—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm e eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: füͤr wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 7 50 m. auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 di. 2 Mk.— Pf. „ 5. 5. Auswäͤrtige Donnenten habch für Hin⸗ lund Zurückſend dung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz.r des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — eeeeeeeeeicece erereeeSree ceeeee .2 5 1 ͤͤͤe 1* 4BUM. Bibliothek deutſcher Briginalromane der beliebteſten Hchriftſteller. Herausgegeben von J. L. kKober. Zwölfter Jahrgang. Zwanzigſter Band. Johannes Kepler. I. 4 1857. Prag& Leipzig, Verlag von J. L. Kober. Johannes Kepler. AMurin Ee ählung von Julie Burow. (frau Pfannenſchmidt). Menſchengrößen gibt es zwei hienieden, Eine jede kleidet ihren Mann.— Das Verdienſt webt beide; doch verſchieden Sind die Fäden und die Farben d'ran— Stille Größe! Dich nur bet' ich an! Alois Blumauer. Erſter Band. 1857. Prag& Leipzig, Verlag von J. L. Kober. Widmung Alexander von Humboldt. Den Lorbeer im geweihten Silberhaare, Erhab'ner Greis! Du Fürſt der Wiſſenſchaft, Du Prieſter an der Wahrheit Hochaltare, Sieht Dich die Menſchheit ſteh'n in Deiner Kraft! Du überſchauſt aus Deines Zimmers Grenzen Des hehren Kosmos unbegrenztes Zelt, Und in Orions Silbernebel glänzen Siehſt Du die Keime einer neuen Welt. Doch, was Erhab'nes, Großes Dir gelungen, Hat Kepler's hoher Geiſt vor Dir erſtrebt, Und wo zum Licht Du kraftvoll durchgedrungen, Hat er im Ahnungsdämmern ſtill gebebt.— Zwei deutſche Männer Ihr! Du Frucht, er Blüte Am ſchönen Baume deutſcher Herrlichkeit, Seid Ihr Euch gleich an Menſchenkraft und Güte, Denn jeder iſt der Lichtſtrahl ſeiner Zeit. Laß d'rum in Ehrfurcht Dir zu Füßen legen Die Blätter, die ich wagte Dir zu weih'n, Dein Name wird ein heil'ger Zauberſegen Dem Werke eines deutſchen Herzens ſein. Julie Pfannenſchmidt geb. Burow. Bromberg den 14. September 1857. (Humboldts 88. Geburtstag.) Vorwort. Nicht ohne Furcht uͤbergebe ich meinen Freun⸗ den und dem deutſchen Publikum ein Buch, das ich mit einer Freude wie keines meiner früheren begann und an dem ich mit Anſtrengung all meiner Körper⸗ und Seelenkraft jetzt über ein Jahr gearbei⸗ tet habe. Als ich es übernahm, das Leben eines der beſten, herrlichſten Männer, die Deutſchland je beſaß, in der Form, die mir die geläufigſte iſt, meinen Zeit⸗ genoſſen zu ſchildern, hatte ich im Eifer und in der Freude meines Herzens zweierlei überſehen. Zuerſt, daß zur Beſchreibung des Lebens meines Helden, Johannes Kepler, vor allem auch die Schilderung der Zeit gehört, in welcher er lebte. Dieſe aber iſt für eine Frau ſehr ſchwer, und ich fühle lebhaft, II daß ſie mir trotz angeſtrengter Studien, die ich zu dieſem Zweck gemacht, bei weitem nicht gelungen iſt. Dann aber auch iſt die Wiſſenſchaft, der Jo⸗ hannes Kepler ſein Leben gewidmet und die er durch ſein hohes Talent und ſeinen unermüdlichen Fleiß ſo weſentlich förderte: die Aſtronomie, ſelbſt heutzutage, wo man allen Naturwiſſenſchaften ſo viele Aufmerkſamkeit ſchenkt, nicht jedermanns Sache. Der Himmel iſt hoch und fern, und was dort vorgeht, intereſſirt nur in ſehr ſeltenen Fällen die⸗ jenigen, die mit ihrem ganzen Sein an der Erde wurzeln. Ein Kriegsheld, ein Minneſänger, ein Reiſen⸗ der, der Abälard irgendeiner neuen Heloiſe, jeder in Liebe zerſchmelzende Ritter Toggenburg, wäre ein Held, für den ich das Intereſſe eines großen Publi⸗ kums viel leichter hätte erwecken können. Mein ſanfter, edler Johannes, der mit zum Himmel gerichtetem Blick durchs Erdenleben ſchreitet, kann nur auf die Liebe derer rechnen, die ſein er⸗ habenes Streben zu würdigen verſtehen. Des Dichters Wort iſt wie der Flügelſchlag des Windes, der über die Welt zieht; es erregt nur in den Herzen einen Akkord, die der Aeolsharfe gleich die ſuͤß tönenden Saiten in ſich ſelbſt tragen. Alle die Seelen, die in den wechſelnden Erſchei⸗ nungen, in der Schönheit, Ordnung und Zweck⸗ mäßigkeit der Natur, den ewigen Geiſt der Liebe ahnen, alle die, welche Gott in der Wahrheit ſuchen und die Wahrheit als das höchſte Gut erkennen, werden Kepler's großen Menſchengeiſt liebgewin⸗ nen, trotz der Mangelhaftigkeit meiner Darſtellung, die ſich bei ihnen aus den Schätzen des eigenen Herzens vervollſtändigt. Er, der Märtyrer der Wahrheit, angefochten und verketzert von allen Parteien ſeiner Zeitge⸗ noſſen, war es, der mit feſter Hand den Grundſtein legte zu dem Gebäude der Weisheit und Wiſſen⸗ ſchaft, auf dem das Leben unſerer Zeit beruht.— Er war es, der zuerſt Gott in der Natur ſuchte. Auf dieſem Wege iſt jede neuerkannte Wahr⸗ heit ein neuer Schritt zum höchſten Gute. Mag nun der Menſchengeiſt auch hier in neue⸗ 1 ſter Zeit manchen Trugſchluß gethan haben, Es irrt der Menſch, ſo lang er ſtrebt. ————— Daß aber die Irrthümer der Materialiſten nicht mehr mit Feuer und Schwert geſtraft werden, ſon⸗ dern daß man ſie widerlegt, ja daß ſie ſehr oft und ſehr bald ſich ſelbſt widerlegen, das iſt nur einer der ungeheuren Fortſchritte auf der Bahn zur Wahrheit, die Kepler eröffnete. Nicht die Geſetze der Planetenbewegung, die er ſuchte und fand, nicht die vielfachen Entdeckungen im Gebiete der Aſtronomie, Chemie und Phyſtk, ſind ſein eigentliches Verdienſt um die Nachwelt, ſondern der Beweis den er durch ſein ganzes Leben führte, daß die Freude an Gott in ſeinen Werken, das höchſte Gut des Menſchen iſt. Dieſe Freude an Gott in ſeinen Werken ſpricht ſich auf das Rührendſte aus in allen Schriften Kep⸗ ler's, und ſie war es, die ſein von den mannigfach⸗ ſten Leiden heimgeſuchtes Leben zu einem erhabenen Bilde rein menſchlicher Glückſeligkeit macht. Meine ſchwache Hand hat verſucht, dieß Bild zu zeichnen. Die Wärme des Herzens, mit der ich arbeitete, iſt mein einziges Verdienſt dabei. Ich ſelbſt fühle vielleicht am tiefſten, wie viel meinem Bilde fehlt, und kenne die Blößen, die es der Kritik gibt. Mein Buch iſt das Werk eines Frauenherzens, ehrfurchtsvolle Liebe hat es geſchaffen. Freilich kann ich nicht erwarten, daß es aus dieſem Geſichtspunkte allein beurtheilt werde, viel⸗ leicht aber dürfte derſelbe doch immer einigen An⸗ ſpruch auf Berückſichtigung haben. Daß meine Geſchichts⸗ und aſtronomiſchen Kennt⸗ niſſe bei weitem nicht ausreichen zu einem Werk, das wahrhafte Gelehrſamkeit erfordert hätte, um eini⸗ gen Anſpruch auf Vollendung zu machen, dürfte ich nicht erſt ausſprechen, die Mängel meiner Arbeit geben den Beweis davon. Wenn ich dennoch hoffe, daß mein Buch Freunde finden wird, daß das edle Bild Kepler's, das, wie ſo vieles, worauf das deutſche Volk ſtolz ſein kann, viel zu wenig im deutſchen Lande bekannt iſt, auch in meiner ſchwachen und mangelhaften Zeichnung geliebt werden wird; ſo gründe ich dieſe Hoffnung nicht auf mein ſchriftſtelleriſches Verdienſt, ſondern auf die Vortrefflichkeit meines Gegenſtandes und die Herzenswärme der Leſer, und übergebe dem Publikum und der Kritik dieſe meine Arbeit mit Ulrich von Hutten's Worten: Ich hab's gewagt!“ Julie Zurow (Frau Pfannenſchmidt.) Bromberg im September 1857. Erſtes Kapitel. Eine rauhe Dezembernacht begann frühzeitig ihren dunklen Mantel über die Gegend zu legen. Der Wind blies ſchneidend aus Nordweſt und ſchwe⸗ res Gewölke deckte den Himmel und machte die ein⸗ brechende Nacht noch dunkler, während ein mit Schnee untermiſchter Regen, der ſchräg und dicht niederrie⸗ ſelte, den Weg durch ihr Graun bedeutend erſchwerte. Es war eine Zeit und ein Wetter, um den Schutz des heimatlichen Daches doppelt zu lieben und am kniſternden Feuer ſich der Nähe und trauten Gemeinſchaft der Seinen zu erfreuen, und doch befand ſich auf dem rauhen und bergigen Pfade, der zumtheil durch einen entlaubten Wald führte, ein einſames ſchutzloſes Weib. Sie hatte das Thor des nahen Städtchens 1857. XX. Johann Kepler. I. 1 2 2 Weil kurz nach dem Mittagsläuten verlaſſen, und der frühe Dezemberabend fand ſie in Wind und Schnee noch fern von dem Ziele ihrer Wanderung, dem Dorfe Eltingen, wo ihre Eltern wohnten. Es war eine hohe, ſtattliche Frau und ihr Schritt war Anfangs rüſtig genug geweſen, ſo rüſtig, daß niemand durch denſelben wohl zu der Vermuthung gekommen wäre, daß ſie ſich in einem Zuſtande be⸗ fand, der jede raſche Bewegung beſonders erſchwert. Als ſie, gehüllt in ihren ſchwarzen kurzen Man⸗ tel, deſſen Kapuze ſie über das röthlich braune Haar gezogen hatte, welches von dem kleinen ſchwäbiſchen Bürgerhäubchen niemals ganz verdeckt werden konnte, mit ſehr eiligen Schritten durch das Thor des Städt⸗ chens ging, hatte der dort Wache ſtehende Trabant ihr lange nachgeſchaut und ſich darüber gewundert, was wohl das Kätherichen in ſolchem Wetter außen zu thun haben könne. Sie aber hatte keinen Blick auf den Mann geworfen und war vorübergezogen, dem Sturmwind entgegen, der die alten Buchen im Walde ſchüttelte und keiner lebendigen Kreatur Gutes zu bringen ſchien. Anfangs hatte ſie ſein wildes Wehen nicht ge⸗ fühlt. Ihr Geſicht, ſonſt von Natur bleich, war ge⸗ röthet durch innere Aufregung, die Hände, die ſie in⸗ — y——— — — — KRœ n 8* — N gar 3 einander geſchlagen hatte, um den Mantel über der Bruſt feſtzuhalten, zitterten heftig, und die blen⸗ dend weißen Zähne waren aufeinander gebiſſen. Als ſie aber weiter ging, immer weiter durch den dichten beſchneiten Wald, bergauf, bergab; begann die innere Erregung zu weichen vor dem über⸗ handnehmenden Gefühle der Ermüdung, das durch die Einwirkung des rauhen Wetters aufs äußerſte geſteigert wurde. Ihr Schritt ward langſamer, ſie rang nach Athem, wenn es bergauf ging, und blieb nicht ſelten ſtehen, um Luft zu ſchöpfen und einen Blick auf die Landſchaft und den einſamen rauhen Weg zu werfen. Wenn ſie aber auf demſelben irgendeine Hilfe oder Unterſtützung zu erblicken hoffte, ſo war das eine Täuſchung; denn ſoweit ihr Auge reichte, war kein lebendes Weſen außer ihr zu erſpähen. Der Abend rückte heran, der Schnee fiel in dichteren Flocken und unter ihren Füßen kniſterte das ſich in Eis verwandelnde Waſſer. Endlich war es ganz dunkel geworden, ſo dunkel, daß die einſame Wanderin nur mit Mühe den Weg zu ihren Füßen unterſchied und ſich ver⸗ geblich anſtrengte, irgendeinen Gegenſtand zu er⸗ 1* ‿ kennen, der ihr Auskunft geben konnte, wo ſie ſich befände. Der ſchmale, wenig betretene Pfad wand ſich an Bergesabhängen hin, die in der Dunkelheit alle gleich erſchienen. Der Schnee häufte ſich mehr und mehr an den Baumzweigen und in den Büſchen am Bergeshang. Kein Stern war am Himmel ſichtbar und das Geheul des Windes tönte ſchauerlich wie Stöhnen und Jammern durch den Wald. „Hier rechts muß ein Weg abgehen nach Eltin⸗ gen,“ ſagte die einſame Frau laut zu ſich ſelbſt.„Ich muß verhert ſein und in der Irre gehen, ſonſt müßte ich längſt, längſt daheimſein am Herde mei⸗ nes Vaters. Ich will ſuchen, bis ich den Weg finde, ich muß ihn finden, er kann meinen Augen nicht ent⸗ gehen.“ Sie ſagte das in abgebrochenen Worten, von Zeit zu Zeit heftig nach Luft ſchnappend und die eine Hand auf das in bitterer Angſt pochende Herz legend. „Er ließ mich gehen, ließ mich allein in die Nacht hinausgehen, ohne auch nur ein Wort zu ſagen, um mich zurückzuhalten, ohne einen Schritt zu thun, um mir zu folgen.— Er ſttzt jetzt vielleicht 1 L 1 d 1 18—,— — 2.. 5 mit luſtigen Kameraden und lacht über das Weib⸗ das er in die grauſame Nacht hinausgejagt hat.“ Von neuem begann das Herz der Frau krampf⸗ haft zu ſchlagen, von neuem trat das Blut in ihre bleichen Wangen, und ſie biß die Zähne aufeinander und ballte die Hände. „Das ſind die Verſprechungen, die Liebesſchwüre der Männer,“ ſagte ſie, indem ſie mit erneuter Rü⸗ ſtigkeit vorwärts ſchritt.—„Wenn jetzt der wilde Währwolf mich zerreißt, wer trüge die Schuld als Er, Er? Würde er weinen über mich? würde er ſeine luſtigen Kumpane verlaſſen, um ſein Weib und ſein Kind zu betrauern?— Wer weiß! Sagte er doch noch heute, das Junggeſellenleben ſei beſſer als die Quälerei im Eheſtande, und das ſagte er mir! mir!, die ihm Geld und Gut zubrachte; mir!, die ich ſtatt⸗ lichere Männer als ihn abwies und ihm Wort und Treue bewahrte drei lange Jahre!“ Ihr Blut erhitzte ſich wieder und beſchleunigte ihren Gang, ließ ihre Wangen glühen und ihr Herz ſchlagen, aber die Aufregung war nicht von langer Dauer. Sie war meilenweit dem Sturme entgegen⸗ gegangen, ihre Nerven begannen zu erſchlaffen, der Zorn, der Anfangs ihre Kräfte verdoppelt hatte, hatte auch den Verbrauch derſelben beſchleunigen helfen, ſie 6 fühlte ſich ermatten, fühlte, wie die Ohnmacht einen feurigen Schleier über ihre Stirn warf, und hielt ſich, den letzten Reſt ihrer Kraft aufbietend, feſt am Stamm einer entblätterten Buche, um nicht am Wege niederzuſinken. In dieſem Augenblick hörte ſie einen Laut, der dem verirrten Reiſenden faſt ebenſo lieb iſt als der Ton der Menſchenſtimme: das Gebell eines Hundes! Ja, es war ein Hund, kein Währwolf, kein Ungeheuer das große graue Thier, was dicht vor ihr über den Weg ſprang und die haarige Schnauze an ihre zitternde Hand druückte, und noch dazu war es ein Hund, den ſie wohl kannte. Mummel, der große wackre Hund ihres Vetters Johann Gulden⸗ mann in Magſtatt, und dieſer, der alte Mann mit ſchneeweißem Haar und gütigem Geſichte, ſtand mit einemmale, ſie wußte nicht, wie er dahergekommen, neben ihr und unterſtützte ſie und redete ihr freund⸗ lich zu, ſich zuſammenzunehmen und ihm zu folgen den Berg hinab bis zu ſeinem Wägelchen, das unten auf dem großen Landwege halte und ſie ſicher in ſein Haus bringen werde. „Helf' Dir Gott, Kätherichen!“ ſagte er dann freundlich zuredend, während er ſie halb trug, halb führte,„wo in des Heilands Namen kommſt Du hier ten teelt am ge der der es! ein vor uze var der en⸗ mit mit ten, nd⸗ gen tten in ann alb hier 7 in den wilden Wald? und was ſchaffſt Du hier ein⸗ ſam in Nacht und Unwetter?“ Sie konnte ihm nicht antworten. Ihr war zu Muthe, als ob ihr Herz in Stücken riſſe, ſie ſtützte ſich auf ihn, und als ſie endlich, durch ſeine Hilfe in den Wagen befördert, ſich auf dem weichen Stroh hingeſtreckt, ſchwanden ihr die Sinne, ſie ſah nur noch wie durch einen feurigen Nebel, daß der Vetter ſie mit einer wollenen Decke bedeckte, daß Mummel ſich auf ihre eiskalten Füße legte und daß die Pferde, die ihr ungeheuer groß zu ſein ſchienen, anzogen— mehr ſah und hörte ſie nicht. Eine lange Zeit wenigſtens. Sie erwachte wie aus einem ſchweren wüſten Traum über einem lei⸗ ſen Geflüſter verſchiedener bekannter Stimmen. Sie fühlte, daß ſie gut und warm in weichen Betten lag, helles Licht ſchimmerte durch ihre halbgeſchloſſenen Augenlider, und als ſie dieſe endlich öffnete, ſah ſie ſich in einem Raume, den ſie kannte, ohne ſich doch gleich beſinnen zu können, wo ſie ſei. Es war nicht ihre Stube in Weiw, die ſie in hellem Zorn über ihren Mann verlaſſen hatte, es war auch nicht das Wirthshaus ihres Vaters in Eltingen, wohin ſie hatte gehen wollen. Es war ein großes, nicht allzuhohes Zimmer mit einem mächti⸗ A gen ſteinernen Kamin, in welchem große Eichenklo⸗ ben flammten und kniſterten. Von dort aus ergoßen ſich Helle und Wärme über den ganzen großen Raum. Ein kupferner Keſſel hing an einem Haken über dem Feuer und in demſelben kochte eine Speiſe, die einen angenehmen und belebenden Duft verbreitete. Die Wände waren weiß, die Fenſter nicht allzutief in denſelben, und an jedem ſtand ein kleiner Tiſch von Eichenholz und ein Seſſel von gleichem Mate⸗ rial, kunſtreich geſchnitzt. Eine große eichene, auf oier kleinen Rädern ruhende Truhe, ſchön eingelegt mit Perlmutter und verziert mit blanken Meſſing⸗ griffen, nahm faſt die ganze eine Wand ein.— Die Truhe kannte ſie wohl, ſie hatte als Kind oft neben derſelben geſpielt; ſie gehörte nicht ihrem Ohm Johann Guldenmann, ſie war ihm nur vor langen Jahren anvertraut worden, und er bewahrte ſie als ein Heiligthum.— Katharina war in Magſtatt bei dem Liebſten ihrer Verwandten, jetzt wußte ſie es: ſie richtete ſich kräftig empor, ſchlug die Gardine von grün und blauem Serge zurück und überblickte den Ort, wo ſie ſich befand. „Nun, gelobt ſei Gott! ſie erholt ſich,“ ſagte eine ſanfte Frauenſtimme, und an das Bett trat eine kleine zierliche Frau in der hübſchen ſchwabiſchen „ —. ———— O—— N — 9 Bürgertracht und legte ihre feine Hand auf die Stirn Katharinens. „Ah! Du biſt's, Apollonia,“ rief die Kranke freudig,„wie geht Dir's denn, was machſt Du hier?“ „Das ſollten wir Dich fragen, Kätherichen,“ entgegnete jene,„aber wir wiſſen's nur leider, Du haſt wieder Zank gehabt mit Deinem Mann, biſt ihm davongelaufen und haſt Dich in den Bergen verirrt.— Ein großes, großes Glück, daß der Ohm Johann eben nach Weil gefahren war, ſeine Gerſte an den Brauer zu verkaufen, und daß er bei Euch vorſprach.“ Katharina ſtrich ſich das glänzende röthliche Haar aus der Stirn und ſchaute mit den ſchwarzen Augen, die Funken zu ſprühen ſchienen, auf den alten freundlichen Mann, welcher ſie im Walde gefunden hatte, und der nun ruhig daſaß und ein Glas Ge⸗ würzwein trank. „Wie habt Ihr ihn gefunden, Ohm? meinen Mann, den Heinrich?“ fragte ſie haſtig,„was ſagte er, was that er? war er daheim und allein?“ „Sachte! ſachte! Kätherichen,“ entgegnete Jo⸗ hann Guldenmann,„Du fragſt zehnerlei auf einmal.“ „Erzählt mir, wie Ihr ihn fandet, herzlieber Ohm, ſagt mir alles wieder, was er that und ſprach, * 10 ich muß das wiſſen, wahrlich ich muß es, um end⸗ lich dahinterzukommen, wie er's mit mir meint und wie er mir dankt für all die Liebe und Treue, die ich an ihn verſchwendet.“ „Da könnte ich Dir d'rauf antworten, Du biſt Deinen eigenen Weg gegangen, ohne Rath zu be⸗ gehren oder anzunehmen von Deinen nächſten Ver⸗ wandten, ſo ſieh' denn nun auch zu, wie Du mit dem Mann fertig wirſt, den Du Dir ausgeſucht; aber Du biſt immer doch meines Bruders Kind und ich hab' Dich auf meinen Armen getragen und ˙s thut mir leid um Dich. Ich ſag' Dir, Katharina, wenn Du nicht andere Saiten aufziehſt gegen Dei⸗ nen Mann, wird die Sache ein ſchlechtes Ende nehmen. Es hat Dich verlockt, daß der Sohn des Bür⸗ germeiſters in Weil der Stadt, Dir, der Wirthstoch⸗ ter vom Dorfe, nachging. Es gefiel Dir, daß der ſtattliche Kumpan Dich zu Spiel und Tanz führte. Du fandeſt es hübſch und hatteſt Freude daran, daß er tagtäglich in Deines Vaters Schenke ſaß und blanken Neckarwein trank und der hübſchen Wirths⸗ tochter in die Augen ſah.— Daß er Deinem Vater ſehr oft die Zeche ſchuldig blieb, daß er kein rechtes Handwerk und Gewerbe hatte, daß er jede Arbeit ſcheute und ſeine Zeit damit hinbrachte, im 11 Wirthshauſe zu liegen und mit einem Mädel ſchön zu thun, das ſchien Dir damals alles ganz recht und in der Ordnung. Er thut auch jetzt nichts ſchlimme⸗ res und doch biſt Du darüber alle Tage in der Woche aufgebracht.“ „Ihr wollt mir nicht erzählen, Ohm, wie Ihr ihn fandet,“ ſagte Katharina und ſetzte die weißen Oberzähne ſo feſt auf die ſchmale Unterlippe, daß ein Blutstropfen hervorquoll, der langſam am Kinn niederſank,„ich weiß es jetzt ohne Euer ausdrückliches Wort, er machte ſich nichts daraus, daß ich zu mei⸗ nem Vater zurückging, er lachte über meinen ge⸗ rechten Zorn, und es war ihm recht, wenn ich und ſein Kind, das ich unter dem Herzen trage, umkom⸗ men in der wilden Winternacht im Schnee der Wildberge.“ „Na, das nun wohl nicht, Käthe, ich denke, er iſt kein Böſewicht, und Dein Tod würde ihm ſehr nachgehen, aber er glaubt nicht, daß das Ernſt ſei mit dem Heimkehren zu Vater und Stiefmutter. Als ich zu Euch kam, ſaß er in Eurer beſten Stube auf der Bank am Ofen. Er hatte einen Krug mit Wein vor ſich ſtehen, Honigkuchen und eine tüchtige Wurſt, und er lud mich ein mit zu eſſen und zu trinken, und als ich ſagte: ‚Wo iſt aber Eure 12 9 Frau, Heinrich, daß Ihr ein ſolches Junggeſellenmahl haltet,“ entgegnete er lachend: ‚Sie wird ſchon wieder⸗ kommen, iſt, denke ich, zu Brote gewöhnt.“ Wie nun aber eine Stunde verfloſſen war und Du nicht ka⸗ meſt, bat ich ihn, Dich holen zu laſſen, wenn Du zu einer Nachbarin gegangen. ‚Sie iſt bei keiner Nach⸗ barin,“ entgegnete er mir, ‚ſie lief beim Mittagsläuten fort und drohte mir, nach Eltingen zu ihrem Vater zurückzukehren, weil ich mich unterſtanden, mit ein Paar wackeren Landsknechten der Spanier die Nacht in Jürg Haller's Wirthshauſe bei fröhlichem Trunk und Spiel zuzubringen. Sie wird nicht weit laufen,“ ſetzte er dann lachend hinzu, ‚und wird einwenig abgekühlt heimkehren. Der Wind bläſt ihr gerade ins Geſicht und in den Bergwegen muß hübſcher Schnee liegen. Ich denke, wenn ſie jetzt heimkehrt, hab' ich ſie auf ewige Zeiten kurirt von ihrer Sucht mich zu hofmeiſtern und an die Kette legen zu wollen.“ Katharina hatte ſich hoch im Bette aufgerich⸗ tet, ihre Augen flammten und ihre Hände zitterten. „Ich bin nicht umgekehrt,“ ſagte ſie mit unter⸗ drückter Stimme,„ich bin es nicht und wäre es nicht, wenn auf den Flügeln des Sturmwindes das wilde Heer mir entgegengebrauſt wäre.— O, er kennt 13 mich ſchlecht! Weil ich ihn lieb habe, weil ich bis daher ihm ſtets zuerſt ein freundlich Wort ſagte nach jedem Zank, den ſein wüſtes Leben verurſachte, ſo meint er, mit mir ſeinen Spaß treiben zu kön⸗ nen.— O Heiland und Herr! das iſt der Lohn für all meine Liebe, das iſt das Glück, für welches ich drei Jahre mit meinem Vater ſtritt, für welches ich den wackerſten Mann in meiner Bekanntſchaft aus⸗ ſchlug.— Ohm, und als ich nun nicht heimkehrte, als es Nacht wurde, was that er da?“ „Der ſpaniſche Offizier kam zu ihm, als es drei ſchlug,“ entgegnete der Gefragte, nachdem er einige Au⸗ genblicke geſchwiegen,„und beide gingen zuſammen fort, nachdem Dein Mann geſagt hatte, er würde die Thür verſchließen, damit Du, wenn Du heimgeſchlichen kämeſt, Dich auf der Straße noch einwenig abküh⸗ len könnteſt.“ Katharina ſchlug die Hände vor die Augen und ſprang vom Bette auf mit einer Geberde von Jam⸗ mer und Zorn, die auch ein härteres Herz als das des ſanftmüthigen Johann Guldenmann gerührt haben würde. „Soweit, ſoweit iſt es mit uns gekommen!“ ſagte ſie unter gewaltſam hervorbrechenden Thränen, indem ſie mit nackten Füßen und gerungenen Hän⸗ den im Zimmer auf⸗ und ablief. Es war eine große Frau, und man konnte ſie trotz des Zuſtandes, in dem ſie ſich befand, ſchlank nennen. Ihre Haltung hatte etwas Stolzes und Stattliches, das ſelbſt dem Ausdruck der Verzweiflung und des Zornes nicht wich. Sie trug den zierlich geformten Kopf hoch, das ſchwäbiſche Häubchen mochte während ihrer früheren Ohnmacht ihr von ihren Freunden abgenommen ſein, denn jetzt war ihr roth⸗ braunes Haar, das ſich in ſtarken feſten Flechten vielfach um das Hinterhaupt ringelte und dort mit ſilbernen Nadeln feſtgeſteckt war, entblößt. Ihre Stirn war vortretend und die großen ſchwarzen Augen lagen tief und ſchauten mit einem eigenthümlich wilden Aus⸗ druck unter den dichten dunklen Brauen hervor, die eine einzige, faſt ſchwarze, aber röthlich ſchimmernde Linie bil⸗ deten; ihr Profil war von antiker Schönheit, der Mund dagegen, obgleich nicht auffallend groß, durchaus nicht angenehm. Die Lippen waren ſo ſchmal und ſo feſt geſchloſſen, daß man ſie kaum erkennen konnte, und das Kinn hatte etwas Feſtes, Hartes, das durch kein roſiges Grübchen, durch keine einzige weibliche weiche Wellenlinie gemildert wurde. Sie war jung, höchſtens hätte man ſie nach ihrem Ausſehen vierundzwanzig 15 Jahre alt halten können, aber ſie zählte noch kaum zwanzig und nur die eigenthümliche Beſtimmtheit und Feſtigkeit ihrer Züge ließ ſie älter erſcheinen, als ſie wirklich war. Die junge Perſon, welche ſich noch außer ihr im Zimmer befand, und die von ihr Apollonia ge⸗ nannt worden war, ging der heftig Weinenden nach und ſchlang ihren Arm um die Taille der Freundin. „Beruhige Dich, herzliebes Kätherichen,“ ſagte ſie ſanft,„es iſt mit den Männern ja doch nicht anders, ſie ſind allzumal nach der Hochzeit nicht, wie ſie vor der Hochzeit waren, und da müſſen wir Weiber dann ſchon einwenig nachgeben und ihnen den Willen und das letzte Wort laſſen.“ Katharina fuhr mit der Hand über die Stirn, als wollte ſie die Gedanken verjagen, die ſich da feſt⸗ zuſetzen begannen. „O, ich will ihm ja nachgeben, er ſoll ja das letzte Wort behalten,“ ſagte ſie, ihre Thränen mit gewaltiger Anſtrengung bekämpfend.„Meinſt Du wirklich, Apollonia, es thäte mir Freude machen, wenn er nachgäbe, wo es ſich um was Rechtes und Ehr⸗ liches handelt?— Aber hier, hier, Ohm, war der Spanier“—— Sie vollendete die Frage nicht, die ihr auf der 16 Zunge gelegen hatte, und ſetzte ſich ermüdet auf einen der Seſſel am Kamine. Meiſter Johann Guldenmann, der Holzſchnitzer, trat zu ihr und legte ſeine feſte braune Hand auf ihr gebeugtes Haupt.„Das denkſt Du doch nicht, Kätherle, daß der Spanier es wagen wird, die Donna Olivia in ein ehrliches Bürgerhaus mitzu⸗ ſchleppen?“ ſagte er gelaſſen. Katharina ſchaute mit einem raſchen Blick zu dem neben ihr Stehenden empor, ihre ſchwarzen Augen ſchienen dabei ein röthliches Feuer auszuſprühen, und ihre Stimme war gedämpft, als ſie ſagte:„Aber ſie iſt ſchon in unſerem Hauſe geweſen, die Donna Olivia Gonſalva, die Schweſter des Don Manuel Gonſalva, des ſpaniſchen Werbekapitäns. Ihr denkt, Ohm, es ſei mit meinem Mann wie mit andern, die ſich vor dem Gerede der Nachbarn, vor dem Zorn⸗ worte des Geiſtlichen ſcheuen. Heinrich, das ſolltet Ihr wiſſen, ſcheut nichts, nichts auf der Welt, und ſeit er meinetwegen mit ſeinem Vater erzürnt iſt, thut er alles und alles, was ihn gelüſtet, ſchon, um dem zu zeigen, daß er ſich aus ſeinem Zorne nichts macht.“— Der alte Bildſchnitzer ging wieder mit bedäch⸗ tigen Schritten im Zimmer auf und ab. „Ja! ja!“ ſagte er endlich,„es iſt ein wilder 17 Geſelle, der weder Gott, noch den Teufel fürchtet, wir wußten das alle, und darum mochten wir Dich, das einzige Kind in unſerer ganzen Familie, ihm nicht geben, obſchon er der Sohn des Bürgermeiſters und wir nur geringe Bürgersleute. Jetzt aber iſt's doch einmal geſchehen— jetzt bleibt Dir nichts übrig als nachgeben und ihn im Guten und mit Liebe übermeiſtern. Ich ſollte meinen, eine Frau, die ein Kind unter ihrem Herzen trägt, müßte durch milde Worte viel vermögen, auch über das wildeſte Män⸗ nerherz.“ „Ihr denkt das, Ohm,“ entgegnete Katharina, indem ſie ſich auf dem Stuhl in ſich zuſammenbog, wie um einen körperlichen Schmerz zu verbergen, „aber wer von einer Frau verlangt, daß ſie immer und immer bitten und nachgeben, daß ſie allen Krän⸗ kungen und Zurückſetzungen mit liebevollen Worten und ſanfter Nachgiebigkeit begegnen ſoll, der mag ſich am Brunnen die ſchöne Waſſerfee ſuchen und zum Weibe nehmen, oder die Meluſine aus der Luft herabrufen. Fleiſch und Blut ertragen nicht, was mir zugemuthet wird, und bäumen ſich, obgleich ich ein Weib bin, und— und ihn lieb habe, heute noch, jetzt noch lieb habe, wie damals, als er um mich mit Schmeichelworten warb. Was wollt Ihr, 1857. XX. Jo hann Kepler. I 2 Ohm, er iſt in dieſem geſegneten Chriſtfeſte nicht eine Stunde bei mir geweſen. Ich habe mein Chriſt⸗ brot allein und mit tauſend Thränen gegeſſen, er war vom frühen Morgen bis ſpät in die Nacht mit dem Spanier und ſeiner Schweſter und geſtern, ge⸗ ſtern am heiligen zweiten Feiertage, wo alle Welt ſich eine Luſt macht mit Weib und Kind, iſt er früh Morgens weggegangen und erſt heute wiedergekom⸗ men, als man längſt zur Frühkirche geläutet. Ohm, ſoll mich das nicht ſchmerzen? Ich habe kein Bett be⸗ rührt in dieſer Nacht, ich habe mit tauſend Todesängſten jede Stunde ſchlagen hören, und als er wiederkam und ich ihn fragte, ob das ein Betragen ſei für einen verheira⸗ teten Mann, der bald Vater ſein würde, da ſagte er und ſah mich dabei mit ſeinen blauen blitzenden Augen an, daß mir's durch Mark und Bein ging: „s iſt nicht klug von Dir, mich immer daran zu erinnern, Kathe, daß die Ehe eine Laſt und Schranke iſt gegen jedes Vergnügen. Wenn Du mich ein⸗ wenig kennteſt und halb ſoviel Verſtand hätteſt, als Deine Verwandten Dir einbilden, würdeſt Du mir ein freundlich Geſicht machen, wenn ich heimkehre, und einen guten Schoppen vorſetzen, Du würdeſt mir ſagen: Geh, Heinrich, mach' Dir ein Vergnügen, wenn ich gelangweilt zu Hauſe ſäße, aber Du biſt cht iſt⸗ er mit ge⸗ elt rüh om⸗ hm, be⸗ ſten ich ira⸗ agte nden ing: 1 zu anke ein⸗ als mir ehre, rdeſt igen, biſt 19 eben eine Närrin und meinſt, ein verheirateter Mann ſolle ſeiner Frau die Füße küſſen und um ſie herum⸗ ſcherwenzeln,“ und dann ſetzte er ſich nieder und zog einen Brief hervor, den er auf der Bruſt verborgen hatte, löſte den Seidenfaden und las und ſeine Augen fingen an vor Freude zu blitzen. ‚„Was ſteht in dem Briefe, Heinrich?“ fragte ich, ‚und von wem iſt er?— „Lies ihn!“ ſagte er höhniſch, ‚Du biſt ja eine Ge⸗ lehrte.“ Mir zitterte das Herz in der Bruſt; ‚wenn ich auch nicht gelehrt bin, ſagte ich, ‚„und die Hah⸗ nenfüße nicht kenne, mit denen Kurtiſanen und loſe Brüder ſich zu ſchlechten Dingen verabreden, ſo bin ich eine ehrliche Frau, ehrlicher Leute Kind, nicht hergelaufen aus fremden Ländern, thörichte Bur⸗ ſchen zu ködern.- Da wurde ſein Geſicht finſter wie die Winternacht. ‚Schweig, Weib,“ ſchrie er wüthend, ‚beſchmutze mit Deiner giftigen Zunge nicht Leute, die beſſer ſind als Du.“ Ach, Ohm Johann, wie weh das that, wie weh!“ „Dieſe Donna Olivia Gonſalva,“ ſagte die zweite im Zimmer anweſende Frau,„iſt eine ſchlimme Perſon.“ „Sie iſt eine hergelaufene Dirne,“ entgegnete Katharina, die Zähne aufeinander beißend,„und ſo wenig eine Schweſter des Werbehauptmanns, als 2*½ —— — —— 20 ich es bin. Sie zieht mit ihm in der Welt herum, die Narren zu ködern, die ſich von ihren ſchwarzen Augen verblenden laſſen. Und wie es zugeht, daß ſie ſoviele Männer ködert, daß ihr alle, ſelbſt die Alten, die verſtändig ſein ſollten und könnten, nachlaufen? Nun, mit rechten Dingen nicht. Sie verſteht einen Liebestrank zu brauen, ſagt man, und weiß einen Zauberſpruch, den ſie nur ſagen und den glänzenden Stein an ihrem Ringe drücken darf, um den Mann, auf den ſie's abgeſehen, zu bethören.“ Die Augen Katharinens funkelten, als ſie hin⸗ zuſetzte:„Dieſe fremde Hexe läßt man laufen, ich möchte ſie brennen ſehen, brennen die Abſcheuliche! Ich möchte zuſehen, wenn die Folter ihre kleinen Füße zerſchmettert und ihre weißen Hände zerquetſcht. Fluch ihr! ſie hat Schuld an meinem Elend.“ Der alte ſanfte Mann ſchüttelte mißbilligend das Haupt.„Pfui, Kätheri! Pfui!“ ſagte er milde, „iſt das Chriſtenthum, ſo ſeinem Feinde fluchen?“ „Eine Hexe foltern und verbreunen, das iſt Chriſtenthum,“ erwiederte Katharina leidenſchaftlich „O, wenn ich's wüßte, wenn ich's ihr beweiſen könnte, daß ſie meinen Mann durch hölliſche Mittel gekö⸗ dert, ich ginge bis vor unſern Herzog Chriſtoph, ja inen iſcht. gend ilde, ℳ 21 bis vor Kaiſer und Reich, um ſie an den Marter⸗ pfahl zu bringen.“ „Sie iſt hübſch genug, um auch ohne Zauber⸗ mittel einen Mann, der keine rechte Arbeit und daher Langeweile und daher Luſt zum Böſen hat, hinter ſich herzuziehen,“ ſagte der Bildſchnitzer.„Aber, Apollonia, wie iſt's, bekommen wir noch einwenig Speiſe zur Nacht? Die Katharina hat ſich erholt und Dein Mann wird ſchwerlich in dem Wetter heute noch von Leonberg heimkehren.“ „Da iſt er ſchon,“ entgegnete die junge feine Frau, die eben einen Blick aus dem Fenſter gethan hatte und jetzt hinausging und im Augenblick an der Seite eines Mannes heimkehrte, der in ſeinem ganzen Aeußeren ſehr gut zu ihr zu paſſen ſchien. Es war der Bildſchnitzer Mathias Wellinger, früher Zögling, jetzt der erſte Gehilfe und geradezu die rechte Hand des alten Guldenmann. Er wohnte in dem Hauſe ſeines alten Meiſters und hatte eine Pathe desſelben, die Apollonia, geheiratet, ein armes, elternloſes Mädchen, das von einer Baſe der Gul⸗ denmanns in Weil erzogen worden war. Auch die ſchöne und reiche Katharina hatte einige Jahre ihrer Jugend bei dieſer Baſe in Weil zuge⸗ bracht, und von dieſer Zeit ſchrieb ſich ihre Freund⸗ 22 ſchaft für Apollonia und ihre erſte Bekanntſchaft mit ihrem jetzigen Manne her. Die Frau Renate Streicherin, Witwe eines Baders, der durch ſeine Kuren an Arm⸗ und Bein⸗ brüchen, an Schuß⸗, Hieb⸗ und Stichwunden weit und breit berühmt geweſen, war ziemlich wohlhabend nach ſeinem Tode zurückgeblieben. Sie vermehrte ihren Wohlſtand noch, indem ſie auf Pfänder lieh und mit den Salben und Pfaaſtern, die ihr kluger Mann nachgelaſſen, einen einträglichen Handel trieb. Sie war eine kinderloſe Frau, aber ſie erzog beſtändig junge Mädchen, Kinder verarmter Verwandten und Nachbarn, und dieſe hatten in dem Hauſe der Frau Streicherin keineswegs angenehme Tage. Apollonia hätte davon erzählen können, wenn ſie es gewagt. Die Streicherin ließ den jungen Geſchöpfen, die ſie um ſich hatte, weder Tag noch Nacht Ruhe. Sie mußten arbeiten, wie keine andern Mädchen der Stadt; die ſchlimmſte und unangenehmſte Arbeit, die ſie ihnen auflegte, war aber das Kochen von Salben und Latwergen, das Pflaſterſtreichen und Säftchendeſtilliren in einer kleinen finſtern Küche unten im Keller, deren Schornſtein in dem engen Höfchen der Frau Streicherin aus dem Boden hervorſah. In dieſer Höhle hatte Apollonia viele traurige Frau lonia gt. pfen, kuhe. dchen beit, von und nten ſchen trige 23 Tage ihres Lebens verbracht. Wenn aber alle Ar⸗ beiten der alten Renate verrichtet waren, konnte ſie auch ſehr nachſichtig ſein gegen ihre Pflegebefoh⸗ lenen. Beſonders hatte ſie nicht viel einzuwenden gegen den Umgang mit jungen Mannsleuten. ‚Ju⸗ gend hat nicht Tugend,“ war der Lieblingsſpruch der ehrbaren Frau Renate Streicherin. Seltſam aber war es und eigentlich etwas graulich, daß mehrere junge Mädchen im Hauſe der Frau Streicherin plötzlich verſtorben waren. Die arme Frau hatte offenbar großes Unglück mit ihren Pfleglingen. Apollonia hatte neben dieſer Alten ihr ganzes Leben zugebracht. Sie war ein ſtilles, mildes Kind geweſen, hübſch und friſch, als ihre Mutter, die Witwe eines herzoglichen Schreibers in Weil, plötzlich erkrankt und verſtorben, und die würdige Frau Streicherin hatte ein Werk chriſtlicher Barmherzigkeit gethan und ſich der ganz verlaſſenen Waiſe angenommen. Daß Apollonia geſund und fröhlich unter den Händen dieſer Frau heranwuchs, verdankte ſie zuvör⸗ derſt ihrer kräftigen Natur und dann dem Umſtande, daß ſie in dem hübſchen blühenden Lehrlinge des Bildſchnitzers Guldenmann einen herzlieben Gefährten hatte. Jedesmal, wenn Meiſter Guldenmann von Mag⸗ 4 24 ſtatt nach Weil kam und bei ſeiner Baſe vorſprach, brachte er den luſtigen Knaben Mathias mit. Die zwei Kinder ſpielten dann gar vergnügt mit einander. Mathias brachte ſeiner kleinen Freundin aus den Wäldern, die er an ſeines Meiſters Seite durchwan⸗ dert, Erdbeeren, wilde Roſen, blaue Waldglöcklein, ſüß duftende Waldnelken, Heidelbeeren oder Nüſſe, oder auch nur einen Zweig mit den weichen ſilber⸗ grauen Kätzchen der Bäume, je nach der Jahreszeit. Er malte ihr ſchöne, bunte Bilder für ihr Geſang⸗ buch und ſchnitzte ihr von weißem Kaſtanienholz zierliche Nähkäſtchen, und als ſeine Lehrlingszeit vor⸗ über und die kleine Apollonia zum erſten Abendmahl gegangen war, da ſteckte er ihr einen ſilbernen Ring an den Finger, und ſie verſprachen einander treu zu bleiben in Leben und Tod. Damals hatte ein anderer Vetter der Frau Streicherin, der reiche Wirth Guldenmann in Eltin⸗ gen, ſeine einzige Tochter, die ſchöne Katharina, zu ſeiner Baſe nach Weil gebracht, damit ſie dort ſtäd⸗ tiſche Sitte und allerlei feine Arbeit erlerne. Apollonia mußte nun auf Befehl der Frau Strei⸗ cherin der neuen Hausgenoſſin alle nöthigen Dienſte erweiſen, ihr auch Anleitung geben zu den Arbeiten, in denen ſie ſelbſt von Kindheit an geübt war. 25 Was aber Apollonia im Umſehen begriffen, das ward der Katharina zu erlernen ſchwer, ja unmöglich. Nicht weil ſie dumm oder ungeſchickt, ſondern weil ſie hochfahrend, flüchtig und unachtſam war. Auch war ſie noch erſt ſehr kurze Zeit im Hauſe ihrer Baſe, als ſie eine Bekanntſchaft machte, die ihr den Geſchmack am Lernen ganz und gar verdarb. Der Sohn des Bürgermeiſters, Herrn Sebaldus Kepler, der junge Herr Heinrich Kepler, kehrte von der hohen Schule in Tübingen zurück, etwas frü⸗ her, als in der Ordnung geweſen wäre. Herr Hein⸗ rich Kepler hatte das Studium der Jurisprudenz keineswegs vollſtändig abſolvirt, aber er durfte we⸗ gen unterſchiedlicher Raufereien und anderer Dinge nicht mehr nach Tübingen und blieb deßhalb in Weil, wo ſein Vater ihm Beſchäftigung mit der Feder gab. Er kannte die Frau Streicherin von früheren Zeiten her. Sie hatte ihm Wundbalſam verkauft, der ſich in vielen Fällen als gut bewieſen. So ging er denn auch jetzt in einer Abendſtunde zu ihr hin. Er klopfte an die Thür und war nicht wenig erſtaunt, ſtatt der runzligen Alten ein junges, ſchö⸗ nes Mädchen im Zimmer zu treffen, das dem Aus⸗ ſehen nach eine Prinzeſſin hätte ſein können. 26 Die Frau Streicherin hatte dem jungen Herrn denn auch geſagt, daß die Tochter ihres Vetters ein einziges Kind und eine reiche Erbin ſei, die nicht nur das ganze Vermögen ihres Vaters, des Wirthes in Eltingen, ſondern auch noch das ebenſo bedeu⸗ tende des Bildſchnitzers in Magſtatt zu erwarten habe. Da geſchah denn nun, was in hundert ähnli⸗ chen Fällen zu geſchehen pflegt. Herr Heinrich Kepler, der relegirte Student, verliebte ſich in die Tochter des reichen Wirthes aus Eltingen und dachte dem hüb⸗ ſchen, halb bäueriſchen Mädchen eine rechte Ehre zu erweiſen, wenn er ſie heiratete, und Katharina Gul⸗ denmann meinte mit ihrem Gelde und ihrer Schön⸗ heit den armen Studenten über alle Maßen glück⸗ lich zu machen. Weder der Bürgermeiſter, Herr Sebaldus Kep⸗ ler, noch der Wirth Guldenmann waren mit dieſer Heirat zufrieden. Herr Sebaldus, aus der adeligen Familie derer von Kappel ſtammend, war der Mei⸗ nung, daß ſein Sohn ſeinen wilden Hafer noch lange nicht geſäet habe und ſehr übel thue, über⸗ haupt zu heiraten, da er noch kein rechtes Brot und Einkommen habe, außer dem aber ſchien ihm die Verwandtſchaft mit dem eltinger Wirth keineswegs ehrenvoll für die Familie des Bürgermeiſters der Stadt Weil, und die Schwiegertochter, die nicht leſen noch ſchreiben konnte, kam ihm, trotz ihrer ſtattlichen Schönheit, auch nicht in ſeine Familie paſſend vor. Der Wirth Guldenmann dagegen meinte, ſeine ſchöne Katharina, der er dreitauſend Reichsgulden bar mitgab, könne den reichſten Kaufmann in Weil und Leonberg, den tüchtigſten Schreiner oder Bild⸗ ſchnitzer in Magſtatt, ſie könne einen ehrwürdigen Prediger, einen Profeſſor in Tübingen zum Manne bekommen;— denn in der That hatten ſich verſchie⸗ dene Männer in dergleichen günſtigen Verhältniſſen um ſie beworben— und der verlaufene Student ſei eben kein Eidam, wie er ihn ſich wünſche. Heinrich und Katharina hielten indeß feſt zu ein⸗ ander und die Frau Streicherin gab ihnen Gelegenheit, ſich zu ſehen und zu ſprechen. Zwei Jahre und län⸗ ger hatte die Liebſchaft der beiden gedauert, da wil⸗ ligte endlich Meiſter Guldenmann in die Heirat des Käthchens, und am 13. Mai des Jahres 1571 wurden Heinrich Kepler und Katharina Guldenmann getraut. Aber auch Apollonia, faſt drei Jahre älter als Katharina, hatte ſich verheiratet. Meiſter Johann Guldenmann, der alte wackere Bildſchnitzer, hatte ein Wohlgefallen an dem ſchmucken, ſanften Mädchen ge⸗ 28 funden und er ſicherte dem Mathias Wellinger einen hübſchen Antheil an der gemeinſamen Arbeit, räumte ihm ein kleines Häuschen ein, das ihm außer einem großen in Magſtatt gehörte, und betrachtete die beiden Leutchen ſo ziemlich als ſeine Kinder; denn an ſeines einzigen Bruders Tochter und ihrem wilden Ehemann hatte er eben kein beſonderes Wohlgefallen. Anfangs, das heißt in den erſten Wochen, war die Ehe Katharinens ihr wie der Himmel auf Erden erſchienen, das wurde aber nur zubald anders; denn Heinrich, der nicht arbeitete, verlangte nach Unterhal⸗ tung und Abwechſelung. Er ging in die Wirthshäuſer, ging zu Tänzen in die nahen Dörfer, ſpielte Würfel mit jedem Lump, der ihm ein Goldſtück zeigte, und trank mit jedem loſen Bruder. Katharina bat, ſchalt, maulte, weinte vergebens, und endlich war der ſpa⸗ niſche Werbeoffizier nach Weil gekommen, den König Philipp II. in das Schwabenland geſchickt, um für die Fahnen des Herzogs Alba zu werben, und der hatte eine Gefährtin bei ſich, eine jener Sirenen, die auch wohl weiſeren Männern als dem wilden Hein⸗ rich hätten gefährlich werden können, und mit ihrer Bekanntſchaft begann für Katharina Kepler eine Zeit ſchwerer tiefer Leiden. Katharina liebte ihren Gatten, wirklich und wahr⸗ N—— 29 haftig; es hätte in ſeiner Hand gelegen, ſie zu einer wackern Frau zu machen, wenn er ſich die Mühe genommen, ſie zu erziehen. Sie hatte ein warmes Herz, einen kräftigen Willen und einen Hang zur Thätigkeit, der, richtig geleitet, eine der beſten Eigenſchaften der menſchlichen Seele iſt. Heinrich Kepler aber war nicht der Mann, eine Frau zu erziehen. Ihre Schönheit hatte ihn zu ihrem Liebhaber gemacht, zu ihrem Gatten aber nur ihr Vermögen. Er brauchte Geld, und war nicht wenig erzürnt bei dem Gedanken, daß das Erbe des alten Bildſchnitzers ſeiner Frau zum größten Theil verloren gehen würde. Heinrich war ein Menſch, der die Freude an Arbeit nicht kannte, und den daher der Teufel der Langweile von der Ruhebank des Müſſigganges zu Zerſtreuungen aufjagte, die allmälig ſich zu Aus⸗ ſchweifungen ſteigerten und endlich in Verbrechen aus⸗ arteten. Die beiden Menſchen waren noch lange kein Jahr Mann und Frau, Katharina ſollte in kurzem Mutter werden, aber Elend und Unfriede wohnten in ihrem Hauſe, und als endlich die wüthendſte Eiferſucht von Katharinens Seite dazukam, verließ ſie im heftigſten Zorn ihren Gatten, um eine Zuflucht bei ihren Eltern zu ſuchen. Sie war in blinder Wuth hinweggerannt; wie empört ſie ſich aber auch gefühlt hatte, die Liebe, die doch in ihrem Herzen lebte, hatte ihr zugeflüſtert, daß Heinrich ihr folgen werde, daß er ſie in ihrem Zu⸗ ſtande nicht weit in den wilden Wald gehen laſſen werde, ſondern ſie bittend zurückführen an den ver⸗ laſſenen Herd. Sie hatte ſich geirrt in doppelter Beziehung. Heinrich Kepler traute ihr nicht die Energie zu, ſich weit zu entfernen, und war auch nicht in Luſt und Laune, eine Partie durch den Schnee zu machen. Er hatte zudem von Donna Olivia ein Briefchen empfangen, in welchem ſie ihn einlud, heute Abend eine Stunde bei ihr zuzubringen, da ihr Bruder ab⸗ weſend ſei. So überließ er denn ſein junges Weib ihrem Schickſal, hatte ſie ſelbſt es doch ſo gewollt, und daß der Ohm aus Magſtatt mit ſeinem Wagen ihr nach⸗ zuhr, das beruhigte ihn ganz vollſtändig, beſonders da Mummel, der Spürhund, ihn begleitete, der ge⸗ wiß, wenn ſie ſich auch in den Bergwegen verirrt haben ſollte, ihre Spur finden würde. Dieß war denn auch geſchehen, und zwar ge⸗ rade zu rechter Zeit, um zwei Leben zu retten, denn ſchon, während Katharina mit bitterem Zorn die 31 Klagen über ihren Mann lautwerden ließ, hatten ſich ſchwere Schmerzen bet ihr eingeſtellt, die ihr den Athem verſetzten und ihr Herz ſtillſtehen ließen. Apollonia, der ſie ihr Leid leiſe klagte, hatte ihr einen Aufguß von Kamillenblumen zu trinken gege⸗ ben, aber er hatte ihr keine Linderung verſchafft. Wilder und wilder tobten die Schmerzen in ihren Adern und drohten ſie zu erſticken. Ein Arzt war damals weit und breit nicht zu finden, und ſo lief denn Apollonia in ihrer Herzensangſt zur Mutter Krügerin, der weiſen Frau in Magſtatt, und das war das beſte, was ſie thun konnte; denn wenige Minu⸗ ten, nachdem dieſe an das Bett der Leidenden ge⸗ treten, beförderte ſie ein Knäbchen ans Licht der Welt, das, elend und jämmerlich, keinen Laut von N ́ SX N N n ſich gab und wohl niemanden zu dem Glauben ß berechtigte, daß es leben würde. Es lebte indeß und 2 regte ſich, und ſo nahm denn der Großohm Jo⸗ 3 hann es in ſeine Arme, trat mit ihm unter das 5 Bild des Erlöſers und gab ihm die Nothtaufe— t im Namen des Vaters, des Sohnes und des heili⸗ gen Geiſtes! 3 Katharina war ohnmächtig, als Apollonia, leiſe t weinend, den kleinen Johann an ihre Seite legte. t Der abnehmende Mond ſchaute von dem klar⸗ 32 gewordenen Winterhimmel in das ſtille Zimmer und tauſend Sterne blickten herab auf das Knäblein, das ſeine Augen noch vor ihrem Lichte verſchloſſen hielt. Zweites Kapitel. In Weil ſaß zur Stunde, als Katharina Kepler im Walde alle Aengſte erlitt, die Nacht und Einſamkeit zu den andern Leiden auf das Herz der Verirrten häuften, in einem ziemlich ſtattlichen Zimmer ein Weib vor dem Spiegel und ordnete ihr prächtiges aſchfarbiges Haar. Es war nicht nach der Mode der Zeit aus der Stirn geſchlagen, ſondern ſiel in vollen glän⸗ zenden Ringeln über dieſelbe, und umrahmte ein Ge⸗ ſicht, das mehr hübſch als ſchön genannt werden mußte. Sie trug ein Gewand von ſchwarzem Sammt, eine funkelnde Schnur in Gold gefaßter Granaten um den ſchön geformten, obgleich etwas bräunlichen Hals, und über der hohen Lehne des Stuhles hing der Schleier von ſchwarzem Krepp, den ſie mit einer graziöſen Bewegung über die Locken warf, als Tritte auf der Treppe hörbar wurden. Eine Minute darauf fiel ein Mann ins Zim⸗ mer, deſſen auffallend hohe Geſtalt, deſſen breite Schul⸗ tern und ſchlanke Hüfte ihn vor den Augen gewiſſer Beurtheiler zu einem außerordentlich ſchönen Men⸗ ſchen machten Das Geſicht verdiente das Prädikat indeß keinesweges. Heinrich Kepler, der Gatte Ka⸗ tharinens, hatte grobe Züge, um ſeinen ſehr aufge⸗ worfenen Mund lag der Ausdruck der Sinnlichkeit, und in den großen, etwas vorſtehenden blauen Au⸗ gen eine gewiſſe Unſtätheit, die einen unangeneh⸗ men Eindruck machte. Die Färbung ſeines Geſichtes war aber rein, nur daß das Roth der Wangen ſich zu ſehr aus⸗ breitete und Zeugniß von der Liebe ablegte, die der Student trotz ſeiner Jugend ſchon ſeit längerer Zeit für den rothen und blanken Wein ſeines Vaterlan⸗ des gehegt hatte. Als Donna Olivia Gonſalva neben ihm ſtand, nahm ſich ihre kleine, auffallend zierliche und ſchlanke Figur faſt wie die eines Kindes aus, und er mußte ſich tief bücken, um in die dunkeln, lächelnden Augen der Spanierin zu ſehen. „Ihr kommt ſpät, Heinrich,“ ſagte die Dame in ſehr gutem, wenngleich fremd akzentuirten Deutſch, „ich hätte nach Euren Worten und Verſicherungen 1857. XX. Johann Kepler. I. 3 34 glauben können, daß Ihr früher die Gelegenheit zu einem Geplauder ohne Zeugen benützen würdet.“ „Ihr thut mir nicht ſo Unrecht, Madonna, zu denken, daß die Schuld meiner Verzögerung an mir läge,“ entgegnete der Deutſche.„Gott ſtrafe mich, wenn ich nicht einen Finger dieſer Hand für jede halbe Stunde hingegeben, die ich früher hätte bei Euch zubringen können. Leider war nur Euer Bruder dieſe ganze Zeit bei mir und ich mußte mit ihm im ſilbernen Lamm mehr als einen Becher leeren, ehe es mir gelang, ihn daran zu erinnern, daß er heute noch hinaus müſſe nach Leonberg zum Stelldichein mit ſeinem Fähndrich und Wachtmeiſter. Es ſind noch nicht zehn Minuten her, ſeit er ſich endlich zu Pferde ſetzte, und beim Himmel! er fluchte laut genug über das wilde Wetter und die ſpäte Abend⸗ ſtunde.“ Olivia lächelte und ſagte:„Nun, ich glaubte im Grunde auch nicht, daß die Schuld dieſer Verzögerung an Euch läge. Ich kenne Euch, Heinrich, und glaube an Eure Liebe. Traurig genug für Euch und mich, daß die Stunden des Glückes uns ſo karg zugemeſſen, daß Eure Verhältniſſe Euch Feſſeln anlegen, die uns von jedem dauernden Glück fernhalten.— Ich be⸗ zu laut end⸗ ee im g an 2 an daß ſſen, uns be⸗ 3⁵ klage Euch, Don Enrico, und auch— mich,“ ſetzte ſie mit einem leiſen Seufzer hinzu. „Und ich verfluche meine Thorheit, die mich in meinen Jahren und Verhältniſſen mit einem Weibe belaſtete,“ entgegnete Heinrich Kepler, indem er den Verſuch machte, ſeinen langen Arm zaͤrtlich um die Taille der Spanierin zu legen, aber die Donna wich ihm aus und ließ ſich auf einem der weichgepolſter⸗ ten Stühle mit hohen Lehnen nieder, die um einen Tiſch ſtanden, auf dem in einem ſilbernen ſechsarmi⸗ gen Leuchter von getriebener Arbeit Wachskerzen brannten. Heinrich Kepler ſchob eine kleine ebenfalls ge⸗ polſterte Bank vor ihren Sitz hin und warf ſich auf dieſelbe und ſomit gleichſam dem ſchönen Weibe zu Füßen, die eine ihrer feinen, mit Ringen ge⸗ ſchmückten Hände auf ſeinen Kopf legte und ſeine kurzen dichten Locken durch ihre Finger laufen ließ. „Ja! ich beklage Euch, Enrico,“ ſagte ſie dann nach einem augenblicklichen Schweigen, während deſſen er mit entzückten Blicken zu ihr emporgeſehen,„ich beklage Euch! nicht bloß darum, weil das Geſchick uns trennt! ich bin nicht von heute und weiß, daß Männerliebe ein flüchtiges, veränderliches Ding iſt. Ihr werdet ſicherlich vor nicht allzulanger Zeit 3* 36 Euer Weib ebenſo mit Schmeicheleien umſtrickt haben als jetzt mich, die ich leider nur zu ſchwach, zu ſehr von Euch eingenommen bin, um Euren Worten immer mit der gehörigen Würde zu begeg⸗ nen. Was mich ſchmerzt, was mich in mancher ſtillen Nachtſtunde um Euch weinen läßt—“* „O, ſagt das nicht, ſüße Freundin,“ flüſterte der Deutſche, indem er ſeinen Kopf in den Schooß der Sirene legte,„ſagt nicht, daß Ihr um mich weint—“ „Nein, unterbrecht mich nicht, Enrico, laßt mich jetzt in dieſer einſamen Stunde, die mir und Euch vielleicht nicht wieder ſchlägt, alles ſagen, was ich auf dem Herzen habe; ich weine nicht wegen unſe⸗ rer nahe bevorſtehenden Trennung, ſondern wegen des unwürdigen Loſes, das Ihr für Euch gezogen. Ihr! Ihr! der Sohn eines Adeligen, einer Familie angehörend, deren Gründer Kaiſer Sigmund zum Ritter ſchlug. Ihr, ein Gelehrter, ein Mann von Eurer Körperkraft und— Schönheit,“ ſetzte ſie flü⸗ ſternd hinzu,„Ihr, dem alle Ehren der Welt zu⸗ gebote ſtünden, wenn Ihr die Hand danach aus⸗ ſtrecken wolltet, Ihr habt Euch hier an dieſen abge⸗ legenen Ort begeben, habt ein Weib aus niederem Stande gewählt und verträumt Euer ganzes ſchönes egen ggen. nilie zum von flů⸗ zu⸗ aus⸗ bge⸗ erem önes Leben, keine andern Vergnügungen genießend, als einen Trunk Wein in einer Schenke oder den Wirfel⸗ becher in Geſellſchaft von Menſchen, die nicht berech⸗ tigt wären, Euch das Wehrgehänge umzuſchnallen, wenn Ihr gethan hättet, was heutzutage jeder Edelgeborene thut, wenn Ihr das Waffenhandwerk ergriffen.“ Heinrich Kepler war bei dieſen Worten aufge⸗ ſprungen und durchmaß mit haſtigen Schritten das Zimmer. Es war ein nicht großer Saal, deſſen Wöl⸗ bungen aber in eine hübſche Roſette zuſammenliefen. Zwei tiefe Bogenfenſter waren in die eine Wand gefügt und mit einer Gardine von hochrothem Wol⸗ lenmoire verhüllt; ein großer weißer Kachelofen auf hohen Füßen ſtand in der einen Ecke, eine große Flügelthür von geſchnitztem Eichenholz befand ſich den Fenſtern gegenüber, und an den Wänden ſtan⸗ den Lehnſeſſel, Tiſche, auf welche man kleine Schränke von der zierlichſten eingelegten Arbeit geſtellt hatte, eine Harfe, über deren Obertheil ein rother, mit Goldfranſen beſetzter und mit Goldſtickerei gezierter Teppich geworfen war, und endlich ein Kruzifix und vor dieſem ein Betſchemel mit rothem Sammt be⸗ ſchlagen. 38 Der ganze Raum hatte einen Anſtrich von Pracht und Vornehmheit, wohlgeeignet, jedem zu imponiren, der noch nicht an großen Fürſtenhöfen geweilt, und die ſchöne feine Dame in der reichen Kleidung paßte ſehr gut zu ihrer Umgebung. „Setzt Euch, Don Enrico,“ ſagte die Spanierin, nachdem ſie eine Weile mit liſtig lauerndem Blick dem erhitzten Mann nachgeſehen,„ſetzt Euch, und verſuchen wir, die Tücke des Schickſals zu vergeſſen, die Euch durch ein⸗ und denſelben Fehlwurf zugleich von mir und von einer glänzenden Zukunft fernhielt.“ „Von Euch, von Euch! Das iſt die Gallenbit⸗ terkeit,“ ſagte Heinrich Kepler, indem er ſich in den Seſſel warf, den ſie mit zierlicher Anmuth neben den ihren geſchoben,„von Euch, Olioia, ich würde jede andere Zukunft verſchmähen, dürfte ich mich immer in Euren Augen ſonnen, zu Euren Füßen knien, Euch an mein Herz drücken.“ „Da irrt Ihr, Don Enrico, irrt in doppelter Beziehung. Zuerſt, indem Ihr bei Euch ſelbſt eine Gefühlsdauer vorausſetzt, die an und für ſich unmög⸗ lich iſt. Gehörte ich Euch zueigen wie Frau Ka⸗ tharina, wie bald würde ich Euch nur wenig inter⸗ eſſanter ſein, als dieſe Euch bereits iſt— nein, unterbrecht mich nicht durch thörichte Verſicherungen, 39 dann aber auch, glaubt Ihr, daß ich, Olivia, Dolo⸗ res, Margarita, Eugenia Gonſalva, die Tochter und Schweſter ſpaniſcher Edlen, daß ich die Gattin eines ſchwäbiſchen Pfahlbürgers werden könnte, werden möchte? daß ich hier, in dieſem von Bergen um⸗ ſchloſſenen Städtchen, mein Leben hinbringen und meinen Gatten in träger Ruhe verderben und ver⸗ kommen laſſen würde, während jenſeits derſelben alle Ehren und Würden der Welt ihm zugebote ſtünden? Meines Vaters Tochter könnte keinen Mann lieben, der nicht nach Ehre und Auszeichnung ſtrebt, träge Ruhe iſt des Grab der Liebe, weil das Grab aller männlichen Vorzüge.“ „Ihr habt Recht, ſchöne Freundin,“ entgegnete Heinrich,„o wie ſehr Recht. An Eure Seite hätte das Geſchick mich führen müſſen, um einen rechten Mann aus mir zu machen; wehe mir, daß ich hier verderben und verkommen muß, eingeſchmiedet in elende Verhältniſſe“— „Und was hindert Euch, ſie zu zerbrechen? die Ketten abzuſchütteln, mit einem kühnen Fuß⸗ ſtoß hinter Euch zu werfen und einen Lebensberuf zu erwählen, der Euch zu hohen Ehren gewiß, uns beide zu beglücktem Vereine— vielleicht wenigſtens führen kann?“ 40 „Wie— wie meint Ihr das, Madonna?“ fragte Kepler, ſie anblickend. „Hat Euch mein Bruder keine Vorſchläge ge⸗ macht?— nicht? wirklich nicht? Unmöglich,“ ſagte Olioia, die nun ihrerſeits aufſtand und langſam auf⸗ und abging; der lange ſchwarze Schleier ſchleifte dabei leiſe auf dem Fußboden nach, den die feinen Füßchen kaum zu berühren ſchienen. Wenn ſie ſich dem Lichte näherte, ſo blitzten die Edelſteine ihres Hals⸗ und Armbandes, und ihre perlmutterweiße Haut ſchien eine ſammtweiche Unterlage für dieſel⸗ ben. Endlich blieb ſie vor Kepler ſtehen, der, zu⸗ rückgelehnt in den Armſeſſel, ihren Bewegungen mit glühenden Augen folgte:„Seid Ihr der Mann, für den mein Herz Euch hält?“ fragte ſie, einen bren⸗ nenden Blick auf ihn heftend.„Seid Ihr es werth, daß ich mein Herz und meine Seele Euch hinge⸗ geben? Sprecht, Heinrich, ſprecht und gebt mir die Gewißheit, daß ich mich nicht getäuſcht.“ Er ließ ſich auf ein Knie vor ihr nieder und drückte das Haupt in ihre vorgeſtreckten Hände.„Be⸗ fehlt, befehlt, was ich thun ſoll, Olivia, fordert mein Leben, meine Seligkeit, für Euch iſt mir nichts zu ſchwer, nichts unmöglich.“ „So reißt Euch los aus Verhältniſſen, die 42 ge⸗ igte auf⸗ ifte nen ſich Fres eiße eſel⸗ zu⸗ mit für en⸗ rth, ge⸗ die und Be⸗ dein zu die 41 Eurer ſo unwürdig ſind. Nehmt Handgeld und folgt den Fahnen des edlen Herzogs Alba. In den Niederlanden, die jetzt ſich gegen ihren angeſtammten Fürſten empören, findet Ihr Gelegenheit zu Waffen⸗ thaten, findet Ihr den Weg, der zu unſerer Vereini⸗ gung führt.“ „Aber, theure Donna,“ meinte der Deutſche, als die Spanierin ihre begeiſterte Rede beendet, „habe ich jemals Hoffnung, Euch zu beſitzen, da ich doch ein verheirateter Mann bin?— Was nützen mir alle Waffenthaten, ich könnte eher Feldobriſter als Eurer Gatte werden.“ „Seid Ihr nicht Proteſtant?“ entgegnete ſie, „wird Euer Weib nicht ſelbſt eilen, ſich von Euch zu ſcheiden, wenn Ihr ſie verlaßt? Befeſtigt Euren Adel durchs Schwert, zerſchneidet mit dem Schwert die unwürdigen Bande, die Euch an eine Bäuerin knüpfen, kehrt in den Schooß der heiligen Kirche zu⸗ rück und dann—“ Sie beugte ſich zu ihm nieder, er erhob ſich leidenſchaftlich und drückte die zarte Geſtalt an ſeine Bruſt, aber indem er es verſuchte, ſeine Lippen auf ihren ſchwellenden, purpurrothen Mund zu drücken, ward die Thüre geöffnet und Don Gonſalva, der 42 Werbekapitän Sr. Majeſtät König Philipps des II., ſtand vor dem ziemlich verblüfften Schwaben. „Alſo deßhalb,“ ſagte er, und ſeine blendend weißen Zähne blitzten unter dem ſchwarzen Schnurr⸗ bart hervor,„deßhalb hattet Ihr ſo große Eil', mich zu verlaſſen? Deßhalb Eure Weigerung, mit mir ein Glas Alicante zu trinken?— Schurke! Ver⸗ räther! Nichtswürdiger, wähnt Ihr die Ehre meines Hauſes und Blutes ungeſtraft beflecken zu können?“ Er hatte bei dieſen Worten ſeinen langen Raufdegen gezogen und drang wüthend auf den Deutſchen ein, der mit ſeinem breiten, rieſigen Leibe ſich vor die Spanierin geſtellt hatte, um ſie vor dem Zorne ihres Bruders zu ſchützen. Die zarte Donna glitt indeß leicht und gelenkig wie eine Schlange zwiſchen die ſtreitenden Männer und ſagte mit Pathos: „Ich denke, Ihr kennt mich beſſer, mein Bruder, als daß Ihr Unwürdiges von mir glaubt. Wenn Ihr mich in den Armen dieſes unſeres würdigen Freundes ſahet, ſo war das die Beſiegelung des Verſprechens, das er mir vor wenigen Augenblicken gegeben, Euch unter die Fahne des edlen Herzogs Alba zu folgen.“ „Ah!“ entgegnete der Spanier,„das wäre 43 ein anderes, freilich, freilich in dieſem Fall— ˙8 iſt Euch doch Ernſt, edler Heinrich?“ „Gewiß,“ entgegnete Kepler, während ſein Herz heftig an ſeine Rippen pochte,„ich hoffe, ein Fähn⸗ drichspatent wird mir durch Euch ausgewirkt wer⸗ den, da ich leſen und ſchreiben kann, in den Wiſſen⸗ ſchaften nicht unerfahren und aus einer guten Fa⸗ milie bin.“ „Wir brauchen tüchtige Offiziere,“ ſagte der Spanier lachend,„und der Weg zu Ehre und Ruhm ſteht Euch jetzt weit und breit offen. Nehmt Hand⸗ geld, Don Enrico, bleibt bei uns, wir trinken eine Flaſche edlen Alicante hier mit einander und meine Schweſter füllt uns den Becher. Hier unterſchreibt dieſen Kontrakt und morgen ſeid Ihr fünf Meilen weit von hier, Ihr begleitet Donna Olivia nach Worms, wohin ich Euch in wenigen Tagen folge, und dann gehen wir mit dem ganzen geworbenen Trupp den Rhein hinab bis in die Gegend, wo wir uns an die Armee des edlen Herzogs anſchließen werden.“ Es ſchwamm und ſchimmerte vor den Augen Kepler's. Sein Herz ſchlug heftig und ſeine Hand zitterte, als er mit großer ſteifer Schrift ſeinen Na⸗ men: ‚Heinrich Kepler’ unter den Kontrakt ſetzte, der ihn zu einem Söldner im Dienſte des Königs von Spanien machte. Einen Augenblick zuckte auch der Gedanke an Katharina, an das Kind, das ihm geboren werden ſollte, durch ſeine Seele, aber der Rücktritt war ihm abgeſchnitten! Lockend lag vor ihm zuerſt die Reiſe an der Seite der ſchönen Spanierin, dann die Zer⸗ ſtreuungen, welche ein abenteuerlicher Zug in die weite Welt ihm bieten konnte; er ſtieß die Vergan⸗ genheit hinter ſich und ſteckte die kleine Goldrolle, die ihm der Spanier hinreichte, in die Taſche ſeines ledernen Beinkleides. „Jetzt Wein her,“ ſagte der Werbeoffizier,„Wein und Würfel, kredenze uns, Olivia, trinket Fähndrich! Es gilt dem Feldobriſten Kepler!“ Im ſelben Momente, als Katharina Kepler ihren Sohn geboren, lag der Vater desſelben trunken bis zur Bewußtloſigkeit, ohne einen Heller Geld, am Bo⸗ den des Zimmers der Donna Olivia, und dieſe ſtieß mit ihrem kleinen Fuß die blonden Locken des Schläfers vom Teppich und ſagte:„Laßt das ſchwäbiſche Un⸗ geheuer ſobald als möglich fortſchaffen und zwar ſoweit als möglich, Hauptmann Gonſalva. Solch ein deutſcher Bär iſt bei der Meſſe ein unangeneh⸗ mes Thier!“ 4 45 Als Kepler am andern Morgen aus einem, von tollen gräßlichen Träumen durchwirbelten Schlafe erwachte, war das erſte Gefühl, deſſen er ſich klar bewußt wurde, ein gräßliches Unbehagen, ſchlimmer, weit ſchlimmer, als er es noch je nach einer durch⸗ ſchwärmten Nacht gefühlt hatte. Sein Kopf brannte, ſeine Glieder ſchmerzten, und er konnte ſie nicht re⸗ gen, ſie ſchienen ihm wie durch eherne Bande ge⸗ feſſelt. Er hatte dunkel die Erinnerung, daß etwas Ungewöhnliches, etwas Entſcheidendes mit ihm vorge⸗ gangen ſei. Er dachte an ſeine Frau, an ihre Flucht aus ſeinem Hauſe und ob ſie auch wohl keinen be⸗ ſondern Schaden gelitten; vergangene Tage zogen an ſeinem wüſten ſchmerzenden Hirn vorüber und Erin⸗ nerungen an ſeine längſt verſtorbene Mutter, an jene Zeit, da er Katharinen eifrig nachgegangen, an einen Sommermorgen, da er als Knabe betend auf einem ſonnenhellen Hügel geſtanden, und langſam, langſam kam auch an ſein Herz herangekrochen der Gedanke an den geſtrigen Tag.— Olivia! die ſchöne, reizende Spanierin, die ihn mit ihrer Liebe beglücken wollte! Ha! er ſchlug die Augen auf, er war ja in ihrer Nähe, zu ihren Füßen eingeſchlummert.— Es war noch dunkel um ihn, aber ein unangeneh⸗ mer Geruch und ein gegwiſſes erſtickendes Gefühl, das ihn am Athmen hinderte, beklemmte ihm die Bruſt. Wo war er denn? Er wollte mit den Hän⸗ den um ſich greifen und fühlte mit einem unbe⸗ ſchreiblichen Grauſen, daß ſie an ſein hartes Lager feſtgebunden. „Wo bin ich denn? Jeſus, mein Erlöſer, wo bin ich denn?“ ſtöhnte er aus beklommener Bruſt, und eine tiefe, rauhe Stimme antwortete:„In des Teufels Klauen, Kamerad, ſogut wie ich und wir alle.“ „Wer hier auch mit mir ſei,“ ſagte Kepler mit einen dluſttengung um ſich ſtarrend, daß ſeine Au⸗ gen aus ihren Höhlen zu ſpringen drohten,„wer hier auch mit mir ſei, dir ſpr mir aus Barmher⸗ zigkeit und um Gottes willen, wo wir ſind?“ „Nun, Kamerad, das kann geſchehen,“ entgeg⸗ nete dieſelbe Stimme,„wir ſind im Depot für die Angeworbenen, die zur Fahne ſeiner Allerkatholiſche⸗ ſten Majeſtät geſchworen, und werden in kürzeſter Zeit von hier weit fortgeſchafft werden.“ „Ich träume wohl nur,“ dachte Kepler nach dieſer Antwort.„Allerdings, ich nahm Handgeld von Don Gonſalva, aber ich ſollte ſogleich ein Fähndrichs⸗ Patent erhalten, ich ſollte donna Olivia nach Worms begleiten“— aber körperliche Schmerzen infolge der feſten Banden, die ſeine Arme und Beine um⸗ 47 ſchnürten, ein brennender Durſt und das Gefühl des Erſtickens, das ihm die Bruſt zuſammenpreßte, brachten ihn bald zur Ueberzeugung von der Wirk⸗ lichkeit ſeiner Lage. Das Erwachen der Verdammten im Pfuhl der Hölle kann nicht gräßlicher ſein, als das des un⸗ glücklichen Mannes, den Ausſchweifungen und Leicht⸗ ſinn aus günſtigen und angenehmen Lebensverhält⸗ niſſen plötzlich in die gräßlichſte Lage gebracht. Nachdem er kaum Herr und Meiiſter ſeiner Sinne geworden und ſeine Erinnerungen geſammelt hatte, ſtrömte plötzlich eine Helle, die ihn blendete, in den Raum, wo er ſich befand. Er verſuchte we⸗ nigſtens ſeinen Kopf nach der Gegend zu wenden, von der das Licht kam, und ſah nun, daß es durch ein in ziemlicher Höhe befindliches Fenſter oder viel⸗ mehr Luftloch eindrang, durch das auch reine, friſche, wenngleich eiſige Luft und goldige Sonnenſtrahlen ihren Weg in den dumpfen Kellerraum fanden, der ſein Gefängniß war. Außer ihm waren vielleicht noch ſechs bis ſieben Menſchen in dieſer Höhle des Elends, doch waren ſie nicht wie er gebunden, ſon⸗ dern lagen zuſammengekauert am Boden, wo ſie eben Platz gefunden. Ihm zunächſt ein Kerl mit verwegenem, vom Laſter des Trunkes gezeichneten Ge⸗ 48 ſicht, welchem aber ein Paar ſchlau und doch gut⸗ müthig blickende Augen einen Ausdruck verliehen, der gewiſſermaßen Vertrauen erweckend war. „Beruhigt Euch, Kamerad,“ ſagte dieſer,„und tragt das Geſchick, das Ihr Euch jedenfalls doch ſelbſt bereitet, wie ein Mann. Trotz, Klagen, Jam⸗ mern und Schimpfen helfen Euch hier nichts, ein rechter Kerl muß aber den Kopf nicht verlieren und wenn der Teufel ihn am Schopf hält.“ „Aber ich bin betrogen, ich bin ſchimpflich, ſchändlich betrogen,“ ſagte Kepler wüthend, indem er ſich von ſeinen Banden zu befreien ſuchte. „Das ſind wir alle, Kamerad, aber liegt ruhig und verſchlimmert Euer Elend nicht. Ich glaube übrigens, daß man mit Euch noch etwas heilloſer verfahren iſt, als mit uns; denn als ſie Euch be⸗ trunken wie einen Stier in dieſer Nacht hierher⸗ brachten, war der Kapitän ſelbſt dabei und befahl, Euch tüchtig zuſammenzuſchnüren, und lachte dabei wie ſein Bruder, der Teufel.“ „Und Olivia, großer Gott, Olivia,“ ſchrie Hein⸗ rich in Verzweiflung,„ſollte ſie von dem Verrath wiſſen, den ihr Bruder an mir geübt?“ Der andere lachte aus vollem Halſe.„Ihr ſeid noch ein ganzer Neuling und Kuck in der Welt,“ 49 ſagte er,„um in der Schweſter eines Werbeoffiziers etwas anderes als einen Lockvogel für ſolche Gim⸗ pel, wie Ihr ſeid, zu ſehen. Denkt übrigens, der Teu⸗ fel habe Euch geholt, und ſeine Großmutter, in der Geſtalt einer hübſchen jungen Kurtiſane, habe Euch in ſein Pelz gelockt.'s iſt ſo was ähnliches! Das dürft Ihr ſchon glauben. Seid ruhig und gefaßt, aus dem Netz, in welches Ihr Euern Kopf geſteeckt, rettet Euch kein, kein Bitten und kein Beten, aber durch Muth und Ruhe könnt Ihr Eure Lage wenig⸗ ſtens inſoweit erleichtern, daß man Euch die Freiheit Eurer Gliedmaßen geſtattet.“ Kepler zitterte heftig. Es war ihm zu Muthe, als ob der Tod eiskalt an ſein Herz träte, als ob alles Elend der Welt über ihm zuſammenſtürzte. Er konnte die feſtgebun⸗ dene Hand nicht zu den Augen erheben, die ſich mit eiskalten Thränen füllten und endlich über ſein erblaßtes Geſicht hinabrollten. „Ihr weint wie ein Weib,“ ſagte der andere, „und ſeid doch ein Kerl wie ein Rieſe. Pfui, nehmt Euch zuſammen, das Elend wird noch tauſendmal ſchlimmer, wenn man den Muth verliert.“ „Aber ich habe ein junges Weib, das in ein Paar Monaten ein vaterloſes Kind zur Wel bringen 1857. XX. Johann Kepler. I. 50 wird, ich habe einen Vater, der ein angeſehenes Amt bekleidet, ich habe Haus und Hof“— „Deſto mehr habt Ihr Euer jetziges Elend Euch ſelbſt zuzuſchreiben; wer auch nur halb ſatt⸗ zueſſen hat, hält ſich von dieſen ausländiſchen Wer⸗ bern fern und thut Recht daran. Ich für mein Theil habe auf der Welt Gottes nichts zu verlieren, als eben meine Glieder, und da ich eſſen und trinken muß, ſo iſt's am Ende gleichviel, ob ich ſie an den Spanier oder an einen ſchwäbiſchen Advokaten ver⸗ kaufe, der mich als hreiber krummwerden läßt. Ich kann nicht Holz hauen, kann nicht Steine ſchlep⸗ pen und dergleichen, ich kann nichts als einwenig ſchreiben und ordentlich trinken. Da, Kamerad, nehmt einwenig, es wird Euch das Herz ſtärken.“ Er war bei dieſen Worten an das Lager Kepler's getreten, hielt ihm eine ſtrohüberflochtene Flaſche an den Mund, die einen feurigen und wohl⸗ ſchmeckenden Trank enthielt, der ſogleich belebend auf alle Kräfte Kepler's wirkte. Die weichlich wehmüthige Stimmung machte einem heftigen Zorn Platz, und es gelang dem Zu⸗ reden ſeines Gefährten, auch dieſen in ſolche Schran⸗ ken zu bannen, daß Kepler es über ſich gewann, in ruhigem Schweigen zu verharren, als der Wacht⸗ enes lend ſatt⸗ Wer⸗ Theil als inken den ver⸗ läßt. hlep⸗ denig ehmt Lager htene vohl⸗ hran⸗ n, in Jacht⸗ 51 meiſter des Werbetrupps nun eintrat und den Ein⸗ geſperrten Suppe, Fleiſch und Brot brachte. „Wenn Ihr nicht tobt und raſt, wie der Haupt⸗ mann meint,“ ſagte dieſer,„ſo werde ich Euch die Hände losmachen, und Ihr könnt eſſen und Euch hier Bewegung machen. In drei Stunden geht der Trans⸗ port von hier ab;; ſeid Ihr vernünftig, ſo laß' ich Euch ungefeſſelt: ſeid Ihr es nicht, ſchnür' ich Eure langen Glieder zuſammen wie einen Ballen Leinwand.“ Kepler wußte nur zu wohl, daß ſein Geſchick ein unabänderliches ſei. Er erinnerte ſich, freiwillig ſeinen Namen unter die Kapitulation geſchrieben zu haben, die ihn zum Dienſt im ſpaniſchen Heere verpflichtete, er erinnerte ſich das Handgeld angenommen zu haben, und dunkel wie in einem Traum ſchwebte auch die ſpätere Orgie vor ſeiner Seele. Ueberdieß war es ja auch möglich, daß Olivia von den Mißhandlungen, die ihm widerfahren, nichts wußte, und daß er in einer ſpäteren Zeit und unter günſtigeren Verhält⸗ niſſen die ſchöne Spanierin wiederſah. So gab er denn das Verſprechen, ſich ruhig zu verhalten, und genoß der verhältnißmäßigen Freiheit, in der ſich die anderen Angeworbenen befanden. Derjenige, welcher ihm zuerſt mit freundlichen Worten zugeredet, nannte ſich Jakob Reinbold, war 4* 52 wie Kepler ein verdorbener Student der Rechte und hatte ſich, als der letzte Heller ſeines kleinen Mut⸗ tererbes verzehrt war, anwerben laſſen, um unter den Fahnen des glorreichen Herzogs gegen die aufrühreri⸗ ſchen Niederlande zu fechten. Heinrich Kepler fühlte ſehr bald, daß die Gemein⸗ ſchaft mit dieſem Gefährten für ihn ein großes Glück ſei. Jakob Reinbold war immer guten Muths, konnte ſcherzen in den böſeſten Lagen, und ſeine gutmüthige Theilnahme an allen ſeinen Gefährten, beſonders aber an dem zuletzt hinzugekommenen, war unverkennbar. Sie waren noch nicht zwei Tage bei einander, als Kepler dem neuen Freunde ſchon ſeine ganze Geſchichte mitgetheilt hatte, und Reinbold war ganz der Mann dazu, ihn auf ſeine Liebloſigkeit gegen Frau Katha⸗ rina, auf ſeine Einfalt der ſchlauen Spanierin gegen⸗ über und auf die Nothwendigkeit, ſich ruhig und ge⸗ faßt zu betragen, aufmerkſam zu machen. „'s hilft Dir alles Wüthen und Jammern nichts,“ ſagte er, als er gehört hatte, mit welchen Verſprechungen man den im Orte ſeßhaften nicht unbemittelten Mann verlockt.„Du biſt ein rieſengroßer Kerl, Don Gonſalva denkt Ehre mit Dir einzulegen, wenn er Dich in Brügge oder Antwerpen zeigen wird; füge Dich und ſuche entweder mit Deinem ind ut⸗ den eri⸗ ein⸗ lück inte hige aber bar. als chte ann ha⸗ en⸗ ge⸗ iern chen icht oßer gen, gen nem 53 Schickſal Dich zufrieden zu finden wie ich, oder bei Gelegenheit, wenn man Dir erſt wieder traut, auszu⸗ reißen und in die liebe Heimat zu Weib und Kind, denen Du dann wohl Gutes thun wirſt, zurückzu⸗ kehren.“ In der dritten Nacht, die Kepler in dem gar⸗ ſtigen Keller zubrachte, der den Geworbenen zum Auf⸗ enthalt diente, wurden alle dort Befindlichen durch den lauten Ruf des Wachtmeiſters geweckt, mußten ihre Kleidung anlegen, erhielten Brot und Bier und die Weiſung, die Treppe hinaufzuſteigen, an deren oberem Ende ſechs Soldaten, mit Luntenflinten und Säbeln bewaffnet, ſie in Empfang nahmen. Der Fähndrich ſtellte ſich nun an die Spitze des Zuges, die Neugeworbenen mußten, nachdem der Wachtmeiſter noch einmal unterſucht, ob ſie auch etwa im Beſitz einer Waffe wären, zuſammentreten. Zwei bewaffnete Soldaten ſtellten ſich vor dieſelben, zwei an jede Seite, und zwei beſchloſſen den Zug, der unter Befehl des ſtrengſten Schweigens ſich aufmachte und durch die Straßen des kleinen Städtchens ſchritt. Am Markt im Gaſthofe zum wilden Mann brannte Licht in dem Saal, in welchem Donna Oli⸗ via ſich aufzuhalten pflegte, und zähneknirſchend warf Kepler einen Blick nach den rotherglänzenden Fen⸗ 54 ſtern. Sein eigenes kleines Haus lag aber in tiefer Dunkelheit da, die Zweige des Eibenbaumes, die ſich über den niedern Hofzaun in die Straße bogen, raſchelten im Winde, und der Brunnen neben der Hausthür rauſchte und rieſelte, wie er oftmals ge⸗ rauſcht und gerieſelt, wenn Heinrich, von einem Gelag heimkehrend, an der niedern Thür geſtanden. „Ob ſie daheim ſein mag, Katharina, das arme Weib?“ dachte der Vorübergehende.„Sie würde doch wohl weinen, wenn ſie wüßte, wie elend ich dar⸗ an bin, ja, und ſie würde nicht bloß weinen, ſie würde thun, was in ihren Kräften ſteht, um mir aus meiner Noth zu helfen oder ſie doch zu er⸗ leichtern.“ Aber der Zug ging vorüber, er verließ das Stadtthor, das der wachhabende Trabant öffnete, und vorwärts ging's auf rauhen bergigen Pfaden nach Norden zu dem Neckar entgegen, wo die neuen ſpaniſchen Soldaten eingeſchifft werden ſollten. Kepler und Reinbold hielten treu aneinander, ſo daß man ſie als ein Paar betrachten konnte, das zuſammengehörte. Der Wachtmeiſter gab ihnen in einer Schale Speiſe, als man beim Graun des Morgens an einer verfallenen Scheuer Halt machte, wo ein altes Weib, das dort auf ſie ſchon gewartet, 55 ein Feuer angezündet und einen Keſſel Suppe be⸗ reitet hatte. Die röthliche Flamme beleuchtete grell die wilden und verzweifelten Geſichter der Rekruten, die ihre Nahrung zu ſich nahmen, und die ernſt⸗ haften der alten Soldaten, die, ohne ſelbſt an dem Mahle theilzunehmen, mit gezogenem Gewehr einen Kreis um jene geſchloſſen hatten. Fähndrich und Wachtmeiſter ſtanden neben dem Keſſel und bewachten die Austheilung der Speiſen, und als man ſich von neuem auf den Weg machte, färbte den öſtlichen Himmel bereits ein Purpurſtreifen, in Reif gehüllt erſchimmerten die Bäume am Wege, und auf den Gipfeln der Berge erglühte und er⸗ glänzte der Schnee in den erſten Strahlen der ſpä⸗ ten Winterſonne. „'s wird ein klarer, aber kalter Tag,“ ſagte Reinbold zu ſeinem Gefährten, der ſich vor Froſt ſchüttelte. „'s iſt heiliger Drei Könige Tag,“ entgegnete Kepler,„da kommen die Wölfe aus ihren Höhlen und freſſen den erſten Menſchen, der über ihre Spur wegſchreitet.“ „Pah! Unſinn,“ gab Reinbold zurück,„ich wollte, ich hätte jetzt einen Wolfspelz und wäre er auch dem ſchlimmſten Währwolfe abgezogen.“ 56 „Ihr werdet nicht lange mehr frieren, Kame⸗ rad,“ ſagte der neben den beiden herſchreitende Sol⸗ dat,„ſeht Ihr die Rauchſäule dort im Thale, das iſt Gerberheim, und da werden wir bis nach Mitter⸗ nacht raſten, da findet Ihr auch warme Speiſe und jeder von Euch, der's bezahlen kann, einen Krug Wein.“ „Reinbold,“ flüſterte Kepler, als der Soldat ſich ſo weit von ihnen entfernt hatte, daß er ſpre⸗ chen konnte, ohne gehört zu werden;„Gerberheim iſt kaum eine Stunde von Leonberg, wo ich viele Verwandte und Gefreundete habe, ich kenne den Weg dahin wie meine Taſche, von dort könnten wir“— „Du vergißt, armer Schächer,“ entgegnete der andere,„daß der Spanier Deine und meine Na⸗ mensunterſchrift unter ſeinem Werbekontrakt beſitzt und daß er mit Erlaubniß und Befug unſeres gnä⸗ digſten Herzogs Chriſtoph uns in die Falle gelockt. Laufe davon, das Gericht in Leonberg wird Dich zeitig genug ausliefern, und dann ſtäupt man Dich, daß Deine Haut von den Knochen fällt, ſchließt Dich beim Marſchiren und in den Nachtlagern krumm und Du mußt dennoch Soldat des ſpani⸗ ſchen Königs bleiben. Sei vernünftig, Heinrich, füg; Dich in das, was Du jetzt nicht mehr ändern kannſt, 57 ſpäter kommen vielleicht auch für uns beſſere Zeiten, laß die Hoffnung, Dein Weib und Dein Haus wiederzuſehen, nicht fahren— aber warte zu, bis wir mit Vernunft etwas thun können.“ Unter dieſem Geſpräch hatte der Trupp das Städtchen Gerberheim erreicht, die Rekruten wur⸗ den im Keller eines alten Hauſes untergebracht, wo man ihnen Stroh zum Lager und warme Spei⸗ ſen reichte. An allen Luken und an der Treppe ſtanden Wachen, und Kepler begann einzuſehen, daß ihm der Weg zur Flucht abgeſchnitten und daß es das Beſte ſei, ſich in ſein ſchlimmes Geſchick zu fügen. Er und Reinbold theilten ein Lagereſſen aus einer Schüſſel, und Reinbold, der ſein Handgeld beſſer bewahrt hatte als Kepler, ließ ihm manchen Schluck Wein, manchen beſſeren Biſſen, den er ſich für Geld verſchaffte, zukommen und hatte immer auch in den ſchlimmſten Stunden eine luſtige oder freund⸗ liche Rede, die den armen an Leib und Seele zer⸗ brochenen Kepler aufrechterhielt. Der Herzog Alba, zu deſſen Heerzuge ſie ſtoßen ſollten, ſtand im Herzen der Niederlande und ver⸗ ſuchte mit eiſerner Fauſt den ſtolzen und freien Sinn des wackeren Volkes zu brechen, das ſein Land — 58 mit jedem Tage mehr, wenn auch mit höchſter Kraft⸗ anſtrengung, den brüllenden Wogen der Nordſee, ſeine Denkfreiheit mit jedem Tage mehr der Macht des Königs von Spanien abtrotzte und abkämpfte. Die Sendung des Herzogs von Alba war ein zurückſchlagender Wogenſchwall, der viele wackeren Arbeiter an dem großen Werke mit ſich fortriß. Der Weg, den der Trupp, bei dem ſich Kepler und Reinbold befanden, zu machen hatte, war weit; aber ſeine Beſchwerlichkeit war nicht das ſchlimmſte Uebel, unter welchem die beiden Gefährten litten. Beide gehörten der augsburgiſchen Konfeſſion an und hatten auf der Schule und der ſtrengpro⸗ teſtantiſchen Univerſität Tübingen die Glaubens⸗ und Meinungsfreiheit ſchätzen lernen, beide zog daher Herz und Ueberzeugung ſicherlich nicht unter die Fahnen des ſtrengen Toledo, der mit eiſerner Fauſt den alten Glauben aufrechtzuerhalten ſtrebte. Freilich waren beide leichtſinnig genug, um Herzens⸗ und Gevwiſſensangelegenheiten nicht zur Hauptſache ihres Lebens zu machen; aber es ver⸗ ſchärfte ihr Leiden, daß ſie dieſelben für die Intereſſen einer Partei trugen, die ihnen entgegengeſetzt war. Heinrich Kepler dachte jetzt oft und viel an ſein Weib daheim, an ſeinen alten Vater, an das 59 behagliche Haus und das gute Bett, das er hinter ſich gelaſſen. Die ſchöne Spanierin, die ihn ins Ver⸗ derben gelockt, erſchien ihm bei den Anſtrengungen des beſchwerlichen Marſches, beſonders bei der Aus⸗ ſicht auf Wunden und frühen Tod, durchaus nicht mehr ſo begehrenswerth als die Bequemlichkeit und häusliche Annehmlichkeit an der Seite ſeiner Katha⸗ rina. Kepler war eine grob ſinnliche Natur, und die halbe Bildung, die er genoſſen, hatte ihn keineswegs befähigt, Herr ſeiner Begierden zu werden. Er gehörte ſeiner Körperkonſtitution nach nicht zu den Leuten, denen der Muth eine natürliche Eigen⸗ ſchaft iſt; ſinnlich und weichlich und mit einer ziemlich lebhaften Phantaſie begabt, hätte er moraliſcher Kraft bedurft, um der Gefahr kühn die Stirne zu bieten, und dieſe beſaß er nicht, da er ſie in ſeinem frühe⸗ ren Leben keineswegs geübt hatte. Wenn in den dumpfen Kellern und leeren Scheuern, wo die Truppe ihr Nachtlager hielt, die gedienten Soldaten beim Schein der Kienfackeln von den Schlachten, die ſie mitgemacht, von den Wunden, die ſie davongetragen, erzählten, ward es dem rieſigen Rekruten weichlich ums Herz und ſchwind⸗ lich im Hirn, und er fühlte ſich ſchwach werden bei 60 dem bloßen Gedanken an die Gefahren, denen er entgegenzog. Anfangs hieß es, ſie würden ſich auf dem Nek⸗ kar einſchiffen, der Marſch führte ſie auch auf ge⸗ radem Wege dem ſchönen Strome entgegen, plötzlich aber ward die Direktion der Reiſe geändert. Faſt an jedem Raſtorte fanden ſich neue Re⸗ kruten unter dem Kommando einiger alten Soldaten, eines Wachtmeiſters oder Fähndrichs zu der Truppe, die, als ſie das Dorf Böningheim erreicht hatte, ſchon ziemlich zweihundert Mann zählte. Dort war es, wo ſich die Nachricht beſtätigte, daß man nicht den Neckar, ſondern den Rhein erreichen wolle, um ſich einzuſchiffen. So ging denn der Marſch nach Nordweſten in Gegenden, die weder Reinbold noch Kepler je⸗ mals geſehen, und nach manchem beſchwerlichen er⸗ müdenden Tage, nach mancher rauhen Nacht erreichte die jetzt faſt dreihundert Mann zählende Truppe die alte Stadt Speier, wo vier Rheinſchiffe die Rekruten und Soldaten aufnehmen ſollten.— Es war ein Februartag, deſſen heller Sonnen⸗ ſchein ſchon eine Art von Vorfreude des Frühlings über die Erde ausgoß. Kepler und Reinbold, die ſich mehr und mehr 61 aneinander geſchloſſen, empfanden die belebende Ein⸗ wirkung des lieben Lichtes und plauderten fröhlich von einer beſſern Zukunft. „Wenn wir einmal wieder heimkehren können, Jakob,“ ſagte Kepler,„dann mußt Du in mein Haus ziehen und Dir ein Mädchen ſuchen, das wie meine Katharina einen hübſchen Groſchen Geld hat. Man muß die Weiber nur zu behandeln wiſſen, auch die ſchlimmſten ducken endlich, wenn man's nur recht verſteht, ihnen den Willen zu brechen, und dann, Ka⸗ merad, wollen wir luſtig leben und uns dieſer ſchlim⸗ men Zeiten mit Lachen erinnern.“ „Amen! Sela!“ ſagte eine rauhe Stimme dicht neben den Plaudernden,„das wollen wir alle, zumal wenn wir erſt in dem reichen Brügge oder Gent oder Antwerpen unſere leeren Taſchen mit dem Gelde der niederländiſchen Krämer gefüllt und unſere Haut ganz und heil aus dem Pulverrauch hervorgebracht haben.“ Der Sprecher war ein Menſch, den man, wenn nicht der Ausdruck gemeiner Pfiffigkeit und Lieder⸗ lichkeit ſein noch jugendliches Geſicht entſtellt hätte, jedenfalls hatte hübſch nennen können. Er war ſchon in Gerberheim zu der Truppe gekommen und nannte ſich Baſtian Mayer. Mehr als einmal ſchon hatte 62 er den Verſuch gemacht, ſich an Kepler und Rein⸗ bold anzuſchließen, während jene Beiden ſich ſoviel als das nur irgendmöglich von der ganzen Truppe abſonderten. „Trinkt ein Glas mit mir, Ihr Herren,“ ſetzte er hinzu,„auf glückliche Heimkehr mit heiler Haut!“ Er zog bei dieſen Worten unter ſeinem Leder⸗ wamms eine flache Flaſche hervor, deren Inhalt in den Sonnenſtrahlen golden ſchimmerte. „Es iſt ein edler Wein,“ ſagte er,„kein ſaures Gewächs vom Rhein, Main oder Neckar, ſondern aus⸗ gebrütet von den Strahlen der Sonne, die glühend auf das ſchöne Italien fällt. Der iſt heiß, heiß und ſüß wie die Liebe der ſchönen Weiber, die dort mit brennenden Blicken die Nordländer an ſich locken. Ich war in Rom, Ihr Herren, ich war in Padua und Bologna, dort lebt man, dort iſt Liebe und Glück, Kunſt und Wiſſenſchaft zu finden.“ Die drei hatten das Geſpräch geführt auf einem freien Platze unfern des Schloſſes in Speier. Die Truppe war jetzt in verſchiedene Abtheilungen ge⸗ theilt und hatte verſchiedene Führer, Mayer gehörte von Anfang an mit Kepler und Reinbold zu einer Abtheilung, und der Führer derſelben war noch in⸗ diel pe tzte 61 er⸗ in res us⸗ end ind mit Ich ind ück, gem Die ge⸗ örte ner och 63 immer der Fähndrich, der direkt unter dem Haupt⸗ mann Gonſalva diente. „Wir haben an einen Angel gebiſſen, Herr Kep⸗ ler,“ ſagte Meyer, als die beiden ihm Beſcheid gethan. „Euch wie mich hat die ſchöne Hexe Olivia in die Patſche gebracht, Fluch ihr, und möge ſie bald vom brennenden Scheiterhaufen in die brennende Hölle fahren!“ „Unſere Thorheit hat uns in die Patſche ge⸗ bracht,“ ſagte Reinbold ruhig,„es gehört keine He⸗ rerei dazu, verliebte Junker an ſich zu locken, ſondern nur ein Paar hübſche Augen und ein rother Mund.“ „Ihr kennt die Donna Olioia wohl nicht,“ flü⸗ ſterte Mayer, indem er ſcheu um ſich blickte,„ſonſt würdet Ihr dergleichen nicht ſagen.— Sie iſt— und daran kann gar kein Zweifel obwalten, eine Buhlſchweſter des Teufels.“ „Ja, und dieſer Teufel nennt ſich Hauptmann Gonſalva,“ entgegnete lachend Reinbold. Mayer ſchüttelte bedeutſam den Kopf.„Sie iſt eine Hexe, ſo gewiß als ich Baſtian Mayer, wenn ſie nicht gar eine wirkliche Teufelin iſt. Wißt Ihr's nicht, daß ſie es iſt, die den Gonſalva hieb⸗ und ſchußfeſt gemacht, und ihm die Kraft gibt, durch ver⸗ ſchloſſene Thüren zu dringen?“ 64 „Ich wollte den edlen Werbehauptmann dicht vor die Mündung einer ordentlichen Arkebuſe ſtellen und dieſe losbrennen, um ihm ſelbſt zu zeigen, was es mit der Feſtigkeit für eine Bewandtniß hat,“ ſagte Reinbold mit ſeinem gewöhnlichen Lachen. „Ihr ſeid ein Ungläubiger, Herr,“ entgegnete Mayer,„aber das ſolltet Ihr doch wiſſen, daß ſeit der Teufel den Mönch Berthold Schwarz das Pulver machen lehrte, er ſich ſelbſt einen neuen Weg bahnte, Seelen ohne Zahl in ſeine Macht zu bekommen. Was, könnt Ihr wirklich glauben, daß es noch Soldaten in der Welt gäbe, die dem Teufelsrachen entgegen⸗ träten, wenn nicht wenigſtens einige es verſtünden, ihre Wirkung von ſich abzulenken? Ich ſag' Euch, es kommt nur auf den Willen an, und keine Kugel kann einem etwas anhaben. Ich habe in Wälſch⸗ land, ich habe in Frankreich mehr als einen gekannt, der die Kugeln, die man auf ihn abfeuerte, mit der bloßen Hand auffing und ſie dem, der auf ihn ſchoß, wie Groſchen auf den Tiſch zählte.“ „Ich habe auch davon gehört,“ entgegnete Kep⸗ ler,„und warum ſollte das nicht ſein? Gibt es doch Mittel gegen den Biß der böſeſten Schlangen, Mit⸗ tel gegen den Biß des tollſten Hundes“— „Alles möglich, alles,“ ſagte Mayer,„wer den icht Uen vas 4, f1 den. ete ſeit ver nte, as, ten en⸗ en, ich, gel ſch⸗ unt, der poß, dep⸗ doch Nit⸗ den 65 Teufel kennt, kann die Blitze vom Himmel herunter⸗ holen und ſie wie zahme Lämmer um ſich ſpielen laſſen. Was wollt Ihr, meine Herren, hab' ich's nicht mit meinen Augen geſehen, daß Donna Olivia dem Hauptmann einen Trank einrührte, von dem ſie ſagte, er mache die Augen hell, daß ſie durch Wände und Mauern ſehen könnten.“ „Aber wie iſt's mit dem Mittel, das hieb⸗ und ſchußfeſt macht,“ ſagte Kepler,„es wäre ſo übel nicht, das zu beſitzen, wenn es gegen dieſe Nieder⸗ länder geht.“ „Und Freikugeln dazu,“ ſagte Mayer mit einem ſeltſamen Augenblinzeln,„Freikugeln, von denen jede den oder dasjenige träfe, was man zu treffen wünſcht, befände es ſich auch hundert Meilen entfernt.“ „Ich habe auch davon ſchon gehört,“ ſagte Kepler.„Die Baſe meiner Frau, die alte Streiche⸗ rin in Weil, erzählt, daß ſie einen Juden kenne, der dergleichen zu bereiten verſtünde und einen großen Handel damit triebe.“ „Die alte Streicherin?“ ſagte Mayer,„iſt das das alte Weib, das dem Junker von Rechberg das ſchöne Mädchen zuführte, welches hernach ſich von der Schloßzinne herabſtürzte, und jetzt, wie man ſagt, auf dem Rechberge umgeht?“ 1857. XX. Johann Kepler. I. 5 66 „Ich weiß von der Geſchichte nichts,“ entgeg⸗ nete Kepler,„aber daß die Streicherin ein böſes grundböſes Weib iſt, das weiß ich und kann es be⸗ ſtätigen. Die iſt dem Teufel ſicherlich verfallen mit Haut und Haar, und der Rechberger wäre nicht der Erſte und Einzige, an den ſie ein rothwangiges Mädchen für rothes Gold verkauft hätte.“ In dieſem Augenblick ertönte in der Nähe das Trommelwirbeln, welches die Truppen, die jetzt be⸗ reits an militäriſche Disziplin gewöhnt waren, zu⸗ ſammenrief. Soldaten und Rekruten verſammelten ſich auf den beſtimmten Plätzen und empfingen den Befehl, ſich zum Einſchiffen bereit zu halten. Als die Truppen auf die verſchiedenen Schiffe vertheilt wurden, befand ſich Baſtian Mayer in der Nähe der beiden Gefährten und ward mit ihnen auf das gleiche Schiff kommandirt. Eine Stunde darauf boten die lateiniſchen Segel ihre weißen Flächen dem rauhen Februarwinde und die kleine Flotte ſcwamm den majeſtätiſchen Strom hinab, ſchön anzuſehen wie vier große Schwäne. Die Menge Elend, Schuld, Verzweiflung und Reue, die ſie enthielten, ſah niemand von den Zuſchauern, die am Ufer ſtanden und den Abziehenden nach⸗ blickten.— geg⸗ böſes be⸗ mit der giges das be⸗ zu⸗ elten den chiffe der auf Segel d die trom Die , die uern, nach⸗ 67 Brittes Kapitel. Die erſten Tage nach der Geburt ihres Knäb⸗ leins war Katharina Kepler in heftigem Fieber und beſtändig ohne Bewußtſein. Johann Guldenmann hatte einen Boten nach Weil geſchickt, um an Heinrich Kepler die Nachricht zu ſenden, daß ihm ein Sohn geboren ſei, und ſein Schreck war kein ge⸗ ringer, als ihm gemeldet wurde, daß Kepler Hand⸗ geld von dem Spanier genommen habe und ſich als Rekrut im Gewahrſam desſelben befinde. Die zeitlichen Intereſſen ſeiner Nichte und ihres Kindes zu wahren, begab er ſich ſelbſt nach der Stadt Weil, und fand, daß in dieſer Beziehung alles ganz gut ſtünde. Tauſend Gulden eigenes Vermö⸗ gen des Heinrich Kepler ſteckten in dem Grundſtück, das er bewohnte, und die drei Tauſend Katharinens waren noch in den Händen ihrer Eltern, die ſie den jungen Eheleuten hoch verzinſten. Ohne Kathari⸗ nens Unterſchrift konnte Heinrich ſein Beſitzthum nicht veräußern, und ſo war denn der alte Bild⸗ ſchnitzer ziemlich zufrieden auf ſeinem Heimwege, obſchon der Werbehauptmann, an den er ſich mit höflicher Bitte gewendet, es ihm nicht geſtattet hatte, den Angeworbenen zu ſprechen. 5*⅔ 68 „Mag's d'rum ſein!“ dachte der alte Mann, als er ſich nach Magſtatt begab,„wie man ſich bet⸗ tet, ſo ſchläft man, und dem Heinrich kann's dienen, daß er unter ſoldatiſch ſtrenges Regiment kommt. Freilich die Katharina wird jammern und weinen, aber die Zeit bringt Troſt, das Kindlein iſt kein Bettler in dieſer Welt, und es iſt wieder eins mehr, das mir kinderloſem Manne zufällt; ſo will ich denn auch mein Möglichſtes thun, es zu einem Menſchen zu machen und es in Gerechtigkeit und Gottesfurcht erziehen.“* Die mannigfachen Wege und Geſchäfte, die er in Weil gehabt, hatten ihn bis zur anbrechenden Dunkelheit dort aufgehalten; er fuhr zum Thor hin⸗ aus, als ſchon der erſte Stern am winterlichen Him⸗ mel ſtand, und holte auf dem holperigen Wege kaum eine Viertelſtunde von Weil eine Frau ein, die, ob⸗ gleich gebückt und etwas verwachſen, dennoch ſehr rüſtig vorwärtsſchritt. Es war die Muhme Streicherin, die Alte, in deren Hauſe Katharina den Heinrich kennengelernt hatte. „Haltet! haltet!“ ſchrie ſie ihm zu, als ſeine raſchen Braunen an ihr vorbeitrabten,„haltet und nehmt mich mit, denn ich bin auf dem Wege zu 69 Euch, das Kätherichen gebraucht mich und ich bin ſogut eine Verwandte des Kindes, das zur Welt gekommen, wie Ihr, Hanns Guldenmann.“ Der Bildſchnitzer war ein muthiger und ver⸗ ſtändiger Mann, aber den Muth, mit dem verrufe⸗ nen Weibe bei ſtockdunkler Nacht durch die wilde Heide zu fahren, hatte er doch nicht ſo ganz. Er hielt daher ſeine Pferde nur einen Augenblick an und ſagte: .„Geht heim, Streicherin, ich mag und darf Euch heute nicht nach Magſtatt mitnehmen, die Käthe würde noch mehr erſchrecken, wenn ſie die ſchlimme Nachricht durch Euch erführe, laßt mich und die Loni ihr ſagen, was zu hören und zu ſagen gleich ſchwer iſt.“ Die Alte hatte am Wagen geſtanden und nä⸗ herte ſich jetzt den Pferden, die ſchnaubend und wie⸗ hernd nach dem warmen Stall begehrten. „Ihr wollt mich nicht mitnehmen, Hanns Gul⸗ denmann?“ ſagte ſie giftig,„ich dächte, Eure Pferde wären nicht zu ſchwach, die Laſt meines ſiechen alten Körpers zu ziehen; ſei es aber d'rum, fahrt zu, ich denke, ich werde auch ohne Eure Gutheit nach Mag⸗ ſtatt kommen, eher vielleicht als Ihr; fahrt zu, 70 Hanns Guldenmann, die Streicherin bittet nie zwei⸗ mal um eine Gefälligkeit.“ Sie humpelte bei dieſen Worten auf die Seite des Weges, und die Pferde, die ſich ſeit einigen Augenblicken bäumten, zogen heftig an und fort ging's in die Nacht hinein, die ſich ſchwarz und dicht über die Gegend gelegt hatte. Der Knecht, der vorn auf des Bildſchnitzers Wagen ſaß, mußte alle ſeine Kraft anſtrengen, die Thiere an der Leine zu halten. Mit jedem Augen⸗ blick ſchienen ſie wilder und toller zu werden und das Fuhrwerk flog dahin, daß die Funken ſtoben. „Was die Kreaturen nur haben,“ ſagte Gul⸗ denmann beſorgt,„ſie ſind doch ſonſt fromm wie die Lämmer?“. Der Knecht brummte etwas, das der Herr nicht verſtand, das ihm aber ziemlich wie Hexe und Teufel klang. Er fragte alſo nicht weiter, die Strei⸗ cherin war ſeine Blutsverwandte, und warum ſollte er ſeinem Geſinde Gelegenheit geben, Unehrbares von einer ſolchen ihm ins Geſicht zu ſagen? „Ich wollte, ich hätte ſie aufſitzen laſſen die alte Hexe,“ brummte er in ſeinen eigenen Bart, „man darf ſolch ein Satansweib nicht durch eine abſchlägige Antwort erzürnen.“ 71 „Halt' die Thiere, halt' ſie feſt, Sepp'! mein Junge! Ich will herunterſteigen und auf dieſem halsbrechenden Wege den Hemmſchuh anlegen.“ Alle Kräfte aufbietend, verſuchte der Knecht, dem wilden Lauf der Pferde Einhalt zu thun; aber es war vergebens, ſie raſten wie toll den Berg hinab, der Wagen ſchlug ihnen an die Hanken und machte ihre Wildheit zu vollſtändigſter Raſerci. Der Bildſchnitzer wußte, daß der Weg hier an Abhängen vorüberführte, ſteil wie eine Mauer, und es gehörte all ſein Mannesmuth dazu, in dem Fahrzeug, das über Stock und Block jagte, ſitzen zu bleiben bis zu einer Stelle, wo er mit verhältniß⸗ mäßiger Sicherheit abſpringen konnte. Sepp', der Knecht, hatte ſich die Zügel um die Hand gewickelt und kämpfte auf Tod und Leben mit den raſenden Thieren; in dem Moment aber, als Guldenmann abſprang, ſtieß das eine Rad mit wilder Gewalt auf eine Baumwurzel, und er ſelbſt ſtürzte vom Sitze herab. Fortraſend riſſen die Pferde den Unglücklichen, der nicht Beſinnung genug hatte, die Hand aus den Riemen zu wirren, mit ſich fort, in einem Nu war alles in der Dunkelheit der Nacht verſchwunden und Johann Guldenmann ſtand mit 72 gefalteten Händen und verſuchte ein Gebet zu ſpre⸗ chen und ſeine Gedanken zu ſammeln. „Sepp'! Sepp'! armer Junge! Heiland der Welt, das iſt ſein Tod,“ rief er verzweiflungsvoll. Aus der Ferne hörte er einige Augenblicke das wilde Rollen der Räder, das Wiehern der Roſſe, und dann ſah er ſich allein in der düſtern Winternacht, allein und unfähig, dem Armen zu Hilfe zu kommen, der jetzt wahrſcheinlich den letzten irdiſchen Kampf kämpfte. Den eiſigen Schweiß von der Stirn wiſchend, ſchritt er vorwärts, ſo raſch ſeine Füße ihn tragen konnten. Der abnehmende Mond ſtieg indeß am Him⸗ mel empor und goß ſein bleiches Licht aus auf Fels und Buſch, und auf den ſteinigen verwurzelten Weg. Hin und wieder ſah Guldenmann an zer⸗ fahrenen Steinen, auf dem Sande und an zerbro⸗ chenen Wurzeln die Spur des toll dahin geraſten Wagens, und daneben etwas, das ſein Herz erſtar⸗ ren ließ: Blutstropfen, die im Mondlicht wie Rubi⸗ nen glänzten. An einem Tannenzweig, der ſich tief über den Weg bog, hing ein Stück von Sepp's braunem Mantel, die Mütze von Fuchspelz hatte eine Baumwurzel vom Sturz in den Abgrund zurück⸗ gehalten, ach und überall, dicht neben dieſen Din⸗ 2= — äI=SAS=S 73 gen Blut, Blut, rothes Blut, das aus mancher Wunde des Armen gefloſſen ſein mußte. Wo Gul⸗ denmann eine ſolche ſchreckliche Spur entdeckte, be⸗ tete er unter rinnenden Thränen, und ging dann weiter, immer weiter, bis er ſich längſt von dem Wege nach Magſtatt entfernt hatte. Da, wo es bergab geht nach dem Dörfchen Böhningen, lagen die Trümmer des Wagens, und hundert Schritte davon das, was von dem jungen Burſchen noch übrig war, der heute in der Frühe ſo luſtig pfeifend die Pferde eingeſpannt, durch deren Koller er ſeinen frühen Tod gefunden. Thrän' um Thräne rann aus des alten Man⸗ nes Augen auf die Leiche, die kalt und ſtarr auf dem Graſe lag und das bleiche blutbefleckte Ange⸗ ſicht zum klargewordenen Himmel kehrte. Sepp' war der einzige Sohn einer armen Witwe, ihre einzige Stütze, ihre einzige Freude; der warmherzige Bildſchnitzer wäre, als er an den Schmerz der Mutter dachte, herzlich gern geſtorben für den Jüngling. Anfangs hoffte er noch, daß der tüchtige Junge leben und ſich erholen werde; aber bald überzeugte ihn die ungeheuere Wunde im Hinterhaupt, daß er dem Armen keinen andern Dienſt mehr erweiſen könne, 74 als mit zitternden Händen ſeine Augen zudrücken und in andächtigem Gebet ſeine Seele der Gnade des Erlöſers empfehlen. Dann machte er ſich auf nach Böhningen, um Leute zuſammenzurufen, die ihm helfen ſollten die Leiche fortzuſchaffen, und der Wintermorgen brach kalt und glänzend an, als vier Männer, an deren Spitze der Bildſchnitzer ſich befand, den armen Sepp' auf eine Trage legten und ihre unheimliche Laſt mit einem Mantel bedeckt, ruhigen Schrittes bergauf und bergab dem Dorfe Magſtatt zuſchritten. Apollonia kam ihnen entgegen. Sie und ihr Mann hatten die Nacht über nicht geſchlafen. Nach Mitternacht war die Muhme Strei⸗ cherin gekommen und hatte ſich zur Katharina geſetzt, dieſer mit leiſer Stimme allerlei erzählend. Dann war um drei Uhr früh eins der beiden Pferde mit geſträubter Mähne, das Stück einer zerbrochenen Deich⸗ ſel hinter ſich ſchleppend, in das Gehöft geſtürmt, und darauf hatte Wellinger die junge Mannſchaft aus Magſtatt zuſammengerufen und war den Weg nach Weil hinauf ſeinem lieben Lehrherrn und Freunde entgegengegangen. Apollonien hatte die Angſt keine Ruhe gelaſſen und ſo war ſie den Männern nach einiger Zeit ge⸗ 75 folgt. Im Morgengraun kam ſie an die Stelle, wo die Wege ſich ſchieden, und bemerkte dort, daß das Pferd nicht von Weil, ſondern von Böhningen gekommen ſein mußte; ſo ſchlug denn auch ſie dieſen Pfad ein, auf dem ſie mit dem traurigen Zuge zuſammentraf. Als ſie den Bildſchnitzer ſah, der an der Bahre herging, rief ſie mit heller Freude:„Ihr lebt! Ihr ſeid geſund, herzlieber Vater und Freund! Gelobt ſei der liebe Heiland, der Euch für uns alle, für Eure Schüler und Kinder, für alle Freunde und Nachbarn nah und fern erhielt.“ „Jauchze nicht, Loni, mein Kind,“ ſagte Gul⸗ denmann ſchmerzlich,„es thut meinem Herzen weh, denken zu müſſen, daß der arme Sepp' ſein junges Leben für mich hat laſſen müſſen; bin ich doch ein Greis und wenig mehr nütze auf Erden, während er — Loni, wer wird's der alten Mutter ſagen, daß ihr einzig Kind eine ſtarre Leiche?“ „Ich, Ohm, wenn's ſein muß,“ entgegnete die junge Frau mit ſanfter Feſtigkeit. „Thu' das, Loni, und ſag' ihr von meinetwe⸗ gen, daß ich ihr zwar nicht den Sohn erſetzen kann, daß ſie aber den Ernährer nicht miſſen ſoll; ſolange Johann Guldenmann noch einen Biſſen Brot hat, ſoll's ihr daran nicht fehlen.“ 76 „Zuerſt aber, lieber Meiſter, kommt mit mir ins Zimmer, trinkt einen Becher warmen Weins, der für Euch bereit ſteht, und legt Euch zur Ruhe nach dieſer ſchrecklichen Nacht. Es hilft dem armen Sepp' nichts, wenn Ihr Euer Leben und Eure Geſundheit jetzt auch noch aufopfert; ah, da kommt die Muhme Streicherin, geht ihr nicht aus dem Wege, Ohm Guldenmann, wer ihr dreiſt entgegentritt, dem thut ſie nichts zu Leide.“ Der Alte zitterte an allen Gliedern.„Die ver⸗ fluchte Hexe die,“ ſagte er außer ſich,„ſie hat's den Pferden angethan, ſie hat meinen armen Sepp' um⸗ gebracht, ohne ihm Zeit zum Gebet zu laſſen, möge ſie auf Erden und in der Hölle brennen!“ 3 „Ihr habt die Streicherin begegnet?“ fragte Apollonia. „Ja, Kind,“ entgegnete Guldenmann,„und ſie beherte meine beiden ſonſt ſo guten Pferde, und der Tod des armen Sepp' komme auf ihr Haupt!“ „Amen!“ entgegnete Loni,„ſie hat den armen Burſchen umgebracht, obgleich ſie das wohl nicht in der Abſicht gehabt. Ihr Hexenwerk aber, lieber Herr, iſt nichts als ein Stückchen glühenden Schwammes, das ſie in das Ohr des Pferdes geſteckt. O ſie iſt ein böſes grundböſes Weib, das den Haß und die nir der ach pp' heit me hm hut er⸗ den im⸗ öge gte ſie der nen in err, nes, iſt die 77 Furcht, mit der jedermann ſie anſchaut, ja und mehr als das bloß, das die Strafe des weltlichen Rich⸗ ters wohlverdient hat. Als der Braune wie ra⸗ ſend in den Stall gerannt kam, war mir Anfangs wohl zu Muthe, als müßte ich vor Schreck nun gleich ſterben; ich dachte aber, daß man oft noch hel⸗ fen kann bei großem Unglück, wenn man die Ge⸗ danken zuſammenhält, und ſo nahm ich denn mein Herz in meine Hände und ging zu dem Thier, das ſich niedergeworfen hatte und keuchte. Die Seiten flogen ihm auf und ab und niemand hätte ihm wohl zu nahe kommen dürfen, als ich. Ihr wißt ja, lie⸗ ber Meiſter, das Vieh, mit dem ich zu thun habe, kennt mich bald. Die Kreaturen, denen man Gutes thut, ſind dankbar. So ließ der Braune ſich denn auch von mir zufriedenſprechen, als ich meine Hand auf ſein Kreuz legte, ja es war, als wolle er mir erzählen und über erlittene Unbill klagen. So ſah ich ihm denn in die erhitzten Augen, ſah ihn von allen Seiten an— Meiſter, Ihr wißt's ja, ich bin im Hauſe der Streicherin großgeworden und ich kenne leider Gottes viel Böſes, das man Menſchen und Thieren zufügen kann. Etwas mußte dem armen Braunen geſchehen ſein, das ihn ſo wild gemacht; ich ging mit der Leuchte um ihn herum und ließ 78 kein Fleckchen unbeachtet an ſeinem zitternden Leibe. Aus beiden Ohren des Thieres floß Blut, und als ich mit dem Finger hineinfuhr, da konnte ich aus dem einen noch ein Stückchen Zunder ziehen, das dort gelegen. Da ging ich fort und wie geſagt auf dem Wege, wo ich Euch und den armen Sepp' endlich antraf.“ Die junge Frau ſchwieg und beugte ſich weinend über des Bildſchnitzers Hand, der dem ſanften Schmei⸗ cheln nicht widerſtehen konnte und ihre ſammtweiche thränenfeuchte Wange ſtreichelte. Die Streicherin war indeß auch zu den beiden getreten. „Ah, Meiſter Guldenmann, ſeid Ihr heimge⸗ kehrt?“ ſagte ſie höhniſch, ihr faltiges wachsgelbes, kleines Geſicht nahm einen ſeltſamen Ausdruck an, als ſie einen Blick auf die Leiche warf, von deren ſtillem Antlitze beim Niederſetzen der Bahre der Mantel geſunken war. Die Sonnenſtrahlen huſchten darüber hin und der Schatten der kahlen Zweige der Linde vor Gul⸗ denmann's Hausthür, an welcher die Bahre ſtand, ſpielte darauf. Die Augenlider zuckten nicht bei der Berührung des Lichtes, die weichen blonden Haare ibe. als aus das ſagt pp; end nei⸗ iche den ige⸗ bes, an, eren der und hul⸗ and, bei aare 79 fielen über die Stirn und die bräunliche Wange und der Winterwind wehte ſie hin und zurück. Der Blick der Streicherin ward ſtarr, ihre Unterlippe zuckte und vor ſich hinmurmelnd ſagte ſie: „Fünf!— Fünf!—— Meine Zeit iſt bald vor⸗ über.“ „Wir müſſen's dem Kätherichen verſchweigen,“ ſagte Apollonia, ihre blauen freundlichen Augen trocknend.„Sie iſt ohnedieß krank genug und könnte ſammt ihrem Knäblein darüber ſterben.“ „Wir müſſen ihr mehr als das verſchweigen,“ entgegnete der Bildſchnitzer,„ich bringe gar betrübende Nachrichten für ſie aus Weil.“ „Sie weiß alles,“ flüſterte die Alte, deren ſte⸗ chendes Auge an der Leiche feſtgebannt zu ſein ſchien, „und ſie erträgt's recht gut, was wollt Ihr auch? 's iſt nicht das Schlimmſte, was Einem paſſiren kann, die Welt iſt kein Himmelsſaal, ſie iſt das Vorhaus der Hölle, und wir müſſen hindurch alle! alle! Sie kann keine Ausnahme machen.“ Als der Bildſchnitzer in Katharinens Zimmer eintrat, ſaß ſie aufrecht im Bette. Das Fenſter war geſchirmt, damit das Licht nicht in ihre oder des Kindes Augen fallen ſollte, das ſie in ihren Armen hielt. 80 „Grüß Euch Gott, Ohm,“ ſagte ſie mit einer gewiſſen befremdenden Ruhe,„die Nachricht, die Ihr mir bringt, iſt Euch zuvorgeeilt, ſchlimme Bot⸗ ſchaft hat ja Drachenflügel, erzählt mir nichts weiter, ich weiß, daß der Heinrich Handgeld von dem Spa⸗ nier genommen, daß er nach Flandern muß, daß die Hexe ihn betrogen und daß er ihr jetzt ſchon flucht. Sei's ſo, ich hab' ihm indeß den Sohn ge⸗ boren, der ſeinen Namen zu hohen Ehren bringen wird, der ein Held und großer Mann werden wird — ha, wer iſt nun mehr werth, das ehrliche Ehe⸗ weib oder die fremde Buhlſchweſter?“ Sie drückte bei dieſen Worten den Knaben an ihr Herz und küßte ſeine kleine Wange, Apollonia aber, die leiſe, wie es ihre Art, in das Zimmer ge⸗ treten, nahm ihr denſelben ab und gab ihm die we⸗ nige Nahrung, die er bei ſeiner Schwäche und Zart⸗ heit bedurfte, und des alten Johanns Augen hin⸗ gen mit Rührung an der jungen zarten Frau, die ſo mild und lieblich, ſo thätig und verſtändig war— wäre ſie nur nicht die Schülerin der böſen Hexe geweſen, es war ihm ein Stich ins Herz, wenn er daran dachte, welche ſeltſamen und ſicherlich uner⸗ laubten Künſte die Loni kannte. In der That, Apollonia Wellinger war ein 81 eigenthümliches weibliches Weſen.— Sie war klein, weit unter Mittelgröße, und ſo fein und zart wie eine Prinzeſſin. Was ſie auch thun und angreifen mochte, es hatte alles Art und Geſchick; was ſie kochte, ſchmeckte allen, und gedieh allen. Jedes Reis⸗ lein, das ſie einſteckte, erwuchs raſch zum Baume; das Zimmer, in dem ſie ſich bewegte, war ſtets ſauber wie ein Schächtelein, und ihrer Kleidung ſchien nie ein Stäubchen oder Federlein anzuhängen. Die böſen Hunde im Dorfe durfte ſie nur an⸗ blicken, höchſtens mit ihrer ſanften Stimme anrufen, und ſie krochen wedelnd zu ihren Füßen und leckten ihre weißen Hände. Die Hühner und Tauben, die ſie zog, waren die ſchönſten weit und breit, ja die Spatzen auf dem Hofe und im Garten kannten ſie und flogen von den Bäumen, ſetzten ſich auf den Weg und ſahen ſie mit den runden ſchwarzen Au⸗ gen an, wenn ſie, an ihnen vorbeigehend, Körnchen und Krümchen, die ſie faſt immer bei ſich trug, ihnen hinſtreute. Auch das kleine Knäblein der Katharina, das ſich langſam, ſehr langſam entwickelte, das aber doch unter ihrer ſorgſamen Pflege gedieh, kannte ſie ſehr bald, lächelte nur ihr zu und nicht der Mutter und 1857. XX. Johann Kepler. I. 6 8²2 langte mit den zarten Aermchen nach ihr, wenn ſie ſich freundlich über ſeine Wiege beugte. Katharina konnte ihr Kind nicht ſtillen. Ein heftiges Fieber, wohl eine Folge der großen Gemüths⸗ bewegungen, die ſie gehabt, machte dieß unmöglich; ſo gehörte denn der kleine Johann auch mehr der Loni, als ſeiner Mutter, und dieſe, die ſelbſt keine Kinder hatte, liebte den Kleinen mit wahrhafter Mutterliebe. Auch ihr Mann, der wackere Wellinger, war dem Knäblein von Herzen gewogen, und wie es ſich mehr und mehr zu entwickeln begann, ſpielte er ſtundenlang mit ihm, ſchaukelte es auf ſeinen kräftigen Armen und trug es hinaus in den Frühlingsſonnenſchein, der jetzt ſich auf Berg und Thal gelagert hatte. Apollonia legte in den Schatten der Linde, wo ſie ſelbſt ſo gern mit ihrer Spindel oder mit einer künſtlichen Stickerei ſaß, ein Tuch auf den Raſen und darauf ein Kiſſen, auf welchem der kleine Johann luſtig ſeine Gliederchen reckte und zum Him⸗ melsgewölbe emporblickte, das blau durch die grünen Zweige ſchimmerte. Wenn das Kind lachte, ſo ließ ſie es ruhig gewähren, wenn es aber ungeduldig ward und zu weinen begann, neigte ſie ſich über dasſelbe und beſchwichtigte es durch ein freundliches Wort, un ſie ſüf Zn ſch hal Ka ten Me ſan nen die dro der lieb eine ſein in ſitze Fuf em fied ſie Ein hs⸗ ich; der eine fter dem nehr ang men ein, nde, mit den eine dim⸗ inen ſie oard ſelbe Bort, 83 und wenn auch das nicht ausreichen wollte, ſo fing ſie zu ſingen an mit einer Stimme, nicht laut aber ſüß, o wie ſüß! Der Frühlingswind, der in den Zweigen der blühenden Linde gaukelte, das Geplät⸗ ſcher des Baches über glänzende Kieſel tönten nicht halb ſo ſüß und lieblich als Apolloniens Geſang. Kamen dann die Männer von der Arbeit, ſo horch⸗ ten auch ſie dieſer holden Muſik, und lächelnd pflegte Mathias Wellinger dann wohl zu ſagen, der Ge⸗ ſang ſeiner Loni ſei ſo verlockend, wie der der ſchö⸗ nen Fee Lore, die auf dem ſtarren Fels im Rhein die Schiffer an ſich zieht, nur ſei er minder gefahr⸗ drohend. Das kleine Kind der Katharina war gar bald der Mittelpunkt im Hauſe des Bildſchnitzers. Alle liebten es und machten, wie man zu ſagen pflegt, einen Abgott aus ihm. Der alte Bildſchnitzer ſtand nicht ſelten von ſeiner zierlichen und künſtlichen Arbeit auf, und ging in den Garten, wo Apollonia mit dem Kinde zu ſitzen liebte. Dieſer Garten war ein grüner Abhang am Fuße einer Bergwand, die ſteil wohl hundert Schuh emporſtieg, und aus deren felſigen Spalten das ge⸗ ſiederte Farrenkraut an den feinen Fäden ſeiner 6* 84 Wurzeln niederhing. Schöne, alte Obſtbäume wuch⸗ ſen dort, durch dieſe Wand vor den Stürmen aus Nordoſt geſchützt, und blühten und trugen früher als alle andern Bäume in Magſtatt. Ein Brünnlein rieſelte von dem Berge nieder und am Nande des⸗ ſelben ſaß Apollonia mit dem kleinen Johann in den warmen Tagesſtunden. Sie ſpann dann und ſang dazu, oder horchte auch auf das Murmeln des Waſſers, auf das Zwitſchern der Vöglein, auf das Surren der braun und grün⸗ lich ſchimmernden Käfer und das Summen der Bienen, die nicht weit davon ihren Stand hatten. Apollonia liebte die Thiere, ſie waren in ihrer ſo traurigen Kindheit ihre einzigen Geſpielen gewe⸗ ſen, und ihr liebreiches Herz und ihr ſcharfer Ver⸗ ſtand hatten ſie gelehrt, jedes Geſchöpf ſich zum Freunde zu machen. Die Bienen flogen dicht um ſie und den kleinen Johann her, ohne einem von beiden wehezuthun, ja einzelne ſetzten ſich nicht ſelten in den Blumenſtrauß, den ſie an ihrer Bruſt zu tragen pflegte, und zogen Honig aus den wel⸗ kenden Blüten und bürſteten mit den kleinen Füß⸗ chen den Blumenſtaub zu zwei Kügelchen zuſammen, die ſie an ihren haarigen Hinterbeinchen in ihre Zellen trugen. Apollonia ſtörte ſie nicht und em⸗ uch⸗ aus als lein des⸗ in auch hern rün⸗ der tten. hrer ewe⸗ Ver⸗ zum um von nicht Zruſt wel⸗ Füß⸗ men, ihre em⸗ 8⁵ pfand keine Furcht vor ihrem ſcharfen Stachel, und der kleine Johann ſah allmälig mit ſeinen wun⸗ derſam klaren braunen Augen dem Treiben der Thier⸗ chen und dem ſanften Gebaren ſeiner Pflegerin zu. Der Sommer verging und der Winter, der die Familie ans Zimmer feſſelte, machte das überaus zarte Kind mehr und mehr zum Eigenthum und Liebling aller. Katharina liebte auch ihren Knaben, aber mit einer wilden Zärtlichkeit. Sie war wohl bisweilen eiferſüchtig auf die Vorliebe, die er für ſeine liebe⸗ volle Pflegerin zeigte; aber es lag nicht in ihrer Natur, ſich viel mit einem Kinde zu beſchäftigen, gleichviel, ob es das ihrige ſei oder nicht. Ihre Gedanken ſchweiften in die Ferne und waren bei dem Gatten, von dem ſie freilich keine Nachricht hatte, von deſſen Leben und Wohlſein ſie ſich indeß feſt überzeugt hielt. Sie war nicht immer in Magſtatt. Oft ver⸗ weilte ſie bei ihren Eltern und unterſtützte die Stief⸗ mutter bei der Bewirthung der Gäſte. Doch kam es nur zu leicht, daß ſie ſich mit dieſer um einer Kleinigkeit willen aufs heftigſte veruneinigte, und dann ging ſie meiſtens zur Baſe Streicherin nach Weil, bevor ſie den Ohm Johann wieder aufſuchte. 86 Dort fand ſie, was ihr Herz am meiſten wünſchte, Gelegenheit, ſich mit ihrem Gatten zu beſchäftigen, wie weit entfernt derſelbe auch war. Gleich nach der Geburt des kleinen Johann, als die Streicherin Katharinen die erſte Nachricht von Heinrichs Verſchwinden brachte, hatte ſie es auch vermocht, das Gift aus der Wunde zu ziehen, die ſie dem Herzen der Verlaſſenen beibrachte, indem ſie ihr ſagte, wie falſch die Spanierin gegen ihren Mann geweſen, und wie wüthend dieſer jene jetzt haßte. Als dann die Geneſene zuerſt zu ihr kam und mit ihr von dem Abweſenden ſprach, hatte ſie ge⸗ fragt, ob ſie kein Gelüſten trüge, einmal in den Zau⸗ berſpiegel zu ſehen, der ihr zeigen würde, was Hein⸗ rich zur Stunde thue. Anfangs hatte Katharina dieß zurückgewieſen, eine doppelte Furcht hielt ſie ab. Einmal die Furcht vor der Gefahr und dann auch die Furcht vor der Sünde, die ſie durch ſolches Zauberwerk auf ſich lade. Als aber Tag auf Tag verrann, als ihr Kind mit jedem Tage niedlicher wurde, und der Vater — ach, ſo fern und ſtets in ſo großer Gefahr war; da wuchs der Wunſch, ſein Schickſal zu erfahren, zu einer rieſigen Höhe. Sie fuhr aus ihren Träumen auf mit dem lauten Schrei ſeines Namens; denn 87 ſie hatte ſchlafend in den Zauberſpiegel der Muhme Streicherin geblickt und ihn dort geſehen, blutend, von Wunden bedeckt und nach ihr verlangend. Sie wollte wiſſen, ob ihr Traum wahr ſei, gleichviel ob ihre Seele oder ihr Leib dabei Schaden litten, und ſo ging ſie denn zur Muhme und flüſterte mit blei⸗ cher Lippe ihr ins Ohr, daß ſie in den Spiegel zu ſchauen begehre. „So! ſo!“ entgegnete die Alte.„Mir iſt s ſchon recht und Du hätteſt das lange haben kön⸗ nen, aber dazu gehört ſo manches, was Du zuvor beſchaffen mußt. Zuerſt, den erſten Liebesbrief, den ein Junggeſelle an eine Dir bekannte Jungfrau ge⸗ ſchrieben; ſodann das gut getroffene Konterfei des⸗ jenigen, den Du ſehen möchteſt; ferner eine Locke von ſeinem und eine von Deinem Haupte; Deinen Trau⸗ ring, da der, welchen Du zu ſehen begehrſt, Dein Ehemann iſt, und endlich ein Bröcklein von einem Kruzifir, das Du mit eigener Hand in der Mitter⸗ nachtſtunde abgeſchlagen. Der Tag, wo Du mir dieß alles bringſt, ſoll nicht dem nächſtfolgenden weichen, ehe Du Deinen Gatten geſehen und Dich mit eige⸗ nen Augen überzeugt, ob er lebe und geſund ſei. Katharina Kepler hörte dieſe Forderungen mit Schauder, und ſie reichten aus, ihr für Wochen den 88 Muth zu rauben; der Wunſch aber, ſich von dem Le⸗ ben und Wohlbefinden des Abweſenden Kenntniß zu verſchaffen, ward um ſo brennender, je größer die Gefahr und Schwierigkeit, ihn zu erfüllen, ſich ihr zeigte. Mit dem Gedanken daran aufs lebhafteſte beſchäftigt, machte ſie ſich auf, um ihren Knaben zu ſehen, der ſtets im Hauſe ſeines Großohms und Pa⸗ then blieb. Dort, in der ruhig ländlichen Umgebung, dort, wo kunſtreicher Fleiß und herzliche Familienliebe ſie umgaben, dort, wo ihr Bübchen ſich mit jedem Tage mehr und lieblicher entwickelte, hätte es ihr wohl werden können ohne die Raſtloſigkeit ihres wilden ungeſchulten Herzens. Sie trat faſt immer wie ein irrer Geiſt in den Kreis von Menſchen, die, durch Liebe und Arbeit verbunden und beglückt, ihr durch ihr Beiſpiel am beſten hätten zeigen können, auf welche Weiſe der Frieden des Lebens, das, was der Deutſche ſo be⸗ zeichnend Zufriedenheit nennt, zu erwerben ſei, wenn ſie Augen gehabt hätte, dieß ihr ſo nahe lie⸗ gende zu ſehen. Apollonia war das Muſter eines ſanften häuslichen Weibes. Stets beſchäftigt, war ſie ſtets bei guter Laune und bedurfte in ihrem 89 wohlgeregelten Haushalte der Außenwelt weder zu ihrer Kurzweil noch zu ihrer Anregung. Seit ſie ſich des kleinen Johann angenommen, fühlte ſie ſelbſt die Leere nicht, die ſonſt wohl das Herz des kinderloſen Weibes beſchleicht, wenn bei längerer Dauer der Ehe ſich aus dem Liebhaber, deſſen Ge⸗ danken ihren Beſitz zum Mittelpunkt hatten, der Hausherr entwickelt, der bei der Gewißheit des Be⸗ ſitzes in ſeiner Arbeit den Zweck und das Ziel ſei⸗ nes Lebens findet. Apollonia war in einer ſtrengen ſchweren Schule erzogen, und wenn die Nachbarn von der ſtillen thätigen Frau, unter deren Händen alles in wun⸗ derbarer Weiſe gedieh, ſagten, daß ſie anders ſei, als andere Frauen, ſo hatten ſie darin vollkommen Recht. Das ungewöhnlich Treffliche iſt ſicherlich von der Allgemeinheit weſentlich verſchieden. Sie lehrte den kleinen Johann beten, zu dem Gott beten, der Himmel und Erde geſchaffen und der für das kleinſte ſeiner Geſchöpfe ſorgt, damit es lebe und glücklich ſei. So knüpfte ſie mit weicher Mutterhand das knoſpende Menſchenherzchen an die Natur als an das Gewand Gottes, und der Kleine verſtand 90 ahnungsvoll in unglaublich zartem Alter den Zuſam⸗ menhang ſeines eigenen Ichs mit dem Schöpfer. Es war etwas Eigenes um dieß von Vater und Mutter verlaſſene, zu früh geborene kränkliche Kind. In einem Alter, wo bei andern Kindern nur die Entwickelung des Körpers bemerkbar iſt, regte die Pſyche ſchon in ihm ihre Seraphflügel; es ſchien, als ob der kleine, überzarte Körper die Seele we⸗ niger feſſeln könne, als dieß ſonſt im kindlichen Leben der Fall iſt. Ja! der kleine Johann war von Vater und Mutter verlaſſen; denn obſchon Katharina ihren Knaben häufig beſuchte, ſo war doch ihr Herz nicht bei ihm, das folgte dem entflohenen Gatten, und nur das Kind hat wirklich eine Mutter, das die Liebe, die Achtſamkeit und Pflege des Mutterherzens beſitzt. Die zwei erſten Jahre des Knäbleins waren vergangen. Wieder lag der Lenz goldiggrün über dem Schwabenlande und Apollonia ſaß wieder mit ihrem Pflegling in Magſtatt im Garten des alten Bildſchnitzers. Der Kleine fing jetzt erſt an zu ge⸗ hen, und es ſah gar niedlich aus, wenn er mit un⸗ ſicherem Schritt über den grünen, mit Blütenſchnee bedeckten Raſen zu ſeiner Pflegerin hinwankte und ſeine Aermchen um ihre Kniee ſchlang. 91 Maaßliebchen und Himmelsſchlüſſelchen ſtickten den Raſen mit Silber und Gold, und in dem mur⸗ melnden, über glänzende Steine rieſelnden Brünnlein ſpielte der goldige Sonnenſtrahl. Ein Bachſtelzen⸗ pärchen hüpfte munter am Rande des Waſſerchens von Stein zu Stein und bald tauchte das eine, bald das andere ſein feines Schnäbelchen in das Naß, und keines ließ ſich dadurch ſtören, daß Apollonia, auf einem Steine ſitzend, die Spindel drehte, während der kleine Johann, an ihre Kniee geſchmiegt, ihrem Spiele zuſah. „Schau, Loni, ſchau,“ flüſterte das Kind,„ſie picken ſich die golde'nen Sternlein aus dem Waſſer, ich möchte auch ſo ein Vöglein ſein.“ Apollonia küßte die weichen dünnen Locken ihres Lieblings.„Ein jeder von uns pickt ſich die gold'nen Himmelsſternchen aus dem Waſſer des Lebens,“ ent⸗ gegnete ſie, mehr zu ſich ſelbſt als dem Kinde ſpre⸗ chend,„und fangen wir auch die Sterne nicht ein, ſo holen wir uns doch Kühlung und Erquickung aus dem Borne.“ In dieſem Augenblick ſchritt die hohe Geſtalt Katharinens den Bergpfad hinab. Sie war erhitzt und ermüdet, als ſie das Kind in leidenſchaftlicher Glut an ihre Bruſt drückte. „Gib mir einen Trunk Waſſer, Loni,“ ſagte 92 ſie, indem ſie ſich auf die Steinbank niederwarf, „den letzten wohl für lange Zeit.“ Apollonia holte ein Becherlein von Horn, das ſte hier im Garten gewöhnlich brauchte, um dem Kinde einen Trunk zu ſchöpfen, aus ihrer Taſche und füllte es mit dem kryſtallhellen Waſſer. „Woher der letzte Trunk, Kätherichen?“ fragte ſie freundlich,„ich denke, das Waſſer wird uns alle noch viele Jahre erquicken, Dich nicht ausgenom⸗ men.“ „Nein! nicht mich, Loni, ich gehe hinweg mei⸗ nem Manne nach, ich gehe nach Brügge, von dort aus habe ich Nachricht von ihm.“. Apollonia erbleichte und zog mit leiſe bebender Hand das Knäblein näher an ſich, das ſich nur we⸗ nig um die Mutter kümmerte und gern an den Bu⸗ ſen ſeiner Pflegerin flüchtete. „Eins nur macht mir Angſt,“ fuhr Katharina fort,„ob der Ohm Johann meinen Jungen bei ſich behalten will; denn mitnehmen kann ich den kleinen kranken Schelm auf dem weiten Wege nicht, und bei meiner Stiefmutter würde er es ſicherlich nicht ſo gut haben wie hier. Sie iſt ein allzuſchlimmes Weib, und wenn mein Vater ihm auch das Bißchen Brot gönnen möchte, was er aufißt, und das kleine 93 Plätzchen, das er braucht, ſie würde ihm das Leben ſo arg verbittern, wie ſie es mir gethan, und ich war ſtark und rüſtig und konnte mich wehren, er aber iſt ſo ein elend kleiner Wurm, den jeder Menſch un⸗ ter die Füße treten kann.“ Apollonia athmete auf und drückte einen Kuß auf des kleinen Johanns Stirn. „Alſo Dein Mann hat geſchrieben?“ fragte ſie, „und wünſcht, daß Du ihm nachfolgſt?“ „Lies den Brief, Loni,“ ſagte Katharina, indem ſie ein Papier aus ihrem Buſen zog. Der ſeidene Faden, mit dem es umwunden, war bereits aufgelöſt und hing unter dem großen Wachsſiegel hervor. Das Papier ſelbſt war bedeutend weniger fein, glatt und weiß als man es in unſeren Tagen anfertigt, das Blatt war in ſeiner ganzen Größe beſchrieben und die Scheere hatte es nicht von ſeinem natürlichen Rande befreit. Der Inhalt des Briefes würde in dem Deutſch unſerer Tage ungefähr alſo lauten: „Meine liebe, herzliebe Frau Katharina! Dieſes Schreiben empfängſt Du aus der großen und reichen Stadt Brügge in Flandern, woſelbſt ich bereits ſeit vier langen Wochen elend krank darnie⸗ derliege. Eine Kugel hat mir das Fleiſch der Wade zerriſſen, ohne doch den Knochen des Fußes zu ver⸗ —— —— —— 94 94 letzen; ich muß jämmerliche Schmerzen leiden, und es geht mir gar traurig. Meine vielliebe Käthe, wie viel tauſendmal habe ich Deiner gedacht in den Stunden der Angſt und des Jammers, und es iſt mir alles herzlich leid, was ich gegen Deinen Wunſch und Willen gethan. Wenn Gott mir hilft, daß ich noch einmal in die liebe Heimat zurückkehre, will ich ganz gewiß ein ordentliches Leben führen, arbei⸗ ten und Dir ein treuer Gatte ſein. Meine liebe Katharina, es geht mir gar zu traurig; krank und elend wie ich bin, brauche ich hier im fremden Lande Pflege und Wartung und habe kein Geld, ſolche zu bezahlen. Der Herzog, unſer Feldherr, iſt ein großer Kriegsheld, aber dieß Volk hier haßt ihn eben ſo ſehr als es ihn fürchtet, und wir ſeine Soldaten ſind den reichen Bürgern dieſer großen Städte ein Graun und Aergerniß. Niemand würde uns hier das geringſte ge⸗ ben, wenn er nicht dazu durch die Obermacht des Heeres gezwungen würde, ich aber, ein armer elend zurückgebliebener Kranker, bin geradezu ein Bettler. Ich bitte Dich aus Herzensgrund, meine liebe Frau, laß mir einiges Geld zukommen; Du kannſt dieß am beſten durch die edlen Herren Fugger in Augsburg. Der Ohm Johann in Magſteatt kennt ja dieſelben, laß er das Nothwendige beſorgen und ſchicke mir min⸗ und nde zu ßer ſehr den und ge⸗ des end ler. 95 deſtens dreihundert Gulden von meinem Eigenen.— Wäreſt Du hier, meine vielgeliebte Käthe, Du wür⸗ deſt mich warten, pflegen, tröſten und für mich ſor⸗ gen, aber ach, Du biſt fern und Wünſche bringen Dich mir um keinen Schritt näher.— Ich bitte Dich um alles in der Welt, ſende mir, was ich brauche, ich muß ſonſt elend umkommen und verſchmachten. Denen Herren Fugger ſoll der Ohm Johann ſagen, daß ſie das Geld nach Art der jüdiſchen Han⸗ delsleute mir in einem Papier ſenden ſollen, welches ich ſelbſt und nur auf meine eigenhändige Unter⸗ ſchrift bei einem der hieſigen reichen Kaufleute aus⸗ gezahlt erhalte.— Ich wohne hier in der elenden Herberge zum Kranich; daſelbſt trifft mich jede Nach⸗ richt, die Du mir wirſt zukommen laſſen. Sorge da⸗ für, Katharina, daß der Ohm Guldenmann alles dazu⸗ thut, um mir mein Geld herzuſchaffen; wenn man kein treues Herz um ſich hat, muß man wenigſtens Geld haben. Ich küſſe und gruͤße Dich, meine vielgeliebte Frau, und hoffe zu. Gott, Dich einſt noch geſund wie⸗ derzuſehen. Dein vielgetreuer Ehemann Heinrich Kepler.“ 96 „Und wer brachte Dir dieſen Brief?“ fragte Apollonia, nachdem ſie ihn geleſen. „Ein Kriegsmann mit nur einem Auge, ein Schwab wie mein Mann, den der abſcheuliche Spa⸗ nier in Tübingen aufgegriffen, er heißt Reinbold, und hat mit Heinrich die ganze Zeit zuſammenge⸗ lebt, bis er durch ſeine Verwundung in Freiheit kam.“ „Aber, herzliebe Katharina, Dein Mann bittet Dich ja doch eigentlich nicht ihm nachzuziehen, er will nur Geld von Dir, warum wollteſt Du dieſe ſchrecklich weite Reiſe machen?“ „Warum? fragſt Du das, Loni? Iſt es nicht mein Mann, und iſt er nicht krank und bedarf mei⸗ ner? Ich hab' viel an ihm gutzumachen, mein' ich; denn wenn ich nicht an dem Tage, da der kleine Johannes geboren ward, von ihm weggelaufen, wäre all das Unglück vielleicht gar nicht gekommen. Er badarf meiner, ſagt er das nicht immer und immer wieder? Und iſt es da nicht in der Ordnung, daß ich ihm nachgehe, wohin es immer ſei? Zudem, wenn ich ihm dreihundert Gulden ſende, iſt's gewiß beſſer, ich reiſe gleich mit und bringe ſie ihm, ſo ſchrecklich viel Geld kann doch unterwegs verlorengehen und dann— und dann, Loni, ich weiß ganz gewiß, ganz genau, 97 daß er nur geſund und wacker wird, wenn ich zu ihm gehe.“ „Hat der Reinbold das geſagt, liebe Käthe? Leuten von der Art muß man eben nicht allzuviel trauen, ſo ein entlaufener Soldat“— „Der hat mir nichts geſagt, gar nichts, er thut geheim mit allem, was meinen Heinrich angeht; aber ich weiß auf beſſerem, auf ſicherem Wege, wie es meinem Mann ergeht, ich— verſchweig's, Loni, ge⸗ gen jeden— ich ſehe meinen Mann einen Tag über den andern von Angeſicht zu Angeſicht.“ „So hat die Muhme, die grundböſe Frau, Dich alſo auch umgarnt,“ ſagte Apollonia traurig.„Kä⸗ therichen, trau' ihr nicht und ihren Zauberſpiegeln und Ringen und Sieben und Schlüſſeln,'s iſt alles eitel Lug und Trug, und es kommt nichts Gutes dabei heraus.“ „Mag ſein,“ entgegnete Katharina,„ich weiß, daß der böſe Feind ihr hilft, ich weiß es— aber ſiehſt Du, Apollonia, ich mache mir nichts aus meiner unſterblichen Seele, wenn ich noch länger ſo hätte leben müſſen in Ungewißheit über meinen Heinrich. Was nützt mir das Leben? Ich wache auf mit Ban⸗ gen, ich ſtehe auf und ſehe mit ſchwerem Herzen auf die Straße, da kommt kein Heinrich, ich mag mir 1857. XX. Johann Kepler I. 7 98 die Augen ausſchauen wie ich will. Das Herz will mir manchmal zerſpringen. Schau, ich hab' meine Mutter nicht gekannt, mein Vater heiratete bald nach ihrem Tode eine böſe Sieben, und weil das Geld von meiner Mutter ſtammte und mein gehörte von Rechtswegen, mußten ſie mir ſchon geben, was ich mir wünſchte. Ein gut Wort, einen warmen Kuß gaben ſie mir aber nicht. Der Heinrich war der erſte Menſch, der zu mir geſagt hat: ‚Ich hab' Dich lieb, Katharina!“'s iſt alles nichts und's gibt keine rechte Freud' auf Erden, Loni, das iſt gewiß; aber das Beſte iſt doch und das Einzige, wenn man ſich lieb hat. Er hat mich auf ſeinen Knieen geſchaukelt, auf ſeinen Armen getragen, mein Heinrich, und er wäre der beſte der Männer geweſen, wenn dieſe ſpaniſche Hexe ihn nicht verzaubert hätte.— Ich fürchte mich auch nicht vor der Reiſe, ſo weit und ſo müßhſelig ſie ſein mag; bin ich doch ein ſtarkes Weib, ein Kind dieſer Berge, und meine Füße haben Kraft, mich durch alle Länder zu tragen. Weg von hier, weit weg, da wird mir's erſt wohlwerden, da werd' ich andere Menſchen ſehen und andere Dinge, da werd' ich Freude finden und Freunde, hier gefallen mir die Menſchen nicht, die Häuſer nicht, nicht dieſe Berge und Wälder. Wie ich noch ganz klein war, hab' 99 ich manchmal gedacht, ich möchte Flügel haben wie die Schwalbe und in der Luft dahinziehen weit, weit, und in der Menſchen Häuſer blicken und in die tiefen Höhlen in den Bergen und auf den Grund des Waſſers, wo die Gnomen wohnen und die Nirxen. Ich will fort, Loni, ich möchte fort, weit fort, auch wenn ich nur dieſen Brief erhalten, wenn ich nicht gewiß wüßte durch den Zauberſpiegel der Muhme, wie ſehr er ſich nach mir ſehnt und bangt.“ Apollonia hatte mit feuchtem Auge, das Kind im Arme haltend, zugehört. „Arme Käthe,“ ſagte ſie ſanft, als jene erſchöpft zund mit glühender Wange ſchwieg,„es iſt mir gar leid um Dich. Die Streicherin iſt ein böſes falſches Weib, das weißt Du ſo gut wie ich. Fern ſei es von mir, zu behaupten, daß der böſe Feind der Menſch⸗ heit ſeine Jünger nicht Heren⸗ und Zauberkünſte lehrennkönne, weiſe Männer behaupten es, auf der Folter, ja und ſogar freiwillig ohne allen Zwang hat ſo mancher ſein Bündniß mit dem Teufel eingeſtan⸗ den. Aber ſieh'! ich bin von Kindauf bei der Strei⸗ cherin geweſen, ihre Zauberkünſte könnte ich alle nachmachen und dabei mitten in der Kirche ſtehen und das heilige Vaterunſer beten.“ „Aber ich möchte es nicht. Sie hantirt mit 7 100 allerlei giftigen und betäubenden Kräutern, ſie weiß 5 guten Wundbalſam zu machen, und andern, nach der n das kleinſte Schnittlein in ſchmerzhafte Eiterung f übergeht. Hab' ich doch das Alles ſelbſt kochen helfen 85 und kenne jedes Rezept ganz genau.“ ſei „Sie iſt boshaft, o wie boshaft, ich weiß davon wi am Beſten zu erzählen. Sie iſt eine ſchlimme Kupp⸗ lerin, welche arme einfältige Mädchen für ſchnödes Gold an liederliche Männer verkauft, aber ihre Macht iſt nichts weiter, als die eines böſen ſchlauen Weibes, das mancherlei Kenntniß von Kräutern und ihre Kräften hat. Ich weiß faſt immer, was ſie br um das Böſe zu thun, das man ihre Zauber nennt, und habe manches verhindert, und darum w ß ich eben, daß ſie nicht mehr kann, als jeder Andere auch erlernen könnte. Mit dem Zauberſpiegel da iſt es nichts, ſie läßt den Schatten eines Bildes auf eine weiße Wand fallen, und“—. „Ich habe geſehen und gehört,“ unterbrach ſie Katharina,„und ſelbſt Thomas, der Ungläubige, glaubte, als er ſah. Der Brief, den der Reinbold mir gab, brachte nur die Beſtätigung von dem, was ich im Zauberſpiegel erblickte. Du laſeſt ihn nur in einigen wenigen Worten anders, als die Muhme ihn mir vorlas; aber das thut nichts, ich weiß, daß —— 4☛ , — 101 meine Reiſe meinen Mann und ſeine Liebe mir wie⸗ dergibt, ich weiß, daß er ſich mit Schmerzen nach mir ſehnt, und ich weiß auch, daß ohne dieſe Reiſe ſein Leben nur noch wenige Monde dauert— ich zitternder Stimme. will zu ihm— ich muß zu ihm. Er hat mir in vn den Brief ein Papier gelegt, auf das ich dreihundert 2 Gulden von ſeinem Eigenthume auf unſer Grundſtück 6 einſchreiben laſſen kann, ich darf, wie die Muhme iſ ſagt, meine Kreuze nur noch in Gegenwart zweier ks, Zeugen beifügen, und dann borgt jeder Wucherer, u jandie Streicherin ſelbſt borgt mir das Geld darauf icht, ddann geh' ich zu Heinrich, weit, weit in die un Welt, pfleg' Du mein Kind indeß, Apollonia; wenn ders wir heimkehren, werden wir Dir's von ganzem Her⸗ Dere zen danken.— Mein Vater willigt in meine Reiſe, a iſt er mußte darein willigen, ich hätte ſonſt die Aus⸗ auſ zahlung meines mütterlichen Erbes von ihm verlangt. ſie Der Ohm Johann ſoll mir die Art und Weiſe ſagen, bigt wie ich meine Reiſe machen muß. Kennt er doch vbold die halbe Welt, die er durchwandert iſt, und ich weiß, was er hat auch in Augsburg für die Herren Fugger und 1 hat in Brügge gearbeitet als ein junger Geſelle.“ 83„Und wird Dir denn die Trennung von Deinem 8 thu Kinde ſo gar nicht ſchwer?“ fragte Apollonia mit 102 12 Katharina zog den Knaben an ihre Bruſt und küßte ihn leidenſchaftlich. „Er bleibt bei Dir,“ ſagte ſie unter einem Strome von Thränen,„und der Ohm Johann, der 3 mich ſonſt ſo ſehr liebte, wird auch ihn jetzt lieben und ebenſo auch der wackere Mathias. Er iſt in beſ⸗ ſern Händen als bei mir; denn Du weißt das ſo gut wie ich, Loni— ich bin nicht die Frau, die ſo ein kleines jämmerliches Kindlein pflegen und warten kann. Ich könnte für ihn hier herab in den Ab⸗ grund ſpringen, meine Hände für ihn ins Fe legen; alle Tage und Stunde nach ihm ſe und immer und immer geduldig mit ihm ſein— kann ich nicht.—— Ich muß und will zu meinem Manne, komme was mag; wenn ich wieder zu ihm kann, werde ich den Muth haben, das Schlimmſte zu ertragen.“ Viertes Kapitel. Das Gemüth, der Charakter, die ganze Natur eines Menſchen ſind das Produkt ſeiner Erziehung als Kind. Nicht derjenigen, die wir ihm methodiſch durch unſer Thun und Sprechen, ſondern derjenigen, έ △ S — und tem der ben beſ⸗ 8 ſo ſo rten Ab⸗ ruer hen das nem ihm e zu atur ung diſch gen, 103 die wir ihm ohne unſer Wollen, durch unſer Sein geben. Auch auf das Knäbchen Katharinens wirkte das Sein ſeiner Eltern entſcheidend. Den Vater hatten der Leichtſinn, die Mutter das leidenſchaftliche Temperament und die innere Unruhe einer ungebil⸗ deten und nach Unterhaltung dürſtenden Seele in die Weite getrieben. Das kleine Kind blieb unter den Händen einer Frau, deren geiſtige Bildung weit über ihre Zeit und ihren Stand hinausging, in einem Familienkreiſe, in dem Arbeitſamkeit, Ord⸗ nungsliebe, gegenſeitige Freundlichkeit zu Hauſe waren. Im Sommer war der Knabe mit Apollonia, oder auch allein, viel, ja faſt immer im Freien, und die Natur übte zugleich auf die erwachende Seele und auf den ſchwächlichen Körper ihren belebenden ſtärkenden Einfluß, und wenn der Winter kam, wenn der Schnee von den Bergen langſam herabzuſteigen ſchien und die rauher werdende Luft das ſchwächliche Kind ins Zimmer bannte, umgaben es Gegenſtände, wohlgeeignet, ſeinen Schönheitsſinn, ſein Nachdenken und ſeinen Nachahmungstrieb zu wecken. Die Werkſtatt, in welcher der alte Bildſchnitzer mit Mathias und noch zweien andern Geſellen ar⸗ beitete, war der Ort, in welchem der kleine Johann 104 ſeine glücklichſten Stunden verlebte. Er ging von kl einem zum andern und betrachtete die zierlichen Ge⸗ b. räthe, die unter ihren Händen entſtanden: das 3 feine Laubwerk, die Fiſche und Vögelchen an den v Lehnen der Stühle, die Gewinde von Perlen oder die w ineinander geringelten Schlangen an den Paneelen 3 und Fenſterverzierungen, und ſehr bald kannte er te das Alles und ſuchte und fand in der Natur die ſj Vorbilder zu den zierlichen Nachahmungen. ſe Der alte Bildſchnitzer, Herr Johann Gulden⸗ g mann, hatte in ſeiner Jugend große Reiſen gemacht,. er hat Rom geſehen und das ſchöne Florenz, ve a er im Palaſt des edlen Herzogs Coſimo an den D Paneelen gearbeitet. Er war in Augsburg geweſen 91 und hatte für die Herren Fugger prächtige Schnitz⸗ er arbeit zur Verzierung ihrer Schränke gemacht, auch de in die franzöſiſche Hauptſtadt hatte ihn ſein rüſtiger ei Fuß getragen und ſogar in den Zimmern der ſtolzen ſc Katharina von Medicis hatte ſeine fleißige und ge⸗ u. ſchickte Hand geſchafft. Was konnte er nicht alles w erzählen, und er erzählte gern von den Anforderun⸗ ke gen, die in fremden Ländern an ſeine Arbeit gemacht b worden waren, und von der Mühe, die er ſich ge⸗ d geben, um ſie zu befriedigen. Die muntern Geſellen horchten mit Achtſamkeit, und der Kindheitstraum des 10⁵ kleinen Johann erfüllte ſich mit mannigfachen wunder⸗ baren Bildern von fernen Gegenden und hochſtehenden Menſchen. Etwas, das in dieſem friedlichen und liebe⸗ vollen Familienkreiſe ſelten oder nie beſprochen wurde, waren die religiöſen Wirren, die in jener Zeit die ganze Welt in Hader und Unfrieden brach⸗ ten. Herr Johann Guldenmann mochte ſolche Ge⸗ ſpräche nicht, ſie berührten einen wunden Fleck in ſeinem Herzen, den ſelbſt die allmächtige Zeit nicht ganz und gar hatte heilen können. Die Familie Johann Guldenmann's gehörte zum augsburgiſchen Bekenntniß, und das Bildniß des wackern Doktors Martinus Luther hing in einem Rahmen von zierlichſter Schnitzarbeit über dem Platze, an dem er zu arbeiten pflegte. In Genf aber, wo Meiſter Gul⸗ denmann als junger Geſelle auch geweſen, hatte er ein Mädchen kennengelernt, die Tochter eines ge⸗ ſchickten Künſtlers, der Uhren anfertigte, welche Fürſten und Herren freudig mit ſchwerem Golde bezahlten; weil aber Meiſter Courtenoy dem reformirten Be⸗ kenntniß anhing, hatte er die Liebe des jungen Schwa⸗ ben und ſeines Kindes nicht gebilligt, ja er hatte die beiden mit Gewalt getrennt und Margaretha Courtenoy war früh an einer abzehrenden Krankheit geſtorben und hatte auf ihrem Todtenbette noch an 106 den fernen Liebſten geſchrieben und ihn ſegnend ihm Lebewohl geſagt. Seitdem hatte Meiſter Guldenmann einen Wi⸗ derwillen gegen das laute Geſchrei und die Bitterkeit, mit der jede Glaubenspartei ihre Meinung als die einzig richtige und ihr Bekenntniß als den all eini⸗ gen Weg zur ewigen Seligkeit bezeichnete. Er war ein frommer Mann; doch lag ſeine Frömmigkeit mehr in ſeinem liebevollen Herzen, das allen Krea⸗ turen Gutes gönnte und nach Kräften Gutes that, und Gott den Herrn in Demuth aus ſeinen Wer⸗ ken zu erkennen ſtrebte, als in dem Studium ſubti⸗ ler und ſpitzfindiger Unterſchiede im Glaubensbe⸗ kenntniſſe. Sein Wahlſpruch war jener des Apoſtels Paulus:„Nun erkenne ich doch in der Wahrheit, daß bei Gott iſt kein Anſehn der Perſon, ſondern in allerlei Volk wer ihn fürchtet und Recht thut, der iſt ihm angenehm.“ Apollonia, die ſanfte Frau, die trotz ihrer gerin⸗ gen Geburt und anſpruchloſen Stellung geiſtig weit höher ſtand, als viele gerühmte Gelehrte ihrer Zeit, liebte den Frieden von ganzem Herzen und würde, um alles in der Welt, nicht Gelegenheit gegeben ha⸗ ben zum Streit, der ſich in jenen Zeiten allgemeiner Gährung nur zu leicht bei einem Geſpräche über 107 religiöſe Anſichten einſchlich. Das Gerücht in ihrem kleinen Wohnorte nannte ſie überdieß einen Freigeiſt; denn im Hauſe der Streicherin erzogen, glaubte ſie nicht an Herxereien und den ſichtbaren Einfluß des Teufels, und war viel zu einfach und aufrichtig, um dieß nicht gelegentlich einmal auch durch ihre Worte kundzuthun. So verfloſſen die erſten Jahre des kleinen Jo⸗ hann in einer Atmoſphäre der Milde und Duldſam⸗ keit, wie man ſie damals vielleicht an keinem Für⸗ ſtenthrone, in keinem Edelhof, und in keinem ande⸗ ren Bürgerhauſe Deutſchlands, ja Europa's hätte finden können. Denn wild und grauſam wüthete der Parteihaß in allen Vereinen, die ſich zur Zeit chriſt⸗ liche Kirchen nannten, vor allem aber unter denen, die ſich unter dem Einfluß Luther's, Melanchthon's, Cal⸗ vin's und Zwingli's in Deutſchland von der Herrſchaft des Papſtes losgeriſſen hatten. Seit im Herbſte 1557 in Worms eine Zuſam⸗ menkunft von Theologen aller Konfeſſionen unter der Präſidentſchaft des Biſchofs von Naumburg, Julius von Pflug, ſtattgefunden, war ſelbſt zwiſchen den Anhängern Luther's eine bedeutende und gehäſſige Spaltung eingetreten, und eine Disputation des ka⸗ tholiſchen Biſchofs Michael Haldung und des ſanften — 108 Philipp Melanchthon, hatte keineswegs Katholi⸗ ken und Proteſtanten einander näher gebracht. Im Vertheidigen ſeiner Meinungen ins allerkleinſte Ein⸗ zelnwerk eingehend, gab Melanchthon vielmehr den proteſtantiſchen Theologen in ſeinen Worten bald dieß bald jenes, was von ihren eigenen Meinungen abwich. Die Fürſten Deutſchlands, welche die Kir⸗ chenverbeſſerung von ihrem Beginn an als eine ihnen ſehr günſtige Gelegenheit zur Verbeſſerung ihrer Ein⸗ künfte durch die der eingezogenen Klöſter und geiſt⸗ lichen Stiftungen angeſehen hatten, fanden in den Streitigkeiten der Theologen jetzt eine Gelegenheit, ihren eigenen perſönlichen Haß⸗ und Rachegefühlen freien Spielraum zu geſtatten. Ueberall hing man ſich an den Buchſtaben, trug ſeinen eigenen Sinn oder Unſinn in die Erklärun⸗ gen der heiligen Schrift und ſtritt namentlich mit grimmiger Wuth über das Abendmahl und den Sinn und die ſo ſanften, ſo liebevollen Worte, mit denen der ſich zum Tode bereitende Heiland ſeine Jünger bat, beim gemeinſchaftlichen Genuß des Brotes und Wei⸗ nes ſich ſeiner in Liebe zu erinnern. Wenn Luther die Behauptung aufſtellte, daß der Leib Jeſu ſich unfehlbar in der Hoſtie befinde und als ſolcher im Leib und Geiſt des Kommunizi⸗ oli⸗ Im tin⸗ den ald gen Kir⸗ nen Fin⸗ eiſt⸗ den heit, hlen trug run⸗ mit Sinn der bat, Vei⸗ daß inde nizi⸗ 109 renden wirke; wenn Calovin lehrte, daß der Leib Chriſti in dem Brote, aber nur als Seelenſpeiſe und nur dann genoſſen werde, wenn der Kommunizirende ſich durch frommen Glauben auf dieſe Wohlthat vorbereitet, war Melanchthon gegen beide Anſichten tolerant und bildete ſo nicht einen Vereinigungspunkt beider, ſondern eine dritte Partei, da die Theolo⸗ gen, die ſich jedem von ihnen anſchloſſen, ihre An⸗ ſicht mit wildem Gezänke vertheidigten und dadurch ihre Gemeinden lehrten, nicht in Liebe und Milde, ſondern in thörichten Wortklaubereien ihr verbeſſertes Chriſtenthum zu ſuchen. Auch die Fürſten und Herren zankten mit und nahmen dabei die Gelegenheit wahr, ſich gegenſei⸗ tig Bitterkeiten zu ſagen und einander die frühern Güter des katholiſchen Klerus zu entreißen. Dazu wüthete in den Niederlanden Herzog Alba ge⸗ gen den proteſtantiſchen Glauben und unter dem Beile ſeiner Henker floſſen Ströme des edelſten Blutes. Marximilian der II., der weiſe, edelherzige Deut⸗ ſche Kaiſer, hatte durch ſeine, wie der Sonnenſtrahl nach allen Seiten hin wirkende Milde das Gewit⸗ ter des Glaubenskrieges, das drohend über Deutſch⸗ land hing, zu beſchwören gewußt. 110 Als die Bekenner der augsburgiſchen Konfeſſion bei ihrer Bitte um freie Ausübung ihrer Religion die abſcheuliche Klauſel beigefügt, ſie ſelbſt wünſch⸗ ten, daß die Anhänger des reformirten Bekenntniſſes von der Glaubensfreiheit ausgeſchloſſen würden, hatte der milde Kaiſer ihnen geantwortet: ‚Ihr wißt nicht, was Ihr bittet.“ Zu frühe aber für Deutſchlands Ruhe war Maximilian am 13. Oktober 1576 im 49. Lebensjahre und im 12. ſeiner ſegensreichen Re⸗ gierung in Augsburg geſtorben. Sein älteſter Sohn, Rudolph, war ſchon bei ſeinem Leben im Jahre 1575 zum römiſchen Könige gekrönt worden, und ſein er⸗ wählter Nachfolger auf dem Throne fand ein Land, in dem an allen Orten die Flamme der Zwietracht lohte, ohne in ſich die Kraft zu beſitzen, dieſelbe mit Güte oder Gewalt zu dämpfen. Herr Johann Guldenmann war in Augsburg geweſen, um durch ſeine Gönner, die weit und breit berühmten Herren Fugger, Erkundigungen einziehen zu laſſen nach der verſchollenen Tochter ſeines Bruders und ihrem Ehemanne. Es hatte ihm das nothwendig geſchienen, um das Erbe des kleinen Johann ſicher⸗ zuſtellen vor den Eingriffen des Großvaters, deſſen Wirthſchaft in Eltingen nicht mehr ſo gut ging, wie vor Zeiten. en zw un 111 Mit Hand und Mund hatten ſeine Gönner ihm verſprochen, alle ihnen zugebote ſtehenden Mittel anzuwenden, um nach dem Leben oder Tode der kepleriſchen Eheleute zu forſchen. Sie hatten den wackern alten Bildſchnitzer denn drei Tage in ihrem prächtigen Palaſte behalten, und reichbeſchenkt und hoch⸗ geehrt entlaſſen, weil der Kaiſer mit einem großen Theile ſeines Gefolges bei ihnen wohnen ſollte. Meiſter Guldenman hatte noch den feierlichen Ein⸗ zug des Herrn der Chriſtenheit geſehen und ſich der Huld erfreut, mit der Herr Mar ſeine hocherfreuten Bürger von Augsburg grüßte. Es war das letztemal, daß der alte Bildſchnitzer in das edle, freundliche Geſicht des Kaiſers geblickt; als er in ſeiner Heimat ankam, war die Nachricht von dem Tode desſelben ihm ſchon vorausgeeilt. Der Rückkehrende fand ſeine Lieben alle bei gu⸗ tem Wohlſein, und der kleine Johann lief ſeinem vielgeliebten Großohm mit herzlichſtem Kinderjubel entgegen. Der Knabe war jetzt nahezu vier Jahre alt, zwar klein und zart für ſein Alter, aber friſch und blühend. Es war ein liebes, ſanftes Kind, freundlich und gehorſam, und gar klug für ſein Alter. Apollonia hatte ihn ſchon die Buchſtaben gelehrt 112 und machte mit ihm die erſten Verſuche im Leſen, und Mathias Wellinger zeigte dem geſchickten ge⸗ weckten Bürſchchen, wie man mit Zirkel und Lineal umgehen müſſe, und Johann war dabei ſo anſtellig und ſo fröhlich, wie bei allem, was ſeinem früh er⸗ wachenden Geiſte Beſchäftigung und Nahrung gab. „Der wird ein großer Künſtler, ein Baumeiſter wie Michel Angelo. Buonarotti,“ ſagte der ſtolze Lehrer und Pflegevater zu ſeinem alten Lehrmeiſter, indem er in der Werkſtatt ſeine Hand auf die jetzt dichten goldenen Locken des Kindes legte.„Das iſt ein Bub, keinen zweiten gibt's im ganzen Schwa⸗ benlande. Und was er für Fragen thun kann, ein alter erwachſener Menſch kommt gar nicht darauf. Denkt, Meiſter, geſtern, als mein Weib mit ihm im hellen Mondſchein auf die Landſtraße ging, um nachzuſehen, ob Ihr auch etwa des Weges kämet, ſagte er zu ihr:„Lieb Mütterlein, kannſt Du mir ſagen, warum der Mond im Sommer lauge nicht ſo hoch am Himmel emporklettert als jetzt, wo's wieder Winter werden will?: Wir waren alle ganz er⸗ ſtaunt darüber, daß ein ſo kleines Kind ſolche Dinge beobachtet.“ „Das iſt die Loni, die aus ihm ſpricht,“ ent⸗ gegnete Guldenmann,„die hat's auch immer mit en, ge⸗ teal llig er⸗ gab. ſter olze ſter, jetzt Das wa⸗ ein auf. im um met, mir ht ſo ieder 3 er⸗ dinge ent⸗ rmit 113 dem Himmel und mit den Sternen zu thun, man ſollte meinen, ſie verſtünde ſich wie die alte Strei⸗ cherin darauf, in den Sternen zu leſen,— ich wollt', ſie hätte die Alte nimmer geſehn.“ „Laßt die Loni,“ ſagte Wellinger.„Ihr wißt, wie wenig ſie auf ihre alte böſe Meiſterin hält und wie wenig Urſache ſie auch dazu hat. Ihr wißt auch, daß ſie immer und immer ſagt, es ſei nichts an der Sterndeuterei, und die Streicherin verſtünde erſt recht nichts davon. Sie ſieht an den Himmel, weil er gar ſo ſchön iſt und weil ſie in alle Wege ihre Freude hat an dem, was Gott geſchaffen. Wollte nur Gott, herzlieber Meiſter, die Freude an Eurer Heimkehr wäre uns nicht verdorben durch die Nach⸗ richt vom Tode des guten Herrn Max, und wir wüßten erſt Näheres von Heinrich und dem Kätherle.“ Während die beiden Männer ſo mit einander ſprachen, hatte Apollonia das Eſſen gerüſtet und trat nun in die Werkſtatt, um den kleinen Johann, der wegen ſeiner Zartheit ſtets fein frühe zu Bette ge⸗ hen mußte, noch vor Tiſche zu entkleiden. Treuherzig reichte das Kind ſein Händchen dem Heimgekehrten und dem lieben Pflegevater und ſchmiegte den Kopf an Apolloniens Schulter, die er mit ſanftem Schmei⸗ chellaut herzliebe Mutter nannte. 1857 XX. Johann Kepler. I. 8 114 „Bete nun, Johannesle,“ ſagte Apollonia, als ſie das Kind in ſein Bettchen gelegt hatte. Das kleine Bübchen kniete im Bette nieder und die braunen Augen ſuchten den Sternenhimmel durch das Bogenfenſter.„Gott, himmliſcher Vater,“ betete er, wie Apollonia ihn gelehrt hatte,„laß mich brav werden, Dich über alle Dinge und alle Men⸗ ſchen von ganzem Herzen lieben, damit ich würdig ſei, daß Dein lieber Sohn unſer Heiland ſein un⸗ ſchuldiges Blut auch für mich vergoſſen. Amen.“ „Schlafe mit Gott!“ ſagte Apollonia, ihren Liebling auf die Stirn küſſend, bevor ſie ging, das Abendbrot anzurichten. Da hörte ſie, daß Mummel im Hofe heftig bellte, ſie hörte, daß eine heiſere Frauenſtimme den Hund zu beſchwichtigen ſtrebte und endlich in laute Flüche ausbrach, als ſein Geheul nicht nach⸗ laſſen wollte. „Helfe uns Gott,“ dachte die junge Frau, „das iſt die Streicherin— ſie bringt nichts Gutes die böſe Frau, ich muß nur hinausgehen und ſie einlaſſen, damit ſie ſich nicht noch vor dem Eintritt ins Haus über uns erzürnet.“ In der That, es war die Alte, und ſie ſtand wüthend im Gehöfte und wühlte in ihrer Taſche, nme h in ach⸗ rau, ichts ehen dem tand ſche, 115 aus der ſie eben, als Apollonia zu ihr trat, einen Biſſen hervorzog, den ſie dem Hunde hinhielt. „Laßt den Mummel, Muhme,“ ſagte dieſe, in⸗ dem ſie der Alten aus der Hand nahm, was dieſe dem Thiere zu geben beabſichtigte.„Der Hund iſt treu und über alle Maßen klug, er dürfte auch wohl gar nicht einmal Euer oergiftetes Fleiſch freſſen und wird Euch ſicherlich nichts zu Leide thun. Zurück, Mummel,, ſei ruhig, guter Hund, und laß die Frau vorüber, Du ſollteſt ſie doch nun endlich kennen.“ Knurrend leckte der Hund die Hand ſeiner Herrin und die Streicherin ging an ihm vorüber, immer noch vor ſich hinfluchend und ſcheltend, bis ſie endlich im Zimmer ſtand. „Heute werde ich hier wohl willkommen ſein,“ ſagte ſie grinſend,„denn ich bringe gute Nachricht, vortreffliche Nachricht. Der Heinrich und das Kätherle ſind auf dem Wege in die Heimat und werden in zwei bis drei Tagen in Leonberg eintreffen, wo des Heinrich alter Kamerad, der Förſter Reinbold, ihnen ſchon eine Wohnung bereitet hat.“ „Wirklich?“ ſagte Johann Guldenmann,„nun, es ſoll mich vom Herzen freuen, die Tochter meines Bruders wiederzuſehen, warum in aller Welt gehen ſie aber nicht nach Weil in ihr eigen Haus?“ 8* 116 „Ei, ihr eigen geweſenes Haus meint Ihr, Meiſter Guldenmann; denn es kann Euch doch nicht unbekannt ſein, daß ich das ganze Grundſtück kaufte, als die Katharina Geld wollte für ihren Mann und ihre Reiſe? Wenn Ihr es aber noch nicht wißt, ſo erfahrt Ihr es jetzt, ich habe die von beiden Ehe⸗ leuten unterſchriebenen Kaufkontrakte wohl aufge⸗ hoben.“ „Woher wißt Ihr, daß ſie heimkehren, Muhme Streicherin?“ fragte Apollonia traurig. „Aus meinem Spiegel, Frau Wellinger,“ ent⸗ gegnete die Alte höhniſch,„aber ich denke doch, die Nachricht, die ich Euch ſelbſt trotz Wind und Regen brachte, iſt werth, daß Ihr mich ſpeiſet und her⸗ berget, Vetter Guldenmann.“ „Ihr ſeid willkommen,“ ſagte der alte Bild⸗ ſchnitzer mit ziemlich ſichtbar erzwungener Freund⸗ lichkeit, und Apollonia rückte einen Seſſel mehr zu dem runden Tiſch und ließ den Gaſt zwiſchen ſich und ihrem Manne niederſetzen; denn die jungen Geſellen, welche die Streicherin nicht wenig fürchteten, machten ſeltſame Mienen, als dieſe ſich ſelbſt zu Gaſte bat. Apollonia war, als nun alles im Hauſe zur Ruhe gegangen, unruhig und ängſtlich. Sie fürch⸗ 112 tete ſich von ihrem lieben Pflegling trennen zu müſ⸗ ſen, wenn deſſen Eltern heimkehrten, und ſchlich ſich noch nach Mitternacht an das Bett des Kindes, das in einem Kämmerchen neben ihrer eigenen Schlaf⸗ kammer ſtand. Der Kleine lag in Engelsunſchuld ſchlafend da, ſanfter Athem hob und ſenkte ſeine Bruſt, und auf dem zarten Antlitz ſpielten die Mondſtrahlen, die durch das Kammerfenſter fielen. Apollonia kniete neben dem Lager nieder und heiß und ſchnell fielen ihre Thränen auf die rein⸗ liche Decke. „Behüte Dich Gott, mein Sohn! mein Glück! mein Schatz!“ betete ſie leiſe,„wenn mein Auge Dich nicht mehr wird behüten können, ach ich habe ja außer Dir kein Kindlein, deſſen Liebe und Heiterkeit meine Gegenwart verſchönern, deſſen dankbare An⸗ hänglichkeit meine Zukunft, mein Alter erhellen könnte, und ich ſelbſt würde recht gern die Einſam⸗ keit ertragen, die auf mich wartet, wenn Du fern ſein wirſt, wüßte ich nur, daß es Dir immer wohl⸗ gehen wird. O behüte Dich Gott, mein kleiner ſüßer Johannes!“ Ein leiſes Geräuſch unterbrach ihr Gebet und ihre Thränen und aufblickend ſah ſie neben ſich am 118 Bette ihres Knaben die alte Streicherin, deren ſte⸗ chender Blick an dem Geſicht des Kindes hing. Mit einer raſchen unwillkürlichen Geberde beugte Apollonia ſich über ihren Liebling, wie die Taube ſchützend ihre Flügel über ihr Neſt breitet, wenn die Augen des Iltis aus einer Mauerſpalte hervor⸗ blitzend es bedrohen. Die alte Frau wehrte mit der Hand und flü⸗ ſterte leiſe:„Was fürchteſt Du Dich, Loni? Denkſt Du, ich will etwa den Jungen ſchlachten, um aus ſeinem Blute ein Verjüngungsbad für meine alten Glieder zu machen? Sei kein Narr! Das Leben iſt nicht ſo gar ſchön für mich, daß ich wie die Könige dieſer Welt es um jeden Preis verlängern möchte. Wenn ich dem roſenwangigen Bürſchlein da jetzt V V b wie einer jungen Taube den Hals umdrehte, meinſt etwa, ihm geſchähe ſo großes Leid? Der wird noch Thränen weinen, die bitterer ſind als der kurze To⸗ desſchmerz in der Kindheit, der wird Leid und Elend erleben, das ihm den Tod gar wünſchenswerth ma⸗ chen möchte. Mein Spiegel ſagt mir das, mein Spiegel, der mich in die Ferne und in die Zukunft ſchauen läßt.“ „Sagt Ihr das mir, Frau?“ antwortete Apol⸗ lonia mit leiſer, aber feſter und deutlicher Stimme, 259— ſte⸗ igte nube denn vor⸗ ma⸗ nein unft pol⸗ zme, 119 „mir, die ich die Lampen für Euren Zauberſpiegel rüſten und die groben Bilder zeichnen mußte, mit denen Ihr Eure betrogenen Kunden täuſchtet? Ich fürchte Euch! kein Zweifel. Ich fürchte Euch, Strei⸗ cherin! weil ich Euch kenne, weil ich weiß, daß Ihr zu allem fähig ſeid, wenn es gilt, Geld und Gut zu erwerben, Euch an Euren Feinden zu rächen, oder auch nur, Euch eine Luſt zu machen durch die Angſt, die Ihr andern einjagt. Ich fürchte Eure Gifttränke und Eure ebenſo giftigen Worte, Eure blaſenziehenden Salben und Eure ebenſo ätzenden Verläumdungen, Eure Zaubereien fürchte ich nicht, weil ich ja von Kindauf das Werkzeug derſelben war. Gott hat mich erlöſt aus Euren Händen, ehe eine ſchwere Sünde, eine Blutſchuld an mir klebt, und durch Gebet und gute Werke ſtrebe ich mich zu reinigen von dem, was ich in unwiſſender Kindheit vielleicht verſchuldet. Laßt mich in Frieden meinen ſtillen Weg gehen, Frau, und danket mir, daß ich Euer ſchnödes Thun, Eure mir bekannten vielfachen Verbrechen nicht der weltlichen Obrigkeit anzeige.“ Die alte Frau ſetzte ſich mit einem eigenthüm⸗ lichen Lachen auf das Kiſtchen, das, neben des kleinen Johann Bette ſtehend, die Kleidungsſtücke desſelben — ———y õ 120 enthielt, da Apollonia ſich, wie die Schwalbe auf ihr Neſt, auf den Bettrand des Kindes geſetzt hatte. „Sol ſo!“ ſagte ſie mit heiſerem Flüſtern,„der weltlichen Obrigkeit willſt Du diejenige übergeben, die einſt ſo an Deinem Bette ſaß, wie Du an dem dieſes Knaben; getroſt, meine liebe Pflegetochter, die Vergeltung wird auch Dir nicht ausbleiben. Du glaubſt nicht an meinen Zauber und weißt, Du kluge Frau, daß ich Gift bereiten kann und es zu gebrau⸗ chen, mich nicht ſcheue. Geh' nur hin, meine Liebe, zu unſern Schöppen und Gerichtsherren und ſprich das aus, geh' nur hin und ſage: die alte Streicherin hat keinen Teufel zum Buhlen, denn es gibt keinen, ah! wie man Deine Weisheit ſo ſchön belohnen wird, ſelbſt wenn Deine kindliche Dankbarkeit hinzu⸗ ſetzen ſollte, aber ſie kocht Gift, welches das Blut ent⸗ zündet, ſie macht die Pferde kollrig, indem ſie ihnen Feuer in die Ohren legt, und läßt die Kühe ver⸗ kalben, indem ſie ihnen ſpaniſch Fliegenpulver in den Trank rührt. Man wird Dir's ſchön danken.— Werde nur ſo alt wie ich, bleiche junge Thörin, und Du wirſt einſehen, daß man in dieſer Welt des Trugs und der Bosheit nur vorwärtsdringen kann, indem man die Waffen gegen ſie gebraucht, mit denen ſie uns niederſchlagen will.— Ich lüge, ich 121 täuſche, freilich, freilich, meine tugendhafte Schülerin, aber haſt Du nie gelogen in Deinem jungen Leben? Haſt Du nie auch nur in Gedanken Mittel ange⸗ wendet zu Deinen Zwecken, wie ich ſie zu den mei⸗ nen verwende? Sprich, Loni, haſt Du nicht mindeſtens gewünſcht, daß das Kätherichen und ihr liederlicher Mann den Hals brächen, bevor ſie heimkehrten, Dir den Jungen zu nehmen, und aus ihm, der nun ſo fromm und fein daliegt, einen Böſewicht und Land⸗ ſtreicher zu machen?“ Erſchrocken machte Apollonia das Zeichen des heiligen Kreuzes bei dieſen Worten an ihrer Bruſt und Stirn, aber ehe ſie noch antworten konnte, hielt die Streicherin ihre Hand feſt und ſah ihr höhniſch und tief in die Augen. „Gelt, ich hab's getroffen, Loni? nicht wahr? Läugne nicht, ich kann in Anderer Herzen ſehen, weil ich den Blick in mein eigenes nicht ſcheue.“ „Möge mich Gott verlaſſen in meiner letzten Noth,“ ſagte die zitternde junge Frau,„wenn ich je⸗ mals einen böſen Gedanken gehabt habe gegen das Kätherichen oder ihren Mann. Ich liebe das Kind von ganzem Herzen, und die Trennung von ihm wird mir viele Thränen koſten, aber— fern iſt meiner 122 Seele der Wunſch, es ſeiner Mutter, die es gebo⸗ ren hat, zu entziehen.“ „Glaub' Dir's, wer mag,“ lachte die Alte.„Ich für mein Theil wünſchte von ganzem Herzen, die Katharina und ihr Mann würden vom Blitz erſchlagen, ehe ihre Füße ſie ins Schwabenland zurücktragen. Der Guldenmann in Eltingen iſt mir ein hübſches Geld ſchuldig, es könnte mir nicht fehlen, daß ich allmälig ſein Grundſtück an mich kaufen könnte. Geld! Geld, Loni, iſt das echte Zaubermittel, das die ganze Welt uns unterthan macht. Jetzt bin ich ein häßliches altes Weib, noch zwei Jahre, in denen ſich mein Beſitzthum wie in der letzten Zeit mehrt, und ich bin reich genug, in die größte Stadt der Welt zu ziehen und dort als vornehme Dame zu leben. Warum ſollte ich mich nicht Reichsgräfin nennen können und ein Kleid von Silberlahn tragen, wenn ich es bezahle?“— Der Blick der alten Frau bekam etwas Irres und Schreckliches, wäh⸗ rend ſie ſprach.„Wenn ich einen Bund geſchloſſen habe mit dem Teufel“— krächzte ſie endlich—„wenn die ewigen Flammen mich erwarten, ſo will ich we⸗ nigſtens etwas dafür hier auf Erden haben. Lohnt es, ſein Unſterbliches hinzugeben, um bei Leibes⸗ leben gehaßt und verachtet zu werden? Sieben Tod⸗ 123 ſünden hat frei, wer ſich dem Böſen ergeben, ich habe erſt fünf begangen, fünf Leichen ſchlafen ſtill im Bo⸗ den, die meine Künſte dahin brachten. Euer Sepp' war der fünfte— ich werde mir Zeit laſſen zu den übrigen!“ Oft ſchon hatte Apollonia geglaubt, daß die ſchreckliche Frau, bei der ſie ihre Kindheit und Ju⸗ gend zugebracht, an Verſtandeszerrüttung litte, in die⸗ ſem Augenblick erſchien es ihr gewiß. „Legt Euch zur Ruhe, Streicherin,“ ſagte ſie ſanft, indem ſie es verſuchte, der Alten Beiſtand zu leiſten, damit ſie ſich in ihre eigene Kammer begäbe. Aber die Augen ſtarr auf einen Punkt gehef⸗ tet, die Glieder ſteif und ſonderbar verdreht, ſaß dieſe da, ohne ſich zu regen, und ſagte endlich:„Du ſollſt ſie umbringen, Loni, Du, nicht ich, dann behältſt Du das Kind und ich ihr Geld und— höre— muß ich einſt ſterben, ſollt Ihr beide, Du und der Bub', meine Erben ſein.“ „Gott ſteh' uns bei,“ ſagte Apollonia mit einem tiefen Seufzer,„welch eine Menge von Sünden und Verbrechen liegen auf dem Herzen dieſer Elenden, und welch einen Glauben hat ſie von ihren Mitmen⸗ ſchen!“ Dann aber rief ſie mit lauter Stimme ihren Gatten, der endlich erſchien, und mit deſſen Hilfe es halten, in welcher von den Entdeckungen des Genueſen 124 ihr auch gelang, die elende alte Frau in das Käm⸗ merlein zu ſchaffen, das ihr zum Schlafgemach an⸗ gewieſen worden war. Dann verſchloß und verrie⸗ gelte ſie ſorglich die Thür, die zu ihrem eigenen und des Kindes Gemach führte, und legte ſich weinend und betend nieder, das Herz beſchwert von Gedan⸗ ken an die Abſcheulichkeiten, deren Zeuge und Hel⸗ ferin ſie als Kind hatte ſein müſſen, und von Furcht vor der Trennung von dem kleinen Johann. Es ward indeß Winter, ohne daß ſich die Nach⸗ richt von der Heimkehr der kepleriſchen Eheleute beſtätigte. Apollonia putzte ſchon das Kripplein für ihren Knaben und backte Honigkuchen, die heranna⸗ hende heilige Weihnacht zu feiern. An den langen rauhen Abenden ſaßen die Familienmitglieder bei⸗ ſammen im großen Arbeitsgemach des Bildſchnitzers und ſprachen von den Ereigniſſen der Zeit. Wellin⸗ ger las auch nicht ſelten aus einem der Bücher vor, die jetzt ſchon anfingen, Eigenthum aller Stände zu werden und in jedem Hauſe einen Schatz von ſonſt nie geahnten Kenntniſſen zu verbreiten. Vor allen waren die Geſchichten der Seereiſen für die Familie Johann Guldenmann's von großem Intereſſe. Durch die Herren Fugger hatte er eine ſchöne Chronik er⸗ 125 n⸗ Kriſtoph Colon, von den Eroberungen des Ferdi⸗ n⸗ nand Cortez und Franz Pizarro erzählt wurde. Ja e. es ſtand darin auch ſogar, daß der Portugieſe Ma⸗ nd gelhaen rund um den ganzen Erdball gereiſt und von nd Oſten her in ſeine Heimat zurückgekehrt ſei, die er n⸗ nach Weſten ſegelnd verlaſſen. Er war darin gar el ſchön erzählt, wie die Sternbilder, die unſer Himmelsge⸗ cht wölbe ſchmücken und als goldene Schilder feſt an ihm zu ſtehen ſcheinen, allmälig niederſinken, wenn . man nach Süden ſegelt, und andere ſich erheben, die ute bei uns nie ſichtbar werden. Es war darin erzählt für von den verſchiedenen Klimaten, den verſchiedenen la⸗ Thieren und Gewächſen der verſchiedenen Himmels⸗ en ſtriche, von ſchwarzen und braunen Menſchen, und ei⸗ vieles andere, was allen, die es hörten, ſeltſam und rs höchſt merkwürdig ſchien, beſonders aber dem zuhor⸗ in⸗ chenden Kinde, in deſſen Seele ſich wunderbar früh or Begriffe und Gedanken regten und entwickelten. Bis⸗ 29 weilen las auch wohl Apollonia aus der heiligen nſt Schrift vor und alle hatten ihre Freude an den Worten en der Liebe des Heilandes und an dem frommen Wir⸗ lie ken ſeiner Apoſtel. Der kleine Johannes mochte aber⸗ rch am liebſten die Pſalmen hören, und wenn er recht er brav geweſen, ſo las Apollonia mit ihrer ſchönen klang⸗ vollen Stimme: 1 126 „„Herr, wie ſind Deiner Werke ſo groß und viel, Du haſt ſie alle weislich geordnet, und die Erde iſt voll Deiner Güte,““ dann glänzten die Augen des Knaben und ſeine bleichen Wangen tauchten ſich in Roſenglut, er ſchmiegte ſich an ſeine mütterliche Freundin und blickte zu ihr empor mit einem Aus⸗ druck, den Apollonia nie vergeſſen konnte. Am heiligen Chriſtabende, als man ſchon an⸗ fing, ſich der Feſtfreude in des Bildſchnitzers Hauſe hinzugeben, hielt in tiefer Dunkelheit ein Wagen vor der Hausthür. Meiſter Guldenmann war ſelbſt hinausgegan⸗ gen, den verſpäteten Gaſt zu begrüßen, und kehrte bald darauf in ſein Zimmer zurück mit einer Frau, die ein ganz kleines Kind auf dem Arme trug. Heftig weinend und zitternd warf ſich dieſe auf die Kniee, um den kleinen Johannes, der auf ſeinem niederen Stühlchen ſaß, an ihr Herz zu drücken. „Mein Sohn! mein Kind!“ ſchluchzte ſie, und jetzt erſt erkannte Apollonia in dem gebräunten ver⸗ gröberten Geſicht die Züge ihrer einſtigen Jugend⸗ gefährtin. „Da bin ich,“ ſagte Katharina Kepler,„da bin ich endlich nach drei ſchrecklichen Jahren in der lie⸗ ben Heimat. O wie ich mich freue! und das iſt mein Johannes, mein Erſtgeborner, mein geliebter Knabe, nach dem ich bei Tag und Nacht geweint habe. Ach, Oheim, wir wiſſen nicht, wie gut wir es haben in dieſem ſchönen Schwabenlande. Was hab' ich ge⸗ ſehn und erlebt in dieſer Zeit!“ Sie hatte bei dieſen mit größter Haſt hervor⸗ geſtoßenen Worten den langen Mantel abgelegt, mit dem ſie eingetreten, und ſtand nun da in einem Kleide von buntgewirktem, ſchwerem Seidenſtoff, das mit einer Schneppentaille gemacht war, und unter deſſen weiten Ueberaäͤrmeln enge rothſeidene Unter⸗ ärmel hervorſahen. Unter dem ſteifen, weißen Hals⸗ kragen trug ſie eine ziemlich ſtarke goldene Kette, ihr Haar war gänzlich aus dem Geſichte gekämmt und mit einer Goldtreſſe umbunden, aber die Kapuze des Mantels und Wind und Wetter hatten die zierliche Friſur zerſtört und Katharina in ihrem vornehmen Anzuge ſah neben Apollonia, deren bür⸗ gerliche Tracht die höchſte Sauberkeit ſchmückte, verwil⸗ dert aus. „Um des Himmels willen,“ ſagte der alte Bild⸗ ſchnitzer, als er einen Blick auf ſie geworfen,„was iſt mit Dir geſchehen, Kätherichen, daß Du, ein ſchwäbiſches Bürgerkind, wie eine fahrende Dirne in ein ehrliches ſchwäbiſches Bürgerhaus kommſt?“ 128 Aber Katharina hörte ihn nicht, von neuem hatte ſie ihr Kind an ihre Bruſt gezogen und über⸗ häufte den zitternden Knaben mit ihren Küſſen und Thränen. „Mein Hänſele, o mein herzliebes Hänſele,“ ſchluchzte ſie,„ſo hab' ich Dich endlich wieder in meinen Armen. O Du mein Herrgott, wie hab' ich gebetet, daß mir dieß Glück zutheil werden möge!“ „Wo iſt Dein Mann?“ fragte der alte Hausherr. „In Leonberg,“ entgegnete ſie haſtig,„laßt ihn, er wollte nicht mitkommen, unſer Kind zu holen, mag's Gott ihm vergeben, dem— dem Landſtreicher. Auch da, wo wir nun bleiben wollen, hat er ſchon wieder Kameradſchaft gefunden, die ihm mehr werth iſt als Weib und Kind. Der Reinbold iſt in Leon⸗ berg, und hat ihn ganz und gar beſtrickt und an ſich gezogen. Der Reinbold, der mit ihm die böſe Reiſe nach Brügge machte und mir den Brief meines Mannes aus Flandern brachte. Fluch ihm! er und alle, die mit Heinrich zuſammenkommen, taugen nichts und verführen ihn, ſelbſt wenn er Luſt hätte, einmal gut zu thun.“ „Na, Käthe,“ ſagte der alte Bildſchnitzer halb lachend und halb ernſthaft,„ich denke manchmal, Du biſt auch ſo gerade nicht die Frau, einen wilden 129 Mann im Zaume zu halten, dazu gehört eine andere Art. Na und ich denke, den Johann läſſeſt Du uns, er iſt ſo lange unſer Kind geweſen, daß wir uns das gar nicht mehr anders denken können; was willſt Du mit dem kleinen Kerle, haſt ja, wie ich ſehe, noch einen.“ „Das kann Euer Ernſt doch nicht ſein, Oheim,“ rief Katharina mit Heftigkeit.„Iſt er nicht mein Kind? Bin ich nicht Jahre lang dazu verurtheilt ge⸗ weſen, ohne ihn zu leben, mich nach ihm zu bangen und Tag und Nacht darüber zu jammern, daß ich ihn nicht ſehe? Nein, Johann, nicht wahr, mein Kind, jetzt gehſt Du mit Deiner Mutter? Du haſt Deine Mutter ſehr lieb, Du biſt lieber bei ihr, als bei andern Menſchen?“ Sie hielt bei dieſen Worten den Knaben feſt in ihren Armen, aber mit ſehr deutlichen Zeichen der Furcht und Entrüſtung riß er ſich von ihr los und eilte zu Apollonia, an deren Hände und Rock⸗ falten er ſich feſtklammerte. Stets an ſanfte Freundlichkeit gewöhnt, war das leidenſchaftliche Weſen ſeiner fremden Mutter ihm ängſtigend, und als Apollonia ihm mit ſanften Worten zuredete, zu ſeiner Mutter zu gehen und ihr die Hand zu reichen, begannen Thränen über 1857. XX. Johann Kepler. I. 130 ſein feines, roſiges Geſichtchen zu rinnen, deſſen Zart⸗ heit wohl wahrlich nicht auf eine Blutsverwandtſchaft mit der vom Wetter gebräunten und von Leidenſchaft aufgeregten Frau verrieth. Nur den ſanften und ernſten Worten Apolloniens gelang es endlich, das Kind zu beſchwichtigen, und als am Morgen des zweiten Chriſttages Katharina darauf drang, mit ihren Kindern nach Leonberg zu ihrem Manne heimzukehren, empfand der kleine Jo⸗ hann Kepler den erſten heißen Schmerz ſeines an Schmerzen ſo reichen Lebens. Fünftes Kapitel. Nicht alle Kinder ſind geneigt, in neuen Umge⸗ bungen ſchnell das zu vergeſſen, was ſie früher geliebt. Ein Kind, das aus einer liebloſen, ſtreitſüchtigen Umgebung in eine liebevolle verſetzt wird, vergißt den Jammer ſeiner erſten Kindheit vielleicht bald. Liebe und Frieden bilden die warme Atmoſphäre des Familienlebens, an welche die zarte Pflanze der Kindheit ſich leicht gewöhnt, in welcher ſie ſich fröhlich und ſchnell entwickelt.— Wenn aber umgekehrt Kinder aus einem liebevollen, friedlichen Familien⸗ lel ſig die ja no in dät ein hat um eine mit kom gen ſtün ſten tern kehr durc Inn gend Kun aft aft ens ind ina zu Jo⸗ an leben in die rauhe Luft des Zankes, der rohen Lieblo⸗ ſigkeit verſetzt werden, ſo bleibt die Erinnerung an die glücklichere Vergangenheit ihnen lange, ſehr lange, ja vielleicht als ein Gefühl tiefen Sehnens ſelbſt dann noch, wenn die Perſönlichkeiten und Oertlichkeiten, in und mit denen ſie glücklich waren, ihrem Ge⸗ dächtniß längſt entſchwunden waren. Der kleine Johann betrat das Vaterhaus mit einem Gefühl, das er bis dahin noch nicht gekannt hatte. Zwar hatte Apollonia alles mögliche gethan, um ihm den Abſchied zu erleichtern; ſie hatte ihm einen baldigen Beſuch verſprochen und daß auch er mit Erlaubniß feiner Eltern fleißig nach Magſtatt kommen ſollte. Sie hatte ihn darauf aufmerkſam gemacht, daß Vater und Mutter ihm am nächſten ſtünden auf Erden. Hatte ſie ihn doch auch vom er⸗ ſten Augenblick an gelehrt, für die abweſenden El⸗ tern täglich zu beten, und die Möglichkeit ihrer Heim⸗ kehr als ſein größeres Glück zu betrachten. Das junge Herz aber, das ſie in Liebe und durch Liebe an ſich gewöhnt, hing an ihr mit aller Innigkeit ſeines Fühlens. Es liebte die ſchöne Ge⸗ gend, in der es zum Leben erwacht, es liebte die Kunſtgegenſtände, die ſchmückend den erſten Morgen 9* 132 ſeines Lebens umgeben hatten. Es liebte die Men⸗ ſchen, für deren Wohl es Apollonia geräuſchlos und emſig arbeiten zu ſehen gewöhnt war. Furcht begleitete den kleinen Johann in das ihm fremde Vaterhaus, die erſte Furcht, die er in ſei⸗ nem jungen Leben kennenlernte. Katharina hatte, ohne an die Anweſenheit ihrer Kinder zu denken, mit Zorn und Bitterkeit über ihren Gatten und deſſen Freund geſprochen. Sie hatte den Vater, zu dem ſie ihren Knaben führen wollte, einen Landſtreicher, einen wilden Menſchen, einen Kriegsknecht des blutigen Henkers Alba genannt, und der kleine Johann, deſſen Phantaſie, wie die aller hochbegabten Kinder ſich in ewiger Thätigkeit be⸗ fand, hatte ſich von dieſem Vater ein Bild gemacht. Die Ogre's und Währwölfe in den Märchen Apol⸗ loniens waren auch wilde Kriegsknechte und böſe Land⸗ ſtreicher. Als daher am ſpäten Abend das kleine Fahrzeug, in dem Meiſter Guldenmann ſeine Verwandte nach Leonberg geſchickt, an der Thür eines hübſchen Hauſes hielt, ſchmiegte er ſich zitternd an ſeine Mut⸗ ter und folgte ihr mit heftigem Herzſchlagen in das Zimmer. Es war nur eine alte Frau dort, und dieſe kannte er längſt; die Muhme Streicherin war's, und Mutter und Muhme ſetzten ſich, nachdem die bei⸗ den Kinder Johann und ſein Brüderchen Chriſtoph zu Bette gebracht worden waren, neben einander und ſprachen bald leiſer bald lauter, immer aber ſo, daß der kleine Johann mit Zittern und Zagen zuhor⸗ chen konnte. „Sie ſind wieder weg, alle beide,„ſagte die Streicherin,„glaub' mir's, Kätherichen, der Kerl hat's ihm angethan.“ „Fluch ihm,“ entgegnete Katharina;„o Muhme, Muhme, welch ein elendes Leben führe ich neben dieſem Manne, alles, alles iſt ihm lieber als Weib und Kind. Hab' ich doch mehr gethan als jede an⸗ dere Frau an meiner Stelle, ich bin ihm nachgezo⸗ gen, ich habe ihm mein Geld und Gut hingeopfert. Ich bin ſchön, ich bin reicher als er, ich hab' mich vor ihm in den Staub gedemüthigt, ich— und er verläßt mich, verläßt mich um jeder Straßendirne, um jedes Landläufers willen.— Mein Gott und Herr! andere Weiber ſind geliebt von aller Welt, der Mann bleibt arbeitend bei ihnen, die Kinder hängen ſich an ihre Schürze, und ſelbſt Freunde und Verwandte geben ihnen nichts als liebevolle Worte Da iſt die Loni, Muhme, Ihr ſolltet ſehen, wie mein Junge ſich an ſie anklammerte, wie der 134 Mathias den Arm um ihren zerbrechlichen Leib legte und wie ein Bräͤutigam ihre Hand drückte, wie Ohm Johann ſie einmal übers andere:„Liebes Kind' und ‚liebe Tochter’ nannte; wie ſie's nur macht, ſo alle am Bändel hinter ſich herzuziehen? Mein Herr Gott, ſie war eine Betteldirne und iſt nie halb ſo hübſch geweſen als ich, und jetzt ſieht ſie aus, als wäre ſie ſchon fünfzig Jahre alt, und ihre Kleider ſind die⸗ ſelben, die ſie trug, als ich von hier wegging, nur ein Bißchen ſchäbiger geworden in den drei Jahren.“ „Ja!“ entgegnete die Streicherin heiſer,„ſie hat den Trank gebraut, der Liebe erweckt und ganz un⸗ widerſtehlich iſt; aber es gehört jahrelange Geduld, um ihn zu zeitigen.“ „Gebt ihn mir, Muhme,“ rief Katharina,„gebt ihn mir und ich will mir die Hand hier gliedweiſe abhacken laſſen. Ich will“— „Du kannſt ihn nicht kriegen, niemals, und wenn Du jedes Haar auf Deinem Kopfe einem an⸗ dern Teufel verſchriebeſt. Geduld gehört zu dem Zaubertrank der Loni, Geduld, und wann hätteſt Du die jemals gehabt? Verſuch's, fang' an, gegen den Heinrich, wenn er wüthet und wettert, ſanft wie ein Lamm zu ſein, fang' an, ihm alles an den Augen abzu⸗ ſehen und für alles, was er haben will oder bedürfen den mm bzu⸗ rfen kann, vorauszuſorgen, fang' an, für Dich nie etwas, . für Deinen Mann zu jeder Zeit alles zu thun, und wenn Du das vier Wochen, vier kurze Wochen nur ausgehalten und ausgeführt, dann kannſt Du ver⸗ ſuchen, den Trank zu brauen, mit dem die Apollonia Alt und Jung hinter ſich herzieht.“ „So gebt mir einen andern, Muhme, laßt ihn mich bezahlen, ſo hoch Ihr wollt, nur laßt ihn wirk⸗ ſam ſein auf das Herz meines Mannes.“ „Bezahlen!“ ſagte die Alte,„gut bezahle, Käthe, Deine Seele iſt der Preis; der ihn verkauft, iſt der Satan, und wenn Du ihn kaufſt und anwendeſt, biſt Du dem verfallen für ewig.“ Katharinens Gebein ſchien von Furcht geſchüt⸗ telt zu werden, und der kleine Johann krümmte ſich unter ſeinem Deckbettchen und faltete die Händchen, das Vaterunſer betend, und in dem Gebet legte der Schlaf ſeinen bunten Teppich über das Herz des Kindes und ließ die ſchönſten Traumblumen vor ihm aufblühen. Mit dem Erwachen erwachte in ſeinem Herzen ein Gefühl, das ſonſt dem glücklichen Kindheitstraume nicht angehört: das Gefühl der Sehnſucht. In dem Vaterhauſe voll Unmuth, Unfrieden 136 und Unruhe nahm für den Knaben der Ort ſeiner erſten Heimat alle goldenen Farben des Paradieſes an. Die Arbeitsſtube des Oheims mit der ſchönen Truhe und den vielen Schnitzarbeiten, ſein ſtilles Schlaf⸗ kämmerlein, in dem Apollonia neben ſeinem Bette den Abendſegen betete, der Garten mit der blumigen Wieſe und dem edlen Obſte, das Alles ſtand ver⸗ klärt vor der Phantaſie des Kindes. Wenn die Sonne ſank und ein Meer von Gold und Purpur am Himmel zurückließ, da ſchien ihm das ſanfte Antlitz ſeiner Pflegerin in dem Abend⸗ golde zu ſchwimmen. Im Dämmerlichte des Abends faßte das Weh der Sehnſucht des Kindes kleines Herz am ſtärkſten und erpreßte den ſo jungen Augen Thränen, wie ſie ſonſt nur von weit älteren zu fließen pflegen. Anfangs hatte Johann allerdings keinen andern Grund zum Weinen als eben das Bangen, allmaͤ⸗ lig aber fanden ſich für den armen Knaben der Gründe mehr und mehr. Heinrich Kepler war während ſeines Lebens in einem Kriegslager keineswegs ſanfter, mäßiger oder verſtändiger geworden. Die Eigenſchaften, die den wüſten Studenten von der hohen Schule vertrieben und den jungen Gatten Katharinens in die Netze des ſpaniſchen Werbehauptmanns brachten, hatte im Gegentheil ein wüſtes Soldatenleben zu einer vorher nie geahnten Höhe emporwuchern laſſen. Heinrich Kepler war ein rüder Geſelle. Wenn er nicht täglich trunken nach Hauſe kam, ſo lag das nicht in ſeiner Mäßigkeit, ſondern in der ungeheuern Körperkraft, die ſich allmälig in ihm entwickelt hatte. Sein Haus war ihm in den Tod zuwider, und obgleich er ſeiner Frau ziemlich viel Geld zu ihrer Dispoſition ließ, ſo geſchah dieß wahrlich nicht aus billiger Rückſicht gegen Katharina, die er weit eher zu fürchten, als zu lieben ſchien. Reinbold, ſein alter Kamerad, war viel in ſeiner Geſellſchaft, jedoch nicht ſo viel, daß man ihm gerade einen großen Einfluß auf Kepler's Charakter zuſchreiben konnte. Es war aus dem ehemals ſo wilden Geſellen ein ziemlich verſtändig ruhiger Mann geworden. Ein hübſches Mädchen, die Tochter eines Gla⸗ ſers in Leonberg, hatte ihn gezähmt, und er ſtrebte jetzt nur danach, den kleinen Poſten eines herzog⸗ lichen Förſters zu erhalten, damit er ſeine Agnes heimführen könne. Dazu aber bedurfte er einer ziem⸗ lich anſehnlichen Geldſumme, um Kaution zu leiſten, 4 und die Herbeiſchaffung derſelben war Gegenſtand ſeines ſteten Sinnens und Denkens. Er hatte die Hoffnung gehabt, daß die alte Streicherin, die für ſehr wohlhabend galt, ihm hel⸗ fen würde, da die Agnes auch eine ihrer Verwand⸗ ten war; aber von dieſer war er mit dem Beſcheide zurückgewieſen, daß ſie weit ärmer ſei, als er dächte, daß indeß Heinrich Kepler ohne Frage durch ihre Vermittlung auf ſein Grundſtück in Weil noch die Summe erhalten könne, um die es ſich handle. Es war dazu aber nicht nur die Einwilligung Heinrichs, ſondern vor allem die der Katharina er⸗ forderlich, und dieſe zu erhalten, ſchien durchaus nicht leicht. n Die Streicherin ging ihm dabei mit mancherlei guten Rathſchlägen an die Hand. Sie lehrte ihn, was er ſagen und thun müſſe, um ſich die gute Meinung der Katharina zu verſchaffen, und daß er vor allen Dingen dahinſtreben ſolle, ihr den Glau⸗ ben beizubringen, als ginge dieſe Sache nicht von ihr aus, ſondern ſein Bitten ſei eine Wirkung des Vertrauens, das er zu Katharinens gutem Herzen und gutem Verſtande habe. In der That glückte es dem Reinbold auch mehr und mehr, ſich Katharinens Gewogenheit zu 138 erwerben, und noch ein zweites Herz in der Familie ſchloß ſich ihm an, das des kleinen Johannes. Das Kind war im Vaterhauſe ſo einſam, und der heitere Soldat und Waidmann war eigentlich der einzige, der ſich einwenig mit ihm beſchäftigte. Jakob Reinbold war nicht ganz ohne Bildung, er hatte überdieß natürlichen Verſtand und einen gewiſſen Humor, den ſelbſt die ſchlimmſten Wider⸗ wärtigkeiten des Lebens nicht ganz zerſtören konnten. „Euer Junge iſt ein grundgeſcheidter kleiner Kerl,“ ſagte er zur Frau Katharina, die eine eben⸗ ſo eitle als unachtſame Mutter war, und es war ihm Ernſt damit; denn in der That überraſchten ihn die Antworten des ſanften und faſt blöden Kin⸗ des oft durch ihren Geiſt. Er nahm den kleinen Johann, als es Lenz zu werden begann, mit ſich hinaus in den grünen Wald, und dort fühlte das Kind ſich zum erſtenmale wieder ganz froh und glücklich, und wie gern ging er wieder und wieder mit dem neuen Freunde ins Freie, da derſelbe durch ſein ganzes Weſen am meiſten geeignet war, ihm ſeine alten Freunde zu erſetzen. Der kleine Johann hatte, ſeit er Magſtatt ver⸗ laſſen, noch nicht einmal beſuchsweiſe das Haus betreten dürfen, in dem er geboren. Katharina hin⸗ ——ʒʒ 140 derte das. Sie war eiferſüchtig auf des Kindes tiefe Liebe zu Apollonia, auf ſeine Anhänglichkeit an den Oheim Johann, und wollte, daß er nach Kinderart bald und ganz diejenigen vergäße, die, wie ſie glaubte, ihr in ſeinem Herzen im Wege ſtünden. Das Kind aber vergaß genoſſenes Glück und empfangene Liebe nicht, und um die Bilder ſeiner Theuern zog die Ent⸗ fernung einen Heiligenſchein, der ihm die Zeit, die es unter ihnen gelebt, und ihre einfachen Perſönlich⸗ keiten zu etwas Herrlichem, Göttlichem machte.— Heinrich Kepler bekümmerte ſich ſehr wenig um ſein Haus und ſeine Kinder. Er hatte gelernt mit Schießge umzugehen, und lag jetzt tagelang im als Wilderer die Geduld der herzoglichen Förſter auf die Probe ſtellend; fand er Kameraden, ſo verbrachte er die Nächte beim Würfelbecher, und mußte er ja einen Tag daheim ſein, ſo war gewiß Reinbold bei ihm, und ſie vertrieben ſich die Zeit mit Trinken und Erzählungen aus ihrer gemeinſamen Vergangenheit. Da kamen blutige, ſchaurige Bilder zum Vor⸗ ſchein und das auf alles merkende Kind lauſchte oft auf dieſe gräßlichen Geſchichten mit klopfendem Herzen und Angſtſchweiß auf der Stirn. Reinbold und Kepler waren beide Proteſtanten und hatten pehr aller Art grünen Walde, doch beide in einem Heere gedient, das ausgeſchickt war, den neuen Glauben in den Niederlanden völlig zu unterdrücken. Es war dieß eben nichts ſeltenes in jenen verwirrten Zeiten, in denen die Rechte und Meinung des einzelnen Bürgers gar nicht in Betracht zu kommen ſchienen bei den Kriegen und Streitig⸗ keiten der Fürſten. Dennoch kümmerte ſich auch der geringſte und einfachſte Bürger damals um das kirch⸗ liche Dogma mehr und weit eifriger als heutzutage. Es war das Panier des Tages, und ſelbſt Kepler und Reinbold ſtritten nicht ſelten mit Hitze und Er⸗ bitterung wegen einer kirchlichen Satzung, die gegen⸗ wärtig kaum zwei Theologen zum Gegenſtande eines Disputs machen würden. Reinbold war nämlich ein Anhänger des ſanften und nachſichtigen Philipp Melanchthon, während Kepler ſich mit allem Eifer, deſſen er fähig war, an das ſtrenge Lutherthum hielt. Die Zeit ging indeß ihren gleichmäßigen Gang und legte dem kleinen Johann an ſein Leben noch ein Jahr zu, während deſſen ihm ein zweiter Bruder geboren ward, der in der Taufe nach ſeinem Vater Heinrich genannt wurde. Apollonia hatte während dieſes Jahres ihren kleinen Liebling nicht einmal an ihr Herz drücken dürfen. —— ——ʒ 142 Meiſter Johann Guldenmann war erkrankt, erkrankt nach einem Beſuch bei der Streicherin und lag ſehr leidend nun ſchon ſeit Monaten auf dem Schmer⸗ zenslager. Natürlich mußte Mathias während dieſer Zeit die Stelle ſeines alten Lehrherrn im Geſchäfte ver⸗ treten. Er machte nicht ſelten Reiſen, die ihn wochen⸗ lang vom Hauſe fernhielten, und die ganze Sorge für den Haushalt und den Kranken lag denn auf den Schultern der ſchwachen, zarten Frau, die bei den unglaublichſten Anſtrengungen immer ein heiteres Geſicht, ein ſanftes Wort hatte. Was Apollonia that und ſchaffte im Hauſe ihres Wohlthäters, grenzte wirklich ans Wunderbare, und in einer Zeit, wo man jede bedeutende und un⸗ gewöhnliche Arbeit für Hexen⸗ und Teufelswerk hielt, war es daher auch nicht eben zu verwundern, daß man die ſtille geräuſchlos thätige Frau, die überdieß ſtets in tiefer Zurückgezogenheit lebte, beargwöhnte, einen Drachen in ihrem Dienſte zu haben. Mit Grauen ſah indeß die junge Frau das Uebel ihres Wohlthäters mehr und mehr um ſich greifen. Täuſchte ſie nicht alles, ſo war dasſelbe ihr nicht fremd. Sie hatte ähnliche Fälle bereits als junges Mädchen im Hauſe der Streicherin geſehen, und dieſe allein hatte durch Beſprechungen und Me⸗ dikamente demſelben Einhalt zu thun gewußt. Apollonia hatte dieſe Medikamente ſelbſt gekocht und deſtillirt, ſie kannte die einzelnen Spezies derſel⸗ ben und wußte, daß ſie nichts anderes waren, als Mittel gegen Vergiftungen; dennoch wagte ſie nicht, bei ihrem werthen Wohlthäter in Anwendung zu bringen, was möglicherweiſe doch ihm ſchädlich ſein konnte. Nur die Streicherin hätte hier helfen und rathen können, und dieſe ließ ſich ſeit längerer Zeit in Magſtatt nicht ſehen, weil ſie ſich faſt immer in Leonberg im Hauſe der Katharina aufhielt. Apollonia konnte ihren Kranken nicht verlaſſen, ſie konnte bei der böſen Frau auch nicht mit klaren Worten ſchriftlich ſich Raths erholen, und die Noth war doch ſo dringend, und ihr Wunſch zu helfen ſo groß! Sie ſetzte ſich daher in der Abendſtunde, als Herr Johann beſonders zu leiden ſchien, nieder und ſchrieb. „Frau Muhme Streicherin! Ihr wißt, was ich meine, und wißt auch, daß ich Euch kenne; ich könnte Euch verderben, das wißt Ihr auch, und daß ich es nur nicht will, weil Ihr mich genährt und gekleidet, als ich ein armes verwaiſtes Kind war, iſt Euch auch nicht unbekannt! So frage 144 ich Euch und Ihr verſteht meine Frage: Iſt mein lieber Herr Johann Guldenmann behext? Ihr wißt ſchon womit, und kann ich den Zauber löſen? Ihr wißt ſchon wodurch; denn ich kann den guten Trank kochen und kenne den böſen. Schreibt Ihr mir Ja, ſo ſoll Euch verziehen ſein; antwortet Ihr nicht, ſo wäre es mir ein Leichtes, und das wißt Ihr, Euch dem Teufel zu übergeben, der Eure Glieder zerreißt und Euren Leib in die Flamme wirft. Ich will es nicht thun, weil ich einen Schauder habe vor dem Angeben; Gott verzeih' mir's, wenn ich ſündige, indem ich den Teufel walten laſſe, aber antwortet mir durch⸗ aus und ſogleich durch dieſen Boten. Apollonia.“ „Sie wird mich ſchon verſtehen,“ dachte die junge kluge Frau,„und ich hoffe, ſie wird auch antwor⸗ ten und ſelbſt helfen, oder mir ſagen, daß ich helfen ſoll. Du lieber Herr Gott gib, daß von gu⸗ ter Wirkung ſei für meinen theuern Wohlthäter, was mir ſo leicht Gefahr bringen könnte, wenn es in unrechte Hände fiele.“ Mit dieſen Gedanken wickelte ſie den Seidenfaden um den Brief, drückte das Wachs darauf feſt und gab ihn einem ſichern Boten, der nach Leonberg wanderte, die Frau Strei⸗ cherin im Hauſe Heinrich Kepler's aufzuſuchen. 145 Dort war zur Zeit ſeiner Ankunft eben alles in Freude und Herrlichkeit. Katharina hatte einge⸗ willigt, Geld auf ihr Grundſtück in Weil aufzuneh⸗ men, und ſich mit ihrem Manne zuſammen für die Kaution des Jakob Reinbold verbürgt. So hatte denn dieſer den gewünſchten Förſterpoſten erhalten und hielt fröhlich Hochzeit mit ſeiner Agnes, bei der natürlich ſeine Freunde die Ehrenplätze hatten. Die alte Muhme Streicherin war bei den drei Kindern daheim geblieben, und ſaß mit ihnen am Ofenfeuer und erzählte Märchen, denen Johann mit höchſter Aufmerkſamkeit lauſchte. Als ſie den Brief Apolloniens geleſen hatte, ſteckte ſie ihn mit grinſendem Lachen in die tiefe Taſche ihres Rockes, und ſagte auf dieſelbe klopfend:„Da ſtecken nun für die Loni Daumenſchrauben, ſpaniſche Stiefel und der Brandpfahl, und wenn es ja mit mir dahin kommen ſollte, ſo wird ſie wenigſtens meine Nachfolgerin ſein.“ Dem Boten trug ſie aber auf, der Frau Wellingerin zu ſagen, ſie möchte den Mei⸗ ſter Johann Guldenmann nur nach ihrer eigenen Weiſe heilen und beſprechen, ſie für ihren Theil ver⸗ ſtünde nichts von ſolchen Künſten.— Katharina Kepler führte jetzt ein Leben, daran ſie Vergnügen fand. 1857. XX. Johann Kepler. I. 10 146 Des Förſters Reinbold junge Frau war hübſch und fröhlich, munterer und lebhafter vielleicht, als es ſich für die Frau eines viel älteren Mannes ſchicken wollte; ſie ging mit ihrem Mann gern zu Tanz und Schmaus, und Heinrich Kepler und ſeine Katharina waren denn auch dabei. Das luſtige Leben koſtete zwar Geld, aber was hat man umſonſt in der Welt, hatten doch die Frauen auch ihren Theil davon. Während aber Vater und Mutter abweſend waren, ſchaltete und waltete die Streicherin im Hauſe und unter den Kindern. Sie verſtand es, die Kleinen durch allerhand Tränkchen in feſten Schlaf zu bringen und den klu⸗ gen und achtſamen Johann durch Märchen und Ge⸗ ſchichten bald zu erfreuen, bald einzuſchrecken. Das arme Kind war faſt, ſo lange es unter dem Dache des Vaterhauſes lebte, ſiech. Ihm fehlte die friſche, freie Luft, die ſorgſame Pflege Apolloniens, und vor allem fehlte ihm die Liebe, die ſonſt ihn wie mit einem weichen warmen Mantel umhüllt hatte. Katharina Kepler war nicht die Mutter, die ein Kind, wie ihren Johann, zu behandeln verſtand, vb⸗ gleich ſie ihn, wie alle ihre Kinder leidenſchaftlich liebte. Bald hätſchelte ſie den zarten Knaben, überhäufte und 147 ihn mit Küſſen, Näſchereien und allerlei Spielkram, bald ſchalt ſie laut und tobend, ja ſie ſchlug ihn bei ganz geringer Veranlaſſung, und das Herz des Kindes kränkelte in jenem ſeltſamen Weh der Sehn⸗ ſucht nach einem vergangenen friedenvollen Glück, das ſonſt in der Regel der traurige Begleiter einer frühverwaiſten Kindheit iſt. Des Knaben beſter Freund war der Förſter. Zwar war Reinbold ziemlich rauh in ſeinem äußer⸗ lichen Auftreten, aber er nahm den kleinen Johann mit hinaus in den grünen Wald, er zeigte ihm die ſtattlichen Bäume, die ihre hohen Wipfel im Himmelblau badeten. Er nannte ihm ihre Namen, und erzählte dem horchenden Kinde von ihrem Gedeihen und Wachsthum, und daß ſie länger, viel länger leben als die Menſchen, die unter ihnen wandeln. Auch von den Händeln und Geſchicken der Welt erzählte er ihm nicht ſelten. Von Katholiken und Lutheranern, Utraquiſten, Reformirten und Krypto⸗ kalviniſten. Von Huß, der in Konſtanz verbrannt, noch am Marterpfahle geſagt hatte: „Jetzt ſchlachtet Ihr ein' Gans, Aber über hundert Jahre wird kommen ein Schwan, Den werd't Ihr ungebraten lahn.“ und wie denn wirklich hundert Jahre ſpäter der Doktor 10* 148 Martin Luther in Wittenberg aufgetreten ſei, und auf der Kirchenverſammlung in Worms im Ange⸗ ſicht des Kaiſers und aller Reichsfürſten, nachdem er ſeine Lehren aus der Bibel erwieſen, hinzugeſetzt hatte: ‚Hier ſteh' ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir Armen!“— Wie da der wackere Churfürſt von Sachſen den Heimkehrenden auf der Wartburg habe in Sicherheit bringen laſſen, damit kein Haar auf ſeinem redlichen Haupte gekrümmt werde. Wie mit ihm und neben ihm noch mehrere andere Männer aufgeſtanden das Papſtthum auszurotten, aber gar bald unter einander uneinig geworden und in ihren Lehren von einander abgewichen wären. Er erzählte dem Kinde von dem lieben herzigen Kaiſer Max, der ſeinen Unterthanen geſtattet, ihren Gott auf ihre eigene Weiſe zu verehren, und wie derſelbe, von allen betrauert, ſo jung geſtorben, und von dem Kaiſer Rudolph, der jetzt den Thron der Chriſtenheit einnähme, ein grundgelehrter Herr zwar, aber leider in Spanien am Hofe Philipp des II. erzogen und ſtreng anhänglich an den alten Glauben, den ſein finſterer Oheim mit allen ihm zu⸗ gebote ſtehenden Mitteln gegen das Umſichgreifen der neuen Lehre ſichere. als und ſo ſie dar Glo Aer ſag ſtra wir und nich Kne den gen rine verf Auf ihn, heit Rei 149 Der Förſter Reinbold ſprach oft zu dem Kinde, als ſtünde ein erwachſener Menſch ihm gegenüber, und in der That, die Antworten Johanns waren ſo voll Verſtand und ſonderlich, ſo voll Güte, daß ſie einem ſolchen zur Ehre gereicht hätten. Ueber nichts wunderte ſich das Kind ſo ſehr, als darüber, daß Menſchen ſich unter einander wegen ihres Glaubens haſſen und verfolgen könnten.„Wenn Gott Aergerniß nähme an dem, was Menſchen von ihm ſagen und denken,“ meinte er einſt,„er würde ja ſelbſt ſtrafen, oder beſſer noch, da er ja allmächtig iſt, wird er den dummen Menſchen die rechte Meinung und Erkenntniß ins Herz legen.“ Gegen eine ſolche Bemerkung wußte der Förſter nicht viel zu erwiedern; er hielt den ſanften klugen Knaben überhaupt für ein Naturwunder und konnte den Eltern ſowohl als auch Bekannten und Freunden nicht genug von dem Kinde erzählen, und obgleich Katha⸗ rina Kepler ihren Erſtgeborenen weder zu erziehen verſtand, noch ſeinen zarten Körper mit beſonderer Aufmerkſamkeit pflegte, ſo war ſie doch ſehr ſtolz auf ihn, und behielt jedes Wort, was über ſeine Klug⸗ heit geſagt wurde, in der Tiefe ihres Mutterherzens. Das gute Vernehmen zwiſchen den Familien Reinbold und Kepler blieb indeß nicht von langer Dauer. 150 Agnes Reinbold war eitel und nicht ohne Gefallſucht, und Heinrich Kepler nur zu ſehr geneigt, jeder hübſchen Frau, die ſich das gefallen ließ, in die Augen zu ſchauen. Katharina ward eiferſüchtig, glaubte ſich vernachläßigt und nannte ihre frühere Freundin ein ſchlechtes Weib, das nach andern Männern ſchiele. Agnes beklagte ſich darüber gegen ihren Mann, der vergebens zum Frieden redete; ehe noch ein Jahr ins Land ging, waren die beiden Frauen ſpinnefeind gegen einander, und auch zwiſchen den Männern fand ſich ein Grund zur Feindſchaft, einer, der ſchon zu frühern und ſpätern Zeiten ſehr viele Feindſchaft ge⸗ macht hat— der Förſter Reinbold zahlte weder die Zinſen, noch denjenigen Theil des Kapitals, den er im erſten Jahre abzutragen verſprochen hatte. Er konnte es nicht; ſein ſchlecht geführter Haus⸗ ſtand koſtete mehr Geld als er erwarb, ſeine ſchöne junge Frau verbrauchte an goldenen Hauben, Abſatz⸗ ſchuhen, ſeidenen Kollets u. ſ. w. ſo viel, als hätte ſie ihm Tauſende zugebracht. Als ſie ihm am Schluſſe des zweiten Jahres ihrer Ehe einen Knaben gebar, während Katharina Kepler ihren drei Buben ein Schweſterchen ſchenkte, war Reinbold wieder außer Stande den Kepler zu bezahlen, und kurze Zeit dar⸗ auf ſtarb er plötzlich, anſcheinend ohne an irgend⸗ ohne V neigt, in die laubte undin ſchiele. 1, der Jahr efeind V fand on zu ft ge⸗ weder , den e. Haus⸗ ſchöne bſatz⸗ hätte hluſſe gebar, n ein außer dar⸗ gend⸗ einer Krankheit gelitten zu haben; er ſiel in ſeinem Hauſe vom Stuhle und hinterließ ſein junges Weib als eine blutarme Witwe und ſein Knäbchen als einen Gegenſtand für die chriſtliche Barmherzigkeit der Gemeinde. Das war denn nun ein harter Schlag für das kepleriſche Ehepaar, das durch dieſen Tod ein Ver⸗ mögen von tauſend Gulden verlor, während in früheren Zeiten auch ſchon ein hübſcher Theil ihres Vermö⸗ gens dahingegangen war während Heinrichs Solda⸗ tenleben und der Reiſen der Eheleute. Die Muhme Streicherin hatte das Beſitzthum in Weil für die Gelder, welche ſie hergeliehen, für ſich genommen, es war ihr auf das in Leonberg eine Hypothek zugeſchrieben, und wenn Katharina jammerte und klagte, ſo tröſtete die Alte ſie mit der Ausſicht auf das Erbe des Bildſchnitzers und pflegte dann hinzuzuſetzen, daß Katharina und ihre Kinder ja auch ihre rechtmäßigen Erben ſeien, wenn ſie unter einander in Liebe und in Frieden blieben, und Katharina, die anfing, ſich vor dem Elend der Armuth zu fürchten, ließ ſich von der ſchlimmen alten Frau viele Dinge gefallen, die ſie ſich ſonſt wohl von keinem Menſchen hätte bieten laſſen. Heinrich Kepler hatte ſich mit jedem Jahre 152 mehr zu einem Tagedieb und Schlemmer entwickelt; ein Menſch, der in der Jugend das geiſtloſeſte und ſchädlichſte Vergnügen aus eigener Verkehrtheit jeder nützlichen Arbeit vorzieht, muß mit der Zeit immer dazu kommen, und ſo lange die Welt ſteht, ſind faſt alle Laſter, die meiſten Verbrechen in näherer oder entfernterer Abſtammung Folge der Langweile. Heinrich Kepler haßte jede Arbeit und hatte in keiner Gewandtheit, weil er keine ja recht geübt. Sein Haus ward ihm mit jedem Tage mehr unangenehnm, nicht nur, weil ſeine ſchlimmſte Feindin, die Langweile, darin mit ihm wohnte, ſondern weil jetzt auch ſeine Frau zu den Vorwürfen, die ſie ihm machte, einen neuen hinzufügen konnte, der ihm ganz außer⸗ ordentlich unangenehm war. Die Geldverluſte, welche die Familie mehr und mehr der Armuth und mit ihr dem eiſernen Zwange zur Arbeit entgegenbrachten, fielen ganz und gar auf ſeine Schultern. Katharina hatte— anders als Reinbold's leichtſinnige Witwe, niemals durch Ver⸗ ſchwendung oder Eitelkeit ihm und den Kindern pe⸗ kuniären Schaden zugefügt. Er fühlte alle Tage, daß er irgendetwas thun müſſe, um ſeiner Frau zu zeigen, daß er Geld zu erwerben verſtünde, und die Frau Streicherin fand nach ſeiner Meinung den rechten Weg für ihn dazu. Wenn Katharina weinend und ſchmollend ihm berichtete, daß das Geld, welches ſie als Zinſen von ihrem Kapital von dem Vater in vierteljährlichen Raten erhielten, zu allen Ausgaben für einen Haus⸗ halt, in dem vier Kinder mitaßen, nicht ausreiche, wenn er ſelbſt die Bemerkung machte, daß ſein Sonntags⸗ wamms ſo fadenſcheinig geworden, daß es ihm in beſ⸗ ſeren Zeiten für den Wochentag zu ſchlecht geweſen, wenn er gelangweilt und über das Keifen ſeiner Frau erboſt in ſeiner Wohnung ſaß, während andere Männer ins Wirthshaus gingen, um blanken Wein zu trinken: flüſterte die Streicherin ihm ins Ohr, daß es für ihn gut wäre, den ganzen Bettel in Leon⸗ berg an den Nagel zu hängen und ſich irgendwo eine hübſche Wirthſchaft zu pachten. Wer gern Gaſt in einem guten Wirthshauſe geweſen, der weiß, was die Gäſte vom Wirth verlangen, und kann ſelbſt ein guter und angenehmer Wirth ſein.„Nichts nährt ſei⸗ nen Mann ſo gut als ein Weinſchank und nichts iſt ange⸗ nehmer zu verwalten als ein ſolcher,“ ſagte die alte Frau.„An dem nöthigen Gelde zu einem hübſchen Anfang ſoll es Euch nicht fehlen, Heinrich. Ich ſelbſt will es Euch ſchaffen, wenn Ihr mir eine gute Ver⸗ 154 ſchreibung auf das leonberger Gehöfte gebt. Nehmt Rath an, Mann, und Euch iſt geholfen.“ Der Rath der Streicherin war einer von denen, die gern angenommen werden. Er ſtimmte mit den Neigungen und Wünſchen des Berathenen überein. Nicht in der Heimat, nicht gerade da, wo er ſo lange als ein Grundbeſitzer und wohlhabender Mann gelebt, wollte Kepler den Verſuch machen, ſich durch Arbeit zu ernähren, die Welt iſt ja groß genug, und ein hübſches Stück derſelben zu ſehen, war immer ſein Wunſch. Die Muhme Streicherin borgte ihm Geld zu einem Ausfluge nach Ellmandingen, wo, wie ſie wußte, eben eine ſchmucke Wirthſchaft, Land und Schankgeräth zu verpachten ſein ſollte. Sie konnte das am beſten wiſſen, da der frühere Wirth auf ihre Veranlaſſung von Haus und Hof geſetzt worden. Die Frau Streicherin verborgte Geld an viele Leute und war viel zu klug, um nicht Sorge zu tragen, daß es ihr zur rechten Stunde wiedergezahlt werde.— Heinrich Kepler verließ alſo abermals Weib und Kind, dießmal aber mit Katharinens Zuſtim⸗ mung, die es auch recht angenehm fand, künftig wieder wie in ihrer Jugend in ihres Vaters Haus mit vie⸗ len muntern Gäſten zuſammenzuſein, die für gute inte auf den. eute ß es Veib tim⸗ eder vie⸗ gute Bewirthung und freundliche Aufnahme nicht nur danken, ſondern— bezahlen. 1 Heinrich Kepler fand in Ellmandingen alles nach ſeinem Wunſche und Geſchmack, er ward über die Pachtbedingungen in möglichſt kurzer Zeit einig, ſchrieb ſeinen Namen unter den Kontrakt und kehrte zurück, ſein Weib und ſeine Kinder in die neue Hei⸗ mat zu holen. — Sechstes Kapitel. Der kleine Johann war ſieben Jahre alt, als die Familie ſich zum Umzuge nach Ellmandingen rüſtete. Er war ein ſchlanker, bleicher Knabe mit großen braunen Aurikelaugen und blondem Seidenhaare. Eines jener Kinder, die man nicht anblicken kann, ohne das Herz von Mitleid und Theilnahme ge⸗ ſchwellt zu fühlen. Nicht weil die Kleidung faden⸗ ſcheinig und verwachſen, nicht weil man das Kind für hungrig oder krank hält. Johann Kepler war gewiß weder das eine noch das andere, er brauchte zu ſeiner Sättigung ſo wenig und ſeine Kleider waren ſtets ſauber, ja ſie hatten, wie er ſie trug, den Anſtrich des Zierlichen. 156 Apollonia hatte ihn fort gelehrt, auf ſein Aeu⸗ ßeres ſo viel Acht zu haben, daß er niemals Anſtoß gab, ſeine Kleider mochten alt oder neu ſein. In den Augen des Knaben, um ſeine feinen kirſchrothen Lippen aber lag etwas, das jedes Herz bewegte und zu ihm hinzog. Er konnte ſo ſanft bitten, ſo innig aufblicken, und wenn er zurückgewieſen wurde, ſo zeigte ſich wohl eine glänzende Thräne an ſeiner ſeidenen Wimper, aber nie ein Ausdruck von Groll oder Zorn. Und doch war der kleine Johann nicht ohne Feſtigkeit und Muth. Seine beiden jüngern Brüder, Chriſtoph und Heinrich, waren wilde, ziemlich unge⸗ ſchlachte Buben, das kleine Schweſterchen Margaretha aber ein zartes, holdes Kind, im Aeußern dem Erſt⸗ geborenen Katharinens am meiſten ähnlich. Dieſe beiden Geſchwiſter hingen auch mit der innigſten Liebe aneinander. Johann trug das kleine Mädchen auf ſeinen ſo ſchwach ſcheinenden Armen ins Freie, er ſang es in den Schlaf, und konnte ſtundenlang geduldig an der Wiege ſeines Gretelchens ſitzen, die Zeit zu erwarten, wenn ſie die großen, braunen Augen öffnen und die Aermchen lächelnd nach dem Bruder aus⸗ ſtrecken würde. Seine zarte Hand ſchützte das Schwe⸗ SSS g8 ſterchen vor dem Uebermuth und der Knabenroheit der jüngeren Brüder, und ſo geduldig, ſo freundlich er blieb, wenn ſie an ihm ihren Muthwillen übten, ſo heftig konnte er werden, wenn ſie irgend ſeines Gretchens Ruhe oder Freude gefährdeten. Als die Familie Kepler von Leonberg abreiſte, hatte Johann einen einzigen Abſchiedsweg zu gehen, den zum Grabe ſeines Freundes Reinbold. Der kleine ſtille Knabe hatte dieß Grab als einen heiligen Ort betrachtet, er hatte es mit Kränzen geſchmückt und Blümchen darauf gepflanzt, und manche heiße Thräne war auf den Raſen des kleinen Hügels aus ſeinen Augen gefallen. Es iſt etwas eigenes und heiliges um den Schmerz und die Sehnſucht eines Kinderherzens. Schmerz und Sehnſucht ſind zwei Engel, die wei⸗ nend, aber mit zum Himmel gehobenem Zlick der Menſchenſeele vorwärts winken, immer vorwärts auf der Lebensbahn ‚Bis zu einer goldnen Pforten Du gelangſt, da gehſt Du ein, Denn das Irdiſche wird dorten Himmliſch unvergänglich ſein.-— Meiſtens treten ſie dem Erdenwanderer erſt ent⸗ gegen, wenn er ſchon eine Strecke gewandelt. Wo ſie ihn begrüßen beim Beginn des Lebens, da führen 158 ſie ihn, wenngleich meiſtens über rauhe Pfade, doch ſicherlich zu den erhabenſten Höhen des Menſchendaſeins. Schmerz und Sehnſucht ſind im Kinderleben wie zwei Flügel, ſie erheben die junge Seele über den Wuſt und Schmutz des Augenblickes. Auch bei dem kleinen Johann war das der Fall.— Er ſah und fühlte wohl das Unſchöne, Unheilige, ja Böſe, das ihn umgab, des Vaters müſſiggängeriſche Roheit, der Muütter ungezügelte Zerſtreuungsſucht: aber es blieb nichts davon an ihm haften; das leiſe, immer wache, wenngleich halb unbewußte Sehnen nach einer reineren glücklicheren Vergangenheit hob ihn über den häßlichen Jammer der Gegenwart hinweg. Eine tiefinnige Naturliebe, faſt immer die Ge⸗ fährtin ſtillen Sehnens in der Menſchenbruſt, lag auch in der noch unentwickelten Seele des Knaben, und in Ellmandingen ward ihm mehr Gelegenheit, ſich mit der Natur zu befreunden, als er in Leonberg ſeit Reinbold's Tode gehabt.— Die Wirthſchaft, die Heinrich Kepler gepachtet, war ſehr umfänglich. Zu dem Hauſe gehörten Felder und Wieſen, große Obſt⸗ und Gemüſegärten, und Frau Katharina gab ihrem Erſtgeborenen Gelegenheit, ſich dort nützlich zu machen. —,——— -—, ℳ 8—9 8 ☛2 —,— „Trag's Gretele'naus in den Garten, Hannes, und ſcheuch die Spatzen von den Kirſchbäumen,“ war faſt an jedem ſonnenhellen Sommermorgen die erſte mütterliche Weiſung, die dem kleinen Johann zukam, und er nahm das Gretele und legte das Kind im Arm haltend unter dem Laubdach der Bäume auf weichen Raſen, ſpielte mit dem Schweſterchen, ſchaute empor in die Himmelsbläue und ſtreute den zwit⸗ ſchernden Vögelchen Krümchen und Bröckchen hin, damit ſie ſatt würden, ohne die Kirſchen zu benaſchen. Da ſchifften denn Lämmerwölkchen über das Himmelsfeld, der Mond hing wie ein weißes Blü⸗ tenblatt oben an der blauen Wölbung, die Abend⸗ röthe heftete eine goldene Borte um den prächtigen Mantel, den der liebe Gott über die Erde gebreitet, und allmälig trat auf demſelben die Silberſtickerei der Sterne hervor.„Schau, Gretele mein, wie ſie blitzen die holdſeligen Augen der Englein, die von dort oben auf uns herabſchauen und uns zunicken, wenn wir brav geweſen,“ flüſterte der Knabe dem kleinen Mädchen ins Ohr, das ſchon ſchlaftrunken ſein Köpfchen an die Schulter des Bruders lehnte. „O, wenn ich Dir doch drei Sternlein herablangen könnte, die drei nur, die jetzt da unten am Himmels⸗ ſaume ſo in einer Reihe ſtehen, ſie ſteigen jetzt all 160 Abends höher hinauf; als noch die Kirſchen an den Bäumen hingen, hab' ich ſie niemals finden können!“ Vielleicht weil auf der Erde ihm von Jahr zu Jahr, ja von Woche zu Woche mehr Leid geſchah, hef⸗ tete ſich des Knaben Aufmerkſamkeit mehr und mehr an den Himmel.— Reinbold hatte ihm einſt einige der Sternbilder gezeigt, die das ganze Jahr all Abends an dem blauen Gewölbe hervortreten, die Kaſſio⸗ opea, den großen und den kleinen Wagen, und an der Stellung derſelben wußte Johann ſehr bald die Stunde der Nacht zu erkennen, wenn er zu ihnen aufſchaute. 3 Die Gelegenheit dazu ward ihm im Laufe des erſten Winters in Ellmandingen ſehr oft. Die Kin⸗ der Katharinens erkrankten an den Pocken, zuerſt Johann, dann die beiden Brüder und endlich auch das arme kleine Gretelchen. Katharina war troſtlos. Ihr Jammergeſchrei erfüllte oft ſtundenlang das ganze Haus. Fretlich ihre Wirthſchaft ließ ihr wenig, oder gar keine Zeit, ſich um die Pflege der armen kleinen Dinger zu kümmern; aber ſie ließ ſie von einer klugen Frau beſprechen, ſie gab ihnen Thee zu trinken von neunerlei im Vollmond geſammelten Kräutern, und band hand 161 Johanniskraut an die Pfoſten der Bettchen— was konnte ſie mehr thun? Zum guten Glück war der kleine Johann nicht ſo ſehr krank, daß er nicht hätte nach den Andern und beſonders nach ſeinem Gretele ſehen können. Er brachte oft mit fiebermüdem Kopfe der Kleinen zu trinken, wiſchte den Schweiß von ihrer Stirn und legte ihr die Kiſſen zurecht. Er achtete die langen Nachtſtunden hindurch auf ihren Athem und blickte, während er ſelbſt wachend dalag, durch die kleinen in Blei gefaßten Scheiben des Fenſters neben ſei⸗ nem Bette hinauf nach dem Himmel, und ſah, wie der große Wagen langſam herumrückte und die an⸗ dern Geſtirne ihm folgten. Seine Augen, früh ge⸗ öffnet für die Wunder der Schöpfung, waren vor der Pockenkrankheit ſcharf und klar wie die des Fal⸗ ken oder Adlers, aber nach derſelben legte ſich gleichſam ein Schleier über dieſelben, vielleicht in⸗ folge der Anſtrengung, um ſich wach zu erhalten, vielleicht auch bloß eine Folge der ſchlimmen Krank⸗ heit ſelbſt. Allmälig genaſen die Kinder. Johanns Geſicht war von den Pocken leicht ge⸗ zeichnet, die beiden andern Brüder hatten durch Ab⸗ reißen der Schwären ſich fürchterliche Narben zuge⸗ 1857. XX. Johann Kepler. I. 11 162 zogen, das kleine Gretelchen, auf das Johann mit höchſter Aufmerkſamkeit geachtet, damit ſie ſich das Geſichtchen nicht zerkratze, hatte nur eine einzige kleine Narbe am Munde behalten, die dem feinen Geſicht⸗ chen einen gewiſſen hübſchen, muthwilligen Ausdruck gab. Heinrich Kepler hatte in ſeinem frühern Leben als Wirthshausgaſt ſich nicht die Fertigkeit erworben, als Wirth ſeine Gäſte zufriedenzuſtellen und ſeinem eigenen Beutel Nutzen zu ſchaffen.— Katharina hatte auswärts viel zu thun, ſie lief nach den Märkten und kaufte Speiſen ein, als ob der Kaiſer bei ihr herbergen würde. Sie fragte Nachbarinnen und Be⸗ freundete wegen der Zubereitung von herrlichen Ge⸗ richten. Sie miethete ſich eine junge dralle Schenk⸗ magd und jagte ſie nach acht Tagen wieder fort; all dieß aber, obgleich es ihr viel Zeit koſtete, ob⸗ gleich ſie täglich und ſtündlich über die Mühen ihrer Wirthſchaft klagte, brachte bei weitem nicht das Geld ein, was dafür ausgegeben wurde. Katharina Kepler ſchnitt alle Tage ihren vier Kindern die Bemmen kleiner und ſtrich die Butter dünner darauf; ſie führte alle Tage ihrem Manne mit vielen Worten zu Gemüthe, daß ſie ſich halb todt arbeite, daß ſie ihm viel Geld zugebracht habe, mit das eine icht⸗ gab. eben ben, nem rina kten ihr Be⸗ Ge⸗ enk⸗ ort; ob⸗ hrer Geld vier itter unne halb abe, und daß es an ihm läge, wenn ſie immer mehr zu⸗ rück ſtatt vorwärts kämen. Vielleicht war dieß nicht die beſte Art, einen an Müſſiggang und Aufregungen gewöhnten Mann zu Fleiß, Häuslichkeit und einem geregelten Leben zu führen. Wenn ſie aber fehlte, ſo war es aus Unverſtand; denn ſie war ſich des beſten Willens bewußt und ſcheute kein Mittel, um das Glück in ihr Haus zurückzuführen und an dasſelbe zu feſſeln. In Ellmandingen fehlte ihr freilich ihre kluge Rathgeberin, die Frau Streicherin; aber ſie erinnerte ſich an alles, was ſie aus dem Munde derſelben ge⸗ hört hatte. Sie hatte weislich Salz und Brot zuerſt in das neue Haus hineingetragen. Sie hatte ein Huf⸗ eiſen an die Thür genagelt und ſieben Hechtköpfchen in ſieben kleinen Töpfchen unter die Schwelle vergraben. Ach alles, alles hatte nicht geholfen. Ihr Mann war liederlich, die Wirthſchaft ging hinter ſich, die Kinder verwilderten und gaben der Mutter kein gu⸗ tes Wort. Die Hausthiere allein kamen gut fort, Gänschen, Entchen, Hühnchen wuchſen, daß es eine Freude war. Die Stute hatte ein Füllen, das dem Johann, der nun ſchon recht verſtändig war, wie ein Hund folgte. Die Kälber waren munter, und 11* 164 1 die beiden Kühe gaben brav Milch. Das Vieh be⸗ ſorgte alles der Johann, er hatte offenbar die glück⸗ liche Hand, oder auch vielleicht einen guten Spruch für die Thiere von der Loni geerbt; denn als Ka⸗ tharina nur acht Tage die Kühe ſelbſt beſorgte und melkte, wurde die Milch gleich geringer und die Kühe gaben weniger. Wäre nur die Streicherin einmal nach Ell⸗ mandingen gekommen, ſie verſtand der guten Sprüche ſo viele; aber die ließ nichts von ſich ſehen und hören, und Katharina konnte ja nicht ſchreiben, und ihr Mann, obgleich ein Studirter, konnte es jetzt auch nur noch ſehr ſchlecht, und verlernte es alle Tage mehr. Wunder aber! der kleine Johann konnte ſchreiben, wie er auch ſehr gut leſen konnte, ohne jemals eine Schule zu beſuchen. Katharina mußte wohl an einen Zauber glauben, obſchon das Kind mit dem aufrich⸗ tigſten Geſichte, ja unter vielen Thränen verſicherte, daß der liebe ſelige Reinbold ihn die Buchſtaben ſchreiben gelehrt, und daß es ihm, da er ja ſchon in Magſtatt leſen gekannt, nun gar nicht ſchwer ge⸗ worden, auch Worte, ja alles, was er denke, nieder⸗ zuſchreiben.„Es ſei gar nichts mehr nöthig, als nur zu wiſſen, wie man jeden und einzelnen Buchſtaben ma⸗ chen müſſe, um ganz und gar ſchreiben zu können,“ ſagte er, aber Katharina ſchüttelte den Kopf und hatte eigentlich einwenig Furcht vor dem Kinde, das zwar immer ſtill und ſanft, aber doch ſo ganz und gar anders war, als andere Knaben ſeines Alters. Der Vater liebte den Knaben mehr, als alle übrigen Glieder ſeiner Familie. Freilich wollte das überhaupt nicht viel ſagen; denn Heinrich Kepler liebte eigentlich nichts und niemanden, nicht einmal ſich ſelbſt. Niemand konnte mehr ſein eigener Feind ſein, als er. Er beſtahl ſeinen eigenen Acker, indem er das Getreide, das geſäet werden ſollte, zur Hälfte verkaufte, und beſtahl ſeinen eigenen Beutel, indem er ſein beſtes Beſitzthum für das halbe Geld verkaufte, nur um Geld eben im Momente zu haben, wo er willens war, irgendein unnützes Ding, eine Flaſche beſonders guten Weins oder dergleichen zu kaufen Es war eine troſtloſe Häuslichkeit, in welcher der kleine Johann erwuchs, und ſie ward es für das Kind am meiſten durch die beiden Brüder, die grö⸗ ßer und ſtärker als er, ohne Schule und Erziehung ſo hindämmernd mehr und mehr ſeine und ſeines Gretelchens Tyrannen wurden. Es ſind zwiſchen den Gliedern eines Familien⸗ kreifes der Beziehungen ſo viele, jede Stunde am Tage bringt ihnen Gelegenheit, einander Erfreuliches 166 zu erweiſen, und es iſt ſchon ein Kummer, wenn dieß unterlaſſen wird. Wenn aber Tücke und Bosheit ſich vorſetzen, Schmerz zu bereiten; dann finden ſie im Familienkreiſe der Gelegenheiten und der Veranlaſ⸗ ſungen dazu genug. Der kleine Johann litt unter der Bosheit ſeiner Brüder dreifach, weil dieſe mit dem Raffinement der Bubenjahre ihn reizten und kränkten, indem ſie das Schweſterchen mißhandelten, das ſich nicht wehren konnte. Es war für den Knaben eine wirkliche Wohl⸗ that, daß der Vater auf den Gedanken kam, ein ſo frühzeitig kluger Junge, wie ſein Johann, ſei ihm wohl recht eigentlich beſcheert worden, damit er ihm bei der Arbeit helfe. Der Knabe ward nun angehalten, in der Schenkſtube aufzuwarten, und als er dazu kein Geſchick zeigte, verſuchte der Vater ihn mit dem Knechte hinaus ins Feld zu ſchicken, damit er bei der Arbeit auf dem Acker behilflich ſei. Wie verſchieden die Geiſtesrichtungen der Men⸗ ſchen ſind, das kann man am deutlichſten erkennen an der Art, wie ſie die nämliche Arbeit verrichten und behandeln. Bei allem, was Johann Kepler that, ſah er wenig auf den Nutzen, den es brachte, der Zuſam⸗ menhang von Urſache und Wirkung, das Warum iſt 1 dieß ſo, und kann und darf nicht anders ſein? be⸗ ſchäftigte ſeine Seele. Er ahnte in allen Ereigniſſen im Himmel und auf Erden einen Zuſammenhang, eine Regel, eine zwingende Nothwendigkeit, und zwar lag dieſe Ahnung von Kindheit an in ſeiner Seele. Nichts aber iſt ſo ſehr geeignet, den Menſchen⸗ geiſt dieſen Zuſammenhang aller Dinge vermuthen, errathen, finden zu laſſen, als die Arbeit im Felde. Sie macht uns aufmerkſam auf den Wechſel der Jahres⸗ und Tageszeiten. Die Kälte des Winters fällt ſtets zuſammen mit dem niedern Standpunkte der Sonne, mit den kurzen Tagen, mit den langen Nächten, an denen der Mond faſt über den größten Bogen des Himmelsgewölbes wegſchreitet, Sternenbilder, die in der kurzen Sommernacht am Rande des Himmels⸗ bogens kleben bleiben, erheben ſich hoch an dem blauen froſtklaren Himmelsgewölbe im Winter. Kälte und Wärme, Regen und trockene Zeit ſcheinen an das Wehen des Windes aus dieſer oder jener Him⸗ melsgegend geknüpft zu ſein. Die Blumen öffnen ihre Kelche dem Sonnenſchein und wenden bemerkbar ihre Häupter dem Lichtſtrahle zu, der um die ſtille ſte⸗ hende Pflanze herumwandelt, während der Dauer eines Tages. Im Thautropfen und in der grauen Wellenwolke funkeln die Wunderfarben des Regen⸗ 168 bogens, wenn der Sonnenſtrahl darauf fällt, er tanzt als Stern und Funken auf der kräuſelnden Oberfläche des Weihers. All dieß hat einen Zuſammenhang untereinander, es iſt nicht willkürlich bald ſo, bald anders, ſon⸗ dern die gleichen Verhältniſſe bilden die gleichen Er⸗ ſcheinungen und in allem und jedem zeigt ſich ſo⸗ viel Schönheit, ſoviel als das Menſchenherz erfreut, das von dem Menſchengeiſte benutzt werden muß, benutzt worden iſt. Ein Band, das Erde und Himmel vereint, ſcheint ſich durch das Weltall zu ziehen— wer Augen hat, muß das ſehen, und wer das Herz dazu hat, muß es empfinden. Der eilfjährige Knabe, der ins Feld geſchickt worden war, beim Säen des Roggens zu helfen, beobachtete den Stand der Sonne, betrachtete die perlenden Thautropfen, die ziehenden Wolken, und grübelte darüber nach, wie wohl das alles zuſam⸗ menhinge. Zum Glück für die Menſchenſeele gibt es bei allen Fragen nach dem Warum?— der höchſte Mannesgeiſt oder das einfachſte Kindesherz magſie ſtellen,— eine letzte Antwort, die milde beſchwichtigend uns ſo lange zufriedenſtellt, bis Zufall oder Nachdenken ſie wieder um einen Schritt zurückrücken. So will es Gott! iſt dieſe letzte Antwort. Der erhabenſte Weiſe unſeres Jahrhunderts muß ſich ebenſo gut mit derſelben endlich begnügen, als das einfache Kind einer Zeit, die tief unter der jetzigen in der Erkenntniß der Naturgeſetze ſtand. Der Menſch, der Geſetzmäßigkeit, Ordnung, Regelmäßigkeit, vorſorgende Liebe in der Natur ahnt, iſt ſtets auf dem Wege zur Erkenntniß Gottes, und der kleine Johann hatte ihn an der Hand ſeiner erſten Pflegerin und Er⸗ zieherin frühe betreten. Grübelnde Geiſter ſind indeß ſelten fähig, bloß mechaniſche Arbeiten, deren letzter Zweck die Erwerbung des täglichen Brotes iſt, recht gut auszuführen. Daß der eilfjährige Knabe kein zuverläſſiger Pflüger, kein echter Säemann war, lag indeß nicht bloß in ſeinem Hange zum Nachdenken. Es vereinte ſich dieß mit einer feſten ernſten Pflichttreue, die ihn unbedingt dahin getrieben hätte, auch die Arbeiten tadellos zu verrichten, zu denen er keine beſondere Neigung hatte. Aber Johann war noch ein Kind, viel zu ſchwach und zart an Körper für die Arbeiten eines Knechtes, die er überdieß noch gar nicht erlernt hatte. Heinrich Kepler mußte ſich zu ſeinem Schaden überzeugen, daß ſein kluger Sohn ſeine Wirthſchaft auch nicht in Aufnahme bringen könne, und bei 170 ſeinem Charakter war es nur natürlich, daß er den Knaben, der ſich durch Ueberanſtrengung und Erkäl⸗ tung ein bedeutendes rheumatiſches Uebel zugezogen, einen unnützen Träumer ſchalt. Als Johann ſich legen mußte, war Katharina nicht länger zu halten, ſie wollte, ſie mußte die Muhme Streicherin ſprechen. Der Knabe war be⸗ hext, daran konnte kein Zweifel obwalten, wenn man ſah, wie er ſich im Schmerz krümmte und ſeufzend den lauten Schrei, der ihm auf die Lippe trat, unter⸗ drückte. Nur die Streicherin konnte ihm helfen und zu ihr wollte und mußte Katharina, mußte ſie doch ihrem Kinde helfen. So machte ſie ſich denn auf nach Weil. Es war keine kleine Reiſe in jener Zeit, und mancher Tag mußte vergehen, ehe ſie hoffen konnte, zu ihrem Hauſe, ihren Kindern zurückzukehren. Es war in dem naſſen kalten Frühling des Jahres 1583. Die Wege waren ſchlecht, der Regen goß oft tagelang in Strömen nieder, am Tage aber, als ſie Weil erreichte, war das Wetter herrlich und warmer Sonnenſchein lachte vom Himmel herab auf die grüne Erde. Vor den Thoren des Städtchens liegt ein klei⸗ nes Brachfeld, über das Katharinens Weg führte. & ᷣ 0 5œ e Sed h 0 — + Faſt in der Mitte dieſes Feldes iſt ein ſandi⸗ ger Hügel, der auf ſeiner Spitze das traurige Ge⸗ rüſt trägt, ohne das die Gerechtigkeitspflege unſerer Vorfahren nicht beſtehen konnte. Als Katharina ſich dieſer verrufenen Gegend näherte, ſah ſie ſchon von weitem, daß hunderte von Menſchen ſich auf dem Galgenberge drängten. Am Fuße desſelben wirbelte ein ſchwarzer Rauch in die Sommerluft empor, die er zugleich verdunkelte und verpeſtete. Der Wagen fuhr nur wenige Schritte von dieſer Stelle vorüber und Katharina ſah mit Entſetzen, daß hier eben ein Gerichtsakt vollzogen worden war; denn jener Rauch ſtieg empor von der verlöſchenden Flamme eines Scheiterhaufens. Henkersknechte mit Zangen und Schürhaken umſtanden das ſchreckliche Gerüſte. Hoch zu Roſſe hielt wenige Schritte davon der Oberrichter, der das Urtheil verleſen hatte, und neben ihm ſein Schreiber, beide in ſchwarzer Amts⸗ tracht. Hartſchierer hatten einen Kreis um den Platz geſchloſſen, und ihre glänzenden Waffen blitzten im Sonnenlichte. Perſonen von jedem Stande, Alter und Geſchlecht drängten ſich durcheinander zu einem ver⸗ wirrten Knäule, abſeits ab von der Menge ſtand 172 eine einſame Frau in Trauerkleidung, ein Geiſtlicher in ſeiner Amtstracht war neben ihr. Die Augen Katharinens ſchienen aus ihren Höhlen ſpringen zu wollen, als ſie dieſelben mit aller An⸗ ſtrengung auf jene beiden Geſtalten heftete, die ihr bekannt erſchienen. r Kein Zweifel, die bleiche kleine Frau, die heftig weinte, war Apollonia, und der Geiſtliche niemand anders als Herr Mäſtlin, der alte Stadtpfarrherr, der ſtrenge Mann, vor deſſen donnernden Strafworten ſelbſt die muthige Katharina ſonſt wohl oft gezittert hatte. Sein Falkenauge hatte ſie erkannt. Er hob mit der einen Hand ſeinen Stock auf und winkte dem Fuhrmann gebieteriſch zu halten, mit der andern erhob er einwenig ſein langes Gewand, um unbe⸗ hindert und in Eile über das Feld zu ſchreiten. „Sie iſt es Keplerin,“ ſagte er keuchend vor Eil, als er den Wagen erreicht hatte.„Sie iſt es, und was führt Sie hierher heute gerade an einem Tage, wo Sie in Sack und Aſche trauern ſollte?“ „Ich wollte zu meiner Baſe Streicherin,“ ent⸗ gegnete Katharina, ſich in gewohnter Ehrfurcht tief vor ihrem alten ſtrengen Seelſorger beugend,„mein Hannerle, mein lieber ſchöner, kluger Sohn, den Ew. Hochwürden getauft haben, iſt ſchwer erkrankt und da wollte ich den Rath der klugen Frau ſuchen.“ „Den wird Sie ſich aus der Hölle holen müſſen,“ entgegnete der Geiſtliche ſtreng.„In dieſem Augen⸗ blicke hat die böſe Unholdin ihre ſchwarze Seele auf dem Scheiterhaufen ausgehaucht— nein, weine Sie nicht, Apollonia Wellinger, ſieht Sie, die ich bis daher für eine gute und fromme Chriſtin gehal⸗ ten habe, denn nicht ein, daß ſolche abſcheulichen Weiber ihre Strafe haben müſſen?“ „O mein Gott, mein Heiland,“ ſchluchzte Apol⸗ lonia,„ich weiß ſehr wohl, und vielleicht weiß niemand beſſer als ich, welch ein böſes Weib die Unglückliche war. Jetzt, da ſie geſtorben, unter ſo gräßlichen Qualen geſtorben iſt, kann ich es ja ausſprechen, daß ſie eine ſchlimme Kupplerin war, daß ſie ſich nicht ſcheute, Thaten zu thun, die möglicherweiſe den Tod, gewiß ſchwere Krankheit ihrer Nebenmenſchen zur Folge haben konnten. Sie verſtand ſich auf Kräu⸗ ter und braute giftige Tränke— und ſie hatte den Tod vielleicht längſt verdient; wenn ſie aber gelitten hat und verurtheilt wurde, weil ſie Hexereien getrieben, ſo ſtarb ſie unſchuldig; den Teufel hat ſie ſo wenig geſehen, als hier das Kätherichen oder ich, und was ſie kochen und brauen konnte, dabei ging alles ſo 174 natürlich zu, wie in meiner Küche; ich bin dreizehn lange ſchwere Jahre bei ihr im Hauſe geweſen, ich weiß alles, was ſie machte; es war viel Täuſchung und Betrug, aber ſicherlich kein Zauber, keine Hexerei dabei, und das muß hier die Keplerin mir ja auch wohl bezeugen können.“ Katharina, die der Schreck faſt erſtarrt hatte, als ſie begriffen, was hier geſchehen, bekreuzte ſich eifrig und ſchwieg, der Pfarrherr aber runzelte die düſtern Brauen und ſagte: „Das will mir nicht gefallen, Apollonia Wel⸗ linger, daß Sie ſich zur Teufelsadvokatin aufwirft ganz und gar nicht! Gebe Sie dem Herrn die Ehre und bekenne Sie, Keplerin, ob Sie, die doch weit kürzere Zeit in dem Hauſe dieſer verrufenen Hexe gelebt, niemals etwas von ihrem böſen Handwerk geſehen?“ Katharina zitterte, ihr Gewiſſen regte ſich und zuckte in bangen Todesängſten. Nicht bloß geſehen — Gott ſteh' ihr bei— hatte ſie die Hexenſtücke ihrer Baſe, ſondern benutzt. Hatte ſie doch in dem Zauberſpiegel ſich— wie oft— ihren abweſenden Gatten zeigen laſſen, hatte ſie doch— wie oft— Sprüche, welche die Streicherin ſie gelehrt, ange⸗ wendet, um ein behextes Thier von ſeiner Pein zu — ⏑☛ᷣ befreien, hatte ſie doch— freilich erſt einnal— bei der Krankheit ihres Hannerle das Vaterunſer rückwärts gebetet, um den böſen Geiſt auszutreiben, der in das Kind gefahren. Zitternd ſchwieg ſte und wäre zu Boden ge⸗ ſunken; denn ſie war bei Annäherung des Pfarrherrn von ihrem Wäglein abgeſtiegen, wenn nicht Apollo⸗ nia ſie unterſtützt. „Im Namen der heiligen Dreieinigkeit,“ don⸗ nerte Herr Mäſtlin ihr zu, als er ihr Schwanken und Beben bemerkte,„befehle ich Dir, unreiner Geiſt, dieſe Frau zu verlaſſen, damit es ihr möglich wird, Gott dem Vater, dem Sohne und dem heiligen Geiſte zu Ehren, die Wahrheit zu ſagen.“ „Ja! ja!“ ſchrie Katharina,„warum läugnen, Loni, was wir beide nur zu gut wiſſen, ja! ſie war eine Hexe und ich habe genug Herxenſtücke und He⸗ renwerk von ihr geſehen, nicht nur als ich in ihrem Hauſe war, ſondern auch in andern Zeiten.“ „Vade retro, Satanas!“ ſagte der Pfarrherr, indem er mit ſeinem Taſchentuche die Luft fächelte, als wollte er eine Bremſe verjagen.„Es iſt gut, Keplerin, daß Sie geſtanden. Sie aber, Wellingerin, befehle Sie fleißig Gott dem Herrn ſo Geiſt als Leib, denn ſicherlich iſt Sie vom Teufel mit böſer Blindheit 176 geſchlagen. Oeffne Sie Ihre Augen weit den großen Feind der Menſchheit zu erkennen, denn er geht um⸗ her als ein brüllender Löwe zu ſehen, wen er ver⸗ ſchlinge, und wer nicht an ihn glaubt, den hat er ſchon in ſeinem Rachen. Salve, Ihr Frauen; der Herr ſei mit Euch und mit ſeinem Geiſte, da tritt der Henker auf die Stelle des Scheiterhaufens, gleich wird der Herr Oberrichter hinwegreiten, ich gehe in mein armes Haus, da er mir die Ehre anthun will, bei mir zu ſpeiſen.“ Sein Kleid ſchürzend, entfernte ſich der gottſe⸗ lige Pfarrherr, und die beiden Frauen ſtanden wei⸗ nend bei einander und ſahen zu, wie der Henker auf einen Stein ſtieg, den ſeine Gehilfen in die noch zumtheil glimmenden Kohlen geworfen, und dort mit lauter feſter Stimme die Frage ausſprach: „Habe ich Recht gerichtet?“ Der Oberrichter neigte ſich von ſeinem Pferde hinab und antwortete: 3 „Du haſt gerichtet, wie Urtheil und Recht ge⸗ boten und wie die arme Sünderin verſchuldet hat.“ „Dafür danke ich Gott und meinem Meiſter, der mich dieſe Kunſt gelehrt hat,“ rief der Henker darauf, ſprang eilig hinab von dem Steine und ver⸗ ſchwand mit ſeinen Knechten. Zwiſchen dem Volks⸗ 177 gedränge ſah man noch hie und da den rothen Man⸗ tel wie einen Blutstropfen hindurchleuchten. Das Gemurmel der Maſſen ward zum lauten Geſchrei und verhallte dann allmälig. Die tiefe heilige Stille des Frühlingsabendes lagerte ſich über das Feld. Der laue Wind vertrieb den entſetzlichen Brandge⸗ ruch, eine Nachtigall begann ihr ſüßes Lied in den Zweigen einer nahen grünen Birke, die Pferde ſchnauf⸗ ten leiſe, als ob ſie eine Ahnung hätten von dem Entſetzlichen, das ſich vor wenigen Stunden hier vor⸗ bereitet und zugetragen, und die beiden Frauen ſaßen weinend auf einem Felsſtück, das am Boden lag. „Gott ſei ihrer Seele gnädig!“ ſagte endlich Apollonia, das Tuch von den Augen nehmend und einen langen jammervollen Blick auf den ſchwarzen Fleck der Brandſtätte werfend.„Sie hat unſäglich gelitten und fürchterlich für ihre Verbrechen gebüßt.“ „Iſt ſie bußfertig geſtorben? hat ſie gebeichtet und die heiligen Gnadenmittel empfangen?“ fragte Katharina tonlos. Apollonia ſchüttelte verneinend das Haupt. Es ſchien, als fürchtete ſie ſich die Luft, die vor kurzem noch die letzten Jammerſchreie der Elenden weiter getragen, mit einem Wort des Tadels oder der An⸗ klage über ſie zu erfüllen; weinend hob ſie die ge⸗ 1857. XX. Johann Kepler. I. 12 178 falteten Hände empor zum lichtgoldenen Abendhimmel und betete laut:„Vergib ihr Gott der Barmherzig⸗ keit, vergib ihr!“ Wie lange die beiden trauernden Frauen wortlos ſo daſaßen, wußten ſie ſelbſt nicht. Sogar Katha⸗ rinens unruhige Seele war durch den Todesſchreck wie gelähmt, ſie bemerkte nicht, daß der Tag der Nacht Platz gemacht hatte, die mit tauſend Sternen⸗ augen hernieder auf die Erde blickte. Der Fuhrmann, der ſeinen Pferden Futter ge⸗ geben und ſeine Neugier hinreichend befriedigt, end⸗ lich auch noch einen kleinen Schlaf gemacht hatte, erweckte ſie aus ihren dumpfſchmerzlichen Gedanken und entſchloß ſich auf das Geſuch Apolloniens die Keplerin noch am nämlichen Abende nach Magſtatt zu bringen, wohin das bekannte Fuhrwerk des Mei⸗ ſters Guldenmann die Apollonia abzuholen gekom⸗ men war. Die Gefährtinnen aus der Jugend ſetzten ſich nun zuſammen, der ellmandinger Wagen fuhr leer nach und bald nahmen die bergigen Wälder ſie in ihr nächtliches Schweigen auf. *„Du haſt den Brief bekommen, Kätherichen, worin ich Dich bat hierher zu kommen, da die elende Frau, die nun erlöſt iſt, Dich ſprechen wollte?“ fragte endlich Apollonia. „Ich habe keinen Brief bekommen,“ entgegnete Katharina,„ich reiſte hierher, die Streicherin wegen meines Hannesles zu Rathe zu ziehen, dem das böſe Gliederreißen angehext iſt.“ „Das Kind iſt krank— ſehr krank?“ rief Loni, über dem Gedanken an ihren lieben Pflegling ſelbſt die Erinnerung an die letzten furchtbaren Stunden aus den Augen voerlierend,„ſag' mir, Kätherichen, was ihm fehlt, ſag' mir alles ganz genau, wie alles gekommen, das Gliederreißen; wenn es von Erkäl⸗ tung ſtammt, iſt oftmals leicht zu heben, wenn man nur die ſchmerzenden Stellen fleißig mit kaltem friſchem Waſſer wäſcht und mit einem wollenen Tuche recht ſehr reibet. Laß den Johannes das brau⸗ chen, herzliebes Kätherichen, es wird ihm gutthun.“ Katharina nickte ſchweigend. Sie ſah in dem ein⸗ fachen Heilmittel, das Apollonia vorſchlug, eine neue Hexerei, doch hielt ſie das keinesweges von dem Vor⸗ ſatze ab, es anwenden zu wollen. Katharina Kepler war eine von jenen Seelen, die ihr Zeitalter nicht eben ſelten hervorbrachte. Sie glaubte an den Teufel, ſie fürchtete ihn unſäglich, und würde doch keinen Augenblick angeſtanden haben, 12* 180 jeden beliebigen Pakt mit ihm zu ſchließen, wenn er für gut gefunden hätte, ihr zu erſcheinen. Geld und Gut, dauernde Schönheit, großes Wiſſen, das niemand mit ihr theilen konnte, das Alles waren Beſitzthümer, die ſie ſich für jeden Preis erkauft hätte.— Freilich erſchien der Teufel ihr nicht, aber in ihrem Herzen hatte ſie die dunkle Erkenntniß, ihm nicht ganz und gar fremd zu ſein, da ſie ſeine Hilfe ſchon mehr als einmal durch die dritte Hand in Anſpruch genommen. „Erzähle mir, herzliebes Kätherichen, bitte, er⸗ zähle mir von meinem theuren lieben Kinde, von meinem Johannes,“ bat Apollonia,„es wird mir das Herz erquicken nach dieſem furchtbaren Tage.“ „Aber wie biſt Du denn von Magſtatt daher gekommen, gerade heute, wo der Baſe ihr Recht an⸗ gethan worden?“ fragte Katharina. „Sie hatte mich ja darum durch den Herrn Pfarrherrn um des lieben Heilandes willen bitten laſſen,“ entgegnete die Freundin,„und wie hätte ich es denn über mein Herz bringen können, die Bitten eines ſo elenden Wurms auszuſchlagen, gleichviel eine wie große Sünderin ſie war.“ „Du warſt bei ihr?“ fragte Katharina entſetzt. „Zwei Tage und zwei Nächte im Gefängniß,“ entgegnete jene,„und heute habe ich die elende arme Sünderin bis an den Scheiterhaufen begleitet.“ „Gott ſteh' uns bei!“ ſchrie die Keplerin in hellem Entſetzen. „Er ſtand mir bei,“ entgegnete Apollonia.„Ich bin nur zwei Schritte hinter der Kuhhaut herge⸗ gangen, auf der man ſie zur Richtſtätte ſchleifte; neben mir ging der Herr Oberpfarrer Mäſtlin, aber— — es iſt ſchrecklich das zu ſagen— ſie bleckte dem die Zähne und hob ihre gefeſſelte, geballte Fauſt gegen ihn. Von mir aber hatte ſie ſich noch im Kerker das Vaterunſer vorbeten laſſen und andächtig Amen dazu geſagt. Ehe ſie hinausgeſchleppt wurde, ſagte ſie zu mir:„Loni, es gibt weder Gott noch Teufel, aber es gibt ſo eine Art von rächendem Verhängniß. Du— Du weißt, daß ich den Tod verdient habe, Blut klebt an meinen Händen— fünf Menſchen ſtarben durch mich, durch Gift, durch unvorſichtige Anwendung von mancherlei Geheimmitteln, die Du alle kennſt, wie ich ſie kenne. Ich gehe aus dem Leben auf ſchreckbare gräßliche Art, o wie fürchte ich die Flammen, die an meinem Gebein nagen werden, aber— verdient hab' ich den Tod. Bete Du für mich, Loni, Du glaubſt an Gott, und da wird's Dir das Herz erleichtern.““ 18²2 „Sie muß viel Geld und Gut hinterlaſſen ha⸗ ben,“ ſagte Katharina. „Die Gerichte haben ihren Nachlaß eingezogen,“ entgegnete Apollonia,„und Du weißt, daß in her⸗ zoglichen Landen alles Vermögen derer, die wegen Zauberei den Tod leiden, dem Fiskus anheimfällt, weil man vorausſetzt, daß niemand das Erbe wird nehmen mögen, das durch Teufelskünſte erworben.“ „Ich könnte es gut brauchen,“ flüſterte Katha⸗ rina heiſer,„und ſtamme es vom Teufel oder nicht, mein Mann würde es ſicherlich auch nicht verſchmähen.“ „Geht es Euch ſchlecht?“ fragte Apollonia theil⸗ nehmend. „Wir haben bald ausgewirthſchaftet, unſere ein⸗ zige Rettung wäre, wenn mein Vater ſtürbe, die Stiefmutter muß ja dann noch einmal mit mir theilen.“ „Gott erhalte Dir den Vater noch lange und verſündige Dich nicht durch ſo ein leichtſinnig aus⸗ geſprochenes Wort.“ „Und wie geht es dem Oheim Johann?“ „Er lebt,“ ſagte Loni mit einem tiefen Seußzer. „Ach wie ſchwach iſt doch Menſchenkunſt und Wiſſen⸗ ſchaft, er lebt— wenn athmen leben heißt.“ „Iſt er denn krank, Loni?“ „Er iſt gelähmt ſeit länger als zwei Jahren— wir thun alles an ihm, was gute Kinder einem hinfällig gewordenen Vater thun können, aber ſeit er nicht mehr arbeiten, rathen und angeben kann, geht auch unſer ſchönes Geſchäft nicht mehr wie früher. Mein Mathias hat nichts von der Welt geſehen, er kennt nur die Muſter ſeines alten Mei⸗ ſters, ach und jetzt iſt ja alles anders und prächtiger als vor Jahren. Ein durchwandernder Geſelle hat uns erzählt, daß im Dome zu Prag jetzt Chorſtühle geſchnitzt wären aus einem Holze, das über das Meer hereingebracht iſt, und darauf iſt in erhabener Arbeit die ganze Paſſion ausgeſchnitzt. Der glorreiche Kaiſer Rudolph, der alle Künſte und Wiſſenſchaften beſchützt, hat auch für die ſchöne Kunſt der Bild⸗ ſchnitzer eine große Vorliebe. Kätherichen— wir gehen hinab und die Jugend hinauf, Dein Hannes ſollte Bildſchnitzer werden, er iſt geſchickt wie wenige, gib ihn uns in die Lehre.“ Katharina ſchüttelte den Kopf.„Viele Leute meinen, der Johann ſei ein gewaltig kluges Kind,“ ſagte ſie leiſe;„s iſt aber nicht ſo, er hat eigentlich zu nichts einen rechten Schick als zu unnützen Ge⸗ danken, die das Gehirn verdrehen— ich habe, wenn er ſich ſo ungeſchickt im Feld und in der Schenk⸗ ſtube benommen hat, ſchon mehr als einmal gemeint, jemand hätte es ſeinem armen kleinen Kopfe angethan.“ Sie warf dabei einen raſchen ſcheuen Seitenblick auf Apollonia, den dieſe freilich nicht bemerkte, da die Nacht dunkel war. „Das begreife ich nicht,“ entgegnete dieſe,„der Hannes iſt nun im zwölften Jahre und mit fünf Jahren hat er mir aus der Bibel vorleſen können; wenn nicht die Krankheit, von der Du mir erzählteſt, ihm geſchadet, ſo müßte er jetzt ſchon faſt ein Stu⸗ dent werden können; denn die Zeit, die ein Knabe in der Schule zubringen muß, wäre nun beinahe herum, da er ſo früh angefangen. Er iſt doch flei⸗ ßig in die Schule gegangen, Kätherichen?“ „Dazu haben wir's wohl auch,“ entgegnete die Keplerin,„einen unnützen Broteſſer auf Schulen und Univerſitäten ernähren, der hernach wird wie ſein Vater zu keiner rechtſchaffenen Arbeit geſchickt und tauglich. Er iſt in gar keine Schule gegangen und wir werden ihn auch ſicherlich in keine ſchicken.“ Traurig ſchlug Apollonia die Hände ineinander und ſeufzte aus tiefer Bruſt. Das ganze troſtloſe Leben ihres Lieblings ſtand deutlich, als läſe ſie es in einem Buche, vor ihrem geiſtigen Auge. „Gott ſtehe dem armen Jungen bei,“ dachte .— ͤ+ 8 ſie,„und ſoviel ich kann, will auch ich ihm beiſtehen,“ und der Weg, den ſie einzuſchlagen hatte, war ihr auch bereits klar geworden. In tiefer Nacht erreichten die beiden Frauen das kleine Haus des alten Bildſchnitzers. Mathias Wellinger öffnete ihnen, ließ die Pferde in den Stall bringen und führte ſeine bleiche Frau und ihre Freun⸗ din in ein Zimmer, wo ſie ſich mit einem Glaſe Wein erquicken konnten. Apollonia verſtand es einen Würzwein zu be⸗ reiten, der wohlſchmeckend und erquickend ihnen faſt neues Leben einzuhauchen ſchien. Katharina trank davon mit durſtigen Zügen und heißeres Roth legte ſich auf ihre Wangen und ihre dunklen Augen funkelten lebhafter. „Solch einen Wein möchte ich jeden Tag trin⸗ ken,“ ſagte ſie, indem ſie aus dem großen irdenen Kruge, der auf dem Tiſche ſtand, ihr ſilbernes Be⸗ cherlein zum drittenmale füllte. „Das würde Dir übel bekommen, Kätherichen,“ entgegnete Apollonia,„obwohl der Trank nach großen Anſtrengungen das Herz ſtärkt. Ich will Dir aber die Dinge zeigen, die ich hineinthue; doch lehre die Kunſt nicht andere, zu häufig und zu viel genoſſen iſt dieß Getränk ſehr ſchädlich.“ 186 „Hat Dich die Muhme gelehrt, es zu brauen?“ fragte Katharina. „Du weißt ja, daß ich all mein Bißchen Kennt⸗ niſſe ihr verdanke,“ ſagte Apollonia mit einem tiefen Seufzer;„wenn dieſe unglückliche Frau ſo gut als klug geweſen wäre, ſo hätte ſie von mir ſicherlich vielen und herzlichen Dank verdient.“ „Sprich nicht von ihr,“ ſagte Katharina ſchau⸗ dernd.„Sie hat ihre Strafe erhalten. Verbrennen! O Heiland und Herr, wie muß das gräßlich ſein!“ „In dieſen ſchrecklichen Zeiten,“ entgegnete Apollonia mit bebender Stimme,„weiß niemand, wie er ſtirbt; ich denke aber, das volle Bewußtſein der Unſchuld muß wie ein Flügel die ſcheidende Seele über alle irdiſche Pein erheben. Starb doch unſer heiliger Erlöſer am Kreuz und ſein letztes Wort war:Vater, in Deine Hände empfehle ich meinen Geiſt. Möge Gott in ſeiner Gnade geben, daß ich im Tode ſein Bild vor Augen habe.“ Wellinger, der während dieſer Rede eingetreten, ging zu ſeinem Weibe, das mit ſeltſam verklärtem Blick emporſchaute, und ſchlang ſeinen Arm um ihre feine Taille. „Komm zu Dir, Loni, armes Weib,“ ſagte er im Tone innigſter Liebe.„Du mein Heiland, es iſt gewiß und wahrhaftig zu viel, was Du Deinem armen Leibe zumutheſt. Sehe Sie, Frau Keplerin, meine Loni muß zugrunde gehen bei all den Anſtrengun⸗ gen, fein und zart wie ſie es leider von Natur iſt. Seit faſt einem Jahre iſt ſie nun Tag und Nacht um unſern alten wackern Meiſter, hebt und trägt und wartet und pflegt ihn, beſorgt den Haus⸗ halt, den Garten, als wenn ſie jede Nacht geſund und ruhig ſchliefe, und jetzt, als das böſe Weib, das ſie in ihrer unſchuldigen Kindheit gepeinigt hat, nach ihr ſchickte, iſt ſie zu ihr geeilt, als hätte ſie ihr für die größten Wohlthaten zu danken, und hat Tag und Nacht bei ihr im Gefängniß zugebracht, ja ſie bis zur Richtſtätte begleitet. Seit vielen Monaten ſchon iſt ſie ſelbſt krank und zehrt ſich ab. Sie ſpricht nicht ſelten wie in einem Traume von Dingen, die ſie unmöglich in dem Augenblick ſehen kann. Sie ißt faſt nichts und ſchläft in ſo mancher Nacht keine Minute. Wie ſoll das werden, wenn ſie erkrankt, fällt das ganze Hausweſen zuſammen; denn ich bin nur ein Mann, der nichts verſteht als eben ſein Geſchäft.“ Apollonia hatte ſich indeſſen erholt, freundlich ſtreichelte ſie ihres Gatten Wange und beruhigte ihn mit ſanften Worten; dann aber ging ſie, um für ihren Gaſt eine Schlafſtelle zu bereiten und ihre eigene 188 Schlafſtätte in der Kammer neben dem Schmerzens⸗ bette des alten Bildſchnitzers zu ſuchen. Siebentes Kapitel. Lange konnte Katharina Kepler keine Ruhe finden, ſo weich und gut auch das Lager war, das ihre Freundin ihr bereitet. Grauſige Bilder umſchweb⸗ ten ſie, und erſt als der Frühlingstag ſchon ſeit länger als einer Stunde ſüß und warm angebrochen war, fielen ihre Augen zu. Sie ſchlief nun tief und lange, anfangs zwar von unholden Träumen gequält, die ihr den Schrecken des verfloſſenen Tages von neuem vor die Seele führten, endlich aber ſanft und feſt, ſo feſt, daß kein Geräuſch des erwachenden Lebens im Hauſe ſie ſtörte. Als ſie erwachte und ihre Gedanken ſammelte, ſtand die Sonne ſchon hoch am Himmel, und vor der Hausthür hielten zwei Pferde, von denen ſoeben zwei Männer ſtiegen. Sie trugen beide ſchwarze Klei⸗ dung; der eine aber hellblaue Püffchen und einen breiten runden Hut dazu, während der andere, ein auffallend großer Mann, ſich durch den kleinen gelben Lappen auf der Schulter als einen böhmiſchen Juden auswies. Apollonia, ſchon vollſtändig angekleidet, bot dem kleineren, deſſen ernſtes und kluges Angeſicht auch Katharinen bekannt erſchien, mit großer Freund⸗ lichkeit die Hand. Katharinens unruhiger, neugieriger Charakter ließ ſie über dieſer neuen Begebenheit faſt die Schreck⸗ niſſe des vergangenen Tages vergeſſen. Reiſen und Beſuche von entfernt lebenden Per⸗ ſonen waren in jener Zeit etwas weit ſelteneres als in unſern Tagen. Die Menſchen ſahen ferne Gegenden faſt nur auf Kriegszügen, die ſich langſam von einem Ende Europa's zum andern hinwälzten, Schrecken und Ver⸗ nichtung in ihrem Gefolge tragend. Zwar begann auch der Handel bereits ſeine mächtigen Schwingen zu regen. Spanier, Portugieſen und Holländer holten die Produkte Oſt⸗ und Weſt⸗ indiens, und die Herren Fugger und Welſer in Augs⸗ burg waren durch ihre Verbindungen mit dieſen Na⸗ tionen zu Kaufleuten geworden, die ſich Fürſten und Königen an die Seite ſtellen konnten. Die kluge und kräftige Königin Eliſabeth, die Tochter Heinrichs des VIII. und der ſchönen Anna Boleyn, gründete die Seemacht Englands, indem ſie die Verſuche unter⸗ 190 ſtützte, die ihre Unterthanen machten, ſich auch von jenſeits des Weltmeeres Reichthümer zu holen. Schon im Jahre 1567 hatte der Engländer Hawkins ſeine zweite Fahrt nach Südamerika gemacht und im nächſtfolgenden ſeine Reiſe um den Erdball vollendet, indem er um das Cap Horn in das Süd⸗ meer gelangte, und 1577 hatte der kühne Seeheld und Freibeuter Franz Drake, die Weſtküſten Ameri⸗ ka's umſchifft, war an vielen Stellen gelandet, ein Schrecken den ſpaniſchen Anſiedlern, und hatte in ſein Vaterland unter andern Erzeugniſſen jener fernen Gegenden auch die erſten Kartoffeln gebracht. Aber Reiſen zu Lande waren ſchwierig, die Trans⸗ portmittel unzureichend, Wagen eine Seltenheit, au⸗ ßer jenen, die man auf dem Lande zum Einbringen des Heues und der Ernten gebrauchte, und die denn auch zuweilen zu andern Fahrten benutzt wur⸗ den. Größere Reiſen machte man zu Pferde, und nur Fürſten und ſehr reiche Perſonen kannten den Lurus bedeckter Wagen. Vornehme Damen bedienten ſich auf den Wegen, die ſie zu machen hatten, der Sänften, welche Menſchen oder Maulthiere trugen, ja ſehr häufig ritten ſie auch. Nur den Landmann ſah man auf ſeinem Leiterwagen, auf einem Strohbunde ſitzend, über die holprigen Wege fahren, eine Art des Fortkommens, zu der man gute Lungen und eine kernfeſte Geſund⸗ heit beſitzen mußte, wenn man ſie länger als eine bis zwei Stunden ertragen ſollte. Katharina Kepler freilich, die ihrem Manne in die Niederlande gefolgt, mit ihm dort von einer Stadt zur andern gezogen, zurückgekehrt und endlich mit ihrer ganzen Familie in eine andere Gegend übergeſiedelt war, konnte für eine Ausnahme gelten. Ihr war jede Art der Bewegung des Fortkommens gleich, wenn ſie ſich überhaupt nur bewegen, über⸗ haupt nur den Aufenthaltsort von Zeit zu Zeit wechſeln konnte. Ihre Unruhe jagte ſie unter hun⸗ derterlei Vorwänden hierhin und dorthin, und es war ihr ſo ziemlich gleich, ob ſie ritt, ging, oder auf dem Leiterbaum eines Wagens ſitzend über Stock und Block gezogen wurde. „Wer das nur ſein mag?“ dachte ſie, indem ſie ihr immer noch ſchönes rothbraunes Haar unter die mit Gold geſtickte Haube neſſtelte.„Die Loni ſah ſo erfreut aus, als ob geradezu ein Erzengel in das Haus des Oheims gekommen ſei.— Er iſt krank der alte Mann, Herr Gott! deſſen Tod könnte uns auch aus unſeren Nöthen helfen, wenn er nur das Zeitliche ſegnen wollte. Er iſt ein guter 192 Mann, er war es immer, aber wenn man ſo krank iſt, ſo ſehr krank, da iſt der Tod ja eine Er⸗ löſung.“ Unter dieſen Betrachtungen war ſie mit ihrer Frühtoilette fertig geworden und wenn Katharina Kepler ordentlich und ſauber gekleidet, ſo war ſie noch eine ſchöne ſtattliche Frau. Sie ging nun eilig in das große Wohnzimmer und dorthin hatte man auch bereits das Ruhebett des alten Bildſchnitzers gerollt, der in reinlicher Krankenkleidung in den weichen Kiſſen lag und ſeiner Brudertochter einen freundlichen: Guten Morgen bot. Apollonia ſtand nicht weit von ihm und ord⸗ nete auf einem Tiſchchen ein reichliches Frühmahl. Sie ſtellte Becher auf und Krüge mit Wein, Bier und Milch gefüllt, brachte köſtliches Brot, gold⸗ gelben Honig, Butter, Eier, Käſe, Schinken, Braten und in Honig eingemachtes Obſt, und ſetzte alles ſo zierlich auf das weiße Tafeltuch, wie ſie es nur allein verſtand. Eine helle Freude lag dabei auf dem zarten bleichen Geſichtchen, und als Katharina zu dem Bild⸗ ſchnitzer an das Lager trat und ihn nach dem Zu⸗ ſtande ſeiner Geſundheit fragte, ging auch ſie zu ihm, rückte ihm die Kiſſen zurecht und ſagte freudig: „O, nun wird alles gut werden, nun hoffe ich das allerbeſte und danke Gott, daß ich dieſen Tag erlebt.“ Katharina ſah ſich in dem großen Zimmer um. Es war ihr wohlbekannt, und ſeit vielen Jahren war auch nicht das geringſte darin verändert. Dort ſtand die große Kiſte, deren eingelegte Ar⸗ beit ſie in ihrer Kindheit ſo oft bewundert, dort das Bett, auf dem ihr Johannes in jener Verzweiflungs⸗ nacht geboren, ein armes, zum Leben noch nicht völlig gereiftes Geſchöpfchen. Dort ſtanden die Seſſel mit den prächtigen geſchnitzten Lehnen; wie ſonſt brannte ein luſtiges Feuer in dem tiefen gemauerten Kamin und durch das geöffnete Fenſter ſahen die grünen Berge und der blaue Himmel hinein, ganz wie ſonſt in den Tagen ihrer Kindheit und Jugend. Was hatte ſich in ihr und um ſie alles ver⸗ ändert, während hier alles ſo ganz, ſo ganz ſich gleich geblieben! „Setze Dich, Kätherichen,“ ſagte der Bildſchnitzer liebevoll,„ſetze Dich und erzähle uns von Deinen Kindern, zumal von dem lieben Johannes, der mir alle Tage und Stunde vor Augen ſteht: Es iſt lieb und brav von Dir, daß Du gekommen, ehe ich in die Ewigkeit gehe, um nach mir altem kranken Mann zu ſehen.“ 1857. XX. Johann Kepler I. 13 194 „Ihr werdet wieder geſund werden, recht bald werdet Ihr das, mein theurer Meiſter, mein lieber Vater,“ ſagte Apollonia,„auf Leid folgt Freude in dieſem wechſelhaften Leben und Gott gibt uns zum Erſatz der letzten ſchrecklichen Tage die Freude das Kätherichen wiederzuſehen und von unſerem Jo⸗ hannes zu hören, und den Troſt, daß der größte Arzt und Gelehrte in allen Landen weit und breit jetzt Euren Zuſtand prüfen und Euch helfen werde.“ „Gottes Wille geſchehe!“ entgegnete der alte Guldenmann ſanft, und Katharina fragte neugierig: „Wer waren denn die Männer, die heute hier an⸗ kamen?“ „Es wundert mich, daß Du nicht den Einen erkannt haſt,“ antwortete Loni lächelnd,„es ſind zwar ſchon viele Jahre her, daß er von uns in Weil Ab⸗ ſchied nahm, aber ich dächte, das Geſicht des werthen Johann Fickler könnte man nicht vergeſſen, wenn man es einmal geſehen.“ Katharina ſchlug die Hände zuſammen.„Was, der Fickler?“ ſagte ſie erſtaunt,„der iſt wieder da⸗ her in die Heimat gekommen, nachdem er auf der Hochſchule erklärt, er verlaſſe Heimat, Freunde, Ver⸗ wandte und alles, um dem Herrn zu folgen, der ihm ſichtbarlich erſchienen ſei?“ „Derſelbe,“ entgegnete Apollonia mit ernſtem Kopfneigen.„Er iſt ein Mitglied der Geſellſchaft Jeſu und jetzt ein großer vornehmer Mann, der Lehrer zweier Prinzen, von denen der eine, wie man ſagt, beſtimmt ſein ſoll, dem Kaiſer Rudolph, wenn er kinderlos ſtirbt, auf dem Thron zu folgen. Der Andere aber iſt ein gelehrter Arzt, er kommt von Prag, wo auch Pater Fickler geweſen iſt, und kein Mann, ſoweit der Himmel blau iſt, verſteht mehr von der Heilkunſt, als der große Rabbi Löw, den ſeine Glaubensgenoſſen für einen Zauberer halten.“ In dieſem Moment öffnete Mathias Wellinger die große Thür des Gemachs und ließ die beiden Männer eintreten. Zwei verſchiedenere Köpfe von gleicher Kraft, Schönheit und Bedeutſamkeit des Ausdruckes findet man höchſtens noch auf den Ge⸗ mälden großer Meiſter, ſicher aber ſehr ſelten in der Wirklichkeit nebeneinander. Pater Johann Fickler, der Lehrer des Prinzen Marimilian von Bayern und ſeines Vetters des Erz⸗ herzogs Ferdinand von Steiermark, Enkel Maximilians des II., war ein Mann von Mittelgröße. Sein brau⸗ nes Haar von wunderſamem Glanz und noch nicht von einem einzigen Silberfädchen durchzogen, lockte 13*½ 196 ſich leicht und weich um die hohe blendend weiße Stirn. Große nußbraune Augen, die ſich ſelten ganz und gar öffneten, ſondern meiſtens von den Lidern halbverdeckt blieben, gaben dem ſchmalen Angeſicht einen Ausdruck von Milde und Weichheit, den es ſonſt nicht gehabt hätte, denn die vollkommen gerade Naſe und das feſte fleiſchloſe Kinn mit den Lippen, die feſt geſchloſſen ſich in dem blaſſen Angeſicht nur durch eine hochrothe Linie markirten, gaben dem Geſichte etwas ſehr Feſtes. Wenn Pater Johann Fickler ſprach, ſo ſchien es, als ob ſeine Stimme leiſe und ſanft ſei wie ein Sommerlüftchen, und doch verſtand man in dem gro⸗ ßen Zimmer des Bildſchnitzers ſein leiſeſtes Wört⸗ chen in der fernſten Ecke. Seine Hände, bleich, als wären ſie aus Wachs geformt, ſchmückte ein koſtba⸗ rer Ring, ein Ehrengeſchenk der erlauchten Frau Erz⸗ herzogin Maria, deren Sohn Ferdinand von Steier⸗ mark er erzog, und ſeine Kleidung, obgleich die vor⸗ geſchriebene Tracht ſeines Ordens, war ſo fein und ſtattlich, wie ſich das für einen Mann ziemt, der be⸗ ſtändig in der Geſellſchaft der Großen dieſer Welt ſich bewegt. Sein Begleiter, größer und kräftiger als er, 4 1 war ihm auch an Alter wahrſcheinlich etwas über⸗ legen, zum mindeſten war das rabenſchwarze Haar, das in einigen glänzenden Locken unter dem Käpp⸗ chen, das er trug, hervorwellte, ſchon einwenig mit Silber gemiſcht, wogegen der lange leicht gekräuſelte Bart noch in der reinſten Schwärze glänzte. Das Auge dieſes Mannes ſchien bei flüchtigem Anblick ebenfalls ſchwarz zu ſein; betrachtete man es aber genau, ſo war es von einem tiefen dunklen, ſammtenen Blau. Seine Lippen erſchienen mitten in dem dunklen Barte voll, friſch und hochroth, und dieſe, ſowie die feingebogene Naſe zeigten die orientaliſche Abkunft auf den erſten Blick. Rabbi Löw grüßte bei ſeinem Eintritt mit dem ſanften Wort:„Friede ſei mit Euch,“ und trat dann ſogleich an das Bett des Kranken, wo er Platz nahm, während Pater Fickler zu den Frauen ging und ſie als alte Bekannte aus der Jugend anredete. „Und ſo ſeid auch Ihr, Muhme Katharina, von Euren vielen Kreuz⸗ und Querzügen heimge⸗ kehrt in die liebe alte Heimat,“ ſagte er freundlich, „möge es Euch hier recht wohl werden, nur der hat einen rechten Nutzen vom Reiſen, der durch dasſelbe die Vorzüge der lieben Heimat ſchätzen lernt.“ 198 „Thut Ihr denn das, Herr Fickler?“ entgeg⸗ nete Katharina,„ich dachte, wer, wie Ihr, immer nur mit Prinzen und Herren umgeht, der kann die Heimat, wo es nur ſchlichte gewöhnliche Leute gibt, nicht eben gar ſo hoch ſtellen.“ „Da ſeid Ihr in großem Irrthum, Muhme Katharina,“ ſagte Fickler,„ich liebe mein Schwa⸗ benland von ganzem Herzen und ſchätze meine Freunde und Verwandten aus der Jugend jetzt erſt, da ich vergleichen kann, nach ihrem wahren Werthe. Wahr⸗ haftig, ich habe in keinem Stande und in keinem Lande eine Frau gefunden, die ich meiner werthen Verwandten Apollonia an die Seite ſetzen möchte, an Verſtand und Herzensgüte; auch iſt Eines gewiß, eine Frau, die ihr Haus mit vollkommener Weisheit regiert, die würde auch einen Thron zieren, wenn es Gott gefiele, ſie darauf zu ſetzen. Faſt alle Lebens⸗ verhältniſſe des Weibes fordern von ihr die gleichen Tugenden, Sanftmuth, Mäßigung, Selbſtoergeſſen⸗ heit und Liebe zu Gott und ſeinen Geſchöpfen. Der glorreiche Kaiſer Rudolph findet auf allen Thronen Europa's keine Gemalin, bei der alle dieſe Tugen⸗ den ſich ſo vereinen, wie er es wünſcht.“ „Man ſagt, er ſoll ſo manche Liebſchaft haben, bei der er ſich mit geringer Tugend begnügt und 199 deſto mehr auf Schönheit ſieht,“ entgegnete Katha⸗ rina. „Es würde ſich wenig für mich ſchicken, von ſolchen Dingen, die oft nichts mehr ſind als Frau Baſen Geſchwätz, zu ſprechen,“ entgegnete Pater Fick⸗ ler,„der Herr der Chriſtenheit iſt zur Zeit noch faſt ein Jüngling und das Blut der Jugend iſt unge⸗ ſtüm. Unſer Kaiſer vereinigt ſo viele und außerge⸗ wöhnliche Tugenden in ſeiner erhabenen Perſon, daß wir einige menſchliche Schwächen an ihm nicht zu ſehr rügen dürfen. Er iſt trotz ſeiner Jugend grund⸗ gelehrt, und ein Beſchützer aller Künſte und Wiſſen⸗ ſchaften, er iſt aufrichtig fromm, großmüthig und nachſichtig gegeg ſeine Umgebungen und gütig und milde gegen Freund und Feind.“ „Das iſt er,“ ſagte der jüdiſche Arzt, der un⸗ terdeß ſein Geſpräch mit dem Kranken beendet hatte, „auch mein Volk, das er vor Mißhandlungen ſchützt, weiß genug davon zu erzählen, möge der Gott Iſraels ſein jugendliches Haupt ſchirmen in den Stür⸗ men und Unruhen dieſer böſen Zeit.“ In Apolloniens Geſicht zeigte ſich der Ausdruck lebhafter Aufregung, als der jüdiſche Arzt zu ihnen trat, und dieſer, der ſehr wohl verſtand in den Zügen des Menſchen ſeine Meinung zu leſen, wendete ſich 200 freundlich an ſie und ſagte:„Wegen Eures Kranken, werthe Frau, ſeid ruhig, ich hoffe ihn Euch ſicherlich herzuſtellen und denke nach kurzem Gebrauch der Bäder und Räucherungen, die ich Euch genau bezeich⸗ nen werde, ſollen ſeine Schmerzen nachlaſſen und er den Gebrauch ſeiner Glieder wieder erhalten; kommt jetzt mit mir, damit ich Euch über alles die gehörige Auskunft geben kann, und geſtattet mir dann, daß ich noch in dieſer Vormittagsſtunde heimkehre; ich muß eilen gen Stuttgart zu kommen, wo ich erwartet werde, und mein gutes Pferd wird ſich bereits erfriſcht haben.“ „Nun, werther Rabbi,“ ſagte der Jeſuit,„und warum wollt Ihr nicht in meiner Geſellſchaft bleiben, meine wackern Verwandten werden den Arzt ſicher⸗ lich mit großer Freude in ihrem Hauſe behalten und mir würdet Ihr eine Ehre erzeigen, wenn Ihr mir noch länger Geſellſchaft leiſtet auf unſerer ge⸗ meinſamen Reiſe.“ Der jüdiſche Gelehrte lächelte, es war ein ſchönes edles Lächeln, ähnlich dem Sonnenblick über einer Gebirgslandſchaft.„Ich danke Euch, ehrwürdiger Herr,“ ſagte er nach einem kurzen Schweigen,„glaubt mir auch, daß ich erkenne, welche Ehre Ihr mir dem armen Juden durch Eure Herablaſſung anthut; laßt —-ꝙᷓ;—ʒ ͤ 2 Euch indeß ſagen, daß ich ſie Euretwegen und mei⸗ netwegen nicht annehmen darf. In dieſen Zeiten iſt es gut, daß jeder zu ſeinesgleichen hält, für ſeines⸗ gleichen einſteht. Spracht Ihr doch noch vor kurzem es aus, daß endlich auf Erden ein Hirt und eine Heerde ſein werde, wenn dieſe Zeit gekommen, auf die Ihr hofft, oder die, auf welche ich hoffe; dann erſt wird der Chriſt ohne allen Zwang mit dem Juden gehen können.“ „Nun, werther Rabbi, und auf welch eine Zeit hofft Ihr denn?“ fragte Pater Fickler, dem gelehrten Rabbi mit ernſten Blicken näher tretend. „Auf eine, die den heutigen Tagen ſehr ferne liegt, die ſicherlich weder ich, noch Ihr, ja vielleicht nicht einmal die Urenkel unſerer Enkel erleben werden, auf die Zeit, in welcher nicht die Art, ſondern die aufrichtige Innigkeit der Gottesverehrung, die ſich in einem rechtſchaffenen Wandel und in guten Thaten zeigt, das vereinigende Band zwiſchen Menſchen und Menſchen bilden wird. Für die jetzige Zeit iſt es ſchon viel, daß Ihr den Juden in Eurer Nähe geduldet habt, und ſehr wohl, Pater Fickler, erkenne ich darin die Güte Eures Herzens und die Größe Eures Geiſtes, will aber beides nicht auf eine zu harte Probe ſtellen. Ihr, werthe Frau Wellinger, habt nun 202 wohl die Güte, mich in Eure Vorrathskammer zu führen, damit ich Euch dort genau zeige, mit welchen Kräutern Ihr die Bäder rüſten und auf welche Weiſe Ihr die Räucherungen für Euren Kranken beſorgen ſollt, Friede ſei mit Euch!“ Apollonia verließ das Zimmer, gefolgt von dem jüdiſchen Arzte, die zurückbleibende Katharina nöthigte unterdeß eifrig den Pater Fickler an den Frühſtückstiſch, wo auch ſie ſelbſt und Mathias Wellinger ihr Mahl einnahmen. „Wie aber,“ ſagte der alte Bildſchnitzer, wäh⸗ rend der Gaſt ſpeiſte,„wie aber, mein lieber Verwandter, ſeid Ihr jetzt in unſere Gegend und zwar in dieſer Geſellſchaft gekommen?“ „Meine Reiſe hat einen Zweck, über den ich zu ſchweigen verpflichtet bin,“ entgegnete der Jeſuit.„Der jüdiſche Arzt, der einen großen Ruf in allen Ländern hat, iſt von Stuttgart aufgefordert worden zu dem kranken Herzog Chriſtoph zu kommen; ich traf ihn in der letzten Herberge vor Weil, und da ich von Eurer Krankheit wußte, ſo bat ich ihn mit mir hierher zu kommen. Ich hatte, die Wahrheit zu ſagen, dabei wohl noch einen andern wichtigen Zweck; denn dieſer Jude iſt angeſehen am Hofe Kaiſer Rudolphs in Prag 203 und weiß mehr von den Dingen dieſer Welt als mancher, der ſich in alles und jedes eingeweiht dünkt.“ „Ich danke Euch, Vetter,“ ſagte Guldenmann, ſeinem Verwandten die abgezehrte Hand hinhaltend, „daß Ihr an mich und mein Leiden mit ſo liebevoller Theilnahme gedacht habt.“ „Nicht mir, dem Himmel dankt,“ entgegnete der Jeſuit,„und ſucht Euch der Gnade Gottes würdig zu machen.“ „Danach hab' ich geſtrebt während meines gan⸗ zen Lebens, zwar mit menſchlicher Schwäche, aber mit aufrichtigem guten Willen,“ erwiederte der Bild⸗ ſchnitzer,„und ich hoffe, daß Gott mir meine Sün⸗ den um ſeines lieben Sohnes willen gnädiglich ver⸗ geben wird.“ Pater Fickler trat ſchweigend von dem Bette ſeines Verwandten hinweg und ging im Zimmer auf und ab. Katharina Kepler folgte jeder ſeiner Bewegungen mit neugierigen Augen; dann ſah ſie, daß das Pferd des jüdiſchen Arztes von einem Knecht des Meiſters Guldenmann vorgeführt ward, und ging hinaus, um die Abreiſe dieſes Mannes genau mit anzuſehen. Sobald ſie das Zimmer verlaſſen hatte, ſetzte 204 ſich Fickler an das Bett des Kranken und nahm ſeine Hand zwiſchen die ſeinen. „Meiſter, mein lieber alter Freund, mein Ver⸗ wandter und Wohlthäter,“ ſagte er mit bewegter Stimme,„iſt mir's doch, als hätte mich Gott ſelbſt zu Euch geführt, damit ich Euch ſo recht ins Herz rede, ſolange es noch Zeit iſt. O wie glück⸗ lich wollte ich mich preiſen, wenn es meinem armen Worte gelänge, Euer Herz zu rühren und Euch zu⸗ rückzuführen in den heiligen Schooß der Mutterkirche.“ Das wunderſchöne Auge des Mannes leuchtete dabei von einem eigenthümlichen Lichte, ſeine bleiche Wange röthete ſich und der feine Mund zuckte leiſe. „Laßt mich, Johann, laßt mich,“ entgegnete der Kranke,„ich lebe und ſterbe auf das lebendige Wort, das Luther, der Mann Gottes, uns aus dem Wuſte des Truges und der Täuſchung hervorgegraben.“ „O, ſprecht nicht ſo, mein werther lieber Ver⸗ wandter,“ entgegnete der Jeſuit,„es iſt kein anderes Heil als im Schooße der heiligen Kirche. Jetzt ſchon zerſplittern ſich die Bekenner der Lehre Luther's in Sekten, von denen eine die andere giftig und bitter anfeindet. Die Prädikanten beſtehen mit Haß und Wuth ein jeder auf der Auslegung, die ſeine eigene Weisheit den heiligen Schriften gibt; Lutheraner 20⁵ und Kaloiniſten, Kryptokalviniſten und Utraquiſten, Socinianer und Flacianer, Waldenſer und Albingenſer und hundert andere Sekten ſtehen gegen einander um ein Wort, um einen Buchſtaben, und mit jedem Tage geht mehr verloren in dieſem traurigen Sekten⸗ weſen der eigentliche Geiſt des Chriſtenthums, der da iſt Liebe und Einigkeit.“ „Nun, Ihr glaubt doch den nicht zu beſitzen, Ihr, die Ihr uns als Ketzer verbrennt?“ ſagte der Bildſchnitzer. „Hat nicht auch Kalvin den Savonarola verbrannt,“ unterbrach der Jeſuit den Kranken.„Die Liebe iſt aus den Herzen gewichen und ſie wähnen, Grübeln über dem Buchſtaben könne ſie erſetzen, die armen Thoren! O Gott, erbarme ſich unſer aller und gebe uns den heiligen Geiſt wieder, welcher nichts anderes iſt, noch ſein kann, als der Geiſt der Liebe, der Gott nicht ſucht im todten Wort, ſondern in der lebendigen Natur.“ „Amen,“ ſagte Apollonia, die, leiſe ins Zimmer tretend, an das Bett des Kranken ging und ihre feine blaſſe Hand auf die Schulter des Paters legte. „Ihr ſeid's, Loni, liebe Freundin,“ ſagte der Jeſuit zuſammenſchreckend und gleichſam aus einer Verzückung zu den gewöhnlichen Dingen dieſer Welt zurückkehrend,„und wo blieb Katharina?“ 206 „Sie iſt in der Küche und ſpricht mit unſerm Knechte von dem jüdiſchen Arzte.“ „Sie war einſt ein ſchönes Mädchen und hat ſich traurig verändert,“ ſagte der Jeſuit,„welch ein unſtätes Feuer glüht jetzt in ihren Augen, die ſie beſtändig zu Boden ſchlägt, wenn man mit ihr ſpricht!“ „Sie hat viel gelitten in ihrer Ehe,“ ent⸗ gegnete Apollonia,„und der geſtrige Tag, wo ſie dazukam, als die unglückliche Frau, die mich und ſie erzog, eben eines ſo grauſamen Todes geſtorben, mag wohl auch dazu beigetragen haben, ſie ſo herab⸗ zubringen. Zudem iſt ihr älteſter Knabe, das liebe Johannesle, erkrankt und mit Schmerz habe ich von ihr erfahren, daß ihre Verhältniſſe zu zerrüttet ſind, um es zu erlauben, daß dieß begabte Kind einen rechten ordentlichen Schulunterricht bekomme.“ „Gebt mir den Johann,“ ſagte der Jeſuit mit großem Eifer,„ich will ihn in die beſte unſerer Schu⸗ len thun und dafür ſorgen, daß alle ſeine Kräfte und Fähigkeiten ausgebildet werden.“ „Verzeiht,“ entgegnete Apollonia,„die Familie Kepler iſt wie die guldenmann'ſche der augsburgi⸗ ſchen Konfeſſion zugethan und niemand von uns wird es, denke ich, geſtatten, daß ein Kind derſelben 207 das höchſte aller men freiheit, verliere.“ Pater Fickler zuckte die Achſel.„Gott erleuchte Euch,“ ſagte er mit einiger Bitterkeit,„damit Ihr das Gut deutlicher erkennet, das Ihr Eure Gewiſſens⸗ freiheit zu nennen beliebt. Euch iſt erlaubt, Euch armen Schafen, daß Ihr zur Sekte Eures Fürſten gehört und mehr nicht, und wenn wie in der Pfalz ein lutheriſcher Sohn dem kalviniſtiſchen Vater in der Regierung folgt, ſo müſſen die, welche Ihr Eure Prieſter und Lehrer nennt, entweder ihren Glauben ändern und Euch, ihre Heerde, auch dazu bewegen, oder ihr Amt aufgeben und auswandern, oder im Ge⸗ fängniß ſchmachten, und auf der Folter leiden.“ „Gleichviel,“ ſagte der alte Guldenmann mit vor Aufregung zitternder Stimme.„Der Enkel mei⸗ nes Bruders hat wohl ein Recht darauf, daß Johann Guldenmann für ſeine Erziehung ſorgt, und das ſoll auch ſicherlich geſchehen. Der kleine liebe Knabe, den ich als Kind ſo oft auf meinen Armen getragen habe, ſoll an nichts Noth leiden, ſolange ich noch einen Heller beſitze, den ich mit ihm theilen kann; deſſen ungeachtet danke ich Euch herzlich für Euren guten Willen, Pater Fickler, und empfehle Euch den Knaben für die Zukunft. Schwere Zeiten ſtehen ſchlichen Güter, ſeine Gewiſſens⸗ 208 dieſen deutſchen Landen bevor, und es iſt für jeden von uns gut, wenn er auch in der entgegenſtehenden Partei ein befreundetes Herz hat. Seid mir daher nicht böſe, und damit Ihr ſeht, daß ich es gut mit Euch meine und mich Euch dankbar bezeugen möchte, ſo— ja ſo werde ich Euch an die Herren Fugger nach meinen beſten Kräften empfehlen, daß ſie Euch zu den Geldern verhelfen, welche die durchlauchtigſte Frau Erzherzogin Maria als Darlehn von ihnen wünſcht.“— Sichtlich und heftig überraſcht blickte der Jeſuit auf den kranken Greis, der mit ruhigem Lächeln zu ihm emporſah. „Ihr wundert Euch, daß ich den geheimen Zweck Eurer Reiſe kenne,“ ſagte dieſer endlich;„wißt, ich erwarte Euch ſeit drei Tagen; denn ſolange habe ich ſchon das Schreiben der Herren Fugger in Hän⸗ den, die bei mir als Eurem Verwandten und ihrem Freunde anfragten, welch eine Art Mann Ihr wäret und ob man Euch in ſolchen Dingen vollkommen trauen dürfe?“ „Und das Alles ſagt Ihr mir, Meiſter Gulden⸗ mann, ſo vor Zeugen, ſagt es mir in Gegenwart einer Frau!“ rief der Jeſuit in heftigſter Aufregung. „Wenn Ihr die Loni kenntet, würde Euch das — 209 weder kränken noch erſchrecken,“ entgegnete der Bild⸗ ſchnitzer,„abgeſehen davon, daß ich ihr ja vertrauen muß, weil ſie für mich ſchreibt und zumeiſt auch denkt, ſo iſt ſie überdieß verſchwiegen wie das Grab und würde, denke ich, eher hundert Tode ſterben, als in irgendeiner Weiſe zur Verrätherin werden. Ihr könnt ihr alles vertrauen, alles ohne Ausnahme, wenn es nicht das Vornehmen einer ſchrecklichen Sünde iſt, deren Ausführung ſie hindern könnte.“ Apollonia hatte ſchweigend zugehört, während Pater Fickler unruhig im Zimmer auf⸗ und abging. „So ſoll ich mich denn ganz in Eure Hände geben, während ich kein Pfand, kein einziges für Eure Verſchwiegenheit habe“— „Außer dem aufrichtigen Verſprechen ehrlicher Leute,“ entgegnete Apollonia „und ſolcher, die Ihr durch eine Wohlthat ſo⸗ eben verpflichtet,“ ſetzte der Bildſchnitzer hinzu;„denn eine Wohlthat für mich iſt es doch nur geweſen, daß Ihr eine ziemliche Strecke Eures Weges mit dieſem Arzt gereiſt ſeid, der, wie gelehrt und angeſehen er auch ſonſt ſein mag, immer ein Jude bleibt.“ „Ich könnte Euch bei dieſem Glauben laſſen,“ entgegnete der Jeſuit,„ja es wäre ſogar der Klug⸗ heit angemeſſen dieß zu thun; ich glaube aber, daß 1857. XX. Johann Kepler. I. 14 219 bei Euch vollſtändige Aufrichtigkeit die beſte Klug⸗ heit ſein mag. Ich traf den gelehrten Rabbi ganz zufällig und freute mich freilich Euch in ihm den beſten Arzt im deutſchen Reiche zuführen zu können. Seine Geſellſchaft aber, obſchon er ein Jude, iſt für mich keineswegs unehrenhaft; denn Rabbi Bezalel Löw genießt die höchſte Achtung, ja das Vertrauen des Kaiſers Rudolph, und es mußte mir wichtig ſein, dieſen Mann kennenzulernen: daß ich von ihm manches für mich Wiſſenswürdige erfahren konnte und zumtheil auch erfahren habe, ſagte ich Euch ſchon zuvor.“ „Ihr wünſcht eine große Summe und nur gegen Eure alleinige Namensunterſchrift von den Herren Fugger,“ meinte nachdenklich der alte Bildſchnitzer, „welche Sicherheit könnt Ihr ihnen aber geben?“ „Ich trage dieſe Sicherheit bei mir,“ entgeg⸗ nete der Jeſuit;„in dem härnen Gürtel, den ich auf dem Leibe habe, ſind drei Perlen und zwei Diaman⸗ ten eingenäht, die das Kapital doppelt decken. Die Frau Erzherzogin kann es in den erſten Jahren nicht verzinſen, und ſo beſitzen die Herren Fugger gleich die Sicherheit für die Zinſen, die, wenn alles gut geht, mit dem Kapital zugleich gegen Rückgabe des Pfan⸗ des gezahlt werden ſollen. Im ungünſtigen Fall *₰ 211 aber können nach dem Tode der Frau Erzherzogin die Herren Fugger über die Prezioſen verfügen. Wenn ſie ſelbſt keine weiteren Anfechtungen zu fürchten hat, darf das Dokument veröffentlicht werden, was ich berechtigt bin über den Verkauf dieſer Koſtbarkeiten aufzuſetzen und was mit der Unterſchrift der Frau Erzherzogin verſehen ſein wird und bei einem ver⸗ trauten Mann aufbewahrt werden ſoll.“ „Und dieſer vertraute Mann?“ fragte der Bildſchnitzer geſpannt. „Wird der Rabbi Löw ſein, der das Dokument, deſſen Inhalt er nicht kennt, verſchloſſen mit Eurem, meinem und der Herren Fugger Siegel in ſeinem Archiv aufbewahren ſoll bis“— „Bis wann? Pater Fickler“— „Bis zum Tode der Frau Erzherzogin, wo er es in jedem Fall an die Herren Fugger abzuliefern hat; iſt das Pfandſtück vorher eingelöſt, ſo hat die Urkunde keinen Werth, da ſie auf Pretioſen deutet, die ſich im Beſitze der Herren Fugger befinden. Hier leſt.“ Er legte bei dieſen Worten ein Pergament auf das Bett des Greiſes. „Und wenn der Inde das Dokument nicht ab⸗ gibt, oder früher ſtirbt?“ „Er wird einen Schein aufſetzen, daß er im 14 212 Beſitze eines wichtigen Papieres ſei, das die Herren Fugger oder deren Erben nach ſeinem Tode von ſei⸗ nen Erben einfordern können.“ „Es iſt gut, Vetter,“ ſagte der alte Bildſchnitzer. „Die Herren Fugger werden, denke ich, damit zufrieden und wohlgeneigt ſein, Euch das Geld vorzuſtrecken, von dem Ihr mir ſagt, daß es nicht zur Unterdrückung meiner Glaubensgenoſſen gebraucht werden ſoll.“ „Gewiß nicht,“ entgegnete der Jeſuit,„und nun gebt mir Gelegenheit, mich für Eure Vermittlung dankbar zu zeigen— „Bleibt in Eurer hohen Stellung auch künf⸗ tig der Freund, und wenn es Noth iſt, der Schützer Eurer armen und geringen Verwandten.— Ich gehe bald aus der Welt, aber die nach mir kommen, wer⸗ den vielleicht viel ſchlimmes zu erleben haben— Gott ſei dem deutſchen Lande gnädig, in dem nur ſchlecht bedeckt das Feuer der Zwietracht brennt.“ „Vetter! Vetter!“ ſagte der Jeſuit,„o daß ich Worte auf meiner Zunge finden könnte, die Euch bewegten, Euer zeitliches und ewiges Heil zu be⸗ denken und zurückzukehren in den Schooß der Kirche. Seht Ihr denn nicht, Ihr, ein ſo kluger Mann, daß diejenigen Euch nicht auf dem richtigen Wege leiten können, die ihn ſelbſt nicht kennen? die über jeden — — 213 Schritt und Tritt in wüthenden Zank unter einander gerathen, ſich anfeinden, ſchelten und verdammen? Die Kirche iſt ſanftmüthig, ſie vergibt denen, die da irrten, wenn ſie zurückkehren. Sagt ſelbſt, was iſt Eure gerühmte Gewiſſensfreiheit? nichts anderes, als das Recht bald nach rechts, bald nach links hin zu irren, und von denen, die nach der entgegengeſetzten Seite abirren, wild und wüthend geſcholten und ver⸗ ketzert zu werden.“ „Möglich, daß Ihr in geywiſſer Weiſe Recht habt,“ entgegnete Apollonia mit mildem Tone.„Wir irren, ſicherlich irren wir alle; aber jede neue Irrweg ſtärkt unſere Kraft, bereichert unſere Erkenntniß, und wenn der Tag gekommen, den der Herr dazu feſt⸗ geſetzt, ſo werden wir den rechten Weg finden und feſt und kühn darauf fortwandern, denn das Hin⸗ derniß des Fortſchreitens iſt von uns genommen. Werther Vetter, glaubt mir, ich verkenne nicht Euren herzlichen guten Willen gegen uns, aber laßt uns unſeren eigenen Weg gehen; ich bin der Meinung, daß man Gott nicht beſſer ehren kann, als wenn man ſeine Vernunft braucht, die Er ſelbſt uns ge⸗ geben, um Ihn erkennen zu lernen.“ Das Geſpräch, das alle gleich lebhaft bewegt hatte, ward hier unterbrochen durch den Eintritt der 244 Frau Katharina, die mit ziemlichem Eifer erzählte, der Jude habe dem Knecht, der ſein Pferd gefüttert und wieder vorgeführt, ein großes ſchweres Gold⸗ ſtück gegeben, ſo neu und blank, als käme es eben aus der Münze. „Seht einmal her, hier habe ich es,“ ſagte ſie, und zeigte das glänzende Goldſtück mit empor⸗ gehobenen Fingern. Pater Fickler beſah es ſehr genau und vor allen Seiten.„Dieß iſt nun allerdings ein in den kaiſerlichen Münzen geprägtes Stück,“ ſagte er end⸗ lich,„dennoch glaube ich, dieſer Mann, oon deſſen Weisheit und Gelehrſamkeit man überall ſpricht, habe die Kunſt Gold zu machen endlich gefunden, obgleich er es ſo beſtimmt verneint’.“.. „Er hat alſo ein Bündniß mit dem böſen Feinde gemacht und verſteht Zauberkünſte, dieſer Jude?“ fragte Katharina. „Nicht alle Weisheit und Gelehrſamkeit iſt Teufelswerk, Baſe Keplerin,“ entgegnete der Jeſuit. „Rabbi Bezalel Löw verſteht Magie und Kabbala, bei⸗ des erhabene Künſte, zu denen er aber nicht des Teufels, ſondern Gottes Beiſtand braucht. Er ſoll ungeheuere Wunder verrichten können und einen Kaſten beſitzen, aus deſſen Grund er alle fernen Ge⸗ — — e 21 genden der Welt hervorholen kann, aber bei all ſeiner Gelehrſamkeit und Weisheit iſt er, obgleich ein Jude, doch ein frommer Mann.“ „So iſt er mir auch vorgekommen,“ ſagte Apollonia,„und wie ich Euch aufrichtig geſtehen muß, überdieß ſo ſchlicht und einfach wie ein Kind. Aus ſeinen Worten kann man oon all ſeiner Weis⸗ heit nichts erkennen, als eben ſeine Frömnigkeit, die freilich aller Weisheit Anfang und Vollendung iſt, und den aufrichtigen Wunſch, ſeinen Nebenmenſchen mit ſeinen Kenntniſſen nütztich zu ſein. Dieſer jü⸗ diſche Rabbi iſt ein Mann, zu dem ich herzliches Vertrauen haben könnte.“ Katharina brachte nun das Goldſtück dem Em⸗ pfänger zurück, und Pater Fickler ließ ſich das ſchreckliche Ende der Baſe Streicherin, die auch ſeine entfernte Verwandte war, erzählen. Er blieb nur eine Nacht unter dem Dache des Bildſchnitzers, und auch Katha⸗ rina, nachdem ſie ſich genau nach dem Erbe der alten Streicherin erkundigt und in Erfahrung gebracht hatte, daß all ihr Hab' und Gut während des ziemlich langwierigen Prozeſſes zu Waſſer geworden, rüſtete ſich zur Rückkehr nach Ellmandingen. Sie hatte Johann Guldenmann das feſte Ver⸗ ſprechen geben müſſen, ihren Johann von jetzt ab 216 regelmäßig in die Schule zu ſchicken, und er hatte ihr dafür dreihundert Gulden gegeben als eine Ab⸗ ſchlagzahlung auf die ihr künftig zufallende Erbſchaft, und ſo brachte ſie denn gute Nachricht in die Hei⸗ mat, wo ſie ihren Knaben durch die Ruhe und die gleichmäßige Bettwärme von ſeinem Gliederreißen ge⸗ neſen und beſchäftigt fand, das kleine Schweſterchen Margaretha im Leſen zu unterweiſen. Ende des erſten Bandes. Prag 1857. Druck von Kath⸗ Gerzabek. —,—