———— Leihbiblivthe deutſcher, engliſcher und franzö öſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gieſien, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Geih- und Seſebedingungen. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em piugnhn und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Le epreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches jedem Tag 5 Pf. be zahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 den angenommen. 3. Caution. Unbekannte P erſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buch eine dem rthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird 1 Aponnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und wird von Stun⸗ beträgt: 8 für wöchentlich Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 vf 2 Mk.— Pf. 6 5. Auswärtige Aponnenten ate fü— Hin und Zuräckſendun 8 Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. 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Erſter S½ .„„ Aachen und Leipzig, Verlag von Jacob Anton Mayer. 9 ₰(Bruſſel bei J. A. Mayer und Somerhauſen.) 1 8 3 4. 7 3 3 3 3 „So iſt der Veſuv! und ähnliche Ereigniſſe fallen in je⸗ dem Jahre vor. Aber alle bisherigen Ausbrüche ſind, wenn man ſie ſelbſt in einem einzigen zuſammenfaſſen wollte, unbedeutend, gegen das, was in der Periode ſich zutrug, von erwi Der Tag verwandelte ſich in Nacht, und die Nacht in voll⸗ kommene Finſterniß— eine faſt unglaubliche Menge Staub und Aſche wurde ausgeworfen, das Land, das Meer und die Luft erfüllend, und zwei ganze Städte Herkulaneum und Pompeji begrabend, als die Bewohner in dem Thea⸗ ter ſaßen!““ Dio Cassius. lib. I. XVI. 9 Zueignung an S ſl i m G 2 Snc. Verehrter Herr! — VIndem ich ein Werk herausgebe, deſſen Ge⸗ genſtand Pompeji iſt, kann ich mir Keinen den⸗ ken, dem es ſchicklicher konnte zugeeignet wer⸗ den, als Ihnen. Ihre vortreffliche Schrift uͤber die Alterthuͤmer jener Stadt hat Ihren Namen unaufloͤsbar an fruͤhere, ſowie Ihr Aufenthalt in jener Gegend an neuere Erinne⸗ rungen derſelben geknuͤpft.: Ich wuͤnſche, daß dieſe Zeilen Sie in beſſe⸗ rer Geſundheit treffen moͤgen, als da wir in Neapel uns trennten; und daß, welche Lehre Ihre Freunde auch aus Ihrer Philoſophie ent⸗ nehmen, dieſe aus einem unermuͤdlichen Fleiße in geiſtigen Unterſuchungen, nicht aber aus einer unuͤbertroffenen Ausdauer in koörperlichen Leiden ſich entwickeln moöge. Ich hoffe, daß, bevor Sie dieſe Baͤnde erhalten, ich bereits mit Ihrem nächſten Werke diebe —— uͤber„die Topographie von Rom und deſſen Umgebung“ beſchaͤftigt bin. Der Blick, den Sie mir zu Neapel in deſſen Inhalt geſtatte⸗ ten, reichte hin, um mich von deſſen Intereſſe und Werth zu uͤberzeugen, und es freut mich, als Englaͤnder und als Einer, der ſelbſt dieſe Gegenden beſucht hat, daß, indem Sie Ihren eigenen ſchriftſtelleriſchen Ruf bedeutend er⸗ hoͤhen, Sie auch den Anſpruch unſeres Lan⸗ des auf Auszeichnung in dieſen Gebieten des Wiſſens, in denen ſeit einigen Jahren unſer fruͤherer Ruhm nur ſchwach unterſtuͤtzt wurde, erneuern werden. Indem ich jedoch eine Pro⸗ phezeihung uͤber den Erfolg Ihres Werkes wage, waͤre es uͤberfluͤſſig, einen Wunſch fuͤr deren Erfuͤllung auszuſprechen. Es wird mir aber geſtattet ſein, eine allgemeinere Hoffnung aus⸗ zudruͤcken, naͤmlich jene, daß Sie noch lange Neigung und Mufße fuͤr jene literariſchen Arbei⸗ ten behalten moͤgen, bei denen eine ſo ausge⸗ dehnte Gelehrſamkeit Ihnen zu Gebote ſteht;— und daß dieſelben oft, wie jetzt, Ihnen Zer⸗ ſtreuung gewaͤhren, aber niemals Sie von Ihren Freunden entfernen moͤgen. Ich habd die Ehre, zu ſein ꝛc. Leamington d. 20. Septbr. 1834. Der Verfaſſer. tte⸗ eſſe ich, ieſe ren n⸗ des ſer de, ro⸗ ge, ber 18 e ei⸗ 3e er⸗ 5 ——— Vorrede. Als ich die aufgegrabenen Ueberbleibſel einer alten Stadt beſuchte, welche vielleicht mehr als das herrliche Klima und die Orangenwaͤlder des Suͤdens den Reiſenden in die Gegend Neapels locken; als ich die Haͤuſer, die Straßen, die Tempel, die Theater eines Ortes noch wohler⸗ halten erblickte, der in den glorreichſten Zeiten des roͤmiſchen Kaiſerthums bluͤhte— war es vielleicht ganz natuͤrlich, daß ein Schriftſteller, der fruͤher ſich mit der Kunſt eigener Schoͤpfun⸗ gen beſchaͤftigte, den Wunſch fuͤhlte, dieſe ver⸗ laſſenen Straßen zu beleben, dieſe ſchoͤnen Rui⸗ nen fuͤr die Einbildungskraft wieder herzuſtellen, die Zeit von achtzehn Jahrhunderten ſich zuruͤck⸗ zudenken, und die Stadt der Todten in ein zweites Daſein zu rufen!— Der Leſer kann ſich leicht denken, wie lebhaft dieſer Wunſch bei Jemand angeregt werden mußte, der ſich nur in geringer Entfernung von Pompeji befand;— die See zu ſeinen Fuͤßen, welche einſt die VIII Fluͤchtlinge von Pompeſi aufnahm, und die Handelsſchiffe dieſer Stadt trug— und den unheilſchwangern Veſuv, immer noch Rauch und Feuer athmend, fortwaͤhrend vor Augen*). Ich war mir jedoch gleich der großen Schwierigkeiten bewußt, mit denen ich zu käm⸗ pfen haben wuͤrde. Die geiſtigen Kraͤfte eines uberlegenen Genius ſind nothwendig, um die Sitten und das Leben des Mittelalters zu ſchil⸗ dern, doch iſt vielleicht dieſe Aufgabe im Ver⸗ gleich zu jener, welche eine weit fruͤhere und weniger uns vertraute Periode darzuſtellen beab⸗ ſichtigt, leicht und unbedeutend. Fuͤr die Men⸗ ſchen und Sitten aus der Feudalzeit fuͤhlen wir eine natuͤrliche Sympathie; dieſe Menſchen waren unſere Vorfahren— aus ihren Sitten und Gebraͤuchen entwickelten ſich die unſrigen— ihr Glaube iſt noch der unſtige— ihre Graͤ⸗ *) Dieſes Werk wurde faſt ganz im vorigen Win⸗ ter zu Neapel geſchrieben. Bei meiner Ruͤckkehr nach England wurde ich zu ſehr durch politiſche Angelegen⸗ heiten in Anſpruch genommen, um fur rein literariſche Arbeiten viele Zeit zu haben, außer in jenen, nicht unwillkommenen Zwiſchenräumen, wo das Parlament, wenn es ſich zur Ruhe begibt, den andern Gegen⸗ ſtaͤnden des Lebens zu erwachen geſtattet, indem es ſeine ermuͤdeten Geſetzgeber entlaͤßt, Einige um zu jagen, Andere um ihre Ochſen zu maͤſten, und Andere— um ſich mit der Literatur zu beſchaͤftigen!— —— =— ber liegen Wir verdanken ihren Kaͤmpfen fuͤr Freiheit und fuͤr Gerechtigkeit unſere jetzigen Inſtitutionen; und aus den Elementen ihres geſelligen Zu⸗ ſtandes bildete ſich der unſrige. Doch fuͤr die klaſſiſche Zeit haben wir keine haͤuslichen und einheimiſchen Erinnerungen. Der Glaube jener untergegangenen Religion, die Sit⸗ ten und Gebraͤuche jener fruͤheren Civiliſation bieten weniges dar, was fuͤr unſere nordiſche Einbildungskraft geheiligt oder anziehend ſein koͤnnte; ſie werden uns noch gleichguͤltiger durch die ſcholaſtiſchen Pedanterien, welche uns zuerſt mit ihnen bekannt machten, und ſind mit der Erinnerung an Studien verknuͤpft, die uns als eine gezwungene Arbeit auferlegt, nicht aber als ein geiſtiger Genuß betrieben wurden. Dieſe Aufgabe erſchien mir aber dennoch, wenn auch ſchwer, doch eines Verſuchs wuͤrdig; und in der Zeit und der Scene, die ich ge⸗ waͤhlt habe, wird Manches geeignet ſein, die Neugierde des Leſers zu erregen, und ſein In⸗ tereſſe fuͤr die Beſchreibungen des Verfaſſers zu gewinnen. Es war das erſte Jahrhundert un⸗ ſerer Religionsgeſchichte— es war die Zeit, in der Rom die Spitze ſeiner Civiliſation erreicht hatte— die Geſchichte ſelbſt iſt an Orte ver⸗ in unſern Kirchen— die Ruinen ihrer Burgen ſchauen von unſern Bergen herab. legt, deren Ruinen uns noch jetzt vorliegen — die Entwickelung gehoͤrt zu den ſchrecklich⸗ ſten, welche die alte Geſchichte uns darbietet. Ich habe mich bemuͤht, aus den vielen Ma⸗ terialien, die mir zu Gebote ſtanden, diejenigen auszuwaͤhlen, welche einem Leſer der jetzigen Zeit am hintereſſanteſten ſein koͤnnen;— die Gebraͤuche und den Aberglauben, welche ihn am wenigſten befremden— jene Menſchen, die, in⸗ dem ſie der fruͤhern Zeit entſprechen, zugleich fuͤr die Gegenwart Intereſſe haben koͤnnen. Es war in der That eine groͤßere Selbſtbeherrſchung noth⸗ wendig, als der Leſer ſich einbilden mag, um Vieles zuruͤckzuweiſen, was an und fuͤr ſich ſehr einladend war, welches jedoch, indem es einzelnen Theilen des Werks groͤßeres Intereſſe gewaͤhrte, der Einheit des Ganzen nachtheilig geweſen ſein wuͤrde. So ſpielt zum Beiſpiel meine Geſchichte in der kurzen Zeit der Regie⸗ rung des Titus, als Rom auf einer rieſien⸗ haften Hoͤhe ſeiner unbeſtrittenen Macht und ſeines unuͤbertroffenen Luxus da ſtand. Es mußte daher fuͤr den Verfaſſer eine große Ver⸗ ſuchung ſein, die handelnden Perſonen ſeiner Geſchichte, waͤhrend des Fortgangs der Ereig⸗ niſſe, von Pompeji nach Rom zu fuͤhren. Was konnte mehr Materialien fuͤr die Be⸗ ſchreibung, oder ein groͤßeres Feld fuͤr die ſchrift⸗ — ſtelleriſche Eitelkeit darbieten, als jene praͤchtige Hauptſtadt der Welt, deren Erhabenheit der Einbildungskraft ſo ſehr zuſagt?— Indem ich jedoch die Zerſtoͤrung Pompejis zu meinem Gegenſtande wählte, war nur wenig Einſicht in die hoͤheren Prinzipien der Kunſt erforderlich, um mich zu uͤberzeugen, daß die Geſchichte auf Pom⸗ peji ſelbſt ausſchließlich beſchränkt bleiben muͤſſe. Das muntere Treiben und der Luxus in den Campaniſchen Städten wuͤrden bei einer Ver⸗ gleichung mit dem großartigen Pomp in Rom nur unbedeutend erſchienen ſein. Ihr ſchreckli⸗ ches Schickſal wurde in jener großen Allgemein⸗ heit nur wie ein unbedeutender Wrak erſchienen ſein; und die weiteren Huͤlfsquellen, die ich fuͤr das Intereſſe meiner Geſchichte benutzen konnte, wuͤrden den Gegenſtand, den ſie unterſtuͤtzen ſollten, nur uͤberwältigt und in den Schatten geſtellt haben. Ich war daher genoͤthigt, eine fur ſich ſelbſt ſo intereſſante epiſodiſche Ab⸗ ſchweifung aufzugeben, und, indem ich meine Geſchichte blos auf Pompeji beſchraͤnkte, Andern die Ehre zu uͤberlaſſen, die zwar majeſtaͤtiſche, aber doch eitle und leere Civiliſation Roms in aͤhnlicher Art darzuſtellen. Die Stadt, deren Schickſal mir eine ſo großartige und ſchreckliche Kataſtrophe darbot, gewährte mir auch, bei dem erſten Blick auf ihre Ueberbleibſel, die dem Gegenſtand und der Scene am entſprechendſten Charaktere. Die halb griechiſche Kolonie bes Herkules, welche mit den italieniſchen Sitten noch ſo viele aus Hellas herſtammende Gebraͤuche verband, ließ die Charaktere des Glaukus und der Jone wie von ſelbſt ſich entwickeln. Der Gottesdienſt der Iſis, ihr noch theilweiſe erhaltener Tempel, und das entdeckte Geheimniß ihrer falſchen Ora⸗ kel; der Handel Pompeji's mit Alexandrien;* die Verbindungen des Sarnus mit dem Nil, riefen den Egyptier Arbaces, den gemeinen Kale⸗ nus und den Enthuſiaſten Apaecides in das Leben. Die erſten Kaͤmpfe des Chriſtenthums mit dem heidniſchen Aberglauben ließen den Olinthus, und die verbrannten Felder Kampaniens, welche fruͤ⸗ her ſchon ſo oft die Scene von Zaubereien ge⸗ weſen ſein ſollten, die Hexe des Veſuv entſte⸗ hen. Die Idee, welche das blinde Blumen⸗ maͤdchen ſchuf, verdanke ich einer zufaͤlligen Un⸗ terhaltung mit einem Englaͤnder, der in Nea⸗ pel wegen ſeiner allgemeinen Kenntniß aller Richtungen des dortigen Lebens und Treibens ſehr bekannt iſt. Er bemerkte, als wir von der Finſterniß ſprachen, die den erſten Ausbruch des Veſuv begleitete, und von der dadurch ver⸗ mehrten Schwierigkeit einer Flucht der Pom⸗ pejaner, daß die Blinden bei ſolchen Gelegen⸗ * XIII heiten ſich am beſten wuͤrden retten koͤnnen. Dieſe Bemerkung entwickelte die Erſcheinung der Nydia. Die Charaktere ſind daher natuͤrlich aus der Scene und der Zeit hervorgegangen— die Ereigniſſe entſprechen vielleicht ebenfalls den da⸗ maligen geſelligen Zuſtaͤnden; denn wir rufen nicht allein die Vergangenheit zuruͤck, um die allgemeineren Gewohnheiten des Lebens, die Feſte und das Forum, die Baͤder und das Amphi⸗ theater, zu betrachten; eben ſo wichtig und noch intereſſanter ſind die Leidenſchaften, die Ver⸗ brechen und ſelbſt die Schickſale jener Schatten, die wir auf dieſe Art in das Leben rufen. Wir verſtehen keine Epoche der Weltgeſchichte ganz, wenn wir nicht äuch das Romantiſche derſelben beruͤckſichtigen; es liegt eben ſo viele Wahrheit in der Poeſie des Lebens, als in deſſen Proſa. Da die groͤßte Schwierigkeit bei der Be⸗ handlung einer entfernten und uns weniger ver⸗ trauten Zeitperiode darin beſteht, die eingefuͤhr⸗ ten Charaktere vor den Augen des Leſers ſich lebendig darſtellen zu laſſen, ſo muͤßte dieſes ohne Zweifel der erſte Zweck eines Werkes, wie das vorliegende, ſein, und alle Verſuche, auch die Gelehrſamkeit darzulegen, ſollten nur unter⸗ geordnete Mittel jenes Zweckes ſein. Das Haupttalent des Poeten(des Schaffenden) be⸗ XIV ſteht darin, ſeinen Geſchoͤpfen den Lebensathem einzuhauchen, und zunachſt iſt es nothwendig, ihre Worte und Handlungen mit dem geſchicht⸗ lichen Zeitabſchnitt in Uebereinſtimmung zu brin⸗ gen, in welchem ſie ſprechen und handeln. Dieſe letztere Bedingung wird wohl am wirk⸗ ſamſten erreicht, wenn der Leſer ſie nicht ſelbſt beſtaͤndig als Abſicht hervorleuchten ſieht, wenn nicht der Text mit Anmerkungen und Noten uͤberfuͤllt wird. Fortlaufende Beziehungen auf gelehrte Autoritäten haben bei romantiſchen Be⸗ arbeitungen etwas Ermuͤdendes und Arrogantes. Sie erſcheinen wie das Selbſtlob des Verfaſſers uͤber ſeine eigene Genauigkeit und Gelehrſam⸗ 5 keit— ſie dienen mehr zu einer Ausſtellung der letztern, als zur Verdeutlichung ſeiner Zwecke. Das Talent, welches den Geiſt des Alterthums jenen Darſtellungen einzuverleiben verſteht, iſt vielleicht die wahre Gelehrſamkeit, welche ein Werk dieſer Art erfordert— ohne daſſelbe iſt die Pedanterie zuruͤckſtoßend, mit demſelben aber zwecklos. Niemand, der genau weiß, auf wel⸗ cher Stufe jetzt die proſaiſche Fiktion ſteht, der ihre Wuͤrde kennt, ihren Einfluß, die Art und Weiſe, wie durch ſie faſt alle ähnlichen Rich⸗ tungen der Literatur verdraͤngt wurden,— die 7 Vereinigung der beiden Zwecke, des Nuͤtzlichen und des Unterhaltenden— kann ſo ſehr ihre XV Verbindung mit der Geſchichte, mit der Philo⸗ ſophie, mit der Politik, ihre vollkommene Har⸗ monie mit der Poeſie ſelbſt und ihre überein⸗ ſtimmung mit der Wahrheit vergeſſen, um ihr Weſen fuͤr ſcholaſtiſche Frivolitäten zu erniedri⸗ gen; ein ſolches erhebt die Gelehrſamkeit zur poetiſchen Schaffung und nicht umgekehrt. Was die Sprache der in dieſe Geſchichte eingefuhrten Perſonen betrifft, ſo habe ich mich bemuͤht, ſorgfaͤltig zu vermeiden, was mir im⸗ mer ein trauriger Irrthum derer zu ſein ſchien, welche in neuerer Zeit uns Weſen aus dem klaſſiſchen Alterthum darzuſtellen verſuchten*). *) Was das richtige Urtheil Walter Skots in ſeiner Vorrede zum Svanhoe Erſte Auflage) ſo genuͤ⸗ gend ausſpricht, ſcheint mir wenigſtens eben ſo gut fuͤr einen Schriftſteller anwendbar, der nach dem klaſſiſchen Alterthum ſchafft, als fuͤr einen, der aus den Feudal⸗ zeiten ſeine Perſonen entlehnt.„Es iſt wahr,“ heißt es dort,„daß ich eine vollkommene Genauigkeit im aͤußern Koſtume, und noch weniger in dem wichtigern Punkte der Sprache und Sitten zu beobachten, weder beabſich⸗ tigen kann, noch will. Derſelbe Grund jedoch, der mich abhaͤlt, ein Geſpraͤch in der anglo⸗ſaͤchſiſchen, oder in der normaͤnniſch⸗franzoſiſchen Sprache(alſo hier in der lateiniſchen oder griechiſchen) zu ſchreiben, oder dieſen Verſuch mit den Typen des Carton oder Wynken de Worde drucken zu laſſen(hier mit einem Rohr auf 5 Rollen Pergament geſchrieben, und an einen Silinder † Viele Schriftſteller haben jene geſchrobenen Sentenzen angenommen, jene kalte und didak⸗ tiſche Feierlichkeit des Vortrages, die wir in den befeſtigt)— verhindert mich auch, ganz in den Schran⸗ ken der Zeit zu bleiben, in der meine Geſchichte vor⸗ fiel. Es iſt, um Intereſſe irgend einer Art zu erregen, nothwendig, daß der Gegenſtand, den man gewaͤhlt hat, ſo zu ſagen, in die Gebraͤuche und in die Sprache der Zeit, in welcher wir leben, uͤberſetzt erſcheint.“— „Um daher den vielen Leſern gerecht zu werden, die, wie ich hoffe, dieſes Vuch begierig verſchlingen werden, (Gem!) habe ich nur in ſo fern die alten Sitten in neuerer Sprache erklaͤrt, und nur in ſo weit die Cha⸗ raktere und Gefuͤhle meiner Perſonen entwickelt, daß der moderne Leſer durch trockene Gelehrſamkeit ſich nicht zu ſehr zuruͤckgeſtoßen fuͤhlen wird. Ich darf verſichern, baß ich in dieſer Beziehung keineswegs die Grenzlinie deſſen uͤberſchritten habe, was dem Verfaſſer eines Werkes der Einbildungskraft geſtattet wird.“ „Es iſt wahr,“ faͤhrt meine Autorität fort,„daß auch dieſe Grenzlinie geſetzlich beſtimmt iſt; der Verfaſſer muß nichts in die Geſchichte einfuͤhren, was mit den Sitten der Zeit im Widerſpruch ſteht.“— Vorrede zu Jvanhoe. Ich kann dieſen wahren und vortrefflichen Bemer⸗ kungen weiter nichts hinzufüͤgen— ſie bilden den richtigſten Maaßſtab fuͤr die Kritik, nach welchem Alles, was die Einbildungskraft aus der fruͤhern Zeit in das Leben ruft, beurtheilt werden ſollte. XVII bewundertſten klaſſiſchen Autoren finden; es iſt dies ein eben ſo großer Mißgriff, als wolle man die Roͤmer im gewoͤhnlichen Leben in den Perioden des Ciceto, oder als wolle ein Ro⸗ manenſchreiber Englaͤnder in den langen Saͤtzen des Johnſon und Burke ſprechen laſſen. Der Fehler iſt um ſo groͤßer, weil dadurch, indem die Gelehrſamkeit zur Schau getragen, eigentlich nur die Unkunde einer richtigen Kritik zu Tage gelegt wird, und wir haben beim Gaͤhnen nicht einmal den Troſt, daß wir nach den Re⸗ geln der Gelehrſamkeit gaͤhnen. Wenn wir Per⸗ ſonen aus dem klaſſiſchen Alterthum einen nur irgend richtigen Dialog unterlegen wollen, ſo muͤſſen wir beſonders alle übertreibungen ver⸗ meiden. Nichts kann einem Schriftſteller ein ſteiferes und unbeholfeneres Anſehn geben, als wenn er mit einemmal und ploͤtzlich die Toga anlegen will. Wir muͤſſen die befreundete Gewohnheit vieler Jahre in unſere Aufgabe ziehen;— die Anſpielungen und den Sprachgebrauch— und die Sprache ſelbſt muß fließen, wie in einem Strom, der ſchon lange maächtig und voll war. Die Blumen muͤſſen aus ihrem natuͤrlichen Boden hinuͤbergepflanzt werden, und nicht aus der zwei⸗ ten Hand von dem naͤchſten Markbtplatze kommen. Dieſer Vortheil, der allerdings eine genaue Be⸗ kanntſchaft mit unſerm Gegenſtande vorausſetzt, haͤngt faſt mehr pon zufälligen Umſtaͤnden, als vom eignen Verdienſte ſelbſt ab, und von der Art und Weiſe, wie wir die klaſſiſchen Studien in unſerer Jugend und im reifern Alter betrie⸗ ben haben. Waͤre aber auch ein Schriftſteller hierin durch Erziehung und Studien gleich ſehr beguͤnſtigt, ſo moͤchte er doch kaum in eine von der unſrigen ſo verſchiedene Zeit ſich ver⸗ ſetzen koͤnnen, ohne daß nicht einige Ungenauig⸗ keiten, einige durch Unachtſamkeit oder Vergeß⸗ lichkeit veranlaßte Fehler mit unterliefen. Es wuͤrde daher, wenn ſelbſt in den vortrefflichſten Werken uͤber die Sitten der Alten von den ge⸗ lehrteſten Maͤnnern einige dieſer Unvollkommen⸗ heiten oft durch einen, verhaͤltnißmaͤßig nur ober⸗ flaͤchlich unterrichteten Kritiker entdeckt werden, anmaßend ſein, wenn ich hoffen wollte, daß ich gluͤcklicher geweſen ſei, als weit groͤßere Gelehrte, und zwar in einem Werke, das viel weniger auf Gelehrſamkeit Anſpruch macht. Aus dieſem Grunde glaube ich faſt, daß die Gelehrten ſelbſt, meine nachſichtigſten Richter ſein werden. Ich bin zufrieden, wenn man dieſes Buch, welches auch ſeine Unvollkommenheiten ſein moͤgen, fuͤr ein Portrait anerkennt, vielleicht mangelhaft in der Zeichnung und Farbengebung, aber vielleicht den allgemeinen Zuͤgen und dem Koſtuͤme jener Zeit, die ich zu ſchildern unternommen habe, nicht ganz unähnlich. Möge es(was weit wichtiger iſt) eine richtige Darſtellung der menſch⸗ lichen Leidenſchaften und des menſchlichen Her⸗ zens enthalten, deren innerſtes Weſen zu allen Zeiten daſſelbe war. Noch ein Wort, es möge mir geſtattet ſein, den Leſer daran zu erinnern, daß, wenn es mir gelungen ſein ſollte, eine Beſchreibung klaſſiſcher Sitten und eine Ge⸗ ſchichte aus der klaſſiſchen Zeit intereſſant und lebendig dargeſtellt zu haben, mir etwas gelun⸗ gen waͤre, was bisher noch Niemand gelang*). Ein nothwendiger Schluß, der ſich hieraus ferner entwickelt, iſt eben ſo troͤſtlich, aber we⸗ *) Selbſt Barthelemy kann ich nicht ausnehmen. Sein Anacharſis iſt ein fleißiges, elegantes, gelehrtes Werk. Aber es iſt kein Leben darin! Es macht gar keinen Anſpruch darauf, ein Roman zu ſein, aber ſelbſt als eine fingirte Reiſe iſt es ermudend. Es iſt genug aͤußere Gelehrſamkeit, aber wenig innerer Geiſt vor⸗ handen. Der Wein des Alterthums hat den Barthelemy nicht entzuͤckt, aber er hat eine Menge von Materia⸗ lien zuſammen getragen.„Anacharſis,“ ſagt Schlegel ſehr wahr und witzig,„betrachtet Alles auf ſeinen Rei⸗ ſen nicht mit den Augen eines jungen Scythen, ſondern mit denen eines alten Pariſers!“— Ja wohl, und noch dazu eines Pariſers, der nie Beweiſe gibt, daß er uͤberhaupt gereiſet hat— außer auf ſeinem Lehn⸗ ſtuhle!— * 0) XX niger erhebend, naͤmlich: wenn mir der Verſuch mißlungen iſt, ſo war dieſes auch ſchon bei allen Andern der Fall, die ihn wagten. Mit dieſer Sentenz will ich ſchließen. Kann ich einen ſprechenderen Beweis geben, daß ein Schriftſteller nie freimuthiger iſt, als wenn es darauf ankommt, ſeine eigene Arbeit zu ver⸗ theidigen?* Die letzten Tage von Pompeji⸗ Erſtes Buſch. Bulwer's Werke Laſchenausg. I. 3 Erstes Rapitel. Die beiden vornehmen Herrn aus Pompeji. „Ho, willkommen, Diomedes— wirſt Du heute bei Glaukus zu Abend ſpeiſen?“ ſagte ein junger Mann von kleiner Statur, welcher ſeine Tunika in jener nachläſſigen und weichlichen Weiſe trug, die einen vornehmen Herrn und Stutzer in ihm errathen ließen. „Ach, nein! lieber Klodius; er hat mich nicht eingeladen“(erwiederte Diomedes, ein Mann von ſtattlichem Anſehn mittleren Alters)„es iſt, beim Pollur, ein häßlicher Streich, denn ſeine Abendeſſen ſollen die beſten in Pompeji ſein.“ „Allerdings— obgleich fuͤr mich niemals Wein genug da iſt. Das alte griechiſche Blut fließt nicht in ſeinen Adern, denn er behauptet, nach dem Trinken befinde er ſich immer unwohl am nächſten Tage.“ 4 „Er mag wohl noch einen andern Grund dafuͤr haben,“ ſagte Diomedes, indem er die Stirn run⸗ zelte,„ich glaube, daß er trotz ſeines übermuths und ſeiner Verſchwendung, nicht ſo reich iſt, als er ſcheinen moͤchte, und er ſchont vielleicht mehr ſeinen Wein, als ſeine Geſundheit.“ „Dieſes iſt ein Grund mehr, bei ihm zu ſpeiſen, ſo lange die Gelder vorhalten. Im nachſten Jahr, Diomedes, muͤſſen wir uns einen andern Glaukus ſuchen.“ „Er liebt, wie ich hore, auch das Spiel.“ „Er liebt jedes Vergnuͤgen, und ſo lange es ihm gefällt, Feſte zu geben, lieben wir Alle auch ihn.“ „Ha, ha, Klodius, das iſt richtig. Biſt Du uͤbrigens ſchon in meinem Weinkeller geweſen?“ „Daß ich nicht wuͤßte, mein guter Diomedes.“ „Nun, ſo mußt Du einmal bei mir des Abends ſpeiſen; ich habe leidliche Muränen*) in meinem Waſſerbehaͤlter, und werde auch Panſa, den Idilen, einladen.“ „Oh, mache nur keine umſtände mit mir!— Persicos odi apparatus, ich bin leicht befriedigt. Doch die Sonne wird bald untergehen; ich bin auf dem Wege nach den Bädern— und Du?“— „Ich gehe zum Quäſtor— in Staats⸗Ange⸗ ) Muränen— Lampreten. 8. 3 legenheiten— und ſodann nach dem Tempel der Iſis. Vale!“ „Das iſt ein uͤbermuͤthiger, unruhiger, ungezo⸗ gener Burſche,“ murmelte Klodius, als er langſam weiter ging.„Er glaubt durch ſeine Feſte und Weinkeller ſeine Abſtammung zu verbergen, denn er iſt ja nur der Sohn eines Freigelaſſenenz— wir wollen auch ſeine Herkunft vergeſſen, indem wir ihm die Ehre erzeigen, ihm ſein Geld abzugewinnenz dieſe reichen Plebejer ſind eine Erndte fuͤr uns arme Freigebornen.“ Indem er ſich ſo mit ſich ſelbſt unterhielt, ge⸗ langte Klodius in die Via Domitiana, welche mit Fußgängern und Wagen angefuͤllt war und jenes muntere Getuͤmmel und lebendige Gewuͤhl darbot, die uns in den Straßen von Neapel noch jetzt be⸗ gegnen. Die hellen Toͤne der Gloͤckchen, welche die Pferde vor den Wagen trugen, drangen luſtig in das Ohr, und Klodius begruͤßte durch ſreundliches Kopfnicken viele Bekannte in den ſchonſten und geſchmackvollſten Equipagen— auch waren in der That wenige junge Maänner in Pompeji bekannter, als er. „Nun, Klodius, wie haſt Du nach Deinem Gluͤck im Spiel geſchlafen?“ ſagte mit gefälliger und wohltoͤnender Stimme ein junger Mann in einem ſehr prachtvollen und eleganten Wagen. Es befanden ſich auf deſſen bronzener Oberfläche herrlich gearbeitete Reliefs von griechiſchen Meiſtern, welche Scenen aus den olympiſchen Spielen darſtellten; die zwei Roſſe, die den Wagen zogen, waren edlen par⸗ thiſchen Urſprungs; ihre ſchlanken Glieder beruͤhrten kaum den Boden und bewegten ſich anmuthig und ſchnell durch die Luft, und dennoch gehorchten ſie dem geringſten Zeichen des Wagenfuͤhrers, der hinter dem jungen Eigenthuͤmer des Fuhrwerks ſtand, und ploͤtzlich ſtanden ſie, wie in Stein verwandelt ſtill,— leblos ſcheinend zwar, aber doch voll Leben, wie ein Wunderwerk des Praxiteles. Der Beſitzer ſelbſt war ſo ſchön und regelmaͤßig gebildet, wie die athenien⸗ ſiſchen Bildhauer ſich ihre Modelle waͤhlten; ſeinen griechiſchen urſprung verriethen uͤberdem die krauſen, dichten Locken und das vollkommene Ebenmaß in ſeiner Geſichtsbildung. Er trug keine Toga, die in den Kaiſerzeiten jedoch aufgehoͤrt hatte, eine allge⸗ meine Auszeichnung der Romer zu ſein, und bereits durch Diejenigen, welche auf guten Geſchmack An⸗ ſpruch machten, lächerlich gemacht wurde; aber ſeine Tunika glaͤnzte in dem reichſten Schmuck tyriſcher Farben, und die Fibulae, oder Schnallen, durch welche ſie feſtgehalten wurde, waren mit Edelſteinen beſetzt. um den Hals trug er eine goldene Kette, die mitten auf der Bruſt in der Form eines Schlan⸗ genkopfes, aus deſſen Munde ein großer Siegelring von vollendeter Arbeit hing, ſich ſchloß. Die Krmel der Tunika waren weit und an den Haͤnden mit — 7 Goldborten eingefaßt, und ein breiter, mit Arabes⸗ ken gezierter und goldgeſtickter Guͤrtel diente zugleich als Behältniß und Taſche fuͤr das Schnupftuch und die Borſe, fuͤr den Schreibegriffel und die Schreib⸗ tafeln. „Mein theurer Glaukus,“ ſagte Klodius,„es freut mich, zu ſehn, daß Dein Verluſt im Spiel ſo wenig Eindruck auf Dich gemacht hat. Dein Antlitz leuchtet, wie begeiſtert durch Apollo; wer es nicht wuͤßte, wuͤrde glauben, daß nicht ich gewonnen hätte, ſondern Du.“ „Und wie vermag der Verluſt oder Gewinn jener todten Metallſtuͤcke unſere Stimmung zu veraͤndern, mein Klodius? So lange wir, beim Jupiter, noch jung ſind, und unſer Haupt bekränzen duͤrfen,— ſo lange die Zythare noch fuͤr die Toͤne der Freude empfaͤnglichen Ohren erkont— ſo länge das ſuͤße Laͤcheln der Lydia oder Chloe unſer Blut, das ſo leicht durch die Adern rinnt, in Wallung ſetzt, ſo lange muͤſſen wir des heitern Lebens genießen und die dahinſterbende Zeit ſelbſt zu dem Schatzmeiſter unſerer Vergnuͤgungen machen. Du ſpeiſeſt, wie Du weißt, heut Abend bei mir.“— „Wer vergißt wohl je die Einladung des Glau⸗ kus!“— „Doch wohin gehſt Du jetzt?“— „Ich beabſichtigte, die Bäder zu beſuchen, doch habe ich noch eine Stunde Zeit.“ „Nun, ſo will ich meinen Wagen fahren laſſen, und mit Dir gehen. So, ſo, mein Phylias,“ ſagte er, indem er das ihm zunachſt ſtehende Pferd ſtrei⸗ chelte, welche Gunſtbezeigung daſſelbe durch ein leiſes Wiehern, und indem es die Ohren ſpitzte, erwie⸗ derte,„heute habt ihr Feiertag. Iſt es nicht ein. ſchones Thier, Klodius?“ „Es iſt ein Roß,“ erwiederte der vornehme Schmeichler,„wuͤrdig nur des Phoͤbus oder des Glaukus.“ Zweites Bapitel. Das beinbe Blumen⸗Maͤdchen und die Vorzuͤge des Lebens nach der Mode.— Die Bekenntniſſe des Athenienſers.— Arbaces von Agypten. ℳ Die jungen Maͤnner eilten, indem ſie von tauſend verſchiedenen Gegenſtänden ſprachen, durch die Stra⸗ ßen; ſie befanden ſich jetzt in jenem Theile der Stadt, wo die reichſten Kaufläden waren, deren Wände mit den mannichfaltigſten Freskomalereien geziert, in den lebhafteſten, doch ſtets harmoniſchen 9 Farben erglanzten. Die ſprudelnden Springbrunnen, welche mit ihrem kuͤhlen Strahl ſich in die heiße Sommerluft erhoben; die Menge der, meiſt in tyri⸗ ſchen Purpur gekleideten Spaziergaͤnger; die bunten Gruppen, welche um einige beſonders intereſſante Läden ſich gebildet hatten, die ab- und zugehenden Sklaven mit bronzenen Gefäßen von geſchmackvoller Arbeit; die Landmädchen, die hier und da mit Korben voll reifer Fruͤchte und Blumen ſtanden, welche letz⸗ tern fur die alten Italiener mehr Reize hatten, als vei ihren Nachkommen es der Fall iſt(bei denen in der That„latet anguis in herba“ jedes Veilchen und jede Roſe, faſt, als Krankheitsſtoffe ver rgend, gefuͤrchtet wird),(¹) die zahlreichen Geſellſchaftslo⸗ kale, welche bei jenem lebhaften Volke die Stelle unſerer Kaffeehäuſer und Klubbs vertraten; die La⸗ den, in denen auf marmornen Tiſchen Gefäße mit Wein und Sl ſtanden, und vor deren Schwellen Sitze, durch purpurne Zeltdecken vor der Sonne geſchuͤtzt, die Ermuͤdeten zum Ausruhen, und die Mußigen zum Verweilen einluden— Alles dieſes machte einen ſo ſehr zur Lebensluſt auffordernden Eindruck, daß die athenienſiſche Empfänglichkeit des Glaukus für Frohſinn und Freude dadurch um ſo mehr aufgeregt werden mußte. „Spreche mir nicht mehr von Rom,“ ſagte er zum Klodius.„Das Vergnugen iſt in dieſer gewaltigen Stadt zu ernſthaft und ſchwerfällig— ſelbſt in dem 10 goldenen Palaſt des Nero und in der beginnenden Herrlichkeit von des Titus furſtlichem Hofſtaate wird der Geiſt erdruckt und das Auge ermudet; uberdem demuthigt es uns, wenn wir den ungeheuern Reich⸗ thum und Lurus Anderer mit unſerer nicht ſo glaͤn⸗ zenden Lage vergleichen muͤſſen. Doch hier geben wir uns unbefangen dem Vergnuͤgen hin, und kon⸗ nen es genießen, ohne daß es uns niederdruͤckt und ermuͤdet.“ „Aus dieſem Grunde wählteſt Du wahrſcheinlich Pompeji zu Deinem Sommeraufenthalt?“— „Allerdings. Ich gebe ihm den Vorzug vor Ba⸗ jae, deſſen Reize ich keineswegs verkenne, doch ich liebe nicht die Pedanten, welche ſich dort aufhalten und ihre Vergnuͤgungen nach der Drachme abzuwiegen ſcheinen⸗“ „Und doch liebſt auch Du die Gelehrſamkeit, und was die Dichtkunſt betrifft, ſo ſind Aſchylus und Homer, das epiſche Gedicht, wie das Drama in Deinem Hauſe einheimiſch.“— „Ja, aber dieſe Römer, welche meine athenien⸗ ſiſchen Vorfahren nachäffen, beginnen Alles ſo ſchwer⸗ fällig. Selbſt auf der Jagd laſſen ſie ſich durch ihre Sklaven den Plato nachtragen, und wenn das Wild erlegt iſt, ſo ſuchen ſie ihre Buͤcher und den Papy⸗ rus hervor, um ja keine Zeit zu verlieren. Wenn die Tänzerinnen in aller üppigkeit perſiſcher Sitten vor ihnen ſchweben, ſo lieſet irgend eine Drohne 11 von einem Freigelaſſenen, mit kaltem unbewegtem Antlitz ihnen etwas aus Cicero de Officiis vpr. O, des unverſtandes! das Vergnuͤgen und das Stu⸗ dium duͤrfen auf dieſe Weiſe nicht vereinigt werden — man muß jedes einzeln genießen, den Roͤmern aber entfremdet ſich Beides durch dieſes uͤbertriebene Erhaſchen, und ſie beweiſen, daß ſie keines von Beiden zu ſchatzen wiſſen. Oh, mein Klodius, wie wenig verſtehen Deine Landsleute von der Gewandt⸗ heit des Perikles, von den Zaubereien der Aspaſia! — Erſt geſtern machte ich dem Plinius einen Beſuch. Er ſaß ſchreibend in ſeinem Sommerhauſe, waͤhrend ein ungluͤcklicher Sklave auf der Tibia ſpielte. Sein Neffe(oh pfui, uͤber ſolche philoſophiſche Gaukler!) las die Beſchreibung der Peſt von Thucydides, und folgte bisweilen mit einem affektirten Kopfnicken dem Takte der Muſik, während ſeine Lippen alle ekelhaften Einzelnheiten jener ſchrecklichen Darſtellung wiederholten. Die Zierpuppe fand nichts Widerſpre⸗ chendes darin, gleichzeitig die Melodie eines Liebes⸗ liedchens und die Beſchreibung der Peſt zu hoͤren.“ „Beides iſt ſich aber auch ſehr aͤhnlich,“ ſagte Klodius. „Daſſelbe ſagte ich ihm, um ſeine Aufſchneiderei zu entſchuldigen;— doch der junge Mann ſtarrte mich mit abſchreckendem Blicke an, ohne auf den Scherz einzugehn, und erwiederte, die Muſik gefalle bloß dem Ohr, wahrend das Buch(die Beſchreibung der Peſt naͤmlich) den Geiſt erhebe.„Ach,“ ſagte darauf der dicke Onkel ſchmunzelnd,„mein Neffe iſt ſchon ganz ein Athenienſer, er vereinigt ſtets das Nuͤtzliche mit dem Schoͤnen.“ Oh, Minerva, wie mußte ich heimlich lachen! Waͤhrend ich noch dort war, wurde dem jungen Sophiſten berichtet, daß ſein liebſter Freigelaſſener eben an einem Fieber ge⸗ ſtorben ſei.—„Grauſamer Tod,“ rief er,—„holt mir meinen Horaz; wie ſchoͤn troͤſtet uns der herr⸗ liche Dichter uͤber dergleichen ungluͤcksfälle!“— Oh, können dieſe Menſchen wohl lieben, Klodius? Ich glaube kaum ſinnlich!— Wie ſelten findet man doch bei einem Romer ein Herz!— Das Genie iſt bei ihm bloß ein mechaniſches Kunſtwerk— es hat we⸗ der Knochen, noch Fleiſch.“ Wenn auch dieſe Ausfälle gegen ſeine Landsleute den Klodius im Geheim etwas kränkten, ſo ſtellte er ſich doch, als ſei er mit ſeinem Freunde gleicher Anſicht, theils weil er ſeiner ganzen Natur nach ein Schmeichler war, theils weil es unter den verderb⸗ ten jungen Roͤmern zur Gewohnheit geworden, ge⸗ gen den urſprung, der ſie eigentlich ſo uͤbermuͤthig machte, einige Verachtung zu zeigen; es war zur Mode geworden, den Griechen nachzuahmen, und zugleich ſich uͤber dieſe Nachahmung luſtig zu machen. Indem ſie ſich ſo unterhielten, wurden ſie durch das auf einem offenen Platze, wo drei Straßen zu⸗ ſammenſtießen, verſammelte Volk aufgehalten; und in dem Schatten eines kleinen, niedlichen Tempels ſtand ein junges Mädchen, mit einem Blumenkorb am rechten, und einem dreiſaitigen muſikaliſchen In⸗ ſtrument im linken Arm, zu deſſen ſanften Toͤnen ſie eine wilde und halb barbariſche Melodie ſang. Bei jeder Pauſe bot ſie mit anmuthigen Bewegun⸗ gen ihren Blumenkorb dar, indem ſie die umſtehen⸗ den zum Kaufen einlud, und manche Seſterze wurde in das Koͤrbchen geworfen, theils fuͤr die Muſik, theils aus Mitleiden fuͤr die Sangerin— denn ſie war blind. „Es iſt meine arme Theſſalierin,“ ſagte Glau⸗ kus, indem er ſtehen blieb,„ſeit meiner Ruͤckkunft nach Pompeji habe ich ſie nicht geſehen. Ihre Stimme iſt entzuͤckendz wir wollen ihr zuhoͤren.“ Das Lied des blinden Blumen⸗Maͤdchens. Kauft meine Blumen ohne Geiz, Es kommt von fern das Mägdlein blind;— Iſt wirklich ſchoͤn der Erde Reiz, Die Blumen ihre Kinder ſind! Friſch ſind ſie noch, gleich ihr! Vor Kurzem noch, aus ihrem Schooß, Wo ſtill ſie ruhten, macht ich mir Schlafend aus ihrem Arm ſie los, Mit jener Luft, die bleibt ihr Hauch, Ihr ſanfter, zarter, milder Hauch, Sie leiſe kuͤſſend bloß! Auf ihren Lippen noch weilet der Kuß⸗ Die Wangen ſind naß von der Thranen Erguß. Denn ſie weint— die liebliche Mutter weint (Weil ſie Tag und Nacht beſorgt erſcheint Mit ſehnendem Herzen und ſanftem Gemuͤth, Daß der jungen Geſchoͤpfe Schoͤnheit bluͤht;)— Sie weint— aus Liebe ſie weint, Des Thaues Thraͤnen ſie weint Aus der Mutterliebe Quell! Ihr habt eine Welt, von Licht umlacht, Wo die Liebe ſich freut in der Liebenden Sinn, Doch die blinde Maid weilt im Hauſe der Nacht, Und nur leere Stimmen ſind Weſen darin. Gleich Einer aus der Unterwelt, Bin ich am Strom des Leids geſtellt, Die Schatten hoͤre ich nur gleiten, Ihr Wehen fuͤhl ich mir zur Seiten.— 8 Ach! ſaͤh ich die holden Formen geſchwind! Doch wenn die Arme ich entfaltet, Fuͤhl ich den Schall nur, ungeſtaltet, Die Lebenden nur Geiſter mir ſind. Kommt kauft!— kommt kauft!— O, hoͤrt die lieben Blumen ſeufzen, (Denn Sprache haben ſie, wie wir) „Es ſchließt vor dem Athem der blinden Maid Die Roſe die zarten Blaͤtter voll Leid— Wir Kinder des Lichts ſind fein gebaut, Und vor dem Kinde der Nacht uns graut, Nehmt von der Blinden uns, wir fleh'n, Wir wollen Augen, die uns ſeh'n— Wir ſind zu froͤhlich fuͤr die Nacht, In Eurem Blich glänzt des Tages Pracht— Kommt kauft!— die armen Blumen kauft!“— 15 „Ich muß jenen Veilchenſtrauß haben, ſuͤße Nydia,“ ſagte Glaukus, indem er ſich durch die Menge drängte, und eine Hand voll kleiner Munze in ihren Korb warf,„Deine Stimme iſt reizender, als je.“ Das blinde Maͤdchen trat uͤberraſcht vor, als ſie die Stimme des Athenienſers hoͤrte— doch plotz⸗ lich blieb ſie ſtehn und erroͤthete. „Du biſt alſo zuruͤckgekehrt, ſagte ſie mit leiſem Tone, und wiederholte darauf, mit ſich ſelbſt re⸗ dend:„Glaukus iſt zuruͤckgekehrt!“— „Ja, mein Kind; ich bin kaum ſeit zwei Tagen in Pompeji. Mein Garten bedarf, wie fruͤher, Deiner Pflege— ich rechne darauf, daß Du ihn morgen beſuchen wirſt. Auch ſollen in meinem Hauſe durch keine anderen Haͤnde Kraͤnze geflochten wer⸗ den, als durch die der ſchoͤnen Nydia.“ Nydia lächelte vergnuͤgt, doch ſie antwortete nicht, und Glaukus verließ die Menge munter und unbefangen, indem er die Veilchen, die er gewaͤhlt hatte, an die Bruſt ſteckte. „Du haſt alſo dieſes Kind unter Deinen Schutz genommen?“ ſagte Klodius. „Ja, ſingt ſie nicht ſehr huͤbſch? Sie intereſſirt mich, die arme Sklavin!— uͤberdem iſt ſie aus Theſſalien, der Olymp ſchaute auf ihre Wiege herab.“ „Alſo iſt ſie aus dem Lande der Zauberinnen.“ „Allerdings, aber was mich betrifft, ſo halte ich 16 jedes weibliche Geſchopf fuͤr eine Zauberin; und in Pompeji ſcheint, bei der Venus! ſelbſt die Luft mit einem Liebestrank erfuͤllt zu ſein, ſo ſchoͤn erſcheint meinen Augen jedes unbärtige Antlitz.“ „und ſieh da! eine der Schoͤnſten in Pompeji, die Tochter des alten Diomedes, die reiche Julia,“ ſagte Klodius, als ein junges Mädchen, das Antlitz mit einem Schleier bedeckt und durch zwei Sklavin⸗ nen auf ihrem Wege zum Bade begleitet, ſich ihnen näherte. „Schoͤne Julia, wir begruͤßen Dich,“ redete Klodius ſie an. Julia hoh etwas ihren Schleier, und zeigte mit einiger Koketterie ein kuͤhnes römi⸗ ſches Profil, ein dunkles, feuriges Auge, und Wan⸗ gen, deren von Natur etwas gelben Teint die Kunſt mit einer bluͤhenden Roſengluth gefärbt hatte. „und auch Glaukus iſt zuruͤckgekehrt!“ ſagte ſie, indem ſie den Athenienſer mit einem ausdrucksvollen Blick begluͤckte.„Hat er,“ fuͤgte ſie halb flüͤſternd hinzu,„bereits ſeine Freunde vom vorigen Jahre vergeſſen?“ „Schoͤne Julia! ſelbſt die Lethe, wenn ſie auf einem Theil der Erde verſchwindet, erſcheint in einem andern wieder. Jupiter geſtattet uns nie, länger als fuͤr einen Augenblick zu vergeſſen; aber die noch ſtrengere Venus erlaubt ſelbſt dieſes nicht.“ „Glaukus iſt nie um ſchoͤne Worte verlegen.“ „Wer koͤnnte es ſein, wenn der Gegenſtand der⸗ ſelben ſo ſchoͤn iſt?“ „Wir werden Euch Beide bald in meines Vaters Vil iu ſehn,“ ſagte Julia, indem ſie ſich zum Flo⸗ dius wendete. „Wir wollen dieſen Tag mit einem weißen Steine bezeichnen,“ erwiederte der Spieler. Julia ſenkte ihren Schleier, doch langſam, ſo daß ihr letzter Blick mit ſcheinbarer Schuͤchternheit zwar, doch in der That mit einiger Keckheit auf dem Athenienſer haftete; dieſer Blick war zärtlich und zugleich ein Vorwurf. Die Freunde ſetzten ihren Weg fort. „Julia iſt wirklich ſchön,“ ſägte Glaukus. „Und im vorigen Jahre wuͤrdeſt Du jenes Be⸗ kenntniß in einem wärmeren Töne gemacht haben.“ „Allerdings: ich wurde durch den erſten Anblick verblendet, und hielt fur einen Edelſtein, was ſpä⸗ ter ſich nur als kuͤnſtliche Nachahmung erwies.“ „Ja wohl,“ erwiederte Klodius,„alle Mädchen ſind ſich eigentlich ähnlich. Gluͤcklich, wer ein ſcho⸗ nes Geſicht und eine reiche Ausſteuer heirathet. Was kann er mehr wuͤnſchen?“ Glaukus ſeufzte. Sie vefanden ſich jetzt in einer weniger mit 2 Men⸗ ſchen angefullten Sträße, welche ihnen die Aus ſicht auf jenes ruhige Meer eroͤffnete, das an dieſen herr⸗ cer F ſo ſelten ein Bild des Schreckens Vulwer's Werke. Taſchenausg. I. 2 darbietet, denn ſanft ſind die Luͤfte, welche uͤber ſeine Oberfläͤche hauchen, gluͤhend und mannichfaltig das Farbenſpiel, das der Widerſchein roſigter Wolken bildet, koſtlich die Duͤfte, welche durch die Land⸗ winde ihm zugefuͤhrt werden. Wohl konnte man glauben, Anadyomene habe aus einer ſolchen See ſich erhoben, um der Herrſchaft uber die Erde ſich zu bemächtigen. „Es iſt noch zu fruͤh, um in das Bad zu gehen,“ ſagte der Grieche, der jedem poetiſchen Eindruck des Augenblicks folgte,“ wir wollen die gerauſchvolle Stadt verlaſſen, und uns hier an der Kuͤſte ergo⸗ tzen, ſo lange noch die Sonne auf den Wogen ver⸗ weilt.“ „Sehr gerne,“ erwiederte Klodius;„auch iſt es an der Bay immer'am lebhafteſten.“ Pompeji ſtellte im Kleinen den Bildungszuſtand, jener Zeit dar. Der kleine Raum ſeines Umfanges ſchloß Alles in ſich, was der Luxus dem Reichthum verdankt. In den kleinen, doch glänzenden Laden, den Paläſten, den Bädern, dem Forum, dem Thea⸗ ter, dem Circus— in der Thatkraft, wie in der Verderbtheit, der Verfeinerung in den Tugenden, wie in den Laſtern des Volkes, erblickte man ein Miniaturbild des ganzen Reichs. Es war ein Spiel⸗ werk, ein Kuckkaſten, in welchem es den Göttern gefiel, die groͤßte Monarchie der Erde zu wiederho— len, und den ſie ſpäter der vernichtenden Zeit wieder 1 2 19 entriſſen, um der Verwunderung der Nachwelt die Wahrheit des Satzes darzuſtellen, daß unter der Sonne ſich nichts Neues ereignet. In der ſpiegelglatten Flaͤche der Bay ruhten die Handelsſchiffe und die vergoldeten Gondeln fuͤr die Luſtfahrten reicher Buͤrger. Schnell gleiteten die Fiſcherbote hin und her, und in der Ferne erblickte man die ſchlanken Maſte der Flotte unter dem Be⸗ fehle des Plinius. Am ufer ſaß ein Sicilianer, der mit heftigen Geſtikulationen und leicht beweglichen Zuͤgen einer Gruppe von Fiſchern und Landleuten die Geſchichte Schiffbruch erleidender Seeleute und rettender Delphine erzählte, in derſelben Art, wie noch bis auf dieſen Tag man auf dem Hafen⸗ damme zu Neapel es horen kann. Der Grieche zog ſeinen Begleiter von den Zuhoͤ⸗ rern fort, und wanderte mit ihm nach einem einſa⸗ men Theile des Geſtades, wo die zwei Freunde, auf eine unter den glatten Kieſeln ſich erhebende kleine Klippe ſich ſetzend, die wolluͤſtigkuͤhlenden Seeluͤfte einathmeten, welche, uͤber den Wellen ſchwebend, mit ihren unſichtbaren Fuͤßen eine Art von Natur⸗ Rhythmus hielten. Es lag etwas zum Stillſchweigen und zur einſamen Betrachtung Einladendes in der ganzen Scene. Klodius berechnete, indem er ſeine . vor der brennenden Sonne ſchuͤtzte, ſeine wwerluſte der letzten Woche; und der Grieche, ſich auf die Hand ſtuͤtzend, und jene Sonne, die 2* ſchutzende Gottheit ſeiner Nation, nicht ſcheuend, ſchwärmte mit ſeinen Blicken uͤber der weiten Fläche mit jenem leichten Sinne der Lebensluſt, Freude und Liebe, welche ſein ganzes Weſen erfuͤllten, und be⸗ neidete vielleicht jedes Luftchen, das ſeine Schwingen gegen die ufer Griechenlands erhob. „Sage mir,“ ſprach endlich der Grieche,„haſt Du jemals geliebt?“— „Ja, ſehr oft.“ „Wer oft geliebt hat,“ entgegnete Glaukus, „liebte nie. Es giebt blos einen Eros, wenn auch viele Nachbildungen deſſelben.“ „Dieſe Nachbildungen ſind doch im Ganzen auch ganz artige kleine Goͤtter,“ antwortete Klodius. „Darin ſtimme ich mit Dir uͤberein,“ erwiederte der Grieche.„Ich bete ſelbſt den Schatten der Liebe an, aber noch mehr ſie ſelbſt.“ „Liebſt Du denn wirklich und ernſtlich? Empfin⸗ deſt Du jenes Gefuͤhl, welches die Dichter beſchrei⸗ ven— ein Gefuͤhl, mit dem wir unſere Mahlzei⸗ ten verſaͤumen, das Theater vernachlaͤſſigen und Ele⸗ gien ſchreiben? Ich hätte es nie gedacht. Du ver⸗ ſtelleſt Dich gut.“ „So weit bin ich noch nicht,“ bemerkte Glaukus lächelnd,„oder ich ſage vielmehr mit Tibull: „Ruhig wandelt und eiig⸗ wen ſanfte Liebe beherrſchet.“ „Ich liebe allerdings 8 nicht, aber ich könnte — 21 es, wenn ſich nur die Gelegenheit darbote, den Gegen⸗ ſtand meiner Verehrung zu ſehn. Eros moͤchte ſeine Fackel anzuͤnden, aber noch verſagen ihm die Prie⸗ ſter das Hl.“ „Soll ich den Gegenſtand errathen?— Iſt es nicht Diomedes Tochter? Du wirſt von ihr geliebt, und ſie verbirgt dieſe Leidenſchaft nicht; und beim Herkules! ich muß es wiederholen: ſie iſt ſchon und reich. Sie wird die Thuͤrpfoſten ihres Gatten mit goldenen Netzen verbinden.“ „Nein, ich beabſichtige keineswegs, mich ſelbſt zu verkaufen. Die Tochter des Diomedes iſt ſchon, das muß ich zugeben, und waͤre ſie nicht die Enke⸗ lin eines Freigelaſſenen, ſo hätte ich einſt— doch nein— ſie trägt ihre Schoͤnheit nur im Antlitz; ihre Sitten ſind nicht jungfräulich, und ihr Gemuͤth kennt keine andern Beſtrebungen, als die des Vergnu⸗ gens!“— „Du biſt undankbar; ſo ſage mir denn, welche die gluͤckliche Jungfrau iſt?“ „So hoͤre denn, mein Klodius. Vor einigen Monaten hielt ich mich in Neapel auf, einer Stadt, die mir ſehr gefaͤllt, denn ſie behauptet die Sitten und das Weſen ihres griechiſchen urſprungs— und noch immer verdient ſie den Namen Parthenope we⸗ gen der herrlichen Luft und der ſchoͤnen Geſtade. Eines Tages trat ich in den Tempel der Minerva⸗ . 22 um meine Gebete, mehr fuͤr die Stadt, uͤber wel⸗ cher Pallas nicht mehr freundlich lächelt, als fuͤr mich ſelbſt, darzubringen. Der Tempel war leer und einſam. Die Erinnerungen an Athen draͤngten ſich in mir. Da ich noch allein im Tempel zu ſein glaubte, und in dem Ernſte meiner Andacht vertieft war, drang mein Gebet vom Herzen auf die Lippen, und ich weinte, während ich betete. Doch ploͤtzlich vernahm ich einen tiefen Seufzer, und als ich mich umſah, erblickte ich hinter mir ein junges Madchen. Auch ſie betete und hatte ihren Schleier erhoben, und als unſere Augen ſich begegneten, ſchien ein himmliſcher Strahl aus jenen dunkeln und leuchten⸗ den Blicken in meine Seele zu dringen. Nie, mein Klodius, ſah ich ein ſterbliches Antlitz ſchoͤner gebil⸗ det: eine gewiſſe Melancholie milderte und erhoͤhte zugleich deſſen Ausdruck; jenes unausſprechbare Etwas, welches aus dem Herzen in das Herz dringt, und das unſere Bildhauer in die Zuͤge der Pſyche uͤber⸗ trugen, verbreitete uͤber ihre Schoͤnheit etwas Goͤtt⸗ liches und Edles; aus ihren Augen floſſen Thränen. Ich vermuthete ſogleich, daß auch ſie athenienſiſchen urſprungs, und daß in meinem Gebet fuͤr Athen ihr Geiſt dem meinigen begegnet ſei. Ich redete ſie, doch mit ſtammelnder Zunge, an:„Biſt Du nicht auch aus Athen, ſchoͤne Jungfrau?“ fragte ich. Bei dem Tone meiner Stimme erroͤthete ſie, und bedeckte mit dem Schleier theilweiſe ihr Antlitz.—„Die —— Aſche meiner Vorfahren,“ ſagte ſie,„ruht an den ufern des Jliſſus; ich bin gebuͤrtig aus Neapelz doch mein Herz iſt athenienſiſch wie mein Urſprung.“ —„So wollen wir denn,“ ſagte ich,„unſere Opfer gemeinſchaftlich darbringen, und als der Prieſter erſchien, ſtand ich ihr zur Seite, waͤhrend wir deſſen Zeremonien folgten.— Zugleich beruͤhrten wir die Kniee der Göttin, zugleich legten wir unſere Oliven⸗ kränze auf den Altar. Ich fuͤhlte in dieſer Gemein⸗ ſchaft ein eigenthuͤmliches Gefuͤhl faſt heiliger Zaͤrt⸗ lichkeit. Als Fremdlinge aus einem fernen und un⸗ gluͤcklichen Lande, ſtanden wir allein in jenem, der Gottheit unſeres Vaterlandes geweihten Tempel; war es nicht natuͤrlich, daß mein Herz zu meiner Lands⸗ maͤnnin, denn ſo durfte ich ſie ſicher nennen, ſich hingezogen fuͤhlte? Es ſchien, als ſei ich ſchon ſeit Jahren mit ihr bekannt, und jener einfache Gottes⸗ dienſt wirkte wie ein Wunder, indem er die Banden der Sympathie um ſo feſter knuͤpfte, je ſchneller er die Schranken der Zeit vernichtete. Schweigend ver⸗ ließen wir den Tempel, und ich ſtand im Begriff, ſie zu fragen, wo ſie wohne, und ob es mir geſtat⸗ tet ſei, ſie zu beſuchen, als ein Juͤngling, in deſſen Zuͤgen eine verwandtſchaftliche Aehnlichkeit mit den ihrigen ſich aufdrang, und der an dem Eingange des Tempels ſtand, ihre Hand ergriff. Sie wendete ſich zu mir und ſagte mir Lebewohl. Sie verſchwand im Gedränge; ich ſah ſie nicht wieder. Zu Hauſe angelangt, fand ich Briefe, welche mich zwangen, nach Athen abzureiſen, denn meine Verwandten droh⸗ ten mit Prozeſſen wegen meines Erbtheils. Als dieſe Angelegenheiten gluͤcktich beſeitigt waren, kehrte ich nach Neapel zuruͤck. Trotz aller Nachforſchungen in der ganzen Stadt konnte ich jedoch die Spuren mei⸗ ner verlorenen Landsmännin nicht wiederfinden, und indem ich ne, die Erinnerung an jene ſchone Er⸗ ſcheinung im frohen Lebensgenuſſe zu uͤbertäuben, be⸗ eilte ich mich, den Vergnuͤgungen, welche Pompeji darbietet, mich in die Arme zu ſtuͤrzen. Dieſes iſt die ganze Geſchichte meiner Leidenſchaft. Ich liebe nicht, aber ich denke mit Sehnſucht an jene Erſchei⸗ nung zuruͤck.“ Als Klodius erwiedern wollte, näherte ſich lang⸗ ſamen und ſtattlichen Schrittes ihnen ein Mann, und als ſie das Geraͤuſch ſeines Ganges in den Kieſeln hoͤrten, wendeten ſich Beide um, und Jeder erkannte den Ankommenden. Es war ein Mann, der kaum das vierzigſte Jahr erreicht hatte, von ſchlanker Geſtalt und magerer, doch kräftiger Bildung. Seint dunkle, bronzefarbene Haut verrieth den morgenlaͤndiſchen urſprung, und ſeine Zuͤge hatten etwas Griechiſches in ihren Linea⸗ menten(beſonders das Kinn, die Lippen und die Stirne), nur daß die Naſe etwas groß und gebogen war, und der feſte, hervorſtehende Knochenbau jene vollen, fleiſchigten umriſſe nicht geſtattete, welche ſelbſt dem Mannesalter der Griechen noch die ſcho⸗ nen Formen der Jugend gewährten. Seine großen Augen, dunkel wie die finſterſte Nacht, blickten feſt und mit ruhigem, wechſelloſem Ausdruck. Eine tiefe, nachdenkende und melancholiſche Einſamkeit ſchien dort ihren majeſtätiſchen und gebietenden Sitz gewaͤhlt zu haben. Sein Gang und ſeine Bewegungen waren leicht und gemeſſen, und etwas Ausländiſches in der Einfach⸗ heit und dem Schnitte ſeines Gewandes erhoͤhte den ehrwuͤrdigen Ausdruck ſeiner ſtillen Wuͤrde und ſtatt⸗ lichen Geſtalt. Ein jeder der beiden jungen Männer machte, als ſie den Ankommenden begruͤßten, me⸗ chaniſch, aber verſtohlen und wie in der Abſicht, es vor ihm zu verbergen, eine kleine bezeichnende Be⸗ wegung mit den Fingern; denn man glaubte von Arbaces, dem Egyptier, daß er die unheilbringende Gabe des boͤſen Blickes beſitze. „Die Scene muß in der That ſchoͤn ſein,“ ſagte Arbaces mit einem kalten, doch häßlichen Lächeln, „welche den muntern Klodius und Glaukus, den Allbewunderten, veranlaßt, die belebte Stadt zu ver⸗ laſſen.“ „Iſt die Natur denn uͤberhaupt ſo wenig anzie⸗ hend?“ fragte der Grieche. „Fuͤr die Genußſuchtigen— allerdings nicht.“ „Das iſt eine harte Erwiederung, doch ſchwer⸗ lich eine weiſe. Das Vergnuͤgen erfreut ſich der Ge⸗ genſätze, durch zerſtreuende Genuͤſſe lernen wir die Einſamkeit, und durch dieſe jene ſchätzen.“ „So denken die jungen Philoſophen aus dem Garten,“ erwiederte der Egyptier,„ſie halten Er⸗ ſchoͤpfung fuͤr einſame Betrachtung, und bilden ſich ein, die Einſamkeit zu kennen, wenn ſie durch ge⸗ rauſchvolle Vergnuͤgungen uͤberſättigt wurden. Doch in ſo leeren Gemuͤthern vermag die Natur jene Be⸗ geiſterung nicht zu entzuͤnden, welche aus ihrer eige⸗ nen keuſchen Zuruͤckgezogenheit unbeſchreibliche Gluͤck⸗ eligkeit ſchoͤpft; ſie verlangt von Euch nicht die Er⸗ mattung der Leidenſchaft, ſondern jene ganze Gluth, von der Ihr blos, indem Ihr ſie ſucht, ausruhen wollt. Als die Luna, o junger Athenienſer, dem Endymion ihre Geheimniſſe vertraute, geſchah es nach einem, nicht unter dem leidenſchaftlichen Trei⸗ ben der Menſchen, ſondern auf den Bergen und in den einſamen Thälern der Jäger zugebrachten Tage.“ „Ein ſchoͤnes Gleichniß!“ ſprach Glaukus;„doch welche unrichtige Anwendung! Erſchoͤpft! ach, die Jugend iſt nie erſchoͤpft, wenigſtens ich habe noch nie einen Augenblick der überſaͤttigung gefuͤhlt!“— Der Egyptier laͤchelte wieder, doch kalt und ab⸗ ſtoßend, und ſelbſt den gefuͤhlloſen Klodius erfaßte ein Schauder. Er erwiederte jedoch nichts auf die leidenſchaftliche Bemerkung des Glaukus, ſondern ſagte nach einer Pauſe in ſanftem Tone: „Bei alle dem habt Ihr Recht, die Zeit zu genie⸗ ßen, ſo lange ſie freundlich laͤchelt; ſchnell verwelkt die Roſe, bald verhaucht iſt ihr Duft, und was bleibt uns, o Glaukus, den Fremdlingen im Lande, entfernt von der Aſche ihrer Vaͤter, als der Genuß des Vergnuͤgens und das Andenken an die Vergan⸗ genheit? Fuͤr Dich das Erſtere, fuͤr mich vielleicht das Letztere.“ Die glänzenden Augen des Griechen wurden plotz⸗ lich durch Thränen verhuͤllt.„Ach, Arbaces,“ ſagte er,„ſpreche nicht von unſern Vorfahren. Laß uns vergeſſen, daß jemals ein anderer Staat als Rom der Freiheit ſich erfreute— und des Ruhms! O vergebens waͤre es, ſeinen Geiſt auf den Feldern von Marathon und Thermopilaͤ wieder zu erwecken!“ „Dein Herz widerſtrebt Dir, während Du ſprichſt,“ ſagte der Egyptier,„und in den Luſtbarkeiten dieſer Nacht wirſt Du mehr der Leaena*) eingedenk ſein, als der Lais.— Vale!“ Indem er dieſes ſprach, ſchlug er den Zipfel ſeines Gewandes uͤber die Schulter, und ſchritt lang⸗ ſam von dannen. „Ich athme wieder freier,“ ſagte Klodius.„Die *) Leaena, die heldenmuͤthige Geliebte des Ariſtogei⸗ ton, biß ſich, als ſie gefoltert wurde, die Zunge ab, bamit der Schmerz ſie nicht zwingen moͤge, die Ver⸗ ſchworung gegen die Söhne des Piſiſtratus zu verra⸗ then. Man ſah noch zu den Zeiten des Pauſanias in Athen die ihr zu Ehren errichtete Statue einer Lowin. Egyptier nachahmend, ſtellen wir bei unſeren Gaſt⸗ mahlen bisweilen ein Skelett auf. Der Anblick eines ſolchen Egyptiers, wie jener ſchleichende Schat⸗ ten, iſt geſpenſtiſch genug, um den koſtlichſten Faler⸗ ner zu verſaͤuren.“ „Ein ſeltſamer Mann,“ ſagte 6 laukus nachden⸗ kend,„wenn er aber auch ertödtet ſcheint fuͤr das Vergnuͤgen und kalt fuͤr die Reize dieſer Welt, ſo luͤgt die Verlaumdung uͤber ihn, und die Geſchichte ſeines Herkommens und ſeines Herzens iſt ſicher eine andere.“ „Ach! man ſpricht von ganz andern Orgien, als denen der Oſiris, die in ſeinem einſamen Hauſe ge⸗ feiert werden ſollen. Auch iſt er reich, wie man ſagt. Konnen wir ihn nicht zu dem unſrigen machen, und ihm die Reize des Spiels lehren? O des Ge⸗ nuſſes aller Genuͤſſe! Wie ſchön biſt Du, o Spiel, Du hitziges Fieber der Hoffnung und Furcht, Du unvergleichliche, unuͤbertroffene Leidenſchaft!“— „O der Begeiſterung— der Begeiſterung!“ ſprach lächelnd Glaukus,„das Hrakel ſpricht Poeſie durch den Mund des Klodius. Welches Wunder werden wir zunaͤchſt erleben?“— Drittes Rapitel. Die Freunde des Glaukus.— Beſchreibung der Häuſer in Pompeji.— Ein claſſiſches Feſt. Der Himmel hatte dem Glaukus jedes Gluͤck ge⸗ waͤhrt, außer eines; er war ſchoͤn, kraͤftig, wohl⸗ habend, geiſtreich, von beruͤhmter Herkunft, feurigen Temperaments, poetiſchen Gemuͤthes; aber es fehlte ihm die Erbſchaft der Freiheit. Er war, als ein roͤmiſcher Unterthan, in Athen geboren. Schon fruͤh⸗ zeitig zu einer bedeutenden Erbſchaft gelangend, hatte er der Neigung fuͤr das Reiſen, die in der Jugend ſo natuͤrlich iſt, ſich hingegeben, und ſich in den glänzenden Vergnuͤgungen des kaiſerlichen Hofes be⸗ rauſcht. Er war ein Alcibiades ohne Ehrgeiz. Er war, was ein junger, reicher, talentvoller Mann bald wird, wenn die Begeiſterung des Ruhms ihm fremd bleibt. Sein Haus in Rom war Gegenſtand der unterhaltungen aller Genußſuͤchtigen, aber auch aller Kunſtfreundes und die griechiſchen Bildhauer uͤber⸗ boten ſich, um die Säulengange und die Exedra eines Athenienſers zu ſchmuͤcken. Seine Wohnung in Pompeji— ach, die Farben ſind jetzt verbleicht, — die Wände ihrer Gemaͤlde entkleidet, die vollendete Ausfuͤhrung und Anmuth des Innern iſt verſchwun⸗ den, aber welche Lobeserhebungen, welche Ausrufun⸗ gen des Erſtaunens veranlaßten jene koͤſtlichen, bis ins Kleinſte vollkommenen Decorationen, als ſie das Licht des Tages zuerſt wieder erblickten; wie entzuͤck⸗ ten den Kunſtkenner alle jene Gemälde und Moſaik⸗ arbeiten! Glaukus war ein leidenſchaftlicher Verehrer der Poeſie, und beſonders der dramatiſchen, welche den Geiſt und Heldenmuth ſeines Geſchlechts ver⸗ gegenwärtigt, und jenes ſchoöne Haus war mit Dar⸗ ſtellungen aus dem Aeſchylus und Homer geziert, und Alterthumsforſcher, denen der Geſchmack ein Handelsgegenſtand wird, haben in dem Liebhaber den Kuͤnſtler ſelbſt erblicken wollen, und noch nennen ſie (wenn auch der Irrthum bereits allgemein anerkannt iſt) aus alter Gewohnheit das wieder aufgegrabene Haus des Athenienſers Glaukus:„das Haus des dramatiſchen Dichters.“ Bevor wir dieſes Haus beſchreiben, wird es zweckmäßig ſein, dem Leſer einige allgemeine Nach⸗ richten uͤber die Haͤuſer von Pompeji mitzutheilen, die er in den Schriften des Vitruv beſtätigt finden wird, mit jenen Abweichungen jedoch in den, durch Geſchmack oder Laune gebotenen Detgils, welche, den Menſchen uͤberall eigen, von jeher die Alterthums⸗ forſcher in Verlegenheit geſetzt haben. Wir werden uns beſtreben dieſe Beſchreibung ſo verſtändlich und von gelehrter Pedanterie entfernt zu halten, als es bei der Natur des Gegenſtandes moglich iſt. Gewoͤhnlich tritt man durch einen ſchmalen Durch⸗ gang, Veſtibulum genannt, in eine Halle, oft mit, haͤufiger jedoch ohne Saͤulen; an drei Seiten der⸗ ſerben befinden ſich Thuͤren, die mit mehreren Schlaf⸗ zimmern in Verbindung ſtehen(unter denen auch die des Thuͤrſtehers), von denen die beſten gewoͤhnlich fuͤr Gäſte beſtimmt ſind. An dem Ende dieſer Halle, ſowohl zur rechten als zur linken Seite, wenn das Haus groß iſt, befinden ſich zwei kleine Gemächer, welche gewoͤhnlich fuͤr die Frauen beſtimmt ſind; und in der Mitte des mit Quadern belegten Fußbodens der Halle iſt ſtets ein viereckigter Behälter fuͤr das Regenwaſſer(mpluvium genannt) angelegt, welches durch eine Offnung in dem Dache eingelaſſen wurde, die durch eine Fallthuͤre bedeckt werden konnte. Un⸗ weit dieſes Impluviums, welches in den Augen der Alten ein beſonders heiliger Ort war, ſtanden oft (doch in Pompeji ſeltener, als in Rom) Bildſäulen der Hausgoͤtter;— der gaſtliche Herd, deſſen in den roͤmiſchen Dichtern ſo oft Erwähnung geſchieht, und der den Laren gewidmet war, wurde in Pom⸗ peji faſt immer durch ein bewegliches Kohlenbecken dargeſtellt, und in irgend einer Ecke, gewoͤhnlich an dem am meiſten in die Augen fallenden Punkte, ſtand ein großer hoͤlzerner Kaſten, durch bronzene oder eiſerne Reifen verziert oder zuſammengehalten, 32 und mit ſtarken Klammern auf einem ſteinernen Piedeſtal ſo ſtark befeſtigt, daß alle Verſuche von Dieben und Räubern, ihn loszumachen, vereitelt werden mußten. Dieſes Behältniß galt fuͤr den Geldkaſten des Hausbeſitzets, wenn es auch wahr⸗ ſcheinlich iſt, da man in den zu Pompeji entdeckten Kaſten dieſer Art niemals Geld gefunden hat, daß ſie meiſt mehr in Folge der Gewohnheit und der Zierde, als des wirklichen Gebrauches wegen aufge⸗ ſtellt waren. In dieſer Halle oder dem Atrium wurden ge⸗ wohnlich die Klienten oder Beſuchenden geringeren Ranges empfangen. In den Häuſern der Vorneh⸗ mern befand ſich fortwährend ein atriensis, oder ein fur den Dienſt dorten ausſchließlich beſtimmter Sklave, der einen wichtigen Rang unter ſeinen Mitgenoſſen einnahm. Der Waſſerbehälter im Mittelpunkte mußte eine gefährliche Anlage ſein, doch der mittlere Theil der Halle war abgeſchloſſen, und an den Seiten vlieb noch hinlanglicher Raum übrig. Dem Ein⸗ gang grade gegenuͤber an dem andern Ende der Halle befand ſich ein Gemach(tablinium), in welchem der Fußboden mehr als gewoͤhnlich mit reichem Moſaik geziert, und die Wände mit vortrefflichen Malereien bedeckt waren. Hier fand man gewohhich Andenken aus der Familiengeſchichte, oder Erinnerungen an ein offentliches Amt, welches der Beſitzer bekleidet hatte. An der einen Seite dieſes Salons, wenn 33 wir ihn ſo nennen duͤrfen, war oft ein Speiſeſaal, oder Triclinium; an der andern Seite ein Gemach, welches wir vielleicht ein Muͤnzkabinet nennen wuͤr⸗ den, das koſtbare und ſeltene Merkwuͤrdigkeiten aller Art enthielt; und immer ging hier ein ſchmaler Gang fuͤr die Sklaven durch, um, ohne durch die erwähnten Zimmer zu gehn, in die hinteren Theile des Gebäudes zu gelangen. Alle dieſe Stuben eröff⸗ neten ſich auf eine viereckige oder laͤngliche Kolo⸗ nade, techniſch das Periſtil genannt. War das Haus klein, ſo hoͤrte es hier auf, und in dieſem Falle wurde deſſen Mitte, wie beſchrankt auch der Raum ſein mochte, meiſt als Garten benutzt, und war mit auf Piedeſtalen ſtehenden Blumenvaſen geziert, waͤh⸗ rend unter der Kolonade rechts und links Thuͤren in die Schlafzimmer*), in ein zweites Triclinium, oder in einen Speiſeſaal füͤhrten(denn die Alten be⸗ ſtimmten meiſt zwei verſchiedene Saͤäle fuͤr dieſen Zweck, den einen fuͤr den Sommer, den andern fuͤr den Winter, oder vielleicht den einen fuͤr gewoͤhn⸗ liche, den andern fuͤr feſtliche Gelegenheiten), und wenn der Eigenthuͤmer ſich mit Wiſſenſchaften be⸗ ſchäftigte, noch in ein Kabinet, wel lches man mit dem Titel einer Bibliothek beehrte, denn ein ſehr *) Die Romer hatten nicht allein Schlafzimmer für die Nacht, ſondern auch fur die Sieſta bei Tage( bi- cula diurna). Bulwer's Werke. Taſchenausg, I. 3 34 kleines Gemach war geraͤumig genug, um die weni⸗ gen Papyrusrollen aufzunehmen, welche die Alten ſchon fuͤr eine bedeutende Buͤcherſammlung hielten. Am Ende des Periſtils befand ſich gewohnlich die Kuͤche. Wenn das Haus groͤßer war, und nicht mit dem Periſtil endigte, ſo war die Mitte deſſelben nicht zu einem Garten eingerichtet, ſondern entweder mit einem Springbrunnen oder mit einem Fiſchbaſſin verziert, und an deſſen Ende, dem Tablinium grade gegenuͤber, befand ſich gewöhnlich noch ein Speiſe⸗ ſaal, mit Schlafzimmern an jeder Seite und bis⸗ weilen eine Gemäldeſammlung oder Pinakothek*). Dieſe Zimmer ſtanden wieder in Verbindung mit einem Platze von viereckiger oder oblonger Geſtalt, gewoͤhnlich an drei Seiten mit einem Saͤulengang, wie das Periſtil, und dieſem ſehr ähnlich, nur etwas länger. Dieſes war der eigentliche Garten oder das Viridarium, meiſt mit einem Springbrunnen oder mit Statuen und mit den mannichfaltigſten Blumen und Gewächſen geziert. An dem äußerſten Ende war die Wohnung des Gaͤrtners, zu beiden Seiten der Kolonaden hefanden ſich noch Zimmer, wenn eine zahlreiche Familie es erforderte. In Pompeji war ein zweites oder drittes Stock⸗ werk ſelten, auch befanden ſie ſich bos uͤber einem *) In den ſtattlichen Palaͤſten Roms ſtand die Pina⸗ kothek gewoͤhnlich mit dem Atrium in Verbindung. 2* 30 kleinen Theil des Parterres, und enthielten Woh⸗ nungen fuͤr die Sklaven. In dieſer Beziehung unter⸗ ſchieden ſie ſich von den prächtigeren Gebauden Roms, wo im Allgemeinen der Hauptſpeiſeſaal(der das Coenaculum) im zweiten Stock war. Die Zimmer ſelbſt waren gewohnlich ſehr klein, denn in dieſem herrlichen Klima fand eine außerordentliche Menge von Gäſten Platz in dem Periſtil oder der Halle und dem Garten— und ſelbſt die Feſtſääle waren, wenn auch ſehr reich und ſorgfältig geſchmuͤckt, doch nicht ſehr geraͤumigs denn die geiſtreichen Alten, die zwar Geſellſchaft, aber keine überfullung derſelben liebten, ſpeiſeten ſelten in groͤßerer Anzahl, als neun zuſam⸗ men, ſo daß große Speiſeſääle bei ihnen nicht ſo nö⸗ thig waren, als bei uns*). Doch die Reihe von Zimmern, die man ſchon vom Eingang aus uͤber⸗ blickte, mußte einen ſehr impoſanten Eindruck machenz man ſah zugleich die mit großen Steinen ausgelegte und an den Wänden reich mit Gemälden gezierte Halle— das Tablinium— das Periſtil, und(wenn das Haus ſich weiter ausdehnte) den gegenuͤberlie⸗ genden Feſtſaal und den Garten, der die Ausſicht mit einem Springbrunnen, oder einer Marmorſtatue ſchloß. Der Leſer wird ſich jetzt eine ziemlich genuͤgende *) Wenn ſie große Geſellſchaften eingeladen hatten⸗ ſo wurde gewoͤhnlich in dem Atrium geſpeiſet. 3* Vorſtellung von den Häuſern in Pompeji machen können, deren Bauart in vieler Beziehung der grie⸗ chiſchen, doch noch mehr der römiſchen glich. Faſt in jedem Hauſe ſind die Details jedoch verſchieden, die allgemeine Einrichtung aber iſt in allen dieſelbe. überall findet man die Halle, das Tablinium und das Periſtil, die mit einander in Verbindung ſtehn; in allen Haͤuſern ſieht man die Wände reich bemalt, und immer dringt ſich die Gegenwart fruͤherer Be⸗ wohner auf, die dem eleganteſten Lebensgenuß hul⸗ digten. Die vollkömmene Reinheit des Geſchmacks der Pompejaner in Verzierungen iſt jedoch zu be⸗ zweifeln; ſie liebten grelle Farben und phantaſtiſche Zeichnung; ſie bemalten oft die untere Hälfte der Säulen mit hochrother Farbe, und ließen den uͤbri⸗ gen Theil derſelben unveraͤndert; und wenn der Gar⸗ ten klein war, ſo wurde oft deſſen Mauer, um das Auge in Beziehung auf ſeine Groͤße zu täuſchen, mit Baumen, Vögeln, Tempeln u. ſ. w. perſpektiviſch bemalt, eine tändelnde Nachahmung der Natur, der die anmuthige Pedanterie des Plinius ſelbſt, mit einem gewiſſen Stolz auf deren eigenthuͤmliche Wur⸗ kung ſich anſchloß. Das Haus des Glaukus war zwar. eines der kleinſten, aber auch der vollendetſten und ausge⸗ ſchmuͤckteſten der Privatwohnungen in Pompeji; es kann noch heutigen Tages als das Modell eines Hauſes fuͤr„einen Junggeſellen in ſeinen Flitter⸗ 37 jahren ſich geltend machen und den Neid und die Verzweiftung aller unverheiratheten Kaͤufer des Lie⸗ besgenuſſes erregen. Man tritt durch einen langen, engen Gang in die Halle, auf deren Fußboden ein Hund in Moſaik abgebildet iſt, mit dem wohlbekannten:„cave canem““ oder:„nimm Dich vor dem Hunde in Acht.“ Zu jeder Seite befindet ſich eine ziemlich geräumige Kammer, denn da der innere Theil des Hauſes nicht groß genug iſt, um die beiden Abtheilungen der Zimmer, zum Privat⸗ und zum oͤffentlichen Ge⸗ brauch, zu enthalten, ſo wurden dieſe beiden Kam⸗ mern beſonders fuͤr den Empfang derjenigen Be⸗ ſuchenden beſtimmt, die durch ihren Rang oder durch genauere Bekanntſchaft nicht geeignet waren, in das Innere eingelaſſen zu werden. Von der Halle tritt man in ein Atrium, welches, als es zuerſt entdeckt wurde, reich an Gemaͤlden war, deren, was den Ausdruck betrifft, ſelbſt Ra⸗ phael ſich nicht hätte zu ſchämen brauchen. Sie wurden in das neapolitaniſche Muſeum gebracht, und noch jetzt ſind ſie ein Gegenſtand der Bewunderung aller Kunſtkenner— ſie ſtellen den Abſchied des Achilles von der Briſeis dar. Wen entzuckt nicht die Kraft und Schonheit in den Formen und Ge⸗ ſichtszugen des Achilles und der unſterblichen Sklavin! An der einen Seite des Atriums fuͤhrte eine ſchmale Treppe zu den Kammern fuͤr die Sklaven im obern Stock; auch befanden ſich dort zwei oder drei kleine Schlafzimmer, auf deren Wänden die Entfuͤhrung der Europa, die Schlacht der Amazonen u ſ. w dargeſtellt waren. Darauf tritt man in das Tablinium, an deſſen beiden Enden reiche Teppiche, mit tyriſchem Purpur gefärbt, hingen, die halb zuruͤckgezogen waren*). An der Wand war ein Dichter dargeſtellt, wie er einem Freunde Verſe vorlas, und in den Fuß boden eine kleine, aber herrliche Moſaik eingefuͤgt, welche Bezichung auf den unterricht hatte, den ein Schau⸗ ſpieldirector ſeinem Perſonal gab. Durch dieſen Saäl trat man in das Periſtil; und hier, wo, wie ich ſchon vorhin bemerkte, ge⸗ woͤhnlich die kleinern Häuſer in Pompeji aufhoͤrten, war auch dieſes zu Ende. Von jeder der ſieben Saͤulen, die dieſen Hof zierten, hingen Blumenge⸗ winde herab; das Innere, welches die Stelle eines Gartens vertrat, war mit den ſeltenſten bluͤhenden Blumen in weißmarmornen Vaſen beſetzt, die auf Piedeſtalen ſtanden. An der linken Seite dieſes klei⸗ nen Gärtchens befand ſich eine kleine Riſche, welche einer jener Kapellchen glich, wie man in katholiſchen Gegenden ſie haͤufig an den Landſtraßen findet. Sie war den Penaten geheiligt; vor ihr ſtand ein bron⸗ zener Dreifuß; an der linken Seite des Säulengan⸗ *) Das Tablinium konnte auch verſchloſſen werden. 39 ges waren noch zwei kleine Schlafzimmer; an der rechten das Triclinium, in welchem die Gäſte jetzt verſammelt waren. Dieſes Zimmer iſt unter den Alterthumsforſchenn in Neapel als das der Leda bekannt; und in dem ſchonen Werke des Sir William Gell findet der Le⸗ ſer einen Kupferſtich nach jenem anmuthigen Ge⸗ maͤlde der Leda, wie ſie ihren Neugebornen dem Gatten uͤberreicht. Dieſes ſchone Zimmer eröffnete ſich in den duftigen Garten. um den Tiſch von Zitronenholz*), der glatt polirt und mit Arabesken in Silber ausgelegt war, ſtanden drei Ruhebetten, die damals in Pompeji noch gebräuchlicher waren, als der halbrunde Sitz, der ſeit Kurzem in Rom Mode geworden; und auf dieſen Ruhebetten von Bronze, die noch mit Arbeiten von koſtbaren Me⸗ tallen geziert waren, lagen dicke Matratzen mit fei⸗ ner Stickerei, die elaſtiſch dem Druck nachgaben. „Ich muß wirklich geſtehn,“ ſagte der Idil Panſa,„daß Dein Haus, wenn auch kaum groͤßer, als das Gehäuſe fuͤr eine Fibula, doch ein reicher Edelſtein in ſeiner Art iſt. Wie ſchon iſt der Ab⸗ *) Es war damals das geſchätzteſte Holz, doch nicht von dem jetzigen Zitronenbaume. Einige, unter denen Herr W. S. Landor, ſuchen mit vieler Wahrſcheinlich⸗ keit zu beweiſen, daß es Mahagoniholz geweſen ſei. ſchied des Achilles von der Briſeis dargeſtellt!— welcher Styl— welche Koͤpfe!— welche— hem!“— „Ein Lob des Panſa uͤber ſolche Gegenſtaͤnde iſt wirklich ſchätzbar,“ ſagte mit ernſthafter Miene Klo⸗ dius.„Auch ſind die Gemaͤlde an ſeinen Waͤnden— wahrlich, ſie ſind der Hand eines Zeuxis nicht un⸗ wuͤrdig!“— „Du ſchmeichelſt mir, mein Klodius; Du ſchmei⸗ chelſt in der That,“ erwiederte der Adil, der in ganz Pompeji bekannt dafuͤr war, daß er die ſchlechteſten Gemaͤlde hatte, denn er war ein Patriot, und be⸗ ſchaͤftigte nur die pompejaniſchen Kuͤnſtler.—„Du ſchmeichelſt mir; aber die Gemälde ſind recht huͤbſch — ja, beim Aedepol— in den Farben, wie in der Zeichnung— und die in der Kuͤche ſind ganz von meiner Erfindung.“ „Was ſtellen ſie vor?“ ſagte Glaukus;„ich habe Deine Kuͤche noch nicht geſehn, wenn ich auch oft Gelegenheit hatte, die Vortrefflichkeit der Speiſen zu bewundern.“ „Es iſt ein Koch, mein Athenienſer, welcher die Beweiſe ſeiner Geſchicklichkeit auf dem Altar der Veſta darbringt, naͤmlich eine ſchöne Muräne(nach dem Leben gemalt), es iſt doch wohl genug Erfin⸗ dung darin!“— In dieſem Augenblick traten die Sklaven ein, die erſten Einleitungsſpeiſen zum Mahle tragend. i 4¹ Zwiſchen koͤſtlichen Feigen, friſchen, mit Schnee be⸗ ſtreuten Kräutern und Eiern wurden kleine Becher eines herrlichen, mit etwas Honig vermiſchten Wei⸗ nes aufgeſtellt. Darauf uͤberreichten junge Sklaven jedem der fuͤnf Gäſte(denn groͤßer war ihre Anzahl nicht) ein ſilbernes Becken mit wohlriechendem Waſſer und Handtuͤcher mit einer purpurnen Einfaſſung. Doch der Idil zog ſein eigenes Tuch hervor, wel⸗ ches zwar nicht von ſo feiner Leinwand, aber deſſen Rand ſehr breit war, und trocknete ſeine Haͤnde auf eine Weiſe, welche die Bewunderung in Anſpruch zu nehmen berechnet war. „Du haſt da ein ſchoͤnes Tuch,“ ſagte Klodius, „die Borte iſt ſo breit als ein Guͤrtel.“— „Eine Kleinigkeit, mein Klodius, eine Kleinig⸗ keit! Man ſagt mir, daß dieſes die neueſte Mode zu Rom iſt, doch Glaukus verſteht mehr von dieſen Sachen, als ich.“ „Sei uns guͤnſtig, o Bacchus!“ ſagte Glaukus, indem er ſich ehrerbietig gegen ein ſchoͤnes Bild des Gottes neigte, das mitten auf dem Tiſche ſtand, an deſſen Enden die Laren und die Salzfäſſer aufgeſtellt waren. Die Gäſte ſtimmten in dieſe Anrufung mit ein, und indem ſie Wein auf den Tiſch ſprengten, vollbrachten ſie die gewoͤhnliche Libation. Nachdem dieſes geſchehen war, nahmen die Gaͤſte ihre Plätze auf den Ruhebetten ein, und das Mahl begann. „Moͤge dieſer Becher mein letzter ſein!“ ſagte der junge Salluſt, als die zu Erregung des Appetits zuerſt aufgetragenen Speiſen abgenommen waren, die ſubſtantielleren Gerichte folgten, und ein Sklave ihm ein bis an den Rand gefulltes Trinkgefäß uber reichte.—„Moͤge dieſer Becher mein letzter ſein, wenn dieſes nicht der letzte Wein iſt, den ich je zu Pompeji getrunken habe.“ „Bringe die Amphora her,“ ſagte Glaukus, „und leſe den Jahrgang des Weines.“ Der Sklave beeilte ſich, der Geſellſchaft mitzu⸗ theilen, daß das Alter von 40 Jahren, und der Ge⸗ burtsort Chios angegeben ſei.— „Wie koſtlich der ihn gekuͤhlt hat,“ ſagte Panſa. „Er iſt wie die Erfahrung eines Mannes,“ be⸗ merkte Salluſt,„der ſeine Leidenſchaften hinlänglich abgekuͤhlt hat, um ihnen deſto mehr Genuß géwäh⸗ ren zu können.“ „Er iſt, wie das: Nein! eines Frauenzimmers,“ fuͤgte Glaukus hinzu,„es kuͤhlt ab, um nur noch mehr das Feuer anzufachen.“ „Wann iſt wieder ein Kampf wilder Thiere?“ fragte Klodius den Panſa. „Er wurde fuͤr den neunten Idus des Auguſt feſtgeſetzt,“ erwiederte Panſa,„einen Tag nach den Vulkanaliis; wir haben einen herrlichen jungen Lö⸗ wen fuͤr dieſes Feſt.“ „Wer ſoll ihm vorgeworfen werden?“ fragte Klodius.„Ach, es iſt großer Mangel an Verbre⸗ chern. Du mußt auf jeden Fall irgend einen Un⸗ ſchuldigen, oder ſonſt Jemand fuͤr den Loͤwen verur⸗ theilen, Panſa!“— „Allerdings habe ich ſeit Kurzem ernſtlich dar⸗ uber nachgedacht,“ erwiederte der Idil gravitätiſch. „Es war ein ſchaͤndliches Geſetz, welches uns unter⸗ ſagte, unſere eigenen Skaven den wilden Thieren vorzuwerfen. Ich kann es nicht anders nennen, als eine Verletzung des Beſitzes ſelbſt, wenn wir nicht mehr über unſer Eigenthum nach freiem Willen ſchalten duͤrfen.“— „In den guten alten Zeiten der Republik war es anders,“ ſeufzte Salluſt. „überdem entbehrt durch dirſe vermeintliche Milde gegen die Sklaven das arme Volk ſo viel. Wie gerne ſieht es einen tuͤchtigen Kampf zwiſchen einem Menſchen und einem Löwenz und dieſes unſchuldigen Vergnugens darf es nicht mehr genießen, ſo lange dieſes verwuͤnſchte Geſetz beſteht, wenn die Goͤtter uns nicht einen tuchtigen Verbrecher ſchicken.“ „Welche Staatskunſt kann ſchlechter ſein,“ ſagte Klodius,„als jene, die die mannhaften Vergnuͤgun⸗ gen des Volks unterſagt?“— „Wir wollen es Jupiter und dem Fatum dan⸗ ken, daß wir keinen Nero mehr haben,“ ſagte Salluſt. „Er war in der That ein Tyrann, er ſchloß unſer Amphitheater zehn Jahre lang.“ „Es wundert mich, daß keine Rebellion die Folge davon war,“ ſagte Salluſt. „Faſt wäre es dazu gekommen,“ erwiederte Panſa, indem er ein Stuͤck wildes Bärenfleiſch in den Mund ſteckte. Hier wurde die unterredung fuͤr einen Augenblick durch einen Tuſch von muſikaliſchen Inſtrumenten unterbrochen, und zwei Sklaven traten mit einem einzelnen Gericht ein. „Ach, welchen Leckerbiſſen haſt Du noch fuͤr uns aufgehoben?“ fragte der junge Salluſt mit funkeln⸗ den Augen. Salluſt war nur 24 Jahre alt, doch kein Lebens⸗ genuß ging ihm uͤber das Eſſen— vielleicht hatte et alle andern erſchoͤpft; doch war er nicht ohne Talente, und hatte ein vortreffliches Herz, ſo weit es ihm treu blieb. „Ich kenne, beim Pollux, dieſes Gericht!“ rief Panſa,„es iſt Lammfleiſch von Ambracia. Ho! (indem er mit den Fingern ſchnippte, einem fuͤr die Sklaven gewoͤhnlichen Zeichen) wir muͤſſen fuͤr den neuen Ankoͤmmling noch eine Libation darbringen.“ „Ich hatte gehofft,“ ſagte Glaukus mit trauri⸗ ger Stimme,„Euch einige Auſtern aus Britannien vorſetzen zu koͤnnen, doch die Winde, die dem Corſar 45⁵ ſo unguͤnſtig waren, haben auch uns des Genuſſes der Auſtern beraubt.“ „Sind ſie wirklich ſo koſtlich?“ fragte Lepidus, indem er den Guͤrtel ſeiner Tunika noch weiter loſete. „Ich vermuthe, daß blos die Entfernung ihren großen Werth beſtimmt; ſie haben nicht den wuͤr⸗ zigten Geſchmack der brunduſiſchen Auſter. Zu Rom jedoch hält man ohne ſie kein Abendmahl fuͤr voll⸗ ſtändig.“ „Die armen Britten!“ ſagte Salluſt;„ſie haben doch noch etwas Gutes; ſie liefern uns Au⸗ ſern!“ „Ich wollte, ſie lieferten uns einen Gladiator,“ ſagte der Adil, der immer noch mit den Beduͤrfniſ⸗ ſen des Amphitheaters beſchäftigt war. „Bei der Pallas!“ rief Glaukus, als ſein Lieb⸗ lingsſklave einen neuen Kranz um ſein Haupt wand, „mir gefallen dieſe wilden Schauſpiele wohl, ſo lange die Beſtie mit der Beſtie kämpft, aber wenn ein Menſch, ein Mann mit Fleiſch und Blut, wie wir, gleichguͤltig in die Arena getrieben, und ihm Glied fuͤr Glied abgeriſſen wird, ſo iſt dieſer Anblick mir zu ſchrecklich; mir faͤngt an, zu ſchwindeln, der Athem ſtockt mir, und es treibt mich, hinabzueilen und ihn zu vertheidigen. Das Freudengeſchrei des Volks erſcheint mir fuͤrchterlicher, als die Stimmen der, den Oreſtes verfolgenden Furien. Ich freue mich, daß i dem nächſten Kampfſpiel ſo wenig Ausſicht fuͤr jene blutige Darſtellung vorhanden iſt!“— Der Idil zuckte die Schulternz der junge Salluſt, der fuͤr den gutmüthigſten Menſchen in Pompeji galt, ſtarrte befremdet. Der anmuthige Lepidus, der, aus Beſorgniß, ſeine Geſichtszuge zu entſtellen, nur ſelten ſprach, rief:„Beim Herkules!“— Der Schniarotzer Klodius murmelte: Rdepol! und der ſechſte Gaſt, welcher der Schatten des Klodius war 62 und der es fuͤr ſeine Pflicht hielt, als Echo die Worte ſeines reichen Freundes zu wiederholen, wenn er ihn nicht loben konnte— der Schmarotzer eines Schmarotzers— murmelte ebenfalls: Ndepol!— „Ihr Italiener ſeid allerdings an dieſe Schau⸗ ſpiele gewohnt; wir Griechen ſind milder. Oh⸗, Schatten des Pindar!— das Entzuͤckende eines wahrhaft griechiſchen Spiels— das Aufbieten aller Kraäfte des Mannes gegen den Mann— der edel⸗ muͤthige Kampf— der halb traurige Triumph— der Stolz, einem wuͤrdigen Feinde zu begegnen, der Mißmuth, ihn uͤberwunden zu haben! Doch Ihr ver⸗ ſteht mich nicht!“— „Das Lammfleiſch iſt vortrefflich“ ſagte Salluſt. Der Sklabe, der das Vorſchneideramt hatte, und ſich nicht wenig auf ſeine Geſchicklichkeit zu gute that, hatte bei dem Flange der Muſik eben dieſes —*» 47 Geſchaͤft beendigt, indem ſein Meſſer den Takt hielt, langſam und bedaͤchtig beginnend und im lebhaften Eifer nach den Tönen eines herrlichen Diapaſons ſein ſchwieriges Kunſtwerk vollendend. „Dein Koch iſt gewiß“ aus Sicilien?“ ſagte Panſa. „Ja, von Syrakus.“ „Ich will auf ihn wetten,“ ſagte Klodius, „wir wollen zwiſchen den Gerichten einen Kampf veranſtalten.“ „Dieſes Spiel iſt allerdings einem Thiergefecht vorzuziehen, aber ich kann die Wette auf meinen Sicilianer nicht eingehen— Du haſt nichts ſo Koſt⸗ bares dagegen zu ſetzen!“ „Meine Phillida, meine ſchoͤne Taͤnzerin!“ „Ich kaufe niemals Frauen,“ ſagte der Grieche, indem er ſich ſeinen Kranz zurechtſchob. Die Muſikanten, welche außerhalb in dem Sau⸗ lengang aufgeſtellt waren, hatten ihr Conzert mit dem Lamnfleiſch begonnen; ſie gingen jetzt in eine ſanftere, froͤhlichere, man konnte faſt ſagen, geiſt⸗ reichere Melodie uͤber; und ſangen jenes Lied von Horaz, das anfängt: Persicos odi etc., welches ſo ſchwer zu uͤberſetzen iſt, und das ſie fuͤr ein Feſt ge⸗ eignet hielten, welches, ſo uͤppig es uns erſcheint, fuͤr die ausſchweifende Lebensart jener Zeit noch ſehr einfach war. Wir beobachten nur das Feſt eines kein fuͤrſtliches; das Gaſtmahl eines nicht das eines Kaiſers oder St⸗ Privatmannes, vornehmen Herrn, nators. „Ach, der alte gute Horas, „ſagte Salluſt theil⸗ r wußte wohl Feſte und Mädchen zu nehmend, e nicht ſo gut als unſere neueren beſingen, aber Dichter.“ „Als der unſterbliche Fulvius zum Beiſpiel,“ bemerkte Klodius. „Ach, Fulvius, der unſterbliche,“ wiederholte ſein Schatten. „Und Spuraena, und Cajus Mutius, der in ei⸗ nem Jahre drei epiſche Gedichte ſchrieb— konnte das Horaz oder Virgil?“ ſagte Lepidus,„Dieſe alten Dichter begingen alle den Fehler, der Bild⸗ hauerei nachzuahmen, ſtatt der Malerei. Einfach⸗ heit und Ruhe— das machten ſie ſich zur Aufgabe; doch wir Neuern haben Feuer und Kraft und Lei⸗ denſchaft— wir ſchlafen niemals ein, wir ahmen die Farben der Malerei nach, ihr Leben und ihre Handlung. unſterblicher Fulvius!“ „Habt Ihr,“ fragte Salluſt,„die neue Ode des Spuraena zu Ehren der egyptiſchen Iſis ſchon gehört?— ſie iſt herrlich— es herrſcht in ihr eine wahrhaft religioſe Begeiſterung.“ „Iſis ſcheint eine Lieblingsgottheit in Pompeji zu ein,“ ſagte Glaukus. „Ja,“ erwiederte Panſa,„ſie ſteht beſonders 1 3 49 jetzt ſehr in Gunſt; ihre Statue hat die merkwuͤr⸗ digſten Orakel ausgeſprochen. Ich bin nicht aber⸗ gläubiſch, doch muß ich bekennen, daß ſie ſchon mehr als einmal in meinem ſtädtiſchen Amte mir nuͤzlich geweſen iſt. Auch ihre Prieſter ſind ſo fromm! keine jener luſtigen oder ſtolzen Diener des Jupiters oder der Fortuna; ſie gehn baarfuß, eſſen kein Fleiſch, und ſind den größten Theil der Nacht mit Andachts⸗ ubungen beſchäftigt!“ „Das iſt in der That ein Beiſpiel fuͤr unſere andern Prieſter! Jupiters Tempel iſt der Reform ſehr beduͤrftig,“ ſagte Lepidus, der gerne Alles re⸗ formirt hätte, außer ſich ſelbſt. „Man ſagt, Arbaces, der Egypter, habe den Prieſtern der Iſis einige feierliche Myſterien mitge⸗ theilt,“ bemerkte Salluſt;„er ruͤhmt ſich der Ab⸗ ſtammung von dem Geſchlecht des Rameſes, und be⸗ hauptet, in ſeiner Familie ſeien die Geheimniſſe des entfernteſten Alterthums aufbewahrt.“ „Auf jeden Fall aber beſitzt er die Gabe des boͤſen Auges,“ ſagte Klodius;„jedesmal, wenn mir dieſe Meduſenſtirn ohne das entzaubernde Zei⸗ chen begegnet, kann ich ſicher ſein, ein Lieblingspferd zu verlieren, oder die canes*) neun Mal hinter ein⸗ ander zu werfen.“ *) Canes oder eaniculae, der niedrigſte Wurf beim Wuͤrfelſpiel. Bulwer's Werke. Taſchenausg. I. 4 „Das Letztere wuͤrde allerdings ein Wunder ſein!“ ſagte Salluſt. „Wie meinſt Du das?“ erwiederte der Spieler mit trotzigem Blick. „Ich meine, was Du mir uͤbrig laſſen wuͤrdeſt, wenn ich oft mit Dir ſpiele, und das wuͤrde— nichts ſein.“ Klodius antwortete nur durch ein verachtliches Laͤcheln. „Waͤre Arbaces nicht ſo reich,“ ſagte Panſa, indem er ſich ein wichtiges Anſehn gab,„ſo wuͤrde ich ihn meine Wuͤrde etwas fuͤhlen laſſen, und die Wahrheit des Geruͤchts unterſuchen, welches ihn ei⸗ nen Sterndeuter und Zauberer nennt. Als Agrippa Rdil zu Rom war, verbannte er alle dieſe gefährli⸗ chen Buͤrger. Aber ein reicher Mann— es iſt die Pflicht eines Adils, die Reichen zu beſchutzen!“ „Was denkt Ihr von jener neuen Sekte, welche, wie man erzählt, ſelbſt in Pompeji einige Anhänger zaͤhlt, von jenen Juͤngern des hebräiſchen Gottes— Chriſtus?“—* „Oh, das ſind nur eitle Träumer,“ ſagte Klo⸗ dius;„es iſt kein einziger vornehmer Mann unter ihnen; ihre Proſeliten ſind arme, unbedeutende, un⸗ wiſſende Menſchen!“— „Die jedoch fuͤr ihre Gottesläſterungen gekreuzigt zu werden verdienten,“ ſagte Panſa mit heftigem Ton;„ſie verläugnen die Venus und den Jupiter! 51 Ein Nazarener iſt gleichbedeutend mit einem Gottes⸗ laͤugner. Wenn ich ſie nur fange!“— Der zweite Gang war vorbei— die Gäſte dehn⸗ ten ſich auf ihren Ruhebetten— es entſtand eine Pauſe, waͤhrend welcher ſie auf die ſanften Tone des Suͤdens und der arkadiſchen Floͤte hoͤrten. Glau⸗ kus ſchien am wenigſten geneigt, das Stillſchweigen zu brechen, doch Klodius glaubte, daß man die Zeit beſſer benutzen koͤnne. „Bene vobis!(Deine Geſundheit!) mein Glau⸗ kus,“ ſagte er, indem er jedem Buchſtaben in dem Namen des Griechen einen vollen Becher mit der Gemuͤthlichkeit eines alten Trinkers weihte.“„Willſt Du Dein geſtriges ungluͤck nicht wieder gut machen? Sieh! die Wuͤrfel laͤcheln uns an.“ „Wie Du willſt,“ erwiederte Glaukus. „Wuͤrfeln im Auguſt, und in Gegenwart des Idils!“(5) ſagte Panſa, indem er ſich in die Bruſt warf,„das iſt gegen alle Geſetze.“ „Nicht in Deiner Gegenwart, ehrwuͤrdiger Panſa,“ erwiederte Klodius, indem er die Wuͤrfel in einer langen Buͤchſe ſchuͤttelte;„Deine Gegenwart unter⸗ ſagt jede übertretung des Geſetzes; doch nicht die Sache ſelbſt verletzt, ſondern nur deren übertreibung.“ „Wie weiſe!“ fluͤſterte der Schatten. „Nun, ſo will ich denn nach einer andern Seite ſehn,“ ſagte der Adil. 4* „Jetzt noch nicht, theurer Panſa; laßt uns bis nach dem Eſſen warten,“ erwiederte Glaukus. Klodius gab halb unwillig nach, indem er ſein Mißvergnügen unter einem Gähnen verbarg. „Er kann nicht warten, bis er das Geld ver⸗ ſchlingt,“ fluſterte Lepidus dem Salluſt nach einer Stelle in der Aulularia des Plautus, zu. „Oh! wie gut kenne ich dieſe Polypen, die nichts los laſſen, was ſie einmal beruͤhrten,“ antwortete Salluſt nach einer Stelle aus demſelben Luſtſpiel. Der zweite Gang aus Fruͤchten, Piſtaziennuͤſſen, Torten und Konfekten, die zu tauſend fantaſtiſchen Formen verarbeitet waren, beſtehend, wurde nun aufgetragen, und die ministri oder Aufwärter ſtell⸗ ten auch den Wein(der bisher den Gaͤſten einzeln in Bechern gereicht worden war) in großen gläſer⸗ nen Gefaͤßen auf den Tiſch, deren jedes auf einem Zettel anzeigte, wie alt und woher der Wein ſei. „Koſte einmal dieſen Lesbier, mein Panſa,“ ſagte Salluſt,“„er iſt vortrefflich.“ „Er iſt nicht ſehr alt,“ ſagte Glaukus,„aber er wurde, wie wir ſelbſt, durch das Feuer fruh ge⸗ zeitigt— der Wein durch die Flammen des Vul⸗ kan— wir durch die ſeines Weibes— der ich die⸗ ſen vollen Becher darbringe.“ „Er iſt koſtlich,“ ſagte Panſa,„doch iſt viel⸗ teicht ein klein wenig zu viel Roſinenduft in ſeiner Bluͤthe.“ v* W 53 „Welch ſchoͤner Becher!“ bemerkte Klodius, in⸗ dem er ein Trinkgefaß von durchſichtigem Kryſtall em⸗ porhob, deſſen Handgriff mit Edelſteinen beſetzt, und in der Form ſich durchſchlingender Schlangen, einer Lieblingsdarſtellung in Pompeji, gearbeitet war. „Dieſer Ring,“ ſagte Glaukus, indem er einen koſtbaren Juwel vom Finger zog und an den Griff hing,„gibt ihm noch ein reicheres Anſehn, und macht ihn, mein Klodius, dem die Goͤtter Geſund⸗ heit und das Gluͤck gewähren moͤgen, ihn oft bis an den Rand zu fuͤllen und zu leeren, eines Ge⸗ ſchenks fuͤr Dich weniger unwuͤrdig.“ „Du biſt zu guͤtig, Glaukus,“ ſagte der Spie⸗ ler, indem er den Becher ſeinem Sklaven uͤbergab, „doch Dein Lob macht mir ihn doppelt werth.“ „Dieſen Becher den Grazien,“ ſagte Panſa, und er leerte ihn drei Mal. Die Gäſte folgten ſeinem Beiſpiel. „Wir haben noch keinen Direktor des Feſtes er⸗ nannt,“ rief Salluſt. „Wir wollen ihn durch die Wuͤrfel beſtimmen,“ ſagte Klodius, indem er die Buͤchſe ſchuͤttelte. „Nein,“ erwiederte Glaukus,„keinen kalten und finſtern Direktor fuͤr uns; keinen Diktator des Feſtes; keinen rex convivii. Schworen die Roͤmer nicht einſt, niemals einem Koͤnige zu gehorchen? Sollen wir weniger frei ſein, als Eure Vorfahren? Ho! Muſikanten, ſpielt uns das Lied, welches ich vorige Nacht gedichtet habe, es enhalt Verſe uͤber dieſen Gegenſtand:„die bacchiſche Hymne der Stunden.“ Die Muſik ging in eine wilde joniſche Tonart uͤber, waͤhrend von jungen, lieblichen Stimmen in griechiſchen Worten und in griechiſchem Rhythmus folgendes Lied geſungen wurde: Der Abendgeſang der Horen. Durch den Sommertag, durch den muͤden Tag Schwärmten wir ſo lange, Eh der Weg durch die Thore der Nacht gehn mag⸗ Gruͤßt uns mit Geſange!— Mit Geſange, mit Geſange, Hellem, frohlichem Geſange!— Wie ihn gehoͤrt auf Kreta's Matten Die Jungfrau, durch das Zwielicht dreiſt, Als ſie erwacht' im Epheuſchatten, Wo Bacchus ſeine Gaben preist. Aus den Wolken, truͤb und ſchwer Schaut manch' Sternenaͤuglein her. Und uͤberall Mit Liebesſchall Des Meeres Wogen ſpielen.— Ein Luchshaupt lehnt dem Schooß ſich an, Ihr Brautbett war auf Thymian. Und oft durch jeden kleinen Raum In gruͤner Ranken gruͤnem Saum Die Faunen liſtig ſpielten:— Die Faunen, die lockren Faunen, Die ſchlauen, die lachenden Faunen, Die Faunen liſtig ſpielten. Es hat bas Schwaͤrmen hin und her Uns matt gemacht, Und unſre Reiſe wird uns ſchwer, Durch's Reich der Nacht. O, badet, badet die muͤden Schwingen, In Purpurwogen, die kuͤhl entſpringen In Euren Kelchen aus Lichtes Quellen— Aus Lichtes Quellen— aus Lichtes Quellens Denn wenn die Sonne auch unterging, Im Becher doch bleibt ſie— trinkt, o trink!— Der Wein iſt der Sommerſonne Quell, Vielmehr der Strom, den ſie anſchaut ſo hell, Bis mit des thespiſchen Juͤnglings*) Blick, Die Seele ſelbſt ſie dort laͤßt zuruͤck. Ein Glas fuͤr Zeus— fuͤr die Liebe ein neu's Und eins fuͤr den Sohn der Maja, Mit dreien dann ehrt, wo der Guͤrtel nicht wehrt, Die muntre Schaar der Aglaja. Doch da jedes Blatt in der Freude Kranz Den Schweſter⸗Horen ihr danket, Und ohne Takt iſt ihr leichter Tanz, Bromios Geſetz auch ſchwanket. Der ehrt uns, der am meiſten gibt, Dem es zu zaͤhlen nicht beliebt, Und der es nimmt, wie's Bacchus gibt. Schnell ziehn wir, halten die Fittige feſt, Und ſtuͤrzen uns tief in das ſprudelnde Neſt; Erheben wir dann uns mit triefenden Schwingen, Soll der Schaum an die bluͤhenden Kraͤnze ſpringen Wir gluhn, wir gluͤhn.— —,————— *) Narziſſus. Schaut, wie die Mäbchen der öſtlichen Wogen Einſt zu den kryſtallenen Höhlen zogen, Lobſingend den Myſier Hylas, Eben ſo— eben ſo Liegt warm der Gott in unſerm Arme, Wir ziehn mit ihm fort in lachendem Schwarme; Wir fuͤhren ihn fort in Luſt und Sang Die wolkigten Raͤume der Nacht entlang— Ho, ho! wir haben Dich, Pſilas! Die Gäſte klatſchten laut ihren Beifall. Wenn der Dichter zugleich der Wirth iſt, ſo werden ſeine Verſe gewiß gefallen. „Durch und durch griechiſch,“ ſagte Lepidus, „ganz das Wilde, Kräftige jener Sprache; den römi⸗ ſchen Dichtern iſt es unmöglich, ſie nachzuahmen.“ „Allerdings iſt es ein großer Kontraſt,“ ſagte Klodius, indem er ſeine ironiſche Abſicht zu verber⸗ gen ſuchte,„gegen die alterthuͤmliche und zahme Einfalt der horaziſchen Ode, die wir vorhin hoͤrten. Die Melodie iſt ganz joniſch; dieſes Wort erinnert mich an einen Toaſt— Freunde, es lebe die ſchone Jone!“— „Jone— der Name iſt ein griechiſcher,“ ſagte Glaukus mit ſanfter Stimme,„ich trinke mit Ver⸗ gnuͤgen dieſe Geſundheit. Aber wer iſt Jone?“ „Ach, Du biſt erſt vor Kurzem wieder in Pom⸗ peji angekommen, ſonſt verdienteſt Du für Deine Un⸗ wiſſenheit verbannt zu werden,“ ſagte Lepidus ſcher⸗ * 57 zend.„Jone nicht zu kennen, heißt mit der erſten Schönheit der Stadt unbekannt ſein.“ „Es iſt eine ſeltene Schoͤnheit,“ bemerkte Panſa, „und welche Stimme hat ſie!“— „Sie muß ſich von Nachtigallenzungen ernähren,“ ſagte Klodius. „Nachtigallenzungen!— ein ſchöner Gedanke!“ ſeufzte der Schatten.„Sagt mir, ich bitte,“ ſprach Glaukus. „So wiſſe denn“— begann Lepidus.— „Laßt mich ſprechen,“ rief Klodius;„Du ziehſt die Worte aus dem Munde, als wenn es Schildkro⸗ ten waren.“ „Und Du, als ſeien es Steine,“ murmelte der Stutzer, indem er mit verächtlicher Miene auf ſein Ruhebett zuruͤckſank. „Wiſſe denn, mein Glaukus,“ ſagte Klodius, „daß Jone eine Fremde iſt, die erſt ſeit Kurzem nach Pompeji kam. Sie ſingt, wie Sappho, und dichtet ihre Lieder ſelbſt, und ich weiß nicht, ob ſie die Muſen mehr in der Tibia, oder Cyther, oder der Leier uͤbertrifft. Ihre Schoͤnheit iſt verblendend. Ihr Haus iſt vollkommen eingerichtet; ſo viel Ge⸗ ſchmack— ſo viel Edelſteine— ſo herrliche Arbei⸗ ten in Bronze! Sie iſt reich, und eben ſo freigebig, als reich.“ „Wahrſcheinlich werden ihre Liebhaber,“ ſagte Glaukus,„dafuͤr ſorgen, daß ſie nicht verhungerts und leicht gewonnenes Geld wird eben ſo leicht wie⸗ der ausgegeben.“ „Ihre Liebhaber!— Das iſt eben das Raͤthſel! Jone hat nur einen Fehler— ſie iſt keuſch. Ganz Pompeji liegt zu ihren Fuͤßen, und ſie hat keinen Geliebten: ſie will ſogar nicht heirathen.“ „Keinen Geliebten!“ wiederholte Glaukus. „Nein, ſie hat zwar den Guͤrtel der Venus, aber auch den jungfraulichen Sinn der Veſta.“— „Was fuͤr gewählte Ausdruͤcke!““ ſagte der Schatten. „Das iſt ja ein Wunder!“ rief Glaukus,„kann man ſie nicht ſehn?“— „Ich will Dich dieſen Abend dort einführen, erwiederte Klodius;„bis dahin,“ fuͤgte er hinzu, „duͤrften die Wuͤrfel“— „Ich bin dabei!“ ſagte der gefällige Glaukus „Panſa, ſehe nach einer andern Seite!“— Lepidus und Salluſt ſpielten grade und ungrade, und der Schatten ſah zu, während Glaukus und Klodius die Wechſelfälle der Wuͤrfel verſuchten. „Beim Jupiter!“ ſprach Glaukus,„ſchon zum zweiten Male werfe ich die caniculae(den niedrig⸗ ſten Wurf).“ „Jetzt ſei mir Venus günſtig⸗ ſagte Klodius, indem er die Buͤchſe lange ſchuͤttelte.„O, alma Venus— es iſt Venus ſelbſt“— indem ihm der hoͤchſte Wurf, nach dem Namen jener Göttin be⸗ 59 nannt, gelang,„die allerdings meiſt denen guͤnſtig iſt, die Geld gewinnen.“— „Venus iſt undankbar gegen mich,“ ſprach Glau⸗ kus ſcherzend;„ich habe immer auf ihrem Altar geopfert.“ „Wer mit dem Klodius ſpielt,“ fluͤſterte Lepidus, „muß bald, wie der Curculio des Plautus, ſein Pallium einſetzen.“ „Der arme Glaukus!“ erwiederte Salluſt leiſe, „er iſt ſo blind, als die Fortuna ſelbſt.“ „Ich ſpiele nicht mehr,“ ſagte Glaukus,„ich habe dreißig Seſtertien verloren.“ „Es thut mir leid“— begann Klodius. „O, der treffliche Mann!“— flͤſterte der Schatten. „Kuͤmmere Dich nicht,“ ſprach Glaukus,„der Schmerz meines Verluſtes wird durch das Vergnuͤ⸗ gen uͤberwogen, Dich gewinnen zu ſehn.“ Die unterhaltung wurde hierauf allgemeiner und lebhafter; der Wein floß reichlicher; und Jone wurde nochmals von den Gäſten des Glaukus bis in den Himmel erhoben. „Statt mit den Sternen in die Wette zu wa⸗ chen,“ ſagte Lepidus,„wollen wir lieber Jone beſu⸗ chen, bei deren Anblick die Sterne ſelbſt erbleichen muͤſſen.“ Klodius, dem es ſchwer ſchien, das Wuͤrfelſpiel wieder in Gang zu bringen, trat dem Vorſchlage bei; und Glaukus konnte nicht verbergen, obgleich er ſeine Gäſte hoflich noͤthigte, länger bei ihm zu bleiben, daß ſeine Neugierde durch das Lob der Jone erregt worden ſei; es veſchloſſen endlich Alle Gußer Panſa und dem Schatten), nach dem Hauſe der ſchoͤnen Griechin zu wandern. Es wurde noch auf die Geſundheit des Glaukus und des Titus getrun⸗ ken— ſie brachten ihre letzte Libation dar— ſtie⸗ gen die Treppe hinunter, gingen durch das erleuch⸗ tete Atrium— und indem ſie ungebiſſen uͤber den wilden Hund ſchritten, der an der Schwelle auf dem Boden dargeſtellt war, befanden ſie ſich in den noch lebhaften Straßen Pompejis, als der Mond eben aufgegangen war. eSie kamen durch den Theil der Stadt, wo die Juwelierladen ſich befanden, und in denen die Edel⸗ ſteine den Glanz der vielen Lichter zuruͤckwarfen, und gelangten endlich zu dem Hauſe der Jone. Die Halle war glänzend erleuchtet, an jeder Seite des Tabliniums hingen geſtickte, purpurne Vorhaͤnge, die Waͤnde, ſo wie der Fußboden von Moſaik, gluͤhten von den lebhafteſten Farben der Kuͤnſtler; und unter dem Saͤulengang, der das duftige Viridarium um⸗ gab, fanden ſie Jone, welche bereits von vielen An⸗ betern und Verehrern umgeben war, „Sagteſt Du nicht, ſie ſei eine Athenienſerin?“ fluͤſterte Glaukus, bevor er in das Periſtil trat. „Nein, ſie iſt aus Neapel.“ 61 „Neapel!“ wiederholte Glaukus, und in dieſem Augenblick ſah er, als jene, die Jone umgebende Gruppe auseinandertrat, die ſchoͤne Geſtalt, und die reizenden Zuͤge wieder, welche vor einigen Monaten einen ſo großen Eindruck auf ihn gemacht hatten.— Piertes Bapitel. Der Tempel der Iſis.— Deſſen Prieſter.— Der. Charakter des Arbaces entwickelt ſich. Die Geſchichte kehrt zum Egyptier zuruͤck. Wir verließen Arbaces am Nachmittage an den Kuͤſten des Meeres, nachdem Glaukus und deſſen Gefährten ihn verlaſſen hatten. Als er ſich dem beſuchteren Theile der Bay näherte, blieb er ſtehn und blickte auf dieſe belebte Scene mit uͤber einander geſchlagenen Armen und einem bittern Lächeln auf ſeinem finſtern Antlitz. „Thoren, Kurzſichtige, Narren, die Ihr ſeid!“— murmelte er bei ſich ſelbſt,„moͤgt Ihr Geſchäfte oder Vergnuͤgen, Handel oder Religion betreiben, immer ſeid Ihr Sklaven der Leidenſchaften, die Ihr beherrſchen ſolltet! Wie koͤnnte ich Euch verachten, wenn ich Euch nicht haßte— ja, haßte! Griechen oder Romer, gleichviel— von uns, den geheimen Schaͤtzen der Weisheit Egyptens, habt Ihr das Feuer entwendet, welches Euch Seelen verleiht— — Euer Wiſſen— Eure Dichtkunſt— Eure Geſetze — Eure Kuͤnſte— Eure barbariſche überlegenheit im Kriege(jedoch alles zahm und verſtuͤmmelt in Ver⸗ gleichung zum erhabenen Sriginal)— Ihr habt ſie uns geſtohlen, wie ein Sklave die überbleibſel eines Gaſtmahls! Und jetzt⸗ ihr Nachaͤffer eines Nachaͤf⸗ fers— Roͤmer vielleicht? nein, Räuber!— Ihr ſeid unſere Herrn!— die Pyramiden ſchauen nicht mehr herab auf das Geſchlecht des Rameſes— der Adler ſchwebt uͤber der Schlange des Nil— unſere Herrn— nein, nicht meine!— Mein Geiſt uͤber⸗ ſieht und bezwingt Euch durch die Macht ſeiner Weisheit, wenn auch die Feſſeln unſichtbar ſind. So lange Liſt die Gewalt zu beſiegen vermag, ſo lange der Religion eine Hoͤhle bleibt, aus der Orakel die Menſchen täuſchen konnen, ſo lange beherrſchen Weiſe die Welt. Selbſt Eure Laſter benutzt Arbaces fuͤr ſeine Genuſſe— Genuſſe, die ungeweihten Augen verborgen bleiben— reiche, unerſchopfliche Genuͤſſe, welche Euer entnervter Geiſt in dumpfer Sinnlichkeit weder begreifen kann, noch ſich träumen läßt!— Nur zu, nur zu, ihr Thoren der Ehrſucht und des Geizes! Euer niedriges Streben nach Faszes und Quäſtorſtellen, und das ganse Faſtnachtsſpiel der „ 6 d r 63 Dienſtbarkeit regt nur Spott und Verachtung in mir auf. Meine Macht geht ſo weit, als die Men⸗ ſchen glauben. Ich beherrſche ſelbſt Männer, die ſich in Purpur kleiden. Theben möge gefallen, Egyp⸗ ten nur ein Name ſein; in der ganzen Welt findet Arbaces ſeine Unterthanen!“— Indem er ſo ſprach, ſchritt der Egyptier lang⸗ ſam einherz und als er in die Stadt trat, ragte ſeine ſchlanke Figur uͤber der, auf dem Foro ver⸗ ſammelten Menge hervor, und er wendete ſich nach dem kleinen, doch anmuthigen, der Iſis(*) geweih⸗ ten Tempel. Dieſes Gebaͤude war damals erſt ſeit Kurzem er⸗ richtet, der alte Tempel wurde vor ſechzehn Jahren durch ein Erdbeben niedergeworfen, und der neue war von den veraͤnderungsſuͤchtigen Pompejanern ſo fleißig beſucht, als es bei uns oft mit einer neuen Kirche oder einem neuen Prediger der Fall iſt.— Die Orakel der Iſis in Pompeji zeichneten ſich nicht allein durch die geheimnißvolle Sprache aus, in der ſie ertheilt wurden, ſondern auch durch das Zutrauen und die Beſtätigung, welche ſeine Prophezeihungen fanden. Wurden ſie auch nicht durch eine Gottheit eingegeben, ſo waren ſie doch das Ergebniß tiefer Menſchenkenntniß; ſie entſprachen vollkommen den jedesmaligen perſoͤnlichen Verhältniſſen, und bildeten einen entſchiedenen Gegenſatz zu der leeren Allgemein⸗ heit, die in den Spruͤchen anderer Gottheiten ob⸗ waltete.— Als Arbaces nun an die Schranken ge⸗ langte, welche den profanen Theil des Tempels von dem geheiligten trennten, fand er eine Menge Men⸗ ſchen aus allen Klaſſen, beſonders aber vom Kauf⸗ mannsſtande, vor den Altären in dem offenen Hofe in ſtiller Andacht und Ehrfurcht verſammelt. In den Wänden der Cella, zu welcher ſieben Stufen von pariſchem Marmor fuͤhrten, ſtanden mehrere Statuen in Niſchen, und dieſe Wände waren mit dem der Iſis geheiligten Granatapfel geziert. Auf einem Piedeſtal im innern Gebaͤude ſtanden zwei Statuen, namlich die der Iſis und ihres Gefaährten, des ſchweigſamen und geheimnißvollen Orus. Noch viete andere Statuen bildeten den Hofſtaat der egyp⸗ tiſchen Gottheit; der ihr verwandte und vielnamige Bacchus und die cypriſche Venus wie ſie aus dem Bade ſtieg, eine griechiſche Rachahmung ihrer ſelbſt, und Anubis mit dem Hundekopf, der Ochſe Apis und mehrere egyptiſche Götzenbilder von ſeltſamer Form und unbekannter Benennung. Wir duͤrfen jedoch nicht voraus ſetzen, daß in den Städten Groß⸗Griechenlands Iſis ganz mit den Zeremonien und in den Formen verehrt wurde, die ihr eigentlich gebuͤhrten. Die eingebornen, wie die vermiſchten Nationen des Suͤdens verwechſelten mit eben ſo viel übermuth als unwiſſenheit den Kultus aller Zeiten und Länder. Auch die duͤſtern Geheim⸗ niſſe des Nil wurden durch vielfache leichtſinnige 65⁵ Beimiſchungen aus den Glaubensbekenntniſſen an dem Cephiſus und der Tiber verunſtaltet und entwuͤrdigt. Den Tempel der Iſis zu Pompeji bedienten römiſche und griechiſche Prieſter, die ſowohl der Sprache als der Gebraͤuche ihrer fruͤheren Verehrer unkundig waren, und der Abkömmling jener ehrwuͤrdigen egyp⸗ tiſchen Koͤnige mußte, trotz des Scheins tiefer Ehr⸗ furcht, den er beobachtete, oft im Geheim uͤber die kleinlichen Spielereien lachen, welche die feierliche und ernſte Götterverehruns jenes gluͤhenden Klima's darſtellen ſollten. In zwei Reihen ſtanden auf den Stufen die Opferprieſter, gekleidet in weiße Gewänder, und oben zwei untergeordnete Prieſter, von denen der eine einen Palmzweig, der andere ein kleines, mit Ge⸗ treide gefuͤlltes Gefäß in der Hand hielt. Auf dem kleinen Raume im Vordergrunde draͤngten ſich die Verehrer der Iſis. „und was,“ fluͤſterte Arbaces einem derſelben zu (der ein mit dem Handel nach Alexandrien beſchäf⸗ tigter Kaufmann war, durch welchen Handel wahr⸗ ſcheinlich der Dienſt der egyptiſchen Göttin zuerſt in Pompeji bekannt wurde)—„welche urſache fuͤhrt Euch zu den Altären der ehrwurdigen Iſis? Nach den weißen Gewandern der Prieſter ſcheint ein Opfer gehalten werden zu ſollen, und nach der bedeutenden Bulwer's Werke. Taſchenausg. J. 5 Berſammlung erwartet dieſe ein Orakel. Auf welche Frage ſieht man der Antwort entgegen?“ „Wir ſind Kaufleute,“ erwiederte der Gefragte (der niemand anders als Diomedes war) mit leiſer Stimme,„welche das Schickſat ihrer Schiffe, die morgen nach Alexandrien abſegeln, wiſſen moͤchten. Wir wollen der Göͤttin ein Opfer darbringen und ihre Antwort erflehen. Ich gehoͤre nicht zu denen, wie Du an meiner Kleidung ſiehſt, die das Opfer veranſtaltet haben, doch iſt auch mir, beim Jupiter! an der gluͤcklichen Fahrt der Schiffe viel gelegen. Ich habe einen kleinen Handel, wie könnte ich ſonſt in dieſen ſchlechten Zeiten beſtehen?“— Der Egyptier erwiederte mit Wuͤrde:„Zwar ſei Iſis eigentlich die Beſchüzerin des Ackerbaues, doch nicht weniger die des Handels.“ Indem Arbaces hierauf ſein Haupt gegen Oſten wendete, ſchien er ſich in eifriges Gebet zu vertiefen. Jetzt trat ein von Kopf bis zu Fuß weiß geklei⸗ deter Prieſter auf die Mitte der Treppe; zwei an⸗ dere Prieſter loͤſeten die, welche bisher oben geſtan⸗ den hatten, ab. Sie waren bis unter der Bruſt 3 nackt, und der uͤbrige Theil des Koͤrpers in weiße, weite Gewäͤnder gehuͤllt. Zugleich trug ein, am Fuße der Treppe ſitzender Prieſter eine feierliche Melodie auf einem langen Blaſeinſtrument vor. Auf der Haͤlfte der Treppe ſtand noch ein Flamen, der in der einen Hand einen Votivkranz, in der andern 67 einen weißen Stab hielt, während der ſtattliche Ibis (ein dem egyptiſchen Kultus geheiligter Vogel), den maleriſchen Eindruck dieſer morgenländiſchen Zere⸗ monie vermehrend, ſtumm von der Mauer auf den Gottesdienſt herabſchaute, oder um den Altar einher⸗ ſchritt. Vor jenem Altar ſtand jetzt der opfernde Flamen). Die Geſichtszuge des Arbaces ſchienen, während die Aruſpices die Eingeweide unterſuchten, von ihrer ſtrengen Ruhe und Kälte nachzulaſſen, und ganz . frommer Andacht ſich hinzugeben— ſie nahmen einen t freudigeren Ausdruck an, als die Zeichen fuͤr guͤnſtig erklart wurden, und das Feuer hell und leuchtend den geheiligten Theil des Opfers unter Wohlgeruͤchen von Myrrhen und Weihrauch verzehrte. Eine todte Stille herrſchte in der Verſammlung, und als die Prieſter ſich um die Cella verſammelten, trat ein anderer Prieſter, ganz nackt bis auf einen Guͤrtel um den Leib, vor und erflehte, mit wilden Geberden umherſpringend, eine Antwort von der Goͤttin. Zu⸗ letzt horte er erſchöpft auf, und man vernahm im Innern der Statue ein leiſes Geraͤuſch; dreimal nickte ſie mit dem Kopfe, die Lippen oͤffneten ſich und eine hohle Stimme ſprach folgende myſtiſche Worte aus: „ *) Man vergleiche ein Gemaͤlde in dem Muſeum zu Neapel, welches ein egyptiſches Opfer darſtellt. 5* Gleich Roſſen ſchäumen und toben die Wogen, Schon Vieles ward in den Abgrund gezogen, Es droht die Gefahr in der Zukunft Schooß, 1 Doch Eure Schiffe trifft guͤnſtiges Loos!— Die Stimme ſchwieg— die verſammelte Menge ath⸗ mete freier— die Kaufleute waren beruhigt.— „Nichts kann deutlicher ſein,“ fluſterte Diomedz „die See wird ſtuͤrmiſch ſein, wie es oft beim An⸗ fange des Herbſtes der Fall iſt, doch unſeren Schif⸗ fen wird kein ungluͤck widerfahren. O, gnadenreiche Iſis!“— .„Gelobt ſei ewig die Göttin!“ ſagten die Kauf⸗ leute;„was kann unverfänglicher ſein, als dieſe Prophezeihung?“— 3 Der Oberprieſter vollendete ſeine Libation auf zi dem Altar, nachdem er eine Hand erhoben, zum Zeichen, daß das Volk ſchweigen ſolle, denn der Kul⸗ † tus der Iſis gebot eine, den lebhaften Pompejanern faſt unmoͤgliche Enthaltſamkeit in dem Gebrauche der Sprachorgane, und nach einem kleinen Schluß⸗ i gebete war die Zeremonie beendet, und die Verſamm⸗ ung wurde entlaffen. Der Egyptier blieb jedoch, und als der Tempel ſchon ziemlich leer war, naͤherte ſich ihm einer der Prieſter und gruͤßte ihn mit großer Vertraulichkeit. 3 Das Außere dieſes Prieſters war wenig einneh⸗ mend— ſein kahler Schädel war uͤber der Stirn ſo platt und ſchmal, daß er faſt dem eines afrikani⸗* 69 ſchen Wilden glich, außer gegen die Schlaͤfe zu, wo in jenem Organ, welches die Schuͤler der Wiſſen⸗ ſchaft, die zwar einen modernen Namen trägt, aber den Alten praktiſch ſehr genau bekannt war(wie ihre Bildhauerei es beweiſet), das Organ des Diebs⸗ ſinnes nennen, zwei ungewoͤhnlich ſtarke Erhoͤhun⸗ gen den haͤßlichen Kopf noch mehr entſtellten;— um die Stirne bildete die Haut ein Gewebe tiefer und verwickelter Runzeln— die dunkeln und kleinen Au⸗ gen rollten in gelbſchmutzigen Hoͤhlen— die kurze, doch dicke Naſe war abgeſtumpft wie die eines Sa⸗ tyr's— und die aufgeworfenen, blaſſen Lippen, die hervorſtehenden Backenknochen, die gelbliche Farbe der lederartigen Geſichtshaut trugen noch mehr dazu bei, den Anblick dieſes Kopfes abſchreckend und Miß⸗ trauen erweckend zu machen. Was jedoch auch die Leidenſchaften des Geiſtes ſein mochten, der dieſe ungeſtalt bewohnte, ſo ſchienen die korperlichen Kräfte ihnen zu entſprechen; die ſtarken Muskeln des Hal⸗ ſes, die breite Bruſt, die kräftigen Hände und Arme, die bis uͤber den Elnbogen entbloͤßt waren, zeigten von einem Koͤrper, der ſowohl angeſtrengter That⸗ kraft, als leidender Ausdauer gewachſen war. „Kalenus,“ ſagte der Egyptier zu dieſem Fla⸗ men,„Du haſt, indem Du meinen Anweiſungen folgteſt, die Stimme der Statue ſehr verbeſſert; und Deine Verſe ſind vortrefflich— prophezeihe nur immer guͤnſtige Erfolge, außer wenn deren Er⸗ fuͤllung durchaus unmoͤglich erſcheint.“ „Wenn auch,“ ſagte Kalenus,„der Sturm eintrifft, und die verdammten Schiffe untergehn, ha⸗ ben wir es dann nicht vorhergeſagt? Iſt es nicht ein gunſtiges Loos, wenn ſie zur Ruhe kommen?— Ruhe erfleht der Schiffer in der ägeiſchen See, we⸗ nigſtens ſagt Horaz ſo— kann der Schiffer auf der See mehr in Ruhe ſein, als wenn er auf deren Grunde liegt?“— „Richtig, mein Kalenus; ich wuͤnſchte, daß Apaecides an Deiner Weisheit ſich ein Beiſpiel nähme. Doch ich wuͤnſche mit Dir uͤber ihn und einige andere Gegenſtände mich zu unterhalten; kannſt Du mich in eines Eurer Sprachzimmer fuͤhren?“ „Gewiß,“ erwiederte der Prieſter, indem er den Arbaces in eine der kleineren Kammern an dem of⸗ fenen Thore fuͤhrte. Hier ſetzten ſie ſich an einen mit Fruͤchten, Eiern, kalten Speiſen und Gefäßen voll herrlichen Weines beſetzten Tiſch. Ein Vorhang vor dem, nach dem Hofe ſich offnenden Eingang er⸗ innerte ſie daran, leiſe zu ſprechen, oder ſich keine Geheimniſſe mitzutheilen; ſie wählten das Erſtere. „Du weißt,“ ſagte der Egyptier, in einem Tone, der kaum hoͤrbar wurde,„daß es immer mein Grundſatz war, die Jugend an mich zu ziehen. Ihr bewegliches und noch bildſames Gemuͤth macht es mir moglich, in ihr die geeignetſten Gehuͤlfen mir 71 zu erziehen. Ich forme und leite ſie nach meinem Willen. Die Männer mache ich zu meinen Anhän⸗ gern oder Dienernz die Mädchen—“ „Zu Geliebten,“ fiel Kalenus ein, und ein grin⸗ ſendes Laͤcheln entſtellte noch mehr ſeine häßlichen Zuͤge. „Ja, ich laͤugne es nicht, das weibliche Geſchlecht iſt der Hauptgegenſtand meiner Neigungen und Lei⸗ denſchaften. Wie ihr das Opferthier erſt ernährt, ſo liebe ich es, den Genuß mir durch eigene Ausbil⸗ dung vorzubereiten. Ich mag gerne die Jugend ausbilden und die Bluͤthe ihrer verborgenen Leiden⸗ ſchaften entknospen ſehn, um die Frucht nach mei⸗ nem Geſchmack zur Reife zu foͤrdern. Mich ekeln jene ausgelernten Buhlerinnen an; ich finde den wahren Reiz der Liebe in dem ſanften und unbewußten Fort⸗ ſchritt von der unſchuld zur Sehnſucht nach dem Genuſſe; auf dieſe Weiſe darf ich auch die überſät⸗ tigung nicht fürchten; und ich erhalte mir die Ju⸗ gendfriſche meiner eigenen Gefuͤhlc, indem ich ſie an andern beobachte. Aus den jungen Herzen meiner Schlachtopfer entnehme ich den Inhalt fuͤr den Zauberkeſſel, aus dem ich felbſt mich wieder verjuͤnge. Doch genug davon. So wiſſe denn, daß ich vor einiger Zeit in Neapel die Jone und den Apaceides antraf, die Tochter und den Sohn einer athonienſi⸗ ſchen Familie; welche ſich zu Neapel niedergelaſſen hatten. Der Tod ihrer Eltern, welche mich kannten und hochſchatzten, berief mich zu ihrem Beſchuͤtzer.— Der Jüͤngling, gelehrig und ſanft, fuͤgte ſich willig der Richtung, die ich ihm zu geben mich beſtrebte. Nach den Weibern liebe ich am meiſten die Erinne⸗ rungen aus dem Lande meiner Vorfahren; gerne be⸗ fordere und verbreite ich in entfernten Ländern (welche vielleicht ihre Kolonieen noch bevoͤlkern) ihren geheimnißvollen Kultus. Indem ich ſo den Göttern diene, gefällt es mir vielleicht, die Menſchen zu täu⸗ ſchen. Den Apaecides unterrichtete ich in dem hei⸗ ligen Gottesdienſt der Iſis. Ich erklärte ihm einige jener erhabenen Allegorien, die mit demſelben ver⸗ knüpft ſind. Ich entzuͤndete in ſeinem, fuͤr religiöſe Erhebung beſonders empfänglichen Gemuͤthe jene Be⸗ geiſterung, die der Glaube in der Einbildungskraft aufregt. Ich habe ihn zu Euch geſellt; er iſt einer der Eurigen!“— „Er iſt es,“ ſagte Kalenus,„aber dieſe Auf⸗ klärungen ſind ihm ſchädlich geworden. Es beäng⸗ ſtigt ihn, daß er ſich nicht länger getäuſcht fuͤhltz unſere weiſen Vorſpiegelungen— unſere redenden Statuen und geheimen Treppen ſind ihm widerwär⸗ tig; er bereuet,— er ſchleicht umher, ſpricht mit ſich ſelbſt, und weigert ſich, ferner Theil an unſeren Zeremonien zu nehmen. Man weiß, daß er häufig die Verſammlung von Maͤnnern beſucht, die in Ver⸗ dacht ſtehn, jener neuen atheiſtiſchen Sekte anzugehören, welche alle unſere Götter verläugnet und unſere Ora⸗ W W—* kel fuͤr die Eingebungen jenes boͤſen Geiſtes hält, deſſen die morgenlaͤndiſchen Sagen erwähnen. un⸗ ſere Orakel— ach! wir wiſſen ſehr gut, weſſen Eingebungen ſie ſind!“— „Dieſes mußte ich,“ ſagte Arbaces nachdenkend, „ſchon nach den Vorwuͤrfen beſorgen, die er mir machte, als ich ihn das letztemal ſah. Schon ſeit längerer Zeit flieht er mich— ich will ihn aufſu⸗ chen; ich muß meinen Unterricht fortſetzen; ich will ihn in das innere Heiligthum der Weisheit einfuͤhren. Ich muß ihn lehren, daß es zwei Stufen der Hei⸗ ligkeit gibt— die erſte: der Glaube— die zweite: die Enttäuſchungz erſtere fuͤr die Menge, letztere fuͤr die Auserwaͤhlten.“ „Ich habe die erſte Stufe uͤberſchlagen,“ ſagte Kalenus,„und ich glaube, auch Du, mein Ar⸗ baces.“— „Du irrſt,“ erwiederte der Egyptier ernſthaft, ich glaube noch jetzt(wenn auch nicht das, was ich lehre, doch das, was ich nicht lehre), die Natur hat eine Heiligkeit, der ich meine Anerkennung we⸗ der verweigern kann, noch will. Ich glaube an mein eigenes Wiſſen, und das hat mir entdeckt— doch genug davon. Kehren wir zu unſern irdiſchen Angelegenheiten zuruͤck. Wenn ich meinen Plan mit Apaecides ausfuͤhrte, was waren dann meine Ab⸗ ſichten mit Jone? Du weißt bereits, daß ich ſie zu meiner Koͤnigin— meiner Braut— der Iſis mei⸗ nes Herzens beſtimmte. Erſt, als ich ſie geſehn, empfand ich ganz die Liebe, deren meine Natur fa⸗ hig iſt.“— „Ich hore von allen Seiten, daß ſie eine zweite Helena iſt,“ ſagte Kalenus, und er ſchmatzte dabei mit den Lippen, doch iſt es ſchwer zu unterſcheiden, ob dieſes Schmatzen auf die Rechnung des Weins oder ſeiner Bemerkung zu ſetzen war. „Ja, ihre Schoͤnheit wurde ſelbſt in Griechen⸗ land nie uͤbertroffen,“ ſagte Arbaces.—„Aber das iſt noch nicht Alles; auch ihr Geiſt iſt des meinigen wuͤrdig. Sie hat einen, fuͤr ein Weib ungewoͤhn⸗ lichen Genius— kuͤhn— emporſtrebend— aus⸗ dauernd. Die Poeſie weilt unwillkuͤhrlich auf ihren Lippen;— man braucht nur eine Wahrheit auszu⸗ ſprechen, und ſei ſie noch ſo tief und verſteckt, ſo erfaßt und beherrſcht ſie ihr Verſtand. Dieſer und ihre Einbildungskraft ſind nicht in ewigem Kriege begriffen, nein, ſie wirken gemeinſchaftlich, wie Winde und Wellen, die der Fahrt eines Schiffes guͤnſtig ſind. Damit vereinigt ſie eine ſelbſtſtändige unab⸗ haͤngigkeit der Gedankenz ſie kann allein ſtehn in der Welt; ſie kann ſo muthig ſein, als ſie ſanft iſt; die⸗ ſes ſind die Eigenſchaften, welche ich von jeher in dem Weibe ſuchte, und erſt jetzt gefunden habe. Jone muß die Meinige werden! Zu ihr zieht mich dop⸗ pelte Leidenſchaft; ich wuͤnſche, ihre geiſtige, wie ihre korperliche Schoͤnheit zu genießen.“— 25 „Alſo iſt ſie noch nicht die Deinige?“ fragte der Prieſter. „Nein, ſie liebt mich— doch nur wie einen Freund; ſie liebt mich blos mit ihrem Geiſte. Sie ſetzt in mir die geringfuͤgigen Tugenden voraus, welche ich nur zu verachten die hoͤhere Tugend habe. Doch ich muß Dir noch mehr uͤber ſie mittheilen. Der Bruder und die Schweſter waren jung und reich; Jone iſt ſtolz und ehrgeizig— ſtolz auf ihre geiſtigen Fähigkeiten— auf ihr poetiſches Talent, auf die Reize ihrer Unterhaltung. Als ihr Bruder mich verließ und in Euren Tempel trat, ging ſie ebenfalls nach Pompeji, um in ſeiner Nähe zu blei⸗ ben. Ihre Talente ſind bereits hier bekannt. Sie gibt glänzende Feſte; ihre Schoͤnheit, ihre Stimme, ihre Poeſie haben eine Schaar von Verehrern um ſie geſammelt. Es ſchmeichelt ihren Ehrgeiz, wenn ſie die Nachfolgerin der Erinna genannt wird.“ „Oder der Sappho?“ „Aber eine Sappho ohne Liebe! Ich ermuthigte ſie, in dieſer kuͤhnen Laufbahn zu verharren, dem Vergnuͤgen und der Eitelkeit zu huldigen; ich liebte es, ſie durch die Zerſtreuungen und den Luxus Pom⸗ peji's fortgeriſſen zu ſehn. Ich beabſichtigte, ihr Gemuͤth zu entnerven— es iſt aber zu rein, um bis jetzt fuͤr die Eindruͤcke empfaͤnglich geweſen zu ſein, von denen ich wuͤnſche, daß ſie nicht blos uͤber den kryſtallenen Spiegel hinhauchen, ſondern tiefe ——— Spuren in ihm zuruͤcklaſſen möchten. Ich wunſchte, ſie durch eitle, leere Gecken, durch Anbeter umgeben zu ſehn, die ſie verachten mußte, damit ſie deſto mehr den Mangel wahrer Liebe fuͤhlen moͤge. Dann, in jenem Zuſtande der Erſchoͤpfung, welcher der Auf⸗ regung folgen mußte, konnte ich meine Netze ſtel⸗ len— ihre Theilnahme erregen— ihre Leidenſchaf⸗ ten wecken und leiten— um mich ihres Herzens zu bemächtigen. Denn nicht blos Jugend, Schoͤnheit und Lebhaftigkeit vermoögen Jone zu feſſeln; ihrer Einbildungskraft muß man ſich bemeiſtern, und das Leben des Arbaces war bisher ein fortwährender Triumph uͤber die Einbildungskraft ſeiner Mit⸗ menſchen.“ „Biſt Du aber nicht beſorgt wegen Deiner Ne⸗ benbuhler? Die Verehrer des weiblichen Geſchlechts in Italien ſind gewandt in der Kunſt, zu gefallen.“ „Das fuͤrchte ich nicht!— ihr griechiſches Ge⸗ muth verachtet die barbariſchen Römer, und wuͤrde ſich ſelbſt verachten, wenn es Liebe fuͤr einen Ab⸗ koͤmmling dieſes Geſchlechts fühlte.“ „Aber Du biſt ein Egypter, und kein Grieche!“— „Egypten,“ erwiederte Arbaces,„iſt die Mutter Athens. Die Schutzgöttin dieſer Stadt, Minerva, iſt unſere Gottheit, und der Gruͤnder derſelben, Ce⸗ crops, war ein Flüchtling aus unſerm egyptiſchen Sais. Dieſes habe ich ihr bereits mitgetheilt, und in meinem Blut verehrt ſie die älteſte Dynaſtie der 77 Erde. Doch muß ich geſtehn, daß ſeit Kurzem eini⸗ ges Mißtrauen in mir erwacht iſt. Sie iſt ſchweig⸗ ſamer, als ſie zu ſein pflegte; ſie liebt melancholiſche und traurige Muſik; ſie ſeufzt ohne einen aͤußern Grund. Dieſes kann den Mangel der Liebe— aber auch deren Entſtehung andeuten. In beiden Faͤllen iſt es Zeit, meine Plane auf ihren Geiſt und ihr Herz auszufuͤhren; in dem einen Fall, um die Quelle der Liebe gegen mich zu leiten, in dem andern, um ſie fuͤr mich zu erwecken. Aus dieſem Grunde habe ich Dich aufgeſucht.“— „Und wie kann ich Dir behuͤlflich ſein?“ „Ich beabſichtige, ſie zu einem Feſte in meinem Hauſe einzuladen; ich wuͤnſche, ihre Sinnen zu ver⸗ blenden, aufzuregen und zu entflammen. Unſere Kuͤnſte— jene Kuͤnſte, durch welche in Egypten die Novizen gebildet wurden, muͤſſen angewendet wer⸗ den; und ich will ihr unter dem Schleier der My⸗ ſterien der Religion die Geheimniſſe der Liebe mit⸗ theilen.“ „Ah, jetzt verſtehe ich— eines jener uͤppigen Feſte, an welchen wir— trotz unſerer Gelubde der Enthaltſamkeit, wir, die Prieſter der Iſis, in Dei⸗ nem Hauſe Theil genommen haben.“ „Nein, nein! Glaubſt Du, daß ihre keuſchen Augen fuͤr ſolche Scenen ſchon geeignet ſind?— Nein— zuerſt muͤſſen wir den Bruder wieder theilen.“ in unſere Netze ziehen— dieſes iſt eine leich⸗ tere Aufgabe. Ich will Dir jetzt meinen Plan mit⸗ Fünftes Kapitel. Die Noch Einiges von dem Blumen⸗Maädchen.— Fortſchritte der Liebe. Die Sonne ſchien leuchtend in jenes ſchöne Zimmer im Hauſe des Glaukus, welches, wie ich bereits vor⸗ hin erwähnte, jetzt„die Stube der Leda“ genannt wird. Das Licht drang durch eine Reihe kleiner Fenſter im obern Theile des Gemachs, und die Thuͤre öffnete ſich in den Garten, welcher den Bewohnern ſuͤdlicher Städte daſſelbe war, was uns ein Treib⸗ haus iſt. Die Groͤße des Gartens machte ihn zum Spazierengehen nicht geeignet, doch die verſchiedenen Pflanzen und Blumen in demſelben gewährten der in ſuͤdlichen Landern ſo beliebten Indolens Zerſtreuung und unterhaltung. Durch ein von der nicht entfern⸗ ten See wehendes Luͤftchen wurden die wohlriechen⸗ den Duͤfte in jenes Zimmer gefuͤhrt, deſſen Wände mit den lebhafteſten Farben der ſchonſten Blumen 29 wetteiferten. Außer dem Hauptgemaͤlde, die Leda und den Tyndarus darſtellend, wurde das Auge noch durch einige andere Gemaͤlde von ausgezeichneter Schonheit entzuͤckt. In dem einen ſah man Kupido, wie er ſich an die Venus ſchmiegte, in einem andern Ariadne, am ufer ſchlafend, noch unbekannt mit der Treuloſigkeit des Theſeus. Die Sonnenſtrahlen ſpiel⸗ ten luſtig auf dem mit Moſaik ausgelegten Fußboden und an den glänzenden Wänden— und zugleich durchdrangen die Strahlen der Freude das Herz des jungen Glaukus. „Ich ſah ſie alſo,“ ſagte er, indem er in der kleinen Stube auf und ab ging,„ich horte ſie, ich ſprach ſelbſt wieder mit ihr— ich horchte auf die entzuͤckenden Tone ihres Geſanges, und ſie ſang vom Ruhme und von Griechenland. Ich habe das Ideal meiner Träume endlich entdeckt, das ich ſo lange ſuchte, und, es wurde mir, dem cypriſchen Kuͤnſtler gleich, gewährt, dem Werk meiner eigenen Einbil⸗ dungskraft Leben einzuhauchen.“— Dieſer Monolog des liebenden Glaukus wuͤrde vielleicht noch läͤnger gedauert haben, doch in dieſem Augenblick verdunkelte ein Schatten die Schwelle der Stube, und ein junges Mädchen, faſt noch ein Kind, unterbrach ſeine Einſamkeit. Sie war einfach in eine weiße Tunika gekleidet, die vom Nacken bis auf die Fuͤße reichte; unter dem Arme trug ſie ein Koͤrb⸗ chen mit Blumen, und in der andern Hand hielt ſie e.— Ihre Geſichtszüge wa⸗ ſehr ausgebildet, doch ſanft ſie auch nicht fur ſchoͤn gel⸗ ten konnten, ſo wurden ſie es faſt durch die Schon⸗ heit ihres Ausdrucks. Es lag in ihrer Erſcheinung etwas ſo Mildes, man konnte faſt ſagen, Geduldi⸗ ges,— ein Zug duldender Trauer, ruhiger Ergebung hatte das Lächeln, aber nicht die Anmuth von ihren Lippen verbannt; etwas Engſtliches⸗und Vorſichtiges in ihrem Gange ließ das unglück errathen, welches ſie ſeit ihrer Geburt kannte;— ſie war blinds— aber in den Augen ſah man es ihr nicht an, ihr melan⸗ choliſcher und ſchuͤchterner Blick war klar und heiter. „Man ſagt mir, Glaukus ſei hier,“ ſagte ſie, „darf ich eintreten?“ „Ach! meine Nydia,“ erwiederte der Grieche, „biſt Du es? ich wußte wohl, daß Du kommen wuͤrdeſt.“ „Glaukus ließ ſich nur ſelbſt Gerechtigkeit wider⸗ fahren,“ antwortete Nydia erroöthend;„denn er war immer gutig gegen das arme blinde Mädchen.“ „Wer könnte es auch nicht ſein?“ ſagte Glau⸗ kus zärtlich und in dem Tone eines liebenden Bruders. N Nydia ſeufste und fragte, ohne auf ſeine Be⸗ merkung etwas zu erwiedern:„Du viſt erſt ſeit Kurzem zuruͤckgekehrt?“ „Seit ſechs Tagen bin ich wieder in Pompeji.“ eine bronzene Waſſervaſ ren fuͤr ihr Alter ſchon und weiblich, und wenn 81 „und Du befindeſt Dich wohl? Ach, ich brauche nicht zu fragen, denn wer, der die Erde ſehen kann, die, wie man mir erzaͤhlt, ſo ſchoͤn ſein ſoll, kann ſich ſchlecht befinden?“ „Ich befinde mich wohl— und Du, Nydia?— wie Du gewachſen biſt!— im naͤchſten Jahre wirſt Du wohl daran denken muͤſſen, welche Antworten Du Deinen Geliebten zu geben haſt.“— Nochmals erröthete Nydia.„Ich habe Dir ei⸗ nige Blumen gebracht,“ ſagte ſie, ohne auf eine„% Bemerkung etwas zu erwiedern, die ihr zu mißfal⸗ len ſchien und ſie taſtete im Zimmer umher, bis ſie den Tiſch fuͤhlte, an dem Glaukus ſtand. Indem ſie ihr Koͤrbchen dort hin legte, ſprach ſie:„die Blumen ſind nicht ſchon, aber ſie ſind friſch ge⸗,“ pfluckt.“ „Von der Flora ſelbſt wuͤrden ſie mir nicht lie⸗ ber ſein,“ ſagte er freundlich;„und ich erneuere nochmals den Grazien mein Geluͤbde, daß ich keine anderen Kränze tragen will, ſo lange Deine Häͤnde mir ſie winden.“ „und wie gedeihen die Blumen in Deinem Vi⸗ ridarium?“— „Vortrefflich, die Laren ſelbſt muſſen ſie gepflegt haben.“— — ſenheit, ſo oft ich konnte, um ſie zu begießen.“ „Wie ſoll ich Dir danken, ſchoͤne Nydia?“— Bulwer's Werke. Taſchenausg. I. 6 O! das freut mich; ich kam in Deiner Abwe⸗ F. ℳ — * A—§ „ — . 82 ſagte der Grieche.„Glaukus ließ es ſich nicht träu⸗ men, daß ſeine Blumen eine ſo ſorgſame Wärterin gefunden haͤtten.“ Die Hand des Kindes zitterte, und ihr Herz klopfte. Verlegen trat ſie zuruͤck.„Die Sonne iſt heute zu heiß fuͤr die armen Blumen, und ſeit neun Tagen habe ich ſie nicht beſucht, denn ich war unwohl.“ „Krank, Nydia! doch Deine Wangen ſind ro⸗ ther, als im vorigen Jahre.“ „Ich bin oft unpäßlich,“ ſagte traurig das blinde Maͤdchen,„und mit jedem Jahre ſchmerzt es mich mehr, daß ich blind bin. Aber jetzt zu mei⸗ nen Blumen!“— Sie machte eine leichte Verbeu⸗ gung mit dem Kopf, und begab ſich in das Viri⸗ darium, wo ſie ſich mit der Wartung der Blumen beſchäftigte. „Arme Nydia,“ ſprach Glaukus, indem er ihr nachſah,„Dein Loos iſt hart. Du ſiehſt nicht die Erde,— noch die Sonne— noch das Meer— noch die Sterne— vor Allem aber kannſt Du Jo⸗ nen nicht ſehen.“ Bei dieſem Gedanken erinnerte er ſich wieder des vorigen Abends, wurde aber nochmals in ſeinen Träumereien geſtoͤrt, indem Klodius eintrat. Es war merkwuͤrdig, und ein Beweis, wie ſehr ein Abend die Liebe des Athenienſers geſteigert hatte, daß, obgleich er dem Klodius das Geheimniß ſeines 83 erſten Zuſammentreffens mit Jonen mitgetheilt hatte, und die Wirkung, die ihr erſter Anblick auf ihn machte, er jetzt eine unberwindliche Abneigung fuͤhlte, ſelbſt ihres Namens zu erwaͤhnen. Er hatte Jonen mitten unter den ausgelaſſenſten und verderbteſten Stutzern Pompeji's rein und unſchuldig wiederge⸗ ſehn— die Achtung der Keckſten mehr durch An⸗ muth, als zuruͤckſtoßendes Weſen gewinnend, und ſelbſt die Natur der Sinnlichſten, und am wenigſten fuͤr das Ideal Empfänglichen verändernd,— und ſo wirkte ſie durch ihren geiſtigen Zauber entgegenge⸗ ſetzt, wie nach der Fabel die Circe, indem ſie die Thiere in Menſchen umwandelte. Diejenigen, welche ihren Geiſt nicht verſtanden, wurden durch die Ma⸗ gie ihrer Schonheit dem Materiellen entruͤckt— die fuͤr die Reize der Poeſie Gefuͤhlloſen hatten wenig⸗ ſtens Ohren für den Wohlklang ihrer Stimme. Glaukus fuhlte faſt zuerſt, als er durch ihre Gegen⸗ wart Alles zu fleckenloſer Reinheit erhoben ſah, die Wuͤrde ſeiner eigenen Natur; er fuͤhlte, daß ſeine Gefährten und ſein Treiben der Goͤttin ſeiner Traͤume nicht entſprächen; er wurde begeiſtert durch ein Ge⸗ fuͤhl ſeines Muthes, indem er es wagte, nach dem Beſitze Jonens zu ſtreben. Er fuͤhlte, daß es jetzt ſeine Beſtimmung ſei, einem hoͤheren Berufe ſich zu widmen. Er konnte nicht länger dieſen Namen, der ſeiner feurigen Phantaſie als heilig und gottlich er⸗ ſchien, vor unwürdigen Ohren ausſprechen. Sie 6* war nicht länger das, nur einmal geſehene und in der Erinnerung lebende ſchoͤne Maädchen— ſie war bereits die Gebieterin, die Gottheit ſeiner Seele. Wer wurde ſich dieſes Gefuͤhls nicht ſchon einmal bewußt?— Bei wem es nie der Fall war, der hat auch nie wahrhaft geliebt!— Als Klodius mit erheucheltem Entzuͤcken von der Schönheit der Jone ſprach, fuͤhlte Glaukus Mit⸗ muth und Widerwillen, daß ſolche Lippen ſie zu loben wagten; er antwortete einſylbig und kalt, und der Romer bildete ſich ein, ſeine Leidenſchaft ſei, ſtatt zugenommen zu haben, bereits abgeſtorben. Auch mißfiel dieſes dem Klodius nicht, denn er wuͤnſchte, daß Glaukus eine noch reichere Erbin hei⸗ rathen moͤge— nämlich Julia, die Tochter des Dio⸗ medes, deren Gold der Spieler leicht glaubte fuͤr ſich ſelbſt gewinnen zu koͤnnen. Die Unterhaltung war nicht ſo lebhaft und unbefangen, als gewoͤhn⸗ lich, und kaum hatte Klodius ihn verlaſſen, als Glaukus ſich auf den Weg nach dem Hauſe der Jone begab. An der Schwelle ſeiner Wohnung begegnete ihm wieder Nydia, die ihr anmuthiges Geſchäft vollendet hatte. Sie erkannte ihn gleich an ſeinem Gange. „Du gehſt fruͤh aus,“ ſagte ſie. „Ja, der kampaniſche Morgen beſtraft den Trä⸗ gen, der ihn verſaͤumt.“ „Ach, konnte ich ihn doch auch genießen!“ S n 8⁵ fluͤſterte das blinde Mädchen, doch nur ſo laut, daß Glaukus ihre Klage nicht uͤberhoͤren konnte. Die Theſſalierin blieb noch etwas ſtehn; darauf ſuchte ſie ihren Weg mit einem langen Stab, deſſen ſie ſich mit großer Geſchicklichkeit bediente. Sie ver⸗ ließ bald die beſuchteren Straßen, und trat in einen Theil der Stadt, der meiſt nur durch Trunkenbolde und entartete Menſchen beſucht wurde. Doch ihr ungluͤck ſchuͤtzte ſie vor der Gemeinheit und dem Laſter, welche ſie umgaben. Zu jener Zeit waren jene Straßen einſam und ſtille, und ihr Ohr wurde durch die Toͤne nicht verletzt, welche ſo oft aus den dunklen Schlupfwinkeln drangen, an denen ſie vor⸗ bei ging. Sie klopfte an die Hausthuͤre eines kleinen Wirthshauſes; es ward geoͤffnet, und eine rauhe Stimme forderte Rechenſchaft von ihr uͤber die ein⸗ genommenen Seſterzien. Bevor ſie noch antworten konnte, ſagte eine etwas weniger gemeine Stimme: „Kuͤmmere Dich nicht um dieſe kleinen Vortheile, mein Burbo. Auf den Feſten unſeres reichen Freun⸗ des wird man der Stimme des Mädchens wieder be⸗ duͤrfen; und er bezahlt, wie Du weißt, ſeine Rach⸗ tigallenzungen theuer genug.“ „Oh, ich hoffe nicht— ich denke nicht,“ ſagte Nydia zitternd,„ich will betteln vom Morgen bis zum Abend, aber ſchickt mich nicht wieder dorthin.“ „und weshalb nicht?“ fragte dieſelbe Stimme. „Weil— weil ich jung bin, und gut erzogen, und die Mädchen, die ich dort finde, keine geeignete Geſellſchaft fuͤr mich ſind, die,— die—“ „Eine Sklavin im Hauſe des Burbo iſt,“ er⸗ wiederte die Stimme ironiſch und mit heiſerem Ge⸗ laͤchter. Die Theſſalierin ſetzte ihr Blumenkoͤrbchen nieder, und weinte, indem ſie ſich das Geſicht mit den Hän⸗ den bedeckte. Waährend dieſes vorfiel, trat Glaukus in das Haus der ſchoͤnen Neapolitanerin. Er fand Jonen bei ihrer weiblichen Dienerſchaft ſitzend, die mit Ar⸗ veiten beſchaäftigt war. Zur Seite ſtand ihre Harfe, denn Jone ſelbſt war dieſen Tag ungewoͤhnlich un⸗ thätig, vielleicht ungewoͤhnlich nachdenkend. Sie ſchien ihm ſogar ſchoner in dem Morgenlicht und in ihrer einfachen Kleidung, als unter den glänzenden Lampen und mit den koſtbaren Edelſteinen, wie in der vori⸗ gen Nacht, geziert;— und um ſo mehr, da die blaſſe Farbe ihrer durchſichtigen Haut bei ſeiner An⸗ näherung ſich in ein hohes Roth verwandelte. An die Schmeichelei gewoͤhnt, erſtarb dieſe, als er Jonen anredete. Er fuͤhlte es unter ihrer Wuͤrde, die Huldigung auszuſprechen, die jeder Blick ihr dar⸗ brachte. Sie ſprachen uͤber Griechenland; dieſes war ein Gegenſtand, uͤber den Jone lieber ſprechen hoͤrte, 87 als daß ſie ſelbſt uͤber ihn ſprach; es war ein Ge⸗ genſtand, uͤber den der Grieche unerſchoͤpflich war. Er beſchrieb ihr die kuhlen Haine, welche noch jetzt vie ufer des Iliſſus umgeben, und die, ihrer Schätze bereits halb beraubten Tempel— doch wie ſchon noch in ihrem Verfall! Er ſprach von der jetzt ein⸗ ſamen Stadt Harmodius, des Freien, und Perikles, des Prächtigen, und beleuchtete jene Zeit aus einer Hoͤhe, in welcher alle finſteren Schatten gemildert werden. Er hatte das Land der Poeſie meiſt nur in dem poetiſchen Alter fruͤherer Jugend geſehn; und die Erinnerungen der Vaterlandsliebe waren mit denen der erſten friſchen Lebensluſt verwebt. und Jone horchte auf ſeine Worte, ſtill und nachden⸗ kend; dieſe Tone und dieſe Beſchreibungen hatten mehr Werth fur ſie, als die feinſten Schmeicheleien ihrer zahl⸗ reichen Anbeter. War es eine Suͤnde, ihren Lands⸗ mann zu lieben?— ſie liebte in ihm Athen,— die Götter ihres Stamms, das Land ihrer Träume, redeten zu ihr in ſeiner Stimme! Von jetzt an ſahen ſie ſich täglich. In der Kuͤhle des Abends machten ſie Spaziergänge an die herrliche Kuͤſte. Ihre Liebe war eben ſo innig, als ſie ſchnell ſich entzuͤndet hatte; ſie fuͤllte alle Anſpruͤche ihres Lebens aus. Das Herz— der Verſtand— das Gefuͤhl— die Einbildungskraft; jede geiſtige und moraliſche Eigen⸗ ſchaft wurde zum Prieſter und Gehuͤlfen dieſer Liebe. Wie wenn ein Hinderniß zwiſchen zwei Gegenſtän⸗ den, die ſich gegenſeitig anziehen, beſeitigt wird— ſo begegneten und vereinigten ſie ſich, und es war ihnen unbegreiflich, daß ſie ſo lange ungetrennt hat⸗ ten leben konnen. Es war ganz natuͤrlich, daß ſie ſich ſo lieben mußten. Sie glaubten, der Himmel ſelbſt billige ihre Neigung. Jung, ſchön und reich— von demſelben Stande und gleich geſtimmt— ihrer Vereinigung ſchien nichts entgegen zu ſtehen. Wie die Verfolgten ſich in die Kirche fluͤchten, ſo hielten ſie den Altar ihrer Liebe fuͤr ein Aſyl vor den Sor⸗ gen der Erdez ſie bedeckten ihn mit Blumen, und ſie wußten nicht, welche Schlangen unter dieſen ver⸗ borgen lagen. An einem Abend, dem fuͤnften nach ihrem erſten Zuſammentreffen in Pompeji, kehrten Glaukus und Jone mit einer Geſellſchaft auserleſener Freunde von einer Gondelfahrt laͤngs der Bay zuruͤck; das Schiff⸗ chen flog leicht uber die Wellen, deren durchſichtige Flaͤche nur durch die Ruder in Bewegung gebracht wurde. Waͤhrend die uͤbrige Geſellſchaft ſich munter unterhielt, lag Glaukus zu den Fuͤßen Jonens, und er wuͤrde in ihr Antlitz geſchaut haben, aber er wagte es nicht. Jone brach zuerſt das Stillſchweigen. „Mein armer Bruder!“— ſagte ſie ſeufzend, „wie wuͤrde er ſich einſt dieſer Stunde gefreut haben.“ „Dein Bruder!“ ſagte Glaukus,„ich habe ihn nicht geſehn. Nur mit Dir beſchäftigt, habe ich an 89 nichts Anderes gedacht, ſonſt wuͤrde ich Dich ſchon gefragt haben, ob es nicht Dein Bruder war, in deſſen Begleitung Du vor dem Tempel der Minerva vor Neapel Dich von mir trennteſt.“ „Er war es.“ „Und iſt er hier?“— „Er iſt“— „In Pompeji! und nicht immer bei Dir?— unmoͤglich!“— „Er hat andere Pflichten,“ erwiederte Jone traurig;„er iſt ein Prieſter der Iſis.“— „Noch ſo jung, und dieſe Prieſterſchaft iſt, we⸗ nigſtens nach ihren Geſetzen, ſo ſtrenge!“— ſagte der Grieche verwundert und mitleidig.„Was konnte ihn dazu veranlaſſen?“— „Er war immer enthuſiaſtiſch in ſeinen religiö⸗ ſen Anſichten; und die Beredtſamkeit eines Egyp⸗ tiers— unſeres Freundes und Beſchuͤtzers— er⸗ weckte in ihm das fromme Verlangen, dem geheim⸗ nißvollen Dienſt der myſtiſchen Goͤttin ſich zu wid⸗ men. Vielleicht fand er in dem übermaß ſeines Eifers die ſtrengen Geſetze dieſer Prieſterſchaft be⸗ ſonders anziehend.“— „und er bereut nicht ſeine Wahl?— Sch hoffe, er iſt gluͤcklich?“— Jone ſeufzte und bedeckte das Antlitz mit ihrem Schleier. „Ich wuͤnſchte,“ ſagte ſie nach einer Pauſe,„er 90 haͤtte nicht ſo uͤbereilt gehandelt. Vielleicht fühlt er ſich, wie Alle, die zu viel erwarten, zu bald ent⸗ taͤuſcht!“— 3 „Er iſt alſo nicht gluͤcklich in ſeinem neuen Stande— und dieſer Egyptier, war er ſelbſt ein Wrieſter? war er dabei intereſſirt, neue Mitglieder fur die Geſellſchaft zu werben?“— „Nein; es geſchah nur aus reiner Theilnahme fuͤr unſer Schickſal; er glaubte, das Gluͤck meines Bruders zu befoͤrdern. Wir verloren fruͤh unſere Eltern.“ 5 „So wie ich,“ ſagte Glaukus, indem er tiefe Bedeutung in dieſe Worte legte. Jone ſchlug, indem ſie fortfuhr, die Augen nieder: „und Arbaces beſtrebte ſich, den Verluſt unſerer Eltern uns zu erſetzen. Du mußt ihn kennen. Er verehrt geiſtige Anlagen und Talente.“ „Arbaces! ich kenne ihn ſchonz wenigſtens ſprechen wir zuſammen, wenn wir uns begegnen. Aber Dei⸗ nes Lobes ohnerachtet, verlange ich ihn nicht näher kennen zu lernen. Mein Herz fuͤhlt ſich leicht zu Vielen hingezogen, aber jener ſtolze Egyptier, mit ſeinem finſtern Blick und dem kalten Lächeln, macht einen unheimlichen Eindruck auf mich. Man ſollte faſt glauben, daß er, wie Epimenides, der Kretenſer, — 91 vierzig Jahre in einer Hoͤhle zugebracht habe, und das Licht des Tages ſeitdem ihm widerwaͤrtig ge⸗ worden ſei.“— „Ja, er iſt, wie Epimenides, weiſe und milde und gut,“ antwortete Jone. „O, wie gluͤcklich iſt er, daß Du ihn lobſt!“ „Er bedarf keiner andern Tugenden, um mir theuer zu werden.“ „Seine Ruhe, ſeine Kälte,“ ſagte ſie, indem ſie ausweichend fortfuhr,„ſind vielleicht nur die Folgen fruherer Leiden, ſo wie es bei jenem Berge der Fall iſt(und ſie zeigte auf den Veſuv), der uns in der Ferne finſter und ruhig erſcheint, und einſt das fuͤr immer erloſchene Feuer nährte.“ Sie blickten Beide nach dem Berge, als Jone dieſe Worte ausſprach; an dem Himmel glänzte ein roſigtes Farbenſpiel, doch uͤber jener grauen Spitze, die ſich aus den Wäldern und Weingaͤrten erhob, welche damals die halbe Hoͤhe erreichten, hing eine ſchwarze und verhängnißvolle Wolke als das einzige duͤſtre Bild in der ganzen Landſchaft. Eine plotz⸗ liche, unwillkuͤhrliche Schwermuth bemaͤchtigte ſich ihrer, als ſie dorthin blickten, und in jener Sympa⸗ thie, welche die Liebe ihnen bereits gelehrt hatte, und die bei der geringſten Fußerung, dem kleinſten Vorgefuhl eines ungluͤcks, in gegenſeitiger Theil⸗ nahme ſie Schutz ſuchen ließ, begegneten ſich ihre Blicke zugleich voll unausſprechlicher Zärtlichkeit. Bedurfte es wohl der Worte, um ſich zu ſagen, daß ſie ſich liebten?— Sechstes Kapitel. Der Vogelſteller faͤngt den ihm entſchlüpften Vogel wieder, und ſtellt ſeine Netze für einen neuen auf. 3 der Geſchichte, die ich erzähle, folgen ſich die Ereigniſſe ſo ſchnell und gedraͤngt, als in einem Drama. Ich ſchreibe von einer Zeit, in welcher Tage hinreichten, um Fruͤchte zu reifen, die ſotſt jahrelanges Wachsthum erfordern. Arbaces hatte ſeit einiger Zeit das Haus der Jone ſeltener beſucht, und war dorten niemals mit dem Glaukus zuſammengetroffen, auch wußte er bis jetzt noch nichts von jener Liebe, die ſo ſchnell zwi⸗ ſchen ihn und ſeine Abſichten getreten war. Seine Plane mit dem Bruder der Jone hatten ihn gezwun⸗ gen, fuͤr einige Zeit ſich mit der Jone ſelbſt weni⸗ ger zu beſchäftigen. Sein Stolz und ſeine Selbſt⸗ ſucht wurden durch den ſchnellen Wechſel beunruhigt 1 93 und aufgeregt, der in der Geiſtesſtimmung des Jung⸗ lings bemerkbar war. Er fuͤrchtete, daß er ſelbſt einen folgſamen Schuͤler, und Iſis einen begeiſterten Anhaͤnger verlieren koͤnne. Apaecides ſuchte ſeinen umgang und ſeinen Rath nicht mehr. Man konnte ihn ſelten finden; er vermied ſogar den Egyptier, wenn er ihm begegnete. Arbaces war einer jener maͤchtigen und uberlegenen Geiſter, die gewohnt ſind, Andere zu beherrſchen; er fuͤhlte ſich beſchämt bei dem Gedanken, daß Einer, der fruͤher ſein eigen war, ſich ihm gänzlich entziehen könne. Er ſchwor bei ſich ſelbſt, Apaecides ſolle ihm nicht entgehen. Mit dieſem Entſchluß kam er durch eine dunkle Baumgruppe durch die Stadt, die zwiſchen ſeinem Hauſe und dem der Jone lag, auf ſeinem Wege zu der Letztern; und dort begegnete er unvermuthet dem jungen Prieſter der Iſis, der ſich an einen Baum gelehnt hatte, und auf die Erde blickte. „Apaecides,“ ſagte er, und legte ſeine Hand ver⸗ traulich auf die Schulter des jungen Mannes. Der Prieſter erſchrak, und ſchien fliehen zu wol⸗ len.„Mein Sohn,“ ſagte der Egyptier,„was that ich Dir, daß Du mich meiden willſt?“ Apaecides ſchwieg, indem er auf den Boden ſah, ſeine Lippen zitterten, und ſein ganzes Weſen war aufgeregt. „Rede mit mir, mein Freund,“ fuhr der Egyp⸗ tier fort—„ Rede, Dein Geiſt ſcheint beunruhigt. Was haſt Du mir zu entdecken?“— „Dir— nichts.“ „Und weshalb haſt Du grade zu mir ſo wenig Zutrauen?“ „Weil Du Dich als meinen Feind erwieſen haſt.— „Wir wollen uns daruͤber ausſprechen,“ ſagte Arbaces mit leiſer Stimme, und indem er den wi⸗ derſtrebenden Arm des Prieſters faßte, zog er ihn auf eine der Bänke, die in der Nähe waren. Sie ſetzten ſich, und die duͤſtre Einſamkeit des Ortes ſchien der Stimmung jener finſtern Gemuͤther zu entſprechen. Apaecides war noch in ſeiner Jugendbluthe, doch ſchien er ſchon mehr Lebenskräfte erſchoͤpft zu haben, als ſelbſt der Egyptier— ſeine feinen und regel⸗ mäßigen Zuge hatten den Ausdruck des Lebensuͤber⸗ druſſes angenommen— ſeine Augen lagen tief, und funkelten in fieberhaftem Blick— ſeinen Koͤrper fingen die geiſtigen Kämpfe ſchon an zu beugen, und in den kleinen, zarten Händen deuteten die blauen, angeſchwollenen Adern Abſpannung und Kraftloſigkeit an— in ſeinem Antlitz erkannte man eine auffallende Fhnlichkeit mit ſeiner Schweſter, doch der Ausdruck war weit verſchieden von jener majeſtätiſchen und geiſtigen Ruhe, welche Jonens Schoͤnheit verklärte. Auch in ihr war die Begeiſte⸗ rung ſichtbar, doch behauptete ſie nicht das überge⸗ 95 wicht, und dieſes machte ſie nur um ſo anziehender denn man wuͤnſchte jenen Geiſt zu erwecken, der zwar ruhte, aber offenbar nicht ſchlief. Dies Weſen des Apaecides zeugte von der Gluth und Leidenſchaft⸗ lichkeit ſeines Temperaments, und der geiſtige Theil ſeiner Natur ſchien, nach dem wilden Feuer ſeiner Augen— der auffallenden Breite ſeiner Schlaͤfe im Vergleich zu der Hoͤhe der Stirne— der zitternden Beweglichkeit ſeiner Lippen— durch die Einbil⸗ dungskraft beherrſcht zu werden. Dieſe wagte bei der Schweſter ſich nur bis an das goldne Thor der Poeſie, bei dem Bruder wanderte ſie meiſt in kor⸗ perloſen und unerſtrebbaren Regionen; und dieſelben Eigenſchaften, welche ihr poetiſches Talent gewähr⸗ ten, ſetzten ihn der Gefahr aus, durch das übermaß ihrer Anwendung ſie gänzlich zu verlieren. „Du behaupteſt, ich ſei Dein Feind geweſen,“ ſagte Arbaces,„ich kenne die urſache jener unbe⸗ gruͤndeten Beſchuldigung— ich habe Dich unter die Prieſter der Iſis eingefuͤhrt— Du fuͤhlſt Dich ver⸗ letzt uͤber ihre Täuſchungen und Betruͤgereien— Du glaubſt, daß auch ich Dich hintergangen habe— die Reinheit Deines Gemuͤths wurde befleckt— Du glaubſt, auch ich gehoͤre zu jenen“— „Du kannteſt,“ erwiederte Apaecides,„die um⸗ triebe jener gottloſen Heuchler, warum verbargſt Du ſie mir?— Als Du in mir den Wunſch erregteſt, mich dem Dienſte der Iſis zu weihen, erzählteſt Du —————— 2 mir von dem heiligen Leben der Maͤnner, die alle Genüſſe des Lebens ſich verſagten, um ganz wiſſen⸗ ſchaftlichen Beſtrebungen ſich hinzugeben— Du ſprachſt mit mir von Maͤnnern, welche allen irdi⸗. ſchen Vergnuͤgungen entſagten, um ſich der Ausübung der erhabenſten Tugenden zu widmen— Du haſt mich aber unter Männer gebracht, denen die ge⸗ meinſten Laſter ſchon zur Gewohnheit wurden— Du ſprachſt mit mir von Freunden, die das menſch⸗ liche Geſchlecht aufklären und erleuchten ſollten— ich ſah aber nur, wie ſie daſſelbe betrogen und irre⸗ fuͤhrten!— Oh! Du haſt ſchändlich an mir gehan⸗ delt!— Du haſt mir die edelſten Gefuͤhle der Ju⸗ gend, den feſten Glauben an Menſchenwürde, den heiligen Durſt nach hoͤheren Kenntniſſen geraubt— ich entſagte, obgleich jung, reich, lebensluſtig, von allen irdiſchen Genüſſen der Erde umgeben, ihnen ohne einen Seufzer, ja ſogar mich glucklich und er⸗ hoben in dem Gedanken fuͤhlend, daß ich dafuͤr der verborgenen Weisheit gottlicher Geheimniſſe, der Ge⸗ meinſchaft der Götter ſelbſt, der Eingebungen des Himmels theilhaftig werden wuͤrde,— und jetzt— jetzt“— Des Prieſters Stimme wurde durch convulſiviſche Seufzer erſtickt; er bedeckte das Geſicht mit ſeinen Händen, und große Thränen drängten ſich durch ſeine abgezehrten Finger, und floſſen reichlich auf das Gewand. 97 „Was ich Dir verſprach, mein Freund! mein Schuͤler!— das will ich Dir halten; jenes waren blos Verſuchungen fuͤr Deine Jugend— Deine fer⸗ 5 nere Laufbahn wird dafuͤr deſto glaͤnzender ſein— denke nicht mehr an dieſe Mummereien— verwechsle nicht laͤnger mit jenen Sklaven der Gottheit die Atrienſes*) ihres innerſten Heiligthums— Du biſt wuͤrdig erfunden, in daſſelbe einzutreten;— von nun an will ich Dein Fuͤhrer ſein, und Du, der jetzt meine Freundſchaft verflucht, wirſt ſie einſt ſegnen.“ Der junge Mann erhob ſein Haupt und ſchaute ⸗ mit irrenden und zweifelhaften Blicken den Egyp⸗ tier an. „Hoͤre mich,“ fuhr Arbaces mit ernſter und n feierlicher Stimme fort, indem er ſich vorher um⸗ n ſah, um ſich zu überzeugen, daß ſie noch allein ſeien. re„Von Egypten ging alle Weisheit der Welt ausz r von Egypten kam das Wiſſen Athens, und die ge⸗ wandte Politik Kreta's; aus Egypten entſprangen jene in dem Dunkel der Vorzeit ſich verlierenden Volksſtamme, welche—(lange bevor die Horden des Romulus ſich uͤber die Ebenen Italiens ergoſſen, e und dem ewigen Kreislauf der Zeiten gemäß, die Civiliſation durch Barbarei und Rohheit verdraͤng⸗ ch uf*) Die Sklaven, denen der Dienſt im Atrium uͤber⸗ tragen war. Vulwer's Werke. Taſchenausg. I. 7 ten) alle Vorzuge der Weisheit und der Anmuth des geiſtigen Lebens beſaßen. Aus Egypten kamen jene erhabenen gottesdienſtlichen Gebraͤuche in der heiligen Stadt Caere, deren Einwohner ihre überwinder, die mächtigen Romer, Alles, was dieſe bis jetzt von den Geheimniſſen der Religion und ihrer feierlichen Ge⸗ bräuche wiſſen, kennen lehrten. Und wie glaubſt Du, junger Mann, daß jenes Egypten, die Mutter zahlloſer Nationen, zu ſeiner Groͤße und erhabenen Weisheit gelangte?— Es war das Ergebniß tiefer und heiliger Staatskunde. Die jetzigen Rationen verdanken Egypten ihre Macht— Egypten ver⸗ dankte ſie ſeinen Prieſtern. Dieſe erſten Diener der Gottheit wurden durch die erhabenſten Gedanken be⸗ geiſtert, welche jemgs Sterbliche gefaßt haben, in⸗ dem ſie ſich auf ſich ſelbſt zuruͤckzogen, dabei aber der Herrſchaft uͤber den edleren Theil des Menſchen, ſeinen Geiſt und ſeinen Glauben, ſich bemächtigten. Sie erfanden geheime Deutungen fuͤr die Verände⸗ rungen am Sternenhimmel, fur das Maß der Zeit auf der Erde, fur den ſich wiederholenden Kreislauf menſchlicher Ereigniſſe; ſie machten dieſe Deutungen der Faſſungsgabe gewöhnlicher Menſchen begreiflich durch die Sinnbilder von Göttern und Goͤttinnen, und was eigentlich nichts als eine Staatsregierung war, das nannten ſie Religion. Iſis iſt eine Fa⸗ bel— erſchrecke nicht!— Dasjenige, wofur die Iſis eine ſinnliche Darſtellung ſein ſoll, iſt wirklich vor⸗ handen und ein unſterbliches Weſen.— Fſis iſt nichts, aber die Natur, deren Bild ſie iſt, war und bleibt die Mutter aller Dinge— geheimnißvoll und unbegreiflich in ihrem innerſten Weſen, außer fuͤr wenige Auserwählte. Kein Sterblicher hat jemals meinen Schleier geluͤftet,“ ſo ſpricht die Iſis, welche Du anbeteſt; aber den Weiſen wurde jener Schleier geluftet, und es war uns vergoͤnnt, der feierlichen Erhabenheit der Natur in das Antlitz zu ſchauen. Die Prieſter waren die Wohlthäter, die Erzieher des Menſchengeſchlechts; aber ſie waren auch, wenn Du willſt, Betruͤger und Heuchler. Aber glaubſt Du, junger Mann, daß ſie ihren Mitmenſchen, ohne ſie zu täuſchen, hätten nuͤtzlich ſein koͤnnen?— Die unwiſſende und rohe Menge muß zu ihrem eigenen Beſten gegängelt werden; an eine Wahrheit wuͤrde ſie nicht glauben— aber ein Hrakel vepehrt ſie. Der Kaiſer von Rom herrſcht uͤber die verſchiedenartig⸗ ſten Nationen der Erde, und vereinigt die widerſtreben⸗ den Elemente zu feſter heit; daraus entwickeln ſich Frieden, Ruhe, Geſ eit, alle Segnungen des burgerlichen Lebens. Glaubſt Du, es ſei der Kai⸗ ſer, der Menſch, welcher regiert?— nein, die Ma⸗ jeſtät, der außere Glanz, welche ihn umgeben, die Erhabenheit ſeiner Stellung, dieſes ſind die Werk⸗ zeuge ſeines Betruges und ſeiner Täuſchungen; un⸗ ſere Orakel und hoͤhern Eingebungen, unſere Gebraͤuche und Zeremonien, ſind die Mittel unſerer Herrſchaft 7* ——————— und die Hebel unſerer Macht. Es ſind dieſelben Mittel fur denſelben Zweck, fuͤr die Wohlfahrt und die Ruhe der Menſchen— Du horchſt mir aufmerk⸗ ſam und erſtaunt zu— das Licht beginnt, Dir zu tagen!“— Apaecides ſchwieg, aber der ſchnelle Wechſel ſei⸗ ner lebendigen Zuͤge verrieth den Eindruck, den die Worte des Egyptiers auf ihn machten— Worte, die durch die Stimme und das uͤberlegene Weſen jenes Mannes nur noch eindringlicher wurden. „Indem,“ fuhr Arbaces fort,„unſere Vorfahren am Nil auf dieſe Weiſe die erſte Vereinigung der Elemente in das Leben riefen, durch welche das Chaos zerſtört wurde, nämlich des Gehorſams und der Ehrfurcht Aller gegen Einige, gewaͤhrten ihnen ihre höheren Betrachtungen und unterſuchungen jene Weisheit, welche keine Tauſchung war;— ſie bil⸗ deten den Verein der Menſchen zu feſter Ordnung, und gaben ihnen Geſetze, ſie lehrten ſie Kuͤnſte und Wiſſenſchaften, die ſie vervollkommnen. Sie forderten den Glauben, dagegen verbreiteten ſie die Vortheile der Civiliſation. Waren nicht die Täu⸗ ſchungen ſelbſt, welche man ihnen zum Vorwurf machen konnte, eine Tugend?— Glaube mir, wel⸗ ches auch der gottliche Geiſt ſein moge, der von je⸗ ner fernen Sternenwelt auf unſere Erde hinab⸗ ſchaut— er wird jener Weisheit ſeinen Beifall nicht verſagen, die ſolche Zwecke erreicht hat. Doch 101 Du wuͤnſcheſt, daß ich dieſe allgemeineren Bemerkun⸗ gen auch auf Dich perſonlich anwende; ich beeile mich, Deinem Wunſche zu genuͤgen. Die Altäre der Goͤttin unſeres alten Glaubens muͤſſen Prieſter haben, und zwar willen- und geiſtloſe Werkzeuge, wie Haken und Pflocke, an denen man die Netze und die Kleider aufhaͤngt. Erinnere Dich zweier Ausſpruͤche von Sextus, dem Pythagoräer, die der Weisheit Egyptens entlehnt ſind. Der erſte iſt: „Spreche nicht von Gott mit der Menge;“ der zweite:„Der Menſch, der Gottes wuͤrdig iſt, iſt ein Gott unter den Menſchen.“ So wie geiſtige über⸗ legenheit die Prieſter Egyptens durch die Religion herrſchen lehrte, ſo kann dieſe Herrſchaft, welche in den letzten Zeiten ſo ſehr in Verfall gerathen iſt, auch nur durch geiſtige überlegenheit wieder herge⸗ ſtellt werden. Ich glaubte in Dir, o Apaecides, ei⸗ nen meiner Lehren wuͤrdigen Schuͤler zu finden; ein der großen Zwecke wuͤrdiges Werkzeug, die noch zu erreichen ſind: Deine Thatkraft, Deine Talente, Dein feſter Glauben, Deine ernſte Begeiſterung, Al⸗ les machte Dich fuͤr jenen Beruf geeignet, der ſo er⸗ habene und ausdauernde Eigenſchaften gebieteriſch erheiſcht; ich unterſtuͤtzte daher Deine geheimen Wuͤnſche; ich trieb Dich zu dem Schritte an, den Du gethan haſt. Doch Du tadelſt mich, daß ich auf die geiſtige Nichtigkeit Deiner Gefährten Dich nicht aufmerkſam machte. Hätte ich dazu mich ent⸗ 102 ſchloſſen, mein Apaecides, ſo wuͤrde ich meinen Zweck ſelbſt vereitert haben; Deine edlere Natur hätte wi⸗ derſtrebt, und Iſis ihren Prieſter verloren.“ Apaecides ſeufzte laut; der Egyptier fuhr fort, ohne auf dieſe Unterbrechung zu achten. „Ich fuͤhrte Dich daher, ohne weitere Vorberei⸗ tung, in den Tempel ein; ich überließ Deiner eige⸗ nen Beobachtungsgabe die Entdeckung aller jener Vorſpiegelungen, welche die Menge täuſchen. Ich wuͤnſchte, Du ſelbſt mochteſt die Vorrichtungen auf⸗ finden, durch welche jener Springbrunnen in Bewe⸗ gung geſetzt wird, deſſen Strahl die Erde erfriſcht und unſere Ausſaat gedeihen läßt. Dieſem Schick⸗ ſal waren von jeher unſere Prieſter unterworfen. Diejenigen, welche die Täuſchungen nicht durchblick⸗ ten, blieben mechaniſche Werkzeuge derſelben— de⸗ nen, wie Du, deren hoͤhere Naturen weiter vordrin⸗ gen, eroffnet die Religion gottlichere Geheimniſſe. Es freut mich, in Dir gefunden zu haben, was ich vorausſetzte. Du haſt Deine Geluͤbde abgelegt; Du kannſt nicht zuruͤck. Schreite vorwärts— ich will Dein Fuͤhrer ſein.“ „und was willſt Du mich lehren, o ſonderba⸗ rer und ſchrecklicher Mann?— Neue Täuſchun⸗ gen— neue—“ „Nein; ich habe Dich in den Abgrund des Un⸗ 5 glaubens geworfen; ich will Dich jetzt zu der Hoͤhe des Glaubens erheben. Duchaſt die falſchen Zeichen 103 geſehn; jetzt ſollſt Du ihre wahre Deutung kennen lernen. Es gibt keinen Schatten, Apaecides, ohne ſeinen Körper. Komm dieſen Abend zu mir— Deine Hand darauf!“— Aufgeregt und uͤbertäubt durch die Worte des Egyptiers, gab ihm Apaecides ſeine Hand, und Leh⸗ rer und Schuͤler trennten ſich Apaecides konnte allerdings nicht mehr zuruͤck. Er hatte das Geluͤbde der Keuſchheit abgelegt; er ſelbſt hatte einen Beruf gewaͤhlt, der ihm jetzt alle ſtrengen Anforderungen des Fanatismus zeigte, ohne die Troͤſtungen des Glaubens. Der Wunſch war natuͤrlich, ſich ſelbſt einer unwiderrufbaren Laufbahn zu verſohnen. Der gewaltige und unerforſchliche Geiſt des Egyptiers maaßte ſich noch immer die Herrſchaft uͤber ſeine unerfahrene Einbildungskraft an, ließ ihn noch verborgene Geheimniſſe ahnen, und erhielt ihn ſchwebend zwiſchen Furcht und Hoffnung. Arbaces ſetzte unterdeſſen ſeinen Weg nach dem Hauſe der Jone fort. Als er in das Tablinium trat, hoͤrte er eine Stimme von dem Saͤulengang des Periſtils her, die, ſo wohlklingend ſie auch war, doch ſeinem Ohr widerwärtig klangz es war die Stimme des jungen und ſchoͤnen Glaukus, und zum erſtenmal durchzuckte die Bruſt des Egyptiers eine unwillkuhrliche Regung der Eiferſucht. In das Pe⸗ riſtil eintretend, ſah er Glaukus neben der Jone ——————— ſitzen. Der Springbrunnen in dem duftigen Gar⸗ ten erhob ſeinen ſilbernen Strahl in die Luft, und gewaͤhrte Kuͤhlung vor der brennenden Sonnenhitze. Die Dienerinnen, welche der Jone faſt immer Ge⸗ ſellſchaft leiſteten, die trotz der unabhängigkeit ih⸗ res Lebens, immer den zarteſten Anſtand beobachtete, ſaßen in einiger Entfernung; zu den Fuͤßen des Glaukus lag die Leier, auf der er der Jone eine lesbiſche Melodie vorgetragen hatte. Die Scene und die Gruppe, welche ſich dem Arbaces darbot, trug. den Stempel jener verfeinerten, ideellen Poeſie, die wir nicht ohne Grund als einen ausſchließlichen Vor⸗ zug der Alten anerkennen— die marmornen Sau⸗ len, die Blumenvaſen— die Statuen, welche uberall die Geſichtspunkte, weiß und ruhig, ſchloſſen, und endlich vor Allem, die beiden lebenden Formen, die den Bildhauer zur Begeiſterung anregen, aber auch zur Verzweiflung bringen konnten! Arbaces ſtand einen Augenblick ſtille und be⸗ trachtete das Paar mit einem Blick, den gänzlich der gewohnte ruhige Ausdruck verlaſſen hatte; er ſammelte ſich jedoch bald wieder, und näherte ſich ihnen langſam, aber mit ſo leiſem Schritt, daß ſelbſt die Dienerinnen ihn nicht hörten, vielweniger Jone und ihr Geliebter. „und doch,“ ſagte Glaukus,„bilden wir uns blos ein, bevor wir wirklich liebten, daß unſere Dichter dieſe Leidenſchaft richtig und wahr geſchil⸗ 105 dert haben— in dem Augenblick, da ſich die Sonne erhebt, erblaſſen alle jene Sterne, die wir fruͤher geſehen hatten. Die Dichter glänzen nur in der Nacht unſeres Herzens; ihre Wirkung wird nich⸗ tig, ſobald der Gott in ſeiner ganzen Glorie er⸗ ſcheint.“ „Ein ſchones und vortreffliches Gleichniß, edler Glaukus!“— Beide erſchraken, als ſie hinter dem Sitz der Jone das kalte und ſarkaſtiſche Antlitz des Egyptiers bemerkten. „Du biſt ein unvermutheter Gaſt,“ ſagte Glau⸗ kus, indem er aufſtand, mit erzwungenem Lächeln. „So muͤſſen Alle Gäſte erſcheinen, die wiſſen, daß ſie willkommen ſind,“ erwiederte Arbaces, in⸗ dem er ſich ſetzte, und den Glaukus einlud, ſeinem Beiſpiele zu folgen. „Es freut mich,“ ſagte Jone, Euch endlich zu⸗ ſammen zu ſehn;„denn Ihr ſeid fuͤr einander ge⸗ ſchaffen, und muͤßt Freunde werden.“ „Gib mir funfzehn Jahre meines Lebens zu⸗ ruͤck,“ erwiederte der Egyptier,„bevor Du mich mit Glaukus zu vergleichen gedenkeſt. Seine Freund⸗ ſchaft wurde mich gluͤcklich machen, aber wie kann ich ſie erwiedern? Kann ich ihn von denſelben Le⸗ bensgenüſſen unterhalten, wie er mich?— von Fe⸗ ſten und Blumenkränzen— von parthiſchen Roſſen und den Wechſelfällen des Würfelſpiels?— Dieſes Treiben ſagt ſeinem Alter, ſeiner Natur, ſeinem Stande zuz ſie muͤſſen mir gleichgultig ſein.“ Indem er dieſes ſagte, ſchaute der liſtige Egyp⸗ tier nieder und ſeufzte doch warf er einen verſtoh⸗ lenen Blick auf Jone, um zu ſehn, wie dieſe die Angabe der gewohnten Beſchäftigungen des Glaukus aufnehmen wuͤrde. Die Art und Weiſe, wie dieſes ge⸗ ſchah, befriedigte ihn nicht. Glaukus erroͤthete leicht, und ſuchte möglichſt unbefangen zu erwiedern. Auch mochte er die Abſicht hegen, den Egyptier verlegen zu machen und zu demuͤthigen. „Du haſt Recht, weiſer Arbaces,“ ſagte er,„wir koͤnnen uns gegenſeitig achten, doch wir konnen nicht Freunde ſein. Meinen Feſten fehlt die geheime Wuͤrze, welche, dem Geruͤcht zufolge, den Deinigen ſo vielen Reiz gewährt. Und wenn ich, beim Her⸗ kules! Dein Alter erreicht habe, wenn ich, wie Du, es fuͤr weiſe halten werde, den Vergnuͤgungen des Mannesalters mich hinzugeben; dann werde auch ich, ohne Zweifel, wie Du, das frohe Treiben der gend lächerlich zu machen ſuchen.“ Der Egyptier warf einen ſcharfen und durchdrin⸗ genden Blick auf den Glaukus. „Ich verſtehe Dich nicht,“ ſagte er kalt,„aber man iſt es ſchon gewohnt, in dem unverſtaͤndlichen einen verborgenen Witz zu ſuchen.“ 107 Bei dieſen Worten wendete er ſich, mit einem kaum bemerkbaren Laͤcheln, von Glaukus ab, und ſagte, indem er die Jone anredete:„Ich war nicht ſo glucklich, ſchöne Jone, die letztenmale, da ich Dich beſuchen wollte, Dich zu Hauſe zu treffen.“ „Die angenehme Seeluft hat mich einigemal an das Geſtade gelockt,“ erwiederte Jone etwas verlegen. ſe Befangenheit entging dem Arbaces nicht, 6 be ſcheinbar nicht beachtend, antwortete er alte Dichter*) ſagt, wie Du weißt: zu Hauſe bleiben und ſich dort 1d „Dieſer Dichter war ein Zyniker,“ ſagte Glau⸗ kus,„und haßte die Frauen.— Er ſprach nach den Sitten ſeines Landes, und dieſes Land iſt Euer ge⸗ ruͤhmtes Griechenland. Andere Zeiten, andere Sit⸗ ten. Hätten unſere Voraͤltern Jonen gekannt, ſo wuͤrden ſie andere Geſetze gemacht haben.“ „Lernteſt Du dieſe ſchoͤnen Galanterien zu Rom?“ ſagte Arbaces, indem er ſeine innere Aufregung kaum zu verbergen vermochte. „Um galant zu werden, wird ſicher Niemand nach Egypten gehn,“ erwiederte Glaukus, indem er nachläſſig mit ſeiner goldenen Kette ſpielte. „Arbaces,“ ſagte Jone, indem ſie ſich beſtrebte, *) Euripides. —————— eine unterredung zu unterbrechen, die, wie ſie mit Bedauern ſah, ſo wenig geeignet war, das gute Vernehmen zwiſchen Glaukus und ihrem Freunde zu befeſtigen,„Arbaces muß nicht ſo ſtrenge gegen ſeine arme Pflegetochter ſein. Als eine Waiſe ohne muͤt⸗ terliche Aufſicht, mag ich fuͤr die unabhaͤngige, faſt männliche Freiheit der Lebensart, die ich gewählt habe, wohl Tadel verſchulden, aber meine Unabhän⸗ gigkeit iſt nicht großer, als die, deren die roͤmiſchen Frauen gewohnt ſind— ſie iſt nicht groͤßer, als die der griechiſchen Frauen ſein ſoll. Muß man denn glauben, daß blos bei den Männern die Vereinigung der Tugend und der Freiheit moͤglich iſt? Weshalb ſoll die Sklaverei, die Euch ſchreck⸗ lich iſt, als das einzige Mittel betrachtet werden, unſere Reinheit zu ſchuͤtzen? Ach, glaubt mir, es war ſtets der große Irrthum der Männer, und ein Irrthum, der fuͤr ihr Schickſal die traurigſten Folgen gehabt hat, ſich einzubilden, die Natur der Weiber ſei(ich will nicht ſagen, untergeordnet, das mag ſein, aber) ſo verſchieden von der ihrigen, daß ſie unguͤnſtige Geſetze fur die geiſtige Entwickelung des 4 weiblichen Geſchlechts nothwendig hielten. Machten ſie nicht, indem ſie dieſes thaten, Geſetze gegen ihre Kinder, welche die Frauen erziehen— gegen die Ehemänner, deren Freundinnen, ja deren Rathgebe⸗ rinnen oft die Frauen ſein muͤſſen?“— Jone hielt plotzlich inne, und die reizendſte Rothe uͤberzog ihr * 109 Antlitz. Sie beſorgte, ihr Enthuſiasmus werde ſie zu weit fuͤhren; doch fuͤrchtete ſie weniger den ſtren⸗ gen Arbaces, als den freundlichen Glaukus, denn ſie liebte den Letztern; und es war nicht gebraͤuchlich bei den Griechen, ihren Frauen(wenigſtens denen, die ſie am meiſten ehrten) jene Freiheit und Selbſt⸗ ſtändigkeit zu gewähren, deren ſie in Italien ſich er⸗ freuten. Sie fuͤhlte daher einen Schauer des Ent⸗ zuͤckens, als Glaukus ernſt erwiederte: „Mögeſt Du immer ſo denken, Jone! moͤge im⸗ mer Dein reines Herz Dir ein ſicherer Fuͤhrer ſein! — Gluͤcklich wäre es für Griechenland geweſen, wenn es wuͤrdigen Frauen dieſelbe geiſtige Ausbildung ge⸗ währt hätte, durch die einige unwuͤrdige Mitglieder Deines Geſchlechts ſo beruͤhmt wurden. Noch ging kein Staat durch Freiheit, durch Kenntniſſe unter, waͤhrend Dein Geſchlecht nur die Freien bewundern darf, und die Weiſen durch deren Anerkennung zu hoͤherem Streben ermuntert.“ Arbaces ſchwieg, denn es lag weder in ſeinem Plan, den Anſichten des Glaukus beizupflichten, noch denen der Jone zu widerſprechen, und nach einer kurzen und etwas verlegenen Unterhaltung ent⸗ fernte ſich Glaukus. Arbaces ſetzte ſich jetzt näher zu der ſchonen Nea⸗ politanerin, und ſagte mit jenen milden und ein⸗ ſchmeichelnden Toͤnen, in denen er die Verſchlagen⸗ heit und den Stols ſeines Charakters ſo wohl zu verbergen wußte: „Glaube nicht, meine ſuͤße Pflegetochter, wenn ich Dich ſo nennen darf, daß ich jene Unabhängig⸗ keit zu erſchuͤttern veabſichtige, die, wenn, wie Du richtig bemerkſt, auch nicht großer iſt, als jene, deren die romiſchen Frauen ſich erfreuen, doch mit großer Vorſicht bei einer Unverheiratheten verknuͤpft ſein muß. Fahre fort, die glänzende, muntre Ju⸗ gend, ſelbſt die Weiſen, um Dich zu verſammeln— fahre fort, ſie durch die unterhaltung einer Aſpaſia, durch die Muſik einer Erinna zu entzuͤcken— be⸗ ruͤckſichtige aber wenigſtens die läſternden Zungen, die ſo leicht den zarten Ruf eines Mädchens beflek⸗ ken, und während Du die allgemeine Bewunderung in Anſpruch nimmſt, ſo gib wenigſtens, ich bitte Dich, dem Neide nicht Gelegenheit, uͤber Dich zu triumphiren.“ „Was meinſt Du,“ ſagte Jone mit zitternder und beunruhigter Stimme,„ich weiß, Du biſt mein Freund, und wunſcheſt nur mein Gluͤck und meine Wohlfahrt. Erkläre Dich, ich bitte, deutlicher.“— „Dein Freund— ach, und wie aufrichtig! Darf ich denn als Freund, unumwunden und ohne Ruͤck⸗ halt ſprechen?“ „Ich bitte darum.“ „Wie wurdeſt Du mit dieſem jungen Wuͤſtling, dem Glaukus, bekannt? Haſt Du ihn ſchon oft ge⸗ 111 ſehn?“— und als Arbaces dieſes ſprach, heftete er feſt ſeinen Blick auf Jonen, als wollte er ihre in⸗ nerſten Gedanken erforſchen. Mit einer Ingſtlichkeit, deren Urſache ihr unbe⸗ wußt war, vor jenem Blicke zuruͤckſchaudernd, er⸗ wiederte die Griechin verwirrt und zaudernd: „Er wurde in mein Haus als ein Landsmann meines Vaters, und, wie ich ſagen darf, als der meinige, eingefuͤhrt. Ich kenne ihn nur ungefahr ſeit dieſer Woche. Aber weshalb jene Fragen?“— „Vergib,“ ſagte Arbaces,„ich glaubte, Du kennteſt ihn ſchon ſeit laͤngerer Zeit. Der elende Verlaͤumder!“— „Wie! was meinſt Du? Woher dieſer Vor⸗ wurf?“ „Sprechen wir nicht weiter davonz ich will Dei⸗ nen unwillen gegen einen Menſchen nicht erregen, der keinen Ruf zu untergraben vermag.“ „Ich flehe Dich anz rede!— Was hat Glaukus eaͤußert, oder vielmehr, wie ſollte er mich beleidigt aben?“— g h Indem Arbaces bei der letzten Frage Jonens ſeine Aufwallung zu unterdruͤcken ſuchte, fuhr er fort:„Du kennſt ſein Treiben, ſeine Genoſſen, ſeine Sitten; die Comessatio und die Alea(Gaſtmähler und Spiel) bilden ſeine Beſchäftigungenz— und wie kann er unter den Genoſſen ſeiner Laſter an die Tugend denken?“— 11¹2 „Du redeſt noch immer in Raͤthſeln. Ich bitte Dich, bei den Göttern! ſpreche das Schlimmſte aus.“ „Nun denn, es muß ſein;— ſo wiſſe, meine Jone, daß Glaukus erſt geſtern offentlich— ja, in den offentlichen Bädern, Deiner Liebe zu ihm ſich ruͤhmte. Er ſagte, dieſes Abentheuer wolle er ver⸗ folgen, denn es beluſtige ihn. Doch, ich will ihm Gerechtigkeit widerfahren laſſen: er lobte Deine Schoͤnheit. Wer wird ſie läugnen? Aber er lachte verächtlich, als ſein Klodius, oder ſein Lepidus ihn fragte, ob ſeine Liebe heftig genug ſei, um Dich heirathen zu konnen, und wenn er ſeine Thuͤrpfoſten mit Blumen zu bekränzen beabſichtige?“ „Unmoͤglich! wie erfuhrſt Du dieſe niedrige Ver⸗ läumdung?“ „Nicht doch— ſoll ich Dir alle ſpoͤttiſchen Be⸗ merkungen der unverſchämten Wuͤſtlinge wiederholen, mit denen dieſe Geſchichte in der Stadt erzählt wurde? Sei verſichert, daß ich ſie ſelbſt zuerſt nicht glauben konnte, daß ich jedoch durch mehrere Ohren⸗ zeugen die Wahrheit deſſen, was ich Dir ſo eben mittheilte, leider beſtätigt gefunden habe.“ Jone ſank zuruͤck, und ihr Antlitz wurde weißer, als der Pfeiler, gegen den ſie ſich ſtuͤtzte. „Ich geſtehe, es verletzte, es emporte mich, Dei⸗ nen Namen ſo leichtſinnig von Lippe zu Lippe flie⸗ gen zu horen, wie den Ruf einer leichtſinnigen Tän⸗ zerin. Ich beeilte mich, dieſen Morgen Dich aufzu⸗ 113 ſuchen und zu warnen. Ich fand den Glaukus hier. Meine Selbſtbeherrſchung verließ mich. Ich konnte meine Gefuͤhle nicht verbergen; ja ich war ſogar unhöflich in Deiner Gegenwart. Kannſt Du Dei⸗ nem Freunde vergeben, Jone?“— Jone legte ihre Hand in die ſeinige, aber ſie ſchwieg. „Denke nicht mehr daran,“ ſagte er,„aber laß es Dir eine warnende Stimme ſein, die Dich lehrt, wie viele Vorſicht Deine Lage erfordert. Ich kann Dir keinen Augenblick zuͤrnen, Jonez denn für einen ſo unwuͤrdigen Menſchen konnte Jone nie eine ernſt⸗ hafte Neigung fuͤhlen. Beleidigungen dieſer Art ver⸗ wunden nur, wenn ſie von Jemand ausgehn, den wir lieben; ein ganz Anderer muß Der ſein, den die hoͤher ſtrebende Jone ihrer Liebe wuͤrdig hält.“ „Liebe!“ murmelte Jone mit einem krampfhaf⸗ ten Lächeln.„Nun wahrhaftig!“— Es iſt nicht unintereſſant, zu beobachten, wie in jenen entfernten Zeiten, und bei einem geſelligen Syſtem, das ſo ſehr von dem unſrigen verſchieden iſt— dieſelben unbedeutenden urſachen, die ſo häufig heutigen Tages den Lauf des gewoͤhnlichen Lebens hemmen und unterbrechen— dieſelbe erfinderiſche Eiferſucht, dieſelbe liſtige Verläumdung, dieſelben ſchlauerſonnenen und verbreiteten Klatſchereien, welche jetzt ſo oft hinreichen, die Bande der treueſten Liebe aufzuloͤſen, und der Entwickelung der guͤnſtigſten Bulwer's Werke. Taſchenausg. I. 8 Verhältniſſe entgegen zu treten— wirkſam ſind.— Die Fabel erzählt uns von dem kleinen Fiſch, der, wenn das Schiff uber die ruhigſten Wogen ſegelt, ſich an den Kiel anklammert, und den Laäuf des Fahrzeuges zu hemmen vermag— eben ſo geht es auch mit den Leidenſchaften der Menſchen— und wir wuͤrden das Leben keineswegs richtig darſtellen, wenn, ſelbſt inden Zeiten, die uns den meiſten romantiſchen Stoff liefern, wir nicht auch den Mecha⸗ nsmüs jerer kleinlichen umtriebe des häuslichen Lebens beſchrieben, die wir täglich in unſern Stuben und an unſerem eigenen Herde in Thätigkeit geſetzt ſehen. In dieſen geringfuͤgigern Intriguen des Lebens fuͤhlen wir uns am meiſten heimiſch in der Vergan⸗ genheit;— wer ſie vernachlaͤſſigt, der iſt blos ein romantiſcher Schriftſteller, er erregt jedoch die Theil⸗ nahme des Herzens nicht, weil er es nicht ſchildert. Der Egyptier hatte mit großer Schlauheit die Schwaͤchen der Jone aufgeregt,— mit großer Ge⸗ wandtheit traf ſein vergifteter Dolch ihre weibliche Eitelkeit. Er glaubte, unterdruͤckt zu haben, was, wie er nach ihrer ſo kurzen Bekanntſchaft mit Glau⸗ kus vorausſetzte, nur noch eine entſtehende Neigung war, und indem er den Gegenſtand der Unterhaltung veranderte, leitete er dieſe auf ihren Bruder. Das Geſpraͤch wurde jedoch bald abgebrochen. Er verließ ſie mit dem Vorſatze, ſie von jetzt an beſſer zu beob⸗ achten, und jeden Tag zu beſuchen. 11¹⁵ Kaum hatte er ſich entfernt, als der weibliche Stolz— die Schutzwaffe ihres Geſchlechts, das Schlachtopfer, welches Arbaces ſich auserſehen hatte, verließ, und die gedemuͤthigte Jone brach in einen Strom von Thränen aus. ,.—— .— — F. V, . 1——— 1„„ 3 t Siebentes Rapitel. 8 8 Das muntre Leben der reichen Muͤßiggänger in Pom⸗ peji.— Ein Bild der roͤmiſchen Baͤder im Kleinen. Als Glaukus Jonen verließ, kam es ihm vor, als ſchwebe er in hoͤheren Regionen. In der Zuſam⸗ menkunft, durch die er eben begluͤckt worden, hatte er zum erſtenmale die überzeugung gewonnen, daß * ſeine Liebe ihr werth ſei, und auf Gegenliebe hoffen duͤrfe. Dieſe Hoffnung erfuͤllte ihn mit einem Ent⸗ 8 zuͤcken, fuͤr deſſen Ausbruch der Himmel und die 8 Erde ihm zu enge zu ſein ſchienen. Nicht wiſſend, 3 welchen gefaͤhrlichen Feind er zuruͤckgelaſſen habe, und nicht allein deſſen drohenden Andeutungen, nein, deſſen Daſein ſelbſt vergeſſend, ſchritt Glaukus durch die lebhaften Straßen, indem er ſich ſelbſt in dem 8* 116 übermaße ſeiner Freude, die ſanfte Melodie des Liedes wiederholte, das Jone mit ſo vieler Theilnahme an⸗ gehoͤrt hatte, und jetzt trat er in die Straße der Fortuna,— mit dem bequemen, erhöhten Gange an den Seiten fuͤr Fußgaͤnger, mit den von außen be⸗ malten Häuſern, und den glänzenden Freskogemaͤlden im Innern, deren Anſicht die geoffneten Thuͤren ge⸗ ſtatteten. Die beiden Enden der Straße waren mit Triumphbogen geziert; und als Glaukus nun an den Tempel der Fortuna kam, ſo gewährte der her⸗ vorſtehende Saͤulengang jenes ſchoͤnen Gebaͤudes, wel⸗ ches durch ein Mitglied der Familie des Cicero, vielleicht durch jenen beruͤhmten Redner ſelbſt, erbaut worden ſein ſoll, einer Umgebung ein wuͤrdiges und feierliches Anſehn, deren Charakter ſonſt mehr glaͤn⸗ zend, als erhaben geweſen ſein wuͤrde. Dieſer Tem⸗ pel war eines der anmuthigſten Werke roͤmiſcher Baukunſt. Er ſtand auf einem etwas erhoͤhten Fun⸗ vament, und zwiſchen zwei auf eine Plattform fuͤh⸗ renden Treppen ſtand der Altar der Goͤttin. Von der Plattform fuͤhrte eine andere breite Treppe zu dem Portiko, von deſſen gereiften Säulen oben die ſchoͤnſten Blumengewinde herabhingen. An den Sei⸗ ten des Tempels ſtanden Statuen von griechiſchen Meiſtern, und unweit deſſelben erhob ſich der Triumph⸗ bogen nebſt der Statue des Kaligula zu Pferde, mit bronzenen Trophaͤen zu beiden Seiten. Vor dem Tempel drängte ſich das muntere Volk— einige 117 ſaßen auf Bänken, und unterhielten ſich uͤber Staats⸗ angelegenheiten, andere uͤber das bevorſtehende Schau⸗ ſpiel im Amphitheater. Einige junge Maͤnner lob⸗ ten eine junge Schoͤnheit, andere urtheilten uͤber das neueſte Luſtſpiel; eine dritte Gruppe beſtand aus älteren Maͤnnern, die uͤber die Wechſelfaͤlle des Han⸗ dels mit Alexandria ſpeculirten, und unter dieſen be⸗ fanden ſich viele Kaufleute in morgenlaͤndiſcher Tracht, deren eigenthuͤmliche und weite Gewaͤnder, farbige und mit Edelſteinen beſetzte Pantoffeln, und ernſte und wuͤrdige Geſichter einen auffallenden Gegenſatz zu den Tuniken und lebhaften Geberden der Italie⸗ ner bildeten. Denn jenes unruhige und lebensluſtige Volk hatte, wie jetzt, eine, von der muͤndlichen Rede verſchiedene Sprache, naͤmlich durch unbeſchreiblich lebendige und ausdrucksvolle Zeichen und Bewegun⸗ gen. Ihre Nachkommen bedienen ſich ihrer noch jetzt, und Jorio hat ein ſehr unterhaltendes Werk uber jene Art hieroglyphiſcher Geſtikulation ge⸗ ſchrieben. Indem Glaukus durch die Menge drang, befand er ſich bald unter einer Gruppe ſeiner Freunde. „Ach,“ ſagte Salluſt,„ſeit einem Luſtrum ſah ich Dich nicht.“ „und wie haſt Du dieſes Luſtrum zugebracht? Welche neue Gerichte haſt Du erfunden?“— „Ich habe mich mit wiſſenſchaftlichen Unterſu⸗ chungen beſchaftigt,“ erwiederte Salluſt,„und einige 18 Verſuche uͤber die Fuͤtterung der Lampreten gemacht; ich geſtehe, daß ich verzweifle, hierin zu der Voll⸗ kommenheit zu gelangen, die unſere roͤmiſchen Vor⸗ fahren erreicht hatten.“ „ungluͤcklicher junger Mann! und weshalb?“— „Weil,“ antwortete Salluſt mit einem Seufzer, „es nicht mehr geſetzlich erlaubt iſt, den Lampreten einen Sklaven vorzuwerfen. Ich gerathe oft in Ver⸗ ſuchung, einen ſehr fetten Kellner, den ich beſitze, in den Fiſchbehälter zu ſtopfen. Dos wäre eine herr⸗ tiche Maſt für die Thierchen!— Doch die Sklaven ſind heut zu Tage entartet, und o fern ſich fuͤr das Wohl ihrer Herrn nicht mehr 3 wuͤrde ſich Davus ſelbſt zu dieſem Liebesdielſt anbieten, um mir nuͤtzlich zu ſein!“— „Was gibt es Neues aus Rom?“— ſagte Lepidus, als er ſich der Gruppe anſchloß. „Der Kaiſer hat den Senatoren ein prächtiges Abendeſſen gegeben,“ antwortete Salluſt. „Es iſt ein guter Menſch,“ ſagtt Lepidus;„man ſagt, Niemand gehe von ihm, ohne F ſein Anliegen bewilligt werde.“—. „Vielleicht geſtattet er mir auch,zeinen Sklaven fuͤr meinen Fiſchbehälter zu toͤdten 3 fiel Salluſt lebhaft ein. ² „Wohr moͤglich,“ ſagte Glaukus,„denn wer einem Roͤmer eine Bitte gewaͤhrt, muß es immer auf Unkoſten eines andern thun. Sei verſichert, daß 11¹9 Titus mit jedem Laͤcheln auch hundert weinende Au⸗ gen macht.“— „Lange lebe Titus!“ ſchrie Panſa, da er des Kaiſers Namen hoͤrte, als er gebieteriſch durch die Menge drang;„er hat meinem Bruder eine Qua⸗ ſtorſtelle verſprochen, weil er ſein Vermoͤgen durch⸗ gebracht hatte.“ „Und ſich jetzt durch das Volk wieder zu berei⸗ chern wuͤnſcht, mein Panſa,“ ſagte Glaukus. „So iſt es!“ erwiederte Panſa. „Das heißt doch, aus dem Volke Rutzen ziehen,“ bemerkte Glaukus. „Gewiß,“ erwiederte Panſa.—„Aber ich muß gehn und das Aerarium unterſuchen— es iſt in ſchlechten umſtänden,“— und der Adil begab ſich, den Geſchäftigen ſpielend, hinweg, indem ihm ein langer Zug von Klienten folgte, die ſich durch die Toga, welche ſie trugen, von der uͤbrigen Menge unterſchieden(denn die Toga, einſt das Zeichen des freien Buͤrgers, war damals das Zeichen der Ab⸗ haͤngigkeit von einem Patron). „Armer Panſa!“ ſagte Lepidus,„er hat nie⸗ mals Zeit, ſeinem Vergnuͤgen nachzugehn. Ich danke dem Himmel, daß ich kein Adil bin!“— „Ach, Glaukus, care caput, wie geht es Dir? munter? wie immer“— ſagte Klodius,— indem er ſich der Gruppe anſchloß. 120 „Willſt Du der Fortuna opfern?“— fragte Salluſt. „Ich opfere ihr in jeder Nacht,“ erwiederte der Spieler. „Daran zweifle ich nicht. Niemand hat ſchon mehr Schlachtopfer dargebracht.“— „Beim Herkules!“ ſprach Glaukus,„das ſind beißende Redensarten!“ „Du haſt die Warnung vor dem Hunde immer im Munde, Salluſt,“ ſagte Klodius erbittert,„Du mußt immer bellen.“ „Ich mag wohl die Warnung vor dem Hunde im Munde haben, weil, wenn ich mit Dir würfle, ich immer die canes werfe,“ erwiederte Salluſt. „Pſt!“ ſagte Glaukus, indem er eine Roſe von einem in der Nähe ſtehenden Blumen-Maädchen nahm. „Die Roſe iſt das Zeichen des Stillſchweigens bemerkte Salluſt,„doch wuͤnſche ich, ſie blos bei Tiſche zu ſehn.— Hierbei fällt mir ein,“ fuhr er fort,„daß Diomedes in dieſer Woche ein großes Feſt gibt. Biſt Du eingeladen, Glaukus?“ „Ja, ich erhielt heute morgen eine Einla⸗ dung.“— „und auch ich,“ ſagte Salluſt, indem er ein viereckiges Stuͤck Papyrus aus ſeinem Guͤrtel zogs „ich ſehe, daß er uns eine Stunde fruͤher, als es gebräuchlich iſt, einladet; ein Zeichen, daß etwas ungewoͤhnliches zu erwarten iſt“). „Oh! er iſt reich, wie Kroſus,“ ſagte Klodius, „und ſein Kuͤchenzettel iſt ſo lang, wie ein epiſches Gedicht.“— „Jetzt wollen wir aber in die Bäder gehn,“ ſagte Glaukus,„um dieſe Zeit verſammelt ſich Al⸗ les dort, und Fulvius, den Ihr ſo bewundert, wird uns ſeine neueſte Ode vorleſen.“ Die jungen Männer traten voͤllig dieſem Vor⸗ ſchlage bei, und begaben ſich nach den Bädern. Wenn gleich die oͤffentlichen Thermae oder Baͤ⸗ der mehr fuͤr die aͤrmeren Buͤrger, als fuͤr die rei⸗ chen beſtimmt waren, denn dieſe letztern hatten Baͤ⸗ der in ihren Haͤuſern; ſo waren ſie doch, weil ſich Menſchen aus allen Ständen dort einfanden, ein Lieblingsort fuͤr die unterhaltung, und fuͤr jenes ſuße Nichtsthun, das fuͤr ein lebhaftes Volk von leichtem Sinn ſo viele Reize hat. Die Bäder in Pompeji unterſchieden ſich durch ihre Anlage und Bauart von den bedeutend größeren Thermen in Rom; und es ſcheint in der That, daß in jeder Stadt des Reichs eine veränderte Einrichtung in *) Die Roͤmer ſchickten Einladungskarten, wie wir, worin die Stunde der Mahlzeit bemerkt war; die, wenn das beabſichtigte Feſt ſich beſonders auszeichnen ſollte, fruͤher als gewoͤhnlich beſtimmt wurde. 122 ver Architektur der oͤffentlichen Baͤder Statt gefun⸗ den habe. Dieſes befremdet ſehr die Alterthumsfor⸗ ſcher— als ob Baumeiſter und Moden nicht ſchon vor dem neunzehnten Jahrhundert ihre beſondern Launen gehabt hätten! Unſere Geſellſchaft trat durch den Haupteingang in die Straße der Foktuna ein⸗ unter den Saͤulen ſaß der Aufſeher der Baͤder, mit zwei Buͤchſen vor ſich) die eine fuͤr das Geld, wel⸗ ches er einnahm, die andere fuͤr die Badekarten be⸗ ſtimmt. Längs der Waͤnde des Saͤulenganges ſtan⸗ den Bänke, mit Perſonen aus allen Ständen beſetzt; waͤhrend Andere nach den Vorſchriften des Arztes auf und ab ſpazierten, und dann und wann ſtehen blieben, um die vielen Ankuͤndigungen uͤber Ausſtel⸗ lungen, Kampfſpiele und Verkäufe zu leſen, die auf die Wände geſchrieben waren. Der allgemeine Ge⸗ genſtand des Geſprächs jedoch war das in dem Am⸗ phitheater angekuͤndigte Schauſpiel, und jeder neue Ankoͤmmling wurde befragt, ob Pompeji ſo gluͤcklich geweſen ſei, einen Verbrecher zu liefern, etwa einen Raͤuber oder Moͤrder, der es den Idilen möglich mache, ihn fuͤr den Rachen des Löwen zu beſtim⸗ men.— Alle uͤbrigen gewoͤhnlichen Gegenſtände ſchie⸗ nen gleichguͤltig und leer im Vergleich zu der Mög⸗ lichkeit dieſes gluͤcklichen Zufalls. „Was mich betrifft,“ ſagte ein Mann von be⸗ haglichem Anſehn, der ein Goldſchmied war,„ſo den denke ich, der Kaiſer hätte uns, wenn er wirklich ſo gut iſt, als man ſagt, einen Juden geſchickt.“— „Warum nimmt man nicht einen von der neuen Sekte der Nazaxener,“ ſagte ein Philoſoph,„ich bin nicht grauſam— aber Atheiſten, die ſelbſt den Jupiter verlahgnen, verdienen keine Gnade.“— „Ich bekuͤmmere mich nicht darum,“ ſagte der Juwelier,„an wie viele Goͤtter Jemanden zu glau⸗ ben beliebt, aber alle Goͤtter zu laͤugnen, das iſt etwas Schreckliches.“ „Doch ich glaube,“ bemerkte Glaukus,„daß dieſe Leute nicht gänzlich Atheiſten ſind. Man hat mir geſagt, ſie ſeien nicht gaͤnzlich Gottesläugner, und glaubten ſelbſt an ein kuͤnftiges Leben.“ „Das iſt ein Mißverſtändniß, mein theurer Glaukus,“ ſagte der Philoſoph:„ich habe ſelbſt mit ihnen geſprochen— ſie lachten mir in das Geſicht, als ich von Pluto und dem Hades ſprach.“— „O! ihr Götter,“ rief der Goldſchmied voller Entſetzen,„gibt es einige von dieſen Verworfenen in Pompeji?“— „Ich weiß, daß es nur wenige ſind— aber ihre Verſammlungen ſind ſo geheim, daß es unmöglich iſt, ſie zu entdecken.“— Als Glaukus fortging, ſah ihm ein Bildhauer, der ein großer Enthuſiaſt in ſeiner Kunſt war, be⸗ wundernd nach. „Ach,“ ſagte er,„wenn wir den auf die Arena bekommen koͤnnten— das waͤre ein Modell!— welche Glieder— welcher Kopf— er hätte ein Gladiator werden muͤſſen!— Ein Subjekt— ein Subjekt— wuͤrdig unſerer Kunſt! Warum wirft man ihn nicht dem Loͤwen vor?“— Jetzt kam Fulvius, der römiſche Dichter, den ſeine Zeitgenoſſen fuͤr unſterblich erklaͤrten, und von dem wir ohne dieſe Geſchichte nichts wiſſen wuͤrden, eilig zum Glaukus. „Oh, mein Athenienſer, mein Glaukus, Du biſt gekommen, um meine Ode zu hoͤren. Das iſt wahr⸗ lich eine Ehre— Du, ein Grieche, dem ſelbſt die Sprache des gewöhnlichen Lebens Poeſie iſt. Wie danke ich Dir!— Es iſt blos eine Kleinigkeit— doch wenn ich Deines Beifalls mich erfreue— ſo kann ich vielleicht dem Titus empfohlen werden. O, Glaukus, ein Dichter ohne einen Patron iſt wie eine Amphora ohne ein Jahrgangszeichen; der Wein mag gut ſein, doch Niemand will ihn loben!— und was ſagt Pythagoras:„den Göttern Weihrauch— den Menſchen aber Lobſpruͤche.“— Ein Patron iſt folg⸗ lich der Prieſter des Dichters; er verſchafft ihm ſeine Gläubigen, und den Weihrauch.“ „Aber ganz Pompeji iſt ſchon Dein Patron, und jeder Saͤulengang ein Altar zu Deinem Lobe.“ „Ach! die armen Pompejaner ſind ſehr hoͤflich— ſie ehren zwar das Verdienſt— aber ſie ſind nur die wo Ge ſor det lie me die un me ein un we der lic Fe ein ein rft den on en, biſt hr⸗ die Wie eine nag was den olg⸗ ſeine und 125 Bewohner einer kleinen Stadt— spero meliora!— wollen wir eintreten?“— „Gewiß, wir verlieren die Zeit, bis wir Dein Gedicht hoͤren.“ In dieſem Augenblick traten einige zwanzig Per⸗ ſonen aus den Bädern in den Portiko; und ein an der Thuͤre eines kleinen Vorzimmers ſtehender Sklave ließ den Dichter, den Glaukus, den Klodius und mehrere andere Freunde des Dichters eintreten. „In Vergleich zu den roͤmiſchen Bädern ſind dieſe ſehr armſelig!“— ſagte Lepidus verachtlich. „Doch die Decke iſt recht geſchmackvoll,“ bemerkte Glaukus, der in einer Stimmung war, in welcher ihm Alles gefiel,— indem er auf die Sterne zeigte, mit denen das Gewoͤlbe bemalt war. Lepidus zuckte die Achſeln, war jedoch zu trage, um etwas zu erwiedern. Sie traten nun in ein etwas geraͤumigeres Ge⸗ mach, welches zum Apoditerium diente(das heißt, ein Ort, wo die Badegäſte ſich auskleideten). Die Decke woͤlbte ſich uͤber einem Vorſprung, der bunt und grotesk bemalt war; das Gewoͤlbe ſelbſt war in weiße, karmoiſinroth eingefaßte Felder getheilt;— der ſehr rein gehaltene Fußboden beſtand aus kuͤnſt⸗ licher Arbeit in weißem Moſaik, und längs den Wanden ſtanden Baͤnke fuͤr die Bequemlichkeit der Gäſte. Dieſes Zimmer hatte nicht ſo viele und große Fenſter, als das prächtigere Frigidarium des Vitruv. 12 Die Pompejaner, wie uͤberhaupt die ſuͤdlichen Ita liener, verbannten gerne das Licht ihres ſchwuͤlen Himmels, und ſchienen einen gewiſſen Grad von Dunkelheit zu lieben. Nur zwei Fenſter von Glas*) ließen das gemilderte und gebrochene Licht ein, und das Feld, in dem eine dieſer Offnungen angebracht war, wurde durch ein großes Relief, die Vernich⸗ tung der Titanen darſtellend, geziert. In dieſem Zimmer ließ ſich Fulvius, indem er ſich ein wichtiges Anſehn gab, nieder, und die ſich um ihn verſammelnden Zuhoͤrer forderten ihn auf, ſeinen Vortrag zu beginnen. Der Dichter ließ ſich nicht lange bitten. Er zog eine Rolle Papyrus hervor, und nachdem er ſich dreimal geraͤuspert hatte, ſowohl um ſeine Stimme vorzubereiten, als um Stillſchweigen anzuempfehlen, begann er jene ausdrucksvolle Ode, von der, zum großen Leidweſen des Verfaſſers dieſer Geſchichte, kein einziger Vers erhalten wurde. Das Händeklatſchen, mit dem er belohnt wurde, war ohne Zweifel ſeines Rufes wuͤrdig; und Glau⸗ kus war der einzige Zuhoͤrer, der ſeine Ode nicht den beſten des Horaz vorzog. *) Die Entdeckungen zu Pompeji haben den lange beſtandenen Irrthum der Alterthumoforſcher widerlegt, als ſeien den Roͤmern Glasfenſter unbekannt geweſen— doch war deren Gebrauch unter den untern und mitt⸗ lern Klaſſen in den Privatwohnungen ſelten. f, 0g ch n, m te, de, u⸗ ge gt, tt⸗ 127 Als die Vorleſung beendigt war, zogen Diejeni⸗ gen, welche blos das kalte Bad nehmen wollten, ſich aus; ſie hängten ihre Kleider an Haken, die in der Wand befeſtigt waren, und erhielten, je nach ih⸗ rem Stande, entweder von ihren eigenen Sklaven, oder von denen der Thermen, einen weiten Mantel, worauf ſie ſich in jenes niedliche runde Gebaude begaben, welches noch vorhanden iſt, um die ungewaſchene Nachkommenſchaft des Suͤdens zu be⸗ ſchämen. Einige traten durch eine andere Thuͤre in das Tepidarium, ein Zimmer, welches ſehr ſtark geheizt war, theils durch einen beweglichen Heerd, beſon⸗ ders aber durch einen erhöhten Fußboden, unter den die Wärme aus dem Laconicum geleitet wurde. Hier genoß dieſer Theil der Badegäſte, nachdem ſie ſich entkleidet hatten, der kuͤnſtlichen Hitze. Die⸗ ſer Raum war, wie es ſeiner Wuͤrde geziemte, am kunſtreichſten ausgeſchmuͤckt. Die gewoͤlbte Decke prangte mit ſchoͤnen Schnitzarbeiten und Malereien; die obern Fenſter, aus dickem Glaſe, ließen nur gedämpfte und ſchwache Strahlen einz unter dem Vorſprung waren Reihen von Figuren in erhabenem Relief gearbeitet; die Wände glänzten von hochro⸗ ther Farbe, der Fußboden war mit kunſtreichen Mo⸗ ſaik ausgelegt. Hier blieben die gewohnlichen Bade⸗ gäſte, Maͤnner, die ſiebenmal des Tages badeten, entweder vor, meiſtens aber nach dem Waſſerbade, behauptet, ſie ſei blos beſtimmt geweſen, um die 128 in einem Zuſtande abgeſpannter und ſprachloſer Ermat⸗ tung; und manche grußten ihre eintretenden Freunde nur mit einem Kopfnicken, indem ſie die Anſtren⸗ gung einer Unterhaltung fuͤrchteten. Von hier zerſtreute ſich die Geſellſchaft wieder, je nach den verſchiedenen Launen, einige begaben ſich nach dem Sudatorium, welches unſeren Dampfbä⸗ dern entſprach, und von da in das warme Bad ſelbſt; diefenigen, welche mehr an koͤrperliche übun⸗ gen gewoͤhnt, auf eine ſo wohlfeil erkaufte Ermuͤ⸗ dung verzichten konnten, gingen unmittelbar in das Calidarium. um dieſe Skizze zu vollenden, um dem Leſer eine entſprechende überſicht dieſes Hauptgenuſſes der Alten zu geben, wollen wir den Lepidus begleiten, der regelmäßig die ganze Reihefolge durchging, aus⸗ genommen das kalte Bad, welches ſeit Kurzem aus der Mode gekommen war. Nachdem der elegante Pompejaner ſich alſo im Tepidarium, welches wir vorhin beſchrieben haben, nach und nach erhitzt hatte, begab er ſich in das Sudatorium. Hier moͤge ſich der Leſer die allmälige Anwendung des Dampfbades vorſtellen, deſſen Luxus durch Wohlgeruͤche erhoht wurde. Nachdem der Badende dieſe Operationen überſtanden, rieben ihn ſeine Sklaven, die ihn jedes⸗ mal in die Bäder begleiteten, mit einer Art von Buͤrſte ab, von der ein neuerer Reiſender(eiläufig geſagt) at⸗ nde en⸗ er ſich bä⸗ zad Un⸗ nu⸗ das ſer der us⸗ us nte wir tte, ſich des oht nen es⸗ rſte gt) die 129 unreinigkeiten zu entfernen, von denen jedoch wohl kein Theilchen an der glatten Haut des ſo haͤufig badenden Lepidus haften bleiben konnte. Nachdem er ſich etwas abgekuͤhlt, ging er von hier in das Waſſerbad, das ebenfalls reichlich mit Wohlgeruͤchen erfuͤllt war, und wenn er an der andern Seite wie⸗ der austrat, wurde er noch durch ein kuͤhles Tropf⸗ bad abgeſpuͤlt. Darauf huͤllte er ſich in einen leich⸗ ten Mantel, und kehrte nochmals in das Tepida⸗ rium zuruͤck, wo er den Glaukus fand, der das Su⸗ datorium nicht benutzt hatte; und jetzt begann erſt der eigentliche Genuß des Bades. Die Sklaven rie⸗ ben die Badenden mit Salben ein, aus goldenen, alabaſternen oder kryſtallenen Gefaͤßen, welche koͤſt⸗ lichen Salben aus allen Weltgegenden zuſammenge⸗ bracht waren. Die Anzahl dieſer, durch die Reichen benutzten Smegmata wuͤrde einen ganzen Band fuͤllen — Amoracinum, Megalium, Nardum,— omne quod exit in um;— Während dieſer Einreibungen ertönte ſanfte Muſik in einem benachbarten Zimmer, und Diejenigen, welche die Bader nur mäßig ge⸗ brauchten, unterhielten ſich, erfriſcht und erquickt, mit aller Lebhaftigkeit eines verjuͤngten Lebens. „Geſegnet ſei, wer die Baͤder erfand!“ ſagte Glaukus, indem er ſich auf einem jener bronzenen Ruhebetten(damals mit weichen Kiſſen belegt) aus⸗ dehnte, von denen bis auf den heutigen Tag in demſelben Tepidarium zu Pompeji noch eines auf⸗ Bulwer's Werke. Taſchenausg. I. 9 13⁰ geſtellt iſt.„Sei es Herkules, oder Bacchus gewe⸗ ſen, ſo verdient er göttliche Verehrung.“— „Aber ſage mir,“ begann ein korpulenter Buͤr⸗ ger, der unter der Operation des Abreibens ſtöhnte und ſeufzte,„ſage mir, o Glaukus!— verflucht ſeien Deine Haͤnde, o Sklave, weshalb reibſt Du ſo heftig?— ſage mir— au! au!— ſind die Bäder in Rom wirklich ſo praͤchtig?“— Glaukus wendete ſich um, und erblickte den kaum zu erkennenden Diomedes, denn das Antlitz des guten Mannes war durch das Sudatorium und durch das Abkratzen ganz roth und entzuͤndet.„Ich ſtelle ſie mir weit groß⸗ artiger vor, als dieſe. He?“— Glaukus erwiederte, indem er ein Laͤcheln unter⸗ druͤcken mußte: „Denke Dir ganz Pompeji in Baͤder verwandelt, und Du wirſt Dir eine Vorſtellung von dem Um⸗ fang der kaiſerlichen Thermen in Rom bilden kon⸗ nen.— Aber auch nur von ihrem umfang. Denke Dir noch jede Zerſtreuung für Geiſt und Korper hinzu— alle die gymnaſtiſchen Spice, welche un⸗ ſere Väter einfuͤhrten— alle Schriften, die wir Italien und Griechenland verdanken— ſtelle Dir Raͤume fuͤr dieſe Spiele, Bewunderer fuͤr alle dieſe Werke vor, und dabei Bäder von dem bedeutendſten umfang und der bequemſten Bauart— dabei Thea⸗ ter, Gärten, Säulengänge, Hörſäle,— denke Dir, mit einem Wort, eine Stadt der* die blos aus Palaͤſten und oͤffentlichen Gebaͤuden beſteht, und Du wirſt Dir eine geringe Vorſtellung von der Pracht jener großen Bäder zu Rom bilden können.“— „Beim Herkules,“ ſagte Diomed, indem er die Augen oͤffnete.„Da koͤnnte ja ein Mann ſein gan⸗ zes Leben in dieſen Bädern zubringen.“— „Auch geſchieht dieſes oft in Rom,“ erwiederte Glaukus.„Es gibt viele Menſchen, die dort blos in den Bädern leben. Sie gehn hin, wenn ſie eroff⸗ net, und bleiben, bis ſie geſchloſſen werden. Sie ſcheinen nichts von dem uͤbrigen Rom zu kennen, und jedes andere Daſein zu verachten.“ „Beim Herkules!“ „Selbſt die, welche täglich nur dreimal baden, bringen ihr Leben in dieſer Beſchäftigung zu. Sie uͤben ſich in den Hoͤfen oder Saͤulengaͤngen in gym⸗ naſtiſchen Spielen, um ſich auf das Bad vorzuberei⸗ ten; ſie verweilen nach demſelben im Theater, um ſich zu erholen. Sie genießen ihr Prandium unter den Baͤumen, und bis zum zweiten Bade iſt es ver⸗ daut. Nach dieſem hören ſie in irgend einem Peri⸗ ſtil einen neuen Dichter ſeine Verſe vortragen; oder ſie gehn in die Bibliothek, um uͤber einem alten Dichter einzuſchlafen. Dem folgt das Abendeſſen, und nach demſelben nehmen ſie noch ein Bad, weil ſie dann meiſt ihre Freunde dort verſammelt finden, und ſich mit ihnen unterhalten konnen.“ 9* 132 „Beim Herkules!— doch ihre Nachahmer fin⸗ den ſich auch in Pompeji.“— „Ja; aber der Lurus der roͤmiſchen Bäder kann dies entſchuldigen; man erblickt dort nichts als Pracht und Glanz; dieſe Badegäſte ſehn nichts von den ärmlichen Theilen der Stadt; und wiſſen kaum, daß es Armuth in der Welt gibt. Die ganze Natur laͤchelt ihnen, und der einzige Trauerblick iſt ihr letzter, der ſie in die Bäder des Cocytus ſendet. Glaube mir, dieſes ſind Eure einzigen wahren Philo⸗ ſophen“— 5 Während Glaukus ſich ſo unterhielt, unterwarf ſich Lepidus mit geſchloſſenen Augen und kaum be⸗ merkbarem Athemzug jenen myſtiſchen Operationen, von denen er niemals eine uͤberging. Nach den Sal⸗ bungen und Räucherungen ſchuͤtteten die Sklaven jenes koͤſtliche Pulver uͤber ihn, welches den ferneren Zudrang der Hitze abhielt, und nachdem dieſes mit glattem Bimsſtein verrieben war, zog er nach und nach eine feſtlichere Kleidung, als die abgelegte, „die Syntheſis“ genannt, an, welche die Roͤmer zum Abendeſſen, das man jedoch, da es um drei uhr(nach unſerer Zeitberechnung) Statt fand, fuͤg⸗ licher ein Mittagmahl nennen konnte, anzulegen pflegten. Rachdem dieſes geſchehn, oͤffnete er endlich die Augen und gab wieder Zeichen des züruͤckgekehr⸗ ten Lebens von ſich. nn cht den daß tur ihr det. ilo⸗ arf be⸗ en, al⸗ ven ren mit und gte, mer drei fug⸗ gen lich ehr⸗ 133 Auch Salluſt gab jetzt wieder ein Zeichen ſeines Daſeins durch ein langes Gaͤhnen. „Es iſt Zeit zum Abendeſſen,“ ſagte der Epiku⸗ raer,„Du, Glaukus, und Lepidus, kommt mit, und fpeiſet heut Abend bei mir.“ „Vergeßt nicht, daß Ihr alle drei in dieſer Woche bei mir eingeladen ſeid,“ ſprach Diomedes, der auf die Bekanntſchaft mit vornehmen Männern ſehr ſtolz war. „Ach, ach! wir erinnern uns,“ ſagte Salluſt, „der Sitz des Gedächtniſſes, mein Diomedes, iſt ja der Magen.“ Indem die jungen Männer in ein kuͤhleres Zim⸗ mer, und darauf in die Straße traten, ſo waren hiermit die Gebräuche eines pompejaniſchen Bades beſchloſſen. Achtes Rapitel. Arbaces gewinnt ſein Spiel, indem er das Schlachtopfer durch den Genuß koͤdert. Der Abend lag uͤber der lebendigen Stadt, als Apaecides ſeinen Weg nach dem Hauſe des Egyp⸗ 134 tiers nahm. Er vermied die volkreicheren Straßen, und indem er mit verhuͤlltem Haupt, und das Ge⸗ wand um ſich geſchlagen, einherſchritt, ſo lag etwas Auffallendes in dem Gegenſatz, den ſein feierliches Weſen zu der froͤhlichen Ausgelaſſenheit Derer bildete, die ihm begegneten. Bald aber beruͤhrte ein Mann von geſetzterem und ſtillerem ußern, der ſchon zweimal mit neu⸗ gierigem, doch zweifelndem Blick bei ihm vorbeige⸗ gangen war, ſeine Schulter. „Apaecides,“ ſagte er, und dabei machte er ein ſchnelles Zeichen mit der Hand; es war das des Kreuzes.— „Was willſt Du, Nazarener?“— erwiederte der Prieſter, indem ſein Antlitz noch blaͤſſer wurde. „Nun,“ entgegnete der Fremde,„ich will Dich in Deinen Betrachtungen nicht ſtoͤren; aber als wir uns zuletzt begegneten, ſchien ich Dir willkommener zu ſein.“— „Auch jetzt biſt Du mir willkommen, Olinthus, doch ich bin muͤde und traurig, und heute Abend unfaͤhig, uͤber Deinen Lieblingsgegenſtand mich mit Dir zu unterhalten.“ „O! des thoͤrigten Herzens!“ ſagte Olinthus mit warmem Eifer,„Du biſt traurig und muͤde, und willſt jenen Strom des Heils verſchmähen, der Dich zu— und zu heilen vermag!“— „O, Himmel,“ rief der junge Prieſter, indem 13 5 er ſich heftig an vie Bruſt ſchlug,„wohin ſoll ich meine Blicke wenden, um den wahren Olympus zu ſehn, wo die Göoͤtter wirklich wohnen. Soll ich mit dieſem Manne glauben, daß keiner der Götter, die e, meine Vorfahren ſo viele Jahrhunderte lang verehr⸗ ten, ein Weſen oder einen Namen hat? Soll ich m dieſelben Altäre, die ich ſo lange fuͤr heilig hielt, u⸗ als Gottesläſterungen umſtuͤrzen?— oder ſoll ich e⸗ mit Arbaces glauben?— wie?“— Er hielt inne und ſchritt ſchnell von dannen, in mit der unruhe eines Menſchen, der ſich ſelbſt ent⸗ es fliehen will. „Doch der Nazarener war einer jener kuͤhnen, te kraftvollen und enthuſiaſtiſchen Maͤnner, die Gott in e. allen Zeiten zu ſeinen Werkzeugen auf Erden ge⸗ h brauchte, und beſonders bei der Einſetzung oder Re⸗ ir form ſeiner eigenen Religion.— Maäͤnner, welche 3 durch ihre Ausdauer geeignet ſind, Andere zu bekeh⸗ ren;— Maänner, die nichts entmuthigt, nichts zu⸗ , ruͤckſchreckt,— durch die Kraft ihres Glaubens ſind d ſie begeiſtert und begeiſtern Andere. Ihre Vernunft it wuͤrkt zuerſt auf ihre Einbildungskraft, und dieſe iſt zugleich das Werkzeug, deſſen ſie ſich bedienen;— t gewaltſam dringen ſie in die Herzen der Menſchen d ein, während ſie blos ihr Urtheil in Anſpruch zu nehmen ſcheinen. Nichts theilt ſich ſo leicht mit, als die Begeiſterung; dies iſt die wahre Allegorie in der Fabel des Orpheus— ſie ſetzt Steine in Be⸗ 3 136 wegung, ſie bezaubert wilde Thiere. Der Geiſt der Wahrheit offenbart ſich durch die Begeiſterung, und ohne ſie feiert die Wahrheit keine Siege. Olinthus ließ den Apaecides nicht ſo leicht fort. Er holte ihn ein, und redete ihn an, wie folgt: „Ich wundere mich nicht, Apaecides, daß meine Gegenwart Dir unangenehm iſt, daß ich Dein Ge⸗ muͤth erſchuͤttere, daß Du wandelſt im Zweifel, daß Du auf dem weiten Ozean der Ungewißheit und der Finſterniß einhertreibſt. Dies Alles befremdet mich nicht; doch harre etwas aus mit mirz wache und bete!— die Dunkelheit wird verſchwinden, der Sturm ſich legen, und Gott ſelbſt wird, wie er einſt die See von Samaria beruhigte, wachen uͤber den empoͤrten Wogen, um Deine Seele zu retten. unſer Glaube iſt ſtrenge in ſeinen Forderungen, aber wie freigebig in ſeinem Segen! Die Schmerzen einer Stunde werden belohnt durch das ewige Leben.“— „Solche Verſprechungen,“ ſagte Apaecides mit heftigem Tone,„ſind jene Spiegelfechtereien, durch welche die Menſchen von jeher getäuſcht wurden. Oh, wie herrlich waren die Zuſagen, die mich in den Tempel der Iſis fuͤhrten!“— „Befrage Deine Vernunft,“ entgegnete der Na⸗ zarener,„kann jene Religion die wahre ſein, die alle Sittlichkeit verletzt? Man gebietet Euch, Eure Götter zu verehren. Wer ſind dieſe Götter nach Eurem eignen Eingeſtändniß? Wie handelten ſie, ——— ————— c— er d — — 8 8 8 S S 137 welches ſind die Beweiſe ihrer Gottheit? Werden ſie Euch nicht alle wie die ſchwaͤrzeſten Verbrecher dar⸗ geſtellt?— und doch verlangt man, daß Ihr ſie wie die heiligſten Gottheiten anbetet!— Selbſt Ju⸗ piter iſt ein Vatermoͤrder, und ein Ehebrecher. und die geringeren Goͤtter, ſind ſie nicht blos Nachahmer ſeiner Untugenden? Man unterſagt Euch den Mord, aber Ihr betet Moͤrder an; Ihr ſollt nicht ehebrechen, aber Ihr richtet Eure Gebete an einen Ehebrecher. Heißt dieſes nicht Spott mit dem Heiligſten des Menſchen, mit dem Glauben, treiben? Wende Dich daher zu dem Einen und wahren Gott, vor deſſen Altar ich Dich fuͤhren will. Scheint Er Dir zu er⸗ haben, zu weſenlos fuͤr die menſchliche Faſſungskraft, die ruͤhrende Sehnſucht des Geſchoͤpfes nach ſeinem Schopfer, welcher das ſchwache Herz ſich hingibt— ſo ſchaue Ihn an in Seinem Sohne, der ein ſterb⸗ licher Menſch wurde, wie wir. Seine Sterblichkeit zeigte ſich aber nicht, wie die Eurer fabelhaften Göoͤtter, durch die Maͤngel unſerer Natur, ſondern durch die Ausuͤbung aller Tugenden. In Ihm war die ſtrengſte Sittlichkeit mit der duldendſten Sanft⸗ muth vereinigt. Wäre Er auch nur ein Menſch, ſo hätte Er verdient, ein Gott zu werden. Ihr ehrt den Sokrates— er hat ſeine Anhänger und ſeine Schuͤler. Was ſind aber die zweideutigen Tugenden des Athenienſers gegen die unlaͤugbare, ſich ſelbſt hingebende Heiligkeit Chriſti?— Ich ſpreche jetzt 138 blos von ſeinem Charakter als Menſch mit Dir. Er kam zu uns als das Zeugniß fuͤr kunftige Jahr⸗ hunderte, um uns die Menſch gewordene Tugend darzuſtellen, wie Plato ſie zu ſchauen duͤrſtete. Die⸗ ſes iſt das wahre Opfer, welches er den Menſchen brachte; der Jubel aber, der in ſeiner Todesſtunde erſchallte, verklaͤrte nicht allein die Erde, ſondern geſtattete uns auch einen Blick in den Himmel!— Du biſt geruͤhrt— Du fuͤhlſt Dich beſeligt! Gott wuͤrkt in Deinem Herzen;— Sein Geiſt iſt mit Dir!— Komm, entziehe Dich nicht dem heiligen Antriebe, komm gleich— zaudre nicht laͤnger! Es ſind einige der unſrigen jetzt verſammelt, um das Wort Gottes auszulegen. Laß mich Deinen Fuͤhrer ſein zu ihnen. Du biſt muͤde, Du biſt traurig. So hoͤre denn auf die Worte Gottes. Kommt her zu mir, ſagt Er, Alle, die Ihr muͤhſelig und ſeid; ich will Euch erquicken.“— „Ich kann jetzt nicht,“ ſagte Apaecides, vein andermal.“ „Jetzt— jetzt“— rief Olinthus, und zog ihn am Arm. Apaecides aber, noch nicht vorbereitet auf die Entſagung jenes Glaubens— jenes Lebens, fuͤr die er ſo viel aufgeopfert hatte, und den Verſprechun⸗ gen des Egyptiers noch trauend, entriß ſich gewalt⸗ ſam, und da er eine Anſtrengung füͤr nöthig hielt, um die unentſchloſſenheit zu uͤberwinden, welche die — 3 — 1³9 Beredtſamkeit des Chriſten in ſeinem erhitzten und fieberhaften Gehirn erregt hatte, ſo ſchlug er ſein Kleid zuruͤck und floh ſo ſchnell, daß er nicht mehr einzuholen war. Athemlos und erſchoͤpft gelangte er endlich in einen entfernten und einſamen Theil der Stadt, und das duͤſtre Haus des Egyptiers ſtand vor ihm. Als er, um ſich zu erholen, ſtehen blieb, trat der Mond hinter einer ſilbernen Wolke hervor, und ſein Schein fiel auf die Mauern jenes geheimnißvollen Gebaͤudes. Kein anderes Haus ſtand in der Nähe; es wurde durch die Reben eines dicken Weinſtocks umrankt, und hinter demſelben erhob ſich eine Gruppe hoher Waldbaͤume, die das melancholiſche Mondlicht be⸗ ſchien; weiterhin ſah man die entfernteren Berge, und unter ihnen den Veſuv, der damals noch nicht ſo hoch war, als der Wanderer jetzt ihn ſchaut. Apaecides trat in den breiten und geräumigen Säulengang ein. Vor ihm, zu beiden Seiten der Treppe, ruhte das Steinbild einer egyptiſchen Sphinx, und das Mondlicht erhoͤhte den feierlichen Eindruck jener harmoniſchen und leidenſchaftsloſen Zuͤge, in denen die Kuͤ ſtler, welche jenes Sinnbild der Weisheit darſtellten, das Symbol der Schoͤnheit und des Geheimnißvollen zu vereinigen ſtrebten.— Mitten auf den Stufen ſtanden Aloepflanzen mit ihren dunkelgruͤnen und dicken Blaͤttern, und der Schatten der morgenlaͤndiſchen Palme malte ihre ⸗ 140⁰ langen und regungsloſen Zweige auf dem marmor⸗ nen Boden. Es lag etwas in der Einſamkeit des Ortes und dem eigenthuͤmlichen Anblick der Sphinxe, welches das Blut des Prieſters in unheimlicher Furcht er⸗ ſtarren ließ, und er ſehnte ſich ſelbſt nach einem Echo, als er die Stufen hinanſtieg. Er klopfte an die Thuͤre, uͤber welcher eine In⸗ ſchrift, in Charakteren, die ihm unbekannt waren, ſich befand. Es wurde geoͤffnet, und eine ſchlanke ethiopiſche Sklavin winkte ihm, ohne Frage oder Gruß, einzutreten. Die geraͤumige Halle war durch hohe, kunſtreich gearbeitete Kandelaber von Bronze erleuchtet, und die Wände waren mit großen Hieroglyphen in dun⸗ keln Farben bemalt, welche einen ſeltſamen Gegen⸗ ſatz mit den anmuthigen und glaͤnzenden Gemaͤlden bildeten, die man gewoͤhnlich in den Haͤuſern der damaligen Italiener fand. An dem Ende der Halle empfing ihn eine Sklavin, deren Geſichtsfarbe, wenn auch nicht afrikaniſch, doch um einige Schatten dunk⸗ ler war, als die der Romer. „Ich ſuche den Arbaces,“ ſagte der Prieſter mit zitternder Stimme. Die Sklavin nickte ſchweigend mit dem Kopf, und fuͤhrte den Apaecides durch einen Fluͤgel des Gebaͤudes eine ſchmale Treppe hinauf. Darauf gingen ſie noch durch mehrere Zimmer, in denen die ehrwuͤrdige und gedankenvolle Schoͤnheit — nd es r⸗ m n⸗ n, ke er ich nd n⸗ n⸗ er lle nn k⸗ nd en f. in 141 der Sphinre wieder die Augen des Prieſters beſon⸗ ders auf ſich zog, und jetzt ſtand er in einem ſchwach erleuchteten Zimmer vor dem Egyptier. Arbaces ſaß vor einem kleinen Tiſch, auf dem mehrere Papyrusrollen lagen, mit aͤhnlichen Buch⸗ ſtaben beſchrieben, als die in der Inſchrift uͤber der Hausthuͤre. Unweit davon ſtand ein kleiner Dreifuß, aus dem ſich der Weihrauch langſam erhob. Da⸗ neben war ein großer Globus mit den Himmels⸗ zeichen aufgeſtellt, und auf einem andern Tiſche lagen mehrere eigenthuͤmlich geformte Inſtrumente, deren Gebrauch dem Apaecides unbekannt war. Die andere Seite des Zimmers verbarg ein Vorhang, und durch ein laͤngliches Fenſter in der Decke drangen die Strahlen des Mondes, ſich mit denen der einzigen Lampe vereinigend, die in der Mitte des Zimmers duͤſter brannte. „Setze Dich, Apaecides,“ ſagte der Egyptier, ohne aufzuſtehn. Der junge Mann gehorchte. „Du⸗ fragſt mich,“ begann Arbaces nach einer kurzen Pauſe, in der er in Gedanken vertieft zu ſein ſchien.„Du fragſt mich— oder moͤchteſt we⸗ nigſtens mich befragen uͤber die tiefſten Geheimniſſe, welche der Geiſt des Menſchen zu erfaſſen vermag; Du wuͤnſcheſt, daß ich das Räthſel des Lebens ſelbſt Dir loͤſen moͤge. Wir bilden uns, wie die Kinder im Dunkeln, und nur auf kurze Zeit, in dieſem be⸗ 142 ſchraͤnkten, aͤrmlichen Daſein unſere Geſpenſter in der Finſterniß; bald ſinken unſere Gedanken ſchreck⸗ haft in ſich ſelbſt zuruck, bald ſturzen ſie ſich in die vodenloſe Leere, erforſchen wollend, was ſie ent⸗ halte— und ſo ſtolpern wir, indem wir mit unſern huͤlfloſen Haͤnden hier und dorthin taſten, zuletzt über einer verborgenen Gefahr, die Schranken nicht ken⸗ nend, die unſere irdiſche Exiſtenz begrenzen, bald glaubend, das Vordringen ſei uns nicht weiter ge⸗ ſtattet, dann wieder, es ſei uns der Fortſchritt bis in die Unendlichkeit des Raumes gewaͤhrt. In die⸗ ſer Lage der Dinge beſteht nothwendigerweiſe alle⸗ Weisheit in der Beantwortung der beiden Fragen: „was ſollen wir glauben, und was ſollen wir nicht glauben?“— Du wuͤnſcheſt, von mir die Aufloſung dieſer beiden Fragen zu hören?“— Apaecides nickte bejahend mit dem Kopfe. „Der Menſch muß glauben,“ fuhr der Egyp⸗ tier mit trauriger Stimme fort.„Er muß ſeine Hoffnung an etwas feſſeln; dieſes iſt das Erbtheil unſerer Natur. Wenn Du, erſchrocken und entſetzt, den Gegenſtand Deines Glaubens Dir entriſſen zu ſehn, in einem finſtern und uferloſen Ozean dér Un⸗ gewißheit treibſt, rufſt Du um Huͤlfe und ſehnſt Dich nach einer Planke, an die Du Dich halten koͤnnteſt, um ein, wenn auch entferntes und oͤdes Land zu erreichen. Nun ſo hoͤre denn!— Du er⸗ innerſt Dich noch unſerer heutigen unterredung?“ d — w — N 143 146 „Wie ſollte ich ſie vergeſſen haben?“— „Ich ſagte Dir, daß jene Gottheiten, fuͤr die ſo viele Altäre rauchen, reine Erfindungen ſeien. Ich geſtand Dir, daß unſere gottesdienſtlichen Gebraͤuche und Zeremonien bloße Mummereien ſeien, erfunden jedoch fuͤr das eigene Beſte der rohen Menge. Ich zeigte Dir, daß dieſen Taͤuſchungen die Bande der eſellſchaft, die Ruhe und Ordnung in der Welt, die Macht der Weiſen zu verdanken ſeien; jene Macht gruͤndet ſich auf den Gehorſam der Menge. Setzen wir daher dieſe heilſamen Taäuſchungen fort — wenn der Menſch einen Glauben haben muß, ſo moͤge er den ſeiner Väter behalten, und den, welchen die Gottheit heiligt und erkraͤftigt. Indem wir fuͤr uns, deren geiſtige Beduͤrfniſſe ausgebildeter ſind, einen andern Glauben ſuchen, ſo wollen wir Andern jene Stuͤtze nicht rauben, die fuͤr uns ſelbſt zu ſchwach iſt⸗ Dieſes iſt weiſe— dieſes iſt eine Wohlthat.“— „Fahre fort“— „Nachdem dieſes feſtgeſtellt iſt,“ ſprach der Egyptier weiter;„und die alten Grenzſteine fuͤr Diejenigen, welche wir verlaſſen wollen, unverletzt blieben— guͤrten wir unſere Lenden, um uns ein neues Gebiet des Glaubens zu ſuchen. Jetzt ver⸗ nichte gaͤnzlich in Deinem Gedaͤchtniß und in Dei⸗ nem Herzen Alles, woran Du fruͤher geglaubt haſt. Dein Geiſt werde, wie eine unbeſchriebene Papyrus⸗ rolle, geeignet, ganz neue Eindruͤcke aufzunehmen. 144 Schaue Dich um in der Welt— betrachte ihre Ord⸗ nung— ihre Regelmaßigkeit— ihre Groͤße. Et⸗ was muß ſie erſchaffen haben— das Geſchopf ſetzt einen Schoͤpfer voraus;— mit dieſer Wahrheit be⸗ treten wir zuerſt feſten Boden. Doch was iſt dieſes Etwas?— Ein Gott! ſagſt Du— Ruhig! keine verwirrten und verwirrenden Namen. Von Dem, was die Welt erſchuf, wiſſen wir nichts, können wir nichts wiſſen, als deſſen Eigenſchaften— Macht und ewige Regelmaͤtzigkeit,— ſtrenge, vernichtende, raſtloſe Regelmäßigkeit, die auf keine einzelnen Falle und Ausnahmen Ruͤckſicht nimmt— ſich rollend, ſchwingend, zerſtörend, wie viele von der allgemei⸗ nen Maſſe ſich abloͤſende Herzen auch unter den dampfenden Rädern zermalmt werden moͤgen.— Die Miſchung des Boͤſen mit dem Guten— das Vorhandenſein des Schmerzes und des Verbrechens haben in allen Zeiten die Weiſen in Verlegenheit geſetzt. Sie ſchufen ſich einen gerechten und men⸗ ſchenfreundlichen Gott. Woher kam denn aber das übel? wie duldete, wie erfand er es ſogar, und ließ es fortdauern? um dieſes zu erklaren, dachte ſich der Perſer noch einen Geiſt, deſſen Ratur boſe iſt, und nimmt einen ewigen Kampf zwiſchen dieſem und dem Gott des Guten an. Wir Egyptier ſetzen in unſerem furchtbaren Typhon einen ähnlichen Dä⸗ mon voraus. Ein verwirrender Irrthum, der uns nur noch mehr irre fuͤhrt!— eine Thorheit, die aus den kan jene Geſ nen nich ten, muͤ fahr wir lern Der Eig 145 jener leeren Einbildung entſtand, welche die unbe⸗ kannte Macht zu einem korperlichen— menſchlichen Weſen machen, den unſichtbaren mit einer dem Sichtbaren aͤhnlichen Natur bekleiden, und mit den⸗ ſelben Eigenſchaften ſich vorſtellen will.— Nein— wir wollen dieſer Macht einen Namen geben, der keine Verwirrung der Begriffe zulaͤßt— und das Geheimniß bleibt uns weniger verhuͤllt— dieſer Name iſt: die Nothwendigkeit.— Die Noth⸗ wendigkeit, ſagen die Griechen, regiert die Goͤtter— wozu denn die Goͤtter?— ihre Huͤlfe wird zweck⸗ los— gebe ſie ein fuͤr allemal auf.— Die Noth⸗ wendigkeit regiert Alles, was wir ſehen;— Macht und Regelmaͤßigkeit, dieſe beiden Eigenſchaften bil⸗ den ihr Weſen. Willſt Du mehr wiſſen?— weiter kannſt Du nichts erfahren!— Wir wiſſen nicht, ob jene Nothwendigkeit ewig iſt— ob ſie uns, ihren Geſchoͤpfen, nach jener Finſterniß, die wir Tod nen⸗ nen, eine neue Laufbahn anweiſet. Wir vermoͤgen nicht weiter einzudringen in das Weſen dieſer ural⸗ ten, unſichtbaren, unergruͤndlichen Macht,— und muͤſſen uns zu jener wenden, die, nach unſeren Er⸗ fahrungen, ihr großes Werkzeug iſt. Dieſe koͤnnen wir naͤher beobachten, von ihr konnen wir mehr lernen— ſie umgibt uns: es iſt die Natur. Der Jrrthum der Weiſen beſtand darin, uͤber die Eigenſchaften der Nothwendigkeit nachzugruͤbeln— hier iſt aber Alles fuͤr uns dunkel und unerforſchlich. Bulwer's Werke. Taſchenausg. I. 10 146 Hätten ſie ihre Unterſuchungen blos auf die Natur beſchraͤnkt, wie bedeutend ausgedehnter wuͤrde dann nicht das Gebiet unſeres Wiſſens und unſerer Kennt⸗ niſſe ſein?— Hier wird der Geiſt der Forſchung und der Ausdauer nie zwecklos in Thätigkeit geſetzt. Wir ſehen, was wir unterſuchen, unſer Geiſt er⸗ ſteigt eine wirkliche Leiter von urſachen und Wir⸗ kungen. Die Natur iſt der große Geiſt des aͤußern Daſeins— die Nothwendigkeit ſchreibt ihr die Ge⸗ ſetze vor, nach denen ſie thätig iſt— ſie gewaͤhrt uns ſelbſt die Fähigkeiten, durch die wir ſie beobach⸗ ten— dieſe Fähigkeiten ſind die Neugierde und das Gedaͤchtniß— ihre Vereinigung iſt die Vernunft— deren Vervollkommnung die Weisheit. Durch dieſe Kraͤfte unterſtuͤtzt, beobachte ich die unerſchoͤpfliche Natur;— die Erde, die Luft, das Meer, den Him⸗ mel— ich uͤberzeuge mich, daß alle in einer ge⸗ heimnißvollen Verbindung ſtehn— daß der Mond die Ebbe und Fluth beherrſcht— daß die Luft die Erde erhaͤlt und das Leben und Beſtehen alles Vor⸗ handenen bedingt— daß durch die Kenntniß des geſtirnten Himmels wir ein Maß fuͤr die Zeit und den Raum gewinnen, in die Abgruͤnde der Vergan⸗ genheit geleitet werden, und die Ereigniſſe der Zu⸗ kunft entdecken können. und ſo lernen wir wenig⸗ ſtens die Geſetze der Nothwendigkeit, wenn auch nicht ſie ſelbſt kennen. Welche Wahrheiten können. wir uns nun aus dieſer Religion entwickeln?— 147 denn es iſt allerdings eine Religion!— Ich glaube an zwei Gottheiten, an die Natur und an die Noth⸗ wendigkeit; ich verehre dieſe durch Ehrfurcht, jene durch eigene Forſchung. Was wird uns dadurch be⸗ wieſen?— Dieſes!— Alles iſt nur allgemeinen Regeln unterworfen; die Sonne leuchtet wohlthaͤtig fuͤr Viele, Einzelnen aber kann ſie ſchädlich werden; die Nacht gewaͤhrt der Menge den Schlaf und die Ruhe, aber ſie ſchuͤtzt auch den Morder; die Wälder zieren die Erde, aber ſie beherbergen auch die Schlange und den Loͤwen; das Meer trägt Tau⸗ ſende von Schiffen, aber es verſchlingt das eine. So wirkt die Natur, und ſo verfolgt die Nothwen⸗ digkeit ihren, durch nichts zu hemmenden Gang zwar fuͤr das allgemeine Beſte, aber nicht fuͤr das Beſte Aller. Dieſes iſt die Moralität der unabaͤnderlichen Geſetze, welche die Welt regieren, es iſt die meinige, denn ich gehoͤre zu ihr. Ich moͤchte die Täuſchungen der Prieſter aufrecht erhalten— denn ſie ſind der Menge nuͤtzlich; ich moͤchte den Menſchen die Kuͤnſte mittheilen, die ich entdecke, die Wiſſenſchaften, die ich vervollkommne; ich moͤchte den Fortſchritt der Bildung befoͤrdern;— darin diene ich dem Ganzen; ich erfuͤlle das allgemeine Geſetz; ich uͤbe die großen moraliſchen Gebote aus, welche die Natur ſelbſt pre⸗ digt. Fuͤr mich aber nehme ich die individuelle Aus⸗ nahme in Anſpruch; ich fordere ſie fuͤr den Weiſen; uͤberzeugt, daß meine perſonlichen Thaten nichts ſind 10* 148 auf der großen Waage des Guten und Boͤſen; uͤber⸗ zeugt, daß meine Kenntniſſe der Maſſe nuͤtzlicher ſein, und meine beſondern Neigungen nur Wenigen ſchaden koͤnnen(denn die erſteren koͤnnen ſich bis zu den entfernteſten Gegenden verbreiten und Rationen dienſtbar werden, die vielleicht noch nicht vorhanden ſind), ich gebe der Welt Weisheit, mir ſelbſt Frei⸗ heit. Ich erleuchte das Daſein Anderer, und genieße mein eigenes. Ja, unſere Weisheit iſt ewig, aber unſer Leben iſt kurz; benutze es, ſo lange es waͤhrt. Vergoͤnne Deiner Jugend das Vergnuͤgen, und Dei⸗ nen Sinnen den Genuß. Bald kommt die Stunde, wo der Becher nicht mehr winkt und die Kraänze nicht mehr bluͤhen. Freue Dich des Lebens, ſo lange es Dir moͤglich iſt! Stille! o Apaecides, mein Pfle⸗ gekind und mein Schuͤler! Ich will Dich den Mechanismus der Natur in ihren duͤſterſten und wildeſten Geheimniſſen kennen lehren— das Wiſſen, welches Thoren Magie nennen— und die bedeutungs⸗ vollen Myſterien der Sternenwelt. Dadurch wirſt Du Deine Pflichten gegen das Ganze erfuͤllen und Deine Mitmenſchen aufklären. Aber ich will Dich auch Genuͤſſe kennen lehren, von denen ſich die Menge nichts traͤumen laͤßt; und wenn Du den Tag den Menſchen gewidmet haſt, ſo ſoll die ſuͤße Nacht Dir ſelbſt vorbehalten bleiben.“ Als der Egyptier ſeine Rede ſchloß, ertonte von allen Seiten die lieblichſte Muſik, welche Lydien ei⸗ er drang ein wie ein Strom der Toͤne— die Sinne unbewußt einwiegend, uͤbertäubend und mit Entzuͤcken ſter zu ſein, ſo wie der Schäfer ſie in der goldnen Zeit gehoͤrt haben mochte in den Thalern Theſſaliens, 149 jemals erfand, oder Jonien vervollkommte. Sie beſeligend. Es ſchien die Melodie unſichtbarer Gei⸗ oder in den kuͤhlen paphiſchen Hainen. Die Worte, welche Apaecides als Antwort auf die Trugſchluͤſſe des Arbaces erwiedern wollte, erſtarben auf ſei⸗ nen Lippen. Er hielt es fuͤr eine Entheiligung, dieſe bezaubernden Toͤne zu unterbrechen— die Em⸗ pfänglichkeit ſeines aufgeregten Gemuͤths, die grie⸗ chiſche Waͤrme und Milde ſeiner angebornen Natur, wurden durch jene überraſchung entbunden und ent⸗ feſſelt. Er ſank mit offenen Lippen und horchendem Ohr auf einen Sitz— waͤhrend ein Chor von Stim⸗ men, ſchmelzend und ſuͤß, wie jene, die einſt Pſychen in dem Tempel des Amor erweckten, folgendes Lied ſangen: Die Hymne des Eros. An des Cephyſus kuͤhlen Ufern ſchwebt, Der Liebe ſuͤße Stimme durch die Luft, Daß holdres Roth des Tejers Roſen hebt, Und Alles ſchweigt, da dieſe Stimme ruft; Die leichten Horen hemmen ihren Flug, Und Blumen ſtreuend, lauſchen ſie dem Ton,— Den Zephyrs Hauch in Aegle's ²) Grotte trug, und Pan ſelbſt horcht, des Waldes rauher Sohn: *) Die Schoͤnſte der Najaden. „Liebt, Erdenkinder!— Ich, der Liebe Macht, „Bin älteſter von Chaos*) Göͤtterſproß, „Die Himmelshalle ſtrahlt, der ich gelacht, „Des Morgens Augenlid ſich mir erſchloß.“ „Mein ſind die Sterne!— wen ihr Strahl entzuͤckt, „Der ſpricht auch meiner Herrſchaft nimmer Hohn, „Mein iſt der Mond!— wenn Luna traurig blickt, „So iſt's die Trauer um Endymion.“ „Mein ſind die Blumen!— mein der Roſe Gluth, „Das Veilchen, das im Schatten ſich verſteckt, „Mein iſt der Lichtglanz, der im Maiſtrahl ruht, „Mein jeder Traum, der Euch im Walde neckt.“ „Liebt, Erdenkinder!— Weisheit Liebe iſt, „Die Erde ſtrotzt von mir; ſchaut hin und her, „Der Strand wird von der Woge ſtets gekuͤßt, „Die Winde ſchmiegen ſich an's wilde Meer.“ „Alles Liebe!“— Wie ein holder Traum Erſtarb die Stimme— doch das Echo ruft, Und lange ſchallt bis in den Sternenraum Das Woͤrtchen:„Liebe! Liebe!“ in der Luft. Als der Geſang aufhoͤrte, faßte der Egyptier den Apaecides bei der Hand, und fuͤhrte den uͤber⸗ raſchten, halb widerſtrebenden jungen Mann dem Vorhang an der andern Seite des Zimmers zuz und jetzt ſchienen tauſend funkelnde Sterne hinter demſelben hervor zu leuchten; der bis dahin dunkle Vorhang glänzte in dem zarteſten Himmelblau. Er *) Nach dem Heſiodus.. 15⁵¹ ſtellte den Himmel ſelbſt dar— einen Himmel, wie er in den mildeſten Juninächten uͤber den Stroͤmen Kaſtaliens ausgeſpannt iſt. Hier und da erſchienen roſigte Wolken, aus denen, durch die Kunſt des Walers, Antlitze voll göttlicher Schoͤnheit hervor⸗ ſchauten, und auf welchen die Geſtalten ruhten, von denen Phidias und Apelles träͤumten. Und die leuchtenden Sterne in dem glaͤnzenden Azur rollten ſchnell einher, während die Muſik, die in leichteren und lebhafteren Tönen ſich horen ließ, mit der Har⸗ monie der Sphären im Einklang zu ſein ſchien. „O! welche Wunder ſind dieſes, Arbaces?“— ſagte Apaecides mit ſtammelnder Zunge.„Willſt Du mir, nachdem Du die Götter verläugnet, jetzt—“ „Ihre Genuͤſſe zeigen!“— unterbrach ihn Ar⸗ baces mit einer von ſeiner gewohnten Kaͤlte und Ruhe ſo abweichenden Stimme, daß Apaecides ſtaunte, und den Egyptier fuͤr verwandelt hielt: und jetzt, als ſie dem Vorhang ſich näherten, drang eine milde, laute, entzuͤckende Melodie hinter demſelben hervor. Er ſchien darauf in der Luft zu verſchweben, und es bot ſich den Blicken des jungen Prieſters eine Scene dar, wie ein Sybarit ſelbſt ſie kaum ſich zu denken vermocht haben wuͤrde. Vor ihm lag ein großer Feſtſaal, durch unzäh⸗ lige Lichter erleuchtet. Der Duft von Weihrauch, Jasmin, Veilchen und Roſen erfuͤllte den Raum. Alles, was die wohlriechendſten Blumen und die * 5 15² koſtbarſten Gewuͤrze darbieten konnten, ſchien in eine Eſſenz vereinigt. Von den ſchlanken Saͤulen, die ſich bis zu der hohen Decke erhoben, hingen weiße Draperien mit goldenen Sternen beſaͤet herab. An dem Ende des Saales erhoben zwei Springbrun⸗ nen ihre Strahlen, die in dem glaͤnzenden Licht, wie unzählige Diamanten, hinab fielen. In der Mitte erhob ſich langſam, als ſie eintraten, unter den Tonen unſichtbarer Muſik eine lange Tafel aus dem Boden, die mit den köſtlichſten Speiſen beſetzt war, und Vaſen jener, jetzt unbekannten myrrhiniſchen Arbeit*), die in ihren Farben ſo glänzend, in ihrem Stoffe ſo durchſichtig iſt, enthielten ausländiſche Gewächſe des Morgenlandes. Die Ruhebetten, welche dieſen Tiſch umgaben, waren mit blauen, goldge⸗ ſtickten Kiſſen belegt; und aus unſichtbaren Röhrer in der gewolbten Decke verbreitete ſich wohlriechendes Waſſer, welches die köſtliche Luft abkuͤhlte, und das herrlichſte Farbenſpiel in den Strahlen der Lampen bildete, ſo daß die Elemente des Waſſers und Feu⸗ ers ſich zu uͤberbieten ſchienen.— und jetzt traten hinter den Draperien ſolche Geſtalten hervor, als Adonis erblickte, da er in dem Schooße der Venus ruhte. Sie umgaben, einige mit Blumenkränzen, Die jedoch wahrſcheinlich nichts Anderes als chine⸗ ſiſches Porzellan war— wenn auch dieſe Anſicht noch vielfach beſtritten wird. S 6 29 0 2 6 19 70 S S andere mit Leiern in den Haͤnden, den Juͤngling, und fuͤhrten ihn zu dem Tiſche, indem ſie ihn mit roſig⸗ ten Ketten umwanden. Die Erde, ſelbſt der Ge⸗ danke an ſie, verſchwand aus ſeiner Seele. Er glaubte, zu traͤumen, und hielt den Athem an, um nicht zu ſchnell zu erwachen; die Sinne, welche ihn bis jetzt noch nie uͤberwältigt hatten, regten ſich in ſeinen ſchlagenden Pulſen, und verblendeten ſeine umher ſchwärmenden, irren Blicke. Und nochmals erhob ſich, waͤhrend er ſich wie bezaubert fuͤhlte, in ſchnellem und bacchiſchem Tonmaß, der Geſang: Anakreontiſches Lied. In den Adern des Bechers dampft und gluͤht Das rollende Blut der Reben, Doch was in den Adern der Jugend gluͤht, Kann feuriger Lesbos nicht geben! Es ſpricht, es ſpricht, Wie fluͤſſiges Licht, In Deinem Blick noch die Woge. Schenkt ein! ſchenkt ein bis zum ſchaͤumenden Rand, Des jungen Liaeus*) Gabe; Er gibt den Schluͤſſel der zitternden Hand!— Entfliehn wir ſchon irdiſchem Grabe?— So trinkt! ſo trinkt! Und wenn Ihr auch ſinkt, Es ſehn uns ja nur die Lampen!— Und wenn Du trinkſt, ſo entſaug ich dem Blick *) Ein Name des Bacchus, von 1v, entbinden, entfeſſeln. 15⁵4 Den Wein von noch koͤſtlicherm Stamme; Du laͤchelſt dem Bacchus;— ich gonn' ihm ſein Gluͤck,— Doch fuͤr mich auch, Geliebte! entflamme!— Nur einen Blick! O, Liebesgluͤck! Es ſehnt ſich mein Blick nach dem Deinen!— Als der Geſang beendigt war, erſchien eine Gruppe von drei Mädchen, durch Blumengewinde verbunden, die, indem ſie den Grazien ähnlich waren, ſie ſelbſt hätten beſchaͤmen koͤnnen. Sie naͤherten ſich in dem Takte des joniſchen Tanzes, ſo wie die Nereiden an den Geſtaden der aͤgeiſchen See, oder wie Cytherea ihre ſchoͤnen Begleiterinnen auf dem Vermaͤhlungs⸗ feſt der Pſyche und ihres Sohnes es lehrte. Die eine derſelben ſetzte dem Apaecides einen fri⸗ ſchen Kranz auf das Haupt, und die juͤngſte reichte ihm knieend den Becher dar, in dem der feurige Wein von Lesbos gluͤhte und ſchäumte. Der Juͤng⸗ ling widerſtand nicht laͤnger; er trank, und das Blut rannte ihm wild durch die Adern. Er ſank an den Buſen der Nymphe, die neben ihm ſaß, und indem ſeine ſchwimmenden Augen den Arbaces ſuch⸗ ten, den er in der Aufregung ſeiner Gefuͤhle aus dem Geſicht verloren hatte, erblickte er ihn an dem obern Ende des Tiſches auf einem Ruhebette, wie er mit einem aufmunternden Lächeln ihn betrachtete. Er ſah ihn dieſes Mal, wie er es ſonſt gewohnt war⸗ weder im dunklen und einfachen Gewande, noch mit N — 15⁵ feierlicher und ernſter Stirne. Ein ſchneeweißes Kleid, mit Gold geſtickt und mit Edelſteinen beſetzt, umgab ſeine ehrwurdige Geſtalt; ſein Haupt war mit einer Art von Tiara von Smaragden und Ru⸗ binen gekront, und ſeine rabenſchwarzen Locken mit einem Kranze von weißen Roſen umgeben. Er ſchien, wie Ulyſſes, verjuͤngt worden zu ſein— ſeine Zuͤge hatten mehr den Ausdruck der Schoͤnheit, als den der Gedankenfulle angenommen, und er zeichnete ſich in der ihn umgebenden anmuthigen Scene wie ein olympiſcher Gott aus.— „Trinke— liebe— freue Dich, mein Pflege⸗ ſohn!“ ſagte er;„ſchäme Dich Deiner Jugend und Deiner Neigungen nicht. Was Du biſt, das fuͤhlſt Du in Deinen Adern— bedenke, was Du einſt werden wirſt!“ Bei dieſen Worten zeigte er nach einer Niſche, und Apaecides erblickte auf einem Piedeſtal das Ske⸗ lett zwiſchen den Statuen des Bacchus und der Idalia. „Erſchrecke nicht!“ fuhr der Egyptier fort; „jener duͤſtre Gaſt ſoll uns nur an die Kuͤrze unſeres Lebens erinnern. Ich hoͤre eine Stimme aus ſeinem lippenloſen Munde, die uns zuruft: Genieße!“— Während er ſprach, umgaben mehrere Nymphen die Statuen; ſie legten Kränze auf das Piedeſtal, und indem die Becher gefuͤllt und geleert wurden, ſangen ſie Folgendes: 15⁵6 Vacchiſche Hymne auf das Bild des Todes. O. Gaſt aus der Schatten dunklem Land, Du kannteſt einſt Liebe und Wein, Jetzt ſchwebſt Du geſpenſtiſch am duͤſtern Strand, Hier oben gedenken wir Dein. Strebt noch zuruͤck Des Geiſtes Blick, Zu ſchauen, was hier er verließ? Den Schädel kraͤnzen wir, den Du bewohnt, Da Du noch des Lebens Dich freuteſt, Als auch füͤr Dich in dem Becher gewohnt, Was Du uns jetzt, Bacchus! bereiteſt. Und wenn die Sonne ſank, War Dir der Zyther Klang, Wie uns, o Schatten, willkommen!— Hierauf näherte ſich eine neue Gruppe, und die Muſik wurde ſchneller und lebhafter: Es iſt der Tod das dunkle and, Wohin wir reiſen, Doch guͤnſt'ge Fahrt zum buͤſtern Strand Iſt auch zu preiſen.— Bekraͤnzt erwartet Eure Zeit, Geſang erſchalle, Daß, wer dem Tode iſt geweiht, Auch wuͤrdig falle. Nach einer kleinen Pauſe fuhr der Geſang immer lebhafter fort: Die Zeit entſchwebt; drum lacht und lebt, Genießet die eilenden Stunden! 157 Wo Jugend trinkt, und Liebe winkt, Iſt zwecklos die Zeit nicht entſchwunden! Eine dritte Gruppe naͤherte ſich mit gefuͤllten Po⸗ kalen, die ſie als Libation auf jenem ſeltſamen Altar darbrachten; und nochmals ertoͤnte, langſam und feierlich, die wechſelnde Melodie: Du duͤſtrer Gaſt! ſei uns willkommen, Von jenem Meer, noch unentdeckt, Wenn unſre Stunde einſt gekommen, Dann wird bei Dir der Tiſch gedeckt. Willkommen, dunkler Gaſt! Es iſt wohl Keiner faſt, Ein ſo willkommner Gaſt, Als Du, in deſſen Halle Wir einſt ſind Gäſte alle.— Doch Wirthe ſei'n wir lange, Und, ſtiller Schatten, Du Sei mit der Stirn voll Ruh Voruͤbergehender Gaſt.— Jetzt fiel die ſchoͤne Nachbarin des Apaecides plotz⸗ lich in den Geſang ein: Uns leuchtet noch des Gluͤckes Stern, Uns iſt nicht Erde, nicht Sonne verloren, Und von dem duͤſtern Grabe fern, Eilen die Fluͤgel der roſigten Horen— Suͤß iſt der Kelch fuͤr Dich, Suͤß, Liebſter! iſt Dein Blick, Feſt an Dich ſchmieg' ich mich, 15⁵8 Weiſe mich nicht zuruͤck! An Deine Bruſt geſchmiegt, Sei ich in Schlaf gewiegt; Doch wecke mich— wecke! Und ſage mir mit Wort und Blick, Daß meine Sonne kehrt zuruͤck, Sage, Du liebſt mich!— Bemerkungen zum erſten Buch. 1) Seite 9. Die jetzigen Italiener, beſonders die aus den ſuͤblicheren Theilen Italiens, haben einen be⸗ ſondern Widerwillen gegen Wohlgeruͤche; ſie halten ſie ſelbſt fuͤr ungeſund; und die römiſchen und neapolita⸗ niſchen Damen bitten die ſie Beſuchenden, ſich nicht zu parfuͤmiren. Sonderbar aber iſt es, daß man gegen wirklich unangenehme Geruche keineswegs ſo empfaͤng⸗ lich zu ſein ſcheint. Man kann wirklich Rom in dieſer Beziehung eine:„Sentina gentium“ nennen. 2) Seite 46. Man koͤnnte eine ſehr merkwuͤrdige und intereſſante Abhandlung uͤber die griechiſchen und rdmi⸗ ſchen Schmarotzer ſchreiben. In Griechenland wurden ſie jedoch mehr verachtet, als in Rom. In den Brie⸗ fen des Alciphron leſen wir, welchen Beleidigungen ſie ſich fuͤr ein Mittagsmahl ausſetzten. Der Eine beklagt ſich, er ſei mit Fiſchbruͤhe begoſſen worden, man habe ihm Steine, mit Honig beſtrichen, zu eſſen gegeben⸗ und ihm eine mit Blut gefuͤllte Blaſe an den Kopf ge⸗ worfen, die geplatzt ſei, und ihm das Geſicht roth ge⸗ färbt habe. Dieſe Schmarotzer erzeigten ſich, wie jetzt⸗ dem Wirthe durch witzige Scherze und unterhaltende 160 Anekdoten dankbar; bisweilen erlaubten ſie ſich gegen⸗ ſeitige thatliche Neckereien, indem ſie ſich an die Ohren ſchlugen. In Athen ſcheint man dieſe hungrigen Nar⸗ ren ſehr hart behandelt zu haben, und ſie beklagen ſich, mit wenig philoſophiſcher Reſignation, uͤber Schlaͤge und Gefängniß. Der Schmarotzer in Athen ſcheint in der That dieſelbe Stellung eingenommen zu haben, wie der Narr im Mittelalter;— er war zwar noch unwuͤrdi⸗ ger, aber er ſelbſt war vielleicht witziger. In Rom ſcheint der Schmarotzer, deſſen die lateiniſchen komiſchen Dich⸗ ter oft erwaͤhnen, etwas mehr geachtet und beſſer be⸗ handelt worden zu ſein, als in Athen. Die Luſtſpiele des Terenz, welche, indem ſie athenienſiſche Sitten dar⸗ ſtellen, wahrſcheinlich Alles mildern, was romiſchen Zu⸗ hörern zu ungewoͤhnlich erſchienen wäre, ſchildern uns auch keineswegs ſo entartete Schmarotzer, als die des Alciphron und Athenaus es ſind. Die ſtolzeren und ernſteren Römer verſchmaͤhten es in der That meiſtens, dieſe Art Menſchen in idre Geſellſchaft zu ziehen, und mietheten(wie uns Plinius in ſeinen Briefen mit⸗ theilt) Narren oder Taſchenſpieler, um ihre Gäaͤſte zu unterhalten, und die Stelle der griechiſchen Schmarotzer zu vertreten. Zu bemerken iſt daher, daß, wenn Klo⸗ dius in dem Texte ein Schmarotzer genannt wird, die⸗ ſes im roͤmiſchen, nicht im griechiſchen Sinne zu neh⸗ men iſt. Der umbra oder der Schatten eines Schmarotzers war wieder eine Unterabtheilung. Er begleitete irgend einen eingeladenen Gaſt, und war gewohnlich ein armer Verwandter, oder demuͤthiger Freund. Ein ſolcher iſt der umbra des Klodius. 3) Seite 51. Alle Hazardſpiele waren nach den rö⸗ miſchen Geſetzen verboten(Vetita legibus alea.— Hor. 161 Od. 24. I. 3.), außer waͤhrend der Saturnalien im Mo⸗ nat December. Die dilen waren beauftragt, auf die Befolgung dieſes Geſetzes zu wachen, welches jedoch, wie alle Geſetze gegen die Spiele zu allen Zeiten, unwirk⸗ ſam blieb. 4) Seite 63. Sylla ſoll den Gottesdienſt der egyp⸗ tiſchen Iſis in Italien eingefuͤhrt haben*). Er wurde bald zur Mode, beſonders bei den römiſchen Damen. Die Prieſter mußten das Geluͤbde der Keuſchheit able⸗ gen, waren aber wegen ihrer Ausſchweifungen ſehr be⸗ ruͤchtigt. Juvenal benennt die Prieſterinnen auf eine Art(Leiacae lenae), die hinlaͤnglich andeutet, daß in den heiligen Tempeln manche Liebesintrigue angeknuͤpft wurde. Wenn eine Frau das Geluͤbde that, ſo viele Naͤchte an dem Altar der Iſis zu wachen— ſo war dies ein Opfer der Enthaltſamkeit, welches dem Ehe⸗ mann entzogen wurde, um es dem Geliebten darzu⸗ bringen. Indem eine Leidenſchaft der menſchlichen Na⸗ tur in Anſpruch genommen wurde, zog man auch eine andere, nicht weniger maͤchtige fuͤr den Dienſt der Göt⸗ tin herbei, nämlich die Leichtgläubigkeit. Die Prieſter der Iſis gaben vor, Kenntniſſe in der Magie zu be⸗ ſitzen, und die Zukunft vorherſagen zu können. Die Zauberkuͤnſte der Egyptier wurden von Frauen aller Klaſſen, und auch von Maͤnnern befragt und als Ora⸗ kel verehrt. Voltaire ſucht zu beweiſen, daß die Zigeu⸗ ner überbleibſel der alten Prieſter und Prieſterinnen der *) In den kampaniſchen Stäͤdten trug wahrſcheinlich der Handel nach Alexandria mehr dazu bei, den Gottes⸗ dienſt der beliebteſten egyptiſchen Göttin auszubreiten, als die Bemuͤhungen des Sylla, die uͤbrigens wenig populaͤr ſein mußten. Bulwer's Werke. Taſchenausg. I. 11 ———— 162 Sſis, vermiſcht mit denen der ſyriſchen Göttin, ſeien. Zu den Zeiten des Apulejus hatten dieſe heiligen Be⸗ truͤger ihre Wichtigkeit und ihr Anſehn bereits verlo⸗ ren; ſie wanderten, arm und verachtet, von Ort zu Ort, Prophezeihungen verkaufend und Krankheiten hei⸗ lend; und Voltaire macht beſonders darauf aufmerkſam, daß ſie ſchon damals dürch Wahrſagen aus der Hand und eigenthuͤmliche Tanze(vielleicht die Zigeuner⸗Tänze2) ſich auszeichneten.„Dieſes Ende,“ ſagt der zu vor⸗ eilige Franzoſe,„nahm die alte Religion der Iſis und des Oſiris, deren Namen ſelbſt uns noch mit Ehrfurcht erfullen“— Zu der Zeit, in welcher meine Geſchichte ſpielt, war der Gottesdienſt der Iſis noch ſehr geachtet. Die reichen Verehrer deſſelben ließen ſogar Waſſer aus dem Nil holen, um es auf die Altäre der Gotter zu ſprengen. Ich habe den Ibis in den Tempel der Fſis eingefuͤhrt, obgleich man behauptet, dieſer Vogel habe nur in Egypten leben köͤnnen. Aus vielen Gruͤnden, deren Entwickelung hier zu weitlaͤuftig waͤre, glaube ich jedoch, daß der Ibis keineswegs ſelten in den ita⸗ lieniſchen Tempeln der Iſis war, wenn er auch gewohn⸗ lich bald in einem fremden Klima ſtarb. Die letzten Tage von Pompeji. Zweites Buch. „Lucus tremescit, tota succusso solo Nutavit aula, dubio quo pondus daret Me fluctuanti similis.“ Senec. Thyestes. v. 693. 26) „— 3 8 S e 1 Erstes Bapitel. Eine Weinſchenke in Pompeji, und die Gladiatoren. Wir wenden uns jetzt zu einem jener Theile Pom⸗ pejis, in dem nicht das Vergnuͤgen, ſondern deſſen Schlachtopfer und Werkzeuge ihren Sitz hatten— zu den Herbergen der Gladiatoren und Lohnkaͤmpfer — den Wohnungen des Laſters und der Armuth.— In einer engen Straße ſtanden vor einem kleinen Hauſe mehrere Männer, deren gedrungene und her⸗ kuliſche Geſtalten, deren kräftige und abgehärtete Muskeln, ſo wie ihr kuͤhnes und verwegenes An⸗ ſehn, dieſelben als Helden der Arena bezeichneten. Auf einem Vorſprung außerhalb des Ladens waren Gefaͤße, mit Wein und Hl gefullt, aufgeſtellt, und an der Mauer ſah man trinkende Gladiatoren ge⸗ malt; ſo alt und ehrwuͤrdig iſt der Gebrauch der Wirthshauszeichen! In der Stube ſtanden mehrere 166 kleine, durch eine Art Schranken von einander abge⸗ ſonderte Tiſche, an denen Maͤnner ſaßen, die theils tranken, theils Wuͤrfel ſpielten; theils jenes andere Spiel, genannt„duodecim scriptae,“ welches meh⸗ rere Alterthumsforſcher fuͤr das Schach halten, wenn es auch vielleicht mehr einer Art von Damenſpiel, wobei auch Wuͤrfel gebraucht wurden, gleichen mochte. Es war noch fruͤh morgens, und nichts konnte beſſer die gewoͤhnliche Lebensart dieſer Art Menſchen dar⸗ legen, als jene Beſchäftigungen zu dieſer Tageszeit. Trotz der Lage des Hauſes und des Charakters De⸗ rer, die es beſuchten, war jedoch deſſen Inneres nicht ſo raͤucherigt und ſchmutzig, als aͤhnliche Trinkſtuben in unſern Städten zu ſein pflegen. Der Schoͤnheits⸗ ſinn aller Pompejaner, in Folge deſſen ſie wenig⸗ ſtens das Rußere nicht vernachläſſigten, zeigte ſich auch hier in den lebhaften Farben an den Wänden, und den zwar fantaſtiſchen, aber keineswegs häßli⸗ t chen Formen, in denen die Lampen, die Trink⸗ gefäße und das gewoͤhmlichſte Hausgeraͤth gearbeitet waren. „Beim Pollur,“ ſagte einer der Gladiatoren, welcher ſich gegen einen Thuͤrpfoſten lehnte,„der. Wein, den Du uns verkaufſt, alter Silenus,— und indem er dies ſprach, puffte er dem dicken Wirth de in den Ruͤcken,„iſt ſo ſchwach, daß er uns das beſte Blut in den Adern derduͤnnt.“ w Der Wirth, dem dieſe derbe Liebkoſung wider⸗ i „c— — c— (6 42 167 fuhr, war bereits in dem Herbſt ſeiner Jahre, doch ſein Kußeres war noch ſo kräftig und athletiſch, daß es ſelbſt die herkuliſchen Geſtalten der Gladiatoren faſt beſchamen konntes nur waren ſeine Muskeln wie verſteckt in dem Fette, ſeine Backen dick und gerothet, der Bauch ſtand weit hervor. „Ich verbitte mir Deine dummen Spaͤße,“ ſagte der Wirth, mit der bruͤllenden Stimme eines aufge⸗ reizten Tigers;„mein Wein iſt gut genug fuͤr Dich, der ohnedem nicht mehr weit vom Spoliarium entfernt iſt“*). „Kraͤchzeſt Du ſo, alter Rabe!“ erwiederte der Gladiator mit rohem Gelaͤchter,„Du ſollſt Dich noch vor; zrger hängen, wenn Du mich die Palme gewinnen ſiehſt; und faͤllt mir der Geldgewinn im Amphitheater zu, ſo wird mein erſtes Gelubde zum Herkules ſein, daß ich Dich und Dein ſchlechtes Ge⸗ traͤnk fuͤr immer verſchwoͤre.“ „Hort ihn doch— hort doch dieſen beſcheidenen Pyrgopolinices! Er hat gewiß unter dem Bombaſtes Cluninſtavidyſarchides gedient“*), ſchrie der Wirth. „Sporus, Niger, Tetraides! er ſagt, er wolle Euch ) Der Ort, wohin die Todten oder tödlich Verwun⸗ deten von der Arena gebracht wurden. **) Miles gloriosus. Akt I.; dies heißt ſo viel, als wenn wir ſagten: er hat unter Bombastes furioso ge⸗ dient. 168 uͤberwinden. Jede Eurer Muskeln iſt aber, bei den Göottern, kraͤftig genug, um es mit dem ganzen Kerl aufzunehmen, oder ich verſtehe nichts von der Arena!“— „Ha!“ ſagte der Gladiator, vor Zorn erroͤthend, „unſer Laniſta kann Euch ganz andere Dinge von mir erzaͤhlen.“ „Sprichſt Du von mir, Du prahleriſcher Lydon?“ entgegnete Tetraides mit grimmiger Stimme. „Oder von mir, der ich in funfzehn Kämpfen geſiegt habe?“ ſagte der rieſenhafte Niger, indem er dem Gladiator gegenuͤber trat. „Oder von mir?“— rief Sporus mit blitzen⸗ den Augen. „Ruhig!“— ſprach Lydon, indem er die Arme uͤbereinander legte, und ſeine Gegner trotzig anſah. „Die Zeit des Kampfes wird bald kommen; ſpart bis dahin Eure Herausforderungen.“ „Ja, thut es!“ ſagte der Wirth,„und wenn ich fuͤr Dich meinen Daumen niederdruͤcke, ſo moͤge die Parze meinen Lebensfaden abſchneiden.“ „Deinen Strick, willſt Du ſagen,“ erwiederte Lydon hoͤhniſch;—„da haſt Du eine Seſterze, um Dir einen zu kaufen.“ Der Wirth ergriff ploͤtzlich die ihm dargereichte Hand, und packte und druͤckte ſie ſo feſt, daß das Blut aus den Fingerſpitzen hervor, auf die Kleider der umher Stehenden ſpritzte. n er d. n 169 Dieſe brachen in ein wildes Gelächter aus. „Ich will Dich lehren, junger Prahlhans, den Macedonier mit mir zu ſpielen. Ich bin kein ent⸗ nervter Perſerz das verſichere ich Dich! Was! habe ich nicht zwanzig Jahre mit dem Ringe gekämpft, und ließ ich jemals die Arme ſinken? und erhielt ich nicht den Stab aus des Editors eigener Hand, und als Beweis, daß ich auf meinen Lorbeern ruhen darf? Und ſoll mich jetzt ein Knabe in die Schule. nehmen?“— Indem er dies ſprach, ſtieß er zornig die Hand zuruͤck. Der Gladiator ertrug, ohne einen Muskel zu verziehen, und mit demſelben hoͤhniſchen Lächeln, durch das er den Wirth aufgebracht hatte, den wil⸗ den Haͤndedruck deſſelben. Kaum fuͤhlte er jedoch die Hand wieder frei, ſo hob er ſich zum Angriff empor, wie eine wilde Katze, das Haar ſtraͤubte ſich in die Hohe, und mit einem lauten, durchdringenden Schrei ſprang er mit einer Gewalt auf ſeinen Geg⸗ ner los, die dieſen, ſo herkuliſch er auch daſtand, zu Boden warf, und mit dem Geraͤuſch ſtuͤrzender Fel⸗ ſenſtuͤcke fielen Beide zugleich nieder. Der Wirth wuͤrde vielleicht des Strickes haben entbehren koͤnnen, den Lydon ihm ſo freundſchaftlich empfohlen hatte, wenn er noch drei Minuten länger in dieſer Lage geblieben waͤre. Doch auf den Lärm, der durch ſeinen Fall verurſacht wurde, ſprang aus einem andern Zimmer ein Weib auf den Kampf⸗ 170 platz;— ſie war mit Fäuſten und Armen begabt, die andere als ſanfte umarmungen konnten erwarten laſſen. Auch hatte in der That die liebenswuͤrdige Gehuͤlfin von Burbo, dem Weinſchenken, ſo wie er ſelbſt, in den Schranken*), ja ſelbſt unter den Au⸗ gen des Kaiſers mitgefochten. und Burbo ſelbſt, Burbo, der unbeſiegte auf dem Kampfplatz, mußte oft, wie boͤſe Zungen behaupten wollten, die Palme ſeiner ſanften Stratonice überlaſſen. Dieſes ſüße Ge⸗ ſchopf ſah kaum, in welcher dringenden Gefahr ihre ſchlechtere Hälfte ſich befand, als ohne andere Waffen, wie die, welche ſie der Natur ſelbſt verdankte, ſie auf den Gladiator ſturzte, und, mit ihren magern Schlan⸗ genarmen ihn umſchlingend, durch eine ſchnelle Be⸗ wegung ihn von dem Korper ihres Mannes zog, ſo daß blos ſeine Hände noch die Kehle des Feindes gefaßt hielten. So ſieht man oft einen Hund, der ſich in ſeinem gefallenen Nebenbuhler verbiſſen hat, an den Hinterbeinen in die Hoͤhe heben; die eine Haͤlfte ſeines Korpers ruhig und harmlos in der Luft ſchwebend, während der Kopf, die Zähne und Krallen den darniederliegenden Feind nicht loslaſſen können, und ihm faſt einverleibt zu ſein ſcheinen. Die an den Anblick des Blutes gewoͤhnten, und *) Es kaͤmpften bisweilen in den Amvhitheatern Frauen niederen Standes mit— ja ſelbſt Damen hoͤ⸗ heren Ranges nahmen oft an dieſer Rohheit Theil. 171 durch denſelben begeiſterten Gladiatoren ſtanden vu⸗ hig umher— mit grinſendem Lächeln, die wilden Blicke auf die blutige Kehle des Wirths gerichtet. „Habet!(ey hat genug) habet!“— ſchrien ſie, indem ſie ſich frohlockend die Haͤnde rieben. „Non habeo, Ihr Luͤgner, ich habe noch nicht genug,“ ſchrie der Wirth, als er mit kräftiger An⸗ ſtrengung ſich den unbarmherzigen Fäuſten ſeines Feindes entwunden hatte,— athemlos, ſtohnend und blutend aufſprang, und mit rollenden Augen den blut⸗ durſtigen Blicken und knirſchenden Zähnen ſeines Feindes begegnete, der halb verächtlich ſich gegen die tapfere Amazone wehrte. „Das gilt nicht,“ bruͤllten die Gladiatoren, „Einer gegen Einen,“ und indem ſie den Lydon und die Frau umgaben, trennten ſie die Wirthin von ihrem liebenswuͤrdigen Gaſte. Doch Lydon, der ſich beſchamt fuͤhlte, und ver⸗ gebens dem wilden Weibe ſich zu entziehen ſuchte, fuhr mit der Hand in den Guͤrtel, und zog ein kur⸗ zes Meſſer hervor. Sein Blick war ſo drohend,⸗ und die Klinge glaͤnzte ſo furchtbar, daß Stratonice, die nur auf die Methode des Fauſtkampfes eingeuͤbt war, erſchrocken zuruͤckwich. „O, Goͤtter!“ kreiſchte ſie,„der Boſewicht!— er fuͤhrt verborgene Waffen!— iſt⸗ das erlaubt? heißt das wie ein rechtlicher Mann, und wie ein Gladiator handeln?— nein, wahrhaftig! ich verachte ſolche Burſchen!“ Mit dieſen Worten kehrte ſie dem Gladiator den Ruͤcken, und ſah ſich nach ihrem Manne um. Aber dieſer, der auf jene gymnaſtiſchen übungen ſo eingelernt war, wie ein engliſcher Dogge auf den Kampf mit ſeines Gleichen, hatte ſich bereits erholt. Seine Wangen nahmen wieder ihre gäwöhmliche Farbe an, die Adern der Stirne waren zuruͤckgetre⸗ ten. Er ſchuttelte ſich mit einer gewiſſen Behaglich⸗ keit, zufrieden, daß er noch am Leben war, und in⸗ dem er jetzt ſeinen Feind von Kopf bis zu den Fußen, mit einem Ausdruck großerer Achtung, als je zuvor, betrachtete, ſagte er: „Beim Kaſtor, ich hielt Dich nicht fur einen ſo ſtarken Burſchen! Ich ſehe, Du biſt ein Mann von Verdienſten und Anlagen; gieb mir Deine Hand, mein junger Held!“— „Ehrlicher alter Burbo!“ riefen die Gladiatoren beifallig,—„Du haſt noch Mark in den Knochen— gieb ihm Deine Hand, Lydon!“ „Oh, recht gern,“ ſagte der Gladiator,„doch da ich einmal ſein Blut geſehen habe, mochte ich gerne“— „Beim Herkules!“ erwiederte der Wirth ganz ruhig.„Das iſt ein echter Gladiatorſinn! O, Pol⸗ luxr! wenn man bedenkt, was aus einem Mann wer⸗ den kannz ein Loͤwe koͤnnte nicht wilder ſein!“— „Ein Loͤwe, o Du Tropf! wir nehmen es ſelbſt mit den Loͤwen auf!“ ſprach Tetraides. „Genug, genug!“— ſagte Stratonica, indem ſie ihre Haare ordnete;„wenn Ihr wieder gute Freunde ſeid, ſo betragt Euch nun auch ruhig und ordentlich; denn einige junge Herrn, Eure Patrone und Goͤnner, haben ſagen laſſen, ſie wuͤrden herkom⸗ men,— ſie wollen Euch hier mit mehr Muße in Augenſchein nehmen, als es in den Schulen moͤglich iſt, damit ſie darnach ihre Wetten in dem großen Kampf auf dem Amphitheater einrichten koͤnnen. Aus dieſem Grunde kommen ſie immer in unſer Haus; ſie wiſſen, daß die beſten Gladiatoren aus Pompeji bei uns zu finden ſind— unſere Geſell⸗ ſchaft iſt, den Göttern ſei Dank, ſehr ausge⸗ ſucht.“— „Ja,“ fuhr Burbo fort, indem er aus einem mit Wein angefuͤllten Eimer trank,„ein Mann, der ſo viele Lorbeern gewonnen hat, als ich, kann nur die Tapfern an ſich ziehen.“ Lydon, trink, mein guter Burſche! mohe Dein Alter ſo ehrenwerth ſein, als das meinige, das heißt, wenn Du es erreichſt.“— „Komm her,“ ſagte Stratonice, indem ſie ihren Mann an den Ohren zärtlich zu ſich zog, mit jener Liebkoſung, die Tibull ſo gut beſchrieben hat— „Komm her!“ „Nicht ſo hart, Du Woͤlfin, Du biſt ſchlimmer, 174 als ein Suvtur!⸗— murrte Burbo vwiſchen den Zaͤhnen. „Pſt!“— ſagte ſie, ihm aite„Kalenus iſt ſo eben verkleidet in die Hinterthuͤre eingetreten; ich hoffe, er hat das Geld mitgebracht.“ „Ho, ho! ich will zu ihm,“ ſagte Burbo.— „Habe Du derweile ein wachſames Auge auf die Becher, und gieb auf die Zeche Acht. Laß Dich nicht betruͤgen, Weib! es ſind tuͤchtige Geſellen auf dem Kampfplatz, aber ſonſt muß man ſich vor ihnen huͤten; Cacus war nichts gegen ſie!“ Sei ohne Sorgen, Du Narr,“ erwiederte ſie,“ und Burbo begab ſich, beruhigt mit dieſer zärtlichen Zuſage, aus dem Zimmer nach dem Innern ſeines Hauſes.“ „Alſo dieſe ſuͤßen Herrn wollen unſere Muskeln in Augenſchein nehmen,“ ſagte„wer hat Dir das mitgetheilt?“— „Lepidus,“ erwiederte die i„Er bringt den Klodius, der am ſicherſt in ganz Pompeji wettet, und den jungen Griechen Glaukus mit.“ „Eine Wette gegen eine Wette!“ ſagte LTetrai⸗ des;„ich wette 20 Seſterzien, daß Klodius auf mich wettet! Was meinſt Du, Lydon?“— „Er wettet auf mich!“ entgegnete Lydon. „Nein, auf mich“— fiel Sporus ein. „Glaubt Ihr Toͤlpel, er wird dem Niger irgend 175 einen Andern vorziehn?“— ſagte der Athlet dieſes Namens, indem er ſich beſcheiden ſelbſt nannte. „Gut, gut,“ ſagte Stratonice, indem ſie ihren Gäſten, die ſich jetzt alle an einen der Tiſche geſetzt hatten, aus einer großen Amphora einſchenkte,„Ihr dunkt Euch Alle tapfere und heldenmuͤthige Maͤnner, äber wer von Euch will es mit dem numidiſchen Löwen aufnehmen, in dem Falle, daß man keinen Verbrecher findet, der dieſen Wunſch vereitelt?“— „Ich, der ich Deinen Armen entgangen bin, kuͤhne Stratonice,“ ſagte Lydon,„könnte auch ſicher den Kampf mit den Löwen wagen.“ „Aber ſagt mir,“ fragte Tetraides,„wo iſt denn die ſchoͤne junge Sklavin hier aus dem Hauſe, das blinde Mädchen? Ich habe ſie ſeit langer Zeit nicht geſehen.“ „Oh! ſie iſt zu gut fuͤr Dich, Du Sohn des Neptun“*), ſagte die Wirthin,„und ich glaube, ſelbſt fuͤr uns. Wir ſchicken ſie in die Stadt, um Blumen zu verkaufen, und den Damen etwas vor⸗ zuſingen; ſie verdieng uns dadurch mehr Geld, als wenn ſie Euch aufirtete. Außerdem hat ſie oft andere Beſchäftigungen.“ „Andere Beſchäftigungen!“ ſagte Niger,„dazu iſt ſie wohl noch zu jung.“ *) Sohn des Neptun! eine lateiniſche Phraſe fuͤr einen wilden, ungeſtuͤmen Menſchen. 176 „Still, Du wilder Menſch!“ erwiederte Strato⸗ nice,„Du glaubſt, es giebt kein anderes Spiel, als das korinthiſche. Wäre auch Nydia noch einmal ſo alt, als jetzt, ſo wuͤrde das arme Mädchen doch keuſch wie Veſta bleiben.“— „Doch hoͤre, Stratonice,“ ſagte Lydon,„wie biſt Du an eine ſo zarte und liebliche Sklavin gekom⸗ men? ſie wuͤrde ſich beſſer zum Kammermädchen fuͤr eine reiche roͤmiſche Matrone eignen, als fuͤr Dich.“ „Das iſt wahr,“ entgegnete Stratonice,„und ich hoffe, durch ihren Verkauf noch einſt mein Guc zu machen.— Wie ich zu der Nydia kam, fragſt Du?“— „Jawohl!“— „Ja, ſiehſt Du, meine Sklavin Staphyla— Du erinnerſt Dich der Staphyla, Niger?“— „Allerdings, es war ein derbes Frauenzimmer, mit einem Geſicht, wie eine komiſche Maske. Wie ſollte ich ſie vergeſſen haben, beim Pluto! deſſen Dienerin ſie ohne Zweifel jetzt iſt.“— „Ruhig, Du Tölpel!— nun, Staphyla ſtarb eines Tages; es war mir Verluſt, und ich ging auf den Markt, um mir eine andere Skla⸗ vin zu kaufen. Aber ſie waren, bei den Göttern, ſeitdem ich die arme Staphyla gekauft hatte, ſo theuer geworden, und das Geld war ſo ſelten, daß ich ſchon zuruͤckkehren wollte, als ein Kaufmann mich beim Rocke zog.„Liebe Frau,“ ſagte er,„willſt 8„ c ₰ liſt Du eine Sklavin wohlfeil kaufen? Ich habe eine zu verkaufen. Sie iſt nur klein und faſt noch ein Kind, aber ſtille und gelehrig, ſie ſingt gut und ſtickt, und iſt, wie ich Dich verſichern kann, von guter Herkunft.“— „Woher?“ fragte ich.—„Aus Theſſalien.“— Nun wußte ich, daß die Theſſalierinnen ſanft und klug ſind. Ich bat ihn, mir das Mädchen zu zei⸗ gen, und fand ſie gerade, wie ſie jetzt noch iſt, baum kleiner, und ſcheinbar nicht juͤnger. Sie ſah Feduldig und traurig genug aus, mit niedergeſchla⸗ genen Blicken und vor der Bruſt gekreuzten Händen. Ich fragte mach dem Preiſe; er war mäßig, und ich kaufte ſie ſogleich. Der Kaufmann brachte ſie in mein Haus, und entfernte ſich ſchnell. Denkt Euch aber, meine Freunde, wie ich erſchrak, als ich be⸗ merkte, daß das Mädchen blind war. Ha! ha! das war ein ſchoͤner Burſche, der Kaufmann! Ich be⸗ ſchwerte mich bei der Obrigkeit, aber der Schurke war ſchon nicht mehr in Pompeji. Ich mußte da⸗ her in uͤbler Laune, das kann ich Euch verſichern, zuruͤckkehren, und auch das arme Mädchen fuͤhlte deren Folgen. Aber ſie konnte nichts dafuͤr, daß ſie blind war; auch wurden wir nach und nach immer weniger unzufrieden mit unſerem Kaufe. Nydia iſt allerdings nicht ſo ſtark, als Staphyla, und ſie konnte im Hauſe uns nicht viel nutzen; aber bald wußte ſie ſich in der Stadt zurecht zu finden, l6 Bulwer's Werke. Taſchenausg. I. 12 178 ſei ſie mit den Augen des Argus begabt, und als ſie eines Tages eine Hand voll Seſterzien nach Hauſe brachte, die ſie aus dem Verkauf einiger, in unſerm kleinen Garten gepfluͤckter Blumen gelöſet hatte, mußten wir glauben, ſie ſei uns von den Göͤttern ſelbſt geſandt worden. Seit jener Zeit laſſen wir ſie ausgehn, wie es ihr beliebt. Sie fuͤllt ihr Koͤrb⸗ chen mit Blumen, und windet ſie in Kränze, ſo wie es in Theſſalien gebrauchlich iſt, was den jungen Herrn hier ſehr gefallt. Auch ſcheinen ihr die vor⸗ nehmen Leute beſonders gewogen zu ſein, denn ſie. zahlen ihr immer mehr, als den andern Blumen⸗ mädchen, und ſie bringt gewiſſenhaft alles Geld, das ſie eingenommen hat, nach Hauſe, welches ſchwerlich eine andere Sklavin thun wuͤrde. Aus dieſem Grunde verrichte ich alle häuslichen Geſchäfte ſelbſt, doch werden mich ihre Einnahmen bald in den Stand ſetzen, mir eine zweite Staphyla zu kaufen. Ich bin uͤberzeugt, daß der Schurke von Sklavenhaͤndler das blinde Mädchen geſtohlen hatte, und vielleicht iſt ſie von guter Familie). Außer ihrer Geſchick⸗ lichkeit im Kränzeflechten ſingt ſie und ſpielt die ) Es war von den theſſaliſchen Sklavenhänblern bekannt, daß ſie oft Perſonen von Stand und Erzie⸗ hung raubten; ſie verſchonten ſelbſt ihre eigenen Lands⸗ leute nicht immer. Rriſtvphanes greift“ dieſes Volk wegen jenes abſcheulichen Menſchenhandols oft bitter und heftig an. 179 Zither, welches auch Geld einbringt; und vor Kur⸗ zem— doch das iſt ein Geheimniß“— „Das iſt ein Geheimniß— und was denn?“— ſagte Lydon,„biſt Du zur Sphinx geworden?“ „Sphinr, nein— wie ſo zur Sphinr?“— „Hoͤre auf mit Deinem albernen Geſchwätz,“ unterbrach ſie Sporus ungeduldig,„und bringe uns unſer Eſſen— ich bin hungrig.“— „Und auch ich,“ fuͤgte Niger hinzu, indem er ſein Meſſer hervorzog. Die Amazone verfuͤgte ſich in die Kuͤche, und kehrte bald darauf mit einer großen Schuͤſſel voll halb roher Fleiſchſtuͤcke zuruͤck; denn die Helden des Wettkampfs glaubten damals, ſo wie noch jetzt, durch ſolche Nahrung am Beſten ihren Anſtrengungen ge⸗ wachſen zu ſein, und ihre Wildheit behaupten zu konnen;— ſie ſetzten ſich mit den gierigen Blicken hungriger Woͤlfe um den Tiſch— die Speiſen wa⸗ ren ſchnell verſchwunden, und der Wein floß reich⸗ lich. Wir verlaſſen dieſe Perſonen, die auch ihre Stelle in dem Leben jener Zeit einnehmen, und wen⸗ den uns jetzt wieder zum Burbo. Zweites Rapitel. Die beiden Biedermaͤnner. In den fruͤheſten Zeiten Roms wurde die Prieſter⸗ wuͤrde nicht der Einnahme, die ſie gewaͤhrte, ſondern der Ehre wegen geſucht. Die angeſehenſten Buͤrger bekleideten ſie, und den Plebejern ward ſie nicht ge⸗ ſtattet. Späterhin und ſchon lange vor der Zeit dieſer Geſchichte ſtand ſie jedem Range offen, we⸗ nigſtens jener Theil der prieſterlichen mter, welche die Flamens oder die Prieſter, nicht der Religion im Allgemeinen, ſondern einzelner Gottheiten, beklei⸗ den durften. Selbſt der Prieſter Jupiters, der Flamen dialis, dem ein Liktor voranging, der durch ſeine Stellung in den Senat eintreten durfte, und der zuerſt der hoͤchſte Wuͤrdentraͤger der Patri⸗ zier war, wurde ſpäter der Volkswahl anheimge⸗ ſtellt. Die minder nationellen und weniger geehrten Gottheiten wurden gewoͤhnlich von Prieſtern plebeji⸗ ſcher Herkunft bedient, und viele traten in religiöſe Wuͤrden, wie jetzt bei den Katholiken noch viele in 181 Moͤnchsbruͤderſchaften, weniger aus religiöſen An⸗ trieben, als aus denen berechnender Armuth. Auch Kalenus, der Prieſter der Iſis, war von der niedrig⸗ ſten Herkunft. Seine Familie ſtammte von befrei⸗ ten Sklaven ab. Er hatte von ſeinem Vater eine ſorgfältige Erziehung, und ein kleines, jedoch bald erſchoͤpftes Vermoͤgen erhalten. Als letzte Zuflucht vor der Noth, wählte er den Prieſterſtand. Wenn auch die feſten Einkuͤnfte dieſes heiligen Amtes da⸗ mals im Allgemeinen nur geringe waren, ſo konn⸗ ten doch die Prieſter eines beliebten Tempels ſich nicht beklagen. Keine Beſchaftigung bringt ſo viel ein, als die, welche den Aberglauben der Menge in Anſpruch nimmt. In Pompeji lebte nur ein Verwandter des Ka⸗ lenus, und dieſer war Burbo.— Dunkle und uneh⸗ renwerthe Bande, ſtärker als die des Blutes, verei⸗ nigten ihre Herzen und ihre Intereſſen. Oft entzog ſich der Iſisprieſter verkleidet und insgeheim der an⸗ geblichen Strenge ſeiner Andachtsuͤbungen, und ſchlich ſich durch die Hinterthuͤre in das Haus des ehema⸗ ligen Gladiators, eines Menſchen, den ſeine Laſter und ſeine Beſchäftigungen gleich ſehr der Verach⸗ tung preisgeben mußten. Dort legte er den letzten Reſt jener Scheinheiligkeit ab, die einer, ſelbſt fuͤr die Nachaͤffung der Tugend zu rohen Seele jeder⸗ zeit druͤckend ſein mußte, und der er ſich blos un⸗ 182 terwarf, weil ſeine herrſchende Leidenſchaft, der Geiz, ihn dazu antrieb. n einen jener großen Mäntel gehuͤllt, die bei den Römern Mode wurden, je mehr ſie die Toga ablegten, und deſſen weiter Faltenwürf die Geſtalt ganz verhuͤllte, ſo wie die hinzugefuͤgte Kaputze auch die Geſichtszuge verbarg— ſaß jetzt Kalenus in dem kleinen Wohnzimmer des Burbo, von wo aus ein kleiner Gang zu der Hinterthuͤre fuͤhrte, die man faſt in allen Häuſern Pompejis fand. Ihm gegenuͤber ſaß Burbo, und zählte wohlge⸗ fällig auf einem Tiſche eine kleine Summe Geldes, welche der Prieſter eben aus der Boͤrſe genommen hatte; denn Geldboͤrſen waren damals, wie jetzt, im Gebrauch, nur mit dem unterſchiede— ſie waren meiſtens beſſer gefuͤllt!— „Du ſiehſt,“ ſagte Kalenus,„wir zahlen gut, und Du biſt mir Dank ſchuldig, daß ich Dir zu ei⸗ ner ſo guten Kundſchaft verholfen habe.“ „Allerdings, Vetter, bin ich Dir ſehr dankbar,“ erwiederte Burbo, indem er das Geld in ein leder⸗ nes Beutelchen ſteckte, das er in den Guͤrtel ſchob, worauf er den Gurt um ſeinen hervorſtehenden Bauch enger anzog, als er es gewohnlich in den Stunden häuslicher Beſchaͤftigungen zu thun pflegte —„und bei der Iſis, Piſis, Niſis, oder welche Gottheiten es ſonſt noch in Egypten geben mag, —˖.₰—————— 183 meine kleine Nydia iſt ein wahres Hesperien, ein goldener Garten fuͤr mich.“ „Sie ſingt ſchoͤn, und ſpielt wie eine Muſez dieſes ſind Talente, die der, dem ich diene, ſtets freigebig bezahlt.“ „Er iſt ein Gott!“ rief Burbo begeiſtert aus; „jeder reiche Mann, der freigebig iſt, verdient, an⸗ gebetet zu werden. Aber komm, alter Freund, trinke ein Glas Wein mit mir, und erzähle mir mehr davon. Was that ſie dort?— Sie iſt ängſtlich, ſpricht von ihrem Eid, und offenbart nichts.“— „Ich eben ſo wenig, bei meiner rechten Handz auch ich habe den ſchrecklichen Eid der Verſchwie⸗ genheit geleiſtet.“ „Eid!— was ſind Eide fuͤr Maͤnner, wie wir?“ „Allerdings— gewohnliche Eide!— aber die⸗ ſer!“— und der in Laſtern abgehärtete Prieſter bebte, indem er ſprach.„Doch,“ fuhr er fort, und leerte dabei einen großen Becher ungemiſchten Weines,„ich muß Dir geſtehn, daß ich nicht ſo ſehr den Eid, als die Rache deſſen, dem ich ihn ge⸗ leiſtet, ſcheue. Bei den Göttern! er iſt ein maͤchti⸗ ger Zauberer, und vermöchte mein Geſtändniß ſelbſt vom Monde herabzuziehn, wenn ich es dieſem ab⸗ gelegt häͤtte.— Sprich nicht mehr davon! Wem ich aber auch, beim Pollux, herrliche Feſte mit ihm feiere, ſo iſt mir doch dort nie recht behaglich. Eine frohe Stunde mit Dir, und mit einer von jenen 184 einfachen, kräftigen Maͤdchen, die ich in dieſem Zim⸗ mer finde, iſt mir lieber, als ganze Naͤchte, in ſo glaͤnzenden Ausſchweifungen zugebracht.“ „He! ſprichſt Du ſo?— Nun, wenn es den Goͤttern gefällt, ſo wollen wir zu morgen Abend wieder ein huͤbſches Feſt veranſtalten.“— „Das ſoll mir lieb ſein,“ ſagte der Prieſter, indem er ſich die Hände rieb, und ſich mehr dem Tiſche näherte. In dieſem Augenblick horten ſie ein leichtes Ge⸗ raͤuſch an der Thuͤre, als ob Jemand die Klinke umfaßte. Der Prieſter zog ſchnell ſeine Kaputze uͤber den Kopf.„Sei ruhig,“ lispelte der Wirth, „es iſt die Blinde,“ als Nydia die Thuͤre oͤffnete, und in das Zimmer trat. „He, Mädchen, was willſt Du?— Du ſiehſt bleich aus; auch biſt Du lange ausgeblieben. Nun, nun, jung bleibt immer jung!“ ſagte Burbo lachend. Das Madchen erwiederte nicht, ließ ſich aber auf einem der Sitze nieder, und ſchien ſehr ermuͤdet zu ſein; ihre Geſichtsfarbe wechſelte ſchnell; ſie ſtieß ungeduldig mit ihrem kleinen Fuß auf den Boden, und ſagte mit entſchloſſener Stimme:„Niemals werde ich wieder an jenen ſchrecklichen Ort gehnz ihr moͤgt mich auch ſchlagen, mich hungern laſſen, mir ſelbſt mit dem Tode drohen.“— „Was,— Du Närrin!“ ſagte Burbo mit hef⸗ c—— ſt 185 tigen Geberden, und ſeine Augenbraunen zogen ſich finſter uͤber die wilden, rollenden Augen.„Was, Du willſt nicht gehorchen? Nimm Dich in Acht!“— „Ich habe es geſagt,“ erwiederte das arme Mädchen, indem ſie die Hände uber die Bruſt kreuzte. „Was, mein Zierpuͤppchen, meine ſüße Veſtalin, Du willſt nicht mehr hingehn?— Nun, man wird Dich ſchon hin zu bringen wiſſen.“ „Ich werde ſchreien, daß man es in der ganzen Stadt hoͤrt,“ ſagte ſie heftig, und das Blut ſtieg ihr in das Geſicht. „Das wollen wir auch ſchon verhindern; wir werden Dir den Mund ſtopfen.“ „Dann moͤgen die Goͤtter mir beiſtehn,“ ſagte Nydia, indem ſie aufſtand;„ich werde mich bei der Obrigkeit beſchweren.“ „Erinnere Dich Deines Eides!“ ſagte Kalenus jetzt mit dumpfer, tiefer Stimme. Bei dieſen Worten ergriff ein Schauder das arme Mädchen; ſie faltete, um Huͤlfe flehend, die Hände.„O, ich ungluckliche,“ ſeufzte ſie, und fing an, zu weinen. Jetzt erſchien plotzlich die abſchreckende Geſtalt der Stratonice, wahrſcheinlich durch das Gerauſch, welches dieſe Scene verurſachte, herbeigerufen, in dem Zimmer. „Was gibt es hier?“ ſagte ſie wuͤthend zum 186 Burbo,„was beginnſt Du wilder Menſch mit mei⸗ ner Sklavin?“— „Sei ruhig, Weib!“ erwiederte er in einem halb aͤngſtlichen, halb grimmigen Tonez„Du kannſt doch wohl huͤbſche Kleider und einen neuen Guͤrtel gebrauchen, nicht wahr? Nun, ſo gib Acht auf Deine Sklavin; ſonſt wirſt Du noch lange darauf warten müſſen. Vae capiti tuo— der Fluch auf Dein Haupt, Du Ungehorſame!“— „Was bedeutet das?“— ſagte die alte Hexe, indem ſie bald den Einen, bald die Andere anſah. Nydia ſtand ſchnell auf, warf ſich der Strato⸗ nice zu Fuͤßen, und ſchluchzte, indem ſie ihre Kniee umfaßte: „O, meine Gebieterin, Du biſt ein Weib, Du haſt Schweſtern gehabt, Du warſt jung, wie ichz erbarme Dich meiner; beſchuͤtze mich!— Ich will jenen ſchrecklichen Feſten nicht mehr beiwohnen.“ „Einfältiges Madchen!“— ſagte die Hexe, in⸗ dem ſie ungeſtuͤm eine jener zarten Hände faßte, die an keine härtere Arbeit, als an das Flechten von Blumenkranzen gewöhnt waren—„Dummes Ding! eine Sklavin darf ſolche Gewiſſensbiſſe nicht haben!“ „Hoͤreſt Du,“ ſagte Burbo, indem er ſeinen Geldbeutel hervor zog, und deſſen Inhalt erklingen ließ;„hoͤrſt Du dieſe Muſik, Weib?— Wenn Du jenes dumme Kalb nicht mit einem tuͤchtigen Riemen züchtigſt, ſo wirſt Du dieſe Muſik bald nicht wehr 187 ⸗ hoͤren.“—„Das Mädchen iſt muͤde und erſchopft,“ ſagte Stratonice, indem ſie dem Kalenus zuwinkte, n„das naͤchſte Mal wird ſie Euch folgſamer ſein.“ ſt„Euch! Euch! wer iſt hier?“— rief Nydia e mit ſo ängſtlichem Weſen, daß der Iſisprieſter be⸗ f unruhigt aufſtand, als ihre blinden Augen in ihren f Höhlen rollten. 5„Sie muß mit dieſen Augen ſehn!“ fluͤſterte er. „Wer iſt hier? In des Himmels Namen, ſprecht! * Ach, wäret Ihr blind, wie ich, ſo wurdet Ihr nicht F. ſo grauſam ſein,“ ſagte ſie, und brach wieder in e Thränen aus. „Bringe ſie fort,“ ſagte Burbo ungeduldig; 1„ich haſſe dieſes Gejammer!“— „Komm,“ ſagte Stratonice, indem ſie das arme Kind an der Schulter faßte. Nydia entzog ſich ihr mit einer Miene, der die Entſchloſſenheit Wuͤrde gab. „Hoͤre mich,“ ſagte ſie,„ich habe Dir treu ge⸗ ient— ich, die ich erzogen wurde— ach, meine Mutter, meine arme Mutter, ließeſt Du Dir jemals traͤumen, daß es ſo weit mit mir kommen wuͤrde?“ — Sie trocknete ſich die Thraͤnen, und fuhr fort: „Befehlt mir alles Andere, ich will gehorchen, aber ich erkläre Euch jetzt, Euch, ſo ſtrenge, hart und 4 unerbittlich Ihr auch ſeid, daß ich dort nicht mehr 1 hingehn, oder daß, wenn ich dazu gezwungen werde, 188 ich den Schutz des Prätors ſelbſt anflehen will— ich habe es geſagt; hort mich, ihr Götter, ich ſchwoͤre!“— Die Augen der alten Herxe fingen jetzt an, zu gluͤhen, wie Feuerz ſie ergriff das Kind mit der ei⸗ nen Hand bei den Haaren, und erhob die andere in die Luft— jene ſchreckliche rechte Fauſt, deren ge⸗ ringſter Schlag hinreichte, um die zarten und ſchwa⸗ chen Formen zu vernichten. Dieſes ſchien auch ſie zu bedenken, denn ſie änderte ihren Vorſatz, und in⸗ dem ſie Nydia nach der Wand hin zog, nahm ſie von einem Haken einen Strick, der ſchon oft zu die⸗ ſem Zweck gedient haben mochte, und in dem naͤch⸗ ſten Augenblick ertoͤnte das Angſtgeſchrei und Huͤlfe⸗ rufen des armen blinden Mädchens. E. T. Vulwer's ſaͤmtliche Werke. Zweiter Band. Die letzten Tage von Pompeji. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von O. von Czarnowski. 3 w eiter 5 Aachen und Leipzig, Verlag von Jacob Anton Mayer. (Brüſſet bei J. 1. Mayer und Somerhaufen.) 1 8 3 4. Die letzten Tage von Pompeji. Vom Verfaſſer des Pelham, Eugen Nram, England und die Engländer, u. f. w. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von G. von Czarnowski. 3iter Theil. Aachen und Leipzig, Verlag von Jacob Anton Mayer. (Bruͤſſel bei J. A. Mayer und Somerhauſen.) 1 8 3 4. „So iſt der Veſuv! und ähnliche Ereigniſſe fallen in je⸗ dem Jahre vor. Aber alle bisherigen Ausbrüche ſind, wenn man ſie ſelbſt in einem einzigen zuſammenfaſſen wollte, unbedeutend, gegen das, was in der Periode ſich zutrug, von der jert ſchreiben Der Tag verwandelte ſich in Nacht, und die Nacht in voil⸗ kommene Finſterniß— eine faſt unglaubliche Menge Staub und Aſche wurde ausgeworfen, das Land, das Meer und die Luft erfüllend, und zwei ganze Städte Herkulaneum und Pompeji begrabend, als die Bewohner in dem Thea⸗ ter ſafen!“ Dio Cassius. 1b. I. XVI. Drittes Kapitel. Glaukus macht einen Handel, der ihm ſpaͤter theuer zu ſtehen kommt. „Hollo, ihr braven Burſche!“ ſagte Lepidus, indem er ſich buͤckte, als er in die niedrige Hausthüre des Burbo eintrat.„Wir ſind gekommen, um zu ſehn, wer von Euch Eurem Laniſta am meiſten Ehre macht.“ Die Gladiatoren ſtanden ehrerbietig vor drei jungen Männern auf, die mit als die reichſten und freigebigſten in Pompeji bekannt waren, und deren urtheil fuͤr den amphitheatraliſchen Ruf ſehr wichtig war. „Was fuͤr derbe Kerls,“ ſagte Klodius zum Glaukus;„ſie ſind wuͤrdig, Gladiatoren zu ſein!“— „Es iſt Schade, daß ſie nicht Soldaten ſind,“ erwiederte Glaukus. Es war merkwurdig, jetzt den uͤppigen Lepidus zu beobachten, den bei den Feſtlichkeiten ein Strahl des Tageslichtes zu verblenden ſchien, in den Baͤ⸗ Bulwer's Werke. Taſchenausg. II. 1 2 dern ein Luftzug ungeduldig machte, in dem die maͤnnliche Natur gaͤnzlich entartet war, und den Weichlichkeit und uͤbertriebener Lurus zu einem Zwit⸗ tergeſchoͤpf machten— es war merkwuͤrdig, dieſen Lepidus jetzt voll Leben und Thätigkeit zu ſehen, wie er die breiten Schultern der Gladiatoren mit ſeiner kraftloſen, weibiſchen Hand betaſtete, die ge⸗ drungenen, gebraͤunten Muskeln befüͤhlte, ganz ver⸗ loren in Bewunderung jener Mannhaftigkeit, die er ſo ſorgfältig ſtets von ſich iſelbſt entfernt zu halten ſich bemuͤhte. So ſehn wir noch in unſern Tagen die unbärti⸗ gen Stutzer in den Salons zu London ſich um die Helden des Fivescourt draͤngen— ſo ſehen wir ſie ſtaunen und bewundern und eine Wette berechnenz ſo ſehen wir in komiſch⸗tragiſcher Vereinigung die beiden Gegenſätze der civiliſirten Geſellſchaft.— Diejenigen, welche das Vergnuͤgen ſuchen, und deſſen Sklaven, die verächtlichſten aller Sklaven, blutduͤr⸗ ſtig und verkaͤuflich zugleich— Maͤnner, die ihre Kraft ſo verkaufen, wie Weiber ihre Schoͤnheit; wild wie die Beſtien, doch in den Motiven ihres Treibens noch unter ihnen ſtehend, denn jene zerflei⸗ ſchen ſich doch nicht gegenſeitig fuͤr Geld! „Ha, Niger, wie willſt Du kämpfen,“ ſagte Le⸗ pidus,„und mit wem?“ „Sporus hat mich herausgefordert,“ ſagte der —— 2 5 wilde Rieſe;„ich hoffe, es ſoll auf Tod und Leben gehn.“ „Ah, gewiß,“ erwiederte Sporus, indem er mit ſeinen kleinen Augen blinzelte. „Er nimmt das Schwert, und ich das Netz und den Dreizack; es wird ein herrlicher Kampf werden. Ich hoffe, der überlebende wird genug bekommen, um die Wuͤrde ſeines Standes zu behaupten.“ „Sei ohne Sorgen, mein Hektor, wir wollen die Kaſſe ſchon fuͤllen,“ ſagte Klodius;„laß ſehn, Du kämpfeſt gegen den Niger?— Glaukus, eine Wette, ich wette auf Niger.“ „Sagte ich es nicht?“ rief Niger freudetrunken. „Der edle Klodius kennt mich; zaͤhle Dich nur ſchon zu den Todten, mein Sporus!“ Klodius zog ſeine Wachstafel hervor.„Eine Wette, um zehn Seſterzien ²). Was meinſt Du?“ „Es ſei,“ ſagte Glaukus—„doch wer iſt das?— ich ſah dieſen Helden noch nie,“ und er zeigte hierbei auf den Lydon, deſſen Glieder ſchlanker waren, als die ſeiner Genoſſen, und der etwas Angenehmes, ſelbſt Edles in ſeinen Zuͤgen hatte, das ſeine Beſchäftigung noch nicht hatte verwiſchen koͤnnen. „Es iſt Lydon, ein Anfänger, der ſich bis jetzt blos mit dem hölzernen Schwerte geuͤbt hat,“ ant⸗ *) Etwas mehr als 80 Pfund Sterling. 1* 4 wortete Niger.„Doch er hat wahres Gladiatoren⸗ blut in ſich, und forderte ſchon den Tetraides heraus.“ „Er forderte mich heraus,“ ſagte Lydon,„ich gehe auf den Kampf ein.“ „Uund wie wollt Ihr fechten?“ fragte Lepidus;— „warte aber noch ein bischen, mein Burſche, ehe Du es mit dem Tetraides aufnimmſt.“ Lydon laͤchelte verächtlich. „Iſt er ein Buͤrger oder ein Sklave?“ fragte Klodius. „Ein Buͤrger, wir ſind hier Alle Buͤrger,“ er⸗ wiederte Niger. „Strecke Deinen Arm aus, mein Lydon,“ ſagte Lepidus mit einer Kennermiene. Der Gladiator ſtreckte, mit einem bedeutungs⸗ vollen Blick auf ſeine Genoſſen, einen Arm aus, der, wenn auch nicht ſo dick und fleiſchigt, als die ihri⸗ gen, doch von ſo feſtem Muskelbau, und ſo regel⸗ mäßig in ſeinen Verhältniſſen war, daß die drei jungen Männer gleichzeitig einen Ausruf der Be⸗ wunderung hoͤren ließen. „Nun gut,“ ſagte Klodius,„und welche Waffe waͤhlſt Du?“— „Wir werden zuerſt mit dem Ceſtus, und wenn wir darauf Beide noch leben, mit Schwertern käm⸗ pfen,“ erwiederte Tetraides mit einem neidiſch⸗ſchie⸗ lenden Blick. „Mit dem Ceſtus?“ ſagte Glaukus,„daran thuſt 5 Du unrecht, Lydon. Der Ceſtus iſt eine griechiſche Kampfart, ich kenne ſie gut— Du mußt dafuͤr noch etwas ſtaͤrker werden; Du biſt zu mager dazu — gib den Ceſtus auf.“— „Ich kann nicht,“ ſagte Lydon. „Und weshalb nicht?“— „Ich habe es ſchon geſagt, weil er mich darauf herausgefordert hat.“— „Aber er wird nicht grade auf dieſer Waffe be⸗ ſtehn.“ „Meine Ehre beſteht aber darauf,“ erwiederte Lydon ſtolz. „Ich wette auf Tetraides, zwei gegen eins, auf den Ceſtus,“ ſagte Klodius,„ſoll es gelten, Lepi⸗ dus?— und mit Schwertern auf gleiche Wette.“ „Wenn Du auch drei gegen eins ſetzeſt, ſo nehme ich es nicht an,“ entgegnete Lepidus; Lydon wird mit dem Schwert ihm nicht gewachſen ſein.— Du meinſt es ſehr gut mit mir.“— „Was meineſt Du dazu, Glaukus?“— fragte Klodius. „Ich will auf die Wette drei gegen eins ein⸗ gehn.“— „Alſo zehn Seſterzien gegen dreißig?“— „Ja“ 9. *) Man verwechsle die sestertii nicht mit der sester⸗ tia. Jenes war eine Summe, und galt 8 Pf. 1 Schl. 3 ½ d., letzteres war eine Muͤnze 1 d. 3 Forthings. Klodius ſchrieb auch dieſe Wette in ſeine Tafel. „Entſchuldige, mein edler Beſchuͤtzer,“ ſagte Ly⸗ don leiſe zum Glaukus,„wie viel glaubſt Du, daß der Sieger gewinnen wird?“ „Wie viel?— nun, vielleicht ſieben Seſterzien.“ „Biſt Du gewiß, daß es ſo viel ſein wird?“ „Wenigſtens— aber ſchaͤmt Euch!— ein Grieche wuͤrde an die Ehre, aber nicht an das Geld denken. Oh, Römer, uͤberall bleibt ihr Römer!“ Die braune Wange des Gladiators erroͤthete, und er ſprach: „Verkenne mich nicht, edler Glaukus; ich denke an beides; doch wuͤrde ich kein Gladiator geworden ſein, wenn es nicht des Geldes wegen wäre.“— „O, Du Unwuͤrdiger;— mogeſt Du unterlie⸗ gen! noch nie war ein Geldhungriger ein Held.“— „Ich bin nicht geldhungrig,“ ſagte Lydon mit Stolz, und entfernte ſich nach der andern Seite. „Aber ich ſehe den Burbo nicht; wo iſt er? ich muß mit ihm ſprechen,“ ſagte Klodius. „Er iſt da drinnen,“ ſagte Niger, indem er auf die entgegenſtehende Thuͤre zeigte. „Uund wo iſt Stratonice, die gute Alte, wo iſt ſie?“— fragte Lepidus. „Sie war ſo eben noch hier, ehe Ihr eintratet, doch ſie hoͤrte da drinnen etwas, das Ihr mißfiel, und iſt hineingegangen. Beim Pollux! dem alten Burbo iſt vielleicht in dem Hinterzimmer ein Mäd⸗— chen in die Haͤnde gefallen.— Ich hoͤrte eine weib⸗ liche Stimme kreiſchen; die Alte iſt eiferſuchtiger, als Juno.“ „Ho! das iſt ein vortrefflicher Spaß,“ ſagte Le⸗ pidus lachend.„Komm, Klodius, laß uns mit dem Jupiter theilen; vielleicht hat er eine Leda bei ſich.“— In dieſem Augenblick hoͤrte man einen lauten Schrei des Schmerzes und Entſetzens. „O, ſchone mich! ich bin ja nur ein Kind, ich bin blind— iſt das nicht Strafe genug?“ „O Pallas! jene Stimme iſt mir bekannt, es iſt mein armes Blumen⸗Mädchen!“— rief Glaukus, und ſturzte zugleich nach der Stube, aus welcher das Geſchrei kam. Er ſprengte die Thuͤre, und ſah Nydia unter den Mißhandlungen der wuͤthenden Here ſich winden;— der bereits mit Blut gefärbte Strick ſchwebte ſchon wieder in der Luft. „Furie!“ ſagte Glaukus, indem er ihr mit der einen Hand Nydia, mit der andern den Strick ent⸗ riß.„Wie kannſt Du ein Mädchen, ein Kind, ſo mißhandeln?— Meine Nydia— mein armes Maͤdchen!“— „Oh, biſt Du es; iſt es Glaukus?“ rief das Blumen⸗Mädchen im Tone des Entzuckens, ſie weinte nicht mehr, lächelte, ſchmiegte ſich an ſeine Bruſt, und kuͤßte ſein Gewand. „und wie kannſt Du es wagen, voreiliger Fremd⸗ ling, einer freien Frau zu gebieten, wie ſie ihre Sklavin behandeln ſoll?— Bei den Goͤttern, trotz Deiner feinen Tunika, und Deinen Parfuͤms, zweifle ich noch ſehr, ob Du ein roͤmiſcher Buͤrger biſt, mein Maͤnnchen!“— „Nicht ſo ungeſtuͤm, meine Alte, nicht ſo hitzig,“ ſagte Klodius, der jetzt mit dem Lepidus eintrat. „Dies iſt mein Freund; Du darfſt nicht ſo biſſig gegen ihn ſein! es regnet Steine!“ „Gib mir meine Sklavin!“ kreiſchte die Ama⸗ zone, indem ſie mit kraͤftiger Fauſt den Griechen an der Bruſt faßte. „Ich laſſe ſie nicht, und wenn alle Furien, Deine Schweſtern, Dir beiſtaͤnden. Fuͤrchte nichts, ſuͤße Rydia; ein Athenienſer ſchuͤtzt ſtets die ungluͤck⸗ lichen!“— „Hollo!“— ſchrie Burbo, indem er ſich erhob, „was fuͤr ein Laͤrmen iſt das um eine Sklavin?— Laſſe den jungen Herrn gehn, Weib— laß ihn gehn— aus Ruͤckſicht fuͤr ihn ſoll das einfältige Ding diesmal noch verſchont werden.“ Indem er dieſes ſagte, zog er das wilde Weib zuruͤck. „Es ſchien mir, als wir eintraten,“ ſagte Glau⸗ kus, daß noch Jemand hier geweſen ſei.“ „Er iſt fortgegangen.“ Und allerdings hatte der Prieſter der Iſis es fuͤr Zeit gehalten, ſich zu entfernen. „Oh,“ ſagte Burbo unbefangen,„das war ein 9 Freund von mir, ein Bruder Saufaus, ein ſtiller Kauz, der ſolche Zankereien nicht liebt.— Doch geh, Kind, Du wirſt die Tunika des jungen Herrn zer⸗ reißen, wenn Du ſie ſo feſt hältſt; geh! es ſoll Dir dieſesmal verziehen ſein.“ „Oh, verlaſſe mich nicht,— verlaſſe mich nicht!“ ſagte Nydia, indem ſie ſich noch feſter an den Athe⸗ nienſer ſchmiegte. Geruͤhrt durch ihre verlaſſene Lage, ſo wie ſich geſchmeichelt fuͤhlend, daß ſie ſeine Huͤlfe in An⸗ ſpruch nahm, ſetzte ſich der Grieche auf einen der roh gearbeiteten Stuͤhle. Er hielt ſie auf ſeinen Knieen, ſeine langen Haare badeten ſich in dem Blut, das von ihren Schultern ſtroͤmte— er kuͤßte die Thraͤnen von ihren Wangen— fluͤſterte ihr tau⸗ ſend von den beruhigenden Worten zu, mit denen wir den Schmerz eines Kindes beſchwichtigen;— und ſo ſchoͤn erſchien er in dieſem Augenblick ſelbſt der wilden Stratonice, daß auch ihr hartes Herz ge⸗ ruͤhrt wurde. Seine Gegenwart ſchien jene finſtere Herberge zu veredlen— weich und edelmuͤthig ſchien er geſchaffen zu ſein, ungluͤckliche Weſen zu unter⸗ ſtuͤtzen. „Wer hätte ſich denken ſollen,“ ſagte die Alte, indem ſie ſich die Schweißtropfen von der Stirn wiſchte,„daß unſre blinde Nydia noch ſo geehrt werden wuͤrde.“ Glaukus wendete ſich zu Burbo und ſagte: „Mein guter Mann, dieſes iſt Deine Sklavin, ſie ſingt gut, ſie iſt geſchickt in der Pflege der Blumenz ich wuͤnſche, ſolch eine Sklavin einer Dame zum Geſchenk zu machen. Willſt Du ſie mir verkaufen?“ — Indem er dieſe Worte ſprach, fuͤhlte er, wie ein Schauer des Entzuͤckens durch die Glieder des armen Maͤdchens zuckte,— ſie ſprang auf, ſtrich ſich die Haare aus dem Geſicht, und blickte mit den blinden Augen umher, als ob ſie ſehen könne.— „Unſere Nydia verkaufen!— Nein, das geſchieht nicht,“ ſagte Stratonice trotzig. Nydia ſank mit einem tiefen Seufzer zuruͤck, und ſchmiegte ſich wieder an ihren Beſchutzer. „Dummes Zeug!“ ſagte Klodius gebieteriſch, „Ihr mußt mir den Gefallen thun.— Was, Burbo — was, Alte; wenn Ihr mich beleidigt, ſo iſt es mit Eurem Geſchaͤft zu Ende. Iſt nicht Burbo der Klient meines Vetters Panſa? Bin ich nicht das Hrakel des Amphitheaters und ſeiner Helden? Wenn ich ein Wort ſpreche, ſo iſt Eure Schenke geſchloſ⸗ ſen, und Ihr verkauft nichts mehr.— Glaukus, die Sklavin iſt Dein.“— Burbo kratzte ſich, offenbar in großer Verlegen⸗ heit, hinter den Ohren. „Das Mädchen iſt mir ſo viel werth, als ſie in Golde wiegt,“ ſagte er. „Nenne den Preis,“ entgegnete Glaukus, ich bin reich.“— 11 Die alten Italiener waren, ſo wie die neueren; es war ihnen Alles verkaͤuflich, alſo um ſo mehr ein armes, blindes Mädchen. „Sie koſtet mich ſechs Seſterzien, jetzt iſt ſie zwoͤlf werth,“ ſagte Stratonice. „Ihr ſollt zwanzig haben; kommt ſogleich zum Richter, und dann nehmt das Geld in meinem Hauſe in Empfang.“ „Ich wuͤrde das gute Mädchen nicht fuͤr 100 Seſterzien verkaufen,“ ſagte Burbo weinerlich, „wenn es nicht dem edlen Klodius zu Gefallen ge⸗ ſchähe. Du mußt aber auch beim Panſa mir be⸗ huͤlflich ſein wegen der Stelle eines Deſignators im Amphitheater, edler Klodius; ſie waͤre grade paſſend fuͤr mich.“— „Du ſollſt ſie haben,“ entgegnete Klodius, indem er dem Burbo leiſe zufluͤſterte:„Jener Grieche kann Dein Gluͤck machen, das Geld laͤuft bei ihm wie durch ein Sieb. Bezeichne dieſen Tag mit weißer Kreide, mein Priamus!“— „An dabis 2“— ſagte Glaukus, in der gebräuch⸗ lichen Frage des Kaͤufers an den Verkaͤufer. „Dabitur!“ erwiederte Burbo. „O, welches Gluͤck!“ murmelte Nydia;„ich n werde alſo mit Dir, mit Dir gehn.“— „Ja, mein ſuͤßes Kindz und kuͤnftig ſoll Dein Geſchäft nur darin beſtehn, der liebenswuͤrdigſten Dame in Pompeji griechiſche Lieder vorzuſingen.“— — 12 Das Mädchen ſprang auf, ihre Zuͤge, die den Augenblick vorher ein ſo freudiges Entzucken aus⸗ ſprachen, nahmen einen andern Ausdruck anz ſie ſeufzte tief, und ſagte, indem ſie nochmals ſeine Hand ergriff: „Ich glaubte, ich wuͤrde mit nach Deinem Hauſe gehn.“ „Für jetzt ſoll dieſes auch geſchehn; komm, wir verlieren die Zeit.“— Piertes Bapitel. Der Nebenbuhler des Glaukus gewinnt ihm den Vorſprung ab. Wone war eine jener ſeltenen Erſcheinungen, die uns nur ſelten im wirklichen Leben begegnen. Sie vereinigte in der höchſten Vollkommenheit Schönheit und geiſtigen Werth.— Noch nie beſaß Jemand intellektuelle Fähigkeiten, ohne ſich ihrer bewußt zu ſein— die Vereinigung der Beſcheidenheit und des Verdienſtes ſieht man allerdings gerne, aber wo der innere Werth groß iſt, verbirgt ihn niemals der Schleier jener bewunderten Beſcheidenheit vor dem, —W ——— —— der ihn in ſich traͤgt. Es iſt das ſtolze Selbſtbe⸗ wußtſein gewiſſer Eigenſchaften, welche der Genius der Alltagswelt nicht darlegen kann, das ihm jenen Schein von Schuͤchternheit, Unbeholfenheit und Un⸗ ruhe gibt, der gewoͤhnlichen Menſchen fremdartig vor⸗ kommt, oft aber auch ihrer Eitelkeit ſchmeichelt. Täu⸗ ſche Dich aber nicht, eitler Alltagsmenſch, indem Du glaubſt, das verlegene Benehmen jenes großen Mannes ſei ein Beweis, daß er ſeiner überlegenheit uber Dich ſich nicht bewußt iſt!— Was Du fuͤr Beſcheidenheit haltſt, iſt blos ein innerer Kampf der Selbſterkennung. Er fuhlt es nur zu druͤckend, wie unendlich hoch er uͤber Dir erhaben ſteht, und wird blos aus der Faſſung ge⸗ bracht, weil an den Orten, wo Du mit ihm zuſam⸗ mentriffſt, er ſich plotzlich zu Dir erniedrigt finden muß. Er iſt nicht unterhaltend— er iſt nicht lie⸗ benswuͤrdig— er hat keinen umgang, der dem Dei⸗ nigen aͤhnlich iſt— aber Deine Werthloſigkeit und Geringfuͤgigkeit iſt es, die ihn verlegen macht, nicht ſeine eigene!— Auch Jone kannte ihren Werth, doch mit jener reizenden Gewandtheit, die mit Recht fuͤr einen Vor⸗ zug ihres Geſchlechtes gilt, hatte ſie das Talent, deſſen ſo wenige geiſtreiche Maͤnner ſich ruͤhmen kon⸗ nen, ihre Fähigkeiten nach der geiſtigen Bildungs⸗ ſtufe Derer, mit denen ſie umging, zu modificiren, und ſelbſt herabzuſtimmen. Der erfriſchende Spring⸗ quell ergoß ſeinen Strahl an die Kuͤſte, in die Höh⸗ len und auf die Blumen; er begluͤckte uͤberall. Je⸗ nes Selbſtbewußtſein, welches jeder überlegenheit inne wohnt, wirkte bei Jonen nur wenig auf ihre aͤußere Erſcheinung; in ihrer eigenen Bruſt aber geſtaltete es ſich zur Unabhaͤngigkeit. So verfolgte ſie ihren eigenen glaͤnzenden, aber einſamen Pfad. Sie nahm den Rath und die Erfahrung keiner alten Matrone in Anſpruch— ſie gehorchte nur den An⸗ trieben ihrer eigenen unbefleckten Reinheit. Sie un⸗ terwarf ſich keiner tyranniſchen oder eigenmächtigen Anforderung der Sitte, und bildete ſich dieſe ſelbſt nach ihren überzeugungen, welches aber mit ſo weib⸗ licher Anmuth und mit ſo zarten Ruͤckſichten geſchah, daß man nicht ſagen konnte, ſie verletze die Sitte, weil ſie ihr gebot. Es war moͤglich, Jonen nicht zu lieben; ſie ſtand vielleicht ſogar zu hoch fuͤr die Liebe gewoͤhnlicher Naturen; aber wer ſie einmal liebte, der mußte ſie auch bis zur Anbetung lieben. Die Huͤlfsquellen ihrer geiſtigen Vorzuͤge waren un⸗ erſchoͤpflich— ſie verſchoͤnerten ſelbſt das Gewoͤhn⸗ liche; ein Wort, ein Blick von ihr ſchien oft wie ein Zauber zu wirken. Wer ſie liebte, der trat in eine neue Welt ein, und verließ dieſe armſelige und beſchränkte Erde. Er befand ſich in einem Lande, wo ihm Alles wie verklärt durch einen magiſchen Einfluß erſchien. Wenn er ſich in ihrer Nähe be⸗ fand, glaubte er vortreffliche Muſik zu horenz er wurde in jene Stimmung verſetzt, die das grobe en be⸗ 15 Irdiſche ſo wenig aufkommen läßt, und die gute Muſik ſo oft anregt, in jenen beſeligten Zuſtand, der den Menſchen verfeinert und emporhebt, und zwar allerdings auch die Sinne in Anſpruch nimmt, aber nur, um ſie zu vergeiſtigen. Ihr ganzes Weſen ſchien beſonders darauf berech⸗ net, auf ungewoͤhnliche und kuͤhnere männliche Na⸗ turen zu wirken, ſie zu feſſeln und zu beherrſchen; die Liebe zu ihr vereinigte zwei Leidenſchaften, die Liebe ſelbſt und den Ehrgeiz;— wer ſie anbetete, der mußte auch höherem Streben uͤberhaupt ſich weihen. Es war kein Wunder, daß ſie den myſte⸗ riöſen, doch feurigen Geiſt des Egyptiers, eines Mannes, in dem die heftigſten Leidenſchaften ihren Sitz hatten, mächtig an ſich zog. Ihre Schoͤnheit und ihr Geiſt wirkten vereinigt auf ihn. Indem er einſam in der gewoͤhnlichen Alltagswelt ſtand, mußte er jene Selbſtſtändigkeit des Charakters ſchätzen, die ſich unabhaͤngig von den Außendingen zu erhalten wußte. Er bemerkte nicht, oder wollte nicht bemerken, daß jene Iſolirung ſelbſt ſie noch weiter von ihm, als von werthloſeren Naturen ent⸗ fernte. Ihre Selbſtſtäͤndigkeit und die ſeinige lagen ſo weit auseinander, als der Nord⸗ und Suͤd⸗Polr und waren ſo verſchieden, als Tag und Nacht. Er ſtand allein in Folge ſeiner Laſter; ſie in Folge ihre“ poetiſchen Gefuͤhle und ihrer Tugend. Wenn es nun in der Natur der Dinge begruͤndet lag, daß ſie den Egyptier an ſich feſſeln mußte; ſo war es weniger zu begreifen, wie ſie ſo ſchnell und unwiderruflich die Neigung des Athenienſers gewin⸗ nen konnte. Glaukus hatte ſich dem Genuß in Folge eines Temperaments hingegeben, welches aus den Lichtſtrahlen ſelbſt gewebt zu ſein ſchien, ſo leicht und beweglich war es. Er gehorchte keinen ſtrafba⸗ ren Antrieben, wenn er ſich den Ausſchweifungen ſeines Zeitalters uͤberließ, als denen der Geſundheit und Jugend. Der helle Lichtglanz ſeines Weſens erleuchtete jede dunkle Höhle, in die er gerieth, je⸗ den finſtern Abgrund, an den dieſe Verirrungen ihn fuͤhrten. Seine Einbildungskraft verblendete ihn, doch die Verderbniß erreichte nie ſein Herz. Weit mehr Lebensklugheit beſitzend, als ſeine Gefährten ihm zutrauten, ſah er wohl ein, daß ſie nur Abſich⸗ ten auf ſeinen Reichthum hegten, aber er betrachtete das Geld blos als ein Mittel fuͤr den Genuß, und der lebensfrohe Sinn der Jugend war das Band, welches ihn an ſie knuͤpfte. Er fuͤhlte allerdings in ſich das Streben nach einem hoͤhern Ziele, als dem irdiſchen Genuſſe und Vergnuͤgen, aber die Welt war damals ein großes Gefängniß, zu dem der Kai⸗ ſer in Rom die Schluſſel hatte;— und dieſelben Tugenden, welche zu den Zeiten des freien Athens in dem Glaukus die Antriebe des Ehrgeizes in Tha⸗ tigkeit geſetzt haben würden, machten ihn jetzt un⸗ thaätig und genußſuͤchtig, denn in jenen ſklaviſchen 17 Verhaͤltniſſen war jeder edle Wetteifer und jedes d freiere Streben unmoͤglich geworden. Der Ehrgeiz . konnte an einem despotiſchen und ſchwelgeriſchen e F Hofe nur durch Schmeichelei und Lit ſein Ziel errei⸗ n chen. Der Geiz und die Geldgierde waren die herr⸗ t ſchenden Leidenſchaften— die Staatsämter wurden ⸗ nr erſtrebt, um der Mittel zu Auspluͤnderungen n ſich zu bemächtigen, und die Regierung war in ein it Syſtem des Raubes ausgeartet. In kleinen Staa⸗ 16 ten hat die Vaterlandsliebe den ungehemmteſten 2 Spielraum;— die oͤffentliche Meinung kann ſich P dort ſtark und feſt ausbilden— die Handlungen des n Mitbuͤrgers werden genau beobachtet— die Verbin⸗ eit„ dungen des Staatslebens werden durch verwandt⸗ en ſchaftliche und Privatverhältniſſe noch mehr befeſtigt ch⸗— der Patriotismus wird durch Erinnerungen an die ete nächſten Lokalumgebungen von der fruͤheſten Jugend ind an genaͤhrt und erhoͤht— der Beifall der Mitbuͤr⸗ nd, ger iſt zugleich meiſt der von Freunden und Bekannten. 195 In großen Staaten dagegen iſt die Hauptſtadt meiſtens als blos der Hof; die Provinzen— oft dem Einzelnen elt unbekannt, und in Sitten und Gebraͤuchen, ſelbſt in ai⸗ der Sprache, verſchieden— muͤſſen die individuelle ben Theilnahme nothwendig weniger in Anſpruch neh⸗ ens men; die Intereſſen der Bewohner ſind oft zu ent⸗ hä⸗ d gegengeſetzt, als daß ſie uͤbereinſtimmen koͤnnten. un⸗ Am Hofe wird ſtatt offentlicher Anerkennung des chen Wirkens fuͤr das allgemeine Beſte nur die Gunſt Bulwer's Werke. Taſchenausg. II. 2 des Fuͤrſten erſtrebt, das egoiſtiſche Intereſſe hat kein Gegengewicht, und das Urtheil der Meinung hoͤrt auf, eine Gewalt zu ſein⸗ Italien, Italen!— während ich dieſes ſchreibe, lächelt mir Dein heiterer Himmel— gib jenen fal⸗ ſchen Lehren nicht Gehor, welche Deine glorreichen Stadte, die ſich zuruͤckſehnen nach ihren republikani⸗ ſchen Verfaſſungen, in ein großes Reich vereinigen moͤchten; dieſes iſt eine verderbliche Taͤuſchung!— Nur in der Theilung kann Deine Regeneration er⸗ ſtrebt werden. Florenz, Mailand, Venedig, Genua koͤnnen nochmals frei werden, wenn jede frei iſt. Aber traͤumt nicht von Freiheit des Ganzen, ſo lange die einzelnen Theile es nicht ſindz große Staaten ſind wie ein ſchwacher Rieſe, deſſen Glieder kraftlos, deſſen Gehirn dumpf iſt, und der durch Erſchoͤpfung und Schwäche dafuͤr bußt, daß er die naturlichen Bedin⸗ gungen des Lebens und der Geſundheit uͤberſchreitet. Indem ſich Glaukus ſo in ſich ſelbſt zuruͤckziehen mußte, konnten ſeine beſten Fähigkeiten und Talente ſich nicht anders äußern, als vermoͤge jener verſchö⸗ nernden Einbildungskraft, die den Genuß poetiſch verklärt. Der edlere Ehrgeiz fand jenen Spielraum nicht, der den Verfeinerungen des Lebensgenuſſes ſich darbot. Alle ſchlummernde Kraͤfte ſeines Geiſtes wurden jedoch plotzlich geweckt, als er Jonen kennen lernte. In ihrem Beſitz zeigte ſich ihm ein Ziel, des Strebens der Halbgotter werth; indem er ihre e, ⸗ en i⸗ en er⸗ ua iſt. nge ind ſen und in⸗ tet. hen ente cho⸗ tiſch um iſſes iſtes men Ziel, ihre 19 Gegenliebe zu erringen ſich bemuͤhte, leuchtete ihm ein Stern des Ruhms, den die Verderblichkeiten eines dahinſterbenden Staatslebens weder verduͤſtern, noch erbleichen machen konnten. Auf dieſe Weiſe bauet ſich die Liebe ihre Altäre zu allen Zeiten, und in allen Staaten. Gibt es auch wohl, ſelbſt in den fuͤr jedes hoͤhere Streben guͤnſtigſten Zeitaltern einen glorreicheren und entzuͤckenderen Sieg, als die Eroberung eines wuͤrdigen und edlen Her⸗ zens?— Dieſes Gefuhl ſchien auch ihn zu begeiſtern. Wenn er ſich in der Nähe Jonens befand, hatten ſeine Geiſteskräͤfte einen hoͤheren Schwung, und er fuͤhlte ſich in ſeinem ganzen Weſen vollkommener und beſſer. So wie ſeine Liebe, ſo mußte auch ihre Gegenliebe durch ihre beiderſeitige Natur bedingt und nothwendig ſein. Er erſchien ihr, jung, ſchon, beredtſam, und ein Athenienſer, wie die ſchoͤnſte Bluͤthe der Poeſie aus dem Lande ihrer Väter. Seitdem ſie ſich kannten, waren ſie nicht mehr Ge⸗ ſchoͤpfe auf einer Erde der Sorge und der Plagenz das Daſein war fuͤr ſie von jetzt an nur ein heili⸗ ger Feſttag. Sie ſchienen dem gewoͤhnlichen und rauhen Alltagsleben entruͤckt zu ſein; die Traͤume lies ſaturniſchen Zeitalters waren fuͤr ſie in die Wirk⸗ dchkeit getreten, und in ihre Herzen fielen die letz⸗ ten Strahlen der Sonne von Delos und von Grie⸗ chenland. 28 20 Je mehr aber Jone in der Wahl ihrer Lebens⸗ art ſich unabhängig erhielt, um ſo empfindlicher wurde auch das Gefühl des Bewußtſeins ihrer Tu⸗ gend. Die Verlaͤumdungen des Egyptiers konnten daher um ſo weniger ihre Wirkung verfehlen; und die vermeintliche Rohheit und Ruͤckſichtsloſigkeit des Glaukus verletzte ſie aufs tiefſte. Seine Außerungen enthielten einen Tadel uͤber ihren Charakter und ihr Leben, und ſelbſt ihre Liebe wurde zuruͤckgewieſen und verhohnt; ſie fuͤhlte jetzt zum erſtenmal, wie ſchnell dieſe Liebe ſie uberraſcht hatte; ſie erroͤthete uber eine Schwäche, deren ſie erſt jetzt ſich ganz be⸗ wußt wurde; ſie bildete ſich ein, dieſe Schwache ſelbſt habe die Verachtung des Glaukus erregt; ſie empfand, was fuͤr edle Naturen der härteſte Fluch iſt— Demuͤthigung!— Doch nicht weniger als ihr Stolz wurde ihre Liebe aufgeregt. Wenn in dem einen Augenblick ihr empoͤrtes Selbſtgefuͤhl den Glaukus mit Vorwuͤrfen uberhäufte, wenn ſie ihm entſagte, und faſt ihn zu haſſen anfing; ſo uͤberwäl⸗ tigte ſie doch bald wieder die unbezwingbare Leiden⸗ ſchaft in deſto groͤßerem Grade; ſie brach in Thraͤ⸗ nen aus, das Herz forderte ſeine Rechte zuruͤck, und halb verzweifelnd ſagte ſie zu ſich ſelbſt:„Er ver⸗ achtet mich— er liebt mich nicht!“— Nachdem der Egyptier ſie verlaſſen, hatte ſie ſich in ihr einſamſtes Zimmer zuruͤckgeʒogen— ſie ent⸗ fernte ihre Dienerinnen aus ihrer Nähe, und ließ 21 2 8⸗ ſich vor dem Schwarm ihrer Verehrer verlaͤugnen⸗ er Auch den Glaukus traf daſſelbe Schickſal; es be⸗ u⸗ fremdete ihn, doch er wußte ſich den Grund dieſer en Zuruͤckweiſung nicht zu erklären. Er konnte ſich d nicht denken, daß ſeine Jone, ſeine Koͤnigin, ſeine Goͤttin, jener weiblichen Launenhaftigkeit frohne, uber en welche die Liebesdichter Italiens ſo bittere Klagen hr fuhren. Er glaubte, ſie ſei uͤber alle jene Kuͤnſte en erhaben, die das Herz des Liebenden auf die Folter ie ſpannen. Er fuͤhlte ſich beunruhigt, doch die Hoff⸗ ete nung ließ nicht nach, denn er wußte, daß er liebe be⸗ und geliebt werde, und konnte er ſich ein feſteres che Schutzmittel gegen die Furcht wuͤnſchen?— ſie In der tiefſten Nacht, als die Straßen bereits ch oͤde und einſam waren, und nur die Strahlen des s Mondes ſie beleuchteten, ſchlich er ſich nach ihrer in Wohnung— jenem Tempel ſeines Herzens*); und en verehrte ſie nach der ſchoͤnen Sitte ſeines Landes. m An ihrer Hausthuͤre haͤngte er die ſchoͤnſten Kränze äl⸗ auf, in denen jede Blume ein ſuͤßer Liebesſpruch en⸗ war, und in der langen Sommernacht ſang er zu ra⸗ den Tonen der lyciſchen Laute Verſe, welche die Be⸗ nd geiſterung des Augenblicks hervorrief. er⸗ Doch kein Fenſter wurde geoͤffnet, kein freund⸗ licher Gruß belohnte ihn.— Alles blieb ſtumm und nt⸗*) Athenaeus—„Der wahre Tempel des Cupido iſt das Haus der Geliebten.“ 22 einſam, ſo daß er nicht einmal wußte, ob ſeine Verſe gehoͤrt worden ſeien. Jone aber ſchlief weder, noch verſchloß ſie ihr Ohr den ſußen Toͤnen; ſie drangen in ihr Schlaf⸗ zimmer, und uͤberwaltigten faſt ihr Herz. Während ſie zuhorte, vergaß ſie Alles, was die Verlaͤumdung gegen ihren Geliebten geſagt hatte; der Zauber ent⸗ wich aber wieder, als er ſich entfernt hatte, und vie aufgeregte Stimmung ihres Gemuͤths ließ ſie faſt in jener zarten Huldigung eine neue Beleidigung erblicken. Ich ſagte, ſie habe ſich vor Allen verlaͤugnen laſſen,— doch ein Einziger war ausgenommen, Ar⸗ baces, der uͤber ihre Handlungen ſich eine Art väter⸗ lichen Einfluſſes anmaßte. Er betrat ihre Wohnung ſo ungehindert, als ſei dieſes ein Recht, welches ihm zuſtehe. Trotz aller Selbſtſtändigkeit des Charakters der Jone war es ihm gelungen, eines geheimen und mächtigen Einfluſſes auf ihren Willen ſich zu ver⸗ ſichern. Sie vermochte demſelben nicht zu wider⸗ ſtehen; bisweilen verſuchte ſie es, doch es war ihr unmoglich. Sie wurde durch die Macht ſeines Schlangenblicks wie mit einem boſen Zauber gefeſ⸗ ſelt. Er beherrſchte ſie durch die überlegenheit ſei⸗ nes maͤnnlichen Geiſtes, der ſchon ſeit lange ge⸗. wohnt war, daß jedes ſchwächere Gemuͤth ſich ihm beugte. In der Unkenntniß ſeines wahren Cha⸗ rakters und der Liebe zu ihr, die er bis jetzt ge⸗ 23 ſchickt zu verbergen gewußt hatte, fuͤhlte ſie vor ihm jene Ehrfurcht, die das Talent vor der Weisheit, die Tugend fuͤr die Heiligkeit des Wandels fuͤhlen muß. Sie betrachtete ihn wie einen jener Weiſen des Alterthums, die durch den Sieg uͤber alle menſch⸗ lichen Leidenſchaften der Geheimniſſe des verborgenen Wiſſens theilhaftig werden. Sie hielt ihn weniger fuͤr ein irdiſches Weſen, wie ſie ſelbſt, als fuͤr ein finſteres und heiliges Orakel der Vorzeit. Sie liebte ihn nicht, aber ſie fuͤrchtete ihn. Seine Gegenwart war ihr unheimlich; ihr Geiſt fuͤhlte ſich in ſeiner Naͤhe verduſtert und beklommen; er erſchien ihr in der Erhabenheit ſeines Charakters, wie ein hoher Berg, der einen ungeheuren Schatten wirft; doch fiel es ihr niemals ein, ſeinen Beſuchen ſich zu ent⸗ ziehen. Sie uͤberließ ſich geduldig dem Eindruck, den in ihrem Gemuͤth zwar nicht die Angſt vor dem Schrecklichen, aber etwas von ſeiner Unheimlichkeit erregte. Arbaces ſelbſt beſchloß jetzt, alle ſeine geheimen Kuͤnſte in Thätigkeit zu ſetzen, um ſich jenes Schatzes zu bemaͤchtigen, den er ſo ſehr zu erlangen ſich ſehnte. Er fuͤhlte ſich entzuckt und erhoben uͤber den Einfluß, mit dem er ihren Bruder wieder umſpon⸗ nen hatte. Seit jenem Augenblick, in welchem Apae⸗ cides der wolluͤſtigen üppigkeit jenes Feſtes unterlag, welches wir beſchrieben haben, fuͤhlte er ſeine Herr⸗ ſchaft uͤder den jungen Prieſter wieder ſo geſichert und feſt, als je. Er wußte, daß keine Feſſeln ſtär⸗ ker ſind, als die der Sinne, wenn ſie einen jungen, feurigen Mann zum erſtenmal uͤberraſchen. Als Apaecides am Morgen jener durchſchwelgten Nacht, die ihn in ihre Wunderkreiſe gezogen hatte, erwachte, fuͤhlte er ſich allerdings beſchämt und ge⸗ demuͤthigt. Er erinnerte ſich ſeiner ſtrengen Geluͤbde der Enthaltſamkeit, ſeiner Sehnſucht nach einem tu⸗ gendhaften Leben, und wie dieſes Alles in einen ſo unheiligen Strudel gezogen worden war. Arbaces kannte jedoch ſehr gut die Mittel, durch welche er ſeinen Einfluß behaupten und ſichern mußte. Von den Genuͤſſen der Sinnlichkeit fuͤhrte er den jungen Prieſter ſogleich in ſeine myſterioͤſe Weisheit ein. Er enthuͤllte vor ſeinen erſtaunten Blicken die Ge⸗ heimniſſe der duͤſtern egyptiſchen Philoſophie— weihte ihn in die aſtrologiſchen Deutungen, und in jene ſonderbare Chemie ein, die in dieſen Zeiten, wo die Vernunft ſelbſt noch unter der Herrſchaft der Einbildungskraft ſtand, der Auflöſung uͤberirdiſcher Räthſel ſich gewachſen duͤnkte. Arbaces erſchien dem jungen Prieſter wie ein uͤber der Sterblichkeit erha⸗ benes, mit ungewoͤhnlichen Kräͤften begabtes Weſen. Jene tiefe Sehnſucht nach dem Wiſſen, das nicht von dieſer Erde iſt, verblendete den Apaecides, der auf daſſelbe von fruͤheſter Jugend an ſein ganzes Streben gerichtet hatte, ſo daß ſein geſunderes ur⸗ theil ubertäubt wurde. Er gab ſich ganz den blin⸗ —— — V 25 den Richtungen hin, die zugleich die heftigſten Lei⸗ denſchaften des Menſchen in Anſpruch nehmen, dem ſinnlichen Genuß und dem Streben nach höheren Kenntniſſen. Er konnte ſich nicht denken, daß ein ſo weiſer Mann, als Arbaces, irren, daß ein ſo ſtolzer Mann auch jetzt noch ihn taͤuſchen könne. In das Gewebe metaphyſiſcher Spekulationen verſtrickt, ging er auf die Schlußfolgen ein, durch die der Egyptier das Laſter zur Tugend umzugeſtalten ver⸗ ſuchte. Seine Eitelkeit ſelbſt fuhlte ſich geſchmei⸗ chelt, daß Arbaces ihn fuͤr wuͤrdig gehalten, ihn zu ſich zu ziehn, ihn von den Geſetzen zu entbinden, welche die Menge in ihren Schranken durch angeb⸗ lich zweckmäßige Taͤuſchungen halten ſoll, und ihn an ſeinem myſtiſchen Studium Theil nehmen zu laſ⸗ ſen. Die reine und ſtrenge Moralitaͤt jenes Glau⸗ bens, zu dem Olinthus ihn zu bekehren wuͤnſchte, wurde durch gewaltige Leidenſchaften aus ſeinem Geiſte verdrängt. Der Egyptier, der mit den Lehr⸗ ſätzen jenes Glaubens nicht ganz unbekannt war, und bald den Eindruck bemerkte, den ſie bereits auf das Gemuͤth ſeines Pfleglings gemacht hatten, ſuchte jene Wirkung auf geſchickte Weiſe theils durch ſo⸗ phiſtiſche Trugſchluſſe, theils durch ſpottiſche Bemer⸗ kungen zu vernichten. „Dieſer Glaube,“ ſagte er,„iſt weiter nichts, als die weitere Ausfuͤhrung einer der vielen Allego⸗ rien, welche unſere alten Prieſter erfunden haben. 26 Schaue,“ fuͤgte er hinzu, indem er auf eine mit Hieroglyphen beſchriebene Rolle zeigte—„ſchaue in dieſen uralten Figuren den Urſprung der Lehre von der chriſtlichen Dreieinigkeit. Auch hier ſind drei Goͤtter, der Vater, der Sohn und der heilige Geiſt. Du ſiehſt, daß auch hier der Sohn mit dem Bei⸗ wort„der Erloͤſer“ bezeichnet wird— und daß das Zeichen, durch welches ſeine menſchlichen Eigenſchaf⸗ ten dargeſtellt werden, das Kreuz*) iſt. Sieh hier auch die myſtiſche Geſchichte des Oſiris, wie er ge⸗ toͤdtet wurde, und wie er, um eine feierliche Ver⸗ heißung zu erfuͤllen, wieder auferſtand von den Tod⸗ ten! Durch dieſe Gleichniſſe beabſichtigen wir blos eine Allegorie in Beziehung auf das ewige Wieder⸗ aufleben der Natur, und auf die Bewegungen der Geſtirne. Die unbekanntſchaft mit dieſen Zeichen hat jedoch bei vielen leichtglaͤubigen Nationen, denen die Deutung verſteckt blieb, zu manchen religiöſen Glaubensſätzen Veranlaſſung gegeben. Man findet die verkehrte Auslegung dieſer Hieroglyphen in den weiten Ebenen Indiens; die Griechen ſelbſt haben ſie in ihren ſpeculativen Syſtemen benutzt; und in⸗ dem ihre Deutung ſich immer mehr veraͤnderte, je mehr ſie ſelbſt von ihrem uralten urſprunge ſich ent⸗ fernten, hat dieſelbe in dieſem neuen Glauben eine *) Der Gläͤubige wird aus dieſem zufaͤlligen Um⸗ ſtande ganz andere Schluſſe ziehen, als der Egyptier. d d 2 2 d p 27 irdiſchere Form angenommen, und die Juͤnger des Galiléers beten blos unbewußt eine der Allegorien des alten Egyptens an!“— Dieſe Art des Beweiſes uͤberzeugte vollkommen den Prieſter. Er fuͤhlte, wie die meiſten Menſchen, das Beduͤrfniß, an Etwas zu glauben; und ohne Widerſtreben füͤgte er ſich jenem Glauben, welchen Arbaces ihm lehrte, und der Alles vereinigte, was den menſchlichen Leidenſchaften ſchmeichelt, und die perſoͤnliche Eitelkeit in Anſpruch nimmt. Nachdem dieſe Bekehrung ſo leicht gelungen war, ſo konnte er ſich ganz der weiteren Ausfuhrung eines angenehmeren und wichtigeren Planes widmen, und er ſah in dem leichten Gelingen ſeiner Anſchlaͤge auf den Bruder ein guͤnſtiges Omen ſeines Sieges uͤber die Schweſter. Er hatte Jonen den Tag nach jenem ſchwelge⸗ riſchen Feſte beſucht, welches zugleich der Tag war, an dem er ihr Gemuͤth mit Mißtrauen gegen ſeinen Nebenbuhler erfuͤllt hatte. Er fuhr jetzt fort, ſie taͤglich zu beſuchen, und ſetzte alle ſeine Kuͤnſte in Thätigkeit, theils um den unguͤnſtigen Eindruck ge⸗ gen Glaukus zu verſtäͤrken, beſonders aber, um ſie fuͤr die Eindruͤcke empfaͤnglich zu machen, die ſeinen Zwecken Vorſchub thun ſollten. Jone bemuͤhte ſich, ihren Mißmuth und die Qualen ihres mit ſich ſelbſt in Widerſpruch gerathenen Herzens zu verbergen, aber die weibliche Ettelkeit iſt einer Verſtellung faͤhig, men kann. Arbaces war jedoch ſchlau genug, einen Gegenſtand nicht weiter zu beruͤhren, von dem er wohl einſah, daß es am zweckmaͤßigſten ſei, ſeiner nur oberflachlich zu erwaͤhnen. Er wußte, daß, wenn man lange bei dem Fehler eines Nebenbuhlers verweilt, er in den Augen der Geliebten anfängt, wichtig zu werden, und daß es am beſten iſt, weder offenbaren Haß, noch bittre Verachtung zu aͤußern, ſondern durch einen gewiſſen gleichguͤltigen Ton ihn zu erniedrigen, als wenn man nicht vorausſetze, daß er koͤnne geliebt werden, und die Verwundung des eigenen Selbſtgefuͤhls zu verbergen, dagegen unbe⸗ merkbar das der Geliebten, deſſen Ausſpruch wie ein Gebot des Fatums iſt, zu verletzen. So wird in allen Zeiten Jeder handeln, der das weibliche Ge⸗ ſchlecht kennt,— und ſo handelte jetzt der Egyptier. Er ſprach nicht mehr von den Prahlereien des Glau⸗ kus; er erwaͤhnte zwar ſeiner, aber nicht haufiger, als des Klodius oder des Lepidus. Er ſchien ſie, als unbedeutende und unwuͤrdige Menſchen, in eine Klaſſe zu ſtellen, als junge Maͤnner, welche von dem Schmetterling zwar die Veranderlichkeit, aber nicht die unſchuld hätten. Bisweilen erwähnte er einer durch ihn erſonnenen Ausſchweifung, in der ſie Genoſſen geweſen ſeien; dann ſtellte er wieder einen Gegenſatz zwiſchen ihnen und jenen geiſtigeren und erhabeneren Naturen auf, zu denen er die Jone die den Kluͤgſten taͤuſchen, und den Liſtigſten beſchä⸗ W 29 zählte Sowohl durch das Selbſtgefuͤhl der Jone, als durch ſein eigenes, getaͤuſcht, ließ er ſich nicht träumen, daß ſie den Glaukus bereits liebe; er be⸗ ſorgte blos, in ihrem Herzen moͤchten ſich jene Vor⸗ gefuͤhle geregt haben, die fur die Liebe empfänglich machen. Im Geheimen knirſchte er die Zähne vor Wuth und Eiferſucht, wenn er an die Jugend und Liebenswuͤrdigkeit des gefäͤhrlichen Nebenbuhlers dachte, den er ſcheinbar verachtete. Es war am vierten Tage nach dem Schluſſe des erſten Buchs dieſer Geſchichte, als Arbaces und Jone wieder zuſammen ſaßen. „Du trägſt auch im Hauſe Deinen Schleier,“ ſagte der Egyptier,„warum entziehſt Du denen, die Du Deiner Freundſchaft wuͤrdigſt, Dein Ant⸗ litz?“— „Dem Arbaces,“ erwiederte Jone, die in der That durch den Schleier ihre verweinten Augen zu verbergen ſuchte,—„dem Arbaces, der blos das Geiſtige wuͤrdigt, wird der Anblick meiner Zuͤge gleichguͤltig ſein.“— „Allerdings ſehe ich blos auf das Geiſtige,“ er⸗ wiederte der Egyptier,„eben deshalb zeige mir Dein Antlitz, denn dort werde ich es ſehen!“— „Du wirſt ein Schmeichler in Pompeji,“ ſagte Jone, mit einem erzwungenen Tone und Heiterkeit. „Glaubſt Du, Jone, daß ich blos in Pompeji Dich ſchätzen gelernt habe?“— Die Stimme des 30 Egyptiers zitterte; er hielt einen Augenblick innez darauf fuhr er fort: „Es gibt noch eine andere Liebe, ſchone Griechin, als die der Jugend und des Leichtſinns— eine Liebe⸗ die nicht mit den Augen ſieht, nicht mit den Ohren hoͤrt, ſondern in welcher der Geiſt durch den Geiſt gefeſſelt wird. Von ſolch einer Liebe träumte Pla⸗ to— ſeine Schuͤler haben verſucht, ſeinen Spuren zu folgen; aber fuͤr dieſe Liebe gibt es nur wenige Auserwählte— mur edle Naturen ſind ihrer wuͤrdig — ſie hat nichts gemein mit den gewoͤhnlichen irdi⸗ ſchen Leidenſchaften; Runzeln ſchrecken ſie nicht zu⸗ ruͤck; ſie wird nicht bedingt durch die Vollkommen⸗ heit der äußern Formen;— ſie verlangt Jugend, aber blos in der Empfänglichkeit fuͤr hohere Gefuͤhles ſie verlangt Schoͤnheit, aber nur die geiſtige. Dieſes iſt die Liebe, o Jone, die ſelbſt ein kalter und ver⸗ ſchloſſener Mann Dir als ein wuͤrdiges Opfer dar⸗ bringen kann. Du haltſt mich fuͤr kalt und ver⸗ ſchloſſen, und eine ſolche Liebe wage ich, Dir zu weihen— Du kannſt ohne Erroͤthen ſie erwie⸗ dern.“ „und ihr Name iſt— Freundſchaft,“ entgegnete Jone; die Antwort war unſchuldig, aber ſie klang wie die Mißbilligung der Abſichten des Arbaces. „Freundſchaft!“— fuhr der Egyptier lebhaft fort;—„nein, das iſt ein zu oft entheiligtes Wort, als daß man auf ein ſo edles Gefuͤhl es anwenden 31 duͤrfte. Freundſchaft! es iſt ein Band, welches Tho⸗ ren und Wüuſtlinge verknuͤpft. Auch ein Glaukus und ein Klodius werden durch die Freundſchaft ver⸗ bunden! Freundſchaft! nein, das iſt eine irdiſche Neigung, ein Wort, entartet in ſeiner Bedeutung und in ſeinem Sprachgebrauch;— das Gefühl, von dem ich rede, ſtammt aus den Sternen*)— es trägt etwas in ſich von der unausſprechlichen Sehn⸗ ſucht, die uns ergreift, wenn wir ſie betrachten— es iſt ein Feuer, welches zwar gluͤht, aber auch reinigt; es iſt die Naphtalampe in der Alabaſter⸗ vaſe— die herrlichſten Wohlgeruͤche verbreitend, doch nur ſtrahlend durch die reinſten Gefaͤße. Neinz es iſt weder Liebe noch Freundſchaft, was Arbaces fuͤr Jonen fuͤhlt. Gib dieſem Gefuͤhl keinen Namen — die Erde hat keinen fur daſſelbe, denn es iſt nicht irdiſch— es darf nicht entheiligt werden durch menſch⸗ liche Worte und Begriffe.“— Noch nie hatte Arbaces ſich ſo weit gewagt; doch er ging Schritt fuͤr Schritt; er wußte, daß er in einer Sprache redete, die, wenn ſie auch in unſern Tagen, wo die platoniſche Liebe oft nur zur Schau getragen wird, verſtändlich ſein wuͤrde, doch in jener Zeit ungewoͤhnlich und ſeltſam klang, mit der keine beſtimmten Vorſtellungen verknuͤpft werden konnten, und in der er, wie es die Nothwendigkeit erforderte, *) Nach Plato. je nachdem die Hoffnung ermuthigte, oder die Furcht abmahnte, vor oder zuruͤckſchreiten konnte. Jone zit⸗ terte, und doch wußte ſie nicht weshalb; der Schleier verbarg ihre Zuͤge, deren Ausdruck den Egyptier, wenn er ſie geſehen hätte, zuruckgeſchreckt, und zu⸗ gleich zur Wuth entflammt haben wuͤrde; auch war erihr noch nie widriger erſchienen— der Wohl⸗ klang der beredſamſten Stimme, die jemals verderb⸗ liche Abſichten verbarg, tonte ihr wie ein Mißton in den Ohren. Ihre ganze Seele war noch mit dem Bilde des Glaukus erfuͤllt; das Geſtändniß der Zuneigung eines Andern konnte ihr nur mißfallen; doch ahnete ſie noch nicht, daß die Worte des Arba⸗ ces nur eine heftigere Leidenſchaft hinter jenen platoni⸗ ſchen Gefuͤhlen verſteckten. Sie glaubte, daß er wirklich von geiſtiger übereinſtimmung und Zuneigung ſpreche; doch waren nicht auch dieſe Gefuhle die Quelle ihrer Liebe zum Glaukus, und konnte irgend ein anderer Weg als dieſer zu dem Altar ihres Herzens fuͤhren?— Sie erwiederte daher in der Abſicht, dieſen Ge⸗ genſtand zu vermeiden, in kaltem und gleichgultigem Tone:„Es iſt natuͤrlich, daß Arbaces, wen er auch in ſeiner erhabenen Weisheit mit ſeiner Achtung be⸗ ehren moͤge, dieſes Gefuͤhl ſeinem Geiſte gemäß aus⸗ vildet; es iſt natuͤrlich, daß ſeine Freundſchaft reiner iſt, als die Anderer, deren Treiben und Irrthuͤmer er nicht theilt. Aber ſage mir, Arbaces, haſt Du kuͤrzlich meinen Bruder geſehn?— Er hat ſeit eini⸗ ge let be get der der nie da ſch kar liel des Er — 33 gen Tagen mich nicht beſucht; und als ich ihn zu⸗ lett ſah, beunruhigte mich ſein Benehmen ſehrz ich beſorge, er iſt zu voreilig in der Wahl ſeines ſtren⸗ gen Standes geweſen, und bereut jetzt einen unwi⸗ derruflichen Schritt.“— „Sei deshalb unbekuͤmmert, Jone,“ erwiederte der Egyptier.„Seit einiger Zeit war er allerdings niedergeſchlagen und traurigs es quälten ihn jene Zweifel, die bei einem ſo feurigen Temperament, das immer zwiſchen überſpannung und Erſchopfung ſchwebt, vorauszuſehen waren. Aber er, Jone, er kam zu mir in ſeiner Troſtloſigkeit; er ſuchte Je⸗ manden, der Theilnahme für ihn fuͤhlte, und ihn liebte; ich habe ſein Gemüth beruhigt, und ſeine Zweifel beſchwichtigt Ich habe ihn von der Schwelle des Tempels in dieſen ſelbſt gefuͤhrt, und vor der Erhabenheit der Göttin hat er ſich gebeugt und ge⸗ demuͤthigt. Sei unbeſorgt; er wird jetzt ſeinen Schritt nicht mehr bereuen; Diejenigen, welche dem Arbaces ihr Zutrauen ſchenken, bereuen immer Ee fuͤr einen Augenblick.“ „Dieſe Nachrichten erfreuen mich,“ antwortete Jone.—„Mein theurer Bruder! Seine Zufrieden⸗ heit macht auch mich gluͤcklich.“ Die Unterredung nahm nun eine andere Rich⸗ tungz der Egyptier beſtrebte ſich, zu gefallen; er ließ ſich ſogar herab, zu unterhalten;— die große Mannichfaltigkeit ſeiner Kenntniſſe geſtattete ihm, Bulwer's Werke. Taſchenausg. II. 3 jeden Gegenſtand, den er beruͤhrte, intereſſant zu machen, und indem Jone den widrigen Eindruck ſei⸗ ner fruͤheren Worte vergaß, wurde ſie trotz ihrer truͤben Stimmung durch den Zauber ſeines Geiſtes fortgeriſſen. Ihr Benehmen wurde wieder unbefan⸗ gen, und ihre Sprache fließend. Arbaces, der dieſe Stimmung nur erweckt hatte, beeilte ſich, ſie fuͤr ſeine Zwecke zu benutzen.„Du haſt nie,“ ſagte er, „das Innere meines Hauſes geſehnz es enthaͤlt man⸗ ches, was Dir meine Beſchreibungen anſchaulich machen kann;— es iſt ganz nach egyptiſcher Art eingerichtet; zwar wirſt Du nach dem kleinen Maß⸗ ſtabe der roͤmiſchen Bauart die großartige Pracht, die maſſive Anlage, und die Große der Paläſte zu Theben und Memphis nicht beurtheilen können; doch hier und da wirſt Du Einiges finden, was Dir einen deutlicheren Begriff von jener uralten Civili⸗ ſation geben kann, welche die Welt gebildet hat. Widme daher dem ernſten Freunde Deiner Jugend einen dieſer herrlichen Sommerabende, damit ich mich ruͤhmen koͤnne, meine ſtille Wohnung ſei durch die Gegenwart der bewunderten Jone begluͤckt worden.“ Jone ging unbefangen auf den Vorſchlag ein, die Gefahren nicht ahnend, welche ſie erwarteten, und unbekannt mit dem verworfenen Treiben in je⸗ nem Hauſez der nächſte Abend wurde fuͤr dieſen Be⸗ ſuch beſtimmt, und der Egyptier nahm Abſchied mit heitrem Antlitz, und einem, vor wilder Freude klo⸗ Die 35 pfenden Herzen. Kaum war er fort, ſo erhielt Jone noch einen andern Beſuch— doch jetzt kehren wir zum Glaukus zuruͤck. Fünttes Bapitel. Die arme Schildkroͤte.— Der neue Beruf der Nydia. Die Morgenſonne beſchien den kleinen, duftigen Garten, der von dem Periſtil in dem Hauſe des Athenienſers eingeſchloſſen war. Glaukus ſaß zuruͤck⸗ gebogen und nachdenkend auf dem weichen Graſe im Viridarium. Als jenes ſchoͤne Haus zuerſt wieder ausgegraben wurde, fand man in dem Garten die Schale einer Schildkrote ²). Jenes Thier, ein ſo ſeltſames Ge⸗ ſchopf, dem die Natur alle Genuͤſſe verſagt zu haben ſcheint, außer das unthätige und träumeriſche Be⸗ wußtſein des Daſeins, hatte ſchon, lange Jahre vor⸗ *) Die Schale einer Schildkröte wurde in dem Hauſe gefunden, welches in dieſer Geſchichte als das des Glau⸗ kus angenommen wird. Ich weiß nicht, ob dieſe Schale noch erhalten iſt, doch hoffe ich es. 3* her, ehe Glaukus dieſe Beſitzung kaufte, den Garten bewohnt, und zwar uͤber Menſchengedenken hinaus, ſo daß die mundliche überlieferung ihm ein faſt un⸗ glaubliches Alter beilegte. Das Haus war gebaut, und wieder erbaut worden— die Beſitzer hatten oft gewechſelt— ganze Generationen waren ausgeſtor⸗ ben— und noch immer ſchleppte die Schildkrote ihr träges und untheilnehmendes Leben hin. In dem Erdbeben, welches vor ſechzehn Jahren viele öffent⸗ liche Gebaäude der Stadt zerſtort, und die erſchrocke⸗ nen Einwohner fortgeſcheucht hatte, war auch dieſes Haus ſchrecklich verwuͤſtet worden. Die damaligen Bewohner hatten ſich mehrere Tage aus demſelben entfernt; nach ihrer Ruͤckkehr raͤumten ſie den Schutt fort, der das Viridarium bedeckte, und fanden noch die Schildkroͤte, unverletzt und ungeſtoͤrt durch die Verwuͤſtung. Sie ſchien ein bezaubertes Leben in ihrem ſchleichenden Blut, und ihren kaum bemerk⸗ baren Bewegungen zu haben; doch war ſie nicht ganz ſo unthätig, als ſie zu ſein ſchienz ſie legte ſtets regelmäßig denſelben einfoͤrmigen Weg, BZoll fuͤr Zoll, in ihrem kleinen Gebiet zuruͤck, indem ſie Monate dazu gebrauchte. Es war ein ausdauernder Reiſender, dieſe Schildkroͤte!— geduldig und mit Anſtrengung legte ſie die Tagereiſen zuruͤck, die ſie ſich ſelbſt vorgeſchrieben hatte, keine Theilnahme zeigend füͤr Alles, was ſie umgab— ein ſich ſelbſt lebender Philoſoph!— Es lag etwas Großes in +— ——„— rten us, un⸗ aut, oft ſtor⸗ ihr dem ent⸗ ocke⸗ ieſes igen lben chutt noch die nin nerk⸗ nicht legte Zoll n ſie nder mit ie ſie ahme ſelbſt s in 37 ihrer einſamen Selbſtſtandigkeit!— die Sonne, in der ſie ſich waͤrmte— das Waſſer, in dem ſie täg⸗ lich ſich badete— die Luft, welche ſie langſam ein⸗ hauchte, waren ihre einzigen und unveränderten Le⸗ bensgenuͤſſe. Die Veraͤnderungen des Wetters in jenem milden Klima uͤbten keinen Einfluß auf ſie aus. Sie zog ſich ruhig in ihre Schale zuruͤck— wie der Heilige in ſeine Froͤmmigkeit, wie der Weiſe in ſeine Weisheit— wie der Liebende in ſeine Hoff⸗ nung. Sie war unempfindlich und fuͤhllos gegen die Veränderungen der Zeit;— ſie war ein Bild der Zeit ſelbſt; langſam— regelmaͤßig— ausdauernd; unberuͤhrt von den Leidenſchaften, die ſie umgaben; unveraͤndert bleibend in der Sterblichkeit, welche alles lebendige Daſein um ſie her veraͤnderte. Die arme Schildkrote!— nur der Ausbruch feuerſpeiender Berge, nur die Zuckungen einer erſchuͤtterten Erde konnten ihre zahe Lebenskraft vernichten! Der unbarmherzige Tod, der weder Glanz noch Schoͤnheit verſchonte, ging ruhig an einem Weſen voruber, deſſen Daſein durch ihn ſo wenig verandert werden konnte! Fuͤr dieſes Thier fuhlte der lebensfrohe und leb⸗ hafte Glaukus volle Theilnahme und Bewunderung, die der Kontraſt hervorzurufen vermag. Er konnte Stunden damit zubringen, ſein ſchleichendes Fort⸗ ſchreiten zu beobachten, indem er uͤber deſſen eigen⸗ thuͤmliches Daſein Betrachtungen anſtellte Es ſchien 38 ihm verächtlich, wenn die Freude ſein Gemuͤth er⸗ fullte; er beneidete es, wenn ihn Sorgen und Kum⸗ mer druͤckten. Indem er jetzt der Schildkroͤte zuſah, wie ſie auf dem Raſen lag, und trotz dem, daß ſie ſich fort⸗ vewegte, bewegungslos zu ſein ſchien, ſprach der Athenienſer zu ſich ſelbſt: „Der Adler ließ einen Stein aus ſeinen Krallen hinab fallen, indem er glaubte, Deine Schale zu zerbrechen— der Stein aber zerſchmetterte den Schä⸗ del des Dichters. Dieſes iſt ein Gleichniß des blin⸗ den Schickſals!— Träges, dumpfes Weſen! Du hatteſt einen Vater und eine Mutter, vielleicht auch hatteſt Du vor langen Zeiten Kinder. Liebten Deine Eltern, oder liebteſt Du? Schlug Dein langſamer Puls damals ſchneller? Warſt Du einer Zuneigung fahig? Konnte Dich die Gegenwart Deiner Genoſſin erfreuen, ihre Abweſenheit betruben? Was gaͤbe ich nicht darum, die Geſchichte Deiner bepanzerten Bruſt zu kennen— den Mechanismus Deiner Wuͤnſche und Leidenſchaften zu beobachten, und die unbedeuten⸗ den urſachen, welche Dir Freude und Trauer erregen koͤnnen. Aber doch, glaube ich, wuͤrdeſt Du die Ge⸗ genwart Jonens fuͤhlen, ihre Erſchein wuͤrde Dir eine mildere Luft, eine waͤrmere Selllinten Jetzt beneide ich Dich, denn Du weißt nicht, daß ſie abweſend iſt; und ich— könnte ich ſein, wie Du, während der Zeit, da ich ſie nicht ſehe! Welche ————„—„ 39 Zweifel, welche Ahnungen beſtuͤrmen mich! Warum will ſie mich nicht ſehen?— Tage ſind verfloſſen, an denen ich ihre Stimme nicht hoͤrte. Zum erſten⸗ male fuͤhle ich Lebensuͤberdruß. Ich komme mir vor, wie Einer, der allein auf einem Feſte zuruͤckgeblieben iſt, die Lichter ſind erloſchen, die Blumen verwelkt. Ach! Jone! wuͤßteſt Du, wie ich Dich liebe!“— Glaukus wurde in dieſen Liebesträumereien durch die Ankunft der Nydia geſtört. Sie kam mit ihrem leichten, doch vorſichtigen Gange durch das Tabli⸗ nium, und nachdem ſie den Portiko durchſchritten, blieb ſie bei den Blumen ſtehn, die den Garten ein⸗ faßten. Sie hatte eine Gießkanne in der Hand, und begoß die welken Pflanzen, die bei ihrer Annäherung lebhafter zu bluͤhen ſchienen. Sie beugte ſich, um ihre Duͤfte einzuathmen, und fuͤhlte an den Zweigen umher, ob ein verwelktes Blatt oder ein kriechendes Inſekt ihrer Schoͤnheit Eintrag thaͤten. Man konnte, als ſie von Blume zu Blume mit ihrem anmuthigen Weſen ſich bewegte,, ſich keine entſprechendere Die⸗ nerin fuͤr die Goͤttin der Gärten denken. „Nydia, mein Kind,“ ſagte Glaukus. Als ſie den Ton ſeiner Stimme hoͤrte, blieb ſie ſtehn— horchend, erroͤthend, tief athmend; ihre halbgeöffneten Lippen ſchienen die Richtung des To⸗ nes zu ſuchen, ſie ſetzte die Gießkanne nieder, eilte zu ihm, und wunderbar war es zu ſehen, wie ſie ihren Weg durch die Blumen ſicher fand, und auf dem kurzeſten Pfade ſich zu ihrem neuen Herrn be⸗ gab, der vom Raſen aufgeſtanden war. „Nydia,“ ſagte Glaukus zärtlich, indem er ihre ſchonen, langen, ſchwarzen Haare zuruͤck ſtrich— „Du ſtehſt jetzt ſchon ſeit drei Tagen unter dem Schutze meiner Hausgoͤtter. Waren ſie Dir freund⸗ lich? Fuhlſt Du Dich gluͤcklich?“— „Ach! ſo gluͤcklich!“ ſeufzte die Sklavin. „und jetzt,“ ſprach Glaukus,„da Du Dich et⸗ was von den gehäſſigen Erinnerungen Deines frühe⸗ ren Zuſtandes erholt haſt, jetzt, da Du mit Klei⸗ dern ausgeſtattet biſt(und bei dieſen Worten be⸗ ruhrte er ihre Tunika), die für Deine zarte Bil⸗ dung ſich mehr eignen; jetzt, ſuͤßes Kind, da Du Dich an ein Glück gewohnt haſt, welches die Götter Dir immer gewähren moͤgen, ſtehe ich im Begriff, auch Dir einen Wunſch zu äußern.“ „Oh! was kann ich fuͤr Dich thun?“ ſagte Ny⸗ dia, die Hände faltend. „Höre,“ entgegnete Glaukus,„und ſo jung Du noch biſt, ſollſt Du Keine Vertraute werden. Haſt Du jemals den Namen Jone hehört?“— Das blinde Mädchen holte tief Athem, und in⸗ dem ihre Wongen ſich ſo weiß färbten, als eine jener Statuen, die aus dem Periſtil auf ſie herab⸗ ſchauten, antwortete ſie, etwas befangen und nach einer kleinen Pauſe: 41 „Ja, ich habe gehoͤrt, daß ſie aus Neapel und ſchoͤn iſt.“— „Schon! ihre Schoͤnheit verblendet die Sonne ſelbſt! Neapel! nein, ſie iſt griechiſchen Urſprungsz nur Griechenland vermag, ſolche Geſtalten zu bilden. Nydia!— ich liebe ſie!“— „Ich dachte mir es,“ erwiederte Nydia ruhig. „Ich liebe ſie, und Du ſollſt es ſagen. Ich be⸗ abſichtige, Dich zu ihr zu ſchicken. Gluͤckliche Ny⸗ dia, Du wirſt in ihr Zimmer eintreten— Du wirſt die ſuße Muſik ihrer Stimme hoͤren— Du wirſt durch den Zauber ihrer Nähe begluͤckt werden!“ „Was! was! ſoll ich Dich denn verlaſſen?“— „Du wirſt zur Jone gehn,“ erwiederte Glaukus mit einem Tone, der ſagen wollte:„was kannſt Du mehr wuͤnſchen?“— Nydia fing an zu weinen. Glaukus zog ſie mit den beruhigenden Liebkoſun⸗ gen eines Bruders zu ſich. „Mein Kind, meine Nydia, Du weinſt, und weißt noch nicht, welches Gl ich Dir beſtimme. Sie iſt freundlich und milde und ſanft, wie ein Fruͤh⸗ lingshauch. Sie wird Deiner Jugend eine Schweſter ſein. Sie wird Deine Talente zu ſchätzen wiſſen, und Dein einfaches, anmuthiges Weſen wie keine Andere lieben, weil ſie ſelbſt es beſitzt.— Weinſt Du noch?— Armes Kind; ich will Dich ja nich“ zwingen.— Willſt Du mir dieſen Gefallen nicht er⸗ zeigen?“— „Wohlan, wenn ich Dir nuͤtzlich ſein kann, ſo befiehl. Sieh, ich weine nicht mehr. Ich bin ruhig.“ „Das iſt wieder meine freundliche Nydia,“ ſagte Glaukus, indem er ihre Hand kuͤßte,—„gehe denn hin zu ihr— wenn es Dir dort nicht gefällt, wenn ich Dich getäuſcht habe, ſo kehre zuruͤck, ſobald Du willſt!— Ich ſchenke Dich nicht einer Andern, ich verleihe Dich blos. Mein Haus ſteht Dir als Zu⸗ flucht immer offen, ſuͤßes Kind! Ach! koͤnnte es alle ungluͤcklichen und Betruͤbten beherbergen. Doch wenn mein Herz mich nicht täuſcht, ſo werde ich Dich bald wieder erwerben. Mein Haus wird vielleicht auch das der Jone, und Du ſollſt mit uns Beiden wohnen.“ Das blinde Mädchen wurde durch einen leichten Schauder ergriffen, doch ſie weinte nicht mehrz ſie hatte ſich in ihr Schickſal ergeben. „So gehe denn, meine Nydia, nach dem Hauſe der Jonez ich werde Dir den Weg zeigen laſſen. Bringe ihr die ſchoͤnſten Blumen, die Du finden kannſt; ich will Dir eine Vaſe dazu ſchenken; Du mußt deren geringen Werth entſchuldigen. Nimm die Leier mit, welche ich Dir geſtern gab, und der Du die bezaubernden Töne ſo entzuͤckend zu entlocken weißt. übergib der Jone auch dieſen Brief, in dem 43 ich, nach hundert vergeblichen Bemuͤhungen, meine Gedanken auszudruͤcken verſuchte. Horche auf jeden Ton, auf jede Veraͤnderung ihrer Stimme, und er⸗ zähle mir, wenn ich Dich wieder ſehe, ob ich hoffen darf, oder furchten muß. Seit einigen Tagen habe ich Jonen nicht geſehen; es muß ein finſteres Ge⸗ heimniß obwalten, welches mich von ihrer Gegen⸗ wart ausſchließt. Ich werde durch Zweifel und. Be⸗ ſorgniſſe beunruhigt; bemuͤhe Dich, zu erfahren, denn Du biſt klug, und Deine Anhaͤnglichkeit zu mir wird Deinen Beobachtungsgeiſt zehnfach erhöhen— was dieſer Unfreundlichkeit zum Grunde liegt; ſpreche von mir, ſo oft ſich die Gelegenheit darbietet, laſſe mei⸗ nen Namen immer uͤber Deine holden Lippen ſchwe⸗ benz— laſſe aber Jonen meine innige Liebe mehr er⸗ rathen, als daß Du ſie laut ausſprichſt;— gib Achtung, ob ſie ſeufzt, während Du ſprichſt, ob ſie Dir antwortet, oder wenn ſie irgend etwas zu miß⸗ billigen ſcheint, in welchen Ausdruͤcken und welchem Tone dieſes geſchieht. Sei meine Freundin, handle fuͤr mein Beſtes, und oh! wie ſehr wirſt Du das Wenige vergelten, was ich fuͤr Dich gethan habe. Du verſtehſt mich, Nydia, Du biſt noch ein Kind— habe ich mehr geſagt, als Du verſtehen kannſt?“— „Nein.“ „und Du willſt mir nuͤtzlich ſein?“— „Ja.“ „Komm zu mir, wenn Du die Blumen gepfluͤckt 44 haſt, und ich will Dir dann die Vaſe geben; ſuche mich in dem Zimmer der Leda aufz Du biſt doch nicht mehr traurig, mein ſuͤßes Kind?“— „Ich bin eine Sklavin, Glaukus, wie kann mich Freude oder Schmerz beruͤhren?“— „Meinſt Du das?— Nein, Nydia, ſei frei! Ich gewaͤhre Dir die Freiheit— genieße ihrer, wie Du willſt, und verzeihe, daß ich bei Dir den Wunſch vorausſetzte, Du wolleſt fuͤr mein Beſtes wirken.“ „Du ſcheinſt Dich verletzt zu fuhlen. Oh! ich wuͤnſchte, um Alles, was die Freiheit mir gewahren kann, Dich nicht zu betruͤben, Glaukus;— vergib dem armen blinden Maͤdchen, mein Retter, mein Beſchuͤtzer! Wenn ich zu Deinem Gluͤck beitragen kann, ſo will ich ſelbſt nicht darum trauern, daß ich Dich verlaſſen muß.“— „Mogen die Goͤtter Dein dankbares Herz ſeg⸗ nen!“— ſagte Glaukus, den die tiefſte Ruͤhrung erfaßte, und nicht wiſſend, welches Feuer er ent⸗ zunde, kußte er ſie wiederholt auf die Stirne. „Du verzeihſt mir,“ ſagte ſie, und willſt nicht mehr von Freiheit mit mir reden? ich fuͤhle mich gluͤcklich, Deine Sklavin zu ſein, Du haſt verſpro⸗ chen, mich nicht von Dir zu entfernen“— „Ich verſprach es.“ „Nun denn, ſo will ich jetzt die Blumen pfluͤcken.“— Nydia nahm ſchweigend die koſtbare, mit Juwe⸗ — 45 len beſetzte Vaſe, in der die Blumen an Farbenglanz und Wohlgeruch mit einander wetteiferten, aus der Hand des Glaukus; ohne Thraͤnen hoͤrte ſie ſeine Abſchiedsworte an. Als er ſchwieg, zogerte ſie noch etwas— ſie wagte es kaum, ihm zu antworten— ſie ſuchte ſeine Hand, zog ſie an ihre Lippen, warf ihren Schleier uͤber das Geſicht, und entfernte ſich ſchnell. Als ſie die Schwelle erreichte, blieb ſie noch⸗ mals ſtehn, ſtreckte ihre Hande gegen ihn aus, und fluͤſterte: „Drei gluͤckliche Tage— Tage unausſprechlichen Entzuͤckens, habe ich verlebt, ſeit ich Dich betrat— geſegnete Schwelle!— moge der Friede ewig woh⸗ nen in dieſem Hauſe! und jetzt zieht mein Herz ſelbſt mich von Dir fort, und der einsige Wunſch, der ihm uͤbrig bleibt, iſt— ſterben!“— Sethstes Rapitel. Die glůchliche Schoͤnheit und die blinde Sklavin. Eine Sklavin trat in das Zimmer der Jone ein, und berichtete, eine Dienerin des Glaukus wuͤnſche, ſie zu ſprechen. 46 Jone beſann ſich einen Augenblick. „Sie iſt blind,“ ſagte die Sklavin,„und will ihren Auftrag nur an Dich ſelbſt ausrichten.“— Werthlos iſt das Herz, welches nicht fuͤr das ungluͤck ſchlägt! Jone fuͤhlte, ſobald ſie horte, daß die Dienerin blind ſei, daß ſie keine unfreundliche Antwort werde geben konnen. Glaukus hatte ſich in der That einen heiligen Herold erwählt— einen Abgeſandten, der nicht zuruͤckgewieſen werden konnte. „Was kann Glaukus mir mitzutheilen haben? welche Botſchaft habe ich von ihm zu erwar⸗ ten?“ ſagte Jone, und ihr Herz klopfte ſchneller. Der Vorhang vor der Thuͤre wurde zuruͤckgezogen, und Nydia betrat den Marmor mit leiſem und ſanf⸗ tem Schritt, durch eine der Dienerinnen geführt⸗ Sie ſtand einen Augenblick ſtill, als wenn ſie auf einen Ton horchte, nach dem ſie ihre Richtung nehmen könne. „Will die edle Fone,“ ſagte ſie mit wohlklingen⸗ der Stimme,„mich einiger Worte wuͤrdigen, damit ich meine Gaben ihr zu Fußen legen koͤnne.“— „Liebes Kind,“ ſagte Jone, geruͤhrt und erweicht, „bemuͤhe Dich nicht, dieſen glatten Fußboden zu be⸗ treten, meine Dienerin wird mir uͤbergeben, was Du darzubringen haſt,“ und ſie machte ihren Mäd⸗ chen ein Zeichen, die Vaſe in Empfang zu nehmen. „Ich darf ſie Niemanden, als Dir ſelbſt geben“ erwiederte Nydia, und durch ihr Ohr geleitet, ſchritt -— 47 ſie langſam auf den Ort zu, wo Jone ſaß, und uͤberreichte ihr knieend die Blumenvaſe. Jone nahm ſie aus ihrer Hand, und ſetzte ſie auf einen, ihr zur Seite ſtehenden Liſch. Darauf hob ſie Nydia ſanft empor, und lud ſie ein, ſich auf das Ruhebette neben ſie zu ſetzen, doch das Mädchen weigerte ſich beſcheiden. „Ich habe meinen Auftrag noch nicht ganz er⸗ fuͤllt,“ ſagte ſie, indem ſie den Brief des Glaukus hervor zog.„Dieſe Zeilen werden vielleicht den Grund enthalten, weshalb Derjenige, der mich ſchickte, eine ſo unwuͤrdige Abgeſandte an die Jone gewaͤhlt hat.“ Die Griechin ergriff den Brief mit einer Hand, deren Zittern Nydia fuͤhlte, woruͤber ſie ſeufzen mußte. Mit niedergeſchlagenen Augen ſtand ſie vor der ſtolzen und ſtattlichen Jone. Dieſe winkte mit der Hand, und ihre Dienerinnen entfernten ſichz ſie blickte nochmals verwundert und theilnehmend auf die junge Sklavin; darauf trat ſie etwas zuruͤck, und eroffnete und las folgenden Brief: „Glaukus ſendet der Jone mehr, als er auszu⸗ ſprechen wagt. Iſt Jone krank? Deine Skavinnen verneinen es, und dieſe Zuſicherung troſtet mich⸗ Hat Glaukus die Jone beleidigt? ach! dieſe Frage mag ich nicht an jene thun. Seit fuͤnf Tagen bin ich aus Deiner Gegenwart verbannt. Hat die Sonne geleuchtet?— ich weiß es nicht.— Lächelte der Himmel freundlich?— fur mich lächelte er nicht. Meine Sonne und mein Himmel ſind Jone.— Be⸗ teidige ich Dich?— Bin ich zu kuhn? Sage ich das ſchriftlich, was meine Zunge auszuſprechen zogerte? — Ach! in Deiner Abweſenheit fuͤhle ich erſt ganz den Zauber, durch den Du mich Dir zu eigen gemacht haſt. Dieſe Abweſenheit aber, welche mich meines Gluͤckes beraubt, macht mich zugleich unternehmend. Du willſt mich nicht ſehen; Du haſt auch die ge⸗ woͤhnlichen Schmeichler verbannt, welche Dich um⸗ gaben. Kannſt Du mich mit ihnen in Eine Klaſſe ſtellen? Es iſt nicht moͤglich!— Du weißt zu gut, daß ich nicht zu ihnen gehdre, daß meine Neigungen nicht die ihrigen ſind. Doch, wäre ich auch aus den ge⸗ woͤhnlichſten Stoffen geformt, ſo hat der Duft der Roſe mich durchdrungen, und der Geiſt Deines We⸗ ſens hat das meinige erfuͤllt, um es zu reinigen, zu verklären und zu heiligen. Bin ich bei Dir ver⸗ läumdet worden, Jone? Du wirſt es nicht glauben. Spraͤche das delphiſche Hrakel ſelbſt zu mir, Du ſeieſt unwuͤrdig, ſo wurde ich es nicht glaubenz und bin ich weniger ungläubig, als Du?— Ich denke an meinen letzten Beſuch bei Dir— an das Lied, welches ich ſang— an den Blick, mit dem Du mich dafür belohnteſt. Verberge es, wie Du willſt, Jone, aber es iſt etwas übereinſtimmendes in uns, und un⸗ ſere Augen geſtanden es ſich, wenn auch die Lippen ſchwiegen. Geſtatte mir, Dich zu ſehen, hore mich 49 an, und dann verbanne mich aus Deiner Gegen⸗ wart, wenn Du es noch willſt. Es war nicht meine Abſicht, Dir ſo bald meine Liebe zu geſtehen. Doch dieſe Worte beengen mir das Herz— ſie muͤſſen ſich Luft machen. Nimm daher meine Hul⸗ digung und mein Geluͤbde an. Wir ſahen uns zu⸗ erſt vor dem Altar der Pallas; ſoll uns nicht ein alterer Altar noch mehr vereinigen?“ „Schone, angebetete Jone! Wenn meine feurige Jugend und mein athenienſiſches Blut mich mißlei⸗ tet haben, ſo lehrten dieſe Irrwege mich den Hafen, den ich erreichte, deſto hoher ſchätzen. Ich haͤnge meine triefenden Kleider in dem Tempel des Neptun auf. Ich bin dem Schiffbruch entgangen. Ich habe Dich gefunden. Jone, geſtatte mir, daß ich Dich wieder ſehe, Du biſt freundlich gegen Fremdlinge, wirſt Du weniger guͤtig gegen Deine eigenen Lands⸗ leute ſein? Ich ſehe Deiner Antwort entgegen⸗ Nimm die Blumen an, die ich Dir ſende— ihr ſuͤßer Duft hat eine beredtſamere Sprache als Worte. Sie ziehen die Wohlgeruͤche, welche ſie aushauchen, aus der Sonne— ſie ſind das Sinnbild der Liebe, die empfaͤngt und zehnfach wiedergibt— das Sinn⸗ vild des Herzens, welches Deine Strahlen einſog, und Dir jene Schätze verdankt, die es Dir wieder darbringt. Ich ſende dieſe holden Kinder der Flora durch ein armes Geſchoͤpf, die Du um ihret⸗, wenn auch nicht um meinetwillen freundlich empfangen wirſt. Bulwer's Werke. Taſchenausg. II. 4 50 Sie iſt, gleich uns, eine Fremde; die Aſche ihrer Väter liegt unter einem gluͤhenden Himmel; aber, unglucklicher, als wir, iſt ſie blind und eine Sklavin. Arme Nydia! ich ſuche die Grauſamkeit der Natur und des Schickſals gegen ſie ſo viel als moͤglich wieder gut zu machen, indem ich um die Erlaubniß bitte, ſie in Deine Nähe bringen zu duͤrfen.— Sie iſt gelehrig, ſanft und folgſam. Sie iſt geuͤbt in Muſik und Geſang, und fur die Blumen iſt ſie eine wahre Chloris*). Sie hofft, Jone, daß Du ſie lieb gewinnen werdeſt; iſt dieſes nicht der Fall, ſo ſende ſie mir zuruͤck.“ „Noch ein Wort— Laß mich aufrichtig ſein, Jone. Warum achteſt Du ſo ſehr jenen duͤſtern Egyptier? er ſcheint mir kein redlicher Mann zu ſein. Wir Griechen lernen die Menſchen von fruͤhe⸗ ſter Kindheit an kennen; wir durchſchauen ſie nicht weniger, wenn wir uns auch kein geheimnißvolles Anſehn geben; unſere Lippen lächeln, aber unſere Augen ſind ernſt— ſie beobachten und bilden unſer urtheil. Den Worten des Arbaces darf man nicht immer trauen; ſollte es moglich ſein, daß er mir bei Dir geſchadet hat? Ich glaube es faſt, denn als ich von Dir ging, blieb er bei Dir. Du konnteſt bemerken, wie unangenehm ihm meine Gegenwart warz ſeit jener Zeit haſt Du mir Deinen Anblick verweigert. Glaube nichts, was er etwa zu meinem *) Die griechiſche Flora. er n. ur ich niß iſt nd *). eſt; . ein, tern zu uͤhe⸗ icht olles ſere nſer nicht mir als nteſt wart blick inem 51 Nachtheil ſagen kann; geſchah es aber ſchon, ſo theile es mir mit; denn dieſes darf Glaukus von Jonen erwarten. Lebe wohl! Dieſe Zeilen berühren Deine Hand; dieſe Buchſtaben begegnen Deinen Au⸗ gen— ſollen ſie mehr beguͤnſtigt werden und gluck⸗ licher ſein, als ihr Verfaſſer?— Noch einmal, lebe wohl!— Der Jone ſchien, als ſie dieſen Brief geleſen hatte, ein Nebel vor den Augen zu verſchwinden. Was war die vermeintliche Beleidigung des Glau⸗ kus?— daß er nicht wahrhaft geliebt hatte! Und jetzt bekannte er in den innigſten Ausdruͤcken ſeine Liebe. Von dieſem Augenblick an war ſeine Herr⸗ ſchaft uͤber ihr Herz wieder ganz hergeſtellt. Bei jedem zärtlichen Worte in jenem Schreiben, das ſo voll wahrer und poetiſcher Liebe war, machte ihr Herz ihr die bitterſten Vorwuͤrfe. Und hatte ſie nicht an ſeiner Treue gezweifelt, und einem Andern Glauben geſchenkt? und hatte ſie ihm nicht ſogar das Recht eines Verbrechers verweigert, ſeine An⸗ klage zu hoͤren, und ſich vertheidigen zu duͤrfen?— Die Thränen rollten ihr die Wangen herab— ſie kußte den Brief— ſie ſteckte ihn in ihren Buſen, und indem ſie ſich zu Nydia wandte, die erwartungs⸗ voll da ſtand, ſagte ſie: „Willſt Du Dich nicht ſetzen, mein Kind, waͤh⸗ rend ich eine Antwort ſchreibe?“ „Du willſt alſo antworten?“— entgegnete Ny⸗ 4* dia gleichgultig;„die Sklavin, welche mich beglei⸗ tete, wird die Antwort mit zuruͤck nehmen.“ „Bleibe Du bei mir,“ ſagte Jonez„glaube mir, Du wirſt freundlich behandelt werden.“ Nydia nickte mit dem Kopfe. „Wie heißeſt Du, mein ſchones Maͤdchen?— „Sie nennen mich Nydia.“ „und wo biſt Du geboren?“— „In dem Lande des Olymps— in. ien „Du ſollſt meine Freundin werden,“ ſagte Jone freundlich„wie Du ſchon halb meine Landsmännin biſt. Aber ich bitte Dich, bleibe nicht länger auf dieſem kalten und glatten Marmor ſtehen.— So! jetzt, da Du ſitzeſt, kann ich Dich fuͤr einen Augen⸗ blick verlaſſen.“ Jone ſchrieb Folgendes:„Jone Gruß dem Glau⸗ kus!— Komme zu mir, Glaukus; komme morgen zu mir, ich vin vielleicht ungerecht gegen Dich gewe⸗ ſen, aber ich will Dir wenigſtens mittheilen, was Dir zur Laſt gelegt wurde Fürchte den Egyptier nicht mehr— fuͤrchte Keinen. Du glaubſt, Du ha⸗ beſt zu viel geſagt— ach! ich that es bereits in dieſen wenigen Worten— Lebe wohl!“— Als Jone mit dem Briefe zuruͤckkam, den ſie nicht wieder durchzuleſen wagte, nachdem ſie ihn ge⸗ ſchrieben hatte—(eine der Liebe ſo eigenthuͤmliche übereilung ſowohl, als Schuͤchternheit)— ſtand Nydia von ihrem Sitze auf. „Du haſt dem Glaukus geſchrieben?“— „Ja 1 „und wird er dem Boten danken, der ihm die⸗ ſen Brief bringt?“— Jone vergaß, daß das Maͤdchen blind warz ſie erroͤthete und ſchwieg. „Ich meine,“ fuͤgte Nydia in xuhigerem Tone hinzu,„das geringſte unfreundliche Woͤrtchen von Dir wird ihn betruͤben— die kleinſte Gunſt erfreuen. Hat er das Erſtere zu erwarten, ſo laſſe die Skla⸗ vin die Antwort zuruͤcknehmen; im letztern Falle will ich ſelbſt ſie ihm ſogleich bringen.“— „und weshalb, Nydia,“ fragte Jone auswei⸗ chend,„willſt Du ihm das Schreiben dann brin⸗ gen?“— „Alſo iſt es ſo!!— ſagte das Maͤdchen.„Ach, wie koͤnnte es auch anders ſein; wer vermoͤchte wohl unfreundlich gegen Glaukus zu ſein?“— „Mein Kind,“ ſagte ſie in etwas entfremdeteren Tone, als zuvor,„Du ſprichſt mit Wärme— alſo Glaukus iſt liebenswuͤrdig in Deiner Vorſtellung?“— „Ebdle Jone! Glaukus iſt fuͤr mich geweſen, was weder das Gluͤck, noch die Goͤtter mir waren— ein Freund!“— Die Traurigkeit, und zugleich die Wuͤrde, mit der Nydia dieſe einfachen Worte ſprach, ruͤhrten die — ſchone Jone; ſie neigte ſich zu ihr, und kuͤßte ſie. „Du biſt dankbar und mit Recht; wie duͤrfte ich erroͤthen, zu geſtehen, daß Glaukus Deiner Dank⸗ barkeit wurdig iſt?— Geh, meine Nydia, bringe ihm ſelbſt dieſen Brief— aber komme wieder. Sollte ich nicht zu Hauſe ſein, wenn Du zuruck⸗ kehrſt— wie es vielleicht dieſen Abend der Fall ſein moͤchte— ſo wird Dein Zimmer neben dem meini⸗ gen bereit ſein. Nydia, ich habe keine Schweſterz willſt Du mir eine ſolche ſein?“ Die Theſſalierin kuͤßte die Hand der Jone, und ſagte darauf etwas verlegen: „Darf ich Dich, ſchoͤne Jone, wohl um eine kleine Gunſt bitten?“— „Du kannſt nichts verlangen, was ich nicht vewilligen werde,“ erwiederte die ſchoͤne Neapoli⸗ tanerin⸗ „Man erzählt mir,“ ſagte Nydia,„daß Du uͤber alle Beſchreibung ſchoͤn biſt. Ach! ich kann das nicht ſehen, was die Welt beſeligt! Willſt Du wohl er⸗ lauben, daß ich mit der Hand Dein Geſicht beruͤhrez auf dieſe Weiſe allein kann ich die Schoͤnheit wahr⸗ nehmen, und ſelten irre ich mich.“— Sie erwartete nicht die Antwort der Jone, ſon⸗ dern fuhr, während ſie ſprach, ſanft und langſam mit der Hand uͤber die halb abgewendeten Zuͤge der Griechin— Zuͤge, die nur ein Bild in der Welt in die Phantaſie zuruͤckrufen kann— jenes Bild 55 iſt die zwar verſtuͤmmelte, aber dennoch ſo ſehr be⸗ wundernswerthe Statue in Jonens Geburtsſtadt, Neapel;— jenes griechiſche Antlitz, vor dem alle Schoͤnheit der mediceiſchen Venus duͤrftig und irdiſch erſcheint, mit ſo regelmäßigen, geiſtigen, gefuͤhlvol⸗ len, poetiſchen Zuͤgen— und das man für eine Darſtellung der Pſyche halt*).— Nydia taſtete uͤber das aufgeſteckte Haar und die glatte Stirne— uͤber die weichen und zarten Wangen, und uͤber die fein⸗ geformten Lippen. „Ich weiß jetzt, daß Du ſchoͤn biſt,“ ſagte ſie, „und ich kann Dich nun und fuͤr immer mir in meinem Gedaͤchtniß malen und vorſtellen.“ Jone verſank, als Nydia ſie verließ, in einen — Zuſtand der entzuͤckendſten Traumereien. Glaukus“ liebte ſie alſo; er hatte es geſtanden; ja, er liebte ſie. Sie zog jenes theure Geſtändniß nochmals her⸗ vor; ſie kuͤßte jede Zeile, und fragte ſich nicht, wes⸗ halb er verlaͤumdet worden, ſondern ſie fuͤhlte ſich uͤberzeugt, daß es der Fall geweſen ſei. Sie wun⸗ derte ſich, wie ſie jemals einer Anklage gegen ihn hatte Glauben ſchenken koͤnnen; ſie begriff es nicht, *) Die herrlichen überbleibſel einer ſo benannten Statue in dem Museo Borbonico. Das Geſicht iſt, was den Ausdruck und das Gefuͤhl in den Zuͤgen be⸗ trifft, das ſchoͤnſte, welches uns von der Bildhauerei der Alten uͤbrig geblieben iſt. 56 wie es dem Egyptier moͤglich geweſen, den Glaukus aus ihrem Herzen zu verdraͤngen; ſie fuͤhlte einen Schauder, als ſie nochmals die Warnung gegen den Arbaces las, und ihre Abneigung vor jenem geheim⸗ nißvollen Manne ſteigerte ſich zum Entſetzen Sie wurde in dieſen Gedanken durch ihre Dienerinnen unterbrochen, die ihr anzeigten, daß die Stunde ge⸗ kommen ſei, welche ſie fuͤr den, dem Arbaces zuge⸗ ſagten Beſuch beſtimmt hatte; ſie erſchrak, denn ſie hatte dieſes Verſprechen gänzlich vergeſſen. Ihr erſter Beſchluß war, es nicht zu halten, doch bald ſchämte ſie ſich wieder dieſes Mißtrauens gegen ihren älteſten Freund. Sie beeilte ſich, ihren Anzug zu vollenden, und begab ſich auf den Weg nach dem einſamen Hauſe des Arbaces, indem ſie noch zwei⸗ felhaft war, ob ſie ſchon jetzt den Egyptier genauer in Beziehung auf ſeine Beſchuldigungen gegen den Glaukus fragen, oder ob ſie abwarten ſolle, bis ſie die Anklage ſelbſt, ohne deren Quelle anzugeben, dem Glaukus mitgetheilt habe.— ſie hr ald ren zu em ei⸗ uer en ſie en, Siebentes Rapitel. Jone wird uͤberliſtet, und ſucht ſich der Gefahr zu entziehen. „O theure Nydia!“ rief Glaukus aus, als er den Brief der Jone geleſen hatte,„geſegneter Liebesbote — wie ſoll ich Dir danken?“— „Ich bin ſchon belohnt,“ ſagte die arme Theſſa⸗ lierin. „Alſo morgen, morgen werde ich ſie ſehn, wie lange werden mir die Stunden bis dahin duͤnken.“ Der entzuͤckte Grieche ließ Nydia, die mehrere⸗ male aus dem Zimmer treten wollte, nicht fort; ſie mußte jede Silbe der kurzen Unterredung, die zwi⸗ ſchen ihr und der Jone Statt gefunden hatte, tau⸗ ſendmal wieder erzählen, und er befragte ſie ſelbſt, ihren ungluͤcklichen Zuſtand vergeſſend, uͤber die Blicke ſeiner Geliebten; und indem er ſchnell ſeinen Fehler entſchuldigte, bat er ſie, die Erzählung, die er un⸗ terbrochen hatte, noch einmal von vorne anzufangen. Dieſe, der Nydia ſo peinliche unterhaltung ſuchte er immer zu verlaͤngern, und das Zwielicht war bereits eingebrochen, bevor er mit einem neuen Briefe und friſchen Blumen ſie wieder zu Jonen ſchickte. Kaum war ſie fort, als Klodius und mehrere ſeiner frohlichen Genoſſen ihn beſuchten; ſie ſpotteten uͤber ſeine Zuruͤckgezogenheit waͤhrend des ganzen Tages, und luden ihn ein, ſie an die verſchiedenen Vergnü⸗ gungsorte in jener lebendigen Stadt zu begleiten, die dort bei Tage und bei Nacht dem Genuſſe Ab⸗ wechslung darboten. Damals, wie jetzt, war es bei den Italienern gebräuchlich(denn noch nie hat ein Land, das von ſeiner Groͤße ſo ſehr geſunken, von ſeinen fruͤhern Sitten ſo viel beibehalten), an den Abenden ſich zu verſammeln, und indem ſie unter den Säulengängen der Tempel, oder im Schatten der Bäume Muſik oder den Vortrag irgend eines erfinderiſchen Erzählers anhoͤrten, begruͤßten ſie den aufgehenden Mond mit Libationen von Wein, und mit Geſängen.— Glaukus fuͤhlte ſich zu gluͤcklich, um ungeſellig ſein zu koͤnnen; es drängte ihn, das übermaaß ſeiner Freude auszutoben. Er ging daher willig auf den Vorſchlag ſeiner Gefährten ein, und lachend und ſcherzend ſchritten ſie durch die lebhaften und hellen Straßen. Waährend dieſer Zeit hatte Nydia das Haus der Jone wieder erreicht. Jene hatte es bereits lange 59 verlaſſen; das Mädchen fragte gleichguͤltig, wohin ſie gegangen ſei. Die Antwort befremdete und erſchreckte ſie. „„Nach dem Hauſe des Arbaces— des Egyptiers? — Unmoͤglich!“— „Es iſt ganz beſtimmt, meine Kleine,“ ſagte die klavin, welche auf ihre Antwort erwiedert hatte. „Sie kennt ſchon ſeit lange den Egyptier.“— „Seit lange! Ihr Götter, und doch liebt Glau⸗ kus ſie!“— murmelte Nydia bei ſich ſelbſt.„Und hat ſie ihn,“ fragte ſie laut,„ſchon fruͤher oft be⸗ ſucht?“— „Niemals, als heute,“ antwortete die Sklavin; „wenn das Stadtgeſpräͤch wahr iſt, ſo haͤtte ſie viel⸗ leicht beſſer gethan, nicht hinzugehen. Aber meine arme Gebieterin hoͤrt nichts von dem, was uns zu Ohren kommt; die Geſchwätze des Veſtibulums drin⸗ gen nicht in den Periſtil“*). „Niemals, als heute!“ wiederholte Nydia.„Biſt Du deſſen ſicher?“— „Gewiß, meine Kleine, doch wie kann dies Dich oder uns intereſſiren?“— Nydia beſann ſich einen Augenblick;— darauf ſetzte ſie ſchnell die Blumenvaſe auf den Tiſch, rief die Sklavin, welche ſie begleitet hatte, und verließ das Haus, ohne ein Wort zu ſagen. *) Terenz. Nur als ſie ſchon halb auf dem Wege nach der Wohnung des Glaukus war, brach ſie das Still⸗ ſchweigen, und murmelte fuͤr ſich die Worte: „Sie kann die Gefahren nicht kennen, denen ſie entgegen geht. Ich Thoͤrin— ſoll ich ſie retten? — ja, denn ich liebe Glaukus mehr als mich ſelbſt.“ Als ſie in dem Hauſe des Athenienſers ankam, erfuhr ſie, daß er mit einigen Freunden ausgegangen ſei. Niemand aber wußte, wohin. Man erwartete ihn vor Mitternacht nicht zuruͤck. Die Theſſalierin gerieth außer ſich; ſie ſank auf einen Sitz in der Halle, und bedeckte ſich das Geſicht mit den Händen, als ob ſie ihre Gedanken wieder ſammeln wolle.„Es iſt keine Zeit zu verlieren,“ dachte ſie, indem ſie aufſprang. Sie wendete ſich gegen die Sklavin, welche ſie begleitete: „Weißt Du nicht,“ ſagte ſie,„ob Jone Ver⸗ wandte oder Freunde in Pompeji hat?“— „Wie kannſt Du, beim Jupiter, eine ſolche Frage thun?“— erwiederte die Sklavin.„Ganz Pompeji weiß, daß Jone einen Bruder hat, der, obgleich jung und reich, ſo naͤrriſch(unter uns geſagt) ge⸗ weſen iſt, ein Prieſter der Iſis zu werden.“— „Ein Prieſter der Iſis?— O Goötter! und ſein Name?“— „Apaecides.“ „Ich weiß Alles,“ murmelte Nydia,„Bruder 61 und Schweſter ſollen alſo beide geopfert werden. Apaecides! das war ja derſelbe Name, den ich dort — ha! er kennt alſo wenigſtens die Gefahr, die ſei⸗ ner Schweſter droht. Ich muß zu ihm.“ Sie ſprang auf, und indem ſie den Stab ergriff, der immer ihre Schritte leitete, eilte ſie nach dem benachbarten Tempel der Iſis. Mit jenem Stabe hatte das arme blinde Maͤdchen, bevor der freund⸗ liche Grieche ſie in ſeinen Schutz nahm, ſich überall in Pompeji zurecht gefunden. Jede Straße, jede Ecke in den lebhafteren Theilen der Stadt war ihr bekannt; und da die Einwohner eine zärtliche, und halb aberglaͤubiſche Ruͤckſicht vor einem Ungluͤck, wie das ihrige, fühlten, ſo war man ihren ſchuchternen Schritten uͤberall aus dem Wege gewichen. Das arme Mädchen ließ es ſich vor einigen Tagen noch nicht traͤumen, daß ihre Blindheit bald ihr ein ſiche⸗ rer Fuͤhrer ſein werde, als die ſcharfſten Augen. Seitdem ſie jedoch unter dem Dache des Glau⸗ kus wohnte, hatte dieſer beſtimmt, daß ein Sklave ſie uͤberall begleiten ſolle, und der, dem dieſes Amt uͤbertragen, und der einer der wohlbeleibteſten war, zurnte auf ſein Schickſal, als er, nachdem er zwei⸗ mal den weiten Weg nach Jonens Hauſe gemacht, jetzt zu einem dritten Gange(wohin, das wußten die Goͤtter) verurtheilt wurde. Er keuchte hinter ihr her, und verſicherte feierlich dem Caſtor und Pollur, er glaube, das blinde Mädchen ſei mit den 62 Flugeln Merkurs, und mit der Raſtloſigkeit Supi⸗ dos begabt. Nydia bedurfte jedoch wenig ſeiner Leitung, um den Tempel der Iſis zu finden; der Raum vor dem⸗ ſelben war jetzt menſchenleer, und ſie gelangte ohne Hinderniſſe an den heiligen Eingang. „Es iſt Niemand hier,“ ſagte der Sklave, „was ſuchſt Du, oder wen willſt Du ſprechen? weißt Du nicht, daß die Prieſter nicht in dem Tem⸗ pel wohnen?“ „Rufe nur,“ ſagte ſie ungeduldig,„Tag und Nacht wacht wenigſtens ein Flamen an dem Altare der Iſis.“ Der Sklave rief, aber es kam Niemand. „Siehſt Du Jemand?“ „Nein.“— „Du irrſt Dich, ich hoͤre einen Seufzer.“ Der Sklave blickte nochmals in das Innere, und vor einem der Altäre, der noch jetzt theilweiſe in dem kleinen Raume vorhanden iſt, ſah er eine, wie in Betrachtungen vertiefte Geſtalt. „Ich ſehe eine Figur,“ ſagte er,„und nach dem weißen Gewandel, iſt es ein Prieſter.“— „O, Flamen der Iſis,“ rief Nydia,„ Diener der älteſten Goͤttin, hoͤre mich!“— „Wer ruft?“ erwiederte eine leiſe, melancholi⸗ ſche Stimme. „Eine, die einem Mitgliede Deines Ordens wich⸗ tige Nachrichten zu offenbaren hat;z ich komme, um Orakel auszuſprechen, nicht, um ſie zu verlangen.“ „Mit wem willſt Du ſprechen? Bieſe Stunde iſt nicht fuͤr Zuſammenkuͤnfte beſtimmt.— Stoͤre mich nicht weiter; die Nacht iſt den Goͤttern geweiht, der Tag den Menſchen.“ „Deine Stimme kommt mir bekannt vor; grade Dich ſuchte ich; doch ich habe Dich fruͤher nur ein⸗ mal ſprechen hoͤren. Biſt Du nicht der Prieſter Apaecides?“— „Ich bin es,“ erwiederte der Prieſter; indem er ſich vom Altar an das Gitter begab. „Du biſt es! Gelobt ſeien die Goͤtter!“— Indem ſie dem Sklaven mit der Hand winkte, befahl ſie ihm, in einiger Entfernung zu warten, und da dieſer ſich nur denken konnte, irgend ein aberglaͤubiſcher, mit der Sicherheit der Jone in Ver⸗ bindung ſtehender Gebrauch habe Nydien zum Tem⸗ pel in ſo ungewoͤhnlicher Zeit zu gehn veranlaßt, gehorchte er, und ſetzte ſich in einiger Entfernung auf einen Stein. „Huſch!“— ſagte Nydia, indem ſie ſchnell und leiſe ſprach,„biſt Du wirklich Apaecides?“— „Kannſt Du Dich nicht davon uͤberzeugen, wenn Du mich wirklich kennſt?“— „Ich bin blind,“ erwiederte das Mädchen;„ich kann nur ſehn durch die Toͤne, und an der Stimme 64 erkenne ich Dich; doch ſchwoͤre, daß Du Apaecides biſt.“— „Ich ſchwoͤre es bei den Göttern, bei meiner rechten Hand, und bei dem Monde.“ „Pſt!— ſpreche leiſer— tritt näher— gib mir Deine Hand;— kennſt Du den Arbaces?— Haſt Du den Todten Blumen zu Füßen gelegt?— Ach, Deine Hand iſt kalt— doch hore!— haſt Du den ſchrecklichen Eid geleiſtet?“— „Wer biſt Du, woher kommſt Du, bleiches Mad⸗ chen?“— ſagte Apaecides erſchrocken—„ich kenne Dich nicht;— an Deiner Bruſt lag dieſes Haupt nicht; ich habe Dich noch nie geſehn.“ „Aber Du haſt meine Stimme gehort— doch ſchweigen wir davon; dieſe Erinnerungen muͤſſen uns Beide beſchämen.— Hoͤre— Du haſt eine Schweſter?“— „Rede, rede, was iſt mit ihr?“— „Du kennſt das Mahl der Todten, Fremdling— vielleicht nimmſt Du gerne an ihm Theil— würde . es Dir aber gefallen, wenn Deine Schweſter ihm 0 beiwohnte, wenn Arbaces ihr Wirth wäre?“— 6 O, Götter, er wagt es nicht!— Zittre, Mäd⸗ wenn Du mich täuſcheſt; ich reiße Dich in Stuͤcken, wenn Du mich beluͤgſt.“— S. 3„Ich rede Wahrheit; und indem ich ſpreche, be⸗ findet ſich Jone in dem Hauſe des Arbaces— zum erſtenmale ſein Gaſt. Du weißt jetzt, in welcher des ein alle anz den ſoll Boͤ ein Ste es ner 6⁵ Gefahr ſie ſchwebt. Lebe wohl! ich habe meine Pflicht erfuͤllt.“ „Verweile noch, verweile!“ ſagte der Prieſter, indem er mit ſeiner magern Hand ſich an die Stirne faßte.„Wenn Du Wahrheit ſprichſt, was kann dann fuͤr ihre Rettung geſchehen?— Man wird mich dort nicht einlaſſen. Ich kenne noch nicht alle Schleichwege in jenem fuͤrchterlichen Hauſe. O, Ne⸗ meſis, gerecht iſt meine Strafe!“— „Ich werde meinen Sklaven entlaſſen; ſei Du mein Fuͤhrer;— Ich will Dich an den geheimen Eingang jenes Hauſes begleiten; ich will Dir das Wort zuflüſtern, auf welches man Dich zulaſſen wird. Nimm eine Waffe mit; es moͤchte noͤthig ſein!“— „Warte noch einen Augenblick,“ ſagte Apaeci⸗ des, indem er ſich in eine der Zellen an den Seiten des Tempels zuruͤckzog, und bald wieder erſchien, in ein weites Gewand gehuͤllt, welches damals viel von allen Klaſſen getragen wurde, und ſeinen Prieſter⸗ anzug verbarg.„Jetzt,“ ſagte er, indem er mit den Zaͤhnen knirſchte,„wenn Arbaces gewagt haben ſollte— doch er wagt es nicht! er wagt es nicht! Weshalb ſollte ich es glauben? Iſt er ein ſo gemeiner Boͤſewicht?— Ich will es noch nicht glauben.— Aber ein Sophiſt, ein duͤſterer Zauberer iſt er auf jeden Fall. Steht mir bei, ihr Gotter— doch, gibt es denn Götter? Bulwer's Werke. Taſchenausg. II. 5 66 — Ja, es gibt wenigſtens eine Goͤttin, die mich hoͤrt, und dieſe iſt die— Rache!“— Apaecides ſchritt, indem er dieſe Worte murmelte, in Begleitung ſeiner ſchweigenden und blinden Ge⸗ fährtin, durch die einſamen Straßen nach dem Hauſe des Egyptiers. Der Sklave, den Nydia entlaſſen hatte, zuckte mit den Achſeln, murmelte eine Verſchwoͤrung, und begab ſich langſam zu Hauſe. Achtes Vapitel. Die Einſamkeit und das Selbſtgeſpräch des Egyptiers— Fernere Entwicklung ſeines Charakters. — Wir muͤſſen in unſerer Geſchichte wieder um einige Stunden zuruͤckgehen. Beim erſten Anbruch des Ta⸗ ges, den Glaukus bereits als guͤnſtig bezeichnet hatte, ſaß der Egyptier ſchlaflos und einſam auf der Spitze des hohen, pyramidaliſchen Thurmes an der Seite ſeines Hauſes. Ein hohes Geländer hielt, in Ver⸗ bindung mit der Hohe des Gebaudes, und den dich⸗ ten Baumen, welche es umgaben, die forſchenden Blicke der Neugier oder Beobachtung ab. Vor ihm elte, Ge⸗ auſe uckte und 67 ſtand ein Tiſch, worauf eine, mit myſtiſchen Figuren beſchriebene Rolle lag. Die Sterne fingen bereits an, zu erbleichen, und die kahlen Bergſpitzen erho⸗ ben ſich aus den Schatten der Nachtz blos uͤber dem Veſuv ſchwebte noch eine dunkle, ſchwere Wolke, die ſeit mehreren Tagen ſchwärzer und dichter uͤber ſei⸗ nem Gipfel ſich geſtaltete. Der Kampf des Lichtes und des Schattens wurde noch ſichtbarer uͤber dem weiten Ozean, der wie ein ſtiller, ungeheurer See ſich ausdehnte, im Halbkreiſe umfaßt durch das Ge⸗ ſtade, welches, mit Weinbergen und Baͤumen bedeckt, unter denen man hier und da die weißen Mauern einer noch in tiefer Ruhe begrabenen Stadt hervor⸗ ſchimmern ſah, ſich den Wogen anſchloß. Es war dieſes die, vor allen andern, den alten egyptiſchen Myſterien geweihte Stunde, ſo wie jenem Wiſſen, das die Veraͤnderungen unſeres Schickſals in den Sternen zu leſen vorgibt. Arbaces hatte ſeine Rolle beſchrieben, er hatte die Zeit und die Zeichen bemerkt, und indem er ſein Haupt mit den Häͤnden ſtutzte, uͤberließ er ſich den Gedanken, welche ſeine Berechnungen veranlaßten. „Schon wieder warnen mich die Sterne! Es droht mir alſo gewiß eine Gefahr!“— ſprach er mit gedehnter Stimme,„irgend eine plotzliche, ſchnelle Gefahr. Die Sterne drohen mir auf dieſelbe ſpottiſche Weiſe, wie, wenn unſere Chroniken die Wahrheit verichten, einſt dem Pyrrhus— es war ſeingSchick⸗ 7 2 5* —— 68 ſal, Alles zu erringen, nichts zu genießen— Lor⸗ beern ohne Triumph;— Ruhm, aber nicht deſſen Fruchte; zuletzt feige geworden durch ſeinen eigenen Aberglauben, und ſterbend wie ein Hund durch einen Ziegel aus der Hand eines alten Weibes! Wahrlich, die Sterne hoͤhnen mich, wenn ſie dieſem Kriegs⸗ narren mich gleichſtellen— wenn ſie meinem Stre⸗ ben nach Weisheit dieſelben Erfolge verſprechen, wie ſeiner Raſerei des Ehrgeizes— eine unausgeſetzte Thätigkeit, und kein beſtimmtes Ziel— die Arbeit des Siſyphus— der Berg und der Stein!— der Stein!— ein finſtres Bild!— es erinnert mich daran, daß ich mit einem ähnlichen Tode, wie der Epirot, bedrohet werde. Ich muß mich nochmals uͤberzeugen.“„Nimm Dich in Acht,“ ſagten jene leuchtenden Propheten, die Sterne,—„wenn Du unter alten Mauern, oder belagerten Wällen, oder uͤberhaͤngenden Felſen gehſt— ein, von oben herab⸗ geſchleuderter Stein iſt durch den Spruch des Schick⸗ ſals fuͤr Dich beſtimmt!“— und die Gefahr ſoll nicht entfernt ſein, doch kann ich nicht genau den Tag und die Stunde leſen. Wohlan! wenn mein Sand auslauft, ſo ſoll er wenigſtens glaͤnzen bis auf den letzten Augenblick.— Wenn ich aber dieſer Gefahr entgehe— ja, wenn ich ihr entgehe— dann wird mein uͤbriges Daſein klar und milde ſein, wie der Strahl des Mondes auf den Gewäſſern. Jenſe 2 des finſtern Abgrundes, in den ich zuletzt 69 ſinken muß, ſehe ich Gluͤck, Ehre und Ruhm. Wie ſoll ich denn mit ſo guͤnſtigen Ausſichten jenſeits der Gefahr, ihr ſelbſt verfallen?— Mein Geiſt fluͤſtert mir Hoffnung zuz er ſchwebt entzuͤckt hinweg uͤber die drohenden Stunden, er ſchwärmt in die Zukunft— ſein eigener Muth iſt ſein beſter Pro⸗ phet. Sollte ich ſo bald und ſo plotzlich untergehn, ſo wuͤrde der Schatten des Todes mich umduͤſtern, das eiſigte Vorgefuhl meines Verhaͤngniſſes mich er⸗ ſchuͤttern. Mein Gemuͤth, das jetzt ſo ruhig iſt, wurde in Traurigkeit und Sorgen den ſchrecklichen Orkus vorher verkuͤnden. Ich bin ruhig und heiter; ich darf auf Rettung hoffen.“— Als der Egyptier dieſes Selbſtgeſpraͤch beſchloſſen hatte, ſtand er unwillkuhrlich auf. Er ſchritt ſchnell in dem engen Raum auf und ab, uͤber dem der Sternenhimmel ſich woͤlbte; und blickte, indem er an dem Gelander ſtehen blieb, in die noch grau um⸗ florte Landſchaft hinab. Die Morgenduͤnſte erfriſch⸗ ten ſeine Stirne, und nach und nach kehrte die ge⸗ wohnte Ruhe in ſeinen Geiſt zuruͤck. Er ſah jetzt nicht mehr nach den Sternen, die nach und nach am Himmel verſchwanden; ſeine Blicke ruhten auf der weiten Flaͤche unter ihm. Die Maſten der Schiffe blickten in dem ſtillen Hafen durch die leichten Mor⸗ gennebel; das lebendige Geräuſch an jenem Markt des Luxus und der Betriebſamkeit war verſtummt⸗ Keine Lichter, außer hier und da vor den Säulen eines Tempels, oder in den Saͤulengängen des Fo⸗ rums, miſchten ihren Strahl mit denen des herauf⸗ dämmernden Tages. Aus dem Innern der in tiefer Ruhe begrabenen Stadt— in der ſo bald tauſend verſchiedene Leidenſchaften erwachen ſollten, hoͤrte man keinen Laut; die Strome des Lebens rauſchten noch nicht, ſie lagen noch verſteckt und träge unter dem Eiſe des Schlafes. Aus dem weiten Umfange des Amphitheaters, mit ſeinen ſteinernen Sitzen, die ſich uͤber einander erhoben— in ſich gewunden, und kreisformig daliegend, wie ein ſchlummerndes Unge⸗ heuer— erhoben ſich Nebelwolken, die ſich finſter, und immer finſterer ſammelten, und auf das dunkle Laub der hohen Bäume niederließen, die in der Nähe ſtanden. Die Stadt ſchien, wie ſie noch jetzt nach dem Wechſel von ſiebzehn Jahrhunderten der Reiſende ſieht— eine Stadt des Todes ²) zu ſein. Auch der Ozean— jene heitre und ruhige See, lag faſt eben ſo ſtill da, außer daß ein, durch die Entfernung gedämpftes, leiſes und regelmaͤßiges Ge⸗ murmel, wie das Athmen ihres Schlafes heruͤber toͤnte, und, wie mit ausgeſtreckten Armen ſich weit in das gruͤne, anmuthige Land hineinziehend, ſchien ) Als Sir Walter Skott mit Hrn. William Gell Pompeji beſuchte, war faſt ſeine einzige Bemerkung der Ausruf:„die Stadt der Todten!— die Stadt der Todten!“— See, Ge⸗ uber weit hien Gell der der 71 ſie unbewußt die an ihrem ufer ſchlummernden Städte an ihren Buſen zu ziehen— Stabiä, und Herkulanum und Pompeji,— jene Kinder und Pfleg⸗ linge der Tiefe. „Ihr ſchlummert,“ ſagte der Egyptier, als er jene Städte, den Ruhm und die Bluͤthe Campa⸗ niens, uͤberſchaute— Fihr ſchlummert!— Moͤchte es die ewige Ruhe des Todes ſein!— So wie ihr jetzt— Juwelen in der Krone des Reichs— waren einſt die Städte am Nil!— Ihre Pracht iſt unter⸗ gegangen— ſie ſchlafen unter den Ruinen— ihre Paläſte und Tempel ſind Graͤber— die Schlange kriecht in dem Graſe ihrer Straßen— die Eidechſe wohnt in ihren einſamen Hallen. In Folge jener geheimnißvollen Geſetze der Natur, die das Eine er⸗ niedrigt, um das Andere zu erhoͤhen, ſeid ihr em⸗ porgeſproßt aus ihren Truͤmmern— und Du, ſtol⸗ zes Rom, Du haſt den Ruhm des Seſoſtris und der Semiramis uſurpirt— Du biſt ein Raͤuber, Dich bekleidend mit Deiner Beute!— und Jene— die triumphirenden Sklaven, auf die ich(der letzte Sproßling vergeſſener Monarchen) hinabſchaue, die Mitgenoſſen Deiner Alles zerſtoͤrenden Macht und üppigkeit— ich fluche ihnen!— Die Zeit der Rache wird kommen fuͤr Egypten! wenn die Roſſe der Barbaren gefuͤttert werden in dem goldenen Hauſe des Nero; und Du, o Rom, das den Wind ge⸗ ſchwängert hat mit Eroberung, in dem Wirbelwind der Zerſtoͤrung erndten wirſt die Fruͤchte Deiner Ausſaat.“ Den Traumen des Malers oder Dichters ſchwebte nie das Bild eines ungluͤckspropheten duͤſterer und ſchauerlicher vor, als jetzt der Egyptier erſchien, in⸗ dem er eine Weiſſagung ausſprach, die das Schick⸗ ſal ſo ſchrecklich erfüllt hat. Die Beleuchtung der Morgendammerung, die ſelbſt die bluͤhenden Wangen der Schoͤnheit bleich und abgeſtorben ſcheinen laſſen kann, gab ſeinen majeſtätiſchen und ſtattlichen Zuͤgen faſt die Leichenfarbe des Grabes, das ſchwarze Haar beſchattete dieſelben in dichten Maſſen, das dunkle, weite Gewand flatterte in der Luft— der kräftige Arm, von jener luftigen Hohe ausgeſtreckt, und die feurigen Augen, funkelnd von wilder Freude,— Alles dieſes gab ihm das Anſehn— halb eines Pro⸗ pheten, halb eines böſen Geiſtes. Er wendete ſeine Blicke von der Stadt und dem Ozean— vor ihm lagen die Weingarten und Ge⸗ filde des fruchtbaren Campaniens. Die alterthuͤm⸗ lichen Thore und Mauern der Stadt, noch halb pelasgiſchen Urſprungs, ſchienen ihren umfang nicht zu begrenzen. Von allen Seiten ſah man Villa's und Döorfer ſich auf dem Abhang des Veſuv erheben, der damals nicht ganz ſo ſteil und hoch war, als jetzt. Denn ſo wie Rom ſelbſt auf einem ausge⸗ brannten Vulkan erbaut wurde, ſo bebauten in ähn⸗ licher Sorgloſigkeit die Bewohner des Südens die 73 fruchtbaren Stellen um einen feuerſpeienden Berg, deſſen Gluthen ſie, als fuͤr immer erloſchen betrach⸗ teten. Von dem einen Thore dehnte ſich die lange Straße der Graͤber aus, welche letztere hoͤchſt man⸗ nichfaltig in Beziehung Groͤße und Bauart wa⸗ ren. über alle ragte der von Wolken umgebene Gipfel des ſchrecklichen Berges hervor, und dies wech⸗ ſelnde Spiel der Beleuchtung zeigte hier und da die dunkeln Aushoͤhlungen und zerriſſenen Felſenſpitzen, welche Beweiſe der fruͤheren Zerſtoͤrungen waren, und die noch bevorſtehenden haͤtten weiſſagen koͤnnen, — wenn der Menſch nicht blind wäre!— Es war ſchwer, damals zu ergruͤnden, weshalb die Sage dieſen Gegenden ein ſo duͤſteres, ſchauer⸗ liches Anſehn gab; weshalb in dieſe, auf Stunden in die Runde ſo fruchtbaren Ebenen— zu Bajae und Miſenum— die Dichter den Eingang in die unterwelt verlegten, ihren Acheron und ihren fabel⸗ haften Styr; weshalb in jenen phlegraͤiſchen Fel⸗ dern*), die damals mit den herrlichſten Weingaͤrten prangten, die Schlachten der Goͤtter gekaͤmpft, und die kuͤhnen Titanen verſucht haben ſollten, den Him⸗ mel zu erſtuͤrmen— außer, wenn man vorausſetzt, daß die Einbildungskraft in jener verbrannten und *) Phlegraei eampi, dies heißt: die verbrannten⸗ verſengten Felder. 74 — zerſtoͤrten Bergſpitze ſchon die Wirkungen bes olym⸗ piſchen Donnerkeils geſehen habe. Doch es war weder der rauhe, kahle Gipfel des ruhigen Vulkans, noch die Fruchtbarkeit der Gefilde, noch die melancholiſche Straße der Graͤber, noch die glaͤnzenden Villas;— wrelche jetzt die Blicke des Egyptiers auf ſich zogen. An der einen Seite der Landſchaft zog ſich vom Veſuv ein ſchmaler und un⸗ bebauter Bergruͤcken herab, hier und da mit hervor⸗ ſpringenden Klippen und wildem Gebuͤſch.— An dem Fuße deſſelben lag ein ſumpfigter Pfuhl, und den forſchenden Blicken des Arbaces bot ſich ein lebendes Weſen dar, das ſich an dieſem Moraſt be⸗ wegte, hin und wieder ſich buͤckend, als wolle es von den Kraͤutern und Gewaͤchſen pfluͤcken. „Ho,“ ſagte er laut,„ich habe alſo noch Geſell⸗ ſchaft in meiner Nachtwache. Die Hexe des Veſuv ſtreift wieder umher. Beſchäftigt ſie ſich auch,— wie die Leichtglaͤubigen ſich einbilden, mit der Be⸗ trachtung der Geſtirne?— Hat ſie beim Schein des Mondes magiſche Kuͤnſte getrieben, oder ſucht ſie (wie es mir ſcheint) giftige Kräuter in dem Mo⸗ raſt?— Ich muß dieſe Genoſſin meiner Nachtwa⸗ chen und Arbeiten kennen lernen. Wen der Durſt nach Kenntniſſen treibt, der uberzeugt ſich, daß kein menſchliches Wiſſen veraͤchtlich iſt.— Verächtlich ſeid blos Ihr— ihr dumpfen und trägen Weſen— Sklaven der üppigkeit— gedankenloſe Muͤßiggaͤnger, 8 75 die, inden Ihr blos der Sinnlichkeit lebt, Euch ein⸗ vildet, daß ihr duͤrrer Boden die Myrthe und den Lorbeer zugleich hervorzubringen vermag.— Nein, nur der Weiſe verſteht zu genießen!— Der wahre Genuß begluͤckt uns, wenn Geiſt, Herz, Erfahrung, Wiſſenſchaft und Einbildungskraft ſich vereinigen, um, wie ſo viele Stroͤme, das Meer der Sinne zu fullen!— Jone!“— Als Arbaces dieſes bezaubernde Wort ausſprach, verfiel er in ein tiefes Nachdenken. Er ſtand ſtille, verwendete ſeine Augen nicht vom Boden, lächelte ein oder zwei Mal, wie im Vorgefuͤhl der Freude, und als er darauf den Thurm verließ, um ſein La⸗ ger zu ſuchen, murmelte er: „Wenn der Tod ſchon ſo nahe droht, ſo will ich wenigſtens ſagen koͤnnen, daß ich gelebt habe— Jone ſoll die Meine werden!“ Der Charakterdes Arbaces war von einem ſo verwickelten Gewebe, daß ſelbſt der Geiſt, der in ihm wohnte, oft irre geleitet und verwirrt wurde. In ihm, dem Abkömmling eines entthronten Regen⸗ tenſtammes, dem Mitgliede eines geſunkenen Volkes, herrſchte jener Mißmuth des Stolzes, der immer an einem kräftigen Gemuͤthe nagt, das ſich ſelbſt un⸗ widerruflich von der Sphare ausgeſchloſſen fuͤhlt, in der die Väter glänzten, und fuͤr welche ſein ganzes Weſen und ſeine Geburt auch ihm alle Anſpruͤche gewährten. Dieſes Gefuͤhl iſt nicht wohlwollendz es 76 ſteht im Kriegszuſtande gegen die Geſellſchaft, und ſieht Feinde in allen Mitmenſchen. Dieſes Mal wurde aber jenes Gefuͤhl nicht durch ſeinen gewoͤhn⸗ lichen Gefährten, die Armuth, begleitet. Arbaces beſaß einen Reichthum, der dem der meiſten roͤmi⸗ ſchen Edlen gleich kam;z und dieſer geſtattete ihm, ſeinen Leidenſchaften, die in Geſchaͤften oder Staats⸗ ämtern nicht thaͤtig ſein konnten, zu froͤhnen. In⸗ dem er aus einem Lande in das andere reiſete, und uͤberall nur wieder Rom erblickte, erhielt ſein Haß gegen die Geſellſchaft, und ſeine Genußſucht ſtets neue Nahrung. Er befand ſich in einem weiten Ge⸗ faͤngniß, in dem er jedoch die Werkzeuge und Mit⸗ tel zur Schwelgerei und üppigkeit ſich wählen durfte. Da er aus dieſem Gefängniß nicht entfliehen konnte, ſo war ſein einziges Streben dahin gerichtet, ſich es zu einem Palaſt umzubilden. Die Egyptier waren ſeit den fruͤheſten Zeiten den ſinnlichen Genuͤſſen erge⸗ ben. Arbaces erbte ſowohl dieſe Neigung, als jene gluͤhende Einbildungskraft, welche ſie veredelt. Doch eben ſo ungeſellig in ſeinen Vergnuͤgungen, als in ſeinem ernſten Streben, und einen Andern weder uͤber, noch neben ſich duldend, zog er Wenige in ſeine Geſellſchaft, außer die dienſtwilligen Sklaven ſeiner Ausſchweifungen. Er war der einſame Beſitzer eines großen Harems. Bei alle dem fuͤhlte aber auch er ſich zu jener überſättigung verurtheilt, welche im⸗ mer der Fluch von Maͤnnern ſein wird, deren Geiſt 77 uber ihrem Treiben erhaben iſt, und was zuerſt eine Folge der Leidenſchaft war, das erkaltete bald zu einem Geſetze der Gewohnheit. Von den Berauſchun⸗ gen der Sinne ſuchte er ſich wieder durch wiſſen⸗ ſchaftliche Studien zu erheben, doch da es nicht ſein Zweck war, den Menſchen nutzlich zu ſein, ſo haßte er alle praktiſchen und gemeinnuͤtzigen Kenntniſſe. Seine jinſtere Einbildungskraft ſchwärmte lieber in jenen geheimnißvollen Forſchungen, welche einem in ſich zuruͤckgezogenen Gemuͤth am meiſten zuſagen, und zu denen ihn noch mehr ſeine kuͤhne, ſtolze Na⸗ tur, und die myſterioſen überlieferungen ſeines Ge⸗ burtslandes hinzogen. Indem er dem Glauben an die verſchiedenen Religionsſyſteme der heidniſchen Welt entſagte, glaubte er deſto mehr an die Macht menſch⸗ licher Weisheit. Er kannte ſo wenig die Grenzen, welche die Natur unſeren Entdeckungen ſtellt, als vielleicht irgend Jemand in jenem Zeitalter ſie genau bekannt waren. Indem er ſich uͤberzeugte, daß, je mehr Kenntniſſe wir erlangen, deſto mehr Wunder wir erblicken, bildete er ſich ein, daß die Natur nicht allein in ihrem gewohnlichen Laufe Wunder wirke, ſondern daß ſie durch die Kabala irgend eines erha⸗ benen Geiſtes, von ihrer gewoͤhnlichen Richtung ſelbſt abgeleitet werden koͤnne. So verfolgte er das Wiſ⸗ ſen bis jenſeits ſeiner Schranken, bis in das Land der Schatten und Irrthuͤmer. Von den Wahrhei⸗ ten der Aſtronomie ſprang er zu den Täuſchungen 78 der Aſtrologie uͤber. Von den Geheimniſſen der Chemie betrat er das geſpenſtiſche Labyrinth der Magie, und er, der an der Macht der Götter zwei⸗ feln konnte, glaubte aberglaͤubiſch an uͤberirdiſche Kräfte der Menſchen. Die Magie, welche damals unter den vermeint⸗ lichen Weiſen ſehr ſtark getrieben wurde, war eigent⸗ lich morgenlaͤndiſchen urſprungsz der fruͤheren Phi⸗ loſophie der Griechen blieb ſie durchaus fremd; auch kam ſie dort erſt unter dem Oſtanes in Gunſten, der die Armee des Ferxes begleitete und die Lehren des Zoroaſter unter den leichtgläubigen Griechen verbreitete. unter den roͤmiſchen Kaiſern wurde jedoch auch die Magie(ein geeigneter Gegenſtand, fuͤr den beißenden Witz des Juvenal) in Rom be⸗ kannt. Die Verehrung der Iſis ſtand mit ihr in ge⸗ nauer Verbindung, und durch den egyptiſchen Got⸗ tesdienſt wurde auch das egyptiſche Zauberweſen ein⸗ gefuͤhrt. Während des erſten Jahrhunderts der chriſt⸗ lichen Zeitrechnung waren die theurgiſche, oder jene, Gutes ſtiftende Magie, und die goetiſche oder ſchwarze und boͤſe Necromanzie gleich ſehr im Schwangez und die Zaubereien des Fauſt wurden durch die des Apollonius uͤberwogen.(1) Könige, Hofleute und Weiſe, Alles zitterte vor jener ſchrecklichen Kunſt. Auch Arbaces war einer jener gefuͤrchteten Zauberer. Allen, die ſich mit der Magie beſchäftigten, waren ſein Ruf und ſeine Entdeckungen bekannt. Sie über⸗ N* 79 lebten ihn ſogar, aber als Schwarzkuͤnſtler wurde er nicht unter ſeinem wirklichen und weltlichen Na⸗ men geehrt. In Groß⸗Griechenland und in den Ebenen des Morgenlandes war er lange unter dem myſtiſchen Namen:„Hermes, der Beſitzer des flam⸗ menden Guͤrtels,“ bekannt. Seine ſubtilen Speku⸗ lationen und ſein geruͤhmtes, in mehreren Werken mitgetheiltes magiſches Wiſſen gehoͤrten zu jenen Zeugniſſen der verbotenen Kuͤnſte, welche die erſten Chriſten zu Epheſus freudig, aber doch mit einiger Beſorgniß, den Flammen uͤbergaben, und ſo der Nachwelt die Beweiſe fuͤr jene umtriebe des Teufels entzogen. Das Gewiſſen des Arbaces war nur geiſtiger Natur; es wurde durch keine moraliſchen Geſetze zu⸗ ruckgeſchreckt. Er glaubte, daß, wenn der Menſch der Maſſe Schranken ziehen koͤnne, ſo vermöge er auch durch hoͤhere Weisheit ſich uͤber ſie zu erheben.„Wenn (ſo folgerte er) ich die Macht habe, Geſetze zu bilden, habe ich dann nicht auch das Recht, meine eigenen Ge⸗ ſchöpfe zu beherrſchen?— Habe ich nicht noch mehr das Recht, die Erzeugniſſe von Geiſtern, denen ich uͤberlegen bin, zu verachten und zu vernichten?“— Wenn er auf dieſe Art ein Böſewicht war, ſo rechtfertigte er ſeine Schlechtigkeit durch einen Grund, der ihn hätte tugendhaft machen ſollen, nämlich durch das über⸗ gewicht ſeiner geiſtigen Faähigkeiten. So wie alle Menſchen mehr oder weniger die 5 Leidenſchaft der Herrſchſucht in ſich tragen, ſo ent⸗ ſprach ſie auch in Arbaces ſeinem uͤbrigen Charak⸗ e ter. Es war nicht das Streben nach einer blos äußerlichen und rohen üiberlegenheit. Er wuͤnſchte ſich nicht den Purpur und die Fasces, die äußern k Zeichen gewohnlicher Herrſchaft. Sein Stolz, ſeine k Verachtung Roms, welches damals die Welt war (deſſen glorreichen Namen er eben ſo verſchmaͤhte, c 3 als die Roͤmer die Barbaren), wuͤrde ihm nie ge⸗ ſtattet haben, nach einem außeren Einfluß uͤber An⸗ ß dere zu ſtreben, denn dieſes hätte ihn zugleich zum 2 3 Werkzeug und zum Geſchöpf des Kaiſers gemacht. 5 Er, der Sproͤßling des erhabenen Geſchlechts Ra⸗ meſes— er haätte ſich entſchließen ſollen, die Befehle te Anderer zu vollziehen, und ſich die Macht von einem 2 Andern übertragen zu laſſen!— ſchon dieſer Ge⸗ C danke erfuͤllte ihn mit Wuth. Wenn er aber einen di Ehrgeiz zuruͤckwies, der nur äußere Auszeichnungen be 3 in Anſpruch nahm, ſo gab er um ſo mehr jenem de Ehrgeize nach, das menſchliche Herz leiten und be⸗ ti 8 herrſchen zu wollen. Indem er die geiſtige Macht dr als das größte aller irdiſchen Güter betrachtete, ge füͤhlte er ſie gerne in ſich ſelbſt durch den Einfluß, Z den er auf Alle, die ihn umgaben, auszuuben ver⸗ di ſuchte. Deshalb ſuchte er auch immer auf die Ju⸗ w gend zu wirken— deshalb ſuchte er ſie zu feſſeln und ſic zu leiten. Er wählte ſich ſeine Unterthanen in den be Gemuͤthern der Menſchen— er wollte uͤber ein un⸗ ent⸗ arak⸗ blos ſchte ßern ſeine war ahte, e ge⸗ An⸗ zum nacht. Ra⸗ efehle einem Ge⸗ einen ungen jenem d be⸗ 8¹ ſichtbares und koͤrperloſes Reich gebieten!— waͤre er weniger reich und weniger ſinnlich geweſen, ſo wuͤrde er ſich bemuͤht haben, der Stifter einer neuen Religion zu werden. Jetzt aber wurde ſeine That⸗ kraft durch ſeine Genußſucht gehemmt. Außer jener Leidenſchaft, ein geiſtiges übergewicht uͤber Andere zu erlangen(einer den Weiſen ſo eigenthuͤmlichen Eitelkeit!), beſeelte ihn eine ſonderbare, faſt traum⸗ artige Schwaͤrmerei fuͤr Alles, was mit jenem ge⸗ heimnißvollen Lande in Verbindung ſtand, das ſeine Vorfahren einſt beherrſcht hatten. Wenn er auch an die egyptiſchen Gottheiten nicht glaubte, ſo glaubte er doch an die Allegorien, welche ſie darſtellen ſoll⸗ ten(oder vielmehr, er legte ſich dieſelben auf ſeine Weiſe aus).— Er hielt gerne den Gottesdienſt Egyptens aufrecht, weil dadurch der Schatten und die Erinnerung der egyptiſchen Macht wenigſtens behauptet wurde. Er bereicherte daher die Altäre des Oſiris und der Iſis mit koͤniglichen Dona⸗ tionen, und ſtrebte jederzeit, die Prieſterſchaft durch reiche Mitglieder zu vermehren. Er waͤhlte gewoͤhnlich, wenn das Gelubde einmal abgelegt war, Diejenigen zu den Genoſſen ſeiner Vergnuͤgungen, die er zu ſeinen Schlachtopfern gemacht hatte, theils weil er ſich auf dieſe Weiſe ihre Verſchwiegenheit ſichern, theils weil er ſeinen Einfluß auf ſie mehr befeſtigen wollte. Daher entſprangen denn auch die Beweggruͤnde ſeines Benehmens gegen den Apae⸗ Bulwer's Werke. Taſchenausg. II. 6 cides, zu denen auch in dieſem Falle ſeine Leiden⸗ ſchaft fuͤr Jonen noch hinzu trat. Er hatte ſelten lange an einem Orte gelebt; doch je älter er wurde, deſto weniger empfanglich war er fuͤr das Abwech⸗ ſelnde neuer Scenen, und er hatte ſich in den ange⸗ nehmen Städten Campaniens ſchon ſo lange aufge⸗ halten, daß er ſich ſelbſt daruͤber wundern mußte. Auch ſein Stolz beſtimmte einigermaßen die Wahl ſeines Aufenthalts. Er konnte in jenen Ländern nicht leben, die er fur ſeine eigenen, rechtmaͤßigen, erblichen Beſitzungen hielt, und die jetzt, niederge⸗ vruckt und geſunken, ſich unter die Fittiche des ro⸗ miſchen Adlers beugten. Rom ſelbſt war ihm ge⸗ haͤſſig, auch ſcheute er es, ſeinen Reichthum durch die Günſtlinge des Hofes uͤberwogen, und durch die ubermaͤßige Pracht deſſelben in Schatten geſtellt zu ſehen. Die campaniſchen Städte boten ihm Alles dar, was ſeine Natur erſtrebte; die Annehmlichkeiten eines unvergleichlichen Klima's, und alle Verfeine⸗ rungen einer uppigen Civiliſation. Der Anblick ei⸗ nes, dem ſeinigen uͤberlegenen Reichthums verletzte ihn hier nicht, auch durfte er die Späher eines eifer⸗ ſuͤchtigen Hofes nicht fuͤrchten. So lange er reich war, kuͤmmerte ſich Niemand um ſein Treiben; er verfolgte es ungeſtoͤrt und ſicher. Es iſt gewohnlich der Fluch ſinnlicher Menſchen, daß ſie erſt wirklich zu lieben anfangen, wenn die Sinne ſelbſt bereits abgeſtumpft ſind— die Gluth ihrer e — n⸗ en e, ch⸗ ge⸗ ge⸗ te. ahl ern en, rge⸗ rd⸗ ge⸗ urch die t zu lles eiten eine⸗ e ei⸗ letzte eifer⸗ reich er ſchen, n die ihrer 83 Jugend erliſcht nach und nach in der Befriedigung unzähliger einzelner Neigungen; und ihr Herz iſt bereits erſchoͤpft. Auch der Egyptier hatte, indem er dem Genuß ewig nachgejagt, und ſeine feurige Ein⸗ bildungskraft deſſen Reize vielleicht uͤberſchätzt hatten, den beſten Theil ſeiner Jahre verloren, ohne den Gegenſtand ſeiner Wuͤnſche zu erreichen. Als er zuerſt Jonen ſah, glaubte er, daß ſie ihm wahre Liebe einfloͤßen könne. Er ſtand damals in jenem Lebensalter, in welchem der Mann von der einen Seite die entſchwundene Jugend, von der andern das dunkel hereinbrechende Alter ſieht; eine Zeit, in der wir vielleicht mehr als jemals ſtreben, uns, ehe es zu ſpät ſein mochte, zu ſichern, was wir fur den Genuß eines Lebens noch, durch die Erfahrung be⸗ lehrt, fuͤr nothwendig halten, deſſen beſſere Haͤlfte bereits verſchwunden iſt. Arbaces hatte, um das Herz der Jone zu gewin⸗ nen, eine Ausdauer und Geduld aufgeboten, wie er ſie fruͤher noch nie auf ſeine Vergnuͤgungen ver⸗ wendete. Er begnuͤgte ſich nicht blos, zu lieben; er wuͤnſchte auch, wieder geliebt zu werden. In dieſer Hoffnung hatte er die, ſich immer mehr entwickelnde Jugend der ſchonen Neapolitanerin beaufſichtigt; und da er den Einfluß des Geiſtes auf Diejenigen kannte, die ſelbſt einer geiſtigen Ausbildung genießen, ſo war er ſchon aus dieſer Ruͤckſicht auf eine ſorg⸗ 6* 84 fältige Erziehung der Jone bedacht geweſen, in der überzeugung, ſie werde dann am beſten ſeine An⸗ ſpruͤche auf ihre Neigung zu ſchaͤtzen im Stande ſein; nämlich einen Charakter, der, wenn auch la⸗ ſterhaft und verderbt, doch in ſeiner urſpruͤnglichen Anlage erhaben und edel war.— Er ermuthigte ſie ſogar zum Umgange mit jenen geiſtloſen Men⸗ ſchen, die ſich blos dem leerſten Treiben hingeben, weil er vorausſetzte, daß ihr Gemuͤth, fuͤr hoͤhere Bedurfniſſe geſchaffen, bald eine beſſere Geſellſchaft vermiſſen, und daß durch die Vergleichung mit Andern er in ihrem Herzen gewinnen wuͤrde. Er hatte vergeſ⸗ ſen, daß, wie die Sonnenblume zur Sonne, ſo die Ju⸗ gend ſich zur Jugend wendet, bis bald ſeine Eiferſucht gegen den Glaukus ihn von ſeinem Irrthum uͤberzeugte. Von dieſem Augenblick an wurde eine Leidenſchaft gewaltiger und ſturmiſcher, die er lange in ihren Schranken gehalten hatte, obgleich er, wie wir ge⸗ ſehn haben, noch nicht genau wußte, wie viel er zu befurchten habe. Nichts entzundet das Feuer der Liebe mehr, als die Sorgen der Eiferſucht; die Flamme wird durch ſie wilder und unwiderſtehlicher; die Sanftmuth und die Zärtlichkeit ſelbſt nehmen et⸗ was von der Gewalt und dem Ungeſtum des Haſ⸗ ſes an. Arbaces beſchloß, mit vorſichtigen und in ihrem Erfolge unſichern Vorbereitungen weiter keine Zeit — c 8 e c c 85⁵ zu verlieren; er beſchloß, zwiſchen ſich und ſeinen Nebenbuhlern unuͤberſteigliche Schranken zu ziehen; er beſchloß, ſich der Perſon der Jone zu bemaͤchti⸗ gen. Allerdings konnte bei dieſer Liebe, die ſo lange gepflegt, und durch reinere Hoffnungen, als blos die der ſinnlichen Leidenſchaft, genaͤhrt war, der Beſitz allein ihn nicht befriedigen. Er wuͤnſchte nicht allein die Schoͤnheit, ſondern auch das Herz und den Geiſt der Jone zu gewinnen; aber er bildete ſich ein, daß, wenn ſie erſt durch ein kuͤhnes Verbrechen von den uͤbrigen Menſchen getrennt, und durch ein Band mit ihm verknuͤpft ſei, das ſelbſt die Sklaverei nicht auf⸗ zuloͤſen vermoͤge, ſie gezwungen ſein werde, ihre Ge⸗ danken blos mit ihm zu beſchaͤftigen,— daß er durch ſeine Kunſtgriffe die Eroberung vollenden, und, wie einſt bei den Roͤmern und Sabinern, die durch Gewalt erlangte Herrſchaft durch mildere Mittel zu befeſtigen ſein werde. Dieſer Beſchluß reifte noch mehr in ihm durch ſeinen Glauben an die Weiſſa⸗ gungen des Sternenhimmels; ſie hatten ihn ſchon oft vor dieſem Jahr, und ſelbſt vor dieſem Monat gewarnt, als dem Zeitpunkt, wo ein ſchreckliches Schickſal ſeinem Leben ſelbſt Gefahr drohen werde. Er ſah ein beſtimmtes Ziel vor ſich, und beſchloß, Alles, was ſeinem Herzen theuer war, um ſeinen Grabhuͤgel, wie um den eines geſtorbenen Monarchen, zu verſammeln. Er beſchloß, mit ſeinen eigenen 86 Worten, wenn er doch ſterben ſolle, auch fuͤhlen zu wollen, daß er gelebt habe, und Jone zu der Sei⸗ nigen zu machen. Meuntes Kapitel. Die Abentheuer der Jone in dem Hauſe des Arbaces.— Das erſte Vorzeichen von der Wuth des ſchrecklichen Feindes. Ats Jone in die geräumige Halle des Egyptiers trat, ergriff ſie derſelbe Schauder, den ihr Bruder bei ſeinem Eintritt gefuͤhlt hatte; die ſtillen und traurigen Zuͤge jener thebaniſchen Sphinre, deren majeſtätiſcher und leidenſchaftsloſer Ausdruck ſich im Marmor ſo gut wiedergeben läßt: „Uralte Erfahrung ſpiegelt der Blick, „Der Ewigkeit Geiſt die Augen zurüͤck—“ ſchienen ihr, wie ihrem Bruder, etwas unheilſchwan⸗ geres und Warnendes anzudeuten. Die ſchlanke aͤthiopiſche Sklavin lächelte ſchaden⸗ froh, als ſie Jonen einließ, und winkte ihr, weiter zu gehn. In der Mitte der Halle empfing ſie Ar⸗ baces in einem feſtlichen Gewande, welches von Ju⸗ — c— —— — c— en welen glaͤnzte. Obgleich es noch heller Tag war, ſo hatte man doch das Innere des Hauſes, nach der Sitte der Vornehmen, kuͤnſtlich verfinſtert, und die Lampen warfen ihren Strahl in das marmorne Ge⸗ woͤlbe und auf den glatten Fußboden. „Schoͤne Jone,“ ſagte Arbaces, indem er ſich neigte, um ihre Hand zu beruͤhren,„Du biſt es, die den Tag verfinſtert hat— Deine Augen erleuch⸗ ten dieſe Hallen— Dein Athem erfuͤllt ſie mit Wohlgeruͤchen.“ „So mußt Du nicht mit mir ſprechen,“ erwie⸗ derte Jone;„Du weißt, daß Deine Weisheit mich hinlaͤnglich unterrichtet hat, um mich gleichguͤltig gegen dieſe perſoͤnlichen Schmeicheleien zu machen. Du ſelbſt haſt mich die Schmeicheleien verachten ge⸗ lehrt; ſoll Deine Pflegetochter wieder verlernen, was ſie gelernt hat?“— Es lag in dem Benehmen der Jone etwas ſo Reizendes und unbefangenes, indem ſie dieſes ſprach, daß der Egyptier verliebter, als je, und mehr, als je geneigt wurde, den eben geruͤgten Fehler zu er⸗ neuern, doch vermied er es noch. Er fuͤhrte ſie durch mehrere Zimmer eines Hau⸗ ſes, welches ihr, die noch keine andere Pracht kannte, als die weniger bedeutende Eleganz campaniſcher Städte, alle Schaͤtze der Welt zu enthalten ſchien. An den Wänden prangten Gemälde von un⸗ ſchätbarem Werth, der Glanz des Lichtes beſtrahlte Statuen von den beſten griechiſchen Meiſtern; das koſtbarſte Holz war in den Thuͤren und Schwellen eingefuͤgt; Gold und Edelſteine waren uͤberall ver⸗ ſchwenderiſch angebracht. Bisweilen befanden ſie ſich allein in dieſen Zimmern, dann kamen ſie durch eine Reihe knieender Sklaven, die Jonen reiche Armbän⸗ der, goldene Ketten und andere Koſtbarkeiten dar⸗ boten, welche anzunehmen jedoch der Egyptier ſie vergebens erſuchte. „Schon oft horte ich,“ ſagte ſie,„daß Du reich ſeieſt, aber nie ließ ich mir es träumen, daß Du ſo viele Schaͤtze beſäßeſt.“ „Ich wollte,“ erwiederte der Egyptier,„daß ich ſie alle in eine Krone verſchmelzen könnte, die ich dann auf Deine weiße Stirne ſetzen wuͤrde!“— „Ach, das Gewicht wuͤrde mich aber erdruͤcken; ich ware dann eine zweite Tarpeja,“ antwortete Jone lächelnd. „Aber Du verachteſt doch nicht den Reichthum, Jone?— Der Arme weiß nicht, was das Leben zu gewaͤhren vermag. Gold iſt der große Zauberer der Erde— es verwirklicht unſere Traͤume— es gibt uns die Macht eines Gottes— es liegt in ſeinem Beſitz eine Große, eine Erhabenheit— iſt der mäch⸗ tigſte und doch gehorſamſte unſerer Sklaven.“ Der liſtige Arbaces ſuchte die junge Neapolita⸗ nerin durch ſeine Schätze und durch ſeine Beredtſam⸗ keit zu verblendenz er ſuchte in ihr das Verlangen „ S c 20 S u r t n 1 nach dem Mitbeſitz ſeines Eigenthums zu erregen; er hoffte, der Glanz ſeines Reichthums werde auf ihn ſelbſt zuruͤckſtrahlen. Jone aber fuͤhlte in ihrem Innern ein unheimliches Gefuͤhl bei den Galanterien, die uͤber jene Lippen ſtroͤmten, welche bisher die der Schoͤnheit gewoͤhnlich dargebrachte Huldigung zu ver⸗ ſchmähen ſchienen. Sie ſuchte, mit jener feinen Ge⸗ wandtheit, die nur dem weiblichen Geſchlecht ganz eigen iſt, ſeinen Worten einen andern Sinn unter⸗ zulegen, und begegnete ſeiner gluͤhenden Sprache durch leichten Scherz und Witz. Nichts in der Welt iſt lieblicher, als dieſe Vertheidigungsweiſe, ſie iſt aber nie das Kunſtſtuͤck des afrikaniſchen Zauberers, der mit einer Feder den Winden eine andere Richtung zu geben verſprach. Der Egyptier wurde noch mehr durch ihre Lie⸗ benswuͤrdigkeit, als durch ihre Schoͤnheit bezaubert und uͤberwältigt. Wie ſchwer wurde es ihm, ſeine Empfindungen zu verbergen; ach, die Feder war nur maͤchtig gegen die Fruͤhlingsluͤftchen; wie vermochte ſie dem Sturme zu widerſtehen? Ploͤtzlich, als ſie in einem Zimmer ſtanden, wel⸗ ches mit weißen Draperien geſchmuͤckt war, klopfte der Egyptier in die Haͤnde, und wie durch einen Zauber ſtieg ein Tiſch aus dem Fußboden in die Hoͤhe; zu den Fuͤßen der Jone erhob ſich ein Ruhe⸗ bette, und in demſelben Augenblick ertoͤnte hinter den Vorhaͤngen die ſanfteſte und lieblichſte Muſik * Arbaces ſetzte ſich neben die Reapolitanerin, und Kinder, reizend und ſchön, wie Liebesgoͤtter, bedien⸗ ten das Feſt. Das Mahl war vollendet, die Muſik erklang in ſanften und leiſen Toͤnen, und Arbaces ſprach zur Jone: „Haſt Du nie, meine Pflegetochter, in dieſer duͤſtern und unſichern Welt, den Drang gefühlt, nach jenſeits zu blicken? Haſt Du nie gewuͤnſcht, den Schleier der Zukunft zu heben, und zu ſchauen die Dinge, die da kommen werden? Denn nicht blos die Vergangenheit hat ihre Geiſter; auch jedes zukuͤnf⸗ tige Ereigniß hat ſein Geſpenſt, ſeinen Schatten;— wenn ſeine Stunde kommt, ſo beſeelt ihn das Leben, der Schatten wird koͤrperlich, und tritt ein in die Welt. Das Land jenſeits des Grabes birgt zwei verſchiedene Arten unkörperlicher Gäſte: die Dinge, die kommen ſollenz die Dinge, die da waren. Wenn wir durch unſere Weisheit jenes Land zu betreten vermoͤgen, ſo ſehen wir ſie beide, und lernen nicht allein die Geheimniſſe der Todten, ſondern auch die Schickſale der Lebendigen kennen.“— „Haſt Du jenes Land betreten, und vermag un⸗ ſere Weisheit ſo weit zu dringen?“— „Willſt Du meine Kenntniſſe pruͤfen, Jone, und ſoll ich Dir Dein eigenes Schickſal zeigen? Es iſt dieſe Darſtellung ein ergreifenderes Drama, als irgend eines von Aeſchylus— ich habe es Dir vorbereitet, ⸗ d d wenn Du die Schatten willſt ihre Rolle ſpielen ſehn.“ Die Neapolitanerin erbebte;— ſie dachte an Glaukus, und ſeufzte und zitterte zugleich.— Sollte ihr Schickſal vereinigt werden?— Halb zweifelnd, halb glaͤubig, halb erſchreckt, halb neugierig gemacht durch die Worte ihres ſeltſamen Gaſtes, ſchwieg ſie einige Augenblicke, und erwiederte darauf: „Es kann zuruͤckſchrecken— es kann Entſetzen erregen— der Blick in die Zukunft kann vielleicht nur die Gegenwart verbittern!“— „Nein, Jone, ich ſelbſt habe Dein Schickſal er⸗ ſchaut, die Geiſter Deiner Zukunft verweilen in den eliſäiſchen Gefilden; ſie winden die Blumenkränze Deines ſuͤßen Geſchicks aus den duftendſten Blumen, und die fuͤr Andere ſo hartherzigen Parzen ſpinnen fuͤr Dich nur den Faden des Gluͤcks und der Liebe. Willſt Du mitkommen und Dein Loos ſehen, daß Du ſchon vor der Zeit Dich daran erfreuen mo⸗ geſt?“ 8 Nochmals fluͤſterte das Herz der Jone„Glau⸗ kus“; ſie ließ eine kaum hoͤrbare Einwilligung ver⸗ nehmen; der Egyptier ſtand auf, und indem er ſie bei der Hand nahm, führte er ſie durch das Zim⸗ mer— die Vorhaͤnge wurden, wie durch unſichtbare Hände, fortgezogen, und die Muſik erſchallte in leb⸗ hafteren Tonen.— Sie ſchritten durch einen Saͤulen⸗ gang, an deſſen Seiten Springbrunnen ſich in die —— Luft erhoben, und ſtiegen auf breiten und bequemen Stufen in den Garten. Der Abend hatte begonnen, — der Mond ſtand ſchon hoch am Himmel, und jene duftenden Blumen, die bei Tage ſchlafen, und die Nachtluft mit herrlichen Wohlgeruͤchen erfullen, bluͤh⸗ ten an den Gängen, die durch das dichte Gebuͤſch fuhrten, oder ſchmiegten ſich, als ob ſie ihre Huldi⸗ gung darbrächten, an die Fuͤße der Statuen, die zur Seite ſtanden. „Wohin willſt Du mich fuͤhren, Arbaces?“— ſagte Jone verwundert. „Wir ſind gleich da,“ erwiederte er, indem er auf ein kleines Gebäude am Ende der Allee zeigte. —„Es iſt ein den Parzen geweihter Tempel— unſere Gebrauche erheiſchen einen ſo heiligen Ort.“— Sie traten in eine kleine Halle, an deren Ende ein ſchwarzer Vorhang hing. Arbaces hob ihn in die Höhe, Jone trat ein, und befand ſich in einem ganz dunklen Raume. „Beunruhige Dich nicht,“ ſagte der Egyptier, „es wird gleich hell werden,“ und während er ſprach, verbreitete ſich nach und nach ein mildes Licht, und Jonen ſchien es, als befinde ſie ſich in einem Zim⸗ mer von mäßiger Große, welches von allen Seiten ſchwarz behangen war. Ein Ruhebette von derſel⸗ ben Farbe ſtand neben ihr. In der Mitte befand ſich ein kleiner Altar, und auf dieſem ein bronzener Dreifuß. An der einen Seite ſtand auf einer hohen Granitſaͤule ein koloſſaler Kopf vom ſchwärzeſten Marmor, die Buͤſte der egyptiſchen Goͤttin darſtel⸗ lend. Arbaces trat vor den Altar; er hatte ſeinen Kranz abgelegt, und ſchien beſchaͤftigt, den Inhalt einer bronzenen Vaſe in den Dreifuß zu ſchuͤtten, aus dem ploͤtzlich eine blaue flatternde Flamme ſich erhob. Der Egyptier ſtellte ſich darauf wieder neben Jonen, und als er einige Worte in einer ihr un⸗ bekannten Sprache murmelte, wehte der Vorhang im Hintergrunde zitternd hin und her, trennte ſich langſam in der Mitte, und durch die Offnung, welche auf dieſe Weiſe entſtand, erblickte Jone eine undeut⸗ liche und farbloſe Landſchaft, die aber, je mehr ſie hinſah, immer lebendiger und bunter wurde; zuletzt konnte ſie Baͤume, Fluͤſſe und Wieſen unterſcheiden, und die reizendſte Mannigfaltigkeit der herrlichſten Gegend bot ſich ihren Blicken dar. Bald erſchien auch ein menſchliches Weſen, anfangs ebenfalls un⸗ deutlich, und nur in ſchwachen Umriſſen; es blieb der Jone gegenuͤber ſtehn; nach und nach ſchien auch in ihm der Zauber wirkſam; die Geſtalt wurde deut⸗ licher, und in ihr erkannte Jone ihr eigenes Eben⸗ bild!— Jetzt verſchwand die Landſchaft, indem ſie wie durch einen Nebel verhuͤllt wurde, und es erſchien ein prächtiger Palaſt; in der Mitte ſeiner Eingangs⸗ halle ſtand ein Thron— ihn umgaben die unbe⸗ ſtimmten Formen von Sklaven und Wachen, und 94 eine weiße Hand hielt uͤber dem Throne eine Art von Diadem. Darauf erſchien eine andere menſchliche Geſtalt — ſie war von Kopf bis zu Fuͤßen in ein ſchwarzes Gewand gekleidet— das Geſicht war nicht zu erken⸗ nen— ſie kniete zu den Fuͤßen der Jone, faßte ihre Hand, und zeigte auf den Thron, als wolle ſie ſie einladen, ihn zu beſteigen. Das Herz der Neapolitanerin ſchlug heftig— „Soll die Geſtalt erkennbar werben?“ fluͤſterte eine Stimme neben ihr— es war die des Arbaces. „Ach, ja!“— erwiederte Jone. Arbaces erhob ſeine Hand— die Geſtalt ließ ihren Mantel fallen— und Jone ſchrie laut auf— es war Arbaces ſelbſt, der vor ihr kniete. „Dieſes iſt wirklich Dein Loos!“ fluͤſterte ihr wieder der Egyptier in das Ohr;„und Du biſt beſtimmt, die Braut des Arbaces zu ſein.“ Jone erſchrak, der ſchwarze Vorhang fiel und verbarg die Phantasmagorie; und Arbaces ſelbſt, der wirkliche, lebende Arbaces, lag ihr zu Füßen. „O, Jone,“ ſagte er mit dem Ausdruck der in⸗ nigſten Leidenſchaft,„höre mich an, der ich lange vergeblich mit meiner Liebe gekämpft habe. Ich bete Dich an! Die Sterne lügen nicht— Du biſt beſtimmt, die Meinige zu ſein— ich habe umher geſucht in der Welt, und Keine gefunden, die Dir gliche. Seit meiner Jugend ſehnte ich mich nach 95 einem weiblichen Weſen, wie Du. Bis ich Dich ſah, habe ich nur getraͤumt— ich wache jetzt und ich ſehe Dich. Wende Dich nicht von mir, Jone!—% beurtheile mich nicht mehr, wie bisher: ich bin nicht“ jener kalte, fuͤhlloſe, in ſich ſelbſt zuruͤckgezogene Mann, fuͤr den Du mich bisher gehalten haſt. Nie liebte Jemand treuer und inniger, als ich Dich lie⸗ ben werde. Ziehe Deine Hand nicht aus der meini⸗ gen— ſieh! ich laſſe ſie los. Nimm ſie zuruͤck⸗ wenn Du willſt— gut! es ſei ſo!— Aber weiſe mich nicht von Dir, Jone— weiſe mich nicht grau⸗ ſam von Dir— uͤberzeuge Dich von der Gewalt, die Du uͤber mich ausuͤbſt, wenn Du mich ſo ver⸗ wandeln kannſt. Ich, der niemals vor einem menſch⸗ lichen Weſen kniete, kniee vor Dir. Ich, der ich dem Schickſal geboten, erwarte das meinige von Dir. Zittre nicht, Jone, Du biſt meine Koͤnigin, meine Goͤttin— ſei meine Braut!— Alle Deine Wuͤnſche ſollen erfuͤllt werden. Alles ſoll Dir die⸗ nen— Glanz, Macht, Vergnuͤgen ſollen Deine Sklaven ſein. Arbaces wird von jetzt an keinen Ehrgeiz mehr haben, und ſeinen Stolz nur darin ſuchen, Dir zu gehorchen. Jone, blicke mich an mit dieſen himmliſchen Augen— entzuͤcke mich durch Dein Lächeln. Meine Seele iſt duͤſter, wenn Du Dein Antlitz von mir wendeſt, erleuchte mich, meine Sonne!— Jone, Jone, weiſe meine Liebe nicht zuruͤck!“— ———— 96 Jone fuͤhlte ſich, obgleich ſie ganz in der Ge⸗ walt dieſes ſeltſamen und fürchterlichen Mannes war, noch nicht beaͤngſtigt; ſie wurde beruhigt durch ſeine ſanfte Stimme und durch ſein noch ruͤckſichtsvolles Benehmen, und ihre eigene reine Tugend ließ ſie noch nicht das Schlimmſte befuͤrchten; doch ſie war verwirrt und erſtaunt, ſie mußte ſich einige Augen⸗ blicke auf eine Antwort beſinnen. „Stehe auf, Arbaces,“ ſagte ſie endlich; und ſie uberließ ihm wieder ihre Hand, die ſie jedoch ſchnell zuruͤckzog, als ſie den warmen Druck ſeiner Lippen auf ihr fuͤhlte.„Stehe auf, und wenn Deine Worte im Ernſte gemeint ſind“— „Wenn!“— ſagte er zaͤrtlich. „Nun denn, ſo hore mich; Du warſt mein Be⸗ ſchuͤtzer— mein Freund, mein Erzieher— auf dieſe neue Rolle war ich nicht vorbereitet— glaube nicht,“ — fuͤgte ſie ſchnell hinzu, als ſie ſeine ſchwarzen Augen in aller Gluth der Leidenſchaft rollen ſah. „Glaube nicht, daß ich Dir zurne— daß ich nicht geruͤhrt bin, daß ich mich nicht geehrt fuͤhle, durch Deine— Huldigung; aber ſprich, kannſt Du mich ruhig anhoͤren?“— „Ja, und wären Deine Worte auch Blitze, die mich vernichten koͤnnten!“— „Ich liebe einen Andern!“ ſagte Jone errothend, aber mit feſter Stimme. „Bei den Goͤttern— bei der Unterwelt!“— rie erh nic Jo ſuck übe wie nic der ſein He⸗ ar, ine lles ſie var en⸗ ſie nell pen orte 97 rief Arbaces, indem er zu ſeiner vollen Groͤße ſich erhob—„wage nicht, mir das zu ſagen— wage nicht, mit mir Spott zu treiben;— es iſt unmoͤglich! — wen haſt Du geſehn— wen kennen gelernt? O, Jone, es iſt ein weiblicher Kunſtgriff, den Du ver⸗ ſuchſt,— Du moͤchteſt Zeit gewinnen; ich habe Dich uͤberraſcht; ich habe Dich erſchreckt. Behandle mich, wie Du willſt— erklaͤre mir ſelbſt, daß Du mich nicht liebſt; aber ſage mir nicht, daß Du einen An⸗ dern liebſt!“— „Ach!“— ſeufzte Jone, und erſchreckt durch ſeine ploͤtzliche und unorwartete Heftigkeit, fing ſie an zu weinen. Arbaces naͤherte ſich ihr mehr— ſein Athem hauchte gluͤhend auf ihren Nacken; er ſchloß ſie in ſeine Arme— ſie ſuchte ſich ihm zu entwinden. In dieſem Kampf fiel eine kleine Tafel aus ihrem Bu⸗ ſen auf die Erde; Arbaces bemerkte es, und bemaͤch⸗ tigte ſich derſelben;— es war der Brief, den ſie an dem Morgen jenes Tages von Glaukus erhalten hatte. Jone ſank, halb todt vor Schrecken, auf das Ruhebette. Die Blicke des Arbaces durchliefen ſchnell das Schreiben; die Neapolitanerin wagte nicht, ihn anzuſehn; ſie bemerkte nicht die Leichenfarbe, die ſein Geſicht uͤberzog— ſie ſah nicht den drohenden Ausdruck ſeiner Zuͤge, das wilde Zucken ſeiner Lip⸗ pen, und das tiefe, ſchnelle Athmen ſeiner Bruſt. Er las den Brief bis zu Ende, darauf entfiel der⸗ Bulwer's Werke. Taſchenausg. II. 7 — ſelbe ſeiner Hand, und er ſagte in einem Tone ver⸗ achtender Gleichguͤltigkeit: „Iſt Jener, der dieſen Brief geſchrieben, der Mann, den Du liebſt?“— Jone ſeufzte, ohne zu erwiedern. „Sprich!“— ſchrie er mit wuͤthender Stimme. „Er iſt es— er iſt es“— „Und ſein Name— hier ſteht er— ſein Name 3 iſt Glaukus!“ Jons faltete die und ſah ſich um, wie nach Rettung und Huͤ „Dann hoͤre mich,“ ſagte Arbaces, indem er ſeine Stimme zu einem Gefluͤſter herabſtimmte; „Dich ſcl ehe das Grab umſchlingen, als ſeine Arme Dich um ſch hließen Was, glaubſt Du, Arbaees IS Nebenbuhler dulden, als dieſen läre ke mein Ei jener wilhen lag aller Unge⸗ der Jone uͤber in Ar⸗ zu ſa de do 99 Vorhang zuruͤckgezogen— doch er ergriff ſie wieder — nochmals entzog ſie ſich ihm, und fiel, erſchoͤpft und mit einem lauten Schrei, an dem Fußgeſtell der Säule nieder, auf welcher das Haupt der egyptiſchen Goͤttin ſtand. Arbaces ſuchte wieder zu Athem zu kommen, und darauf ſtuͤrzte er nochmals auf ſeine Beute zu. In dieſem Augenblick w zur Seite geriſſen, der Egyptier fuͤhlte durch eine kräftige Hand ſich an der Schulter ergriffen. Er ſah ſich um, und ſein Blick begegnete den flammen⸗ den Augen des Glaukus, und den bleichen, verlebten, en Ze Apaecides. ba“ murmelte er zwiſchen den Zaͤhnen, indem wechſel lnd Beide anſtarrte—„welche Furie geſendet?“— derte Glaukus, und mit wilder Wuth er den Egyptier. Zugleich hob Apaecides ſeine halb lebloſe Schweſter vom Boden; aber ſeine, nern des Geiſtes erſchoͤpften ſo leicht und zart gebaut ie fortz zutragen; er legte ſie auf ellte ſich, einen ſcharfen Dolch ſie, indem er den Kampf zwi⸗ kus und dem Egyptier beobachtete, bereit, ſeine Waffe in die Bruſt zu ſtoßen, ſiegen ſollte. Es gibt vielleicht nichts ſo der wilde Kampf blos „ ½ rde der Vorhang heftig * T 100 phyſiſcher Kraͤfte, ohne andere Huͤlfsmittel, als die, welche die Natur der Wuth und Rache gewaͤhrt. Beide Gegner hatten ſich umfaßt— die Hand eines Jeden ſuchte die Kehle des Andern,— den Kopf zuruͤckgebeugt— die wilden Augen funkelnd— alle Muskeln geſpannt— alle Adern geſchwollen— die Lippen zuſammengekniffen— die Zähne geſchloſſen; Beide hatten ungewohnliche korperliche Kraͤfte, Beide wurden beſeelt durch die grimmigſte Wuth; ſie wan⸗ den und ſchlangen ihre Glieder durch einander; ſie drängten ſich von dem einen Ende ihres beſchraͤnkten Kampfplatzes zum andern;— ſie ſtießen laute, ab⸗ gebrochene Töne der Wuth und der Rache aus;— jetzt befanden ſie ſich vor dem Altar— jetzt an dem Fuße der Säule, wo das furchterliche Ringen be⸗ gonnen hatte;— ſie ließen ſich los, um Athem zu ſchoͤpfen— Arbaces gegen die Säule gelehnt— Glaukus einige Schritte zurucktretend. „O, ehrwuͤrdige Gottin!“— ſprach Arbaces, indem er die Saͤule umfaßte, und ſeine Blicke zu dem heiligen Haupte erhob, welches ſie trug—„be⸗ ſchutze Deinen Auserwählten, verkuͤnde Deine Rache gegen dieſen Abtruͤnnigen von Deinem uralten Glau⸗ ben, der mit läſternder Gewalt Dein Heiligthum ſchäͤndet, und Deinen Diener angreift.“— Wäh⸗ rend er dieſes ſprach, ſchienen die ruhigen Zuͤge der Göͤttin ploͤtzlich belebt zu werdenz in dem ſchwarzen Marmor ergluͤhte, wie durch einen Schleier, ein — — wan⸗ z ſie nkten „ab⸗ 63— dem n be⸗ m zu — baces, ke zu „be⸗ Rache Glau⸗ thum Wäh⸗ e der arzen „kir 101 roͤthliches und lebhaftes Licht,— um den Kopf zuckten feurige Ausſtroͤmungen, wie flammende Blitze— die Augen ſchienen in drohender Rache auf den Griechen gerichtet.— Die Wangen des Glaukus, der durch dieſe ſchnelle und myſtiſche Ant⸗ wort auf die Anrufung ſeines Feindes ergriffen und beſtuͤrzt wurde, und nicht ganz frei von dem ange⸗ ſtammten Aberglauben ſeiner Vorfahren war,— er⸗ bleichten vor dieſer unheimlichen und unerwarteten Belebung des Marmors— ſeine Kniee zitterten; ein paniſcher Schrecken ſchien ſich ſeiner bemaͤchtigt zu haben, und er ſtand verwirrt und verlegen vor ſeinem Feinde. Arbaces ließ ihm nicht Zeit, ſich von ſeiner überraſchung zu erholen. „Stirb, Verworfener!“ rief er mit donnernder Stimme, indem er auf den Griechen zuſprangs;— „die erhabene Mutter ſelbſt verlangt Dich als ihr Opfer!“— Indem Glaukus in der erſten Verwirrung ſeiner aberglaͤubiſchen Furcht die Geiſtesgegenwart verloren hatte, wich er zuruͤck; der marmorne Fußboden war glatt wie Glas— er glitt aus— er fiel. Arbaces ſetzte den Fuß auf die Bruſt ſeines gefallenen Fein⸗ des. Apaecides jedoch, der ſich durch die Wunder des Egyptiers nicht mehr verblenden ließ, und ſchon durch die Erfahrungen, welche er in der kurzen Zeit ſeines prieſterlichen Berufs geſammelt, ſich nicht mehr ſo leicht tauſchen ließ, hatte ſich nicht ſo uͤber⸗ 102 raſchen laſſen, wie ſein Gefaͤhrte— er ſtuͤrzte mit gezuͤcktem Dolche vorz Arbaces faßte jedoch ſeinen Arm, als Jener ausholte; ein Griff ſeiner ſtarken Fäuſt entriß die Waffe der kraftloſen Hand des Prie⸗ ſters; ein fuͤrchterlicher Schlag ſtreckte ihn zu Bo⸗ den;— und mit frohlockenden und drohenden Ge⸗ berden ſchwang Arbaces den Dolch in der Luft— Gläukus ſah mit feſtem Blick ſeinem Schickſal ent⸗ gegen, wie ein fallender Gladiator;— als plotzlich in jenem verhaͤngnißvollen Moment die Erde unter ihnen erbebte— ein mächtigerer Geiſt, als der des Egyptiers, verkuͤndete ſeine Nähe,— eine zerſtoͤrende Rieſenmacht, vor der ſeine Leidenſchaften in ihr Nichts verſanken. Zener fuͤrchterliche Dämon des Erdbebens erwachte, und erhob ſich, ſpottend ſowohl der Bosheit menſchlicher Wuth, als der Taͤuſchun⸗ gen menſchlicher Liſt. Wie ein Titan, uͤber dem Berge aufgethuͤrmt liegen, ſtand jener Dämon auf aus dem jahrelangen Schlaf— er bewegte die Erde, die ihn begraben hatte— die Hoͤhlen der Tiefe wurden erſchuͤttert, als er ſeine Glieder ausdehnte. Der ſich ſelbſt uͤberſchatzende Halbgott wurde in den Staub erniedrigt, in dem Augenblick, da er ſich groß und mächtig duͤnkte.— ülberall hoͤrte man unter der Erde ein dumpfes Getoͤſe— die Vorhaͤnge des Zimmers flogen in die Hoͤhe, als ob ein Sturmwind ſie ergriffen haͤtte— der Altar wankte— der Drei⸗ fuß fiel hinab— und hoch uͤber dem Kampfplat 5 de rne (o 2 R 8 Grabes; das Blut ſtr ſie gekommen 1 Glaukus trug — 104 ſpotten ſchienen;— ſie beachteten die Fremden nicht, und waren nur mit ihrer eigenen Rettung beſchäftigt. Nach einer ungetruͤbten Ruhe von ſech⸗ zehn Jahren drohte jener treuloſe, unſichere Boden wieder mit Vernichtung; von allen Seiten horte man nur das Geſchrei:„das Erdbeben! das Erd⸗ beben!“— Apaecides und ſeine Gefährten ſchrit⸗ ten, ohne aufgehalten zu werden, das Haus nicht betretend, durch eine der Alleen, gingen durch eine kleine geoffnete Thuͤre, und indem ſie ſich auf einen niedrigen Huͤgel ſetzten, auf dem die dunklen Blät⸗ ter der Aloe glanzten, beleuchtete der Strahl des Mondes auch die darniedergebeugte Geſtalt des blin⸗ den Mädchens, welches bittere Thränen weinte. —— e 2 c 2——+— c e Anmerkung zum zweiten Buch. 1) Seite 78. In den erſten Jahren der chriſtlichen Zeitrechnung wurde die heidniſche Philoſophie, beſonders die des Pythagoras und des Plato, entſtellt und ernie⸗ drigt, nicht allein durch den wildeſten Myſticismus, ſondern auch durch die ſonderbarſten Traͤumereien der Magie. Pythagoras verdiente in der That auch kaum ein beſſeres Schickſal, denn, obgleich ein ſehr maͤßiger Mann, war er doch ganz dazu geeignet, der Vater einer Schule von Magiern zu werden. Pythagoras ſelbſt be⸗ ſchaͤftigte ſich entweder mit der Magie, oder er gab vor, ſie zu kennen, und ſeine Anhaͤnger erzaͤhlten wunder⸗ bare Geſchichten, wie er auf die Scheibe des Mondes geſchrieben habe, und an verſchiedenen Orten zu gleicher Zeit erſchienen ſei. Seine goldnen Regeln und ſeine goldnen Haͤfte wurden in Groß⸗Griechenland beſonders verehrt, und aus ſeiner Lehre von den geheimnißvollen Zahlen entwickelten ſeine Schuͤler manches andere ge⸗ heime Wiſſen. Der bemerkenswertheſte der Magier, die auf ihn folgten, war Apollonius von Tyana, deſſen ſpaͤter im Text erwaͤhnt wird. Seine Geburt ſchon wurde durch alle moͤglichen Wunder ausgezeichnet. Pro⸗ teus, die egyptiſche Gottheit, verkuͤndete ſeiner Mut⸗ ter, noch ehe er geboren wurde, daß er ſelbſt(Pro⸗ teus) in ihrem Kinde wieder auf der Welt erſcheinen werde. Hiernach konnte es allerdings nicht befremden wenn dieſer Proteus ſich ſo vielfach verwandeln konnte! — Apollonius kannte die Sprache der Voͤgel, er er⸗ gruͤndete die Gedanken der Menſchen, und wurde ſtets durch einen spiritus familiaris begleitet. Er vermochte inſt den Pöbel, einen armen Demon von ehrwuͤrd Anſehn zu ſteinigen, der nach dieſer Operation ſich in einen großen Hund verwandelte.— Er machte die Tod⸗ ten wieder lebendig, brachte eine Nacht mit dem Achil⸗ les zu, und als Domitian ermordet wurde, rief er laut, obgleich er ſich in dieſem Augenblick grade zu Epheſus befand:„Nieder mit dem Tyrannen!“— Der Tod eines ſo ehrwürdigen und großen Mannes war ſeines Lebens wuͤrdig. Er ſcheint lebendig in den Pimmel ge⸗ fahren zu ſein. Ließ ſich weniger von einem Manne erwarten, der den Teufel geſteinigt hatte?— Sollte irgend ein engliſcher Schriftſteller einen neuen Fauſt ſchreiben wollen, ſo empfehle ich ihm den Apollonius⸗ Doch die Magier dieſer Art waren Philoſophen!— vortreffliche und fromme Männerz es gab noch andere, deren Wiſſen düſtrer und ſchäͤdlicher war, die Anhaͤnger der goetiſchen Magie, oder mit andern Worten, der ſchwarzen Kunſt. Sowohl die goetiſche, als die theur⸗ giſche Magie ſcheinen egyptiſchen Urſprungs zu ſein; und es iſt wenigſtens ſicher, bdaß ihre Anhänger einen Stolz darin ſuchten, ihre Hauptgeheimniſſe aus jener uralten Quelle herzuleiten. Ich bin daher durchaus dem Geiſte der Zeit treu geblieben, indem ich dem Arbaces das Wiſſen und den Ruf eines Magiers⸗ und aſtrolo⸗ giſche Kenntniſſe beilege. Er ſiellt dieſe Richtung jenes Zeitalters charakteriſtiſch dar. Es war ſchon einmal meine Abſicht, mehr als es geſchehen iſt, die Anſpruͤche des Arbaces auf die Meiſterſchaft in ſeiner Kunſt zu entwickeln, und den Leſer mit den verſchiedenen Sau⸗ w eb He ger „8 gel lor bekannt zu machen. Je m ich des Egyptiers bearbeitete, um eſto mehr fuͤhlte ich⸗ dat es noͤthig:„ſparſam mit Maſchinerie Dant ſei es dem „Zeder jet 2 tbates s wurt re daß eine zu Wiederholung d rein phyſiſchen Motive ſeiner Erſcheinung t Eintrag gethan haben wuͤrde. Ich ließ ihn daher ite i den einfacheren Kuͤnſten ſeiner darlegen, und den ſubtileren T en und Dunkel verborgen blei 3 di des Veſuvs betrifft ie im zweiten ten wird), ſo wie ihre Zaubereien * 5 b der auftret e, ihre Hoͤhle und ihre Attribüte, ſo iſt auch alles dieſes, wenn auch uns im Norden jetzt bekannter, s der Zeit und dem Lande entnommen. Einer von leichtſinnigerem Charakter, und weniger tu⸗ tten, wird ſich der gelehrte Leſer aus dem „goldenen Eſel“ des Apulejus erinnern, und dem nicht gelehrten Leſer kann die gelungene überſetzung von Ta pfohlen werden. — Die letzten Dage von Pompeji. Drittes Bucch. — ölé, Zeldc, Pods zc6 7 oreiooct o a, tov, T xorl 9 Eadn, Thw xch oxlxeg 100 coyrt, 5 oyohevu vex dwd ole, ncc elen ai. Xg, Excre doonijrt, zc eg 1elos duu 6ncee, Pcouuxc uh Soouc0 Zoslov nte? Kioxs. PTheocrit Erstes Das Forum math betrachten; es war ieb 6 112 mehrere Gruppen verſammelt, und meiſt in jener lebendigen unterhaltung begriffen, die fur jedes Wort ein Zeichen hat, und noch jetzt ein unterſcheidendes Merkmal der Volker des Suͤdens bildet. Auf der einen Seite des Säulenganges ſaßen in ſieben Bu⸗ den die Wechsler, welche glänzende Geldhaufen vor ſich aufgethuͤrmt hatten, und Kaufleute und See⸗ maͤnner drängten ſich in ihren verſchiedenen Trach⸗ ten um jene Buden.— An der einen Seite ſah man mehrere Maͤnner in langen Toga's*) einem ſtattlichen Gebäude zueilen, in welchem offentliches Gericht gehalten wurde— dieſes waren die Juſtiz⸗ beamten— munter, plaudernd und ſcherzend, wie man ſie noch heutiges Tages in Weſtminſter ſieht. In der Mitte des Platzes ſtanden mehrere Statuen auf Piedeſtalen, unter denen die bemerkenswertheſte die des Cicero war. Ein regelmäßiger und ſym⸗ metriſcher Süulengang von bocher Bauart umgab den Hof, und Mehrere, welche ihre Geſchäfte hierher gerufen hatten, genoſſen dort ihr maͤßiges Fruͤhſtuͤck, indem ſie ſich lebhaft uͤber das Erdbeben in der vo⸗ rigen Nacht unterhielten, während ſie kleine Brod⸗ ſtuͤcke in ihren verduͤnnten Wein tunkten. Auch be⸗ *) Die Toga wurde noch, nachdem ſie bei den ubri⸗ gen Buͤrgern außer Gebrauch gekommen, durch die Juſtizbeamten und die Klienten, wenn ſie ihre Patrone begleiteten, beibehalten. nig gen Beſ Leſi Zer iſt, er es u⸗ merkte man in dem offenen Raume mehrere Kraͤmer, die ihre Waaren zum Verkauf ausboten. Hier em⸗ pfahl der Eine einem ſchonen Mädchen vom Lande bunte Baͤnder; dort ruͤhmte ein Anderer einem kräf⸗ tigen Pachter die Dauerhaftigkeit und Vortrefflich⸗ keit ſeiner Schuhe; ein Dritter, eine Art von Bu⸗ den⸗Reſtaurateur, die noch jetzt in italieniſchen Städ⸗ ten ſo haͤufig ſind, verſorgte manchen hungrigen Magen mit warmen Speiſen aus ſeiner kleinen, wandernden Garkuͤche; während nahe bei— ein ſeltſamer Gegenſatz und ein ſprechendes Bild der Vereinigung materiellen und geiſtigen Lebens jener Zeit— ein Schulmeiſter ſeine Knaben in den An⸗ fangsgruͤnden der lateiniſchen Grammatik*) unter⸗ richtete. Auch auf einer Gallerie uͤber dem Säulen⸗ gang, zu der eine ſchmale hoͤlzerne Treppe fuͤhrte, draͤngte ſich die Menge, obgleich, da hier die große⸗ ren Geſchaͤfte abgemacht wurden, die verſchiedenen Gruppen einen ruhigern und ernſtern Anblick dar boten. *) In dem Muſeum zu Neapel befindet ſich ein we⸗ nig bekanntes Gemaͤlde, welches eine Seite des damali⸗ gen Forums zu Pompeji darſtellt, und das bei dieſer Beſchreibung mir ſehr nuͤtzlich war. Meinen juͤngern Leſern kann es einen gelehrten Troſt gewähren, daß die Zeremonie des Whippens von ſehr hohem Alterthum iſt, und auf dem Forum zu Pompeji mit aller geſetzli⸗ chen Strenge oͤffentlich ſcheint vollzogen worden zu ſein. Bulwer's Werke. Taſchenausg. II. 8 114 Die Menge unten machte dann und wann ehr⸗ furchtsvoll Platz, wenn ein Senator vorbeiging, der ſich nach dem Tempel des Jupiter begab— Gieſer nahm eine Seite des Forums ein, und war der Ver⸗ ſammlungsort der Senatoren)— und herablaſſend diejenigen ſeiner Freunde und Klienten begruͤßte, die er bemerkte. Auch ſah man bisweilen die kräftigen Geſtalten der benachbarten Paͤchter, wie ſie nach den oͤffentlichen Getreidemagazinen gingen. Dicht bei dem Tempel erhob ſich der Triumphbogen, und man ſah von hier die lange, mit Menſchen gefullte Straße hinab. In einer Niſche des Triumphbogens ſpielte des Strahl eines Springbrunnens in der Sonne, und oberhalb des Geſimſes ſchaute die bronzene Statue des Caligula zu Pferde herab, einen duͤſtern Gegenſatz mit dem freundlichen Tageslicht bildend. Hinter den Buden der Wechsler ſtand jenes Gebaͤude, welches jetzt das Pantheon genannt wird, und eine Menge armer Pompejaner traten durch die enge Vorhalle ein, die in das Innere fuͤhrte, und dräng⸗ ten ſich mit Koörben unter dem Arm nach einet Plattform zwiſchen zwei Saulen, wo diejenigen Nah⸗ rungsmittel, welche die Prieſter von den Opfern uͤbrig behalten hatten, zum Verkauf ausgeboten wurden. An einem der, fuͤr die oͤffentlichen Angelegenhei⸗ ten der Stadt beſtimmten Gebäude waren die Ar⸗ beiter mit Vollendung der Säulen beſchäftigt, und —— S— Geraͤuſch der Menge hervorſchallen;— die Säu⸗ len ſind bis auf den heutigen Tag un⸗ vollendet!— Es konnte nichts mannichfaltiger ſein, als das Schauſpiel, welches die verſchiedenen Trachten, die Sitten und die Beſchäftigungen dieſer Menge dar⸗ bot; nichts konnte lebendiger ſein, als das muntere Treiben an dieſem Orte. Man erblickte dort alle die einfachen Zeichen einer draͤngenden und fieberhaf⸗ ten Civiliſation; wo das Vergnuͤgen und die Ge⸗ ſchaͤfte, der Muͤßiggang und die Arbeit, die Geld⸗ gierde und der Ehrgeiz ihre rauſchenden Stroͤme in ein großes Meer ergoſſen. Vor den Stufen des Jupitertempels ſtand, mit uͤbereinander geſchlagenen Armen und mit Mienen, welche Verachtung und unwillen ausdruͤckten, ein Mann in dem Alter von ungefaͤhr 50 Jahren. Sein Anzug zeichnete ſich durch Einfachheit aus, nicht ſo ſehr in dem Stoffe ſeines Gewandes, als beſonders dadurch, daß man keine von jenen Zier⸗ rathen an ihm ſah, mit welchen ſich die Pompeja⸗ ner von jedem Stande ſchmuͤckten, theils aus Eitel⸗ keit, theils auch, weil jene Zierrathen meiſt in den Formen gearbeitet waren, die als die wirkſamſten gegen die Einfluͤſſe des boͤſen Auges(*) und gegen magiſche Verzauberungen galten. Seine Stirn war hoch und kahl, die wenigen Locken am Hinterhaupte 8* man hoͤrte das Klopfen ihrer Haͤmmer unter dem 1¹6 wurden durch eine Art von Kaputze verſteckt, die ei⸗ nen Theil ſeines Kleides bildete, und nach Gefallen uͤber den Kopf oder herab gezogen werden konnte; jetzt aber als ein Schutz gegen die Sonnenſtrahlen den Kopf zur Hälfte bedeckte. Sein Gewand war braun, eine bei den Pompejanern nicht ſehr beliebte Farbe, da alle Schattirungen zwiſchen der Schar⸗ lach⸗ und Purpur⸗Farbe ſorgfältig vermieden wur⸗ den. An ſeinem Guͤrtel hing ein kleines Gefäß fuͤr Tinte und noch andere Schreibmaterialien. Auffal⸗ lend war es, daß man keine Geldboͤrſe ſah, die faſt in keinem Guͤrtel vermißt wurde— ſelbſt wenn ſie ungluͤcklicherweiſe leer war!— Nur ſelten pflegten die ſo geſchäftigen und durch ihre eigenen Angelegen⸗ heiten zu ſehr in Anſpruch genommenen Pompejaner die Handlungen und das Benehmen Anderer zu be⸗ obachten, doch es zeigte ſich in den Zuͤgen dieſes Mannes ein ſo bitterer Ausdruck der Verachtung, als er die feierliche Prozeſſion betrachtete, welche die Stufen des Tempels hinauf zog, daß er die Auf⸗ merkſamkeit Mancher nothwendig erregen mußte. „Wer iſt jener Zyniker?“ fragte ein Kaufmann ſeinen Gefährten, einen Juwelier. „Es iſt Olinthus,“ erwiederte dieſer,„man hält ihn fuͤr einen Nazarener.“ Der Kaufmann erſchrak.„Eine gefährliche Sekte,“ ſagte er mit leiſer und aͤngſtlicher Stimme. „Man behauptet, daß in ihren naͤchtlichen Verſamm⸗ —§— c—— 117 lungen ſie jedesmal ihre Zeremonien mit der Er⸗ mordung eines neu geborenen Kindes beginnen: auch bekennen ſie ſich zu einer Einheit der Gotter— die Elenden!— eine Einheit der Goͤtter! was wuͤrde aus den Kaufleuten und den Juwelieren werden, wenn ſolche Glaubensartikel allgemein wurden?“ „Das iſt ſehr wahr,“ ſagte der Juwelier, „uͤberdem tragen ſie keine Juwelen— ſie murmeln Bezauberungen, wenn ſie eine Schlange ſehn, und in Pompeji ſind alle unſere Verzierungen ſchlan⸗ genartig.“ „Bemerkt nur,“ ſagte ein Dritter, der ein Bron⸗ zearbeiter war,„wie jener Nazarener die Feierlich⸗ keit jener Opferprozeſſion verhöhnt. Er verflucht gewiß innerlich den Tempel. Weißt Du wohl, Cel⸗ ſius, daß dieſer Menſch, als er vor einigen Tagen an meiner Bude vorbei ging, und mich an einer Statue der Minerva arbeiten ſah, mir wuͤthend er⸗ klärte, daß, wenn es Marmor wäre, er ſie zerbro⸗ chen haben wuͤrde; doch die Bronze war ihm zu ſtark.„Eine Göoͤttin willſt Du vernichten?“ ſagte ich.„Eine Goͤttin!“ erwiederte der Atheiſt,„es iſt ein Däͤmon, ein boͤſer Geiſt.“— Darauf ſetzte er, meine Arbeit verfluchend, ſeinen Weg fort. Iſt ſo etwas wohl zu dulden? Es iſt kein Wunder, daß in der letzten Nacht ſich die Erde ſo ſchrecklich er⸗ hob; ſie wollte den Atheiſten in die Luft ſchleudern. 118 Ein Atheiſt, ſage ich? noch etwas Schlimmeres— ein Verächter der ſchoͤnen Kuͤnſte!— Wehe uns Bronzefabrikanten, wenn Menſchen, wie dieſer, erſt Macht hätten, und Geſetze geben duͤrften!“ „Dieſes ſind die Mordbrenner, die unter dem Kaiſer Nero Rom anzuͤndeten,“ ſagte der Juwelier. Waäͤhrend dieſer durch das Benehmen und den Glauben des Nazareners hervor gerufenen Bemer⸗ kungen ſah auch Olinthus, daß man ihn beobachtete; er ſchaute ſich um, und indem er die ihn angaffende Menge einen Augenblick, anfangs mit einem Aus⸗ druck des Trotzes, darauf des Mitleidens, angeblickt, ſchlug er ſein Gewand um ſich, und entfernte ſich langſam, indem er hoͤrbar murmelte:„Ihr betroge⸗ nen Göͤtzendiener!— hat Euch das Erdbeben der letzten Nacht nicht gewarnt? Ach! wie wird es Euch an jenem Tage ergehn?“— Die Menge, welche dieſe drohenden Weiſſagungen hoͤrte, legte ſie ſich verſchieden aus, je nachdem Un⸗ wiſſenheit oder Furcht ſie bewegte; Alle jedoch glaub⸗ ten, daß ſie eine ſchreckliche Verwuͤnſchung enthiel⸗ ten. Sie betrachteten den Chriſten als den Feind des menſchlichen Geſchlechts; die Scheltworte, mit denen ſie ihn uͤberhaͤuften, unter denen„Atheiſt“ noch das guͤnſtigſte und häufigſte war, können viel⸗ leicht dazu dienen, uns, die wir denſelben, jetzt triumphirenden Glauben haben, duldſam hinſichtlich der Meinungsverfolgungen zu machen, und uns ab⸗ 1¹9 zuhalten, Diejenigen, deren Anſichten von den unſri⸗ gen verſchieden ſind, ſo zu behandeln, wie in jenen Tagen es den Vätern unſeres Glaubens widerfuhr. Als Olinthus durch die Menge ſchritt und einen der weniger beſuchten Ausgaͤnge des Forums erreichte, pemerkte er ein bleiches und ernſtes Antlitz, welches ihn beobachtete, und das er bald erkannte. Der junge Apaecides, gehuͤllt in ein Pallium, das theilweiſe ſein heiliges Prieſtergewand verbarg, heftete ſeine Blicke auf den Schuͤler jenes neuen und geheimnißvollen Glaubens, zu dem er einſt ſelbſt ſchon halb bekehrt worden war. „Iſt er auch ein Betruͤger?— Verbirgt auch dieſer Mann, der ſo einfach in ſeinem Leben, in ſeinem Anzuge, in ſeiner ganzen Erſcheinung iſt,— verbirgt auch er, wie Arbaces, unter dem Deckman⸗ tel ſtrenger Enthaltſamkeit nur ſeine uͤppige Sinn⸗ lichkeit? Sind auch hier unter dem Schleier der Veſta die Laſter der Verworfenheit verborgen?“— Olinthus, der gewohnt war, mit Menſchen aus allen Klaſſen umzugehn, und mit der Begeiſterung ſeines Glaubens eine tiefe Menſchenkenntniß verband, errieth vielleicht aus den Zuͤgen des Prieſters Eini⸗ ges von Dem, was in ſeiner Bruſt vorging. Er vegegnete mit heiterer und offener Stirn und mit feſtem Blick dem des Apaecides. „Friede ſei mit Dir!“— ſagte er, indem er ihn gruͤßte. 120 „Friede!“ wiederholte der Prieſter, in einem ſo hohlen Tone, daß der Nazarener ſich geruͤhrt fuͤhlte. „In jenem Wunſche,“ fuhr Olinthus fort,„iſt alles Gute vereinigt— ohne Tugend kannſt Du kei⸗ nen Frieden haben. Wie der Regenbogen ruht der Friede auf der Erde, doch der Bogen ſelbſt erhebt ſich in den Himmel! Der Himmel ſchmuͤckt ihn mit ſeinem Farbenſpiel— er entſteht unter Wolken und Thränen,— er iſt ein Widerglanz der ewigen Sonne, ein Buͤrge des Friedens und der Ruhe; er iſt ein Zeuge des großen Vermittlers zwiſchen Gott und den Menſchen. Dieſer Frieden, o, junger Mann! iſt das Lächeln des Geiſtes; es iſt ein Ausfluß von der fernen Sonne des unſterblichen Lichts. Friede ſei mit Dir!“— „Ach!“ begann Apaecides, als er die Neugieri⸗ gen bemerkte, welche erforſchen zu wollen ſchienen, was ein Nazarener und ein Prieſter der Iſis ſich zu ſagen haben koͤnnten. Er hielt inne, und fuͤgte mit leiſer Stimme hinzu:„Wir konnen uns hier nicht unterhalten; ich werde Dir an die ufer des Fluſſes folgen; es iſt dort ein Spaziergang, der um dieſe Zeit gewoͤhnlich einſam iſt.“ Olinthus nickte bejahend. Er ging mit ſchnellen Schritten, aber mit beobachtenden Augen durch die Straßen. Hin und wieder wechſelte er einen aus⸗ drucksvollen Blick oder ein kaum bemerkbares Zeichen mit einem Vorbeigehenden, aus deſſen Anzug ge⸗ ⸗ 121 woͤhnlich zu ſchließen war, daß er zu den niederen Klaſſen gehöre. Denn das Chriſtenthum bot dieſelbe Erſcheinung, wie alle andern, ſelbſt weniger bedeu⸗ tenden Veraͤnderungen dar— die Kraft des Glaubens entwickelte ſich zuerſt in den Herzen des Volkes. Der maͤchtige Strom, welcher ſpaͤterhin auch die Staͤdte und Palaͤſte beſuchte, hatte ſeine vernachläſſigte Quelle in den Huͤtten der Armuth und des Fleißes. t 1 Zweites Rapitel. e Die Waſſerfahrt. „Aber erzaͤhle mir, Glaukus,“ ſagte Jone, als ſie in ihrer Gondel den Sarnus hinab fuhren,„wie kamſt Du mit Apaecides zu meiner Rettung?“— „Frage die Nydia“— erwiederte der Athenien⸗ ſer, indem er auf das blinde Mädchen zeigte, die in einiger Entfernung ſaß, und nachdenkend an ihre Lyra ſich lehnte.—„Ihr mußt Du danken, nicht uns. Sie ſcheint mich in meinem Hauſe geſucht zu haben, und als ſie mich nicht fand, eilte ſie nach dem Tempel zu Deinem Bruder; er begleitete ſie nach der Wohnung des Arbaces; unterwegs trafen 122 ſie mich in einer Geſellſchaft von Freunden, denen ich mich angeſchloſſen hatte, weil Dein freundlicher Brief mich in eine ſo begluͤckende Stimmung ver⸗ ſetzte. Das ſcharfe Gehoͤr der Rydia unterſchied bald meine Stimme— einige Worte genuͤgten, mich von Allem zu unterrichten;— ich ſagte meinen Gefähr⸗ ten nicht, weshalb ich ſie verließe— konnte ich ihren geſchwätzigen Zungen und ihrem Leichtſinn Dei⸗ nen Namen anvertrauen?— Nydia fuͤhrte uns an die Gartenthuͤre, aus der wir Dich ſpäter hinaus trugen— wir traten ein, und waren im Begriff, in die Geheimniſſe jenes ſchrecklichen Hauſes einzu⸗ dringen, als wir Dein Geſchrei in einer andern Richtung hoͤrten. Das übrige iſt Dir bekannt!“— Jone erroͤthete; darauf erhob ſie ihre Blicke zum Glaukus, und er las in ihnen alle jene Dank⸗ barkeit, welche ſie auszuſprechen fähig waren.„Komm hierher, meine Nydia,“ ſagte ſie zärtlich zu der Theſ⸗ ſalierin.„Habe ich Dir nicht geſagt, Du ſolleſt meine Schweſter und Freundin ſein? Biſt Du mir nicht ſchon mehr geweſen, meine Beſchuͤtzerin, meine Retterin?“— „Es iſt eine Kleinigkeit,“ erwiederte Nydia gleich⸗ guͤltig, ohne ſich von ihrem Platze zu bewegen.“ „Ach, ich vergaß,“ fuhr Jone fort,„ich muß zu Dir kommen,“ und ſie begab ſich zur Nydia, ſie feſt umſchlingend, und ihre Wangen mit Kuͤſſen be⸗ deckend. he ſp ein un es ter unt Nydia war an dieſem Morgen bleicher als ge⸗ woͤhnlich, und noch bleicher faͤrbte ſich ihr Antlitz, als die ſchoͤne Neapolitanerin ſie umarmte. göber wie kam es, Nydia,“ fluͤſterte Jone,„daß die Ge⸗ fahr, der ich entgangen bin, Dir ſo genau bekannt war?— Wußteſt Du etwas von dem Egyptier?“ „Ja, ich kannte ſein laſterhaftes Treiben!“ „Und woher?“ „Edle Jonez ich war eine Sklavin der Laſter⸗ haften— die, denen ich diente, waren ſeine Ge⸗ hulfen.“ „Und Du warſt in ſeinem Hauſe, da jener ge⸗ heime Eingang Dir ſo gut bekannt war?“— „Ich habe beim Arbaces auf meiner Lyra ge⸗ ſpielt,“ erwiederte die Theſſalierin verlegen. „Und Du biſt,“ fragte die Neapolitanerin mit einer zu leiſen Stimme, als daß ſie das Ohr des Glaukus hätte erreichen koͤnnen,„der Gefahr ent⸗ gangen, aus der Du mich gerettet haſt?“— „Edle Jone, ich bin weder ſchon, noch vornehm; ich bin ein Kind, und eine Sklavin, und blind. Sicher ſind diejenigen, welche verachtet werden.“ Nydia erwiederte dieſe demuthigen Worte mit unwilligem und ſtolzem Tone, und Jone fuͤhlte, daß es fuͤr das arme Madchen verletzend ſein werde, wei⸗ ter uber dieſen Gegenſtand zu ſprechen. Sie ſchwieg, und die Gondel erreichte jetzt die See. „Du wirſt mir Recht geben, Jone,“ ſagte Glau⸗ ——— 124 kus,„wenn ich Dich vermochte, dieſen ſchoͤnen Mor⸗ gen nicht in Deinem Zimmer zuzubringen.“ SMu hatteſt Recht, Glaukus,“ fiel Nydia ſchnell ein. „Das liebe Kind antwortet fuͤr Dich,“ erwie⸗ derte der Athenienſer.„Erlaube mir jedoch, Dir gegenuͤber zu ſitzen, ſonſt möchte unſere leichte Gon⸗ del das Gleichgewicht verlieren.“ Indem er dieſes ſprach, ſetzte er ſich Jonen ge⸗ genuͤber, und es ſchien ihm, daß es ihr Athem ſei, und nicht die Sommerluft, welche ſo voll Wohlge⸗ ruch ihn anwehte. „Du wollteſt mir erzaͤhlen,“ ſagte Glaukus, „weshalb Dein Haus mir ſo viele Tage verſchloſſen blieb?“ „Oh, denke nicht mehr daran!“ erwiederte Jone ſchnell,„ich war ſo thoͤricht, eine Zeit lang der Verläumdung Glauben zu ſchenken.“ „Und mein Verläumder war der Egyptier?“ Jones Stillſchweigen bejahte dieſe Frage. „Seine Beweggruͤnde ſind einleuchtend genug.“ „Rede nicht mehr von ihm,“ fiel Jone ein, in⸗ dem ſie das Geſicht mit den Händen bedeckte, als wolle ſie jeden Gedanken an ihn verbannen. „Vielleicht wandert ſein Schatten ſchon an den ufern des Styr,“ ſagte Glaukus,„doch in dieſem Falle wuͤrden wir wahrſcheinlich von ſeinem Tode gehoͤrt haben. Auch auf Deinen Bruder hat, wie —— es mir ſcheint, ſein finſteres Gemuͤth gewirkt. Als wir in jener Nacht an Deinem Hauſe ankamen, ver⸗ ließ er mich plotzlich. Sollte er jemals aufhören, mein Freund zu ſein?“— „Es nagt an ihm irgend eine geheime Sorge,“ erwiederte Jone traurig.„Koͤnnten wir ihn doch wieder aufheitern. Laß uns vereinigt es ver⸗ ſuchen.“— „Ich werde ihn wie einen Bruder behandeln,“ erwiederte der Grieche. „Wie ruhig“— ſagte Jone, indem ſie die duͤſtern Gedanken zu verbannen ſchien, welche das Schickſal des Apaecides in ihr erregt hatten—„wie ruhig ſchweben die Wolken am Himmel, und doch ſagtet Ihr mir, denn ich ſelbſt wußte es nicht, daß in der vergangenen Nacht ein Erdbeben geweſen ſei.“ „Allerdings, und es war heftiger, als jenes vor ſechzehn Jahren. Das Land, in dem wir leben, verbirgt noch manchen geheimnißvollen Schrecken, und das Reich des Pluto, welches unter unſern ver⸗ brannten Feldern ſich ausdehnt, ſcheint in unſicht⸗ barer Aufregung begriffen. Fuͤhlteſt Du nicht das Erdbeben, Nydia, an jener Stelle, wo Du in der vorigen Nacht ſaßeſt, und war es nicht die Furcht, die Dir damals Thränen entlockte?“— „Ich fuͤhlte die Erde,“ antwortete Nydia,„wie eine ungeheure Schlange ſich unter mir heben, doch da ich nichts ſah, ſo hatte ich auch keine Furcht; 126 ich glaubte, daß jene Erſchuͤtterung ein Zauber des Egyptiers ſei. Viele behaupten, er koͤnne den Ele⸗ mentgn gebieten.“ „Du biſt eine Theſſalierin, meine Nydia,“ er⸗ wiederte Glaukus,„und haſt daher das Recht, an Zaubereien zu glauben.“ „Zaubereien— wer glaubt nicht daran?“— fragte Nydia—„glaubſt Du nicht an Zaube⸗ reien?“— „Vor der Nacht, in welcher ein nekromantiſches Wunder mich allerdings uͤberraſchte, glaubte ich an keine andern Zauberkraͤfte, als an die der Liebe!“— ſagte Glaukus mit zitternder Stimme, und indem er ſeine Blicke auf Jonen heftete. „Ach!“— ſagte Nydia, indem eine Art von Schauder ſie erfaßte, und unwillkuͤhrlich griff ſie einige Toͤne auf ihrer Lyra. „Spiele uns etwas vor, theure Nydia,“ ſagte Glaukus,„und ſinge eines Deiner alten theſſaliſchen Lieder; es moͤge von Zaubereien handeln, oder nicht, wie Du willſt— aber von der Liebe darf es wenig⸗ ſtens nicht ſchweigen!“— „Von der Liebe!“— wiederholte Nydia, indem ſie ihre großen Augen, die Alle, welche in ſie blick⸗ ten, mit einem unheimlichen Gefuͤhl, aber auch mit dem des Mitleidens erfuͤllten, umher irren ließ.— Man konnte ſich nie an den Anblick dieſer Augen gewoͤhnen. Es ſchien ſo ſonderbar, daß ſie fuͤr das 127 Licht unempfänglich ſeien, und ſie ſtarrten entweder in ihrem tiefen, geheimnißvollen Dunkel ſo feſt, oder ſie waren in ſo unruhiger, umher ſchwärmender Bewegung, daß man, wenn man ihnen begegnete denſelben faſt übernaturlichen Eindruck fuͤhlte, den die Gegenwart der Geiſtesabweſenden oft veranlaßt — Derer, die, indem ihr aͤußeres Leben dem unſri⸗ gen gleicht, noch ein inneres beſonderes Leben haben, deſſen Weſen unergruͤndlich und geheimnißvoll iſt. „Willſt Du, daß ich von der Liebe ſingen ſoll?“ — fragte ſie, indem ſie dieſe Augen auf den Glau⸗ kus richtete. „Ja!“ erwiederte er, und heftete ſeine Blicke auf den Boden. Sie entfernte ſich etwas von der Jone, deren Arm ſie immer noch umfaßte, und ſang, nachdem ſie vorher einige Noten auf der Lyra gegriffen, fol⸗ gendes Lied: Nydias Liebesgeſang. Es liebten die Roſe das Licht und der Wind, Die Roſe liebte nur eines, Die Luft wohl nimmer die Braut ſich gewinnt, Denn Alles erfreut ſich des Scheines. Es wußte ja Niemand, wohin ſich die Luft, Das Spiel der Winde, ſtets ſehnte, Weil Niemand, wenn ſanft ſie koſet und ruft, Wohl einen Geiſt in ihr waͤhnte. 128 O, gluͤcklicher Lichtſtrahl, wo iſt der Beweis Von Deiner unendlichen Liebe?— In Deinem Licht ſchon iſt der Beweis, Du ſcheinſt!— das iſt Deine Liebe!— Wie zeigt die Luft ihrer Liebe Beweis? Willkommen iſt nicht ihr Klagen!— Stumm ſtiehlt ſie ſich zu der Roſe und leis, Und ſterbend nur wird ſie es ſagen!— „Das iſt ein trauriges Lied, mein ſuͤßes Mäd⸗ chen,“ ſagte Glaukus;„Deine Jugend fuͤhlt bis jetzt nur den dunkeln Schatten der Liebe; ſie erregt eine ganz andere Begeiſterung, wenn ſie ſelbſt in ihrem hellen Glanze uns erſcheint.“ „Ich ſinge, wie ich es gelernt habe,“ erwiederte Nydia ſeufzend. „Dann muß Dein Lehrer wohl ungluͤcklich ge⸗ liebt haben; laß uns doch ein luſtigeres Liedchen hoͤren. Nein, Maͤdchen, gib mir lieber das In⸗ ſtrument.“ Als Nydia gehorchte, beruͤhrte ihre Hand die ſeinige. Dieſe leichte Beruͤhrung trieb ihr das Blut in die Wangen. Jone und Glaukus, die nur mit einander beſchäͤftigt waren, bemerkten nicht dieſes Zeichen innerer Regung, die an einem Herzen nagte, welches durch die Einbildungskraft entflammt, der Hoffnung entſagen mußte. Und nun breitete ſich vor ihnen jenes ruhige, blaue, glaͤnzende Meer aus, damals eben ſo ſchon, —,— — e) 8S e— 8 8 6—„ 129 als ich es nach ſiebzehn Jahrhunderten von denſelben herrlichen ufern aus erblicke. Ein Klima, das noch jetzt, wie mit einem ſuͤßen Zauber der Circe unſere Nerven abſpannt; das uns unbewußt und geheimniß⸗ voll mit ſich ſelbſt in übereinſtimmung bringt, ver⸗ bannend den Gedanken an Muͤhſeligkeit und Plage, den wilden Ehrgeiz, und die Kämpfe, und das un⸗ ruhige Treiben des Lebens uns vergeſſen laſſend, da⸗ gegen unſern Geiſt in ſuͤße Traͤume wiegend, und unſerer Natur die Nothwendigkeit deſſen fuͤhlbar machend, was deren weniger irdiſches Weſen bildet, ſo daß die Luft ſelbſt uns mit der Sehnſucht nach Liebe erfuͤllt. Wer in Dir lebt, ſcheint die Erde und ihre bittern Sorgen hinter ſich zu haben— und durch das elfenbeinerne Thor in das Land der Traͤume eingetreten zu ſein. Die jungen, laͤcheln⸗ den Horen der Gegenwart— die Horen, jene Kin⸗ der des Saturn, die er immer zu verſchlingen trach⸗ tet, ſcheinen hier vor ihm ſicher zu ſein. Die Ver⸗ gangenheit und die Zukunft werden vergeſſen; wir genießen blos der Gegenwart.— Blume in dem Garten der Erde— Quelle des Entzuͤckens— Ita⸗ lien Italiens, ſchoͤnes, geſegnetes Campanien!— uͤbermuͤthig waren in der That die Titanen, da hier ſie ſich noch einen andern Himmel erobern wollten! Wer wuͤnſchte nicht immer hier wohnen zu koͤnnen, wo Gott das Alltagsleben zu einem fortwährenden Feiertag umſchuf— wer wollte nicht gerne hier Bulwer's Werke. Taſchenausg. II. 9 13⁰ nichts hoffen, nichts fuͤrchten, ſo lange der klare Himmel uͤber ihm ausgeſpannt iſt— ſo lange die See zu ſeinen Fuͤßen rauſcht— ſo lange dieſe Luft ſuͤße Botſchaft von dem Veilchen und der Orangen⸗ bluͤthe bringt, und ſo lange das Herz, nur einem Gefuͤhl ergeben, und ſich einzig auf daſſelbe beſchran⸗ kend, die Lippen und die Augen finden kann, welche ihm verſichern(o Eitelkeit der Eitelkeiten!), daß die Liebe Allem trotzen kann und unſterblich iſt?— In dieſem Klima, auf dieſem Meere blickte der⸗ Athenienſer in ein Antlitz, welches fuͤr den Geiſt die⸗ ſer Gegend gebildet zu ſein ſchien, und er weidete ſeine Augen an den wechſelnden Roſenfarben dieſer Wangen, er fuͤhlte ſein Gluͤck erhaben uͤber dem Gluͤck des gewoͤhnlichen Lebens; er liebte, und er wußte, daß er wieder geliebt wurde. Die Beſchreibung menſchlicher Leidenſchaften aus fruͤherer Zeit hat ein Intereſſe, welches durch die Entfernung nur erhoͤht wird. Wir fuͤhlen gern in uns die Verbindung, in der wir mit den fernſten Zeiten ſtehn;— Menſchen, Nationen, Sitten und Gebraͤuche gehn unter: die Gefuͤhle ſind un⸗ ſterblich!— ſie ſind das Band, welches die ver⸗ ſchiedenen Nationen verknuͤpft. Die Vergangenheit lebt wieder auf, wenn ihre Gefuͤhle ſich in uns er⸗ neuern; und was einmal von ihnen vorhanden war, bleibt immer. Das Talent des Zauberers, der die Todten wieder auferweckt, der den Staub längſtver⸗ geſſener Graber belebt, liegt nicht in der Geſchick⸗ lichkeit des Schriftſtellers, ſondern in dem Herzen des Leſers!— Der Athenienſer druͤckte ſeine Gefuͤhle, indem er vergebens die Augen der Jone ſuchte, welche, halb abgewendet, halb niederblickend, die ſeinigen vermie⸗ 6 den, mit ſanfter und gefälliger Stimme in folgenden Worten aus: Der Geſang des Glaukus. Wenn die Gondel über der Tiefe ſchwebt, So gleicht ihr mein Herz, das Dir nur lebt; — Mit Dir iſt's nicht einſam im endloſen Raum, Begluͤckt durch der Liebe entzuͤckenden Traum. Bald hebt ſich die Welle, bald ſinkt ſie zuruͤck, Der Liebe Leitſtern iſt, Holde! Dein Blick. Dein Lächeln gibt Leben und Freude und Muth, Kann jemals erſterben die wachſende Gluth?— Tod waͤre Dein Zuͤrnen fuͤr's blutende Herz⸗ Gern moͤcht' es ſterben an ſuͤßerem Schmerz! Laß,— ſoll ich erfahren, was Wechſel iſt, Mich ſtreben jetzt, da ich weiß, was Du biſt!— Als die letzten Töne des Geſanges uͤber die See ſchwebten, erhob Jone ihre Augen, ſie begegneten 6. denen ihres Geliebten. Gluͤckliche Nydia! gluͤcklich in Deiner Trauer, daß Du jenen bezaubernden Blick nicht ſechen konnteſt, der ſo viel ſagte— der das 9* ——————— Auge, die Stimme des Geiſtes bildete— der die unmoͤglichkeit des Wechſels verſprach! Wenn aber auch die Theſſalierin dieſen Blick nicht ſehen konnte, ſo errieth ſie deſſen Ausdruck durch das Schweigen, durch die Seufzer der Lieben⸗ den. Sie druͤckte die Hände feſt an die Bruſt, als wolle ſie ihre Eiferſucht zuruͤckdrängen, und darauf beeilte ſie ſich, zu ſprechen, denn dieſes Stillſchwei⸗ gen war ihr unerträglich. „Aber Dein Geſang, o Glaukus!“ ſagte ſie, „war doch auch nicht ſehr luſtig?“— „Und doch beabſichtigte ich ihn ſo, als ich Deine Lyra nahm; vielleicht geſtattet uns das Gluck nicht, luſtig zu ſein.“ „Wie ſeltſam iſt es,“ ſagte Jone, indem ſie einer Unterredung eine andere Wendung geben wollte, die ihr druͤckend zu werden anfing,„daß ſeit eini⸗ gen Tagen jene Wolke bewegungslos uͤber dem Ve⸗ ſuv hängt, doch nicht ganz bewegungslos, denn bis⸗ weilen verändert ſie ihre Geſtalt, und ſie erſcheint mir jetzt faſt wie ein großer Rieſe, der ſeine Hand nach der Stadt hin ausſtreckt. Siehſt Du auch die Ahnlichkeit?— oder bilde ich mir es blos ein?“— „Auch mir ſcheint es ſo, ſchone Jonez es iſt außerordentlich deutlich. Der Rieſe ſcheint auf der Spitze des Berges zu ſitzen, die verſchiedenen Schat⸗ ten der Wolke bilden ein weites weißes Gewandz er ſcheint auf die Stadt unten zu ſchauen, und mit die ick uck en⸗ 1 uf ie, ne ht, ————————— mir nicht denken; und doch muß es ſo ſein!“— 133 einer Hand, wie Du ſagſt, auf ſie hin zu zeigen, während er die andere(bemerkſt Du es wohl 2) ge⸗ gen den Himmel erhebt. Er kommt mir vor, wie der Geiſt eines gewaltigen Titanen, der über die ſchoͤne Welt trauert, die er verloren hatz bekuͤmmert über die Vergangenheit— doch ſcheint er mir auch etwas Drohendes für die Zukunft anzudeuten.“ „Koͤnnte jener Berg wohl in irgend einer Ver⸗ bindung mit dem Erdbeben in der vorigen Nacht ſtehen? Man ſagt, daß vor uralten Zeiten er, ſo wie der Atna noch jetzt, Lava ausgeworfen habe. Vielleicht bruͤtet und lauert das Feuer in der Tiefe.“ „Es iſt moglich,“ ſagte Glaukus nachdenkend. „Du ſagſt, Du glaubeſt wenig an die Zauberei?“ fiel Nydia ploͤtzlich ein.„Ich habe gehoͤrt, daß eine mächtige Hexe in den Hoͤhlen jenes Berges wohnt, und die Wolke iſt vielleicht der Schatten des böſen Geiſtes, den ſie hervorgerufen hat.“ „Du haſt noch vielen theſſaliſchen Aberglauben,“ ſagte Glaukus. „Im Finſtern ſind wir immer aberglaubiſch,“ erwiederte Nydia.„Sage mir,“ fugte ſie nach einer kleinen Pauſe hinzuz„ſage mir, o Glaukus!„ſehn ſich Alle, die ſchön ſind, einander ähnlich? Jeder be⸗ hauptet, Du ſeieſt ſchoͤn, und Jone auch. Sind ſich Eure Geſichter denn ganz ähnlich? Ich kann es 134 „Denke Dir nicht etwas, wodurch Du der Jone ſo ſehr Unrecht thun würdeſt,“ erwiederte Glaukus lächelnd.„Wir gleichen uns auch keineswegs. Jo⸗ ne's Haar iſt ſchwarz, das meinige braunz Jone's Augen ſind— von welcher Farbe, Jone? laß mich in ſie ſchauen. Ach, ſind ſie ſchwarz?— Nein, ſie ſind zu ſanft.— Sind ſie blau?— nein, ſie ſind zu feurig; ſie wechſeln mit jedem Sonnenſtrahl — ich kann ihre Farbe nicht unterſcheiden; doch meine Augen, theure Nydia, ſind grau, und nur ſchoͤn, wenn Jone in ſie blickt; Jone's Wange iſt* „Ich verſtehe kein Wort von Deiner Beſchrei⸗ bung,“ unterbrach ihn Nydia,„ich begreife blos, daß Ihr Euch nicht ähnlich ſeht, und das freut mich.“ „Weshalb, Nydia?“ fragte Jone. Nydia erröthete.„Weil,“ erwiederte ſie naiv, „ich mir Euch immer verſchieden vorgetellt habe, und man frer« ſich, wenn man weiß, daß man ſich nicht irrt.“ „Und womit haſt Du Dir den Glaukus ähnlich vorgeſtellt?“— fragte Jone. „Mit Muſik!“ erwiederte das Mädchen, und ſchlug die Augen nieder. Sie hat Recht! dachte Jone bei ſich. „Und womit vergleichſt Du Jonen?“ 5 „Ich kann es noch nicht ſagen,“ antwortete Nydia, one kus Jo⸗ e's ich ein, ſie ahl och ur e v, e h h „ich kenne ſie noch nicht lange genug, um eine Ver⸗ gleichung fuͤr ſie zu finden.“ „So will ich Dir es denn ſagen,“ unterbrach ſie Glaukus leidenſchaftlich,—„ſie gleicht der Sonne, die erwaͤrmt, der Woge, die erfriſcht.“ „Die Sonne verbrennt auch bisweilen, und in der Woge kann man ertrinken,“ erwiederte Nydia. „So nimm denn dieſe Roſen,“ ſagte Glaukus, durch ihren Duft wirſt Du Dir Jonen vorſtellen.“ „Ach! die Roſen werden verwelken!“ ſagte neckend die Neapolitanerin. Indem ſie ſich ſo unterhielten, verfloſſen die Stun⸗ 7— den; die Liebenden waren beglückt und beſeligt durch, die Liebe; das blinde Mädchen aber fuͤhlte blos deren“ Qualen und Leiden; die Eiferſucht und ihre Pein. Glaukus ergriff, indem die Gondel auf den Wo⸗ gen dahin glitt, nochmals die Lhra, und ſtimmte eine ſo wilde und kuͤhne Melodie an, daß ſelbſt Ny⸗ dia aus ihren Träumereien erwachte, und zur Be⸗ wunderung fortgeriſſen wurde. „Du ſiehſt, mein Kind,“ ſagte Glaukus,„daß ich auch den Charakter der Liebe wieder zu Ehren bringe, und daß ich Unrecht hatte, wenn ich vorhin behauptete, das wahre Gluͤck veranlaſſe eine ſchwer⸗ muͤthige Stimmung. Hoͤre, Nydia! Höre, theure Jone!“ Die Geburt der Venus. Wie ein Stern in jenen Hoͤhen, Wie ein ſuͤßer Traum der Nacht, Durch des Zephyrs ſanftes Wehen, Aus dem Zauberſchlaf erwacht, Seht die Göttin ihr erſcheinen, Was ſich ſuchte, zu vereinen. Heil, o Heil! Leben weckt ſie auf der Erde, Leben weckt ſie uͤberall, Und noch toͤnt ihr großes: Werde! In dem Sang der Nachtigall. Alles, Venus! iſt Dein eigen, Und in der Geliebten Blick, Seh ich, wie aus Wellen, ſteigen, Neu geboren Luſt und Gluͤck. Und in ihren ſanften Blicken Strahlt, wie einſt, in Cyperns See Jene Perle, die Entzuͤcken Zaubert aus dem ſüßen Weh. Heil, o Heil! Liebe ſtrahlt in Deinen Augen, Darf ich ihre Strahlen ſaugen? Heil der Liebe! Liebe ſtrahlt in Deinen Augen! Ja! ich darf die Strahlen ſaugen! Heil!— o Heil! —— Drittes Kapitel. Die Verſammlung. Der Nazarener und Apaecides hatten das ufer des Sarnus erreicht. Jener Fluß, der jetzt nur noch ein kleiner Bach iſt, trug damals unzählige Schiffe, und die Gärten, die Paläſte und die Tempel Pom⸗ pejis ſpiegelten ſich in ſeinen Wellen. Olinthus ſchlug einen Pfad ein, der in einen kleinen ſchattigen Hain an dem ufer des Fluſſes fuͤhrte. Dieſer Spa⸗ ziergang war des Abends von den Pompejanern ſehr beſucht, doch bei Tage war er einſam, und man fand dort gewoͤhnlich nur ſpielende Kinder, einen nachdenkenden Poeten oder disputirende Philoſophen. An der vom Fluſſe entfernteſten Seite waren An⸗ pflanzungen von Buchsbaum in mannichfaltige For⸗ 6 men geſchnitten. Bald ſtellten ſie die Figuren von Faunen und Satyrn dar, bald kleine Pyramiden, oft war auch der Name eines angeſehenen oder be⸗ liebten Buͤrgers in einzelnen Buchſtaben ausgeſchnit⸗ 138 ten. So iſt der falſche Geſchmack eben ſo alt als der reine, und die vor einem Jahrhundert zu Harkney und Paddington von ihren Geſchäften zuruckgezogen lebenden Handelsleute ließen es ſich wohl nicht träu⸗ men, daß fuͤr ihre Buchsbaumſpielereien ſie auch Modelle in der gebildetſten Periode des romiſchen Alterthums, in den Gaͤrten zu Pompeji und in den Villen des Plinius finden konnten. Dieſer Hain war jetzt, da die Mittagsſonne ſenk⸗ recht auf die trocknen Blätter ſchien, ganz einſam, und Olinthus und der Prieſter waren hier ganz un⸗ geſtört. Sie ſetzten ſich auf eine der Banke, die in Zwiſchenraͤumen unter den Baumen ſtanden.— Es war ein merkwuͤrdiges Paarz der Juͤnger der neuc⸗ ſten, und der Prieſter der älteſten Religion in der Welt! „Biſt Du, ſeitdem Du mich ſo plötzlich verließeſt,“ ſagte Olinthus,„gluͤcklich geweſen? Fühlt Dein Herz unter dieſem prieſterlichen Gewande ſich zufrieden? Haſt Du, Dich noch ſehnend nach der Stimme Got⸗ tes, Troſt gefunden in den OHrakeln der Iſis? Jener Seufzer, jenes traurige Dahinſtarren geben mir die Antwort, die mein Geiſt zum voraus weiſſagte.“ „Ach!“ erwiederte Apaecides,„Du ſiehſt einen unglucklichen und zerſchlagenen Mann wor Dir! Seit meiner fruheſten Jugend habe ich die Träume der Tugend angebetet; ich habe die Heiligkeit von Man⸗ nern beneidet, welche in Höhlen und einſamen Tem⸗ peln durch die Gemeinſchaft mit uͤberirdiſchen Weſen begluckt wurden; meine Tage verfloſſen in fieberhaf⸗ ten und eitlen Wuͤnſchen; meine Nächte in neckenden, aber feierlichen Viſionen. Verfuͤhrt durch die ge⸗ heimnißvollen Prophezeihungen eines Betruͤgers, habe ich dieſes Prieſtergewand gewaͤhlt; mein ganzes Weſen(ch geſtehe es Dir aufrichtig) iſt in Wider⸗ ſpruch mit ſich ſelbſt gerathen, durch das, was ich geſehn, und woran ich Theil genommen habe! In⸗ dem ich die Wahrheit ſuchte, bin ich blos der Diener der Luͤge geworben. An dem Abende, da wir zuletzt zuſammen waren, wurde ich durch Hoffnungen ge⸗ lockt, die derſelbe Betruͤger in mir angeregt hatte, den ich bereits beſſer hätte kennen ſollen. Ich habe — doch ſchweigen wir davon, aber ich bin nicht allein übereilt, ſondern auch meineidig geweſen. Der Schleier iſt jetzt fuͤr immer vor meinen Augen ge⸗ ſunken— ich habe einen Niedertraͤchtigen in dem erkannt, den ich fruͤher als einen Halbgott verehrte; die Erde verdunkelt ſich vor meinen Blicken— ich bin in den tiefſten Abgrund der Schwermuth ver⸗ ſunken; ich weiß nicht mehr, ob es noch Götter gibt— ob wir dem Zufall unſer Daſein verdan⸗ ken— ob jenſeits der begrenzten und traurigen Ge⸗ genwart Vernichtung oder ein anderes Leben uns er⸗ wartet— ſage mir daher, was Du glaubſtz loͤſe meine Zweifel, wenn Du wirklich deſſen fähig biſt.“ „Ich wundere mich nicht,“ erwiederte der Raza⸗ 14⁰ rener,„daß Du auf Irrwege gerathen, und daß Du jetzt ein Zweifler geworden biſt. Vor 80 Jahren hatte der Menſch noch keine Gewißheit des Daſeins Gottes und einer beſtimmten Fortdauer jenſeits des Grabes. Für den, der Ohren hat, zu horen, wur⸗ den aber jetzt neue Wahrheiten verkuͤndigt— ein Himmel, ein wahrer Olympus oͤffnet ſich dem, der Augen hat, zu ſehen— So hoͤre denn und ſchaue!“ Der Nazarener theilte nun mit allem Ernſte eines Mannes, der ſelbſt einen ſtarken und feſten Glauben, ſo wie den eifrigen Willen, Andere zu be⸗ kehren, hat, dem Apaecides die Wahrheiten der hei⸗ ligen Schrift mit. Er ſprach zuerſt von den Leiden und Wundern Chriſti— er weinte, indem er ſprachz darauf ging er zu der Glorie der Himmelfahrt des Erloͤſers uber, und erklärte die Weiſſagungen der Offenbarung. Er beſchrieb den der Tugend beſtimm⸗ ten reinen und fleckenloſen Himmel, und jene feuri⸗ gen Qualen, welche die Strafe des Verbrechens und der Suͤnde ſein werden. Einem Anhänger des Heidenthums konnten ſich iene Zweifel über die unermeßlichkeit des Opfers, durch welches Gott das Menſchengeſchlecht rettete, weniger aufdrängen, als dem Gemüth ſpäterer Be⸗ kehrten. Der Heide war ſchon gewohnt, zu glauben, daß die Goͤtter auf der Erde gelebt, menſchliche Ge⸗ ſtalt und Leidenſchaften angenommen, menſchliche Ar⸗ beiten und menſchliches unglück getheilt hatten. 8 141¹ Waren die Arbeiten des Perkules, deſſen Altäre noch in unzähligen Städten von Weihrauch dufteten, nicht zum Beſtén des menſchlichen Geſchlechts vollbracht worden? Hatte der große doriſche Apoll nicht eine myſtiſche Suͤnde abgebuͤßt, indem er in die Unterwelt geſtiegen war? Die Götter des heidniſchen Himmels waren die Geſetzgeber und Wohlthäter der Menſchen geweſen, und die Dankbarkeit hatte zur Anbetung gefuͤhrt. Es ſchien daher dem Heiden weder eine ſeltſame, noch neue Lehre zu ſein, daß Chriſtus vom Himmel herabgekommen, daß ein Unſterblicher ſterb⸗ lich geworden ſei, und den Qualen des irdiſchen To⸗ des ſich unterworfen habe. und wie unendlich er⸗ habener ſchien dem Apaecides der Zweck zu ſein, fuͤr welchen Chriſtus ſo duldete und litt, als jene Zwecke, um derentwillen die heidniſchen Gottheiten die Erde beſuchten und durch die Thore des Todes eingingen! War es nicht eines Gottes wurdig, in dieſes Jam⸗ merthal hinab zu ſteigen, um die Wolken zu zer⸗ ſtreuen, welche uͤber dem finſtern Berge jenſeites ſich geſammelt hatten— um die Zweifel der Weiſen aufzuloͤſen— um die Wahrſcheinlichkeit in Gewiß⸗ heit zu verwandeln— um durch eigenes Beiſpiel die Tugend zu lehren— das Räthſel des Grabes durch Offenbarung zu einer Wahrheit umzugeſtalten— und zu beweiſen, daß das Sehnen des Geiſtes nach der Unſterblichkeit kein eitles Verlangen ſei? Beſon⸗ ders hierin lag der große Beruf jener Männer, den Zuſtand des Menſchen umzuwandeln. Es ſchmeichelt nichts mehr dem Stolz und den Hoffnungen der Menſchen, als der Glaube an ein kuͤnftiges Leben, es konnte aber auch nichts verwirrter und unbe⸗ ſtimmter ſein, als die Begriffe der heidniſchen Wei⸗ ſen uͤber dieſen Gegenſtand. Apaecides wußte bereits, daß der Glauben der Philoſophen nicht der allgemeine ſei, daß, wenn ſie auch im Geheim an eine gottlichere und hoͤhere Macht glaubten, ſie es nicht fuͤr weiſe hielten, die⸗ ſen Glauben allgemein zu verbreiten. Er hatte be⸗ reits erfahren, daß ſelbſt der Prieſter verſpottete, was er dem Volke predigte, daß die Begriffe Eini⸗ ger und Aller niemals vereinigt ſeien. In dieſem neuen Glauben ſchien ihm jedoch Alles übereinzu⸗ ſtimmen, die Philoſophen, die Prieſter und das Volk, die Ausleger der Schrift und die Glaͤubigenz ſie ſtritten und disputirten nicht uͤber die unſterblich⸗ keit, ſie ſprachen von ihr als von einer beſtimmten Wahrheit;— das Großartige dieſer Verſprechungen uͤberraſchte, der Troſt, der in ihnen enthalten war, beruhigte ihn. Die erſten Anhaͤnger des chriſtlichen Glaubens waren oft Suͤnder; manche der erſten Märtyrer waren die Pfade des Laſters gewandelt, und konnten durch deſſen täuſchende Außenſeiten nicht mehr in Verſuchung geführt werden. Alle Verſiche⸗ rungen dieſes begluͤckenden Glaubens nahmen die Reuigen auf— dieſe Lehren waren beſonders geeig⸗ ku mi ein rer fac ten fro we we ſog ein tur kei den der W geh zuſ net fuͤr die Schuldbewußten, und ſelbſt die Scham, welche Apaecides uͤber ſeine letzten Ausſchweifungen fuͤhlte, zog ihn zu einem Glauben hin, der dieſe Reue fuͤr heilig erklärte, und die Freude des Him⸗ mels uͤber einen bekehrten Suͤnder ausſprach. „Komm,“ ſagte der Nazarener, als er die Wir⸗ kung bemerkte, welche er hervorgebracht hatte,„komm mit an den ſtillen Ort, wo wir uns verſammeln— einige wenige Auserwähltes horche dort auf unſere Gebete; überzeuge Dich von der Aufrichtigkeit unſe⸗ rer reuigen Thränenz nimm Theil an unſerem ein⸗ fachen Opfer— nicht von Kraͤnzen und geſchlachte⸗ ten Thieren, ſondern auf dem Altar des Herzens in frommen Gedanken dargebracht.— Die Blumen, welche wir opfern, ſind unverwelklich, ſie bluhen noch, wenn wir nicht mehr ſind,— nein, ſie begleiten uns ſogar bis jenſeits des Grabes, ſie entzucken uns durch einen ewigen Wohlgeruch, denn ſie ſind geiſtiger Na⸗ tur; dieſe Opfer ſind bereute Suͤnden und uͤber⸗ wundene Verſuchungen! Komm, o komm, verliere keinen Augenblick weiter; bereite Dich ſchon jetzt fuͤr den großen, den wichtigen Tag des überganges von der Finſterniß zum Licht, von der Traurigkeit zum Heil, von dem Verderben zur unſterblichkeit vor. Wir haben heute einen Feiertag, den wir feſtlich be⸗ gehen. Obgleich wir gewöhnlich nur zur Nachtzeit zuſammen kommen, ſo ſind doch Einige von uns ſchon jetzt verſammelt. Welche Freude, welchen Triumph werden wir Alle feiern, wenn wir ein ver⸗ irrtes Lamm zu der heiligen Heerde zuruͤck fuͤhren koͤnnen!— Es ſchien dem Apaecides, deſſen Natur urſpruͤng⸗ lich ſo rein war, etwas ungemein Edelmuͤthiges und Wohlwollendes in dem Benehmen des Olinthus zu liegen— er ſchien ihm ein Geiſt zu ſein, der ſein eigenes Gluͤck in dem Gluͤcke Anderer ſucht— und der nur Gefährten fuͤr die Ewigkeit zu gewinnen ſtrebt. Er fuͤhlte ſich geruͤhrt, erweicht und uber⸗ wältigt. Er befand ſich in einer Stimmung, der die Einſamkeit unerträglich wird; auch Neugierde trat zu ſeinen reinern Beweggruͤnden hinzu— er war begierig, jene Gebraͤuche zu ſehn, uber die ſo viele dunkle und widerſprechende Geruͤchte im Um⸗ lauf waren. Er beſann ſich einen Augenblick, be⸗ trachtete ſein Prieſtergewand, dachte an den Arba⸗ ces, ſchauderte vor Schrecken zuſammen, erhob ſeine Augen zum Nazarener, der beſorgt und wachſam fuͤr ſein Wohl, füͤr ſeine Rettung war. Er zog das Pallium an ſich, ſo daß es gaͤnzlich den Prieſteran⸗ zug verbarg, und ſagte:„Fuͤhre mich; ich folge Dir!“— Olinthus druckte ihm freudig die Hand; ſie gin⸗ gen an das ufer des Sarnus, ſtiegen in eines der gewohnlich dort bereit ſtehenden Boote, in welchem durch das, gegen die Sonne angebrachte Verdeck ſie zugleich der Beobachtung entzogen waren, und fuh⸗ —— m ſie h⸗ ren ſchnell den Fluß hinauf. Aus einem der Boote, die ihnen begegneten, ertoͤnte eine liebliche Muſik, und das Vordertheil deſſelben war mit Blumen ge⸗ ſchmuͤckt;— es fuhr nach der See zu. „So treiben,“ ſagte Olinthus traurig,„die dem Vergnuͤgen Nachjagenden, ihrer Täuſchungen unbe⸗ wußt, dem großen Ozean der Stuͤrme und Schiff⸗ brüche entgegen; wir fahren ſchweigend und unbe⸗ achtet bei ihnen vorbei, um das Land zu gewinnen.“ Apaecides erkannte durch eine Sffnung in dem Verdeck in jenem Boote ſeine Schweſter. Die Lie⸗ benden waren in der Luſtfahrt nach der See begriſ⸗ fen, die wir vorhin beſchrieben haben. Der Prieſter ſeufzte, und ſank wieder auf ſeinen Sitz zuruck. Sie erreichten das ufer, wo in einer der Vor⸗ ſtäͤdte eine Reihe kleiner und unanſehnlicher Häu⸗ ſer ſich bis zum Fluſſe hinzog. Als ſie gelan⸗ det hatten, fuͤhrte Olinthus den Prieſter durch ein Labyrinth von Gaſſen, und ſie kamen endlich an der verſchloſſenen Thuͤre eines etwas größeren Hau⸗ ſes, als die henachbarten, an. Der Nazarener klopfte dreimal— die Thuͤre wurde geoffnet, und ſogleich wieder verſchloſen, als Beide eingetreten waren. Sie ginge durch ein Atrium in ein Zimmer mittler Größe, in welches das Licht nur durch ein kleines Fenſter über der Thuͤre drang. Bevor ſie eintraten, ſagte Olinthus, indem er an die Thuͤre klopfte:„Friede ſei mit Euch!“— Eine Stimme Bulwer's Werke. Taſchenausg. II. 10 146 aus dem Zimmer erwiederte:„Friede mit wem?“ —„Mit den Glaubigen,“ antwortete Olinthus, und darauf wurde die Thuͤre geoffnet. Zwolf bis vierzehn Perſonen ſaßen ſchweigend und in Gedan⸗ ken vertieft einem holzernen Kruzifir in einem Halb⸗ kreiſe gegenuͤber. Als Olinthus eintrat, erhoben die Anweſenden, ohne zu ſprechen, ihre Augen; der Nazarener ſelbſt kniete, bevor er ſie anredete, nieder, und Apaecides bemerkte an der Bewegung ſeiner Lippen und den auf das Kruzifir gehefteten Blicken, daß er fur ſich bete. Nachdem dieſes geſchehen, wendete ſich Olin⸗ thus zu der Verſammlung:„Männer und Bruͤder,“ ſagte er,„ſtaunt nicht, wenn Ihr einen Prieſter der Iſis unter Euch ſeht; er hat bisher gelebt un⸗ ter den Blinden, aber der heilige Geiſt hat ihn be⸗ ſeligt; er wuͤnſcht zu ſehen, zu hoͤren und zu lernen.“ „Es geſchehe!“ ſagte einer der Anweſenden, und Apaecides erblickte in ihm einen noch juͤngern Mann, als er ſelbſt, mit einem eben ſo abgelebten und blei⸗ chen Antlitz, und mit tiefliegenden Augen, welche eine raſtloſe innere geiſtige Thätigkeit verkünde „Es geſchehe!“ erwiederte ei rer Mann; ſein braunes Geſicht und Zuͤge ließen in ihm einen Sohn e nen— er war in ſeinem Vaterlande ein Rauber geweſen. . — — „Es geſchehe!“ ſagte ein alter Mann mit einem langen grauen Barte, und der Prieſter erkannte in ihm einen Sklaven des reichen Diomedes. „Es geſchehe!“— wiederholten alle übrigen,— Maͤnner, die, mit zwei Ausnahmen, alle zu den unte⸗ ren Ständen gehoͤrten. Apaecides erkannte unter ihnen einen roͤmiſchen Offizier und einen Kaufmann aus Alexandria. „Wir verpflichten Dich nicht,“ begann Olinthus wieder,„zum Schweigen; wir verlangen keine Eide von Dir(wie einige unſerer ängſtlicheren Bruͤder es thun wuͤrden), daß Du uns nicht verratheſt. Es beſteht allerdings kein beſtimmtes Geſetz gegen uns, aber die Menge, roher und wilder als Diejenigen, welche ſie regieren, trachtet blutduͤrſtig nach unſerm Leben. Auch, als Pilatus noch unentſchloſſen war, meine Bruͤder! war es das Volk, welches rief:„An das Kreuz mit ihm!“— Aber wir ſind fuͤr unſere Sicherheit nicht beſorgt. Verrathe uns an das Volk; verlaͤumde uns, wenn Du willſt;— wir ſind erhaben uͤber der Todesfurcht;— freudig wuͤrden wir den Kauen des Loͤwen, oder den Qualen der Folter entgegen gehn— wir trotzen den Schrecken des Grabes, und was fuͤr einen Verbrecher der Tod, das iſt für einen Chriſten die Ewigkeit.“ Ein leiſes Beifallgemurmel ließ ſich in der Ver⸗ ſammlung vernehmen. „Du kommſt zu uns als ein Forſchender; moͤ⸗ 10* 148 geſt Du ein Bekehrter werden. Unſere Religion ſiehſt Du— jenes Kreuz iſt unſer einziges Bild; jene Schrift unſer Geheimniß von Caere und Eleuſis. Fuͤr unſere Tugend iſt unſer Leben Zeuge!— Wir Alle waren Suͤnder, wer kann uns jetzt eines Ver⸗ brechens beſchuldigen? Wir haben uns ſelbſt durch die Taufe von der Vergangenheit getrennt. Aber dieſes iſt nicht unſer Verdienſt; es iſt das Werk Gottes.„Du, Medon,“ und hierbei zeigte er auf den alten Sklaven des Diomedes,„biſt der Einzige unter uns, der nicht frei iſt. Aber dort oben wird der Letzte der Erſte ſein, und ſo duch hier bei uns. Jetzt leſe uns vor aus der heiligen Schrift.“ Es waͤre unnoͤthig fuͤr uns, die Vorleſung des Medon, oder die Auslegungen der Verſammlung zu begleiten. Dieſe damals ſo neuen Lehren ſind uns jetzt bekannt und gelaͤufig. Achtzehn Jahrhunderte haben uns mit dem Geiſt der Schrift und mit dem Leben Chriſti bekannt gemacht. Auch würden uns die Zweifel eines heidniſchen Prieſters fremdartig, und die Erwiederungen einfacher und nicht gebildeter Maͤnner, die nur ihres innern Werthes in ſich truge erſcheinen. Jetzt folgte aber eine Scene, die für Neapolitaner ſehr ergreifend war. Man dem Schluſſe der Vorleſung ein leiſes Klopfen an der Thürez das Loſungswort wurde gegeben und er⸗ wiedert, und zwei Kinder, deren aͤlteſtes kaum das 7te Jahr vollendet hatte, traten ſchuͤchtern einz es waren die Kinder des Beſitzers dieſes Hauſes, jenes finſtern und abgehärteten Syrers, der ſeine Jugend mit Rauben und Blutvergießen zugebracht hatte. Der Rteſte der Verſammlung Gener alte Sklave) ſchloß ſie in ſeine Arme, ſie ſchmiegten ſich an ſeine Bruſt, und während er ſie liebkoſ'te, heiterten ſich ſeine harten Zuͤge auf. und darauf umringten jene kuhnen, durch die rauhen Winde und Wechſelfälle des Lebens abgehaͤrteten Männer,— vbereit, einer ganzen Welt zu trotzen, gewaffnet gegen den Tod und gegen die Folter,— Männer, die den groͤßten Gegenſatz zu der unſchuldigen Fkohlichkeit und zu der Zartheit des jugendlichen Alters bildeten, dieſe Kin⸗ der, und ihre ernſten Geſichter und bärtigen Lippen umſchwebte ein freundliches Läͤcheln. Der alte Mann rollte die Schrift auf, und lehrte die Kinder jenes ſchone Gebet, das wir noch jetzt an den Herrn rich⸗ ten, noch jetzt unſere Kinder lehren; und dann er⸗ zählte er ihnen in einfachen Worten von der Liebe Gottes zu den Kindern, und wie kein Sperling vom Dache fällt, ohne daß ſeine Augen es ſehen. Dieſer liebliche Gebrauch, die Kinder in die Lehren des Chriſtenthums einzuweihen, wurde lange bei den erſten Chriſten im Gedächtniß der Worte beibehal⸗ ten:„Laſſet die Kindlein zu mir kommen, und weh⸗ vet ihnen nicht;“ und veranlaßte vielleicht die aber⸗ glaͤubiſche Verläumdung, nach der den Nazarenern jenes Verbrechen zur Laſt gelegt wurde, welches dieſe, als ſie ſiegreich waren, wieder auf die Juden uͤber⸗ trugen, nämlich das geheime Abſchlachten der Kinder zu ſchändlichen Religionsgebraͤuchen. Der finſtere Syrer ſchien durch die unſchuld ſei⸗ ner Kinder an ſeine fruͤheren Jahre erinnert zu wer⸗ den, an ſein Leben, bevor es befleckt war durch Suͤnden; er folgte mit einem ernſten Blick der Be⸗ wegung ihrer Lippenz es verbreitete ſich Entzucken uͤber ſein Antlitz, als ſie demuͤthig die heiligen Worte nachſprachen; und als ſie darauf freudig zu ihm huͤpften, druckte er ſie an ſeine Bruſt, kuͤßte ſie, und die Thränen floſſen ihm die Wangen herab— Thrä⸗ nen, deren Quelle zu verfolgen unmoͤglich geweſen wän, ſo ſehr war Freude und Sorge, Reue und Hoffnung, Liebe fuͤr ſeine Kinder, und das Be⸗ wußtſein ſeiner eigenen fruͤheren Unwuͤrdigkeit in ihnen gemiſcht! Es lag, wie ich bereits ſagte, in dieſer Scene etwas, das beſonders den Apaecides ergriff; und es iſt allerdings ſchwer, ſich einen Gebrauch zu denken, der geeigneter fuͤr die Religion des Wohlwollens wäre, die Gefuͤhle des Familienlebens mehr in An⸗ ſpruch naͤhme, und eine zartere Saite in der menſch⸗ lichen Bruſt beruͤhrte. Setzt wurde leiſe eine innere Thuͤre eroffnet, und ein ſehr alter Mann trat, auf einen Stab ſich — — ſtuͤtzend, in das Zimmer. Die ganze Verſammlung erhob ſich; der Ausdruck tiefer Ehrfurcht malte ſich in allen Zuͤgen, und Apaecides fuͤhlte ſich, indem er das Antlitz jenes Greiſes betrachtete, durch eine un⸗ widerſtehliche Sympathie zu ihm hingezogen. Nie⸗ mand konnte auch jenem Antlitz begegnen, ohne die⸗ ſen Mann zu lieben; denn das Lächeln der Gottheit hatte auf ihm geruht; und die Glorie dieſes Laͤchelns war ihm geblieben! „Gott ſei mit Euch, meine Kinder!“ ſprach der Greis, und die Kinder naͤherten ſich ihm vertraulich. Er ſetzte ſich, und ſie ſchmiegten ſich an ſeine Bruſt. Es war ein ſchoͤner Anblick, die Gegenſätze des Le⸗ bens ſo vereinigt zu ſehn— den in ſeinen erſten Quellen entſpringenden Fluß und den majeſtaͤtiſchen, dem Ozean der Ewigkeit zufließenden Strom.„So wie in der Daͤmmerung des abnehmenden Tages die Erde und der Himmel in einander zu verfließen ſcheinen, daß die Grenzlinien aller Gegenſtände kaum ſichtbar bleiben; ſo ſchien das Lächeln jenes wohl⸗ wollenden Alters auch alle Anweſenden zu verklären, den unterſchied der Jahre aufzuheben, und uͤber die Kindheit und das Mannesalter jenes himmliſche Licht zu verbreiten, durch das jenes Greiſenalter ſelbſt bald begluͤckt zu werden hofft. „Vater,“ ſagte Olinthus,„Du, in dem das Wunder des Erloͤſers wirkſam warz Du, der aus dem Grabe wieder erweckt wurde, um ein lebender 15⁵² Zeuge Seiner Gnade und Seiner Macht zu werden; ſieh hier einen Fremden in unſerer Verſammlung— ein neues Lamm, vereinigt mit unſerer Heerde!“— „Ich will ihn ſegnen,“ ſagte der Greis. Apae⸗ cides näherte ſich ihm, wie durch einen Inſtinkt ge⸗ trieben; er fiel vor ihm auf die Knieez der alte Mann legte ſeine Hand auf das Haupt des Prieſters, und ſegnete ihn, doch nicht laut. Während ſeine Lippen ſich bewegten, waren ſeine Augen in die Hoͤhe gerichtet, und Thraͤnen— jene Thranen,„ welche gute Menſchen nur in der Hoffnung des Glückes Anderer vergießen, floſſen ihm die Wangen ———— herab. Die Kinder ſtanden dem Bekehrten zur Seite; 5 ſein Herz war wie die ihrigen,— er war gewor⸗ den wie ſie, um einzügehen in das himmliſche 1 Reich!— 1 * Piertes Rapitel. 9 Die Fortſchritte der Liebe. 1 Wenn junge Herzen ſich ungehindert lieben dürfen, 9 ſo ſind ihnen die Tage wie Jahre. Jone verbarg ₰ dem Glaukus die Neigung nicht läͤnger, welche ſie S. füͤr ihn fühlte, und ſie ſprachen jetzt von nichts als von ihrer Liebe. Die Hoffnungen der Zukunft ſchweb⸗ ten uͤber dem Entzuͤcken der Gegenwart, wie der heitere Himmel uͤber den Fruͤhlingsauen. Ihren Herzen ſchienen Sorgen und Tod unbekannte Dinge geworden zu ſein. Vielleicht liebten ſie ſich nur um deſto mehr, weil die damaligen Verhältniſſe dem Glaukus kein anderes Ziel ſeines hoͤheren Strebens geſtatteten, als die Liebes— weil die in freien Staaten gewöhnlichen Leidenſchaften, welche die Thä⸗ tigkeit des Staatsbuͤrgers in Anſpruch nehmen kon⸗ nen, fuͤr den Athenienſer keinen Wirkungskreis fan⸗ den— weil ſein Vaterland ihm fuͤr das politiſche Leben keine Gelegenheit gab— weil der Ehrgeiz kein Gegengewicht gegen die Liebe bilden konnte; und deshalb war es die Liebe allein, welche den Geiſt und das Perz ganz ausfüllen mußte. Ihnen erſchien das eiſerne Zeitalter, in dem ſie lebten, wie das goldene, und der Zweck ihres ganzen Daſeins war jetzt einzig und allein ihre Liebe. Dem oberflächlichen Beobachter, den nur ſtark gezeichnete und grell gefaͤrbte Charaktere intereſſiren, moͤgen vielleicht dieſe Liebenden als eine zu alltaͤg⸗ liche Erſcheinung vorkommen.— In der Entwicke⸗ lung derjenigen Charaktere, die abſichtlich nicht un⸗ gewohnlich gehalten werden, glaubt der Leſer oft einen Mangel an Eigenthuͤmlichkeit zu finden; und ich thue vielleicht wirklich dem wahren Weſen der beiden Liebenden Unrecht, indem ich ihre beſondern Individualitäten nicht mehr hervor hebe. Doch iſt es auch moͤglich, daß ich unbewußt laͤnger bei dem Gemälde ihres gluͤcklichen Zuſtandes im Vorgefuͤhle der Schreckniſſe verweile, denen ſie entgegen gehn, und auf die ſie ſo wenig vorbereitet waren. Grade dieſes beſeligende Verhaltniß iſt es, welches einen ſo großen Gegenſatz mit den Wechſelfällen ihres ferne⸗ ren Schickſals bildet. Man iſt weniger fur die Eiche ohne Frucht und Bluͤthe beſorgt, deren feſtes und hartes Holz den Stuͤrmen Widerſtand leiſten kann, als fuͤr die zarten Zweige der Myrthe, und die ſchwachen Ranken des Weinſtocks. Es war jetzt uͤber die Mitte des Auguſt;— für den naͤchſten Monat war ihre Vermählung beſtimmt, und die Schwelle des Glaukus war bereits mit Kraͤn⸗ zen geſchmuͤckt, und jede Nacht brachte er reiche Li⸗ bationen vor dem Hauſe der Jone. Man ſah ihn nicht mehr in der Geſellſchaft ſeiner muntern Freun⸗ de; er lebte nur fuͤr Jonen. Des Vormittags unter⸗ hielten ſie ſich mit Muſik und Geſang;z des Abends machten ſie Spazierfahrten auf dem Waſſer, und längs der fruchtbaren, mit Weingärten bedeckten An⸗ hoͤhen am Veſuv. Man ſpürte nichts mehr von Erderſchuͤtterungen; die lebensfrohen Pompejaner vergaßen ſelbſt, daß ihrem bevorſtehenden Schickſal eine ſo ſchreckliche Warnung vorhergegangen war. Glaukus hielt in ſeinem heidniſchen Aberglauben jenes e—— ℳ — c+ Erdbeben fuͤr eine beſondere Fugung der Göͤtter, weniger um ihn, als um Jonen zu retten. Er brachte Opfer der Dankbarkeit in den Tempeln ſei⸗ nes Glaubens dar, und ſelbſt die Altäre der Iſis wurden durch ihn bekränzt;— was aber das Wun⸗ der des ergluͤhenden und belebten Marmors betrifft, ſo ſchämte er ſich der Wirkung, die es auf ihn her⸗ vorgebracht hatte. Er ſchrieb dieſes Wunder der menſchlichen Magie zu, denn der Erfolg uͤberzeugte ihn, daß es nicht den Zorn der Göttin ſelbſt ange⸗ deutet habe.— Von Arbaces hoͤrten ſie mit Verwunderung, daß er noch lebe. Auf dem Krankenlager erholte er ſich nur langſam von den Folgen jenes ſchrecklichen Sturzes des marmornen Hauptes der Göttin in ſei⸗ nen Nacken, der ihn vernichtet zu haben ſchien, dem jedoch ſeine eiſerne Natur noch widerſtanden hatte. Er beunruhigte zwar die Liebenden nicht weiter, aber er bruͤtete im Stillen uͤber die Art und die Zeit ſeiner Rache. Nydia war die beſtandige, und oft die einzige Geſellſchafterin der Liebenden. Sie bemerkten das geheime Feuer nicht, welches das arme Maädchen verzehrte;— die Keckheit und Naivetät, mit der ſie ſich bft in ihre unterhaltung miſchtez ihre ſonderba⸗ ren, und oft etwas eigenſinnigen Launen fanden hin⸗ reichende Rachſicht in dem Dienſt, den ſie ihnen er⸗ zeigt hatte, und in dem Mitleide, das ſie mit ihrem Schickſale fuͤhlten. Die Eigenthuͤmlichkeiten ihres Weſens, der ſeltſame Wechſel zwiſchen aufbrauſender Leidenſchaftlichkeit und duldendem Sanftmuth— die WMiſchung von unwiſſenheit und ausgebildeter Faſ⸗ ſungsgabe, von Zartgefuͤhl und von Heftigkeit, von kindiſchem Treiben und von ſtolzer, weiblicher Wuͤrde, erhoͤhten vielleicht nur um ſo mehr ihre Theilnahme fuͤr das blinde Mädchen. Wenn ſie auch ſich gewei⸗ gert hatte, das Geſchenk ihrer Freiheit anzunehmen, ſo ließ man ihr doch ſtets freien Willen; ſie ging, wohin ſie wollte; ihre Handlungen und ihre Worte wurden weder getadelt, noch beſchränkt; ſie fuͤhlten fuͤr ein ſo ungluͤckliches, und für jede Verletzung ſo empfindliches Weſen dieſelbe duldende und theilneh⸗ mende Nachſicht, welche die Mutter fuͤr ein krankes und ſchwaͤchliches Kind fuͤhlt, und ſcheuten ſich, durch irgend einen Zwang ihr zu nahe zu treten, wenn ſie ihn auch fur ihr eigenes Wohl nothwendig gehal⸗ ten hätten. Sie benutzte dieſe Freiheit, indem ſie die Begleitung des Sklaven ausſchlug, der hierzu beſtimmt worden war: ſie ging nun, wie in ihrem fruͤhern unbeſchuͤtzten Zuſtande wieder mit ihrem Stabe allein durch die volkreichen Straßen; es war wirklich wunderbar anzuſehn, wie ſchnell und ge⸗ wandt ſie jeder Gefahr auszuweichen wußte, und wie ſie ihren Weg in alle Theile der Stadt finden konnte. Ihr Hauptgenuß beſtand aber immer noch darin, den kleinen Garten des Glaukus zu beſuchen, und die Blumen zu pflegen, welche wenigſtens ihre Liebe belohnten. Oft trat ſie in das Zimmer des Athenienſers, und knuͤpfte eine unterredung an, die ſie aber gewoͤhnlich bald wieder abbrach, denn jedes Geſpräch des Glaukus bezog ſich jetzt nur auf Einen Gegenſtand— auf Jonen, und wenn ſie dieſen Na⸗ men von ſeinen Lippen hoͤrte, ſo gerieth ſie außer ſich. Oft bereute ſie den Dienſt, welchen ſie der Jone geleiſtet hatte; oft dachte ſie bei ſich ſelbſt: „Wäre ſie jener Gefahr nicht entronnen, ſo haͤtte Glaukus ſie nicht länger lieben koͤnnen!“ und dann bemächtigten ſich ihrer finſtre und unheimliche Ge⸗ danken. Sie hatte, als ſie ſo großmuͤthig handelte, die Qualen noch nicht ganz kennen gelernt, und ſich vorgeſtellt, welche ihrer warteten. Fruͤher war ſie nie anweſend, wenn Glaukus und Jone zuſammen warenz ſie hatte nie jene Stimme, die mit ihr ſo freundlich ſprach, einen noch viel ſanfteren, zärtliche⸗ ren Ausdruck gegen eine Andere annehmen horen. Das ſchmerzhafte Gefuͤhl, welches ihr Herz ergriff, als ſie zuerſt erfuhr, daß Glaukus Jonen liebe, hatte ſie anfangs betaͤubt und darnieder gebeugt; nach und nach nahm die Eiferſucht einen wilderen und ſtolze⸗ ren Charakter anz— es geſellte ſich Haß hinzu, und ſchon fingen die Einfluͤſterungen der Rache an, Wurzel zu faſſen. So wie man das gruͤne Blatt am Zweige durch den Wind nur leiſe bewegt ſieht, 158 waͤhrend das welk auf der Erde liegende, zertretene Blatt ſchnell in die Höhe gewirbelt wird, bald hier, bald dort hin, ohne Ruhe und Raſt;— ſo wider⸗ ſteht auch die Liebe der Gluͤcklichen und Hoffenden beſſer den Stuͤrmen, deren Wuth nur ein Spiel mit ihnen treibt; doch das Herz, welches der Hoffnung ſchon abgeſtorben iſt, wird durch dieſelben Stuͤrme gewaltſam fortgeſchleudert;— es kann ſich an kei⸗ nen Zweig ſchmiegen, der es feſthalt; und es treibt ſo lange mit den Winden umher, bis es irgendwo fuͤr immer in den Staub getreten wird. Der Cha⸗ rakter der Nydia war, weil ſie von fruͤher Kindheit ab, allein da ſtand, fruͤhzeitig gereift; vielleicht hat⸗ ten auch die aufregenden Scenen der Verderbniß, unter denen ſie leben mußte, ihre Leidenſchaften ge⸗ ſteigert, wenn auch nicht ihre Reinheit befleckt. Die Abſcheulichkeiten in der Weinſchenke des Burbo hat⸗ ten ihr blos Ekel, die Feſte des Egyptiers Abſcheu erregt; aber vielleicht hatten dieſe Erfahrungen den⸗ noch eine Saat in ihrer Bruſt zuruͤckgelaſſen, wenn auch jene Verderbniß fuͤr den Augenblick wenig Wur⸗ zel faſſen konnte. Da die Blindheit der Einbildungs⸗ kraft Stoff gibt, ſo hatte auch dieſe wohl dazu bei⸗ getragen, die Liebe des ungluͤcklichen Mädchens mit wilden Träumen zu naͤhren Zuerſt war die Stimme des Glaukus wie Muſik in ihre Ohren gedrungenz ſeine Freundlichkeit machte einen großen Eindruck auf ihr Gemuͤth; als er im vorigen Jahr Pompeji verließ, hatte ſie jedes Wort, das er ausſprach, wie einen heiligen Schatz in ihrem Herzen bewahrtz und wenn irgend Jemand ihr erzählte, daß dieſer Freund und Beſchuͤtzer des armen Blumenmaͤdchens einer der liebenswuͤrdigſten jungen Maͤnner in Pompeji ſei, ſo fuͤhlte ſie immer in der Ruͤckerinnerung an ihn einen freudigen Stolz. Selbſt das Geſchäft, welches ſie uͤbernahm, ſeine Blumen zu pflegen, diente dazu, das Andenken an ihn wieder anzufriſchenz ſie brachte ſein Daſein mit Allem in Verbindung, was ihr die angenehmſten Eindruͤcke veranlaßte, und wenn ſie ſich geweigert hatte, zu ſagen, mit wel⸗ chem Bilde ſie Jonen vergliche, ſo geſchah die⸗ ſes vielleicht theilweiſe aus dem Grunde, weil ſie Alles, was in der Natur ſchoͤn und erhaben war, bereits mit dem Gedanken an Glaukus in Ver⸗ bindung geſetzt hatte. Wenn irgend einer meiner Leſer in einem Alter liebte, deſſen er ſich jetzt nur mit Laͤcheln erinnern wuͤrde, einem Alter, in welchem die Vernunft noch durch die Einbildungskraft be⸗ herrſcht wird; ſo wird er geſtehen muͤſſen, daß jene Liebe vor allen andern und ſpaͤteren Leidenſchaften fuͤr die Eiferſucht empfaͤnglich geweſen ſei! Ich ſuche hier nicht die urſache dieſer Erſcheinung; ich weiß aber, daß ſie gewoͤhnlich Statt findet. Als Glaukus nach Pompeji zuruͤck kehrte, war Ry⸗ dia um ein Jahr aͤlter geworden; dieſes Jahr mit ſeinen Sorgen und ſeiner Einſamkeit hatte ihren Geiſt und ihr 160 Herz ſchnell entwickelt; und wenn der Athenienſer, indem er ſie noch fuͤr ein Kind hielt, ſie unbefangen an ſeine Bruſt zog, wenn er ihre zarte Wange kußte, und ſeinen Arm um ſie ſchlang, ſo fuͤhlte Nydia ploͤtzlich, daß dieſes Gefuͤhl, das ſie lange in ihrer unſchuld genaͤhrt hatte, die Liebe ſei.— Ge⸗ wohnt, von der Tyrannei durch Glaukus befreit zu werden,— gewohnt, unter ſeinem Dache Schutz zu ſuchen,— gewohnt, mit ihm, wenn auch fuͤr kurze Zeit, dieſelbe Luft zu athmen, und in dieſer erſten überwaͤltigung von tauſend gluͤcklichen, entzuckenden Empfindungen verurtheilt, zu hoͤren, daß er eine An⸗ dere liebe;— als ſein Bote zu dieſer Andern ge⸗ ſandt zu werden; ſo plötzlich die durchaus nichtige Stellung zu fuͤhlen, in der ſie ſich befand, in der ſie immer bleiben mußte, doch die bis dahin ihrer unerfahrenheit noch nicht ſo ſehr bewußt geworden war;— mußte unter ſolchen umſtaͤnden ihr wildes und leidenſchaftliches Gemuͤth nicht in Verwirrung ge⸗ rathen; und konnte die Liebe, welche ſo ſich bildete, ſich wohl ganz rein und heilig erhalten?— Bis⸗ weilen fuͤrchtete ſie nun, Glaukus moͤge ihr Geheim⸗ niß entdecken; bisweilen zuͤrnte ſie, daß es nicht verrathen wurde; es war dies ein Beweis der Ver⸗ achtung— konnte er ſich denken, daß ihre Neigung ſich ſo weit verirren wuͤrde?— Ihre Gefuͤhle fuͤr Jonen wechſelten mit jeder Stundez jetzt liebte ſie die Griechin, weil er ſie liebte, dann haßte ſie ſie 161 wieder aus demſelben Grunde. Es gab Augenblicke, er, 6 in denen ſie ſie ermorden, andere, in denen ſie ihr Leben fuͤr ſie haͤtte opfern koͤnnen. Dieſe ſchwan⸗ kenden Abwechſelungen der Gemuͤthszuſtände waren lte 3 4 in zu heftig, als daß ſie lange hätten ertragen werden koͤnnen. Ihre Geſundheit litt, wenn ſie es auch nicht ze⸗ zu fuͤhlte— ihre Wangen erbleichten— ſie weinte 3 oft, und fand ſich wenig erleichtert durch ihre 6 Thranen. . Eines Morgens, als ſie, wie gewoͤhnlich, die 5. Blumen in dem Garten des Glaukus pflegen wollte, fand ſie ihn unter den Saͤulen des Periſtils mit ei⸗ 6 nem Kaufmann aus der Stadt. Der Grieche ſuchte Juwelen fuͤr ſeine Braut aus. Er hatte bereits 3 ihre Wohnung einrichten laſſen; auch die Edelſteine, er 6 die er an dieſem Tage kaufte, wurden dort aufge⸗ en ſtellt— ſie waren nicht beſtimmt, die ſchoͤne Geſtalt es der Jone zu ſchmuͤcken, und man kann ſie noch heu⸗ 4 tigen Tages unter den aufgegrabenen Schätzen Pom⸗ peijis in dem Studienzimmer zu Neapel ſehn*). 6„Komm her, Nydia, komm, und ſetze Deine Blumenvaſe nieder. Du mußt dieſe goldene Kette pt von mir annehmen— ſo, ich will ſie Dir anlegen — Steht ſie ihr nicht gut, Servilius?“— er⸗ 7 3. „Wundervoll!“— antwortete der Juwelier, denn ng uͤr ſie*) Mehrere Armbaͤnder, Ketten und Juwelen wur⸗ den in jenem Hauſe gefunden. ſie Bulwer's Werke. Taſchenausg. Il. 11 3 162 die Juweliere waren wohlerzogen, und wußten zu ſchmeicheln, ſelbſt in jener Zeit.—„Aber wenn dieſe Ringe in den Ohren der edlen Jone glaͤnzen, dann wirſt Du, beim Bacchus! Dich überzeugen, daß meine Kunſt die Schoͤnheit noch zu erhoͤhen vermag.“ „Jone?“— wiederholte Nydia, welche bisher durch Erroͤthen und Lächein ihre Dankbarkeit fuͤr die Gabe des Glaukus zu erkennen gegeben hatte. „Ja,“ erwiederte der Athenienſer, indem er nachläſſig mit den Edelſteinen ſpielte.—„Ich will ein Geſchenk fuͤr Jonen wählen, doch finde ich kei⸗ nes, das ihrer wuͤrdig ware.“ Er wurde, indem er dieſes ſprach, durch eine ſchnelle Bewegung der Nydia erſchreckt; ſie riß die Kette mit leidenſchaftlicher Heftigkeit von ihrem Halſe, und warf ſie mit ungeſtum auf den Boden. „Was iſt das? Wie, Nydia, gefällt Dir mein Geſchenk nicht? Habe ich Dich beleidigt?“ „Du behandelſt mich immer noch wie eine Skla⸗ vin, und wie ein Kind,“ erwiederte die Theſſalierin, indem ihre Bruſt feufzend ſich hob, und ſchnell ent⸗ fernte ſie ſich in einen andern Theil des Gartens. Glaukus verſuchte nicht, ſie zu beſänftigen; er fuhlte ſich ſelbſt verletzt; er fuhr fort, die Juwelen zu betrachten, und ſein urtheil zu äußern— dieſes zu tadeln, und jenes zu loben. Zuletzt aber ließ er ſich von dem Kaufmann beſchwatzen, Alles zu kaufenz 163 gewiß der ſicherſte Entſchluß fuͤr einen Liebenden, und der Jedem anzurathen iſt, vorausgeſetzt— daß deine Jone zur Braut hat!— Als er den Kauf abgeſchloſſen, und den Juwe⸗ lier entlaſſen hatte, ging er in ſein Zimmer zuruͤck, zog ſich an, ſtieg in ſeinen Wagen, und fuhr zur Jone. Er dachte nicht mehr an das blinde Mäd⸗ chen und ihr ungeſtuͤmes Weſen; er hatte beides ver⸗ geſſen. Den Vormittag brachte er bei der ſchoͤnen Nec⸗ politanerin zu, beſuchte dann die Bäder, ſpeiſete zu Abend(wenn, wie wir bereits bemerkt haben, die um drei uhr Nachmittags Statt findende Coena der Roͤmer ſo genannt werden kann), und zwar allein und in einer Reſtauration, denn auch Pompeji hatte ſeine Reſtaurateurs;— und als er wieder zu Hauſe anlangte, um ſeine Kleider zu wechſeln, bevor er zur Jone zuruͤckkehrte, ging er durch das Periſtil, aber in der Zerſtreutheit eines Liebenden, und be⸗ merkte das blinde Mädchen kaum, die wieder an demſelben Orte ſich befand, wo er ſie verlaſſen hatte. Wenn er ſie aber auch nicht ſah, ſo hatte ſie ihn doch ſogleich an ſeinem Gange erkannt. Sie konnte die Zeit ſeiner Ruͤckkehr kaum erwarten. Als er in ſein Lieblingszimmer getreten war, welches ſich auf das Periſtil eroffnete, und nachdenkend auf ſeinem Ruhebette ſaß, fuhlte er ſich leiſe am Gewand gezo⸗ gen, und da er ſich umſah, erblickte er Nydien 11* 164 knieend und eine Hand voll Blumen ihm darreichend — ein lieblicher und ſchwer zuruͤckzuweiſender Frie⸗ densbote.— Aus ihren dunkeln, zu ihm empor richteten Augen ſtroͤmten Thränen. „Ich habe Dich beleidigt,“ ſagte ſie ſchluchzend, „und zum erſten Mal in meinem Leben. Ich will lieber ſterben, als Dich nur einen Augenblick unzu⸗ frieden wiſſen— vergib mir, o Glaukus! Sieh! ich habe die Kette aufgenommen; ich habe ſie ange⸗ legt; ich will mich nie wieder von ihr trennen; es iſt Dein Geſchenk!“— „Meine theure Nydia,“— erwiederte Glaukus, und er druͤckte einen Kuß auf ihre Stirn, indem er ſie erhob,—„denke nicht mehr daran! Aber wes⸗ halb wurdeſt Du ſo plötzlich boͤſe, mein Kind; ich konnte die urſache nicht errathen!“— „Frage nicht darnach,“ ſagte ſie, indem ſie leb⸗ haft errothete;„ich bin voller Launen und Fehlerz Du weißt, ich bin nur ein Kind; Du ſagſt es ja ſelbſt oft; kannſt Du von einem Kinde einen Grund fuͤr jede Thorheit verlangen?“— „Aber bald wirſt Du kein Kind mehr ſein, und wenn wir Dich nicht als ein ſolches behandeln ſollen, ſo mußt Du lernen, dieſe ſeltſamen Ausbruͤche der Heftigkeit mehr zu beherrſchen. Glaube nicht, daß ich ſchelte, nein, ich ſpreche nur ſo Deines eigenen Wohles wegen.“— „Es iſt wahr,“ ſagte Nydia,„ich muß mich ſelbſt mehr beherrſchen lernen; ich muß die Gefuͤhle mei⸗ nes Herzens unterdruͤcken und verbergen. Dieſes iſt die Aufgabe und die Pflicht des Weibes; ſeine Haupt⸗ kugend ſcheint mir in der Heuchelei zu beſtehen.“ „„Selbſtbeherrſchung iſt keine Heuchelei, meine Nydia,“ erwiederte der Athenienſer,„und dieſer Tugend bedarf ſowohl das männliche, als das weib⸗ liche Geſchlecht; es iſt die wahre ſenatoriſche Toga, das Zeichen der Wuͤrde deſſen, der ſie beſitzt.“ „Selbſtbeherrſchung, Selbſtbeherrſchung! Ja wohl, Du haſt Recht! Wenn ich Deine Stimme hoͤre, Glaukus, ſo werden meine wildeſten Gedanken be⸗ ruhigt, und eine entzuͤckende Heiterkeit erfuͤllt mein ganzes Weſen. Sei immer mein Rathgeber, mein Retter!“ „Dein gutes, ſanftes Herz wird Dein beſter Fuͤhrer ſein, Nydia, wenn Du gelernt haſt, ſeine Gefuͤhle zu beherrſchen.“ „Ach! das werde ich niemals lernen„ ſeufste Nydia, indem ſie ſich die Thränen abtrocknete. „Glaube das nicht; nur der erſte Verſuch iſt ſchwierig.“ „Ich habe viele erſte Verſuche gemacht,“ erwie⸗ derte Nydia naiv.„Aber findeſt Du ſelbſt es ſo leicht, Dich zu beherrſchen? Haſt Du Deine Liebe zu Jonen ſo ganz in der Gewalt? Koͤnnteſt Du ſie ſogar ver⸗ bergen?“— 66 „Liebe, theure Nydia,— das iſt etwas ganz Anderes,“ erwiederte der junge Mentor. „Ich konnte mir es denken,“ ſagte Nydia einem ſchwermuͤthigen Lächeln.—„Glaukus! will Du meine Blumen annehmen? Mache mit ihnen, was Du willſt;— Du kannſt ſie der Jone geben, wenn Du willſt,“ fuͤgte ſie zaudernd hinzu. „Nein, Nydia,“ erwiederte Glaukus freundlich, indem er einige Eiferſucht in ihrem Benehmen er⸗ rieth, obgleich er dieſe blos noch füͤr die Eiferſucht eines reizbaren Kindes hielt;—„ich will Deine ſchoͤnen Blumen Niemanden geben. Setze Dich hier⸗ her, und flechte ſie in einen Kranzz ich will ihn heute Abend tragen; es iſt nicht der erſte, den dieſe zarten Finger fuͤr mich gewunden haben.“ Das arme Mädchen ſetzte ſich entzuͤckt neben den Glaukus. Sie nahm aus ihrem Guͤrtel einen Knaͤuel von den bunten, ſchmalen Bändern, deren man zum Flechten der Kraͤnze ſich bediente, und die ſie be⸗ ſtändig, da dieſes ihr eigentliches Geſchäft war, bei ſich trug,— und begann vergnügt ihre Arbeit. Die Thränen waren bereits auf ihren Wangen ge⸗ trocknet;— um ihre Lippen ſpielte ein freudiges Lächeln;— ſie war allerdings, wie ein Kind, nur empfänglich fuͤr den Genuß der Gegenwart;— ſie war mit dem jungen Griechen wieder verſoͤhnt; er hatte ihr verziehen— ſie ſaß neben ihm— er ſpielte liebkoſend mit ihren ſeidenen Haaren— ſein Athem — beruͤhrte ihre Wange— Jone, die grauſame Jone, war nicht anweſend; keine Andere⸗nahm ſeine Nei⸗ gung in Anſpruch.— Ja, ſie war gluͤcklich, und hatte alles fruͤhere Leid vergeſſen; es war einer der wenigen Augenblicke in ihrem kurzen und unruhigen Leben, die der Ruͤckerinnerung werth blieben. Wie der Schmetterling, durch die Winterſonne gelockt, einige Zeit in dem wohlthuenden Licht umherſchwaͤrmt, bevor der ſcharfe Wind ſich erhebt, und der Froſt veginnt, der noch vor dem Abend ihn tödtet,— ſo ſonnte auch ſie ſich in einem Strahl, der, in Vergleichung zu ihrem gewohnten Daſein, ihr wohl⸗ thuend war, und der Inſtinkt, welcher ſie an deſſen valdiges Verſchwinden hätte erinnern koͤnnen, ver⸗ mochte ſie nur um ſo mehr, dieſer kurzen Wonne ſich ganz hinzugeben. „Du haſt ſchone Locken,“ ſagte Glaukus;„ſie waren gewiß einſt das Entzuͤcken einer Mutter.“ Nydia ſeufzte; ſie ſchien nicht als Sklavin gebo⸗ ren zu ſein; doch vermied ſie es ſtets, von ihrer Abkunft zu ſprechen, und ſo viel iſt gewiß, daß dieſe niemals ihren Wohlthätern oder irgend Jemand in dieſem fernen Lande bekannt wurde. Sie kam, das Kind des ungluͤcks und des Geheimniſſes, wie irgend ein verirrter Vogel, der kurze Zeit in unſerm Zim⸗ mer umher flattert; wir wiſſen nicht, woher er kam und wohin er wieder fliegen wird. 168 Nydia ſeufzte, und ſagte nach einer kurzen Pauſe, ohne auf jene Bemerkung zu antworten: „Aber flechte ich auch zu viele Roſen in Deinen Kranz, Glaukus?— Man ſagt mir, es ſeien Deine Lieblingsblumen.“ „Und immer, meine Nydia, werden Alle, die der Dichtkunſt ergeben ſind, auch die Roſe lieben; denn ſie iſt ja die Blume der Liebe; auch dem Schweigen und dem Tode weihen wir ſie; ſie ſchmuͤckt unſere Stirne, ſo lange das Leben noch Werth hatz ſie wird auf unſer Grab geſtreut, wenn wir nicht mehr ſind.“ „Oh, koͤnnte ich doch,“ ſagte Nydia,„ſtatt dieſes vergaͤnglichen Kranzes, Deinen Lebensfaden aus den Haͤnden der Parzen nehmen, und in ihn dieſe Roſen flechten.“ „Dein Wunſch, liebes Mädchen, iſt einer ſo wohlklingenden Stimme wuͤrdig, und welches auch mein Schickſal ſein wird, ſo danke ich Dir.“— „Was auch Dein Schickſal ſein moͤge! Iſt es nicht ſchon fuͤr alles Gute und Edle beſtimmt? Mein Wunſch war uͤberfluͤſſig. Die Parzen werden ſich Dir ſo guͤnſtig erweiſen, als ich es wuͤrde.“ „Ich waͤre nicht gluͤcklich, Nydia, wenn ich nicht liebte! So lange ich jung bin, kann ich wol mein Vaterland eine Zeit lang vergeſſen. Aber welcher Athenienſer kann im reiferen Mannesalter Athens gedenken, wie es war, und mit ſeinem Gluͤck ſich — „ beruhigen, waͤhrend Athen geſunken iſt— geſunken fuͤr immer,“ „Und weshalb fuͤr immer?“ „Wie die Aſche nicht wieder zur Gluth erweckt werden kann; wie die Liebe, wenn ſie einmal er⸗ ſtarb, fuͤr immer todt iſt; ſo wird auch die verlorne Freiheit eines Volkes niemals wieder gewonnen. Aber ſpreche ich nicht mit Dir von Gegenſtaͤnden, die Dir unverſtändlich ſind?“ „Mir?— O, Du taͤuſcheſt Dich! Auch ich traure um Griechenland; meine Wiege ſtand am Fuße des Olympus; die Goͤtter haben zwar den Berg verlaſſen, aber ihre Spuren ſind noch nicht verſchwunden; jene Gotter leben noch in den Her⸗ zen ihrer Anbeter, wie in jenem herrlichen Landez man ſagt mir, es ſei ſchoͤn; ich habe blos deſſen milde Luͤfte geathmet, gegen welche ſelbſt dieſe rauh ſind; die Wärme jenes Klima's, gegen welche das hieſige kalt iſt. Oh! ſpreche nur mit mir von Grie⸗ chenland! Ich kann Dich verſtehen, wenn ich auch nur ein armes, einfältiges Maͤdchen bin; und mir deucht, daß, ware ich eine Griechin geweſen, die das Gluͤck mit Liebe und mit Gegenliebe beguͤnſtigt haͤtte, ſo wuͤrde ich ſelbſt meinen Geliebten fuͤr ein anderes Marathon, oder fuͤr ein neues Platäa be⸗ waffnet haben. Ja, dieſelbe Hand, welche jetzt Ro⸗ ſen flechtet, wuͤrde Dir den Olivenkranz gewunden haben!“ 17⁰ „Wenn ein ſolcher Tag wiederkaͤme!“ ſagte Glau⸗ kus, indem die Begeiſterung der blinden Theſſalierin auch ihn ergriff.—„Doch nein! die Sonne iſt un⸗. tergegangen, und in dieſer Finſterniß muͤſſen wir ſelbſt unſeren fruͤheren Ruhm vergeſſen— wir koͤn⸗ nen uns ja doch dabei des Lebens freuen;— flechte nur die Roſen!“—. Doch der Athenienſer ſprach dieſe letzteren Worte mit einem Ton erzwungener Luſtigkeit aus, und in⸗ dem er in tiefes Nachdenken verſank, wurde er aus demſelben erſt einige Minuten ſpäter durch die Stim⸗ me der Nydia erweckt, welche die folgenden Worte ſang, die er einſt ſie gelehrt hatte.“, Die Apologie des Vergnuͤgens. Wer will den Lorbeer noch tragen?— Er haͤngt an der Helden Grab!— Wer konnt' es auch nur wagen, Ein Blatt zu pfluͤcken ab?— Doch dieſe, die Roſe, zu pfluͤcken, Kann Sklaven, wie Freie begluͤcken. Wenn die Erinn'rung trauert und weint, Und ruht bei Gräbern und Todten, Wenn Hoffnung und Freiheit verloren ſcheint, Wird doch uns Vergnuͤgen geboten.— Kommt, windet den Kranz, den Roſenkranz, Die Horen entfliehen im leichten Tanz. Und lächelt uns nicht mehr der Ruhm und der Sieg, Doch duͤrfen wir dichten und ſingen, Auch bleibt uns noch Amors gefahrloſer Krieg, Die Myrthe nur laßt uns erringen; Wie Amor zuerſt aus dem Chaos erwacht, So dauert in Ewigkeit fort ſeine Macht. Fünktes Kapitel. Nydia begegnet der Julia.— Geſpraͤch zwiſchen der heidniſchen Schweſter und dem bekehrten Bruder.— Eines Athenienſers Begriffe uͤber das Chriſtenthum. „Wie gluͤcklich iſt Jone! welches Entzuͤcken, immer bei Glaukus zu ſein; ſeine Stimme zu hoͤren— und auch ſehen kann ſie ihn!“— So ſprach das blinde Madchen mit ſich ſelbſt, als ſie allein, und in der Abenddämmerung nach dem Hauſe ihrer neuen Gebieterin ſich begab, wo⸗ hin Glaukus bereits vorausgegangen war. Plotzlich wurde ſie in ihren Gedanken durch eine weibliche Stimme unterbrochen— „Blindes Blumen-Maͤdchen, wohin gehſt Du? — Du haſt ja keinen Korb unterm Arm— haſt Du alle Deine Blumen ſchon verkauft?“— Die Perſon, welche Nydia ſo anredete, war eine ſchone Dame, doch mit kuͤhnen und unweiblichen Zu⸗ 172 gen; es war Julia, die Tochter des Diomedes. Sie hatte ihren Schleier, während ſie ſprach, halb ge⸗ hoben, und wurde durch ihren Vater und einen Sklaven begleitet, der eine Laterne vor ihnen her⸗ trug.— Der Kaufmann und ſeine Tochter kehrten von einem Abendeſſen bei einem ihrer Nachbarn zuruͤck. „Erinnerſt Du Dich nicht meiner Stimme?“ fuhr Julia fort;„ich bin die Tochter des Diomedes, des Reichen.“ „Ach, entſchuldige— ja, ich erinnere mich des Tones Deiner Stimme.— Nein, edle Julia, ich habe keine Blumen zu verkaufen.“— „Ich hore, daß der ſchoͤne Grieche Glaukus Dich gekauft hat;— iſt es wahr, niedliche Sklavin?“ fragte Julia. „Ich diene der Neapolitanerin Jone,“ erwiederte Nydia. „Ha! und alſo iſt es wahr, daß—“ „Komm, Komm!“— unterbrach ſie Diomedes, der ſich dicht in ſein Gewand gehuͤllt hatte;„der Abend wird kuͤhl; ich kann hier nicht warten, wäh⸗ rend Du mit dem blinden Mädchen plauderſt; komm, nimm ſie mit zu Hauſe, wenn Du mit ihr ſchwatzen willſt.“— „Komm, Kind,“ ſagte Julia, in einem Tone, der keinen Widerſpruch zu dulden ſchien;„ich habe Dich Vieles zu fragen, komm!“— t — —+ c e 173 „Ich kann heute Abend nicht, es wird ſpat,“ erwiederte Nydia;„ich muß zu Hauſe; ich bin nicht frei, edle Julia!“ „Was? Die ſanfte Jone wird Dich doch nicht ſchelten?— ich zweifle nicht, daß ſie eine zweite Thaleſtris iſt.— Nun, ſo komme denn morgen; erinnere Dich, daß ich fruͤher Deine Goͤnnerin ge⸗ weſen bin.“ „Ich werde Deinen Wuͤnſchen genuͤgen,“ antwor⸗ tete Nydia— und Diomedes wurde wieder unge⸗ duldig; Julia war genothigt, mit ihm ihren Weg fortzuſetzen, ohne die Frage, die ſie noch auf der Zunge hatte, ausſprechen zu koͤnnen.— Wir kehren jetzt zur Jone zuruͤck. Die Zeit zwiſchen dem erſten und dem zweiten Beſuch des Glau⸗ kus an dieſem Tage hatte ſie nicht ſehr angenehm zugebracht; auch ihr Bruder, den ſie ſeit jener Nacht, da er ſie aus der Gewalt des Egyptiers befreien half, nicht mehr geſehen hatte, war bei ihr geweſen. Der Prieſter hatte, beſchaftigt mit ſeinen eigenen ernſten und fuͤr ihn ſo wichtigen Gedanken, wenig an ſeine Schweſter gedacht; auch werden allerdings Maͤnner von jener lebhaften Einbildungskraft, die gerne in überirdiſchen Regionen verweilt, weniger durch die irdiſchen Gefuͤhle in Anſpruch genommen, und ſeit lange hatte Apaecides jenen freundſchaftli⸗ chen Ideenwechſel, jene fuße Vertraulichkeit nicht ge⸗ ſucht, die in ſeiner fruheren Jugend ihn zu Jonen 174 ſo ſehr hingezogen hatten, und die unter Geſchwi⸗ ſtern ſo natuͤrlich und gewoͤhnlich ſind. Jone jedoch hatte es ſtets geſchmerzt, daß er ſo verſchloſſen und entfremdet gegen ſie wurdeß ſie ſchrieb dieſes aber den ſtrengen Pflichten ſeines heiligen Standes zu. Oft ſeufzte ſie, bei allen ihren glaͤn⸗ zenden Hoffnungen und beſeligenden Gefuͤhlen fuͤr ihren Geliebten, wenn ſie der Gedanke überraſchte, indem ſie der ſo fruͤhzeitig gerunzelten Stitn ihres Bruders und ſeines abgehaͤrmten Geſichts ſich erin⸗ nerte, daruͤber, daß der Dienſt der Götter einen ſo duͤſtern Schatten uͤber jene Erde werfen konnte, welche dieſe Gotter ſelbſt geſchaffen hatten. Als er ſie jedoch dieſesmal beſuchte, bemerkte ſie in ſeinen Zuͤgen einen Ausdruck der Ruhe, in ſeinem Blick eine ſtille Heiterkeit, wie ſie es ſeit vielen Jah⸗ ren an ihm nicht gewohnt war. Dieſer veraͤnderte Zuſtand war jedoch nur ſcheinbar; es war eine fal⸗ ſche Ruhe, die der geringſte innere Sturm wieder aufzuheben vermochte. „Die Goͤtter moͤgen Dich ſegnen, mein Bru⸗ der!“— ſagte ſie, indem ſie ihn umarmte. „Die Götter! Wie kannſt Du ſo ſprechen?— es gibt wohl nur einen Gott!“— „Mein Bruder!“— „Wenn nun aber der erhabene Glauben der Na⸗ zarener wahr ware? Wenn Gott ein Monarch— unſichtbar, allmächtig, allwiſſend wäres Wenn alle es ſei die ber die beg lich ſeſt teſt St Gle ſer: der koͤn har Hei lebt üichſ The des einer 175 die unzählbaren Gottheiten, deren Altaͤre die Erde erfuͤllen, nur boͤſe Dämonen wären, die uns von dem wahren Glauben zu entfernen ſuchen?— Die⸗ ſes iſt moͤglich, Jone!“— „Ach! konnen wir es glauben? oder wenn wir es glaubten, wuͤrde es nicht ein trauriger Glaube ſein?“— erwiederte die Neapolitanerin.„Was, dieſe ganze ſchöne Welt ſollte nur durch Menſchen bewohnt werden!— die Berge ſollten keine Oreaden, die Quellen keine Nymphen mehr beſitzen— jene begluͤckende Fuͤlle des Glaubens, die Alles vergott⸗ licht; die beſcheidenſten Blumen heiligt, in das lei⸗ ſeſte Luͤftchen ein uberirdiſches Weſen bannt— moͤg⸗ teſt Du dies Alles verlaͤugnen, und die Erde nur zu Staub und Schmutz machen? Nein, Apaecides, jener Glaube, der Alles mit Göoͤttern bevoͤlkert, muß un⸗ ſern Herzen wohlthuend ſein.“ Jone antwortete, wie Jeder, der an die Poeſie der alten Mythologie glaubte, antworten mußte. Wir koͤnnen nach dieſer Erwiederung beurtheilen, welchen hartnäckigen Widerſtand das Chriſtenthum unter den Heiden zu uͤberwinden hatte. Alles wurde durch dieſen ſchönen Aberglauben be⸗ lebt; jede Handlung ihres Lebens, ſelbſt die gewöhn⸗ lichſte, trat mit ihm in Verbindung— er war ein Theil des Lebens ſelbſt, wie die Blumen ein Theil des Thyrſus ſind. Jedes Ereigniß bezog ſich auf einen Gott; jeder Becher Weines wurde mit einer 176 Libation dargebracht; ſelbſt die Kraͤnze in den Haus⸗ thuͤren waren einer Gottheit zugeeignet; und ihre Vorfahren bewachten, als Laren geheiligt, ihren Herd und ihre Hallen. Der Aberglaube war bei ih⸗ nen ſo uͤberſchwaͤnglich, daß ſelbſt jetzt in jenen Ge⸗ genden der Götzendienſt noch nicht ganz ausgerottet werden konnte; man wechſelt dort blos die Gegen⸗ ſtände der Abgoͤtterei, und die Menge hoͤrt jetzt mit eben ſo großer Ehrfurcht die Orakel an den Altären des heiligen Januarius oder Dominikus, als fruͤher an denen der Iſis oder des Apollo. Dieſer Aberglaube war jedoch den erſten Chriſten nicht ſo ſehr ein Gegenſtand der Verachtung, als des Abſcheues. Sie glaubten nicht mit dem ruhigen Skepticismus der heidniſchen Philoſophen, daß die Goͤtter Erfindungen der Prieſter— noch ſelbſt mit der Menge, daß nach den dunkeln überlieferungen der Geſchichte, ſie Sterbliche geweſen ſeien. Sie hielten die heidniſchen Gottheiten fuͤr boͤſe Geiſter — ſie verpflanzten die duͤſtern Dämonen Indiens und des Morgenlandes nach Italien und Griechen⸗ land, und ſie verglichen den Jupiter oder den Mars mit dem Moloch oder mit dem Satan*).„ *) In Pompeji ſieht man den Pluto in derſelben Geſtalt dargeſtellt, mit Hörnern und einem Schweif, wie der Teufel oft gemalt wird. Wahrſcheinlich aber entſtand die rohere Vorſtellung von dem Kußern des bö⸗ nen mei nich daß ſen men jede er ſ Sat den Die: Teu en if. er 5 Apaecides war noch nicht foͤrmlich zum chriſt⸗ lichen Glauben ubergegangen, doch ſtand er im Be⸗ griffe, es zu thun. Er war bereits auf die Anſich⸗ ten des Olinthus eingegangen, und glaubte, daß jene lieblichen Geſchoͤpfe der Einbildungskraft die Ein⸗ fluͤſterungen des Satanas, des unverſoͤhnlichen Fein⸗ des der Menſchen, ſeien. Er entſetzte ſich uber die natuͤrliche und unſchuldige Antwort ſeiner Schweſter. Seine Erwiederung war ungeſtuͤm, und doch dabei ſo verwirrt, daß Jone noch mehr fuͤr ſeine Vernunft fuͤrchtete, als ſie durch ſeine Heftigkeit beunruhigt wurde. „Ach, mein Bruder!“ ſagte ſie, die ſtrengen Pflichten, denen Du Dich unterworfen, haben Dei⸗ nen Geiſt angegriffen. Komm zu mir, Apaecides, mein Bruder, gib mir die Hand: laß mich den Schweiß von Deiner Stirn abtrocknen; zuͤrne mir nichtz ich verſtehe Dich ja nichtz aber ſei uberzengt, daß Jone Dich nie hat beleidigen wollen.“ „Jone,“ ſagte Apaecides, indem er ſie zu ſich ſen Feindes durch den myſteriöſen Pan, der an einſa⸗ men Orten in den Waldern ſich aufhielt, und dem man jeden plotzlichen und uͤberwaͤltigenden Schrecken zuſchrieb; er ſtimmt vollkommen mit dem pferde⸗ oder bocks fuͤßigen Satan üͤberein. Die Chriſten konnten auch wohl bei den leichtſinnigen und uͤppigen Gebraͤuchen, die der Dienſt des Pan erheiſchte, fuͤglich einen Einfluß des Teufels vorausſetzen. Bulwer's Werke. Taſchenausg. II. 12 178 zog, und ſie zärtlich anblickte;„kann ich mir den⸗ ken, daß dieſe ſchone Geſtalt, dieſes ſanfte Herz fuͤr ewige Qualen beſtimmt ſein ſollen?“ „Dü meliora! die Götter mogen es verhuͤten!“ ſagte Jone, indem ſie ſich der Formel bediente, mit der man damals einer boſen Weiſſagung zu begeg⸗ nen pflegte. Dieſe Worte, und noch mehr der Aberglauben, welcher in ihnen verborgen lag, verwundeten das Ohr des Apaecides. Er ſtand auf, murmelte einige Worte in ſich hinein, ging nach der Thüre des Zim⸗ mers zu, und indem er auf dem halben Wege ſich wieder umkehrte, ſchaute er nochmals Jonen an, und breitete ſeine Arme aus. Jone eilte auf ihn zu; er kußte ſie auf die Stirn und ſagte: „Lebe wohl, meine Schweſter; wenn wir uns wieder begegnen, werde ich vielleicht kein verwandt⸗ ſchaftliches Gefuhl mehr für Dich haben können. Laß Dich noch einmal umarmen, jetzt, da alle Er⸗ innerungen jener Kindheit mich noch umſchweben, in der wir noch Glauben und Hoffnungen, Anſichten und Wünſche theilten. Jetzt aber muß dieſes Band geloͤſet werden!“ Mit dieſen Worten verließ er das Haus. Die harteſte Verſuchung der erſten Chriſten und ihr ſchwerſter Kampf war in der That die Tren⸗ nung von allen ihren gewohnten Verbindungen. Sie konnten nicht langer den umgang mit menſchlichen rei ſpr red ihr noc ſche kom druc Naz hoͤrt . Sekt Lehrſ natu ſchein Weſen pflegen, deren gewoͤhnlichſte Pandlungen und Worte das Geprage des Goͤtzendienſtes trugen. Sie mußten ſich entſetzen vor den Segnungen der Liebe; ihren Ohren mußten ſie erklingen wie die Eingebun⸗ gen boͤſer Geiſter. Dieſes ihr ungluͤck bildete zu⸗ gleich ihre Kraft; was ſie von der übrigen Welt trennte, das mußte ſie ſelbſt nur deſto feſter ver⸗ binden. Es waren Männer von eiſernem Charakter, die das Wort Gottes verkuͤndeten, und die Bande, welche ſie vereinigten, waren in der That auch von Eiſen! Glaukus fand Jonen in Thränen; er durfte be⸗ reits auf das ſchoͤne Vorrecht, ſie zu troſten, An⸗ ſpruch machen. Er vermochte ſie, ihm die unter⸗ redung mit ihrem Bruder mitzutheilen, aber es war ihr unmöglich, ſeine Sprache, die Jemandem, der noch nicht auf ſie vorbereitet war, ſo fremdartig er⸗ ſcheinen mußte, ihm begreiflich zu machen, und ſie konnten ſich beide den eigentlichen Sinn der Aus⸗ druͤcke des Apaecides nicht enträthſeln. „Haſt Du jemals von dieſer neuen Sekte der Nazarener, von der mein Bruder ſpricht, ge⸗ hört?“— fragte ſie. „Ich habe oft genug von den Anhangern dieſer Sekte gehoͤrt,“ erwiederte Glaukus,„doch von ihren Lehrſätzen weiß ich nichts, außer daß etwas wider⸗ natuͤrlich Strenges und Finſteres darin zu liegen ſcheint. Sie leben getrennt von ihren Mitmenſchen; 12* 180⁰ ſie ſcheinen ſelbſt unſern einfachen Gebrauch, uns zu bekraͤnzen, ungern zu ſehn; ſie fuͤhlen keine Theil⸗ nahme fur die unſchuldigen Annehmlichkeiten des Le⸗ bens; ſie verkuͤnden ſchreckliche Weiſſagungen uͤber den bevorſtehenden untergang der Erde; ſie ſcheinen, mit einem Wort, ihren duͤſtern Glauben aus der Hoͤhle des Trophonius geholt zu haben. Ja,“ fuhr Glaukus nach einer kleinen Pauſe fort,„es gab auch Männer von großem Charakter und vielen Talenten unter ihnen, und ſie bekehrten ſelbſt einige von den Areopagiten zu Athen zu ihrer Lehre. Ich erinnere mich, daß mein Vater mir vor vielen Jahren ſchon von einem ſeltſamen Gaſt in Athen erzaͤhlte; wenn ich nicht irre, war ſein Name Paulus. Mein Va⸗ ter befand ſich unter der großen Volksmenge, die ſich um einen jener unvergeßlichen Huͤgel verſam⸗ melte, um dieſen Weiſen aus dem Morgenlande an⸗ zuhoren;— das Geraͤuſch, womit unſere eingebore⸗ nen Redner gewöhnlich empfangen wurden, ver⸗ ſtummte— und als er auf der Spitze dieſes Huͤgels, erhaben uͤber der horchenden Volksmenge, ſtand, ge⸗ wannen ſchon ſeine Geſichtszuge und ſeine kuhne Haltung jedes Herz, noch bevor er zu ſprechen be⸗ gann. Er war, wie mein Vater mir erzählte, ein Mann von gebieteriſcher und edler, wenn auch nicht von großer Geſtalt, welche ein dunkles, weites Ge⸗ wand umgab; ſeine Augen glänzten von faſt uͤber⸗ irdiſchem Feuer, und als er den Arm erhob, um zu wil den ach ore⸗ ver⸗ gels, ge⸗ ühne be⸗ ein nich Ge⸗ uber⸗ m zu den der Geiſt Gottes beſeelt.“ „„Männer von Athen,““ ſoll er geſagt haben, „„Ich finde bei Euch einen Altar mit der Inſchrift: Dem unbekannten Gott! Ihr verehrt unbewußt denſelben Gott, den ich anbete. Ich will Euch die Groͤße und die Gebote Deſſen verkuͤnden, der Euch bisher unbekannt war.““ „Darauf erklärte jener wuͤrdige Mann, wie der erhabene Schoͤpfer aller Dinge, der Herr der Erde und des Himmels, nicht in Tempeln, von Menſchen⸗ haͤnden erbaut, wohne; daß Seine Gegenwart, Sein Geiſt in der Luft ſei, die wir athmen; daß unſer Leben und Daſein nur Seiner Allmacht zu verdan⸗ ken ſeien.„„Glaubt Ihr⸗k über igte er,„„daß der Unſichtbare iſt, wie Eure Bildſaͤulen von Gold und Marmor? Glaubt Ihr, daß Er, der Himmel und Erde erſchuf, Opfer von Euch bedarf?““„Darauf ſprach er von ſchrecklichen Zeiten, die noch kommen wuͤrden, von dem Ende der Welt, von einer Aufer⸗ ſtehung der Todten, für welche dem Menſchenge⸗ ſchlecht ein Buͤrge gegeben worden ſei durch die Wie⸗ derauferſtehung des mächtigen Weſens, deſſen Reli⸗ gion er lehre.“ „Als er ſo redete, brach der lange verhaltene Un⸗ willen aus, und die Philoſophen, welche ſich unter dem Volke befanden, konnten die Zeichen ihrer Ver⸗ achtung nicht länger verbergen; man konnte das ſprechen, geſchah es mit der Majeſtaͤt eines Mannes, ſpoͤttiſche Laͤcheln des Zynikers und die finſtere Stirn des Stoikers bemerken, und der Epikuräer, der ſelbſt an unſer Elyſium nicht glaubt, ſchritt lachend mit einem leichten Scherz durch die Menge; aber die Herzen des Volks waren geruͤhrt und erſchuttert; und ſie zitterten, wenn ſie auch nicht wußten, wes⸗ halb; denn der Fremde hatte die Stimme und das majeſtätiſche Weſen eines Mannes, dem der„unbe⸗ kannte Gott“ wirklich die Verbreitung ſeines Glau⸗ bens aufgetragen habe.“ Jone hatte mit theilnehmender Aufmerkſamkeit zugehoͤrt, und der tiefe Ernſt des Erzahlers verrieth den Eindruck, welchen die Mittheilungen eines der Anweſenden in jer ſVerſammlung, der an dem Huͤgel des heidniſch“er derrs die erſten Nachrichten von den Lehren Chriſti verkundet wurden, auch auf ihn gemacht hatten. Sechstes Bapitel. Der Thuͤrſteher— das Mädchen— und der Glabiator. Die Thuͤre von dem Hauſe des Diomedes ſtand offen, und Medon, der alte Sklave, ſaß auf einer 8 der Stufen, die hinauffuͤhrten. Man ſieht noch jetzt ſt ie praͤchtige Wohnung dieſes pompejaniſchen Kauf⸗ it manns, unmittelbar vor jenem Stadtthor, wo die ie Straße der Gräber anfängt; aber trotz der Nach⸗ tz barſchaft der Todten war es eine lebhufte, muntere 8⸗ Gegend. Dem Thore etwas näher befand ſich auf as der entgegengeſetzten Seite ein großes Wirthshaus, e⸗ wo die, welche ihrer Geſchäfte oder des Vergnuͤgens u⸗ wegen nach Pompeji kamen, haͤufig einkehrten. Jetzt ſtanden vor dieſem Wirthshauſe Waägen, Karren eit und anderes Fuhrwerk, von denen einiges erſt ange⸗ th kommen, anderes ſchon wieder abzugehn im Begriff er war. Vor der Thuͤre ſaßen einige Pächter auf einer em Bank an einem kleinen runden Tiſche, und unterhielten ten ſich bei ihrem Morgentrank uͤber ihre Geſchäfte. Neben uf der Thuͤre war das gewoͤhnliche Schenkzeichen friſch angemalt*). Längs dem Dache des Hauſes zog ſich eine Terraſſe hin, auf der die Frauen jener Pächter theils ſaßen, theils ſich uber das Gelaͤnder lehnten und ſich mit ihren Bekannten unten unter⸗ hielten. unter einem kleinen Vordach ruhten ſich auf einer dort ſtehenden Bank einige aͤrmere Rei⸗ ſende aus. Auf der andern Seite lag ein großer b Platz, wo urſpruͤnglich der ältere Volksſtamm, der vor dem Geſchlecht der jetzigen Pompejaner hier and 2) Es liegt in der Stadt noch ein Wirthöhaus, ner welches dieſem aͤhnlich iſt. ———— wohnte, ſeinen Begräbnißort hatte, welcher jetzt aber in ein uſtrinum(wo die Todten verbrannt wurden) umgewandelt war. über demſelben erho⸗ ben ſich die Terraſſen einer freundlichen, halb zwi⸗ ſchen Bäumen verſteckten Villa. Die Grab⸗Monu⸗ mente ſelbſt, mannichfaltig und kunſtreich gearbeitet, und mit Blumen und Gewächſen umgeben, machten grade keinen traurigen Eindruck. Dicht bei dem Thore ſtand in einer kleinen Niſche eine roͤmiſche Schildwache, deren blanker Helm, ſo wie die Lanze, an die ſie ſich lehnte, in der Sonne glaͤnzten. Das Thor ſelbſt beſtand aus drei Bogen, der mittlere fur das Fuhrwerk, die an den Seiten fuͤr Fußgaͤn⸗ ger beſtimmt, und an dieſes Thor ſchloſſen ſich die maſſiven Mauern, welche die Stadt umgaben, und die zu verſchiedenen Zeiten erbaut, erneuert und re⸗ parirt worden waren, je nachdem der Krieg oder die Erdbeben es nothig gemacht hatten. In be⸗ ſtimmten Zwiſchenräumen erhoben ſich viereckige Thuͤrme, deren roh gearbeitete graue Zinnen mit den neuern weiß glänzenden Gebauden einen Gegen⸗ ſatz vildeten. Die Straße, welche von dieſer Seite nach Her⸗ kulanuin fuͤhrte, wand ſich zwiſchen Weinbergen durch, uͤber denen der majeſtätiſche Gipfel des Ve⸗ ſuv ſich erhob. „Haſt Du ſchon die Neuigkeit gehört, alter Me⸗ don?“ fragte ein junges Madchen mit einem Krug — —— — in der Hand, als ſie vor der Thüre des Diomedes ſtille ſtand, um mit dem Sklaven zu plaudern, be⸗ vor ſie in dem benachbarten Wirthshauſe ihren Krug fulle. „Was fuͤr Neuigkeiten?“ ſagte der Sklave, in⸗ dem er aufblickte. „Nun, heute morgen ftüh, wahrſcheinlich als Du noch ſchliefſt, iſt durch dieſes Thor etwas ganz Neues in Pompeji einpaſſirt!“ „Bei'm Herkules!“ ſagte der Sklave gleichguͤltig. „Ja, es war ein Geſchenk von dem edeln Pom⸗ ponianus.“ „Ein Geſchenk! Du ſagſt ja, es ſei eine große Neuigkeit geweſen.“— k „Es iſt beides; ſo wiſſe denn, daß es ein herr⸗ licher junger Tiger fur unſere bevorſtehenden Spiele im Amphitheater iſt. Oh, das wird entzuͤckend ſein! Ich werde nicht ſchlafen können, bis ich das Thier geſehen habe;—— es ſoll koͤſtlich brullen.“— „Arme Närrin!“ ſagte Medon. „Schelte mich nicht, Du alter Graubart! Ein Tiger iſt ein huͤbſches Thier— wenn wir nur Je⸗ manden fänden, der ihm vorgeworfen werden konnte. Wir haben jetzt ſchon einen Loͤwen und einen Tigerz bedenke das, Medon! und blos, weil wir nicht auch zwei Verbrecher haben, wird es vielleicht noͤthig ſein, die armen Thiere gegen einander zu hetzen. Aber 186 Dein Sohn iſt ja ein Gladiator, ein junger, ſtar⸗ ker Menſch, kannſt Du ihn nicht uͤberreden, daß er es mit dem Tiger aufnimmt? Verſuche es doch; Du wuͤrdeſt mir einen großen Gefallen thun; ja, Du wuͤrdeſt ſelbſt ein Wohlthäter der ganzen Stadt werden.“ „Ei was!“ erwiederte der Sklave unwilligz„denke an Deine eigene Gefahr, ſtatt daß Du meinem Sohne den Tod wuͤnſcheſt.“ „Meine eigene Gefahr?“— ſagte das erſchrockene Maädchen, indem es ſich ängſtlich umſah—„Moͤge die boͤſe Weiſſagung zu nichte werden, und Deine Worte auf Dein eigenes Haupt zuruͤck fallen.“— Indem ſie dieſes ſprach, beruͤhrte ſie einen Talis⸗ man, der an ihrem Buſen hing.„Meine eigene Gefahr?— welche Gefahr droht mir denn?“ „War das Erdbeben vor einigen Rächten keine Waxnung fuͤr Dich?“ ſagte Medon.„Sprach es nicht deutlich, und ſagte es nicht zu uns Allen: Be⸗ reitet Euch zum Tode vor, das Ende aller Dinge iſt nahe?“— „Bah, was fur Einfälle!— Da Du ſolche Re⸗ densarten fuͤhrſt, wie die Nazarener, ſo glaube ich, Du biſt ſelbſt einer von ihnen. Mit Dir altem Suͤnder läßt ſich nicht mehr ſprechen; Du wirſt im⸗ mer ſchlimmer. Vale!— O, Herkules, ſchicke uns einen Mann fuͤr den Löwen, und einen andern fur den Tiger!“— — — 187 „Ho! ho! welch' ein luſtiges, herrliches Spiel, Im Amphitheater welch⸗ draͤngend' Gewuͤhl? Mit Blut wird getraͤnkt der Sand der Arena, Die Kaͤmpfer ſind kuͤhn, wie der Sohn der Alkmena, Ja, ſchwatzt nur— bald wird Euch der Athem vergehn, Wenn bald mit dem Tode wir ringen ſie ſehn. Tramp! tramp! welch' ein wildes und tolles Gewuͤhl, Im Amphitheater welch luſtiges Spiel!“— Das junge Mädchen huͤpfte, indem ſie mit heller und klarer Stimme dieſes Liedchen ſang, nach dem lebhaften Wirthshauſe hinuͤber. „Mein armer Sohn,“ ſprach der Sklave halb laut,„ſollſt Du ſolcher Schaͤndlichkeiten wegen Dei⸗ nem Tode entgegen gehn? Oh! chriſtlicher Glaube, ſchon des Abſcheues wegen, den Du gegen dieſe blu⸗ tigen Schlächtereien einflößeſt, wurde ich aufrichtig Dir angehoͤren.“ Der alte Mann ließ troſtlos ſein Haupt auf die Bruſt ſinken. Er blieb ſtumm, und ſchien in tiefes Nachdenken verſunken, nur trocknete er ſich dann und wann mit dem Zipfel ſeines ſrmels die Augen. Seine Gedanken waren mit ſeinem Sohne beſchaͤf⸗ tigt; er ſah den jungen Mann nicht, der mit ſchnellen Schritten ſtolz und ungeſtum von dem Thore her ſich näherte. Er erhob ſeine Augen nicht, bis jener, der Stelle gegenuͤber, wo er ſaß, ſtehen blieb, und mit fanfter Stimme ihn anredete: „Vater!“ 188 „Mein Sohn, mein Lydon, biſt Du es wirk⸗ lich?“— ſagte der alte Mann freudig.„Ach, ich dachte ſo eben an Dich!“— „Das iſt mir lieb, mein Vater,“ ſagte der Gla⸗ diator, indem er ehrerbietig die Kniee und den Bart ſeines Vaters beruͤhrte;—„und bald werde ich immer, nicht blos in Deinen Gedanken, bei Dir ſein.“ „Ja, mein Sohn, aber nicht in dieſer Welt,“ — erwiederte der Sklave traurig. „Spreche nicht ſo, lieber Vater! ſehe nicht ſo ſchwarz in die Zukunft; auch ich thue es nicht— ich hoffe, daß ich in dem Kampfe Sieger bleibe, und dann erkauft das Geld, welches ich gewinne, Deine Freiheit. Erſt vor einigen Tagen wurde ich durch Jemanden verkannt, den ich ſo gerne ent⸗ taͤuſcht haͤtte, denn er iſt edelmuͤthiger, als die an⸗ dern jungen Maͤnner ſeines Gleichen. Er iſt kein Roͤmer, ſondern ein Athenienſer— er glaubte, daß ich blos der Geldgierde wegen mich aufopfere, als ich ihn fragte, welche Summe der Lohn des Sie⸗ gers ſei. Ach! er kannte wenig die Sinnesart des Lydon!“— „Mein Sohn! mein Sohn!“ ſagte der alte Sklave, als er, langſam die Stufen hinanſteigend, den Gladiator in ſeine kleine Kammer fuͤhrte, die mit der Eingangshalle(welche in dieſer Villa das Periſtil, nicht das Atrium war) in Verbindung ſtand. Dieſe Kammer iſt noch vorhanden, es iſt, wenn man eintritt, die dritte Thure auf der linken Seite. Die erſte Thuͤre führt zu einer Treppe; die zweite zu einer kleinen Niſche, in der eine Bronzeſtatue ſtand.) — Als ſie jetzt allein waren, ſagte Medon zu ſeinem Sohne:„So fromm und vortrefflich auch die Beweggruͤnde Deines unternehmens ſind, ſo wäre doch die That ſelbſt eine Sunde— Du ſtehſt im Begriff, Dein Blut zu vergießen, um die Freiheit Deines Vaters zu erlangen— dieſes koͤnnte noch entſchuldigt und vergeben werden; aber der Preis des Sieges iſt zugleich das Blut eines Andern. Oh, das iſt eine Todſuͤnde; ſie läßt ſich auch durch den edelſten Zweck nicht rechtfertigen. Stehe ab von Deinem Unternehmen; ich will lieber fuͤr immer ein Sklave vleiben, als durch ſolche Bedingungen die Freiheit erkaufen!“ „Liebſter Vater,“ erwiederte Lydon etwas un⸗ geduldig,„Du biſt zu gewiſſenhaft geworden in Dei⸗ nem neuen Glauben, von dem ich Dich bitte, nicht mit mir zu ſprechen, denn die Götter, welche mir die Kraft gewährten, verweigerten mir die Weisheit, und ich verſtehe kein Wort von dem, was Du mir oft vorpredigſt. Du haſt in dieſem neuen Glauben einige ſonderbare Begriffe von Recht und unrecht aufgegriffen. Verzeihe, wenn ich Dich beleidige, aber bedenke! Mit wem ſoll ich kämpfen? Oh, wenn Du dieſe Elenden kennteſt, mit denen ich blos Deinet⸗ 190 wegen umgang habe, ſo wurdeſt Du uͤberzeugt ſein, daß ich ein gutes Werk thue, wenn ich die Erde von einem derſelben befreie. Es ſind blutdurſtige ungeheuer; ſelbſt in ihrem Muth ohne irgend ein anderes Gefuͤhl, wild, roh und herzlos; keine menſch⸗ liche Verbindung hat Werth fuͤr ſie; ſie wiſſen nichts von Furcht, das iſt wahr, aber auch nichts von Dankbarkeit, Mitleiden oder Liebeß ſie ſind blos fuͤr ihr Geſchäft geſchaffen, zu morden ohne Erbarmen, zu ſterben ohne Todesfurcht! Können Deine Götter, ſie moͤgen ſein, wer ſie wollen, einen Kampf mit Menſchen, wie dieſe, und fur eine ſolche Sache, miß⸗ villigen? Oh, mein Vater, welche hoͤhere Mächte auch die irdiſchen Angelegenheiten leiten moͤgen, ih⸗ nen kann keine Pflicht fuͤr ſo heilig, fuͤr ſo beloh⸗ nenswerth gelten, als das durch das kindliche Gefuͤhl eines dankbaren Sohnes fuͤr ſeinen alten Vater dar⸗ gebrachte Opfer!“— Der alte arme Sklave, der ſelbſt des Lichtes ho⸗ herer Erkenntniß entbehrte, und erſt ſeit Kurzem zum chriſtlichen Glauben bekehrt worden war, wußte nicht, mit welchen Beweisgrun den er eine ſo finſtre und doch in ihren Irrthuͤmern ſo edle Unwiſſenheit widerlegen ſollte. Der erſte Antrieb ſeines Innern war, ſich an die Bruſt ſeines Sohnes zu werfen, der zweite, ſich von ihm zu wenden, und indem er verſuchen wollte, ihn von ſeinem Vorſatz abzubrin⸗ —„— gen, verſagten ihm die Worte, und er brach in Thränen aus. „Und wenn,“ fuhr Lydon fort,„wenn Deine Gottheit denn, wie es mir ſcheint, willſt Du blos einen Gott anerkennen) in der That das wohlwol⸗ lende und menſchenfreundliche Weſen iſt, wie Du behaupteſt, ſo wird Er auch wiſſen, daß Dein Glaube an Ihn mich zuerſt in dem Entſchluß, den Du ta⸗ deln willſt, befeſtigte.“ „Wie ſo— was meinſt Du?“— ſagte der Sklave. „Du weißt ja, daß ich, in meiner Kindheit als Sklave verkauft, in Rom durch meinen Herrn frei⸗ gelaſſen wurde, deſſen Wohlwollen ich glucktich ge⸗ nug geweſen war, mir zu erringen. Ich eilte nach Pompeji, um Dich zu ſehn— ich fand Dich, alt und hinfällig, unter dem Joche eines launenhaften und eigenſinnigen Gebieters.— Du warſt ſeit Kur⸗ zem zu dieſem neuen Glauben uͤbergetreten, und Deine Sklaverei wurde Dir durch ihn doppelt em⸗ pfindlichz die Gewohnheit, die uns oft das Schlimmſte ertragen laßt, verlor ihre Macht. Beklagteſt Du Dich nicht oft bei mir, daß Du zu Dienſten gezwun⸗ gen werdeſt, die Dir zwar als Sklaven nicht ge⸗ häſſig, aber als einem Nazarener ſündhaft erſchie⸗ nen? Erzahlteſt Du mir nicht, daß Dein Gemuͤth mit Reue erfuͤllt werde, wenn Du gezwungen ſeieſt, auch nur ein Stuͤckchen Kuchen vor den Laren nie⸗ ———— 192 der zu legen, die jenes Impluvium bewachen? daß Dein Geiſt durch einen fortdauernden innern Kampf mit ſich ſelbſt in Widerſpruch gerathes Sagteſt Du mir nicht, daß, ſelbſt wenn Du Wein auf die Schwelle opfern, und den Namen einer griechiſchen Gottheit dabei anrufen muͤſſeſt, Du ſchrecklicheren Strafen verfieleſt, als die des Tantalus ſind— ei⸗ ner Ewigkeit von Qualen, fuͤrchterlicher, als jene, wie unſere Prieſter ſie uns in der Unterwelt malen? Erzahlteſt Du mir nicht alles dieſes? Ich wunderte mich; ich konnte es nicht begreifen, und, beim Her⸗ kules, auch jetzt noch iſt es mir unbegreiflich; aber ich bin Dein Sohn, und meine Pflicht iſt es, Dich zu retten und zu befreien.— Konnte ich Deine Seufzer, Deine Angſt vor jenen geheimnißvollen Schreckniſſen ungeruͤhrt anhoͤren, und unthaͤtig dabei bleiben? Nein, bei den unſterblichen Goͤttern! der Gedanke kam mir wie ein Blitzſtrahl vom Olym⸗ pus; ich war arm, doch ich war jung und kraͤftig — dadurch konnte ich Dir dankbar ſein und Dich retten. Ich erkundigte mich nach der Summe, die Deine Befreiung koſten wuͤrde— ich erfuhr, daß der gewoͤhnliche Gewinn eines ſiegenden Gladiators doppelt ſo viel betrage. Ich wurde ein Gladiator — ich begab mich unter die Geſellſchaft jener ver⸗ worfenen Menſchen, das Widerſtreben meiner beſſe⸗ ren Natur uͤberwindend— ich uͤbte mich in ihren Kuͤnſten ein— geſegnet ſei dieſes Beſtreben— es — — wird mir es möglich machen, meinen Vater zu be⸗ freien!“ „Oh, könnteſt Du den Olinthus hören!“ ſeufzte der alte Mann, der immer mehr von dem Edelmuth ſeines Sohnes ergriffen wurde, aber nichts deſtowe⸗ niger von dem Suͤndhaften ſeines Vorhabens uͤber⸗ zeugt blieb. „Ich will anhoren, wen Du willſt,“ ſagte der Gladiator,„doch nur dann, wenn Du kein Sklave mehr biſt. Unter Deinem eigenen Dach, mein Va⸗ ter, kannſt Du den ganzen Tag, und wenn es Dir Vergnugen machty auch die Nacht, Deinen Grillen nach⸗ hängen. Oh, ich habe Dir einen herrlichen Fleck aus⸗ geſucht!— es iſt einer von den 999 Laden der al⸗ ten Julia Felir, in dem ſchoͤnſten Theile der Stadt, wo Du während des Tages Dich ſonnen kannſt— und ich will das Hl und den Wein für Dich kau⸗ fen, mein Vater— und dann, wenn es der Venus gefällt(oder wenn es ihr auch nicht gefällt, da Du den Namen nicht gerne hoͤrſt, mir iſt es einerlei)— dann, ſage ich, findet ſich auch vielleicht noch eine Lochter fuͤr Dich, die Deine grauen Haare aus⸗ kämmt, und Du wiegſt niedliche Kinderchen auf den Knieen, die Dich„Lydons Vater“ nennen. Ach, wir werden ſo gluͤcklich ſein— mit dem Kampf⸗ preiſe kann ich Alles bezahlen. Freue Dich— ſei luſtig, mein Alter! Jetzt muß ich aber fort— der La⸗ Bulwer's Werke. Taſchenausg. II. 13 194 niſta erwartet mich. Komm, gib mir Deinen Segen.“ Lydon hatte jetzt bereits die dunkle Kammer ſei⸗ nes Vaters verlaſſen, und indem ſie lebhaft, aber mit leiſer Stimme ſprachen, ſtanden ſie wieder, wo der Alte zuerſt geſeſſen hatte. „So ſegne ich Dich denn, mein guter Sohn,“ ſagte Medon geruͤhrt,„und moͤge jener große Geiſt, der in allen Herzen lieſ't, den Edelmuth des Dei⸗ nigen erkennen und Dir Deine Irrthuͤmer ver⸗ geben!“ Der Gladiator ging ſchnell von dannenz die Blicke des Sklaven folgten ſeinem leichten, aber fe⸗ ſten Gang, bis er ihn nicht mehr ſehen konnte, und indem er nochmals auf ſeinen Sitz zuruͤck ſank, hef⸗ tete er wieder die Augen auf den Boden. Er ſaß ſtumm und unbeweglich, wie ein Steinbild. Wer vermag, in unſeren gluͤcklichern Zeiten, ſich vorzu⸗ ſtellen, welche Gefuͤhle jetzt in ſeinem Herzen mit einander kämpften?— „Darf ich eintreten?“— ſagte eine ſuͤße Stimme —„iſt Deine Gebieterin Julia zu Hauſe?“ Der Sklave gab mechaniſch ein bejahendes Zei⸗ chen, doch die, welche ihn fragte, konnte es nicht ſehen— ſie wiederholte ihre Frage ſchuͤchtern, doch mit lauterer Stimme. „Habe ich Dir es nicht ſchon geſagt?“— er⸗ wiederte der Sklave verdrießlich. Trete ein!“— — 7 195 „Ich danke Dir!“— ſagte das Maͤdchen, und der Sklave, aus ſeiner Traͤumerei erweckt, ſchaute empor, und erblickte das blinde Blumenmaͤdchen. Das ungluͤck erregt die Theilnahme des ungluͤckli⸗ chenz er ſtand auf, und fuͤhrte ſie an die nachſte Treppe(welche in Julia's Zimmer fuͤhrte), wo er einer Sklavin rief, die Nydien hinauf begleitete⸗ Siebentes Bapitel. Das Toilettenzimmer einer pompejaniſchen Schoͤnheit.— Wichtiges Geſpraͤch zwiſchen Julia und Nydia. Die elegante Julia ſaß, von ihren Sklavinnen um⸗ geben, in ihrem Zimmerz;— es war, ſo wie das Cubiculum, welches daran ſtieß, nur klein— doch weit geraͤumiger, als die gewoöhnlichen Schlafſtuben, die oft ſo enge waren, daß, wer ſie nicht ſelbſt, ſo⸗ gar in den anſehnlichſten Häuſern jener Zeit geſehen hat, ſich kaum eine Vorſtellung von den kleinen Taubenſchlaͤgen machen kann, in denen die Pompe⸗ janer die Nacht zuzubringen fuͤr gut fanden. Das Bett war aber auch in der That bei den Alten nicht jener wichtige Theil häuslicher Bequemlichkeit, wie bei uns. Das Lager ſelbſt glich mehr einem ſchma⸗ 13* 196 len Sopha, welches leicht genug war, um durch eine Perſon fortgetragen werden zu konnen*); auch wurde es, je nach den Veränderungen der Jahres⸗ zeit, oder beſondern Launen von Kammer zu Kam⸗ mer gebracht; denn die Seite des Hauſes, welche man in dem einen Monat waͤhlte, wurde vielleicht in dem andern ſorgfaͤltig vermieden; ſo empfindlich waren die Einwohner des ſchoͤnſten Klima's in der Welt gegen jene leichten Witterungsveränderungen, die unſerer abgehärteten, an den rauhern Norden gewöhnten Natur kaum bemerkbar ſein wuͤrden. Auch hatten die Italiener jener Periode eine ſeltſame Ab⸗ neigung gegen ein zu helles Tageslicht; ihre dunklen Stuben, die wir anfangs fuͤr den Fehler einer nach⸗ läſſigen Bauart halten, waren mit durchbachter Ab⸗ ſicht ſo angelegt. Sie ſuchten die Sonne in ihren Saulengaͤngen und Gärten, in dem Innern ihrer Häuſer aber nur Kuͤhlung und Schatten. Die Stube der Julia befand ſich in dieſer Jah⸗ reszeit neben den obern Staatszimmern, in gleicher Hoͤhe mit dem Garten, auf den ſie die Ausſicht hatte. Das Licht wurde nur durch eine große Glasthuͤre eingelaſſen, doch das, an einen gewiſſen Grad von Dünkelheit gewohnte Auge der Julia war ſcharf ge⸗ *)„Nimm Dein Bett auf, und gehe von dannen!“ war(wie Sir W. Gell irgendwo bemerkt) keine bild⸗ liche Redensart. — —— ch uch es⸗ m⸗ * 197 nug, um genau zu unterſcheiden, welche Farben ihr am meiſten zuſagten, und welche Schattirung und Schminke ihren Wangen die meiſte jugendliche Friſche verleihen mochte. Auf dem Tiſche, vor dem ſie ſaß, ſtand ein klei⸗ ner, runder Spiegel von fein polirtem Stahl, und um ihn lagen die Juwelen und die Kaͤmme, die Bänder und die goldenen Nadeln, und alle Schoͤn⸗ heitsmittel, Salben und wohlriechenden Eſſenzen, welche beſtimmt waren, ihre natürlichen Reize durch die Kuͤnſte der Toilette und die launenhaften Gebote der Mode zu erhohen. Die nach pompejaniſchem Geſchmack mit bunten Fresken mannichfaltig bemal⸗ ten Wände erglaͤnzten durch die Dämmerung. Die Fuͤße der Julia ruhten auf einer Tapete von orien⸗ taliſcher Weberei. Auf einem andern Tiſche in der Nähe ſtand ein ſilberner Napf, und eine Caraffe von demſelben Metall— eine ausgelöſchte Lampe von herrlicher Arbeit, in welcher der Kuͤnſtler einen un⸗ ter den Zweigen eines Myrthenbaums vuhenden Cu⸗ pido dargeſtellt hatte; und eine kleine Papyrusrolle, auf der die ſüßeſten Elegien des Tibullus geſchrieben waren. Vor der Thure, welche in das Cubiculum fuͤhrte, hing ein, reich mit goldenen Blumen ge⸗ ſtickter Vorhang. So war das Toilettenzimmer einer Schoͤnheit vor achtzehn Jahrhunderten beſchaffen. Die ſchone Julia lehnte ſich nachläſſig auf ihren Seſſel zuruͤch, wahrend die Oruatrix(. h. die Skla⸗ 198 vin, welche den Kopfputz beſorgte) langſam eine Maſſe kleiner Locken uͤber einander thuͤrmte, auf ge⸗ ſchickte Weiſe die falſchen unter die wahren miſchend, und das ganze kunſtreiche Gebaͤude zu einer Hoͤhe fuͤhrend, die den Kopf faſt als den Mittelpunkt der menſchlichen Geſtalt erſcheinen ließ. Ihre gelbe Tunika, die das dunkelſchwarze Haar noch mehr hervorhob, und auch fuͤr den etwas brau⸗ nen Teint nicht unguͤnſtig war, zog ſich in weiten Falten bis zu den Fuͤßen herab, an denen ſie pur⸗ purfarbene, reichlich mit Perlen geſtickte Pantoffeln trug, die vorne etwas aufwaͤrts gebogen waren, wie noch heutiges Tages die tuͤrkiſchen Pantoffeln. Eine alte Sklavin, die durch lange Erfahrung in den Kuͤnſten der Toilette wohl bewandert war, hatte den breiten, geſtickten Guͤrtel ihrer Gebieterin uͤber den Arm gelegt, und gab von Zeit zu Zeit Anweiſungen fuͤr die Architektur des Lockenbaues, indem ſie zu⸗ gleich feine Schmeicheleien mit einfließen ließ. „Jene Nadel muß etwas mehr rechts— tiefer, Du dummes Mädchen! Siehſt Du nicht, wie gleich⸗ maͤßig dieſe ſchoͤnen Augenbraunen ſind? Man ſollte glauben, Du machteſt die Toilette der Corinna, die ein ſo ſchiefes Geſicht hat.— Jetzt flechte die Blu⸗ men ein— aber warum jene Nelke?— Das iſt keine paſſende Farbe fuͤr den zarten Teint der Chloris!“ „Du thuſt mir weh!“— ſagte Julia, indem ſie heftig mit ihrem kleinen Fuß ſtampfte,—„Du ——— — 8* 199 wuͤhlſt mir in den Haaren, als ob Du Unkraut aus⸗ gäten wollteſt.“ „unvorſichtiges Mädchen!“ fuhr die alte Sklavin fort,„weißt Du nicht, wie empfindlich Deine Ge⸗ bieterin iſt?— Du glaubſt wohl das dicke Pferde⸗ haar der Wittwe Fulvia unter Händen zu haben?— So, jetzt winde das Band um die Friſur.— Blicke in den Spiegel, ſchoͤne Julia, ſahſt Du je etwas Schoͤneres, als Dich ſelbſt?“— Als endlich nach vielen Bemerkungen der kunſt⸗ liche Thurm mit unendlicher Muͤhe vollendet war, wurden die Augenlider und Augenbraunen mit einem ſchwarzen Pulver beſtrichen, und dadurch den Augen jener ſanfte und ſehnſuchtige Ausdruck gegeben, den man im Morgenlande noch jetzt durch dieſe Vorrich⸗ tung ihnen zu verleihen pflegt; ein kleines Schoͤn⸗ pfläſterchen, in der Form eines halben Mondes ge⸗ ſchnitten, und auf geſchickte Weiſe neben den roſig⸗ ten Lippen angeheftet, zog die Aufmerkſamkeit auf die Grübchen in den Wangen, und auf die Zähne, deren naturlichen Glanz zu erhöhen, bereits alle moͤgliche Sorgfalt aufgewendet worden war. Einer andern, bisher unbeſchaͤftigten Sklavin wurde jetzt das Amt uͤbertragen, ihrer Gebieterin die Juwelen anzulegen— die Ohrringe mit Perlen(zwei fuͤr jedes Ohr), die maſſiven goldenen Armbänder; die Halskette aus demſelben Metall, an der ein in Kryſtall geſchnittener Talisman ſich befandz die ſchone 200 Agraffe auf der linken Schulter, auf welcher eine herrliche Kamee, die Pſyche darſtellend, angebracht war; der purpurne Guͤrtel, reich mit Goldfäden ge⸗ ſtickt, und endlich die vielen Ringe, welche die weißen und zarten Finger bedeckten. Die Toilette war jetzt nach der neueſten Mode zu Rom vollendet. Die ſchöne Julia betrachtete ſich nochmals mit vieler Selbſtgefälligkeit im Spiegel, und indem ſie ſich wie⸗ der auf ihren Sitz zuruͤck lehnte, befahl ſie der juͤng⸗ ſten ihrer Sklavinnen, ihr die ſanften Elegien des Tibullus vorzuleſen. Dieſe Vorleſung war noch nicht beendigt, als eine Sklavin Nydien in das Zimmer einfuͤhrte. „Salve, Julia!“ ſagte das Blumenmaͤdchen, in⸗ dem ſie einige Schritte vortrat, und die Arme vor der Bruſt kreuzte,—„ich habe Deinen Befehlen Fölge geleiſtet.“ „Das iſt Recht, Blumenmaädchen, komm näher, und ſetze Dich!“— Eine der Sklavinnen ſetzte einen Stuhl hin, und Nydia ließ ſich nieder. Julia ſah die Theſſalierin einige Augenblicke etwas verlegen anz darauf winkte ſie ihren Sklavinnen, ſich zu entfernen, und befahl, die Thuͤre zu verſchließen. Als ſie allein waren, ſagte ſie, indem ſie ſich abwendete, da ſie, wie es ſchien, vergeſſen hatte, daß das Mädchen ihre Zuͤge nicht beobachten koͤnne: „Du dienſt der Neapolitanerin Jone?“ — W N 201 „Ich bin gegenwärtig bei ihr,“ antwortete Nydia. „Iſt ſie ſo ſchoͤn, als man ſagt?“ „Ich weiß nicht,“ erwiederte Nydia,„wie kann ich es beurtheilen?“ „Ach, ich habe nicht daran gedacht, aber Du kannſt hoͤren, wenn auch nicht ſehen. Sagen Dir ihre andern Sklavinnen nicht, ob ſie ſchon iſt?— Sklavinnen, die mit einander ſchwatzen, vergeſſen, ſelbſt ihrer Gebieterin zu ſchmeicheln.“ „Sie erzaͤhlen mir, daß ſie ſchon iſt.“ „Hem! ſagen ſie auch, daß ſie ſchlank ſei?“— „Ja!“ „Nun, das bin ich auch— hat ſie ſchwarze Haare?“ „Man ſagte mir es.“— „Die habe ich auch— und beſucht ſie Glaukus häufig?“ „Täglich“— erwiederte Nydia, mit einem halb unterdruͤckten Seufzer. „Alſo täglich! Gefällt ſie ihm?“ „Ich denke, weil ſie ſich bald heirathen werden.“— „Heirathen!“ rief Julia, indem ſie unter der falſchen Roͤthe auf ihren Wangen erblaßte, und von ihrem Sitz aufſprang; Nydia konnte jedoch die Un⸗ ruhe, welche ſie veranlaßt hatte, nicht bemerken. Julia ſchwieg eine Zeit lang; doch der Unwille, wel⸗ cher ſich in ihren Zuͤgen malte, und ihre funkelnden 202 Augen wuͤrden Jedem, der ſehen konnte, verrathen haben, wie ſehr ihre Eitelkeit verletzt worden war. „Man ſagt, Du ſeiſt eine Theſſalierin,“ ſagte ſie nach einer Pauſe. „Allerdings.“ „Theſſalien iſt das Land der Zaubereien und der Hexen; der Talismane und der Liebestränke,“— ſagte Julia. „Es war immer wegen ſeiner Zaubereien be⸗ ruhmt,“ erwiederte Nydia ſchuchtern. „Weißt Du, blindes Mädchen, auch etwas von Liebeszaubern?“— „Ich?“— ſagte das Blumenmadchen erroͤthend; —„wie ſollte ich dergleichen wiſſen?— nein, ge⸗ wiß nicht!“— „Deſto ſchlimmer fur Dichz ich haͤtte Dir Geld genug geben koͤnnen, um Deine Freiheit zu erkau⸗ fen, wenn Du in dieſen Dingen unterrichtet gewe⸗ ſen wäreſt.“— „Aber was kann,“— fragte Nydia,—„die ſchoͤne und reiche Julia zu dieſer Frage veranlaſſen? Iſt ſie nicht jung, liebenswürdig und reich?— Sind dieſes nicht hinlängliche Zauber, um der Magie ent⸗ behren zu koͤnnen?“— „Fuͤr Alle, außer für eine Perſon in der Welt,“ erwiederte Julia,„doch Deine Blindheit ſcheint an⸗ ſteckend zu ſein— und— doch genug davon.“— — — 203 „und jene eine Perſon?“— fragte Nydia neu⸗ gierig. „Iſt nicht Glaukus,“ erwiederte Julia mit der gewöhnlichen Verſtellung ihres Geſchlechts.—„Glau⸗ kus— nein!“— Nydia holte jetzt ruhiger Athem, und nach einer kleinen Pauſe fuhr Julia fort: „Aber dieſe Anhänglichkeit des Glaukus an jene Neapolitanerin erinnerte mich an den Einfluß der Liebeszauber, die ſie vielleicht, wenn ich es auch nicht beſtimmt weiß, und es mich uͤberhaupt nicht kuͤmmert, auf ihn angewendet hat. Blindes Maͤd⸗ chen, ich liebe, und— ſollte Julia es wohl ge⸗ ſtehn?— ich werde nicht wieder geliebt!— Dieſes demuͤthigt— nein, es demuͤthigt nicht, es verletzt meinen Stotz. Ich möchte dieſen Undankbaren zu meinen Füßen ſehn— nicht um ihn wieder zu er⸗ heben, nein, um ihn meine Verachtung empfinden zu laſſen. Als ich vernahm, Du ſei'ſt eine Theſſa⸗ lierin, glaubte ich, daß Du in den finſtern Geheim⸗ niſſen Deines Vaterlandes bewandert ſeieſt.“ „Ach, nein!“ ſeufzte Nydia—„ich wollte, es waͤre ſo!“— „Ich danke Dir wenigſtens fur dieſen freunblichen Wunſch,“ ſagte Julia, nicht wiſſend, welche Gedan⸗ ken das Blumenmädchen zu dieſer Kußerung vermoch⸗ ten. „Aber ſage mir, Du horſt das Geſchwätz der 204 Sklavinnen, die dieſem geheimnißvollen Treiben ſtets geneigt, und bereit ſind, für ihre eigene rohe Liebe zu Zaubereien ihre Zuflucht zu nehmen,— haſt Du jemals von einem morgenléndiſchen Zauberer in Pom⸗ peji gehort, welcher der Kunſt mächtig iſt, die Du nicht verſtehſt?— Er iſt kein eitler Chiromant, kein Taſchenſpieler, wie man ſie auf den Marktplatzen findet, ſondern ein großer Magier aus Indien oder Egypten!“, n „Aus Egypten, ja,“ ſagte Nydia, indem ſie ein Schauder erfaßte,— welcher Pompejaner haͤtte nicht ſchon vom Arbaces gehört!“— nü „Arbaces, richtig!“ erwiederte Julia, indem ſie ſich des Namens erinnerte.„Man ſagt, er ſei ein Mann, weit erhaben uͤber alle leeren Anmaßungen unwiſſender Betruͤger, der in der Kenntniß der Ge⸗ ſtirne, und in den Geheimniſſen der alten Nox bewandert iſt; warum nicht auch in denen der Liebe?“— ſn „Wenn es einen Magier in der Welt gibt, deſſen Kunſt der aller Andern uͤberlegen iſt, ſo muß es je⸗ ner Mann ſein,“ antwortete Nydia, und während fie dieſes ſprach, beruͤhrte ſie ihren Talisman. „Er iſt zu reich, um fuͤr Geld zu zaubern,“ ſagte Julia,„könnte ich ihn nicht beſuchen?“ „Es iſt ein gefährliches Haus fuͤr die Jugend und die Schönheit,“ erwiederte Nydia.„Auch habe ich gehoͤrt, daß er krank“—„ 205 „Ein gefährliches Haus?“— ſagte Julia, in⸗ dem ſie das Mädchen nicht ausſprechen ließ.„Wie ſo 2— „Es werden dort, wenigſtens ſagt das Geruͤcht ſo, abſcheuliche mitternaͤchtliche Orgien gefeiert.“ „Bei der Ceres, beim Pan, und bei der Cybele, Du erregſt mir ſtatt der Furcht nur Neugierde,“ erwiederte die kecke und leichtſinnige Pompejanerin, „ich will ihn aufſuchen, und uͤber die Liebe befragen. Wenn auch die Liebe bei jenen Orgien zugelaſſen wird, ſo iſt es deſto wahrſcheinlicher, daß er deren Geheimniſſe kennt.“ Nydia antwortete nicht. „Ich will ihn noch heute beſuchen,“ fuhr Julia fort;„nein, warum nicht ſogleich?“ „Bei Tage, und in ſeinem jetzigen Zuſtande haſt Du gewiß am wenigſten zu befuͤrchten,“ antwortete Nydis, indem ſie dem geheimen Wunſch, der plotzlich in ihr aufgeſtiegen war, nachgab, zu wiſſen, ob der finſtere Egyptier wirklich jene Zauber kenne, durch welche die Liebe erregt und gebannt werden ſollte, und von denen die Theſſalierin ſchon ſo viel gehoͤrt hatte. „und wer wuͤrde es uͤberdem wagen, die Tochter des reichen Diomedes zu belebbigen?“— ſagte Julia hochmuͤthig.„Ich will zu ihm gehn.“ „Darf ich Dich ſpäter wieder beſuchen, um den Erfolg zu vernehmen?“ fragte Nydia. „Ich muß Dich kuͤſſen wegen der Theilnahme, 206 die Du an meiner Ehre nimmſt.— Ja, gewiß.— Peute Abend ſind wir ausgebeten— komm morgen um dieſelbe Zeit wieder, und Du ſollſt Alles erfah⸗ renz ich werde uͤberdem Deine Dienſte bald genug in Anſpruch nehmen muͤſſen. Nimm dieſes Arm⸗ band fuͤr den guten Einfall, den ich Dir verdanke, und ſei uͤberzeugt, daß, wenn Du der Julia gefällig biſt, ſie dafuͤr dankbar ſein wird.“ „Ich kann Dein Geſchenk nicht annehmen,“ ſagte Nydia, indem ſie das Armband auf den Tiſch legtes „aber ſo jung ich noch bin, kann ich, ohne dafuͤr er⸗ kauft zu ſein, mit denen Theilnahme fuͤhlen, die lie⸗ ben— ohne wieder geliebt zu werden.“ „Du ſprichſt, wie ein freies Mädchen,“ erwie⸗ derte Julia,„und Du ſollſt durch mich frei wer⸗ den.— Lebe wohl!“— Achtes Rapitel. Julia beſucht den Arbaces.— Der Erfolg bieſer Zuſammenkunft. Arbaces ſaß in einem Zimmer, welches nach ſeinem Garten auf eine Art von Balkon oder Saͤulengang ſich oͤffnete. Seine Wange war bleich und eingefal⸗ ſchö ſo 9 unv. und ſpru die in i ſagt die Jul zu gib Tro „un Egl um den 209 ſchoner und regelmaͤßiger Geſtalt,— aber es lag etwas ſo Reizendes und Anmuthiges in jeder Bewegung der unvergleichlichen Neapolitanerin,— ihrem ſittſamen und einfachen Anzuge, ihrem wuͤrdigen und doch an⸗ ſpruchsloſen Benehmen— die Beſcheidenheit, und die Ehrfurcht gebietende Majeſtät des Weibes waren in ihr vereinigt. „Entſchuldige, daß ich Dir nicht entgegen komme,“ ſagte Arbaces,„ich leide noch an einer Krankheit, die mich ergriffen hat.“— „Entſchuldige, großer Egyptier!“— erwiederte( Julia, indem ſie unter einer Schmeichelei die Furcht zu verbergen ſuchte, welche ſie ſchon erfaßte,—„ver⸗ gib einer ungluͤcklichen, die bei Deiner Weisheit Troſt ſucht.“— „Komm naͤher, ſchoͤne Fremde,“ ſagte Arbaces, „und ſprich ohne Beſorgniß und Ruͤckhalt.“ Julia ſetzte ſich auf einen Lehnſtuhl neben den Eghptier, und ſah ſich verwundert in einem Zimmer um, beſſen koſtbare Ausſtattung ſelbſt den Luxus in dem Hauſe ihres Vaters uͤbertraf; auch erfuͤllten ſie die hieroglyphiſchen Inſchriften an den Wänden, die myſteriöſen Antlitze der Sphinxe, der Dreifuß in ei⸗ ner kleinen Entfernung, und vor Allem das ernſte und gemeſſene Benehmen des Arbaces ſelbſt mit ei⸗ nem faſt unheimlichen Gefuͤhl. Ein langes weißes Gewand bedeckte oben wie ein Schleier einen Theil ſeiner ſchwarzen Locken, und ging bis auf die Fuͤße Bulwer's Werke. Taſchenausg. II. 14 . 5 210 herab; ſeine Zuͤge waren durch ſeine bleiche Ge⸗ ſichtsfarbe nur deſto ausdrucksvoller geworden, und ſeine dunklen, flammenden Blicke ſchienen den Schleier der Julia zu durchdringen, und die Geheimniſſe ih⸗ res eitlen und leeren Gemuͤths zu erforſchen.. „Uund was,“ ſprach er mit leiſer, tiefer Stimme, „was fuͤhrt Dich, o Madchen, in das Haus des morgenlaͤndiſchen Fremden?“ „Sein Ruf,“ erwiederte Julia. „und welcher?“ ſagte er mit einem ironiſchen Lächeln. „Kannſt Du noch fragen, o Arbaces? Iſt nicht ganz Pompeji von dem Rufe Deiner Weisheit erfullt?“ „Ich habe allerdings einige Kenntniſſe geſam⸗ melt,“ antwortete Arbaces,„aber wie kann das Ohr der Schoͤnheit ſo ernſter Geheimniſſe be⸗ duͤrfen?“— „Ach,“ ſagte Julia, indem die gewohnten Tone der Schmeichelei ſie aufheiterten;„ſucht nicht das ungluͤck Troſt bei der Weisheit, und iſt Liebe ohne Gegenliebe nicht das großte unglück?“— „Ha!“ ſprach Arbaces,„kann unerwiederte Liebe das Loos einer ſo ſchoͤnen Geſtalt ſein? Wuͤr⸗ dige mich, o Mädchen! auch des Anblicks Deiner Zuͤge, denn gewiß iſt, was der Schleier verbirgt, eben ſo reizend.“ Julia, welche vielleicht glaubte, durch ihre Reize 211 den Magier fuͤr ihr Schickſal mehr zu gewin⸗ nen, ſchlug nach einigem Bedenken den Schleier zuruͤck. „Du kommſt, um ungluͤcklicher Liebe wegen Dir Raths bei mir zu erholen,“ ſagte der Egyptier; „welchen andern Liebeszauber kann ich Dir aber geben, als den Deine Schoͤnheit ſelbſt Dir ſchon gewaͤhrt?“— „Oh, hoͤre auf mit dieſen Schmeicheleien,“ ſagte Julia,„ich wollte allerdings um einen Liebeszauber Dich bitten“ ſ „Schoͤne Fremde,“ erwiederte Arbaces etwas ungeduldig,„Liebeszauber gehoͤren nicht zu den Ge⸗ heimniſſen, die ich meinen mitternaͤchtlichen Studien verdanke.“ „Wirklich nicht?— Dann entſchuldige, großer Arbaces, und lebe wohl!“— „Bleibe noch,“ ſagte der Egyptier, welcher, trotz ſeiner Leidenſchaft fuͤr Jonen, durch die Schoͤn⸗ heit der Julia nicht ungeruͤhrt geblieben war, und, haͤtten ſeine Geſundheitsumſtände es geſtattet, ver⸗ ſucht haben wuͤrde, durch andere Mittel, als durch die Huͤlfe uͤbernatuͤrlicher Weisheit ſie zu troͤſten. „Bleibe noch, denn wenn ich auch die Zauberei der Liebestraͤnke denen uͤberlaſſen habe, die ſich mit ſolchem Treiben beſchaͤftigen, ſo war ich doch nicht ſo unempfindlich gegen die Schoͤnheit, daß auch ich 14* in meiner fruͤhern Jugend dieſer Mittel mich nicht bedient haben ſollte. Ich kann Dir wenigſtens Rath geben, wenn Du aufrichtig gegen mich ſein willſt; ſage mir daher zuerſt, ob Du unverheirathet biſt, wie Dein Anzug es andeutet.“ „Ja,“ erwiederte Julia. „Und willſt Du vielleicht einen reichen Geliebten gewinnen?“— „Ich bin reicher, als der, welcher mich ver⸗ achtet.“ „Das iſt ſeltſam, und Du liebſt ohne Gegen⸗ liebe?“— „Ich weiß nicht, ob ich ihn liebe,“ erwiederte Julia ſtolz,„aber ich weiß, daß ich gerne uͤber eine Nebenbuhlerin triumphiren moͤchte— ich wuͤnſchte den, welchem ich gleichguͤltig bin, in Liebe zu mir entbrennen, und dagegen die, welche er mir vorzieht, verachtet zu ſehn.“ „Das ſind ganz natuͤrliche weibliche Wuͤnſche,“ ſagte der Egyptier, zu ernſt, als daß man es fuͤr Ironie hätte nehmen koͤnnenz„aber willſt Du, ſchö⸗ nes Mädchen, mir nicht den Namen Deines Gelieb⸗ ten anvertrauen? Kann er, wenn er Reichthum ver⸗ achtet, und ſelbſt gegen die Schoͤnheit blind iſt, ein Pompejaner ſein?“— „Er iſt aus Athen,“— erwiederte Julia, indem ſie die Augen niederſchlug.— 7 5 4 213 „Ha!“— rief der Egyptier heftig, indem ihm das Blut in die Wangen ſtieg;„ich kenne blos einen jungen und edlen Athenienſer in Pompeji.— Kann es Glaukus ſein, von dem Du ſprichſt?“— „Ach, verrathe mich nicht, dieſes iſt allerdings ſein Name.“ Jetzt wurde die Aufmerkſamkeit des Arbaces in höherem Grade erregt; konnte dieſe Zuſammenkunft, die ihm bisher, da er ſich nur mit der Leichtglaͤubig⸗ keit und Eitelkeit des jungen Mädchens unterhalten hatte, unbedeutend erſchienen war, fuͤr ſeine Rache nicht vielleicht Mittel darbieten? „Ich ſehe, Du kannſt mir nicht beiſtehn,“ ſagte Julia, die durch ſein Stillſchweigen ſich verletzt fuͤhlte; „werrathe wenigſtens mein Geheimniß nicht! und noch⸗ mals ſage ich Dir Lebewohl!“— „Ich will,“ ſprach der Egyptier im ernſten Tone, „Deinen Wunſch erfullen— Höre mich;— ich ſelbſt habe mit dieſen Kuͤnſten mich nicht beſchaͤftigt— aber ich kenne eine Zauberin, die darin bewanbert iſt. An dem Fuße des Veſuv, kaum eine Stunde von der Stadt, wohnt eine maͤchtige Hexe; bei dem Schein des Neumondes hat ſie Kraͤuter geſammelt, welche die Eigenſchaft beſitzen, die Liebe fuͤr ewig zu feſſeln. Ihre Kuͤnſte vermoͤgen es, das Herz Deines Geliebten Dir zuzuwenden. Suche ſie auf, und nenne ihr den Namen des Arbaces; ſie furchtet die⸗ 214 ſen Namen, und wird Dir gewaͤhren, was Du ver⸗ langſt.“— „Ach!“ erwiederte Julia,„ich weiß Jene, von der Du redeſt, nicht aufzufinden; wenn der Weg auch nicht weit iſt, ſo wird er es doch fuͤr ein Mad⸗ chen, die das Haus ihres Vaters ohne deſſen Wiſſen verlaͤßt. Jene Gegend iſt gefährlich durch Abgruͤnde und Hoͤhlen, und mit wilden Weinſtoͤcken verwachſen. Ich mag mich fremder Fuͤhrung dorthin nicht anver⸗ trauen— der Ruf eines jungen Mädchens von mei⸗ nem Stande wird leicht verletzt,— und wenn es mir auch gleichgultig waͤre, wer es weiß, daß ich den Glaukus liebe, ſo moͤchte ich wenigſtens nicht, daß man glaubte, ich haͤtte durch einen Zauber ſeine Liebe gefeſſelt.“ „Waͤre ich nur nicht noch ſo ſchwach,“ ſagte der Egyptier, indem er aufſtand, und, als wolle er ſeine Kraͤfte pruͤfen, in der Stube auf und ab ging,„ſo wuͤrde ich Dich ſelbſt begleiten. Ich denke, in drei Tagen wuͤrde es mir moͤglich ſein.“— „Aber Glaukus wird bald jene Neapolitanerin, meine Nebenbuhlerin, heirathen.“ „Heirathen?“— „Ja, in der erſten Haͤlfte des nächſten Monats.“ „So bald, weißt Du es auch ganz beſtimmt?“— „Aus dem Munde ihrer eigenen Sklavin.“— „Es wird nicht geſchehn,“ ſagte Arbaces heftig; * 7 215 „fuͤrchte nichts, Glaukus ſoll der Deinige werden. Aber wie kannſt Du jenen Liebestrank, wenn Du ihn bekommſt, ihm beibringen?“— „Mein Vater hat den Glaukus, und ich glaube, auch die Neapolitanerin, auf uͤbermorgen zu einem Feſte eingeladen; ich werde dann Gelegenheit dazu haben.“— „So ſei es!“— ſagte der Egyptier, indem ein wildes Feuer in ſeinen Augen leuchtete.„Fuͤr mor⸗ gen Abend halte Deine Sänfte in Bereitſchaft; es ſteht Dir doch eine zu Dienſten?“— „Allerdings,“— erwiederte die geldſtolze Julia. „In einiger Entfernung von der Stadt iſt ein, der Vortrefflichkeit der Baͤder und der ſchoͤnen Gär⸗ ten wegen durch die Pompejaner haͤufig beſuchter Vergnuͤgungsort. Du kannſt vorgeben, dorthin einen Ausflug machen zu wollen; ich werde Dich, ſei ich auch noch ſo krank, bei der Statue des Silenus in dem Gebuͤſch, welches den Garten umgibt, erwarten, und ich ſelbſt will Dich zu der Hexe fuͤhren!— Wir wollen in jenem Garten verweilen, bis die Zie⸗ gen des Hirten mit dem Abendſtern zur Ruhe ge⸗ gangen ſind— wenn das Zwielicht uns verbirgt, und Niemand uns dort begegnen kann. Gehe zu Hauſe, und ſei unbeſorgt. Arbaces, der Zauberer Egyptens, ſchwoͤrt es beim Hades, daß Jone nim⸗ mer die Gattin des Glaukus werden ſoll!“— 216 „Und daß Glaukus der meinige wird?“— fuͤgte Julia hinzu, indem ſie glaubte, den unvollendeten Satz ergaͤnzen zu muͤſſen. „Du haſt es geſagt!“ erwiederte Arbaces, und Julia beſchloß, wenn ſie dieſer unheimlichen Zuſam⸗ menkunft auch mit Schrecken entgegen ſah, dennoch, vielleicht mehr durch Eiferſucht, als durch Liebe ver⸗ anlaßt, ſich dort einzufinden. Als Arbaces wieder allein war, brach er in die Worte aus: „Glaͤnzende Sterne, die Ihr nimmer luͤgt, Eure Verſprechungen beginnen bereits in Erfuͤllung zu gehn— Gluͤck in der Liebe und der Sieg uͤber meine Feinde. In dem Augenblick, da ich vergeblich die Mittel meiner Rache ſuchte, ſchickt Ihr mir dieſe ſchoͤne Naͤrrin als Werkzeug.— Ja!“ fuhr er, nach⸗ dem er einige Augenblicke in tiefes Sinnen verloren geweſen, mit ruhigerer Stimme fort:„ich ſelbſt konnte ihr das Gift nicht geben, welches allerdings ein Liebestrank ſein ſoll!— der Verdacht wegen ſei⸗ nes Todes ware auf mich gefallen!— Aber die Hexe!— ja, ſie iſt das geeignetſte und natuͤrlichſte Werkzeug meiner Abſichten!“— Er rief einen ſeiner Sklaven, und befahl ihm, der Fremden ſchnell nachzugehn, und ihren Namen und Stand zu erforſchen. Nachdem dies geſchehn, ging er mit noch wankenden Schritten in den Saͤu⸗ 217 lengang. Der Himmel war klar und heiter, aber Arbaces, tief erfahren in den Zeichen der Witterung, ſah aus einer Maſſe von Wolken, die der Wind am fernen Horizont langſam zu bewegen anfing, daß ein Gewitter bevorſtehe. „Dies iſt ein Gleichniß meiner Rache,“ ſagte er, „der Himmel iſt heiter, doch die Gewitterwolke naͤhert ſich.“ 5——— 23* ——