ER= SS Leihbibliothekr deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 6 Bücher: —— 2 Mk.— Pf. 4 Bücher: —— 1 Mk. 50 Pf. 2 Bücher: —— 1 Mk.— Pf. 3„—„ 3„=„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. „ ALBUN. Bibſiothek deutſcher Originafromane der beliebteſten Schriftſteller. Veransgegehen von J. L. Kober. Eilfter Jahrgang. Zwanzigſter Band. Erinnerungen einer Großmutter. II. 1856. Prag& Leipzig, Expedition des Albums. Erinnerungen einer Großmutter. — Roman in zwei Bänden. Von Julie Burow. Zweiter Band. 1856. Prag& Leipzig, Expedition des Albums. Erſtes Capitel. 22 So werde eins mit der Natur! Es bleibe Nichts, was da mahnt an ſchreckende Phantome, Geripp und Moderduft von Deinem Leibe. Zerſtäubt nun, ihr gefeſſelten Atome, Schwebt himmelan, ſenkt euch zur Erde nieder, Seid Tropfen Bluts im großen Lebensſtrome. Meißner. 3„Mama,“ ſagte Lydia, die in dem Schlafzimmer, 4 das ſie mit der Mutter theilte, vor dem Spiegel ſaß und ſich von dieſer die Löckchen der Friſur à la titus ordnen ließ,„finden Sie nicht, daß es endlich einmal Zeit wird, dieſen langweiligen Ort zu ver⸗ laſſen? Ich denke es war unſeres Vaters Wille, daß wir für uns leben, einen etwas anſtändigen Haus⸗ halt bilden und ſo viele Annehmlichkeiten und Zer⸗ 6 ſtreuungen genießen ſollten als ſich mit unſern Ver⸗ hältniſſen vereinen laſſen.“ „Ganz recht, ganz recht, mein Engel,“ entgeg⸗ nete die Mutter,„aber ich denke, es iſt bis jetzt hier für Dich ein angenehmer Aufenthalt geweſen. Haſt Du nicht alles gehabt was Du wuͤnſcheſt? Huldigt man nicht uͤberall Deiner Schönheit? Iſt nicht die ganze Stadt einig Dich die Krone, die Perle zu nennen?“ „Ach Gott, Mama,“ erwiederte Lydia achſel⸗ zuckend,„wie langweilig ſind dieſe Huldigungen, wie können ſie Ihnen nur noch Vergnügen machen! Man nennt mich die Krone, die Perle, ja, ganz recht, man flüſtert hinter mir, wenn ich über die Straße gehe, man umdrängt mich auf den Bällen! Was nützt mir das? nicht ein Menſch hat mich recht und aus Herzensgrund lieb, nicht einer, Mama, ich weiß das und fühle es in jedem Moment, und ſelbſt Sie nicht. Würde mein Geſicht heute durch einen Zufall entſtellt, durch eine Brandwunde vielleicht, durch Nervenkrämpfe oder dergleichen, ich weiß, welchen Einfluß das auf Ihre Liebe haben würde.— Ich habe einen Ekel vor den Menſchen und dem ganzen Leben, ich wollte ich ſtürbe früh, wenigſtens noch im vollen Beſitz meiner jugendlichen Schönheit, mein —-—-B- BS EE⏑̃ᷓ — n — 4 Leben ohne dieſe würde mir wahrſcheinlich zur Hölle werden.“ „Aber um Gottes Willen, Kind, liebes Kind, was iſt Dir? was haſt Du? wer hat Dir etwas zu Leide gethan? Du biſt gewiß krank!“ ſagte die er⸗ ſchreckte Mutter, indem ſie ihre Arme um den Nacken der Lieblingstochter ſchlang. „Ich bin nicht krank, Mama, ich bin ſo wohl wie immer, aber ich fühle mich hier unglücklich und unzufrieden, ich weiß nicht was mich kränkt und ärgert, wenn's nicht etwa der Vorzug iſt, den hier im Hauſe jeder ohne Unterſchied meiner Schweſter giebt. Tante und Onkel, der Präſident und der blinde Vetter, Alle nehmen nur Rückſicht auf ſie. Komme ich in einen Ballſaal, da bin ich freilich die Erſte, da hat man nur Augen für mich; aber im Hauſe— — Mama, ich glaube, mich liebt kein Menſch auf Erden—!“ Thränen ſtürzten aus den Augen des ſchönen jungen Mädchens, und vergebens ver⸗ ſuchte die rathloſe Mutter den heißen Schmerz ihres Lieblings zu beſchwichtigen. „Wir wollen fort von hier, wir wollen nach Elbing, Lydia,“ ſagte ſie endlich,„was ſollten wir auch hier, mein ſüßes Kind, wenn es Dir hier nicht gefällt. Faſſe Dich nur, beruhige Dich nur, mein Engel,— und gönne der armen Louiſe, daß einige alte Frauen und Herren ſie lieb haben.“ Lydia hatte ihre glänzenden Augen getrocknet und ſah ihre Mutter mit einem eigenthümlichen ſchmerzvollen Blick an: „O Mama, Sie glauben, daß ich Louiſe be⸗ neide, das glauben Sie und tröſten mich, anſtatt mich zu ſchelten?“ ſagte ſie mit ſeltſamem Lächeln. „Nun laſſen Sie es gut ſein, wenn wir nur fort⸗ gehen von hier, ich moͤchte, wenn ich köͤnnte, immer⸗ fort aus einem Orte in den andern reiſen, nirgend lange bleiben, nirgend genaue Bekanntſchaften ſchlie⸗ ßen, ich möchte wie ein glänzender Stern über die Welt ziehen, oder eigentlich wie der Mond, die Wolken vergoldend, die mich verdecken, und wie die Sonne, untergehend noch Glut und Schimmer hinter mir laſſen.“— Louiſe aber fühlte ſich am Abend dieſes Tages ſchmerzlich überraſcht durch die Nachricht, daß man den Plan nach Elbing zu ziehen jetzt ausführen wolle. Sophie drückte ſchweigend ihre junge Freundin ans Herz.„Du gehſt,“ ſagte ſie ſanft,„und ich bleibe nun wieder allein, allein mit Krankheit und Sehnſucht als einzigen Gefährten. Würde Deine ———, A& 2 ———»s ⏑& 9 Mutter ſich nicht entſchließen können, Dich bei mir zu laſſen?“ Loniſe ſaß wieder wie ſo oft auf dem niedern Bänkchen ihrer mütterlichen Freundin zu Füßen. Sie ſchwieg ſinnend ein Weilchen und ſagte dann trau⸗ rig:„Das iſt nicht moöglich, meine liebe liebe Tante!“ „Warum nicht, mein Kind.“ „Tante, meine liebe Freundin und Lehrerin,“ entgegnete ſie,„Dir kann ich und will ich die Wahr⸗ heit ſagen; ich weiß, daß Du ſie zu würdigen ver⸗ ſtehſt und mich auch nicht verkennſt. Betrachte Dir meine Mutter aufmerkſam, ſie iſt nicht die Frau, die für ſich allein beſtehen könnte, und ich, ſo jung, un⸗ erfahren und ſchwach ich auch noch bin, habe dem Vater verſprochen, ſeine Stelle zu erſetzen, ſo viel ich kann. Wir werden uns einſchränken müſſen in Zu⸗ kunft, das iſt weder die Mutter noch Lydia gewöhnt, ich werde ihnen manche Arbeit abnehmen können, ihnen manche Sorgen und Unannehmlichkeiten er⸗ ſparen; und wozu wäre ich denn in der Welt, wenn ich das nicht mit Freuden thäte?“ Sophie Wohlgemuth zog ſie ſanft an ihr Herz. „Geh mit Gott, mein Kind, Deiner Pflicht und Deinem Lebensberuf entgegen. Wird Dein blinder ——„ Vetter jetzt nicht ſeinen Vater nach Berlin zurückbe⸗ gleiten?“ „Er zieht es vor mit dem Magiſter bei uns zu bleiben, und im Grunde iſt das für uns ein Glück. Vetter Wilhelm iſt klug und iſt reich, beides wird uns, das heißt beſonders auch der armen Mutter, in Zukunft zu Gute kommen. Sie iſt ſo gewöhnt aus dem Vollen zu wirthſchaften, wie wird es ihr ſchwer werden ſich zu beſchränken.“— Vierzehn Tage nach dieſem Geſpräch befand ſich die Familie in Elbing. Louiſe hatte den Abſchied von ihrer theuren Tante mnthig überwunden und gedachte ihrer mit all der tiefen Liebe, deren ihr junges weiches Herz fähig war. Elbing war zu jener Zeit eine wohlhabende Stadt mittleren Ranges. Die Zeit ihres Reichthums unter Friedrich dem Großen, ehe Danzig preußiſch wurde, war vorüber. Freilich war auch jetzt Danzig wieder freie Reichsſtadt, hatte franzöſiſche Garniſon und ſtand unter der Oberhoheit des franzöſiſchen Kaiſers. Aber der Handel lag, überall durch die Continental⸗Sperre gedrückt, völlig darnieder und auch Elbings Reichthum ſchwand dahin. Der reichſte Kaufmann der Stadt, ein naher Verwandter der Familie Wohlgemuth, war franzöſi⸗ 11 ſcher Conſul, und empfing ſie, die die Reiſe im Wagen und in der Geſellſchaft des Kammerpräſi⸗ denten von Itzſtein gemacht, mit vieler Freund⸗ lichkeit. Der Conſul Strombeck galt für einen geiſtrei⸗ chen Mann, er war ein Verehrer der Schönheit, und der hätte blind und fühllos ſein müſſen, den Lydia's jugendlicher Liebreiz nicht entzückt hätte. Sie war denn auch bald der erklärte Liebling, der Stern im Strombeck'ſchen Hauſe, und das war zur Zeit das bedeutendſte angeſehenſte und reichſte der Stadt. Der Kantor Wohlgemuth war bei ſeinem Ver⸗ wandten in Königsberg geblieben. Der Bankdirector hatte es paſſend gefunden, die Verpflichtungen, welche ſein abweſender Bruder gegen den Unglücklichen zu haben meinte, von den Schultern der Frauen auf ſeine eigenen zu nehmen, und der arme Wahn⸗ ſinnige hatte eine ſolche Liebe und Ehrfurcht vor ſei⸗ nem Verwandten, daß er ſich ohne allen Schmerz trennte von der ſchönen Lydia und den andern Glie⸗ dern der Familie, in welcher er ſo lange gelebt hatte. Wilhelm von Ikzſtein bezog mit dem Magiſter zwei hübſche Zimmer in dem Hauſe, das Herr Strom⸗ beck für Madame Wohlgemuth gemiethet. Er hielt ſich einen kleinen Laquai, deſſen Dienſte— ſo wollte er es— auch ſeinen Hausgenoſſen zu Gute kommen ſollten; denn Louiſe hatte, nachdem ſie ihre Ausgaben und Einnahmen überrechnet, der Mutter begreiflich gemacht, daß man nur ein Mädchen für alle im Hauſe nothwendigen Verrichtungen miethen könne. Muhme Elsbeth erklärte nun zwar, daß ſie entſchloſ⸗ ſen ſei, alle Arbeit allein zu thun. Louiſe aber kannte ſehr genau die Arbeitskraft der Alten, wußte auch wie viele Hilfsleiſtungen Mutter und Schweſter bedurf⸗ ten, was die Waͤſche, das Plätten für ſo viele Per⸗ ſonen zu bedeuten habe und miethete eine anſtändige Perſon, die ein zierliches Elbingermützchen trug und von der Frau Conſul Strombeck recommandirt wurde. Der Präſident von Itzſtein kehrte nach Berlin zurück und ein neuer Abſchnitt begann im Leben der jungen Louiſe. Der Reſt des Sommers und der Winter ver⸗ ging unter Arbeit und Zerſtreuungen, das verhäng⸗ nißvolle Jahr 1809 kam heran. In Elbing wü⸗ thete, wie in den meiſten Gegenden Norddeutſch⸗ lands, das von den Franzoſen zurückgelaſſene Laza⸗ rethfieber und decimirte die Familien. Madame Wohlgemuth fürchtete ſich vor der Anſteckung auf eine Weiſe, die ihr faſt eben ſo ſehr 13 das Leben verbitterte, als die Krankheit ſelbſt es gethan haben würde. Jede Leiche, die an ihrer Wohnung vorüber getragen wurde, jagte die arme Frau in das kleine nach dem Hofe gelegene Schlaf⸗ zimmer, und ihre Töchter und Hausgenoſſen durften, ſo weit ſie es verhindern konnte, nicht einmal eine Straße betreten, in der vor kurzem ein Todesfall vor⸗ gekommen. Vetter Wilhelm war und blieb der Lehrer, Freund und, ſoviel ſein Gebrechen das zuließ, der Beſchützer der Frauen, die Tag nach Tag verrinnen ſahen, ohne daß einer ihnen eine Nachricht von dem abweſenden Gatten und Vater gebracht hätte. Es blieb zum Gluͤck und zur Beruhigung der Frau Wohlgemuth alles geſund in ihrem Hauſe, die Krankheit nahm in der Stadt zu und ab und ſchien mit dem Winter ganz zu voerſchwinden, mit dem Beginn des Frühlings aber breitete der ſchwarze Geiſt von Neuem ſeine Flügel aus und Opfer auf Opfer wurden ſeiner Wuth zum Raube. Immer noch hielt Wilhelm von Itzſtein das Mädchen, welches er ſeit Jahren ſich zur Gattin erwählt hatte, für zu jung, um einen entſcheidenden Schritt in dieſer Beziehung ihr gegenüber zu thun. Magiſter Fiſch machte ihn oft darauf aufmerk⸗ ₰ —— ſam, wie es doch nun eigentlich an der Zeit ſei, die Angelegenheit zu fördern, zumal er für ſein Theil gern die Stelle als Leiter und Geſellſchafter des eigenſinnigen Blinden quittirt und die Vermittlung des Präſtdenten zu einer Anſtellung als Lehrer an irgend einem bedeutenden Gymnaſtum in Anſpruch genommen hätte. Wilhelm aber hatte kein Ohr für dieſe Ermuthigungen.„Ich will und mag nichts übereilen,“ ſagte er,„welcher vernünftige Menſch reißt die Trauben unreif vom Stock? Was zur rechten Zeit das ſüßeſte, erquickendſte der Welt, iſt vor ſeiner Reife herbe und ſauer. Noch iſt Louiſe eine feſt verſchloſſene Knospe, die herbe Traube, die ſich unter den Blättern verſteckt. Jede auch die kleinſte körperliche Annäherung verſchüchtert ſie; wie leiſe, wie fein ich auch verſuche auf ihre Sinne zu wirken, die geringſte Berührung läßt ſie wie die Sinnpflanze in ſich zu⸗ ſammen ſinken. Ich warte auf meine Zeit und ſie wird kommen!“ „Und iſt es Ihnen denn niemals in den Sinn gekommen, Herr von Itzſtein,“ ſagte hämiſch der Magiſter,„daß dieſe Traube für Sie immer eine ſaure und unreife, dieſe Knospe in alle Ewigkeit für Sie geſchloſſen bleiben könnte?“ Das Geſicht des Blinden verfinſterte ſich.„Pah!“ „die Theil des lung r an bruch für ichts enſch hten einer feſt nter liche ich gſte zu⸗ ſie zinn der aure Sie 15 ſagte er,„Sie reden, Magiſter, wie Sie es verſtehen. Das müßte denn doch ein Schwächling von einem Mann ſein, der die Liebe eines jungen Mädchens nicht ſollte erringen können. Ich habe mein Leben daran geſetzt, mir ein Gluͤck zu erſchaffen wie ich es mir wünſche, ich habe tauſend große und kleine Opfer dieſerhalb gebracht, der Erfolg wird und ſoll und kann nicht ausbleiben.“ „Opfer?“ ſagte der Magiſter lachend,„welche Opfer denn? haben Sie einer Liebelei, einem Ver⸗ gnügen entſagt wegen Ihrer Paſſion für Louiſe Wohlgemuth? oder vielmehr wegen Ihres tollen Vorſatzes ſich ein Kind zur Fran heran zu bilden; denn Paſſionen haben Sie nur für ausgewachſene Frauenzimmer; ich möchte wahrhaftig wiſſen, was Sie eigentlich Opfer zu nennen belieben?“ „Das kann Ihnen gleichviel ſein, Magiſter, glauben Sie indeß, daß ich zum Beiſpiel Jahre lang auf dem Lande am Ende der Welt ausgehalten, wenn mich das Mädchen nicht gefeſſelt hätte? glauben Sie, daß ich das Leben in der Reſidenz, das mir jetzt wieder offen ſteht, nicht zehnmal dem Leben in dieſem Neſte vorzöge, wenn ich es nicht um Louiſens willen thäte? Wozu indeß mit Ihnen darüber ſtreiten? Ich ſpiele jetzt eine neue Rolle meinem ſüßen Kinde 16 gegenüber und denke, wenn ich hier den Grabſcheit und Rechen führe an Huon im Garten Almanſors. Wie gefällt Ihnen mein neuer Strohhut mit dem blauen Bande und den Kornblumen und Aehrenſtrauß daran? ich denke, bei meiner hübſchen Figur muß er auf den blonden Locken keinen ſo üblen Eindruck machen!“ Der Blinde drückte ſich bei dieſen Worten den Hut verwegen auf den Kopf und erhob ſein entſtelltes Geſicht mit einem Ausdruck geckenhafter Eitelkeit, der es wahrhaft burlesk häßlich erſcheinen ließ. „Teufel auch!“ ſagte der Magiſter, dem ein leiſer Schauer durchs Gebein rann; der Blinde aber legte ſich den Ausruf zu ſeiner Zufriedenheit aus und ging die Treppe hinab in den kleinen Haus⸗ garten, wo Louiſe ſingend Salat ſäete. Kaum aber ſtand er dort neben ihr, als Madame Wohlgemuth bleich, mit aufgelöſtem Haar, ans Fenſter ihres Schlafſtuͤbchens ſtürzte und mit dem Ausdruck höchſten Entſetzens ihre Tochter rief. Wilhelm begleitete Louiſen und in der That war ſein Kommen von Nutzen. Muhme Elsbeth, die alte treue Dienerin der Familie, lag keuchend, mit geſchloſſenen Augen, die Zähne auf einander gebiſſen, am Boden, und Lydia kniete neben ihr und verſuchte den Kopf der Alten bſcheit nſors. bauen aran? f den 114 n den telltes telkeit, m ein aber t aus Haus⸗ ndame fenſter sdruck That n der n, die Lydia Alten 17 empor zu heben und den Schweiß von ihrer Stirn zu trocknen. „Es iſt das Fieber, das Fieber! Großer all⸗ mächtiger Gott!“ ſchrie Madame Wohlgemuth mit gerungenen Händen.„Wie kommt nur das La⸗ zarethfieber in unſer Haus? wie kann es nur möglich ſein, daß eine ſo anſtändige Perſon wie die arme Elsbeth ſolch eine ſchändliche infame Krankheit be⸗ kommt? Lydia, mein Kind, Lydia, faſſe ſie nicht an, Du wirſt angeſteckt; Louiſe, geh fort; laſſen Sie ſie liegen, Vetter Itzſtein, laſſen Sie ſie um Gottes Willen liegen!“ „In der That, das wäre weiſe,“ ſagte der Blinde, indem er den ſchweren Körper emporhob,„gieb mir Dein Gürtelband in den Mund, Louiſe, ich weiß den Weg nicht nach der Schlafkammer der alten Perſon, Lydia klingeln Sie nach meinem Jean, er ſoll ſogleich einen Arzt holen.“ Die Krankheit tobte wild im Gehirn und den Adern der alten aber immer noch kraftvollen Frau. Beſinnungslos, in den wildeſten Fieberphantaſien lag ſie da, bald ſich von wüthenden Hunden gehetzt wähnend, bald von dem Gefühl gepeinigt, als ſänke ſe in einen unendlichen Abgrund. Louiſe verließ die Pflegerin ihrer Kindheit keinen Augenblick und 1856. XX. Erinner. e. Großmutter. II. 2 Madame Wohlgemuth fügte ſich endlich darein, ver⸗ langte aber mit allem Eifer, daß Louiſe nun auch von den Familienzimmern gänzlich fern bliebe. So ſaß ſie denn in der dunkeln Krankenſtube, horchte den Phantaſien der Leidenden, rückte ihre Kiſſen zurecht, miſchte ihr Getränk und erwartete mit Faſſung den Augenblick, da ein Leben entfliehen würde, das ihr jetzt theurer erſchien als ſie ſonſt wohl geglaubt. Der Tod iſt ein ernſter Mahner. Louiſe ſah ihn hier zum Erſtenmal an ein Menſchenherz treten. Es war Mitternacht, der Arzt war um zehn Uhr bei der Leidenden geweſen und hatte erklart, daß ſie unrettbar ſei. Düſter brannte die kleine geſchirmte Lampe auf dem Tiſch, an dem Louiſe ſaß. Die Handarbeit, mit der ſie ſich beſchäftigt hatte, war in ihren Schooß geſunken, und tauſend Erinnerungen durchzogen ihre Seele. Sie gedachte der Zeit, wo ſie ein einfältiges Kind, ſo eifrig, ſo ängſtlich Gott geſucht hatte. Hatte ſie ihn denn jetzt gefunden? war ſie ihm näher getreten im Laufe der Jahre? Hier vor ihr lag ſchwer athmend und leiſe röchelnd die Sterbende, die nun bald die Pforte durchſchreiten ſollte, die Zeit und Ewigkeit trennt. Was ſtand ihr bevor? war der Augenblick des To⸗ * des weſe für Lam war ihrer Du din? Auge zitter flüſte n, ver⸗ en auch e. So hte den zurecht, lng den das ihr ubt. (uiſe ſah treten. m zehn erklärt, npe auf ſchäftigt tauſend gedachte Sheifrig, hn denn m Laufe end und ie Pforte t trennt. des To⸗ 19 des ein Vergehn des Ichs, ein Zerfließen des Einzel⸗ weſens im All? war er der Act einer neuen Geburt für ein ewiges Daſein? Louiſe ließ das Licht der Lampe auf das Geſicht der Sterbenden fallen, es war ruhig und ſchien zu lächeln; ſie kniete am Bette ihrer alten Wärterin nieder und flüſterte leiſe:„Kennſt Du mich, Muhme Elsbeth, meine gute alte Freun⸗ din?“ Sie öffnete die Augen, dieſe ernſten dunkeln Augen, vor deren Blitzen Louiſe als Kind ſo oft ge⸗ zittert.„Mein Kind, mein Herzchen, mein Lieschen!“ flüſterte ſie,„gewiß gewiß, ich kenne Dich, Du haſt mich ſo treu gepflegt, ſollſt auch meine Erbin ſein, Lieschen, ſegne Dich Gott, mein gutes Kind!“ Es ſchien Louiſen, als ob die Kranke den Verſuch mache, den Kopf etwas zu erheben. Louiſe legte ihr daher den Arm unter und wollte ſie aufrichten, aber ihre Freundlichkeit war unnütz, die alte Frau athmete noch einmal ſchwer und tief, öffnete die Augen und ſchaute lächelnd um ſich, und dann ſtreckte ſie ſich lang, ein electriſcher Schlag ſchien durch ihr Gebein zu zucken, der Kopf ward ſchwer und ſchwerer auf Louiſens Arm, und als dieſe die andere Hand erhob, um ihre Stirn zu trocknen, da war ſie bereits er⸗ kaltet, die Augen verglaſten ſich und die Kinnlade ſank herab. 2* —— — 20 „Schlaf wohl, Muhme Elsbeth, meine alte Freundin,“ ſagte Louiſe und küßte die erkalteten Lippen und ſchloß mit freundlicher Hand die halb geöffneten Augen,„ſchlaf wohl und erwache im Him⸗ mel, an den Du geglaubt.“ Nacht und Einſamkeit umgaben das junge Mädchen neben der Leiche mit ihren düſtern Schleiern. Sie wußte, daß das ganze Haus ſchlief und trat ans Fenſter, öffnete es und ſchaute hinaus nach dem ſternbeſäeten Himmel. Ein leiſer Wind fluͤſterte in den Zweigen der noch unbelaubten Bäume, eine Nachtigall ſang im knospenden Fliederbuſch des Gar⸗ tens. Louiſe ſtützte den Kopf in die Hand und tau⸗ ſend Gedanken flatterten durch ihre junge Seele. Wo war ihr Vater? ihr theuerer, weiſer, gütiger Vater? wo war Fritz? der Jüngling, mit dem ſie ein Band verknüpfte, deſſen Exiſtenz niemand von den Ihrigen kannte. Welche hohe Verpflichtungen legte dieß Band ihr auf, in welche ſeltſamen und ſchmerzlichen Conflicte konnte es ſie noch verwickeln! Als ein Kind hatte ſie einem andern Kinde das Verſprechen gegeben, ihm für Zeit und Ewigkeit an⸗ zugehören. Seit Jahren hatte ſie den Jüngling nicht geſehen, die wenigen Briefe, die ſie von ihm empfan⸗ gen, zeugten zwar deutlich von der Güte und Red⸗ lichkeit er das Anhäu darauf C erinne mals, entgeg hatte fallen, kühne! ihres rück 3 als e vergel gen Zeit! hatten der 1 hatte und ganz Beſti 21 ne alte lichkeit ſeines Charakters, von dem Ernſt, mit dem kalteten er das Verhältniß zu ihr auffaßte, von einer gewiſſen ie halb Anhänglichkeit an ſie, aber war das genug, um n Him⸗ darauf die ganze Zukunft zweier Menſchen zu bauen? Dunkel wie an die Süßigkeit eines Traumes junge erinnerte ſie ſich des warmen ſeligen Gefühls, das da⸗ ſchleiern. mals, als ſie neben ihrem Verlobten dem Hungertode nd trat entgegen zu gehen geglaubt, ihre ganze Seele erfüllt ch dem hatte mit vollem Vertrauen, mit innigſtem Wohlge⸗ erte in fallen, mit wahrer Verehrung gegen den ſanften, , eine kühnen, feſten und liebevollen Sinn des Gefährten s Gar⸗ ihres Geſchickes. Sie ſtrebte ſich dieß Gefühl zu⸗ ind tau⸗ rück zu zaubern, aber das war vergebens, es ſtand eele. als etwas Geweſenes neben ihr, nach dem ſie ſich gütiger vergeblich ſehnte. dem ſie Sie hatte gehofft die Bekanntſchaft der würdi⸗ nd von gen Mutter ihres Verlobten zu machen, die eine htungen Zeit lang in Elbing gelebt hatte, aber Verhältniſſe nen und hatten Frau von Treufeldt nach Stralſund geführt vor wickeln! der Ueberſieblung der Familie Wohlgemuth. Wie nde das hatte ſich Louiſe gefreut eine Freundin, eine Lehrerin keit an⸗ und Leiterin zu finden, ſie, die ſo ſehr allein, ſo ng nicht ganz ſchutz⸗ und rathlos in der Welt daſtand. empfan⸗„Es iſt wohl Gottes Wille und meine irdiſche nd Red⸗ Beſtimmung, mich durch mich ſelbſt und nur unter 22 ſeinem Schutz zu entwickeln. Ich bin ſein Kind, unmittelbar das ſeine, weil Er meine irdiſchen Eltern ſo fern von mir geſtellt,“ dachte ſie und der Gedanke war ſo ſtrahlend wie das plötzliche Licht jenes Tages, da ein Sonnenblick die Tropfen an allen Zweigen mit Regenbogenglanz geſchmückt hatte. Sie fühlte eine Ruhe, eine Befriedigung, eine Freudigkeit in ſich, die alle ihre Nerven, ihre ganze Seele durchdrang, und wie von einer unſichtbaren Flamme durchleuchtet und durchwärmt, ſank ſie auf die Knie und betete zum Erſtenmal in ihrem Leben ein wortloſes ent⸗ zucktes Gebet, ein Gebet, deſſen Beſeligung nur Der ermeſſen kann, der einmal ein gleiches ſeine Seele durchſtrömen fühlte. Sie lehnte ihr Köpfchen knieend an den Stuhl, ſchaute auf zum Sternenhimmel und allmählig drückte der Schlaf ihre Augen zu und webte heilige Träume um ihre Seele, und als ſie ſich wieder erwachen fühlte, ein armes Kind der Erde, da zitterte das junge Morgenlicht in den Thautropfen des Gartens und ſtahl ſich durch die geſchloſſenen Gardinen auf das ſtille Antlitz der Leiche und webte darauf einen Verklärungsſchimmer. Es war der Morgen des 1. Mai 1809.— Acht Tage darauf ſaß die Familie im kleinen Gaͤrtchen beim Nachmittagskaffee. Elsbe Wohl den faſt ſeinen unern rector Danz in de ſollte dert wie Titel ſein Mage eine Stim zu be Aben daß 1 Kind, Eltern Gedanke Tages, Zweigen e fühlte gkeit in hdrang, Sleuchtet d betete es ent⸗ zur Der e Seele knieend nel und zu und als ſie ind der in den urch die r Leiche .— kleinen 23 Die Krankheit und der Tod der alten Muhme Elsbeth war ohne weitere Folgen geblieben, Madame Wohlgemuth hatte aus Angſt vor der Anſteckung den Schmerz und den Tod der alten treuen Dienerin faſt gänzlich vergeſſen und alles ging ruhig wie ſonſt ſeinen gewohnten Gang. An dieſem Tage aber unterbrach denſelben ein unerwarteter, ſehr erfreulicher Beſuch: der Bankdi⸗ rector Wohlgemuth, der ſich auf dem Wege nach Danzig befand, begleitet von dem Kantor, welcher dort in das Haus eines berühmten Arztes gebracht werden ſollte. Beide ſchienen den Familiengliedern unverän⸗ dert zu ſein. Kantor Wohlgemuth überhäufte noch wie ſonſt ſeine Verwandten und alle Menſchen mit Titeln, die nur für die längſten Tage erfunden zu ſein ſchienen, und träumte noch wie ſonſt von ſeinen Magazinen und andern gemeinnützigen Anſtalten. Louiſe glaubte an dem Onkel Bankdirector eine zunehmende Bläſſe, ein eignes Zittern der Stimme und einen gewiſſen ſcheuen unruhigen Blick zu bemerken. Als ſie einen Augenblick ins Haus ging, um Abendbrod zu beſorgen, kam er ihr nach, und ſie ſah, daß er unbedingt etwas mit ihr allein ſprechen wollte. Sie ſchickte daher ihr zierliches Dienſtmädchen in den Keller und kaum war das geſchehn und Herr Wohlgemuth hatte ſich durch genaues Blicken hinter alle Thüren überzeugt, daß er nicht behorcht wurde, als er raſch ein anſehnliches Briefpacket hervorzog und es Louiſen übergab. „Bei Deinem Leben, bei allem was Dir theuer und heilig iſt,“ ſagte er dabei eifrig und ängſtlich, „halte den Empfang dieſer Briefe geheim, es hängt vielleicht das Heil Europa's daran, daß Pläne nicht verrathen werden, die jetzt zu reifen beginnen; jeden⸗ falls aber hängt daran das Leben und die Erxiſtenz vieler vieler Menſchen. Ich wollte durchaus Dir, die faſt noch ein Kind iſt, die Laſt eines Wiſſens nicht aufbürden, die faſt für Mannesſchultern zu ſchwer iſt; meine Frau aber, auf deren Umſicht und Klugheit man wohl bauen kann, hörte nicht auf in mich zu dringen, und ſo lege ich meine Ehre und Freiheit, vielleicht mein Leben in Deine Hand!“ Louiſe hätte gewünſcht, das ſeltſame und be⸗ ängſtigende Vertrauen ihres Onkels ablehnen zu dürfen, ſie hörte aber auf der Treppe den Schritt ihrer Die⸗ nerin, ſah auf der Adreſſe die Handſchrift ihrer theuren Tante Sophie und ließ daher eilig das Briefpacket in ihren Buſen gleiten, öffnete dem Mäd⸗ dchen in id Herr i hinter wurde, ervorzog theuer igſtlich, 3 hängt ne nicht ; jeden⸗ Exiſtenz s Dir, Wiſſens in mich reiheit, er Die⸗ 2 chen und ließ den angeregten Gaſt durch die Schlaf⸗ ſtube aus der Küche ſchlüpfen. Erſt Abends ganz ſpät, als die Gäſte in ihre Herberge zum goldenen Löwen gegangen, als alle Hausgenoſſen ſchliefen, fand Louiſe in dem Stübchen der alten Elsbeth, das jetzt leer ſtand, eine Gelegen⸗ heit ihre Briefe ohne Zeugen zu leſen. Mit zitternder Hand öffnete ſie das Siegel und aus der Hülſe ſielen drei verſchiedene an ſie adreſſirte Briefe. Die Adreſſe von allen war von Sophiens Hand, ſie nahm daher den ſtärkſten zu⸗ erſt, brach ihn auf und ſah mit Staunen und Wonne, daß er nicht von der Tante, ſondern von dem lieben fernen Vater ſei. Das Schreiben lautete: „Mein theures Kind! „Da der Ueberbringer dieſes Briefes ſein Leben durch ſeine Gefälligkeit preisgiebt, ſo wähle ich Dich zur Empfängerin deſſelben, weil ich überzeugt bin, daß Du von meinen fernen Lieben die meiſte Kraft und Selbſtbeherrſchung beſitzeſt. Nennen wird mein großmüthiger Freund ſich Dir ſelbſt. Eben ſo wird er Dir auch den Ort nennen, an dem Dein Vater jetzt lebt und täglich, ſtündlich Eurer, o Ihr meine Geliebten! gedenkt. „Ruhe und Faſſung, mein liebes Kind, wenn Du dieſe Zeilen lieſeſt; zeige durch kein Wort, durch kein Zittern, kein Erbleichen und Erröthen, daß Du Theil⸗ nehmerin eines gefährlichen Geheimniſſes biſt. Wenn der Ueberbringer dieſer Zeilen Euch verlaſſen haben wird, kannſt Du Deiner Mutter und Schweſter ſagen, daß ich lebe, daß ich mit aller Gatten⸗ und Vater⸗ liebe ihrer gedenke und daß ich auf eine Wiederverei⸗ nigung noch dießſeits des Grabes mit Zuoerſicht hoffe. Du kannſt dann Deiner Familie ſagen, daß Du den Brief, den ich hier an Deine Mutter beifüge, durch gütige Vermittlung des Herrn Conſul St. empfangen, ſeine Verbindungen mit Frankreich machen das möglich, ohne ihn großer Verantwortlichkeit aus⸗ zuſetzen, immer aber, meine Tochter, empfiehl ein tiefes Schweigen; auch ich lege es Deiner Mutter aufs höchſte ans Herz. „Näheres über mein jetziges Leben wird Dir, meine Louiſe, der Ueberbringer dieſes Briefes mit⸗ theilen, der Dir und Euch allen, beſonders aber Dir, auch noch Grüße von einem alten Freunde und Ver⸗ ehrer bringt: Deines Tanzlehrers Herrn Dutrouſſel erinnerſt Du Dich doch gewiß, meine Louiſe? Bete für ihn! „Dir und Euch allen den Ueberbringer dieſer Zeilen zu empfehlen, iſt wohl in jeder Beziehung h kein Theil⸗ Wenn haben ſagen, Vater⸗ rverei⸗ derſicht 15 Du eifüge, il St. nachen aus⸗ hl ein Mutter d Dir, s mit⸗ er Dir, d Ver⸗ trouſſel 2 Bete dieſer behung nutzlos. Seine Liebenswürdigkeit, ſein gebildeter Geiſt und ſein jugendlich muntrer Sinn, empfehlen ihn genug. Laß Dir, Louiſe, von ihm erzählen, wie ich lebe, wie Herr Dutrouſſel lebt, wie die Zeit dem Verbannten in Träumen und Hoffuungen verfließt. „Du wirſt mir ſchreiben, Loniſe. Einer Adreſſe bedarf Dein Briefchen nicht, das der Ueberbringer dieſer Zeilen auf ſichern Wegen an mich befördern wird. Gott, mein Gott, mit wie heißer Sehnſucht erwarte ich den Moment, da ich Nachricht von Euch erhalte. Ich fordre von Dir eine genaue und aus⸗ führliche Schilderung Eures Lebens und Eurer Ver⸗ hältniſſe, alles intereſſirt mich dabei, alles, halte kei⸗, nen Umſtand, kein Wort für geringfügig; ein Gatte, der von ſeinem geliebten Weibe, ein Vater, der von ſeinen Kindern getrennt iſt, ſehnt ſich nach jenen kleinen Einzelnheiten, die er nicht mehr liebevoll be⸗ obachten kann. „Monſteur Dutrouſſel läßt Dir ſagen, daß er die Taſchentücher, welche Deine Kinderhand genäht, noch jetzt beſitzt und zu ſeinen beſten Schätzen zählt. Ich war krank, meine Tochter, der Typhus, der auch hier wüthet, hatte mich niedergeworfen, da hat mein gü⸗ tiger Freund mir mit einem dieſer Tuͤcher die Stirn getrocknet, und es mir dann auf mein dringendes Bitten geſchenkt, ich trage es auf meinem Herzen. Und weißt Du auch was ich noch mehr der Güte unſers Freundes verdanke? Den Beſitz von Deinem und Lydia's Portrait— als Kinder, er hatte dieſe beiden ſüßen reizenden Bilderchen als ein Andenken von dem wackern Maler, erhalten und mitgenommen. Gott ſegne die Hand, die dieſe kleinen Kunſtwerke ſchuf, um die Seele eines Vaters zu erquicken. „Wegen meiner Geſundheit könnt Ihr alle jetzt völlig ohne Sorgen ſein, ich bin, nachdem ich jene garſtige Krankheit glücklich und wohlgepflegt über⸗ ſtanden, ſehr kräftig und geſund. Es fehlt mir auch ſonſt an nichts. Monſteur Dutrouſſel ſorgt für mich mit der Aufmerkſamkeit und Zärtlichkeit eines Bruders. O mein Kind, das Gute, das wir thun, iſt ein Sa⸗ menkorn, das Wurzel ſchlägt und Fruͤchte bringt, die ſehr oft den noch erquicken, der ohne an ſich ſelbſt zu denken, den Samen ſtreute. „Ich möchte fort und fort zu Dir ſprechen, meine geliebte, verſtändige Tochter, ich kann und darf dem Papier nur ſehr vieles nicht anvertrauen, was ich für Dich auf dem Herzen habe, ich verweiſe Dich an den Ueberbringer, er wird Dir alles, alles er⸗ zählen. „Wir leben in ſchweren Zeiten, Vorſicht iſt zu erzen. Güte und eiden dem Gott ſchuf, e jetzt jene über⸗ auch mich uders. Sa⸗ gt, die ſelbſt eechen, d darf was e Dich es er⸗ iſt zu 29 allen Dingen gut, jetzt aber unerläßlich.— Sei Dei⸗ ner Mutter eine liebevolle Tochter, nimm ſo viel als möglich alle Sorgen und Kümmerniſſe auf Deine jugendlichen Schultern; ach ſie iſt gewöhnt an eine liebevolle Stütze, ſie iſt ſo zart und weich. Deine ältere Schweſter gleicht ihr wie im Aeußern ſo auch im Charakter. Dich, meine theure Louiſe, betrachte ich faſt wie den Sohn, den Gott uns verſagte. Ich ſegne Dich, ich ſegne Dich, mein Kind, ich hoffe auf Dich, ich verlaſſe mich ganz auf Deine Kraft und Deinen Verſtand. Der allmächtige Gott ſtärke, ſtütze und tröſte Dich. Lebe wohl! In Leben und Tod Dein treuer Vater.“ Der Brief trug weder eine Orts⸗ und Datums⸗ Bezeichnung, noch auch eine Namensunterſchrift. Wunderbar erſchien es Louiſen beſonders, daß Ihr Vater ſo viel von dem Ueberbringer ſprach, der Onkel konnte doch damit unmöglich gemeint ſein. Sie verbarg und verſchloß den Brief und den an ihre Mutter, den ſie natürlich nicht eröffnet hatte; die beiden andern an ſie gerichteten lagen lange in ihrem Schooße, ohne daß ſie daran dachte einen zu öffnen... Endlich fiel es ihr ein, daß dieſe Briefe ja auch vom Vater ſein und genauere Aufſchlüße über ihn enthalten könnten. Haſtig riß ſie daher den erſten und da ſie die Handſchrift der Tante Sophie erkannte, den zweiten auf. Er war von Fritz und lautete: „Mein herziges Mädchen! „Geſtern habe ich unſrer gemeinſamen Zukunft einen Schritt entgegen gethan— ich bin Lieutenant. Vorwärts nun auf dem einmal betretenen Pfade, vorwärts und der Wahlſpruch ſet: Sleg oder Tod! „Heute iſt der 27. April, morgen rücken unſre Hußaren zu einer großen Uebung aus.— Thorheit! Ehe Du, mein geliebtes Mädchen, dieſe Zeilen in Händen haſt, iſt der Würfel gefallen, warum denn nicht zum Letztenmal vielleicht in dieſer Welt das Herz erleichtern gegen Dich, Du Geliebte! „Vor einer Stunde ſprach mein Major mit mir, mein edler Freund und Bundesbruder. Treufeldt, ſagte er, Du biſt der jüngſte von uns, der Sohn einer Witwe, ich gehe ein Unternehmen zu beginnen, das vielleicht wie der Funke des Pulvers das ganze geknechtete Deutſchland in Flammen ſetzt, vielleicht aber auch das Häuflein, das mich begleitet, dem Tode in den geöffneten Rachen führt. Unrühmlich werden wir nicht fallen, das iſt gewiß, aber vielleicht erfolg⸗ los; willſt Du zurück bleiben, ſo ſoll es Dir frei ſte⸗ hen, ich gebe Dir dann morgen, wenn ich mit ei⸗ nen ſo gew folg gen hab neh Pa Gel geh feltf für Unf Sch uns ſie ten He von fen ſie die weiten zukunft tenant. Pfade, Tod! unſre orheit! ilen in n denn elt das lit mir, eufeldt, Sohn ginnen, 3 ganze ielleicht n Tode werden erfolg⸗ frei ſte⸗ it mei⸗ 31 nen Hußaren Berlin verlaſſe, einen Auftrag, der Dich ſo lange hier feſſelt, bis unſer Vorhaben bekannt geworden iſt und man Dich offiziell abhält, uns zu folgen. „Er ſetzte mir nun ſeine Pläne und Hoffnun⸗ gen auseinander, er nannte mir den Namen der er⸗ habenen Frau, deren Billigung ſein kühnes Unter⸗ nehmen heiligt. „Dieſer Name iſt ja auch der Talisman, das Paladium meines Lebens! Louiſe! Louiſe! meine Geliebte, laß Deinen Segen mich begleiten, morgen gehe ich in den Kampf, in den muthigſten, vorswei⸗ feltſten, den je ein deutſches Herz gewagt. Vete für mich, für uns alle.— „Drei Tage ſpäter. „Es iſt jetzt Mitternacht— Walpurgisnacht! Unſre kleine Schaar bivouaquirt, vor uns liegt im tiefen Schlaf ein friedliches Dörſchen, ein Kieferwald ſchützt uns vor Späheraugen. „Wir haben trübe Nachrichten, Schill ſelbſt hat ſie mir mitgetheilt. Napoleon hat in drei Schlach⸗ ten Oeſterreich beſiegt und nähert ſich Wien mit großer Heeresmacht. Dörnberg, der wackre Weſtphahle, iſt von König Jerome gefangen, wir können nicht hof⸗ fen, daß Oeſterreich, Sachſen oder Weſtphahlen für uns, mit uns aufſtehen werden; wir müſſen verſu⸗ chen uns durchzuſchlagen, die Zeit bringt Rath! Ich ſchreibe im Mondlicht, ein Trompeter⸗Sattel iſt mein Pult, Dinte und Feder führe ich als Adjutant meines wackern Majors bei mir, ich lege dieſe Zei⸗ len in einen Brief, den einer unſrer Hußaren, der ſich verkleidet durch die Mark nach Pommern ſchleichen will, meiner lieben Mutter zu bringen verſprochen. Bete für mich, Louiſe, mein Engel, meine theure Schutzheilige, ich werde, mag ich leben oder ſterben, Deines reinen Herzens würdig bleiben.. F. T.“ Louiſens Herz zuckte in den gewaltſamſten Auf⸗ regungen. Die Liebe des Jünglings, der jetzt den furchtbarſten Gefahren mit einem der Ritterzeit wür⸗ digen Muthe die Stirn bot, dieſe edle und heilige Liebe hatte für ſie etwas rührendes, etwas, das ihr Herz erhob, aber nicht entflammte. Fritz Treufeldt ſtand vor ihrer Erinnerung wie ein Knabe, ſie ſelbſt erſchien ſich jetzt älter, reifer, er⸗ fahrener als der kleine bleiche Fähnrich mit dem Maͤdchengeſicht und den dunkeln ſchwärmeriſchen Au⸗ gen. Sie betete für ihn, wie für einen theuren lieben Bruder, verwahrte ſorglich ſeinen Brief, und las dann den ihrer Tante, von dem ſie Aufſchluß 1 höchſte auf e Brief läſſige empfa auch der G land dräng ſchaft ſeine verſu⸗ Rath! tel iſt leichen rochen. theure terben, T.“ Auf⸗ tzt den t wür⸗ heilige das ihr ng wie fer, er⸗ it dem en Au⸗ theuren ef, und ufſchluß 33 über vieles Unverſtändliche im Briefe ihres Vaters erwartete. Sophie Wohlgemuth ſchrieb: „Mein theures Kind! „Mein Gatte bringt Dir ein Brief⸗Paquet von höchſter Wichtigkeit. Der Brief Deines Vaters ſollte auf anderm Wege in Deine Hände kommen, den Brief des wackern Jünglings brachte mir ein zuver⸗ läſſiger Bote, der ihn aus der Hand ſeiner Mutter empfangen hat.— Alle dieſe muthigen Männer, auch mein Gatte, gehören der großen Verbrüderung der Guten und Tugendhaften, die, durch ganz Deutſch⸗ land verbreitet, den einen Zweck verfolgt, das be⸗ drängte Vaterland von der ausländiſchen Zwingherr⸗ ſchaft zu befreien. „Jeder opfert dieſem Zweck ſein ganzes Ich, ſeine ganze Kraft. Zwei Männer, meinem Herzen theurer als mein eignes Leben, ſtehen feſt als die Opferwilligſten in dieſer erhabenen Verbrüderung voran: der Freund und Geliebte meiner Jugend, den Du in meinem Hauſe kennen lernteſt und unter deſſen Leitung Dein jugendlicher Verlobter ſteht, und nein Gatte, der ſeine bürgerliche Ehre, ſein ganzes Vermögen, ſeine ganze Stellung voll Reſignation an einen verzweifelten Wurf ſetzte.— 1856. XX. Erinner. e. Großmutter. II. 3 „Die Perſon, welche Deines Vaters Brief aus Frankreich hierher gebracht hat, wird in kurzer Zeit bei Euch ſein. Es iſt ein naher Verwandter Deines früheren trefflichen Tanzmeiſters. Er wird ſich Dir und nur Dir allein zu erkennen geben. „Du wirſt, mein liebes Kind, in kurzem eine der liebenswürdigſten Perſönlichkeiten kennen lernen, die mir auf meinem längeren Lebenswege vorgekom⸗ men. Einen jungen Franzoſen, den Colonel St. Albans. Ich weiß nicht, wie es zugeht, daß ich für Dich bei dieſer Bekanntſchaft fürchte. Zum Glück ſteht Deine ſchöne Schweſter neben Dir, doch auch ihr wünſche ich nicht, daß der gefährlich liebenswür⸗ dige Fremde einen zu tiefen Eindruck auf ſie mache. Iſt er doch eben ein Fremder und Deutſchlands Frauen ſollten gerade in dieſen ſchweren Zeiten ihre Schönheit und die Liebe ihrer reinen Herzen be⸗ wahren für deutſche Männer. „Noch ein Wort, mein theueres Kind. Es be⸗ trifft den Jüngling, dem Du Dein Wort verpfändet. Ein Brief ſeiner Mutter, die ich ſeit Jahren kenne, zeigt mir, daß die frühe Liebe, die er zu Dir gefaßt, eine nachhaltige, eine für ſein ganzes Leben einflußreiche ſei. F. T. iſt ein Jüngling mit jungfräulich reinem Her⸗ zen und die erſte reine Liebe eines ſolchen iſt ſicher⸗ rief aus zer Zeit Deines ſich Dir zem eine mlernen, orgekom⸗ nel St. ich für m Glüůck doch auch benswür⸗ ie mache. tſchlands eiten ihre erzen be⸗ Es be⸗ erpfändet. en kenne, faßt, eine reiche ſei. iem Her⸗ iſt ſicher⸗ 3⁵ lich eines der erhabenſten Gefühle, die die arme Erde hervorbringt. Du biſt die Heilige, das Palladium, der Schutzengel des ritterlichen Jünglings und zu⸗ gleich der Gegenſtand aller ſeiner irdiſchen Hoffnun⸗ gen und Träume. „Darf ich Dich, Dich, meine Louiſe, ermahnen, des Kleinods dieſer ſchönen Liebe werth zu bleiben? Du beſitzeſt ein edles, frommes Herz, eine ſtarke ſanfte und muthige Seele, ich weiß dieß, mein Kind, aber ich weiß auch, daß Du Deinen jungen Verlob⸗ ten nicht in gleicher Weiſe liebſt, wie er Dich, und ich weiß, daß Verſuchungen uͤber Dich kommen wer⸗ den, ſtark genug, um auch ein kräftig Herz wanken zu machen. „Laß Dich nicht irre machen und in Verſuchung führen durch andere Stimmen, die im Herzen des Weibes erwachen und von großem Einfluß ſind. Verſchenke Dein Ich nicht aus plötzlich erwachender Leidenſchaft, verſchenke es aber auch nicht aus Mit⸗ leid, Furcht, oder falſch verſtandenem Pflichtgefühl. „Die Tage der Prüfung nahen für Dich heran, Gott ſtärke Dich in denſelben. „Ueber Deine Herzensangelegenheiten, Deine Freier, über Euer Leben im Hauſe kannſt Du mir durch die Poſt offen und ohne Zwang ſchreiben, nie 3 aber berühre nur andeutungsweiſe politiſche Ver⸗ hältniſſe. Nenne nie einen Namen, ſpiele nie auf die Stellung F. T's. an, das kleine Häuflein, das mein Jugendfreund in Kampf und Tod führt, iſt von dem Machthaber der Zeit bereits in die Acht erklärt, jeder deſſelben, der in ſeine Hände fällt, wird behandelt wie ein Straßenräuber. „Dieſe Zeilen, mein Kind, wirſt Du verbrennen ſobald Du ſie geleſen, doch lies ſte zwei⸗ bis drei⸗ mal, um das alles was ſie enthalten genau zu merken. „Ich ſende Dir die Grüße meiner wahrhaft mütterlichen Liebe. Singſt Du auch noch fleißig, lie⸗ bes Kind? Ein unausgebildetes Talent iſt eine ver⸗ grabene Perle, das vergiß nie, meine Louiſe, und Gott ſegne Dich! Deine treue Tante Sophie.“— Zweites Capitel. Mephiſtopheles: Da wird durch allerlei Brimborium, Das Püppchen geknetet und zugericht't, Wie's lehret manche welſche Geſchicht. Göthe(Fauſt.) Der Herr: Ein guter Menſch in ſeinem dunkeln Drange Iſt ſich des rechten Weges wohl bewußt! Göthe(Fauſt. Prolog im Himmel.) Es waren zwei Wochen verfloſſen ſeit Louiſe dieſe Briefe erhalten, die Mutter hatte die ihrigen e Ver⸗ nie auf ein, das ührt, iſt die Acht Utt, wird rbrennen bis drei⸗ merken. wahrhaft ißig, lie⸗ eine ver⸗ niſe, und hie.“— nborium, (Fauſt.) n Drange 81 Himmel.) ſeit Louiſe ie ihrigen 37 auch bekommen und ſich ſattſam an den Troſtworten erquickt, die der ferne Gatte ihr geſchrieben. Der Fruͤhling ſchritt vor und jeder neue Tag brachte neue Kunde von den Siegen der Franzoſen in Oeſterreich. Von dem kleinen Freicorps des Major von Schill hörte man nichts und doch begleiteten alle Herzen die Heldenſchaar mit ihrem Segen. Die ſchöne Lydia war viel im Hauſe des fran⸗ zöſiſchen Conſuls Strombeck und machte dort man⸗ cherlei intereſſante Bekanntſchaften. Franzöſiſche Offi⸗ ciere aller Waffen kamen auf Urlaubsreiſen auch nach Elbing, und nicht einer war darunter, der nicht der blendenden Schönheit der jungen Deutſchen ge⸗ huldigt hätte. Es war in der Mitte des Maies und herrliches warmes Wetter. Alle Bäume blühten bereits. Eine Schaar von Spaziergängern, die aus Dambitz, Vo⸗ gelſang und Weingarten zurückkehrten, ſtrömte durch das Mühlenthor. Mancher elegante Wagen war darunter und in einem derſelben, dem Wagen des Conſul Strombeck, ſaßen auf dem Ehrenplatz zwei hübſche Matronen, die Frau Conſul und Ma⸗ dame Wohlgemuth. Zwei reizende, blühende, junge Mädchen von unverkennbarer Aehnlichkeit ſaßen auf 38 dem Rückſitze, und auf dem Bock bei dem Kut⸗ ſcher ein ſtattlicher Mann in Civil⸗Kleidung, auf der mit ziemlicher Oſtentation der Orden der Ehrenlegion angebracht war, Herr Conſul Strombeck in eigener Perſon. Ein jugendlicher Officier, deſſen blendende Schöͤn⸗ heit die glänzende Uniform der franzöſiſchen Jäger noch mehr hervorhob, begleitete den Wagen und zeigte in zierlichen Courbetten ſeine eigene Reitkunſt und die Dreſſur ſeines edeln Pferdes. Der ſchöune Franzoſe, Colonel St. Albans, war der Löwe des Tages, der Gegenſtand von tauſend Geſprächen, das Ziel unzähliger Blicke und er ver⸗ diente die Aufmerkſamkeit, die er erregte. Eine jugendliche und zugleich kräftige Geſtalt, ein Geſicht voll ſprühenden geiſtigen Lebens verban⸗ den ſich bei ihm mit vornehmer Geburt, ritterlichem Weſen, großem Reichthum und einer militäriſchen Stellung, die für ſeine Zukunft die höchſten irdiſchen Ehren erhoffen ließ. St. Albans zählte kaum fünf⸗ undzwanzig Jahre, aber die dunkle Färbung ſeiner Haut und eine leichte Narbe, die ſeine reine Stirn ſchmückte, ließen ihn älter erſcheinen als er war. Seit vier Tagen war er auf einer Urlaubsreiſe in E Hauf fehl, mach gewa mein ſproch und die r ter n der 1 Zuru dem nicht, welch jeden und dacht Man haber m Kut⸗ auf der enlegion eigener Schön⸗ n Jäger gen und Reitkunſt ns, war tauſend er ver⸗ Geſtalt, verban⸗ terlichem täriſchen irdiſchen m fünf⸗ g ſeiner e Stirn in Elbing und der gefeierte, gehätſchelte Gaſt im Hauſe des Conſul Strombeck. „Alſo, meine Damen, es bleibt bei Ihrem Be⸗ fehl, ich darf Ihnen morgen meine Aufwartung machen?“ ſagte der ſchöne Officier, indem er ſich gewandt in den Wagen beugte,„vorwärts denn, mein wackrer Meleck, und auf Wiederſehn!“ Er klopfte bei dieſen in ſehr gutem Deutſch ge⸗ ſprochenen Worten den Hals ſeines ſchönen Pferdes, und wie ein Pfeil flog dieß die Straße hinab. Louiſe und Lydia wandten in gleichem Moment die reizenden Köpfchen und ſahen dem graziöſen Rei⸗ ter nach. Sie folgten bei dieſer Bewegung einem Impulſe, der mächtiger war als die anerzogene und angeübte Zurückhaltung deutſcher Mädchen. Beide waren zu⸗ dem noch ſo jung und ſo unerfahren. Sie ahnten nicht, daß ſie alle Urſache hatten, das Intereſſe, welches der ſchöne Jüngling ihnen einflößte, vor jedem Späherauge zu verbergen. „Wie ſchön er iſt!“ dachte Lydia, als ſie Mann und Roß die Straße hinauffliegen ſah, und Louiſe dachte:„O daß ihn Gott ſegnen möge den herrlichen Mann, dem wir Alle ſo unendlich viel zu danken haben!“ Madame Wohlgemuth aber dachte:„Dieſer reiche ſchöne Oberſt, dieſer junge Graf, der Erbe der ſchön⸗ ſten Beſitzungen im ſchönen Frankreich, der wäre nun gerade der rechte Mann für meine ſchöne Lydia.“ Am nächſten Morgen war der Graf St. Albans ziemlich früöh im Hauſe der Madame Wohlgemuth, wo er von dieſer und Lydien auf das freundlichſte empfangen wurde. Der junge Franzoſe mußte den beiden Damen wieder und wieder von dem fernen Gatten und Vater erzählen, den er in Toulon geſehen und von dem er tauſend Grüße und Segenswünſche für die Seinen empfangen hatte. Madame Wohlgemuth wuͤnſchte jedes kleine Detail vom Leben und Befinden ihres Mannes zu erfahren und hörte nicht auf zu fragen, wie er denn ausſähe? ob die Luft des Südens ihm zuträglich? ob er mit allem Nothwendigen, was Frauenhand zu ſchaffen vermöge, verſorgt ſei? und hundert und wieder hun⸗ dert andere Dinge, die Colonel St. Albans zwar mit einiger Zurückhaltung aber mit höchſter Freundlich⸗ keit im beſten reinſten Deutſch beantwortete. Endlich empfahl er ſich, nachdem er den Damen noch eine Einladung zu einer Spazierfahrt nach dem Kloſter Kadinen von Seiten des Herrn Conſul für den Wohl Kopf ſamer dem hatte geſagt Geleg Aben! das ich n ſprech Ihres der 2 warut Geda⸗ zu ſei willen ihm denno in To daß ſ erhalt er reiche er ſchön⸗ däre nun Lydia.“ Albans ggemuth, idlichſte Damen d Vater dem er Seinen e Detail erfahren usſähe? Her mit ſchaffen der hun⸗ war mit eundlich⸗ Damen ach dem ſul für 41 den morgenden Tag beſtellt hatte, was von Madame Wohlgemuth mit vielem Vergnuͤgen angenommen wurde. Indeß ſaß Louiſe in ihrer kleinen Stube, den Kopf in die Hand geſtützt und das Herz voll ſelt⸗ ſamer Angſt. Sie hatte den jungen Franzoſen auf dem Gange nach dem Wohnzimmer getroffen, dort hatte er ſie feſtgehalten und leiſe fluͤſternd zu ihr geſagt:„Mademoiſelle, ich ſuche vergebens nach einer Gelegenheit, Sie allein zu ſprechen! ich war geſtern Abend unter Ihrem Fenſter und vorgeſtern, ich gab das Zeichen, das Ihnen meine Ankunft anzeigte, aber ich wartete vergebens. Ich muß Sie aber allein ſprechen, vertrauen Sie mir, Sie vertrauen dem Freunde Ihres Vaters, heute Abend bin ich in Ihrem Zimmer, der Weg iſt mir jetzt zugänglich.“ Warum furchtete ſie die Nähe dieſes Mannes? warum ward ihr ſo unheimlich zu Muthe bei dem Gedanken, in der Dunkelheit der Nacht mit ihm allein zu ſein? Erregte denn ſein Aeußeres ihren Wider⸗ willen? hatte er irgend etwas gethan, das ſie von ihm zurückſchreckte? Beides war nicht der Fall und dennoch ſchlug das Herz des jungen Mädchens wie in Todesangſt in ſeiner Nähe und ſelbſt der Gedanke, daß ſie beſtimmte genaue Nachricht von ihrem Vater erhalten ſollte, konnte ſie nicht beruhigen. —õ— „Er will in mein Zimmer kommen? der Weg dahin iſt ihm eröffnet?“ fragte ſie ſich wohl hundert⸗ mal während des Tages, ja der ganze Tag war eigentlich nur ausgefüllt durch den Gedanken an dieſe Zuſammenkunft. Nie hatte Louiſe einen ähn⸗ lichen erlebt, vor ihren Augen tanzten ohne Auf⸗ hör Lichter und Sterne. Es war ihr zu Muthe, als ſähe ſie alles roth, als dränge das Blut ſich ihr bald nach dem Kopf, bald nach dem Herzen, und wenn ſie ſich recht und genau prüfte, ſo war die tödtliche Angſt vor dem jungen Franzoſen eigentlich nichts anders, wie ein ſeltſames, ihr bis dahin völlig unbekanntes Entzücken, ein Rauſch, der durch ihre Adern rieſelte und jede derſelben in raſcherem Tempo klopfen ließ. Sie ging in das Gaͤrtchen am Hauſe und ſetzte ſich in die blühende Laube, die gerade bis zu ihrem Fenſter die zähen Zweige der wilden Rebe hinauf ranken ließ. Dort wollte ſie verſuchen zu arbeiten, aber die Nadel zitterte in ihrer Hand und tauſend verwirrte wunderliche Gedanken kreuzten ſich in ihrem Hirn. Sie ließ die Nähterei in den Schooß fallen und weinte bitterlich. O hätte ſie jetzt, auf eine Stunde nur, ſich an Tante Sophiens Herz werfen und ihr die Verworrenheit ihrer Seele klagen können. niem und wein auf anſch Mal als der heit, hatte ment feuch loſes nicht heiß Buch es w Auge der Weg hundert⸗ Tag war unken an nen ähn⸗ hne Auf⸗ Muthe, Blut ſich rzen, und war die eigentlich hin völlig durch ihre m Tempo und ſetzte zu ihrem be hinauf arbeiten, d tauſend in ihrem voß fallen auf eine erz werfen in können. 43 Sie war allein, ſo fürchterlich allein in der Welt, niemand, niemand ſtand neben ihr, von dem ſie Rath und Schutz hätte erwarten können, und darüber weinte ſie eben, weinte aus tiefſtem Herzensgrund. Indem ihre Thränen rannen, bebte ſie erſchreckt auf bei dem tiefen Schall einer Glocke, die fünfmal anſchlug: die Betglocke der St. Annakirche. Der Ton drang in ihr Ohr wie eine laute ernſte Mahnung. War ſie denn ſo allein, ſo verlaſſen als ſie ſich wähnte? war denn nicht Einer bei ihr, der ſie nie verließ. Einer, der Freund ihrer Kind⸗ heit, den ſie von früh aufgeſucht und gefunden hatte, in der Natur und in ihrem Herzen: Gott! An ihn ſich zu wenden ſtand ihr in jedem Mo⸗ mente ihres Lebens frei. Sie faltete die Hände, ſie erhob die thränen⸗ feuchten Augen zum Himmel und betete ein wort⸗ loſes Gebet, denn ſie hatte keine Worte, ſie hatte nicht einmal Gedanken, nur Gefühle, die wild und heiß ihre Seele durchtobten. Auf dem Tiſch in der Laube lag ein kleines Buch, ſie ſelbſt hatte es geſtern dort liegen laſſen, es war ein Bändchen von Schiller. Sie öffnete mechaniſch die Blätter und ihr Auge las: —— „Du mein Kar, ſei mein Schützer wider dieſen Fremdling.“ Es war ein Blitz, der in ihre Seele fiel und deren Tiefen mit blendendem Licht erhellte. Noch hatte ſie die Leidenſchaft nicht gekannt, ſie hatte das Gelöbniß der Treue mit dem Herzen eines Kindes gegeben, jetzt, jetzt ſchlug für ſie die Stunde der Prüfung! „Du mein Freund, ſei mein Schützer wider dieſen Fremdling,“ ſagte ſie laut vor ſich hin, und zog aus ihrem Buſen ein kleines Briefchen, auf wel⸗ chem der heldenmüthige Jüngling ihr die letzten Grüße ſeiner reinen und ehrerbietigen Liebe geſen⸗ det. Hoffnungsfreudig, an ihre Liebe glaubend, ging er dem Tode fürs Vaterland entgegen, ſein letzter Gedanke, das fühlte ſie, würde ein Gedanke an ſie neben einem Gruß für ſeine Mutter ſein.— Ihre Augen wurden naß, aber es waren nicht mehr Thränen der Angſt. Eine heilige Rührung erfüllte ihr Herz; der reinen edlen Liebe, die ſie eingeflößt, werth zu ſein und zu bleiben, ſchien ihr das höchſte Ziel, das eine jungfräuliche Seele ſich wählen könne. — Treufeldt! ſchon der Name klang ihr jetzt bedeutungs⸗ voll und mit einer Klarheit wie nie erinnerte ſie ſich der Geſpräche, die ſie mit dem wackern Jüngling geführt, die dieſen tel und gekannt, Herzen ſie die wider in, und auf wel⸗ letzten geſen⸗ aubend, en, ſein Gedanke ſein.— ht mehr erfüllte ngeflößt, 3 höchſte en könne. eutungs⸗ ie ſich der führt, die 45 Erzählung ſeiner abenteuerlichen Flucht und des Lieute⸗ nant von Mannteufel, dem Treufeldt den letzten Labetrunk gereicht und der ihn mit den letzten Gruͤßen und dem letzten Segen für ſeine Braut beauftragt hatte. Jetzt— wer weiß, lag vielleicht auch Fritz mit wundem Haupt, mit zerſchoſſenen Gliedern unter irgend einem Baume am Wege und betete ſein letztes Gebet für ſeine Braut! Und ſie— was konnte die Nähe dieſes ſchmeichelnden Franzoſen ihr zu Leide thun, wenn ſie den Gedanken an den fernen edelherzigen, ver⸗ trauenden Freund feſt in der Seele behielt, an den Juͤngling, dem ſie freiwillig Herz und Treue gelobt hatte.„Das Leben hat der Kämpfe mancherlei,“ ſagte ſie ſich ſelbſt.„Der Mann hat zu kämpfen gegen die Außenwelt und ihre tauſendfachen Gefahren, das Weib gegen die Gefühle, die die aͤrgſten Feinde der eignen Ruhe und Würde erwachen in der eigenen Bruſt.“ Was konnte der vornehme franzöſiſche Offizier ihr, der deutſchen Jungfrau, ſein! was durfte er ihr jemals werden? vor der Hand nichts als ein Bote des fernen theuren Vaters, künftig eine ſchuldloſe reine Lebenserinnerung, die ſie, wenn es Gott geſiele, ſie einſt mit dem wackern Fritz Treufeldt zu vereinen, 46 ihrem Gatten ohne Zagen oder Erröthen mittheilen konnte. „Du mein Freund, ſei mein Schützer wider die⸗ ſen Fremdling,“ ſagte ſie ſich noch einmal und ver⸗ ſuchte dann von neuem zu arbeiten und— ſiehe, jetzt ging es friſch und fröhlich und der Tag verſchwand und die Nacht deckte ihren Schleier über die früh⸗ lingsfriſche Erde. Sich zu Bette zu legen wagte Louiſe in dieſer Nacht jedoch nicht. Sie wußte, daß ihrer eine Zu⸗ ſammenkunft mit dem Obriſten harrte, und ſaß alſo angekleidet auf dem kleinen Rohrkanapee ihres ſtillen Stübchens. Es war eine dunkle, laue Frühlingsnacht, auch nicht das kleinſte Streifſchen des Mondes erleuchtete die blühenden Bäume, aber einzelne Sterne blickten ſchüchtern aus den flockigen Wolken. Man hörte deutlich den Geſang einer fernen Nachtigall, das Rau⸗ ſchen des Brunnens vom Markte, das Säuſeln des jungen Lindenlaubes. Und jetzt— jetzt— es war keine Täuſchung, jetzt hörte ſie auch das Knacken der Laubenſpaliers und der Ranken des wilden Weines unter ihrem Fenſter und in demſelben Moment zerſchlug eine feſte Hand die Fenſterſcheibe, griff durch dieſelbe und öffnete die Gew beſch beme einfa lich rem chen mir c gewã Vate mich Glut geſeh Louiſt worte ſches Mun kür men ahnte ittheilen ider die⸗ und ver⸗ ehe, jetzt rſchwand die früh⸗ in dieſer eine Zu⸗ ſaß alſo es ſtillen icht, auch erleuchtete e blickten han hörte das Rau⸗ juſeln des käuſchung, henſpaliers iter ihrem eine feſte und öffnete 47 die Krampe. Das Fenſter ging auf und mit der Gewandtheit des Marders, der das Neſt der Taube beſchleicht, ſchwang St. Albans ſich in das Zimmer. Trotz der Dunkelheit konnte Louiſe ſehr wohl bemerken, daß er die glänzende Uniform mit einem einfachen ſehr leichten Anzuge vertauſcht hatte, ähn⸗ lich dem, den die Matroſen tragen, nur von feine⸗ rem Stoff. „Hier bin ich, Louiſe,“ ſagte er vor dem Mäd⸗ chen niederkniend,„vergebens waren meine Bitten, mir an einem andern Orte eine Zuſammenkunft zu gewähren und— ſprechen mußte ich Sie um Ihres Vaters Willen, um Ihretwillen, vor allem aber für mich ſelbſt, für mein Herz, das Sie mit heißeſter Glut liebt, ach nicht ſeit dem Moment, da ich Sie geſehen, nein länger viel länger!“ „Sprechen wir zuerſt von meinem Vater,“ ſagte Louiſe, deren Herz bebte bei den leiſen Schmeichel⸗ worten des Mannes zu ihren Füßen. Ein electri⸗ ſches Feuer ſchien von ſeinen Augen, von ſeinem Mund auszuſtrömen, das des einſamen, ſeiner Will⸗ kür ganz preisgegebenen Mädchens Herz in Flam⸗ men ſetzte, das ihre Nerven erzittern ließ in nie ge⸗ ahnter Angſt und Wonne. „Ihr Vater iſt fern,“ flüſterte St. Alhans,„ich bin Dir nahe, Louiſe, ſüßes, ſüßes holdes Kind, das ich geliebt ſeit ich denken kann. Holdes Idol eines Grei⸗ ſes, ſo werth auch von dem kräftigſten Herzen angebetet zu werden. Laſſen Sie mich jetzt in dieſem Augenblick von mir ſprechen, theuere Louiſe, wenn ich Ihnen Nach⸗ richt, vollſtändige Nachricht von Ihrem Vater geben will, ſo kann ich nicht anders als von mir anfan⸗ gen, geſtatten Sie es mir 14 „Sprechen Sie,“ ſagte Louiſe mit dem Verſuch, ſich aus den Armen zu winden, die er vor ihr knieend um ihre Talille geſchlungen hatte. „Ich bin der einzige Sohn von dem jüngeren Bruder des Mannes, den Sie, theueres Mädchen, in drückenden Verhältniſſen unter dem angenommenen Namen Dutrouſſel kannten. „Mein Oheim wie mein Vater, viel bei Hofe lebend und perſönlich befreundet mit den Grafen von Provence und von Artois, den liebenswürdigen Brüdern des unglücklichen ſechszehnten Ludwig, ge⸗ hörten zu den erſten Emigranten und lebten beide längere Zeit in der nächſten Umgebung der Prinzen, ſich wie alle mit einer baldigen Rückkehr nach Frank⸗ reich ſchmeichelnd. „Es war eine Täuſchung der unglücklichen Verbannten; ihrer Habe, ihres Einkommens beraubt, verarm und n energiſ zen un ſteinen Bruder ſeine den§ hielt Kleinon Erinner waren die ſchü geſtorbe — 5 friſtet, Ort ſei meine zurückge die eine Schwie alte Na der des ( 2 als er 1856. X das ich Grei⸗ igebetet lick von Nach⸗ geben anfan⸗ Verſuch, knieend üngeren ädchen, nmenen ei Hofe Grafen ürdigen vig, ge⸗ n beide Prinzen, Frank⸗ ücklichen beraubt, verarmten ſie mehr und mehr im Lauf der Zeit und mein Oheim, ein eben ſo großmüthiger als energiſcher Mann, trennte ſich endlich von den Prin⸗ zen und ließ alles, was er an werthvollen Edel⸗ ſteinen und anderen Koſtbarkeiten noch beſaß, ſeinem Bruder, meinem Vater, der verheirathet und durch ſeine Gattin mehr noch als durch eigne Wahl an den Hof von Coblenz gefeſſelt war. Er ſelbſt be⸗ hielt nichts für ſich als ſeinen Verlobungsring, ein Kleinod, an den ſich für ihn tauſendfach ſchmerzvolle Erinnerungen knüpften; denn die Eltern ſeiner Braut waren unter dem Beil der Gutlllotine gefallen und die ſchöne und liebenswürdige Louiſe im Wahnſinn geſtorben. „Wie der ältere Graf St. Albans ſein Leben ge⸗ friſtet, war uns allen eben ſo unbekannt als der Ort ſeines Aufenthaltes. Erſt als Napoleon allge⸗ meine Amneſtie verkündete, war er nach Frankreich zurückgekehrt, er gehörte zu den wenigen Edelleuten, die einen großen Theil der Familiengüter faſt ohne Schwierigkeit wieder erlangten. Napoleon wünſchte alte Namen an ſeinen neuen Glanz zu knuͤpfen und der des Grafen St. Albans gehörte zu dieſen. „Eine der erſten Handlungen meines Oheims, als er ſich unerwartet im Beſitz von Reichthum und 1856. XX. Erinner. e. Großmutter. II. 4 50 Ehren ſah, war, alles anzuwenden, um ſeinem Bruder einen Antheil daran zu geben. Mein Vater aber und meine ſchöne Mutter waren in der Verbannung geſtorben. Ich indeß, ein Jüngling, arm und trotz der Gunſt der Prinzen ſchutz⸗ und freundlos, ging nach Frankreich zurück und fand in meinem Oheim einen Vater. Ich trat in die kaiſerliche Armee, ich ſtieg von Stufe zu Stufe mit Windeseil', ich war die Freude und der Stolz meines kinderloſen einſamen Onkels. „Oft, wenn wir zuſammen waren in den ein⸗ zelnen Pauſen der Kriege, erzählte er mir von ſeinem ärmlichen Leben in dem ruſſiſchen Grenzdorfe, von Ihren Eltern, von Ihnen, Louiſe, ich kannte Ihr holdes Bild, ich kannte Ihr liebevolles Herz, Ihren hellen Geiſt lange bevor ein trübes Geſchick Ihren Vater in die Nähe meines Oheims führte. „Daß ich, theure Louiſe, obwohl im Heere des Soldatenkaiſers dienend, nicht ſein Anhänger bin, noch ſein kann, wird Ihnen erklärlich erſcheinen. Ich bin erzogen in der Treue gegen das erhabene Ge⸗ ſchlecht der Bourbons. Viele, viele Herzen in Frankreich fühlen wie das meine, und glauben Sie mir, Louiſe, es bedarf nur eines zündenden Funkens und das Gebäude von Napoleons Macht, das ſo feſt in T Män ganze der Stut Ihr jor E die zu di erſtre mäch deſto Ludw das. als ie ſprach mit. ſie brach mußt Danz „ſein Bruder ter aber dannung nd trotz s8, ging Oheim Armee, Zeil', ich derloſen den ein⸗ ſeinem rfe, von inte Ihr , Ihren f Ihren heere des ger bin, nen. Ich ſene Ge⸗ erzen in ben Sie Funkens , das ſo 51 feſt gegründet zu ſein ſcheint, fliegt empor und ſinkt in Trümmer. Eine Verbrüderung königlich geſinnter Männer, Jünglinge und Frauen zieht ſich durch das ganze Land und ſchließt ſich dem ſchönen Bunde an, der die edelſten Herzen Deutſchlands vereint zum Sturze der gehaßten Fremdherrſchaft. Ihr Vater, Ihr Oheim, der Conſul Strombeck, der wackere Ma⸗ jor Schill, der Miniſter von Stein, Herr von Schön, die Profeſſoren Arndt und Jahn gehören ebenfalls zu dieſer Verbrüderung, die ſich durch alle Stände erſtreckt und im gemeinſamen Wirken die Glieder einer mächtigen Kette bildet. „Ich bin ein Officier Napoleons, aber nichts deſto weniger der treueſte Diener Sr. Majeſtät Ludwig des XVIII. und mein königlicher Herr weiß das. Ihr Vater nun, theures Mädchen, gab mir, als ich ihn in Toulon in Geſellſchaft meines Oheims ſprach, Grüße und Briefe für Sie und ſeine Gattin mit. Ich übergab dieſelben einem ſicheren Boten, der ſie nach Königsberg in die Hände ihres Onkels brachte, mit dem ich nothwendig Rückſprache nehmen mußte, weßhalb er auch hauptſächlich die Reiſe nach Danzig machte.“ „Und wie lebt mein Vater?“ fragte Louiſe, „ſein Brief verſpricht mir, daß ich aus Ihrem Munde 4* 52 ausführliche Nachricht von ſeinem Befinden erhal⸗ ten ſoll. Die Hoffnung darauf läßt mich den Gedan⸗ ken unterdrücken, daß ich hier ſo ganz allein mit einem Manne bin, den ich kaum kenne. Gott, in den Augen der Menſchen gibt es ja kein ſchrecklicheres Vergehen für ein Mädchen, als eine ſolche nächtliche Zuſammenkunft.“ „Was fürchten Sie, theures Kind?“ ſagte St. Albans zärtlich,„bin ich nicht bei Ihnen ſchützen? liebe ich Sie nicht mit tiefſter Innigkeit, was können Sie fürchten?“ „Ich weiß es nicht,“ entgegnete Louiſe bebend, „ich weiß nur, was mein Vater, o mein theurer, guter, ferner Vater, mir einſt bei einer andern Gele⸗ genheit ſagte.“— Die Erinnerung an die Nächte, zu ſterben in Gemeinſchaft mit Fritz zugebracht, wurde plötzlich „Das Gefühl des Vertrauens zu dem edelherzigen, aufrichtigen, ritterlichen Jüng⸗ ſeines Entſtehens ſie todes⸗ frendig, geduldig und heldenkühn gemacht, erwachte mit voller Stärke. Es war ihr, als ſähe ſie Treu⸗ feldts dunkle Augen auf ſich ruhen, als fühle ſie die ſie betend, weinen in ihrer Seele lebendig linge, das im Moment ſeine ſchützende Nähe. in deſſen Händen ſie d und ergeben Die Furcht vor dem Manne, ſich befand, war Großer Sie zu völlig ſeiner ſagte wie d ten. eines herzig als d ten ka Vate Brief geſchr! und erhal⸗ Gedan⸗ ein mit Großer ja kein uls eine gte St. Sie zu inigkeit, bebend, theurer, n Gele⸗ Nächte, erben in plötzlich rtrauens Jüng⸗ e todes⸗ erwachte Treu⸗ fühle ſie Manne, völlig 5³ geſchwunden und mit dieſer auch der zauberhafte Ein⸗ fluß, den er auf ſie geübt.— „Ich bin Dein Schützer wider dieſen Fremd⸗ ling!“ ſchien die Stimme ihres jugendlichen Verlob⸗ ten ihr zuzuflüſtern, aber in männlicherem kraftvollerem Ton als ſie bisher an ihm gekannt. Sie fühlte, während dieſe Veränderung in ihr vorging, zugleich die Nothwendigkeit, ſie auch demje⸗ nigen zu zeigen, der leiſe ſchmeichelnd ſich ohne zu ſpre⸗ chen an ſie drängte. Sein Hauch berührte ihre Wange, ſeine Arme preßten ſie an ſich, ſie konnte im Nachtdunkel das Blitzen ſeiner Augen ſehen und das Zittern ſeiner Hände fühlen. „Ich fürchte nichts, Herr von St. Albans,“ ſagte ſie mit ruhigem feſtem Tone, und fühlte dabei, wie die ſie umſchlingenden Arme ſich plötzlich öffne⸗ ten.„Was ſollte ich auch fürchten, ich die Verlobte eines edlen Jünglings, die Tochter des beſten hoch⸗ herzigen Vaters, und zumal von ihnen, den ich faſt als den Sohn eines meiner älteſten Freunde betrach⸗ ten kann. Sprechen Sie von meinem theuren abweſenden Vater, ſagen Sie mir nur wie er lebt, nehmen Sie den Brief, den ich hier für ihn ſchon ſeit vielen Tagen geſchrieben und den Sie ja an ihn befördern wollen, und erzählen Sie mir auch von meinem lieben 54 Freunde Dutrouſſel, der ſich plötzlich in einen vor⸗ nehmen Herrn verwandelt hat.“ St. Albans war von den Knieen aufgeſtan⸗ den und ſchlich mit dem leiſen Tritt einer Katze im Zimmer umher. Endlich näherte er ſich dem Mädchen von Neuem, ſetzte ſich ihr gegenüber und flüſterte ſo leiſe, daß ſie ihren Kopf dicht zu ihm beugen mußte, um ſeine Worte zu verſtehen: „Ihr Vater war geſünd, als ich ihn verließ. Dem Einfluß meines Oheims iſt es gelungen ihn dem traurigen Geſchick zu entreißen, dem er verfallen war. Man hatte nämlich für gut gefunden, ihn als ge⸗ meinen Dieb zu beſtrafen, und ſo ſchmachtete er denn faſt ein Jahr lang auf den Galeeren von Toulon.“ Louiſe glaubte einen gräßlichen Traum zu träu⸗ men. Die Galeeren! der Inbegriff alles Schreckli⸗ chen knüpfte ſich für das junge Mädchen an das nun bekannte Wort. Als Dieb beſtraft! Er, ihr theu⸗ rer lieber Vater, der redlichſte, ehrenhafteſte aller Menſchen! „Fahren Sie fort, Herr Graf,“ ſagte ſie mit einer Stimme, die vor Mitleid zitterte,„o mein ar⸗ mer, mein innigſt geliebter Vater!“ „Beruhigen Sie Sich, theure Louiſe,“ ſagte der Franzu er arb kettet gleich quoll an K ſeiner gnüg Mutt ſinnig fuhr fand überz ſche, mögl und Joſe deut ganz nes für jetzt en vor⸗ geſtan⸗ Katze dem er und ht zu hen: Dem on dem n war. ils ge⸗ ete er n von träu⸗ hreckli⸗ in das theu⸗ aller ie mit in ar⸗ gte der 55 Franzoſe,„beruhigen Sie Sich. Mein Onkel ſah ihn, er arbeitete im Arſenalhof von Toulon zuſammenge⸗ kettet mit einem franzöſiſchen Taſchendiebe.“ Louiſe hielt die Hand vor die Augen, aber ob⸗ gleich ſie glühten von entſetzlicſtem Schmerz, ſo ent⸗ quoll ihnen doch keine lindernde Thräne.„Mein Vater an Ketten, während wir hier oft, o wie oft, trotz ſeiner Abweſenheit lachten, ſcherzten und alle Ver⸗ gnügungen genoßen, die ſich uns darboten. O meine Mutter darf dieß nie erfahren, es könnte ſie wahn⸗ ſinnig machen!“ „Mein Oheim erkannte den wackern Mann,“ fuhr St. Albans zu erzählen fort,„er ſuchte und fand die Gelegenheit, ihn zu ſprechen und ſich zu überzeugen, daß keine zufällige Aehnlichkeit ihn täu⸗ ſche, und von dem Moment ab that er alle nur möglichen Schritte, zuerſt ſeine Lage zu erleichtern und ihn endlich aus derſelben zu befreien. „Es gelang ihm durch Vermittlung der Kaiſerin Joſephine, der er die Verhältniſſe des armen deutſchen Sträflings auseinanderſetzte und die ihren ganzen Einfluß aufbot, die Begnadigung eines Man⸗ nes zu erwirken, deſſen ganzes Verbrechen die Treue für ſeinen Monarchen war. Herr Wohlgemuth lebt jetzt als Gefangener zwar, aber in anſtändiger Haft, 56 in Toulon. Für ſeine Bedürfniſſe ſorgt mein Onkel, der darin nur eine Schuld der Dankbarkeit abträgt. Auch erwirbt er ſich ſelbſt etwas, indem er im Bu⸗ reau des Arſenals als Copiſt arbeitet und ſeine Ge⸗ wandtheit in der franzöſiſchen Sprache iſt ihm dabei von großem Vortheil. Mein Oheim beſucht ihn fleißig, hat ſich die Freude gemacht ihn mit einigen ſehr wackern Männern bekannt zu machen, und ſo hofft er ihm mit der Zeit zu ſeiner Freiheit zu verhel⸗ fen und es ihm möglich zu machen, wieder in die Arme ſeiner Familie zurück zu kehren.“ „O daß ich bei ihm ſein könnte,“ ſagte Louiſe mit dem ganzen Ungeſtüm ihres heißen Schmerzes, die Hände ringend,„daß ich ſein Leid theilen und durch meine Liebe erträglich machen könnte!“ St. Albans hatte von Neuem ſeine Arme um ſie geſchlungen und zog ſie heftig an ſeine Bruſt. „Das hab' ich von Dir erwartet, ſchönes mu⸗ thiges Mädchen,“ ſagte er flüſternd und ſie feſter und ſeſter an ſich ziehend.„Ich kann Dich zu Dei⸗ nem Vater bringen, wenn es mit dieſem Wunſche Dir Ernſt iſt. In wenigen Wochen gehe ich nach Frankreich zurück. Es iſt mir ein Leichtes Dich mit⸗ zunehmen als meine Freundin und ſüße Begleiterin. Sag zem f 8. Leben G und a gen, t ſüßer Geme macher ihre noch S einer 1 Ahnun Weibe einer ihr hä rer als das ſi neigte, 7 St. umſtri Onkel, bträgt. Bu⸗ e Ge⸗ dabei t ihn inigen nd ſo verhel⸗ Arme Louiſe erzes, und e um ſt. mu⸗ feſter Dei⸗ unſche nach mit⸗ terin. 57 Sag ja, Louiſe, vertraue meiner Liebe und in kur⸗ zem führe ich Dich in die Arme Deines Vaters.“ Das war der Moment, der entſcheidende im Leben des jungen ſchutz⸗ und rathloſen Mädchens. Tauſend Gefühle wogten in ihrer Bruſt auf und ab. Der Gedanke, zum Vater eilen, ihn pfle⸗ gen, tröſten zu können, war ſo unſäglich ſüß, und ſüßer faſt noch der, dieſe weite weite Reiſe in der Gemeinſchaft, in der nächſten Nähe des Mannes machen zu können, der eine Art von Zauber auf ihre Seele ausübte, für den Louiſe jetzt freilich noch keinen Namen hatte. Der Schritt ins Verderben hatte hier den Anſtrich einer That edler Kindesliebe. Unerfahren, ohne Menſchenkenntniß, ohne eine Ahnung von den Leidenſchaften, die das Elend des Weibes vorbereiten, und doch auf dem Wege ſich einer ſolchen hinzugeben, beſaß ſie keinen Freund, der ihr hätte rathen können, hatte ſie keinen andern Füh⸗ rer als die Stimme des eigenen jugendlichen Herzens, das ſich in gefährlicher Weiſe nach der Seite hin⸗ neigte, wo fuͤr ſie das ſchrecklichſte Verderben lauerte. „Ich will mich mit Gott berathen, Herr von St. Albans,“ ſagte ſie leiſe, als ſie ſich wieder umſtrickt fühlte von den Armen des ſchönen Verſu⸗ 58 chers,„und wenn ich mich genau geprüft, ob nichts anderes als der Wunſch meinem Vater nützlich zu ſein mein Beweggrund ſei, und wenn ich mir nach reiflicher Ueberlegung ſagen kann, daß er, mein theu⸗ rer lieber Vater ſelbſt, meinen Schritt billigen würde, dann will ich mit Ihnen gehen und Ihnen vertrauen als wären Sie mein Bruder.“ St. Albans verſuchte es ſie auf ſeine Kniee zu ziehen, indem er leiſe im innigſten Tone die Frage in ihr Ohr flüſterte, welch ein anderer Beweggrund, als die Liebe zu ihrem Vater, ſonſt noch ein ſolches edel⸗ müthiges kindliches Opfer veranlaſſen könntez aber ſie machte ſich von ihm los und zum Himmel aufblickend, bemerkte ſie das erſte Grau des dämmernden Früh⸗ lingstages. „Gehen Sie jetzt,“ ſagte ſie mit einer ernſten Ruhe, die das Zucken ihrer Lippen Lügen ſtrafte, „gehen Sie. Eines Mädchens Ruf iſt ja vernichtet, wenn die Welt erfährt, daß ein Mann in der Nacht bei Ihr geweilt, gehen Sie, Sie haben meinen Brief; meine Antwort auf Ihr jetziges Erbieten werde ich Ihnen geben, wenn ich mich ſelbſt entſchloſſen habe.“ „So leb' denn wohl für jetzt, ſüßes ſchuldloſes Geſchöpf,“ fluͤſterte St. Albans und drückte, ehe ſie es wehre Locken zittern blieb Beruͤl 6 der ſe und n dunkel G lang den Gehei beſaß. tes eb ſich zu chen, daß andern Officie fragen G unang trauen liee zu lickend, Früh⸗ ernſten ſtrafte, nichtet, Nacht Brief; erde ich habe.“ uldloſes de ſie es unangenehm zu beſchäftigen: Wie war St. Albans 59 wehren konnte, einen heißen Kuß auf ihre dichten Locken. Er hatte die Lippen berühren ſollen, aber das zitternde Mädchen hatte das Haupt gebeugt und ſo blieb der jungfräuliche Mund rein von der unreinen Berührung. Ein leiſer Fluch ziſchte in Louiſens Ohr als der ſchöne Verſucher ſich aus dem Fenſter ſchwang und mit der Gewandtheit der Katze hinab in den dunkeln Garten kletterte. Sie befand ſich nun allein. Ein paar Minuten lang noch wirkte der ſeltſame gefährliche Einfluß, den St. Albans' ganze Perſönlichkeit, vereint mit dem Geheimniß, das er mit ihr allein theilte, auf Louiſe beſaß. Die aufgeregten Wellen des jugendlichen Blu⸗ tes ebneten ſich allmählig, ihre Gedanken fingen an ſich zu ordnen. Ehe noch der Tag völlig angebro⸗ chen, war ihr Eines völlig und gänzlich klar geworden, daß nämlich ihr Vater in die Reiſe unter keinem andern Schutze als dem des jungen franzöſiſchen Officiers niemals willigen würde, wenn ſie ihn darum fragen könnte. Ein zweiter Gedanke fing an, ſie ernſt und 60 in den verſchloſſenen, von allen Seiten mit Gebäu⸗ den umgebenen Hausgarten gekommen? Ohne Ver⸗ mittlung einer Perſon, die die Thüren des Hinterhau⸗ ſes ihm geöffnet, wäre das nur für ein Geſchöpf möglich geweſen, dem die Gabe des Fliegens zu Gebote ſtand. Nur jemand von den eigenen Haus⸗ genoſſen konnte dem nächtlichen Gaſte die ſtets ver⸗ ſchloſſene und verriegelte Pforte geöffnet haben. Ahnungen von etwas Unheimlichem, von Ver⸗ rath, der neben ihr laure, durchzuckten ihre Seele. Die Angſt vor dem ſchönen und ſchmeichelnden Bot⸗ ſchafter des fernen Vaters war peinlich und aus ihr entwickelte ſich, als die Sonne klar am Himmel herauf⸗ geſtiegen war, die Ueberzeugung, daß der Charakter des jungen Franzoſen zum mindeſten ein äußerſt zweideutiger ſei. Herr von St. Albans diente im Heere des franzöſiſchen Kaiſers, empfing und genoß von dem⸗ ſelben manigfache Gnadengaben und Auszeichnungen, und war dennoch ein heimlicher Agent der vertriebe⸗ nen Königsfamilie, verbrüdert und verſchworen mit allen Denen, die ein natürliches menſchliches Intereſſe hatten, an dem Sturze dieſes Herrſchers zu arbeiten. Hier trug der ſchöne Mann jedenfalls zwei Ge⸗ ſichter unter einer Kappe, und Louiſe war viel zu jung, war v Politi Begrif 2 ihres ſie für den er hielt ſein ke ihrer beſtreb zu ſeit 8 ſie de das ſi hullt C nie, n verlaſſ Schutz zu kon 1 bis ei hatte Gebäu⸗ e Ver⸗ terhau⸗ eſchöpf ens zu Haus⸗ ts ver⸗ n. n Ver⸗ Seele. n Bot⸗ aus ihr herauf⸗ darakter äußerſt re des dem⸗ nungen, rtriebe⸗ ren mit ntereſſe rbeiten. vei Ge⸗ u jung, 61 war viel zu ſehr Weib, um zu ahnen, daß in der Politik ſehr vieler Perſonen und Gemeinſchaften der Begriff der Rechtſchaffenheit und Ehre wegfällt. Der Tag war da. Sie kannte das Geſchick ihres Vaters, ſie hatte den langen, langen Brief, den ſie für ihn geſchrieben, in die Hände Desjenigen gelegt, den er ſelbſt ihr dazu empfohlen. Dieſer Brief ent⸗ hielt alles, was dem theuren Vater zu wiſſen wichtig ſein konnte. Er enthielt neben den Verſicherungen ihrer innigſten Liebe auch die, daß ſie ſich fernerhin beſtreben wollte, der Mutter nach Kräften eine Stütze zu ſein. Jetzt im halben Licht der Frühlingsſonne ſah ſie deutlich, was die Nacht und ein Gefühl, über das ſie ſich nicht Rechenſchaft geben konnte, ihr ver⸗ hüllt hatten. Ihr Vater wuͤrde, wenn er darum gefragt würde, nie, nie darein gewilligt haben, daß ſie die Mutter verlaſſen, heimlich verlaſſen dürfe, um unter dem Schutze eines fremden zweideutigen Mannes zu ihm zu kommen. „Töchter gehören unter die Flügel der Mutter, bis ein Gatte ſie liebend unter die ſeinen nimmt!“ hatte ſie den Vater ſo oft, ſo oft in fruͤheren Zeiten 62 ſagen hören. Sollte dieß Wort nicht auch jetzt zur Richtſchnur fuͤr ſie völlig ausreichen? „Gott ſegne und beſchütze Dich, mein theurer abweſender Vater!“ betete ſie aus tiefſtem Herzens⸗ grunde.„Ich will lieber Deinen Willen, ſo weit er mir bekannt iſt, ganz und vollſtändig erfüllen, als eigenmächtig handelnd, ſelbſt aus Liebe zu Dir, Deine weiſen Gebote verletzen. Gehorſam iſt des Weibes erſte Pflicht! am meiſten aber die eines ſo jungen unerfahrenen Mädchens als ich es ja noch bin. Gott ſegne Dich und den wackern Freund, der ſich Deiner in Deiner Noth angenommen. O mein lieber treff⸗ licher Herr Dutrouſſel, wer von uns hat wohl geahnt, als Du in weißſeidenen Strümpfen einſt bei uns Tanzſtunde gabſt, daß Du die Sklavenkette vom Fuße meines armen Vaters löſen würdeſt!“— mit abgeh des vorgel Mann einen Thuͤre ſie mi ( dann: 1 deren lehnte Offizi⸗ uch jetzt theurer Herzens⸗ weit er len, als „Deine Weibes jungen Gott Deiner er treff⸗ geahnt, ei uns e vom 63 Drittes Capitel. Und ob auf dem Schaſſotte hoch, Und ob der Tod in Schlachten wirbt, Der ſchönſte Tod, das bleibt der doch, Den man für ſeine Bruüder ſtirbt. Iriſches Volkslied. Deutſches Volk, Du herrlichſtes vor Allen, Deine Eichen ſteh'n, Du biſt gefallen! Körner. „Friede ſeiner Aſche!“ ſagte Vetter Wilhelm, mit großen Schritten in ſeinem Zimmer auf⸗ und abgehend, wo Magiſter Fiſch ſo eben einen Brief des Präſidenten von Itzſtein bei verſchloſſenen Thüren vorgeleſen.„Nehmt alles zuſammen, er war ein Mann!“ ſetzte er dann hinzu,„und— er ſtarb einen ſchönen Tod. Sehen Sie noch einmal an der Thüre nach, Magiſter, ob Niemand horcht und leſen ſie mir die betreffende Stelle dann noch einmal vor.“ Der Magiſter that wie ihm geheißen und las dann: „Den Rücken durch eine Scheune gedeckt, an deren Mauer der Schwerverwundete ſich ſpäterhin lehnte, vertheidigte er ſich, von einem einzigen ſeiner Offiziere unterſtützt, gegen eine furchtbare Ueberzahl 64 weſtphäliſcher Soldaten.— Seine Augen ſchienen Funken zu ſprühen und im wilden Toben des Kampfes konnte man deutlich die mächtige Stimme des Par⸗ teiführers erkennen, der ſeinen Gegnern zurief: Schämt Euch, Deutſche! ſchämt Euch, Kameraden! während ein neben ihm zuſammengehauener Officier, man ſagt, der Lieutenant von Galletius, ſich noch einmal auf⸗ richtete und mit dem letzten Reſt ſeiner Kraft den blutigen Stummel ſeines Armes erhebend, ſchrie: Deutſche! Deutſche Hunde ſind es, die uns hier ermorden! „Als des Majors rechter Arm zum Kampf un⸗ fähig geworden, vertheidigte er ſich noch wüthend, indem er den Säbel in die linke Hand nahm. Ein furchtbarer Hieb über den Kopf ſtreckte ihn endlich zu Boden und faſt in demſelben Moment ver⸗ ſchwand auch der letzte ſeiner Kameraden, der mit Ausdauer neben ihm gefochten. Ob er gefallen, ob er gefangen, ob es dem ſehr tüchtigen Kämpfer mög⸗ lich geworden, im Gedränge zu entkommen, niemand weiß es.— Die gefangenen Offiiciere werden er⸗ ſchoſſen. Napoleon läßt ſie als Straßenräuber be⸗ handeln, die Gemeinen kommen auf die franzöſiſchen Galeeren. In Stralſund werden von Seite der Fran⸗ zoſen die ſtrengſten Nachforſchungen gehalten nach Vorleſe dieſes ſo viel wendig doch ü haupt d gemein wie geh Berühr: Tod di Ein Opf das Ge⸗ Menſche —„C giſter, a meine C unter g vorleſen In 4856. X ſchienen ampfes 3 Par⸗ Schämt dährend un ſagt, al auf⸗ ft den ſchrie: ns hier pf un⸗ üthend, . Ein endlich t ver⸗ er mit en, ob mög⸗ emand 4856. XX. Erinner. e. 65 den Unglücklichen. Sie ſind völlig geächtet und vogelfrei. „So hat ein Unternehmen geendet, von dem ſich manche kühne Geiſter großes, gewaltiges verſprochen haben. Uebrigens ſchicke ich Dir—— „Genug! genug!“ unterbrach der Blinde den Vorleſer,„ſchweigen Sie mir mit der übrigen Miſere dieſes Briefes. Wenn mein Vater mir nicht einmal ſo viel Geld mehr geben will, als ich zu den noth⸗ wendigſten Bedürfniſſen brauche, ſo geht das denn doch über alle Grenzen hinaus. Ich begreife über⸗ haupt den Mann nicht, der in ſeinen alten Tagen gemein geizig zu werden ſcheint. Indeß gleichviel, wie gehören ſolche elende Alltäglichkeiten in ſo nahe Berührung mit den erhabenen Gedanken, die der Tod dieſes Soldaten in jeder Bruſt erwecken muß. Ein Opfertod! es kehren die Zeiten wieder, in denen das Gefühl noch ſeine volle Macht hatte über das Menſchengeſchlecht!— „Geben Sie mir den Brief meines Vaters, Ma⸗ giſter, aber ſchneiden ſie ſorgfältig die Stellen, welche meine Geldforderungen betreffen, ab. Ich will her⸗ unter gehen und mir von Louiſen dieſen Heldentod vorleſen laſſen.“ In dem Wohnzimmer der Madame Wohlgemuth ßmutter. II. 5 1& 66 ſaßen eine Schneiderin, Louiſe, die Mutter und noch ein zur Hilfe herbeigerufenes Nähmädchen um einen großen Fiſch, auf dem allerlei Dinge lagen, die nichts feſteres zu ſein ſchienen als Spinnengewebe. Es waren Rollen weißen feinen Crepps, von denen zwei Ballroben für die jungen Mädchen gefertigt werden ſollten zu einem ungemein glänzenden Ball, den der Herr Conſul Strombeck zu Ehren einiger fran⸗ zöſiſchen Officiere zu geben beabſichtigte, die in El⸗ bing anweſend waren. Auch der Bankdirector Wohlgemuth war von Danzig zurückgekehrt und fand ſich veranlaßt, ſeine Reiſe nach Königsberg bis nach dieſem Feſte hinaus zu ſchieben, und er ſaß mehr hindernd als fördernd mitten unter den ſehr beſchäftigten Damen. Lydia betheiligte ſich freilich nicht an der Nä⸗ herei. Das anhaltende Krummſitzen war ihr wider⸗ wärtig, ſie hatte aber dennoch den Präſidentenplatz bei dieſem ernſten Geſchäft und ſaß halb zurückgelehnt in einem ſehr altmodiſchen Armſtuhl, der noch aus der Familie Itzſtein ſtammte. Der Bankdirector hatte die Augen feſt auf die ſchöne Tochter ſeines Bruders geheftet. Es lag un⸗ verkennbare Bewunderung in dieſem Blick. Der lebhafte Eintritt des Blinden ſtörte die Scene. ind noch m einen ie nichts be. Es nen zwei werden all, den er fran⸗ 2 in El⸗ var von ßt, ſeine hinaus fördernd der Nä⸗ wider⸗ ntenplatz „Nachricht von meinem Vater,“ ſagte er, die Thür kaum hinter ſich zuziehend. „Was ſchreibt der Präſident?“ fragte eifrig der Bankdirector. „Das Corps des Majors von Schill iſt gänzlich aufgerieben.“ Der Bankdirector trat ans Fenſter und lehnte ſein bleiches Geſicht an die Scheiben. Louiſe ließ die Nätherei aus der Hand fallen und blickte voll tiefen Schmerzes gen Himmel. „Haben wir nicht den Major von Schill in Ihrem Hauſe kennen gelernt, Herr Schwager?“ fragte ſehr gelaſſen Madame Wohlgemuth und der Bankdirector antwortete mit größter Feſtigkeit:„Kei⸗ neswegs, Frau Schweſter! der Major von Schill iſt ein Landesverräther, nach Sr. Majeſtät eigenem Aus⸗ druck, und keinem von uns perſönlich bekannt.“ „Da habe ich mich alſo geirrt,“ ſagte Madame Wohlgemuth gleichgiltig. Loniſe hatte raſch das Zimmer verlaſſen und war in ihr Stübchen geeilt. „Fritz! Fritz! o Gott, während Du in den Tod gingſt, machte ich kindiſche Vorbereitungen zu erbärm⸗ lichen Vergnügungen!“ rief ſie hier ſchluchzend. Vetter Wilhelm, der ihr nachgefolgt war, legte 5* 68 die Hand auf ihre Schulter und ſagte:„Lies dieſen Brief meines Vaters, lies ihn mir laut vor, Louiſe, der Heldentod Schills iſt darin geſchildert.“ Louiſens Augen waren flüchtig über das zer⸗ ſchnittene Papierblatt geeilt. „Ich kann nicht leſen, Vetter,“ ſagte ſie mit zitternder Stimme,„ſjetzt nicht, laſſen Sie mich allein, ich bitte Sie darum, ich muß allein bleiben.“ „Ah,“ ſagte der Blinde, indem ein glückliches Lächeln über ſeine Züge glitt,„ich will Deinen Gefüh⸗ len nicht Gewalt anthun, mein ſüßes Mädchen. Ich wußte wohl, daß in Deinem Herzen ſich Verſtändniß für alles Gute und Schöne findet. Später denn, Louiſe, ſpäter! wenn Du geſammelter, ruhiger biſt, auch in das Schlimmſte lernt ein tüchtiges Herz ſich finden“ Er ging und ließ den Brief in Louiſens Hän⸗ den, die ſich niederſetzte und wieder und wieder die verhängnißvollen Zeilen durchlas. „Mein Himmel,“ ſagte Madame Wohlgemuth, gich begreife wirklich nicht wo Louiſe bleibt. Wir ha⸗ ben alle Hände voll zu thun und das Mädchen ſcheint nicht einmal helfen zu wollen. Rufe ſie doch, Lies⸗ chen, und bring gleich ein Plättbrett mit und ein bericht fehlen und n 2 Dir er tretend Aufreg merken 3 zerriß, die Lo Mutte erwar und li ſten il 2 was 77 Gef lieber Louisc 3 dieſen Louiſe, as zer⸗ ſie mit hallein, 4 ückliches Gefüh⸗ hen. Ich ſtändniß er denn, ger biſt, Herz ſich 8 Hän⸗ der die gemuth, Wir ha⸗ n ſcheint 9, Lies⸗ und ein 69 nicht zu heißes Eiſen, wir müſſen die Atlaseinfaſſun⸗ gen ein wenig aufplätten, bevor wir ſie aufſetzen.“ „Mamſell Louiſe ſitzt in ihrer Stube und weint,“ berichtete das wiederkehrende Mädchen. „Herr Gott, ſie weint, was kann dem Kinde fehlen?“ ſagte die Mutter,„ich will nur ſelbſt gehn und nachſehn.“ „Was haſt Du denn, liebes Herzchen? wer hat Dir etwas gethan?“ fragte ſie bei der Tochter ein⸗ tretend mit vollſtändiger Seelenruhe, ohne die tiefe Aufregung des armen Mädchens im mindeſten zu be⸗ merken. Das Bedürfniß, den Schmerz, der ihre Seele zerriß, auszuſprechen, war größer als die Ueberlegung, die Louiſen jedenfalls hätte ſagen müſſen, daß ihre Mutter die letzte Perſon ſei, bei der ſie Theilnahme erwarten könnte. Heiß weinend warf ſie ſich in die Mutterarme und ließ den Thränen freien Lauf, die dem Inner⸗ ſten ihres Herzens entſtrömten. „Aber Kind, liebes Kind, um Gotteswillen, was haſt Du nur?“ ſagte die erſchreckte Frau. „Gefällt Dir Dein Ballkleid nicht? willſt Du lieber eins von ſchwerer Seide? thut Dir was weh, Louischen?— oder, oder Herr Jeſus Chriſtus, hat 70 der Onkel Bankdirector am Ende gar ſchlimme Nach⸗ richten von unſerm armen, lieben Vater gebracht?“ „Fürchten Sie das nicht, meine gute Mutter,“ entgegnere Louiſe, die den Schmerz mitfühlte, der bei dem Gedanken an den abweſenden Gatten ſich auf dem ſonſt ſo gleichmüthigen Geſichte ihrer Mutter malte.„Dem Vater geht es wohl, wie wir wiſſen, er hat in der Ferne einen Freund gefunden, der ihm die Tage der Verbannung erträglich macht, und auch ich bin nicht krank.“ „Na, dann mach' mir auch keinen unnützen Schreck und keine Unannehmlichkeiten, liebes Kind, komm hübſch herunter und hilf, wo es nöthig iſt, wir haben fürchterlich zu nähen, beſonders da Lydia dar⸗ auf beſteht, daß ihr Kleid die vielen, vielen Stülp⸗ ſäume bekommt, und Deins muß ja auch noch ge⸗ macht werden.“ „Ich werde den Ball nicht beſuchen, liebe Mutter, ich bitte geſtatten Sie mir, daß ich zurückbleiben darf, ich kann nicht mit den Schmerzen, die mir das Herz zerreißen, unter fremden Menſchen herumgehen, tan⸗ zen, Muſik hören, Blumen in mein Haar ſtecken, ich kann nicht, Gott erbarme ſich meiner!“ „Aber mein Himmel, was kränkt Dich nur, lie⸗ bes Kind?“ ſagte Madame Wohlgemuth halb ärget⸗ lich, l ſchehen trübnif 1 Schill lung, auf de O Mi tetes, nig, ur Königi dazu a Landes I als oh Nähe glänze Jahre gen u Dir w geht ſich u mern, en, er er ihm id auch nnützen Kind, iſt, wir dia dar⸗ Stülp⸗ noch ge⸗ Mutter, en darf, as Herz i, tan⸗ cken, ich nur, lie⸗ „ärger⸗ 71 lich, halb mitleidig,„es iſt ja doch gar nichts ge⸗ ſchehen, das Dir Grund zu ſolcher ſchrecklichen Be⸗ truͤbniß gegeben.“ „O Mutter! Mutter! und der Tod des Major Schill und ſeiner wackern Schaar? und die Behand⸗ lung, die den Wenigen, welche den ehrenvollen Tod auf dem Schlachtfelde nicht gefunden, zu Theil wird? O Mutter, liebe Mutter, und unſer ganzes geknech⸗ tetes, geſchändetes Land, unſer ſchwer leidende Kö⸗ nig, unſere ſchöne, ſanfte, dem Kummer faſt erliegende Königin? Ich kann nicht tanzen, Mutter, und noch dazu auf einem Ball, den man den Feinden unſeres Landes zu Ehren veranſtaltet.“ Madame Wohlgemuth ſah ſo verwundert aus, als ob ein Stuͤck vom Himmelsgewölbe in ihrer Nähe eingeſtürzt ſei. „Darum weinſt Du? darum willſt Du den glänzendſten Ball nicht beſuchen, den es in dieſem Jahre geben wird? darum läßt Du alle Arbeit lie⸗ gen und ſetzeſt Dich in Deiner Stube hin, als ob Dir wer geſtorben ſei? aber mein liebes Kind, was geht Dich das denn alles an? Frauenzimmer muͤſſen ſich um Politik und dergleichen gar nicht beküm⸗ mern, davon verſtehen ſie nichts, und es kleidet ſie 72 auch nicht, und die Männer lieben das auch an uns ziehen, nicht, es geht uns ja auch gar nichts an.“ hinaus V„Aber Mama, wenn Du einen Sohn, einen Meinun Bruder unter dem Schill'ſchen Corps gehabt hätteſt„E und wüßteſt, daß er entweder in Stücken gehauen„Den d auf dem Kampfplatz läge oder als Verbrecher er⸗ unſre B ſchoſſen werden ſoll?“ zeigen, „Ja! das wäre was andres, dann hätten wir Verehrer Grund zum Trauern; Gott Lob, daß das nicht der ſchen A Fall iſt.“ heimiſche „Aber Mama, tauſend Mütter haben Söhne Land we jetzt ſo verloren. Tauſende weinen und es ſind Kin⸗ In der unſeres Landes. Mama, liebe Mama! Du ſagſt, Louiſens Frauen ſollen ſich um Politik nicht kümmern und„S doch ſind ſie es, die am meiſten leiden müſſen durch ſagte er⸗ 8 alle traurigen Zeitverhältniſſe. Entriſſen die poli⸗ mend,— tiſchen Verhältniſſe uns nicht den Vater? verjagten herzige 1 ſie uns nicht aus unſrer lieben Heimath? untergru⸗ da wird ben ſie nicht unſern Wohlſtand? und doch ſind wir dem Gat glücklich im Vergleich mit ſo vielen andern. Un⸗ dem S zähligen Frauen raubte der Krieg den Gatten, un⸗ die We zähligen Jungfrauen den Bruder oder Verlobten, Fall, m und das Alles ſoll uns nicht kümmern?“ im Stro „Aber mein liebes Kind, was können wir denn dabei thun? wir können doch nicht in den Krieg uns einen hätteſt hauen r er⸗ in wir a, un⸗ lobten, denn Krieg 73 ziehen, wir können die Franzoſen nicht zum Lande hinaus jagen, was ſollen wir denn nach Deiner Meinung anfangen?“ „Beten, ſtreben, hoffen,“ ſagte Louiſe mit Eifer. „Den Leidenden unſre Thränen, den Kämpfenden unſre Begeiſterung weihen, den Feinden des Landes zeigen, daß wir nicht ihre Freundinnen, nicht die Verehrerinnen und Nachäfferinnen ihrer ausländi⸗ ſchen Art, ſondern deutſche Frauen ſind, treu der heimiſchen Sitte, und mit unſern Herzen in unſrem Land wurzelnd.“ In dieſem Augenblick trat der Bankdirector in Louiſens Zimmer. „Du ſprichſt laut und eifrig, theueres Kind,“ ſagte er, das aufgeregte Mädchen bei der Hand neh⸗ mend,—„und Du haſt Recht, ach, wie Recht, meine herzige Louiſe! Wo die Frau das Vaterland liebt, da wird ſie dem Sohn, dem Geliebten, dem Bruder, dem Gatten ihr heiliges Feuer mittheilen. Nicht mit dem Schwert, ſondern mit dem Herzen bildet das Weib die Welt. Aber hier mein Kind, in dieſem einzelnen Fall, mußt Du nachgeben; wir müſſen den Ball im Strombeck'ſchen Hauſe beſuchen, wie Herr Strom⸗ beck ihn geben muß, trotz des Elends der Zeiten, 74 trotz des Todes ſo vieler Helden, ja eben deßwegen. Viele Augen blicken lauernd auf uns.“— „Wenn es ſein muß, wenn es ein Opfer iſt, das ich bringe, nicht ein Vergnügen, das ich ge⸗ nießen ſoll, Onkel,“ entgegnete Louiſe gefaßter,„ſo bin ich bereit. Es werden ja der Opfer ſo viele, ſo verſchiedene vom Menſchenherzen gefordert.“ „Alſo Louiſe geht,“ ſagte der Director ſie un⸗ terbrechend,„und Sie, meine liebe Schwägerin, eilen nun und fördern unten die Arbeit, in wenigen Augen⸗ blicken bring ich Ihnen auch die fleißige Helferin.“ „In Gottes Namen, laß ſie ſich immer erſt etwas beruhigen, ich fürchte ſie redet mehr als in dieſen Zeiten gut und klug iſt,“ entgegnete die Mut⸗ ter und ſchlüpfte eilig aus dem Zimmer, während der Bankdirector gedankenvoll auf⸗ und abging. „Meine Frau hat Dich richtig beurtheilt, theue⸗ res Kind,“ ſagte er endlich, vor dem noch immer leiſe weinenden Mädchen ſtehen bleibend.„Nimm Dich aber zuſammen, liebe Louiſe. Es iſt dringend nothwendig, daß niemand ahnet, wie nah uns alle dieſe traurige Begebenheit berührt. Der ärgſte Fluch der Sklaverei iſt, daß ſie auch die Verſtellung noth⸗ wendig macht. Sei klug mein Kind, alle Früchte reifen mit der Zeit.“— C Loniſe kleidern Lydia Roſen Fülle ſtrauß Louiſen ungem Straͤu A mütter reichen ihren noch j ₰ ſten T der Zi währen ſicht L Anſpr Liebrei feſſelte 1 Herrn wegen. fer iſt, ich ge⸗ er,„ſo viele, 2 ſie un⸗ u, eilen Augen⸗ fferin.“ ger erſt als in Mut⸗ dährend ö. theue⸗ immer „Nimm ringend ns alle 2 Fluch noth⸗ Früchte 75 Es war der Abend des glänzenden Balles. Loniſe und Lydia ſtanden in ihren weißen Crepp⸗ kleidern im Zimmer und erwarteten die Equipage. Lydia hatte einen Kranz von rothen und weißen Roſen in den Locken, rothe und weiße Roſen in Fülle auf den Säumen ihres Kleides, einen Roſen⸗ ſtrauß in der Hand und Roſenglut auf den Wangen. Louiſens Anzug war verziert mit Flachsblüthen, die ungemein zierlich geordnet den Kranz im Haar und Sträußchen auf dem Kleide bildeten. Madame Wohlgemuth, in einem Kleide von ſtief⸗ mütterchenfarbigem Atlas, in dem noch immer reichen Haar eine Straußfeder, konnte ſelbſt neben ihren ſchönen eben aufblühenden Töchtern für eine noch jugendlich ſchöne Frau gelten. Ihre Schönheit beſtand aber wie die ihrer älte⸗ ſten Tochter in der außerordentlichen Regelmäßigkeit der Züge und der Reinheit und Friſche des Teints, während das leicht von den Pocken gezeichnete Ge⸗ ſicht Louiſens zwar auf Schönheit vielleicht keinen Anſpruch machen konnte, aber durch den unendlichen Liebreiz des verſtändigen und milden Ausdruckes feſſelte. Der Bankdirector holte die Damen in des Herrn Conſuls eigenem Wagen ab und ſah mit 76 Wohlgefallen auf die drei ſchönen Geſtalten, die ſeiner Führung anvertraut. Es war der erſte Ball, den Louiſe in ihrem Leben beſuchte. Für die meiſten jungen Mädchen ein be⸗ merkenswerthes Ereigniß, das Austreten gleichſam aus der Kinderſtube in die Welt der Erwachſenen. Ach Louiſe hatte dieſe Lebensphaſe nicht im Ge⸗ räuſch und Geflimmer eines Ballſaals betreten. In der ernſten traurigen Scheideſtunde des Vaters war auch die Harmloſigkeit des Kinderlebens von ihr geſchieden und manchen langen Tag, manche ſchmerzliche Nacht hindurch hatte ſte die Sorgen der reiferen Jahre getragen, wenngleich die Freuden derſelben ihr wenig bekannt geworden. Mit dem tiefen Schmerz in der Seele, der ſich faſt wie ein Gewiſſensvorwurf bei ihr kund machte, kam ihr die Ballluſt unſäglich ſchaal und albern vor. Sie tanzte, weil ſie tanzen mußte, weil ſie aller Augen auf, ſich fühlte und weil die leiſen Worte des Onkels ſie immer wieder in das wilde Getreibe zurückjagten; aber die Muſik klang ihr wie Hohnge⸗ lächter erzürnter Geiſter und die Geſpräͤche erſchienen ihr wie Spott über das Leid, das ſchwer auf ihrer Seele lag. Eines nur ſah ſie und auch das nur wie durch einen d und ih in der einand S Geſprã nicht n wieder mehrere fern vr prüfune Herzen gut für Blicken Königin alle S. Schweſ ziehend 8 77 dachte ſähe, w Eine ſi e ſeiner Leben ein be⸗ eichſam hſenen. im Ge⸗ 4 de des rlebens manche ten der freuden der ſich machte, un vor. ie aller Worte jetreibe vohnge⸗ ſchienen f ihrer e durch einen dunkeln Schleier: Colonel Graf St. Albans und ihre Schweſter Lydia waren das ſchönſte Paar in der glänzenden Geſellſchaft und erſchienen wie zu einander gehörig faſt überall neben einander. Sie hatte den jungen Franzoſen, ſeit ſie jenes Geſpräch in dunkler Nachtſtunde mit ihm gehabt, nicht mehr geſehen. Er war in Danzig geweſen und wieder nach Elbing gekommen, er hatte ihre Mutter mehrere Male beſucht, ſie aber hatte ſich gefliſſentlich fern von ihm gehalten. Eine ernſte ſtrenge Selbſt⸗ prüfung hatte ihr geſagt, daß dieſer Mann ihrem Herzensfrieden Gefahr bringen könne, daß es nicht gut für ſie ſei, ſeinen Geſprächen zu lauſchen, ſeinen Blicken zu begegnen, und ſo war ſie ihm in ſcheuer Klugheit aus dem Wege gegangen. Madame Wohlgemuth ſtrahlte vor Entzücken. Ihre Tochter, ihre ſchöne Lydia war die gefeierte Königin des Balles, und laut und leiſe flüſterten alle Stimmen, daß auch die jüngere, die ernſte ſtille Schweſter der ſtrahlenden Schönheit eines der an⸗ ziehendſten Mädchen ſei. „Wenn ſie der Vater ſähe, lieber, lieber Herrgott,“ dachte die beſeligte Mutter,„wenn ſie ſo der Vater ſähe, wie würde er ſich freuen, und— wer weiß, die Eine ſteht er vielleicht bald. St. Albans verläßt 78 meine Lydia keinen Augenblick, vielleicht, wer weiß— kann ich die beiden Menſchen nach Frankreich begleiten und dort bei meinem armen guten Manne leben. Die Erfahrung wird ihn klüger gemacht haben, er wird ſich dort dem unterwerfen, was ja doch nicht zu ändern iſt und— lieber Himmel, mir iſt's ganz gleich⸗ viel, ob hier oder in Polen oder in Frankreich, wo wir zuſammen ſind, wo wir unſere Kinder, unſer Auskommen haben, da iſt mein Vaterland.“— Gleich nach dem Balle reiſte der Bankdirector nach Königsberg und nahm von Louiſen einen langen Brief an ſeine Gattin mit. Er lautete: „Theure Tante! „Dir und nur Dir allein kann ich die vielfachen Schmerzen und Aengſten klagen, die meine Bruſt durch⸗ ziehen. Es iſt eine Schwüle um mich, die mir der Vorbote furchtbarer Gewitter zu ſein ſcheint. „Ich mache mir ſchwere bittere Vorwürfe und weiß kaum worüber. Bald denke ich, ein entſetzliches Unrecht begangen zu haben, weil ich, deren Wort und Treue ſeit den Kindertagen verpfändet iſt, mich mit einer Gewalt, der ich nur durch Aufbietung meiner ganzen Kraft widerſtehen kann, zu dem frem⸗ den Mann gezogen fühle, den ich doch ſelbſt für falſch fürchte Boten merkſar konnte. mich, 7 ritterlit Bette / O lied gen di / Männ führen Fremd fürchte ohne ſe fangen chen 2 und en dann am H ſei, al als di beiß— egleiten leben. den, er nicht zu gleich⸗ ch, wo „unſer director langen elfachen ſt durch⸗ mir der fe und ſetzliches n Wort ſt, mich fbietung m frem⸗ lbſt für 79 falſch und doppelzüngig erkannt— bald wieder fürchte ich eine liebloſe Tochter zu ſein, weil ich dem Boten meines armen fernen Vaters nicht die Auf⸗ merkſamkeit geſchenkt, auf die er wohl Anſpruch machen konnte. Gott helfe mir! rathe Du mir, tröſte Du mich, meine theure Tante, meine einzige Freundin! „Armer Fritz! ob er todt ſein mag, der kühne ritterliche Jungling? o daß er geſtorben auf dem Bette der Ehre und nicht— „Tante! in Weſel ſind zwölf Oſſiciere erſchoſſen. O lieder großer Gott, zwölf weinende Mütter kla⸗ gen die grauſamen Sieger an. „Tante, liebe Tante, haben wir denn keine Männer in unſerm ſchönen Vaterland, die das Schwert führen und uns befreien können von dem Joch dieſer Fremden?— Mein armer Vater! o wie ſchmerzlich, wie fürchterlich iſt ſein Loos, fern von ſeiner Familie, die er ohne ſeinen treuen Schutz weiß, im fremden Lande, ge⸗ fangen, arm und von der Barmherzigkeit eines rei⸗ chen Beſchützers lebend. Er, ſo gewöhnt an Arbeit und edle Selbſtſtändigkeit.— Denke ich an das Alles, dann iſt mir zu Muthe, als ob der Sonnenſchein am Himmel nur heller Hohn des allgemeinen Elends ſei, als ob es nichts Wünſchenswerthes mehr gäbe, als die Kraft, ein Schwert zu führen. O liebe Tante, 80 und dabei ſticken wir Kleider, winden Blumenkränze, gehen auf Bälle— ach und finden Wohlgefallen an den Feinden unſeres Landes, die uns den Fuß auf den Nacken ſetzen.— Schmach! Schmach! „O meine einzige Freundin auf der Welt, ein⸗ ziges Herz, das meine Schmerzen und Klagen verſteht, ſage Du mir, iſt denn das Gefühl, das Liebe genannt wird, ſo ganz unabhängig von unſerm Willen und Erkenntnißvermögen? Muß man lieben, was man haſſen möchte? iſt Liebe etwas anderes, als Folge der Achtung und Zuneigung, die uns die edlen Eigen⸗ ſchaften eines Mannes einflößen? Kann man denn lieben, was man als unrein, als zweideutig genau erkennt? „O Tante Sophie, iſt je ein Mädchen geweſen, das mütterliche Liebe und mütterlichen Schutz nöthig hat, ſo bin ich es, ich Arme, mir ſelbſt fremd Ge⸗ wordene. „Ich habe Dir noch nicht alles geſagt, das Schlimmſte iſt noch zurück; wirſt Du mich noch lieben können, meine einzige Freundin, nachdem ich es Dir geſtanden?. „Als St. Albans mir ſagte, daß er mich liebe, als er mir anbot, mich unter ſeinem Schutz zum Vater zu führen, hatte ich die Kraft, ihm zu wider⸗ ſtehen. und das gegen 7 leicht ſ reichten unreinen meiner ich doch „3 einer gre ich ſehe, wie ſie, zu leben nicht ma ihn nich fühle ie meiner Herz ſo jetzt oft ich ja ni unterlaſſt mein Lel 1856. X) kränze, gefallen en Fuß t, ein⸗ erſteht, enannt n und s man Folge Eigen⸗ n denn genau :·weſen, nöthig d Ge⸗ t, das lieben es Dir )liebe, tz zum wider⸗ 81 ſtehen. Er erſchien mir wie der Verſucher, und Gebet und das Andenken an die Verpflichtungen, die ich gegen Fritz habe, deſſen reines und treues Herz viel⸗ leicht ſchon von feindlichen Kugeln durchbohrt iſt, reichten aus, ihn zurück zu weiſen. „Jetzt— o ich ſchäme mich vor mir ſelbſt, den unreinen Gedanken Worte zu geben— jetzt beneide ich meiner Schweſter die Huldigungen des Mannes, die ich doch für mich weit mehr fürchte als wünſche.— „Immer moöͤchte ich hingehn und Lydia vor einer großen Gefahr warnen, in der ſie ſchwebt, wenn ich ſehe, wie St. Albans nur für ſie Augen hat, und wie ſie, meine arme ſchöne Lydia nur noch in ihm zu leben ſcheint. Da er aber ihr ja die Anträge nicht machen kann, die er mir gemacht, weil Lydia ihn nicht als Abgeſandten unſeres Vaters kennt, ſo fühle ich wohl, daß nicht Furcht für den Frieden meiner Schweſter, ſondern Neid es iſt, der mir das Herz ſo ſchwer macht.— „Ich werde tüchtig und recht ernſthaft arbeiten, um die ſchmerzlichen Gedanken und Gefühle, die mich jetzt oft ſo ſehr quälen, zu unterdrücken. Noch habe ich ja nichts böſes gethan, auch keine gebotene Pflicht unterlaſſen. Bete für mich, daß auch in Zukunft mein Leben gut und glücklich ſei. Gut und glücklich! 1856. XX. Erinner. e. Großmutter. II. 6 82 ach, ich habe ſo oft gehört und geleſen, daß die Guten auf Erden ſtets unglücklich ſind, und doch zeigt meine eigene junge Erfahrung mir täglich das Gegentheil. „Liebe Tante! ich bin an jedem Tage meines Lebens immer gerade ſo glücklich, als ich gut bin. Nur dann habe ich inwendig, in der Tiefe meines Herzens, das Gefühl des Elends, wenn ich mich ſelbſt und meine Pflichten vernachläſſigte. Ich empfand dieß ſogar im leidvollſten Augenblick meines kurzen Lebens: als man uns den Vater entriß! O mein Abſchied von dem Theuren war ein unſäglich ſchmerz⸗ voller, dennoch aber lag in meiner jungen Seele ein beglückendes großes Gefühl, das der feſte Vorſatz, meiner verlaſſenen Mutter eine Stütze zu ſein, in mir erzeugte.— Ach, Tante Sophie, meine einzige Freundin, laß mich Dir Eines ſagen. Ich, das kleine vernachläſſigte Mädchen, das ſeit ſo vielen Jahren darauf ausging, Gott zu ſuchen, meine jetzt biswei⸗ len, in beſonders glücklichen Augenblicken, auf dem rechten Wege zu ſein Ihn zu finden. In uns ſelbſt, müſſen wir das beſte ſuchen, was von Ihm in die⸗ ſem Erdenleben zu finden iſt.. „Die Kenntniß der Schöpfung iſt unſre Erkennt⸗ niß des Schöpfers, aber die Vereinigung mit ihm finden unſeres 2 Ich fi Sorge allem: will d und le E dem ſi den n Sie fü ohne e T Gattin ruhigen ſtreuun T Brief durch Der jr in Elb das G verlaſſ zu beg daß die d doch ich das meines ut bin. meines ch mich mpfand kurzen O mein ſchmerz⸗ beele ein Vorſatz, ſein, in einzige 1s kleine Jahren biswei⸗ uf dem s ſelbſt, in die⸗ Erkennt⸗ nit ihm 83 finden wir nur in der Ausbildung und Veredlung unſeres eigenen Ich's. „Ich bin froh und zufrieden, meine theure Sophie. Ich fürchte nicht die Schläge des Geſchicks, nicht Sorge und Noth, ja ſelbſt das bitterſte Weh von allem: die Trennung von denen, die wir lieben. Ich will die Quelle meines Glücks in mir ſelbſt eröffnen und lebenslang fließend erhalten. Deine Louiſe.“ Sie las dieſen Brief nicht mehr durch, nach⸗ dem ſie ihn mit flüchtiger Hand und beherrſcht von den manigfachſten Gefühlen geſchrieben hatte.— Sie fühlte ſich wohl und erleichtert durch denſelben, ohne eigentlich zu wiſſen, wie das zugegangen. Der Bankdirector nahm ihn mit ſich an ſeine Gattin und die Tage gingen wieder eine Weile ihren ruhigen Gang, von ungewoͤhnlichen Arbeiten oder Zer⸗ ſtreuungen nur wenig unterbrochen. Der Herbſt kam heran und mit ihm ein neuer Brief des Vaters, der der Familie dießmal direct durch die Hände des Colonel St. Albans zuging.— Der junge franzöſiſche Officier befand ſich häufiger in Elbing als in ſeiner Garniſon Danzig, doch ging das Gerücht, er müſſe Norddeutſchland überhaupt bald verlaſſen, um ſich zum ſiegreichen Heere Napoleons zu begeben, das näher und naͤher gegen Wien ruückte, 6* 8⁴ um dem von neuem beſiegten Oeſterreich druüͤckende Friedensbedingungen zu machen. In ganz Europa faſt brannte die Fackel des Krieges. Das gedemüthigte Preußen aber mußte den Frieden um jeden Preis erhalten, denn die Kräfte des Landes waren erſchöpft, das Heer zerſprengt und nach dem Willen des übermüthigen Siegers auf ein Drittheil ſeiner ftuͤhern Größe reducirt. Eine Menge jüngerer und älterer Officiere auf Halbſold trieben ſich auf den Landgütern bei Ver⸗ wandten und befreundeten Familien umher und er⸗ trugen fluchend das Elend der Unthätigkeit. Tauſende von Beamtenfamilien wohnten brodlos in den Dör⸗ fern und kleinen Städten umher und friſteten ihr Leben durch jede Arbeit, die ihnen vorkam. Elend und Jammer lag wie eine trübe Wolke über Land und Leuten und vielleicht am ſchwerſten auf dem Herzen der Königsfamilie. Nur ein Glück war faſt ungeſtört geblieben, das ſchönſte, das reinſte des Lebens, das Glück der Familienliebe. Ueberall zogen die Familienbande ſich feſter, in⸗ niger zuſammen, man trug gemeinſchaftlich die all⸗ gemeine Laſt. Der Gatte am Herzen ſeines Weibes, die Mutter im Kreiſe ihrer Kinder Troſt ſuchend und ſindend. ckende l des mußte Kräfte t und uf ein re auf Ver⸗ d er⸗ uſende Dör⸗ en ihr Elend d und 8⁵ Aber auch das heilige Band der Familie ſollte in jener trüben Zeit manchen ſchmerzlichen Riß er⸗ halten. Die Sieger auf dem Schlachtfelde zeigten ſich, wo ſie hinkamen, auch als Beſtieger weiblicher Herzen. Manches bis dahin glückliche Eheband ward gelockert durch eine heftige Leidenſchaft, die irgend ein jenſeits des Rheines geborner Mann dem Herzen eines an der Weichſel, der Pregel, des Niemen gebornen Weibes einflößte. Deutſchlands Frauen ſtanden damals vielleicht noch weniger als jetzt auf dem Standpunkte der geiſtigen und Herzensbildung, auf dem das Weib, ſich ſelbſt als die Blüthe ihres Vaterlandes erkennend, die Wurzeln ihres Seins im Innerſten mit dieſem verbunden füͤhlt. In der Familie Wohlgemuth war es nur Louiſe, die mit Schmerz die Schmach ihres Landes und ſich als eine Tochter deſſelben fühlte, die es er⸗ kannte, daß ein Weib, welches dem Feinde und Un⸗ terdrücker ihres Landes ihr Herz ſchenkt, eben ſo ſchwer ſündige als Eine, die demjenigen in Liebe an⸗ gehören wollte, der das heilige Haupt des Vaters oder der Mutter beleidigt. Madame Wohlgemuth hatte einen ſo äußerſt beſchränkten Geſichtskreis, daß ſie den Zuſammenhang und die innige Verbindung von Herz, Haus und Staat nicht einmal ahnte, und Lydia hatte ſeit den früheſten Tagen ihrer Kindheit viel zu ſehr gewöhnt, ihr eignes Ich als den Mittelpunkt des Weltalls von ihrer ganzen Umgebung betrachtet zu ſehen, als daß ſie irgend etwas anders als ihren augenblicklichen Wünſchen und Aufregungen Einfluß auf ihr Denken und Handeln geſtattet hätte. Viertes Capitel. Judith. So biſt Du mein! Erobert durch die Wahrheit l.n⸗ Van der Straten. Wie ſich aus dieſem Traum erwachen läßt, Wie dieſe That dem Leben einzufügen, Das weiß ich nicht und ſtell es Dem anheim, Der mir die Erde zu regieren ſcheint. Gutzkow,(Uriel Akoſta). Es war Herbſt. Der Nebel lag in der Mor⸗ genſtunde noch dicht und grau in den Straßen. Ein rauher Wind trug auf ſeinen Flügeln die welken und bunten Blätter und pfiff und rüttelte in Kaminen und Schornſteinen. Die große Uhr an der Neuſtädtiſchen Kirche war einer Dan wied der dank Reiſt ſetzen da i Man Vate die f Frau Grajf und den öhnt, ltalls „als ichen enken ſeit!... 87 ſchlug neun und die verſpäteten Schulmädchen eilten raſcher als zuvor, um das Morgengebet in der Schule nicht zu verſäumen. Louiſe ſtand ſinnend am Fenſter und ſah einige dieſer Kinder durch die Nebel dahin laufen, und die Erinnerung an die Zeit, da ſie war wie jene, zog ſchmerzlich durch ihre Seele. O wie anders iſt das Leben als das Kinder⸗ herz in ſeiner Harmloſigkeit wähnt und hofft. Sie hatte jetzt weniger zu thun als je. Lydia war in Geſellſchaft der Frau Conſul Strombeck und einer franzöſiſchen Dame, Madame Bellerive nach Danzig gereiſt und ſollte erſt in vierzehn Tagen wiederkommen. Die Mutter bangte ſich recht ſchmerzlich nach der Lieblingstochter, tröſtete ſich indeß mit dem Ge⸗ danken, daß Lydia doch viel Vergnügen auf dieſer Reiſe haben werde, jedesmal bei ſich ſelbſt hinzu⸗ ſetzend, daß die Zeit endlich doch auch kommen müſſe, da ihre ſchöne Lydia ganz von ihr gehend einem Manne folgen würde.„Sie ſieht vielleicht den lieben Vater zuerſt von uns allen, ſieht ihn in Verhältniſſen, die ſein Herz ja auch erfreuen werden,“ dachte die gute Frau, der es faſt zur Gewißheit geworden, daß der Graf St. Albans, der ſchöne liebenswürdige Franzoſe, gerade der rechte und vollſtändig paſſende Gatte für ihre Erſtgeborne, den Stolz ihres Mutterherzens, ſei. Daß St. Albans ein lebhaftes Intereſſe an dem ſchönen Mädchen nahm und daß daſſelbe er⸗ widert wurde, daran konnte freilich niemand, der die beiden zuſammen geſehen, den geringſten Zweifel hegen. Auch dieſe Reiſe war zum großen Theil auf des Grafen Veranlaſſung gemacht worden. Lydia befand ſich unter dem mütterlichen Schutze der Madame Strombeck, und— die ſangunniſche Mutter baute Luftſchlöſſer, unter denen ein Grafen⸗ ſchloß das erkennbarſte war. Der Abſchied der beiden Schweſtern war ein eigenthümlicher geweſen.— Sie hatten ſich im Grunde nicht ſo nahe ge⸗ ſtanden, als dieß wohl bei andern Geſchwiſtern der Fall zu ſein pflegt. Louiſe war ſeit den früheſten Kindertagen ge⸗ wöhnt, die Dienerin Lydia's zu ſein. Sie fand das auch ganz natürlich und würde die ſchöne Schweſter vielleicht um ſo mehr geliebt haben, wenn ſie mit ihr einige geiſtige oder Herzensgemeinſchaft gehabt. Lydia aber hatte lange, lange Zeit den Glauben, die ſtille zurückgeſetzte Schweſter, das immer zur Ar⸗ beit willige Aſchenbröbel, ſei etwas beſchränkten Gei⸗ ſtes und in die wurd das ſchme Vertr Well laſſen lernt leiden in d in d entge Gefuͤ leiten einfa hältn zu 9 Fried grabe für „ ſei. e an e er⸗ r die egen. fdes chutze niſche rafen⸗ r ein e ge⸗ n der ge⸗ b das veſter mit ehabt. uben, r Ar⸗ Gei⸗ 89 ſtes und ganz und gar nicht fähig, ihre Gedanken und Gefühle zu faſſen. So ſtand ſie neben ihr, ahnungslos, daß auch in dieſer Seele der ernſte Kampf des Lebens gekämpft wurde, und ließ die heißen Wellen ihrer Gefühle das arme jugendliche Herz durchwogen, oft ſich ſchmerzlich, ach wie ſchmerzlich ſehnend nach einer Vertrauten, in deren verſchwiegenen Buſen ſie dieſe Wellen, die ſie faſt zu erſticken drohten, überſtrömen laſſen könne. Denn Lydia, das verzogene Kind, das nie ge⸗ lernt hatte ſich ſelbſt zu überwinden, war zu einem leidenſchaftlichen Weibe herangewachſen, und gerade in der verhängnißvollſten Zeit der Jugend war ihr in der Geſtalt des Grafen St. Albans ein Mann entgegen getreten, der alles in ſich vereinte, was ihre Gefuͤhle aufs äußerſte ſpannen und auf einen Punkt leiten konnte. Vor den Augen der verblendeten Mutter, der einfachen und unerfahrenen Louiſe, hatten ſich Ver⸗ hältniſſe entwickelt, waren Gefühle gekeimt, gewachſen, zu Rieſenhöhe aufgeſchoſſen, die alles Glück, allen Frieden der Zukunft in der ſchutzloſen Familie unter⸗ graben mußten. Lydia reiſte nach Danzig mit dem feſten Ent⸗ 90 ſchluß, nie wieder heimzukehren an den Altar ihres Hauſes, in die Arme ihrer Mutter. Indem aber eine heftige, eine furchtbare Lei⸗ denſchaft, mit all ihren Wonnen und Schmerzen in dem Buſen des jungen Mädchens erwuchs, waren ihre Augen heller geworden, denn jede Liebe macht das Weib weiſer und beſſer, und ſie hatte angefan⸗ gen, das ſtille, milde, ſich ſelbſt vergeſſende Herz ihrer jungern Schweſter zu begreifen. Am frühen Morgen des Reiſetages trat ſie noch in der Dämmerung in Louiſens kleines Zimmer, da ſie, zum Erſtenmal in ihrem Leben vielleicht, fru⸗ her aufgeſtanden als die thätige Schweſter. Louiſe lag noch im Bett und Lodia ſetzte ſich auf den Rand deſſelben und ſah in das roſig an⸗ gehauchte Geſicht der kaum Erwachten; ſie ſelbſt bleich, bleich wie eine Lilie und mit fiebernden Pul⸗ ſen, beneidete faſt die Ruhe der Schweſter, die ſie noch vor kurzem Lethargie genannt hatte. „Ich gehe, Löuiſe,“ hob ſie endlich zögernd an, „ich gehe und uüberlaſſe Deiner Liebe und Pflege allein unſre arme Mutter; wirſt Du ſie recht, recht lieb haben, meine Schweſter?“ „Kannſt Du daran zweifeln? kann ich ihr gleich Deine Stelle niemals erſetzen, ſo will ich doch alles 91 thun, damit ſie Dich nicht zu ſehr vermißt, und das Beſte wird ſein, daß ich immer recht viel von Dir erzähle und ſie ſelbſt dahin bringe, von Dir zu ſprechen.“ „Thue das, meine geliebte Schweſter,“ ſagte Lydia mit zitternder Stimme,„thue das und ſprich Gutes von mir, verſuche auch in Deinem Herzen mich zu entſchuldigen, verſuch' Dir klar zu machen, was ich fühle und wie ich bin. Louiſe, vertheidige mich, wirſt Du das? willſt Du das, meine Schweſter?“ „Weßhalb ſollte ich Dich vertheidigen?“ ſagte freundlich die Jüngere,„es iſt ja kein Unrecht, daß Du gehſt, die meiſten an Deiner Stelle würden es auch thun.“ „Die meiſten ja, nicht alle, Louiſe. Die nicht gingen, wuͤrden es ſich für Tugend anrechnen und doch nur feig ſein. O es gehört Muth, es gehört Willenskraft zu dem Schritt, den ich thue. Haſt Du mich lieb, Schweſter, trägſt Du mir's nicht nach, daß ich ſchöner bin und daß man mich deßhalb vorzog, o ſo lerne mich erkennen, Louiſe.“ „Was haſt Du, Lydia?“ fragte erſtaunt und erſchrocken Louiſe, die nun erſt die Todtenbläſſe der Schweſter und ihr ganz verändertes Weſen recht bemerkte. 92 „Es iſt der Abſchied,“ entgegnete Lodia,„frei⸗ lich nehme ich nur Abſchied auf vierzehn Tage, aber wer weiß, was der nächſte Tag bringt, eine Krank⸗ heit kann mich dahin raffen, ich kann bei einer Luſt⸗ fahrt auf dem Meere ertrinken, das Meer, Louiſe, iſt ſo treulos und unzuverläſſig wie das Leben— wir ſehen uns vielleicht nie wieder. Wirſt Du in ſchwe⸗ ſterlicher Liebe mein gedenken?“ „Gewiß, meine theure, theure Lydia,“ ſagte Louiſe ergriffen,„aber das ſind ſchlimme Träume, Du biſt vielleicht krank, unterlaß die Fahrt, bleib hier, Deine Worte machen mir bang.“ „Was geſchrieben iſt, iſt geſchrieben,“ entgegnete Lydia mit einem Verſuche zu ſcherzen.„Dieſe Reiſe iſt beſchloſſen und ich gehe. Vielleicht werde ich auch nicht ſterben, nicht ertrinken,“ ſetzte ſie mit einem eignen Lächeln hinzu,„doch bitt' ich Dich, bleib mir gut, meine Schweſter, werde nicht irr an mir und ſei meine Vertheidigerin.“ Sie entfernte ſich, und nach einer Stunde holte die Frau Conſul ſelbſt ihre junge Reiſegefährtin in ihrem eleganten, mit vier Poſt⸗Pferden beſpannten Wagen ab. Louiſe ſtand mit der Mutter am Fenſter und ſah den Scheidenden nach, die mit ihrem Tuche „frei⸗ aber rank⸗ Luſt⸗ e, iſt wir chwe⸗ ſagte äume, bleib egnete Reiſe auch einem mir und holte ein in unten feenſter Tuche 93 ein letztes Lebewohl ihnen zuwehten, ehe der Wagen donnernd über die Brücke rollte.— An dieſen Abſchied dachte jetzt die zuruͤckgeblie⸗ bene Schweſter, als ſie in den grauen Morgennebel ſchaute. Eine unheimliche Ahnung wollte ſie ſeitdem nicht verlaſſen. Sie fürchtete für Lydia und wußte nicht was und ſah recht mit Sehnſucht dem Brief entgegen, der ihr und der Mutter gute Nachricht von der Fernen bringen ſollte. Da kam auch eben der alte Briefträger in die Straße, Louiſe ſah ſeinen Orange⸗Kragen durch den Nebel ſchimmern und es war ihr recht erfreulich, daß er in das Haus trat. Sie ſprang ihm entgegen. „Zu Ihnen komme ich man eben, Mamnſelche, ein Brief für Sie aus Magdeburg, mit franzöſiſche Aufſchrift.“ „Nichts von Lydia,“ dachte ſie ein wenig ge⸗ täuſcht, bezahlte den Botenlohn und ging mit dem ſehr dicken Briefe in ihr Zimmer. „Aus Magdeburg? mein Gott, wer kann mir von dorther ſchreiben!“ ſprach ſie und ein ſeltſamer Schauder überlief ſie, als ihr beim Eröffnen des Briefes Lydia's Handſchrift entgegenſchaute. 94 Sie mußte die Blätter aus der Hand legen; wie um Gotteswillen kam Lydia nach Magdeburg? Minuten vergingen, bevor ſie ſich entſchließen konnte, das verhängnißvolle Schreiben zu leſen. Sie fühlte, daß es etwas ganz Unvorhergeſehenes, viel⸗ leicht etwas Schreckliches enthalte, ſie hätte vielleicht nicht mehr Muth bedurft, ſich der gähnenden Mündung einer Kanone entgegen zu ſtellen, als ſie aufbieten mußte, den erſten Blick auf dieſe enggeſchriebenen Blätter zu heften. Sie las: „Meine Schweſter! „Ob Du mich verſtehen wirſt, wenn Du dieſe Zeilen lieſt, weiß ich nicht, kaum kann ich es hoffen und erwarten; kühl wie Du von Natur biſt und ohne den Einfluß der Leidenſchaft auf das weibliche Herz zu kennen, wird das, was ich Dir zu ſchreiben habe, Dir unglaublich, ungeheuer vorkommen, und doch biſt Du die Einzige, an die ich mich wenden kann. Du ſollſt und wirſt die Mutter auf den Schlag mit lie⸗ bender Sorgfalt vorbereiten, der ſie vielleicht tödten würde, wenn er ſie plötzlich träfe. „Nimm denn das Schlimmſte mit einem Mal Ich habe mein Schickſal unwiderruflich an einen Mann geknüpft, deſſen Gattin ich noch nicht bin, vielle wied loſes wen Dein Sitte iſt, fache Man das Gefü Liebe Uebe kein wird, ſie d dann Elte Ein ſie 3 egen; durg? ließen Sie viel⸗ lleicht dung bieten benen Mal einen bin, 95 vielleicht nie werden kann, und— ich gehe, um nie wieder zu Euch zurückzukehren. „Meine ſanfte, ſtille Louiſe, ſchuldloſes, ahnungs⸗ loſes Kind, wie wird Dein Herz jammern und beben, wenn Du dieſe Zeilen geleſen! „Ja! ja! mein liebes, mein reines Mädchen, Deine Schweſter hat die Schranken der Zucht und Sitte überſprungen, hat alles an alles geſetzt und iſt, wenn gleich eine Geächtete nach Euren ein⸗ fachen bürgerlichen Begriffen, doch ſelig, glücklich, dem Manne, den ſie liebt— liebt, ach wie arm klingt das Wort und doch giebt es kein höheres, um mein Gefühl zu bezeichnen!— das höchſte Opfer, das Liebe geben kann, zu bringen. „Ich folge St. Albans freiwillig, nach reiflicher Ueberlegung, ich folge ihm ohne Furcht. Kettet auch kein geſetzliches Band uns an einander, ſeine Liebe wird, ſo hoffe ich, ewig ſein wie die meine, und iſt ſie das nicht, kommt einſt eine Zeit, da ſie vergangen, dann hat auch Leben, Ehre, Ruf, Verwandte, Freunde, Eltern, dann hat nichts mehr einen Werth für mich. Ein Weib, das liebt wie ich, hört auf zu leben, wenn ſte zu lieben aufhören muß. „Erſchrick nicht über dieſe Worte, meine theure Schweſter, die Dein kuͤhles unſchuldiges Herz nicht verſteht. „Ich, ich von allen auf Händen getragen, von allen gehätſchelt, vergöttert, kenne nur eine Seligkeit, es iſt, das eigene Ich aufzugeben für ein geliebteres! „Ich verlaſſe Euch! weint um Euch, denn Ihr werdet Schmerz, Bangen, das verächtliche Mitleid der Thoren, dieſe ſchlimmſte aller Demüthigungen, zu ertragen haben; um mich weint nicht! Wer liebt wie ich, kennt nur ein Leid, den Verluſt der Liebe, und das Leid kann der Tod enden. „Ich trage einen Dolch bei mir, ſeit ich meinem Freunde folgte, eine feine, ſpitze, glatte Klinge. Wenn St. Albans ſtirbt, iſt der mein einziger, aber ganz zuverläſſiger Freund. „Was iſt mir die Verachtung der Welt, in der ich das Leben verträumte, ehe ich in der Liebe das einzige Gut der Erde, das einzige was dem Daſein Werth, Reiz und Würde giebt, kennen lernte. „Ich lächele mitleidig über diejenigen, die mich verdammen, arme Thoren, die keine Ahnung von dem haben, was meine Seele erfüllt und erhebt. „Nur Ihr dauert mich, Ihr meine zuruͤckbleiben⸗ den Lieben. „Der Mutter ſuche den Gedanken zu feſtigen, 7 Gelieb dann liegt i einſt in begleit zu ihre 2 S meinen I† keine W 1856. 97 daß ich früher oder ſpäter die Gattin St. Albans werde. Sie wird das leicht glauben, kennt ſie doch nichts von der Welt und den Schranken, die dieſe um die Herzen mauert. „Ich, das deutſche Bürgermädchen, kann der Armee des Kaiſers als die Geliebte eines ſeiner vor⸗ nehmen Officiere folgen. Die Gattin des Grafen von St. Albans wird Napoleon unter den Töchtern der Fürſten ſuchen, deren Kronen er nahm, um ihnen ein wenig Gold davon abzugeben. „Kann er je ſeinem Herzen folgen, Er mein Geliebter, mein Schützer, mein Gatte, mein Gott, dann freilich— unmöglich iſt das nicht, aber es liegt in weiter neblichter Ferne. Kehrt mein Vater einſt in die Arme ſeiner Familie zurück, dann Louiſe begleitet ihn ſeine Tochter, um den Segen der Mutter zu ihrem Ehebande zu empfangen. „Du wirſt mich verſtehen, theuerſte Schweſter. „Ich bin bei ihm! das iſt alles, was ich zu meinem Glücke bedarf. Ich werde ihn täglich, ſtünd⸗ lich ſehen, täglich, ſtündlich den Ton ſeiner Stimme hören. Seine Gegenwart iſt mir alles, mehr als dieſe bedarf ich nicht zu meinem vollſtändigen Gluüͤck. „Louiſe, meine liebe Schweſter, Du, deren Herz keine Vorſtellung hat von den Wonnen und Schmerzen 1856. XX. Erinner. e. Großmutter. II. 7 98 der Liebe, wirſt Du mich verſtehen, mir nachfühlen können? „Unmöglich! erſt mit der Liebe erwacht das Weib aus dem lethargiſchen Schlummer, in den Sitte, Gewohnheit, Erziehung und Herkommen ſein Herz und ſeinen Geiſt gefliſſentlich einlullen. Wir ſind nichts anders als Samenkörner, eines in ſeiner Art dem andern ähnlich, kalt, hart, dem Anſcheine nach leblos. Da erſcheint der geliebte Sonnenſtrahl, der unſer inneres Leben weckt, es regt ſich in uns ein nie geahntes Wunder! da wirken die Verhältniſſe, wie Erde und Waſſer, und nun erſt entwickelt ſich unſer Ich, der Keim wird zum Baum, das todte Samenkorn hat ſich in ein lebendes, ſich entwickelndes Sein verwandelt. „Pflege unſere Mutter, meine Schweſter, tröſte ſie, erhalte den Glauben in ihr wach, daß ſie ihre Lydia einſt als vornehme Dame wiederſehen wird. Es geſchehen ja der Wunder genug in dieſer Zeit. Der Sohn eines corſiſchen Edelmannes iſt Herr Eu⸗ ropa's geworden, warum ſollte das arme deutſche Bürgermädchen nicht Gattin eines Pairs von Frank⸗ reich werden können.— „Erinnerſt Du Dich, Louiſe, des Abends, da Du dem Vetter Itzſtein— grüße ihn— die Jungfrau von voll v konnte meine Schw das ſe Stellt kennt zu op 7 gebra frau verſiel ihm d wacker befohl Wie ſie ſic glückl ganz Alban ich n auch tniſſe, llt ſich todte elndes tröſte je ihre wird. Zeit. r Eu⸗ eutſche Frank⸗ da Du ngfrau 99 von Orleans voorlaſeſt? ich ſaß dabei, mein Herz voll von Gefühlen, die niemand von Euch ahnen konnte. Der König ſagt von Agnes Sorel: Nur meine Liebe will ſie ſein und heißen.— O meine Schweſter, das iſt ein ſchönes Wort! Nur ein Weib, das ſo liebt, liebt wahrhaft, wer Rang, Reichthum, Stellung von dem Geliebten wünſcht und erwartet, kennt nicht der Liebe höchſtes Glück, das Glück ſich zu opfern. „St. Albans hat mich hierher nach Magdeburg gebracht, Madame Bellerive, eine ehemalige Kammer⸗ frau ſeiner Muttter, die dieſen Dienſt jetzt bei mir verſieht, iſt reichlich von ihm dazu mit Gelde verſehen, ihm dabei behilflich geweſen. Heute erſt erfährt die wackere Madame Strombeck, daß die junge Schutz⸗ befohlene ſich einem andern Beſchützer übergeben. Wie wird die gute Frau erſtaunt und erſchrocken ſein. „Tröſte nur die Mutter, liebe Louiſe! mag ſie ſich beruhigen, indem ſie mich glücklich weiß, und glücklich bin ich! o meine Schweſter, wie ſehr, wie ganz glücklich. Glaube mir, ich würde es als St. Albans Gattin weit weniger ſein, denn dann hätte ich nicht das beſeligende Gefühl haben können, ihm auch ein Opfer zu bringen. Es iſt ſüß, das Glück 7* 100 aus der Hand des Geliebten hinnehmen, noch ſüßer aber es willig, freudig über ſein Herz ausgießen. „Lebe wohl! Es iſt mir ein Troſt, den Vater fern zu wiſſen. Wenn er je erfährt, was er nach ſeinen bürgerlichen Begriffen die Schmach ſeines Kin⸗ des nennen würde, ſo iſt dieſelbe wohl ſchon geſühnt. Vielleicht durch meinen Tod, vielleicht durch St. Al⸗ bans Treue und Großmuth. „Gott ſegne Dich, Louiſe! Laß mich glücklich ſein in meiner Weiſe, werde Du es in der Deinen. Magdeburg den 18. September 1809. Deine Schweſter Lydia.“ Louiſe glaubte einen ſchrecklichen Traum zu traͤumen. Die Wirklichkeit war ihr zu groß, zu fürchterlich. Lydia, ihre ſchöne, ſtolze, ſittſame Schweſter, fort, durchgegangen mit einem Franzoſen! Selbſt die Wohlthat der Thränen blieb ihr ver⸗ ſagt, trockenen Auges ſtarrte ſie hinaus in die Straße, wo der Nebel allmählig ſich tief unten am Boden in leichte glänzende Thauperlen löſte, während oben in die höheren Luftregionen bereits glänzende Sonnen⸗ ſtrahlen ihre Goldfäden ſpannen. Sie bemerkte es nicht eher, daß Wilhelm von Itzſtei auf ih 2 teſt mi unden ſagte er ſie Freu und Mäd floh, akter nnen⸗ von 101 Itzſtein in das Zimmer getreten, bis er ſeine Hand auf ihre Schulter legte. „Du biſt hier, Louiſe,“ ſagte er freundlich,„und bie⸗ teſt mir nicht einmal einen Guten Morgen, Mädchen?“ „Guten Morgen, Vetter,“ ſagte ſie langſam. Er trat raſch noch näher an ſie heran, fuhr mit der Hand über ihr Geſicht und fragte nicht ohne ſorgende Theilnahme:„was haſt Du, Louiſe? was iſt hier vorgefallen?“ „Lydia, Lydia iſt fort, durchgegangen mit dem Colonel St. Albans,“ entgegnete ſie und der Ton ihrer Stimme klang hohl und dumpf, als käme er aus dem Grabe. Der Blinde trat entſetzt zurück.„Unmöglich, undenkbar, wer brachte Dir dieſe wahnſinnige Kunde?“ ſagte er lebhaft. „Sie ſelbſt ſchreibt mir aus Magdeburg, wohin er ſie geführt.“ Der Blinde ſetzte ſich neben ſeine jugendliche Freundin, zog ihre zitternde Hand an ſeine Lippen und ſagte:„Lies mir ihren Brief vor, mein armes Mädchen.“ Sie las. Bei jedem Wort, das über die Lippen floh, malte ſich ein anderer Ausdruck auf dem char⸗ aktervollen Geſicht des Zuhörers. 102 „Und das ſchreibt Lydia, die eitle, hohle, putz⸗ ſüchtige Lydia?“ rief er, als Louiſe ſchwieg, in ſelt⸗ ſamer Extaſe.„Ha und dieß Mädchen ſtand neben mir und ich ahnte es nicht. Welch ein Weib! welch ein Weib! eine Göttin, eine Heldin, eine Heilige iſt Deine Schweſter! Ah dieſer St. Albans! dieſer — ſolchen Burſchen fliegen die Blumen des Glückes von ſelbſt in den Schooß, die weiſere Männer mit jahrelanger Mühe und Ausdauer pflegten. Ja Louiſe, Deine Schweſter hat recht, ganz recht, nur die Liebe macht das Weib zu einem Ich, zu einem ſelbſtſtän⸗ digen Weſen, das die Kraft hat, ſich der Gängel⸗ bänder und Ketten von Herkommen, Erziehung, Sitte und Gewohnheit zu entledigen.“ „Vetter,“ ſagte Louiſe wehmüthig,„ſo jung und unerfahren ich auch noch bin, ſo weiß und fühle ich doch ſehr gut, daß die Einſchränkungen, welche Sie da nennen und welche die arme Lydia von ſich geworfen hat, nicht Ketten ſind, ſondern Schranken, Verzäunungen, hinter denen wir wie die Blumen im Garten blühen ſollen, geſchützt vor der Rohheit, die uns zertreten, vor der Begehrlichkeit, die uns ab⸗ pflücken würde, eingehegt zur Sicherung vor den Stürmen, die über die Welt daher brauſen. O Lydia, o meine arme Schweſter, wie beklage ich ſie!“ Blind und g eine L und 2 licht, Kern 6 Geſpr Thrät ab u entge „aber armen die E wäch uns ſtreng Herze Vette ſo la ſie be und bürg 103 „Das haſt Du nicht nöthig,“ entgegnete der Blinde faſt heftig.„Sie iſt nicht zu beklagen, ganz und gar nicht, ſie iſt beneidenswerth. Nur die Liebe, eine Liebe wie Lydia ſie fühlt, giebt dem Leben Reiz und Werth, ſie iſt in der That wie das Sonnen⸗ licht, das erſt Leben und Keimeskraft in dem todten Kern des Herzens erweckt.“ Louiſe war aufgeſtanden. Allmählig bei dem Geſpräch mit dem Vetter hatte ſie den Troſt der Thränen gefunden, ſie ging nun im Zimmer auf und ab und weinte leiſe. „Ich glaube auch an die Allmacht der Liebe,“ entgegnete ſie dem Blinden unter rinnenden Thränen, „aber nicht der Liebe, die die Tochter aus Mutter⸗ armen reißt, die das Familienglück, den Frieden und die Ehre zerſtört, ſondern der Liebe, die ſtill im Herzen wächſt, die uns die Erfüllung jeder Pllicht erleichtert, uns verſöhnt mit den Schwächen der Unſrigen und ſtreng macht gegen die eignen, die geduldig iſt, von Herzen demüthig und die Sünden⸗Menge bedecket.— Vetter, die Liebe ſoll nicht in die Weite ſchweifen, ſo lange ſie noch neben ſich Gegenſtände findet, die ſie beglücken kann; Geſchwiſter und Eltern, Verwandte und Freunde, Nachbarn und Bekannte, unſre Mit⸗ bürger, Landsleute, unſer Vaterland bedürfen, erwar⸗ 104 ten, fordern unſre Liebe. Lydia's Herz, das die nächſten Seinigen von ſich ſtößt, liebt in dem kaum gekannten Geliebten wohl auch nur ein Nebelbild, einen Traum, und kann und wird, nur zu früh erwachend, ſich nach denen zurück ſehnen, die von Kindheit an, ach, nur zu viel Liebe für ſie gehabt.“ Der Blinde horchte. Ihm klangen Loͤuiſens Worte ſüßer wie die ſüßeſte Muſik, ſie enthielten, wie es ihm ſchien, die directe Beſtätigung ſeiner ſchönſten Hoffnungen. „ Sie liebt mich, ſie liebt mich!“ jubelte es in ihm,„ich werde beſitzen, wonach ich mich ſo heiß ge⸗ ſehnt, was mir allein das Daſein erträglich machen kann, die volle Liebe eines edelherzigen Weibes.“ O wie gern, wie brennend gern hätte er in dieſem Augenblick das Wort ausgeſprochen, das ſein Glück ſichern ſollte, das Wort, von dem er nun glaubte, daß es Louiſe tröſten würde ſelbſt über die Leiden, die jetzt ihr Herz bedrückten; doch feſſelten für den Au⸗ genblick trübe Verhältniſſe ſeine Zunge. Sein Vater, von dem er ganz abhängig, hatte ihm mit Beſtimmtheit ausgeſprochen, daß an eine Geldzulage, die ihn in den Stand ſetzen könne, einen eignen Hausſtand zu begründen, wenigſtens vor der Hand durchaus nicht zu denken ſei, daß im Gegen⸗ theil die ruinir Mam treten rade und einzig dieß 3 gekon den Calan überg ſeines bekom die ie rief L ges S ben, hältne Made hſten nten um, nach r zu ſens lten, einer s in ge⸗ chen iinen der gen⸗ 105 theil er ſich auf jede Weiſe einſchränken müſſe, da die Vermögens⸗Umſtände des Präſidenten durchaus ruinirt ſeien. Wilhelm von Itzſtein war ein viel zu ſtolzer Mann, um als Bettler vor das Mädchen ſeiner Wahl treten zu wollen. Sein Wunſch und Wille war, ge⸗ rade ſie mit allen Gaben des Gluͤckes zu überſchütten, und noch vor wenigen Monaten, da er ſich für das einzige Kind eines reichen Mannes hielt, glaubte er, dieß zu können. „Nicht jetzt! nicht jetzt! die Zeit iſt noch nicht gekommen,“ flüſterte er ſeinem eignen wild ſchlagen⸗ den Herzen zu,„aber ſie wird, ſie muß kommen. Dieſe Calamitäten, über die mein Vater klagt, werden vor⸗ übergehen. Die Staatspapiere, durch die er einen Theil ſeines Vermögens eingebüßt, werden wieder Werth bekommen und Louiſe wird mein werden. Die Blüthe, die ich gepflegt, wird mein Leben ſchmücken.“ „O, und meine Mutter! meine arme Mutter!“ rief Louiſe aus dem leiſen Weinen plötzlich in hefti⸗ ges Schluchzen übergehend,„ſie wird vor Gram ſter⸗ ben, wenn ſie ihre Tochter in niedrigen, ehrloſen Ver⸗ hältniſſen weiß.“ „Wenn das Dein Hauptgram iſt, theueres Mädchen,“ ſagte Itzſtein,„ſo beruhige Dein Herz, 106 Deine Mutter wird leicht glauben, was ſie wünſcht, und wird ſich über die Trennung von Lydia beru⸗ higen, wenn ſie ſie für die Gattin St. Albans hält.“ „Wie aber ihr dieſe Täuſchung beibringen, ſie wird Lydia's Brief leſen wollen 2“ „Sie darf nie erfahren, daß Du ſetzt einen er⸗ halten. Ueberlaß mir, mein Mädchen, die Leitung dieſer Angelegenheit, trage den Kummer, den Du jetzt empfindeſt und der wahrlich mehr Sache Deines Stolzes und Vorurtheils iſt.“ Ach Loniſe fühlte nur zu gut, daß der Begriff bürgerlicher Ehre kein Vorurtheil und daß es kein Stolz, wenigſtens kein unerlaubter, ſei zu trauern, wenn ein Glied der Familie jene von ſich geworfen; aber ſie ſchwieg, ſie trug ihr ſchweres Leid ohne Klage, und hatte die Beruhigung zu ſehen, daß Wilhelm, ohne eine eigentliche Lüge zu ſagen, Madame Wohl⸗ gemuth zu der Ueberzeugung brachte, ihre ſchöne Ly⸗ dia ſei heimlich mit dem franzöſiſchen Grafen ver⸗ mählt, und dieſer erwarte nur eine günſtige Stim⸗ mung des Kaiſers, um ſeine ſchöne junge Gemahlin auf die ihr zukommende Stelle zu erheben. Im Hauſe der Madame Wohlgemuth ward es, ſeit Lydia daraus geſchieden, recht ſtill. Louiſe ver⸗ mied jede Geſellſchaft, jedes öffentliche Vergnügen, und Schu genhe gen Geiſt dopp gewo Mögl heben mit Treuf wahrſ einem gunge 5 Joch höchſt er D zu w Tanz, waren 107 und lebte, den tiefen Gram um die unglückliche Schweſter im Herzen bergend, in tiefſter Zurückgezo⸗ genheit nur ihren häuslichen Pflichten und der ruhi⸗ gen gleichmäßigen Ausbildung ihres Herzens und Geiſtes. Ihr Intereſſe an der Zeitgeſchichte war jetzt in doppelter, ja in dreifacher Beziehung Herzensſache geworden. Lydia bezeichnete Napoleons Sturz als die einzige Möglichkeit, daß St. Albans ſie zu ſeiner Gattin er⸗ heben könne. Des Vaters Freiheit hing unbedingt mit der Befreiung des Vaterlandes zuſammen, und Treufeldt, ſeit Schills Tode zwar verſchollen, war höchſt wahrſcheinlich nicht getödtet, ſondern nur in irgend einem unbekannten Verſteck vor franzöſtiſchen Verfol⸗ gungen verborgen. Ach, und Deutſchlands Befreiung von franzöſiſchem Joch ſchien damals unmöglicher als je. Napoleons Macht und Herrſchaft ſtand auf ihrer höchſten Spitze und mit eiſerner Conſequenz erdrückte er Diejenigen, die es wagten ihm Widerſtand leiſten zu wollen. Daß Louiſen in dieſer Stimmung Zerſtreuungen, Tanz, Putz und die geſelligen Genüße gleichgiltig waren, iſt natürlich. Anders verhielt ſich das mit der 108. Erfüllung ihrer häuslichen Pflichten. Die kleinſten Arbeiten für ihr Haus hatten für ſie etwas Heiliges erhalten durch das tiefe Mitleid, das ſie für die ge⸗ täuſchte Mutter empfand. Für die arme, einfache und jeytt oft kränkliche Frau das Haus zu ſchmücken, ihr alles ſo zuzurichten wie ſie es gern hatte, ſie zu pflegen, ihren Erzählungen von Lydia's künftiger glänzender Stellung ein geduldiges Ohr zu leihen, das alles gewährte ihrem Herzen die einzigen ihr genießbaren Freuden. Rauh und düſter lag der Winter über der Welt. Durch das ganze Land wehte ein Geiſt des Kummers, der ſich in jedem Familienkreiſe, ja auf jedem Geſichte kund gab, und als am 1. April 1810 die Vermäh⸗ lung des allmächtigen franzöſiſchen Kaiſers mit Maria Louiſe, der Tochter des mächtigſten deutſchen Fürſten ge⸗ feiert wurde, da waren gewiß vom Niemen bis zum Rhein wenig deutſche Herzen, die nicht bluteten bei dem Gedanken, daß gerade eine ſolche Verbindung dem ſtolzen Weltgebieter die Garantie geben konnte, daß die Zuſtände, unter denen alle litten, Dauer haben würden. ſanfte ert w junge Höflit hochh in ih den die i götte kund ſchwa 109 Fünftes Capitel. Die Liebe iſt ein Blüthenſegen, ch Der heilig in der Seele ruht, e Ein Röslein nicht, das auf den Wegen fken, Man pflückt für ſeinen Wanderhut; ſie Wenn Ihr der Seele Mai gehütet, iger Beklagt Ihr nicht der Träume Flucht, Die Knospe, der Ihr einſt erglühtet, Prangt als lebend'ge Lebensfrucht. Roquette. Landestrauer! Die Königin Louiſe, die ſchöne Belt. ſanfte, fromme Tröſterin ihres Gatten, war geſtorben. ers, Nie vielleicht iſt eine Fürſtin aufrichtiger betrau⸗ chte ert worden als ſie. räh⸗ Nicht nur ihr gebeugter Gatte, nicht nur ihre aria jungen Kinder, nicht allein die Umgebung ihrer ge⸗ Höflinge beweinten den Tod der edeln, jugendlichen, zum hochherzigen Frau; das ganze gedrückte Land glaubte bei in ihr ſeinen Schutzgeiſt verloren zu haben. dung In allen Städten, auf allen Straßen ſah man inte, den Wunſch, ſelbſt der Aermſten und Geringſten, auer die innerliche Betrübniß wegen des Todes der ver⸗ götterten Königin auch durch ein äußeres Zeichen kund zu machen. Niemand ging, ohne einen Trauerflor oder ein ſchwarzes Band an ſeiner Kleidung zu zeigen, und 110 Wochen lang ſah man alle anſtändig gekleideten Leute in tiefſter Trauerkleidung. Madame Wohlgemuth kränkelte um dieſe Zeit mehr als je, der Hausarzt rieth zu regelmäßigen Spaziergängen und Louiſe machte es ſich zum Ge⸗ ſetz, alle Abend die Mutter ſo weit zu führen als dieſe nur immer zu gehen ſich geneigt finden ließ. Am liebſten wanderte die Leidende am Fluß⸗ ufer entlang, das rege Leben dort ſagte ihr zu und dann ruhte ſie gern auf dem einſamen Schulhof, wo einige Bänke, von hohen Linden beſchattet, der Er⸗ müdeten eine willkommne Zuflucht boten. Es war am Ende des Juli. Louiſe ſowohl als Madame Wohlgemuth, noch in der tiefſten Trau⸗ erkleidung wegen des Todes der Königin, ſtanden bei ihrem abendlichen Spaziergange einige Augen⸗ blicke am Ufer und betrachteten die Thätigkeit auf einem Schiff, das offenbar ſeehaltig gebaut eine La⸗ dung Salz für die ſtädtiſchen Magazine zu löſchen beſchäftigt war. Zollbeamte in allen Graden ſtanden am Ufer und befanden ſich auf dem hübſchen ſchmucken Fahr⸗ zeug. Sie ſahen aus, als hätten ſie den entſchiede⸗ nen Vorſatz, auch nicht eine engliſche Nähnadelſpitze ihrer Aufmerkſamkeit entgehen zu laſſen und doch ſagte ganz Zoll fande Capit Jahre gut f ein a Haar mit e dunkl. ſen einem ßen d chen Zähn ziemle ben Geſie rung es ni eute Zeit gen Ge⸗ als luß⸗ und wo Er⸗ vohl rau⸗ nden gen⸗ auf La⸗ ſchen Ufer ßahr⸗ iede⸗ ſpitze 111 ſagte man ſich leiſe ins Ohr, es werde in Elbing ganz entſetzlich viel geſchmuggelt, und die Herren vom Zoll ſeien nicht ſo ſtreng als ſie ausſähen. Auf dem kleinen wunderhübſchen Schiffchen be⸗ fanden ſich ſechs bis acht Matroſen, unter ihnen der Capitain, ein Mann von höchſtens ſechsunddreißig Jahren, dem die ſeemänniſche Tracht ganz eben ſo gut ſtand als ſeinen ſchmucken Leuten. Alle waren emſig beſchäftigt, der eifrigſte aber, ein auffallend großer Mann, dem eine Fülle blonden Haares unter dem Matroſenhut hervorquoll und ſich mit einem ſtarken röthlichen Backenbart miſchte. Sein Geſicht, von der Sonne gebräunt, ſah dunkler aus als zu der Farbe ſeiner Haare zu paſ⸗ ſen ſchien, und große glänzend ſchwarze Augen mit einem edeln, eigenthümlich intelligenten Ausdruck lie⸗ ßen das Geſicht ſehr ſchön erſcheinen. Beim Spre⸗ chen und Lachen zeigte der Seemann blendend weiße Zähne und ſeine Blicke ſchweiften mehr als einmal ziemlich bemerkbar von ſeinem Geſchäfte ab und blie⸗ ben an den Damen haften, die ihm zuſchauten. Louiſe kannte den Menſchen; wenigſtens flößte das Geſicht ihr jene unwillkürliche, eigenthümliche Erinne⸗ rung an etwas Liebes, Bekanntes ein. Sie konnte es nicht laſſen, immer wieder von Zeit zu Zeit nach 112 ihm hin zu ſehen, obgleich ſie dann jedesmal dem Blick der dunkeln Augen begegnete, die an ihr hingen. Der Matroſe ſprach einen Moment leiſe mit dem Capitain, und gleich darauf ging dieſer raſchen Schrittes über die Planke, die einen Verbindungs⸗ weg zwiſchen dem Schiffchen und dem Ufer bildete, und trat mit dem Hut in der Hand und der höfli⸗ chen Frage vor Madame Wohlgemuth, ob es den Damen vielleicht genehm ſei, das Innere ſeiner klei⸗ nen Barke zu betrachten. Louiſe, die bei jedem ungewöhnlichen Vorfalle ſtets an die Msöglichkeit dachte, Nachricht von der fernen Schweſter zu erhalten, bat eifrig die Mutter, dieſe Einladung anzunehmen und in ein Paar Minuten befanden beide ſich in der kleinen ſaubern Cajüte. Ein hübſcher, kühn blickender Schiffsjunge von höchſtens fünfzehn Jahren, brachte auf des Capitains Geheiß Apfelſinen, Datteln, eingelegte Tamarinden und andere Leckereien aus fernen Gegenden, und bald befand der höfliche Mann ſich in einem tiefen Geſpräch mit Madame Wohlgemuth, der er eine anziehende Beſchreibung von den ſüdlichen Provinzen Frankreichs lieferte. „Ich habe da, Madame,“ ſagte er endlich,„ein ausge leider Sie a beglei zeigen Auge Minu zu ber kann, recht Mutte im nä Matr⸗ aber d verſchn kurz ge eines 3 in der nicht eine li Louiſe, am er 2 1856. 113 ausgezeichnetes Bild von dem Hafen von Toulon, leider kann ich es Ihnen hier nicht vorlegen, wenn Sie aber die Güte haben wollten, mich hinunter zu begleiten, ſo könnte ich es Ihnen durch ein Glas zeigen, welches die Gegend beinahe körperlich vor Ihr Auge führt. Mademoiſelle warten hier wohl eine Minute und haben die Gewogenheit eine Taſſe Thee zu bereiten, echten Karavanen⸗Thee, wie ich verſichern kann, wir ſind im Augenblick wieder oben.“ Ehe Louiſe die Seltſamkeit dieſer ganzen Scene recht begreifen konnte, war der junge Mann, die Mutter am Arm führend, ſchon verſchwunden, und im nächſten Moment ſtand ein anderer vor ihr, der Matroſe, der ihre Aufmerkſamkeit zuerſt erregt hatte, aber der rothe Bart und das blonde Haupthaar war verſchwunden, und ſtatt deſſen zeigte ſich rabendunkles kurz geſchnittenes Haar und der bläuliche Schimmer eines raſirten ſchwarzen Bartes. Die große ſchlanke Geſtalt konnte nicht aufrecht in der niedern Kajüte ſtehen, und ſo beugte ſie denn nicht nur das Haupt ſondern auch das Knie und eine liebe Stimme flüſterte:„Du haſt mich erkannt, Louiſe, und mein Wageſtück iſt belohnt, da ich ſchon am erſten Tage meiner Ankunft Dich wieder ſehe.“ „Großer Gott! Fritz! Herr von Trenfeldt,“ ſagte 1856. XX. Erinner. e. Großmutter. II. 8 114 das erſchreckte Mädchen, das jetzt erſt in dem Geſicht des Mannes mit innigſter Freude die Züge des Jünglings genau wiederfand. „Ich mußte Dich ſehen, ich mußte, meine theure Freundin, mein Schutzgeiſt, meine Heilige,“ ſagte der junge Mann,„und da ich Dich geſehen, habe ich neuen Muth, den Gefahren meines Lebens die Stirn zu bieten. Lange können wir hier nicht bleiben; ſobald unſere Salzfracht gelöſcht iſt, geht es hinaus ins Meer und wir müſſen den gefahrvollen Weg durch die Stegel ins friſche Haff nehmen, da es uns ſchwerlich gelingen dürfte, die Wachſamkeit der franzöſiſchen Beſatzung in Neufahrwaſſer zum zweitenmale zu täuſchen. „Heute Abend, meine theure Louiſe, komme ich zu Dir im Auftrage meines Capitains, der Deiner Mama das Bild ſchicken wird, welches er ihr jetzt zeigt, eine Stunde wirſt Du mir dann ſchenken können, Louiſe, um die Abenteuer meiner letzten Ver⸗ gangenheit, und— und die Verſicherung von mir zu hören, daß nichts, nichts in der Welt die Erinnerung an Dich, mein engelhaftes Mädchen, auch nur einen Augenblick hat in den Hintergrund drängen können.“ Er war verſchwunden. Madame Wohlgemuth trat vom Capitain geführt wieder in die Cajüte, knirte ſehr höflich, trank eine Taſſe echten Karavanen⸗ Thees einma rung ſeien Herz das f wußte Jung deſſen Hung Kind keit ſi jetzt: ſchein ihn g ſale ihren der C blick erhob⸗ tröſten nichts nerung einen imnen.“ emuth Lajüte, oanen⸗ 115 Thees und ließ ſich dann wieder ans Land führen, einmal über das andere ihrer Tochter die Verſiche⸗ rung gebend, ſo höfliche Leute als dieſe Schiffer ſeien Ihr noch gar nicht vorgekommen. Louiſe befand ſich wie in einem Traum. Ihr Herz ſchlug heftig und ein Gefühl des Glücks, über das ſie ſich durchaus keine Rechenſchaft zu geben wußte, lag wie goldener Sonnenſchein in ihrer Seele. Ja, das war Fritz! ihr Freund, das war der Jüngling, deſſen ſanftes Schmeicheln, deſſen feſter Muth, deſſen Selbſtvergeſſenheit beim Anblick des ſchaurigen Hungertodes, ihr in einigen kurzen Augenblicken als Kind noch ein Gefühl hervorgerufen, deſſen ſüße Selig⸗ keit ſie ſich nie hatte zurück zaubern können und das jetzt von Neuem wie Frühlingsduft, wie Sonnen⸗ ſchein, wie die Seligkeit des Gebets, ihr Herz erfüllte. Er war ein Mann geworden. Das Leben hatte ihn gereift! Ein Mann, ein Held, der dem Schick⸗ ſale dreiſt die feſte Stirn entgegenſtemmte, ſtand vor ihren Augen und forderte von ihr die Erneuerung der Gelübde, da ſie, damals ein Kind, beim An⸗ blick des Todes dem Knaben geleiſtet, der ihren Muth erhob, ihre Hoffnung ſtärkte, der nur an ſie dachte, ſie tröſtete, als ob ſein eigenes Leiden, ſein eigener Tod nichts wären neben dem ihrigen. 2 8 116 Die Stunden entflohen ihr und der ſpäte Abend hüllte endlich die Welt in ſeine Schatten. Vetter Wilhelm war auf ihren Wunſch zeitig in ſein Zimmer gegangen, ſie ſaß mit der Mutter und harrte des Augenblicks, da der Freund erſcheinen ſollte, der Leben und Freiheit eingeſetzt, um ſie wie⸗ der zu ſehen. Als er das Zimmer betrat, hatte er die läſtige Verkleidung abermals abgelegt und ſtellte ſich der Madame Wohlgemuth als der junge Verwandte vor, dem ihr Gatte das Leben gerettet, mit dem Louiſe ſo lange die Angſt vor dem Hungertode getheilt. „Herr von Treufeldt! o lieber Gott, Herr von Treufeldt! Sie leben, Sie ſind geſund!“ ſagte die ein⸗ fache Frau mit herzlichſter Freude.„O das nehme ich als ein gutes Zeichen, daß auch mein armer Mann einmal fröhlich und geſund heimkehren wird, mein Mann, und Lyodia, mein theures Kind.“ „Herr Wohlgemuth war vor zwei Monaten noch geſund und trug mir Grüße an alle ſeine Lieben auf, wenn es mir möglich werden ſollte, hierher zu kommen. Mir Briefe mitzugeben wagte er nicht. Ich war vor neun Wochen in Toulon, als Fiſcher verkleidet auf einem Strandboot.— Dort habe ich Soldaten von unſerm Corps geſehen in der Tracht der Galee⸗ renſkle Vater und m tes v führe, länger das n es zue 7 Mund Ich's in den eignen Gatti verpfãͤ er hat ich, v beglůc hat z ich a Herze Brau nen te ich Nann mein noch auf, men. war leidet daten zalee⸗ 117 renſklaven und von Neuem den Eid geſchworen, mein Vaterland von der fremden Zwingherrſchaft zu befreien und müßte ich dabei den letzten Tropfen meines Blu⸗ tes vergießen. Aber ich konnte das Leben, das ich führe, es gleicht dem des gehetzten Wildes, nicht länger ertragen ohne das Mädchen wiederzuſehen, das mein guter Genius war ſeit dem Tage, da ich es zuerſt erblickte. „Ihr Gatte, theure Frau, weiß aus meinem Munde, daß ich Louiſe als den Schutzgeiſt meines Ich's betrachte, daß ich, wenn einſt Zeiten kommen, in denen ein deutſcher Mann ſich mit Freuden den eignen Herd gründen mag, in ihr meine künftige Gattin ſehe. Er weiß, daß Louiſe mir ihr Wort verpfändet, keinem andern als mir anzugehören, und er hat mich Sohn genannt und geſegnet, und ſo hoffe ich, verehrte Frau, daß auch Ihr Segen mich jetzt beglücken und mir Muth für die Zukunft geben wird!“ „Wenn Er, mein lieber, armer Ernſt, ja geſagt hat zu Ihrer Verlobung mit unſrer Louiſe, ſo habe ich auch nichts dagegen und ſegne Sie von ganzem Herzen als meinen Sohn, und da ich weiß, daß ein Brautpaar ſich immer vieles zu ſagen hat, was kei⸗ nen andern Menſchen intereſſiren kann, ſo will ich 118 gehen und meinen Abendſegen leſen und für meinen Mann und meine lieben Kinder beten.“ Mit dieſen Worten verließ Madame Wohlge⸗ muth das Zimmer. Fritz lag zu Louiſens Füßen und drückte voll Seligkeit ihre Hände an ſeine Lippen. Sie ſtreichelte ſein Haar, ſie lehnte ihren Kopf auf ſeine Schulter und duldete und erwiederte die Küſſe, die er auf ihre Stirn, ihre Locken, ihre Lippen drückte. „Du biſt gerettet, Fritz. Deinem Vaterlande, Deiner Mutter, mir gerettet,“ ſagte ſie unter leiſe rinnenden Thränen,„wie war das möglich? wie haſt Du gelebt dieſe lange Zeit? welche ſind Deine Pläne für die Zukunft?“ „Laß mich die letzte Frage zuerſt beantworten, meine Geliebte, ſie iſt die wichtigſte; denn unſre Zukunft wird eine gemeinſame ſein, wenn Gott mich überhaupt eine Zukunft erleben läßt. „Ich gehöre mit Leib und Seele dem Bunde wackrer Maͤnner, der trotz dem Verbote Napoleons durch ganz Deutſchland exiſtirt, ja mehr als ein Mit⸗ glied unter dem franzöſiſchen Heere ſelbſt hat. Glaube mir, Louiſe, die Zeit der Befreiung wird kommen. Sie iſt uns vielleicht näher als wir jetzt zu hoffen wagen. „Sobald eine Erhebung Deutſchlands ſtatt findet, mnen lge⸗ ißen pen. auf üſſe, ckte. nde, leiſe wie deine cen, lunft aupt unde eons Mit⸗ laube :men. offen 119 ſobald der König Soldaten braucht, bin ich zur Hand, und ich denke, es wird meinem Ruf dann nicht ſchaden, daß ich den ſterbenden Schill rächte, indem ich Dem der ihm den letzten Streich verſetzte, die letzte Ky igen meines Piſtols ins Auge jagte. Schlank un d auffallend klein, wie ich es damals noch war, glü ckte es mir, mich unter den Leichnamen, die über mier zuſammen⸗ ſanken, hervorzuwinden und durch eine Oeffnung in die Scheuer zu kriechen, neben der mein Freund ge⸗ fallen. „Gott wollte, daß ein Bauernmädzchen einen Theil ihres Anzuges dort aufgehoben. Iꝛch zog den Rock und das Mieder an, band um meſinen Kopf ein rothes Tuch, legte die Stiefel und Striämpfe ab und ſchlich mich in dieſer Verkleidung, barfuß, mitten durch die Franzoſen nach der Stadt Stralſund., „Dort war meine Mutter. Sie hatte mich todt geglaubt und nahm mich mit Entzücken auf, als ich in ſpäter Nachtſtunde bei ihr eintrat. „Der Zufall wollte, daß ihr Dienſtmädchen er⸗ krankt war und zu ihren Eltern gebracht zu werden begehrt hatte. Meine Mutter gab mir Kleider von ihr und fünf Wochen galt ich für eine Aufwärterin vom Lande. Niemand vermuthete an dem glatten Geſicht der kleinen Magd den verſchollenen jüngſten 120 Officier des Schill'ſchen Corps. Daß ein engliſches Schiff auf der Rhede von Stralſund kreuzte und „Lereit war die armen Geächteten aufzunehmen, wußte jede rmann, dorthin zu gelangen aber ſchien unmög⸗ lich, da die; ſtrengſte Wache am Strande jede Verbin⸗ dung der Engländer mit dem Lande hinderte. „Es gallt indeß Leben und Freiheit, das Schiff ſchwimmend zu erreichen war ſchwer, unmöglich war es nicht. Tieine Mutter gab mir alles Geld, was ſie beſaß und auftreiben konnte, zwanzig Louisd' or. „Sie mnäbte ſie mir in einen Gürtel, ſie ſegnete mich runter heißen Thränen, und ſo ging ich am hellen Ta ge in Frauenkleidern nach dem Strande und ſah mir die Gelegenheit an. „Ich ſah das engliſche Schiff und überzeugte mich von der Möglichkeit, es ſchwimmend zu erreichen, wenn ich den Verſuch am Tage machen konnte und das Wetter mich einigermaßen begünſtigte. „Ich warf meine ſchweren Oberkleider ab und ging ins Waſſer, wie mit der Abſicht, meine Füße zu kühlen. „Weit und breit war im Augenblick nichts ge⸗ fährliches ſichtbar als eine franzöſiſche Schildwache, die vielleicht hundert Schritt von mir mit geſchultertem Gewehr auf⸗ und abging. lich ein ſchwan dem 2 Kopf fernt i Umriſſ 2 lich erſ auf in 2 auf de reichen dachte ernähr Körbe Zufluc Solda mir h Leben Auf d und ſi einem engliſe 121 „Ich ging alſo weiter und weiter, machte end⸗ lich eine Bewegung als ob das Waſſer mich umriſſe, ſchwamm da ſo weit ich es ertragen konnte unter dem Waſſer und als ich gezwungen zu athmen den Kopf erhob, war ich tauſend Schritt vom Ufer ent⸗ fernt und konnte das rettende Fahrzeug in deutlichen Umriſſen vor mir ſehen. „In drei Stunden befand ich mich, freilich tödt⸗ lich erſchöpft, am Bord deſſelben und einige Tage dar⸗ auf in London. „Meine geringe Baarſchaft, die ich im Guͤrtel auf dem Leibe getragen hatte, war natürlich nicht aus⸗ reichend um für längere Zeit mich zu erhalten. So dachte ich denn gleich zuerſt an eine Arbeit, die mich ernähren ſollte. Meine Mutter hatte mich als Knaben Körbe flechten lernen laſſen. Das war meine letzte Zuflucht vor dem Betteln, aber ich war zu lange Soldat geweſen, als daß eine ſolche Beſchäftigung mir hätte gefallen können.— Doch ich hatte das Leben am Bord kennen gelernt und lieb gewonnen. Auf dem freien Meere fühlte ich mich als freier Mann und ſo bemühte ich mich um ein Unterkommen auf einem Schiffe. „Man erzählte mir, daß eine Menge kleiner engliſcher Kaper, von Privatleuten ausgerüſtet, den 122 Franzoſen ungehenern Schaden zufügten und dem Schmuggelhandel Schutz und verhältnißmäßige Sicher⸗ heit gäben. „Eine Stelle auf einem ſolchen zu erlangen, ſchien mir äußerſt wünſchenswerth, und durch die Vermittlung des Flottenofficiers, auf deſſen Schiff ich mich gerettet hatte, ward ich einem großen Mann vorgeſtellt, deſſen ganzes Weſen mir ſehr zuſagte. Er hatte den Reſt ſeines Vermögens, das durch die Stockungen im Handel ſehr zuſammengeſchmolzen, auf den Bau und die Ausrüſtung des ſchönſten kleinen Schiffes verwendet, was vielleicht je mit verborgenen Kanonen und falſchen Papieren in See gegangen. Du haſt, meine liebe Louiſe, unſre hübſche kleine Gypſi heute geſehen, aber niemand kann ſich eine Vorſtellung machen von der Verwegenheit und dem Gluͤck, mit dem Capitain Talimor ſie führt. Es giebt keinen deutſchen, noch ſo ſtreng von den Franzoſen bewachten Hafen, in den er nicht ſeine Güter eingeſchmuggelt, ja unter Hamburgs Flagge und mit hamburger Papieren ſegelnd, ſind wir bereits in Breſt und Toulon geweſen. „Scharfer Druck erzeugt eine ungeheure Schnell⸗ kraft und jetzt, in den Zeiten der tyranniſchen Feind⸗ herrſchaft, werde ich erſt inne, wie viel Muth, Selbſt⸗ vertra Menſ ſie we und aber, aus 2 denkeſ gen zu chen, ſeln u gen u mit d das r bedarf zu töd auf d ſitz, d geknu nicht ihn d Franz dem cher⸗ gen, die ſchiff kann agte. die lzen, einen enen igen. Hypſi Uung mit einen chten ggelt, urger und hnell⸗ geind⸗ eelbſt⸗ 123 vertrauen, Liſt und Beſonnenheit in der Seele des Menſchen verborgen liegt. „Meine Mutter weiß von meiner Rettung, aber ſie weiß nichts von meinem abenteuerlichen Leben und ſoll es auch vor der Hand nicht erfahren. Dich aber, meine ſüße Louiſe, mußte ich wiederſehen, mußte aus Deinem Munde hören, daß Du meiner noch ge⸗ denkeſt, um Kraft zu finden, der Zukunft in die Au⸗ gen zu blicken. Glaube mir, mein augebetetes Mäd⸗ chen, daß mein ganzes Leben mit allen ſeinen Wech⸗ ſeln und Abenteuern, mit allen ſeinen Anſtrengun⸗ gen und Aufregungen nichts anderes iſt, als der Kampf mit dem Geſchick um Deinen Beſttz. „Nimm mir die Hoffnung, einſt an Deiner Seite das ruhige Glück der Häuslichkeit zu finden, und es bedarf keines franzöſiſchen Schwertes mehr um mich zu tödten. Die Welt iſt für mich nur die Rennbahn, auf der ich um Deinen Beſitz ringe, um Deinen Be⸗ fitz, der ſo feſt an die Befreiung des Vaterlandes geknüpfet iſt, daß Eins ohne das Andere für mich nicht denkbar iſt.“ „Und mein Vater?“ fragte Louiſe,„Du haſt ihn geſehen, Fritz, wie lebt er?“ „Unter dem Schutze eines alten, ſehr vornehmen Franzoſen, der ihn mit ausgezeichneter Freundſchaft 124 behandelt. Auch ſeine Befreiung knüpft ſich an die Befreiung des Vaterlandes, und der Tag derſelben wird kommen, ſo gewiß kommen, als der Frühling dem Winter folgt, als aus dem Kinde die holdſelige Jungfrau ſich entwickelt. O Louiſe, liebe Louiſe, wie bebte mein Herz, als ich Dich am Ufer ſtehen ſah, ſo ſchön, ſo wunderſchön erblüht, wie meine Traͤume mir kaum Dein Bild gezeigt hatten. Weißt Du, meine Geliebte, daß die Dichter meinem Ge⸗ ſchlechte Unrecht thun, wenn ſie es minder treu und ausdauernd in der Liebe als das weibliche ſchildern? Ein Mann, der im reinen Herzen das reine Bild eines geliebten Weibes aufnimmt, der ſeine Männ⸗ lichkeit nicht entehrte durch unſaubere Gelüſte und mit Feſtigkeit der Zeit entgegen ſieht, da ein geliebtes ſeelenreines Weib ihm alles Glück der Erde in ihrem Ich geben ſoll, der liebt ſicherlich treuer, feſter, ſehn⸗ ſuchtiger als das treueſte liebevollſte Weib.“ „Ich weiß das nicht, Fritz, und kann es nicht beurtheilen,“ entgegnete Louiſe mit bebender Stimme. „Ich weiß nur Eins: von jetzt ab werde ich Dich lieben mit wandelloſer Treue, mit heißeſter Sehn⸗ ſucht, mit feſteſtem Glauben. Ich war ein Kind bis heute, ich bin ein Weib ſeit dieſer Stunde des Wie⸗ derſehens; komme nun was mag, ich bin Dein in Zeit Liebe ner verfri angſt blicke obſche Herz flamr ihm gange verhaͤ Vater ſeine higer mit Feind zens, ten k gen men, ſelbſt Man 125 Zeit und Ewigkeit. Bevor Du aber mich Deiner Liebe für würdig hältſt, mußt Du die Geſchichte mei⸗ ner Vergangenheit kennen und erfahren, daß das verfrühte Gefühl der Liebe, was Einſamkeit, Todes⸗ angſt und die Ahnung Deines Werthes auf Augen⸗ blicke erweckt hatten, in mir wieder erloſchen war, obſchon die Erinnerung an daſſelbe ausreichte, mein Herz in der Stunde der Verſuchung vor dem Auf⸗ flammen der Leidenſchaft zu ſchützen.“ Sie erzählte, den Kopf an ſeine Bruſt gelehnt, ihm jetzt alle Begebenheiten und Gefühle ihrer Ver⸗ gangenheit. Als ſie von St. Albans ſprach und jener verhängnißvollen Nacht, da er ihr Nachricht von ihrem Vater brachte, da knirſchte er mit den Zähnen und ſeine Hand ballte ſich, aber allmählig ward er ru⸗ higer und zog ſie an ſeine Bruſt, bedeckte ihre Lippen mit Küſſen und ſagte:„Er mußte weichen, der Feind, der Verſucher vor der Reinheit Deines Her⸗ zens, jetzt wird keiner dieſem Herzen mehr nahe tre⸗ ten koͤnnen, denn jetzt liebſt Du mich, Louiſe!“ Sie plauderten lange, die wiedervereinten jun⸗ gen Herzen fanden ſich in voller reiner Liebe zuſam⸗ men, und als Fritz endlich ſchied, da hatte Louiſe ſich ſelbſt erkannt und wußte, daß ihre Zukunft dieſem Manne angehören muͤſſe, wenn ſie glücklich ſein ſollte. 126 Sie wußte, daß die Liebe nicht in der Kindheit, ſondern erſt in der reiferen Jugend zur Blüthe ge⸗ langen kann, daß aber dennoch ihr erſtes Gefühl für den Geliebten auch Liebe, wenn ſchon eine andere knospenhafte Liebe geweſen ſei, während ihre Furcht vor St. Albans und die ſeltſame Anziehungskraft, die dieſer auf ſie geübt, nicht Liebe, ſondern die Ahn⸗ ung der wilden, der Liebe verwandten Leidenſchaft geweſen, die überall, wo ſie ſich zeigt, zerſtörend wirkt; die wie die Blüthe des Stechapfels ſchön iſt, aber betäubend und eine giftige Frucht anſetzt, während die Liebe, die echte, wahre, der Bluͤthe der Erdbeere, des Apfels gleich, verblühend erſt ihren wichtigen Standpunkt erreicht und die Früchte trägt, die das Leben erquicken. Sechsſtes Capitel. Hätt' ich zu dieſem Schlage mich verſeh’n, So hätte, ihn zu überſteh'n, Mir auch gewiß die Faſſung nicht gefehlt. Virgils Aenäide überſetzt von Schiller. Oben auf ſeinem Zimmer, das mit muftkali⸗ ſchen Inſtrumenten angefüllt, von Blumendüften durch⸗ würzt und mit den manichfachſten Bequenlichkeiten verſeh macht ten a Augã dringe pen l erblich Heftit einme Sich, fliſſen ſehr hörte Verm dana Sie auch den zu P ter, n ſich e ſo ein heit, 1 ge⸗ fuͤr idere urcht eraft, Ahn⸗ chaft dirkt; aber zrend beere, tigen das ler. ſikali⸗ zurch⸗ keiten 127 verſehen, auf alle Sinne einen angenehmen Eindruck machte, ging Wilhelm von Itzſtein mit großen Schrit⸗ ten auf und nieder. Sein ſonſt bleiches Geſicht flammte, ſeine weißen Augäpfel ſchienen aus ihren weit geöffneten Höhlen dringen zu wollen, und die zurückſpringenden Lip⸗ pen ließen die weißen auf einander gebiſſenen Zähne erblicken. „Unmöglich! undenkbar!“ ſtieß er endlich mit Heftigkeit hervor,„leſen Sie mir die Stelle noch einmal, ſie muß einen andern Sinn haben, Sie irren Sich, Magiſter, oder— oder Sie täuſchen mich ge⸗ fliſſentlich zu irgend einem Zweck.“ „Sie ſind wunderlich,“ entgegnete Herr Fiſch ſehr gelaſſen,„thun Sie doch, als ob es das Uner⸗ hörteſte von der Welt wäre, daß eine Familie ihr Vermögen verliert. Ich dächte die Zeiten wären danach, und ſeit wer weiß wie viel Jahren leben Sie in einer ruinirten Familie, müſſen, wenn Sie's auch nicht ſehen können, doch einſehen, wie es mit den Leuten hier, von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat Berg ab geht; was ſchreien Sie denn Ze⸗ ter, weil auch Ihr Vater Verluſte gehabt hat und ſich einſchränken muß? Ueberhaupt iſt's ja noch nicht ſo ein großes Unglück, daß wir nach Berlin ziehen 128 ſollen. Das Neſt hier iſt doch nicht ſo anmuthig, daß man ſich nicht davon ſollte trennen können.“ Der Blinde blieb vor dem Sprecher ſtehen und ſchlug die Arme über einander. „Schweigen Sie, ärmlicher, gedankenloſer, kurz⸗ ſichtiger Menſch, der Sie ſind,“ ſagte er im Tone höchſten Ingrimms,„und machen Sie durch Ihre albernen Reden ein herzzerreißendes Geſchick nicht noch zu einer ärgerlichen Unannehmlichkeit. Arm! arm! blind und ein Bettler, das iſt das Loos, welches mir beſchieden iſt auf dieſer beſten Welt! O warum hat meine Mutter mich nicht in der Geburt erſtiickt, warum mußte ich leben, um nichts kennen zu lernen als nagende Schmerzen, unerfüllte Wünſche, herbe Entbehrungen. Blind und ein Bettler! und dann ſpricht man von Gott, von einer liebevollen Vor⸗ ſehung, welche die Geſchicke der Menſchen mit Weis⸗ heit und Güte leitet!— O, und Louiſe! Habe ich darum mein ganzes Leben daran geſetzt, mir des Mädchens Herz zu gewinnen, um nun endlich das thrige zu brechen, indem ich mich von ihr trenne, oder ſoll ich ſie an das Elend eines blinden Bett⸗ lers feſſeln?“ „Na, darüber beruhigen Sie Sich nur,“ ſagte der Magiſter hämiſch,„Mädchen grämen ſich nicht todt Sie noch c ſein einem leicht ſeiner 5 L ab, d 2 einmal zum v pouſſir ſeiner 1856. daß und kurz⸗ Tone Ihre nicht arm! mir hat ſtickt, ernen herbe dann Vor⸗ Veis⸗ de ich r des das enne, Bett⸗ ſagte nicht 129 todt und ich denke, die Louiſe wird's überſtehen, wenn Sie und ich fortgehen.— Uebrigens können ja auch noch andere Zeiten kommen, beſſere, Ihr Vater kann ſein Vermögen wieder erlangen. Man ſpricht von einem großen Kriege gegen Rußland, da dürften ſich leicht Geſchäfte machen laſſen, die einem Mann in ſeiner Stellung was erklekliches abwerfen.“ Wilhelm hörte nicht auf den Sprecher. Langſam und ſinnend ging er wieder auf und ab, der Zorn ſchien dem Schmerz gewichen zu ſein. „Leſen Sie mir den Brief meines Vaters noch einmal,“ ſagte er endlich, ſich niederſetzend. „Das iſt ein eignes Vergnügen, was Sie Sich da machen— meinethalben aber, ich leſe auch noch zum vierten Mal, was Ihnen zu hören ſo ſchrecklich erſchien: „Mein Sohn! „Deine Idee, Dich verheirathen zu wollen, iſt nach allem, was ich von dem Mädchen geſehen habe, ſo übel nicht. Wäre der Ober⸗Amtmann Wohlge⸗ muth noch wie einſt ein reicher Mann, ſo würde ich nichts dagegen haben, ich würde ſogar mich herzlich freuen, daß Dir's gelungen, Dich in der Welt zu pouſſiren, denn in dieſem Fall ſiele die Verſorgung ſeiner Tochter und ſeines Schwiegerſohnes ihm zu. 1856. XX. Erinner. e. Großmutter. II. 9 130 Jetzt iſt die Sache unmöglich, ganz und gar unmög⸗ lich. Du ſcheinſt meine vielfachen Andeutungen, daß es mit meinen Vermögens⸗Umſtänden ſchlecht ſteht, nicht beachtet, nicht verſtanden zu haben. So ſehe ich mich denn genöthigt, Dir vollkommen reinen Wein einzuſchenken und Dir zu ſagen, daß ich durch die Zeitereigniſſe gänzlich und vollſtändig ruinirt bin, ſo zwar, daß ich jetzt darauf dringen muß, daß Du mit dem Magiſter hierher kommſt, da ich die Penſion an Madame Wohlgemuth und Dein bedeutendes Ta⸗ ſchengeld, ſo wie das Honorar für den Magiſter nicht mehr zahlen kann. „Hier wird Deine Mutter und ein Bedienter das Amt Dich zu führen übernehmen, dem Herrn Magiſter hoffe ich in wenigen Wochen eine ihm zu⸗ ſagende Stellung verſchaffen zu können. Dein Ta⸗ ſchengeld wird ſich hier nach meinen ſehr verringerten Mitteln richten und die Penſion erſpare ich ganz und gar, da Dein Aufenthalt im elterlichen Hauſe unſern Hausetat im mindeſten nicht vergrößern wird. Da man höheren Ortes Deinem Aufenthalt hier keine Hinderniſſe mehr in den Weg legen wird, wenn Du Dich nicht durch Tollheiten bemerklich machſt, ſo ſteht Deiner augenblicklichen Rückkehr kein Hinderniß entgegen. Die Reiſekoſten werde ich Dir ſenden, ſobal willſt ſchra find vor hahe zubre könne ſelbſt pfiehl als 00 handl der T Blind hat fi Wuͤnſ ewiger öden was 131 ſobald Du mir den Tag beſtimmſt, wann Du abreiſen willſt. Couſine Wohlgemuth wird ſich auch ein⸗ ſchränken müſſen. Es iſt ſchon nicht anders, die Zeiten ſind ſchlecht. Deine Mutter grüßt Dich. Sie weint vor Freude bei dem Gedanken, Dich wieder hier zu haben. „Schreibe mir umgehend, welchen Tag Du auf⸗ zubrechen gedenkſt. Deine Inſtrumente, Betten ꝛc. können mit Frachtfuhr Dir nachgeſendet werden, Du ſelbſt mußt mit dem Magiſter per Poſt reiſen. Em⸗ pfiehl mich Deinen Hausgenoſſen. Dein Vater.“ „Und das ſchreibt er mir ſo ruhig, ſo gelaſſen, als ob ſich's um die gleichgiltigſte Sache von der Welt handle!“ ſagte von Neuem aufſpringend der Blinde. „Ihr Herr Vater iſt eben ein Philoſoph,“ meinte der Magiſter. „Es iſt leicht philoſophiren,“ rief ergrimmt der Blinde,„wenn man Augen zu ſehen und die Kraft hat für ſich ſelbſt zu ſorgen, ſich die Erfüllung ſeiner Wuͤnſche ſelbſt zu verſchaffen, zu erkämpfen. Ich, in ewiger Nacht ſitzend, ſoll nun das einzige Licht meines öden Daſeins verlaſſen, dem einzigen Glück entſagen, was für mich möglich iſt.“ „Zum Teufel,“ ſagte der Magiſter ärgerlich, 9. 132 „Sie wiſſen ja noch nicht einmal, ob das Mädchen Sie haben will oder nicht, und ich will's Ihnen offen⸗ baren: ich für meinen Theil glaub' nun und nimmer⸗ mehr, daß ſie eben beſonderes Verlangen nach Ihnen trägt. Sie haben Sich einmal in die Idee hineinge⸗ arbeitet, daß es Ihnen gar nicht fehlen kann bei Louiſe, haben das Anfragen von Tag zu Tag, Jahre hin⸗ durch verſchoben. Denken Sie denn, ſo ein Mädchen wird ſitzen und warten, ehe ſie ſich einen Liebhaber anſchafft? Jugend hat nicht Tugend, und die wird auch nicht anders ſein als ihre Schweſter, die mit dem Franzoſen durchging.“ „Sie liebt mich, ich weiß, daß ſie mich liebt! Daran kann bei mir kein Zweifel obwalten; zudem,“ ſetzte er leiſe murmelnd hinzu,„waͤre jeder Zweifel hier ein Sacrilegium. Woran ſoll ich denn glauben, wenn nicht an die Unſchuld und Reinheit eines Herzens, das ich ſeit ſeiner zarteſten Kindheit ſcharf beobachtet und auf keinem unreinen Gedanken ertappt habe.“ Die Thür des Zimmers ward in dieſem Au⸗ genblick geöffnet und Louiſe trat ein mit einem herz⸗ lichen:„Guten Abend! Die Mutter iſt bei der Frau Conſul,“ ſetzte ſie hinzu,„und weil das Wetter ſo herbſte chen der ar 4 hatte! nißvol halten einen Tochte zufüͤhr am U ihr D 8 Herz und l die P. hatte. Schild chen fen⸗ ner⸗ ynen nge⸗ uiſe, hin⸗ ſchen aber wird mit 133 ſchön iſt, ſo komm ich, um zu fragen, Vetter, ob Sie nicht einen Spaziergang mit mir machen wollen?“ Der Blinde nickte. „So werde ich Sie unten erwarten.“ „Ich komme in zehn Minuten,“ entgegnete er. Es war ein herrlicher warmer Tag des Früh⸗ herbſtes. Der Himmel hing ooll lichter Wolkenfleck⸗ chen und die Bäume fingen an, ihre bunten Gewän⸗ der anzulegen. Louiſens Herz war voll warmer Freude. Sie hatte heute, vielleicht ſechs Wochen nach jenem verhäng⸗ nißvollen Wiederſehen, die erſte Nachricht von Fritz er⸗ halten, und zwar war dieſe ihr zugekommen durch einen Brief ſeiner Mutter, die mit voller Liebe die Tochter ſegnete, welche der geliebte einzige Sohn ihr zuführen wollte. Frau Treufeldt ſchrieb von ihrer kleinen Beſitzung am Ufer der Oder, wo ſie ſeit der Flucht ihres Fritz ihr Domizil aufgeſchlagen hatte. Tauſend Erinnerungen knüpften ſich für das Herz der Matrone an jenen ſtillen lieblichen Ort, und liebevoll beſchrieb ſie der Braut ihres Sohnes die Plätzchen, wo dieſer einſt ſeine Kindheit verlebt hatte. Es war eine ſolche Lebendigkeit in dieſen Schilderungen, daß Louiſe zu Muthe wurde, als 134 hätte ſie all die lieben ſchönen Stellen ſchon einmal geſehen, und ſie dachte es ſich ſehr beglückend, die Mutter ihres Verlobten dort beſuchen zu können. Als Vetter Wilhelm zu ihr eintrat, nahm ſie ſich vor, dieſem heute nun auch ganz gewiß endlich zu erzählen, daß ſie ihr Herz an einen wackern Mann verſchenkt. Der Blinde war ihr ein treuer Freund, ein aufmerkſamer liebevoller Lehrer in einer Lebensepoche geweſen, wo ihr kindliches Herz der Freunde nicht eben viele gehabt hatte, und ſie machte ſich Vorwürfe wegen ihres Mangels an Vertrauen zu ihm. Weiß Gott aber wie es gekommen, ſo oft ſie ſich auch vorgenommen, ihm ihr Herz zu eröffnen, es war ihr immer unmöglich geweſen, ein Gefühl, dem ſie keinen Namen zu geben wußte, das ſie aber zu erſticken ſchien, wenn ſie mit dem Blinden über dieſen Gegenſtand reden wollte, hatte ſie ſtets davon zuruͤckgehalten. Sie hatte ihren Arm, wie ſeit ſo vielen Jahren gewöhnlich, in den ſeinigen gelegt und ſo gingen ſie dahin in der milden Herbſtluft, beide ſchweigend, denn auf beider Herzen lag ein Geheimniß. Louiſe nahm ſich endlich zuſammen und begann das Geſpräch, indem ſie lächelnd ſagte:„Nicht wahr, Vetter Wilhelm, wir ſind doch eigentlich alte und treue heit daß der dazu ſo tr ſchw 135 treue Freunde und einander Offenheit und Wahr⸗ heit ſchuldig?“ „Du willſt mich mahnen, mein ſüßes Mädchen, daß ich Dir vertraue, was mich bedrückt,“ entgegnete der Blinde,„und wohl, Louiſe, haſt Du ein Recht dazu. Was ich Dir aber ſagen muß, iſt traurig, ſo traurig, daß ich jede Minute, da ich gegen Dich ſchweige, als Deinem Glück zugelegt betrachte.“ „Um Gottes Willen, was iſt geſchehen?“ rief Louiſe erbleichend und in ihrem raſchen Schritt inne⸗ haltend, denn die Füße verſagten ihr den Dienſt. „Das betrübendſte und ſchrecklichſte für mich und Dich, was geſchehen konnte.“ „Mein Vater, meine Schweſter,“ ſtammelte das Mädchen,„welche Nachricht haben Sie von ihnen?“ „Keine, mein Kind, das Leid, von dem ich ſpreche, trifft buchſtäblich in ſeiner ganzen Schwere nur mich und— Dich,“ ſetzte er etwas zögernd hinzu—„wir müſſen uns trennen.“ „Das iſt traurig, recht traurig, mein guter lie⸗ ber Freund,“ ſagte Louiſe, deren Wangen ſich allmäh⸗ lig wieder rötheten,„aber auf eine Trennung von Freunden folgt, ſo Gott will, auch ein Wiederſehen und ich kann nicht denken, daß wir beide, Sie 36 und ich, fürs Leben von einander Abſchied nehmen könnten.“ „Das Herz des Weibes iſt ſtets hoffnungsfreu⸗ dig,“ ſagte der Blinde mit einem glücklichen Lächeln, „aber Du haſt recht, meine ſüße Louiſe, Du und ich, wir trennen uns nicht fuͤrs Leben, denn unſer Leben iſt in ſeinem innerſten Kerne vereint. Was auch jetzt zwiſchen mich und die Hoffnung, Dich, mein Mädchen, zu beſitzen, treten mag, ich werde die Hinderniſſe überwinden, die uns trennen, ich, ich ſelbſt, ein Mann, trotz meiner Blindheit werde Dich mir erringen. Ich will arbeiten, kämpfen, ſtreben und dem Schickſale Trotz bieten, das ſich in tauſend⸗ facher Weiſe hindernd in meinen dunkeln Lebens⸗ weg wirft. „Du Louiſe, mein Licht, meine einzige Sonne, meine holde Blume, ſollſt und wirſt mein werden. Ich habe Kraäfte und Fertigkeiten, die ich, gilt es Dein Glück, benützen will und kann. Ich werde Stunden geben, Conzerte, ich werde meine ſchöne Stimme dem Pöbel für zehn Groſchen pro Abend feil bieten, gleichviel vor wem ich ſinge, ich werde immer nur für Dich ſingen, meine holde Blume und — ich werde das Gluͤck, Dich zu beſitzen, doppelt, dreifa errung lebhaf men, Brück chen und genan 6 ren i das 2 er hie auf e tigen chen den U genief Begl Ortſit gedrã ſich breite 137 dreifach empfinden, wenn ich es durch eig'ne Kraft errungen.“ Die beiden Spaziergänger waren während dieſer lebhaften Worte des Blinden an einen Ort gekom⸗ men, den dieſer vorzugsweiſe liebte. Es war eine Brücke, unter deren oberem Bogen das kleine Flüß⸗ chen Hummel im Herbſt und Frühling ſchäumend und brauſend in ein Thal ſtürzt, der Pulvergrund genannt. Das Geräuſch und die Kühle des Waſſers wa⸗ ren ihm, der die Schönheit der Natur nicht durch das Auge erkennen konnte, angenehm, und oft pflegte er hier ſtundenlang mit Louiſe, oder dem Magiſter auf einer Bank unter den Zweigen einer alten mäch⸗ tigen Eiche zu ſitzen, die ein grünes liebliches Plätz⸗ chen bildet, von dem glücklicher organiſirte Menſchen den Umblick in eine unbeſchreiblich liebliche Landſchaft genießen können. Auch heute hatte Wilhelm ſeine jugendliche Begleiterin, von dem ihm inwohnenden ungeheuer feinen Ortſinn geleitet, leiſe nach dieſem reizenden Plätzchen gedrängt und jetzt zog er das zitternde Mädchen zu ſich nieder und verſuchte es, ihr Köpfchen an ſeine breite Bruſt zu betten. Louiſe zitterte ſo heftig, daß ſie nicht die Kraft 138 hatte, ihm zu widerſtehen. Eine furchtbare Angſt rang in ihrer Seele mit unendlichem Mitleid. Er liebte ſie, er der Unglückliche, dem alles Glück der Erde verſagt zu ſein ſchien, er liebte ſie, während ihr nie der Gedanke in die Seele gekommen, daß dieſes Menſchenherz auch Anſprüche auf das allge⸗ meine und höchſte Glück der Menſchheit, auf das Glück der Liebe und des Familienlebens machen könne. O, und er glaubte ſich wieder geliebt! wie, wie ſollte ſie es anfangen, um ihm dieſe Täuſchung zu nehmen, ohne ſein ſtolzes Herz bis in ſeine tiefſten Tiefen zu verletzen, ja zu zerreißen? Mein Gott und ſie fühlte, daß ſeine Lippen die ihrigen ſuchten, fühlte, daß der Kuß, den er ihr auf⸗ zudrücken ſtrebte, jetzt ein Brandmal für ſie und eine Treuloſigkeit gegen Fritz wäre. Sie wand ſich aus ſeinen Armen los.„Steh mir bei, mein Gott, ſteh mir bei in dieſer höchſten Angſt,“ flehte ihr bebendes Herz,„zeige mir den Weg, den ich gehen muß, den rechten, mein Gott! führe er zu Glück oder Leid.“ Es war das heißeſte glühendſte Gebet ihres Lebens, ſo ſich aus ihrer geängſtigten Bruſt rang, und es that wie immer ſeine Wirkung. Ganz klar, ganz deutlich fühlte ſie, daß ſie die Täu hine woh ten rer,“ Lipp weit zu man daß und Hut Waf frag rief Tod ſtatt ich entg ſeine i die auf⸗ eine Steh chſten den Gott! ihres rang, die 139 Täuſchung zerſtören müſſe, in die der Blinde ſich hineingelebt, wenn ſie nicht falſch und treulos ſo⸗ wohl gegen ihn, als gegen den abweſenden Verlob⸗ ten handeln wollte. „Vetter, lieber Vetter, mein Freund, mein Leh⸗ rer,“ ſagte ſie ſanft, indem ſie ſeine Hand an ihre Lippen zog,„ſprechen Sie nicht weiter, kein Wort weiter, denn Sie zerreißen mein Herz— Sie ſprechen zu der verlobten Braut eines abweſenden Ehren⸗ mannes, und Sie werden, Sie können nicht wollen, daß ich Geſtändniſſe anhöre—“ Der Blinde ließ ſie los, richtete den Kopf empor und warf mit einer ſeltſam wilden Bewegung ſeinen Hut weit von ſich in den rauſchenden Strom. Die Waſſerwirbel packten ihn und riſſen ihn mit ſich fort. „Iſt er hinabgeſtürzt, iſt er gefallen, Louiſe?“ fragte er mit einem verzerrten Lachen. „Vetter, Vetter, o um Gottes Barmherzigkeit!“ rief das Mädchen, ſeine Hände mit der Kraft der Todesangſt feſthaltend,„bleiben Sie neben mir, ge⸗ ſtatten Sie mir, Sie ſtill nach Hauſe zu führen.“ „Nun beruhige Dich, ſchöne kluge junge Dame, ich werde mich eines Mädchens wegen nicht tödten,“ entgegnete er mit höhniſchem Tone.—„Es war nur ein Augenblick, in dem ich ein Narr war. In alle 140 Wege iſt's ſo beſſer! Ich bin ein armer Schlucker und müßte arbeiten, mich zum Muſiklehrer, zum fahrenden Conzertgeber erniedrigen, um des Glücks und der Ehre theilhaftig zu werden, der Mann der jüngſten Demoiſell Wohlgemuth zu ſein, deren Papa wegen Unterſchleif auf den Galeeren von Toulon rudert und deren ältere Schweſter die Maitreſſe eines franzöſiſchen Obriſten iſt.— Es geht mir nicht ans Leben, auf dieſe Ehre zu verzichten.“ „Vetter,“ ſagte Louiſe, mit heißen Thränen die Hände des Blinden faſſend und leiſe ſtreichelnd, „Sie leiden ſehr, denn ſonſt würden Sie mich, der Sie noch nie ein unfreundlich Wort ſagten, nicht ſo bitter kränken. Armer Vetter, ach Gott, lieber Gott, wenn ich ein Mittel wüßte, Sie zu beruhigen und den Stachel des Schmerzes, der Sie jetzt quält, aus Ihrer Bruſt zu ziehen, ich würde es anwenden und müßte ich mein Herzblut dafür hingeben.“ „Wohl,“ ſagte der Blinde ungeſtüm,„ſo werde mein Weib und zerreiß die Bande, mit denen Du Dich vorſchnell gefeſſelt.“ „Das iſt Ihr Ernſt nicht, Vetter! was könnte ich Ihnen als Frau ſein, mit der Liebe zu einem Andern im Herzen? Ihnen, einem ſo ſtolzen Mann? Würden Sie von dem Mitleid eines Mädchens hin⸗ nehme würde glaub fielen ſo gu ausre aufrich nicht um J ſchung Elend peinlie der L gen müſſe lernte herzli von hineit waren werde Ihrer eben iſt m. 141 nehmen wollen, was allein die Liebe geben kann? würden Sie nicht in jeder Stunde unſeres Lebens glauben, daß ich Ihnen Opfer brachte, die mir ſchwer fielen? Nein, lieber Verter, Sie wiſſen und fühlen ſo gut wie ich, daß Mitleid und Pflichtgefühl nicht ausreichen zur Ehe, ſelbſt wenn, wie bei mir, herzliche aufrichtige Freundſchaft dazu kommt. Ich müßte nicht Ihre Freundin ſein, wie ich es bin, wenn ich, um Ihnen den kurzen heftigen Schmerz einer Täu⸗ ſchung zu erſparen, Sie zu dem lebenslänglichen Elend einer Ehe verurtheilen wollte, in der Sie das peinlichſte aller Leiden, den Zweifel an dem Glück der Liebe und der Hochachtung Ihres Weibes ertra⸗ gen müßten. „Guter, lieber Vetter, Sie, faſt mein älteſter Freund, müſſen erkennen, daß ich Sie viel zu jung kennen lernte, um Sie lieben zu können, daß ich viel zu herzliche Freundſchaft und reelle Achtung gegen Sie von Kindheit an fühlte, um mich in den Traum hinein zu wiegen, der Liebe heißt. Was Sie mir waren und ſind, kann nie ein anderer Menſch mir werden, nicht der geliebteſte Gatte könnte je mir Ihren Platz erſetzen, aber Ihnen einen andern als eben dieſen Platz in meinem Herzen einzuräumen, iſt mir auch unmöglich.“ 142 „Worte! Worte!“ ſagte der Blinde,„recht hübſche Worte ſogar! Du haſt in der Geſellſchaft und unter der Leitung Deines blinden Vetters recht logiſch und zuſammenhängend combiniren gelernt. Nun ich habe das Verdienſt, Deinem Zukünftigen eine ziemlich kluge Frau erzogen zu haben,— und wer, wenn man fragen darf, iſt denn der Glückliche, der nicht blos unſichtbar— geſehen hätte ich ihn ja doch nicht— ſondern ganz unbemerkbar, wie etwa Mars zu der Tochter des Oreſtiages, ſich zu Dir geſchlichen und Dein Herz erobert hat?“ „Ich bin Ihuen, Vetter, aufrichtige Antwort auf dieſe Frage ſchuldig, wie ſpottend und unfreundlich Sie ſie auch an mich richten; ich bin verlobt mit Friedrich Treufeldt, dem jungen Mann, mit dem ich gemeinſchaftlich drei Tage Todesangſt theilte.— Als er ganz und gar alle Hoffnung aufgegeben hatte und um die Qualen des Hungertodes abzukürzen mich und ſich tödten wollte, da kam es über uns wie eine Erleuchtung, da habe ich mich an ſeine Bruſt gelehnt und wir haben uns gegenſeitig gelobt, treu auszuharren, dem bittern Tode in Liebe zuſam⸗ men entgegen zu treten, aber auch, wenn Gott uns retten ſollte, für dieß Leben und die Ewigkeit einan⸗ der anzugehören.“ ſtand dergef reiner Sie und met, Freun Sie träun einan Ihne Leben delba in je erhal⸗ finder Ihne denn unſch gewo heftig Hand 143 „Aber Louiſe, dieſer Menſch, dieſer Treufeldt ſtand im Schill'ſchen Corps und—“ „Er lebt, Vetter, ich habe ihn vor kurzem wie⸗ dergeſehen! Er iſt mir treu geblieben, ein herzens⸗ reiner, edler, liebevoller Mann. O Vetter Wilhelm, Sie würden Sich gerührt fühlen von der ritterlichen und reinen Liebe, die dieß Herz dem Mädchen wid⸗ met, das auch Sie durch Ihre Zuneigung und Freundſchaft ehren. Vetter, lieber Vetter! könnten Sie vergeſſen, daß Sie von einer andern Liebe ge⸗ träumt als der, die wir ſeit ſo vielen Jahren für einander fühlen, wie dankbar wollte ich Gott und Ihnen ſein! Ich weiß nicht, wie ich das künftige Leben tragen ſoll, ohne die Gewißheit Ihrer unwan⸗ delbaren Freundſchaft, ohne die Zuverſicht, daß ich in jedem ſchwierigen Lebensaugenblick Ihren Rath erhalten, in jedem Leid ihre treueſte Theilnahme finden kann. „Wenn Sie jetztle iden, Vetter, weil ein Traum Ihnen zerrann, glauben Sie mir, ich leide auch, denn ich fürchte den Verluſt eines ſehr reellen, eines unſchätzbaren Beſitzthums, an das ich nun ſchon ſo lange gewoͤhnt bin,— Ihrer Zuneigung.“ Sie weinte heftig und ihre Thränen ſielen heiß auf ſeine Hand. 144 „Still Mädchen, weine nicht,“ ſagte er und zum Erſtenmal, ſeit ſie ihn kannte, ſah Louiſe in dem lichtloſen Auge des Unglücklichen eine Thräne ſich ſammeln und ſchwer von der Wimper niederſinken. „Du machſt mich zum Kinde durch Deine Thränen und Deine ſanften herzigen Worte!“ fügte er hinzu. „Meine Freundſchaft zu verlieren darfſt Du nicht fürchten, auf der großen, weiten, finſtern Welt habe ich ja nichts, nichts, als den Schein Deiner Liebe. Du nannteſt mich ſtolz— o ich bin es nicht, ich umhülle mit ſtolzen, harten und boshaften Worten das unendliche Meer von Elend in meiner Seele. Nein, weine nicht, Louiſe, oder wenn Du weinſt, ſo laß es Thränen des Mitleids ſein mit Deinem armen blinden Freunde. Ich liebe Dich, o mein Gott, ich liebe Dich! aber— ich weiß es nur zu gut, ich bin Deiner ſchuldloſen reinen Liebe nicht werth. Mein Herz iſt verwildert, weil unverſtändige Elternliebe mich aus Mitleid mit meinem Gebrechen verzog, meine Seele iſt wie mein Leib befleckt durch Ausſchweifun⸗ gen, von denen Deine Unſchuld keine Ahnung hat. Ich bin an Verſchwendung gewoͤhnt, war in hundert⸗ fachen Beziehungen meinen Eltern eine Laſt. Den ſcharfen Verſtand, die mancherlei Talente, die ich be⸗ ſaß, benutzte ich nur, um andre zu verwunden, mich ſelbſt; Herzen bezeich neben jetzt h geſprer nen. Leben meine druͤckt verdun 2 tig zit der W tern Reflerx töne, zu ihr f gem, cher 6 mich terſtun wenn 1856. und dem ſich nken. änen inzu. nicht habe eiebe. ich orten beele. t, ſo rmen t, ich pbin Mein aliebe neine ifun⸗ hat. nert⸗ Den h be⸗ mich 145 ſelbſt zu verhärten. Inwendig, tief unten in meinem Herzen, floß ein Strom von etwas, das ich nicht bezeichnen kann, von Liebe, Hoffnung, Wehmuth; neben Dir füͤhlte ich ſeine milde Wärme ſtets. Heute, jetzt hat er die eiſige Feſſel, die ich ihm umlegte, geſprengt und fließt hervor in heißen, in ſüßen Thrä⸗ nen. Laß mich weinen, Louiſe, einmal in meinem Leben an Deiner Bruſt weinen und— bete für mich, meine reine, heilige Geliebte!“ Er hatte die Stirn feſt an ihre Schulter ge⸗ drückt und Thränen wie Regen ſtrömten aus ſeinen verdunkelten Augen. Auch Louiſe weinte, ſie hielt ſeine Hand, die hef⸗ tig zitterte, in ihren Händen. Neben ihnen rauſchte der Waſſerfall, der laue Wind flüſterte in den Blät⸗ tern der Eiche. Die Abendſonne zündete goldene Reflexe an auf den Fenſtern der Stadt, und Glocken⸗ töne, ein Begräbniß verkündend, ſchallten wehmüthig zu ihnen hinüber. „Eine Hoffnung iſt mir gewiß,“ ſagte nach lan⸗ gem, langem Schweigen der Blinde endlich mit wei⸗ cher Stimme,„die Hoffnung auf den Tod! Er wird mich nicht vergeſſen, nicht uͤberſehen, und die Mar⸗ terſtunden meines Daſeins werden ein Ende haben, wenn ich ſterbe. Einſt hoffte ich, ſie ſollten ein Ende 1856. XX. Erinner. e. Großmutter. II. 10 146 haben, wenn ich Dich beſäße, wenn Du mein Weib, meiner Augen Licht, meiner Seele Troſt geworden. Es iſt vorbei! mir iſt jetzt recht wohl, ſo wohl wie nach einer ſchweren furchtbaren Operation dem er⸗ müdet Leidenden. Führe mich nach Hauſe, Louiſe. Laß immerhin mein Haar im Abendwinde ſlattern, ich hatte einmal den thörichten Glauben, deß das Wehen ſeiner Locken Dir ſo wohl gefallen müſſe, wie vor Jahren, da ich ein armes kleines blindes Kind war, meiner Mutter. Komm Louiſe, gib mir Deinen Arm, wir machen den letzten Spaziergang mit einander.“ „Aber Vetter, warum müſſen wir uns trennen? können wir denn nicht wie ſonſt als innige Freunde, als liebevolle Geſchwiſter neben einander leben? Die Zeit, wo ich einem Gatten angehören werde, liegt in weiter Ferne, und dann ſelbſt, glauben Sie mir, Treufeldt würde in Ihnen ſtets einen lieben Verwandten ſehen und ehren.“ „Der Blinde iſt kein Gegenſtand für ſeine Eiferſucht, ich glaube das ſchon,“ ſagte Wilhelm mit einem Anfluge ſeiner alten Bitterkeit, ſetzte aber milde ſogleich hinzu:„Nein Louiſe, ſelbſt wenn die Verhältniſſe meiner Eltern dieſe Trennung nicht noth⸗ wendig machten, ich kann nicht neben Dir leben ohne Laß ſtünd der beten in de allein gen von Vett Han Mäd Weib, orden. l wie m er⸗ kouiſe. ittern, das müſſe, lindes b mir rgang inen? eunde, eben? werde, n Sie lieben ſeine ilhelm e aber lin die noth⸗ leben 147 ohne die Hoffnung, daß Du für mich leben wirſt.. Laß mich gehen, in Deiner Nähe würde ich Dich ſtündlich beleidigen, weil ich Dich heiß begehre, in der Ferne, meine Freundin,— da kann ich Dich an⸗ beten!“— Siebentes Capitel. Was einmal gelebt in der Sonne Schein, Das kann ja nimmer verenden; Wozu nun, ewiges Herz der Welt, Willſt dieſen Geiſt Du verwenden? Kinkel. Wilhelm von Itzſtein war mit ſeinem Begleiter in das Haus ſeines Vaters zurückgekehrt. Madame Wohlgemuth lebte ſeit dieſer Zeit allein mit ihrer jüngſten Tochter und den Erinnerun⸗ gen an ihre fernen Lieben. Louiſe ſtand in fleißigem Briefwechſel mit Frau von Treufeldt und ihrer Tante Sophie, und auch Vetter Wilhelm ſchrieb ihr oft, durch eine fremde Hand freilich, aber dieſe Briefe machten dem jungen Mädchen dennoch Freude; denn ſie waren Zeugen von der tiefen Anhänglichkeit des Blinden an Sie 10* 148 und von ſeinem ernſten Streben, mit der Welt und ſeinem eignen Herzen ins Reine zu kommen. Louiſe arbeitete viel und angeſtrengt. Sie mußte das. Die Pachtgelder aus Rußland kamen unregelmäßig ein und waren oft ſo gering, daß an ein Auskommen mit dieſen Mitteln, bei den immer noch ſehr koſtſpieligen Gewohnheiten der Mutter, nicht zu denken war. Louiſe ſchränkte daher alle Bedürf⸗ niſſe des Haushaltes aufs äußerſte ein, fertigte Wäſche und Kleidung für ſich und die Mutter ohne fremde Hilfe an und beſtrebte ſich beſonders aus dem kleinen Garten einen moglichſt großen Ertrag zu ziehen. Dazu aber gehört Arbeit. Nur den Fleißi⸗ gen beſchenkt die mütterliche Erde mit den Schätzen, die ihrem Buſen entkeimen; für den Unthätigen trägt ſie immerfort noch Dornen und Diſtehm nach dem Fluche Jehovahs. Für Louiſe war die Arbeit eine Zerſtreuung. Es lagen auf ihrer jungen Bruſt der Leiden und Bekümmerniſſe ſo viele. Das Schickſal von Vater, Schweſter und Ver⸗ lobten bekümmerte ſie täglich mehr und nach kurzer Zeit wurden auch die Briefe des Blinden düſter und trugen einen Charakter, der die arme Louiſe noth⸗ wendig betrüben und ängſtigen mußte. und Sie men z an mer icht 5 ürf⸗ tigte hne aus trag eißi⸗ tzen, tigen nach ung. und Ver⸗ urzer und noth⸗ 149 Was es eigentlich ſei, das die finſterſte Schwer⸗ muth in ſeiner ohnehin düſtern Seele erregte, konnte Louiſe nicht aus ſeinen Schreiben erkennen, offenbar that er ſich Gewalt an, ihr Thatſachen und Bege⸗ benheiten zu verſchweigen, die er ja nur durch die Hand eines Dritten hätte mittheilen können, und vor dieſem Dritten, nicht vor ihr, ſchien er ſich zu ſcheuen. Der Winter nahete, ein trauriger einſamer Win⸗ ter für das junge Mädchen, dem die Pflicht oblag, die Mutter zu zerſtreuen und zu erheitern, einen Haushalt zu führen und zum Theil zu unterhalten durch den Ertrag ihrer Arbeit. Dazu lag ein Elend, eine Düͤſterheit über dem Lande, die ſchwer auf je⸗ des einzelne Herz einwirken mußte. Man ſprach von Krieg, von einem Kriege Frank⸗ reichs gegen Rußland, bei dem Preußen gezwungen war, dem verhaßten Bedrücker Soldaten zu ſtellen, freien Durchzug zu geſtatten und, mit einem Wort, als ſein Freund und Alliirter zu erſcheinen. Im preußiſchen Heere herrſchte eine eigne ge⸗ ſpannte, verzweifelte Stimmung.„Wenn der König mit Napoleon halten muß,“ erklärten mehrere junge Officiere im Kreiſe ihrer Familien,„ſo gehen wir zu den Ruſſen über, denn wir wollen und wir können nicht unter den Fahnen unſeres bitterſten Feindes fechten.“ 150 Fritz Treufeldt war immer noch auf dem kleinen Kaperſchiffe des Capitain Talimor, das allmählig an⸗ fing bekannt zu werden und ſich einen gewiſſen ſpuk⸗ haften Ruf zu erwerben. Von Zeit zu Zeit erhielt ſeine Mutter Nachricht von ihm durch die ſeltſam⸗ ſten Boten. Bald brachte ein Schiffer von einem Oderkahn ihr einen Apfel oder eine Nuß, in dem ſie einen Brief von ihrem Sohne fand, bald kamen bettelnde Juden oder Zigeuner, die in Form von Wahrſagungen ihr mündliche zuverläſſige Mittheilun⸗ gen über den Fernen machten, und immer war Loui⸗ ſens dann gedacht und die Bitte eingeflochten, die Braut von ſeiner Liebe und Treue ſo wie von ſeinem dauernden Wohlſein zu benachrichtigen. Im Frühling 1812 ward es zur Gewißheit, daß Preußen, im widernatürlichen Bunde mit ſeinem Un⸗ terdruͤcker, das Schwert gegen Rußland ziehen würde, und im Juni ſchon begannen die ungeheuern Trup⸗ penzüge, die ſich, ein ununterbrochener Strom von Männern, von den Ufern der Seine nach den Gren⸗ zen Rußlands ergoßen. Schöne, wackere, ritterliche Krieger, dieſe Franzoſen! Wer ſie noch geſehen hat, dieſe gebräunten Heldengeſichter, aus deren Augen Muth und Selbſtvertrauen blitzte, der wird ſicherlich an ſie mit wehmüthiger Theilnahme denken. Wie oft ſtand inen an⸗ puk⸗ hielt ſam⸗ inem dem amen von ilun⸗ Loui⸗ , die inem daß Un⸗ hürde, Trup⸗ von Gren⸗ erliche dieſe Muth i ſie ſtand 151 Louiſe am Fenſter und ſah die neu einrückenden Trup⸗ pen vorüberziehen, mit der leiſen Hoffnung, einmal die ſchöne Geſtalt des Grafen St. Albans und in ſeinem Gefolge ihre arme Schweſter zu erblicken. Mehr als ein armes Weib in ähnlichen Ver⸗ hältniſſen, wie ſie Lydia ſich erwählt hatte, begleitete den ungeheuern Heereszug. Oft waren es freche Geſchöpfe, die mit Oſtentation in ihrer Perſönlichkeit alles Widrige der gefallenen entehrten Weiblichkeit zur Schau trugen. Hin und wieder fand ſich aber auch eine, in deren Bruſt der Engel weinend noch fortlebte und die ihren tiefen Fall durch die Tiefe ihrer Liebe vor Gott entſchuldigen konnte. Madame Wohlgemuth ſprach unverholen und ganz rückſichtslos ihre gründliche Verachtung gegen jede dieſer Gefallenen im Kreiſe ihrer Bekannten aus, ohne in dem mitleidigen Lächeln, in dem Achſelzucken derſelben eine Demüthigung fur ſich ſelbſt zu finden. Der Himmel legt niemandem mehr auf als er ertra⸗ gen kann und erweckt in den Herzen, den allzuſchwer belaſteten, Kräfte, von deren Exiſtenz der unbetheiligte Zuſchauer nichts ahnet.— In dieſem traurigen Fall glaubte die unglückliche Mutter mit wahnſinniger Feſtigkeit an eine Ehe ihrer Lydia mit dem Manne, dem ſie gefolgt, und wuͤrde denjenigen für einen Tollen 152 gehalten haben, der geglaubt, ſie könne in dem Schick⸗ ſal der verworfenen Frauen, die als Anhängſel der franzöſiſchen Armee nach Rußland zogen, ein Spiegel⸗ bild des Schickſals und der Sitten ihrer Lieblings⸗ tochter ſehen. Anders war dieß mit Louiſe. Sie litt unbe⸗ ſchreiblich, unſaͤglich und kannte keinen andern Troſt als Arbeit und Gebet. In den Leiden ihrer Jugend, in den mancher⸗ lei Wechſelfällen des Glückes, die ihr Loos geweſen, hatte ſie mehr und mehr Ihn gefunden, den ſie ſeit den Tagen der Kindheit geſucht. Oft war es ein Wort aus ihr völlig fremdem Munde, was ihr ſo recht deutlich das Walten der liebevollen göttlichen Vorſehung zeigte; manchmal wieder ein plötzlicher Sonnenſtrahl, ein aus Wolken blitzender Stern, der Vers eines halb vergeſſenen Liedes, der in ihrer Seele lebendig werdend ihr Ruhe und Freudigkeit durch die Gewißheit gab, daß große Leiden oft durch kleine Tröſtungen aufgewogen werden. Wenn ſie ihr ganzes Leben betrachtete, ſo mußte ſie ſich ſagen, es habe daſſelbe ihr trotz vielfacher Leiden dasjenige in reichem Maaße gegeben, wonach ihr Herz am meiſten verlangt hatte: die Erkennt⸗ niß der ſteten Nähe Gottes, als eines liebevollen, vorſor Kind worde Kind verſtã einzig tief u ſich d verſch ter a zerſtre zufried von F terten Louiſe was begrer der T ſchicke entbel gänge nen j hick⸗ der egel⸗ ngs⸗ nbe⸗ rroſt her⸗ eſen, ſeit ein ſo chen icher der beele die eine ußte icher nach unt⸗ len, 153 vorſorgenden, alles lenkenden Willens und die als Kind oft ſo heiß erſehnte Liebe. Inniger als Louiſe ſind wenige Menſchen geliebt worden. Auch die Mutter, die früher das unſchöne Kind ſo gröblich vernachlaͤſſigt, fand jetzt in der ſanften, verſtändigen, thätigen Tochter ihr ganzes Gluͤck, ihre einzige Stütze. Madame Wohlgemuth wußte ſelbſt nicht, wie tief und innig ihre Liebe zu Louiſen ſei. Sie zeigte ſich von der, welche ſie für Lydia fühlte, durchaus verſchieden. Wenn die Mutter bei der älteſten Toch⸗ ter alles hervorgeſucht hatte, was dieſelbe erfreuen, zerſtreuen, verſchönern konnte, wenn ihre Sorge, Lydia zufrieden zu ſtellen, ſich allmählig bis zu einer Art von Furcht vor dem leichteſten Stirnfalten der Vergöt⸗ terten geſteigert hatte, ſo erwartete ſie dagegen aus Louiſens Hand zuverſichtlich alles das zu empfangen, was ſie dort gegeben hatte. Sie empfand ein un⸗ begrenztes, faſt kindliches Zutrauen zu dem Verſtande, der Thatkraft, dem Wiſſen und Wollen Louiſens. In Lydia's Abweſenheit hatte ſie ſich ſehr bald ſchicken gelernt, Louiſens Nähe konnte ſie keine Stunde entbehren, ſo zwar, daß dieſe ihre weiten Spazier⸗ gänge einſtellen mußte, weil ſie die Mutter in Thrä⸗ nen fand, wenn ſie zu lange ausblieb.— Daß unter 154 dieſen Umſtänden an eine Reiſe nach dem lieben Weinberge der Frau Treufeldt oder an einen Beſuch bei Tante Sophie, nicht zu denken ſei, ſah Louiſe natürlich ein und beantwortete die vielfachen Auffor⸗ derungen ihrer beiden fernen mütterlichen Freundinnen daher ſtets nur mit freundlichem Danke für ihre Güte. So gern ſie auch Tante Sophie wiedergeſehen hätte, ſo ſehr es ihr Herzensbedürfniß war, die Mutter ihres Fritz kennen zu lernen, ſo verzichtete ſie doch mit innerlichſter Freude darauf. Ihre Mutter, ihre theuere Mutter, nach deren Liebe ſich ihr kindliches Herz ſo oft und ſo heiß geſehnt, bedurfte ihrer, ſie war ihr unentbehrlich, und der Beſitz der mütterlichen Liebe war ihr ungefähr eben ſo werth wie eine Laſt ſelbſterworbenen Geldes, die der Beſitzer mit Aufbie⸗ tung all ſeiner Kräfte in ſeine Heimath trägt. Louiſe gehörte zu jenen beglückten Naturen, die ſcharf beobachten und dennoch mild urtheilen. Die Fehler und Schwächen ihrer Mutter waren ihr nicht unbekannt, ſie ſtand dazu in jeder Beziehung zu hoch uͤber der ſchwachen Frau, aber ſelbſt in die⸗ ſen Fehlern verſtand ſie die gute und treffliche Wur⸗ zel zu erkennen, aus der ſie als unbeſchnittene und oft reizend blühende Ausläufer gekeimt. Sie arbeitete mit Ernſt an ſich ſelbſt; wer dieß nur e eines mit d von Verv gemã eigen und liebli war, höher liebey fühlt Natu heben eſuch ouiſe iffor⸗ nnen Güte. varen hung die⸗ Wur⸗ und r dieß 155 nur einmal gethan, weiß, wie ſchwer das Ablegen eines Fehlers wird, und hat daher heiliges Mitleid mit den Fehlern ſeiner Umgebung, ſelbſt wenn ſie von den eigenen verſchieden ſind. Tugendhafte Menſchen, das heißt ſolche, die nach Vervollkommnung mit Bewußtſein ſtreben, ſind natur⸗ gemäß die mildeſten Richter; nur wer nie in die eigene Bruſt ſchaute, verdammt andere ohne Mitleid und Verſtändniß. Neben ihrer Mutter war Louiſe nicht bloß ein liebliches Mädchen, eine gute freundliche Tochter, ſie war, wie wir uns die Schutzengel vorſtellen, ein Weſen höherer Art, das doch vollkommene Einſicht und die liebevollſte Theilnahme für das geringere Geſchöpf fühlt und keinen Augenblick ſich ſeiner erhabeneren Natur mit liebloſem Stolz bewußt wird. So lebten ſie mit einander, in einander, die bei⸗ den ſchutz⸗ und freundloſen Frauen, deren Leid jetzt auch noch durch die Laſt der Armuth vermehrt wurde; denn ſeit der Kriegserklärung zwiſchen Frankreich und Rußland hatten die Zahlungen des Fürſten Subov aufgehört. Louiſe arbeitete, wie ein altes Sprichwort ſagt, aus einem Licht ins andere. Ihr ſcharfer Verſtand hatte ſie frühe gelehrt, daß Zeit Geld ſei, und ſie 156 verſtand die ihrige ſo zu verwerthen, daß der Mangel der kleinen Häuslichkeit ferne blieb. Die Durchzüge des franzöſiſchen Militärs eröff⸗ neten ihren fleißigen Händen ſo manche Erwerbs⸗ quellen. Sie fertigte die Goldſtickereien für die glänzenden Uniformen an und bald half ihr die Mutter, die ſelbſt eine geſchickte Stickerin war, recht fleißig und fand Vergnügen und Zerſtreuung an der Arbeit. Freilich war ſie jetzt keine junge vornehme Dame, die in glänzender Equipage ſpazieren fuhr! Sie war ein armes Mädchen, das von der Hand in den Mund lebte, aber dieß Verhältniß erſparte ihrem Herzen ſo manche bittere Kränkung. Sie durfte nicht in Geſellſchaften erſcheinen, in denen die franzöſiſchen Officiere, trotz ihrer nationa⸗ len Liebenswürdigkeit, durch ihre bloße Gegenwart das Herz eines Deutſchen ſchwer machten. Sie durfte nicht, bei Frau Conſul Strombeck und ähnlichen Damen, Nachfragen über ihre Schweſter mit beben⸗ der Stimme beantworten. Sie lebte ihren Pflichten, ihrer Mutter, ihren Erinnerungen, und ihr ſtets waches Gottesvertrauen erhielt in ihrem Herzen auch die Hoffnung lebendig. Wo Fritz jetzt ſei, wußte ſie nicht. Frau Treu⸗ feldt von il nichts S franzö Jahre von 7 mit Hand 5 und 1 ſo lan und- hat ſ freudi bald Nachr Vater ungeh ungel röff⸗ rbs⸗ die die recht i der ame, war und n ſo „ in ona⸗ wart urfte ichen eben⸗ hren auen 157 feldt hatte auch ſchon längere Zeit keine Nachricht von ihm und ſo blieb denn der Mutter und der Braut nichts übrig als für den Entfernten zu beten. Wäͤhrend alles noch in Preußen wimmelte von franzöſiſchen Soldaten, verging der Sommer des Jahres 1812. Loniſe hatte lange keine Nachricht von Frau Sophie Wohlgemuth erhalten und empfing mit herzlicher Freude endlich einen Brief, der die Handſchrift der Theuern zeigte. Mit vor Eil fliegender Hand öffnete ſie ihn und las: „Meine Louiſe! „Mein theures Kind! „So iſt denn nun der Schlag gefallen, den wir ſo lange mit Beben erwarteten. Es iſt geſchehen und— ich geſtehe, mir iſt wohler als je. „Meines theuern edelherzigen Gatten Geſchick hat ſich erfüllt, er wird darunter nicht erliegen und freudig helfe ich ihm tragen. „Erſchrick nicht, meine liebe Freundin, wenn nun bald durch Zeitungen und auf andern Wegen die Nachricht zu Dir gelangen wird, der Bruder Deines Vaters habe an der ihm anvertrauten Kaſſe einen ungeheuern Unterſchleif gemacht. 158 „Mein Gatte iſt eben wie Dein Vater ein Opfer ſeiner Treue. „Die fehlenden Gelder, eine Summe von mehr als 150,000 Thaler, hat er auf Befehl der Königin Louiſe, die nun ein Engel Gottes iſt, allmählig und gegen Quittung des Präſidenten von Itzſtein, zur Ausrüſtung und Unterhaltung des Schill'ſchen Corps hergegeben. „Er handelte, wie ſeine anbetende Verehrung für die hohe Frau es ihm befahl, und fällt ohne Klage und Verrath; nur vor das Auge des Königs hat er ſich erlaubt, die Quittungen des Präſidenten zu legen. Daß ihn dieß vor einer Verurtheilung, vor einer entehrenden Strafe nicht ſchützt, verſteht ſich ohne Frage; die Zeiten ſind von der Art, daß ſelbſt unſer gütiger und edelherziger König verläug⸗ nen muß, was dem Machthaber des Augenblicks widerſtrebt.— Es iſt nicht anders, kann nicht anders ſein, Gottes Wille geſchehe! „Ich habe jetzt und ſeit der ganzen Zeit, da mein armer Mann die ſchwere Laſt des ungluͤcklichen Geheimniſſes in ſeiner Bruſt trug, oft Grund gehabt, mein Schickſal zu ſegnen. Er hat mir volles Ver⸗ trauen geſchenkt und hat meine Tröſtungen mit dank⸗ barer Beru erſte hörte den Läng jetzt zu ze Gott eine könnt ſchon Prüf lerne bürge Verli fleckte ches l die Auge ein mehr nigin g und zur orps hrung ohne önigs henten ilung, erſteht daß rläug⸗ iblicks inders it, da klichen ehabt, Ver⸗ dank⸗ 459 barem Herzen angenommen, hat in meiner Liebe Beruhigung und Glück gefunden. „Meine Louiſe, dieſer Mann war nicht meine erſte Liebe.— Er, dem meine frübeſten Gefühle ge⸗ hörten und der mein junges Herz verließ, ſtarb den Heldentod und ruht in ſeinem blutigen Grabe. Längſt habe ich ihm vergeben! Wohl mir, daß ich jetzt die Gelegenheit habe, meinem theuern Gatten zu zeigen, wie dankbar, wie treu ergeben ich ihm bin. Gott lob, es gibt kein Verhältniß, keine Strafe, die eine liebevolle Frau ganz von dem Gatten ſcheiden könnten. „Du, meine liebe Louiſe, jugendliches Herz, das ſchon ſo ſchwer geprüft ward, nimm auch dieſe neue Prüfung hin mit Gottesvertrauen und Geduld und lerne aus ihr von Neuem, daß ſelbſt der Verluſt der bürgerlichen Ehre, obgleich der ſchwerſte aller irdiſchen Verluſte, leicht zu ertragen iſt, wenn man ein unbe⸗ flecktes Bewußtſein und ein Menſchenherz behält, wel⸗ ches liebend mit uns vereint dem Schlage des Geſchicks die Stirn bietet. „Gott ſegne Dich, mein theures Kind! Sophie Wohlgemuth.“ Louiſe legte zitternd und mit thränenſchweren Augen dieſen Brief aus der Hand. 160 Es war ein neuer bittrer, ſehr bittrer Tropfen in dem Kelche ihrer Leiden, den ſie oft ſchon bis zum NRande gefüllt wähnte, aber ach es war nicht der letzte, der ſie treffen ſollte. Furchtbate Geruͤchte über den Bankdiebſtahl ihres Onkels drangen bis in ihre Einſamkeit und erfüllten ihr Herz mit Kummer. Es trug nicht wenig zur Verſchärfung deſſelben bei, daß die Mutter, den Zuſammenhang dieſer be⸗ trübenden Angelegenheit durchaus nicht begreifend, in Schmähungen über den Schwager ausbrach, der eine bisher ehrenwerthe und hochgeachtete Familie in Schande und Schmach gebracht. Vergebens bemühte ſich Louiſe, der aufgeregten Frau in Erinnerung zu bringen, daß ja auch der eigene Gatte wegen Unterſchleifs beſtraft und doch ein ehrlicher und ehrenwerther Mann ſei.„Das war was anderes, was ganz anderes, liebes Kind, das verſtehſt Du nicht zu beurtheilen und beſinnſt Dich gar nicht ſo recht darauf; aber ich, ich weiß es beſſer, habe ich doch ſelbſt die Goldrollen, die mein rechtſchaffener Mann dem Koönige rettete, wochenlang in der Taſche getragen. Die Franzoſen nahmen Deinen Vater ge⸗ fangen, weil er unſerm Könige treu diente, der Schwe Gott, nur m L Mutte ſpreche in ihr bittern lenden ſte ſich gewend genwã Lebens einzige Herz d elektriſ wahrſc man ſ zu deu 1856. 161 Schwager aber hat ja die Kaſſe angegriffen, Herr Gott, wie konnte er das nur thun, wie war es ihm nur möglich,“ ſagte Madame Wohlgemuth täglich. Louiſe ſah endlich ein, daß es am beſten ſei, die Mutter ihren Schmerz in ihrer eigenen Weiſe aus⸗ ſprechen und überwinden zu laſſen. Sie ſelbſt hielt in ihrer Zurückgezogenheit ihre Seele frei von dem bittern Gefühl, was die Härte der leicht verurthei⸗ lenden Welt in ihr wahrſcheinlich erregt hätte, wenn ſie ſich nicht mit allet Kraft ihrer Seele an Gott gewendet, ſich mit ihren Schmerzen ihm, dem Allge⸗ genwärtigen, gleichſam in die Arme geworfen hätte. Dein Wille geſchehe! Dieß ſchöne, dieß in allen Lebenslagen ſo ganz ausreichende Gebet erfüllte, eine einzige goldige Wolke, ganz und gar das kindliche Herz der Jungfrau. Es durchſtrömte ihr Ich wie ein elektriſches Fluidum und gab ihr eine Kraft und eine Ruhe, die wunderbar erſcheinen mußten, wenn man die zarte Empfindlichkeit ihres Ehrgefühls kannte. Auch von Berlin her verbreiteten ſich eigenthüm⸗ liche und ſchreckliche Gerüchte. Der Präſident von Itzſtein ſei kaſſirt und plötzlich, wahrſcheinlich durch die eigene Hand, geſtorben, flüſterte man ſich zu und Louiſe vernahm das und wußte es zu deuten, und fühlte ſich nicht überraſcht, als eines 1856. XX. Erinner. e. Großmutter. II. 11 162 Abends Vetter Wilhelm, geführt von einem kleinen häßlichen Buben bei ihr eintrat. „Du haſt mich erwartet, Louiſe,“ ſagte der Blinde ihre Hand ergreifend—„ich weiß, Du haſt mich erwartet, und— da iſt der blinde Bettler und fordert ſein Almoſen aus Deiner lieben Hand.“ Der Unglückliche war ſchrecklich verändert ſeit ihrer Trennung, ſein abgemagertes gelbbleiches Ge⸗ ſicht ſah unbeſchreiblich furchtbar aus, und während er ſich niederſetzte, rollten die weißen Kugeln ſeiner Augen in ihren Höhlen hin und her, und ſeine kräftigen Hände bebten und zitterten. „Mein Vater iſt alſo hinüber gegangen,“ ſagte er dumpf„dahin, wohin wir alle über kurz oder lang müſſen, ins ruhige ſchmerzloſe Reich des Nichts. Wohl ihm! Er war ein Betrüger— die Handſchrift der Königin Louiſe, mit der er den Bruder Deines Vaters und den Enthuſiaſten Schill ins Verderben lockte, war nachgemacht. Von dem Gelde, das Wohl⸗ gemuth ihm auf ſeine Quittungen für das Schill'ſche Corps zahlte, hat der Major nicht den dritten Theil erhalten, was verſtand der kühne Parteiführer von dieſen Dingen. Wohin die ungeheueren Summen gegan⸗ gen, die ſeit zehn bis zwölf Jahren von meinem Vater verbraucht ſind— ich weiß es nicht. Meine Mutter, meine leidet, ich n Schu Conze ſeiner wahr, ihren Mäde des aus mir c treffen Du r dern ſind es w kleinen ährend ſeiner ) ſeine ¹ ſagte rz oder Nichts. dſchrift Deines rderben Wohl⸗ hill'ſche n Theil rer von gegan⸗ n Vater Mutter, 163 meine arme an Ueberfluß gewöhnte Mutter— ſie dauert mich. Sie hat einen Sohn, einen einzigen, er iſt zwar nur ein elender Blinder, aber ſeine Kraft gehört ihr! für ſie will ich arbeiten, ihretwegen kann ich das Leben ertragen. Berlin aber iſt mir ver⸗ leidet, ſo bin ich denn hergekommen zu Dir, Louiſe! ich werde hier unter Deinen Augen, unter Deinem Schutz, in Deiner heiligenden Nähe mein erſtes Conzert geben. Einem Sohn, der für die Erhaltung ſeiner Mutter arbeitet, muß es ja gelingen, nicht wahr, Louiſe?“ „Gewiß, Vetter Wilhelm, Gott ſegne Sie für ihren Entſchluß, er iſt Ihrer würdig,“ ſagte das Mädchen. Ein Schimmer von Glück flog über das Geſicht des Blinden.„Dieſe Worte, gerade dieſe hab' ich aus Deinem Munde zu hören erwartet. Du wirſt mir auch helfen, die Einrichtungen für mein Conzert treffen, Du wirſt mir rathen, was ich ſingen ſoll, Du wirſt— Louiſe, ich wage das von Dir zu for⸗ dern— Du wirſt mitſingen.“ „Gewiß Vetter, wenn Sie es wünſchen, Sie ſind mein Lehrer, mein Freund und Verwandter, und es wird mir möglich ſein, meine natürliche Schüch⸗ 11 164 ternheit zu überwinden, wenn ich Ihnen dadurch einen Dienſt leiſten kann.“ „Das wäre denn abgemacht,“ ſagte Wilhelm, „eine Frage nun noch, liebe Couſine; kann ich einen Theil meiner früheren Wohnung gegen einen ent⸗ ſprechenden Theil der früheren Miethe beziehen?“ Es ſiel Louiſen auf, daß Wilhelm ſie Couſine nannte, in früheren Zeiten hatte er das nie gethan. Leider konnte ſie auf ſein Verlangen nicht ein⸗ gehen. Die Wohnung, die er gehabt, war längſt vermiethet; ein franzöſiſcher Proviant⸗Commiſſär be⸗ wohnte ſie, aber ein anderes Stübchen im Hauſe konnte ſie ihm möglicher Weiſe einräumen, ihr eignes, wenn ſie ſich zu dem Opfer entſchloß, es aufzugeben, und freundlich ſagte ſie, daß das ihm zu Gebote ſtände. „Ich danke Dir, meine Couſine, von ganzem Herzen danke ich Dir,“ entgegnete er lebhaft,„und ich nehme das Opfer an, das Du mir bringſt. Meine wenigen Sachen liegen unten. Der Knabe hier, mein jetziger Führer, ſeit der Magiſter ein Prediger geworden, hat ſie gleich von der Poſt mitbringen müͤſſen.“ Er ging und Louiſe beeilte ſich ihre Mutter auf die Anweſenheit des Vetters vorzubereiten. Sie wiſſen öffent bar, mütht ſonder nach, nem kleine Theil nicht kauft Perſe Städ die gekü Vor überꝛ edurch lhelm, einen ent⸗ 2 4 ouſine ethan. t ein⸗ längſt ir be⸗ Hauſe lignes, geben, hebote anzem „und Meine hier, ediger eingen Nutter 165 Madame Wohlgemuth war außer ſich darüber. Sie wollte von dem Sohne des Betrügers nichts wiſſen, der Gedanke, daß Louiſe, ihre Tochter, in einem öffentlichen Entreeconzerte ſingen wolle, ſchien ihr undenk⸗ bar, unglaublich, Louiſe, die Schweſter einer Gräfin. Wie immer aber, ſo auch jetzt, gab die gut⸗ müthige Frau nicht den verſtändigen Argumenten, ſondern den ſanften herzinnigen Bitten ihrer Tochter nach, und ſo war denn der blinde Vetter mit ſei⸗ nem kleinen Führer wieder Familienmitglied in der kleinen Haushaltung, die Louiſe führte und größten Theils durch eigenen Fleiß ernährte. Der Conzerttag kam heran. Die Zettel waren gedruckt und zu Louiſens nicht geringer Freude wurden ſo viel Billets ver⸗ kauft, als der Saal des goldenen Löwen nur immer Perſonen faſſen konnte. Die Neugierde trieb die Einwohnerſchaft des Städtchens, der natürliche Wunſch ſich zu zerſtreuen die Officiere der franzöſiſchen Beſatzung zu der an⸗ gekündigten Abendunterhaltung. Wilhelm begann ſich mit allerlei ſanguiniſchen Vorſtellungen zu ſchmeicheln, als er die Einnahme überzählte, die ſich nach Abzug der Koſten auf 150 Thaler belief. 2113 166 Vor ſeinen verdunkelten Augen ſchwebte in der Ferne die Perſpective von künſtleriſchem Ruhm, von ſelbſterworbenem Vermögen, von der Möglichkeit, Loui⸗ ſen, die ſeit Monaten keine Nachricht von ihrem Ver⸗ lobten hatte, doch noch zu erringen und mit ihr ein glänzendes Künſtlerleben zu führen.— Er fing mit einem Worte an, die Freuden der Arbeit fürs tägliche Brod zu genießen, die freilich, wie alle Lebensfreuden, ihren bittern Beigeſchmack haben; iſt dieſer aber erſt überwunden, ſo ſind es für einen phantaſiereichen Menſchen ſehr große, ſehr echte Freu⸗ den, und das war der Blinde im hohen Grade. Am Conzertabend erſchien er tadellos gekleidet, eine kräftige ſtattliche Männergeſtalt in Louiſens Zimmer, die freudig erſchrack uber den Hauch von Glück und Freude, der in ſeinem ausdruckvollen Ge⸗ ſichte lag. Er legte die Hand auf Louiſens Locken, befühlte die Stoffe ihres Kleides und forderte dann eine de⸗ taillirte Beſchreibung ihres Anzugs von ihr. „Ich ſage Ihnen, Vetter,“ antwortete Madame Wohlgemuth für ihre Tochter,„ſie iſt heute beinahe eben ſo ſchön als ihre Schweſter. Sie verſteht ſich auch zu kleiden, ſo gut wie Lydia, meine liebſte Louiſe, nur daß freilich ihr Anzug nicht gar viel koſtet. Sie hat andern Haat dann kluge nahn rend ſagte ſter in der „von Loui⸗ Ver⸗ hhr ein fing fürs alle iſt einen Freu⸗ kleidet, zuiſens ch von n Ge⸗ efuͤhlte ne de⸗ ladame geinahe ht ſich Louiſe, et. Sie 167 hat ein weißes feines Mouſſelinkleid an und keinen andern Aufputz dazu als nur ſchwarze Schleifen im Haare, aber es ſieht ſo vornehm und fein aus, und dann ſind's die preußiſchen Nationalfarben, ſie iſt ein kluges und ein ſchönes Mädchen, meine Loniſe.“ Der Blinde nickte ernſt der Mutter Beifall zu, nahm Louiſens Arm und ging mit ihr zu dem har⸗ renden Wagen. Ihr Herz ſchlug beklommen.„Was iſt nun!“ ſagte ſie ſich ſelbſt, als ſte aus dem kleinen Thürfen⸗ ſter des aufs Orcheſter führenden Zimmers auf die Maſſe des Publikums blickte, das Kopf an Kopf den Saal erfüllte.„Ich trete dieſen Menſchen mit meiner geringen Kunſtfertigkeit nicht aus Uebermuth, nicht aus Eitelkeit und albernem Selbſtvertrauen entgegen! Schlimmſten Falles kann ich auch mißfallen.— Für das Fortkommen, auf das Bitten eines Freundes und Verwandten, muß auch ein Weib den Muth haben, ſich in einer erlaubten und rechtlichen Sache dem Mißfallen auszuſetzen. Vorwärts mit Gott! in alle Wege ſichert dieß erſte Conzert meinem armen blinden Vetter und ſeiner verwitweten Mutter das tägliche Brod für ein Paar Monate.“ Die Ouverture des Don Juan, welche von 168 einem guten Orcheſter als Einleitung geſpielt worden, war geendet. Der Blinde, Louiſen am Arm führend, betrat durch die Thür, an der ſie gelauſcht, die erhöhte Or⸗ cheſter⸗Tribüne. Aller Augen hingen erwartungsvoll an den ſchönen Geſtalten der beiden Menſchen. Als ſie näher vor die Lampen traten, erhob ſich im Publikum ein Geflüſter, das halb dem Lieb⸗ reiz Louiſens, halb der furchtbaren Entſtellung des Blinden galt. Die Muſik des Accompagnements begann. „Wenn mir Dein Auge ſtrahlet,“ intonirte Louiſens herrliche ſilberreine Stimme, nnd ſie ſelbſt wunderte ſich über den vollen Klang derſelben in dem ſchönen Raum, und der Blinde erröthete vor Freude und ſtreugte alle ſeine Kraft an, um ſeiner geliebten Schuͤlerin nicht nachzuſtehen. Der Geſang beider war ſchön und wirkungs⸗ voll, aber lauter und lauter flüſterte man im Pub⸗ likum, daß das Geſicht des Blinden gräßlich und das Verdrehen ſeiner Augen beim Geſang wahrhaft furchtbar ſei. Die beiden Sänger traten ab und das Publi⸗ kum horchte der Inſtrumentalmuſik. Im Nebenzimmer wartete ein Poſtbote mit mein die ment im 2 von noch Pub frap nen „we Der aus wuß prden, betrat Or⸗ oll an lerhob Lieb⸗ des onirte ſelbſt en in e vor ſeiner ungs⸗ Pub⸗ und örhaft Zubli⸗ mit 169 einem recommandirten, mit, Citiſſime bezeichneten Brief an Herrn Wilhelm von Itzſtein. Er war ſchwarz geſiegelt. „Lies mir ſchnell vor, was er enthält,“ ſagte der Blinde. „Nicht jetzt, nach dem Conzert, Vetter, Sie müſſen Ihre Stimmung zu erhalten ſuchen.“ „Meinetwegen, Louiſe, ich will warten, wenn Du, meine Holde, es ſo recht findeſt.“ Wenige Minuten darauf trat er von Neuem vor die Lampen, dießmal allein. Er trug ein Inſtru⸗ ment von eigner Erfindung, eine neunſeitige Guitarre, im Arm, verbeugte ſich und präludirte. Er hatte ſich zu dieſem Vortrag eine Bürger'ſche, von Zumſteeg componirte Ballade gewählt, ehe er aber noch zu ſingen begann, war es ihm, als ob aus dem Publikum einige Stimmen ‚tournez“ riefen. Er beachtete dieſen Ruf nicht, obgleich er ihn frappirte.„Was ſie nur haben mögen, dieſe alber⸗ nen Krähwinkler,“ ſagte er zu Louiſen zuruckgekehrt, „wer oder was ſoll ſich nur umwenden?“ Ein eiſiger Schreck zuckte durch ihre Glieder. Der Blinde wußte nicht, wie entſetzlich ſein Geſicht ausſah, wenn er ſang, ſie aber, großer Gott, ſie wußte es nur zu wohl und hatte ſchon vor dem Con⸗ 170 zerte daran gedacht, welchen Eindruck dieß auf ein wenig nachſichtiges Publikum machen möge. Zu der nächſten Piece mußte ſie wieder hinaus. Wilhelm begleitete auf dem Klavier ihr die Zelter'ſche Compoſition des Monologs der Maria Stuart. Er ſaß dabei vor dem Flügel, das Noten⸗ blatt verdeckte ſein Geſicht. Das Publikum war ſo ſtill, daß auch nicht das Säuſeln eines Athemzuges die ſchöne Muſik zu be⸗ einträchtigen ſchien, als aber Louiſe mit jenen vier ſehnſuchtsbangen, hoffnungsfreudigen Zeilen: Beladen wollt' ich ihn reich mit Schätzen, Einen Zug ſollt' er thun, wie er keinen gethan, Das Glück ſollt' er finden in ſeinen Netzen, Nähm' er mich auf in den rettenden Kahn. geſchloſſen hatte, brach ein ſo ungeheuerer Beifalls⸗ ſturm aus, daß die Wände des Saales zu beben ſchienen. Die anweſenden Franzoſen ſchrien beſeelt laut und anhaltend da capo, die beiden Küunſtler flüſter⸗ ten mit einander und obgleich es ihr ſchwer ward, genügte Louiſe freundlich dem Wunſche des Publikums. Als ſie abtrat, war ſie ſo ergriffen, daß ſie zitterte und ſich auf Wilhelms Arm lehnen mußte. Da ſie nichts mehr vorzutragen hatte, ſo bat ſie den Vetter, es ihr nicht üͤbel zu nehmen, wenn ſie ſogleich nach Hauſe führe. ein u der die Naria koten⸗ t das be⸗ vier ifalls⸗ ienen. laut uſter⸗ ward, ums. tterte a ſie hetter, nach 171 Schmeichelnd und dankbar küßte er ihre Hände; „geh nur, liebes Herz, geh und erhole Dich,“ flüſterte er und ſetzte hinzu,„das Publikum von Pferden und Kameelen hat eine Frechheit, die ihres Gleichen nicht kennt.“ Sobald ſie weggefahren, zog er, die neue Or⸗ cheſter⸗Muſik, die ihm im Augenblick Ruhe gab, benüz⸗ zend, den Brief hervor, gab ihn ſeinem kleinen Die⸗ ner und ſagte:„Sieh nach, von wem er iſt.“ „Da unten ſteht: ergebenſter Doctor Hermſtädt.“ „Der Doctor;“ ſagte Wilhelm betreten,„was ſchreibt er? lies ſogleich.“ Der Junge las ſtockend und monoton: „Euer Hochwohlgeboren die betrübende Anzei⸗ge, daß heute am 18. September Ihre Frau Mut⸗ ter in Folge ei⸗ nes Schlag⸗ flußes zur ewi⸗ gen Ru⸗he ge⸗ gan⸗ gen; das letzte Wort der Ver⸗ ewig⸗ten war der Wunſch Sie ſehen zu können. Gott tröſte Sie, an mir werden Sie in allen Le⸗bens⸗la⸗ gen einen Freund haben, verlaſſen Sie Sich darauf. Mit Theilnahme Ihr ergebenſter Doctor Hermſtädt.“ Der Blinde hatte ſchweigend zugehoͤrt. Mit 172 dem Tode der Mutter zerriß für ihn das letzte Lie⸗ besband der Erde. Wie gewöhnlich im Menſchenleben, ſo auch bei ihm, glich jeder Schmerz einer vor die Sonne treten⸗ den Wolke, die auf einige Zeit dem ganzen Land⸗ ſchaftsbilde ſeinen Glanz und Schimmer raubt. Noch vor wenigen Minuten hatte er an die Möglichkeit geglaubt, ſich Louiſens Beſitz erringen und mit ihr ein Kuͤnſtlerleben ſichern zu können. Verſtimmt hatte es ihn ſchon, daß die Schwäche ihrer Bruſt ihm bewies ſie werde nie eine große Conzert⸗Sängerin werden können; der Tod der Mutter verdüſterte ſeine ganze Seele ſo, daß er das Geräuſch im Conzertſaale eine Weile außer Acht ließ. Endlich ward er inne, daß das Publikum ihn erwarte.. Er nahm ſeine Guitarre und trat hinaus. Schon bei ſeinem Vortreten empfing ihn lauter Lärm, indem er die Worte: „Entſetzlich! grauenvoll häßlich!“ deutlich unter⸗ ſcheiden konnte. Er machte ſeine Verbeugung und ſtellte ſich vor die Lampen, den Moment der eintretenden Stille erwartend, um zu beginnen. Endlich ward ihm das möglich, er griff in die Saiten und begann das Prälu⸗ diun tour der Seit keine Itzſte ten ten Wor blicke reiße die 4 Nerr lend umm zeig ben Za c blon äpfe Schon ndem unter⸗ h vor Stille das rälu⸗ 173 dium, als ihm plötzlich wieder der Ruf:„Umkehren, tournez!“ in die Ohren tönte. „Gilt das mir?“ fragte er mit lauter Stimme, der man die ungeheure Aufregung nicht anhörte. „Ja! Ja! Oui Monsieur!“ ſcholl es von allen Seiten und eine dröhnende Stimme rief:„Sie ſehen keineswegs ſchön aus, wenn Sie ſingen, mein Herr!“ Ohne ein Wort zu ſagen, wandte Wilhelm von Itzſtein dem Publikum den Rücken, griff in die Sai⸗ ten und ſang, ſtatt des im Programm angekündig⸗ ten Ständchens aus Don Juan, ein Lied, deſſen Worte und Muſik von der Furchtbarkeit des Augen⸗ blickes ihm eingegeben wurden, ein wildes herzzer⸗ reißendes Abſchiedslied. Niemand verſtand genau die Worte des Textes, aber die Muſik griff auch die Nerven der kräftigſten Hörer an. Er ſang wenige Minuten, ſchloß mit einem gel⸗ lenden Akkorde und ging bis zur Thür, wo er ſich umwendend dem Publikum noch einmal ſein Geſicht zeigte. Es glühte und die tiefen Furchen der Blatternar⸗ ben zeigten ſich darin als leichenfarbige Streifen und Zacken. Er warf mit einer wilden Bewegung die blonden Locken aus der Stirn, rollte die weißen Aug⸗ äpfel, ergriff ſeine Guitarre beim Halſe und zer⸗ 174 ſchmetterte ſie an der nahen Wand, dem Publikum die in ſeinen Händen zurückgebliebenen Stüͤcke zu⸗ ſchleudernd. So ging er hinaus, rief haſtig ſeinen kleinen Führer und ließ ſich von ihm an die Eingangsthür bringen, aus der eben in eigenthümlichem Schweigen das Publikum nach Hauſe ſtrömte. Er nahm die Caſſette, in der das Geld lag, wel⸗ ches das Conzert ihm gebracht, ſchleuderte die Silber⸗ ſtcke mit vollen Händen in die dunkle Straße und ſprang dann mit der Wildheit eines Tigers in den Wagen, den Louiſe ihm zuruͤckgeſchickt. Der Kutſcher wollte ihn nach der Wohnung der Madame Wohlgemuth fahren, aber er rief ihm zu:„Umkehren, tournez, tournez, hinaus nach dem Waſſer, dort hab' ich heute Abend mein letztes Ge⸗ ſchäft.“ Der Mann fuhr bis dahin, wo der Fahrweg ſich mit dem kleinen Fußſteig vereinigt, der nach der Bank unter der Eiche und nach dem Waſſeerfall führt. Hier ſtieg Wilhelm von Itzſtein aus und ging feſten Schrittes nach dem kleinen Sitze, auf dem er einſt Louiſens entſcheidendes Wort gehört. „Soll ich warten, gnädiger Herr?“ rief ihm der likum zu⸗ einen sthuͤr peigen wel⸗ ilber⸗ und den enung fihm dem 3 Ge⸗ örweg h der erfall ging m er n der 175 Kutſcher nach, erhielt aber keine Antwort.—— Der Mann wartete ein halbe Stunde, eine Stunde. Es regnete, der Waſſerfall brauſte, der Wind heulte, die Pferde ſchüttelten ſich. „Will nachſehen, wo dieſer blinde Menſch ge⸗ blieben,“ ſagte der Kutſcher,„'s iſt hier herum bei Nacht und Nebel für Menſchen und Vieh graulich.“ Er ſuchte und rief, nichts war von dem Blinden zu ſe⸗ hen und zu hören, auf der Bank unter der Eiche aber ſtand ſein feiner Hut, darin lagen die Handſchuhe und ein ſeidenes Taſchentuch. Das Waſſer brauſte, der Wind heulte, der Herbſt⸗ regen plätſcherte nieder, keine Menſchenſtimme war rings hörbar als der Kutſcher, der den Namen ſeines verſchwundenen Paſſagiers in die wilde Nacht hin⸗ aus rief. Als die Glocken auf den Thürmen der Stadt Mitternacht verkündeten, fuhr der Mann fröſtelnd, ſeltſam verängſtigt und aufgeregt nach Hauſe und zeigte den Vorfall ſogleich auf dem Polizei⸗Amte an. Am andern Morgen fand man unten im Thale des Pulvergrundes die Leiche eines Mannes, an deſſen zerſchelltem Haupte man die Züge Wilhelms von Itzſtein, die jeder Menſch in Elbing kannte, nur mit Schwierigkeit erkennen konnte, ſo furchtbar waren 176 ſie durch den Sturz mit der Waſſerflut zerſtört. Die blonden Locken aber hingen noch, wenngleich mit Blut getränkt, über die zerſchmetterte Stirn. Die weinende Louiſe pflanzte auf dem Grabe des Unglücklichen noch im Spätherbſt einen Roſenſtock und ſäete Reſedaſamen in die weiche Erde. Hatte er doch den Duft der Roſe und Reſeda allem andern Blumendufte vorgezogen, da er noch lebte.— Achtes Capitel. Ich habe Dich— das iſt die Fülle, Ich habe Dich— mein Wünſchen ruht! Dein Arm iſt meiner Unraſt Wiege, Von Mohn der Liebe ſüß umglüht; Und jeder Deiner Athemzüge Haucht mir ins Herz ein Schlummerlied. Freiligrath. Der plötzliche gewaltſame Tod ihres Jugend⸗ freundes machte auf das ohnehin von Leiden man⸗ cherlei Art ſchwer bedrückte Herz Louiſens einen ganz beſonders furchtbaren Eindruck. Ihr Leben erſchien ihr als von allen Seiten von trüben drohenden Wolken umgeben, nur der Ge⸗ danke an Fritz blieb ungetrübtes Sonnenlicht. Frei⸗ lich ni nießt, ihm k kennt, T es nie mußte S ihr eig begrab die Lo ſonne Die mit Prabe nſtock eſeda noch 177 lich nicht ein ſolches wie es die glückliche Braut ge⸗ nießt, die täglich den Geliebten ſehend, täglich mit ihm koſend, kein andres Hinderniß ihres Glückes kennt, als die noch unbeendete Ausſtattung. Wann ſie ihm angehören würde— ſie wußte es nicht, wie in jenem ſchönen lithauiſchen Liede mußte ſie ſich ſagen: Sind Luft und Waſſer und Land erſt frei, Dann ſäumt er nicht länger, dann eilt er herbei. Sie wußte, daß die Geſchicke der Welt leicht ihr eignes kleines Lebensglück in ihrem Rieſenſturze begraben konnten, aber das waren nicht die Wolken, die Louiſens großes Herz vom Lichte ihrer Lebens⸗ ſonne ſcheiden konnten. Er lebte, liebte ſie und war ihrer Liebe werth, während ſie täglich, ſtündlich ſtrebte, ſeiner und ſeiner Liebe würdiger zu werden. Und die Zeit ging ihren ruhigen unmerkbaren Gang. Abend und Morgen bildeten einen Tag, wie die Bibel ſagt, und jeder Tag Louiſens war ausge⸗ füllt durch Arbeit, verklärt durch Liebe, erleuchtet von heiligem Gottvertrauen. Der Winter war früh und rauh gekommen. Louiſe und die Mutter ſchliefen, da ſie ſich aufs äußerſte beſchränken mußten, in einem Cabinete, das 1856. XX. Erinner. e. Großmutter. II. 42 178 von ihrem einzigen Wohnzimmer nur durch eine Gar⸗ dine getrennt war. Die Mutter hatte ſich zeitig niedergelegt, ſie fror und fühlte ſich etwas unwohl. Louiſe blieb noch auf, um die ſchöne Goldſtickerei auf einer Ge⸗ nerals⸗Uniform zu beenden. Die fleißigen Hände regten ſich eifrig auf dem Rahmen und die goldenen Blumen und Eicheln mehr⸗ ten ſich, während Louiſens Gedanken zu dem fer⸗ nen Geliebten ſchweiften, von dem ſie ſo lange, ach ſo lange nun ſchon, keinen Gruß der Liebe empfangen. Der folgende Tag war ein Werktag. Louiſe ſaß, als der Morgen graute, noch am Stickrahmen, löſchte aber das Licht und trat ans Fenſter, ihre heiße ſiebernde Stirn an den kalten Scheiben zu kühlen. Sie ſah, wie die Leute vom Lande im düſtern Zwielicht des winterlichen Morgens auf Karren und Wagen die Straße entlang kamen und nach dem neuen Markte ihre Vorräthe brachten Der Froſt hatte etwas nachgelaſſen, eine rauhe Schneeluft war dagegen eingetreten und der Wind fegte durch die Straßen. Sie ſah den armen durch⸗ kälteten Landleuten, die ſich frierend in ihre oft ziem⸗ lich dünnen Kleider hüllten, traurigen Herzens zu, ben i das der, gezoge gegen liebe zottig und f faſt Angſt Bruſt dung bei L ne Gar⸗ egt, ſie e blieb er Ge⸗ uf dem mehr⸗ m fer⸗ ge, ach fangen. Louiſe rahmen, er, ihre iben zu düſtern ren und ich dem e rauhe r Wind durch⸗ ft ziem⸗ ens zu, 179 trat dann, an die Nothwendigkeit der eignen Arbeit denkend, zu ihrem Rahmen zurück und flüſterte halb⸗ laut vor ſich hin: „So ſauer ringt die kargen Looſe Der Menſch dem harten Himmel ab.“ „Doch unerbeten aus dem Schooße Der Götter, fällt das Glück herab.“ ſagte eine liebe bekannte Stimme dicht ne⸗ ben ihr. Zitternd, erſchrocken blickte ſie auf und ſah in das Geſicht eines grauköpfigen, graubärtigen Fiſchers, der, die Kaputze ſeines Mantels halb über den Kopf gezogen, ihr einen Baſtkober mit Fiſchen ent⸗ gegen hielt. In dieſem Geſichte aber blitzten zwei ſchwarze liebe Augen tief und freundlich und hinter dem grauen zottigen Barte glänzten blendend weiße Zähne hervor und friſche jugendliche kirſchrothe Lippen. „Fritz! mein Fritz!“ ſagte das Mädchen leiſe, faſt tenlos und lag an ſeinem Herzen und die Angſt und Sehnſucht, die in der letzten Zeit ihre Bruft zerfleiſcht hatte, löſte ſich auf in ſelige Thränen. „Endlich, endlich;“ rief er, die läſtige Verklei⸗ dung von ſich werfend,„endlich bin ich nun wieder bei Dir meine Louiſe, mein Glück, meine Seligkeit. 412* 180 Seit drei Tagen bin ich hier in der Gegend und ſchleiche bei Tag und Nacht um das Haus, ohne Gelegenheit zu finden, ungeſehen oder mindeſtens un⸗ erkannt hineinzukommen.“ Sie hatte ihr Köpfchen auf ſeine Schulter ge⸗ lehnt. Ihre Körperkraft war gänzlich gebrochen. Sie fühlte die tödtliche Ermattung, fühlte neben dem ſtillen reinen Glück der Nähe des Geliebten das Verrinnen ihres Ichs, aller ihrer Gedanken und Gefühle in dem einzigen der innigſten Beruhigung. „Mein Freund,“ ſagte ſie liebevoll,„mein Ge⸗ liebter, mein Ritter, wie freue ich mich Deiner Nähe.“ Er blickte ihr in die Augen und ſah jetzt erſt im vollen Tageslicht ihre tödtliche Bläſſe, fühlte das Zittern ihrer Hände und die feuchte Kälte ihrer Sammtwange. „Um Gott, Louiſe, was haſt Du, mein Mäd⸗ chen? Du biſt krank, ſehr krank!“ „Ich bin nur müde, Fritz, und gluͤcklich, un⸗ ſäglich glücklich; ich denke, ſo muß der Tod kommen, wenn die Sorgen und Aengſten des Lebens beſeitigt ſind, wenn wir den Beſitz des Gutes errungen haben, nach dem wir uns von Kindheit an ſehnen, wenn die Arbeit unſres Daſeins vollbracht iſt.“ „Schlafe,“ flüſterte er über ſie gebeugt,„ſchlafe an n ſüßes 6 bewill ängſti Hinfaͤ Treuf ihr und wenn heit bin i des nicht der ni Nach paſch bot! dort ſchön ſo w und nd und 8, ohne ns un⸗ ter ge⸗ n. Sie n dem en das n und igung. n Ge⸗ Nähe.“ etzt erſt lte das e ihrer Mäd⸗ ch, un⸗ ymmen, beſeitigt haben, enn die „ſchlafe 181 an meinem Herzen, unter meinem Schutze, mein ſüßes Lieb.“ Die Mutter trat in dieſem Augenblick ein und bewillkommnete den Schwiegerſohn freundlich und ängſtigte ſich wegen Louiſens plötzlich eingetretener Hinfälligkeit. „Sie muß ſchlafen, theure Mutter,“ entgegnete Treufeldt,„die bei der Arbeit durchwachte Nacht hat ihr Nervenſyſtem abgeſpannt. Louiſe muß ſchlafen und ich muß mich verbergen, Mama, denn obwohl, wenn mich nicht alles trügt, die Zeit meiner Frei⸗ heit herannaht, ſo iſt ſie noch nicht erſchienen. Noch bin ich der vogelfreie Adjutant Schills; der Offciier des verrufenen Kaperſchiffes, auf deſſen Kopf ein nicht unbedeutender Preis ſteht; der Schmuggler, der nicht nur verbotene Waaren, ſondern auch verbotene Nachrichten über die ſtreng bewachten Grenzen paſcht. Mama, liebe Mama, Noth hat kein Ge⸗ bot! verſtecken Sie mich in Louiſens Stübchen, dort werde ich wie Peter von Provence bei meiner ſchönen Magelona wachen. Trauen Sie, liebe Mutter, ſo weit auf meine Ehre und Männlichkeit?“ Madame Treufeldt trippelte etwas verlegen auf und ab. „Es geht leider Gottes nicht anders,“ ſagte 182 ſie dann,„Sie müßten entweder im Holzſtall oder in der kleinen Schlafſtube eingeſchloſſen werden, ehe unſre alte Aufwärterin kommt, und Louiſe, ſehen Sie, muß wahrhaftig ſchlafen, ſie iſt krank und ich fürchte, ſie bekommt das Nervenſieber, das jetzt wieder ſo erbärmlich graſſirt. Bleiben Sie eine Minute hier, bis das Kind ſich niedergelegt hat, und dann ſetzen Sie Sich zu ihr in den Lehnſtuhl; ich werde Euch eine gute Bierſuppe bringen, und die ſchönen Fiſche hier im Kober, es iſt— weiß Gott— ein Aal und ein Karpfen dabei, zu Mittag kochen.“ Sie führte Louiſe, deren Knie ihr den Dienſt verſagten, hinweg und rief nach einigen Minuten den jungen Officier an das Bett des zitternden Mädchens, zu deſſen Häupten ſie den großen ledernen Armſtuhl geſchoben hatte. Eine Minute lang glühten die Wangen des Jünglings im brennendſten Roth und ſeinen dunkeln Augen ſchienen electriſche Funken zu entſprühen. Dann aber nahm er ſich zuſammen, ging zweimal im Zimmerchen auf und ab und ſetzte ſich mit dem Ausdruck männlicher Wütde in jedem Zuge des edeln Geſichtes an das Bett der Geliebten. Louiſe legte ihre zitternde Hand in die ſeine. „Geh nicht von mir, Fritz, laß mich Dein liebes verni Der laſſer ll oder n, ehe i Sie, fürchte, ſeder ſo e hier, ſetzen lch eine hhe hier nd ein Dienſt inuten ternden edernen gen des dunkeln prühen. weimal it dem s edeln ſeine. liebes 183 Geſicht ſehen, wenn der Schlaf meine Augen zu⸗ drückt, laß mich den Kopf auf Dein Knie legen— ſo— jetzt möcht' ich ſterben!“ „Leben ſollſt Du ſo, mein einziges Herz, ſo an mich gelehnt, von meinem Arm gehalten, leben und glücklich ſein. Kannſt Du achten auf das, was ich ſage?“ „Deine liebe Stimme hält meine Gedanken aufrecht, was Du ſagſt, kann ich verſtehen, Fritz.“ „Wohlan denn, mein Mädchen! gute, gute Nachricht. Die franzöſiſche Arme iſt aufgelöſt.— Obgleich Napoleon bei Smolensk und an der Moskwa ſich Sieger nannte, obgleich er als Sieger in der uralten Stadt Moskau einzog, iſt dennoch ſein Heer vernichtet, ſeine Macht fͤr den Augenblick gebrochen. Der General Rostopſchin hat Moskau anzünden laſſen und obdachlos, ohne Nahrung, ohne Kleidung, von Koſakenſchwärmen verfolgt, irrt der Reſt der großen Armee durch das unwirthliche Land.— Schlaf ein, mein Lieb, eine neue Zeit iſt im Werden, und aus dem Völkerkrieg, der ſich jetzt vorbereitet, wird die Freiheit Deutſchlands erwachſen und unter ihrem Schutze, will's Gott! das ſtille Glück unſrer Zukunft. Der Weihnachtstag, dem wir jetzt entgegen ſehen, wird ein Tag des Glückes, der Freude ſein.— Schlaf 184 nun, mein Madchen, auch ich will ſchlafen, haben wir doch als Kinder einſt ſo neben einander geruht; und ſo wahr Gottes Auge auf uns niederſieht, ſo wahr ich auf die Befreiung des Vaterlandes und auf das Glück Deiner Liebe hoffe, ich habe in allen wilden Stürmen meines bewegten Lebens mir an Leib und Seele die Reinheit des Knabenalters be⸗ wahrt. Der Gedanke an meine Mutter und der frühe Segen einer reinen edeln Liebe waren meine Schutzengel.“ Louiſe drückte die Lippen auf ſeine ſchöne ſchlanke Hand und der Schlaf drückte ihr endlich die müden Augen zu, aber ſelbſt ſchlafend fühlte ſie die milde ſelige Sicherheit der Naͤhe des Geliebten. Als ſie erwachte ſtel ein Strahl der abendlichen Winterſonne hell ins Stübchen und warf einen goldnen Refler auf das reine edle Antlitz ihres ſchlummernden Freundes. Die Mutter war in das Zimmer gekommen und hatte, mit leiſer Hand den Vorhang öffnend, dem Lichte den Weg zu Louiſens Auge gebahnt. Mit einem ſeligen Lächeln erwachte auch der Jüngling und die lange ſtille Nacht lag nun zum ungeſtörten Plaudern vor der kleinen Familie. Madame Wohlgemuth hatte bei Zeiten die alte der dant ſorg rath mit freit aufg dem beſſr erſte hint wo Reſt Kap ihre Von ſcha ßen Vet dem ſeit haben geruht; eht, ſo es und n allen mir an ers be⸗ nd der meine chlanke müden milde dlichen einen ihres pmmen ffnend, nt. lich der n zum en die 185 alte Aufwärterin entlaſſen, hatte den kleinen Flur, der zu ihren Zimmern führte, feſt verſchloſſen, ruckte dann die Läden vor das Fenſter und verhing ſie noch ſorglichſt, damit kein Lichtſtrahl auf der Straße ver⸗ rathe, daß die Familie anweſend ſei. Sie hatte mit hausmütterlichem Eifer und alt gewohnter Gaſt⸗ freiheit den ſaubern Tiſch gedeckt und die Speiſen aufgetragen, und drei glückliche Menſchen ſaßen an demſelben und erfreuten ſich der Hoffnung auf eine beſſre Zukunft. Man trank auf die Heimkehr des Vaters das erſte Glas des Weines, den die Mama aus dem hinterſten Eckchen des Wandſchrankes hervor holte, wo er manchen Tag geſtanden, ein zurückgebliebener Reſt aus beſſern Zeiten. Fritz erzählte von ſeinen Abenteuern auf dem Kaperſchiffe, von ſeinen weiten Seereiſen, die ihn ſeit ihrer letzten Trennung in die fernſten Meere geführt. Von ſeinem Aufenthalte in Odeſſa, ſeinen Bekannt⸗ ſchaften mit ruſſiſchen Notabilitäten, die er zum gro⸗ ßen Theile dem nicht unbedeutenden Einfluß ſeines Vetters, des Malers, verdankte, deſſen Talent ſelbſt dem Kaiſer bekannt geworden war, ſo daß er ſchon ſeit längerer Zeit ſich in Petersburg aufhielt, von 186 Seiten des Hofes beſchäftigt wurde und ſich Ruf und Vermögen erworben hatte. In Graudenz, wo er zuletzt auf kurze Zeit einen Verſteck gefunden, hatte Fritz den Bank⸗Direktor Wohl⸗ gemuth und deſſen Gattin geſprochen und brachte von beiden die wärmſten Grüße. Das Ehepaar hatte ſich im Unglück mehr und mehr zuſammen gefunden. Seine Gattin, jetzt ſeine einzige und ſo liebevolle Freundin, war Wohlgemuths Glück und ſein Troſt. — Er war nicht mehr eiferſüchtig auf ihre Erinne⸗ rung an den dahin geſchiedenen Jugendfreund, und ſie hatte einſehen gelernt, daß ein enthuſiaſtiſcher Mann einen Stern am Himmel verehren kann, ohne deßhalb die Liebe und Anhänglichkeit ſeines Weibes zu unter⸗ ſchätzen. Das Geſpräch flog ſo zurück zu Freunden aus der Vergangenheit und eilte dann vorwärts in die hoffnungsvolle Zukunft. Die Nacht entfloh wie ein Traum und es mochte Morgens vier Uhr ſein, als auf der Sträße, dicht unter den Fenſtern des von Frau Wohlgemuth bewohnten Hau⸗ ſes, eine Katze höchſt kläglich und erbärmlich miaute. Fritz ſprang auf.„Das iſt mein Signal,“ ſagte er,„ich muß nun fort, meine Louiſe, und Gott ſchütze Dich.“ Ruf einen Vohl⸗ rachte hatte nden. evolle Troſt. rinne⸗ „ und Mann eßhalb unter⸗ 187 Das Zeichen wiederholte ſich raſch hinter einan⸗ der in verſchiedenen Modulationen noch zweimal. Fritz hatte ſeine Verhuͤllung wieder vorgenommen. „Leben Sie wohl, theure Mutter,“ ſagte er, „wenn Sie mich jetzt wiederſehen, ſo wird es öffent⸗ lich geſchehen. Gott mit Dir, mein geliebtes Mäd⸗ chen, denke mein, bange Dich nicht nach mir und vertraue der Zukunft.“ Er ſchlüpfte die Treppe hinab, Madame Wohl⸗ gemuth ſah ihn mit leichter Hand die Hausthüre öffnen,— die Erſcheinung war entflohen! und Louiſe ſtand allein, betend, weinend, aber zufrieden und hoff⸗ nungsfreudig in ihrem ſtillen Zimmer. 188 Neuntes Capitel. Denn eine Zeit wird kommen, Da macht der Herr ein End; Da wird den Falſchen genommen Ihr unechtes Regiment. Eichendorff. Lebe wohl, Lebe wohl, mein Lieb, Muß jetzt von Dir ſcheiden, Einen Kuß, einen Kuß mir gib Muß Dich heute meiden, Eine Blüth', eine Blüth' mir brich Von dem Baum im Garten, Keine Frucht, keine Frucht für mich, Kann ſie nicht erwarten. Uhland. Die Franzoſen waren aufgerieben von der Rauheit des ruſſiſchen Klimas, von der Unwirth⸗ barkeit des unangebauten Landes. Moskau lag, ein Trümmerhaufen, weit hinter der flüchtenden Armee, deren nächſte Zuflucht die Grenze des preußiſchen Staates ſchien. General York hatte capitulirt. Ueberall im Lande zeigte ſich, wie tief eingewurzelt der Haß gegen die fremden Unterdrücker ſei; denn ſelbſt das Mitleid mit den namenloſen Leiden der unglücklichen, 189 fluͤchtenden, verſprengten Armee reichte nicht aus, den lauten Jubel zu mäßigen, der ſich überall, all über⸗ all Luft machte bei der Hoffnung auf Befreiung. Louiſe, wie ſehr ihr Herz auch für ihr Land fühlte, wie vielen Grund auch ſie beſonders hatte, den Sturz der Fremdherrſchaft herbei zu ſehnen, war doch viel zu ſehr Weib, um nicht das tiefſte Mitleid zu empfinden mit den Unglücklichen, die krank, zerlumpt, mit Wunden bedeckt, mit erfrorenen Gliedern ſich durch die Straßen Elbings ſchlichen und als die Reſte der großen franzöſiſchen Armee bezeichnet wur⸗ den, die ſie vor ſo kurzer Zeit noch, eine unzählbare Schaar heldenkühner, geſunder, ſchöner Männer, ihrem Geſchick hatte froh und ſorglos entgegen ziehen ſehen. Es waren leidende Menſchen, gleichviel ob Freunde oder Feinde, und mit bewegtem Herzen, mit weinenden Angen, gab ſie was nur irgend in ihren Kräften ſtand hin, um ein Theilchen des unge⸗ heuern Elends zu lindern, wie klein das auch immer⸗ hin ſein möge. Es war ein rauher furchtbarer Januartag, als ſie am Fenſter ſtehend einen Bauernwagen bemerkte, auf dem ein Kranker lag, der den bleichen Kopf in das Stroh drückte und entſetzlich zu leiden ſchien. Der Wagen hatte dicht vor ihrer Hausthür 190 halt machen müſſen, weil ein Gedränge in der Straße ihn am Vorwärtskommen hinderte. „Mutter, liebe Mutter,“ rief Louiſe,„ſieh Dir das Geſicht an, ſcheint Dir's nicht bekannt? Sieh nur die Augen und die Stirn und— kein Zweifel, liebe Mutter, General Vattier liegt da in dem gräßlichen Schneegeſtöber vor uns, der Mann, der einſtens unſerm Vater Gutes erwies, den wir alle als einen milden, gütigen, großmüthigen Feind kennen; geſtatte mir, daß ich ihn hier zu uns herauf nehme.“ Madame Wahlgemuth hätte gern Einwendun⸗ gen gemacht und begann auch mit manchem:„aber, liebe Louiſe— 4 Da die Tochter ſie jedoch darauf aufmerkſam machte, daß dieſe Einquartirung ihnen andere erſpa⸗ ren würde, daß der General vielleicht durch verſtän⸗ dige Behandlung in kurzem geneſen könne, und daß St. Albans, jetzt auch wahrſcheinlich franzöſiſcher Ge⸗ neral, vielleicht in einer andern Familie das Gute genießen könnte, was ſie jetzt einem ſeiner Kameraden erwieſen, gab die gute Frau nach und ging mit ihrer Tochter hinab, ſich dem alten Bekannten vorzuſtellen. Der Bauer war ſehr bereit ſeinen Kranken hin⸗ aufzutragen, konnte er dann doch hoffen, mit ſeinem Wagen heimkehren zu dürfen. Ein Paar Sackträ⸗ — Straße h Dir h nur liebe lichen nſtens einen eſtatte ndun⸗ „aber, erkſam erſpa⸗ erſtän⸗ d daß er Ge⸗ Gute eraden t ihrer ſtellen. en hin⸗ ſeinem ackträ⸗ 191 ger, die eben in der Straße das Gedränge vermehren halfen, faßten an und in wenigen Minuten lag der Leidende in einem reinlichen Bette in der kleinen Kammer neben der Wohnſtube. Louiſe wuſch ſein Geſicht mit Waſſer und Wein, gab ihm zu trinken und verſuchte nachzuſehen, worin eigentlich ſeine Leiden beſtänden. Großer Gott! der ehemals ſo kräftige, kluge, gütige Mann, war nun eine Ruine, ein Torſo; Hände und Füße waren erfroren, ſeine Bruſt, in der ein ritterliches und gutes Herz ſchlug, eine einzige Wunde. Kein Elend konnte größer, furchtbarer ſein. Die weinenden Frauen ſchafften ihm jede mög⸗ liche Erleichterung, ſie pflegten den Bewußtloſen als ob er ihr Bruder ſei, aber ſie konnten nichts mehr für ihn thun als ſeine Sterbeſtunde erleichtern. Kurz vor ſeinem Tode fand ſich ſein Bewußt⸗ ſein noch einmal ein, er erkannte ſeine freundlichen Pfle⸗ gerinnen, er ſegnete ſie und bat Louiſen in ſehr gutem Deutſch, ſich als ſeine Erbin zu betrachten.„In dem Reſte meiner Uniform,“ ſagte er mit dem ſchwachen Verſuch zu lächeln,„ſtecken noch ziemlich drei hun⸗ dert Napoleon. Da, wo ich herkomme, in jenem ſchrecklichen wüſten Lande, konnte Geld nichts nützen. Ich ſterbe jetzt weit froher, liebe Demoiſelle, wenn 192 ich weiß, daß gute Menſchen das Geld benützen wer⸗ den, was mir in meinem jetzigen Elende eine Laſt mehr war.“ „Haben Sie keine Verwandten, keine Freunde, denen wir im Fall Ihres Todes Ihr Eigenthum zuſtellen könnten?“ fragte Louiſe leiſe weinend. „Niemanden, niemanden, mein theueres Kind,“ entgegnete er ruhig.„In der Heimat ſind die ge⸗ ſtorben, die in der Kindheit unſere Familie waren; neue Bande zu knüpfen geſtattete uns das rollende Rad unſeres Geſchickes nicht.“ In einer der Stunden, da der Leidende bei vollem Bewußtſein war, wagte es Louiſe den Namen St. Albans vor ihm zu nennen und ihn zu fragen, ob dieſer ihm bekannt ſei, ob er ſein Geſchick wiſſe? St. Albans, einer der Hochgeborenen, die Na⸗ poleon ſpäter um ſeinen Thron verſammelt! der Name war dem älteren Glücksſoldaten nicht fremd. Bei Smolensk hatte St. Albans' Regiment nicht weit von dem ſeinen gekämpft, auch hatte er damals den ſchönen Mann ſelbſt noch geſehen; wo er dann geblieben, wußte er nicht. „War er vermählt?“ fragte Louiſe zitternd. „O nein! Es ging ein Gerücht, daß der Kaiſer ihn mit einer Gräfin Fürſtenfeld, einer Dame aus der 1 daß ſo N dankt die H gelieb Aufen auf u umge als er mehr am W Winte wende Franz in ei das wiede kleine der H 1856. wer⸗ Laſt eunde, ithum Kind,“ e ge⸗ daren; llende de bei tamen ragen, wiſſe 2 e Na⸗ ! der fremd. nicht amals dann nd. Kaiſer aus 193 der Umgebung der Kaiſerin hatte verbinden wollen, daß aber der Colonel dieſe Gnade abgelehnt und ſo Napoleons Gunſt verſcherzt habe.“ Das Herz des jungen Mädchens erzitterte. Sie dankte Gott für dieſe Nachricht, die ihr wenigſtens die Hoffnung ließ, daß ihre unglückliche Schweſter geliebt ſei. Gepflegt und gewartet, ſtarb nach achttägigem Aufenthalt bei Frau Wohlgemuth General Vattier, auf weichem Lager, im warmen freundlichen Zimmer, umgeben von mitleidiger Zuneigung. Das war mehr als er gehofft auf dem berſtenden Eiſe der Bereſina; mehr als vielen vielen Tauſenden zu Theil wurde, die am Wege niederſinkend, ihren letzten Seufzer dem grauen Winterhimmel, ihrer einzigen Decke, entgegen hauchten. Louiſe nahm das ihr geſchenkte Gold und ver⸗ wendete ſo viel ſie konnte zur Erquickung der armen Franzoſen, von denen immer neue und neue Fluten in einem Zuſtande des troſtloſeſten Elends durch das Städtchen ſtrömten, dort kurze Zeit ruhend und wieder vorwärts gedrängt durch andere Schaaren. Michel Ney, Fürſt von der Mofkwa, mit ſeinem kleinen wohl disciplinirten Häuflein, war der letzte der Heerführer, der Raſt machte in Elbing. Der Feldmarſchall wohnte im Hauſe des Con⸗ 1856. XX. Erinner. e. Großmutter. II. 13 194 ſuls Strombeck.— Kutuſoff mit ſeinen Koſaken, Kalmücken und Baſchkiren folgte ihm auf dem Fuße. Der ruſſiſche Feldherr wollte nicht die Straßen der Stadt zum Kampfplatze machen und darum ra⸗ ſtete er eine Meile von Elbing, während langſam, wohlgeordnet und in feierlichem Schweigen Ney’s Heldencorps ſeinen Abzug nahm. Den ganzen langen Tag bis tief in die Nacht hinein zogen die geſchloſſenen Colonnen die Straße entlang über die zum Berlinerthore führende Brücken. Wunderbar war die Mannszucht, die der braoſte der Braven unter ſeinen Kameraden hielt, die ſol⸗ ches Feldherrn wohl würdig waren. Bei Anbruch des nächſten Tages, es war ein heller freundlicher Wintermorgen, waren die Straßen leer; nur hin und wieder ſchlich noch ein bleicher, kranker Nach⸗ zügler an den Häuſern hin, ein Verſteck ſuchend, wo er ſein müdes Haupt hinlegen könne um zu ſterben. Um zehn Uhr Morgens, unter dem Gelänute aller Glocken, unter dem Jubelruf der Einwohner ruͤckten die erſten Ruſſen in die Thore. Doniſche Koſaken, ſchöne, ſchlanke Leute, in blauen Wämmſern und Bein⸗ kleidern, bewaffnet mit langen Piken, an der Seite den furchtbaren Kantſchuh. Sie ritten kleine wilde zottige Pferdchen, und unter ihren langen Bärten blitzten dunkle 87 thüren Joche ᷣ „1 — 80 SS lauteſt platten flachen ger ni etwas ( fing lichen Mein ſtrecke vateig aufgen die n ernſte hatten G oſaken, n Fuße. Straßen um ra⸗ ngſam, Ney's Nacht Straße Brücken. bravſte ßie ſol⸗ in heller en leer; er Nach⸗ end, wo ſterben. ite aller rückten Koſaken, d Bein⸗ r Seite e wilde Bärten 195 blitzten weiße Zäͤhne, unter ihren lockigen Haaren dunkle glänzende Augen hervor. Die Einwohner Elbings ſtanden vor den Haus⸗ thüren und riefen den Befreiern von franzöͤſiſchem Joche laute Hurrahs zu, boten ihnen Brod und Brannt⸗ wein und ſchüttelten ihnen die Hände. Baſchkiren, mit Pfeil und Bogen bewaffnet, folgten den Koſaken. Auch dieſe Wilden empfing der allgemeinſte, der lauteſte Jubel und ſelbſt die Kalmücken mit ihren platten Naſen, mit ihren ſchief ſtehenden Augen und flachen Geſichtern, erſchienen den frohen Herzen der Bür⸗ ger nicht als garſtige Ungethümer, ſondern nur als etwas ſeltſame, nicht ſehr civiliſirte Leutchen. Es währte indeß nicht viele Tage und ſchon fing man an ſich ins Ohr zu flüſtern, die wunder⸗ lichen Befreier ſeien nicht allzu gewiſſenhaft, was Mein und Dein beträfe, und ihre Brüderlichkeit er⸗ ſtrecke ſich etwas zu weit in Beziehung auf das Pri⸗ vateigenthum derer, die ſie jubelnd in ihre Häuſer aufgenommen und ihnen die Räume geöffnet hatten, die noch erwärmt waren, da eben Feinde, die ſtillen ernſten Helden des Ney'ſchen Corps, ſie verlaſſen hatten. Es war nun einmal ſo und nicht anders, und 13* 196 zuletzt fügte man ſich auch darein, ſich nur ſchuͤchtern bekennend, daß Franzoſen ſelbſt als Feinde, ſelbſt auf der Flucht, doch eine humane und ritterliche Nation geweſen. Mit dem Einzug der Ruſſen ſank der Zweck der Continental⸗Sperre. Engliſche Schiffe liefen in den Hafen von Pillau. Die kleine luſtige Brigg Gypſt war eines der erſten davon, und vierundzwanzig Stunden ſpäter trat Fritz Treufeldt in der ſtattlichen Uniform der Schill⸗ liſchen Hußaren zum Erſtenmal offen und frei in das Zimmer ſeiner jugendlichen Braut. Die bloße Möglichkeit, den Geliebten frei und offen bei ſich aus⸗ und eingehen zu laſſen, enthielt für Louiſe nach dem langen aͤngſtlichen Verbergen, welches früher nothwendig geweſen, um nur ſein Leben zu erhalten, eine ſolche Fülle von Seligkeit, daß ſie ſich in einer Art von Wonnefieber befand, als ſie zum Erſtenmal an ſeinem Arme durch die Straßen ging. Am dritten Februar erließ der König einen Aufruf an die Jugend ſeines Volkes, ſich unter den Fahnen zu ſchaaren zum muthigen Kampfe gegen die Unterdrücker langer ſchwerer Jahre, und mit froh hüchtern lbſt auf Nation r Zweck en von nes der iter trat Schill⸗ in das frei und enthielt rbergen, iur ſein Seligkeit, befand, urch die g einen nter den egen die nit froh 197 ſchlagenden Herzen ſtrömten die Jünglinge Preußens, die hochherzige wackre Innd einer vergangenen Zeit, zuſammen. Fritz Treufeldt trat am Premier⸗Lieutenant in das in Elbing garniſonirende Hußaren⸗Bataillon, und hatte nun das Geſchäft, die Menge Freiwilliger, aus Studenten, Referendaren, jungen Handwerkern und Kaufleuten, aus Jünglingen aller Stände beſtehend, im Waffendienſte zu üben. Es war eine Zeit, ſchön und herzerhebend wie das Erwachen des Lenzes nach langem Winterſchlafe. Ein Jubellaut ging durch alle Herzen, alle Nerven ſpannten ſich, alle Kräfte regten ſich freudig. Niemand, niemand exiſtirte im Vaterlande, der nicht ſein Ich, ſeine Genüße, ſeine Bequemlichkeiten vergeſſen hätte in dem Wetteifer, dem Allgemeinen nützlich zu ſein. Der Reiche gab nach ſeinem Ver⸗ mögen und der Arme opferte ſein Letztes, und jeder fühlte voll Wonne, daß er für ſeine Brüder, für die Seinen gab. Das ganze Land erſchien wie eine Familie, die, für einander arbeitend, ſorgend, ſchaffend, keine Hin⸗ gebung als ein Opfer empfindet, ſondern in jedem nur die froͤhliche Erfüllung einer natürlichen Pflicht ſieht. 198 Conſul Strombeck, der ſeit dem Einrücken des General Tſchernitſcheff in Elbing nicht mehr franzö⸗ ſiſcher ſondern ruſſiſcher Conſul war, ſtattete hundert Freiwillige aus und Madame Wohlgemuth gab als Scherflein der Witwe ihren goldenen Trauring ge⸗ gen einen eiſernen, mit der einfachen Inſchrift: Gold gab ich für Eiſen.— Sie gab ihre ſilbernen Eßlöffel und die ſchweren ſilbernen Gabeln und aß zum erſtenmal in ihrem Leben mit eiſerner Gabel und zinnernem Löffel, als ihr Schwager Wohlgemuth, der gleich nach der Kriegserklärung des Königs von Preußen begnadigt worden war, in der Uniform der freiwilligen Jäger bei ihr zu Tiſche ſaß. Auch Tante Sophie war bei ihrer Schwägerin, die Leidensjahre in Graudenz hatten aus der blei⸗ chen kränklichen Dame, die vor jedem rauhen Lüft⸗ chen gehütet werden mußte, eine kräftige feſte Ma⸗ trone gemacht. Die Nothwendigkeit körperlicher Arbeit eines Theils und auf der andern Seite das unendlich frohe Ge⸗ fühl, ihrem Gatten eine wahrhafte Freundin und Ge⸗ hilfin zu ſein, hatten dieß Wunder bewirkt. Es war ein kleiner Kreis von heitern Menſchen, der ſich um den gaſtlichen Tiſch der Mutter Wahl⸗ gemuth verſammelt. 199 cken des Wie in Kydullen hatte die gute Matrone heute franzö⸗ vorgeſetzt, was Küche und Keller vermochten, ſogar hundert etwas mehr als dieß; denn der gute Wein, den Herr ⸗ gab als Wohlgemuth in ſein grünes Glas rinnen ließ, hatte ing ge⸗ keineswegs im Keller der armen Frau gelegen.— nſchrift: Es war ein edler Rheinwein, Herr Wohlgemuth erhob ſilbernen den Pokal und ſagte mit glänzenden Augen:„Das und aß erſte Glas der Freiheit! dem höchſten Gute der Völ⸗ r Gabel ker und jedes Einzelnen, und nicht nur das erſte lgemuth, Glas, auch der letzte Blutstropfen ſei dieſem heilig⸗ Königs ſten aller Güter geweiht.“ Uniform„Unſrem wackern, im Leiden bewährten Könige!“ ſagte Fritz ſein Glas erhebend. wägerin,„Gott tröſte ihn, den ſchwer Geprüften, über der blei⸗ den frühen Verluſt des Engels, der ihm in Geſtalt en Lüft⸗ ſeiner Gattin zur Seite ſtand, dieß Glas dem An⸗ eſte Ma⸗ denken Louiſens!“ entgegnete Wohlgemuth und eine Thräne fiel aus ſeinem Auge in den goldenen Wein. es Theils„Rückkehr den Verbannten!“ ſagte Tante Sophie, ohe Ge⸗ ihr Glas erhebend,„mögen ſie am heimathlichen und Ge⸗ Herde Frieden und Freude finden!“ und mit einem — unterdrückten Seufzer, der der unglücklichen Schweſter Nenſchen, galt, ſtieß Louiſe bei dieſem Toaſte an. er Wohl⸗„Und endlich, wenn alles wieder gut iſt, wenn unſer König geſiegt hat, Frieden auf Erden!“ 200 meinte Frau Wohlgemuth.„Ja Frieden auf Erden!“ riefen alle und alle fühlten, daß die einfache Frau ein ſchönes Wort geſagt habe. Es war ein heiterer glücklicher Tag, den die Fa⸗ milie ſo mit einander verlebte. Am Abende deſſelben ſaß Louiſe mit Tante Sophie allein in dem kleinen Stübchen, das dieſe mit ihrem Gatten für kurze Zeit bewohnte. Sie ſaßen im traulichſten herzigſten Geſpräch, denn immer noch war Tante Sophie die innigſte Freundin, die mütterliche Vertraute ihrer Nichte. „Ich kann nicht anders fühlen,“ ſagte Louiſe eifrig,„ich kann mir nicht helfen. Ich darf das vor niemandem ausſprechen, denn die Welt iſt ver⸗ kehrt, aber Tante, liebe Tante, Dir will und muß ich es ſagen, ich kann jetzt erſt die Handlungsweiſe meiner armen Lydia verſtehen und des blinden Vet⸗ ters Wort würdigen. Er ſagte, als er hörte, daß ſie St. Albans in die weite Welt gefolgt ſei: Sie iſt eine Heilige, ſie iſt ein Engel. Damals, Tante, kannte ich nicht das allgewaltige und heilige Ge⸗ fühl der Liebe, das das Weib mit ſeinem ganzen Weſen, mit all ſeinem Thun und Sein an den Mann feſſelt. Sie ſah ihn in Gefahren, ſah ihn dem Tode entgegen gehen und fühlte in ſich das Be⸗ kann und das terte jamm ſchick nam chen, freun glut Tant iſt, den!“ Frau ie Fa⸗ Tante eſe mit ſpräch, nnigſte bte. Louiſe rf das ſt ver⸗ d muß gsweiſe Vet⸗ te, daß t: Sie Tante, e Ge⸗ ganzen Mann n dem as Be⸗ 201 dürfniß, ja die Nothwendigkeit, ihm zu folgen, um jedes Leid mit ihm zu theilen und ihm mit allen ihren Kräften, mit all ihrer Liebe da beizuſtehen, wo der Mann des liebenden Weibes am meiſten bedarf, in den Momenten des Leidens. Wenn er ihr nicht die Stellung gab, die ihr als ſeiner treuen aufop⸗ fernden Gefährtin gebührte, ſo war das ſeine Schlech⸗ tigkeit, herzliebe Tante, nicht die ihre.. Komme mit uns was mag, aber Eins, Tante Sophie, erkläre ich Dir feierlich; nicht als Braut meines Fritz bleibe ich zurück, wenn er nun bald dem Tode entgegen gehen wird, ſondern als ſein Weib.— Bin ich ſeine Frau und er bedarf meiner Hilfe und Pflege, ſo kann ich zu ihm eilen und müßte ich mich barfuß und bettelnd zu ihm ſchleppen; als Braut wäre mir das verwehrt. Da kämen die Menſchen und ſchnat⸗ terten von Schicklichkeit, von Anſtand und ich müßte jammernd denken, daß in der Ferne fremde unge⸗ ſchickte Hände ſeine Wunden verdänden, daß theil⸗ namlos bezahlte Wärter an dem Bett vorüber ſchlei⸗ chen, wo er nach einem Trunk lechzt, daß niemand freundlich das Kiſſen zurecht rückt, auf dem in Fieber⸗ glut das Haupt des Geliebten ſchmachtet. Nein Tante, der Liebe ſchönſtes Vorrecht, ihr höchſtes Glück iſt, die Leiden des Geliebten zu theilen und zu 202 mildern und Gott ſoll mich in meiner Noth ver⸗ laſſen, wenn ich nicht alles, alles thue um mir dieß Vorrecht zu ſichern.“ „Aber liebe Louiſe, wie willſt Du das machen? Du willſt Dich doch nicht dem Troß der Armee an⸗ ſchließen und—“ „Nein, Tante, nein! aber ich will als ſein Weib hier zurück bleiben, ich ſichere mir dadurch das heilige Recht ihn pflegen zu können, wenn— Tante, Fritz iſt ein kühner und ein kluger Soldat, aber das Glück iſt ihm nicht hold. Es ſcheint, als ob die Gefahren ſich gleichſam an ſeine Füße hefteten, iſt doch ſeine ganze Vergangenheit eine endloſe Hatz geweſen, in der er mit allem Muth, aller Schlauheit und Gewandtheit doch nichts als nur eben das nackte Leben geſichert hat.— Ich will das Recht haben, die Gefahren ſeiner Zukunft zu theilen, ich will mit ihm leiden, viel, viel lieber mit ihm leiden, als allein jener trägen Ruhe genießen, die gar kein Leben iſt; denn der lebt nur, der ſein Herz an eine geliebte Bruſt lehnen kann.“ Sie war heftig aufgeregt, während ſie ſo ge⸗ ſprochen, ſtand dann auf und ging ſich ſammelnd im Zimmer auf und ab. Sophie Wohlgemuth ſah ſie verwundert und 8th ver⸗ nir dieß nachen? nee an⸗ als ſein irch das Tante, iber das ob die eten, iſt ſe Hatz hlauheit s nackte t haben, will mit Is allein eben iſt; geliebte e ſo ge⸗ ammelnd dert und 203 einigermaßen geängſtigt an. Das war nicht das ſanfte maßvolle Mädchen, es war ein leidenſchaft⸗ liches, glühendes, loderndes Weib. „Beruhige Dich, Louiſe,“ ſagte Tante Sophie endlich milde,„Du erſcheinſt mir ſeltſam verändert, welchen Grund haſt Du zu Deiner ungewöhnlichen Aufregung?“ Louiſe war vor ihr ſtehen geblieben, ihre ſchlanke große Geſtalt überragte jetzt die kleine Figur So⸗ phiens um ein bedeutendes. Von oben herab aber ſpricht es ſich ſchlecht, wenn man die Folter des Herzens eröffnen möchte, und ſo kniete das Mädchen denn nieder vor die mütterliche Freundin und fragte weinend: „Glaubſt Du an Ahnungen, Tante Sophie?“ Die Gefragte lächelte milde.„Ja Louiſe, ich glaube in ſo weit an Ahnungen, als ich überzeugt bin, daß der menſchliche Geiſt mit dem ewigen Welt⸗ geiſt in unzerreißbarer Verbindung ſteht, und daß wir fühlen, was wir thun müſſen, um ihm wohlge⸗ fällig, das heißt glücklich zu ſein.“ „Wohl, Tante, ſo wirſt Du nicht mit verach⸗ tender Klugheit die Achſel zucken, wenn ich Dir ſage, daß eine Stimme in meinem Innern mir zuruft. daß ich verpflichtet und berufen ſei, meinem Fritz 204 in den Gefahren, die ihn erwarten, zur Seite zu ſte⸗ hen, daß er mit meiner Hilfe und nur mit dieſer ſie überwinden wird. Wir triumphiren mit lautem Jubel jetzt, da die Franzoſen, beſtegt von den Ele⸗ menten, uns verlaſſen haben, aber Tante, dieſer Ju⸗ bel iſt ein ſehr voreiliger; noch haben wir nichts ge⸗ wonnen als die Möglichkeit, uns mit Anſtrengung aller unſrer Kraft zum letzten ſchweren Kampfe zu rüſten, und Blut, das Blut unſrer Theuerſten muß noch in Strömen fließen, ehe wir Deutſche uns ein freies Volk nennen können Mein Vater iſt heute noch Gefangener in Frankreich und dieſe Franzoſen ſind heute noch dieſelben Krieger, die bei Eylau und Friedland kämpften. Ich fühle die Nothwen⸗ digkeit, den Geliebten meines Herzens und mit ihm mein ganzes Glück und alle meine Hoffnungen, auf dem Altare des Vaterlandes der Pflicht zum Opfer zu bringen. Ich will nicht goldene Flitterwochen haben, ich hoffe nicht und fordre nicht ein ſeliges Zuſammenleben mit dem Geliebten; aber mein ſoll er werden, oder vielmehr ich will ſein werden, bevor er in den Kampf zieht, damit ich, wenn er ſtirbt, ihn betrauern, wenn er leidet, ihn pflegen, damit ich ihm folgen kann ohne Furcht vor der Welt, wohin er mich aauch rufen möge.“ das will niſſe gen wuß gund nan war von zu ſte⸗ dieſer autem n Ele⸗ er Ju⸗ ts ge⸗ engung pfe zu n muß ns ein t heute anzoſen Eylau bthwen⸗ nit ihm en, auf Opfer rwochen ſeliges nein ſoll i, bevor rbt, ihn ich ihm mer mich 205 „Du haſt Recht, mein Kind,“ ſagte Tante Sophie das Haupt des Maͤdchens ſtreichelnd,„und ich ſelbſt. will vermitteln, daß Dein Wunſch erfüllt werde.—“ Und er ward erfüllt! wie mancherlei Hinder⸗ niſſe ſich auch der Verbindung der Liebenden entge⸗ gen zu thürmen ſchienen, Louiſens ernſter Wille wußte ſie aus dem Wege zu räumen. Die Einwilli⸗ gung des Militär⸗Commandos zur Heirath des Lieute⸗ nants von Treufeldt mit Demoiſelle Wohlgemuth ward erbeten und gewährt, der freundliche Segen von Fritzens Mutter langte in einem Briefe an, der zugleich die Verſicherung brachte, daß Frau von Treu⸗ feldt jedenfalls in fünf Tagen zur Trauung ihrer Kin⸗ der in Elbing eintreffen werde.— Es war nun alles vorgerichtet und Louiſe ſtand, eine ſchöne vollblühende Roſe, an der Seite ihres Er⸗ wählten in der Marienkirche am Traualtar. Der ſtattliche Officier, der ehemalige Adjutant Schills, und das holde liebliche Mädchen, das in allen Lebensla⸗ gen ſich gleich geblieben, waren von der ganzen Stadt geliebt und es war viel mehr Theilnahme als bloße Neugierde, was die Kirche und ſelbſt den Kirchhof mit Menſchen gefüllt, um draußen das Paar zu ſehen. Herr Wohlgemuth in Jäger⸗Uniform, ein 3 deſſen Geſchick auch allgemeine Theilnahme er 206 hatte, vertrat die Stelle des abweſenden Vaters der Braut, der noch in franzoͤſiſcher Gefangenſchaft ſchmach⸗ tete, und leiſe flüſterte man ſich ins Ohr, daß die Schweſter, welche dem Feind des Vaterlandes gefolgt, obgleich eine gefeierte Schönheit, doch kaum ſo lieb⸗ reizend geweſen ſei, als das holde ſittige Mädchen, das jetzt die jungfräuliche Hand einem wackern Ver⸗ theidiger des Vaterlandes reichte. Glockenklang und die Töne der Orgel empfin⸗ gen das Brautpaar in der Kirche, aber ſchon wäh⸗ rend der kurzen Trauung war es Louiſen, als ob Trommelwirbel von außen ſich hörbar machte, und als die Ringe gewechſelt, und als der Segen ertheilt war und das Brautpaar auf den ſonnenhellen Kirch⸗ hof trat, blieb ihr kein Zweifel: es ward General⸗ marſch geſchlagen und die Trompeter des Hußaren⸗ bataillons blieſen das Signal zum Sammeln. „Ich muß fort, Louiſe,“ ſagte Fritz mit einem eigenthümlichen Zucken der Lippen,„ich muß in die⸗ ſem Moment auf den Appelplatz Sei ruhig, mein ſüßes Weib, ich kehre zu Dir zurück ſobald ich kann.“ „Ich weiß das,“ entgegnete ſie ohne Zittern, „und ich bin ruhig, Fritz, jetzt bin ich es, ich preiſe Gott, daß dieſes Alarmzeichen nicht vor einer Stunde ertönte.“ s der mach⸗ 5 die folgt, lieb⸗ dchen, Ver⸗ npfin⸗ wäh⸗ als ob „ und rtheilt Kirch⸗ eneral⸗ ßaren⸗ einem n die⸗ „mein kann.“ zittern, preiſe Stunde 207 Er eilte hinweg, im guten Glauben nach kur⸗ zer Friſt wiederzukehren, ſie wußte das beſſer, ihr ahnendes Herz hatte ihr geſagt, daß dieſer flüchtige Abſchied der Beginn einer langen Trennung ſei. Sie ſah ihn auf ſeinem ſchönen ſtattlichen Brau⸗ nen vor der Fronte ſeiner Escadron an ihrem Hauſe vorbei reiten. Sie ſtand am Fenſter, den Brautkranz in den Locken, einen Roſenſtrauß in der Hand. Er war bleich, todtenbleich, als er, den Degen ſenkend, das letzte ſchmerzvolle Lebewohl hinauf winkte zum Fenſter ſeiner jungfräulichen Gattin. Sie öffnete es und warf mit dem Lächeln innig⸗ ſter Liebe den Roſenſtrauß ihm hinab, den er auffing und auf ſein Herz legte. Im ſelben Moment blieſen die Trompeter das Signal zum Traben und fort ging's, daß die Funken ſtoben, fort über die Brücke, durch das Thor, fort über die feuchten Feldwege. Louiſe ſtand immer noch am Fenſter und ein⸗ zelne Thränen fielen aus ihren Augen, bis plötzlich ein heißer Thränenregen dem gepreßten Herzen Luft machte und ſie ſich, von Tante Sophiens Armen um⸗ ſchlungen, dem Abſchiedsſchmerz rückhaltlos hingab. Auch Herr Wohlgemuth hatte dem plötzlichen 208 Rufe folgen müſſen. Die Stadt war leer geworden, ihre Männer gingen muthig dem Feinde entgegen und nur Knaben, Greiſe und die trauernden Frauen blieben zurück in ihrem ſtillen Ringe. Zehntes Capitel. Die Schlacht der Völker ward geſchlagen, Der Fremde wich von deutſcher Flur. Uhland. Du dreimal weiblich' Herz! Dein ganzes Leben, Ein Irregeh'n nach Liebe war es nur; Du liebteſt viel, d'rum ſei Dir viel vergeben. Meißner. Louiſe war ruhiger ja ſogar heiterer, als Dieje⸗ nigen es für möglich hielten, die ihre tiefe herzinnige Liebe für den fernen Gatten kannten. Treufeldts Mutter hatte nicht zur Trauung kommen können, ein plötzliches Unwohlſein hatte ſie gefeſſelt. Madame Wohlgemuth hatte nun die Hoch⸗ zeit aufſchieben wollen, aber Louiſe, ohne Rückſicht darauf zu nehmen, daß die Welt der Braut ein ge⸗ wiſſes Zögern zur Anſtandspflicht macht, hatte ernſt⸗ lich darauf beſtanden, daß die Trauung am einmal beſti Mut freue Gatt Du nicht; riſſen ten, die L ich j habe war ſüßer unan nun beſeli Herz geſchr Fritz ſeinen weich verſch ſeines verein 1856. vorden, atgegen Frauen Dieje⸗ rzinnige Trauung zatte ſie ie Hoch⸗ Rückſicht ein ge⸗ te ernſt⸗ n einmal 209 beſtimmten Tage ſtatt finde, und ſie ſchrieb nun an die Mutter ihres Fritz und ſagte ihr, wie ſehr ſie ſich freue in der feſten und beſtimmten Stellung der Gattin zurück zu bleiben. „Du wirſt mich verſtehen, Mutter meines Fritz, Du meine Mutter jetzt, wenn ich Dir ſage, daß ich nichts ſo ſehr gefürchtet habe, als daß er mir ent⸗ riſſen würde, bevor die Geſetze mir das Recht ſicher⸗ ten, ihm zu folgen, ſei es wohin es ſei, ſelbſt unter die Leichen eines Schlachtfeldes. Das Recht beſitze ich jetzt und ſegne es. Komme nun was mag, ich habe Muth zu allem. O Mutter, meine Mutter! das war ein ſchwerer Abſchied und doch ein ſo unendlich ſüßer. Bleib ich doch zurück als ſein Weib, als ſein unantaſtbares, ihm geheiligtes Eigenthum. Er hat nun bis jetzt täglich geſchrieben, und ſo liebevolle, ſo beſeligende Briefe, aber liebe Mutter, ich habe mein Herz in meine Hände genommen und habe ihm heute geſchrieben, daß das ferner nicht der Fall ſein dürfe. Fritz gehört jetzt mit all' ſeiner Kraft und Zeit ſeinem Volke, ſeinem Vaterlande und ſoll nicht weichlich auch nur einen Gedanken an ſeine Liebe verſchwenden, den er auf die ernſten Pflichten ſeines Berufs wenden könnte. Wir ſind ja vereint, vereint für Leben und Tod, nicht die Zeit bloß, auch 1856. XX. Erinner. e. Großmutter. II. 14 210 die Ewigkeit iſt für uns eine gemeinſchaftliche, denn das Band der Liebe löſt der Tod nicht. „Mutter, meine Mutter, wie danke ich Gott für dieſe Gewißheit, ſie macht mir die Trennung erträg⸗ lich; denn wenn die Sehnſucht mir das Herz all zu ſehr zuſammenpreßt, ſo denke ich, daß wir nur für einen Zeitraum geſchieden ſind, mag dieſer nun auch lange währen, er muß ein Ende haben und dann folgt die Frau ihrem Manne, wäre es auch in die Ewigkeit. „Zu Dir kommen kann ich jetzt nicht, geliebte Mutter, wie gern würde ich ſonſt den Trennungs⸗ ſchmerz an Deinem Herzen ausweinen. Meine gute Mutter bedarf mehr als je meiner Nähe und Pflege, und Tante Sophie, dieſe theure Freundin, würde mich auch ſchmerzlich vermiſſen. O welche Frau iſt dieſe meine treffliche Tante, mit welcher freundlichen Reſignation erträgt ſie den Wechſel des Geſchickes, und wie wenig ſieht man an ihrem Aeußern, daß der Reichthum, der ihr einſt zu Gebote ſtand, verflogen iſt wie welkes Laub vor dem Herbſtwinde. „Ihr Gatte hat ſein ganzes Privat⸗Vermögen hingegeben, um den Theil des Kaſſendefectes zu decken, der nicht in die Hände des Major von Schill gefloſſen. Tante Sophie gibt hier in Elhing Mu⸗ ſikun theu⸗ Arbe Kam bedie ordne Brod geſun Arbe dürfn fluß verſin wend und ich c Zeit thig Zeit bitter ſo be ihrer e, denn hott für erträg⸗ all zu nur für un auch id dann in die geliebte nnungs⸗ ine gute Pflege, würde Frau iſt undlichen eeſchickes, daß der verflogen 1 dermögen ectes zu 8u Schill ing Mu⸗ 211 ſikunterricht, um ſich zu erhalten. Du glaubſt nicht, theuerſte Mutter, wie ehrenwerth ſie mir bei ihrer Arbeit erſcheint. Dieſe Frau, auf deren Wink einſt Kammerjungfer, Diener und Gott weiß wer flogen, bedient ſich jetzt ſelbſt, naht und beſſert ihre Kleider, ordnet ihr zierliches Stübchen, erwirbt ihr täglich Brod, und iſt ſo glücklich, ſo heiter dabei und ſo geſund, das wundert mich, bei Gott, am meiſten! Arbeit und Sorge müſſen doch dem Menſchen Be⸗ dürfniß ſein, man ſieht es ſo oft, daß ſie im Ueber⸗ fluß kränkeln, ſich grämen und in dumpfes Brüten verſinken, während die Sorge, die die Arbeit noth⸗ wendig macht, ihnen plötzlich Geſundheit, Frohſinn und geiſtige Mächtigkeit wiedergibt. Darum will ich arbeiten, theure Mutter, auch wenn einſt eine Zeit kommen ſollte, in der ich es nicht wie jetzt nö⸗ thig hätte, und ich will Gott preiſen, daß ich in der Zeit der Noth arbeiten lernte. U. ſ. w.“ Louiſe fühlte, während ſie an die Mutter ihres Fritz ſchrieb, daß das ſchriftliche Entwickeln ihrer Ge⸗ danken ihr eine eigenthümliche Beruhigung gewährte. — Sie ſchrieb ſich den Schmerz, das Bangen, die bittere Angſt gleichſam von der Seele herunter, und ſo begann ſie denn, zu keinem andern Zweck als zu ihrer eigenen Aufheiterung, während die Zeit, da ihr 14 ⅔ 212 Fritz fern und in Gefahr war, dasjenige aufzuſchrei⸗ ben, was ihr in ihrem Leben den meiſten Schmerz, die meiſte Angſt verurſacht hatte. Es waren einzelne Aufſätze, Erinnerungen an Situationen und Ge⸗ fühle, die vergangen; indem ſie dieſelben niederſchrieb, durchlebte ſie ſie gleichſam noch einmal und fand in Allem einen eigenthümlichen Zuſammenhang. Es war ihr, als ſähe ſie jetzt ſchon den Finger Gottes, der milde waltend, durch Leid und Glück, durch Ge⸗ nüße und Entbehrungen, durch Schmerz und Freude ihre Seele zu ſich empor ziehe. 1 Jedes Mal, wenn ſie ſich niederſetzte, um ihre Erinnerungen zu ſchreiben, war ihr, als müſſe ſie beten, dem ewig Guten danken, weil er ſie ſo väter⸗ lich, ſo liebevoll zu ſich geführt, und die unbeſchreib⸗ lich beſeligende Gewißheit, daß eine weiſe, gütige, liebevolle Vorſehung das große Ganze der Welt und die kleinen Geſchicke jedes einzelnen Menſchen⸗ herzens regiere, gab von Tag zu Tage ihrem gan⸗ zen Weſen mehr Ruhe, Feſtigkeit und rührenden Frohſinn. Während der Krieg wüthend alle Völker Euro⸗ pa's in ſeinen Trauermantel von Blut und Thrä⸗ nen hüllte, lebte die junge Frau, deren Gatte jeden Tag den feindlichen Kugeln ausgeſetzt, deren Vater zuſchrei⸗ chmerz, einzelne d Ge⸗ rſchrieb, id fand ig. Es Gottes, rch Ge⸗ Freude um ihre nüſſe ſie o väter⸗ eſchreib⸗ gütige, er Welt kenſchen⸗ tem gan⸗ ührenden er Euro⸗ nd Thrä⸗ ttte jeden ten Vater 213 Gefangener war, in einer ſo ſüßen, ſtillen Seelen⸗ freudigkeit, daß jeder, der nicht die heilige Urſache derſelben begriff, ſie für ganz unbetheiligt an den Ereigniſſen jener großen Zeit hätte halten mögen. Sie fühlte ſich in Gottes Hand, ſein Kind, von ihm geſchuͤtzt, geleitet und erzogen. Sie lag in dem Bewußtſein, daß nichts geſchehen könne ohne Gottes Willen und daß alles was geſchieht das Gute zum letzten Zweck hat, wie ein Kind in Vaterarmen, ſie lebte in Gott, den ſie ſo eifrig geſucht hatte und Gottes Friede war in ihr, ein Friede, den ſelbſt die wilden Stürme der Zeit nicht zu erſchüttern vermochten. Die Heldenarmee Frankreichs, deren ungeheure Thaten geboren waren aus dem Enthuſiasmus, die in der Bruſt jedes einzelnen Kriegers geglüht, konnte nur durch ihr gleiche Waffen, durch einen gleichen Enthuſiasmus, der in den Herzen der Söhne Deutſch⸗ lands erblühte, bekämpft werden, und ſelbſt in dieſem Kampfe rang Kraft gegen Kraft, das Feuer der Be⸗ geiſterung gegen die ihm entſprechende Flamme noch mit ſchwankendem, oft zweifelhaftem Erfolge. Obgleich eine Armee Frankreichs geſtorben war und begraben lag auf den Eisfeldern an der Bere⸗ ſina, ſo war Frankreich noch nicht todt und Napoleon 214 führte bald ein neues kampfesfreudiges Heer dem deutſchen Volke entgegen, das ſich, von gleichem Leid bedrückt, von gleichem Zorn durchdrungen, jetzt als ein Volk von Brüdern brüderlich die Hände zu reichen begann. Aber Deutſchlands Söhne kämpften für ihren Herd, für ihre ſchöne Sprache, für ihre Nationali⸗ tät, ſie kämpften für ihre Weiber und Kinder. Die Zeit der Noth hatte die Herzen geſtählt und der Geiſt des Guten begleitete ihre Waffen und darum wurden ſie Sieger. Die großen Opfer, welche einmüthig gebracht worden waren, konnten als der ſicherſte Beweis gel⸗ ten, daß das deutſche Volk der Freiheit werth, zur Freiheit reif ſei; denn nur der Menſch und das Volk ſind werth der Freiheit, ſind reif für ſie, die ſie hö⸗ her ſchätzen als jedes andre Glück des Lebens, ja als das Leben ſelbſt Der Sommer des Jahres 1813 verging für Louiſe in Arbeit für die Mutter und in Gebet füt den theuren abweſenden Gatten, der während deſſen mehr als einmal in blutiger Schlacht dem Tode ins ernſte Auge ſah. Nur wer da ſelbſt empfunden hat, was es heißt, das geliebteſte Herz feindlichen Kugeln ausgeſetzt zu cher nen richt Bri deu⸗ meh blie in l eine noch treu von blut viel den quã und geſa Mu ren. Fra 215 zu wiſſen, kann den Seelenzuſtand begreifen, in wel⸗ chem damals die zurückgebliebenen Mütter, Gattin⸗ nen, Bräute, Schweſtern und Töchter, nach der Nach⸗ richt von jeder Schlacht den für ſie einlaufenden Briefen entgegen harrten. Die franzöſiſche Armee, mehrfach geſchlagen von deutſchen Waffen, war nicht die unüberwindliche mehr, aber der Ausgang des ungeheuren Kampfes blieb immer noch zweifelhaft; nur wenn Deutſchland in brüderlicher Einigkeit alles an alles ſetzte, war auf einen glücklichen Erfolg zu rechnen, und im Herbſte noch war Friedrich Auguſt, König von Sachſen, ein treuer Bundesgenoſſe Napoleons. Sein Land war von der Vorſehung beſtimmt, der Schauplatz des blutigſten Kampfes in dieſem Völkerkriege zu werden. Louiſe hatte während des ganzen Octobers ſehr viel zu thun gehabt, um ihre kleine Wirthſchaft mit den nothwendigen Wintervorräthen zu verſehen. Sie quälte ſich ab mit Arbeiten mancherlei Art, um ſich und die Mutter zu erhalten. Zwar hatte Fritz ihr geſagt, daß ſie in allen Nothfällen ſich an ſeine Mutter wenden ſolle, deren Verhältniſſe günſtig wa⸗ ren. Dieß aber zu thun, war die junge thätige Frau, ſo lange ſie ſich geſund fühlte, zu ſtolz. So arbeitete ſie denn rüͤſtig fort; gab Unterricht in Muſik 216 und weiblichen Arbeiten, ſtickte und nähte für Geld und that alles, um der Mutter wenigſtens einige der Bequemlichkeiten zu ſchaffen, an welche die alte Frau gewohnt war. Louiſe war dazu ganz und gar auf ihre eigene Kraft gewieſen; denn ſeit dem Ausbruche des Krieges zwiſchen Rußland und Frankreich hatten die Verwalter der Fürſt Subow'ſchen Güter keinen Pfennig Pacht für das Grundeigenthum Herrn Wohlgemuths an deſſen zurückgebliebene Familie gezahlt. Seit die fran⸗ zöſiſche Herrſchaft in Preußen gebrochen, hatte Louiſe nun ſchon mehrere Mal an die Verwaltung, an den Herrn Fürſten direct und an die Perſonen geſchrieben, die von den Freunden der Familie in Kydullen zurückge⸗ blieben waren, ohne irgend einen günſtigen Beſcheid, geſchweige denn die Hoffnung auf eine Zahlung zu erhalten. Es war dabei nicht das Geringſte zu machen, als eben ſich mit Geduld ins Unabänderliche zu fügen und auf geregelte Zeitverhältniſſe zu warten, in welchen man durch die Vermittlung der Gerichte von dem verlorenen Eigenthum ſo viel als möglich retten konnte. Mutter Wohlgemuth, die trotz aller Anſtrengun⸗ gen ihrer liebevollen Tochter, ſeit die ruſſiſchen Zah⸗ lungen ausblieben, ſich doch ſehr einſchränken muf entl die ihr! und eine wen von war muß Töch danmn räur nied roth Knö einfe gew daſſe verm ſich r Geld nige der te Frau eigene Krieges erwalter 3 Pacht ths an ie fran⸗ e Louiſe an den hrieben, urückge⸗ Zeſcheid, lung zu gſte zu derliche warten, Gerichte möglich rengun⸗ en Zah⸗ chränken 217 mußte, konnte ſich unter dieſen Verhaͤltniſſen nicht enthalten recht herzlich zu ſchelten auf diejenigen, die einer armen Frau das Ihrige vorenthielten, und ihr Loos zu beklagen, das ſie im Gatten des Beſchützers und Ernährers beraubt hatte. Freilich ſah ſie, daß auch ihre Schwägerin wie eine arme Witwe leben mußte, aber die wußte doch wenigſtens wie Louiſe, wo ihr Mann ſei; ſie wußte von dem ihrigen gar nichts und auch dieſer Umſtand war für ſie ein Grund zu ſchmerzlichen Klagen. Der Herbſt war rauh und unangenehm. Louiſe mußte täglich Vormittags ausgehen, um in einer Töchterſchule Stunden zu geben. Die Mutter ſah dann nach der Bereitung des einfachen Mahles, räumte die beiden Stübchen auf und ſetzte ſich dann nieder und ſtickte Weſten und Arbeitsbeutel auf rothem, blauem und grünem Grunde mit weißem Knötchenſtich. Madame Wohlgemuth war immer eine ſchwache einfältige Frau geweſen. So lange ihr Leben ſeinen gewohnten bequemen Gang ging, konnte ſie ſich in daſſelbe finden; ſeit die großen Weltbegebenheiten verwirrend in daſſelbe eingegriffen, fühlte ſie ſelbſt ſich verwirrt und gottlos und nur neben ihrer 218 Tochter und von dieſer beſchützt und geleitet fand ſie ſich zurecht, indem ſie that, was dieſe anordnete. Auf der armen jugendlichen ſchutzloſen Louiſe lagen ſomit die Sorgen, Arbeiten, das Nachdenken für beide, aber ſie fuͤhlte, daß Gott die Laſt nach der Kraft abmißt und daß die ihrige ſich vermehrte bei den vermehrten Anforderungen des Geſchickes. Die Arbeit für das taͤgliche Brod ließ ihr nicht Zeit über dem Bangen nach dem abweſenden Gatten zu brüten, und der Gedanke an die Beſchwer⸗ den und Gefahren, die dieſer in Mitten des wilden Krieges zu dulden haben mochte, ließ ihr die eigenen Beſchwerden als Kleinigkeiten erſcheinen. Nach jeder Schlacht, nach jedem Gefecht hatte ſie von Fritz Nachricht bekommen, oft nichts weiter als eine einzige Zeile, mit Bleiſtift auf ein Blatt aus ſeinem Taſchenbuch geſchrieben und nichts ent⸗ haltend als:„Ich lebe, bin unverwundet und denke Dein!“ aber ſolch eine Zeile war auch genügend zu ihrer Beruhigung. Am Abend des einundzwanzigſten Octobers hatte ſie noch einen Geſchäftsgang zu machen und eilte im Zwielicht eiligſt durch die Straßen nach dem Markenthore zu, als ein ungewöhnlicher Auflauf ihre Achtſamkeit in Anſpruch nahm. Hunderte, ja Tauſende von gekt beſe Sti zur er? ertö iſt Sch tend auch in Kra habe trat nach verk kläng Licht fand ſie nete. Louiſe hdenken tach der örte bei ieß ihr deſenden eſchwer⸗ wilden eigenen t hatte Cauſende 219 von Menſchen waren in einem Momente zuſammen gekommen und drängten ſich um einen Courier, der beſchmutzt und ermüdet, aber mit lautem Inbel die Straße hinaufritt nach dem Grübnau'ſchen Hauſe, wo zur Zeit der Magiſtrat ſeine Sitzungen hielt. „Was iſt geſchehen? was für Nachrichten bringt er?“ fragte man in dem Schwarm und die Antwort ertönte:„Gute, ſehr gute, eine ungeheuere Schlacht iſt geliefert und Napoleon vollſtändig überwunden.“ Louiſens Herz klopfte heftig! eine ungeheuere Schlacht!— Tauſende lagen nun wieder blu⸗ tend, ſterbend auf dem Leichenfelde, tauſende! ob auch Er darunter ſei, wußte nur Gott, zu dem ſie in dieſem Augenblick ein heißes Gebet ſchickte um Kraft, zu ertragen, was ſein Wille ihr auferlegt haben mochte. Sie eilte raſch und aufgeregt nach Hauſe und trat bei der Mutter ein, die ſchon von der Sieges⸗ nachricht gehört hatte und ſie ihr mit lautem Jubel verkündete. Wenige Minuten ſpäter ſchmetterten Trompeten⸗ klänge durch die Straßen, die in einem Nu durch Lichter erhellt waren, welche an allen Fenſtern ſtrahlten. Sechszehn Poſtillone in Staatsuniform zu Pferde mit wehenden Federoüſchen blieſen ſchmetternde 220 Fanfaren und an allen Straßenecken haltend ver⸗ kündete einer von ihnen mit lauter Stimme den Sieg der deutſchen Waffen in der dreitägigen Völ⸗ kerſchlacht auf den Ebenen von Leipzig. In einem Augenblick war die Stadt illuminirt. Selbſt die Fenſter des ärmlichſten Häuschens glänzten von Licht und zeigten ſich mit Blumen, Kränzen, Bildern und Statuen geſchmückt. Vor dem Rathhauſe, vor dem Poſtgebäude und vor den beſſern Wohnungen reicher Privatleute brannten Pechpfannen, Theertonnen wurden vor den Thoren angezündet, die Kirchen beleuchteten ſich von innen und außen und die Gemeinde ſtrömte in ihre Gotteshäuſer, ihren Dank dem Herrn der Schlachten darzubringen und für ihre fernen Lieben zu beten. Louiſe eilte mit ihrer Mutter nach der Marien⸗ kirche, deren gothiſche Bogenfenſter ihr ſchon im hellen Lichterglanz entgegen flimmerten. Der Orgel mächtige Töne ſchallten ihr entgegen. Das Gotteshaus war gepreßt voll und während die Frauen noch den Weg zu ihrem Sitze ſuchten, erbrauſte die Muſik des Te Deum mit Orgel, Pauken⸗ und Poſaunen⸗Begleitung und die verſammelte Menge lag demüthig auf den Knien, dem Herrn zu danken, den weit und breit der Weltkreis verehrt. ſtande mit herül zum vom Sieg erheb eine merkſ Silbe Stell das ausre in de befän ſchön Irrtl exiſti Zeit! ſo ver⸗ den Völ⸗ nirt. azten azen, und inten voren nnen ihre chten eten. rien⸗ hellen egen. hrend hten, uken⸗ kenge nken, Louiſe und ihre Mutter knieten nieder, wo ſie ſtanden, nahe dem Altare, der von Lichtern ſtrahlend, mit den letzten Herbſtblumen geſchmückt, zu ihnen herüber ſchimmerte. Noch hatte Louiſe ihre Gedanken nicht ganz zum Gebete geſammelt. Ihr Buſen pochte noch vom raſchen Gehen und der Aufregung, welche die Siegesnachricht ihr verurſacht. Sie mußte den Kopf erheben, um freier zu athmen, da fiel ihr Auge auf eine Geſtalt, die, am Altar kniend, ihre ganze Auf⸗ merkſamkeit feſſelte. Der Kopf, ein wenig vorn übergebengt, von Silberlocken umkräuſelt, überragte ſelbſt in dieſer Stellung alle ihn umgebenden Perſonen. Louiſe konnte das Geſicht nur im Proofil ſehen, aber das war völlig ausreichend, um ſie erkennen zu laſſen, daß ſie ſich in der Nähe eines ihrer älteſten, theuerſten Freunde befände. Ja! das war die edle Stirn, das war die ſchön geſchnittene Naſe des Schäfers Gottfried, ein Irrthum konnte hier ſchwerlich obwalten, das Geſicht eriſtirre wohl nicht zwei Mal auf Erden in gleichem Zeitraum. Louiſens Aufmerkſamkeit war von dem Anblick ſo völlig und ganz in Anſpruch genommen, daß ſte 222 ſelbſt die ernſte und heilige Feierlichkeit nicht von der Frage ablenken konnte, welche Verhältniſſe den Alten zu dieſer Zeit hierher geführt? In die tiefſte Andacht verſunken, ſah er ſie gar nicht, obgleich ihr Standpunkt dem ſeinigen nicht all⸗ zufern war. Bisweilen erhob er ſeine Augen mit einem andächtigen Blicke emporſchauend, dann ſenkte er ſie wieder zu Boden und Louiſe glaubte, Thränen an den Wimpern blitzen zu ſehen. Als das: Herr Gott Dich loben wir! beendet war und die kniende Gemeinde ſich erhob, um während der Predigt in den Kirchenſtühlen Platz zu nehmen, ſah Louiſe, daß Gottfried ſeine alte ihm gewohnte Tracht den blauen Tuchmantel mit rundem Kragen, trug. Des Greiſes Züge waren wenig verändert, ſelbſt ſeine Haltung war noch ſo aufrecht und wacker als vor Jahren, die Zeit ſchien ſpurlos über ſeinem Silberhaar hinweg geeilt zu ſein. Als der Gottesdienſt geendet war, hatte Louiſe die Abſicht, ihren alten Freund wo möglich unter der Menſchenmenge aufzuſuchen, vergebens aber ſtrengte ſie ihre Augen an, die hohe Geſtalt des Greiſes war ſpurlos verſchwunden und ſie mußte nach Hauſe, ohne ein Wort von dem Zweck ſeiner plötzlichen Erſcheinung zu erfahren. war obſc ihre und hoff Waã nend geſte verh zu ſo Wei Gru ſelbſ ſo e ma des vorb zu k Erin es ſich cht von n Alten ſie gar cht all⸗ gen mit n ſenkte Thränen beendet vährend nehmen, ewohnte Kragen, rändert, wacker ſeinem 2 Louiſe ) unter s aber talt des mußte ck ſeiner Es mochte Abends neun Uhr ſein. Die Straßen waren hell beleuchtet und von Menſchenſchaaren belebt, obſchon ein kältender Regen niederrieſelte. Louiſe eilte, ohne viel um ſich zu ſehen, mit ihrer Mutter hindurch, ihr Herz war voll und ſchwer und in der Stille der Heimath konnte ſie am erſten hoffen, mit ſich ſelbſt fertig zu werden. Indem ſie in den hohen Flur trat, deſſen Wände durch den Schein der an den Fenſtern bren⸗ nenden Lichter erhellt waren, ſah ſie, daß eine Frauen⸗ geſtalt in ärmlicher Kleidung, den Kopf in ein Tuch verhüllt, an dem Geländer der Treppe lehnte, die zu dem Beiſchlage vor ihrer Thür führte. Es waren ſo viele Menſchen auf der Straße, ſo viele arme Weiber ſtanden hier oder dort, bald einſam bald in Gruppen, an dieſem belebten Abende, daß ſie ſich ſelbſt darüber wunderte, wie dieſe Erſcheinung einen ſo eigenen, erſchreckenden Eindruck auf ihre Seele machen konnte; aber die ganze Geſtalt, die Haltung des Kopfes, die Art, wie ſie ſich einen Augenblick vorbeugte, um nach einem entfernten Gegenſtande zu blicken, alles dieß weckte in Louiſens Seele eine Erinnerung an vergangene Zeiten, an— ſie mochte es ſich ſelbſt nicht ſagen an wen, und doch, als ſie ſich in ihrem Stübchen beim Ablegen der feuchten 224 Oberkleider dieſe Geſtalt vergegenwärtigte, konnte ſie ſich nicht enthalten, noch einmal hinaus zu treten in den eiſigen Octoberregen und ſich nach derſelben um⸗ zuſehen, aber ſie war verſchwunden und Louiſe ſagte ſich mit Beben, daß es nur wieder und wieder eine Täuſchung geweſen, was ihr Herz ſo lebhaft be⸗ wegt hatte. Indem ſie aber ins Haus zurückkehrte, ſah ſie, daß jemand im Flur wartete, jemand, in deſſen Ge⸗ ſtalt und Zügen ſie ſich nicht geirrt hatte: der alte wackere Schäfer, ihr Lehrer, ihr Freund, ihr Lebens⸗ retter! Ja, es war der alte Gottfried, der in ſeinem blauen Mantel, den Hut in der Hand haltend, vor ihr ſtand und ſie liebevoll anblickte, während große Thränen über ſein Geſicht rollten. „Ein geſegneter Tag, an dem ich Sie wieder⸗ ſehe, Mamſell Louischen, ein ſchöner großer Tag!“ ſagte der Alte und trocknete mit ſeinem blauen Ta⸗ ſchentuch die Stirn und die Augen.„O ich danke Gott, dem Herrn, daß er ihn mich auch noch hat er⸗ leben laſſen.“ Ehe der Greis indeß geendet, lag Louiſe freudig an ſeiner Bruſt und ließ ſich von dem Freunde ihrer Kindheit küſſen und ſegnen. Sie fragte nicht, woher er konn Wiel Herz die e zu 2 das gewe große wenig und Stan ben, Höfli würd bei J ren, heit g ſaufte richt gemu und 1856. nte ſie eten in en um⸗ e ſagte der eine aft be⸗ ſah ſie, en Ge⸗ der alte Lebens⸗ ſeinem nd, vor d große wieder⸗ Tag!“ ten Ta⸗ hh danke hat er⸗ freudig de ihrer t, woher 225 er gekommen, nicht, was ihn hierher geführt, ſie konnte nichts denken vor innigſter Freude über dieß Wiederſehen und ſo führte ſie mit einem wahren Herzensjubel den Alten in die Stube der Mutter, die eben ihr Nachtzeug anlegen wollte, um in Frieden zu Bette zu gehen. Madame Wohlgemuth erkannte den Alten nicht, das war ſehr natürlich, für ſie war er nichts andres geweſen, als jeder andere gemiethete Diener in der großen Wirthſchaft ihres Gatten, und ſie war ein wenig ärgerlich, daß Louiſe noch ſo ſpät einen Gaſt und noch dazu einen von ſo wenig reputirlichem Stande einführte. Der Alte mochte etwas ähnliches erwartet ha⸗ ben, denn er entſchuldigte ſich mit vieler natürlicher Höflichkeit wegen der ſpäten Störung und meinte, er würde ſich keineswegs unterſtanden haben, noch ſo bei Nachtzeit ſeine ehemalige Herrſchaft zu beſchwe⸗ ren, wenn es nicht wegen einer wichtigen Angelegen⸗ heit geſchähe und,„ich glaube auch,“ ſetzte er mit einem ſanften Blicke hinzu,„daß der Ueberbringer guter Nach⸗ richt ſelbſt bei Nachtzeit willkommen iſt.“ „Gewiß! gewiß!“ entgegnete Madame Wohl⸗ gemuth.„Er iſt auch herzlich willkommen, Schäfer, und meine Tochter ſoll Ihm im Flur eine Streu 1856. XX. Erinner. e. Großmutter. II. 15 226 machen, damit er ſchlafen kann; wir haben's hier en⸗ ger wie in Kydullen,“ fügte ſie mit einem leiſen Seufzer hinzu—„und was bringt Er mir denn für gute Nachricht von dort?“ „Nicht gerade von dort, liebe Madame,“ ſagte der Greis ſich abermals die Stirn trocknend,„meine guten Nachrichten kommen weiter her, von recht weit, aus Rußland, und wenn Sie's erlauben und Sich et⸗ was Zeit nehmen wollten, mir zuzuhören, ſo möchte ich Ihnen alles erzählen. Mamſell Louischen wird auch Freude haben an der Geſchichte, wenngleich recht traurige Stellen darin vorkomwen.“ „Meine jüngſte Tochter iſt auch ſchon verhei⸗ rathet,“ ſagte Madame Wohlgemuth mit einigem Stolze,„ſie heißt Frau von Treufeldt und ihren Mann, den kennt Er, Gottfried; er iſt aber nicht mehr Fähnrich, ſondern Rittmeiſter, er iſt's auf dem Schlacht⸗ felde bei Dennewitz geworden, und ich denke, er kann's noch weit bringen, wenn Gott ihn beſchützt.“ „Für mich wird die junge Dame immer die ſchöne liebe Louiſe bleiben,“ entgegnete der Alte freundlich.„Sie kann in meinen Augen nichts mehr und vornehmeres werden, möchte ihr Gemahl auch ein Fürſt ſein; denn ich kenne ſie von ihrer Kindheit an als einen Engel Gottes. Laſſen ſie den alten Schä⸗ fer gem mein den ich Her kom von den; erzä von Aeuf ſiege Froſ Wen Tau die mit und ter, Räu Arm hier en⸗ n leiſen nir denn e,“ ſagte „meine icht weit, Sich et⸗ o möchte hen wird denngleich in verhei⸗ einigem und ihren cht mehr Schlacht⸗ er kann's der Alte ihts mehr auch ein adheit an en Schä⸗ 227 fer nur in ſeiner Weiſe reden, liebe Madame Wohl⸗ gemuth, es thut meiner Liebe und Ehrerbietung für meine gute Herrſchaft keinen Abbruch, daß ich mit den Titeln und dergleichen nicht umzuſpringen weiß, ich bin eben nur ein ſchlichter Schäfer.“ „So bringt Er mir vielleicht Nachricht vom Herrn Fürſten Subow und daß ich zu meinem Gelde kommen werde?—“ Der Alte nickte.„Auch das, Madame, auch da⸗ von will ich mit Ihnen und Louischen ein Wort re⸗ den; vorher aber erlauben Sie mir, Ihnen etwas zu erzählen, das Sie ſehr nahe angeht. „Als die franzöſiſche Armee geſchlagen, vernichtet von Moskau auszog, that auch der Winter ſein Aeußerſtes nach Gottes Rathſchluß, um die zu be⸗ ſiegen, die die halbe Welt beſiegt hatten, Hunger und Froſt halfen die große Armee aufreiben, und ihren Weg durch die weite Schneewüſte bezeichneten viel Tauſend und wieder Tauſend Hügelchen. Die Wölfe, die Nachts Rudelweiſe heulend daher kamen, kratzten mit ihren haarigen Pfoten den Schnee davon weg und dann lag ſtill und bleich ein todter Soldat darun⸗ ter, der ſich nicht mehr wehrte gegen die hungrigen Räuber, wenn auch das Gewehr noch in ſeinem Arm war. 15* 228 „Hunger und Froſt tödteten die tapfern Schaaren, dieſe grimmigen Feinde, denen nichts Lebendes wider⸗ ſtehen kann. Vor allem der Hunger. Ueberall, wo die flüchtende Armee durchzog, fand ſie die wenigen Dörfer und Herrenſttze zerſtört. Die Pferde fielen, weil kein Körnchen Futter für ſie aufzutreiben war und wenn man für jedes ein Goldſtück gegeben hätte, die armen Soldaten friſteten mit ihrem Fleiſch das Stückchen Leben, was der Froſt ihnen gelaſſen und ſo zogen ſie vorwärts immer nach Weſten, wo in weiter Ferne das ſchöne Frankreich liegt, deſſen ſon⸗ nige Felder ſo wenige von ihnen noch wiederſe⸗ hen ſollten. „Auf einem weiten Blachfelde, das unabſehbar erſchien in der Oede rings umher, ſtanden die Ueber⸗ reſte eines Bauernhauſes, das jetzt dachlos und ohne Thuren und Fenſter war, aber trotz dem ein Schutz gegen den wilden Sturm. Der innere Raum des Häuschens war durch ein Paar Wände abgetheilt. Einſt mochte es mehr als ein gewöhnliches Bauern⸗ haus geweſen ſein, aber, von den Bequemlichkeiten, die vor nicht all zu langer Zeit den friedlichen Be⸗ wohnern gedient, hatte der grimmige Krieg auch die kleinſte Spur zerſtört. „Daß ich's kurz mache, was zu erzaͤhlen gar ſen und wo in n ſon⸗ biederſe⸗ übſehbar Ueber⸗ id ohne Schutz um des getheilt. Bauern⸗ chkeiten, hen Be⸗ auch die hlen gar 229 tranrig iſt: im hinterſten Zimmer, das man durch eine andere Thür von außen zuerſt erreichte, lagen drei Leichen von Menſchen und ein todtes Pferd. „Ja, liebe Madame, das war ein erſchrecklicher Anblick, ſo ein Anblick, bei dem jedes Haar ſich ſträubt und den das Herz nie, niemals wieder vergißt. „Das Pferd war ein edles Thier geweſen und es hatte noch lebendig die Schwelle überſchritten, obgleich zum Tode verwundet durch eine Kugel in die Bruſt. „Im Häuschen war es umgeſunken, da lag es, und ſein Leichnam mochte wohl den Menſchen eine kurze Zeit zur Nahrung gedient haben. Neben dem Pferde und den Kopf auf den Sattel geſtützt, lag am Boden die Leiche eines ſchönen ſtattlichen fran⸗ zöſiſchen Officiers. Um die bleiche Stirn hatte er ein feines Batiſttuch gebunden, unter dem einzelne Bluts⸗ tropfen hervorgerieſelt waren, die jetzt als ſtarre braunrothe Flecke auf ſeiner Wange und Schläfe feſt ſtanden. Der rechte Arm, durch einen Piſtolen⸗ ſchuß zerſchmettert, hing an dem Körper nieder, und in der linken ſtarren Hand hielt er einen Haufen glänzender Goldſtücke ganz neu geprägt. Die blauen Lippen zeigten blendend weiße Zähne, die Kleider waren fein aber zerfetzt, und ein großer koſtbarer 230 Damenmantel von Sammt und Hermelin war über ihn geworfen, ſo daß man ſeine Fuͤße nicht ſehen konnte. „Ja! ſo lag et— aber nicht allein! mit dem Kopf auf ſeinem ſtillſtehenden Herzen lag ein ſchönes junges Weib. Selbſt der Tod, der ſchon die arme bleiche Schläfe zeichnete, hatte nicht vermocht, ihre Schönheit zu zerſtören und ſie für ein Auge unkennt⸗ lich zu machen, das ſie auch nur einmal geſehen. „Und der Retter, deſſen Erzählung ich hier treu wiedergebe, hatte ſie geſehen, vor Jahren hier in Elbing, wo er als einer der eifrigſten Tugendbündler gewirkt. Damals freilich ſtrahlend in Jugend und Geſundheit und leidenſchaftlich geliebt von dem Herzen, auf dem jetzt ihr ſterbendes Haupt ruhte. Er kannte ſie. Er kannte auch den verſtorbenen Franzoſen;'˙s war einer der Agenten der Bourbon’'ſchen Prinzen in Napoleons Heer, mit dem er viel verkehrt hatte in früheren Zeiten. Ein kluger Mann, ein ſchöner Mann, ein falſcher Mann, der Treue nicht kannte; und ſeine ſterbende Gefährtin war die Tochter eines wackern Deutſchen, der ſich für ſeinen Fürſten geop⸗ fert hatte. Es war— Madame— liebe werthe Madame— geben Sie mir altem Manne Ihre Hand, und Louischen, meine Tochter, ſtütze den Kopf hier in bündler nd und Herzen, r kannte dſen;'s Prinzen ert hatte ſchöner kannte; ter eines en geop⸗ e werthe ne Ihre en Kopf 23¹1 Deiner Mutter,— die treue ausharrende Begleiterin des Colonel St. Albans, war nicht todt, wie ſehr ſie auch litt. Sie durfte nicht ſterben, wie heiß ſie auch damals und in vielen ſpätern Stunden den Tod herbei ſehnte, denn ſie war nicht allein mit der Leiche. Unter dem reichen warmen Pelze lag ſchlafend auf einer Schabracke ein kleines Kind, ein armes bleiches Knäbchen, und das hat ſie auch hierher gebracht und möchte zu ihrer Mutter Füßen um Segen für den vaterloſen Enkel flehen.“ 4 Der Greis ſchwieg. Louiſe weinte heftig. Ma⸗ dame Wohlgemuth ſah ſtarr vor ſich hin, ſie ſchien nicht ganz verſtanden zu haben, was der alte Schäfer erzählte, und ſchauderte zuſammen, als Louiſe ſich an ihre Bruſt warf und ſchluchzend ausrief:„Mutter! Mutter! Du zuürnſt ihr ja nicht, Du kannſt ihr ja nicht zuürnen, Deiner Lydia, unſrer Lydia, die heim⸗ gekehrt iſt und nun wieder uns angehören will.“ „Ihr Mann iſt alſo todt? und ſie hat das alles mit durchgemacht, dieſen Rückzug, von dem wir hier erzählen hörten,'s war wie ein ſchreckliches Märchen und grauſiger als alles, was Dichter erdenken können,“ ſagte Madame Wohlgemuth langſam.„Meine Lydia! mein armes Kind!“ und dann ſprang ſie plötzlich auf, rang die Hände und ſchrie:„aber das kann ja 232 alles nicht wahr ſein, das iſt ja nicht möglich, ſonſt würde ja Lydia zu mir kommen und bei ihrer Mutter und Schweſter leben!“ „Sie iſt gekommen,“ ſagte der Schäfer.„Heute ſind wir eingetroffen, ich habe ſie hergebracht, die Tochter meiner wackern Herrſchaft, die Schweſter meines lieben Kindes. Die arme, ſchwer geprüfte Frau, die, Gott helfe mir altem Manne, wenn ich Unrechtes ſage, aber's iſt mein Denken ſo, durch ihre heilige Treue und Ausdauer als Weib gut machte, was ſie als Tochter verfehlte. Sie hatte nicht den Muth, mit mir zugleich vor die Augen der Mutter und Schweſter zu treten, aber lange, lange hat ſie hier unten geſtanden, demüthig wartend, bis ich ihr ſagen würde: Komm herein, arme Verirrte, die Herzen in der Heimath haben Dir ihre Liebe bewahrt.“ „Um Gottes willen, Gottfried! mein alter Freund,“ ſagte Louiſe mit zitternder Stimme,„wo iſt meine arme, meine theure Schweſter?“ „Ich hole ſie,“ entgegnete der Alte und ging nach der Thür. Madame Wohlgemuth aber war ihm zuvorgeeilt. Mit fliegendem Fuß, mit bebendem Herzen war ſie die Treppe hinab gelaufen und ſtand unten in dem großen Flur in ihrer leichten Nachtkleidung, als der ſonſt Nutter Heute öt, die neines 4, die, rechtes heilige das ſie Muth, er und ie hier ſagen zen in alter 7„wo d ging rgeeilt. var ſie in dem als der * 233 alte Schäfer ihr nachkam, und ſagte zitternd:„Wo iſt mein Kind? ich will zu meinem Kinde gehen! ſie wartet auf mich, meine Lydia, meine arme Tochter.“ „Bleiben Sie hier, werthe Frau,“ entgegnete der Alte mit männlicher Autorität.„Nicht da wo ſie jetzt iſt, ſondern hier im Elternhauſe, das ſie ver⸗ ließ, müſſen Sie ihre Tochter wiederſehen. Ich bringe ſie Ihnen; beten Sie zum lieben Gott um Kraft und um Demuth, das Leiden zu tragen, das er Ihnen auferlegte. Gott züchtigt, die er liebt.“ Er ging. Louiſe führte die Mutter, die ihr wil⸗ lenlos folgte, hinauf in das warme trauliche Fami⸗ lienzimmer, und nach einer Viertelſtunde lag Lydia, die einſt ſo ſtolze Schönheit, jetzt eine bleiche geknickte Lilie, zu den Füßen ihrer Mutter, in den Armen ihrer Schweſter, und ein kleines reizendes Knäbchen ſchlief lächelnd auf dem ſaubern Lager, das ihm Louiſens Fürſorge bereitet hatte.— 234 Eilftes Capitel. Die Liebe hat nicht Zweifel und nicht Noth, Die Sünde kennt ſie nicht und nicht den Tod. Die Lieb' iſt ewig! und darum allein, Weil ich geliebt, werd' ich unſterblich ſein. Karoline Fidler. Käm alles Wetter gleich auf uns zu ſchlah'n Wir ſind geſinnt bei Einander zu ſtah'n Krankheit, Verfolgung, Betrübniß und Pein, Wird unß'rer Liebe Verknotigung ſein! Simon Dach. Als der verlorene Sohn heimkehrte, ſchlachtete der vergebende Vater ſein beſtes Kalb und feierte ein Freudenfeſt ihm zu Ehren. So erzaͤhlt die heilige Schrift. Von der Heimkehr einer verlorenen Tochter weiß ſie nichts zu ſagen.— Scheint es doch, als ob Himmel und Erde nicht Raum hätten für das unglückliche Weib, das der Leidenſchaft folgend fehlte, wie ſchwer es auch den Fehltritt bereut und gebüßt haben mag. Lydia Wohlgemuth kehrte nicht zur Mutter heim als Gräfin St. Albans, wie die arme ſchwache Frau ſich's getraͤumt hatte, ſondern als ein verlorenes 235 Mädchen, das mit einem franzöſiſchen Officier durch⸗ gegangen war und nichts zurückbrachte, als die Er⸗ innerung an einen kurzen Liebestraum und ein vater⸗ loſes Kind. Der ſchwachen Mutter ſchien es undenkbar, un⸗ glaublich, daß ihre ſchöne Lydia, ihre Roſe, der Stolz ihres Mutterherzens, ſo tief herabgeſtürzt. Sie mußte St. Albans Gattin ſein, ſie, die zu ſo hohen Anſprüchen Berechtigte, es war ja nicht an⸗ ders möglich! meinte die arme vor dem Verhängniß erſchreckende Frau; aber Lydia widerſprach dann mit Feſtigkeit. „Nein Mutter! nein!“ ſagte ſte, während ihre bleiche Stirn ſich in Scham und Aufregung roͤthete, „lerne mich beſſer kennen, lerne faſſen, daß ich einmal in meinem Leben auch aufopfernd geliebt habe; ich bin nicht die Gattin meines geliebten Verſtorbenen. St. Albans, einer der vornehmſten Familien Frank⸗ reichs angehörend, hätte nie dem armen Bürgerkinde die Stellung ſeiner Gemahlin geben können. Ich wollte auch nicht Gräfin St. Albans werden, wollte nichts, nichts auf der Welt, als den Platz an ſeinem Herzen. Ich wollte ihn glücklich machen durch meine Liebe, durch jedes denkbare Opfer, das ein Weib bringen kann, und das iſt mir gelungen. 236 Er iſt geſtorben, mich ſegnend, geſtorben, nicht als ein vornehmer reicher Jüngling, ſondern als ein armer Krieger, getödtet von Hunger und Froſt an der Seite ſeiner treuen liebevollen Gefährtin. O Mutter, liebe Mutter, auf dieſer Flucht, bei dieſem furchtbaren Elende gab mir Gott die Gelegenheit, dem geliebten Mann zu zeigen und mir ſelbſt es zu bethätigen, daß meine Liebe echt ſei, und gern und freudig wäre ich neben ſeiner Leiche geſtorben, wenn nicht mein Kind neben mir geweſen. Ich hatte nicht den Muth es zu tödten. Als ich die Wölfe um die verſengten Mauern heulen hörte in der erſten Nacht nach dem Verſcheiden meines Geliebten, da dachte ich wohl, daß es mütterlicher gehandelt wäre, es an meinem Buſen zu erſticken, als es, wenn ich ſelbſt dem Hunger und Froſte erlegen, eine Beute der blutgierigen Ungeheuer werden zu laſſen; aber meine Hand verſagte mir den Dienſt zu dieſer Handlung verzweifelnder Mutterliebe; und bald hatte ich Grund Gott dafür zu denken, denn die Rettung kam— freilich zu ſpät, um mir das Glück des Lebens, aber zeitig genug, um mich meinen Mutterpflichten zu erhalten. Mein Leben hat nur noch Werth in Bezug auf mein Kind. Dieß zu erziehen, ihm das Andenken des Va⸗ ters zu erhalten und es mit ſeiner zweideutigen Stellr zu tht 8 einer 4 ihr eir Lydia Boden geheira Franzo nur au nicht bens r einen keine e nicht 3 ein t an ieſem nheit, es zu und wenn nicht n die Nacht dachte 237 Stellung zu verſöhnen, iſt alles, was mir auf Erden zu thun übrig bleibt.“ Madame Wohlgemuth hörte ſolchen Worten mit einer an Entſetzen ſtreifenden Verwunderung zu. Das ganze Weſen ihrer älteſten Tochter war ihr ein vollſtändiges Räthſel. In ihren Augen war Lydia ehrlos und hätte mit ihrem Kinde ſich in den Boden verkriechen müſſen, da St. Albans ſie nicht geheirathet hatte. Sie ſelbſt verwünſchte den falſchen Franzoſen und ſein ſchmählicher Tod ſchien ihr eine nur ausreichende Strafe dafür, daßer ihrer Tochter nicht die Würde ſeiner Gattin gegeben, und verge⸗ bens würde Lydia ſich bemüht haben, ihrer Mutter einen Einblick in die Welt ihres Herzens zu ſchaffen. Für gewiſſe Leiden und Gefühle hat die Sprache keine erklärenden Worte, nur indem wir den Keim zu denſelben in der eigenen Seele erkennen, ſind wir fähig, ihre Entwickelung in der eines Andern zu be⸗ greifen. Louiſe und Lydia verſtanden ſich ſeit der Heim⸗ kehr der älteren Schweſter vollkommen, und ehe Ly⸗ dia noch eine Woche unter den Ihrigen zugebracht, hatte ſie ihr thränenſchweres Herz ſchon in den Buſen der Schweſter ergoſſen und Troſt und Erquickung in ihrer Liebe und Achtung gefunden. 238 Beſonders in der letzteren. Auch die Mutter liebte von ganzem Herzen ihr leidendes Kind und bemitleidete die unglückliche Tochter, obgleich ſie ſie verurtheilte. Louiſe aber verſtand und faßte die Größe von Lydia's Liebe und beurtheilte den Werth der Schweſter nicht nach dem Jammergeſchick, in das die Verhältniſſe ſie durch die Schuld ihrer Leidenſchaft geworfen, ſondern nach den Opfern, die ſie freiwillig und mit Bewußtſein der Liebe ihres Herzens gebracht. Wohl war Lydia's Geſchick ein ſchreckliches. Nicht nur wegen ihrer Verlaſſenheit, wegen des Ver⸗ luſtes ihrer Stellung und bürgerlichen Ehre, nicht nur wegen der namenloſen Leiden, die ſte im kurzen Zuſammenleben mit St. Albans und beſonders wäh⸗ rend des ruſſiſchen Feldzuges ertragen, ſondern auch noch beſonders wegen des Zeitgeiſtes, der eben in jenen Tagen ein Weib das einen Franzoſen liebte, gewiſſermaßen in die Stellung einer Ausſätzigen des Alterthums brachte. Der allgemeine Haß, die allgemeine Verachtung warfen Steine auf die Unglückliche und glaubten ihren Patriotismus zu beweiſen, wenn ſie im phari⸗ ſäiſchen Stolz das:„Ich danke Dir Gott, daß ich nicht bin wie dieſe!“ recht laut ausſprachen. Nur Louiſe blieb der Schweſter treue liebevolle Freut Haß Triun weibl vor d die u liebev rechtit edlere⸗ eitle, zend, muthi auch, derſelk gend hen ſo 5 Leipzig gemutt 5 ſam g nen C ihm ſe 2 utter und ie ſie Hröße der 1s die ſchaft villig racht. liches. Ver⸗ nicht eurzen wäh⸗ auch eu in liebte, n des htung nubten phari⸗ ß ich hevolle 239 Freundin. Ihre Vaterlandsliebe beſtand nicht im Haß gegen den einzelnen Feind und im jämmerlichen Triumph über das Elend von Millionen, wie ihre weibliche Tugend nicht in dem heuchleriſchen Abſcheu vor der Gefallenen beſtand. Mit ooller Deutlichteit fühlte ſie, daß Lydia, die unverheirathete Mutter, aber die unausſprechlich liebevolle Gefährtin eines Mannes, der ihr nicht Ge⸗ rechtigkeit widerfahren ließ, ein unendlich beſſeres, edleres Weib ſei, als es einſt Lydia, das coquettirende, eitle, unthätige Maͤdchen geweſen. Sie ſtand ſchüz⸗ zend, tröſtend, lehrend und immer freundlich und muthig neben der armen Schweſter, aber ſie fühlte auch, daß etwas geſchehen müſſe, um die Stellung derſelben etwas erträglicher, etwas weniger demüthi⸗ gend zu machen, wenn ſie nicht alle zu Grunde ge⸗ hen ſollten. Von Fritz hatte ſie bald nach der Schlacht von Leipzig tröſtliche Nachricht erhalten, auch Onkel Wohl⸗ gemuth hatte geſchrieben; beide waren unverwundet. Der Schaͤfer Gottfried hatte ſie darauf aufmerk⸗ ſam gemacht, daß Fürſt Subow jetzt wieder auf ſei⸗ nen Gütern weile und daß der Maler Treufeldt bei ihm ſei.. „Dieſe Ruſſen, Verwalter und Inſpectoren und 240 alles miteinander, ſind unehrlich und ein kein⸗ nütziges Pack,“ ſagte der Alte,„man muß ſie ſich ſo in der Nähe beſehen haben wie ich, um das zu wiſſen. Der Herr Fürſt iſt ein vornehmer Mann, vor ſeine Augen kommt nur was ſeine Untergebenen wollen, aber der Maler iſt ein Deutſcher, iſt Ihr Verwandter jetzt; an den ſchreibe, Louischen, und ich ſelbſt werde den Brief abgeben, denn ich muß ſchon zurück nach Kydullen. Ich werde den Brief mitneh⸗ men und recht beſtellen, und ich meine, es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn der Herr Fürſt nicht einen Theil der Pachtgelder ſchickte.“ Seit der Abreiſe des Greiſes waren nun ſchon Wochen verfloſſen und Louiſe begann die Hoffnung, irgend etwas vom Eigenthum ihrer Familie gegen⸗ wärtig zu erlangen, ſchon aufzugeben, als an einem Februar⸗Sonntage plötzlich und ganz unerwartet ſich Miſter Maidſtone, der engliſche Oberſtallmeiſter des Fürſten, bei Madame Wohlgemuth melden ließ. Mi⸗ ſter Maidſtone, ſchon früher der Familie Wohl⸗ gemuth befreundet, erſchien als Abgeordneter des Fürſten, dem durch Gottfrieds und des Malers Ver⸗ mittlung es nun endlich bekannt geworden, daß die Familie des deutſchen Grundbeſitzers, mit dem er früher Beam Maidſ die Ze Arbeit 2 ſah Lo Lage z ſie nich Lydia's entſchle zu verl richtige Erde, Louiſe Trotze wohnte ihr Fri jungfrãä gegen l herbes ten die Eifer zu 1856. X kein⸗ ſich s zu kann, denen Ihr d ich ſchon tneh⸗ emit einen ſchon nung, egen⸗ einem t ſich r des Mi⸗ Vohl⸗ des Ver⸗ ß die m er 2441 früher einen freundlichen Verkehr gehabt, durch ſeine Beamten aufs Schmählichſte betrogen worden ſei. Die Pachtſumme ward von Neuem feſtgeſtellt, Maidſtone machte anſehnliche Abſchlagszahlungen, und die Zeit der bittern Sorge, des ſchweren mühſeligen Arbeitens fürs Brod, war nun für Louiſe vorüber. Als der Engländer die Familie verlaſſen hatte, ſah Louiſe ſich in den Stand geſetzt, Tante Sophiens Lage zu erleichtern und einen Schritt zu thun, den ſie nicht bloß zu ihrer Freude, ſondern jetzt auch Lydia's wegen ſchon lange gern gethan hätte. Sie entſchloß ſich mit ihrer Mutter und Schweſter Elbing zu verlaſſen und an einen Ort zu gehen, wo auf⸗ richtige Liebe ſie und die ihrigen erwartete. Zwar lag der Winter kalt und rauh über der Erde, zwar wüthete der Krieg in der Welt, aber Louiſe wußte ein Plätzchen, wo dem Februar zum Trotze blaue Veilchen duftend blühten, wo der Friede wohnte und die Liebe: das kleine Weinbergsgut, wo ihr Fritz als Knabe geſpielt, wo ſeine Mutter der jungfräulichen Gattin ihres Sohnes die Arme ent⸗ gegen breitete. Dort konnte ſie hoffen, daß Lydia's herbes Geſchick unbekannt geblieben ſei, und ſo rüſte⸗ ten die drei Frauen ſich denn mit hoffnungsvollem Eifer zur Reiſe, deren Ziel ſie nach einigen Tagen 1856. XX. Erinner. e. Großmutter. II. 16 242 erreichten, und bald lag Louiſe in den Armen einer Mutter, die in jeder Beziehung die Kraft und den Willen hatte, der Gattin ihres Sohnes alles das Glück zu bereiten, was mütterliche Liebe und Weisheit einer Tochter geben kann. Damals ſah ſie zuerſt das kleine hölzerne Wein⸗ bergshaus mit den vielen vielen Ecken und Erkern. Der Schnee lag blendend weiß auf ſeinem grauen Schieferdache. Die alten Ulmen, Eſchen und Ahorn⸗ bäume ſtreckten ihre kahlen Aeſte dem Himmel ent⸗ gegen. Den Spiegel des Oderſtromes bedeckte noch das Eis, aber aus den Schornſteinen des kleinen Hauſes winkte gaſtlich die kräuſelnde Rauchſäule, Hyazinthen, Tulpen und neckiſche Crocus blühten hinter den Doppelfenſtern und ein Mutterherz voll Liebe bewillkommnete die Eintretenden auf der gaſtlichen Schwelle. Die Mutter des geliebten Mannes iſt für ein echtes Frauenherz ein Gegenſtand innigſter Liebe und Ehrfurcht. Louiſe betrachtete die noch jugendlich liebliche Mutter ihres fernen Gatten mit einer Art von An⸗ dacht. Aus dieſen Händen hatte der ſpielende Knabe die Freuden ſeines Daſeins erhalten, auf dieſem Schooße hatte das lächelnde Kind das Leben begrüßt, dieſe ziehe auge abwe bela imma bald Frau bekan des Fehle genug Sühn Fried ihrer noch ihres dem leiten eigen treue und tter, illen f zu einer Zein⸗ kern. auen horn⸗ ent⸗ noch einen äule, ühten rherz der ir ein und bliche An⸗ Knabe dieſem grüßt, 243 dieſe freundlichen Lippen hatten den in die Welt ziehenden Jüngling geſegnet. O und dieſe Mutter⸗ augen, die jetzt thränenfeucht an der Geliebten des abweſenden Sohnes hingen, hatten ſein erſtes Lächeln belauſcht, ſeinen Schlummer bewacht und immer und immer nur liebend auf den Theuren geblickt. Ein Band der innigſten Zuneigung umſchlang bald die Herzen der beiden, einen Namen führenden Frauen. Lydia's Geſchick war der älteren Frau Treufeldt bekannt. Sie war weiſe genug, um den Fehltritt des unglücklichen Mädchens zu beklagen, ohne die Fehlende zu verdammen, und ſie war auch weiblich genug, um in der tiefen Liebe der Unglücklichen die Sühne ihrer Schuld zu erblicken. Lydia konnte ihrer Erziehung nach den ſtillen Frieden, den Fleiß und Gottvertrauen im Herzen ihrer Schweſter erwachſen ließen, nie ganz begreifen, noch weniger ſich ihn aneignen, in der Erziehung ihres Kindes aber fand ſie einen Lebensberuf, und in⸗ dem ſie ſich bemühte, ihren Knaben zu lehren und zu leiten, lernte ſie die Mängel und Auswüchſe ihres eigenen Charakters kennen und bemühte ſich mit treuem Fleiße ſie zu verbeſſern. Lehrend lernte ſie, und bildete unter Schmerz und Leid in ſich und 16* 244 ihrem Kinde zugleich den Engel, der, in jeder Men⸗ ſchenbruſt ſchlummernd, hier auf Erden lernen ſoll die Fittige regen, um ſich ſpäter aufzuſchwingen in die Regionen des ewigen Lichtes.— Doch wir wollen dem Schluße dieſer einfachen Erzählung nicht vorgreifen. Louiſens Zukunft, feſt geknüpft durch ihre Liebe an das Geſchick des Kriegers, ſchwebte noch lange auf zweifelhafter Wage. Bei Laon am 9. März 1814 ward ihr Gatte ſchwer verwundet. Die Nachricht davon empfing Louiſe durch ihren Vater. Es war der erſte Brief, der ſeit jenem Schreiben, das Fritz gebracht, in die Hände ſeiner Familie gelangte. Er enthielt der hochwichti⸗ gen Nachrichten gar viele. Der alte Graf St. Albans betrauerte den Ver⸗ luſt ſeines Neffen und Erben mit tiefem Schmerze. Er hatte ſo wenig als Herr Wohlgemuth e⸗ Ah⸗ nung davon, welchen Einfluß dieſer auf die Familie Wohlgemuths gehabt, welches bittre Leid er ihr zugefügt. Fritz Treufeldt hatte auf einem der Schlöſſer des reichen Grundherrn Aufnahme gefunden und ward dort aufs freundlichſte und ſorgfältigſte gepflegt. Als dieſer Brief in die Hände der Familie kam, war der Ver auf den und und ſeltſe etwa nur Gat zwein ihre erleic gung Pari reizen an, Ver von Buch der Frühling bereits angebrochen. Die Heere der Verbündeten ſtanden in Paris und die Welt hoffte auf die Segnungen eines nahen Friedens. Für Louiſe war er ein Wendepunkt des Lebens, denn feſt ſtand es in ihrem Herzen, daß ſie hineilen und den leidenden Gatten durch ihre Nähe erfreuen und mit Aufbietung all ihrer Kräfte pflegen müſſe. Madame Wohlgemuth fand das zwar ſehr ſeltſam, ſehr abenteuerlich, konnte jedoch nicht wohl etwas dagegen einwenden; denn die Frau hat nicht nur das Recht, ſondern auch wohl die Pflicht, ihrem Gatten zu folgen. So reiſte Louiſe denn, eine einzelne junge kaum zweiundzwanzigjährige Frau. Ihr natürlicher Muth, ihre Thatkraft, Ausdauer und Anſpruchsloſigkeit erleichterten ihr eine Reiſe, die mit großen Anſtren⸗ gungen verknüpft und nicht ohne Gefahr war. Am 28. Mai, zwei Tage vor dem Abſchluß des erſten Pariſer Friedens langte die junge Frau auf dem reizend gelegenen Jagdſchlößchen la ville forestière an, das, wenige Meilen von Laon entfernt, ſeit ſeiner Verwundung der Aufenthalt des jugendlichen Majors von Treufeldt war. 3 Tief im Walde gelegen, in Mitten uralter Eichen, Buchen und Erlen, ſchien das nicht große aber aus⸗ 246 nehmend ſchöne Gebäude ein Tempel, dem Genius der Waldeinſamkeit gewidmet. Der alte Freund Louiſens, der ſich ſeit einiger Zeit auch dort aufhielt, empfing die junge Frau mit einem Erſtaunen, das ſich in Entzücken verwandelte, als ſie den wackern lieben Tanzmeiſter wiederkennend, ſich ihm weinend in die Arme warf. Er ſprach beſſer deutſch und Louiſe beſſer fran⸗ zöſiſch als zur Zeit, da er ſeinen Ring verſetzt hatte, um in ſeine Heimath zurück zu kehren. Immer aber war er noch der ſaubere freundliche, ritterlich höfliche alte Herr und immer noch bewahrte er dankbar das Andenken an Louiſens Freundlichkeit und vergalt die kleinen Wohlthaten, die das Kind ihm erwieſen, durch überſchwengliche, die er ihrem Vater, ihrem Gatten und ihr ſelbſt erzeigte. Herr Wohlgemuth war in Paris. Durch des Grafen Vermittlung war er dorthin gegangen, um durch des Königs Majeſtät ſeine endliche Befreiung zu vermitteln. Nur ungern und mit Schmerz hatte er den leidenden Gatten ſeiner Tochter verlaſſen, doch wußte er ihn von der Sorgfalt ſeines trefflichen Freundes und Wohlthäters beſchützt, und die Sehnſucht nach Befreiung, die es ihm möglich machte, in den Schooß ſeiner der wußtl dem n nur a aber nen c haarit denen 6 jetzt o die C Gatte BeneC hen k bender weiner über ruhte, blüher die di mer g nius iger mit elte, nend, fran⸗ atte, aber Klliche das t die durch atten des um ig zu den vußte indes nach chooß 247 ſeiner Familie zurück zu kehren, überwog den Schmerz der Trennung von ſeinem jungen, faſt immer be⸗ wußtloſen Freunde. Ein barmherziger Bruder, frére Benedict, aus dem nahen Kloſter vertrat die Stelle des Arztes, der nur alle Woche einmal den Kranken beſuchen konnte, aber es konnte keinen tüchtigern Chirurgen und kei⸗ nen aufmerkſameren Wärter geben, als den filber⸗ haarigen, in Werken der chriſtlichen Liebe alt gewor⸗ denen Mönch. Mit welcher Herzensbeklemmung erwartete Louiſe, jetzt am Ziele ihrer langen und beſchwerlichen Reiſe, die Erlaubniß, ihr Amt als Pflegerin am Bette ihres Gatten antreten zu dürfen, und als endlich frère Benedict ihr erklärte, daß ſie nun den Leidenden ſe⸗ hen könne, da ſchritt ſie über die Schwelle, mit be⸗ bendem Herzen, mit verſagendem Fuß und ſtand, ein weinender Engel, das ſchönſte Bild mitleidender Liebe, über das Schmerzenslager gebeugt, in dem Derjenige ruhte, mit dem ihr Leben vereint war. Gott! da lag er, Fritz Treufeldt, der einſt ſo blühende Jüngling, bleich, zum Skelett abgemagert, die dunkeln Augen bald im bewußtloſen Halbſchlum⸗ mer geſchloſſen, bald rollend in wilder Fieberglur. Einen Moment lang überkam ihr Herz ein Ge⸗ 248 fühl des Elends und der Muthloſigkeit. Der Tod, der Tod hatte mit ſeinem ſchwarzen Fittige bereits das Geſicht beſchattet, das ſie ſo unendlich geliebt. Sie war nur gekommen, um ihrem Gatten die brechen⸗ den Augen zu ſchließen. O des herben, namenloſen Wehes, das kälter ihre Bruſt durchzuckte, o der Verzweiflung, die wie eine Bleilaſt ſich auf ihre Seele legte. Aber nur auf einen Augenblick, im nächſten kehrte ihre Faſſung zurück. Selbſt ſeine letzte Stunde zu verſüßen war eine Seligkeit und eine heilige Pflicht für ſie. Hatte doch Lydia, die weich gewohnte, den letzten Blick ihres Gatten mit einem Blick der Liebe erwie⸗ dert. Hatte ſie doch den Muth gehabt, ihn ſterben zu ſehen, ohne Pflege, ohne Nahrung, ohne ein ſchützendes Obdach. Louiſe trat ans Fenſter und ſchaute hinaus in das friſche ſaftige Gruͤn des nahen Waldes, und ſegnete in leiſem Gebet das gaſtliche Dach, das den ſterbenden Geliebten ſchützte, und ging dann zu ihm und drückte einen heißen Kuß auf das feine Linnen ſeines Bettes und ſtrich mit zitternder Hand das Kiſſen glatt, das ſein bleiches ſchmerzensmüdes Haupt ſtützte. G ehe n Anleit lernt, S den L Rippe gen, wiß n lebte ner 2 der A nes j⸗ . Herze zweite nannt men, ihrer ihn ſe Opere als Treue Tod, reits liebt. chen⸗ kälter wie chſten eine letzten erwie⸗ terben e ein us in „ und 3 den t ihm einnen d das Haupt 249 Sie war glücklich, denn ſie war bei ihm, und ehe noch zwei Tage vergangen, hatte ſie nach der Anleitung des frèére Benedict alle Handgriffe er⸗ lernt, um dem Leidenden Linderung zu verſchaffen. Major Treufeldt hatte eine Schußwunde durch den Leib bekommen, die Kugel war rechts unter den Rippen ein⸗ und neben dem Rückgrat herausgegan⸗ gen, eine Verwundung, die unter hundert Fällen ge wiß neunundneunzigmal augenblicklich tödtet. Er aber hatte den Transport überlebt und lebte jetzt ſchon zehn Wochen und darüber nach ſei⸗ ner Verwundung, und fréèére Benedict ſowohl als der Arzt hielten die Geneſung des rieſenſtarken Man⸗ nes jetzt für möglich, ja ſogar für wahrſcheinlich. Louiſe verlebte einen Sommer voll namenloſer Herzensaufregungen am Bette ihres Gatten. Am zweiten Tage nach ihrer Ankunft erkannte er ſie und nannte leiſe flüſternd mit ſeligem Lächeln ihren Na⸗ men, und von da ab bedurfte es nur eines Lautes ihrer Stimme, um den Leidenden zu beruhigen und ihn ſanft und gehorſam ſelbſt bei den ſchmerzlichſten Operationen zu erhalten. „Wenn er geſund wird,“ ſagte frére Benedict, als Louiſe vier Wochen lang mit ausdauerndſter Treue am Bette ihres Fritz gewirkt hatte,„ſo iſt 250 das Ihr Verdienſt, Madame, und das Werk der großen Liebe, die er für Sie hat. Waͤre er unruhig, minder geduldig und nicht von einer ſo eiſenfeſten Conſtitution, ſo wäre er längſt nicht mehr unter den Lebenden; heute glaube ich Ihnen die feſte Verſiche⸗ rung geben zu können, daß er Ihnen erhalten wird.“ Am Tage, da Louiſe dieſe tröſtliche Nachricht er⸗ halten, kehrte auch Herr Wohlgemuth zu ſeinem Freunde St. Albans zurück, um vor ſeiner Heimkehr ins Vaterland Abſchied von ihm zu nehmen, und nach Jahre langer Trennung lag Louiſe zum Erſtenmal wieder in den Vaterarmen. Louiſens Vater war es geweſen, der kurz nach der Schlacht von Laon den jungen preußiſchen Offi⸗ eier im Lazareth geſehen, erkannt und dem Schutze und der Pflege ſeines gütigen Freundes übergeben hatte. Damals wußte der verbannte Vater noch nicht, daß Treufeldt bereits der Gatte ſeiner Tochter ſei, er erfuhr es erſt aus Louiſens Munde. Eine neue Zeit war nun angebrochen, unter Blut und Thränen zwar, aber dennoch hoffensreich und glückverheißend. Mit gemiſchten Gefühlen empfing Herr Wohl⸗ gemuth aus dem Munde ſeiner Tochter Nachricht von den Seinen, auch Lydia's Geſchick konnte ihm —— nicht dem C verſchn über ſe T ſo entf bis de die Re fleißig nen W ſtattlich C ſeinen ich es älter a jetzt, Schick der ruhig, feſten r den eſiche⸗ dird.“ )t er⸗ einem mkehr nach enmal nach Offi⸗ ſchutze geben nicht, ei, er unter sreich Vohl⸗ hricht ihm —-; 251 nicht verborgen bleiben, doch beharrte er feſt auf dem Entſchluße, ſeinem Freunde und Wohlthäter zu verſchweigen, welch Leid der Sohn ſeines Bruders über ſeine Familie gebracht. Da Treufeldts Beſſerung rüſtig vorwärts ſchritt, ſo entſchloß ſich der Vater in Frankreich zu bleiben, bis der geneſene Sohn und die geliebte Tochter die Reiſe mit ihm machen konnten. Unterdeß flogen fleißig Briefe hinüber und herüber zwiſchen dem klei⸗ nen Weinbergshäuschen am Ufer der Oder und dem ſtattlichen Jagdſchloß la ville forestière. Einer derſelben von Lydia an Louiſe muß hier ſeinen Platz ſinden, er lautete: „Meine Schweſter! „Wenn Du dieſe Zeilen erhältſt, bin ich ſchon nicht mehr an dem Orte, wo ſie geſchrieben, ich folge meinem Geſchick; ich kann nicht anders handeln, als ich es zum Beſten meines Kindes jetzt thue. „Vielleicht erinnerſt Du Dich des Miſter Maid⸗ ſtone, der ein großes Intereſſe für mich zeigte, als ich noch ein kleines Kind war. Er iſt vierzig Jahre älter als ich und ein ſtattlicher Greis, und hat mir jetzt, nachdem er mich wieder geſehen und mein Schickſal kennen gelernt, ſeine Hand angeboten. „Es iſt eine Handlung uneigennützigſter Groß⸗ 252 muth, die ihn meiner tiefen Dankbarkeit werth macht. Er adoptirt meinen Knaben, macht ihn zum Erben ſeines nicht unbeträchtlichen Vermögens und ſichert meine ganze Zukunft vor der Verachtung, die ohne ihn mich und mein Kind überall hinbegleiten würde, der ich nur im Grabe oder an ſeiner Seite entgehen kann. Ich nehme mehr noch für mein Kind als für mich das großmüthige Geſchenk ſeines Namens und ſeiner Hand an, und werde verſuchen, ihm durch Erfüllung all ſeiner Wünſche meine Dankbarkeit zu zeigen. In acht Tagen werden wir in tiefer Stille getraut und ich begleite ihn dann in unſere frühere Heimath, wo er erſt ſeine Angelegenheiten ordnen und mich dann nach dem Elſaß führen wird, wo er Beſitzungen zu kaufen beabſichtigt. Mein Knabe, der ſeinen Namen führen ſoll, wird dort als ſein rechter Sohn gelten. „Gott weiß am beſten, theuerſte Schweſter, daß dieſer Schritt mir ſchwer, ſehr ſchwer wird, aber ſchon um unſrer Mutter willen muß ich ihn thun, denn ſie, die ich ſo ſchwer gekränkt, ſcheint völlig beſeligt durch den Gedanken, mich als eine reiche Frau und meinen armen Knaben als ein legitimes Kind zu ſehen. Ich will ihr gern noch eine Freude machen, wer weiß denn, wie lange ich überhaupt noch leb Knaben weiſen „L vielleicht gilt me ich ſo verläugn Mutter und ein fühle ic Troſt. „L und Au beneiden chen N weichen zuge der Bequem bedarf Du fre gehende ſaß auch verwund Haupte⸗ macht. Erben ſichert e ohne würde, utgehen als für ns und durch rkeit zu Stille frühere ordnen wo er Knabe, ils ſein er, daß d, aber ithun, voöͤllig reiche gitimes Freude erhaupt 253 noch lebe, und ſterbe ich früh, ſo hinterlaſſe ich meinem Knaben in Miſter Maidſtone einen treuen und weiſen Vater. „Louiſe, Du allein auf der weiten Welt kannſt vielleicht verſtehen, welches Opfer ich bringe. Es gilt meinen Eltern und meinem Kinde, nur indem ich ſo das Andenken meiner heiligen großen Liebe verläugne, kann ich das Ehrgefühl meiner armen Mutter beruhigen und meinem Kinde einen Namen und einen Vater geben; daß ich nicht lange lebe, fühle ich zuverſichtlich, und darin liegt mein einziger Troſt. „Gott erhalte Dir den Mann, für deſſen Leben und Aufkommen Du jetzt beteſt. O, ich könnte Dich beneiden, Du Glückliche, Du ſttzeſt in ſtillen friedli⸗ chen Nächten am Bette Deines Gatten, rückſt ſeine weichen Kiſſen zurecht und wehrſt jedem rauhen Luft⸗ zuge den Zugang zu dem leidenden Geliebten. Jede Bequemlichkeit, jede Stärkung, jede Pflege, die er bedarf oder wünſcht, kannſt Du herbeiſchaffen und Du freueſt Dich der Mittel, ihm in ſeinen vorüber⸗ gehenden Leiden Linderung zu verſchaffen. Ich, Louiſe, ſaß auch einſt vier grauſige Nächte lang neben dem verwundeten Geliebten. Das Kiſſen ſeines fiebernden Hauptes war der Rücken ſeines ſchönen treuen Pferdes, 254 das ſterbend mich und ihn und unſer Kind bis zu der Ruine getragen, deren rauchgeſchwärzte Mauern die einzige Schutzwehr zwiſchen uns und den Wölfen bildeten, die heulend die öde Steppe durchzogen. „Er konnte gerettet werden, ſein Fuß war zer⸗ ſchmettert, und die Nähe eines Arztes, ein wenig Pflege, ein warmes reines Lager, hätten St. Albans am Leben erhalten. O Louiſe, ich ſah ihn ver⸗ ſchmachten, ſah ihn zollweiſe ſterben, drei lange und furchtbare Tage, drei Winternächte hindurch, deren Grauen kein menſchliches Hirn zu faſſen fähig iſt. Und doch, meine Schweſter, doch ſind ſie mir eine theure Erinnerung, doch ſegne ich das Schickſal, das mich wenigſtens nicht von dem Geliebten trennte. Seine letzten Seufzer und Gebete verklangen nicht in der leeren Luft, ſie ſielen in das Herz, das ihn liebte. Selbſt der Trunk Waſſer aus Schnee, den die Wärme meiner Hand ſchmolz, war eine Erquik⸗ kung, die ich ihm reichen konnte, und er ſtarb mich ſegnend und mir dankend. „O Louiſe, Louiſe, meine Schweſter, überall, wo die Liebe wirkt, iſt ſie ein Bote des Himmels und das liebende Herz beſiegt ſicherlich auch die Schreckniſſe der Hölle. „Du liebſt Deinen Gatten, wohl Dir, er lebe oder ſte nur ihr „1 Schwef D fühle. gung, es, al⸗ Dahin heiligen mit ei einer 2 Gedan ſchien, Geſpra ſeine zu heil aber d Louiſe aufreg⸗ S Winte tièere zu kön! zu der ern die Wölfen en. ar zer⸗ wenig Albans on ver⸗ ge und deren hig iſt. ir eine al, das rrennte. n nicht as ihn ee, den Erquik⸗ b mich iberall, immels ich die er lebe 255 oder ſterbe, die Liebe iſt ewig, der Tod des Geliebten nur ihre höchſte Verklärung. „Gott ſegne Dich und gedenke gern Deiner Schweſter Lydia.“ Dieſer Brief erregte in Louiſen ganz eigene Ge⸗ fühle. Es war ihr wie ein Schmerz, wie eine Demüthi⸗ gung, daß Lydia ein Eheband knüpfte. Ihr ſchien es, als ob das ſtete Feſthalten am Andenken des Dahingeſchiedenen den Fehltritt der Schweſter hätte heiligen können, während die Abſchließung einer Ehe mit einem andern Mann ihn erſt ganz und gar zu einer Verirrung ſtempele. Sie verſchwieg indeß dieſe Gedanken gegen den Vater, der ſich herzlich zu freuen ſchien, und Fritz war noch nicht in dem Zuſtande, lange Geſpräche führen zu können. Zwar beſſerte ſich ſeine Geſundheit zuſehends, ſeine Wunde begann zu heilen, ſein Bewußtſein war voöllig zurückgekehrt, aber die Schwäche ſeiner Nerven war ſo groß, daß Louiſe alles vermeiden mußte, was ihn nur irgend aufregen konnte. Der höchſte Wunſch der drei Deuntſchen, die den Winter von vierzehn bis fünfzehn in la ville fores- tiere zubrachten, war, in ihre Heimath zurückkehren zu können, und ihr alter wackerer Gaſtfreund fand denſel⸗ 256 ben natürlich und that alles, um ihn in Erfüllung zu bringen. An Geldmitteln fehlte es nicht. Fritz von Treufeldt bezog ein anſehnliches Einkommen als Major, Herr Wohlgemuth empfing durch Miſter Maidſtone's Vermittlung die ſämmtlichen rückſtändigen Pachtgelder, ſo weit ſie nicht an ſeine Gattin ſchon gezahlt waren, und die Kaſſe ihres Gaſtfreundes hätte ihnen jedenfalls auch offen geſtanden. Sie bedurften ſeiner Aushilfe indeß nicht. Herr Wohl⸗ gemuth beſorgte aus Paris einen bequemen Wagen, in deſſen weichen Kiſſen der Geneſende ſitzen und liegen konnte, wie es ſein Zuſtand forderte. St. Albans beſchenkte ſie mit zwei trefflichen ausdauern⸗ den Pferden von normänniſcher Zucht und gab ihnen einen tüchtigen Mann als Kutſcher bis Straß⸗ burg mit, wohin ſie zuerſt gingen, um bei Lydia, die noch vor ihnen mit ihrem Gatten dort eintreffen ſollte, eine Zeitlang zu ruhen. Der würdige alte Graf begleitete ſeine Gäſte noch zwei Tage und man trennte ſich unter gegen⸗ ſeitigen Segenswünſchen. „Leben Sie wohl,“ ſagte St. Albans, indem er mit ritterlicher Galanterie Louiſens Hand küßte, „Leben Sie wohl, meine ſchöne, ſuße, jugendliche . Freut mein der Sie Glůch mir's Eisſp grott Sie Herrl vollen nicht Zeit Die am e dort bleich an de ſegnet deſſen Maid zeigte Sohn 1856. illung von als Miſter digen ſchon undes Sie Wohl⸗ hagen, n und St. uern⸗ gab btraß⸗ 1, die reffen Gäſte egen⸗ ndem küßte, dliche Freundin. Ich verdanke Ihre erſte Bekanntſchaft meiner Verbannung, das Glück des Wiederſehens der Verwundung Ihres Gatten, dennoch erlauben Sie mir, daß ich die Unglücksfälle ſegne, die mir das Glück ſchafften Sie meine Freundin zu nennen. Iſt mir's doch ergangen, wie dem Manne, der, in die Eisſpalte eines Gletſchers verſinkend, eine Cryſtall⸗ grotte entdeckte, ſchön wie ein Feenpalaſt. Geſtatten Sie mir in der Proſa meines Alltagslebens von der Herrlichkeit zu träumen, die ich freilich nur in angſt⸗ vollen Augenblicken ſah, die mir aber durch dieſe nicht zu theuer erkauft ſcheint.“— Straßburg ward von den Reiſenden zu einer Zeit erreicht, in der die Welt wieder zu gähren begann. Die Nachricht, daß Napoleon von Elba entflohen und am erſten März in Cannes gelandet ſei, war fruͤher dort angelangt als unſere Freunde. Lydia, jetzt eine bleiche, ernſte, ſehr ſchöne Frau, empfing die Ihrigen an der Seite ihres Gatten und Herr Wohlgemuth ſegnete mit zitternden Lippen ſeinen erſten Enkel und deſſen weinende Mutter. Es war ein ſchönes Kind, der kleine Alban Maidſtone, und als Louiſe ihn lächelnd ihrem Manne zeigte, ahnte ſie nicht, daß dieſer Knabe einſt ihr Sohn als Gatte ihrer Tochter werden ſollte. 1856. XX. Erinner. e. Großmutter. II. 17 258 In langſamen Tagereiſen und oft unterbrochen durch Ruhetage ward dann die Reiſe bis zum Wein⸗ bergshäuschen zurückgelegt. Fritz hatte ſich während derſelben merklich erholt und konnte, als der Wagen unten auf dem breiten Landwege hielt, die Strecke bis zu dem kleinen Hauſe rüſtig und ohne den ſtützenden Arm ſeiner Louiſe zurücklegen. Es war Mai geworden— Mai 1815— und obgleich die Kriegsfackel von neuem in wilden Flam⸗ men brannte, ſo wohnte doch dort unter dem grauen Schieferdach Friede, Liebe und Treue. Als Treufeldt gänzlich und völlig von ſeiner Wunde geneſen, war der zweite Pariſer Friede längſt geſchloſſen. Es konnte ihm alſo auch keinen großen Kummer machen, daß er zum Militärdienſt unfähig geworden. Er erhielt ſeinen Abſchied als Obriſt⸗Lieutenant, lebte als Landmann auf dem Weinbergsgute, das unter ſeiner und Louiſens Hand mehr und mehr ein kleines Paradies wurde. Im Jahre 1820 gebar Louiſe ihren älteſten Sohn, ein Glück, auf das ſchon niemand von der Familie mehr zu hoffen gewagt hatte. Lydia ſah noch ihren Knaben heranwachſen, run chen eein⸗ holt eiten auſe ouiſe und lam⸗ dem ſeiner teſten n der chſen, 259 ſie ſtarb nicht jung wie ſie es gehofft hatte; denn das menſchliche Herz iſt ſo eingerichtet, daß der Schmerz es nicht zerbricht, ſondern nur beugt, und wohl dem Herzen, das ſich, wie das ihrige, durch den Schmerz in die rechte Richtung bringen ließ. Sie war ihrem Kind eine wackere treue Mutter und ihrem Gatten eine dankbare liebevolle Frau. Schluß. Und ich an meinem Abend wollte, Ich hätte, dieſem Weibe gleich, Erfüllt, was ich erfüllen ſollte, In meinen Grenzen und Bereich. Ich wollt' ich hätte ſo gewußt, Am Kelch des Lebens mich zu laben, Und könnt' am Ende gleiche Luſt An meinem Sterbehemde haben. Chamiſſo. Nur bis dahin hatte Frau Treufeldt ihre Erinne⸗ rungen für fähig gehalten, dem Publikum mitgetheilt zu werden. Sie glaubte, daß dieſelben nur in ſo weit von allgemeinem Intereſſe ſein könnten, als ſie mit dem 17* 260 Geſchick der Welt in einem gewiſſen deutlich erkenn⸗ baren Zuſammenhang ſtanden. Uns, ihren aufmerkſamen und theilnehmenden Freunden, pflegte ſie freilich auch bisweilen einzelne Begebenheiten aus ihrem glücklichen Stillleben als Hausfrau, Mutter und Großmutter mitzutheilen. Genre⸗ bildchen, die eigentlich einen Kranz um das größere Bild ihres Lebens bilden, aber ſie pflegte dann lä⸗ chelnd zu ſagen:„Das Glück iſt in der Schilderung ſo einförmig wie ein Aehrenfeld oder eine Wieſe, obgleich es wie dieſe aus lauter einzelnen verſchieden⸗ artigen, für ſich ſchönen und vollkommenen Blumen und Aehren beſteht.“ So will auch ich denn hier die Erinnerungen einer Großmutter ſchließen. Sollten aber einige Leſer für die übrigen Perſonen dieſer kleinen Ge ſchichte einiges Intereſſe fühlen, ſo erlaube ich mir dieſen noch mitzutheilen, daß der Bankdirector Wohl⸗ gemuth nach beendetem Kriege eine Stelle im Mi⸗ niſterium erhielt und als geachteter Mann noch viele Jahre an der Seite ſeiner Gattin lebte. Der Kantor Wohlgemuth war nach einer ſehr verſtändigen und zweckmäßigen Behandlung ziemlich geneſen und hatte den Feldzug im Jahre 1815 als Landwehrmann mitgemacht, er avancirte dabei zum enn⸗ nden zelne als enre⸗ ßere lä⸗ rung ieſe, den⸗ men igen 261 Unterofficier, war ſehr ſtolz auf dieſe Wuͤrde und lebte nach dem Frieden wieder im Hauſe ſeines Vetters, dem er einſt ſo ſehr geſchadet. Madame Wohlgemuth gebrauchte ihn zu hun⸗ dert kleineren und größeren Dienſtleiſtungen und hatte an ihm ſtets einen aufmerkſamen Zuhörer, wenn ſie von ihren Töchtern und Enkeln erzählte. Der Maler Treufeldt, einer der berühmſten Künſt⸗ ler ſeiner Zeit, war oft und gern in dem ländlichen Hauſe ſeines Vetters, und die Zeit ging leiſe über den Häuptern aller hin und legte, wie das nicht an⸗ ders ſein kann, eins nach dem andern zur Ruhe ins ſtille Grab. Zuerſt den Schäfer Gottfried. Seine Söhne und Enkel ſind jetzt geachtete Grundbeſitzer in jener entlegenen Gegend des Vaterlandes. Fürſt Subow ſteht ſchon lange, lange vor dem ewigen Richter. Eine nach der andern von den Perſonen, deren We⸗ ſen und Art die lebhafte und liebenswürdige Frau Treufeldt ſo wohl zu ſchildern wußte, iſt geſtorben, Fürſten und Könige, Krieger und ſchöne Damen. Die freundliche Erzählerin, die wackere liebe Großmutter, war eine der letzten— auch ſie iſt nun zu einem beſſern Leben eingegangen, eine andere Zeit iſt ge⸗ kommen, andere Menſchen leben— uns, unſern Zeit⸗ 262 genoſſen gehört der gege nwärtige Augenblick bis— auch wir, einer neueren Generation Platz machend, ins Grab ſinken werden. Einer früher, die andern ſpäter! Jedem von uns aber wünſche ich, daß am Abend ſeines Lebens alle ſeine Erinnerungen ſo un⸗ getrübt von ſchwerer Schuld, ſo durchweht von heili⸗ gem Gottoertrauen, ſo ſicher einer ewigen Zukunft ſein mögen, als die, welche ich meinen freundlichen Leſern hier mit einem herzlichen Lebewohl über⸗ gebe. Ende. — — ,, 65** 1 *