=ee=eeS=eeeee e e———= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe dit. A. Nr. 256. Leih- und Teſebedingungen. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnhane und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Nücigabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm e eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5.. 3 für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf 2 Mk.— Pf. „„ 5. 5. Auswärtige Abonnenten“ ehabch für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Peſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß. das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————————— — 4A1BUM. Bibliothek deütſcher Arigitatrumnfe der beliebteſten Hchriftſteller. Herausgegeben von J. L. Kober. Zwölfter Jahrgang. Zweiundzwanzigſter Band. Johannes Kepler. III. 1857. Prag& Leipzig, Verlag von J. L. Kober Johannes Kepler. Hiſtoriſche Erzählung von Julie Burow. (rau Pfannenſchmidt). Menſchengrößen gibt es zwei hienieden, Eine jede kleidet ihren Mann.— Das Verdienſt webt beide; doch verſchieden Sind die Fäden und die Farben d'ran— Stille Größe! Dich nur bet' ich an!. Dritter Band. ——— 1857. Prag& Leipzig, Verlag von J. L. Kober. A ner ju letztere auf die melte, durchar F im höck Leder be Ehrenp Barbar würzten geſetzt. an der 1857. X Fünßzehntes Kapitel. Am Fenſter der Wohnung, die Kepler mit ſei⸗ ner jungen Gattin jetzt ganz innehatte, ſtand die letztere in glänzendſter Toilette und ſchaute hinaus auf die Straße, die von geputzten Menſchen wim⸗ melte, obgleich ein mit Schnee untermiſchter Regen durchaus nicht zum Flaniren einzuladen ſchien. Fräulein Renata von Eggenberg ſaß ebenfalls im höchſten Staate auf dem ſchönen, mit gepreßtem Leder beſchlagenen Lehnſtuhle, der für den eigentlichen Ehrenplatz in dem Prunkzimmer der jungen Frau Barbara Kepler galt, und genoß ein Gläschen ge⸗ würzten Weins, das ihr die Hausfrau freundlich vor⸗ geſetzt. Nur von Zeit zu Zeit nippte die alte Dame an dem aromatiſchen Getränk und ſetzte das Glas 1857. XXII. Johannes Kepler III. 1 dann immer wieder aus der Hand auf den kleinen, auf vergoldeten Löwenfüßen ruhenden Tiſch. Die kleine Eliſabeth, Kepler's Stieſtöchterchen, ſpielte am Boden, erhob dann den hübſchen Kopf und ſagte: „Horch, Mutterle! Horch!“ Die Glocken aller Kirchen begannen zu läuten und aus der Ferne hörte man einzelne Pöllerſchüße. „Der Zug iſt in das Paulusthor gelangt,“ ſagte Fräulein Renata.„Jetzt wird auch unſer Wagen kommen, denn der Magiſter muß längſt mit den übrigen Lehrern des Stiftes an dem großen Eingang zur Burg ſtehen.“ „Wir werden nichts von der Pracht des Zuges zu ſehen bekommen,“ entgegnete Barbara,„wenn der Wagen nicht zur rechten Zeit zurückkommt.“ „Das iſt eine Pracht, von der ich mir wenig Gutes verſpreche,“ meinte Renata, den Kopf ſchüt⸗ telnd.„Ach! ach! wie nothwendig wäre es, daß die Prediger und Prädikanten der lutheriſchen Ge⸗ meinde hier einwenig ruhiger, einwenig milder wären. Es ſtehen ſchwere Zeiten bevor, denn an dem furcht⸗ baren Ernſte, mit dem unſer junger Erzherzog ſich die Ausrottung der Proteſtanten vorgeſetzt, kann niemand zweifeln.“ . I „eilen ſich in ſchob des, w des M Auch die kle Pelz g zwiſche 5 auf ft len an der Kit hoben kleinen, terchen, en Kopf t läuten erſchüße. elangt,“ ch unſer ingſt mit in großen 's Zuges enn der ir wenig ppf ſchüt⸗ es, daß hen Ge⸗ ſer wären. m furcht⸗ erzog ſich t, kann 3 „Ah, Gottlob! da iſt der Wagen,“ rief Barbara, geilen wir, eilen wir, gnädiges Fräulein.“ Sie hüllte ſich in ihre Enveloppe von rothem Damaſt und ſchob die ſchönen Aermel ihres reichen blauen Klei⸗ des, welche ebenfalls roth waren wie der Ueberzug des Mantels, durch die weiten Hängeärmel desſelben. Auch Fräulein Renata beendete eilig ihre Toilette, die kleine Eliſabeth aber ward von beiden in einen Pelz gehüllt, und die Damen nahmen das Kind zwiſchen ſich auf den gepolſterten Sitz der Kutſche. Durch die Murgaſſe, die ſteile Sporgaſſe hin⸗ auf fuhr man in die Hofgaſſe und hielt unter vie⸗ len andern Wagen auf dem Burgpylatze, ganz nahe der Kirche, welche Erzherzog Karl zur Domkirche er⸗ hoben hatte. Dem Winter zum Trotze waren alle Fenſter und Façaden der Häuſer und Paläſte mit Krän⸗ zen geſchmückt. Fahnen wehten von allen Zinnen, Teppiche von koſtbarem Gewebe lagen vor den Haus⸗ thüren. Im höchſten Schmuck, ihre Inſignien und Fah⸗ nen vor ſich hertragend, ſtanden die Gewerbe auf⸗ marſchirt vor der mächtigen Pforte der alten Burg, die einſt ſchon die Reſidenz der Traungauſchen Gra⸗ fen geweſen und in deren Hallen die Wiege des 1* jungen Erzherzogs und ſeiner Geſchwiſter geſtan⸗ den hatte. An der Thür der Domkirche waren die Lehrer der beiden großen neuen evangeliſchen Lehranſtalten der Stiftsſchule und des Joanneums aufgeſtellt, Kep⸗ ler befand ſich unter denſelben. Die Herren von den Ständen, unter ihnen der alte Herr von Eggenberg, ſtanden an der andern Seite. Die Mitglieder des Magiſtrats befanden ſich zwiſchen beiden. Ueberall in der ungeheuern Menſchenmenge herrſchte ein tiefes feierliches Schweigen, und die Glockentöne, welche fort und fort hallten und in welche auf dieſer Stelle ſich die von Blasinſtrumen⸗ ten ausgeführte Muſik eines Marſches miſchte, klan⸗ gen wie Leichengeläute. Langſam bewegte ſich der prächtige Zug die Paulusgaſſe hinauf nach dem Burgplatze. Trabanten, gekleidet in den ſteiermärkiſchen Lan⸗ desfarben, grün, roth und weiß, eröffneten ihn; hin⸗ ter denſelben wanderte langſam Paar an Paar Ker⸗ zen tragend und Weihrauchfäſſer ſchwingend die katholiſche Geiſtlichkeit, ein ernſter ſtattlicher Zug. Dann kam auf ſchneeweißem Pferde im Herme⸗ linmanzel, die Herzogskrone auf dem Haupt, der junge Herrſcher der Steiermark, Erzherzog Ferdinand, der ſpe des he wenig Geſicht Abkunf das er glühent! weichen geeigne zu halt N Braune Großm geſtan⸗ Lehrer nſtalten lt, Kep⸗ von den genberg, der des lenmenge lund die und in ſtrumen⸗ öte, klan⸗ Zug die hen Lan⸗ hn; hin⸗ aar Ker⸗ end die Zug. Herme⸗ upt, der rrdinand, 5 der ſpäter als Ferdinand der II. die eiſerne Krone des heiligen römiſchen Reiches trug. Ein Jüngling, wenig über achtzehn Jahre alt, lag doch in ſeinem Geſichte, das die bräunliche Farbe ſeiner ſpaniſchen Abkunft trug, ein tiefer Ernſt; ſein dunkles Auge, das er nur ſelten erhob, hatte einen ſchwärmeriſch glühenden Blick, und um den Mund lag trotz der weichen habsburgiſchen Lippen eine Feſtigkeit, wohl⸗ geeignet, der Jugendlichkeit des Antlitzes die Wage zu halten. Neben ihm zur Rechten ritt auf einem ſtattlichen Braunen Erzherzog Mar, ſein Oheim und Vormund, Großmeiſter der Deutſchherren und früher erwählter König von Polen, der während Ferdinands Minder⸗ jährigkeit ſein Land regiert hatte; und zur Linken auf einem Rappen ſein jüngerer Bruder Erzherzog Leopold, ſpäter Biſchof von Paſſau, zur Zeit noch ein elfjähriger Knabe. Die nächſten im Zuge waren zwei Männer, beide in einfacher weltlicher Tracht und nur durch den eigenthümlich geformten Hut erkennbar als Mit⸗ glieder der Geſellſchaft Jeſu. Der eine, deſſen auffallende Schönheit ihn, wo er ſich auch zeigte, bemerkbar gemacht hatte, erſchien hier mit ſeinem ernſten Blick, mit dem feinen Munde, um den ein Ausdruck milder Trauer lag, wie der Engel des Gerichtes. Es war Pater Johannes, der Lehrer des jungen Fürſten, der zweite, von un⸗ ſcheinbarem Aeußern, das nur durch ein Paar große hellblaue Augen, die ernſt und milde umherſchauten, Bedeutung erhielt, war Chriſtoph Schreiner, der frü⸗ here Beichtvater Erzherzog Karls. In einem prächtigen, von vier Schimmeln gezo⸗ genen Wagen folgte nun die Erzherzogin Maria, Mutter des jungen Fürſten, mit ihren ſechs noch ganz jugendlichen Töchtern. Sie trug wie immer, ſeit dem Tode ihres Gatten auch an dieſem feſtlichen Tage ihre ſchwarze Witwen⸗ tracht, die lieblichen ſechs Kinder dagegen prangten in glänzenden Kleidern, roth, weiß und grün. Neben dieſem Wagen ritt auf einem ſanften Paßgänger der Kardinal Herr Adam von Dietrich⸗ ſtein, Miniſter Sr. Majeſtät Kaiſer Rudolph des II., und von ihm zu dieſer feierlichen Gelegenheit mit fünf ade⸗ ligen Gefährten nach Grätz geſendet. Viele Kavaliere zu Pferde, glänzend gekleidet und von ſtolzer Hal⸗ tung, unter denen ſich auch die Abgeſandten des Her⸗ zogs von Bayern befanden, beſchloßen den feſtlichen Zug, um den ſich die bunte Menge der Bevölkerung drängte, die jedoch da, wo derſelbe ſich eben befand, von z von d drückt 2 kirche herzog perſon Schau traten Halle, heißen. der ſch verneh ließ ſi und wie der ohannes, von un⸗ ſaar große ſchauten, der frü⸗ noch ganz es Gatten Witwen⸗ kangten in n ſanften Dietrich⸗ es II., und fünf ade⸗ Kavaliere Alzer Hal⸗ des Her⸗ feſtlichen evölkerung en befand, 7 von zwei Reihen zur Seite ſchreitender Hartſchiere von der Mitte der Straße an die Häuſer zurückge⸗ drückt wurde. Vor dem im ruſtiken Style erbauten, der Dom⸗ kirche gegenüberliegenden Burgthore, hielt der Erz⸗ herzog ſein Pferd an. Die verſammelten Magiſtrats⸗ perſonen, die Väter der Stadt in ihren ſchwarzen Schauben und Federbarets, die Degen an der Seite, traten vor, um ihren jugendlichen Gebieter in der Halle, die ihn geboren werden ſah, willkommen zu heißen. Der Erzherzog aber winkte abwehrend mit der ſchmalen länglichen Hand und ſagte laut und vernehmlich:„Später, meine Herren, ſpäter!“ Dann ritt er durch den Thorbogen, ſeine näͤch⸗ ſten Begleiter, das heißt ſeine Familie, ſeine beiden Lehrer und der Kardinal von Dietrichſtein folgten ihm, während die katholiſche Geiſtlichkeit unter lautem Geſang, gefolgt von den Kavalieren, die ihre Pferde an die bereitſtehenden Diener abgaben, in den Dom ſchritt, vor deſſen Pforten diejenigen, welche dort ſchon harrend ſtanden, dem Dezemberwetter ausgeſetzt ſtehen bleiben mußten. Das ſchauluſtige Publikum ließ ſich durch den niederfallenden feuchten Schnee und durch den hohl brauſenden Wind nicht ſtören. Auch Fräulein Renata von Eggenberg und Frau Barbara Kepler behielten ihren Platz in ihrem an einer ziemlich geſchützten Stelle ſtehenden Wagen, und Johannes trat zu ihnen, um mit ſeiner jugend⸗ lichen Gattin und deren Beſchützerin zu plaudern Er fühlte ſich von dem langen Stehen in Schnee und Wind ermüdet und bis ins Mark erkältet, und ein Gefühl der Trauer, deſſen er nicht Herr werden konnte, hatte ſeine Seele beſchlichen. Frau Barbara ſah ſo lächelnd, ſo harmlos und ahnungslos aus in ihrem glänzenden Putze, als ſie ſich zu ihrem Gatten niederbeugte und ſagte: „Ein ſchöner Herr iſt unſer junger Erzherzog, nur etwas braun und für ſeine große Jugend ſehr ernſt. Ob es wohl am Hofe jetzt wieder ſchöne Fackeltänze, Ringelreigen und Karouſſel geben wird, wie in frü⸗ heren Zeiten, von denen meine Mutter ſelig mir erzählte?“ „Die Zeit iſt nicht günſtig für ſolche Luſtbar⸗ keiten,“ ſagte Fräulein Renata,„gebe nur Gott der Herr, daß ſie nicht noch ſchlimmer würde.“ „Setzt Euch hier einwenig zu uns, Johannes, der Eintritt des gnädigſten Herrn in den Dom wird ja angekündigt durch den Schall der Trompeten, Ihr habt es wärmer hier im Wagen, als dort auf dem kalten zügigen Pflaſter,“ ſagte die junge Frau freund⸗ lich; kog dieſer di meinen werde e Kälte ie einen ſp mer und meine lie Ihr und Weo und W Herrſcher vom Pf Angehör mächtige führte. Di Arm de ihm die nach un rend ihrn lichen 2 Hi Johann cheln di cem an Wagen, jugend⸗ tn Schnee et, und werden og, nur hr ernſt. keltänze, in frü⸗ lig mir Luſtbar⸗ Gott der ohannes, om wird ten, Ihr auf dem u freund⸗ 9 lich; kopfſchüttelnd aber und mit einem Seufzer lehnte dieſer die liebreiche Aufforderung ab.„Laßt mich bei meinen Kollegen und Freunden,“ entgegnete er,„ich werde ertragen können, was ſie ertragen, einwenig Kälte iſt ja nicht ſo ſchlimm, wenn man weiß, daß einen ſpäter ein heimatlich Dach, ein warmes Zim⸗ mer und ein warmes Herz erwarten. Gott zum Gruß, meine liebe Barbara, mein gnädiges Fräulein, ich bin Ihr unterthänigſter Diener.“ Während die Bewohner ſeiner Reſidenz in Wind und Wetter ſo auf ein Gnadenzeichen ihres neuen Herrſchers warteten, war dieſer im erſten Burghofe vom Pferde geſtiegen, und ſtand, umgeben von ſeinen Angehörigen, einige Augenblicke ſinnend am Fuße der mächtigen Steintreppe, welche in ſeine Gemächer führte. Die Erzherzogin ſeine Mutter lehnte ſich auf den Arm des Kardinals von Dietrichſtein und ſchritt mit ihm die Treppe hinauf, die kleinen Prinzeſſinnen folgten nach und alle begaben ſich in das Zimmer, das wäh⸗ rend ihrer Witwenzeit der Erzherzogin zum gewöhn⸗ lichen Aufenthalt gedient. Hier erſchien auch nach einigen Augenblicken Pater Johannes, und Maria reichte ihm mit mildem Lä⸗ cheln die ſchöne Hand. „Mein Sohn iſt ein Mann geworden, mein werther Freund,“ ſagte ſie freundlich,„ein Mann, welcher der großen Aufgabe, welche der Allerhöchſte auf ſeine Schultern legte, mehr und mehr entgegenreift. Sie haben ein Gott wohlgefälliges Werk gefördert und geleitet.“ „So hoffe, ſo glaube ich, Durchlauchtigſte Frau,“ entgegnete der Prieſter.„Zwei junge Fürſten überneh⸗ men faſt im gleichen Augenblick ihre ſchönen deut⸗ ſchen Länder, welche die Kraft und den Willen haben, der heiligen Sache Gottes zu dienen. Kurfürſt Wilhelm, Ew. Durchlaucht Bruder, hat, gedrängt von den Sorgen der Regierung, die ſeiner Kraft zu viel wurden, ſeinem tuchtigen Sohne Platz gemacht, und jetzt ſchon be⸗ ſchäftigt ſich Maximilian mit der Gründung einer Landwehr in ſeinen Staaten, die in Zukunft, wenn Erzherzog Ferdinand als Nachfolger Kaiſer Rudolphs anerkannt iſt, dieſem, ſeinem Vetter, Jugendfreunde und Studiengenoſſen zugute kommen wird. „Die ſchlimmſte Plage unſerer Zeiten ſind die zügelloſen Söldnerſchaaren, die, ein Auswurf aller Länder Europa's, dem, welchem ſie dienen, eine eben⸗ ſo große Laſt ſind, als dem, gegen welches ſie ge⸗ führt werden. „Marximilian von Bayern wird einſtens dem Kaiſer Ferdinar geordnet Schurken die nicht für eine „2 trichſtein klingt, i weiſen w anderes eines E wohin? von Sol Uebel, n, mein Mann, jchſte auf genreift. gefördert e Frau,“ überneh⸗ i deut⸗ aben, der Wilhelm, in Sorgen n, ſeinem ſchon be⸗ ung einer uft, wenn Rudolphs endfreunde ſind die vurf aller eine eben⸗ es ſie ge⸗ dem Kaiſer 11 Ferdinand ein Generaliſſimus ſein, der ihm ein wohl⸗ geordnetes Heer zuführt, das nicht aus hergelaufenen Schurken, ſondern aus Kindern des Landes beſteht, die nicht bloß für Sold und Plünderung fechten, ſondern für eine Idee, die ſie verſtehen, und die ſie begeiſtert.“ „Ach, mein lieber Herr,“ ſagte Adam von Die⸗ trichſtein,„das iſt eine Idee, die als Idee ſehr ſchön klingt, in der Ausführung aber ſich ſehr ſchlecht er⸗ weiſen würde.— Die große Maſſe muß eben nichts anderes ſein, als eine Maſchine, die von dem Willen eines Einzigen geleitet wird, ohne zu begehren das wohin? und warum? wiſſen zu wollen.— Eine Armee von Soldaten, die man erſt begeiſtern müßte durch eine Idee, wäre viel ſchlimmer zu kommandiren als eine, die ſich ſelbſt begeiſtert durch die Geiſter in den Flaſchen.“ Pater Johannes ſenkte die glänzenden Augen momentan auf den alten Staatsmann. Faſt ſchien es, als ſchwebe eine bittere Antwort auf ſeinen Lip⸗ pen, er ſchwieg jedoch und ſagte endlich wie in höf⸗ licher Uebereinſtimmung:„Ew. Eminenz haben voll⸗ kommen Recht aus Ihrem Geſichtspunkte. Sobald ein Menſch ſo weit iſt, daß er eine Idee ſelbſt faſ⸗ ſen und ſich für dieſelbe begeiſtern kann, iſt er ge⸗ fährlich, weil er das nothwendigſte aller irdiſchen Uebel, den blinden Gehorſam, nur als chhriſtlich erhabene Tugend auf ſich nehmen kann. Menſchen, die das thun, wie unbedeutend ihre Stellung und Perſönlichkeit auch ſonſt ſein möge, ſind ſehr ſelten auf Erden, und werden es immer bleiben; wo ſie ſich aber finden, da müſſen ſie von einer weiſen Regie⸗ rung gewonnen werden. „Hier in dem Weichbilde der Reſidenz befindet ſich jemand, der zu dieſer Kathegorie gehört. Magiſter Kepler, der gelehrte Mathematiker und Sternkundige.“ „Ah ja!“ entgegnete Adam von Dietrichſtein;„ja, ich habe von dem jungen Manne gehört durch Herrn Tycho von Brahe und den Herrn Reimarus Urſus, den Hofaſtronomen Sr. Majeſtät.“ In dieſem Augenblick ward das Geſpräch un⸗ terbrochen durch den Eintritt des Erzherzogs, der, ſich ſeiner Mutter nähernd, ſie bat, ihm vor ſeinem Ein⸗ tritt in die Domkirche, wo er die Huldigung der Stände ſeines Landes annehmen ſollte, ihren müt⸗ terlichen Segen zu geben.. Es lag ein tiefer, heiliger Ernſt in den edlen Zügen des jungen Fürſten, als er, ſich auf ein Knie niederlaſſend, das Haupt vor der ſegnenden Hand ſeiner Mutter beugte, und dieſe, überwältigt von dem Moment, der ihren Sohn ſo früh zum Herrſcher machte, vergaß die Anweſenheit der Zeugen und drückte e ihres Er Glo Augenbli der Erzhe teten ſich lengang, Gemäche die den l dem Dor Erzk und Geſe Spitze ſie mehrere Kardinal ſchritten renden tr in den bei dem eenſchen, ug und ſelten ſie ſich Regie⸗ befindet Magiſter undige.“ s Urſus, täch un⸗ der, ſich em Ein⸗ ung der en müt⸗ en edlen ein Knie en Hand tigt von Herrſcher igen und 1 2 ⁹B„ drückte einen heißen Mutterkuß auf die ſtolze Stirn ihres Erſtgeborenen. Glockentöne und Trompetenſtöße gaben in dieſem Augenblick der harrenden Menge das Zeichen, daß der Erzherzog ſich in den Dom begab; und ſo rich⸗ teten ſich denn alle Augen auf den überdachten Säu⸗ lengang, der über dem Eingangsthore aus den Gemächern der Burg nach jenen Schwibbögen führt, die den bedeckten Weg tragen, der die Burg mit dem Dome verbindet. Erzherzog Ferdinand, ſein Oheim, ſeine Mutter und Geſchwiſter und ein langes Gefolge, an deſſen Spitze ſich außer den beiden ſchon genannten, noch mehrere Patres der Geſellſchaft Jeſu, ſowie der Kardinal Miniſter von Dietrichſtein befanden, durch⸗ ſchritten jenen Säulengang; die an der Thüre Har⸗ renden traten durch dieſe in demſelben Augenblick in den Dom und ein feierliches Hochamt begann, bei dem die größere Mehrzahl der Anweſenden, aus Proteſtanten beſtehend, ohne das Knie zu beugen, aufrechtblieb. Erzherzog Ferdinands dunkles Auge ſchien Blitze zu ſprühen, als es einen Moment lang über dieſe Verſammlung hinwegglitt; da er ſich aber ſelbſt auf die Kniee warf, erſchien ſeine Andacht inbrünſtig und von keinen Aeußerlichkeiten mehr abgezogen zu ſein. Nachdem das Hochamt vorüber, begab der junge Fürſt ſich auf den zu dieſem Zweck im Dome errichteten Thronſeſſel und empfing ſitzend die Hul⸗ digung der Stände, des Magiſtrats, der hohen Offi⸗ ziere, der Beamten und Mitglieder des Hofſſtaates, der Geiſtlichkeit, ſowie des Lehrerperſonals der verſchie⸗ denen gelehrten Anſtalten, ſowohl katholiſcher als proteſtantiſcher Religion. Ein Herold nannte dabei jedesmal laut die Namen der Perſonen, die je zu ſechs und ſechs an den Stufen des Thrones nieder⸗ knieend, ihren Eid der Treue in die Hand des Erz⸗ herzogs Max, Großmeiſters des deutſchen Ritterordens und einſt erwählten Königs von Polen, niederlegten. Es war eine tief ernſte, ergreifende Feierlichkeit. Die Geſinnungen des jungen Herrſchers in Bezug auf ſeine proteſtantiſchen Unterthanen waren allen Anweſenden nur zu wohl bekannt und die größere Hälfte derſelben waren Proteſtanten. Selbſt zur Fa⸗ milie Eggenberg gehörten mehrere proteſtantiſche Mitglieder, ja es gab deren ſo viele, daß man ſpä⸗ ter behauptete, der einzige Mann, welcher an jenem Tage das heilige Abendmahl nach katholiſchem Ritus genoß, ſei Erzherzog Ferdinand ſelbſt geweſen. Di tag neig Di gekehrt, die, wel und Sch In Pechfack nen die die jetzt Die nehmlich weiße S zählend por und auf und „9 meinem iſtig und zu ſein. gab der m Dome ie Hul⸗ en Offi⸗ ofſtaates, verſchie⸗ ſcher als te dabei ie je zu s nieder⸗ des Erz⸗ tterordens ederlegten. eierlichkeit. in Bezug aren allen die größere ſſt zur Fa⸗ tteſtantiſche man ſpä⸗ an jenem hem Ritus deſen 15 Die Feierlichkeit war nun vorüber, der Winter⸗ tag neigte ſich zu ſeinem Ende. Die Bürger waren in ihre Wohnungen zurück⸗ gekehrt, die Söldner in ihre Standquartiere, bis auf die, welche ſich zechend und plaudernd in Gaſtſtuben und Schenken verſammelt hatten. In den Höfen der Burg brannten bereits die Pechfackeln und ſchweigend und menſchenleer erſchie⸗ nen die ernſten ſtattlichen Baulichkeiten denjenigen, die jetzt daran vorüberſchritten. Die Glockenuhr am Dom ſchlug laut und ver⸗ nehmlich ſieben und Erzherzog Ferdinand horchte, die weiße Stirn an die Scheibe ſeines Fenſters gedrückt, zählend auf die Schläge. Dann richtete er ſich em⸗ por und ging im Zimmer mit langſamen Schritten auf und ab. „Der Tag iſt vorüber, der erſte Schritt in meinem Beruf gethan,“ ſagte er dann halblaut zu ſich ſelbſt, und blickte ſinnend an den Plafond des Gemachs, auf deſſen zierlichen Knäufen und Roſetten die Schatten der Kerzenbeleuchtung ſpielten. „Berufen und auserwählt,“ flüſterte er dann, „ein Rüſtzeug des höchſten Gottes, beſtimmt, die Peſt der Ketzerei auszurotten, die giftig durch alle Länder der Erde ſchleicht!— Eine erhabene Beſtimmung, 16 ſo erhaben als ſchwer! Ja, Pater Johannes hat Recht, es gehört der ganze Wille, die ganze Kraft eines Menſchen dazu! Ich habe keine Zeit, die ich mein eigen nennen könnte, ich habe kein Gefühl, über das ich frei wie andere Menſchen verfügen dürfte, mein ganzes Sein, mein ganzes Leben ge⸗ hört Dir, o Dir, erhabene Königin des Himmels und der Erde, jungfräuliche Mutter aller Gnade, Dir, o Maria! deren Thron die Ketzer umzuſtoßen gewagt.“ Er hatte bei dieſen Worten ein kleines, auf Elfenbein gemaltes Bild aus dem Buſen gezogen und ſich auf die Kniee werfend, hielt er es hoch em⸗ por und ſagte mit begeiſtertem Tone:„Heilige! Gebenedeite! Göttliche! o Du haſt mein Gelübde empfangen zu tauſend⸗ und tauſendmalen ſchon. Gib mir die Kraft, Dein Werk zu fördern, bleib mir nahe mit Deiner Huld und Gnade und nicht bloß mir— ein Menſch bin ich ja nur— ein Einzelner, und meine Macht liegt in meinem Heer— Du, Du, o Mutter Gottes, ſei die Führerin desſelben. Begeiſtere jeden meiner Krieger, wie Du mich begei⸗ ſtert haſt, mit anbetender Liebe zu Dir. Ich habe Dich geſchaut mit dieſen meinen Augen in ſchlafloſen Nächten, ich kenne Deine göttliche Liebe und Lieb⸗ lichkeit, ich Führerin!“ ſo heiß, dar dabei ein v Seine Roth lag a die Lippen „Ich ſ erhabener i Maler Dich können. Tie in meine mein Denke fen, alles, abermals, leiſe Tritte ſeine Mutte Die C Dame, trat ihrem Sohn unter dem Gatten Erzl „Du h mit den fein tuches zupfen 1857. XXII. es hat 2 Kraft die ich Gefühl, erfügen en ge⸗ immels Gnade, zuſtoßen es, auf gezogen och em⸗ Heilige! Gelübde n. Gib eib mir ht bloß inzelner, — Du, esſelben. hbegei⸗ ſch habe hlafloſen id Lieb⸗ 17 lichkeit, ich will Dein Streiter ſein, ſei Du meine Führerin!“ Es war ein Gebet von heißer Inbrunſt, ſo heiß, daß der Zuſtand des fürſtlichen Jünglings dabei ein verzückter zu ſein ſchien. Seine dunklen Augen glänzten, ein warmes Roth lag auf ſeiner ſonſt bleichen Wange und um die Lippen zuckte ein Strahl unirdiſcher Wonne. „Ich ſehe Dich, Gebenedeite, anders, o wie viel erhabener in Deiner göttlichen Schöne, als dieſe Maler Dich zeichnen, als dieſe Bildner Dich meißeln können. Tief, tief, unauslöſchlich tief iſt Dein Bildniß in meine Seele gedrückt, mein Sein und Leben, mein Denken und Fühlen, mein Glauben und Hof⸗ fen, alles, alles gehört Dir!“ flüſterte er dann abermals, und erhob ſich erſt von den Knieen, als leiſe Tritte im Nebenzimmer ihm verriethen, daß ſeine Mutter ihn aufzuſuchen käme. Die Erzherzogin Maria, eine hohe, ſtattliche Dame, trat faſt in dem nämlichen Augenblick bei ihrem Sohne ein, und ſetzte ſich in den Seſſel, der unter dem lebensgroßen Bilde ihres frühgeſtorbenen Gatten Erzherzog Karl ſtand. „Du haſt Recht gehabt, mein Sohn,“ ſagte ſie, mit den feinen Händen an den Spitzen ihres Battiſt⸗ tuches zupfend,„vollkommen Recht, die Mühen dieſes 1857. XXII. Johann Kepler. III. 2 18 Tages für uns nicht noch durch ein Feſt in dieſen Räumen zu erhöhen. Ich fühle mich tödtlich ermatten und Deine Geſchwiſter ſind bereits in ihre Schlaf⸗ zimmer gebracht worden.“ „Wir werden ein Feſt feiern, ſo glänzend, alt menſchliche Macht es ausrichten kann, wenn wir der Schlange der Ketzerei in unſeren Erblanden das Haupe zertreten haben,“ entgegnete der Erzherzog feierlich „Solange noch in dem Weichbilde dieſer Stadt ein Prädikant die freche Stimme erhebet, ſolange iſt für mich, den Streiter der allerheiligſten Jungfrau⸗ keine Zeit zu Feſten und Banketten. Gebet iſt uns noth! und das Wort: ‚Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet,“ iſt beſonders auch für uns geſprochen.“ Die Augen des Jünglings hatten bei dieſen Worten einen ſeltſamen intenſiven Glanz, der das Mutterherz erſchreckte, und ſie reichte dem Sohne die Hand und zog ihn, dem Gefühle ihres Herzens nachgebend, zu ſich, ſein dunkel gelocktes Haupt an ihren Buſen lehnend. „Mein Erſtgeborener, mein theures Kind,“ flü⸗ ſterte ſie mit einer Milde, die man ihrem ſtattlichen und gemeſſenen Weſen kaum zugetraut hätte,„Du biſt ſo jung noch und die ſchwere Laſt der Regierung in ſo ſchwe gelegt. O Dich tumm kommt, in r Deiner Kö Er ul Mutterbuſe ſagte:„Ve oben komm Streiter d Kräfte zur Kinder un Höchſten ge bin an Be ich bin, de Werk, das der Europe Ketzerei ur kennt, erh der gebened daß ich die lerheiligſte, Verheißung „Wie „ſprichſt I Feſt in dieſen ödtlich ermattet in ihre Schlaf⸗ glänzend, als wenn wir der iden das Haupt zerzog feierlich: ieſer Stadt ein det, ſolange iſt ſten Jungfrauf Gebet iſt uns betet, daß ihr nders auch fün atten bei dieſen blanz, der das te dem Sohne ihres Herzens ktes Haupt an es Kind,“ flü— hrem ſtattlichen t hätte,„Du der Regierung 19 in ſo ſchwerer Zeit iſt ſchon auf Deine Schultern gelegt. O daß Dein Vater noch lebte, damit Du Dich tummeln könnteſt, wie es Deiner Jugend zu⸗ kommt, in ritterlichen Spielen, in freier heiterer Uebung Deiner Körperkraft.“ Er unterbrach ſie, indem er, das Haupt vom Mutterbuſen erhebend, jedoch noch neben ihr knieend, ſagte:„Vergeßt nicht, o Mutter, daß alle Kraft von oben kommt. Ich bin das auserwählte Rüſtzeug, der Streiter des Herrn und bedarf nicht körperlicher Kräfte zur Förderung des mir auferlegten Werkes. Kinder und Jungfrauen ſind ſchon Werkzeug des Höchſten geweſen, ich, ein Jüngling noch an Jahren, bin an Begeiſterung mehr als ein Mann. Je jünger ich bin, deſto längere Zeit iſt mir gewährt für das Werk, das ich zu fördern habe. Frei ſollen die Län⸗ der Europa's werden von dem hölliſchen Gifte der Ketzerei und überall, ſoweit man Chriſti Namen kennt, erhebe die Andacht ihre Hand zum Throne der gebenedeiten Mutter aller Gnaden.— Ich weiß, daß ich dieß Ziel erreichen werde. Sie ſelbſt, die Al⸗ lerheiligſte, hat mir's geſagt, und ein Zweifel an ihrer Verheißung wäre ein Sacrilegium.“ „Wie, mein Sohn,“ entgegnete die Erzherzogin, „ſprichſt Du im Ernſte? wohl hörte ich viel von 9* Deiner Begeiſterung für die allerheiligſte Jungfrau; ich weiß aus dem Munde des ehrwürdigen Pater Johannes, daß Du in Pilgertracht eine Wallfahrt unternommen zum Heiligthume in Loretto und dem Gnadenbilde dort Deine Gelübde zu Füßen gelegt haſt, ſchon vor zwei Jahren. Jetzt auf Deiner Reiſe zum heiligen Vater, der Dir die Weihe und ſeinen Segen gegeben, haſt Du es zum zweitenmale beſucht, ich kenne Deine fromme Andacht für die Gnadenreiche, die den Heiland geboren, aber daß Du begnadigt wurdeſt durch ihre Erſcheinung, das iſt mir unbe⸗ kannt geblieben.“ „Hört mich, meine Mutter,“ ſagte der fürſtliche Jüngling mit feierlichem Ernſte,„was ich nieman⸗ dem mitgetheilt, ſelbſt nicht in der Beichte— denn es war ja keine Sünde, ſondern die erhabenſte Be⸗ ſeligung, die einem Sterblichen zutheil werden kann. — CEuch will ich es offenbaren. Wiſſet, ich war noch ein Knabe und befand mich mit meinem edlen Va⸗ ter in Prag. Des Kaiſer Rudolph Majeſtät hatte viele Vorliebe für mich, und ſchon flüſterte man, daß er, der ſeine Brüder alle nicht liebte, und den Erz⸗ herzog Mathias am wenigſten, in mir ſich einen Nach⸗ folger beſtimmt habe.— Ich war eben noch kindiſch genug, um das zu hören ohne Gemüthsbewegung, weder in F gen war, der Kaiſerb Gewalt zu tigen Dom, Grabmal d dort auch ſtes der To ferne den ſteten, den durch die 2 ſeres Ahner Gattinnen, den Dom t zen meiner den die ben begann Gänge bis Dort ſtand Haupt des Goldgrund um mich ſe Augen des und ſeinen male beſucht, nadenreiche, begnadigt ſt mir unbe⸗ — der fürſtliche ich nieman⸗ hte— denn habenſte Be⸗ verden kann. ch war noch n edlen Va⸗ ajeſtät hatte te man, daß nd den Erz⸗ einen Nach⸗ noch kindiſch hsbewegung, weder in Furcht noch in Freude.— Mein Vergnü⸗ gen war, umherzuſchweifen in den weiten Hallen der Kaiſerburg, und vor allem zog es mich wie mit Gewalt zu allen Stunden des Tages in den präch⸗ tigen Dom, wo eben Werkleute arbeiteten an dem Grabmal des edlen Kaiſers Mar.— So war ich dort auch zur Zeit, wenn beim Beginnen des Herb⸗ ſtes der Tag ſich frühe ſchon neigt, und ſchaute von ferne den geſchäftigen Künſtlern zu, die ſich eben rü⸗ ſteten, den Dom zu verlaſſen. Langſam ſchritten ſie durch die Pforte, über welcher ſich das Bildniß un⸗ ſeres Ahnen, des Kaiſers Ferdinand und ſeiner drei Gattinnen, befindet.— Als der letzte der Männer den Dom verlaſſen, freute ich mich in kindiſchem Her⸗ zen meiner Einſamkeit in dem heiligen Raume, über den die Dämmerung ihren grauen Schleier zu we⸗ ben begann, und leiſe ſchlich ich durch die hallenden Gänge bis zu dem Pfeiler unfern jenes Eingangs. Dort ſtand ich lange und betrachtete andächtig das Haupt des Erlöſers mit der Dornenkrone, deſſen Goldgrund ein Licht auszuſtrahlen ſchien, hell genug, um mich ſehen zu laſſen, wie die ſanften braunen Augen des Heilandes mir nachblickten, wohin ich auch ging. Ich kniete nieder und betete; als ich mich aber von den Knieen erhob, ſtand hinter mir, nur wenige Schritte von mir entfernt, eine Erſcheinung, eim Jungfrau in weißem, golddurchwirktem Gewande mit Haaren, glänzend wie das Gold ihres Kleides Sie blickte mich an liebevoll und erhaben mit Augen, gleich denen des ſchönen byzantiniſchen Ge⸗ mäldes, vor dem ich gebetet. Ich konnte, erſtaunt ergriffen, mich nicht erheben von den Knieen, da ſprach ſie leiſe, aber vernehmlich und mit einer Stimme, die ewig nachtönen wird in meinem Herzen: ‚O from⸗ mes Kind, das beſtimmt iſt, Herr der Chriſtenheit zu werden, die gebenedeite Mutter des Heilandes ſchauf liebevoll und gnädig auf Dich. Es zitterte dieß Wort durch meine Seele, ich erhob mich, ich ſtreckte die Hände aus nach der göttlichen Erſcheinung— aber ſie war in der Dunkelheit verſchwebt. Ich eilte nun hinaus, in meine Zimmer, wo Pater Schreinen mein damaliger Lehrer und meines erlauchten Va⸗ ters Beichtvater, mich verwundert empfing und mit ernſtlich verbot, nicht mehr allein in den Dom zu gehen, da ich dort unter den Arbeitern noch etwa Schaden leiden, auch endlich gar mich in den Höfen des großen Hradſchin verirren könnte, und viel⸗ leicht in den Hirſchgraben zu den Löwen und Leo⸗ parden gerathen. Wenige Tage darauf verließen wir Prag und nach dem frühen Tode meines Herrn Vaters kam ich, Ingolſtadt digen Pat Niemanden wähnt, die heiligen Se der Frömn Johannes zu machen Rudolphs ſtigung der über die 4 derte ſein heit der he verehren. zutheil ge Herzen flü im prager den, die 2 ſehen.— mit zittern vor, da ſti noch aus Blatt zu h Eure Seg heinung, ein m Gewande ihres Kleides erhaben mit tiniſchen Ge⸗ unte, erſtaunt iieen, da ſprach r Stimme, die n: ,O from Chriſtenheit zu ilandes ſchaut zitterte dieß ich, ich ſtreckte Erſcheinung— pebt. Ich eilte ater Schreiner, erlauchten Va⸗ pfing und mit den Dom zu ern noch etwa in den Höfen te, und viel⸗ wen und Leo⸗ verließen wir Herrn Vaters 29 23 kam ich, wie mein Vetter Max von Bayern, nach Ingolſtadt und unter die beſondere Leitung des wür⸗ digen Pater Johannes. Ich hatte nie und gegen Niemanden jener Erſcheinung im prager Dome er⸗ wähnt, die Erinnerung daran bewahrte ich wie einen heiligen Schatz in meinem Herzen, in das der Samen der Frömmigkeit wie in ein gutes Land fiel. Pater Johannes unterließ nicht, mich darauf aufmerkſam zu machen, daß ich als möglicher Nachfolger Kaiſer Rudolphs keine höhere Pflicht hätte, als die Befe⸗ ſtigung der Kirche Gottes auf Erden, und wenn er über die Heiligkeit dieſer Pflicht ſprach, dann ſchil⸗ derte ſein begeiſterter Mund vor allen die Erhaben⸗ heit der heiligen Jungfrau und die Süßigkeit, ſie zu verehren. Mir war ſchon frühe eine Ahnung davon zutheil geworden, denn eine Stimme in meinem Herzen flüſterte mir zu, daß ich in jener Weiheſtunde im prager Dome ſchon als ein Kind gewürdigt wor⸗ den, die Allerheiligſte mit meinen irdiſchen Augen zu ſehen.— Es war am Abende vor meiner erſten Beichte, mit zitternder Andacht bereitete ich mich auf dieſelbe vor, da ſtieg in meiner Seele der Gedanke auf, eilig noch aus dem Zimmer des Pater Johannes das Blatt zu holen, auf welchem Ihr, meine Mutter, mir Eure Segenswünſche geſendet, und das ſich dort be⸗ fand. Ich trat ein, unangemeldet, raſcher als je, aber mein Fuß blieb auf der Schwelle haften.— Mit Thränen⸗überſtrömtem Geſicht, mit gerungenen Hän⸗ den, lag Johannes auf den Knieen vor einem Bilde, das unter den Bäumen eines Gartens die heilige Jungfrau zeigte, wie ſie mir einſt erſchienen, in gold⸗ geſticktem Gewande, den Schleier über die goldigen Haare. Pater Johannes erhob ſich von ſeinen Knieen, ließ leiſe einen Vorhang über das Bild rollen und fragte nach meinem Begehren.„O mein Vater, ſagte ich, meiner nicht mehr mächtig, ‚verberget ſie mir nicht, die allerheiligſte Mutter des Erlöſers; ſo iſt ſie mir erſchienen im Dome zu Prag, ſo blickten ihre Augen, als ſie mir ſagte, daß ich beſtimmt ſei, die heilige Kirche zu befeſtigen auf Erden.“ Er blickte mich eine Weile an, dann ſagte er mit zitternder Stimme: ‚Euch iſt ſie erſchienen, die erhabene Jung⸗ frau? Euch? und im prager Dome?⸗—, Glaubt nicht, daß ich mich ſelbſt täuſche oder Euch zu täuſchen be⸗ abſichtige,“ entgegnete ich. ‚Dieß Antlitz voll göttlicher Erhabenheit vergißt der nie, der es einmal zu ſchauen gewürdigt ward, ja ſelbſt Gewand und Schleier, in denen ich ſie ſah, ſind auf Euerm ſchönen Bilde wiedergegeben.— ‚Seht Sie Euch denn an, die Jungfrau voll Milde,“ ſagte er nun, und zog den Vorhang an und be „Von ſei und au heiligen J ker Vetter theile mit Religion fi Stimme i Macht un nicht an d zu ſchauen Die zugehört. .„Ihr einer Weile nöthig, ſich Menſchen der allerhe Deßhalb ſe Geſundheit zu üben,(. tigen Rätt und tüchti⸗ beſten Rät als je, aber ften.— Mit ingenen Hän⸗ einem Bilde, s die heilige nen, in gold⸗ die goldigen einen Knieen, d rollen und nein Vater, „verberget ſie Erlöſers; ſo g, ſo blickten beſtimmt ſei, n.“ Er blickte nit zitternder abene Jung⸗ Glaubt nicht, täuſchen be⸗ voll göttlicher ul zu ſchauen Schleier, in bönen Bilde enn an, die und zog den 25 Vorhang von dem ſchönen Gemälde, ‚ſeht Sie Euch an und bewahrt das göttliche Bild in Euerm Herzen!“ „Von dieſem Tage wußte ich, daß ich berufen ſei und auserwählt zum Streiter für die Sache der heiligen Jungfrau.— Wenn mein kluger und ſtar⸗ ker Vetter Mar von Bayern über die weltlichen Vor⸗ theile mit unſern Lehrern ſprach, welche die heilige Religion für Völker und Fürſten hat, hörte ich auf die Stimme in meinem Innern, die mir zurief, daß alle Macht und Kraft von oben kommt, und daß der nicht an das Irdiſche denken darf, der das Himmliſche zu ſchauen gewürdigt wurde.“ Die Erzherzogin Mutter hatte mit Achtſamkeit zugehört. „Ihr habt Recht, mein Sohn,“ ſagte ſie nach einer Weile,„wer das Himmliſche geſchaut, hat nicht nöthig, ſich an das Irdiſche zu erinnern; aber wir Menſchen auf Erden müſſen uns auch zur Erreichung der allerheiligſten Zwecke der irdiſchen Mittel bedienen. Deßhalb ſeid Ihr umſo mehr verpflichtet, Eure theure Geſundheit zu ſchonen, Euch in ritterlichen Künſten zu üben, Euer Heer wohl zu ſchulen und Eure künf⸗ tigen Räthe und Feldobriſten unter den würdigſten und tüchtigſten Eurer Unterthanen zu wählen. Die beſten Räthe, die Ihr finden könnt, werden freilich 26 immer und zu allen Zeiten die trefflichen Männer ſein, die Euch bildeten. Sie ſollen und werden Euch immer nahe ſein, ja Euer Vater hat dafür geſorgt, daß Ihr in jeder Stunde, bei Tag oder Nacht, Euch ihrer Nähe und Geſellſchaft erfreuen und getröſten könnt; folgt mir einwenig, mein lieber Sohn, wenn Ihr Euch wohl genug zu einem kleinen Spaziergange fühlt.“ Die Fürſtin hatte bei dieſen Worten einen in der Tapetenwand verborgenen Schrank geöffnet und eine kleine Wachsfackel daraus genommen, die ſie an einer der Kerzen entzündete; dann ſchritt ſie, von ihrem Sohne gefolgt, in das Schlafgemach, das auch früher ſein Vater benutzt hatte. Dort drückte ſie mit dem Finger gegen einen ſtählernen Stift und geräuſchlos bewegte ſich ein Feld des Holzgetäfels und zeigte eine Treppe, die ziemlich ſteil hinab durch einen fe⸗ ſten gemauerten Gang und endlich nach einer Wan⸗ derung von einigen Minuten zu einer ähnlichen auf⸗ wärts leitenden Treppe führte. Den Ausgang der⸗ ſelben eröffnete die Erzherzogin ebenfalls durch ei⸗ nen leichten Fingerdruck, und mit Erſtaunen ſah ſich der junge Fürſt in einem gewölbten Saale des Je⸗ ſuitenkollegiums und dem Pater Johannes gegen⸗ über, der aber ganz „Hie und Lehrer dem Pate „Vergiß ne tigſte, ein ſelbſt vor Verein m vorſchreibt. menſchliche ſo ganz vo und zwar bend finde Jeſu. Si henden V den Völker den einen dieſen Ve Deine, ſei „Am und wäre en Männer erden Euch für geſorgt, Nacht, Euch id getröſten ohn, wenn paziergange en einen in eöffnet und , die ſie an ie, von ihrem auch früher ſie mit dem geräuſchlos und zeigte ch einen fe⸗ einer Wan⸗ enlichen auf⸗ usgang der⸗ 3 durch ei⸗ nen ſah ſich ale des Je⸗ nnes gegen⸗ 27 über, der ſeine erlauchten Gäſte mit Ehrerbietung aber ganz ohne Staunen empfing. „Hier haſt Du Deine Freunde, Deine Leiter und Lehrer, mein Sohn,“ ſagte die Fürſtin, indem ſie dem Pater freundſchaftlich die ſchöne Hand reichte. „Vergiß nie, daß der einzelne Menſch, auch der kräf⸗ tigſte, ein ſchwaches Geſchöpf iſt, der zittern muß ſelbſt vor einem der ſtäͤrkeren Thiere, während ein Verein menſchlicher Kräfte den Elementen Geſetze vorſchreibt. Nirgend aber wirſt Du einen Verein menſchlicher Kraft und Weisheit ſo eng verbunden, ſo ganz von einem Willen beſeelt, ſo ganz zu einem und zwar zu dem heiligſten und höchſten Zweck ſtre⸗ bend finden, als den der Brüder der Geſellſchaft Jeſu. Sie waren die Freunde Deines in Gott ru⸗ henden Vaters, ſie waren Deine Lehrer, ſie werden Deine Freunde ſein und bleiben auch dann, wenn Dein Geſchick Dich auf den deutſchen Kaiſerthron berufen wird, auf welchem Du, mein theurer Sohn, den Völkern deutſcher Zunge das höchſte aller Güter, den einen wahren Glauben, wiedergeben ſollſt. An dieſen Verein Dich lehnend, wird ſeine Kraft die Deine, ſeine Weisheit Dein Eigenthum ſein.“ „Amen!“ ſagte Pater Johannes,„ein Menſch, und wäre er der höchſte Potentat, geht unter und 28 wird erdrückt in dem großen Strome des Lebens; ein Verein von Menſchen, mit dem ſtärkſten an ſeiner Spitze, wird ſeiner Herr und durchbricht ihn.“ Hechszehntes Kapitel. Es waren ſeit der Krönung des jungen Erzher⸗ zogs zwei Monate ins Land gelaufen, und das neue Weben des Lenzes zeigte ſich bereits an den knos⸗ penden Bäumen. Der Winter hatte frühe den Platz geräumt, all überall auf den Matten und ſonnigen Bergabhängen ſah man das junge Gras wie einen zart grünen Mantel ausgebreitet, und nur in den nördlichen Schluchten und auf den höchſten Spitzen hingen noch einzelne blendende Schneeſchleier und von ihnen herab rieſelten die Bächlein und Brünnlein und zeigten ſich als Silberfädchen zwiſchen dem jun⸗ gen Grün. Lächelnd wie ein jugendlicher Sieger ſtand die Sonne am Himmel, und die leicht gekräuſelten Wölkchen ſchienen geſchmückte Kinder, die fröhlich den Triumph⸗ wagen desſelben umtanzen. Es war ein Tag, ganz geeignet, die Sorgen ſchwinden ſchenherz m Und Kepler's, Dorfes To ſchmerzliche Unwil tretenen P men Quelle ſetzte er ſ in ſeine§ zierlichen 2 des Waſſer Der e ſonnenhellen war ein B ihm leiſe s Lebens; n an ſeiner hn.“ gen Erzher⸗ das neue den knos⸗ den Platz d ſonnigen 3 wie einen nur in den ten Spitzen chleier und d Brünnlein n dem jun⸗ ſtand die en Wölkchen n Triumph⸗ die Sorgen 29 ſchwinden zu machen, und auch das müdeſte Men⸗ ſchenherz mit neuem Muth und neuer Freude zu erfüllen. Und doch lag auf dem feinen und edlen Geſichte Kepler's, der einſam in den einſamen Wegen des Dorfes Tobel umherwanderte, der Ausdruck bitterer ſchmerzlicher Sorge. Unwillkürlich ſchien ihn ſein Fuß den wenig be⸗ tretenen Pfad durch den Fichtenwald nach den war⸗ men Quellen zu führen, und als er ſie erreicht hatte, ſetzte er ſich nieder und ließ das klare laue Waſſer in ſeine Hand rinnen, gedankenvoll dem Spiel der zierlichen Blaſen zuſchauend, die ſich beim Austritt des Waſſers aus dem Boden bilden. Der einſame nachdenkliche Mann in der einſamen ſonnenhellen Gegend neben der ſprudelnden Quelle, war ein Bild jener ſanften Schwermuth, die, gleich fern von der Bitterkeit des Schmerzes und der Süße der Freude, von beiden ein eigenthümliches Gemiſch in ſich trägt und eine Seligkeit enthält, welche zu koſten nur edleren Naturen möglich iſt. Johannes Kepler, von aller menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft hier geſchieden, war mit ſeinem Gott allein in der frühlingsfriſchen Welt, und jedes keimende Blatt, jedes zarte ſich regende Thierleben flüſterte ihm leiſe Grüße zu von dem erhabenen und güti⸗ 30 gen Geiſt, deſſen Weben und Leben er in der ge⸗ ſchaffenen Natur mit ſo treuer Liebe und Ausdauer ſuchte. Die dunklen, ſanften Augen des jungen Gelehrten waren von Thränen verſchleiert, als er den Blick zum Himmel erhob, aber er zerdrückte ſie, und ſein geklär⸗ ter Blick ſchweifte über alles, was ihn umgab, mit erneuter Heiterkeit. „Glück! was iſt Glück?“ ſagte er leiſe,„was berechtigt mich, Glück zu fordern von einem andern Weſen als mir ſelbſt? „Arme Barbara, ſie meint es ſicherlich gut und hätte wohl Grund, an mich, der ihr Freund und Schützer zu ſein verſprach, andere Anſprüche zu machen, als ich zu erfüllen fähig bin. „Ihre Beſitzungen werden verlorengehen un⸗ zweifelhaft, ich kann und ich will ſie nicht auf die Weiſe retten, die man von mir fordert. „Es iſt ſonderbar— Uebertritt zum katholiſchen Glauben insgeheim, kann denn das Ernnſt ſein, oder iſt es nicht vielmehr eine Prüfung der Aufrichtigkeit meiner evangeliſchen Geſinnungen?“ Er zog aus ſeiner Bruſttaſche einen Brief, glät⸗ tete ihn mit der Hand und las: Sie ſe ſterten Land rung des auf mich ad meint, und fehlbar harr aus Ihrem Beſitzthümer Der Gelehrſamke wünſcht drin den Schulen mir das V rückzukehren, Stille die 3 Stille der 2 ſowie die C darf von Il Glaubensge Sie ſollen f Komme bel, um vie dort treffen, das Nähere. in der ge⸗ d Ausdauer in Gelehrten n Blick zum ſein geklär⸗ umgab, mit leiſe,„was nem andern lich gut und Freund und ezu machen, ngehen un⸗ icht auf die katholiſchen ſt ſein, oder lufrichtigkeit Brief, glät⸗ 31 „‚Mein Vetter! Sie ſehen, daß es unſerm jungen und begei⸗ ſterten Landesfürſten Ernſt iſt mit der Wiedereinfüh⸗ rung des katholiſchen Glaubens. Verlaſſen ſie ſich auf mich als einen Mann, der es gut mit Ihnen meint, und warten Sie das Elend, das Ihrer un⸗ fehlbar harrt, nicht ab.— Ein Wort nur, eine Sylbe aus Ihrem Munde, und Ihre Sicherheit, ſowie die Beſitzthümer Ihrer Gattin bleiben ungefährdet. Der Erzherzog will einen Mann von Ihrer Gelehrſamkeit und Herzensgüte nicht ſchädigen, er wünſcht dringend, Sie zu ſchützen und Ihre Wirkſamkeit den Schulen ſeines Landes zu erhalten. Geben Sie mir das Verſprechen, zu unſerer heiligen Kirche zu⸗ rückzukehren, hören Sie einmal heimlich in tiefſter Stille die Meſſe, beichten Sie, und wäre es in der Stille der Nacht, und Ihre Stellung bleibt Ihnen, ſowie die Güter Ihrer Gattin. Niemand als ich darf von Ihrer Bekehrung wiſſen. Sie ſollen Ihren Glaubensgenoſſen, Ihrer Familie kein Aergerniß geben, Sie ſollen ſich nur vom Untergange retten. Kommen Sie morgen nach der Kirche in To⸗ bel, um vier Uhr Nachmittags werden Sie mich dort treffen, wir beſprechen dann in aller Aufrichtigkeit das Nähere. J. F. 32 „Wenn ich den Freund ſehen will, der ſich hier mit mir zu beſprechen wünſcht und der mir ſchon ſo manchen Beweis ſeines Wohlwollens gegeben, ſo iſt es jetzt Zeit, daß ich in das Gotteshaus trete,“ ſagte Kepler, nach Beendigung des Briefes einen Blick auf den Stand der Sonne werfend.„Ich habe von hier aus eine Stunde zu gehen, bis ich die Kirche erreiche.“ Rüſtig ſchritt er durch den Wald— und blickte immer wieder mit liebevoller Achtſamkeit nach den Zweigen der Föhren, die braunen Spitzen betrachtend, in denen das neue Pflanzenleben ſich regte. „O die Natur iſt ewig wahr, treu und gütig,“ ſagte er leiſe,„ſie liegt vor unſeren Augen wie ein aufgeſchlagenes Buch, alle Lehren der Weisheit und Wiſſenſchaft enthaltend. Wohl dem, der früh geübt ward, die Schrift desſelben zu leſen. Wie auch mein äußeres Geſchick ſich traurig geſtalte, wie auch mein armes Menſchenherz gelitten hat und leidet, doch bin ich glücklich, bin einer der Bevorzugten des gü⸗ tigen Schöpfers, weil ich den Quell der Wonne kenne, die in der Natur fließt. Wahrheit, Schönheit, Liebe, alles, wonach die Menſchenſeele ſich ſehnt, ich finde es in der Natur.“ Das Glöckchen der alten ehrwürdigen Kirche in Tobel l. der Akkord Kepler zog! leiſe, kein G giöſen Streit her in zw theilten. Ihr lingsweben deſſen zu ge⸗ über Gute 1 und Ungeree In der herrſchte jen ſcheint der Religion. Licht, L Freien, Däm klang in den Ein Pr ſchritt das S den Rücken; Mit lei nach dem nä dort nieder u ab, und noch 1857. XXII. J der ſich hier er mir ſchon gegeben, ſo haus trete,“ riefes einen .„Ich habe bis ich die und blickte eit nach den mbetrachtend, -gte. und gütig,“ gen wie ein Jeisheit und früh geübt e auch mein e auch mein leidet, doch gten des gü⸗ der Wonne „Schönheit, ch ſehnt, ich digen Kirche in Tobel läutete zur Vesper und lieblich ſchallte der Akkord durch die reine frühlingsfriſche Luft. Kepler zog den Hut, faltete die Hände und betete leiſe, kein Gedanke kam in ſeine Seele an die reli⸗ giöſen Streitigkeiten, welche die Menſchenwelt um ihn her in zwei ſich wüthend befeindende Parteien theilten. Ihm war der Glockenton im hellen Früh⸗ lingsweben nur ein Ruf mehr, liebend und demüthig deſſen zu gedenken, der ſeine Sonne ſcheinen läßt über Gute und Böſe und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte. In der einfachen alterthümlichen Dorfkirche herrſchte jenes Zwielicht, das ein Symbol zu ſein ſcheint der an eine beſtimmte Form gebundenen Religion. Licht, Luft und Waldeshauch waren draußen im Freien, Dämmerung, Weihrauchdämpfe und Orgel⸗ klang in den Mauern der Kirche. Ein Prieſter, von einem Miniſtranten begleitet, ſchritt das Schiff derſelben hinauf, dem Eintretenden den Rücken zuwendend. Mit leiſem Tritt ging Kepler, der Proteſtant, nach dem nächſten verdeckten Kirchenſtuhl, ſetzte ſich dort nieder und wartete das Ende des Gottesdienſtes ab, und noch waren die letzten Klänge der Orgel 1857. XXII. Johann Kepler. III. 34 nicht verhallt, als ein Mann zu ihm trat, deſſen ſchöne Züge ſich unverlöſchlich ſeiner Seele einge⸗ prägt hatten. „Ah, Ihr ſeid alſo mein freundlicher liebreicher Warner, Ihr mein Wohlthäter, der barmherzige Samariter, ohne den ich umgekommen wäre am wilden Wege,“ ſagte erſterer, ſeine Hand mit auf⸗ richtiger Freude ihm zum Gruße reichend. „Ich habe Euch ja geſagt, Magiſter Kepler,“ entgegnete Pater Johannes,„daß ich ſchon als Verwandter und als Landsmann an Euch theilnehme. Ich bin mit meinen Gedanken und meinem Herzen Eurer Laufbahn als Gelehrter gefolgt und habe mich inniglich gefreut über die Art und Weiſe, mit der Ihr das Syſtem des großen Weiſen Kopernikus unterſtützt und der Welt anſchaulich gemacht. „Ich ehre und ſchätze Euch aufrichtig, mein werther junger Magiſter, und ich hoffe zu Gott, daß Ihr mich werdet in den Stand ſetzen, Euch wahr⸗ haft dienen zu können. „Ihr habt Euch eine ſchöne Gattin ausgeſucht, Frau Barbara Kepler iſt ſogar unſerm jungen, dem weiblichen Geſchlecht ſo ganz und gar nicht holden Erzherzog am Tage ſeiner Krönung aufge⸗ fallen, und die Dame hat Euch auch ein hübſches Vermögen z berechtigt, die Magiſter Jo ten Eures L Muße erſt f ſtaunten Me⸗. deutlichen.“ Magiſte weiße Stirn. Weib, iſt ein nes Erbe, a Lehensvettern daß ihre Ei die Hofkam gleichen. Aufß Proteſtanten Unſere Geiſt und wir Leh Man ſagt, d man künftig nutzen werde Nonnenkloſten Meine nächſt wieſen, anden was der fo t, deſſen le einge⸗ mit auf⸗ Kepler,“ ſchon als hheilnehme. m Herzen und habe Weiſe, mit Kopernikus cht. htig, mein Gott, daß tuch wahr⸗ ausgeſucht, njungen, gar nicht ung aufge⸗ n hübſches 35 Vermögen zugebracht. Iſt ein Menſch würdig und berechtigt, dieſe Segnung zu genießen, ſo ſeid Ihr's, Magiſter Johannes. Enthoben den drückenden Pflich⸗ ten Eures Lehramtes wird Euer Geiſt in ländlicher Muße erſt frei ſeine Schwingen regen und der er⸗ ſtaunten Menſchheit die Wunder der Schöpfung ver⸗ deutlichen.“ Magiſter Kepler ſtrich mit der Hand über ſeine weiße Stirn.„Ja!“ ſagte er,„Frau Barbara, mein Weib, iſt ein ſchönes Frauenbild, und beſitzt ein ſchö⸗ nes Erbe, aber obgleich ſie den Prozeß gegen ihre Lehensvettern gewonnen hat, ſo weiß doch jedermann, daß ihre Einkünfte zur Zeit noch großentheils an die Hofkammer fließen für Prozeßkoſten und der⸗ gleichen. Außerdem hängt ja über dem Haupte aller Proteſtanten das geſchliffene Schwert an einem Haare. Unſere Geiſtlichen ſind aus dem Lande getrieben und wir Lehrer ſollen ihnen in kürzeſter Zeit folgen. Man ſagt, daß ſchon beſtimmt ſei, zu welchem Zweck man künftig die Gebäude unſerer Lehranſtalt be⸗ nutzen werde und daß die Frau Erzherzogin ein Nonnenkloſter daraus zu machen beabſichtige.— Meine nächſten Bekannten ſind bereits Landes ver⸗ wieſen, andere gefoltert und in Gefängniſſe geworfen; was der folgende Tag mir und meiner Familie 3*½ 24¼ 30 bringen kann, weiß ich nicht, aber ich vertraue auf Gott, der mir die Kraft geben wird, die Laſt auch. zu tragen, welche ſeine Liebe und Weisheit mir auf⸗ erlegt.“ „Darüber eben möchte ich mit Ihnen ſprechen, mein werther Verwandter,“ ſagte Pater Johannes, ihn freundſchaftlich unterbrechend.—„Wollen Sie allein wider den unaufhaltſam fortrollenden Strom ſchwimmen? Die Zeit des Proteſtantismus iſt vorüber, glauben Sie mir das, mein junger Freund. Immer iſt er nur ein wilder Aſt am Baum unſerer heiligen Religion geweſen, der, je mehr er wucherlich wuchs und ſich ausbreitete, deſto ſicherer war, frühzeitig ab⸗ gehauen und ins Feuer geworfen zu werden. Eilen Sie, ſich ſelbſt zu retten, bevor die Kataſtrophe ihn jetzt erreicht.— Der Katholizismus iſt ein feſtge⸗ ſchloſſenes, auf einer ſichern Grundlage ſeit einem Jahrtauſend ruhendes Gebäude. Der Proteſtantis⸗ mus ein luftiges Zelt, das ein Windſtoß um⸗ werfen muß.— Sie ſehen, mein lieber Verwandter, ich kämpfe mit Ihnen nicht in zelotiſcher Weiſe mit Gründen aus der heiligen Schrift oder den Kirchenvätern, ich zeige Ihnen nur das Wirkliche, das Beſtehende. Jeder Ihrer Prädikanten hat eine andere Einſicht und vertheidigt ſie, gibt es doch faſt ſoviel Anhänger ſinn findet ren der Ki lichen Ver chend, und lige Kraft, mein wert! zurück und Fürſten, ei richtig ehr kommt, zu Magi den den Bei den heftete ſein ſicht desſel Paten dieſem Bl merkte die „Ich retter,“ ſa höher acht Sie glaub Vortheile ertraue auf it mir auf⸗ ten ſprechen, Johannes, Wollen Sit iden Strom s iſt vorüber, und. Immer ſerer heiligen erlich wuchs rühzeitig ab⸗ erden. Eilen taſtrophe ihn ſt ein feſtge⸗ e ſeit einem Proteſtantis⸗ Zindſtoß um⸗ Verwandten, tiſcher Weiſe ft oder den as Wirkliche, nten hat eine gibt es doch fie Laſt auch 37 faſt ſoviel Sekten in dem neuen Glauben, als es Anhänger desſelben gibt, und der tollſte Wahn⸗ ſinn findet immer noch ſeine Proſelyten. Die Leh⸗ ren der Kirche ſind, wenn auch bisweilen der menſch⸗ lichen Vernunft zu hoch, doch ihr nie widerſpre⸗ chend, und überall und immer haben ſie die hei⸗ lige Kraft, das Herz zu erwärmen.— Kehren Sie, mein werther Freund, in den Mutterſchooß derſelben zurück und geſtatten Sie ſo unſerm gütigen jungen Fürſten, einem Mann, den er in ſeinem Herzen auf⸗ richtig ehrt, auch äußerlich die Ehre, die ihm zu⸗ kommt, zu erweiſen.“ Magiſter Kepler hatte ſtill mit gefalteten Hän⸗ den den lebhaften Worten des Prieſters zugehört. Bei den letzten erhob er das geſenkte Haupt und heftete ſein braunes Auge feſt auf das ſchöne Ge⸗ ſicht desſelben. Pater Johannes' bleiche Wange färbte ſich bei dieſem Blick mit einem leiſen Roth und Kepler be⸗ merkte dieß mit ſanftem Lächeln voll Wehmuth. „Ich ſehe es an Ihrem Geſicht, mein Lebens⸗ retter,“ ſagte er ſehr milde,„daß Sie mich Gottlob höher achten, als Ihre Worte dieß erwarten laſſen. Sie glauben ſelbſt nicht daran, daß ich um irdiſcher Vortheile willen den Glauben, zu dem ich mich aus 93 38. aufrichtigem Herzen und nach beſter Einſicht bekenne, zu einer Zeit verlaſſen werde, da ihm Gefahr droht. Streiten wir nicht um die Wahrheit der Lehrſätze unſerer verſchiedenen Glaubensparteien. Sie ſelbſt verſuchen es ja auch nicht. Gott ſieht wahrſcheinlich auf unſere ſpitzfindigen Streitigkeiten, wie ein Vater auf den Streit ſeiner Kinder, die ſich um den Beſitz eines Grashalms raufen, den ſie in ihrem Spiel für einen Königsſzepter erklärt haben. Wie ſehr wir aber auch ſchwach und dem Irrthum unterworfen ſind, feſthalten an dem Erkannten und Erwählten iſt die erſte Bedingung männlicher Rechtſchaffenheit, laſſen Sie uns nur jeder durch die That beweiſen, daß er von der Wahrheit ſeines Glaubens durch⸗ drungen iſt.“ Er wollte von ſeinem Sitze aufſtehen, aber der Pater ergriff ſeine Hände und zog ihn nieder.„Nein! bleiben Sie noch, Magiſter Kepler, ich bitte, ich flehe Sie an, bleiben Sie und hören Sie mich.— Sie ſind ein edler Mann, ein Mann von hohem Werthe, aber je mehr ich Sie ſchätze und ehre, deſto lebhaf⸗ ter iſt in mir der Wunſch, Sie zeitlich und ewiglich zu retten. Kehren Sie zurück, o kehren Sie zuruͤck auf den Weg der Wahrheit, zurück in unſere heilige allein ſelig machende Kirche. Es gibt Millionen Irrthümer, liegt im S Magiſ keit—„I feſt und er⸗ tauſend un mir, mein richtigem K das, was von gar ve Zeuge, ich bekenntniſſe und Demu kenntniß G bensretter, das Zeugn Papſt, noch eifrige W zu ſchreiten auf dem 2 den ließ. 3 alle Relig welche jed tes, und ligkeit.— cht bekenne, efahr droht. er Lehrſätze Sie ſelbſt ahrſcheinlich e ein Vater n den Beſitz lihrem Spiel ie ſehr wir unterworfen Erwählten tſchaffenheit, at beweiſen, ubens durch⸗ zen, aber der eder.„Nein! itte, ich flehe nich.— Sie hem Werthe, deſto lebhaf⸗ und ewiglich n Sie zuruͤck inſere heilige t Millionen 39 Irrthümer, aber nur eine Wahrheit, und dieſe eine liegt im Schooß der Kirche“— Magiſter Kepler unterbrach ihn mit Lebhaftig⸗ keit—„Ja, es gibt nur eine Wahrheit,“ ſagte er feſt und ernſt.„Gott iſt die Wahrheit! aber es gibt tauſend und tauſend Wege zu ihm. Glauben Sie mir, mein würdiger Freund, ich bin Ihnen aus auf⸗ richtigem Herzen dankbar für Ihre Bemühungen um das, was Sie für mein Heil halten, aber wir gehen von gar verſchiedenen Anſichten aus. Gott iſt mein Zeuge, ich achte in allen drei chriſtlichen Religions⸗ bekenntniſſen alles, was darin von chriſtlicher Liebe und Demuth, von chriſtlicher Duldung und von Er⸗ kenntniß Gottes enthalten iſt. Mögen Sie, mein Le⸗ bensretter, mir einſt am Tage des großen Gerichtes das Zeugniß geben, daß ich keinen Haß gegen den Papſt, noch gegen die Prieſter hege, und daß nur der eifrige Wunſch, in der Erkenntniß Gottes vorwärts zu ſchreiten ohne Unterbrechung, mich verharren läßt auf dem Wege, auf welchem Gott mich geboren wer⸗ den ließ. Ich verachte den Verfolgungsgeiſt, welcher alle Religionsparteien beherrſcht, die Einbildung, welche jede hat, ihre Sache ſei auch die Sache Got⸗ tes, und ſie allein beſitze das Privilegium zur Se⸗ ligkeit.— Es führen alle Wege nach Rom, aber 40 man muß auf dem eingeſchlagenen mit dem Ziel fache Kruzift im Auge fortſchreiten ohne Umkehr.— Laſſen Sie der durchrieſ mich den meinen gehen, ſei er auch ein Umweg, der Du am ein Irrweg iſt er nicht; denn mein Blick verliert das wie in Ve Ziel, die Erkenntniß des Herrn, nicht aus den Au⸗„und iſt es gen. Und iſt dieſer Weg ein ſchwerer, führt er durh Gewalt auf Dornen und Geſtrüpp, nur immer den Blick nach denn Dein oben zu dem leuchtenden Ziele, und die ſchlimmſten für die Irrt Schwierigkeiten laſſen ſich uͤberwinden. meine Seele „Leben Sie wohl, mein würdiger Beſchützer, flehte er dan grüßen Sie Ihre Kollegen, die Herren Patres Cyſetus Zweifel in n und Schreiner. Auch ſie ſuchen Gott in ſeinen Wer⸗ flung.“— ken, auch der erhabene Kopernikus ſuchte ihn dort, Kepler im Himmel, vor Gottes Angeſicht, werden wir ihn Grätz zurück. vereint preiſen.“ fahren, iſt fi Er ſtand auf, die Thurmglocke ſchlug mit hel⸗ und die Se lem Klange fünf Uhr. Pater Johannes Fickler hielt, der leichten eine Thräne verbergend, die Hand vor den Augen, digkeit. und Kepler ſchritt, ohne daß er ihm nachblickte, raſch„Komm durch die kleine Kirche hinaus in die Frühlingsluft als eine Prü „Umſonſt!“ ſagte der Prieſter, ſich betrübt von Schlimmſte ſe ſeinem Sitze erhebend.—„Er iſt nicht zu retten, wird mich tre das Rad der Nothwendigkeit muß über ihn hinwegs⸗ nicht auch arn rollen, er will ihm nicht ausbeugen.“ meine Menſch Sein thränenfeuchtes Auge ſiel auf das ein⸗ nem Amte u 41 nit dem Ziel fache Kruziſir neben dem Hauptaltar, und ein Schau⸗ — Laſſen Sit der durchrieſelte ſeine Seele.„Erlöſer, Weltheiland, ein Umweg der Du am Kreuze für uns geſtorben,“ rief er, ſich k verliert das wie in Verzweiflung vor demſelben niederwerfend, aus den Au⸗„und iſt es denn Dein Wille, daß die Irrenden mit ührt er durch Gewalt auf die rechte Bahn gebracht werden? iſt es en Blick nach denn Dein Wille, daß ſie in Elend büßen müſſen ie ſchlimmſten für die Jrrthümer, die ſie Dir entfernen? Bewahre meine Seele vor Zweifel, Du Menſchgewordener,“ r Beſchützer, flehte er dann mit gerungenen Händen,„denn jeder gatres Cyſetus Zweifel in meinem Fall wäre ja bodenloſe Verzwei⸗ ſeinen Wer⸗ flung.“— hte ihn dort, Kepler ging unterdeß mit eiligen Schritten nach rden wir ihn Grätz zurück. Der Weg, für Wagen ſchlecht zu be⸗ fahren, iſt für einen rüſtigen Fußgänger angenehm, lug mit hel⸗ und die Seele des jungen Gelehrten erhob ſich bei Fickler hielt, der leichten körperlichen Bewegung zu wahrer Freu⸗ den Augen, digkeit. hblickte, raſch„Komme, was mag,“ dachte er,„ich will es nur Fühlingsluft als eine Prüfung meiner Kraft betrachten, und das betrübt von Schlimmſte ſoll mich nicht niederdrücken.— Armuth hht zu retten, wird mich treffen, aber war der Heiland auf Erden ihn hinweg⸗ nicht auch arm? Ich werde mein Amt verlieren, aber meine Menſchenwürde und Thatkraft ſind von mei⸗ zuf das ein⸗ nem Amte unabhängig, vielleicht wartet Gefängniß 42 meiner, aber den Geiſt feſſeln nicht Schlöſſer ung dem treuen Ketten, man kann mich foltern, tödten, aber der Hei gefühl, Erm land, der am Kreuze ſterbend ausrief:„Es iſt vol meine Freund bracht!' hat alle körperlichen Leiden und Martern a Dich, und m ſchöpft, und uns bewieſen, daß man ſie beherrſche Er hatt kann.— Eins nur, eins iſt ſchwer, iſt ein furchtbe Abend geword res Hinderniß meiner Willensfreiheit: werde ich ſi aufzuhalten p die von mir mit Recht das Glück ihres Lebens ſogleich in ſe wartet, leiden ſehen können, ohne den Muth z um zu arbeit verlieren? Schwachheit iſt die Natur des Weibes, un Auf ſein ſie iſt dem Manne beigegeben wie eine Bleilaſt, di und ſah, daß ihm das Schwimmen auf dem wilden ungewiſſt Tycho von B Meere des Lebens erſchwert, aber auch zugleich un in Verbindun Uebung ſeiner Kraft dient.“— Die Erinnerung a Herr vo die milde, weiſe, ſanfte und muthige Pflegerin ſeim ‚Hochwe Kindheit zuckte bei dieſem Gedanken wie ein Stu Mit gro aus dunklem Gewölke durch ſeine Seele. Er im ſchöne Ausein ſich undankbar und unedel vor, indem er ſie nit nikaniſchen S ausgenommen von der Allgemeinheit des weiblicht mus⸗ geleſen, Geſchlechtes.—„Sowie dieſe, mögen die erhabent wohl die Gele Frauen geweſen ſein, von denen die Schrift uns e wickeln, als a zählt,“ dachte er.„Wohl dem von Gott begnadigt Auch ich Manne, der eine ſolche zur Gefährtin auf dem Pfa burger Domh durchs Leben erhalten, welche Leiden könnten i freilich anders beugen, welche Schreckniſſe ihn ſchrecken, wenn er aber ſicherlich Schlöſſer unf aber der Hei :„Es iſt vol! d Martern e ſie beherrſchen t ein furchtbe werde ich ſi res Lebens e den Muth 3 Weibes, um e Bleilaſt, di den ungewiſſe ſch zugleich zu Erinnerung u Pflegerin ſeim wie ein Sten eele. Er ka em er ſie nic des weiblicht die erhabene Schrift uns e ott begnadigte auf dem Pfa n könnten in n, wenn er dem treuen Herzen ſeiner Gattin Verſtändniß, Mit⸗ gefühl, Ermuthigung finden kann? O Apollonia, meine Freundin, meine wahre Mutter, der Herr ſegne Dich, und mögen viele auf Erden Dir gleich ſein.“ Er hatte ſeine Wohnung erreicht und es war Abend geworden. Im Zimmer, wo Frau Barbara ſich aufzuhalten pflegte, war es dunkel; ſo ging er denn ſogleich in ſein Studierzimmer und ſetzte ſich nieder, um zu arbeiten. Auf ſeinem Tiſche lag ein Brief; er öffnete ihn und ſah, daß er aus Prag von dem gelehrten Dänen Tycho von Brahe ſei, mit dem er ſchon längere Zeit in Verbindung ſtand. Herr von Brahe ſchrieb. „Hochweiſer, hochgelehrter Herr Magiſter! Mit großem Vergnügen habe ich Ew. Würden ſchöne Auseinanderſetzung und Erklärung des koper⸗ nikaniſchen Sonnenſyſtems in Ihrer Schrift ‚Prodro- mus' geleſen, und ich bewundere aufrichtig ebenſo⸗ wohl die Gelehrſamkeit, welche Sie in derſelben ent⸗ wickeln, als auch ihre edle und blühende Sprache. Auch ich habe, wie ſie wiſſen, gleich dem frauen⸗ burger Domherrn, ein Sonnenſyſtem aufgeſtellt, was freilich anders iſt, als das des gelehrten Träumers, aber ſicherlich der Wahrheit um vieles näher kommt. 44 Die Planeten bewegen ſich freilich in Kreiſt dann wieder um die Sonne, aber dieſe bewegt ſich ſammt de Arbeiten. Planeten und dem Monde um die im Mittelpund Stunde des Weltalls ruhende Erde. Es iſt dieß der he ſchon tief ind ligen Schrift ſowohl, als dem gemeinen Menſchen Barbara no verſtande weit angemeſſener; denn wie groß müß So ſtand er die Welt ſein, wenn unſere unermeßliche Erde, a in das gemei welcher der Sohn Gottes als Heiland erſchiene leer, Frau B nur ein einzeln Sternchen wäre, eines von den Tat heimgekehrt. ſenden, die wir am Himmel erblicken?— Aber me Seit den ner Arbeit fehlt ein Erklärer gleich Ihnen.— W und da er je wäre es nun, mein Herr Magiſter, wenn Sie ſi genommen wo herbeiließen, mir denſelben Dienſt zu erweiſen w Er ſuchte in dem Kopernikus, meiner Dankbarkeit könnten E nach der Mag gewiß ſein. Ich hoffe auf eine baldige zuſtimmen gangen, und Antwort und bin mit aller Hochachtung, Herr M müthsaufregu giſter, Ihr ergebener Diener gen, endete Tycho von Brahe, Hungerns. Hofaſtronom Sr. Majeſtät Kaiſer Rudolph II. Er wollte Mit leiſem Lächeln legte Kepler das Blatt au durch Arbeit den Händen und ſchrieb auf den Rand: ‚Ein jed ridor vor ſein liebt ſich ſelbſt..—„Sollte der gelehrte Ritter oo tin, und bal Brahe nicht einſehen, daß Gottes Allmacht die Wi von der Ma ſo groß ſchaffen konnte, als der Geiſt eines Ma und in der ſchen ſie träumen kann?“ dachte er, und ſetzte ſi kel trug. 45 lich in Kreiſt dann wieder nieder zu ſeinen Forſchungen und ſich ſammt de Arbeiten. Mittelpunk Stunde verrann ſo nach Stunde, und es war dieß der he ſchon tief in die Nacht, als es ihm einfiel, daß weder ien Menſchea Barbara noch das Kind etwas von ſich hören ließen. hie groß müß So ſtand er denn auf, nahm ſeine Leuchte und ging liche Erde, min das gemeinſame Wohnzimmer. Es war wirklich und erſchieng leer, Frau Barbara war ausgegangen und noch nicht von den Ta heimgekehrt. — Aber me Seit dem Mittage hatte Kepler nichts genoſſen, hnen.— W und da er jetzt von ſeiner Arbeit nicht in Anſpruch wenn Sie ſi genommen war, fühlte er Hunger und Abſpannung. erweiſen w Er ſuchte in allen Schränken nach Speiſe, er rief könnten E nach der Magd, aber auch dieſe war ihrer Wege ge⸗ ge zuſtimmen gangen, und der Tag, der ihm in mancherlei Ge⸗ ng, Herr M müthsaufregungen und angeſtrengter Arbeit vergan⸗ gen, endete mit dem verdrießlichen Gefühl des Hungerns. Ludolph II.“ Er wollte wieder in ſein Zimmer gehen, um ſich das Blatt au durch Arbeit zu zerſtreuen, da hörte er in dem Kor⸗ nd: ‚Ein jed ridor vor ſeiner Wohnung die Stimme ſeiner Gat⸗ rte Ritter o tin, und bald darauf trat dieſe auch ein, begleitet nacht die We von der Magd, die das Kind auf dem einen Arm iſt eines Ma und in der andern Hand eine noch funkelnde Fak⸗ und ſetzte ſi kel trug. 46 Frau Kepler ſchien ſchmollend an ihrem Gatten vorübergehen zu wollen, Johannes aber fragte freund⸗ lich, wo ſie geweſen, und bat ſie, ihm noch ein⸗ wenig Speiſe zu beſorgen, bevor ſie ſich zur Ruhe begebe. „Und wo ſeid Ihr denn geweſen, Magiſter Kepler?“ entgegnete die Frau mit Bitterkeit.„Ver⸗ langt Ihr, daß ich Euch Rechenſchaft gebe von jedem meiner Schritte, nur für Euch denken, leben und ſorgen ſoll, während Ihr lebt, als hättet Ihr keine Frau, und nach Belieben geht und kommt? Laßt mich meine Wege gehn, wie Ihr die Eurigen geht, ſo ſtören wir einander zum mindeſten nicht.“ So erzürnt hatte Kepler ſeine junge Gattin noch nie geſehen. „Welche Urſache zur Unzufriedenheit habe ich Euch gegeben, Barbara?“ fragte er mild, indem er, ihre Hand feſthaltend, ſie hinderte, fortzugehen. „Das fragt Ihr? das könnt Ihr fragen, Jo⸗ hannes,“ ſagte ſie, und brach plötzlich in einen Strom heißer Thränen aus. „Barbara, meine Liebe,“ ſagte er und zog die Weinende zu ſich.„Ich kann mir nicht denken, was ich verbrochen habe; fließen dieſe Thränen meinet⸗ wegen, wie Eure Worte anzudeuten ſcheinen?“ griffen, ü meine Ba verurſacht möchtet, beleidigt „Ich gen nicht, wie eine Schmerz von vorne ließ mich dem Ruf meinen A an Euch die mit als unter mir ſoviel doch ſo 1 ſprechen n em Gatten gte freund⸗ noch ein⸗ zur Ruhe „ Magiſter keit.„Ver⸗ gebe von eenken, leben hättet Ihr nd kommt? die Eurigen en nicht.“ nge Gattin eit habe ich indem er, 47 „Zweifelt Ihr daran?“ entgegnete ſie, und rang ſchluchzend ihre weißen Hände.„O Du mein Herr und Heiland, hat wohl jemals eine Frau gelebt, ſo beklagenswerth unglücklich wie ich?“ „Ihr leidet und leidet durch mich?“ fragte Kepler, und beugte ſich, vom ſanfteſten Mitleid er⸗ griffen, über ſein ſchönes weinendes Weib,„ſagt mir, meine Barbara, womit habe ich Euch Leid und Schmerz verurſacht? was iſt's, das Ihr an mir anders haben möchtet, denn durch mein Thun kann ich Euch nicht beleidigt haben, ſondern nur durch mein Sein.“ „Ich verſtehe Eure ſpitzfindigen Unterſcheidun⸗ gen nicht,“ ſagte ſie heftig,„und faſt kommt es mir wie eine Erniedrigung vor, daß ich mir meinen Schmerz um Euch merken laſſe. Ich, jung, ſchön, von vornehmer Familie und mit großem Vermögen, ließ mich beſtechen von Eurem ſanften Weſen und dem Ruf Eurer großen Gelehrſamkeit, Ihr geſielt meinen Augen und meinem Herzen, und ich dachte an Euch einen Gatten zu finden, wie er unter denen, die mit dem Schwert d'reinſchlagen, ebenſowenig, als unter dem falſchen Hofgezücht iſt. Ach, ich träumte mir ſoviel Glück neben einem Manne, der durch mich doch ſo vieles Gute empfing, und der ſo beredt zu ſprechen weiß von allen hohen Dingen und jetzt“— —— —;—;—;;::::x’;⸗-ð 48 „Ich habe Euern Erwartungen nicht entſprochen, meine Barbara?“ fragte Kepler ſanft. „Bin ich denn für Euch nur in der Welt?“ ent⸗ gegnete ſie händeringend und unter heftigen Thränen. „Kümmert Ihr Euch um mich ſo viel, als wäre ich nur etwa ein Hündchen, das ſich zu Euch gewöhm hat? O für Euch gibt's nichts anderes als die Sterne, und die gelehrten Dinge, von denen ich freilich nichts verſtehe. Ihr ſitzet am Tiſche neben mir und ſeht über mich weg, als wäre ich gar nicht da. Wenn ich Euch frage, ſchmeckt's Euch, Johannes, oder etwas anderes dergleichen, ſo antwortet Ihr entweder gar nicht, oder ganz verkehrtes Zeug. Wenn ich Abends in meiner Stube bin, ſo ſitzt Ihr in der Eurigen und arbeitet bis tief in die Nächte hinein, wenn an⸗ dere Chriſtenmenſchen längſt ſchlafen. Das iſt ein Leben, was ich führe.— Gott helfe mir. Mein erſter Mann, von dem ich geſchieden ward als ein halbes Kind noch, war zwar ein Säufer und Schlemmer und hätte das Meine durchgebracht, wenn mein Vater ſelig mich nicht von ihm genommen, aber er küm⸗ merte ſich doch bisweilen um mich, er ſagte mit freundliche Worte, er ging mit mir in Geſellſchaft— und ich hatte ihn nicht lieb wie Euch— ich“— Das gegangen u „Haſt die zarte GC Rührung. „Würd entgegnete ſi zu ſein, abe ſich in der mern. Die in der Wel ihren Bücher Aber di Lächeln ausg Bruſt gezoge „Verzei ſagte er innis Du mir zube ſeinem volle und verſuche ganz Recht, geſſe, daß Hand die eit beus erwarte für uns verſt 1857. XXII. 3 t entſprochen, Welt?“ ent⸗ gen Thränen. als wäre ich Fuch gewöhnt ls die Sterne, freilich nichts mir und ſeht t da. Wenn 3, oder etwas entweder gar n ich Abends der Eurigen in, wenn an⸗ Das iſt ein . Mein erſter s ein halbes chlemmer und mein Vater aber er küm⸗ er ſagte mir Beſellſchaft— ich“— 49 Das Wort war unwillkürlich über ihre Lippen gegangen und fiel warm in das weiche Herz Kepler's. „Haſt Du mich denn lieb, Barbara?“ fragte er, die zarte Geſtalt näher an ſich ziehend mit milder Rührung. „Würde ich Euch denn ſonſt geheiratet haben,“ entgegnete ſie einfach.„Ach ich hatte gedacht ſo glücklich zu ſein, aber keine Frau ſoll meinen, ihr Mann würde ſich in der Ehe um ſie und ihre Zufriedenheit küm⸗ mern. Die Soldaten raufen ſich, die Kaufleute ſtreichen in der Welt herum, und die Gelehrten ſitzen über ihren Büchern und fragen viel nach ihren Weibern!“ Aber die letzten Worte hatte ſie ſchon mit halbem Lächeln ausgeſprochen; denn Kepler hatte ſie an ſeine Bruſt gezogen, und drückte ihre Hände an ſein Herz. „Verzeih' mir, meine Freundin, mein liebes Weib,“ ſagte er innig,„verzeih' mir, daß ich das Beſte, was Du mir zubrachteſt, Dein liebevolles Herz nicht nach ſeinem vollen Werth gewürdigt habe, verzeih' mir und verſuche mit mir Geduld zu haben. Du haſt ganz Recht, ich ſitze über meinen Büchern und ver⸗ geſſe, daß Du neben mir ſtehſt und aus meiner Hand die einfachen Freuden Deines jugendlichen Le⸗ bens erwarteſt, und unterdeſſen iſt die Zeit der Freude für uns verſtrichen.— Barbara, meine Liebe, Noth 1857. XXII. Johann Kepler. III. 4 50 und Kummer klopfen an unſere Thür, wie wirſt Du den Muth finden, ihnen zu widerſtehen?“ „Sprecht Ihr im Ernſt, Johannes?“ fragte Barbara,„iſt etwas vorgefallen, was Euch beſonderes Unglück für uns fürchten läßt.“ Sie lag bei dieſer Frage mit dem Kopfe auf ſeiner Schulter und blickte ängſtlich in ſein ihr zu⸗ geneigtes Geſicht. „Höre mich,“ entgegnete er ſehr ernſt,„ein Freund hat mir den Vorſchlag gemacht, heimlich zum katho⸗ liſchen Glauben überzutreten, um mir hier in Steier⸗ mark mein Amt, Dir Deine Güter zu retten.“ Wie von einer Feder geſchnellt, war ſie aufge⸗ ſprungen bei dieſen Worten.„Das werdet Ihr nicht thun, das thut Ihr nicht, Johannes, Ihr werdet Euch nicht in den Rachen der Finſterniß, in die Macht des Papſtes ſtürzen; Ihr werdet nicht wieder abſchwören das Licht der wahren Erkenntniß, Ihr, ein ſo gelehrter Mann, das könnt Ihr nicht, das werdet Ihr nicht!“ „Ich werde es nicht!“ entgegnete er ruhig, „wenn ich auch über dieſe Dinge vielleicht anders als Ihr denke, wenn ich auch glaube, daß wir alle irrende Menſchen ſind, und daß Duldung und Scho⸗ nung unſere erſten und heiligſten Pflichten ſind; wenn ich nun aber mein Amt verliere— wenn“— „Ci, Prozeß n gelehrte B „Abe der augsb ſie mit geſ und Euch das Ihr e „Von gegnete er, „von ganz „Nun alles in der und nicht Ich weiß ich doch r. denken, eit müßte das können.“ „Wer vie wirſt Du 29 es?“ fragte ch beſonderes m Kopfe auf ſein ihr zu⸗ „ein Freund h zum katho⸗ ter in Steier⸗ retten.“ ar ſie aufge⸗ bet Ihr nicht werdet Euch bie Macht des r abſchwören n ſo gelehrter Ihr nicht!“ e er ruhig, eicht anders daß wir alle und Scho⸗ ſind; wenn n“— 51 „Ei, Johannes, bin ich nicht reich, hab' ich meinen Prozeß nicht gewonnen— zumtheil durch Eure gelehrte Beihilfe ſogar?“ „Aber wenn man Euch als einer Anhängerin der augsburgiſchen Konfeſſion Eure Güter nimmt?“ „Das wird man ja nicht, wie könnte man denn das?“ „Der Macht iſt alles möglich, und wenn es geſchähe, Barbara?“ „Würdet Ihr mich lieb haben, Johannes?“ fragte ſie mit geſenktem Blick,„wenn ich nun bettelarm wäre und Euch nichts zugebracht hätte als mein Kind, das Ihr ernähren müßtet?“ „Von ganzem Herzen, mein theures Weib!“ ent⸗ gegnete er, ihren ſchönen Mund mit Wärme küſſend, „von ganzem Herzen!“ „Nun,“ ſagte ſie,„ich denke ja doch, es wird alles in der Welt nicht ſo ſchlimm, als man's fürchtet, und nicht ſo gut, als man's hofft und ſich einbildet. Ich weiß freilich noch nicht, wie Armuth ſchmeckt, bin ich doch reicher Eltern einziges Kind, ich ſollte aber denken, ein ſo ſchrecklich gelehrter Mann wie Ihr müßte das tägliche Brot für ſeine Familie erwerben können.“ „Wenigſtens werde ich das, komme auch was mag, 4* 52 ehrlich und muthig verſuchen,“ ſagte er heiter,„aber meine gute Barbara, die Gelehrſamkeit iſt eine Göttin, die für ſich ſelbſt keiner irdiſchen Nahrung bedarf und deßhalb vielleicht manchmal vergißt, daß ihre Prieſter ſterbliche Menſchen mit irdiſchen Bedürfniſſen ſind und bleiben.“ „Aber jeder Arbeiter iſt doch ſeines Lohnes werth,“ ſagte ſie,„und ſeht, ich denke ſo: ſtündet Ihr allein in der Welt, ſo würdet Ihr eben hungern, ein Kleid aus Sacklinnen ohne große Ueberwindung tragen oder von Ort zu Ort wandernd, unter einem Baum oder in einem Heuſchober ſchlafen, wo Ihr eben müde zuſammenfielet. Das aber will Gott nicht, d'rum hat er Euch ein Weib gegeben. Wenn ich Euch nur zur rechten Zeit daran erinnere, daß ich Nahrung und Kleidung und Obdach brauche, auch Vergnügen und Zerſtreuung, ſo werdet Ihr mir ſchon das Alles verſchaffen, und ſo gut verſchaffen, wie nur irgendein Mann ſeiner Frau. Seht, ich lerne Euch alle Tage beſſer kennen. Zu Anfang, als ich Euch bekommen, wart Ihr mir ein Räthſel. Jedesmal aber, wenn wir miteinander zanken, entfällt Euch ein oder das andere Wort, das mir zeigt, wie gut Ihr ſeid. Hört! ich bin gar nicht gelehrt, nicht ein kleines winziges Bißchen, aber ich bin doch zehnmal klüger als Ihr.“ „Mög er, in ihre „Und len heute h mit Fleiß Ihr vergeſſ Hauſe fort und komm überhaupt im Guten nicht im§ Mauern zu „Wer einem ſchm „So! nicht eine d und der ge die Hand meine Lieb Als n und freundl landes erb. Gefühl beſt als ob er heiter,„aber ſt eine Göttin, ng bedarf und ihre Prieſter ürfniſſen ſind eines Lohnes ke ſo: ſtündet eben hungern, Ueberwindung unter einem ;, wo Ihr eben Gott nicht, Wenn ich Euch ß ich Nahrung ch Vergnügen hon das Alles nnr irgendein uch alle Tage ſch bekommen, il aber, wenn ein oder das hr ſeid. Hört! nes winziges ger als Ihr.“ 53 „Möglich, möglich, meine liebe Barbara!“ ſagte er, in ihre freundlichen Augen ſehend. „Und daß Ihr's wißt, ich hab' Euch mit Wil⸗ len heute hungern und durſten laſſen und bin recht mit Fleiß fortgegangen und ſpät heimgekehrt, weil Ihr vergeſſen hattet, daß ein Ehemann, wenn er vom Hauſe fortgeht, hübſch ſeiner Frau ſagt: ich gehe und komme dann und dann wieder, und weil ich überhaupt zu glauben anfange, Ihr müßt bisweilen im Guten und Böſen daran erinnert werden, daß Ihr nicht im Himmel, ſondern auf Erden und in dieſen Mauern zu Hauſe ſeid.“ „Wer weiß, wie lange?“ entgegnete Kepler mit einem ſchmerzlichen Seufzer. „So lange es Gott gefällt, Magiſter Johannes, nicht eine Stunde länger oder kürzer,“ ſagte Barbara, und der gelehrte Mann reichte der einfältigen Frau die Hand und antwortete:„Da habt Ihr Recht, meine Liebe.“ Als nach dieſem Abende der Morgen recht thauig und freundlich über der ſchönen Hauptſtadt des Steier⸗ landes erbrach, erwachte Magiſter Kepler mit einem Gefühl beſonderer Heiterkeit. Es war ihm zu Muthe, als ob er etwas Angenehmes zu erwarten habe, oder 54 als ob ihm etwas beſonders Schwieriges gelungen als ſie 1 ſei, er wußte nur nicht was. war ſelbf Erſt als ſein Blick auf die neben ihm noch recht der ſanft ſchlummernde Gattin fiel, erinnerte er ſich ihres für mein geſtrigen Geſpräches. zwingen? „Sie theilt nicht meine Intereſſen, aber ſie hat ei des Herz warmes und aufrichtiges Herz für mich,“ dachte er Altare ve „und das iſt vielleicht mehr, als ich von ihr verdiene erſte Pfli 3 die ich zur Gefährtin meines Lebens machte, weil ihre halten, n Schönheit meinen Augen wohlgefiel und ihr Reich⸗ es kann thum mir die Bequemlichkeit verſprach, nach meinen jetzt, wo Neigungen für eine Wiſſenſchaft leben zu können, die wuüͤnſcheſt. mir zwar Freude, aber keinen Vortheil bringt. Konnte Als ich verlangen, daß ſie meinen Neigungen die Ihren opfert? ich ſelbſtſüchtiger Thor, der ſich beklagt, nicht verſtanden zu werden, wo er noch nie ſich bemühte, zu verſtehen! Arme Barbara, ich bin nicht werth, daß Du mich lieb haſt, denn Liebe kann nur durch Liebe aufgewogen werden. Von jetzt ab will ich für Dich leben, meine liebe Frau, ich will es, ohne mich zu beklagen, auch nicht in meinem Innern, daß ic Zeit und Gedanken, die ich ſo gerne auf die Be⸗ trachtung der erhabenen Werke des Herrn verwendet hätte, den kleinen Freuden, Bedürfniſſen und Leiden der Häuslichkeit widme. O Apollonia hatte Recht 2 iges gelungen eben ihm noch te er ſich ihres ,aber ſie hat ein ich,“ dachte er pon ihr verdiene, achte, weil ihre und ihr Reich⸗ ,„ nach meinen zu können, die bringt. Konnte ngen die Ihren ch beklagt, nicht ie ſich bemühte, bin nicht werth, kann nur durch ab will ich fur l es, ohne mich Innern, daß ich ie auf die Be⸗ Herrn verwender ſſen und Leiden ia hatte Recht, 55 als ſie mich tadelte wegen meiner Wahl, denn ſie war ſelbſtſüchtig und unedel, und ich kann das Un⸗ recht derſelben nur gut machen, wenn ich liebend für mein Weib lebe. Aber läßt ſich Liebe denn er⸗ zwingen? iſt ſie nicht vielmehr das freieſte Gefühl des Herzens? Dann hätte ich ſie ihr auch nicht am Altare verſprechen müſſen; Wort zu halten, iſt die erſte Pflicht jeden Mannes, und Wort will ich Dir halten, mein gutes, ſchönes, jugendliches Weib, und es kann ja auch nicht ſchwer ſein, Dich zu lieben, jetzt, wo ich weiß, wie ſehr Du geliebt zu ſein wünſcheſt.“ Als Barbara an dieſem Morgen in das Zim⸗ mer des Gelehrten blickte, um ihn zum Frühmahle zu rufen, ſah er heiteren Auges von ſeiner Arbeit auf, folgte ihr ſogleich und verſuchte die Berechnungen, die er im Kopfe hatte, zu vergeſſen und ihrem ein⸗ fachen Geplauder ſeine ganze Aufmerkſamkeit zuzu⸗ wenden. Es war ein Opfer, ſchwerer, als die junge Frau es ahnen konnte, eine Selbſtverläugnung, deren Größe ſie nie hätte begreifen können, aber es war eine erfüllte Pflicht, ein ſchöner Edelſtein mehr in der himmliſchen Krone, die der große Mann um ſeine Stirn wand, nur Gott und ſeinen Engeln ſichtbar.. Frau Barbara Kepler hatte ihren Gatten wirk⸗ lich und von ganzem Herzen lieb, wenngleich ſie für ſeine geiſtigen Strebungen nicht das geringſte Ver⸗ ſtändniß beſaß. Sie freute ſich, daß er nun endlich wie andere Männer mit ihr an ſchönen hellen Sonn⸗ tagen ſpazieren ging, mit ihr im grünen an einem der vielen Vergnügungsorte ſaß und ſich von ihr erzählen ließ, was dieſes und jenes Kleidungsſtück einer Bekannten gekoſtet, welchen ſchönen Schmuck Fräulein Renata von Eggenberg, ihre alte Gönnerin, einer neuverheirateten Nichte geſendet und ähnliches. So ſtrebte Kepler mit Anwendung ſeiner eigenen Kraft das Glück ſeines Hauſes zu begründen, wäh⸗ rend von außen her die Stürme, die demſelben droh⸗ ten, immer näher und näher kamen. Die lutheriſchen Kirchen in Grätz und Umge⸗ gend waren auf ſtrengen Befehl des Erzherzogs ge⸗ ſchloſſen, die Prädikanten aus der Stadt gewieſen worden und am 17. September ward der Befehl bekannt gemacht, daß alle proteſtantiſchen Familien vor Sonnenuntergang noch die Stadt räumen oder zur Meſſe gehen ſollten. Kepler empfing denſelben an ſeinem Arbeitstiſch, er trug Sie aber auch un Fickler. Der tin, deren derte, und ſ die arme Fr dieſen Schlo hörte er in und heftiges Frau Kinder bei ſt „Wohi mein Gott, w rathen Sie u als er in da meinen arm und unſere meinem ärm dieſe Kinder können? und telnd müßte Thür gehen ſterben.“ „Warun Freundin?“ Engeln tten wirk⸗ ch ſie für gſte Ver⸗ in endlich en Sonn⸗ an einem von ihr dungsſtück Schmuck Gönnerin, ähnliches. r eigenen en, wäh⸗ lben droh⸗ ud Umge⸗ rzogs ge⸗ gewieſen er Befehl Familien amen oder kbeitstiſch, 57 er trug Siegel und, Unterſchrift des Erzherzogs, war aber auch unterzeichnet von den Räthen Cyſetus und Fickler. Der erſte Gedanke Kepler's betraf ſeine Gat⸗ tin, deren Zuſtand jetzt die höchſte Schonung for⸗ derte, und ſein Herz war voll tiefen Mitleides gegen die arme Frau. Er wollte zu ihr gehen und ſie auf dieſen Schlag ſo gut als möglich vorbereiten; da hörte er in ihrem Zimmer ſchon lautes Sprechen und heftiges Weinen. Frau Stad war bei Barbara, ſie hatte ihre Kinder bei ſich und rang in Verzweiflung die Hände. „Wohin ſollen wir nun gehen, mein Gott; mein Gott, wo ſollen wir nun bleiben? Helfen Sie uns, rathen Sie uns, Herr Magiſter,“ jammerte die Witwe, als er in das Zimmer Barbara's trat,„ſoll ich mit meinen armen Kindern die papiſtiſche Meſſe hören und unſere theuer erkaufte Seligkeit opfern, um in meinem ärmlichen Stübchen bleiben und mich und dieſe Kinder mit meiner Hände Arbeit ernähren zu können? und ich habe nicht einmal Reiſegeld, bet⸗ telnd müßte ich mit den Würmern von Thür zu Thür gehen, um an der Grenze Hungers zu ſterben.“ „Warum ſollen Sie denn Grätz verlaſſen, liebe Freundin?“ fragte Fran Kepler ganz gelaſſen,„Sie 58 ſind ja doch kein Geiſtlicher oder dergleichen, Sie ſind ja eine friedliche Witwe, die niemandem in den Weg kommt.“ „Aber ich ſoll in die Meſſe gehen, oder die Stadt und die Lande des Erzherzogs räumen; in die Meſſe! großer Gott, mein ſeliger Mann und mein Vater drehten ſich im Grabe um, wenn ſie das wüßten, auch gehe ich nicht in die Meſſe, der Herr bewahre mich, ich will das Vorrecht, Chriſti Blut im heiligen Abendmahle zu genießen, nicht aufgeben und müßte ich auch mit meinen Kindern verhungern, lie⸗ ber zeitlichen als ewigen Tod.“ „Iſt es denn wirklich dahin gekommen?“ fragte Barbara erſchrocken,„ſollen wir wirklich wählen zwi⸗ ſchen unſerem Glauben und unſerem zeitlichen Glück?“ „Hier das Dekret des Erzherzogs, das den Be⸗ fehl enthält, zur Meſſe zu gehen, oder in ſechs Stun⸗ den die Stadt zu räumen,“ entgegnete ihr Gatte. „So will ich mein Kind anziehen und unſere nothwendigſten Sachen zuſammenpacken,“ entgegnete die junge Frau mit funkelnden Augen.„Sie ſollen nicht denken, daß wir ſo am Irdiſchen hängen, daß ſie uns auch nur ſchwankend machen können. Fort, Johannes, fort von hier, die Welt iſt ja überall des Herrn, und ich denke, daß ein Mann, wie Du, ſein Brot auch wird und m Eine Freude erh gefährtin in nach ihr a ſeine Bruſt. „Wohl ein ſchwache doch fähig 1 zeitliches Gl was Du für er, ihre Lipp das thun, 1 Weisheit ble vielleicht von den Mann ao wenn es den heit zu leid der Zukunft, vorangehſt, Bequemlichke ſoviel mehr Er nal chen, Sie m in den oder die umen; in ann und n ſie das der Herr ſi Blut im geben und ugern, lie⸗ n2“ fragte ſählen zwi⸗ n Glück?“ s den Be⸗ lechs Stun⸗ Gatte. gund unſere entgegnete Sie ſollen ingen, daß ſien. Fort, überall des ſe Du, ſein 59 Brot auch anderswo als in dieſem Lande finden wird und muß.“ Eine tiefe Rührung, eine wahrhaft himmliſche Freude erhob ſich bei dieſen Worten ſeiner Lebens⸗ gefährtin in der Seele Kepler's. Er ſtreckte die Arme nach ihr aus und zog ſie voll innigſter Liebe an ſeine Bruſt. „Wohl mir und Dir, meine Freundin, daß Du, ein ſchwaches und am Irdiſchen hängendes Weib, doch fähig und entſchloſſen biſt, ohne Wanken Dein zeitliches Glück hinzugeben, um feſtzuhalten an dem, was Du für das Wahre und Ewige erkannt,“ ſagte er, ihre Lippen küſſend;„ſo lange Deutſchlands Frauen das thun, wird es ein Sitz der Wahrheit und der Weisheit bleiben, denn das Weib, wie wenig es auch vielleicht von der Wahrheit erkennt, wird dennoch den Mann anſpornen, ſie zu ſuchen und feſtzuhalten, wenn es den Muth behält, für die Sache der Wahr⸗ heit zu leiden. Ich fürchte mich nicht mehr vor der Zukunft, wenn Du mir mit dem guten Beiſpiel vorangehſt, Du, die Du ſoviel zarter und an die Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens ſoviel mehr gewöhnt biſt.“ Er nahm dann aus ſeiner Börſe einige Gold⸗ 60 ſtücke und reichte ſie freundlich der Witwe ſeines Vorgängers. „Mag das ausreichen für Sie und Ihre Kin⸗ der zum Reiſegeld, es iſt die Hälfte von allem, wor⸗ über ich jetzt zu gebieten habe, meine werthe Frau Stad,“ ſagte er milde, und ging dann, ſeine Bücher, ſeine einfachen Apparate und das Manuſtript, an dem er arbeitete, zu packen, während Barbara die Silbergeräthe, ihren Schmuck und andere Werth⸗ ſachen in einen Koffer that, den ſie mitzunehmen be⸗ abſichtigte. In den Straßen herrſchte unterdeß ein eigenes trauriges Leben. Von allen Seiten ſah man Familien und ein⸗ zelne Perſonen zu Pferde, zu Wagen und zu Fuß, beladen mit den verſchiedenſten Dingen, ſich nach den Thoren begeben, und jenſeits derſelben lagerten ſie ſich in hellen Haufen auf den Stoppelfeldern, unter den ſchönen Bäumen an den Wegen und an den Brunnen und Quellen. Mehr als eine Gruppe lagerte in den im herbſtlichen Schmuck prangenden Feldern und Wäldern, die an jenen bibliſchen Spruch er⸗ innerte: ‚An den Waſſerflüſſen Babylons ſaßen wir und weinten.” Die felder, au Kriege au Herzen, Dezennien Grenzen Als Frau bere zuſchließen die kleine mit ihren war. Jol führend, 1 auf dem ein Mann drängend, „Ein nicht gefu einmal, Sie ſich d zeichnen S daß Sie g6 ren Sie m itwe ſeines Ihre Kin⸗ allem, wor⸗ verthe Frau ſine Bücher, tuſkript, an d Barbara dere Werth⸗ tnehmen be⸗ ein eigenes in und ein⸗ id zu Fuß, ich nach den lagerten ſie Ldern, unter nund an den uppe lagerte den Feldern Spruch er⸗ en wir und 61 — Die Umgegend von Grätz war eines der Saat⸗ felder, auf denen der Samen zu dem fürchterlichen Kriege ausgeſtreut ward und Wurzel ſchlug in allen Herzen, der, wenige Jahre ſpäter ausbrechend, drei Dezennien hindurch wüthete und Deutſchland an die Grenzen der Barbarei zurückführte. Als die Sonne ſank, war Kepler und ſeine Frau bereit, ſich dem Zuge der Auswandernden an⸗ zuſchließen. Barbara ſaß auf einem Pferde und hielt die kleine Eliſabeth vor ſich, während das Felleiſen mit ihren werthvollſten Sachen hinten aufgeſchnallt war. Johannes ging, das ruhige Thür am Zügel führend, und trug ſeine Manuſkripte in einer Kapſel auf dem Rücken; ſo näherten ſie ſich dem Thor, als ein Mann ihnen entgegentrat, der, ſich dicht an ihn drängend, ihm leiſe zuflüſterte: „Ein Wort, Magiſter Kepler, ein einziges!“ „Was wünſchen Sie?“ fragte der Gelehrte. „Ich habe Sie in Ihrem Hauſe geſucht und nicht gefunden,“ entgegnete jener,„ich komme noch einmal, Ihnen zu rathen, Sie zu warnen. Fügen Sie ſich der Nothwendigkeit des Augenblickes, unter⸗ zeichnen Sie hier draußen auf der Straße den Schein, daß Sie gebeichtet und Meſſe gehört haben, und keh⸗ ren Sie mit Ihrer Familie im Frieden in Ihr Haus 62 und zu Ihren Beſchäftigungen zurück. Niemand ſoll das Papier ſehen, als eben nur der Erzherzog.— Es verpflichtet Sie ja zu nichts für die Zukunft und ſichert Ihnen nur die Möglichkeit, weiter fortzufah⸗ ren in Ihrem gelehrten Wirken, Ihrer Gattin ihr ſchönes Eigenthum. Laſſen Sie ſich erbitten, mein werther Freund, es iſt das aufrichtigſte Wohlwollen, die herzlichſte Achtung, die mich treibt, mich Ihnen noch einmal zu nähern.“ „Ich danke Ihnen und verkenne Ihre gute Ab⸗ ſicht nicht, aber laſſen Sie mich Ihrer Achtung und Ihres Wohlwollens werth bleiben, indem ich auf dem Wege bleibe, den ich einmal eingeſchlagen. Ich treibe kein Spiel mit meinem Glauben, er iſt mir heiliger Ernſt und jetzt, wo ich meines wackern Wei⸗ bes Feſtigkeit kenne, iſt es mir eine Freude, für den⸗ ſelben zu leiden. Gott befohlen, Pater Johannes, ich bin Euch nicht weniger für Eure Güte dankbar, weil ich ſie nicht annehmen kann.“ Er eilte zu Barbara zurück, die in einem Ge⸗ dränge von Menſchen ihr Pferd zügelte, und Johan⸗ nes Fickler wandte ſich um und ſchritt dem Zuge der Auswandernden entgegen nach der nicht allzufernen Burg. Hier ſtand er, während der Herbſtabend dunk⸗ ler und ſprudelnd Roſenber ſein hefti „En Elend! Irrthum Der gilt Leiden, Schmerze Leiſe Sterne f aber ſie b ſchenherz ſie zu ri zogen no Fremde, 4 Heimat ſ Ach tem Sten zugekehrte ihr Streb Demuth; beſtandthe fortzufah⸗ Gattin ihr itten, mein Vohlwollen, mich Ihnen (re gute Ab⸗ lchtung und ſem ich auf Ich ,er iſt mir ackern Wei⸗ ²Johannes, te dankbar, einem Ge⸗ allzufernen bend dunk⸗ 63 ler und dunkler ward, in dem Burghof neben dem ſprudelnden Waſſer, das Erzherzog Karl von dem Roſenberge hierher geleitet, er drückte die Hand auf ſein heftig ſchlagendes Herz. „Er geht! er geht mit Weib und Kind ins Elend! geht muthig, freudig ſogar! Kann denn der Irrthum begeiſtern wie die Wahrheit? Wahrheit! Der gilt ja mein Streben, mein Kämpfen, mein Leiden, werde ich in der den Lohn finden für die Schmerzen meines Lebens?“ Leiſe rauſchte der Brunnen neben ihm, die Sterne funkelten und blitzten am klaren Himmel, aber ſie beantworteten nicht die Frage, die ſein Men⸗ ſchenherz mit einem angſtvollen Blick nach oben an ſie zu richten ſchien, und wenige Schritte davon zogen noch Scharen von Menſchen trauernd in die Fremde, von Haus und Hof, von allen Freuden der Heimat ſich trennend— für die Wahrheit. Ach die Wahrheit iſt eine Münze mit doppel⸗ tem Stempel und jeder von uns ſieht nur die ihm zugekehrte Seite desſelben. Darum ſind ja dem nach ihr Strebenden die Liebe ſo nothwendig und die Demuth; die Wahrheit iſt wie das Eiſen, ein Grund⸗ beſtandtheil alles Irdiſchen, des Menſchen Wille kann 64 es reinigen von allen Beimiſchungen, und zu Schwert und Dolch oder zu Spaten und Pflugſchar formen. Siebzehntes Kapitel. Es war Morgen. Eine Lerche ſtieg ſingend zum blauen Himmel empor und ſchwebte über dem Felde, auf welchem luſtig pfeifend ein Bauer den Pflug regierte, den zwei ſtattliche Rinder zogen. Ueber den Wäldern hing der Nebel wie ein zarter Schleier und die Zweige der Laubhölzer begannen ſich röthlich und bräunlich zu färben. Die ganze ſchöne Gegend mit Berg und Thal, Wald und Fluß, war angehaucht von mildem Weben des Herbſtes, und die Trauben in den Weingärten ſchimmerten bereits golden und bläulich unter den mächtigen Blättern hervor. Es war eine ſchöne Gegend, eine ſchöne Jah⸗ reszeit, ein ſchöner Tag, und der Zug, der langſam einen Hügel hinabkam, gab ein ſchönes Bild in der Landſchaft. Eine junge Frau zu Pferde, ein Kind in den Armen haltend, daneben wacker ausſchreitend ein Mann von edler Haltung, der das Thier bewacht und regiert und liebevolle Worte mit der Reiterin wechſelt. Familie. 7S der Gele Herzen e Herbſtmo die Luft, Das Alle das uns „Ja „Du haſt zu Muthe und dem 4 ſo gut un daß ich m ven Man ſchrecklich, getrieben mit den G wir zur re dadurch di wird man nachdem m „Sorg der morgen 1857. XXII. zu Schwert ur formen. lingend zum dem Felde, den Pflug Ueber den Schleier und röthlich und egend mit angehaucht ie Trauben golden und rvor. ſchöne Jah⸗ der langſam Bild in der Kind in den der Reiterin 65 wechſelt.— Kepler und ſeine mit ihm vertriebene Familie. „Sieh', meine liebe Barbara,“ ſagte freundlich der Gelehrte,„wie viele Freuden dem menſchlichen Herzen erwachſen in der Natur. Wie ſchön iſt dieſer Herbſtmorgen im Sonnenlicht! wie erfriſchend weht die Luft, wie lieblich flüſtern die bewegten Zweige! Das Alles würden wir nicht ſehen ohne das Leid, das uns getroffen.“ „Ja! ja! Johannes,“ entgegnete Barbara, „Du haſt ſchon Recht, mir iſt hier im Freien faſt zu Muthe, als hätte ich nur eine Luſtreiſe mit Dir und dem Kinde unternommen, und Du biſt überdieß ſo gut und ſorgſt ſo herzig für mich und die Kleine, daß ich meine, ich erführe jetzt erſt, welch einen bra⸗ ven Mann ich habe. Es bleibt aber immer doch ſchrecklich, ſo von Haus und Hof, von Hab' und Gut getrieben zu werden! Und wie wird es nur werden mit den Einkünften von meinen Beſitzungen, werden wir zur rechten Zeit den Pachtſchilling erhalten und dadurch die Mittel, in der Fremde zu leben; oder wird man uns betrügen und zu Bettlern machen, nachdem man uns aus der Heimat verjagt?“ „Sorget nicht für den andern Morgen, denn der morgende Tag wird für das Seine ſorgen, es iſt 1857. XXII. Johann Kepler. III. 5 66 genug, daß ein jeglicher Tag ſeine eigene Plage habe,“ antwortete Kepler, indem er ſeine Hand auf die zarte ſeiner Gattin legte.„Meine Freundin, bedenke, wie viel kleiner unſere Prüfungen ſind, als die der meiſten unſerer Leidensgefährten. Es fehlt uns vor der Hand noch nicht am Gelde zur Beſtreitung unſerer Beduͤrfniſſe, wir ſind bei einander und finden Troſt einer im andern. Wir haben zudem Freunde, die ſicherlich ſorgen werden, daß wir bald uns eine neue Heimat gründen können. Gern bliebe ich zwar Deinetwegen in dieſem geſegneten Steierlande, ob⸗ ſchon das Licht des reinen Evangeliums in demſelben unterzugehen droht; kann es aber nicht ſein, müſſen wir Deine Heimat verlaſſen: ei nun, Schwaben iſt auch ein gutes Land, und mit der Zeit wirſt Du Dich heimiſch fühlen in der Heimat Deines Gatten.“ Barbara weinte.„Es wird mir ſchwer, von allem zu ſcheiden, woran ich ſeit meiner Kindheit gewöhnt bin,“ ſagte ſie endlich,„aber doch ginge ich ſchon mit Dir, wenn wir uns da, wo Du zu Hauſe biſt, feſtſetzen könnten; da wird man Deine große Gelehr⸗ ſamkeit auch beſſer erkennen als hier, und Du biſt da gewiß ſohochgeehrt“— Kepler unterbrach ſie lachend.„Nun, wenn auch vielleicht nicht ſo hoch als Du meinſt,“ ſagte er, „doch in im Hau Worte Meinung ſchaft, w ein Gele und Wei mir Wiſſe gar nicht lichem St Zukunft i es mir, ſi hätte, ſie ſie nicht thigen G was zu un unſerem§ bevollen 1 Gold ma nur denje zum Lebe vertheilt ſchlimmere der Menſe heit und Plage habe,“ and auf die din, bedenke, als die der hlt uns vor itung unſerer finden Troſt em Freunde, ald uns eine iebe ich zwar eierlande, ob⸗ in demſelben ſein, müſſen Schwaben iſt Zeit wirſt Du ines Gatten.“ ver, von allem dheit gewöhnt inge ich ſchon zu Hauſe biſt, große Gelehr⸗ und Du biſt un, wenn auch nſt,“ ſagte er, 67 „doch immer noch über mein Verdienſt.— Du haſt im Hauſe des Herrn von Eggenberg und durch die Worte des Grafen Waldſtein Dir eine gar große Meinung gebildet von meiner Weisheit und Wiſſen⸗ ſchaft, wiſſe aber, meine Freundin, wenn ich wirklich ein Gelehrter bin, ſo bin ich es nicht in der Art und Weiſe meiner Zeit. Fürſten und Herren trauen mir Wiſſenſchaften zu, die ich gar nicht beſitze, ja die ich gar nicht einmglyerſtreben möchte, dafern ſie menſch⸗ lichem Streben zugänglich wären. Ich möchte nicht die Zukunft in den Sternen leſen können. Was nützte es mir, ſie zu wiſſen, wenn ich nicht die göttliche Macht hätte, ſie zu ändern, und hätte ich dieſe, ſo würde ich ſte nicht anwenden wollen, da nach meinem demü⸗ thigen Glauben Gott der Allgütige am beſten weiß, was zu unſerem wahren Heile dient und kein Haar von unſerem Haupte fallen läßt, anders als nach ſeinem lie⸗ bevollen und weiſen Willen. Ich möchte auch kein Gold machen können, das vermehrte Gold würde nur denjenigen Dingen einen höheren Preis geben, die zum Leben unerläßlich ſind, wenn es unter viele vertheilt wäre, und in einer Hand wäre es ein ſchlimmeres Mittel zum Verderben und Verknechten der Menſchheit als Gift und Dolch.— Meine Weis⸗ heit und Wiſſenſchaft beſteht einzig darin, daß ich 5** 68 die Weisheit Gottes in der Schönheit und Ord⸗ nung ſeiner Werke zu erkennen ſtrebe. Ein Größerer als ich, ein reiner edler Menſchengeiſt hat die Pforte der Erkenntniß Gottes durch die Natur geöffnet, ihm ſtrebe ich nach, und mehr als ein wackerer Menſch meiner Zeit geht mit mir in einer Richtung, aber wir ſchwimmen dem großen Strome entgegen, meine theure Freundin, und werden oft gedrängt, geſtoßen, ver⸗ wundet werden, wir werden vielleicht⸗nſere Erkenntniß mit unſerem Leben bezahlen müſſen, aber die Er⸗ kenntniß wird bleiben, ein heiliges unantaſtbares Ei⸗ genthum der Menſchheit, das Stammkapital, zu dem ſpätere Zeiten ihre Schätze häufen werden. Mag denn mein Leben auch der Preis ſein, mit dem ich der Menſchheit die Erkenntniß ſichere, daß einfache Geſetze das Weltall regieren und die Pracht und Schönheit der Schöpfung das Ergebniß ihrer Ord⸗ nung und Regelmäßigkeit iſt! Was iſt das Leben? Wohl mir! beſeligt bin ich vor Tauſenden, denn die Wahrheit, die ich gefunden, wird mich überdauern, und ein Grundſtein ſein im Tempel, den die Menſchheit langſam aber unaufhaltſam dem Herrn auf Erden bauet.“ Das Auge Kepler's leuchtete bei dieſen Worten auf im Feuer heiligſter Begeiſterung und das Elend und W genomm Be ſo hatte ob ein gleich S „A herzliebe chen geſ vom W den drei ruhen, der Qu Ke haſt Re „hier kö verbieten Quelle, ſtant, di Si ausgebr ‚Die W als Kop es einw gemiſcht it und Ord⸗ Ein Größerer hhat die Pforte geöffnet, ihm ckerer Menſch ſtung, aber wir , meine theure geſtoßen, ver⸗ ſere Erkenntniß aber die Er⸗ ntaſtbares Ei⸗ aapital, zu dem werden. Mag u, mit dem ich „daß einfache ie Pracht und niß ihrer Ord⸗ iſt das Leben? nden, denn die berdauern, und die Menſchheit rrn auf Erden dieſen Worten und das Elend 69 und Weh der Gegenwart war von ſeiner Seele genommen. Barbara betrachtete ihren Gatten mit Erſtaunen, ſo hatte ſie ihn nie geſehen, ſchien es doch, als ob ein Feuer in ſeinen Blicken brenne, das der Sonne gleich Strahlen entſendete. „Wir ſind nun ſchon lange vorwärts gezogen, herzlieber Johannes,“ ſagte ſie, nachdem er ein Weil⸗ chen geſchwiegen,„ſeht, hier nur wenige Schritte ab vom Wege iſt ſo ein ſchönes Plätzchen dort unter den drei mächtigen Eichen, da könnten wir einwenig ruhen, Speiſe zu uns nehmen und das Pferd an der Quelle trinken und graſen laſſen.“ Kepler fuhr aus ſeinen Gedanken empor.„Du haſt Recht, meine Liebſte,“ entgegnete er freundlich, „hier können wir raſten, niemand kann den Bäumen verbieten, daß ſie uns ihren Schatten geben, der Quelle, daß ſie uns erquickt, Katholik oder Prote⸗ ſtant, die Gaben der Natur ſind für alle.“ Sie lagerten ſich im grünen. Auf Kepler's ausgebreitetem Mantel, ſein neueſtes Manuſkript: „Die Weisheit des Schöpfers in der erſchaffenen Welt,“ als Kopffiſſen, entſchlief das ermüdete Kind, nachdem es einwenig Brot gegeſſen und etwas mit Waſſer gemiſchten Wein getrunken. —— —õõ— 70 Barbara ſaß auf dem vom Pferde genommenen Sattel und lehnte den ſchönen Kopf an den Rand einer Eiche. Johannes lag zu ihren Füßen im Graſe und blickte empor in die durchſichtige Himmelsbläue, in das unermeßliche Meer, in dem die Sonnen und Kometen ſchwimmen gleich den Fiſchen ſim Ozean.— „Erzähle mir von Deiner Heimat, mein Lieber,“ ſagte Barbara, ihre feine Hand auf des Gatten Schulter legend,„von Deiner Mutter, Deinen Geſchwi⸗ ſtern, von Deinem Vater und Deinen Schulkameraden.“ Er ſah ihr freundlich in die Augen, und drückte dann ſein Geſicht in ihren Schooß. Er weinte! Das Erdenleben hatte ſein vollſtes Recht an ihn geltend gemacht, aber ihm auch ſein ſchönſtes Glück gegeben Er liebte ſein ſchönes, einfaches, von ihm abhän⸗ giges, jetzt mit all ihren Hoffnungen und Bedürf⸗ niſſen an ihn gewieſenes Weib von ganzem Herzen. Das Leid hatte ſie vereinigt, es war zum ſchönſten Segen geworden für beide.— Am Abend dieſes Tages raſteten die Flücht⸗ linge in einer Dorfherberge, und während Barbara und das Kind ſich dem Schlafe überließen, benutzte Kep⸗ ler das Schreibzeug, das man zur Zeit neben der Waffe im Gürtel zu tragen pflegte, um von nenem nach Wür Freund M lieben Hei Wohl tigt geweſe ſeiner Hei geſchickt u hatte, die dulden geh Er ſe für ihn zu ſtellung in mit den N phan Gerle ſeit der K um eine 6 Schulen T Der verketzerte unterwerfe mehr, als ſche Kirche Kaum würde es wenn nich genommenen n den Rand in Graſe und melsbläue, in Sonnen und im Ozean.— mein Lieber,“ des Gatten einen Geſchwi⸗ pulkameraden.“ n, und drückte weinte! Das n ihn geltend Glück gegeben ihm abhän⸗ und Bedürf⸗ anzem Herzen. zum ſchönſten n die Flücht⸗ -Barbara unmd benutzte Kep⸗ geit neben der m von neuem 71 nach Würtemberg zu ſchreiben und ſeinen Lehrer und Freund Mäſtlin dringend zu bitten, ihm in der alten lieben Heimat eine Anſtellung zu verſchaffen. Wohl ſollte man meinen, daß Kepler berech⸗ tigt geweſen wäre, von den proteſtantiſchen Theologen ſeiner Heimat, deren Wille ihn nach Steiermark geſchickt und all den vielen Anfechtungen ausgeſetzt hatte, die er um ſeines Glaubens willen dort zu er⸗ dulden gehabt hatte, einen Erſatz zu fordern. Er ſelbſt aber wußte am beſten, wie wenig dieſe für ihn zu thun geſonnen waren. Seit ſeiner An⸗ ſtellung in Grätz ſtand er in brieflicher Verbindung mit den Milderen derſelben, Michael Mäſtlin, Ste⸗ phan Gerlach und Mathäus Hafenreffer, und hatte ſeit der Krönung Ferdinands das möglichſte gethan, um eine Stelle als Lehrer an einer der gelehrten Schulen Würtembergs zu erhalten, jedoch vergebens. Der zelotiſche Eifer der tübinger Theologen verketzerte den Mann, der ſich ihren Formularen nicht unterwerfen wollte, ebenſo ſehr, ja vielleicht noch mehr, als der Eifer der Jeſuiten für die katholi⸗ ſche Kirche. Kaum wagte Mäſtlin, ihm zu antworten, und wuͤrde es auch wahrſcheinlich nicht gethan haben, wenn nicht der Herzog Friedrich, der Regent Wür⸗ tembergs an Kepler's Schriften hohes Intereſſe ge⸗ nommen und namentlich ſeine Freude an dem von Kepler genau beſchriebenen kopernitgniſchen Sonnen⸗ ſyſtem öffentlich vielfach ausgeſprochen hätte. Aber auch der Herzog war nicht mächtig genug, deujenigen zu beſchützen, der ſich die Feindſchaft der proteſtantiſchen Geiſtlichkeit zugezogen. Dieſe herrſchte über die Gemüther und Gewiſ⸗ ſen und wurde mit jedem Tage mächtiger und kühner. Denn Würtemberg war ſeit Jahren der Sitz der lutheriſchen Gottesgelahrtheit, Männer, wie der ältere Andrä, wie Jakob Brenz, Hafenreffer und Gerlach lebten dort, und ihr Feuereifer wirkte wie jedes Feuer: Anfangs wärmend und erhellend, dann aber zerſtörend. Dieſe Eiferer fürd die lutheriſche lneleguns der heiligen Schrift, die ſie für die eigentliche Sache Gottes hielten, waren nicht fähig, die milde Duld⸗ ſamkeit Kepler's zu verſtehen. Sie hielten dieſelbe für ein unerlaubtes Hinneigen zu der Partei, die ſie Feinde Gottes und Baalskinder nannten. Selbſt Kepler's innigſter Freund und früherer Lehrer, Michael Mäſtlin, wagte kaum ſeine Briefe zu beantworten, und wenn er es that, ſo ſprach aus jeder Zeil fällig zu n Anſicht Lu einen Fein Keple dringende „Aus nes Lande zwiſchen d er,„bin i Kinde jetzt wenige M wir erreiche wackern V ihres Gla kämpft, ſo trübes Ge und erſt, n wie vielen und Gegen Leben umg nach dem? meine einf Sterne auf Tiſch und d zutereſſe ge⸗ t dem von n Sonnen⸗ tte. htig genug, udſchaft der und Gewiſ⸗ htiger und i der Sitz er, wie der mreffer und wirkte wie llend, dann blegung der iche Sache nilde Duld⸗ ten dieſelbe artei, die ſie nd früherer Briefe zu ſprach aus jeder Zeile die Furcht, den ſtrengen Männern miß⸗ fällig zu werden, welche als Hauptkämpfer für die Anſicht Luther's jeden, der nicht wie ſie dachte, für einen Feind erklärten. Kepler's Brief an Mäſtlin enthielt eine neue dringende Bitte um eine Anſtellung in Schwaben. „Ausgetrieben von dem ſtrengen Willen mei⸗ nes Landesherrn, der uns Lehrern nur die Wahl ließ zwiſchen der Meſſe und der Auswanderung,“ ſchrieb er,„bin ich mit meinem jungen Weibe und ihrem Kinde jetzt hier in der Herberge eines Düörfchens wenige Meilen von der Grenze Ungarns, welche wir erreichen wollen, um Schutz zu ſuchen bei dem wackern Volke der Magyaren, die für die Freiheit ihres Glaubens bereits ſo manchen Kampf ge⸗ kämpft, ſo manches Opfer gebracht. Es iſt ein trübes Gefühl, Haus und Hof verlaſſen zu müſſen, und erſt, wenn man dasvon ſcheidet, fühlt man, mit wie vielen und innigen Banden man an die⸗Orte und Gegenſtände geknüpft iſt, die uns im täglichen Leben umgeben. Ei wie ſchmerzlich ſehne ich mich nach dem Fenſter meines ſtillen Studirzimmers, wo meine einfachen Inſtrumente zur Beobachtung der Sterne aufgeſtellt waren. Wie ſehr vermiſſe ich den Tiſch und den Stuhl davor, an welchem ich zu ſchrei⸗ 74 ben gewöhnt war, und den Sonnenſtrahl, der ſich zwiſchen dem Giebeldach des Nachbarhauſes hindurch auf meine Hand ſtahl, wenn ich in der Nachmittag⸗ ſtunde arbeitete. Freilich die Welt iſt überall des Herrn und ein Fenſter, durch das die Sterne auf mich niederſchauen, durch das der Sonne liebes Licht mich begrüßt, würde ich auch anderwärts als in dem ſchönen Grätz finden. Wiſſe aber, mein theurer Freund und Lehrer, daß ich nirgend auf dem weiten Erdboden ſo gern mein dauerndes Aſyl finden würde, als in dem lieben alten Schwabenlande, der Heimat meiner Kindheit und Jugend. Wie gerne, o wie ſo ſehr gerne möchte ich wirken im Verein mit den wackern Männern, die meine Jugend belehrt und erleuchtet haben! Iſt es denn nicht möglich, daß Du, mein werthen Freund, mir eine Stelle als Lehrer ſchaffſt in Tübingen, wo ich im Umgange mit Dir, mit dem wackern Hafen⸗ reffer und all den andern tüchtigen Geiſtern mein Herz erquicken könnte.— Du weißt, mein theurer Freund, daß ich aus aufrichtigem Herzen der Lehrt Luther's zugethan bin, nur daß ich den Streit um den Buchſtaben nicht für das weſentliche derſelben, ja ſogar für einen Fehler halte. Liebe zu Gott und den Menſchen iſt die Haupt⸗ ſache all verehrter nicht.— Werken, meine W der einfa lich von heilige E an der b und We nungen und der Sonne daß das bewirkt trahl, der ſich hauſes hindurch er Nachmittag⸗ Herrn und ein niederſchauen, mich begrüßt, in ſchönen Grätz nd und Lehrer, dboden ſo gern in dem lieben einer Kindheit hr gerne möchte n Männern, die haben! zuI, mein werthen tin Tübingen, wo wackern Hafen⸗ Geiſtern mein zt, mein theuren derzen der Lehrt den Streit um iche derſelben, ja en iſt die Haupt⸗ 75 ſache aller chriſtlichen Geſinnungen, und dieſe, mein verehrter Freund und Lehrer, fehlt meinem Herzen nicht.— Ich ſuche und finde den Herrn in ſeinen Werken, und ſelige Freude erfüllt meine Seele, wenn meine Wiſſenſchaft mir einen neuen Beweis gibt von der einfachen Erhabenheit des Weltbaues und folg⸗ lich von der Weisheit des Schöpfers. Ich ehre die heilige Schrift, wie es einem Chriſten zukommt, ohne an der buchſtäblichen Auslegung ihrer Ausdrücke und Wendungen zu kleben. Die Bibel iſt für je⸗ dermann, er ſei gelehrt oder ungelehrt, und muß deßhalb ſich derjenigen Ausdrücke bedienen, die dem Ungelehrten geläufig ſind, da der Gelehrte ſie ſich ja ohne Mühe richtig zu deuten weiß, und wenn ſie Jo⸗ ſua ſagen läßt: ‚„Sonne ſtehe ſtill!“ und hinzufügt, daß ſie auch ſtill geſtanden, ſo wiſſen diejenigen, welche die Naturgeſetze kennen, daß darunter zu verſtehen ſei, Gott habe die Kraft Joſua's ſo geſtärkt, daß er bis zum Sonnenuntergang die Schlacht gegen ſeine Feinde gewonnen.— Niemand würde die Himmelserſchei⸗ nungen anders als nach dem Augenſchein bezeichnen, und der gelehrteſte Aſtronom wird immer ſagen, die Sonne geht auf oder unter, obſchon er ſehr wohl weiß, daß das Phänomen durch die Umwälzung der Erde bewirkt wird. Die Bibel ſpricht überall gemeinver⸗ ſtändlich, aber ſie iſt kein Lehrbuch der Naturwiſſen⸗ ſchaften, ſondern der Moral, und ihre Gebote ſind in derſelben klar und in voller Wahrheit und Weisheit ausgedrückt; aber der Buchſtabe tödtet und der Geiſt gibt Leben. Ich könnte nicht Geiſtlicher ſein, ich fühle das jetzt wohl, und erkenne mit Dank, daß meine Lehren mich an einen Platz geſtellt, auf dem ich des theolo⸗ giſchen Gezänkes, das meiner Seele ſo zuwider iſt, überhoben bin, aber einen Lehrſtuhl der Mathematit bei Euch im lieben Schwabenlande könnte ich und möchte ich einnehmen. Die Beſchäftigung mit der Natur iſt für mich eine Quelle des reinſten und im⸗ mer neuen Vergnügens, in der Schöpfung greife ich den Schöpfer gleichſam mit Händen, und wenn mich etwas in dieſem niederbeugenden Erxil aufrichten kann ſo iſt es die Sternkunde, weil ſie die Verherrlichung des weiſeſten Schöpfers zum Gegenſtand hat. Glück⸗ lich würde ich ſein, wenn ich in der Heimat ein Lehramt in dieſer Wiſſenſchaft erhielte, und ich glaube auch, daß ich der nach uns kommenden Jugend nützlich ſein würde. Darum, mein theurer Freund und Lehrer, ſuche für mich ſoviel als möglich zu thun, ich ver⸗ traue Dir und Deiner Liebe, und befehle Dich und die Deinen dem allmächtigen Schutze Gottes und ver⸗ harre in als Dein Als und gin Nacht, machen. Wä der Nach⸗ an dem Burg zu las die 2 diejenigen ſenen Be „In Wille aus Heerde r men muſt Glück zu hier kenn und das Frieden den.— Ihr kon mir?“ Die r Naturwiſſen⸗ Gebote ſind in und Weisheit und der Geiſt ich fühle das ß meine Lehren ich des theolo⸗ ſo zuwider iſt, der Mathematik könnte ich und ftigung mit der reinſten und im⸗ Spfung greife ich und wenn mich aufrichten kann e Verherrlichung tand hat. Glück⸗ der Heimat ein , und ich glaube Jugend nützlich eund und Lehren zu thun, ich ver⸗ hle Dich und die Gottes und ver⸗ 77 harre in treuer Freundſchaft trotz als Dein aller Betrübniß Johannes Kepler.“ Als er dieſe Epiſtel geendet, fühlte er ſich heiter und ging noch hinaus in die ſtille monderhellte Nacht, zu ſeiner Freude einige Beobachtungen zu machen. Während der vertriebene Gelehrte in der Stille der Nacht und in einem einſamen Dörfchen ſich labte an dem heiligen Umgang mit der Natur, ſaß in der Burg zu Grätz der junge Erzherzog Ferdinand und las die Berichte der verſchiedenen Geiſtlichen, welche diejenigen namhaft machten, die ſeit ſeinem gemeſ⸗ ſenen Befehl die Meſſe gehört hatten. „Immer genug, immer einige wenigſtens, die mein Wille aus dem Brande geriſſen. Es ſoll ein Hirt und eine Heerde werden!“ ſagte er, die lange Reihe der Na⸗ men muſternd, die ihre Ueberzeugung ihrem zeitlichen Glück zum Opfer gebracht hatten.„Dieſe Menſchen hier kennen wenigſtens die Tugend des Gehorſams, und das ſoll ſie nicht gereuen; ſie ſollen Ruhe und Frieden und das tägliche Brot finden in unſeren Lan⸗ den.— Ah, Pater Johannes, mein werther Freund, Ihr kommt ſpät, führt euch etwas beſonderes zu mir?“ Dieſe Frage war an den Prieſter gerichtet, der 78 durch den unterirdiſchen Verbindungsgang in das Zimmer des Fürſten gekommen war, und mit leiſem Tritt zu dem Tiſche ging, an welchem Ferdinand arbeitete. „Ich bringe Ew. Gnaden noch einen Brief Kaiſer Rudolph's,“ ſagte Pater Fickler,„und zwar einen recht erfreulichen. Herr von Eggenberg der Jüngere hat auf ſeiner Rückkehr von Ungarn einen Abſtecher nach Prag gemacht. Es iſt dort vieles, was für Euch und Eure Ausſichten auf den Thron der Chriſtenheit zwar günſtig, im allgemeinen jedoch recht betrübend iſt. Die Zerwürfniß unter den kaiſerlichen Brüdern nimmt überhand. Prinz Mathias iſt tödtlich erzürnt über ſeinen kaiſerlichen Bruder, oder thut doch der⸗ gleichen, um einen Vorwand zu haben bei den manig⸗ faltigen unbrüderlichen Handlungen, die er ſich zu⸗ ſchulden kommen läßt. Kein Zweifel, er ſtrebt nach der Krone von Ungarn, und— wird ſie erreichen, Dafür beſteht des Kaiſers Majeſtät darauf, daß Ew Erlauchter Bruder, der junge Erzherzog Leopold, das Bisthum Paſſau erhalte— keine kleine Vergröße⸗ rung der Macht Eures Hauſes. Hier dieſer Brief enthält die Beſtätigung über das Geſagte von des Kaiſers eigener Hand.“ Der fürſtliche Jüngling nahm, ohne vom Boden aufzublich des Pate Jungfrau werden, Ich bin indeß au und erhal beſtätigte „We der Prieſt Kind im; im Zuge vor ſich i und nebe das Roß Züge jen sgang in das lind mit leiſem em Ferdinand n Brief Kaiſer zwar einen recht er Jüngere hat Abſtecher nach was für Euch der Chriſtenheit recht betrübend lichen Brüdern tödtlich erzürmt thut doch der⸗ bei den manig⸗ die er ſich zu⸗ ‚ßer ſtrebt nach d ſie erreichen arauf, daß Ew. g Leopold, das eine Vergröße⸗ er dieſer Brief eſagte von des mne vom Boden 79 aufzublicken, das kaiſerliche Schreiben aus der Hand des Paters und ſagte nach kurzem Schweigen: „Es iſt gut, mein werther Freund und Herr, ich weiß und wußte lange, daß Gott und die heilige Jungfrau in meine Hand das deutſche Reich geben werden, damit ich es vom Gifte der Ketzerei reinige Ich bin der Erwählte des Herrn— wißt Ihr indeß auch, daß ich in dieſen Tagen eine ſeltſame und erhabene Viſion hatte, die mir das von neuem beſtätigte?“ „Welche, mein Gebieter!“ fragte aufmerkſam der Prieſter. „Ich habe die heilige Jungfrau, die mir als Kind im Dome zu Prag erſchienen, wieder geſehen.— Wißt, ich ſtand am Fenſter, als die widerſpänſtigen Ketzer vor vier Tagen dieſe Stadt verließen, und blickte hinab auf den Menſchenſtrom, alle Geſichter waren voll Trotz und Widerſpänſtigkeit, laut hörte ich mich einen Tyrannen ſchelten und bittere Worte gegen meine Regierung gingen aus jedem Munde. Mitten im Zuge aber ſah ich eine Frauengeſtalt zu Pferde, vor ſich in ihren Armen hatte ſie ein lächelndes Kind und nebenher ſchritt ein Mann von edlem Ausſehen, das Roß am Zügel führend. Dieſe Frau trug die Züge jener göttlichen Erſcheinung, die mich als Kind 80 begeiſtert und meinem ganzen Leben ſeine beſtimmte Richtung gegeben hat.— Sie erſchien mir jetzt mit dem Kindlein im Arme, wie die flüchtende Mutter des Heilands, und ich quäle mein Gehirn ab, um zu ergründen, ob ihre Erſcheinung eine Billigung mei⸗ nes Strebens oder eine Mahnung zu geringerer Härte ſein mag.“ „Mein Fürſt,“ entgegnete der Prieſter,„das, was Ihr ſaht, war in dieſem Falle keine Viſion, ſon⸗ dern eine mir bekannte flüchtende Familie, und wohl bin ich der Meinung, daß die Heilige Euch mahnt, wenigſtens gegen dieſe Nachſicht zu üben, da ſie ſicher⸗ lich zu denen gehören, die noch aus dem Brande gerettet werden können. Die Frau war keine andere als Frau Barbara Müller von Mühleck, Euch ſehr wohl bekannt durch ihren Prozeß und ihre Vewandt⸗ ſchaft mit der Familie Eggenberg. Sie vermälte ſich mit dem Magiſter Johannes Kepler, dem Lehrer der Mathematik an der aufgelöſten eggenbergiſchen Stiftsſchule, dem gelehrten Erklärer des Kopernikus. — Der Mann iſt kein verſteifter eigenſinniger Pro⸗ teſtant, ſondern ſanft und milde, und wird die Gnade Ew. fürſtlichen Durchlaucht zu ſchätzen wiſſen, wenn Sie ihm geſtatten, mit ſeiner Familie heimzukehren; durch ihn, der vielen Einfluß auf die gelehrteſten und mächtigſt meinen der Kir rettet we „W Ferdinan Begeiſter: walten. wendigen ſeine Fan Sie es d zu gewin werden, d fen, zum jetzt, ehrn der And Der und Erz in der die Bru weinte. Die ſah mit Fürſten, als die, 1857. XX G ſeine beſtimmte in mir jetzt mit ſichtende Mutter Gehirn ab, um Billigung mei⸗ eringerer Härte Prieſter,„das, eine Viſion, ſon⸗ milie, und wohl ge Euch mahnt, n, da ſie ſicher⸗ s dem Brande war keine andere chleck, Euch ſehr dihre Vewandt⸗ zie vermälte ſich er, dem Lehrer eggenbergiſchen des Kopernikus. genſinniger Pro⸗ wird die Gnade en wiſſen, wenn e heimzukehren; gelehrteſten und 81 mächtigſten Proteſtanten hat, können, wenn es meinen treuen Bemühungen glückt, ihn in den Schooß der Kirche zurückzuführen, noch viele andere ge⸗ rettet werden.“ „Wo noch Hoffnung auf Rettung iſt,“ ſagte Ferdinand und in ſeinem dunklen Auge flammte die Begeiſterung,„da laſſen wir, o wie gerne, die Gnade walten. Thun Sie, mein werther Freund, die noth⸗ wendigen Schritte, dieſen gelehrten Magiſter und ſeine Familie nach Grätz zurückzuführen, und laſſen Sie es dann an Eifer nicht fehlen, alle dem Herrn zu gewinnen; ſo kann auch bei ihm das Wort wahr werden, daß der Stein, den die Bauleute verwor⸗ fen, zum Eckſtein geworden.— Verlaſſen Sie Uns jetzt, ehrwürdiger Pater, ich muß noch eine Stunde der Andacht und Buße widmen.“ Der Prieſter entfernte ſich wie er gekommen, und Erzherzog Ferdinand warf ſich vor dem Betpulte in der Ecke ſeines Zimmers auf die Kniee, ſchlug die Bruſt in heftiger Erregung und betete und weinte. Die Nacht lag ſchweigend über der Welt und ſah mit tauſend Sternenaugen hernieder auf den Fürſten, der unter ſeiner eigenen Härte mehr litt als die, gegen welche ſie angewendet wurde. Denn 1857. XXII. Johann Kepler. III. 6 8² überall in Dörfern und Herbergen auf fernen Wegen ſchliefen die Vertriebenen; auch Johannes Kepler ruhte, er war entſchlummert mit der feſten Hoffnung, daß Gott ſein Geſchick zum Beſten wenden werde, und dieſe Hoffnung ſollte ihn auch nicht täuſchen. In der Frühſtunde des folgenden Morgens weckte ihn ſchon ein Bote, der einen Brief brachte unterzeichnet von dem Kabinetsrathe des Erzherzogt Ferdinand. Er enthielt die Erlaubniß, mit ſeinen Familie nach Grätz zurückzukehren, jedoch unter der ernſtlichen Verwarnung, ſich dort ruhig zu verhal⸗ ten, in keiner Weiſe Aergerniß zu geben, ſich mit ge⸗ bührender Beſcheidenheit zu betragen und ein unver⸗ weisliches Thun zu beobachten. Das Herz des Gelehrten ſchlug heftig, als er dieſes Schreiben durchflogen.— Ehe er noch ſeint Gattin erweckte, ihr den Inhalt desſelben mitzuthei⸗ len, ging er hinaus in den kleinen Garten der Her⸗ berge. Die Sonne hatte noch nicht die Kraft ge⸗ habt, die herbſtlichen Morgennebel zu durchdringen, wie ein wogendes Meer lagen ſie tief unten am Bo⸗ den und feuchteten die bunten Blätter, die reifenden Früchte, die letzten Blumen des Jahres: die buntt Gartenkreſſe, das rothblühende Donnerkraut und die kleine weiße Malve, über dem Nebelmeere aber ſpielten bereits d mel glän Mit gang de hinauf zu Inbrunſt wo die wartet; womit D feſten W ſiehſt ab daß ich 1 leide, get und bleib heit imm die Wah 2„Jo ſem Aug weiche A tenden f fernen Wegen Fohannes Kepler feſten Hoffnung, wenden werde, nicht täuſchen. enden Morgens en Brief brachte, des Erzherzogt bniß, mit ſeinen jedoch unter der tuhig zu verhal— ben, ſich mit ge⸗ n und ein unver⸗ ug heftig, als er Ehe er noch ſeint zſelben mitzuthei⸗ Garten der Het⸗ ccht die Kraft ge⸗ zu durchdringen, ef unten am Bo⸗ ter, die reifenden fahres: die bunt inerkraut und die neere aber ſpielten 83 bereits die goldenen Sonnenſtrahlen und der Him⸗ mel glänzte in reiner Bläue. Mit gefalteten Händen ſtand Kepler am Ein⸗ gang der grünen feuchten Weinlaube und blickte hinauf zum Licht.„Herr der Welt,“ betete er mit tiefſter Inbrunſt,„ſo ſoll ich denn zurückkehren an den Ort, wo die Verſuchung meiner in ſo vielfacher Geſtalt wartet; um meines Weibes, um des Kindes willen, womit Du mich begnadigen wirſt, muß ich einen feſten Wohnſitz, ein geſichertes Obdach haben. Du ſiehſt aber in mein Herz, großer Gott, und weißt, daß ich um der Wahrheit willen gern und freudig leide, gern und freudig ein Pilger auf Erden ſein und bleiben würde. Gib mir die Kraft, die Wahr⸗ heit immer und über alles zu lieben, denn Du biſt die Wahrheit und die Liebe und das Leben.“ „Johannes, herzlieber Johannes,“ ſagte in die⸗ ſem Augenblick eine freundliche Stimme, und zwei weiche Arme ſchlangen ſich um den Nacken des Be⸗ tenden,„iſt es denn wahr, iſt es denn gewiß, daß wir zurückkehren dürfen zu unſerem lieben Grätz? Der Bote, welcher Euch den Brief brachte, und der die ganze Nacht ſcharf geritten iſt, erzählte es mir.“ „Es iſt wahr, meine liebe Barbara, und ich danke Euretwegen Gott dafür, denn nun werdet Ihr 6* 84 ſaß au nicht unſtät und flüchtig die ſchwere Stunde, di ldh Euch bevorſteht, erleben, ſondern in Eurer geſicher G ten Häuslichkeit.“ terten Während aber Kepler dieſe Worte ſprach, durch Scheit, zuckte ſeine Seele ein eigener Gedanke und vor ſei Pelzes nem innern Auge ſtand wie ein holdes Bild di Seſſel, Erinnerung an den neugebornen Weltheiland. 6 Sackch 6 fand keine geſicherte Häuslichkeit, als er das Lich chem dieſer Welt erblickte. Eine Krippe war ſein erſtt tiger E Bettlein, ein Stall der Ort, wo die Hirten und d Greis Könige aus dem Morgenlande ihn zuerſt begrüßta Alterb „Barbara,“ ſagte Johannes,„Du haſt abt der S doch den Muthgehabt, alles zu opfern für das, wo Erdbon Du für wahr erkannt, ich danke Gott dafür!“ Golda „Ei ich danke auch Gott,“ entgegnete ſie, glii unter lich lachend,„wenn ich heimkehre, wohnen wiri umher meinem hübſchen Hauſe vor dem Paulithore m ihnen finden unſere guten Möbel und Bequemlichkeitn len t ach zu Hauſe iſt's doch am Beſten auf der Wel ten S Achtzehntes Kapitel. In Magſtatt, in der großen hellen Stube, n Johannes Kepler das Licht der Welt erblickt hat bere Stunde, die Eurer geſicher, prte ſprach, durch⸗ banke und vor ſei holdes Bild di Weltheiland. G als er das Lich pe war ſein erſtei ie Hirten und d i zuerſt begrüßte ,„Du haſt abe fern für das, wa Gott dafür!“ ntgegnete ſie, glüt re, wohnen wirji m Paulithore mn. d Bequemlichkeiten ſten auf der Welt eitel. n hellen Stube, n Welt erblickt hatt 85 ſaß am flammenden Kamin der alte Bildſchnitzer Guldenmann. Er trug einen weiten, mit Kaninchenfell gefüt⸗ terten und beſetzten Rock, und das Haar ſeines Scheitels war faſt ebenſo weiß, als das ſeines Pelzes. Der weichgepolſterte, mit Kiſſen belegte Seſſel, die Bank, auf welcher ſeine Füße in einem Säckchen von Pelz ruhten, der kleine Tiſch, auf wel⸗ chem neben einem Glaſe gewärmten Weines ein duf⸗ tiger Strauß von Veilchen lag, kurz alles, was den Greis umgab, zeigte, daß aufmerkſame Liebe ſein Alter bewache.— Es war tiefer Winter, draußen lag der Schnee ein weicher weißer Mantel über dem Erdboden, und auf Baumzweig und Zaunpfahl. Goldammer, Meiſen, Finken und Sperlinge hüpften unter den Fenſtern des kleinen alten Hauſes luſtig umher, pickten die Krümchen auf, die Apollonia ihnen hingeſtreut, und machten mit ihren kleinen Kral⸗ len tauſend ſich durchkreuzende Linien auf dem glat⸗ ten Schneefelde. Die Sonne war im Sinken. Das Abendroth wogte wie ein Purpurmeer am Rande des Horizonts und eine kerzengerade Rauchſäule ſtieg langſam aus dem Schornſtein des alten Hauſes und kräuſelte ſich zum tiefblauen Himmel empor. — 86 Der Segen Gottes ſchien als Friedensengel die ſtille Wohnung zu erfüllen und zu umgeben, und der Wanderer, der von der Landſtraße her auf die⸗ ſelbe zuſchritt, betrachtete das Dach, wo unter dem blendend weißen Schnee das Hauslaub luſtig hervor⸗ grünte, mit dem Gefühl, daß ſich's gar wohl dar⸗ unter ruhen müſſe. Es war ein ſchlanker Mann, von kerzengerader Haltung, dem man es auf den erſten Blick anſah, daß er lange Zeit Soldat geweſen. Seine Züge waren nicht häßlich, obgleich ſtark von den Pocken gezeichnet, ohne dieſe Verunſtaltung hätte man ſie indeß auch ſchön nennen müſſen, denn ſie waren regelmäßig und kräftig. In den braunen Augen aber lag, wenn er ſie aufſchlug, ein unange⸗ nehmer Ausdruck, ſie ſahen nicht feſt und gerade aus, und der Mund hatte trotz ſeiner friſchen rothen Lip⸗ pen etwas Freches. Seine Kleidung war ziemlich koſtbar geweſen und beſtand aus einem zierlichen Wamms vom utrechter Sammt mit Stickereien am Kragen, Aermel und an Knopfloͤchern, gepufften Bein⸗ kleidern von Tuch, Stiefeln von weichem rohen Leder, die oben weit und im ganzen lang genug waren, um bis an den halben Schenkel gezogen zu werden. Dazu trug er an der Seite einen langen Stoßdegen an eine nen M Es keineswe leriſch u einte in ſein Blic —7„ gute Ma halblaut nöthig ei Als herte, ſal ſter und Zimmer Gott, d ſieht, wi undzwan bald naq Leonberg „E densengel eben, und auf die⸗ nter dem tig hervor⸗ wohl dar⸗ tzengerader glick anſah, gleich ſtark runſtaltung ſſen, denn n braunen in unange⸗ gerade aus, othen Lip⸗ ar ziemlich n zierlichen kereien am ufften Bein⸗ rohen Leder, nug waren, zu werden. Stoßdegen 87 an einem büffelledernen Gehänge, einen weiten brau⸗ nen Mantel und einen Hut mit drei Hahnenfedern. Es lag in der ganzen Erſcheinung etwas, das keinesweges Zutrauen erweckte. Der Anzug ſah prah⸗ leriſch und ſchäbig zugleich aus, und der Mann ver⸗ einte in ſeinem Ausſehen zwei ähnliche Kontraſte, ſein Blick erſchien frech und feig. „Der Rauch ſieht aus, als ob da drinnen eine gute Mahlzeit geſotten und gebraten würde,“ ſagte er halblaut zu ſich ſelbſt, und er wußte am beſten, wie nöthig eine ſolche ihm ſei. Als er ſich dem Gehöft des Bildſchnitzers nä⸗ herte, ſah eine nicht mehr junge Frau aus dem Fen⸗ ſter und ſagte verwundert, indem ſie ſich zu den im Zimmer bei ihr befindlichen Perſonen wandte:„Mein Gott, da kommt ein Menſch, der doch akkurat aus⸗ ſieht, wie der Heinrich Kepler vor zwanzig bis fünf⸗ undzwanzig Jahren.“ „' iſt auch der Heinrich Kepler,“ entgegnete der wackere Meiſter Wellinger, der in dieſem Augen⸗ blick zu ſeiner Frau ans Fenſter trat,„nur iſt's der Sohn und Du ſprichſt wohl vom Vater, ich ſah ihn bald nach ſeiner Heimkehr aus Ungarn, als ich in Leonberg war.“ „Er kommt wohl hierher,“ meinte Apollonia, 88 „der Bruder meines Johannes, wie es nur kommt, daß Kinder eines Vaters und einer Mutter gar ſo verſchieden ſein können.“ In dieſem Augenblick begrüßte der Hofhund, der wie ſein Ahn Mummel genannt wurde, den An⸗ kömmling mit lautem Gebell, und im nächſten ſtand er im Zimmer, legte wie ein erwarteter Gaſt den Hut auf den Schrank und ſagte:„Grüß Euch Gott, Frau Apollonia! Grüß Euch Gott, Meiſter Wellinger, ich hoffe, mein Großohm Johannes Guldenmann be⸗ findet ſich wohl, ich komme, um den alten Herrn zu beſuchen, ich bin Heinrich Kepler, wenn Ihr's wiſſen wollt, ſoll Euch auch einen ſchönen Gruß ſagen von meiner Mutter Katharina Keplerin.“ „Sei uns willkommen, Heinrich,“ entgegnete Apol⸗ lonia freundlich,„und nimm Platz, bis ich Dich hin⸗ über ins große Zimmer zum Oheim führen kann, der in dieſem Augenblick ſeinen Abendtrunk zu ſich nimmt und nicht geſtört ſein mag, bis er ſelbſt ausruht, oder zu uns hinüberkommt. Er wird ſich herzlich freuen, einen ſo nahen Verwandten wieder zu ſehen.“ „Er! hm ja! das glaub' ich ſelbſt! Er war immer ein ehrlicher Kerl und paſſabel guter Ver⸗ wandter; ob aber andere Leute, die ſich vielleicht auf ſeine Erbſchaft geſpitzt haben, auch Freude über meine R Frage.“ Apr gegnete: zen ſein, aus gut mit Eui ſchaft. 6 ſehr ung gens köt der Euri ſo ſicher leicht ein Bruders, der übri ausliefern Hand le friſch und Hei höhniſch „3 Meiſter nicht vo Welt un genheiten nur kommt, nutter gar ſo r Hofhund, de, den An⸗ üchſten ſtand er Gaſt den Euch Gott, r Wellinger, denmann be⸗ en Herrn zu Ihr's wiſſen ß ſagen von gegnete Apol⸗ ch Dich hin⸗ en kann, der ſich nimmt ſoſt ausruht, ſich herzlich er zu ſehen.“ ſt! Er war guter Ver⸗ pielleicht auf reude über 89 meine Rückkehr haben werden, das iſt eine andere Frage.“ Apollonia ſchwieg, Meiſter Wellinger aber ent⸗ gegnete ruhig:„Es möchte Euch vielleicht von Nuz⸗ zen ſein, auf einen Rath zu hören, den ich Euch aus gutem Herzen gebe, Heinrich Kepler. Sprecht mit Eurem Ohm Guldenmann nicht von der Erb⸗ ſchaft. Er iſt eben ein alter Mann und läßt ſich ſehr ungern an die Nähe des Todes erinnern; übri⸗ gens könnt Euch darauf verlaſſen, daß Euer und der Eurigen Anrecht in den Händen meiner Frau ſo ſicher iſt, als in Euren eigenen. Was ſie ſelbſt viel⸗ leicht einmal erbt, wird das Eigenthum Eures älteſten Bruders, den ſie wie ihr eigen Kind liebt, das Erbe der übrigen Verwandten wird ſie ſicherlich richtig ausliefern, wenn es einmal dahin kommt. Vor der Hand lebt aber unſer alter Wohlthäter noch, iſt friſch und geſund, und es wäre doch eine Sünde“— Heinrich Kepler ſtrich ſich den Schnurbart, lachte höhniſch und ſagte: „Ihr ſeid wohl ein ſchrecklich kluger Patron, Meiſter Wellinger, nicht wahr? ich aber bin auch nicht von geſtern, habe mich lange und viel in der Welt umhergetrieben, und gedenke meine Angele⸗ genheiten in meiner eigenen Weiſe zu beſorgen. 90 Was habt Ihr denn ſo eigentlich für Nachrichten von meinem gelehrten Herrn Bruder?“ „Ach,“ entgegnete Apollonia traurig,„da kann ich Euch wenig Tröſtliches mittheilen. Der arme Johannes hat viel, gar viel zu leiden, und die Zei⸗ ten ſind von der Art, daß man ſorecht kein Ende von all den ſchrecklichen Verwickelungen ſieht, unter denen diejenigen leiden müſſen, die etwas mehr als wir im Weltgedränge leben.— Aber ſchau doch ein⸗ mal hinaus nach dem Waldwege, herzlieber Mathias, dort kommt ein Reiter daher, der offenbar zu uns will, das iſt ja eine Seltenheit, daß wir alten Leute zwei Gäſte an einem Tage bekommen.“ Die Figur des Reiters zeigte ſich klar und deut⸗ lich auf dem Goldgrunde der Abendröthe, und nach wenigen Minuten lenkte derſelbe ſein Roß, einen ſtattlichen Braunen, auch in das Gehöft des Mei⸗ ſters Guldenmann. Es war ein hübſcher Mann, mit feinen Geſichts⸗ zügen und zierlicher Haltung. Er trug ſchwarze an⸗ ſtändige Kleidung, den Mantel und die Schaube der Richter und Rechtsgelehrten, ein Baret mit ſchwar⸗ zer Feder, und kleine Sporen an den Stiefelnz ſtieg im Hofe vom Pferde, das er ſelbſt am Zügel behielt, und ſchickte den Knecht, der ihm entgegengekommen war, m Beſold, nauer F Kepler, Meiſter Apo gen, daß ſollte, ka lichſten 7 ihr in da Auch die Stube ner. Apo men ſtan am Haup Mathias beiten an deckten T Imbiß vei lieber Fre genaueſte enthält, Nachrichten g,„da kann Der arme au doch ein⸗ er Mathias, nbar zu uns r alten Leute lar und deut⸗ the, und nach Roß, einen öft des Mei⸗ inen Geſichts⸗ ſchwarze an⸗ Schaube der t mit ſchwar⸗ tiefeln; ſtieg ügel behielt, egengekommen 91 war, mit der Anfrage hinauf: ob Herr Chriſtoph Beſold, erſter Gerichtſchreiber zu Tübingen und ge⸗ nauer Freund des Mathematikers Herrn Johannes Kepler, in wichtiger Angelegenheit den Bildſchnitzer Meiſter Johannes Guldenmann ſprechen könne? Apollonia ging dem neuen Gaſte ſo eilig entge⸗ gen, daß der Knecht, der ihm das Pferd abnehmen ſollte, kaum folgen konnte, und bat mit ihrer herz⸗ lichſten Freundlichkeit den Freund ihres Johannes, ihr in das Wohnzimmer zu folgen. Auch dieß war ſo freundlich und gemüthlich, wie die Stube mit dem eichenen Kaſten, wenngleich klei⸗ ner. Apolloniens Spinnrädchen und ihr großer Rah⸗ men ſtanden in verſchiedenen Ecken desſelben, und am Hauptfenſter befand ſich der Tiſch, an welchem Mathias Wellinger ſeine kleinſten und feinſten Ar⸗ beiten anzufertigen pflegte. „Ich kenne dieſen Raum,“ ſagte Beſold lächelnd, nachdem er mit Heinrich Kepler Platz an einem ge⸗ deckten Tiſch vor dem Kamin genommen, wo ſie einen Imbiß verzehrten.„Wie oft hat Johannes, mein herz⸗ lieber Freund und Studiengenoſſe, ihn mir auf das genaueſte geſchildert, ſammt all den Sachen, die er enthält, und den wackern Perſonen, deren Heimat er — 92 iſt. Dieſer Mann hier iſt alſo ein jüngerer Bruder meines Freundes?“ „Zu dienen, Herr,“ entgegnete Heinrich,„freilich bin ich kein Gelehrter wie er, ich bin eben ein Kriegs⸗ mann geweſen, und beabſichtige jetzt als ein Bürgers⸗ mann zu leben und zu ſterben“— „Es ſind nicht viele Menſchen gelehrt wie Euer Bruder, mein Herr Kepler,“ ſagte Beſold. „Mit jedem Buche, das er der Welt ſchenkt, zeigt ſich mehr und mehr die Weisheit, welche Gott ſelbſt in ſeine jugendliche Seele gelegt zu haben ſcheint, und die Tiefe der Wiſſenſchaft, die er ſich duh eigenen Fleiß erworben. Er iſt ein Licht ſeiner Zeit, deſſen vollen Glanz aber erſt eine viel ſpätere zu würdigen wiſſen wird— „Ihr ſeid ein beredter Lober,“ lachte Heinrich, „ſähet Ihr nicht ſo ſtattlich und vornehm aus, ſo möchte man auf den Glauben kommen, Ihr beab⸗ ſichtigtet Euch Geld zu borgen von der Muhme Apollonia hier, und wüßtet die Weiſe ſehr gut, wie Ihr ſie zu beſtechen habt.“— „Alſo Ihr ſeid Frau Apollonia Wellinger,“ rief Beſold, einen langen Blick auf die kleine zarte Frau heftend, der das nahende Alter nichts von der Feinheit und Zierlichkeit, ja kaum etwas von der Fr Die ſar ſcheinun und w feinen desſelbe in das n Ferne Roſenfa weißen 26 wunder! denken, man es welcher ter De Ihr do ſeine„ die Sc Eurem genau 0 hält n Zerſtrer ger ruk ngerer Bruder nrich,„freilich den ein Kriegs⸗ Z ein Bürgers⸗ gelehrt wie ſagte Beſold. t ſchenkt, zeigt che Gott ſelbſt haben ſcheint, er ſich durch ht ſeiner Zeit, iel ſpätere zu achte Heinrich, nehm aus, ſo nen, Ihr beab⸗ ider Muhme ſehr gut, wie ia Wellinger,“ die kleine zarte ter nichts von im etwas von 93 der Friſche der Jugend hatte rauben können. Die ſaubere matronenhafte Kleidung gab ihrer Er⸗ ſcheinung einen züchtigen, faſt jungfräulichen Ausdruck, und wenn man gleich bei näherer Betrachtung des feinen Geſichtchens ſehen konnte, daß die reine Haut desſelben jene kleinen Linien bekam, welche die Jahre in das menſchliche Antlitz zeichnen, ſo hatten, aus der Ferne geſehen, ihre rundlichen Wangen noch die Roſenfarbe, ihre feinen Lippen den Purpur, ihre weißen Zähne den Schmelz der Jugend. „Ihr ſeid Eurer äußeren Perſönlichkeit nach eine wunderbare Frau,“ ſagte Beſold nach einigem Nach⸗ denken, ſich an Apollonia wendend,„und faſt koͤnnte man es nicht glauben, daß Ihr diejenige ſeid, von welcher mein Freund Johannes mit ſolcher begeiſter⸗ ter Dankbarkeit in ſeinen Knabenjahren ſprach, ſeht Ihr doch aus, als ob Ihr eher ſeine Schweſter, als ſeine Pflegemutter ſein könntet, und dennoch ſtimmt die Schilderung, welche Johannes vor Jahren von Eurem Geſicht und Weſen machte, heute noch gar genau mit Eurer Erſcheinung zuſammen.“ „In der freundlichen Ruhe des Landlebens be⸗ hält man einige Jugendlichkeit länger, als in den Zerſtreuungen der Städte,“ entgegnete Frau Wellin⸗ ger ruhig,„zudem ſehen kleine und ſchlanke Perſonen G 94 ſtets viel jünger aus, als große und ſtarke. Ich bin älter, als die rechte Mutter meines Johannes, und er könnte den Jahren nach ſehr wohl mein Sohn ſein, Gott aber hat mich mit Mutterfreuden nicht geſegnet, doch die Liebe des Jünglings, den ich erzog, gibt mir Erſatz dafür.“ „Was für Nachrichten habt Ihr von dem vor⸗ trefflichen Magiſter Kepler?“ fragte Beſold mit eini⸗ ger Beziehung. „Er hat lange nicht geſchrieben,“ entgegnete Apollonia mit einem Seufzer,„doch weiß ich leider, daß es ihm nicht wohlgehen kann, da er ſich doch mit allen ſeinen Gefährten, den würdigen Lehrern an der Stiftsſchule in Grätz, in traurigen Verhältniſſen be⸗ findet. Der jugendliche Erzherzog eifert gegen die Proteſtanten in ſeinem Staate und hat feſt beſchloſ⸗ ſen, ſie darin nicht zu dulden. Johannes klagt nicht gern in ſeinen Briefen, darum ſchweigt er jetzt wohl gänzlich, bis Gott beſſere Zeiten gibt und er mir, ſeiner treueſten Freundin, Gutes mitzutheilen hat.“ „Ich habe Nachricht von ihm, wenn auch nicht auf direktem Wege,“ ſagte Beſold nach einer kurzen Pauſe,—„und laſſen Sie mich offen ſein, werthe Frau Wellinger, ich bin eben zu Ihnen gekommen, um mit Ihnen Rückſprache zum Beſten meines Jugendfr Herzen g Die geiſtvolles von Wol in großer tigkeit be⸗ man ſich dieß ſind gegenwär in kurzen uns verſ Herr Dot Jeſuiten ſeinem S ke. Ich bin hannes, und mein Sohn reuden nicht en ich erzog, in dem vor⸗ old mit eini⸗ entgegnete ß ich leider, er ſich doch Lehrern an ältniſſen be⸗ gegen die feſt beſchloſ⸗ s klagt nicht er jetzt wohl ad er mir, ſeilen hat.“ hn auch nicht einer kurzen ſein, werthe gekommen, ſten meines 95 Jugendfreundes zu nehmen, mit dem ich es vom Herzen gut meine.“ Die Wange der Matrone röthete ſich und ihr geiſtvolles Auge blickte mit einem eigenen Ausdruck von Wohlwollen und Achtſamkeit zu dem Gaſte empor. „Reden Sie, mein werther Herr Gerichtſchrei⸗ ber,“ ſagte ſie eifrig,„reden Sie, und glauben Sie, daß ich alles thun werde, was Sie zum Beſten meines theuern Sohnes etwa von mir verlangen und erwarten können.“ „Sie können und ſollen nur Eines thun, meine werthe Frau Wellinger— warnen! Johannes ſchwebt in großer Gefahr, die er ſich ſelbſt durch Unvorſich⸗ tigkeit bereitet. Die Zeiten ſind von der Art, daß man ſich hüten muß, die Machthaber zu reizen, und dieß ſind in unſerm Lande die Geiſtlichen.“ „Auch wohl in andern Ländern,“ warf Heinrich Kepler dazwiſchen.„Fragt einmal, wer der beſte Rathgeber des mächtigen Erzherzogs Mathias iſt, der gegenwärtig in Ungarn gegen die Türken kämpft und in kurzem König von Ungarn und vielleicht, eh' wir's uns verſehen, Kaiſer ſein wird. Ein Geiſtlicher! Herr Domprobſt Klesl. In Bayern haben es die Jeſuiten dahin gebracht, daß der Churfürſt Wilhelm ſeinem Sohne Marimilian, den ſie erzogen, die Re⸗ 96 gierung abgetreten, in Steiermark ſind ſie offenkun⸗ dig Räthe und Miniſter. Der Kardinal Dietrichſtein ſpielt keine kleine Rolle bei des Kaiſers Majeſtät, obſchon da die Herren Goldmacher noch mehr zu ſagen haben, aber“— „Die katholiſche Geiſtlichkeit iſt immer noch we⸗ niger zu fürchten, als die proteſtantiſche,“ ſagte Be⸗ ſold,„und dieſe hat ſich Magiſter Johannes zum Feinde gemacht, und verfeindet ſie ſich mit jedem Tage mehr.— Er iſt es, welcher auf die Einführung des neuen gregorianiſchen Kalenders dringt, und behauptet, daß durch dieſelbe erſt Ordnung in die chriſttliche Zeitrechnung gebracht werden müſſe. Er macht über⸗ all und immer wieder in ſeinen Schriften den Ver⸗ ſuch, die Bibel mit ſeinen und des Kopernikus Ent⸗ deckungen im Gebiet der Aſtronomie in Einklang zu bringen, und iſt dreiſt genug, es auszuſprechen; die Bibel ſei kein Lehrbuch der Phyſik, ſondern der Mo⸗ ral. Das ginge nun alles ebenfalls noch an, ſolange er ſich in einem andern Lande als Schwaben befindet. Die gelehrten Jeſuiten Harewart, Cyſetus und Fickler unterſtützen ihn und ſtehen auf ſeiner Seite; hier aber in Schwaben erhebt ſich ein Ungewitter, das ſehr zu fürchten ſein dürfte, über ſeinem Haupte.— Herr Mäſtlin der Jüngere, ein Vetter des Diakonus Mäſtlin kopernika Univerſit und hat gar gegen müſſen. kann ein gehen zwi lingt, geg kämpfen. verſität in ſie zu erl ſchwerlich Schickſal rola berei da, wo er nachgeben retten. W ger, auch Ihrem M Apol ſchwieg, er blickte ihn treuer Fre ſagte ſie ſa 1857. XXII ſie offenkun⸗ Dietrichſtein ers Majeſtät, öoch mehr zu ner noch we⸗ „¹ ſagte Be⸗ hhannes zum tjedem Tage iführung des nd behauptet, die chriſtliche macht über⸗ ten den Ver⸗ bernikus Ent⸗ Einklang zu iſprechen; die bern der Mo⸗ han, ſolange ben befindet. s und Fickler Seite; hier gewitter, das Haupte.— des Diakonus 97 Mäſtlin in Weil, iſt auch ein getreuer Anhänger des kopernikaniſchen Syſtems, er muß aber dennoch ſeine Univerſitätsvorträge nach dem ptolomäiſchen halten und hat auf Verlangen der höheren Geiſtlichkeit ſo⸗ gar gegen die Einführung des neuen Kalenders ſchreiben müſſen.— Es geht einmal nicht anders, den Strom kann ein Einzelner nicht aufhalten und zum Zurück⸗ gehen zwingen. Es iſt ſchon genug, wenn es ihm ge⸗ lingt, gegen denſelben ſich ſelbſt ſchwimmend durchzu⸗ kämpfen.— Kepler wünſcht eine Stellung an der Uni⸗ verſität in Tübingen, und thut alle möglichen Schritte, ſie zu erhalten.— Geſchieht dieß, ſo iſt er verloren; ſchwerlich könnte ihn ſeine Gelehrſamkeit vor dem Schickſal ſchützen, das Kalvin in Genf dem Savona⸗ rola bereitete; denn ich kenne ihn und weiß, daß er da, wo er für die Wahrheit zu kämpfen meint, nicht nachgeben würde, um ſein Leben durch Widerruf zu retten. Warnen Sie ihn daher, werthe Frau Wellin⸗ ger, auch ich habe es bereits gethan, ein Wort aus Ihrem Munde wird aber größeres Gewicht haben.“ Apollonia hatte ſchweigend zugehört; als Beſold ſchwieg, erhob ſie ihre thräneufeuchten Augen und blickte ihn liebevoll an.„Sie ſind ein guter und ge⸗ treuer Freund, mein werther Herr Gerichtſchreiber,“ ſagte ſie ſanft,„und Gott lohne Ihnen die Liebe, die 1857. XXII. Johann Kepler IlI. 7 98 Sie meinem Johannes erzeigen. Armer Johannes! Die katholiſche Geiſtlichkeit verfolgt ihn wegen ſeines Glaubens, und die proteſtantiſche verfolgt ihn noch mehr, ſie, die ihn ſchützen, erheben ſollte.— Was hat er nur gethan, um beide ſtreitenden Parteien zu Feinden zu haben? Er, der Gütige, Sanfte, Weiſe, der niemals jemandem heftig widerſpricht, der nur mit Gründen ſeine eigene Meinung vertheidigt und liebevoll allen Parteien Gerechtigkeit widerfahren läßt und überall zum Frieden rathet.“ „Er hat ſich eben zu keiner Partei gehalten, und iſt ſeinen eigenen Weg gegangen. In Zeiten wie der jetzigen, wo die ganze Menſchheit in feind⸗ liche Lager zerfällt, gilt von beiden Seiten der Grund⸗ ſatz: wer nicht für mich iſt, der iſt wider mich. Kepler ſollte ſich feſt an eine Partei halten, ihre Lehrſätze ungeprüft unterſchreiben und die Wahrheit, welche er ſucht, für ſich allein behalten. Er ſollte wie Kopernikus ſeine Weisheit erſt nach ſeinem Tode der Welt bekannt machen; wer heißt ihn, ſein eigenes Glück und Fortkommen der Wahrheit zum Opfer bringen?“ „Sein eigenes Herz,“ entgegnete Apollonia ſanft. „Solche Menſchen, wie mein Johannes, ſind die Lichter am Himmel der Menſchheit, und ob ſie leuch⸗ tiren,“ wenn nu gen ſeine Feuertod Art gar Lande, nen, gla ſold, ſoon ſeinem F hannes „S Johannes! pegen ſeines gt ihn noch te.— Was Parteien zu anfte, Weiſe, icht, der nur rtheidigt und derfahren läßt artei gehalten, In Zeiten heit in feind⸗ en der Grund⸗ wider mich. ei halten, ihre die Wahrheit, en. Er ſollte h ſeinem Tode —, ſein eigenes it zum Opfer blpollonia ſanft. unes, ſind die d ob ſie leuch⸗ 99 tend ſich ſelbſt und ihr Glück verzehren, ſie erfüllen den Beruf, den Gott ihnen gab.— Huß und Lu⸗ ther, Savonarola und Wiklef, und in alten Zeiten die Griechen Sokrates und Ariſtides, waren Männer, wie mein Johannes. Ja der Heiland ſelbſt, der ein⸗ geborne Sohn Gottes, litt und ſtarb für die Wahr⸗ heit.— Ich will den Sohn meines Herzens zur Vorſicht ermahnen, aber ich bin ſtolz auf ſeinen edlen Freimuth und auf ſein feſtes Ausharren.“ Beſold lächelte.„Frauen ſind leicht zu exal⸗ tiren,“ meinte er,„aber, werthe Frau Wellinger, wenn nun der Mann, den Sie mütterlich lieben, we⸗ gen ſeines Freimuthes zu Kerker und Folter, ja zum Feuertode verdammt würde, was bei ſeiner ganzen Art gar nicht unmöglich iſt, ſofern er in einem Lande, wie dieß Schwaben, lebte, was würden Sie dann ſagen?“ „Ich werde Gott bitten, das Opfer meines Le⸗ bens für das ſeine hinzunehmen,“ entgegnete ſie mit ſeltſam glänzenden Augen,„auch werde ich ihn war⸗ nen, glauben Sie mir das, mein werther Herr Be⸗ ſold, ſoviel Vorſicht, als es ſich mit ſeiner Ehre und ſeinem Freimuth verträgt, wird mein herzlieber Jo⸗ hannes auch ſicherlich anwenden.“ „Schreiben Sie ihm vor allen Dingen, daß er 7* 100 unter keiner Bedingung Lehrer an einer ſchwäbiſchen Univerſität werde. Hier iſt keine Luft, die er ath⸗ men kann, und beſſer immer noch wird Kepler der Gelehrte, mit den Jeſuiten als mit den proteſtan⸗ tiſchen Zeloten fertig werden. Zudem kämpft ſich's leichter gegen Feinde, als gegen Freunde, und die Welt iſt ja ſo groß, und der Schulen der Weisheit, in denen er das Licht ſeines trefflichen Geiſtes leuch⸗ ten laſſen kann, ſind ſo viele. Es wäre für ihn ein Glück, wenn er an einer der Univerſitäten Eng⸗ lands wirken könnte oder in Frankreich, wo die Mon⸗ archen in ihrem Intereſſe oder aus eigener Nei⸗ gung den Proteſtantismus begünſtigen, ohne ſich an die augsburgiſche Konfeſſion und die Konkordienfor⸗ mel zu binden.“— Heinrich Kepler hatte dieſem Geſpräch eine Zeit⸗ lang ſchweigend mit übereinander geſchlagenen Armen zugehört.„Ich dächte,“ ſagte er dann,„einem Mann, wie meinem gelehrten Bruder, könnte es nir⸗ gend in der Welt fehlen, verſteht er doch in den Sternen die Zukunft zu leſen, Gold aus Blei zu machen und den Trank zu brauen, der das Leben verlängert.'s iſt in unſerer Familie ein eigen Ding, daß ſoviel Gelehrſamkeit darinnen iſt. Muhme Apollonia iſt eine kluge Frau, die Dinge verſteht, welche zogen l hat aue Himmel ment ir ſchönen cherin g nichts f meinem Vorberei „Ie gehen,“e ſicherlich ſtunde, n ſehr hei ſonſt in Truhe ſt Er leiſe vor „Di nen ſanft Beſold ihr ſchwäbiſchen die er ath⸗ Kepler der in proteſtan⸗ kämpft ſich's ide, und die er Weisheit, Geiſtes leuch⸗ äre für ihn ſitäten Eng⸗ do die Mon— eigener Nei⸗ ohne ſich an onkordienfor⸗ ſäch eine Zeit⸗ genen Armen ann,„einem önnte es nir— r doch in den aus Blei zu er das Leben n eigen Ding, ſt. Muhme dinge verſteht, 101 welche ſonſt keiner weiß. Mein Bruder, den ſie er⸗ 55 ha⸗ iſt ein Sterndeuter, und meine Mutter enn ſo ihre Verkehrſchaften mit allerlei zwiſchen Himme und Erde. Der prophezei' ich, ohne juſta⸗ dredt in den Sternen leſen zu können, noch einen ſh rothen Mantel, wie ihn die Muhme Strei⸗ 3 getragen.— Na, hübſche Sippſchaft— na nichts für ungut, Muhme, werd' ich nun bald u eijenn Oraſohi gehen können, oder habt Ihr Euie orbereitungen dazu noch nicht gehörig gemacht?“ „Ich hindere Euch nicht, zu Euerm Ohm zu püai entgegnete Apollonia,„jetzt wird er Euch auch cherlich gern ſprechen, denn in der N zmi prech d achmittags⸗ ſtndezenenuneſepie Wein getrunken, iſt er meiſtans hr hei nd ſieht einen Beſuch gern r laß mich Leſregen ob er Euch ſprechen wilen, nr laßi „Lieber nicht,“ ſagte Heinrich lach nicht Heinrich end,„ich denk' ni 983 beüten 38 vorzuſtellen, er iſt ja Lh wie er großen St ſei 5 Vrdeval ube, wo ſeine verſchloſſene Er ergriff bei dieſen Worten ſei 1 ergriff ſen Worten ſeinen Hut, pfiff leiſe vor ſich hin und verließ das Zimmer. Pu, wiiſ 33 ſanhieſ Mäni hat eben nicht viel, das an ſei⸗ i ſanften und gütigen Bruder erinnert,“ meinte Beſold ihm nachblickend. kiise meihde „Es iſt ein rauher Charakter,“ ſagte Apollonia, „doch ſteht zu hoffen, daß das Leben in ruhigen bür⸗ gerlichen Verhältniſſen ihn ſänftigen werde. Katha⸗ rina Kepler mag ſich wohl gar ſehr gefreut haben, dieſen Sohn, auf den ſie ſtets ſo große Stücke hielt, nun wieder in der Heimat zu ſehen.“ „Die Freude iſt eben nicht allzugroß geweſen,“ ſagte Mathias Wellinger,„wenigſtens hat ſie nicht allzulange gedauert, denn Mutter und Sohn hatten ſich ſchon ſtark veruneinigt, als ich ſie bei einander ſah.— Er hat aus Ungarn eine Frau mitgebracht, die ſicherlich zwanzig Jahre älter iſt als er, und einen Haufen Stiefkinder, vielleicht auch ein Paar eigene darunter. Die Frau mag einmal hübſch genug ge⸗ weſen ſein, noch jetzt, wenn ſie ſich ausſtaffirt, ſieht ſie jung und zierlich aus. Sie hat ſicherlich die Welt geſehen, und gar mancherlei Schickſale und Fahrten durchgemacht; denn von welchem Lande man auch ſpricht, da iſt ſie ſchon geweſen.“ „Gott gebe der armen Katharina, daß ihrt Schwiegertochter ihr kindliche Ehrerbietung bezeige,“ meinte Apollonia. „Den Jahren nach könnte ſie ihr eher ſchweſter⸗ liche Freundſchaft bezeigen,“ ſagte Wellinger lachend, „s iſt ſogar möglich, daß die Tochter älter iſt als in dem Greis n Je Tiſch ge die an ſo daß e Apollonia, ruhigen bür⸗ de. Katha⸗ freut haben, Stücke hielt, oß geweſen,“ hat ſie nicht Sohn hatten bei einander i mitgebracht, er, und einen Paar eigene ſch genug ge⸗ sſtaffirt, ſieht ſicherlich die Bchickſale und m Lande man ina, daß ihrt tung bezeige, eher ſchweſter⸗ lllinger lachend, er älter iſt als 103 die Mutter, obſchon die Dame Olympia mit ihren ſchwarzen Haaren und weißen Zähnen, mit ihren glänzenden Kleidern und falſchen Edelſteinen aller⸗ dings ſtattlicher ausſieht als die ſchlämpige frühge⸗ alterte Katharina.“— Heinrich Kepler war während dieſes Geſprächs durch den Hausgang geſchritten, der die Wohnung der wellingerſchen Eheleute von der des alten Gul⸗ denmann trennte. Vor der eichenen Bogenthür, die zu der ihm aus der Kinderzeit wohlbekannten Halle führte, ſtand er einen Moment ſtill, und ließ die Hand auf dem Thürſchloß ruhen, ohne zu öffnen. „Na, nun gib mir ſüße Worte, Teufel, dem ich diene,“ ſagte er und blickte in die Finſterniß, die ihn umgab,„gib mir die Macht zu ſchmeicheln und zu heucheln, damit ich den Alten da drinnen bewege, mir von ſeinen alten Gulden und Pfennigen ſoviel zu geben, als ich haben muß.“ Leiſe drückte er dann die Thür auf und ſtand in dem wohlerhellten freundlichen Gemach, wo der Greis noch immer am Kamine ſaß. Jetzt aber hatte er das weiße Haupt über den Tiſch gebeugt und zeichnete beim Scheine einer Lampe, die an drei zierlichen Ketten am Balken befeſtigt war, ſo daß ihr volles Licht auf ſeine Arbeit fiel. „Ich ſag' Dir, Mathias, es muß gehen und wird gehen,“ ſagte er, als Heinrich eintrat, dem er auf ſeinem Sitze den Rücken wendete.„Sieh nur, dieſe Linien laſſen ſich auch im härteſten Holz ganz gut herausarbeiten.“ „Guten Abend, Ohm!“ ſagte Heinrich mit ſeiner tiefen Stimme,„es iſt nicht Euer Gehilfe, mit dem Ihr ſprecht, ſondern Euer Neffe und Diener Hein⸗ rich Kepler, der aus fernen Landen heimgekehrt, Euch aufzuſuchen und nach Euerm Befinden zu ſehen kommt.“ Der Greis drehte ſich raſch um, und ließ das volle Licht der Lampe auf das Geſicht des Eintre⸗ tenden fallen. „Nun ſei herzlich gegrüßt, Neffe,“ ſagte er und bot ihm die ſchlanke, verwelkte Hand,„ſei gegrüßt, Sohn meines Bruderkindes, und möge es Dir in der Heimat gefallen, die Du ſo leichtſinnig verlaſſen haſt.“ „Es muß jeder ſeine Erfahrungen für ſich machen, Herr Ohm,“ entgegnete Heinrich,„und ich denke, ich habe in Ungarn Gelegenheit genug gehabt, mir die tollen Hörner abzulaufen.— Ich habe auch Erfah⸗ ungen in der Fremde gemacht, mehr als mancher andere und mir ein Weib geholt. Ich werde nun Gutes thun, verlaßt Euch darauf, ein Ehemann und Familien ger Mer beſonder⸗ Dich zu hat ſie Du ſie Deinen Hei ſagte er, müßtet n nicht Me alle mein ſie wie A Ich komr in Eltinge thias Wel Herrn Br Ich hab' in und wird dem er auf nur, dieſe ganz gut ch mit ſeiner fe, mit dem iener Hein⸗ kkehrt, Euch hen kommt.“ id ließ das des Eintre⸗ ſagte er und „ſei gegrüßt, 3 Dir in der laſſen haſt.“ ſich machen, 9 denke, ich abt, mir die auch Erfah⸗ als mancher Sh werde nun themann und 105 Familienvater hat anderes zu bedenken, als ein ledi⸗ ger Menſch.“ „Nun das freut mich zu hören, Heinrich, thu' beſonders Deiner Mutter Gutes, ſie pflegte ſehr über Dich zu klagen, als Du noch bei ihr warſt, und doch hat ſie ſoviel um Dich geweint und gejammert, da Du ſie verlaſſen, ſie liebt Dich bei Gott von allen Deinen Geſchwiſtern am meiſten.“ Heinrich Kepler zuckte die Achſeln.„Ohm,“ ſagte er,„ich ſollte doch denken, Ihr oder keiner müßtet meine Mutter kennen. Mit der zu leben, iſt nicht Menſchen möglich, das wißt Ihr, das wiſſen alle meine Geſchwiſter, das wußte mein Vater, den ſie wie mich in die weite Welt getrieben hat.— Ich komme darum auch zu Euch, auf Euch hab' ich mein Zutrauen geſetzt, Ihr werdet mir auch beiſtehen. Ihr ſeid ein alter Mann, Ihr ſeid ein reicher Mann, die Kinder meiner Mutter ſind Eure einzigen Erben, ſind wir doch ſogut wie Eure Enkel, da Ihr keine Kinder habt, die Euch näher ſtünden als meine Mutter. Mein Großvater iſt arm verſtorben, ſeine Wirthſchaft in Eltingen war verſchuldet, und der Verkauf, den Ma⸗ thias Wellinger beſorgte im Auftrage meines gelehrten Herrn Bruders, hat nur knapp die Gläubiger befriedigt. Ich hab' allerlei verſucht, um durch die Welt zu kommen. Ich bin Schreiber geweſen und Gaſtwirth und Zahndoktor und endlich Soldat— als alles andere mißglückte. Im ungariſchen Kriege unter den Fahnen des Erzherzogs Mathias iſt mir's am beſten gegangen. Ich ſtand im Regiment des tapfern Herrn von Lob⸗ kowic und habe Gelegenheit gefunden, Beute zu ma⸗ chen, und habe gut gelebt mitten im Lärm des Krieges. „Dort fand ich auch meine Frau, eine ſchöne und vornehme Spanierin, die Witwe eines tapfern Kapitäns, Donna Olympia Gonſalva. „Hört, werther Oheim, ich fand die Dame in glänzenden Verhältniſſen, ich mußte ſie für ſehr reich halten, auch ich hatte damals nicht Mangel an Geld — wir wurden getraut,— vor der Trommel durch den Feldpater; Donna Olympia hatte mich als Ehrenräuber und Verführer bei meinem Obriſten dem Herrn von Lobkowic verklagt, und ich mußte ihr Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Auch that ich's mit Freuden, die Dame war, obwohl nicht allzujung mehr, doch ſchön, ſehr ſchön, auch hielt ich ſie für reich und mein Glück durch ſie für begründet.— Im letzten aber hatte ich mich geirrt. Olympia hatte ſchöne Kleider von Sammt und Atlas mit Gold und Perlen geſtickt, aber ſie hatte auch vier Kinder und das fünfte ließ nicht lange auf ſich warten. Sie hatte lebt 1 — S das ich erte ſie Ohm! ſchlimn von me ſiebenje Hier b⸗ ein gut ſeid ei Gaſtwirth und alles andere den Fahnen ten gegangen. errn von Lob⸗ Beute zu ma⸗ des Krieges. , eine ſchöne eines tapfern die Dame in für ſehr reich tangel an Geld rrommel durch atte mich als Obriſten dem ich mußte ihr ich that ich's nicht allzujung ielt ich ſie fir ründet.— Im Olympia hatte las mit Gold ich vier Kinder h warten. Sit 107 hatte vom Verkauf ihrer Edelſteine als Witwe ge⸗ lebt und erwartete nun von mir Geld und Gut. — Solange es ging, lebten wir von dem Gelde, das ich erbeutet. Das war eine gute Zeit, doch dau⸗ erte ſie nicht lange; dann kam ſo manches— hm! Ohm! ich hatte viel Unglück, ich hab' ſchlimme, ſchlimme Dinge erlebt, ſehr ſchlimme Dinge, ich ging von meinem Regimente ab, als der Erzherzog einen ſiebenjährigen Waffenſtillſtand mit den Türken ſchloß. Hier bin ich nun, Frau und Kinder erwarten von mir ein gutes Leben, ſie ſind daran eben gewöhnt. Ihr ſeid ein reicher Mann, wir ſind Eure Erben, gebt uns bei Leibesleben das, was wir nach wenigen Jahren doch bekommen würden, und wir wollen Euch dankbar ſein, werden Euch auch mehr Ehre machen als dieſe Wellingers, die nun ſchon ſo viele Jahre vom Euri⸗ gen zehren, das im Grunde doch das unſtrige iſt.“ Der alte Guldenmann hatte den dreiſten Sprecher ausreden laſſen, ihn nur von Zeit zu Zeit von der Seite anſchauend. Als Heinrich Kepler nun ſchwieg, ſagte er langſam:„Na, das iſt denn doch wenigſtens aufrichtig. Da weiß man doch gleich, woran man iſt. — Ich ſoll Dich und die fahrende Dirne, die Du Dir als Weib mitgebracht, hier in mein ſtilles, ehr⸗ liches Bürgerhaus nehmen, ſoll die Freunde, die mich 108 ſeit vielen Jahren pflegen, ſtützen und erhalten, aus⸗ weiſen, damit für Euch Landſtreicher Platz werde, und ſoll das, was ich etwa durch ehrenwerthe Arbeit wäh⸗ rend meines langen Lebens geſammelt habe, Dir noch vor meinem Tode übergeben, damit Du's vor meinen Augen mit einem liederlichen Weibe verthuſt.— Mit nichten, Neffe Heinrich! Willſt Du ein Darlehn von ein Paar hundert Gulden, um ein ehrliches bür⸗ gerliches Gewerbe zu beginnen, da wollt' ich ſchon ein übriges thun und Dir unter die Arme greifen, immer aber nur unter der Bedingung, daß Du Dich zur Rückzahlung an mich oder meine Erben aufs feſteſte verpflichteteſt, und daß Mathias Wellinger, mein Geſchäftsführer ſeit länger als dreißig Jahren, Dich beim Beginn Deiner Niederlaſſung beaufſichtigte. Du biſt der Mann nicht, der mit Geld umzugehen weiß, biſt Deines Vaters richtiger Sohn, voll Hoffart und Vergnügungsſucht, ohne Luſt zur Arbeit und das Spielwerk jeder Dirne, die Luſt hat, Dir das Fell über die Ohren zu ziehen.— Geh' Deiner Wege, Heinrich Kepler, der alte Johann Guldenmann iſt der eitle Narr und undankbare Schuft nicht, für den Du ihn gehalten.“ Der Greis kehrte ſich bei dieſen Worten von ihm ab Zeichnu He legte er oheims Meinun und das Ihr etw voll, da Geiſtlich! ſeit ſo lo ihrem blo nen könnt I ſich auf ich dem und nun „D zer, als gend, hö „O dieſer;„ was ich halten, aus⸗ werde, und Arbeit wäh⸗ übe, Dir noch s vor meinen verthuſt.— ein Darlehn ehrliches bür⸗ ich ſchon ein reifen, immer Du Dich zur aufs feſteſte Ainger, mein Jahren, Dich ſſichtigte. Du ugehen weiß, voll Hoffart rbeit und das Dir das Fell Deiner Wege, ildenmann iſt nicht, für den Worten von 109 ihm ab und beſchäftigte ſich ruhig wieder mit ſeiner Zeichnung. Heinrich Kepler ſchwieg einige Augenblicke, dann legte er die Hand auf die Schulter ſeines Groß⸗ oheims und ſagte höhniſch:„So, das iſt alſo Eure Meinung, ich weiß nun, woran ich mit Euch bin, und das hat auch ſein Gutes, Ihr alter Thor! Denkt Ihr etwa, Euer Thun und Treiben ſei ſo geheimniß⸗ voll, daß niemand davon wüßte? Denkt Ihr, die Geiſtlichkeit würde die Wirthſchaft, die Ihr nun ſchon ſeit ſo langen Jahren mit dieſer Here Apollonia und ihrem blödſinnigen Mann führt, leiden, ſobald ſich nur einer findet, der ihr ein Licht darüber anſteckt? und daß ich der Eine bin, wenn Ihr mich nicht in mei⸗ nen natürlichen Forderungen zufriedenſtellt, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen, ſo gewiß, als Apollonia ſich auf den Scheiterhaufen verlaſſen kann, wenn ich dem Diakonus Mäſtlin ſage, was hier vorgeht und nun ſchon ſeit Menſchengedenken vorgegangen iſt“ „Der Narr faſelt wohl,“ ſagte der alte Bildſchniz⸗ zer, als Heinrich Kepler geendet hatte und ihm ſchwei⸗ gend, höhniſch in die Augen blickte. „O ich faſele nicht im geringſten,“ entgegnete dieſer;„ich bin bei gutem vollem Verſtande und ſehe, was ich ſehe, und weiß, was ich weiß. —ꝛ— 110 „Wie, dieſe Apollonia, die Schülerin einer Hexe, die am Pfahl verbrannt wurde nach Urtheil und Recht, ſollte nicht auch eine Hexe ſein? Dieß Weib, das Euch alten Mann nun ſchon ſo lange am Narrenſeil herumzieht, das Eure Verwandten von Euch wegdrängt und Euch noch in Eurem Alter zum buhleriſchen verliebten Narren macht, ſo daß Ihr nur thut, denkt und ſagt, was ſie will? Dieß Weib, das, obgleich ſaſt fünfzig Jahre alt und mager wie ein Schemen, noch jugendlich ausſieht, daß die Leute ſie von ferne für ein junges Mädchen halten? Dieß Weib, das den Vögeln unter dem Himmel und den Thieren auf dem Felde Zaubertränke eingibt, ſo daß alle ihr nachfolgen und auf ihren Ruf hören? Glaubt Ihr etwa, ich ſei nur ſo auf gut Glück hergekommen, als demüthig bitten⸗ der armer Anverwandter? O mit nichten, Herr Vetter! Von meiner Mutter, von der Zieglerin Leibbrand, von dem Vogt Einhorn und noch von vielen andern recht⸗ ſchaffenen Leuten, die noch die böſe Streicherin gekannt, weiß ich, weß Geiſtes Kind die Apollonia iſt, und was Ihr hier alle mit einander für ein Weſen treibt. „Ich weiß von meiner Mutter, daß Ihr ſchon einmal vor langen Jahren ſogut wie todt waret, ge⸗ lähmt an allen Gliedern, und daß die Apollonia mit der Hilfe des Teufels, der in Geſtalt eines Juden und ein und leb Praktike Teufel beiſteht. mann, i mir Eu ich will empfang De Seſſel er Anklage ihm drol verſtändi aber in Er ſelbſt mißtraui ihre ſich ihr Fleiß den hatt die Frau und dere geſchaffen wirkte d ſeine Se einer Hexe, und Recht, Weib, das n Narrenſeil ch wegdrängt buhleriſchen thut, denkt obgleich ſaſt Schemen, noch ferne für ein s den Vögeln ff dem Felde ichfolgen und a, ich ſei nur rüthig bitten⸗ Herr Vetter! Leibbrand, von andern recht⸗ cherin gekannt, llonia iſt, und Weſen treibt. daß Ihr ſchon odt waret, ge⸗ Apollonia mit lt eines Juden 111 und eines Jeſuiten zu Euch kam, Euch wieder geſund und lebendig gemacht. Ich weiß alle Eure Kniffe und Praktiken, auch daß in der großen Kiſte dort der Teufel ſteckt, dem Apollonia dient und der Euch auch beiſteht. Ihr ſollt mich kennenlernen, Ohm Gulden⸗ mann, ich will Euch ſchon dahin bringen, daß Ihr mir Eure Erbſchaft bei Leibesleben abtretet, oder ich will machen, daß ich das Erbe durch das Gericht empfange.“ Der alte Bildſchnitzer hatte ſich von ſeinem Seſſel erhoben. Nur zu wohl wußte er, was eine Anklage wie die, mit welcher der liederliche Burſche ihm drohte, zu bedeuten hatte. Er war ein Greis, verſtändig zwar, gutherzig und nicht ohne Bildung, aber in keiner Beziehung über ſeiner Zeit ſtehend. Er ſelbſt hatte in früheren Zeiten oft ängſtliche und mißtrauiſche Gedanken über Apollonia gehabt, aber ihre ſich ſtets gleichbleibende Güte, ihr ſanfter Sinn, ihr Fleiß und ihre tauſendfachen häuslichen Tugen⸗ den hatten all ſein Mißtrauen überwunden. Er liebte die Frau, die er ſeit ihrer traurigen Kindheit kannte, und deren hohe Tugend das Glück ſeines Hauſes geſchaffen hatte, mit väterlicher Zärtlichkeit, und dennoch wirkte die furchtbare Beſchuldigung ſchrecklich auf ſeine Seele. 112 Wie eine Eislaſt, die an der Spitze eines Glet⸗ ſchers Jahre lang drohend über einer grünenden blühenden Alm hängt, ſo hatte der Argwohn, daß Apollonia von ihrer ſchrecklichen Erzieherin jene ſo verrufenen Zauberkünſte erlernt, über der Seele des alten Bildſchnitzers gehangen. Die Beſchuldigung Heinrich Kepler's war ausreichend, das Gleichgewicht in der Seele des Greiſes zu ſtören.„Die Loni, heiliger Gott, die Loni eine Hexe,“ ſchrie er und griff mit zitternden Händen nach ſeinem grauen Haupte. „Was haſt Du für Beweiſe dafür, Menſch! was hat ſie gethan, daß irgendwer ſie für eine Hexe hält?“ Hm, Ohm da ließe ſich viel anführen,“ entgegnete Heinrich—„oder wie? ſolltet Ihr ſelbſt nicht ſchon mehr als einmal gemerkt haben, welche Künſte ſie treibt? Könnt Ihr die Hand aufs Herz legen und bei Euerer ewigen Seligkeit ſchwören, daß die Frau Wellinger ſtets geweſen iſt wie jede andere ehrliche Frau? Zu⸗ dem fragt alle Nachbarn in ganz Magſtatt, ja fragt in ganz Weil, was man von ihr hält, Ihr werder eine Antwort aus aller Munde empfangen.“ Johann Guldenmann ſchwieg und rang die Hände. In ſeiner Seele kämpfte der furchtbare Ver⸗ dacht, der ſtets neben ſeiner Liebe für die unglück⸗ liche Frau gewurzelt hatte, mit dieſer ſo verdienten, ſo recht als Zer hämiſch gekomm Euch ſe ſchadet, andern ſie und wandten Zit rem He Neffen u ich habe Möge d ſein, wen Leben z liebt hal „J künftige das not nur zu Verwand geeignet geben.“ eines Glet⸗ grünenden zwohn, daß rin jene ſo Seele des eſchuldigung Gleichgewicht oni, heiliger id griff mit en Haupte. ch! was hat Hexe hält?“ „uentgegnete ſt nicht ſchon iſte ſie treibt? nd bei Euerer au Wellinger Frau? Zu⸗ tatt, ja fragt r werdet eine 11 nd rang die erchtbare Ver⸗ die unglück⸗ ſo verdienten, 113 ſo rechtmäßigen Liebe. Ja dieſe Liebe ſelbſt ſtand als Zeuge wider die Aermſte auf, als Heinrich Kepler hämiſch ſagte:„Und iſt es Euch denn nie in den Sinn gekommen, Oheim Guldenmann, daß die Apollonia Euch, Euch ſelbſt am meiſten mit ihren Zauberkünſten ge⸗ ſchadet, daß ſie Euch durch einen Trank oder einen andern böſen Zauber verhext und gezwungen habe, ſie und ihren einfältigen Mann allen Euern Ver⸗ wandten und ſonſtigen Freunden vorzuziehen?“ Zitternd, mit gefalteten Händen und mit ſchwe⸗ rem Herzen ſtand der Greis vor ſeinem boshaften Neffen und ſagte leiſe:„O Gott erbarme ſich meiner, ich habe wohl manchmal ſchon ſo etwas gefürchtet. Möge der Herr meiner unſterblichen Seele gnädig ſein, wenn ich in den Schlingen einer Unholdin mein Leben zugebracht und dieſe wie eine Tochter ge⸗ liebt habe.“ „Ja! denkt an Euer Seelenheil, denkt an das künftige Leben, Ohm,“ entgegnete Heinrich,„das iſt das nothwendigſte in ſolchen Fällen, die leider jetzt nur zu oft vorkommen, ich aber will Euch als guter Verwandter beiſtehen und mit jemandem reden, der geeignet iſt, Euch Rath über Euer Seelenheil zu geben.“ „Wen meinſt Du, Heinrich? um des gebenedei⸗ 1857. XXII. Johann Kepler. III. 8 114 ten Heilands willen, welches Elend willſt Du mir armem alten Mann bereiten?“ fragte der Greis zitternd. „Ich denke mit Euerm Beichtvater zu ſprechen, mit dem würdigen Herrn Diakonus Mäſtlin, der Euch und die Loni und die Streicherin nun ſchon eine ziemliche Zeit kennt. Wenn Ihr in Euch geht und die böſe Hexe ihrem verdienten Schickſale über⸗ läßt, ſo wird Euch nur Gutes daraus entſtehen. Be⸗ ruhigt Euch, Ohm, Euch kann nichts geſchehen, wenn Ihr nur ſelbſt eingeſteht, daß Ihr Euch bei allem, was ſie that, leidend verhalten, daß Ihr“— „Sie that mir nichts, nichts als Gutes,“ jam⸗ merte der Alte.„Eine Tochter hätte nicht liebevol⸗ ler für mich ſorgen, mich treuer hegen und pflegen können, als Apollonia. Mein Gut hat ſich gemehrt unter ihrer Aufſicht, mein Haus iſt ein Haus des Friedens und Glückes geweſen in ihrer Verwahrung, der Knabe Johannes, den ſie erzog, ein Weltwunder von Gelehrſamkeit und Kenntniß, aber ſie iſt nicht wie andere Frauen, ſie weiß mehr, als mit rechten Dingen zugeht. Ach, ach! habe ich das doch ſchon immer gedacht und geahnt in all dieſen Jahren, wenn ich einmal ſo über ihr Thun und Treiben zum Nach⸗ denken kam.“ die T ſchen Hand ter vn großes der Ke ſichtszi klärung blickten kleine war, a wo ſie halten, und de zuleſe en milden Bildſch / gegenſt Hexe Manna anders ſt Du mir der Greis zu ſprechen, Näſtlin, der nun ſchon Euch geht ickſale über⸗ tſtehen. Be⸗ hehen, wenn h bei allem, .ℳ zutes,“ jam⸗ icht liebevol⸗ und pflegen ſich gemehrt n Haus des Verwahrung, Weltwunder ſie iſt nicht 3 mit rechten as doch ſchon Jahren, wenn in zum Nach⸗ 115 In dieſem Augenblick öffnete ſich geräuſchlos die Thür und Apollonia in ihrer ſauberen ſchwäbi⸗ ſchen Tracht trat in die Halle. Sie trug in einer Hand eine brennende Kerze in einem ſchönen Leuch⸗ ter von ziſelirtem Silber und in der andern ein großes in Pergament gebundenes Buch. Das Licht der Kerze fiel voll auf ihre ſanften und feinen Ge⸗ ſichtssüge und überſtrahlte ſie wie mit einem Ver⸗ klärungsſchimmer. Der Bildſchnitzer ſowohl, als Heinrich Kepler blickten erſtaunt, ja faſt erſchrocken auf die zarte kleine Frau, deren ganze Perſönlichkeit wohlgeeignet war, an jene guten Hausgeiſter zu erinnern, die da, wo ſie wirken, alles Böſe entfernen, den Frieden er⸗ halten, den Fleiß befördern, die Arbeit verbeſſern und den häuslichen Segen in jeder Weiſe mehren. „Ich komme Euch aus der ſchönen Chronik vor⸗ zuleſen, mein herzlieber Meiſter,“ ſagte ſie mit ihrer milden Stimme, und das Wort klang dem alten Bildſchnitzer wie die Poſaune des Gerichts. „Loni! Loni,“ ſchrie er, ſeine Hände ihr ent⸗ gegenſtreckend,„o ſag's mir, ſag's, biſt Du eine Hexe und Unholdin? haſt Du mir armem alten Manne einen Zaubertrank eingegeben, daß ich nicht anders kann, als Dich ſo vom Herzensgrund lieben? 8* 116 Iſt es böſe Hexerei, daß die Vögel unter dem Him⸗ mel und die Thiere auf dem Felde Dir nachfolgen und auf Deinen Ruf hören? Iſt's Teufelswerk, daß Deine Arbeit gedeiht und der Segen Dich auf Schritten und Tritten begleitet?“ Apollonia hat Leuchter und Buch auf einen Tiſch neben der großen Bettſtätte geſetzt, die an der kürzeren Wand der Halle ſtand. „Vater! mein lieber Meiſter! mein theurer, hochverehrter Wohlthäter,“ ſagte ſie, und ergriff ſeine Hand und legte ſie ſich um den Nacken, da ſie zu klein war, um an der großen Geſtalt des alten Guldenmann hinauf zu reichen,„ſo gewiß Gott barm⸗ herzig und gnädig iſt, ſo gewiß Ihr ſelbſt“— Ein heller Schein erleuchtete plötzlich und grell das Zimmer, es ziſchte und lohte um die Anweſen⸗ den, und als ſie erſchrocken um ſich blickten, ſahen ſie, daß die Flamme der Kerze die Vorhänge der großen Bettſtatt ergriffen hatte, die, plötzlich auflo⸗ dernd, das Feuer auch den Betten und einigen an⸗ deren brennbaren Gegenſtänden in der Nähe mit⸗ theilten. „Rettet die Kiſte! zuerſt die Kiſte, die nicht Euer Eigenthum, die Euerer Rechtſchaffenheit nur anvertraut iſt!“ ſagte Apollonia Wellinger mit große ler a heit d um ſich Ihr g nicht entzünd krachen Verwa 2 ich ihn hält, ko thum alle ih ruhte, unmög ſein, u licher der ih das S warf ei ſchön u Liebreiz demſelbe ergriff, em Him⸗ hachfolgen verk, daß Dich auf auf einen die an der n theurer, rgriff ſeine da ſie zu des alten Gott barm⸗ 41 und grell Anweſen⸗ kten, ſahen rhänge der zlich auflo⸗ inigen an⸗ Nähe mit⸗ Kiſte, die tſchaffenheit llinger mit 117 großer augenblicklicher Beſonnenheit. Heinrich Kep⸗ ler aber ergriff den Greis und ſchob mit roher Frech⸗ heit die unglückliche Frau den Flammen, die raſch um ſich griffen, näher und ſagte:„Geht dahin, wohin Ihr gehört, Frau Loni, die Flammen können Euch nicht ſo ſehr fremd ſein, da Ihr ſie ſo ſchön zu entzünden verſteht,“ und ſtürzte aus der Thür, die er krachend ins Schloß warf, ſeinen altersſchwachen Verwandten hinter ſich herziehend. „Er wird mir's danken,“ dachte Apollonia,„wenn ich ihm die Kiſte rette, auf die er ſo große Stücke hält, komme auch ſonſt, was mag, der Familienheilig⸗ thum ſoll nicht verloren gehen.“ Und ſo ſtrengte ſie alle ihre Kraft an, die Kiſte, welche auf Rädern ruhte, der Thüre entgegenzuſchieben, aber es war unmöglich, der Inhalt ſchien unglaublich ſchwer zu ſein, und während die zarte Frau ſich in augenſchein⸗ licher Todesgefahr abmühte, den Schatz zu retten, der ihrem Wohlthäter anvertraut worden, ſprang das Schloß auf und der Deckel empor. Apollonia warf einen Blick in das Innere, eine weiße Geſtalt, ſchön und zart, ein Marmorbild von unbeſchreiblichem Liebreiz lag in dem mächtigen Kaſten und neben demſelben mehrere Bücher und Pergamentrollen. Sie ergriff, ſoviel ſie davon faſſen konnte, und ſtürzte — 118 aus dem Zimmer, in dem das Feuer mit Macht um ſich griff. Eine Minute darauf eilte Heinrich Kep⸗ ler hinein, blickte auch in den geöffneten Kaſten und fuhr ſchaudernd zurück.„Ein Teufel, der Teufel, den dieß abſcheuliche Weib verehrt,“ ſchrie er außer ſich, „und daneben ihre abſcheulichen Zauberbücher; aber ſie ſollen nicht verbrennen,“ ſetzte er nach einigen Momenten hinzu,„der Teufel hat mich doch mit Haut und Haar, ich bin ſein eigen mit Leib und Seele, durch dieſe Bücher kann ich ihn vielleicht zwingen, mir während meines Erdenlebens zu dienen.“ Er griff in die Truhe, obgleich es ihn ſichtlich Ueber⸗ windung koſtete, und langte ein Paar Folianten aus derſelben hervor, mit denen er eilig entfliehen wollte; aber im nämlichen Augenblick erſchien Apollonia mit Waſſereimern, unter deren Laſt ſie keuchte, der Knecht des Hauſes, der Gerichtſchreiber Beſold, Mathias Wellinger und ſeine zwei Lehrlinge folgten ihr, eben⸗ falls mit Waſſergefäßen. „Dieß hier, Herr Beſold, dieß helft mir retten, es iſt ein Schatz von namenloſem Werthe, der Ehre und Treue meines Wohlthäters ſchon ſeit Jahren anvertraut,“ ſagte ſie eifrig, indem ſie den Deckel der Kiſte ſchloß und dieſelbe mit Waſſer ſo reichlich tränkte benetzen D Minute Laſt keu 2 2 werthe ten, ſich fanden ſi einte K Zeit gef Theil de in der das Fer und Ord Di niens kl ſeiner vi in ſtille beruhige ſie ihm, kalteten Schläfen Mondes Thränen Nacht um rich Kep⸗ daſten und eufel, den außer ſich, cher; aber ch einigen doch mit Leib und a vielleicht u dienen.“ ich Ueber⸗ ianten aus hen wollte; llonia mit der Knecht „Mathias in ihr, eben⸗ mir retten, , der Ehre ſeit Jahren den Deckel ſo reichlich 119 tränkte, als ihr möglich erſchien, ohne den Inhalt zu benetzen. Dann griffen die Männer an und in wenigen Minuten war die koſtbare Kiſte von den unter ihrer Laſt keuchenden hinaus in den Hof getragen. „Verſuchen wir nun dem Feuer Einhalt zu thun, werthe Frau Wellinger,“ ſagte Beſold, und alle eil⸗ ten, ſich der Handſpritzen zu bemächtigen, in kurzem fanden ſich auch die Nachbarn helfend ein, und die ver⸗ einte Kraft aller ward des Feuers Herr, ehe es noch Zeit gefunden hatte, in einen anderen weniger feſten Theil des Hauſes zu dringen. Als alles Brenubare in der alten Halle in Aſche verwandelt, war auch das Feuer erloſchen und bald herrſchte wieder Ruhe und Ordnung in dem Hauſe des alten Bildſchnitzers. Dieſer aber lag zum Tode erſchreckt in Apollo⸗ niens kleiner Schlafſtube und auf dem ſaubern Bette ſeiner vieljährigen Pflegerin. Sie ging wie gewöhnlich in ſtiller Thätigkeit ab und zu, miſchte ihm einen beruhigenden Trank, lockerte ihm die Kiſſen und legte ſie ihm, wie er es gern hatte, wärmte ihm die er⸗ kalteten Füße mit erhitzten Steinen und rieb ſeine Schläfen mit Eſſig, und die Sichel des abnehmenden Mondes ſchaute ſtill in den ſtillen Raum und die Thränen Apolloniens fielen, als der Morgen im Oſten 120 ſeinen Purpurſaum an den azurblauen Mantel der Winternacht heftete, weich und warm auf die kalte Stirn des Greiſes, deſſen mattglimmenden Lebens⸗ docht Schreck, Furcht und Reue plötzlich durchriſſen hatten. „Gott ſegne Dich, meine Tochter, Gott verzeih' mir meine Sünde gegen Dich, Du treue, liebe Seele — Grüß auch den Johannes!“ das waren die letzten Worte des Sterbenden geweſen, und Apollonia be⸗ wahrte ſie in ihrem Herzen und ſchrieb noch am Todestage an den, deſſen Name der letzte Laut ihres ſcheidenden Wohlthäters geweſen.— Neunzehntes Kapitel. Magiſter Kepler war nach kurzem Aufenthalt in dem freundlichen Dorfe, wo unſere Erzählung ihn verlaſſen, durch ein Schreiben ſeines mächtigen Verwandten Johannes Fickler zur Rückkehr nach Grätz aufgefordert worden. „Kommt, mein werther Vetter,“ lautete der Brief, der den Aſtronomen nicht wenig in Erſtaunen ſetzte, „kommt in Gottes Namen in unſere jetzt beruhigte Reſidenz zurück. Es iſt zwar unmöglich, Euch Euer Lehramt wiederzugeben, da unſeres Erzherzogs Durch⸗ laucht di ſtalten ſe Kirche ſit Eurer Ge Mittel g die Mög ſchaft zu allem die und wenn Beſtes n und nirge Eure Arb wendet au Fürchtet / liebenden Kepla Nantel der die kalte en Lebens⸗ ſſen hatten. ott verzeih' liebe Seele n die letzten ollonia be⸗ b noch am Laut ihres Aufenthalt zählung ihn mächtigen ckkehr nach te der Brief, unen ſetzte, zt beruhigte Euch Euer zogs Durch⸗ 121 laucht durchaus nur Lehrer an Ihren gelehrten An⸗ ſtalten ſehen will, welche getreue Glieder der heiligen Kirche ſind. Etwas aber wird aus dem Beſitzthume Eurer Gattin wohl zu retten ſein, wenn Ihr die rechten Mittel gebraucht, und dieß etwas wird hinreichen, Euch die Möglichkeit zu ſichern, für Eure erhabene Wiſſen⸗ ſchaft zu arbeiten. Ein Mann wie Ihr ſollte vor allem die Muße beſitzen, ſeinem Studium zu leben, und wenn Ihr nur wolltet, wenn Ihr Euer eigenes Beſtes nur beachten möchtet, könnte es Euch nie und nirgend fehlen. Kommt, werther Magiſter, nehmt Eure Arbeiten mit voller Muße zur Hand und ver⸗ wendet auf dieſelben Eure ganze herrliche Geiſteskraft. Fürchtet nicht die Angriffe finſterer Zeloten, ſondern glaubt, daß die Kirche, in deren Schooß alle göttliche Weisheit ruht, auch die ſchöne menſchliche Wiſſenſchaft zu ſchützen und zu ſchätzen weiß, welche Ihr der erſtaunten Nachwelt zu übergeben, von Gott und ſeinen Heiligen beſtimmt ſeid. Kommt, Magiſter, fürchtet nichts, Euch und den Euren wird, ſolange Ihr nur Euch eines ruhigen und beſcheidenen Betragens befleißigt, ſolange Ihr ſelbſt den Streit nicht ſucht, kein Haar gekrümmt werden, dafür bürgt Euch das Wort Eures Euch liebenden und ehrenden Verwandten Johannes Fickler.“ Kepler ſowohl, als ſeine jugendliche Gattin, 122 mußten es für ein großes Glück halten, daß man ihnen die Erlaubniß gewährte, nach Grätz zurückzukehren. Barbara's Zuſtand forderte Ruhe und außer⸗ dem konnten ſie nur in Grätz hoffen, wenigſtens einen Theil des Vermögens, das ihr gehörte und das mei⸗ ſtens in Häuſern und Ländereien beſtand, zu retten. Kepler hatte, von der Nothwendigkeit gedrängt, demüthig um die Erlaubniß zur Rückkehr in einem Briefe an den Erzherzog Ferdinand gebeten, dieſe Zeilen des Pater Johannes konnten aber nicht die Antwort auf ſeine Eingabe ſein, ſie waren das Werk der Theilnahme ſeines Verwandten, und freudig rü⸗ ſteten die Flüchtlinge ſich zur Heimkehr. Barbara machte ihrem Gatten den Vorſchlag, jetzt, da er im Stift keine Amtswohnung mehr in Anſpruch nehmen könne, eines ihrer Häuſer zu be⸗ ziehen, das durch die Auswanderung eines proteſtan⸗ tiſchen Adeligen, der wegen ſeines Glaubens im An⸗ fange der Regierung Ferdinand's auf Kepler's Rath nach Würtemberg gegangen war, leer geworden, und nach einer Abweſenheit von wenigen Wochen langte die Familie vor der Thür desſelben an. Schon während des Weges hatte die junge Frau über heftige Schmerzen geklagt, deren Größe mehr ihr Erble Gatten ve Es Wind hat gepfiffen 1 und ſein barkeit geg Er ſti Kerze an, d ſie vorbeigi Zimmer, der auszuſuchen ſchöpft, ſein in der Stif konnte nich daß ihre Mit in einem laſſen word Holzfüßen r Weib dorth und ihrem jedes entbel der Mutten und Hilfe daß man ückzukehren. und außer⸗ gſtens einen nd das mei⸗ , zu retten. eit gedrängt, hr in einem beten, dieſe er nicht die n das Werk freudig rü⸗ in Vorſchlag, ng mehr in iuſer zu be⸗ es proteſtan⸗ ens im An⸗ epler's Rath worden, und Pochen langte ie junge Frau Größe mehr 123 ihr Erbleichen und Zittern als ihre Worte dem Gatten verriethen.— Es war rauh geworden und ein ſchneidender Wind hatte um die Häupter der armen Reiſenden gepfiffen und Kepler begrüßte das Dach, das ihn und ſein Weib und das Kind empfing, mit Dank⸗ barkeit gegen Gott. Er ſtieg die Treppe hinauf und zündete eine Kerze an, die er vorſorglich im erſten Laden, an dem ſie vorbeigingen, gekauft und ging von Zimmer zu Zimmer, den wohnlichſten Raum für ſein armes Weib auszuſuchen. Sein Geldvorrath war faſt ganz er⸗ ſchöpft, ſeine Geräthe und Mobilien ſtanden noch in der Stiftswohnung und die Zeit drängte. Barbara konnte nicht allein gelaſſen werden, denn es ſchien, daß ihre Stunde gekommen ſei. Mit zitternder Hand entzündete der Gelehrte in einem Zimmer, wo eine leere Bettſtatt zurückge⸗ laſſen worden war, ein Feuer in dem auf vier hohen Holzfüßen ruhenden Ofen, führte dann ſein zitterndes Weib dorthin und machte ihr ein Lager aus ſeinem und ihrem Mantel. Die Kleine aber legte er, in jedes entbehrliche Kleidungsſtück eingewickelt, zu Füßen der Mutter nieder und ſagte nun, er wolle gehen und Hilfe holen. 124 Aber Barbara ſtreckte weinend die Arme nach ihm aus und hielt ihn feſt.„Verlaß mich nicht, o um des lieben Herrgotts willen, verlaß mich jetzt nicht, Johannes,“ ſagte ſie flehend.„Solange ich Dich ſehe, ſolange ich Deine Hand halten kann, kommt alles Leid mir erträglich vor; müßte ich aber allein ſein in dieſer Noth, allein— ohne eines von allen den Dingen, die mich umgaben, als ich mein erſtes Kind in ſtattlichen Lebensverhältniſſen zur Welt brachte, ſo würde ich verzagen und verzweifeln. Dein Geſicht erſetzt mir alles, und wenn Du Dich lächelnd zu mir beugſt und mir ſagſt: Vertrau' auf Gott, mein Weib, dann hab' ich Muth und Freudigkeit.“ Durch die Bogenfenſter ſchaute der Mond in das öde Gemach. Betend kniete Johannes am Schmer⸗ zenlager ſeines Weibes. Das Kind ſchlief ruhig, das Feuer verloſch und nach einem kurzen Kampfe legte Barbara einen Kna⸗ ben in die Vaterarme ihres Gatten, der Mutter und Kind mit tiefer Rührung an ſein Herz drückte. „Gott iſt bei uns, mein theures Weib,“ flüſterte er der Ermatteten zu,„ſeine Vorſorge, ſeine Liebe iſt bei denen, die derſelben bedürfen, er ſchaut mit Va⸗ terauge auf Dich und dieſen Deinen Neugebornen, ſchlumm're bewachen. Liebe mit dem „Got an ihre Li ganz gewi Knäblein n an allem, genügen, e „Barb in die ſeine bei ſeiner und Maria mel und E Kindlein da „Ach, ward in ei in Fülle un mein Knäbl Herzen erw Magiſt dern, vor d die Manuſ hatten, und Arme nach nich nicht, o ß mich jetzt uge ich Dich kann, kommt ) aber allein on allen den erſtes Kind Welt brachte, Dein Geſicht h lächelnd zu f Gott, mein it.“ pder Mond in s am Schmer⸗ wverloſch und einen Kna⸗ der Mutter Herz drückte. geib,“ flüſterte ſeine Liebe iſt haut mit Va⸗ Neugebornen, 125 ſchlumm're jetzt, ich werde Deinen, werde Euern Schlaf bewachen.“ Liebevoll bedeckte er die mit dem Zipfel des Mantels. „Gott ſegne Dich, Johannes,“ ſagte ſie, ſeine Hand an ihre Lippen ziehend,„ich bin müde und werde ganz gewiß ſanft ſchlafen, wenn dieß mein herziges Knäblein mir Ruhe läßt; ach es fehlt ihm an allem, an allem, was es bedarf, möchte die Mutterbruſt genügen, es zufrieden zu ſtellen!“ „Barbara, mein Weib,“ ſagte Kepler, ihre Hände in die ſeinen legend,„der Heiland der Welt ward bei ſeiner Geburt in eine Krippe gelegt, und Joſeph und Maria waren auch Reiſende, da er, dem Him⸗ mel und Erde dienſtbar ſind, als ein armes nacktes Kindlein das Licht der Welt erblickte.“ „Ach, Johannes,“ entgegnete ſie geduldig,„der Herr ward in einem Stalle geboren, da gab es Stroh in Fülle und das iſt warm, mich aber friert und mein Knäblein friert auch, obgleich ich es an meinem Herzen erwärme.“ Magiſter Kepler trat, ohne ein Wort zu erwie⸗ dern, vor die Oeffnung des mächtigen Ofens, nahm die Manuſkripte, die ihn auf ſeiner Flucht begleitet hatten, und die hölzernen, von ihm ſelbſt ſo ſorgſam weinende Wöchnerin * 126 gearbeiteten Juſtrumente aus dem Felleiſen, das er auf dem ganzen Wege getragen hatte, und warf, eins nach dem andern, Papiere und Inſtrumente auf die noch glimmenden Kohlen. Das Feuer zuckte von neuem empor und leckte an den Schriften, den Ar⸗ beiten ſo vieler Tage des Gelehrten. „Für Weib und Kind,“ flüſterte er leiſe, und blies auf die Flamme, und langſam zerfiel zu Aſche, was ſeinen Geiſt ſo lange und ſo angeſtrengt beſchäftigt hatte. Barbara achtete nicht darauf, ſie erfreute ſich der Glut, die mild wärmend zu ihren erſtarrten Gliedern drang, und der Schlaf legte freundlich ſei nen duftigen Mantel über ihre Seele; auch die Kin⸗ der ſchliefen, und der Gelehrte ſtand allein am Feu⸗ ſter des ungemüthlichen Zimmers und ſchaute eiſ hinaus in die nächtlich ſtille Straße, dann aber, al⸗ mälig unwiderſtehlich angezogen, empor zum Nacht⸗ himmel, der in ſeiner heiterer Bläue auf dem kleinen, für Johannes von ſeinem Platze ſichtbaren Fleck das Sternbild der Kaſſiopeia deutlich in ſchimmernder Klarheit zeigte. Seltſam! Kepler traute ſeinem Auge nicht, aber es ſchien ihm, als ob zwiſchen den Sternen, die dasſelbe bilden, ein neuer aufgeglänzt ſei, und t feſter der beobachtende Gelehrte dieß Wunder anſtaunte deſto deutlicher ward es ſeinen Augen. Hell und km glänzte d leicht, od⸗ ein Stern Auge kaum nur hatte derbarer Was körper, de Erdball p jetzt in ſo ner ihm v in eigenem das Ende Bewohner durch das G ſen, das er und warf, trumente auf er zuckte von ten, den Ar⸗ iſe, und blies chhe, was ſeinen chhäftigt hatte. e erfreute ſich ren erſtarrten freundlich ſei auch die Kin⸗ llein am Fen⸗ id ſchaute eif dann aber, al zr zum Nacht⸗ uf dem kleinen, aren Fleck das i ſchimmernde te ſeinem Aug en den Sternen, änzt ſei, undje under anſtaunte, . Hell und kl 127 glänzte der wunderbare Fremdling, ein Komet viel⸗ leicht, oder— nein, ein Komet war es nicht, es war ein Stern, der dort immer als ein für das bloße Auge kaum erkennbares Lichtpünktchen geſtanden hatte, nur hatte ſeine Lichtſtärke in ganz auffallender wun⸗ derbarer Weiſe zugenommen. Was war das? näherte ſich dieſer ferne Welt⸗ körper, der ſeit Jahrtauſenden dort geſtanden, dem Erdball plötzlich, oder flammte er in ſeiner Ferne jetzt in ſo hellem Lichte auf vielleicht, am Ende ſei⸗ ner ihm von Gott dem Herrn beſtimmten Eriſtenz in eigenem Feuer ſich verzehrend.— Ein Weltenbrand, das Ende aller Dinge für Millionen Geſchöpfe, die Bewohner jener flammenden Kugel! Eilt das Ent⸗ ſetzen auf den Flügeln der Windsbraut, welche die Flam⸗ me ſich ſelbſt erzeugt, dort nun von Pol zu Pol, dem Untergang voraus; dringt der Todesſchrei aller Kreaturen empor zum Himmel, der ihm nur antwortet durch das Sengen ſeiner Blitze, die ſich mit den Flam⸗ men vereinen, welche unaufhaltſam dem klaffenden Schooße des ſterbenden Weltkörpers entſtrömen? Zitternd ſtützte Johannes ſeine Stirn an das Kreuz des Fenſters.— Er fühlte die Kleinheit ſei⸗ nes Ichs neben der Größe ſeines Gedankens.„Herr der Welt! Großer allmächtiger Gott und Schöpfer! Hier ſteh' ich, der Bewohner der kleinen Erdkugel, die Dauer meines Lebens iſt ein Moment, die Kraft meines Körpers nicht größer als ein Hauch in Dei⸗ ner unermeßlichen Schöpfung, und doch bringt mein ſchwaches Auge der erzitternden Seele Kunde von den Vorgängen auf Welten, von meinem Wohnorte durch Räume getrennt, deren Größe kein irdiſches Maß meſſen kann, und mein Geiſt iſt fähig Schlüſſe zu machen und ahnungsvoll Deinen ewigen Beſtim⸗ mungen über das, was ſich dort begeben mag zu folgen.“ Ein Gefühl des Triumphs, das Bewußtſein ſeiner Menſchenwürde und ihres unzerſtörbaren Zu⸗ ſammenhanges mit Gott regte ſich freudig in der Bruſt des Gelehrten. Keine Spur von Furcht vor der nächſten Zukunft hatte neben demſelben Platz, er fühlte die Liebe für Weib und Kind, die ihn noch vor Augenblicken mit ſchweren Sorgen erfüllt hatte, nur noch als eine Zugabe zu ſeinem menſchlichen Glück.„Es wird kommen, o Herr, auch mit ihnen, wie Du es beſchloſſen,“ flüſterte er, die Hände zum Gebete faltend,„die Leiden dieſer Erde dauern nur einen kurzen Augenblick, und der Tod, wäre es auch der ſchmerzlichſte, vor dem die irdiſche Natur ſich in⸗ ſtinktmäßig krümmt, iſt kein Uebel, weil er eine Noth⸗ wendigkei Schauen In Augenblic teten Da ums auch mit Hilfe Himmel, Stern. Er z torium bei ihren Zim dort oben wenigen fährte bei Erdkugel, „die Kraft ich in Dei⸗ pringt mein Kunde von Wohnorte ein irdiſches hig Schlüſſe gen Beſtim⸗ en mag zu Bewußtſein örbaren Zu⸗ keudig in der n Furcht vor ben Platz, er die ihn noch erfüllt hatte, menſchlichen ch mit ihnen, Hände zum e dauern nur wäre es auch Natur ſich in⸗ er eine Noth⸗ 129 wendigkeit und der Uebergang vom Glauben zum Schauen Deiner Herrlichkeit iſt.“ In dieſer nämlichen Nacht und faſt im gleichen Augenblick ſtand auf einer zur Sternwarte eingerich⸗ teten Dachkammer im Gebäude des Jeſuitenkollegi⸗ ums auch Pater Johannes Fickler, und beobachtete mit Hilfe eines für ſeine Zeit trefflichen Glaſes den Himmel, und bemerkte erſtaunt den neu auflodernden Stern. Er zog die Glocke, die den auf dem Obſerva⸗ torium befindlichen Geiſtlichen in Stand ſetzte, den in ihren Zimmern Weilenden ein Zeichen zu geben, daß dort oben ihre Gegenwart gewünſcht würde, und nach wenigen Augenblicken erſchien ſein gewöhnlicher Ge⸗ fährte bei ſeinen aſtronomiſchen Arbeiten, Pater Jo⸗ hann Cyſetus, und beide betrachteten das Wunder und theilten ſich ihre Gedanken darüber mit. „Wird das Bedeutung haben für die Vorfälle auf Erden?“ ſagte Pater Cyſetus nicht ohne einige Zeichen der Furcht,„wir leben in ſchweren Zeiten, mein Herr Confrater und täglich geſchieht neues, was die Seele mit Zagen erfüllen könnte.“ „Ich weiß nicht, mein Freund,“ entgegnete Fickler ernſt.„Viele Gelehrten wollen den Einfluß der Geſtirne auf die irdiſchen Begebenheiten gänzlich 1857. XXII. Johann Kepler. III. 9 130 läugnen, und zu dieſen gehört auch der Mann, für den mein Herz ſich ſo warm intereſſirt, daß ich mir oft ſelbſt ſchon einen Vorwurf deßhalb gemacht habe, da er ein Ketzer iſt— ich meine den Magiſter Kep⸗ ler, deſſen Rückkehr nach Grätz ich heute Abend ſchon erwartet habe. Ich ließ in ſeiner Wohnung im Stift, wo er doch wahrſcheinlich zuerſt hingehen wird, alles vorbereiten, damit die Familie dort fände, was ſie braucht. Seltſamerweiſe iſt dieſe Familie die ein⸗ zige von den Ausgetriebenen, an deren Wohl oder Weh unſeres jungen Erzherzogs Durchlaucht lebhaften Antheil nimmt.— Dreimal ſchon hat er mich ge⸗ fragt, ob ſie noch nicht zurückgekehrt iſt, und obgleich er den Mann und ſeine große Gelehrſamkeit zum Vorwande ſeines Antheils nimmt, ſo weiß ich doch, daß derſelbe weit mehr der ſchönen Frau gilt, die ihm Erinnerungen an ein weibliches Weſen erweckt, das durch ein einziges Wort vor Jahren die Rich⸗ tung ſeines Charakters beſtimmt hat.“ „Sie glauben, Pater Fickler, daß die Erſchei⸗ nung, welche Se. Durchlaucht als Knabe im pra⸗ ger Dom hatte, ein lebendes irdiſches Weib geweſen ſei? Wir ſprachen darüber ſchon öfter,“ ſagte Cyſetus. „Ich bin deſſen gewiß,“ entgegnete Fickler,„und wohl kenne ich die Dame, die der Allmächtige zum Werkzeu zu Groß Dienſt Johanne Erzherzog ſowohl Brande ſache und große Bo Gattin i und auch beiſtehe, Lichte de Nann, für iß ich mir nacht habe, giſter Kep⸗ bend ſchon g im Stiſt, wird, alles de, was ſie lie die ein⸗ Wohl oder ht lebhaften er mich ge⸗ ind obgleich ſamkeit zum eiß ich doch, rau gilt, die gheſen erweckt, en die Rich⸗ die Erſchei⸗ abe im pra⸗ Beib geweſen ſagte Cyſetus. Fickler,„und mächtige zum 131 Werkzeuge machte, das Herz dieſes mächtigen und zu Großem beſtimmten Fürſten zu gewinnen für den Dienſt ſeiner heiligen Kirche. Die junge Gattin Johannes Kepler's ſieht ihr merkwürdig ähnlich und Erzherzog Ferdinand iſt des feſten Glaubens, daß ſowohl ſie, als ihr Gatte beſtimmt ſind, aus dem Brande gerettet zu werden. Es iſt ihm faſt Herzens⸗ ſache und das Wort hat bei dieſem Charakter eine große Bedeutung, den Magiſter Kepler und ſeine Gattin in den Schooß der Kirche zurückzuführen, und auch meine Seele dürſtet danach, dieſen Mann der Sache Gottes zu gewinnen. Dieſen Morgen noch, ehe ich hingehe, den Heimgekehrten aufzuſuchen, will ich der heiligen Jungfrau eine Kerze in golde⸗ nem Leuchter geloben, damit ſie die Gebenedeite mir beiſtehe, das Herz zu erleuchten, das doch ſonſt dem Lichte der Wahrheit ſo zugänglich iſt und nur in der wichtigſten Beziehung mit trauriger Feſtigkeit auf dem Irrthum beharrt.“ „Möge Ihr Gelübde angenommen werden und Ihr Bemühen ein geſegnetes ſein,“ ſagte Cyſetus, „aber, mein Bruder in Chriſto, meine Erfahrung hat mich gelehrt, daß es leichter iſt, einen Eiferer als ſolch einen ſanften und grübelnden Geiſt zu bekeh⸗ ren.— Saulus war ein Eiferer, und der erſte Strahl 9* 132 des göttlichen Lichtes, der in ſein Angeſicht fiel, machte ihn zu Paulus; aber wir leſen nicht in der Schrift, daß Gamaliel, welcher Duldung rieth und den Schrift⸗ gelehrten und Phariſäern ſagte, ſie ſollten abwarten, ob die neue Lehre ſich als göttlich bewähren würde, ein Chriſt geworden ſei.“ „Die ketzeriſchen Theologen Würtembergs ver⸗ folgen und verläſtern ihn,“ entgegnete Fickler. „Umſo feſter wird er an ſeiner eigenen von allen angefochtenen Meinung beharren,“ meinte Cy⸗ ſetus.„Doch ich will Ihnen den Muth nicht rau⸗ ben, mein Bruder! Gott kann das verſtockteſte Herz regieren, und ich weiß, daß Sie auf des Herrn All⸗ macht, nicht auf die Kraft Ihrer eigenen Beredſam⸗ keit trauen. Ich möchte aber wohl die Meinung dieſes jungen und— gelehrten Sternkundigen über jenes ſeltſame Wunder, das wir heute geſchaut, er⸗ fahren. Der Herr ſei mit Ihnen, mein Bruder; wenn Sie noch länger hier oben bleiben wollen, muß ich Sie verlaſſen, da ich noch ein Gelübde von dreißig Paternoſter zu erfüllen habe, bevor ich meinen Leib der Ruhe überlaſſen kann.“ „Ich komme mit Ihnen,“ ſagte Fickler, die Ge⸗ räthe im Obſervatorium ordnend,„es weht ein eis⸗ kalter Wind hier auf der Höhe und ich fühle ſchon ſeit läng zu fürch: Die ihre Zim ſelbe, we gehabt h der das Burg vei Nacht, d brachte, Knopf, d. ſie unſchl Die Lyon meſ ſchienen iel, machte er Schrift, en Schrift⸗ abwarten, ren würde, nbergs ver⸗ ckler. genen von meinte Cy⸗ nicht rau⸗ ockteſte Herz Herrn All⸗ Beredſam⸗ te Meinung indigen über geſchaut, er⸗ gruder; wenn len, muß ich von dreißig meinen Leib kler, die Ge⸗ weht ein eis⸗ fühle ſchan 133 ſeit längerer Zeit, daß ich Urſache habe, die Kälte zu fürchten.“ Die beiden gelehrten Jeſuiten gingen hinab in ihre Zimmer. Das des Pater Fickler war noch das⸗ ſelbe, welches er bei der Krönung Ferdinands inne⸗ gehabt hatte. Es enthielt die Thür zu dem Gange, der das Jeſuitenkollegium mit der erzherzoglichen Burg verband, und zweimal noch legte im Laufe der Nacht, die er wachend im Auf⸗ und Abgehen ver⸗ brachte, Johannes Fickler ſeine bleiche Hand auf den Knopf, der dieſe Thür eröffnete, und zweimal zog er ſie unſchlüſſig und kämpfend wieder zurück. Die Stadt Grätz hatte ſeit der Verfolgung und Austreibung der Proteſtanten ein ſehr verändertes Ausſehen bekommen. Die Straßen waren vielleicht nicht eben ſtiller geworden, aber das Geräuſch des gewerblichen Le⸗ bens war in derſelben verſtummt. Viele Kaufmanns⸗ läden, ſowie die Werkſtätten der künſtlichen Eiſen⸗ und Goldarbeiter waren geſchloſſen. Die Webeſtühle, auf denen noch vor kurzem prachtvolle Damaſtgewebe von geſchickten Arbeitern verfertigt wurden, die ſich ſehr wohl mit den Erzeugniſſen von Brüſſel und Lyon meſſen konnten, ſtanden leer.— Ganze Häuſer ſchienen wie ausgeſtorben, und ſtatt der luſtigen 134 Geſellen, die in der Morgenſtunde ſonſt die Straßen zu durcheilen pflegten, um an ihre Arbeit zu gehen, ſah man Geiſtliche in verſchiedenartiger Ordensklei⸗ dung langſam und mit zu Boden geſenkten Blicken vorüberſchreiten. Eine Prozeſſion mit fliegenden Fah⸗ nen zog unter Abſingung eines Bußpſalms nach dem Dom und Johannes Fickler, der ihr gerade entgegen⸗ kam, blieb ehrfurchtsvoll mit entblößtem Haupte ſte⸗ hen und ließ die Büßer an ſich vorüberſchreiten, wäh⸗ rend er ſelbſt leiſe vor ſich hin ein Ave und ein Credo betete. Es war noch nicht ſehr ſpät, höchſtens zwiſchen acht und neun Uhr, und die Winterſonne ſchien hell in den Straßen, als der Jeſuit das ſtattliche Ge⸗ bäude der ehemaligen proteſtantiſchen Stiftsſchule erreichte und eilig ſchritt er in die Wohnung, welche Kepler innegehabt hatte, um nachzuſehen, ob die Familie dort angekommen ſei. In dem großen Gebäude, das nur ein Kuſtos bewohnte, der auf erzherzoglichen Befehl dort die Aufſicht führte, hallten die Schritte des Pater Jo⸗ hannes ſonderbar wieder. Das ganze Haus ſchien wie ausgeſtorben. Die verwitwete Erzherzogin Maria hatte beſtimmt, daß es zu einem Nonnenkloſter her⸗ gerichtet werden ſollte, und im nächſten Frühjahre ſollten d vorgenon des Schr das Her⸗ rer und und Gen nen Gege hoffen, d einen Ru traf es Wohnzim zwei Tag dem Ofa ſeinem Straßen zu gehen, rdensklei⸗ Blicken iden Fah⸗ nach dem entgegen⸗ aupte ſte⸗ iten, wäh⸗ e und ein s zwiſchen ſchien hell tliche Ge⸗ btiftsſchule ng, welche n, ob die ein Kuſtos dort die Pater Jo⸗ Haus ſchien gin Maria kkloſter her⸗ Frühjahre 135 ſollten die deßhalb nothwendigen Umbauten daran vorgenommen werden. Jetzt war es ein Aufenthalt des Schweigens, und es beklemmte dem Jeſuiten das Herz der Gedanke, daß alle die Menſchen, Leh⸗ rer und Schüler, die noch vor kurzem dieſe Gänge und Gemächer belebt hatten, jetzt landflüchtig in fer⸗ nen Gegenden umherirrten. Es that ihm wohl, zu hoffen, daß Kepler bereits mit den Seinigen hier einen Ruheplatz gefunden haben würde, und daher traf es ihn wie ein Schlag, als er die Thür der Wohnzimmer des Gelehrten noch ſo, wie er ſie vor zwei Tagen verlaſſen hatte, mit dem Schlüſſel im Schloſſe wiederfand. Leiſe, als ob er einen Schlafenden nicht ſtören wolle, trat er ein. Er hatte die Geräthe, welche die auswandernde Familie hatte im Stiche laſſen müſſen, ſorglich an den Wänden geordnet, hatte Holz vor dem Ofen ordentlich aufgeſchichtet, einige Bettſtücke in die Bettſtätten gelegt und kaltes Fleiſch, Brot und ein Paar Flaſchen guten Wein auf einen Tiſch ge⸗ ſtellt, damit ſie eine Erquickung bereit fänden. Das ſtand und lag noch alles ſo unberührt, wie er es hingeſtellt hatte, und der Gedanke überſchlich ihn, wie viele von denen, die durch des Herzogs unter ſeinem Einfluß ausgeſprochene Machtworte ihre Hei⸗ 136 mat verlaſſen hatten, jetzt ohne Obdach, ohne die nothwendigen Nahrungsmittel in winterlicher Kälte umherirren mochten?— Vielleicht fluchte der zuk⸗ kende Mund eines am Wege Sterbenden jetzt dem Urheber ſeiner Qual, vielleicht hielt eine weinende Mutter im wilden Walde jetzt ihr hungerndes Kind an die bebende Bruſt gedrückt— vielleicht erſtarrten die Glieder eines Greiſes im Schnee, fern von jeder menſchlichen Hilfe ohne die Gnadenmittel der Sakra⸗ mente, ohne den Troſt des Gebetes. Der Jeſuit trat ans Fenſter, auf ſeiner Stirn ſtand der Angſtſchweiß in eiskalten Tropfen, und ſeine Hände zitterten. „Iſt das Dein Wille, Gott?“ fragte er wieder, wie er ſchon mehrmals in ſeinem ſchmerzvollen Leben trotz der ſtrengen Gebote ſeines Ordens ſich gefragt hatte, und wie er ſo daſtand, das Haupt gebeugt durch das Bangen ſeiner Seele, öffnete ſich die Thür und bleich und angegriffen von der durchwachten Nacht und den mannigfachen Gemüthsbewegungen derſelben, ſtand Johannes Kepler vor ihm. Mit einem Blick überſah der Eintretende, daß ein wohlwollendes Herz hier Anſtalten zu ſeinem Empfange getroffen hatte, und es konnte ihm nicht ſchwer werden zu errathen, daß der anweſende Ver⸗ wandte, gegeben, Tief zu dem ebenfalls „Ja Güte, die würdiger „Hätte i ſorgt ſei, worden, 1 ſtrumente armen We heizen. und ehre, zu befreien Heil, zu meine erſt Seele iſt, und Eure ohne die cher Kälte der zuk⸗ jetzt dem weinende ndes Kind erſtarrten von jeder der Sakra⸗ iner Stirn ppfen, und er wieder, vollen Leben ſich gefragt pt gebeugt ich die Thür urchwachten bewegungen n. retende, daß zu ſeinem e ihm nicht eeſende Ver⸗ 137 wandte, der ihm ſchon ſo manche Beweiſe ſeiner Güte gegeben, auch dießmal ſein Wohlthäter geweſen. Tiefgerührt, mit Thränen in den Augen, trat er zu dem Jeſuiten und reichte ihm die Hand, die dieſer ebenfalls nicht ohne Rührung ergriff. „Ich danke Euch von ganzem Herzen für die Güte, die Ihr mir erweiſt, und möge Gott Euch ſegnen, würdiger Herr!“ ſagte Kepler mit zitternder Stimme. „Hätte ich gewußt, wie liebreich hier für mich ge⸗ ſorgt ſei, ſo wäre mir ein großer Verluſt erſpart worden, mein letztes Manuſkript und all meine In⸗ ſtrumente ſind in dieſer Nacht verbrannt, um meinem armen Weib, das im Kindbette liegt, das Zimmer zu heizen. Ach, ich konnte nicht ahnen, daß mein Feind und Verfolger wie ein Freund und Beſchützer an mir handeln würde.“ „Wie ſehr irrt Ihr Euch in mir,“ entgegnete der Jeſuit,„ich bin nicht Euer, ich bin nur Eurer Irrthümer Feind, und je mehr ich Euch ſelbſt liebe und ehre, deſto lebhafter wünſche ich Euch von dieſen zu befreien und ſo beides, Euer zeitliches und ewiges Heil, zu ſichern. Wie ſehr ich indeß auch fühle, daß meine erſte Pflicht Euch gegenüber die Rettung Eurer Seele iſt, ſo möchte ich doch jetzt vor allem für Euere und Eures Weibes und Eurer Kinder leibliche Be⸗ 138 dürfniffe Sorge tragen. Da Ihr hier doch nicht lange bleiben könntet, ſo iſt es beſſer, daß Ihr in dem Hauſe bleibt, das Eurer Gattin Eigenthum iſt, ich werde Euch Euer Mobiliar und was Ihr ſonſt nothwendig bedürft, hinüberſchaffen laſſen, auch Sorge tragen, daß ſoviel als möglich von den Einkünften Eurer Gattin flüſſig gemacht werde; lebt Euren Stu⸗ dien, werther Magiſter, und geſtattet mir nur von Zeit zu Zeit ein Geſpräch mit Euch über die heilig⸗ ſten Angelegenheiten unſeres Glaubens, ich werde den Herrn auf meinen Knieen bitten, Euer Herz zu erleuchten und Euch zu retten von ewigem Verderben.“ Es zuckte in der Seele des Gelehrten der Wunſch empor, dieſe angebotene Hilfe, die man ihm bot, und die ihm wie eine Beſtechung vorkam, zurück⸗ zuweiſen; ſchon verdunkelte ſich ſeine Stirn, ſchon kräuſelte ſeine Lippe ein hartes Wort, aber er blickte in das edle Geſicht des Jeſuiten, in welchem der Strahl der tiefſten Begeiſterung zitterte, und ſagte milde: „Ich nehme Eure Güte, wie ſie mir geboten iſt, mein verehrter Verwandter; denn ich weiß, Ihr denkt nicht ſo ſchlecht von mir, zu erwarten, daß ir⸗ diſche Vortheile, welcher Art ſie auch ſein mögen, denmann zu mein Her Wahrheit —„Ab irren könn Magiſter,“ zum Dispr Hand laßt Kepler's in — Sein eingerichtet, zu des Va bei der Za Gattin Kep geſchmolzen vor drücken Aus mit der Na icht lange in dem n iſt, ich öhr ſonſt ich Sorge Einkünften iren Stu⸗ nur von die heilig⸗ ich werde er Herz zu erderben.“ eehrten der man ihm m, zurück⸗ Btirn, ſchon ler er blickte pelchem der und ſagte mir geboten b weiß, Ihr ten, daß ir⸗ ſein mögen, 139 mein Herz von dem abwenden werden, was ich für Wahrheit und Recht erkenne.“ „Aber Ihr haltet es doch für möglich, daß Ihr irren könntet?“ ſagte der Jeſuit. „Ich? ja wohl! aber nicht die heilige Schrift, nuch„deren Ausſpruch ich mein Bekenntniß geformt habe. „Wir wollen nicht ſtreiten, jetzt nicht, werther Magiſter,“ entgegnete der Jeſuit ſehr eifrig.„Die Zeit zum Disputiren bleibt uns ja, ſo Gott will, vor der Hand laßt uns eilen, Eurer Gattin Beiſtand zu ver⸗ ſchaffen und für Eure Kinder das Allernothwendigſte, ein Frühſtück, zu beſorgen.“ Von dieſer Stunde an glättete ſich das Leben Kepler's in Grätz mit jedem Tage mehr und mehr. — Sein Haus war bald freundlich und wohnlich eingerichtet, Barbara genas und ihr Knäblein gedieh zu des Vaters Freude, es gab keine Schwierigkeiten bei der Zahlung der Zinſen von dem Vermögen der Gattin Kepler's, und obgleich dasſelbe ſehr zuſammen⸗ geſchmolzen, ſo reichte es doch aus, die kleine Familie vor drückenden Sorgen zu ſchützen. Aus Würtemberg bekam Kepler durch Apollonia mit der Nachricht vom Ableben ſeines Oheims Gul⸗ denmann zugleich die Zinſen von dem ihm zugefalle⸗ nen Kapitale, das aber nach des Erblaſſers letztwil⸗ liger Verordnung ſo lange, als Wellinger und ſeine Frau lebten, in den Händen des Ehepaares bleiben ſollte. Seine Pflegemutter theilte ihm auch mit, was Beſold ihr für ihn aufgetragen, und erzählte ihm, wenngleich ſo milde als möglich, von der Verdammniß, in die er in den Augen der würtembergiſchen Theo⸗ logen gerathen. Von ſich ſelbſt ſchrieb ſie wenig, ſo wenig, daß Kepler den Brief betrübt von allen Seiten betrach⸗ tete, als erwarte er noch irgendetwas zu finden, das ſeiner Sehnſucht nach Nachricht von ſeiner theuerſten Freundin Genüge leiſten könne. Seine Zeit, nicht mehr von der Pflicht eines Lehramtes in Anſpruch genommen, gehörte nun ganz ſeiner erhabenen Wiſſenſchaft. Magiſter Cyſetus ſtand ihm bei ſeinen Arbeiten helfend zur Seite und bewirkte unter andern, daß eine der bedeutendſten Arbeiten Kepler's, ſeine, Ephe⸗ meriden, deren Druck wegen ihrer Freiſinnigkeit ſo⸗ wohl in Tübingen als an andern proteſtantiſchen Orten verboten wurde, in Ingolſtadt beſorgt wurde. In dieſer Zeit machte Kepler ſeine Unterſuchungen über die Natur des Lichtes, und den Sinn des Sehens. Er zerlegte mit Hilfe eines prismatiſch geſchliffenen gelungen, Glaſes d Regenbog den Bau konſtruirte fand aber nach ſeine in Italien In gelehrten lebend, der die Gebur Zeit, wät die religiö Sein ſuiten au der Anſtal Laufbahn wo er ſich gekehrt, un in Grätz 5 letztwil⸗ und ſeine es bleiben mit, was ählte ihm, dammniß, en Theo⸗ wenig, daß n betrach⸗ finden, das r theuerſten gflicht eines te nun ganz ien Arbeiten andern, daß ſeine, Ephe⸗ innigkeit ſo⸗ oteſtantiſchen ſorgt wurde. iterſuchungen des Sehens. geſchliffenen 8 141 Glaſes den Sonnenſtrahl in die ſieben Farben des Regenbogens, und unterſuchte im menſchlichen Auge den Bau der Netzhaut und die Kryſtalllinſe. Er konſtruirte das Teleſkop mit zwei convexen Gläſern, fand aber in Deutſchland keinen Künſtler, der dasſelbe nach ſeiner Angabe anfertigen konnte, während Galilei in Italien es zur Ausführung brachte. In tiefſter Zurückgezogenheit in Grätz, nur ſeinen gelehrten Arbeiten und der Erziehung ſeiner Kinder lebend, deren Zahl im nächſten Jahre ſich noch durch die Geburt einer Tochter vermehrte, verfloß ihm die Zeit, während welcher in Steiermark vor wie nach die religiöſe Verfolgungsſucht dauerte. Sein einziger Umgang waren die gelehrten Je⸗ ſuiten aus der Umgebung des Erzherzogs, und in ſeltenen Fällen beſuchte Frau Barbara ihre alte Freundin, Fräulein von Eggenberg. Der Neffe derſelben, Herr Johann Ulrich von Eggenberg, ein Sohn ihres Vet⸗ ters Herrn Siegfried von Eggenberg, eines der Gründer der Anſtalt, an welcher Magiſter Kepler ſeine gelehrte Laufbahn begonnen hatte, war aus dem Ungarlande, wo er ſich wacker gegen die Türken geſchlagen, zurück⸗ gekehrt, und da es den Bemühungen ſeiner Verwandten in Grätz und der Gelehrſamkeit des Pater Fickler gelungen, ihn in den Schooß der Kirche zurückzuführen, 142 ſo erfreute er ſich hoher Ehren am Hofe des jungen Erzherzogs Ferdinand, der den Abkömmling tüchtiger Handelsleute, als welche die Eggenberge im fünf⸗ zehnten Jahrhundert den Herren Fuggern die Wage hielten, mit ſeiner ganzen Gewogenheit werth hielt. Barbara Kepler war nicht mehr die muntere, etwas eitle junge Dame, die als Geſellſchafterin des wackeren Fräuleins von Eggenberg ſo manchen luſtigen Scherz gemacht hatte. Die Zeiten waren traurig für eine Frau, die wie ſie ihrem Glauben mit Eifer zugethan und die Gattin eines brotloſen Gelehrten, die Mutter von drei ganz kleinen Kindern war. Ihre Ehe war mit Hoffnungen geſchloſſen, von denen auch keine einzige ſich verwirklicht hatte. Der jugendliche Gelehrte, für den ſich eine ſo glänzende Laufbahn zu eröffnen ſchien, war jetzt ein von ſeiner eigenen Partei aufgegebener, und von der entgegen⸗ geſetzten geduldeter Mann, deſſen Uebertritt allen, nur nicht ſeiner Gattin, ſehr wahrſcheinlich erſchien— Sie allein, die ihn täglich und ſtündlich beobachtete, wußte, wie fern ſeiner ausdauernden Seele eine Treu⸗ loſigkeit gegen das, was er als recht erkannte, auch in der höchſten Noth lag. Freilich ſtand Barbara ihrem Manne in geiſtiger Beziehun aber ſie das Aus ſie für de „ Fräl jüngeren Putz, nei ihrer näch ander leiſ zurückgekel Die ein neues, Wenn ſie! Kindern, Magnete⸗ Flammen Beitrag z tung, und bes jungen tüchtiger im fünf⸗ die Wage berth hielt. muntere, fterin des hen luſtigen Frau, die in und die Mutter von hloſſen, von hatte. Der o glänzende m von ſeiner er entgegen⸗ rtritt allen, erſchien.— beobachtete, e eine Treu⸗ kannte, auch in geiſtiger 143 Beziehung noch immer ſo fern als beim Beginn ihrer Ehe, aber ſie war eine ſtrenge Proteſtantin und würdigte das Ausharren ihres Gatten in dem Glauben, den ſie für den einzig richtigen hielt. Fräulein Renata von Eggenberg hatte mit ihrer jüngeren Freundin jetzt nicht mehr Geſpräche über Putz, neue Karoſſen und mögliche Verlobungen in ihrer nächſten Umgebung, ſondern ſie flüſterten ein⸗ ander leiſe ins Ohr, daß dieſer oder jener Verbannte zurückgekehrt ſei und ſeinen Glauben gewechſelt habe. Die vornehme alte Dame erzählte der jungen blaſſen Frau von den Beſchlüſſen im Kabinet des Erzherzogs und Barbara lauſchte mit Angſt darauf, denn jede neue Maßregel gegen die Proteſtanten war ein neues, über ihrem Haupte aufgehängtes Schwert.— Wenn ſie wieder flüchten müßten, jetzt mit drei ſo kleinen Kindern, jetzt, wo ihr Gatte das große Werk: ‚de Magnete“ eben beendet und auch das, welches er den Flammen übergeben, von neuem aus ſeinem feſten Gedächtniſſe niedergeſchrieben und vielfach verbeſſert hatte! Frau Barbara hoffte von dieſen Arbeiten ihres Gatten einen Ertrag, der wohl nothwendig ſchien als Beitrag zu der immer größer werdenden Haushal⸗ tung, und das war ihr nicht zu verdenken, er ſelbſt 144 lebte freilich von den geringen Zinſen ſeines bei Wel⸗ linger ausſtehenden kleinen Erbes, aber die Kinder?— und ſie wuchſen ja auch heran und brauchten täglich mehr. Auch in ihrem Hauſe war Barbara Kepler ſtill und ſorgenvoll.— Sie liebte ihren Gatten von ganzem Herzen, liebte ihn weit mehr als beim Be⸗ ginn ihrer Ehe, aber die Sorgen des Hauſes lagen doch, wie es ihr ſchien, ganz und gar auf ihrem Herzen, ihr Johannes, deſſen Gedanken weit mehr im Himmel als auf Erden waren, ſtand ihr wenig oder gar nicht bei in der Hauswirthſchaft und Pflege der Kleinen. Die Opfer, welche Kepler faſt in jeder Stunde ſeines Lebens der Ruhe, Bequemlichkeit und Freude der Seinigen brachte, war niemand weniger fähig zu ſchätzen, als ſeine Gattin. Sie glaubte mit aufrichtigem Herzen, daß ſie ihm ein Vergnügen mache, wenn ſie in ſein Zimmer kam, um ihm das eben fertig gewordene Röckchen des kleinen Ludwig zu zeigen oder ihm einwenig gebratene Gansleber zum Frühſtück zu bringen, und um alles in der Welt hätte er ſie in dieſem Glau⸗ ben nicht ſtören mögen. Freilich unterbrach ſie nicht ſelten ſeine Rechnun den, frei ſeiner Ge Größe d ihn lieb! und Wol dem Himn Wiſſenſche Bei bara Kepl Ludwig a ſchlafloſen lein ihr Herrn Jo ihrem He bei Wel⸗ inder? en täglich depler ſtill atten von beim Be⸗ uſes lagen auf ihrem weit mehr ihr wenig und Pflege der Stunde lund Freude er fähig zu en, daß ſie ſein Zimmer ne Röckchen einwenig pringen, und ieſem Glau⸗ ſelten ſeine 145 Rechnungen und brachte ihn um die Arbeit vieler Stun⸗ den, freilich zerſtörte ſie, o wie oft! den Aufſchwung ſeiner Gedanken, die in der Größe des Weltbaues die Größe des Schöpfers bewunderten, aber ſie hatte ihn lieb! ſie meinte es ſo gut! und ſind nicht Liebe und Wohlwollen ebenſogut, ja vielleicht noch mehr dem Himmel entſtammende Engel, als Weisheit und Wiſſenſchaft? Bei Fräulein Renata von Eggenberg traf Bar⸗ bara Kepler an einem Sommerabend, wo ſie, ihren Ludwig auf dem Schooße haltend, eifrig von den ſchlafloſen Nächten ſprach, die ihr kleinſtes Töchter⸗ lein ihr verurſachte, zum erſtenmal den ſeattlichen Herrn Johann Ulrich von Eggenberg, den ſie in ihrem Herzen einen Abtrünnigen zu nennen pflegte, wenngleich ſie es nicht wagen durfte, das Wort über die früher ſo rückſichtslos plaudernden Lippen zu bringen. Es war ein ſchöner Mann, groß und ſchlank mit dunklem Haare, deſſen glänzende Locken, nach der Mode der Zeit ganz kurz geſchoren, die ſchöne Stirn und die ganz vollendet edle Form des Schädels ſehen ließen. Als die junge Frau beim Eintritte des Gaſtes, deſſen Anſehen beim Erzherzog ſo bedeutend gewor⸗ 1857. XXII. Johann Kepler. III. 10 146 den war, von ihrem Sitze aufſtand, hafteten die Augen des jungen Edelmannes erſtaunt, ja faſt er⸗ ſchreckt, auf der ſchönen erröthenden Geſtalt. „Sie hier, Polirena!“ ſagte er, raſch auf ſie zu⸗ tretend, dann aber verbeugte er ſich tief, und ſetzte hinzu:„Mögen Ihre Gnaden es verzeihen, daß ich Sie, die mir völlig Fremde, mit der ſchönſten und gefeierteſten Dame in der Chriſtenheit verwechſelte.“ „Meine junge Freundin hier,“ ſagte Fräulein Re⸗ nata freundlich,„iſt die Gattin des berühmten Ma⸗ giſter Kepler, deſſen Name auch Euch, lieber Neffe, uicht unbekannt ſein wird.“ „Ich bin, ehe ich hierher zurückkehrte, vier Tage in Prag am Hofe Kaiſer Rudolph's geweſen,“ ent⸗ gegnete Johann Ulrich von Eggenberg,„und wie ich dort die Ehre hatte, das Ebenbild der Frau von Kepler in Perſon kennenzulernen, ſo ward mir auch Gelegenheit, gar viel von dem jungen Stern⸗ kundigen zu vernehmen, deſſen Ruhm nirgend höher geſchätzt werden kann als in der Umgebung des ge⸗ lehrten Kaiſers. Herr von Brahe, Herr Doktor Dee, Herr Longomontanus und viele andere aus dem Kreiſe der Gelehrten, mit denen der Hof Kaiſer Ru⸗ dolph's ſo geziert iſt, wie der Nachthimmel mit Ster⸗ nen, führen den Namen Kepler als ibres Schieds⸗ richters betrachte Freilich tete, ſein der Geſti aber ſein die höchſ „Je abenteuer „daß er Welt iſt, ich einſtel Joh denn nie von Keple fteten die a faſt er⸗ l. uf ſie zu⸗ und ſetzte n, daß ich önſten und ſchſelte.“ äulein Re⸗ zmten Ma⸗ eeber Neffe, , vier Tage peſen,“ ent⸗ „und wie d der Frau ward mir gen Stern⸗ —rgend höher ung des ge⸗ Herr Doktor tre aus dem Kaiſer Ru⸗ el mit Ster⸗ es Schieds⸗ 147 richters in gelehrten Streitigkeiten im Munde, und betrachten ſeine Ausſprüche als nie trügende Orakel. Freilich ſollen, wie Herr Tycho von Brahe behaup⸗ tete, ſeine Anſichten über den Weltbau und den Lauf der Geſtirne etwas unrichtig, etwas abenteuerlich ſein, aber ſeine aſtrologiſchen Weiſſagungen werden als die höchſten Wunder der Gelehrſamkeit geprieſen.“ „Ich weiß nicht, worin mein guter Johannes abenteuerliche Anſichten haben ſoll,“ meinte Barbara, „daß er aber der beſte und rechtſchaffenſte Mann der Welt iſt, das weiß ich ſehr wohl und dafür kann ich einſtehen.“ Johann Ulrich warf einen neuen verwunderten Blick auf die Sprecherin und ſagte: „In der That, dieſe Aehnlichkeit iſt ſtaunens⸗ werth,“ und da in dieſem Augenblicke, nach leiſem Pochen an der Thüre des Gemachs, Pater Johan⸗ nes Fickler eintrat, ſo wandte er ſich, im Eifer den Gruß des Jeſuiten nur flüchtig erwiedernd, an dieſen und ſagte: „Ihr kennt die ſchöne Polirena von Roſenberg, habt Ihr ſie doch, wie ich aus der Dame eige⸗ nem Munde weiß, als Kind unterrichtet, iſt Euch denn nie die Aehnlichkeit aufgefallen, welche Frau von Kepler mit derſelben hat?“ 10* 4 148 Pater Fickler neigte ruhig bejahend ſein ſchönes Haupt und Fräulein Renata fragte erſtaunt:„Das iſt ja wohl die ſchöne Witwe des Oberſtburggrafen von Böhmen, die Dame, um deretwillen, wie man ſagt, unſer Kaiſer unvermält bleibt und alle ihm dargebotenen Ehebündniſſe von der Hand weiſt und gröblich vernachläſſigt.“ „Dieſelbe,“ entgegnete Johann Ulrich, und heftete einen Moment lang ſeine durchdringenden Augen auf den Jeſuiten, der die ſeinigen zu Boden ſchlug. „Kennt Sr. Gnaden der Herr Erzherzog die Frau von Kepler bereits?“ fragte er dann. „Er hat ſie ein paarmal flüchtig nur im Vor⸗ übergehen geſehen,“ entgegnete Pater Johannes. Herr Johann Ulrich lächelte und empfahl ſich nach wenigen Minuten. Barbara merkte, daß Pater Johannes, der ſie ſonſt wie jede andere Dame nur wenig zu beobachten pflegte, heute ſeine durchdringen⸗ den Angen nicht ſelten auf ihr ruhen ließ. Der Gedanke, der ſchönſten Frau ihrer Zeit zum Verwechſeln ähnlich zu ſehen, machte ihr trotz aller Sorgen, die ihr Herz beſchwerten, denn doch einiges, echt weibliches Vergnügen und ſie fühlte ſich geſchmei⸗ chelt, als Herr Johann Ulrich von Eggenberg nach einigen Tagen in ihr Haus kam und nach ihrem Gatten wünſcht ganzen del un ſollten Ke ſon zun lange C und Ge vielen S eines W daß er wolle, u in Steie Es für jede weſen, Sache weſen. De Arbeiten nähernd ſelben a meriden in den 5 9 „D urggrafen wie man alle ihm weiſt und und heftete Augen auf chlug. herzog die 1. r im Vor⸗ hannes. Impfahl ſich daß Pater Dame nur rchdringen⸗ poch einiges, ch geſchmei⸗ enberg nach nach ihrem 149 Gatten fragte, mit dem er eine Beſprechung zu haben wünſchte über die Maße und Gewichte, welche im ganzen Erzherzogthume zur Erleichterung von Han⸗ del und Gewerbe auf gleichen Fuß gebracht werden ſollten—— Kepler ward von da ab mehreremal in Per⸗ ſon zum Erzherzog Ferdinand beſchieden, und hatte lange Geſpräche mit dem jungen Fürſten über Maß und Gewicht und Münzen des Landes und von vielen Seiten flüſterte man ihm zu, es bedürfe nur eines Wortes von ihm, nur der leiſen Verſicherung, daß er die Lehren der katholiſchen Kirche prüfen wolle, um ihm ſogleich eine glänzende Anſtellung in Steiermark zu ſichern. Es wäre dieſe Zuſicherung in Kepler's Lage für jeden eine faſt unwiderſtehliche Verſuchung ge⸗ weſen, bei dem die Religion nicht ganz und gar Sache des reinſten heiligſten Herzensgefühls ge⸗ weſen. Der arme Gelehrte, deſſen große weltwichtige Arbeiten von ſeinen Zeitgenoſſen nicht einmal an⸗ nähernd verſtanden wurden, erntete natürlich für die⸗ ſelben auch keinen pekuniären Lohn. Seine Ephe⸗ meriden waren auf ſeine eigenen Koſten zwar gedruckt in den meiſten deutſchen Landen jedoch verboten, 150 Sein Werk von den Bewegungen der Weltkörper hatte ungeheueres Aufſehen erregt bei den Gelehrten ſeiner Zeit, ward aber von Tycho de Brahe, dem Aſtronomen, der ſich für den größten derſelben in der bekannten Welt hielt, als eine auf falſchen Grund⸗ ſätzen beruhende Träumerei angefochten. Wenn die Erde ſich in Zeit von einem Jahre um die Sonne bewegte, ſchrieb dieſer zu ſeiner Zeit ſo mächtige Mann an Kepler, ſo müßte die Stel⸗ lung der Firſterne zu einander ſich in den Zeiten, wo unſer Wohnort ſich an den entgegengeſetzten Punkten der Achſe ſeiner ungeheuern Bahn befindet, alſo alle Halbjahr etwa, ſehr weſentlich für unſer Auge verändern. Kepler fand dieſen Einwurf, der in der tägli⸗ chen Erfahrung ſeinen Grund hatte, weit wichtiger, als jene Worte der Bibel, in denen von einem Stillſtand der Erde und einer Bewegung der Sonne die Rede iſt, aber ſein großer Geiſt fiel auf die natürliche und wahre, wenn auch für den kleinen Menſchen kaum faßbare Widerleguug jenes Einwur⸗ fes. In dem ungeheueren, unmeßbaren Weltgan⸗ zen, ſagte er, iſt die Achſe der Erdbahn im Ver⸗ hältniß zu der Entfernung der Firſterne nur wie ein untheilbarer Punkt zu betrachten. Wol Galilei c tere Zeit Erzh lehrter, a aller Wif unterrichte Sein die unmit ligen, das keine Freu großen un der Natur Er e päiſchem ihm und lichkeit B/ Dome, di Jungfrau Das Himmelsk retten, hie Gott, der Aber lehrten w Itkörper lelehrten he, dem elben in Grund⸗ Jahre ner Zeit ie Stel⸗ Zeiten, igeſetzten befindet, für unſer der tägli⸗ wichtiger, on einem er Sonne lauf die en kleinen Einwur⸗ Weltgan⸗ im Ver⸗ ir wie ein 151 Wohl belächelte Tycho dieſen Rieſengedanken, Galilei aber erkannte ſeine Wahrheit und eine ſpä⸗ tere Zeit wußte ihn zu würdigen. Erzherzog Ferdinand war kein eigentlicher Ge⸗ lehrter, obgleich von gelehrten Lehrern in Kenntniß aller Wiſſenſchaften ſeiner Zeit wohl erzogen und unterrichtet. Sein ſchwärmeriſcher Geiſt, der überall ſo gern die unmittelbare Einwirkung Gottes und ſeiner Hei⸗ ligen, das Wunder, zu ſehen geneigt war, hatte keine Freude an der Auffindung und Erklärung der großen und einfachen Geſetze, auf denen das Ganze der Natur beruht. Er ehrte Kepler als einen Gelehrten von euro⸗ päiſchem Ruf, das tiefe Intereſſe aber, das er an ihm und ſeiner Familie nahm, beruhte auf der Aehn⸗ lichkeit Barbaras mit jener Erſcheinung im prager Dome, die er mit feſtem Glauben für die heilige Jungfrau hielt. Das Weſen, welches die Züge der erhabenen Himmelskönigin trug, vom ewigen Verderben zu retten, hielt er für eine Pflicht, ihm ſelbſt von dem Gott, der ihn ſo hoch gewürdigt, auferlegt. Aber in jedem neuen Geſpräch mit dem Ge⸗ lehrten ward dem jugendlichen Fürſten der Charak⸗ 152 ter Kepler's in ſeiner einfachen Liebenswürdigkeit und Aufrichtigkeit werther und theuerer. In jedem Augenblick ſeines Lebens, in denen Kepler's Geiſt, ſeine erhabenen Arbeiten verlaſſend, zum Nachdenken über die Trivialitäten des Erden⸗ lebens ſich herabließ, fühlte er das Drückende ſeiner Abhängigkeit vom Vermögen ſeiner Gattin, fühlte die Furcht wegen der nächſten Zukunft, wenn nun endlich die Forderung, ſeinen Glauben zu ändern, ernſtlich an ihn gemacht werden ſollte. Er allein— o lieber Gott, der Vogel auf dem Dach würde nicht leichter als er ſeine Schwin⸗ gen entfaltet und Schutz unter einem grünen Baum geſucht haben, als Kepler für ſeine Perſon einen Ort und ein Land verlaſſen hätte, in dem man das Heiligthum ſeiner Seele, ſeine Religionsfreiheit, be⸗ drohte. Aber Weib und Kind mit ihren hundert⸗ fachen Bedürfniſſen und die natürliche menſchliche Liebe für dieſe ſeine Theuern, feſſelten ihn und ließen ihn mit einer Sorge, die weit ſchwerer iſt, als die To⸗ desangſt des Einzelnen, in die Zukunft blicken. So vergingen Monden und wurden zu Jahren, ein viertes Kind vergrößerte Kepler's häusliches Glück und ſeine ſchweren Sorgen. Sein Herz zog ihn nach Schwaben, der theuern ſehen und Heimat liche ver greiſe M in ſeinem und in ſa treue Ge ſich dort in der He hatte, um rüchte, wi des Wein nicht, ihm Er h ſchönen ech mit der Arbeitstiſch „Leb Leben gede mal überd wohnt von und Mee Eingeweid andere org tigen Kör 153 gkeit und Heimat ſeiner Jugend, wo Apollonia und ſeine glück⸗ liche verheiratete Schweſter Margaretha, wo ſeine in denen greiſe Mutter und ſeine beiden Brüder lebten, wo er eerlaſſend, in ſeinem frühern Lehrer Mäſtlin einen werthen Freund s Erden⸗ und in ſeinen Studiengenoſſen Bernecker und Beſold ide ſeiner treue Gefährten beſaß. Vergebens aber bemühte er 9 in, fühlte ſich dort eine Anſtellung zu erhalten, es woben ſich venn nun in der Heimat, ohne daß er eine Ahnung davon 3 ändern, hatte, um ſeinen und der Seinigen Namen böſe Ge⸗ rüchte, wie Spinneweben ſich um die koſtbarſte Frucht Vogel auf des Weingeländes ziehen, und ſeine Freunde wagten Schwin⸗ nicht, ihm die ganze Abſcheulichkeit derſelben mitzutheilen. nen Baum Er hatte ſein Werk:„Von der Erdſeele,“ dieſen 1 ſon einen ſchönen echt poetiſchen Traum, beendet, und ſaß noch man das mit der Feder in der Hand vor ſeinem ärmlichen eiheit, be⸗ Arbeitstiſche. hundert⸗„Leben iſt der Hauptzweck der Natur, Leben, bliche Liebe Leben gedeiht überall,“ ſagte er, ſein Werk noch ein⸗ ließen ihn mal überdenkend.„Jeder Baum iſt eine Welt, be⸗ ls die To⸗ wohnt von lebenden Geſchöpfen, das Waſſer im Fluß 6 licken. und Meer wimmelt oon Leben, und ſelbſt in den r zu Jahren, Eingeweiden von Menſchen und Thieren leben noch 3 liches Glück andere organiſche Geſchöpfe. Auch die großen mäch⸗ 6 tigen Körper, die wir als Sterne am Himmelsgewölbe der theuern ſehen und deren einer unſere Erde iſt, leben, ſie müſſen 4 154 ein Leben haben, eine Seele, welcher Art dieſelbe auch ſein mag. „Iſt nicht Ebbe und Flut gleichſam der ewige regelmäßige Athem unſeres Planeten? die Flamme des Nordlichts vielleicht der Hauch ſeines Mundes? Ziehen nicht die Erdbeben als Zuckungen durch ſeinen Rieſenkörper? Gott ließ auch die Erde leben und die Sterne, denn Leben iſt der große Zweck der Schöpfung.“ Er ſchrieb ſeinen Namen auf das breitliegende Titelblatt des künftigen Buches, er hörte dabei zum erſtenmal, daß nebenan in dem Zimmer ſeiner Frau die Kinder weinten und von der Mutter geſcholten wurden. „Du ſollſt nicht Butter zum Brote verlangen, Ludwig, Du bekommſt keine,“ ſagte Barbara laut, „was, vier kleine unartige Kinder und einen Mann, der nichts erwirbt und doch gar mancherlei braucht, und das Alles auf die Schulter einer Frau gelegt, die noch nicht achtundzwanzig Jahre alt iſt, und dann iſt ſo ein Junge noch unzufrieden, wenn er zur Jauſe Brot zu ſeiner Milch bekommt und verlangt Butter?“ Der kleine Kerl weinte und ſtampfte mit dem Füßchen:„Du haſt aber dem Vater Butter auf ſein Brot geſtrichen und Ludwig will auch Butter haben“— coſig, ſo ſta Keple ſtand mit ſeinem Zin Sein ſere des L. zugleich in ſeiner Kind gigkeit von eine Anſtel den ſeine C und ihm durch ſeinen das Alles I vor den Au Thür zu ſei lauter Stin Johannes, doch nichts damit ich d kommen kan jugendliche ſei, und ein Währen gewordene G ſelbe auch der ewige Flamme Mundes? irch ſeinen leben und Zweck der eitliegende dabei zum einer Frau geſcholten verlangen, bara laut, en Mann, ſei braucht, rau gelegt, t iſt, und r zur Jauſe t Butter?“ mit dem er auf ſein haben“— 155 Kepler trat von ſeinem Arbeitstiſche weg und ſtand mit ineinander gelegten Händen mitten in ſeinem Zimmer. Sein Herz that ihm weh— die kleinliche Mi⸗ ſere des Lebens ſchlug hundert ſchmerzende Krallchen zugleich in ſeine zuckende Seele— die Entbehrungen ſeiner Kinder, die Sorgen ſeiner Frau, ſeine Abhän⸗ gigkeit von derſelben, die Unmöglichkeit, hier in Grätz eine Anſtellung zu finden, die Anfechtungen, mit den ſeine Glaubensgenoſſen in der Heimat ihn kränkten und ihm die Ausſicht verſchloßen, den Seinen dort durch ſeinen Fleiß das tägliche Brot zu verſchaffen: das Alles lag wie ein aufgerolltes trübſeliges Bild vor den Augen ſeines Geiſtes, und als Barbara die Thür zu ſeinem Zimmer geräuſchvoll öffnete und mit lauter Stimme zu ihm hineinrief:„Komm ſchnell, Johannes, laß die unnützen Dinge liegen, die Dir doch nichts einbringen und iß Deine Suppe warm, damit ich den Tiſch abräumen und zu einer Arbeit kommen kann;“ da fühlte er, wie wenig die ſchöne jugendliche Geſtalt von ihm die Hälfte ſeines Ichs ſei, und ein heißer Schmerz rann durch ſeine Seele. Während des Eſſens aber ſah er in das bleich gewordene Geſicht ſeiner Lebensgefährtin, die er ſo roſig, ſo ſtattlich, ſo hoffnungsfreudig gekannt hatte, 156 und fühlte das tiefſte Mitleid mit ihr und die heiligſte Verpflichtung ihr beizuſtehen.—„Gib mir Gelegenheit, o Gott, der die jungen Raben nährt, für meine Kinder zu arbeiten und ihnen das tägliche Brot zu erwerben!“ betete er, an ſeinem Fenſter ſtehend, an dieſem Abend unter rinnenden Thränen,„und wäre die Arbeit, womit ich mein Weib unterſtütze, auch die eines Taglöhners.“ Und am Himmel funkelten die Sterne und der Mond ſchaute wie lächelnd in das Zimmer des Mannes, der mit ſo ausdauernder Treue den Herrn in ſeinen Werken ſuchte, und ſo auf⸗ richtige Liebe in ſeinem gütevollen Menſchenherzen trug für die, welche Gottes Wille an dieſes weiche Herz gelegt hatte.— Er legte ſich, durch das Gebet geſtärkt, nieder und bald woben goldene Träume einen Schleier von überirdiſcher Glückſeligkeit um ſeine entfeſſelte Seele. Es war Mitternacht und alles in Grätz bereits im tiefen Schlafe. Nur Johannes Fickler ſaß noch wachend und ſorgend an ſeinem Tiſch und ſtützte das Haupt mit der weißen Hand und drückte die andere auf das ſchwer, faſt krampfhaft ſchlagende Herz. „Ja, ſie iſt ein edles erhabenes Weib,“ flüſterte er leiſe vor ſich hin und öffnete das Fach des Schran⸗ kes, in d Roſenber „Ri und groß trachtend, übſt auf „Ach nicht die o Poliren heit Dein verklärend, die ſich D und Hohe bildet und ich Höhere ſchaft voll ner Jugen Er ve Schrankes den Brief vom Anfan „Der Leibdiener ſchrieb Fra mir über die und die „Gib mir ben nährt, das tägliche ſter ſtehend, „und wäre ſtütze, auch el funkelten lächelnd in usdauernder und ſo auf⸗ herzen trug peiche Herz ärkt, nieder Schleier von ſſelte Seele. Grätz bereits er ſaß noch und ſtützte drückte die agende Herz. lib,“ flüſterte des Schran⸗ 157 kes, in dem er das Bild der ſchönen Polixena von Roſenberg bewahrte. „Rührendes Antlitz, treuer Spiegel einer guten und großen Seele,“ ſagte er, das Bild liebevoll be⸗ trachtend,„woher ſtammt der Zauber, den Du aus⸗ übſt auf alle Herzen, die ſich Dir nahen? „Ach es iſt nicht die Regelmäßigkeit der Züge, nicht die Zartheit der Haut, was Dich ſchön macht, o Polixena, es iſt die Wahrheit, Güte und Rein⸗ heit Deines Charakters, der, Deine ſchönen Züge verklärend, Dich zur Gebieterin aller Herzen macht, die ſich Dir nähern. Und dieſer Charakter voll Adel und Hoheit, iſt mein, mein Werk! durch mich ge⸗ bildet und geleitet! Was kann ich mehr, was könnte ich Höheres fordern vom Geſchick, als die Freund⸗ ſchaft voll Vertrauen, welche Du für den Lehrer Dei⸗ ner Jugend hegſt!“ Er verbarg das Bild, indem er den Flügel des Schrankes ſchloß, der es enthielt, und nahm dann den Brief zur Hand, den er nun ſchon mehrmals vom Anfang zu Ende durchgeleſen, und las ihn wieder: „Der Kaiſer, ſonſt nur im Kreiſe ſeiner nächſten Leibdiener lebend, kommt täglich in meine Wohnung,“ ſchrieb Frau von Roſenberg,„und ſpricht offen mit mir über die wichtigſten Angelegenheiten. ‚Meine theure 158 Freundin, meine liebe Schweſter,“ ſagte er neulich zu mir, ‚warum gefällt es dem Herrn nicht, mir eine Gattin zu beſcheeren, Euch ähnlich an Körper und Geiſt?—, Dieß wird ſeiner Zeit geſchehen, mein Herr und Kaiſer,“entgegnete ich ihm, ‚ſuchet nur unter den Jungfrauen, die neben Europa's Thronen erblühen, und glaubt dann, daß Polirena die treueſte Dienerin, die ergebenſte Freundin der Gattin ihres Herrn ſein wird.⸗ „Glaubt mir, Johannes, es wäre mir ein Leich⸗ tes, das Herz dieſes unglücklichen, von allen Seiten verrathenen Mannes ſo zu leiten, daß keine Macht der Welt ihn daran verhindern könnte, mich als ſeine rechtmäßige Gattin neben ſich auf den Thron zu ſetzen;— aber ich will nicht auch wie alle, die ihn umgeben, ſelbſtſüchtig und verrätheriſch gegen ihn handeln.— Ich ehre den Kaiſer Rudolph als meinen Gebieter und Herrn, ich ſchätze ihn als mei⸗ nen theuerſten Freund; wäre ich eine Königstochter, ſo würde mein Gefühl für ihn ausreichend ſein, um mich zu ſeiner pflichttreuen, ihm ganz ergebenen Ge⸗ malin zu machen. Eine Heirat aber mit der Toch⸗ ter eines Vaſallen würde den Fürſten in eine noch weit ſchwierigere Stellung bringen, als die jetzige, und ich beſitze nicht jene alles aufopfernde Liebe, die alles um ihres „Jd es eine nicht der Es ſchein überquelle Sitte und Männern, ſinnungen, zu ſein und meinen ge nach Ihre manche P mein Thu zens vollſt die unſer ein Gräuel wiederkehrq ſein wird iſt mein hu mir dabei „Mei kaiſerlichen mir nicht neulich zu mir eine körper und mein Herr unter den erblühen, Dienerin, Herrn ſein r ein Leich⸗ len Seiten eine Macht mich als den Thron iee alle, die iſch gegen ludolph als n als mei⸗ nigstochter, d ſein, um Lbenen Ge⸗ der Toch⸗ i eine noch die jetzige, nde Liebe, die alles an den Beſitz ſetzt und die Welt vergißt um ihres Glückes willen. „Ich habe eine Ahnung in meiner Seele, daß es eine ſolche Liebe gibt, Kaiſer Rudolph aber iſt nicht der Mann, dieſe meinem Herzen einzuflößen. Es ſcheint mir, Gott beſtimmte mich dazu, meine überquellenden Gefühle ſtets unter der Hut der Sitte und Konvenienz halten zu müſſen, und den Mähnnern, die ſich mir nahen mit freundlichen Ge⸗ ſinnungen, eine liebevolle Freundin, eine Vertraute zu ſein und zu bleiben. Daß ich, mein theurer Lehrer, meinen geringen Einfluß auf des Kaiſers Majeſtät nach Ihrem Rathe verwende, davon werden Sie ſo manche Probe bereits erhalten haben. Auch ſtimmt mein Thun hier mit allen Gefühlen meines Her⸗ zens vollſtändig überein. Die Glaubensparteien, die unſer armes Böhmen zerreißen, ſind meiner Seele ein Gräuel, und wohl fühle ich, daß der Frieden erſt wiederkehren kann, wenn ein Hirte und eine Heerde ſein wird in unſerem Lande.— Dieß zu erſtreben, iſt mein höchſter Wunſch und ich bitte Gott, daß er mir dabei helfe. „Mein Verhältniß zu den gelehrten Herren am kaiſerlichen Hofe iſt noch unverändert. Ich kann mir nicht helfen, ich haſſe ſie alle dieſe Wahrſager, 160 Goldmacher, Sterndeuter, die fort und fort das Elend des Bruderzwiſtes vermehren im Hauſe unſerer Fürſten. „Herr Tycho von Brahe hat von neuem aus der Stellung der Sterne berechnet, daß dem Kaiſer der Tod drohe von der Hand eines Sohnes und — abermals iſt die Verbindung, welche der Herr Kardinal von Dietrichſtein einleitete, zerriſſen.— Kaiſer Rudolph, der ſoviel Sinn hat für Familien⸗ glück, wird unvermält ſterben, weil man ihm Furcht vor noch ungebornen Kindern einflößt. Sein Haß gegen den Prinzen Mathias, ſeinen Nachfolger, wird jeden Tag größer, weil jene Männer ihn durch die ausſchweifendſten Orakel nähren. Prinz Mathias, ſo hat Herr Doktor Dee pro⸗ phezeit, wird ſeinen Bruder entthronen und im Ker⸗ ker ſterben laſſen, wenn dieſer nicht in Bälde ſich durch Werbung eines großen Heeres dagegen ſchütze. — Und nun hat der ſchändliche Lang, der Kam⸗ merdiener Rudolph's, der eigentlich ſein Kerkermei⸗ ſter iſt, einen neuen Grund, den ängſtlichen Fürſten von allen Großen ſeines Reiches fernzuhalten, ihn in die Mauern ſeiner Zimmer und Marſtälle einzuſchließen und große Summen zu ziehen, indem er nur dafür nac „Di Werkzeug den kaiſen Geld von jeden redl indem er und ſie n dächtigen, aufklären bereits gefa ten, die d Perſon mit „Wiſſe Freund? G Solde des beitet, inden an die Pru anders lau haben Sie, weiß, die m in Ihrer N jungen Ste iſt, wie ich 1857. XXII. das Elend e unſerer euem aus em Kaiſer bhnes und der Herr riſſen.— Familien⸗ hm Furcht Sein Haß olger, wird durch die Dee pro⸗ d im Ker⸗ Bälde ſich gen ſchütze. der Kam⸗ Kerkermei⸗ Hen Fürſten ernzuhalten, d Marſtälle hen, indem er nur denjenigen Audienzen ermöglicht, die ihn dafür nach ſeiner Taxe bezahlen. „Dieſer abſcheuliche Menſch macht ſich zum Werkzeug jedes Böſewichtes, der den Zwiſt unter den kaiſerlichen Brüdern befördern will, und weiß Geld von allen Parteien zu erpreſſen. Er entfernt jeden redlichen Mann aus der Nähe des Fürſten, indem er ſich der Orakel der Sternkundigen bedient und ſie nach ſeiner Weiſe auslegt, um die zu ver⸗ dächtigen, die den Fürſten vielleicht warnen oder aufklären könnten.— Auch auf mich iſt ſein Haß bereits gefallen. Er verſteht es, Gerüchte zu verbrei⸗ ten, die die Freundſchaft des Kaiſers für meine Perſon mit einem ſchmutzigen Verdacht brandmarken. „Wiſſen Sie, was uns noththut, mein theuerer Freund? Ein Mann, der den Machinationen der im Solde des Prinzen Mathias Stehenden entgegenar⸗ beitet, indem er entweder den Glauben des Kaiſers an die Prophezeiungen jener ſchwächt, oder ihnen anders lautende entgegenſetzt.— Einen ſolchen haben Sie, wie ich zufällig durch Frau von Brahe weiß, die mich immer noch mit ihren Beſuchen beehrt, in Ihrer Nähe. Ich meine Magiſter Kepler, den jungen Sternkundigen, der ein Feind der Aſtrologie iſt, wie ich vernommen. 1857. XXII. Johann Kepler. III. 11 162 „Laſſen Sie es ſich angelegen ſein, ihn zu bewegen, die Stellung anzunehmen, die man ihm von hier aus bieten wird. Ich bin überzeugt, daß er der Mann iſt, den ſchlimmen Einflüſſen, unter denen der Kaiſer ſteht, die Wage zu halten. Er iſt redlich und aufgeklärt, und wenngleich ein Proteſtant, doch ſo ſehr von ſeinen Glaubensgenoſſen verfolgt und ge⸗ haßt, daß es nicht allzuſchwer ſein kann, ſeine Seele der heiligen Kirche wieder zu gewinnen.“ Pater Johannes legte bei dieſen Worten den Brief aus der Hand. „Sie hat Recht! Recht! wie immer,“ ſagte er, in ſeinem Zimmer auf⸗ und abſchreitend.„Kepler iſt der Mann, der uns am Hofe Rudolph's am beſten dienen wird. „Jemand, den wir beſtächen, um uns zu dienen, müßte der Beſtechung zugänglich ſein und wuͤrde uns, wenn ihm mehr geboten wird, an die Gegen⸗ partei verrathen. Kepler iſt redlich und im Inter⸗ eſſe der Wahrheit, die ihm über alles geht, wird er denen entgegen arbeiten, die des Kaiſers Ver⸗ ſtand umnebeln. „Kepler iſt dankbar, und der Schutz, den er im Lande des Erzherzogs Ferdinand genoſſen, wird ihn bewegen, wahrzune „Ke ehe er abe ſuch zu n mich dazu der Beredſ teſt, erfüll Flamme g Mannes, Sohn!“— Er f „Iſt es der Grübeln die Intere ſchworen, i nur als m Herz! ja i ihn bewungd ſein Glaub reiner als Er bl daß ein un lauſcht hab I, ihn zu n ihm von t, daß er uter denen er iſt redlich eſſtant, doch gt und ge⸗ te Seele der Vorten den ,“ ſagte er, d.„Kepler dolph's am s zu dienen, und würde die Gegen⸗ d im Inter⸗ geht, wird Kaiſers Ver⸗ utz, den er im en, wird ihn 163 bewegen, für uns zu handeln und unſere Intereſſen wahrzunehmen. „Kepler muß nach Böhmen an den Hof Rudolph's; ehe er aber geht, iſt es meine Pflicht, noch einen Ver⸗ ſuch zu machen, ihn der Kirche zu gewinnen: ſtärke mich dazu, gebenedeite Jungfrau, gib mir die Kraft der Beredſamkeit, die Du in den Mund der Apoſtel leg⸗ teſt, erfülle mich mit dem heiligen Geiſte, der die Flamme göttlichen Lichtes anzündet im Herzen des Mannes, der mir theuer iſt wie ein Bruder, wie ein Sohn!“—— Er fuhr mit der Hand über die bleiche Stirn: „Iſt es denn wahr,“ fragte er ſich ſelbſt mit ängſtlichem Grübeln—„ich liebe ihn? ich, der niemanden als die Intereſſen meines heiligen Ordens zu lieben ge⸗ ſchworen, ich liebe dieſen Mann, der überall und immer nur als mein Gegner auftrat? O ſchwaches, ſchwaches Herz! ja ich liebe ihn! liebe ihn ebenſoſehr, als ich ihn bewundere. O und mehr noch, ich fühle, daß ſein Glaube ſtärker als der meine, ſein Chriſtenthum reiner als meines iſt.“ Er blickte um ſich, gleichſam als furchtete er, daß ein unſichtbarer Beobachter ſeine Gedanken be⸗ lauſcht haben könne. Dann aber verhüllte er ſein 11* 164 Geſicht in ſeine Hände, und große Thränen drangen langſam zwiſchen ſeinen Fingern hervor. „Mit bitterer Noth kämpfend, iſt er in treuer Liebe, zu jeder Zeit ſich ſelbſt vergeſſend, der Vater ſeiner Familie. Aber Sorge und Noth können ſeinen reinen Geiſt nicht ablenken von dem Aufblick zu Gott, den er in ſeinen Werken ſucht und findet. Ange⸗ fochten von Freund und Feind, iſt er treu ſeinen Freunden, mild und aufrichtig den bitterſten Feinden gegenüber. Stets das Gute wollend, fühlt er ſtets den heiligen Frieden, die Uebereinſtimmung mit Gott!— „Und was bin ich? Ein willenloſes Werkzeug in der Hand— in weſſen Hand? O könnte ich heute noch wie vor Jahren mit voller Ueberzeugung ſagen, in der Hand Gottes, deſſen heiligem Willen mein heiliger Orden allein dienſtbar iſt.— Ich kann es nicht mehr!— Mir graut vor dem vergoſſenen Blut, vor dem zerſtörten Familienglück ſovieler Men⸗ ſchen, mir graut vor dem Elend des Parteizwiſtes, das all unſer Thun nicht endet, ſondern nur ſchreck⸗ licher entflammt.— Mir graut vor dem Ungeheuer eines Bruder⸗ und Bürgerkrieges, das ich langſam aus der Finſterniß der Zukunft ſich entwickeln ſehe. „Mein junger Fürſt, von mir erzogen nach den V Geſetzen den Thror die Aufga geweſen. wenn ſie dieß Uebel⸗ in dem Y nand als über die ja „O w als Sühne wie gern, o am Kreuze für erkannte leichter und Qual der Haſtig dem er geſ „Fort! und trat da Kruzifir, da Zimmer zie demſelben a der Hand d n drangen in treuer der Vater inen ſeinen lick zu Gott, det. Ange⸗ treu ſeinen ten Feinden ihlt er ſtets nmung mit 8 Werkzeug könnte ich eberzeugung gem Willen Ich kann vergoſſenen hoieler Men⸗ arteizwiſtes, nur ſchreck⸗ Ungeheuer en nach den ch langſam vickeln ſehe. 165 Geſetzen und in den Lehren meines Ordens, ſoll den Thron der deutſchen Kaiſer einſt beſteigen, das iſt die Aufgabe und das Streben meines ganzen Lebens geweſen. Vielleicht wird ſie gelöst werden— aber wenn ſie gelöst iſt, was dann?— Wird die Ketzerei, dieß Uebel, gegen das wir kämpfen, erſtickt werden in dem Meere von Blut und Thränen, das Ferdi⸗ nand als Kaiſer, im beſten Glauben Recht zu thun, über die jammernde Menſchheit ausgießen muß? „O warum verlangt Gott nicht mein Blut allein als Sühne und Löſung für die Sünden der Welt! wie gern, o wie gern wollte ich es wie der Heiland am Kreuze vergießen für meine Brüder! Der Tod für erkannte Rechte, der Tod in Menſchenliebe iſt leichter und o wie viel ſchöner, als das Leben in der Qual der Zweifel!— Haſtig ſprang er von dem Stuhle empor, auf dem er geſeſſen. „Fort! fort! ſündige Gedanken,“ ſagte er laut und trat dann mit gefalteten Händen vor das große Kruzifir, das, ein Meiſterwerk Michel Angelo's, ſein Zimmer zierte. Er ergriff die Bußgeißel, die neben demſelben an einem Nagel hing, löſchte mit zittern⸗ der Hand das Licht und leiſe einen Bußpſalm mur⸗ 166 melnd, ſchwang er unbarmherzig das Marterinſtru⸗ ment gegen ſeinen eigenen bebenden Körper.— Zwanzigſtes Kapitel. „Ein Brief, Johannes! ſchau, ein großer mächtiger Brief,“ ſagte Barbara zu ihrem Gatten, der bleich und erſchöpft in das Zimmer trat, in dem ſeine Familie ihn ſeit mehreren Stunden erwartete. „Gebe der Herr, daß er eine gute Nachricht enthielte,“ flüſterte Johannes, indem er ſich matt in einen Stuhl ſetzend den Seidenfaden löſte, mit dem das Schreiben umbunden war. Er las: „Mein Herr Magiſter! Da Wir hierorts vernommen, daß Sie zur Zeit noch immer ohne Anſtellung ſind, ſo erlauben Wir uns, Ihnen zu ſagen, daß hier in Prag eine Stelle für Sie offen iſt, die den ſchönen Kräften und Anlagen, mit welchen Gott Sie geſegnet, angemeſſen ſein dürfte. Wir meinen die Stelle als Famulus und Hilfsarbeiter an Unſerer eigenen Sternwarte zu Prag. Freilich müßten Sie dazu den Muth und Ver⸗ ſtand haben, von den Irrthümern des kopernikani⸗ ſchen Sy abzuſteher Uns erfu dem ſchlit der natür meſſener heiligen derſprechen Vorſtellen zufordern, Gehalt, d und Ihne Dienſten e tauſend G Die Arbei gründliche „W ſchende B „Da nikus in. weglichen Vollmonde halten die Sonnenfit „Na rterinſtru⸗ er.— in großer Hatten, der t, in dem erwartete. ee Nachricht ich matt in ſe, mit dem Sie zur Zeit lauben Wir eine Stelle räften und angemeſſen Famulus und h und Ver⸗ kopernikani⸗ rte zu Prag. 167 ſchen Syſtems, denen Sie bisher ergeben geweſen, abzuſtehen, und Ihre Kräfte der Bearbeitung des von Uns erfundenen Syſtems zuzuwenden, als welches dem ſchlichten geſunden Menſchenverſtande, wie auch der natürlichen Wahrſcheinlichkeit bei weitem ange⸗ meſſener iſt, wie es denn auch den Vorzug hat, den heiligen Schriften der Bibel in keiner Weiſe zu wi⸗ derſprechen. Des Kaiſers Majeſtät haben auf mein Vorſtellen beſchloſſen, die Stände in Steiermark auf⸗ zufordern, Ihnen während Ihrer Arbeit in Prag den Gehalt, den Sie dort beziehen ſollten, zu belaſſen und Ihnen hier für zweijährige Arbeit in meinen Dienſten eine angemeſſene Entſchädigung von ungefähr tauſend Gulden oder dergleichen zukommen zu laſſen. Die Arbeit, welche Wir von Ihnen verlangen, iſt die gründliche Verbeſſerung der pruteniſchen Tafeln.““ „Was iſt das, Johannes?“ fragte die lau⸗ ſchende Barbara, ihren Gatten unterbrechend. „Das ſind die Tafeln, welche der große Koper⸗ nikus in Preußen anfertigte zur Berechnung der be⸗ weglichen chriſtlichen Feſte, die ſich nach dem erſten Vollmonde nach dem Neuenjahre reguliren. Sie ent⸗ halten die Berechnung der Vollmonde, Mond⸗ und Sonnenfinſterniſſe und anderer himmliſchen Vorgänge.“ „Nach Prag,“ ſagte Barbara,„Prag ſoll eine 168 ſchöne Stadt ſein, ich ginge ſchon allenfalls nach Prag, wenn ich mein liebes, ſchönes Steierland doch ver⸗ laſſen müßte, und das wird ja geſchehen, da Du nicht immer und ewig hier verweilen und ohne Ende warten kannſt, bis die Stände Dir einmal einen Theil Deines Gehaltes wie eine Gnade geben.“ „Wohlan, nach Prag denn,“ entgegnete Kepler, „der Aufenthalt hier iſt ohnedieß für uns zu Ende.“ „Wie, wie meinſt Du das, Johannes?“ fragte Barbara ängſtlich. „Wir müſſen fort von hier.— Meine Beſchützer, die gelehrten Jeſuiten, haben mir zum letztenmal die Wahl gelaſſen zwiſchen Beichtſtuhl und Austreibung — Gott erleichtert ſie mir durch dieß Anerbieten. Rüſte Dich und die Kinder, mein liebes Weib, wir reiſen!“ Vierzehn Tage ſpäter ſaß die Familie Kepler in Linz in der Gaſtſtube des Wirthshauſes zum ſchwarzen Bären und Frau Barbara ſchaute hinaus in die lange Zeile der Herrengaſſe, ob ihr Gatte noch nicht zurückkäme von ſeinem Gange nach der Poſt, der er einen Brief zur Beförderung nach Würtemberg übergeben. Die beſchwerliche Reiſe mit vier kleinen Kin⸗ dern ha Gelehrt „ fragte ſi „. nichts 2 Fieber,“ Sie das Fielb Gotteswe Nein, d ſelige Fre „Ar ihre Wan Kraft bel beizuſtehq Margaret Bettlein! und er er auf Erdel ſeinen El Läch ſie mehr ach Prag, doch ver⸗ Du nicht ne Ende nal einen ben.“ ete Kepler, u Ende.“ 2“ fragte Beſchützer, tenmal die streibung Unerbieten. Weib, wir lie Kepler uſes zum te hinaus Gatte noch der Poſt, pürtemberg inen Kin⸗ 169 dern hatte den ſchon ſeit längerer Zeit kränkelnden Gelehrten ſehr angegriffen. Als er die Straße hinaufſchritt, ſah Barbara, daß er zitterte. „Was haſt Du, Johannes? was fehlt Dir?“ fragte ſie ängſtlich. „Nun fürchte Dich nicht, liebes Weib, es iſt eben nichts Bedeutendes, ich glaube nur, ich habe das Fieber,“ entgegnete er. Sie erſchrak heftig.„Ei Du mein lieber Heiland, das Fieber, was ſoll ich da wohl anfangen in aller Gotteswelt mit den vier Würmern undin der Fremde! Nein, das wäre zu ſchrecklich für mich arme unglück⸗ ſelige Frau!“ „Armes Weib,“ ſagte er und ſtreichelte liebreich ihre Wangen,„ſei ruhig, ich werde immer noch ſoviel Kraft behalten, Dir bei Deinen Arbeiten und Sorgen beizuſtehen. Komm, gib mir den Ludwig und die Margaretha, ich werde ſie ausziehen und in ihre Bettlein legen. Sie beten dann auch mit dem Vater und er erzählt ihnen von dem lieben Heiland, der auf Erden auch ein frommes Kind war und mit ſeinen Eltern reiſen und flüchten mußte.“ Lächelnd ſtreckten die Kinder dem Vater, den ſie mehr noch als die Mutter liebten, die weißen 170 runden Aermchen entgegen, und im Fieberfroſt bebend hüllte Johannes Kepler ſeine Kinder in Bettchen und ſetzte ſich zu ihnen, betete mit ihnen und erzählte ihnen von der Flucht der heiligen Familie in ein⸗ facher, ihrem Alter angemeſſener Weiſe. Der kleine Ludwig weinte vor Rührung, als der Vater unter leiſem Zähneklappern die Beſchwerden ſchilderte, welche die Eltern des Jeſuskindes auf der weiten Reiſe nach Egypten in der Wüſte ertragen und wie ſie liebevoll geſorgt, daß es dem Kindlein an nichts gebreche. „Wenn die Kinder ſchlafen, Johannes, ſo thu' mir den Gefallen und hilf mir dieſe Kiſte umpacken, es drücken ſich die guten Kleider, welche darin ſind, an Deinen großen und ungeſchickten Büchern.“ „Wir werden die Kiſte ganz und gar auspacken, meine Liebe,“ entgegnete Johannes,„und mir meine nothwendigſten Bücher wieder hineinlegen; denn es iſt beſſer, Ihr alle meine Lieben bleibt hier in Linz. Ich habe noch einmal in meine Heimat an meinen Lehrer Mäſtlin geſchrieben, und um eine Anſtellung in Tübingen gebeten. Ich weiß, daß viele der aus Steiermark gegangenen jungen Studenten, Edelleute aus den beſten Häuſern, mir nach Tübingen folgen würden, wenn ich dort einen Lehrſtuhl erhielte.“ 0 Verwan Linie, u find. 2 wollteſt große K kurze Z0 Herrn vo daß ich gewieſen günſtige hin und In Glut de mit der ſie an d daß ſein bebend hen und erzählte in ein⸗ als der chwerden auf der ertragen Kindlein thu' mir acken, es ſind, an uspacken, nir meine denn es in Linz. n meinen Anſtellung der aus Edelleute gen folgen zielte.“ 171 „Ja! ja,“ ſagte Barbara,„auch von meinen Verwandten, den Eggenbergs von der proteſtantiſchen Linie, und noch manche andere, die mir gefreundet ſind. Wir bleiben alſo hier in Linz?“ „Nur Ihr, meine Lieben, ich gehe allein nach Prag und kehre zu Euch zurück, wenn ich geprüft habe, wie die Verhältniſſe in der Kaiſerſtadt ſich für uns geſtalten.“— Barbara brach in Thränen aus.„Wie, verlaſſen wollteſt Du mich, allein ſoll ich mit den vielen Kin⸗ dern an einem fremden Orte bleiben?“ rief ſie heftig. Er ſchloß ſie in ſeine Arme.„Sei ruhig, liebes Weib, nur um Dir eine beſchwerliche Reiſe und uns große Koſten zu erſparen, trennen wir uns jetzt auf kurze Zeit. Mir gefällt der Brief des gelehrten Herrn von Brahe nicht, noch weniger gefällt es mir, daß ich mit der Zahlung meines Gehaltes an ihn gewieſen bin. Bekomme ich aus meinem Schwaben günſtige Antwort, ſo geht von hier der Weg dort⸗ hin und Du erſparſt die Reiſe in das Böhmerland.“ In dieſem Augenblick fühlte der Leidende die Glut des Fiebers in ſein Haupt ſteigen. Er faßte mit der Hand nach der brennenden Stirn und lehnte ſie an die kühle Wand. Es lag ihm viel daran, daß ſeine Gattin ſeinen Zuſtand nicht bemerkte, weil 172 ſie ſonſt darauf beſtanden haben würde, ihn zu be⸗ gleiten, und Barbara war, das wußte Kepler, nicht im Stande, die Beſchwerden der Reiſe zu ertragen ohne ſeine beſtändige Beihilfe. Für ſich allein fürchtete er die Leiden des Fiebers nicht, unmöglich aber ſchien es ihm, ſeiner Frau und ſeinen Kindern dabei auch noch die Dienſte leiſten zu können, die Barbara gewohnt war, ohne weiteres Nachdenken von ihm hinzunehmen. So hatte er denn den Beſchluß der Trennung gefaßt und darum widerſtand er den Thränen, dem Händeringen der troſtloſen Frau, die ſich dann endlich fügte und eine kleine Wohnung bezog, in der er ihr für einen ziemlichen Preis die Hilfe einer Miteinwohnerin bei der Pflege und Wartung der Kinder ſicherte. Er ſelbſt miethete ein Pferd zu ſeinem Gebrauche und nahm Abſchied von Weib und Kindern, wüſte im Haupt und in jenem widrigen Körperzuſtand, der das Nahen des Fiebers verkündete. Es war ein regniger Tag zu Ende des Okto⸗ bers. Die Weinleſe war bereits vorüber, längſt waren die Felder leer und von den Bäumen der Wälder, durch die ſein Weg ihn führte, jagten rauhe Winde die buntfärbigen Blätter. In ſeinen Mantel verhüllt, ritt Kepler den ſchräg fallende danken gend. Di flor über tig dach Fa keinen früher 1 nachläſſi welches ſo leicht, ſelbſt zu welche 3 wurde, wahrhaf ſeiner S Au Brüder, geweſen hätte ſie ſorgen, d Dankbart Mutter! nicht ein zu be⸗ , nicht rtragen htete er hien es ich noch ewohnt nehmen. ennung n, dem ) dann vog, in ffe einer ing der brauche üſte im nd, der 8 Okto⸗ längſt nen der en rauhe en ſchräg 173 fallenden Regentropfen entgegen, während ſeine Ge⸗ danken rückwärts eilten in die Heimat ſeiner Ju⸗ gend. Die Erinnerung wob ihren Schleier von Gold⸗ flor über die Bilder ſeiner Vergangenheit und ſehnſüch⸗ tig dachte er ſeiner fernen Freunde und Verwandten. Faſt konnte er in ſeinem liebevollen Herzen keinen Unterſchied machen zwiſchen denen, die ihn früher mit Güte überhäuft, und denen, die ihn ver⸗ nachläſſigt oder gekränkt hatten. Das Schlimme, welches Andere ihm gethan, vergißt ein edles Herz ſo leicht, während jedes Unrecht, das es ſich vielleicht ſelbſt zu Schulden kommen ließ gegen die, durch welche es zu Zorn gereizt, mit Bitterkeit erfullt wurde, lebhaft beleuchtet durch die beſte Regung wahrhaft edler Menſchen, durch Reue: deutlich vor ſeiner Seele ſteht.— Auch Kepler gedachte ſeiner Mutter, ſeiner Brüder, und machte ſich Vorwürfe, ihnen nicht das geweſen zu ſein, was er hätte ſein ſollen.„Ich hätte ſie ſo lieben müſſen, ihnen ſo dienen, ſo für ſie ſorgen, daß ich ihr Herz durch Liebe erweicht, durch Dankbarkeit an mich gefeſſelt hätte,“ dachte er.„Arme Mutter! Niemand auf Erden hat ſie recht geliebt, nicht einmal ich, ihr Erſtgeborner! Die Liebe für die 174 ſo brave, ſo geiſtvolle, hochſtehende Pflegerin meiner Kindheit nahm mein Herz ſo ſehr ein, daß ich die Mutter darüber vernachläſſigte. „O es iſt leicht zu lieben, was liebens würdig iſt und uns mit Liebe überhäuft; aber die Liebe im vollen Maße hegen, welche die Pflicht beſiehlt, das iſt das Verdienſt des wahren Chriſten. „Der Heiland litt und ſtarb für die Sünder, liebte, während er tadelte, und tadelte nur aus Libbe. Er beſuchte den armſeligen Zöllner Zachäus und aß mit ihm, während die Großen, Vornehmen, Geiſtvol⸗ len und Liebenswürdigen ſeiner Zeit von ihm, dem einzigen Gerechten, den Geringſten nicht vorgezogen wurden. Ließ er ſich doch von Magdalena ſeine Füße ſalben und befreite die Ehebrecherin aus den Händen der Phariſäer; ſprach er doch am Brunnen zu Samaria mit dem verachteten Weiblein, ſegnete und herzte die Kinder und wählte ſeine Jünger unter Fiſchern und geringen Leuten. „Meine arme Mutter! wollte Gott, ich dürfte jetzt nach der Heimat zurückkehren, ſie pflegen und warten und ihr alle Liebe erweiſen, die ſie in ihrem armen Leben ſo ſehr vermißte.“ Der wüthende Wind blies in den Mantel des einſamen Reiters und eiskalte Regentropfen netzten ſeine An zuſchlag Ha entblätte jedem D Augenbli brach ein im Nu brillantir Ein den, zu v ſamen 2 flüſterte Pferdes der Einö reichend Fieberfro dern mei mir auf zeigt un Er Ziehen d knüpfte d all dieſe meiner ich die würdig e Liebe beſiehlt, nder, er s Liebe. und aß Heiſtvol⸗ m, dem ezogen ia ſeine ius den Brunnen ſegnete Jünger ch dürfte egen und in ihrem antel des n netzten 175 ſeine Augenlider, daß er kaum fähig war ſie auf⸗ zuſchlagen. Hart am Wege ſtand ein mächtiger, faſt ſchon entblätterter Döornbuſch und an jedem Zacken, an jedem Dorn hing ein ſchwerer runder Tropfen. Im Augenblicke, als Kepler an demſelben vorbeiritt, brach ein lichter Sonnenſtrahl durch das Gewölk und im Nu erglänzten dieſe zahlloſen Tropfen vom Licht brillantirt wie ebenſoviele Edelſteine. Eine Freude, mit nichts, was er früher empfun⸗ den, zu vergleichen, durchzuckte die Seele des aufmerk⸗ ſamen Beobachters der Natur.„Groß iſt der Herr!“ flüſterte er, die ſtarren Hände über dem Zügel ſeines Pferdes faltend,„Er erweckt die Schönheit auch in der Einöde, und ein Strahl Seiner Sonne iſt hin⸗ reichend dazu.— Ich will nicht achten auf den Fieberfroſt, der jetzt durch meine Gebeine zieht, ſon⸗ dern meine Gedanken auf das richten, was der Herr mir auf dieſer einſamen Reiſe von ſeinen Werken zeigt und in denſelben von ſeiner Größe offenbart.“ Er beobachtete nun den Stand der Sonne, das Ziehen der Wolken, das Geräuſch des Windes und knüpfte den Gedanken an die Geſetze, nach welchen all dieſe Naturerſcheinungen vor ſich gehen, an die — 176 ſelige Ueberzeugung von der Macht, Weisheit und Güte Gottes. Seine mächtige Phantaſie, unterſtützt durch ſo hohen Verſtand und die ſchärfſte Beobachtungsgabe und verbunden mit dem edelſten Willen für das Gute, machte es dem Kranken möglich, die Beſchwer⸗ den einer Reiſe zu tragen, die für einen Geſunden nicht leicht geweſen wäre. Er langte in Prag im heftigſten Fieber an. Seine Reiſe hatte zwei Tage gewährt; aber wie er durch die Straßen der prächtigen Kaiſerſtadt ritt, verwirrten ſich ſeine Gedanken. Es kam ihm vor, als ob die Hufe ſeines Roſſes auf einen elaſtiſchen Bo⸗ den träten, wo ſie bald einſänken, bald wieder empor⸗ gehoben würden. Die Glocken, die zum Ave Maria läuteten, tönten ſeltſam, als kämen ſie aus weiteſter Ferne in ſeine Ohren, ſeine Zunge lag ſchwer in ſeinem Munde, er konnte nicht ſprechen, nicht einmal ſoviel, um eine Frage an einen Vorübergehenden wegen ſeines Gaſthofes zu richten. Er fühlte, daß er vom Pferde ſinken würde, aber er fühlte es mit einer Gleichgiltigkeit und Ruhe, die nur einem gewiſſen Stadium ſchwerer Erkrankung eigen iſt. Die Häuſer, hoch bis zu den Wolken ragend, ſchienen a Gott!“ w bewußt; d war, als herabfallen äußeren C Ein T ſers, weckte und dann geheuer mit Geſtellen, a großen Maſ ſah Kepler mannigfache Zeit zu ihr 1857. XXlII. eit und urch ſo igsgabe ür das eſchwer⸗ heſunden ber an. wie er udt ritt, vor, als hen Bo⸗ empor⸗ 2 Maria weiteſter chwer in t einmal gehenden würde, nd Ruhe, kkrankung n ragend, 177 ſchienen auf⸗ und abzuſteigen, wie die Wände einer Schiffskajüte auf ſtürmiſchem Meere. „In Deine Hände befehle ich meine Seele, mein Gott!“ war der letzte Gedanke, deſſen er ſich klar bewußt; dann war alles ſtill und dunkel in ihm, es war, als ob ein ſchwarzer dichter Schleier auf ihn herabfallend ihn deckte und vor allen ſchmerzlichen äußeren Einwirkungen ſchützte. Ein Ton, wie das Murmeln eines nahen Waſ⸗ ſers, weckte ihn von Zeit zu Zeit aus dieſem Zuſtande, und dann war es ihm, als ob ein abſcheuliches Un⸗ geheuer mit einer Art von menſchlichem Angeſicht ſich über ihn beuge und leiſe mitleidige Worte“ in ſein Ohr ſpreche. Eine behagliche Wärme und ein Gefühl des Wohlſeins brachte ihn endlich wieder zu völligem Be⸗ wußtſein. Er lag in einem reinlichen Bette, das in einem Zimmer von ziemlich ſeltſamem Ausſehen ſtand. Die Wände desſelben waren ganz bedeckt mit hölzernen Geſtellen, auf denen Bücher und Pergamentrollen in großen Maſſen aufbewahrt waren. Zwiſchen denſelben ſah Kepler Töpfe, Phiolen, Retorten und all den mannigfachen Apparat, deſſen ſich die Adepten jener Zeit zu ihren Verſuchen bedienten, und am Boden 1857. XXII. Johann Kepler. III. 12 178 vor einem großen Ofen, der ein hellflammendes Licht und behagliche Wärme ausſtrahlte, ſaß das wun⸗ derlichſte Geſchöpf, das Kepler ſehr geneigt war für die Ausgeburt ſeines Fiebers zu halten, und wärmte ſeine großen bleichgelben Hände über dem Feuer. Das Weſen hatte einen großen Kopf mit weiß⸗ lichen Haaren, ein breites bleiches, lächelndes Geſicht mit blendenden Zähnen, großen wäſſerigen Augen ohne Wimpern und Brauen, breite Schultern, plumpe Hände und Füße und einen kindiſch freundlichen Ausdruck, der das Geſicht ganz beſonders und wahr⸗ haft grottesk häßlich erſcheinen ließ. Es wiegte ſich vor dem Feuer hin und her und wiederholte in ſingendem Tone immerfort dieſelben Worte, und als Kepler genau hinhorchte, hörte er, daß es weiter nichts ſagte als:„Armer Mann! armer Mann!“— Von Zeit zu Zeit legte es ein Stück Holz auf die Glut, ſo daß ſie von neuem luſtig empor⸗ flammte, und ſang dabei ohne Aufhören:„Armer Mann! armer Mann!“ Kepler dachte darüber nach, wo er ſich befinden mochte. Es ward ihm deutlich, daß er, in Prag an⸗ gelangt, ohnmächtig vom Pferde geſunken ſein müſſe; denn er beſann ſich genau, daß er trotz ſeines Fiebers die trachtet hat Währ Bette aus öffnete ſich Zimmer, de Geſicht etw Er git ruhte; und des Kranken „Mein Her zu ſehen, da ankommen 1. die Euch in boten wird, zu Euren gebracht zu Aufnahme Rabbi Löw. Der N war dem des Licht us wun⸗ war für wärmte n Feuer. nit weiß⸗ 3 Geſicht n Augen ,plumpe undlichen nd wahr⸗ db her und dieſelben hörte er, n! armer tück Holz ſig empor⸗ „Armer h befinden Prag an⸗ ein müſſe; otz ſeines 179 Fiebers die Pracht der Kaiſerſtadt bewundernd be⸗ trachtet hatte. Während er noch mit einiger Scheu von ſeinem Bette aus den Raum, wo er ſich befand, überblickte, öffnete ſich eine Thür und es trat ein Greis in das Zimmer, deſſen auffallend hohe Geſtalt und edles Geſicht etwas Gebietendes, ja Königliches an ſich trug. Er ging auf das Bett zu, in welchem Kepler ruhte; und als er in das geöffnete und klare Auge des Kranken geblickt hatte, ſagte er in ruhigem Tone: „Mein Herr, es freut mich, Euch ſo weit hergeſtellt zu ſehen, daß ich es auf Eure eigene Entſcheidung ankommen laſſen kann, ob Ihr die Gaſtfreundſchaft, die Euch in meinem armen Hauſe von Herzen ge⸗ boten wird, ferner annehmen, oder es vorziehen wollt, zu Euren Glaubensgenoſſen und in eine Herberge gebracht zu werden, wo Ihr gegen Entgeld beſſere Aufnahme finden könnt, als bei dem armen Juden Rabbi Löw.“ Der Name des gelehrteſten Rabbis ſeiner Zeit war dem Magiſter Kepler kein unbekannter, und mit Intereſſe betrachtete er den Mann, der für einen Zau⸗ berer galt und durch ſeine merkwürdigen Leiſtungen dieſen Namen ſicherlich eher verdiente, als viele an⸗ dere, die ihn mit ihm theilten.. 12 180 ehrwürdiger ürde ich wenigſtens Rabbi,“ entgegnete Kepler,„ſo wür m ſo lange ger in Eurem gaſtfreien Hauſe weilen, ir ſtattet „Wenn Ihr es mir geſeattet, 1ℳ is ich einwenig Kräfte geſammelt hätte! bis uhe ſeid wiüttonrmor Friede ſei mit Euch!“ ſagte der Rabbi. Alufeesle, geh hin und ſorge ür einen warmen Trank! für Den häßliche Kreatur am Ofen erhot ſich rückte einen Tiſch in die Nähe des weatderefnns eine mit Weingeiſt gefüllte Lampe darauf und brdcht in einem Gefäß von Silber Waſſer über berſelben zur Sieden. Dann nahm er aus einer mit ſeltſane Charakteren bemalten Büchſe eine Handool rlihs Blätter, that ſie in ein Gefäß, das benſalls 1 ſolchen Charakteren bemalt war, und übergoß ni aſer das,“ ſagte der Rabbi, von dieſem in ein zierliches Täßchen gießend, Waſſer etwas in ein zierliche ndunh „es iſt echter vortrefflicher Thee, das erquicken und belebendſte Getränk bei großer Erſchöpfung. Der Herr, der der Kräuter mancherlet vachhn lih auf ſeiner Erde, hat dem fernen Ohinn dieß 4 Vh ben, und ſelbſt des Kaiſers Mai tar Konnt⸗. 2i nicht beſſer bieten, warum? weil wir 8s ei Lern einer Hand haben. Die hochgeborene Frau Po ſcheinlich au von Roſenbe ebenſoviel al ehrt, das i Grazias de Euch, mein Ghetto erſche geſunken, un beraubt wer ches dann jet zur Laſt gele folgungen üb in mein Har Arzenei, dere „Bin ich Kepler verw „Seit z3 Tage großer ſtorben, ſo h hätte das meines arme auf den Herrn mich gewinne denquartier i mir riethen. würdiger enigſtens weilen, Euch!“ und ſorge hhob ſich, res, ſtellte nd brachte elben zum ſeltſamen oll dürrer nfalls mit ergoß ſt on dieſem n gießend, rquickendſte ſachſen läßt leſes gege⸗ ite es Euch beide aus u Polixena 181 von Roſenberg, meine gnädige Gönnerin, hat mir ebenſoviel als dem Kaiſer von dem edlen Kraute ver⸗ ehrt, das ihr Vetter, der großer Seefahrer Don Grazias de Mendoza, ihr geſendet.— Ich fand Euch, mein werther Gaſt, dicht am Eingang des Ghetto erſchöpft und im heftigſten Fieber zu Boden geſunken, und da ich große Furcht hatte, daß Ihr beraubt werden oder gar umkommen könntet, wel⸗ ches dann jedenfalls meinen armen Glaubensgenoſſen zur Laſt gelegt worden wäre und vielleicht neue Ver⸗ folgungen über uns gebracht hätte, ſo ließ ich Euch in mein Haus tragen und gab Euch die Pflege und Arzenei, deren Ihr bedurftet.“ „Bin ich denn ſchon längere Zeit hier?“ fragte Kepler verwundert. „Seit zwei Tagen, edler Herr, und es waren Tage großer Angſt für mich. Denn wäret Ihr ge⸗ ſtorben, ſo hätte man mich und die Meinen wahr⸗ quicken ſcheinlich auch als Eure Mörder angeſehen und ich rſchöpfung. hätte das Elend der Verfolgung über das Haupt meines armen Volkes heraufgezogen. Ich hoffte indeß auf den Herrn! Gelobt ſei Er! Ich hatte es nicht über mich gewinnen können, Euch weiter ab von dem Ju⸗ denquartier in die Straße legen zu laſſen, wie einige mir riethen. Ihr ſaht ſo jung und ſo leidend aus 182 und wart ein Fremder in dieſer großen Reſidenz. Der Herr ſegnet die dem Fremden erzeigte Wohlthat.“ „Ich danke Euch! o ich danke Euch aus gan⸗ zem Herzen, ehrwürdiger Rabbi,“ entgegnete Kepler tief ergriffen. Er wußte nur zu wohl, welcher Ge⸗ fahr ſein Wirth ſich ausgeſetzt, indem er Barmher⸗ zigkeit an einem faſt ſterbenden Chriſten übte. Waren doch vor kurzem die Juden gehetzt worden wie die wilden Thiere, weil einer aus ihrer Mitte ein am Wege liegendes verwundetes Kind bei ſich aufgenommen, das in ſeinem Hauſe geſtorben war. „Geſtattet mir nur einige Zeilen an den ge⸗ lehrten Herrn von Brahe zu ſchreiben, der meine Ankunft erwartet und“— „Ihr wollt zu Tycho von Brahe,“ ſagte der Rabbi ihn unterbrechend,„wie, Ihr ſeid doch nicht etwa“— „Ich bin der Magiſter Johannes Kepler, den der gelehrte Däne als Gehilfen bei der Verbeſſe⸗ rung der pruteniſchen Tafeln anzuſtellen wünſcht.“ Rabbi Löw ſprang vom Seſſel am Bette des Kranken empor.„Gelobt ſei der Herr, der mich zum Werkzeuge machte, in Euch der Wiſſenſchaft ein Licht zu erhalten, das noch lange nach unſerer Zeit die Welt erleuchten wird,“ ſagte er feierlich.„Befehlt über mich geleſen v das von ich theile ehre die Ihr werde „We ſcheinen, j Das war ſehr e „Ihr allem iſt( Euch in Ihr erwach reichen win gehen nac Brahe G auch daß — Schlaf In d lich ermüd gleichſam z Mit Wohlthäte bald führt 8 Reſidenz. Lohlthat.“ aus gan⸗ ete Kepler elcher Ge⸗ Barmher⸗ ten übte. tzt worden drer Mitte id bei ſich rben war. n den ge⸗ der meine ſagte der doch nicht Kepler, den r Verbeſſe⸗ wünſcht.“ Bette des ‚der mich enſchaft ein inſerer Zeit h.„Befehlt 183 über mich und mein Haus.— Ich habe Euer Buch geleſen von der Umwälzung der Weltkörper, ſowie das von der Erdenſeele, und glaubt es mir, o Herr! ich theile in allen Dingen Eure Anſicht, und ver⸗ ehre die Weisheit Eures jugendlichen Hauptes.— Ihr werdet in Prag bleiben?“ „Wenn die Verhältniſſe mir günſtig genug ſcheinen, ja!“ entgegnete der Kranke. Das Geſicht des weiſen und gelehrten Juden war ſehr ernſt geworden. „Ihr ſeid jetzt noch krank, und das nöthigſte vor allem iſt Euch Ruhe und Erquickung,“ ſagte er,„legt Euch in Eure Kiſſen, ſchlummert und trinkt, wenn Ihr erwacht, den Trank, den mein armer Diener Euch reichen wird. Ich werde heute Abend noch hinauf gehen nach dem Hradſchin und dem Herrn von Brahe Eure Ankunft und Eure Krankheit melden, auch daß Ihr mein Gaſt ſeid und mein Patient. — Schlaft und der Herr behüte Euern Schlaf.“ In der That fühlte Kepler ſich auch ſo tödt⸗ lich ermüdet, daß die Gedanken in ſeinem Haupte gleichſam zu gefrieren ſchienen. Mit Dank gegen Gott und ſeinen wackern Wohlthäter legte er ſein Haupt in die Kiſſen und bald führten ihn Träume auf ihren weichen Flügeln 184 in den Kreis ſeiner Kinder und zu ſeiner harren⸗ den Gattin. Als er erwachte, ſtand Rabbi Löw an ſeinem Bette und ließ den ſeltſamen Diener unter ſeiner Aufſicht verſchiedene Medikamente abwägen, wobei er ihm die Gewichte genau zeigte und ihn mehr⸗ mals ſelbſt ihre Benennung wiederholen ließ. Der Zwerg ſprach, wie etwa dreijährige Kinder ſprechen, und ſchien ſich jedesmal zu freuen, wenn er ein ſchweres Wort richtig und deutlich geſagt hatte, und Rabbi Löw klopfte ihm dann mit der Hand auf den dicken Kopf. Kepler ſah eine Weile der Beſchäftigung dieſer beiden ſo verſchiedenen und auf ſo verſchiedener Bildungsſtufe ſtehenden, aber offenbar durch Bande gegenſeitiger Zuneigung verbundenen menſchlichen Geſchöpfe zu. Der Rabbi, ein Greis, ſchön und gelehrt, be⸗ ſchäftigte ſich mit dem einfältigen krüppelhaften Burſchen ſo freundlich, und dieſer erſchien dafür ſo dankbar, daß Johannes ſich dadurch gerührt fühlte und ihnen mit Intereſſe zuſchaute, bis der Rabbi, nach ſeinem Bett hinblickend, bemerkte, daß ſein Gaſt und Pflegling wache. „Nun, wie fühlt Ihr Euch jetzt, mein werther Herr,“ ſa dem Kran Diener eig „Bef gegnete J den Ihr u Euch mit zu ſein.“ „Nich Laſt, ich ve lichen Beke Mann, den ſein. Denn liebe für E einen vielja dem ich Er die Klughei laſſen würd „Ich als ſolcher 8 heit die D laſſen; aber Freunde ein Euch hoch v wenn Ihr's harren⸗ ſeinem ſeiner wobei mehr⸗ Kinder venn er hatte, r Hand g dieſer hiedener Bande ſchlichen hrt, be⸗ helhaften dafür ſo fühlte Rabbi, aß ſein werther 185 Herr,“ ſagte der freundliche Wirth, ſich ſogleich zu dem Kranken ſetzend, indem er ſeinem mißgeſtalteten Diener einen Wink gab, ſich zu entfernen. „Beſſer, viel beſſer! ehrwürdiger Rabbi!“ ent⸗ gegnete Johannes.„Wärme, Ruhe und der Trank, den Ihr mir gegeben, wirken vortrefflich, ich hoffe Euch mit meiner Krankheit nicht mehr lange zur Laſt zu ſein.“ „Nicht mir, nur Euch iſt Eure Krankheit eine Laſt, ich verdanke derſelben das Glück Eurer perſön⸗ lichen Bekanntſchaft und die große Freude, einem Mann, den ich hoch verehre, vielleicht von Nutzen zu ſein. Denn wißt, mein Herr Magiſter, meine Vor⸗ liebe für Euch bewegt mich, Euch zu behandeln wie einen vieljährigen Freund, ja wie einen Sohn, in⸗ dem ich Euch auf Dinge aufmerkſam mache, welche die Klugheit mich gegen jeden Andern verſchweigen laſſen würde. „Ich bin ein Jude, mein Herr Magiſter, und als ſolcher darauf hingewieſen, in ſchweigender Klug⸗ heit die Dinge um mich her ihren Weg gehen zu laſſen; aber ich bin auch ein Mann, der für ſeine Freunde ein Herz hat, und als Euer Freund, der Euch hoch verehrt, ſage ich Euch: bleibt nicht in Prag, wenn Ihr's irgend vermeiden könnt.“ 186 Es lag ſoviel Aufrichtigkeit, ſoviel herzliches Wohlwollen in dem Weſen des Greiſes, daß Kepler ihm dankbar die Hand reichte, die Rabbi Löw ach⸗ tungsvoll in die ſeine ſchloß. „Welche Verhältniſſe ſind es, von denen Ihr glaubt, daß ſie mir hier ſchädlich ſein könnten?“ fragte Kepler nach einer augenblicklichen Pauſe. Der Jude wiegte bedenklich das ſchöne Haupt, heftete dann ſeine durchdringenden Augen auf den Kranken und ſagte mit einem eigenen Lächeln: „Ihr verſteht wohl zu fragen, werther Herr, und fragt nicht mehr, als wozu Ihr ein Recht habt; ob ich aber werde antworten können, ohne mehr zu ſagen, als jedem andern Mann, wie Euch, gegenüber die Klug⸗ heit gebieten würde, das iſt eine andere Sache. Euch gegenüber indeß Offenheit, denn ich will Euer Beſtes, und das könnt Ihr hier in Prag nicht finden. „Seht, mein Herr Magiſter, Ihr ſeid ein Mann, der die Wahrheit ſucht, die Wahrheit iſt aber ein bit⸗ teres Kraut, ja ſie iſt ein ätzendes Gift für diejenigen, welche leben und ſich nähren von der Täuſchung, und das iſt der Fall bei allen den Gelehrten von Eurem Fache am Hofe des Kaiſers Rudolph, der Herr erhalte ihn! „Glaubt mir, mein Herr Magiſter, weder Tycho von Brahe, noch der Engländer Doktor Dee, noch langen, auch de Prophem nen M dabei d mit G. Sie ſchi wo der doch nich im heilt Bruderzy entzweit. nien erz lipp des rzliches Kepler w ach⸗ nen Ihr 7 fragte Haupt, auf den Lächeln: und fragt ich aber gen, als ie Klug⸗ hhe. Euch Beſtes, hen. n Mann, ſer ein bit⸗ iejenigen, ung, und rem Fache halte ihn! der Tycho Dee, noch auch der gelehrte Longomontanus, glauben an die Prophezeiungen, die ſie den Sternen in den golde⸗ nen Mund legen. Keiner von den Herren allen iſt dabei der kränkelnden Majeſtät, die ſie ernährt und mit Gnaden überhäuft, in Dankbarkeit ergeben.— Sie ſchielen alle weiter hinaus nach einer Zukunft, wo der ſanftmüthige Rudolph nicht mehr ſein, oder doch nicht mehr Kaiſer ſein wird.— Ihr wie jeder im heiligen römiſchen Reich kennt den traurigen Bruderzwiſt, der die Söhne des gütigen Kaiſers Mar entzweit.— Rudolph, ſein Nachfolger, ward in Spa⸗ nien erzogen, am ſtrengen Hofe ſeines Oheims Phi⸗ lipp des zweiten. Er kam nach Deutſchland zurück, ohne ſeine Brüder eben ſehr zu kennen, und früh zum Throne berufen, hielt er ſich für den Gegenſtand ihres Neides, während er in ſteter Furcht vor ihnen ſchwebt.— Die Sterne ſollen ihm Aufſchluß geben über das, was ſeine Brüder gegen ihn im Sinne tragen, was beſonders Mathias, ſein Nachfolger, wenn er ohne Leibeserben ſtirbt, denkt und thut.— Der ganze Hof iſt in zwei Parteien getheilt, die eine beſtochen durch das Gold des Prinzen Mathias und angeregt durch die Hoffnung, von dieſem Herrn vollſtändige Religionsfreiheit für alle Sekten zu er⸗ langen, die andere, gewonnen für den Erzherzog Fer⸗ 188 dinand von Steiermark, den Rudolph zu ſeinem Erben erklären will, und von dem dieſe Bändigung aller neuen Glaubensparteien erwarten.— Darin ſind alle einig, den Kaiſer von jeder ehelichen Ver⸗ bindung, die ihm einen natürlichen Erben ſchenken könnte, zurückzuhalten und den Zwiſt unter den Brüdern zur hellen Flamme anzufachen, die eine Partei, damit Prinz Mathias ſiegend den Kaiſer noch bei Leibes⸗ leben beerbe, die andere, damit er als Rebelle ge⸗ ſchlagen und beſiegt, von der Thronfolge ausge⸗ ſchloſſen werde. „Herr von Brahe iſt als Proteſtant dem Prinzen Mathias ergeben, ſein Schwiegerſohn, der Rath Ten⸗ nagel ſteht offenkundig im Dienſte desſelben. „Sie, mein Herr Magiſter, ſind hierher berufen, die pruteniſchen Tafeln zu verbeſſern, glauben Sie aber einem alten Manne, der ſeit langer Zeit dem Spiele hier zugeſchaut hat, man erwartet von Ihnen, daß Sie ſich als Proteſtant zur Partei des Erzher⸗ zogs Mathias ſchlagen und helfen werden, die Augen unſeres kaiſerlichen Herrn zu verblenden.“ „Ich werde aber,“ entgegnete Kepler,„doch das Recht haben, die ſchönen und koſtbaren Inſtru⸗ mente zu benützen, welche gegenwärtig Herr Tycho de Brahe beſitzt, und mit ihrer Hilfe werde ich manche große un Buch, d legte, un die erhal „V de Brahe auf das von ihm Ihr könn ſchaft un Ihr für dieſer Se Ier 43 Ihr hier Eurer Ei müthiges geben un erhalten Monarch Dornenhe überſchütt Dornen, Gold ver machen z1 werke. Y inem gung Harin Ver⸗ enken üdern damit eibes⸗ ee ge⸗ usge⸗ rinzen Ten⸗ rufen, n Sie t dem Vhnen, Erzher⸗ Augen „doch Inſtru⸗ Tycho manche 189 große und ſchöne Wahrheit finden in dem erhabenen Buch, das Gott der Herr offen vor unſere Augen legte, und in welchem für den aufrichtigen Forſcher die erhabenſten Wahrheiten aufbewahrt ſind.“ „Vergeßt nicht,“ ſagte der Rabbi,„daß Tycho de Brahe ein Feind der kopernikaniſchen Lehre und auf das eifrigſte beſchäftigt iſt, ſtatt derſelben das von ihm erfundene Sonnenſyſtem geltend zu machen. Ihr könnt Euch als ſein Untergebener ſeine Freund⸗ ſchaft und ſeinen Schutz nur dadurch ſichern, daß Ihr für ſeine Anſicht arbeitet und ſomit auch auf dieſer Seite dem Irrthume huldigt. „Außerdem, mein werther Herr Magiſter, müßt Ihr hier bleiben, ſo ſtellt Euch auch ſicher wegen Eurer Einnahme. Des Kaiſers Majeſtät hat ein groß⸗ müthiges und gnädiges Herz, er möchte jedem gerne geben und gibt mit vollen Händen, aber nur diejenigen erhalten etwas, die zuzugreifen verſtehen; denn der Monarch iſt etwa wie ein Baum inmitten einer Dornenhecke, die Früchte, mit denen er ſeine Umgebung überſchüttet bei jedem Hauche der Luft, fallen in die Dornen, die um ihn herumwuchern. Viel, ſehr viel Gold verſchlingt auch des Kaiſers Wunſch Gold machen zu können, anderes ſeine Neigung für Kunſt⸗ werke. Maler und Bildhauer, Steinſchneider und 190 Kupferſtecher verlaſſen Böhmen als reiche Leute, die es als arme Schlucker betraten, aber ſie müſſen eben die Kunſt verſtehen, zuzugreifen und ſich vorzudrängen. — Bezalel, was willſt Du von mir?“ Dieſe letzte Frage galt dem ungeſchlachten Die⸗ ner, der ſich in die Thür geſtellt hatte und unver⸗ wandten Auges ſeinen Herrn anſtarrte.— Ein ſeltſamer Laut faſt wie das Kollern eines Truthahns war die Antwort. Der Rabbi aber ſchien dieſelbe zu verſtehen, denn er winkte mit der Hand wie abwehrend und ſagte endlich: „Geh, geh nur, ich komme ſchon.“ Kepler's Augen ruhten auf der traurigen Geſtalt und der Rabbi, wie um auf die Blicke ſeines Gaſtes zu antworten, ſagte freundlich:„Es iſt ein armer Schelm dieſer mein Diener, ein Geſchöpf, das, von aller Welt verlaſſen, elend umkommen müßte, wenn ich ihm nicht in meinem Hauſe das Plätzchen gönnte, wo er ſein Haupt niederlegen kann. Seht, Herr Magiſter, dieſen elenden Menſchen fand ich als ein bettelndes Kind, als ich vor Jahren von Stuttgart heimkehrend über die ſteieriſchen Berge zog. „Er muß jetzt wenigſtens achtundzwanzig Jahre zählen, der arme Wurm; aber er iſt dem Verſtande nach ein kleines Kind und wird es bleiben, bis der Herr, d Welt al Wege u heit des Inſtinkt, vor dem mit Züg So ſtieg und fand ohnmächt Ich hob gehüllt, 1 auf die I nach. Jech vor mich fern in da höre. Nien ſagten, d bettelnden gen ſehen, jemandem, Die Geme ſei, ihn n Hausväter es ſei ein ee, die neben ängen. n Die⸗ unver⸗ ltſamer var die rſtehen, ud und Geſtalt ſtes zu chelm er Welt ch ihm nte, wo agiſter, telndes -ikehrend g Jahre berſtande bis der 191 Herr, der auch ſein Loos beſtimmte, ihn von dieſer Welt abruft.— Er lag dem Hungertode nahe im Wege und mein Pferd würde ihm in der Dunkel⸗ heit des Abends den Kopf zertreten haben ohne den Iuſtinkt, der dieſe edlen Thiere zurückhält. Es blieb vor dem elenden Knaben ſtehen, wie ſehr ich es auch mit Zügel und Sporen zum Weitergehen antrieb. So ſtieg ich denn ab, taſtete auf dem Wege umher und fand ein menſchliches Haupt, das bewußtlos und ohnmächtig recht vor den Füßen meines Roſſes lag. Ich hob das arme Geſchöpf auf, es war in Lumpen gehüllt, und als ich ihm ein paar Tropfen Weins auf die lechzende Zunge goß, ſchnappte es gierig da⸗ nach. Ich gab ihm nun einwenig Brot, nahm es vor mich auf mein Pferd und fragte in allen Dör⸗ fern in der Runde, ob der arme Kretin dort hinge⸗ höre. Niemand wollte etwas von ihm wiſſen, einige ſagten, daß ſie ein ähnliches Geſchöpf einem alten bettelnden Soldaten hätten wie ein Hund nachfol⸗ gen ſehen, vergebens aber erkundigte ich mich nach jemandem, der ſich des Verlaſſenen annehmen wolle. Die Gemeindevorſteher erklärten, daß es ihre Pflicht ſei, ihn nicht in ihrem Bezirke zu dulden, und die Hausväter und Hausmütter bekreuzten ſich und meinten, es ſei ein Kobold, den der Jude ihnen aufbürden 19²2 wolle. Der arme Burſch folgte meinem Pferde über Berg und Thal und ſtreckte ſeine Hand nach mir aus, wenn ihn hungerte oder dürſtete.— So behielt ich ihn denn bei mir und brachte ihn in der Stille hierher nach Prag. Zum Glück lieben es die Leute unſerer Zeit, alles Ungewöhnliche für etwas Geſpen⸗ ſtiſches zu halten, und ſo gilt denn der arme Bezalel für ein Geſchöpf, dem ich durch Zauberei ein ſpuck⸗ haftes Leben gegeben.—'s iſt gut ſo für ihn und für mich, denn ungeſtört kann er hier neben mir leben, wo er Nahrung und Kleidung, Obdach und ſein weiches Bett hat. Ich habe alle Mittel ange⸗ wendet, ihm ſeinen traurigen Zuſtand erträglich zu machen und die geringen Verſtandesanlagen, die der Herr ihm gegeben, zu entwickeln. Er iſt mir ein treuer Diener, der an mich und mein Haus die Anhäng⸗ lichkeit eines Hundes zeigt, auch mag er gern lernen und mir zur Hand gehen und manche Dienſte ver⸗ richtet er ſehr gut und aufmerkſam. Nur muß ich mich hüten, ihn mit Perſonen zuſammenzubringen, die ihn necken, denn zum Zorn gereizt, kann ſeine Wuth keine Grenzen und er zerſchlägt und zerſtört, was in ſeine Hände fällt.— Ah, hört, er iſt böſe! das iſt Bezalel's Stimme, wer mag ihn gereizt haben 24 Von unten herauf tönte ein Gebrüll und Geſtam Löw g beruhige werdend ihm ein Na thür raſ Geberde Vortritt. ſtattlichen aus San ein Bare und die ſeine Bri dem Ein haben, widerwär Naſe, die aus nicht —„Ich ſagte der über ) mir ehielt Stille Leute zeſpen⸗ Bezalel ſpuck⸗ hn und en mir h und ange⸗ glich zu die der n treuer Unhäng⸗ lernen ſte ver⸗ muß ich bringen, un ſeine zerſtört, iſt böſe! aben?“ üll und — 193 Geſtampfe, wie das eines wilden Thieres, und Rabbi Löw ging eilig hinab, ſeinen erzürnten Diener zu beruhigen, während Kepler auf das allmälig leiſer werdende Toben horchte, da der unglückliche Kretin ihm ein eigenes ſchmerzliches Intereſſe eingeflößt hatte. Nach wenigen Augenblicken wurde die Zimmer⸗ thür raſch geöffnet und Rabbi Löw nöthigte mit der Geberde tiefſter Unterthänigkeit einen Fremden Vortritt. Es war eine Geſtalt über Mittelgröße, von ſtattlichem, ganz ritterlichem Anſtande. Seine Kleidung aus Sammt und Hermelin hob dieſen noch hervor; ein Barett, mit reichen Federn geziert, deckte das Haupt und die Kette des goldenen Vließes ſchlang ſich um ſeine Bruſt. Vom Rücken betrachtet, würde man in dem Eintretenden einen ſchönen Mann vermuthet haben, das Geſicht aber war auf ſeltſame und widerwärtige Weiſe entſtellt durch den Verluſt der Naſe, die durch eine ſilberne, künſtlich angeſetzte, durch⸗ aus nicht erſetzt wurde. „Ich habe mit großem Bedauern vernommen,“ ſagte der Eingetretene, an Kepler's Bette Platz neh⸗ mend,„daß Euch, mein werther Herr Magiſter, gleich bei Eurer Ankunft in Prag ein Unfall betroffen, der leichtlich von den ſchlimmſten Folgen hätte ſein 1857. XXII. Johann Kepler. III. 13 zum 194 können ohne die Dazwiſchenkunft dieſes wackern Mannes.— Ja! ja, Rabbi! Ihr ſeid ein wahrer barmherziger Samariter geweſen und ich danke Euch dafür; denn mir, mir, dem Ritter Tycho de Brahe, habt Ihr den Dienſt geleiſtet, dieſen jungen Mann zu beſchützen und zu pflegen.“ Der Jude verbeugte ſich von neuem mit unter⸗ thänigen Geberden. Er ſchien plötzlich ein ganz an⸗ derer geworden zu ſein, ſelbſt in der Sprache; denn das Latein, deſſen er ſich dem Ritter von Brahe gegen⸗ über bediente, war weniger rein, und wurde unter⸗ miſcht mit böhmiſchen und hebräiſchen Redensarten, während im Geſpräch mit Kepler auch nicht ein ein⸗ ziges Wort daran erinnert hatte, daß der Sprecher ein böhmiſcher Jude ſei. „Ihr ſeht, mein Herr Magiſter,“ fuhr Tycho fort, „daß ich voller Betrübniß bin über den Euch zuge⸗ ſtoßenen Unfall und ich komme ſelbſt, um Euch meiner Achtung zu verſichern und nach Euch zu ſehen!“— Er warf dabei einen ziemlich zornigen Seiten⸗ blick auf den Rabbi, der alle Zeichen tiefſter Zer⸗ knirſchung in ſeinen Zügen zeigte.„O mein Herr Ritter! o mein allergnädigſter Herr, wie konnte Euer Knecht wiſſen, welche Gnade ſeinem Hauſe widerfahren? Mein Diener, Ihr habt ihn geſehen, iſt ein Si das de Tycho Weltkö Stilleſt Munde Euch m daß Ih in ſeine chend, Kranken reits de es war indeß, machen ſehen. zu bleib irgend e nehmen. ſchin ein Ihr ung zur Leib von mir wackern wahrer nke Euch e Brahe, n Mann nit unter⸗ ganz an⸗ che; denn ihe gegen⸗ de unter⸗ densarten, t ein ein⸗ Sprecher Tycho fort, Fuch zuge⸗ um Euch ſehen!“— Seiten⸗ fſter Zer⸗ nein Herr ie konnte m Hauſe geſehen, iſt ein Simpel und vielleicht das einzige Geſchöpf in Prag, das den erſten Gelehrten der Welt, den illuſtren Tycho von Brahe, nicht kennt; was weiß er von den Weltkörpern und denen, die ihre Bewegungen oder ihr Stilleſtehen bewerkſtelligen durch den Hauch Ihres Mundes? Verzeiht ihm und verzeiht auch mir, daß ich Euch warten ließ, habt Ihr ihn doch geehrt ſo ſehr, daß Ihr ihn geſchlagen ins Angeſicht, als er Euch, in ſeiner Einfalt den Befehlen ſeines Herrn gehor⸗ chend, nicht die Treppe hinauflaſſen wollte zu dem Kranken!“ Tycho von Brahe winkte ungeduldig mit der Hand.„Es iſt gut,“ ſagte er,„und ich habe Euch be⸗ reits den Fehler vergeben; Ihr wußtet nicht, daß ich es war, ſo mag es dahingeſtellt ſein. Ich denke indeß, daß es Euch, Herr Magiſter, einige Freude machen wird, den Tycho Brahe an Eurem Bette zu ſehen. Ich hoffe, Ihr ſeid gekommen, um gleich hier zu bleiben und ſobald als Eure Geſundheit es nur irgend erlaubt, die Arbeit an den Tafeln zu über⸗ nehmen. Ihr ſollt in meinem Hauſe auf dem Hrad⸗ ſchin ein Zimmer haben, oielleicht auch zwei, wo Ihr ungeſtört Eurem Geſchäft leben könnt; auch was zur Leibesnahrung und Nothdurft gehört, ſollt Ihr von mir empfangen, und ein Geld dazu, das im 13 196 Verein mit Euren Einnahmen aus Steiermark hinrei⸗ chen wird für Eure kleinen Ausgaben; dazu habt Ihr die Erlaubniß, meine aſtronomiſchen Werkzeuge auf meinem Obſervatorium zu Euren Beobachtungen zu gebrauchen, wogegen ich als ſelbſtverſtändlich voraus⸗ ſetze, daß Ihr die Richtigkeit meines Syſtems vor dem kopernikaniſchen anerkennt und in Euren Arbei⸗ ten mein Syſtem als Grundlage gebraucht.“ Kepler war bleich und angegriffen durch das Fieber; bei dieſen mit Gönnermiene geſprochenen Worten Tycho's färbte ſich aber ſeine Wange mit Pur⸗ pur und ſeine Augen blitzten. „Es iſt gut, mein Herr Ritter von Brahe,“ ſagte er,„daß Ihr mir hier noch einmal mündlich die Euch gefälligen Bedingungen auseinanderſetzt, da das Schreiben, welches mir in Grätz zukam, ganz andere enthielt.— Seine Majeſtät, ſo lautete es dort, wollten mir einen Gehalt, der meinen Arbeiten angemeſſen ſei, und eine freie anſtändige Wohnung bewilligen, ſowie auch ſich perſönlich dafür verwenden, daß die ſteieriſchen Stände mir meinen rückſtändigen Gehalt und während meines Aufenthaltes in Prag denſelben fortlaufend zahlen ſollten. Von einem Wechſel meiner Anſichten war dabei gar nicht die Rede und iſt derſelbe auch bei meiner Art und Natur gar nicht möglich. Eine Wahr! meines ſie nich ich ver meine geben, Ritter, Syſtem Lehre de ſelbſt erf ſorgen. Leben in Herrn vo das An anderen Ty Aerger aufkochte. an Keple er ganz no würde oh — hinrei⸗ bt Ihr ige auf ugen zu voraus⸗ ins vor n Arbei⸗ urch das brochenen mit Pur⸗ e,“ ſagte die Euch da das uz andere t, wollten en ſei, und owie auch ſteieriſchen während prtlaufend Anſichten ſelbe auch lich. Eine 197 Wahrheit, die ſich meinen Sinnen durch den Spiegel meines Verſtandes zeigt, iſt eine Wahrheit, ich kann ſie nicht zu einem Irrthume machen, ſelbſt wenn ich verſuchen wollte, darüber zu ſchweigen. Es iſt aber meine Natur, der erkannten Wahrheit ihr Recht zu geben, indem ich ſie auch bekenne. Macht, Herr Ritter, daß meine Seele von der Wahrheit Eures Syſtems ſo durchdrungen ſei, wie ſie es von der Lehre des Kopernikus iſt, und das Bekenntniß wird von ſelbſt erfolgen. Im übrigen habe ich für eine Familie zu ſorgen. Für eine Frau, die von Jugendauf an ein Leben in guten Verhältniſſen gewohnt iſt und mir ſchon große Opfer gebracht hat; bei allem, was ich thue, bin ich wohl verpflichtet, auf ihre Bequemlichkeit, ihre Neigungen und Wünſche Rückſicht zu nehmen, und könnte daher ſchwerlich mit Wohnung und Koſt in des Herrn von Brahe Haushalt zufrieden ſein, ſo ehrenvoll das Anerbieten, Ihr Hausgenoſſe zu werden, unter anderen Verhältniſſen auch für mich ſein möchte.“ Tycho de Brahe biß ſich auf die Lippen, um den Aerger zu bemeiſtern, der über dieſe Antwort in ihm aufkochte. Langſam erhob er ſich von ſeinem Sitze an Kepler's Bett und durchſchritt das Zimmer. Hätte er ganz nach ſeinem eigenen Antriebe handein können, er würde ohne weiteres jede Verbindung mit Kepler ab⸗ —-——— 198 gebrochen haben. Kaiſer Rudolph aber, der einen Ruhm darin ſetzte, die größten Geiſter und höchſten Talente ſeiner Zeit an ſeinem Hofe zu verſammeln, und der überdieß von Kepler's Gaben als Aſtrolog vieles ge⸗ hört, hatte den entſchiedenen Wunſch ausgeſprochen, den jungen ſchwäbiſchen Magiſter an Prag zu feſ⸗ ſeln, und es Tycho überlaſſen, die Bedingungen ſo zu ſtellen, daß Kepler mit denſelben zufrieden ſei. Unter dieſen Umſtänden blieb dem eitlen Dä⸗ nen nichts übrig, als den Aerger über Kepler's Ant⸗ wort zu bemeiſtern und die Verabredung anderer Bedin⸗ gungen einzuleiten. Kepler's Krankheit gab ihm den paſſenden Vor⸗ wand, für den Augenblick die Sache ruhen zu laſſen, damit nach ſeiner Geneſung alles aufs beſte verab⸗ redet werden könne. Unter der Pflege des wackern Rabbi Löw und ſeines ſeltſamen Dieners fanden ſich die Kräfte des Erſchöpften indeß täglich mehr und mehr. Bezalel war trotz ſeiner Einfalt ein treuer treff⸗ licher Krankenwärter, der die Befehle ſeines ärztli⸗ chen Gebieters mit gewiſſenhafteſter Pünktlichkeit aus⸗ führte, und ſo war denn Johannes Kepler nach vier Tagen fähig, Zimmer und Bett zu verlaſſen und langſam über die Moldaubrücke wandernd dem hohen Hradf Rudol hatte, ausgeſ Urania Huen, A trat, b. führte d zu der ſeinem 1 Mn ſitzend, Freundl ien Ruhm n Talente u, und der vieles ge⸗ geſprochen, ag zu feſ⸗ gungen ſo eden ſei. itlen Dä⸗ pler's Ant⸗ erer Bedin⸗ nden Vor⸗ nzu laſſen, ſeſte verab⸗ Löw und Kräfte des treuer treff⸗ nes ärztli⸗ ichkeit aus⸗ er nach vier laſſen und b dem hohen 199 Hradſchin zuzuſchreiten. Das Haus, welches Kaiſer Rudolph's Gnade dem gelehrten Dänen geſchenkt hatte, war mit wahrhaft kaiſerlicher Freigebigkeit ausgeſtattet und wohlgeeignet, ihm ſein ſchönes Uraniaburg, ſein früheres Beſitzthum auf der Inſel Huen, vergeſſen zu machen. Als Kepler in dieſe prächtige Wohnung ein⸗ trat, befand Tycho ſich gerade beim Kaiſer, und ſo führte denn ein Diener in ſtattlicher Livrée den Gaſt zu der Familie ſeines Herrn, wie dieſer es ihm vor ſeinem Abgehen nachdrücklich eingeſchärft hatte. Frau Katharina von Brahe, eine noch ſehr ſchöne Matrone, empfing, bolzgerade auf ihrem Lehnſtuhle ſitzend, den beſcheiden Eintretenden mit gönnerhafter Freundlichkeit. „Seid willkommen, Herr Magiſter, in dem Hauſe des Tycho von Brahe!“ ſagte ſie in ihrem eigenthüm⸗ lich harten Deutſch;„ich begrüße Euch im Namen meines Eheherrn und hoffe, Ihr werdet bis zu ſeiner Heimkehr mit meiner Geſellſchaft fürlieb nehmen. Ich weiß, obgleich ich nur eine Frau bin, daß Ihr ein ſehr gelehrter junger Mann ſein müßt, da der erſte Gelehrte auf der Welt Euch zu ſeinem Helfer und Famulus zu wählen beabſichtigt; ich zweifle auch nicht, daß Ihr dieſe Ehre zu ſchätzen wiſſen werdet.“ 200 Kepler verneigte ſich tief und mit etwas ver⸗ wunderten Blicken vor der zuverſichtlichen Frau. Es lag in Wahrheit ebenſoviel Rührendes als Komi⸗ ſches in der unverholenen Art, mit der ſie ihren Glau⸗ ben an die Weisheit ihres Gatten ausſprach, deſſen Anſichten der, welcher vor ihr ſtand, als falſch erkannt hatte, während er ſeinem Fleiße und Nach⸗ denken alle Gerechtigkeit widerfahren ließ. Frau von Brahe ſchien es für ihre Pflicht zu halten, das Geſpräch nicht ſtocken zu laſſen, und da Johannes nur ſoviel dazu beitrug, als die Höflich⸗ keit nothwendig machte, ſo ergoß ſich die Dame in endloſen Erörterungen über die Weisheit ihres Gatten. Endlich ließ ſich denn auch Tycho's Stimme im Vorzimmer vernehmen, wo er ſehr laut befahl, die Tulpenzwiebeln, welche Sr. Majeſtät ihm ſoeben eigenhändig verehrt, ſogleich an einen guten trockenen Ort zu legen, bis ſie hinaus nach Benatek gebracht und dort dem Gärtner übergeben würden. „Ihr ſeid alſo hier, mein Herr Magiſter,“ ſagte er nach der erſten Begrüßung zu Kepler,„und ich glaube, daß Ihr allen Grund habt, dieß als ein großes Glück für Euch zu betrachten.— Nicht daß die Beſoldung, die Ihr hier empfangen werdet, gar zu reichlich ſei; des Kaiſers Majeſtät iſt zwar der Born a werden, auch ich nen, kei kaſſen; den Beſt wenn J Syſtem ſ enburger rechtgläub mehr zu m halten, da geſunden s ver⸗ u. Es Komi⸗ n Glau⸗ , deſſen s falſch d Nach⸗ flicht zu und da Höflich⸗ Dame in Gatten. Stimme t befahl, m ſoeben trockenen gebracht er,“ ſagte er,„und ß als ein Nicht daß rdet, gar zwar der 201 Born aller Gnade, aber auch ein ſolcher kann geleert werden, wenn allzuviele aus ihm ſchöpfen.— Hm! auch ich habe heute wieder kein Geld erhalten kön⸗ nen, keines! Ebbe, vollſtändige Ebbe in allen Staats⸗ kaſſenz— aber ich halte Euch für einen Mann, der den Beſitz der Weisheit jedem andern vorzieht, und wenn Ihr unter Tycho von Brahe arbeitet, ſo iſt Euch Thür und Thor zum Tempel derſelben geöff⸗ net.“— „Mein Herr Ritter,“ entgegnete Kepler mit Ernſt, „Sie wiſſen, daß ich Familienvater bin und folglich die Verpflichtung habe, für die Meinen zu ſorgen. Ich kann nicht der Weisheit allein nachjagen, ich muß zuerſt das tägliche Brot in Sicherheit haben für Weib und Kind, zudem, Ihr wißt, ich bin nach allen meinen Ueberzeugungen Anhänger der Lehre des Kopernikus“— Tycho unterbrach ihn raſch und ſichtlich geär⸗ gert—„und wodurch unterſcheidet ſich denn mein Syſtem ſo ſehr von den tollen Träumen Eures frau⸗ enburger Domherrn?“ fragte er.„Schon als ein rechtgläubiger Proteſtant müßtet Ihr, Magiſter Kepler, mehr zu meinem, als zu dem Syſteme des Katholiken halten, das noch überdieß aller Erfahrung und dem geſunden Menſchenverſtande entzogen iſt, wie? oder 202 ſeid Ihr wirklich der Meinung, daß dieſe Erde, ſo feſt unter unſern Füßen liegend, mit uns, da wir ihren Stillſtand fühlen, umherrollt im Aether? rollt, ſo daß wir während der Nacht mit den Köpfen nach unten hingen— ah bah!“ „Warum ſollte ich Euch ermüden, Herr Ritter, indem ich Euch die Beweiſe für die Bewegung unſeres Planeten wiederhole,“ ſagte Kepler ruhig, „Ihr habt mich aufgefordert, Euch in Euren Geſchäften beizuſtehen, und Ihr wußtet aus meinen Schriften, welches Meiſters Lehre ich anhänge. Eine Ueberzeu⸗ gung iſt nicht etwas, das man nach eigenem Belieben wechſeln kann wie ein Kleid, wir müſſen ſie aus⸗ wechſeln, wie die Schlange ihre Haut, und die neue, welche darunter liegt, iſt dann auch nur durch die alte entſtanden. Wie die Lehre des Kopernikus der Erhabenheit Gottes angemeſſener iſt als die Eure, ſo iſt ſie es auch der menſchlichen Vernunft, und wenn ſie nicht ganz vollſtändig ausreicht, die Natur⸗ erſcheinungen zu erklären, ſo kann dieß doch nur ge⸗ ſchehen, indem man ſie erweitert und vervollkommnet, aber nicht, indem man von ihr zu einer engeren und geringeren zurückkehrt.“ Kepler hatte ruhig und mit dem Ausdruck der Beſcheidenheit geſprochen, das entſtellte Geſicht des Dänen in jed 1 morpla ſchönes beitete blickte ſich die ließ, ih Mann Namen den Euch ie hö Veewe geht und von Bral lehren lä e Erde, wir ihren t, ſo daß ch unten or Ritter, Bewegung er ruhig, Geſchäften Schriften, Ueberzeu⸗ in Belieben n ſie aus⸗ die neue, durch die erniku der die Eure, nunft, und die Natur⸗ ch nur ge⸗ ollkommnet, ngeren und usdruck der Geſicht des Dänen aber färbte während ſeiner Rede der Zorn in jedem Moment höher. Die kräftige und ſchöne Hand feſt auf die Mar⸗ morplatte eines Tiſches ſtützend, auf welchem ein ſchönes Kunſtwerk, das von Silber und Gold gear⸗ beitete Weltſyſtem ſeiner eigenen Erfindung prangte, blickte er mit flammenden Augen auf denjenigen, der ſich die ungeheuere Anmaßung zu Schulden kommen ließ, ihm, dem Tycho de Brahe, dem gelehrteſten Mann auf dem Erdboden, ſo ruhig und leidenſchaftslos zu widerſprechen. „Mein Syſtem, das Werk höchſten Nachden⸗ kens, iſt der Erhabenheit Gottes und der menſchli⸗ chen Vernunft nicht angemeſſen?“ ſchrie er zornig, „das wagt Ihr mir zu ſagen? Ihr junger Fant, mir, dem Tycho, deſſen Weisheit und Gelehrſamkeit die Könige der Erde bewundernd preiſen? deſſen Namen alle Welt mit Ehrfurcht nennt, während man von Euch kaum weiß, daß Ihr lebt? Ihr, dem ich die höchſte Ehre erweiſe, indem ich ihn zu meinem Diener und Famulus erhebe? Geht, Magiſter Kepler! geht und erzählt Euren Bekannten, daß der Ritter von Brahe ſich von Euch und Euresgleichen nicht be⸗ lehren läßt, daß er feſtſteht in ſeiner Erkenntniß, feſt 204 wie dieſe Erde ſelbſt, auf die ſein Männerfuß tritt. Geht und ſeid ſtolz auf die Ehre, die ich Euch erwieſen.“ Der hochmüthige und zornige Mann wies bei dieſen Worten mit einer gebieteriſchen Geberde nach der Thür, in deren ſchön geſchnitztem Bogen von Eichenholz in dieſem Augenblick ein ſtattlicher Die⸗ ner erſchien, der auf einem ſilbernen Teller ſeinem Herrn einen Brief überreichte. „Von des Kaiſers Majeſtät,“ ſagte er dabei, und natürlich reichte das Wort aus, den Ritter von Brahe zur ſchleunigen Eröffnung des Schreibens zu veranlaſſen. Aber zornig faltete er dasſelbe, als er es durch⸗ flogen, zuſammen, ſtampfte haſtig auf den Boden und murmelte:„Ich ſoll! ich ſoll! ich will aber nicht, und noch hat kein König der Welt den Willen des Tycho von Brahe gebeugt.“ Johannes Kepler aber verbeugte ſich tief und höflich vor dem Erzürnten und verließ das Gemach mit der Gewißheit, daß neben Tycho für ihn kein Platz zu einer beglückenden Wirkſamkeit zu finden ſei. Wie Kepler la hinab, w ſchin nach Wac der gewö Schloßhof Kepl Domes, ſt bend, das Gelehrte eine friedl Mit hinauf bi tengang u Sein kunft lag Geiſtesau faſt dem Blick an d deſſen bra ihm zu ha nige, der uß tritt. rwieſen.“ wies bei rde nach gen von hher Die⸗ er ſeinem er dabei, itter von ibens zu es durch⸗ in Boden ber nicht, illen des tief und Gemach ihn kein finden ſei. Einundzwanzigſtes Kapitel. Wieder um eine Hoffnung ärmer, wanderte Kepler langſamen Schrittes die breite prächtige Straße hinab, welche von dem Hauſe Tycho's auf dem Hrad⸗ ſchin nach der prächtigen Kaiſerburg führte. Wachen, mit Hellebarden bewaffnet, ſtanden in der gewölbten Halle, und auch in dem ſtattlichen Schloßhof wanderten Soldaten auf und ab. Kepler ging bis zu der Eingangsthür des Domes, ſie war geöffnet, und einem Gefühl nachge⸗ bend, das ihn mächtig trieb, trat der proteſtantiſche Gelehrte in das ſchöne Gotteshaus, das ihn wie eine friedliche Zufluchtſtätte zu empfangen ſchien. Mit leiſen Tritten ging er das Mittelſchiff hinauf bis zum Hochaltare, betrat dann einen Sei⸗ tengang und wandelte bis zur Thür zurück. Sein Herz war voll und ſchwer.— Die Zu⸗ kunft lag ein unabſehbarer dunkler Weg vor ſeinen Geiſtesaugen, und mit einem ſeltſamen Gefühl, das faſt dem Neide verwandt war, hing ſein leiblicher Blick an dem auf Goldgrund gemalten Chriſtuskopfe, deſſen braune Wunderaugen gleichſam tröſtend auf ihm zu haften ſchienen.—„Glücklich, glücklich derje⸗ nige, der wie Du, o ſanfter Welterlöſer, für einen 206 großen Zweck leidet,“ ſagte er beinahe laut.„Die Dornenkrone, welche Du trägſt zur Erlöſung des Menſchengeſchlechtes, iſt, wie ſehr ſie auch Dein blu⸗ tendes Haupt ſchmerzte, doch eine Krone ewiger Glückſeligkeit. Wofür aber leide ich? welch ein Stern glänzt am Ende meiner mühſeligen Lauſbahn, nach dem ich hinſtreben, deſſen Licht, und ſchimmerte es noch ſo fern, meinen Pfad erleuchten möchte? Leide ich für die Wahrheit meines Glaubens? Ach, die mich am meiſten anklagen und ſchelten, ſind ja meine Glaubensgenoſſen! Leide ich für die Wahrheit jener lichtvollen Ideen über den Bau und die Be⸗ wegungen des Weltganzen? welchen Nutzen und welches Intereſſe haben dieſelben für die Menſch⸗ heit? wie viele Menſchen wiſſen denn heute, und werden künftig wiſſen von Kopernikus', oder Tycho's Syſtem?— Der ſtolze Däne, in der Gunſt des Herrn der Chriſtenheit ſtehend, umgeben von Reich⸗ thum, Macht und der ſcheuen Ehrfurcht ſeiner Zeit⸗ genoſſen, ſieht verächtlich herab auf mich und meine Forſchungen und Arbeiten.— Mit harter Hand klopft die Armuth, die bittere, bittere Sorge für das tägliche Brot an der Thür des Landllüchtigen. Kein liebend Herz ſchlägt auf Erden, das meinen Jammer bis in ſeine gallenbittern Tiefen verſtünde, dem ich danke k Bruſt d ſeiner innerung wie Mon klar über .„M ja, Du für alle getröſtet, das höchſt erkannte der Men ihren Nu irdiſchen 9 indem ich greife ich zage und weil ich die Entbe Erhalter ſ Vergib mi Dank des t.„Die ung des Dein blu⸗ e ewiger velch ein Laufbahn, chimmerte möchte? ens? Ach, a, ſind ja Wahrheit d die Be⸗ utzen und e Menſch⸗ heute, und er Tycho's Gunſt des von Reich⸗ ſeiner Zeit⸗ und meine rter Hand Sorge für idflüchtigen. das meinen verſtünde, 207 dem ich ihn klagen könnte— keines!“ Aber der Ge⸗ danke kam nicht zu ſeinem vollen Schluß in der Bruſt des Leidenden.— Die Tage ſeiner Kindheit, ſeiner Jugend, tauchten wie roſige Morgenwolken aus der Nacht mitten aus ſeinen ſchmerzlichen Er⸗ innerungen auf, und der Gedanke an Apollonia ſtand wie Mondlicht über dem tobenden Meere, hell und klar über allen empörten Wogen ſeiner Gefühle.— „Meine gute Mutter, meine theuere Freundin! ja, Du würdeſt Mitgefühl haben und Theilnahme für alle Leiden, die mein Herz bedrücken,“ dachte er getröſtet,„und— leide ich doch auch für die Wahrheit, das höchſte Gut des Menſchen!“ fügte er hinzu.„Jede erkannte Wahrheit, jede iſt ein erhabenes Beſitzthum der Menſchheit, wenn wir auch für den Moment ihren Nutzen nicht einſehen, ja wenn ſie gar keinen irdiſchen Nutzen hätte; ich erkenne Gott den Schöpfer, indem ich ſeine Schöpfung erkenne. In der Natur greife ich Ihn gleichſam mit Händen.— O und ich zage und verzage, weil Menſchen mich beleidigen, weil ich die Armuth fürchte, weil das Leiden und die Entbehrungen meiner Familie mich, der ich ihr Erhalter ſein ſoll, wie ein bitterer Vorwurf treffen? Vergib mir, mein Gott, vergib mir und nimm den Dank des Geſchöpfes, das Du befähigteſt, Deine Herr⸗ 208 lichkeit in Deinen Werken ahnungsvoll zu ſchauen. Komme, was mag, ich werde es zu ertragen wiſſen.“ Noch einen Blick auf das göttliche Antlitz des Erlöſers werfend, verließ Johannes, geſtärkt und er⸗ muthigt, den Dom, und wandelte durch die Pforte, welche über die Brücke zwiſchen den Marſtällen nach dem prächtigen kaiſerlichen Garten führt. Es war Abend geworden, ein Abend, der trotz ſeiner herbſtlichen Kühle durch den Schein des Voll⸗ mondes einen für Kepler's Gemüth unendlich ſüßen Reiz hatte. Am Gitter ſtehend, ſchaute er hinab in jene tiefer liegenden Zwinger, in welchen Kaiſer Rudolph ſeit Jahren ſchon im Freien und in großen Käfigen viele wilde Thiere aus fernen Weltgegenden verpflegen ließ. Löwen, Tieger und Leoparden aus Afrika, den grauen und braunen Bären von den Karpaten, aber auch andere Geſchöpfe von weniger furchtbarer Art, Hirſche, Rehe und ſogar den Steinbock und die zier⸗ liche Gazelle.— Kepler ſtand an einer Stelle, wo er, vom Mondlicht überſtrömt, den ſtattlichen Wild⸗ park zu ſeinen Füßen überſehen konnte, und deutlich erkannte er dieſes und jenes Thier, das in ſeiner nur aus Eiſengittern beſtehenden Behauſung auf⸗ und abſchritt.— Auf der Höhe aber ſah er die alten und jene beit und die kleinen ſe grelles L. Dor unheimlic Zimmern, in Gold halten ko lichen Gef unter and Wäl in Anſpru der Kaiſen kenzeichen, der ſein Erlaubniß Rückweg Fren Wege, der konnte, ſt der nächt Stimmen licher Wer 1857. XXII ſchauen. wiſſen.“ tlitz des und er⸗ Pforte, len nach der trotz es Voll⸗ h ſüßen in jene Rudolph Käfigen erpflegen rika, den ten, aber rer Art, die zier⸗ telle, wo en Wild⸗ deutlich n ſeiner ug auf⸗ er die 209 alten und älteſten Gebäude des ſtolzen Hradſchin, jene beiden uralten Thürme, den weißen Thurm und die Daliborka, und zwiſchen beiden Mauern mit kleinen ſchmalen Fenſtern, aus denen zumtheil ein grelles Licht niederſtrömte. Dort trieben die Alchemiſten des Kaiſers ihr unheimliches Weſen in kleinen, gefängnißartigen Zimmern, und ſo mancher, der ſein Verſprechen, Blei in Gold zu verwandeln, nicht zur feſtgeſetzten Friſt halten konnte, wanderte von dort nach den ſchreck⸗ lichen Gefängniſſen in den beiden Thürmen, ſein Leben unter andauernden Qualen aushauchend Während Johannes, von mannigfachen Gedanken in Anſpruch genommen, ſich dieſen unheimlichen Theil der Kaiſerburg betrachtete, ertönte innen das Glok⸗ kenzeichen, das die Thore derſelben für jeden ſchloß, der ſein Recht auf den Eintritt nicht durch einen Erlaubnißſchein erweiſen konnte, und als er ſeinen Rückweg antreten wollte, fand er denſelben geſperrt. Fremd in Prag und völlig unbekannt mit dem Wege, der ihn von hieraus zur Moldaubrücke führen konnte, ſtand Kepler eine Weile ziemlich rathlos in der nächtlichen Stille, die von den verſchiedenen Stimmen der Thiere in ſeiner Nähe in ſehr unheim⸗ licher Weiſe unterbrochen wurde. Herbſtliche Nebel 1857. XXII. Johann Kepler. III. 14 woben einen Schleier um die Gärten zu ſeinen Füßen, wunderliche Düfte zogen aus den Laboratorien der Adepten bis zu ihm herüber, oben am Himmel aber ſtand hell und klar der Mond, der ſilberne Knauf am herrlichen Zelte, das der Athem Gottes durch⸗ weht. „Ich will vorwärts gehen,“ dachte der Einſame, „immer gerade aus, der Weg vor mir muß doch zu Menſchen führen, und dann kann ich mich erkundigen, wie ich hinab nach dem Ghetto in das Haus meines wackern Gaſtfreundes gelangen kann.“ Wenige Schritte aber hatte er nur gethan, als ein Geräuſch ganz in ſeiner Nähe ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Es war das Hilferufen einer Frauen⸗ ſtimme, unterdrückt durch irgendeine Gewaltthat. Kepler ging eilig den Lauten nach und ſtand in wenigen Augenblicken einer ſeltſamen Szene gegen⸗ über. Ein großer und ſtarker Mann, in einen dunklen Mantel gehüllt, hielt eine Frau feſt in ſeinen Armen, während eine zweite ſich bemühte, das Geſicht der⸗ ſelben mit einem Tuche zu verdecken und ihr Schreien und Rufen zu unterdrücken. Ohne an die von ſeiner Krankheit nachgeblie⸗ bene Schwäche, ohne überhaupt an irgendetwas anderes, ſchutzloſes ſeinen lei Perſon in Rücken. Ein zu durchb drückte ſich nicht den ſtehen und die vor il ler's Sch Plötz bewegung Geſicht ve den Armſe wand. „Ihr ſagte ſie, das Keple wagt es, nung Eur „Gne digte, noch vergeßt me nen Füßen, ttorien der nmel aber rne Knauf ttes durch⸗ er Einſame, uß doch zu erkundigen, daus meines gethan, als merkſamkeit ter Frauen⸗ Gewaltthat. ‚ ſtand in ene gegen⸗ nen dunklen nen Armen, Geſicht der⸗ ihr Schreien nachgeblie⸗ irgendetwas 211 anderes, als an die Gefahr zu denken, in in ſchutzloſes weibliches Weſen ſchwebte, aug herane ſeinen leichten Degen und ſchlug mit demſelben der Nerſon im Mantel einige flache Hiebe über den Ein tödtlicher Schreck ſchien den feigen Rä zu durchbeben; er ließ die Dame aus en enan drückte ſich den Hut tiefer noch ins Geſicht, hatte aber nicht den Muth zu entfliehen, ſondern blieb zitternd ſtehen und ſank endlich auf die Kniee vor der Dame die vor ihm ſtand und ihren ſchönen Arm auf Kep⸗ ler's Schulter ſtützte, um ſich zu erholen. Plötzlich aber ſchlug ſie mit einer ruhigen Hand⸗ bewegung den Schleier zurück, der bis dahin ihr Geſicht verhüllt hatte, und blickte voll Hoheit auf den unſeligen der ſich zu ihren Füßen im Staube and. „Ihr ſeid's, Philipp Lang, Ihr elender Schurke!“ ſagte ſie, und in dem Tone ihrer Stimme lag etwas das Kepler bis ins Innerſte erbeben machte. Ihr wagt es, hier, kaum hundert Schritt von der Woh⸗ nung Cures Herrn den Wegelagerer zu ſpielen?“ „Gnädigſte Gräfin,“ entgegnete der Angeſchul⸗ digte, noch immer knieend,„habt Mitleid mit mir vergeßt mein Vergehen, verrathet mich nicht, um des 14* lieben Heilandes und der gebenedeiten Mutter willen verrathet mich nicht!“ „Elender,“ entgegnete die Dame mit Hoheit, „glaubſt Du nicht, daß ich die Rolle, welche Du hier ſpielſt, ſehr wohl durchſchaue? Glaubſt Du, daß ich Dich und Deine Verläumdungen und Verräthereien fürchte? Geh hin und erzähle, wem Du willſt, hörſt Du, wem Du willſt, daß Du die Gräfin Polixena von Roſenberg bei ſpätem Abend auf offener Straße in Begleitung einer einzigen Dienerin getroffen haſt, ich werde dem zu begegnen wiſſen!“ „Gnädigſte Frau, o mein Gott, gnädigſte Frau, was thun Sie,“ jammerte ihre Begleiterin Hände ringend. „Was nothwendig, was unerläßlich iſt, armes Kind,“ entgegnete die Gebieterin feſt. „O, Gott! Gott! auch das noch! auch das noch!“ flüſterte die Dienerin mit einem Ausdrucke ſo tiefen furchtbaren Schmerzes, daß Kepler's Seele davor erſchauerte. Frau von Roſenberg aber erhob ſich, wie es ſchien von aller Furcht befreit, blickte noch einmal verächtlich auf den vor ihr Knieenden und ſagte dann: „Sie gehen voraus, Philipp Lang, ſo weit, daß Sie meiner Unterhaltung mit dem Herrn, der mich aus Ihren Händen befreite, nicht Zwang auflegen; Du, Wlo dafür, da paſſiren Dan ſchützers nung hin zurück, do Wäl den erſte nach ihre Tone:„ fürchten dieſer Se er, gelobt Sie aber, hinzu, 22 Dank für ter willen t Hoheit, e Du hier I, daß ich rräthereien oillſt, hörſt 1 Polixena ner Straße roffen haſt, e Frau, was ide ringend. iſt, armes das noch!“ ike ſo tiefen eele davor lagte dann: weit, daß t, der mich auflegen; 213 Du, Wlasta, folgſt dicht hinter uns, und ſorgen Sie dafür, daß die Wache am Thore uns ungehindert paſſiren läßt.“ Dann legte ſie ihren Arm in den ihres Be⸗ ſchützers und ſo gingen die Drei in einiger Entfer⸗ nung hinter Lang nach dem Thore der Kaiſerburg zurück, das ſich alsbald öffnete. Während Kepler an der Seite der Dame über den erſten Hof ſchritt, wendete dieſelbe ſich plötzlich nach ihrer Dienerin um und flüſterte im ſanften Tone:„Kommen Sie an meine Seite, theure Eva, fürchten Sie nichts mehr für mich, mein liebes Kind; dieſer Schurke Lang wird ſchweigen, und Sie hat er, gelobt ſei die gebenedeite Jungfran! nicht erkannt. Sie aber, mein Herr,“ ſetzte ſie, ſich an Kepler wendend, hinzu,„nehmen Sie meinen innigen aufrichtigen Dank für den Ritterdienſt, den Sie einer ſchutzloſen Dame geleiſtet. Ich bitte um Ihren Namen.“ „Gnädigſte Frau,“ entgegnete der Gelehrte, ver⸗ gebens gegen das Beben ſeiner Stimme ankämpfend, „es iſt das zweitemal, daß mir das Glück zutheil wird, Ihnen einen kleinen Dienſt zu leiſten. Die Erinnerung an den erſten Moment, da ich die Ehre hatte, vor Ew. Gnaden zu ſtehen, iſt nie aus meiner 214 Seele geſchwunden, ich bin, der unbedeutendſte Ihrer Diener, Magiſter Johannes Kepler.“ „Wie, mein Herr,“ ſagte die Gräfin lebhaft, „ich habe die Ehre vor dem großen Gelehrten zu ſtehen, mit dem mich mein Vogel einſt bekannt machte? In der That, ich bin dem Schickſale Dank dafür ſchuldig. Aber, mein Herr Magiſter, hier ſtehen wir vor der Thüre meines Hauſes, ich bitte Sie, mich morgen hier aufzuſuchen, damit ich Ihnen dann meinen Dank geziemender abſtatten kann; für jetzt nehmen Sie hier Ihren Weg aus dieſem ſo ſtreng bewachten, ſo feſt geſchloſſenen Burghofe durch die Pforte hier, und Gott geleite Sie!“ Eine Minute darauf ſtand Kepler jenſeits des Ausgangspförtchens des prächtigen roſenbergiſchen Palaſtes. Vor ſich ſah er ausgebreitet, wie ein köſt⸗ liches Gemälde, das hundertthürmige Prag im Lichte des Vollmondes. Nah vor ſeinen Füßen lag die tiefe rauhe Felswand, auf welcher die herrlichen Schlöſſer des Hradſchin gegründet ſind, und hinter ſich und über ſich erblickte er die glänzenden Fenſterreihen der dicht an den roſenbergiſchen Palaſt gränzenden Kaiſerburg. Alles aber lag dort ſtill, wie ausgeſtorben; nur das Mondlicht verſilberte dieſe Fenſterreihen und nur der den Däc Uel die Herb umſäumt durch die am Fuße Nepomul Key wehr, di Ihr heit hint genblick nenden noch kna erhabenen litze ihm ſens ente Er Sorgen Zukunft, des Erde ſchen Li Freude des Weſ ndſte Ihrer in lebhaft, elehrten zu ſt bekannt fſale Dank hier ſtehen Sie, mich inn meinen tzt nehmen bewachten, Pforte hier, eenſeits des enbergiſchen ie ein köſt⸗ g im Lichte tefe rauhe löſſer des h und über en der dicht Kaiſerburg. torben; nur reihen und 215 nur der Nachtwind flüſterte unter den vorſpringen⸗ den Dächern. Ueber den Waſſern der breiten Moldau lagen die Herbſtnebel, graue, vom Silber des Mondes leicht umſäumte Feenſchleier, und wie ein Stern ſchimmerte durch dieſelben das ewige Lämpchen auf der Brücke am Fuße der Bildſäule des heiligen Johannes von Nepomuk. Kepler lehnte ſich bebend an die niedere Bruſt⸗ wehr, die ihn von der Tiefe ſchied. Ihm war zu Muthe, als ob die Vergangen⸗ heit hinter ihm plötzlich verſänke und der jetzige Au⸗ genblick ſich nach einem kurzen ſchweren, aber zerrin⸗ nenden Traum an jenen anſchlöße, da er ein faſt noch knabenhafter Jüngling zum erſtenmal vor der erhabenen Frau geſtanden, aus deren ſchönem Ant⸗ litze ihm ein wunderbares Verſtändniß ſeines We⸗ ſens entgegenſtrahlte.— Er dachte nicht an den Heimweg, nicht an die Sorgen ſeines Lebens, nicht an die trübe nächſte Zukunft, er fühlte ſich frei von allen Kleinlichkeiten des Erdendaſeins, und wie ein Doppelſtrom himmli⸗ ſchen Lichtes rauſchte durch ſeine Seele die ſelige Freude an ſeiner Wiſſenſchaft und an dem Daſein des Weſens, das er liebte.— Nicht mit jener Liebe, 216 die den Beſitz begehrt, ſondern mit einer anderen reineren, höheren, die nichts Irdiſches will und fordert und keine andere Seligkeit kennt, als ſich des geliebten Gegenſtandes würdig, ſich ihm ähnlich zu fühlen. Wie lange er dageſtanden, anſcheinend verſun⸗ ken in den Anblick der wunderbaren Mondlandſchaft zu ſeinen Füßen— er wußte es ſelbſt nicht; ſeltſame Gedanken und Träume hatten ſeine Seele durchwogt, wie er ſo das herrliche Prag zu ſeinen Füßen liegen ſah, Gedanken und Träume, die viſi⸗ onenartig ganz unabhängig von ſeinem Willen wie Nebelbilder kamen und ſchwanden. Das Chriſtus⸗ bild mit den braunen milden Augenſternen ſchien mit ihm hinabzublicken auf die reiche Kaiſerſtadt und ihm war, als vernehme er das Flüſtern des Verſuchers:„Siehe, dieß Alles will ich Dir geben, ſo Du niederknieſt und mich anbeteſt!“ Dann aber hörte er Tycho's Vorträge über ſein Weltſyſtem und des ſtolzen Dänen demüthige Bitte an ihn, dasſelbe zu dem ſeinigen zu machen, und dann ſprach Pater Johannes Fickler zu ihm von der Wahrheit und Echtheit des katholiſchen Glaubens und daß er nur heimlich zu Beichte gehen und die Meſſe hören dürfe, während es ihm zugleich ſchien, als tönten die vollen S wo er gend ge er Polix ſie ihm flüſterte Alles wi anbeteſt! Er laut und dicht nel Die an die 1 Stirn fü nen unſ auf das Landſcha „Ih ſagte die anderen will und 3 ſich des ihnlich zu d verſun⸗ landſchaft bſt nicht; ine Seele zu ſeinen die viſi⸗ Villen wie Chriſtus⸗ ten ſchien Kaiſerſtadt üſtern des dir geben, dann aber yſtem und ,dasſelbe lach Pater rheit und aß er nur jren dürfe, inten die 217 vollen Ströme der Muſik eines Hochamtes im Dome, wo er noch vor wenigen Stunden ſo bitter verza⸗ gend gebetet hatte, in ſein Ohr. Dann aber ſah er Polixena, ſie beugte ſich zu ihm nieder, als wolle ſie ihm die Lippen zum Kuſſe darbieten, und wieder flüſterte die Stimme des Verſuchers:„Siehe, dieß Alles will ich Dir geben, ſo Du niederfällſt und mich anbeteſt!“ Er legte die Hand auf ſein Herz und ſagte laut und mit feſter Simme: „Gott iſt die Wahrheit! und nur wer in der Wahrheit bleibt, der bleibt in Gott! Aber Gott iſt auch die Liebe, und Liebe und Wahrheit ſind die Arme, die Er ausſtreckt, um das Menſchenherz zu ſich emporzuziehen!“— „Amen!“ ſagte eine tiefe, aber gedämpfte Stimme dicht neben ihm. Die Viſionen verſchwanden, Kepler ſtand bebend an die Bruſtwehr gelehnt und Fieberglut auf ſeiner Stirn fühlend, neben einem Mann in einem brau⸗ nen unſcheinbaren Kleide, der wie er hinabblickte auf das herbſtliche, vom Monde mild beleuchtete Landſchaftsbild zu ihren Füßen. „Ihr habt ein gutes Wort geſprochen, Fremder,“ ſagte dieſer.„Liebe und Wahrheit ſind die Arme, 218 welche Gott ausſtreckt, die Menſchenſeele zu ſich zu erheben; wer ſie nur fände, ſich nur an ſie feſtklam⸗ mern könnte mit allen ſeinen Kräften!“ „Wir haben ein Vorbild,“ entgegnete Kepler leiſe,„der Erlöſer hat es uns gegeben, er hielt feſt an Liebe und Wahrheit“— „Feſt bis zum Tode am Kreuze,“ ſagte der An⸗ dere,„und Alle, die vor ihm und nach ihm feſtblei⸗ ben in der Liebe, feſthalten an der Wahrheit, müſſen den Muth haben zu leiden und zu ſterben wie Er. Die Erde iſt das Land der Täuſchungen, Selbſtſucht iſt die Haupttriebfeder aller menſchlichen Gedanken und Handlungen; denn das Glück ſuchen wir alle, wir rennen ihm nach und ſtrengen alle unſere Kräfte an, das fliehende zu erhaſchen, gleichviel wen wir überrennen, was wir in den Staub treten, wenn jeder nur für ſich ſelbſt ein Zipfelchen ſeines golde⸗ nen Mantels erhaſcht. Wer feſtbleiben will in Wahrheit und Liebe, muß den Muth haben, dem Glücke den Rücken zu wenden.“ „Ja!“ ſagte Kepler,„aber Glück und Glückſeligkeit iſt nicht eins und dasſelbe; wer dem höchſten Gute, der Glückſeligkeit, entgegenſtrebt, der halte feſt an Liebe und Wahrheit und wende kühn und entſchieden dem Glück der Thoren den Rücken. Fortſchreitend in der Erkennt heiliger ſeligkeit im Her wenn n Seligke Fortſchr und for mit unſ Künſtler und ver als diej Richtung —„den aber wa beben ja „C „ſchon f meinem zu ſich zu ie feſtklam⸗ nete Kepler r hielt feſt gte der An⸗ m feſtblei⸗ heit, müſſen n wie Er. Selbſtſucht Gedanken n wir alle, iſere Kräfte wen wir eten, wenn nes golde⸗ n will in aben, dem Jlückſeligkeit yſten Gute, eſt an Liebe hieden dem eend in der 219 Erkenntniß der Wahrheit, ſich ſelbſt vergeſſend in heiliger Liebe wird auch im bitterſten Erdenleid Glück⸗ ſeligkeit, die Blume aus dem Garten des Paradieſes, im Herzen keimen, ihr Blühen iſt uns verheißen, wenn wir den Tod geſchmeckt haben; denn die ewige Seligkeit in was anderem kann ſie beſtehen, als im Fortſchreiten der Erkenntniß, im Wachſen der Liebe, fort und fort, bis wir das Ewige erkennen und das All mit unſerer Liebe umfaſſen.“ Der Fremde war bei den letzten Worten dem Sprechenden ganz nahe getreten, legte jetzt ſeine Hand auf Kepler's Schulter und ſagte, ihm feſt in die Augen blickend. „Wer ſeid Ihr, Herr? Ihr ſeid kein Böhme Eurer Ausſprache nach, Ihr ſeid auch keiner der Künſtler und Gelehrten vom kaiſerlichen Hofſtaate und verſteht, ſo ſcheint mir's, die Weisheit anders, als diejenigen, die dort,“— er deutete dabei nach der Richtung, wo die Wohnungen der Alchemiſten lagen —„den Stein der Weiſen und die Goldtinktur ſuchen: aber was iſt Euch? was habt Ihr? Eure Glieder beben ja wie das Laub im Winde?“ „Es iſt das Fieber, Herr,“ entgegnete Kepler, „ſchon fühle ich, daß es wieder überhandnimmt in meinem Hirne; wollt Ihr ein Werk der Barmherzigkeit 220 thun, ſo bezeichnet mir den nächſten Weg nach dem Ghetto.“ Der Andere ſchüttelte verwundert den Kopf.„Nach dem Ghetto!“ murmelte er dann,„hm! ſonderbar!“ ſetzte er indeß mit großer Freundlichkeit hiuzu:„Ich will Euch jemanden ſenden, der Euch bis zum Ghetto geleiten ſoll, armer Mann! Dieſe Fieber im Herbſte ſind ſehr bösartig, ſie zehren das Mark aus den Kno⸗ chen und laſſen den Menſchen verdorren, wie einen gefällten Baum, he da, Trabant, bring dieſen Mann, der erkrankt iſt, hinab bis zum Eingang des Ghetto.“ Er winkte dabei und wie durch einen Flor ſah Kepler, daß wenige Schritte von ihnen dicht an der dunklen Wand der nächſten Gebäude einige Bewaff⸗ nete ſtanden, von denen einer, auf ihn zuſchreitend, in ſehr höflicher Weiſe ſagte:„Ich bitte Euch, folgt mir, mein Herr!“ Wie im Schlafe wandelnd ſah Kepler ſich endlich vor der Wohnung ſeines Gaſtfreundes, wo Bezalel ihn erwartete, und bald fühlte der von neuem ſchwer Erkrankte nichts mehr, als das von wirren Traumbildern unterbrochene Toben des Fiebers. Endlich kehrten indeß ſeine Kräfte wieder, ſeine Erinnerungen fingen an klar zu werden und er ſtrebte mit Ernſt, jedoch nicht mit ganzem Erfolge, die Ge⸗ bilde ſei erlebt h Ra Freundli Stunden Augen dem Kr zuſteigen das die überragt altersgro Moldau Hi Ruheſitz ſonne in zeigte il dung, a ſtände il ſah mit gel die Frau vo Dom in Fenſter, *) Rabb. nach dem pf.„Nach nderbar!“ nzu:„Ich um Ghetto m Herbſte 3 den Kno⸗ wie einen ſen Mann, 8 Ghetto.“ i Flor ſah cht an der ge Bewaff⸗ iſchreitend, Euch, folgt ſah Kepler ſtfreundes, te der von s das von des Fiebers. ieder, ſeine er ſtrebte ee, die Ge⸗ 221 bilde ſeiner Fieberträume von dem, was er wirklich erlebt hatte, zu ſondern. Rabbi Löw, der ihn abermals mit herzlichſter Freundlichkeit gepflegt und behandelt hatte, ſaß wieder Stunden lang an ſeinem Bette, ließ unter ſeinen Augen von Bezalel Heiltränke brauen und geſtattete dem Kranken endlich das Bett zu verlaſſen und hinauf⸗ zuſteigen auf das flache Dach ſeines hohen Hauſes, das die enge Straße der Judenſtadt bei weitem überragte und eine freie weite Ausſicht über den altersgrauen Friedhof und die blauen Wogen der Moldau bis hinauf zum hohen Hradſchin bot. Hier hatte Bezalel dem Kranken einen weichen Ruheſitz bereitet, auf den die Strahlen der Winter⸗ ſonne in prächtigſter Klarheit fielen, und Rabbi Löw zeigte ihm hier zum erſtenmal ſeine ſchöne Erfin⸗ dung, auf einer Glasſcheibe das Bild ferner Gegen⸗ ſtände in täuſchender Treue zu ſammeln). Kepler ſah mit Erſtaunen auf dem kleinen verdunkelten Spie⸗ gel die Gebäude des Hradſchin, den Palaſt der Frau von Roſenberg, das Kaiſerſchloß, den herrlichen Dom in ſeiner ganzen architektoniſchen Pracht. Jedes Fenſter, jeder Vorſprung, ja die Drachenköpfe der *) Rabbi Löw gilt für den Erfinder der Camera obscura. 222 Dachrinnen zeigten ſich in zierlichſter Reinheit in dem kleinen belebten Bilde, und die Blätter der Bäume bewegten ſich darin bei dem Hauche des Windes. „Das iſt ſchön, das iſt wunderſchön,“ ſagte der Gelehrte, innigſt erfreut; Rabbi Löw aber entgegnete kopfſchüttelnd:„'s iſt nur Schade und betrübend, daß man das ſchöne deutliche Bild nicht feſthalten kann auf der Glasplatte, daß es verſchwindet, ſowie ich meine kleine dunkle Kammer hier fortrücke. Dieß Bild in ſeiner ganzen Klarheit und Deutlichkeit kann keines Malers Pinſel ſo herſtellen, und nie wird des unſterblichen Sadler Grabſtichel die Einzelnheiten der Gebäude des fernen Hradſchin ſo genau wie⸗ dergeben, wie ſie hier erſcheinen.“ Mit ernſtem Blick betrachtete Kepler noch ein⸗ mal das ſchöne reine Bild. Er konnte die Fenſter⸗ ſcheiben im ſtolzen Palaſt der Frau von Roſenberg zählen und mit einem Seufßzer gedachte er des Mo⸗ ments, da er die Herrin dieſes Hauſes geſehen. Rabbi Löw mußte etwas auf dem Herzen haben. Kepler ſah dieß an den Blicken, die der alte jüdiſche Forſcher von der Seite auf ihn warf. „Das iſt der Palaſt der Roſenberge,“ ſagte jener nach einer Weile und deutete mit ſeinem ſchlanken bräunli ſtolze edle P der letzt 2 2 Beben II Antwort lfo Kepler, denn ie nem Lel „D Euch erk berg, der ſchen B ſeiner er verbande „D ſagte Ke „S Rabbi 7 1 wenn etn iſt es ihr Ihr ſtün keinheit in Zlätter der Hauche des ſagte der entgegnete übend, daß alten kann ſowie ich icke. Dieß ichkeit kann e wird des nzelnheiten genau wie⸗ noch ein⸗ die Fenſter⸗ Roſenberg des Mo⸗ geſehen. zen haben. lte jüdiſche ſagte jener n ſchlanken 223 bräunlichen Finger im Bilde auf das Gebäude.„Das ſtolze Geſchlecht iſt ſeinem Ausſterben nahe. Die edle Polixena hat keine Kinder, und ihr Schwager, der letzte Roſenberg, wird ſich nicht mehr vermälen.“ „Warum nicht?“ fragte Kepler mit leichtem Beben der Stimme. „Kennt Ihr die Dame?“ entgegnete ſtatt einer Antwort der Rabbi. „Ja und nein, mein edler Wirth,“ antwortete Kepler,„wenn ſehen kennen heißt, ſo kenne ich ſie; denn ich habe ſie ein⸗, vielleicht zweimal in mei⸗ nem Leben geſehen.“ „Das reicht aus,“ entgegnete der Jude,„um es Euch erklärlich zu machen, daß Peter Wok von Roſen⸗ berg, der Proteſtant, der die Witwe ſeines katholi⸗ ſchen Bruders nicht freien darf, nach dem Tode ſeiner erſten Gattin, mit der ihn Familienrückſichten verbanden, unvermält zu bleiben beſchloſſen.“ „Die Dame iſt von wunderbarer Schönheit,“ ſagte Kepler leiſe. „Sie iſt weit mehr als das,“ entgegnete der Rabbi,„ſie iſt von einem wunderbaren Geiſte, und wenn etwas am höchſten an ihr zu bewundern, ſo iſt es ihr edles und großes Herz. Ich habe geglaubt, Ihr ſtündet in näherem Verkehr mit ihr, denn 34 4 täglich hat ſie einen ihrer Diener herabgeſchickt, ſich nach Eurem Befinden zu erkundigen, auch ſpracht ihr in Euren Phantaſien ſehr häufig ihren Namen aus.“ „That ich es, mein würdiger Freund,“ entgegnete Kepler mit einem wehmüthigen Lächeln,„ſo nehmt als Urſache an, daß ich ſie wenige Augenblicke vor dem erneuten Ausbruche des Fiebers geſehen habe.“ „Hier iſt ein Brieflein von ihr an Euch,“ ſagte der Rabbi,„ich wollte es Euch nicht eher übergeben, bis Eure Geſundheit mir feſt genug erſchien, eine Gemüthsaufregung zu überwältigen. Da nehmt!“ Er reichte dabei einen kleinen, auf parfumirtem Papier geſchriebenen Brief dem heftig zitternden Mann, und wendete ſich hinweg, um ſeinen Gaſt ungeſtört leſen zu laſſen. Eine Flut von Gefühlen, die er vergebens geſtrebt haben würde zu ſichten und zu ſondern, ſtrömte durch Kepler's Seele. Dieſer Mann von ſo glühender Phantaſie war oielleicht wie kein anderer geſchaffen für eine große Leidenſchaft und in Polixena von Roſenberg war ihm ein weibliches Weſen entgegengetreten, ganz geeignet, eine ſolche anzufachen und zu erhalten. Schön, ſo ſchön, daß der Ruf ihrer großen Reize ſich Jahrhunderte lang erhalten hat, ſtand ſie in den Lebensverhältniſſen erhaben und glänzend, wie die Sonne über der Erde, über de richtung rung lier Verehrur Kez wenn di Der es von j denen gi Er Zu daß Sie Rabbi L iſt Ihr4 verſorgt. mich, ſob Beſuche Vie zu erfahr Gehalt d pruteniſch neben de wieſen l 1857. XX eſchickt, ſich ſpracht ihr amen aus.“ entgegnete „ſo nehmt ublicke vor ehen habe.“ kuch,“ ſagte rübergeben, ſchien, eine nehmt!“ varfnmirtem iden Mann, ſt ungeſtört len, die er en und zu ieſer Mann cht wie kein haft und in weibliches eine ſolche ſchön, daß nderte lang verhältniſſen r der Erde, über dem jungen Gelehrten, deſſen ganze Geiſtes⸗ richtung von der Art war, daß er nur da mit Begeiſte⸗ rung lieben konnte, wo die Liebe ſich mit der höchſten Verehrung vereinen mußte. Kepler ſtand am Scheidewege ſeines Lebens, wenn dieſe Frau ihn werth hielt, ſich ihm zuzuneigen. Der Brief brannte in ſeiner Hand, wie man es von jenen Goldſtücken ſagt, welche der Verſucher denen gibt, die er zu ſich locken will. Er erbrach ihn und las: ‚Mein Herr Magiſter! Zu meiner größten Betrübniß habe ich erfahren, daß Sie einer heftigen Krankheit unterlegen ſind. Rabbi Löw, der würdige Arzt und große Gelehrte, iſt Ihr Pfleger, und ſo weiß ich Sie auf das Beſte verſorgt. Ich bitte Sie aber von ganzem Herzen, mich, ſobald es Ihre Geſundheit geſtattet, mit Ihrem Beſuche zu beehren. Vielleicht macht es Ihnen einiges Vergnügen, zu erfahren, daß des Kaiſers Majeſtät Sie mit einem Gehalt von füufhundert Gulden als Arbeiter an den pruteniſchen Tafeln angeſtellt und ihnen das Haus neben der Skt. Georgskirche zur Wohnung ange⸗ wieſen hat. Ihr Gehalt aus Steiermark wird 1857. XXII. Johann Kepler. III. 15 226 Ihnen ſicherlich nachgezahlt werden. Gott ſei mit Ihnen und fördere Ihre Geneſung! Polirena von Roſenberg. Ein tiefer Seufzer rang ſich aus Kepler's Bruſt empor. Das war nicht, was er von dieſem Briefe erwartet, nein nicht erwartet, ſondern nur leiſe erſehnt hatte. Er legte das leichte Blättchen aus der Hand und ſtand auf, um wieder hinab in ſein Zimmer zu gehen. Sein jüdiſcher Hausfreund bot ihm zur Stütze den Arm und von einer plötzlichen Ermat⸗ tung ergriffen, legte der Kranke ſich in das bereit ſtehende Bett und war eben entſchluͤmmert, als ſein Wirth eilig und aufgeregt zu ihm ins Zimmer trat. „Gott meiner Väter!“ rief er,„welche Ehre wider⸗ fährt Euch, Herr Magiſter, und durch Euch meinem armen Hauſe. Des Kaiſers Majeſtät werden an dem heutigen Abende in Begleitung des Herrn Ritters von Brahe und ihres vertrauten Kammer⸗ dieners Philipp Lang, hierher kommen, um ſich per⸗ ſönlich von Eurem Wohlbefinden zu überzeugen.“ „Ihr träumt wohl, Rabbi Löw,“ entgegnete Kepler gewiſſermaßen erſchreckt,„wie käme der Kaiſer dazu?“ „Ihr ſeid ein Bekannter der Frau von Roſen⸗ berg,“ ſagte der Jude ſich leicht verbeugend,„und was die das weif Sagt m der edler ſers zu tige Ein phezeiung geben, d türlichen von zurt Ein Kepler's dieſer ſe Rudolph kannt we G „₰ flüchtig,“ freund ſ „Gleichv Augen der Gnc Ke⸗ den Fan kaiſerlich ſah er tt ſei mit Roſenberg.“ pler's Bruſt ſem Briefe eiſe erſehnt 3 der Hand in Zimmer ot ihm zur en Ermat⸗ das bereit t, als ſein immer trat. Ehre wider⸗ ich meinem werden an bes Herrn Kammer⸗ m ſich per⸗ zeugen.“ entgegnete e der Kaiſer vwon Roſen⸗ gend,„und 227 was dieſe Dame vermag über des Kaiſers Majeſtät, das weiß ein Jeder, der den Hof Rudolph II. kennt. Sagt man doch, es hätte nur an der Zuſtimmung der edlen Polixena gelegen, die Gemalin des Kai⸗ ſers zu werden; ihre Beſcheidenheit aber, und rich⸗ tige Einſicht in die Verhältniſſe, wie auch die Pro⸗ phezeiung, welche alle Sternkundigen dem Kaiſer ge⸗ geben, daß ſein Leben bedroht ſei durch ſeinen na⸗ türlichen Nachfolger auf dem Throne, hätten ſie da⸗ von zurückgehalten.“ Ein leiſer Froſt rann bei dieſen Worten durch Kepler's Glieder.— Welcher Art war das Verhältniß dieſer ſo edel und rein blickenden Frau am Hofe Rudolph's, deſſen mannigfache Liebſchaften nicht unbe⸗ kannt waren im deutſchen Lande? „Ich kenne die Frau von Roſenberg nur ſehr flüchtig,“ entgegnete Kepler, aber ſein jüdiſcher Gaſt⸗ freund ſchüttelte bedeutſam das Haupt und meinte: „Gleichviel, gleichviel; wer Gnade gefunden vor den Augen der ſehr edlen Polixrena, der kann ſich auch der Gnade kaiſerlicher Majeſtät erfreuen.“ Kepler ſah nun den Anſtalten zu, welche von den Familiengliedern Rabbi Löw's zum Empfang des kaiſerlichen Gaſtes gemacht wurden. Zum erſtenmal ſah er die alte Gattin des Rabbi und ſeine ſchöne 15* 228 Tochter, die ſich beide bemühten, die geſchmückten Sabbathräume des Hauſes noch ſtattlicher zu ſchmücken. Seltſamerweiſe aber, je näher der Moment kam, in dem der kaiſerliche Gaſt erſcheinen ſollte, deſto mehr veränderte ſich das Weſen und Auftreten des Rabbi. Der Ausdruck ſeines Geſichtes verlor etwas von ſeiner Intelligenz und Milde, ſeine Sprache, die ſowohl im Deutſchen als Lateiniſchen Keplern ge⸗ genüber die eines hochgebildeten Mannes geweſen, nahm die bei ſeinem Volke gebräuchlichen und ge⸗ wöhnlichen Fehler und Wendungen an. Von ſeinem Arbeitsplatz verſchwanden die Bücher des Galilei, des Kopernikus, des Paracelſus, der vorzüglichſten böhmi⸗ ſchen Gelehrten, die damals bedeutendſten über Aſtro⸗ nomie und Mathematik, Medizin und Geſchichte, und an ihrer Stelle lagen die der gelehrten Talmudiſten. Rabbi Löw, vor kurzem noch ein Mann an Bildung und Benehmen weit über ſeinem Volke und ſeiner Zeit ſtehend, hatte ſich plötzlich in einen gelehrten Rabbi verwandelt, in den jüdiſchen Zauberer, von dem die Geſchichten ſeiner Zeit die ſeltſamſten Wunder berichten. Kepler's Augen hingen voll Erſtaunen an ihm, und inde einem Lä * ſter; wer zu zeigen unmöglich wolke kal unabhäng Meiner( wie Ihr meine Ne gemacht, ich mich nomie beſ ich gebe dien taln lichen Ma gen muß, ſie mich meine Gl aus der Gewiſſenl Magiſter, wenn Ihr gebracht r eſchmückten 1ſchmücken. r Moment ſollte, deſto fftreten des etwas von »rache, die Keplern ge⸗ s geweſen, in und ge⸗ Von ſeinem Galilei, des ſten böhmi⸗ über Aſtro⸗ chichte, und Lalmudiſten. an Bildung und ſeiner en gelehrten uberer, von ten Wunder nen an ihm, 229 und indem der Rabbi dieß bemerkte, ſagte er mit einem Lächeln, das ſeinem früheren Weſen angehörte: „Wundert Euch nicht, mein werther Herr Magi⸗ ſter; wenn ich es auch bei Euch wagen darf, mich zu zeigen wie ich bin, ſo iſt das Andern gegenüber unmöglich. Nur indem ich mein Leben in die Dunſt⸗ wolke kabbaliſtiſcher Weisheit verhülle, kann ich es unabhängig machen von meinem und Euerm Volke. Meiner Geburt und Ueberzeugung nach ein Jude, wie Ihr ein proteſtantiſcher Chriſt, gehen doch alle meine Neigungen dahin, den Herrn, der die Welt gemacht, in ſeinen Werken zu erkennen. Während ich mich mit Mathematik, Phyſik, Medizin und Aſtro⸗ nomie beſchäftige, laſſe ich die Welt um mich glauben, ich gebe mich den unfruchtbaren und myſtiſchen Stu⸗ dien talmudiſcher Weisheit hin.— Wenn die chriſt⸗ lichen Machthaber, unter deren Gewalt ich mich beu⸗ gen muß, wüßten, womit ich mich beſchäftige, würden ſie mich als einen Zauberer verbrennen.— Wenn meine Glaubensgenoſſen es wüßten, würden ſie mich aus der Gemeinde ſtoßen, obſchon ich mit ſtrenger Gewiſſenhaftigkeit alle Geſetze halte. Mein Herr Magiſter, wenn Ihr ähnlich handeln würdet wie ich, wenn Ihr der Thorheit die Opfer brächtet, die ihr gebracht werden müſſen, damit ſie mit ihrem ehernen 230 Fuße nicht die arme keimende Wiſſenſchaft zertritt, ſo würdet Ihr in kurzem für den weiſeſten Mann Eurer Zeit gelten, Gold in Fülle würde auf Euch niederregnen und ein Marmelſtein würde einſt Euer Grab decken. Die Welt will getäuſcht ſein, alſo täu⸗ ſche man ſie— aber horcht! das ſind die hohen Gäſte, die uns beehren.“— Rabbi Löw war im nämlichen Moment in Blick, Sprache und Manier wieder Jude, ſo ganz und gar Jude, daß Kepler an eine Art Zauber, der den Mann verwandelt, hätte glauben können. Mit dem Ausdruck der demüthigſten Unterthä⸗ nigkeit verbeugte er ſich vor den Eintretenden. Kepler aber ſtand einen Moment lang erſtaunt, ja erſchrocken; denn der Mann im einfachen braunen Kleide, welcher in der Nacht auf dem Hradſchin mit ihm geſprochen, war niemand anders, als Rudolph II., das ge⸗ lehrte und melancholiſche Haupt des gährenden deutſchen Reiches. Jetzt freilich war ſeine Kleidung und ſelbſt ſein Geſichtsausdruck weſentlich anders als in jener Nacht. Er trug über einem Sammtwammſe Armſchienen von getriebenem Silber mit den feinſten Verzierungen, eine dreifache Krauſe von prächtigen Spitzen und eben ſolche lang über eine ſchön geformte Hand fallende Manſch Wamm rentiniſt kleid vo in man goldene Haupt ein Dia Rolle u natürlic Do zwei ſeh und St Fältchen ſchließen weilen, düſteres, ſoweit Euer 2 ſollt Ihr ft zertritt, ſten Mann auf Euch einſt Euer , alſo täu⸗ die hohen Noment in de, ſo ganz Zauber, der nen. 1 Untertha⸗ en. Kepler erſchrocken; eide, welcher geſprochen, das ge⸗ gährenden d ſelbſt ſein jener Nacht. Armſchienen perzierungen, zen und eben nd fallende 231 Manſchetten; vorn unter dem dreieckig ausgeſchnittenen Wammſe konnte man die feinen Kettchen eines flo⸗ rentiniſchen Panzerhemdes bemerken, und ſein Bein⸗ kleid von ſchwerer Seide war mit goldenen Arabesken in mancherlei Verzweigungen geſtickt. Der Orden des goldenen Vließes lag auf ſeiner Bruſt und ſein Haupt deckte ein Hut mit goldener Agraffe, in der ein Diamant funkelte. Er hielt in der Hand eine Rolle und ſeine ſchönen braunen Augen blickten voll natürlicher Hoheit auf den Gelehrten. Das Geſicht des Kaiſers ſchien gleichſam aus zwei ſehr verſchiedenen Geſichtern zu beſtehen. Auge und Stirn waren ſchön und edel, und die leichten Fältchen in den Augenwinkeln ließen auf Humor ſchließen, buſchige Brauen gaben dem Geſicht bis⸗ weilen, beſonders wenn er ſie zuſammenzog, etwas düſteres, der Mund aber und die herabhängende wampige Wange raubten dem Geſicht jeden Aus⸗ druck von Würde und Erhabenheit und ließen es ſinnlich, weichlich und ſchlaff erſcheinen. „Ihr erkennt mich, Magiſter Kepler,“ ſagte der Kaiſer,„und dasdiſt mir lieb! Es freut mich, Euch ſoweit hergeſtellt zu ſehen, daß Ihr nun in Bälde Euer Amt antreten könnt, für heute Abend aber ſollt Ihr Euchbemühen, mir das Horoskop zu ſtellen; hier 232 habt Ihr alles dazu Nöthige, ich ſelbſt habe es Euch gebracht, und ich bin ſehr geſpannt zu erfahren, in wie weit die Prophezeiungen Eurer Weisheit mit denen meiner andern gelehrten Aſtrologen— hier gab er dem Ritter von Brahe ein leichtes verbindliches Zeichen mit der Hand— übereinſtimmen.“ „Majeſtät,“ ſagte Kepler, ſich tief verneigend, „ich bin kein Aſtrolog; ich bin ein ſchlichter Mathe⸗ matiker und bin der Meinung, daß die Sterne am Himmel keinen andern Einfluß auf die Geſchicke der Menſchheit üben, als indem ſie in den verſchiedenen Stellungen ihrer Bahnen vielleicht auf die Tempe⸗ ratur, oder auf Wind und Wetter wirken mögen: ich ſage vielleicht, denn etwas Näheres wiſſen wir nicht davon, und wer weiß, ob je eine Zeit erſcheint, wo wir mit Sicherheit unſere Schlüſſe daraus ziehen können.“ „Wie,“ ſagte der Kaiſer mit verfinſtertem Ant⸗ litz,„aber Ihr habt doch dem jungen Grafen von Waldſtein das Horoskop geſtellt, der jetzt in Dienſten meines Vetters, des Erzherzogs Ferdinand, ſich Lorbeern erwirbt in Friaul, und dennoch gebt Ihr Euch das Anſehen, daß Ihr die Aſtrologie, die Krone aller Wiſ⸗ ſenſchaften, verachtet?“ „Ich verachte Sie nicht, Majeſtät,“ ſagte Kep⸗ ler beſch eingepfl nen, un wollte, zu der ken gel logie, r 1 „ich ver lichkeit dem Er iſt ein Seele. Seelen Bild au Geſtirne, Geheimn aufzuſuch Freude Studiun de es Euch ahren, in zheit mit n— hier bindliches 44 derneigend, er Mathe⸗ Sterne am eſchicke der rſchiedenen ie Tempe⸗ i mögen: wiſſen wir lit erſcheint, daus ziehen lertem Ant⸗ Grafen von ſin Dienſten ch Lorbeern Euch das e aller Wiſ⸗ ſagte Kep⸗ 233 ler beſcheiden.„Dem Menſchen ward die Begierde eingepflanzt, ſich die Kenntniß der Zukunft anzueig⸗ nen, und er ſuchte dieſelbe in den Sternen. Gott wollte, daß auf dieſem Wege das Menſchengeſchlecht zu der Kenntniß ſeiner Herrlichkeit in ſeinen Wer⸗ ken gelangen ſollte, und darum preiſe ich die Aſtro⸗ logie, welche die Bahn zur Aſtronomie gebrochen“— „Wie und das wäre alles,“ entgegnete Rudolph; „ich verachte die Aſtronomie nicht, aber ich meine, die Menſchheit würde ſich nicht eben ſchlechter befinden ohne dieſelbe.“ „O Majeſtät,“ rief Kepler mit leuchtendem Blick.„Was iſt das Höchſte, zu dem ſich der Men⸗ ſchengeiſt erheben kann? Gott! Gott! zu deſſen Herr⸗ lichkeit die Aſtronomie uns mit tauſend Sternen aus dem Erdendunkel hinaufleuchtet. Das Weltgebäude iſt ein harmoniſches Ganzes und Gott iſt deſſen Seele. Er iſt die höchſte Harmonie und allen Seelen hat er eine eigene innere Harmonie als ſein Bild aufgedrückt.— Die Zahlen, die Figuren, die Geſtirne, die Natur überhaupt, harmoniren mit den Geheimniſſen der heiligen Religion. Dieſe Harmonie aufzuſuchen, ihr zu lauſchen, iſt die höchſte ſeligſte Freude der Menſchenſeele, und das iſt ja eben das Studium und letzte Ziel der Aſtronomie.“ 234 Des Kaiſers braunes ſeelenvolles Auge hing voll Aufmerkſamkeit an dem Sprechenden. „Mit der Religion, ſagt Ihr, harmoniren die Geheimniſſe der Natur?“ entgegnete er, und ein tiefer Ernſt hatte ſich um den Mund gelagert, von dem der entſtellende weichliche Ausdruck gänzlich ge⸗ ſchwunden.—„Iſt doch die Religion ſelbſt jetzt nichts als eine einzige fürchterliche Disharmonie, die herz⸗ zerreißend in mein Ohr tönt. In dieſem Zimmer jetzt ſind wir vier Männer und bekennen vier ver⸗ ſchiedene Religionen. Hier der Rabbi iſt ein Jude, Ihr, Ritter von Brahe, habt die Konkordienformel unter⸗ ſchrieben, während Ihr, Magiſter, der Ihr Euch auch Proteſtant nennt, ſie von Euch gewieſen. Ich bin — er machte das Zeichen des heiligen Kreuzes an Stirn und Bruſt— durch Gottes Gnade ein Sohn und Schützer der heiligen römiſchen Kirche. Mit welcher Religion ſollen nun die Geheimniſſe der Natur, die Zahlen, Figuren und Geſtirne harmoniren? Sagt Ihr mir das, Rabbi Löw, Ihr, den die Welt den größten Gelehrten nennt hinſichtlich der Kennt⸗ niß ſeiner eigenen Religion!“ „Ew. kaiſerliche Majeſtät belieben zu ſcherzen mit dem unterthänigſten Knecht, dem armen Juden,“ ſagte der Rabbi,„wie, ich ſollte entſcheiden über Religior der Na⸗ der Jul doch nie kurz, ur beiſtehen entſcheit und wid Wiſſenſe richten die heut boden v ten an Meinun man di Er Weile u die Sch tet Ihr lehrter „N uge hing oniren die und ein agert, von inzlich ge⸗ jetzt nichts die herz⸗ n Zimmer vier ver⸗ Jude, Ihr, nel unter⸗ Euch auch Ich bin Kreuzes an ein Sohn che. Mit iniſſe der rmoniren? die Welt zu ſcherzen en Juden,“ ſeiden über 235 Religion und welche von allen zu den Geheimniſſen der Natur am beſten ſtimmt und harmonirt? Ich, der Jud'? Soll ich ſagen, die meine?— kenn' ich doch nicht alle andern und wäre auch das Leben zu kurz, um ſie alle kennenzulernen. Gott ſoll mir beiſtehen in ſeiner Gnade, wie könnte ich darüber entſcheiden!“ „Aber,“ ſagte der Kaiſer ſehr ernſt,„ſind doch die Menſchen alle ſo eigenſinnig, halten ſie doch ſo feſt wie Kletten an ihrer Religion, verſteifen ſie ſich doch in die oft tollen, widerſinnigen Lehren derſelben und widerſtehen aller Belehrung, allem Einfluß der Wiſſenſchaft und Erkenntniß, feſt beharrend in thö⸗ richten Irrthümern! Sprecht, Rabbi, was iſt's, das die heutige Zeit entzweit, das Elend über den Erd⸗ boden verbreitet, doch nur das eigenſinnige Feſthal⸗ ten an jedem Tüpfelchen und Pünktchen religiöſer Meinungen. O man könnte Thränen vergießen, wenn man dieß Treiben anſieht.“ Er ſchwieg, auch die Andern ſchwiegen eine Weile und endlich legte der Kaiſer die Hand auf die Schulter des Juden und ſagte milde:„Antwor⸗ tet Ihr mir darauf, Rabbi Löw, weiſer Mann, ge⸗ lehrter Talmudiſt!“— „Nun, was ſoll man ſagen,“ entgegnete der Rabbi, 236 „iſt doch die religiöſe Anſicht eines frommen Menſchen eben gleichſam wie ſeine Haut, ſo feſt mit ſeinem Ich verwebt und aus demſelben herausgebildet, daß man nicht daran denken kann, ſie abzulegen wie ein Kleid, das heißt wohlverſtanden, mein verehrter kai⸗ ſerlicher Herr, ich rede von dem, was man ſo ver⸗ ſchiedenen Glauben nennt. Da ſind fern im Orient die Türken, die Chriſten hier in dieſen geſegneten Landen, und unter denſelben die Katholiken, die Lutheraner, die Utraquiſten, die böhmiſchen Brüder, die Waldenſer, Hugenotten, Kaloiniſten und noch viele andere; da ſind ferner wir, die Juden, die Ihr ver⸗ achtet, deren Tempel Ihr verſpeiet. Fraget aber einen jeden; jeder nennt ſich ſelbſt den Rechtgläubigen und die andern alle mit einander Ungläubige! Warum? weil eben einem jeden ſeine eigene Haut paßt, und recht iſt. Vpfe e e, e „‚Kann ein Mohr ſeine Haut, ein Leopard ſein bunt⸗ fleckiges Fell ändern? ſpricht der Prophet Jeremias. „Was ſoll man ſagen? wollt Ihr jedem die Haut, die anders iſt, als die Eure, abziehen und ihm eine anziehen nach dem richtigen Muſter? Gott. meiner Väter, das würde doch nie gelingen, die Haut bildet ſich nur von innen heraus. Schinden— ja das können diejenigen uns, die an unſerer natürlichen Haut das köt an Fa⸗ doch die allen P Alle He Wie, gl nen, vo Alle da Tugend und Kle hoffen r wenn w nah, ſo Sind eit weiß, an Sie wur heraus, Euch um Jahrtauf ſie abzie könnt Il laſſen, d jeden ſie das Aeu Menſchen it ſeinem Ildet, daß egen wie ehrter kai⸗ n ſo ver⸗ m Orient geſegneten liken, die a Brüder, noch viele Ihr ver⸗ ber einen tbigen und Warum? paßt, und 5 ſein bunt⸗ Jeremias. jedem die ſiehen und er? Gott. die Haut ben— ja atürlichen 237 Haut Anſtoß nehmen— uns eine andere geben, das können ſie nicht!— Wie aber auch die Haut an Farbe und Geſtaltung verſchieden ſei, ſie iſt doch die natürliche Bedeckung des Innern, das bei allen Menſchen gleich iſt. Wie, oder haben wir nicht Alle Herzen und Nieren, Magen und Eingeweide? Wie, glauben wir nicht Alle an einen ewigen, erhabe⸗ nen, vollkommnen, gütigen Gott? ſtimmen wir nicht Alle darin überein, daß er verehrt ſein müſſe durch Tugend? fühlen wir nicht Alle unſere eigene Schwäche und Kleinheit neben der Erhabenheit des Schöpfers? hoffen wir nicht Alle, daß er uns beiſtehen werde, wenn wir ihn anrufen? ‚Allen, Allen iſt der Herr nah, ſo ihn aufrichtig anrufen,“ ſpricht der Pſalmiſt. Sind einige Menſchen ſchön, andere häßlich, einige weiß, andere ſchwarz und braun, was wollt Ihr? Sie wurden es nach beſtimmten Geſetzen von innen heraus, vielleicht könnt Ihr ſie von innen heraus Euch ummodeln und mit der Zeit in Jahrhunderten, Jahrtauſenden die Mohren in Weiße verwandeln: ſie abziehen und mit weißer Haut verſehen— das könnt Ihr nicht!— Möchtet Ihr darum immer laſſen, Benos Diyy wd wie Gott es geordnet, laßt jeden ſich aus ſich heraus aufs beſte entfalten; das Aeußere wird dann zwar verſchieden ſein, aber 238 wie ein Garten voll bunter Blumen ſchön in ſeiner Mannigfaltigkeit. Das Innere, das Innerſte, mein Herr und Kaiſer, iſt doch bei uns Allen gleich; die Ehrfurcht und Liebe zu Gott, das iſt der Herzſchlag, der in uns Allen pulſirt, kein Leben ohne ihn— d'rum laßt ihn frei ſein.— Nur der Druck erzeugt die Schwielen, die jeden von uns mehr oder min⸗ der entſtellen. Laßt jeden wachſen und ſich entfalten in ſeiner Weiſe, ohne äußeren Zwang, aber nicht ohne innere Pflege, das iſt, nicht ohne Erziehung, und jeder wird ſchön werden in ſeiner Weiſe und gute Frucht bringen nach ſeiner Art. Der Talmud erzählt von einem Ehemann, der einen Widerwillen gegen ſeine Frau hegte, weil ihr Geſicht nicht ſo hübſch, ihre Wange nicht ſo rund war, als er es wünſchte. Er entzog ihr alſo die beſſere Pflege; ſie mußte ſich mit ſchlechter Koſt begnügen und ihre Wangen wur⸗ den immer magerer, und der Haß des Mannes ſtieg in demſelben Maße, wie die Abzehrung der Frau, bis ſie ſich endlich über dieſe Behandlung bei Rabbi Ismael beklagte. ‚Bleibe einige Zeit in meinem Hauſe, ſprach der Rabbi! Sie blieb und wurde dort liebe⸗ voll gepflegt. Einſt begegnete der Rabbi ihrem Gatten: ‚Wie geht's mit Deinem Weibe?“ befragte er ihn. ‚Die mußte mein Haus verlaſſen,“ war die Antwort Häßlicht Rabbi, Verwan gebe ſie Gatte,, Du mich jene her ſoll geſe ihm die Ehemant 5e n nur der im Gart men, Pf Eichen u iſt das 2 und Dru ja jede wandeln höchſten tung und es ſind„ der Erde des Höch in ſeiner erſte, mein gleich; die Herzſchlag, ne ihn— uck erzeugt oder min⸗ hentfalten nicht ohne lhung, und und gute aud erzählt iillen gegen ſo hübſch, s wünſchte. mußte ſich ngen wur⸗ 8 Mannes g der Frau, bei Rabbi nem Hauſe, dort liebe⸗ abbi ihrem be?“ befragte n,“ war die 239 Antwort, ‚„denn ſie war mir unerträglich wegen ihrer Häßlichkeit.“⸗—, Nimm Dir doch eine andere,“ ſprach der Rabbi, ‚ſieh durch dieſe dunkle Scheibe dort meine Verwandte an! Iſt das Weib nicht hübſch? ich gebe ſie Dir zur Frau.“— ‚O Herr!« ſprach der Gatte, ‚wie glücklich würdeſt Du mich machen, wenn Du mich von jener Häßlichen entbindeſt, und mir jene herrliche Geſtalt zutheil würde!?— ‚Beides ſoll geſchehen, erwiederte der Rabbi, und führte ihm die neugeſchaffene Schöne in die Arme. Der Ehemann war glücklich, aber der Rabbi weinte: d e Ach, Tochter Iſraels, Du biſt ſchön, nur der Druck macht Dich häßlich.— Wachſen doch im Garten,“ fuhr Rabbi Löw fort,„Aepfel, Pflau⸗ men, Pfirſiche und Birnen, wachſen doch im Walde Eichen und Buchen und Tannen, Mannigfaltigkeit iſt das Weſen der Schöpfung Gottes. Durch Zwang und Druck kann man ja jede Pflanze, jedes Thier, ja jede a& ou Menſchenſeele verkrüppeln, ver⸗ wandeln kann man ſie nie— aber ausbilden zu ihrer höchſten Schönheit, entwickeln, nur durch weiſe War⸗ tung und Pflege. Es ſind Thiergattungen ausgerottet, es ſind Pflanzengattungen verſchwunden vom Angeſicht der Erde. Ihre Zeit war vorüber nach dem Willen des Höchſten— gelobt ſei er— Ihr könnt auch 240 ein Volk, Ihr könnt eine Religionspartei ausrotten durch Schwert und Feuer und Folter. Verſucht's, wenn Ihr den Muth habt. Die Macht habt Ihr; aber die Menſchen, die Ihr verfolgt, ſind keine nutz⸗ loſen Pflanzen, kein Unkraut, das verdorrend die Erde düngt. Es ſind keine vernunftloſen Thiere, die, während man ihre Gattung verfolgt, doch noch die kleinen Genüſſe ihres irdiſchen Daſeins koſten. Es ſind Menſchen! Gleichviel ob Juden, Türken, Luthe⸗ raner. Sie ſind, wie Ihr, großmächtigſter Kaiſer, nach dem Bilde Gottes geſchaffen. Je mehr Ihr ſie leiden läßt, je ſchärfer Ihr ſie verfolgt, deſto feſter werden ſie halten an Ihrer Meinung; das iſt menſch⸗ liche Natur und faſt jeder Glaube iſt erſt groß geworden durch Verfolgung. Sie können ausſterben als Märtyrer— wenn es der Herr alſo will; aber ſie können auch erſtarken und im Kampfe die Ober⸗ hand gewinnen.“ Rabbi Löw hatte bei jedem Worte, das er ſprach, mehr und mehr eine Würde entwickelt, die ſehr wohl zu ſeiner edlen Geſtalt, zu dem ſchönen Greiſen⸗ antlitz paßte. Der Kaiſer blickte zu Boden, und als Löw ſchwieg, herrſchte eine tiefe Stille in dem feſtlich geſchmückten Zimmer. Tycho de Brahe aber, der während des ganzen hatte, t Schulte mer und einen ſo finden! auch in ſoweit ſi freiheit vor dem Worte, Haupt! gewährt nicht ar geſegnet Kepler, „2 Worten ſie aus mir bel eine dr n. 1857.— ausrotten Verſucht's, habt Ihr; keine nutz⸗ porrend die Thiere, die, ſch noch die koſten. Es ken, Luthe⸗ ſter Kaiſer, eehr Ihr ſie deſto feſter iſt menſch⸗ t erſt groß ausſterben will; aber 2 die Ober⸗ ss er ſprach, ee ſehr wohl en Greiſen⸗ Löw ſchwieg, geſchmückten während des 241 ganzen Geſpräches ſchweigend zur Seite geſtanden hatte, trat jetzt vor, legte die Hand auf des Juden Schulter und ſagte geſchmeidig:„Hätte ich doch nim⸗ mer und nimmer mehr gedacht, in dem gelehrten Rabbi einen ſo eifrigen Vertheidiger der Glaubensfreiheit zu finden! Das Rechte mag hier wie die Wahrheit wohl auch in der Mitte liegen. Glaubensfreiheit— in⸗ ſoweit ſie keinen öffentlichen Anſtoß gibt, Glaubens⸗ freiheit mit gehöriger Aufſicht, mit geziemender Achtung vor dem allgemein herrſchenden Glauben, mit einem Worte, diejenige Glaubensfreiheit, die das erlauchte Haupt der Chriſtenheit, dem wir dienen, uns allen gewährt.“ Der Kaiſer lächelte.„Man muß einem Mann, wie Euch, etwas zugute halten, mein weiſer Rabbi; wir aber wollen das Ziel, von dem wir ausgingen, nicht aus den Augen laſſen. Wollt Ihr in dieſer geſegneten Nacht uns das Horoskop ſtellen, Magiſter Kepler, als erſte Arbeit in Euerm neuen Amte?“ „Wenn Ew. Majeſtät es befehlen und in meinen Worten nichts anderes ſehen wollen als, wofür ich ſie ausgebe, das Reſultat der Anwendung gewiſſer mir bekannten Regeln in einer Kunſt, die ich für eine durchaus trügeriſche halte.“ „Ich verlange von Euch die Ausführung meines 1857. XXII. Johann Kepler. III. 16 4 ⁸‿ 42 8 Befehles,“ ſagte der Kaiſer ſtolz,„Eure Anſicht dabei werde ich mir vielleicht künftig auseinander⸗ ſetzen laſſen.“ Dann aber ſetzte er mit großer Freund⸗ lichkeit hinzu:„Ich hoffe indeß, daß Ihr zu ſolcher Arbeit Euch wohl und aufgelegt fühlet.“— Es lag in dieſen Worten der Ausdruck wahrer Güte, und Kepler fühlte in ſeinem Herzen ein ge⸗ wiſſes ehrfurchtvolles Mitleid mit dem Manne, der, auf einem ſo hohen Platz ſtehend, ſo wenig von dem beſaß, was das Leben beglückt. „Ihr wißt,“ ſetzte der Kaiſer nach einer kleinen Pauſe hinzu,„daß ich wohl Grund habe, mit Unruhe in die Zukunft zu ſchauen. Die Stände meines Reichs ſind in Zwieſpalt, meine nächſten Anverwandten bedrohen mich mit hinterliſtigen Anſchlägen, und in meinem eigenen Hauſe bin ich ein einſamer Mann, der keine andere Freude hat, als die an Kunſt und Wiſſenſchaft, da ich keine Gemalin finden kann— die—“ Er ſchwieg eine Weile, als ob er den Schluß des Satzes vergeſſen hätte, und ſeine Augen nahmen einen eigenthümlich leeren Ausdruckan. Dann wandte er ſich ſehr raſch um und rief mit lauter Stimme: „Philipp, Philipp Lang, wo ſeid Ihr? was entfernt Ihr Euch von mir, ſind auch Trabanten in genügen⸗ der Zahl vorhanden, um mich vor den Liebeszeichen meines Euch a hemdes ßet?— ich hab emporge treu ſei mein B laſſen, r ſeine Ve ſchlechtef Da! da mich blu eingetret kniete ni der Ma⸗ unweit Ein Geſicht monen d ire Anſicht useinander⸗ ier Freund⸗ er zu ſolcher ruck wahrer en ein ge⸗ Nanne, der, wenig von einer kleinen t Unruhe in ines Reichs wverwandten een, und in ner Mann, Kunſt und in— die—* Schluß des en nahmen ann wandte Stimme: as entfernt n genügen⸗ iebeszeichen 243 meines Bruders Mathias zu beſchützen? Habt Ihr Euch auch genau von der Haltbarkeit des Panzer⸗ hemdes überzeugt, das Ihr mich heut anlegen lie⸗ ßet?— Menſch! ich habe Euch in Gold gefaßt, ich habe Euch aus der Niedrigkeit und dem Elend emporgezogen; ich denke, Ihr werdet und müßt mir treu ſein, iſt es doch Euer eigener Vortheil, denn mein Bruder Mathias würde Euch zollweiſe ſterben laſſen, wenn er zur Regierung käme. Ihr wißt, daß ſeine Vertrauten, daß der Prieſter Khleſl Euch den ſchlechteſten aller ungehangenen Schufte nennt.— Da! da löſt mir die Schnalle meines Schuhes, ſie drückt mich blutig.“— Er ſtreckte bei dieſen Worten dem eingetretenen Leibkammerdiener den Fuß hin und dieſer kniete nieder und löste die Schnalle.— Es war der Mann, der Frau von Roſenberg auf der Straße unweit des Hirſchgrabens angefallen!— Ein Schauder durchrieſelte Kepler's Seele. Das Geſicht des Kaiſers ſah aus, als ob die böſen Dä⸗ monen des Wahnſinns dahinter lauerten, und ſein nächſter vertrauteſter Diener war ein Schurke. Als die kleine Aenderung am Schuh des Kaiſers gemacht war, erhob ſich Philipp Lang von den Knieen und zog aus ſeinem Gürtel ein Balſambüchschen, 16* 244 das er dem Kaiſer zum Einathmen des Geruches hinhielt. Allmälig ſchienen ſich die Lebensgeiſter Ru⸗ dolph's dadurch zu beleben; doch war es bemerkbar, daß er ſich allein mit ſeinem Diener glaubte. Seine Augen hafteten mit einem funkelnden Blick auf dieſem.„Wenn Ihr Recht hättet,“ ſagte er und ſeine Stimme bebte,„wenn es wahr wäre, daß ſie, auf deren Ergebenheit und Treue ich wie auf die Reinheit der Engel des Herrn zähle, mit mei⸗ nem ärgſten Feinde, mit diem falſchen ſtolzen Lob⸗ kowie, konſpirirte, ja das wäre das ſchlimmſte von allem, was ich erlebt habe.— Ich kann es ertra⸗ gen, daß die Türken meine Länder verwüſten, ich kann es anſehen, daß meine Unterthanen rebelliren, daß meine Brüder mich verrathen: Brüder, Unter⸗ thanen, Feinde, es ſind jämmerliche Menſchen voller Selbſtſucht; ſie, aber ſie!“— Nach einigen Augenblicken, in denen er wie im Schlafe dageſeſſen, fuhr er ſich mit der Hand über die Stirn, blickte unruhig im Zimmer umher und ſagte endlich ganz ſanft und freundlich, als ob nichts vorgefallen wäre:—„Entſchuldigt, Herr Ritter von Brahe, ich war einwenig eingeſchlummert, ich leide ſeit einiger Zeit an einer gewiſſen Schwäche, aber das iſt nur vo teſten von Re Spiege Arbeiten Tycho und Ke Wagen 7 Kepler wieder O bieter d Menſch unterth worfen Geiſtes hung, und A Lebensn faſt nie wenn e meiſtern bringt Geruches eiſter Ru⸗ bemerkbar, bte. funkelnden „“ ſagte er wäre, daß ch wie auf ,, mit mei⸗ olzen Lob⸗ mmſte von n es ertra⸗ vüſten, ich⸗ rebelliren, der, Unter⸗ ſchen voller er wie im Hand über imher und ls ob nichts Ritter von ch leide ſeit bber das iſt 245 nur vorübergehend, ganz vorübergehend, die gelehr⸗ teſten Aerzte gaben mir dieſe Verſicherung.“ Dann erhob er ſich von ſeinem Sitze, ließ ſich von Rabbi Löw die von ihm erfundenen ſchönen Spiegelbilder zeigen, ermahnte Kepler zum fleißigen Arbeiten an ſeinem Horoskop und ging, gefolgt von Tycho und Philipp Lang und geleitet von dem Rabbi und Kepler, zu ſeinem von Trabanten umgebenen Wagen. „Was war das? was fehlte dem Kaiſer?“ fragte Kepler erſchreckt, als er ſich mit ſeinem Gaſtfreunde wieder allein befand. Der Jude zuckte die Schultern.„Auch der Ge⸗ bieter des römiſchen Reiches,“ ſagte er dann,„iſt ein Menſch und menſchlichen Schwächen und Uebeln unterthan. Es kann wohl keinem Zweifel unter⸗ worfen ſein, daß Kaiſer Rudolph an zeitweiligen Geiſtesſtörungen leidet, die eine Folge ſeiner Erzie⸗ hung, ſeiner Studien, ſeines vielfachen Kummers und Aergers, vielleicht auch ſeiner ungeregelten Lebensweiſe ſind. Seit Jahren ſchon iſt der Monarch faſt nie am Tage ſichtbar, ſein Leben beginnt erſt, wenn es Abend wird. Dann iſt er mit ſeinen Stall⸗ meiſtern und Reitknechten in ſeinen Marſtällen, ver⸗ bringt die Nacht mit ſeinen Alchemiſten, oder am 246 Studirtiſche, oder in den Bärengärten. Sein Haß gegen ſeine Brüder, beſonders aber gegen den Erzherzog Mathias, nimmt mit jedem Jahre zu, und mit jedem Jahre auch entfremdet er ſich mehr den Großen ſeines Reiches. Niemand, der dem Throne nahe ſteht, erhält Zutritt zur Perſon des Kaiſers, während er fremde Abenteurer, die freilich oft große Künſtler und Ge⸗ lehrte ſind, mit Gnadenbezeugungen überhäuft— hat er doch Euch und mich, den Juden, mit ſeinem Beſuche beehrt! Seit er vor der großen Peſt, welche unſere Stadt vor zwei Jahren heimſuchte, mit ſeinem Hof nach Pilſen floh, iſt er noch viel wunderlicher und unzugänglicher geworden. „Nichts aber kann ihn mehr aufbringen, als das Bemühen der großen Herren dieſes Landes, ihn zur Beſorgung der Regierungsgeſchäfte zu veranlaſſen. Er will, daß alle in ihm eine Art Gottheit verehren und ſich in ſeine Launen nicht bloß fügen, ſondern ſie als etwas Unfehlbares, ja Göttliches verehren. Darum wird er ſo leicht die Beute der Schmeichler und Betrüger, die ſich aus fernen Landen an ihn drängen.— Ach, Magiſter Kepler, nicht bloß die Welt, auch jeder Einzelne will gewöhnlich betrogen ſein, vor allen wollen es die Fürſten und Herren dieſer Welt. Halt! was war das!“ Bez bei der Heulen e Tritte un dicht vor darauf P erhitzt un glücklichen Lang's f der Bruf verſuchte ſchleudern lel's Zä wie ein des Laok klammert . 2 T Entſetzte Kretin e Blick in Wort z Loslaſſen Sein Haß Erzherzog mit jedem oßen ſeines eht, erhält er fremde r und Ge⸗ rhäuft— nit ſeinem eeſt, welche mit ſeinem underlicher ringen, als kandes, ihn veranlaſſen. eit verehren en, ſondern s verehren. Schmeichler den an ihn öt bloß die ch betrogen ind Herren 247 Bezalel's Stimme im Hausgange, unten nahe bei der Thür, ertönte laut und jammervoll, wie das Heulen eines geſchlagenen Hundes; dann hörte man Tritte und eine Art von Geſtampfe und Geſchnaufe dicht vor der Thür des Zimmers, in welche bald darauf Philipp Lang, der Kammerdiener des Kaiſers, erhitzt und mit zerſtreutem Haare eintrat. Den un⸗ glücklichen Kretin, der ſich in dem gepufften Aermel Lang's feſt verbiſſen zu haben ſchien, hatte er an der Bruſt und den rothen Haaren feſtgepackt und verſuchte ihn wie ein unreines Thier von ſich zu ſchleudern. Man ſah es, der kräftige Mann, dem die Haare auf dem Haupt ſich im Grauſen zu ſträu⸗ ben ſchienen, ſtrengte alle ſeine Kräfte an, ſich von dem verwahrloſten Geſchöpfe zu befreien, aber Beza⸗ lel's Zähne hielten feſt und ſeine langen Arme hatten wie ein Schraubſtock, wie die Schlangen in dem Bilde des Laokoon, den Leib Lang's umſchlungen und um⸗ klammert. „Teufel! Teufel! laß ab von mir!“ ſchrie der Entſetzte keuchend, und als der Rabbi dem erboſten Kretin einen Wink gegeben, als er leiſe mit feſtem Blick in ſeine funkelnden Augen ihm ein hebräiſches Wort zugeflüſtert hatte, das dieſen ſogleich zum Loslaſſen bewegte, ſank Lang auf das nächſte Polſter, 248 das ſich nach orientaliſcher Sitte um die Wände zog, und ſeine herabhängenden Arme, ſeine geſchloſ⸗ ſenen Augen, die erblaſſenden Lippen und der ſtockende Athem zeigten, daß er ohnmächtig geworden. Ein Lächeln des Triumphs glitt bei dieſem Anblick über das ſtolze und edle Geſicht des Rabbi. „Geh, Bezalel,“ flüſterte er ſeinem ſeltſamen Diener zu,„geh und halte ſchweigend Wache, ohne Dich zu rühren.“— Die Mißgeſtalt entfernte ſich demüthig und als der kaiſerliche allmächtige Leibdiener zum Bewußtſein kam und ſcheu um ſich blickte, ſah er ſich mit Kepler und dem Rabbi allein. „Du haſt den Teufel im Solde, Jude! nichts⸗ würdiger Schuft!“ flüſterte er durch die zuſammen⸗ gebiſſenen Zähne,„das Feuer und die Peſt an Dei⸗ nen Hals, hölliſcher Zauberer! Dieſen Schreck ſollſt Du am Brandpfahle büßen!“ „Gemach! gemach, mein Herr Lang,“ entgeg⸗ nete Rabbi Löw, jetzt plötzlich wieder Jude von der Sohle bis zum Scheitel.„Euer Knecht iſt kein Zauberer, und wenn er es verſteht, ein häßliches Thonbild zu beleben, ſo geſchieht dieß durch die Kraft Gottes des Herrn. Gelobt ſei ſein Name! Dieſes armſelige Gebild, das Euch ſo erſchreckt hat, iſt mein Sabbathdiener, dem ich Leben gebe für die Zei enthalte geprieſe 's iſt n ſich ve Lippen neben Herr muß a zu ſage Kleidun oder a falſches es von befleckt verabſch werde vergelte mit die 5 ſtolze u 249 die Wände die Zeit, da ich mich nach dem Geſetze alker Arbeit ne geſchloſ⸗ enthalten muß, indem ich den Namen des Herrn, der ſtockende geprieſen ſei Er! in ſeinen thönernen Mund lege.— ben.'s iſt nicht meine Schuld, wenn Bezalel gegen Euch bei dieſem ſich vergangen, der heilige Name zwiſchen ſeinen des Rabbi. Lippen läßt ihn nichts Unreines, Falſches, Sündiges men Diener neben ſich dulden und— möge mein hochverehrter bne Dich zu Herr Lang das Wort zugute halten, dergleichen demüthig muß an Euch ſein, obgleich ich mir nicht anmaße diener zum zu ſagen, wie oder wo?— Betrachtet genau Eure ckte, ſah er Kleidung, vielleicht iſt die Unreinigkeit an dieſer, oder an Euern Schuhen, oder Ihr führt bei Euch ide! nichts⸗ falſches Gold oder anderes dergleichen; denn fern iſt zuſammen⸗ es von Euerm Diener zu glauben, daß Euer Herz eſt an Dei⸗ befleckt ſei von Verbrechen, die der heilige Name Schreck ſollſt verabſcheut.“ Philipp Lang hatte ſich allmälig erholt. g,“ entgeg⸗„Mein Tag wird kommen, Jude,“ ſagte er, und Jude von ein häßliches Lächeln verzerrte ſein Geſicht,„und ich echt iſt kein werde die Gelegenheit, Dir all Deine Artigkeiten zu in häßliches vergelten, nicht verſäumen. Für jetzt hab' ich hier durch die mit dieſem Herrn zu ſprechen!“ ſein Name! Mit einer gebieteriſchen Bewegung deutete der ſchreckt hat, ſtolze und überall gefürchtete Leibdiener des Kaiſers ngebe für 250 nach der Thür und mit einer tiefen demüthigen Verbeugung verließ Rabbi Löw ſein eigenes Zimmer. Philipp Lang ſtand, als jener ſich entfernt hatte, auf, ſchaute hinter den ſchweren Thürvorhang, öffnete auch die Thür und blickte hinaus, und als er ſich ſo überzeugt hatte, daß niemand ihn behorche, trat er raſch auf Kepler zu, blickte ihm ſcharf in die Augen und ſagte:„Wir kennen uns, Herr! Weh Euch aber, wenn ich merke, daß Ihr Euch auf In⸗ triguen einlaßt. Verſteht mich recht! ich bin Euer Feind nicht, noch bin ich es nicht; wenn Ihr mich aber dazu machen ſolltet, ſo wißt zum voraus, daß ich die Gewohnheit habe, meine Feinde zu Staub zu zer⸗ malmen.— Ihr wart es, der die ſtolze Dame, die Polixena, aus meinen Armen befreite. Hört mich nun an, bevor Ihr dem Kaiſer das Horoskop ſtellt. — Ihr könnt mein Freund oder mein Feind wer⸗ den durch dasſelbe. Ich kenne die Sterndeuter alle! alle! und darum ſage ich es Euch, durch meine Hand geht Gold und Ehre, die der Kaiſer vertheilt. Philipp Lang, der vertraute Kammerdiener, iſt die Pforte zur Gunſt ſeines Herrn, es gibt keine an⸗ dere!— Dieß Weib, dieſe hochmüthige Polixena, in deren Herzen ſich der Stolz des ſpaniſchen Blu⸗ tes ihrer Mutter und des dechiſchen ihres Vaters vereinigt, weil ſie ſchaft, vo loſer An! „R ins Blun der Ritter lixena wu dieß für und kann „W Vermittl. von Lobk dern, da beſchließe Frieden, Reiches! zu erhebe den Verg Eva— ſenberg a gleitete, täuſcht m Maskenſp emüthigen Zimmer. ernt hatte, ng, öffnete als er ſich orche, trat arf in die derr! Weh h auf In⸗ Fuer Feind aber dazu aß ich die zub zu zer⸗ Dame, die Hört mich skop ſtellt. rch meine vertheilt. er, iſt die keine an⸗ Polixena, 251 vereinigt, hätte den Kaiſer einſt beherrſchen können, weil ſie es verſtand, ſeinen Träumen von Freund⸗ ſchaft, von reiner uneigennütziger und leidenſchafts⸗ loſer Anhänglichkeit zu ſchmeicheln. „Rudolph iſt ein Träumer; neben dem Mißtrauen, das man dem Knaben und Jünglinge in Spanien ins Blut gegoſſen, regt ſich nun noch etwas von der Ritterlichkeit ſeines Vaters in ſeiner Seele. Po⸗ lirena wußte,— ſie iſt eine ſchlaue Intriguantin— dieß für ſich auszubeuten.— Jetzt aber hab' ich ſie und kann ſie in den Abgrund ſtürzen! „Wißt, mein Herr Mathematikus, durch meine Vermittlung iſt der ſtolzeſte Böhme, Georg Popel von Lobkowie, geſtürzt. Er, der ſich erkühnte zu for⸗ dern, daß der Kaiſer, wie ſein Vater Mar, nichts beſchließen, nichts ausführen ſolle, in Krieg und Frieden, ohne die Zuſtimmung der Großen ſeines Reiches! Er iſt gefallen, gefallen, um ſich nie wieder zu erheben.— Niemand kümmert ſich mehr um den Vergeſſenen, als ſeine Tochter, die ſchöne blonde Eva— und die Magd, die geſtern Frau von Ro⸗ ſenberg auf ihrem abenteuerlichen Spaziergange be⸗ gleitete, war dieſe.— Ah mein Auge iſt gut, mich täuſcht man nicht! Philipp Lang iſt gewohnt, das Maskenſpiel dieſes Hofes zu durchſchauen, weil er 252 ees ſeit Jahren ſchon leitet.— Wie ſchlau dieſe Polixena mich auf den Gedanken bringen wollte, ein Liebesabenteuer führe ſie zu den finſtern Thür⸗ men, in denen man jetzt den Popel von Lobkowie gefangen wähnt.— Der Kaiſer würde eine Lieb⸗ ſchaft der ſtolzen Frau nicht für eine Falſchheit gegen ſeine Perſon halten können, hat ſie ihm doch nie geſtattet, von Liebe zu ihr zu reden. Seine ge⸗ treueſte Unterthanin, ſeine innigſte Freundin will ſie ſein— Sie hat es gut getroffen! Mit ſolchen Re⸗ den wußte ſie in Rudolph's Herzen allerlei Tugend⸗ gefunkel zu erregen, allerlei ritterliche Gedanken und Paladinsredensarten, in denen er ſich gar zu gern ergeht. Jetzt hab' ich ſie! ſie intriguirt für dieſen Lobkowic, ſie hat Freundſchaft geſchloſſen mit ſeiner gelehrten Tochter, die in dem Kaiſer den Feind ihres Vaters haßt. „Euch ſage ich nur dieſes, Magiſter Kepler. Zwei verſchiedene Parteien begehren Eure Hilfe an dieſem wunderlichen Hofe.— Tycho von Brahe, der An⸗ hänger des Prinzen Mathias und der proteſtantiſchen Partei, und Polixena von Roſenberg, die Freundin der Erzherzogin Maria, der Mutter des Prinzen Fer⸗ dinand, an deren Hofe die gelehrten Jeſuiten leben, deren Ziel die Rückkehr aller Welt zum Katholizismus iſt. Jetz für im der mich der Aſtr Doktor wenn de ausdeute ein arn armten nicht ve bei Euch folglich bener S laßt den von Roſ Mi pfendem — Es Krankhei halten, n Lang ſoe Netz mit „H lich, den lichkeit ſchlau dieſe ugen wollte, iſtern Thür⸗ on Lobkowie eeine Lieb⸗ ee Falſchheit ſie ihm doch Seine ge⸗ ndin will ſie ſolchen Re⸗ rlei Tugend⸗ eedanken und gar zu gern rt für dieſen i mit ſeiner Feind ihres e an dieſem he, der An⸗ teſtantiſchen ie Freundin Prinzen Fer⸗ uiten leben, tholizismus Kepler. Zwei 253 i*ſt. Jetzt aber hört mich! Ich gehöre keiner Partei für immer an; der hat mich für den Augenblick, der mich am beſten bezahlt, und Ihr, Magiſter, ſollt der Aſtrolog ſein, derin meinem Solde ſteht. Wenn Doktor Dee die Sterne für die Jeſuiten reden läßt, wenn der weiſe Tycho ſie in proteſtantiſchem Intereſſe ausdeutet, ſollt Ihr es in Langiſchem thun. Ihr ſeid ein armer Teufel, behaftet mit einem eiteln ver⸗ armten Weibe, das den Reichthum früherer Zeit nicht vergeſſen kann. Ein Häufchen Kinder ſchreien bei Euch nach Brot.— Ihr ſeid ein Aſtrolog und folglich entweder ein alberner Narr oder ein gerie⸗ bener Schalk.— Magiſter, hier habt Ihr Gold, laßt den Kaiſer in den Sternen leſen, daß Polirena von Roſenberg“— Mit niedergeſchlagenen Augen und heftig klo⸗ pfendem Herzen hatte Kepler dem Sprecher zugehört. — Es ſauſte ihm im Kopfe und ſchwach durch die Krankheit wie er war, mußte er ſich an dem Tiſche halten, neben dem er ſtand, und auf welchen Philipp Lang ſoeben einen Beutel gelegt hatte, deſſen buntes Netz mit Goldſtücken angefüllt war. „Halt! halt! kein Wort weiter,“ ſagte er end⸗ lich, den Schurken unterbrechend, deſſen Zuverſicht⸗ lichkeit dem einfachen Gelehrten eine ſchauderhafte 214 294 Ausſicht in das Getriebe dieſes Hofes, zugleich aber auch ein eigenthümlich ſchönes und reines Bild ge⸗ zeigt hatte.— Polixena von Roſenberg, die edle Dame, war nicht die Geliebte Kaiſer Rudolph's— ſie hatte nach Rabbi Löw's Ausſage es ſogar ver⸗ ſchmäht, ſeine Gattin zu werden; aber ſie war die loyalſte ſeiner Unterthanen, ſeine Freundin, ſeine Rathgeberin vielleicht und zugleich die Schützerin eines wahrſcheinlich ſehr edlen Geſtürzten, die Freun⸗ din ſeiner Tochter, der ſie ein Opfer gebracht, deſſen Größe nur eine Frau ganz zu würdigen weiß, das Opfer ihres Rufes!— Kepler mußte ſich beſinnen, als er die Augen aufſchlug und in das abſcheulich ſchlaue Geſicht Lang's blickte, was er dieſem hatte ſagen wollen. Der Ge⸗ danke an Polixrena ſchwang ſich aus der Empörung ſei⸗ nes Herzens empor, wie eine Lerche ſich jubelnd emporſchwingt von einem Trümmerhaufen. Der Kammerdiener Lang, dieſer berüchtigte Schurke, hatte Geſichtszüge, aus denen man ſchwerlich auf ſeinen Charakter hätte ſchließen können. Es war ein ſchöner Mann und ſelbſt ſeine orientaliſche Abkunft zeigte ſich nicht in ſeinem Aeußern; denn das dunkel⸗ blonde ſchlichte Haar, die gerade Naſe und einwenig zurücktretende Stirn hatten nichts jüdiſches, und doch V war er genſcha ten des 2 Lang, dem Bl. heit ſei „S ſagte de ſchieben nicht und we Mann, nächſter dem Leb im entfer des Kaiſ erfülle, ſt erhabenen erzeigen die Wahr meiner V Phil auf den „An!l zugleich aber es Bild ge⸗ rg, die edle udolph's— ſogar ver⸗ ſie war die undin, ſeine Schützerin die Freun⸗ racht, deſſen i weiß, das die Augen leſicht Lang's l. Der Ge⸗ ipörung ſei⸗ ich jubelnd ſen. berüchtigte n ſchwerlich Es war ein ſche Abkunft das dunkel⸗ id einwenig 5, und doch 255 war er ein getaufter Jude, mit allen ſchlimmen Ei⸗ genſchaften ſeines Stammes, und allen Abſcheulichkei⸗ ten des Renegaten, im Uebermaße ausgeſtattet. „Nun warum ſoll ich nicht weiter reden?“ fragte Lang, aber er mußte das ſchlaue Auge ſenken vor dem Blick Kepler's, in dem ſich die einfache Rein⸗ heit ſeines Herzens ſpiegelte. „Sie irren ſich vollſtändig und gänzlich in mir,“ ſagte der Gelehrte, die ſchwere Börſe weit von ſich ſchiebend, daß ſie klirrend zu Boden fiel.—„Ich bin nicht Hofaſtrolog des Kaiſers, Ihres Gebieters, und werde es nie werden. Ich bin ein einfacher Mann, und ſoll und werde als Herr Tycho Brahe's nächſter Untergebener Berechnungen machen, die mit dem Leben und Treiben an dieſem Hofe auch nicht im entfernteſten Zuſammenhange ſtehen. Wenn ich des Kaiſers Wunſch, ihm das Horoskop zu ſtellen, erfülle, ſo iſt das eine Gefälligkeit, welche ich dem erhabenen Herrn, in deſſen Dienſte ich trete, wohl erzeigen darf, da ich ſelbſt ihm geſagt, daß ich an die Wahrheit der Wiſſenſchaft, und an das Zutreffen meiner Vorausſagungen nicht glaube.“ Philipp Lang warf einen durchdringenden Blick auf den Sprecher. „Anderwärts ſchon verkauft?“ ſagte er dann A 9* höhniſch und ſchob die Börſe mit dem Fuße ſo weit unter den Tiſch hervor, daß er ſie aufheben konnte, ohne das Geſicht von Kepler abzuwenden.—„Ihr ſeid übrigens ein Thor mit Eurer Ehrlichkeit. Ihr konn⸗ tet angehören, welcher Partei Ihr wolltet an dieſem Hof und doch dem Philipp Lang dienen, der ſeine Freunde zu belohnen und ſeine Feinde zu beſtrafen weiß.— Gott befohlen, mein Herr Magiſter, und hütet Euch, daß ich Euch nicht zu den letzteren rechne.“ Er zog ſeinen Mantel über die Schultern, ſenkte die Börſe in deſſen Taſchen und verließ mit lang⸗ ſamen Schritten das Zimmer. Im Flur empfing ihn Rabbi und geleitete ihn bis zur Thür, neben welcher ſtarr wie ein Steinbild Bezalel kauerte, und nicht einmal die Augäpfel regte, um dem Hinausſchreitenden nachzuſchauen. Kepler war indeß auf das flache Dach des Hauſes gegangen und ſtand dort oben, die Augen nach den ewigen Sternen gerichtet. Im Sternbild der Kaſſiopeia flammte heute noch jener neue ſelt⸗ ſame Stern.„Vielleicht ein zertrümmerter, in Flam⸗ men ſich verzehrender Weltkörper,“ dachte der Ge⸗ lehrte,„leuchtet doch auch auf Erden oft von Ferne im hellen Licht, was zertrümmert und verfallen in ſich zuſammenſinkt. Dieſer Hof, ein Tummelplatz des Ehrge ſich en belebe der 9 Wiſſen Licht a nießen meinen Güte Freude mich w unſterb Weib, Sorge zwar ſach lirena? Herzen. Er laut un nen und delnden Schutzge anderes Bahnen gehen. 1857. X) Fuße ſo weit ſeben konnte, —„Ihr ſeid t. Ihr konn⸗ et an dieſem en, der ſeine zu beſtrafen Nagiſter, und teren rechne.“ ultern, ſenkte eß mit lang⸗ geleitete ihn ſein Steinbild tgäpfel regte, en. be Dach des 4i, die Augen zm Sternbild er neue ſelt⸗ ter, in Flam⸗ te der Ge⸗ bft von Ferne erfallen in ſich imelplatz des 257 Ehrgeizes und ſchnöder Intrigue verbreitet auch um ſich einen hellen Glanz, und Philipp Lang iſt das belebende Prinzip desſelben.— Nein! ich bin nicht der Mann, in dieſem Schutthaufen zu leben, die Wiſſenſchaft, die heilige, iſt mein Feld! In ihrem ſtillen Licht erblüht das Glück, das meine Seele allein ge⸗ nießen kann. In den Bahnen Deiner Sterne Dich, meinen Herrn und Schöpfer, in Deiner Weisheit und Güte erkennen, mich Dir nahen in Ehrfurcht und Freude über die Erhabenheit Deiner Werke, die Du mich würdigeſt zu erkennen, das iſt ein Loos, des unſterblichen Menſchengeiſtes würdig, und mein armes Weib, meine ſchuldloſen Kinder ernähren und vor Sorge und Mangel ſchützen, das iſt meine irdiſche, zwar ſchwere, aber dennoch edle Pflicht!— Und Po⸗ lirena?“ flüſterte eine verführeriſche Stimme in ſeinem Herzen. Er drückte die Hand auf dasſelbe und ſagte laut und mit feſter Stimme:„Möge Gott ſie ſeg⸗ nen und erleuchten auf dem ſchweren und ſchwin⸗ delnden Pfade, den ſie wandelt.— Sei ſie der Schutzgeiſt Kaiſer Rudolph's, mir kann ſie nie etwas anderes ſein, als ein ſchöner Stern am Himmel, deſſen Bahnen von den meinen ewig in gleicher Ferne dahin⸗ gehen.— Wohl mir, daß ich ihn jetzt wieder in 1857. XXII Johann Kepler. III. 17 258 unvermindertem Lichte ſchauen kann. Eins aber iſt mir vergönnt zu thun: Ich will ſie warnen vor den im Finſtern ſchleichenden Machinationen dieſes Schur⸗ ken Lang.“— 4 Dann aber machte er ſich mit allem Eifer ans Werk, das Horoskop des Kaiſers Rudolph zu ſtellen. Er rechnete, zog Kreiſe und ſchaute nach den Planeten und ehe noch der Morgen ſeine Roſen ausſtreute am Horizont der ſtolzen Kaiſerſtadt, war das Werk voll⸗ endet, das Kepler mit Lächeln durchſah und nach Regeln der Kunſt richtig fand.— Am andern Morgen ging er, ſo früh es der Anſtand erlaubte, zum Palaſte der Familie Pernſtein, den jetzt die edle Polixena von Roſenberg mit ihrem Hofſtaate bewohnte. Die gediegene Pracht dieſer Wohnung würde viel⸗ leicht zu einer andern Zeit und in anderer Stimmung, die Bewunderung des einfach erzogenen Gelehrten erweckt haben. Jetzt aber, da er wußte oder doch ahnte, welche ſchwere Stellung die jugendliche Be⸗ ſitzerin aller der vor ihm ſchimmernden Herrlichkeiten an dieſem Hofe hatte, ließen die reich geſchnitzten Möbel, die koſtbaren Teppiche aus dem Orient, die goldenen und ſilbernen Zierathen, auch nicht einen Strahl ihrer Herrlichkeit in die Seele Kepler's fallen. 5 Er wa iſt, die erkenne 3 Weiſe holz m Arbeit, ähnliche als ein feine A 20 Kepler wunderſ niſche, eine St der heid er ſie be welcher liche Sc Wi bar, ſtan Natur konnte aber iſt vor den Schur⸗ ifer ans ſtellen. Planeten usſtreute Jerk voll⸗ ind nach hes der gernſtein, it ihrem ürde viel⸗ immung, Gelehrten der doch iche Be⸗ -rlichkeiten eeſchnitzten rient, die cht einen —r's fallen. Er war in der Stimmung, in welcher man fähig iſt, die Nichtigkeit alles Irdiſchen ganz und gar zu erkennen. Zwei Dinge nur fielen ihm in eigenthümlicher Weiſe auf. Das eine war ein Seſſel von Eichen⸗ holz mit geſchnitzter Lehne und ſo wunderbar ſchöner Arbeit, daß derſelbe ihm ſogleich das Bild eines ähnlichen ins Gedächtniß zurückrief, an welchem er als ein kleines Kind ſo oft geſpielt und die wunderbar feine Arbeit mit entzücktem Auge betrachtet hatte. „Eine Arbeit meines wackern Oheims,“ dachte Kepler und ſchaute die zierlichen Arabesken, die wunderſamen Roſetten, Vögel und Baumzweige an, zu denen das harte ſpröde Holz umgeformt war. Dicht neben dieſem Stuhl ſtand in einer Wand⸗ niſche, die eigens dafür angebracht zu ſein ſchien, eine Statue von weißem Marmor.„Eine Abbildung der heidniſchen Göttin Venus,“ dachte Kepler, als er ſie betrachtete,„und in der That, der Künſtler, welcher dieſe Geſtalt meißelte, hat gewußt, was weib⸗ liche Schönheit ſei.“ Wundervoll, mit nichts als ſich ſelbſt vergleich⸗ bar, ſtand dieſes Kunſtwerk in einer Stellung voll Natur und Grazie an ſeinem Platze, und Kepler konnte nicht die Augen davon abwenden, denn 17 260 immerfort war es ihm, als hätte er das Meiſterwerk der Kunſt ſchon einmal geſchaut, als Traum, als Viſion oder Wirklichkeit, er wußte es nicht, aber ſeltſame Erinnerungen regten ſich in ſeiner Seele. Er glaubte Apolloniens Stimme zu hören, die ihm ein Wiegenlied ſang, und das Rauſchen der Zweige am Fenſter des Stübchens zu vernehmen, in dem er ſeine erſten Kinderträume geträumt hatte. Johannes Kepler hatte vollkommen Zeit zu all dieſen Gedanken und Betrachtungen, denn er befand ſich allein in dem großen glänzenden Gemach; ein ſtattlicher böhmiſcher Diener hatte ihn eingeführt und verſprochen, die Gebieterin von ſeiner Anwe⸗ ſenheit zu benachrichtigen. Es war ein Vorzimmer mit der Ausſicht auf den Platz des Hradſchin, wo unweit der Mauern der Skt. Veitskirche das Bronzebild des Ritters Skt. Georg mit dem Drachen über einem murmelnden Spring⸗ brunnen ſteht. Bei Rudolph's Krönung zum Könige von Böh⸗ men hatte das Volk ſich ſo ſehr um dieſes Kunſtwerk gedrängt, daß das Ritterbild vom Pferde hinab in den Röhrtrog des Brunnens geſtürzt war.— Man hatte es auf Befehl des Kaiſers erneuert, aber die Reli⸗ gionsparteien im Lande, die in unaufhörlichem Zwiſte mit ei manch „] ter, we Roſſe bleibt g K betracht unter d menſchl dem m rungs⸗, ſprudeln formen gen Lebe einſtmal Menſche lange a genſtrön und der Meere 9 1 gräfin t ſagte in Neiſterwerk aum, als nicht, aber ter Seele. t, die ihm er Zweige in dem er Zeit zu all er befand Gemach; eingeführt er Anwe⸗ sſicht auf rn der Skt. von Böh⸗ Kunſtwerk hinab in — Man r die Reli⸗ hem Zwiſte mit einander ſtanden, knüpften an dieſen Vorfall mancherlei Ahnungen und Prophezeiungen „Das Volk,“ flüſterte man ſich zu,„wird den Rit⸗ ter, welcher den Drachen der Ketzerei bekämpft, vom Roſſe ſtürzen, aber das Thier aus dem Abgrunde bleibt gebändigt unter den Hufen desſelben.“ Kepler hatte von dieſem Volkswitze gehört und betrachtete das Erzbild und den rieſelnden Waſſerſtrahl unter demſelben.„Die Religion,“ dachte er,„iſt dem menſchlichen Geiſte und Herzen, was das Waſſer dem menſchlichen Leibe, das unentbehrlichſte Nah⸗ rungs⸗, Reinigungs⸗ und Stärkungsmittel, lebendig ſprudelnd aus der Hand der Natur, aber die Religions⸗ formen ſind nur der Schmuck an dem Brunnen des ewi⸗ gen Lebens, ſchön, aber verſchieden; es iſt möglich, daß ſie einſtmals alle einſtürzen, aber die Verbindung des Menſchen mit Gott, die Religion, wird bleiben, ſo⸗ lange auf Erden die Wolken als wohlthätige Re⸗ genſtröme niederſinken, ſolange die Quellen rauſchen und der Ströme majeſtätiſcher Lauf dem ewigen Meere zuzieht.“— „Ihre Durchlaucht Gnaden, die Frau Oberſtburg⸗ gräfin von Roſenberg, erwarten den Herrn Magiſter,“ ſagte in dieſem Augenblicke der eingetretene Diener 262 und Kepler, ſich raſch umwendend, folgte demſelben in das Gemach, wo Polixena ihn erwartete. Die ſchönſte Frau ihrer Zeit ſaß in ihrem Wohnzimmer; die Fenſter gingen auf den Graben, aus deſſen Tiefen ihre Beſonnenheit und Güte wenige Jahre ſpäter die unglücklichen Opfer des religiöſen Parteizwiſtes Böhmens, die edlen Herren von Mar⸗ tinic und Slavata, rettete. Sie trug ein Kleid von weißer Seide, an allen Näthen mit feiner Goldſtickerei verziert, unter deſſen Leibchen die Schneppe mit purpurrothem Mieder mit langen engen Aermeln hervorſah, während die weiten Aermel des Oberkleides in reichen Falten offen von der Schulter herabhingen. Ein Gürtel von feinen byzantiniſchen Goldketten ſchlang ſich um ihre Taille und war vorn mit einem Schloß zuſammengehalten, das drei große Glockenperlen zierten. Einen ähnli⸗ chen Schmuck trug ſie um den Hals und das weit in die Stirn gehende Häubchen— eine Mode, welche die unglückliche Königin Maria Stuart zur Geltung gebracht hatte— war mit einer gleichen prachtvollen Nadel an den reichen blonden Haaren der Dame befeſtigt. Polirena von Roſenberg ſah aus, als ob die Jahre, welche aus dem Jüngling Kepler einen Mann gema dahin dieſe währe bener Bekan an ein und krumm brenn Herr! indeß unter F tretend Tabour 6 2 geſtellt Sticker aus de auch de wieder von m demſelben e in ihrem raben, aus te wenige religiöſen von Mar⸗ ‚an allen nter deſſen n Mieder ährend die ilten offen pon feinen re Taille agehalten, ten ähnli⸗ das weit de, welche Geltung achtvollen der Dame ls ob die nen Mann gemacht hatten, ſpurlos über ihrem ſchönen Haupte dahingerauſcht wären; und doch, o wie viel hatte dieſe auf der Höhe menſchlichen Glückes ſtehende Frau während dieſer Jahre erlebt und gelitten!— Neben ihrem Sitz auf einer Stange von getrie⸗ benem Silber ſaß der ſchöne Vogel, welcher ihre erſte Bekanntſchaft mit Kepler vermittelt hatte, und nagte an einer Nuß, die er zierlich in ſeiner Kralle hielt, und von Zeit zu Zeit erhob er den Kopf mit dem krummen Schnabel, und ſagte vernehmlich:„Ver⸗ brennt den Ketzer! Seid gegrüßt, mein kaiſerlicher Herr! Polirena! Kaiſer Rudolph!“— wobei es ihm indeß paſſirte, daß er die Sätze in ſeltſamer Weiſe unter einander miſchte. Frau von Roſenberg bewillkommnete den Ein⸗ tretenden mit Höflichkeit und nöthigte ihn auf einem Tabouret neben ihr Platz zu nehmen. „Ich freue mich von Herzen, Euch wiederher⸗ geſtellt zu ſehen, Herr Magiſter,“ ſagte ſie, eine Stickerei, mit der ſie ſich eben beſchäftigt hatte, aus den Händen legend,„und ſehen Sie, hier iſt auch der Flüchtling, den Sie mir vor Jahren einmal wieder brachten. Jetzt iſt er treu und würde nicht von mir weggehen, er hat die Welt kennengelernt und weiß, daß es draußen Kälte, Regen, böſe Krä⸗ heu, die ihn zauſen, und— kein Futter gibt.“ „Ketzer! Ketzer!“ ſchrie der Vogel krächzend dazwiſchen, mit ſchiefgehaltenem Kopfe nach Kepler blinzelnd. „Ein ſeltſames Thier,“ ſagte dieſer, nicht ohne daß ein etwas unangenehmes Gefühl ihn beſchlich. „Ein ſchönes Thier und klug und anhänglich,“ entgegnete Polixena,„aber er ſoll unſer Geſpräch nicht ferner ſtören.“ Sie pfiff auf einem ſilbernen Pfeiſchen, das vor ihr auf dem Tiſche lag, und gab dem eintretenden Diener einen Wink, der den Vogel hinter eine hoch⸗ rothe Gardine ſetzte, die eine Ecke zu einem kleinen dunklen Gefängniß für ihn machte, und ehe noch die Gardine niederfiel, ſteckte er ſchon das Köpfchen zum Schlafe unter den Flügel. „Sie haben, Herr Magiſter, mir und einer eben⸗ ſo edlen als unglücklichen Dame, die mir ſehr theuer iſt, einen Ritterdienſt geleiſtet, den wir Ihnen nie genug danken können,“ begann Frau von Roſenberg jetzt.—„Fremd an dieſem Hofe wiſſen Sie nicht, daß derſelbe in Parteien getheilt iſt, die ſich unter einander mit allen Waffen bekämpfen. Der Kaiſer, unſer Herr, iſt edel und großherzig, aber am Hofe ſeines O oder doch umſchränk andern L. des Reich ſcher erhe edle Geor ſeines He daß Böhn nes iſt ur umgeben, mit Zorn ſoſehr ein iſt. Seit! einzigen T weißen T Geſellſchaf! Es iſt mi auflauerte, in ihrer V „Ihr Kepler.„ Majeſtät be des Genan Keple⸗ öſe Krä⸗ st. krächzend h Kepler cht ohne beſchlich. änglich,“ Geſpräch „das vor tretenden ine hoch⸗ n kleinen he noch Köpfchen ter eben⸗ hr theuer hnen nie oſenberg bie nicht, lich unter Kaiſer, m Hofe — 265 ſeines Oheims, Philipps II, hat er den Willen oder doch den Wunſch in ſich erwachſen laſſen, un⸗ umſchränkt zu herrſchen. Wohl könnte er das in jedem andern Lande, nicht aber in Böhmen, wo die Großen des Reiches ihn durch ihren Willen erſt zum Herr⸗ ſcher erhoben.— Einer der erſten derſelben, der edle Georg Popel von Lobkowic, der treueſte Diener ſeines Herrn, wollte ihn darauf aufmerkſam machen, daß Böhmens Adel die natürliche Stütze des Thro⸗ nes iſt und ſein ſoll, und die Elenden, die den Kaiſer umgeben, benutzten das, um ſein ſonſt ſo gütiges Herz mit Zorn gegen einen Mann zu erfüllen, der eben⸗ ſoſehr ein Freund ſeines Landes als ſeines Kaiſers iſt. Seit drei Jahren iſt Lobkowic gefangen. Seiner einzigen Tochter ward die Nachricht, daß er ſich im weißen Thurme befände, und ſie wollte in meiner Geſellſchaft den Verſuch machen, mit ihm zu ſprechen. Es iſt mißlungen, aber auch dem Elenden, der uns auflauerte, iſt es nicht gelungen, Eoa von Lobkowic in ihrer Verkleidung zu erkennen.“ „Ihr irrt hierin, gnädigſte Frau,“ entgegnete Kepler.„Der Kammerdiener Lang hat des Kaiſers Majeſtät bereits benachrichtigt, daß Ihr mit der Tochter des Genannten konſpirirtet.“— Kepler erzählte nun der Dame alles, was geſtern 266 zwiſchen ihm und Philipp Lang vorgefallen, und mit ernſter Miene ſah Polixena vor ſich zu Boden, bis er ſchwieg, wo ſie das geiſtvolle Auge feſt auf Kep⸗ ler's Angeſicht heftete. „Ihr ſeid ein edler Mann, Magiſter Kepler,“ ſagte ſie dann ſanft,„und ich hoffe an Euch einen Freund zu finden, der zugleich ein wahrer Freund des Kaiſers iſt. Erlaubt mir, Euch mit einem Gelehrten Eures Faches, dem Engländer Dee, bekannt zu machen; vereint dann Eure aſtrologiſchen Forſchungen mit denen dieſes Mannes und laßt das Reſultat günſtig ſein für Böhmens Edle, laßt es darauf hinwirken, die Schurken, die den Kaiſer umgeben, an die ihnen gebührenden Plätze zu bringen und dem Throne des größten Monarchen der Chriſtenheit die einzigen ſeiner würdigen Stützen zu geben, und glaubt mir, daß ich dankbar zu ſein weiß, und daß es Euch an dieſem Hofe nicht an ergebenen Freunden fehlen wird.“ Kepler ſeufzte tief, das Herz ward ihm ſchwer und voll.„Gnädigſte Frau,“ entgegnete er dann mild, aber mit Feſtigkeit,„ich bin nicht der Mann, für den Eure Gnaden mich halten, ich bin kein Aſtrolog, kein Wahrſager und Zeichendeuter, und würde nie, nie, niemandem zu Liebe oder zu Leide mich in die Händel dieſer mir ſo ganz fremden Welt, in die nehmen. ſein W ernähren dem Sp mit ihnen ein ſolche Frau feſt auf il Ihr nicht Ausſöhnur einer klein „Nei „Die Wa ihr und mein gan; Menſch irn nach Gotte heit; wer Willen den len, und mit Boden, bis feſt auf Kep⸗ ſter Kepler,“ Euch einen ihrer Freund em Gelehrten t zu machen; chungen mit ultat günſtig tf hinwirken, an die ihnen inzigen ſeiner mir, daß ich h an dieſem n wird.“ ihm ſchwer r dann mild, ſein Aſtrolog, würde nie, mich in die elt, in die Throne des Mann, für 267 Intriguen dieſes Hofes miſchen. die Nothwendigkeit, hier eine Mich zwingt Arbeit zu über⸗ nehmen. Es iſt keine Schande für einen Mann, ſein Weib und ſeine Kinder durch Arbeit zu ernähren; aber lieber würde ich für die Meinen mit dem Spaten und der Holzart arbeiten, lieber bettelnd mit ihnen von Thür zu Thür ziehen, als meine er⸗ habene Wiſſenſchaft und mein Mannesherz zugleich zu beflecken durch bezahlte Lügen. O, es thut mir in der Seele weh, gerade aus Euerm verehrten Munde ein ſolches Anerbieten zu empfangen.“ Frau von Roſenberg hatte die prächtigen Augen feſt auf ihn geheftet und ſagte ruhig:„Und glaubt Ihr nicht, daß ein ſo erhabener Zweck, daß die Ausſöhnung des Kaiſers mit ſeinen Edlen wohl einer kleinen und ganz unſchädlichen Lüge werth ſei?“ „Nein, gnädigſte Frau,“ entgegnete Kepler feſt. „Die Wahrheit iſt das höchſte Gut des Menſchen, ihr und ihr allein iſt mein Leben, mein Arbeiten, mein ganzes Streben geweiht.— Ich kann als Menſch irren, aber aus dem Irrthume entwickelt ſich nach Gotteswillen ſtets wieder und wieder die Wahr⸗ heit; wer aber lügt, der kehrt ihr mit Wiſſen und Willen den Rücken und entfernt ſich gefliſſentlich vom 268 höchſten Ziele alles menſchlichen Strebens, von der Erforſchung der Wahrheit!“ Die bleiche Wange des jugendlichen Gelehrten hatte ſich bei dieſen Worten geröthet, ſein Auge leuchtete und die ihm ſonſt natürliche Schüchternheit hatte einer edlen Feſtigkeit, die ſich in ſeinem ganzen Weſen ausſprach, Platz gemacht. Polirena betrach⸗ tete ihn mit ſichtbarer Theilnahme. „Man hat mich etwas anderes gelehrt von Jugendauf,“ entgegnete ſie, und ihre Stimme zit⸗ terte einwenig.„Die Zurückführung der Kirche und ihre Verbreitung auf Erden hat man mich als den höchſten heiligſten Zweck alles menſchlichen Stre⸗ bens erkennen laſſen, und eine Täuſchung, bei der dieſer Zweck erſtrebt wird, ſcheint mir und Weiſeren, als ich es bin, erlaubt; dennoch gefällt mir Eure Anſicht, Magiſter Kepler, ja mir ſcheint, ſie iſt die Konſequenz der neuen Religionslehre, zu der, wie ich pöre, auch Ihr Euch bekennt.— Wem die Wahr⸗ heit nicht als ein heiliges unveräußerliches Gut durch die Kirche gegeben wird, der muß ſie wohl auf menſchlichen Wegen durch Viſſenſchaft, durch Forſchungen aller Art zu erkennen ſuchen, und für den iſt auch die kleinſte Lüge allerdings das, wofür Ihr ſie ausgebt. Seid überzeugt, daß ich, wenn ich theilige, auch wenn Sie hoffe, wir haben, und mich auch Keple Um die † habenheit, Schönheit Ein edler Augen der Ausdruck deutlich ze Selbſtverlä Nie i in Gegenw ns, von der n Gelehrten ſein Auge chüchternheit inem ganzen ena betrach⸗ gelehrt von Stimme zit⸗ der Kirche nan mich als lichen Stre⸗ (ſung, bei der d Weiſeren, t mir Eure , ſie iſt die der, wie ich t die Wahr⸗ rliches Gut uß ſie wohl ſchaft, durch hen, und für das, wofür cch, wenn ich auch nicht Eurer Anſicht bin, dieſelbe doch verſtehe und Euch vom Herzen ſchätze.— Gott ſchütze die arme Eva von Lobkowic und errette ihren Vater ich werde für beide thun, was nur in meinen Kräften ſteht, ohne daß ich höhere Intereſſen dadurch benach⸗ theilige, Ihr aber, Herr Magiſter, bleibt mein Freund auch wenn wir verſchiedener Wege gehen.“— 1 Sie reichte ihm dabei mit unbeſchreiblicher Freund⸗ lichkeit die ſchöne Hand, indem ſie hinzuſetzte: „Daß Ihr verſchweigt, was ich Euch vertraute, darum darf ich Euch wohl nicht erſt erſuchen, ich hoffe, wir werden uns nicht zum letztenmal geſehen haben, und Eure Gattin wird mir die Freude machen, mich auch zu beſuchen.“ Kepler verbeugte ſich tief und ehrfurchtvoll. Um die Perſon Polirena's lag ein Hauch von Er⸗ habenheit, der ſicherlich nicht allein ihrer ſeltenen Schönheit und ihrer vornehmen Geburt angehörte. Ein edler reiner Wille leuchtete aus den ſchönen Augen der Gräfin, um ihren ſanften Mund lag der Ausdruck echter Seelenhoheit und ein etwas, das deutlich zeigte, ſie kenne Schmerz, Entſagung und Selbſtverläugnung. Nie in ſeinem Leben hatte Kepler gefühlt, was in Gegenwart dieſer Frau durch ſeine Seele ſtrömte. 270 Von der Gräfin Roſenberg ging Kepler zunächſt zu Tycho de Brahe. Er fand den berühmten Mann dießmal in ſei⸗ nem Obſervatorium, in welchem künftig Kepler neben ihm arbeiten ſollte. Daß ihm auch hier Vorſchläge gemacht werden würden, vermittelſt des Horoskops und aller anderen Kunſtwerke der Aſtrologie auf den Kaiſer zu wirken, darauf war er jetzt ſchon vorberei⸗ tet und wußte es ſeinem neuen Vorgeſetzten ohne Bitterkeit auseinander zu ſetzen, daß er nicht der Mann ſei, ſich auf dergleichen einzulaſſen. Tycho zeigte ihm dann ſeine vieljährigen Auf⸗ zeichnungen über die Bewegung des Planeten Mars, und mit Erſtaunen und mit aufrichtiger Achtung er⸗ kannte Kepler den Fleiß und die Genauigkeit, mit welchem Tycho daran gearbeitet.— Hier erſchien Tycho de Brahe als der große Mann, der er wirklich war, fähig, ſeine ganze Zeit und Kraft der Wiſſen⸗ ſchaft zum Opfer zu bringen.— Leider hatte die Eitelkeit, den Kopernikus durch die Erfindung eines neuen Sonnenſyſtems zu ſchlagen und ſeinen Ruhm über den dieſes großen Geiſtes zu ſetzen, die Seelt Tycho's vollſtändig verblendet.— Er ſelbſt erkannte bei ſeinen ſorgſamen Beobachtungen, daß ſeine Theo⸗ rie nicht mit den Himmelserſcheinungen überein⸗ ſtimmen n ſten Tage drießlich zen von menſchlich / Laß Ihr währ der Weg undzwanzi nicht ein Das ein Lichtſtr zu ſeinen welche er, pfungswerk welchen all Mit d die Zahlu Grätz ſich ler zunächſt füiumen wolle; als aber Kepler ihn ſchon an dieſem er ſten Tage darauf aufmerkſam machte, zuckte er ver⸗ mal in ſei⸗ drießlich die Achſel und 5— fepler neben zen von ein Paar Gunſier de des man Diferene Vorſchläge menſchlicher Berechnungen zugute halten duntenheit Horoskops ,1„Laßt nur den Kopernikus aus diſe iel,“ gie auf den ſagte er endlich heftig,„auch ſeine Lehre uuui —n vorberei⸗ nicht ſo genau mit den Himmelserſcheinun immt ſetzten ohne Ihr wähnt; da ſchaut her und überzeu 5 Al er nicht da der Weg des Blaneten Mars, dem ich jett ſett au3⸗ 1. undzwanzig Jahren jeden Tag am Hi ſ heigen uf nicht ein Krels, ſondern eine Lenerſen et folge, iſt eten Mars, Das Wort des ſorgſamen Beob e 4 achters ie Achtung er ein Lichtſtrahl in Kepler's Seele und aht wnſoenr nigkeit, mit zu ſeinen nachfolgenden großen Entdeckungen dueß Hier erſchien welche er, gleichſam Gott in ſeiner erhabenen Schö⸗ 4 er wani lüneenwemti belauſchend, die Lehrſätze fand dur er Wiſſen⸗ welchen alle Kenntniß des Weltſyſte 2. er hatte die ſyſtems baſirt iſt.— ndung eines 35 ſeinen Ruhm Dreiundzwanzigſtes Kani n, die Seelt zwanzigſtes Kapitel. lbſt erkannte Mit der Ueberzeu ß Kaif 2.. 1 zeugung daß Kaiſer R ri ſeine Thed⸗ die Zablung ſeines Gehaltes s ſen hanede gen überein⸗ Grätz ſich bei den ſteiermärkiſchen Ständen und 272 dem Erzherzog Ferdinand verwenden würde, und daß der Zuſchuß, den ihm Tycho de Brahe aus kaiſerli⸗ cher Kaſſe zugeſichert, ihn in den Stand ſetzen müſſe, ſeine Familie zu erhalten, war Kepler nach Linz zu ſeinem harrenden Weibe zurückgekehrt Der Abſchied von Rabbi Löw war von beiden Seiten gleich herzlich geweſen und der Gedanke, den würdigen jüdiſchen Gelehrten künftig als einen Freund ſtets in ſeiner Nähe zu haben, erfreute Kep⸗ ler's Herz und ließ ihn die Vereitelung ſeiner Hoff⸗ nung, in der lieben ſchwäbiſchen Heimat eine An⸗ ſtellung zu erhalten, etwas weniger ſchmerzlich em⸗ pfinden. Diejenigen, welche er für ſeine beſten Freunde hielt, ſeine Lehrer Mäſtlin und Hafenreffer, ſchrieben ihm niedergeſchlagen, daß für ihn weniger als je dort etwas zu hoffen ſei, und ihre Briefe klangen ſo eigen⸗ thümlich furchtſam und trüb, daß Kepler nothwendig auf neue und bedeutende Verunglimpfungen ſeines Namens an dem Orte ſchließen mußte, deſſen Achtung jedem Menſchenherzen wohl am theuerſten iſt— in der Heimat.— Ein Sprichwort ſagt:„Der Prophet gilt nichts im Vaterlande,“ und dieß iſt beſonders anzuwenden auf die wahrhaft großen Geiſter, die das Rechte, Wahre und Schöne mit Ernſt erſtreben, ohne für ihre Pe zeichnun mit ihre Au die edelſ hinausre Heimat wenn ſie irgendetn und verſ Klappern wo man benheit 1 Kep Wohin ie er unbem tergrunde mehr und man in? und forſc lienverhäl herabſetzen Leide Schweſter der in 4 1857. XXI de, und daß aus kaiſerli⸗ ſetzen müſſe, ach Linz zu von beiden edanke, den als einen rfreute Kep⸗ ſeiner Hoff⸗ at eine An⸗ merzlich em⸗ ſſten Freunde fer, ſchrieben niger als je gen ſo eigen⸗ nothwendig ungen ſeines lßte, deſſen m theuerſten anzuwenden das Rechte, n, ohne für let gilt nichts ihre Perſon Anſprüche auf Dankbarkeit oder Aus⸗ zeichnung zu machen, ohne ſich zu überheben, oder mit ihren Talenten und Verdienſten zu prahlen Auch heute noch leben die größten Geiſter die edelſten Herzen, deren geiſtige Wirkſamkeit weit hinausreicht in alle Fernen und Zeiten, in ihrer Heimat entweder unbemerkt und ungeehrt oder wenn ſie ſo unglücklich ſind, in ihrer äußern Erſcheinung irgendetwas Auffallendes zu haben, angefeindet und verſpottet. Nur wer das zum Handwerk gehörige Klappern aus dem Grunde verſteht, wird auch da wo man ihn täglich ſieht, den Nimbus der Erha⸗ benheit um ſich zu verbreiten wiſſen. Kepler war in keiner Weiſe der Mann dazu Wohin ihn daher auch ſein Schickſal führte ſtand er unbemerkt von ſeiner nächſten Umgebung im Hin⸗ tergrunde, und während der Ruhm ſeines Genies ſich mehr und mehr durch Europa verbreitete, mäkelte man in Tübingen an ſeinen religiöſen Meinungen und forſchte mit kleinlichem Neide in ſeinen Fami⸗ lienverhältniſſen nach allem, was ihn kränken oder herabſetzen konnte.— Leider gab es dergleichen nur allzuviel. Seir Schweſter Margaretha, die Gattin des äfardars Bin⸗ der in Heumaden, war freilich eine wackere und 1857. XXII. Johann Kepler. III. 18 274 achtbare Frau, die in ländlicher Stille ein zufriedenes Familienleben führte. Auch Chriſtoph, der Zinngießer, der ſich in Leon⸗ berg niedergelaſſen und eine Tochter ſeines früheren Meiſters geheiratet hatte, war ein unbeſcholtener Bürgersmann. Nicht eben ſehr gebildet oder beſon⸗ ders verſtändig, aber er gab doch kein öffentliches Aergerniß und lebte friedlich und fleißig. Anders war es mit Heinrich, dem früheren Landsknecht, der eine fremde, um viele Jahre ältere, laſterhafte und verſchwenderiſche Frau in die Heimat gebracht hatte, welche ſich bemühte, das Leben einer ausländiſchen Courtiſane in dem kleinen ſchwäbiſchen Landſtädtchen fortzuführen. Heinrich Kepler war mit ſeiner Familie in das Haus ſeiner Mutter gezogen, die in der Donna Olym⸗ pia mit den geſchminkten Wangen und dem zahnloſen Munde ihre frühere Todfeindin, die ſie freilich nur flüchtig geſehen hatte, nicht wieder erkannte. Es war indeß der ausländiſchen Schwiegertochter nur zu bald gelungen, ſich die Todfeindſchaft Katha⸗ rinens von neuem zuzuziehen, und das Leben in dem Hauſe, wo dieſe beiden Frauen ſich unaufhör⸗ lich ſtreitend, wie zwei böſe Katzen, gegenüberſtanden, war in Gegenſta Der Frauen weniger in den letzte Re Johann So über ſein Dem Re werden v Faulheit Roheit O hinwegge theil ein Heinrich„ des alten zehrt war Der mißlang die Verwo ſächlich il kommen ſe ſich in d zufriedenes ch in Leon⸗ es früheren beſcholtener oder beſon⸗ öffentliches . im früheren Fahre ältere, die Heimat Leben einer ſchwäbiſchen milie in das m zahnloſen freilich nur nnte. wiegertochter ſchafr Katha⸗ s Leben in unaufhör⸗ müberſtanden, war in Leonberg, Weil und Magſtatt ſehr bald Gegenſtand allgemeinen Geklatſches. Dem Sohn und Gatten der beiden ſchlimmen Frauen war es im Innern ſeines Hauſes nichts weniger als behaglich; ſo lag er denn Tage lang in den Schenken und verthat das Geld, das der letze Reſt vom Vermögen der Familie und vom Erbe Johann Guldenmann's war. So lange ein Liederlicher bezahlt, pflegt man über ſeinen Lebenswandel ein Auge zuzudrücken. Dem Reichen, der mit Gold um ſich werfen kann, werden viele Ertravaganzen zugute gehalten. Seine Faulheit nennt man träumeriſches Weſen, ſeine Roheit Offenherzigkeit. Iſt aber das letzte Goldſtück hinweggeflogen, ſo hat es mit dem günſtigen Ur⸗ theil ein Ende. So war es zu allen Zeiten, und Heinrich Kepler erfuhr das, ſobald die kleine Erbſchaft des alten Großohms bis auf den letzten Deut ver⸗ zehrt war. Der Verſuch, etwas von Apollonia zu erpreſſen, mißlang ihm gänzlich. Frau Wellinger hielt ſich für die Verwalterin eines Vermögens, das künftig haupt⸗ ſächlich ihrem Johannes und deſſen Kindern zugute kommen ſollte, und ſie war nicht die Frau, die ſich in dem, was ſie für Recht hielt, durch das 18* 276 Poltern und Schreien eines rohen Taugenichts ab⸗ bringen ließ. Heinrich Kepler haßte die ſtille, ruhige und feſte Freundin ſeines gelehrten vornehmen Bruders auf das gründlichſte. Er hatte an dieſen Bruder einen langen Bettel⸗ und Drohbrief geſchrieben und Geld von ihm oer⸗ langt.— ‚Man weiß wohl,“ hieß es in demſelben, ‚wo Deine Weisheit, Gelehrſamkeit und Dein vornehmes Weſen herkommen. Die Frau Wellinger, die Dich aufzog, iſt bekannt, und ein leichtes wäre es für mich, ſie und Dich dem Gericht zu überliefern, damit das prüft, woher bei ihr das Geld und Gut, bei Dir das große Wiſſen herkommt.— Weil ich aber Dein Bruder bin, ſo will ich die Sachen auf ſich beruhen laſſen. Der, mit welchem die weiſe Frau einen Pakt geſchloſſen, wird zur rechten Zeit abholen, was ihm gehört; das aber rathe ich Dir, ſchicke mir Geld, viel Geld,— hier ſagt man, Du könneſt Gold machen— ich muß Geld haben. Stellſt Du mich zufrieden, ſo mag alles ſeinen Gang gehen, thuſt Du es nicht, ſo pack' ich die Loni, ſie hat's an mir verdient, die Erbſchleicherin, und dann mag ſie am Brandpfahle ſehen, ob der Teufel ihr hilft.“ Johannes Kepler hatte dieſen Brief zu einer Zeit bek gegen di Er und ſpät eigene tr Hei ſeines ge Apollonie In Zeitgenof Gelehrſan Lebenselir Hieb⸗ un Hilfe un eigentlich des allm Daz welchem künſten A die ſie ausführen wären. Die ſtädtchen Grade ul genichts ab⸗ ge und feſte ruders auf igen Bettel⸗ 8n ihm ver⸗ n demſelben, und Dein u Wellinger, eichtes wäre rüberliefern, Id und Gut, — Weil ich Sachen auf e weiſe Frau Zeit abholen, dir, ſchicke mir könneſt Gold ‚ellſt Du mich gehen, thuſt hat's an mir mag ſie am hilft.⸗ Brief zu einer 277 Zeit bekommen, da er ſelbſt mit ſeiner Familie ſchwer gegen die Noth kämpfte. Er hatte ihn mit einem Seufzer zu ſich geſteckt und ſpäter ſeinem Bruder in einfacher Weiſe ſeine eigene traurige Lage auseinandergeſetzt. Heinrich Kepler glaubte ſo wenig an die Armuth ſeines gelehrten Bruders, als an die Rechtſchaffenheit Apolloniens. In ſeiner Bildung, die Gewöhnlichkeit ſeiner Zeitgenoſſen nicht im mindeſten überragend, hielt er Gelehrſamkeit für die Kenntniß, Gold zu machen, das Lebenselixir zu bereiten, Salben anzufertigen, das Hieb⸗ und Kugelfeſtmachen, und glaubte an die Hilfe und Einwirkung des Teufels bei ſolchen Dingen eigentlich feſter, als an die Güte und Allgegenwart des allmächtigen Gottes. Dazu kam nun noch, daß kein Tag verging, an welchem Katharina Kepler nicht von den Teufels⸗ künſten Apolloniens ſprach und Dinge von ihr erzählte, die ſie allerdings ohne teufliſche Hilfe nicht hätte ausführen können, da ſie an und für ſich unmöglich wären. Die Familie Kepler war in ihrem Heimat⸗ ſtädtchen verachtet und verrufen im allerhöchſten Grade und war es vielleicht umſo mehr, als man 278 wußte, daß ein Glied derſelben Ehre und Auszeich⸗ nung genoß. Die Mutter des berühmten Mathematikers, mit dem Fürſten und Herren in mancherlei Verbin⸗ dungen ſtanden, war— eine böſe Sieben, vielleicht wahrſcheinlich ſogar, eine abſcheuliche Hexe. Sein Bruder ein Taugenichts und der Gatte einer her⸗ gelaufenen Landſtreicherin. Dazu kam nun noch, daß Johannes Kepler, der ſich zu keiner Glaubenspartei mit orthodoxer Strenge hielt, von allen als ein Ungläubiger angeſehen, und von der, zu welcher er gehörte, als ein Feind verfolgt wurde.— So war denn das Sprüchwort:„Der Prophet gilt nichts in ſeinem Vaterlande,“ auf niemanden anwend⸗ bar, als auf den ſanften, frommen und liebreichen Mann, der in den bitterſten Kämpfen mit dem Geſchick keine größere Ermuthigung, keinen heiligern Troſt kannte, als das Streben nach der Wahrheit, nach der Erkenntniß Gottes in ſeinen Werken. In der Heimat war für ihn eine geachtete Stellung nicht zu ermitteln, wohl aber thürmten ſich dort durch die Schuld ſeiner Verwandten neue ſchreck⸗ liche Gewitterwolken zuſammen, die ſich über das V Haupt eines Weſens entladen ſollten, für das Johan⸗ nes Ke Pflicht H Pflegeri und ſeit ihrer Ei S was ſie gung fi ſtündlich Ok zerrüttet Zeit, da Schrank Da lage Motten Arbeiten rina einſt ähnliches bei Kath häuft, 1 pflegte n Schrank Hei ſcheuen en, vielleicht bexe. Sein einer her⸗ in noch, daß ubenspartei en als ein zu welcher wurde.— Prophet gilt den anwend⸗ d liebreichen dem Geſchick ligern Troſt eit, nach der ne geachtete thürmten ſich neue ſchreck⸗ h über das das Johan⸗ nes Kepler freudi Pflicht zu thun, in den Tod gegangen wäre.— Heinrich Kepler glaubte allen Grund zu haben, die Pflegerin ſeines Bruders zu haſſen und zu verabſcheuen, und ſeine Mutter beſtätigte dieſe Meinung mit allen ihrer Einfalt und Roheit zugebote ſtehenden Mitteln. Sie ſelbſt hielt die Frau, der ſo vieles gelang, was ſie nicht ausführen konnte, mit voller Ueberzeu⸗ gung für eine Hexe, und ſprach das täglich und ſtündlich gegen den aufgebrachten Sohn aus. Oben unter dem Dache des Hauſes, das die zerrüttete Familie bewohnte, ſtand noch von der Zeit, da der Vater anweſend geweſen, ein alter Schrank, mit mancherlei werthloſem Plunder angefüllt. Da lagen allerlei alte vergilbte Papiere, einige von Motten zerfreſſene Kleidungsſtücke, ein Paar zerbrochene Arbeiten des Oheim Bildſchnitzer, mit denen er Katha⸗ rina einſt an ihrem Hochzeittage beſchenkt hatte, und ähnliches. Die Muhme Streicherin hatte, wenn ſie bei Katharinen war, in demſelben alles zuſammenge⸗ häuft, was ihr irgend von Werth ſchien, und ſo pflegte man denſelben auch bis zur Stunde noch den Schrank der Muhme zu nennen. Heinrich Kepler, der, wie die meiſten arbeit⸗ ſcheuen Menſchen, ſtets von beſondern Glücksfällen g und mit dem Gefühl, nur ſeine 280 träumte, die ihm begegnen könnten, hatte dieſen Schrank ſchon mehr als einmal durchſucht, immer hoffend, dort einen verborgenen Schatz, einen ver⸗ geſſenen Edelſtein oder dergleichen zu finden. Im⸗ mer aber waren es dieſelben werthloſen Gegenſtände, die ihm, wenn er mit gierigem Blick darin herum⸗ ſuchte, in die Hände fielen. Ein alter blauer Rock der Muhme Streicherin, mit einer in Seide zierlich geſtickten Kante, die wohl eine Mädchenarbeit Apolloniens ſein mochte, war auch darunter. Er hielt ihn in der Hand, wohl zum zehntenmale ſchon, ſeit er in die Heimat zurück⸗ gekehrt war, und bemerkte, daß ſich zwiſchen den tiefen feſt zuſammengehefteten Falten desſelben eine Taſche befand. Mitt bebender Hand griff er hinein. Moehrere kleine Gegenſtände befanden ſich darin— Ein Fingerhut, ein ſteinhartes Brotſtückchen, ein Papier mit einem braunen Puloer, das jetzt noch einen un⸗ angenehmen Geruch verbreitete, und endlich ein zuſammengefalteter vergilbter Brief. Heinrich Kepler konnte gerade genug leſen, um die bleich gewordene Schrift desſelben zu entziffern: „Frau Muhme Streicherin! Ihr wißt, was ich meine, und wißt auch, daß 8 ich Euch Ihr au mich ge waiſtes So frag Iſt meit wißt ſche wißt ſche kochen ur ſoll Euc ſo wäre dem Te und Eue es nicht dem Ang indem ie mir durc „H Hexe— Recht!“ Ein verderbte und Gut müſſe, we neben de tte dieſen cht, immer einen ver⸗ en. Im⸗ egenſtände, in herum⸗ Streicherin, te wohl eine war auch wohl zum nat zurück⸗ riſchen den ſelben eine Mehrere — Ein ein Papier einen un⸗ endlich ein leſen, um entziffern: auch, daß ich Euch kenne; ich könnte Euch verderben, das wißt Ihr auch, und daß ich es nur nicht will, weil Ihr mich genährt und gekleidet, als ich ein armes ver⸗ waiſtes Kind war, iſt Euch auch nicht unbekannt! So frage ich Euch und Ihr verſteht meine Frage: Iſt mein lieber Herr Johann Guldenmann behert? Ihr wißt ſchon, womit, und kann ich den Zauber löſen? Ihr wißt ſchon wodurch. Denn ich kann den guten Trank kochen und kenne den böſen. Schreibt Ihr mir Ja, ſo ſoll Euch verziehen ſein; antwortet Ihr mir nicht, ſo wäre es mir ein Leichtes, und das wißt Ihr, Euch dem Teufel zu übergeben, der Eure Glieder zerreißt und Euern Leib in die Flammen wirft. Ich will es nicht thun, weil ich einen Schauder habe vor dem Angeben; Gott verzeih' mir's, wenn ich ſündige, indem ich den Teufel walten laſſe, aber antwortet mir durchaus und ſogleich durch dieſen Boten. Apollonia.“ „Ha!“ ſagte Heinrich,„da haben wir es— eine Hexe— ſie ſelbſt geſteht es, meine Mutter hat Recht!“— Ein wilder Triumph regte ſich dabei in der verderbten Seele und die Gedanken an das Geld und Gut Apolloniens, das ihm zufallen könne und müſſe, wenn es einmal mit ihr zu Ende ginge, tauchten neben demſelben auf. 282 Er machte ſich auf und wanderte nach Weil, wo einſt die Streicherin vor dem ſchrecklichen Gericht geſtanden, das weder Vernunft, noch Erbarmen, noch Gerechtigkeit kannte. Der Pfarrer Maͤſtlin, ein Vetter von dem Profeſſor Mäſtlin, lebte dort noch, derſelbe, der die Streicherin zum Tode vorbereitet hatte. Zu ihm ging Heinrich Kepler, das verhäng⸗ nißvolle Blatt mit ſich nehmend. „Kennt Ihr meine Baſe, die Wellingerin in Magſtatt?“ fragte er den alten Geiſtlichen, deſſen Strenge die vorrückenden Jahre nicht gemildert hatten. „Ja!“ entgegnete der Greis, und ſeine großen Augen blitzten zu dem Ankläger hinüber. „Habt Ihr niemals Grund gehabt, ſie für eine Unholdin zu halten, Herr?“ fragte Heinrich weiter. „Sachte ſachte!“ entgegnete der Prieſter.„Die Wellingerin hat zwar in ihrer Jugend ſchlechte Bei⸗ ſpiele geſehen, aber in ſpätern Zeiten hat man nichts Schlimmes von ihr vernommen; denn obgleich ſie Kranke heilt, Menſchen und Hausthiere gut zu pfle⸗ gen verſteht und allerlei nützliche Kräuter kennt, ſo geſchieht das Alles unter göttlichem Beiſtande.“— „Herr! in einer Truhe, die immer verſchloſſen iſt in ihrem Hauſe, wohnt ein weißer Teufel, eine 4 / wollen frie dlic Apollo vorſtan ſeine S und er, ſeltene daß m Ehrenk würde. U C lonia der Na als ein gemüth entgege nach Weil, hen Gericht ermen, noch von dem lbe, der die 3 verhäng⸗ Uingerin in hen, deſſen ldert hatten. ſeine großen ſie für eine rich weiter. ieſter.„Die lhlechte Bei⸗ man nichts obgleich ſie ut zu pfle⸗ kennt, ſo ſtande.“— verſchloſſen ſeufel, eine Menge Zauberbücher liegt in demſelben Behältniß, und da leſt dieſen Brief und dann ſagt noch, daß die Wellingerin alles unter göttlichem Beiſtand thut.“ Der alte Prieſter las und auf ſeinem ſtrengen Geſicht erſchien ein finſterer beängſtigender Schatten. „Das iſt ein ſchlimm er Brief,“ ſagte er,„wir wollen und müſſen die Sache unterſuchen.“ In ihren gewohnten Beſchäftigungen und der friedlichen Stille und Einſamkeit ihres Hauſes ahnte Apollonia nicht, welche furchtbaren Leiden ihr be⸗ vorſtanden. Mathias Wellinger war kränklich, für ihn war ſeine Frau, die treue Gefährtin ſeines Lebens, alles, und er, der ihre Frömmigkeit, ihre Wohlthätigkeit, ihre ſeltene Weisheit kannte, hätte wohl eher geglaubt, daß man ihr, die ſo wacker und gut war, einen Ehrenkranz bringen, als ſie ins Gefängniß abführen würde. Und doch geſchah das letztere. Es war ein Herbſttag rauh und kalt. Apol⸗ lonia hatte ihre Spindel hergerichtet und ſaß in der Nähe ihres arbeitenden Gatten am Kaminfeuer, als ein Zug von Menſchen ſich ſchreiend dem alten gemüthlichen Hauſe des verſtorbenen Bildſchnitzers entgegenwälzte. 284 „Was die nur haben mögen?“ ſagte Meiſter Mathias, oon ſeiner kunſtreichen Arbeit, durch den Lärm aufgeſtört, ans Fenſter tretend.„Der Büttel iſt darunter und— der alte Pfarrherr Mäſtlin aus Weil und der Stadtſyndikus von Weil, und— was— was— die kommen hierher, was wollen die in unſerem ehrlichen Hauſe?“ Die Jugend, die bei dergleichen Begebenheiten gewöhnlich ſehr aufgeregt und thätig zu ſein pflegt, hatte ſich auch in Maſſe um die Perſonen verſam⸗ melt, welche gekommen waren, dem ſtillen Magſtatt das Schauſpiel der Abführung einer Hexe zu geben, die jahrelang beinahe unbemerkt in ihrer Mitte ge⸗ lebt hatte. Knabenfäuſte donnerten mit Ungeſtüm an die Hausthür und zwanzig Stimmen riefen zugleich: „Aufgemacht! aufgemacht! im Namen des Her⸗ zogs!“— Apollonia ſtand von ihrem Spinnſtuhle auf und wollte ſelbſt die Thür öffnen, Meiſter Wellin⸗ ger aber ſchob ſie zurück und ſagte:„Da muß ich ſehen, was es gibt, bleib Du ruhig ſitzen, Loni, liebes Weib, uns kann ja der Lärm nicht gelten.“ Aber ſchon nach einer Minute, in der Apollo⸗ nia ruhig weiter geſponnen, trat er leichenblaß und zitternd Thür fe De Sein ſt ſtrenger harten lich erhe nia, wa St Verbrech Seite zu „2 ſagte er Sie un jetzt iſt d Thaten vor, Ihr Stadt T Ap teten Haͤ leiſe be klugen 2 kein Zit „W führt S * te Meiſter durch den der Büttel Läſtlin aus und— s wollen ebenheiten ein pflegt, n verſam⸗ Magſtatt zu geben, Mitte ge⸗ an die zugleich: des Her⸗ luhle auf Wellin⸗ muß ich zen, Loni, gelten.“ r Apollo⸗ blaß und zitternd in die Stube zurück und mußte ſich an der Thür feſthalten, um nicht umzuſinken. Der alte Pfarrherr Mäſtlin trat zuerſt ein. Sein ſtrenges Geſicht war im Lauf der Jahre noch ſtrenger geworden, und als er die durchdringenden harten Augen auf die Matrone richtete, die ſich höf⸗ lich erhoben hatte, ihn zu begrüßen, wußte Apollo⸗ nia, was ihn hierher führte. So hatte dieß Auge einſt auf die unſelige Verbrecherin geblickt, die Apollonia einſt an ſeiner Seite zum Scheiterhaufen geleitet. „Ich habe Sie gewarnt, Apollonia Wellingerin,“ ſagte er in hartem Tone,„ich habe Sie gewarnt, Sie und Ihre Komplice, die Katharina Keplerin, jetzt iſt die Geduld des Himmels ermüdet und Ihrer Thaten harrt der Lohn, den Sie verdienet.— Tretet vor, Ihr Herr Syndikus und Ihr Büttel der ehrbaren Stadr Weil, dieſe Verbrecherin gefangen zu nehmen!“ Apollonia hatte einen Moment lang mit gefal⸗ teten Händen zu Boden geblickt. Es war, als ob ſie leiſe betete, dann aber erhob ſie die ſanften und klugen Augen und ſagte mit einer Stimme, der man kein Zittern und keine Aufregung anhörte: „Was wollen dieſe Menſchen von mir? was führt Sie, Herr Pfarrer, in mein Haus?“ 286 Der Syndikus war nun vorgetreten, entfaltete eine Rolle Papier und las daraus mit lauter Stimme: „Die Apollonia Wellingerin bezüchtigt, Hexerei, item Buhlſchaft mit dem Teufel getrieben und viele Leute an Geſundheit, Leib und Leben geſchädigt zu haben, wird hierdurch vor das Gericht zu Weil der Stadt geladen und iſt der allhier anweſende Büttel verpflichtet und berechtigt, ihr Ketten an Hände und Füße zu legen und ſte, alſo unſchädlich gemacht, in das Stadtgefängniß zu Weil abzuführen.“ Anfangs ſchien Meiſter Mathias nicht zu be⸗ greifen, wovon die Rede ſei. Mit weit aufgeriſſenen Augen ſtarrte er die Anweſenden der Reihe nach an; als aber ſeine Frau zu ihm hintrat, mit ſanfter Hand ſein gebeugtes Haupt ſtreichelte und leiſe, aber mit deutlicher, ſicherer Stimme ſagte:„Faſſe Dich, Mathias! Gott iſt bei uns, auch in dieſem großen Leiden,“: da ſchrie er mit herzzerreißenden Tönen: „Apollonia, mein Weib! mein liebes, liebes Weib! Dich! Dich! wollen ſie von mir reißen? Dich kla⸗ gen ſie der Hexerei an?“— Es ſchien, als ob die kleine zarte Geſtalt der bejahrten Frau an Größe und Stattlichkeit zuge⸗ nommen hätte, während der Menſchenſtrom ſich um ſie drän eigenthü milde bl Als Du die Stre Dein W Du auf lange ge genießen wir uns Sie entgegen denen 2 glückliche de er te derer beſ Die net und Hand hä Ma über ſei Gefängnt —, entfaltete mit lauter gt, Hexerei, n und viele eſchädigt zu dt zu Weil anweſende n an Hände ich gemacht, een. nicht zu be⸗ ufgeriſſenen Reihe nach mit ſanfter Hleiſe, aber Faſſe Dich, em großen Dich kla⸗ Geſtalt der hkeit zuge⸗ i ſich um ſie drängte. Sie hatte das Haupt erhoben und ein eigenthümlicher Glanz ſtrahlte aus ihren ſonſt ſo milde blickenden Augen. „Mathias, mein Herzensfreund, mein wackerer rechtſchaffener Gatte,“ ſagte ſie laut und feſt,„er⸗ trage dieſes als eine von Gott kommende Prüfung. Als Du den Muth hatteſt, das arme Mädchen, das die Streicherin langſam zu Tode gequält hätte, als Dein Weib an Dein Herz zu nehmen, da mußteſt Du auf dieſen Augenblick gefaßt ſein. Er hat lange gezögert! Gott ließ uns viel reines Glück genießen in dieſem Erdenleben, im Himmel werden wir uns wiederſehen!“ Sie ſtreckte ihm die ſchon gefeſſelten Hände entgegen, dieſe kleinen, immer thätigen Hände, aus denen Mathias Wellinger in den Jahren ihrer glücklichen Ehe jede Lebensfreude empfangen hatte, die er täglich ſtündlich mit Arbeiten zum Beſten An⸗ derer beſchäftigt geſehen hatte. Die Feſſel war für einen ſtärkeren Arm berech⸗ net und ſo weit, daß Apollonia ohne Mühe die Hand hätte hindurch zwängen können. Mathias bemerkte dieß und ein Lächeln glitt über ſein Geſicht. So konnte ſeine arme Loni im Gefängniß doch die ſchrecklichen Eiſen abſtreifen. Er 288 ergriff ihre beiden Hände und zog ſie an ſeine Lip⸗ pen, und zwei brennende Thränen fielen aus ſeinen Augen darauf. Apollonia wendete ſich dann an den Pfarrer und ſagte demüthig:„Sie ſind ein Diener Gottes und des Erlöſers, Domine Mäſtlin, haben Sie Er⸗ barmen und laſſen Sie mich noch fünf Minuten mit meinem Manne allein ſprechen.“ Der alte Pfarrherr aber ſtemmte die Arme in die Seite und ſagte ſtreng:„Glaubt Sie, Wellinge⸗ rin, mich betrügen zu können? Glaubt Sie, daß der Teufel über mich Macht hat?— Sehe Sie mich immerhin an mit Ihren bittenden barmherzigen Augen, ich bin feſt in meinem Herzen und ſage Ihr und Ihresgleichen: vade retro, Satanas!“ „Woh., ſo will ich in Ihrer Gegenwart ſagen, was ich wünſche,“ antwortete die Unglückliche ohne Zorn.„Mathias, mein Lieber, gib mir den Ring, der dort in dem kleinen emaillirten Schächtelchen liegt, und meine Spindel, ſorge auch dafür, daß mir von Zeit zu Zeit in mein Gefängniß guter Flachs ge⸗ bracht werde, damit ich die langen traurigen Stun⸗ den einwenig durch eine nützliche Arbeit verkürzen kann. Der Ring, der von Werth iſt, ſoll Euch, Herr Pfarrer, als Andenken bleiben, wenn Ihr mich zum Tode vr ich ſpin „* dieſer, 1 geworfen mag Mo „S mein lie noch ein und gan „komm, führt ha langen Deines ſtreut, ſo wo ich d ſpielen pf Mat Muth un „Gott ſei Herz ziehe kräfte ver retten!”¹ Er h 1857. XXII ſeine Lip⸗ aus ſeinen den Pfarrer ener Gottes en Sie Er⸗ if Minuten ie Arme in „Wellinge⸗ bie, daß der e Sie mich armherzigen id ſage Ihr 141 wart ſagen, ckliche ohne den Ring, telchen liegt, ß mir von Euch, Herr mich zum Tode vorbereitet haben werdet, und das Garn, das ich ſpinne, mag an die Armen vertheilt werden. Seid Ihr das zufrieden, Domine Mäſtlin?“ „Man zeige mir Ring und Spindel,“ entgegnete dieſer, und als er auf beides einen flüchtigen Blick geworfen, ſagte er:„Ich ſehe nichts teufliſches daran, mag Malefikantin die Sachen mit ſich nehmen.“ „So beſchütze Dich denn der allmächtige Gott, mein lieber, geliebter Freund,“ ſagte Apollonia, ſich noch einmal an ihren Gatten wendend, der troſtlos und ganz gebrochen in einen Stuhl geſunken war; „komm, gib mir Deine Hand, die mich zu Glück ge⸗ führt hat, aus der ich nur Gutes empfing dieſe langen Jahre, und wenn der Wahnſinn die Aſche Deines armen Weibes fluchend in die Winde ver⸗ ſtreut, ſo bete Du für mich unter dem Birnbaum, wo ich als junge Frau mit meinem Johannes zu ſpielen pflegte.“— Mathias Wellinger hatte ſich jetzt erhoben, Muth und Entſchloſſenheit lagen in ſeinen Zügen. „Gott ſei mit Dir, mein Weib,“ ſagte er, ſie an ſein Herz ziehend,„und verlaß Dich darauf, was Menſchen⸗ kräfte vermögen, werde ich aufbieten, um Dich zu retten!“ Er hatte dieſe letzten Worte ihr leiſe ins Ohr 1857. XXII. Johann Kepler. III. 19 290 geflüſtert; der Pfarrer aber, welcher das bemerkte, ſagte ſtreng:„Keine heimliche Verabredungen, keine Zeichen mit der Malefikantin gewechſelt, dieſes iſt geſetzwidrig. Mathias Wellinger, wahret Eure eigene Seele vor dem Einfluß des Teufels und ſeiner Ge⸗ noſſenſchaft.“— Er ſchritt zur Thür hinaus in Begleitung des Syndikus und von dem Büttel und einigen Stadt⸗ ſoldaten dicht umringt, folgte ihnen die gefeſſelte Apollonia. Die unglückliche Frau mußte ihre Gedanken ſammeln, um ſich des Schlages, der ſie getroffen, vollſtändig bewußt zu werden. Sie war nur in ihrer gewohnten Haustracht, dem reichgefalteten dunkelblauen Rocke, dem Mieder von ſchwarzem Tuche und der ſchwäbiſchen Haube. Sie hatte nicht daran gedacht, ſich vor dem rauhen Wetter durch einen Mantel zu ſchützen; ſo ſaß ſie denn auf dem Strohwagen neben dem Büttel, an jeder Seite desſelben ſchritt ein Soldat, und vor ihnen her fuhren in einem ſtattlicheren Wagen der Syndikus und der Pfarrer. Die Bewohner von Magſtatt liefen fluchend hinter dem Wagen her, welcher die Hexe zum Ge⸗ richt führte. Es waren ſo manche darunter, denen Apollonia größere und kleinere Dienſte geleiſtet hatte, jeder aber rei zu erz durch ihr Zeit das Knechtes gen zu J aus, und es gerade Apoll ſeit dem Streicherin Wohlthat dem Ringe Erbarmen ſtarkes Her „wohl mir, Barmherzig Ring, das terlaſſen, en baren Gift ſchmerzlos!: die unglückl dasſelbe der bemerkte, jeder aber wußte jetzt eine Geſchichte von ihrer Here⸗ en, keine rei zu erzählen, vor allen aber diejenigen, denen ſie dieſes iſt durch ihre einfachen Medikamente zu irgendeiner re eigene Zeit das Fieber kurirt, oder eine Wunde geheilt hatte. iner Ge⸗„Wo der Weg ſich theilt, und die eine Hälfte nach Böhningen abbiegt,“ ſagte die alte Mutter des tung des Knechtes Sepp,„hier hat ſie meinen armen Jun⸗ n Stadt⸗ gen zu Tode gehert, die Strafe bleibt aber nicht gefeſſelte aus, und wenn ſie am Brandpfahle ſchreit, ſo wird es gerade recht ſein.“ Gedanken Apollonia hörte die Worte der Frau, der ſie getroffen, ſeit dem ſchrecklichen Tode ihres Sohnes, den die Streicherin verſchuldet, jede in ihren Kräften ſtehende ustracht, Wohlthat erwieſen, und faßte mit leiſer Hand nach Mieder dem Ringe an ihrem Finger.„Bei Menſchen iſt kein i Haube. Erbarmen für mich zu finden,“ dachte ſie, und ihr in rauhen ſtarkes Herz wand ſich in Schmerz und Kummer, o ſaß ſie„wohl mir, daß ich das Mittel beſitze, mich der küttel, an Barmherzigkeit Gottes zu übergeben.“— Dieſer und vor Ring, das einzige Erbe, das die Streicherin ihr hin⸗ hagen der terlaſſen, enthielt eine Pille des feinen, aber unfehl⸗ 8 baren Giftes, das im fernen Welſchland bereitet, fluchend ſchmerzlos und raſch dem Leben ein Ende macht, und zum Ge⸗ die unglückliche Frau war der Gewißheit froh, durch er, denen dasſelbe den Qualen der Folter entgehen zu können. tet hatte, 19* 292 Der Herbſtwind wehte rauh in das Geſicht der Armen und die Ketten in ihrem Schooße klirrten mit unheimlichem Geräuſche bei den Stößen des Wagens: „Ein kalter, einſamer, trauriger Weg, den ich zum Tode gehe,“ dachte Apollonia,„aber der Tod ſelbſt iſt kein Uebel, er macht allen Erdenübeln ein Ende und führt uns entweder zur ſanfteſten Ruhe, oder zu einem Zuſtande, der beſſer iſt, als das Leben dieſer armen Erde’“— Plötzlich hörte ſie den Trab eines Pferdes hin⸗ ter ſich.— Sie wußte, wer ihr ſolge, ohne daß ſie ſich umſchaute, und an einer Stelle, wo der Weg breit genug wurde, um dieß zu geſtatten, ſprengte Mathlas Wellinger an den Wagen, in welchem ſein gefeſſeltes Weib ſaß, er hatte vor ſich auf dem Pferde Apolloniens warmen Mantel und einige Bettſtücke und warf dieſe Dinge Apollonten zu.— Sein wei⸗ ßes Haar wogte dabei im Winde, ſeine Wangen glühten und ſeine Augen glänzten in einem faſt jugendlichen Feuer.„Denke in Deinen Aengſten daran, meine herzliebe Loni,“ ſagte er,„daß ich alles thun werde, Dich zu retten; ich gehe nach Tübingen, Dir einen gelehrten Vertheidiger zu ſuchen, ich werfe mich Sr. Gnaden dem Herzog zu Füßen, ich werde Dich retten, Loni, mein Weib, ich werde Dich retten, wenn es einen Gott im Himmel gibt.“ „Ich „Du erzer zutheil we eiſige Wir armer rech Dant ihn, ihr d tern zu I. menſchliche rührt von hüllte ſie erſtarrten Math gen rollte bunten W im Dämn ſchwarzen2 volle Erziel und hinein hielt vor d Rauhe Beſonnenhe ſie von ſo Flachs, ihr darauf athr Kerkers und kſicht der rten mit ich zum ſelbſt iſt ende und zu einem ſprengte chem ſein m Pferde Bettſtucke Sein wei⸗ Wangen inem faſt ten daran, lles thun agen, Dir verfe mich erde Dich ten, wenn „Ich danke Dir, Mathias,“ ſagte Apollonia, „Du erzeigſt mir die größte Wohlthat, die mir jetzt zutheil werden kann; mich friert, es iſt, als ob der eiſige Wind mein Herz erſtarrte. Verzweifle nicht, armer rechtſchaffener Mann. Gott ſegne Dich!“ Dann wondete ſie ſich an den Büttel und bat ihn, ihr den weichen warmen Mantel um die Schul⸗ tern zu legen, und der harte, an alle Szenen des menſchlichen Elends gewohnte Mann fühlte ſich ge⸗ rührt von dem Blicke der unglücklichen Gefangenen, hüllte ſie warm ein und legte die Betten auf ihre erſtarrten Füße. Mathias lenkte ſein Pferd zurück und der Wa⸗ gen rollte vorwärts, vorwaͤrts durch den herbſtlich bunten Wald, vorwärts über Berg und Thal— im Dämmerdunkel des Abends, vorüber an den ſchwarzen Brandpfählen, an deren einem die ſünden⸗ volle Erzieherin Apolloniens ihr Leben geendet hatte, und hinein in das alte Thor der Stadt Weil. Er hielt vor dem Gefängnißthurme. Rauhe Hände faßten die unglückliche Frau. Mit Beſonnenheit hielt ſie die Gegenſtände feſt, die für ſie von ſo großem Werthe waren, ihre Spindel, ihren Flachs, ihre Betten, ihren Mantel. Eine Minute darauf athmete ſie die Moderluft eines unterirdiſchen Kerkers und fühlte ſich in der dicken Finſterniß allein. 294 Nachdem ſie einige Augenblicke erſchöpft ſtill aus dieſe geſtanden, bemerkte ſie den Schein und den Luftzuug Deiner der Fenſteröffnung. Dorthin ſchwankte ſie und ſetzte Prüfung ſich an dem Platze nieder, an dem ein Wehen der Dan Luft, ein Schimmer von Helle ihr die Gewißheit Ringes, gab, daß ſie nicht lebendig begraben ſei. für ſie en „Wohl mir!“ war ihr erſter Gedanke, als ſie kenlos hi hier, die Augen ſtarr nach dem dämmerigen Streifen des Fenſt des Fenſters gerichtet, auf ihren Betten ſaß,„wohl Stu mir, daß in der Heimat kein Kind um mich weint. ihr vorül Iſt es Gottes Wille, daß ich dieſen Leidenskelch pochten in leeren ſoll, ſo weiß ich jetzt, daß ich ihm für keine ſinnig ſei größere Gnade zu danken habe, als für dieſe, welche wachte in einſt mir ſo tiefen Kummer machte.“ zu grauen Dann zog in Bildern, die faſt die Klarheit von haften Li Viſionen hatten, ihre Jugend im Hauſe der Strei⸗ Steinwän cherin an ihren Augen vorüber, und dann ſah ſie von Spin ſich ſelbſt als junge Braut, überglücklich, mit ihrem konnte, ern Mathias am Hochzeitabende die kleine Wohnung Sie betreten, welche der alte Meiſter Guldenmann ihnen bange Nach eingerichtet. den Hände „Du haſt mir, o Herr, mein Gott! des Glückes Es n ſo viel gegeben, haſt mich erlöſt aus der Knechtſchaft oder vieln des boshaften Weibes durch die Hand treuer Liebe!“ Decke befo betete ſie mit lauter Stimme:„Du kannſt mich auch über dem öpft ſtill 1 Luftzug und ſetzte Behen der Gewißheit e, als ſie Streifen 5,„wohl ich weint. idenskelch für keine ſe, welche rheit von her Strei⸗ tin ſah ſie it ihrem Wohnung un ihnen es Glückes mich auch aus dieſer Pein erlöſen, hilf mir! ſteh' mir bei mit Deiner Kraft— damit meine Schwäche in dieſer Prüfung nicht erliege!“ Dann drückte ſie an der kleinen Kapſel des Ringes, der Befreiung von den ſchrecklichſten Qualen für ſie enthielt, und ſtarrte ſchlaflos und faſt gedan⸗ kenlos hinauf nach dem Luftloch, das die Stelle des Fenſters vertrat.— Stunden mit Blei an den Füßen ſchlichen an ihr vorüber. Ihre Augen glühten und ihre Pulſe pochten im Fieber. Eine dunkle Angſt, daß ſie wahn⸗ ſinnig ſei und alle dieſe ſchrecklichen Dinge nur träume, wachte in ihrem Herzen auf; erſt als der Tag leiſe zu grauen begann, als ſie bei dem matten, zweifel⸗ haften Lichte, das in ihren Kerker fiel, die grauen Steinwände desſelben, den modrigen Fußboden, die von Spinnweben dicht überzogene Decke erkennen konnte, erwachte ein Theil ihrer Seelenkraft von neuem. Sie ſtand auf von dem Platze, wo ſie die todes⸗ bange Nacht zugebracht hatte, und ging, die Ketten von den Händen ſtreifend, in ihrem Kerker auf und nieder. Es war ein kellerartiger Raum, und das Fenſter, oder vielmehr Luftloch desſelben, das ſich an der Decke befand, lag wahrſcheinlich nur wenige Zoll über dem Niveau der Straße. —— 296 Eine grünliche Feuchtigkeit ſickerte langſam von den rauhen Steinwänden hinab, und in allen Winkeln hockten Kröten, die mit glänzenden Augen ihre Hausgenoſſin anſtarrten. Apollonia, die Schülerin einer verrufenen Herxe, hatte keinen Widerwillen gegen irgendein Thier. Die Streicherin hatte ſie als kleines Ding gelehrt, Kröte und Molch zu fangen und dieſe lichtſcheuen Geſchöpfe zu allerlei Hexenſtückchen abzurichten. Sie betrachtete auch jetzt die häßlichen Thiere mehr wie eine Geſellſchaft, als daß ſie in ihnen eine Vermeh⸗ rung des Elends ihres Aufenthaltes geſehen hätte. „Ihr ſeid kalt und ſchlüpfrig, arme Thierle,“ ſagte ſie, die traurigen Augen auf dieſelben gerichtet, „aber kein Falſch und kein Gift iſt in euch. Wer weiß, wie viel Leid und Elend ihr ſchon geſehen, wie viel verzweifeltes Geſchrei, wie viel gottesläſter⸗ liche Flüche ihr gehört haben mögt! Ich aber will nicht fluchen und läſtern, ich will hier in dieſen öden Mauern meine Gedanken feſt auf den Erlöſer richten, der ſchuldlos am Kreuze ſtarb und Mar⸗ tern und Qualen, ſchwerer als die, welche ich zu leiden haben werde, mit Geduld, ohne zu murren, ertrug.“ Ein mürriſcher Wärter bbrachte ihr Waſſer und einige Na auf faſt wu ſie noch nic und Erde Kerkers dra in ihr Ohr. hörte die S begann un⸗ ſogar ein Menſchen. So w ſchwunden 1 die einſame Gemüthsauf den; ſie ſan traumloſen G. den Morgen Tag nq anderer Tro der Glocken Zweim das ſchmale Kerkers. Enr Bote, den 6 ihn mit eine langſam in allen Augen en Hexe, Thier. gelehrt, ttiſcheuen en. Sie hehr wie Vermeh⸗ hätte. Thierle,“ gerichtet, ). Wer geſehen, tesläſter⸗ ber will dieſen Erlöſer d Mar⸗ e ich zu murren, iſſer und einige Nahrungsmittel. Sie trank und fühlte ſich auf faſt wunderbare Weiſe erquickt, eſſen aber konnte ſie noch nichts; es war, als ob ihr Mund mit Sand und Erde gefüllt ſei. Durch die Fenſteröffnung ihres Kerkers drang der Laut des Lebens auf der Straße in ihr Ohr. Sie hörte Pferdegetrappel, Wagengeraſſel, hörte die Stadtuhr ſchlagen, und als es zu dunkeln begann und alles andere Geräuſch ſchwieg, auch ſogar ein paarmal das Sprechen vorübergehender Menſchen.— So war der erſte Tag ihrer Kerkerhaft ver⸗ ſchwunden und der frühe niederſinkende Abend traf die einſame Gefangene tödtlich ermüdet durch die Gemüthsaufregungen der letzten vierundzwanzig Stun⸗ den; ſie ſank auf ihr Lager und ſchlief einen ſanften traumloſen Schlaf, aus dem ſie erſt beim dämmern⸗ den Morgenlicht erwachte. Tag nach Tag verſchlich ihr ſo, ohne daß ein anderer Troſt in ihren Kerker drang, als der Ton der Glocken und das Licht des Tages. Zweimal beſuchte ein Sonnenſtrahl, ſich durch das ſchmale Luftloch ſtehlend, den Fußboden ihres Kerkers. Er ſchien der einſamen Gefangenen ein Bote, den Gottes Liebe ihr ſandte, und ſie grüßte ihn mit einem heißen Gebete. 298 So waren zwölf lange bange Tage vergangen, manche Stunde derſelben hatte die Arbeit mit der Spindel kürzen helfen, andere waren verfloſſen in heißem Gebete. Apollonia war zu einem Schatten hingeſchwun⸗ den, und ihr vor kurzem noch braunes Haar hatte ſich in Silber verwandelt, da tönte der Schritt des Kerkermeiſters zur ungewohnten Stunde, die Thür öffnete ſich und zwei Hellebardiere erſchienen, die Apollonia Wellingerin vor ihre Richter zu führen. Einen Augenblick ſchlug das Herz der Unglück⸗ lichen, als wolle es ihr die Bruſt zerſprengen. Sie legte ihre gefüllte Spindel auf ihr Lager, hüllte ſich in ihren Mantel, um die Mangelhaftigkeit ihrer Kleidung, die ſchon zu reißen begann, zu verdecken, und folgte ihren Führern zwei Treppen hinauf in einen langen und ſchmalen Saal. Hier ſaßen an einem erhöhten Tiſche fünf Männer, von denen drei Apollonien als Schöppen der Stadt Weil längſt bekannt, zwei dagegen ihr völlig fremd waren. Der eine war als Hexenrichter zu fürchterlicher Berühmtheit gelangt, der andere ſein erſter Schreiber Balthaſar Graul. Der ſchreckliche Mann heftete ſeine grauen Au⸗ gen feſt auf das ſanfte bleiche Geſicht Apolloniens; es war, a bohren, un und Alter Apoll jetzt mit n Minuten d „Apo Bund mit in ihrem 4 in einer T dahin in a gottloſe W ſtets das b Ihr Obſt d dieſe Dinge chen Mittel Sie angekl fels allerh unter dem Kranke verſ derung ihre Unglücklichen ihrer ewige erworben. G einer argen vergangen, ſeit mit der verfloſſen in ingeſchwun⸗ Haar hatte Schritt des , die Thür chienen, die u führen. der Unglück⸗ engen. Sit ep, hüllte ſich igkeit ihrer zu verdecken, hinauf in inf Männer, der Stadt er Schreiber lpolloniens; grauen Au⸗ es war, als wollte er ſie in ihr leidendes Herz ein⸗ bohren, und die Stimme, mit der er nach ihrem Namen und Alter fragte, klang rauh und heiſer. Apollonia hatte leiſe gebetet und antwortete jetzt mit mehr Ruhe und Muth, als ſte noch vor Minuten von ſich gehofft hätte. „Apollonia Wellingerin, Sie iſt angeklagt, einen Bund mit dem Teufel geſchloſſen zu haben, der ſich in threm Hauſe in Geſtalt einer ſchneeweißen Frau in einer Truhe eingeſperrt befindet, und Ihr bis dahin in allen Dingen auf höchſt ſcheußliche und gottloſe Weiſe beigeſtanden hat, ſo daß Ihr Vieh ſtets das beſte, Ihr Gemüſe ſtets das vortrefflichſte, Ihr Obſt das ſchönſte und ganz anders, als man dieſe Dinge mit gewöhnlichen erlaubten und chriſtli⸗ chen Mitteln erzielen kann, geweſen iſt. Ferner iſt Sie angeklagt, mit Hilfe des beſagten weißen Teu⸗ fels allerhand Tränke gebraut zu haben, die Sie unter dem Namen Herzſtärkungen an Arme und Kranke verſchenkt, dieſen auch dadurch meiſtens Lin⸗ derung ihrer Pein verſchafft hat, ſo daß ſothane Unglücklichen mit Teufels Hilfe, ergo mit Verluſt ihrer ewigen Seligkeit, Geſundheit und Wohlſein erworben. Sie iſt fernerhin angeklagt, die Schülerin einer argen Hexe, genannt die Streicherin, zu ſein, 300 und endlich zu wiſſen, daß eine zweite ſchreckliche Schülerin dieſer Unholdin ſeit vielen Jahren ihr zauberiſches und ſchändliches Weſen treibt. Es iſt dieß die Katharina Keplerin, zur Zeit in Leonberg wohnhaft. Gebe Sie Gott die Ehre und rede Sie vor dieſem verſammelten Gerichte die Wahrheit!“ Er ſchwieg; auch Apollonia ſchwieg und blickte traurig auf ihre Ankläger, während eine unſägliche Angſt für ihre unglückliche Jugendgefäͤhrtin ihr Herz zuſammenzog. „Ich glaube,“ hob der furchtbare Hexenrichter nach einigen Minuten wieder an,„Inkulpatin iſt von einem tauben Teufel beſeſſen, ſo daß ſie uns weder ver⸗ nehmen, noch Antwort geben kann. Man rufe den würdigen Dominum Mäſtlin, daß er ſie exerzire.“ „Was ſoll ich antworten?“ ſagte die unglückliche Frau, und ihre ſanfte und klare Stimme war deutlich hörbar in jedem Winkel des Gemaches;„wenn ich auch verſichere, daß ich unſchuldig bin, würde jemand von meinen Richtern mir glauben?“ „Schreibt, Balthaſar Graul, ſchreibt, daß In⸗ kulpatin des Verbrechens der Hexerei geſtändig iſt,“ ſchrie der vorſitzende Richter. „Gott der Allmächtige behüte mich, daß ich alſo auf mich ſelbſt lügen ſollte,“ entgegnete Apollonia feſt.„Ich? obgleich ich einer böſen rin verlebe „Hör. der Vorſitze Unholdin g „Wie Apollonia, iſt. Wenn meine troſtt Weibes zul obgleich ich Wandel gef getragen un habe, als Menſchenge ich auf das „Schn Weib,“ don ſanften Mie landes nicht Sie in ſich, Sünden, da Schöpfer ve ſchreckliche ahren ihr 7. Es iſt Leonberg rede Sie hrheit!“ und blickte unſägliche in ihr Herz richter nach von einem weder ver⸗ n rufe den rerzire.“ unglückliche ar deutlich „wenn ich rde jemand t, daß In⸗ ändig iſt,“ aß ich alſo Apollonia feſt.„Ich verſtehe von Hererei und Zauberkunſt nichts, obgleich ich leider meine verlaſſene Kindheit im Hauſe einer böſen und verbrecheriſchen Frau Renata Streiche⸗ rin verleben mußte.“ „Hört Ihr's, ſchreibt, Balthaſar Graul,“ ſchrie der Vorſitzende,„ſie iſt geſtändig, die Schülerin jener Unholdin geweſen zu ſein.“ „Wie könnte ich etwas leugnen wollen,“ entgegnete Apollonia,„was hier in Weil jedem Kinde bekannt iſt. Wenn es hinreicht, mich zu verdammen, daß ich meine troſtloſe Kindheit im Hauſe jenes ſchrecklichen Weibes zubringen mußte, ſo bin ich ſchon verdammt, obgleich ich mein Lebenlang einen rechtſchaffenen Wandel geführt, Gott und den Erlöſer im Herzen getragen und mir keine andern Sünden vorzuwerfen habe, als die aus der allgemeinen Schwäche des Menſchengeſchlechts ſtammen und zu deren Vergebung ich auf das Blut meines Heilandes rechne.“ „Schweige Sie, böſes, hinterliſtiges, abſcheuliches Weib,“ donnerte der Richter,„beleidige Sie mit Ihren ſanften Mienen und mit Ihrer Anrufung des Hei⸗ landes nicht Gott und ein preisliches Gericht. Gehe Sie in ſich, bekenne Sie die Menge Ihrer ſchwarzen Sünden, damit Sie im Tode Buße thun und Ihren Schöpfer verſöhnen kann.“— 302 Ein ſchmerzliches Lächeln glitt über Apolloniens bleiches Geſicht, ſie faltete die Hände und blickte ſchweigend auf ihre Richter. Es lag etwas ſo ſanftes, mildes und würdiges in dem ganzen Weſen der alten Frau, daß ſelbſt dieſe harten und vom ſchlimmſten Vorurtheil befange⸗ nen Männer den Einfluß davon ſpürten. „Der Teufel ſitzt in Ihren Augen,“ ſagte der Vor⸗ ſitzende,„der Teufel, der die Herzen weich macht und durch Mitleid vom Wege die Gerechtigkeit ab⸗ lenkt. Schaue Sie, Apollonia Wellingerin, uns nicht ſo ſcharf ins Geſicht, damit wir vor der Macht Ihrer Bezauberung ſicher bleiben, und antworte Sie uns ohne Umſchweif, was für ein Teufel iſt das, der ſich in Geſtalt eines ſchneeweißen Weibes in einer Truhe in Ihrem Hauſe befindet?“ Apollonia dachte eine Weile nach, dann ſagte ſie ruhig:„Was Sie einen Teufel in Geſtalt eines ſchneeweißen Weibes nennen, iſt ein ſchönes heidniſches Götterbild, das ſich ſchon ſeit langen Jahren im Beſitze meines Wohlthäters, des verſtorbenen Bild⸗ ſchnitzmeiſters Johann Guldenmann, befindet. Ein vornehmer Edelmann aus Böhmen, von einer weiten Reiſe zurückkehrend, wurde hier in Wür⸗ temberg von Buſchkleppern überfallen und wehrte ſich mit ſe folge geger Landsknech Guldenmal ſeinem Kn⸗ davon, nal ſchleppen k Helfer ein, trug, dankt und zog ſer Leute, die mann abge worin er ge aufzuheben, ihm anvert Der Schlüſ fand ſich w befeſtigt, jen alles ſteht im Zimmer wir warten abgeholt we „Oho! abgeſchmackte Gerichte auf polloniens ind blickte würdiges daß ſelbſt l befange⸗ te der Vor⸗ eich macht tigkeit ab⸗ uns nicht hacht Ihrer e Sie uns das, der s in einer dann ſagte ſtalt eines heidniſches ahren im ſenen Bild⸗ ndet. Ein won einer in Wuͤr⸗ nd wehrte ſich mit ſeinem, aus fünf Perſonen beſtehenden Ge⸗ folge gegen mehr als noch einmal ſoviel verlumpte Landsknechte, als eben der rüſtige Geſell Johann Guldenmann des Weges kam und von hinten mit ſeinem Knittel über die Schufte herfiel. Sie liefen davon, nahmen aber von dem Gepäck mit, was ſie ſchleppen konnten. Der böhmiſche Herr gab ſeinem Helfer eine ſchöne Goldkette, die er um den Hals trug, dankte ihm ſehr, ſchrieb ſich ſeinen Namen auf und zog ſeines Weges. Nach einigen Wochen kamen Leute, die eine ſchöne Truhe an Johannes Gulden⸗ mann abgaben und ihm einen Brief dabei gaben, worin er gebeten ward, die Truhe und ihren Inhalt aufzuheben, bis jener böhmiſche Edelmann, der ſie ihm anvertraue, ſie von ihm zurückfordern würde. Der Schlüſſel war dabet. In dieſer Truhe nun be⸗ fand ſich wohlverpackt und mit eiſernen Schrauben befeſtigt, jenes weiße Marmorbild und viele Bücher, alles ſteht noch ſo, wie ich es ſeit Jahren kenne, im Zimmer meines verſtorbenen Wohlthäters, und wir warten noch bis auf den heutigen Tag, daß es abgeholt werde.“ „Oho!“ ſagte der Richter;„eine ſolche dumme abgeſchmackte Mähr wagt Sie einem erleuchteten Gerichte aufzutiſchen? Beſinne Sie ſich eines Beſſern, 304 Apollonia, und antworte Sie, was mit Vernunft und Wahrheit übereinſtimmt.“ Die arme Frau blickte gen Himmel, was ſollte ſie antworten auf ſolche thörichten Worte! Wo der Wahnſinn zu Gerichte ſitzt, kann weder Vernunft, noch Sanftmuth, kann auch die ſonnenklarſte Wahrheit nicht auf ein geſundes Urtheil hoffen. „Ich kann nicht mehr, als ſterben,“ dachte ſie, „und Gott im Himmel wird mir verzeihen, wenn ich einen ſchmerzloſen freiwilligen Tod dem martervollen vor⸗ ziehe, den das blinde Vorurtheil mir hier bereitet.“ Ein tiefer Schreck aber durchzuckte ihre Seele, als nach mehrſtündigem Verhör über hundert nichts⸗ bedeutende Kleinigkeiten ihre Richter jetzt mit furcht⸗ barem Ernſte in ſie drangen, zu geſtehen, daß Katha⸗ rina Kepler ihre Mitſchuldige und eben wie ſie eine Schülerin der Renata Streicherin ſei. „Dieſe Frau,“ ſagte der Richter ſalbungsvoll, „dieſe Katharina Keplerin iſt ſchon darum unerlaubter Zauberkünſte höchſt verdächtig, weil ſie einen Sohn hat, deſſen Gelehrſamkeit ſich ebenfalls ſehr zur Zauberei hinneigt. Einen Sohn, der ſich der Zucht der heiligen Kirche nie fügen und anbequemen wollte. Ueberdieß braut ſie ſelbſt Zaubertränke, ſpricht aller⸗ lei Zauberſprüche und iſt in ihrem Wohnort Leon⸗ berg längſt von jedermann gemieden.“ „S ich die W den Auge Zauberin, etwas vo lernen; e Katharina und Gut den Eheg ihrer Art „Ma Wellingeri Ihr in Gü greifen ſol verſteckten Die nahm in Seelenang „Joh jammerte theuern H als Hexe macht, zu Dein arme Alle( wußke da 1857. XXII * 89 Vernunft was ſollte ! Wo der nunft, noch Wahrheit dachte ſie, un ich einen vollen vor⸗ r bereitet.“ hre Seele, dert nichts⸗ mit furcht⸗ baß Katha⸗ wie ſie eine lbungsvoll, (ſunerlaubter inen Sohn ſehr zur der Zucht men wollte. richt aller⸗ hnort Leon⸗ A „So helfe mir Gott in meiner letzten Noth, als ich die Wahrheit rede,“ ſagte Apollonia mit leuchten⸗ den Augen,„Katharina Kepler iſt keine Hexe und Zauberin, nie hat ſie auch nur Gelegenheit gehabt, etwas von den böſen Künſten der Streicherin zu er⸗ lernen; es hat im Gegentheil dieſe böſe Frau die Katharina und ihren landflüchtigen Gatten um Geld und Gut betrogen und Zank und Unfrieden unter den Chegatten angerichtet, wie dieß überhaupt in ihrer Art lag.“ „Man wird Euch anders reden lehren, Apollonia Wellingerin,“ entgegnete der Richter,„beſinnet Euch, ob Ihr in Güte geſtehen, oder ob man zu denen Mitteln greifen ſoll, die dem Gerichte zugebote ſtehen, den verſteckten Mund des Verbrechens zu öffnen!“ Die unglückliche Frau ward nun abgeführt und nahm in ihre einſame Zelle eine neue furchtbare Seelenangſt mit in Bezug auf das Geſchick Katharinens. „Johannes, mein Sohn! mein armer Sohn,“ jammerte ſie,„kann ich dieſen Streich von Deinem theuern Haupte nicht zurückhalten? Deine Mutter als Here angeklagt, Dein reiner Name ehrlos ge⸗ macht, zu furchtbar, zu gräßlich würde dieſer Schlag Dein armes Herz treffen.“ Alle Gedanken Apolloniens richteten ſich, ſeit ſie wußkeß daß von ihrer Ausſage die Anklage Katha⸗ 1857. XXII. Johann Kepler. III. 20 * 306 rinens und dadurch ihres Johannes Ehre und Zukunft abhingen, auf dieſen einen Punkt. Seit Jahren hatte die unglückliche Frau für ſich ſelbſt die Möglichkeit des Geſchickes, das ſie jetzt be⸗ troffen, gefürchtet und geahnt. Sie hatte ſich dar⸗ auf vorbereitet, dem Schlimmſten durch den Tod zu entgehen. Jetzt fühlte ſie, daß dieſer Ausweg ihr ge⸗ nommen ſei. Wenn ſie im Kerker ſtarb, ſo war es nur zu furchtbar gewiß, daß man in ihrem Tode, wie bei ſo vielen ihrer Leidensgefährtinnen, den Beweis ihrer Schuld ſehen würde. Der Teufel, mit dem ſie einen Pakt auf ge⸗ wiſſe Zeit geſchloſſen, nahm die Here, welche im Kerker ſtarb, hinweg, weil ihre Zeit verfloſſen. An der ganzen Art, mit welcher ihr ſchrecklicher Richter ſeine Fragen wegen Katharinens ihr vor⸗ legte, ſowie an dem, was Pfarrherr Mäſtlin zu ihr geſagt, erkannte ſie deutlich, daß ihr Tod die Loſung zu Katharinens Anklage ſein würde, und dieſe Ueberzeugung wurde beſtätigt und zur fürchter⸗ lichen Gewißheit gemacht durch den Beſuch des Do⸗ mini Mäſtlin, der den Tag nach ihrem erſten Ver⸗ hör in ihr Gefängniß kam. „Höre Sie, Apollonia Wellingerin,“ ſagte dieſer, nachdem er einige Minuten mit ihr über ihren ei⸗ genen Seelenzuſtand geſprochen,„erleichtere Sie Ihr Herz dure die Kepler und kenne in der Ki dem unhe rina aber Kindauf. zu machen Mein Vet gen, welche geſagt, daf Jünglings ganz verwi der Gottes daß mit ſ heimliches, Rette Sie Thatſache ter doch wu „Kath nes Wiſſen Gaben,“ en wird mein Gott unter In de was, das ſ fangenen C 1 * Zukunft u für ſich jetzt be⸗ ſich dar⸗ i Tod zu g ihr ge⸗ s nur zu ,wie bei peis ihrer auf ge⸗ welche im en. hrecklicher ihr vor⸗ äſtlin zu Tod die rde, und fürchter⸗ des Do⸗ ſten Ver⸗ te dieſer, ihren ei⸗ Sie Ihr Herz durch ein aufrichtiges Bekenntniß in Bezug auf die Keplerin.— Ich kenne Sie ſeit Ihrer Kindheit und kenne auch die Katharina.— Sie iſt wohl mehr in der Kindheit und faſt gewaltthätig gezwungen zu dem unheilvollen Treiben der Hexerei. Die Katha⸗ rina aber iſt eine hochmüthige Perſon geweſen von Kindauf. Ihren Sohn zu einem großen Gelehrten zu machen, hat jene ſich dem Böſen verſchrieben.— Mein Vetter, der Mathematikus Mäſtlin in Tübin⸗ gen, welcher den Keplerus unterrichtet, hat mir ſelbſt geſagt, daß der Verſtand und die große Einſicht des Jünglings alles gewöhnliche Maß überſchreiten und ganz verwunderlich wären. Der Keplerus hat auch der Gottesgelahrtheit entſagen müſſen, ein Beweis daß mit ſeiner Weisheit und Wiſſenſchaft ein un⸗ heimliches, Gott widerſprechendes Weſen verbunden ſei. Rette Sie Ihr Leben, Apollonia, indem Sie eine Thatſache im guten einräumt, die Ste auf der Fol⸗ ter doch würde geſtehen müſſen.“ „Katharina Kepler iſt unſchuldig, und ihres Soh⸗ nes Wiſſenſchaft und guter Verſtand ſind Gottes Gaben,“ entgegnete Apollonia feſt,„dieſe Verſicherung wird mein letztes Wort ſein, wenn ich meine Seele Gott unter Folterqualen wiedergeben muß.“ In den Worten der unglücklichen Frau lag et⸗ was, das ſelbſt dem vom ſchlimmſten Vorurtheil be⸗ fangenen Geiſtlichen imponirte.— 1 20* 7 308 „Weiß Sie auch, Sie unglückliches Weib, daß die Katharina ſeit Jahren Himmel und Erde in Bewegung ſetzte, damit Sie, Sie Apollonia, die jene jetzt vertheidigt, vor Gericht gezogen werde? Weiß Sie auch, daß es der Sohn Katharinens iſt, der als Ihr Ankläger aufgetreten?“— fragte er, und ſein graues ſtrenges Auge bohrte ſich feſt in das der armen verlaſſenen Frau.—„Ueberlege Sie ſich, was ich Ihr geſagt habe, und bereite Sie ſich vor auf Ihr nächſtes Verhör, wo man Sie mit der peinli⸗ chen Frage nicht verſchonen wird.“ Er ging. Kerkereinſamkeit umfing von neuem die unglückliche Frau und alle Qualen der Angſt, alle Bitterkeit des Verlaſſenſeins ſtürzten über ihrer Seele zuſammen. Sie konnte ſich retten!— Einmal durch einen freiwilligen ſanften Tod.— War es doch dann nicht ihre Schuld, was mit Katharinen geſchah!— Mehr noch, ein Wort der Anklage gegen dieſe, machte ſie wahrſcheinlich frei, gab ſie dem Leben, dem goldenen Licht der Sonne zurück. Ach die menſchliche Natur ſträubt ſich gegen den Tod, und jeder Nerv Apolloniens erzitterte bei dem Gedanken an die quälende Folter. Es gab Stunden, wo ſie ſich die Möglichkeit ausmalte, zu ihrem Gatten zurückzukehren, mit ihm in ein fernes Land zu gehen und den Reſt ihres Lebens in ſtillem Frieden hinzubringen. Frie eine ſchi die ihr be ſchmeckte, Vie auf den wenn ſie len, die i dann Ka⸗ ihr aufs ein doppe Katl raliſche K nicht, ohn jetzt Apol der Verzu Es pers, wie Muth, mi Apollonia weiß. Ha Sterben j bild zurüch Mitte und Bang ten Wolke Seele der Erde in die jene und ſein das der ſich, was vor auf r peinli⸗ n neuem ngſt, alle ann nicht — Mehr nachte ſie goldenen gegen den bei dem öglichkeit mit ihm Frieden!— konnte ſie ſich denn Frieden durch eine ſchreckliche Lüge erkaufen, welche die Leiden, die ihr bevorſtanden, deren Bitterkeit ſie zumtheil ſchon ſchmeckte, einer andern aufbürdete. Viertelſtunden lang lag ſie in heißem Gebete auf den Knieen, und flehte zu Gott, ihr zu vergeben, wenn ſie ſich durch den Tod befreite von den Qua⸗ len, die ihr bevorſtanden; aber der Gedanke, daß dann Katharina unfehlbar auch verloren ſei, zeigte ihr aufs klarſte, daß ihr Selbſtmord ein Verbrechen, ein doppeltes ſchreckliches Verbrechen ſei! Katharina Kepler, dieſe arme Frau ohne mo⸗ raliſche Kraft, ohne Einſicht und Religioſität, konnte nicht, ohne zu verzweifeln, die Leiden ertragen, welche jetzt Apolloniens ſtärkeres Herz oft an den Rand der Verzweiflung brachten. Es gibt eine Möglichkeit, die Leiden des Kör⸗ pers, wie furchtbar ſie auch geſteigert wuͤrden, mit Muth, mit Geduld, ja mit Freudigkeit zu ertragen; Apollonia wußte das, wie jedes Menſchenherz es weiß. Hat doch der Erlöſer ſein eigenes Leiden und Sterben jeder zagenden Menſchenſeele als ein Vor⸗ bild zurückgelaſſen! Mitten im Gewühl ihrer Angſt, ihres Zagens und Bangens trat, wie der Mond aus ſturmgepeitſch⸗ ten Wolken, dieſe Ueberzeugung aus der gequälten Seele der unglücklichen Frau; mit ihr kam das Licht! 310 „Ich werde leben, leiden und ſterben, wann, wo, wie es Gott gefällt!“ ſagte ſie laut und mit feſter Stimme, obgleich nur die feuchten Mauern ihres Kerkers Zeugen ihres Vorſatzes waren.„Ich werde die Wahrheit ſagen vor Gericht und auf der Folter. Chriſtus, mein Heiland, Dein Blut hat mich erlöſt!“ Ein Thränenſtrom heiß und ſüß brach bei die⸗ ſem Entſchluß aus den Augen, die ſo lange trocken geblieben waren. Es war wie ein Bad, das lau und weich ihre gemarterte Seele überflutete. Mit feſter Hand zog ſie von ihrem Finger den Ring und warf das Giftkorn, auf welches ſie ſo lange die Hoffnung ihrer Befreiung geſetzt, weit von ſich, ihre Seele in heißem brünſtigen Gebet in Got⸗ tes Hand empfehlend. In dieſer Nacht ſchlief Apollonia in der Fin⸗ ſterniß ihres Kerkers ſanft und feſt, kein wirrer angſt⸗ erfüllter Traum erinnerte ſie wie ſonſt auch im Schlummer an ihren furchtbaren Zuſtand, und als ſie erwachte, fühlte ſie in ſich Kraft und Ruhe. Das Erdenleben, mit ſeinen wechſelnden Schick⸗ ſalen, ſeinen vielfachen Verſuchungen, ſeinen Leiden ohne Zahl, lag hinter ihr; die Macht ihres reinen Willens hatte ſeine Macht gebrochen. Als ſie jetzt vor ihre Richter trat, ſchien dieſen die zarte Geſtalt größer, das ſanfte Auge der un⸗ glücklichen Frau leuchtender, ihre Stimme feſter ge⸗ worden.— Si ſinnen 1 Vernunf Aberglau Richter. Da kannte, dieß auc alle Mit wahnſinn Vor gen um Ihr fure um ihres zum Gey gemacht feſtigte f durch ein in den werden ki Nich keine Sill nen Joha Vorſatz de Kräfte zu ſtehenden Als ann, wo, nit feſter ern ihres ſch werde er Folter. erlöſt!“ bei die⸗ ge trocken das lau inger den s ſie ſo weit von in Got⸗ der Fin⸗ trer angſt⸗ auch im „und als Ruhe. en Schick⸗ en Leiden res reinen ien dieſen ge der un⸗ feſter ge⸗ Sie antwortete ruhig, deutlich, ohne ſich zu be⸗ ſinnen und ſtets vollſtändig wahr und der geſunden Vernunft angemeſſen, ohne alle Rückſicht auf den Aberglauben und die Vorurtheile ihrer verblendeten Richter. Daß man ihr die einfache peinliche Frage zuer⸗ kannte, war in dieſem Falle natürlich; doch wäre ihr dieß auch vielleicht nicht erſpart worden, wenn ſie alle Mittel der Klugheit angewendet hätte, um dem wahnſinnigen Vorurtheile ihrer Richter zu ſchmeicheln. Vor allen drehten ſich die ihr vorgelegten Fra⸗ gen um die Hexerei und Zauberkunſt Katharinens. Ihr furchtbarer Richter ſchien dieſe Frau beſonders um ihres gelehrten und berühmten Sohnes willen zum Gegenſtande ſeiner ſchrecklichen Aufmerkſamkeit gemacht zu haben, und Apolloniens Willenskraft be⸗ feſtigte ſich an der Ueberzeugung, daß Katharina durch ein unvorſichtiges Wort von ihr rettungslos in den Abgrund eines Hexenprozeſſes geſchleudert werden könne. Nicht ein Haarbreit nachzugeben, kein Wort, keine Silbe auszuſtoßen, was der Mutter ihres fer⸗ nen Johannes ſchädlich werden könne, war der feſte Vorſatz der armen Frau, und ſie bemühte ſich, alle ihre Kräfte zu konzentriren, um nicht von den ihr bevor⸗ ſtehenden Martern zum Wahnſinn getrieben zu werden. Als aus dem Munde des Richters das ſchreck⸗ 312 liche Wort erſcholl, das den Henker herbeirief, betete Apollonia. Sie wußte nicht, ob ſie die Worte laut ausſprach, oder ob ſie nur in ihrem Herzen wiedertönten. Das Bild des im Hofe des Pilatus mit Dor⸗ nen gekrönten und an der Schandſäule mit Ruthen wundgeſchlagenen Heilandes ſtand klar und deutlich, in faſt körperlichen Umriſſen vor ihrer Seele.— „Auch Dein Leib war nur ein Menſchenleib, Erlöſer der Welt, und meine Seele iſt wie die Deine ein Ausſtrom Gottes,“ betete ſie.„Ich will auf Dich ſchauen, während ich leide; jeder Nerv, der mir zul⸗ kend reißt, iſt ein Opfer, das ich dem Wohle eines Mitgeſchöpfes, dem Wohle einer Jugendfreundin, dem Wohle meines Johannes bringe, deſſen Mutter ich zu erretten berufen bin. Je größer die Qual, die ich leide, deſto größer auch meine Pflicht, ſie ihr, der wie ich Unſchuldigen, zu erſparen.“ Ohne zu zittern und zu wanken ſtand die zarte kleine Frau, von ihrer Willenskraft und ihren feſten Vorſätzen aufrechterhalten, vor der Thür des fürch⸗ terlichen Gemachs, um das alle Schrecken ſchwebten, welche die menſchliche Grauſamkeit zu erfinden fähtg geweſen, und ſie überſchritt die unheimliche Schwelle mit feſtem Fuße. Es war eine gewölbte Halle, die von zwei in Ringen von Eiſen bei der Thür ſteckenden Kien⸗ fackeln erhellt wurde. Der wehender der Decke, Licht von wieder, der ſie ſchaude Rolle und ander⸗ nur die ſte an den ro Mehr dem ſich„ fanden, die der ſo lange Die 9 furchtbare C Haar und e ſtellte ſich, uͤbereinande ſcharfen Au genüber. und Barbie noſſe und ein Menſch allen Folter kreis von v weſen zu ſe ff, betete orte laut ertönten. it Dor⸗ Ruthen deutlich, eele.— „Erlöſer Heine ein auf Dich mir zuk⸗ hle eines freundin, Mutter Schwelle won zwei en Kien⸗ 313 Der ſchwarze Qualm derſelben zog ſich wie ein wehender Schleier um die dunkle Steinwölbung der Decke, und hin und wieder ſtrahlte das rothe Licht von irgendeinem glänzenden Metallgeräthe wieder, deſſen Zweck und Beſtimmung die Phanta⸗ ſie ſchaudernd ahnte.— Rollen und Leitern, ſchwere Gewichte, Hämmer und andere Gegenſtände, deren Namen und Gebrauch nur die ſterbende Verzweiflung kennenlernte, hingen an den rauhen, vom Oualm geſchwärzten Wänden. Mehrere Stühle ſtanden vor einem Tiſch, auf dem ſich Papier, Schreibzeug und eine Sanduhr be⸗ fanden, die der Henker umwandte, ſo daß der Sand, der ſo lange ruhig gelegen, nun leiſe zu rinnen begann. Die Richter betraten gleich nach Apollonien das furchtbare Gemach und ein junger Mann mit rothem Haar und einem blaſſen ſpitzen Geſichte folgte ihnen und ſtellte ſich, nachdem das Gericht Platz genommen, mit üͤbereinander geſchlagenen Armen und die dunklen ſcharfen Augen feſt auf Apollonia gerichtet, ihr ge⸗ genüber. Sie kannte ihn, es war der Wundarzt und Barbier Leibbrand aus Leonberg, ein Altersge⸗ noſſe und früherer Schulgefährte ihres Johannes, ein Menſch, der den fürchterlichen Ruhm hatte, bei allen Folterungen, die weit und breit in einem Um⸗ kreis von vielen Meilen ſtattfanden, gegenwärrig ge⸗ weſen zu ſein. 314 Der Henker und ſeine Gehilfen ſtanden im Hintergrunde und prüften die Geſchmeidigkeit einer dünnen Leine, die ſich um ein gezahntes Rad wand. Apollonia ſah dieß Alles. Ihre Augen ſchienen die Kraft zu haben, jedes Detail des Bildes, das ſie umgab, bis ins Kleinſte in ſich aufzunehmen. Froſt und Glut rannen in gleichem Augenblick durch ihr Gebein, aber in ihrem Herzen lebte der Muth, und die Kraft ihres Wollens ſteigerte ſich, je näher die Stunde der Entſcheidung rückte. Sie blickte, um nichts mehr von dem, was ſie umgab, zu ſehen, in die Fläche ihrer kleinen bleichen Hand. „Nägel bohrten ſich dem Heilande durch das zuckende Gewebe ſeiner Fibern,“ flüſterte es in ihrem Herzen,„und ſein Leib war ein Menſchenleib, wie der meine!“— Jetzt, ſprach der Richter, jetzt! Er ſagte: „Bekenne Sie, Apollonia Wellingerin, daß Sie Wiſſenſchaft hat von dem Hexentreiben der Katha⸗ rina Keplerin und das hier verſammelte Gericht wird Erbarmen üben und Ihr wegen Ihrer eigenen Sünden die peinliche Frage erlaſſen.— Gebe Sie Gott die Ehre und bekenne Sie alles, was Sie von den Hexereien der Keplerin weiß.“ „Ich habe die Wahrheit geſprochen,“ antwor⸗ tete die heldenmüthige Frau laut und deutlich.„Ka⸗ tharina reien gän weiß, eine ner Weiſe mit dem l mir, wie i ſagen.“ „Iſt gerin?“ „Mei Der Henker faf einer an d „An de fikantin m eintöniger ihr dann d Gewichte, Dann zu einer A „Hier feſſe Füßen und Auf d betenden F Sinnreich ten beſond bare Pein anden im igkeit einer Rad wand. gen ſchienen Bildes, das fzunehmen. nblick durch der Muth, , je näher m, was ſie en bleichen Gericht rer eigenen Gebe Sie s Sie von *¹antwor⸗ tharina Kepler iſt mit Zauberkünſten und Hexe⸗ reien gänzlich unbekannt. Sie iſt, ſoviel ich davon weiß, eine fromme evangeliſche Chriſtin, die in kei⸗ ner Weiſe jemals Gemeinſchaft hatte, noch verlangte, mit dem böſen Feinde. Das hohe Gericht thue mit mir, wie ihm Recht däucht, ich kann nichts anderes ſagen.“ „Iſt das Ihr letztes Wort, Apollonia Wellin⸗ gerin?“ „Mein letztes! Gott möge mir beiſtehen!“ Der Richter winkte, und der raſch vortretende Henker faßte Apolloniens Hand und führte ſie bis zu einer an der Wand lehnenden, ziemlich hohen Leiter. „An der oberſten Sproſſe dieſer Leiter wird die Male⸗ fikantin mit den Schultern gebunden,“ ſagte er mit eintöniger ſchnarrender Stimme,„und man befeſtigt ihr dann auf beide Füße und auch an beide Hände Gewichte, bis ihre Gelenke reißen!“ Dann ſtieß oder zog er ſie einen Schritt weiter zu einer Art von Lager auf dem Boden und ſagte: „Hier feſſelt man die Malefikantin an Händen und Füßen und beſchwert ihre Bruſt mit dieſen Bleiplatten!“ Auf dieſe Weiſe zeigte und erklärte er der leiſe betenden Frau die verſchiedenen Werkzeuge der Tortur. Sinnreich erfunden, um jedem Nerv des Gemarter⸗ ten beſondere Schmerzen zu machen und jede denk⸗ bare Pein bis zum alleräußerſten Grade zu erhöhen. 316 „Antworte Sie jetzt, Apollonia Wellingerin, und bewahre Sie Ihren Leib vor der Tortur und Ihre Seele vor der Lüge,“ fragte jetzt der Richter nochmals:„iſt die Katharina Keplerin eine Hexe und Unholdin?“ „Katharina iſt unſchuldig an der Sünde der Zauberei, ſie iſt eine chriſtliche Frau und weiß von keinem Bündniß mit dem Böſen,“ entgegnete Apollonia. „Wohlan, Sie will es nicht anders— Henker, entkleide die Malefikantin und nimm ihr alles, was als Talisman und Schutzmittel gegen den Schmerz der Tortur ihr von ihrem hölliſchen Buhlen gegeben ſein kann.“ Die Henkersknechte ſchloßen jetzt einen Kreis um die Bebende und begannen mit rohen Händen ihr die Kleidung vom Leibe zu reißen. „Ich werde mich ſelbſt entkleiden,“ ſagte ſie leiſe, „befehlt, was ich thun ſoll, ſo werde ich es thun, ohne daß die Hand eines Mannes mich anrührt.“ Aber niemand hörte auf die bittende Stimme, die Hand des Henkers ſchor ihr das Haupt und die langen braunen, nur wenig mit Silberfäden durch⸗ zogenen Flechten der Armen ſanken neben ihr auf den ſchlüpfrigen Steinboden.— Auch der Ring ward von ihrem Finger geriſſen, er hätte ihr hier keine Hilfe mehr bringen können, ſelbſt wenn ſie ſich auch ſeines Inhaltes nicht entäußert hätte. Werfen wir einen Schleier über das Schauergemälde, einer, Gottlob! ergangenen Zeit. Das blendung hielt ſeine denden un in dem Au ſo weit ve mußte. Ob waren, ſei Apollonia Lager desſ wiederfand Es we Feſt bis zu macht ihre der Folter Gott dafün über ſie, d dem Oelbe Wohl heute erlitt offte, daß würde, ſie Aber Ohne Pfle der Moderl Zuſtand vo ggerin, und Ihre Seele mals:„iſt Inholdin?“ Sünde der weiß von Apollonia. — Henker, alles, was n Schmerz en gegeben inen Kreis en Händen te ſie leiſe, es thun, lanrührt.“ e Stimme, Haupt und iden durch⸗ en ihr auf Ring ward hier keine e ſich auch in wir einen Gottlob! Das furchtbarſte Trauerſpiel menſchlicher Ver⸗ blendung begann und ward durchgeführt. Der Arzt hielt ſeinen Finger prüfend auf dem Puls der Lei⸗ denden und winkte dem Henker innezuhalten immer in dem Augenblick, wenn der Schmerz die Lebenskraft ſo weit verzehrt hatte, daß eine Ohnmacht eintreten mußte. Ob Stunden, ob Tage, ob Jahre verfloſſen waren, ſeit ſie ihren ſtillen einſamen Kerker verlaſſen, Apollonia wußte es nicht, als ſie ſich auf dem feuchten Lager desſelben, von tauſendfachen Schmerzen gequält, wiederfand. Es war überſtanden.— Für dießmal überſtanden. Feſt bis zum letzten Augenblick, wo eine tiefe Ohn⸗ macht ihren Leiden ein Ende machte, hatte ſie auf der Folter Katharinens Unſchuld behauptet. Sie dankte Gott dafür und freundliche Fieberphantaſien kamen über ſie, die ſie tröſteten, wie einſt die Engel auf dem Oelberge den kämpfenden Erlöſer. Wohl wußte ſie, daß die Marter, welche ſie heute erlitten, nicht die letzte ſein würde; aber ſie hoffte, daß Gott vorher ſeinen Todesengel ſenden würde, ſie einzuführen zu ewigem Frieden. Aber ihre Natur war ebenſo kräftig als zart. Ohne Pflege, oft ohne einen Trunk Waſſer, und in der Moderluft des Kerkers, beſſerte ſich dennoch ihr Zuſtand von Tage zu Tage. 318 Ihre Spindel lag freilich unberührt am Boden, aber ihre Gedanken ſchwangen ſich in Freiheit und Heiterkeit weit weg aus dem dumpfen Kerker zu ihrem Gatten, zu dem Sohne ihres Herzens, dem ſie beides, die Mutter und die Familienehre, gerettet, und endlich hinauf in eine Zukunft nach den Leiden dieſer Erde, deren ſüßer Friede die Folge der Kämpfe dieſes unvollkommnen Daſeins ſein mußte. Der Ruf zu einem neuen Verhör ließ kein Ent⸗ ſetzen erwachen in ihrem ſtarken und ſanften Herzen. Sie hoffte auf den Tod, und da ſie nicht allein zu gehen im Stande war, ſo ließ ſie ſich, ohne einen Schmerzenslaut auszuſtoßen, von den Trabanten in die Gerichtsſtube ſchleppen. Sie mußte niedergelegt werden und der anwe⸗ ſende Henker ſchleppte zu dieſem Zwecke ein Stroh⸗ bund herein. Noch hatte ſie die Augen nicht auf ihre Richter geworfen; erſt als eine wohlklingende Stimme ſtie fragte:„Werden Sie ein Verhör aushalten können, Frau Apollonia Wellingerin,“ erhob ſie den Blick.— Geſichter, die ſie noch nie geſehen, ſaßen vor ihr und die Stelle des furchtbaren Hexenrichters nahm ein junger Mann ein mit blondem reichem Haar und Augen, in deren blauem Spiegel das Mitleid wohnte und milde auf die Unglückliche niederlächelte. Es war der Oberrichter des Tribunals zu Tü⸗ bingen, He in dieſem Einfluß a⸗ Er w einer Frau ach wie oft hören, in i Beſoll den Knabe unglückliche gutachtung Seele erſtal Weib gema andere, geg herauszupre klärte, dieſe Der kl durch ſeine Urtheileſchon von Marter der Frau, d erduldet hat genſchwer fü Er kan Knabe in Mo Johannes g. gegeſſen, den am Boden, reiheit und Kerker zu rzens, dem e, gerettet, den Leiden er Kämpfe kein Ent⸗ en Herzen. tallein zu ohne einen abanten in der anwe⸗ in Stroh⸗ or ihr und nahm ein Haar und eid wohnte elte. ls zu Tü⸗ 319 bingen, Herr Beſold, der Mittel gefunden hatte, auch in dieſem Hexenprozeſſe, wie in vielen anderen, ſeinen Einfluß auszuüben. Er war in Perſon nach Weil gekommen, um einer Frau, deren Namen er in ſeiner Knabenzeit, ach wie oft, mit Liebe und Ehrfurcht hatte nennen hören, in ihrer höchſten Noth beizuſtehen. Beſold, der Jugendgefährte Kepler's, kannte aus den Knabenerzählungen desſelben den Namen der unglücklichen Frau, deren Prozeßakten ihm zur Be⸗ gutachtung eingeſendet worden waren, und ſeine Seele erſtarrte, als er ſah, daß man das hilfloſe Weib gemartert hatte, um ein Zeugniß gegen eine andere, gegen die Mutter ſeines Freundes, aus ihr herauszupreſſen.— Er kam nach Weil und er⸗ klärte, dieſen Prozeß ſelbſt führen zu wollen. Der kluge und menſchlich fühlende Mann hatte durch ſeine verſtändigen Fragen, durch ſeine milden Urtheile ſchon mehr als ein unglückliches ſchuldloſes Weib von Marter und Tod gerettet. Er fühlte Achtung vor der Frau, die mit eiſerner Willenskraft Todesmartern erduldet hatte, während ein Wort, das freilich fol⸗ genſchwer für andere war, ſie befreien konnte. Er kannte Apolloniens Güte, hatte er doch als Knabe in Maulbronn ſo manchmal die Briefe an ihren Johannes geleſen, und fröhlich ſo manchen Rollen gegeſſen, den ſie dem Spielgefährten geſendet. 320 Das Herz that ihm wehe, wenn er an all den Jammer dachte, der die Aermſte betroffen. Aber es gehörte Klugheit dazu, die einmal Verfehmte zu retten. Eine dem Richter als Hexe übergebene Perſon wieder in Leben und Freiheit zurückzuführen, war nicht gefahrlos für den, welcher es unternahm. Furcht und Aberglauben, zwei wüthende Drachen, bewachten die Kerker jener Unglücklichen, und der religiöſe Fanatismus der entzweiten Religionsparteien jener Zeit vereinigte ſich nur in einem Punkte, in der blinden Raſerei, mit der ſie die Unglücklichen verfolgten, welche ihr Wahnſinn des Verbrechens der Hexerei bezüchtigt hatte.— Das Verhör, welches Beſold leitete, hatte kei⸗ nen andern Zweck, als die Freiſprechung Apolloniens zu bewirken, und als es beendet war, erhielt der Kerkermeiſter den Befehl, die kranke Frau in ein ordentliches, helles und luftiges Zimmer zu ſchaffen. Da lag ſie nun in weichen Betten, ein Kühl⸗ trank war ſo geſtellt, daß ſie ihn hätte erreichen kön⸗ nen, wenn ihre verwundeten und faſt zerſchmetterten Hände fähig geweſen wären, das Gefäß zu faſſen und feſtzuhalten. Die Strahlen der Winterſonne fielen durch die kleinen Scheiben des vergitterten Fenſters hell in das Zimmer und ein hoher, grün glaſirter Ofen verbreitete darin eine angenehme Wärme. Ein Wundfieber, das ſich vollſtändig entwickelt hatte, tho was ihr das Bew Frau lich der Wirk Alle nur bis z iſt dieſer denden, u⸗ macht, des aller Grau Apoll daß jetzt, begann, ei haltiger, a kunft eingr Math geſtorben. Er h Unglück ſei empfunden, Körper hät Alles um ſeine L deſten Wett den gelehrt Stuttgart 1857. XXII. an all den en. Aber es rfehmte zu bene Perſon lühren, war rnahm. de Drachen, n, und der ionsparteien Punkte, in nglücklichen Verbrechens , hatte kei⸗ Apolloniens erhielt der Frau in ein zu ſchaffen. ein Kühl⸗ reichen kön⸗ ſchmetterten zu faſſen Winterſonne vergitterten hoher, grün hme Wärme. g entwickelt hatte, that für den Zuſtand Apolloniens das Beſte, was ihr geſchehen konnte, es raubte ihr vollſtändig das Bewußtſein und webte um die Seele der armen Frau lichtgoldene Träume, die ihr die Schrecken der Wirklichkeit verdeckten. Alle Qualen und Leiden des Lebens können nur bis zu einem gewiſſen Punkte geſteigert werden; iſt dieſer erreicht, ſo erbarmt ſich die Natur des Lei⸗ denden, und ſendet in der Bewußtloſigkeit der Ohn⸗ macht, des Fiebers, des Wahnſinns die Erlöſung, die aller Grauſamkeit des Menſchen ſpottet. Apollonia wußte, Dank ſei es dem Fieber, nicht, daß jetzt, da ihr Geſchick ſich zum Beſſern zu wenden begann, ein Leid ſie betroffen hatte, deſſen Weh nach⸗ haltiger, als die Schmerzen der Folter, in ihre Zu⸗ kunft eingreifen mußte. Mathias Wellinger, ihr wackerer Gatte, war geſtorben. Er hatte den Schlag, der ſein Herz in dem Unglück ſeines Weibes getroffen, zu tief und bitter empfunden, als daß er nicht auch ſeinen gealterten Körper hätte angreifen müſſen. Alles aufbietend, was in ſeinen Kräften ſtand, um ſeine Loni zu retten, war er tagelang im wil⸗ deſten Wetter unter Weges, bald nach Tübingen zu den gelehrten Richtern der Univerſität, oder nach Stuttgart reitend, wo er Himmel und Erde in 1857. XXII. Johann Kepler. III. 21 322 Bewegung ſetzte, den Herzog ſelbſt zu ſprechen und ihn für die arme Angeklagte zu intereſſiren. Etwas war ihm gelungen: Er hatte den ge⸗ lehrten und menſchenfreundlichen Herrn Beſold, den Spielgefährten des Johannes, kennengelernt und dieſer, ein Feind und Widerſacher aller Hexenprozeſſe, und ein milder Richter und mehr Vertheidiger, als Inquirant der armen Geſchöpfe, die der Wahn⸗ ſinn ſeiner Zeit auf den Scheiterhaufen lieferte, hatte ſich auch ſeines Weibes angenommen. Meiſter Wellinger aber hatte nur noch auf ſei⸗ nem Krankenlager den Troſt, daß Apolloniens Ge⸗ ſchick in dieſe barmherzigen Hände gekommen, er ſtarb, ohne erfahren zu haben, daß die Grauſamkett an ſei⸗ nem armen Weibe ſchon ihr ſchlimmſtes gethan, und ſein letztes Wort war ein Segen für die treue und liebevolle Gefährtin ſeines Lebens. Es war ein Glück, daß Beſold ſich in Weil befand; nicht bloß, weil er die unglückliche Frau von ferneren Qualen rettete, ſondern auch, weil er Sorge trug, von ihrem Habe und Eigenthum ſoviel zu retten, als nur immer möglich. Ein Hexenprozeß damals glich in vielen Be⸗ ziehungen den Hochverraths⸗ und Majeſtätsbeleidi⸗ gungsprozeſſen einer ſpäteren Zeit. Das unſichtbar⸗ Ungeheuer, das man Fiskus nennt, nährte ſich von dem Habe und Gut der Angeklagten und verzehrte es in de ſelbſt in ſich bette während rückblieb, ger nahn Als allmälig; dem ſie ſ geſtalt, di Die wachte vo und als hatte, ſoviel zu Augen ru ſichte der „Gruͤ gerin,“ ſa Geſundhei⸗ und Ihren „Ich Geſicht ihr Sie für d Weſen get „Es als in eine prechen und ten. atte den ge⸗ Beſold, den lelernt und exenprozeſſe, Vertheidiger, der Wahn⸗ eferte, hatte och auf ſei⸗ loniens Ge⸗ ten, er ſtarb, nkeit an ſei⸗ gethan, und te treue und ich in Weil he Frau von veil er Sorge m ſoviel zu vielen Be⸗ eſtätsbeleidi⸗ 3 unſichtbare örte ſich von id verzehrte es in der Regel mit Stumpf und Stiel ſo daß jene ſelbſt in dem ſelten günſtigen Falle der Freiſprechung, ſich bettelarm in das Leben hinausgeſtoßen fanden, während auf ihrem Rufe immer noch ein Fleck zu⸗ rückblieb, der ihnen das Vertrauen ihrer Mitbur⸗ ger nahm. Als Apollonia in ihrem leidlichen Gefängniſſe allmälig zur Beſinnung kam, war der junge Richter dem ſie ſoviel zu verdanken hatte, die erſte Menſchen⸗ geſtalt, die an ihr einſames Lager trat. bs Die Leidende ſchlummerte einwenig und er⸗ wachte von dem Geraſſel des roſtigen Thürſchloſſes und als ſie ihre fiebermatten Gedanken geſammelt hatte, fä ſaß an ihrem Bette der Mann dem ſie ſoviel zu verdanken hatte, und ſeine hellen lebhaften Augen ruhten mitleidig auf dem abgezehrten Ge⸗ ſichte der Matrone. 1e h „Grüße Sie Gott, meine werth in⸗ gerin,“ ſagte er freundlich,„und gebe Ihnen bald Geſundheit nach den Leiden, die nun vorübergegangen, und Ihren ganzen Muth und Ihre Seelenkraft wieder.“ „Ich danke Ihnen,“ entgegnete Apollonia, das Geſicht ihres milden Richters er kennend,„Gott ſeg⸗ e Sie für das Gute, das Sie an einem verlaſſenen Weſen gethan haben.“ „Es iſt wenig, werthe Frau, aber immer ſoviel als in eines Mannes Kraͤften ſteht. Ihr Urtheil it 21* geſprochen, ich komme es Ihnen anzuſagen, bevor man es mit der gerichtlichen Prozedur thut, um Sie zu fragen, ob Sie ſich demſelben unterwerfen, oder in der Stille von hier verſchwinden wollen, den Ge⸗ ruch einer Hexe hinter ſich laſſend. Sie ſind wegen mancherlei Abweichungen vom Pfade des Kirchen⸗ geſetzes, wegen Studien, die ſich für eine chriſtlich ehr⸗ bare Frau nicht ſchicken, verurtheilt, eine zwei Pfund ſchwere Wachskerze in der Hand haltend, im Hemde Kirchenbuße zu thun.“ Apollonia legte die mit Binden umwickelten, ſchwer verletzten Hände zitternd auf die Decke ihres Lagers. „Werde ich je wieder eine Kerze in dieſen ver⸗ ſtümmelten Händen halten können?“ fragte ſie ſanft und traurig. Ein Schauder überlief Beſold bei dem Anblick. „Gott helfe Ihnen, arme Frau,“ ſagte er ſeufzend. „Hat man Ihnen auch alles gegeben, was zur Hei⸗ lung Ihrer ſchweren Verletzungen nothwendig war? Iſt auch der Feldſcherer Leibbrand täglich bei Ihnen geweſen, wie es ſeine Pflicht und mein Befehl war?“ Apollonia ſchüttelte traurig verneinend das Haupt, auf dem die geſchorenen Haare zu dünnen zarten Silberlöckchen erwachſen waren, die ſich feucht an die bleiche Stirn ſchmiegten.„Ich bedarf auch keines Arztes,“ ſagte ſie;„kaltes Waſſer iſt das beſte Heil⸗ mittel fü da ſtehen fangenwaͤ 2 Zimmer „wird je enden?“ „Sie nach dem „und jetzt glücklichere nem ſtillen Einem, de iſt an Wer „Ihr ten Magif „Ihn „Er freund, Fra Namen wo zogliche Ka Ueber heiteres Lä Euch wohl, geſprochen, wackern Kar „Das gen, bevor t, um Sie erfen, oder , den Ge⸗ ind wegen 3 Kirchen⸗ riſtlich ehr⸗ wei Pfund im Hemde mwickelten, Decke ihres dieſen ver⸗ e ſie ſanft m Anblick. ſeufzend. s zur Hei⸗ ndig war? bei Ihnen ehl war?“ das Haupt, inen zarten ucht an die uch keines beſte Heil⸗ mittel für Verwundungen, wie dieſe, und ſehen Sie, da ſtehen die Schalen an meinem Bette, die der Ge⸗ fangenwärter täglich zweimal erneuert.“ „O mein Gott, mein Gott!“ ſagte Beſold im Zimmer mit gerungenen Händen auf⸗ und abgehend, „wird jemals eine Zeit kommen und dieſe Gräuel enden?“ „Sie wird kommen, ſo gewiß, als der Frühling nach dem Winter kommt,“ entgegnete Apollonia milde, „und jetzt ſchon regen ſich die Keime zu d glücklicheren Zeit. Ich habe viel nachgede ht in mei⸗ nem ſtillen Leben, habe viel darüber geſprochen mit Einem, der, obgleich noch jung an Jahren, doch alt iſt an Weisheit und Wiſſenſchaft.“ „Ihr meint Euern Pflegeſohn, den ſehr gelehr⸗ ten Magiſter Johannes Kepler,“ ſagte Beſold. „Ihn meine ich.“ „Er iſt mein Spielgefährte und Univerſitäts⸗ freund, Frau Wellingerin, und Euch wird er meinen Namen wohl auch genannt haben, ich bin der her⸗ zogliche Kammerrath Beſold aus Tübingen.“ Ueber Apolloniens jammervolles Antlitz glitt ein heiteres Lächeln bei dieſem Namen.„Ich kenne Euch wohl, mein Johannes hat oft, gar oft von Euch geſprochen, als von einem ſehr lieben Freunde und wackern Kameraden.“ „Das war er mir. Ein Muſter und Vorbild 326 zugleich in allem Guten. O welch ein Jammer für ihn, wenn er von Euerm ſchweren Leiden erfahren wird.“ „Ich habe ihm ſchwereres erſpart. Gott gab mir die Kraft, in der Glut aller Pein und Marter, die mein Gebein zerfleiſcht, an ihn zu denken. Mein ſtandhaftes Beharren hat ſeine arme Mutter vor den Qualen bewahrt, die ich ſelbſt erlitten.“ „Vor der Hand wenigſtens,“ entgegnete Be⸗ ſold,„was aber, Frau Wellingerin, iſt das für eine Frau, die Euch und ſie in den Hexenkünſten unter⸗ richtet haben ſoll?“ „Eine ſchwere Verbrecherin, verehrter Herr,“ entgegnete Apollonia und erzählte in Kürze die Geſchichte der Streicherin und ihres Lebens im Hauſe derſelben. Beſold ging tief erregt im düſter werdenden Gemache auf und nieder.„So iſt es,“ ſagte er mit Eifer,„die als Hexen angeklagten Unglücklichen ſind bisweilen große Verbrecherinnen, bisweilen halbe, ja ganz Wahnſinnige, doch in vielen Fällen auch, wie Ihr, werthe Frau, die Zierden Ihres Geſchlechtes, die beſten, weiſeſten, ſtrebſamſten Frauen, deren große und edle Handlungen an die der Märtyrerinnen er⸗ innern. O wann, wann wird dieſe gräßliche Ra⸗ ſerei enden?“ „Wenn das Menſchengeſchlecht,“ antwortete Apol⸗ lonia, niſſen z inwohne wird,“ ſa nung, da Harmoni und von nie des gend her „Gl erkenne ie fährten: Frau, mu Ort für unterziehe „Icl lich iſt, n ßen,“ entt „Go unſeren und Schr lonia verf thias,“ ſtürzte ihr von ihm „Wo fammer für n erfahren ott gab mir Marter, die ken. Mein Mutter vor 1. 4 gegnete Be⸗ as für eine nſten unter⸗ rter Herr,“ Kürze die Lebens im werdenden ſagte er mit icklichen ſind en halbe, ja n auch, wie Geſchlechtes, „deren große yrerinnen er⸗ räßliche Ra⸗ wortete Apol⸗ lonia,„die Erde, auf der es lebt, in ihren Verhaͤlt⸗ niſſen zu andern Weltkörpern und mit den ihr ſelbſt inwohnenden großen Kräften erkennen gelernt haben wird,“ ſagte einſt mein Johannes.„Er lebt der Hoff⸗ nung, daß einſt eine Zeit kommen wird, in der die Harmonie des Weltalls durch Weisheit aufgefunden und von der Menſchheit anerkannt und die Harmo⸗ nie des Menſchendaſeins durch Frömmigkeit und Tu⸗ gend hergeſtellt ſein wird.“ „Glückſeliger Traum!“ ſeufzte Beſold,„in ihm erkenne ich den milden, edlen, phantaſiereichen Ge⸗ fährten meiner Kindheit. Jetzt aber, jetzt theuere Frau, müſſen wir uns einigen; wollen Sie, dieſen Ort für immer verlaſſend, ſich der auferlegten Buße unterziehen, oder—“ „Ich darf meinen Gatten, der alt und kränk⸗ lich iſt, wohl nicht aus gewohnten Verhältniſſen rei⸗ ßen,“ entgegnete Apollonia. „Gott nimmt nicht ſelten Verpflichtungen von unſeren Schultern, indem er unſeren Herzen Leid und Schmerzen auferlegt,“ ſagte Beſold und Apol⸗ lonia verſtand ihn!— 2 „Er iſt erlöſt, mein theuerer, mein treuer Ma⸗ thias,“ ſagte ſie und ein heißer Thränenſtrom ent⸗ ſtürzte ihren Augen,„o darum habe ich auch nichts von ihm geſehen!“— „Wohlan, werthe Frau, ſo entziehen Sie ſich 328 der Kirchenbuße, ich werde einen Aufenthalt für Sie ermitteln, wo Sie im Frieden und ohne Anfechtung leben können. Jetzt aber verlaſſe ich Sie, haben Sie 9244 mir ſonſt noch einen Auftrag zu geben? ren Inhalt,“ ſagte ſie weinend,„wird dieſe Dinge aus den Händen des Gertchtes zu er⸗ retten?“ „Ich werde mein möglichſtes thun, Frau Wel⸗ linger, und jetzt beſchütze Sie Gott der Herr.“— Er ging und Apollonia blieb mit ihrem Seelen⸗ kummer und ihren Körperleiden allein. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Johannes Kepler war nach Linz zu ſeiner Gat⸗ tin zurückgereiſt, immer noch entſchloſſen, in ſeiner Heimat jede leidliche Stellung lieber, als die An⸗ erbietungen des Kaiſers und Tycho's anzunehmen. Sein treues Herz zog ihn zurück nach Schwaben und mit Freuden fand er in den Händen der Frau Bar⸗ bara verſchiedene Briefe aus Tübingen und Weil. Aber ach, ſie brachten ihm keine heitern Nachrichten. Seine Freunde in Tübingen, Maäͤſtlin und Haſenreffer, ſagten iht ſeine reli finde, un tur in C zu bringe verderblie So Prag, u Entſchlu lirena un f eine erfre ihr von Zuvorkon Da und zu nehm, d rühmte. zenden Bankette 9 2 burggräfig zen am 8 Tycho de ler, eine der Egge. renden S Daß Gatten 8 5 lt für Sie lufechtung haben Sie luf ſeinem vom Herrn ren koſtba⸗ öglich ſein, tes zu er⸗ im Seelen⸗ ſeiner Gat⸗ „in ſeiner ils die An⸗ nzunehmen. hwaben und Frau Bar⸗ und Weil. Nachrichten. Hafenreffer, ſeine religiöſen Anſichten dort durchaus verdammlich finde, und daß ſein Streben, die Kenntniſſe der Na⸗ tur in Einklang mit den Lehren des Chriſtenthumes zu bringen, von allen Theologen für eine freche und verderbliche Anmaßung gehalten werde. So war denn ſein Loos geworfen, er mußte nach Prag, und er gab ſich Mühe, ſeiner Gattin dieſen Entſchluß angenehm zu machen. Von der edlen Po⸗ lirena und ihrer Freundlichkeit gegen ihn, hatte er ihr eine erfreuliche Schilderung gemacht, auch hatte er ihr von Rabbi Löw erzählt, von Tycho de Brahe's Zuvorkommenheit und von des Kaiſers Gnade. Das waren Dinge, die Frau Barbara verſtand und zu ſchätzen wußte. Ihr war es nicht unange⸗ nehm, daß ihres Mannes Geſchick ſie in die be⸗ rühmte Kaiſerſtadt zog, und ſie träumte von glän⸗ zenden Verhältniſſen in derſelben, von prächtigen Banketten im Hauſe der hochgebornen Frau Oberſt⸗ burggräfin Polixena von Roſenberg, von Fackeltän⸗ zen am Hofe des Kaiſers und großen Gaſtereien bei Tycho de Brahe, wo ſie, die Frau des gelehrten Kep⸗ ler, eine Verwandte des aufblühenden Geſchlechtes der Eggenbergs, endlich an der ihr eigentlich gebüh⸗ renden Stelle ſtehen würde. Daß ihre Geldmittel heute noch, trotz ihres Gatten Anſtellung, ſo knapp wie immer bemeſſen ſagten ihm, wenn auch ſo ſchonend als möglich, daß man 330 waren, ſtörte wenig ihre ſanguiniſchen Hoffnungen, und als ſie ſah, daß Kepler erzürnt an Tycho ſchrieb und dieſem Vorwürfe machte, weil bis jetzt noch von Prag aus wenig oder nichts gethan war, die Nach⸗ zahlung des ſteiermärkiſchen Gehaltes zu erwirken, redete ſie ihm recht freundlich zu, geduldig zu ſein und das Beſte zu hoffen. So trat denn die Familie ihre Reiſe nach Prag an. Es war dem Gelehrten eine Wohnung herge⸗ richtet worden auf einem ſtillen Plätzchen des Hrad⸗ ſchin unfern der Georgskirche, ausreichend für die Wünſche und Anſprüche Kepler's, jedoch bei weitem zurückbleibend hinter den Träumen und Hoffnun⸗ gen ſeiner Gattin. Sie betrachtete die kleinen Zimmer, das ſchlichte Hausgeräth, das Rabbi Löw in dieſelben hatte ſchaffen laſſen, und die Ausſicht auf den ſtillen düſtern Platz hinter der Kirche mit trübſeligem Erſtaunen. Doch war ſie jung, harmlos und gutmüthig genug, dieß für einen bloßen erſten Anfang anzuſehen. „Es wird beſſer kommen, viel beſſer, nicht wahr, Johannes?“ fragte ſie, nachdem der erſte Verdruß der Enttäuſchung überwunden, und Kepler drückte ihr freundlich die Hand und verſprach ihr milde, alles zu thun, was in ſeinen Kräften ſtünde, um ihre Verhältniſſe zu verbeſſern. Für ihn begann nun wieder jenes Doppelleben, Studien natürlich Familie er auf Wunſch Herzens zensbefr ſtanden Jo eines He wicht de eigene 4 ingen, und cho ſchrieb noch von die Nach⸗ erwirken, dig zu ſein 9 Prag an. ung herge⸗ des Hrad⸗ id für die bei weitem Hoffnun⸗ as ſchlichte tte ſchaffen iſtern Platz gutmüthig anzuſehen. nicht wahr, te Verdruß ler drückte ihr milde, ſtünde, um oppelleben, das er ſeit ſeinem Vorſatze, ſein Weib glücklich zu machen, geführt hatte. In ſeinem ſtillen Zimmer bei ſeinen erhabenen Studien fand ſein großes Herz ſehr bald das ihm natürliche Glück, und in der Liebe, die er ſeiner Familie erwies, in den tauſendfachen Rückſichten, die er auf die Freude, die Bequemlichkeit, auf jeden Wunſch Barbara's nahm, erblühte ihm der ſtille Herzensfrieden, der unendlich erhabener iſt, als die Her⸗ zensbefriedigung in dem Bewußtſein, geliebt und ver⸗ ſtanden zu werden. Johannes Kepler war glücklich; denn das Glück eines Herzens, wie das ſeine, kann wie das Gleichge⸗ wicht des Waſſers geſtört werden, aber es findet durch eigene Kraft ſtets ſeine Wiederherſtellung. Im Hauſe Tycho's von Brahe ward Barbara Kepler bei ihrem Beſuche mit vieler Herablaſſung empfangen. Herr Brahe war ein Mann, der weibliche Schön⸗ heit zu ſchätzen wußte, und ſchön war die junge Gattin ſeines Hilfsarbeiters, das konnte keinem Zweifel unterworfen ſein. Auch er erkannte mit Kenneraugen ihre Aehnlichkeit mit der gefeierten Polixena, fiel ſie doch ſelbſt der guten Frau Katharina in die Augen. Barbara Kepler war indeß nicht ſo ganz die Perſönlichkeit, ſich die Herablaſſung der Frau von Brahe gefallen zu laſſen. Sie hatte zum erſten 332 Beſuch ihr ſchönes Kleid von Goldbrokat mit weißen Aermeln angelegt. Die Schneppe ihrer Haube war mit untadligen Spitzen, einem Chrengeſchenk, das Fräulein von Eggenberg garnirt, und ihre Gems⸗ lederhandſchuhe hatten eine Goldſtickerei. Sie ſaß zwar nicht ſo ſteif und gerade in dem hohen Seſſel, wie die alte Dame vom Hauſe, aber ſie hatte eben⸗ ſogut wie dieſe die Abſicht, zu imponiren, und ver⸗ ſtand es auch, ſie auszuführen. Sie erzählte von ihren Vettern, den Eggenbergs, von dem jungen Grafen Waldſtein, den ſie dort kennengelernt, von ihren Gütern in Steiermark und von dem hohen Ruhme, den ihres Mannes Schriften ſich erworben, einem Ruhme, der den Erzherzog be⸗ wogen, den ſtolzen, ſtrengen Erzherzog, von ſeinem Vorſatze, nur katholiſche Unterthanen in ſeinen Staa⸗ ten zu dulden, in Betreff ihres Mannes abzugehen. Frau von Brahe erzählte dagegen von ihrem Schloſſe Uranienburg auf der ſchönen Inſel Huen, von den Fürſten und Herren, die ihren Tyge be⸗ ſucht hatten und noch beſuchten, und beide Damen hatten, als ſie Abſchied nahmen, ſoviel Haß gegen einander gefaßt, als nothwendig iſt, um gewiſſe Frauen geiſtig regſam zu erhalten. Es war Kepler vergönnt, zu ſeinen Studien die ſchönen aſtronomiſchen Werkzeuge zu benutzen, welche der Kaiſer für Tycho hatte anfertigen laſſen, und die dieſe richtigen Mars z Die das jenen um die ſeine Be zu ſeiner. gleich, d nach all feſten Fe Kep teniſchen ſchwierige mit Fleiß und ſein allen Gel Seit alls, die netenbewe goldene dasſelbe 1 Für ihn 1 den Menſ Glückſeligt Die Erdenleben it weißen baube war henk, das re Gems⸗ Sie ſaß hen Seſſel, atte eben⸗ und ver⸗ ggenbergs, ſie dort mark und Schriften erzog be⸗ on ſeinem ien Staa⸗ abzugehen. von ihrem ſel Huen, Tyge be⸗ de Damen daß gegen m gewiſſe tudien die en, welche ſſſen, und die dieſen in den Stand geſetzt, ſeine genauen und richtigen Beobachtungen über den Lauf des Planeten Mars zu machen. Dieſe Beobachtungen ſind das Hauptverdienſt, das jener gelehrte, fleißige, aber vorurtheilsvolle Mann um die Aſtronomie hat. Auf ſie gründete Kepler ſeine Berechnungen, ſie gaben ihm den feſten Boden zu ſeinen Hypotheſen, die dem glücklichen Schiffer gleich, der ſich dem ſchwankenden Boote anvertraut, nach allem Hin⸗ und Wiederſchaukeln endlich am feſten Felſen der Wahrheit ankerten. Kepler's Amtsarbeit, die Verbeſſerung der pru⸗ teniſchen Tafeln, war eine zuſammenhängende Reihe ſchwieriger Berechnungen, er unterzog ſich derſelben mit Fleiß und Eifer. Seine Freude, ſeine Erholung, und ſein Glück aber, waren ſeine Forſchungen in allen Gebieten der Natur. Seine heilige Ahnung der Harmonie des Welt⸗ alls, die ſich in der Auffindung der Geſetze der Pla⸗ netenbewegung ſpäter ſo ſchön beſtätigte, war der goldene Faden, der ſich durch ſein Leben zog und dasſelbe mit Gott in ſtetem Zuſammenhange erhielt. Für ihn war das Leben auf Erden, was es für je⸗ den Menſchen ſein ſollte, der Anfang der ewigen Glückſeligkeit im Anſchauen Gottes. Die Auserwählten Gottes, die ſo durch das Erdenleben gehen, müſſen durch Leiden oder Leiden⸗ 334 ſchaften an die Kürze und Mangelhaftigkeit desſelben erinnert werden, damit ſie ſich nicht bloß des Lebens, ſondern auch des Todes freuen lernen. Mitten in dem Wirwar eines Hofes, an wel⸗ chem ein ſchwacher Fürſt von tauſend Intriguen um⸗ ſponnen wurde, lebte Kepler im Schooße ſeiner Familie und von ſeinen Arbeiten und Studien um⸗ geben, ſo ſtill und einfach, als befände er ſich in den Hallen einer Kirche. Er vergaß bei ſeinen Studien die abſcheulichen Anträge Philipp Lang's, die Andeutung Tycho's und Polixena's, welche ſeinen möglichen Einfluß auf den Kaiſer betrafen, und wie die Lerche, die ſich ſingend zum Lichte aufſchwingt, mit leichtem Flügelſchlage die Fäden zerreißt, welche ſchlaue, beutegierige Spin⸗ nen um ihr Neſt und den Baumzweig gezogen, an welchem es hängt: ſo zerriß der fromme Ge⸗ lehrte ahnungslos die Fäden der Intriguen, die ihn von allen Seiten umſponnen hatten. Hoffnungsfreudig erwartete er nun, da er ſich unter dem Schutze des Kaiſers wußte, eine Verbeſſe⸗ rung ſeiner äußeren Lage. Frau Barbara hielt es für ihre Pllicht, ſich und ihr Haus auf einen Fuß zu ſetzen, wie er ihr den Verhältniſſen, in denen ſie lebte, angemeſſen ſchien. Zwar die Gelder aus Steiermark blieben trotz eines eigenhändig vom Kaiſer unterzeichneten Schrei⸗ bens an zahlte d langſam darum hatte gr jedes no Haus be ſie für ſ Fra gefälligen nur zu l der Fam ſeiner Zer kühne Gt furchtsvo nah und Schottlan men war der Chriſ junge Fro nun eine zu Prag Grätz das gehindert, Tycho Pr Umgebung Wenzel B t desſelben bes Lebens, 8, an wel⸗ iguen um⸗ oße ſeiner tudien um⸗ ſich in den bſcheulichen ycho's und duß auf den ſich ſingend lügelſchlage erige Spin⸗ ig gezogen, dundh Ge⸗ ien, die ihn da er ſich ne Verbeſſe⸗ icht, ſich und eer ihr den neſſen ſchien. blieben trotz heten Schrei⸗ bens an die ſteiermä zahlte den ihrem Gatt langſam, gulden⸗, ja darum erſt angega rkiſchen Stände aus, und Tycho en ausgeſetzten Gehalt ſehr oft groſchenweiſe, und nie ohne ugen zu ſein; aber Frau Barbara hatte guten Muth, brachte von ihrem jedes nothwendig werdende O Haus bei der Georgskirche mit all Eigenthum pfer und bald war das em verſehen, was ſie für ſtandesmäßig und unentbehrlich hielt. Frau Barbara Kepler liebte gefälligen Gatten wir nur zu lieben verſtand. Sie hatte ſchon der Familie Eggenber ſeiner Zeit nennen hören, hatte geſeh kühne Graf Waldſtein furchtsvoller Freundſch nah und ferne aus Schottland von dem Koö men waren. Jetzt ſtand er der Chriſtenheit, war junge Frau die Ueberzeugun nun eine Zeit des Glückes b zu Prag hatten die religiöſen V Grätz das Fortkommen gehindert, wohl keinen Tycho Proteſtant, befan Umgebung des Kaiſers Wenzel Budowec von B ihren ſanften und klich und aufrichtig, ſo ſehr ſie im Hauſe g ihn den größten Gelehrten en, wie der junge ſich ihm mit einer Art ehr⸗ haft näherte, wußte, daß von Welſchland von Galilei, aus nige Jakob Briefe an ihn gekom⸗ im Dienſte des Herrn es da nicht natürlich, daß die g hegte, für ſie würde eginnen? Hier am Hofe Vorurtheile, die in des berühmten Magiſter Kepler Platz. War doch auch Herr iden ſich doch in der nächſten ſoviele proteſtantiſche Herren: udowa und Herr Wilhelm von 336 Roſenberg und der ältere Herr von Lobkowic und viele andere. Barbara harrte und hoffte, daß alle Noth und Quälerei nun bald ein Ende nehmen ſolle, und ließ es gegen ihren Gatten nicht an den frauenmäßigen Erinnerungen fehlen, wohl Acht zu haben und das Glück im rechten Augenblick bei der Stirnlocke zu faſſen. 1 Aber ach, Johannes Kepler war nicht der Mann, der die erhabene Göttin der Wiſſenſchaft zu einer tüchtigen Kuh, die ihn mit Butter verſorgte, zu machen wußte. Weib und Kind waren ihm lieb und theuer, ſie waren ſeine theuerſten Erdengüter, er ſorgte, mühte ſich und arbeitete für ſie, wie er es für Pflicht erkannt hatte. Neben dem dornigen Pfade mühſamer irdiſcher Pflichten lief aber ein anderer hin, der ihn mühelos, ſchmerzlos, aller Sorgen und Kümmerniſſe ledig, hinauf⸗ führte zu den Höhen der Wiſſenſchaft, wo er, Gott in ſeinen Werken ſuchend und findend, die reinſte Seligkeit empfand. Auf Tycho's für jene Zeit vortrefflich ausge⸗ ſtatteter Sternwarte in Prag(auf der Stelle des heutigen Lorettoplatzes) beſchäftigte er ſich allnächt⸗ lich mit der Beobachtung der Geſtirne. Er knüpfte an Tycho's Beobachtungen die ſeinen und alle gaben das als daß die deren ein Tief gewidmet den näch Glockenge fromme u nach Got dort zum Dem wohnt war Weisheit nicht in arme würt bewahren Geſchäãft 6 ſein würde geſucht un geſtrebt, a kennbaren natürlich, ſchen nicht türlich, da 1857. XXII bkowic und Noth und e, und ließ uenmäßigen ſen und das tirnlocke zu t der Mann, ſaft zu einer verſorgte, zu und theuer, orgte, mühte flicht erkannt mer irdiſcher ihn mühelos, ledig, hinauf⸗ wo er, Gott „ die reinſte fflich ausge⸗ r Stelle des ſich allnächt⸗ Er knüpfte nd alle gaben das als das erſte kepleriſche Geſetz bekannte Reſultat, daß die Bahnen der Planeten Ellipſen bilden, in deren einem Brennpunkte die Sonne liegt. Tiefe Stille umgab in den dem Studium gewidmeten Nächten hier den frommen Forſcher. Tycho de Brahe hatte den Kaiſer ſchon früher erſucht, für dieſe bei ſeinen Studien zu ſorgen, und Rudolph hatte den Karmelitermönchen in der Nähe den nächtlichen Geſang der Hora und auch das Glockengeläute unterſagt, und ſo waren dann Kepler's fromme und heilige Gedanken, ſein ernſtes Forſchen nach Gott in ſeinen Werken, die einzigen Gebete, die dort zum Himmel emporſtiegen. Dem gelehrten und vornehmen Dänen, der ge⸗ wohnt war, alle ſeine Umgebungen als ihm und ſeiner Weisheit huldigende Vaſallen zu betrachten, war es nicht in den Sinn gekommen, daß der junge blut⸗ arme würtembergiſche Magiſter ſeine eigenen Anſichten bewahren und behaupten würde, wenn er in ſein Geſchäft eingetreten und ſein Untergebener geworden ſein würde. Tycho hatte R uhm, ſeinen eigenen Ruhm geſucht und gefunden, Kepler hatte nie nach anderem geſtrebt, als nach der Wahrheit, dem ſichtbaren, er⸗ kennbaren ſtrahlenden Gewande Gottes; es war daher natürlich, daß der gelehrte Däne den jungen Deut⸗ ſchen nicht zu beurtheilen verſtand, und ebenſo na⸗ türlich, daß beide Männer in kurzer Zeit in einem 1857. XXII. Johann Kepler. III. 22 338 geſpannten Verhältniß zu einander ſtanden. Tycho verlangte von ſeinem Untergebenen mit Heftigkeit Unterwerfung, während Kepler, der ſeinem Weibe ein milder Diener war, der ohne zu murren ſich jeder Unterordnung in allen menſchlichen Lebensver⸗ hältniſſen, wo ſie pflichtmäßig oder billig war, unter⸗ zog, da, wo es ſich um eine erkannte Wahrheit han⸗ delte, von der Möglichkeit der Unterwerfung gar keine Vorſtellung hatte. Ohne Heftigkeit, höflich und beſcheiden, wie es dem jüngeren Mann gegen den älteren, dem Unterge⸗ benen gegen den Vorgeſetzten zukam, ſtand Kepler dem oft bis zur äußerſten Wuth gereizten Dänen gegenüber. Tycho wollte den Sieg ſeines Syſtems. Sein Ruhm ſollte den Ruhm des Kopernikus überſtrahlen, dafür hatte er gearbeitet, dafür ſeine Nächte ge⸗ opfert. Nicht Kepler's Wille, ſondern die Wahrheit ſtand ihm hindernd gegenüber. Eine große Menſchen⸗ ſeele, ja ſelbſt ein ſcharfer, nicht von Eitelkeit ver⸗ blendeter Verſtand, hätte dieß erkennen müſſen; und Tycho würde dem unſterblichen Ruhme, den ſein Fleiß ihm für alle Zeiten geſichert, die höchſte Strah⸗ lenkrone aufgeſetzt haben, wenn er, die Wahrheit er⸗ kennend und ihr huldigend, ſeine Eitelkeit mit ſeinem falſchen Syſtem auf ihrem Altare geopſert hätte. Dazu aber konnte ſeine Seele ſich nicht erheben, er haßt ſeinem 2 viele D. obgleich tückiſch dieſe D verletzen! Wenn 2 Gehilfen Kaiſer ſe mußte 4 heimkehr der und ſeine Ge Brot für Baꝛ die ſich vielmehr ihren Lel ben, ging maͤrkiſcher abweſend endlich a Mo⸗ kleidet, ve zendem. ihren Hau en. Tycho Heftigkeit iem Weibe nurren ſich Lebensver⸗ war, unter⸗ hrheit han⸗ erfung gar den, wie es em Unterge⸗ and Kepler ten Dänen tems. Sein berſtrahlen, Nächte ge⸗ e Wahrheit Menſchen⸗ itelkeit ver⸗ nüſſen; und „ den ſein hſte Strah⸗ zahrheit er⸗ mit ſeinem et hätte. icht erheben, er haßte ſehr bald den Jüngling, den er nicht zu ſeinem Werkzeuge machen konnte, und daß dieſer Haß viele Dornen auf Kepler's Lebenspfad werfen mußte, obgleich Tycho nur eitel und heftig, keineswegs tückiſch und boshaft war, liegt auf der Hand. Und dieſe Dornen hatten einen Widerhaken, der doppelt verletzend in die Seele Kepler's dringen mußte. Wenn Tycho, geärgert durch den Widerſpruch ſeines Gehilfen, ſich durchaus nicht bemühte, ihm von dem Kaiſer ſeinen wohlverdienten Gehalt zu verſchaffen, ſo mußte Kepler mit leerer Hand zu ſeinem Weibe heimkehren, und der armen harrenden Barbara wie⸗ der und wieder ſagen, daß all ſein Wiſſen und all ſeine Gelehrſamkeit nicht ausreichen, das tägliche Brot für ſich und ſeine Kinder zu beſchaffen. Barbara's nicht übermäßig große Geldmittel die ſich aus Grätz von dem übereilten Verkauf oder vielmehr von einem in Eil geſchloſſenen Vertrag mit ihren Lehnsvetteren über ihren Grundbeſitz herſchrie⸗ ben, gingen mehr und mehr auf die Neige. Die ſteier⸗ maͤrkiſchen Stände zahlten keinen Heller an ihren abweſenden Mathematiker, und die Familie war endlich allein auf Kepler's Erwerb gewieſen. Morgens, wenn der junge Gelehrte ſich ange— kleidet, verließ er ſein Haus, um in Tycho's glän⸗ zendem Palaſte zu arbeiten, und während Barbara ihren Hausfrauen⸗ und Mutterpflichten nachging, mit 22*8 340 Hilfe einer böhmiſchen Dienerin die vier Kinder klei⸗ dete, die Zimmer in Ordnung brachte und das Mahl bereitete, ſaß Johannes in dem Obſervations⸗ gemach, umgeben von Globen, Sternkarten, Sextan⸗ ten und allen anderen, damals bekannten Hilfsmit⸗ teln der aſtronomiſchen Wiſſenſchaft, und vertiefte ſich in ſeine Studien. Alles ſchwieg dann um ihn her, denn Tycho war um dieſe Zeit gemeinhin in den Gemächern des Kaiſers, wo er mit Doktor Dee, mit dem Böhmen Häͤjek, mit Gylkowa und Kodizillus Zuſammenkünfte und gelehrte Beſprechungen hatte, die freilich mehr der Aſtrologie, als der Aſtronomie galten. Kaiſer Ru⸗ dolph war dabei jetzt nur ſelten zugegen; die Seele des Monarchen verdüſterte ſich mehr und mehr, und mit krankhafter Neugier forſchte er nach zukünftigen Ereigniſſen, da ihm die Gegenwart keine Freuden brachte. Böhmeu befand ſich vielleicht noch mehr in Gäh⸗ rung als das deutſche Reich. Die Ungarn forder⸗ ten ſogar in offenem Aufruhr einen eigenen König, und hatten wohl ein gutes Recht dazu, denn dieſes Land, ſtets den Einfällen der Türken ausgeſetzt, litt Unglaubliches, und der Kaiſer that nichts, dieſem Leiden ein Ende zu machen. Erzherzog Mathias hatte die Bedingungen eines Waffenſtillſtandes verabredet, Kaiſer Rudolph aber, ät ruhm, zu unte Elend d ſtantiſch gung ih Majeſtä Deutſchl Kaiſer, gernden Die Rei einem u gende T Flamme brechen! ſtehend, Kind B mit alle arbeiten Se und Wif keit hätt Zierde ler als viel dazr ſerliche S Gräueln Linder klei⸗ und das ſervations⸗ 1, Sertan⸗ Hilfsmit⸗ d vertiefte Tycho war es Kaiſers, nen Haͤjek, ünfte und mehr der Kaiſer Ru⸗ die Seele mehr, und zukünftigen ne Freuden dr in Gäh⸗ urn forder⸗ ien König, denn dieſes geſetzt, litt ts, dieſem edingungen r Rudolph 341 aber, ärgerlich über ſeines Bruders Thun und Waffen⸗ ruhm, ſäumte Wochen, Monate, ja Jahre, dieſelben zu unterzeichnen, und unterdeſſen ſteigerte ſich das Elend des Landes zum Unerträglichen. Die prote ſtantiſchen Böhmen forderten grollend die Beſtäti⸗ gung ihrer, ihnen vom Kaiſer Maximilian in einem Majeſtätsbriefe zugeſicherten Rechte, in allen Landen Deutſchlands trotzten die Proteſtanten offen dem Kaiſer, und die Katholiken handelten, ohne ſeine zö⸗ gernden Befehle abzuwarten, nach eigener Willkür. Die Reiche alle, welche Rudolph beherrſchte, glichen einem unterwühlten Berge, in deſſen Schooße ſchla⸗ gende Wetter ſchlummern, von allen Seiten züngeln Flammen dem Orte näher, wo die Exploſion los⸗ brechen muß, und der Kaiſer, auf der Spitze desſelben ſtehend, beobachtete den Himmel und ſuchte wie ein Kind Blumen und glänzende Steine, während er mit allen ihm zugebote ſtehenden Kräften hätte arbeiten müſſen, den innern Brand zu löſchen. Seine Gelehrſamkeit, ſeine Liebhaberei für Künſte und Wiſſenſchaften und ſeine natürliche Gutmüthig⸗ keit hätten einem friedlichen, feſtſtehenden Throne zur Zierde gereicht, an Rudolph II. waren ſie ehe Feh⸗ ler als Tugenden, zum mindeſten trugen ſie ſehr viel dazu bei, ſeine Länder zu zerſtückeln, ſeine kai⸗ ſerliche Macht zu ſchwächen, und Deutſchland den Gräueln des dreißigjährigen Krieges entgegenzu⸗ 342 führen. Kaiſer Rudolph beſaß keine Freunde und konnte keine beſitzen. Das ihm durch ſeine ſpaniſche Erziehung ein⸗ geflößte Mißtrauen entfernte die großen Herren des böhmiſchen Adels, die eigentlichen Stützen des Thro⸗ nes, aus ſeiner Nähe. Selbſt diejenigen, die mit großer Treue an ihm hingen, waren nicht ſicher vor ſeinem Verdacht, und der wackere Georg Popel von Lobkowie ſchmachtete im Kerker, ohne daß ihm ein Verbrechen nachzuwei⸗ ſen möglich war.— Rudolph fürchtete die Ehe, da die Sterne ihm rebelliſche Söhne prophezeit hatten; er fürchtete ſeine Brüder, und darum beleidigte er ſie und gab ihnen Veranlaſſung ihn zu haſſen; er fürchtete auch ſeine Unterthanen, und daher verſperrte er ſich vor ihnen in die Gemächer ſeines Hradſchin, in ſeine prunk⸗ vollen Marſtälle und Thiergärten, und dieſer Zu⸗ ſtand, ſich von Jahr zu Jahr ſteigernd, ward all⸗ mälig zu einer wahrhaftigen Geiſteskrankheit, die durch die niedrigen Menſchen, mit welchen die Noth⸗ wendigkeit ihn umgab, durch Kammerdiener und Pferdeknechte, noch erhöht wurde. Seit Philipp Lang, der verrufene Kammerdie⸗ ner des Kaiſers, Polixena von Roſenberg als Be⸗ gleiterin der unglücklichen Tochter des gefangenen Lobkowic geſehen, war Kaiſer Rudolph eigentlich von dem heitlieben genug be träge vo ſtand die ſo wohl, Ihr Gei Perſon, theilen i endlich t weſen, af als Lang Ungnade Mit verlebte er nannte. Luft und machte e bewegung war, bra⸗ Art überf ſellſchaft ſcheulichen Johe ſiedelt, de ſoviel Hu eunde und ehung ein⸗ Herren des des Thro⸗ ue an ihm dacht, und ſchmachtete nachzuwei⸗ Sterne ihm chtete ſeine gab ihnen auch ſeine vor ihnen ine prunk⸗ dieſer Zu⸗ ward all⸗ nkheit, die die Noth⸗ iener und Lammerdie⸗ g als Be⸗ gefangenen eigentlich von dem letzten Herzen geſchieden, das, edel, wahr⸗ heitliebend und ihm aufrichtig ergeben, in ſeiner Nähe geſchlagen. Der Kaiſer hatte Herzensgüte und Großmuth genug beſeſſen, die Zurückweiſung ſeiner Liebesan⸗ träge von Polixena ertragen zu können. Ja er ver⸗ ſtand die ganze Handlungsweiſe dieſer ſeltenen Frau ſo wohl, daß er ſie darum nur noch höher achtete. Ihr Geiſt, ihre aufrichtige Ergebenheit für ſeine Perſon, die verſtändigen Rathſchläge, die ſie zu er⸗ theilen wußte, machten ſie ihm als Freundin un⸗ endlich theurer, als ihm je eine ſeiner Geliebten ge⸗ weſen, aber tief erzürnt zog er ſich von ihr zurück, als Lang ihm von ihrer Freundſchaft für die in Ungnade gefallene Familie erzaͤhlte. Mit ſeinen Alchemiſten, mit ſeinen Aſtrologen verlebte er die Stunden, welche er ſeine Arbeitszeit nannte.— In ſeinen verſchloſſenen Reitſtällen, von Luft und Sonne durch hohe Mauern geſchieden, machte er die ihm nothwendig ſcheinenden Leibes⸗ bewegungen, und alle Zeit, die ihm ſonſt noch übrig war, brachte er in ſeinen, mit Kunſtwerken aller Art überfüllten Zimmern meiſt einſam, oder in Ge⸗ ſellſchaft ſeines vertrauten Kammerdieners, des ab⸗ ſcheulichen Lang zu. Johannes Kepler hatte, ſeit er nach Prag über⸗ ſiedelt, den Kaiſer, der ihm im Hauſe des Rabbi Löw ſoviel Huld erwieſen, noch gar nicht geſehen. 344 Auch zu Frau von Roſenberg war er nicht gekommen.— Es ſchien ihm eigentlich eine Pllicht gegen ſeine Gattin, ſich dieſer Dame ſo fern als möglich zu halten; auch befand ſich die gefeierte Polixena ſeit längerer Zeit auf ihrem Witwenſitze Raudnitz an den Ufern der Elbe. Kepler war in dem großen Prag, wie immer, in ſeiner Familie und in ſeiner Arbeit, und er würde ſein irdiſches Loos glücklich geprieſen haben, wenn es ihm gelungen, jene durch dieſe zu erhalten.— Dieß aber war keineswegs der Fall; Kaiſer Rudolph, der Tau⸗ ſende ohneweiters fortwarf, um ein Gemälde, eine Statue anzukaufen, der andere Tauſende durch ſeine alchemiſtiſchen Verſuche verflüchtigte und die niedri⸗ gen Kreaturen ſeiner nächſten Umgebung ſich durch ſchamloſen Diebſtahl bereichern ließ, war nie bei Kaſſe, um ſeine Truppen und ſeine Beamten zu bezahlen. Kepler war ein Jahr in Prag und hatte von dem ihm zugewieſenen Jahrgehalte wenig mehr, als eine Monatseinnahme erhalten. So war denn das Leben in ſeinem Familien⸗ kreiſe trotz ſeiner ſteten ſanften Freundlichkeit gegen Weib und Kinder ein trübes. Es iſt ein widernatürliches Verhältniß, wenn die Einnahmen der Frau den Hausſtand erhalten müſſen, und Barbara's Einnahmen gingen auch bereits gänzlich auf die Neige und die bittere Noth drohte il halten, und die Herzogtl 2 nicht na Barbara dem ſie zählt ha men wao ſieh, unſ Kind ein halbnackt chen ſo Key Kerl em die aus war So⸗ nicht eige dennoch Herz bei Familien Pflicht, „I entgegne durch die und auft feſteſte, d ar er nicht eine Pflicht ſo fern als die gefeierte Witwenſitze wie immer, und er würde aben, wenn ten.— Dieß ph, der Tau⸗ emälde, eine durch ſeine die niedri⸗ ſich durch nie bei Kaſſe, zu bezahlen. te von dem hr, als eine n Familien⸗ ichkeit gegen ältniß, wenn ind erhalten gingen auch bittere Noth drohte ihren Einzug in das Haus des Mannes zu halten, dem das Haupt der katholiſchen Chriſtenheit, und die proteſtantiſchen Landſtände eines großen Herzogthums bedeutende Summen ſchuldeten. „Ich bitte Dich, Johannes, geh hin und laß nicht nach, bis dieſer Däne Dir Geld gibt,“ ſagte Barbara in der Frühſtunde zu ihrem Gatten, nach⸗ dem ſie ſeufzend den Reſt ihrer Barſchaft durchge⸗ zählt hatte, der auf wenige Groſchen heruntergekom⸗ men war.„Ich bitte Dich, herzlieber Johannes, ſieh, unſer Ludwig braucht Schuhe und geht das Kind eines Edelmannes, eines Gelehrten daher mit halbnackten Füßen, ein Holzhauer würde ſein Büb⸗ chen ſo nicht einherlaufen laſſen.“ Kepler ſeufzte tief; er hob den hübſchen kleinen Kerl empor und küßte die nackten roſigen Zehchen, die aus dem zerriſſenen Schuh hervorſahen. Es war Sommer und warm und das Kind litt wohl nicht eigentlich durch die Aermlichkeit ſeiner Bekleidung; dennoch fühlte der Vater einen Stich durch ſein Herz bei dem Gedanken an den Mangel in ſeinem Familienkreiſe, war es doch ſeine erſte und nächſte Pflicht, denſelben abzuhelfen! „Ich werde mit Tycho reden, mein liebes Weib,“ entgegnete er ſanft,„verzage nicht und ermatte nicht durch die Sorgen, die Du trägſt, erhalte Dich heiter und aufrecht, biſt Du doch Deines Hauſes beſte und feſteſte, daß ich nicht ſage, einzige Stütze!“ 346 Es lag ein tiefer Schmerz in den Augen des armen Gelehrten, und nur zu wohl kannte Barbara den Ausdruck derſelben und fühlte Mitleid mit ihm. — Sie ſchlang die ſchönen weichen Arme um ihres Gatten Nacken und ſagte herzlich:„Verzag Du nicht, Johannes, ſieh nicht ſo jämmerlich d'rein, ſtell Dich einmal feſt auf Dein Recht und droh' dieſem Dänen, ihn beim Kaiſer zu verklagen, wenn er Dich nicht bezahlt.“ „Barbara, Herr von Brahe erhält ſelbſt ſeine Zahlungen vom Kaiſer höchſt mangelhaft und unre⸗ gelmäßig.“ „Ei was, das mag ſchon wahr ſein; aber er iſt ein reicher Kauz von Hausaus und ſeine Bücher, feine Wahrſagereien und all dieſe Geſchichten bringen ihm Geld und wieder Geld. Hab nur nicht immer Rück⸗ ſichten auf jedermann und alle Welt und denk ſein, daß das Hemd dem Leibe näher iſt als der Rock. Laß den Tycho nicht los, bis er Dir eine gute Ab⸗ ſchlagzahlung gegeben; mag er das Geld von ſeinem eigenen nehmen, wenn er aus den kaiſerlichen Kaſſen nichts bekommen kann.“ „Ich will mein möglichſtes thun, mein Weib,“ ſagte Johannes Abſchied nehmend, und ging nach der glänzenden Wohnung des berühmten Aſtronomen. Tycho war bereits zum Kaiſer gegangen und Kepler wußte, daß, wenn er ſich jetzt niederſetzte, um zu arbeite ſprechen ſeiner Na ihr gleich aufzuſuche wo Tycho, kam, gewü Von ſteht auf d Stadt und Wysehrad Ziska ein Schoͤnheit Das und iſt un Seiten eine war es mi zu überſehe und beſtieg chen Hofe nach Tyche gewahren Noch und athme bemerkte, d Augen des nte Barbara eid mit ihm. te um ihres ag Du nicht, n, ſtell Dich jeſem Dänen, Dich nicht ſelbſt ſeine t und unre⸗ i; aber er Bücher, feine bringen ihm immer Rück⸗ ddenk ſein, der Rock. de gute Ab⸗ von ſeinem ichen Kaſſen lein Weib,“ ging nach Aſtronomen. gangen und erſetzte, um zu arbeiten, er ſehr leicht ihn heute gar nicht mehr ſprechen könne, denn Frau Katharina hatte ihm bei ſeiner Nachfrage mitgetheilt, daß ihr Eheherr mit ihr gleich nach ſeiner Rückkehr von Sr. Majeſtät eine Fahrt nach Benatek, ihrem ſchönen Landſitze, zu machen beabſichtige. So ging denn Kepler, um ſeinen Vorgeſetzten aufzuſuchen, nach den prächtigen kaiſerlichen Gärten, wo Tycho, wenn er aus den kaiſerlichen Gemächern kam, gewöhnlich etwas umherzuwandeln pflegte.— Von herrlichem blühenden Buſchwerk umgeben, ſteht auf der Höhe, die weit hinaus den Ueberblick über Stadt und Strom geſtattet und von den Felſen des Wysehrad bis zu dem Berge, auf dem der Held Ziska einſt gelagert, ein Panorama von göttlicher Schönheit eröffnet, ein ſtattliches kleines Gebäude. Das Dach gleicht einem umgekehrten Bootskiele, und iſt umgeben von einer Gallerie, die nach allen Seiten eine weite entzückende Ausſicht bietet; von hieraus war es möglich, die Gaͤnge des kaiſerlichen Gartens zu überſehen, und ſo ging denn Johannes dorthin und beſtieg die Gallerie, wie es allen zum kaiſerli⸗ chen Hofe gehörigen Perſonen geſtattet war, um nach Tycho auszuſchauen und ihm, ſobald er ihn gewahren würde, nachzueilen. Noch aber war er erſt wenige Augenblicke oben und athmete den Hauch der belebenden Luft, als er bemerkte, daß er nicht allein ſei. 348 Zwei Damen lehnten ſich über die Bruſtwehr der Gallerie und unten dicht am Gebäude wandelten einige Diener, die zu denſelben zu gehören ſchienen, auf und ab. Die eine Dame, hochſchlank und mit goldigblon⸗ dem Haar, war in Trauerkleidung, die andere trug ein Kleid von einem feinen weißen Gewebe, das im fernen Indien gefertigt, nicht der Goldſtickerei an den Säumen bedurft hätte, um ebenſo ſchön als koſtbar zu ſein. „Es war eine Feigheit,“ ſagte dieſe, und Kep⸗ ler erkannte die Stimme und ſein Herz ſchlug ſchnel⸗ ler,„eine Feigheit, daß ich dem Kaiſer mein In⸗ tereſſe an Ihnen, meine theuere Eva, verbergen wollte. Es war eine Feigheit, ja und ein Verrath dazu. Wer ſoll ihm die Wahrheit ſagen, wenn nicht ich. die er ſeine Freundin nennt und die es auch iſt? Rudolph von Habsburg iſt ein edles Herz, das hab' ich, vielfach erfahren, und glauben Sie mir, theuerſte Eva, Ihre Fürbitten, Ihre Vorſtellungen werden Ihren Vater retten.“ „O gnädigſte Frau, meine theuere Polixena,“ entgegnete die andere, indem ſie ſich zu ihrer ganzen Größe erhob,„ich habe als Bittende geſtanden vor dieſem Kaiſer ohne Majeſtät, ich habe eine flehende Bettlerin zu ſeinen Füßen geweint, während Ihr abweſend wart. Was hat er mir geantwortet? mir, mir, einer frau von Schläfen vollen An Vater! me aber ſich die weißen Keple eines verti worden und raſch das Eine Züge und trat ſie der tief und el „Ah, Eva,“ rief ſammenſein Trennung ſehr geehrten ſchenken Si Freude Ih Prag? mit hältniſſen, Gelehrſamke Der a nicht an die ie Bruſtwehr de wandelten ören ſchienen, tit goldigblon⸗ andere trug Gewebe, das zoldſtickerei an iſo ſchön als ſe, und Kep⸗ ſchlug ſchnel⸗ er mein In⸗ a, verbergen ein Verrath n, wenn nicht e es auch iſt? erz, das hab' mir, theuerſte ugen werden e Polixena,“ ihrer ganzen geſtanden vor eine flehende während Ihr wortet? mir, mir, einer Tochter des Hauſes Lobkowie, einer Jung⸗ frau von unbeſcholtenen Sitten! Wehe mir! meine Schläfen glühen vor Scham, wenn ich der ſchmach⸗ vollen Anträge gedenke, die ich anhören mußte. O Vater! mein Vater! Dein Kind kann für Dich ſterben, aber ſich nicht erniedrigen,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie die weißen Arme zum Himmel emporrang. Kepler fühlte, daß er hier ſehr unberufener Zeuge eines vertraulichen und gefährlichen Geſpräches ge⸗ worden und wollte ſich eilig zurückziehen, als Polixena raſch das Haupt wandte und ihn erblickte. Eine heiße Röthe überflog die wunderſchönen Züge und eilig und mit dem Ausdruck der Freude trat ſie dem erzitternden Manne entgegen, der ſich tief und ehrerbietig vor ihr neigte. „Ah, das iſt von guter Bedeutung, meine liebe Eva,“ rief ſie heiter,„daß wir bei unſerem erſten Zu⸗ ſammenſein denjenigen antreffen, der uns vor unſerer Trennung ſo ritterlich beſchützte. Magiſter Kepler, ſehr geehrter Herr, ziehen Sie ſich nicht zurück, ſondern ſchenken Sie uns noch für einige Augenblicke die Freude Ihrer Gegenwart.— Sie leben jetzt in Prag? mit Ihrer Familie, und hoffentlich in Ver⸗ hältniſſen, die Ihrer großen Talenten, Ihrer ſeltenen Gelehrſamkeit würdig ſind?“— Der arme Gelehrte dachte in dieſem Augenblicke nicht an die Noth in ſeinem Hauſe, nicht an Bar⸗ 350 bara's Ermahnungen. Er ſtand der Frau gegenüber, die ſeit ſeiner Jugend ihm als Ideal vorgeſchwebt, und vor ſeinen Augen breitete ſich die ſchöne Welt aus, die Gott ſchuf und dem Menſchengeſchlecht zur Verſchönerung übergab. Er blickte hinauf zum klaren blauen Himmel, ſo angefüllt mit Zeugniſſen von Gottes Größe und Güte, und ſagte mit ſeinem hei⸗ terſten Lächeln:„Der kann nicht unglücklich ſein, der die Werke des Herrn ſchauen darf und ſeine Barm⸗ herzigkeit aus ihnen erkennen.“ Es flog über das edle und ſtolze Geſicht Eva's von Lobkowic ein Strahl des Verſtändniſſes, und ſie trat dem Gelehrten wie unwillkürlich einen Schritt näher. „Ihr habt Recht, o wie ſehr Recht, Herr Magi⸗ ſter,“ ſagte ſie eifrig,„v daß mein edler Vater Euch kennen und hören möchte!“ Polixena aber legte die Hand leicht auf Kepler's Arm und ſagte theilnehmend:„Ich hoffe doch aber auch, daß Eure äußerliche Lage Euern Verdienſten angemeſſen iſt?“ Kepler ſeufzte. Der Gedanke an ſeine häuslichen Sorgen, an die Bedürfniſſe ſeiner Kinder, an Bar⸗ bara's trübſeliges Loos kehrte ihm zurück. „Ich bin arm, gnädigſte Frau,“ ſagte er einfach, „ſehr arm ſogar, meine Bücher, die meinen Ruf in der Welt ausgebreitet, haben mir nie etwas einge⸗ bracht. Der Kaiſer und Herr Tycho zahlen ſo wenig, als die ſteieriſchen Stände.“ „Groß Ihr habt 2 leiden, da haben, was um die ma „Es iſ „wir haben Mangels en reich war und ich hab ſchweren Vo ſchützen ſollt „O Go ihn mit tiefe arbeiten, Eu die Eurem h Weiſe wird( menſchlich er Kepler Polixena fül „Meine Freude, mein bares Glück. binter mir, u Anſchauen de ſeinen Werke mein Gedank, gegenüber, rgeſchwebt, höne Welt ſchlecht zur zum klaren niſſen von ſeinem hei⸗ ch ſein, der ine Barm⸗ Eva's von und ſie trat chritt näher. Herr Magi⸗ Vater Euch Verdienſten häuslichen r, an Bar⸗ er einfach, ten Ruf in was einge⸗ t ſo wenig, „Großer Gott!“ rief Frau von Roſenberg,„und Ihr habt Weib und Kinder? Da müßt Ihr ja Noth leiden, da müßt Ihr ja das ſchrecklichſte erfahren haben, was die Menſchen betreffen kann: Sorge um die materiellen Bedürfniſſe des Lebens.“ „Es iſt wohl ſo,“ entgegnete Kepler mit Milde, „wir haben zu Zeiten ſchon die Annäherung wirklichen Mangels empfunden; meine arme Barbara, die einſt reich war und mir alles geopfert hat, leidet viel und ich habe das doppelt ſchmerzhaft, ja als einen ſchweren Vorwurf für mich, der ich ſie vor Sorgen ſchützen ſollte, empfunden.“ „O Gott!“ ſagte Frau von Roſenberg und blickte ihn mit tiefer Theilnahme an,„und dabei müßt Ihr arbeiten, Euch mit Gedanken an Dinge beſchäftigen, die Eurem häuslichen Leid ſo fern liegen; auf welche Weiſe wird Euch dieſe Seelenkraft, die mir faſt über⸗ menſchlich erſcheint?“ Kepler lächelte; es war ein ſchönes Lächeln und Polirena fühlte das. „Meine Arbeit,“ ſagte er,„iſt mein Troſt, meine Freude, mein höchſtes und durch keine Noth zerſtör⸗ bares Glück. Die Erde mit ihren Mängeln liegt binter mir, unter mir, wenn ich mich verſenke ins Anſchauen der Größe meines Schöpfers, den ich in ſeinen Werken erkenne. Mit Seraphsflügeln trägt mein Gedanke mich von Stern zu Stern und meine 352 ahnende Seele findet auf den fernſten Weltkörpern das, was auch auf Erden die höchſte Glückſeligkeit des Menſchen iſt, die Erkenntniß, daß Geſetzmäßigkeit, Ordnung, Zweckmäßigkeit, vorſorgende Liebe die Schönheit des Weltganzen bilden, von dem mein Ich ein Theil und deſſen erhabene Seele Gott iſt. Wer des Herrn Größe zu erſchauen gewürdigt ward, können den die kurzen flüchtigen Leiden dieſes Erden⸗ daſeins von dieſer höchſten Glückſeligkeit abwendig machen? O gnädigſte Frau, nur weil ich Pflichten gegen minder als ich ſelbſt von Gott begnadigte, gegen mein Weib und meine Kleinen, zu erfüllen habe, fühle ich die Mängel des Erdenlebens, aber dieß Gefühl iſt ein nothwendiges, denn es läßt mich auf eine ſchönere Zukunft jenſeits der Pforte des Todes hoffen, während ich ohne dasſelbe den Tod vielleicht fürchten würde als das unvermeidliche Ziel meiner glückſeligen Beſtrebungen.“ Eva von Lobkowic hob ihre Augen zu dem be⸗ geiſterten Sprecher empor. „So kennt Ihr denn nicht Haß, noch Liebe, nicht Verzeihung, noch Rache, nicht all das Wogen der Gefühle in der Menſchenbruſt?“ ſagte ſie mit einem feſten Blick in Kepler's ſchimmernde Augen. „Ich kenne ſie alle,“ entgegnete er, und eine plötz⸗ liche Glut überflog ſeine bleiche Wange,„ja ich kenne auch Schuld und Reue, kenne Furcht und Hoffnung, ich bin ein dem Erlöf wie die S ſo erbleich Leidenſcha Lichte der Die befähigt, d ſtand und Landſchafts ausbreitete der Bäume ihren Füße ſchaute ein drei Menſc und beſelig iſt, als es 4 Kepler ohne Tycho; ihn zu treff den kaiſerlic Bewußtſein „Arme Barb 1857. XXII. ſeltkörpern abwendig Pflichten gte, gegen llen habe, aber dieß mich auf es Todes b vielleicht el meiner ndem be⸗ iebe, nicht Zogen der mit einem n. eine plötz⸗ n ich kenne Hoffnung, ich bin ein Menſch, ſchwach und gebrechlich, und darum dem Erlöſer dankbar für ſein vergoſſenes Blut; aber wie die Sterne erbleichen vor dem Lichte der Sonne: ſo erbleichen in meiner Seele die Freuden, Leiden und Leidenſchaften des Erdenlebens vor dem aufgehenden Lichte der Erkenntniß Gottes.“ Die beiden Damen ſchwiegen. Beide waren ſie befähigt, den Mann zu verſtehen, der neben ihnen ſtand und mit feuchtem Blick jetzt das herrliche Landſchaftsbild betrachtete, das ſich zu ihren Füßen ausbreitete.— Der Wind flüſterte in den Zweigen der Bäume, der Moldau blaue Wogen rauſchten zu ihren Füßen und am Himmel ſtand die Sonne und ſchaute ein glänzendes Gottesauge hinab auf die drei Menſchenherzen, die von einem Gefühle belebt und beſeligt wurden, das leider viel ſeltener auf Erden iſt, als es ſein ſollte und könnte. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Kepler mußte zu ſeiner Gattin zurückkehren, ohne Tycho geſprochen zu haben. Er hatte die Stunde, ihn zu treffen, verſäumt, hatte nicht geſehen, wie er den kaiſerlichen Garten durchſchritten, und ein bitteres Bewußtſein der Schuld durchzuckte ſein Herz.— „Arme Barbara, arme Kinder!“ ſeufzte er,„derjenige, 1857. XXII. Johann Kepler. III. 23 354 der für Euch ſorgen ſollte, vergißt und verſäumt Euch und läßt ſeine Bruſt ſchwellen in unerlaubter Freude, während Ihr leidet!“ Das Bild Polixena's trat vor ſeine Seele, jeder ihrer Blicke ſo voll Verſtändniß für ſeine Worte, jedes ihrer Worte ſo aufrichtig und wahr. „Dieſe Frau,“ ſagte er ſich,„wäre die Ergänzung meines Ichs, der Troſt meines Herzens geweſen, wenn das Geſchick ſie mir zur Lebensgefährtin ge⸗ geben, und die Höchſten der Erde haben ihr gegen⸗ über gefühlt, wie ich, während ſie ſelbſt, vermält mit einem Mann, der ihr Vater ſein konnte, und frühe verwitwet, vielleicht nie, vielleicht ebenfalls ohne Befriedigung liebte.— Es muß alſo Gottes Wille ſein, der immer und auf allen Wegen das menſchliche Herz zu ſich zieht, der zwei Triebe in uns legte, die uns weſentlich von den Thieren, unſeren geringern Brüdern ſcheiden: die Sehnſucht, ihn den Ewigen zu erkennen und zu verſtehen, und die eben⸗ ſo ſtarke Sehnſucht, erkannt und verſtanden zu wer⸗ den von einem uns gleich fühlenden Herzen. Bei⸗ des iſt göttlichen Urſprungs in uns, und führt zu Gott zurück, wenn wir es nicht durch irdiſchen Staub beflecken. Mein Weib, herzliebe Barbara, Mutter meiner Kleinen, Du ſollſt nie einen Grund haben zu trauern, weil in meinem Herzen eine Sehnſucht wacht, die durch Dich nicht geſtillt werden kann, un mal iſt, meiner F Er t lockend en mit laute! kommen,; Goldgulde Abſchlagsz dann hier kepleriſchen hundert G nach Linz, ja Gottlol Keple Schweiß vo Gulden, d lich nicht d ſie von Po Gedanken, Und doch anzunehmen ſeiner Fam Er ne allen Seite geſchrieben, lumt Euch ter Freude, Seele, jeder ine Worte, Ergänzung 3 geweſen, fährtin ge⸗ ihr gegen⸗ ſt, vermält onnte, und ebenfalls Triebe in en, unſeren t, ihn den d die eben⸗ und führt ch irdiſchen Barbara, unen Grund perzen eine kann, und dieß ſei das letztemal, wie es das erſte⸗ mal iſt, daß ich eine heilige Pflicht gegen Dich um meiner Freude willen verſäume.“ Er trat in ſein Haus. Barbara eilte ihm froh⸗ lockend entgegen.„Schau, ſchau, Johannes,“ rief ſie mit lautem Jubel,„zweierlei Freudenbotſchaft iſt ge⸗ kommen, zuerſt hier dieſer Brief an mich und fünfzig Goldgulden darein, jedenfalls vom Kaiſer ſelbſt eine Abſchlagszahlung; ein kleiner Mohr brachte es, und dann hier vom Gericht zu Linz ein Schreiben an die kepleriſchen Eheleute, und ich habe geerbt an die drei⸗ hundert Gulden und noch darüber, Du mußt alsbald nach Linz, die Sache zu betreiben, und Reiſegeld iſt ja Gottlob auch nun vorräthig.“ Kepler trat ans Fenſter und wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn.— Von wem waren die fünfzig Gulden, die ihm ſo plötzlich zugekommen? Sicher⸗ lich nicht von Tycho oder dem Kaiſer— und wenn ſie von Polixena waren? Sein Blut ſiedete bei dem Gedanken, ein Almoſen zu empfangen aus ihrer Hand. Und doch fühlte er, daß es ſeine Pflicht ſei, dasſelbe anzunehmen, daß er kein Recht habe, auf Koſten ſeiner Familie ſtolz zu ſein. Er nahm das Blatt und betrachtete es von allen Seiten. Ganz unten an der Ecke ſtand etwas geſchrieben, nur eine kleine Zeile.— Es war ein 23 356 Name— er betrachtete ihn genauer, und kein Zwei⸗ fel, da ſtand es deutlich:„Albrecht Graf von Waldſtein.“ Er ſprang auf, das Herz voll Freude, griff nach ſeinem Baret und eilte nach dem am Fuße des Hradſchin gelegenen Wohnhauſe der Grafen von Waldſtein. Der Herr Graf Albrecht war aus Steiermark, wo er dem Erzherzog diente, auf einige Tage nach Prag gekommen.— Die wenigen Jahre hatten aus dem Jüngling einen Mann gemacht, und zwar einen Mann, dem man den eiſernen Willen und die un⸗ beugſame Kraft anſah. Er war als Feldobriſter Erzherzog Ferdinands mit der goldenen Gnadenkette geſchmückt. „Ihr habt mir gut prophezeit, Magiſter Kepler, ich muß Euch nochmals dafür danken,“ ſagte er, dem Eintretenden die Hand reichend,„ich habe hundert⸗ und hundertmal an Euch gedacht, im Donner der Feldſchlacht, und am Hofe meines edlen Erzherzogs; jetzt komm' ich von neuem Euch zu bitten, Eure Kunſt für mich zu üben, verſteht mich wohl nicht für mich ſelbſt, ſondern für einen, der höher ſteht als ich, und an den ich mein Geſchick, wenn die Sterne es alſo wollen, für immer zu knüpfen denke. Wollt Ihr demjenigen das Horoskop ſtellen, deſſen Geburts⸗ ſtunde und Minute nebſt allem andern dazu Noth⸗ wendigen ich Euch hier genau angemerkt habe, und zwar wol mit dem geben will „Ich Kepler,„i gen der ich wiederk „Es Hand bind an meinen ſteht in d leſen; ſei „Brau Kepler,„ſa Beſcheid.— kraft und C Liebe dient, her Ehre g Albrech auf das Ge iſt Wahrheit der mich bi feſthalten; doch noch, gedenkt und Erzherzog Eure ſteiern ein Zwei⸗ kaldſtein.“ griff nach Fuße des ſafen von ſteiermark, age nach latten aus war einen d die un⸗ erdinands ter Kepler, ke er, dem hundert⸗ oonner der rzherzogs; tten, Eure vohl nicht böher ſteht die Sterne ike. Wollt Geburts⸗ azu Noth⸗ habe, und zwar wollt Ihr ſein Horoskop in Verein bringen mit dem meinen, das ich Euch hier auch über⸗ geben will.“ „Ich kann nicht, mein Herr Graf,“ entgegnete Kepler,„in zwei Stunden muß ich nach Linz in Din⸗ gen der Familienangelegenheiten, wer weiß, wann ich wiederkehre und dann—“ „Es preſſirt nicht,“ ſagte der Graf,„vor der Hand binde ich mein Geſchick noch nicht für immer an meinen jetzigen Herrn, die Entſcheidung darüber ſteht in den Sternen geſchrieben, Ihr ſollt ſie mir leſen; ſei es, wann es ſei.“ „Braucht es denn dazu der Sterne,“ ſprach Kepler,„ſagt uns doch das Herz darüber den beſten Beſcheid.— Wenn ein Mann, wie Ihr, voll That⸗ kraft und Genie, einem edlen Fürſten treu und in Liebe dient, ſo muß es für beide zu Glück und ho— her Ehre gereichen.“ Albrecht von Waldſtein warf einen feſten Blick auf das Geſicht des Sprechers.„Ja!“ ſagte er,„das iſt Wahrheit, und ſie kommt mir aus einem Munde, der mich bis heute nicht getäuſcht, ich werde daran feſthalten; aber, Magiſter Kepler, darum erwarte ich doch noch, daß Ihr bei erſter Gelegenheit meiner gedenkt und das Horoskop für mich und den edlen Erzherzog gemeinſchaftlich ſtellt.— Denkt, es ſei Eure ſteiermärkiſche Amtsarbeit, und ich, Albrecht 358 Graf von Waldſtein, verſpreche Euch bei meiner Edelmannsehre, daß die Stände Eure Forderungen zahlen ſollen.“ Er machte mit der Hand ein leichtes Zeichen, ganz wie ein Fürſt, der einen Diener entläßt, und Kepler entfernte ſich, die Papierrollen in der Hand haltend: da rief ihn Waldſtein zurück.—„Magiſter,“ ſagte er,„vergeßt mir Eines nicht, der Freund und Bruder meines Herrn, Herzog Max von Bayern, der große Kriegsrüſtungen in ſeinen Erblanden macht, iſt mein Todfeind, ſchaut nach in den Sternen, wo unſere Schickſale ſich kreuzen werden.“ Kepler ging.„Ich habe Geld empfangen aus dieſes ſtolzen Mannes Händen,“ dachte er mit tiefer Verſtimmung,„ich muß ſchon wieder das Hokus Pokus machen, das nichts anderes iſt, als eine ſy⸗ ſtematiſche Betrügerei, für mich wenigſtens, der ich die Nichtigkeit desſelben erkenne. Dieß aber ſei das letztemal, daß ich mich dazu herbeilaſſe, komme auch, was mag, Kummer, Noth und Elend, ich will nicht als ein Charlatan von Windbeuteleien leben.“ Am nächſtfolgenden Tage trat er die Reiſe nach Linz an, nachdem er ſich von Tycho beurlaubt und ihn gebeten hatte, ſeiner zurückbleibenden Gattin beizuſtehen und ihr die nothwendigen Gelder auf ihre Quittung zu zahlen. Die Erbſchaftsangelegenheit, um die es ſich handelte, heutzutag Wer hatte, mi nicht vor Demuth teſten Lat auch nich Kep endlich ne dieſen um Die es bei de lich gehal Dokument tigung m abgehalter ſeine una war ein gehört he einander ein vierte Freunde in Maull zu pocher einem he Er ei meiner rrderungen 3 Zeichen, tläßt, und der Hand Magiſter,“ reund und n Bayern, den macht, ernen, wo angen aus mit tiefer as Hokus 3 eine ſy⸗ s, der ich er ſei das nme auch, will nicht hen.“ die Reiſe beurlaubt den Gattin delder auf ie es ſich handelte, war damals nicht ſo leicht beendet, als es heutzutage der Fall ſein würde. Wer zu jener Zeit mit den Gerichten zu thun hatte, mußte ſich in Geduld zu faſſen verſtehen, ſich nicht vor vergeblichen Gängen fürchten, und ſich in Demuth beſcheiden, wenn er die ſeltſamen, im ſchlech⸗ teſten Latein abgefaßten Reſolutionen, die er empfing, auch nicht verſtehen konnte. Kepler that alle nothwendigen Schritte und ſchrieb endlich nach Tübingen an ſeinen Jugendfreund Beſold, dieſen um ſeinen juridiſchen Rath fragend. Die Antwort blieb lange aus, länger, als Kepler es bei der Dringlichkeit der Angelegenheit für mög⸗ lich gehalten; verſtimmt ſaß er über den verſchiedenen Dokumenten, deren Prüfung ihn von jeder Beſchäf⸗ tigung mit ſeiner Wiſſenſchaft nun ſchon ſeit Tagen abgehalten, als ein Pochen an ſeine Zimmerthür ſeine unangenehme Beſchäftigung unterbrach.— Es war ein Laut, den er ſeit ſeinen Knabenjahren nicht gehört hatte, drei leiſe Schläge ſehr raſch hinter einander und dann, nach einer längeren Pauſe, noch ein vierter bei weitem ſtärkerer.— So pflegten ſeine Freunde und Schulgefährten Bernecker und Beſold in Maulbronn an das Fenſterchen ſeiner Arbeitszelle zu pochen, wenn ſie ihn hinausrufen wollten zu einem heimlichen Spaziergang. Er ſprang auf, ein Mann war in ſein Zimmer 360 getreten, in deſſen klugem Geſicht und hellblauen geiſtvorllen Augen er auch ohne jene Anmeldung den Jugendfreund wiedererkannt hätte. Sie hielten ſich feſt umfaßt, ſie ſchüttelten ein⸗ ander die Hände, und ſahen ſich in die Augen.„Ich komme ſelbſt, Dir in Deinen Nöthen beizuſtehen,“ ſagte endlich Beſold,„ich hoffe ſchnell zu Ende zu führen, was Dir hier unentwirrbar ſcheint, nicht nur, weil ich Gottlob Juriſt von Profeſſion bin, ſondern auch, weil ich eine Natur bin, die immer und in allen Momenten die irdiſchen Dinge nicht ganz und gar hinter ſich läßt, ſondern ſie fein beobachtet und recht benützt. Ich bin aber nicht nur zu Dir gekommen, um Dir Geld und Gut retten zu helfen, ſondern vor allem, weil ich Deiner Hilfe bedarf. Haſt Du lange Zeit keine Nachricht aus der Heimat?“ „Keine andere, als die mir Mäſtlin und Hafen⸗ reffer von Tübingen aus gaben.“ „Aber von Deiner Familie?“ „Meine Mutter kann nicht ſchreiben, meine Schweſter hat eine große Wirthſchaft und kleine Kin⸗ der, mit meinen beiden Brüdern ſtehe ich nur in ſehr entfernter Verbindung, und meine herzliebe Pfle⸗ gemutter hat mir ſchon drei Briefe nicht beantwor⸗ tet, ſie oder Meiſter Wellinger oder vielleicht alle beide ſind wahrſcheinlich krank, oder“— „Frau Apollonia iſt hier,“ fiel Beſold ihm in die Rede, zu trennen, gelitten, ſei Kepler Beſold nich Geiſte.— nicht zu ein mußte er ſt hungen zu den. Und die theuere, derzuſehen; reitung auf erzählte er Bruder Hei geklagt habe niens Prozeß er und ſeine des Zornes ſtens nichts Augen der gereichen muß Hausthiere, natürliche 7 man ſie, um lange Zeit ſi und die Fe Ulblauen meldung ten ein⸗ n.„Ich I,“ ſagte führen, ur, weil rn auch, in allen und gar nd recht ommen, ſondern Haſt eeimat?“ Hafen⸗ meine ne Kin⸗ nur in icht alle ihm in die Rede,„ſie iſt hier, um ſich nie wieder von Dir zu trennen, ſie iſt Witwe und hat unſäglich viel gelitten, ſeit Du zuletzt Nachricht von ihr erhalten.“ Kepler erſchrack, eine Menge von Bildern, die Beſold nicht ahnen konnte, entrollte ſich vor ſeinem Geiſte.— Ach Apollonia und ſeine Frau waren nicht zu einander paſſende Gefährtinnen, und wohl mußte er ſürchten, daß beide ſich, in ſo nahe Bezie⸗ hungen zu einander gebracht, unglücklich fühlen wür⸗ den. Und doch, o wie ſchlug ſein Herz vor Freude, die theuere, verehrte Schützerin ſeiner Kindheit wie derzuſehen; aber Beſold wußte, daß eine Vorbe⸗ reitung auf dieß Wiederſehen unerläßlich ſei, und ſo erzählte er denn dem zitternden Freunde, daß ſein Bruder Heinrich die unglückliche Frau als Hexe an⸗ geklagt habe, und den ganzen Verlauf von Apollo⸗ niens Prozeß.„Da gegen ſie ſelbſt nichts vorlag,“ ſagte er und ſeine Wangen erbleichten, während ein Strahl des Zornes aus ſeinen hellen Augen blitzte,„wenig⸗ ſtens nichts anderes, als was der Matrone vor den Augen der geſunden Vernunft zur höchſten Ehre gereichen mußte, das Gedeihen ihrer Wirthſchaft, ihrer Hausthiere, Blumen und Gartengewächſe, das eine natürliche Folge ſorgſamer Pflege iſt: ſo benutzte man ſie, um Deine Mutter zu verdächtigen, die ſchon lange Zeit ſich durch ihre Wunderlichkeiten den Haß und die Feindſchaft ihrer Umgebungen zugezogen. 362 Vor der Hand hat die heldenmüthige Standhaf⸗ tigkeit Apolloniens ihre Jugendgeſpielin noch vor dem Schlimmſten bewahrt, aber warne ſie, Johannes, der Haß und Neid gegen Dich ſind Gründe, die zu den übrigen kommen, Deine greiſe Mutter zu Tor⸗ tur und Scheiterhaufen zu verdammen.“ Zitternd, mit gefalteten Händen ging Kepler im Zimmer umher.„Ich befehle meine Sache in Gottes Hand und will mein möglichſtes thun, um meine arme Mutter zu ſichern. Mag ſie in mein Haus kommen, oder zu meiner verheirateten Schweſter gehen, das letztere wäre für ſie das Beſſere, da im Hauſe eines geachteten Geiſtlichen die Anklage auf Hexerei hoffentlich keine Kraft haben wird.“ „Das hoffe ich auch,“ entgegnete Beſold,„was aber ſoll aus Frau Wellinger werden, die mit mir gekommen iſt und alles Eigenthum, was wir aus ihrem Prozeß gerettet haben, gleich mit ſich ge⸗ bracht hat.“— „O meine theuere, theuere Mutter!“ ſeufzte Jo⸗ hannes,„führe mich zu ihr, mein Freund, dieß Wie⸗ derſehen nach ſo ſchweren Leiden wird für ſie ein Troſt ſein, während es für mich mit unſäglich bittern Schmerzen gemiſcht iſt.“ Beſold ging eilig hinaus und kam nach wenigen Augenblicken zurück, die verkrümmte Geſtalt der Ge⸗ marterten am Arme führend. Ihr Haar kräuſelte ſich in ſi Haube her ſicht, bis; chenblaß, d ging mit nung war den leuchte Glanze, ni ſtrahlte die „Johe ſter Freund ſtreckte den gut iſt Go Augen zu O die dieſe entſt knieenden deſſen, was ſeine Mutt Sie ſo eine Hand während er, in ſeinen§ bedeckte. „O P liche Thorh bedeckten,“ Standhaf⸗ noch vor Johannes, de, die zu r zu Tor⸗ ng Kepler Sache in „um meine nein Haus Schweſter tre, da im nklage auf d.“ ſold,„was ie mit mir s wir aus it ſich ge⸗ ſeufzte Jo⸗ dieß Wie⸗ ie ein Troſt lich bittern ich wenigen alt der Ge⸗ ar kräuſelte 363 ſich in ſilberweißen Locken unter der ſchwaͤbiſchen Haube hervor um die bleiche Stirn, das feine Ge⸗ ſicht, bis zur äußerſten Hagerkeit abgezehrt, war lei⸗ chenblaß, die kleine Geſtalt zuſammengekrümmt. Sie ging mit einiger Anſtrengung. Die ganze Erſchei⸗ nung war ein Bild des tiefſten Leidens; aber aus den leuchtenden Augen, die nichts von ihrem reinen Glanze, nichts von ihrem treuen Ausdruck verloren, ſtrahlte die Gewißheit, daß es uͤberſtanden ſei. „Johannes! Sohn meines Herzens! mein theuer⸗ ſter Freund! mein letztes Erdenglück!“ ſagte ſie und ſtreckte dem Weinenden die Arme entgegen,„ov wie gut iſt Gott, der mir noch einmal in Deine lieben Augen zu ſehen erlaubt!“ O dieſe gebeugte Geſtalt, dieſer kraftloſe Fuß, dieſe entſtellten Hände, ſie erzählten dem vor ihr knieenden Sohne mit Feuerzungen die Geſchichte deſſen, was ſie gelitten, gelitten für ihn, weil für ſeine Mutter. Sie ſaß, wie ſonſt wohl, vorn übergebeugt, die eine Hand in ſeinen dünner gewordenen Locken, während er, zu ihren Füßen liegend, die andere Hand in ſeinen Händen hielt und mit Thränen und Küſſen bedeckte. „O Mutter! Mutter! Dieſe Hand, die menſch⸗ liche Thorheit und Grauſamkeit mit dieſen Narben bedeckten,“ ſagte er endlich, ſich gewaltſam faſſend, 364 „was hat ſie gelitten, was haſt Du gelitten, und finden, die ich wußte es nicht, ich ahnte es nicht!“ fandeſt. C „Laß gut ſein, Johannes!“ entgegnete ſie, ganz der Freude mit dem heitern Ausdruck längſt vergangener Tage. wird das „Der Herr ermißt die Laſt nach der Kraft, und gewinnen, es gibt viele Leiden, die mir weit ſchwerer zu er⸗ Kleinen ſſ tragen geweſen wären, als die Folter und die Angſt und alte L vor einem peinvollen Tode.— Mein Gott bewahrte ich Dir n mich vor der Seelenpein der Reue, auch vor dem vom Grabe Jammer, mich in dem, was ich liebte und ehrte, ge⸗ vom Gotte täuſcht zu haben.— Mich ſegnend, ſtarb meine Grabe Dei Todfeindin; von mir treu gepflegt, mein theurer wackern M Wohlthäter; mein Gatte liebte mich bis zum Tode Grabe Dei⸗ und zweifelte nie an mir, da ſchwarze Anklagen tübinger Ki über meinem Haupte ſchwebten, und Du, Johannes, Grabe ein mein Sohn, mein Stolz und meine Freude, Du Blumen De haſt mir Liebe und Dankbarkeit bewahrt in allen und ſag' ihn Lebenslagen, und vielleicht hat meine Pflege in Dei⸗ Sie h ner Kindheit Deine ſchwache Geſundheit gekräftigt, Sohnes geſ meine Anleitung in Deinen frühen Lebenstagen Ecke des Z Dir ſchon den Sinn geweckt für die Herrlichkeit Papiere rich Gottes in ſeinen Werken. O ich bin ſo glücklich, zu leſen, da ſo glücklich, Dich wiederzuſehen! Ich folge Dir jetzt Mannesthra nach dem ſchönen Prag. Da werd' ich mir im grü⸗ Unter! nen irgendwo vom Reſte meines Vermögens ein des Freunde Häuschen kaufen, und Deine Kinder ſollen dann bei gelegenheit der greiſen Großmutter Apollonia all die Liebe die beſten N finden, die Du einſt bei der jugendlichen Pflegemutter fandeſt. Gelt, Johannes, das Leben ſoll uns noch der Freuden viele geben, und Deine vornehme Frau wird das alte Mütterlein mit der Zeit auch lieb⸗ gewinnen, das fleißig Garn zu Hemdchen für ihre Kleinen ſpinnen, und hübſche Märchen erzählen und alte Lieder ſingen kann. Da und ſchau, was ich Dir mitgebracht. Drei Sträußchen, das eine vom Grabe des ehrenwerthen Oheim Guldenmann, vom Gottesacker in Magſtatt, das andere hier vom Grabe Deines alten Lehrers aus Ellmandingen, des wackern Magiſter Beilmann, und das dritte vom Grabe Deines Freundes Appian an der Mauer des tübinger Kirchhofes. Leg' künftig auch von meinem Grabe ein Sträußchen dazu, und zeig' die welken Blumen Deinem Sohne, wenn er ein Mann ſein wird, und ſag' ihm, was dieſe vier Menſchen Dir geweſen.“ Sie hatte mit weicher Hand das Haupt des Sohnes geſtreichelt, während Beſold in der fernſten Ecke des Zimmers die klugen Augen feſt auf die Papiere richtete, ohne die Möglichkeit zu finden, ſie zu leſen, da auch ſeinen ſonſt ſo hellen Blick eine Mannesthräne verdunkelte. Unter der klugen und uneigennützigen Leitung des Freundes ſchritt indeß Kepler's Erbſchaftsan⸗ gelegenheit ſchnell vorwärts, er konnte ſeiner Gattin die beſten Nachrichten geben, und endlich mit dem 366 Gelde im Sackel und die liebe Mutter neben ſich nach einem herzlichen Abſchiede von Beſold, ſeine Reiſe nach Prag antreten. Kepler kannte ſeine Gattin zu genau, um nicht zu wiſſen, daß er Apollonien in ſeinem Hauſe kein Aſyl bieten konnte. Die junge Frau, welche die Verdienſte der Menſchen nach ihrer Stellung in der Welt, nach ihrer Kleidung, ihrem Ruhme oder Reichthume ab⸗ maß, hatte kein Verſtändniß für die Vorzüge der ſchlicht gekleideten, ſchlicht ſprechenden Greiſin, der Witwe eines Handwerkers, und würde vor der einſt als Hexe Angeklagten außerdem noch Furcht empfunden haben. Der Gedanke daran hatte Keplern ſchon in Linz gequält. Er konnte Barbara nicht ändern, und es war ſeine Pflicht, ihre Schwächen zu ſchonen. Eine Frau aber gab es, welche Apolloniens ganze Weſenheit zu erkennen, zu würdigen fähig war, und unter den Schutz derſelben hatte er die Matrone zu ſtellen beſchloſſen, bis für ſie eine kleine eigene Häuslichkeit eingerichtet werden könnte. Er hatte an Polixena geſchrieben nach der durchwachten Nacht, die dem Tage von Apolloniens Ankunft gefolgt war. ‚Wollen Sie, gnädigſte Frau Gräfin, den Schutz Ihres gaſtlichen Daches einer armen alten, kränkelnden Bürgerfrau pflegte, für Es m that, deren ermeſſen fä Er he Herzens fol Stand und ſolche Bitte ſo ſchnell u nungen es „Ich f lautete die Ihnen einer Ich h ben und be lieben Gaſt Frau, die dankbaren Solang ich ſehr glü⸗ und ſollte Haushalte, denen ſie ſic Leben das G ſie aber über findet ſie bei um nicht auſe kein lenſte der Pelt, nach hume ab⸗ —rzüge der teiſin, der der einſt mpfunden n in Linz und es nen. Eine Weſenheit unter den zu ſtellen äuslichkeit nach der polloniens den Schutz ränkelnden Bürgerfrau, die einſt mütterlich meine Kindheit pflegte, für kurze Zeit zutheil werden laſſen? Es ware eine mir erzeigte Gnade und Wohl⸗ that, deren ganze Größe niemand, als ich ſelbſt, zu ermeſſen fähig iſt.“ Er hatte den Brief, nur dem Gefühl ſeines Herzens folgend, abgeſandt, ohne zu überlegen, ob Stand und Verhältuiſſe der vornehmen Dame eine ſolche Bitte zuläſſig machten, und die Antwort kam ſo ſchnell und ſo freundlich, als ſeine höchſten Hoff⸗ nungen es ihm nur zuzuflüſtern gewagt. „Ich freue mich, ſehr werther Herr Magiſter,“ lautete dieſelbe, ‚daß Sie mir Gelegenheit geben, Ihnen einen kleinen Dienſt zu erweiſen. Ich habe ſogleich alle nöthigen Befehle gege⸗ ben und bei Ihrer Ankunft wird alles für meinen lieben Gaſt ſo hergerichtet ſein, daß die würdige Frau, die Ihre Kindheit pflegte, ſich im Hauſe Ihrer dankbaren Freundin heimiſch fühlen kann. Solange ſie ſich bei mir wohlfühlt, werde ich ſehr glücklich ſein, ſie meinen Gaſt zu nennen, und ſollte ſie es wünſchen, ſo gibt es in einem Haushalte, wie der meine, der Arbeiten ſoviele, bet denen ſie ſich beſchäftigen und ſich für ihr ganzes Leben das Gefühl, nützlich zu ſein, ſichern kann. Wenn ſie aber über die Jahre der Arbeit hinaus iſt, ſo findet ſie bei mir auch Ruhe, Stille und in allen 368 Fällen eine Freundin, die ſich glücklich ſchätzt, ihr dienend, Ihnen, mein Herr Magiſter, eine Schuld der Dankbarkeit abzutragen. Wenn Sie die Güte haben wollen, den Tag Ihrer Ankunft zu beſtimmen, ſo wird mein Haushofmeiſter mit einem Wagen Sie am Thore erwarten, ſo daß Sie ſogleich zu Ihrer Familie eilen können, während er mir meinen lieben Gaſt zuführt. Es erwartet denſelben mit aufrich⸗ tiger Freude, Polirena von Roſenberg.“ Ein warmes weiches Gefühl des Glückes hatte das Herz Kepler's durchzittert, als er durch dieſen Brief die Beſtätigung erhielt, daß er ſich in Polixena's Herzen nicht geirrt, und freudebebend betrat er ſein Haus, als er Apollonia dem Schutze des würdigen alten Herrn übergeben, der bei dem edlen Grafen von Roſenberg das Amt des Haushofmeiſters bekleidet hatte und jetzt der ſchönen Witwe diente. Er hatte gehofft, daß Barbara ihn recht froh begrüßen würde; aber das Wohnzimmer ſeines Hauſes war leer, und erſt nach einer guten Weile, während er für das Abpacken ſeiner Sachen ſorgte, kam die böhmiſche Magd und berichtete in kaum verſtändli⸗ chem Deutſch, die gnädige Frau ſei krank und die Kinderlein alle bei Ihrer Gnaden der Frau von Ro⸗ ſenberg. Erſchreckt eilte Johannes an das Bett ſeines Weibes. Barbe „Gott „nun wird Ha, dieſer „Um Dich beleid Sie r in ihr Geſt jene Gallen „Er if mit der ſilb Heftigkeit. meinem H meinte, Du nicht mit Es war ſelbſt unſere verzeih mir müthigen 9 „Nun ſchwieg. „Arme mit dem H ausgeſtanden „Nicht Brahe iſt ſe ſinnig und; 1857. XXII. hhätzt, ihr Schuld ie Güte eſtimmen, bagen Sie zu Ihrer ten lieben t aufrich⸗ ckes hatte eſen Brief a's Herzen i Haus, gen alten afen von bekleidet echt froh es Hauſes während kam die verſtändli⸗ und die mvon Ro⸗ ett ſeines Barbara ſtreckte ihm d arbara ie Hände entgegen. „Gott ſei geprieſen, daß Du kommſt,“ ſagte ſie, „nun wird Noth und Aerger ein Ende haben.— Ha, dieſer Tycho, dieſer Abſcheuliche, Nichtswürdige!“ „Um Gott, was iſt geſchehen? womit hat Tycho Dich beleidigt?“ fragte Kepler, Sie richtete ſich empor, das Tageslicht fiel hell in ihr Geſt kwürdig entſtellt war durch jene Gallen krankhe ie man die Gelbſucht nennt „Er iſt mein Tod! dieſer abſcheuliche Menſch mit der ſilbe„“ ſagte ſie mit geſteigerter Heftigkeit.„Soll ich Dir's ſagen, ich hab' Dir in meinem Herzen was abzubitten, Johannes! ich meinte, Du wäreſt zu weichlich und verſtündeſt nur nicht mit dem hochmüthigen Dänen umzugehen. Es war mir ganz recht, daß ich nun einmal ſelbſt unſere Sache in die Hand nehmen konnte, Gott verzeih mir die Sünde! ich dachte mit dem hoch⸗ müthigen Narren ſchon fertig zu werden.“ „Nun und?“— fragte Kepler, als ſie plötzlich ſchwieg. „Armer Johannes,“ ſagte ſie,„was magſt Du mit dem Heiden, mit dem von Gott Gezeichneten ausgeſtanden haben!“ „Nicht daß ich wüßte, liebe Barbara; Herr von Brahe iſt ſonſt nicht ohne Güte, wenngleich eigen⸗ ſinnig und ziemlich von ſich eingenommen, aber erzähle, 1857. XXII. Johann Kepler. III. 2 merf ernen Naſe,.“ 370 was er Dir zu Leide gethan und ſei überzeugt, daß ich alles thun werde, um Dir Genugthuung zu ſchaffen.“ „Das hab' ich ihm geſagt,“ rief ſie lebhaft;„ich hab' ihm geſagt: ‚Laſſen Sie nur den Johannes heimkehren, meinen lieben Mann, der wird Ihnen weiſen, wie man mit einer Dame, mit ſeiner Frau, umzugehen hat.“ Herr im Himmel! dieſer Menſch iſt mein Tod, wenn ich nur daran denke, wie er mich behandelt, da wird mir's gleich ſchwül im Kopfe, und ich meine, der Schlag rühre mich, und es frißt mir ſchier das Herz ab. „Ich ließ ihn alſo zu mir bitten, bald nach⸗ dem Du weggereiſt,'s iſt doch ſchicklicher, daß ein Mann zu einer Dame geht, als umgekehrt: da ſchrieb er mir, ſchau in den Tiſchkaſten, der Zettel und auch die andern müſſen darin liegen, daß er keine Zeit habe auszugehen, beſonders jetzt, da, wie mir bewußt, ſein Famulus ſich von ihm Urlaub in Familienangele⸗ genheiten erbeten. „Sein Famulus! was er ſich denkt, der Narr Du biſt des Kaiſers Aſtronom ſogut wie er. Ich brauchte aber Geld, ſo mußte ich venn ſchon hinge⸗ hen. Gott und Herr! dieſe Bäuerin, die ſich Frau von Brahe ſchimpfen läßt, empfing mich, als wär' ich etwa eine Kammerjungfer, die bei ihr Dienſte ſucht.— Sie kriecht vor ihrem Mann und zittert vor ihm, das iſt nicht meine Att, ich verlangte den Herrn von endlich und „Ich thigt ſei ur die Achſel, der ſchlecht ſelbſt könne geben. „Wie ‚Sie nenne und verwei des Kaiſer die Sache Diener ſein übernähme! ihn doch h „Er j von der S den Kopf „O 1 des größten ſtens auf das Paar „Das ſagte er, handelt, da nicht um 371 daß ich V Herrn von Brahe zu ſprechen, und ſo kam er denn chaffen.“ endlich und ſetzte ſich mir gegenüber. aft;„ich„Ich ſagte ihm, daß ich des Geldes ſehr benö⸗ ohannes thigt ſei und daß Du mich an ihn gewieſen, er zuckte Ihnen die Achſel, der Kaiſer ſei zwar der höchſte Herr, jedoch er Frau, der ſchlechteſte Zahler in der Chriſtenheit, und er denſch iſ ſelbſt könne mir höchſtens einen kleinen Vorſchuß er mich geben. „Wie iſt nun das, mein Herr von Brahe,“ ſagte ich, ‚Sie nennen meinen Mann geradehin Ihren Famulus und verweiſen ihn mit ſeinen gerechten Anſprüchen an opfe, und frißt mir uild nach⸗ des Kaiſers Majeſtät, wie wär's, wenn wir einmal in Mann die Sache umkehrten und meinen Mann des Kaiſers chrieb er Diener ſein ließen, während Sie die Verpflichtung h 1 und auch übernähmen, für ſeine Bezahlung zu ſorgen, da Sie Zeit habe ihn doch hierher nach Prag gerufen?“ pußt, ſein„Er ſah mich mit ſeinen funkelnden Augen ſo ſenangele⸗ von der Seite an und meinte: ‚Sie ſind nicht auf den Kopf gefallen, Frau Keplerin.“ her Narr„O nein,“ ſagte ich, ‚durchaus nicht, die Frau des größten Sternkundigen in der Welt muß wenig ſtens auf Erden ſo halbwegs Beſcheid wiſſen, damit das Paar einwenig vorwärts kommt.: „Das ſchien ihn zu wurmen. ‚Zum mindeſten, ſagte er, ‚haben Sie darin als eine kluge Frau ge handelt, daß Sie ſich nur um die Haushaltung und nicht um die Wiſſenſchaft Ihres Mannes geküm⸗ 24 er. Ich ls wär' Dienſte d zittert igte den 372 mert haben; denn hätten Sie das letztere gethan, ſo würden Sie wiſſen, daß Herr Magiſter Kepler zwar ein guter Rechner und Mathematikus, jedoch ein gewaltiger Träumer und Spekulant iſt, der auf den Titel eines Sternkundigen noch nicht ehe wird An⸗ ſpruch machen können, bis er eine gute Zeit ſtudirt und ſich den Lehren weiſer Männer geſügt hat. „Ich zuckte die Achſel. ‚Mir ſteht's ſchlecht an, ſagte ich, meines Mannes Weisheit und Wiſſen⸗ ſchaft herausz uſtreichen, die Schrift ſagt: Mann und Weib ſind ein Leib, und Eigenlob ſtinkt.— Im übri⸗ gen erbäte ich mir mein Geld, das Geld, das mein Mann ehrlich erworben und das ihm auf höchſt un⸗ rechtmäßige Art vorenthalten würde,“ ſo ſtand er auf roth im Geſichte über und über und ging hin und gab mir zwei Silbergulden, und ich ſolle mich damit einrichten. „Ich hatte ſo was erwartet und rief den Die⸗ ner, der eben durchs Zimmer ging und gab ihm das Geld, und ſagte: ‚Hier hat Er etwas, mein Lieber, für die Mühe, einer adeligen Dame die Thür ge⸗ öffnet zu haben,“ dann aber drehte ich mich zu dem Tycho und ſagte: ‚Sie meinen wohl, ich ſei die Magd, daß Sie mir das Geld meines Mannes nicht auvertrauen wollen; hier aber iſt meine Beglaubigung von dem Magiſter Kepler, daß auf meine, Barbara Kepler's Quittung, gezahlt werden ſolle.“ „Er ab, und nahm darc und ſagte „„Ich ſagte ich u ſich paſſen, mann mit Wiſſenſchaft „ Jch ich wieder „Was denn gewöh zehn Goldgr „„Das worten, von werde das vielen, was ben werde. „Was außer ſich, ich muß me ſo wüthend, deſto ruhiger zehn Goldgu ich nichts m auf den Kni han, ſo er zwar och ein uf den rd An⸗ ſtudirt at.“ cht an,“ Wiſſen⸗ un und m übri⸗ s mein chſt un⸗ ſtand er ing hin lle mich een Die⸗ ihm das Lieber, hür ge⸗ zu dem ſei die es nicht ubigung Barbara „Er ging ganz wüthend im Zimmer auf und ab, und endlich ſchloß er einen Schrank auf und nahm daraus zehn Goldgulden, legte ſie vor mich und ſagte barſch:„Quittiren Sie!⸗ „„Ich werde die Ehre haben, Herr von Brahe, ſagte ich mit einem Kuir, ‚ich meine indeß, es würde ſich paſſen, daß Sie einwenig lernten, wie ein Edel⸗ mann mit einer Dame ſpricht, das iſt auch eine Wiſſenſchaft, die ihren Beſitzer ziert und ehr „Ich quittirte und gin d nach drei ich wieder hin und fordert „Was, was,“ ſchrie er denn gewöhnt, das Geld aus dem? zehn Goldgulden in zwei Tagen?⸗ „„Das hab ich vor meinem J ine zu verant⸗ worten, von Ihnen hab' ich nur fordern, un werde das täglich thun, bis ich ein ig von dem vielen, was Sie uns zahlen ſollen, empfangen ha⸗ ben werde.⸗ „Was nennen Sie einn enig, ſchrie er ganz außer ſich, ‚ich habe kein Geld, der Kaiſer zahlt nich ich muß meine eigene Familie ernähren. Er ſo wüthend, daß er bebte, aber je mehr er deſto ruhiger ward ich, und richtig, ich empfing noch zehn Goldgulden, aber er ſchwur heilig und theuer, daß ich nichts mehr erhalten würde und wenn ich ihn auf den Knieen darum anflehte. 374 „O damit hat's gute Wege,“ ſagte ich ganz gelaſſen. Eine Dame kniet weder vor einem Gläu⸗ biger, noch vor einem Liebhaber, das iſt vielleicht die Art der Dirnen und Bauernmägde. Ich, mein Herr von Brahe, die Ehefrau des berühmten Magiſter Johannes Kepler, bin eine geborene von Mühleck, die Baſe der ſehr ehrenwerthen Eggenbergs, und ver⸗ lange von jedermann nur, was mir in meiner Stellung und nach meinem Rechte zukommt. „Und in drei Tagen war ich wieder da.— Er ſchäumte und drohte, mich aus der Thür werfen zu laſſen. „Ich ſagte, das ſolle er verſuchen. Da rief er den Diener und ſagte, er ſolle mir den Arm geben und mich zum Haus hinausführen; der Menſch aber hatte die zwei Gulden nicht vergeſſen, er verbeugte ſich und ging hinaus, und da zankten wir ärger als je und er war grob wie ein Bauer, und ich ſagte ihm meine Meinung ganz ruhig zwar und im Tone einer Dame, zuletzt aber ward er ſo wüthend, daß er mich am Arme packte, ſchau hierher, Johannes, und mich brüllend wie ein Stier zum Hauſe hin⸗ austrug.“ Sie hatte den Aermel ihres Nachtgewandes auf⸗ geſtreift und zeigte auf dem weißen Arme einen blauen Ring, als hätte eine Zange ihn dort gequetſcht. Kepler's Herz ſchlug heftig. Sein Weib, ſein ſchutzloſes übermüthi ſichtigerwe ganze Mä er hätte ſo groß w Die? muß ihn dern über dieſer Ged ziemlich ſp kleidern hit Der ſeinem St Kepler haſt Augenblicke reichte ihm Johan faßt. Er mit Ernſt: chenſchaft ritterlichen, ſchutzloſe „Den Stuhle au Dank wiſſen gezähmt, 1 ich ganz n Gläu⸗ leicht die ein Herr Magiſter Mühleck, und ver⸗ meiner 6 a.— Er verfen zu a rief er rm geben enſch aber verbeugte ärger als ich ſagte im Tone hend, daß Johannes, Hauſe hin⸗ undes auf⸗ nen blauen etſcht. Weib, ſein ſchutzloſes Weib, war mißhandelt worden von dem übermüthigen Mann, in deſſen Hände er unvor⸗ ſichtigerweiſe ſein Schickſal gelegt hatte. Seine ganze Männlichkeit empörte ſich bei dem Gedanken, er hätte Tycho niederſchlagen, hätte tödten können, ſo groß war ſein Zorn. Die Freude ſeiner Heimkehr war vernichtet.„Ich muß ihn ſprechen, muß Rechenſchaft von ihm for⸗ dern über die meinem Weibe angethane Schmach 3 dieſer Gedanke verdrängte alle andern und ohne die ziemlich ſpäte Stunde zu beachten, eilte er in Reiſe⸗ kleidern hinüber zu Tycho von Brache. Der gelehrte Däne war einheimiſch, er ſaß in ſeinem Studirzimmer, vertieft in Rechnungen, als Kepler haſtig eintrat, und winkte ihm noch einige Augenblicke zu ſchweigen, dann ſtand er auf und reichte ihm die Hand. Johannes war auf ſolchen Empfang nicht ge⸗ faßt. Er trat ohne einzuſchlagen zurück und ſagte mit Ernſt:„Ich komme, Herr von Brahe, um Re⸗ chenſchaft von Ihnen zu fordern wegen Ihres un⸗ ritterlichen, ja unmännlichen Betragens gegen eine ſchutzloſe Frau.“ „Den Teufel auch,“ ſagte Tycho ärgerlich vom Stuhle aufſpringend.„Ich meine, Ihr ſolltet mir Dank wiſſen, daß ich Eure wilde Katze einwenig gezähmt, und nun kommt Ihr wie ein Ritter vom 376 heiligen Grabe für Gott und die Damen! Den Teu⸗ fel auch, ich bedauere Euch, Mann, denn wahrhaftig Ihr ſteht unter dem Pantoffel eines böſen Weibes. „Ich habe während der Dauer unſerer Ehe, in einem Leben voller Sorgen und Kümmerniſſe, noch nie ein böſes Wort mit meinem Weibe gewechſelt, und ich halte dafür, daß es eines Mannes Pflicht und Ehre iſt, das ſchwächere Weib zu ſchützen und zu reſpektiren.“ „Alles mit Maßen, Mann! alles mit Maßen, man kann auch des Guten zu viel thun, und das muß bei Euch der Fa in. Hab' ich doch Zeit meines Lebens keine ſolc ende, kratzende, zi⸗ ſchende böſe Katze geſehen, ier hübſe als hes Teu⸗ felchen von Weib.— Die habt Ihr nicht gezogen f Ih gezog und in Ordnung gehalten, Magiſter Kepler, werdet ein Mann und lernet von mir, wie man ein Weib gewöhnen und zum Gehorſam und zur Demuth bringen muß! Die Eurige, beim Teufel, muß das letzte Wort behalten, und weiß nicht, was Ehrfurcht vor einem Manne iſt.“ „Ich meine,“ entgegnete Kepler ſehr ernſt,„daß ein echter Mann dem Weib Ehrerbletung beweiſt, nicht ſie von ihr verlangt.“ Tycho lachte.„Gelt,'s fehlt Euch an Muth dem ſchlimmen giftigen Weiblein gegenüber; ſo habt Ihr mir trotz Eurer Gelehrſamkeit auch immer ausgeſehen.“ „Eine Muth gefe ler, ſich au zu ſeiner g „Alle immer für ſeid ja ſo rechthaltet, und ſetzt C dert ſie, do „Nicht Abbitte get durch Euch tiefem Ern giſter im beg Brahe Weibe und Umſo zugeſtehen 1 1 gi redlich erwo res Unrecht, rechten For wieſet.“ „That 3 77 en Teu-„Einem Manne gegenüber hat es mir nie an hrhaftig Muth gefehlt, Herr Ritter von Brahe,“ ſagte Kep⸗ Beibes. ler, ſich aus ſeiner ſonſt etwas gebeugten Haltung Ehe, in zu ſeiner ganzen Höhe aufrichtend. ſe, noch„Alle Teufel,“ lachte Brahe,„ich hab' Euch wechſelt, immer für einen kleinen Knirps gehalten, aber Ihr Pflicht ſeid ja ſo lang wie ich, wenn Ihr Euch fein auf⸗ zen und rechthaltet, dieß Geſicht zeigt Eurem Liſt n Weibe, und ſetzt Euch jetzt an Eure Amtsarbei und för⸗ Maßen, dert ſie, da Ihr ſo lange gefeiert.“ und das„Nicht eher, Herr Ritter, bis Ihr meinem Weibe h Zeit Abl für die ſchwere Beleidigung, die ihr i⸗ wi 15* entgeg Kepler mit Ten tiefem Ernſt. 85 5. Tycho erroͤthete ſarte zugefügt werd det t n Weib un begin tenden 1 Z ne noch b rter;„aber Tycho de bringen Brahe iſt er Mann, ſich vor einem böſen te Wort Weibe zu demüthigen Setzt Euch zu Eurer Arbeit M r einem und— bah! ich will mich nicht erzürnen.“ G Umſo mehr Ihr eneigt ſein, Unrecht ein⸗ ſt,„daß n u en. Barbara Kepler war beweiſt, in ihrem guten forderte, was ihr Mann redlich erworben, Ihr aber, Herr Ritter, thatet ſchwe⸗ ith dem res Unrecht, als Ihr die arme Frau mit ihrer ge⸗ abt Ihr rechten Forderung auf ſo unmännliche Art von Euch eſehen.“ wieſet.“ das?“ ſchrie Tycho jetzt wüth end,„ho! 378 hol ich, Tycho von Brahe, war unmännlich und that ſchweres Unrecht? ich, und das wagt Ihr zu ſagen, Ihr, mir? Eurem Vorgeſetzten und Herrn? mir, dem Tycho, den Fürſten und Könige mit Freundſchaft be⸗ ehren? Ha, Ihr denkt wohl, ich fürchte Euch, weil Ihr den Kopernikus über mich ſetzt und ſein Syſtem mit Euern Verbeſſerungen aufputzt, und Geſſetze er⸗ findet, die da ſtimmen, mit den Vorgängen am Himmel ſtimmen auf ein Haar, auf die Minute, auf die Sekunde!— aber ich trotze Euch! ich trotze Euch, und dem Kopernikus und dem Galilei, ich! ich, der Tycho von Brahe! Geht! geht, übermüthiger Thor! geht und laßt Euch nie, nie mehr hier ſehen, wo ich befehle, wo mein Syſtem und keine andere Träumerei gelten ſoll, ſolange ein Stein von die⸗ ſem Gebäude auf dem andern liegt.“ Er war roth und bleich geworden, ſtampfte heftig mit dem Fuß auf den Boden und wies mit der Hand nach der Thür. „Der Kaiſer iſt mein Gebieter, nicht Ihr, an ihn werde ich mich wenden,“ entgegnete Kepler ruhig. „Verſucht's!“ ſchäumte Tycho,„verſucht den Kai⸗ ſer zu ſprechen, wenn ich es nicht will. Noch bin ich Tycho von Brahe, Hofaſtronom Rudolph des Zwei⸗ ren— und Ihr ſeid ein— Wurm, deſſen Träumereien niemand kennt, deſſen Name vergeſſen ſein wird, wenn man den meinen in die ewigen Sterne ſchreibt.“ Der! und als 4 er ſich in aus ſeiner „Weh Irrthum!“ 4 Polix leichter M während v Apollonia del drehte. Das die weite hundert T Polixe geröthet ur zentuch, de rinnenden „O w ſagte ſie u Hand hin, Glück gönn Apollt nd that Der heftige Mann zitterte und mußte ſich ſetzen, zu ſagen, und als Kepler das Zimmer verlaſſen hatte, warf nir, dem er ſich in ſeiner ganzen Länge auf den Boden und chaft be⸗ aus ſeiner Bruſt drang ſchmerzliches Stöhnen: ch, weil„Weh mir, daß er im Recht iſt, und ich im Syſtem Irrthum!“ Sechsundzwanzigſtes Kapitel. bi ich! Polixena von Roſenberg ſaß in der Früh in rüthiger leichter Morgenkleidung auf einem hohen Lehnſtuhle, liben während vor ihr in ihrer ſchwäbiſchen Bürgertracht 3 Apollonia auf einem kleinen Seſſel eifrig ihre Spin⸗ on die⸗ del drehte. zampft Das Fenſter des Zimmers ſtand offen und zeigte unpſte die weite Ausſicht über das herrliche Prag, auf deſſen vies mit hundert Thürmen die glänzendſte Sommerſonne litzte. Polixena hatte geweint! ihre Sammtaugen waren Ihr, an geröthet und ſie trocknete noch einmal mit dem Spiz⸗ er ruhig. ce d een Kaß⸗ zentuch, das ein Landgut werth ſein mochte, die 5 ai⸗ rinnenden Thränen. . 3 ich„O wie danke ich dem würdigen Magiſter Kepler,“ 5 Iwei⸗ ſagte ſie und reichte der Matrone die wunderſchöne hrrelen Hand hin,„wie danke ich ihm, daß er mir das hohe hrelgt 4 Glück gönnte, Euch kennenzulernen.“ Preibr. Apollonia küßte ehrfurchtsvoll die Hand ihrer 380 Beſchützerin.„Ihr ſeid jung, ſchön und glücklich, gnä⸗ digſte Frau,“ ſagte ſie,„und da erſcheinen Euch die Schickſale und Leiden einer alten Frau, die viel er⸗ ſahren auf Erden, gar ſo beſonders intereſſant und ereignißreich; auf der Höhe iſt's trocken und Licht, wenn in den Thälern oft auch Regengüſſe wüthen und die Nacht früher hereinbricht.“ „Auf der Höhe wüthen die Stürme und in der Tiefe brauſen ſie auch,“ ſagte Polixena mit einem Seufzer.„Wähnt nicht, werthe Frau Wellinger, daß ich Kummer und Leiden nicht kenne. Meine Prüfungen ſind nur anderer Art, als die Euren, und eben jetzt liegt manche Laſt auf meiner Seele. Der Kaiſer zürnt mir, weil ich die Freundſchaft für die edle Eva von Lobkowic und das Intereſſe für ihren unglücklichen Vater nicht aufgeben will.— Ich bin in Ungnade gefallen, und mit der Freundſchaft für mich verliert dieß Böhmen, mein liebes Vaterland, ſeine letzte redliche Vermittlerin mit ſeinem Könige. Kaiſer Rudolph ſchließt ſich vor aller Welt ab; aber wenn keiner ſeiner Räthe Zutritt zu dem Monarchen bekam, der Freundin, der Dame, die er ſeines beſondern Vertrauens würdig gefunden, ward er nie verweigert. Jetzt iſt das vorüber. Niemand gelangt mehr zum Kaiſer, als dieſer Schurke Lang, und Geſindel, ihm ähnlich, die Alchemiſten und Aſtrologen.— Die Lage Eures Pflegeſohnes geht mir auch nah.— gegen ihn v der Kaiſer nur noch aur ſchaft hörte. Rath für Ke Fickler, meit nahen Verw ordnungen Steiermark; nicht fehlen „Ihr 1 ſagte Apollon ſicht der Dar „Glaube gegnete Poli⸗ „Ja! u Alle geſtorben, noch, gnädigſt digen Ueberze hohes Gut er Formelle abſtn nähert zu hal und in der W wird nie, nie rung zur Wo Vortheils will h, gnä⸗ uch die oiel er⸗ unt und d Licht, wüthen in der einem llinger, Meine in, und Der ür die rihren Ich bin ir mich , ſeine Kaiſer wenn bekam, ondern veigert. yr zum eſindel, I.— uN gauch nah.— Dieſer ſtolze Tycho hat ſich gröblich gegen ihn vergangen und müßte Abbitte thun, wenn der Kaiſer noch wäre, was er einſt war, ja wenn er nur noch auf die Stimme der Vernunft und Freund⸗ ſchaft hörte.— Wie alles jetzt iſt, ſehe ich keinen Rath für Kepler, als den Schutz des würdigen Pater Fickler, meines Lehrers und Freundes und ſeines nahen Verwandten anzunehmen, und ſich den An⸗ ordnungen Erzherzog Ferdinands fügend, nach Steiermark zurückzukehren, wo es ihm dann freilich nicht fehlen würde.“— „Ihr meint, er ſolle heimlich die Meſſe hören,“ ſagte Apollonia, von ihrer Spindel voll in das Ge⸗ ſicht der Dame blickend. „Glauben wir nicht Alle an einen Gott?“ ent⸗ gegnete Polixena gütig. „Ja! und an das Blut des Erlöſers, der für uns Alle geſtorben,“ ſetzte Apollonia milde hinzu,„aber den⸗ noch, gnädigſte Frau, ſind wir Proteſtanten der freu⸗ digen Ueberzeugung, uns in unſerm Glauben ein hohes Gut errungen zu haben, und ſo manches bloß Formelle abſtreifend, uns dem großen Momente ge⸗ nähert zu haben, da die Menſchheit Gott im Geiſte und in der Wahrheit anbeten wird. Johannes Kepler wird nie, nie etwas, das ihm auch nur eine Annähe⸗ rung zur Wahrheit ſcheint, aufgeben um irdiſchen Vortheils willen.“ 382 Polirena ging unruhig im Zimmer auf und ab.„Wenn ich ihm nur helfen könnte, wenn ich nur einen Ausweg für ihn wüßte,“ flüſterte ſie leiſe,„ich wollte ja gerne mich vor Tycho demüthigen zu einer Bitte, aber das würde Kepler nicht wollen, noch an⸗ nehmen.“ Plötzlich von einem neuen Gedankengange er⸗ faßt, blieb ſie vor Apollonia ſtehen und fragte ſehr lebhaft: „Was ſagtet Ihr von einem heidniſchen Götter⸗ bilde, das ſich in Eurem Gewahrſam befindet und das man für einen weißen Teuſel gehalten?“ „Es iſt ein anvertrautes Gut,“ entgegnete Apollo⸗ nia,„das ein böhmiſcher Edelmann, ein Herr von Roſen⸗ berg“— ſie ſtockte— und ſagte dann, hell zu ihrer ſchönen Wirthin aufblickend:„Herr Gott! Der es meinem alten theueren Wohlthäter übergeben ließ, bis man es fordern würde, war wohl ein Verwandter von Euch, edle Frau, der Herr hieß Wok von Roſenberg und kehrte von einer Reiſe aus Welſchland heim.“ Polixena war in einen Stuhl geſunken und deckte die Hände über die Augen, aus denen häufige Thränen rieſelten. „Es war der Vater meines Gatten,“ ſagte ſie dann ſanft,„der beſte, edelſte, unglücklichſte aller Menſchen.“ „So war der Vater Eures Gatten, edle Frau, auch Prote Guldenmant mir übergab ins Böhmiſe von Martin Ulrich Zwin „Er n Sohn, der letzte vom C rena. Dan „und wo iſt „2s iſt ſie den Hän meinem übri kommen und „Ich w Frau Wellin „nur laßt m Gebrauch das und Beſten „Ibr he gnädigſte Fra „und ge ſagte Poliren Schritt thun liebt's Gott, fen, den§ alles gut. 2 auch Proteſtant; die Kiſte, die Meiſter Johannes Guldenmann, Kepler's Großoheim, aufbewahrte und iſe,„ich mir übergab, enthielt viele lutheriſche Bücher, ein zu einer ins Böhmiſche überſetztes neues Teſtament und Briefe och an⸗ von Martin Luther, von Philipp Melanchthon und Ulrich Zwingli.“ nge er⸗„Er war Proteſtant, wie auch ſein jüngerer gte ſehr Sohn, der Erbe und Nachfolger meines Gatten, der letzte vom Geſchlecht der Roſenberge,“ ſeufzte Poli⸗ Götter⸗ rena. Dann aber ſich raſch faſſend, fragte ſie eifrig, idet und„und wo iſt dieſe Kiſte mit ihrem Inhalte geblieben?“ 2„Es iſt dem würdigen Herrn Beſold gelungen, Apollo⸗ ſie den Händen der Juriſten zu entreißen und mit n Roſen⸗ meinem übrigen Eigenthume iſt ſie nach Prag ge⸗ er ſchönen kommen und ſteht Euch natürlich zu Dienſten.“ meinem„Ich will ſie Euch mit Gold aufwägen, werthe bis man Frau Wellinger,“ entgegnete die Gräftn ſehr raſch, dter von„nur laßt mich eilig alles ſehen und geſtattet mir toſenberg Gebrauch davon zu machen, ſo Gott will, zum Nutzen d heim.“ und Beſten Eures Sohnes.“ uken und„Ihr habt über Euer Eigenthum zu gebieten, häufige gnädigſte Frau.“ „Und geht heute hinüber zu Eurem Pflegeſohn,“ ſagte ſie ſagte Polixena ſehr eifrig,„ſagt ihm, er ſolle keinen öſte aller Schritt thun aus Prag, ſoll ruhig ausharren, ge⸗ liebt's Gott, ſo werde ich ihm Gelegenheit ſchaf⸗ fen, den Kaiſer zu ſprechen, und dann iſt dle Frau, alles gut. Die Truhe aber laßt in mein Kloſet ſchaffen, gebt mir den Schlüſſel und ſeid meines Dankes gewiß.“ Sie verließ Apolloniens Zimmer und die Ma⸗ trone erhob ſich von ihrem Spinnſtuhle und kleidete ſich an, um zu Kepler zu gehen. Frau Barbara war nun wieder geneſen und ſchaltete im Hauſe ganz eifrig, während Johannes nach alter Art in ſeinem abgelegenen Studirzimmer lächelnd bei ſeiner Arbeit ſaß. Verſenkt in die Wunder der Schöpfung, die bei ihm zur glückſeligen Betrachtung der Erhabenheit des Schöpfers wurde, hatte er die Sorgen des T ſeinen Streit mit Tycho, z alles vergeſſen, was von Erdenleid auf ſeinen Schultern lag. Nur das Bewußtſein der Liebe für die Seinen und das Wohl⸗ wollen für alle Menſchen blieb bei ſeiner Arbeit in ihm wach. Er konnte nicht zürnen, wenn ſeine Seele anbetend zur Güte Gottes aufblickte. Seine beiden älteſten Kinder Ludwig und Mar⸗ garetha ſpielten geräuſchlos in ſeiner Nähe. Die Stieftochter, welche Barbara ihm zugebracht, war ſchon ſeit mehreren Monaten bei Fräulein Renata von Eggenberg, welche den Wunſch ausgeſprochen, das kleine Mädchen zu erziehen, und obſchon Kepler ſich ungern von dem ihm liebgewordenen Kinde trennte, ſo hielt er es doch für ſeine Pflicht, dasſelbe nicht der Gelegenheit zu berauben, bei den reichen und angeſeher Erziehung treten, di Apo Himmel ſagte er treten zu war und ſagte Kep Deinem! ſehen, das viel durch hat, und „Ich Apollonia Es iſt nu Ehe, daß mußt, um Du aus zu ſein, iſt für ein doch nich meines die Ma⸗ d kleidete eſen und Johannes dirzimmer g, die bei habenheit Arbeit in eine Seele und Mar⸗ ihe. Die icht, war enata von chen, das Kepler ſich e trennte, elbe nicht eichen und angeſehenen mütterlichen Verwandten eine glänzende Erziehung zu genießen und in Verhältniſſe zu treten, die ihrer Geburt angemeſſen waren.— Apolloniens Eintritt löſte ſeine Gedanken vom Himmel los.„Da biſt Du ja, meine liebe Mutter!“ ſagte er freundlich,„wie ſchön das iſt, Dich ſo ein⸗ treten zu ſehen, Dich, die mir ſonſt immer ferne war und deren Liebe mir doch ſo ſehr Bedürfniß iſt.“ „Ich glaube das,“ entgegnete die Matrone, „Du haſt der Sorgen gar viele, und an Deinem Weibe nicht die Stütze, deren Du gerade benöthigt wäreſt.“ „Warum tadelſt Du Barbara? liebe Mutter,“ ſagte Kepler mit einigem Schmerz,„Du gerade mit Deinem hellen und ſcharfen Verſtande müßteſt ein⸗ ſehen, daß ſie viel durch meine, ihr fremde Natur, viel durch das mich verfolgende Unglück zu leiden hat, und daß ihr Herz gut iſt und mich liebt.“ „Ich tadle ſie nicht, mein Sohn,“ entgegnete Apollonia,„und ich erkenne ihre Vorzüge ſehr wohl. Es iſt nur dieß Eine traurig für Dich und in Eurer Ehe, daß Du Dich alle Tage im Jahre ſtimmen mußt, um ihr Freude und Glück zu bereiten, daß Du aus Dir herausgehen mußt, um ſo neben ihr zu ſein, wie Du es für Deine Pflicht hältſt. Dieß iſt für eine Frau ſchon eine ſchwierige Aufgabe, je⸗ doch nicht ganz gegen die Natur. Die Frau hat 25 einen andern Beruf, als Mann und Kind, kein an⸗ deres Studium, als wie ſie ſich ihrem Gatten lieb und angenehm machen könne, keine andere Ehre, als die ihr im Hauſe erwächſt. Du, mein Sohn, mußt gleichſam in jeder Minute Deines Lebens be⸗ reit ſein, von einer Höhe herabzuſteigen, um Dein junges Weib, das tief unter Dir wandelt, zu ſtützen, zu ſchützen und ihr zu Willen zu ſein. Uebt Dich das auch in der Selbſtverläugnung, ſo iſt es doch Deinen Werken und Studien nicht förderlich. Eine Frau, das heißt eine echte Frau, iſt an die Seite eines denkenden und ſchaffenden Mannes von Gott ge⸗ ſtellt, auf daß ſie ihm alles aus dem Wege räume, was ſeine Thätigkeit hindern oder unterbrechen könne, auf daß ſie alle kleinen Sorgen von ihm fernhalte, ihm in ihrer Liebe und Freundlichkeit hei⸗ tere Ruhepunkte und in ihrer Theilnahme, in ihrem Verſtändniß für ſeine Arbeiten den beſten Lohnz für dieſelben, ja einen Erſatz gebe, wenn die Mitwelt ſie nicht zu ſchätzen weiß.— Die Kaiſerin und die Bäuerin ſtehen neben ihrem Manne nach Gottes Ausſpruch: Es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſei, ich will ihm eine Gehilfin machen.“ Kepler lächelte;„Ja wem der Herr ſolch eine Frau beſchieden,“ entgegnete er,„der könnte ſich wohl vertiefen in Weisheit und Wiſſenſchaft; aber weißt Du nicht, liebe Mutter, daß das Vorſchreiten in allerlei unſerer C kraft iſt das ewig kann der Immer d vertraute was ſie ſagt, das uns geſch „Wi geſtalten, Rückſicht zürnet un „Wi ich noch a da mir d angeſtellt, nur einm nicht unn haltes zu lieben Se „9 die Matr Glaube n unſer Gla da, wo er 387 allerlei Wiſſenſchaft und Erkenntni ß nur eine Haͤlfte ten lieb unſerer Erdenaufgabe iſt? Die Uebun ig unſerer Willens⸗ e Ehre, kraft iſt die andere und zwar zur Vorbereitung für Sohn, das ewige Leben wohl nie nothwendigere. Wo aber ens be⸗ kann der Menſch dieſelbe beſſer üben, als in der Ehe? m Dein Immer den Willen feſthalten, die uns von Gott an⸗ t ſtützen, vertraute Gefährtin glücklich zu machen, nie vergeſſen, bt Dich was ſie wünſcht und erfreut, was ihrer Natur zu⸗ es doch ſagt, das übt den Willen zum Guten und macht Eine uns geſchickt für den Himmel.“ te eines„Wie aber wird nun Deine Zukunft ſich Vott ge⸗ geſtalten, mein Sohn,“ ſagte Apollonia,„da Du aus räume, Rückſicht auf Dein Weib Dich mit Herrn Tycho er⸗ rbrechen zürnet und wieder Dein Brot verloren haſt?“ von ihm„Wie Gott will, liebe Mutter, für jetzt arbeite keit hei⸗ ich noch an den pruteniſchen Tafeln in jeder Stunde, n ihrem da mir dieß möglich iſt, fort. Der Kaiſer hat mich ohn für angeſtellt, nicht Tycho de Brahe, und gelingt es mir, Mitwelt nur einmal den Kaiſer zu ſprechen, ſo wird es auch und die nicht unmöglich ſein, ihn zur Zahlung meines Ge⸗ Gottes haltes zu vermögen; dann kann ich abwarten, ob im h allein lieben Schwaben“— „O mein Sohn! mein Sohn!“ unterbrach ihn lch eine die Matrone,„träumſt Du dieſen Traum noch immer? ch wohl Glaube mir, es iſt beſſer für Dich, hier zu leben, wo er weißt unſer Glaube unterdrückt und angefochten wird, als eiten in da, wo er triumphirt, denn die Noth lehrt die Prieſter 25* 388 und Geiſtlichen Beſcheidenheit, während das Glück ſie übermüthig und tyranniſch macht. Gott regiere das Herz des Kaiſers, daß er für Dich beſſer ſorgt, als für ſein Reich.— Aber ich kam nicht um ſolchen Geſpräches willen, ſondern Dich zu bitten, die Truhe aus der Verlaſſenſchaft unſeres lieben Wohlthäters ſogleich an die Frau Gräfin Roſenberg zu ſenden, da ſie ihrem Schwiegervater gehörte und jetzt ganz eigentlich ihr als Erbe zukommt.“ Als der Abend dämmerte, trugen zwei Männer das alte Kabinetſtück in den Palaſt Polixena's, die es bereits mit Spannung erwartete. In einem ver⸗ ſiegelten Käſtchen brachte Frau Apollonia auch den Schlüſſel des ſchönen Schreins, und Eva von Lobko⸗ wie befand ſich bei ihrer Freundin und Schützerin, um bei der Eroffnung desſelben auch zugegen zu ſein. Der alte Haushofmeiſter öffnete das Schloß und ſchraubte die roſtig gewordenen Schrauben los, mit denen die Marmorſtatue an die Kiſte befeſtigt war. Polixena aber öffnete die Seitenfächer und nahm aus denſelben veraltete Bücher und Briefe aus einem verborgenen Fach, das ein Metallknauf ſchloß, eine Schnur Perlen und eine glänzende Armſpange von koſtbaren Edelſteinen, und endlich ein kleines auf Elfenbein gemaltes Bild einer ſchönen Dame mit nachtſchwarzen Augen und Locken. Polixena betrach⸗ tete das Bild voll Aufmerkſamkeit und Theilnahme und legte es ſchöne S ſo befeſti ſchlagens We Herrn R eilig ente ein ande „St ich hier würdig i wollen S bei Ihre Leute mi lin der e möchte d treueſte, thanin er Tych des Kenn gen Mon den Auge Ew. hoe man aber deſſengleie bis daher „Do Nänner (s, die m ver⸗ ch den Lobko⸗ üützerin, zu ſein. oß und ds, mit gt war. nahm s einem , eine ge von es auf ne mit betrach⸗ ne und legte es dann ſeufzend an ſeinen Ort.— Das ſchöne Steinbild aber ließ ſie auf einer Tragbahre ſo befeſtigen, daß es ſogleich ohne Gefahr des Zer⸗ ſchlagens aufgehoben und weggetragen werden konnte. Wenige Augenblicke darauf meldete man den Herrn Ritter von Brahe, und die Gräfin ging ihm eilig entgegen, während Eva und Apollonia ſich in ein anderes Zimmer verfügten. „Sie ſehen, Herr Ritter,“ ſagte Polixena,„daß ich hier einen Schatz habe, der im höchſten Grade würdig iſt, in den Beſitz unſeres Kaiſers zu gelangen; wollen Sie aus Freundſchaft für mich anordnen, daß bei Ihrem Eintritt in den Statuenſaal meine Leute mit dieſem Kunſtwerk Ihnen folgen und es lin der eeren Niſche rechter Hand aufſtellen? Ich möchte des Kaiſers Majeſtät erfreuen und an ſeine treueſte, wenngleich im Augenblick verkannte, Unter⸗ thanin erinnern.“ Tycho betrachtete das Kunſtwerk mit dem Blick des Kenners:„Das iſt etwas, das des kunſtſinni⸗ gen Monarchen Herz erfreuen wird,“ ſagte er mit den Augen zwinkernd,„und mit Freuden ſtehe ich Ew. hochgräflichen Gnaden zu Dienſten; darf man aber fragen, wo dieß große Kunſtwerk, wie es deſſengleichen vielleicht auf Erden nicht mehr gibt, bis daher geweſen?“ „Das iſt eine lange und traurige Geſchichte, es 390 iſt ein Erbe vom Vater meines Gatten, dem Herrn Peter von Roſenberg, der aber leider nicht Zeit fand, es in die Hände ſeiner Familie zu bringen, da es Euch vielleicht bewußt iſt, daß er durch Meuchelmord frühzeitig ſeinen Tod fand. Ein glücklicher Zufall hat es mir zugeführt, aber nur der Kaiſer iſt würdig, dieſen Schatz zu beſitzen.“ „Ich werde ſelbſt für die Aufſtellung Sorge tragen, gnädigſte Frau,“ ſagte Tycho, noch immer in die Betrachtung des Kunſtwerkes verſunken,„das iſt— ja, kein Zweifel, das iſt Urania, der erhabene Muſe der Sternkunde, und das Meiſterwerk eines griechiſchen Meißels. Ich könnte jetzt, jetzt gleich hinübergehen und mich von Lang in den Statuen⸗ ſaal führen laſſen, wo ich ohnedieß noch einiges zu thun habe, wenn Ew. Gnade befehlen wollen, daß man dieſes Prachtſtück mir nachtrüge.“ Tycho de Brahe befand ſich in ſeinem Element, eine Ueberraſchung für den Kaiſer, durch ihn veran⸗ ſtaltet, ein großes Kunſtwerk ſeiner Beurtheilung übergeben— er eilte, er ordnete an, und ehe noch die Nachtſtunde nach des Kaiſers Gewohnheit, dieſen durch den Statuenſaal nach ſeinen Marſtällen führte, ſtand die Antike an einem Platz, der die Schönheit ihrer Formen aufs beſte ans Licht treten ließ.— Acht Tage waren ſeitdem vergangen. Es war früher Morgen, und in den Gemächern der kaiſer gen. De der Erzſta in ſein S verſchloſſe der Ruhe leer, ein Armen doe koſtbaren Er in deren zu liegen ſeufzte tie „We in Gott ſeinem IJ zu Füßen fände,“ ſe Erde iſt des Fegef Ich bin an Glück einſam vom Glü⸗ Söhnen! mir ſchon ohne die das Leben Herrn eit fand, da es helmord Zufall würdig, Sorge immer 1,„das rhabene eines gleich btatuen⸗ iges zu n, daß lement, veran⸗ heilung e noch „dieſen führte, hönheit 3.— nächern der kaiſerlichen Hofburg herrſchte noch tiefes Schwei⸗ gen. Der Brunnen im Hofe des Hradſchin unter der Erzſtatue des Ritters Skt. Georg rieſelte lelſe in ſein Steinbaſſin. Die prächtige Kathedrale war verſchloſſen, denn Meßner und Prieſter pflegten noch der Ruhe; doch war dieß herrliche Gotteshaus nicht leer, ein Mann ging mit übereinander geſchlagenen Armen darin auf und ab und blieb endlich vor dem koſtbaren Marmorgrabmale des Kaiſers Max ſtehen. Er erhob die Augen, tiefliegende traurige Augen, in deren Sternen eine Welt voll Sorge und Schmerz zu liegen ſchien, und betrachtete den Marmor und ſeufzte tief und ſchwer. „Wer auch ſo weit wäre, wie Ihr, meine theuern in Gott ruhenden Eltern, wer das Leben mit all ſeinem Jammer und Elende hinter ſich hätte, und zu Füßen des lieben Heilandes Ruhe und Frieden fände,“ ſagte er halb laut vor ſich hin.„O dieſe Erde iſt ein Jammerthal, und es bedürfte kaum des Fegefeuers zur Reinigung der gemarterten Seelen. Ich bin der Herr der Chriſtenheit, und was habe ich an Glück genoſſen in meinem Leben? einſam, immer einſam auf meinem öden Throne, ausgeſchloſſen vom Glück der Ehe, weil ich nicht Rebellen zu Söhnen haben will, da meine rebelliſchen Brüder mir ſchon Laſt und Leid genug machen, ohne Freunde, ohne die rechte Liebe eines Weibes! Was gibt mir das Leben? Pflichten und wieder Pflichten 1*— 392 „Philipp, Philipp Lang! wo biſt Du, Mann? warum verläßt Du Deinen Herrn und gibſt ihn vielleicht dem Dolche eines Meuchelmörders preis?“ Der vertraute Kammerdiener des Kaiſers ſchlüpfte hinter einer der Säulen hervor und ſtand in unter⸗ thäniger Haltung neben ſeinem Gebieter. „Was ſteht zu Ew. Majeſtät Befehl? ſoll ich durch den verdeckten Gang vorangehen nach Ew. Majeſtät Zimmer, und wollen Sie ſich jetzt endlich zur Ruhe begeben?“ „Höre, Lang,“ ſagte der Kaiſer, und legte die ſchmale Hand auf die Schulter ſeines Dieners,„ſchau, wie die Morgenſonne ſo wundervoll durch dieß Fenſter ſcheint, wüßten wir nur, daß unſere Feinde und Neider noch ſchliefen, wie gerne möchten auch wir einmal das Glück genießen, unſern Leib im goldenen Licht⸗ ſtrahle zu baden.“ „Es iſt ſpät und Ew. Majeſtät iſt die Ruhe noth,“ entgegnete Lang,„in den Gärten wanken ſicherlich ſchon Menſchen, und wer kann wiſſen, ob die Wachen Ew. Majeſtät ſo achtſam ſind, als ſie ſein müßten, um Ihr koſtbares Leben gegen Meu⸗ chelmord zu ſchützen.“ „Wahr! wahr!“ ſeufzte der Kaiſer,„o meine Brüder! meine Brüder! was hab' ich Euch gethan, daß Ihr mich alſo verfolgt!— aber komm, Lang, wir wollen uns zur Ruhe legen und Gott bitten, daß Er uns in ſeinen Schutz nehme.“ Er gi deckten Ga verbindet, ohne Prun Philip deſſen Miß von Jahr; geſteigert h Wamms, E dieſem trug ſcher Arbeit An de ſtand der 2 als Lang l ſteht es her „Er w „und wie den ſoll, bei verſprochen ihm geſchene tuen und al das ſind nu Er iſt die( auch,'s iſt trauen bei i „Lang Kaiſer, und gte die „ſchau, Fenſter Neider einmal Licht⸗ Ruhe wanken en, ob als ſie Meu⸗ meine gethan, ig, wir n, daß 393 Er ging die Treppe hinauf und durch den ver⸗ deckten Gang, der den Dom mit dem Kaiſerpalaſt verbindet, nach ſeinem Schlafzimmer, das einfach und ohne Prunk nicht koſtbarer war, als das jedes Bürgers. Philipp Lang half dem unglücklichen Mann, deſſen Mißtrauen und Furcht vor Meuchelmord ſich von Jahr zu Jahr mehr und faſt bis zum Wahnſinn geſteigert hatte, beim Entkleiden. Er legte Mantel, Wamms, Schuhe und Beinkleid ab, aber unter allem dieſem trug er ein feines Panzerhemd von florentini⸗ ſcher Arbeit und mit dieſem legte er ſich auch zur Ruhe. An der Thür des kaiſerlichen Schlafkabinets ſtand der Trabantenobriſt Herr von Roßwurm, und als Lang heraustrat, fragte dieſer flüſternd:„Wie ſteht es heute mit Sr. Majeſtät?“ „Er wird alle Tage toller,“ ſagte Lang hämiſch, „und wie es heute mit der großen Abendtafel wer⸗ den ſoll, bei der er der Gräfin Polixena zu erſcheinen verſprochen zum Dank für die Marmorpuppe, die ſie ihm geſchenkt, das weiß ich nicht. Bilder und Sta⸗ tuen und allerlei Raritäten an ausländiſchem Vieh, das ſind nun einmal die Steckenpferde unſeres Herrn. Er iſt die Gelehrſamkeit ſelbſt, und gutherzig iſt er auch,'s iſt ein Elend, daß die Furcht und das Miß⸗ trauen bei ihm zur Krankheit geworden.“ „Lang! Lang!“ ſchrie in dieſem Augenblick der Kaiſer, und mit einem Fluche auf der Lippe, kehrte 394 der Kammerdiener in das Kabinet zurück.„Wir können nicht ſchlafen, Lang, unſer Athem geht ſchwer,“ ſagte der Kaiſer, ſich im Bette aufrichtend,„auch dürfen wir nicht ſchlafen, Mann, wir haben unſer kaiſerlich Wort gegeben, heute bei der Frau Gräfin von Roſeuberg zu ſpeiſen, und das müſſen wir halten. Komm, Mann, und rüſte unſer Wamms von braunem Sammt, und vergiß nicht die Kette des goldenen Vließes, einer ſo ſchönen und edlen Dame gegen⸗ über muß auch der Kaiſer ſich als Ritter zeigen.“ Während Philipp Lang im Ankleidezimmer des Kaiſers lange nicht gebrauchte Staatskleidung rüſtete, ging dieſer ſelbſt in den Saal, der die nicht unbedeutende Antikenſammlung enthielt, welche er mit großem Geſchmack und ungeheueren Koſten ge⸗ ſammelt hatte, und blieb zuweilen bewundernd vor dem ſchönen Geſchenk ſtehen, durch das Frau von Roſenberg dieſelbe vergrößert. „Ah, das iſt ſchön, wunderbar ſchön,“ ſagte er laut, als ob er zu einem Andern ſpräche.„Ja, ſie verſtanden zu leben, zu dichten, zu denken, dieſe Griechen, unter ihnen hätte ich leben müſſen— aber auch unter ihnen gab es Brüderzwiſte, Neid um Krone und Reich! und Eteokles und Polynices wa⸗ ren nicht glücklicher, als Rudolph und Mathias!“— Majeſtät,“ ſagte der raſch eintretende Leib⸗ 22 diener,„Sr. Gnaden der Ambaſſadeur von Spanien wünſchen“— „Den holen,“ ſchri haben und hingeben, ich „Auch „Fort Geſchäften Ruhe laſſen, „Auch Ferdinand kommen, un „Wer „Der Herrn Erzhe Herren von von Budowe ſowie der 4 Frau Gräfin ſetzte Lang h im Begriff ſ „Die ve die mit meit handeln,“ b rathend,„ſie Teufel ſcher vier Pfählen ſie hat. Bin halten. braunem gegen⸗ zeigen.“ ezimmer dſten ge⸗ ernd vor rau von ſagte er „Ja, ſie n, dieſe — aber deid um ces wa⸗ as!“— de Leib⸗ Spanien 395 „Den ſpaniſchen Botſchafter ſoll der Teufel holen,“ ſchrie Rudolph,„ich will auch einmal Ruhe haben und mich einem kleinen menſchlichen Genuß hingeben, ich will ihn nicht ſprechen.“ „Auch der Herr Kardinal Dietrichſtein bitten—“ „Fort mit dem Herrn Kardinal, fort mit allen Geſchäften und kaiſerlichen Sorgen, man ſoll mir Ruhe laſſen, ich bin beſchäftigt.“ „Auch von Sr. Durchlaucht dem Erzherzog Ferdinand von Steiermark iſt eine Botſchaft ge⸗ kommen, und der Botſchafter fragt an“— „Wer iſt's?“ ſagte Rudolph barſch. „Der ehemalige Präzeptor des durchlauchtigen Herrn Erzherzogs, Herr Johannes Fickler.— Auch Herren von den böhmiſchen Ständen, Herr Wenzel von Budowa und der jüngere Herr von Lobkowiec, ſowie der Herr Peter Wok von Roſenberg, der Frau Graͤfin Schwager, bitten um gnädige Audienz,“ ſetzte Lang hinzu, als er bemerkte, daß der Kaiſer im Begriff ſei, dem Jeſuiten Gehör zu bewilligen. „Die verfluchten, aufſätzigen, ketzeriſchen Böhmen, die mit meinem lliebreichen Bruder Mathias unter⸗ handeln,“ brüllte der Kaiſer, in heftige Wuth ge⸗ rathend,„ſie ſollen ſich alle, alle mit einander zum Teufel ſcheren und mir Ruhe in meinen eigenen vier Pfählen gönnen, nur ſoviel, als jeder Holzhauer ſie hat. Bin ich doch wie ein Hundewärter, den die 396 verdammten hungernden Kläffer von allen Seiten lärmend umſpringen, wenn er ſich nur ſehen läßt.— Sperrt ſie aus, ſchlagt ſie todt, wenn's nöthig iſt, und gebt mir endlich Frieden.“ Der Kaiſer ſah nicht den Ausdruck tückiſcher Freude auf dem Geſicht ſeines vertrauten Dieners, als dieſer ſich raſch umwendete, um den abſchlägigen Beſcheid allen auf Audienz Harrenden zu bringen. Er betrachtete die ſchöne Statue wieder und wieder, ſtäubte mit ſeinem Tuche den leicht gebogenen Arm derſelben ab, und ging endlich in das Zimmer, das er ſein Arbeitsgemach nannte. Malergeräth und aſtrologiſche Bücher, Erzſtufen zu alchemiſtiſchen Ar⸗ beiten, und Himmelsgloben, langhalſige Phiolen von Glas, mit allerleifarbigen Flüſſigkeiten gefüllt, Ver⸗ ſuche und Proben, das Lebenselixir zu brauen, ſtan⸗ den hier in wüſteſter Unordnung durcheinander. Auch ein Deſtillirofen war da zu finden, eine Camera obscura, das Geſchenk Rabbi Löw's, und tauſend andere Dinge, die heutzutage das Entzücken jedes Alterthumsforſchers ſein würden. Mitten unter all dem ſeltſamen Plunder ſtand aber ein behaglicher, weichgepolſterter Lehnſtuhl, ſo gerückt, daß der Kaiſer, darauf ruhend, durch das nahe Fenſter ſein ſchönes Prag wie ein Gemälde überſehen konnte. Hier ſetzte er ſich ermüdet nieder, und war nach wenigen Minuten, den bleichen Kopf an die Kiſſen gedrückt, die entſchlafen.— In dieſ ihres ſtattlich richtungen z2 aufs genauef Ihr zur tracht der Le Sein ſchönes Haar mit S von Zeit zu lichen Kramp „So we ſterbende Vate empfahl, nien Meiſter Johe wie oft liegt teſter Ferne „Er wa ren Umſtände das wir alle ſagte Polixene der Gatte ein von zwei Sü nach Madrid um den zum ten Erzherzog Seiten läßt.— öthig iſt, tückiſcher Dieners, chlägigen bringen. wieder, ten Arm ner, das ith und chen Ar⸗ olen von llt, Ver⸗ en, ſtan⸗ er. Auch Camera tauſend en jedes unter all zaglicher, r Kaiſer, ſchönes var nach ie Kiſſen 397 gedrückt, die Hände auf den Lehnen ruhend, feſt entſchlafen.— In dieſer Zeit ging Polirena durch alle Räume ihres ſtattlichen Schloſſes und beſichtigte die Ein⸗ richtungen zum Empfange ihres kaiſerlichen Gaſtes aufs genaueſte. Ihr zur Seite ſchritt in ſeiner ſchwarzen Amts⸗ tracht der Lehrer ihrer Jugend, Pater Johannes.— Sein ſchönes Geſicht noch bleicher wie früher, ſein Haar mit Silber gemiſcht, um den feinen Mund von Zeit zu Zeit ein Zucken, wie von einem plötz⸗ lichen Krampfe. „So war alſo der Retter und Freund, den der ſterbende Vater Ihres Gatten ſo eifrig ſeinen Söhnen empfahl, niemand anders, als mein alter Verwandter, Meiſter Johannes Guldenmann,“ ſagte er leiſe.„O wie oft liegt uns neben der Hand, was wir in wei⸗ teſter Ferne ſuchen!“ „Er war es, und daß er niemandem die nähe⸗ ren Umſtände dieſer Rettung mitgetheilt, das iſt etwas, das wir alle ihm nicht genugſam danken können,“ ſagte Polirena.„Ja! Herr Peter von Roſenberg war der Gatte einer ſtolzen und edlen Dame, der Vater von zwei Söhnen, die ſthon heranwuchſen, als er nach Madrid reiſte mit anderen böhmiſchen Herren, um den zum künftigen Könige Böhmens gewähl⸗ en Erzherzog Marx in der Sprache ihres Landes zu 398 unterrichten. Dort hatte er die Dame kennengelernt, ſeine entfernte Verwandte ſogar, aus dem edlen Hauſe der Urbino, und es hatte ſich eine leidenſchaftliche Liebe zwiſchen ihnen entſponnen. Ob er ſo weit gefehlt, ſeine Verheiratung zu verläugnen, die Sünde der Polygamie auf ſich zu laden, das geht aus den Pa⸗ pieren nicht ganz genau hervor, doch könnte man es faſt fürchten. Von Spanien aus war er mit ihr nach ihrer Heimat, dem ſchönen Italien gereiſt, und von ihren Gütern in der Nähe von Florenz ſtammt das Götterbild, das ſich jetzt in den Händen Sr. Majeſtät befindet.— Sie wollte ihn nach Böhmen begleiten, doch wußte er es abzulehnen, und reiſte nach Deutſchland, vielleicht um Rückſprache zu nehmen mit lutheriſchen und kalviniſtiſchen Geiſtlichen wegen der Trennung ſeiner erſten Ehe. Sie aber hatte er⸗ fahren, daß der Mann, dem ſie ſich ergeben, ſie alſo getäuſcht, und in ihrem Zorne ſchickte ſie ihre Meuchel⸗ mörder nach, unter deren Streichen er gefallen wäre, wenn nicht jener wackere Handwerker, Johannes Guldenmann, ihm zu Hilfe gekommen. In ſeinen Händen ließ er geneſend die Andenken an ſein Ver⸗ gehen und kehrte reuig zu ſeiner Gattin, ſeinen Kin⸗ dern, wie auch in den Schooß der heiligen Kirche zurück.“ „Auf ſeinem Todtenbette beichtete er den Her⸗ gang, und daß die Donna Olivia ein Töchterlein geboren und Buße thuend geſtorben ſei.— Ich habe geforſcht nas Gemal mich ſultat dieſer iſt ein traurig und Eures in fahrende Dir Lebenswande und mehr Ja Aſtronomen „Helfe glückliche ſoll laßt ihr un Geld zukomn leben und ih der Ehemann nem Bruder ſobald ihr Leb Pater 2 Kepler iſt e Geſelle, mit ders, der, ob doch ein eben beſitzt. Ich fr richten bringe fehl haben deſſen angewi fordern hat, e ſie werden de gefehlt, nde der den Pa⸗ man es mit ihr iſt, und ſtammt den Sr. Böhmen nd reiſte nehmen n wegen hatte er⸗ ſie alſo Meuchel⸗ en wäre, ohannes n ſeinen ſein Ver⸗ nen Kin⸗ zurück.“ den Her⸗ ſchterlein ich habe geforſcht nach jenem Kinde, als Ihr ſeliger Herr Gemal mich ins Vertrauen zog, aber ach! das Re⸗ ſultat dieſer Forſchungen, das ſich jetzt erſt beſtätigt, iſt ein trauriges. Die Tochter der Donna Olivia Urbino und Eures in Gott ruhenden Schwiegervaters iſt eine fahrende Dirne geworden, die nach langem wüſten Lebenswandel einen Mann geheiratet, wohl zwanzig und mehr Jahre jünger, als ſie ſelbſt, den Bruder des Aſtronomen Johannes Kepler, Heinrich.“ „Helfe uns Gott,“ ſagte Polirena,„die Un⸗ glückliche ſoll und darf nicht verlaſſen ſein, eilt und laßt ihr und ihrem Manne jede Unterſtützung an Geld zukommen, ſorgt für beide, daß ſie in Ehren leben und ihre Kinder wohl erziehen können. Wenn der Ehemann dieſes armen verlaſſenen Weibes ſei⸗ nem Bruder gleicht, ſo iſt ſie glücklich zu preiſen, ſobald ihr Leben vor allzuſchweren Sorgen geſchützt iſt.“ Pater Johannes zuckte die Achſel.„Heinrich Kepler iſt ein wüſter, verſchwenderiſcher, boshafter Geſelle, mit keiner Ader vom Charakter ſeines Bru⸗ ders, der, obgleich leider ein unverbeſſerlicher Ketzer, doch ein ebenſo edles Herz, als einen großen Geiſt beſitzt. Ich freue mich, daß ich für ihn günſtige Nach⸗ richten bringe. Auf des Erzherzogs Wunſch und Be⸗ fehl haben die ſteieriſchen Stände ihm die Hälfte deſſen angewieſen, was er nun ſchon ſeit Jahren zu fordern hat, es ſind nahezu zweitauſend Gulden, und ſie werden der Familie gar ſehr zugute kommen.“ —— 400 „Eilen wir dieſe frohe Nachricht der würdigen Frau mitzutheilen, die ihn erzog,“ rief Polixena eifrig; „wenn die Geſellſchaft erſcheint, ſo weiß es dann auch Magiſter Johannes, mein werther Freund ſchon und kann dem Reſultat ſeiner Zuſammenkunft mit Tycho in Seiner Majeſtät Gegenwart mit Ruhe entgegen⸗ ſehen. Die Welt wird Großes von ihm erleben, wenn er einſt mit freiem Herzen ſich ganz der Wiſ⸗ ſenſchaft widmen kann.“—— Einige Stunden nach dieſem Geſpräche brannten mehr als zweihundert Wachskerzen in den geſchmückten Sälen der verwitweten Gräfin von Roſenberg. Eine gedeckte Tafel, von Silber und Gold ſtrahlend, prangte in einem derſelben, Diener in reicher Kleidung gin⸗ gen unter Befehl des alten Haushofmeiſters noch ab und zu, und allmälig kamen in Kutſchen und Sänf⸗ ten, denen Läufer mit brennenden Fackeln voraneil⸗ ten, die höchſten Herren des böhmiſchen Adels mit ihren ſchönen Gattinnen. Polixena hatte ohne Rück⸗ ſicht auf die religiöſen Streitigkeiten alle eingeladen, die auf dieſe Ehre Anſpruch machen konnten, da war denn der Schwager der edlen Wirthin, Herr Peter Wok von Roſenberg, der letzte ſeines Stam⸗ mes; Herr Wenzel von Budowa, Graf Schlick und die Herren von Martinic und Slawata, von Sternberg und andere mit ihren hochgebornen Gemalinnen, ſowie der jugendliche Zdenko Adalbert von Lobkowic, der, ſe dient, d Da fan Troilus ſchreiber dem Ka der Rit Fr einem Blumer penhau ſie die geliebt ſchien i und es beiden und ei am A trone. und ſi wegte, glied den 9 und e und Räun 1857. vürdigen a eifrig; ann auch chon und it Tycho ntgegen⸗ erleben, der Wiſ⸗ brannten hmückten g. Eine prangte ung gin⸗ noch ab d Sänf⸗ voraneil⸗ dels mit ie Rück⸗ geladen, rten, da n, Herr Stam⸗ glick uud ternberg ralinnen, Lobkowic, 401 der, ſeit er ſich in Ungarn den Sporn ver⸗ dient, das Bild der ſchönen Gräfin im Herzen trug. Da fanden ſich ein die berühmten Dichter Capella, Troilus und Cuthenus, da waren die Geſchichts⸗ ſchreiber Weleſlawina und Stränsky, und von den dem Kaiſer naheſtehenden Aſtronomen, Herr Häjek, der Ritter von Brahe und Johannes Kepler. Frau Barbara Kepler ſah gar ſchön aus in einem Kleide von ſchwarzem Brokat mit goldenen Blumen, das ſchöne Haar geſchmückt mit einer Schnep⸗ penhaube von den allerfeinſten Brabanterſpitzen, wie ſie die unglückliche Königin Maria Stuart zu tragen geliebt hatte; auch die Frau Gräfin von Roſenberg er⸗ ſchien in einem Kleide von ähnlichem Stoff und Schnitt, und es mußte jedermann in die Augen fallen, daß die beiden Damen die ſchönſten in dem glänzenden Kreiſe und einander ſehr ähnlich waren. Frau von Brahe, am Arme ihres Gatten, war noch eine ſtattliche Ma⸗ trone. Der Kreis von Menſchen, der ſich flüſternd und ſummend durch die glänzenden Gemächer be⸗ wegte, war einer von denen, wo auch nicht ein Mit⸗ glied unbedeutend erſcheint; auch hat die Geſchichte den Namen aller bewahrt bis in die ſpäteſten Zeiten, und einer der Anweſenden, der hochberühmte Zeichner und Kupferſtecher Sadler, hat Abbildungen jener Räume hinterlaſſen, die heute noch dem Beſchauer 1857. XXII. Johann Kepler. III. 26 40² eine Vorſtellung von ihrem Glanze und ihrer Schön⸗ heit geben. Auf den Arm ihres Gatten geſtützt und ver⸗ ſchämt wie ein junges Mädchen, flüſterte Frau Bar⸗ bara leiſe:„Schau, Johannes, Du bringſt mich doch in die vornehmſte Geſellſchaft, die ich je beſucht habe, ich werde dem Fräulein von Eggenberg ſchon ſchrei⸗ ben, wie man Dich hier ehrt, und Gottlob, da die ſteieriſchen Stände nun zahlen, ſo können wir dieſem hochmüthigen Tycho, der mich anſieht, als wolle er mich umbringen, ein Schnippchen ſchlagen.“ Der Eintritt Kaiſer Rudolph's ließ für einen Augenblick alle Lippen verſtummen. Der Kaiſer führte an ſeinem Arme die Gräfin Polixena, die ihm bis auf die Marmorſtufen an der Pforte des Palaſtes entgegengegangen war. Hinter ihnen ſchritt der treueſte Miniſter Rudolph's, der Kardinal Adam von Dietrichſtein, dem die edle Ge⸗ ſtalt des Pater Johannes auf dem Fuße folgte. Sie ſaßen um die glänzende Tafel, ein Kreis von glänzenden Geiſtern, von denen jeder Einzelne weit hinaus leuchtete über die Zeit ſeines Erdenle⸗ bens, Einer mehr, der Andere minder den Flackerſchein des Ruhmes oder das ſanftere Licht der Weisheit auf die Nachwelt ſendend, doch keiner von Allen in ſo hohem Grade, wie der ſanfte, ſtille Magiſter Kepler, der ſeiner Hausfrau gegenüber zwiſchen dem berühn ſuiten K unter Goldſte die ſeit ausübt Seele E Stunde bruch 1 men, zu brin über d Kaiſer, gnädig wieder werther nen und den N. Richtig flüſterte der mi kann n Dem 4 berühmten Sadler und ſeinem Gönner, dem Je⸗ ſuiten Johannes, ſeinen Platz gefunden hatte. Kaiſer Rudolph, an der linken Seite der Gräfin unter einem Thronhimmel von Sammt mit reicher Goldſtickerei ſitzend, verlor im Geſpräche mit der Dame, die ſeit Jahren ſchon den günſtigſten Einfluß auf ihn ausübte, mehr und mehr von dem Trübſinn, der ſeine Seele zu umdüſtern begonnen hatte. Er plauderte, er lachte ſogar und Stunde nach Stunde verrann, ohne daß er das Zeichen zum Auf⸗ bruch gab. Polixena hatte die Gelegenheit wahrgenom⸗ men, den Streit Kepler's mit Tycho zur Sprache zu bringen, ſie erzählte, daß die gelehrten Herren ſich über die Sonnenſyſteme entzweit hätten, und der Kaiſer, ſich direkt an den Ritter wendend, ſagte ſehr gnädig:„Nicht alſo, Herr von Brahe, Ihr ſeid wieder gut Freund mit dem Magiſter, Euerem ehren⸗ werthen Gefährten, laßt ihn in ſeiner Weiſe rech⸗ nen und rechnet Ihr in der Eurigen; was am Beſten mit den Naturerſcheinungen ſtimmt, das wird wohl das Richtige ſein.“ Dann aber ſich zu Polixena wendend, flüſterte er ihr halblaut zu:„Der ungelehrte Pöbel, der mit dem rechten Fuß in den linken Stiefel fährt, kann wohl noch glauben, daß die Erde ſtillſteht. Dem Philoſophen, der das Zuſammenpaſſende in 26 404 Urſache und Wirkung zuſammenſucht, muß es wohl einleuchten, daß Kopernikus Recht habe.“ Tycho hatte dieſe Worte gehört. Er war wäh⸗ rend des ganzen Abends ungemein ſchweigſam ge⸗ weſen, und ſein ſonſt rothes Geſicht mit der ſeltſa⸗ men Naſe von Silber ſah bleich, ja hohl aus.— Er fühlte ſich unwohl, und wollte doch aus Rück⸗ ſicht auf den Kaiſer die Tafel nicht verlaſſen, und ſaß nun da, gefoltert von körperlichen Schmerzen und der geiſtigen Pein, die ihm nun ſchon ſeit län⸗ gerer Zeit die Ueberzeugung verurſachte, daß ſein Syſtem, auf das er ſeinen höchſten Stolz ſetzte, alles Haltes entbehrte. Das Zuſammenleben mit Kepler war dem ſtol⸗ zen Mann zur Marter geworden, weil die lichtvollen Erklärungen des begeiſterten Mannes ihm längſt die Wahrheit des kopernikaniſchen Syſtems, das jetzt ſchon durch das erſte, von Kepler gefundene Geſetz der Planetenbewegung eine bedeutende Verbeſſerung erhalten, anſchaulich gemacht hatten.— Anders aber als einige Zeit ſpäter Galilei, der nach den Qualen der Folter, die ihn zum Widerruf der neuen Lehre bewogen, jene unſterblichen Worte ausrief:„Und ſie bewegt ſich doch!“ verharrte Tycho aus Eitelkeit auf ſeiner Lehre vom Stillſtand der Erde.— Er fühlte die Falſchheit, die Unzulänglichkeit derſelben, und die Ueberzeugung, daß ſein Syſtem mit ſeinem Leben fallen werde, nagte an ſeiner Seele. zu Rudolp D durchs Geſicht phirend und fre Gott be geben k bitterer der Neo haben; den Ko⸗ der W dieſer ſ denkt, j mit ſeit Werkſtä heftiger durchzu vohl bäh⸗ ge⸗ ltſa⸗ Kück⸗ und erzen län⸗ ſein etzte, ſtol⸗ ollen die jetzt eſetz rung aber alen 405 Er war ſchon ſeit Tagen leidend, und hatte die Einladung der Frau von Roſenberg nur ange⸗ nommen, um bei einem Gaſtmahle nicht zu fehlen, zu welchem alle Notabilitäten vom Hofe Kaiſer Rudolph's geladen waren. Des Kaiſers Worte gaben ihm einen Stich durchs Herz. Er blickte auf Kepler. Das gütige Geſicht des jungen Gelehrten zeigte keine Spur trium⸗ phirenden Uebermuthes.— Er ſah heiter, beſcheiden und freundlich aus, wie immer, und wie immer la⸗ gerte um die ſanften braunen Augen jener eigen⸗ thümliche begeiſterte Ausdruck, den kein Maler an den Geſichtern der mit der Gabe des Genies von Gott begnadigten Menſchen in ihren Bildern wieder⸗ geben kann. „Er wenigſtens,“ dachte er mit einem Gefühl bitterer Freude,„er wird den Ruhm nicht haben in der Nachwelt, das Syſtem des Tycho geſtürzt zu haben; alle Welt wird, wie jetzt Kaiſer Rudolph, den Kopernikus als den nennen, der mich im Kampfe der Wiſſenſchaft beſiegte, und doch iſt er es! er, dieſer ſaufte, ſtille Menſch, der nie an ſeinen Ruhm denkt, ſondern allein an die Ehre Gottes. Er hat mit ſeinem Geſetze den Schöpfer gleichſam in ſeiner Werkſtätte belauſcht.“— Ha!— Ein ungeheurer heftiger Schmerz, ein körperlicher Schmerz hatte ihn durchzuckt.— Er hätte aufſtehen, das Zimmer ver⸗ 406 laſſen mögen und müſſen, aber die Gegenwart des Kaiſers feſſelte ihn, ob noch Minuten oder Stunden, er wußte es nicht; denn die Lichter des Saales be⸗ gannen vor ſeinen Augen zu tanzen, die Geſichter der Anweſenden ſchienen bald nah auf ihn einzu⸗ rücken, bald in ungeheuere Fernen von ihm zu ſchwin⸗ den, und als man endlich aufſtand, als der Kaiſer, auf den Arm des Kardinals Dietrichſtein gelehnt, die Anweſenden huldvoll grüßte und ſich mit ganz ritter⸗ lichem Weſen von ſeiner ſchönen Wirthin entfernte; da mußte er ſich auf die Schulter ſeines Weibes ſtützen, welcher der raſch hinzutretende Kepler behilflich war, den ſchwer Leidenden in die nächſte Sänfte zu ſchaffen. Kepler und Katharina blieben gemeinſchaftlich am Bette Tycho's, der bewußtlos dalag, ein wich⸗ tiges Lebensorgan war ihm infolge des zu langen Sitzens bei der Tafel geſprungen. Er war unrettbar. In den Augenblicken, wo er zum Bewußtſein kam, ſprach er liebevoll mit Kepler und ſeinem Weibe, und als er, in die Kiſſen ſinkend, die Augen, die ſo eifrig in den Sternen geforſcht hatten, für ewig ſchloß, flüſterten ſeine erſterbenden Lippen:„Kein Stillſtand in der Schöpfung, Leben iſt Bewegung!“ Der Tod des gelehrten Danen erregte unge⸗ heueres Aufſehen. Selbſt Tycho's höchſte Eitelkeit hätte befriedigt ſein müſſen von der Pracht ſeines mit einen ihm die und Arb ſetzte ihn Tochter berg ei ßeren T nia ein t des nden, 3 be⸗ ichter inzu⸗ hwin⸗ aiſer, „ die itter⸗ Begräbniſſes, dem ſich ganz Prag anſchloß.— In der Teynkirche ruhen ſeine ſterblichen Ueber⸗ reſte, eine Granittafel mit ſeinem Bilde, im Har⸗ niſch, die rechte Hand auf eine Erdkugel geſtützt, macht es heute noch der Nachwelt kenntlich. Katha⸗ rina, die nur für ihn gelebt hatte, folgte ihm bald; Familienglieder und Nachkommen von dem hochbe⸗ rühmten Mann, die ſeinen Namen tragen, leben heute noch in Dänemark. Tycho's Tod änderte wie mit einem Zauber⸗ ſchlage die Stellung Kepler's am Hofe Rudolph's des Zweiten. Der Kaiſer ernannte ihn zu Tychv's Nachfolger mit einem Gehalte von zweitauſend Gulden. Er geſtattete ihm die Benutzung aller tychoniſchen Inſtrumente und Arbeiten, und die Zahlung der ſteieriſchen Stände ſetzte ihn in die Lage, für die Zukunft ſeiner Familie Sorge zu tragen. Vom Hanſe erhielt er die Nachricht, daß die Gattin ſeines Bruders eine bedeutende Erbſchaft gethan, und daß beide nach Italien gegangen, um dort in glänzenden Verhältniſſen zu leben. Katharina Kepler zog zu ihrer verheirateten Tochter nach Heumaden, um dem Geklätſche in Leon⸗ berg ein Ende zu machen. In ſeinem neuen, groͤ⸗ ßeren Wohnhauſe in der Spornergaſſe fand Apollo⸗ nia ein Aſyl, wo ſie, für ihre Bedürfniſſe an Frau 408 Barbara ein hübſches Sümmchen zahlend, die Kinder ihres Pfleglings erziehen half, und ihrem Johannes die treueſte mütterliche Freundin blieb. Gräfin Polirena vertraute ihm, daß eine Schwe⸗ ſter ihres in Gott ruhenden Gatten die Frau ſeines Bruders Heinrich ſei, und bat um ſeine verwandt⸗ ſchaftliche Liebe, und Kaiſer Rudolph bewahrte ſei⸗ nem Hofaſtronomen ſeine Gnade bis zu ſeinem Tode. Polixena, Apollonia und Rabbi Löw bildeten einen Kranz verſtändnißreicher Freunde um den Ge⸗ lehrten. Frau Barbara verehrte ihren berühmten Wann, der jetzt auch einen angemeſſenen Erwerb aufzuweiſen hatte, nach Gebühr, und der blühende Kinderkreis, den ſie ihm ſchenkte, war, wenn er von ſeinen ernſten und tiefen Studien ruhend in ſeiner Familie weilte, ſein höchſtes Glück.— Hier verlaſſen wir ihn, die Kämpfe ſeiner Ju⸗ gend ſind ausgekämpft. Selbſt ſeine fruͤheren Wider⸗ ſacher, die proteſtantiſchen Theologen Wuürtembergs, achten in ihrem Schüler den gelehrten und einfluß⸗ reichen Hofaſtronomen des Kaiſers. Seine Freunde ehren ihn und ſtehen in fleißig der Nachwelt auf⸗ bewahrtem Briefwechſel mit ihm. Die Sonne des Glückes iſt aufgegangen über ſeinem prüfungsreichen Leben.— Ende des dritten und letzten Bandes. — ſer E in ſpe Kinder hannes Schwe⸗ t ſeines rwandt⸗ örte ſei⸗ n Tode. bildeten en Ge⸗ rühmten Erwerb blühende ier von in ſeiner iner Ju⸗ Wider⸗ embergs, einfluß⸗ Freunde delt auf⸗ gen über Nachwort. Wenn es mir gelungen iſt, die Helden die⸗ ſer Erzählung das Intereſſe meiner freundlichen Le⸗ ſer zu erwecken ſo wird es denſelben vielleicht ge⸗ nehm ſein, daß ich auch den Schluß ſeines bedeu⸗ tenden, und mit der Geſchichte einer der traurigſten Epochen Deutſchlands innigſt verwebten Lebens, Ihnen in ſpäterer Zeit übergeben darf. Julie Zurow, (Frau Pfannenſchmidt.) Bromberg, im November 1857. Druck von Kath. Gerzabek in Prag. 1857.