7z Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und efranz ſiſcher Literatur 1 Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rügabe eines geliehenen Buches wird von ¹ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit, eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ · den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für uoschentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — 3 ſener. Bloherr Pücher. auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 NMk. 50 Pf. 2 Mk. Ff. 3 — 1 1 82 9—„ u— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre e eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt⸗ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem D Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— A1BUN Bibliothek deutſcher Briginalromane der beliebteſten HSchriftſteller. Herausgegeben von J. L. Kober. Zwölfter Jahrgang. Einundzwanzigſter Band. Johannes Kepler. II. 1857. Prag& Leipzig, Verlag von J. L. Kober. Johannes Kepler. Hiſtoriſche Erzühlung von Julie Burow. (frau Pfannenſchmidt). Menſchengrößen gibt es zwei hienieden, Eine jede kleidet ihren Mann.— Das Verdienſt webt beide; doch verſchieden Sind die Fäden und die Farben d'ran— Stille Größe! Dich nur bet' ich an! AKlois Blumauer. Zweiter Band. 1857. Prag& Leipzig, Verlag von J. L. Kober Achtes Kapitel. Die Geldſumme, welche Katharina von ihrer Reiſe heimbrachte, war gerade ausreichend, einige beſonders drückende Schulden zu bezahlen und ſo die Wirthſchaft noch einige Zeit im Gange zu er⸗ halten. Herr Johann Guldenmann hatte ſehr ernſt⸗ lich darauf beſtanden, daß der kleine Johann Kepler ſelbſt ihm allmonatlich ſchreiben ſollte, wie es mit ſeinem Schulunterricht und ſeinen Fortſchritten be⸗ ſchaffen ſei, und in dieſem Falle verſprochen, nicht bloß den Unterricht, ſondern auch die Kleidung des Knaben bezahlen zu wollen, und ſo machte denn die Mutter Anſtalt, ihren Erſtgeborenen der Schule ihres Wohnortes zu übergeben. Freilich kamen ſo manche Tage im Monat, in denen Johann, ſtatt mit ſeinen Leſe⸗ und Schreibe⸗ 1857. XXI. Johann Kepler. II. 1 2 büchern in die Schule, mit dem Knecht und dem alten Pferde hinaus auf das Feld ging. Dennoch machte der Knabe ſehr bald bemerkliche Fortſchritte im Leſen und Schreiben ſo raſch, daß er dem Lehrer, dem ſiebzigjährigen Magiſter Beilmann, aufftel. Magiſter Beilmann war ein wunderlicher Kauz. Einſam lebend ohne Weib und Kind kannte er nach beendeten Schulſtunden nur einen Genuß, und das war ſein täglicher Spaziergang in Wald und Feld. Da ſchritt er aber nicht raſch daher, wie wohl ſonſt Gelehrte und beſonders Schulmänner, die eben nur hinausgehen, um ihren in den düſtern Zimmern verdorrenden Leib ſo⸗ und ſooiel Schritte weit durch die Luft zu ſchleppen. Langſam, die großen hellblauen Augen bald auf den Boden, bald auf einen Baum⸗ zweig, bald auf die ziehenden Wolken am Himmel geheftet, ging er einher, und nie kam er von einem Spaziergang nach Hauſe ohne allerhand unnütze Dinge in ſeinen Taſchen. Der Magiſter Beilmann hatte in ſehr kurzer Zeit eine herzliche Zuneigung zu dem kleinen Johann gefaßt, und als er einſt bei einem ſeiner weiten Gänge auch an das Feld kam, das Heinrich Kepler gepachtet und auf dem ſein Lieblingsſchüler eben be⸗ ſchäftigt war, Gras für die Ziege zu ſammeln, rief t d 4 3 er ihn zu ſich und forderte ihn auf einwenig mit ihm zu gehen. „Der Knabe ſprang rüſtig über den Graben, der ihn vom Feldwege trennte, reichte ſeinem Lehrer freundlich die Hand, ſagte ihm aber, daß er nicht mitgehen könne, weil er hier arbeiten müſſe. „Du raufſt Kraut aus zur Nahrung für ein Hausthier,“ ſagte der Magiſter,„wie es doch ſeltſam iſt, daß ſo ein Thierle von den ſchönen unſchuldigen Feldblumen ſein kurzes Leben friſtet, die wiederum vom Waſſer des Bodens und von dem Sonnenſtrahl des Himmels leben. Was haſt Du denn da für Kräuter, Johannes? Laß mich die Bündel ſehen, die Du gemacht.“ Er überſchritt nun mit ſeinen auffallend langen dünnen Beinen den Graben, ſetzte ſich ruhig auf den Feldrain nieder und betrachtete die einzelnen Pflanzen, welche der Knabe für ſeine Ziegen gepflückt hatte. „Das iſt Waſſermünze,“ ſagte er,„ein ſchönes duftreiches Kraut, das am Bachesrand wächſt und in den Morgenſtunden die ganze Luft mit Balſam⸗ hauch füllet. Da iſt Quendel, der ſeine krauſen Wurzeln in das magerſte trockenſte Erdreich einſenkt und duftige Polſterchen auf ſteinigem Boden webt. 1½ 4 Da iſt das fette gelbblühende Johanniskraut, das fortwächſt und blüht, wenn man es auch an die Zimmerdecke hängt, wo ſeine Wurzeln kein Stellchen finden ſich anzuſaugen, es zieht ſeine Nahrung aus der Luft allein. Hier iſt die Butterblume, die ellenlange Wurzeln in den Boden ſteckt und aus dem dürrſten Lande den milchigen Saft zieht, mit dem ihr Stengel und Blätter gefüllt ſind.— Wer mir das ſagen könnte, das Eine, wie dieſe Geſchöpfe des Herrn es machen, daß ſie immer nur das aus der Erde und aus der Luft ziehen, was ſie ſür ſich brauchen, wie ſie es machen, die vier Elemente, in und von denen ſie leben, klüglich zu verwandeln in ihre eigenen Beſtandtheile?“ Der alte Mann hatte freilich zu ſich ſelbſt ge⸗ ſprochen, aber er hatte an dem Knaben einen auf⸗ merkſamen Zuhörer gehabt. Oft, o wie oft hatte Johann Kepler ſich ſelbſt ähnliche Fragen vorgelegt, ein tiefes Ahnen der Geſetzmäßigkeit, der Ordnung und Regelmäßigkeit des ſchönen Weltganzen lebte in ſeiner jungen Seele und regte im Umgang mit ſeinem alten Lehrer mit verdoppelter Deutlichkeit die Seraphsflügel. „Gott hat das ſo geordnet,“ entgegnete er mit leiſer Stimme auf die laut ausgeſprochene Frage „Gott! was iſt Gott?“ ſagte der Alte,„Gott! ein Wort wie jedes andere. Geht Gott umher und macht Blumen und Früchte? Schickt er Engel, daß ſie die Blüte der Nelke auszacken, die Kaſta⸗ nienknospe mit Firniß überſtreichen? Macht er den Schnee und Reif? Schmiedet er das Gold des Son⸗ nenſtrahles? Nichts, nichts von allem dem! Ewige unwandelbare Geſetze walten, nach denen ſich die kleinſte Blume im Felde aus eigener Kraft bilden muß und nach denen Sonne, Mond und Sterne und die Erde in ihren unwverrückbaren Bahnen kreiſen. Gott iſt das Geſetz! und ſo gewiß 2X¼☚ 2 alle Zeit 4, ſo gewiß die Summe der drei Winkel eines Drei⸗ eckes ſtets gleich iſt zwei rechten Winkeln, ſo gewiß bilden auch die gleichen Verhältniſſe des Samens, des Sonnenſcheins, des Bodens und der Luft die gleiche Pflanze, immer und ewig. Die Geſetze finden, nach denen alles Leben ſich entwickelt und verwan⸗ delt, das heißt Gott finden.“ Der alte Mann richtete ſich nach dieſen Wor⸗ ten von ſeinem Raſenſitze auf und wollte weiter ge⸗ hen. Sein Blick fiel aber auf den Knaben und das leuchtende Auge desſelben, das an ſeinen Lippen gehangen, zeigte ihm, daß er ein Herz und einen jugendlich gelehrigen Geiſt vor ſich habe, von 6 denen ſein eigenes Mühen und Streben verſtanden ward. Von dieſer Stunde an verwendete der Magi⸗ ſter Beilmann die höchſte Aufmerkſamkeit auf den Unterricht des jungen Kepler. Der Knabe mußte ſtundenlang bei ihm ſein, mit ihm eſſen, ſpazieren gehen und vor allem ſeine mannigfachen Studien mit ihm theilen. Dieſe Studien waren ſehr verſchieden von allem, was die damalige Zeit als Gelehrſamkeit betrachtete. Magiſter Beilmann vertiefte ſich weder in theologiſche Spitzfindigkeiten, noch trieb er Aſtrologie, noch machte er lateiniſche und griechiſche Verſe, noch ſuchte er die Quadratur des Zirkels oder den Stein der Wei⸗ ſen, obgleich er von allen jenen Dingen, die man damals zwar nicht Zeitfragen nannte, die aber in der Geſchichte jenes Jahrhunderts genau den Platz derjenigen Strebungen und Irrthümer einnahmen, denen wir heutigen Tages dieſen Namen geben, ei⸗ nige Kenntniß beſaß. Der alte einſame Mann liebte vor allem die Pflanzenwelt und konnte ſich ſtundenlang vertiefen in die Betrachtung eines Blattes oder einer Blüte, und der kleine Kepler theilte ſehr bald dieſes Intereſſe und hing zugleich mit leidenſchaftlicher Innigkeit 7 an dem Greiſe, der es verſtanden hatte, eine Saite ſeines jungen Herzens erklingen zu laſſen, die ſeit ſeiner Trennung von Apollonia keine liebevolle Hand angeſchlagen. Freilich verſtand der Knabe ſehr vieles von dem nicht, was der Greis in begeiſterten Augenblicken ausſprach, aber er behielt es als einen geheimen Schatz. Das Glück in dem Umgange mit ſeinem alten Lehrer war aber auch faſt das einzige des armen Knaben, der in ſeinem Vaterhauſe keine von den harm⸗ loſen Freuden genoß, welche die Kindheit der meiſten Menſchen verklären. Je mehr es ſich herausſtellte, daß die Wirthſchaft, welche die Familie in Pacht hatte, ſie nicht ernährte, je mehr die Schulden ſich häuften und die Bedürfniſſe der heranwachſenden Kinder ſich ſteigerten, deſto mehr wuchs auch der Unfriede zwi⸗ ſchen den Ehegatten. Katharina hätte durch angeſtrengte Thätigkeit, durch genaue Sparſamkeit im Kleinen vielleicht noch manches erhalten können, dazu aber war ſie keines⸗ wegs die Frau. Sie war einſt ein ſchönes reiches, vielbegehrtes Mädchen geweſen, das konnte ſie nie vergeſſen, und es verging kein Tag, in dem ſie es ihrem Mann 8 nicht mit harten Worten vorrückte, daß er durch ſeine Bürgſchaft für Reinbold, durch ſein unüberleg⸗ tes Uebernehmen der Wirthſchaft in Ellmandingen die Seinigen ruinirt habe. Eine finſtere grollende Stimmung hatte ſich ihrer ganzen Seele bemächtigt, die nur nachließ, wenn ſie ſich tauſenderlei Wege und Geſchäfte außer dem Hauſe machte. Selbſt ihre Kinder ſchienen ihr eher verhaßt als theuer zu ſein, waren ſie doch die Kinder des Man⸗ nes, der das Elend ihres ganzen Lebens verſchuldet hatte. Zwei rohere und wildere Buben als die beiden Brüder des ſanften kleinen Johann Kepler, gab es nicht weit und breit. Größer und kräftiger als der durch ſeine Geburt ſchwächliche Knabe, war dieſer der Gegenſtand ihres beſtändigen Hohnes. Sie zer⸗ riſſen ſeine Bücher, zertraten ſeine Blumen im Gar⸗ eten, verſpotteten ſeinen einzigen Freund, den alten Magiſter, und ließen keine Gelegenheit vorübergehen, ihm irgendein Herzeleid anzuthun. Heinrich Kepler, der Vater, ging meiſtens wort⸗ los und finſtern Auges durch ſein ödes, unfreundli⸗ ches Haus und machte unter wilden Zechkumpanen durch laute Verwünſchungen, durch wüthende Aeuße⸗ rungen über ſein Weib ſeinem Herzen Luft. 9 Nur ein Geſchöpf war im Hauſe, welches das lie⸗ bevolle Herz des kleinen Johann nicht von ſich ſtieß, ſeine Schweſter, die kleine Margaretha, ein ſchönes und ſanftes Kind, auf deſſen Charakter und Geiſtes⸗ richtung Johann den lebhafteſten Einfluß übte. Die Anhänglichkeit des kleinen freundlichen Mäd⸗ chens war der lichte Punkt in dem dunklen Leben des armen Knaben, und er reichte für dieſe edle und reine Natur aus, um alles übrige zu erhellen. Das Herz des Knaben, ſo unſäglich erfüllt mit Liebe, hing mit leidenſchaftlicher Innigkeit an dem Schweſterchen, das er leſen und ſchreiben, zu Gott beten und den Befehlen der rauhen Mutter gehor⸗ chen lehrte. Wenn Katharina Kepler überhaupt etwas in der Welt liebte, ſo war es ihr erſtgeborener Sohn. Seine zarte Geſundheit erhielt ihr Mitleid rege, ſein ſanfter pünktlicher Gehorſam entwaffnete ihre rauhe Härte, und ſein Wiſſen, das ſich unter der Anleitung des Magiſters Beilmann bewundernswürdig mehrte, imponirten ihrer von Natur wißbegierigen Seele. Zu ihm, den ſie für reif genug hielt, um ihre Klagen zu verſtehen, ergoß ſie ſich in Anſchuldigungen ihres Gatten, der ſtie, die ſchöne, reiche, ihn liebende Frau, hinausgeſtoßen hatte in der Stunde der Geburt ihres erſten Kindes, um einer Landläuferin folgen zu können, der ſie dann von Haus und Hof gelockt, ihr Gut und Vermögen mit ſeinen Kumpanen ver⸗ than habe und jetzt noch immer nichts arbeite und ſchaffe, um ſeine Familie zu ernähren. Weinend hörte der Knabe Johann auf dieſe Klagen ſeiner Mutter, die mit funkelnden Augen, mit zum Himmel erhobenen Händen ausgeſprochen wurden, und ſeine Antwort war dann ſtets eine und dieſelbe:„Mutter, herzliebe Mutter mein, geduldigt Euch um der Liebe Gottes willen, bis ich erwachſen bin, dann werde ich für Euch ſorgen und es ſoll Euch an nichts fehlen, denn ich denke, wenn ich fleißig bin, werde ich Kenntniſſe genug ſammeln, um einmal ein rechter Mann zu werden.“ Noch befand ſich der Knabe Johann in jener Lebensepoche, in der das Rad der Zeit langſam, langſam um ſeine Are rollt. Erſt die reifen Jahre des Menſchen haben Flügel, die Kinderzeit, auch die reinſte, geht mit goldenen Füßen durch Blumen, die zu hoch ſind, als daß ſie dieſelben leicht überſchreiten könnte, und wo der Boden ſo arm iſt, daß er keine einzige duftende Blume hervorbringen kann, da wächſt wenigſtens das fröhliche Grün der Hoffnung hoch empor, ſo hoch, wie in keinem ſpäteren Lebensabſchnitt; vielleicht aber 11 ſcheint dieß auch nur ſo, weil des Kindes Erfahrungen noch nicht hoch genug ſind, um über dieſes Grün hinwegſehen zu können. Johann Kepler hatte ein Jahrlang die Schule des Magiſters Beilmann beſucht, als ſein Vater er⸗ klärte, daß er die Wirthſchaft in Ellmandingen nicht länger behalten könne und wolle, ſondern die Abſicht habe, mit ſeiner Familie nach Leonberg zurückzukehren. Ein härterer Schlag hätte den Knaben faſt nicht treffen können. Sein junges Herz war mit tauſend friſchen Wurzeln feſt an den Greis gewachſen, der zuerſt ſeiner wißbegierigen Seele die rechte ihr voll⸗ kommen zuſagende Nahrung gegeben. Magiſter Beilmann war durchaus kein Gelehrter im Geiſt jener Tage. Er war nicht vielmehr als ein ahnungsvoller Träumer und zugleich ein ſcharfer und genauer Beobachter des Vorhandenen. Die Vereinigung dieſer beiden Eigenſchaften bildet die meiſten Entdecker im Reiche der poſitiven Wiſſenſchaften; auch in der Seele des jungen Kepler fanden ſie ſich zuſammen, und die Freundſchaft, die ihn mit ſeinem greiſen Lehrer verknüpfte, trug nicht wenig dazu bei ſie mehr und mehr zu entwickeln. Ohne ſich Rechenſchaft über das Wie geben zu können, fühlte er auf das Beſtimmteſte und mit 5 3 einem bittern Schmerz, daß die Trennung von dem Greiſe ihn von der Bahn der Erkenntniß, die ihm zuſagte und natürlich ſei, zurückführen müſſe, und die Liebe zu ſeinem Freunde erhielt dadurch einen ge⸗ wiſſen Anſtrich der Eigenliebe, der ſonſt nur Neigun⸗ gen ganz anderer Art eigen zu ſein pflegt. Während Katharina im Auseinandernehmen und Packen der Haus⸗ und Familienwäſche, im Zählen und Wegthun der Küchengeräthe Nahrung für ihren unbefriedigten Thätigkeitstrieb fand, während der Hausvater umherlief, um ſich einige Geldſummen zu borgen, die er an andern Orten abzahlen mußte, ſaß Johann bei ſeinem alten Lehrer und genoß der ſchmerzlichen Freuden des letzten Zuſammenlebens mit einem geliebten Menſchen. Auch dem Greiſe zitterte nicht ſelten die Stimme, wenn der Gedanke ſich plötzlich in ihm vordrängte, daß er das geliebte, ſchuldloſe, jugendliche Angeſicht des Knaben, an dem ſein Herz hing, nun bald nicht mehr zu ſeinen Füßen ſehen werde, und der letzte Tag kam heran, ſchnell, ach viel zu ſchnell für die beiden liebenden Menſchenherzen. Als der Knabe am Morgen desſelben früh, da kaum der Tag angebrochen, in das kleine Schulhäus⸗ nme, igte, ſicht nicht letzte die , da äus⸗ 13 chen eilte, kam der Alte ihm bis zur Pforte des Gärtchens ſchon entgegen. Es mußte etwas beſonderes vorgefallen ſein, das ſah Johannes an dem Geſichte ſeines Freundes, etwas beglückendes, denn eine helle Freude lag aus⸗ gegoſſen auf demſelben. Rechts im Gärtchen hatte der Greis ſich einen Sitz angelegt unter einer ſchönen alten Linde, und dorthin führte er ſeinen Zögling und ſetzte ſich mit ihm auf die Holzbank, von der man einen weiten Blick in das Thal hatte. „Schau Dich um, Johannes,“ ſagte er freund⸗ lich,„nicht wahr, hier iſt es ſchön? und ich, der ich hier immer bleiben werde, bis ſie mich auf den Kirch⸗ hof tragen, kann's ſchon verſchmerzen und muß es mit Ruhe ertragen, hier wieder allein zu ſitzen und Gottes wunderſchöne Welt zu betrachten, weiß ich Dich nur glücklich und zufrieden und ſo gut aufge⸗ hoben, als dieß möglich iſt; darum trauere nun nicht mehr, mein herzlieber Bub'; denn wenn wir uns auch trennen— etwas früher oder etwas ſpäter hätte dieß doch geſchehen müſſen— Du wirſt nun an einen Ort gehen, wo Du ganz gut aufgehoben biſt, wo man Dir Gelegenheit bieten wird, alles zu lernen, was die gelehrteſten Männer unſerer Zeit wiſſen, und künftig Dir Dein Brot zu erwerben in einer geehrten und würdigen Stellung.— Schau, ich hab' an unſern ſehr edlen Herzog Chriſtian geſchrieben, und er hat geſtattet, daß Du in die Kloſterſchule zu Maulbronn, und wenn die Zeit da iſt, in das Stift zu Tübingen aufgenommen werdeſt. Geſtern Abend, als ſchon die Glocke halb neun geſchlagen, erhielt ich den Brief Sr. Durchlauchtigen Gnaden. Als ich das große Siegel öffnete, zitterte ich, als gälte es eine Entſcheidung über Leben und Tod; wie ich aber die Bewilligung geleſen, war meine Seele erfreut und mit Dank gegen die Vorſehung, die auch in der Geiſterwelt große Dinge durch kleine Mittel thut, habe ich mich zur Ruhe gelegt, freilich, geruht habe ich wenig, denn die ganze Nacht hindurch wartete ich mit Sehnſucht auf den Morgen, der Dich her⸗ führen ſollte. Nun biſt Du da, mein herzlieber Sohn, und bis Du nach Maulbronn abreiſeſt, wirſt Du bei mir, Deinem Freunde, bleiben. Deine Eltern werden nichts dagegen haben, Dein würdiger Ohm in Mag⸗ ſtatt weiß um die Sache, und billigt ſie und ſo wirſt Du denn Deinem Glücke entgegengehen.“ Der Alte ſchwieg. Erſtaunt, erſchrocken ſtand der Knabe vor ihm, und ein Thränenſtrom rann über ſeine feine bleiche Wange. artete her⸗ bohn, u bei erden Mag⸗ wirſt ſtand rann 15 Es waren nicht ganz allein Freudenthränen, die er vergoß. Johann Kepler hatte ein Herz, das ſich mit warmer Liebe auch da anſchloß, wo er fühlte, daß dieſelbe nicht in gleichem Maße erwiedert wurde. Er hing an ſeiner Mutter und mehr noch an ſeinem Schweſterchen mit großer Innigkeit, und der Gedanke, ſich von ihnen jemals trennen zu müſſen, war ihm noch nicht in den Sinn gekommen. Dennoch fühlte er ſehr lebhaft, daß mit dem Eintritt in eine be⸗ rühmte und gelehrte Schule ſich ihm die Pforten des Glückes erſchloßen. Heinrich Kepler, von dem Schritt, den der alte Magiſter zu Gunſten ſeines Sohnes gemacht, unter⸗ richtet, hatte nichts dagegen, daß derſelbe hinfort ganz und gar ſeiner väterlichen Fürſorge enthoben wurde. „Er iſt ein Duckmäufer,“ ſagte er achſelzuckend, „ein Menſch, der doch zu nichts Luſt und Geſchick hat als zum Bücherunſinn, meinetwegen mag er hingehn und ein Pfaffe werden und mit andern Pfaffen ſich herumzanken, ob der Herr Chriſtus das Brot mit der linken oder der rechten Hand gebrochen. Es iſt im Hauſe ein unnützer Broteſſer weniger, wenn er geht, und ich behalte der Mäuler doch noch ge⸗ nug, die ich durch meine Plackerei füllen muß.“ 16 Frau Katharina wußte nicht recht, ob ſie über den Abſchied von ihrem Erſtgeborenen weinen, oder ſich freuen ſollte wegen des ihm zutheil geworde⸗ nen ehrenvollen Glückes.— Ihr kluger Knabe ſollte jetzt Gelegenheit erhalten, ein großer Gelehrter, ein Meiſter aller Wiſſenſchaften zu werden, und der gnä⸗ dige Herr Herzog hatte ihn ſelbſt dazu beſtimmt. Katharina Kepler hatte eine dunkle Ahnung davon, daß Wiſſen Macht ſei, obgleich ſie von dem, was das Menſchengeſchlecht in jener Zeit wußte und der Einzelne durch treues Arbeiten erlernen konnte, nur eine ſeltſame und höchſt verworrene Vorſtellung beſaß. Das kleine Gretchen weinte bitterlich, als man ihr begreiflich machte, daß Johann zurückbleiben müſſe, während ſie mit den Eltern und den beiden andern Brüdern weit, weit fortgehen würde. Heinrich und Chriſtoph aber fanden in dem Ereigniß weder etwas beglückendes noch beklagenswerthes. Ihr zarter ſtiller und ſanfter Bruder war in ihren wie in des Vaters Augen nichts anderes, als ein blöder Duck⸗ mäuſer zu nichts gut, als in Büchern zu leſen. Für den Knaben Johann war es unbezweifelt ein Glück, daß die Trennung von ſeiner Familie mit der Abreiſe derſelben zuſammenfiel. Seine Kleidung und nüſſe, ndern und twas arter des Duck⸗ t ein der und ſein Weißzeug ward ihm in Eil von der Mutter ausgeliefert. Klein Gretchen gab ihm noch eine Wurſt und einen weißen Wecken als ſeinen Antheil an der Wegzehrung und weinte an ſeinem Halſe. Die Mutter ſegnete den Knaben und der mürriſche Vater reichte ihm mit ungewohnter Freundlichkeit die Hand, und ſo ſetzte die Familie ſich auf den großen, mit Hausrath und Betten überpackten Wagen. Die Mutter auf den Bettſack, der Vater auf eine große Kiſte, Heinrich und Chriſtoph krochen auf die höchſten Spitzen des Möbelthurmes und balan⸗ cirten auf zwei hölzernen, dort feſtgebundenen Stüh⸗ len, und die kleine Margaretha ſaß auf dem Schooße der Mutter und barg ihr thränenſchweres Geſichtchen am Buſen derſelben, während Johann neben ſeinem alten Freunde am Wege ſtand und den Abreiſenden ſo lange nachſah, bis der Wald ſie in ſeinen dun⸗ klen Schooß aufgenommen hatte. „Nun biſt Du mein Kind, mein lieber Sohn Johannes,“ ſagte der alte Magiſter, als der Knabe ſich die Thränen trocknete, die langſam über ſeine faſt mädchenhaft zarten Wangen floſſen.„Sei mir willkommen in meinem bis daher einſamen Hauſe und finde darin Freude und Friede!“ Herr Beilmann hatte dem Knaben ſchon mit 1857. XXI. Johann Kepler. II. 2 18 eigener Hand ein Bett in ſeiner eigenen Schlafkammer bereitet, und als der Tag ſich zu neigen begann, machte er in ſeiner Begleitung ſeinen gewohnten Spaziergang. „Noch vierzehn Tage bleibſt Du bei mir, mein Junge,“ ſagte der Greis, während der Knabe neben ihm her durch die grünen Felder ſchritt,„es iſt Sitte, daß die Kloſterſchüler nur beim Beginn des halbjäh⸗ rigen Lehrkurſes in die Anſtalt eintreten, und das iſt gut und ganz in der Ordnung; denn man muß jedes Geſchäft mit dem Anfange beginnen, ſo mitten hineinfallen gibt Störungen und Irrthümer.“ „Aber in ein Kloſter ſoll ich, werther Herr Ma⸗ giſter,“ entgegnete Johann ziemlich erſchrocken,„Sie wiſſen es ja aber doch, daß meine beiden Eltern eben⸗ ſo wie Sie und ich das neue Licht kennen und ihm anhangen, das Luther, der Mann Gottes, uns ange⸗ zündet— ich hätte können zu den Herren Paters Jeſuiten kommen, mein Oheim Guldenmann aber war ebenſo wie meine liebe theure Mutter Apollonia weit entfernt, das zu geſtatten. Gewiſſensfreiheit iſt ein heiliges Gut, das man wohl um keines irdiſchen Glückes, um keiner Weisheit und Wiſſenſchaft willen opfern darf.“ „Würde ich dieß von Dir verlangen, mein Jo⸗ hannes?“ ſagte der alte Magiſter mit beinahe ſchmerz⸗ , mein neben ſt Sitte, halbjäh⸗ n muß 1,„Sie en eben⸗ und ihm s ange⸗ Paters un aber pollonia eiheit iſt irdiſchen ft willen nein Jo⸗ ſchmerz⸗ 19 lichem Tone.„Das ehemalige Ziſterzienſer⸗Kloſter Maulbronn, in früherer Zeit unter des Reiches un⸗ mittelbarem Schutze, dann unter dem der Churpfalz ſtehend, ward vom Herzog Ulrich im ſchmalkaldiſchen Kriege im Jahre 1504 mit Waffengewalt nach einer Belagerung von ſieben Tagen erobert. Als aber dieſer Fürſt die geſegnete Reformation einführte, trat es unter des Reiches Schutz zurück, bis unſer gnädiger Herzog Chriſtoph es vor noch nicht allzulanger Zeit an ſich brachte, und damit that, wie es ſicherlich am beſten war, indem er es in eine Vorſchule für die Univerſitäten ſeines Landes verwandelte. Zwar ſtehen die Knaben, welchen der Herzog die Gnade erweiſt ſie dort oder in Blaubeuern und Hirſau aufzunehmen, unter einer ſtrengen faſt klöſterlichen Zucht, aber für Dich, mein Sohn Johannes, der Du immer be⸗ ſcheiden, fromm und fleißig warſt, wird dieſe nichts peinliches, oder doch zum wenigſten nichts unerträg⸗ liches haben.“ „Ich werde alſo gehen, mein theurer Freund und Wohlthäter,“ ſagte Johann, indem er ſich lie⸗ bevoll an den Greis ſchmiegte,„um unter der Lei⸗ tung der weiſeſten Männer Gott zu ſuchen und zu finden, ich will ein Lehrer ſeines heiligen Wortes werden und den Menſchen, die nach mir ihre Augen 2* zu Ihm erheben, den richtigen Weg zeigen, um Ihn zu finden.“ Der Greis ſchüttelte langſam die Silberlocken und ſah vor ſich nieder auf den Boden. „Du wirſt chriſtlich proteſtantiſche Theologie ſtudiren, mein Sohn,“ ſagte er mild.„Es mag ein Fortſchritt ſein von der ſtreng katholiſchen Kirchen⸗ lehre zu der ſtreng proteſtantiſchen, ich will das gern glauben, ich beſcheide mich in Demuth; aber Eines vergiß nicht, mein Johannes, außer dem Worte Gottes, das die Bibel lehrt, wie außer dem, was die Kir⸗ chenväter uns mittheilen, gibt es noch Eines, das zu jedes Menſchen Herz ſpricht, laut und vernehm⸗ lich durch die Stimme der ewigen Natur.„Wer Ohren hat zu hören, der höre, es ſehe, wer Augen hat zum Sehen,“ ſagte der Erlöſer in ſeiner erhabenen Berg⸗ predigt, und der Apoſtel Paulus ruft uns allen zu: Denn daß man weiß, daß Gott ſei, iſt ihnen offen⸗ bart; denn Gott hat es ihnen offenbart, damit des Gottes unſichtbares Weſen, das iſt ſeine ewige Kraft und Gottheit, wird erſehen an ſeinen Werken, näm⸗ lich an der Schöpfung der Welt. Johannes, mein Sohn, Du kluger, braver, wahrheitliebender Knabe, höre auf das Wort eines Freundes, der nun bald dieß Leben des Kampfes und der Unruhe verlaſſen n Ihn rlocken eologie ag ein irchen⸗ s gern Eines Gottes, te Kir⸗ s, das rnehm⸗ Ohren hat zum Berg⸗ len zu: t offen⸗ nit des 2 Kraft , näm⸗ s, mein Knabe, in bald erlaſſen 21 wird und ſeine Erfahrungen, ſeine ſchönſten Hoffnun⸗ gen gern Deinem jungen und friſchen Herzen über⸗ gibt. Vergiß nicht den Allmächtigen da zu ſuchen, wo er gewiß zu finden iſt, in den Werken ſeiner Allmacht.— Ich ſchelte und tadle die Schriftweis⸗ heit nicht, der Herr bewahre mich ſchwachen Men⸗ ſchen davor; daß ſie aber doch gar ſchwer zu verſtehen ſein müſſe, ſehen wir das nicht täglich in den Miß⸗ verſtändniſſen, die ſie veranlaßte?“ „Aber, mein Vater,“ fagte Johannes und blickte mit den klaren nußbraunen Augen treuherzig empor zu ſeinem ſinnenden Freunde;„Ein Weg kann doch nur der rechte ſein zu Gott, die übrigen müſſen Irr⸗ wege ſein, und ich will ſuchen, ohne zu ermüden, ſu⸗ chen ohne Aufhören, bis ich dieſen einzigen gefunden.“ Ein leiſes Lächeln ſchwebte über das verwelkte Geſicht des Magiſters:„Suche!“ entgegnete er mit einem Blick in die ziehenden Wolken,„ſuche, und Du wirſt finden, klopfe an, und Dir wird aufgethan werden. Den Herrn ſuchen, iſt das einzige Glück des Erdenlebens, das alles Leid, das Tod und Marter überwindet und verklärt.— Sind Huß und Savo⸗ narola nicht betend den Feuertod geſtorben? was hat ſie ermuthigt, als das Wenige von der Klarheit des Herrn, das zu ſchauen, ſie gewürdigt wurden? Wider⸗ 22 ſtand nicht Luther mit kühnem Muthe dem Andringen der halben Welt? Was gab ihm den Muth, dem Kaiſer ins Angeſicht zu ſprechen: ‚Hier ſteh' ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir!e— Starben nicht die Apoſtel jeden Martertod mit Freudigkeit, weil ſie ſich im Beſitz des göttlichen Lichtes wuß⸗ ten? O mein Sohn, des Menſchen eigentlichſte Beſtimmung iſt, Gott zu ſuchen. Gott! das iſt die Wahrheit, die Liebe, die Geſetzmäßigkeit.— Wehe uns armen Menſchen aber, wenn nur Ein Weg zu dieſem Ziele führte. Führt denn nur eine Straße nach Rom? führt nur ein Weg in die Kirche? in Deines Vaters Haus? Sohn, lieber Sohn, zu Gott führt jeder Weg, auf dem wir mit Vertrauen wandeln, und auch der Umweg iſt dann kein Irrweg, denn endlich bringt er uns doch ans Ziel. Einen Weg gibt es aber, bei dem wir das Ziel ſtets im Auge behalten: es iſt der, den Du an meiner Hand betreten; die Kenntniß der Natur führt Dich unbedingt zur Er⸗ kenntniß Gottes. Welche Studien Du auch machen magſt, in der Bibel, in den Schriften der Gottesge⸗ lehrten alter und neuer Zeit, vergiß nicht, daß vor Deinen Augen aufgeſchlagen in jeder Stunde Deines Lebens das Buch der ewigen Natur liegt. Alle übrigen Bücher haben Zank und Streit verbreitet, titlichſte iſt die Wehe machen ttesge⸗ aß vor Deines Alle breitet, 23 haben Haß und Mord ausgeſäet auf Erden. Im Buche der Natur findeſt Du die Erkenntniß ewiger vorſorgender Liebe, unveränderlicher Geſetzmäßigkeit und Ordnung, höre nicht auf, darin zu forſchen nach dem letzten erhabenſten Grunde aller Erſcheinungen; des Menſchen Mund nennt ihn: Gott!! aber der Name iſt's nicht, den wir ſuchen.“ Der Greis ſchwieg und zog den Knaben feſt an ſeine Bruſt.„Ich habe einſam gelebt auf Erden und wie ein Traum ſind mir die ſiebzig Jahre mei⸗ nes Daſeins dahingeflogen.— Was habe ich nicht alles gehört und erfahren in dem Bereiche der menſchli⸗ chen Erkenntniß, um das ſich alles zu drehen ſcheint, ſeit Martin Luther das Konzilium zu Koſtnitz verließ.— Mein Sohn! ich denke daran mit Trauer und Grauſen. So gewiß es iſt, daß die Erkenntniß Gottes aller menſchlichen Weisheit Anfang und Vollendung, eben⸗ ſo gewiß iſt auch, daß die Bahnen zu dieſem Ziele bisher nur durch Blut und Feuer gingen. Und doch iſt Gott die Liebe! und nur wer in der Liebe bleibt, bleibt in Ihm. O der ſanfte, milde, opferwillige Erlöſer wußte wohl, daß ſeine ehrgeizigen, ſtreitſüchtigen Jünger ihn nicht verſtehen konnten, und doch liebten ſie ihn alle; alle, ſelbſt Judas, der ihn aus Geiz verrieth, und Petrus, der ihn aus Furcht verläugnete. 24 Das iſt mein Troſt, mein Johannes, daß auch jetzt dieſe Streitenden, daß Jeſuiten und Lutheraner, Kalviniſten und Kryptokalviniſten, Waldenſer und Albigenſer, alle den Herrn ſuchen und lieben und nur darin irren, daß jeder ſeinen eigenen Weg für den allein richtigen hält und den Bruder mit Gewalt, mit Feuer und Schwert zwingen will, ihm auf demſelben zu folgen, eben weil er es gut mit ihm meint.— Es muß nicht ſchwer ſein, für die Wahrheit zu ſterben, auch das iſt mein Troſt; denn der Tod an ſich iſt ja kein Uebel, weil er eine Nothwendigkeit iſt. Vielleicht verſtehſt Du mich noch nicht, mein Sohn, einſt wird aber eine Zeit kommen, in der meine Worte in Deinem Gedächtniß erwachen, denn ich weiß und fühle, daß in Dir ein Geiſt lebt, der dem meinen verwandt iſt.“ Johannes küßte liebevoll die Hände ſeines Freundes. Der Knabe war eine Natur, die auch durch äußerliche Zeichen denen, die er liebte, ſein Gefühl kundzumachen verſtand. Doch ſein junges Herz, das ſich wie die Blume dem Sonnenlichte leicht und freudig der Liebe öffnete, verſchloß ſich unwill⸗ kürlich, wie das Auge ſich mit dem Lide vor dem Schlage ſchließt, vor jeder Roheit und Härte, die bis dahin in nur zu großer Nähe neben ihm ge⸗ ſtanden hatten. kindl mit ein ner verſt ſoga Kind bare geah Anle Spr ihm t dieſe iniſten r, alle t, daß n hält chwert n weil ſchwer mein , weil u mich ſe Zeit lichtniß dir ein ſeines durch Gefühl Herz, eicht inwill⸗ dem e, die m ge⸗ 25 Jeden Tag ging der alte Magiſter mit ſeinem Schüler ins Freie hinaus und jeden Tag drehten ſich die Geſpräche der beiden um einen und denſelben erhabenen Gegenſtand. Dennoch verſtand Magiſter Beilmann, der nie in eines Kindes Lockenhaar ge⸗ ſpielt, die Art und Weiſe der Kindheit und wußte ſich ihr anzupaſſen. Wenn ein menſchlich Auge die beiden auf ihren Spaziergängen beobachtet hätte, würde es mit Er⸗ ſtaunen und ſicherlich nicht ohne Verwunderung, ja wohl ſogar mit einigem Spott geſehen haben, wie der rüſtige Greis den ſchwächlichen Knaben zu kindlich munteren Bewegungen anſpornte, wie er mit ihm den Berg hinablief, wie er ihn in der Kunſt ein Rad zu ſchlagen unterrichtete, wie er ihm fer⸗ ner allerlei Schnurren aus ſeiner eigenen und längſt verſtorbener Gefährten Kindheit erzählte, ja endlich ſogar des heiligen Auguſtinus Bekenntniſſe von den Kinderſtreichen, die auch er verübt, mittheilte. Johannes ſah hier zum erſtenmal das wunder⸗ bare Buch, das ſo viel erkannte Wahrheit, ſo viel geahnte Weisheit enthält, und da er unter der Anleitung des wackern Magiſters in der lateiniſchen Sprache ziemlich vorgeſchritten war, ſo machte es ihm großes Vergnügen, dasſelbe in den Stunden, wo . 26 er allein blieb, zur Hand zu nehmen und bald hier bald dort darin zu leſen. So vergingen die wenigen Tage bis zur Ab⸗ reiſe des Knaben. Er hatte ſie benutzt, um an den Oheim Guldenmann und an ſeine Freundin Apol⸗ lonia, ſowie auch an ſeine kleine Schweſter Gret⸗ chen zu ſchreiben, die, Dank ſeinen Bemühungen, be⸗ reits recht gut zu leſen und zu ſchreiben verſtand. Es kam die ſchwere Stunde des Abſchiedes; auch ſie wurde durchlebt, und mit einem Ränzelchen auf dem Rücken, das ſeine wenigen Habſeligkeiten, anſehn⸗ lichen Mundvorrath und ſieben Silbergulden enthielt, verſehen, machte der dreizehnjährige Johannes Kepler ſich in Geſellſchaft zweier andern Knaben, die ſich eben⸗ falls auf Koſten des Herzogs zu Pfeilern der pro⸗ teſtantiſchen Kirche ausbilden ſollten, auf den Weg, und rüſtig und fröhlich wanderten die drei Schüler über Berg und Thal, durch Wälder und Schluchten dem Kloſter Maulbronn zu, das ſie in ſeine ſtillen Mau⸗ ern aufnehmen ſollte. temb Gefã ten. golde und glänz und und rieſelt ithielt, Kepler h eben⸗ r pro⸗ Weg, ler über en dem Mau⸗ 4 7 Achtes Kapitel. Es war Abend geworden, ein milder warmer Sep⸗ temberabend, als Johann Kepler mit ſeinen beiden Gefährten ſich der Thür des Kloſtergebäudes näher⸗ ten. Die letzten Strahlen der ſcheidenden Sonne ver⸗ goldeten die prächtigen Fenſter der Sommerkirche und ließen ſie im ganzen Schmuck ihrer Malerei er⸗ glänzen. In den alten Linden vor der Thür rauſchte und flüſterte der Wind den Knaben ein Willkommen, und der mit Stein ummauerte Ouell der Salzach rieſelte leiſe ein Accompagnement dazu. Der älteſte der drei Knaben, Chriſtoph Beſold, ein weitläufiger Verwandter des derzeitigen Abtes Lukas Oſiander, hatte es übernommen, ſich und ſeine Gefährten bei dieſem zu melden, und während er al⸗ lein dem ehemaligen Kloſtergebäude zuſchritt, lager⸗ ten die beiden Anderen ſich auf einer Raſenbank unter der größten der ſchönen Linden. „Da ſind wir nun,“ ſagte der zurückgebliebene Gefährte Kepler's, Mathias Bernecker,„und manchen Taglang werden dieſe alten Gebäude, die ſo ernſt und ſo feierlich ausſehen, unſere Heimat ſein. Du lieber Herr Gott, wie düſter es nur wird und wie unter 28 den dunklen Bogen dort der Schatten und die Nacht ſich groß und breit machen. Wo werden wir nur ſchlafen, Johannes, hinter welchem dieſer Fenſter mag die alte Mönchszelle liegen, in der man uns unſeren Strohſack anweiſen wird?“— Johannes antwortete nicht, er hatte nicht auf die Worte ſeines Gefährten gehört; denn im Oſten, wohin ſeine Blicke ſich gerichtet, erhob ſich aus gol⸗ denem Gewölke die Scheibe des Vollmondes und goß ihr ſilbernes Licht über Berg und Thal und zeigte die feinen und zierlichen Linien der Kirche in ihrer ganzen Schönheit. „Ah!“ ſagte Mathias, der an dem Licht, das die Kirche erhellte, erſt den Aufgang des Mondes bemerkte,„das iſt ſchön!“— „Ja,“ entgegnete Johannes,„und ein Glück und ein Gottesſegen iſt's, daß man den lieben Mond und die lieben Sterne in der Fremde ſo wiederfindet, wie man ſie in der Heimat verlaſſen, das ſind treue, treue Freunde! Die Bäume, die Blumen, die Brunnen und Bäche, die Wege und Stege, die Häuſer und die Menſchen, alles iſt in der Fremde ein anderes als zu Hauſe, alles, was der Erde angehört, aber das Himmliſche begleitet uns, wohin wir auch gehen.“ Schweigend blickte er hinauf nach dem Monde, es war merche! des K vorgeb mächtie Förſter nahm den G ter mi gen Derſel mit de Felde cherlei Schön Greis nen d ſeinen ſcht auf Oſten, ts gol⸗ al und irrche in ht, das Mondes ück und ond und erfindet, treue, zrunnen und die res als ber das hen.“ Monde, 29 es war ja der nämliche, der in ſein kleines Käm⸗ merchen in Magſtatt geſchaut, wenn Apollonia über des Kindes Lager gebeugt, ihm das Vaterunſer vorgebetet, derſelbe, der ſo hell durch die Zweige der mächtigen Eichen und Föhren geſchienen, wenn der Förſter Reinbold den Knaben mit ſich in den Wald nahm und ihn zuſchauen ließ, wie das Reh über den Graben ſprang, und ein Zicklein, das der Mut⸗ ter mit zu kurzem Sprunge folgte, an der jenſeiti⸗ gen Wand einwenig ungeſchickt hinaufkrabbelte. Derſelbe, der ſo hell den Weg beſchien, auf dem er mit dem lieben alten Magiſter in Ellmandingen vom Felde heimkehrte, wo ſie Blumen und Kräuter man⸗ cherlei Art geſammelt hatten, von deren Wachsthum, Schönheit und Nutzen für den Menſchen der wackere Greis ihm ſoviel und ſo gern erzählte. Des Knaben Augen füllten ſich mit heißen Thrä⸗ nen der Sehnſucht, und Segenswünſche regten ſich in ſeinem Herzen für alle ſeine fernen Lieben. „Kommt nur, kommt!“ rief Beſold, der indeß ſein Geſchäft abgemacht hat.„Herr Oſtander ſelbſt iſt hier und wird uns in den Speiſeſaal führen, wo wir bekommen ſollen, was Leib und Seele zuſam⸗ menhält.“ Die Knaben erhoben ſich in Eil und der ſtatt⸗ 30 liche Herr Oſiander reichte jedem mit einem herz⸗ lichen:„Salve, mi fili!“ die Hand und führte ſie durch das kleine Pförtchen neben der Hauptthüre durch ei⸗ nige ſpärlich beleuchtete Gänge in das ſtattliche Re⸗ fektorium, wo an langen Tafeln wohl über hundert Knaben und mehrere jüngeren und älteren Männer mit einer einfachen Abendmahlzeit beſchäftigt waren. Die drei Knaben, die ihre Reiſe zuſammen ge⸗ macht hatten, alle drei Schüler des wackern Magi⸗ ſters Beilmann, blieben auch in den Klaſſen und folg⸗ lich auch bei Tiſche Nachbarn und Gefährten. Der Aufenthalt in einer proteſtantiſchen Vor⸗ bereitungsſchule war zur Zeit Johann Kepler's eben keine Luſtbarkeit. Der ſtrenge, faſt puritaniſche Geiſt der Theolo⸗ gen Würtembergs, der die Freude, auch die ſchuldloſe, gern aus der Welt verbannt hätte, um ſie dem Jam⸗ merthale, das ſie zu ſchildern liebten, mehr und mehr ähnlich zu machen, ſtreckte ſein eiſernes Szepter be⸗ ſonders über das Leben der Kindheit, ſoweit es ihnen anvertraut war. Die Studien der Knaben waren jedes Reizes entkleidet, ſo trocken und knöchern als der Stumpf⸗ ſinn ſie nur machen kann. Die Knaben, oft noch Kinder den Jahren nach, trugen ihnen Sie d ſterhon nahen ſie zw vier das it in der Vor⸗ eben heolo⸗ ldloſe, Jam⸗ mehr er be⸗ eit es Reizes umpf⸗ nach, 31 trugen lange, ſchwarze Kutten, ähnliche Röcke, die ihnen von der Anſtalt aus Gnaden geliefert wurden. Sie durften ſelbſt während der Freiſtunden den Klo⸗ ſterhof nicht verlaſſen, um einen Spaziergang in die nahen Wälder und Berge zu machen. Man weckte ſie zweimal Nachts zur Hora, und am Tage gab es vier verſchiedene Zeiten des gemeinſamen Gebetes, das im Sommer in der ſchönen Kirche, im Winter in dem großen Betſaale gehalten wurde. Daß alle Kartenſpiele verboten, war freilich in der Ordnung, aber auch Brett⸗ und Schachſpiel war es, und ſelbſt das Ballſchlagen, Springen, Klettern, Laufen, kurz jede harmloſe Kinderluſt, die mit Tumult, Springen und Geſchrei verbunden, war in dieſen, dem finſtern Ernſte geheiligten Mauern verbannt. Johann Kepler, eine zarte, faſt ſchwächliche Natur, hatte freilich weniger als andere Kinder das Bedürf⸗ niß ſich auszutoben. Ihm genügte ein Gang durch den ſchönen Kloſterhof, ſeine von langem Sitzen ab⸗ geſpannten Glieder zu erquicken, und gern ſtand er dann ſinnend an dem rieſelnden Brunnen ſtill und gedachte der Sagen, die ſich an denſelben knüpften. Hier hatte vor langen, langen Jahren, als die⸗ ſes ſchöne geſegnete Thal der Salzach noch ein wil⸗ der, ſumpfiger Wald war, von Räubern unſicher 32 gemacht, von dem Bären und dem Auerochſen be⸗ wohnt, das mit Gold beladene Maulthier getrun⸗ ken und ſo dem Gründer des Kloſters, dem wackern Ritter Walter von Lommersheim den Ort angezeigt, wo er bauen ſollte. Ein unbedeckter Thurm an der Weſtſeite des Kloſters trug das Wahrzeichen des⸗ ſelben, das mit Gold beladene Maulthier, und hatte dieſerhalb den Namen ‚Eſelsthurm,“ und die Buben, denen auch die äußerſte Strenge nicht das natürliche Eigenthum der Knabenjahre, die Luſt an Scherz und Neckerei, rauben konnte, hatten ihre Freude daran, jeden neuen Ankömmling an das Thor dieſes Thurmes zu führen und ihn zu erſuchen, ſein Konterfei über demſelben zu betrachten. Wenn die Winterabende kamen, und der Wind den Schnee gegen die Bogenfenſter trieb, hockten ei⸗ nige gern beiſammen in der Nähe des Ofens und erzählten ſich Schauergeſchichten von den Unthaten der Räuber, die hier vor Alters gehauſt und den vorüberziehenden Reiſenden beraubt, erſchlagen und geviertheilt hatten.— Aber ſo weit eine Kirchenglocke ſchallt, fügte dann wohl einer oder der andere hinzu, durfte ſo etwas nicht verübt werden, der böſeſte Räu⸗ ber, der ſchlimmſte Mörder muß ſein Schwert einſtek⸗ ken bei ihrem Klang, und darum eben beſchloß der Biſcho bauen, viele von 9 allem D — der ſeinem und bauen ren, ſi feſte S einem Darai ordent die R fort, in der am 2 ſchöne den w die R den 5 zeigten 1857. ſen be⸗ getrun⸗ wackern gezeigt, an der n des⸗ d hatte Buben, türliche erz und daran, hurmes fei über Wind kten ei⸗ uns und nthaten nd den n und englocke hinzu, te Räu⸗ einſtek⸗ loß der 33 Biſchof Günther, ein Ziſterzienſer⸗Kloſter hierher zu bauen, das heißt nur hier ins Thal der Salzach, und viele Edelleute gaben Geld dazu her: Herr Werner von Roßwag und Frau Bertha von Grüningen, vor allem aber der Herr Walter von Lommersheim. Wie aber der Bau ſchon weit vorgeſchritten war, — der große Kreuzgang in der Kirche ſtand ſchon auf ſeinem mächtigen Roſte— da verdroß es die Räuber und ſie wollten durchaus die Mönche nicht weiter bauen laſſen und das ſchon Fertige niederreißen. Da ſagten die Mönche, die ſo recht ſchlau wa⸗ ren, ſie ſollten ſich nur erſt nicht die Mühe geben, das feſte Mauerwerk zu zerſtören, ſie wollten's ihnen mit einem Eid ſchwören, den Bau nicht zu vollenden. Darauf gingen die Räuber ein, die Mönche ſchworen, ordentlich mit drei aufgehobenen Fingern. Wie nun die Räuber fort waren, bauten ſie aber ganz eifrig fort, alles fertig, bis auf die eine Steinplatte, die in der linken Seitenhalle der Kloſterkirche noch heute am Boden liegt, und dann läuteten ſie mit ihren ſchönen Glocken, daß es ſo feierlich wie jetzt durch den wilden Wald ſchallte. Wie wüthend waren da die Räuber, ſie liefen nach dem Kloſter und wollten den Mönchen für ihren Meineid ans Leben, die zeigten ihnen aber den Stein und die Oeffnung an 1857. XXI. Johann Kepler. II. 3 34 dem Mauerwerke, wo er fehlte, und ſagten ihnen, daß ſie gar nicht falſch geſchworen, und daß das maul⸗ bronner Kloſter bis an den jüngſten Tag unvollendet bleiben ſolle. Da haben denn die Räuber gemerkt, daß ihre Zeit hier aus ſei und ſind davon gezogen, und ſeht nur, in dem Stein im Kreuzgang ſind auch die drei aufgehobenen Schwurfinger ganz deutlich zu ſehen. „Das war nicht ſchön von den Mönchen,“ ſagte Johannes, als dieſe Geſchichte auch ihm zum erſten⸗ mal erzählt wurde. „Ei, warum denn nicht,“ entgegnete Beſold eifrig.„Haben denn die Mönche falſch geſchworen? Und zu dem waren es Räuber, denen ſie ſo eine Naſe machten, was thut das?“ „Ich hätte das auch nicht gethan,“ meinte Ber⸗ necker nach einigem Nachdenken,„der Kepler hat Recht, das iſt ſo gewiß als Amen. Wenn man ſchwört, ſoll man keinen Doppelſinn in ſein Wort legen, ſondern nur das beſchwören, was der andere Theil auch für unſere Meinung hält.“ „Und den Räubern hätten die Mönche erſt recht mit gutem Beiſpiel vorangehen müſſen, denn ſie waren chriſtliche Geiſtliche und es ſteht in der Bibel:„Eure Rede ſei: Ja! ja! nein! nein! was darü Chri Rede und Bern etwa kende und hatte liches danke ien, daß s maul⸗ vollendet gemerkt, gezogen, ſind auch deutlich „ ſagte n erſten⸗ Beſold hworen? ſo eine nte Ber⸗ pler hat inn man in Wort er andere nche erſt ſen, denn ht in der ein! was 35 darüber, iſt vom Uebel,“ und heißt denn das nicht, ein Chriſt muß ſo wahrheitliebend ſein, daß man ſeiner Rede ohne Schwur glaubt, weil er ein Chriſt iſt; und nun gar ein Geiſtlicher!“ ſagte Kepler. „Dafür waren es aber auch Mönche,“ meinte Bernecker,„ein proteſtantiſcher Prediger würde ſo etwas nicht thun, das glaube ich ſicherlich.“ „Wer weiß?“ entgegnete Beſold mit nachden⸗ kendem Geſichte.„Ich bin in Stuttgart geboren, und— na ich kann Euch ſagen, daß dort ein Pre⸗ diger betrunken auf die Kanzel kam, und trinken iſt auch gegen Gottes Gebot, das heißt ſich betrin⸗ ken,“ ſetzte er hinzu. Gern mochte Kepler in ſeinen Freiſtunden bei Tageslicht oder auch im Mondenſcheine einſam durch die ſchöne Kirche wandeln, und oft lehnte er ſein lockiges Haupt an den ſteinernen Kreuzſtamm im großen Mittelſchiffe. Als er es zum erſtenmal that, durchzuckte ein eiſiger Schreck ſeine jungen Glieder; von der künſtlichen Nachahmung getäuſcht, hatte er den aus Stein gehauenen Stamm für wirk⸗ liches Holz gehalten. Hier ſtand er oft, bewegt von mannigfachen Ge⸗ danken, die für den ſich mehr und mehr geiſtig und 3* 36 körperlich entwickelnden Knaben etwas peinliches hatten. Der tägliche Unterricht in den Glaubenslehren des Chriſtenthums, mit ebenſo finſterem Ernſte be⸗ trieben, als aller übrige Unterricht, begann ſein Herz und ſeine lebhafte Phantaſie mit ängſtigenden Bil⸗ dern zu füllen. Der Knabe Johannes hatte, ehe er in die Klo⸗ ſterſchule trat, dem eigentlichen Jammer ſeines Zeit⸗ alters, der religiöſen Verfolgungs⸗ und Verketzerungs⸗ ſucht, ſehr ferne geſtanden. Seine Eltern und Reinbold waren Menſchen, die ſich um Glaubensangelegenheiten nur wenig küm⸗ merten, hatten doch ſein lutheriſcher Vater und Reinbold ohne Gewiſſensbiſſe unter den Fahnen des Herzogs von Alba gegen die niederländiſchen Proteſtanten gedient! Und ſeine eigentlichen Erzieher, Apollonia und Magiſter Beilmann, waren Herzen voll Liebe, die nichts haßten und niemanden verdammten, die zu Gott aus aufrichrigem Herzen beteten und den Knaben gelehrt hatten, Ihn als den Geiſt der Liebe, der Ordnung, der Geſetzmäßigkeit in der Natur zu ſuchen und zu finden. Hier, bei dem Unterricht orthodoxer Theologen, trat ein neues Motiv in ſeine religiöſen Gefühle ſtän! weſe hier halte Hern Blal Herr jeder ziren Kirc mals ehre 160 im tenſchen, tig küm⸗ Keinbold gs von gedient! tia und ie nichts u Gott Knaben eologen, Gefühle 37 und Gedanken: der Mittlertod des Erlöſers! War es doch, hörte der Knabe die Männer ſprechen, die jetzt ſeine Lehrer waren, als ob nicht die aufrichtige Liebe zu Gott und das Streben ſeine Gebote zu halten, das Weſentliche der Religion ſei, ſondern der abſolute Glauben an gewiſſe Erklärungen der Worte Jeſu, die ihm, dem armen einfachen Kinde, ganz unver⸗ ſtändlich, ja und im Grunde genommen, äußerſt un⸗ weſentlich erſchienen. Es waren noch nicht viele Jahre verfloſſen, ſeit hier in dieſen Mauern ein religiöſes Geſpräch abge⸗ halten worden in Gegenwart mehrerer Fürſten und Herren, unter denen auch der Herzog Chriſtoph geweſen. Herr Lukas Oſiander, damals noch Abt in Blaubeuern, war auch dabei betheiligt geweſen, und Herr Jakob Andrä, der Rektor zu Tübingen, der in jedem Halbjahr einmal die Kloſterſchule zu inſpi⸗ ziren kam. Die Steine, die alten ſchwarzen Steine der Kirche hatten die gewichtigen Worte gehört, die da⸗ mals erklungen. Johannes ſah ſie nicht an ohne eine gewiſſe ehrerbietige Scheu. Sie hatten ſchon exiſtirt, als vor 1600 Jahren der Weltheiland als ein armes Kind im fernen Judäa zur Welt gekommen, es hatten die —— 38 Felſen, aus deren Schooß ſie gebrochen, ſchon damals ihre mächtigen Häupter zum Himmel erhoben, es hatten die Quellen gerauſcht, und der Mond, der liebe, liebe Mond hatte in die Krippe geſchienen, wo in Bethlehem das Chriſtuskind ſeinen erſten Schlaf ſchlief.— O wenn Felſen und Quellen, wenn Mond und Sterne, die dem Knaben ſo viel, ſo deutlich von Gott erzählten, ihm auch hätten ſagen können, wie der Erlöſer ſeine ſanften, friedlichen, das Herz erquickenden Worte gemeint, auf die ſich die Gelehr⸗ ten der Gegenwart alle beriefen, wenn ſie mit ein⸗ ander haderten und ſich gegenſeitig zu Folter und Scheiterhaufen verdammten. Jedesmal, wenn der Knabe aus dem Munde eines ſeiner Lehrer ein Verdammungswort über einen anders Glaubenden hörte, zuckte ſein Herz in Schmerz, ja in banger dumpfer Furcht zuſammen; denn wie er ſeine Seele auch abmühte, er konnte den ſtrengen Buchſtabenglauben, den alle die, welche ihn unter⸗ wieſen, beſonders aber der Magiſter Oſiander, an den Kepler's jugendlich poetiſches Herz ſich in Liebe angeſchloſſen, ihm beizubringen ſich beſtrebten, nicht in ſich erwecken. Magiſter Oſiander, eine hohe Greiſengeſtalt, mit dem tiefen dunklen Auge des Schwärmers, hatte auch ſeine gefu Freu über denn den ſeine gabe Weif hann über biſt lich, mit heru Ame hera⸗ Din Glar zuqu damals ben, es nd, der enen, wo Schlaf n Moͤnd deutlich können, as Herz Gelehr⸗ mit ein⸗ lter und Munde er einen Schmerz, enn wie ſtrengen n unter⸗ der, an in Liebe nicht in engeſtalt, es, hatte 39 auch bereits den Knaben Johannes unter der Menge ſeiner Schüler als einen beſonders Begabten heraus⸗ gefunden und behandelte ihn mit faſt väterlicher Freundlichkeit. Je mehr aber der würdige Lehrer ihn mit Güte überhäufte, deſto mehr fühlte Johannes ſich gedrückt; denn es kam ihm vor, als ob er den ihm vertrauen⸗ den Gönner betröge und belöge, weil er den Zuſtand ſeiner Seele ihm nicht offen darlegen konnte. Seine beiden Freunde, mit denen er ſich beſprach, gaben ihm ihre Anſicht in ihrer eigenthümlichen Weiſe zu erkennen. „Du machſt Dir ganz unnützen Kummer, Jo⸗ hannes,“ ſagte Beſold,„es iſt ja doch nur ein vor⸗ übergehender Zuſtand, in dem Du Dich befindeſt, biſt Du doch noch ſo jung, wie iſt es da mög⸗ lich, daß Du alles faſſen und begreifen kannſt, wo⸗ mit die alten Theologen ſich wer weiß wie viel Jahre herumgebalgt haben. Sei vernünftig, ſag' Ja und Amen! wo man's von Dir verlangt, und laß die Zeit herankommen, die wird ihr Amt thun und Dir die Dinge klar machen, die Du heute noch nicht verſtehſt.“ Bernecker dagegen meinte:„Da es ſich hier um Glauben handelt, ſo brauchſt Du Dich gar nicht ab⸗ zuquälen mit dem Verſtändniß. Glauben iſt ja eben nichts anderes, als für wahr halten, ohne eigenes Grübeln und Prüfen, aus Achtung und voller Ueber⸗ zeugung von der Wahrhaftigkeit der Autorität, die uns belehrt. Würdeſt Du Deinem Vater nicht glau⸗ ben, auch wenn er Dir etwas erzählte, das Du nicht faſſen kannſt? und das Wort Gottes in der Bibel muß es uns nicht noch heiliger und noch unantaſt⸗ barer ſein, als das Wort des irdiſchen Vaters?“ Dieſe Worte des Freundes waren nicht geeig⸗ net, das Herz Kepler's zu beruhigen, ſie machten ihm im Gegentheil recht bittere Schmerzen. Ach er kannte nicht jenes tiefe Vertrauen eines Kindes zum Va⸗ terworte, hatte er doch früh ſchon Lügen aus dem Vatermunde gehört. Es iſt nur zu gewiß, daß die Kraft zu glau⸗ ben ohne eigene Prüfung, zu glauben aus Ver⸗ trauen gegen eine geheiligte Autorität, in der Kind⸗ heit und zwar von den Eltern gepflegt werden muß. Aus dem Munde des Vaters, der Mutter allein kann das Kind diejenigen Religionslehren, welche dem Verſtande unfaßbar ſind, als keimfähiges Samen⸗ korn empfangen. Aber der Mund des Vaters, der Mutter muß dann auch ein reines, ſtets der Wahr⸗ heit geheiligtes Gefäß ſein. Der arme Knabe Kepler hatte nicht glauben nur verk benf müt eigenes r Ueber⸗ ität, die ht glau⸗ Du nicht er Bibel mnantaſt⸗ rS2“ dt geeig⸗ hten ihm r kannte um Va⸗ aus dem is Ver⸗ r Kind⸗ len muß. er allein che dem Samen⸗ glauben 41 gelernt, er gehörte zu jenen Naturen, die alles prüfen müſſen, um das Beſte zu behalten. Je mehr er in das Alter des Nachdenkens kam, deſto ängſtlicher ward ihm zu Muthe, wenn er dem Donnerworte des Magiſters Oſiander lauſchte, der das zeitliche Glück und die ewige Seligkeit jedes Men⸗ ſchen durchaus nur an den Glauben knüpfte. Nicht daß er die Strafen Gottes gefürchtet hätte; die Vorſtellung, die jeder einzelne Menſch ſich vom Weſen Gottes macht, iſt durchaus und kann nur ſein das unendlich vergrößerte und aufs reinſte verklärte Spiegelbild ſeiner eigenen beſten und erha⸗ venſten Eigenſchaften, und ſo wird ein liebevolles Ge⸗ müth ſchwerlich an einen zürnenden Gott glauben. Auch Kepler konnte dieß nicht, aber er war unzufrieden mit ſich ſelbſt, und ſuchte den Grund, warum er an dem, was ihm zu glauben befohlen war, zweifelte, nicht in der Mangelhaftigkeit der Lehre, ſondern in irgendeinem Fehler ſeines Erkenntniß⸗ vermögens, der ſich hartnäckig vor ihm verſteckte, wo nicht gar in einer Verkehrtheit ſeines Herzens. In allen Wiſſenſchaften machte übrigens der Knabe, deſſen ſeltene geiſtige Begabung jetzt erſt recht zu Tage trat, ſtaunenswerthe Fortſchritte, die meiſten aber in der Mathematik. Hier, wo ihm nichts 42 zu glauben, ſelbſt nichts mit dem bloßen Gedächtniß zu erfaſſen gegeben ward, wo von Schritt zu Schritt ſein mächtiger Verſtand ſich emporarbeiten mußte, war er ganz eigentlich in ſeinem Elemente. Mit ſeinem Euklid in der Hand, ſuchte er in den Freiſtunden gern die einſamſten Orte und lag Sommers oft unter einer fernern Linde, wohin das Geſumme der plaudernden und ſpielenden Gefährten nicht dringen könnte. Im Winter durchſtrich er die Hallen der ſchönen Kirche, betrachtete ſich die Bilder und Statuen, die ſchöne Schnitzarbeit, die ihn in das Haus des lieben Ohms Guldenmann und in ſeine erſte glückliche Kind⸗ heit zurückführte, und betete, in tiefe Andacht ver⸗ ſunken, vor dem ſchönen Steinkruzifix. Ueberhaupt hatten die Kloſtergebäude mit ihren Kreuzgängen, ihren Korridors, in denen jeder Schritt am entgegengeſetzten Ende ein ſchlafendes Echo weckte, mit ihren vielen Inſchriften in ſchlechtem Latein und ihren zumtheil gar nicht klöſterlichen Abbildungen einen ſeltſamen märchenhaften Reiz für den phanta⸗ ſiereichen Knaben, und ſo durchſtrich er denn beſon⸗ ders im Winter, wenn der Aufenthalt im Freien unmöglich ward, jeden Winkel derſelben. Vom Dorment ſtieg er gern durch das große Fen Wer hohe Dor die ziehe der, und Aug die dert Däc hend Spe und Tag als erlie das ſchw nade dächtniß Schritt mußte, eer in ind lag din das ffährten ſchönen en, die 3 lieben Kind⸗ ht ver⸗ it ihren Schritt weckte, ein und ldungen phanta⸗ beſon⸗ Freien 8 große 43 Fenſter auf das Dach; hier war auch im ſchlimmſten Wetter ein windſtilles Plätzchen, geſchützt durch die hohen Seiten der verſchiedenen Dächer der Gebäude. Dort ſtand er denn, ſchaute ſo weit als möglich in die Gegend, freute ſich des Himmelsgewölbes, der ziehenden Wolken, jedes einzelnen Sonnenſtrahles, der, unerwartet hervorbrechend, ſeinen Scheitel küßte, und dachte oder träumte, je nach der Stimmung des Augenblickes. Von unten heraufſehend, ſuchte er dann wieder die Stelle, wo er oben geſtanden hatte, und wun⸗ derte ſich über die zuſammenhängende Reihe von Dächern, die eine Stadt für ſich, hoch oben den zie⸗ henden Wolken ſo nahe, zu bilden ſchienen. Es konte nicht ſchwer ſein, da einen ordentlichen Spaziergang von einem Dache zum andern zu machen, und wie viel Neues mochte dabei zu finden ſein! Johannes nahm ſich feſt vor, den erſten freien Tag zu einer ſolchen luftigen Reiſe zu benutzen, und als am nächſten Sonntage alle gottesdienſtlichen Fei⸗ erlichkeiten beendet, ging er mit Bernecker hinauf in das Dorment, die Knaben ſchürzten ihre langen ſchwarzen Röcke und begannen ihre luftige Prome⸗ nade. Sie war weder beſonders ſchwer, noch gefahrvoll. Mit Erſtaunen betrachteten die beiden Kletterer jede neue Entdeckung, die ſie zu machen Gelegenheit fanden. Hier den mächtigen geflügelten Drachen, der die Endverzierung einer bleiernen Dachrinne bildete, dort ein glänzend vergoldetes Kreuz, das hier oben ſie weit überragend, von unten geſehen, kaum die Höhe der Nadeln zu haben ſchien, mit denen die Bauern⸗ mädchen ſich das Haar aufneſteln; dann wieder die Neſter der Dohlen, die manchmal wie eine leichte ſchwarze Wolke um den Eſelsthurm ſchweb⸗ ten, Wetterfahnen von mancherlei Geſtalt und viele andere Gegenſtände.— An der Seite des einen Daches war ein Fenſter kleiner als das, aus dem ſie geſtiegen, und natürlich fühlten ſie ſich veranlaßt, ver⸗ mittelſt desſelben, das ſich leicht öffnen ließ, das Zimmer zu beſuchen, zu dem es gehörte Es war ein nicht eben ſehr großes ausgemau⸗ ertes Gemach. Alte verſtaubte Schränke ſtanden an einer Wand, in denen ſich mancherlei Bücher befanden. In einem andern Schranke ſtand ein Him⸗ melsglobus. Ein kleiner eiſerner Ofen ſtand mitten auf der Diele, deſſen Zugrohr in den ungeheuern Kachelofen des Zimmers führte. Tiegel und Pfannen mit langen Schnäbeln, nach allen Richtungen hin gekrümmt, große Gläſer, mit verſtäubten unkenntlichen Ding ſchen in l gedr davon auf Joha ſei? ſchloſ gegn das Aebt Diele parat Büch aneig durch habe. keine ſeine um dann egenheit der die ete, dort oben ſie e Höhe Bauern⸗ wieder ie eine ſchweb⸗ id viele 8 einen dem ſie aßt, ver⸗ teß, das gemau⸗ iden an efanden. Him⸗ mitten geheuern Gfannen gen hin ntlichen 45 Dingen theilweiſe gefüllt, ſtanden auf mehreren Ti⸗ ſchen umher. Eine große Bibel im Pergamentband in lateiniſcher Sprache und mit ſeltſamen Lettern gedruckt, lag in einer Ecke am Boden, und nicht weit davon befanden ſich an der weißlichen Kalkwand und auf den Dielen große rothbraune Flecke. „Hier iſt's ſchauerlich,“ ſagte Bernecker,„ſchau, Johannes, ſieht's nicht aus, als ob hier Blut gefloſſen ſei? Wer weiß, wen die gottloſen Moͤnche hier einge⸗ ſchloſſen und abgeſchlachtet haben mögen.“ „Warum denkſt Du nur ſo etwas Böſes?“ ent⸗ gegnete Kepler,„es iſt eher wahrſcheinlich, daß hier das alchemiſtiſche Laboratorium eines der gelehrten Aebte geweſen, und daß die Flecke auf Wand und Diele von nichts als irgendeinem verdorbenen Prä⸗ parate herrühren. Ich wollte, ich könnte alle dieſe Bücher leſen, und mir die Weisheit des Mannes aneignen, der hier gearbeitet und wohl manche Nacht durchwacht haben mag.“ „Ja,“ ſagte Bernecker,„Du kannſt ſchon Recht haben. Gold machen können möchte ich auch, es muß keine ſo üble Sache ſein, ſoviel blankes Gold aus ſeinem Tiegel zu ziehen, als man nur irgend braucht, um ſich alle Herrlichkeiten der Welt zu kaufen. Fort dann mit dem langen ſchwarzen Alumnenrock, wir ——’ 46 zögen goldgeſtickte Sammtkleider an und Weſten von Drap d' Argent und ſetzten einen Federhut aufs linke Ohr und zögen an den Hof der Königin Eliſabeth als vornehme Kavaliere, oder auch nach Frankreich zu Herrn Heinrich und nach Prag zu un⸗ ſerm großmächtigen Kaiſer Rudolph.“ „Das möchte mir wohl wenig Freude machen,“ meinte Kepler.„Um mit Kaiſern und Königen zu leben, dazu muß man dreiſter und geſchickter ſein als ich es bin. Es verlangt mich gar nicht nach ſolchen Dingen.“ „Was aber würdeſt Du denn thun, wenn Du Gold machen könnteſt?“ fragte Bernecker. „Nun— ei nun— ich würde mir ein Haus bauen auf einem Berge, wo ich weit ins Land ſe⸗ hen könnte, da würde ich alle zu mir nehmen, die ich liebe, meine Muhme Loni, meine Schweſter Gret⸗ chen, Dich und Beſold, auch den werthen Herrn Oſiander und meinen vielgeliebten Lehrer Beilmann und auch meine Eltern natürlich. Große Gärten müß⸗ ten an dem Hauſe ſein, die ſich bergauf und bergab zö⸗ gen und luſtige Flüßchen müßten hindurch rieſeln. Da hätten wir Bienen, Hühnchen, Schafe, und alle Vögel unter dem Himmel würden in dem Garten gefüttert, und dicht daran wäre ein grüner Wald mit Rehen und das wied die würd daß und weit „wer kann lerne aber, und den wend Fand nähe Gold holt ver, Joh die Wei Weſten Federhut Königin ch nach zu un⸗ nachen,“ tigen zu ſein als ſolchen enn Du n Haus Land ſe⸗ nen, die er Gret⸗ Herrn eilmann en müß⸗ gab zö⸗ eln. Da e Vögel efüttert, Rehen 47 und Hirſchen, alle ſo zahm, daß ſie Dir aus der Hand das Futter nähmen. Dann würden wir ſtudiren und wieder mit einander plaudern und Blumen ziehen und die Vögel füttern, ja, und wenn ein Armer käme, der würde gleich gekleidet und geſpeiſt, und bekäme ſoviel, daß er ein Geſchäft beginnen könnte, ſich zu ernähren, und wäre er alt und hilflos, ſo gäb' ich ihm noch weit mehr, damit er ohne Kummer leben könnte.“ „Ja! das müßte ſchön ſein,“ meinte Bernecker, „wer nur Gold machen könnte! Ob's wohl Einer kann, Johannes, was meinſt Du? ob man's je wird lernen können?“ „Ich weiß nicht,“ entgegnete Kepler,„ich meine aber, daß Gott die Menſchen alle Geheimniſſe finden und alle Kräfte der Natur ergründen läßt, die für den Augenblick für das ganze Menſchengeſchlecht noth⸗ wendig ſind, damit es mehr und mehr vorſchreite.— Fand nicht Chriſtoph Colon Amerika, als er einen näheren Weg nach Indien ſuchte, woher man das Gold und die Edelſteine und die feinen Gewürze holt? Fand nicht Berthold Schwarz das Schießpul⸗ ver, als die Ritterlichkeit verſchwand? Und fand Johann Gensfleiſch, den ſie Guttenberg nennen, nicht die Buchdruckerkunſt, gerade da der Nachfrage nach Weisheit und Wiſſenſchaft ſoviel wurde, daß es nicht mehr möglich geweſen wäre, die Bücher bloß abzu⸗ gewol ſchreiben? Ob Einer jetzt Gold zu machen verſteht? weiß klebt ich freilich nicht, man ſagt es von dieſem und jenem Weiſen, der verſtorben iſt. Magiſter Beilmann meint, ken u dem menſchlichen Geiſt ſei nichts unerreichbar, wenn Orgel wird das Abendgebet gehalten, wir müſſen zurück⸗ eilen, wenn wir nicht in Strafe fallen ſollen.“ er fleißig den Kräften der Natur nachforſcht, aber nicht durch Sprüche und Beſchwörungen ſei etwas hanne zu erlangen, ſondern daß man den Zuſammenhang Stein von Urſache und Wirkung ſuchte und fände, und die davon Beſtandtheile kennenlernte, die jedes Ding bilden.. 3 — Aber, Heinrich, ſchau, die Sonne neigt ſich ſchon Kirche hinter das Kirchendach. In einer halben Stunde vonde reiten Mit der Leichtigkeit und Gewandtheit Alters ſchlüpften die beiden Abenteurer zurück auf b das Dach und kamen in das Dormitorium gerade als der erſte Glockenton zum Gebete rief. „Ich weiß, wo Ihr geweſen ſeid,“ flüſterte Be⸗ ſold leiſe in Bernecker's Ohr, als ſie neben einander in der Kirche knieten. „Ich weiß es ſelber nicht,“ entgegnete dieſer in demſelben Tone. „In dem Zimmer, aus dem einſt der Teufel den Zauberer Fauſt geholt hat. Der hat dort lange niema tüchtig wenn , aber etwas nander ſieſer in Teufel lange 49 gewohnt und ſein Weſen getrieben und ſein Blut klebt noch an Wand und Diele.“ „Was, der Fauſt?“ ſagte Bernecker erſchrok⸗ ken und ſo laut, daß das Wort faſt den Klang der Orgel übertönte. „Still!“ flüſterte Beſold,„komm mit dem Jo⸗ hannes nach dem Gebet in die Zelle, wo die große Steinſchale ſteht, da will ich Euch erzählen, was ich davon weiß.“ Als die übrigen Schüler und die Lehrer die Kirche verließen, ſchlichen die drei Freunde nach dem von Beſold bezeichneten Platz, einer ſchönen, ziemlich breiten eingeſprengten Halle in einem der zum Vi⸗ ridarium führenden Gänge. „Alſo habt Ihr den Weg auch gefunden, Ihr Beiden?“ ſagte hier Beſold lachend,„ich habe im⸗ mer gemeint, ſolche verbotenen Dinge kämten Euch niemals in die vernünftigen Köpfe. Hat's Euch tüchtig gegraut in der Stube des alten Herenmeiſters?“ „Woher weißt Du denn, daß hier der berühmte Gelehrte gewohnt hat, den man Fauſt nennt?“ fragte Kepler. „Woher ich das weiß? Der kleinſte Bube weiß das hier in der Kloſterſchule; der Pedel erzählt es, die Waſchmägde plaudern davon am Brunnen, 1857. XXI. Johann Kepler. II. 4 Oſiander zuckt die Achſel, wenn einmal die Rede darauf kommt, und die Lehrer ſehen ſich mit wun⸗ derlichen Geſichtern an. Dort in dem Zimmer, deſſen Thür ſchon wer weiß wie lange zugemauert iſt, hat Fauſt gewohnt und von dort hat ihn der Teufel ge⸗ holt. Das mag ein ſchöner Aufruhr geweſen ſein unter den Mönchen, als der Schwefelgeſtank ſich ſo durchs ganze Kloſter verbreitet und jeder nun wußte, wer eben dort oben bei dem gelehrten Gaſt geweſen.“ „Es iſt ſeltſam,“ ſagte Kepler,„daß der Teu⸗ fel jetzt wohl niemandem mehr ſichtbar erſcheint, ich denke, der würdige Doktor Martin Luther iſt der letzte geweſen, der ihn mit Augen geſehen.“ „Hätteſt Du etwa Luſt, ſeine perſönliche Be⸗ kanntſchaft zu machen?“ fragte Beſold lachend, während Bernecker eifrig hinzuſetzte:„Ei, wer weiß, ob nicht ſo mancher den Teufel geſehen hat, ſagt man doch, man darf nur in der Mitternacht mit weltlichen Gedanken in einen Spiegel blicken und der Teufel ſchaut einem daraus entgegen.“ „Wie gefällt Euch aber das Zimmer und was habt Ihr darin geſprochen?“ fragte Beſold. „Nun ſchön iſt eben nicht darin,“ entgegnete Bernecker,„und geſprochen haben wir von der Ge⸗ man ſ von ih jenige, daß zu und ſi ſie bek ſäumt, eigentl die nu wie die 22 man d 2 giſter jede O etwas Dich kann Beſold ſchon angene gen b deſſen iſt, hat ufel ge⸗ ſen ſein ſich ſo wußte, weſen.“ er Teu⸗ eint, ich der letzte iche Be⸗ lachend, der weiß, at, ſagt acht mit cken und und was ntgegnete der Ge⸗ 51 lehrſamkeit deſſen, der darin gewohnt hat, und vom Goldmachen.“ „Na, da ſeid Ihr glücklich, denn daß Ihr's wißt, man ſagt, jeder, der zuerſt in die Stube tritt, ohne von ihr vorher etwas gewußt zu haben, erhält das⸗ jenige, wovon er darin geſprochen. Soviel iſt ſicher, daß zwei oder drei, die auch dahin geklettert waren und ſich gräulich wegen der Strafe ängſtigten, die ſie bekommen würden, weil ſie eine Betſtunde ver⸗ ſäumt, gründlich mit Ruthen geſtrichen ſind.'s iſt eigentlich eine Sünde und Schande, daß Jünglinge, die nun bald Studenten werden ſollen, hier noch wie die Wickelkinder gezüchtigt werden.“ „Man kann die Strafe ja vermeiden, wenn man die Fehler meidet,“ meinte Kepler. „Ei ja doch! wie klug Du biſt! Weil der Ma⸗ giſter Oſtander Dir, ſeinem Verzug⸗ und Lieblinge, jede Querfrage, jede unſtatthafte Nebenbemerkung als etwas Kluges und Schönes hingehen läßt, hältſt Du Dich für den allein Reinen, und einzig Weiſen; man kann die Strafe nicht immer ſo vermeiden,“ ſagte Beſold eifrig.„Es iſt hier eine abſcheuliche Disziplin und ſchon dieſe langen Röcke ſind mir hinderlich und un⸗ angenehm, dieß langſame geſetzte Gehen, das Schwei⸗ gen bei Tiſch— alles miteinander. Gott lobe mir 4* die alten Mönche, die waren beſſere Kameraden!“ Er ſchlug bei dieſen Worten auf den Fuß der mächtigen, aus einem Block gemeiſelten Schale, und ſagte:„Das war ihr Weinkühler, und groß genug iſt er, um ſo viel Flaſchen guten Eilſingers in ſich aufzunehmen, als für den Durſt eines ganzen Refektoriums hin⸗ reicht.— Luſtige Kumpane waren es, die leben mochten und leben ließen. Ich gehe niemals durch die Vorhalle zur Kirche, ohne an das Gewölbe zu blicken, wo die Gans am Bratſpieß mit der Guir⸗ lande von Würſten zu ſehen iſt, und dazu die ſchöne Fuge mit dem Text: A. V. K. L. W. H. das heißt: „Alles voll, keines leer, Wein her.⸗ Das Heil des neuen Glaubens, daß wir den Wein beim heiligen Abendmahl genießen dürfen, entſchädigt am Ende nur ſchlecht für den täglichen Durſt.“ „Spotte nicht,“ ſagte Kepler mit Ernſt,„hei⸗ lige Dinge ſoll man nie durch einen Scherz pro⸗ faniren.“ „Ich ſpotte nicht,“ antwortete Beſold,„obgleich ich ſcherze; glaub' mir, Johannes, ich muß bisweilen zu einem Scherze meine Zuflucht nehmen, wenn ich mich in dieſen finſtern Mauern nicht recht un⸗ glücklich fühlen ſoll. Ich will Euch etwas vertrauen, Euch wißt: nem( lebens tief in geſcher 2 der gut hannes des G 22 „und! gen, w den bit Dormi das S hend l der alt die ich Schrän ten vo ſchwarz Worte, nieman en!“ Er ächtigen, „Das „ um ſo mnehmen, ims hin⸗ ie leben ils durch wölbe zu er Guir⸗ ie ſchöne as heißt: Heil des heiligen Ende nur nſt,„hei⸗ herz pro⸗ „obgleich bisweilen wenn ich techt un⸗ vertrauen, 53 Euch beiden, die ich als brav und ehrlich kenne— wißt: ich kann nicht Gottesgelahrtheit ſtudiren“— Kepler betrachtete den Freund mit unverhole⸗ nem Erſtaunen. Sein Geſicht, ſonſt ſo heiter und lebensfriſch, war bleich geworden, die Augen lagen tief in ihren Höhlen, und die Lippen, die eben noch geſcherzt hatten, zitterten vor Aufregung. „Was haſt Du, armer Junge?“ fragte nun auch der gutmüthige Bernecker voller Theilnahme, und Jo⸗ hannes ſchlang, ohne Worte, liebreich den Arm um des Gefährten Nacken. „Ich bin eben unglücklich,“ entgegnete dieſer, „und doch kommt mir's wie eine Sünde vor zu kla⸗ gen, während ich im Beſitz von zwei wackeren Freun⸗ den bin. Hört, was mir geſchehen; ich war auch vom Dormitorium über die Dächer geſtiegen und hatte das Fauſtzimmer erreicht. Es war an einem glü⸗ hend heißen Tage des verwichenen Sommers. In der alten Halle dort iſt's ſtill und kühl, die Dinge, die ich vorfand, intereſſirten mich, ich fing an die Schränke zu durchſtöbern und fand ein Pack Schrif⸗ ten von einer hübſchen Hand. Sie waren mit einem ſchwarzen Bande umwunden und ſchon die erſten Worte, die ich las, fielen mir auf. Ich dachte, daß niemand hier etwas ſobald vermiſſen würde und 54 daß ich meinen Fund wiederbringen wollte, ſobald ich ihn durchgeleſen, ſteckte alſo die Rolle zu mir und machte meinen Weg zurück. Als ich das Packet in meiner Zelle auseinander band, ſtand am unter⸗ ſten Ende desſelben mit deutlicher Schrift der Name: ‚Johann Fickler aus der Stadt Weil.“ „Das iſt mein Vetter, der Apoſtat,“ rief Kep⸗ ler mit ſichtbarem Erſchrecken. „Schilt ihn nicht,“ entgegnete Beſold,„denn in alle Wege war der Schreiber, wer er auch ge⸗ weſen ſei, ein denkender und ſtrebender Menſch. Was ich in jenen Blättern las, hat mein Herz in ſeinen Tiefen ergriffen, hat mein ganzes Leben untergra⸗ ben. Ich kann nicht Theolog werden, eher ſtürze ich mich von dem Fenſter des Fauſtzimmers hinab, oder ſpringe in der Heimat in Blaubeuern in den unergründlichen Keſſel, aus dem das Waſſer der Blau heraufſprudelt. Es fehlt mir die erſte weſentlichſte Nothwendigkeit zu einem Geiſtlichen, der Glaube an die Wahrheit, ja und an die Wichtigkeit der Fragen, um die unſere Theologen ſich ſo wüthend und ohne Nachſicht zanken.“ Die beiden Freunde des Sprechers ſchwiegen betroffen ſtill.— einige auf rig,, kend hat, meine wenn die Fr ſuche. wohl mein den: heit d ſchuf, zen d Kreu der, nen mein und jener rer dern 55 ſobald„Hört, was jene Schrift enthält,“ ſagte nach zu mir einigen Augenblicken Beſold. Packet Kepler aber legte ihm mit Ernſt die Hand unter⸗ auf den Mund.„Nein! nein!“ ſagte er dann eif⸗ Name: rig,„wenn jene Schrift Deine Ueberzengungen wan⸗ kend gemacht, wenn ſie Deine Vorſätze erſchüttert ef Kep⸗ hat, ſo theile uns ihren Inhalt nicht mit. Ich für meinen Theil wäre der unglücklichſte aller Menſchen, „denn wenn es mir aufhörte, der Zweck und der Stolz und nuch ge⸗ die Freude meines Daſeins zu ſein, daß ich den Herrn h. Was ſuche. Freilich geſtehe ich in Demuth, daß ich bis jetzt n ſeinen wohl noch nicht ſo ganz auf der rechten Spur bin; ntergra⸗ mein widerſpenſtig Herz kann den Glauben nicht fin⸗ r ſtürze den: aber ich beuge mich in Demuth vor der Weis⸗ hinab, heit des Herrn, deſſen Allmacht Himmel und Erde in den ſchuf, und ich liebe mit gerührtem dankbarem Her⸗ her Blau zen den ſanften Erlöſer, der ſein heiliges Blut am entlichſte Kreuze vergoß. Ich liebe die Menſchen, meine Brü⸗ ube an der, und hoffe Gott mit jedem Tage mehr zu erken⸗ Fragen, nen. Nicht was mir Zweifel erregt, ſondern was nd ohne meine Zweifel löſt, wäre mir nothwendig zu hören, und darum, Chriſtoph, behalte für Dich, was Du in chwiegen jener Schrift gefunden, ich bin ſchon ſeit länge⸗ rer Zeit der Meinung, daß nicht Menſchenwort, ſon⸗ dern Gotteswort allein den nach Weisheit ſtreben⸗ den auf die rechte Bahn führen kann, und Gotteswort Greis iſt zu finden in der heiligen Natur und in der hei⸗ haltun ligen Schrift!“ „Du haſt Recht, Kepler,“ entgegnete der Freund, Zeugn indem er ſich von ſeinem Sitze erhob.„Kommt! ein 2 die Nacht iſt vorgerückt, der Mond ſteht hoch am lieb ſe Himmel, wir müſſen eilen, um in unſern Zellen zu 4 ſein, bevor der Inſpizient ſie beſucht. Nicht lange nen mehr werden wir ja in dieſen Mauern weilen, dann Lehrer geht's nach Tübingen oder Stuttgart, ich werde die das T Rechtsgelehrſamkeit ſtudiren; freilich bin ich dann nicht. ein Mann, vor dem die Fürſten dieſer Welt als gen g vor einem Boten Gottes ſich beugen, aber ich darf Magij nicht heucheln und lügen und dagegen allein ſträubt Wiſſen ſich meine Natur.“ Neuntes Kapitel. Die Zeit war nun verfloſſen, welche die drei Jünglinge in Maulbronn zubringen mußten. Sie iſt zu hatten etwas Rechtes gelernt und die vortrefflichſten Zeugniſſe erhalten. Als Johannes Kepler das ſeinige vom Magiſter Oſiander zu holen kam, empfing der teswort er hei⸗ Freund, Lommt! och am llen zu lange , dann rde die in nicht elt als ch darf ſträubt ſeinige ig der 57 Greis ihn zwar freundlich, aber mit einiger Zurück⸗ haltung. „Setze Er ſich nieder, Kepler,“ ſagte er, das Zeugniß auf einen Tiſch neben ſich legend,„ich habe ein Wort mit Ihm zu reden, und es würde mir lieb ſein, wenn Er es als ein Vaterwort annähme.“ Der Jüngling ſetzte ſich und ſeine ſanften brau⸗ nen Augen ruhten auf der ſtattlichen Geſtalt ſeines Lehrers; doch ſchwieg er und wartete beſcheiden auf das Wort Oſiander's. „Er iſt von Gott dem Herrn mit guten Anla⸗ gen geſegnet, Keplerus, mein Sohn,“ begann der Magiſter,„es iſt eine Freude, Ihn in den weltlichen Wiſſenſchaften zu unterrichten, und es kann Ihm nicht fehlen, wenn er im Fleiß, im ſittlichen und manierli⸗ chen Betragen ſo fortfährt wie er begonnen. Eines nur habe ich an ihm auszuſetzen, das Eine aber iſt ein Großes.— Er will ein Lehrer der Gottesge⸗ lahrtheit werden, ein Prediger des göttlichen Wortes, ein Verbreiter der heiligen gereinigten Lehre, aber Er iſt zu ſtolz, um ſolcher Gnade würdig zu ſein, das glaube Er mir.“ Die in der Regel bleiche Wange des Jünglings färbte ſich mit dem Rothe der Beſchämung und Ueber⸗ raſchung. „Stolz! ich ſtolz?“ fragte er erſchrocken. „Sieht Er! ſchon Seine Frage iſt ein Beweis, daß ich Recht habe,“ entgegnete der Greis.„Er hat Sein Herz noch nicht einmal geprüfet, ob es dem Laſter des Stolzes offen ſtehe. Stolz iſt es, nichts als leidiger Stolz, was Ihn immer dazu bringt, Lehren, welche Ihm gegeben werden, anſtatt ſie demüthig als göttliche Wahrheiten hinzunehmen, vor das Gericht Seines kleinen Menſchenverſtandes zu ziehen und bei jeder heiligen Lehre des Chriſtenthumes zu fragen: wie iſt das möglich! warum war das nothwendig? Bei Gott dem Herrn iſt kein Ding unmöglich, das muß Er wiſſen, und wenn die ewige Weisheit beſchloſſen hatte, die Welt zu ſchaffen, die Sünder zu erlöſen und durch das Blut ihres einigen Sohnes ſelig zu machen, ſo war das möglich nach Gottes Allmacht und nothwendig nach Gottes Barmherzigkeit. Er dauert mich, Keplerus, ich ſag' Ihm das aufrichtig, Sein Herz iſt gut, davon hab' ich hundert Proben, Sein Verſtand iſt es auch, aber die Demuth! die Demuth! dieſe, welche der Anfang und das Ende aller chriſt⸗ lichen Tugenden iſt, die fehlt Ihm leider.“ Der Jüngling ſah mit trübem Blicke zu Boden. Magiſter Oſiander hatte das Räthſel gelöſt, und ihm klar gemacht, welche Herzensbärtigkeit und Verſtandes⸗ wenn Gott ſo ko öttliche Seines i jeder a: wie 2 Bei s muß chloſſen erläſen s ſelig llmacht it. Er frichtig, t, Sein emuth! chriſt⸗ Boden. ind ihm tandes⸗ 59 verkehrtheit ihn bisher von der Seligkeit des Glau⸗ bens zurückgehalten. Die Demuth fehlte ihm! Große Thränen drängten ſich in ſeine Augen und hingen in zwei kryſtallklaren Tropfen an den weichen Lidern, als er den Blick emporſchlug zu ſeinem alten Lehrer und mit trauriger Stimme ſagte: „Ich fürchte wohl, daß dem ſo iſt, wie Ew. Hochwürden ſagen, und daß mir Aermſten die chriſt⸗ liche Demuth fehlt. Aber ach! wie ſoll ich's machen, um dieſes höchſten Schatzes theilhaftig zu werden?“ „Bete Er fleißig, mein Sohn,“ entgegnete der gutherzige Mann.„Alle guten Gaben kommen von oben, und wer bittet, dem wird gegeben.“ Der Jüngling nahm ſich zuſammen.„Dieß iſt ein Wendepunkt in meinem Leben,“ dachte er,„und wenn ich die Gelegenheit benutze, die mir jetzt von Gott durch den Mund meines Lehrers geboten wird, ſo komme ich vielleicht mit mir ſelbſt ins Reeine. „Ew. Hochwürden ſind gegen mich armen Bur⸗ ſchen von der Güte eines Vaters geweſen,“ ſagte er mit bittender Geberde,„würden Sie mir jetzt geſtatten, daß ich Denenſelben die Fragen vorlege, die meine Seele bedrücken? Es iſt vielleicht möglich, daß meine ewige Seligkeit an dem Geſpräche dieſer Stunde hängt.“ „Rede Er, mein lieber Sohn,“ entgegnete Oſiander. „Nun wohl, Herr Magiſter, ſo bitte ich Sie flehentlich, mir zu ſagen, wie ich es machen ſoll, um zu dem echten und wahren Glauben zu gelangen?“ „Der Glaube iſt eben eine Gnade des Herrn, ſie wird nur denen zutheil, die der Allgütige ſich auserkoren hat, flehe er Ihn an unabläſſig bei Tag und Nacht, ſo wird Er, Der die Liebe ſelbſt iſt, ſich endlich erbitten laſſen.“ „Ich habe gebetet, heiß, innig, bei Tag und Nacht,“ entgegnete Johannes mit Wärme.„Ich habe auf meinen Knieen gelegen und mit emporgerunge⸗ nen Händen gefleht um die Gnade des Glaubens, es iſt immer dasſelbe in mir geblieben. O werther Herr Magiſter! mein väterlicher Freund und Lehrer! Wie ich auch ringen mochte, die Kraft, meine eigene Erkenntniß ganz gefangen zu nehmen und unbedingt und blindlings zu glauben, was ein anderer Menſch, ſchwach und irrend wie ich, mir als die einzig rich⸗ tige Auslegung der Lehre des Heilandes ſagt, kann ich in mir nicht finden. Es iſt gewiß Stolz, Ew. Hoch⸗ würden! ganz gewiß, daß ich immer und immer mit dem Lichte meiner eigenen Vernunft in die Tie⸗ fen der Offenbarung leuchten will, daß ich immer und mit einer Hartnäckigkeit, über die ich oft ſelbſt er⸗ ſchrecke, dahin ſtrebe, die Wunder, die der Herr zur Erlöſ bekann unterz 7 Jüngl Ernſt. den zu die ſ macht turgeſ Geſetz Geſet daß e für ewig Ausn men dig d ner( „Er muß baru mut h Sie m ſoll, gen?“ Herrn, e ſich ig bei öſt iſt, g und ) habe eigene edingt Renſch, 61 Erlöſung des Menſchengeſchlechtes that, den uns bekannten, ſich täglich wiederholenden Naturgeſetzen unterzuordnen und durch dieſelben zu erklären.“ „Spreche Er nicht ſo gottesläſterlich, unglücklicher Jüngling,“ entgegnete der Magiſter mit feierlichem Ernſt.„Wunder geſchahen und geſchehen noch und wer⸗ den zu allen Zeiten geſchehen, denn Wunder ſind eben die ſichtbaren Manifeſtationen der göttlichen All⸗ macht.— Naturgeſetze! Was will Er mit ſeinen Na⸗ turgeſetzen, junger Thor? Kann ein König nicht die Geſetze auflöſen, die er ſelbſt gegeben?“ „Aber wenn die Auflöſung eines menſchlichen Geſetzes nothwendig wird, ſo iſt das eben der Beweis, daß es ein menſchliches, das heißt ein mangelhaftes, nicht für alle Fälle ausreichendes war; die Geſetze der ewigen Weisheit, Liebe und Allmacht können keiner Ausnahmsfälle bedürftig ſein, eben weil ſie vollkom⸗ men ſind.“ „Die Ausnahmsfälle werden auch nur nothwen dig durch die menſchliche, nicht durch Gottes und ſei⸗ ner Geſetze Unvollkommenheit,“ entgegnete Oſiander. „Er raiſonnirt nicht ohne Geiſt, junger Knabe, aber Er muß es aufgeben zu raiſonniren der göttlichen Offen⸗ barung gegenüber; das iſt eben das Weſen der De⸗ much, die ich, Sein alter Lehrer, von Ihm fordere. 62 Nehme Er ohne Grübelei hin, was Ihm als gött⸗ liche Wahrheit geboten wird, bewahre Er es in reinem und guten Herzen und lebe Er danach, ſo wird Er gut fahren.“ Kepler ſchwieg, doch zuckte es noch um ſeine Lippen und Magiſter Oſiander, der ihn feſt ange⸗ blickt hatte, ſagte liebevoll:„Er iſt noch nicht fertig mit Seinen Einwürfen, ich ſehe Ihm das an, ſpreche Er aus, was Ihm das Herz drückt; wo es ſich um die Seligkeit eines Menſchen handelt, ſoll man Nach⸗ ſicht üben.“ „Wohlan!“ entgegnete der Jüngling,„ich will Ew. Hochwürden antworten, aufrichtig, ſo aufrichtig, als ſähe Ihr Auge bis in den Grund meines Her⸗ zens.— Von dem, was als Chriſtenthum in deut⸗ ſchen Landen gelehrt wird, gibt es faſt ſo viele Ab⸗ weichungen, als es gelehrte Lehrer der Theologie gibt, und jeder derſelben ſchwört, daß ſeine Ausle⸗ gung die allein richtige und der einzige Weg zum Heile ſei. Oft ſtreiten ſie nur um ein Wort, um einen Buchſtaben, ſie ſtreiten aber mit tiefſter Erbit⸗ terung und verdammen die anders Glaubenden zu Fol⸗ ter und Feuer; muß ich da nicht meine eigene Ver⸗ nunft, mein eigenes Nachdenken gebrauchen, um un⸗ ter den hundert verſchiedenen und doch einzig wahren zufind T Worten Er mi wagt heit S cativus Haben ein Ge Anſicht ſeres L alle in Konko Er we Er Se tes th Sitze, bebend T ſam ü war d der w tragen gött⸗ reinem Er gut ſeine ange⸗ fertig preche ch um Nach⸗ h will ichtig, Her⸗ deut⸗ e Ab⸗ ologie Ausle⸗ zum ct, um Erbit⸗ u Fol⸗ Ver⸗ m un⸗ einzig 63 wahren Wegen zum Chriſtenthume denjenigen heraus⸗ zufinden, der mir der richtige zu ſein ſcheint?“ Das Geſicht Oſiander's hatte ſich bei dieſen Worten des Jünglings merklich verfinſtert.„Kommt Er mir da heraus, Patron?“ ſagte er ſtrenge,„Er wagt es, Er unreifer Knabe, die Autorität und Weis⸗ heit Seiner Lehrer in Zweifel zu ziehen? O Er Vo⸗ cativus, Er unnützer Burſche, Er vorlauter Junge! Haben wir hier in dieſen ſelbigen Kloſterhallen nicht ein Geſpräch gehabt zur Einigung der getrennten Anſichten? Hatten nicht die weiſeſten Theologen un⸗ ſeres Landes die Glaubensform aufgeſetzt, bei der ſich alle in Frieden einigen ſollen, und die deßhalb die Konkordienformel heißt? Hebe Er ſich weg von mir, Er wenig Gutes verſprechendes Subjekt und mache Er Sein Herz demüthig, damit Er der Gnade Got⸗ tes theilhaftig werden könne.“ Der alte ſtattliche Mann erhob ſich von ſeinem Sitze, und auch Kepler ſtand von dem ſeinen mit bebendem Herzen und leiſe zitternden Knieen auf. Des Jünglings Geiſt, obgleich erfüllt und gleich⸗ ſam überhaucht von der wahrhaſteſten Beſcheidenheit, war doch zu ſcharfſichtig, um es zu überſehen, daß der wackere Magiſter jeden andern Zweifel eher er⸗ tragen konnte, als den an ſeiner eigenen Unfehlbarkeit. 64 „Gehe Er, gehe Er mit Gott, und nehme Er hier Sein Zeugniß, Johannes Keplerus Leomontanus,“ ſetzte der Greis beruhigt und mit gütigerem Tone hinzu.„Sein geiſtiger Hochmuth iſt der einzige Fehler, deſſen ich Ihn zeihen kann, und da Er ein unbemit⸗ telter Junge iſt, ſo gibt Ihm die Stiftung aus Gnaden den Reiſepfennig nach Tübingen, und da ich weiß, daß Er noch lebende Eltern und Geſchwiſter hat, ſo lege ich Ihm eine Kleinigkeit bei, damit Er während der Vakanz noch nach Leonberg zu den Seinen gehen kann. Der Herr geleite Ihn!“ „Dieß iſt der Mann, den Du eben in Deinem Herzen ſchalteſt und faſt verachteteſt,“ flüſterte die Stimme des Gewiſſens dem Jünglinge zu. Sein braunes, ſanftes Auge wurde feucht, er wußte wohl, Magiſter Oſiander war ein Dichter und darum kein reicher Mann. Er wußte auch, daß der Greis ſich ſelbſt manches entzog, um ſeinen Sohn, der im fernen Frankreich zu ſeiner Ausbildung lebte, zu unterſtützen, und doch hatte er immer noch etwas übrig, die ärmeren Alumnen aus ſeiner eigenen Taſche zu beſchenken. Mit inniger Rührung und Dankbarkeit beugte Kepler ſein Haupt und küßte die ſchmale, blaſſe Hand ſeines Lehrers, der von einem unwillkürlichen Herzen⸗ lockige C Ir Lukas Er laſſ gnädig Eltern Gott be das H E Greis trocknet ſeine H und de zu ſein der Fu meſters neukrei A Septen tes Rä an der necker wandte erſt in 1857. X me Er anus,“ Tone Fehler, bemit⸗ aus ind da hwiſter damit zu den Deinem te die Sein ewohl, m kein eis ſich fernen ſtützen, ig, die henken. beugte Hand irlichen 65 Herzenszuge hingeriſſen, dieſe Hand ſegnend auf das lockige Haupt des Jünglings legte. „Der Herr ſei mit Dir, mein Sohn!“ flüſterte Lukas Oſiander,„Er ſegne Dich und behüte Dich, Er laſſe ſein Antlitz leuchten über Dir und ſei Dir gnädig!— Gehe Er, Leomontanus, grüße Er Seine Eltern und gedenke Er meiner Lehren— und— Gott behüte Dich, mein Junge, wir wollen einander das Herz nicht weich machen.“ Eilig und zitternd vor Rührung erhob ſich der Greis und ging aus dem Zimmer, Kepler aber trocknete ſeine ſtrömenden Augen und ging hinweg ſeine Habſeligkeiten zu packen, damit Bücher, Wäſche und dergleichen, ſoweit es ihn nicht auf der Reiſe zu ſeinen Eltern begleiten ſollte, fertig da läge, wenn der Fuhrmann anlangte, der beim Schluſſe jedes Se⸗ meſters ſich zu melden pflegte, um die Sachen der neukreirten Studenten nach Tübingen zu ſchaffen. Am andern Morgen in der neblichten Frühe eines Septembertages befand ſich Johannes, ſein leich⸗ tes Ränzel auf dem Rücken, ſchon vor Tagesanbruch an der Pforte des Kloſterhofes.— Beſold und Ber⸗ necker waren ſchon den Tag vorher zu ihren Ver⸗ wandten gereiſt, ihre Wege waren verſchieden, und erſt in Tübingen wollten die Jünglinge ſich wieder treffen. 1857. XXI. Johann Kepler. II. 5 66 Auf der erſten Anhöhe, die der Abreiſende er⸗ ſtiegen, wandte er ſich um und ſchaute hinab in das Thal der Salzach und auf die ſchönen, ſtattlichen Gebäude, unter deren Dach er Jahre verlebt hatte, denen ſelbſt die ſtrenge klöſterliche Zucht nicht den roſigen Duft des jugendlichen Glückes hatte rauben können.—„Grüß Dich Gott, altes Kloſter!“ dachte er, und ſchwenkte ſein Baret gegen das im bläulichen Dufte ſchwimmende Thal,„mögen Deine Mauern immer nur frohe junge Herzen umſchließen und aus ihnen zu allen Zeiten Männer hervorgehen, die Licht über die Welt verbreiten.— Ja, es muß ſchön ſein, als ein reifer Mann zu fühlen, daß man zu denen gehört, die das Licht der Wahrheit ausſtrahlen, das ſie unter Mühen und Kämpfen durch Gottes Hände empfingen.— Was iſt die Wahrheit? Ein Ausſtrom Gottes, das Licht, das von ſeinem Gewande fließt! Wer Gott ſucht, muß die Wahrheit finden, und wer die Wahrheit ſucht, doch endlich den Herrn; und jeder Menſchenſeele iſt das möglich, jeder! Vor⸗ nehm und Gering, Reich und Arm tragen den Durſt nach Wahrheit und Licht als ihr gemeinſames, ſchönſtes Erbtheil, als den eigentlichen Stempel ihrer Men⸗ ſchenwürde in ſich.— Mit unſern geringern Brüdern, den Thieren theilen wir hier auf Erden den Drang nach G mancher den Se hen, tl der Erk vereint nach W reichs und Bi Dich G in Dein ſtiegen Di porgeſtie Boden lin das ttlichen hatte, ſcht den rauben dachte iulichen Nauern nd aus n, die uß ſchön man zu ſtrahlen, Gottes it? Ein hewande finden, Herrn; r! Vor⸗ en Durſt ſchönſtes r Men⸗ Brüdern, Draug 67 nach Glück und Genuß, der uns vorwärts treibt zu mancherlei Arbeiten, Erfindungen und Künſten, mit den Seraphim aber, die am Throne des Herrn ſte⸗ hen, theilen wir den Drang nach Wahrheit, nach der Erkenntniß Gottes, des höchſten Gutes! Beides vereint macht den Menſchen, der ohne den Durſt nach Wahrheit nur die höchſte Spezies des Thier⸗ reichs auf Erden wäre, geſchickter zwar als Biene und Bieber, aber nicht erhabener als ſie.— Grüß Dich Gott, herzliebes altes Kloſter! hab' ich doch in Deinen geſegneten Mauern die erſte Sproſſe er⸗ ſtiegen auf der Leiter zur Erkenntniß des Herrn.“ Die Sonne war indeß am Himmelsrande em⸗ porgeſtiegen, die Nebel ſenkten ſich wie leichte, zu Boden flatternde Schleier von Silberflor tiefer und tiefer und hingen bald als Millionen im Sonnen⸗ ſtrahl funkelnde Brillanten an den Grasſpitzen und Baumblättern. „Vorwärts!“ rief ſich Johann ganz laut zu, „vorwärts in die Heimat! und möge Gott geben, daß ich Freude dort finde und bringe.“ Mit einer gewiſſen natürlichen Freude fühlte der neunzehnjährige Jüngling während des rüſtigen Gehens, wie ſehr ſeine körperlichen Kräfte ſeit der Zeit zugenommen hatten, da er als ein kaum drei⸗ zehnjähriger Knabe den Weg in das Kloſter gemacht, dem er jetzt den Rücken kehrte. Wie mochten die Seinen in der Heimat ſich verändert haben? Seine Schweſter Gretchen war nun ſchon ein Mädchen von dreizehn Jahren und der Bruder Chriſtoph längſt in der Lehre. Marga⸗ retha hatte ihm das geſchrieben. Sie gab ihm von Zeit zu Zeit Nachricht, und wenngleich ihre Briefe nur kurz und oft ziemlich unzuſammenhängend ge⸗ weſen, ſo ſegnete er doch ihre Kinderhändchen, die ſich einſt bei Erlernung der Schreibekunſt ſo ſehr gemühet hatten.— Bruder Chriſtoph lernte das Zinn⸗ gießerhandwerk und war in Eßlingen in der Lehre beim Zinngießer Gabelkofer.— Bruder Heinrich war noch daheim; was er werden ſollte und wollte, wußte Johannes nicht, vielleicht ſtand er den Eltern im Betriebe der Wirthſchaft bei, denn in Leonberg hatte der Vater von einem Gelde, das Oheim Gul⸗ denmann den Eheleuten vorgeſtreckt, wieder Haus und Feld gekauft.— Auch die liebe Muhme Apol⸗ lonia ſchrieb nicht ſelten an ihren Pflegling, und ihre Briefe theilten dem abweſenden Sohne denn auch dieſe und jene Nachricht von den Eltern mit. Daß es zu Hauſe mit der Einnahme nicht eben glänzend ſtehen mochte, war dem heimkehrenden Sohne hatte ih geſendet pflegen, Hemden gulden und Pa weilen i hüpfte i rend ein auch Ze Freunde wiederzu An gewöhnl im We ballten kurz vo Kind oft ſchritten lenden ſemacht, nat ſich n war en und Marga⸗ hm von Briefe ud ge⸗ en, die ſo ſehr s Zinn⸗ er Lehre Heinrich wollte, Eltern Leonberg im Gul⸗ r Haus ne Apol⸗ ng, und ne denn en mit. icht eben ehrenden 69 Sohne bekannt. Während ſeiner ganzen Schülerzeit hatte ihm weder Vater noch Mutter einwenig Geld geſendet, wie es doch Eltern immer gern zu thun pflegen, wenn ſie es nur dazu haben. Strümpfe, Hemden und von Zeit zu Zeit einmal einen Silber⸗ gulden ſchickte ihm die gute Loni; auch der Großohm und Pathe Guldenmann bedachte den Knaben bis⸗ weilen mit einer Liebesgabe, und das Herz Johanns hüpfte in Freuden bei dem Gedanken, daß er wäh⸗ rend einer Vakanz von länger als vier Wochen nun auch Zeit finden würde, dieſe ſeine Wohlthäter und Freunde, und Magſtatt, die Wiege ſeiner Kindheit, wiederzuſehen. Am letzten Tage ſeiner Reiſe war die Luft un⸗ gewöhnlich ſchwül geworden. Ein Gewitter drohte im Weſten und ſchwefelgelbe und bleifarbige Wolken ballten ſich über einander. Sein Weg führte ihn kurz vor der Stadt durch einen Wald, den er als Kind oft an ſeines Freundes Reinbold Seite durch⸗ ſchritten hatte. Kein Lüftchen regte dort ſeine küh⸗ lenden Schwingen, die Blätter ſchienen an den Zwei⸗ gen feſtzukleben und der Wanderer fühlte ſeine Glieder matt und ſchwer, als er endlich ins Freie tretend, das Städtchen kaum einen Büchſenſchuß weit vor ſich liegen ſah. Er klopfte mit einem Baumzweige, den er ſich am Wege gepflückt, den Staub von ſeinen Schuhen, trocknete den Schweiß von ſeiner Stirn und trat durch das alte Thor, in deſſen ſpitzem Bogen noch immer wie vor ſo vielen Jahren, die Mutter des Zieglers Leibbrand Honigkuchen, Meth und Nüſſe feilhielt. „Grüß Gott, Frau Leibbrandin,“ ſagte Johan⸗ nes ſein Mützchen ziehend, und die Matrone ant⸗ wortete ihm mit einem:„Freundlichen Dank!“ Es kränkte den Jüngling faſt, daß die Frau ihn nicht erkannte. Ihm ſchien jeder Dachziegel, jeder Eckſtein ein alter Freund zu ſein, während alle Men⸗ ſchen an ihm als an einem Fremden vorüberſchritten. Einige Menſchengeſichter waren ihm freilich fremd, beſonders die jüngeren. Hie und da ſtanden in Häuſern, die ihm gar wohl bekannt waren, Fenſter offen, der ungewöhnli⸗ chen Hitze wegen, und liebliche Jungfrauenköpfe, de⸗ nen die goldene ſchwäbiſche Haube gar ſchön ſtand, ſchauten, ſich halb hinter Gelbveiglein und Reſeda verſteckend, hinunter nach dem ſchlanken Studenten. Leiſe Erinnerungen regten ſich hin und wieder in der Seele desſelben, an Kinder, mit denen er einſt auf der Wieſe Haſchemännchen geſpielt, und er dachte auch etwa die M hört h gerade gern in gegenr und ungem ten h Vorha häusli zernen empor nächſt mend ſigung die H daß ¹ er ſich cchuhen, id trat en noch er des Nüſſe Johan⸗ me ant⸗ 84 ie Frau l, jeder e Men⸗ ſchritten. fremd, ihm gar ewöhnli⸗ pfe, de⸗ n ſtand, Reſeda udenten. d wieder er einſt er dachte 71 auch ein paarmal:„Sollte das hübſche Jungferchen etwa des Gabelkofers Chriſtiane ſein? und jenes die Margareth des Zieglers Leibbrand?“ In dem Hauſe, das früher ſeinen Eltern ge⸗ hört hatte, ſaß eine ihm ganz fremde Frau nähend gerade an dem Fenſter, aus dem er als Kind ſo gern in den grünen Baum vor der Hausthüre geguckt. Seine Schweſter Gretchen hatte ihm die Lage der gegenwärtigen Wohnung ſeiner Familie beſchrieben und ſo hatte er denn nicht nöthig, jemanden auf der Straße danach zu fragen. Er erkannte das Haus bald, die Fenſter waren alle geſchloſſen, und es ſah, von außen wenigſtens, ungemüthlich und wüſte aus. Keine Blumen blüh⸗ ten hinter den ungeputzten Scheiben, kein weißer Vorhang zeugte von dem Sinn der Bewohner für häusliche Nettigkeit. Eine Stufe der kleinen höl⸗ zernen Freitreppe, die zu der getheilten Hausthür emporführte, war zerbrochen und lag ſchief auf der nächſten unter ihr. Er ſtieg mit einem eigenen, das Herz beklem⸗ menden Gefühle über das Zeichen der Vernachläſ⸗ ſigung hinweg und fand, als er den Thürdrücker in die Hand nahm, um zu öffnen, zu ſeinem Erſtannen, daß von innen ein Riegel vorgeſchoben ſei. 72 Waren die Seinen ausgezogen? ſtand etwa das wüſt ausſehende Haus ganz und gar leer?— Aber man hatte von innen verriegelt, ſo mußte ja doch jemand in dem Gebäude ſein. Ein eiſerner roſtiger Klopfer war an der obe⸗ ren Thürhälfte angebracht, und als Johannes ihn benutzte, ſchallte es hohl durch die Straße und lockte in den benachbarten Wohnungen die Leute an die Fenſter. Johannes klopfte und klopfte wieder und end⸗ lich ward ein Oberfenſter geöffnet, das Köpfchen eines noch kindlichen jungen Mädchens neigte ſich hinaus und flüſterte:„Seid Ihr's, Herr Vater?“ Johannes trat ſo zurück, daß er bequem em⸗ porſehen konnte und fragte:„Wohnt hier Heinrich Kepler aus Weil, werthe Jungfrau?“ „Ja, mein Herr Student,“ entgegnete die Kleine erröthend,„aber Ihr könnt ihn nicht ſprechen, denn er iſt nicht anweſend.“ „Iſt ſeine Frau Katharina zu Hauſe, und ſeine Kinder?“ fragte er weiter. „Hm! ja Herr! zu Hauſe ſind ſie wohl oder doch einige davon, aber— ſie möchten wohl jetzt keinen fremden Beſuch annehmen können, denn“—— „Einen Fremden vielleicht nicht, Schweſter Gret⸗ chen,“ Locken wohl etwa 2— zte ja robe⸗ s ihn lockte an die d end⸗ teines hinaus m em⸗ einrich Kleine denn b ſeine 73 chen,“ ſagte Johannes, das Baret von den braunen Locken ziehend,„aber der Sohn und Bruder wird ja wohl aufgenommen werden.“ „Johannes! herzlieber Bruder Johannes! Dich ſendet Gott in unſerer Noth,“ rief das Kind vom Fenſter hinwegſpringend, und im nächſten Augenblick zog eine zitternde Hand den Riegel hinweg und die ſeit Jahren getrennten Geſchwiſter lagen einander in dem dunklen dumpfigen Hausflur ſchluchzend in den Armen. „Dich ſendet Gott! O Dich ſendet Gott, herz⸗ liebſter Bruder,“ rief das liebliche Kind einmal über das andere, das von Thränen überſtrömte Geſicht⸗ chen an der Bruſt des Jünglings verbergend. „Wo ſind die Eltern? wo ſind die Brüder? Gretelchen,“ fragte Johannes unter den innigſten Lieb⸗ koſungen. Die Kleine öffnete die Thür zu einer Kammer, deren einziges Fenſter in einen Hof ging.„Komm hier hinein in mein Kämmerchen, liebſter Bruder,“ ſagte ſie, die rinnenden Thränen abtrocknend.„Ehe ich Dich zu unſerer Mutter führe, muß ich erſt mit Dir ſprechen, denn ſicherlich erfährſt Du das, was Du doch nun hören mußt, beſſer von mir, als von ihr.“ Die kleine Kammer, in der Johannes Kepler 74 den erſten Ruheſitz nach vieljähriger Abweſenheit vom Vaterhauſe fand, war reinlich und freundlich. Gret⸗ chen hat dem Bruder ihren von Weiden geſlochtenen Spinnſtuhl hingeſchoben, ſie ſelbſt ſetzte ſich auf ein Bänkchen zu ſeinen Füßen und legte weinend ihr Köpfchen auf ſein Knie. Das Herz des Jünglings war von tauſendfacher Furcht für ſeine Lieben gefoltert. Ach während er dem Vaterhauſe fern war, hatte er in ſeinen Träu⸗ men Frieden und Liebe dort hingezaubert, und ſelten oder nie des Jammers gedacht, den er ſeit den Ta⸗ gen ſeiner früheſten Kindheit dort erlebt. Jetzt faßte ihn, als er kaum den Fuß auf die Schwelle geſetzt, die Wirklichkeit mit rauher Hand. „Der Vater iſt nicht daheim? wo iſt er, Gret⸗ chen?“ fragte Johannes mit klopfendem Herzen und bebender Stimme.— „Weiß ich es? weiß es einer von uns?“ ent⸗ gegnete das weinende Mädchen,„ach, Johannes, mein Bruder! zu welch einer ſchrecklichen Zeit biſt Du heimgekehrt und welche traurige Stunden ſtehen Dir bevor, Du armer Junge!“ „Nun,“ entgegnete der Jüngling, deſſen geiſtige Spannkraft bei den Thränen des Mädchens allmä⸗ lig wiedergekehrt war,„was auch ſein mag, es kommt ja de mehr Leid Gretc es un auferl chen das C der hu waren wähnt der li unſere gutes unter 1 telchen ſich zi Geſich ganzes 7 ſchon chen n vom Gret⸗ dtenen if ein d ihr facher end er Träu⸗ ſelten n Ta⸗ uf die Hand. Gret⸗ in und ent⸗ ſannes, eit biſt ſtehen eiſtige allmãä⸗ kommt ja doch aus den Händen Gottes, und wird nicht mehr ſein als zu meinem Frieden noththut. Das Leid verliert ſeinen ſchlimmſten Stachel, Schweſter Gretchen, wenn wir die Ueberzeugung feſthalten, daß es uns aus Liebe und zur Stärkung unſerer Kräfte auferlegt wurde.“ „Du haſt Recht, Johannes!“ ſagte das Mäd⸗ chen und heftete ihre klaren dunkelbraunen Augen, das Erbe von der Mutter, auf den Jüngling,„ja in der höchſten Noth iſt die Hilfe am nächſten. Wir waren einſam, und weil die Menſchen uns verließen, wähnten wir uns auch von Gott verlaſſen; da hat der liebe himmliſche Vater Dich zu uns geſchickt zu unſerem Troſt, zu unſerer Stütze! Wie ich in Dein gutes liebes Bruderantlitz ſchaue, fühle ich mich wieder unter Gottes Schutz!“ „Und nun erzähle mir, was geſchehen iſt, Gre⸗ telchen,“ ſprach Johannes, die Schweſter dichter an ſich ziehend und mit ſeinem Tuche ihr das verweinte Geſichtchen trocknend, deſſen kindliche Schönheit ſein ganzes Herz erfreute. „Der Vater iſt fort, fort in die weite Welt, ſchon länger als eine Woche,“ entgegnete das Mäd⸗ chen mit einem leiſen Schauder. Johannes ſchwieg eine Weile und ſchaute trübe vor ſich nieder, endlich ſagte er leiſe: „Und wißt Ihr gar nicht, wohin er gegangen, auch nicht, warum er abermals Weib und Kinder ver⸗ laſſen?“ „Ach, Johannes,“ ſagte das Mädchen,„davon zu ſprechen, iſt nun gerade das Allerſchrecklichſte. Es war fürchterlich hier im Hauſe! Der Vater beküm⸗ merte ſich nicht um die Wirthſchaft, war Nächte lang außer dem Hauſe und hat das Geld, was der Oheim aus Magſtatt der Mutter gegeben, alles wieder durch⸗ gebracht. Kam er dann einmal nach Hauſe, Herr Gott, welch ſchreckliches Gezänk gab es dann, und mit welchen böſen Namen nannte ihn die Mutter. Ach Ihr beiden Brüder, Du und Chriſtoph, Ihr ſeid glücklich geweſen, weil Ihr das Alles nicht gehört und nicht geſehen. Gott! und dann wüthete der Vater wieder gegen den Heinrich, der ſchon bei zwei Lehrherren war, aber immer fortgejagt wurde, weil er allerlei unnütze Streiche gemacht. Ach, Johannes, wie hat er den armen Jungen geſchlagen, und er nannte ihn Dieb und Abſchaum und ſtieß ihn mit dem Fuße, und dann ſagte die Mutter, das wäre alles ſeine eigene Schuld, er hätte den Jungen, der ſeinen Namen habe und während ſeines Herumtreiberlebens zur Welt ge⸗ komm Rad! verflu der V lief d und wie i mögen an a hätte wir a Reinl Witw wieder freilich iſt, al I Hölle Den 2 Vater Ofen, drei C in me „Koch Abend rübe igen, ver⸗ avon küm⸗ lang heim urch⸗ Herr und zutter. r ſeid ehört e der i zwei weil unes, lannte 77 kommen ſei, auf dem Gewiſſen, und wenn er einſt aufs Rad käme, da würde er ihn noch in ſeinem Todeskampfe verfluchen. Siehſt Du, ſo war es alle Tage, wenn der Vater zu Hauſe kam, und war er abweſend, dann lief die Mutter in der Stadt umher und ſuchte ihn und ſaß hier, und ſaß dort, und erzählte allen Leuten, wie ihr Mann ein Trunkenbold ſei und ihr Ver⸗ mögen durchgebracht habe, und wie die Reinboldin an allem ihrem Unglück ſchuld ſei, denn wegen der hätte der Vater eine Bürgſchaft geleiſtet, durch die wir alles Unſrige verloren, und ſie ſagte dann, die Reinbolds, ſowohl der verſtorbene Förſter als die Witwe, hätten's dem Vater angethan, und dann war wieder ſchrecklicher Zank mit dem Heinrich, der wohl freilich nicht gutthut, aber doch wohl nicht ſo ſchlecht iſt, als bald der Vater, bald die Mutter ihn machen. „So haben wir gelebt; ach, Johannes, in der Hölle kann es nicht ſchlimmer ſein als hier im Hauſe. Den Donnerſtag, vorgeſtern vor acht Tagen, kam der Vater nach Hauſe und ſetzte ſich ſtill in die Ecke am Ofen, ich kam gerade aus dem Hofe und brachte drei Eier aus den Hühnerneſtern. Der Vater ſah ſie in meinem Körbchen liegen und ſagte ganz freundlich: „Koch mir die, mein Gretelchen, ich will ſie zum Abendbrot eſſen.“— Da fährt die Mutter auf und 7 ſchreit:„Ei ja doch, Du mußt immer was beſſeres haben als wir; wenn wir nichts anderes als Heidegrütze haben, kann ſo ein Nichtsnutz wohl auch damit zufrieden ſein,“ und ſo nahm ſie die Eier und warf ſie zu Boden. Da ſtand der Vater auf, er ſah blaß aus wie eine Leiche, und zum erſtenmal ſah ich, daß ihm das Haar auf der Stirn vorn ſchon ganz grau war. „Es iſt gut, Katharina,“ ſagte er, und er war dabei ganz ruhig, ‚„Du machſt mir leicht zu thun, was doch wohl gethan ſein muß.— Schau! einmal ging ich von Dir fort im Uebermuth; zuſammen ge⸗ hörten wir nun einmal nicht, das hätteſt Du fühlen müſſen, für mich gehörte eine Frau, die mit mir Geduld hatte und vor der ich Reſpekt haben konnte. Du kamſt mir nach— aus Liebe ſagteſt Du, pah! ich kenne Deine Liebe! Die iſt nicht geduldig, nicht demüthig, und bedeckt nicht der Sünden Menge, wie's in der Schrift heißt. Du liebteſt mich aus langer Weile, und kamſt mir nach, weil's Dir Spaß macht in der Welt umher zu flankiren. Biſt mein vöſer Geiſt geweſen, ſolange wir uns kennen.— Jetzt bin ich ſo weit, daß der Teufel mich feſt hat, er braucht Dich nicht mehr um mich in die Hölle zu jagen. So geh' ich denn jetzt abermals von Dir, meinem Schickſal entgegen.— Der Kaiſer wirbt gegen! mit ei weder wohl!“ ging weinen zu ſag und Fenſte dem i 2 hanne der n ſchon n in der laut ü ſie oft man ſ ohne ins C alle S meiſten die als denen ſeres rütze amit warf blaß ihm war. war thun, nmal n ge⸗ ühlen mir unte pah! nicht tenge, aus Spaß mein hat, Hölle Dir, wirbt 79 gegen die Türken, und ein Kerl, der ſich bald zwanzig Jahre mit einem Weibe wie Du biſt herumquälte, der ſcheut weder den Teufel noch einen Türkenſäbel. Gehab' Dich wohl!— Er ſtand langſam von ſeinem Stuhle auf und ging hinaus ohne Hut und ohne zu mir, die ich weinend am Fenſter ſtand, auch nur ein einzig Wörtle zu ſagen. Ich ſah ihn aus der Thür gehen, barhäuptig, und ohne daß er ſich auch nur einmal nach dem Fenſter umblickte, ſchritt er die Straße hinab. Seit dem iſt er verſchwunden!“ „Und was ſagt die Mutter dazu?“ fragte Jo⸗ hannes mit tonloſer Stimme. „Anfangs lachte ſie bloß und meinte, ſo einer, der nicht arbeite, ſei zu Brot gewöhnt und werde ſchon wiederkehren; ſpäter lief ſie, wie es ihre Art iſt, in der Stadt herum, ihren Mann ſuchend und ſich laut über ihn beklagend, und jetzt weint und jammert ſie oft ſtundenlang lauteünd beweglich, und wenn man ſie ſprechen hört, ſollte man meinen, ſie könne ohne den Vater gar nicht leben und müßte ſich gleich ins Grab legen, weil ſie ſein Angeſicht nicht mehr alle Stunden am Tage ſieht. Was mich aber am meiſten ängſtet, iſt, daß ſie zu allerlei Weibern geht, die als böſe Unholdinnen bekannt ſind, um ſich von denen Raths zu erholen. Die Leute ſind ohnedieß nicht gut auf die Mutter zu ſprechen und ihr Thun und Gebaren mit allerlei verrufenem Geſindel ſchadet ihr noch mehr.“ „O ſie iſt eine arme unglückliche Frau, unſere Mutter!“ ſagte Johannes, ſein Tuch an die ſchwel⸗ lenden Augen drückend,„ich kann ihr nachfühlen all das Elend, was ihr das Herz zerdrückt. Sie iſt ſo ein unglückliches Geſchöpf, das, wenn es recht gezogen und geleitet worden wäre, eine Zierde jedes Stan⸗ des hätte ſein müſſen; aber zweierlei hat ihr zeit ihres Lebens gefehlt, Unterweiſung und Liebe. Gretel⸗ chen, wir Kinder wollen ihr wenigſtens die letztere von ganzem Herzen geben, ſo wird ſie am Abend ihres Lebens ſich noch glücklich fühlen. Sei nur immer recht gut und liebreich gegen die arme Mutter, herzliebes Gretel“— „Du haſt gut reden, Johannes,“ entgegnete das Mädchen einwenig ſchmollend,„es iſt leicht ein guter Sohn und liebreich gegen eine kreuzböſe Mutter zu ſein, wenn man an die hundert oder wer weiß wie viel Meilen von ihr entfernt iſt. Sei nur alle Tage mit ihr zuſammen, höre jede Stunde bei Tag und Nacht ihr Gekeife und ihre böſen Worte, ſieh, wie ſie ſtatt für ihre Kinder und ihr Haus zu ſchaffen und ſich dadurch bei Ehren zu erhalten, von einem Nachbarn zum und ſi chelnd, erfahre gelehrt in der zu erke ſie wei hat es das a⸗ er hatte 2 den,“ müthig und he keinen — s daß ein iſt ein armer hun hadet nſere zwel⸗ n all iſt ſo zogen Stan⸗ rzeit retel⸗ e von ihres recht liebes e das guter 8¹ zum andern läuft und ſich die Thüre weiſen läßt, und ſich der ſchlimmſten Nachrede ausſetzt.“ „Sag' das nicht, herzliebe Schweſter,“ antwor⸗ tete Johannes, das ſchöne Haar des Mädchens ſtrei⸗ chelnd,„ich bin wohl noch jung und habe nicht viel erfahren, aber das hat mich mein kurzes Leben ſchon gelehrt, daß das ſchlimmſte Unglück eines Menſchen in der Unfähigkeit beſteht, ſeine Pflicht recht genau zu erkennen. Das iſt auch das Unglück unſerer Mutter, ſie weiß nicht, was ihr zu thun zukäme, niemand hat es ihr gewieſen und gelehrt! Beim Vater war das anders, der hätte es ſchon eher gewußt, aber er hatte eine Art Uebermuth in ſich, der“— „O das war wohl beim Vater anders gewor⸗ den,“ unterbrach die Schweſter den Jüngling,„über⸗ müthig war der bei Gott nicht mehr, er war ſo elend und heruntergekommen, wie es kein Menſch ſich den⸗ ken kann, der ihn nicht geſehen hat. Jetzt zieht er mit ſeinem grauen Haar in der Welt herum, hat keinen Ort, wo er ſein Haupt zur Ruhe legen kann —'s iſt nicht auszudenken, Bruder Johannes, ohne daß einem das Herz bricht. Gott im Himmel! das iſt ein ſchöner Willkommgruß für Dich, Du armer, armer Junge; aber ſparen konnte ich Dir doch all das Leid nicht, da Du einmal nun gekommen biſt.“ 1857. XXI. Johann Kepler. II. 6 „Und ich will es Euch treulich tragen helfen,“ entgegnete der Jüngling,„ſprich, Gretelchen, habt Ihr Geld zum Nothwendigen?“ „Wir brauchen eben kein Geld, lieber Bruder, wir haben Mehl und Gemüſe und Hühner und Eier, Grütze, gewelktes Obſt und ſo allerlei. Einen Gro⸗ ſchen für Schuhwerk und was ſonſt noch etwa nö⸗ thig wird, ſchickk uns von Zeit zu Zeit die liebe Baſe Apollonia, Gott lohn' es ihr. Sie will mich auch nach Magſtatt nehmen, aber— ſieh, Johan⸗ nes, die Mutter mag nun ſein wie ſie will, ich könnte es ja doch nimmermehr über das Herz brin⸗ gen, ſie mit dem ſchlimmen Burſchen, dem Heinrich, allein zu laſſen.“ „So, Jungfer Margreth! Ei der Tauſend,“ ſagte eine rauhe Stimme in dieſem Augenblick und in die Thür trat ein großer wüſt ausſehender Menſch, deſſen grobe und rohe Züge eine unheimliche Aehn⸗ lichkeit mit den feinen und ſanften Johann Kepler's zeigten.„Und wer iſt denn der fahrende Schüler, wenn ich fragen darf, den meine ſaubere Schweſter beim Dämmerlicht in ihrer Kammer hat?“ „Ihr und Dein Bruder Johannes,“ entgegnete dieſer, dem Eingetretenen die Hand bietend. Heinrich Kepler ſchnippte mit den Fingern, warf geſtien zuckten es we Afen,“ habt ruder, * Eier, Gro⸗ va nö⸗ 3 brin⸗ einrich, iſend,“ ck und 83 den Kopf in die Höhe und ſagte roh:„Na, Du fehlſt hier noch in dieſer ſaubern Wirthſchaft, und ich denke, es muß der Teufel ſelbſt geweſen ſein, der Dir die Idee eingegeben, uns zu beſuchen.— Puh! macht in Satans Namen die Fenſter zu bei dem Unwetter, es ſcheint, Ihr habt keine Augen und keine Ohren, weil Ihr nicht ſeht und nicht hört, daß die Welt untergehen will.“ In der That war ein furchtbares Gewitter auf⸗ geſtiegen und unter einem wolkenbruchartigen Regen zuckten Blitze, rollten Donner, ohne daß die Geſchwiſter es wahrgenommen. „Herr Gott! und wo iſt die Mutter? wo kann ſie nur ſein?“ fragte Margaretha erſchrocken. „Na, wo ſie und ihresgleichen bei ſolchem Wet⸗ ter zu ſein pflegen,“ entgegnete Heinrich grinſend, „draußen auf irgendeinem Hügel und da ruft ſie dem Winde zu und ſingt den Donner wach, der ganzen Welt zum Schaden und Elend.“ Johannes warf einen fragenden und ängſtlichen Blick auf die Schweſter. Niemand konnte in jener Zeit im Zweifel ſein über das, was der wüſte Jüngling hier ſeiner Mutter nachſagte. Die Hexen, an deren Eriſtenz und böſe Thaten jedermann ſo feſt als an das Daſein Gottes glaubte, wurden an⸗ 6* geſchuldigt, auf Hügeln und Feldern das Ungewitter durch gewiſſe Reime und Zauberſprüche anzulocken, und ſicherlich war damals gefährlicher der Hexerei als des Mordes angeſchuldigt zu werden. „Schäme Dich, Heinrich,“ ſagte Johannes, als Margaretha ſchweigend zu Boden ſah,„ſolche Dinge Deiner eigenen Mutter nachzureden, die doch wohl des Elends genug hat, und wenn ſie zaubern und hexen könnte, wohl lieber ſich Geld und Gut und die Liebe ihres Mannes ſchaffen als andern Men⸗ ſchen nutzlos Böſes zufügen möchte.“ Heinrich Kepler drehte ſich auf dem Abſatz herum und pfiff gellend auf dem gekrümmten Zeige⸗ finger. 3„s iſt ſpät und mich hungert,“ ſagte er dann, „gib mir Brot und Branntwein, Gretel, dafür geb⸗ ich Dir hier Fleiſch auf morgen genug für uns alle und auch für den gelehrten Herrn, der nun hier wohl ſein Logement aufſchlagen wird.“ Er griff dabei in die weiten Taſchen im Puff ſeiner Hoſe und zog aus denſelben drei Enten mit zerſchoſſenen Köpfen, vier in Schlingen gefangene Feldhühner und ſechs Wachteln hervor und warf das Wild auf den Fußboden. „Um des Heilands willen, Heinrich,“ rief ent⸗ * ewitter llocken, Hexerei es, als Dinge h wohl rn und zut und n Men⸗ Abſatz Zeige⸗ r dann, m Puff ten mit fangene d warf rief ent⸗ 85 rüſtet der ältere Bruder,„welch ein Handwerk treibſt Du?“ „Ein einträgliches, wenngleich etwas gefähr⸗ liches,“ entgegnete lachend der Vagabundus,„Du darfſt übrigens nicht miteſſen, wenn Du kein Behagen an herzoglichem Wildpret haſt.“ „Das werde ich auch nicht,“ ſagte Johannes ernſt,„und mit meinem Wiſſen und Willen ſoll auch nie geſtohlenes Gut auf meiner Mutter Tiſch kommen.“ In dieſem Augenblick ward unten die Haus⸗ thür, welche Margaretha unverſchloſſen und Heinrich ganz und gar offenſtehen gelaſſen, mit Gekrach zu⸗ geſchlagen, haſtige Schritte eilten über den Flur und eine laute Stimme rief:„Margaretha!“ „Die Mutter!“ ſagte das junge Mädchen ängſt⸗ lich und eine Minute darauf trat Katharina Kepler in das Kämmerchen, wo drei ihrer ſo verſchiedenen Kinder beiſammen waren. Johannes würde ſie nicht erkannt haben, ſo ſehr war ſie während ſeiner Abweſenheit gealtert und verändert. Das einſt glänzende röthliche Haar war ſchnee⸗ weiß geworden und ſtach wunderlich ab gegen die lebhaft braunen Augen, die unter den noch dunklen 86 und buſchigen Brauen wie zwei glühende Kohlen fun⸗ kelten. Die Naſe erſchien in dem abgemagerten, ver⸗ fallenen Geſichte unverhältnißmäßig groß, und einen ganz eigenthümlichen Eindruck machte es, daß der Mund noch den jugendlichen Schmuck blendendweißer, aber faſt wie bei einem Raubthiere einzeln ſtehender Zähne behalten. „Mutter!“ ſagte Johannes, ihr entgegentre⸗ tend,„herzliebe Mutter, heißt mich willkommen und ſegnet den heimgekehrten Sohn!“ Die ſeltſame Frau ſtutzte, zitterte und warf ſich dann mit einem gellenden verzweiflungsvollen Schrei an die Bruſt des Jünglings. Weinend küßte er die Stirn, die Lippe, die Hand ſeiner Mutter, und dieſe zog ihn unter Schluch⸗ zen, Lachen und lautem Jammern in das gemeinſame Wohnzimmer, wo die alten Hausgeräthe der Fami⸗ lie, trotz ihrer verkommenen Geſtalt, dem Eintreten⸗ den den erſten ſanften Willkommen zuzurufen ſchienen. Die Mitternacht war herangekommen, als Jo⸗ hannes Kepler in die Kammer ging, wo eine Lager⸗ ſtätte für ihn hergerichtet worden war.— Es war ihm zu Muthe, als ob durch das ganze verwüſtete Vaterhaus eine bald glutheiße, bald eiſigkalte, alles Leben in der eigenen Bruſt ertödtende Atmoſphäre — wehe ſterch mere trotz ſchen Bett niede der Bub Hau Seit ren kaur Mu Ma ben ſie gen bald in ſe hauß n fun⸗ 1, ver⸗ einen iß der veißer, hender gentre⸗ n und urf ſich Schrei de, die ſchluch⸗ inſame Fami⸗ atreten⸗ hienen. ls Jo⸗ Lager⸗ s war wüſtete , alles oſphäre 87 wehe, in welcher ſelbſt Gretchen, ſein holdes Schwe⸗ ſterchen, trotz der ihr innewohnenden Kraft verküm⸗ mere und ſich in ſeltſam ſchiefer Weiſe entwickele. Seine Seele war bis in den Tod betrübt und trotz ſeiner Ermüdung, trotz der immer noch herr⸗ ſchenden Gewitterſchwüle, ſaß er auf dem Rande ſeines Bettes und ſtarrte mit gefalteten Händen vor ſich nieder auf den Fußboden. Der Vater hatte die Seinen verlaſſen, der Bru⸗ der— Gott beſſere ihn— war ein nichtsnutziger Bube; das ſchöne Schweſterchen, zu keiner Arbeit für Haus und Familie angehalten, erſchien auf einer Seite frühreif und erfahren in tauſend Dingen, de⸗ ren trauriges Daſein ein ſo junges Mädchen ſonſt kaum ahnt, und das Weſen ſeiner unglücklichen Mutter hatte etwas ſo ſeltſam Verwildertes, alles Maß Ueberſchreitendes, daß der Jüngling faſt glau⸗ ben mochte, die arme Frau ſei irrſinnig. Bald hatte ſie den heimgekehrten Sohn mit wilden Liebkoſun⸗ gen überhäuft, ſein Wiſſen ihren Stolz genannt, bald ihn von ſich geſtoßen, mit eigenthümlichen Blicken in ſeine Augen geſchaut und ihn gefragt, ob er über⸗ haupt etwas? und was er denn wiſſe? Sprach ſie von ihrem Gatten, ſo geſchah dieß bald in Ausdrücken der überſchwänglichſten Zärtlich⸗ keit, und dann wieder mit ſo bitterem Groll, daß man hätte glauben mögen, ſie ſei von zwei ganz verſchiedenen Männern verlaſſen worden. Nichts im Haushalte war dem jungen Manne ordentlich und geregelt erſchienen, nichts deutete auch nur darauf hin, daß ſich die Familienglieder durch gemeinſame Thätigkeit und aufrichtige Liebe das Leben zu verſchönern ſtrebten. Der Seele des Jünglings ſchwebte das Bild eines heiteren liebevollen Familienlebens vor, in dem Arbeit, Liebe und heilige Frömmigkeit alle Glieder mit einander zu einem ſtillen, ſich täglich und ſtünd⸗ lich erneuernden Glück verbanden, einem Glück, das wie das rieſelnde Waſſer einer friſchen Quelle im⸗ mer dasſelbe und doch in jedem Augenblick ein neues iſt, das alle Erdenfreuden keimen, wachſen und er⸗ blühen läßt, während es in ſeinem tiefen reinen Spie⸗ gel den ganzen Himmel zurückſtrahlt. Ein ſolches Familienleben hatte er einſt gekannt, ſeine Kindheit hatte ſich darin entwickelt, und der Quell desſelben war dem warmen und ſtarken Her⸗ zen Apolloniens entfloſſen.— Sie, die ſanfte thätige Freundin ſeiner Jugend, war, das fühlte er deutlich, die eigentliche Schöpferin und Bildnerin ſeines Ich. Er gedachte ihrer mit innigſter Dankbarkeit; wie hoch nen ſendf Mon er ſei den 8 merfe auf kramp ll, daß ganz Manne re auch durch de das s Bild in dem Glieder ſtünd⸗ ck, das lle im⸗ neues und er⸗ n Spie⸗ gekannt, nd der en Her⸗ thätige deutlich, ees Ich. it; wie 89 hoch er ſie aber auch ſtellte, ein Gefühl, dem er kei⸗ nen Namen zu geben wußte, feſſelte ihn mit tau⸗ ſendfachen Liebesbanden an ſeine arme, in jedem Momente irrende Mutter. In Gedanken an ſte, die frühe Greiſin, ſchlug er ſeinen trüben Blick empor und ſein Auge fiel auf den Nachthimmel, der ſterngeſchmückt in ſein Kam⸗ merfenſter blickte. „Wie wüſte auch das Kämmerlein ſei, in dem ich auf Erden weile,“ dachte er mit einer Art von Herz⸗ krampf, der ihm die Bruſt zu zerſprengen drohte,„der Himmel mit ſeinen Sternen ſchaut doch hinein. Gott iſt überall!“ Er trat ans Fenſter und blickte nach oben. „Wie fallen Eure Strahlen ſo klar in mein dunkles Herz, Ihr Gottesaugen, goldene Himmels⸗ lichter,ſ“ dachte er.„Was ſeid Ihr, Ihr goldenen Sterne? Cherubim und Seraphim am Throne des Allerhöchſten? Engel, welche die ſchlummernde Erde bewachen? Eine Chifferſchrift, dem Eingeweihten les⸗ bar und ihm ſein eigenes und ſeiner Mitmenſchen Geſchick verkündend, wie es von Ewigkeit geſchrieben war im Buche des Lebens?“ Bebend drückte er die gefalteten Hände auf das klopfende Herz;„Was Ihr auch ſeid, Ihr Sterne, Ihr ſteht wie mein Ich mit ſeinem Streben, Leiden, Hoffen und Wünſchen in der Hand Deſſen, Der beides i*ſt, die höchſte Weisheit und die höchſte Liebe; was zage ich denn? Auch der Schmerz, den ich leide, iſt nur ein Band mehr, an dem Er mich zu ſich zieht. Herr! in Deine Hände empfehle ich meine Seele!“ Das Gebet hatte das jugendliche, Gott vertrau⸗ ende Herz beruhigt. Im Frieden ſchlummerte der Jüngling in dem öden Vaterhauſe und erwachte mit ruhigem Muthe und dem feſten Willen, für die Sei⸗ nen zu thun, ſoviel in ſeinen Kräften ſtünde. Es gab ſo manches für den verſtändigen Sohn — zu richten und zu ſchlichten, ehe er auch nur einen vollen Einblick in die ökonomiſche Lage ſeiner Mutter ſich verſchaffen konnte. Zu ſeiner Beruhigung erkannte er indeß nach manchen Arbeiten und Mühen, daß Katharina Kepler zum mindeſten nicht ſo arm ſei, um andern Menſchen zur Laſt fallen zu müſſen. Johann Kepler ſchrieb nun an ſeinen Oheim und Pathen Guldenmann und mit deſſen umſichti⸗ gem Beiſtande ward für die Zukunft Katharinens beſtmöglichſt Sorge getragen, indem die Kapitalien, in deren Beſttz ſie ſich noch befand, ordentlich beſtätigt wurden. Meiſter Guldenmann zahlte auf Apolloniens dringende Bitte eine nicht unbedeutende Summe an di die be hatten wildeſ dem e ſchmie 2 Leonbe von 2 Zeit d des d allema vortref auf, u ſeiner Leiden, beides e; was eide, iſt h zieht. Seele!“ vertrau⸗ erte der chte mit die Sei⸗ n Sohn ir einen Mutter erkannte den, daß arm ſei, ſſen. Oheim umſichti⸗ harinens pitalien, beſtätigt olloniens Summe 91 an diejenigen Gläubiger der kepleriſchen Eheleute, die begründete Forderungen an dieſelben zu machen hatten, und machte noch einen letzten Verſuch mit dem wildeſten Sprößling ſeiner Nichte, dem Heinrich, in⸗ dem er ihn in die Lehre zu einem tüchtigen Meſſer⸗ ſchmied that. All dieſes ward durch Briefe beſeitigt, die zwiſchen Leonberg und Magſtatt gewechſelt wurden. Die Fürſten von Thurn und Taris beſorgten ſchon ſeit längerer Zeit die Beförderung derſelben in einem großen Theil des deutſchen Reiches, und Johann Kepler ſegnete allemal, wenn er Briefe bekam und abſandte, die vortreffliche Anſtalt, die es entfernten Freunden und Verwandten doch möglich machte, einander Zeichen ihres Wohlwollens zukommen zu laſſen. Als aber nach Kräften für Mutter und Schwe⸗ ſter geſorgt war, als der wilde Heinrich das Haus verlaſſen und Gretchen mit des Bruders Johannes Hilfe das Haus einwenig in Ordnung gebracht hatte, ſchnürte dieſer ſein Ränzelchen und machte ſich auf, um den Reſt ſeiner Vakanz bei den Beſchützern ſeiner früheſten Kindheit in Magſtatt zuzubringen. Zehntes Kapitel. zu b unmi Es war Abend, die untergehende Sonne warf ihre letzten Strahlen in den Garten, unter deſſen Lan Bäumen Johannes ſeine Augen zuerſt für die Schön⸗ nicht heit der Schöpfung geöffnet. Unter dem von reifer ſie de Frucht beſchwerten Apfelbaum, deſſen Blüten ſo iſt el oft auf ſein lächelndes, ſchlummerndes Kinderantlitz uns niedergeflogen, ſaß der Jüngling neben ſeiner müt⸗ mitge terlichen Freundin und hielt ihre bleiche Hand in ſeinen jugendlichen Händen. und n Er hatte heftig geweint, jetzt blickte er entput In a in ihr ſanftes Geſicht und ſagte beruhigt: ner g „Nun iſt mir wohl, ich habe endlich, endlich ein⸗ einzig mal eine Seele gefunden, der ich alle Schmerzen Moſes mittheilen kann, welche die meine durchbeben, eine Seele, und von der ich gewiß bin, daß ſie meinen Kummer be⸗ kenntn klagt, ſelbſt da, wo ſie den Grund desſelben vielleicht Veran verdammen muß. Kreuz „Fürchte das nicht von mir, mein geliebter Sohn,“ Mutt entgegnete Apollonia,„warum ſollte ich den Grund mir d Deines Kummers verdammen?“ und „Weil er im Unglauben liegt, meine Mutter, in ſei weil ich, ſo jung ich auch bin, mich erkühne, dasjenige Mutt te warf r deſſen Schön⸗ dlich ein⸗ chmerzen ne Seele, nmer be⸗ vielleicht r Sohn,“ n Grund Mutter, dasjenige 93 zu bezweifeln, was die Weiſeſten unſerer Zeit den unmittelbaren Ausſpruch Gottes nennen.“ „Die Weiſeſten unſerer Zeit und unſeres Landes,“ ſagte Apollonia milde,„ſind aber noch nicht die weiſeſten des Menſchengeſchlechtes, und was ſie den unmittelbaren Ausſpruch der Gottheit nennen, iſt eben nur ihre eigene Auslegung des uns in der Bibel und andern heiligen Schriften mitgetheilten göttlichen Wortes.“ „Wie, meine Mutter,“ rief der Jüngling eifrig und mit flammenden Wangen,„ſo zweifelt auch Ihr? In allen Ländern der Erde hat es erleuchtete Män⸗ ner gegeben, welche die Uebung der Tugend als den einzigen Weg zu Gott bezeichneten. Darin ſtimmen Moſes und Zoroaſter, Koufuzius und Mahomed, Buddha und Sokrates mit einander überein. Zu dieſer Er⸗ kenntniß bedürften wir nicht der geheimnißvollen Veranſtaltungen der Erlöſung, nicht des Mittlers am Kreuze vergoſſenes Blut. Sprecht es aus, geliebte Mutter, daß dieß auch Eure Anſicht iſt, und gebt mir dadurch die Erlaubniß, Gott den Herrn einzig und allein da zu ſuchen, wo ich ihn immer finde, in ſeiner heiligen Schöpfung. Sprecht es aus, meine Mutter, und macht mich frei von der traurigen Ver⸗ pflichtung, in Zukunft zu lehren, was ich vielleicht ſelbſt nicht glaube, und mich in Streitigkeiten zu miſchen, die mir nicht nur betrübend und ſchädlich, ſondern auch ganz zwecklos und unſinnig erſcheinen.“ „Du mißverſtehſt mich, mein Sohn,“ entgegnete Apollonia,„und das kommt wohl daher, weil ich das, was ich meine, nicht in regelrechter Weiſe ausdruük⸗ ken kann Gewiß, in allen Ländern und bei allen Völkern hat es große und gute, von Gott begeiſterte Menſchen gegeben, welche die Tugend als den einzigen Weg zu Ihm bezeichneten und ihn muthig voran wandelten. Aber, mein Sohn! ſchon das Streben nach Verſöhnung mit Gott, entſpringend aus dem Be⸗ wußtſein unſerer eigenen Fehlerhaftigkeit und Schwäche gegenüber der Vollkommenheit des Ewigen, iſt etwas rein Menſchliches und hoch Erhabenes. Das Chri⸗ ſtenthum lehrt uns dasſelbe. Die Kämpfe, welche die menſchliche Seele kämpft, um mit ſich ſelbſt und dem Ideal, das wir in Chriſtus erkennen, in Ein⸗ klang zu kommen, ſind Beweiſe unſeres himmliſchen Urſprunges. Der geduldig, verzeihend, liebend und in Gottes Willen ganz ergeben am Kreuze ſterbende Erlöſer iſt der höchſte Triumph des echt Menſchli⸗ chen. Und ſo erhaben ſein Leben und ſein Wirken über Moſes, Sokrates und allen den großen Män⸗ nern ſteht, die Du genannt, ebenſo erhaben iſt — ſeine aufopf Johan ſich jer auch a gutem lehren Du ei leeren ben fä ſoweit Opferf iſt ein ten S inzigen in Ein⸗ mliſchen nd und terbende dtenſchli⸗ Wirken Män⸗ ben iſt 9⁵ ſeine milde Lehre der Liebe, Vergebung und Selbſt⸗ aufopferung über ihren Lehren.— Ich denke, mein Johannes, ſie wird nur nicht verſtanden von vielen, die ſich jetzt ihre Prieſter nennen, welcher Konfeſſion ſie auch angehören mögen. Wirſt Du, mein Sohn, mit gutem Willen, in Liebe und Selbſtaufopferung zu lehren und zu leben, ein Prieſter Gottes; ſo mußt Du ein ſolcher ſein, wie er unſerer verwirrten liebe⸗ leeren Zeit noththut. Soweit Du ſelbſt zu lie⸗ ben fähig biſt, kannſt Du auch nur die Liebe Gottes, ſoweit Du ſelbſt Dich zu opfern bereit biſt, die Opferfreudigkeit des Erlöſers erkennen. Der Glaube iſt ein Schatz, den wir in der eigenen gottbegeiſter⸗ ten Seele und ſonſt nirgend finden können. Es iſt der Stein Opal, der ſein eigenes Licht ausſtrahlt und in der Dunkelheit, die den Ungelehrten umgibt, vielleicht am hellſten glänzt. Wie prächtig aber muß der Opal ſein, den der Weiſe und Gelehrte beſitzt und der ſeinen ſchönen Glanz nicht einbüßt im Lichte der Wiſſenſchaft!— Ich, mein Sohn, beſitze den erſteren, Du ſollſt und wirſt Dir den letzteren erwerben. Deine Zweifel ſelbſt ſind mir Beweiſe und werden es einſt auch Dir ſein, wie eifrig Du nach der Wahrheit und dem Lichte des Glaubens geſucht.“ „So möge der Heiland mich erleuchten und mir ſeinen heiligen Geiſt ſenden, den Tröſter, den er denen verheißen, die ſich nach Ihm ſehnen,“ ſagte Johannes, ſein jugendliches Haupt an den Buſen der mütterlichen Freundin lehnend.„Lebe denn wohl, meine geliebte Mutter, ich werde mich bemühen, ein Pfeiler der unſichtbaren Kirche zu werden, die ohne Rückſicht auf die Konfeſſion alle die Seelen vereint, die nach der Erkenntniß Gottes als des höchſten Gutes ſtreben, und die heilige Liebe des Erlöſers nachzuahmen ſuchen. Lebe wohl und ſegne mich.“ Apollonia erhob die thränenfeuchten Augen zum Himmel, legte die Hand auf des Jünglings Haupt und ſagte leiſe:„Der Friede Gottes, der höher iſt als alle menſchliche Vernunft, bleibe Deiner Seele in allen Lebenslagen!“ Es waren die letzten Augenblicke geweſen, die dieſe in innigſter Liebe vereinten Menſchen mit ein⸗ ander im Geſpräch verlebt. Apollonia hatte ſchon geſtern eine Kiſte mit Wäſche gepackt und ‚zu Handen des ehrenwehrten Studenten der Gottesgelahrtheit Herrn Johannes Kepler in Tü⸗ bingen,“ abgeſendet; auch das Reiſebündel des ab⸗ gehenden Sohnes war längſt geordnet, verſchnürt und mit allem wohlverſehen, was er möglicherweiſe auf dem Wege brauchen konnte. Morgen beim Grauen des er ſi Hälft Tage erreich Schla die d thigen entgeg ich W um dr über d Mante nunge deckt. Schlei Seele lichen nicht 1 dern das C Weiß 1857. er, den ſagte Buſen wohl, den, ein ie ohne vereint, höchſten Erlöſers nich.“ Augen unglings er höher er Seele ſen, die mmit ein⸗ des ab⸗ hnürt und icherweiſe Grauen ⁷ 9 des Tages, wann im Hauſe noch alles ſchlief, wollte er ſich aufmachen und rüſtig ſchreitend die größere Hälfte des Weges zurücklegen, ſo daß er am nächſten Tage bei guter Zeit die ehrwürdige Stadt Tübingen erreichen mochte. „Verſpricht mir, liebe Mutter, Euch von Eurem Schlaf nichts abzubrechen,“ ſagte der Jüngling, als die Rührung ſchwand und allmälich dem wehmu⸗ thigen Gefühl des Abſchiedes Platz machte. „Das kann ich mit gutem Gewiſſen, mein Sohn,“ entgegnete Apollonia„und Du darfſt glauben, daß ich Wort gehalten habe, auch wenn ich Dir morgen um drei Uhr ſelbſt den Abſchiedstrunk reiche. Ich bin über die Jahre hinaus, denen der Schlaf ein goldener Mantel iſt, welcher alle Leiden und Sorgen, alle Hoff⸗ nungen und Befürchtungen ebenſo feſt als ſchwer be⸗ deckt. Mein Schlaf iſt nur noch ein dünner leichter Schleier, den ein Hauch emporweht und der meine Seele faſt nie ganz von dem Bewußtſein des Wirk⸗ lichen ausſchließt. Ich werde erwachen, bevor Du gehſt, nicht weil Du mich weckſt, nicht weil ich es will, ſon⸗ dern allein, weil auch im Schlummer der Mitternacht das Gefühl des Abſchiedes in mir wachbleiben wird. Weiß ich denn, mein Johannes, ob ich Dich jemals 1857. XXI. Johann Kepler. II. 7 wiederſehe? Wenn man älter wird, kann jeder Ab⸗ ſchied der letzte ſein.“ „Gott wird geſtatten, meine Mutter,“ ſagte der Jüngling,„daß Ihr künftig an dem Mann Freude erlebt, in deſſen Kinderherz Ihr die erſten Saatkör⸗ ner des Guten geſtreut habt, und nun kommt ins Zimmer, der Oheim will, daß wir die Abendſtunden noch mit ihm zubringen, und Vetter Mathias, Euer rechtſchaffene Mann, neckt Euch oft genug über Eure Vorliebe für mich und ſagt, er hätte allen Grund zur Eiferſucht.“ Es war ein Abſchiedsabend, der auf dieſe Un⸗ terhaltung folgte. Wer hätte einen ſolchen nicht in ſeinem eigenen iſt da erfüllt mit den Thautropfen der Wehmuth und überglänzt von dem Sonnengolde höchſter Liebe, und der Hauch jedes Wortes, der über die Lippe flieht, läßt das Herz wie der Windhauch die bethaute ſonnenbeglänzte Wieſe, in allen glänzenden Farben des Regenbogens erſchimmern. Meiſter Guldenmann war geſund nach der Kur des wackern Rabbi Löw, aber er war über ſiebzig Jahre alt und hatte längſt ſein Haus für den Fall ſeines Todes beſtellt. Mathias Wellinger ſtand zwar noch in jener Lebensepoche, die man die beſten Jahrt Leben kennengelernt? Jeder Moment zu ner zarte cher T nes ſ ſolches Kinde und milde wie d eines ches. weſen! eine m Die Hoffn Quell zwar der G wärts an d Magſt dort lich fi er Ab⸗ gte der Freude aatkör⸗ nt ins ſtunden 3, Euer der Eure Grund Behmuth er Liebe, ie Lippe bethaute Farben der Kur ger ſiebzig den Fall ſtand zwar ten Jahrt 99 zu nennen pflegt, aber er war ſehr leidend, und ſeine zarte ſchwächliche Gattin pflegte ihn mit unermüdli⸗ cher Treue. Das Haus in Magſtatt, in dem Johan⸗ nes ſeinen Kindheitstraum geträumt, war eben ein ſolches, das ſich nicht verjüngt durch nachwachſende Kinder; das Leben darin ſchlummerte allmälich ein, und die Blüten der Gemächlichkeit, der Ruhe, des mildeſten Friedens, der nie geſtörten Sauberkeit waren, wie die ſchönen, ſtillen Waſſerroſen auf der Fläche eines Teiches, ein zwar anmuthiges, aber untrügli⸗ ches Zeichen des Stillſtandes. Die jugendfriſche An⸗ weſenheit Johann Kepler's brachte neues Leben, eine mächtige Bewegung in dieſe liebliche Stagnation. Die Sorge für ihn, der Schmerz des Abſchiedes, die Hoffnung auf ſeine Zukunft, das war der lebendige Quell, der durch den ruhigen Teich rauſchte und zwar viele ſeiner Blumen wegriß, aber ihn auch vor der Gefahr des Verſumpfens bewahrte. Auf ſeinem Wege nach Tübingen rüſtig vor⸗ wärts ſchreitend, dachte der wackere ‚ſahrende Schüler⸗ an das ſtille Haus und die liebenden Herzen in Magſtatt mit milder Innigkeit, und die alten Leute dort ſegneten ihn, beteten für ihn, und ſorgten freund⸗ lich für ſeine Bedürfniſſe. Wollte er zur rechten Zeit und pünktlich bei 7* 100 Eröffnung der Kollegien in Tübingen ſein, ſo konnte er in der ſchönen Reſidenzſtadt Stuttgart ſich höch⸗ ſtens ſo lange aufhalten, um in einem Gaſthofe einen Krug Wein zu ſeiner Erquickung für den weiteren Weg zu trinken. Er trat daher, als er über den Markt ſchritt, in die Thür des erſten, der ſich ihm zeigte, ‚zur goldenen Traube“ genannt. Es war da eben ein gewaltig reges Leben, vor⸗ nehme Herrſchaften aus dem fernen Böhmen, die ſich, wie er ſagen hoͤrte, auf einer großen Reiſe durch das ganze deutſche Land befanden, waren dort ab⸗ geſtiegen. In dem Hofe ſtanden zwei ſtattliche Karoſſen, vergoldet mit Spiegelfenſtern und an den Thüren mit einem Wappen geziert, und ein minder glän⸗ zender Wagen. In dem Gaſtzimmer, wo der fahrende Schüler beſcheiden ſein Ränzelchen und Baret an der Thür an ſeinen Stab gehängt hatte, ſaßen ein Paar gewaltig hochmüthig blickende, betreßte Herren, und erwiederten den höflichen Gruß des Jünglings nur ſehr oberflächlich. Sie ſprachen in einem Idiom, des dem jungen Schwaben ganz fremd, jedoch kei⸗ neswegs eine gelehrte Sprache, ſondern echtes Böh⸗ miſch war. „Wenn's Euch nicht unangenehm iſt, Herr Stu⸗ dente,“ ſich eb in Ru im Ge ſeid I Wege. ſchon Herrſch es hat ich zeie ₰ auf de die tro beladen ſaß der zenden fronte herſchw welche E bald in doch ſo heimatl konnte Hhöch⸗ fe einen beiteren ſchritt, te, ‚zur en, vor⸗ nen, die iſe durch dort ab⸗ karoſſen, Thüren er glän⸗ fahrende haret an laßen ein Herren, lünglings 101 dente,“ flüſterte der Wirth in Kepler's Ohr, als er ſich eben nach einem Sitze umſah, wo er ſeinen Wein in Ruhe genießen möchte,„ſo kommt unter die Laube im Gärtchen, dort iſt es kühl und angenehm, auch ſeid Ihr ungeſtört da und zugleich niemandem im Wege. Hier in der Gaſtſtube lärmen und befehlen ſchon ſeit vorgeſtern die böhmiſchen Bedienten der Herrſchaft, die faſt mein ganzes Haus innehat, und es hat ſchon ein paarmal Streit gegeben. Kommt, ich zeige Euch den Weg.“ Johannes folgte ohne Widerrede und nahm auf der Bank in einer hübſchen Weinlaube Platz, die trotz der ſpäten Jahreszeit noch mit Trauben beladen war. Faſt verſteckt von dem üppigen Geranke, ſaß der Jüngling dort und ließ, während er die glän⸗ zenden Fenſter, Erker und Vorſprünge der Hinter⸗ fronte des Gebäudes betrachtete, ſeine Gedanken um⸗ herſchweifen, die ihn zu all den Orten trugen, an welche für ihn ſich Erinnerungen knüpften. Er war bald in Leonberg, bald in Magſteatt, bald in Ellmandingen oder in Maulbronn, hatte doch ſein junges Leben ſchon an ſo vielen Orten heimatliche Wurzeln ſchlagen müſſen, und überall, — wo er noch gelebt, hielt das Gefühl der Liebe ſeine Seele feſt. Wohl hing ſein Auge an dem ſtattlichen Ge⸗ bäude, um deſſen Pfeiler, Vorſprünge und zierliche Balkons ſich Rebgewinde ſchlangen, aber eigentlich ſah er das Alles nicht, bis plötzlich ſich die Thür öffnete, welche zu dem mittleren Balkon führte, und aus derſelben ein Weſen trat, deſſen ganze Erſchei⸗ nung blendend wie ein Sonnenſtrahl in die Seele des Jünglings fiel. Es war eine junge Dame von unſäglicher Schönheit mit kindlichem Blick aus tiefen, wunder⸗ vollen Augen und goldblondem Haare. Ihre Kleidung war ihrer Jugend angemeſſen und beſtand in einem einfachen weißen Gewande, deſſen große Koſtbarkeit — denn es war mit mechler Spitzen beſetzt— der fahrende Schüler in der Laube freilich nicht beurthei⸗ len konnte. Sie trat bis dicht an des Balkons Gitter von Schmiedeiſen, um deſſen Stäbe ſich die dunkelrothen Ranken einer Jungfernrebe ſchlangen, und ſteckte ſo⸗ gar den ſchmalen Fuß in dem Schuh von Goldleder, den ein Strumpf mit durchbrochenem Muſter kaum verhüllte, zwiſchen den Gitterſtäben und dem Blät⸗ terger Händ wand in ein Augern die d erblül ſie w derau derha de ſeine en Ge⸗ zierliche gentlich le Thür tte, und Erſchei⸗ e Seele ſäglicher wunder⸗ Kleidung einem tergeranke hindurch und legte die kleinen ſchlanken Hände auf die Bruͤſtung. Sie hatte die Thür zum Balkon offen gelaſſen, wandte ſich nach derſelben und ſagte einige Worte in einer fremden, prächtig klingenden Sprache. Einen Augenblick darauf trat eine Dame auf den Balkon, die dem engelhaften Mädchen ſo glich, wie die voll erblühte Roſe der eben erſchloſſenen Knospe. Auch ſte war blond, auch ſie hatte dieſelben dunklen Wun⸗ deraugen, und in ihren Zügen lag derſelbe Ausdruck, der ſauft und erhaben zwar Vertrauen erweckte, aber die Vertraulichkeit fernehalten mußte. Kaum hatte ſie ſich auf den Balkon neben das Mädchen geſtellt, als ein Vogel durch die geöffnete Thür ins Freie flog und ſich auf die Laube ſetzte, in welcher Johannes ſeinen Wein zu trinken begon⸗ nen hatte. Ja es war ein Vogel, daran konnte kein Zwei⸗ fel obwalten, aber ein ſolcher, wie ihn die Augen des Studenten noch nie geſchaut. Er hatte eine hoch⸗ rothe Bruſt, grau und grün gemiſchte Flügel, einen krummen Schnabel, glänzende Augen mit goldgel⸗ ben Ringen und ein reizendes, mit einer rothen Fe⸗ derhaube geziertes Köpfchen. Die beiden Damen auf dem Balkon zeigten 104 ſich ſichtlich erſchrocken. Die jüngere machte eine Be⸗ wegung, als ob ſie ſich über das Geländer dem ſchönen Vogel nachſtürzen wollte, während die ältere ſie mit dem Ausrufe:„Ah, Polixena!“ zurückhielt! Der Vogel indeß, der Gegenſtand dieſes Schrek⸗ kens, öffnete ſeinen krummen Schnabel und ſchwatzte Worte in verſchiedenen Sprachen, unter denen Kepler ganz deutlich den deutſchen Satz:„Sei gegrüßt, Kaiſer Rudolphl“ verſtand. Dem Jüngling war zu Muthe, als ob er ſammt der Weinlaube und allem Zubehör urplötzlich ins Feenland verſetzt ſei. Der Lärm, der ſich indeß im ganzen Hauſe verbreitete, führte ihn in die Wirklichkeit auf eine ziemlich unſanfte Weiſe zurück; denn nach einem kurzen Augenblick, während deſſen die ältere Dame einige Worte in das Zimmer gerufen hatte, erſchienen Kellner und Diener, Hausknecht, Wirth und Zimmermägde mit Spießen und Stangen, um den Flüchtling zu haſchen. Man ſchrie, man tobte, das junge Mädchen oben weinte und rang die Hände, und der verrätheriſche Flüchtling ſchwang ſich unter⸗ deſſen von Aſt zu Aſt, duckte ſich unter die breiteſten Blätter, flog endlich ungeſcheut auf den Weintiſch in der Laube und ſetzte ſich zuletzt ohne weiteres auf die Schulter Kepler's. Leiſe lockte dieſer den ſchönen Wundervogel und hiel aber men gere fremdͤ anden ſoglei und die ju warte Blicke aus und d nerte, Goldf gels ſchrock „Ew. Hauſe auf ſet mein e Be⸗ dem ältere khielt! Schrek⸗ watzte Kepler Kaiſer je, als lötzlich deß im lichkeit nach ältere hatte, Wirth 1, um tobte, Hände, unter⸗ 105 hielt ihn feſt an den Füßen, worauf er ſchüchtern aber ſehr erfreut aus der Laube trat und den Da⸗ men oben den Gefangenen zeigte. „Ah, da iſt er, er iſt gefangen,“ ſagte die jün⸗ gere in ſehr reinem Deutſch, das freilich einen etwas fremdartigen Akzent hatte,„geben Sie ihn in keine andere Hand als die meinige, bringen Sie ihn mir ſogleich, mein Herr!“ Johannes eilte dem Befehle Folge zu leiſten und trat im nächſten Augenblick in das Zimmer, wo die junge Dame faſt zitternd vor Aufregung ihn er⸗ wartete. Ohne den Ueberbringer auch nur eines Blickes zu würdigen, nahm ſie ihm ihren Liebling aus der Hand, ſtreichelte ſein geſträubtes Gefieder, und dann, als ob ſie ſich an eine Verpflichtung erin⸗ nerte, nahm ſie ſchnell aus einer Chatoulle einige Goldſtücke. Ihre Abſicht, mit denſelben das Einfangen des Vo⸗ gels zu belohnen, war ſo ſichtlich, daß Kepler er⸗ ſchrocken zurücktrat und mit bebender Stimme ſagte: „Ew. Gnaden irren ſich— ich bin kein Diener des Hauſes, ſondern ein armer Student, der zufällig auf ſeiner Reiſe hier ausruhte.“ Die Dame erröthete.„Ich bin weit entfernt, mein Herr, Sie für einen Domeſtiken zu halten,“ ſagte 106 ſie, den erſten Blick auf den Jüngling werfend,„aber ich wagte auf Ihre Güte zu hoffen, die mir das Geſchaͤft abnehmen würde, die etwas laute Dienerſchaft für die Mühe, welche mein Vogel ihr gemacht hat, zu be⸗ lohnen.“ „Ich ſtehe zu Eurer Gnaden Befehl,“ entgeg⸗ nete Johannes, und die Dame legte nun eine Summe in ſeine Hand, die ausgereicht haben würde, ein Jahrlang und länger alle ſeine Bedürfniſſe auf der hohen Schule zu befriedigen. „Ihnen, mein Herr,“ ſagte ſie dabei mit vie⸗ ler Huld,„weiß ich nicht zu danken, der Dienſt, den Sie mir geleiſtet, iſt größer, als er Ihnen erſcheinen mag; denn das ſchöne Thier, das Sie mir wieder gaben, iſt mir nicht nur an und für ſich lieb und werth, es iſt noch überdieß ein Geſchenk Sr. Majeſtaͤt des Kaiſers.“ Während dieſes kurzen Geſpräches war auch die ältere Dame in das Zimmer getreten, eine Minute darauf erſchien einer der Diener, die vor kurzem in der unteren Gaſtſtube zu vornehm geweſen waren, um in Geſellſchaft des armen fahrenden Schülers zu trinken, und präſentirte ihm auf einem ſilber⸗ nen Theebrette Wein und Honigkuchen. Die ältere Dame nöthigte den Jüngling ſich niederzulaſſen und nach beid war denn ihm, gern pfleg der pen gebe ſeine über ſein ihn gend die gelei klärt zens über dere aufb ver ich eſchäft ür die zu be⸗ ntgeg⸗ neine würde, ſſe auf nit vie⸗ ſt, den cheinen wieder eb und ajeſtät r auch Minute tzem in waren, chülers ſilber⸗ e ältere en und 107 nach wenigen Minuten fühlte Kepler zwiſchen den beiden Damen, die offenbar Mutter und Tochter waren, keine Spur mehr von blöder Befangenheit; denn beide ſprachen ſo freundlich und einfach mit ihm, wie es ſelten eine Bürgerfrau oder ein Bür⸗ germädchen bei der erſten Bekanntſchaft zu thun flegt. Als er ſich nach einer Viertelſtunde unten in der Weinlaube bei ſeinem noch faſt gefüllten Schop⸗ pen befand, war ihm zu Muthe, als ob er die Be⸗ gebenheit nur geträumt, hätte nicht das Gold in ſeiner Hand ihn von der Wirklichkeit des Erlebten überzeugt. Johannes Kepler war neunzehn Jahre alt; ſein ernſtes, den Studien gewidmetes Leben hatte ihn bis jetzt vom Umgange mit der weiblichen Ju⸗ gend ferngehalten; war es da nicht natürlich, daß die Dame, der er vor kurzem einen kleinen Dienſt geleiſtet, ſich in ſeinen Augen zu einer Göttin ver⸗ klärte? Die erſte Liebe jedes reinen Jünglingsher⸗ zens iſt faſt immer eine erhabene Geſtalt, die hoch über ihm in unerreichbarer Ferne ſteht und kein an⸗ deres Begehren erweckt, als das, anbetend zu ihr aufblicken zu dürfen. Wie war der jetzige Moment in dem Leben des ———õ— — — Jünglings den früheren Stunden ſo ganz und gar unähnlich, wie ſchien alles um ihn und in ihm ſich plötzlich umgeſtaltet zu haben. Träumend, mit hochklopfendem Herzen ſaß er in der Laube, das Gold, das aus ihrer Hand ge⸗ kommen war, lag auf dem Tiſche, vor ihm ſtand das unberührte Glas, um ihn wehte leiſe der Herbſtwind. Die Welt war eine andere geworden, eine neue Sonne war in derſelben aufgegangen, die ein glän⸗ zendes blendendes Licht über alle Gegenſtände ver⸗ breitete Die Zeit, welche er raſten durfte, war verfloſſen; ſchon neigte ſich die Sonne zum Untergange, und ihr röthliches Licht ſtahl ſich in die ſchattige Laube und ſpielte auf der Steinplatte des Tiſches, auf den glänzenden Goldſtücken, in den funkelnden Tropfen des Weins. „Wer ſie nur geweſen ſein mochte, die erhabene und liebliche Erſcheinung? woher kam ſie? wohin ging ſie?“ Dieſe Fragen beſchäftigten die Seele des Jünglings auf das lebhafteſte. Er wiederholte ſich jedes ihrer Worte, er ſtellte ſich ihren freundlichen Blick, ihr holdes Lächeln wieder und wieder vor, und dann durchzuckte ihn plötzlich der Gedanke, daß er ihr reiches Geſchenk ja immer noch der Hausdiener⸗ ſcha auf, verſ zahl hau⸗ ben, der zend Hau legte war fühle lang wohl eintr Meil feuch ſtalt ihm ziem ſich abene wohin e des aß er iener⸗ 109 ſchaft nicht abgeliefert hatte. Erſchrocken ſprang er auf, lief zu dem Wirth und bat ihn, die Leute zu verſammeln, die ſich für die Damen bemüht hatten. Er empfing den Dank und die Kratzfüße aller, zahlte ſeine kleine Rechnung, und verließ das Gaſt⸗ haus zur Traube, ohne den Muth gefunden zu ha⸗ ben, nach Namen und Stand der Damen zu fragen. Als er die Stadt im Rücken hatte und auf der Heerſtraße rüſtig nach Süden zuſchritt, das glän⸗ zende Abendroth zu ſeiner Linken und über ſeinem Haupte die erſten am Himmel aufblitzenden Sterne, legte ſich allmälich der Aufruhr in ſeiner Seele. Es war ihm aber unmöglich, ſich ſelbſt über die Ge⸗ fühle Rechenſchaft zu geben, die ihn eine Stunde lang gleichſam auf Flügeln über alles Irdiſche, Ge⸗ wohnte erhoben hatten. Wenn er morgen bei guter Zeit in Tübingen eintreffen wollte, mußte er mindeſtens heute noch zwei Meilen gehen, und ſchon lag der frühe Herbſtabend feucht und kühl über der Erde. Er ſchritt alſo rüſtig vorwärts, die ſchöne Ge⸗ ſtalt ſchien wie auf dem Abendhimmel gemalt vor ihm herzuſchweben. Der Weg war rauh und oft ziemlich ſteil, er fühlte es nicht, der Himmel hüllte ſich allmälich in Wolken, und ein feiner Regen be⸗ gann niederzurieſeln; er bemerkte es nicht. Plötz⸗ lich aber ſtieß er heftig mit dem Fuße an einen Stein, wankte, fiel und ſtürzte, ſo ſchien es ihm wenigſtens, in eine jähe Tiefe, wo ihm wie in einem tiefen Schlafe das Bewußtſein alles Gegenwärtigen, nicht aber die Erinnerung an das ſchöne Frauenbild ſchwand, das ſeine ganze Seele erfüllte. Er erwachte mit einem Gefühl, als ob ein Stein auf ſeiner Bruſt läge, und gewahrte, daß zwei Män⸗ ner in der Dunkelheit der Nacht auf einſamer Land⸗ ſtraße neben ihm ſtanden, die ſich freundlich um ihn bemühten. „Trinkt einen Schluck Wein, junger Menſch,“ ſagte der Eine mit einer ſehr wohlklingenden Stim⸗ me,„trinkt und verſucht, ob es Euch möglich iſt, nur zehn Schritte bis zu unſerm Wagen mit uns zu gehen. Ihr müßt hart gefallen ſein und dürftet leicht⸗ lich hier in nächtlicher Einſamkeit den Tod gefun⸗ den haben, wenn Gottes Schickung uns nicht eben zur rechten Zeit hierher geführt hätte.“ „Ich fühle keine Schmerzen, außer einem be⸗ ängſtigenden Druck auf der Bruſt,“ entgegnete Jo⸗ hannes,„ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihre Güte, meine Herren; ehe ich aber von Ihrem freund⸗ lichen Anerbieten, mich in Ihrem Wagen aufzuneh⸗ plöb⸗ Stein, ſtens, tiefen nicht wand, Stein Män⸗ Land⸗ n ihn eenſch,“ Stim⸗ ſt, nur gehen. leicht⸗ gefun⸗ t eben lir Ihre freund⸗ iſzuneh⸗ men, Gebrauch machen kann, wünſche ich erſt zu wiſſen, wohin Sie fahren, denn ich muß morgen bei guter Zeit in Tübingen ſein.“ „Um ſo beſſer,“ entgegnete der frühere Spre⸗ cher,„auch wir gehen nach Tübingen und mit un⸗ ſern guten Pferden werden Sie jedenfalls ſchneller als zu Fuße dorthin gelangen. Stützen Sie ſich feſt auf mich, junger Mann, unſer Wagen iſt bequem, und wenn wir in Tübingen ſind, wird Ihnen jede etwa nothwendige ärztliche Hilfe mit Leichtigkeit ver⸗ ſchafft werden können.“ Einen Moment darauf ſaß der Kranke in den weichen Kiſſen eines Wagens, einer der barmherzi⸗ gen Samariter, die ſich ſeiner angenommen, ſetzte ſich neben ihn, der andere ihm gegenüber, und zwiſchen Schlaf und Ohnmacht ſchwankend, fühlte der Jüng⸗ ling das Fortrollen des Wagens ohne Schmerz und Beſchwerde. Als die Sonne aufging, begrüßten die Reiſen⸗ den die Wellen des jugendlichen Neckar und vorüber flog der Wagen an dichtbelaubten Rebhügeln, bis er endlich in das alterthümliche Thor hineinrollte. Kepler fühlte ſich jetzt vollſtändig wohl, nach einem leichten Huſten und einigem Blutauswurf hatte ſich der Schmerz auf der Bruſt gelegt, ſeine Beſinnung 112 hatte ſich wiedergefunden, und mit aufrichtigem Her⸗ zen ſagte er ſeinen Rettern Dank für ihre Wohlthat. „Seien Sie für den Augenblick noch unſer Gaſt,“ ſagte der ältere der beiden feingekleideten Herren, „ſo lange wenigſtens, bis Sie ſich bei dem Frühſtück, das uns hier ſchon erwartet, von den Leiden und Strapatzen dieſer Nacht erholt haben.“ Kepler nahm die gütige Einladung mit Dank an und ſah ſich bald darauf in einem anſtändigen Hauſe bei einem reichverſehenen Frühſtücktiſch zwi⸗ ſchen ſeinen beiden Wohlthätern. „Geſtatten Sie mir,“ ſagte er, als er ſich hin⸗ länglich gelabt hatte,„nun auch die Namen der Männer zu erfahren, denen ich ſoviel zu danken habe. Mein Name iſt Johannes Kepler aus Leonberg.“ „Da wir uns nur ebenſo lange hier aufhal⸗ ten als nothwendig iſt, um gute friſche Pferde zu beſorgen, ſo können wir Ihrer Bitte allenfalls will⸗ fahren,“ entgegnete der, welcher faſt immer geſpro⸗ chen hatte,„zumal, mein werther Herr Kepler, Sie in mir einen Verwandten kennenlernen werden, deſſen Namen Ihnen vielleicht nicht mehr ganz un⸗ bekannt iſt. Ich heiße Johann Fickler, und mein ehrenwerther Gefährte iſt Herr Herwart von Hohen⸗ burg, Chur dieſen Affili teſtan teſtan gefür und freund Groß und i von ſ Welli auch ſie de Jüngl barkei Verw 8 den S 9 Hand 1857. Her⸗ olthat. Gaſt,“ Herren, ihſtück, n und Dank ndigen h zwi⸗ h hin⸗ mein Hohen⸗ 113 burg, beide ſtehen wir im Dienſte Sr. Gnaden des Churfürſten von Bayern.“ Ein jäher Schreck durchzuckte den Jüngling bei dieſen Namen. Seine beiden Wohlthäter waren Affiliirte der Geſellſchaft Jeſu und in dem ſtrengpro⸗ teſtantiſchen Vaterlande Kepler's, auf der ſtrengpro⸗ teſtantiſchen Univerſttät Tübingen, mochte nichts ärger gefürchtet ſein als die Jeſuiten. „Wie geht es Deiner Mutter, Vetter Kepler, und Deinen Geſchwiſtern?“ fragte Pater Fickler mit freundlicher Theilnahme.„Lebt auch Dein wackerer Großoheim Meiſter Guldenmann in Magſtatt noch, und iſt er durch die Kur des würdigen Rabbi Löw von ſeinen Leiden geheilt? und die vortreffliche Frau Wellinger, dieſer Stern von einer Frau, geht es ihr auch nur halb ſo wohl als ſie es verdient, ſo muß ſie den Himmel auf Erden haben.“ Einen Augenblick kämpfte in der Seele des Jünglings das anerzogene Vorurtheil gegen die Dank⸗ barkeit und ein Gefühl der Zuneigung für einen Verwandten, den er ſo plötzlich in der Fremde fand. Aber ſeine natürliche Güte und Geradheit trug den Sieg davon Mit Herzlichkeit ſchüttelte er die dargebotene Hand ſeines Verwandten, dankte ihm nochmals für 1857. XXI. Johann Kepler. II. 8 114 die erwieſenen Wohlthaten und beantwortete alle ſeine Fragen ſo ausführlich als möglich. Herr Herwart von Hohenburg hatte ſich bei dieſem Geſpräch ſchweigend in einen Stuhl gewor⸗ fen, während Johann Fickler lebhaft angeregt im Zimmer auf⸗ und abging. Als Johannes von ſeinem letzten Zuſammenſein mit ſeiner mütterlichen Freundin erzählte, trat Fickler mit glänzenden Augen vor ſeinen Gefährten und ſagte:„Das iſt eine Frau! man muß ſie kennen, um ſie beurtheilen zu können. Keine Heilige des ganzen Kalenders kann mehr echte wahrhafte Hei⸗ ligkeit beſeſſen haben, als ſie; es ſoll mich nur ver⸗ langen, ob ihr hoher Verſtand, ihre vielfachen und ſehr reellen Kenntniſſe und ihre ſanfte reine Fröm⸗ migkeit ihr nicht noch früher oder ſpäter die tolle Verfolgung der Zeloten zuziehen werden, die dieſe Proteſtanten ihre Geiſtlichen nennen.“ Im Augenblick ſich beſinnend, wandte er ſich dann aber an Kepler und ſagte:„Verzeiht mir, Vetter, ich will weder Euch noch Euren Glauben be⸗ leidigen, wenngleich ich das Wort, das ich ſoeben ſagte, nicht zurücknehmen kann. Hier werdet Ihr ſie kennenlernen, Vetter, dieß Tübingen iſt das ſchlimmſte Neſt dieſes Gezüchtes. Hier findet Ihr *½ 4 te alle ich bei gewor⸗ regt im menſein Fickler en und er ſich 115 Jakob Andrä, der mit an der Konkordienformel ge⸗ arbeitet und jeden, der nicht ſeiner Anſicht blind⸗ lings beipflichtet, wie der ſchlimmſte ſpaniſche Groß⸗ inquiſitor verbrennen möchte. Hier iſt Herbrand, und Stephan Gerlach, der nach der Türkei gereiſt iſt, um mit den griechiſchen Chriſten einen Bund gegen die lateiniſchen zu ſchließen, was ihm freilich nicht ge⸗ lungen iſt, noch gelingen konnte, denn dieſe Herren alle, welche die Unfehlbarkeit des Papſtes verſpotten, glauben doch ſo feſt an ihre eigene, daß ihnen jeder, der an derſelben auch nur den leiſeſten Zweifel hegt, ein gräulicher Ketzer ſcheint. Nun, Vetter, Ihr werdet ſie ja alle bald ſehen, denn ich hörte vor nicht gar zu langer Zeit, daß Ihr in Maulbronn Euch zum Studium der Gottesgelahrtheit vorbereitet.—— Der Tauſend, da ſeid Ihr dann auch wohl der fah⸗ rende Schüler, der geſtern in Stuttgart der Frau Oberſtburggräfin Polixena von Roſenberg ihren Papagei wiederbrachte. Ihre Frau Mutter, die Frau Gemalin des Oberſtkanzlers von Pernſtein, erzählte mir davon und nannte Euch einen feinen anmu⸗ thigen Jüngling. Es ſollte mich freuen, wenn dem alſo wäre, denn die Bekanntſchaft mit dieſen ſehr vornehmen und ſehr würdigen Damen könnte Euch über kurz oder lang doch von großem Nutzen ſein.“ 8* 116 „Und wer war die junge Dame, ich meine die Weißgekleidete?“ wagte Johannes mit bebender Stimme zu fragen. „Nun, wer anders als eben die Frau Oberſt⸗ vurggräfin Polixena von Roſenberg, die berühmteſte Schönheit am Hofe Kaiſer Rudolphs in Prag,“ entgegnete der Jeſuit. Ein leiſes Zittern ging bei dieſer Antwort durch die Seele des Jünglings. Die Dame, zu der er ſeine Augen in Anbetung zu erheben gewagt, ſtand nicht bloß hoch über ihm auf der Stufenleiter des Lebens, ſie war auch vermält, es war, als ob bei dieſem Worte goldene Schwingen das Weſen, das ſich ſeines jugendlichen Herzens bemächtigt hatte, über alles Irdiſche hinweg in den Aether trügen. Vergeſſen waren die harten Worte, die der Jeſuit ſoeben über die Männer geſagt, denen er die höchſte Ehrerbietung ſeines Jünglingsherzens ent⸗ gegenbrachte. Ohne ihm mit einem Worte zu widerſprechen, half er ſeinen Schützern ihre Reiſeeffekten von neuem ordnen, begleitete ſie an den Wagen, der mit friſchen Pferden beſpannt ſchon bereit ſtand, und machte ſich dann, ſein Ränzelchen auf den Rücken e die ender berſt⸗ mteſte rag,“ atwort u der wagt, nleiter ils ob Veſen, ächtigt Aether die der er die 3 ent⸗ rechen, n von n, der id, und Rücken 117 nehmend, auf, um in der fremden Stadt die kleine Wohnung aufzuſuchen, die Beſold ihm bereit hielt. Eilftes Kapitel. Das Winterhalbjahr war dem Studioſus Jo⸗ hannes Kepler auf der Univerſität Tübingen wie ein Traum verfloſſen. Bei ſeiner Prüfung und Im⸗ matrikulation hatte er in ſeinen Kenntniſſen unter den fünfundzwanzig Studenten, die mit ihm zugleich die Univerſität betraten, den zweiten Platz erhalten, und ein untadelhaftes Leben machte ihn mehr und mehr der Achtung der ſtrengen Männer würdig, zu deren Füßen er als aufmerkender Schüler ſaß. Johannes Kepler war ſchon durch ſeine zarte Natur vor den Ausſchweifungen der Unmäßigkeit, welche ſo häufig ein Fehler des deutſchen Studen⸗ ten ſein ſoll, geſchützt. Die rohen Trinkgelage, nach denen, wie es in den, Geſetzen der Univerſität heißt, diejenigen zur Strafe gezogen werden ſollten, die ſich ‚über beide Ohren vollgeſoffen, waren ihm von Hausaus ein Gräuel. Liebſchaften, die ſonſt wohl auch den beſtgea teten Jüngling zerſtreuen und von ernſten Studien zurückhalten, blieben ihm ferne; denn wie im hellen Silberlicht des Mondes keiy Luſtwandelnder wohl nach einer andern Leuchte verlangt: ſo verlangt kein jugendliches reines Herz, das ſich von einer idealen Liebe überſtrahlt fühlt, nach jenen unſauberen ſchnell erlöſchenden Kerzen, die ebenſo leicht die Hand, die ſie trägt, verletzen als verunreinigen. Johannes Kepler lebte nur ſeinem Studium. Den Herrn erkennen und ihn im Geiſt und in der Wahrheit anbeten, war der letzte höchſte Zweck ſeines Strebens, und ſeine Seele, nicht bloß ſein Ohr lauſchte den Worten, die von den Lippen ſeiner Lehrer fielen. Die Univerſität Tübingen war zur Zeit Kepler's hochberühmt durch die gewaltigen Bollwerke des proteſtantiſchen Glaubens, die ſich dort felſenfeſt und felſenhart den Fluten des Papſtthums und aller alten und neuen Ketzereien entgegenſtemmten. Die beiden Hauptpfeiler des Bollwerks, Jakob Andrä und Stephan Gerlach, hatte der Jeſuit Johann Fickler dem neuen Studenten nicht ganz unrichtig, wenn auch mit einiger Uebertreibung, geſchildert. Jakob Andrä freilich war ein arger Zelot und unduldſam im allerhöchſten Grade, Stephan Gerlach ndien ellen wohl kein ralen hnell die m. d in Zweck ſein ſeiner oler's des und aller Fakob hann ig und erlach 119 aber war, wenn auch vielleicht nicht gerade gütiger, doch bei weitem weltgewandter, wozu ihn ſeine Reiſen in den Orient und ſein Umgang mit vielen großen und vornehmen Leuten gemacht hatte. Auch gegen Kepler, den fleißigen ſittſamen Stu⸗ denten, zeigte er viel Freundlichkeit, wenngleich dieſe ſich nicht ſo weit erſtreckte, daß Kepler dadurch den Muth gewonnen hätte, ſich mit ihm über ſeine religiöſen Zweifel auszuſprechen. Alle die Männer, welche in Tübingen an der Spitze der theologiſchen Fakultät ſtanden, waren char⸗ akterfeſt, aufrichtig in ihrer Frömmigkeit, durch⸗ drungen von der Wichtigkeit ihres Berufs, die Lehren Luther's, welche ihnen für das gereinigte Evangelium galten, zu verbreiten und vor jedem Angriff zu wah⸗ ren; aber beinahe alle waren auch eigenſinnig, klein⸗ lich und ohne jene Erhabenheit des Herzens, die den Erlöſer einſt ſagen ließ:„Es werden nicht alle, die zu mir ſagen: Herr! Herr! ins Himmelreich kom⸗ men, ſondern in allerlei Volk, wer Gott fürchtet und Recht thut, der iſt mir angenehm.“ Der gütigſte, mildeſte und wahrhaft chriſtlichſte der Lehrer Kepler's war ohne Zweifel Mathäus Ha⸗ fenreffer, der Beichtvater des Herzogs Ludwig. Seine Seelengüte hielt ſelbſt ſeiner ſtrengen Orthodorie das ——— 120 Gleichgewicht, und wenngleich er die im Stifte ſtu⸗ direnden Jünglinge oft und oft ermahnte, auf die einzige ſchmale Pforte des rechten Glaubens wohlzu⸗ achten, durch die man allein zum ewigen Leben ge⸗ langen könne: ſo that er ihnen doch ohne Unterſchied Gutes, und war der beſondere Freund des milden, ſtillen, und doch ſtets zum Selbſtdenken geneigten Kepler. Je länger dieſer indeß dem Studium der Got⸗ tesgelahrtheit oblag, deſto mehr kühlte ſein Herz ſich ab gegen dasjenige, was die Religionslehrer jener Zeit für das Hauptſächlichſte des Chriſtenthums hiel⸗ ten, die Punkte nämlich, in denen ſie mit der herr⸗ ſchenden Kirche und untereinander uneinig waren. Die Lehre von der Allgegenwart des Leibes Chriſti erſchien ihm höchſt nebenſächlich. Er hatte den Muth, dieß auch in Gegenwart der ſtrengſten Zeloten auszuſprechen, ja ſein Herz drängte ihn dazu, in einem Aufſatze ſeine Meinung auseinanderzuſetzen, daß der Chriſt im heiligen Abendmahle die Frucht der Verdienſte Jeſu genöße und daß es dabei auf ſeine körperliche Gegenwart gar nicht ankäme. Er hatte den Muth, dieſen Aufſatz ſeinen Leh⸗ rern zu übergeben und erwartete mit ſehnſüchtigem Her gebe weil hatt gang dien und liche berg ruhte berg. Berg ſeine theol lebt, mut! Her zu ſe liebſt Dor der von te ſtu⸗ uf die vohlzu⸗ hen ge⸗ erſchied nilden, neigten r Got⸗ erz ſich jener s hiel⸗ r herr⸗ waren. Chriſti enwart n Herz teinung heiligen genöße genwart en Leh⸗ chtigem 121 Herzen den Beſcheid derſelben, aber er wartete ver⸗ gebens und ſein Herz ward ſchwer und ſchwerer, weil es keine Ruhe fand. Außer ſeinen Freunden Beſold und Bernecker hatte er keine Bekanntſchaften angeknüpft, der Um⸗ gang mit der Natur war neben ſeinen ernſten Stu⸗ dien noch immer ſein größter Genuß, und Sommer und Winter machte er weite Ausflüge in das freund⸗ liche Neckar⸗ oder Ammerthal. Er erſtieg den Oeſter⸗ berg und labte ſich an der heitern Ausſicht, er ruhte auf dem waldgekrönten Scheitel des Spitz⸗ berges und ſchaute hin auf die blauen dämmernden Berge der ſchwäbiſchen Alp. Und, wunderbar! wenn ſeine Seele ermüdet war von den Spitzfindigkeiten theologiſchen Streites, eine Stunde, im Freien ver⸗ lebt, machte ihn wieder heiter, lebenskräftig und muthig zum neuen Ringen nach der Erkenntniß des Herrn. Im Frühling, wenn das neue Grün die Erde zu ſchmücken begann, richtete er ſeine Schritte am liebſten hinaus nach dem freundlichen Ammerthale. Dort breitet ſich ein Teppich grüner Wieſen aus, der für Kepler's beobachtendes Auge eine reiche Fülle von Leben enthielt. Am Boden im grünen liegend, beobachtete er ———— gern die verſchiedenen Blütenfedern der Gräſer, die vielfarbigen kleinen Blumen dazwiſchen, die das Grün in der Ferne mit Gold, Purpur und Laſur durchwoben, die Käfer, die ſich tummelten, die kleine wie Gold glänzende Eidechſe, die auf leichten Füßchen durch dieſe Wälder ſchlüpfte, und ohne zu denken, wenigſtens ohne zu reflektiren, fühlte er die Güte Gottes mit beſeligtem Herzen. Mehreremal ſchon war ihm auf dieſen einſamen Wegen ein Mann be⸗ gegnet, einfach, faſt ärmlich gekleidet, mit bleichen gramvollen Zügen und leuchtenden Augen, die oft in die Ferne blickten und dann wieder mit Intereſſe die nächſte Nähe zu beobachten ſchienen. Es war kein junger Mann mehr, und ſeine ſehr ſaubere, ſchwarze, wenngleich fadenſcheinige Kleidung bezeich⸗ nete ihn als einen Gelehrten. Als dieſe Begegnung ſich wiederholte, hielt der Jüngling es für angemeſſen zu grüßen, und der Andere dankte ſehr freundlich, aber mit einiger Ver⸗ legenheit. Auch auf der Straße begegneten die Beiden ſich einſtens, aber dort ſah der Fremde ſo hartnäk⸗ kig auf die entgegengeſetzte Seite, daß ein Gruß unmöglich wurde. Am nächſten Tage bemerkte Kepler auf der Wieſe Ihnen daß S gen.— Appian, befand 2 — 123 Wieſe den Fremden ſchon aus der Ferne und auch dieſer ſah ihn und ging auf ihn zu. „Grüße Sie Gott! lieber junger Mann,“ ſagte er mit einer ſehr ſanften freundlichen Stimme, „Sie ſind, ich irre mich wohl nicht, der Student der Gottesgelahrtheit Herr Johann Kepler?“ „Ja, mein Herr!“ „Verzeihen Sie mir, daß ich geſtern ſo entſchie⸗ den Ihrem freundlichen Gruße auswich, es war nicht Unhöflichkeit von mir, ſondern der Wunſch, Ihnen nicht zu ſchaden; es iſt nicht gut für Sie, daß Sie Ihre Bekanntſchaft mit mir öffentlich zei⸗ gen.— Erſchrecken Sie nicht, ich bin kein Ausſätzi⸗ ger, bin nicht unehrlich durch mein Gewerbe, bin auch kein Verbrecher, ich bin einfach ein Mann, der ſich zugrunde gerichtet, weil er den Muth der Mei⸗ nung hatte. Setzen Sie ſich hierher zu mir, Herr Kepler, hier ſieht uns niemand, und ich will Ihnen erzählen, weßhalb die Bekanntſchaft mit mir Ihnen nachtheilig ſein muß. „Ich bin der Sohn eines berühmten Gelehrten und rechtlichen Mannes. Mein Vater war Peter Appian, der Hofaſtronom Kaiſer Karl des V., und befand ſich ſtets in der Nähe dieſes Monarchen. „Unter väterlicher Anleitung lernte ich früh 124 Inte reſſe finden an der Schöpfung, vom Bau der Erde bis zum Bau des kleinſten Blütenblattes, und wer, der die Schöpfung liebt, müßte nicht Ehrfurcht und Liebe ſü hlen vor dem Schöpfer? „Ich ſtudirte die Wiſſenſchaft meines Vaters. Sie war damals dem Menſchen noch nicht, was ſie jetzt zu werden verſpricht, wir waren alle noch Ge⸗ fangene auf dem kleinen Erdball; denn erſt der große Gedanke des Kopernikus öffnete uns dieſen Kerker und geſtattete unſerer Seele den freien Aufſchwung in die unendlichen Räume des Weltb aues. Den⸗ noch aber war ich glücklich und hatte meine Freude an dem erhabenen Streben des Mathematikers. „Ich erhielt die Profeſſur in Ingolſtadt und lebte als geachteter Gelehrter dort im Umgang mit vielen wackern Männern. „Junger Mann, wer Gott ſucht, ſei's in der Natur, ſei's im Evangelium, der wird ihn finden; auch ich fand ihn, oder beſſer, er fand mich. Die Lehre Luther's fiel in mein Herz wie ein Son⸗ nenſtrahl. Sie löſte— ſo meinte ich— die Feſſel des Autoritätsglaubens und gab uns Gedankenfrei⸗ heit. Selbſt durfte nun jeder das höchſte Gut ſuchen, ſei's in den heiligen Schriften, ſei's in der heiligen Natur. So meinte ich, ſo wähnte ich— als ic bürgen Verfo Math ihm u froher 2 kurzes hier 1 wollte werden licher und w ſonder diger aus hend, Dieſe die K wahre ward Das wenn glaub Bau der tes, und Ehrfurcht Vaters. was ſie noch Ge⸗ der große n Kerker fſchwung 3. Den⸗ ers. in der finden; h. Die t Son⸗ ſie Feſſel nkenfrei⸗ ſte Gut b in der ich— Freude adt und ang mit 125 als ich, zum Proteſtantismus mich bekennend, meine bürgerliche Stellung aufgab, und muthig Kreuz und Verfolgung duldete für— die Freiheit des Gedankens. „Herzog Chriſtian trug mir die Stelle des Mathematikers hier in Tübingen an, ich dankte ihm und dem Himmel dafür und ging hierher voll froher Hoffnung und feſten Vertrauens. „Ach, lieber Herr Kepler, das war nur ein kurzes Glück. Religionsſtreitigkeiten empfingen mich hier und mit ihnen Verfolgungen. Herzog Ludwig wollte feſtgeſtellt wiſſen, was nun eigentlich geglaubt werden müſſe, als ob die Wahrheit ein unveränder⸗ licher Edelſtein ſei, den man ſchleifen, facettiren und wohl aufheben müſſe. Das iſt ſie aber nicht, ſondern ſie iſt— o mein junger Freund! ein leben⸗ diger wachſender Baum, der ſeine Nahrung zieht aus der Erde und ſeine Krone, grünend, blü⸗ hend, Früchte tragend, hinaufträgt in den Himmel. Dieſe gelehrten Theologen beriethen unter einander; die Konkordienformel, welche die rechten und einzig wahren Lehren des Lutherthums enthalten ſollte, ward entworfen und jeder ſollte ſie unterſchreiben. Das konnte ich nicht, ich am wenigſten von allen; wenn ich mich unter den Zwang eines Autoritäts⸗ glaubens gefügt, ſo wäre der, in dem ich erzogen worden und der um vieles milder iſt, als das ſtrenge Lutherthum, mir der natürlichſte geweſen. Ich un⸗ terſchrieb die Konkordienformel nicht und opferte zum zweitenmal meine bürgerliche Stellung meiner Gewiſſensfreiheit. Herzog Chriſtoph entließ mich hochwichtiger Urſachen willen meiner Profeſſut und ſo friſte ich mein und meiner alternden Gattin Leben kümmerlich durch Abſchreiben. „Aber nicht nur mein Amt und Brot habe ich hingegeben, auch meine bürgerliche Ehre hat man mir geraubt. Ich bin Appian, der Apoſtat! meidet mich, junger Mann, wenn Ihr nicht Euren Ruf als ein treuer und echter Anhänger der lutheri⸗ ſchen Kirche einbüßen wollt.“ Mit Erſtaunen und mit Schmerz hatte Kepler dem bleichen Greiſe zugehört. Als dieſer ſchwieg, hob er die thränenfeuchten Augen zu ihm empor und ſagte Anfangs mit be⸗ bender Stimme, dann aber allmaͤlich dreiſter werdend: „O Herr! es geſchehen noch Wunder, wie oft wie flehentlich habe ich an dieſer Stelle Gott ge⸗ beten, mir den rechten Weg zu zeigen, mich das Licht der Wahrheit finden zu laſſen; in Euch gibt er mir einen lehrenden Freund, Ihr werdet mich führen und ohne Menſchenfurcht will ich Euch folgen.“ er et Man Men lügen kennt erken Kem hörte ſeine Lehr die heili läute Frau ſamk ſende Wer zu ſtrenge ſch un⸗ opferte meiner 3 mniich Frofeſſur Gattin tot habe öhre hat Apoſtat! gſt Euren lutheri⸗ nfeuchten mit be⸗ werdend. wie oft, Kepler 127 Appian wehrte eifrig mit der Hand, als wollte er etwas, das ihn ängſtigre, von ſich fortſcheuchen. „Mit nichten, o mit nichten, lieber junger Mann,“ ſagte er dann eifrig,„ich bin ein irrender Menſch und habe nur Eins, den Muth nicht zu lügen und nicht zu heucheln. Ihr ſtrebt nach Er⸗ kenntniß Gottes, Gott iſt die Wahrheit! und Gott erkennen lernt Ihr am beſten aus ſeinen Werken. Kennt Ihr ſchon die Lehren des Kopernikus?“ „Nein, mein Herr, obgleich ich davon ſprechen hörte.“ „Mein Nachfolger, Profeſſor Mäſtlin, trägt in ſeinen öffentlichen Lehrſtunden allerdings noch die Lehren des Ptolomäus vor, wie er muß, da man die Lehren des Kopernikus im Widerſpruch mit der heiligen Schrift hält; aber im vertrauten Zirke er⸗ läutert er die Lehren des weiſen Domherrn von Frauenburg mit vielem Geiſte und großer Gelehr⸗ ſamkeit, wollt Ihr ihn hören?“ Kepler bejahte eifrig. „Wohlan, ſagt ihm, daß Philipp Appian Euch ſende, und Ihr werdet einen neuen Einblick in die Werke des Herrn und folglich einen neuen Aufblick zu Ihm ſelbſt empfangen.“ Profeſſor Mäſtlin empfing den ernſten Studen⸗ ten der Gottesgelahrtheit mit einigem Befremden. „Ich weiß nicht,“ ſagte er,„ob die allerdings ſehr einleuchtenden, ſehr weiſen Anſichten des frauen⸗ burger Domherrn Cuch als Theologen nicht großen Anſtoß geben werden; ſie paſſen ſehr wohl zu den Erſcheinungen in der Natur, ſehr ſchlecht aber zu den Worten der heiligen Schrift.“ „Ich bin der Meinung,“ entgegnete Kepler ſanft,„daß die natürlichen Dinge in der heiligen Schrift ſo beſprochen werden, wie es der Faſſungs⸗ kraft der Menſchen zur Zeit, da ſie geſchrieben wurde, angemeſſen war. Iſt dieß doch auch ſo der Fall mit den übernatürlichen. Die Lehren höchſter Weis⸗ heit und erhabenſter Tugend ſind in einfachen Gleich⸗ niſſen gegeben, oder in wenigen, kurzen, leicht faßli⸗ chen, ſich dem Gedächtniß ſchnell einprägenden Sätzen. Die Bibel iſt darum nicht minder der Born der tiefſten und erhabenſten Wahrheiten, weil ſie dieſelben verſtändlich auch für den Unwiſſenden ausſpricht. Sobald der, welcher ſich einige Kenntniſſe zu erwer⸗ ben Gelegenheit hatte, hieran feſthält, wird er ſie erſt richtig verſtehen und würdigen können.“ Profeſſor Mäſtlin warf einen ſchelen und er⸗ ſtaunten Blick auf den jugendlichen Sprecher. mel ſte dend m das Fi K leiſe t tuden⸗ Dieß Geſicht, ſo fein, edel und doch mit dem emden. Ausdruck eines ernſten kräftigen Willens, war ihm rdings früher ſchon unter den Studenten aufgefallen. rauen⸗„Es wird mir eine Freude ſein, Sie, mein großen Herr Kepler, in dem engeren Kreiſe meiner Freunde zu den zu ſehen, denen ich die Lehren des Kopernikus zu den freilich als Hypotheſen erläutere,“ ſagte er, dem 1 Jünglinge die Hand bietend. Kepler Es war der bedeutungsvollſte Moment im deiligen Leben Kepler's, denn dieſer Handſchlag eröffnete dem ſungs⸗ wißbegierigen Jünglinge den Weg zu ſeiner großen wurde, Lebensbeſtimmung und der Menſchheit den Blick in r Fall die erhabenen Wunder der Schöpfung. Weis⸗ Als in der Abendſtunde eines der nächſten Tage Gleich⸗ Jgohannes Kepler aus der Wohnung des Profeſſor faßli⸗ Mäſtlin zurückkehrte, lag ein hohes Roth auf ſeiner Sätzen. Wange und ſeine Augen leuchteten. rn der Es war eine klare und heitere Nacht, der Him⸗ eſelben mel ſtand voll blitzender Sterne und wie ein blen⸗ gſpricht. dend weißer Schleier ergoß ſich die Milchſtraße über erwer⸗ das Firmament. er ſie Kepler trat ans Fenſter und blickte empor und leiſe tönte es von ſeinen Lippen: nd er⸗„Groß iſt der Herr! „Ja hier iſt Wahrheit, reine heilige Wahrheit,“ 1857. XXI. Johann Kepler II. 9 130 ſagte er dann, in ſeinem engen Zimmerchen auf⸗ und abſchreitend und die Hand auf das ſchlagende Herz gedrückt, das in ſich aufgenommen hatte das heilige Bild von der Größe der Werke des Allmächtigen.— Die Prioatvorträge des Proſeſſor Mäſtlin wa⸗ ren von da ab der Mittelpunkt, um den ſich die Gedanken des Jünglings drehten. Zwar verſäumte er keine ſeiner theologiſchen Studien, aber je mehr er auf dem Wege, den er eingeſchlagen, vorſchritt in Erkenntniß der Größe und Erhabenheit der Scho⸗ pfung, die für ſeine fromme Seele Eins war mit der Erkenntniß der Erhabenheit des Schöpfers, deſto kleinlicher erſchien ihm das theologiſche Gezänke, das ihn umgab, deſto niedriger die Leidenſchaften, mit denen diejenigen einander haßten und verfolgten, deren hoher Beruf es geweſen wäre, Frieden und Liebe zu lehren. Daß der junge geiſtvolle Student durch dieſt Denkweiſe, die er keinesweges verheimlichte, den Theologen großes Aergerniß gab, war natürlich. Ja⸗ kob Andrä nannte ihn geradezu einen Ketzer und Abtrünnigen, und da die Zeit herannahte, wo Kepler ſein Eramen machen und eine Anſtellung als Geiſt⸗ licher erwarten mußte, die ihn in den Stand ſetzen ſollte, ſeine Familie zu unterſtützen, ſo war die Mei⸗ nung aus n 8 ihm v chenlic hängen mit d. beſonde von n Hauſes 8 die P Chriſto derte ihm ſo ihn al Art, n zu den bis zu kommen chelei geknüpf ſo vie auf⸗ und nde Herz 8 heilige tigen.— ſtlin wa⸗ ſich die verſäumte je mehr eſchritt in er Schi⸗ r mit der rs, deſto änke, das ften, mit erfolgten, ieden und purch dieſe chte, den rlich. Ja⸗ etzer und wo Kepler lals Geiſt⸗ and ſetzen die Mei⸗ 131 nung ſeines erſten und ſtrengſten Eraminators durch⸗ aus nichts unbedeutendes für den jungen Mann. Auch Kepler's Freundſchaft für Appian brachte ihm vielen Schaden in den Augen der ſtolzen Kir⸗ chenlichter, von denen ſeine irdiſche Wohlfahrt abzu⸗ hängen ſchien. Es gab auch Stunden, in denen alles dieſes mit drückender Schwere auf der Bruſt Kepler's lag, beſonders dann, wenn ein Brief ſeiner Schweſter ihn von neuem an die tauſend Miſere des elterlichen Hauſes erinnerte. Der Vater war vollſtändig verſchollen, Heinrich die Plage der Mutter, die Geißel der Schweſter. Chriſtoph hatte ſeine Lehrlingszeit beendet und wan⸗ derte als Geſelle. Die beiden an ihn gewieſenen, ihm ſo nahe ſtehenden weiblichen Weſen hofften auf ihn als ihre letzte einzige Stütze, und die naive herzige Art, mit der die jugendliche Schweſter ihr Vertrauen zu dem Bruder ausdrückte, rührte dieſen nicht ſelten bis zu Thränen. Es iſt etwas ſehr Trauriges, daß das Fort⸗ kommen eines Mannes in der Welt ſo oft an Heu⸗ chelei und Lüge geknüpft iſt und zu allen Zeiten geknüpft war; denn mit ſeinem Fortkommen iſt in ſo vielen Fällen auch das irdiſche Glück ſeines 9* Nächſten und Theuerſten verbunden und er muß nicht nur ſeine Selbſtſucht, er muß ſehr oft auch ſeine Liebe zum Opfer bringen, um der Wahrheit und Rechtlichkeit zu huldigen. Nicht bloß Brutus kam in die Lage, ſeine Söhne ſeiner Pflicht zu opfern, faſt in jedes rechtlichen Mannes Leben kommen Mo⸗ mente vor, in denen er ähnliche Opfer bringen muß, und die Klagen, die der Vater, der Sohn und Bru⸗ der hören, das Elend, das ſie als ein von ihnen hervorgerufenes erkennen müſſen, wenn ſie den Muth hatten, ihrer Meinung ihren Vortheil und ihr Fort⸗ kommen aufzuopfern, iſt nicht nur eine Verſchärfung, es iſt eine Verzehnſachung der eigenen Entbehrun⸗ gen und Leiden. Je liebevoller ein Herz iſt, deſto ſchwerer wird es ihm, das Glück der Seinen dem erkannten Recht zum Opfer zu bringen, und für den liebreichen, warmherzigen Johannes Kepler war es ein furcht⸗ barer Moment, als er bei ſeiner theologiſchen Prü⸗ fung ſeine, nach den Begriffen ſeiner Lehrer und Richter ketzeriſchen Anſichten ausſprach. Aber er ſprach ſie aus mit feſter Stimme, ob⸗ gleich mit bebendem Herzen.. Sein Zeugniß lautete: ‚Daß er ſich zwar durch redneriſche Talente ausgezeichnet habe, ſeiner Ge⸗ ſinnun achtet giſche Univer ſich n jährig fühlte chen ſeine geweſe verſcht bewäh Der( ter, a Gretch Pein. ihm, Erinn dieſer Leben ſich ve dorben 2 nieder uß nicht ch ſeine eit und tus kam opfern, nen Mo⸗ gen muß, ind Bru⸗ on ihnen en Muth ihr Fort⸗ chärfung, tbehrun⸗ erer wird een Recht ebreichen, 133 ſinnungen und Anſichten wegen aber nicht fähig er⸗ achtet werden könne, Mitarbeiter an der würtember⸗ giſchen Kirche zu werden.“ Der Schlag war gefallen! Als Kepler aus dem Univerſitätsgebäude in ſein Haus zurückkehrte und ſich niederſetzte, um die Erfolgloſigkeit ſeines drei⸗ jährigen Studiums in die Heimat zu berichten, fühlte er ſein Herz ſchwer werden, Zweifel beſchli⸗ chen ihn, ob er auch recht gehandelt, ob es nicht ſeine Pflicht als Sohn und Bruder, ja als Chriſt geweſen wäre, ſeine noch ungeprüften Anſichten zu verſchweigen, bis er ſie in einem reiferen Lebensalter bewährt oder nicht bewährt gefunden haben würde? Der Gedanke an den heftigen Kummer ſeiner Mut⸗ ter, an den ſtillen tiefen Schmerz Apolloniens, an Gretchens bitteres Erſtaunen machte ihm namenloſe Pein. Auch die Zukunft lag grau und düſter vor ihm, mit einem eigenthümlichen Grauſen trat die Erinnerung an ſeinen Vater vor ſeine Seele. War dieſer unglückliche Mann, der in ſeinem verfehlten Leben gleichſam eine Atmoſphäre von Unglück um ſich verbreitet hatte, denn etwas anderes als ein ver⸗ dorbener Student wie er? Während er noch in bangem Ringen auf⸗ und niederſchritt, klopfte eine leiſe Hand an ſeine Thür und ohne ſeinen Ruf abzuwarten, trat Philipp Appian bei ihm ein. „Ihr dauert mich vom Herzen, Johannes, mein Sohn,“ ſagte der Greis mit großer Theilnahme, „und mein Bedauern iſt nicht ganz ohne Selbſtvor⸗ würfe. Ohne die Bekanntſchaft mit mir ſtündet Ihr ſicherlich ganz anders an hieſiger Univerſität, wo Euer frommer Wandel und Eure ſeltenen Ga⸗ ben und Kenntniſſe, Euch alles unterthan machen würden, wenn Ihr nicht das Unglück gehabt hättet, Euch das Selbſtdenken in einem Punkte zu erlauben, wo es nach der Meinung der Prieſter aller Sekten und Religionen nicht geſtattet iſt. Helfen kann ich Euch leider nicht, ſo laßt Euch denn von mir we⸗ nigſtens einen guten Rath gefallen. Wendet Euch gänzlich den mathematiſchen Studien zu. Euch darf ich das ſagen. Ihr ſeid der Mann nicht, der vor dem geringen Anſehen zurückſchreckt, in dem dieſelben jetzt ſtehen. Es wird Euch auch nicht als eine Ent⸗ weihung Eurer Zeit und Gelehrſamkeit erſcheinen, wenn Ihr als Mathematikus Kalender machen müßt, die niemand vielleicht lieſt als der Bauer und Acker⸗ bürger. Ihr wißt, wie ich, daß die Wahrheit ſich am ſicherſten finden läßt in der Natur. Glaubt mir, werther Herr Magiſter, es wird eine Zeit kommen— unſere Studi ſich a menſch heimn ſie de weiſe das n niema nicht heilige geweil geſtatt Wun nes, d von ih ſicht d Zeit, Zaube Wolke leicht und 1 ſtaben tur d Philipp 3, mein nahme, lbſtvor⸗ ſtündet verſität, en Ga⸗ machen hättet, llauben, Sekten ann ich nir we⸗ et Euch ich darf der vor dieſelben ine Ent⸗ ſcheinen, en müßt, d Acker⸗ heit ſich ubt mir, nmen— 135 unſere Ururenkel erleben ſie vielleicht— in der das Studium des Mathematikers und Naturforſchers ſich als das höchſte bewährt haben wird, deſſen der menſchliche Geiſt fähig iſt. Es liegen unzählige Ge⸗ heimniſſe verborgen im Buſen unſere Allmutter, die ſie dem forſchenden Menſchengeiſte allmälich ſtück⸗ weiſe überlaſſen wird. Die alten Aegyptier wußten das wohl und bildeten ſie ab als Iſis, deren Schleier niemand erheben durfte. Für den Schüler aber, der nicht ſeine Ehre, nicht ſeinen Nutzen, ſondern die heilige Wahrheit ſucht, für den erhebt ſie ſelbſt in geweihten Stunden den Zipfel dieſes Schleiers und geſtattet ihm freundlich, der erſtaunten Welt die Wunder zu verkünden, die ihm offenbar wurden. „Es wird eine Zeit kommen, Magiſter Johan⸗ nes, da die große Iſis dem Menſchengeſchlecht ſoviel von ihren Geheimniſſen preisgegeben, daß das Ange⸗ ſicht der Erde dadurch verändert werden wird. Eine Zeit, von deren Wundern heute die Thoren als von Zauberei träumen, wo man den Blitz beherrſcht und Wolken und Winden gebietet.— Dann wird viel⸗ leicht das Menſchengeſchlecht die Achſel zucken über uns und unſere Zeit, die ſich anfeindet wegen eines Buch⸗ ſtabens der heiligen Schrift. Man wird in der Na⸗ tur dann vielleicht nicht mehr Gott den Herrn ſuchen, ſondern allein den Nutzen und das Vergnügen, aber die bewährten, echten Jünger des Herrn werden zu allen Zeiten vor ſeinem An⸗ geſicht wandeln und Ihn in ſeinen Wer⸗ ken erkennen.“ Der Greis hatte wie ein Begeiſterter geſprochen und ſeine blauen Augen ſchimmerten in einem wun⸗ derbaren Glanze. Er hatte den Blick nach oben gerichtet und ein göttliches Lächeln überſtrahlte ſeine verfallenen Züge. Jetzt ſtreckte er auch die Arme empor, er ſah aus wie ein Schwan, der die Schwingen aus⸗ breitet, um ſich aus der Tiefe in den Aether zu er⸗ heben. Einen Moment lang ſtand er da wie von einem Sonnenſtrahl, wie von dem Schimmer der Verklärung übergoſſen, dann wankte er, und ſank, ehe noch Johannes ihn unterſtützen konnte, zu Boden, eine ſanft lächelnde Leiche.— Von tauſend unausſprechlichen Gefühlen beſtürmt, kniete Johannes neben ihm nieder und drückte ihm weinend die gebrochenen Augen zu. Wenige Wochen darauf erhielt der Magiſter Kepler einen Ruf als Lehrer der Mathematik und Moral an der Stiftsſchule zu Grätz, dem er im An⸗ gede Freu ſchen unab nete! berül Fels eine Vate ſchen wirkt einzel mit d gen Da des L der G aber Berrn n An⸗ Wer⸗ prochen n wun⸗ tet und fallenen por, er en aus⸗ zu er⸗ vie von ner der d ſank, Boden, eſtürmt, kte ihm Nagiſter ttik und im An⸗ gedenken an den Rath ſeines dahingeſchiedenen Freundes mit Freuden Folge leiſtete. Zwölftes Kapitel. Die Kindheit und früheſte Jugend eines Men⸗ ſchen iſt etwas ganz für ſich Beſtehendes, beinahe unabhängig von den Weltverhältniſſen, die dieſe geſeg⸗ nete Lebensepoche immer nur in ſehr mittelbarer Weiſe berühren. Jedes Kind iſt wie ein Ouell, der für ſich aus Felsgeſtein oder Wieſengrund emporſprudelt, und eine Weile ſo für ſich fortfließt. Die Mauern des Vaterhauſes umſchließen ſchützend das junge Men⸗ ſchenleben; nur indem die äußere Welt auf dieſe wirkt, wirkt ſie mittelbar auf das Leben des Kindes. Das eintretende Mannesalter aber bringt jedes einzelne Menſchenherz in unmittelbare Berührung mit der Welt, mit ſeiner Zeit und ihren Forderun⸗ gen und Strebungen, ihren Hoffnungen und Leiden. Da vereint ſich der Quell mit dem großen Strom des Lebens und iſt endlich nur ein Tropfen im Meere der Geſchichte. Wer das Leben eines Menſchen mit Treue 138 zeichnen will, muß nothwendig auch ſeine Zeit zeich⸗ nen, denn nur in derſelben und durch dieſelbe wird der Einzelne das, was er an ſeiner Stelle iſt. Wir verlaſſen daher jetzt die unmittelbare Nähe Kepler's, um uns in Kreiſe von Menſchen zu bege⸗ ben, die von bedeutendem Einfluß auf die Zeit waren, in der er lebte und wirkte.— In einer gewölbten, von mächtigen Pfeilern getragenen Halle des alten Schloſſes zu Ingolſtadt, ſaß an einem mit Büchern und Papieren bedeckten Tiſche ein Mann, den wir ſchon kennen, der Jeſui⸗ tenpater Johann Fickler, und ſchaute mit ſehr ernſt⸗ haftem Blick eine Menge neben ihm aufgehäufter Rechnungen durch.. „Unerhört! unglaublich!“ murmelte er dabei zwi⸗ ſchen den Zähnen,„es iſt der Ruin des Landes, es iſt die Zerſtörung der ganzen Zukunft. Wie iſt es nur möglich, daß ein Menſch an ſolchen Dingen ſo ungeheures Behagen finden kann, daß er das Wich⸗ tigſte und Nothwendigſte darüber aus den Augen läßt.— Dieſe Fürſten Deutſchlands ſitzen wie das Haupt derſelben, bis an den Hals in Schul⸗ den. Sie verpfänden ihre Städte und Zölle und borgen von Juden und Heiden, um ſich ein Stück bemalte Leinwand anſchaffen und mit einem glän⸗ zend häng für um ſie le ten den Eint ſtalt ſich! hohe Kraff Mun blitzt jener genic Joha einen nen ſagen zeich⸗ 2 wird . Nähe bege⸗ waren, feilern olſtadt, deckten Jeſui⸗ ernſt⸗ hhäufter n glän⸗ 139 zenden Rahmen verſehen in ihrer Kunſtkammer auf⸗ hängen zu können. Tauſende und wieder Tauſende für Gemälde verausgabt! und die Truppen ſchreien um Sold und ſaugen das eigene Land aus, weil ſie leben wollen und eſſen und trinken müſſen.“ Er ſtand auf und ſchritt langſam in dem wei⸗ ten Raume umher, die Arme übereinander gekreuzt, den Blick zu Boden geheftet. Sein Nachdenken ward unterbrochen durch den Eintritt eines ſchlanken Jünglings, deſſen adlige Ge⸗ ſtalt gar wohl zu der Umgebung paßte, in der er ſich befand. Sein blondes Haar ſchloß ſich ſchlicht um eine hohe, mehr ſpitze als breite Stirn, ein Ausdruck von Kraft lag um den feſtgeſchloſſenen, nicht eben kleinen Mund, und aus den ſtahlgrauen länglichen Augen blitzte ſowohl das Feuer des Muthes als ein Strahl jener Intelligenz, die man mehr klug und ſchlau als genial nennen mußte. „Ihr habt mich zu ſprechen gewünſcht, Pater Johannes,“ ſagte der Eingetretene, indem er ſich auf einen der mit dunklem utrechter Sammt ausgeſchlage⸗ nen Lehnſtühle niederließ,„was habt Ihr mir zu ſagen, mein würdiger Lehrer?“ „Verzeiht, wenn ich Euch ſtöre, Prinz Mari⸗ 140 milian,“ entgegnete der Jeſuit, indem er ebenfalls Platz nahm,„aber mich drängt die Nothwendigkeit, eine ernſte Rückſprache mit Euch zu nehmen. Ihr ſeid, obwohl noch jung, an Jahren, an Ueberlegung und Nachdenken faſt ein Mann, und die Noth dieſer ſchweren Zeit erfordert einen ſolchen“— „Sprecht ohne Umſtände, Pater Johannes,“ unterbrach ihn Maximilian von Bayern, der Zögling des gelehrten und geiſtreichen Paters,„Ihr wißt, daß ich alles hören kann ohne zu erſchrecken. Eure Miene, die Ihr ſonſt ſo wohl in Eurer Gewalt habt, zeigt, daß das, was ich jetzt hören werde, beſtimmt iſt, einen großen Eindruck auf mich zu machen.“ Pater Johannes lächelte. „Ihr ſeid klug, mein Schüler,“ ſagte er dann, „und die Klugheit iſt dieſer Welt gegenüber die noth⸗ wendigſte aller Tugenden. Es ſteht ſchlecht mit dem Lande, das zu beherrſchen, Ihr berufen ſeid, ſchlechter faſt wie mit allen andern Landen dieſes zerſtückelten heiligen römiſchen Reiches, wenn ich etwa die Erblande des Hauptes der Chriſtenheit ausnehme. Euer Durch⸗ lauchtiger Vater iſt ein gütiger Menſch, er iſt ein Beſchützer aller ſchönen Künſte, ein würdiges Fami⸗ lienhaupt, ein guter Chriſt. Ein Herrſcher aber, der in dieſen Zeiten des Aufruhrs und der ketzeriſchen enfalls digkeit, hr ſeid, ig und hweren innes,“ Zögling ßt, daß Miene, 4 zeigt, mt iſt, r dann, iie noth⸗ nit dem ſchlechter tückelten Erblande Durch⸗ iſt ein Fami⸗ 141 Peſt den Zügel des Regiments in feſter Hand füh⸗ ren kann, iſt er nicht; das ſchöne Erbe des Hauſes Wittelsbach, das unter Euerm erhabenen Großvater zu einem feſten Ganzen vereinigt wurde, ſteht auf dem Punkte auseinander zu fallen, wie eine Perlen⸗ ſchnur, von der man das Band löſt, wenn Ihr, mein Prinz, nicht dazuthut.“ „Hat Churfürſt Wilhelm ſchon wieder einen Theil ſeines Landes verſchenkt, verkauft oder ver⸗ pfändet?“ fragte der Prinz mit einem eigenen Lächeln. „Freilich wohl, da ſeht dieſe Papiere durch, und das wird nicht der letzte ſein. Zudem werden die Anforderungen der Proteſtanten in allen Orten und Staaten frecher und frecher. Es fehlt an dem Nothwendigſten ihnen mit Ernſt entgegenzutre⸗ ten, an einem kriegsgeübten, wohlbeſoldeten und wohldisziplinirten Heere. Die Räuberhaufen, welche im Lande umherſtreifend es ausſaugen und ſich Sol⸗ daten des Churfürſten Wilhelm nennen, haben ſeit länger als fünf Monaten keinen Heller Sold em⸗ pfangen.“ „Und was denkt Ihr, daß ich dabei thun kann, Pater Johannes?“ fragte der Prinz und ſein graues Auge ſchaute durchdringend in das ſchöne Angeſicht ſeines Lehrers. 142 „Fordert Euern Antheil an den Regierungs⸗ geſchäften, mein Prinz, der Churfürſt, Ew. Durch⸗ lauchtiger Vater, wird ihn Euch gerne abtreten und beginnt je eher deſto lieber mit den Einrichtungen, die Ihr zu machen Euch vorgeſetzt. „Ein Heer, das aus dem Lande ſelbſt erſteht, und das Land liebt, das es beſchützen ſoll gegen äußere Feinde und innere Ketzereien, iſt etwas, das kein deutſcher Reichsfürſt, das nicht einmal Kaiſer Rudolph beſitzt. Ihr wollt ein ſolches ſchaffen zur Ehre Gottes, zum Schutze unſeres heiligſten Glau⸗ bens, und es wird Euch neben Euerm Vetter und Studiengenoſſen zum erſten Herrn und Fürſten der Chriſtenheit machen.“ In dieſem Augenblick ward die Thür von neuem geöffnet und in das Zimmer trat ein bleicher Jüng⸗ ling, deſſen dunkles Haar und Auge noch Zeugniß ablegte von ſeiner ſpaniſchen Abkunft. Es war Erzherzog Ferdinand von Steiermark, Sohn des verſtorbenen Erzherzogs Karl von Oeſterreich und der Prinzeſſin Maria von Bayern. „Schon hier, mein Prinz? iſt Euer Werk ſo ſchnell beendet?“ fragte Pater Johannes den An⸗ kömmling. „Meine Vorbereitungen ſind getroffen, ehrwür⸗ dige denn rungs⸗ Durch⸗ n und ungen, erſteht, gegen 8, das Kaiſer en zur Glau⸗ er und ſen der neuem Jüng⸗ eugniß diger Herr, und mein Werk beginnt erſt morgen, denn mit dem Anbruch des Tages mache ich mich auf die Pilgerfahrt zu unſerer Frau von Loretto. Zu Füßen der Gebenedeiten, die den Erlöſer gebar, will ich mein Gelübde niederlegen, nicht zu ruhen noch zu raſten, bis das Gift der Ketzerei ausgerottet iſt in den Landen, die der Herr mir anvertraut hat, und ſollte ich berufen ſein, einſt die Krone des rö⸗ miſchen Reiches zu tragen, ſo will ich mich deſſen würdig bewieſen haben, indem ich den allein ſelig machenden Glauben vorher zurückgeführt in meine eigenen Erblande. „Pater Johannes, ich erhielt vor einer Stunde durch einen vertrauten Boten einen Brief von mei⸗ ner erhabenen Mutter, beliebt Euch ihn zu leſen, er iſt von Wichtigkeit.“ Der Jeſuit durchlief die Zeilen mit raſchem Blicke. „In der That,“ ſagte er dann,„Eure Aus⸗ ſichten auf den Thron des römiſchen Reiches ſchei⸗ nen ſich mehr und mehr zu vergrößern. Die Hei⸗ rat Sr. Majeſtät Kaiſer Rudolphs hat ſich abermals zerſchlagen und der Zwiſt zwiſchen ihm und ſeinem Bruder Mathias lodert mehr und nchr in helle Flammen auf. Ihr habt allen Grund, Euch vorzu⸗ —᷑—OQ—ę—ęOęOQę—QO[ꝭCOꝭQCꝑ—ꝑ—O—O—Q˖—— 144 bereiten zu Euerm großen Berufe, und könnt das am B nicht würdiger, als indem Ihr die Stütze der Reli⸗ ſchwür gion in Euerm Lande werdet und bleibet. Es ſcheint, iſt, au als ob die Menſchheit von einem Taumel erfaßt„ ſei, der ſie veranlaßt, nach allen Seiten hin über machte die Grenzen zu greifen, die Gottes Wille ihr ge⸗ ſchlauk ſteckt hat. Nachdenken über die heiligen Offenbarungen ihm ſte der Religion iſt eine Thorheit, denn das Unbegreif⸗ dieſelbe liche ſteht über dem menſchlichen Gedanken, es ſoll D und muß in dankbarer Demuth als ein Geſchenk dieſem göttlicher Gnade hingenommen werden und Religi⸗ Buch. onsfreiheit iſt ein Wort ohne Sinn und Begriff.„Neus Das Heil des Einzelnen und der ganzen Menſchheit löſers liegt im Glauben und zu dieſem gelangt man nur Papſt durch die demuͤthige Ueberzeugung von der Unzu⸗ vom P länglichkeit des menſchlichen Verſtandes, wo es ſich der m um, Gottes Erhabenheit handelt, ebenſogut könnte ſchule man das Meer in eine Nußſchale faſſen, als mit Stellun menſchlichem Geiſte Gott begreifen, wir müſſen ihn E lieben und ihm in Demuth vertrauen. Die heilige nachtſch von ihm ſelbſt eingeſetzte Kirche hat für alle Fälle ſeinen des menſchlichen Lebens die ausreichenden Gnaden⸗„d mittel in Bereitſchaft, in ihrem Schooße allein kann abgibt, die Welt Frieden finden. Ketzerei aber, der Vorſatz heit in zu ſehen, wo man glauben ſoll, iſt ein Auswuchs fragte 1857. X it das Reli⸗ cheint, erfaßt i über hr ge⸗ ungen 145 am Baume der Menſchheit, ſie iſt ein eiterndes Ge⸗ ſchwür, das man heilen, und wo es nicht zu heilen iſt, ausbrennen muß.“ „Amen!“ ſagte Ferdinand und Marimilian, machte das Zeichen des Kreuzes und legte ſeine ſchlanke weiße Hand ſo feſt auf die Platte des vor ihm ſtehenden Marmortiſches, daß es ſchien, er wolle dieſelbe zerdrücken. Der ſcharfe Blick des Pater Johannes fiel in dieſem Moment auf ein kleines vor ihm liegendes Buch.„Ah was iſt das?“ ſagte er ziemlich lebhaft: „Neuer Kalender auf das Jahr des Herrn und Er⸗ löſers 1594, eingerichtet nach der neuen Zeitrechnung Papſt Gregors des XlIII., geſchrieben und berechnet vom Magiſter Johannes Kepler, zur Zeit Profeſſor der mathematiſchen Wiſſenſchaften an der Stifts⸗ ſchule zu Grätz.: Wie iſt dieſer Mann in dieſe Stellung, in dieſe Verhältniſſe gekommen?“ Erzherzog Ferdinand erhob die meiſt geſenkten nachtſchwarzen Augen und blickte ziemlich erſtaunt auf ſeinen Lehrer: „Iſt dieſer Mann, der ſich mit Kalendermachen abgibt, eine ſo wichtige Perſon, daß ſeine Anweſen⸗ heit in meinen Erblanden von Bedeutung ſein kann?“ fragte er nicht ohne einige Empfindlichkeit. 1857. XXI. Johann Kepler. II. 10 146 „Verzeiht mir, Durchlauchtigſter Herr,“ entgeg⸗ nete der Lehrer.„In jedem Fall iſt der Jüngling, der jetzt eine ſehr geringe Stellung in Dero Erblan⸗ den einnimmt, eine bedeutende Perſönlichkeit, die auf die Verwirrungen dieſer Zeit wahrſcheinlich nicht ohne Einfluß bleiben wird; Magiſter Kepler iſt beides, ein großer Gelehrter und ein großer Schwärmer, er iſt der Verfaſſer jenes Buches: ‚Ueber die Geheim⸗ niſſe des Weltbaues,“ von dem ich Ew. Erlaucht ſchon zu ſprechen die Ehre hatte. Dieſer Mann beſitzt neben großen Kenntniſſen einen gewi ſſen ahnungsvollen Scharf⸗ ſinn, und eine lebhafte, ja erhabene Phantaſie.— Ein Zufall verſchaffte mir ſeine Bekanntſchaft, als er eben ſeine Studien begann. Ihr wißt vielleicht nicht, daß vor etwa vier Jahren Ew. Durchlaucht Frau Mutter mir den Auftrag gegeben hatte, der Frau von Pern⸗ ſtein und ihrer vermälten Tochter, der ſchönen Frau Polirena von Roſenberg, die ſich auf einer Reiſe be⸗ fanden, einige Briefe, ſowie ihr in Perlen gefaßtes Bildniß zu überbringen. „Die Frau von Pernſtein ging nämlich mit dieſer ihrer älteſten Tochter in ziemlichem Inkognito von Prag nach der Stadt Straßburg, um mit ihrem Herrn Bruder, dem Marquis von Mendoza, zuſam⸗ men den chem nach von mit ange Mut Ziel Kaiſ daß Toch dazu und nien beſtit Brül Dan Gegt in j⸗ lienk land mein itgeg⸗ igling, rblan⸗ die auf nicht beides, ner, er eheim⸗ t ſchon neben charf⸗ Ein eer eben öt, daß Mutter Pern⸗ t Frau eiſe be⸗ efaßtes h mit gnito ihrem zuſam⸗ 147 menzutreffen, welcher, ohne Abſchied zu nehmen, den Hof Heinrich des III. von Frankreich, an wel⸗ chem er vorher als ſpaniſcher Ambaſſadeur geweilt, nach der ſcheußlichen Ermordung der beiden Herren von Guiſe verlaſſen hatte. Frau von Pernſtein wünſchte mit dieſem ihrem Herrn Bruder ſich in Familien⸗ angelegenheiten zu beſprechen. Eure gnädigſte Frau Mutter, welche mit feſtem Blick auf das erhabene Ziel hinſtrebt, ihren Erſtgeborenen zum Nachfolger Kaiſer Rudolphs beſtimmt zu fehen, war der Meinung, daß die geiſtreiche Frau von Pernſtein und ihre Tochter Frau Polixena von Roſenberg, vielleicht etwas dazu beitragen könnten, den Oheim und Bruder und durch dieſen ſeinen Herrn den König von Spa⸗ nien Euren Ausſichten günſtig zu machen, und ſo beſtimmte ſie denn mich und einen zweiten unſerer Brüderſchaft zu einer Reiſe nach Stuttgart, wo die Damen ſich aufhalten wollten, um dort und in der Gegend umher Nachforſchungen anzuſtellen nach einem in jener Gegend ſeit längerer Zeit verborgenen Fami⸗ lienkleinod. „Die Reiſe in mein proteſtantiſches Heimat⸗ land iſt nicht ganz ohne Gefahr für einen Mann meines Standes, doch machte ich ſie, und entledigte 10* mich glücklich meines Auftrages. Als wir nun in der Nacht von Stuttgart nach Tübingen reiſten, fan⸗ den wir am Wege einen fahrenden Schüler, der bei einem Sturze das Bewußtſein verloren hatte und elendiglich umgekommen wäre, wenn wir uns ſeiner nicht angenommen hätten. Dieſer Jüngling nun, der damals die proteſtantiſche Gottesgelahrtheit ſtudiren wollte, war Johannes Kepler. Seitdem habe ich ihn nie ſo ganz aus den Augen verloren. Es iſt ein Menſch von vielem Geiſte und einem warmen Herzen und ich hoffe zum Herrn, daß er in den Schooß der heiligen Kirche zurückkehren wird, wenn die Zeit ſeiner Erleuchtung gekommen. Es erfreut mich, daß er ſchon einen Schritt zur Umkehr auf den rechten Pfad gethan, indem er das theologiſche Studium aufgegeben.“ Erzherzog Ferdinand hatte während dieſer Er⸗ zählung ernſthaft vor ſich niedergeblickt, jetzt ſchlug er plötzlich die blitzenden dunklen Augen auf und ſagte: „Ihr habt noch viele Verwandten und Gefreun⸗ dete in Schwaben?“ „Ja, Durchlaucht, und auch Magiſter Kepler iſt ein entfernter Vetter von mir.“ „Dieſes Land iſt gegenwärtig der eigentliche Herd der Ketzereien im weſtlichen Deutſchland; ſollte einſt würd wie ſie m der h Mutt mein wiede Zu 1 Zeit Blut Das fiel u edlen gerrot der St gen, u nur ei Noch des be mehr mir d recht n in fan⸗ r bei und einer , der diren ihn t ein erzen 6 der Zeit daß chten dium Er⸗ chlug 149 ſollte es dem Herrn gefallen, auf mein Haupt der⸗ einſt die Krone des deutſchen Reiches zu ſetzen, ſo würde ich es für meine erſte Pflicht halten, Männer wie Euch in die Mitte desſelben zu ſenden, damit ſie mit ſanfter oder ſtrenger Hand es in den Schooß der heiligen Kirche zurückführen. O die gebenedeite Mutter aller Gnaden wird mein Flehen erhören und mein Gelübde annehmen, es ſoll, es muß, es wird wieder ein Hirt und eine Heerde ſein auf Erden Zu unerhört, zu gräßlich ſchreien die Gräuel dieſer Zeit zu Gott empor!— Wie viel edles und reines Blut hat die Erde getrunken in dieſen letzten Jahren! Das Haupt der frommen Königin Maria Stuart fiel unter dem Henkerbeile der Ketzerin Eliſabeth, die edlen Guiſen wurden abgeſchlachtet durch die Metz⸗ gerrotte dieſes dritten Heinrich von Valois, ungerechnet der Ströme des Märtyrerblutes, das die Kriege verſchlan⸗ gen, und alles, alles dieß hat, wenn man näher nachforſcht, nur einen Grund, den Abfall von der heiligen Kirche. Noch jung an Jahren und zur Regierung eines Lan des berufen, in dem die Peſt der Ketzerei mehr und mehr überhandnimmt, fühle ich, daß nur von oben mir die Kraft kommen kann, meine Regentenpflicht recht zu erfüllen. So gehe ich denn, wohin mich 150 meine Seele ruft, die heilige Jungfrau, die Gnaden⸗ reiche, wird mein Gelübde annehmen.“ Er ſtand auf und wiſchte die Schweißtropfen von der bleichen Stirn, während Pater Johannes ſeinen Blick zum Himmel richtete und ſich bekreuzte. „Eure Frömmigkeit in Ehren! ich ſchätze Euer Gelübde und traue auf ſeinen Erfolg,“ entgegnete Maximilian von Bayern,„aber ich bin doch der Mei⸗ nung, daß ein kriegsgeübtes Heer dieſen ketzeriſchen Gräueln gegenüber ebenſo wirkſam ſein wird als alle Gelübde.“ „Eins thun und das andere nicht laſſen,“ ent⸗ gegnete Pater Johannes,„ohne die Hilfe Gottes wird alle menſchliche Kraft und Macht zu nichte, aber nur ſelten läßt der Herr ſich herab Wunder zu thun, nur in Fällen, wo die menſchliche Kraft nicht ausreicht.— Der Herr verlangt, daß wir uns ſelbſt zu helfen ſtreben, bevor er mit ſeiner allmäch⸗ tigen Hilfe einſchreitet.“ Die beiden jungen Fürſten erhoben ſich nun und verließen das Zimmer ihres Lehrers, um ſich in ihre eigenen Gemächer zu begeben. Sowohl Ferdinand von Steiermark als Maxi⸗ milian von Bayern waren erzogen in der tiefſten Anhänglichkeit an die katholiſche Kirche, mit welcher ſich d hafter J Seite zu gla derung ſeitig, liche S Verfol wehr nigkeit 4 geblieb vorlage Zeitver ſonders Kaiſers ein ge denjeni träumt der ſch ſeine niger Maxim jährige aden⸗ opfen unnes eeuzte. Euer egnete Mei⸗ riſchen d als u ent⸗ Gottes Maxi⸗ ttiefſten welcher ſich dem traurigen Geiſt der Zeit gemäß ein wahr⸗ hafter Abſcheu gegen Andersglaubende verband. Dieſer Abſcheu lag keineswegs allein auf der Seite der katholiſchen Partei, wie man ſehr leicht zu glauben veranlaßt wird, wenn man die Zeitſchil⸗ derungen einſeitiger Schriftſteller lieſt, er war gegen⸗ ſeitig, und die Proteſtanten gaben durch eine unſäg⸗ liche Hartnäckigkeit den Katholiken Veranlaſſung zu Verfolgungen, die im eigentlichen Sinne nur Gegen⸗ wehr waren, ohne ſelbſt untereinander Frieden, Ei⸗ nigkeit und Duldung zu üben. Pater Johannes, der in ſeinem Zimmer allein geblieben war, fand unter den Briefen, die ihm noch vorlagen, wieder mehrere, die ihm dieſe betrübenden Zeitverhältniſſe auf das Deutlichſte ſchilderten, be⸗ ſonders ſolche, die aus Prag vom Hofe des deutſchen Kaiſers ihm anlangten. Kaiſer Rudolph der II. war ein gelehrter und gutherziger Fürſt, der ſich mit denjenigen Wiſſenſchaften, von denen ſeine Zeit träumte, ſo eifrig beſchäftigte, daß ihm zur Erfüllung der ſchweren Regentenpflichten, welche dieſe Zeit auf ſeine Schultern gelegt, wenig Muße und noch we⸗ niger Luſt blieb. Er war der älteſte der ſechs Söhne 3 Maximilian des II., dem es während ſeiner zwölf⸗ jährigen Regierung in ſeinen Erblanden gelungen war, alle Religionsparteien im Frieden zu erhalten, da er allen eine gleiche Duldung zutheil werden ließ. Es gehörte dazu ebenſoviel Güte als Klug⸗ heit, da jene Parteien einander aus allen Kräften haßten und anſeindeten, ſo daß das deutſche Reich gleichſan aus zwei einander entgegenflutenden Strömungen beſtand. Sie in ein Bette zu leiten, war nicht möglich ohne Kämpfe, die an Schrecken den fürchterlichſten Naturereigniſſen gleichkommen mußten, ſo galt es denn, ſie auseinander zu halten und jedem einen Lauf zu geben, daß ſeine erſte Ra⸗ pidität ſich mäßige, bis ſie ſich dann mit einander in ruhigem Erguß vermiſchen konnten. Es gehörte dazu eine wahrhaft hohe Weisheit, die weit über dem Niveau des Jahrhunderts ſtand, das in der äußeren Form der Religion den Bür⸗ gen ewiger Glückſeligkeit jedes Einzelnen und der Allgemeinheit ſah. Weil unter den Prieſtern des katholiſchen Kle⸗ rus ſich Mißbräuche eingeſchlichen hatten, weil ſie als Menſchen menſchlich fehlten und im Bewußtſein ihrer ungeheuren Macht dieſe Fehler nicht verdeck⸗ ten und entſchuldigten, ſondern zur Norm zu machen wagten; erhob ſich der Prieſter Martin Luther und forderte für ſeinen Stand eine durchgreifende Refo ſich tiger einer menf des Zau hatte genu Vorn Kraf erſtre in 2 groß Lauf in ſe men mir! ſter Erde als mäch da er Klug⸗ dräften Reich itenden leiten, chrecken ommen halten eſte Ra⸗ inander eisheit, ſtand, n Bür⸗ ind der ußtſein verdeck⸗ machen er und reifende 153 Reform. Tauſenderlei verſchiedene Intereſſen miſchten ſich ſehr bald in den Streit, den ein einzelner tüch⸗ tiger und das Gute aufrichtig wollende Mann mit einer Korporation begann, deren Macht tief im menſchlichen Leben, ja ſogar im innerſten Heiligthume des Herzens wurzelt. Luther befand ſich ſicherlich in der Lage des Zauberlehrlings, der eine myſtiſche Gewalt entfeſſelt hatte, welcher Einhalt zu thun er nicht Weisheit genug beſaß. Aber Luther war kein Knabe, der aus Vorwitz gehandelt, er war ein Mann, und ſeine Kraft lag in ſeinem ehrlichen Bewußtſein, das Gute erſtrebt zu haben. Er ließ das Triebwerk, das er in Bewegung geſetzt, gehen, feſt überzeugt, daß der große Meiſter der Welt im rechten Augenblick ſeinen Lauf regeln oder hemmen werde, und völlig ergeben in ſein Geſchick, falls es ſein eigenes Leben zermal⸗ men ſollte. Sein:„Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!’ war der Ausſpruch vollſter reſignirte⸗ ſter Hingebung, und hätten nicht die Fürſten der Erde ihn beſchützt, ſo wäre der arme Möünch ſogut als ſeine Vorgänger Huß und Hieronymus von der mächtigen Partei, die er angegriffen, unter die Räder 154 geworfen, die er in Bewegung geſetzt, damit dieſelben ihn zermalmend ſtehen blieben. Fürchterliche Kämpfe, gräßliche Thaten, Leiden, die keine Zunge umfaſſend genug ſchildern kann, waren die Folgen der Worte Luther's und der ent⸗ gegengeſetzten Strebungen, die ſie erweckten, und doch wer will die Menſchheit tadeln, die all ihr irdiſches Glück an dasjenige ſetzte, was über dem Irdiſchen ſteht; wer will ſie tadeln, daß ſie jede Freude, jeden Genuß der Sinne, den ſie mit dem Thiere gemein hat, willig opferte für das Glück, in dem ſie weit über allen andern Kreaturen ſteht, für die Erkenntniß Gottes! Freilich kämpfte man um die in dichter harter Schale verſchloſſene Frucht, aber in dieſen Kämpfen und durch dieſelben, ward jene Schale des Vorurtheils, welche die Erkenntniß Gottes in äußeren Formen und Handlungen ſucht, erweicht, ſo daß ſie zu rech⸗ ter Zeit ſpringen und aus dem weichen Kern der Liebe der heilige Keim der Wahrheit ſich entwickeln konnte, jener edle Keim, der, ſeine Wurzeln in die Erde ſenkend, ſeine Krone zum Himmel emporträgt. Denn nur in der Erkenntniß des Irdiſchen, des Er⸗ ſchaffenen, kann der Menſch das Unirdiſche, den un⸗ endlichen Schöpfer erkennen und finden.— Jede neue Erkenntniß einer Wahrheit, die der menſchliche Geiſt Gottes Verſta ſtande Schül die W ſein, forſcht ſucht Liebe im W Stern ſchmel war Vollen 5 richtig müſſen Mühe Partei Kämp Tage, Gotte Schöp und il amit den, ann, ent⸗ doch ſches teht; 455 Geiſt gewinnt, iſt ein neuer Schritt zur Erkenntniß Gottes, denn Gott iſt die Wahrheit! Aber nicht der Verſtand allein muß ſuchen. Wer mit dem Ver⸗ ſtande allein die Wahrheit ſucht, der tritt noch als Schüler und ohne Weihe in ihr Heiligthum, und die Wahrheit, die er erſchaut, kann nur eine halbe ſein, weil er nur mit der halben Kraft ſeiner Seele forſchte. Wer mit liebevollem Herzen den Herrn ſucht in ſeinen Werken, der findet Ihn, der ſich als Liebe offenbart im Kelche jeder Blume, als Allmacht im Wandel der fernſten Sonnen, als Schönheit im Sternenmantel der Nacht und im Duft und Farben⸗ ſchmelz jeder Blüte, Ihn, der die Wahrheit iſt, war und ſein wird, weil Er der Anfang und die Vollendung des Weltalls iſt. Mit Rührung, mit Dankbarkeit und mit auf⸗ richtiger Achtung vor ihrer Kraft und Opferwilligkeit müſſen wir, die Kinder einer reiferen Zeit, auf die Mühen und Schmerzen unſerer Vorfahren, welcher Partei ſie auch angehörten, ſehen, denn in ihren Kämpfen entwickelte ſich das höchſte Glück unſerer Tage, die Duldſamkeit gegen die äußere Form der Gottesverehrung, welche es erſt möglich macht, den Schöpfer in ſeinen Werken zu ſuchen und zu finden und ihn im Geiſte und in der Wahrheit anzubeten. 156 Die, welche berufen waren, jene ſchweren Kämpfe zu kämpfen, bedurften wahrlich eines ſchützenden Schildes, und ihre unumſtößliche Ueberzeugung, daß jene Aeußerlichkeiten, die ſie entzweiten, ſchon der Kern und das Weſen der Wahrheit wären, gab ihnen denſelben. Vielleicht hätten jene harten Kämpfe weniger furchtbar ſein können, wenn ein Mann von anderem Charakter das Haupt des deutſchen Reiches und der Chriſtenheit geweſen wäre. Rudolph der II. aber hatte für die Forderungen ſeiner Zeit nicht das In⸗ tereſſe des Herzens, obgleich er Katholik war der Bekenntniß und der Ueberzeugung nach und folglich einer der ſtreitenden Parteien angehörte. In Spanien am Hofe ſeines Oheims Philipp des Zweiten erzogen, hatte er von dorther einen Geiſt des Argwohns mitgebracht, der eigentlich ſeinem na⸗ türlich guten Herzen ſonſt fremd war, und der vielleicht der erſte Grund ward zu den Zerwürfniſſen mit demjenigen, der, ſolange er unverehelicht blieb, ſein natürlicher Nachfolger war, dem Erzherzog Ma⸗ thias, ſeinem ihm im Alter zunächſtſtehenden Bruder Der Brief, welchen Pater Johannes aus Prag erbalten, und der ſeine Betrübniß ſo lebhaft erregte, daß er den ſchönen Kopf auf die zuſammengeſchla⸗ genen Gedan Hand in dem * 3 Gruß nes, m ſelbe v ſern Ze nicht e hat, de noch we wirken. giöſe Z. und wi König! aber jet und krät Di II. zu H keit kann recht läſt lglich ilipp Geiſt t na⸗ der miſſen blieb, Ma⸗ ruder Prag —regte, ſchla⸗ 157 genen Hände ſtützte und eine Zeitlang in tiefe Gedanken verſenkt daſaß, war von einer weiblichen Hand in lateiniſcher Sprache geſchrieben und möchte in dem Deutſch unſerer Tage alſo lauten: „Mein lieber Herr und verehrter Freund! Zuvörderſt meinen aufrichtigen und herzlichen Gruß und die Frage, wie es, werther Pater Johan⸗ nes, mit Ihrer Geſundheit ſteht? Hoffentlich iſt die⸗ ſelbe von guter Beſchaffenheit, denn das iſt in un— ſern Zeiten doppelt und dreifach nothwendig. Wer nicht eine kernfeſte Geſundheit und eiſerne Kraft hat, der kann ſich nicht erhalten in dieſen Wirren, noch weniger mit aufrichtigem Herzen für das Gute wirken. Hier, mein verehrter Freund, in unſerm armen Böhmen, das nun ſchon ſeit ſo langen Zeiten reli⸗ giöſe Zwiſte zerreißen, iſt es ganz und gar ſchlimm und wird täglich ſchlimmer.— Gott erhalte den König! iſt wohl das Gebet jedes treuen Böhmen, aber jetzt müßte man noch hinzufügen, Gott ſtärke und kräftige ihn auch, denn das iſt beſonders Noth. Die Gelehrſamkeit iſt am Hofe Rudolph des II zu Hauſe, daran kein Zweifel; aber die Gelehrſam⸗ keit kann unter Umſtänden für eine ungelehrte Frau recht läſtig werden, beſonders wenn ſie ſich in irgend⸗ 158 einer nicht ſehr liebenswürdigen Perſönlichkeit breit macht.— Jetzt iſt hier in Prag der wichtigſte Mann der Herr Ritter Tycho von Brahe. Er iſt aus Dänemark hierher gekommen, weil er ſich mit dem Könige, der ihm zu anmaßend wurde, nicht mehr recht vertragen konnte. Der Ritter weiß alles, nicht nur was etwa hier in Prag oder im Böhmerlande, oder meinethalben auf dem ganzen Erdboden ge⸗ ſchieht,— bei Leibe, das wäre eine Kleinigkeit, worüber er nur lächeln könnte! Er weiß, was auf dem Sterne Mars oorgeht, und er berechnet ganz genau, wann derſelbe ſeine Reiſe um die Sonne macht. Um dieſen wichtigen Umſtand ganz bis ins Kleinſte herauszubekommen, hat Kaiſer Rudolph ihm das Schloß und die Herrſchaft Benatek ge⸗ ſchenkt, wo er bei Nacht nach den Sternen ſieht und bei Tage mit ſeiner Familie nach ſeiner beſon⸗ dern Bequemlichkeit lebt.— Der Ritter von Brahe beſitzt zwei ganz außerordentliche Dinge, nämlich eine ganz ungewöhnliche Naſe von Silber und eine ganz gewöhnliche Frau— aber von Silber iſt die ſicherlich nicht, und ich würde übrigens nichts gegen ſie einzuwenden haben, wenn der Herr Ritter nicht mir gerade die Ehre erzeigt hätte, ſeine Frau und ſeine Tochter zuzuführen. Letztere iſt die verlobte Brau zweid Freu Herr des Brah Wah mälu der zieher muß nicht, haltel daran ſie n golde ich de wenn Sie i ſchreil des t breit Mann ſt aus it dem t mehr ,nicht rlande, den ge⸗ nigkeit, as auf et ganz Sonne dis ins udolph lek ge⸗ n ſieht beſon⸗ Brahe nämlich nd eine iſt die 8 gegen er nicht 2 Frau verlobte 159 Braut des Herrn Tennagel, der hier eine ziemlich zweideutige Rolle ſpielt. Sie wiſſen, mein werther Freund, wie traurig das Verhältniß zwiſchen unſerm Herrn und ſeinem erlauchten Bruder war und iſt. Der Herr Rath Tennagel nun ſteht im Solde des Erzherzogs Mathias. Der Herr Ritter von Brahe aber iſt des Kaiſers größter und ſicherſter Wahrſager. Er lieſt in den Sternen, daß jede Ver⸗ mälung Sr. Majeſtät Elend bringen, daß ein Sohn, der ihm geboren, das Schwert gegen den Vater ziehen werde. Ach, Pater Johannes, mein verehrter Freund! muß einem da das Herz nicht wehthun? Ich weiß nicht, was von den Weiſſagungen der Sterne zu halten iſt. Gelehrte Leute und große Geiſter glauben daran, dieſe aber ſieht doch täuſchend aus, als ob ſie nicht aus den goldenen Sternen, ſondern aus goldenen ungariſchen Dukaten herausgeleſen wäre. Die heilige Jungfrau mag mir vergeben, wenn ich dem gelehrten Sternſeher Unrecht thue! Die Frau von Brahe wäre gewiß recht brav, wenn ſie nicht eben Frau von Brahe geworden wäre. Sie iſt eines Bauern Tochter, kann weder leſen noch ſchreiben, hat aber entſchieden den Willen, als Frau des größten Sternkundigen die vornehmſte Dame 160 vorzuſtellen. Das gibt Veranlaſſung zu gar vielen Lächerlichkeiten und zu noch mehrerem Aerger. Gott erhalte den König, beſchere ihm aber ſobald als möglich— wenn nicht eine Königin, ſo doch— o Pater Johannes, es wäre gut, wenn der junge Erzherzog Ferdinand ſich früh vermälte. Die Gemalin dieſes jungen Herrn müßte dann hier am böhmiſchen Hofe wie eine geliebte Tochter neben des Kaiſers Majeſtät ſtehen und mit weibli⸗ cher Milde und Liebe auf das Herz des Herrn wirken!— Wie oft und wie freudig erzählt meine würdige Mutter von der Zeit, da ſie als Oberſt⸗ hofmeiſterin der erhabenen Mutter unſeres Herrn hier lebte und wirkte. Damals ſtand der ritterliche Kaiſer Max in Mitte ſeiner Familie, neben ſeiner Gattin, ein Vater ſeines Volkes und ſeines Hauſes. Der Hofſtaat der Kaiſerin Maria war dem Volke ein Muſter aller Tugenden, ſchöne edle Frauen zierten ihn und waren Freundinnen der gütigen Monarchin, ritterlich um⸗ ſtanden die Erſten des Landes den Herrn der Chri⸗ ſtenheit, wie die Sterne den Mond umſtehen. Die Lobkowitz und Slawata, die Herren von Waldſtein, Roſenberg, Martinitz, Eggeuberg, Kinſkh, Lichtenſtein, waren die Rathgeber des Kaiſers, der könne Rath, zu we ich a mir e geprie Einflu Gotte ich zu 1857. ielen aber igin, venn lälte. dann chter eibli⸗ Herrn neine berſt⸗ Herrn ax in Vater t der aller varen um⸗ Chri⸗ von inſty, , der 161 zu jeder Stunde ſeinen Unterthanen zugänglich blieb. Ach, mein Freund, den König Rudolph umgeben nur Stallknechte, Bärenwärter, fremde Alchemiſten und Sterndeuter und den Weg zu ihm findet man nur durch Vermittlung ſeines Kammerdieners Lang, dieſes Abſchaums der Menſchheit, dem alles feil iſt, Ehre und Treue und Gewiſſen. Kann unter dieſen Umſtänden überhaupt etwas Kräftiges gethan werden für die heiligſte Sache des Glaubens? Und ich ſollte etwas thun, etwas erwirken kön⸗ nen? Pater Johannes, glauben Sie, daß Ihre Freun⸗ din Polixena die Frau iſt, welche fähig wäre, die Wege eittzuſchlagen, die hier allein zum Ziele führen können? Als ich mich entſchloß, zumtheil auf Ihren Rath, mein Freund, die vierte Gattin eines Mannes zu werden, der dreißig Jahre älter war als ich, hoffte ich allerdings wirken zu können für die Kirche und mir einen Platz zu erwerben in der Reihe mit Recht geprieſener Frauen, indem ich meinen jugendlichen Einfluß auf meinen Gemal verwendete zur Ehre Gottes und der heiligen Jungfrau. O, mein Freund! Dieſer Gatte, deſſen Lebensabend ich zu verſchönern hoffte, einer der wenigen Räthe 1857. XXI. Johann Kepler. II. 11 162 Kaiſer Rudolphs, auf deren Treue er baute, iſt hin⸗ übergegangen in die Ewigkeit und hat mich zurück⸗ gelaſſen, eine ſchutzloſe Witwe.— Meine Mutter hat außer mir noch neunzehn Kindern das Leben gegeben und ſorgt mit Eifer, daß jedes derſelben ſeinen Platz finde auf Erden, wo es wachſen und gedeihen möge. Meine Schweſter Franziska iſt die Gemalin des Fürſten von Caſerta, meine Schweſter Elvira Nonne im Kloſter der heiligen Klara in Wien, meine Schweſter Bibiana Fürſtin von Caſtiglione.— Ich bin eine reiche, junge, vielleicht auch ſchöne Witwe. O, Pater Johannes, können Sie wollen, daß ich Einfluß erhielte auf des Kaiſers Majeſtät?— würden Sie nicht lieber mit eigener Hand einen ſcharfen Dolch in das Herz ſenken, das Sie ſelbſt bildeten zu Ehre und Recht? Ich begann dieſen Brief im Tone des Scher⸗ zes, ich will ihn nicht enden mit einem Schrei der Verzweiflung. Mein Freund! mein Lehrer! mein Vertrauter ſeit ſo vielen Jahren, wiſſen Sie, wonach meine Seele ſich ſehnt?— Der Vetter meiner Mutter, Don Gracias de Mendoza Marques von Cannete, war lange Zeit Vizekönig jenes großen Landes auf der jenſeitigen Erdhälfte, das Ferdinand Cortez entdeckte und eroberte. Einſt— es ſind nun ſchon Jahre vergangen. ſeitder meine thörick zu ge Glück ich je nun e nen 9 Zunge zen ie der E wäre hätte Befrie mein ihren ſpät i 2 er um vogel ſucht 8 wüſte Zuflue das C hin⸗ rrück⸗ utter Leben elben und t?— harfen ldeten Scher⸗ rei der mein vonach Nutter, te, war uf der itdeckte gangen. 163 ſeitdem— ſchrieb er an meine Mutter und begehrte meine Hand von ihr. Damals erſchauerte mein junges thörichtes Herz vor dem Gedanken, über das Meer zu gehen und alles zurückzulaſſen, worin ich mein Glück fand.— O tauſend, tauſend Mal wünſche ich jetzt, daß ich dem Rufe gefolgt wäre, der mir nun eine Stimme Gottes ſcheint. Dort in der ſchö⸗ nen Natur, deren Pracht Don Gracias mit beredter Zunge pries, als Gebieterin eines Volkes, deſſen Her⸗ zen ich dem Heilande hätte gewinnen können, an der Seite eines thatkräftigen, ritterlichen Mannes, wäre mein rechter Platz auf Erden geweſen. Dort hätte ich wirken können, dort hätte ich Glück gefunden, Befriedigung aller Sehnſucht meines Herzens. O, mein Freund, warum erkennen faſt alle Menſchen ihren eigentlichen Lebensberuf erſt dann, wenn es zu ſpät iſt. Don Gracias hat ſich nicht vermält, jetzt ſchweift er umher auf den Wellen des Ozeans dem Sturm⸗ vogel gleich, fern von der Heimat und ohne Sehn⸗ ſucht nach einem häuslichen Ruheplatze. Manchmal meine ich, ich müßte nun gleich dieſe wüſte Welt verlaſſen und in heiligen Mauern meine Zuflucht ſuchen— vielleicht dürfte dieß einſt ſogar das Einzige ſein, was mir übrigbleibt— aber meine 11* 164 Seele iſt nicht geſchaffen zu träumeriſcher beſchauli⸗ cher Ruhe.— Ich möchte wirken, ſolange es Tag iſt, ich muß die Liebe, die mein Herz erfüllt, aus⸗ ſtrömen laſſen auf meine Mitmenſchen, indem ich ihnen nach Kräften Gutes erweiſe. Ach mein verehrter Freund, was dabei in mein Gedächtniß kommt! Erinnern Sie ſich des Jünglings noch, der in Stuttgart in der Weinlaube ſaß, und deſſen edle, ſanfte Züge wir von meinem Fenſter aus mit Theilnahme betrachteten? Durch Sie erfuhr ich ſpäter ſeinen Namen, Johannes Kepler, und daß er einem adeligen, obſchon zurückgekommenen Geſchlecht angehöre, ſogar mit Ihnen verwandt ſei. Nun oon dieſem Jüngling wird hier am Hoſe Kaiſer Rudolphs gar viel geſprochen, und zwar von Perſonen, die Macht und Einfluß beſitzen. Aus dem Munde der Frau Katharina von Brahe hörte ich zuerſt von ihm. Sie klagte mir, als ſie mich mit ihrem Beſuch beehrte, die große Noth, die ihr Mann hätte, der keinen Famulus finden könne, ge⸗ lehrt genug, um ſeine weiſen Gedanken faſſen zu können. Die Dame ſpricht nur wenig deutſch, ver⸗ ſteht gibt, unſer meint ſagt, vorhe gegen geleh ſagen religi Frau chem mulu mont Grätz Ihne erbeb ich d lernte Mein der dauli⸗ Tag aus⸗ n ich mein der in ſanfte nahme amen, bſchon Ihnen Hofe zwar Brahe ie mich die ihr e, ge⸗ ſen zu h, ver⸗ 165 ſteht das Cechiſche gar nicht, und daß es eine Sprache gibt, die man franzöſiſch nennt, weiß ſie wohl kaum. Es gab alſo ſo manche Mißverſtändniſſe in unſerer Unterhaltung. „Einen einzigen Mann gibt es in der Welt, meinte Frau von Brahe endlich, ‚von dem mein Tyge ſagt, daß er ihm nützen würde, derſelbe müßte jedoch vorher ſchwören, ſich nicht zu drehen, da dieß ganz gegen meines theuern Tyge Anſicht iſt. Ich war erſtaunt über dieſe Anforderung des gelehrten Herrn, glaubte aber, die Dame habe ſagen wollen, der bewußte Mann müſſe etwa ſeine religiöſe Meinung nicht ändern oder dergleichen, aber Frau Katharina ſprach mit Beſtimmtheit von wirkli⸗ chem Drehen und fügte hinzu, der gewünſchte Fa⸗ mulus ihres Gatten heiße Johannes Keplerus Leo⸗ montanus und ſei zur Zeit Profeſſor am Stift zu Grätz. Der Name ſiel mir auf. Warum ſollte ich es Ihnen läugnen, verehrter Freund, daß er mein Herz erbeben ließ in wehmuthsvoller Erinnerung. Als ich den, der ihn führt, durch einen Zufall kennen⸗ lernte, ſtand mein Leben in ſeiner höchſten Blüte. Mein Gatte war Oberſtburggraf von Böhmen und der Kaiſer überhäufte ihn mit ſeiner Gnade. 166 Mit welchen Hoffnungen trug ſich mein Herz! Keine, keine davon iſt in Erfüllung gegangen. Ich erkundigte mich genauer nach dem Jüng⸗ linge und— gewiß, es war derſelbe, der damals vor mir wie vor einer himmliſchen Erſcheinung ſtand. Ein großer Gelehrter und zwar ein ſolcher, wie er hier am kaiſerlichen Hofe am meiſten gilt, war aus ihm geworden; denn das werden Sie doch wiſſen, mein Freund, daß man hier nur zweierlei Wiſſenſchaften ſchätzt, die, welche ſich damit beſchäf⸗ tigt, Gold zu deſtilliren aus allen möglichen Dingen, und die, welche darüber nachſinnt, warum der Him⸗ mel oben und die Erde unten iſt.— Da iſt nun fern in einem Lande, das noch zumtheil von Hei⸗ den bewohnt wird, ein gelehrter Domherr geweſen, welcher geſagt, die Erde, auf der alles ſo feſt ſteht, drehe ſich wie ein Kreiſel um ſich ſelbſt und laufe dabei zugleich um die Sonne, und die Sterne am Himmel, die ſich auch zu bewegen ſcheinen, thäten dasſelbe.— Dieſe Meinung hat Herr Kepler in einem Buche, welches er: ‚Die Geheimniſſe des Welt⸗ baues’ nennt, erklärt. Sie wiſſen, Pater Johannes, daß ich ſonſt ei⸗ gentlich keine Freundin bin von müßigen Spekulationen; aber das Buch des jungen Magiſters hat mich wun⸗ derbe ſchein Wech gelm ſo gu innig ſachh finde Sach perni rechn bewe den dere. dene hen, groß zu ei und Mag Buch kläre was Herz! Füng⸗ mals tand. lcher, gilt, doch eierlei ſchäf⸗ ngen, Him⸗ nun Hei⸗ veſen, ſteht, laufe e am thäten ler in Welt⸗ iſt ei⸗ donen; wun⸗ derbar gerührt und ergriffen.— Die täglichen Er⸗ ſcheinungen des Sonnenauf⸗ und Unterganges, der Wechſel der Jahreszeiten, die anſcheinenden Unre⸗ gelmäßigkeiten des Laufes der Planeten ſind darin ſo gut erklärt, daß man mit dem Schreiber die herz⸗ innige Freude theilt, die er an der Schönheit, Ein⸗ fachheit und herrlichen Ordnung der Werke Gottes findet. Herr von Brahe aber iſt der Anſicht, daß die Sache ſo nicht zugehen könne, wie der Domherr Ko⸗ pernikus und Magiſter Kepler meinen. Er hat be⸗ rechnet, daß zwar die Planeten ſich um die Sonne bewegten, dieſe aber ſodann mitſammt den tanzen⸗ den Planeten alle Tage um die ruhende Erde wan⸗ dere. Er führt ſehr viel Gründe dafür an, von denen einige ſich auch auf die heilige Schrift bezie⸗ hen, vor allen aber meint er, die Welt könne ſo groß nicht ſein, daß unſere ungeheure Erde darin nur zu einem beweglichen, ſich drehenden Pünktchen würde, und er hat nun den Wunſch, daß der gelehrte junge Magiſter in Grätz ſeine Anſicht der Welt in einem Buche mit ebenſo beredten und edlen Worten er⸗ kläre, wie die des Kopernikus.— Dieß war es nun, was Frau von Brahe meinte, als ſie mir ſagte, 168 ihr gelehrter Mann mache an ſeinen Famulus die Forderung, ſich nicht zu drehen. Ich ſcherze, mein verehrter Freund! Was bleibt dem Menſchen übrig, als zu ſcherzen über die Wir⸗ ren, die er nicht löſen kann. So wenig ich indeß von den Sachen verſtehe, über welche jene Herren ſtreiten, und ſo müßig ihre Spekulationen mir zu ſein ſcheinen, ſo hat das Buch des Magiſters Kep⸗ ler mich doch ſehr erfreut, ja recht eigentlich gerührt. Er ſpricht über dieſe an ſich dem Menſchen wohl ſehr nutzloſen und gleichgiltigen Dinge aus einem Geſichtspunkte, der mir das Herz erwärmt, indem er in den Anordnungen der Natur nur die Weis⸗ heit und Größe des Schöpfers ſucht und findet.— Wie traurig, daß ein ſo frommer Mann ein Feind Gottes und der heiligen Kirche iſt. Ihn in den Schooß derſelben zurückzuführen, wäre ein Werk, würdig Ihres großen Herzens und Geiſtes. Dieſen langen Brief, mein theuerſter Freund und Lehrer, habe ich auf meinem Witwenſitze Rand⸗ nitz geſchrieben, wohin ich mich ſeit vierzehn Tagen zurückgezogen.— Seit ſo langer Zeit iſt auch bei mir eine arme Trauernde, die Tochter meines wür⸗ digen Freundes, Georg Popel von Lobkowic. Dieſer edle Mann, dieſer treue Pfeiler der heilig Grun in ei geſchit leider 6 Pater den de helfen uns, ſagt, r fühlt S theuer L der un intereſſ Seufze ſchönes auch dieſes die leibt Wir⸗ ndeß erren r zu Kep⸗ ührt. wohl inem dem 8 eis⸗ eind den 169 heiligen Kirche, iſt von dem Kaiſer plötzlich ohne Grund all ſeiner Ehren und Würden entſetzt und in ein uns bis jetzt noch unbekanntes Gefängniß geſchickt worden.— Dieſe traurige Nachricht muß leider den Schluß meines Briefes ſein. O, es iſt eine ſchwere Zeit, in der wir leben! Pater Johannes, Sie ſind ein Mann, der viele Fä⸗ den des Geſchickes in weicher und ſtarker Hand hält, helfen Sie uns dieſe neuen Wirren löſen, helfen Sie uns, rathen Sie uns! Kein Wort mehr! ich habe Ihnen alles ge⸗ ſagt, was auszuſprechen möglich iſt, und mein Herz fühlt ſich erleichtert. Schließlich empfehle ich Sie und alles, was Ihnen theuer iſt, dem Schutze der heiligen Jungfrau. Polixena Gräfin von Roſenberg, geborene von Pernſtein.⸗ Pater Johannes las dieſen langen Brief wie⸗ der und wieder, und jedesmal ſchien er ihn mehr zu intereſſiren und zu betrüben. Er ſtützte den Kopf in die Hand und tiefe Seufzer entſtiegen ſeiner gepreßten Bruſt.„Armes, ſchönes unglückliches Weib,“ ſagte er endlich,„daß auch Dein Geſchick hineingeriſſen iſt in den Strudel dieſes Elends, o das iſt ſchrecklich und ſchrecklicher 170 noch für mich als für Dich. O Polirena, Du Stern, der meiner Jugend ſo ſtrahlend aufging, Du Roſe, deren Erblühen ich mit Entzücken beobachtete, Dich! Dich! Dich! ſoll ich bluten laſſen und vergehen auf dem Altar, dem ich mein Ich hingegeben. O Gott! Herr des Himmels und der Erde, o gebenedeite Jungfrau, all Ihr Heiligen und Märtyrer aller Zeiten, erbarmt Euch ihrer und meiner!“— Seine Stirn war bleich, wie vom Finger des Todes gezeichnet und ſeine Lippe bebte. Es ſchien, als ob alles Leben und Fühlen des ſtarken Man⸗ nes ſich auf einen Punkt konzentrirt habe, und wie er ſo auf⸗ und abſchritt in der hohen gewölbten Halle, durch deren Bogenfenſter die Abendſonne ihre letzten glühenden Strahlen warf, da hätte auch ein hartes Herz Mitleid gefühlt mit dem Unglücklichen, dem das Leiden jede Nervenfaſer auseinander zu ziehen ſchien. Es war indeß nur ein Moment, mit einer hef⸗ tigen Anſtrengung faßte er ſich zuſammen, ſein Wille bekam von neuem Gewalt über ſein Aeußeres und mit raſcher Bewegung nahm er von der Wand ſein Baret und ſchritt aus dem Saale. Eilig, als ob er auf der Flucht ſei, ging er durch mehrere Korridors des ſchönen Gebäudes, das, rimili 3 holz l Augen leichte Stimt 8 zes a einem mit F verzier der ſe Perſon und ei Trotz, artige tauſen war ſi die br Elfenb auf d Stern, Roſe, Dich! auf Gott! edeite aller er des ſchien, Man⸗ id wie ölbten 171 den Paters der Geſellſchaft Jeſu gehörig, außer einem Offizial und vierzehn Ordensbrüdern zur Zeit auch die beiden erlauchten Zöglinge Ferdinand und Ma⸗ rimilian beherbergte. An einer Spitzbogenthür von dunklem Eichen⸗ holz blieb er, wie um Athem zu gewinnen, ein Paar Augenblicke ſtehen und klopfte dann zweimal mit leichter Hand, worauf von innen eine tiefe volle Stimme:„Herein,“ rief. Pater Johannes machte das Zeichen des Kreu⸗ zes an Stirn und Bruſt und ſtand eintretend in einem Zimmer, das mit dunklem Eichenholz getäfelt, mit Fenſtervorhängen von dunklem utrechter Sammt verziert, einen gewiſſen düſtern Charakter an ſich trug, der ſehr wohl übereinſtimmte mit dem Aeußern der Perſon, die ſich allein in demſelben befand. Es war ein Greis mit dunklen Feueraugen und einer Geſichtsfarbe, die allen Klimaten der Erde Trotz geboten zu haben ſchien. Jetzt war die pergament⸗ artige Haut des ſchmalen adlerartigen Geſichtes von tauſend feinen kleinen Linien durchfurcht, das Kinn war ſpitz, die hohe Stirn ſtach wachsbleich ab gegen die braunen Wangen, und eine Hand weiß wie Elfenbein mit ſchimmernden bläulichen Nägeln lag auf der Lehne des Armſeſſels, in welchem er ruhte. 472 „Gelobt ſei Jeſus Chriſtus!“ redete der Greis den Eintretenden mit jener wunderbar vollen Stimme an, die man ſchwerlich in dieſem gealterten Körper geſucht hätte. „In Ewigkeit Amen!“ entgegnete Pater Jo⸗ hannes.„Ehrwürdiger Vater, ich wünſche mein ſün⸗ diges Herz zu erleichtern durch das Sakrament der Beichte.“ Franz Xaver, der hochberühmte Jeſuiten⸗General, der Apoſtel des japaniſchen Reiches, in welchem er die Jahre ſeiner Jugend und ſeines Mannesalters unter tauſendfachen Anfechtungen, Leiden und Käm⸗ pfen zugebracht hatte, erhob ſich von ſeinem Sitze und ertheilte dem vor ihm niedergeknieten Johannes ſeinen Segen. „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes, ſprechen Sie, mein Bruder, da⸗ mit ich Ihnen durch die Gnadenmittel der Kirche Frieden geben kann.“ „Mein Vater,“ ſagte der Beichtende, indem er die Hand auf ſein Herz drückte,„es iſt nicht ein einzelnes Vergehen, was ich einzugeſtehen habe; um mich Ihnen verſtändlich zu machen und Ihre heiligen Befehle zu empfangen, muß ich Ihnen die Geſchichte meiner ganzen Vergangenheit mittheilen.“ 2 7 und n der ich wandt denma ſtützte Neigu das dreiun Kenne Bürge Künſtl mit r. mit de Vermi Herrn rung Ordne 2 und he ich da⸗ men 2 2 des O Hreis imme örper m er alters Käm⸗ 173 „Sprechen Sie, mein Bruder!“ „Wohlan denn, ich bin in Schwaben geboren und ward in der proteſtantiſchen Religion erzogen, der ich anhing ohne weitere Prüfung.— Ein Ver⸗ wandter von mir, der Bildſchnitzer Johannes Gul⸗ denmann in Magſtatt, hatte mich gern und unter⸗ ſtützte mich, da ich von Jugend auf entſchiedene Neigung für die Wiſſenſchaften und namentlich für das Studium der Sprachen hatte, ſo daß ich als dreiundzwanzigjähriger Jüngling für einen gelehrten Kenner aller bekannten Idiome galt. Der ſchlichte Bürger, der zu jener Zeit in ſeinem Fache ein Künſtler von Ruf war, hatte mancherlei Verbindungen mit reichen und vornehmen Perſonen und ſo auch mit den Herren Fugger in Augsburg, durch deren Vermittlung ich einen Ruf erhielt in das Haus des Herrn Wilhelm von Roſenberg, der mich zur Füh⸗ rung ſeiner ausgedehnten Korrespondenz und zum Ordnen ſeiner großen Bibliothek brauchen wollte. „Ich war dieſer Stellung mehr als gewachſen und hatte noch viele Zeit zu meiner Verfügung, die ich darauf verwendete, in den Häuſern der vorneh⸗ men Böhmen Unterricht in Sprachen zu ertheilen. „Auch in dem mit Kindern geſegneten Hauſe des Oberſtkanzlers Wratiſlaw von Pernſtein erhielt 17- ich Zutritt und unterrichtete dort zwei junge Fräu⸗ lein, Polirena von Pernſtein und ihre Freundin und Studiengenoſſin Eva von Lobkowie, deren Vater, der Oberſtburggraf Georg Popel von Lobkowic, mich mit Güte überhäufte. „Meine genaue Kenntniß der ſpaniſchen Sprache und Literatur erwarb mir die Zuneigung der edlen Frau von Pernſtein, die, von Geburt eine Spanie⸗ rin, eine hohe Stelle am Hofe der kaiſerlichen Ge⸗ malin Maximilian des II. eingenommen hatte. „Damals lebte ſie nur noch für ihre Familie; denn am Hofe des unvermälten Kaiſers trieben Frauen ihr Weſen, die nicht gemacht waren zum Umgang mit einer Dame von hohem Geſchlecht und ebenſo hohen Sitten. „Die beiden Fräulein, die ich unterrichtete, wa⸗ ren noch Kinder, aber beide beſaßen einen ſeltenen Geiſt und leuchtende Schönheit und beide hingen mit vollem Herzen an mir. „Mein Vater, es war eine glückſelige Zeit, die ich damals verlebte! „Herr Wilhelm von Roſenberg hatte einen jun⸗ gen Bruder, der wie der Ahnherr des Hauſes Peter Wok von Roſenberg hieß und damals in Ungarn gegen die Türken kämpfte. 2 Utraqt ßer B 7 von L Freun das K lich d den S war d nun a 2 ſpräche verſchit Schrec gentlich das H Fräule Belehr und 4 wohnen Herz, heilige ſchönen Fräu⸗ und Jater, mich prache edlen panie⸗ Ge⸗ milie; rieben n zum t und 175 „Dieſer Herr gehörte der Glaubenspartei der Utraquiſten und die Familie war dieſerhalb in gro⸗ ßer Betrübniß. „Als er zurückkehrte, ſandte Herr Georg Popel von Lobkowic, der Vater des Fräulein Eva und Freund des Herrn von Roſenberg, einen Mann in das Haus, wo ich lebte, deſſen Anweſenheit eigent⸗ lich den Zweck hatte, den Herrn Peter Wok in den Schooß der heiligen Kirche zurückzuführen; es war der würdige Jeſuitenpater Lukas Perger, der nun auch Beichtvater meines Gebieters wurde. „Seine Anweſenheit verurſachte tägliche Ge⸗ ſpräche über die verſchiedenen Glaubenslehren der verſchiedenen Sekten, und mit Erſtaunen, das an Schrecken grenzte, ward ich inne, wie wenig ich ei⸗ gentlich wußte von dem, was doch dem Menſchen das Heiligſte und Wichtigſte ſein muß. Das junge Fräulein Polixena erhielt von Lukas Perger religiöſe Belehrungen zur Vorbereitung für ihre erſte Beichte und Pater Perger geſtattete mir denſelben beizu⸗ wohnen. „Mein Vater! zweierlei fiel zugleich in mein Herz, das Samenkorn der Wahrheiten, welche die heilige Kirche lehrt, und— einer tiefen Liebe zu dem ſchönen frommen Kinde. Es war die Thorheit eines 176 Jünglings, denn Polixena ſtand ſo hoch über mir, wie der Mond über dem Quell, der ſein holdes Bild in ſtiller Tiefe trägt; aber dieſe Liebe ſo hoff⸗ nungslos als rein, war doch die Triebfeder aller Handlungen meines Lebens. „Ich ſpreche zu Euch, mein Vater, der Ihr an Gottes Statt ſteht, wie ich Gott dem Herrn meine Seele öffne.— Hätte es einen Weg gegeben, mir den Beſitz des Engels zu erringen, der all mein Denken und Fühlen erfüllte, ich hätte ihn einge⸗ ſchlagen. Aber ob ich auch der größte Gelehrte der 7, Welt, der tapferſte Kriegsmann, der erhabenſte Künſt⸗ ler wurde, die Tochter des Oberſtkanzlers von Böh⸗ men blieb für den armen Johannes ein unerreich⸗ barer Stern. „Es waren der Kämpfe viele, die ich kämpfte, und das Reſultat derſelben war, daß ich mein eige⸗ nes Ich gänzlich und für immer aufgebend, mich der erhabenen Verbrüderung anſchloß, die dem höchſten Zweck der Menſchheit ihr Daſein geweiht hat, der Ausbreitung und Wiederherſtellung der heiligen Kirche. „Mein Vater, wer das Glück nicht gewinnen kann, nach dem das Herz ſich ſehnt, der muß unter⸗ ich mi 2 Schwe Einflu gewag Kind als F Ausbr neuer habe; Thron heilige denn als S Ich wi den§ Mathi geben, jetzt d ſeine 1857. ihr an meine i, mir mein einge⸗ tte der Künſt⸗ Böh⸗ erreich⸗ impfte, n eige⸗ ich der ööchſten at, der Kirche. winnen unter⸗ 177 gehen in dem Jammer der Erde oder ſich aufranken zum Himmel. „Ich habe all meine Kraft hingegeben dem einen heiligen großen Zweck und ich wage es zu ſagen vor Gott und Ihnen, ich habe die Sache gefördert, der ich mich hingab. „Ich habe, ohne mit der Wimper zu zucken, ein Schwert in mein Herz gebohrt, indem ich meinen Einfluß— ach er war mächtiger, als ich zu hoffen gewagt— aufbot, um Polirena das engelhafte Kind zur Ehe mit einem Manne zu bewegen, der als Freund und Rathgeber Kaiſer Rudolphs der Ausbreitung der reinen Lehre, der Unterdrückung neuer Ketzereien Schutz gewähren konnte.— Ich habe zwei Prinzen erzogen, die in kurzem auf ihren Thronen mit aller Macht kämpfen werden für die heilige Kirche, kämpfen mit verſchiedenen Waffen; denn Marimilian wird als ein Krieger, Ferdinand als Staatsmann den reinen Glauben verbreiten. Ich wirke mit Eifer dafür, dem einen dieſer Prinzen den Kaiſerthron zu ſichern, da ſein Rival, König Mathias, um ſeinen Anſprüchen größere Macht zu geben, der Ketzerei Zugeſtändniſſe macht. Ich lenke jetzt das Herz meines zweiten Zöglings, daß er ſeine Kraft gebraucht, um früher als beim Tode 1857. XXI. Johann Kepler II. 12 178 ſeines ſchwachen Vaters die Zügel der Herrſchaft in ſeine Hände zu nehmen.— Mein Vater! mein Vater! ich glaube meine Pflicht gethan zu haben gegen unſeren mächtigen Orden und die heilige Kirche, und kein Opfer, das ich brachte, iſt mir zu groß erſchienen. Jetzt aber— leſt dieſen Brief— Po⸗ lirena, das edle, geiſtvolle Weib, deſſen Herz Wachs iſt in meiner Hand, kann, wenn ſie will, die höchſte Gewalt erringen über den ſchwachen Kaiſer.— Ein Wort, ein Federzug von mir, und ſie iſt ihm, was Gabriele d' Eſtrées dem vierten Heinrich, dem Be⸗ arner. Es wäre meine Pflicht, das Wort auszu⸗ ſprechen und— ich kann es nicht. Ich konnte das Meiſterwerk der Schöpfung zu einer Ehe ohne Liebe beſtimmen, aber es war ein Mann von hoher Ehre und milden Sitten, es war der reichſte und bravſte Mann ſeiner Zeit, dem ſie ihr junges Leben hingab. „Soll ich ſie jetzt in Kaiſer Rudolphs Arme le⸗ gen und von der Welt das Götterbild mit Koth bewerfen laſſen? Sie würde eine Heilige bleiben, welchen Platz meine Hand ihr auch anwieſe im Ge⸗ triebe dieſes Lebens, denn der Diamant verliert ſeinen Werth nicht, ob er auch im Staube liegt. Mein Vater, meine Beichte iſt vollendet, ſtraft mich, wenn mein Zweifel ein Fehler iſt gegen mein Ge⸗ lübde, mich 2 ſchönes perlen 2 Deine lübde, wäre Eben geht j gend, dreifac die El Gott. ſchwac zwar Ehre ihrem Oft, Schan Ehre. es nic und 9 I aft in mein haben Kirche, ¹ groß — Po⸗ Wachs höchſte — Ein 1, was m Be⸗ auszu⸗ ite das e Liebe r Ehre bravſte hingab. rme le⸗ t Koth leiben, im Ge⸗ verliert 179 lübde, aber entzieht mir Euern Rath nicht, dem ich mich unterwerfen werde als der Stimme Gottes.“ Pater Johannes erhob ſich von den Knieen, ſein ſchönes Geſicht war aſchenbleich und große Schweiß⸗ perlen ſtanden auf der hohen glatten Stirn. „Mein Bruder,“ ſagte Franz Raver,„obgleich Deine Zweifel eine Sunde ſind gegen Dein Ge⸗ lübde, ſo ſind ſie doch menſchlich und natürlich, was wäre jede Tugend, wenn ſie nicht Kämpfe koſtete? Eben aus der Sündhaftigkeit der menſchlichen Natur geht ja die höchſte Blüte der Menſchheit, die Tu⸗ gend, erſt hervor.— Deine Zweifel aber ſtammen aus dreifachem Fehler, aus einem irdiſchen Stolz, der die Ehre vor der Welt höher ſetzt als die Ehre vor Gott.— Wenn Donna Polixena die Geliebte des ſchwachen und leitbaren Kaiſers wird, ſo büßt ſie zwar ein ihre Ehre vor den Menſchen, aber ihre Ehre vor dem Herrn wird groß ſein, wenn ſie auf ihrem Platze ernſtlich wirkt zum Heil der Kirche.— Oft, mein Sohn, iſt das, was den Menſchen unſere Schande däucht, der Anfang unſerer allerhöchſten Ehre. Habe ich das nicht ſelbſt erfahren, und iſt es nicht tauſendmal vor meine Seele als Erinnerung und Mahnung getreten in ähnlichen Fällen? „Siehe, ich ſtand auf dem Markte zu Niphon, 12* 180 ein junger Prieſter des Herrn, und verkündete ſein Evangelium. Ueber mir wölbte ſich der blaue Him⸗ mel, um mich ſtanden die wunderlichen Gebäude jener Hauptſtadt, vor mir drängte ſich ein Schwarm von Zuhörern. Fremd dieſem allem, hatte ich keine andere Stütze, als meine Liebe zu dem Herrn, deſſen Wort ich verkündete. Ich ſprach von der Demuth und erläuterte des Heilandes Wort: ‚So Dir einer einen Backenſtreich gibt, ſo halte die andere Wange auch hin.“— Ich ſah Lächeln auf den Lippen mei⸗ ner Zuhörer, ich hörte ihr Geflüſter, bemerkte ihr Achſelzucken. Plötzlich trat einer aus der Menge auf mich zu, ſah mir mit klugen Augen ſcharf ins Geſicht und warf lachend ſeinen Speichel auf meine Stirn. „Mein Bruder! noch in dieſem Augenblick brennt die Demüthigung jenes Moments auf meiner erröthen⸗ den Wange. In meinem jugendlichen Herzen ſiedete mein ſpaniſches Blut auf, meine Fauſt ballte ſich krampfhaft— aber Dank ſei es der Barmherzigkeit des Heilandes, die Erinnerung an ſein Leiden und Sterben trat vor meine Seele. Hatte man doch auch ihn mit Dornen gekrönt, geſchlagen und an⸗ geſpieen, wie viel geringer war die Beleidigung, die mir ge ſündige / aus m Beleid⸗ ich de das T landes das O Zeiche! ben ar Rede ich die meinen geringe Du wi aus de iſt die nicht, ſchmutz eine Bruder einer e und ſe und n 181 e ſein mir geſchehen, und um wie viel mehr mußte ich armer Him⸗ fündiger Menſch geneigt ſein, zu verzeihen. bäude„Ich wiſchte das unſaubere Zeichen der Schmach ywarm aus meinem Angeſichte, ich neigte mich vor meinem hkeine Beleidiger und ſagte laut und vernehmlich:„Obgleich deſſen ich den Schimpf, welchen Du mir angethan, auf emuth das Tiefſte fühle, ſo verzeihe ich Dir um des Hei⸗ r einer landes willen und hoffe, daß Er Dir ins Herz ſieht, Wange das Opfer meines weltlichen Hochmuths als ein 1 mei⸗ Zeichen der Dankbarkeit für ſein Leiden und Ster⸗ kte ihr ben anerkennen wird, und dann fuhr ich in meiner Menge Rede fort.— Mein Bruder, an dieſem Tage taufte rf ins ich die erſten fünfzig Japaneſen, unter ihnen auch meine meinen Beleidiger.— Wende das Beiſpiel eines geringen Diener Gottes an auf die edle Dame und brennt Du wirſt ruhig ſein— wenn Du den zweiten Fehler, röthen⸗ aus dem Dein Zweifel ſtammt, überwunden. Dieſes ſiedete iſt die weltliche Liebe zu einem Weibe. Ich zweifle te ſich nicht, daß dieſelbe vollkommen rein ſei von aller —zigkeit ſchmutzigen Luſt der Sinne, ein ſolcher Zweifel wäre en und eine Herabwürdigung Ihres Standes, aber mein t doch Bruder, Sie, der Sie wie ich, Ihre ganze Seele d an⸗ einer einzigen erhabenen Liebe, der zu dem Heilande ig, die und ſeiner Kirche, gewidmet haben, Sie dürfen nichts und niemanden lieben, als inſoweit er ein Werkzeug 182 zur Erhebung derſelben iſt. Wenn Donna Polirena als Liebling des Kaiſers das Herz desſelben ſo leitet, wie die Kirche es will und beſiehlt, dann erſt dürfen Sie ſie lieben als eine Schweſter im Herrn. Der dritte Fehler iſt der ſchlimmſte, Sie haben gewagt, ſelbſt zu denken, zu urtheilen, zu prüfen. Das iſt eine ſündliche Auflehnung gegen das Geſetz, das Ihnen beſtehlt, blindlings zu gehorchen, ohne zu prüfen, ohne zu grübeln. Wiſſen Sie, können Sie wiſſen, ob Donna Polixena nicht von jeher beſtimmt war, an der Seite des Kaiſers zu ſtehen?— Sind Sie der Geiſt, der die Bewegungen der mächtigen Körperſchaft lenkt, von der wir beide ich und Sie nur unbedeutende Glieder ſind? Gehorchen iſt Ihre Pflicht und die Erfüllung derſelben das einzige Verdienſt, was Sie ſich erwerben können.— Sie ſprechen von Ihren Verdienſten um unſern Orden und die heilige Kirche? Sie, der nicht neben einem ſchoͤnen Mädchen ſtehen konnte, ohne in Liebe für es zu entbrennen?“ „Mein Vater!“ entgegnete Pater Johannes, deſſen Wangen ſich geröthet hatten bei den harten Worten ſeines Oberen,„vergeſſen Sie nicht, daß ich dem Orden noch nicht angehörte, als“— „Ich vergeſſe nichts,“ entgegnete Franz Kaver mit Hoheit,„im entgegengeſetzten Fall würde ich Todſt zeicht vor d und Buße ihr in kann, zum aus Marr Herz Reihe fung Erzäl auf ſ Wiſſe Grätz gende olirena leitet, dürfen Der gewagt, iſt eine Ihnen n, ohne Donna r Seite Geiſt, ft lenkt, peutende lind die pas Sie Ihren Kirche? n ſtehen 2 lhannes, harten daß ich 183 Todſünde nennen, was ich jetzt nur als Fehler be⸗ zeichne.— Gehen Sie hin, mein Bruder, beten Sie vor dem Altare des heiligen Franziskus ſechs Pater und ſechs Ave und möge es dann Ihre eigentliche Buße ſein, an Donna Polirena zu ſchreiben und ihr in einer Art, die ihre Sittſamkeit nicht beleidigen kann, auseinander zu ſetzen, welches Opfer ihre Pflichten zum Heile der Kirche und des Staates von ihr fordern.“ Pater Johannes erhob ſich und ſchwankte hin⸗ aus nach der Kapelle, wo er, die Stirn auf die Marmorſtufen des Altars gelegt, die Hand auf das Herz gedrückt, jene Kämpfe weiter kämpfte, deren Reihenfolge ſein Leben ausmachte. Dreizehntes Kapitel. Nach dieſer unerläßlich nothwendigen Abſchwei⸗ fung kann ich mir erlauben, den Helden meiner Erzählung von neuem eine Weile Schritt für Schritt auf ſeinem Lebenswege zu begleiten. Man hatte ihn als Lehrer der mathematiſchen Wiſſenſchaften an die proteſtantiſche Stiftsſchule in Grätz geſchickt, und dort, in einer der ſchönſten Ge⸗ genden Europa's, ſtand er zum erſtenmal in ſeinem 184 Leben mit dem Gefühl der Selbſtſtändigkeit einem Amte vor, das ihm die Gelegenheit gewährte, ſeine Pflichten aus Neigung zu erfüllen. Kepler's Sehnſucht nach Erkenntniß, ſein heißes Streben nach dem höchſten Gute, konnte im Stu⸗ dium der Gottesgelahrtheit keine Befriedigung finden, wohl aber fand ſeine reine Seele mit Entzücken, mit tauſendfacher Freude, die Erkenntniß des Herrn in der Kenntniß ſeiner Werke. Der große Gedanke ſeines Vorgängers Koper⸗ nikus hatte wie mit einem Zauberſchlage den Kerker geſprengt, in dem ſich vor ihm der menſchliche Geiſt gefangen ſah. Der entfeſſelte Genius erhob ſeine Schwingen und eilte im großen Gebiete unſeres Sonnenſyſtems, von Stern zu Stern, die einfachen Geſetze zu ſuchen, nach denen die erhabenen Wunder geſchehen, deren Schönheit das Menſchenauge an⸗ ſtaunt, im Sonnenauf⸗ und Untergange, im Wechſel des Mondlichtes, in der Verſchiedenheit der Jahres⸗ zeiten auf Erden, im Wandel der Planeten und in der anſcheinend feſten Stellung jener goldenen Him⸗ melslichter, die für das beobachtende Menſchenauge ſich ſeit Jahrtauſenden nicht verrückt haben. Die einfachſten Werkzeuge mußten dem jungen Gelehrten bei ſeinen Beobachtungen genügen, da er, mit 6. Herze er ern zu ge 8 das d und e ihm e ſeines gen u unmög welche genoſſe beiden denen heiligen Gottes C Abgeſch ternhei zens, trug, ¹ einem ſeine heißes Stu⸗ nden, „ mit rn in doper⸗ Kerker Geiſt ſeine iſeres achen under e an⸗ Him⸗ nauge 185 mit Geldmitteln nur ſpärlich verſehen, in ſeinem Herzen auch die Verpflichtung fühlte von dem, was er erwarb, einen Theil an Mutter und Schweſter zu geben. Sein Amt gab ihm neben ſeinem Gehalte auch das Recht, in dem proteſtantiſchen Stift zu wohnen, und eine Reihe von vier freundlichen Zimmern hätte ihm eigentlich zugebote geſtanden, aber die Witwe ſeines Vorgängers Georg Stad beſaß kein Vermö⸗ gen und es war dem freundlichen Herzen Kepler's unmöglich, ſie aus der Wohnung zu verweiſen, in welcher ſie die Tage ihres kurzen ehelichen Glückes genoſſen; ſo theilte er denn mit ihr, indem er die beiden Hinterzimmer für ſich behielt und die beiden nach der Murgaſſe hinausgehenden Vorderzimmer ihr überließ. Hier, in dieſen vom Geräuſch der Welt geſchie⸗ denen Räumen, überließ der Jüngling ſich mit einem heiligen Eifer den Arbeiten, die ihn zur Erkenntniß Gottes führen ſollten. Er machte keine Bekanntſchaften; denn in der Abgeſchiedenheit erzogen, war ihm eine gewiſſe Schüch⸗ ternheit zueigen, die ihn trotz ſeines weichen Her⸗ zens, das nach Liebe und Geſelligkeit Verlangen trug, von der Welt fernhielt. 186 Die Lehrer an der gelehrten Anſtalt, die mit ihm zuſammen arbeiteten, lernte er natürlich kennen und ſtand bald mit ihnen in einem freundlichen Verhältniſſe; aber ſelbſt von ihren Familien hielt er ſich fern. Es zog ihn nicht in weibliche Geſellſchaft, er trug ein Ideal in ſeinem Herzen, das ihn an⸗ ſpruchvoll machte, und die Geſpräche der jungen Mädchenwelt über Putz, Tanz und die kleinen Vor⸗ gänge der Stadt hatten für ihn kein Intereſſe. Als rüſtiger Fußgänger fand er ſeine Zerſtreu⸗ ung in der herrlichen Umgegend ſeiner neuen Hei⸗ mat, und gerne weilte er auch in dem von den Ständen neugegründeten Joanneum, das eigentlich eine Ergänzung der älteren Stiftsſchule, Wohnungen für proteſtantiſche Studenten und Lehrer und die proteſtantiſchen Geiſtlichen der Stadt enthielt. Ein großer neuangelegter Garten mit Hecken, Blumenſtöcken und Ruheſitzen unter einigen alten Bäumen machte ihm dieſen Aufenthalt, beſonders in den kurzen Zwiſchenzeiten der verſchiedenen Lehr⸗ ſtunden, angenehm. Dort verzehrte er, unter einem Baume ruhend, ſein einfaches Frühſtück und beob⸗ achtete das Leben und Wogen der kleinen Welt in ſeinen Zweigen, dachte liebevoll an ſeine fernen Frer ken ſie 1 ner gege ſtütz Beiſ prot ſelbe Sch befre Zeit Arbe higke es n Erke Amt digſt Wet füllte Büch 2 mit ennen lichen elt er ſchaft, n an⸗ ungen Vor⸗ Lehr⸗ einem beob⸗ Welt fernen 187 Freunde und freute ſich Gottes in den kleinſten Wer⸗ ken ſeiner Schöpfung. Seine Amtsarbeiten waren nicht wenige, und ſie wurden ihm erſchwert durch den Widerſtand ſei⸗ ner Kollegen und der proteſtantiſchen Geiſtlichkeit gegen ſo manche von der katholiſchen Partei unter⸗ ſtützte nothwendige und nützliche Neuerung, zum Beiſpiel die Einführung des neuen Kalenders. Die proteſtantiſchen Geiſtlichen waren außer ſich über die⸗ ſelbe und ihre Antwort an Herzog Ludwig von Schwaben, als derſelbe ſie wegen dieſer Angelegenheit befragte, iſt wohl werth, daß man ſie einer ſpätern Zeit bekannt werden laſſe. Für Kepler aber war es ein Glück, daß die Arbeiten ſeines Amtes ſeinen Neigungen und Fä⸗ higkeiten ſo ganz und gar angemeſſen waren und es mit jedem weitern Fortſchritt auf der Bahn der Erkenntniß immer mehr und mehr wurden. Die Anfertigung des Kalenders war eine ſeiner Amtspflichten. Er hatte ſie Anfangs für die unwür⸗ digſte von allen gehalten, denn Prophezeiungen des Wetters und die Schickſale der hohen Häupter füllten einen guten Theil dieſes verbreitetſten aller Bücher aus. Aber auch hier fand er bald, daß der Wahrheit 188 dienen, Gott dienen heißt, und Kepler verſtand es, der Wahrheit zu dienen auch da, wo er die Irr⸗ thümer ſeiner Zeit reſpektiren mußte. Im Gewande humoriſtiſchen Scherzes gab er unumſtößliche Le⸗ benswahrheiten ſeinen Zeitgenoſſen als Weiſſagung der Sterne, er miſchte verſtändige Verhaltungsregeln unter die Wetterprophezeiungen, und ſeine Zeitge⸗ noſſen, die ihn da, wo er für die höchſten Wahr⸗ heiten kämpfte, nicht verſtehen konnten, huldigten ihm da, wo er mit leiſer Hand den Quell des Irr⸗ thums, den er nicht verſtopfen konnte, in ein möglichſt unſchädliches Bette leitete. Magiſter Kepler, der Verfaſſer der Geheimniſſe des Weltbaues, galt im deutſchen Reiche ſehr bald für einen großen, aber eigenſinnigen Aſtrologen, der ſeine geheimnißvolle Weisheit nur ungern, nur ge⸗ zwungen denjenigen mittheile, die ihn um dieſelbe baten. Von Arbeit ermüdet, ſaß er im Garten des Joanneums. Es war ein Maiabend, im erſten Jahre ſeines⸗Aufenthaltes in Grätz, und über ihm in den Zweigen einer alten Eiche ſang eine Nachtigall. Er hatte den uralten ſchönen römiſchen Denk⸗ ſtein betrachtet, den man dort aufhob, und ſeine Ge⸗ danken ſchweiften in die Zeit zurück, da jener viel⸗ leicht Vora junge Zweig dacht menſe erlebt mächt des L unſer einen Baum kreis Menſe von dieſer faßt d endlich ( C dunkler Fremde es, Irr⸗ nde Le⸗ ung geln tge⸗ ahr⸗ 189 leicht von einem liebenden Herzen einem Theuern Vorangegangenen geſetzt worden war. „Damals hat vielleicht ſchon dieſe Eiche als junger Baum hier gewurzelt und auf ihren kleinen Zweigen hat eine Nachtigall geſungen wie jetzt,“ dachte er. „Welche Wechſel der Zeiten, der Herrſcher, der menſchlichen Anſichten und Einſichten hat dieſer Baum erlebt, und welche wird er noch erleben, bevor ſein mächtiger Stamm ausgehöhlt in Staub zerfällt! „Was iſt Zeit? der immer rinnende Strom des Lebens, den wir nach dem Tropfen meſſen, der unſer Sein auf Erden umſpült.— Ein Jahr ſetzt einen neuen Ring um den Stamm dieſes ſchönen Baumes— ein Tag reicht aus, den ganzen Lebens⸗ kreis eines Inſekts zu erfüllen, die Lebensdauer eines Menſchen iſt ein Hauch, ein Atom in jener Reihe von Lebenserſcheinungen, die vorübergezogen, ſeit dieſer Erdball ſeine jetzige Geſtalt erhalten, und doch faßt der Geiſt des Menſchen die Gedanken der Un⸗ endlichkeit.“ Er ſah auf und fand, daß er nicht mehr allein ſei. Ein junger Mann, ſattlich von Geſtalt, blickte mit dunklen blitzenden Feueraugen auf ihn nieder. Der Fremde hatte den Hut mit der ſchwarzen Feder 190 abgethan und zeigte auf dem kräftigen hochgetragenen Haupt rothbraunes, dichtes Haar, das ganz kurz ge⸗ ſchoren auf der ſehr hohen Stirn in eine ſcharfe Spitze auslief. „Mein Herr Magiſter,“ ſagte er und verbeugte ſich dabei höflich, jedoch in einer Weiſe, die von vielem Selbſtgefühl zeugte,„ſeit zwei Tagen ſuche ich nun ſchon Gelegenheit, Sie kennenzulernen, Sie halten ſich aber ſo fern von aller Welt, daß ich, wenn ich meinen Wunſch, Ihnen näher zu treten, erfüllt ſehen will, mich Ihnen wohl ſelbſt vorſtellen muß. Ich bin Albrecht Graf von Waldſtein, böhmiſcher Edel⸗ mann.“ Kepler, welcher von ſeinem Sitze aufgeſtanden war, verbeugte ſich ruhig und ſchweigend. „Was mich zu Ihnen führt, wird Ihnen bekannt ſein,“ fuhr der Sprecher fort. „Nicht im geringſten,“ entgegnete Kepler. „Wirklich nicht? ſollte ein Mann von ſo großer Weisheit nicht wiſſen“— „Sie ſcheinen ſich einen Scherz machen zu wollen, Herr Graf, oder irren in meiner Perſon.“ „Sie ſind der berühmte Aſtrolog, der Verfaſſer jener Schrift, der Geheimniſſe des Weltbaues, die ſo ungeh Keple aber derjen geſchri hält, die de weiß, aus d ſtimm Welt Ihnen 4 den S ſagte als da⸗ 2 Eigenf dermaꝛ von de des S überkor Sie be ten Sie nen ge⸗ arfe ugte elem nun alten t ich ſehen bin Sdel⸗ 1941 ungeheures Aufſehen erregt hat, Magiſter Johannes Kepler,“ entgegnete Albrecht von Waldſtein. „Ich heiße Kepler und habe jenes Buch geſchrieben, aber ich beſchäftige mich nicht mit der Aſtrologie.“ „Wie, mein Herr Magiſter? und doch ſind Sie derjenige, der den neuen ſteiermärkiſchen Kalender geſchrieben, der die wunderbarſten Weiſſagungen ent⸗ hält, Weiſſagungen ſo erhaben und großartig, wie die der Propheten des alten Teſtamentes.— Ich weiß, mein Herr Magiſter, ſchon lange weiß ich es aus dem Munde großer Sternkundigen, daß ich be⸗ ſtimmt bin, in dem Kriege, der in kurzem über die Welt kommen wird, eine große Rolle zu ſpielen, von Ihnen aber möchte ich erfahren“— Kepler unterbrach ihn.„Ich verſtehe nicht in den Sternen die Geſchicke der Menſchen zu leſen,“ ſagte er feſt,„ich ſuche und finde in ihnen nichts, als das Zeugniß von Gottes Größe.“ „Man hat mir ſchon vielfach von Ihrem großen Eigenſinn erzählt, Herr Magiſter, Sie ſchlagen es je⸗ dermann ab, das Horoskop zu ſtellen; Sie verſichern von der höchſten Weisheit der Welt, von der Kunſt des Sterndeuters, die wir aus den Morgenländern überkommen, nichts zu verſtehen; ich hoffe aber, daß Sie bei mir eine Ausnahme machen werden, betrach⸗ ten Sie ſelbſt mein Horoskop, geſtellt und ausgearbeitet 192 von den beiden größten Gelehrten unſerer Zeit, dem Engländer Dee und dem Dänen Brahe. Die Sterne weiſſagen mir große Dinge, aber im ganzen heiligen römiſchen Reiche iſt, wie man allgemein ſagt, kein Gelehrter, der mir die näheren Umſtände ſo genau ſagen kann, als Sie, mein Herr Magiſter.“ „Mein Herr Graf,“ ſagte Kepler mit einiger Verlegenheit,„ich möchte Sie eines fragen: haben Sie ſelbſt meine Schrift von den Geheimniſſen des Weltbaues geleſen?“ „Nein,“ entgegnete Waldſtein,„ich bin kein Gelehrter vom Fach, obſchon ich die Wiſſenſchaften liebe, die dem Menſchen, wenn er ſie mit Eifer und in rechter Weiſe treibt, das höchſte geben: Verlänge⸗ rung des Erdenlebens, Kenntniß der Zukunft, und Gold, das Mittel, ſich die Welt unterthänig zu machen.“ Kepler lächelte ſanft.„Ich bin zwar noch ein Neuling auf der Bahn der Wiſſenſchaft und Gelehr⸗ ſamkeit; wenn ich Ihnen aber ſagen ſollte, welches Glück wir auf derſelben finden, ſo würde mein Aus⸗ ſpruch ganz anders lauten: ich meine, wer die Wiſ⸗ ſenſchaften mit rechtem Eifer und in rechter Weiſe treibt, dem geben ſie die Kraft, den Tod nicht zu fürchten, da er eine Naturnothwendigkeit und folglich kein U ſeiner Freude fügige ihn be Einflu Macht welche Aber Graf, bin k daher auch ( Geſchi Wahr der al jenigen ihn pe wenn nahm, Ungeh Entſch wiſſen 1857. dem terne ligen kein enau niger haben des kein haften r und änge⸗ , und chen.“ Aus⸗ Wiſ⸗ Weiſe 193 kein Uebel iſt, ſie laſſen ihn eine nähere Kenntniß ſeiner Zukunft nicht wünſchen, da die Leiden und Freuden dieſes kurzen Menſchenlebens etwas Gering⸗ fügiges für den wahren Weiſen ſind, und ſie lehren ihn beſonders noch, das Gold zu entbehren und ſeinen Einfluß zu verachten, da die Freuden, die ſie geben, die Macht, die ſie verleihen, den Freuden und der Macht, welche das Gold gibt, bei weitem vorzuziehen ſind. Aber das Alles iſt Sache perſönlicher Anſicht, Herr Graf, nur dieß Eine muß ich Ihnen wiederholen, ich bin kein Aſtrolog und bin kein Alchemiſt und kann daher Ihr Anliegen nicht erfüllen, wie gern ich Ihnen auch gefällig ſein möchte.“ Graf Waldſtein lächelte.„In den griechiſchen Geſchichten erzählt man von einem wunderbaren Wahrſager, dem Proteus, Hüter der Meerkälber, der alle Zukunft wußte, aber nie geneigt war, dem⸗ jenigen Rede zu ſtehen, der ihn fragte; man mußte ihn packen, binden und ſich nicht ſtören laſſen, auch wenn der Schlaue hundert verſchiedene Geſtalten an⸗ nahm, ſich in Feuer und Flut, ſich in das gräßlichſte Ungeheuer verwandelte; welcher ihn ohne Furcht, mit Entſchiedenheit feſthielt und bändigte, erfuhr, was er wiſſen wollte. Möglich, daß man mit Ihnen ebenſo 1857. XXI. Johann Kepler. II. 13 194 umgehen muß, und ich wäre der Mann dazu, deſſen können Sie verſichert ſein.“ Ein Funkeln in den Augen des Böhmen ſagte dem jungen Gelehrten mehr als Worte es hätten thun können, welchem Charakter er gegenüberſtünde. „Ein Mann, dem andern gegenüberſtehend,“ entgegnete dieſer mit höflicher Ruhe,„kann, däucht mir, nie ſo ganz entſchieden vom Packen, Binden und Feſthalten ſprechen, auch wenn er, wie Ew. gräfliche Gnaden mir gegenüber, der Längere und der Vornehmere iſt. Ich achte, Herr Tycho von Brahe betrachtet das Nativitätſtellen und alles, was damit zuſammenhängt, eben wie der berühmte Ko⸗ pernikus und Galilei, für einen Scherz, den man ſich mit denjenigen wohl erlauben kann, die darauf verſeſſen ſind; ich, Herr von Waldſtein, habe aber natürlich zu viel Achtung vor Dero vornehmer Her⸗ kunft und anſehnlichem Aeußeren, um mir einen Scherz mit Ihnen zu erlauben, ich will Ihnen den Hokuspokus nicht vormachen, mit dem jeder Markt⸗ ſchreier und jedes alte Weib Ihnen für drei Gul⸗ den oder auch geringeren Preis aufwartet.“ In dem feinen und jugendlichen Geſicht des ſchwäbiſchen Magiſters lag bei dieſen Worten ein Ausdruck, der dem kräftigen böhmiſchen Edelmann nicht impon Kunſt erweit Mag ihn n. derzie währe ich ke Figur logie leider In Il in de Ihres ohne noch, genüb wäre 1 wenn erforſe fragte deſſen ſagte ätten ünde. end,“ däucht inden Ew. e und von was e Ko⸗ man einen n den 10α 195 nicht nur auffiel, ſondern ihm ſogar gewiſſermaßen imponirte. „Wenn ich Sie nun um die Ausübung Ihrer Kunſt, als um einen großen Dienſt, den Sie mir erweiſen, mit aller Freundlichkeit bäte,“ ſagte er, dem Magiſter die ſchlanke, feſte Hand hinreichend und ihn mit gewinnender Höflichkeit zu dem Sitze nie⸗ derziehend, von welchem Kepler eben aufgeſtanden, während er ſelbſt ſich neben ihn niederließ. „Auch dann nicht, Herr Graf, auch dann nicht, ich kenne die Regeln und Geſetze, die Zahlen und Figuren, nach denen man die blinde Kunſt der Aſtro⸗ logie übt, ich läugne das nicht. Ja! ich muß mich leider herbeilaſſen, ſie bisweilen auch zu gebrauchen. In Ihrem Geſichte aber, Herr Graf von Waldſtein, in den Formen Ihrer Hand, in der ganzen Art Ihres Sprechens und Auftretens ſehe ich, ſo jung und ohne große Menſchenkenntniß ich auch noch bin, den⸗ noch, daß ich einem Mann von Geiſt und Kraft ge⸗ genüberſtehe. Einen ſolchen im Scherz zu täuſchen, wäre unedel, es aus Furcht zu thun, feig.“ „Aber was ſuchen Sie denn in den Sternen, wenn Sie die erhabenſte Wiſſenſchaft verachten, was erforſchen Sie denn bei Tag und Nacht am Himmel?“ fragte Waldſtein, indem er die Hand auf den Knauf 13* 196 ſeines Schwertes gedrückt, mit der Spitze desſelben Figuren in den Sand zu ihren Füßen zeichnete. „Ich fürchte, mein Herr Graf,“ entgegnete Kepler,„daß ich mich Ihnen nicht ganz verſtändlich machen könnte, wenn ich auch verſuchte, es Ihnen auseinander zu ſetzen. Das, was ich in den Him⸗ melsräumen ſuche und finde, iſt nicht Ruhm und Vortheil, ich muß meine Bücher auf eigene Koſten drucken und bis auf zwei oder drei in fernen Lan⸗ den lebende Männer nennen die Gelehrten meiner Zeit mein Wiſſen und Erkennen theils Thorheit, theils ſogar Sunde und Vermeſſenheit. Ich ſuche dort oben— die Wahrheit, das höchſte Gut, die Erkenntniß Gottes! „Arm und einſamen Herzens wie ich bin, iſt das mein Glück, meine innere Befriedigung. In der Erkenntniß der einfachen Schönheit und Erha⸗ benheit des Weltbaues erhalte ich die Gewißheit der Größe und Güte des ewigen Schöpfers, und in einer Zeit wie dieſe, wo die Menſchheit in Haß und Hader liegt um den Buchſtaben der Chriſtus⸗ lehre, iſt der ſanfte Frieden der Natur mir die feſte Bürgſchaft der Liebe Gottes.“ Der junge Böhme hatte während dieſer Worte ſein durchdringendes Auge auf den Sprecher geheftet. orden dieſer kennen Ehre in da men, haltes Herr mache fallen C ihm e beugu von C ſtand Mutte nahe, nicht betrete nem weißen die Fe deren zeigt l Alben gnete idlich hnen Him⸗ und voſten Lan⸗ reiner und in Haß iſtus⸗ feſte Worte 197 „Sie ſind ein ſeltſamer, in der That ein außer⸗ ordentlicher Mann, Magiſter Kepler,“ ſagte er, als dieſer ſchwieg,„und es iſt mir eine Freude, Sie kennengelernt zu haben. Ich bitte Sie, mir die Ehre und Freude zu erzeigen, heute Abend zu mir in das Haus meines Freundes Eggenberg zu kom⸗ men, wo ich während der Dauer meines Aufent⸗ haltes in Grätz meine Wohnung habe. Auch der Herr von Eggenberg wünſcht Ihre Bekanntſchaft zu machen, und ich hoffe, daß Sie ſich dort wohlge⸗ fallen werden.“ Der junge Gelehrte nahm die Einladung, welche ihm eine hohe Ehre erzeigen ſollte, mit einer Ver⸗ beugung und einem kleinen Herzſchlagen an. Herr von Eggenberg, einer der erſten Herren des Landes, ſtand der durchlauchtigen Erzherzogin Maria, der Mutter des noch minderjährigen Landesherrn, ſehr nahe, und noch vor einer Stunde hatte Kepler wohl nicht gedacht, den Palaſt dieſes Herrn als Gaſt zu betreten. Als er Abends ſein beſtes Kleid von brau⸗ nem utrechter Sammt mit Schlitzen und zierlichen weißen Puffen anlegte, flogen ſeine Gedanken in die Ferne. Zwei Weſen gab es auf der Welt, vor deren Augen er ſich gerne in Glanz und Ehre ge⸗ zeigt hätte. Seine Freundin, die Beſchützerin ſeiner Kindheit und Jugend, Apollonia und— jene erha⸗ bene engelhafte Erſcheinung, deren Namen er in ſtiller Stunde mit einer Art von Vergötterung aus⸗ zuſprechen pflegte: Polixena von Roſenberg! Als er, nach dem böhmiſchen Grafen von Waldſtein fragend, dem Thürhüter des Palaſtes ſei⸗ nen Namen nannte, ward er oon ſtattlichen Lakeien in ein Gemach geführt, wie er dergleichen noch in ſeinem einfachen Leben keines geſehen hatte, und während der Graf ihn dem in einem ſchönen Lehn⸗ feſſel ruhenden Hausherrn vorſtellte, hatte er Ge⸗ legenheit, einen raſchen Blick über die Koſtbarkeiten ſchweifen zu laſſen, die dasſelbe enthielt. „Nil admirari,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Die Pracht einer Winternacht iſt größer und die Bildung eines einzigen Blütenblattes weit zweckmäßiger, als alles, was hier glänzt und funkelt.“ So gelang es ihm denn, trotz ſeiner natürlichen Schüchternheit, ſein erſtes Auftreten in der großen Welt von jeder ungelenken Verwirrung frei zu halten, und wohlge⸗ fällig ruhten die Augen des bejahrten Hausherrn auf dem jugendlichen Gelehrten. Ein paar Augenblicke nach Kepler's Erſcheinen traten in den ſchönen Saal einige Damen, die augen⸗ ſcheinlich zu dem Hauſe gehörten. terin, der b „die lehrten den n durch ſenken die ih es na zu ſch ſchlage gewöh war eine S S ler und Haupt ten eit kleiner gewiſſe 2 ten a Herr rha⸗ in aus⸗ von ſei⸗ keien ch in und Lehn⸗ Ge⸗ keiten 199 „Meine Schweſter Renata und ihre Geſellſchaf⸗ terin, Frau Barbara Müller von Mühleck,“ ſagte der bejahrte Herr und ſetzte dann lächelnd hinzu: „die Damen wiſſen ſchon, daß ſie den jungen Ge⸗ lehrten vor ſich haben, der jetzt ſoviel von ſich re⸗ den macht.“ 5 Johannes blickte auf— aber ein Zittern rann durch ſeine Glieder und er mußte die Augen wieder ſenken, denn ſie trafen in zwei große dunkle Sterne, die ihm bekannt, befreundet ſchienen.— Erſt als er es nach Minuten wagte, von neuem auf die Dame zu ſchauen, deren Geſichtszüge ſein Herz ſo heftig ſchlagen machten, bemerkte er, daß es nur eine un⸗ gewöhnliche Aehnlichkeit war, die ihn getäuſcht. Das war nicht Polixena von Roſenberg, aber es hätte eine Zwillings von ihr ſein können. Das blonde Haar der Dame vor ihm war vol⸗ ler und ſchmiegte ſich weniger weich um das feine Haupt, die nußbraunen Augen waren größer und hat⸗ ten einen funkelnderen Blick, die Geſtalt war etwas kleiner und voller und die Bewegungen lebhafter und gewiſſermaßen ſpitzer. „Ihr ſtammt, mein Herr Magiſter, aus dem al⸗ ten adeligen Geſchlecht derer von Kappel,“ ſagte Herr von Eggenberg.„Euer Großvater war, ſoviel 200 mir bewußt, Bürgermeiſter der Stadt Weil, und den Ahn Eures Hauſes ſchlug Kaiſer Sigmund zum Rit⸗ ter. Es iſt immer ein großer Grund, Gott zu dan⸗ ken, der uns aus ritterlicher Familie entſpringen ließ.“ „Allerdings,“ entgegnete Kepler mit beſcheide⸗ ner Würde,„weil die Abſtammung von hohen Ahnen uns den ritterlichen Geiſt erwecken muß, ihrer in Werken, Worten und Gedanken allezeit würdig zu ſein; ich denke aber doch, gnädigſter Herr, daß wir unſere Abſtammung und alles, was wir nicht ſelbſt thun, kaum als uns gehörig anſehen können.“ „O doch, mein Herr Magiſter,“ ſagte die junge ſchöne Dame, welche ihm als Barbara Müller von Mühleck vorgeſtellt worden war,„doch! Gott ordnete die Verhältniſſe unſerer Geburt, Er gab uns mit den Vorrechten, welche ſie uns verleiht, auch die Verpflichtungen, ſie bei Ehren zu erhalten, was wir auch beſitzen, ſind oder thun, kommt alles von Ihm; denn unſere Thaten, wie ſehr hoch wir ſie uns auch anrechnen mögen, hätten wir ja niemals thun kön⸗ nen, wenn Gott uns nicht die geiſtigen Anlagen und die Gelegenheit, ſie auszubilden, gegeben hätte.“ „Sie haben Recht, gnädigſtes Fräulein, voll⸗ kommen Recht,“ ſagte Johannes. „Die Dame iſt kein Fräulein,“ belehrte Graf Wal den Leh Fräu herzc Ritta gions durft mahl Herze ein a aber Erlar Herr ja do von gemã brüde nand rung, feſten Herze den Rit⸗ dan⸗ lteß.“ heide⸗ lhnen er in ig zu 3 wir ſelbſt junge Nüller Gott b uns ich die s wir Ihm; Gauch kön⸗ en und 4 voll⸗ Graf Waldſtein,„ſie iſt Witwe und hält ſich hier auf, um den Beſitz ihrer Güter gegen die Anſprüche ihrer Lehnsvettern für ihre Tochter zu ſichern.“ „Es ſind ſchwere Zeiten,“ meinte das alte Fräulein von Eggenberg,„unſeres höchſtſeligen Erz⸗ herzog Karls kaiſerliche Hoheit gab den Herren und Rittern von der augsburgiſchen Konfeſſion freie Reli⸗ gionsübung auf ihren Schlöſſern und Gütern, ſie durften die Geiſtlichen predigen laſſen, das Abend⸗ mahl in beiderlei Geſtalt annehmen, alles nach ihres Herzens Wünſchen. „Auch der ſelige Gemal dieſer jungen Dame, ein alter Freund von mir, machte davon Gebrauch, aber ich fürchte, daß jetzt mit dieſer fuürſtlichen Erlaubniß arger Mißbrauch getrieben wird. Mein Herr Magiſter, auch Sie ſind Proteſtant, ſind Sie ja doch Profeſſor an der Stiftsſchule, ich habe aber von allen Seiten vernommen, daß Sie ein würdiger gemäßigter Mann ſind, warnen Sie Ihre Glaubens⸗ brüder! Der Erbe unſeres Landes, Erzherzog Ferdi⸗ nand, übernimmt in wenigen Monden die Regie⸗ rung, ein Jüngling zwar noch, aber ſtreng und von feſtem Charakter und dem katholiſchen Glauben aus Herzensüberzeugung treu. Ich habe mit großem 202 Schrecken vernommen, welche Unarten ſich die prote⸗ ſtantiſchen Geiſtlichen zuſchulden kommen laſſen. „Von der Kanzel herab haben ſie den Papſt beſchimpft und Geſchichten von Nonnenklöſtern dort erzählt, ſo unſauber als erlogen. Der Prinz findet bei ſeinem Regierungsantritt vollkommenen Grund, die Freibriefe ſeines Herrn Vaters zurückzunehmen, die ausdrücklich ein beſcheidenes, geſittetes Betragen der proteſtantiſchen Geiſtlichen bedingen. Warnen Sie, mein Herr Kepler, warnen Sie, ich bitte!“ „Das wird alles wenig, oder nichts helfen,“ ſagte Graf Waldſtein.„Die Entſcheidung über all dieſe Streitigkeiten bringt in kurzem das Schwert. Die Spannung zwiſchen den verſchiedenen Glaubens⸗ parteien iſt in allen chriſtlichen Ländern gleich ſtark und fürchterlich. In Frankreich, in den Niederlanden, in Deutſchland, überall ſtehen ſich gleich erbittert die beiden Religionsparteien gegenüber. Der gemeine Menſchenverſtand müßte ſagen, daß dieſer Zuſtand kein bleibender ſein kann, wenn es auch die Sterne, die nie lügen, nicht ſo deutlich, ſo klar voraus ver⸗ kündeten.“ Kepler konnte ſich über dieſe Aeußerung eines Lächelns nicht erwehren; doch ſchwieg er und ging, als er ſich empfohlen und die freundliche Einladung erhalt Hauſe eiliger teſtan freund von Richtſ für di er ſein der K liche E 4 Tiſche geſchla 9— war ke 2 im eg liche d ter Hi Wolfe ſchling ner S 1 teine tand erne, ver⸗ eines ging, dung 203 erhalten hatte, ſo oft ſeine Zeit es ihm erlaubte, im Hauſe des Herrn von Eggenberg vorzuſprechen, mit eiligen Schritten nach dem Joanneum, den erſten pro⸗ teſtantiſchen Geiſtlichen, den Paſtor Hitzler aufzuſuchen. Zwar war der junge Mathematiker wenig be⸗ freundet mit demſelben. Paſtor Hitzler war einer von denen, die ſich den Spruch des Apoſtels zur Richtſchnur genommen: ‚Eifern iſt gut, wenn man für die Sache Gottes eiſert,“ und wie natürlich, hielt er ſeine eigene Anſicht, die genau mit dem Schema der Konkordienformel übereinſtimmte, für die eigent⸗ liche Sache Gottes. Herr Hitzler ſaß in ſeinem Zimmer, auf dem Tiſche lag neben einer brennenden Lampe eine auf⸗ geſchlagene Bibel. Der Empfang, welcher Keplern zutheil wurde, war keinesweges ermuthigend. Als der Mathematiker ihm mitgetheilt, was er im eggenbergiſchen Hauſe erfahren, zuckte der Geiſt⸗ liche die Schultern und meinte, das ſei ein ſchlech⸗ ter Hirte, der in der Stunde der Gefahr, ſtatt dem Wolfe zu Leibe zu gehen, der ſeine Heerde zu ver⸗ ſchlingen drohe, den Stab hinter ſich würfe um ſei⸗ ner Sicherheit willen. Vergebens ſtellte Kepler dem Allzueifrigen vor, 204 daß Chriſtus ſelbſt geboten, dem Kaiſer zu geben, was des Kaiſers ſei, und daß die Worte der Apoſtel den ſtrengen Befehl ausſprächen, der Obrigkeit zu gehorchen, die Gewalt hat. Traurig trennte der Warner ſich von dem Auf⸗ geregten und ging in mancherlei Gedanken verſunken nach ſeiner Wohnung. Im Zimmer der Witwe Georg Stad's beteten die Kinder mit lauter Stimme das Nachtgebet, als er an der Thür vorüberging. Seine Stube war einſam und nur die Sterne des Himmels, die freundlich durch die Fenſter ſchauten, ſchienen ihrem Freunde liebevoll zuzulächeln. Er ſetzte ſich nieder, um an Apollonia und ſeine Schweſter zu ſchreiben.— Die Nachrichten aus der Heimat enthielten ſelten Freundliches, waren aber in der letzten Zeit beſonders unangenehm geweſen. Chriſtoph Kepler, der Zinngießer, hatte einige Zeit unter den Soldaten zugebracht, ſich dann aber in Leonberg niedergelaſſen und verheiratet, und zwi⸗ ſchen ihm und der Mutter gab es täglich Zank und Widerwärtigkeiten. Heinrich ſchien wie der Vater gänzlich verſchollen zu ſein und die Mutter klagte und lamentirte laut über den Verluſt derer, die ih⸗ rem Herzen das Theuerſte auf der Welt. und Brude lehrſa hatte nach Hand jetzt, ſcheide Du h zich b ich ni ſo von frauen Du k unſere es ſei Herr Sie m liebten ſehr b Urſach von d den, zſtel zu luf⸗ rken eten als war die drem 20⁵ Margaretha war ein ſchönes Mädchen geworden und ihr junges Herz hing mit ſtolzer Liebe an dem Bruder, der ſo frühe ſchon ſich den Ruf großer Ge⸗ lehrſamkeit erworben. Trotz der Armuth, in der die Familie lebte, hatte Margaretha bereits zwei Freier gehabt, und nach dem letzten ihrer Briefe, den Johannes zur Hand nahm, um ihn zu beantworten, ſchien es ihm jetzt, als ob ſich ihr Herz für einen dritten zu ent⸗ ſcheiden beginne. Er las die Stelle und las ſie wieder: ‚Ach Du herzlieber Bruder,“ ſchrieb das junge Mädchen, ‚jich bin oft traurig und in der Seele betrübt, weil ich niemanden um mich habe, mit dem ich einmal ſo vom Herzen reden könnte, als ich andere Jung⸗ frauen mit ihren Müttern und Vätern reden ſehe. Du kannſt es nicht glauben, wie ſehr wunderlich unſere Mutter manchmal iſt, ſo daß ich denken möchte, es ſei bei ihr nicht richtig im Kopfe. Möge unſer Herr Gott mir ſo unehrerbietige Gedanken verzeihen! Sie weint und ſchreit alle Tage nach ihrem vielge⸗ liebten Mann, als ob ſie es ganz vergeſſen, wie ſehr böſe ſie mit dem meiſtens war und wie manche Urſache ſie auch wohl dazu hatte. So ſpricht ſie von dem Bruder Heinrich als von dem einzigen 206 Schatze ihres Herzens, von dem geliebteſten Sohne, der ihr entriſſen worden ſei, wie wenn etwa Zi⸗ geuner ihr den Knaben als Säugling aus der Wiege geraubt hätten, und war doch der Heinrich ganz eigentlich ein Thunichtgut, den ſie oft den Nagel zu ihrem Sarge genannt hat.— Sie braut aller Augenblick Tränkchen von Wein und Meth bald wider das Bauchgrimmen, bald wider Kopfweh, ohne daß ich noch geſehen, es wäre jemandem beſſer danach geworden; dann hat ſie einen Spruch und ſagt ihn, wenn einer fällt oder ſich ſtößt, und dann höre ich ſie manchmal ſtundenlang für ſich allein ſprechen, von ihrer Muhme, die verbrannt wurde, und wie ſie nur das Eine wünſche, deren Klugheit und Kennt⸗ niß ererbt zu haben, weil man nur dadurch Ehre und Anſehen vor der Welt empfinge.— Sie be⸗ hauptet zu jedem Menſchen, der einmal mit ihr darauf zu ſprechen kommt, Deine Pflegemutter, die Frau Wellingerin, ſei eine Hexe und des Oheim Guldenmann langes Leben, das Gedeihen im Garten und am Feld und von Federvieh gehe nicht mit rech⸗ ten Dingen zu. Alles dieß muß ich hören, herzlieber Bruder, und darf nichts dagegen ſagen, ohne daß ſie mich gar ſehr ſchilt, wohl gar ſchlägt. Ich habe nur zwei⸗ erlei, an De daß denn, in D gutes ſchenk gedach den † ich me laſſe e Du h Dich Deine 7 Mann Du lia ſam i danken rück, die ih andere geweſe gwei⸗ 207 erlei, was mich tröſtet, in der Welt: der Gedanke an Dich, Du lieber Johannes, und— die Hoffnung, daß es nicht ewig ſo bleiben wird.— Haſt Du denn, lieber Bruder, auf der hohen Schule und jetzt in Deinem Amte kein Mägdlein gefunden— kein gutes liebes Herz, das Du mir als eine Schweſter ſchenken könnteſt? Früher habe ich wohl bisweilen gedacht, ich würde einmal zu Dir ziehen und Dir den Haushalt führen; jetzt denke ich das nicht mehr, ich möchte Dir was erzählen von mir, aber— ich laſſe es noch, bete Du für Dein Gretchen, Johannes, Du haſt ein frommes Herz, Gott der Herr wird Dich erhören. Schreibe nur auch recht bald an Deine getreue Schweſter Margaretha.“ „Ja! ja!“ dachte Johannes,„ſie hat einen Mann gefunden, den ſie liebhat, Gott ſegne Dich, Du liebes, gutes Gretchen!“ und dann ging er lang⸗ ſam in ſeinem Zimmer auf und ab und ſeine Ge⸗ danken ſchweiften in eine ferne Vergangenheit zu⸗ rück, wo er vor der erhabenen Erſcheinung geſtanden, die ihn gleichſam geblendet, daß ſein Auge für alle andere weibliche Schönheit und Holdſeligkeit blind geweſen. Mit einem leiſen ſchmerzlichen Lächeln gedachte 208 er, daß es ihm ergangen wie denjenigen, welche die Meerfee mit leiblichen Augen erſchaut oder eine Elfe. „Für mich gibt es keine andere Liebe als die Wiſſenſchaft,“ ſagte er beinahe laut,„und die gött⸗ liche Urania, der ich dienen werde mein Leben lang, trägt Deine Züge, o Polirena!“ Seltſam, daß es auf Erden ein weibliches We⸗ ſen gab, ihr ſo ähnlich, ähnlich wie die Jungfrau am Brunnen der Fee ſein ſoll, die ihr ihren Gürtel zurückgelaſſen. Barbara von Mühleck!— Kepler glaubte die ſchöne Frau vor ſich zu ſehen, ſo deutlich ſtand plötz⸗ lich ihr Bild vor ſeinen Augen. Auch ſie, die reiche Witwe, die Befreundete des mächtigſten Edelmannes in Steiermark, ſtand hoch über ihm, dem armen Gelehrten, hoch— aber nicht unerreichbar, hier war eine Möglichkeit vorhanden, ſich den Schatz, zu dem ſein Herz ſeit Jahren em⸗ porgeblickt, zu erſtreben als Beſitzthum. Es galt einen Kampf, einen Verſuch. Zum erſtenmal in ſeinem Leben ſchlug ſein Herz hoch auf bei dem Gedanken, daß er durch das Blut ſeines Vaters einem altade⸗ ligen Geſchlechte angehöre. Als Kepler am anderen Morgen erwachte, war von allen Gedanken, die ſeine Bruſt durchkreuzt hatten blieben körpern ſie bal 2 werden kam, t ihm zu der Kl eine T ſtille 2 ſelbe v nach i Frau zu me deſſen Angele und d ſtein h wandt iſt, den hannes 209 hatten, ihm der an die ſchöne Frau am feſteſten ge⸗ blieben. Sie ſtand vor ſeiner Erinnerung wie die Ver⸗ körperung eines ſeligen Traumes, und der Wunſch, ſie bald wiederzuſehen, erfüllte ſein ganzes Herz. Weit eher als er gehofft, ſollte derſelbe erfüllt werden. Als er am Morgen aus dem Kollegium kam, trat Frau Stad aus ihrer Thüre und flüſterte ihm zu, er möge, ſobald er ſich hinlänglich dazu in der Kleidung eingerichtet, in ihr Zimmer kommen, wo eine Dame ihn zu ſprechen begehre. Als er in die ſtille Wohnung der Witwe eintrat, ſchien ihm die⸗ ſelbe von Licht zu ſtrahlen, denn die Dame, welche nach ihm gefragt hatte, war niemand anders, als Frau von Mühleck, das ſchöne Ebenbild Polirena's. „Ich habe in Ihnen, Herr Magiſter, vielleicht zu meinem Glück geſtern den Mann kennengelernt, deſſen ich bedarf beim Ordnen meiner verwickelten Angelegenheiten. Mein Gönner Herr von Eggenberg und deſſen jüngerer Freund Herr Albrecht von Wald⸗ ſtein haben mir erzählt, daß Sie einem Manne ver⸗ wandt ſind, der hier in unſerem Lande ſehr mächtig iſt, dem Lehrer unſeres jungen Erzherzog, Pater Jo⸗ hannes. „Es koſtet Sie nur einen Brief und ich arme verlaſſene Frau habe in dieſem einen Beſchützer 1857. XXI. Johann Kepler II 14 210 nicht nur gegen meine Lehensvettern, ſondern auch ge⸗ gen das Unwetter, das heraufzieht gegen unſere ar⸗ men Glaubensbrüder.“ „Ich höre mit Erſtaunen von meiner Verwandt⸗ ſchaft mit dieſem mächtigen Manne ſprechen, dem ich einmal in meinem Leben begegnet bin und bereits die Rettung meines Lebens danke, aber trotz der Flüchtig⸗ keit meiner Bekanntſchaft will ich für Sie, gnädige Frau, mit Freude alles thun, was nur irgend in mei⸗ nen Kräften ſteht.“ „Ich werde Ihnen meine Papiere übergeben,“ ſagte Barbara,„Sie werden aus denſelben den Stand meiner Angelegenheiten am beſten erſehen.“ Johannes Kepler hatte auf dieſe Weiſe eine Gelegenheit erhalten, die Dame, deren äußere Er⸗ ſcheinung ihm faſt die einer Gottheit zu ſein däuchte, häufig, ja täglich zu ſprechen. Sie wohnte nicht im Palaſte der Eggenbergs, war aber täglich dort und hatte ihre kleine kaum einjährige Tochter nicht ſelten bei ſich. Mit dem lieblichen Kinde im Arm, das den jungen Gelehrten ſehr bald kannte und liebte, erſchien ſie ihm noch ſchöner, noch anmuthiger, und lächelnd geſtand er dem Fräulein Renata es zu, daß in der proteſtantiſchen Religion dem menſchlichen Her⸗ zen etwas wichtiges und ſehr ſüßes fehle: die Ver⸗ ehrung der M fangs eine S in der bald in ler's kl einfache ſtrumen ſeine B „1 ſtein, al hungen Planet 1/ gegnete iſt mein ich beh⸗ ſtirne 1 kann, ſchriften Weiſſag . 22 „Sie g mei⸗ en,“ tand eine Er⸗ chte, im und Aten das ebte, und daß Her⸗ Ver⸗ 211 ehrung des weiblich Reinen und Erhabenen in der Mutter des Erlöſers. Herr von Waldſtein hielt ſich länger als er An⸗ fangs gewollt in Grätz auf und brachte faſt täglich eine Stunde in Kepler's Geſellſchaft zu, bald mit ihm in der reizenden Umgegend auf einem Spaziergange, bald im Hauſe der Eggenbergs, oder auch in Kep⸗ ler's kleiner Wohnung, wo er ſich den Gebrauch der einfachen, meiſtens von dieſem ſelbſt konſtruirten In⸗ ſtrumente zeigen ließ, mit denen der junge Gelehrte ſeine Beobachtungen machte. „Und Sie behaupten immer noch,“ ſagte Wald⸗ ſtein, als er längere Zeit ſchon in genaueren Bezie⸗ hungen mit Kepler ſtand,„daß Sie den Lauf der Planeten, die Konſtellation der Geſtirne nicht kennen?“ „Ich habe dieß, denke ich, nie behauptet,“ ent⸗ gegnete Kepler,„den Lauf der Geſtirne zu beobachten, iſt mein Geſchäft und zugleich mein einziger Genuß; ich behaupte nur, daß ich aus dem Lauf der Ge⸗ ſtirne nicht auf die Schickſale der Menſchen ſchließen kann, obgleich ich eingeſtehe, die Regeln und Vor⸗ ſchriften zu kennen, auf welche die Aſtrologen ihre Weiſſagungen gründen.“ „Das heißt einfach,“ entgegnete Waldſtein, „Sie glauben an dieſelbe nicht.“ 14* 212 „Ja, mein Herr Graf.“ „Wohlan, ſo ſtellen Sie mein Horoskop, ohne daran zu glauben.“ „Als einen Scherz, Herr Graf?“ „Nach Ihrem Belieben, thun Sie nur, worum ich Sie bitte.“ „Wohlan, Sie können das Reſultat meiner Forſchungen uübermorgen erwarten.“ Die Augen des vornehmen Jünglings leuchte⸗ ten in heller Freude.„Fordern Sie, Herr Profeſſor, für dieſe Willfährigkeit jetzt und künftig, was Sie wollen,“ ſagte er, Kepler's Hand drückend,„Sie er⸗ füllen dadurch einen Hauptwunſch meines gegenwär⸗ tigen Lebens.“ „Ich wollte, Herr Graf,“ entgegnete Kepler lächelnd,„ich könnte, ſtatt Ihnen mit Spielereien zu dienen, Ihren ſeltenen Geiſt einführen in das Hei⸗ ligthum der Wiſſenſchaft, deren Tempelhalle die Welt iſt. Ich wollte, ich könnte Ihrer Seele den Weg zei⸗ gen in das Alllerheiligſte der Natur.“ „Von welcher Wiſſenſchaft ſprechen Sie denn eigentlich?“ fragte Waldſtein,„wenn Sie nicht die heilige Wiſſenſchaft der chaldäiſchen Weiſen meinen, von der Sie doch bisher mit ſolcher Verachtung ge⸗ ſprochen.“ faſſen geben aus der ſte rech Tycho die höc Geſetze logie iſ ihre N achten, nomen ther He G é— baues und G. ninr„S ihnen d mit Achf ohne rum einer ichte⸗ eſſor, Sie e er⸗ 213 „Ich ſchelte die Aſtrologie nicht,“ entgegnete Kepler,„ſie iſt für unſere Zeiten ein nothwendiges Uebel. Die Aſtronomie könnte ohne Sie nicht Fuß faſſen auf Erden. Die Fürſten und Herren der Welt geben Tauſende her, um ſich von ihren⸗Aſtrologen aus den Sternen weiſſagen zu laſſen, und dieſe, wenn ſie rechte Leute ſind, wie zum Beiſpiel der gelehrte Tycho von Brahe, benutzen die Gelegenheit, um ſich die höchſte Kenntniß zu erwerben, die Kenntniß der Geſetze und Erſcheinungen des Weltalls. Die Aſtro⸗ logie iſt eine Tochter, die ihre Reize preisgibt, um ihre Mutter zu erhalten, wir können ſie nicht ver⸗ achten, nur beklagen und auf die Zeit hoffen, da die große Mutter in die ihr zukommenden Rechte vor aller Welt eingeſetzt ſein wird.“ „Aber was ſuchen die gelehrten Herren Aſtro⸗ nomen denn eigentlich am geſtirnten Himmel, wer⸗ ther Herr Magiſter.“ „Die Ordnung und Geſetzmäßigkeit des Welt⸗ baues als die ſicherſte Bürgſchaft für die Weisheit und Güte des Weltſchöpfers.“ „Sie ſollten ſich mit den Lehren begnügen, die ihnen die Religion darüber gibt,“ ſagte Waldſtein mit Achſelzucken,„eine Wiſſenſchaft, die dem Menſchen 214 gar keinen Nutzen ſchafft, ſcheint mir eine müßige Spekulation zu ſein.“ „Die Kenntniß des geſtirnten Himmels, mein Herr Graf,“ ſagte Kepler milde,„iſt die einzige Leiterin des Schiffers auf dem fernſten Meere. Doch iſt es mit dem Wiſſen des Menſchen überhaupt eine eigene Sache. Unwiſſend fand der aus dem Para⸗ dieſe verſtoßene Menſch ſich auf der Erde; ſein erſtes Wiſſen war, daß er nackt ſei, und aus dieſer einzigen kleinen, ärmlichen Erkenntniß ſind im Laufe der Zei⸗ ten tauſenderlei Erfindungen, Gewerbe und Künſte gefloſſen. Das Wiſſen und Erkennen der Geſetze des Weltbaues wird zum Erkennen einzelner Naturkräfte leiten, die der Menſch auch ſicherlich zur Verbeſſerung ſeines irdiſchen Zuſtandes benutzen kann. Geſchähe dieß indeß auch nie, ſo iſt Erkenntniß der Wahrheit an ſich Befriedigung des erhabenſten Bedürfniſſes der menſchlichen Natur, des einzigen, das er nicht mit dem Thiere theilt.“ Kepler ſchwieg. Albrecht von Waldſtein blickte ihm feſt in die leuchtenden braunen Augen und ſagte dann, ihm die Hand hinreichend:„Stellen Sie mein Horoskop, mein Herr! wenn eine erhabene Seele, wie die Lehren der großen Meiſter ſagen, zu einem Aſtrolo beſte, K den B. beſchäf Wunſcek ſiegreick Welt nigen Grafen warnen feurig, entfernt eine 9 waͤren Lo ſeiner Tagen einem gelehrte in Her „ volle 2 können, üßige mein nzige Doch t eine Para⸗ erſtes zigen Zei⸗ Lünſte e des kräfte erung ſchähe hrheit mein Seele, einem Aſtrologen nothwendig iſt, ſo ſind Sie ſicherlich der beſte, an den ich mich wenden kann.“ Kepler hatte während der Nacht ſich eifrig mit den Beobachtungen, Zeichnungen und Berechnungen beſchäftigt, welche die Erfüllung von Waldſtein's Wunſch nothwendig machten. Ein großer Feldobriſt, ſiegreich in vielen Schlachten, gefürchtet von der halben Welt— ein gewaltſamer Tod, das war mit we⸗ nigen Worten das Reſultat, und er trug es dem Grafen in der ihm eigenen halb ſcherzhaften halb warnenden Sprache vor. Das Geſicht desſelben war ernſt, ſein Dank feurig, und als er ſich aus Kepler's kleinem Zimmer entfernt hatte, fand dieſer zwiſchen ſeinen Büchern eine Rolle hundert Golddukaten, ſo glänzend, als wären ſie eben erſt aus der Münze gekommen. Lächelnd packte er einen Theil davon ein, ihn ſeiner Schweſter zu ſenden, die ihm vor wenigen Tagen geſchrieben, daß ſie ſich verlobt habe mit einem Mann, den ſie von ganzem Herzen liebe, dem gelehrten und würdigen jungen Paſtor Georg Binder in Heumaden. „Es iſt zu ihrer Ausſtattung,“ dachte der liebe⸗ volle Bruder,„ich hätte wohl viele Bücher ſchreiben können, wie die Geheimniſſe des Weltbaues, ohne ſo⸗ 216 viel zu erwerben, daß ich ihr dieſe Freude machen konnte, aber— die Wahrheit gleicht jenen alten Gebilden der Kunſt, ſie iſt ſchön und begehrenswerth in ihrer Armuth und Nacktheit, der Irrthum braucht eine goldene Hülle, um ſeine Gebrechlichkeit zu ver⸗ bergen.“ Früher noch, als Kepler es erwartet hatte, er⸗ ſchien von Pater Johannes Fickler eine freundliche Antwort. Er verſprach darin alles, was ihm möglich ſei, für die Dame zu thun, die ſeinem ehrenwerthen Verwandten ſo theuer zu ſein ſchiene, und ſchloß endlich mit den Worten: „Einem Mann, ſo oorurtheilsfrei als Sie, mein werther Vetter, einem Gelehrten von ſo großen Kennt⸗ niſſen kann man manches ſagen, was man der blö⸗ den Menge gegenüber verſchweigen muß. So mache ich Sie denn darauf aufmerkſam, daß es in unſern Zeiten einen einzigen ſichern Weg gibt zu Glück und Frieden.— Schlagen Sie ihn bei Zeiten ein, der, welcher Ihnen dieß räth, iſt weit mehr Ihr Freund, als Sie nach unſerer kurzen Bekanntſchaft glauben und vermuthen. Johannes Fickler. „Die Dame, die mir ſo theuer zu ſein ſcheint,“ wiederholte Kepler,„ja theuer wie ein ſchönes Bild! Doch dieß iſt gi ſich, i haglic unertr Geda welche gange Geido ſeit I erfreu⸗ langte nicht zu ſeh hatte. S Eggen weißſe nen A ſchritte 2 ichen alten verth aucht ver⸗ , er⸗ dliche glich rthen ſchloß mein ennt⸗ blö⸗ nache nſern Glück ein, Ihr ſchaft Doch hat dieß Bild Leben, Herz und Seele— und dieß Herz ſcheint mir geneigt zu ſein, dieſe Seele iſt gut und liebevoll. Meine Schweſter verheiratet ſich, ich dachte einſt, daß ſie mir die häusliche Be⸗ haglichkeit geben würde, ohne welche das Leben ſo unerträglich ſtörend für einen Mann wird, der ſeine Gedanken zu lange und zu feſt auf Dinge richtet, welche keinen augenblicklichen Nutzen ſtiften.“ Er ging hinaus nach ſeinem liebſten Spazier⸗ gange durch die Seufzeralleegaſſe nach dem lieblichen Geidorf. Sinnend wandelte er durch die Gegend, die ſeit Jahrhunderten wohl ſchon viele Menſchenaugen erfreut hat, und als er an das ſtille Plätzchen ge⸗ langte, wo er gewöhnlich zu ruhen pflegte, war er nicht wenig erſtaunt, ja erſchrocken, diejenige vor ſich zu ſehen, an welche er die ganze Zeit her gedacht hatte. Sie war nicht allein, das alte Fräulein von Eggenberg hatte ihre faſt durchſichtige Hand in dem weißſeidenen Handſchuh auf den unvergleichlich ſchö⸗ nen Arm der Frau von Mühleck gelehnt und beide ſchritten langſam die Allee hinauf ihm entgegen. „Ah ſiehe da, mein Herr Profeſſor,“ redete 218 das Fräulein ihn an,„haben Sie ſich auch einmal Zeit gelaſſen zu einer Promenade.“ „Ich gehe gern oft und weit ſpazieren, meine Gnädigſte,“ entgegnete Kepler,„ich achte die Zeit nicht für verloren, die man in der Natur zubringt, ſelbſt wenn ich den Nutzen gar nicht in Anſchlag bringen will, den der Aufenthalt im Freien uns bringt, indem er unſere Geſundheit ſtärkt und unſere Laune verbeſſert.— Draußen in Gottes ſchöner Welt ſieht man ſtets etwas neues, ſtets etwas, das uns zum Nachdenken auffordert.“ „Ein gelehrter Mann,“ meinte Frau von Mühl⸗ eck,„ſieht die Welt mit ganz andern Augen an, als wir ungelehrten Frauen, wir freuten uns eben über die ſchönen Getreidefelder, die jetzt ſchon eine reiche geſegnete Ernte verſprechen, und über die Bäume, an denen die Kirſchen in Fülle reifen.“ „Ja, und meine junge Gefährtin meint, daß alles gar billig ſein würde in dieſem geſegneten Jahre und daß das ein großes Glück für diejenigen ſein müſſe, die in der Stadt mit nicht allzugroßen Mitteln einen Haushalt zu führen hätten.“ Frau von Mühleck erröthete ſichtlich.„Wir ſpra⸗ chen eben von der Gattin ihres würdigen Amtsvor⸗ gängers, der werthen Frau Stad, meiner lieben Freun⸗ din,“ bei d noch müſſe auszu und ſ was i da w haben ich ka ges a 8 6 Bank und ſ einem die HK ich bi ſor n unſere Sie, das! an de din,“ ſagte ſie, und ihre augenſcheinliche Verlegenheit bei dieſen Worten ließ den Magiſter vermuthen, daß noch von anderen Dingen die Rede geweſen ſein müſſe, und ſcherzend erlaubte er ſich dieſe Vermuthung auszuſprechen. Fräulein von Eggenberg lächelte ſehr gutmüthig und ſagte:„Nun, ja doch ja! mein Herr Profeſſor, was iſt's denn mehr, wir ſprachen eben von Ihnen, da wir auch einwenig an Sie dachten.“ „An mich?“ rief Kepler,„o gnädigſte Frau, da haben ſich unſere Gedanken begegnet, denn ich habe, ich kann das wohl ſagen, jeden Augenblick dieſes Ta⸗ ges an Sie gedacht.“ Fräulein von Eggenberg ſetzte ſich auf eine Bank unter dem Baum, an welchem ſie eben ſtanden, und ſagte zur Frau von Mühleck:„Sie hatten vor einem Augenblick ſo große Luſt, einwenig dort auf die Höhe zu ſteigen, thun Sie das jetzt, meine Beſte, ich bin in guter Geſellſchaft, denn der Herr Profeſ⸗ ſor wird ſich hier zu mir ſetzen, und ſpäterhin in unſerem Wagen nach der Stadt zurückkehren, gehen Sie, gehen Sie immerhin, meine liebe Barbara.“ Frau von Mühleck entfernte ſich verlegen und das bejahrte Fräulein wendete ſich nun ſehr herzlich an den Magiſter. 220 „Die hab' ich weggeſchickt, mein Lieber, wie man die kleinen Kinder wegſchickt, wenn man Dinge ſprechen muß, die nicht für ihre Ohren paſſen. Was ich Ihnen zu ſagen habe, paßt eben auch nicht für die Ohren einer zweiundzwanzigjährigen Witwe. Sehen Sie, mein Herr Profeſſor, wir ſprachen die⸗ ſen ganzen Nachmittag von Ihnen, und zwar recht viel Gutes, obſchon auch etwas Schlimmes dabei war. Sie ſind ein junger Mann, Frau von Mühleck iſt eine junge Frau, Sie ſprechen gern mit ihr, ſie desgleichen mit Ihnen. Sie haben ſie zwei⸗ bis dreimal in ihrem Hauſe beſucht, in Geſchäften frei⸗ lich— ganz harmlos, ich glaube das, die Menſchen aber, die Menſchen denken ganz anders. Meine liebe Barbara hat der Feinde ſehr viele, die warten nur darauf, ihr wehezuthun, da ſind die Lehensvettern, da ſind verſchiedene Frauenzimmer, arge Splitterrich⸗ terinnen“— „Gnädiges Fräulein,“ ſagte Johannes ſie un⸗ terbrechend,„geſtatten Sie mir ein Wort, ehe Sie fortfahren; ich verehre Frau von Mühleck über alle Maßen und würde mich überglücklich ſchätzen, wenn Sie ſich herabließe, meine Gattin zu werden, ich kann ihr kein glänzendes Loos bieten“— „Meine liebe Barbara hat genug für ſich und Sie,“ nur iſ Sie d freuen Barba uns v Eggen 2 den,“ 7 Angele Geſin und ge liche der Fr wenig die Ze ja wol C wurde herbeiſe 221 wie Sie,“ entgegnete das alte freundliche Fräulein,„Eins nge nur iſt noth, das Eine, aber unerläßlich, erweiſen Bas Sie den Adel ihrer Geburt, und wir alle werden uns für freuen, in Ihnen einen Verwandten zu ſehen; denn twe. Barbara Müller von Mühleck iſt durch ihre Mutter die⸗ uns verwandt, indem die Großmutter derſelben eine echt Eggenberg war.“ abei„Das kann mir nicht ſchwer werden, Ihro Gna⸗ gleck den,“ ſagte Johannes. ſie„Wohl!, mein Lieber, ſo ſteht dieſer erfreulichen bis Angelegenheit kein Hinderniß entgegen; ich kenne die rei⸗ Geſinnungen meiner jungen Verwandten gegen Sie, chen und geliebt's Gott, ſo haben wir in kurzem eine fröh⸗ ſiebe liche Hochzeit. Gehen Sie jetzt, mein lieber Magiſter, nur der Frau Barbara entgegen, Sie können auch ein⸗ ern, wenig mit ihr promeniren, mir wird hier gar nicht ich⸗ die Zeit lang werden, und ich ſollte denken, Ihnen ja wohl auch nicht.“— Vierzehntes Kapitel. ich Eine Reiſe nach Weil, Magſtatt und Leonberg wurde für Kepler nothwendig, wenn er die Papiere herbeiſchaffen ſollte, welche die adelige Abſtammung 222 ſeines Vaters dokumentirten, und eine ſolche war da⸗ mals durchaus keine Kleinigkeit. Johannes rüſtete ſich alſo dazu, kaufte ein Pferd und Sattelzeug mit den nöthigen Taſchen und Be⸗ hältniſſen, auch Piſtolen, die in die beiden am Sattel angebrachten Holfter paßten, und benutzte die Zeit der Ferien, welche eben eintraten, um ſich auf den Weg zu machen. Als er zu Frau von Mühleck eintrat, um Ab⸗ ſchied zu nehmen, fand er die Dame in Thränen, die ſie indeß vor ihm zu verbergen trachtete. Auch beantwortete ſie ſeine Frage, worüber ſie ſich betrübe, nicht, ſondern verſicherte nur, daß Frauen manchmal weinten, ohne gerade ſonderliche Urſache zu haben. Ihr kleines Mädchen ſpielte zu ihren Füßen, und als Johannes ſich empfahl, hob er das Kind auf und drückte es recht innig an ſein Herz. „Es ſcheint, Herr Magiſter,“ ſagte die Mutter, „daß Sie einige Vorliebe für kleine Kinder haben!“ „Nicht daß ich wüßte,“ entgegnete er,„ich habe in meinem bisherigen Leben wenig Gelegenheit gehabt, mit Kindern zuſammenzuſein, die Kinder der werthen Frau Stad ſind mir ſogar geradezu unangenehm, da ſie ſo ſehr lärmen. Dieſe Kleine aber habe ich lieb— der Mutter wegen, theure Freundin, der Hoffnung wegen, wird, und fr E fühle f lehrte ſeine H K weibli um ſo für ſei Seele le das Ge in ſehr nicht a Barbar überlaut S daß jer dem Fre Hände Grunde S 223 wegen, daß ſie mich einſt als ihren Vater anſehen wird, auch wohl ihrer ſelbſt wegen, da ſte ſo fein und freundlich iſt und ihrer Mutter gleichet.“ Es war dieß der höchſte Ausdruck ſeiner Ge⸗ fühle für Frau Barbara, zu dem ſich der junge Ge⸗ lehrte gegen die Frau bisher herbeigelaſſen, der er ſeine Hand angeboten. Kepler hatte zu wenig Bekanntſchaft mit dem weiblichen Geſchlecht gehabt, war überdieß zu blöde, um ſogleich den Ton treffen zu können, der ſich für ſein Verhältniß geſchickt hätte, und in ſeiner Seele lebte eine gewiſſe Schüchternheit, die ihn zwang, das Gefühl, das bisweilen ſein Herz durchloderte, in ſehr engen Schranken zu halten, damit es ſich nicht allzulebhaft ausſpräche und ihn gar in den Augen ſeiner Auserkorenen herabſetze. Als er das Zimmer verlaſſen hatte, ſetzte Barbara ſich nieder, rang die Hände und ſchluchzte überlaut. Sie hörte es nicht, daß ein Wagen vorfuhr, daß jemand ihre Thür öffnete und ſah ſich plötzlich dem Fräulein von Eggenberg gegenüber, das ihr die Hände von den Augen zog und lächelnd nach dem Grunde ihres großen Kummers fragte. „Soll ich nicht weinen? ſoll ich nicht weinen,“ 224 ſchluchzte die junge Frau,„wenn ich ſehe, daß er von mir geht, ohne daß es ihm Schmerz macht? Ach Du mein Gott und Herr, dieſer Mann iſt kalt wie Eis und nichts, was es auf Erden gibt, kann ſein Herz erwärmen. Ach ach, meine theure Freundin, hätte er nicht Grund, glücklich zu ſein, und mir dankbar? Ich bin jung, ich bin ſchön, Gott hat mich mit Glücksgütern geſegnet, ich bin von altem Adel, er kommt durch mich in Verwandtſchaften, die ihn zu Ehren bringen, er, der Enkel eines Schenk⸗ wirthes, hat er wohl je ein Wort geſprochen, wel⸗ ches mir zeigt, daß er das Alles zu ſchätzen wüßte?“ „Ei! Eil meine liebe Barbara,“ entgegnete Fräulein von Eggenberg,„es will mir ſcheinen, als ob es kein gutes Zeichen für das Glück einer Ehe ſei, wenn ein Theil ſich ſeiner Vorzüge vor dem an⸗ dern ſo ſehr bewußt iſt. Zwar als eine Perſon, die dergleichen nicht ſelbſt mitgemacht, verſtehe ich mich auf dieſe Dinge nur wenig. Dieß aber möchte ich zu Ihrem Troſte ſagen, der Magiſter Kepler iſt an und für ſich, ohne Ahnen, Adel und Vermögen ein Mann, den man werthſchätzen kann und muß, ſelbſt wenn ich die große Gelehrſamkeit, die man ihm allgemein zuſchreibt, auch ganz und gar nicht in Anſchlag bringe. Er iſt die Güte ſelbſt, immer in alle Weſen Frühlin ohne uü manche freuen. „ unter 1 habt v was ko der lan lieber mir ſpe will es ſoll nie er ht? kalt ann din, mir hat tem die enk⸗ wel⸗ e?“ nete als Ehe an⸗ rſon, e ich öchte er iſt bögen muß, man nicht umer 225 in allen Lebenslagen mild und freundlich. Sein Weſen iſt ſo gleichſam, wie ein milder, warmer Frühlingstag ohne Stürme und Gewitterſchauer, auch ohne übertriebene Hitze, da blühen der Blumen gar mancherlei auf, die das Herz und das Auge er⸗ freuen.“ „Wer weiß das beſſer als ich?“ ſagte Barbara unter neuen Thränen,„habe ich ihn nicht liebge⸗ habt vom erſten Tage unſerer Bekanntſchaft? aber was kann ich für Liebe von ihm im Eheſtande in der langen Lebenszeit erwarten, wenn er jetzt ſchon lieber mit meinem kleinen Mädchen ſpielt, als mit mir ſpricht? Aber ich will es ihm auch nicht zeigen, will es ihm niemals zeigen, wie lieb er mir iſt, er ſoll nicht denken, daß ich ohne ihn nicht leben kann, oder daß ich ihm nachlaufe.“ Derjenige, wegen deſſen Kälte dieſe Klagen ge⸗ führt wurden, zog indeſſen unverdroſſen fürbaß ſeiner Heimat entgegen und ließ ſeinen Gedanken freien und raſchen Lauf, während das Rößlein ziemlich ru⸗ higen Schrittes ging. Wenn die zurückgelaſſene Verlobte dieſe Gedan⸗ ken hätte ſehen können, würde ſie außerordentlich er⸗ ſchrocken darüber geweſen ſein. Sie waren alleſammt nicht auf ſie, ihre Schön⸗ 1857. XXI. Johann Kepler II. 15 226 heit und Tugend, nicht einmal auf ihren Reichthum gerichtet.— Der junge Gelehrte beſchäftigte ſich mit Träumen über die Sterne, die wie die Erde unſere Sonne umkreiſen.—„Welch eine Glut muß herrſchen und welch ein Lichtglanz auf dem Merku⸗ rius, da fließen die Metalle in glühenden Strömen wie bei uns das Waſſer.— Auf der Venus— da iſt eine Temperatur wärmer, ſchöner, ein Licht reicher und glänzender, als das auf unſerer Erde, Blu⸗ men mögen dort blühen, Geſchöpfe dort wandeln, prächtig, wie wir ſie uns nicht vorſtellen koͤnnen, und die gleichmäßige Wärme, das reine Licht, die Schön⸗ heit alles deſſen, was jenem ſchönen Sterne angehört, erzeugt auch in ſeinen Bewohnern liebevollere Herzen, reinere und reichere Seelen; dort gibt es nicht Zank, Mißgunſt, Feindſchaft, nicht Krieg und Seuchen— dorthin vielleicht ziehen unſere Seelen, wenn wir hier auf Erden unſere Aufgabe ordentlich und gründlich gelöſt haben.“ Wenn dann ſeine Gedanken zur Erde zurückkehr⸗ ten, ſo führten ſie ihm das Bild ſeiner bräutlichen Schweſter, ſeiner theuern Freundin Apollonia mehr und deutlicher vor, als das der jungen Frau, mit der er den Weg durchs Leben zu gehen beſchloſſen hatte. Sie trug die ſchönen Züge eines Weſens, das der und zu ſprach. Je Kepler mütterli M mit gek durchfut mann breites währen träumeriſche Jüngling einſt wie eine Gottheit verehrt hatte, ſie ſelbſt aber war nichts weniger als eine Gott⸗ heit, ſie war ein gutes, freundliches Weib, das ihm wohlwollte, ſich eifrig mit ihrem Putze beſchäftigte und zu ihm gern von ihren vornehmen Verwandten ſprach. Auch zweifelte Kepler keinen Augenblick daran, daß ſeine künftige Hausfrau die Pflichten, die ihr als ſolcher obliegen mußten, treu und gewiſſenhaft erfüllen würde, indem ſie ihm die Sorge für alle ſeine leiblichen Bedürniſſe abnähme.— Der gelehrte Magiſter hielt dieß für das hauptſächlichſte Glück der Ehe, gleichſam für das Ablöſen einer Feſſel, in der ſeine unſterbliche Seele ſich befände, deren edle Thätigkeit der Leib mit ſeinem Hunger und Durſt, mit der Nothwendigkeit, an Kleider, Wäſche, Schuhe und Mäntel zu denken, nur zu oft ſtöre. Jeder Weg nimmt endlich ein Ende und auch Kepler gelangte nach Magſtatt, wo er ſeine theuere mütterliche Freundin in ſeine Arme ſchloß. Meiſter Wellinger war jetzt ein alter Mann mit gekrümmtem Rücken, weißem Haare und vielfach durchfurchtem Geſichte. Der alte Oheim Gulden⸗ mann war geſund und kräftig, und ſein geröthetes breites Geſicht ſah aus wie ein hübſcher Winterapfel, während Apollonia, was das Aeußere betraf, all⸗ 45* 228 mälich zu verſchwinden ſchien. Sie war jetzt um einen Kopf kleiner als ihr ehemaliger Pflegling, ihre kleinen Hände waren bleich und von tauſend feinen Furchen durchzogen, die braunen ſanften Augen erſchienen noch größer in dem ſo ſehr magern Geſichte und durch das Haar ſchimmerten Silberfädchen. Johannes ſtand, ein ſchlanker Mann von auf⸗ rechter edler Haltung, vor der Pflegerin ſeiner Kind⸗ heit und betrachtete mit unausſprechlicher Freude ihre rührende Geſtalt. Mit ihr beſuchte er nun wieder jede Stelle, wo er als Kind ſo harmlos und glücklich geſpielt hatte. Am Bergesabhang blühte heute noch wie da⸗ mals die feine ſüßduftende Winde. Die Birnbäume waren ſowie ſonſt geſtützt, damit ſie die Menge ihrer reifenden Früchte tragen konnten. Wie ſonſt ſumm⸗ ten und ſurrten die emſigen Bienen um die blü⸗ hende Linde, der Weinſtock ſchlang wie ſonſt ſeine läſtigen Ranken um das vorſpringende Dach, wie ſonſt rauſchte und murmelte das geſchwätzige Wäſſer⸗ lein, und ſelbſt der alte Hausrath ſtand in den ſtillen Zimmern, wie ſonſt, in unveränderter Reinlichkeit und Akkurateſſe. Ein unſäglich beglückendes Gefühl der Heimat⸗ lichkeit verſenkt E jedes 2 an dief und er mutter erkannt Kindhe O bald be die Ve ihm al Abſtam A allein i mel we Wie er Frau e Sonnen tigkeit „ Mutter es jetzt lichkeit erfüllte die Seele Kepler's, und mit Wonne verſenkte er ſich in die Erinnerung vergangener Tage. Er wußte genau und beſſer als Apollonia ſelbſt jedes Wort, was in irgendeiner bedeutſamen Stunde an dieſem oder jenem Orte geſprochen worden war, und erinnerte daran, und die Augen ſeiner Pflege⸗ mutter wurden mehr als einmal feucht, wenn ſie erkannte, wie feſt ihre Lehren aus den Tagen der Kindheit im Herzen des Mannes angewurzelt waren. Der Hauptzweck ſeiner Reiſe wurde natürlich bald beſprochen und Meiſter Guldenmann gab ihm die Verſicherung, daß es eine Kleinigkeit für ihn ſei, ihm alle die Papiere zu ſchaffen, welche die adelige Abſtammung ſeines Vaters feſtſtellten. Am Abend ſaß er denn mit Apollonia wie ſonſt allein im Garten und der ſchimmernde Sternenhim⸗ mel war der erſte Gegenſtand ihres Geſpräches.— Wie erſtaunte Johannes, als er fand, daß die einfache Frau eine ausreichende Kenntniß des kopernikaniſchen Sonnenſyſtems beſaß und ſeinen Gedanken mit Leich⸗ tigkeit folgen konnte. „Wo haſt Du das Alles erfahren, herzliebſte Mutter?“ fragte er, und lächelnd entgegnete ſie, daß es jetzt, da er ein großer Sternkundiger geworden, ja 230 ihre einzige Freude geweſen ſei, ſich mit dem zu be⸗ ſchäftigen, was ſein Leben ausfülle. Sie führte ihn dann hinauf in ihr Stübchen, wo ſie ihre einſamen Stunden zubrachte. Dort fand er nicht allein ſein Werk von den Geheimniſſen des Weltbaues, das er der alten Frau auf ihr Begehren zugeſandt, ſondern auch des Kopernikus Schrift: De revolutionibus orbium coelestium, und außer den chemiſchen Apparaten, deren Gebrauch Apollonia ſeit ihrer traurigen Jugend kannte, einen ſchönen Him⸗ melsglobus und das einfache Juſtrument, deſſen er ſich ſelbſt bei ſeinen Beobachtungen bediente. Ein recht⸗ winkliches Dreieck, freiſchwebend an einer im rechten Winkel befeſtigten Schnur, die längſte Seite in die möglichſt kleinſten Theile getheilt und in die eine Seite des rechten Winkels Federchen geſteckt, das Ganze dann aber durch ein kleines Gewicht im Gleichgewicht gehalten. Meiſter Wellinger hatte nach Kepler's ſchriftli⸗ cher Schilderung ſeiner Frau dasſelbe angefertigt; er hatte ihr, für die er alles that, was ſie wünſchte, das koſtbare Buch und den ebenſo koſtbaren Globus angeſchafft, und mit herzlicher Freude erzählte Apol⸗ lonia, wie viele Stunden eines heiligen Glückes ſie dieſen Dingen bereits verdanke. 7 Mutte wahrg 77 Unthat Latein ihren Kenntt es wa Grund einzige andere gelacht Erzieh darf, das T 231 „Du biſt eine wunderbare Frau, meine theuere Mutter,“ ſagte Kepler erſtaunt und gerührt, als er wahrgenommen, mit welchem Intereſſe Apollonia den Verſuch gemacht, ſich einer Wiſſenſchaft zu bemäch⸗ tigen, die ſelbſt für einen gelehrten Mann ſo große Schwierigkeiten darbietet.. „Ich habe niemanden auf der Welt als Dich, Johannes,“ entgegnete ſie milde,„da zieht mich das Herz zu dem Verſuche, die Wege zu wandeln, die Dein jugendlicher Fuß betritt; auch weißt Du es ja, daß ich mich von Kindheit an mit Dingen beſchäf⸗ tigen mußte, die andere Frauen nicht treiben. „Die alte Frau, deren furchtbares Ende jede Unthat ihres wüſten Lebens geſühnt hat, lehrte mich Latein, als ich noch ein Kind war; ſie bedurfte zu ihren betrügeriſchen Kunſtſtücken ſo mancher reellen Kenntniß und vieler nützlichen Geſchicklichkeiten, und es war ihr ebenſo wahrer als ſchlecht angewendeter Grundſatz, daß jede Wiſſenſchaft nützlich und keine einzige ſündlich ſei. Ich habe in einem Alter, wo andere Kinder noch vor dem Eſſenkehrer zittern, gelacht über die Furcht vor den Hexereien meiner Erzieherin, die ich ſelbſt verrichten half.— Wiſſen darf, ja ſoll der denkende Menſch ſoviel als möglich, das Wiſſen iſt ein Beſitz, es iſt auch wie das Gold, 232 wie das Feuer eine Macht, und richtig angewendet, nützt es den Mitmenſchen, erfreut den Beſitzer und führt ihn mehr und mehr zu Gott dem Herrn. Das Wiſſen an ſich iſt darum ſtets etwas Gutes, die Anwendung aber kann wie bei der ſchrecklichen Frau, die mich erzog, verbrecheriſch ſein, aber ſowenig wie ich indeß mit dem Feuer in meinem Deſtillirofen das Haus anzünden werde, ſowenig werde ich mein Wiſſen zu verbrecheriſchen Zwecken verwenden. Nie ſogar würde ich meiner Nebenmenſchen Unwiſſenheit benützen, um ſie durch mein Wiſſen zu täuſchen, zu ängſtigen, ſelbſt nicht, um ſie zu irgendetwas zu be⸗ wegen, das ich ihnen für nützlich halte. Meine Kennt⸗ niß in der Chemie benutze ich zur Bereitung eines kräftigen Mittels wider das Bluten von Wunden; da ſchau hier, Johannes, dieſer Wunderbalſam zieht über die ſtärkſte Schnittwunde eine Haut wie ein Eihäutchen, dieſes Pflaſter zertheilt alle Schwären, und dieß zieht ſie auf; hier habe ich ein Büchschen: wer den Dampf daoon recht einathmet, verfällt in Betäubung, und ich kann, ohne daß der Leidende es fühlt, ihm ein verrenktes Glied einziehen, ein ge⸗ brochenes zuſammenfügen, kann meine Sonde in ſeine tiefſte Wunde ſenken, erwachend weiß er nichts davon.“ „Aber, Mutter, um des Erlöſers willen,“ ſagte Kepler gen all Folter als He⸗ „T milde laͤ glaube der Me Güte en wie lan Sei ruh ſein, ſer brennen letzten 2 junge 6. Nacken nur, um gehen, 1 die Mitt 233 Kepler zitternd,„denkt Ihr auch daran, welche Fol⸗ gen all dieſes für Euch haben kann? Denkt Ihr an Folter und Feuer, das Euch droht, wenn man Euch als Hexe vor Gericht zieht?“ „Wer würde dieß thun?“ entgegnete Apollonia milde lächelnd;„die Armen, die ich geheilt habe? Ich glaube nicht an die Schlechtigkeit und Undankbarkeit der Menſchen, ſie ſind gut, wenn man ihnen mit Güte entgegentritt. Zu dem ſieh mich an, Johannes, wie lange werde ich wohl noch leben auf Erden? Sei ruhig meinetwegen, mein Sohn, Du kannſt es ſein, ſelbſt wenn man mich vor Gericht zöge, ver⸗ brennen wird man mich nicht.“— Sie ſagte dieſe letzten Worte mit einer ſeltſamen Beſtimmtheit, der junge Gelehrte aber ſchlang ſeine Arme um ihren Nacken und ſagte: „Mutter, o meine Mutter, denkt Ihr auch, daß es eine ſchwere Sünde iſt, Hand an ſich ſelbſt zu legen, verſprecht mir um des Erlöſers willen, daß Ihr—— „Stille, mein Johannes, nein, weine nicht, mein Knabe, hier haſt Du meine Hand, daß ich nur, um dem gewiſſen qualvollen Tode zu ent⸗ gehen, mir ſelbſt einen ſchmerzloſen geben würde; die Mittel, die uns Gott gibt, um uns die Todes⸗ 234 ſtunde leicht zu machen, wenn ſie nun einmal er⸗ ſchienen iſt, dürfen wir ſicherlich ebenſo ſündenlos benutzen, als die, welche uns andere Qualen erſparen. „Aber, mein Sohn, herzliebſter Johannes, was iſt denn das für ein Geſpräch, Du haſt mir noch nichts von Deiner Braut erzählt; mein Heiland, von Deiner Braut— und hier ſtehen wir an der Stelle, wo Du auf einem Teppich neben mir im Graſe ſpielteſt, geſtern ſcheint mir's— und doch ſtehſt Du neben mir, ein Mann, den ich, die Matrone, nach ſeiner Braut frage:— o wie flüchtig iſt das Erden⸗ leben und wie nichtig wäre es, wenn wir nicht die Liebe hätten und die heilige Gottesahnung!“ Johannes fühlte wohl ſelbſt, daß es nothwendig ſei, den Gegenſtand des Geſpräches zu ändern, und ſo erzählte er denn von Frau von Mühleck und allen ihren Verhältniſſen, von ihrer Schönheit, ihrem be⸗ deutenden Vermögen und ihren vornehmen Ver⸗ wandten. „Deine Mutter wird ſich gar ſehr freuen und ſtolz ſein auf die Schwiegertochter, die Du ihr zu⸗ führſt,“ ſagte Apollonia, als er geendet hatte. „Meine Mutter? und Ihr doch auch, Ihr, meine eigentliche Mutter, meine älteſte und treueſte Freundin auf der Welt!“ meine ſchein, Strön dunkle daß glückli entgee ter, glänze von d ganz ner C es ih gewöl vor 4 l er⸗ enlos aren. was noch von btelle, Graſe t Du nach rden⸗ öt die endig und allen in be⸗ Ver⸗ t und r zu⸗ Ihr, ſeeueſte 23⁵ „Ich, nun ich, Johannes, würde mich mehr freuen, wenn die Dame weniger ſchön, weniger reich, weniger vornehm wäre; denn ich würde dann mehr an Deine Liebe zu ihr und an das Glück Deiner Zukunft glauben. Schau, Johannes, ein rechter Mann findet rechtes Glück eigentlich nur in der Ehe mit einer Frau, der er gibt— alle Güter dieſer Welt, Nahrung und Kleidung, Gut und Vermögen, Rang und Namen. So habe ich's wenigſtens erfahren in meinem Leben.— Männerliebe iſt wie der Sonnen⸗ ſchein, ſie gießt aus Naturnothwendigkeit die goldenen Ströme des Lichtes und der Wärme aus über die dunkle Erde und will nichts dafür empfangen, als daß die Geliebte blüht und ſchön und reich und glücklich iſt durch das, was ſie empfangen.“ „Ich habe meine ſchöne Braut vom Herzen lieb,“ entgegnete Kepler,„aufrichtig aber, meine theuere Mut⸗ ter, wäre ſie mir nie aufgefallen, wenn nicht ihre glänzende Schönheit mich an die Dame erinnert hätte, von der ich zu Euch ſprach, und ich würde ſie, die in ganz anderen Verhältniſſen gelebt hat, nie zu mei⸗ ner Gattin gewählt haben, wenn nicht ihr Vermögen es ihr möglich machte, ſo fortzuleben, wie ſie es gewöhnt, mir aber, mich den Wiſſenſchaften ohne Angſt vor Hunger und Noth hinzugeben.“ 236 „Ich dachte mir dieß,“ ſagte Apollonia.„Deine Liebe, mein Sohn, iſt jetzt noch die Wiſſenſchaft allein, möge ſie Dir denn auch das Glück Deines Lebens gewähren. Ich bitte aber aus Herzensgrund Gott den Herrn, daß Du immer die Kraft haben mögeſt, Deine Frau glücklich zu machen, ihr Freund, ihr Troſt, ihre Stütze zu ſein in allen Lebenslagen und nie in der Geduld gegen ſie zu ermüden, auch wenn ſie die⸗ ſelbe auf die Probe ſtellen ſollte.“ Die Papiere, welche Kepler gewünſcht hatte, waren bis auf den Trauſchein ſeiner Eltern bald her⸗ beigeſchafft, und dieſer befand ſich im Beſitze ſeiner Mutter. Johannes nahm daher einen herzlichen Abſchied von ſeinen Freunden und den Orten ſeines Kinder⸗ lebens und ging nach Leonberg, wo er ſeine Mutter jetzt allein fand, denn Margaretha war bereits ver⸗ heiratet mit Georg Binder, zur Zeit Pfarrer in Heumaden.. Auch Katharina war ſehr gealtert. Sie wohnte noch in dem Hauſe, das Johannes ſchon kannte, und einen wüſtern Fleck gab es wahrſcheinlich nicht in dem ganzen Städtchen. Chriſtoph, der Zinngießer, lebte mit ſeiner Frau im Frieden, und beide klagten über die Thorheit der M Welt Art, d Lände Uebere war Die T und C dem n. Böhme Aſche, jährige ſtarke ſeine in jede verſchi ſekten den a feindli Vater, Herrn eine ein, dens den eine ihre der die⸗ atte, her⸗ einer chied ider⸗ utter ver⸗ r in öhnte und ht in Frau orheit der Mutter. Heinrich war wie ſein Vater in die weite Welt gegangen. Waren doch die Zeiten von der Art, daß arbeitsſcheue Taugenichtſe in aller Herren Ländern Gelegenheit fanden, ihre Haut zu verkaufen. Ueberall brauchte man Soldaten, denn ganz Europa war der Schauplatz kleinerer und größerer Kriege. Die Türken ſtanden drohend an der Grenze Ungarns, und Erzherzog Mathias mußte das Land hüten, in dem man ihn bereits zum Könige gewählt hatte. In Böhmen brannte das Feuer des Aufruhrs unter der Aſche, das ſpäter zur furchtbaren Fackel des dreißig⸗ jährigen Krieges aufloderte. In Frankreich hielt die ſtarke und edle Hand Heinrich des IV. die Zügel der Regierung, aber Söldner waren auch dort wie überall ein nothwendiges Uebel. Spanien rüſtete ſeine Seemacht gegen das aufblühende England, und in jedem chriſtlichen Lande ſtand die Partei der hundert verſchiedenen unter ſich uneinigen neuen Religions⸗ ſekten der der Katholiken, die aus politiſchen Grün⸗ den auch keine Einigkeit in ſich hatte, drohend und feindlich gegenüber. Heinrich Kepler war Soldat geworden wie ſein Vater, niemand aber hätte ſagen können, welchem Herrn der eine oder der andere diene und ob nicht 238 das nächſte Scharmützel Vater und Sohn gegen ein⸗ ander kämpfen ſehe. „Sie ſind nun alle fort, alle,“ ſagte Katharina Kepler, als ſie ihren älteſten Sohn unter vielen Thrä⸗ nen in die Arme ſchloß,„und ich bin ganz allein in der Welt,'s iſt ein Elend alt werden und allein ſein, der Chriſtoph iſt freilich hier Bürger und Mei⸗ ſter, aber was hilft er mir; er iſt ein böſer Kerl und hat ein ſchlechtes Weib. Ich wollte, Du könnteſt hier wohnen, Johannes, Du biſt ein Gelehrter, biſt ein Magiſter, vor Dir würden die Leute Reſpekt haben und mich dann auch im Frieden laſſen. Es ſind ſchlechte Leute hier, Johannes, grundböſe Menſchen, und der ſchlimmſte von allen, das ſiſt der Vogt Einhorn der lüderliche Kerl! Laß Dir's ſagen, er ſtellte Deiner Schweſter Margaretha nach— aber ich hab' ihm die Wege gewieſen, ich! „Willſt Du was trinken, mein Sohn? warte, ich habe was für Dich, dahier, ja das iſt das rechte, hier in der kleinen ſilbernen Kanne, die noch von meinem Vater ſtammt, hab' ich guten Würzwein, verſuch' ihn einmal, und nein— in der ſilbernen Kanne das iſt ein Brechmittel, das trink' nicht, wart, ich finde den Würzwein ſchon, hier ſteht er im Zinn⸗ krüglein und trink' ihn mit Geſundheit!“ E. Weſen das He nung i ihres in erſchreck dere Fr ten beſe für die welche unter ei Z31 Winkel zerzauſt nen auf ſah der ſeinem ter wed finden, der übe 239 ein⸗ Es war etwas Unruhiges, Zerfahrenes in dem Weſen der alten Frau, das tief niederbeugend auf rina das Herz des Sohnes wirkte, und die wüſte Unord⸗ hrä⸗ nung in ihrem Hauſe war gleichſam der Abdruck lein ihres inneren Seins. Am meiſten fühlte ſich Kepler lein erſchreckt dadurch, daß ſeine Mutter ſich nie wie an⸗ Nei⸗ dere Frauen mit den einfachen nützlichen Handarbei⸗ und ten beſchäftigte, die einen harmloſen Ableiter bilden hier für die Gedanken, die ſich in der Bruſt einer Frau, ein welche das Leben zum großen Theile hinter ſich hat, aben unter einander entſchuldigen und verklagen. ꝛchte Zwar ſtand ein ſtaubiger Spinnrocken in einem der Winkel der Küche, aber die Katze hatte den Flachs der zerzauſt und nur wenige Garnfäden lagen geſpon⸗ iner nen auf der eingeroſteten Spule. Auch Nähapparat ihm ſah der Sohn hie und da zerſtreut, aber als von ſeinem Wamms ein Knopf abgeriſſen, konnte die Mut⸗ „ich ter weder eine richtige Nadel noch das Fingerhütchen ichte, finden, und die kleine Reparatur mußte dem Schnei⸗ von der übergeben werden. vein, Nichts ſchien der alten Frau peinlicher zu ſein, rnen als das Verweilen an einer Stelle. Sie ſaß nicht Vvart', fünf Minuten auf demſelben Stuhle, ſondern war zinn⸗ unaufhörlich in Bewegung und im Hauſe faſt immer beſchäftigt, irgendeinen Gegenſtand zu ſuchen. Aber 240 6 auch der Aufenthalt im Hauſe, wenn er länger als ein halbes Stündchen dauerte, beunruhigte ſie. b d Mitten im freundlichſten Geſpräche mit ihrem Sohn 9 ſprang ſie auf und erklärte, daß ſie fort müſſe zur Zieg⸗ t lerin Leibbrand, zum Bader, zum Bäcker, ſie hatte tauſenderlei Geſchäfte, hunderterlei ſeltſame Bekannt⸗ 2 ſchaften und nach ihrer Meinung in jedem, mit dem C ſie ſprach, einen verſteckten Feind, der ihr nach Ehre und e gutem Namen, nach Leben und Eigenthume trachtete. 1 d Es trat ein Sonntag in die kurze Zeitepoche, 2 die Kepler in Leonberg zubrachte, und er rüſtete ſich d zur rechten Zeit zum Beſuch der Kirche und war a nicht wenig erſtaunt, ſeine Mutter in ihren unſaube: ren Alltagskleidern und mit Schleppſchuhen im Hauſe 1 herumwirthſchaften zu ſehen, als er ſie ſuchte, um e den Kirchengang mit ihr zuſammen anzutreten. 3 „Du gehſt in die Kirche? Du, Johannes,⸗, fragte ſie ganz verwundert,„die Leute ſagen ja, daß d Du ein Ketzer und Schismatiker ſeiſt, der an kei-⸗ G nen Gott glaubt. Du gehſt in die Kirche? das iſt d ſpaßhaft!“ 5 Vergebens bat der Sohn mit Herzlichkeit, ſie möchte ihn begleiten, ſie zuckte die Achſel und ſagte„ ſ endlich, ſie beſitze gar nicht ſo ſtattliche Kleider, un in die Kirche gehen zu können. 241 Sie lief indeß während des Gottesdienſtes in den Straßen umher, klopfte an die Fenſter der Nachbarn und erzählte in dieſem Hauſe, was ſich in jenem ſoeben zugetragen. Die wenigen Tage, welche Kepler bei ſeiner Mutter zubringen konnte, vergingen ihm ſehr traurig. Es war ihm nicht möglich, alle Bekanntſchaften zu erneuern und neue zu machen, er hatte nicht einmal die Witwe Reinbold beſucht, die überdieß mit ſeiner Mutter bitterlich erzürnt war. Der einzige Sohn derſelben hatte die Glaſerprofeſſion erlernt und war auf der Wanderſchaft. Auf dem Grabe ſeines alten Freundes Reinbold war aber Johannes geweſen und es war dieß der einzige Ort, wo die Erinnerung an ſeine Kindheit ihm heiter und lächelnd erſchien. Einen Tag durfte er nach dem Abſchiede von der Mutter noch auf einen Beſuch im Hauſe ſeiner Schweſter verwenden und von dieſem verſprach er ſich die heiterſte Ffreude.— Margaretha war eine ſchöne zufriedene Hausfrau, fleißig, und daher auch fröhlich. Sie hatte in ihrem jungen Leben nur einen Gegen⸗ ſtand des Kummers: ihre Eltern. Den Vater hatte ſie ziemlich ſchon vergeſſen, ihn in ihrem Herzen zu den Todten gelegt, aber 1857. XXI. Johann Kepler II. 16 242 das Leben und Thun der Mutter erfüllte ſie mit Jammer und Angſt. „Ich mag's meinen Mann gar nicht hören laſſen, wie ein wüſtes Treiben die alte Frau nun ſchon ſeit Jahren an ſich hat,“ klagte ſie betrübten Herzens dem Bruder.„Tag und Nacht ſpricht ſie von der alten böſen Muhme Streicherin, die als Hexe ihren Lohn im Feuer erhalten, und erzählt, wie reich, wie klug, wie mächtig und von aller Welt ge⸗ fürchtet die böſe Frau geweſen. Verzeih mir's Gott, aber Dir, Johannes, muß ich's ſagen; denn Du biſt klug und gut und weißt vielleicht Rath in dieſer Noth, aber— die Mutter will gern eine Here ſein. Neulich, kurz vorher, ehe ich getraut wurde, war ſie bei Chriſtoph geweſen und hatte großen Zank mit ſeiner Frau gehabt, da ſetzte ſie ſich nieder in der Hinterküche recht unter den Schornſtein und weinte, daß es einen Stein erbarmt hätte. So ging ich denn und hockte mich zu ihr und faßte ſie um den Hals und ſagte:„Mutterle, herzliebes Mutterle, warum weint Ihr? wenn Euch Gott Leid gegeben, ſo hat er's doch auch hinwieder nicht an Freude fehlen laſſen. Seht, der Chriſtoph iſt doch ein recht⸗ ſchaffener Bürger, und ich, Euer Gretel, werde einen ehrwürdigen Pfarrherrn heiraten, der Gottes Wort mit dren nun bten von Hexe wie ge⸗ zott, b biſt ieſer ſein. ſie mit der inte, ich 243 rein und lauter verkündet, und wenn's unſer Johannes auch nicht ſo weit hat bringen können, ſo iſt er doch ein Mann oon großer Gelehrſamkeit, der Bücher und Kalender macht, und überdieß ein ſo guter Sohn, denkt nur, wie er für uns ſorgt und uns vom Sei⸗ nigen abgibt und wie liebevoll er immer ſchreibt.“ „Da ſah ſie mich an mit ihren großen ſchwarzen Augen, ei, mein Bruder, den Blick vergeſſe ich mein Lebelang nicht und ſagte:„Wer hat mich lieb, wer auf der ganzen weiten Welt? Mein Mann nicht und meine Kinder erſt gar nicht. Der Chriſtoph ſagt: ich ſoll ruhig ſein und ſeine Frau nicht mo⸗ leſtiren, der Heinrich, der noch das beſte Herz von Euch Allen hat, iſt unter die Soldaten gegangen; der Mathematikus— ja, der ſchickt Geld und nennt mich in ſeinen feinen Briefen, die ich ja doch nicht leſen kann, liebe, herzliebe Frau Mutter, aber er thut's doch nur Deinetwegen und möchte mich zehn⸗ mal im Grabe ſehen, wenn nur der alten Loni kein Haar gekrümmt würde. Die hat ihn mir behert den Sohn. Sie hat's ihm angethan, das weiß ich, und lebe und ſterbe darauf.⸗ „Wie ſie das ſagte, griff ſie mit beiden Händen in ihre grauen Haare, die ihr ohnedieß ſchon wild und wirr genug um den Kopf hingen, und ihre ſchwarzen Augen rollten nur ſo. ‚Sie hat's gelernt,“ ſchrie ſie, ‚die Loni, ſie weiß es, ſie braut Liebes⸗ zauber wie die Streicherin, ah, ich wollte meine Seele tauſendmal dem Teufel verſchreiben, wenn ich wie ſie mir alle Welt gut Freund machen und für alle Uebel und Schäden gute Mittelchen brauen könnte. Mir verhungern die Hühner im Hof und ihr legt jede Henne täglich ein Ei. Mir thun die Kinder allen Spott und Herzeleid an, die Kinder, die ich mit Schmerzen geboren, und ihr möchten ſie die Hände unterlegen und ſprechen nur von ihr, wie von einer Heiligen im Himmel. Aber ſie iſt eine Herxe, ſie iſt es und ſoll noch brennen wie die Streicherin. Der Herr Vogt Einhorn weiß es, ich hab's ihm geſagt, welche Zauberwerke das Weib ausgeübt hat und noch ausübt. Aber ich will auch den Teufel rufen, ich will Macht von ihm haben, wie ſie hat. Er ſoll mir helfen, mein Gut mehren und ſoll den Menſchen Reſpekt vor mir einflößen, er ſoll es!“ „Du magſt Dir nicht vorſtellen, wie ſchrecklich die alte Frau dabei ausſah, und wie ich mich ge⸗ fürchtet habe, als ſie immerfort mit lauter Stimme ſchrie: ‚Ich will den Teufel rufen! ich will ihn rufen!e Ich hatte mich neben ihr auf die Kniee geworfen und betete inbrünſtig das Vaterunſer und endlich ward ſte dann auch ſtiller. Es war, als hätte ſie einen Krampf, denn es ſtieß ihr ordentlich das Herz ab und ihre Hände zitterten ſehr.— Johannes, Gott er⸗ barme ſich über uns, ich glaube aber, unſere Mutter iſt vom Teufel beſeſſen.“ „Das iſt fürchterlich, meine Schweſter,“ ſagte Kepler, indem er im Zimmer auf⸗ und abgehend, ſein pochendes Herz zu beruhigen ſuchte.„Arme, arme, unglückliche Mutter, o daß ich ihr helfen könnte!“ „Hör'“, entgegnete Margaretha,„ich ſollte meinen, Johannes, Du würdeſt ſie nicht ſo gar arg beklagen, wenn Du, wie ich, immer um ſie ge⸗ weſen wäreſt. Ja, ſie klagt, daß ihre Kinder ſie nicht lieben, daß all ihre Sachen hinter ſich gehen, aber — macht ſie's denn nicht danach? Wenn ſie uns als Kinder geſchlagen hat und ganze Tage allein einſchloß und uns nichts zu eſſen gab, als eben ein Stückel Brot, weil's ihr nicht geſiel zu kochen, da haben die Buben nicht ſelten geſagt, laß uns nur groß werden, wir wollen ihr's wett machen.— Muhme Loni mag böſe Künſte und Praktik bei der Streicherin gelernt haben, kann ſein, aber eine gute Frau iſt ſie bei dem Allen, die für Menſchen und Vieh ſorgt, und wenn ihre Hühner brav Eier legen, ſo kommt das von ordentlichem Füttern, meine legen auch, und wenn ihr Garn das feinſte iſt, ſo kommt das von ordentlichem Flachsbereiten und von gutem Spinnen; ich bin zwar nicht ſo geſchickt wie die werthe Muhme, aber ſo manches habe ich doch von ihr gelernt, und hier in Heumaden iſt das Geſpinnſt der Frau Pfarrerin das feinſte und beſte, wie das auch in der Art und Ordnung iſt.— Eines aber muß ich Dir doch noch erzählen, Johannes. Du weißt, da iſt in Weil der Pfarrer Mäſtlin, ein Vetter von Deinem Lehrer und Freunde in Tübingen. Ein grundgelehrter Mann iſt er und ſchrecklich fromm auch, aber ach, wehe auch denen, die es nicht ganz ſo ſind wie er. Mein guter Mann nennt ihn einen Zeloten— nun zu dem iſt alſo die Mutter ge⸗ gangen, als ſie acht Tage vor meiner Hochzeit mit mir in Weil war wegen ihres Trauſcheines, ich war mit dabei, und wie der Pfarrer ſo mit uns ſpricht, da fängt ſie mit einemmal an von der Muhme und daß ſie eine Hexe ſei und allerlei Teufelswerk treibe, und von der Streicherin, die ihr ihre Künſte beigebracht hätte. Denk, wie mir Angſt und bange ward, und als ich nun einfiel und ſagte, die Muhme Loni ſei eine brave Frau, Gott und Menſchen wohlgefällig und ſo gut, wie wenige Menſchen in der Welt, da lachte ſie und ſagte: „‚Nu aus mei falt die mög dan erw imt tem die von unſt das nuß eißt, von Ein mm ganz inen ge⸗ mit ich uns der lerlei die mir und Gott enige agte: 247 ‚Nun ſehen Ener Ehrwürden ſelber, daß ſie's recht aus dem Grunde verſteht, denn meine Kinder alle meinen, ſie ſei der lebendige Engel.““ „Großer Gott,“ ſagte Johannes, betrübt die Hände faltend,„das iſt ja aber geradezu Wahnſinn, und die ſchnödeſte Undankbarkeit überdieß. Wie iſt es nur möglich, daß meine Mutter nicht die Wohlthaten dankbar erkennt, welche Apollonia ihr und uns allen erwieſen?“ „Ach ihre Dankbarkeit wäre nun gerade das we⸗ nigſte, möchte ſie undankbar ſein, ſchelten und die arme Muhme halten für was ſie immer will, aber dieſer Pfarrer Mäſtlin weiß ja nichts beſſeres, als auf Herenjagd auszugehen. Gott ſoll ſich erbarmen, die Brandpfähle auf dem Anger bei Weil ſahen aus, als wäre dort ein Wald abgebrannt, aber, Du Heiland! an jedem ſtand einmal ein armes jammerndes Weib. Wenn ſo viele Heren dort wirklich ihr Weſen treiben, ſo müßte man ja keinen Schritt machen kön⸗ nen, ohne behert zu werden.— Glaub' mir das, Bruder Johannes, wenn eine von den beiden eine Hexe iſt, ſo iſt's die Mutter!“ Die junge Frau blickte, als das Wort über ihre Lippen geflohen, ängſtlich um ſich, ob es auch nie⸗ 248 mand gehört haben könne, und brach dann von neuem in heftige Thränen aus. Kepler verſuchte ſie zu beruhigen, obgleich ſein Herz von Jammer und Sorge erfüllt war. Apollonia, ſeine theure mütterliche Freundin, war, das konnte keinem Zweifel unterliegen, eine Frau, deren vielfache Kenntniſſe, deren abgeſchloſſenes und zurückgezogenes Leben nur zu leicht jenem furchtbaren Verdacht Grund geben konnte, der in jener Zeit wie eine verderben⸗ bringende Wetterwolke über dem Haupte jedes un⸗ gewöhnlichen weiblichen Weſens ſtand. Seine Mutter hielt Johannes für befangen in einem unſeligen Wahnſinn. Am liebſten hätte er ſie zu ſich genommen in ſein Haus, aber als er darüber mit ihr geſprochen, war ſie in den heftigſten Zorn gerathen und hatte ihm geantwortet, daß vor der Hand ſie Herrin in ihrem eigenen Hauſe bleiben wolle. ‚Wer ſeinen Kindern gibt das Brot Und leidet ſelber Noth, Den ſchlag man mit der Keule todt,“ hatte ſie geſagt, und obgleich Johannes ihr ausein⸗ ander ſetzte, daß er durchaus nichts von ihr haben wolle, ſondern ihr nur bei ſich eine Freiſtatt zu ge⸗ ben wünſche, wo ſie unter dem Schutze eines Sohnes von dem Ihrigen leben könne, hatte ſie geantwortet, unſer geſch ſteht Kind zen mög es und was liche o N 2 249 ſie habe auch in Leonberg einen Sohn, ſie zu be⸗ ſchützen, und deſſen Verhältniſſe paßten beſſer für ihre Gewohnheiten, als die des gelehrten Mathe⸗ matikers, der eine vornehme Frau heiraten wolle. Es lag in dieſer Bemerkung ſo viel Wahrheit und geſunder Sinn, daß Kepler ſie durchaus nicht für eine Beleidigung nahm. Die feine ſtolze Frau von Mühleck und Katharina Kepler, der man es anſah, daß ſie das Regiment ihres Mannes einſt als Marke⸗ tenderin begleitet, hätten allerdings eine ſeltſame Hausgenoſſenſchaft gebildet, deren größere Laſt un⸗ zweifelhaft dem gebildeteren Theil zugefallen wäre. „Es iſt dabei nichts zu thun, Gretelchen, liebe Schweſter, als Gott zu bitten, daß er alles zum Beſten lenkt,“ ſagte Johannes.„Sehr zu beklagen iſt unſere arme Mutter, weil ſie ſo heiß danach verlangt, geſchützt und geliebt zu werden, und doch nicht ver⸗ ſteht, ſich Achtung und Liebe zu erwerben. Wir, ihre Kinder, haben die Verpflichtung, ihrem armen Her⸗ zen Beruhigung zu geben, indem wir ihr alle nur mögliche Achtung und Liebe erweiſen. An mir ſoll es nicht liegen, daß ſie nicht zufrieden geſtellt werde, und wie ich Dich kenne, wirſt Du auch für ſie thun, was in Deinen Kräften ſteht, und es auch an freund⸗ lichen und liebevollen Worten nicht fehlen laſſen. 250 Solcher Seele, wie der Mutter, ſo dürſtend nach Liebe und gepeinigt von dem Bewußtſein, ſie nicht ver⸗ dient zu haben, iſt manchmal ein freundliches Wort eine größere Erquickung, als eine freundliche Hand⸗ lung. Meine Schweſter, das vierte Gebot iſt das einzige, was eine Verheißung hat.“ So ſchieden die Geſchwiſter. Kepler hatte in ſeinem Schwager einen Geiſtlichen kennengelernt, wie die meiſten jener Zeit, feſt in dem Glauben, den einzig richtigen Schlüſſel des Himmelreichs zu beſitzen, ohne beſondere andere Intereſſen als die an theologiſchen Spitzfindigkeiten, und übrigens einen herzensguten Mann, der ſeine junge ſchöne Frau aufrichtig lieb hatte und einfältiglich ſich in ſeinem Amte an den Spruch des Apoſtels hielt: ‚Wer den Altar bedient, ſoll vom Altare leben.“ Im Beſitz aller Papiere, die ſeine adelige Abkunft dokumentirten, langte er nach ſechswochent⸗ licher Abweſenheit in Grätz an und freute ſich, ſeine Zimmerchen betretend, ſeine Inſtrumente und Bücher, ſein einfaches Hausgeräth und ſeine gewohnten Be⸗ ſchäftigungen wiederzufinden. Bei dem Gedanken, ſeine ſchöne Braut zu ſehen, befiel ihn eine Art von Scheu, der er eigentlich kei⸗ nen Namen zu geben wußte.— Frau von Mühleck einen tig von giſte ten reich nige nen mög wen 231 ſtand in ſo ganz anderem Verhältniſſe, hatte ſo ganz andere Gewohnheiten als ſeine Verwandten, mit de⸗ nen er jetzt wieder in nähere Verbindung getreten. Faſt ſchien es ihm, daß er die Frau betrüge, indem er ihr ſeinen Adelsbrief mitbringe. Ja! er war der Enkel des Bürgermeiſters von Weil, des Sehald Kepler; aber er war der Sohn Hein⸗ rich Kepler's, des Vagabunden, und der Katharina Guldenmann, der Marketenderin. Er ging am Tage nach ſeiner Ankunft zu Frau von Mühleck, ihr noch einmal alle ſeine Familienver⸗ hältniſſe auseinander zu ſetzen. Als er mit bebender Stimme ihr ſagte, daß er zu ehrlich ſei, um ſie zu einem Ehebunde bewegen zu wollen, in dem ſie künf⸗ tig vielleicht ſich unglücklich fühlen würde, rückte ſie von ihm weg und antwortete ſehr kühl: „Sagen Sie es nur rund heraus, Herr Ma⸗ giſter, was ich doch ſchon ſo ziemlich weiß, Sie möch⸗ ten Ihr Verſprechen zurückhaben, weil ich nicht ſo reich bin, als Sie gemeint.“ Kepler blickte ihr erſchreckt in die ſchönen zor⸗ nigen Augen.„Ich will von Ihrem Verſprechen kei⸗ nen Gebrauch machen, damit Sie nicht ſpäter glauben mögen, ich habe Sie getäuſcht,“ ſagte er;„erſt dann, wenn Sie alle meine Verhältniſſe, die zumtheil 252 ſehr traurig ſind, kennen, und mir Ihr Verſprechen erneuern, kann ich es mit Freuden annehmen.“ „Das ſind wohl ſchöne Redensarten, Herr Ma⸗ giſter,“ entgegnete ſie ſpitz.„Paſtor Hitzler hat mir geſagt, daß Sie eine reiche Frau haben wollen, um Ihr Amt niederzulegen und nur für ihre gelehr⸗ ten Spekulationen zu leben. So reich aber bin ich gar nicht, denn, wie ich höre, ſoll es Ihnen ſehr vie⸗ les Geld koſten, ſo ein Buch drucken zu laſſen.“ „Barbara,“ ſagte Kepler ſanft,„den Mann, dem Sie noch vor kurzem Ihr Leben anvertrauen wollten, ſollten Sie nicht in dem Verdachte haben, daß er ſich von Ihnen erhalten laſſen will.“ Aber indem er dieß ausſprach, ſtrafte ſein Herz ihn Lügen; er gedachte mit inneren Vorwürfen der Worte Apolloniens.—„Ich will dieſer Frau ge⸗ genüber jetzt ſo wahr ſein, als ich es gegen mich ſelbſt bin,“ dachte er,„komme dann was mag, ich werde es ertragen,“ und nun ſetzte er mit klaren Worten der aufmerkſamen Zuhörerin alle ſeine Verhältniſſe auseinander. Er ſprach von ſeinen Eltern und Ge⸗ ſchwiſtern, er verhehlte es nicht, daß ihr Vermögen ihm als eine nothwendige und ſehr angenehme Sache für ihre beiderſeitige Zukunft erſchienen, ja er erſchloß ihr ſein Herz ſo tief, daß er von ſeiner flüch⸗ — kann blickt nun, ſeid gent zu g frag Got 253 tigen Bekanntſchaft mit Polixena von Roſenberg und dem Eindruck, den dieſelbe auf ſein junges Herz ge⸗ macht, ſowie von Barbara's großer Aehnlichkeit mit dem Ideal ſeiner Jugend ſprach. Frau Barbara hatte ihm zugehört, und ihr In⸗ tereſſe an dem, was er erzählte, ſteigerte ſich mehr und mehr; als er nun endlich ſchwieg, ſagte ſie, ohne zu ihm aufzuſehen:„Ihr ſeid mir alſo gut, Johan⸗ nes? ich gefalle Euch, ſowie ich bin, und komme Euch vor, wie die allerſchönſte Frau, die Ihr jemals geſehen?“ „Ihr ſeid die ſchönſte Frau, die ich jemals ge⸗ ſehen, Barbara,“ entgegnete er,„und ich fürchte nur, daß ich Euch, die ſoviel größere Anſprüche machen kann, zu ſchlecht ſein dürfte.“ Sie erhob langſam den reizenden Kopf und blickte von unten auf ſchalkhaft in ſeine Augen.„Ei nun, Johannes!“ ſagte ſie endlich,„nein, zu ſchlecht ſeid Ihr mir wohl ſo eigentlich nicht, ganz im Ge⸗ gentheil! Ihr dürftet am Ende wohl für mich viel zu gut ſein.“ „So wollt Ihr es mit mir wagen, theure Frau!“ 41 fragte Kepler ſchüchtern. „Hm! ja doch ja! weiß nur der liebe Herr Gott, wer mehr wagt, ich oder Ihr; denn ſeht, mein 254 Bißchen Geſicht, das kann weg ſein, wenn ich die Pocken kriegte, und mein Bißchen Geld kann auch in alle Winde zerſtieben wie die Zeiten jetzt ſind, Euer gutes Herz aber, Eure große Gelehrſamkeit, und Eure Aufrichtigkeit, ja, das bleibt ſchon, in alle Ewig⸗ keit. Gelt, Johannes, Ihr werdet meiner kleinen Eli⸗ ſabeth Gutes thun, und mich als Eure Frau gut halten?“ „Von ganzem Herzen lu ſagte Kepler,„ich denke, das Leben iſt lang, und mancherlei Verhältniſſe kom⸗ men darin vor, aber Ihr ſollt ſehen, daß ich, ge⸗ ſchehe was Gott will, immer und immer, in aller Aufrichtigkeit Euer Schützer, Euer Tröſter, Euer treueſter Freund ſein werde.“ „Amen!“ fügte ſie leiſe hinzu und lehnte gerührt den ſchönen Kopf an ſeine Bruſt, Johannes aber küßte ihre Stirn, und in ſeinem Herzen leiſtete er Gott den Eid, dieſer Frau, die ihm vertraute, alles zu ſein, was ein Mann ſeiner Gattin ſein kann. Ende des zweiten Bandes Prag 1857. Druck von Kath. Gerzabek. — nasi byly desk kter. k 2 pris) desk kroè a p. nict jak drar V 8 nejs vlas hon na Näkladem mym vychäzeji a v kazdém Frädnem kneh- kupectvi dostati lze: SEBRANE SPISN Jos. Kaj. Tyla. Nové vydani. Casto jiz proneseno präni, aby spisy muzu o literaturu nasi zaslouzilych sebräny a sebrané obecenstyvu podäny byly. Jeden z nejprednéjséich a nejoblibenéjsich péestitelu deského pisemnictvi byl bez odporu Jos. Kaj. Tyl. kteryzto snahy své zasvétil rozkvètu närodnimu, a jmenovitè k zvelebeni belletristiky a geského dasopisectvi znamenitè prispél a takmèr tyůüͤrcem byl novéjsiho pökného slohu seského. I odhodlal jsem se k vydäväni Tylovych spisù pri- kroëiti, a doufäm, Ze toto mé podniknuti od detnych ctitelu a prätel jeho, a vuͤbec od véech priznivcù èeského pisem- nictvi laskavè prijato bude. Bude to sbirka véech spisu Tylovych, které jaké ceny pro näãrod a literaturu maji. Präce dramatické a politické, jak samo sebou se rozumi, nebudou v sbirku tu zahrnuty. Jsouf také Ppovidky stränkou jeho nejskvélejséi, a närod véeobecnè uznal, Zze vypravoväni bylo vlastni pole Tylovo; jeho„Alchemista“—„Kutno- horsky dekrert'— ,Rozina Ruthardova—„Svätky na Vysehradé“—„ Sle na Lichnickä“—„Po- sledni Gech“ i mnohé jiné historické i z dob nynéjska èer- pané povidky patrnym toho jsou dkazem. Zvlästé na to pozorna èinim, Ze zeynittni däst i poradi obsahu„Sebranych spisü“ jsou zrizeny co moznä dle pryniho vydäni, jez pouze deset svazkü dosählo, a timto zpüsobem dojdou odbèratelé staré nedokontene sbirky té vyhody, Zze pri trinäctem svazku k odbiräni tohoto nového vydäni se plihläsiti a staré pretrzené dilo doplniti si mohou. „Sebrané spisy Jos. Kal- Tyla“e zabnou v kvétnu b. r. vp ülmèésiénich Ihůͤtäch po svazcich vy- chäzeti a tki neb ötyry vzdy üplny dil tyvoriti. Kazdy svazck, nejménè Sestia rchovy, stoji jen 20 kr. stfibra pro kazdého, kdoz vlastnoruénim podpisem k odebräni celé sbirky se zaväze a za posledni svazek 20 kr. predplati. Pri ukonèeni celého dila obdrEéi odbératelé téchto„Se- branych spisù“ kräsnou, od vyteëného umêlce deského kreslenou podobiznu Jos. Kaj. Tyla co praemii zdarma, dimz pränim detného poötu cti- ieläv zvéönélcho bäsnika a milätka närodu vyhovéti doufäm. Prihläseni-se k odbiräni Spisù Tylovych prijimã kazdé rädné knéhkupectvi, jakoz i V Praze, 1857. nakladatel J. L. Kober, knöhkupec v Praze. ₰ — — ——— — — du V vy- toji celẽ ‚Se- Cho cti- fãäm. zdé ——— 8 — — ————