luſtiges, herrliches Spiel, Im Amphitheater welch' draͤngend' Gewuͤhl! Mit Blut wird getraͤnkt der Sand der Arena, Die Kaͤmpfer ſind kuͤhn, wie der Sohn der Alcmena!— Ja, ſchwatzt nur— bald wird Euch der Athem vergehn, Wenn wir mit dem Tode ſie ringen nun ſehn.— Tramp! tramp! welch' ein wildes und kuͤhnes Gewuͤhl, Im Amphitheater welch' luſtiges Spiel!“— „Das iſt ein muntres Mädchen!“ ſagte Soſia. „Ja,“ erwiederte der Kuͤnſtler, der ein huͤbſcher, junger Mann war,„die Maͤdchen lieben die Gla⸗ diatoren. Wäre ich ein Sklave, ſo wuͤrde ich ſchon längſt meinen Schulmeiſter im Laniſta gefunden haben!“— „Wirklich?“— ſagte Soſia;„der Geſchmack iſt aber verſchieden!“— Das Volk war jetzt an dem beſtimmten Orte angekommen, da jedoch die Zelle, worin die wilden Thiere ſich befanden, ſehr ſchmal war, ſo wurde das Treiben und Gedränge noch zehnmal ungeſtuͤ⸗ mer. Zwei beim Amphitheater angeſtellte Beamte, die am Eingange zu den Zellen ſtanden, ſuchten das übel dadurch zu vermindern, daß ſie nur immer eine kleine Anzahl Menſchen zugleich vordringen, und Niemand mehr zuließen, bis jene ihre Neugierde be⸗ friedigt hatten. Soſia, der ein ſtämmiger Burſche 7⁰ war, wußte ſich mit unter den erſten Zuſchauern heran zu draͤngen. Von ſeinem Gefährten getrennt, befand er ſich jetzt in einem kleinen, mit dunſtiger und ſchwuͤhler Luft angefullten Raum, der durch mehrere Fackeln erleuchtet wurde. Man hatte die Thiere, von denen ſonſt gewöhnlich jedes in einem beſondern Behälter eingeſperrt war, jetzt, der Bequemlichkeit der Zu⸗ ſchauer wegen, in einer Zelle vereinigt, ſie jedoch durch ein ſtarkes eiſernes Gitter von einander ge⸗ trennt. Da waren ſie nun, die wilden und grimmigen Wanderer der Wuͤſte, die in dieſer Geſchichte jetzt faſt eine Hauptrolle ſpielen. Der Löwe, der, nicht ſo blutduͤrſtiger Natur, als der Tiger, durch Hun⸗ ger zu groͤßerer Wuth aufgeregt war, ſprang unge⸗ ſtum und brullend in ſeinem Käfich umherz ſeine Augen funkelten, und wenn er dann und wann ſtill ſtand, und ſich umſah, zogen ſich die Zuſchauer er⸗ ſchrocken zuruͤck, und athmeten leiſer. Aber der Ti⸗ ger lag ſeiner ganzen Länge nach ausgeſtreckt ruhig auf der Erde, und gab nur mitunter durch ein langes Gähnen ſeine ungeduld zu erkennen. „Ich habe, ſelbſt im Amphitheater zu Rom, noch kein ſtattlicheres Thier geſehn, als jenen Loͤwen,“ ſagte ein rieſenhafter, kräftiger Burſche, der rechts neben dem Soſia ſtand. 32 „Ich fühle mich gedemuͤthigt, wenn ich ſeine rn ler An en u⸗ och ge⸗ en tzt cht m⸗ ge⸗ ine till er⸗ Ti⸗ hig ein och , hts 71 Glieder betrachte,“ erwiederte ein links neben dem Soſia ſtehender ſchlanker junger Menſch, indem er die Arme uͤbereinander legte. Der Sklave betrach⸗ tete erſt den Einen, dann den Andern.„Virtus in medio,“— die Tugend liegt immer in der Mitte — murmelte er.„Du haſt eine huͤbſche Nachbar⸗ ſchaft, Soſia,— zu jeder Seite einen Gladia⸗ tor!“— „Du haſt Recht, Lydon,“ erwiederte der groͤßere Gladiator,„ich fuͤhle daſſelbe.“— „und wenn man ſich denkt,“ bemerkte Lybon mit dem Ausdrucke tiefen Gefuͤhls in ſeiner Stimme,— „wenn man ſich denkt, daß der edle Grieche, den wir erſt vor einem oder zwei Tagen ſo kräftig und munter vor uns ſahen, jenem Ungeheuer vorgewor⸗ fen werden ſoll.“— „Warum nicht?“— erwiederte Niger wild la⸗ chend;„mancher ehrliche Gladiator wurde durch den Kaiſer zu einem ähnlichen Kampfe gezwungen— warum ſoll das Geſetz nicht einen reichen Moͤrder dazu verurtheilen?“— Lydon ſeufzte, zuckte die Achſeln, und ſchwieg. Die uͤbrigen Zuſchauer hatten aufmerkſam zugehort, die Gladiatoren hatten eben ſo gut Intereſſe fuͤr ſie, wie die wilden Thiere— es waren Beſtien von der⸗ ſelben Art; deshalb ſahen die umſtehenden von die⸗ ſen auf jene— von den Menſchen auf die Thiere, 72 indem ſie ſich ihre Bemerkungen zufluͤſterten, und uber die Erfolge des nächſten Tages ſich ſtritten. „Meinetwegen,“ ſagte Lydon, indem er ſich fort wendete,„ich danke den Goͤttern, daß ich mit dem Lowen oder dem Liger nichts zu thun habez ſelbſt mit Dir, Niger, nehme ich es lieber auf.“ „Aber ich bin vielleicht ein eben ſo gefährlicher Gegner,“ ſagte der Gladiator mit wildem Lachen; und die Umſtehenden, die ſeine kräftigen Glieder be⸗ wunderten, lachten mit. „Das wollen wir auf ſich beruhen laſſen,“ er⸗ wiederte Lydon ruhig, indem er ſich wieder langſam nach dem Ausgang drängte. „Ich kann ja ſeine Schultern auch fur mich mit arbeiten laſſen,“ dachte der kluge Soſia, indem er ſich beeilte, ihm zu folgen;„das Volk geht einem Gladiator immer aus dem Wege, ich will mich da⸗ her hinter ihm halten.“ Der Sohn des Medon machte ſich leicht Bahn, und viele der umſtehenden erkannten ihn.„Da iſt der junge Lydon, ein braver Bupſche,“ ſagte der Einez„er kämpft morgen mit.“— „Ach, ich habe auf ihn gewettet,“ ſagte ein Anderer;„ſieh, was er für einen feſten Gang „ hat!. „Gluͤck auf, Lydon!“ ſagte ein Dritter. „Lydon, ich wuͤnſche, daß Du Sieger werdeſt, und fort dem elbſt icher hen; be⸗ er⸗ ſam mich dem nem da⸗ ahn, der ein ang z1“ 73 flͤſterte ein huͤbſches Weib—„und wenn Du ſiegſt, wirſt Du mehr von mir hoͤren.“— „Ein ſchoͤner Mann, bei der Venus!“— rief ein ganz junges Maädchen. „Ich danke ſchonſtens!“ erwiederte Soſia, der in ſeiner Unſchuld glaubte, daß er gemeint ſei. Mochten die edleren Beweggruͤnde des Lydon auch uͤberwiegend ſein, und hätte er gewiß niemals einem ſo blutigen Beruf ſich gewidmet, wenn es nicht der Befreiung ſeines Vaters wegen geſchehen waͤre: ſo ſchmeichelte doch das Aufſehn, welches er erregte, auch ſeiner Eitelkeit. Er vergaß, daß dieſelben Stimmen, die ihn heute lobten, vielleicht morgen ſchon uber ſeine Todesqualen jubeln koͤnnten. Eben ſo ſtolz und kühn, als edelmuthig und gefuͤhlvoll, hatte doch ſchon ein gewiſſer übermuth, der in dem Beruf lag, welchen er zu verabſcheuen glaubte, ſich ſeiner bemächtigt, und dieſer war durch ſeinen Um⸗ gang, der eigentlich ſeiner Natur ſo ſehr zuwider war, vermehrt worden. Er ſah ſich ſelbſt als einen Mann von Wichtigkeit anerkennen, und die Folge davon war, daß er ſich nun auch ein großeres An⸗ ſehn gab. „Niger,“ ſagte er, ſich ſchnell umdrehend, als er ſich durch die Menge gedraͤngt hatte,„wir haben uns oft gezankt; es iſt moͤglich, daß Einer von uns morgen fällt— gib mir die Hand!“— „Sehr gern,“ ſagte Soſia, indem er die Hand ausſtreckte. „Ha, was iſt das fuͤr ein Narr? ich dachte Niger waͤre hinter mir.“— „Ich entſchuldige den Irrthum,“ erwiederte Soſia;„ich und Niger ſind von derſelben Sta⸗ tur.“— „Ha, ha! das iſt koſtlich; wenn Niger das hörte, wuͤrde er Dich erwuͤrgen!“— „Ihr Herren von der Arena ſeid ſehr hitzig,“ be⸗ merkte Soſia;„laß uns von etwas Anderm reden.“ „Vah, vah!“ ſagte Lydon ungeduldig;„ich bin jetzt nicht in der Stimmung, mich mit Dir zu un⸗ terhalten!“— „Ja,“ erwiederte der Sklave,„Du haſt aller⸗ dings an ernſthafte Gegenſtände zu denken. Morgen legſt Du ja wohl Dein erſtes Probeſtuͤck auf der Nrena ab? Nun, ich bin überzeugt, Du wirſt mu⸗ thig ſterben!“— „Mogen die Worte auf Dein eignes Haupt zu⸗ rückfallen!“ ſagte Lydon, denn ſeinem Aberglauben gefiel keineswegs dieſes Omen des Soſia.„Sterben — nein, ich hoffe, meine Stunde iſt noch nicht ge⸗ kommen!“— 5 „Wer mit dem Tode um Wuͤrfel ſpielt, muß ſich auch den Hundewurf gefallen laſſen,“ antwortete Soſia boshaft;„aber Du biſt ein ſtarker Burſche, und ich wuͤnſche Dir alles mögliche Gluͤck. Vale!“— 75 Hiermit verließ ihn der Sklave, und ſetzte ſeinen Weg nach Hauſe fort. te,„Ich hoffe, daß die Worte dieſes albernen Men⸗ ſchen keine boͤſe Vorbedeutung waren,“ ſagte Lydon te nachdenkend.„In meinem Eifer fuͤr die Freiheit 6 meines Vaters, und in meinem Zutrauen in meine 5 eigenen Kräfte habe ich an die Moͤglichkeit meines te, Todes noch nicht gedacht. Mein armer Vater!— ich bin Dein einziger Sohn!— wenn ich unter⸗ be⸗ läge—“ Der Gladiator beſchleunigte, da dieſer Gedanke ihn beunruhigte, ſeine Schritte, als er ploͤtzlich in einer gegenuͤberſtehenden Straße den Gegenſtand ſei⸗ ner Sorgen erblickte. Der graubaͤrtige Medon naͤ⸗ herte ſich ihm langſam, auf ſeinen Stab gelehnt, darnieder gebeugt durch das Alter, mit wankenden, der zitternden Schritten und niedergeſchlagenen Augen. Lydon blieb einen Augenblick ſtehn, er errieth ſogleich die urſache, weshalb der alte Mann noch ſo ſpaͤt ½ usgegangen war. 5„Jetzt wird er mich gewiß ſuchen,“ dachte erz 5„er hat ſich entſetzt uͤber die Verurtheilung des Olin⸗ thus— der Kampf im Amphitheater erſcheint ihm jetzt mehr als jemals gehäſſig— er wird mir ge⸗ ich wiß wieder mein Vorhaben auszu eden ſuchen. Ich . muß ihn vermeiden; ich kann ſeinen Bitten, ſeinen Ne Thränen nicht widerſtehn!“— Dieſe Gedanken drängten ſich in dem Kopfe des 76 jungen Mannes. Er entfernte ſich ſchnell nach einer andern Richtung, und blieb nicht eher wieder ſtehen, als bis er faſt athemlos auf einen Huͤgel gelangt war, von dem man den ſchoͤnſten und glänzendſten Theil der Stadt uͤberſah, und als er von hier in die ſtillen Straßen herab blickte, welche der Mond beſchien, der eben aufgegangen war, und theilweiſe ein pittoreskes Licht auf die in einiger Entfernung ſich noch um das Amphitheater bewegende Volks⸗ menge warf, machte dieſe Scene ſelbſt auf ſeine un⸗ gebildete Natur einen tiefen Eindruck. Er ſetzte ſich auf die Stufen eines verfallenen Säulenganges, und fuhlte ſich erfriſcht und erquickt durch die ihn um⸗ gebende Ruhe. Ihm gegenuͤber erglänzten die Lich⸗ ter aus einem dicht unter ihm befindlichen großen Gebaͤude, deſſen Beſitzer jenen Abend ein prachtvolles Feſt gab. Die Thuͤren waren, um die kuͤhle Luft einzulaſſen, geoͤffnet, und der Gladiator ſah zahl⸗ reiche Gruppen um die Tiſche in dem Atrium*) ver⸗ ſammelt, während hinter ihnen die Strahlen des Springbrunnens, der die lange Perſpective der er⸗ leuchteten Zimmer ſchloß, im Mondſchein funkelten. Dort waren die Blumen um die Saͤulen der Halle gewunden— dort erglänzten die zahlloſen weißen *) Im Atrium wurden gewohnlich, wie ich ſchon fruͤher irgendwo bemerkt habe, groͤßere Geſellſchaften bewirthet. Marmorſtatuen,— dort ertoͤnte unter Scherzen und Lachen Muſik und Geſang. Epikuräiſcher Geſang. Fort mit der Geſchichte vom Hades, Die der Prieſter erfand, uns zu ſchrecken, Was wollt Ihr mit dem Cocytus, Und mit den Parzen uns necken?— Zeus hat kein ſehr ruhiges Leben, Wie die Ammen⸗Maͤhrchen uns ſagen, Sehn ſoll er Alles— und hoͤren Soll ſelbſt er des Weibes Klagen. Geſegnet ſei Epikurus! Der uns lehrte, der Fabeln zu lachen, Wir lachen des Pluto und Charon, Und auch des dreikopfigen Drachen. Und gibt's einen Zeus oder Pluto, So kuͤmmern ſie ſich— nur um's Wetter, Sie wiſſen ja, daß unſer Leben Schon hier iſt ein Leben der Goͤtter!— Sind denn die Goͤtter Spione, Die jeder Freude gleich wehren? Kein Maͤdchen geſtatten zu kuͤſſen, Und keinen Becher zu leeren? Wir ſind zufrieden mit Maͤdchen, Mit Wein und Geſang und Vergnuͤgen, Uns kuͤmmern die Gotter nicht droben, Wir laſſen uns nicht mehr beluͤgen. Indem Lydons religioſe Gefühle, welche, mochte er auch noch ſo duldſam ſein, doch durch dieſe Verſe, in denen ſich die Modephiloſophie der damaligen Zeit ausſprach, nicht wenig verlest wurden, kaum noch dieſen Mißton verſchmerzt hatten, kam eine kleine Geſellſchaft von Männern aus der Mittelktaſſe in einfachen Kleidern, unweit des Ortes vorbei, wo er ſaß. Sie waren in ernſten Geſprächen begriffen, und ſchienen den Gladiator nicht zu ſehen, oder zu beachten. „O des Greuels aller Greuel,“ ſagte der Eine, „Olinthus iſt uns entriſſen! wir haben unſern rech⸗ ten Arm verloren! Wann wird Chriſtus hernieder⸗ ſteigen, um die Seinigen zu beſchuͤtzen?“— „Kann die menſchliche Verderbtheit tiefer ſin⸗ ken?“— ſagte ein Anderer,„einen unſchuldigen zu derſelben Strafe zu verurtheilen, wie einen Moͤr⸗ der!— Aber laßt uns ſtandhaft bleiben; der Don⸗ ner Sinai's kann noch ertoͤnen, und der Herr ſeine Heiligen ſchüzen. Der Thor denkt: es gibt keinen Gott!“— In dieſem Augenblick ertoͤnte wieder aus dem venachbarten Gebäude der Schluß des Geſanges: uns kuͤmmern die Goͤtter nicht droben, Wir laſſen uns nicht mehr beluͤgen!(¹) Die Nazarener, die jetzt plotzlich ein frommer unwille erfaßte, ſangen laut folgende Lieblings⸗ hymne: te e, Die Warnungshymne der Nazarener. it unſer Gott— allgegenwaͤrtig, ch Unſer Gott, allmaͤchtig und allwiſſend; ne Auf des Sturmwinds Wogen ſchwebt er! in Sinkt! ihr Himmel!— weicht! ihr Tiefen!— Weh dem Stolzen, der Ihm trotzt!— 4 Weh dem Träumer, der Ihn laͤugnet! n, Weh dem Suͤnder— weh! zu Die Sterne werden fallen, Die Sonne wird verbleichen— Die Himmel werden zuſammen rollen— ne Der Hoͤlle Ozean wird tragen ch⸗ Die Wellen der Verzweiflung, er⸗ Jede ein ewiger Geiſt!— Und das Einzige, was dann Nicht länger leben bleibt, in⸗ Iſt die Leiche des Rieſen: Zeit! en Horch! die Trompete des Donners!— or⸗ Sieh! die Erde oͤffnet ſich! on⸗ Und es ſitzt der Richter des Grabes ie Auf dem Thron ſeiner Herrlichkeit, Die Seinen zu rufen und zu retten. nen O, Heil der Tugend!— Wehe dem Laſter!— Er kommt, die Seinen zu retten, Weh den Stolzen, die Ihm trotzen!— Weh den Träumern, die Ihn verlaͤugnen! Weh den Suͤndern— Weh!— Auf dieſe drohenden Worte folgte in der früher mer ſo lebendigen Halle ein ploͤtzliches Stillſchweigen; die 195⸗ Chriſten gingen weiter, und der Gladiator verlor ſie bald aus dem Geſicht. Lydon, den die geheim⸗ R&eeetn 8⁰ nißvollen Drohungen der Chriſten erſchreckt hatten — er wußte kaum weshalb— ſtand nach einer Weile auf, um ſeinen Weg nach Hauſe fortzuſetzen. Wie ruhig lag die liebliche Stadt unter ihm im Mondenſchein!— wie ſanft ſpielten die dunkelgruͤ⸗ nen Wogen jenſeits an dem Strand!— wie rein und heiter dehnte ſich der blaue campaniſche Himmel uber ihm aus!— Und doch war dieſes die letzte Nacht fuͤr das ſchone Pompeji,— fuͤr die uralte Colonie des Chaldäers; für die mythiſche Stadt des Herkules; fuͤr die Wonne des prächtigen Roms!— Jahrhunderte waren ruhig uͤber ihrem Haupt dahin⸗ gezogen, und jetzt zitterte der letzte Strahl auf dem Zifferblatt ihres Geſchicks!— Der Gladiator hörte leichte Schritte hinter ſich— eine Gruppe von Wei⸗ bern kehrte von dem Amphitheater zuruͤck. Als er ſich umſah, erblickte er eine ſeltſame Erſcheinung. Aus der Spitze des Veſuv's, der in der Entfernung ſchimmerte, ſtrahlte ein bleiches, meteoriſches Licht empor— es zitterte einen Augenblick, und ver⸗ ſchwand ſogleich wieder. und in demſelben Augen⸗ blick, da er es ſah, ſang ein junges Mädchen in jener Gruppe mit heller Stimme? „Tramp! tramp! welch ein wildes und kuͤhnes Ge⸗ wuͤhl, Im Amphitheater welch' luſtiges Spiel!“ 3 ge ——— Anmerkung zum vierten Buch. 1) Seite 78. Die Lehre des Epikur ſelbſt iſt rein und einfach.— Vellejus(der in Cicero's Geſpraͤch uͤber die Natur der Goͤtter die Philoſophie des Epikur ver⸗ theidigt), behauptet, daß Epikur, weit davon entfernt, das Daſein höherer Mächte zu laͤugnen, der Erſte war, der daſſelbe aus dem Eindruck bewieſen habe, welchen die Natur ſelbſt auf die Gemuͤther der Menſchen mache. Er entwickelte den Glauben an die Götter als eine ein⸗ geborne Idee(roömihech) des Geiſtes, ein Lehrſatz, den neuere Metaphyſiker(und gewiß keine Epikuraer) haͤufig benutzt haben. Er glaubte, daß den goͤttlichen Mächten wegen der Bewunderung, welche die Vollkommenheit und Gluͤckſeligkeit anregen muͤſſen, Anbetung gebuͤhre, nicht aber dieſe aus Furcht vor ihrer Rache, oder vor ihrer Macht entſtehen muͤſſe; eine erhabene und ſelbſt⸗ ſtäͤndige Philoſophie, welche ſich vielleicht fuͤr ein halbes Dutzend großer und hochgebildeter Geiſter eignet, die aber den Leidenſchaften der Mehrzahl der Menſchenkin⸗ der keinen Zuͤgel anlegen köͤnnte. Nach ſeiner Lehre wa⸗ ren die Götter mit ihrer eigenen Gluͤckſeligkeit zu ange⸗ nehm beſchaͤftigt, als daß ſie ſich mit den Sorgen und Freuden, mit den kleinlichen und erbaͤrmlichen Angele⸗ genheiten der Menſchen ſonderlich haͤtten befaſſen ſollen. Fuͤr dieſe Erde waren ſie theilnahmloſe Abſtractionen.— Bulwer's Werke. Taſchenausg. IV. 6 Cotta, der in dem erwaͤhnten Geſpraͤch die Philoſophie des Epikur mit vieler Laune und mit großem, doch nur theilweiſem Erfolge angreift, zieht einen praktiſchen Schluß aus jener Theorie:„Wie koͤnnen wir die Göt⸗ ter fuͤr heilig halten,“ ſagte er,„wenn ſie ſich mit den menſchlichen Angelegenheiten nicht beſchaͤftigen?— wenn die Gottheit kein Wohlwollen fuͤr den Menſchen zeigt, ſo kann der Menſch ſie auch nicht verehren.“ Cotta ſucht nach dem Posidonius(de natura Deorum) zu be⸗ weiſen, daß Epikur nicht wirklich an das Daſein eines Gottes geglaubt; ſondern daß er blos gegen den Vor⸗ wurf des Atheismus durch die Annahme eines ſo unbe⸗ ſtimmten Weſens ſich habe ſchuͤtzen wollen.„Epikurus konnte kein ſolcher Thor ſein,“ ſagte Cotta,„zu glau⸗ ben, daß die Gottheit Macht hat, ohne ſie anwenden zu können, und daß ſie ein weſenloſer Schatten ſei.“— Moge dieſes nun, was den Epikur betrifft, wahr ſein oder nicht, ſo iſt es gewiß, daß ſeine ſpätern Schuͤler nur verfeinerte Atheiſten waren. Die in dem Geſange im Text dargelegten Anſichten ſind genau die der Philo⸗ ſophen des Gartens, denen es, da ſie die Moral des Epikur gaͤnzlich entſtellt hatten, welche rein und prak⸗ tiſch zugleich iſt, noch weit leichter wurde, ſeine Meta⸗ phyſik umzugeſtalten, welche eben ſo gefaͤhrlich als träu⸗ meriſch iſt. hie ur en ot⸗ den enn igt, tta be⸗ nes or⸗ be⸗ rus au⸗ zu ſein ler nge il⸗ des rak⸗ eta⸗ au⸗ Die letzten Tage von Pompeji. „ Fuͤnftes Buch⸗ * Stat ecce ad aras hostia, enpectat manum Cervice pronà. Senec. Mutatus ordo est— sede nil proprià jacet, Sed acta retro cuncta. Ibid. Tempore quamquam illo tellus quoque, et aequorà ponti Signa dabant. Virgil. Georgic. lib. 1. Erstes Bapitel. Der Traum des Arbaces.— Der Egyptier erhaͤlt einen Beſuch und eine Warnung. De Nacht, welche den wilden Spielen im Am⸗ phitheater vorher ging, war voruͤber, und es trat die Morgendaͤmmerung des letzten Tages von Pompeji ein!— Die Luft war ungewoͤhnlich ru⸗ hig und ſchwuͤl— ein leichter, dunſtiger Nebel ſchwebte uͤber den campaniſchen Thalern und Fel⸗ dern. Mit Erſtaunen aber bemerkte der, fruͤh an ſein Tagewerk gehende Fiſcher, daß, trotz der außer⸗ ordentlichen Windſtille, die Wogen des Meeres un⸗ ruhig waren, als verſuchten ſie, ſich von dem ufer gewaltſam zuruͤckzuziehen, waͤhrend längs des bläu⸗ lichen Sarnus, deſſen fruͤhere Breite der Wanderer jetzt vergeblich wieder ſucht, ein hohles Gemurmel vernehmbar war. über den Nebeln erhoben ſich die alten Thuͤrme der Stadt,— die mit rothen Ziegeln bedeckten Daͤcher der groͤßern Gebäude, die ſchlanken Säulen ſo vieler Tempel, und die mit Statuen be⸗ 86 ſetzten Portale des Forums und des Triumphbogens. In der Entfernung ſtiegen die blauen Huͤgel und Berge aus den Duͤnſten, und auf ihnen verweilte das Farbenſpiel des anbrechenden Morgens. Die Wolke, welche ſeit einiger Zeit uͤber dem Veſuv ſchwebte, war plötzlich verſchwunden, und der kahle Gipfel des Berges lag ruhig in der blauen, heitern Luft. Die Thore der Stadt waren, ungeachtet es noch ſo fruͤh am Tage war, eroͤffnet. Das Gewuͤhl der Reiter und Wagen war dort groß, und die Stim⸗ men unzähliger Fußgänger in feſtlichen Kleidern er⸗ hoben ſich in muntern und lebendigen Tönenz die Straßen waren gefuͤllt mit Buͤrgern und Fremden aus der bevölkerten Umgegend von Pompeji; und geraͤuſchvoll ſtroͤmten die Menſchenmaſſen nach dem ſchrecklichen Schauſpiel. Trotz der Größe des Amphitheaters, welche zu jener der Stadt ſo wenig im Verhältniß zu ſein und darauf berechnet ſchien, die ganze Einwohner⸗ zahl Pompeji's aufzunehmen, war der Andrang des Volks aus allen Gegenden Campaniens bei außer⸗ ordentlichen Gelegenheiten ſo bedeutend, daß der Raum vor dem Amphitheater gewöhnlich ſchon meh⸗ rere Stunden vor dem Anfang der Kampfſpiele durch diejenigen Perſonen angefullt war, welche durch ihren Stand auf keine beſtimmten Plätze An⸗ ſpruch machen konnten. An dieſem Tage aber war S N 8 8 87 die Neugierde durch die Verurtheilung zweier Ver⸗ brecher um ſo mehr geſpannt, und es hatten ſich mehr Menſchen verſammelt, als jemals ſeit undenk⸗ lichen Zeiten. Während das campaniſche Volk lärmend und jauchzend umher wogte, aber dennoch, wie auch noch die jetzigen Italiener in ſolchen Fallen, eine bewun⸗ dernswerthe Ordnung und gute Laune behauptete, war ein ſeltſamer Gaſt auf dem Wege nach dem abgelegenen Hauſe des Arbaces begriffen. Bei dem Anblick ihrer ſonderbaren und alterthuͤmlichen Tracht und ihres unbeholfenen Ganges und Benehmens ſtießen ſich die Wanderer, welche ihr begegneten, an und lachten; ſobald ſie aber in das Geſicht ſahen, war die Luſtigkeit voruͤber, denn das Antlitz war wie das einer Leiche, und dieſes, ſo wie die un⸗ heimlichen Zuͤge und das zerriſſene Gewand der Fremden, ließen ſie wie eine aus der Schattenwelt in das Leben Zuruckgekehrtẽ erſcheinen. Jede Gruppe machte ihr ſchweigend und aͤngſtlich Platz, als ſie vorbei kam, und ſie erreichte bald die Wohnung des Egyptiers. Der ſchwarze Thuͤrſteher, der heute ſchon zu ſo ungewöhnlicher Zeit auf ſeinem Poſten war, fuhr erſchrocken zuruͤck, als er auf ihr Klopfen die Thuͤre oͤffnete. 88 Der Egyptier hatte in der Nacht ſich eines feſten Schlafs erfreut, gegen den Morgen jedoch beaͤngſtig⸗ ten ihn ſeltſame und unruhige Träume, die ihn um ſo mehr aufregten, als ſie mit der Philoſophie, zu der er ſich bekannte, in Verbindung ſtanden. Es ſchien ihm, als befinde er ſich mitten in der Erde und ſtehe allein in einer weiten Hoͤhle, die durch ungeheure Pfeiler von rothlichem Felſen getra⸗ gen wurden, welche in unermeßlicher Höhe ſich in einer Finſterniß verloren, durch die noch kein Strahl der Sonne gedrungen ſein mochte. In dem Raume zwiſchen dieſen Säulen waren große Räder vertheilt, die mit einem gewaltigen Geraͤuſch in unaufhoͤrlicher Bewegung ſich wälzten und drehten. Blos zu der rechten und linken Seite der Hoͤhle war der Raum zwiſchen den Pfeilern frei, und man ſah in lange Gallerien, die nicht ganz finſter, aber nur ſchwach durch hin⸗ und herziehende, Irrlichtern ähnliche Flammen erhellt waren, die bald laͤngs des feuchten und unebenen Bodens ſich wie Schlangen wanden, bald in wilden Sätzen durch das Dunkel huͤpften, jetzt plötzlich verſchwindend, dann um deſto glänzen⸗ der und lebhafter wieder erſcheinend. und als Ar⸗ baces nach der Gallerie zur Linken blickte, zogen luftige, nebelhafte Geſtalten langſam nach der Halle zu, und wenn ſie dieſelbe erreicht hatten, ſchienen ſie ſich zu erheben, und wie Rauch in der unermeß⸗ lichen Hohe zu verſchwinden, 89 Er ſah beangſtigt nach der rechten Seite— und ſieh! aus dem Dunkel in der Hoͤhe ſtiegen aͤhn⸗ liche Schatten hernieder, die ſchnell nach der Galle⸗ rie zur Rechten ſchwebten, als wuͤrden ſie unwill⸗ kuͤhrlich durch die Gewalt eines unſichtbaren Luft⸗ ſtromes getrieben; und die Geſichter dieſer Geſpen⸗ ſter waren deutlicher zu erkennen, als die von denen auf der andern Seite;— auf einigen las man Freude, auf andern Trauer— einige druͤckten Hoff⸗ nung und Seligkeit, andere Schrecken und Verzweif⸗ lung aus. Und ſie ſchwebten ſo ſchnell und unaus⸗ geſetzt vorbei, daß der Egyptier zuletzt ſchwindlich wurde durch den Anblick unaufhoͤrlich wechſelnder Gegenſtände, die durch eine fremde Kraft vorbei ge⸗ trieben zu werden ſchienen. Er wendete ſich nach einer andern Seite, und in einer Vertiefung der Hoͤhle ſah er hier eine gewaltige Rieſin auf einem großen Haufen von Schädeln ſitzen. Ihre Hände waren beſchäftigt mit einem Gewebe, welches mit den unzähligen Rädern in Verbindung ſtand, als ob es dieſelben in Gang erhalte. Ein innerer Antrieb zwang ihn, ſich der Rieſin zu nähern, bis er ihr gegenuber ſtand. Ihre Züge hatten einen feierlichen, erhabenen und heitern Ausdruck. Ihr Antlitz war dem einer koloſſalen Sphinx ſeines Stammlandes ähnlich. Keine menſchliche Leidenſchaft trubte die runzelloſe, nachdenkende Stirne; man las in ihrem 90 Geſicht weder Freude, noch Traurigkeit, noch Hoff⸗ nung. Ihre Schoͤnheit hatte einen geheimnißvollen Charakter; dieſes Geheimnißvolle floßte Ehrfurcht, aber keinen Schrecken ein; es war die Vermenſch⸗ lichung des Erhabenen. und Arbaces fuͤhlte, wie die Tone, ohne ſeinen eigenen Antrieb, von ſeinen Lippen ſich entbanden, und die Stimme fragte: „Wer biſt Du, und was iſt Dein Beruf?“— „Ich bin Das, was Du anerkannt haſt,“ er⸗ wiederte das gewaltige Phantom, ohne in ſeiner Arbeit nachzulaſſen.„Ich bin die Natur! Die⸗ ſes ſind die Räder der Welt, und meine Hände er⸗ halten in ihnen das Leben aller Dinge.“ „Und welchen Zweck,“ ſagte die Stimme des Arbaces,„haben jene Gallerien, die ſo ſeltſam be⸗ leuchtet ſich hinab ziehen in den Abgrund der Fin⸗ ſterniß?“— „Die Gallerie zur Linken,“ antwortete die Rie⸗ ſin,„iſt die der ungebornen. Die Schatten, welche in die Hohe ſchweben, ſind die Geiſter, welche aus der Ewigkeit des Daſeins ihre beſtimmte Wander⸗ ſchaft auf der Erde antreten. Die Gallerie zur Linken, in welche die Schatten von oben herab nie⸗ der ſchweben, iſt die des Todes!“— „Uund weshalb,“ ſagte die Stimme des Arbaces, „durchzucken jene wilden Lichter blos die Finſterniß, und beleuchten ſie nicht?“— off⸗ len ht, ſch⸗ wie nen er⸗ ner ie⸗ des be⸗ in⸗ Kie⸗ lche aus der⸗ zur nie⸗ ces, iß, 91 „Einfaltiger Thor des menſchlichen Wiſſens! Traͤumer von den Sternen, und vermeintlicher Er⸗ gruͤnder des Weſens und Urſprungs aller Dinge! dieſe Lichter ſind nur der Schimmer jener Kennt⸗ niſſe, die der Natur fuͤr ihren Wirkungskreis ge⸗ waͤhrt werden; durch ſie erkennt ſie genug von der Vergangenheit und Zukunft, um ihren eigenen Ab⸗ ſichten zu entſprechen. urtheile daher, Du Thor, welcher Art Deine Kenntniſſe ſein muͤſſen!“— Arbaces zitterte, als ſeine Stimme wieder fragte: „Weshalb bin ich hier?“— „Du wirſt hier fuͤhlen, was Deinem Geiſte be⸗ vorſteht— Du wirſt den Schatten Deines Schick⸗ ſals jenſeits der Erde ſehn, wie er ſich in die Ewig⸗ keit verliert!“ Bevor noch Arbaces antworten konnte, fuͤhlte er einen gewaltigen Wind durch die Hoͤhle rauſchen. In die Höhe gezogen, und wie ein Blatt in den Herbſtſtuͤrmen empor gewirbelt, ſah er ſich plotzlich mitten unter den Schatten der Todten, und wurde mit ihnen fortgeriſſen in der Finſterniß. Als er vergeblich ankämpfte gegen die Gewalt, die ihn er⸗ faßt hatte, glaubte er den Wind eine Art von Ge⸗ ſtalt annehmen zu ſehn, die geſpenſtige Form der Fluͤgel und Klauen eines Adlers, mit undeutlich und weit in der Luft vorſchwebenden Gliedern, nur die glänzenden Augen ſtarrten finſter und unbeweglich in die ſeinigen. „Wer biſt Du?“— fragte wieder die Stimme des Egyptiers. „Ich bin Das, was Du anerkannt haſt,“ und das Geſpenſt lachte laut—„und mein Name iſt die Nothwendigkeit!“— „Wohin trägſt Du mich?“— „Zum Unbekannten.“— „Zur Seligkeit oder zur Verdammniß?“— „Wie Du geſäet haſt, ſo wirſt Du ernten!“— „Nicht ſo, fuͤrchterliches Geſpenſt!— Wenn Du der Beherrſcher des Lebens biſt, ſo ſind meine Miſ⸗ ſethaten Dein Werk, und nicht das meine!“— „Ich bin nur der Athem Gottes!“— erwie⸗ derte der mächtige Wind. „Dann iſt meine Weisheit eitel!“— ſeufzte der Traumer. „Der Landmann klagt das Schickſal nicht an, wenn er Diſteln ſaete, und kein Korn erntete. Du haſt Laſter geſäet, klage das Schickſal nicht an, wenn Du nicht den Lohn der Tugend ernteſt.“ Plötzich änderte ſich die Scene. Arbaces befand ſich unter menſchlichen Gebeinen, und in der Mitte derſelben ſtand ein Schädel, und der Schädel ver⸗ wandelte in der Verwirrung des Traums ſich nach und nach in den Kopf des Apaecides, und aus den grinſenden Kinnladen, die noch nicht mit Fleiſch be⸗ ———— d d a G 9 2 fi A 93 deckt waren, kroch ein kleiner Wurm auf die Fuͤße des Arbaces zu. Er bemuͤhte ſich, ihn zu zertreten, aber der Wurm wurde immer länger und dicker. Er dehnte ſich aus, und ſchwoll an, bis es eine große Schlange warz dieſe umwand die Glieder des Arbaces, zerdruͤckte ſeine Knochen, und erhob ihre funkelnden Augen und ihr giftiges Gebiß zu ſeinem Antlitz empor. Vergebens war ſein Sträuben;— er fuͤhlte ſich vernichtet unter dem Einfluß des ver⸗ peſteten Athems. und das Haupt der Schlange verwandelte ſich wieder in das des Apaecides, und es ertoͤnte aus ſeinem Munde eine Stimme: „Dein Schlachtopfer iſt Dein Richter! Der Wurm, den Du zertreten wollteſt, wird die Schlange, welche Dich vernich⸗ tet!“— Arbaces erwachte mit einem Schrei des Ent⸗ ſetzens und des verzweifelten Widerſtandes.— Seine Haare ſträubten ſich noch empor— auf ſeiner Stirn ſtanden die kalten Schweißtropfen— ſeine Augen ſtarrten wild— ſein ſtarker Koͤrper ward erſchuͤt⸗ tert durch die Qualen jenes Traums. Doch ſein Bewußtſein kehrte nach und nach zuruͤck— er dankte den Göttern, an die er nicht glaubte, daß er nur getraumt habe— er ſah die Daämmerung durch ſein hohes Fenſter dringen— er freute ſich, daß er bald wieder das Tageslicht erblicken werde;— und als er wieder im Zimmer ſich umſchaute, ſah er ſich 5⁴ gegenuͤber das Leichen⸗Antlitz die lebloſen Augen, die welken Lippen— der Hexe des Veſuv's! „Ha!“ rief er, indem er ſich das Geſicht mit den Händen bedeckte;—„traume ich noch?— bin ich noch unter den Todten?“— „Maäͤchtiger Hermes!— Nein! Du ſiehſt eine dem Tode Verwandte, aber keine Todte vor Dir.— Erkenne Deine Freundin und Sklavin.“— Es trat ein langes Stillſchweigen ein. Nach und nach legten ſich die krampfhaften Zuckungen, welche die Glieder des Egyptiers noch durchbebten, bis er ſich endlich wieder ganz erholt hatte. „Es war alſo ein Traum,“ ſagte er.„Aber wenn dieſer Traum ſich wieberholt, ſo gewährt der Tag keinen Erſatz für die Qualen der Nacht. Weib wie kamſt Du hierher, und weshalb?“— „Ich kam, um Dich zu warnen!“— ſprach die Hexe mit feierlicher Stimme. „Mich zu warnen!— Alſo hat der Traum nicht gelogen? Vor welcher Gefahr?“— „Hier nicht!— Es ſchwebt irgend ein Ver⸗ haͤngniß uber dieſer Stadt. Fliehe, ſo lange es noch Zeit iſt!— Du weißt, daß ich in einer Höhle jenes Berges wohne, unter dem nach der alten Sage die Feuer des Fluſſes Phlegethon noch brennen, und ſeit Kurzem bemerkte ich in einem tiefen Abgrunde meiner Hohle einen röthlichen Strom ſich langſam hinziehen; auch hörte ich in der Tiefe ein dumpfes ie it in ne ch en, en, ber der ib die um er⸗ es hle age und nde am fes 95 und polterndes Gerauſch. Als ich aber in der letz⸗ ten Nacht hinunter ſchaute, war der Strom glänzend und feurig, und da ich noch über dieſe merkwuͤrdige Erſcheinung nachdachte, ſtieß das Thier, welches in meiner Höhle mit mir lebte, und ſich an mich ge⸗ ſchmiegt hatte, einen gellenden Schrei aus, fiel nie⸗ der und ſtarb, und der Geifer und Schaum ſtand ihm vor den Lippen*). Ich ſchlich zuruͤck nach mei⸗ nem Lager, doch fuͤhlte ich deutlich während der gan⸗ zen Nacht den Felſen zittern und ſich bewegenz und obgleich die Luft außerhalb ruhig und ſtille war, hoͤrte ich doch unter mir ein Geräuſch, wie von brauſenden Winden und von rollenden Rädern. Als ich heute morgen aufſtand, ſah ich wieder hinunter, und erblickte große ſchwarze Felſenſtuͤcke in dem jähen feurigen Strome, und dieſer ſelbſt war weit rother und breiter geworden, als in der vergangenen Nacht. Ich trat jetzt hinaus und ſtieg auf die Spitze des Berges; und dort erblickte ich eine tiefe Hohlung, die ich fruͤher niemals bemerkt hatte, aus der ein dichter Dampf empor drang, und als ich ihn ein⸗ athmete; verging mir die Luft, daß ich beinahe ge⸗ ſtorben wäre. Ich kehrte zuruͤck, nahm mein Geld und meine Traͤnke aus der Hoͤhle, und verließ dieſen ) Man konnte ſich denken, daß die Ausduͤnſtungen in ihrer Wirkung denen in der Hundsgrotte bei Reapol aͤhnlich geweſen ſeien. meinen Aufenthalt ſo vieler Jahre; denn ich erin⸗ nerte mich der etruskiſchen Prophezeihung, welche ſagt:„„Wenn der Berg ſich eroffnet, ſo wird die Stadt untergehn— wenn der Rauch uͤber den Huͤ⸗ geln der verbrannten Felder ſchwebt, dann werden die Kinder der See wehklagen und trauern.““— „Bevor ich mich zu einem entfernten ufer fluͤchte, komme ich zu Dir, furchtbarer Meiſter. Ich weiß es ſo gewiß, als Du lebſt, daß das Erdbeben, wel⸗ ches vor 16 Jahren die Grundfeſten dieſer Stadt erſchuͤtterte, der Vorbote eines noch ſchrecklichern Geſchicks war. Die Mauern Pompeji's ſind erbaut uͤber den Feldern der Todten, und uͤber den Stro⸗ men der ſchlafloſen unterwelt. Hoͤre auf meine Warnung, und fliehe!“— „Ich danke Dir fuͤr dieſe Mittheilung,“ ſagte Arbaces.„Auf jenem Tiſche ſteht ein goldner Be⸗ cher; nimm ihn, er iſt Dein. Ich ließ mir nicht traͤumen, daß Eine, die nicht zu der Prieſterſchaft der Iſis gehoͤrt, den Arbaces vom Untergange ret⸗ ten koͤnne. Die Zeichen, welche Du in dem Krater des erloſchenen Vulkans geſehen haſt,“ fuhr der Egyptier nachdenkend fort,„deuten ſicher eine bevor⸗ ſtehende Gefahr fuͤr die Stadt anz vielleicht ein noch heftigeres Erdbeben, als das letzte. Dem ſei, wie ihm wolle, ſo iſt ein neuer Grund fuͤr mich vorhanden, dieſe Mauern bald zu verlaſſen. Mor⸗ gen will ich alle Anſtalten zu meiner Abreiſe tref⸗ in⸗ che die huͤ⸗ den hte, eiß vel⸗ adt ern aut tro⸗ eine agte Be⸗ icht haft ret⸗ ater der vor⸗ ein ſei, nich Nor⸗ tref⸗ 97 treffen. Tochter Etruriens, wohin wendeſt Du Dich?“— „Ich werde heute nach Herkulaneum gehn, und dann längs der Kuͤſte wandern, um mir einen neuen Aufenthalt zu ſuchen. Ich habe keine Freunde mehr; meine beiden Geſellſchafter, der Fuchs und die Schlange, ſind todt! Großer Hermes, Du haſt mir zugeſagt, daß ich noch zwanzig Jahre leben werde.“— „Ja,“ ſagte der Egyptier,„ich habe es Dir verſprochen. Aber ſage mir, Weib,“ fuͤgte er hin⸗ zu, indem er ſich auf den Arm ſtuͤtzte und ihr neu⸗ Fierig in das Geſicht ſah,—„weshalb willſt Du noch laͤnger leben? Welchen Genuß hat das Daſein fuͤr Dich?“— „Das Leben iſt nicht ſuß, aber der Tod iſt ſchreck⸗ lich,“ erwiederte die Hexe mit einem ſcharfen, be⸗ deutungsvollen Tone, der den eitlen Sternſeher tief bewegte. Er fuͤhlte die Wahrheit ihrer Antwort, und ſagte, da er von ihrer unheimlichen Geſellſchaft befreit zu ſein wuͤnſchte:„Die Zeit verrinnt; ich muß mich auf das feierliche Schauſpiel des heutigen Tages vorbereiten. Lebewohl, Schweſter, erheitre Dich uber der Aſche des Lebens, ſo gut Du es ver⸗ magſt.“— Die Hexe, welche das koſtbare Eeſchenk des Ar⸗ vaces zwiſchen den weiten Falten ihres Gewandes verborgen hatte, ſtand jetzt auf, um ſich zu entfer⸗ Bulwer's Werke. Taſchenausg. IV. 7 98 nen. Als ſie die Thuͤre erreicht hatte, drehte ſie ſich noch einmal um, und ſagte: „Dieſes iſt vielleicht das letztemal, daß wir uns auf der Erde begegnenz aber wohin geht die Flam⸗ me, wenn ſie die Aſche verläßt?— Man kann die Flamme auch dort ſehn im Moraſte, hin und her irrend als eine ſumpfige Ausduͤnſtung; und die Hexe und der Zauberer, der Meiſter und die Schuͤlerin, der Erhabene und die Verachtete ſehen ſich vielleicht vinſt wieder.— Lebe wohl!“— „Fort, Du Todtenrabe!“— ſagte Arbaces, als die Thuͤre ſich hinter der Hexe ſchloß; und noch er⸗ ſchreckt durch ſeine eigenen Gedanken und erſchoͤpft durch ſeinen Traum, rief er ſeine Sklaven. Es war gebräuchlich, den Feierlichkeiten im Am⸗ phitheater in feſtlichen Gewandern beizuwohnen, und Arbaces kleidete ſich dieſen Tag mit beſonderer Sorg⸗ falt. Seine Tunika war von der blendendſten weißen Farbe, die vielen Fibulae beſtanden aus den koſt⸗ barſten Steinen; über der Tunika wallte ein weites morgenlandiſches Gewand, halb Rock, halb Mantel, von dem glaͤnzendſten thriſchen Purpur; und die Sandalen, welche bis zu der Hälfte der Waden hin⸗ auf gingen, waren mit Juwelen und Gold geſtickt. Arbaces vernachläſſigte, unter den Taſchenſpieler⸗ künſten, die ſein prieſterlicher Genius ihm eingab, bei wichtigen Gelegenheiten niemals den Glanz und die Pracht, welche die Menge verblenden und Ehr⸗ c e c cor c ſie uns am⸗ die her exe rin, icht als er⸗ pft Am⸗ und org⸗ ißen koſt⸗ ites tel, die hin⸗ ickt. ler⸗ gab, und hr⸗ 99 furcht bei ihr erwecken; und er ſchien an dieſem Tage, der ihn durch den Tod des Glaukus fuͤr im⸗ mer von einem Nebenbuhler befreien, und die Ent⸗ deckung ſeines Verbrechens unmoͤglich machen ſollte, ſich fur einen Triumph⸗Zug oder fur ein Hochzeits⸗ feſt heraus geputzt zu haben. Es war auch Sitte fuͤr Maͤnner von Stande, zu den Spielen des Amphitheater durch einen langen Zug ihrer Sklaven und Freigelaſſenen begleitet zu werden, und die bedeutende„Familie“ des Arbaces war bereits aufgeſtellt, um der Saͤnfte ihres Herrn zu folgen. Zu ihrem Verdruß waren blos die Skla⸗ ven, welche Jonen beaufſichtigten und bedienten, und der wurdige Soſia, der Gefangenwaͤrter der Nydia, verurtheilt, zu Hauſe zu bleiben. „Kallias,“ ſagte Arbaces heimlich zu ſeinem Frei⸗ gelaſſenen, der ihm den Guͤrtel befeſtigte;„es gefällt mir nicht mehr in Pompeji; ich beabſichtige, wenn der Wind guͤnſtig iſt, es in drei Tagen zu verlaſſen. Du kennſt das Schiff, welches im Hafen liegt, und dem Narſes aus Alexandria gehoͤrt; ich habe es von ihm gekauft. übermorgen wollen wir anfangen, meine Sachen dorthin zu bringen.“— „So bald?— Wie Du befiehlſt— und Deine Muͤndel Jone?“— „Begleitet mich.— Genug davon!— Iſt das Wetter ſchoͤn?“— 7* 100 „Etwas ſchwuͤl und druͤckend; es wird wahr⸗ ſcheinlich ſehr heiß werden.“— „Die armen Gladiatoren und die noch ungluck⸗ licheren Verbrecher! Geh hinaus, und bringe den Zug der Sklaven in Ordnung.“— Als Arbaces allein war, trat er in ſein Studier⸗ zimmer und von da in den Saͤulengang. Er ſah die dichten Volksmaſſen dem Amphitheater zueilen, und hörte das Geſchrei der Gehulfen und das Knar⸗ Wn des Tauwerks, als die große Zeltdecke ausge⸗ ſpannt wurde, unter der die Buͤrger, geſchuͤtzt vor dem brennenden Strahl der Sonne, in behaglicher Ruhe die Todesqualen ihrer Mitgeſchoͤpfe anſehn wollten. Ploͤtzlich ertoͤnte ein wilder, ſeltſamer Laut, der gleich wieder erſtarb— es war das Bruͤllen des Loͤwen. Füͤr einen Augenblick ſchwieg das entfernte Geraͤuſch des verſammelten Volks, aber bald er⸗ ſchallte wieder ein froͤhliches Gelächter— man machte ſich luſtig uͤber die hungrige ungeduld des königlichen Thieres.“— „Ihr Beſtien!“— ſagte Arbaces unwillig— „ſeid Ihr weniger Morder, als ich?— Ich ermorde blos der Selbſt⸗Vertheidigung wegen— Euch aber iſt der Mord ein Spiel.“— Er wendete ſich jetzt mit forſchendem Blick gegen den Veſuv. üppig gruͤnten die Weinberge; welche ihn umgaben, und ruhig, wie die Ewigkeit, lag der maͤchtige Berg in der ſtillen heitern Luft. ahr⸗ uͤck⸗ Zug ier⸗ ſah ilen, nar⸗ ge⸗ vor icher ſehn aut, des rnte er⸗ chte ichen — orde aber egen elche der 101 „Ich habe noch Zeit, wenn das Erdbeben auch bevorſteht,“ dachte Arbaces, und trat zuruͤck. Er kam an dem Tiſche vorbei, auf dem ſeine myſtiſchen Papiere und ſeine chaldäiſchen Berechnungen lagen. „Erhabene Kunſt,“ dachte er,„ich habe Deine Geheimniſſe ſeit jener Gefahr, die Du mir vorher verkuͤndeteſt, nicht befragt. Wozu auch?— Ich weiß, daß von jetzt ab mein Pfad glaͤnzend und glucklich iſt. Haben die Ereigniſſe es nicht ſchon be⸗ wieſen? Fort mit den Zweifeln!— fort mit der Barmherzigkeit!— Spiegle mir, o mein Herz⸗ ſpiegle mir nur zwei Bilder fuͤr die Zukunft:„die Herrſchaft und Jonen!“— Zweites Rapitel. Das Amphitheater.. Nydia, welche durch den Soſia die Verſicherung er⸗ halten hatte, daß ihr Brief in die Hände des Salluſt gelangt ſei, uͤberließ ſich wieder der Hoffnung. Sie glaubte, Salluſt werde gewiß ſofort den Praätor auf⸗ ſuchen— in das Haus des Egyptiers dringen— ſie befreien, und den Kalenus erloͤſen, und in der⸗ ſelben Nacht konnte dann auch Glaukus ſchon aus 102 ſeinem Gefängniß entlaſſen werden. Aber ach! die Nacht verging— die Dämmerung brach an— ſie horte nichts, als die Fußtritte der Sklaven in der Halle und im Periſtyl, und ihre Stimmen, wie ſie uͤber die Vorbereitungen zum Feſte ſprachen. Dann und wann drang auch die gebieteriſche Stimme des Arbaces in ihr Ohr— jetzt hoͤrte ſie rauſchende Muſik; der lange Zug ging nach dem Amphitheater, wo man ſich an den Todesqualen des Athenienſers weiden wollte. Der Zug des Arbaces bewegte ſich langſam und feierlich bis an den Punkt, wo Diejenigen, welche in Saͤnften oder Wagen gekommen waren, ausſtei⸗ gen mußten. Arbaces begab ſich an den Eingang, der fuͤr die vornehmſten Zuſchauer beſtimmt war. Seinen Sklaven wurden durch Beamte, die ihre Billets(welche unſern neuern Opern⸗Billets nicht unaͤhnlich waren) in Empfang nahmen, Plätze in der popularia(den fuͤr das Volk beſtimmten Sitzen) angewieſen. Arbaces uͤberblickte jetzt von dem Orte aus, wo er ſaß, die ungeheure Volksmenge, die das geraͤumige Theater erfuͤllte. Die Weiber ſaßen in den obern Reihen, getrennt von den Maͤnnernz ihre bunten Anzuͤge erſchienen wie ein farbiges Blumenbeet. Es iſt unnoͤthig, zu be⸗ merken, daß ſie der redſeligſte Theil der Geſellſchaft, und viele Blicke auf ſie gerichtet waren, beſonders —₰——— e— e —u 8 103 von den Baͤnken, wo die jungen und unverheirathe⸗ ten Männer ſaßen. Auf den niedrigſten Stufen rund um die Arena befanden ſich die angeſehenſten und reichſten Zuſchauer; die Behoͤrden, Senatoren, und alle Perſonen von ritterlicher Wuͤrde(die Equites ſaßen unmittelbar hinter den Senatoren). Die Kor⸗ ridore, welche rechts und links zu dieſen Sitzen fuͤhrten, endigten ſich an den ſchmalen Seiten der ovalen Arena, und dort waren auch die Eingaͤnge fuͤr die Kämpfer.— Hohe Palliſaden verhinderten hier die wilden Thiere auszubrechen, und beſchränk⸗ ten ſie auf die ihnen angewieſene Beute. Längs der Bruſtwehr, die ſich von der Arena erhob, und von der die Sitze allmählig empor ſtiegen, waren gladia⸗ toriſche Inſchriften und Fresko⸗Gemalde angebracht, die Bezug auf die Kampfſpiele hatten, welche hier ſtatt fanden. Durch das ganze Gebaude wanden ſich Roͤhren, aus denen in der Hitze des Tages die Zuſchauer mit kuͤhlem und erquickendem Waſſer be⸗ ſprengt wurden. Die Beamten des Amphitheaters waren noch beſchaͤftigt, das weite Zeltdach(oder Velaria) zu befeſtigen, das den ganzen Raum be⸗ deckte. Es war aus der weißeſten apuliſchen Wolle gewebt, und mit breiten ſcharlachrothen Streifen durch⸗ zogen. Dieſe Decke war jedoch an jenem Tage, ſei es, weil die Arbeiter in ihrem Geſchäft nachläſſig geweſen, oder weil die Maſchinerie nicht im Stande war, keineswegs ſo gut ausgeſpannt, als gewöhn⸗ 104 lich; auch war dieſes wegen des weiten umfanges der Decke eine ſchwierige Aufgabe, die bei rauhem oder windigem Wetter ſelten vollſtändig gelöſet wer⸗ den konnte. Aber an dieſem Tage war die Luft ſo ruhig, daß den Zuſchauern kein Grund die Unge⸗ ſchicklichkeit der Arbeiter entſchuldigen zu koͤnnen ſchien; und die Ausbrüche der unzufriedenheit wur⸗ den allgemein, als noch immer ein großer Theil der Velaria nicht ausgeſpannt werden konnte, ſo daß ein bedeutender Raumunbe deckt blicb.— Den Aedilen Panſa, auf deſſen Koſten dieſe Spiele gegeben wur⸗ den, ſchien jener übelſtand beſonders zu kränken, und er ſchwor dem mit dieſem Geſchäft beauftragten Be⸗ amten, der ſich vergeblich ereiferte und quälte, da⸗ mit die Decke noch in Ordnung gebracht werde, bittere Rache. Doch bald wurde das Volk wieder ruhig, und die Offnung in der Decke war vergeſſen, als die Gladiatoren in einem feierlichen Zuge unter dem Schmettern der Trompeten in die Arena ruckten. Sie machten langſam und gemeſſen in dem ovalen Raume die Runde, damit die Zuſchauer mit Muße ihre abgehärteten und furchtloſen Geſichter, ihre kräftigen Geſtalten und muskulöſen Arme betrachten, und die Wetten eingehen konnten, welche die Laune und Aufregung des Augenblicks hervorriefen. „O!“ rief die Wittwe Fulvia der Gattin des Panſa zu, als beide ſich von ihrem hohen Sitz — 105 herab beugten,„ſahſt Du jenen rieſenhaften Gla⸗ diator? Wie drollig er ausgeſtattet iſt.“— „Ja,“ ſagte die Frau des Idilen, welche die Namen aller Kaͤmpfer kannte,„er iſt ein Retiarius, und, wie Du ſiehſt, blos mit einem dreizackigen Speer und mit einem Netz bewaffnet; er traͤgt keine Ruͤſtung, blos die Binde und eine Tunika. Er iſt ein ſtarker Mann, und wird mit dem Sporus, jenem ſtaäͤmmigen Gladiator mit dem runden Schilde und dem Schwerte, jedoch ebenfalls ohne Ruͤſtung, käm⸗ pfen; er hat den Helm jetzt nicht auf, damit man ſein Geſicht ſehen könne;— wie muthig ſchaut er drein!— ſpäter wird er jedoch mit geſchloſſenem Viſir auftreten.“ „Aber ein Netz und ein Speer ſind doch gegen ein Schild und Schwert ungleiche Waffen.“— „Man ſieht, wie unerfahren Du noch biſt, theure Fulvia; der Retiarius ſteht im Vertheil.“ „Aber wer iſt jener ſchone Gladiator, der faſt nackt iſt— es paßt ſich doch eigentlich nicht!— Bei der Venus, wie vollkommen iſt er gebildet!“— „Es iſt Lydon, ein junger Anfänger, er iſt ſo uͤbermuͤthig, es mit jenem ähnlich bekleideten,— oder vielmehr nicht bekleideten— Gladiator aufneh⸗ men zu wollen, mit dem Tetraides. Sie kämpfen zuerſt nach der griechiſchen Art, mit dem Ceſtus, ſpäter in Ruͤſtungen, mit dem Schild und Schwert.— 106 „Dieſer Lydon iſt ein huͤbſcher Mann, und die Frauen ſind ihm gewiß guͤnſtig.“— „Aber nicht die erfahrnen Wetter; Klodius bietet 3 gegen 1 auf ihn.“ „O Zeus! wie ſchoͤn“ rief die Wittwe, als zwei Gladiatoren, von Kopf bis zu Fuß bewaffnet, auf leichten und muthigen Pferden in die Arena ritten. Sie glichen den Rittern in den Turnieren im Mit⸗ telalter, trugen Lanzen und runde, ſchoͤne Schilde mit eingelegter Arbeit; die ſtarke eiſerne Ruͤſtung bedeckte jedoch blos die Lenden und den rechten Arm, die kurzen, bis auf den Sattel gehenden Roͤcke ga⸗ ben ihnen ein maleriſches Anſehn; an den Fuͤßen trugen ſie blos Sandalen, die etwas uͤber dem Knö⸗ chel befeſtigt waren.—„D, wie ſchonz wer ſind dieſe?“ fragte die Wittwe. „Der eine heißt Berbir,— er iſt zwoͤlfmal Sie⸗ ger geweſenz der andere fuͤhrt den uͤbermuͤthigen Na⸗ men Nobilior. Es ſind beides Gallier.“— „Jetzt waren die erſten Einleitungen und Foͤrm⸗ lichkeiten des Schauſpiels voruͤber. Darauf folgte ein Scheinkampf mit hoͤlzernen Schwertern zwiſchen den verſchiedenen Gladiatoren, die gegen einander beſtimmt waren. Unter dieſen erregte die Geſchick⸗ lichkeit zweier römiſcher Gladiatoren, welche fuͤr die⸗ ſes Feſt gemiethet worden, beſonderes Aufſehn, und nach ihnen wurde Lydon am meiſten bewundert. Dieſes Scheingefecht dauerte kaum eine Stunde, — 107 auch nahm es nur die Theilnahme der eigentlichen Kenner in Anſpruch, welche die feinere Kunſt rohe⸗ ren Aufregungen vorzogen; die meiſten Zuſchauer freuten ſich, als es voruͤber war, und als ſie ſchreck⸗ lichere Eindrücke hoffen durften. Die Kämpfer wur⸗ den jetzt, wie es vorher verabredet worden, in Paare geſondert, ihre Waffen unterſucht, und die ernſteren Spiele des Tages begannen unter dem tiefſten Still⸗ ſchweigen, welches nur durch die kriegeriſche Muſik unterbrochen wurde, die zum Kampfe rief. Oft fing man mit dem grauſamſten Schauſpiel an, und ein Bestiarius, oder ein fuͤr die wilden Thiere beſtimmter Gladiator, wurde als ein Ein⸗ weihungsopfer zuerſt umgebracht. Bei dieſer Gele⸗ genheit aber hielt es der erfahrene Panſa fuͤr geeig⸗ neter, daß das blutige Drama an Intereſſe fort⸗ ſchreiten, nicht abnehmen ſolle; es wurde daher die Vollziehung des urtheils des Glaukus und Olinthus bis zuletzt verſpart. Es war beſchloſſen worden, daß die beiden Reiter die Scene eroͤffnen, dann die Gladiatoren zu Fuß paarweiſe kämpfen, darauf Glau⸗ kus und der Loͤwe ihre Rolle in der blutigen Tra⸗ gödie ſpielen, und der Tiger und der Nazarener das große Finale bilden ſollten. In den Schauſpielen dieſer Art zu Pompeji muß uͤbrigens der Kenner der roͤmiſchen Geſchichte ſeiner Einbildungskraft Grenzen ſtellen, da er nicht jene ungeheuren Schlaͤch⸗ tereien im großen Styl erwarten darf, mit denen — 108 ein Nero oder Caligula die Bewohner der kaiſer⸗ lichen Stadt unterhielt. Die roͤmiſchen Schauſpiele, welche die beruͤhmteſten Gladiatoren und den groͤße⸗ ren Theil der auslaͤndiſchen Thiere in Anſpruch nah⸗ men, waren auch in der That urſache, daß in den kleinern Staͤdten des Reichs die Spiele im Amphi⸗ theater verhältnißmaͤßig weniger grauſam und ſelte⸗ ner waren; und in dieſer, ſo wie in andern Be⸗ ziehungen war Pompeji nur ein Miniaturbild, ein Microcosmus, von Rom. Bei alle dem war es aber immer noch ein ſchreckliches, ergreifendes Schau⸗ ſpiel, wie es die neueren Zeiten glucklicherweiſe nicht darbieten;— ein ungeheures, Stufe uͤber Stufe, faſt 500 Fuß hoch ſich erhebendes Theater, welches von 15,000 bis 80,000 Menſchen faßte, die nicht Zuſchauer eines fingirten Trauerſpiels, ſondern des wirklichen Sieges oder Untergangs, des Triumphs oder blutigen Todes aller Kämpfenden waren! Die zwei Reiter befanden ſich jetzt zu beiden En⸗ den der Schranken(wenn man ſie ſo nennen darf), und auf ein von Panſa gegebenes Zeichen jagten ſie gleichzeitig auf einander los, jeder ſeine leichte, aber feſte Lanze in der Luft wiegend; aber als Berbir nur ungefahr drei Schritte von ſeinem Gegner ent⸗ fernt war, hielt er plotzlich ſein Pferd an, machte eine kleine Wendung, und da Nobilior bei ihm vor⸗ beiſchoß, ſtieß er nach ihm. Nobilior fing jedoch 109 mit zuruͤckgehaltenem Schilde gewandt den Stoß auf, der ſonſt gefährlich geweſen ſein wurde. „Bravo, Nobilior!“— rief der Prätor. „Brav geſtoßen, mein Berbix!“— ſagte Klo⸗ dius von ſeinem Sitz. und die Aufregung des Volkes machte ſich jetzt auch durch manches wilde Rufen und Jauchzen Luft. Die Viſire beider Reiter waren(wie ſpaͤter die der Ritter) vollkommen geſchloſſen; der Kopf war aber dennoch der Haupt⸗Angriffspunct; und der Nobi⸗ lior, der jetzt ſein Roß mit nicht weniger Geſchick⸗ lichkeit als ſein Gegner wendete, richtete ſeine Lanze gerade auf den Helm ſeines Feindes. Berbix erhob ſeinen Schild, um ſich zu decken, der ſcharfblickende Nobilior aber benutzte dieſen Augenblick, um ihm ſeine Waffe plötzlich in die Bruſt zu ſtoßen. Berbir wankte und fiel. „Nobilior, Nobitior!“ jauchzte das Volk. „Ich habe 10 Seſterzien*) verloren— ſagte Klodius verdrießlich. „Habet!— er iſt verwundet,“— ſagte Panſa ruhig. 2 Das Volk, welches noch zu keiner graufamen Stimmung aufgeregt war, machte das Zeichen der Gnadez; als aber die Beamten der Arena ſich nä⸗ herten, fanden ſie, daß die Milde zu ſpät komme *) Etwas mehr als 50 Pfund Sterling. ————— 110 — das Herz des Galliers war durchbohrt, und ſeine Augen waren ſchon gebrochen. Mit dem Blut, das ſo ſchwarz uͤber den Sand der Arena ſtroͤmte, war auch ſein Leben entronnen. „Es iſt Schade, daß es ſo bald vorbei war,“— ſagte die Wittwe Fulvia. „Ja, ich habe auch kein Mitleid mit dem Ber⸗ bix. Man konnte leicht ſehen, daß Nobilior blos eine Finte machte. Sieh, ſie legen die Schlinge an den Koͤrper— ſie ſchleifen ihn nach dem Spolia⸗ rium— ſie ſtreuen wieder Sand auf den Boden— Panſa bedauert nichts mehr, als daß er nicht reich genug iſt, um die Arena mit Borar und Zinnober beſtreuen laſſen zu koͤnnen, wie Nero es oft thun ließ.“ „Nun, wenn der Kampf kurz war, ſo folgt wenigſtens ſchnell wieder ein anderer— ſieh! da tritt mein ſchoͤner Lydon auf die Arena,— und auch der mit dem Netz, und mit dem Schwert— o vortrefflich!“— Es befanden ſich jetzt ſechs Kämpfer auf dem Platz— Niger mit ſeinem Netz gegen den Sporus mit dem Schilde und kurzen Schwert— Lydon und Tetraides, ganz nackt, außer daß ſie einen Guͤrtel um den Leib trugen, jeder nur mit einem ſchweren griechiſchen Ceſtus bewaffnet— und zwei Gladiatoren aus Rom, ganz in Stahl gehuͤllt und mit großen Schilden und ſpitzen Schwertern. — 5 111 Da der Kampf zwiſchen dem Lydon und Tetrai⸗ des am wenigſten gefährlich war, ſo blieben, als dieſe in die Mitte der Arena getreten waren, die übrigen, als hätten ſie es verabredet, noch ſtehen, um dieſen Kampf erſt entſcheiden zu laſſen und es abzuwarten, bis ernſtere Waffen dem Ceſtus folgen wuͤrden, bevor ſie ſelbſt ihre Feindſeligkeiten began⸗ nen. Sie ſtanden getrennt von einander, ſich auf ihre Waffen lehnend, und dem Kampf mit zuſehend, welcher, wenn auch fuͤr das Volk nicht blutig genug, doch immer bewundert wurde, weil er, wie die Pom⸗ pejaner auch, griechiſchen Urſprungs war. Es konnten, auf den erſten Blick, kaum zwei Kämpfer weniger fuͤr einander geeignet ſein, als dieſe beiden Gegner. Wenn Tetraides auch nicht groͤßer als Lydon war, ſo erſchien er doch weit ſtämmiger und muskuloͤſer, da man glaubte, daß eine groͤßere Fleiſchmaſſe bei dem Kampf mit dem Ceſtus im Vortheil ſei, ſo hatte Tetraides ſeine ur⸗ ſpruͤngliche Anlage zur Corpulenz noch moͤglichſt ge⸗ naͤhrt. Seine Schultern waren breit, die Beine etwas einwarts gekruͤmmt, und von jener, Bildung, die zwar der Schoͤnheit Eintrag thut, wodurch aber die Kraft gewinnt. Lydon aber war ſehr ſchoͤn und verhaͤltnißmäßig gebaut; ſeine Glieder waren zwar nicht allein ſchlank, ſondern ſchienen ſogar etwas mager zu ſein, aber der Kenner konnte leicht be⸗ merken, daß ſeine Muskeln feſt und gedrungen wa⸗ ren. Auch gewann er an Beweglichkeit und Ge⸗ wandtheit, was ihm an Fuͤlle des Fleiſches abging; und ſein ſtolzes Lächeln, ſo wie der Ausdruck des Muthes und der Entſchloſſenheit in ſeinen Zuͤgen, welche mit der dumpfen Gleichguͤltigkeit in denen ſeines Feindes einen um ſo größern Gegenſatz bilde⸗ ten, beruhigten Diejenigen, welche ihm guͤnſtig wa⸗ ren, ſo daß trotz des ſcheinbaren unterſchiedes ihrer Körperkräfte, ſich faſt eben ſo viele Stimmen fuͤr en Lydon, als fuͤr den Tetraides ausſprachen. Wer unſer Boxen kennt, und weiß, welche kraͤf⸗ tige und gefährliche Schläge die menſchliche Fauſt, wenn ſie geſchickt gefuͤhrt wird, anzubringen ver⸗ mag— der wird leicht begreifen, um wie viel die Wirkung ſolcher Schläge vermehrt werden muß, wenn der Arm bis zu dem Elnbogen mit ſtarken Lederriemen umwunden, und am Handgelenk außer⸗ dem noch mit einer eiſernen Platte, oder mit einer bleiernen Kugel verſehen iſt. Was aber das In⸗ tereſſe des Kampfes zu erhoͤhen beabſichtigte, war vielleicht mehr darauf berechnet, daſſelbe zu vermin⸗ dern, denn der Kampf mußte nothwendigerweiſe ſchneller beendigt ſein;— einige gut angebrachte Schläge konnten ihn ſchon beſchließen; und er geſtat⸗ tete deshalb ſelten eine vollkommene Entwickelung aller der Kraft und hartnäckigen Ausdauer, welche wir mit dem techniſchen Ausdruck pluck belegen, und wodurch oft hoͤhere Kunſt überboten, und das „ 113 Intereſſe des Kampfes, ſo wie die Theilnahme fuͤr den Tapfern, erhoͤht wird. „Nimm Dich in Acht!“— ſchrie Tetraides, indem er ſeinem Feinde immer naͤher ruͤckte, der zwar nicht zuruͤckwich, aber ſich mehr im Kreiſe um ihn bewegte. Lydon erwiederte nur durch einen verachtlichen Blick. Tetraides ſchlug zu— es war ein Schlag wie der des Schmiedes auf den Amboß; Lydon ſank plotzlich auf die Knie; der Schlag ging uͤber ſeinen Kopf weg; er ſprang ſchnell wieder auf, und ver⸗ ſetzte ſeinem Gegner einen gewaltigen Hieb auf die Bruſt. Tetraides wankte— das Volk jauchzte. „Du biſt heute ungluͤcklich,“ ſagte Lepidus zum Klodius;„eine Wette haſt Du ſchon verloren; gleich wirſt Du auch die andere verlieren.“ „Wenn das geſchieht, ſo muß ich, bei den Goͤt⸗ tern! meine Bronzen auf die Auction ſchicken. Ich habe nicht weniger als 100 Seſterzien*) auf Tetrai⸗ des gewettet. Ha! ha!— ſieh, wie er ſich wieder aufrafft! Das war ein Meiſterſtreich; er hat dem Lydon die Schulter aufgehauen.— Nur zu, Te⸗ traides, nur zu!“— „Aber Lydon iſt noch nicht entmuthigt. Beim Pollur! wie gut er aushält. Sieh, wie gewandt er jenen tuͤchtigen Faͤuſten entgeht; bald hier, bald *) über 800 Pfund Sterling. Bulwer's Werke. Taſchenausg. IV. 8 dorthin ſpringend— immer ſeinen Gegner umkrei⸗ ſend— a5, armer er wurde wieder ge⸗ troffen.“ „Ich wette 50 3 gegen 1 auf den Tetraides! Was meinſt Du, Lepidus?“— „Gut; 9 Seſterzien gegen 3; ich gehe es ein.— Was! Lydon laͤßt nach. Bei den Goͤttern! er liegt zu Boden!— Nein, er iſt wieder auf den Beinen! — Braver Lydon! Tetraides lacht laut; er ſtuͤrzt auf ihn zu!“— „Der Narr!— ſein Gluͤck verblendet ihn, er ſollte vorſichtiger ſein. Lydon hat Augen wie ein Luchs!“— murmelte Klodius zwiſchen den Zähnen. „Ha, Klodius; ſiehſt Du?— Tetraides wankt! — noch ein Schlag— er ſinkt— er faͤllt!“— „Er ſpringt wieder auf, aber das Blüt ſtröͤmt ihm das Geſicht hinunter!“— „Beim Donnerer! Lydon ſiegt.— Wie er ihn verfolgt! Der Schlag auf die Schlaͤfe hätte einen Ochſen niederwerfen konnens er hat den Tetraides nieder geſtreckt. Er kann ſich nicht mehr ruͤhren— habet!— habet!“— „Habet!“— wiederholte Panſa.—„Führt ſie hinaus, und gebt ihnen die Ruͤſtung und die Schwerter.“— „Edler Editor,“ ſagte der Beamte,„ich fürchte, daß Tetraides ſich nicht ſo bald wieder S wird, aber wir wollen ſehn.“— 2 S ⸗ nt hn en es hrt die te, rd, 11⁵5 „Verſucht es.“ Nach einigen Augenblicken kehrten die Beamten, welche den Gladiator hinausgetragen hatten, mit bedenklichen Geſichtern zuruͤck. Sie fuͤrchteten fuͤr ſein Leben, auf jeden Fall aber war er gaͤnzlich unfaͤhig, jetzt die Arena wieder zu betreten. „Dann nehmt den Lydon,“ ſagte Panſa,„als Subditius, daß er die Stelle des erſten Gladiators vertrete, der uͤberwunden wird.“ Das Volk jauchzte dieſer Beſtimmung Beifall zuz darauf wurde wieder Alles ſtille, bis die Trom⸗ peten ertoͤnten. Die vier Kaͤmpfer ſtanden ſich dro⸗ hend gegenuͤber. „Kennſt Du die Roͤmer, mein Klodius? Sind es blos Ordinarii, oder gehoͤren ſie zu den beruͤhm⸗ teren Gladiatoren?“— „Eumolpus fuͤhrt das Schwert vortrefflich, mein Lepidus; den kleinern Mann, Nepimus, habe ich fruͤher nie geſehn; aber er iſt der Sohn eines der kaiſerlichen Fiscales*), und hat eine gute Schule gehabt; es wird gewiß ein tuͤchtiger Kampf werden. Aber das Spiel macht mir kein Vergnuͤgen mehrz ich kann mein Geld nicht wieder gewinnen. Ver⸗ flucht ſei jener Lydon, wer konnte glauben, daß er ſo gewandt oder ſo gluͤcklich ſein werde!“— *) Gladiatoren, welche durch den Kaiſer unterhalten wurden. 8* —————— 116 „Gut, Klodius, ſoll ich Mitleid mit Dir haben, und wieder auf die Roͤmer mit Dir wetten?“— „Nun denn, zehn Seſterzien auf Eumolpus.“ „Was, und Nepimus hat ſich noch wenig ge⸗ zeigt?— Nein, das geht nicht.“— „Gutz zehn gegen acht?“— „Angenommen!“— Als der Kampf in dem Amphitheater begonnen hatte, befand ſich ein Zuſchauer in den hoheren Sitzen, fuͤr den er das groͤßte Intereſſe haben mußte. Der alte Vater des Lydon hatte, trotz ſeines Wider⸗ willens gegen dieſes Schauſpiel als Chriſt, in ſeiner innigen Theilnahme fuͤr das Schickſal ſeines Soh⸗ nes, dem Drange nicht widerſtehen koͤnnen, ſich ebenfalls einzufinden. Mitten unter dem wilden Pobel ſich befindend, ſah und hoͤrte der alte Mann nichts, als was auf ſeinen Sohn Bezug hatte. Kein Laut war ſeinen Lippen entflohen, als er zwei⸗ mal ſeinen Sohn hatte fallen ſehn; er war blos bleicher geworden, und ſeine Glieder hatten gezittert. Aber als er ihn ſiegen ſah, konnte er einen leiſen Ausbruch der Freude nicht zuruͤckdrängen. Der arme Greis wußte nicht, daß jener Sieg nur das Vor⸗ ſpiel zu einem noch ſchrecklicheren Kampfe ſein wuͤrde. „Mein braver Sohn!“— ſagte er, und wiſchte ſich die Thraͤnen aus den Augen. * „Iſt das Dein Sohn?“ fragte ein von der Sonne ——„— — e n, 117 gebraͤunter Burſche, der rechts neben dem Nazarener ſaß;„er hat ſich gut gehalten; wir wollen ſehn, wie es weiter gehn wird.— Horch! er ſoll es mit dem erſten Sieger aufnehmen. Jetzt bitte die Goͤt⸗ ter, Alter, daß keiner von den Roͤmern Sieger ket oder gar der Rieſe Niger.“— Der alte Mann ſetzte ſich wieder, und bededte ſein Geſicht mit den Händen. Was jetzt dort unten vorging, war ihm gleichguͤltig; ſein Sohn war nicht unter den Kämpfenden. Aber Lydon ſollte die Stelle des Erſten einnehmen, der beſiegt wurde! Dieſer Gedanke erregte wieder ſeine Neugierde; er ſprang auf, beugte ſich hinab und verfolgte mit gefalteten Haͤnden den weitern Fortgang des Kampfes⸗ Die groͤßte Theilnahme wendete ſich jetzt dem Niger und Sporus zu, theils weil dieſe Art des Kampfes gewoͤhnlich die gefaährlichſten Folgen hatte, theils weil ſie eine große Gewandtheit vorausſetzte. Die Gegner ſtanden ziemlich weit von einander. Der eigenthuͤmliche Helm, den Sporus trug, und deſſen Viſir hinab gelaſſen war, verbarg ſein Ge⸗ ſicht, aber die Zuͤge des Niger zogen durch ihre Wildheit Aller Blicke auf ſich. Sie ſtanden einige Augenblicke ſtille, ſich gegenſeitig beobachtend, bis Sporus langſam und mit großer Vorſicht ſich nä⸗ herte, ſein ſpitziges Schwert gerade vor ſich, wie bei unſeren Fechtern es noch gebräuchlich iſt, auf die Bruſt ſeines Feindes gerichtet, haltend. Niger zog — 118 ſich, das Netz in der rechten Hand, zuruck, und ver⸗ folgte mit ſcharfem Blick die Bewegungen ſeines Gegners. Plötzich drang der Retiarius, als Spo⸗ rus ihm ziemlich nahe war, vor, und ſuchte jenen mit dem Netze zu fangen. Der Gladiator entwich durch eine ſchnelle Bewegung ſeines Koͤrpers; er ſtieß einen ſchavfen Ton der Wuth und Freude aus, und drang auf den Niger einz dieſer hatte jedoch ſein Netz wieder zurüͤckgezogen, es uͤber die Schulter geworfen, und lief mit einer Schnelligkeit im Kreiſe umher, der ſein Secutor*) vergebens gleich zu kom⸗ men ſuchte. Das Volk lachte und jubelte uͤber die erfolgloſen Bemühungen des breitſchultrigen Gladia⸗ toren, ſeinen rieſenhaften Feind einzuholenz doch in dieſem Augenblick nahmen die beiden römiſchen Käm⸗ pfer die Aufmerkſamkeit wieder in Anſpruch. Sie hatten ſich anfangs in der gewoͤhnlichen Entfernung, wie es noch bei unſern Fechtern der Fall iſt, einander gegenuber aufgeſtelltz aber beide Gegner waren anfangs zu vorſichtig, als daß der Kampf hätte ſehr heftig werden koͤnnen, und die Zuſchauer hatten deshalb Muße gehabt, mehr die Bewegungen des Sporus und ſeines Feindes zu *) Er wurde ſo genannt, weil er den Feind, in dem Augenblick, da er das Netz ausgeworfen hatte, ver⸗ folgen mußte, um ihn nieder zu ſtoßen, bevor er das Retz wieber in Orbnung bringen konnte. u 1¹9 verfolgen. Aber jetzt waren die Roͤmer mehr in Hitze gerathen; der Eine drang vor, der Andere wich zuruͤck, und ſie boten alle jene faſt unbemerkba⸗ ren Kuͤnſte auf, welche Männer vom Fach charakte⸗ riſiren.— Zetzt aber brachte Eumolpus, der ältere Gladiator, durch jenen gewandten Seitenhieb, den man in der Arena fuͤr ſo ſchwer zu vermeiden hielt, dem Nepimus eine Wunde bei. Das Volk jubeltez Lepidus wurde bleich. „Ho!“ ſagte Klodius—„Eumolpus hat ſo gut als gewonnen, wenn er jetzt nur ruhig bleibt, denn der Andere wird ſich dann nach und nach ver⸗ bluten.“ „Aber, den Göttern ſei Dank! er bleibt nicht ru⸗ hig!— Sieh, wie er auf ſeinen Gegner eindringt. — Beim Mars! Nepimus wehrt ſich gut! das war ein tuͤchtiger Hieb auf den Helm!— Klodius; ich werde gewinnen!“— „Weshalb laſſe ich mich auf ein anderes Spiel als die Wuͤrfel ein!“— murmelte Klodius ver⸗ drießlich—„oder weshalb kann man einen Gladia⸗ tor nicht mit Blei ausgießen?“— „Vorwärts, Sporus, vorwärts!“— rief jetzt wieder das Volk, als Niger, der plotzlich ſtehn ge⸗ blieben war, nochmals ſein Netz vergeblich ausge⸗ worfen hatte. Dieſesmal war er nicht ſchnell ge⸗ nug geweſen, es zuruͤckzuziehn; Sporus hatte ihm eine tiefe Wunde in das rechte Bein beigebracht, 120 und da er jetzt nicht mehr fliehen konnte, ſo rückte ihm ſein wilder Gegner immer näher. Die Länge ſeines Arms und ſeine Groͤße gewährten ihm aber noch bedeutende Vortheile, und er hielt mit vorge⸗ ſtrecktem Dreizack ſeinen Feind noch einige Augen⸗ blicke zuruͤck. Sporus ſuchte nun durch ſchnelle Be⸗ wegungen dem Niger in den Ruͤcken zu kommen, weil dieſer durch die Wunde unbehuͤlflicher geworden war. Er naherte ſich aber dem Rieſen zu ſehr, und als er ſeinen Arm zu einem gewaltigen Hiebe erhob, trafen ihn die drei Spitzen der gefährlichen Waffe mitten in die Bruſt!— Er ſank auf die Kniee. Im nachſten Augenblick war das Netz uber ihn ge⸗ worfen; vergebens waren ſeine Bemuͤhungen, es ab⸗ zuſtreifen; und nochmals durchbohrte ihn der fuͤrch⸗ terliche Trident!— Sein Blut ſtromte durch das Netz, und röthete den Sand! Er ließ die Waß⸗ fen ſinkenz ein Zeichen„daß er ſich fuͤr uͤberwunden erklaͤre. Der ſiegende Retiavius zog ſein Netz zuruͤck, und erwartete den Beſchluß der Menge, indem er ſich auf ſeinen Speer lehnte. Der beſiegte Glabiator ließ ſeine verzweifelnden Blicke in der Verſammlung flehend umher irren, aber uͤberall begegnete ihm nur der Ausdruck der Grauſamkeit und Se freude! Das Stilſſchweigen war fuͤrchterlich;— keine Hand— ſelbſt keine weibliche— gab das Zeichen 1 NM 121 der Gnade und des Lebens! Sporus war niemals in der Arena beliebt geweſen, und eben war die Theilnahme noch zu Gunſten des verwundeten Niger erregt wor⸗ den. Das Volk war blutduͤrſtig geworden; es ver⸗ langte ein Opfer!— Der Gladiator fuͤhlte, daß ſeine Stunde gekom⸗ men ſeiz man hoͤrte keinen Laut des Schreckens und der Todesangſt. Ruhig bot er ſeinen Nacken dar.— und jetzt trat ein Mann in die Arena, der ein klei⸗ nes, ſcharfes Schwert ſchwang, und deſſen Geſicht unter einem Viſir verborgen war. Mit langſamen, gemeſſenen Schritten näherte ſich dieſer ſchreckliche Scharfrichter dem Gladiator, der noch auf den Knieen lag, faßte mit der linken Hand die Spitze ſeines Helms, legte die ſcharfe Klinge an ſeinen Nacken— blickte noch einmal auf die Verſammlung, ob ſie vielleicht in dieſem letzten Augenblick ihren Entſchluß noch ändern werde,— aber es geſchah nicht— die Klinge glänzte in der Luft,— fiel,— und der Gladiator rollte in den Sand;— ſeine Glieder zit⸗ terten noch einen Augenblick, und er war— eine Leiche ²)! Sein Körper wurde ſofort durch die Pforte des Todes aus der Arena geſchleift, und in die finſtre *) Man vergleiche einen Kupferſtich, worauf Mar⸗ morfrieſen aus Pompeji dargeſtellt ſind, in der Biblio⸗ thek fͤr unterhaltendes Wiſſen. Vol. 11, pag. 311. 122 Höhle geworfen, welche man das Spoliarium nannte. Noch ehe er dieſen Ort erreicht hatte, war der Kampf zwiſchen den uͤbrigen Gegnern ſchon entſchie⸗ den. Eumolpus hatte ſeinem weniger erfahrenen Feinde die Todeswunde beigebracht, und ein neues Schlachtopfer wurde hinaus geſchleift. In der Verſammlung bemerkte man jetzt eine allgemeine Bewegung; man athmete wieder freier, und Jeder ließ ſich auf ſeinen Sitz nieder. Aus den verborgenen Röhren und Schlaͤuchen wurde jede Bank mit einem erfriſchenden Tropfregen beſprengt. Man unterhielt ſich ruhig und unbefangen uͤber das eben beendigte blutige Schauſpiel. Eumolpus nahm den Helm ab, und trocknete ſich die Stirne, ſeine edlen romiſchen Geſichtszuͤge und ſeine feurigen Augen er⸗ regten allgemeine Bewunderung. Der Editor verkuͤndete jetzt laut, daß, da Niger wegen ſeiner Wunde die Arena noch nicht betreten könne, Lydon den Kampf mit dem Eumolpus fort⸗ ſetzen werde. „Wenn Du aber,“ fuhr er, zum Lydon ſich wen⸗ dend, fort,„mit einem ſo tapfern und erfahrenen Gegner es nicht verſuchen willſt, ſo ſteht es Dir vollkommen frei, zuruͤckzutreten, da Eumolpus nicht urſpruͤnglich fuͤr Dich beſtimmt war. Du wirſt am beſten wiſſen, in wie fern Du es mit ihm aufneh⸗ men kannſt. unterliegſt Du, ſo iſt ein ehrenvoller Tod Dein Loos; ſiegſt Du aber, ſo will ich aus mei⸗ E L a E c — 123 ner eigenen Boͤrſe den feſtgeſtellten Preis ver⸗ doppeln.“ Das Volk klatſchte Beifall. Lydon ſtand in den Schranken; er blickte umher in der Verſammlung; hoch oben ſah er das bleiche Antlitz, die aͤngſilichen Blicke ſeines Vaters. Er ſchien einen Augenblick unentſchloſſen; aber nein;— der Preis fuͤr ſeinen Sieg mit dem Ceſtus genügte noch nicht— ſein Vater war noch ein Sklave!— „Edler Idil,“ erwiederte er mit feſter und tiefer Stimme;„ich trete nicht zuruͤck!— Fuͤr die Ehre Pompeji's verlange ich, daß ein durch deſſen lange bewährten Laniſta Eingeuͤbter mit dieſem Roͤmer kaͤmpfe.“ Das Volk jubelte noch lauter, als vorher. „Vier gegen eins auf den Lydon!“— ſagte Klo⸗ dius zum Lepidus. „Ich nehme nicht zwanzig gegen eins an!— Der Eumolpus iſt ein wahrer Achilles, und jener Lydon nur ein tiro!“— Eumolpus ſah den Lydon feſt anz er lächelte,— aber dieſem Lächeln folgte ein leiſer, kaum hoͤrbarer Seufzer— eine kleine Regung des Mitleidens, wel⸗ ches jedoch die Gewohnheit ſchon beſiegt hatte, ehe noch das Herz ſie empfand. und jetzt ſtanden, vollkommen geruͤſtet, mit herab⸗ gelaſſenen Viſiren und gezuckten Schwertern die bei⸗ den letzten Kaͤmpfer der Arena(wenigſtens ſo weit es den Kampf des Menſchen gegen den Menſchen be⸗ traf) einander gegenuͤber. Grade in dieſem Augenblick wurde 4n prätor durch einen Beamten der Arena ein Brief uͤbergebenz er loͤſte die Schnur von demſelben— lief ihn ſchnell durch— ſeine Zuͤge verriethen Erſtaunen und Ver⸗ legenheit. Er las den Brief nochmals, dann mur⸗ melte er:„Es iſt unmoͤglich, der Mann muß ſchon am Vormittage betrunken ſein, daß er ſich ſolche Thorheiten traͤumen laͤßt!“— Mit dieſen Worten warf er das Schreiben nachläſſig bei Seite, und wendete wieder ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf Spiele. Die Theilnahme des Publicums war jetzt ſehr geſteigert. Eumolpus hatte deſſen Gunſt gewonnen, aber die Ausdauer des Lydon und ſeine wohlange⸗ brachte Anſpielung auf die Ehre des pompejaniſchen Laniſta ſprachen ſehr zu ſeinem Vortheil. 6 „Holla, alter Knabe!“— ſagte der Nachbar des Medon zu dieſem.—„Jetzt muß ſich Dein Sohn zuſammen nehmen; aber ſei unbeſorgt, der Editor wird nicht geſtatten, daß er getödtet werde, und das Volk auch nicht, denn er hat ſich zu brav ge⸗ halten. Ho! das war ein guter Hieb!— aber gut parirt, beim Pollur!— Wieder drauf los, Lydon!— ach, ſie ruhen ſich etwas aus!— Was murmelſt Du, alter Knabe?“— „Gebete!“— erwiederte Medon mit einer nui 12⁵ gern und hoffnungsvollern Miene, als er bisher ge⸗ zeigt hatte. „Gebete!— ei wasz die Zeit iſt vorbei, wo vie Goͤtter einen Menſchen durch ein Wunder retteten. Ha, Jupiter!— welch' ein Hieb!— Die Seite, die Seite— nimm Dich in Acht, Lydon!“— Jetzt war Lydon durch einen gewaltigen Hieb des Eumolpus auf ſeinen Helm in die Kniee geſunken. „Habet!“— rief eine helle weibliche Stimme.— „Habet!— Huzza!“— Es war die Stimme des Mädchens, welches ſo eifrig gewuͤnſcht hatte, daß man Verbrecher fuͤr die wilden Thiere finden moͤge. „Ruhig, Kind!“ ſagte die Gattin des Panſa gebieteriſch.„Non habet!— er iſt nicht ver⸗ wundet!“— „Ich wuͤnſchte, er waͤre es! blos dem alten muͤr⸗ riſchen Medon zum Trotz“ fluͤſterte das Maͤdchen. Lydon, der ſich bis jetzt muthig und geſchickt ver⸗ theidigt hatte, mußte den kraͤftigen Angriffen des erfahrenen Roͤmers immer mehr nachgeben; ſein Arm erſchlaffte, vor den Augen wurde es ihm ſchwindlich, er holte tief und ſchwer Athem. Die Kaͤmpfer mach⸗ ten wieder eine kleine Pauſe, um ſich auszuruhen. „Junger Mann,“ fluͤſterte Eumolpus leiſe ſeinem Gegner zu,—„ich will Dich leicht verwunden; dann ſenke Deine Waffen; das Volk und der Editor 126 ſind Dir gewogen— Du wirſt ehrenvoll aus dem Kampfe ſcheiden!“— „Und mein Vater wird ein Sklave bleiben!“— murmelte Lydon.—„Nein! den Tod oder ſeine Frei⸗ heit!“— Da er ſich uͤberzeugt hatte, daß die Lusdauer des Roͤmers ſeine eigenen Kräfte uberbot, ſo ſchien ihm Alles noch von einem verzweifelten und plötzli⸗ chen Angriff abzuhaͤngen;— er drang daher wild auf den Eumolpus ein; der Römer wich zuruͤck;— Lydon ſtieß zu, das Schwert glitt von dem Harniſch ſeines Gegners ab, und dieſen Augenblick benutzte der Romer, um ſeine Waffe in die Gelenke der Rü⸗ ſtung des Lydon zu ſtoßen, indem er keine tiefe Wunde beabſichtigte, aber Lydon wankte, ſchwach und erſchoͤpft,— ſank vorn uͤber, und das Schwert drang ganz in ſeinen Körper. Eumolpus zog die Klinge ſchnell heraus; Lydon ſuchte ſein Gleichge⸗ wicht noch zu behaupten, aber das Schwert entſank ſeiner Hand, und er fiel auf die Arena. Der Edi⸗ tor und die ganze Verſammlung gaben einſtimmig das Zeichen der Gnade— die Beamten der Arena näherten ſich; ſie nahmen dem Beſiegten ſeinen Helm ab. Er athmete noch— ſeine Augen ſtarr⸗ ten wuͤthend auf ſeinen Feind; die Wildheit, welche et in ſeinem Berufe angenommen hatte, malte ſich noch in den Zugen, auf welche bereits die Schatren des Todes hernieder ſankenz dann erhob er noch mit —1 — ———„ 127 krampfhaftem Roͤcheln ſeine Augen. Seine Blicke hafteten weder auf dem Editor, noch auf ſeinen mit⸗ leidigen Richtern. Er ſah ſie nichtz der weite Raum erſchien ihm oͤde und einſamz nur ein bleiches Ant⸗ litz, in dem das Entſetzen ſich malte, war Alles, was er erkannte— ein Schrei der Verzweiflung war Alles, was er von dem Rufen und Lärmen um ſich her hoͤrte. Die Wildheit verſchwand aus ſeinen Zuͤgen, ein ſanfter zärtlicher Ausdruck kindlicher Liebe verklaͤrte ſein Antlitz; aber jetzt ſchloſſen ſich ſeine Augen, und ſein Haupt ſank zuruͤck auf die Erde. „Bringt ihn fort,“ ſagte der Adil,„er hat ſeine Schuldigkeit gethan!“— Die Seamten trugen ihn fort nach dem Spo⸗ liarium. „Ein treues Bild des Ruhms und ſeines Schick⸗ ſals!“— ſagte Arbaces, und indem er ſeine Blicke im Amphitheater umher ſchweifen ließ, verriethen ſie ſo viel Verachtung und Hohn, daß, weſſen Blicke ihnen begegneten, erſchreckt oder gedemuͤthigt wurde. Das Theater wurde mit einem wohlriechenden Tropfregen beſprengt, und die Diener ſtreuten fri⸗ ſchen Sand auf die Arena. „Jetzt bringt den Lowen und Glaukus, den Athe⸗ nienſer!“ ſagte der Editor. und es bemaͤchtigte ſich der ganzen Verſamm⸗ lung ein Gefuͤhl des Schreckens, welches zwar, man ſollte es kaum glauben, grade kein unangenehmes Gefuͤhl war, aber doch wie ein ſchwerer Traum Alles in Spannung erhielt. Drittes Vapitel. Salluſt und der Brief der Nydia⸗ Dreimal ſchon war Salluſt aus ſeinem Morgen⸗ ſchlaf erwacht, und dreimal hatte er, da er ſich er⸗ innerte, daß heute ſein Freund umkommen ſolle, mit einem tiefen Seufzer wieder einzuſchlafen verſucht. Sein einziger Lebenszweck war, unangenehme Em⸗ pfindungen zu vermeiden, und wo er dieſes nih konnte— ſie wenigſtens zu vergeſſen. Da es ihm endlich nicht länger gelang, ſich in Vergeſſenheit zu vergraben, ſo erhob er ſich, und ſah ſeinen Freigelaſſenen, wie gewoͤhnlich des Mor⸗ gens, neben ſeinem Bette ſitzen; denn Salluſt, der, wie bereits bemerkt worden, Geſchmack fuͤr die ſchö⸗ nen Wiſſenſchaften hatte, war gewohnt, bevor er aufſtand, ſich etwas vorleſen zu laſſen. „Keine Buͤcher heute! keinen Suu— ken en⸗ er⸗ mit cht. m⸗ icht in und tor⸗ der, r er inen 129 Pindar!— Pindar, ach, der Name ſchon erinnert mich an die Spiele, von denen unſere Arena eine ſo wilde Nachahmung iſt. Hat es ſchon angefangen— das Amphitheater?“— „Schon lange. Hoͤrteſt Du nicht, o Salluſt, die Trompeten und den Lärmen?“— „Ja, ja, aber den Göttern ſei Dank, ich war noch ſchlaftrunken, und brauchte mich nur auf die andere Seite zu wenden, um gleich wieder einzu⸗ ſchlafen.“— „Die Gladiatoren muͤſſen ſchon lange den Kampf begonnen haben.“— „Die ungluͤcklichen!— es iſt doch Niemand von meinen Leuten zum Schauſpiel gegangen?“— „Gewiß nicht, Deine Befehle waren zu be⸗ ſtimmt.“— „Gut— ich wollte, der Tag wäre vorbei!— Was liegt da fuͤr ein Brief auf dem Tiſche?“— „O, den Brief brachte geſtern Abend Jemand, als Du zu— zu—“ „Als ich zu betrunken war, ihn zu leſen. Oh, er wird wohl guch nicht ſehr wichtig ſein.“ „Soll ich ihn oͤffnen, Salluſt?“ „Gut— vielleicht zerſtreut es mich.— Armer Glaukus!“—. Der Freigelaſſene oͤffnete den Brief„Was?“— ſagte er,—„griechiſch?— vielleicht von einer ge⸗ lehrten Dame?“— Er durchlief ſchnell das Schrei⸗ Bulwer's Werke. Taſchenausg. IV. 9 —. 130 ben, und ſeine Zuͤge verriethen Verwunderung und Schrecken.—„O, ihr Götter! edler Salluſt, was haben wir verſaͤumt? Hoͤre den Inhalt des Briefes: „Nydia, die Sklavin des Glaukus, an den Sal⸗ luſt, ſeinen Freund! Ich bin eine Gefangene in dem Hauſe des Arbaces. Eile zum Prätor; be⸗ wirke meine Befreiung, und wir koͤnnen den Glau⸗ kus noch von dem Loͤwen erloͤſen! In dieſen Mauern befindet ſich noch ein anderer Gefangener, deſſen Zeugniß die unſchuld des Athenienſers beweiſen kann — denn er ſah den Mord vollbringen; er kann den Verbrecher in einem bisher noch unverdächtigen Bö⸗ ſewicht nachweiſen. Saäume nicht! Eile! Schnell! ſchnell!— Bringe Bewaffnete mit, fuͤr den Fall, daß Widerſtand geleiſtet werden ſollte, und einen geſchickten Schmied, denn der Kerker meines Mitge⸗ fangenen iſt feſt verſchloſſen. O, bei Deiner rech⸗ ten Hand, und bei der Aſche Deines Vaters, ver⸗ liere keinen Augenblick!“— „O, ihr Götter!“— rief Salluſt, und in dieſer Stunde vielleicht ſtirbt er ſchon. Was iſt zu thun? — Ich will ſogleich zum Prätor.“— „Nein; das iſt nicht rathſam. Der Prätor, ſo wie auch Panſa, und ſelbſt der Editor, ſind abhaͤn⸗ gig vom Poͤbel, und dieſer wird von keiner Stunde Aufſchub wiſſen wollen; ſie werden in dem Augen⸗ blick der hoͤchſten Spannung ſich ihr Opfer nicht entreißen laſſen. Der ſchlaue Egyptier wuͤrde auch nd as es: al⸗ in be⸗ au⸗ ern ſſen ann den Boͤ⸗ ell! all, inen tge⸗ ech⸗ ver⸗ ieſer un? ſo haͤn⸗ unde gen⸗ nicht 131 gewarnt werden. Es iſt offenbar, daß er abſichtlich das blinde Mädchen und den andern Gefangenen eingeſperrt hat.— Rein, Deine Sklaven ſind gluͤck⸗ licherweiſe zu Hauſe.“ „Ich verſtehe,“ unterbrach ihn Salluſt,„be⸗ waffne ſogleich die Sklaven. Die Straßen ſind menſchenleer. Wir wollen ſelbſt nach dem Hauſe des Arbaces, und die Gefangenen befreien. Schnell! ſchnell!— Holla, Davus! Mein Kleid und die Sandalen; den Papyrus und ein Rohr*).— Ich will an den Prätor ſchreiben, und ihn erſuchen, er moͤge das Todesurtheil des Glaukus noch nicht voll⸗ ziehen laſſen, denn in einer Stunde wuͤrde ich ſeine unſchuld beweiſen koͤnnen.— So, das iſt gut. Eile mit dieſem Brief, Davus, zum Prätor im Amphi⸗ theater. Sorge dafuͤr, daß er ihm gleich uͤbergeben wird. Jetzt, o ihr Goͤtter! deren Daſein Epikur läugnet, ſeid mir guͤnſtig, und ich will den Epikur einen Luͤgner nennen!“— *) Mit dem Rohr(calamus) ſchrieb man auf Papy⸗ rus und Pergament, mit dem Stilus auf Tafeln von Wachs, metallene Platten ꝛc. Briefe wurden bisweilen auf ſolche Taͤfelchen, bisweilen auf Papyrus geſchrieben. ———— Piertes Kapitel. Das Amphitheatez nochmals. Glutus und Olinthus waren zuſammen in jene finſtre, enge Zelle gebracht worden, in welcher die Verbrecher der Arena ihrem letzten, furchtbaren Kampfe entgegen ſahen. Ihre Augen, die ſeit Kur⸗ zem an die Dunkelheit gewoͤhnt waren, vermieden in dieſer ſchrecklichen Stunde, ſich zu begegnen, und die bleiche Farbe, welche ihre Wangen uͤberzog, er⸗ ſchien bei dem dämmernden Licht noch leichenhafter. Aber ſie zitterten nicht, ihre Züge trugen den Aus⸗ druck des Muthes und der Entſchloſſenheit, die Lip⸗ pen waren feſt zuſammen gekniffen. Die religioſen überzeugungen des Einen, der Stolz des Andern, das Bewußtſein der Unſchuld in Beiden, und viel⸗ leicht auch jener Troſt, den Geſellſchaft und gemein⸗ ſchaftliches ungluͤck ihnen gewährte, erhoben die Schlachtopfer zu Pelden! „Horch!— hoͤrſt Du jenen Jubel?— Sie frohlocken uber das Wehe ihrer Mitmenſchen,“ ſagte Olinthus „Ich hoͤre, mein Herz empoͤrt ſich, aber die Gotter unterſtuͤtzen mich!“— „Die Goͤtter! In dieſer Stunde, o junger Mann! erkenne blos den Einen Gott. Habe ich in dem Kerker Dich nicht belehrt, nicht um Dich ge⸗ weint, nicht fuͤr Dich gebetet?— Habe ich in mei⸗ neim Eifer nicht mehr an Deine Rettung gedacht, als an meine eigene?“— „Mein treuer Freund,“ erwiederte Glaukus feierlich,„ich habe Dich aufmerkſam und mit einer geheimen Neigung zu Deinen Glaubensſätzen mich zu bekehren, angehoͤrt. Waͤren wir am Leben ge⸗ blieben, ſo hätte ich vielleicht nach und nach meinen Glauben aufgegeben, und dem Deinigen mich ange⸗ ſchloſſen; aber in dieſer letzten Stunde wäre es ver⸗ zagt und meiner unwuͤrdig, wenn ich der überra⸗ ſchung und dem Schrecken gewähren wollte, was nur der Erfolg reiflicher Erwägungen ſein darf. Sollte ich nicht, wenn ich Deinen Glauben jetzt an⸗ nahme, und den Göttern meiner Väter entſagte, nur durch die Verſprechungen Deines Himmels, oder durch die drohenden Qualen Deiner Hölle, dazu ver⸗ mocht werden? Nein, Olinthus! Wir wollen mit gegenſeitiger Duldung uns behandeln!— ich, in⸗ dem ich Deine Aufrichtigkeit achte und ehre— Du, 3 ſ * —— indem Du meine Verblendung oder meine hart⸗ naͤckige Ausdauer bemitleideſt. Wie meine Thaten waren, ſo wird auch mein Lohn ſein; und die Macht oder die Mächte dort oben werden einen menſchlichen Irrthum nicht zu ſtrenge beurtheilen, wenn er mit guten Abſichten und mit einem auf⸗ richtigen Gemuͤth in Verbindung ſteht. Sprechen wir nicht mehr davon!— Still! Hoͤrſt Du, wie ſie jenen ſchweren Koͤrper durch den Gang ſchlei⸗ fen?— So wie jener werden wir auch bald Staub ſein.“— „O, Himmel! O, Chriſtus! ſchon ſchaue ich Dich!“— rief Olinthus, indem er die Hände er⸗ hob;—„ich zittre nicht; ich freue mich, daß ich bald erloͤſet werde aus dem irdiſchen Gefängniß.“ Glaukus ließ ſchweigend ſein Haupt ſinken. Er fuhlte den unterſchied zwiſchen ſeinem Muth und dem ſeines Leidensgenoſſen. Der Heide zitterte nicht, aber der Chriſt frohlockte. etzt brehte ſich die ſchwere Thuͤre in ihren An⸗ geln, und man ſah draußen Bewaffnete. „Glaukus, Deine Zeit iſt gekommen,“ ſagte eine klare und helle Stimme,„der Loͤwe erwartet Dich!“— „Ich bin bereit,“ ſagte der Athenienſer;— „Bruder und ungluͤcksgefährte, laß Dich zum letz⸗ tenmal umarmen; ſegne mich, und lebe wohl!“— Der Chriſt offnete ſeine Arme— er ſchloß den — tet 135 jungen Heiden an ſeine Bruſt— er kuͤßte ſeine Stirn und ſeine Wange— er ſeufzte laut;— ſeine heißen Thränen floſſen uͤber das Antlitz ſeines Freundes. „O, waͤre es mir gelungen, Dich zu bekehren; dann wuͤrde ich jetzt nicht weinen, dann haͤtte ich zu Dir ſagen koͤnnen: Wir werden uns heut Abend wieder finden im Paradieſe!“— „Vielleicht geſchieht es,“ erwiederte der Grieche mit zitternder Stimme;„die, welche der Tod trennt, begegnen ſich vielleicht jenſeits deſſelben wieder. Fuͤr die Erde, für die ſchoͤne, geliebte Erde— lebe wohl fuͤr immer!“— Glaukus riß ſich los, und als er an die Luft kam, ergriff ihn, obgleich ſie heiß und dunſtig war, ein kalter Schauder. Sein, von der Wirkung des toͤdtlichen Trankes noch nicht vollig hergeſtellter Kör⸗ per zitterte. Die Krieger unterſtuͤtzten ihn. „Faſſe Muth!“— ſagte der eine,„Du biſt jung und gewandt. Man gibt Dir eine Waffe, verzweifle nicht, vielleicht kannſt Du Dich noch retten.“ Glaukus antwortete nicht, machte aber, beſchämt uͤber ſeine Schwäche, krampfhafte Anſtrengungen, und es gelang ihm, ſich aufrecht zu erhalten. Man rieb jetzt ſeinen Koͤrper, der außer einem Guͤrtel um die Lenden ganz nackt blieb, mit Oel ein, gab ——. 136 ihm den Stilus Eine zweckloſe Waffe gegen ſeinen Feind) in die Hand, und fuͤhrte ihn in die Arena. — und jetzt, als der Grieche die Augen von vielen Tauſenden auf ſich gerichtet ſah, fuͤhlte er ſeine Sterblichkeit nicht mehr. Jedes Zeichen der Furcht — die Furcht ſelbſt— war verſchwunden. Eine fliegende Rothe uberzog ſein bleiches Antlitz— ſeine jugendliche Geſtalt hob ſich kraftig empor. In der Schoͤnheit und Regelmaͤßigkeit ſeiner Glieder— in der kecken und trotzigen Stirne— in dem unbe⸗ zwinglichen Geiſt, der aus ſeinen Zügen und ſeinen Blicken ſtrahlte, erſchien er wie das lebende Bild der Tapferkeit ſeines Landes— ein Held und ein Gott zugleich. Die Ausbruͤche des Haſſes und des Abſcheues uͤber ſein Verbrechen, welche bei ſeinem Eintritte zu vernehmen waren, erſtarben bald in dem Still⸗ ſchweigen unwillkuͤhrlicher Bewunderung und halb bedauernder Achtung; und mit einem krampfhaften Seufzer, der der ganzen Menſchenmaſſe, als ſei ſie nur ein Individuum, entfloh, wendeten ſich die Blicke der Zuſchauer von dem Athenienſer auf einen dun⸗ keln, unfoͤrmlichen Gegenſtand in der Mitte der Arena.— Es war der Käfich des Löwen! „Bei der Venus!— wie warm iſt es!“— ſagte Fulvia,„und doch ſcheint die Sonne nicht. Ich — en ild ein ues itte ill⸗ alb ten ſie icke un⸗ der gte Ich 137 wollte, die ungeſchickten Schiffsleute*) haͤtten die Zeltdecke ganz zugemacht.“— „O, es iſt wirklich ſehr ſchwuͤl. Mir wird ſchlimm; ich falle in Ohnmacht!“— ſagte die Frau des Panſa; ſelbſt ihr abgeharteter Stoizismus konnte dem Schauſpiel, welches bevorſtand, nicht wider⸗ ſtehen. Man hatte dem Loͤwen ſeit 24 Stunden keine Nahrung gereicht, und das Thier hatte ſchon wäh⸗ rend des ganzen Morgens ein ſonderbares und un⸗ ruhiges Mißbehagen zu erkennen gegeben, welches der Waͤrter den Qualen des Hungers zuſchrieb. Sein Benehmen ſchien aber mehr furchtſam, als wuͤ⸗ thend; das Bruͤllen verrieth Schmerz und Mattig⸗ keit; der Loͤwe ſenkte das Haupt— ſchluͤrfte lang⸗ ſam die Luft durch das eiſerne Gitter ein— legte ſich erſchoͤpft nieder— ſprang wieder unruhig auf, und wiederholte ſein dumpfes Bruͤllen. Jetzt lag er bewegungslos und ſtumm in der Zelle, ſeine weiten Naſenloͤcher dicht an die eiſernen Stangen gedruͤckt, und mit tiefen Athemzuͤgen den Sand auf der Arena empor blaſend. Der Editor wurde verlegen und blaß,— er ſah ſich beſorgt um— er war unentſchloſſen und zögerte; das Volk wurde ungeduldig. Langſam gab er das *) Gewöhnlich wurden die Velaria des Amphitheaters durch Schiffsleute befeſtigt. ———— 13 Zeichen; der Wärter, der ſich hinter dem Käfich be⸗ fand, zog vorſichtig das Gitter fort, und der Löwe ſprang mit wildem Gebruͤll hervor. Der Wärter lief ſchnell durch den palliſadirten Gang, der aus der Arena fuͤhrte, und ließ den Gebieter des Wal⸗ des allein mit ſeiner Beute. Glaukus hatte eine feſte Stellung gegen den be⸗ vorſtehenden Angriff des Loͤwen angenommen; ſeine glaͤnzende kleine Waffe hoch in der rechten Hand haltend, in der ſchwachen Hoffnung, daß ein gut gerichteter Stoß(denn er wußte, daß er nur Zeit fuͤr einen habe) viclleicht durch das Auge in das Gehirn ſeines grimmigen Feindes dringen koͤnne. Zum unausſprechlichen Erſtaunen Aller aber ſchien der Lowe die Gegenwart des Verbrechers nicht zu beachten. Er blieb, als er aus ſeinem Kaͤfich geſprungen war, plotzlich ſtehn, hob ſein Haupt em⸗ por, und zog ungeduldig die obere Luft ein, darauf ſprang er wieder ſchnell vor, aber nicht gegen den Athenienſer. Langſam ſchritt er in dem Raum um⸗ her, den großen Kopf mit aͤngſtlichem und verwirr⸗ tem Blick nach allen Seiten wendend, als ſuche er einen Ausweg zur Flucht; einigemal verfuchte er uͤber die Bruſtwehr zu ſpringen, die ihn von der Verſammlung trennte, und als es ihm mißlang, ſtieß er ein klagendes Geheul aus. Man konnte kein Zeichen von Wuth oder Hunger an ihm bemer⸗ kenz er ſchleppte den Schweif im Sande nach, und 1³9 ſein Blick, wenn er ſich auch bisweilen gegen den Glaukus wendete, kehrte ſich immer bald wieder aͤngſtlich ab. Zuletzt kroch er winſelnd, als ſei er erſchoͤpft von den vergeblichen Verſuchen zur Flucht, in ſeinen Kaͤfich zuruͤck, und legte ſich ſtille nieder. Das erſte Erſtaunèn der Verſammlung uͤber die Apathie des Loͤwen verwandelte ſich bald in Zorn uͤber ſeine Feigheit, und das Volk vereinigte bereits das Mitleiden mit dem Schickſal des Glaukus mit dem Bedauern uͤber ſeine eigenen getaͤuſchten Erwartungen. Der Editor ſagte zum Waͤrter: „Was iſt das?— Nimm einen Spieß, ſtoße den Loͤwen heraus, und dann mache den Kaͤfich zu.“ Als der Waͤrter mit einiger Furcht, doch noch mehr Erſtaunen, Anſtalten machte, zu gehorchen, hoͤrte man an einem der Eingaͤnge in die Arena lautes Geſchrei; es ſchien dort Verwirrung und Ge⸗ tuͤmmel zu ſein.— Alle Augen blickten, befremdet uͤber dieſe Unterbrechung, nach dem Punkt, von wo der Lärmen kam; das Volk machte Platz, und ploͤtz⸗ lich erſchien Salluſt auf der Bank der Senatoren, mit verwirrtem Haar, athemlos, erhitzt, halb er⸗ ſchoͤpft. Er warf ſeine Blicke ſchnell im Kreiſe umher. „Bringt den Athenienſer fort!“— rief er— „ſchnell!— er iſt unſchuldig!— Aber ergreift Ar⸗ baces, den Egyptier— er iſt der Moͤrder des Apae⸗ cides!“— ———— 140 „Biſt Du von Sinnen, o Salluſt?“— ſagte der Prätor, indem er von ſeinem Sitze aufſtand.— „Was hedeutet dieſer Ungeſtuͤm?“— „Bringt den Athenienſer fort!— ſchnell! oder ſein Blut kommt auf Euer Haupt! Prätor, Dein eigenes Leben buͤrgt fuͤr das ſeine vor dem Kaiſer! Ich habe einen Mann bei mir, welcher Zeuge der Ermordung des Prieſters Apaecides war. Platz hier!— tretet zuruͤck!— Volk von Pompeji! jedes Auge hefte ſich auf den Arbaces!— Dort ſitzt er! — Platz hier— fuͤr den Prieſter Kalenus!“— Kalenus wurde bleich, abgezehrt, ſo eben dem Hungertode entriſſen, mit tiefliegenden Augen und mager wie ein Skelett, in dieſelbe Reihe gefuͤhrt, in welcher Arbaces ſaß. Seine Befreier hatten ihm etwas Nahrung gereicht, aber was noch mehr ſeine ſchwachen Glieder aufrecht erhielt, das war die Rache!— „Der Prieſter Kalenus!— Kalenus!“— ſchrie der Poͤbel.—„Iſt er es? Nein— es iſt eine Leiche!“— „Es iſt der Prieſter Kalenus,“ ſagte der Prä⸗ tor.—„Was haſt Du zu ſagen?“— „Arbaces aus Egypten iſt der Moͤrder des Apae⸗ cides, des Prieſters der Iſisz dieſe Augen ſahen durch ihn die That vollbringen. Die Götter haben mich aus dem Kerker, in den er mich warf, von dem Hungertode, dem er mich ubergab, befreit, um gte der ein er! der latz des er! em ind rt, ine die rie ine ae⸗ en on m 1 ſein Verbrechen zu verkunden!— Bringt den Athe⸗ nienſer fort— er iſt unſchuldig!“ „Alſo deshalb,“ ſagte Panſa,„hat der Loͤwe ihn verſchont!— Ein Wunder!— ein Wunder!“— „Ein Wunder! ein Wunder!“ wiederholte das Volk;—„befreit den Athenienſer— werft Arba⸗ ces dem Loͤwen vor!“— und das Echo trug dieſes Geſchrei von Hügel zu Thal, von der Kuͤſte zur See:„werft Arbaces dem Loͤwen vor!“ „Bringt den Glaukus fort,“ ſagte der Prätor, „aber bewacht ihn noch. Die Götter thun heute Wunder.“ Als der Prätor dieſe Worte geſprochen, ertonte ein lauter Schrei der Freude— es war eine weibliche Stimme, die ihn ausſtieß, und elektriſch beruͤhrte dieſe Stimme die Herzen der ganzen Ver⸗ ſammlung— denn ſie war ruͤhrend— ſie war hei⸗ lig, dieſe weibliche Stimme!— und theilnehmend wiederholte das Volk das Freudengeſchrei.— „Ruhig!“— ſagte der Praäͤtor—„wer iſt da?“— „Das blinde Maädchen, Nydia,“ antwortete Sal⸗ luſt,„ſie hat den Kalenus gerettet aus ſeinem fin⸗ ſtern Kerker, und den Glaukus vom Tode befreit.“— „Davon hernach,“ ſagte der Prätor.—„Kale⸗ nus, Prieſter der Iſis, beſchuldigſt Du den Arbaces der Ermordung des Apaecides?“— „Allerdings!“— 142 „Du ſahſt ſelbſt die That?“— „Prätor— mit dieſen Augen—“ „Genug fuͤr jetzt— das übrige muß an einem andern Ort und zu anderer Zeit unterſucht werden. Arbaces von Egypten, Du hoͤrſt die Anklage gegen Dich— Du haſt noch nicht geſprochen— was haſt Du zu erwiedern?“— Die Blicke des Volks hatten ſchon lange auf dem da er ſich von ſeiner erſten Verwirrung bei der Er⸗ ſcheinung des Salluſt und Kalenus bereits wieder ge⸗ ſammelt hatte.— Waͤhrend des Geſchrei's:„zum Loͤwen mit dem Arbaces!“— hatte er allerdings gezittert, und ſeine braune Wange war bleicher ge⸗ worden. Aber er hatte bald ſeine Kaltbluͤtigkeit und Geiſtesgegenwart wieder gewonnen. Stolz wies er die wuͤthenden Blicke der unzähligen, auf ihn gerich⸗ teten Augen zuruͤck; und erwiederte jetzt in jenem ruhigen und gebieteriſchen Tone, der ihm ſo ſehr eigen war: „Dieſe Anklage, Prätor, iſt ſo unſinnig, daß ſie kaum einer Antwort wuͤrdig wäre. Mein erſter An⸗ kläger iſt der edle Salluſt— der intimſte Freund des Glaukus!— mein zweiter iſt ein Prieſter— ich ehre ſeinen Beruf und ſein Gewand— aber, Volk von Pompeji!— der Charakter des Kalenus Arbaces gehaftet, aber nur erſt ſeit dem Augenblick, iſt nicht unbekannt— er iſt geizig und goldgierig; — „ m n. aſt e⸗ —— 143 das Zeugniß ſolcher Maͤnner iſt zu erkaufen. Prä⸗ tor— ich bin unſchuldig!“— „Salluſt,“ ſagte der Prätor,„wo fandeſt Du den Kalenus?“— „In den Kerkern des Arbaces.“ „Egyptier,“ ſagte der Prätor, die Stirne run⸗ „elnd,„Du wagteſt es, einen Prieſter einzuſperren? — und weshalb?“— „Hore mich,“ ſagte Arbaces, indem er ruhig aufſtand, wenn auch in ſeinen Zuͤgen einige Ver⸗ legenheit ſichtbar wurde.—„Dieſer Mann kam zu mir, und drohte, jene Anklage gegen mich zu er⸗ heben, welche jetzt erfolgt iſt, wenn ich ſein Still⸗ ſchweigen nicht mit meinem halben Vermoͤgen erkau⸗ fen wolle. Ich machte ihm Vorſtellungen— ver⸗ gebens.— Ruhig!— laßt mich durch den Prieſter nicht unterbrechen!— Edler Prätor, und Volk von Pompeji— ich bin ein Fremdling in dieſem Lande — ich war mir keines Verbrechens bewußt, aber die Anklage und das Zeugniß eines Prieſters konnten mich verderben. In meiner Verwirrung fuͤhrte ich ihn nach der Kammer, aus der er befreit worden iſt, unter dem Vorwande, meine Schaͤtze ſeien dort verborgen. Ich beſchloß, ihn dort eingeſperrt zu halten, bis das Schickſal des wirklichen Verbrechers entſchieden ſei, und ich die Drohungen des Prieſters nicht mehr zu fuͤrchten hätte; weiter hatte ich keine Abſicht. Ich hatte vielleicht gefehlt— aber wer —— 144 unter Euch wird nicht die Billigkeit der Selbſterhal⸗ tung anerkennen?— Warum ſchwieg dieſer Prieſter während der Unterſuchung, wenn ich wirklich das Verbrechen begangen hätte?— Damals hatte ich ihn noch nicht eingeſperrt.— Warum erklaͤrte er mich nicht fuͤr ſchuldig, als ich den Glaukus an⸗ klagte?— Dieſes erfordert eine Antwort, Prätor. übrigens ſtelle ich mich unter den Schutz Eurer Ge⸗ ſetze. Laßt den Angeklagten und den Ankläger fort⸗ bringei. Ich will gerne dem Ausſpruch des Ge⸗ richts mich unterwerfen. Hier iſt aber nicht der Ort fuͤr fernere Auseinanderſetzungen.“— „Er hat recht,“ ſagte der Prätor.—„Ho, Wachen— bringt den Arbaces fort— bewacht den Kalenus! Salluſt, wir machen Dich verantwortlich fuͤr Deine Anklage. Laßt die Spiele wieder be⸗ ginnen!“ „Was!“ rief Kalenus, indem er ſich zum Volke wendete,„ſoll unſre Göttin Iſis ſo verachtet wer⸗ den? Soll das Blut des Apaecides noch ferner ſchreien um Rache? Soll die Gerechtigkeit jetzt verſchoben werden, damit man ſie ſpaͤter umgehe? Will man den Loͤwen betruͤgen um ſeine rechtmaͤßige Beute? Ein Gott! ein Gott!— ich fuͤhle die Eingebungen eines Gottes!— Zum Loͤwen— zum Loͤwen mit dem Arbaces!“ Die wilde Bosheit des Prieſters wurde nicht länger durch ſeine erſchoͤpften Kraͤfte unterſtuͤtzt; er 145 ſank unter heftigen Kraͤmpfen zu Boben— der Schaum trat ihm vor den Mund— er ſtellte in der That den Zuſtand eines Mannes dar, den eine uͤbernatuͤrliche Macht erfaßt habe!— Das Volk ſah es und ſchauderte. „Ein Gott begeiſtert den heiligen Mann— zum Loͤwen mit dem Egyptier!“— Mit dieſem Geſchrei ſprangen Tauſende und aber Tauſende auf.— Sie draͤngten ſich hinunter, alle nach dem Egyptier zu. Vergebens ſuchte der Aedil der Unordnung zu wehren; vergebens erhob der Praͤ⸗ tor ſeine Stimme. Das Volk war durch das Blut⸗ vergießen bereits wild geworden— es duͤrſtete nach mehr Blut, und ſein Aberglaube vereinigte ſich mit ſeiner Grauſamkeit. Erhitzt und aufgeregt durch den Anblick ſeiner Schlachtopfer, gehorchte es nicht mehr den Befehlen ſeiner Vorgeſetzten. Die Macht des Prätors war wie ein Rohr im Wirbelwinde; es war dieſes einer jener furchtbaren Volkstumulte, wie ſie bei einem gaͤnzlich unwiſſenden, halb freien und halb ſtlaviſchen Poͤbel Statt finden, und wie ſie die eigenthuͤmliche Verfaſſung der römiſchen Pro⸗ vinzen ſo ſehr beguͤnſtigte. Die Wachen hatten ſich jedoch bereits längs der tiefer liegenden Stufen⸗ Reihen aufgeſtellt, wo die hoͤhern Klaſſen von den niedern getrennt ſaßen. Sie bildeten jedoch nur eine ſchwache Schranke— die wogende Menſchen⸗ »maſſe wurde aber doch fuͤr einen Augenblick aufge⸗ Vulwer's Werke. Taſchenausg. IV. 10 146 halten; ſo daß Arbaces nur ſo viel Zeit hatte, ſein Verhängniß uͤber ſich ſchweben zu ſehn! Verzweifelt, und von einer Angſt erfaßt, die ſelbſt ſeinen Stolz darniederbeugte, uͤberblickte er die wuthend auf ihn zu ſtuͤrzende Volksmenge— als er gerade uͤber ihr in der weiten Offnung, welche in der Velaria ge⸗ laſſen war, eine ſeltſame und ſchreckliche Erſcheinung ſah— und kaum gewahrte er dieſelbe, ſo fuͤhlte er ſeinen Muth durch ſeine Liſt wieder geſtärkt! Er ſtreckte ſeine Hand hoch empor; ein gebie⸗ teriſcher und feierlicher Ausdruck beſeelte ſein könig⸗ liches Antlitz. „Seht!“— rief er mit donnernder Stimme, die das Toben des Volkes uͤbertonte—„ſeht da, wie die Götter den unſchuldigen beſchuͤtzen! Das Feuer des rächenden Orkus flammt empor gegen das falſche Zeugniß meiner Ankläger!“ Das Volk ſchaute nach der Richtung, die der Egyptier andeutete, und ſah mit Entſetzen aus dem Gipfel des Veſuvs eine feurige Erſcheinung, in der Geſtalt eines rieſenhaften Tannenbaumes*) empor⸗ ſchießen;— der Stamm finſterer Rauch, die Zweige Feuer— ein Feuer, welches jeden Augenblick ſein Farbenſpiel änderte, jetzt lebhaft und glaͤnzend, dann ein trubes Roth, das bald wieder in blendenden Glanz empor blitzte! *) Plinius. ———————— 2 ————— —,————— 147 Es lag ein tiefes, aͤngſtliches Stillſchweigen auf der Verſammlung, welches ploͤtzlich durch das Bruͤl⸗ len des Loͤwen unterbrochen wurde, das innerhalb des Gebaͤudes durch die ſchaͤrfern und wildern Toͤne des Tigers erwiedert wurde. Die Thiere waren ungluͤcks⸗Propheten der in der Natur bevorſtehenden Schreckniſſe geweſen. In den obern Reihen ertoͤnte jetzt das klagende Geſchrei der Weiber; die Männer ſtarrten ſich ein⸗ ander an, blieben aber ſtumm. In dieſem Augen⸗ blick fuͤhlte man auch die Erde beben; die Mauern des Theaters zitterten, und in der Entfernung hoͤrte man das Gekrach einſtuͤrzender Dächer.— Zetzt ſchien die feurige Wolke, brauſend und ſchnell, wie ein gewaltiger Strom, gegen die Stadt zu ſchwe⸗ ben, und gleich darauf warf ſie einen mit großen feurigen Steinen gemiſchten Aſchenregen aus! Dieſer fuͤrchterliche Regen ergoß ſich uͤber die Weinberge, uͤber die oͤden Straßen, uͤber das Amphitheater ſelbſt, und uber das Meer, in das manches gewal⸗ tige Felſenſtuͤck hinab ſtuͤrzte. Das Volk dachte nicht länger mehr an die Ge⸗ rechtigkeit und an den Arbaces; die Selbſterhaltung war jetzt Jedem das Erſte. Einer drängte und ſtieß den Andern; ruͤckſichtslos trat man auf die Gefalle⸗ nen, und unter Geſchrei, Wehklagen und Fluchen ſtuͤrzte die ungeheure Menſchenmenge durch die zahl⸗ reichen Ausgänge. Wohin ſollte man aber fliehen? 10* 148 Einige, die glaubten, es ſtehe ein zweites Erdbeben bevor, eilten in ihre Wohnungen, um ihre Koſtbar⸗ keiten fortzuſchaffen, ſo lange es noch Zeit ſei; Andre, welche den Aſchenregen furchteten, der jetzt wie ein Platzregen fiel, fluͤchteten ſich in die nächſten Haͤuſer und Tempel, oder unter irgend ein Obdach, um geſchuͤtzt zu ſein. Aber immer finſterer dehnte ſich die Wolke uͤber die Stadt aus. Noch nie war wohl eine Nacht ſo unheimlich und ſchrecklich, als dieſer Vormittag! Fünftes Rapitel. Die Zelle der Gefangenen, unð vi⸗ Hoͤhle der Tobten. — Der Schrecken hat keine Macht uͤber den Schmerz⸗ Glaukus, der kaum mehr wußte, ob er wache, oder traͤume, war durch die Beamten der Arena in eine kleine Zelle des Amphitheaters gefuhrt worden. Sie warfen ihm einen weiten Mantel uber, und drängten ſich gluͤckwunſchend um ihn. Außerhalb der Zelle hoͤrte man jetzt ein lebhaftes Geräuſch, ——— Ne, in nd b ch, —————————— 149 und das blinde Maͤdchen, durch eine freundliche Hand gefuͤhrt, warf ſich dem Glaukus zu Fuͤßen. „Habe ich Dich gerettet?“— ſagte ſie—„jetzt laßt mich ſterben!“— „Nydia, mein gutes Maͤdchen— meine Ret⸗ terin!“— „O, laß mich Deinen Athem fuͤhlen!— Ja! ja, Du lebſt, Wir kamen nicht zu ſpat!— Jene ſchreckliche Kerkerthuͤre— ſie war ſo ſchwer zu er⸗ oͤffnen! und Kalenus! ach, ſeine Stimme war wie die eines Sterbenden— wir mußten warten— o, ihr Goͤtter! es ſchien mir eine Ewigkeit, ehe er durch Speiſe und Wein etwas geſtaͤrkt worden warz aber Du lebſt— Du lebſt noch!— o ich— ich habe Dich gerettet!“— Dieſe ruͤhrende Scene wurde durch das ſchreckliche Natur⸗Ereigniß, welches wir vorhin beſchrieben haben, bald unterbrochen. „Der Berg!— das Erdbeben!“— ertoͤnte es von allen Seiten. Die Beamten flohen mit den uͤbrigen, und uͤberließen den Glaukus und die Nydia ihrem Schickſal. Als der Athenienſer der Gefahren ſich bewußt wurde, die ihn umgaben, erinnerte ſein edelmuͤthi⸗ ges Herz ſich des Olinthus. Auch dieſer war durch die Macht der Götter gerettet worden von dem Ti⸗ ger; ſollte er einem nicht weniger ſchrecklichen Tode in der benachbarten Zelle ausgeſetzt bleiben? Glaukus nahm Nydien bei der Hand, und erreichte bald den Kerker des Chriſten. Er fand den Olinthus betend auf den Knieen. „Stehe auf! mein Freund,“ ſagte der Athenien⸗ ſer.—„Rette Dich und fliehe!— Sieh, die Na⸗ tur ſelbſt hat Dich befreit!“— Er fuͤhrte den er⸗ ſtaunten Chriſten an den Eingang ſeiner Höhle, und zeigte ihm die Wolke, welche immer finſterer heranzog, und aus deren Schooße Aſche und Bims⸗ ſtein herabſtroͤmte— und machte ihn aufmerkſam auf das wilde Drängen und Geſchrei der fliehenden Menſchen. „Das iſt die Hand Gottes!— Gott ſei gelobt!“ — ſagte Olinthus demuͤthig. „Fliehe zu Deinen Bruͤdern! Bewerkſtellige mit ihnen Deine Flucht!— Lebe wohl!“— Olinthus antwortete nicht, und kaum bemerkte er die Anweſenheit ſeines Freundes. Erhabene und feierliche Gedanken erfullten ſein Gemuͤth; und in der Begeiſterung ſeines aufgeregten Herzens froh⸗ lockte er mehr uͤber die Gnade Gottes, als er vor den Zeichen ſeiner Macht erzitterte. Endlich ſtüͤrzte er hinausz er wußte kaum ſelbſt, wohin. Plötzlich erblickte er auf ſeinem Wege die offene Thuͤre einer dunkeln Zelle, nur eine Lampe warf in derſelben einen duſtern und flackernden Strahl; und bei deren Licht ſah er drei nackte Leichen auf der 15⁵¹ Erde liegen. Er blieb ſtehn; denn aus jener fuͤrch⸗ terlichen Hoͤhle— dem Spoliarium der Arena— hoͤrte er eine leiſe Stimme den Namen Chriſti aus⸗ ſprechen. Er trat ein, und ſeine Fuͤße wurden durch die Blutſtrome benetzt, welche langſam aus den todten Koͤrpern in den Sand ſich ergoſſen. „Wer,“ ſagte der Nazarener,„ruft den Namen des Sohnes Gottes an?“— Es erfolgte keine Antwort, und als Olinthus ſich nach der andern Seite wendete, ſah er beim Schein der Lampe einen alten Mann mit langem grauem Barte auf der Erde ſitzen, und das Haupt einer der Leichen in ſeinem Schooße haltend. Die Zuͤge des Todten waren feſt und entſchloſſen in den letzten Schlaf uͤbergegangen; aber auf den Lippen ſpielte noch ein ſtolzes Lächeln— nicht des Chriſten ſeliges Lächeln der Hoffnung— ſondern das duͤſtre Hohnlaͤcheln des Haſſes und des Trotzes. Das Ant⸗ litz trug noch die ſchone Füͤlle jugendlicher Kraft. Das Haar fiel in dunklen Locken über die glatte Stirne; und der erſte emporkeimende Bart beſchat⸗ tete ſchwach den Marmor der weißen, aber feſten Wangen. und uͤber jenes Antlitz beugte ſich ein an⸗ deres in unausſprechlicher Traurigkeit,— in weh⸗ muͤthiger Zärtlichkeit, in tiefer Verzweiflung! Die Thranen des alten Mannes ſtroͤmten heiß ſeinen Wangen hinab, aber er fuͤhlte ſie nicht; und wenn 15² er ſeine Lippen bewegte, und mechaniſch das Gebet ſeines beſeligenden und hoffnungsreichen Glaubens ausſprach, ſo ſchien es blos ein unwillkuͤhrlicher Aus⸗ bruch der Lethargie ſeines Geiſtes zu ſein. Sein Sohn war todt, und er war geſtorben fuͤr ihn!— und das Herz des alten Mannes war gebrochen!— „Medon!“ ſagte Olinthus mitleidig—„ſtehe auf, und fliehe! Der Allmächtige verkuͤndet ſich in den Schreckniſſen der Elemente!— das neue Go⸗ morrha geht unter!— Fliehe, bevor das Feuer Dich verzehrt!“— „Er war immer ſo lebenskraͤftig!— er kann nicht todt ſein!— Komm her! lege Deine Hand auf ſein Herz!— Es ſchlägt gewiß noch!“— „Bruder, ſein Geiſt iſt entflohen— wir wollen ſeiner gedenken in unſern Gebeten!— Du kannſt den todten Staub nicht wieder in das Leben zuruͤck⸗ rufen! Komm, komm!— Hore, waͤhrend ich ſpreche, ſtuͤrzen die Mauern!— hore jenes Todesgeſchrei! — Es iſt kein Augenblick zu verlieren! Komm, komm!“— „Ich hoͤre nichts,“ ſagte Medon, indem er ſein graues Haupt ſchuͤttelte.—„Mein armer Sohn, ſeine kindliche Liebe zu mir iſt die urſache ſeines Todes!“— „Komm, komm!— vergib, wenn ich Dich fort⸗ ziehe.“— „Was?— wer will den Vater trennen von ſeinem Sohn?“— und Medon ſchloß den todten Korper feſt in ſeine Arme, und bedeckte ihn mit Kuͤſſen. „Geh!“— ſagte er, indem er ſein Haupt ei⸗ nen Augenblick erhob.—„Geh! wir muͤſſen allein ſein!“— „Ach!“— ſagte der mitleidige Nazarener— „der Tod hat Euch bereits getrennt.“— Der alte Mann laͤchelte ruhig.„Nein, nein,“ — murmelte er, indem ſeine Stimme mit jedem Wort ſchwaͤcher wurde.„Der Tod iſt freundlicher geweſen!“— Er ließ ſeinen Kopf auf die Bruſt ſeines Soh⸗ nes ſinken— ſeine Arme fielen erſchlafft hinab. Olinthus faßte ihn bei der Hand— der Puls hatte aufgehort, zu ſchlagen! Die letzten Worte des Va⸗ ters waren erfullt worden: der Tod war freund⸗ licher geweſen! Glaukus und Nydia eilten inzwiſchen ſchnell durch die gefährlichen Straßen. Der Athenienſer hatte von ſeiner Retterin erfahren, daß Jone noch in dem Hauſe des Arbaces ſei. Dorthin eilte er, um ſie zu befreien,/ zu beſchuͤtzen! Die wenigen Sklaven, welche der Egyptier in ſeiner Wohnung zuruͤckgelaſſen hatte, als er mit jenem langen Zuge ſich nach dem Amphitheater be⸗ gab, waren nicht im Stande geweſen, den bewaffne⸗ ten Begleitern des Salluſt Widerſtand zu leiſten; und als ſpaͤter der Ausbruch des Vulkans erfolgte, 154 hatten ſie ſich erſchrocken in die innerſten Gemächer des Gebaͤudes zuruͤckgezogen. Selbſt der ſchlanke Fthiopier hatte ſeinen Poſten an der Thüre verlaſ⸗ ſen; und Glaukus(der Nydien außerhalb zuruͤckließ — die arme Nydia, welche ſelbſt in dieſer Stunde wieder die Qualen der Eiferſucht fuͤhlte) ging durch die weite Halle, ohne Jemand anzutreffen, der ihm hätte ſagen konnen, in welchem Zimmer Jone ſich befaͤnde. Auch wurde es plotzlich ſo finſter, daß er ſich nur mit Muͤhe zurecht finden konnte. Die mit Blumen umwundenen Säulen ſchienen zu zittern und zu wanken, und der Aſchenregen fiel praſſelnd in das unbedeckte Periſtyl. Athemlos tappte er um⸗ her, laut den Namen der Jone rufendz und endlich hoͤrte er am Ende einer Gallerie eine Stimme— es war ihre Stimme. Vorwärts dringen— die Thüre ſprengen— Jonen in die Arme faſſen,— und aus dem Hauſe tragen— das Alles war fuͤr ihn das Werk eines Augenblicks! Kaum hatte er wieder den Ort erreicht, wo Nydia ſtand, als er Schritte hoͤrte, die ſich dem Gebaͤude näherten, und er erkannte die Stimme des Arbaces— der zuruͤckgekehrt war, um ſeine Reichthuͤmer und Jonen zu retten, und dann aus der ungluͤcklichen Stadt zu entfliehen. Aber die gluhende Luft war ſchon ſo dicht geworden, daß die beiden Feinde, wenn gleich einander ſo nahe, ſich nicht ſa⸗ hen— außer daß Glaukus das weiße Gewand des Egyptiers ſich ſchimmernd bewegen ſah. ————— — ₰ ——————————— ———— 15⁵⁵ Sie eilten weiter— dieſe drei!— Ach, wohin? Sie konnten jetzt nicht einen Schritt weit mehr vor ſich ſehen; ſie waren umgeben von Zweifel und Schrecken;— und dem Glaukus ſchien der Tod, dem er entgangen war, blos eine andere Geſtalt angenommen, und ſeine Schlachtopfer vermehrt zu haben. Serhstes Rapitel. Kalenus und Burbo.— Diomedes und Klodius.— Das Mädchen des Amphitheaters und Julſa. Die ſchreckliche Kataſtrophe, welche ploͤtzlich alle Bande der Geſellſchaft geloͤſet hatte, befreite auch den Kalenus bald von der Wache, welcher der Prä⸗ tor ihn uͤbergab, und der Prieſter eilte ſogleich mit ſchwankenden Schritten nach dem Tempel ſeiner Goͤttin.— Als er noch umher tappte, ehe es voll⸗ kommen finſter war, fuͤhlte er ſich ploͤtzlich beim Ge⸗ wande ergriffen, und eine Stimme fluͤſterte ihm in das Ohr: „Pſt!— Kalenus— eine fuͤrchterliche Stunde!“— 15⁵6 „Ja, bei dem Haupt meines Vaters!— Wer biſt Du?“— „Ei, kennſt Du Deinen Burbo nicht mehr?“— „Ihr Goͤtter!— wie finſter wird es! Ho! ho! — welche leuchtende Blitze*) erhellen jenen ſchreck⸗ lichen Berg!— Wie ſie flammen und zucken! Die Erde iſt zum Hades geworden!“— „O, ſtille— Du glaubſt an dieſe Fabeln nicht, Kalenus! Jetzt koͤnnen wir unſer Gluͤck machen!“— „Hoͤre! der Tempel iſt mit Gold und Koſtbar⸗ keiten gefullt!— wir wollen uns mit dieſen Schätzen beladen, nach der Kuͤſte eilen, und uns einſchiffen! Niemand wird jemals Rechenſchaft fordern uͤber das, was heute geſchah!“— „Burbo, Du haſt Recht!— Komm— folge mir in den Tempel!— Wen kuͤmmert es jetzt, und wer bemerkt es, ob Du ein Prieſter biſt oder nicht? Komm— und wir wollen theilen!“— In dem Vorhofe des Tempels waren mehrere Prieſter um die Altäre verſammelt, weinend, betend *) Vulkaniſche Blitze.— Dieſe Phänomene begleite⸗ ten beſonders den ſpaͤtern Ausbruch im Jahre 1779, und es ſind noch Zeichen vorhanden, daß ſie auch bei dem Ausbruch, welchen wir jetzt ſo unvollkommen be⸗ ſchreiben, Statt gefunden haben — 1 157 und wehklagend. Waren ſie auch Betruͤger im Gluͤck geweſen, ſo trat in der Gefahr der Aberglaube wie⸗ der in ſeine alten Rechte ein! Kalenus ging ſtille bei ihnen vorbei, nach der Kammer, die an der Süͤdſeite des Vorhofes noch zu ſehen iſt. Burbo folgte— der Prieſter zuͤndete ein Licht an. Auf dem Tiſche ſtanden Speiſen und Wein, die überreſte eines Opfermahls. „Ein Mann, der 48 Stunden gehungert hat,“ murmelte Kalenus,„fuhlt ſelbſt in ſolcher Zeit ſich zum Eſſen aufgelegt.“— Er langte zu, und ver⸗ ſchlang gierig die Speiſen. Nichts konnte wider⸗ licher und unnatuͤrlicher ſein, als die ſelbſtſuͤchtige Gemeinheit dieſer Verruchten; denn nichts iſt abſto⸗ ßender, als der unternehmungsgeiſt des Geizes! Sie veruͤbten Pluͤnderung und Tempelraub, wäh⸗ rend die Grundfeſten der Erde erſchuͤttert wurden! Wie ſehr koͤnnen die Schreckniſſe der Natur durch die Laſter der Menſchen noch uͤberboten werden!— „Wirſt Du nimmer aufhoren?“— ſagte Burbo ungeduldig;—„Dein Geſicht gluͤht ſchon, und Deine Augen funkeln.“ „Nicht alle Tage hat man auch urſache, ſo hungrig zu ſein. O, Jupiter, was iſt das fuͤr ein Geräuſch!—= e hört ſich an, wie das Ziſchen von ſiedendem Waſſer?— Was?— ſtroͤmt aus der Wolke Waſſer und Feuer zugleich?— Ha! was 158 war das? Geſchrei?— und, Burbo, wie ſtille iſt jetzt Alles!— Sieh zu, was es war!“— Der furchtbare Berg warf jetzt auch kochendes Waſſer aus. Mit der heißen Aſche vermiſcht, wur⸗ den die Waſſerſäulen wie rauchender Schmutz von Zeit zu Zeit in die Straßen geſchleudert. und ge⸗ rade auf den Punct, wo die Prieſter der Iſis ſich um die Altäre verſammelt hatten, auf denen ſie ver⸗ geblich Feuer anzuzunden verſuchten, um Weihrauch zu ſtreuen, hatte jetzt einer jener gewaltigſten Strah⸗ len, vermiſcht mit Schlacken und großen Steinen, ſeine Wuth gerichtet. Er begrub die knieenden Prieſter; jener Schrei war der des Todes— jenes Schweigen das der Ewigkeit! Der ſchlammige Strom beſpritzte die Altäre, bedeckte den Fußboden, und verbarg theilweiſe die noch zuckenden Glieder der Prieſter!— „Sie ſind todt,“ ſagte Burbo, welchen jetzt zum erſtenmale der Schrecken uͤberwältigte, und der ſchnell in die Kammer zuruͤck trat;—„ich glaub⸗ te nicht, daß die Gefahr ſo nahe und ſo ſchrecklich ſei.“— Die beiden Elenden ſtarrten ſich an; man haͤtte ihre Herzen koͤnnen ſchlagen hoͤren! Kalenus, der nicht ſo muthig, aber habgieriger als ſein Genoſſe war, erholte ſich zuerſt.„Wir muͤſſen an unſer Geſchaͤft, und dann fort!“— ſagte er mit leiſem Fluͤſtern, indem er uͤber ſeine eigene Stimme er⸗ 7 159 ſchrak. Er trat an die Schwelle, blieb einen Au⸗ genblick ſtehn, ging uͤber den heißen Boden und uͤber ſeine todten Gefaͤhrten nach der heiligen Ka⸗ pelle, und rief dem Burbo zu, ihm zu folgen; aber der Gladiator zoͤgerte, und blieb zuruͤck. „Deſto beſſer,“ dachte Kalenus,„um ſo größer wird meine Beute ſein.“ Schnell packte er die tragbarſten Schätze des Tempels auf, und eilte fort, an ſeinen Genoſſen nicht mehr denkend. Ein plötzlich von dem Berge zuckender Blitz zeigte dem Burbo, der bewegungslos an der Schwelle ſtand, den fliehenden und beladenen Prieſter. Er faßte Muth— er trat vor, um ihm zu folgen, als ein ſchrecklicher Aſchenregen gerade vor ſeinen Fuͤßen nieder fiel. Der Gladiator wankte nochmals zuruͤck. Finſterniß umgab ihnz aber die gluͤhende Aſche fiel immer ſchneller und ſchnellerz immer hoͤher bedeckte ſie den Boden, und es dran⸗ gen erſtickende Daͤmpfe aus ihr hervor. Dem un⸗ gluͤcklichen verging der Athem— in ſeiner Verzweif⸗ lung ſuchte er wieder zu fliehen, aber die Aſchenhau⸗ fen hatten bereits den Ausgang verſperrt; er ſchrie laut auf, als ſeine Fuͤße die Gluth fuͤhlten. Wie konnte er jetzt noch entkommen? hinaus zu dringen, war nicht möglich, auch war es dort vielleicht noch gefährlicher. Er beſchloß, in der Kammer zu blei⸗ ben, wo er doch etwas mehr vor der erſtickenden Luft geſchuͤtzt war. Er ſetzte ſich nieder und knirſchte 160 mit den Zähnen. Nach und nach drang aber die giftige Luft von außerhalb ein. Er konnte es nicht länger aushalten. Seine umherirrenden Blicke fielen auf ein Opferbeil, welches ein Prieſter in der Kam⸗ mer gelaſſen hatte; er ergriff es. Mit aller Kraft der Verzweiflung verſuchte er jetzt, ſich einen Aus⸗ gang durch die Wand zu hauen. Inzwiſchen waren die Straßen leer geworden; Jeder hatte ſich ein Obdach geſucht— die Aſche fing an, die niedrigeren Theile der Stadt auszu⸗ fullen, aber hier und da ſah man noch Fluͤchtlinge ermattet durch den heißen Schlamm waten, und die vläulich⸗flammenden Blitze, oder die unſtät flackern⸗ den Fackeln, mit denen ſie ihren Weg ſuchten, be⸗ leuchteten ihre bleichen und entſtellten Zuͤge. Aber die Fackeln, und mit ihnen die letzte Hoffnung Derer, welche ſie trugen, erloſchen oft durch das herabſtromende heiße Waſſer, oder durch ploͤtzliche Windſtöße. In der Straße, welche nach dem herkulaniſchen Thore fuhrte, ſuchte jetzt Klodius verirrt und zwei⸗ felnd ſeinen Weg.—„Wenn ich bis vor das Thor gelangen kann,“ dachte er,„ſo werde ich ge⸗ wiß Fuhrwerk finden, und Herkulaneum iſt nicht weit. Ich habe, Dank dem Merkur! wenig zu ver⸗ lieren, und das Wenige trage ich bei mir!“— „Holla!— Huͤlfe— Helft hier!“— rief eine ſtöhnende Stimme—„ich bin gefallen— meine die cht len m⸗ aft us⸗ n che zu⸗ nge die rn⸗ be⸗ ber ung das iche chen wei⸗ das ge⸗ icht ver⸗ eine teine 161 Fackel iſt ausgegangen, meine Sklaven haben mich verlaſſen;— ich bin Diomed— der reiche Dio⸗ med— ich zahle Dem, der mich rettet, 10,000 Seſterzen.“— In demſelben Augenblick fuͤhlte Klodius ſich am Fuße feſtgehalten.„Daß Dich die Peſt!— Laß mich gehn, Narr!“— ſagte der Spieler. „Oh, hilf mir auf, gib mir Deine Hand!“— „Da— ſteh auf!“— „Iſt das Klodius?— ich kenne die Stimme! Wohin fliehſt Du?“— „Nach Herkulaneum.“— „Geſegnet ſeien die Goͤtter! dann iſt unſer Weg wenigſtens bis zum Thor derſelbe. Weshalb willſt Du nicht in meiner Villa Schutz ſuchen? Du kennſt die lange Reihe unterirdiſcher, gewoͤlbter Keller; dort ſind wir ſicher vor der Verwuͤſtung.“— „Du haſt Recht,“ ſagte Klodius nachdenkend, „und wenn wir uns mit Nahrung verſorgen, ſo können wir dort ſelbſt einige Tage verweilen, wenn dieſe ſchrecklichen Stuͤrme ſo lange anhalten ſoll⸗ ten.“— „O, geſegnet ſei, wer Thore fuͤr eine Stadt er⸗ fand!“— ſagte Diomedes—„Sieh! ſie haben ein Licht in jenen Bogen geſtellt; nun konnen wir uns nicht verirren.“— Die Luft war jetzt einige Minuten ſtill— die Lampe leuchtete hell und klar; die Fluͤchtlinge er⸗ Bulwer's Werke. Taſchenausg. IV. 11 reichten das Thor; ſie kamen bei der römiſchen Schildwache vorbei; der Blitz beleuchtete das bleiche Geſicht und den glänzenden Helm des Kriegers, aber ſeine harten, ſtrengen Zuͤge hatte ſelbſt der Schrecken nicht verändert. Er ſtand ruhig und bewegungslos auf ſeinem Poſten. Selbſt dieſe Stunde hatte das willenloſe Werkzeug der gebieteriſchen Majeſtät Roms zu keinem ſelbſtdenkenden und handelnden Manne ma⸗ chen konnen! Feſt ſtand er mitten unter den ver⸗ nichtenden Elementen; er hatte keinen Befehl er⸗ halten, ſeinen Poſten zu verlaſſen und ſich zu retten!*) Diomedes und ſein Gefaͤhrte eilten weiter, als ihnen plotzlich eine weibliche Geſtalt in den Weg trat. Es war das Mädchen, deſſen helle und ſcharfe Stimme ſchon ſo oft das„herrliche und lu⸗ ſtige Spiel im Amphitheater“ beſungen hatte. „O, Diomedes!“— rief ſie,„vergoͤnne mir Obdach und Schutz.— Sieh“— und hierbei zeigte ſie auf ein Kind, welches ſie im Arme trug—„ſieh dieſes kleine Weſen! das iſt mein Kind! das Kind der Schande! Ich habe es nie geſtanden, außer in dieſer Stunde! Aber jetzt erinnere ich mich, daß ich Mutter bin! Ich habe es aus der Wiege ſeiner Amme genommenz ſie war entflohen! Wer konnte *) Die Skelette mehrerer Soldaten wuen noch auf ihren Poſten gefunden.& chen iche aber cken 8slos das oms ma⸗ ver⸗ er⸗ als Weg und lu⸗ mir eigte ſieh Kind r in daß iner nnte auf —— 163 in ſolcher Stunde an ein Kind denken, außer die Mutter, welche es geboren hat!— Rette es!— rette es!“— „Verflucht ſei Deine kreiſchende Stimme! Fort, leichtſinnige Dirne!“ murmelte Klodius zwiſchen den Zähnen. „Nein, Maͤdchen,“ ſagte der menſchlicher geſinnte Diomed;„komm mit, wenn Du willſt. Fort— fort!— in die Gewoͤlbe!“— Sie eilten weiter, und kamen an das Haus des Dio⸗ medes. Sie lachten laut, als ſie die Schwelle uͤber⸗ ſchritten hatten, denn ſie glaubten, die Gefahr ſei jetzt voruͤber. Diomedes befahl ſeinen Sklaven, in die unterir⸗ diſchen Gewoͤlbe eine Menge Nahrungsmittel, und Hl für die Lampen zu ſchaffen; und dort ſuchten Julia, Klodius, die junge Mutter mit ihrem Kinde, der groͤßere Theil der Sklaven, und einige erſchrockene Bekannte und Klienten aus der Nachbarſchaft Obdach und Schutz. Siebentes Rapitel. Der Fortgang der Zerſtörung. Di Wolke, welche ſo lange ſchon das Licht des Tages ausgeſchloſſen hatte, war jetzt eine feſte und undurchdringliche Maſſe geworden. Die Finſter⸗ niß glich weniger jener in der dunkelſten Nacht im Freien, als der in einem eingeſchloſſenen Raum*). Aber mit dieſer Finſterniß nahmen auch die Blitze um den Veſuv an blendendem Glanze zu; ihre ſchreckliche Schoͤnheit beſchränkte ſich aber nicht blos auf die gewöhnlichen Erſcheinungen des Feuers; kein Regenbogen konnte jemals ihrem mannichfaltigen und reichen Farbenſpiel gleich kommen. Bald ſah man ein dunkles Blau, wie das ſchoͤnſte Azur des ſuͤdli⸗ chen Himmels— bald ein lebendiges Grun, welches wie die Schuppen einer ungeheuren Schlange ſich hin und her bewegte— dann wieder ein grelles Roth, das aus den Rauchſäulen hervorbrach, und die ganze Stadt hell erleuchtete, und plötzlich, wie der Geiſt 3) Plinius. 5 ſeines eigenen Lebens, in einem krankhaften, bleichen Schimmer dahin ſtarb!— In den Pauſen zwiſchen den Aſchen⸗ und Regen⸗ guͤſſen hoͤrte man ein unterirdiſches Getoͤſe in der Erde, und die wild brauſenden Wogen des aufgereg⸗ ten Meeres; und nur leiſe hoͤrbar fuͤr das horchende Ohr der Furcht war das ziſchende Sauſen der aus den Hoͤhlen und Kluͤften des entfernten Berges fah⸗ renden Gasarten. Bisweilen vertheilte ſich die Wolke, und bei dem Schein des Blizes glaubte man ſelt⸗ ſame Gebilde von menſchlichen Geſtalten und unge⸗ heuern zu ſehen, die gegen einander ſtießen und ſchnell wieder in dem allgemeinen Wirbel ſich verlo⸗ renz ſo daß fuͤr die Augen und die Einbildungskraft der erſchrockenen Wanderer die weſenloſen Duͤnſte koͤrperliche Formen gigantiſcher Feinde— die Werk⸗ zeuge der Vernichtung und des Todes*)— zu ſein ſchienen. An einigen Stellen lag die Aſche ſchon knietief, und die heißen Waſſerſtrahlen drangen in die Haͤu⸗ ſer, einen erſtickenden und ſchweflichten Dampf ver⸗ breitend. An mehreren Punkten hatten ungeheure Felſenſtuͤcke, welche auf die Dächer gefallen waren, die Straßen mit Schutt und Ruinen erfullt, wodurch mit jeder Stunde der Weg mehr verſperrt wurde; auch fuͤhlte man immer mehr die Bewegung der *) Dio Cassius. 1665 Erde— der Fuß wankte und glltt aus,— uns ſelbſt auf dem ebenſten Boden konnte tein⸗ re oder kein Wagen im Gleichgewicht erhalten werden. Bisweilen fielen die großeren Steine, wenn ſie unterwegs an einander ſtießen, in unzählige Stuͤcke zerbroͤckelt hinab, aus denen Funken ſpruͤhten, die alles Brennbare erfaßten, und in den Ebenen um die Stadt wr de die Finſterniß jetzt ſchrecklich er⸗ leuchtet; mehrere Haͤuſer und ſelbſt Weingär⸗ ten in Brand gerathen, und das Feuer erhob ſich S da in wilden Flammen in den duͤſtern Himmel. um dieſe theilweiſe Erhellung zu unter⸗ ſtutzen, hatten die Buͤrger an den öffentlichen Plätzen, in den Säulengängen der Tempel und auf dem Foro lange Reihen von Fackeln aufgeſtellt; aber dieſe brannten ſelten lange, weil die Windſtöße und der Aſchenregen ſie bald wieder verlöſchten, und die ploͤtz⸗ lich wieder eintretende Finſterniß machte dann die Eitelkeit menſchlicher Hoffnungen, und die Ohnmacht des Kampfes menſchlicher Kräfte mit den Schreck⸗ niſſen der Natur doppelt fuͤhlbar. Oft begegneten ſich Geſellſchaften von Flöchtlin⸗ gen bei dem Licht dieſer Fackeln, von denen einige nach der See zu eilten, andere wieder von dort nach dem Lande zuruckkehrten; denn das Meer war ploͤtz⸗ lich aus ſeinem ufer zuruͤckgetreten— eine undurch⸗ dringliche Finſterniß uͤber demſelben, und auf die brauſenden Wogen fielen Felſenſtuͤcke, Steine und der 167 Aſchenauswurf des Vulkans, ohne daß man dorten den Schutz fand,— den die Straßen und Dächer auf dem Lande noch theilweiſe gewaͤhrten. Die Men⸗ ſchen begegneten ſich mit verſtörten und todtenaͤhn⸗ lichen Geſichtern, durch einen paniſchen Schrecken ge⸗ ängſtigt, und nahmen ſich nicht Zeit, mit einander zu ſprechen und ſich zu berathen, denn der Aſchen⸗ und Schlamm⸗Regen fiel jetzt haͤufig, wenn auch nicht unausgeſetzt, löſchte die Fackeln aus, und zwang Jeden, ſich das nächſte Obdach zu ſuchen. 4 ½ Ele⸗ mente der Civiliſation waren aufgelöſet. wonn und wann ſah man bei den flackernden Lichtern einen Dieb bei einer vornehmen obrigkeitlichen Perſon, mit ſeinem Raub beladen, angſtlich voruͤber eilen. Wenn in der Finſterniß die Frau von ihrem Manne, oder die Mutter von ihrem Kinde getrennt wurde, ſo mußte die Hoffnung des Wiederfindens aufgegeben werden. Alles lief blind durcheinander. Der zuſam⸗ mengeſetzte Mechanismus des menſchlichen Lebens war ganzlich zerſtört, und man erkannte kein anderes Geſetz mehr an, als das der Selbſterhaltung!— Durch dieſe Scene des Schreckens verfolgte der Athenienſer mit Jonen und dem blinden Mädchen ſeinen Weg. Plotzlich kamen Hunderte von Men⸗ ſchen, die nach der See zu eilten, bei ihnen voruber. Nydia wurde von der Seite des Glaukus geriſſen, der mit Jonen ſchnell in dem Strome der Menge mit fort trieb; und als dieſe Menſchen(deren Ge⸗ 168 ſtalten man nicht ſehen konnte, ſo dicht war die Finſterniß) vorbei waren, vermißten ſie immer noch Nydien. Glaukus rief laut ihren Namenz es erfolgte keine Antwort. Sie gingen zuruͤck— vergebens; ſie fanden ſie nicht— es war einleuchtend, daß ſie in eine andere Richtung gerathen ſein mußte. Sie hat⸗ ten ihre Freundin, ihre Beſchuͤtzerin verloren! und bis jetzt war Nydia auch ihre Fuͤhrerin geweſen. Ihre Blindheit war ihr in der Dunkelheit am günſtigſten. Gewohnt, in ewiger Finſterniß in den Straßen der Stadt ſich zurecht zu finden, hatte ſie Glaukus und Jonen ſicher nach dem ufer des Meeres geführt, wo ſie beſchloſſen hatten, wenn es möglich wäre, ſich einzuſchiffen. Wohin ſollten ſie ſich jetzt wenden? ſie befanden ſich, wie in einem Labyrinth, aus dem ſie keinen Ausweg wußten. Aber ſie ſetzten doch erſchoͤpft und halb verzweifelnd ihre Wanderung fort, indem die zerbroͤckelten Steine oft vor ihren Fuͤßen nieder praſſelten, und die Fun⸗ ken umher ſpruͤhten. n „Ach!“— fluͤſterte Jone—„ich kann nicht wei⸗ ter, meine Fuͤße erlahmen unter der heißen Aſche. Fliehe, Theurer— Geliebter, fliehe!— und über⸗ laſſe mich meinem Schickſal.“— „Beruhige Dich!— meine Geliebte!— meine Braut!— Der Tod mit Dir iſt ſuͤßer, als das Leben ohne Dich!— Aber wohin— o, wohin kön⸗ nen wir uns wenden durch die Finſterniß? Es ſcheint — 169 mir, daß bis jetzt wir uns blos in einem Zirkel ge⸗ dreht haben, und daß wir wieder an demſelben Ort uns befinden, den wir vor einer Stunde ver⸗ ließen.“— „O, Göoͤtter!— jenes Felſenſtuͤck hat das Dach vor uns zertruͤmmert. In den Straßen ereilt uns ſicherer Tod!“— „O, geſegneter Blitz!— ſieh, Jone, ſieh!— wir ſind vor dem Saͤulengang des Tempels der For⸗ tuna. Wir wollen eintreten; hier ſind wir ſicherer vor dem Aſchenregen.“— Er trug ſeine Geliebte in den Tempel, und brachte ſie in den entfernteren und geſicherteren Theil des Portiko's. Er ſtellte ſich vor ſie, damit er mit ſeinem eigenen Körper ſie ſchutzte vor dem herein⸗ dringenden Aſchenregen. So konnte die Selbſtverläug⸗ nung der Liebe ſelbſt jene ſchreckliche Stunde heiligen. „Wer iſt da?“— rief die zitternde und tiefe Stimme eines Mannes, der hier ſchon vor ihnen eine Zuflucht gefunden hatte.—„Aber was ſchadet es, in der Stunde der untergehenden Welt ſind uns Freunde oder Feinde gleichgultig.“— Jone wendete ſich nach der Richtung, aus der die Stimme kam, und ſchmiegte ſich mit einem leiſen Schrei wieder an den Glaukus, und als dieſer eben⸗ falls dorthin blickte, entdeckte er die urſache ihrer unruhe. Durch die Finſterniß funkelten zwei feurige Augen— der Blis rrhellte einen Augenblick das 17⁰ Innere des Tempels, und Glaukus ſah mit einem Schauer des Entſetzens, den Loͤwen, welchem er vor⸗ geworfen werden ſollte, ruhig zwiſchen den Pfeilern liegen, und dicht dabei, dieſer gefährlichen Nachbar⸗ ſchaft unbewußt, ſaß der rieſenhafte Mann, der ſie vorhin angeredet hatte— es war der Gladiator Niger. der Menſch ſich gegenſeitig erblickt, aber der In⸗ ſtinkt beider hatte ſeine Kraft verloren. Ja, der Löwe kroch ſogar näher zu dem Gladiator, als ſuche er Geſellſchaft, und dieſer entfernte ſich nicht, und zitterte nicht. Die Revolution der Natur hatte eben ſowohl ihre eigenen Schrecken vernichtet, als ihre feſteſten Bande aufgelöſet waren. Indem ſie dieſes furchtbaren Schutzes genoſſen, kam eine Geſellſchaft, aus Männern und Frauen be⸗ ſtehend, die ihren Weg mit Fackeln beleuchteten, bei dem Tempel vorbei. Sie gehoͤrten zu der Sekte der Nazarener, und eine erhabene und überirdiſche Be⸗ geiſterung hatte ihre Furcht und ihren Schrecken be⸗ ſiegt. Sie waren ſchon lange, nach der irrigen An⸗ ſicht der erſten Chriſten, der überzeugung geweſen, daß das juͤngſte Gericht bald bevorſtehe; ſie glaub⸗ ten nun, daß der letzte Tag gekommen ſei. „Wehe! wehe!“— ſchrieen mit durchdringender, ergreifender Stimme die. Riteſten, die an der Spitze gingen.—„Scht, der Herr ſteigt hernieder zum 6 Durch dieſen Blitz hatten das wilde Thier und 171 Gericht! Er laßt Feuer vom Himmel regnen vor den Augen der Menſchen!— Wehe! wehe! ihr Star⸗ ken und Mächtigen!— Wehe Euch mit den Fasces und mit dem Purpur!— Wehe dem Goͤtzendiener und dem Anbeter des Thieres!— Wehe Euch, die Ihr das Blut der Heiligen vergießet, und frohlockt uͤber die Todesqualen der Soͤhne Gottes!— Wehe der Hure des Meeres! Wehe! wehe!“— Und mitten unter den Schreckniſſen der aufgereg⸗ ten Natur ſang der volle Chor: „Wehe der Hure des Meeres!— Wehe! wehe!“— Die Nazarener zogen langſam vorbei, ihre Fackeln zitterten im Winde; ihre Stimmen erhoben ſich zu feierlicher Warnung und Drohung, bis ſie ſich in den Windungen der Straßen verloren, und die Fin⸗ ſterniß und Stille des Todes wieder eintrat. Die Aſchen⸗ und Wolken⸗Guͤſſe hatten jetzt et⸗ was nachgelaſſen, und Glaukus ermuthigte Jonen, wieder weiter zu gehn. Als ſie noch auf der letzten Stufe des Saͤulenganges ſtanden, wankte ein alter Mann, einen Beutel in der rechten Hand haltend, und ſich auf einen Juͤngling ſtuͤtzend, herbei. Letz⸗ terer trug eine Fackel.— Glaukus erkannte die Bei⸗ den als Vater und Sohn— der Eine war ein Geiz⸗ hals, der Andere ein Verſchwender. „Vater,“ ſagte der Juͤngling,„wenn Du nicht 172 ſchneller gehn kannſt, ſo muß ich Dich verlaſſen, oder wir Beide kommen um!“— „Nun, ſo fliehe, und verlaſſe Deinen Vater!“— „Aber ich kann nicht verhungern; gib mir Dei⸗ nen Beutel mit Gold!“— und der Sohn griff darnach. „Elender! willſt Du Deinen Vater berauben?“— „Oh, wer kann es jetzt verrathen?— Zum Tode mit Dir, Geizhals!“— Der Juͤngling ſchlug den alten Mann zu Boden, entriß ihm den Beutel, und ſprang mit frohlocken⸗ dem Geſchrei fort. „O, ihr Gotter!“ ſagte Glaukus,„ſeid Ihr auch in der Finſterniß blind? Solche Verbrechen moͤgen wohl dem Verbrechen und der unſchuld glei⸗ chen untergang bereiten! Komm, Jone, komm!“— Achtes Rapitel. Arbates begegnet dem Glaukus und der Jone. Leiſe fortſchleichend, wie Menſchen, die ſich aus einem Gefängniß entfernen wollen, ſetzten Jone und ihr Geliebter ihren unſichern Weg fort. In den Au⸗ —— 173 genblicken, wo die vulkaniſchen Blitze die Straßen erleuchteten, konnten ſie bei jenem ſchrecklichen Licht unterſcheiden, wo ſie ſich befanden; aber ſie konnten ſich nur wenig ermuthigt durch den Anblick fuhlen, der ſich ihnen uͤberall darbot. An den Orten, wo die Aſche trocken und mit jenen heißen Stroͤmen nicht vermiſcht lag, welche der Berg in unbeſtimm⸗ ten Zwiſchenräumen auswarf— war die Erde mit einem ſchmutzigen, grau⸗weißen Staube bedeckt. An andern Stellen lagen Felſenſtuͤcke zuſammengehäuft, unter denen oft die Glieder eines zerſchmetterten Fluͤchtlings halb bedeckt lagen. Das Todesſtohnen der Sterbenden wurde durch das wilde, ſchreckhafte Aufſchreien der Weiber— bald naͤher, bald mehr in der Entfernung— unterbrochen, und dieſe Toͤne wurden doppelt furchtbar in der dichten Finſterniß, weil ſie das Gefuͤhl der Huͤlfloſigkeit und der Unge⸗ wißheit dek umgebenden Gefahren erhoͤhten.— Deut⸗ lich und beſtimmt hoͤrte man aber durch alle dieſe Schreckenstoͤne das mannichfaltige und verwirrte Ge⸗ brauſe von dem unheilſchwangeren Berge herz— die pfeifenden und gellenden Windſtöße, das Rau⸗ ſchen der Waſſerſtrahlen, und von Zeit zu Zeit das Getoͤſe und Geraͤuſch eines wilderen und ſtärkeren Ausbruchs. und wenn die Winde heulend durch die Straßen jagten, fuͤhrten ſie ſcharfen gluͤhenden Staub, und erſtickende Daͤmpfe mit, ſo daß der Athem und das Bewußtſein fuͤr den Augenblick ſchwanden, und 174 das ſtockende Blut, wenn es wieder in Gang kam, um deſto fieberhafter durch die Adern ſich bewegte, ſo daß zuletzt alle Nerven abgeſpannt wurden und erlahmen mußten. „O, Glaukus!— mein Geliebter!— umarme mich noch einmal— und laß mich ſterben in dieſer umarmung;— ich kann nicht weiter!“ „O, ermuthige Dich, ſuͤße Jone— mit Deinem Leben entflieht das meine;— aber ſieh; Fackeln kommen auf uns zu!— wie ſie dem Winde trotzen! — Sieh, die Geſellſchaft kommt naͤher— es ſind gewiß Fluͤchtlinge, die nach der See wollen.— Wir konnen uns ihnen anſchließen.“ Das wilde Toben in der Luft legte ſich einen Augenblick;— der Berg ſchien ſich auszuruhen, viel⸗ leicht um fuͤr einen wilderen Ausbruch neue Wuth zu ſammeln; die Fackelträger bewegten ſich ſchnell vorwärts.„Wir nähern uns der See,“ ſagte mit ruhiger Stimme ein ſtattlicher Mann, der an ihrer Spitze ging;—„ich gewaͤhre Freiheit und Reich⸗ thum jedem Sklaven, der dieſen Tag uͤberlebt!— Muth!— ich verſichere Euch, die Götter ſelbſt ha⸗ ben mir Rettung zugeſagt— Vorwaͤrts!“ Der rothliche Schein der Fackeln beleuchtete jetzt den Glaukus, der die zitternde Jone in ſeine Arme ſchloß. Mehrere Sklaven trugen ſchwere Kiſten und Joffer; und vor ihnen ſchritt, ein gezogenes Schwert in der Hand, Arbaces einher. „Bei meinen Vätern!“— ſagte der Egyptier, „das Geſchick beguͤnſtigt mich ſelbſt in dieſer finſtern Stunde, und verkuͤndet mir mitten unter der Ver⸗ nichtung und dem Tode Gluͤck und Liebe. Fort, Grieche!— ich fordre meine Muͤndel Jone!“— „Verräther und Moͤrder!“— ſchrie Glaukus, indem er wild ſeinen Feind anſtarrte.„Die Reme⸗ ſis hat Dich meiner Rache uͤbergeben, als ein wuͤr⸗ diges Opfer fuͤr die Schatten des Hades, welche jetzt auf der Erde zu wandeln ſcheinen. Wage es, Dich zu nähern; beruͤhre nur die Hand der Jone, und Deine Waffe wird ſein wie ein leichtes Schilf⸗ rohr— ich reiße Dir die Glieder vom Leibe!“ Während er noch ſprach, wurde der Platz durch eine roͤthliche, helle Gluth erleuchtet. Der Berg erſchien glänzend und gigantiſch durch die Fin⸗ ſterniß, welche ihn wie eine Mauer der Hoͤlle um⸗ ſchloß, als ein rieſenhafter, brennender Scheiterhau⸗ fen! Der Gipfel war wie auseinander geriſſen, oder es erhoben ſich vielmehr auf ihm zwei ungeheure Huͤgel, die ſich wie zwei Daͤmonen gegenuͤber ſtan⸗ den, welche ſich eine Welt ſtreitig machen wollten. Dieſe Bergkegel beſtanden aus einer dunkelrothen feurigen Maſſe, welche oberhalb die ganze At⸗ moſphaͤre erleuchtete, aber der untere Theil des Ber⸗ ges war noch in Finſterniß gehuͤllt— außer an drei Stellen, an denen in Schlangenwindungen(¹) Stroͤme geſchmolzener Lava hinunter floſſen. Sie auf den Glaukus.— 176 ſchienen ihren feurigen Weg durch die finſtere um⸗ gebung nach der Stadt zu nehmen. über den brei⸗ teſten derſelben war ein ungeheurer Bogen gewoͤlbt, aus dem, wie aus dem Rachen der Unterwelt, ein Phlegethon hinabſtuͤrzte. Und durch die beruhigte Luft hoͤrte man, wie die gewaltigen Felſenſtuͤcke an einander ſtießen, als ſie ſich uͤber einander drängend, die ſteilen Katarakte hinunter ſchoſſen;— indem ſie fuͤr einen Augenblick den Punkt, wo ſie fielen, ver⸗ dunkelten und bald wieder in der roͤthlichen Maſſe verſchwanden. Die Sklaven ſchrien laut auf, und der Egyptier ſelbſt ſtand wie feſtgebannt, und das blendende Licht beſchien ſeine gebieteriſchen Zuͤge und das mit Ju⸗ welen beſetzte Gewand. Hinter ihm erhob ſich eine Säule, welche die bronzene Statue des Auguſtus trug, und das kaiſerliche Standbild erglänzte wie im Feuer! Glaukus ſtand trotzig dem Egyptier gegenuͤber. — Mit dem linken Arm hielt er Jonen umfaßt; in der rechten Hand erhob er drohend den Stilus, der in der Arena ſeine Waffe ſein ſollte, und den er glucklicherweiſe noch bei ſich trug; und alle Wuth menſchlicher Leidenſchaften ſchien wie durch einen Zauber auf ſeinen Zuͤgen gefeſſelt und gebannt zu ſein. Arbaces wendete ſeine Blicke jetzt von dem 3 9 1 a t d t Um⸗ rei⸗ Abt, ein igte an end, ſie er⸗ aſſe tier cht zu⸗ ine tus vie —— 177 „Weshalb,“ murmelte er bei ſich ſelbſt,„ſoll ich noch zaudern?— Sagten mir nicht die Sterne die einzige dringende Gefahr voraus, welche mir be⸗ vorſtehe, und iſt dieſe nicht voruͤber?— Der Geiſt,“ rief er jetzt laut,„kann ſelbſt dem Untergange der Welten und dem Zorn eingebildeter Goͤtter trotzen! Durch dieſen Geiſt will ich ſiegen bis auf den letzten Augenblick!— Tretet vor, Sklaven! Widerſteheſt Du mir, Athenienſer, ſo komme Dein Blut auf Dein eigenes Haupt! uUnd ſo gewinne ich denn Jo⸗ nen wieder!“— Er trat einen Schritt vor— es war ſein letzter auf dieſer Erde!— Der Boden erbebte unter ihm mit einer gewaltigen Erſchuͤtterung; gleichzeitig hoͤrte man in der ganzen Stadt ein furchtbares Gepraſſel, als ſo manches Dach und ſo mancher Pfeiler niederſtuͤrz⸗ ten.— Der Blitz verweilte einen Augenblick, wie durch das Metall angezogen, auf der kaiſerlichen Statue, und dann zerſplitterte er dieſe, und die hohe Säule. Sie fiel mit einem fuͤrchterlichen Geraͤuſch nieder, und ſpal⸗ tete das feſte Pflaſter, auf das ſie hinſtur zte— Die Weiſſagung der Sterne war erfuͤllt!— Der Fall und das Geräuſch raubten dem Athe⸗ nienſer einige Augenblicke das Bewußtſein Als er ſich wieder erholte, war die Scene noch erleuchtet— die Erde wankte und zitterte noch! Jone lag ohn⸗ mächtig auf der Erdez aber er ſah ſie noch nicht— ſeine Augen ſtarrten auf ein ſchreckliches Antlitz, das Bulwer's Werke. Taſchenausg. IV. 12 178 ohne Rumpf und Glieder aus den Fragmenten der zerſplitterten Saͤule hervor zu tauchen ſchien— ein Antlitz, in dem ſich unausſprechliche Verzweiflung und Todesqual ausſprach! Die Augen oͤffneten und ſchloſſen ſich ſchnell, als ſei das Bewußtſein noch nicht entflohen; die Lippen zuckten und zitterten; dar⸗ auf aber deckte plötzlich Ruhe und Finſterniß dieſe Zuͤge, die jedoch einen Ausdruck des Schreckens be⸗ hielten, welcher nie vergeſſen werden konnte. Dieſes Ende nahm der weiſe Magier— der große Arbaces— der Hermes mit dem flammenden Guͤrtel— der letzte Sproͤßling des koͤniglichen Stammes von Egypten!— Keuntes Rapitel. Die Verzweiftung der giebenden.— Das Schickſal ber Menge. Giuukus faßte Jonen wieder in die Arme, und floh durch die Straßen, welche noch hell erleuchtet waren. Aber ploͤtzlich wurde die Luft wieder verfinſtert, Glaukus wendete ſich unwillkuͤhrlich zum Berge, und ſieh! eine der gigantiſchen Spitzen, in die der S er ein ng nd och ar⸗ eſe be⸗ 179 ſich getheilt hatte, bewegte ſich ſchwankend hin und her, und dann riß ſie ſich mit einem unbeſchreiblichen Lärmen und Getoͤſe von ihrer Baſis ab, und ſturzte eine Feuer⸗Lavine den Berg hinunter! In demſelben Augenblicke ſtieg eine Wolke dichten Rauches empor, welche Alles wieder in Finſterniß begrub. Es fing jetzt wieder an, haͤufiger und unausge⸗ ſetzter Aſche zu regnen. Auch das kuͤhne Herz des Glaukus war der Verzweiflung nahe; er ſank unter einem gewolbten Bogen nieder, und indem er unter der Verwüſtung und den Ruinen ſeine Braut feſt an ſich druckte, ſah er, in ſein Schickſal ergeben, dem Tode entgegen! Inzwiſchen hatte Nydia, als ſie im Gedränge von Glaukus und Jonen getrennt worden war, ſich bemuͤht, ſie wieder aufzufinden. Vergebens hatte ſie jenen klagenden, den Blinden eigenen Ruf ertönen laſſen; er verlor ſich in dem allgemeinen Toſen und Schreien. Mehreremale kehrte ſie zu dem Orte zu⸗ ruͤck, wo ſie getrennt worden waren. Jeden, dem ſie begegnete, fragte ſie, ob er den Glaukus nicht geſehen habe, aber Alle eilten in der Ungeduld und Verzweiflung ſtumm bei ihr vorbei. Wer dachte in jener Stunde an etwas Anderes, als an ſich ſelbſte In Scenen allgemeinen Schreckens iſt vielleicht nichts abſtoßender, als die unnatuͤrliche Selbſtſucht, welche ſie veranlaſſen!. Endlich fiel der Nydia ein, daß, da Glaukus be⸗ 12* 180 ſchloſſen hatte, die Flucht auf der See zu verſuchen, ſie in jener Richtung ihn am wahrſcheinlichſten wie⸗ der auffinden koͤnne. Indem ſie mit dem Stabe, den ſie immer trug, ihren Weg verfolgte, vermied ſie mit unglaublicher Gewandtheit den Schutt und die Ruinen, welche uͤberall in den Straßen umher lagen, und fand, ohne ſich zu irren(ſo guͤnſtig war ihr jetzt die im gewoͤhnlichen Leben ſo ſchreckliche Blind⸗ heit) den naͤchſten Weg nach dem ufer des Meeres. Das arme Maͤdchen!— ihr Muth war ſo aus⸗ dauernd! Auch ſchien das Schickſal ſelbſt ihre Huͤlf⸗ loſigkeit zu unterſtuͤtzen! Die heißen Waſſerſtrahlen trafen ſie nicht, außer in dem allgemeinen Regen, der dieſelben begleitete; die niederſturzenden Schlacken und Steine riſſen das Pflaſter um ſie her auf, und verſchonten jene zarte Geſtalt; und wenn die leich⸗ tere Aſche auf ſie fiel, ſchuͤttelte ſie dieſelbe gleich ab*), und verfolgte unerſchrocken ihren Weg. Schwach, von Gefahren umgeben, aber furchtlos, und durch einen Wunſch aufrecht erhalten, war ſie ein Bild der Pſyche auf ihren Wanderungen;— der Hoffnung, die durch das Thal der Schatten pil⸗ gert, des Geiſtes ſelbſt— verlaſſen, aber nicht muth⸗ los mitten unter den Muͤhſeligkeiten des Lebens. *) Ein ſchwerer Aſchenregen fiel auf uns, den wir dann und wann abſchuͤtteln mußten, weil wir ſonſt waͤren verſchuͤttet und begraben worden.— Plinius. — 181 Sie begegnete jedoch fortwaͤhrend ungluͤcksge⸗ noſſen, die bald im Finſtern umher tappten, bald bei dem Schein der Blitze vorbei eilten; und plötz⸗ lich wurde ſie durch mehrere Fackeltraͤger, die ihr entgegen kamen, mit einiger Heftigkeit niederge⸗ worfen. „Was?“ rief eine Stimme aus der Geſuſchajt „iſt dies das brave blinde Mädchen? Beim Bacchus! wir duͤrfen ſie hier nicht umkommen laſſen!— Steh auf, meine Theſſalierin, gib mir die Hand! — So!— Du biſt doch nicht verletzt?— Das iſt gut!— Komm mit uns,— wir eilen nach der Kuͤſte!“— „O, Salluſt, iſt es Deine Stimme?— Den Goͤttern ſei Dank!— Glaukus! Glaukus! habt Ih ihn nicht geſehn?“— „Ich nicht, er iſt wahrſcheinlich jetzt ſchon aus der Stadt, die Goͤtter, welche ihn von dem Loͤwen befreiten, werden ihn gewiß auch vor dem feuer⸗ ſpeienden Berge retten.“— Der gutmuͤthige Epikuräer zog Nydien, indem er ſie troͤſtete, mit ſich fort, und mußte ihre Bit⸗ ten, noch etwas zu verweilen, um den Glaukus auf⸗ zuſuchen, unberuckſichtigt laſſen. Sie fuhr aber fort, jenen geliebten Namen, der ihrem Herzen mitten in dem Aufruhr aller Elemente wie Muſik ertonte, laut auszurufen. Die plötzliche Erhellung, das Ausſromen der 182 Lava, und das Erdbeben, welche Phänomene wir bereits beſchrieben haben, ereigneten ſich, als Sal⸗ luſt und ſeine Geſellſchaft eben die von der Stadt nach dem Hafen fuͤhrende Straße erreicht hatten; und hier wurden ſie durch eine ungeheure Volks⸗ menge, durch mehr als die halbe Bevoͤlkerung der Stadt, aufgehalten. Tauſende und aber Tauſende irrten unentſchloſſen, wohin ſie fliehen ſollten, auf den Feldern außerhalb der Stadt umher. Das Meer hatte ſich weit von ſeinem ufer entfernt, und Diejenigen, welche dort ankamen, wurden ſo durch das gewaltige Toben des Elements, durch die haͤß⸗ lichen Geſtalten der unfoͤrmlichen Seethiere, welche die Wellen auf dem Sande zuruͤck gelaſſen hatten, und durch die, in die brauſenden Wogen hinabſtuͤr⸗ zenden Felſenſtuͤcke, erſchreckt, daß ſie, auf dem Lande groͤßere Sicherheit hoffend, wieder zuruͤck kehr⸗ ten. Jetzt waren ſich die nach dem Strand Eilen⸗ den, und die von demſelben Kommenden begegnet, und verweilten auf dem Punct, wo Salluſt mit ſeiner Geſellſchaft zu ihnen traf, halb verzweifelnd, und kaum mehr wiſſend, was ſie beginnen ſollten, und nur einen traurigen Troſt in ihrer Anzahl findend. „Die Welt wird durch Feuer zerſtort werden,“ ſagte ein alter Mann in einem weiten Gewande, ein Philoſoph aus der ſtoiſchen Schule;—„die vir ks⸗ er de —— 183 ſtoiſche und die epikuraͤiſche Weisheit haben es laͤngſt vorausgeſagt, und die Stunde iſt gekommen!“— „Ja, die Stunde iſt gekommen!“— rief eine Stimme feierlich, aber unerſchrocken. Die umſtehenden ſchauten ſich verwundert um. Die Stimme kam von oben. Es war die des Olin⸗ thus, der, umgeben von ſeinen chriſtlichen Bruͤdern, auf einer ſteilen Anhoͤhe ſtand, auf welcher die fruͤ⸗ heren griechiſchen Anſiedler einen dem Apollo geweih⸗ ten Tempel erbaut hatten, der jetzt halb verfallen und in Ruinen lag. Indem er noch ſprach, trat jene blendende plotz⸗ liche Erleuchtung ein, welche ein Vorbote des Todes des Arbaces geweſen war, und die jetzt jene er⸗ ſchrockene Menge in einem grellen Licht erſcheinen ließ. Niemals auf der Erde hatte man wohl ſo viele unheimlich⸗duͤſtre Geſichter vereinigt geſehn!— noch nie war wohl eine menſchliche Verſammlung in dieſer Erhabenheit des Furchtbaren zu ſchauen geweſen!— nie, bis die letzte Poſaune erſchallt, wird man eine ſolche Verſammlung wieder ſehn!— und uͤber ihnen erhob ſich die Geſtalt des Olinthus mit ausgeſtrecktem Arm und prophetiſcher Stirne, welche in dem lebendigen Feuer erglaͤnzte. und das Volk erkannte jetzt das Antlitz deſſen, der verurtheilt worden war, dem Tiger vorgeworfen zu werden— damals ihr Schlachtopfer, jetzt ihr warnender 184 Prophet;— und ſeine verhaͤngnißvolle Stimme ſprach wieder: „Die Stunde iſt gekommen!“— Die Chriſten wiederholten den Ruf. Wie ein Echo wurde er weiter getragen, von Weibern zu„ Maͤnnern— von Kindern zu Greiſen, nicht laut, aber in einem dumpfen Gefluͤſter:„Die Stunde iſt gekommen!“— In dieſem Augenblick drang ein wildes, weh⸗ klagendes Geheul durch die Luft,— und der fuͤrch⸗ terliche Tiger der afrikaniſchen Wuͤſte ſprang mitten unter die Menſchen, und rannte, nur auf ſeine Flucht bedacht, durch die auseinander geſprengten Reihen. Und jetzt kam das Erdbeben— und Dun⸗ kelheit verhuͤllte wieder die Erde. Es kamen neue Fluͤchtlinge an. Die Sklaven des Arbaces trugen noch die Schaͤtze, welche nicht länger mehr für ihren Herrn beſtimmt waren. Von ihren Fackeln brannte nur eine noch. Sie wurde durch den Soſia getragen, und als ihr flackernder Schein auf das Antlitz der Nydia 32 erkannte er die Theſſalierin. „Was nutzt Dir jetzt Deine Freiheit, blindes Mädchen?“— ſagte der Sklave. „Wer biſt Hi Haſt Du den Glaukus nicht geſehn?“— me in ut, de h⸗ en ne en n⸗ 3 185 „Jaz ich ſah ihn erſt vor einigen Minuten.“ „Geſegnet ſei Dein Haupt!— Wo?“— „Er lag unter dem Bogen auf dem Forum— todt, oder ſterbend, dem Arbaces folgend, der auch nicht mehr unter den Lebenden iſt!“—— Nydia ſprach kein Wort; ſie ſtahl ſich von der Seite des Salluſt fort, ſchlich ſchweigend durch die Menge, und ſchlug wieder den Weg nach der Stadt ein. Sie erreichte das Forum, den Bogen; ſie beugte ſich nieder; ſie fuͤhlte umher— ſie rief den Namen des Glaukus. Eine ſchwache Stimme antwortete:„Wer ruft mich?— Iſt es die Stimme der Schatten? Gut, ich bin bereit!“— „Stehe auf, Glaukus!— folge mir— gib mir Deine Hand— Du ſollſt gerettet werden.“ Erſtaunt, und plotzlich wieder Hoffnung und Muth faſſend, ſtand Glaukus auf.— „Nydia!— P Du biſt erhalten worden?“ Die Zaͤrtlichkeit und das freudige En ken, mit dem er dieſe Worte ſprach, durchdrangen wohlthätig das Herz der armen Theſſalierin, und ſie ſegnete ihn, daß er ihrer gedacht habe. Glaukus folgte ſeiner blinden Fuͤhrerin, indem er Jonen halb trug, halb ihre wankenden Schritte unterſtuͤtzte. Nydia vermied mit bewundernswuͤrdi⸗ 186 ger Vorſicht den Weg, der durch ſo viele Menſchen ungangbar gemacht wurde, und ſuchte das Meeres⸗ ufer in einer andern Richtung. Nachdem ſie ſich oft ausgeruht, erreichten ſie mit faſt unglaublicher Ausdauer die See, und ſchloſ⸗ ſen ſich einer Geſellſchaft an, welche, kühner als die ubrigen, beſchloſſen hatte, lieber jeder neuen Gefahr zu trotzen, als in dieſer Scene der Verwuͤſtung noch länger zu verweilen.— In der Finſterniß ſchifften ſie ſich ein, als ſie aber vom Lande abſtießen, war⸗ fen die feurigen Strome des Berges wieder einen roͤthlichen Schimmer auf die Wogen. FJone ſchtummerte, gaͤnzlich erſchoͤpft und ermat⸗ tet, an der Bruſt des Glaukus, und Nydia lag zu ſeinen Fußen. Der Staub⸗ und Aſchenregen fiel in die Wellen und bedeckte das Verdeck. Dieſer weiß⸗ liche Regen wurde durch die Winde an die entfern⸗ teſten Kuͤſten getragen. Verwundert erblickte ihn der ſchwarze Afrikaner, und ſelbſt an den Kuͤſten Egyptens und Syriens bemerkte man ihn*). Dia Cassius.. Zehntes Rapitel. Der naͤchſte Morgen— das Ende der Nydia. Und lieblich und ſanft lag die Daämmerung wieder auf den beruhigten Wogen!— die Winde hatten ſich gelegt— die Duͤnſte verzogen ſich von dem glän⸗ zenden Azur jenes herrlichen Meeres. Im Oſten wurden leichte Woͤlkchen durch das roſigſte Farben⸗ ſpiel, welches den Aufgang der Sonne verkuͤndete, erhellt; das Licht des Tages trat ſeine Herrſchaft wieder an. Aber dicht und dunkel ſchwebte noch in der Entfernung die zerſtoͤrende Wolke, in welcher rothliche Streifen, die aber immer truͤber brannten, Kunde gaben, daß das Feuer des Berges der„ver⸗ brannten Felder“ noch nicht erloſchen ſei. Die wei⸗ ßen Mauern und die ſchimmernden Säulen, welche die anmuthige Kuͤſte geſchmuͤckt hatten, waren ver⸗ ſchwunden. Ode und einſam lagen die ufer da, auf denen noch geſtern die Städte Herkulaneum und 188 Pompeji ſich erhoben. Die Guͤnſtlinge der See waren entriſſen ihrer umarmung! Ein Jahrhundert nach dem andern wird die mächtige Mutter ihre azurnen Arme ausſtrecken, und ſie nicht wieder finden;— traurig beſpülend die Grabſtätten der Verlornen! Die Schiffsleute bewillkommten nicht, wie ge⸗ woͤhnlich, die anbrechende Dämmerung— ſie war zu allmählig eingetreten, und ſie waren auch zu er⸗ muͤdet für ſolche Ausbruche der Freude— aber ein tiefes Gefluſter des Dankes ertonte von den Lippen dieſer Wächter der langen Nacht. Sie blickten ſich gegenſeitig an und lächelten— ſie faßten neuen Muth— ſie fuhlten wieder, daß ſie in einer freund⸗ lichen Welt, daß ein Gott uͤber ihnen ſei! Und die am meiſten Ermudeten fielen jetzt, da ſie wußten, daß die Gefahr voruber ſei, in einen tiefen Schlaf. Sie genoſſen nun bei Tage der Ruhe, die ſie in jener fuͤrchterlichen Nacht entbehrt hatten, und die Barke glitt ſanft uber die ſtillen Wogen. Man ſah in der Entfernung einige andere Schiffe, die wahr⸗ ſcheinlich ebenfalls Fluͤchtlinge trugen, und der An⸗ blick ihrer ſchlanken Maſten und weißen Segel ge⸗ währte ein beruhigendes Gefühl der Sicherheit. Wie viele geliebte Freunde, die man ſchon aufgegeben hatte, konnten dort nicht auch noch ſich gerettet haben!— Während der Ruhe des allgemeinen Schlafes ſtand Nydia leiſe auf. neigte ſich uͤber das „ 189 Antlitz des Glaukus— ſie fuͤhlte ſeine tiefen Athem⸗ zuͤge— furchtſam und traurig kuͤßte ſie ſeine Stirne, ſeine Lippen; ſie fuͤhlte nach ſeiner Hand;— aber dieſe lag in der Hand Jonens.— Nydia ſeufzte tief auf, und ein duͤſtrer Geiſt zog uͤber ihre Zuͤge. Nochmals kußte ſie die Stirne des Glaukus.— „Moͤgen die Goͤtter Dich ſegnen, Athenienſer!“— fluͤſterte ſie—„moͤgeſt Du gluͤcklich ſein mit Deiner⸗ Geliebten!— moͤgeſt Du Dich bisweilen der Nydia erinnern!— Ach, ihr Leben hat jetzt keinen Zweck mehr auf der Erde!“— Mit dieſen Worten wendete ſie ſich fort. Sie kroch langſam längs der Fori, oder des Schiffs⸗ randes, an das andere Ende der Barke, und lehnte ſich uͤber die Tiefe;— der kuͤhle Schaum ſpruͤhte empor an ihre heiße Stirne!— „Es iſt der Todeskuß!“— ſagte ſie;„er iſt willkommen!“— Die milde Luft ſpielte in ihren wallenden Locken — ſie ſtrich ſie ſich aus dem Geſicht, und erhob jene Augen— ſo zärtlich und doch ſo lichtlos— zu dem Himmel, deſſen blaues Gewoͤlbe ſie nie geſehen hatte!— „Nein, nein!“— ſagte ſie halblaut;„ich kann es nicht länger ertragen; dieſes iſt eiferſuͤchtige, lei⸗ denſchaftliche Liebe— ſie erſchuͤttert mein Gemüth in ſeinen innerſten Tiefen!— Ich koͤnnte ihn wie⸗ 190 der beleidigen— o, ich ungluckliche!— Ich habe ihn gerettet, zweimal gerettet— weshalb ſollte ich jetzt nicht gluͤcklich ſterben?— Seine Rettung iſt der letzte begluͤckende Gedanke, der mir jemals wer⸗ den kann. O! heiliges Meer! ich hoͤre, wie Deine Stimme mich einladet— ſie hat einen lockenden und heitern Klang!— Man ſagt, Deine Umarmung entehre— Deine Opfer wuͤrden nicht uͤber den ver⸗ haͤngnißvollen Styr gelaſſen— ſei es!— Auch dort moͤchte ich ihm nicht begegnen, denn er wuͤrde noch immer bei ihr ſein!— Ruhe! Ruhe! Ruhe! wei⸗ ter gibt es kein Eliſium fuͤr ein Herz, wie das meine!“— Ein Schiffer, der auf dem Verdeck eingeſchlum⸗ mert war, hoͤrte ein leifes Geraͤuſch im Waſſer. Noch ſchlaftrunken erhob er ſich, und es ſchien ihm, als ſehe er etwas Weißes uͤber den Wogen, die das Schiff jetzt ſchneller durchſchnitt, ſchweben; aber es verſchwand ſogleich wieder.— Er legte ſich noch⸗ mals zur Ruhe, und traͤumte von ſeiner Heimath und von ſeinen Kindern.— Als die Liebenden erwachten, vermißten ſie bald das blinde Maͤdchen. Sie war nirgends zu findenz Niemand hatte ſie ſeit der Nacht geſehen. Jeder Winkel des Schiffs wurde durchſucht, aber man fand keine Spur von ihr. Geheimnißvoll in ihrer ganzen Erſcheinung bis zu ihrem Ende, war die Theſſalierin fuͤr immer verſchwunden aus dem Reiche 191 der Lebenden! Sie erriethen ſchweigend ihr Schick⸗ ſal; und Glaukus und Jone ruͤckten ſich näher und weinten, wie uͤber eine geſtorbene Schweſter. Tetztes Bapitel. In welchem Alles ein Ende nimmt. Brief des Glaukus an den Salluſt— zehn Jahre nach dem Untergang Pompeji's. Athen. Glaukus an ſeinen geliebten Salluſt!— Gruß und Geſundheit!— „Du forderſt mich auf, Dich in Rom zu beſuchen — nein, Salluſt, komm lieber zu mir nach Athen! — Ich habe die kaiſerliche Stadt, ihr geräuſchvolles Treiben und ihre eitlen Freuden aufgegeben. Ich will jetzt fuͤr immer in meinem Vaterlande bleiben. — Der Geiſt unſerer verſchwundenen Groͤße ſagt mir mehr zu, als Euer glänzendes praͤchtiges Le⸗ ben.— Es liegt fuͤr mich ein Zauber, den kein an⸗ derer Ort zu gewähren vermag, in den, durch jene ehrwurdigen Schatten noch geheiligten Säulengin⸗ 192 gen. In den Olivenhainen des Jliſſus hore ich noch die Stimme der Poeſie— auf den Hoͤhen von Phyle ſcheinen die Wolken des Zwielichts mir noch die Leichentuͤcher der entſchwundenen Freiheit zu ſein— der Herold, der Verkuͤndiger des Tages, wel⸗ cher anbrechen wird! Du lächelſt uͤber meine Begei⸗ ſterung, Salluſt!— aber beſſer noch iſt es, in den Ketten die Hoffnung zu behaupten, als duldend die⸗ ſelben zu tragen.— Du ſagſt, es ſcheine Dir un⸗ moglich, daß ich unter dieſen melancholiſchen Ruinen fruͤherer Majeſtät des Lebens mich erfreuen könne. Du beſchreibſt mir mit Entzuͤcken den Glanz Roms, und den Luxus des kaiſerlichen Hofes.— Mein Salluſt—„non sum qualis eram“— ich bin nicht mehr, der ich einſt war! Die Schickſale meines Le⸗ bens haben das heiße Blut meiner Jugend abge⸗ kuhlt. Meine Geſundheit hat, ſeitdem ich die Qua⸗ len der Krankheit gefuͤhlt und in der dumpfen Luft eines Kerkers geſchmachtet habe, ihre fruͤhere Spann⸗ kraft nie wieder gewonnen. Mein Gemuͤth kann der truͤben Erinnerung an den letzten Tag von Pom⸗ peji ſich noch nicht entſchlagen— an jene fuͤrchter⸗ lichen Verwuͤſtungen,— an unſere geliebte, treue Nydia!— Ich habe ihrem Andenken ein Monument erbaut, und ſehe es täglich aus dem Fenſter meines Studierzimmers.— Jone ſammelt die Blumen, aber ich ſelbſt ſchmuͤcke täglich ihr Grabmal mit denſel⸗ 193 ben. Sie war eines Monuments in Athen wuͤr⸗ dig!“— „Du ſchreibſt mir, daß die Secte der Chriſten in Rom ſehr viele Anhaͤnger gewinne. Salluſt, Dir darf ich mein Geheimniß anvertrauen; ich habe viel uͤber dieſen Glauben nachgedacht— ich habe ihn angenommen. Nach dem untergang von Pompeji traf ich nochmals mit dem Slinthus zuſammen; der zwar damals gerettet wurde, aber ſpäter, ach! als ein Märtyrer ſeines unbezwinglichen Eifers gefallen iſt. Er lehrte mich, in meiner Befreiung von dem Loͤwen und von dem untergange die Allmacht des unbe⸗ kannten Gottes erkennen! Ich horchte ſeinen Wor⸗ ten— ich glaubte, ich betete an! Meine mehr als je geliebte Jone bekennt ſich ebenfalls zu dieſem Glau⸗ ben— ein Glaube, Salluſt, welcher, indem er mit ſeinem heiligen Strahl dieſe Erde erleuchtet, wie je⸗ ner der untergehenden Sonne, mit ſeiner Glorie auch das kuͤnftige Leben zu überirdiſchem Glanze verklart!— Jahrhunderte mogen entfliehen, unſer Staub mit den Elementen wieder vermiſcht, ja die Erde ſelbſt untergegangen ſein;— ewig und un⸗ ſterblich iſt dennoch das Leben des Geiſtes! Und wie die Erde Leben und Gluͤck ſaugt aus der Sonne, ſo wird die Tugend, welche das Lächeln Gottes iſt, uns ein Buͤrge der unſterblichkeit! Beſuche mich, Salluſt, bringe die Schriften des Epikur, des Pythagoras, des Diogenes mit; aber bereite Dich auf Deine Bulwer's Werke. Taſchenausg. IV. 13 194 Riederlage vor, und laß uns in den Hainen der Akademie unter der Leitung eines ſicherern Fuͤhrers, als jemals unſern Vätern gewährt wurde, uͤber das wichtige Problem der wahren Zwecke des Lebens und uͤber das Weſen unſeres Geiſtes disputiren.“ „Jone— bei dieſem Namen klopft mir das Herz— Jone ſitzt neben mir, indem ich ſchreibes ich erhebe meine Augen und begegne ihrem Lächeln. Die milde Sonne beſcheint den Hymettus, und in meinem Garten hoͤre ich die Bienen ſumſen.— Du fragſt: ob ich glucklich bin?— O was kann Rom mir Beſſeres geben, als ich jetzt in Athen beſitze! Hier erregt Alles die heiligſten Gefuͤhle— die Haine, die Hügel, Alles erinnert an Athen!— ſchon, doch trauernd— die Mutter der Poeſie und der Weis⸗ heit der Welt. In meiner Halle ſehe ich die mar⸗ mornen Büſten meiner Vorfahren. In dem Cera⸗ micus beſuche ich ihre Grabmäler. In den Stra⸗ ßen ſehe ich die Kunſtwerke des Phidias.— Har⸗ modius, Ariſtogiton— ſie ſind uͤberall— außer in unſeren Herzen— in dem meinigen aber ſollen ſie wenigſtens nicht untergehn!— Wenn irgend et⸗ was mich kann vergeſſen laſſen, daß ich ein Athe⸗ nienſer und nicht fréi bin; ſo iſt es die begluͤckende, innige Liebe der Jone;— eine Liebe, die in unſe⸗ rem neuen Glauben an Kraft und Innigkeit noch gewonnen hat(*)— eine Liebe, welche keiner un⸗ ſerer Dichter— ſo trefflich ſie auch ſein moͤgen je⸗ — s, as nd e n in Du m e ne, och is⸗ ar⸗ ra⸗ ra⸗ ar⸗ ßer len et⸗ he⸗ 195 mals in der Beſchreibung erreicht hat; denn mit der Religion vereinigt, iſt ſie ſelbſt ein Theil unſerer Religion geworden; ſie iſt ſo rein, daß wir hoffen, ſie in der Ewigkeit zu behaupten, und daß wir nicht errothen duͤrfen, ſie unſerem Gotte zu bekennen! Dieſes iſt das wahre Sinnbild unſeres Mythus von dem griechiſchen Eros und der Pſyche— es iſt der Geiſt, wie er ruht in den Armen der Liebe. Und wenn dieſe unſere Liebe mich theilweiſe aufrecht er⸗ hielt in meinem unwillen uͤber die Entbehrung der Freiheit, ſo unterſtutzt mich die Religion noch mehrz denn wenn ich das Schwert ergreifen moͤchte, und zu einem'neuen Marathon eilen(aber einem Mara⸗ thon ohne Sieg), ſo fuͤhle ich meine Verzweiflung bei dem demuͤthigenden Gedanken an die Ohnmacht meines Vaterlandes, an das niederdruͤckende Ge⸗ wicht des römiſchen Joches wenigſtens durch den Gedanken gemildert, daß der Ruhm einiger Jahre von wenig Bedeutung iſt in der Ewigkeit, daß es keine vollkommene Freiheit gibt, bis der Geiſt von allen Banden und Ketten des Staubes erloſet iſt, und ein Erbe der unendlichkeit des Raumes und der Zeit wird.— und doch, Salluſt, kann mein Glaube noch nicht ganz dem leichten griechiſchen Sinne entſagen. Ich kann den Eifer Derjenigen nicht theilen, welche Verbrechen und ewige Ver⸗ dammniß in jedem andern Glauben ſehn. Ich wage es nicht, anders Glaubende zu verfluchenz ich 13* 196 bitte den Allmaͤchtigen, daß er ſie bekehren moge.— Dieſe Duldſamkeit macht viele meiner chriſtlichen Bruͤder mißtrauiſch gegen mich; aber ich ver⸗ gebe ihnen; und da ich auf dieſe Weiſe die Vorurtheile der Menge nicht offentlich verletze, bin ich in Stand geſetzt, meine Glaubensgenoſſen vor der Strenge der Geſetze, ſo wie vor den Folgen ihres eigenen Eifers zu ſchuͤtzen. Wenn Duldung nur die natuͤr⸗ liche Folge des Wohlwollens zu ſein ſcheint, ſo ge⸗ währt ſie ſicher auch der Wohlthätigkeit den groͤßten Spielraum.“ So iſt mein Leben, Salluſt— ſo ſind jetzt meine Geſinnungen. Sie lehren mich, gluͤcklich le⸗ ben und ruhig dem Tode entgegen ſehn.— Und Du, gutmuͤthiger und freundlicher Schuͤler des Epikur, komm zu uns, und uͤberzeuge Dich, welches unſere Ge⸗ nuͤſſe, welches unſere Hoffnungen ſind, und weder der Glanz der kaiſerlichen Feſte, noch der wilde Ju⸗ bel des Volkes im Circus, noch das geräuſchvolle Forum, noch die herrlichen Gärten und Bäder Roms werden Dir fernerhin ein ungetrubteres Leben voll reiner und beſeligender Genuͤſſe darzubieten ver⸗ moͤgen, wie das, welches Du ohne Grund bedauerſt als das Leben Glaukus des Athenienſers!— Lebe wohl!— „ An ſiebzehn Jahrhunderte ²) waren verfloſſen, als die Stadt Pompeji in ihrem ſtillen Grabe wieder aufgedeckt wurde; ihre Wände noch ſo friſch bemalt, als von geſtern— keine Farbe erblichen auf dem reichen Moſaik der Fußboͤden,— auf dem Foro noch die halb vollendeten Saͤulen— vor den Baumen in den Gaͤrten der Opfer⸗Dreifuß— in den Hallen die Schatzkiſte— in den Bädern die Striegel— in den Theatern die Einlaßkarte— in den Sälen die Moͤbel und Lampen— in dem Triklinium die überbleibſel des letzten Mahls— in dem Cubicu⸗ lum die wohlriechenden Salben und die Schminke der untergegangenen Schoͤnheit, und uͤberall die Ge⸗ beine der Skelette Derer(²), die einſt jene tige Scene des Luxus belebten. In den gewoͤlbten Kellern unter der Villa des Diomedes wurden nahe an einer Thuͤre zwanzig Skelette gefunden(unter denen das eines Kindes), die durch einen feinen Aſchenſtaub bedeckt waren, der ohne Zweifel nach und nach durch die Offnungen gedrungen war, bis er den ganzen Raum erfuͤllt hatte. Auch fand man Juwelen und Muͤnzen, Kan⸗ delaber, und Wein, welcher in der Amphora fuͤr ein unſterbliches Leben verhaͤrtet zu ſein ſchien. Der durch die Dämpfe getrocknete feuchte Staub hatte *) Zerſtört im Jahre 79 nach Chriſti Geburt, zuerſt wieder entdeckt im Jahre 1750. 198 wie in einem Abguß die Geſtalten der Leichen abge⸗ formt, und der Wanderer kann noch jetzt den Abdruck eines weiblichen Nackens und Buſens von jugendli⸗ chen und ſchonen Verhaͤltniſſen ſehn— ein Andenken an die ungluͤckliche Julia! Es ſcheint, als ſei die Luft nach und nach mit ſchweflichten Daͤmpfen er⸗ fullt wordenz die Menſchen, welche ſich in dem Kel⸗ ler befanden, waren nach der Thuͤre geeilt, welche jedoch durch Schlacken und Steine von außen geſperrt war, und während ihrer Bemuͤhungen, ſie zu offnen, waren ſie erſtickt.. In dem Garten fand man ein Skelett mit einem Schluſſel in der knoͤchernen Hand, und neben dem⸗ ſelben einen Beutel mit Muͤnzen. Man glaubt, daß dieſes das Skelett des Beſitzers des Hauſes, des un⸗ gluͤcklichen Diomedes, geweſen ſei, der wahrſcheinlich durch den Garten entfliehen wollte, und entweder durch die Dampfe erſtickt, oder durch ein Felſenſtuͤck zu Boden geſchlagen wurde. Die Haͤuſer des Salluſt und des Panſa, der Tempel der Iſis mit dem heimlichen Verſteck fuͤr den Prieſter, welcher das Orakel der Goͤttin dar⸗ ſtellte, ſtehn jetzt der Unterſuchung der Neugierde offen. In einer Kammer des Tempels fand man ein Skelett mit einem Beil neben demſelben; zwei Wende waren bereits durchhauen, der ungluckliche konn nicht weiter.— In der Mitte der Stadt fand mas ein anderes Skelett, neben welchem ein 199 Haufen Geld und einige myſtiſche Zierrathen aus dem Tempel der Iſis lagen. Der Tod hatte den Geizigen uͤberraſcht, und Kalenus kam mit dem Burbo zugleich um!— Als die Arbeiter den Schutt um eine gefallene Saule fortraͤumten, fand man das Skelett eines Mannes, welches durch die Säule buchſtäblich mitten durch geſpalten war; der Scha⸗ del war von auffallender Bildung, ſowohl in den geiſtigen, als in den phyſiſchen Organen, ſo daß er fortwährend die Aufmerkſamkeit jedes Reiſenden er⸗ regt hat, der an die Theorien des Spurzheim glaubt Noch nach Jahrhunderten kann der Wanderer jene weite Hoͤhlung betrachten, in deren labyrinthiſchen Gaͤngen einſt der Geiſt von Arbaces, dem Egyptier, dachte und träumte. Ein Fremdling von jener entfernten und phti⸗ riſchen Inſel, deren Namen der Roͤmer zu den Zei⸗ ten des Kaiſerreichs nicht konnte nennen hoͤren, ohne daß ihn ſchauderte, verweilte in den anmuthigen Gefilden des ſchoöͤnen Campaniens, in der Betrach⸗ tung der mannichfaltigen Zeugniſſe eines ſociellen Syſtems, welches fuͤr immer von der Welt ver⸗ ſchwunden iſt— und ſchrieb dieſe Geſchichte. Anmerkungen zum fuͤnften Buch. 1) Seite 115. Man hat mehrere Theorien, wie Pompeji untergegangen ſein konnte, aufgeſtellt; ich habe die am allgemeinſten angenommene, welche auch, wenn man die Erdſchichten beruͤckſichtigt, die einzige zu ſein ſcheint, die das Kriterium der geſunden Vernunft be⸗ ſteht, entwickelt; nämlich eine Zerſtörung durch Aſchen⸗ regen und ſiedendes Waſſer, vermiſcht mit haͤufigen Auswuͤrfen großer Steine, und in Verbindung ſtehend mit theilweiſen Erderſchuͤtterungen. Herkulaneum dage⸗ gen ſcheint nicht allein durch Aſche, ſondern auch durch Lavaſtroͤme bedeckt worden zu ſein; und die in dem Text erwäͤhnten Lavaſtrome muͤſſen als fuͤr jene Stadt, und nicht fuͤr Pompeji beſtimmt, angenommen werden. Die vulkaniſchen Blitze fanden offenbar auch Statt, denn man fand Papyrus und andere leicht entzuͤndbare Ma⸗ terialien in einem angebrannten Zuſtande. Einige me⸗ tallene Subſtanzen ſind theilweiſe geſchmolzen, und eine Bronze⸗Statue iſt vollkommen, wie durch einen Blitz⸗ geſplittert. Ich glaube, daß meine Beſchreibung der Zerſtörung im Ganzen ſehr wenig durch eigene Erfin⸗ dung unterſtuͤtzt worden, und daß ſie, wenn auch in einem Roman, doch genau iſt. —————— 201 2 Seite 194. Was wir jetzt in der Liebe das Sen⸗ timentale nennen, war den Alten ſehr wenig bekannt, und findet ſich uͤberhaupt ſelten außer dem Chriſtenthum. Es iſt ein Gefuͤhl, welches genau— nicht mit dem Glauben, ſonbern mit der überzeugung in Verbin⸗ dung ſteht, daß die Liebe geiſtiger Natur, und wie der Geiſt ſelbſt, unſterblich iſt. Chateaubriand hat in je⸗ nem Werke, welches ſo viele Wahrheiten und ſo viele Irrthuͤmer enthaͤlt, in ſeinem: Genius des Chriſten⸗ thums, mit bluͤhender Beredtſamkeit dieſes Gefuͤhl ent⸗ wickelt. Es bildet in der That den großen Unterſchied zwiſchen der klaſſiſchen und der modernen Poeſie der Liebe. Ich glaubte daher, daß ich in übereinſtimmung mit der Wahrheit, und der Natur das Bewußtſein die⸗ ſes Gefuͤhls in Glaukus nach ſeiner Bekehrung zum Chriſtenthum vorausſetzen duͤrfe, wenn er auch mehr im Allgemeinen es ahnet, als deſſen Urſache gruͤndlich darzulegen vermag. 3) Seite 197. Es ſind bis jetzt 350 bis 400 Ske⸗ lette in Pompeji entdeckt worden; da aber ein großer Theil der Stadt noch verſchuͤttet liegt, ſo können wir die Zahl der in der Zerſtörung Umgekommenen noch nicht uͤberſehen. Wir haben jedoch Gruͤnde, zu glauben, daß es im Verhaͤltniß zu denen, die ſich retteten, nur Wenige ſind. Die Aſche war offenbar ſpaͤter von man⸗ chen Haͤuſern fortgeraͤumt worden, wahrſcheinlich um die zuruͤckgebliebenen Schätze aufzuſuchen. Mit dem Hauſe unſeres Freundes Salluſt war dies auch der Fall. Die Skelette, welche der Leſer, fuͤr eine Zeit lang wie⸗ der belebt, ihre kurze Rolle auf jener Buͤhne unter dem Namen Burbo, Kalenus, Diomedes, Julia und Arba⸗ ces hat ſpielen ſehen, wurden grade ſo gefunden, wie es im Tept beſchrieben iſt;— moͤgen ſie erfolgreicher 202 fuͤr den Leſer wiederbelebt worden ſein, als es fuͤr die Zerſtreuung des Verfaſſers geſchehen iſt, der vergeblich in dem Werke, welches er nun beſchließt, verſucht hat, die ſchmerzlichſte, duͤſterſte und verzweiflungsvollſte Zeit eines Lebens zu erheitern, welchem weniger Gluͤck und Freude zugetheilt war⸗ als die Welt glauben mag. Aber die Einbildungskraft iſt, wie viele unſerer Freunde, launenhaft, und verläßt uns oft in dem Augenblick, wenn wir ihrer am meiſten beduͤrfen. Wenn wir älter wer⸗ den, fangen wir an, einzuſehn, daß von den beiden un⸗ ſer treueſter und dauerndſter Troſt— die Gewohnheit iſt. Ich muß aber wegen dieſes unzeitigen Ausbruchs einer vorubergehenden Schwaͤche um Nachſicht bitten— ſie iſt blos vorübergehend.— Mit der Geſundheit kehrt auch jene Thatkraft zuruͤck, welche unſern Geiſt aufrecht erhält, und die es uns moͤglich macht, ruhig die Be⸗ ſchwerden unſers Daſeins zu ertragen, und ausdauernd deſſen Zwecke zu erfüllen. Es gibt nur Eine Philoſo⸗ phie(wenn auch tauſend philoſophiſche Schulen), und ihr Name iſt Ausdauer: „Wenn wir unſer Schickſal tragen⸗ ſo beſiegen wir es!““—