Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Ofrensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher; 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2 1 3 4—„ I 52 0 2„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ‚c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———y— 8 ALEUM Bibliothek deutſcher Originaſromane der beliebteſten Schriftſteller. Perausgegehen uon J. L. Kober. Eilfter Jahrgang. Neunzehnter Band. ℳ 4* U, ℳ Erinnerungen einer Großmutter. II. 1856.„1 Prag& Leipzig, Expedition des Albums. —— Erinnerungen e 7 Groß einer er Roman in zwei Bänden. Von Julie Burow. Erſter Band. 1856. Prag K Leipzig, Expedition des Albums. Zueignung. An meine liebe Tante und verehrte Freundin Frau Obriſt-Lieutenant Amalie geo in Mainz! Wenn ich auch ſelten nur Dir Gruße ſende, Gedenket Dein doch oft mein dankbar Herz! Und jetzt, bei dieſer Arbeit heiterm Ende, Schau ich mit ſtillem Sinnen himmelwärts. Dort! wo der Erde Schmerzen friedlich ſchweigen, Wo jedem Wunſch ſein heilig Ziel geſtellt— Dort weilt ein Freund! Sein Herz es war Dein eigen, Du haſt ſein Leben liebevoll erhellt. Ich hing als Kind, in mancher frohen Stunde, Wenn er von ſeinem Kriegerleben ſprach, Voll Achtſamkeit an ſeinem lieben Munde Und fühlte jedes ſeiner Worte nach.— So wuchs in mir der Dichtung heit're Blüthe Aus heil'ger Wahrheit, freundlich ernſtem Keim.— Nimm, Theure, denn dieß Buch mit milder Güte, Es kehrt der Fritz ſo gerne zu Dir heim. Bromberg im Juni 1856. Julie Burom, ſie Frau Pfannenſchmidt Einleitung. Winzerin. Ja ſchön iſt das Waſſer! ich muß das wiſſen, Ich komme ja von der Oder her, Die liebe Oder! ich möcht' ſie nicht miſſen Und wenns um Tonnen Goldes wär. Feſtſpiel von Marie Harrer. Die letzten Ausläufer des Rieſengebirges verlieren ſich in dem ſandigen Boden der Neumark. Dort bilden ſie an den Ufern des Oderſtromes eine Kette lieblicher Huͤgel, die ſeit drei Jahrhunderten einen trinkbaren, wenn gleich ſchlimm verrufenen Wein hervorbringen. Die Dichter ſprechen jedoch auch von dieſem Traubenſaft; gehört doch in Deutſchland Wein, Lied und Liebe immer zuſammen. Der Deutſche nennt ſte die drei ſchönſten am Himmel des Lebens glän⸗ zenden Sterne und Martin Luther ſagt: Wer nicht liebt Wein, Weib und Geſang, Der bleibt ein Narr ſein Leben lang. 1856. XIX. Erinner. e. Großmutter. I. ————— Ich freilich kann nicht beurtheilen, welchen Zu⸗ ſammenhang dieſe drei untereinander haben. Viel⸗ leicht weil ich ſelbſt ein Weib bin und ohne mehr Wein zu trinken, als Amſeln oder Rothkehlchen, doch wie dieſe harmloſen Geſchöpfe zu ſingen liebe, ohne daran zu denken, ob jemand auf mein Gezwitſcher horcht. Die Weinberge am Oderufer, die liebe ich aber von ganzem Herzen und von ganzer Seele, und oft ziehen meine Gedanken und Träume dorthin und ich ſehe die goldenen Lichter des Abends auf den Silberwellen der Oder glänzen, ich ſebe die bläuli⸗ chen und violetten Duft⸗Schleier, mit denen der ſinkende Sommertag die Hügelreihen zwiſchen Sabor und Grüneberg ſchmückt, und das tiefe Grün der Wieſen, das da, wo das kleine Flüßchen Obra in die mächtige Oder einmündet, wie ein Sammettep⸗ pich zum Mondſchein⸗Tanz für die Nixen ausge⸗ breitet liegt. 1 Hier an dieſer ſchönen Stelle treten die Wein⸗ berge des rechten Oderufers, zwiſchen Padilgar und Croſſen bis dicht an den Fluß, in deſſen klaren Wellen ſie ihren Fuß zu baden ſcheinen, während ſie auf der linken Seite bis Grüneberg zurückwei⸗ chen, ein reizendes geſegnetes Thal bildend, aus dem ſich lachende Dörfer, uralte Herrenſitze, grünende Zu⸗ Viel⸗ Wein wie daran orcht. aber d oft und adilgar rünende 3 Laubwälder und reiche Felder, allmählig anſteigend, bis zu dem genannten gewerbfleißigen Städtchen er⸗ heben, deſſen Fenſter man im Sonnengolde auf der Höhe blitzen ſieht. Es iſt ein ſchönes, ein liebliches Stückchen von Gottes Welt, dies freundliche Oderthal, eingeſchloſſen von ſeinen grünen Rebenhügeln, wo unter ſchattigen Bäumen, oder verſteckt in den Ranken grünender, blühender Schlinggewächſe, die freundlichen Weinbergs⸗ häuſer liegen, Sommerwohnungen der wohlhabenden Bürger, des nahen Fabriksſtädtchens Züllichau. Glückliche, glückliche Tage habe ich dort verlebt, und wenige Plätzchen giebt es wohl am Flußufer, in den Weinbergen und in den nahen Wäldern, die ich nicht rüſtig durchſchritten, wenige Lauben, in deren Schatten ich nicht geruht. Mögen ſie geſegnet ſein, dieſe lieben grünenden Hügel! lachender Sonnenſchein reife fort und fort ihre Trauben, ihre Pfirſiche, ihre duftigen Erdbeeren und gepuderten Pflaumen! Fort und fort trage der ſilberhelle Strom auf ſeinem Spiegel Schiffe, die die Erzeugniſſe der Gegend, Wein und Obſt und die in Züllichau verfertigten Manufactur⸗Waaren, Tuch und Seidenſtoffe, in alle Fernen bringen! Fort und fort ſäuſle und rauſche der Wind in den 1*¾ Zweigen der alten Platanen, Eichen und Linden, und flüſtre allen jungen ſehnſüchtigen Herzen, die in ihrem Schatten träumen, Melodieen zu für die Gefühle, die in der Menſchenbruſt erwachend, ſich zu Lied oder That geſtalten möchten. Lied oder That! ſie ſind nicht Gegenſätze ihrer Natur nach, ſie ſind Geſchwiſter, Kinder eines Vaters und einer Mutter. Nur in einer Bruſt, in der ſich Kraft und Liebe einen, kann das ſüße Lied entſtehen, und eine ſolche Bruſt kann auch die wackre That erzeugen. Wer das Gute erkennt und durch ſein Wort, ſein Lied ehrt, der wird es auch durch ſeine That ehren, wenn das Schickſal ihm die Gelegenheit dazu giebt. Darum traure ich nicht, obgleich mein Schickſal mich in die Stille und Einſamkeit verwies von Ju⸗ gend auf. Es iſt nicht mein Loos, große Dinge zu thun, mit zu wirken im Getriebe der Welt, aber die Gabe des Liedes iſt mir gegeben und ich freue mich derſelben und benütze ſie aufs Beſte für mich und meine Lieben. Mit leiſem Schritt gehe ich einfach und unbe⸗ merkt durchs Leben, unſcheinbar wie die Biene, aber wie dieſe begabt mit der Fähigkeit, in allen Blumen, ja auch ſelbſt in giftigen Kräutern die Süßigkeit, die 5 die Natur ihnen verlieh, zu entdecken und mit treuem Fleiße zu ſammeln. Das iſt das Glück meines Lebens, das iſt mein Talent. Ich ſehe das Gute und Schöne, ich weiß es zu benützen, und des Guten und Schönen iſt überall genug, wenigſtens weiß ich es überall zu finden. Mein Platz iſt nicht in der großen Welt. Fremd bin ich dem Treiben der Geſellſchaft; in der Natur und mit ihr lebend iſt mein Familienkreis, mein Alles, und die enge heilige Grenze meines Hau⸗ ſes, auch die Grenze meiner Wirkſamkeit. Meine Lieder aber tönen hinaus über dieſe enge Grenze. Wie weit hinaus, weiß ich freilich nicht, es kümmert mich auch wenig! ich ſinge wie der Vogel im Neſt, zunächſt für meine horchenden Kinder; trägt die Sommerluft meine Lieder in das Ohr eines Wan⸗ derers, horcht ihnen ein vorübergehendes Mädchen, freut ſich ein bräutliches Pärchen ihrer, das im Schatten koſend ruht, um ſo beſſer! es iſt ja des Liedes Art und Natur, daß es hinaus ſchallt ins Freie, das es ſich gerne wiegt auf den Schwingen der Luft, und wo das Geräuſch des Weltlebens ſchweigt, da tönt ein Lied weit weit und erfreut trau⸗ ernde Herzen und befreundet ſie der verborgenen Sängerin. Meine Seele gleicht der kleinen Lerche. Sie ſchwingt ſich ſingend gern nach oben. Die Wolken ziehen nur in einer beſtimmten Region, dann ſieht man die Blitze zu ſeinen Füßen und über ſich eben ſo ewig klar, als ewig unerreichbar, den ewigen Himmel, deſſen kleinſter Stern unſere unermeßliche Erde iſt. Was macht es der Lerche denn aus, daß ihr kleines Neſt im kleinſten Felde tief verſteckt liegt? Singend kann ſie die Region der ewigen Klarheit erreichen und die ganze Erde tief unter ihren Schwingen ſehen. Aber wie leicht und ſicher der Fluͤgel des Geſanges die Seele auch emporträgt, wie frei ſie ſich auch fühlt, wenn ſie aufwärts, aufwärts zieht, dem ewigen Lichte entgegen! doch liebt ſie, ach wie ſehr, das kleine im Grünen verſteckte Neſtchen, die beſchränkte aber hei⸗ tere Heimath und jedes Plätzchen, das ihr einſt eine Heimath war, bleibt ihr auch in der Erinnerung noch theuer. Es ſind nun ſchon Jahre verfloſſen, ſeit ich ein freundliches Weinbergshaus auf einem der höchſten freieſten Oderberge mit meiner Familie bewohnte. Es war nicht mein Eigenthum! auch darin gleiche ich den Sängern der Lüfte, daß ich mein heimath⸗ liches Neſtchen bald hier bald dort bauen muß, wo 7 eben das tägliche Brod zu finden iſt für mich und meine Lieben. Das Gefühl der Heimathlichkeit iſt aber— Gott ſei Dank— nicht an einen Ort oder Raum gebun⸗ den. Es liegt in den Herzen unſerer Lieben, und das Zelt des Beduinen, das bewegliche Boot des armen chineſiſchen Fiſchers iſt darum eben ſo gut eine traute Heimath als der ſtattliche Palaſt des reichen Grundbeſitzers. Wo man uns liebt und vertraut, wo wir uns nützlich und nothwendig fühlen durch unſere Thätig⸗ keit, da haben wir unſere Heimath und ziehen Liebe, Vertrauen und Thätigkeit mit, ſo iſt die Trennung von einer gewohnten Heimathſtätte nur eine Mühe, ähnlich der, welche die Schwalbe hat, die ihr Neſt⸗ chen in einem Jahr von den Ufern des Nil an den der Oder verlegt. In meinem Weinbergshauſe wohnte mit uns zugleich eine Schwalbenfamilie. Sie hatte ihre häus⸗ lichen Beqnemlichkeiten unter dem vorgebauten Dach, gleich neben dem hölzernen Drachenkopf der Rinne; ich die meine in zwei geräumigen Zimmern, vor deren Fenſtern die Zweige einer prächtigen Linde rauſch⸗ ten. Aber nur Nachts, wenn der Regen praſſelnd an die Fenſter ſchlug und die wilden Winde das Dach 8 umtobten, ſuchten wir ſeinen Schutz. Im Sonnen⸗ ſchein waren alle draußen, Menſchen und Schwalben, und freuten ſich herzinnig der ſchönen Welt, die wie ein Gemälde zu unſeren Füßen ausgebreitet lag. Die Schwalben wurden zahm im Laufe des Sommers; ich halte was auf gute Nachbarſchaft und betrachte es als eine Pflicht, all' denen, die ein Dach mit mir deckt, nach Kräften Freundliches zu erweiſen. Das merken Menſchen und Thiere und ſind ſchneller vertraulich als diejenigen wähnen, die im Gedrange des großen Welt⸗Babels lebend, die Freude freundnachbarlicher Verhältniſſe nicht kennen. Das Kanarienvögelchen meiner Mädchen hatte gute Freundſchaft mit der Schwalbenfamilie. Es ſetzte ſich früͤh Morgens ſchon gern auf das hölzerne Drachenmaul und ſang aus allen Kräften, und die jungen Schwalben hörten piepend zu, während eine der Alten oder auch beide ſich neben den Sänger ſetzten. Gelegentlich kamen ſie denn Alle mit einander auf den Frühſtückstiſch und pickten die ihnen hinge⸗ ſtreuten Krümchen, gaben ihren Kindern verſtän⸗ dige Anleitung in der Kunſt des Fliegens, ohne im Geringſten ſchüchtern zu thun, weil wir Alle ihnen nen⸗ ben, wie des haft ein zu 9 zuſahen, und ſchienen es für ganz natürlich und in der Ordnung zu halten, daß der Kanarienvogel auf dem Fuß aller intimſter Freundſchaft mit uns ſtand, aus unſern Taſſen trank, von unſern Tellern ſich Brocken holte, ja ohne weiteres jedem von uns den Biſſen vor dem Munde weg pickte, wenn ihm das eben ſo gefiel. Auch andere Nachbaren in den Weinbergen wurden uns befreundet. Die kleinſten aber immer zuerſt. Alle Kinder rings umher kannten uns bald, kamen zu uns geſprungen und reichten uns die kleinen braunen Hände, wenn wir an ihren Wohnungen vorübergingen. Während des Frühlings und Sommers ſind nämlich die Weinbergshäuſer nur von den Winzern bewohnt. Die eigentlichen Beſitzer gehen dann noch in der Stadt ihren Berufsgeſchäften nach und beziehen erſt, wenn die Trauben reifen, ihre reizenden Villen. Darum ſieht man auch dort während der ſchön⸗ ſten Zeit des Jahres nur ſchlichte arbeitende Leute und grob gekleidete Kinder mit Flachshaaren und verbrannten Geſichtchen. Die Fenſterladen der reizenden oft im ſchweize⸗ riſchen Styl gebauten Häuschen, ſind geſchloſſen, und geht man an ihnen vorüber, ſo ſtuͤrzt der Kettenhund 1¹ I 8 wüthend aus ſeiner Hütte und bellt dem ungebetenen Gaſte ſo lang nach, als er ihn nur irgend in den dichten Laubgängen noch erblicken kann. Außer dem Hauſe, das ich mit meiner Familie bewohnte, gab es nur noch eines, das nicht ſo mit ge⸗ ſchloſſenen Augen in der Sommerwärme träumte und das lag vielleicht zwanzig Schritte von uns, kaum fünfzig Fuß über dem Waſſerſpiegel der Oder in einem grünen Thälchen. Ich konnte, wenn ich auf meiner Bergkuppe ſaß, die Rauchſäule ſehen, die ſich zwiſchen uralten Baumwipfeln vom verſchiedenſten Grün her⸗ vorwand, und das Schieferdach mit ſo viel Ecken und Giebeln, daß man gewöhnlich müde ward, ſie zuſammen zu zählen, und ſich nur wunderte über das wunderliche Gemiſch von Winkeln verſchiede⸗ ner Grade. Das ganze Häuschen war von Holz erbaut, eine Gallerie lief um die Vorderfronte und die Balken, welche dieſelbe trugen, waren umſchlungen von Win⸗ den, Ariſtolochien, Kriechroſen und wilden Reben, daß jede derſelben ausſah wie ein rieſiges Blumen⸗ Bouquet. Ganze Neſter von Roſen ſtanden auf dem zier⸗ lichen Raſenfleck vor der Hausthür und ein bunter Blumenflor blühte und duftete auf den langen Beeten, tenen n den amilie t ge⸗ e und kaum einem neiner iſchen i her⸗ Ecken d, ſie über hiede⸗ , eine alken, Win⸗ , daß umen⸗ zier⸗ punter beeten, 11 die in einiger Entfernung neben dem Buchengange hinliefen, der vom Stromufer leicht aufwärts ſteigend, nach dem Häuschen führte. Da ich von meiner Bergkuppe aus den ganzen Garten— denn dieſer tief liegende Theil der Be⸗ ſitzung war ein Garten, das Weingelände des Nach⸗ barhauſes lag ſo hoch wie das meine— überſehen konnte, ſo bemerkte ich ſehr bald auch die Menſchen⸗ geſtalten, die denſelben auf das Anmuthigſte belebten. Da war ein bleicher Mann, der auf einen Stock geſtützt ſich bisweilen im Sonnenſchein erging. Eine ſchöne jugendliche Frau, ſeine Gattin wahrſcheinlich, die ihn mit liebevollſter Aufmerkſamkeit pflegte, drei hübſche Kinder von zehn bis zwei Jahren, einige Dienſt⸗ boten und endlich eine bejahrte Frau von ſo anmu⸗ thigem, freundlichem und thätigem Weſen, daß ſie mir bald als der Mittelpunkt der ganzen Familie und als die bedeutendſte Perſönlichkeit in derſelben erſchien. Wenn ich früh um fünf Uhr meinen Spaziergang nach der Bergkuppe machte, ſo war die alte Dame ſchon in ihrem Garten beſchäftigt. Sie trug denn unab⸗ änderlich eine Blouſe von ungebleichtem Linnen, ein Häubchen und eine Halskrauſe von ſo blendender Weiße, daß ich dieſelbe wie verſpätete Schneeflocken unter den grünen Bäumen hervorſchimmern ſah, eine weite ſchwarze Taftſchürze mit einem Latz, Nanking⸗ Handſchuhe ohne Finger und ſtarkſohlige Lederſchuhe, in denen ich ſehr gut den feinen Fuß bemerken konnte, deſſen zierliche Form und rüſtiger Schritt den Jahren getrotzt. Es machte mir bald ein ganz eigenes Vergnü⸗ gen, meine thätige Nachbarin zu beobachten. Sie ſtand offenbar mit der Sonne auf und hatte ſtets Beſchäftigung in ihrem Blumengarten. Ich ſah ſie nie ohne einen Henkelkorb von äußerſt zierlicher Form, den ſie am Arm trug und der Gartenmeſſer ver⸗ ſchiedener Art, Baſt, Baumwachs und noch mancher⸗ lei andere Dinge enthielt, die ſie bei ihren Garten⸗ geſchäften brauchte. Da ging ſie denn von Beet zu Beet, von Hecke zu Hecke, hier etwas abſchnei⸗ dend, dort einen Zweig aufbindend, dann wieder gießend, oder beſchäftigt Raupen und Käfer abzu⸗ leſen, immer aber thätig für das Gedeihen der Pflan⸗ zenwelt, die ihr indeß auch dankbar war durch ſeltene Pracht und Schönheit. Allmählig machten wir eine Art von Bekannt⸗ ſchaft mit einander. Sie hatte mich ein paar Mal auf der Kuppe meines Berges bemerkt, und ſing nun an, immer wenn ſie aus ihrer Thür trat, einen raſchen Blick iking⸗ huhe, rerken t den rgn⸗ Sie ſtets ah ſie Form, ver⸗ ncher⸗ arten⸗ Beet chnei⸗ vieder abzu⸗ Pflan⸗ eltene kannt⸗ Kuppe immer Blick 13 nach oben zu ſchicken. Ich ſah dann einen Augen⸗ blick das edle ehrwürdige Geſicht zu mir gewen⸗ det und meinem Gefühl nachgebend, ſtand ich auf und begrüßte die alte Dame mit nachbarlicher Freund⸗ lichkeit. Seit dieſer Zeit grüßte ſie mich ſtets zuerſt, und als ich einſt auf meinem Plätzchen ſaß und zu⸗ ſah, wie ſie Maſſen von Roſen aller Farben und Arten abſchnitt und in Sträußer band, fühlte ich mich nicht wenig überraſcht, das kleine hübſche Mädchen einen Korb voll Roſen am Arm tragend, den ziemlich ſteilen Weg zu mir hinaufſteigen zu ſehen. Das reizende Kind, dem die langen lichtbrau⸗ nen Locken unter dem offenen Strohhute hervor flatterten, bildete eine gar liebliche Staffage des Land⸗ ſchaftsbildes zu meinen Füßen. Sah es doch faſt aus, als könne die Kleine die Laſt der Blumen kaum tragen, und doch ſchritt ſie ſo leiſe und an⸗ muthig mit derſelben vorwärts. Sie kam zu mir, das ſah ich noch ehe als ſie ihr Knixchen machend vor mir ſtand und mit weichem ſüddeutſchen Dialekt ſagte:„Einen ſchönen Gruß von meiner Großmama, und ſte ſchickt ihrer freundlichen Nachbarin etwas von ihrem Ueberfluß.“ Die Roſen, weiße, rothe, Moosroſen, Dijonröschen und noch viele andere Sorten waren aufs zierlichſte 14 in dem Körbchen geordnet und bildeten einen Kranz, und eine Menge köſtlicher Erdbeeren, die auf einer Unterlage von Weinblättern glühten. Ich küßte die kleine anmuthige Botin, und da ich das Körbchen ausleeren wollte, um es gleich zu⸗ rückzugeben, ſagte ſie ſehr freundlich:„Großmama läßt auch bitten, das Körbchen zu behalten, es iſt ein ganz gewöhnliches Weinbergskörbchen, und Groß⸗ mama meint, da jetzt Erdbeeren und Himbeeren rei⸗ fen, ſo möchte es Ihnen vielleicht Vergnügen machen, es zu benutzen und in unſerem Berge ſo viel als Sie täglich wünſchen, ſich ſelbſt in dies Körbchen zu ſammeln.“ Am Nachmittag deſſelben Tages, ging ich mit meiner erwachſenen Tochter unſerer zuvorkommenden Nachbarin für dieſe liebenswürdige Freundlichkeit zu danken, mein kleines Mienchen ſprang luſtig vor uns her, ſie war ſchon ſeit einiger Zeit nicht mehr fremd in der Familie. Der Bergpfad, den die kleine Enkelin der wür⸗ digen Madame Treufeldt gegangen, war für uns zu ſteil, wir hätten fürchten müſſen in unaufhaltſamem Rennen vor der Hinterthür des Nachbarhauſes an⸗ zukommen. Wir gingen daher geſetzten Schrittes die breiten Fahrwege, die durchaus nicht die nächſten in dranz, einer nd da ch zu⸗ mama es iſt Groß⸗ en rei⸗ achen, iel als hen zu ch mit nenden keit zu or uns fremd r wür⸗ uns zu eſamem ſes an⸗ tes die ſten in 15 den Weinbergen ſind, und traten alſo von der Strom⸗ Seite durch den Buchenweg vor die Thur unſerer lie⸗ ben Nachbarin. Madame Treufeldt ſaß mit ihrer Fa⸗ milie im Schatten der Veranda und kam uns mit großer Freundlichkeit entgegen. Ich konnte die Augen kaum abwenden von ihrem edeln ſanften und ſchönen Matronen⸗Geſichte und der Ge⸗ danke, warum denn weder Maler noch Dichter die Schön⸗ heit des Greiſenalters verherrlichen, verließ mich keinen Augenblick. Sie ſtellte mir ihre Tochter und deren Gatten den Obriſten Maidſtone vor. Im Veſtibul, deſſen Thüren offen ſtanden, befand ſich noch eine Perſon, ein noch ziemlich junger Mann, und indem ſie mich zu ihm führte, ſagte ſie ſehr milde:„Mein Sohn Heinrich hat das Unglück ſeit ſeiner Jugend des Ge⸗ hörs beraubt zu ſein, er iſt daher zu ſeiner Unterhaltung auf das geſchriebene Wort und auf das Geſpräch mit denjenigen beſchränkt, die ſich die Mühe nehmen, die Zeichenſprache, die er ſich ſelbſt conſtruirt, zu er⸗ lernen. Seit geſtern iſt er erſt von ſeiner Reiſe heim⸗ gekehrt und freut ſich ſehr, werthe Frau, Ihre Be⸗ kanntſchaft zu machen.“ Ich ſtand theilnehmend vor dem Unglücklichen, der ſich wie ein vollkommener Gentleman verbeugte und mit einer ſehr leiſen aber unendlich wohllautenden Stimme, mir einige freundliche Worte ſagte. Ich antwortete mit jenem verlegenen Gefühl, das man wohl immer hat, wenn man ſich nicht ver⸗ ſtändlich zu machen weiß, ward deſſelben indeß ſehr bald überhoben, denn mit einigen Bewegungen ihrer ſchlanken Finger machte Frau Treufeldt ihrem Sohne meine Worte deutlich und nach wenigen Minuten ſaß ich mit vollkommenerer Behaglichkeit im Kreiſe dieſer liebenswürdigen Familie. Es war mir eine große Freude zu erfahren, daß ich durch meine Schriften allen Mitgliedern der⸗ ſelben ſchon bekannt ſei. Als ich der würdigen Ma⸗ dame Treufeldt meinen Dank für ihr Geſchenk von heute Morgen ausſprach, war ſie ſo gütig, daſſelbe eine Gabe der Dankbarkeit für den harmloſen Genuß zu nennen, den meine Arbeiten ihr gegeben. 2 War es nun auch nicht das Erſtemal, daß mir ein Dank dieſer Art geſagt wurde, ſo war es doch bisher nur in freundlichen Briefen geſchehen, die oft von weiten Fernen her kommend mir herzliche Worte für etwas ſagten, das zu ſchaffen mir ſelbſt die größte Freude gemacht. In meiner Nähe hatte ich noch nie⸗ mals irgend eine Anerkennung gefunden, vielleicht auch darum, weil ich immer ſehr zurückgezogen lebend in u Ver wün Ane⸗ milit ich mit liebli legen Lehre lich metri die nden fühl, ver⸗ ſehr ihrer vohne nuten Kreiſe lebend — 17 in meinem ganzen einfachen Auftreten, durchaus keine Veranlaſſung gebe zu dem Glauben, ich erwarte oder wünſche dergleichen. Ich mag es indeß nicht läugnen, daß mich die Anerkennung, die ich in dieſem liebenswürdigen Fa⸗ milienkreiſe fand, ganz außerordentlich freute, und ich ſprach dies auch gegen Madame Treufeldt mit aller Offenheit aus, mich dabei auf Longfellow's liebliche Dichtung: der Pfeil und das Lied beziehend. Madame Treufeldt erzählte mir bei dieſer Ge⸗ legenheit, daß ihre jüngere Tochter Marie, die als Lehrerin in einer ihr verwandten Famillie ſich nütz⸗ lich mache, unter andern auch das reizende Gedicht metriſch überſetzt habe und holte aus ihrer Mappe mir die Ueberſetzung herbei, die ich hier folgen laſſe: 1. Ich ſchoß einen Pfeil in die Lüfte froh— Er fiel zur Erde, ich wußte nicht wo; Denn er flog ſo ſchnell, daß ich wahrlich nicht Ihm folgen konnte mit meinem Geſicht. 2. Ich hauchte ein Lied in die Lüfte ſo—— Es ſiel zur Erde, ich wußte nicht wo. Denn wer hat ein Auge wohl ſcharf genug, Daß es folgen könnte des Liedes Flug? 1856. XIX. Erinner. e⸗ Großmutter. I. 2 3. Den Pfeil, den fand ich nach langer Zeit Unverſehrt in einem Eichbaum weit, Und mein Lied mit all ſeiner Wonne und Luſt Fand ich wieder in eines Freundes Bruſt. Ich hatte einen ſehr glücklichen Nachmittag, der nur der Vorläufer vieler glücklichen und heitern Stunden war, die ich mit dieſer liebenswürdigen Familie verlebte, denn von nun an beſuchten wir uns häufig, machten große Spaziergänge mit einan⸗ der, an denen Obriſt Maidſtone und ſeine Gattin freilich keinen Antbeil nahmen, da der erſtere an den Folgen ſchwerer Verwundungen litt und nur mit Anſtrengung wenige Schritte gehen konnte, und ſeine Frau ſich keinen Augenblick von ihm trennte. Herr Heinrich, der taube Sohn, war dagegen unſer treueſter Begleiter, und in ſehr kurzer Zeit verſtanden wir Alle vollkommen ſeine Zeichenſprache und plauderten auf dieſe Weiſe bald lachend, bald ernſt mit dem ſehr geiſtreichen und liebenswürdigen jungen Manne, den ſein Unglück nur mehr noch zum Gegenſtande allgemeiner Theilnahme machte. Ende Juli verließ die Familie Maidſtone den Weinberg, um in ihre Heimath Straßburg zurückzu⸗ kehren, wo der Obriſt große Familien⸗Verbindungen ittag, zeitern rdigen en wir einan⸗ Gattin an den r mit d ſeine agegen er Zeit ſiſprache bald ne den zurückzu⸗ ndungen 19 hatte. Nur das reizende älteſte Mädchen blieb bei der Großmama und dem Onkel, der die Kleine mit größter Innigkeit liebte. Das Weinbergshäuschen im Grunde ward nun um ſo mehr der Aufenthalt, in dem ich meine freien Stunden zubrachte, als Ma⸗ dame Treufeldt, bei der Abreiſe ihrer Kinder und Enkel, in mir und den meinen eine Art von Erſatz zu finden ſchien. So ſchwanden die kurzen Sommermonate und der Herbſt mit den länger werdenden Abenden mit manchem unangenehm regnigten Tage, machte mir die Geſellſchaft meiner würdigen Nachbatin doppelt ſüß. Herr Heinrich beſaß die Gabe, außerordentlich deutlich vorzuleſen, was um ſo bewundernswürdiger war, als er ſich ſelbſt nicht hörte, und mancher Abend entfloh uns heiter bei einer gewählten Lectüre. Wir Alle zogen indeß das lebendige Geſpräch doch meiſtens den Büchern vor. Nur die Arbeiten, die ich ſelbſt unter Händen hatte, verlangte Madame Treufeldt ſtets ganz friſch von mir zu empfangen, und ſo wurde denn jedes Capitel meines: ‚Kleinſtädtiſchen Arztes“ immer gleich gemeinſchaftlich geleſen, ſo wie es aus meiner Feder floß. Bei einem derſelben, kam denn auch die Rede auf die innere Wahrheit eines Romans. Herr Heinrich 2* ſowohl als Madame Treufeldt behaupteten nämlich, daß alle meine Bücher den Stempel der Wahrheit in ſich tragen, und daß man ihnen anfühle, wie ſie eigentlich nur Erlebtes, Wirkliches enthielten. Alle Begebenheiten, die ein Dichter nur erzählen kann, ſind Wirkliches, erlaubte ich mir dagegen zu bemerken, denn auch die ausſchweifendſte Phantaſie kann nichts erfinden, was nicht in ſeinen einzelnen Theilen ſchon irgend einmal in der Wirklichkeit vor⸗ gegangen ſei. Der Stempel der Wahrheit trägt eine Dichtung aber nur dann in ſich, wenn bei den in ihr geſchilderten Perſonen, Handlungen und Worte aus dem Charakter derſelben mit Nothwendigkeit hervorzugehen ſcheinen. Wer ſich ſelbſt in ſeiner gei⸗ ſtigen Entwickelung beobachtet hat, und der Entwik⸗ kelung Anderer mit Aufmerkſamkeit zu folgen verſteht, der kann, hat er ſonſt die Sprache in ſeiner Gewalt, einen Roman ſchreiben, wenn er nur eine einzige dieſer Entwickelungen dem Leſer klar zur Anſchauung bringt⸗ „Jedes Menſchenleben iſt ein Roman,“ ſagte Madame Treufeldt,„hat doch jeder Menſch gelebt, geliebt und gelitten und iſt dadurch eben zu einer Perſönlichkeit geworden.“ „Ja, ja!“ ſagte Herr Heinrich,„wie unſer 21 Körper das Product unſerer verſchiedenen Nahrungs⸗ mittel, ſo iſt unſer Geiſt das Product unſerer ver⸗ ſie ſchiedenen Erfahrungen.“ „Doch nicht ſo ganz,“ meinte Madame Treu⸗ len feldt,„ganz gleiche Nahrungsmittel bilden doch nicht zu ganz gleiche Körperlichkeit, wie ganz gleiche Erfahrun⸗ aſie gen noch nicht die gleichen Charaktere hervorbringen. nen Jeder Menſch hat in ſich eine gewiſſe ihm un⸗ vor⸗ mittelbar von Gott verliehene Kraft, die ihn erſt eine befähigt ſeine Erfahrungen wie ſeine Speiſen zu dem zu n in verarbeiten, was ſich als ſein Ich herausſtellt. Auf orte gleicher Stelle gleichen Witterungsverhältniſſen ausge⸗ gkeit ſetzt, wächſt der Stechapfel neben der Gerſtenähre, ſie er⸗ gei⸗ wachſen nur aus verſchiedenem Samen, und die Kraft twik⸗ das zu werden, was ſie wurden, lag ſchon im erſten Keim, ſteht, die äußeren Verhältniſſe konnten ſie nur vollkommen walt, oder unvollkommen in ihrer Art entwickeln. So nzige entſcheidet auch der erſte Keim des Samenkorns, das uung in die Seele des Menſchen fällt, über ſeine ganze Entwickelung, und oft iſt es ein einziges Wort, das ſagte in früheſter Kindheit gehört, den Menſchen zu dem elebt, macht, was er wird.“ einer Herr Heinrich dachte eine Weile nach, küßte dann die Hand ſeiner Mutter und ſagte milde: unſer„Du haſt ganz Recht, meine liebe theure Mutter.“ 22 Madame Treufeldt legte ſegnend ihre Hand auf des Sohnes Stirn. Es war ihr einziger Sohn, und wohl mochte ihr Mutterherz Schmerz empfinden bei dem Leid, was derſelbe trug. Nie aber hatte dieſer Schmerz etwas Bitteres, nie hörte man ein Wort der Klage, der Unzufriedenheit aus dem Munde eines dieſer Beiden. Es war, als ob eine Atmo⸗ ſphäre von Glück und Frieden um das ſtille kleine Haus und den heitern Weinberg läge, ein Zauber, der mit allmächtiger Hand jedem Leid, das in ſeinen Be⸗ reich kam, den ſchmerzenden Stachel abbräche, und kein Ton ward hier ſo oft gehört, als der, herz lichen harmloſen Lachens; denn Herr Heinrich hatte einen allerliebſten Humor, und verſtand die einfachſten Dinge mit unwiderſtehlicher Komik vorzutragen. Im Spätherbſt, nach der Weinleſe, wollte er wieder nach Dresden, wo er faſt jeden Winter im Kreiſe ſehr bedeutender Männer verlebte. Erſt ſpät erfuhr ich, daß Herr Heinrich Treufeldt einer unſerer beliebteſten lyriſchen Dichter ſei, deſſen Poeſieen ich lange lange kannte und liebte, und die ihm hohen Ruhm für alle Zeiten geſichert hatten, obgleich derſelbe ſich nicht an ſeinen Familien⸗, ſondern an ſeinen Dichter⸗ namen knüpfte. Auch ſeine beiden Schweſtern, die Obriſtin eine der rriſtin 23 Maidſtone und Fräulein Marie Treufeldt, die ich ſpä⸗ ter kennen und innig lieben lernte, waren hochbegabte Naturen. Die Krone von Allen aber war die Mut⸗ ter, die beſte, heiterſte, mildeſte, thätigſte aller Frauen, die ich je gekannt und auf deren Freundſchaft und Achtung ich ſtolz geweſen. Madame Treufeldt bewohnte ihr Weinbergs⸗ häuschen Winter und Sommer. Sie hatte es für die rauhe Jahreszeit mit allen Mitteln verſehen, den Stuͤrmen zu trotzen; zudem lag es in einem vor den Nord⸗ und Oſtwinben vollſtändig geſicherten Thale, und als längſt weit und breit die rauhe Hand des November das Laub von den Bäu⸗ men geſtreift hatte, ſtanden die Blutbuche, die zier⸗ liche Trauerweide, die beiden Acazien und die Linde, welche das Dach jenes Häuschens beſchatteten, noch im vollen Schmuck ihrer vielfarbigen Blätter und an der ſüdlichen Bergwand blühten blaue Veilchen neben der weißen Chriſtblume, während hinter den Doppelfenſtern die Camelias knospeten und vielfarbige Antemis ihre prächtigen Blüthenſterne entfalteten. Man kann immer und zu allen Jahreszeiten Blu⸗ men ziehen, wenn man ein wenig Sonnenſchein hat, und ihn zu benutzen weiß, wie man immer und unter allen Verhältniſſen Glück finden kann, wenn man 24 ein wenig Sonnenſchein des Herzens, ein wenig Liebe in ſich trägt, ſagte Madame Treufeldt, als ich mich über ihre Blumen freute, die recht eigentlich dem Winter Trotz zu bieten ſchienen. Ich merkte mir das Wort, wie ſo manche andere der theueren Matrone, und ehe wir uns für immer trennten, ſprachen wir noch oft über daſſelbe. Glücklich ſein iſt des Menſchen Beſtimmung auf Erden, dies war der Grundſatz der würdigen Frau, und alles Ernſtes behauptete ſie zuweilen, daß je⸗ der Menſch auf Erden genau ſo glücklich ſei, als er zu ſein verdiene. Mir ſchien dies Wort ein ſehr hartes, aber ſie meinte dann lächelnd, leben Sie nur noch ein We⸗ nig, arbeiten Sie fort und fort an ſich ſelbſt und Sie werden die Wahrheit deſſelben erkennen. Glück, echtes, wahrhaftes, menſchliches Glück iſt durchaus unabhängig von äußeren Verhältniſſen, es bedarf nur zweier Factoren, um daſſelbe hervorzubringen, und beide liegen in der eigenen Seele— und machen ſich mit der Zeit die Verhältniſſe unter⸗ thänig. Geſunder Verſtand, der uns die Verhältniſſe richtig würdigen, genau erkennen läßt, iſt der eine derſelben, ein ſanftes, liebevolles Herz, der andere. Beide ſind aber zum Glücke gleich nothwendig und Liebe mich dem anche 8 für ſſelbe. g auf Frau, aß je⸗ als ber ſie n We⸗ ſt und Glück, rchaus bedarf ringen, enſchen unter⸗ ältniſſe er eine andere. ig und gleich wichtig, und beide ſind, Dank ſei es der Güte Gottes, jedem Menſchen erreichbar. So iſt denn auch jedes Menſchen Glück in ſeine eigene Hand gegeben und er beſitzt davon ſtets ſo viel, als er erworben. So ſagte ſie, und ſah dabei ſo mild und heiter aus, wie ein ſonniger Herbſttag und ich hörte ihr zu und blickte voll Liebe und Ehrerbietung in ihr ſchönes Geſicht, deſſen hohe reine Stirn Silberlocken um⸗ kräuſelten, die ſich unter dem weißen Häubchen her⸗ vorſtahlen. Einſt, als ich auch ihr ſo gegenüber ſaß und ihre edeln Züge anſah, konnte ich lächerlicher Weiſe den Ausruf nicht unterdrücken: „Wie ſchön müßen Sie in Ihrer Jugend gewe⸗ ſen ſein, meine verehrte Freundin.“ Sie ſah mich freundlich an und ſagte:„Da find Sie in einem großen Irrthum; obgleich aus einer durch Schönheit berüͤhmten Familie ſtammend, war ich doch niemals ſelbſt ſchön, kaum hätte man mich hübſch nennen können, ich will Ihnen das ſo⸗ gleich beweiſen.“ Sie ſchloß bei dieſen Worten einen altmodiſchen Schrank auf und nahm zwei Miniaturbilder von feiner Malerei daraus hervor, die ſie mir zeigte. Beides waren jugendliche Köpfchen in einer Friſur, die längſt vergangenen Jahren angehörte, Beide waren von unverkennbarer Aehnlichkeit, und während ſie das eine in meine Hand legte, ſagte ſie:„Dies war meine Schweſter, und dies iſt mein eigenes ſehr getroffenes jugendliches Geſicht.“ In der That, es war nicht ſchön, beſonders wenn man es neben dem der Schweſter betrachtete, das ſo außerordentlich zart, regelmäßig und lieblich erſchien, daß man geneigt ſein konnte zu glauben, es ſei kein Portrait, ſondern die Phantaſie eines begabten Künſtlers. Das Geſicht der Madame Treufeldt zeichnete ſich durch nichts aus, als durch den Ausdruck voll⸗ kommener Güte und ein gewiſſes harmloſes Lächeln, das der Maler, der ſich auch in dieſem Bilde als großer Künſtler gezeigt, wieder zu geben verſtan⸗ den hatte. „Ich wuͤrde feſt geglaubt haben, dies Geſicht ſei das Ihre,“ ſagte ich auf das ſchönere deutend,„heute noch zeigt ſich die Aehnlichkeit in Ihren älter gewor⸗ denen Zügen.“ „Wir glichen uns auch,“ ſagte die Matrone freund⸗ lich,„ſehr oft findet man, daß ein ſehr ſchönes und ein gewöhnliches oder gar häßliches Geſicht ſich glei⸗ chen. Dies war auch bei mir und meiner Schweſter der Sch ſchm eben einen mit ſich o Bilde von und eide drend Dies genes wenn as ſo chien, 3 ſei abten chnete voll⸗ cheln, e als rſtan⸗ cht ſei „heute gewor⸗ reund⸗ es und h glei⸗ hweſter 22 der Fall, die in ihrer Jugend für eine berühmte Schönheit galt.“ „Mit vollem Recht, wenn dies Bild nicht ge⸗ ſchmeichelt iſt,“ entgegnete ich. „Sie war jedenfalls in Wirklichkeit wenigſtens eben ſo ſchön, wenn nicht noch ſchöner.“ „Und lebt dieſe Schweſter noch?“ fragte ich eifrig. „Sie ruht ſeit drei Jahren in Frieden aus von einem bewegten und ſchmerzvollen Leben,“ entgegnete ſie mit einem Seufzer. Die kleine Enkelin der Madame Treufeldt hatte ſich auch an den Tiſch gedrängt, und betrachtete die Bilder, die ſie indeß wohl ſchon kannte, denn ſie ſagte:„Du haſt mir ſchon recht lange nichts erzählt, von Dir und Großtante Lydia.“ „Ein ander Mal, Betty, mein liebes Kind,“ ent⸗ gegnete Madame Treufeldt, das Lockenköpfchen der Kleinen ſtreichelnd. „Ich möchte wohl auch Etwas von Ihnen und Ihrer Schweſter, von Ihrer inneren Entwicklung und Lebensrichtung hören und erfahren,“ ſagte ich, meine bejahrte Freundin anblickend. Sie lächelte, nie habe ich ein lieberes Lä⸗ cheln auf einem Menſchenantlitz geſehen.„So will ich denn in Ihrer Gegenwart erzählen,“ ſagte ſie freundlich, „und ich geſtatte Ihnen auch recht gern, aus den Bruchſtücken meines Lebens, die ich Ihnen, ſo gut ich kann, mittheilen werde, einen hübſchen Roman zu bilden, das heißt natürlich wenn ich einmal dies Bruchſtück der Ewigkeit, das wir Leben nennen, hin⸗ ter mir haben werde.“ Sie reichte mir dabei ihre Hand und ich konnte der Verſuchung nicht widerſtehen, dieſelbe an meine Lippen zu drücken. Sie ſchlang ihre Arme um meinen Nacken, und ſagte mich küſſend:„Was Sie doch noch für ein jugendli⸗ ches Herz haben, Sie liebe Enthuſiaſtin, aber eben deshalb bin ich Ihnen ja ſo gut und nun ſetzen Sie Sich hier in dieſe warme Kaminecke mit Ihrem Strickzeug und hören Sie zu, wenn ich meiner Betty und Ihren Mädchen Geſchichten aus dem Leben einer Großmutter erzähle. Das menſchliche Herz iſt zu allen Zeiten ein wunderlich Ding geweſen, und wir Frauen, die wir nur mit dem Herzen leben, können natürlich auch nur Herzensgeſchichten erzählen.“ Frau Treufeldt erzählte nun.— Was ſie er⸗ zählte, war ein Stückchen aus einem Frauenleben, ganz einfach, ganz ſchlicht aber lebendig und wahr. Gelegentlich erzählte ſie denn wieder ein anderes Bruchſtück, wiederholte auch wohl auf inſtändiges jenes eines als Umg Naͤhe den heller noch den o gut roman dies , hin⸗ konnte meine d ſagte gendli⸗ er eben n ſetzen Ihrem Betty Leben Herz iſt en, und können 4 ſie er⸗ en, ganz anderes tändiges 29 Bitten der jugendlichen Zuhörerinnen, dies oder jenes, und entrollte ſo allmälig vor mir das Bild eines Seelenlebens, das mich eben ſo innig anzog als ihre ganze Perſönlichkeit. Drei Jahre genoß ich das hohe Glück ihres Umganges, dann rief das Schickſal mich aus ihrer Nähe und kurze Zeit darauf that ihre verklärte Seele den Schritt durch die Pforte des Grabes in ein helleres Daſein. Ich ſah ſie nicht mehr wieder, ich habe auch noch keine Blume auf ihr Grab pflanzen können.— Dies Buch iſt der Kranz, den ich liebend auf daſſelbe lege.— Erſtes Capitel. Leiſe murmeln es die Bäche, Daß Gott Flur und Aue liebt, Daß die Roſe, die ich breche, Mir ein guter Vater giebt. Daß Er uns aus der zarten Hülle Selbſt die goldnen Früchte winkt, Und durch Ihn des Lebens Fülle Jede neue Knospe trinkt— Jakobi. Im Jahre 17.. bald nach der dritten Theilung Polens entſchloß ſich ein junger Landwirth, der zweite Sohn eines begüterten Kaufmannes in Elbing, ſein Vermögen und ſeine Thatkraft in jenen neu hinzugekommenen Landestheilen, die den Namen Neu⸗ Oſt⸗ Preußen erhalten hatten, zu verwerthen. Er kaufte Güter, welche einem polniſchen 32 Magnaten gehört hatten, der zur Zeit in Paris lebte, baute an der Stelle des verfallenen von Ratten und Blindſchleichen bewohnten Palaſtes, ein einfaches behagliches Wohnhaus, heirathete ein deutſches Mäd⸗ chen, das ihm ans Ende der Welt gefolgt wäre, weil es ihn liebte, zog deutſche Handwerker, deutſche Tag⸗ löhner auf ſeinen Grund und Boden und bildete ſo eine deutſche Häuslichkeit auf einer Stelle, wo vor ihm wohl noch kein deutſches Wort erklungen. Dieſer Mann führte den echt deutſchen Namen, Ernſt Wohlgemuth. In den drei erſten Jahren ihrer Ehe gebar ſeine junge Gattin ihm zwei Töchter, von denen die ältere Lydia, die zweite Louiſe genannt ward. Beide kleine Schweſtern waren reizende wunder⸗ niedliche Geſchöpfchen, die Freude und das Spielwerk und der Stolz der Eltern, bis ſie in ungemein frůͤ⸗ hem Alter von der Geißel heimgeſucht wurden, die damals die Menſchheit decimirte. Sie bekamen die Pocken, als Louiſe drei, Lydia fünf Jahre alt waren.— Das jüngere Mädchen hatte die Krankheit im höchſten Grade. Sie lag vierzehn Tage lang gänzlich erblin⸗ det, das arme kleine Geſicht mit Schwären bedeckt und geplagt von der gräßlichſten Fieberglut. Die äl⸗ tere dagegen, war faſt fieberlos, hatte im Geſicht nur , nd es id⸗ eil g⸗ ſo vor nen, prer ter, unt der⸗ verk frü⸗ die die 1.— hſten blin⸗ edeckt e äl⸗ t nur — 33 eine einzige Pocke, die neben dem Ohr ſaß und ſpielte und lachte den ganzen Tag in ihrem Bett⸗ chen, neben welchem Vater und Mutter abwechſelnd weilten, um ihr die Zeit zu vertreiben. Louiſe lag un⸗ terdeß bewußtlos, empfing Arzenei, ward gepflegt und gewartet ohne eine Ahnung zu haben, wer neben ihr weile, und als endlich die Wuth der Krankheit nachließ, als ihre Augen ſich von Neuem dem Lichte öffneten, da war ſie ſo matt und ſchwach, daß ſie nach nichts Verlangen trug als nach Ruhe und Schlaf. Aus einem Schlummer in den andern fallend, von Zeit zu Zeit ein wenig Limonade oder Gelée genießend, lebte ſie, ob Tage, Wochen oder Monate, ſie wußte von keiner Zeit, aber als ſie endlich das Bett verließ, war ſie um eine Hand breit gewachſen, draußen, wo als ſie ſich niederlegte, Blumen geblüht hatten, lag der Schnee und in dem großen Ofen des Zimmers praſſelte luſtiges Feuer. Ihre ältere längſt geneſene Schweſter ward in das Krankenzimmer geführt, um ein wenig mit ihr zu ſpielen, aber das Kind hielt ſich die Händchen vor die Augen, weinte und ſchrie und wollte nichts von ihr wiſſen. Vergebens verſuchte die weinende Mutter, das 1856. XIX. Erinner. e. Großmutter. I. 3 34 kleine Mädchen zu beruhigen, vergebens drohte und ſchalt der Vater. Lydia rief einmal über das andere, mit jammervoller Stimme, das iſt nicht meine Schweſter, das iſt nicht meine Louiſe, meine Louiſe war ſo hübſch, ſo hübſch, das garſtige Kind ſoll fortgebracht und meine Schweſter zurückgeholt werden. Die kleine Louiſe hörte es, ſie ſtreckte die matten Hände dem Schweſterchen entgegen und verſuchte ihr zu ſagen, daß ſie ja doch Louiſe ſei und ihre Schweſter ſo herzlich liebe, aber ſelbſt ihre Stimme war verändert und klang hart und rauh, und während ſie noch ſtrebte ſich erkennbar zu machen, kam die Schwäche der Krankheit von Neuem über ſie. Ge⸗ wölk ſchien ſich vor ihren Augen zuſammenzuballen, ſie hörte ein Geränſch wie Windeswehen, ihre Füß⸗ chen verſagten ihr den Dienſt, und als ſie wieder zur Beſinnung kam, lag ſie in ihrem Bett, es war ſchon Abend geworden und die alte Muhme Elsbeth ſaß neben ihr und las mit der Brille auf der Naſe ein Abendgebet: Wie groß iſt des Allmächtgen Güte! Iſt der ein Menſch, den ſie nicht rührt? Der mit verhärtetem Gemüthe Den Dank erſtickt, der ihr gebührt? Nein, ſeine Liebe zu ermeſſen Sei ewig meine größte Pflicht, — Han Frar Dich laß Gem Tage war gerne was ſagte Klein Fiebe Auge und entſte die ten a Du n 35 Der Herr hat mein noch nie vergeſſen, Vergiß o Herz auch ſeiner nicht.— Das kranke Kind ſtützte das Köpfchen auf die Hand, ſah mit den großen müden Augen der alten Frau in das runzlige Geſicht und ſagte:„Darf ich Dich etwas fragen, liebe Muhme Elsbeth?“ „Frage!“ entgegnete die Matrone,„aber dann laß mich auch beten, Louischen.“ „So ſage mir, liebe Muhme, was verhärtetes Gemüthe und erſtickter Dank iſt, Du ſagſt das alle Tage, ich habe es ſogar gehört, als ich ſo ſehr krank war und es klingt ſo graulich und ich möchte ſo gerne wiſſen, was es iſt. Erſtickter Dank! das muß was ſehr ſchreckliches ſein.“ „Ich glaube, das arme Kind hat wieder Fieber,“ ſagte die alte Frau und nahm das Händchen der Kleinen in ihre magere und knochige Hand, aber die Fieberglut war verſchwunden und die großen klaren Augen blickten ganz ruhig und nur ſehr neugierig und nachdenkend aus dem von den Pocken grauſam entſtellten Geſichtchen hervor. „Ja Herzchen, wie ſoll ich Dir das ſagen,“ meinte die Alte, die von den Fragen des Kindes nicht ſel⸗ ten arg in die Enge getrieben wurde,„das verſtehſt Du noch gar nicht, und Chriſtum lieben iſt über⸗ 3* — —— 36 dieß beſſer als Alles wiſſen, ſchlaf nur wieder ein, und denk gar nicht an ſolche Dinge.“ Die Kleine aber ſchüttelte den Kopf und dachte fort und fort, was wohl erſtickter Dank und verhär⸗ tetes Gemüthe ſein möge, und dachte ſo lange und ſo eifrig, bis ſie dieſe Dinge ganz deutlich vor Augen ſah, als ſchreckliche Geſtalten mit langen Schleiern, hinter denen entſetzliche Geſichter lauerten und Kno⸗ chenhände ſich verbargen. Noch als ſie am nächſten Morgen erwachte, wußte ſie ganz beſtimmt, daß das „verhärtete Gemüthe’ große glühende Augen und eine abſcheuliche rothe Zunge habe, während ‚der erſtickte Dank,“ lang und dünn, wie eine Rauchſäule und mit einer ſchrecklich großen ſpitzen Naſe verſehen ſei Sie durfte jetzt wieder täglch das Bett verlaſſen. Anfangs nur auf ein Stündchen, dann allmälig auf längere Zeit und endlich ſchwand die krankhafte Mattigkeit ganz aus dem jugendlichen Körper, Louiſe ſpielte und hüpfte wieder wie ſonſt und nach manchem Zureden gewöhnte ſich auch Lydia an das veränderte Ausſehen der Schweſter und liebte ſie wieder und ſpielte mit ihr in harmloſer Kindesfröhlichkeit. Louiſe wußte und ahnte nicht, welch ein ſchweres Leid für ein Mädchen der Verluſt der Schönheit iſt. Sie ſah verwundert im Spiegel ihr ganz ver⸗ än! fan bla ohn auf beg beid und ſo g ſeher der muß ein, chte här⸗ und ugen iern, Kno⸗ hſten 3 das ändertes Geſicht, das ſie ſelbſt recht unangenehm fand, mit den großen Pockengruben, den rothen und blauen Flecken auf Stirn und Wange, die Angen ohne Wimpern und Brauen und dem kahlen Schädel, auf dem erſt hin und wieder ein Härchen zu keimen begann. Wenn am Sonntag früh Muhme Elsbeth ihre beiden Pfleglinge wuſch und anputzte, freute ſie ſich und klaſchte in die Hände, weil ihr Schweſterchen ſo gar hübſch ausſah. Sich ſelbſt konnte ſie ja nicht ſehen und verlangte nicht darnach, ſie wußte, daß der Spiegel ihr ein gar zu häßliches Bild zeigen mußte und darum vermied ſie ihn. Bald aber ſollte ſie annähernd erfahren, welchen Werth die Schönheit habe. War Geſellſchaft im Hauſe, ſo ward Lydia ſtets in ihre beſten Sachen gekleidet und Mama kam ſie auf ein Stündchen herunter holen. Manch⸗ mal, beſonders Anfangs bat Louiſe, dann auch mit kommen zu dürfen, und mit einem leiſen Seufzer gewährte es die Mutter. Bald aber verlangte ſie nicht mehr darnach. Alle Anweſenden freuten ſich über Lydia und bewunderten ſie. Das kleine Engel⸗ chen mußte tanzen, Gedichtchen herſagen, man riß ſich um ein Küßchen von ihr und brach in laute — 38 Bewunderung ihrer Schönheit aus, während Louiſe unbemerkt in einem Winkelchen ſtand und höchſtens irgend eine von den älteren Damen bedauernd flü⸗ ſterte:„Die arme Kleine, wie grauſam die Pocken ſte entſtellt haben.“ Sie fühlte das mit Schmerz, auch das jüngſte Herzchen ſehnt ſich nach Liebe und Lob, und als ſie einſt wieder aus dem Geſellſchaftskreiſe in die ſtille Kinderſtube zurückkehrte, fragte ſie ganz traurig: „Muhme Elsbeth, haben denn alle Menſchen nur ſchöne Kinder lieb?“ „O nein, mein Herzchen,“ ſagte die verſtändige Alte,„nur die fremden Leute zerreißen ſich ſo nach den ſchönen Kindern, weil ſie nichts Anderes von ihnen ſehen können. Im Hauſe, Eltern und Lehrer und Geſinde, Verwandte und Freunde ziehen die artigſten vor, gleichviel ob ſie mehr oder weniger hübſch ſind, und der liebe Gott ſieht ins Herz und liebt nur die, die reines Herzens ſind.“ „Und nicht wahr, artig und reines Herzens kann man auch ſein, wenn man recht häßlich iſt?“ „Gewiß gewiß, mein liebes Kind!“ „Und dann wird man geliebt, auch wenn man ſo große Pockennarben und ſo garſtige blaue Flecke im Geſichte hat?“. nich mitg ſtritt zu nach Sach jau ch Kleid viel Telle Din g len lief und 39 „Gewiß gewiß, mein liebes Engelchen, von Gott und Menſchen,“ antwortete die alte Kindermuhme weinend und bedeckte das kleine Mädchen mit Küſſen. Das war ein Wort, das tief in das Herz Loui⸗ ſens fiel, eines jener entſcheidenden Worte, die das Samenkorn bilden, aus welchem der Charakter des Menſchen erwächſt. Sie wollte artig und reinen Herzens ſein, um von Gott und Menſchen geliebt zu werden. In die Geſellſchaftszimmer mochte ſie gar nicht mehr gern gehen, ſie bat auch nie mehr dahin mitgenommen zu werden. Es war Lydia's unbe⸗ ſtrittenes Vorrecht, dort hingebracht und gehätſchelt zu werden. Louiſe blieb bei Muhme Elsbeth und war artig nach beſten Kräften. Das Artigſein iſt indeß bisweilen eine langweilige Sache. Ein artiges Kind darf nicht laut jubeln und jauchzen, nicht allzu viel herumlaufen, darf ſich nicht das Kleidchen beſchmutzen oder zerreißen, darf nicht zu viel fragen, muß früh zu Bette gehen, einen ganzen Teller Suppe eſſen und noch tauſend andere läſtige Dinge thun. Die kleine Louiſe vergaß biswei⸗ len das Artigſein und tollte, ſchrie, ſprang und lief mit der ſchönen Schweſter in die Wette, die 40 gar nicht nöthig hatte, artig zu ſein und doch ge⸗ liebt wurde, und wie geliebt! von Vater und Mutter, von allen Freunden und Gäſten des Hauſes, von jedem vorübergehenden Fremden. Louiſe ſaß in der Kinderſtube und hatte Lange⸗ weile. Der Winter iſt im Kindesalter von unendli⸗ cher Länge. Ein Jahr, das dem Erwachſenen wie ein Traum verfliegt, erſcheint dem Kinde eine Ewigkeit. Muhme Elsbeth zog zwiſchen den Doppelfenſtern einige Hyacinthen. Manchmal, wenn das Artigſein der Kleinen gar zu ſchwer ward, kletterte ſie auf die Stuhllehne der Alten, drückte die Stirn an die Fen⸗ ſterſcheibe und ſchaute hinaus in den Hof, wo die Hühner ſcharrten, die Kühe zur Tränke getrieben wurden und bisweilen im hellen Sonnenſchein die kleinen weißen Lämmchen herumſpringen durften. Das war ſehr hübſch, o wie hübſch, Louiſe liebte die Läm⸗ mer und die Kälbchen, wenn aber nichts auf dem Hofe zu ſehen war, ſo betrachtete ſie auch gern die Hyacinthentöpfe, in denen ſich leiſe und kaum merklich, etwas Eigenthümliches zu regen begann. Ein feines grünes Perlchen kam aus der Erde, klein und blank, aber es blieb nicht ſo, es ward größer, es ſchien einen kleinen Mund zu öffnen, in dem es ein zweites Perlchen hielt. 4 4 41 „Meine Hyacinthen wachſen ſchön,“ ſagte Muhme Elsbeth. Louiſe wußte das ſchon, ſie hätte das beſte Kleid ihrer Puppe hergegeben, wenn ſie hätte zu⸗ ſehen können, wie die Hyaeinthen es machten, daß ſie wuchſen. Es kamen bitter kalte Tage. Die Welt lag da wie in Schnee eingewickelt, am Himmel war die Sonne nur ganz kurze Zeit und dann ſpazierte der Mond den ganzen Abend und die ganze Nacht über den Himmelsbogen weg und Louiſe erwachte um Mitternacht und ſah, wie der Mond hoch oben am Himmel ſtand, einem großen ſilbernen Knauf glei⸗ chend, der das blaue Zelt, das über die weiße Erde ausgebreitet war, oben feſt zuſammenhielt. Einige Zeit darauf war er kein Knopf mehr, ſondern ein kleiner feiner Kahn, der früh Morgens, wenn Elsbeth den Ofen heitzte, über den braunen Wipfeln des Waldes hing und leiſe niederglitt, bis die Bänme ihn ganz und gar verdeckten. „Warum iſt der Mond einmal rundbäckig und dann wieder ſchmal?“ fragte die Kleine. „Das hat Gott ſo gemacht,“ ſagte Muhme Elsbeth. Die Hyacinthen entwickelten ſich indeß mehr und mehr, niemand konnte ſagen, wie ſie ſo ſchön geworden waren, aber allmählig ſtanden ſie da, roth, 42 blau, weiß und paille blühend und erfüllten das Zim⸗ mer mit ihrem ſüßen Duft. Louiſe ſchwamm in einem Meer von Glück, ſie küßte heimlich hinter Elsbeth's Rücken, die grünen ſchlanken Blätter, ſie guckte in die zierlichen Glöckchen, ſie kniete Stunden lang auf Elsbeth's Stuhllehne und bewunderte die ſchönen lieben Blumen. „Sage mir nur Eins, nur das Eine, meine liebe gute goldene Muhme Elsbeth,“ ſagte ſie end⸗ lich,„wie machen es die Hyacinthen, daß ſie ſo ſchön werden? ich weiß doch ganz gewiß, daß in den brau⸗ nen runden Zwiebeln, die ganz und gar nach nichts ausſehen, die prachtvollen Blumen nicht geſteckt haben können.—* „Gott läßt ſie wachſen,“ antwortete die Alte. Auch der längſte Winter vergeht endlich. Auf Sturmesflügeln kam der Lenz. Herr Wohlgemuth kam vom Felde nach Hauſe und erzählte bei Tiſch ſeiner Gattin, daß der Memelſtrom mit Eis ginge. Der Wagen kam Nachmittags und Papa und Mama und die beiden kleinen Mädchen ſetzten ſich in denſelben und fuhren nach den Jelgodiſchker Bergen, dem Eisgange zuzuſehen. Louiſe ſaß auf ihres Vaters Knie, und hatte die Arme um ſeinen Hals geſchlungen, während ſie 43 zitternd in das wilde Gewoge und Gebrauſe unter ſich ſchaute. „Papa, mein lieber Papa,“ fragte ſie leiſe flü⸗ ſternd,„wer hat denn das Eis, über das wir noch vorige Woche im Schlitten fuhren, ſo in tauſend Stücke gebrochen, die jetzt ſich über einander ſchieben und toſen und ſchäumen?“ „Die Hand Gottes, mein Kind.“ „Kann Gott denn Alles?“ fragte die Kleine mit ängſtlichem Herzklopfen. „Alles, Alles, denn er iſt allmächtig, aber er thut nur Gutes, weil er auch allgütig, und die Liebe ſelbſt iſt.“ Das waren die Samenkörner, aus denen der Charakter des kleinen Mädchens ſich entwickelte. Sie verſtand die Worte ihres Vaters über Gott ſo wenig als jene vom ‚erſtickten Dank,“ aber ſie machte ſich ein Bild von Gott, das freilich ganz kindiſch war, ihre junge einſame Seele jedoch ſehr ſüß be⸗ ſchäftigte und auf wunderbare Weiſe erhob⸗ Denn einſam im hohen Grade war die kleine Louiſe, und je mehr das Haus ihrer Eltern ſich mit Gäſten füllte, deſto einſamer war das unſchöne Kind. Lydia war der Liebling aller Welt, ſelbſt Muhme Elsbeth zog das ſchoͤne, fröhliche immer ſpielende und 44 tändelnde kleine Mädchen der häßlichen Schweſter vor, die ewig Etwas zu fragen hatte, Etwas erklärt wiſſen wollte und durch ihre Fragen die ſchlichte alte Frau aus einer Verlegenheit in die andere jagte. „Sie iſt gar nicht wie ein Kind, ſie iſt mit ihren großen braunen Augen, die einen ſo durchdringend anſehen und in dem häßlichen Geſicht ſo wunderlich blitzen, ordentlich wie ein Spuk,“ ſagte Muhme Elsbeth eines Abends, als ſie Louiſen ſchlafend glaubte zu dem alten Doctor Schleſinger, der von Rußland hinüber gekommen war, um nach der kranken Frau des Zoll⸗Inſpectors zu ſehen und bei dieſer Gelegen⸗ heit gleich die ihm befreundete Familie Wohlgemuth beſucht hatte, und dort zu Nacht blieb. „Sie iſt ein äußerſt gewecktes lebhaftes und ſehr gutartiges Kind,“ entgegnete der Doctor,„mich intereſſirt das kleine Geſchöpfchen mehr, weit mehr als die ſchöne Schweſter.“ Louiſe hörte das, ſie weinte leiſe in ihre Kiſſen, daß auch Muhme Elsbeth ſie nicht lieb hatte, aber ein Troſt war es ihr doch, in dem guten Doctor einen Freund zu beſitzen, der ihr ſo aufrichtig wohl wollte. Leider war er nur ſo ſelten anweſend, er wohnte 45 in Rußland, jenſeits der Memel, das Waſſer lag zwi⸗ ſchen ihr und dem einzigen Menſchen, der ſie lieb hatte. Je mehr ſie ſich indeß unter Menſchen fremd fühlte, deſto inniger ward ihre Sehnſucht Gott zu finden. Er liebte die Kinder, die reinen Herzens ſind, er war ja die Liebe ſelbſt und alles Gute und Schöne, Mondſchein, Blumen, der Frühling, Alles kam aus ſeinen Händen. Wie es draußen wärmer und grüner wurde, war die Kleine den ganzen Tag in ihrem Gaärtchen. Niemand bekümmerte ſich um ſie, denn die alte Elsbeth hatte genug zu thun mit Nähen und Flicken und Plätten und hundert andern Dingen. Lydia war faſt immer bei der Mutter, und ſo ſpielte Louiſe denn im ſchönen Sonnenſchein, ſäete Blumen und freute ſich, wenn die kleinen Keimchen aus der Erde krochen. Sie fragte jetzt nicht mehr. Sie wußte, daß man ſie ihrer Fragen wegen nicht liebte und ſo ſaß ſie denn und träumte von Gott, der Blumen und Sterne gemacht. Selbſt Mittags aß ſie, wenn Geſellſchaft anwe⸗ ſend, nicht mit den Eltern. Früher hatte auch Lydia ihr Mittagbrod mit ihr und der alten Elsbeth ge⸗ theilt und die Kinder waren nur zum Nachtiſch in das Speiſezimmer gebracht worden. Jetzt aß Lydia immer mit Papa und Mama, ſowie aber Beſuch kam, war für Louiſe kein Platz mehr am Tiſche. Sie fand das ganz natürlich, aber dennoch that es ihr weh, ſo weh, daß ſie in heftige unaufhaltſame Thränen ausbrach, als ſie an einem Sonntage, wo unerwartet Gäſte zu Tiſch erſchienen, hinauf in die Kinderſtube zur Muhme Elsbeth geſchickt ward. Vergebens bemühte ſie ſich ihrer Thränen Herr zu werden. Die Alte ſchlang ihre Arme um ſie und ſagte liebreich:„Weine nicht, Louischen, nein, weine nicht ſo, iſt Dir's denn ſo unangenehm, einmal wie⸗ der mit Deiner alten Muhme zu eſſen?“ Die Kleine ſchüttelte heftig das Köpfchen.„Gar nicht, gar nicht, meine gute liebe Muhme,“ ſagte ſie, als die Thränen ſie zu Worte kommen ließen, „ich möchte nur Eins wiſſen, ein Einziges, o wenn Du mir das ſagen könnteſt.“ „Was denn, mein Louischen, mein gutes Kind 2 „Warum mich Gott, der ſo gut iſt und Alle liebt, ſo häßlich hat werden laſſen, durch die böſen Pocken?“ 4 „Vielleicht,“ ſagte die Matrone,„weil Du eitel und leichtſinnig geworden wäreſt, wenn er Dich ſchön ließ. Vielleicht weil er will, daß Du ſehr gut, ſehr geduldig, ſehr freundlich und ſehr ſanft werden ſollſt, 47 zu aller Menſchen Freude, und durch Deine guten Eigenſchaften beweiſen ſollſt, daß Schönheit unwe⸗ ſentlich iſt, um geliebt zu werden.“ Louiſe trocknete das kleine Geſicht.„Wie erwirbt man ſich aber gute Eigenſchaften, liebe Muhme?“ fragte ſie eifrig. „Nun zuerſt muß man nie auf eine ſchönere neidiſch ſein, ſondern ſich darüber freuen, daß ſie ein Gut beſitzt, was uns verſagt ward.“ „Das iſt ſehr ſchwer,“ meinte Louiſe. „Aber es iſt der Anfang und das Allernöthigſte und ohne dies kann man gar nicht weiter gute Ei⸗ genſchaften erwerben.“ „Ich will es verſuchen,“ ſagte Louiſe. „Dann muß man auch gern und fleißig lernen.“ „O ich lerne ſehr gern, Muhme Elsbeth, das weißt Du wohl. Papa ſagt, ich lerne ſo leicht. Er wundert ſich, daß ich ſo ſchnell leſen gelernt.“ In der That hierin hatte das kleine Mädchen vollkommen Recht. Schwerlich hat es viele Kinder gegeben, die ſo leicht und gern lernten als eben Louiſe. In dieſer jungen beweglichen Seele war ein Trieb zu Erkennen, zu Wiſſen, ſich zu erfüllen und auszubreiten, der denjenigen, der ſich die Mühe ge⸗ nommen, ſie zu beobachten, mit Staunen hätte erfüllen müſſen. Im elterlichen Hauſe nahm ſich aber niemand dieſe Mühe. Madame Wohlgemuth lebte für ihren Gatten, für ihre große Wirthſchaft und für die ausgebreitete Geſelligkeit, die Herr Wohlgemuth liebte und hier an dieſem ſeltſamen Punkte der Erde auf ganz eigen⸗ thümliche Weiſe cultivirte. Die Güter, welche Herr Wohlgemuth erkauft, lagen nämlich geradezu auf der Grenze dreier Reiche. Dicht vor ſeinem hübſchen Wohnhauſe ſtand der Pfahl mit dem preußiſchen Grenzadler, zwanzig Schritte davon, am Ufer eines kleinen der Memel zueilenden Baches, der weiße Adler Polens, und das jenſeitige Ufer des Memelſtromes war zur Zeit der Anfang des ungeheuern Rußland. Eine Menge von Beamten, auf preußiſcher Seite größten Theils Leute von Bildung, bewohnten, von ihrer Dienſtpflicht dorthin verwieſen, dieſen abgele⸗ genen Erdwinkel. Die großen Güter des Fürſten Subow erſtreckten ſich auf der ruſſiſchen Seite bis ans Memel⸗Ufer, und eines der Schlöſſer dieſes Magnaten ſchaute von einer reizenden Anhöhe herab neugierig über den Strom und ſchien die Achſel zu bis zucken uüͤber das kleine bürgerliche Wohnhaus des deutſchen Landwirths am andern Ufer. Der Fürſt reſidirte freilich dort nicht, oder be⸗ ſuchte es höchſtens einmal im Fluge, aber ein deut⸗ ſcher Verwalter bewirthſchaftete die Güter, ein reich⸗ gewordener Mann von feinem Weſen und mannigfa⸗ chen Kenntniſſen, zu deſſen Familienkreiſe eine Menge gebildeter Perſonen gehörten. Ein Engländer, Maſter Maidſtone, hatte die Aufſicht über die ungeheuern Stutereien des Fürſten. Eine Schweizer⸗Franzöſin fungirte als Gouvernannte bei den Kindern des fürſt⸗ lichen Verwalters. Koſaken⸗Officiere, am Don ge⸗ voren und in Petersburger Cadettenhäuſern erzogen, commandirten die Grenzſoldaten auf der ruſſiſchen Seite, während zwei junge Infanterie⸗Officiere mit ihren Leuten auf der preußiſchen ſtationirt waren, und alle Tage und Stunden in Herrn Wohlgemuth's Hauſe eine freundliche Aufnahme, ja halb und halb eine beſtändige Wohnung hatten. Hundert Schritt hinter dem weißen polniſchen Grenzadler, deſſen Pfahl auf einem grünen Hügel ſtand, um den ſich ſchäumend die wilden Waſſer der Swantowit winden, lag ein Städtchen, das freilich nur aus erbärmlichen Lehmhütten beſtand, aber ein ſchönes mächtiges Herrenhaus, der Sitz eines 1856. XIX. Erinner. e. Großmutter. I. 4 der in Paris lebte, ſtand auf der nächſten Anhöhe und an deren Fuß eine katholiſche Kirche mit einem Kloſter des Eiſtercienſer⸗Ordens. Die Staroſtei bewohnte ein Amtmann mit ſeiner Familie. Alle dieſe Perſonen gehörten dem höheren Mittelſtande und bildeten einen ziemlich wunderlichen aber nicht unangenehmen Umgangskreis für Herrn Wohlgemuth und ſeine liebliche Gattin. Louiſe ſah wie einen Bienenſchwarm Polen, Ruſſen, Engländer, Franzoſen, Deutſche aus allen Gegenden des Reiches, Koſaken und Tartaren an ſich vorüberfliegen und im Vaterhauſe eine fröhliche Geſellſchaft bilden. In den Sommertagen, die jetzt ſo fröhlich über das Land zogen, waren die Zimmer den Gäſten leicht zu eng und zu warm und die geſchorenen Bu⸗ chengänge des Gartens, die Terraſſen, auf die wun⸗ derlich verſchnittene und verſtutzte Bäume ihre aben⸗ teuerlichen Schatten warfen, waren dann Promenaden und Speiſeſäle der Gäſte. dann bis tief in die Nacht Manchmal wurde hinein muſicirt und auf dem grünen Raſen getanzt, während an andern Stellen Tiſche ſtanden, beleuchtet von Lichtern, die durch Glaskugeln vor dem Winde geſchützt waren, beſetzt mit Speiſen und Wein. Auch Staroſten, aus ſche wei und ſich Notl ſteher Schn im 5 ſein, ſchaft fleißig ſie lel dem recht den B Wald der ra und fr ich h ſie h chen 1 2 aus den Zimmern ſtrahlte das Licht, dort ſaßen ruſſi⸗ ſche und polniſche Herren und ſpielten Karten, bis⸗ weilen ſo lange, daß der Morgen goldig hineinſchaute und die Kerzen unnöthig machte. Louiſe, ein kaum vierjähriges Kind, ſah das ohne ſich etwas dabei zu denken. Ihr kam es als eine Nothwendigkeit, als etwas ſich ganz von ſelbſt Ver⸗ ſtehendes vor.— Sie ſpielte für ſich oder mit dem Schweſterchen bald im Garten, bald im Hofe oder im Kinderzimmer, und verſuchte nicht neidiſch zu ſein, wenn Lydia aufgeputzt wurde, um der Geſell⸗ ſchaft zum Spielwerke zu dienen. Auch lernte ſie fleißig, was Muhme Elsbeth in ihren freien Stunden ſie lehrte, um ſo ſich Gottes Liebe zu erwerben. Sie hatte dabei eine dunkle Vorſtellung von dem Glück geliebt zu werden, und meinte, wenn ſie recht gut ſei, ſo würde eines Tages Gott hinter den Buchenhecken hervortreten ober aus dem nahen Walde ihr entgegenkommen, oder ſich leiſe in einer der roth goldenen Abendwolken zu ihr niederlaſſen und freundlich ſagen:„Komm her, mein armes Kind, ich habe Dich lieb,“ und dann mit ihr ſpielen und ſie hätſcheln wie Mama und Papa das Schweſter⸗ chen hätſcheln. Wunderbar verwebt war der Gedanke an Gott 4* 2 für ihre Kinderſeele mit jeder Blume jeder Frucht, mit dem allmälig reifenden Getreidefelde, mit dem Himmel und ſeinen Sternen, kurz mit allem Guten und Schönen in der Natur. Als Muhme Elsbeth die erſten Kirſchen aus dem Garten brachte, ſagte ſie:„Der liebe Gott hat ſie dies Jahr in ſolcher Menge gegeben, daß die Bäume unter ihrer Laſt brechen.“ Wenn Louiſe einen Strauß pfluckte und ihn noch ganz thaufriſch Mor⸗ gens der lieben ſchönen Mama brachte, ſagte dieſe: „Welch eine Pracht hat der liebe Gott in die Pflan⸗ zenwelt gelegt.“ Wenn Papa auf ſeinem ſchönen braunen Pferde Ariol vom Felde geritten kam, ſagte er:„Gott giebt eine höchſt geſegnete Ernte,“ und Louiſe, die das Alles hörte, bekam einen immer höheren Begriff von dem Freunde, den ſie ſich zu erwerben bemuͤhte und ſehnte ſich mehr und mehr endlich ſeine Bekanntſchaft zu machen. Inzwiſchen war ſie ſehr allein und da ſie mit dem Schweſterchen nur ſelten ſpielen konnte, da Ly⸗ dia faſt immer bei Mama war, ſo ſuchte ſie ſich Spielgefährten, und fand ſie bald in nächſter Nähe. Der große prächtige Schafſtall umhegte eine icht, dem uten aus hat 3 die einen Seite des Hofes, und dorthin ſchlich das kleine Mädchen ſehr gern und— ſpielte mit den Lämmern. Sie waren ſo niedlich, waren ſo munter und kannten bald das kleine Mädchen und leckten Salz aus ihrem Händchen und rieben ihre ſchneeweißen Köpfchen an Louiſens Arm und ihrer Schürze. Die Kleine war bisweilen Tage lang bei dieſen ihren Spielgefährten. Es war ſchon wieder Herbſt geworden, im Hauſe war ein großer Ball. Mamas hübſches Stuben⸗ mädchen hatte Lydia ſehr ſchön ausgeputzt, um unten bei der Geſellſchaft zu ſein. Muhme Elsbeth mußte in der Küche helfen, niemand im Hauſe verſtand ſo gut wie ſie, Apfelſinen, Créme und kleine Paſtetchen zu bereiten, und ſo übernahm ſie denn dieſe Arbeit bei außerordentlichen Fällen ſtets. Louiſe war alſo ganz allein und ſchlich beim ſinkenden Abend über den Hof zu den Lämmern. An den Dachbalken hing wie immer eine Horn⸗ laterne und warf ihr blaſſes Licht auf die Raufen, auf den mit Stroh und Streu bedeckten Fußboden und die nackten Wände. Die Lämmer drängten ſich umher und blöckten in den verſchiedenſten Tonarten, und an den Raufen ſtand ein alter Mann mit blauem Rock und langem weißem Bart und Haar, 54 ſo weiß, daß es im ſpärlichen Licht der Laterne, das aber gerade auf ſein Geſicht ſiel, wie Silber glänzte. Er ſteckte den kleinen Lämmchen eben ihr Futter auf und richtete ſeine Augen, als die Thür geöffnet wurde, auf das eintretende kleine Mädchen. 4 Nie noch in ihrem ganzen Leben hatte Louiſe ſolche Augen geſehen, ſie ſchienen ihr zwei Sonnen ohne deren blendenden Glanz. Dabei war der alte Mann groß, ſchlank und hoch, wie ein Tannenbaum oder wie die gerade aufſteigende Rauchſäule, und es lag etwas ſo Mächtiges, ſo Wunderſames in ſeinem Geſicht, daß der Eintretenden ſchier das Herz ſtill ſtand, indem der Gedanke es durchzuckte: Das iſt der liebe Gott. Sie blieb ſtehen, ſie zitterte, aber der Alte ſprach mit einer ſanften und klangvollen Stimme: „Komm nur näher, kleines Mädchen, und fürchte Dich nicht vor mir, ich habe Kinder ſehr gern.“ Sie ſchlich nun blöde zu ihm und ſtellte ſich an ſeine Seite und er tätſchelte ihre braunen Haare, zog aus der Taſche ſeines blauen Rockes etwas her⸗ vor und ſagte:„Da das will ich Dir ſchenken.“ Sie nahm es mit zitternder Hand, es war ein kleines Körbchen, von feſten Wurzelfaſern geſlochten, as te. auf de, iiſe nen alte um und 55 aber ſo ſchön und fein, wie ſie noch nie etwas Aehnliches geſehen hatte. Louiſe wurde nicht ſehr oft beſchenkt, ſo etwas Schönes hatte ſie noch nie beſeſſen, und ſie zog da⸗ her die große feſte Hand, die ihr dieſe Freude machte, ſchmeichelnd und dankend an ihre Lippen. Der Greis aber beugte ſich,— er mußte ſich gar tief zu der kleinen Geſtalt niederbeugen— und küßte das Kind auf die Stirn. In dieſem Augenblick ſchien ſich Alles um Louiſe zu drehen, es blitzte vor den Augen des Kindes, eine unnennbare Seligkeit glühte in ihrem Herzen und ohnmächtig lag ſie in den Armen des Schäfers, der leiſe ſie auf den Boden legte, eine kleine Flaſche aus ſeinem Rock zog und ihre Schläfen mit dem Inhalt derſelben anfeuchtete. Sie erholte ſich, tief athmend blickte ſie empor und fragte:„Nicht wahr, ſag mirs, Du biſt Gott, der zu mir gekommen iſt und mich lieb haben wird, weil mich niemand, niemand in der Welt ſonſt lieb hat.“ Ein Strom von Thränen brach bei dieſen Wor⸗ ten aus der Seele des vereinſamten Kindes und mit namenloſer Wonne ſchlang ſie ihre Arme um den Hals des Greiſes, der ſich niedergeſetzt hatte, und ſie auf ſeinem Schooß hielt. Der Alte ſchüttelte langſam ſein ſilberhaariges Haupt, küßte das weinende Kind, murmelte einige Worte vor ſich hin und ſagte:„Ich bin Gottfried, und ich werde Dich ſehr lieb haben, ich habe Dich ſchon lieb, armes Kind! armes Kind!“ und dann mur⸗ melte er wieder;„die Heidenwirthſchaft, die Pol⸗ lackenwirthſchaft, die Gottloſe Zucht da! ſo ein ar⸗ mes Ding, ſo ein Würmchen!“ Louiſe war von jetzt ab mehr als je im Schaf⸗ ſtalle. Obgleich ſie ſehr bald inne ward, daß der fremde ſchöne Greis nicht der liebe Gott, ſondern der neue Schäfer ſei, den Papa von weit, ſehr weit We verſchrieben, ſo behielt er doch für ſie einen eigenen ten wunderbaren Schein. nac Gottfried wußte Alles. Er kannte jedes Kraut, Er das im Felde wuchs und erzählte dem lernbegierigen tige Kinde von ſeinen Eigenſchaften und wozu man es fah brauchen könne. Er zeigte der Kleinen die Sterne, den die immer am Himmel bleiben, den großen Wagen im und das W) und den Nordſtern und ſagte ihr, dan Gri * Die Schäfer und Hirten nennen ſo das Sternbild der nah Kaſſiopeia. zen, 57 was die Uhr ſei, wenn er, es ſei bei Nacht oder bei Tage, einen Blick an den Himmel warf. Er fing im Winter Schneeflocken auf ſeinem blauen Aermel auf und ließ Louiſe ſehen, daß jeder einzelne ein wunderbar hübſch geformtes Sternchen ſei, indem er ein rundes Brennglas, das er beſaß, darüber hielt. Er zeigte ihr den Samen der Diſtel mit den weißen Federchen, die ihn krönen und ihn fähig machen weit über Land zu fliegen, und das kleine Samenkörnchen des mächtigen Tannenbaums mit den feinen Flügeln. Er nahm ſie trotz Herbſtſturm und Winterfroſt mit hinaus aufs Feld und zeigte ihr das Leben und Weben der ſchaffenden Natur in den warmverhüll⸗ ten Knospen, in denen der Blätterſchmuck des nächſten Lenzes die rauhe Jahteszeit durchträumte. Er zeigte ihr an den gefällten Stämmen der mäch⸗ tigen Waldbäume, die zur Feuerung in den Hof ge⸗ fahren wurden, die Jahresringe, in denen der Baum dem Menſchen erzählt wie alt er ſei. Er zeigte ihr im Walde die kleinen weichen Moospolſterchen, die dann ſchon leben und grünen, wenn alles übrige Grün noch in der Knospe ſchlummert, und auf dem nahen öden Moor das Gewirre von abgeſtorbenen Pflan⸗ zen, aus denen der Torf zuſammengefilzt iſt. 58 Sobald nur Muhme Elsbeth aus der Kinder⸗ ſtube ſchlich, um ſich in Küche oder Geſindeſtube ein Plauderſtündchen zu machen, oder ſobald es Louiſen gelang die Zuſtimmung der verdrießlichen Alten zu erlangen, war das kleine Mädchen bei ihrem Freunde, und zog mit ihm umher in Feld und Wald und Moor. Ihre Eltern, ihre Schweſter ſah ſie oft in vie⸗ len Tagen, ja in Wochen nicht, ſie hatte jetzt einen Freund, ſie hatte einen Lehrer und liebte ihn mit aller Glut ihres kleinen Herzens. Des alten Gottfrieds Lehren hatten für das Kind ein hohes Intereſſe, und ſchloſſen ſich genau an Louiſens eigene Gedanken an. Das ungeliebte Kind hatte ſein Herz früh, ſehr früh in das Heiligthum der Natur geflüchtet, dort das zu ſuchen, wornach es am heißeſten verlangte, die ewige unwandelbare Liebe, und der einfache Greis, der nur in der Natur lebte und in ganz praktiſcher Weiſe ſich eine große Kenntniß derſelben erworben, hatte dieſe ewige unwandelbare Liebe im ſchönen Weltall längſt gefunden. Wie der rothe Faden, der ſich durch alles Ge⸗ webe und Geſpinnſt zieht, auf dem unendlichen Meer das Tau⸗ und Segelwerk derjenigen Schiffe be⸗ 59 zeichnet, die königliches Eigenthum Englands ſind, ſo zog ſich durch jede Rede, jede Belehrung des alten Schäfers die Beziehung auf Gott, und das war es eben, was jedes ſeiner Worte dem Herzen Louiſens verſtändlich und erfreulich machte.— Das kleine Mädchen, das beim Erwachen des Lenzes in ſein ſiebentes Jahr trat, konnte nur ſehr mangelhaft leſen, und noch mangelhafter ſtricken, aber es kannte jeden Waldbaum, jedes Kraut im Felde, es kannte die Lebensweiſe und Bedürfniſſe aller Hausthiere, die meiſten Sternbilder am nördlichen Himmel und die Zeit ihres Erſcheinens und Ver⸗ ſchwindens und ſuchte und fand in jedem wechſeln⸗ den Naturereigniß die ewige unwandelbare Liebe und Weisheit des ewigen Weltgeiſtes, den unſere arme Sprache Gott nennt!— ———— Zweites Capitel. Melchthal. 8 eine edle Himmelsgabe iſt Das Licht des Auges— Alle Weſen leben Vom Lichte, jedes glückliche Geſchöpf, Die Pflanze ſelbſt kehrt freudig ſich zum Lichte. Und er muß ſitzen, fühlend in der Nacht, Im ewig Finſtern. Schiller. Herr Wohlgemuth war ein reicher Mann. Er hatte die Güter, die er erkauft, ganz bezahlt, er hatte die großen Bauten, die er ausgeführt, ganz aus eige⸗ nen Mitteln beſtritten. Er hatte den Boden ge⸗ prüft, den er kaufte, und wußte, daß er bei gehöͤriger Bewirthſchaftung einen großen Ertrag liefern mußte. Herr Wohlgemuth war ein kenntnißreicher und ein thätiger Landwirth, ſeine ſchönen Beſitzungen lagen ichte. lagen am Ufer eines großen ſchiffbaren Stromes, ſo daß er ſeine Producte mit Leichtigkeit verſenden konnte. Gewiß er hatte alle Ausſicht, mit der Zeit Herr eines ungewöhnlichen Vermögens zu werden, und man konnte ihn nicht einen Verſchwender nennen, obſchon ſein Haushalt durch ſeine ausgedehnte Gaſt⸗ freundſchaft ein ſehr koſtſpieliger war. Zweierlei nur hatte Herr Wohlgemuth nicht in Betracht gezogen, als er ſich in ſeiner gegenwärtigen Heimath ankaufte. Den Menſchenſchlag, der dort heimiſch, ihm bei ſeinen Arbeiten hilfreiche Hand lei⸗ ſten ſollte und die Kräfte und Fäßhigkeiten ſeiner jugendlichen Gattin. Madame Wohlgemuth war die Tochter eines preußiſchen Majors. Ein Fräulein von Itzſtein, eben ſo ſchön als arm. Das junge Mädchen war ihrer Zeit in Elbing die geſuchteſte Tänzerin geweſen, die eigentliche gefeierte Schönheit der damals reichen Stadt, in der Major Itzſtein garniſonirte. Friedrich Wilhelm der Zweite, der viel liebende, hatte bei ſeiner Durchreiſe die reizende Blume be⸗ merkt, es war indeß eine von den wenigen, die nicht für ihn gewachſen. Major Itzſtein ging auf keine der Anerbietungen ein, die ihm in dieſer Hin⸗ ſicht gemacht wurden, ja man ſagt ſogar, daß der 62 Schlagfluß, der ihn plötzlich hinraffte, eine Folge des großen Aergers geweſen, den ihm die zweideutige königliche Gnade zugezogen. Die arme Officiers⸗Witwe lebte mit ihrer ſchönen Tochter von einer ſehr kleinen Penſion, von dem Ertrag feiner Arbeiten und den Wohlthaten entfernter Verwandten und— ſegnete den Tag, an welchem Herr Wohlgemuth, obgleich ein Bürger⸗ licher, aber ein ſehr reicher Mann um ihre Tochter warb. Das junge Ehepaar zu begleiten und den Reichthum deſſelben zu theilen, war ihr nicht ver⸗ gönnt, denn ſie ſtarb noch ehe die Bauten beendet waren und die ſchöne Braut ward am Sarge ihrer Mutter getraut. Die alte Kammerjungfer der verſtorbenen Ma⸗ jorin ging aber mit ihrer jungen Dame nach Neu⸗ Oſt⸗Preußen, und das war eben Muhme Elsbeth, das Factotum der Kinderſtube und die treue Helferin bei allen häuslichen Vorfällen. Herr Wohlgemuth liebte ſeine Frau über Alles. Er hielt es für ein großes Opfer, daß ſie ihm in dieſe ferne Gegend gefolgt war, und hatte die Ueber⸗ zeugung, daß ſie viel zu fein und zart ſei, um den Geſchäften einer großen Landwirthſchaft vorzuſtehen. In der That verſtand ſie von derſelben nicht 63 das geringſte und hatte auch kein Intereſſe dafür. Die Geburt ihrer Tochter hatte zudem ihre Ge⸗ ſundheit etwas angegriffen, ſo verlangte ihr Gatte denn, daß ſie wie die Lilien auf dem Felde leben ſollte, die nicht arbeiten und nicht ſpinnen und doch ſchöner gekleidet ſind als Salomon in ſeiner Herr⸗ lichkeit, und ſie ließ ſich das endlich gefallen. Die an der Grenze ſtationirten Officiere waren Verwandte der Familie von Itzſtein und ſuchten ihre Couſine auf, ihnen nach zog der ganze Schwarm von Polen, Ruſſen, Deutſchen, Engländern ac., die ſich in der Gegend aufhielten und Herr Wohlgemuth machte die Honneurs ſeines Hauſes als gaſtfreier Wirth. Der große Schwarm der Gäſte hinderte ihn bisweilen, nach den vielen Geſchäften zu ſehen, die mit der Bewirthſchaftung von Beſitzungen in dieſer Gegend verbunden ſind. Hier mehr noch wie ander⸗ wärts und zu anderer Zeit galt das Sprichwort, daß des Herrn Auge die Pferde fett macht. Die eben von der Leibeigenſchaft befreiten Ur⸗ einwohner jener Gegend, ſind ein Völkchen, das zwar zu Allem Geſchick, aber zu keiner Arbeit Luſt und Ausdauer hat. Herr Wohlgemuth hatte manchen Aerger, erlitt manchen Verluſt, weil er von den Pflichten des zu⸗ vorkommenden Wirthes in Haus und Garten feſt gehalten, nicht nach ſeinen Feldern, nach ſeinen Bauten, nach dem Betrieb der ſehr einträglichen Brennerei ſehen konnte. Er verſchmerzte das, war er doch ein reicher Mann, und ſeiner ſchönen, an Geſelligkeit gewöhnten Gattin ſchuldig, ihr das Leben in dieſem abgelegenen Erdwinkel ſo angenehm als möglich zu machen.— Er bemühte ſich indeß Deutſche auf ſeine Be⸗ ſitzungen zu ziehen. Sie hielten treuer an ihrem deutſchen Herrn und waren thätiger und zuverläſſiger, wenn auch im Grunde weniger geſchickt als dieſe polniſchen Leib⸗ eigenen. So hatte er denn auch den Schäfer Gottfried, einen Schleſier, den er auf ſeinen Reiſen in der Gegend von Breslau kennen gelernt, herkommen laſſen, und ſeine große Schäferet befand ſich trefflich unter ſeiner Aufſicht und Pflege. Für die kleine Louiſe aber ward dieſer Mann bald Alles in Allem. 4 Das arme häßliche Kind war im elterlichen Hauſe unbeſchreiblich verlaſſen. Zwar Herr Wohlgemuth liebte auch ſie, das zu⸗ eſt⸗ ten, erei ſcher nten enen Be⸗ Herrn ch im Leib⸗ fried, n der mmen refflich Mann erlichen ſie, das 65 war keine Frage. Er fand das pockennarbige Ge⸗ ſichtchen noch immer hübſch, weil die Augen ſeiner Gattin aus demſelben hervorblickten und manchmal erſchien es ihm ſogar als ob Louiſens Augen noch ſchöner ſeien, als die ihrer Mutter, aber Herr Wohl⸗ gemuth hatte weiß Gott keine Zeit ſich mit dem kleinen Mädchen zu beſchäftigen. Seine große Wirth⸗ ſchaft, auch ſeine noch größere Geſelligkeit nahmen ihn vollſtändig in Anſpruch, und ſo hatte er denn auch den Vorſatz, die kleine lernbegierige Louiſe zu unterrichten, bald wieder aufgegeben. Sie konnte eben nothduͤrftig leſen als das ge⸗ ſchah, da ſie aber keine Bücher hatte als das Ge⸗ ſangbuch der Muhme Elsbeth, das ihr nicht ſehr gefiel, ſo las ſie nicht, ſie hatte eine Art von Grauen vor den Liedern, die darin ſtanden, auch das vom verhärteten Gemüthe war darunter und ſie verſtand es heute noch ſo wenig als zur Zeit, wo ſie Muhme Elsbeth danach gefragt hatte. Wo Louiſe indeß ein Buch oder bedrucktes Blatt fand, da hielt ſie es für ihre Schuldigkeit es zu leſen. Muhme Elsbeth beſaß einige Bücher und ver⸗ ſchloß ſte ſorglich in ihre große Truhe. Louiſe hatte ſie noch nie geſehen. Nun hatte aber der Zahn der Zeit an beſagter 1856. XIX. Erinner. e. Großmutter. I. 5 66 Truhe genagt, vielleicht hatten auch noch andere Zähne oder Zähnchen dabei geholfen, kurzum eine Maus hatte ihren Weg in Muhme Elsbeths Truhe gefunden, und als ſie eines ſchönen Tages den Deckel öffnete und dadurch der kleinen Louiſe das Signal gab herbeizuſchleichen und den Lavendelduft einzuath⸗ men, der der Truhe entſtrömte, und die ſchönen bunten Bilder zu betrachten, die an den Deckel geklebt waren und die den erſten Conſul Herrn Napoleon Bona⸗ parte und deſſen Gemahlin Joſephine geborene Taſcher de la Pagerie vorſtellten, ferner die Hinrichtung Lud⸗ wig des XVI. auf dem Greveplatz zu Paris, die ſchöne Madame Recamier mit einer Roſe am Buſen und die junge Königin Louiſe von Preußen; da be⸗ merkte Elsbeth, während Louiſe die Köpfe der Zu⸗ ſchauer auf dem Greveplatz zählte, etwas Entſetzliches, etwas, das ſie aufſchreien und die Hände über dem Kopfe zuſammenſchlagen ließ,— in dem Vorderblatt ihres ſchwarzen Flaminkleides ein rundes Loch. Sie erkannte ſogleich, daß das die Miſſethat einer Maus ſei und packte nun die Truhe aus, Stück für Stück. Louiſe betrachtete die Kleider, die Strümpfe und Hemden, die Nähkäſtchen und Körbchen, verſchiedene Gläſer mit eingeſchliffenen Sternchen, drei meſſingene dere eine ruhe eckel gnal ath⸗ inten daren ona⸗ iſcher Lud⸗ „die Buſen a be⸗ Zu⸗ iches, dem rblatt ſethat aus, ſe und iedene ngene 67 Leuchter ſo blank wie Gold, Schuhe mit hohen Hacken, geſponnenes Garn und andere Schätze. Ganz unten lagen die Bücher, auch ſie kamen zum Vorſchein und nun las Louiſe die Titel: Ge⸗ ſchichte der Pfalzgräfin Genoveva, vom gehörnten Siegfried, von der ſchönen Meluſine, von den vier Haimonskindern, endlich den Titel des dicken, ſchwarz gebundenen Buches, der ſehr nett in rothen und ſchwarzen Buchſtaben gedruckt war: Die Bibel oder die heilige Schrift alten und neuen Teſtamentes, ſammt den Büchern ſo man Apocrypha nennt, ver⸗ teutſcht durch Dr. Martin Luther. Sie ſchlug das erſte Blatt auf und las: Am Anfang ſchuf Gott Himmel und Erde, und die Erde war wüſte und leer und es war finſter auf der Tiefe und der Geiſt Gottes ſchwebte über dem Waſſer ꝛt.. Was war das? „Muhme Elsbeth, liebe Muhme, das Buch mußt Du mir laſſen,“ ſagte das Kind und richtete die großen klaren Augen mit dem Ausdruck flehendſter Bitte auf die Alte. Dieſe hatte genug zu thun, um das Mauſeloch zu ſuchen; ſie ſagte„ja, ja, nimm es nur,“ weil ſie den kleinen Quälgeiſt eben los ſein wollte, und ſo be⸗ fand ſich Louiſe denn im Beſitz eines Buches, das ihr 5* 68 mit jedem Blatt mehr und mehr Luſt zum Leſen einflößte. Es war dieſer Tag überhaupt ein wichtiger im Leben des Kindes. Der Familienkreis des Herrn Wohlgemuth ward an demſelben durch eine Perſon vermehrt, die auf Louiſens Leben vom höchſten Einfluß ſein ſollte. Sie ſaß, als der Abend zu dunkeln begann, vor der Thür des Schafſtalles, hielt ihre Bibel auf den Knieen und las, mit dem kleinen Finger der Reihe folgend, um ſie nicht zu verlieren, die Erzählung Moſes' von der Schöpfung der Welt und dem Un⸗ gehorſam der erſten Menſchen. Ihr Herz ſchlug dabei in heftiger Aufregung und ſie würde gar nicht geſe⸗ hen haben, daß ein Wagen in das Gehöft einfuhr, wenn nicht der Kutſcher mit lauter Stimme geſchrieen und gefragt hätte, ob dies denn nun endlich Ky⸗ dullen ſei. Die kleine Louiſe ſah von ihrem Buche auf und ſagte„ja.“ So fuhr der Wagen am Wohnhauſe vor und die Männer ſtiegen aus demſelben, ein älterer zuerſt, der einem viel jüngeren heraushalf und ihn die Frei⸗ treppe hinauf führte. Louiſe hatte dieſe beiden Perſonen noch niemals zuerſt, Frei⸗ emals geſehen, ſie gehörten nicht zu dem Umgangskreiſe in der Nachbarſchaft, das war gewiß. Als Abends Muhme Elsbeth ihr beim Ausziehen half, kam auch Lydia früher als ſonſt ins Kinder⸗ zimmer, ſie hatte verweinte Augen und druückte das Köpfchen in den Schooß Elsbeths und ſagte:„Muhme, liebe Muhme, wie iſt das ſchrecklich!“ „Was denn, Herzchen, was iſt Dir begegnet?“ Aber das Kind weinte fort und fort und war nicht zu einer Antwort zu bringen. Am Morgen beim Frühſtück ſah Louiſe die beiden Fremden, ſie ſaßen mit den Eltern am Kafeeetiſch. Der jüngere war noch ein ſehr junger Herr mit einem Geſicht, das die Pocken faſt noch mehr zerriſſen hatten als das Louiſens und dabei hatte er nicht Augen wie andere Menſchen, ſondern unter den Augenlidern lag nur eine weiße Platte, die röthlich und bläulich an⸗ gelaufen überaus ſchrecklich ausſah, wenn er, was oft geſchah, die Augen weit öffnete. Herr Wohlgemuth führte das kleine Mädchen zu dieſem Jüngling und ſagte:„Louiſe, das iſt Dein Vetter Wilhelm von Itzſtein und ich hoffe, Du wirſt artiger ſein als Lydia und ihm die Hand und einen Kuß geben, er bleibt von jetzt an bei uns.“ Die Frage, was fehlt dem Vetter an ſeinen armen Augen? ſchwebte auf des Kindes Lippen, aber es unterdrückte ſie, reichte ohne Widerſtreben das Händchen hin und ließ ſich küſſen. Der ältere der beiden Gäſte hieß Herr Fiſch. Er hatte das Geſchäft, den jungen Itzſtein überall hin zu führen, ihm Alles zuzureichen und zu machen, was dieſer ſich nicht ſelbſt machen konnte, da er blind war.— Louiſe wußte was das zu bedeuten hatte. Die Erinnerung an die Zeit, da während des Ausbruchs ihres Uebels unaufhörliche Nacht ſie umgeben hatte, war nicht von ihr gewichen, und ein tiefes Mitleid mit dem Armen, der weder Blumen noch Sterne, weder den blauen Himmel noch die Geſichter ſeiner Freunde ſehen konnte, regte ſeine Engelflügel in ihrem Kinderherzen und ließ das Gefühl des Wider⸗ willens und Grauſens, das der Anblick des furchtbar Entſtellten auch in ihr erregte, nicht zum Ausbruch kommen. Lydia war nur mit Mühe zu bewegen, ins Zimmer zu kommen, ſo lange der Blinde ſich darin befand, und ſie konnte ihn erblickend nie die Ge⸗ berde des Grauſens unterdrücken; in ſeine Nähe zu kommen, ihm die Hand zu reichen, dazu konnten ſelbſt die ſtrengſten Befehle des Vaters ſie nicht bewegen und Herr Wohlgemuth hütete ſich auch natürlich ſie dazu zwingen zu wollen, ſchon um durch ihren Widerſpruch und ihr Sträuben den blinden Juͤngling nicht zu kränken und zu reizen. „ Das iſt ein ſehr freundliches kleines Mädchen,“ ſagte Wilhelm von Itzſtein, als Louiſe ihm die Hand gereicht und ohne zu zucken ſeinen Kuß erduldet hatte,„viel liebenswürdiger, viel angenehmer als die Kleine, die geſtern ſo entſetzlich ſchrie, als man ſie zu mir brachte. Ich bin im Ganzen durchaus kein Kinderfreund, aber das Kind würde ich um mich dulden können. Willſt Du mit mir in mein Zim⸗ mer kommen, kleines Mädchen?“ „Wenn Sie es wünſchen, Herr Vetter,“ entgegnete ſchüchtern die Kleine. „Auch die Stimme iſt angenehm, ſehr angenehm,“ ſagte der Blinde,„ſie iſt Ihre juͤngere Tochter, Vetter Wohlgemuth, wie ich höre, warum war ſie geſtern nicht hier als wir Thee tranken?“ „Es iſt daſſelbe kleine Mädchen, das uns zurecht⸗ wies, das Kind, das leſend auf einem Stein ſaß, umdrängt von einer Menge Lämmer.“ „Ah ſo, das Kind, von dem Sie ſagten, Ma⸗ giſter, es ſehe aus wie ein Heiligenbild; die freund⸗ liche Kleine iſt alſo auch ſehr ſchön!“ 5 72 Herr Fiſch antwortete nicht, Louiſe aber ſagte: „Nein, lieber Herr Vetter, ich habe die Pocken ge⸗ habt und ſeit dem bin ich ſo häßlich, daß Mama und Papa mich gar nicht mehr lieb haben können, obgleich ich ſo gut als möglich verſuche artig zu ſein; meine Schweſter Lydia aber, die iſt ſehr ſchön, und Alle haben ſie lieb.“ Der Blinde lachte. Es war ein ungemein häßliches Lachen und ging dem kleinen Mädchen durch Mark und Bein. Dann aber fuhr er leiſe mit der Hand über Louiſens Geſicht und ſagte:„Nun meinetwegen, für mich iſt jedes Madchen ſchoͤn, das freundlich iſt und eine angenehme Stimme hat, und wenn Louiſe mein Schweſterchen oder mein Brãut⸗ chen ſein will, ſo iſt ſie für den blinden Wilhelm die Schönſte in der Welt.“ Damit ſtand er von ſeinem Stuhle auf, Herr Fiſch gab ihm den Arm und ſo ging er feſten Trit⸗ tes und leiſe vor ſich hinpfeifend aus dem Zimmer. Sobald er nur zur Thür hinaus war, ſchlug Madame Wohlgemuth die Hände vor die Augen und ſagte:„Ernſt, lieber Ernſt, das iſt ein entſetzlicher Menſch, es iſt die fürchterlichſte aller Heimſuchun⸗ gen, daß wir den im Hauſe behalten ſollen— Mo⸗ nate, Jahre vielleicht, ich weiß nicht wie ich das 3 ertr ſinn zu Pol voll den zärtt wan „wir 73 ertragen ſoll, ich fürchte in ſeiner Geſellſchaft wahn⸗ ſinnig zu werden, iſt es denn nicht möglich ihn fort zu ſchaffen? kann er denn nicht anders wo ſich im Polniſchen und Ruſſiſchen und Franzöſiſchen ver⸗ vollkommnen?“ Sie zitterte dabei ſichtlich und ihr Gatte ſchlang den Arm um ihren Leib und beruhigte ſie mit den zärtlichſten Worten. „Es iſt Dein Vetter, Dein nächſter Blutsver⸗ wandte, mein theures Weib,“ ſagte er beſchwichtigend, „wir verbinden uns ſeinen Vater, wir erzeigen dem Jüngling ſelbſt einen großen Dienſt. Zudem iſt Ma⸗ giſter Fiſch ganz der Mann, den wir zum Lehrer für unſere Mädchen brauchen, und Du wirſt Dich an das widerwärtige Aeußere des Blinden gewöhnen, mein Engel, gewiß das wirſt Du.“ „Glaub mir, Ernſt,“ entgegnete ſie aufgeregt,„es giebt Antipathien, mir graut vor dieſem blinden Menſchen und es iſt nicht ſein Aeußeres allein, er wird Unglück in unſer Haus bringen, ich täuſche mich darin nicht, mein Herz ſagt es mir, auch unſere Lydia zittert vor ihm, und Kinder haben ahnungs⸗ volle Herzen.“ Wie ſehr indeß Madame Wohlgemuth den Gaſt auch fürchten mochte, ſeine Anweſenheit ließ ſich nicht ändern. Er blieb und gehörte ſammt ſeinem Hofmeiſter Magiſter Fiſch in Kurzem vollſtändig zur Familie, die ſich allmählig an das zurückſchreckende Aeu⸗ ßere des Unglücklichen gewöhnte. Wilhelm von Igkzſtein, der einzige Sohn des Kammerpräſidenten von Itzſtein, war in der That ein naher Verwandter, da ihre Väter Brüder geweſen. Der ältere hatte Cameralia ſtudirt und eine große Carriére gemacht, ſeit der Thronbeſteigung Friedrich Wilhelm des Dritten befand er ſich in Ber⸗ lin, in der nächſten Umgebung des Königs, der ihn ſehr begünſtigte. Er hatte ziemlich ſpät ein reiches Mädchen aus guter Familie geheirathet, und das einzige Kind dieſer Ehe war der blinde Jüngling, der im fünften Jahre ſeines Lebens das Augenlicht durch die Pocken verloren hatte. An die Erziehung dieſes Jünglings war Alles gewendet worden, was durch Geld erkauft werden kann, um ſolch traurigen und völlig hoffnungsloſen Zuſtand erträglich zu machen. Die erſten Aerzte der Zeit, Hufeland, Dr. Gräfe, Hermſtädt und andere harten ſeine Augen unterſucht und für ganz unheilbar erklärt, ſo blieb denn den troſtloſen Eltern nichts anderes übrig als den 75 unglücklichen Jüngling ſeinem eigenthümlichen Looſe anzupaſſen. Man hielt ihm die beſten und koſtbarſten Lehrer in Muſik und Sprachen, man machte ihn ſo früh wie möglich mit der Poeſie des Zeitalters bekannt, man machte ihn durch Uebung ſeiner Kräfte möglichſt unabhängig von ſeinem traurigen Zuſtand, und den⸗ noch bildete dieſe ſorgſame Erziehung ihn nicht zu dem, was ihn allein hätte mit ſeinem Geſchick zufrie⸗ denſtellen können; nur milde, auf echte Frömmigkeit gebaute Reſignation hätte den Unglücklichen mit ſei⸗ nem Looſe verſöhnen können, auf dieſe aber war nie⸗ mals bei ihm hingearbeitet worden. Wilhelm von Itzſteins früheſte Kindheit fiel in eine Periode der ſeltſamſten Frömmlerei, die der wahren echten Gottesfurcht gänzlich baar war. Man ging zum Abendmahl und lachte zu Hauſe darüber. Man las Voltaire und Rouſſeau mit Eifer und Intereſſe, man ging in die Kirche und las dort in ſchwarz eingebundenen Thuͤmmels Reiſen und Crebil⸗ lons Romanen und das Decameron und erzählte das unverholen in der Gegenwart des blinden Knaben. So lernte Wilhelm von Itzſtein früh— o wie früh— die Worte Religion und Heuchelei als ſyno⸗ nym betrachten. Zu ſcharfem Nachdenken in der dunkeln Nacht ſeines Daſeins eben ſo geneigt als befähigt, fand er Genuß im Studium der verſchie⸗ denſten philoſophiſchen Syſteme und aus jedem der⸗ ſelben nahm er ſich nur das, was in die Finſterniß ſeines Herzens paßte. Wohl hätte die Liebe, die zärtliche Liebe ſeiner Eltern mildernd und erweichend auf dieſes harte Herz wirken können, aber die Art und Weiſe, wie ſie ſich kund that, war eine fehlerhafte. Weil der Knabe blind war und ſo unendlich viel entbehren mußte, gewährte man ihm Alles, was nur irgend fähig ſein konnte, ihm Genuß oder Ver⸗ gnügen zu ſchaffen, er befand ſich ſtets im Beſitz von bedeutenden Geldſummen und früh kannte er die Genüſſe, die auf der Lippe ſüß erſcheinend, den furcht⸗ bar bitteren Nachgeſchmack des Ekels, der Unzufrie⸗ denheit mit ſich ſelbſt und doch zugleich den peini⸗ genden Stachel nach weiterem Genuß in der Seele zurücklaſſen. Sehr früh körperlich ausgebildet, von rieſenhafter Kraft, eiſerner Geſundheit und im Beſitz des der Jünglings⸗Seele ſo gräßlichen Geheimniſſes, daß man Frauengunſt mit Gold erkaufen könne, war der blinde Jüngling der Schrecken aller armen Dienſt⸗ mädchen und Nähterinnen. Magiſter Fiſch, ſein Hofmeiſter und Lehrer in als und ihn G aber ſelbſt licher den alten Sprachen, that ſeinen Ausſchweifungen keinen Einhalt. Er befand ſich ganz wohl in dem reichen Hauſe und hielt es für beſſer ein cordialer Gefährte ſeines blinden Schuͤlers bei deſſen Orgien zu ſein, als ihm Moral zu predigen und ſeine Ge⸗ wogenheit zu verlieren. So war Wilhelm ſiebenzehn Jahre alt geworden, als bei der Thronbeſteigung Friedrich Wilhelm des Dritten Herr von Itzſtein als Kammerpräſident nach Berlin verſetzt ward.— In der Reſidenz fand der Jüngling neue Genüſſe. Er hörte die Mara im Concert ſingen und Madame Schmalz und den be⸗ rühmten Fiſcher auf dem Theater, er bildete ſein ſeltenes muſikaliſches Talent durch den Unterricht Hummels aus und ließ ſich die Poeſien Schillers und Göthe's vorleſen und kritiſirte die neuen Sterne, lächelte über Jean Pauls ſeltſamen Styl und nannte ihn einen Schwärmer, der ſich ſelbſt nicht verſtehe, aber in nichts und nirgend fand er reine Freude, milde Liebe, aufrichtiges Streben, treues Hoffen, denn ſelbſt die Liebe ſeiner Mutter verſtand er kritiſch zu zerſetzen und ſagte, ſie beſtehe zu drei Fünftel aus natürlichem Inſtinct, und zu einem Fünftel aus erbärm⸗ licher Schwäche, während ihr letztes unangenehmſtes, 78 ihm ganz unerträgliches Fünftel das der Verachtung ſo ſehr verwandte Mitleid mit ſeinem Gebrechen ſei. Er genoß indeß was zu genießen erlaubt und unerlaubt war, und hatte ſich in kurzer Zeit einen eigen⸗ thümlichen Ruf in Berlin erworben, der durch einige ſcandalöſe Geſchichten noch bedeutend vergrößert ward und endlich zu den Ohren des jungen ſittenreinen Monarchen drang. Sein Wille war es, der den Kammerpräſidenten veranlaßte, den jungen blinden Lovelace nebſt ſeinem Hofmeiſter aus Berlin zu entfernen. „Schicken Sie den Thunichtgut aufs Land, in eine anſtändige geſittete Familie, wo man ihn von ſeinen wahnſinnigen Streichen zurück hält,“ hatte der König geſagt und Herr von Itzſtein gedachte der Tochter ſeines Bruders, die, am fernſten Ende der Monarchie lebend, und ihm für manche frühere Wohlthat zu einigem Dank verpflichtet, gerade die rechte Perſon zu ſein ſchien, dem blinden Verwandten für einige Zeit einen erträglichen Aufenthalt zu gewähren. Er ſchrieb an Herrn Wohlgemuth, der ſich aufs freundlichſte bereit erklärte, ſeinen jungen Vetter und deſſen Hofmeiſter bei ſich aufnehmen zu wollen, da⸗ mit der erſtere ſich nach dem Wunſche ſeines Vaters in den Sprachen der Gegend vervollkommne. ng ſei. ind en⸗ nge ard nen nten inem 79 Einen Monat nach dem Briefwechſel über dieſen Punkt war Wilhelm von Itzſtein eingetroffen— und ſaß nun in ſeinem Zimmer, den Kopf auf die Hand geſtützt, ſein gewöhnliches unſchönes Lächeln auf den Lippen. „Sagen Sie mir, Fiſch, wie ſind dieſe Leute?“ ſagte er und hob die Naſe in die Höhe, die Luft mit eigenthümlichem Geräuſch einziehend—„hier iſt zum Teufel eine polniſche Magd durchgegangen und hat das Zimmer mit ihrem Geruch verpeſtet, ſprengen Sie ein wenig eau de lavendle, Fiſch, und antworten Sie mir vor allem, was iſt meine chéèére cousine für eine Art Geſchöpf?“ „Eine hübſche, eitle, von ihrem Mann verzogene Frau, die ihr älteſtes hübſches Mädchen verwöhnt und das jüngere, von den Pocken entſtellte unver⸗ antwortlich vernachläſſigt.“ „Nun das hab' ich ohne Augen eben ſo gut wie Sie geſehen. Ich weiß, daß ſie eine kleine griechiſche Naſe hat, einen feinen etwas aufgeworfenen Mund, ſehr ſchöne Zähne und lange braune Locken.“ „Zum Teufel! ich glaube doch bisweilen, daß Sie hexen können, Wilhelm, wie wiſſen Sie nun das wieder?“ „Ei, ich fuhr ihr mit der Hand über das Geſicht, 80 als ich hinter ihrem Stuhle ſtand und mir den Blumenſtrauß vom Tiſch nahm; einem Blinden verzeiht man ſolche Indiseretion, die ja bei ihm nur ein unglücklicher Zufall iſt, ha ha!— Und dieſe Mädchen, Fiſch?“ „Ach, das ſind ja noch kleine Kinder. „Thut nichts, aus Kindern werden Leute, be⸗ ſonders wenn's zufällig Mädchen ſind, und ich möchte gern einmal die erſte, das heißt wirklich die allererſte Liebe eines Herzens— pah weiß nicht wie ich's anders nennen ſoll— ſein.— Ich möchte mit einem Wort wahrhaftige Unſchuld kennen lernen; ich fürchte nur, ich komme zu ſpät, wenn ich bei der ſieben⸗ jährigen Hübſchen anfrage, die kleine Häßliche giebt dazu eher Hoffnung.“ „Sie ſind wahrhaftig der Satan ſelbſt, Wilhelm; wo des Teufels haben Sie denn nur all die Schänd⸗ lichkeiten her?“ „Von Ihnen nicht, weiſer Magiſter und vor⸗ trefflicher Mentor,“ entgegnete der Blinde hämiſch, „aber kommen Sie nun her, führen Sie mich einige Mal durch mein Zimmer, damit ich mich orientiren lerne und dann laſſen Sie uns muſiciren, das Klavier ſcheint ziemlich gut zu ſein.“ Einige Minuten nach dieſer Unterredung hörte Kni Sie hübſ 1856 den den nur ieſe be⸗ jchte erſte ich's inem Louiſe, die im Hof ſpielte, Muſik, ſo unbeſchreiblich ſchöne Muſik, daß das Herz ihr ſtill zu ſtehen ſchien. Sie lief in die Klavierſtube: dort ſaß der blinde Vetter und ſpielte und das Clavier rauſchte und ſäuſelte und weinte und ſeufzte unter ſeinen Händen. Als ſie die Thuͤr leiſe leiſe hinter ſich zugezogen, ging der Vetter allmählig in heitere Melodien über und dann in eine einfache traurige und zu derſelben ſang er ein Lied, das das Kindesherz mit einem Mitleid erfüllte, welches ſich in rinnenden Thränen ausſprach.— Es war die Klage eines Blinden und eine Zeile darin ſagte: Sah nicht des Mitleids fromme Zähren, Die mir ein fühlend Mädchen weint. Als er geendet hatte, ſagte er leiſe flüſternd: „Komm her, Louiſe, meine ſüße kleine Louiſe.“ Sie ſchlich zu ihm, legte ihr Köpfchen auf ſein Knie und ſagte, ihre Thränen gewaltſam hinunter ſchluckend: „Kann ich Ihnen nicht etwas thun, worüber Sie Sich freuen möchten, lieber Vetter?“ „Du kannſt mich in den Garten führen, Cou⸗ ſinchen und mir die Wege darin zeigen und mir hübſch erzählen, wie es bei Euch überall ausſieht.“ „Ach ja, das will ich von Herzen gern,“ ſagte 1856. XIX. Erinner. e. Großmutter. I. 6 82 und ſo legte der f ihre Schulter und folgte ihr das Kind mit einem Jubellaut, Blinde ſeine Hand auf Schritt für Schritt, durch die geſchorenen Baum⸗ gänge, über die Raſenplätze, durch die Blumenparterre und horchte auf das harmloſe Geplauder der Kleinen und bewunderte die Lebendigkeit ihrer Anſchauungs⸗ weiſe und ihrer Beſchreibung.— Drittes Capitel. Unſere Nachbarn, die Franken, in ihren früheren Zeiten Hielten auf Höflichkeit viel; ſie war dem Edeln und Bürger Wie den Bauern gemein, und jeder empfahl ſie den Seinen. Und ſo brachten bei uns auf Deutſcher Seite gewöhnlich Auch die Kinder des Morgens mit Händeküſſen und Knixchen Segenswünſche den Eltern, und hielten ſittlich den Tag aus. 6 Göthe. Hermann und Dorothea. Magiſter Fiſch übernahm den Unterricht der beiden kleinen Demoiſelles Wohlgemuth. In jener guten alten Zeit hatte man es für eine Herabwürdigung gehalten, eine Tochter aus dem Mittelſtande Jungfrau zu nennen, und für einen Frevel, ſie mit dem vornehmeren Titel Fräulein an⸗ zureden, der nur den Töchtern adeliger Väter gebührte. ihr im⸗ erre nen igs⸗ Obgleich die franzöſiſche Revolution die Standes⸗ unterſchiede abgeſchafft und Freiheit und Gleichheit proclamirt hatte, obgleich man den großen Mann, der, wie einſt Attila die Gottes⸗Geißel, über aller Herren Länder ſein flammendes Schwert ausſtreckte, noch vor kurzem Citoyen⸗General und jetzt Bürger⸗Conſul nannte, ſo war doch in Wahrheit die Titelſucht, in Deutſchland wenigſtens, höher als zu jeder andern Zeit und das franzöſiſche Weſen machte ſich trotz des Haſſes, den man gegen Frankreich fühlte, recht breit bemerkbar. Es gab kein Städtchen in Deutſchland, in dem nicht ein franzöſiſcher Emigrirter wohnte, oder als Tanzmeiſter, Sprachlehrer, Verfertiger von Papp⸗ und Stroharbeiten ſein kärgliches Brot erwarb und ſich Monsieur le comte oder Marquis ſchelten ließ. Dieſe Leute hatten einen eigenthümlichen Ton in die früher etwas hahnenbuchene aber ſehr harm⸗ loſe Geſelligkeit Deutſchlands gebracht und unſere edle Sprache mit einer Menge Wörter aus der ihri⸗ gen verunziert. Es gehoͤrte zum guten Ton viele Dinge fran⸗ zöſiſch zu benennen, vor allen aber die Frauen und Jungfrauen bürgerlichen Standes. Die Titel Ma⸗ 6*¾½ dame und Mademoiſelle waren allgemein und ſchienen unentbehrlich. Natürlich war denn auch der erſte Unterricht, den Magiſter Fiſch ſeinen jungen Schülerinnen gab, der in der franzöſiſchen Sprache. Lydia, mit einem außerordentlichen Gedächtniß begabt, lernte ſchnell und leicht, während Louiſe oft ſchmählich uüber die Vo⸗ cabeln ſtolperte und an den Hilfszeitwörtern hängen blieb. Vetter Wilhelm, der ſehr gut franzöſiſch ſprach, erwies ſich in dieſer Noth als ein wahrer Freund ſeiner jungen Couſine. Nach ſeiner Anleitung ward es ihr möglich zu lernen, denn Vetter Wilhelm, der ſehr bald eingeſe⸗ hen, daß Louiſe nur mit dem Verſtande, nicht mit dem Gedächtniß lernte, ließ ſie nichts auswendig lernen, ſondern weckte bei der Uebung jeder Lection ihr Nach⸗ denken, indem er ſie die Verwandtſchaft der Wörter untereinander, ihre Ableitungen u. ſ. w. finden ließ und ſte auf die große innere Verſchiedenheit ihrer Mutter⸗ ſprache und der neu zu erlernenden aufmerkſam machte. Magiſter Fiſch floß über im Lobe von Lydia's Fleiß und Fortſchritten und meinte, es ſei zweifelhaft, daß Louiſe jemals franzöſiſch ſprechen lernen würde. Die Kleine war jetzt weit ſeltener als ſonſt bei ihrem alten Freunde Gottfried, den ſie herzinnig liebt und dure Ste gem Kun in ſe ſie ihren wo heiße Grün auftr das helm wein Hauc eigen deſſen zum Härt ihren nend ten cht, ab, iem nell Vo⸗ ngen rach, eund h zu ggeſe⸗ t dem lernen, eydia's elhaft, würde. pnſt bei rzinnig 8⁵ liebte. Sie hatte viel zu thun mit ihren Lectionen und in den Freiſtunden führte ſie den blinden Vetter durch Feld und Garten, erzählte ihm von Sonne, Sternen und Blumen und von Gott, der das Alles gemacht hat, und hatte viele Freude und großen Kummer in ſeiner Geſellſchaft; denn wenn der Blinde in ſein häßliches Lachen ausbrach und ſie fragte, wann ſie denn das Letztemal mit dem lieben Herrgott, ihrem intimen Freunde, in Geſellſchaft geweſen, oder wo ſie ihn eigentlich kennen gelernt? brach ſie in heiße Thränen aus und bemühte ſich, mit allen Gründen, die ihr kindiſcher unentwickelter Verſtand auftreiben konnte, ihrem unglücklichen Verwandten das Daſein Gottes aus der Natur zu erweiſen. Das war denn freilich ſehr ungelehrt und Wil⸗ helm verſtand es die kindiſchen Argumente ſeiner weinenden, leidenſchaftlich erregten Couſine mit dem Hauche ſeines Mundes umzublaſen; aber es war eine eigenthümliche Uebung des Nachdenkens für das Kind, deſſen Gedanken ſo ungewöhnlich früh die Richtung zum Aufſuchen einer Naturreligion genommen. Wenn der Kummer über ihres Vetters Herzens⸗ Härtigkeit bei ihr überhand nahm, flüchtete ſie zu ihrem alten Freunde Gottfried und klagte ihm wei⸗ nend ihr Leid. 86 Dann tätſchelte der Greis ihr Köpfchen und ſch ſagte freundlich:„Beruhige Dich, mein Lämmchen, mein lich armes Kind, er wird ſchon anders werden; der arme. Blinde, ſei gut gegen ihn, immer gut, das wird not ſein Herz rühren und er wird mit der Zeit ſchon bek einſehen lernen, daß alle Zufriedenheit eines Menſchen, Ku gleichviel ob er Glück oder Unglück erfahre, in ſeine eigene Hand gegeben iſt. Denn je mehr der Menſch hiel zu der Einſicht und Erkenntniß kommt, daß Gottes rou Liebe und Weisheit die Welt im Größten wie im ſich Kleinſten regiert, deſto glücklicher iſt er, und dahin wird ja auch der arme Menſch kommen, obgleich er ein Blinder iſt und die Herrlichkeit und Schönheit der Welt nicht ſehen kann.“ Seit Louiſe regelmäßigen Unterricht genoß, war ſie auch weit mehr als früher mit ihrer älteren Schweſter zuſammen. rei, Die beiden Kinder lernten einander am Schultiſche klein eigentlich erſt recht kennen und begannen den natür⸗ obgl lichen geſchwiſterlichen Verkehr mit einander. eine Lydia, der alles leicht ward und die alles leicht war nahm, flatterte wie ein Schmetterling von Blume zu chen Blume, um Nahrung und Genuß für ſich daraus zu Dut ziehen, während Louiſe wie die Biene wirkend, in ſchw ſchwererem Flug einen Vorrath ſammelte, ohne eigent⸗ lich zu wiſſen warum und für wen. Madame Wohlgemuth hielt es jetzt auch für nothwendig, daß die beiden Kinder Tanz⸗Unterricht bekommen, beſonders da eben ein Lehrer in dieſer Kunſt zu erlangen war Auf den Gütern des Fürſten Platon Subow hielt ſich nämlich ein Franzoſe auf, Monſieur Dut⸗ rouſſel, der in Ermanglung anderer Gewerbszweige ſich das tägliche Brod durch Tanzunterricht erwarb. Dieſer Künſtler ward denn nun berufen und er⸗ ſchien an einem Sonnabend Abends, um ſeine erſte Lection zu geben. Monſieur Dutrouſſel trug weißſeidene Bein⸗ kleider und detto Strümpfe, Schnallenſchuhe, einen lavendelblühfarbigen Rock mit gleichfarbiger Sticke⸗ rei, gepudertes Haar und unter dem Arm einen kleinen Hut, der dort angewachſen zu ſein ſchien, und obgleich er eine Viertelmeile gegangen war und in einem kleinen Nachen über den Strom gefahren, ſo war an ſeinem ganzen Anzuge weder ein Staubkörn⸗ chen noch ein Waſſertröpfchen ſichtbar. Monſieur Dutrouſſel ſchien über Land und Waſſer hinweg zu ſchweben, ohne von ihnen befleckt zu werden. Seine Schülerinnen wurden ihm vorgeſtellt und 4 4 1 1 88 er verneigte ſich vor den beiden kleinen Maͤdchen ſo tief als wären es Prinzeſſinnen und empfahl ſich der Wohlgewogenheit der Demoiſelles auf das Angele⸗ gentlichſte. Dann bat er, daß ſie die Gnade haben möchten, ihn mit ihrem beſten Knixe zu beehren und bezeugte durch eine galante Verbeugung gegen Madame Wohl⸗ gemuth ſeine Zufriedenheit mit dieſer Leiſtung. „Ick werde nickt viel zu lehren aben, dieſe ſchönen jungen Damen,“ ſagte er alsdann.„Der Schritt, die Altung und das Compliment ſeind die Auptſacken beim Unterricht von Dance, wollen Sie mir indeß die Ehr' erzeigen mir nackſumacken dieſen Pas;“ nach einer Viertelſtunde ſchon verſtanden die kleinen Mädchen die verſchiedenen Tanzſchritte ganz gut auszuführen, und ſchon zur nächſten Unterrichtsſtunde brachte der Fran⸗ zoſe ſeine Geige mit, und in dem Saal, wo im Winter die kleineren Geſellſchaften waren, tanzten Lydia und Louiſe Mennette, Sarabande, deutſchen langſamen Walzer, Malelote, Anglaiſe, Eccoſaiſe, Francaiſe und all die anderen Tänze unſerer Groß⸗ mütter. Da es indeß wünſchenswerth ſchien, daß die jun⸗ gen Damen auch Chapeaux bei ihren Tänzen hätten, ſo übernahm Magiſter Fiſch das Tanzen mit der Ei ſpie beke wäl Mit acht 89 Einen, Vetter Wilhelm ließ ſich herab Clavier zu ſpielen, damit Monſieur Dutroussel die Hände frei bekam, um mit der Andern tanzen zu können, und während dieſer Künſtler mit vollſtändiger Grazie ſein Miniaturdämchen führte, ſang er die Andere beob⸗ achtend zur Melodie des Tanzes: Eins, ſwei, drei, Auf den Spitzen, Auswärts Füße, Kopf gerad! Offenbar war Demoiſelle Louiſon— wie er ſie nannte— die begünſtigte Schülerin des graziöſen Franzoſen, und dazu hatte er wohl einigen Grund, denn Louiſe gehörte zu denjenigen weiblichen Weſen, deren Bewegungen von Natur graziös und rhythmiſch ſind.. Sie war ſeit der Pockenkrankheit ſehr gewachſen, und ihre niedliche biegſame Geſtalt ſtand der ihrer älteren Schweſter an Größe nicht nach, die ebenfalls geſchickt und graziös war; wenn es aber an dasje⸗ nige kam, was Monſieur Dutrouſſel poetiſch die Seele der Grazie nannte, nämlich an das Compliment, ſo hatte er bei Lydia ſtets etwas zu tadeln. Bald ſagte er:„Ei, ei, Mademoiſelle ſehn viel viel zu ockmüthig aus bei Compliment,“ bald tadelte er ihre Eilfertigkeit oder 90 den Mangel an Haltung, während er Louiſens Knix⸗ chen ſtets ein Muſter der Grazie und Anmuth nannte. Etwas war an dieſem Manne bemerkbar und ſtreifte ans Wunder. Er trug ſtets dieſelbe Kleidung in jedem Wetter, auf den weiteſten Wegen und immer war ſie von der ſcrupulöſeſten Sauberkeit. Madame Wohlgemuth ſah das zuerſt.„Der Lump,“ ſagte Vetter Wilhelm,„iſt ſo pauvre, daß er nicht einmal ein Taſchentuch beſitzt, er führt als Surrogat dafür Seidenpapier in der Taſche.“ „Wo er nur eigentlich wohnen mag?“ ſagte Herr Fiſch. „Na in der Judenſchenke auf den Sabow'ſchen Gütern,“ entgegnete der Blinde,„ich habe das durch einige Kreuz⸗ und Querfragen neulich aus ihm her⸗ ausgelockt. Er iſt geradezu ein Bettler in ſeidenen Hoſen und Strümpfen.“ „Aber er trägt einen werthvollen Ring,“ meinte der Magiſter. „Bah! böhmiſches Glas in Tombak gefaßt wahrſcheinlich,“ ſagte der Blinde. Magiſter Fiſch aber ſchüttelte das Haupt und verſicherte mit Beſtimmtheit, daß dem nicht ſo ſei, gewiß nicht.„Geſtern noch,“ ſagte er,„ſah ich das Juwel genau. Der Franzoſe zog den Handſchuh aus, e um eine Taſſe Thee aus der Hand von Madame zu nehmen, da ſah ich das Blitzen der Brillanten und zwar im Innern der Hand, er hat den Ring ſtets verkehrt auf dem Finger.“ „Das iſt wahr,“ entgegnete Wilhelm,„vor⸗ geſtern hatte ich ſeinen Handſchuh in Händen und fühlte im vierten Finger der linken Hand eine Aus⸗ dehnung wie von einem Stein, jedoch im Innern der Hand. Ich glaube übrigens, daß dieſer fran⸗ zöſiſche Jammermann keine andere Mahlzeit in acht⸗ undvierzig Stunden hält, als die ihm hier als Imbiß vorgeſetzt wird. Da er gewöhnlich ißt und trinkt, ehe noch jemand anders als meine Wenigkeit im Salon iſt, ſo thut er ſich keinen Zwang an und frißt wie ein ausgehungerter Rabe— er denkt, der Narr! ich könne ihn dabei nicht beobachten.“ Louiſens kleines Herz war bei dieſer Erzählung gar ſchwer geworden. Sie hatte den Tanzmeiſter ſehr lieb gewonnen, war er doch ſtets ſo gütig und freund⸗ lich gegen ſie. Das Herz, das ſchon gelitten, iſt des Mitleids fähig, wenn es von fremden Leiden hört. Es that dem kleinen Mädchen ſo leid, ſo leid, daß der arme Mann hungern mußte, daß er, ſich vor Wind und Wetter zu ſchützen, nichts beſaß als ſeine dünnen, 92 armen ſeidenen Hoſen, daß er kein trauliches Haus keinen grünen lieben Garten ſein eigen nennen konnte. Sie ſtudirte darauf was ſie wohl thun könne, um ihm eine Freude zu machen, ihm ein wenig zu helfen, und ſie fragte auch ihren alten Freund Gottfried um Rath. „Der Franzoſe iſt arm wie Hiob, das iſt die Wahrheit!“ ſagte der Alte,„ich weiß das vom Och⸗ ſenknecht drüben; aber er nimmt nichts geſchenkt und borgt auch nicht, er bezahlt alle Sonnabend ſeine Rechnung bei dem Krüger und wäſcht und plättet ſeine zwei Hemden ſelbſt, bürſtet ſeinen Rock, putzt ſeine Schuhe ſelbſt und hat dann lithauiſche Bau⸗ ernkleider an.“ Am Abend dieſes Tages kaufte Louiſe vom Gelde aus ihrer Sparbuͤchſe ſechs feine Taſchentücher und quälte Muhme Elsbeth, daß ſie ihr zeigen ſolle, die⸗ ſelben zu ſäumen. Die Kleine hatte geſchickte Händchen und ein liebevolles Herz, das ſie zu Anſtrengungen erkräf⸗ tigte; als Monſieur Dutrouſſel das nächſte Mal nach Kydullen kam, und ſeinen grauen Rockelor im Vor⸗ zimmer aufhängte, wußte ſie in die weite Taſche deſſelben die ſechs Tücher zu praktiziren und ſie hatte ein Zettelchen daran geſteckt und darauf ge⸗ ſchrieben: Es wird Herr Dutrouſſel ſehr gebeten, dieſe Kleinigkeit als ein Andenken anzunehmen. Sie hatte jetzt noch einen Traum, wußte aber nicht wie ſie ihn ausführen ſollte. Weihnachten war nämlich vor der Thür und ſie hätte dem Tanzlehrer gar zu gern ein oder zwei feine Oberhemden genäht. Dies zu thun ging aber ganz und gar über ihre Kräfte. Mama indeß hatte ähnliche Gedanken, der arme Franzoſe ward zum Chriſtabend eingeladen und erhielt verſchiedene ſehr werthvolle Geſchenke, darunter auch Wäſche. Herr Dutrouſſel beſchenkte die Familie ebenfalls, er hatte für Madame Wohlgemuth feine Ohrgehänge aus Pferdehaar geflochten, den Mädchen verehrte er zierliche Zeichnungen von Tanzſchritten auf dem fein⸗ ſten Velinpapier ausgeführt, Miniatur⸗Fußſohlen darſtellend, die in die richtigen Pas aus einer Tanz⸗ figur in die andere übergehen, er nannte ſie choreo⸗ graphiſche Bilder; Herrn Wohlgemuth vortrefflichen Aſternſamen, den ihm der Gärtner des Fürſten Su⸗ bow, deſſen Kindern er auch Tanz⸗Unterricht gab, ge⸗ ſchenkt hatte, zur Zeit eine Novität unter den Blu⸗ men; dem Vetter Wilhelm ſein ſehr ſchönes Riech⸗ fläſchchen von Bergkryſtall und Herrn Fiſch ein Exem⸗ plar von Moliére's Tartüffe. 94 Der arme Franzoſe war ſo liebenswürdig dabei. Lydia warf die Zeichnungen weg, Louiſe aber hob ſie ſorgfältig auf, ſie waren ihr ein Heiligthum, ſie konnte ſich deutlich die Mühe vorſtellen, die der Arme ſich gegeben, jeden ſeiner Gönner zu erfreuen, und das machte ſie ihr ſo werth. Das Neujahr, was dieſen Weihnachten folgte, war ein ſeltſames, es bezeichnete zugleich den Antritt eines neuen Jahrhunderts, und Vetter Wilhelm, der von Berlin durch ſeine Mama ſtets die neueſten Bücher, Zeitſchriften und Gedichte zugeſchickt erhielt, ließ ſich von Louiſen ein Gedicht vorleſen, das mit den Worten begann: Wie ſchön o Menſch mit deinem Palmenzweige Stehſt du an des Jahrhunderts Neige. c. 2c. Und dann ſaß ſie dabei und hörte zu, wie Ma⸗ giſter Fiſch und Vetter Wilhelm von dem Dichter dieſer ſchönen Verſe, Herrn Schiller, mit Entzücken ſprachen und ihn mit einem andern berühmten Dich⸗ ter, Herrn Göthe, verglichen. Louiſe verſtand von der göttlichen Dichtung, die ſie eben, ſorgfältig Punctum und Komma haltend, vor⸗ geleſen, gerade ſo viel, als früher vom verhärteten Gemüthe, aber die ſchönen melodiſchen Verſe fielen angenehm in ihr Ohr. Sie las und hörte außer⸗ 95 ordentlich gern Verſe und Vetter Wilhelm gab ihr dazu häufig Gelegenheit. Verſe, ſelbſt wenn ſie ſie nicht vollſtändig ver⸗ ſtand, blieben auch mit Leichtigkeit in ihrem Gedächtniß haften und ſie kannte eine Menge von Gedichten auswendig, die erſt in weit ſpäterem Alter ihr das wurden, was ſie dem Herzen ſein können. Im Hauſe des Herrn Wohlgemuth ward der Sylveſterabend, an dem das alte Jahrhundert ſchied, äußerſt feierlich begangen. Es war große Geſellſchaft eingeladen, es ward muſtzirt, Gedichte wurden declamirt. Herr Wohlge⸗ muth gab den Leuten, die zum Gut gehörten, einen Schmaus und Muſik. Lpydia erſchien als Engel ge⸗ kleidet und ſagte einige Verſe, die Magiſter Fiſch gedichtet, und dabei öffnete ſie die Thür und ließ eine verſchleierte Dame eintreten, die Blumen und Früchte und andere Kleinigkeiten unter die Anweſen⸗ den vertheilte, und das neue Jahrhundert vorſtellte. Louiſe, die ſchon überall gefragt, was das ſei: Ein neues Jahrhundert? wurde dadurch nicht wenig belehrt und hatte die beſtimmteſte Vorſtellung, daß jedes neue Jahrhundert ein junges Mädchen ſei mit kurzer Taille und einem goldenen Gürtel darum, einem weißen und ſchwarzen Schleier und einem großen 96 Blumenkorb am Arme. Als ſie dieſe Anſicht dem Vetter Wilhelm mittheilte, wollte er vor Lachen er⸗ ſticken, warf ſich in dem Canapee ſo heftig zurück, daß die Lehne krachte, und öffnete die Augen ſo ſchrecklich weit dabei, daß ſelbſt Louiſe, trotz ihres mitleidigen Herzens, vor Grauen zitterte. Sie hatte den alten Gottfried, Muhme Elsbeth, den Magiſter Herrn Dutrouſſel und den blinden Vetter gefragt, was ein neues Jahrhundert ſei, keiner hatte ihr eine gehörige Antwort gegeben; Vetter Wilhelm aber erzählte jedem, mit dem er ſprach, von Louiſens neuem Jahrhundert und jeder lachte darüber, ſogar der höfliche Franzoſe. Es war damals wie jetzt, leichter eine falſche Vorſtellung zu verſpotten, als ſie zu berichtigen, und niemand dachte daran, daß es bei einem Kinde ſtets ein Beweis von Verſtan⸗ desſchärfe iſt, wenn es ſich zu jedem Wort, das es hört, einen Begriff macht, liege dieſer der Wirklichkeit auch ſo fern als er wolle. Man ſpricht von Erziehung und meint gewöhn⸗ lich, daß zwei Kinder gleichen Geſchlechts, in einer Familie geboren und darin gemeinſam aufwachſend, auch eine gleiche Erziehung empfingen, nichts aber iſt weniger wahr als dieſe Vorſtellung. Lydia und Louiſe, zwei Schweſtern, in einer Familie erwachſend, von ein erzt dur erh hör Liel ihre chen klein eigen ihre Bli Poe Woh äuße muß etwa wöh zu r unan keit, 185⁵⁰ einem Lehrer unterrichtet, wurden doch ſo verſchieden erzogen, als ſeien ſie von einander durch den Erd⸗ durchmeſſer getrennt. Lydia, das Spielzeug der jugendlichen Mutter, erhielt all dasjenige, was zum äußerlichen Glück ge⸗ hört, ward in Allem unterwieſen, was die äußere Lieblichkeit und Anmuth eines Mädchens vergrößert. Louiſe, von der Mutter vernachläſſigt, ward durch ihre körperlichen Mängel zu einem gewiſſen innerli⸗ chen Leben geführt, das Verſtand und Herz des kleinen Mädchens von Monat zu Monat mehr und eigentlich in ganz außergewöhnlicher Art bildete. Ihre Freundſchaft für den alten Schaͤfer hatte ihren Naturſinn geweckt; der Umgang mit dem Blinden ihre Phantaſie, den Sinn für Muſik und Poeſte; der franzöſiſche Tanzmeiſter, der ſeine kleine Wohlthäterin abgöttiſch liebte, gab ihr denjenigen außern Schliff, den man ſich in der Kindheit aneignen muß, damit er vollkommen natürlich ſei, und der etwas pedantiſche Unterricht des Magiſter Fiſch ge⸗ wöhnte ſie daran, ihre Aufmerkſamkeit auch auf Dinge zu richten, die ihr ſchwer und unintereſſant erſchienen. In dem Kinde entwickelte ſich eigenthümlich, aber unaufhaltſam, die Knoſpe echteſter tiefſter Weiblich⸗ keit, die, wenn ſie zur Blüthe kommt, die ſchönſte 1856. XIX. Erinner. e. Großmutter. I. 7 98 Blume iſt, welche die Erde hervorbringt; die aber leider nur zu oft erſtickt, unterdrückt, verkrüppelt wird durch das, was man Erziehung zu nennen beliebt. Am 25. März 1801 war Louiſe acht Jahre alt. Herr Dutrouſſel hatte zu dieſem Tage hinüber nach Kydullen kommen wollen, aber er kam nicht, die Grenze war geſperrt, ein Schrecken ging durch das Land, der Kaiſer Paul war in der Nacht vor dieſem Tage in ſeinem Bette erdroſſelt worden.. Damals flogen die Nachrichten noch nicht auf den Flügeln der gezähmten Blitze durch die Welt, es waren vierundzwanzig Stunden nöthig geweſen, um den Befehl der Sperre von Petersburg nach der Grenze zu bringen. Rußland huldigte dem ſchönen, jugendlichen, liebenswürdigen Großfürſten Alexander. Die Welt nahm eine neue Geſtalt an.— Auch auf die kleine Welt, in der Louiſe lebte, wirkte jene ſchreckliche Begebenheit fühlbar. Fürſt Platon Subow, einer der Verſchworenen, ward aus Petersburg verwieſen und auf ſeine Güter verbannt. Fürſt Subow bewohnte das ſtattliche Schloß, deſſen Fenſter im Sonnenlicht wie Gold jenſeits der Memel glänzten. Fürſt Subow ſuchte Zerſtreuungen, er ließ bauen, Gärten anlegen, Kanäle graben, er zog deutſche und franzöſiſche Künſtler und Gelehrte zu ſich und hielt einen kleinen Hof auf ſeinem Grund und Boden. Herr Wohlgemuth, der Grenznachbar des Fürſten, erhielt eine Einladung zu demſelben, die ſich ſpäter⸗ hin oft wiederholte und auf die ganze Familie aus⸗ dehnte. Fürſt Subow hatte darum gebeten, ja er hatte es durchaus verlangt, daß ſein deutſcher Nachbar ſeine ganze Familie zu ihm brächte. So ſah denn auch Louiſe, der man ein Kleidchen von ſchwarzem Tafft mit roſa Schleifen gemacht hatte, den Mann, von dem ſie ſo viel hatte ſprechen hören.— Vetter Wilhelm ſtand wie immer, wenn ſie zu⸗ ſammen unter Menſchen waren, hinter ihr, die flache Hand auf ihre Schulter gelegt. „Beſchreibe mir das Zimmer,“ flüſterte er ihr zu, während der Fürſt ſich laut in franzöſiſcher Sprache mit Herrn und Madame Wohlgemuth un⸗ terhielt. Es gehörte zu ihren unabänderlichen Verpflich⸗ tungen, dem blinden Vetter Alles und jedes Neue zu beſchreiben, das ſie zu ſehen Gelegenheit hatte, 7* 8 100 und da der Blinde ſehr genau nach Allem fragte, ſo gewöhnte ſie ſich daran achtſam auf Alles zu merken. Hier gab es recht viel zu ſehen und Loniſens große klare Augen wanderten aufmerkſam von einem Gegenſtande zum andern. Außer der Familie Wohlgemuth und dem Fürſten war nur noch eine Perſon an der Tafel. Ein jun⸗ ger, ſehr junger Mann in jener Tracht, die man da⸗ mals à la Werther nannte⸗ Er hatte ein hübſches Geſicht, wenigſtens ſchien es Louiſen ſo, die ihm gerade gegenüber ſaß, und ſeine großen klaren blauen Augen hingen wie feſtgebannt an Lydia, die in einem Kleidchen von weißem oſtindiſchen Meuſſelin mit hellblauen Schleifen wie ein leibhaf⸗ tiger Engel ausſah. Als der Fürſt die Tafel aufhob, trat der junge Mann zu Herrn Wohlgemuth und ſagte: „Würden Sie es mir erlauben das Geſicht Ihrer älteſten Tochter als eine Studie zu zeichnen?“ Madame Wohlgemuth, die neben ihrem Gatten ſtand, nahm das Wort für denſelben und bejahte die Bitte des Fremden, der dadurch ſehr erfreut ſchien. Schon am nächſten Tage fand er ſich in Kydullen ein, wo außer ihm noch viele Geſellſchaft verſam und der ſchö gen melt war, der Herr Wohlgemuth ihn als den Maler Herrn Treufeldt vorſtellte. „ 8 Viertes Capitel. n Aber der Krieg hat auch ſeine Ehre, Der Beweger des Menſchengeſchicks.— en Denn der Menſch verkümmert im Frieden, n⸗ Müßige Ruh iſt das Grab des Muths. c⸗ Das Geſetz iſt der Freund des Schwachen, . Alles will es nur eben machen, Möchte gern die Welt verflachen; ien Aber der Krieg läßt die Kraft erſcheinen, ine Alles erhebt er zum Ungemeinen, nt Selber dem Feigen erzeugt er den Muth. Hen Schiller. Braut von Meſſina. af⸗ Der junge Maler Herr Treufeldt war bald täg⸗ licher Gaſt in Kydullen. Er porträtirte die Familie nge und hatte Freude an jedem einzelnen Kopfe, da in der That ſowohl Herr Wohlgemuth als ſeine Gattin hrer ſchöne Menſchen waren. Die kleine Lydia malte er in den verſchiedenſten 1 tten Stellungen, als Pſyche mit Schmetterlingsflügeln, als die Engel, als Elfe, und gefſiel ſich darin, immer neue Trachten, Draperien und Stellungen zu erſinnen, in denen er das ſchöne Kind betrachten und Andern zei⸗ gen konnte. 102 Vor allem machte es ihm Vergnügen kleine Bildchen zu zeichnen, in denen er das Porträt Lydia's mit dem des alten Schäfer Gottfried vereinigte, deſſen ſchöner Greiſenkopf ihm gleich am erſten Tage ſeiner Anweſenheit in Kydullen in die Augen fiel. Herr Treufeldt war von dem Fürſten Subow engagirt, ihm bei der Decoration ſeines Schloſſes behilflich zu ſein. Er malte während ſeiner Anweſen⸗ heit bei dieſem Magnaten zugleich ein ſchönes Bild, das für das Altarblatt des Kloſters beſtimmt war, welches auf polniſchem Gebiete mit den Beſitzungen des Herrn Wohlgemuth grenzte, und hielt ſich manchen Tag in der Geſellſchaft der Kloſterherren auf, die den jungen deutſchen Künſtler ſchon darum ſehr gern bei ſich ſahen, weil er eine ausgezeichnet ſchöne Stimme und ſich bereit gezeigt hatte, bei muſikaliſchen Auf⸗ führungen in der Kirche der frommen Väter mit zu wirken. Da Wilhelm von Itzſtein ſich erboten hatte, ſeiner Couſine Louiſe Geſang⸗Unterricht zu geben, ſo ſang denn nun das kleine Mädchen täglich eine Stunde mit ihrem blinden Vetter und in den noth⸗ wendigen Pauſen der Uebungen mußte ſie ihm er⸗ zaͤhlen, von allen möglichen und unmöglichen Dingen, die ſie umgaben. Sie war überhaupt jetzt mehr ſeine Führerin als Magiſter Fiſch. Er liebte es, ſeine Hand auf ihre Schulter zu ſtützen und, neben ihr hergehend, mit ihr zu plaudern. Er liebte es, in ihren reichen Locken zu wühlen, oder ihren weichen Kindernacken zu ſtreicheln. Er nannte ſte ſein Bräutchen und war ſo aufmerkſam gegen ſie, als wäre das Kind bereits eine Jungfrau. Die Kleine fühlte und wußte bei dem Allen nur das Eine: Der Vetter war ein armer Blinder, der ihre Hilfe bedurfte und gern annahm. Sie ſelbſt kannte kein größeres Vergnügen als ſich hilfreich und nützlich zu zeigen, und ſo durch Gefälligkeit und Freundlichkeit ſich die Liebe zu erwerben, die ihr nicht wie ihrer Schweſter um ihrer Schönheit willen ſchon entgegen flog. Louiſe führte Vetter Wilhelm ſpazieren, erzählte ihm von Blumen und Fruͤchten, wie ſchön ſie ſeien, wie paſſend jedes an ihnen von Gott eingerichtet ſei, von dem Auf⸗ und Untergang der Sonne und der Pracht der Morgen⸗ und Abendröthe, und wie ſie ſelbſt in der Natur nichts anderes ſah als das Prachtgewand Gottes, ſo konnte ſie ihrem blinden Freunde auch nichts anderes darin zeigen.— Er pflegte dann wohl zu lächeln, manchmal auch in 104 ſeiner unheimlichen Weiſe zu lachen, aber er hörte ihr doch gern zu, und brachte ſie immer wieder auf ihren Naturgott. Uebrigens hatte ſich der blinde Jüngling in ſehr kurzer Zeit an Kydullen und ſeine nächſten Umge⸗ bungen gewöhnt. Er konnte ohne Führer im Wohnhauſe und im Garten umher gehen, er erkletterte die alten Obſt⸗ bäume mit der Dreiſtigkeit eines Sehenden, er ſam⸗ melte Himbeeren und Erdbeeren, er beſſerte im Hauſe die Schlöſſer und machte tauſend Dinge, bei denen man durchaus glauben mußte, daß zu ihrer Anferti⸗ gung das Augenlicht nothwendig ſei. Der alte Schäfer nannte ihn einen blinden Teufel und in der That, etwas Diaboliſches lag in dem Weſen, in dem furchtbar entſtellten Geſicht, in der verwegenen Geſchicklichkeit des Blinden. Das ganze Haus, ja bie ganze Umgegend fürch⸗ tete ihn. Sein ſchneidender Witz war eine Waffe, die er ohne Rückſicht, ohne Gnade und Barmherzig⸗ keit brauchte, und die jeden verwundete, während ſeine Blindheit und der daraus folgende Anſpruch auf das Mitleid und die Theilnahme jedes menſchlichen Herzens ſeine Gegner ihm gegenüber waffenlos machte. Nur ein einziges Geſchöpf behandelte er — mit ſtets gleich bleibender Güte, und das war Louiſe, die ihrerſeits eine aufrichtige Zuneigung zu ihm gefaßt hatte, weniger um der Nachſicht willen, durch die er ſie auszeichnete, als wegen der Be⸗ lehrungen und Unterhaltungen, die das lernbegierige Kind in ſeiner Geſellſchaft fand. Draußen in der fernen Welt tobten die Donner des Krieges und ungeheuere Ereigniſſe ſchritten auf ehernen Füßen einher, freilich ohne unmittelbar die abge⸗ legene Gegend zu erreichen, in welcher die Knoſpe des Menſchenlebens keimte, mit dem wir uns hier beſchäftigen. Während Napoleon Bonaparte in der Schweiz, in Italien, in Holland und Spanien Geſetze gab, die an allen Orten darauf abzweckten, ihn zum Kaiſer und Herrn Europa's zu machen, lag der Frieden noch ſegnend über Preußen und auch in dem kleinen Thal am Memelufer blühten die Bäume, reiften die Aehren, gediehen die Heerden, wuchſen und erblühten die Kinder, während die Erwachſenen ihre Theilnahme an den Ereigniſſen der Außenwelt in lebhaften Geſprächen kund thaten, die nicht ſelten in offenen Zwiſt übergingen. An einem milden Abende ging Vetter Wilhelm mit Louiſen ein wenig jenſeits der polniſchen Grenze am Ufer der Swantowit ſpazieren. Die Soldaten 106 und Officiere der Grenzwachen ließen die ihnen genau bekannten Mitglieder der Familie Wohlgemuth ſtets ungehindert paſſiren. Die Glocken der kleinen Kloſterkirche läuteten, die Ufer des rauſchenden Flüßchens waren bunt ge⸗ ſchmückt mit Veilchen und Maaßliebchen, ein milder ſüßer Frühlingsabend lag über die Welt, und als die beiden Spaziergänger an das Plätzchen kamen, wo aus dem Schatten von vier jungen Linden ein Kruzifix hervorragte, wünſchte der Blinde ein wenig auf dem Raſen zu ſitzen. „Vetter,“ ſagte Louiſe, als ſie zu ſeinen Fuͤßen gelagert Veilchen zuſammenband, um ihm ein duftiges Sträußchen zu ſchenken,„können Sie mir ſagen, wen das Bild vorſtellt, das ſo bleich und traurig hier an dem Holze hängt?“ Schon zuckte ein Lachen unheimlich über das Geſicht des Blinden, aber es kam nicht zum Aus⸗ bruche, denn der Ton, in dem das kleine Mädchen ſprach, war ſo wehmüthig.„Es hängt hier von Wetter und Wind gepeitſcht,“ ſagte ſie,„und ich kann das Bild kaum anſehen ohne Weinen; ich gäbe was darum, könnte ich die arme Geſtalt hinlegen, daß ſie ausruhe, und ſie bedecken, daß Regen und Hagel ihr nicht ins Geſicht ſchlügen.“ 107 „Es war einer von den großherzigen Männern,“ entgegnete Wilhelm als ſie ſchwieg, ſich zu ihr nieder⸗ beugend,„die es verſuchten ihre ſtockdummen Zeit⸗ genoſſen zu belehren; dafür haben ſie ihn dann na⸗ türlich ans Kreuz genagelt und ihn daran verbluten und ſterben laſſen. Daß Du aber noch nichts von ihm gehört, Du kleine Fromme, iſt indeß ein wenig ſtark.“ „Erzählen Sie mir von ihm, Vetter Wilhelm,“ bat Louiſe. Jetzt lachte er unaufhaltſam:„In der That, da wendeſt Du Dich an den Rechten, ha, ha, ha, ich bin der Mann, ein kleines Mädchen im Chriſtenthume zu unterrichten, ich will Dir aber etwas ſagen: Du biſt ja eine fleißige Bibelleſerin, ſchlag auch einmal das neue Teſtament auf, da wirſt Du alles finden, was je von ihm geſchrieben ward.“ Noch am Abende dieſes Tages ſaß Louiſe mit Muhme Elsbeths Bibel am Tiſch in der Kinder⸗ ſtube und las und las und eine ungeheure, ungeahnte Revolution ging in dem jugendlichen Herzen vor. Sie verſtand natürlich von dem was ſie las nur ſo viel, als das einem Kindergeiſte möglich iſt, aber gerade der Kindergeiſt iſt am empfänglichſten für die Lehren der Verſöhnung, der Geduld und Liebe. Ihr Herz ſchlug, als ſie die Leidensgeſchichte las, in unendlichem Mitleid, ſie weinte heiße glühende Thränen über die geiſtigen und körperlichen Leiden des Erlöſers und bebte am ganzen Leibe, als ſie las, wie Chriſtus ſich umgeſehen beim Hahnſchrei und den Freund, der ihn verleugnete, angeblickt. Sie fühlte den ganzen Schmerz der Reue, die Petrus gefühlt haben mußte, ſie fühlte die ganze Wonne der Verheißung, die das Herz des ſterbenden Verbrechers durchzuckt haben mußte, als Chriſtus ihm verſprach: Heute ſollſt Du mit mir im Paradieſe ſein! Das Nachtlämpchen, bei dem ſte las, brannte düſter, Lydia lag im tiefen ſanften Schlaf, Muhme Elsbeth war unten in der Küche, denn es war große Geſellſchaft bei den Eltern und die Hilfe der Alten war in dieſem Departement gewünſcht worden. So hatte Louiſe Zeit und Gelegenheit, ſich ihrer Lectüre und den durch ſie erregten Gefühlen hinzugeben. Warum Chriſtus geſtorben, welche Lehren und welche Tröſtungen das Chriſtenthum an ſeinen Tod knüpfte, davon hatte das Kind auch nicht die leiſeſte Ahnung und bedurfte deſſen auch nicht, um mit Mit⸗ leid und tiefer Liebe des großen Sterbenden zu gedenken. Erſt am Morgen nach einer ſieberhaften Nacht fand der Gedanke an das Warum? und Wozu? des Leidens und Sterbens Chriſti Platz in Louiſens Seele, 109 und mit dieſen Fragen auf den Lippen ging ſie zu dem Freunde, der jede ihrer Fragen zu beantworten pflegte und ſie nie naſeweis ſchalt, ſie mochte fragen was und ſo viel ſie wollte, zu dem alten Schäfer Gottfried. Der Greis war im Felde, ſeine Heerde weidete die Brache ab, ein Stück Land, das ſich vom Strom empor zog, bedeckt mit ganz kleinen Vergißmeinnicht, hellfarbigen Stiefmütterchen und jenen feinen weißen Blümchen, die der Landmann Hirtenleſche nennt. Er ſaß in ſeinen blauen Mantel gehüllt unter einem mächtig großen wilden Birnbaum, der von weißen Blüthen bedeckt war, in denen Bienen ſurrten, und ſtrickte Handſchuhe. Die Schafe waren weit um⸗ her zerſtreut und die beiden Hunde lagerten zu ihres Herrn Füßen. Der Beſuch ſeiner kleinen Freundin erfreute den Greis herzinnig. „Biſt lange lange nicht draußen bei mir geweſen, Lieschen,“ ſagte er, ihr liebevoll in die Augen ſchauend, und ſetzte dann hinzu:„was haſt auf Deinem Herzchen?“ Sie lehnte ſich an ihn und ſagte in Weinen ausbrechend:„Ich habe von Chriſtus geleſen, dieſe Nacht, von ſeinem Leiden und Sterben, ſag Du mir, Gottfried, warum mußte er ſterben? warum mußte 110 ſein Jünger ihn verrathen? warum ließ der liebe Gott zu, daß der beſte aller Menſchen ſo leiden mußte 2“ Der Greis ſchüttelte den Kopf und ſagte vor ſich hin:„Hab's mir doch immer gedacht, daß es mal dazu kommen würde, daß Du mich nach dieſen Dingen fragſt. Ich weiß davon nicht viel, bin eben nur ein alter ungelehrter Mann, aber was ich darüber weiß und denke, das will ich Dir ſagen. Ich glaube, daß Chriſtus ganz aus freiem Willen ſtarb, damit ſeine Schüler ſehen ſollen, daß es gar kein Leid und keine Qual auf der Welt giebt, die der⸗ jenige, der das rechte Herz hat, nicht mit Geduld, ja mit Freudigkeit und ohne ſich irgend wie durch Murren oder Bitten zu verfehlen, ertragen könne. Auch ſtarb er wohl, damit die, welche geſündigt haben und ſich nun vor Gottes Strafe fürchten, glau⸗ ben lernten, ein Anderer habe mit ſeinem Leid ihre Schuld gebüßt; und da mag's Manchem leichter ums Herz werden, wenn er an die Todesqual des unſchul⸗ digen Heilands denkt, und er findet den Muth mit ſeinem Leben von vorn anzufangen Auch iſt er wohl geſtorben, um ſeinen Jüngern zu beweiſen, daß er gar nicht König von Iſrael ſein wollte, ſondern um ihnen durch Lehre und Beiſpiel zu zeigen, wie man in allen —.— Verhältniſſen auf der Welt, gleich viel wer einem be⸗ fiehlt, ſo recht in allen Stücken tugendhaft ſein kann. Sie reden jetzt auch ſo viel von Freiheit,“ ſetzte der Greis hinzu und blickte mit ſeinen dunkelbraunen Augen in die Ferne, die duftig und ſchimmernd jenſeits des olauen Stromes lag,„und vergeſſen Eins, was doch jeder, der ſich Chriſt nennt, wiſſen muß: Ein jeder iſt frei, der da gerecht ſterben kann!“ Der Alte ſchwieg und heftete ſeine Augen auf das Kind zu ſeinen Füßen, das mit tiefſter Aufmerk⸗ ſamkeit ſeinen Worten gelauſcht hatte. Von dieſer Zeit an hatten die Geſpräche Louiſens mit ihrem alten Freunde eine neue Wendung. Wenn er früher ihr nur Gottes Allmacht, Größe und Weis⸗ heit in der Natur gezeigt hatte, ſo bezog er ſich jetzt auch häufig auf die Geſchicke der Menſchen und Völker und Jeſus Chriſtus ward in dieſer Beziehung für Louiſe der Mittler zwiſchen Gott und Welt. Das Kind, das einen tiefen Strom von Liebe im Herzen trug, für den ſich kein Abfluß fand, da weder der blinde Vetter, noch der alte Schäfer, noch Magiſter Fiſch oder Muhme Elsbeth Perſönlichkeiten waren, an welche Louiſe ſich mit der vollen Kraft ihrer Seele hätte anſchließen können, da endlich ihre Eltern ihr ſehr fern ſtanden und die Schweſter ein 112 ganz von ihr verſchiedenes Weſen war, hing ſich mit kei tief ſchwärmeriſcher Innigkeit an das Bild, das ſie als ſich ſelbſt von dem Erlöſer, dem Weltheilande, machte, 3 ſch und trotz den rationaliſtiſchen Anſichten des alten 22 Gottfried, trotz Wilhelms Spott und des Magiſters nar offen zur Schau getragenem Atheismus, war Louiſe ſtan eine glühende ſchwärmeriſche Chriſtin geworden, wenn anders das Chriſtenthum in tiefer Liebe zum Hei⸗ mã lande und deſſen Lehren beſteht. Sie betete das Vaterunſer Morgens, wenn ſie der erwachte und hatte ſich, um es würdig zu beten, aus und einem kleinen Tiſch einen Altar gemacht, den ſie und täglich mit Blumen oder friſchem Grün ſchmuckte. Ben Sie las mit einer Art von viſionärem Entzücken in jeder Freiſtunde in der Bibel und ſah gleichſam von innen alles das oor ſich geſchehen, was dort mit lebendiger Einfachheit erzählt wird. Der Tod Jeſu mit ſeinen bittern Schmerzen war ſo ſehr Ge⸗ genſtand ihrer Theilnahme und ihres Nachdenkens, daß ſie oft Viertelſtunden lang und länger die Arme ausſtreckte, um ſich die Pein des Gekreuzigten zu fran vergegenwärtigen, und dann verfiel ſie in heftiges 3 Weinen, das bisweilen etwas Krampfhaftes hatte, Frau auf das aber niemand merkte; denn das ganze Haus Theil war anders beſchäftigt und das unſchöne Kind war daß 1856. keiner Seele ein Gegenſtand beſonderer Theilnahme als eben dem Blinden, und wenn der die kleine Louiſe ſchluchzend und bebend fand, ſo hielt er das für ner⸗ vöſe Reizbarkeit, die eben bei einem kleinen Mädchen natürlich ſei und bloß aus körperlichen Urſachen ſtamme. Denn im Leben und Lernen war die Zeit all⸗ mählig dahin geflogen. Napoleon war Kaiſer geworden und kriegte mit der ganzen Welt und Berichte von ſeinen Schlachten und Siegen drangen in das entlegene Herrenhaus⸗ und riefen Debatten und Streit hervor unter ſeinen Bewohnern. Vetter Wilhelm behauptete und Magiſter Fiſch ſtand ihm bei, Preußen könne ſich überhaupt nur er⸗ halten, wenn es um jeden Preis die Gunſt und Ge⸗ noſſenſchaft des franzöſiſchen Weltherrſchers feſthalte, während Herr Wohlgemuth ſehr eifrig wünſchte, daß ſein Vaterland alle ſeine alte Macht und Kraft ent⸗ wickeln möge, um dem weiteren Umſichgreifen der franzöſiſchen Macht einen Damm entgegen zu ſetzen. Madame Wohlgemuth hatte, wie die meiſten Frauen ihrer Zeit, gar keine Meinung und gar keine Theilnahme für alle dieſe Angelegenheiten. Sie glaubte, daß das nur die Männer anginge und daß es 1856. XIX. Erinner. e. Großmutter. I. 8 114 eigentlich ein Mangel an Rückſicht gegen Damen ſei, in ihrer Gegenwart ſo etwas zu verhandeln. Lydia, jetzt ein bildſchönes dreizehnjähriges Mäd⸗ chen, theilte dieſe Anſicht ihrer Mutter, und wenn ſie eintrat, ſchwieg auch gewöhnlich jedes Geſpräch, das ſich nicht direct auf ſie, ihre Schönheit, ihre Toilette, ihre Unterhaltungen, auf Geſellſchaften und derglei⸗ chen bezog. Herr Treufeldt, der jetzt ſeit fünf Jahren zum Haushalte des verbannten Fürſten gehörte, hatte den beiden kleinen Mädchen Zeichnenunterricht gegeben, Monſieur Dutrouſſel aber war ſchon vor Napoleons Thronbeſteigung nach Empfang eines Briefes, für den er über einen Thaler Poſtgeld bezahlt hatte, nach Frankreich zurückgekehrt. Um dies möglich zu machen, hatte er ein ſchwe⸗ res Opfer gebracht, er hatte den koſtbaren Brillant⸗ ring. der nach der Schätzung Leib Hillers, des jüdi⸗ ſchen Krügers, der ein Kenner war, achthundert Ru⸗ bel werth ſein konnte, für hundert Thaler bei dieſem verſetzt. Der Abſchied des Franzoſen von der Familie Wohlgemuth war ein ſehr freundlicher geweſen. Er dankte dem Gutsbeſitzer ſo warm und ſo edel für alle Freundlichkeit, die ihm erwieſen worden, und ſchien die Scham, mit der er früher ſeine Armuth verborgen, ganz und gar abgelegt zu haben; denn lä⸗ chelnd ſprach er von den überſtandenen Entbehrungen, die er ſonſt ſo ſehr verheimlicht hatte, ganz offen und ohne Rückhalt. „Ihnen, meine kleine Freundin,“ ſagte er unter anderem, indem er Louiſens Händchen in ſeine beiden Hände nahm,„bin ich beſondern und herzlichen Dank ſchuldig. Die Taſchentücher, die ſie mir gemacht und heimlich in meinen Rockelor geſteckt hatten, befähig⸗ ten mich unter Menſchen zu erſcheinen und mir mein Bißchen Brod durch Tanzunterricht fernerhin zu ver⸗ dienen, ohne daß ich mein einziges Beſitzthum, meinen Ring, verkaufte, den ich, ein theueres Andenken an meine Familie, die der Revolution zum Opfer fiel, in ſehr kurzer Zeit von meinem alten wackern Wirth einlöſen werde. Sie, geehrter Herr Amtmann, über⸗ nehmen wohl die kleine Mühe, das Geld an Leib Hiller zu zahlen und den Ring an die Adreſſe zu ſchicken, welche ich Ihnen mit dem Gelde ſenden werde, ſobald ich in meinem Vaterlande angekommen bin.“ Das hatte Herr Wohlgemuth verſprochen und gehalten; denn ſchon zwei Monate nach der Abreiſe des Franzoſen traf ein Geldbrief ein, in dem Herr Dutrouſſel hundert Thaler nebſt den Zinſen und noch S* 116 einem Geſchenk von zehn Thalern an Leib Hiller, zehn Thaler als ein kleines Andenken für die Die⸗ nerſcha des Herrn Wohlgemuth und füufzig Thaler als eitt Gabe an das Kloſter zur Vertheilung an die Armen der Gegend ſandte und ſehr artig bat, den Ring wohl verpackt und mit allen Sicherheiten ver⸗ ſehen, die die Poſt bietet, nach Paris an den ‚Vi- comte de St. Albans poste rest.“ zu ſenden. Das war denn auch geſchehen. Der höfliche arme Franzoſe war, verdrängt von andern Erſchei⸗ nungen, in dem Familienkreiſe vergeſſen worden und die Zeit ging ihren ruhigen Gang fort, ließ die Kinder wachſen, die Bäume blühen, die Früchte rei⸗ fen, den Schnee fallen und machte aus Abend und Morgen, aus Sommer und Winter die Jahre, die leiſe hinrauſchten über die Familienkreiſe, laut hin⸗ donnerten über die aufgeregte Welt. Muhme Elsbeth hatte die Mädchen nähen und ſtricken, Filet knüpfen und Plattſtich ſticken gelehrt. Sie waren beide nicht ungeſchickt, aber Lydia hatte mehr Luſt zu feinen Arbeiten, und da es einmal hergebracht war, daß die ſchöne Tochter nur das that, wozu ſie Luſt hatte, ſo blieben die mühſameren und nützlicheren Arbeiten der jüngern überlaſſen. Als eilfjähriges Mädchen mußte Louiſe der alten Kindermuhme Wäſche nähen und ausbeſſern helfen, ſie lernte im Abſehen auch ein wenig ſchneidern. Das war zu jener Zeit eben nicht allzukünſtlich. Man trug kurze Taillen, enge kleine Aermelchen und ſo enge b Röcke, daß auch nicht ein Fältchen ſich auf der Figur 1 zeigen durfte. So ein Damenrock mit ſeiner Schleppe 3 war eben geformt, wie eine umgekehrte Tüte, von — der man die Spitze abgeſchnitten, das breite Ende ſpazierte hinter der Trägerin her oder ward naiv e mit einem Häckchen an den Gürtel befeſtigt. Das 5 alte Verschen Chemiſe und Hemd ſind Eins ie Aermel hat keins bezeichnete ganz paſſend die Tracht der Zeit. Lydia, deren Geſtalt früh jungfräuliche Formen bekam, ſah auch in jener unſchönen Tracht ſchön n⸗ aus, aber Herr Treufeldt, der Maler, machte ſich trotz⸗ dem über die Mode, die die Nacktheit begünſtigte, ſehr luſtig und von ihm eben hatte Louiſe zuerſt je⸗ nes Reimchen gehört. Louiſe, deren Geiſt ſich in ihrer eigenthümlichen Umgebung mehr und mehr ans Denken gewöhnte, während ihre natürliche Herzenswärme in ihrer jungen Seele eine Fülle von Gefühlen entwickelte, war ein ſehr ungewöhnliches Kind. Sie wäre ein ſehr wun⸗ 118 derliches Kind geweſen, ohne die frühe Anleitung Monſieur Dutrouſſels, der ſie gelehrt hatte, in allen Gefühlsaufregungen, bei allem Nachdenken, bei Ar⸗ beit und Spiel, bei Luſt und Schmerz, ihre äußere Perſönlichkeit, in den Grenzen des Schicklichen und Anſtändigen zu halten. Trotz der Pockennarben war auch Louiſe ein hüb⸗ ſches Mädchen oder vielmehr zur Zeit noch ein ſich hübſch entwickelndes Mädchen. Sie war groß und ſchlank wie ihre Schweſter, hatte die ſchönen ſanften Augen der Mutter, aber in dieſen Augen lag ein Ausdruck, der die Beſchauer anzog und den man ſo⸗ wohl bei Madame Wohlgemuth als bei der weit ſchöneren Lydia vermißte, der aber kaum in das Ge⸗ ſicht eines zwölfjährigen Mädchens paßte. Louiſe war kein Kind mehr, trotz ihres noch kindlichen Alters, denn ſie dachte wie eine Jungfrau und fühlte wie eine ſolche.— Die Zeit war ernſt und furchtbar. Das deutſche Reich hatte aufgehört zu exiſtiren und ein großer Theil deſſelben war in den Rheinbund verwandelt, an deſſen Spitze auch der Herr der Welt, Napoleon Bonaparte, ſtand. Rußland und Oeſterreich hatten ſich zum Kriege 2== 8 S 119 gegen dieſen verbunden gehabt und überall waren die Waffen des Weltherrſchers Sieger geblieben. Man hielt es für gewiß, daß auch Preußen ſeine Macht gegen den allmächtig Werdenden in die Wagſchale des Krieges werfen werde. Herr Wohl⸗ gemuth war in dieſem Fall zu jedem Opfer bereit. Vetter Wilhelm aber wußte beſſer, daß es Frieden blieb, er wußte es aus den Briefen ſeines Vaters, der, ſelbſt ein leidenſchaftlicher Verehrer Bonaparte's an den abweſenden Sohn Briefe ſchrieb, die oft Louiſens junges, warm für ihr Vaterland ſchlagendes Herz empörten. Louiſe nämlich war jetzt wie ſonſt immer noch die treueſte Gefährtin, die freundlichſte Dienerin des Blinden, obgleich ihre Gefühle und Gedanken, je mehr ſie ſich beſtimmt entwickelten, deſto ſtärker von denen ihres unglücklichen Verwandten abwichen. Indeß der Krieg brach doch aus, der Krieg mit allen ſeinen Schrecken, und wälzte ſich, ein gräßlicher alles verheerender Lavaſtrom, auch jenen entlegenen Gegenden Oſt⸗Preußens zu. Prinz Louis Ferdinand hatte bei Saalfeld ſeine jugendlichen Verirrungen mit einem frühen Tode gebüßt, die Doppelſchlachten bei Jena und Auerſtädt waren geſchlagen worden, die feſteſten Plätze Preußens capitulirten, große verſprengte Heerhaufen gaben ſich rathlos ohne Schwertſtreich gefangen. Jedesmal, wenn die Nachricht eines neuen Un⸗ glückes in dem kleinen Familientreiſe ruchbar wurde, ſaß Vetter Wilhelm mit ſeinem gewohnten unheim⸗ lichen Lachen unter ſeinen weinenden oder zürnenden Verwandten. Magiſter Fiſch fluchte über den Corſen, den das Glück in toller Raſerei auf ſeinen Schwingen zur höchſten Spitze der Macht erhebe. Louiſe, Lydia, Madame Wohlgemuth, Muhme Elsbeth und alle weiblichen Gäſte, die ſich in dem Herrenhauſe verſam⸗ melten, zupften Charpie, bereiteten Bandagen und ſtrickten Strümpfe für die armen Verwundeten und Kranken. Das franzöſiſche Heer und ſein Kaiſer waren in Berlin eingezogen und Friedrich Wilhelm der Dritte mit ſeiner trauernden Gattin, ſeinen kleinen Kindern und ſeinen Dienern nach Königsberg ge⸗ flüchtet. Der Herzog von Braunſchweig ſtarb in Folge ſeiner ſchweren Verwundung auf ſeiner Flucht nach Ottenſee. Ein fürchterlicher jammervoller Winter breitete ſein Leichentuch über die Erde und Blut und Thränen floſſen reichlich auf dieſelben. 8 Auf der Wohlgemuth'ſchen Familie lag nicht 1 mi ſchie verſt nur das allgemeine Landesunglück, ſondern auch noch mancher beſondere Kummer. 4„ Die Getreidepreiſe waren gefallen, der Grund⸗ , beſitz, beſonders in Gegenden wie die, wo Wohlge⸗ ⸗ muths Gut lag, faſt gänzlich entwerthet. n Die Kriegslawine wälzte ſich dem einſt ſo hei⸗ 1, tern friedlichen Herde näher und näher. Rußland n und Preußen waren zwar Verbündete, aber die Polen, a, von Napoleon Wiederherſtellung ihrer Nationalität le hoffend, ſtanden in vollem Aufruhr. In Poſen hatte n⸗ General Davouſt zwei preußiſche Beamte nieder⸗ nd ſchießen laſſen, die für den König die Kaſſen zu retten nd verſucht. Bedeutende königliche Kaſſen befanden ſich in Kydullen, ein Grenzzoll⸗ und Grenzſalzamt, die Depots derſelben ſollten nach Rußland an den General Mi⸗ loradowitſch abgeliefert werden zur Dispoſition für den unglücklichen König, im Fall es nöthig würde, daß er mit ſeiner Familie den Niemen überſchreiten müſſe. Pillau und Magdeburg, Stettin und Glogau ete capitulirten, und nur in Graudenz und Colberg thaten nen Commandant und Garniſon ihre Schuldigkeit. Kein Tag verging ohne eine Trauerbotſchaft, keine Nacht nicht ohne die ängſtliche Aufregung, ob 122 auch der Feind näher ſei, als man glaube, und plötz⸗ S lich hereinbrechen werde. M So war der Februar herangekommen und brachte. un düſtre Regentage. Louiſe trat aus dem Wohnhauſe Go und ging zu ihrem alten Freunde Gottfried, in deſſen kon Geſellſchaft ſie immer noch ſo gern wie als kleines blu Kind war. Sie ſollte ein Packet Charpie abholen, Du das er gezupft hatte und das mit andern Dingen mit am nämlichen Tage nach Köͤnigsberg geſchickt wer⸗ ſich. den ſollte. zwei Der Greis ſaß unter ſeinen Thieren, ſein Hund hatte den Kopf auf ſeine Knie gelegt und zitterte von an Zeit zu Zeit. ſter „Hören Sie nichts, Mamſell Louiſe, mein Kind?“ fragte er die Eintretende. „Was ſollte ich hören, Alter?“ „Der Feind iſt nicht allzuferne,“ ſagte der Schäfer,„und eine große Schlacht wird in dieſem Augenblick geſchlagen. Der Kanonendonner iſt zu hören! geben Sie Acht! da, lehnen Sie Ihr Ohr her an den Pfeiler, ſo werden Sie es gewahr werden.“ Louiſe that, was der Greis ſagte. Allerdings hörte ſie eigentlich nichts, aber der Pfeiler ſchien von Zeit zu Zeit zu beben. Der Alte faltete ſeine braunen Hände.„Beten der eſem t zu Sie, mein liebes Kind,“ ſagte er beſorgt,„Tauſend Mutterkinder treten in dieſer Stunde unter Schmerz und Jammer vor Gottes Richterthron. O Gott! Gott! Du mein Herr Gott, und wenn die Nacht kommt, werden Sie auf dem Schnee liegen, ver⸗ blutend, ſterbend, ohne einen Tropfen Waſſer, den Durſt zu ſtillen, ohne einen Freundestroſt, den Himmel mit ſeinen grauen Wolken als einzige Decke über ſich. O Du allerbarmender Gott, und ich habe auch zwei Söhne darunter!“ Er lehnte ſeinen ſilberweißen Kopf von Neuem an den Pfeiler und horchte mit allen Zeichen heftig⸗ ſter Gemüthsaufregung. „Mein gnädiger Herr, der Fürſt Erdmann von Pückler, hat eine Landwehr daheim im Schleſiger⸗ lande errichtet. Wenn alle die Großen und Vor⸗ nehmen dächten wie er; an uns armen Leuten würde es auch nicht fehlen, jeder giebt gern ſein Blut und Leben für unſern wackern König und die ſchöne holdſelige Königin; aber es iſt faul da oben, faul, Mamſell Louiſe, und Gottes Gerichte müſſen kommen. Heuchler und Lügner ſind um den König, es muß erſt alles in Trümmer fallen und verweſen, daß ein neuer Bau aufgeführt werden und neue Saat wachſen kann.“ 124 In dieſem Augenblick ſah Louiſe den blinden Vetter auf den Arm des Magiſters geſtützt aus der 5 Hausthüre treten.„ „Ein Erdbeben oder Kanonendonner,“ ſagte der erſtere, indem er raſch über den Hof ging,„kein Zweifel 3 kann darüber obwalten.'s iſt ein eigener Ton!“ 4 Er ſtreckte bei dieſen Worten die Arme aus und ſch rief mit ſeiner lauten ſonoren Stimme: 4 „Bataillonen niederwälzt der Tod!“ und Louiſe in in ſeiner Nähe hörend ſagte er:„Ach, da biſt Du, aui Louiſe! komm zu mir, wir können, wenn's Glück gut vir⸗ iſt, in achtundvierzig Stunden die erſten Franzoſen hier haben.“ Louiſe weinte heftig. „Nun das wird Dich wohl nicht betrüben, die franzöſiſchen Officiere ſind alle wahre Bajards, Rit⸗ ter ohne Furcht und Tadel, tragen ſchöne Uniformen, tanzen und charmiren, ſie bringen das goldene Zeit⸗ alter für alle Mädchen mit ſich, und Du, Louiſe, biſt auch eins.“ „O Vetter, Vetter!“ rief das junge Mädchen unter rinnenden Thränen,„koͤnnen Sie ſcherzen, während nicht all zu fern von uns vielleicht ſo viele Freun⸗ desherzen brechen?“ „Ich ſcherze nicht, ganz und gar nicht, wo die Franzoſen noch hingekommen , ſind ſie von den Damen beſonders als Freunde empfangen worden. Ah, ich glaube, wir bekommen ein hübſches Schneegeſtöber? wenn es da wo man kämpft auch ſo iſt, ſo giebt das einen Zuwachs zu den Annehmlichkeiten dieſes ſchönen Tages.“ Es war dem Maͤdchen nicht laͤnger möglich, in das höhniſche Geſicht des Blinden zu ſehen und auf ſeine wüſten Worte zu hören. Mit ihrem Char⸗ pie⸗Bündel beladen eilte ſie uͤber den Hof zu Mama und Lydia, die mit einigen Damen aus der Nach⸗ barſchaft Bandagen hefteten. Lydia war bleich wie ein Marmorbild. Die Mutter weinte. Herr Wohlgemuth trat in das Familienzimmer und rief ſeine Gattin Sie kehrte bald zurüͤck und ſagte unter Thränen: „Mein Mann hält es für nothwendig, daß ich mei⸗ nen Schmuck und unſer beſtes Silber ihm uͤbergebe, damit er es vor Ankunft des Feindes möglichſt in Sicherheit bringe.“ „Wir haben auch ſchon das unſrige vergraben,“ ſagte die Frau des Grenzzoll⸗Inſpectors. „Es ſoll das aber von keinem Nutzen ſein bei dieſen Franzoſen,“ meinte die Frau des Ober⸗Salz⸗Inſpee⸗ . 126 tors,„ſie finden in Kellern und auf den Boden, unter den Dachziegeln, in den Blumentöpfen und überall das Verborgene auf. Ein armer Bauer hatte ſein Bißchen Gold ins Storchneſt verſteckt, da meinte er es ſei ganz ſicher, aber ein kleiner franzöſiſcher Tambour verlangte, ſo wie er nur ins Haus trat, eine Leiter und ſagte: Ick will nur ſehen in den Neſt von der Vogel, ſo Vogel legt ſehr oft goldne Eier, ick hab ſchon mehr als einmal ſolche herausgeholt!— und ſo ſtieg er denn hinauf und nahm das Verſteckte und lachte den armen Bauer, der es ſo klug gemacht zu haben glaubte, noch brav aus—“ Man aß zu Mittag, es ward Abend und wieder Morgen und der Kanonendonner dauerte fort. Am nächſten Tage kam eine Extrapoſt in den Hof gefahren. Ein Paar ruſſiſche Soldaten ſaßen auf dem Bock des Wagens, ein Paar andere hinten. Ein Gemurmel durchlief das ganze Haus Wohlge⸗ muth, man brachte den erſten Verwundeten von der Schlacht bei Eylau. Die Soldaten hoben ihn aus dem Wagen. Er ward dabei ohnmächtig. Der alte Gottfried half tragen, er hatte ſein Verbindezeug ſchon in der Taſche ſeines blauen Man⸗ tels. Man legte den bewußtlos Leidenden auf das 127 hübſche Sopha im Geſellſchaftszimmer. Louiſe holte warmes Waſſer, Eſſig, Wein und ſtand bebend neben dem alten Freunde, als er die Wunde unterſuchte. „Es iſt nicht zum Tode mit ihm,“ ſagte der Greis,„es iſt nur ein Streifſchuß, der ihm das Fleiſch vom Bruſtknochen weggeriſſen hat, die Kugel iſt nicht in der Wunde.“ Während Gottfried den Verband anlegte, öffnete der bleiche Jüngling ſeine Augen. Seine Leute ſtan⸗ den um ihn, einer derſelben, ein großer ſchlanker Mann, in der Uniform der preobratſchinskiſchen Garde, wendete ſich an Herrn Wohlgemuth und ſagte: „Sobald der Herr Fürſt wieder den Transport er⸗ tragen kann, müſſen wir ihn über die Memel ſchaffen. Die Franzoſen ſind uns auf dem Nacken, können jeden Tag, jede Stunde auch hier eintreffen, und un⸗ ſer junge Herr will lieber beim Transport ſterben, als gefangen werden.“ „Wer iſt Ihr Herr?“ fragte Herr Wohlgemuth. „Der jüngſte Fürſt Dolgoruki, eben als Lieute⸗ nant in die Garde getreten, wir alle ſind Leibeigne von ſeinen Gütern und gehören zu ſeiner ſpeciellen Bedienung.“ Allmählig erholte ſich auch der Leidende ſo weit, um einige Worte zu ſtammeln, die die Bitte ent⸗ 128 hielten, ihn jedenfalls über die Memel zu ſchaffen, damit er nicht in die Hände der Franzoſen geriethe. „Stehen unſere Angelegenheiten ſo ſchlimm, daß wir den Feind hier an der entlegenſten Grenze des Landes erwarten müſſen?“ fragte Herr Wohlge⸗ muth trüb. „Preußen exiſtirt nur noch durch die zweifelhafte Großmuth des franzöſiſchen Kaiſers,“ ſagte der Ver⸗ wundete matt.„Nach der Schlacht bei Eylau iſt Ihr König mit ſeiner Familie nach Memel geflohen. Königsberg iſt in den Händen der Franzoſen, und jeden Tag können wir erwarten, daß ſie Anſtalten machen werden, auch den Niemen zu überſchreiten.“ Ein allgemeiner Jammer ſchien ſich der ganzen Familie zu bemächtigen, nur Vetter Wilhelm ging mit ſeinem gewöhnlichen Lächeln auf der bleichen Lippe, die lebloſen Augen weit geöffnet durch die Zimmer, ſetzte ſich endlich ans Klavier und ſpielte und ſang Fanchon laß die Leyer klingen ꝛc. Der alte Schäfer, der von dem Verwundeten kommend durch die Clavierſtube ging, ſah ihm ein Paar Augenblicke zu und ſagte dann: „Machen ſie nicht Muſik, junger Herr! Wenn ſich Gott zeigt in ſeiner Allmacht, wenn ein Gewitter nzen ging ichen ) die vielte deten n ein Wenn witter am Himmel ſteht, wenn der Tod im Hauſe iſt, da ſoll man nicht ſingen; und das, was jetzt über uns kommt nach Gottes Willen, iſt ein Gewit⸗ ter, das viele Tauſende tödten wird.“ Lydia und Louiſe erbielten beide vom Herrn Wohlgemuth den Befehl, in dem Krankenzimmer des jungen Ruſſen ab und zu anzufragen, ob man etwas bedürfe. Der Jüngling hatte ſich nach Anlegung des Verbandes merklich erholt, des alten Schäfers Kräu⸗ terbalſam that ihm gut. Er ſchlief ruhig, trank von Zeit zu Zeit Limonade und ſprach in gutem reinem Deutſch ſeinen Dank aus für die Freundlichkeit, die man ihm erzeigte.—„Als wir ins Feld zogen,“ ſagte er endlich mit ſchmerzlichem Lächeln,„wünſchte ich ſo ſehr verwundet zu werden— nun mein Wunſch i*ſt erfüllt, aber er war ſehr thöricht.“ Man bereitete Abends eine Art Sänfte zu ſeiner Fortſchaffung. Die Ruſſen bewieſen ſich dabei äußerſt geſchickt und anſtellig, und als das Transportmittel, das man für das beſte unter den obwaltenden Ver⸗ hältniſſen hielt, fertig war, legte man den Leidenden in Betten wohl verpackt hinein, ein Spitzprahm war bereit und mit herzlichen Wünſchen für ſein Fort⸗ kommen und ſeine Geneſung geleitete die Familie 1856. XIX. Erinner. e. Großmutter. I. 9 130 ihn bis zum Stromufer und ſah das Fahrzeug im Mondenſchein die mit einzelnen Eisſchollen bedeckten Wellen durchſchneiden und kehrte traurig und voll trüber Ahnungen zurück in die bedrohte Heimath.— Die Furcht vor dem Feinde erwies ſich indeß noch für einige Zeit grundlos. Die franzöſiſche Armee rückte nicht weiter vor, man ſprach von Friedens⸗ unterhandlungen und ziemlich günſtigen Bedingungen, die Napoleon dem flüchtigen Könige von Preußen geſtellt, wenn er einen Separatfrieden ſchließen wolle, und in der Familie Wohlgemuth ſtritt man ſich eifrig, ob der König dieſen Schritt thun würde oder nicht. „Er wäre ein Narr, wenn er die günſtige Ge⸗ legenheit, ſich mit einem Stückchen ſeines Landes aus dieſer Klemme zu ziehen, nicht benützte,“ ſagte Vetter Wilhelm.„Eine aufgelöſte Armee, erſchöpfte Kaſſen, alterſchwache, thörichte, zum Theil verrätheriſche Generale, ein zerrüttetes Land, der größte Feldherr ſeines Jahrhunderts ihm gegenüber— da wird er hoffentlich den Zuſtand ſeiner Unterthanen, nicht ſeine ritterliche Freundſchaft für Alexander zu Rathe ziehen.“ Es war ein trauriger und ſchauriger Winter, der über dem Lande ſeinen Eismantel ausbreitete. In die Familie Wohlgemuth aber brachte er dennoch manche frohe Stunde.— Die Memel ſtand, und im kten voll deß mee ens⸗ gen, ißen olle, frig, nicht. Ge⸗ indes ſagte öpfte eriſche dherr ird er ſeine hen.“ zinter, keitete. ennoch und vaterländiſchen Klängen zu lauſchen. Die deutſchen 9* ein lebhafter Verkehr begann zwiſchen hüben und drüben. Der junge Fürſt Dolgoruki erwartete ſeine Geneſung im Hauſe Platon Subows und wuͤnſchte die Pflege des alten Schäfers, der alle Tage hin⸗ überging die raſch heilende Wunde zu verbinden. Wochentlich wenigſtens zweimal ſpeiſte Herr Wohlgemuth mit allen Seinen beim Fürſten, wo dann der Geneſende auf ſeinem Sopha ein Mitglied und zwar ein ſehr heiteres Mitglied der Geſellſchaft bildete. Platon Subow liebte Muſik, und Vetter Wil⸗ helm, Louiſe und Herr Treufeldt, unterſtützt von der nur aus Leibeigenen beſtehenden Capelle des Fürſten, gaben hübſche Concerte. Da erklangen denn Mozarts, Glucks und Beetho⸗ vens Melodien, da hörte man Joſeph Haydns fröh⸗ liche Tondichtungen und die etwas vergänglicheren wenn gleich anmuthigen Melodien Himmels, die Vetter Wilhelm beſonders liebte. Die deutſche Muſik bildete einen Mittelpunkt, eine geiſtige Standarte, um die ſich deutſches Sein und Weſen ſammelte. Auch in Herrn Wohlgemuths Hauſe ward viel muſizirt, dort hielt man die Proben, und eine Maſſe von deutſchen Familien verſammelte ſich, um den lieben Prediger der Nachbarſchaft, die Grenzbeamten, einige deutſche Domainen⸗Pächter und viele andere. Um die ſich früh entfaltende bildſchöne Tochter des Hauſes ſammelte ſich bald eine Schaar von Männern und Jünglingen. Louiſe, um zwei Jahre jünger als ihre Schweſter, wurde von den Anweſenden gewiſſermaßen nur als die Verkörperung ihrer Stimme betrachtet. Sie war daran gewöhnt, ſie fand es natürlich und fühlte ſich weder zurückgeſetzt noch gekränkt, wenn alle Eintretenden faſt ohne ſie zu ſehen an ihr vor⸗ über und zu dem Platz flogen, wo Lydia neben der Mutter ſaß. Fürſt Dolgoruki, der im Schlitten und gut ver⸗ pelzt fleißig über die Memel kam, war der eifrigſte von den Anbetern der kaum vierzehnjährigen Schön⸗ heit, der engliſche Oberſtallmeiſter Maidſtone ſtand ihm nur wenig nach, und Herr Treufeldt, der Maler, hatte oft ſchon erklärt, daß nur das Erblühen dieſer jungfräulichen Roſe ihn fort und fort in einer ſo entlegenen Gegend feſſele⸗ Lydia hatte für jeden ein Lächeln, für jeden ein freundliches Wort, ſie kannte die Art, die Weiſe, den Gedankengang jedes Mannes, mit dem ſie ſprach, in ſehr kurzer Zeit und wußte durch geſchicktes Schwei⸗ ige zter von ahre den nme rlich venn vor⸗ ieben ch, in chwei⸗ 133 gen und gut angebrachte einzelne Ausrufungen nicht nur den Glauben bei Allen zu veranlaſſen, daß ſie vielen Geiſt habe, ſondern auch jedem Einzelnen das ſtolze Bewußtſein zu geben, daß ſie mit ihm gleiche Anſichten und Gedanken hege. Ihre große Jugend verpflichtete ſie faſt in Ge⸗ ſellſchaft keine eigene Meinung zu äußern, und ſie wußte es ſo zu leiten, daß jeder der Männer, den ſie zu ihrem Sklaven gemacht, ſich zum Lehrer und Er⸗ wecker dieſer jungfräulichen Seele berufen hielt. Nur eine Perſon war es im ganzen Familien⸗ kreiſe, in der ganzen kleinen Welt, mit der die Schwe⸗ ſtern lebten, welche die Unſchöne der Schönen vorzog, und dieß war Vetter Wilhelm. Für ihn exiſtirten die zarten Farben nicht, die Lydia's Wangen nur mit dem Kelch der Moosroſe theilten; er ſah nicht das leuchtend goldige Braun ihrer reichen Locken, die ſie nach der Mode der Zeit à la titus kurz geſchnitten trug; nicht die blendenden Perl⸗ zähne, die zwiſchen den halboffenen Lippen hervor⸗ ſchimmerten; nicht dieſe Wunderaugen, deren feuch⸗ ten Glanz die ſeidenen Wimpern verdeckten. Dafuͤr aber ſah er etwas anders, etwas wofür alle die vielen ſehenden Augen um Lydia blind waren: 134 Er ſah das Spiel, das die junge Kokette mit allen Männern trieb, die in ihre Nähe kamen. Selbſt Magiſter Fiſch fühlte ſich ein wenig ge⸗ blendet von der aufblühenden Schönheit Lydia's und ſprach in Gegenwart ſeines blinden Schutzbefohlenen mit demjenigen Enthuſtasmus von ihr, deſſen er fähig. „Sie iſt ſo lernbegierig, ſo achtſam, ſie iſt ſo kindlich rein, ein wahres Bild der Unſchuld,“ ſagte er, als ſie einſt es der Mühe werth gehalten, an einem Abend, wo die Familie nur wenig Beſuch gehabt, ihn zum Vorleſen einer Stelle aus der nouvelle Heloise zu veranlaſſen, von der ein Paar Tage vorher Fürſt Dolgoruki mit ihr geſprochen. „Pah! eine ſchöne Unſchuld das, die Euch alle alte und junge Narren an der Naſe herum führt,“ entgegnete Vetter Wilhelm mit ſeinem garſtigſten Lachen.„Sie werden einen niedlichen Herkules ab⸗ geben, Magiſter, am Rocken dieſer unreifen Omphale Beim Teufel, Fiſch, Sie ſind blinder wie ich, wenn Sie nicht ſehen, weß Geiſtes Kind das vierzehnjährige Mädchen iſt. Sie graut ſich vor mir, das weiß ich, ich fühle, daß ſie zittert, wenn ich in ihre Nähe komme, und doch ärgert ſie ſich zum Berſten, daß ich ihre Schönheit nicht bewundre, nicht zu ihren Füßen ge⸗ und enen - er ſt ſo ld,“ Iten, eſuch der Paar alle hrt,“ gſten 3 ab⸗ hale Sie hhrige ich, mme, ihre Füßen ſchmachte. Wenn ich nicht andere Gedanken hätte, die mir wichtiger ſind, Magiſter, ich wollte bloß dadurch, daß ich mich nicht um ſie kümmere, dieß alberne Ding dahin bringen, daß ſie ſich mir, dem garſtigen Blin⸗ den, an den Kopf würfe. Ihr ſeid alle dumm, alle mit einander; von Ihnen, Fiſch, einem deutſchen Ma⸗ giſter, wundert mich das nicht, aber alle ſind es, Ruſſen, Pollaken und Engländer, die mit dem Dinge in Berührung kommen.—“ „Sie würden nicht ſo hart von dem ſchönen Kinde ſprechen, wenn Sie es ſehen könnten, Wilhelm,“ ſagte der Magiſter. „Dummes Zeug!“ rief der Blinde,„was iſt Wei⸗ berſchönheit? woraus beſteht ſie? Unter der zarteſten Haut liegt ein grinſender Schädel. Ein Weib ſoll dem Mann Stütze, Helferin ſein, ſoll es verſtehen, ihm das Leben angenehm und bequem zu machen, ſoll ihm Genuß geben und endlich ſeine Kinder beauf⸗ ſichtigen und pflegen, bis ſie kräftig genug ſind in andere Hände zu kommen. Eure ſogenannten Schön⸗ heiten macht Ihr zu Götzenbildern, vor denen Ihr kniet; was wird hernach aus ihnen, wenn das rothe Blut aus ihren Wangen gewichen und die ſeidenen Haare ſich verſilbert? Ich ſag's Ihnen, Magiſter, ich wäre längſt von hier fort, längſt, wenn mich nicht ein 136 großer Zweck an das Neſt feſſelte: ich ziehe mir hier eine Frau. Das jüngere Mädchen, das wird ein Weib, ein echtes, und das ſoll mein Weib werden, und es ſoll mich lieben, vergöttern, auf Händen tra⸗ gen, ſoll mit mir, wenn's Noth thut, heimlich davon ge⸗ hen, mit mir hungern und betteln, wenn's ſein müßte. Sie helfen mir hier alle, als ob ſie ſich dazu verabredet hätten, mir den Brillanten in die Hände zu ſpielen, der jetzt ſchon prächtig iſt und alle Tage herrlicher geſchliffen wird.“ Er lächelte vor ſich hin und drückte einen Kuß auf die Spitze ſeines Zeige⸗ fingers, wie er zu thun pflegte, wenn ihn etwas recht entzückte.„Für mich iſt ſie ſchön genug dieſe ſchlanke Elfe,“ fuhr er dann fort,„und was wird ſie erſt ſein, wenn die Blume ſich aus der Knoſpe gedrängt! Ach, und ich werde ihre erſte Liebe ſein, wahrhaftig die erſte; der Gedanke daran, ein Geſchöpf wie Louiſe mit Leib und Seele zu beſitzen, alles, alles von ihr zu haben, jeden Schlag ihres Herzens, jeden Ge⸗ danken ihres reichen Geiſtes, jedes Wallen ihres war⸗ men Blutes, könnte Einen mit der Blindheit ver⸗ ſöhnen.“ L Fünftes Capitel. Und glaube, jedes Erdenloos Iſt fuͤr die Furcht zu klein, Doch herrlich iſt es, menſchlich groß, In Leiden ſtark zu ſein. Marie Harrer. Und wieder war es Lenz geworden, der traurige Lenz des Jahres 1807.— Die Friedensunterhandlungen hatten ſich zer⸗ ſchlagen, das Land war bis zum Pregel mit fran⸗ zöſiſchen Truppen gefüllt. Danzig capitulirte. Jeder Tag brachte neue Schmach, neuen Jammer über Preußens Volk und Land. In der Familie Wohlge⸗ muth indeß war alles noch unverändert und das war unzweifelhaft das Beſte, was man in jener Zeit ſagen konnte; denn jede Veränderung war eine Ver⸗ ſchlechterung und jede Neuigkeit eine ſchlimme Nach⸗ richt. Der Umgangskreis unſrer Freunde hatte ſich ſeit dem Winter noch um eine Perſon vermehrt. Ein weitläufiger Vetter Wohlgemuths hatte in dem nächſten deutſchen Kirchdorfe die Stelle des zweiten Predigers angenommen. Er hieß Martin Wohlge⸗ muth, war ein blaſſer Mann mit großen dunkeln Augen, und man nannte ihn in der Familie gewöhn⸗ lich bei ſeinem Titel: Kantor; denn zu jener Zeit war 138 in dieſen Gegenden der Nachmittagsprediger zugleich Schullehrer der meiſt ſehr zerſtreut lebenden deutſchen Gemeinde. Kantor Wohlgemuth kam wie Jedermann, der das gaſtliche Haus erreichen konnte, tagtäglich zu ſeinem Vetter, aß, trank und ſchlief dort, wenn ein rauher Abend ihn überraſchte und ſaß dann meiſt ſchweigend in der lachenden Geſelligkeit und ſeine großen Augen hingen mit ernſtem Ausdruck an Ly⸗ dia's ſchönem Geſichte. Es war Ende Mai. Die Nachricht von der Capitulation Danzigs hatte alle Gemüther verſtimmt und ein regneriſcher Tag bannte die Familie ins Zimmer. Vetter Wilhelm hatte ſich ans Clavier geſetzt und mit leichter Hand einzelne Accorde anſchlagend und ſie von Zeit zu Zeit in liebliche Melodien ver⸗ einend, plauderte er mit Louiſen, deren Nähtiſch dicht neben ſeinem Platz am Flügel in der Fenſter⸗ ecke ſtand. Lydia ſaß mit der Mutter und der Frau Zoll⸗In⸗ ſpectorin auf dem Sopha und der Kantor hatte ſich zu ihnen geſellt und las ihnen die Königsberger Zeitung vor. „Louiſe,“ ſagte der Blinde leiſe,„wie ſieht Dein neuer Verwandter aus?“ „Ein wenig ſonderbar, Vetter Wilhelm, der Ausdruck ſeines Geſichts iſt ſo unbeſchreiblich traurig, daß mir die Thränen in die Augen treten, wenn ich ihn anſehe.“ „Er iſt ein Vaterlandsſchwärmer,“ meinte der Blinde und warf die Lippe dabei empor,„einer der ſeltſamen Leute, die da meinen, das Stück Land, auf dem ſie zufällig geboren, ſei das trefflichſte, groß⸗ artigſte auf Erden. Die Chineſen ſind darin die klügſten Leute und die conſequenteſten, ſie nennen ihr Land ganz einfach und ſicher den Mittelpunkt des Weltalls. Der Herr Wohlgemuth betrübt ſich, daß ſein Reich der Mitte ſo arg von dieſen Fran⸗ zoſen und ihrem corſiſchen Kaiſer durchgewichſt wird. Neulich hörte ich ihn ſagen, er beſchäftige ſich mit den Mitteln, dem ins Land kommenden Feinde die Kriegsvorräthe zu entziehn. Wahrhaftig eine paſſende Beſchäftigung für einen chriſtlichen Prieſter, der all⸗ gemeine Menſchenliebe lehren und üben ſoll. Wie iſt denn Lydia gegen den Trefflichen?“ „Freundlich wie gegen alle,—“ „Neulich ſprach ſie mit ihm, ich hörte ihnen zu, obgleich ſie ſich's nicht dachten. Der Phantaſt, der iſt auch in Deine ſchöne Schweſter verliebt. Er war eine Hingebung und ſo ſalbungsvoll wie eine Po⸗ 140 madenkruke. Sie that ſehr freundlich und ermuthi⸗ gend—'s iſt ein ſataniſches Ding, die Lydia mit ihren vierzehn Jahren, die gewiegteſte Kokette, die mir noch vorgekommen— der Herr Kantor Wohl⸗ gemuth wird einen ſchönen Schreck kriegen, wenn er gewahr wird, daß ſie, die Herxe, eben mit Jedermann wie mit ihm thut.“ „Aber, Vetter, was tadeln Sie denn an Lydig?“ „Ich? ei nichts! mir iſt ſie eben recht wie ſie iſt, aber hätte ich Dich nicht hier, würde ich ihr zei⸗ gen was ein Mann iſt! Solch ein Teufelsweib wie dieſe Lydia müßte einmal an Einen kommen, der von ihrer ſüßen Stimme und ihren noch ſüßeren Blicken nicht gleich wie ein Narr betrunken wird, ſondern nüchtern und ruhig neben ihr ſtehen bleiben und ſie durch die Kraft ſeines Willens ſo zügeln, ſo beherrſchen kann, daß ſie parirt wie ein wohl⸗ dreſſirtes Pferd.“ Es fand ſich allmählig mehr Geſellſchaft ein; auch Herr Treufeldt kam und ſchloß ſich an den Damenkreis an. Er hatte ſich hinter Lydia geſetzt, da er neben ihr keinen Platz fand, und verſuchte auf mancherlei Weiſe das ſchöne Mädchen in ein ausſchließliches Geſpräch zu ziehen. Lydia aber war Kos mopolitin, ihr Lächeln, ihre Worte, wurden ſtets mit großer Sorgſamkeit gleichmäßig unter die Anweſenden ver⸗ theilt, keiner ihrer Anbeter konnte ſich beklagen zu⸗ rückgeſetzt zu ſein, aber keiner durfte ſich einer beſon⸗ dern, ihn auszeichnenden Gunſt rühmen. Herr Wohlgemuth kam erſt Abends zur Geſell⸗ ſchaft, er brachte den Ober⸗Zoll⸗Inſpector mit, beide waren, das wußte man, jenſeits der Memel geweſen, um einen neuen Geldtransport, der auch auf wunder⸗ lichem Wege der königlichen Kaſſe zugefloſſen, an den Bevollmächtigten des ruſſiſchen Generals Milora⸗ dowitſch zu liefern. Vom Ausfluß der Memel war nämlich am ſelben Tage ein Steuerbeamter, Herr von Mänſewitz, aus dem Flecken Ruß, per Kahn in Kydullen angelangt und hatte ſeinen Kaſſenbeſtand, fünfzehn tauſend Thaler, ſammt den laufenden Jahres Rechnungen an die Grenzbeamten zur weiteren Verfügung überliefert. Auch er fand ſich bei der Geſellſchaft ein, ein ehemaliger Officier von veraltetem Schlage. Man hieß ihn willkommen, man fragte nach ſeinen Schick⸗ ſalen und warum er ſich ſo ſpät eingefunden und wie es ihm gelungen, die Kaſſen den Franzoſen, die lange ſchon ſeinen Wohnort beſetzt hatten, zu ent⸗ ziehen? 142 „Ja ſehen Sie,“ ſagte er händereibend,„ich vin ja ſchon ſeit dem fünften März unter Weges. Als ich fortging, war noch kein Franzoſe in Ruß.“ „Aber großer Gott,“ entgegnete ihm Herr Wohlgemuth eifrig,„wie kann man von Ruß bis hier⸗ her, eirca zehn Meilen, länger als zwei Monate reiſen? das iſt ja eine baare Unmöglichkeit, Herr von Mäu⸗ ſewitz!“ „Entſchuldigen Sie, Gott bewahre, ſtromauf geht's langſam, auch ließ ſich der verdammte Schiffer Zeit, er hatte Ladung nach zehn verſchiedenen Orten.“ „Nun warum kamen Sie aber in aller Welt nicht lieber zu Lande? die Franzoſen waren Ihnen ja auf dem Fuß und häͤtten Sie und Ihre fünfzehn tauſend Thaler ſicherlich wo anders als hierher gebracht, wenn ſie Sie gefaßt hätten.“ „Ja! ach ja, das glaub' ich ſchon, darum ging ich auch nirgend an Land, nicht ſo lange, um mir Brod zu kaufen, ich kam aus meinem Winkel im Boot gar nicht heraus, da ſaß ich und hütete unſeres gnädigen Königs Geld; aber zu Lande reiſen?— nein Gott behüte, das hätte ich vor meinem Ge⸗ wiſſen nicht verantworten können; hat unſer gütige vom Leid heimgeſuchte Monarch nicht ſchon der Aus⸗ gaben ſo viele, ſoll da einer ſeiner alten Soldaten ſte noch vermehren? die Landreiſe hätte ja doppelt ſo viel gekoſtet als die Waſſerreiſe.“ Vetter Wilhelm lachte hell auf:„Sie haben, mein Herr von Mänſewitz, die rechte Weisheit und den echten Patriotismus der heutigen Zeit gezeigt,“ ſagte er mit Hohn.„Zehn Thaler ſparen und fünf⸗ zehn tauſend aufs Spiel ſetzen und den rechten Zeit⸗ punkt verſäumen; Sie müßten General⸗Feldmarſchall aller preußiſchen Heere oder Staats⸗Miniſter werden, beim Himmel!“ Herr von Mäuſewitz verbeugte ſich geſchmeichelt; „zu gütig, zu gütig,“ ſagte er ſich die Hände reibend, „ein ehrlicher Mann thut ſeine Pflicht und ſcheut kein Opfer dabei und keine Beſchwerden.“ Herr Wohlgemuth reichte dem Sprecher die Hand und ſagte traurig:„Wir alle handeln nach unſerer beſten Einſicht, der Erfolg liegt in Gottes Hand; bei Ihnen war er günſtig, Freund Mäuſe⸗ witz, andere Leute haben weniger gutes Glück. Singe uns was, Louiſe, ſpielen Sie, Vetter Wilhelm; in dieſen Zeiten bleibt dem Menſchen nur zweierlei, der Friede in ſeiner Familie, die Gunſt der Muſen.“ „Brav!“ ſagte Treufeldt,„Amor und die Muſen ſind Gefährten, die hehren Jungfrauen wollen den Götterknaben erziehen, aber muthwillig ſpielt er 144 mit ihnen und ſelbſt der rauhe Mars iſt nur der Sklav ſeines Willens.“ „Ah trefflich, herrlich ausgedrückt, mein Herr Maler,“ rief der Blinde, indem er einen mächtigen Accord auf dem Clavier anſchlug.„Es lebe deutſcher Sinn und deutſches Weſen! auf allen Saiten über⸗ ſchnappen iſt urdeutſche Natur— Götter Griechen⸗ lands! ich glaube der Gedanke könnte ſich ſogar reimen, wenn man ihn richtig ſcandirte. Singe, Louiſe, aber aus Mitleid mit einem blinden Mann, ſinge nichts von griechiſchen Göttern— wenn Du anders ein deutſches Lied weißt, in dem ſie nicht ſpuken.“— Dann leicht präludirend, ſagte er flüſternd:„Nicht wahr, das Duett aus dem unterbrochenen Opferfeſte, mir zu Liebe, mein ſüßes Maͤdchen,“ und Louiſens volle reine Stimme begann: Wenn mir Dein Auge ſtrahlet c. ꝛc. Wenige Tage darauf, an einem ſchwülen Juni⸗ morgen, glaubte Louiſe wieder das Beben der Luft zu ſpüren, das ſie ſeit der Schlacht von Eylau kannte. Der alte Gottfried vernahm es auch.„Gott nehme die Sterbenden in ſein himmliſches Reich,“ ſagte er mit trübem Blick,„und laß die armen Verwundeten in dieſer Hitze nicht zu ſchrecklich leiden. Du mein Heiland, wie thöricht ſind wir Menſchen doch einander ſo viel Elend und Herzeleid um nichts und wieder nichts zuzufügen.“ Es war die Schlacht bei Friedland, deren ver⸗ hängnißvollen Kanonendonner man gehört hatte. Zwei Tage nach derſelben kamen ruſſiſche Sol⸗ daten in großen Schaaren und kehrten über die Me⸗ mel in ihr Vaterland zurück. Die Franzoſen rückten abermals vor und ſchlu⸗ gen zwei Meilen von den Beſitzungen Wohlgemuths ein Lager auf, und wenige Tage ſpäter ſprengten Adjutanten in das Gehöft und beſtellten Quartier für den Kaiſer Alexander nebſt Gefolge. Eine eigenthümliche Aufregung bemächtigte ſich aller Gemüther, man flüſterte ſich zu, daß an dieſem entlegenen Punkt der König von Preußen und ſein mächtiger Nachbar eine Zuſammenkunft haben wür⸗ den, der auch Napoleon wahrſcheinlich beiwohnen würde. Eine Menge zum Feldetat der Fürſten ge⸗ höriger Perſonen, Feldjäger, Adjutanten, Generäle fanden ſich ein, und wurden in Kammern und Käm⸗ merchen bei den verſchiedenen Grenzbeamten und dem Gutsbeſitzer einquartirt, deren Wohnungen in Beſchlag genommen und von Dienern, die wie im Maͤrchen aus irgend einer Schachtel geſtiegen zu 1856. XIX. Erinner. e. Großmutter. I. 10 146 ſein ſchienen, zum Empfange hoher und höchſter Herr⸗ ſchaften eingerichtet wurden. Einzelne ſtaubbedeckte Equipagen kamen nun allſtündlich die Dorfwege hinauf und hielten vor den kleinen Häuſern, und die alten Nachbarn und Freunde Wohlgemuths, die mit ihren Familien auf Dachbö⸗ den, in Schaf⸗ und Hühnerſtällen, in Wagenremiſen und Scheunen hauſten, kamen zuſammen und nann⸗ ten kopfſchüttelnd die Namen der hohen Perſonen, die in ihren Kinder⸗ und Geſindeſtuben einquartirt waren.— Der Miniſter Freiherr von Stein wohnte in der kleinen Stube des Zollinſpectors, Herr von Hardenberg beim Ober⸗Salz⸗Inſpector in der Speiſe⸗ kammer und der Freiherr von Ladenberg in dem Hinterſtübchen des Controlleurs; zwölf Feldjäger, nette feine Leutchen, waren in die große Geſindeſtube des Zoll⸗ Einnehmers untergebracht, Schreiber, Die⸗ ner, Köche ſchliefen wo ſie eben Platz fanden, in Häuſern und Ställen, und die Pferde ſtanden in Scheunen und Schupfen und leiſer und lauter flü ſterte man ſich zu:„Der König kommt und die ſchöne Königin mit ihm.“ Für den ruſſiſchen Kaiſer war die hübſche Fluch: Zimmer in Wohlgemuths Hauſe aufs beſte herge⸗ richtet, Madame Wohlgemuth ſuchte eine Ehre darin, mü lich die fie er, Bli ſagt der Sol Lyd 4 dem jungen ſchönen Monarchen in ihrem bürgerlichen Hauſe alles ſo bequem als möglich zu machen, und als die glänzende Equipage heran brauſte, ſtand Herr Wohlgemuth, fein gekleidet, in ſchwarz ſeidenen Strüm⸗ pfen und ditto Beinkleidern, mit Schnallenſchuhen und tadelloſer Weſte, den Hut unter dem Arm vor ſeiner Hausthure. Madame Wohlgemuth, im ſandfarbigen Schleppkleide von ſchwerſter Levantine, ſtand neben ihrem Gatten und hinter den Eltern die beiden blůͤ⸗ henden Töchter. Es war ein junger, blonder, roſig ausſehender Mann der mächtige Alexander, ſein Lächeln war gut⸗ müthig und einnehmend; und mit einigen freund⸗ lichen Worten im vortrefflichſten Deutſch entſchul⸗ digte er ſich bei der Hausfrau wegen der Unruhe, die er ihr verurſache, bot ihr den Arm und führte fie die Treppe hinauf. Sein Begleiter, weit weniger einnehmend als er, mit aufgeworfener Naſe und etwas tückiſchem Blick betrachtete die beiden Mädchen aufmerkſam und ſagte kopfnickend zu dem Hausherrn:„Schöne Kin⸗ der das, ſchöne Kinder.“ Es war der Greoßfürſt Conſtantin, der zweite Sohn Kaiſer Pauls, er bot ſeinen Arm der jungen Lydia und folgte ſeinem kaiſerlichen Bruder, dem Hausherrn und den übrigen winkend, ebenfalls hin⸗ auf in die Zimmer des Kaiſers zu kommen.. „Wo iſt für Ihren König Quartier gemacht?“ fragte der Kaiſer ſehr eifrig,„iſt's weit von hier? kann man zu jeder Stunde ohne Unbequemlichkeit dahin gelangen?“ „Die Wohnung Sr. Majeſtät,“ entgegnete Wohlgemuth,„iſt kaum zwanzig Schritte von hier, bei ſchwerem Regen aber wird der Weg durch den Lehm⸗ boden der ungepflaſterten Straße ſehr unangenehm.“ „So laſſen Sie Bohlen legen, mein Herr, ſor⸗ gen Sie für eine unbehinderte Paſſage zwiſchen mir und Sr. Majeſtät. Sie werden mir das Vergnü⸗ gen machen, mit Ihrer Familie heute an meinem Tiſch zu eſſen.“ Von dem Zuſtande im Wohlgemuth'ſchen Hauſe und überhaupt im ganzen Oertchen kann niemand ſich eine Vorſtellung machen, der nicht ähnliche Zeiten und Vorfälle erlebt. Die Herzen aller Anweſenden waren voll Angſt und Sorge, und doch erſchien ihnen die Ankunft des Monarchen als ein großes Feſt, als ein Schauſpiel, dem ſie neugierig und geſpannt entgegen ſahen. Die junge Männerſchaar, Feldjäger, Secretaire u. ſ. w. unbeſchäftigt und doch im Dienſte, lag in einer Scheuer auf Strohbundeln und ſpielte Pharao auf dem ausgehobenen Scheunenthor. Die von Sorgen gequälten Staatsmänner ſaßen in der Kinderſtube des Salz⸗Controlleurs um einen alten Tiſch und beriethen ſich über die Zeit der ſchweren Noth, die über dem Vaterlande lag, ohne etwas heraus zu debattiren, das dieſelbe hätte lin⸗ dern können. Arbeiter waren beſchäftigt den Bohlenſteg zu legen und politiſirten dabei mit dem Pfeifenſtummel im Munde, und unterdeſſen ſaß der ſchöne junge Kaiſer bei Tafel zwiſchen Lydia und ihrer Mutter, Großfürſt Conſtantin, der faſt gar kein Deutſch ſprach, ſaß neben Louiſe, und Herr Wohlgemuth hatte ſeinen Platz zwiſchen zwei kaiſerlichen Adjutanten. Er war ſo freundlich, ſo liebenswürdig der ſchöne kaiſerliche Jüngling, er ſprach ſo hübſch und leutſe⸗ lig und gegen das Ende der Tafel ergriff er ſein Glas und trank, ſeine reizende Nachbarin anblickend, auf das Wohl ſeiner liebenswürdigen Wirthinnen. Als nach aufgehobener Tafel die Familie ſich in das Zimmerchen zurückzog, das ſie ſich reſervirt hatte, waren alle voll ſeines Lobes. Magiſter Fiſch und Vetter Wilhelm hatten fuͤr dieſe unruhige Zeit ihre Wohnung in einer kleinen 150 Kammer, deren eine Thür nach den kaiſerlichen Gemächern führte. Sie ſaßen noch bei einander und verzehrten ſchweigend den Abhub der Tafel, als ein Rütteln an dieſer Thür ihre Aufmerkſamkeit erregte. Er⸗ ſchrocken zog der Magiſter den Riegel zurück und herein trat Großfürſt Conſtantin, legte die ſchwere Hand auf des Magiſters Schulter und ſagte: „Du Soldat?“ Der Magiſter verbeugte ſich, was der kaiſerliche Prinz für eine Bejahung nahm. „Du Soldat, ich Soldat; Kameraden! wo Deine Flaſche?“ Ein Fläſchchen ehrlichen Kümmels und ein fuß⸗ loſes Glas ſtanden nach Landesſitte auf einem Eck⸗ tiſchchen. Der Großfürſt erblickte beides, ſchenkte ein, und reichte es dem erſchrockenen Magiſter:„Da trink Du, dann ich.“ Er ſelbſt bediente ſich dann, als Herr Fiſch ihm vorgetrunken, noch dreimal ſelbſt und ging mit dem ruhigſten Kopfnicken ſeines Weges. Kaiſer Alexander war während deſſen vor die Hausthür getreten und ſchaute den Dorfweg hinab, auf dem die Strahlen der Sommerſonne ſpielten. Sein ſchönes Geſicht war der Gegenſtand der Be⸗ trachtung Lydia's, die an einem Dachfenſtex ſtand rn en In er⸗ nd ere 15* und kein Auge von ihm verwendete. Muhme Elsbeth befand ſich in demſelben Raum und plättete ein feines Mouſſelin⸗Kleid für ihre ſchöne junge Herrin, das Louiſe am Saum mit lebendigen Roſen garnirte, während Madame Wohlgemuth einen Roſenkranz flocht und einen mächtigen Roſenſtrauß band. „Wenn Vetter Wilhelm nur nicht ſo eigenſinnig wäre, ich weiß, daß es ihm eine Kleinigkeit iſt, ſo ein Paar Verschen zu machen und Lydia würde ſie ja ſo leicht auswendig lernen. Es iſt eine ſchänd⸗ liche Ungefälligkeit von dem garſtigen blinden Men⸗ ſchen,I“ ſagte die Hausfrau.„Man möchte doch etwas thun, um unſerem ſo braven König jetzt in ſeinem Leid zu zeigen, daß man ihn ehrt und ſich ſeiner Ankunft freut.“ Louiſe ſchwieg, ſie fühlte nur zu gut, daß die Loyali⸗ tät ihrer Mutter in dieſem Augenblick nichts anderes war, als der Wunſch ihre ſchöne Tochter zu präſentiren, und ein eigenes Wehgefühl regte ſich in ihrer jungen Bruſt bei dem Gedanken, daß das ſchwere Leid des Landes, die troſtloſe Lage des Königs und ſeiner landflüchtigen Familie nicht mehr Theilnahme in der Seele ihrer Mutter und Schweſter erwecken konnten. „Sieh, Mutter, ſieh!“ rief Lydia eifrig,„wer iſt der Reiter, dem der Kaiſer ſo raſch entgegen eilt?“ 152 Alle traten an das kleine Dachfenſter, ſelbſt Muhme Elsbeth ſtellte den Plättſtahl auf einen Zie⸗ gelſtein und ſteckte ihr altes Geſicht zwiſchen die ju⸗ gendlichen ihrer Herrinnen. Ein Officier in preußiſcher Majors⸗Uniform, Herr v. M., Flügel⸗Adjutant des Königs, war es, der jetzt ſein Pferd parirend die militäriſchen Honneurs vor dem Kaiſer machte. „Mein Herr,“ ſagte Alexander und die Lau⸗ ſcherinnen oben verſtanden jedes Wort ſo gut, als ob er neben ihnen ſtünde,„ich wünſche zu er⸗ fahren, wann Ihr König hier eintrifft. Ich will es erfahren, ich muß es erfahren, denn ich will ihm entgegen eilen, fürchten Sie keine Indiscretion von meiner Seite ſelbſt für den Fall, daß es Ihnen ver⸗ boten waͤre, mir den Augenblick von Seiner Majeſtät Ankunft zu bezeichnen.“ „Majeſtät,“ entgegnete Herr von M.,„die An⸗ kunft meines Monarchen iſt kein Geheimniß, aber alle Vorbereitungen zu Sr. Majeſtät Empfang kämen zu ſpät, mein erhabener König wird in wenigen Minu⸗ ten hier ſein.“. „Ha,“ ſagte der Kaiſer ſichtlich überraſcht,„indeß danke ich Ihnen dennoch mein Herr, obgleich es mich ſchmerzt, nicht früher benachrichtigt worden zu ſein.“ faſt vor der gen an Gen mere Reit er Gru haft ſich ſonn Fried aus Kön jetzt nes Prof ſchw Er eilte ins Haus. Ein Stallmeiſter fuͤhrte faſt im nämlichen Moment ein prächtiges Pferd vor, dem bald noch einige nachfolgten; aber ehe noch der Kaiſer und ſein Gefolge ſich in die Sättel ſchwan⸗ gen, ſprengten mehrere Reiter die Dorfſtraße entlang, an ihrer Spitze ein ſtattlicher Mann in preußiſcher Generals⸗Uniform. Herr Wohlgemuth ſtürzte in das Dachkäm⸗ merchen in demſelben Moment, als die Züge der Reiter kennbar wurden. „Der König! Kinder, Kinder, unſer König!“ rief er athemlos und drängte ſich ans Fenſter in die Gruppe ſeiner Familie. Madame Wohlgemuth öffnete es mit krampf⸗ hafter Eil, wie durch einen Zauberſpruch hatten ſich die Bewohner des kleinen Grenzortes auf der ſonnigen Straße zuſammen gefunden, und während Friedrich Wilhelm III. vom Pferde ſtieg, tönte ihm aus hundert Kehlen ein donnerndes:„Es lebe der König!“ entgegen. Er wandte ſich um, die Familie im Fenſter ſah jetzt genau ſeine hohe Geſtalt, ſein königliches ſchö⸗ nes Geſicht mit der edlen Stirn und dem reinen Profil der Hohenzollern, dieſe gütigen Augen, welchen ſchwerer Kummer nichts von ihrem Glanz geraubt 154 hatte, wäͤhrend es ihm gelungen um den Mund eine ſchmerzliche Falte zu graben. Er grüßte mit einer Handbewegung und einem freundlichen Lächeln und trat dann an dem Arm ſeines Freundes und Bundesgenoſſen in Wohlge⸗ muths Haus. „O welch' ein ſchöner Mann iſt unſer König,“ ſagte Madame Wohlgemuth,„wahrhaftig der ſchönſte Mann ſeines Reiches, Kaiſer Alexander ſah neben ihm ganz gewöhnlich aus.“ „Das wüßte ich nicht,“ meinte Lydia,„des Kaiſers Geſicht iſt viel freundlicher. Der König ſieht ſtolz aus.“ Louiſe lehnte ihre Stirn noch an das Fenſter. Ihr junges Herz erbebte bis in ſeine tiefſten Tiefen von einem Gefühl, das ſie bis dahin in ihrer Bruſt nicht gekannt hatte. Ein tiefes ehrfurchtsvolles Mit⸗ leid mit dem Fürſten wogte glühend in ihr auf. Friedrich Wilhelm, der Herrſcher ihres Vaterlandes, erſchien ihr nicht wie ein gewöhnlicher Menſch, ſon⸗ dern wie der ſichtbar gewordene Geiſt ihrer Heimath, und ſie fühlte die Trauer des jungen Monarchen ungefähr mit derſelben Wehmuth, wie ſie einen Schlag auf ein Kruzifix gefühlt haben würde. Ihre Thränen floßen heftig und es dauerte lange, ehe ſie ſich zu k Geda als hatte nach! „war nig,“ Gefů Erdul zu ſe weiße ſo b dem die ih richte ihm vorbe als glückl ſich ſo weit faſſen konnte, um zu ihrer Arbeit zurück zu kehren. Vetter Wilhelm ſtörte ſie in ihren ſchmerzlichen Gedanken. Er trat zu ihr in das Dachkämmerchen, als Mutter, Vater und Schweſter es längſt verlaſſen hatten und ſie noch fort und fort ihrem Schmerze nachhing. „Du weinſt, Louiſe?“ fragte er ziemlich heftig, „warum weinſt Du, mein Mädchen?“ „O, ich weine um mein Land und meinen Kö⸗ nig,“ entgegnete ſie,„es muß ſchrecklich ſein mit Gefühlen im Herzen, wie wir anderen Menſchen, zur Erduldung ſolcher herben Demüthigungen verurtheilt zu ſein.“ „Höre,“ entgegnete der Blinde und legte ſeine weiße Hand ſchwer auf ihre Schulter,„der König, den Du ſo bemitleideſt, hat etwas, das dem Fürſten und dem Bettler das bitterſte Weh erleichtert: eine Gattin, die ihn liebt! Deutſchland und beſonders dieß thö⸗ richte Preußen hat die Schmach verdient, die auf ihm laſtet, ſchade für jeden Ruthenſtreich, der da vorbei fällt; aber Friedrich Wilhelm leidet nur als Koͤnig, als Menſch und Louiſens Gatte iſt er glücklich.“ Er drehte ſich um und ging hinaus. 156 Das Grenzdörfchen war ein welthiſtoriſcher Punkt geworden. Couriere flogen nach allen Himmelsgegen⸗ den. Ruſſiſche und preußiſche Staabsofficiere kamen und entfernten ſich unter dem Schutze des Waffen⸗ ſtillſtandes. Zwei Tage nach ihrem Gatten langte auch die ſchöne Königin Louiſe in Kydullen an. Ihre alte würdige Oberhofmeiſterin Gräfin Voß und ihre erſte Kammerfrau Madame Schwanfelder waren ihre ganze Begleitung. Der ritterliche Kaiſer räumte der ſchönen Fürſtin ſeinen Platz ein im Hauſe Wohlgemuths und quar⸗ tirte ſich ſelbſt in eine viel ſchlechtere Wohnung bei dem Steuer⸗Inſpector ein. Der kleine Ort wimmelte von Majeſtäten, Ho⸗ heiten und Excellenzen. Lydia befand ſich wie in einem goldenen Traum. Wo ſie ſich zeigte, ward ſie bewundert und nicht ſelten verglichen die anweſenden hohen Perſonen die zarte eben aufknoſpende Schönheit des jungen Land⸗ mädchens mit der glänzenden oollerbluͤhten Pracht der Königin Louiſe. Wohl war ſie ſchön die königliche Frau, die die Laſte ihres Kummers mit ſo milder Sanftmuth trug. Oft wenn Louiſe Wohlgemuth ihr nachſah, wie Baut zu il ein: dem mit e das Fürſt der g berge wehre ihre und a abged baut, treide von 1 und Baue räle Preuß wie ſie am Arm ihres Gatten durch die grünen Baumgänge ſchritt, ihn milde anlaͤchelnd, herzlich zu ihm ſprechend, fielen ihr Vetter Wilhelms Worte ein: ‚Der König beſitzt etwas, das dem Fürſten wie dem Bettler das Weh des Lebens erleichtert!“ und mit einer an Anbetung grenzenden Verehrung blickte das junge Mädchen auf das vom Geſchick geprüfte Fürſtenpaar. Kaum zwei Meilen von Kydullen lag die Téte der großen franzöſiſchen Armee. Von dem Memel⸗ berge aus konnte man im Sonnenſcheine die Ge⸗ wehre blitzen ſehen, wenn die Colonnen der Infanterie ihre Marſchübungen machten. Die Franzoſen hatten ein Luſtlager eingerichtet und aus umgehauenen Obſtbäumen, aus den Sparren abgedeckter Dächer der näheren Doͤrfer, Baraken ge⸗ baut, die mit dem abgemähten noch nicht reifen Ge⸗ treide gedeckt, aufgeputzt mit ausgehobenen Fenſtern von unzähligen Häuſern und eingerichtet mit Betten und Hausgeräthen der geplünderten Bürger und Bauern eine eigenthümliche Behaglichkeit boten. Napoleon, der dort mit mehreren ſeiner Gene⸗ räle weilte, fand für gut den beſtegten König von Preußen, ſeine ſchöne Gemahlin und den Kaiſer Alerx⸗ 158 ander, um deſſen Freundſchaft er ſich zur Zeit ſehr ernſtlich bewarb, dorthin einzuladen. Es war die furchtbarſte Demüthigung, die der ſtolze Sieger dem beſiegten Fürſten bereiten konnte, aber das Geſchick zwang den letzteren den Kelch des Leidens bis auf die bitterſte Hefe zu leeren. Die Königin Louiſe fuhr in Geſellſchaft der Gräfin Voß nach dem Platz des Lagers. Der König ritt ein braunes, Kaiſer Alexander ein ſchwarzes Pferd von arabiſcher Zucht, Staatsmänner, Generäle, Adjutanten folgten zu Wagen und zu Roß und die Bevölkerung des kleinen Grenzortes ſchloß ſich in allen Sorten von Fuhrwerken dem Zugeihrer Herrſcher an. Lydia, Madame Wohlgemuth und ihr Gatte fuhren auch nach dem Luſtlager. Louiſe aber hatte ſich entſchieden geweigert mitzukommen, und ſo nahm der Magiſter Fiſch den vierten Platz im Wagen ein, während Vetter Wilhelm an Louiſens Arm einen Spaziergang durch den Garten machte, den ſeit einigen Tagen die Familie beſcheiden gemieden, um den koniglichen Gäſten nicht im Wege zu ſein. „Warum biſt Du nicht mitgefahren, Louiſe?“ fragte der Blinde, als er am Arme des jungen Mäd⸗ chens durch die Buchengänge ſchritt,„wer wird mir jetzt die Vorgänge bei dieſer ſeltſamen Zuſammenkunft orden ſein der ihren könnt bitter! grauſe blick beim Siege zuſehe möglic und i können lebte, Mach 1 Anblic Hand „pah, noch Franzo Idee Freihe ehr der tte, des der nig zes ile, die Ulen an. atte atte hm ein, inen igen den e?“ Näd⸗ mir kunft 159 ordentlich beſchreiben? und intereſſant muß die Sache ſein für jeden Menſchen, der überhaupt Intereſſe an der Zeitgeſchichte nimmt.“ „Ich mag nicht, ich kann nicht,“ ſagte Louiſe, ihren Thränen freien Lauf laſſend,„eben ſo gut könnte ich zu einer Hinrichtung gehen. Ich kann den bittern verhaltenen Zorn unſeres edeln Königs, den grauſamen Schmerz der ſchönen Königin beim An⸗ blick der zerſtörten Dörfer, der vernichteten Ernte, beim Anblick der prächtigen Soldaten des ſtolzen Siegers mir wohl oorſtellen, ohne das Alles mit an⸗ zuſehen. Ich kann es auch nicht begreifen, wie es nur möglich iſt, daß preußiſche Landeskinder dahin laufen und ihre eigene Schmach mit Neugierde betrachten können. O Vetter Wilhelm, wer dieſe Zeiten er⸗ lebte, der kann wohl wie Sie Zweifel an Gottes Macht und Weisheit fühlen.“ „Biſt Du ſchon ſo weit, jetzt ſchon durch den Anblick des erſten blinden Ungefährs, das mit eiſerner Hand in die Weltgeſchichte greift?“ ſagte der Blinde, „pah, Kind, in dieſen Begebenheiten könnte man noch allenfalls den Finger Gottes erkennen. Dieſe Franzoſen lernten in ihrer Revolution für eine große Idee fechten, ſie wurden Krieger, indem ſie ihre Freiheit vertheidigten. Ihre Officiere, ihre Mar⸗ 160 ſchälle ſind Söhne des Volkes, die ſich durch ihre Thaten ihre Epaulettes und Feldherrnſtäbe eroberten. Unſere Officiere ſind eitle Junker, Herren von Itzſtein und Habelſchwerd, von X. und Tz., die da meinten der Officier ſtecke in der Uniform und der Ritter ſitze auf dem Roß, unſere Feldherren ſind meiſtens Greiſe. Hier wenigſtens hat die Vernunft über die Albernheit, die Begeiſterung über die Eitelkeit geſiegt.“ „Aber Vetter, kämpfen wir denn nicht für das Recht, für unſern König und den Heimathsherd, während die Franzoſen als Eroberer herkommen in unſer friedliches Land?“ „Das iſt der Lauf der Welt, frag die Geſchichte von uralters her. Große Eroberer müſſen kommen und wie Orkane das Alte zuſammenrütteln, damit es Neuem und meiſtens Beſſerem Platz mache. Aber halt, ich höre Pferdegetrappel, ſollte das Schauſpiel drüben ſchon vorüber ſein?“ Louiſe blickte nach der Landſtraße, todtenbleich, mit gefalteter Stirn ſaß der König, der nur in Begleitung eines Adjutanten zurückkehrte, auf ſeinem Pferde und ſprengte ohne um ſich zu blicken nach dem Hauſe, das er bewohnte. Erſt gegen Abend kehrte die Königin mit ihrem Gefolge und der ruſſiſche Kaiſer mit dem ſeinen, wie groß „gat Behe Jahr um quen die in ih als deckte ſein der men bequd mnem nach hrem inen, 161 wie auch das Publikum des Oertchens, von dem großartigen Militär⸗Schauſpiele zurück. „Es war ſchrecklich,“ ſagte Herr Wohlgemuth, „ganz ſchrecklich anzuſehen, wie das Wohlſein und Behagen ganzer Ortſchaften, wie die Ernte des Jahres, die Fruchtbäume des Landes geopfert ſind, um den fremden Eroberern eine improviſirte Be⸗ quemlichkeit zu verſchaffen. Mich dauerte am meiſten die Königin, die bleich und mit bebenden Lippen in ihrem Wagen ſaß.— Der König, Gott ſegne ihn! als er das erſte demolirte Dorf geſehen, die abge⸗ deckten Dächer, die abgemähten Felder, wendete er ſein Pferd und ritt zurück. Die arme edle Frau mußte bleiben und den Jammer und die Demüthi⸗ gung ganz durchmachen.“ In dieſem Augenblick trat auch Herr Treufeldt, der Maler, in das kleine Gemach. „'s iſt ſchmählich, gräßlich,'s iſt grauſam!“ ſagte er in wilder Haſt.„O dieſe Franzoſen, dieſe ver⸗ fluchten Franzoſen, ich wollte ſie hätten alle zuſam⸗ men einen Hals, damit ich ſie an einem Strick auf⸗ hängen könnte.“ Vetter Wilhelm lachte in ſeiner gewohnten hä⸗ miſchen Weiſe;„ach ja, ach ja,“ ſagte er,„das wäre bequem, mit einem Franzoſen würde unſer tapferes 1856. XIX. Erinner. e. Großmutter. I. 11 162 Heer im Verein mit Ihnen ſicherlich fertig ge⸗ worden ſein, ſo aber waren ihrer zu viele. Uebrigens gend iſt der König eben kein ſehr kluger Mann, daß er’ dame durch ſein Umkehren den übermüthigen Sieger noch perſönlich reizt.“— nicht Vierzehn Tage lang dauerte das Getriebe in noch Kydullen.— Unter dem Gefolge Kaiſer Alexanders denke befand ſich auch ein älterer Bekannter der Familie ſind m Wohlgemuth, der junge Fürſt Dolgoruki, der jetz gemut völlig geneſen einer der ſchönſten jungen Officiere Mäda unter den Ruſſen war. dann Die Damen pflegten ſich zu ſtreiten, ob er oder mir m der junge ſchleſiſche Graf Linar ſchöner und ſtattlichet rathen ſei, doch blieben die Stimmen gewöhnlich ziemlich gleich vertheilt.— helm,/ Lydia zählte beide zu ihren Eroberungen und Herr 2 mit einem glücklichen Lächeln meinte die Mutter, daß es nur an ihr läge, in einem oder dem andern ganz 3 der vornehmen Jünglinge einen Gatten zu finden. nern in „Glauben Sie das ſo ſicher, theuerſte Couſine?“ er iſt ſagte Vetter Wilhelm in ſeiner eigenthümlichen Ma⸗ das i nier,„nicht alle Liebhaber ſind Freier, das ſollten glaube Sie als Mutter zweier reizender Töchter wiſſen, und maltes ſowohl der ruſſiſche Prinz als der ſchleſiſche Graf ge⸗ in ihm hören ſehr vornehmen Familien an und—* 2 „Ich bin von ſo gutem altem Adel als nur ir⸗ gend welchen auf dem Erdboden giebt,“ ſagte Ma⸗ dame Wohlgemuth empfindlich. „Ohne Zweifel, theuerſte Couſine, trügt mich nicht alles, ſo war der Urahn der Familie Itzſtein noch einen Tag älter als Adam, aber das kann hier, denke ich, nicht in Betracht kommen; Ihre Töchter ſind nun einmal die bürgerlichen Demiſelles Wohl⸗ gemuth, und wäre ich Mutter zweier aufblühenden Mädchen, würde ich ſolchen prächtigen Cavalieren nur dann geſtatten meine Töchter zu pouſſiren, wenn ſie mir mit klaren dürren Worten geſagt, daß ſie hei⸗ rathen, ſo was man ſagt wirklich heirathen wollten!“ „Sie denken immer nur Schlimmes, Vetter Wil⸗ helm,“ entgegnete die gute Frau ſehr ärgerlich, und Herr Wohlgemuth ſagte beſchwichtigend: „Du lieber Himmel, die Mädchen ſind ja noch ganz und gar Kinder. Es geht den jungen Män⸗ nern in der Mehrzahl wie unſerem wackeren Treufeldt, er iſt entzückt von Lydia's ſchönem Kindergeſichtchen, das in der That etwas engelhaftes hat, aber ich glaube er iſt ſo wenig in ſie verliebt wie in ein ge⸗ maltes Bild,'s iſt eben nichts als der Maler, der ſich in ihm regt.“— „O da itrſt Du wohl,“ meinte Madame Wohl⸗ 11* 164 gemuth,„er hat zwar Lydia ſchon als ganz kleines Kind gekannt, aber ich denke, auch in dem regt ſich jetzt ganz etwas anderes als der Maler.“ „Ja das denke ich auch,“ ſagte Vetter Wilhelm höhniſch und ging aus dem Zimmer zu Magiſter Fiſch, der in ſeiner Stube ſaß und den Verſuch machte Crebillon's Sopha in ein recht elegantes Deutſch zu übertragen, zu ſeinem Erſtaunen aber fand, daß ſich das gar nicht machen wollte und daß die zwei⸗ deutigen Scherze des Franzoſen in unſerer ungeleckten Sprache geradezu unflätig erſchienen. Sechſtes Capitel. O Weib! ein furchtbar wüthend Schreckniß iſt Der Krieg, die Herde ſchlägt er, und den Hirten. Schiller. (Wilhelm Tell.) Es blieb nicht lange ruhig in dem entlegenen Grenzdoͤrſchen. Die Franzoſen rückten bis an die Memel vor und kein Haus in Kydullen war ohne Einquartirung. Bei Herrn Wohlgemuth lag ein General, zwei Adjutanten, ſechszehn Pferde, neun Officiere ver⸗ ſchiedenen Ranges und ſo und ſo viel Gemeine. gala höfli ihnen ihren Futte liche, vorko ſiſch lich n ſtande hältn unfre und d man Hauſe geneh drückt und Fami Roſſe nes ſch elm ſter ſuch iiſch daß wei⸗ ckten niß iſt dirten. ell.) genen in die ohne zwei ver⸗ ?. Die Franzoſen waren eben nicht ſchlimme Feinde, galant gegen die Damen, freundlich gegen die Kinder, höflich gegen Jedermann; es ließ ſich allenfalls mit ihnen leben, wenn man nur die Geldmittel beſaß, ihren Anforderungen an Speiſe und Getränk, an Futter für die Pferde ꝛc. ꝛc. zu genügen. Herr Wohlgemuth fügte ſich in das Unabänder⸗ liche, er gab und gab ohne Widerrede, gab als zu⸗ vorkommender Wirth, und da man im Hauſe franzö⸗ ſiſch ſprach, da die Hausfrau anmuthig und freund⸗ lich war und zwei blühende Töchter ihr zur Seite ſtanden, ſo herrſchte bald ein ganz freundliches Ver⸗ hältniß zwiſchen den ungebetenen Gäſten und den unfreiwilligen Wirthen. General Vattier war der Verehrer der Damen und die andern jüngern Officiere folgten ſeinem Beiſpiel. Lydia war vollſtändig in ihrem Elemente und man würde dieſe Zeit auch im Wohlgemuth'ſchen Hauſe wie in ſo manchem andern für eine ſehr an⸗ genehme gehalten haben, wenn nicht die Herzen be⸗ drückt geweſen wären durch das Unglück des Landes und der ſchweren Sorgen, die auf dem Haupte des Familienvaters laſteten. Seine Ernte war ruinirt, zerſtampft von den Roſſeshufen der Feinde, abgemäht zu Pferde⸗Futter ꝛc., 166 die großen Vorräthe an Spiritus und gebrannten Waſſern, die Erzeugniſſe einer bedeutenden Brennerei, waren ihm genommen worden, ſeine Getreide⸗Vor⸗ räthe hatte er ſchon vor der Schlacht von Friedland an die preußiſche Armee liefern müſſen und als Zah⸗ lung dafür Papiere erhalten, die vor der Hand kei⸗ nen Pfennig Werth hatten. Seine Pferde waren requirirt und fortgeführt worden, ſeine Ochſen verſpeiſten die Franzoſen als Bouillon und Boeuf à la Mode, ſeine Schweine als Schinken oder Cote⸗ letts. Die Kühe mußte er ſchlachten laſſen aus Mangel an Winterfutter und die Schafe wurden von Zeit zu Zeit zu zehn, zwölf bis zwanzig Stück von Fouragier⸗Abtheilungen fortgetrieben. Die Officiere ſchliefen in den beſten Gaſtbetten der Frau Wohlgemuth, und es begab ſich gewöhnlich, daß beim Ausrucken des einen oder des andern, auch ein und das andere Kiſſen oder Deckbett mit aus⸗ rückte. Genau betrachtet, beſaß man in jener Zeit kein bewegliches Eigenthum als eben die Kleider der Damen; denn auch Herrenwäſche und Kleidung ward bisweilen von durchziehenden Colonnen requirirt, und der Grund und Boden, das einzige was die höflichen Franzoſen nicht forttrugen, war vollſtändig entwerthet. 8o8oöoöoöoöoöoöoöoöoöoöo 167 en Seltſam genug war man aber um den Verluſt ei, des Eigenthums nicht allzu betrübt.— Es war eben or⸗ das allgemeine Loos, die Vergänglichkeit aller Güter nd dieſer Welt kennen zu lernen. ih⸗ Gab doch das jugendliche Königspaar den Un⸗ ei⸗ terthanen ein Beiſpiel würdiger Ruhe im Leid, und ren mit Entzücken, mit tiefer Rührung erzählte man ſich, ſen wie die ſchöne Königin den gebeugten Gatten durch euf ihre Liebe tröſte, durch ihren feſten echt weiblichen te⸗ Muth, der ſich im Dulden bewährt, ſtärke und durch aus ihre milde Frauenklugheit unterſtütze. Echte Liebe den iſt wie der echte Brillant nicht nur im Lichte des tück Tages das funkelndſte und ſtrahlendſte auf dieſer Welt, ſie beſitzt auch ein eigenes Licht, das in der tten Finſterniß leuchtet; und wie jedes himmliſche Gut lich, vollkommener iſt als das irdiſche, ſo hat die Liebe auch vor dem Brillant den Vorzug, daß ihr inneres Licht aus⸗ nicht bloß ſtrahlt, ſondern auch erwärmt. Frau Wohlgemuth und ihr Gatte, in den Tagen kein des Glückes bisweilen durch Aeußerlichkeiten zerſtreut, der mehr neben als mit einander lebend, waren jetzt ſo vard vollkommen ein Herz und eine Seele, als Gatten und dieß nur ſein können und ſollen.— Am Herzen ichen ſeiner Frau fand der von Sorgen ſchwer bedruͤckte Familienvater Kraft und Heiterkeit, und in den klei⸗ 168 nen Zimmern, auf welche die Familie ſich beſchränkt ſah, tönten eben ſo fröhliches Lachen, eben ſo muntere Geſpräche als ſonſt in den glänzenden Geſellſchafts⸗ räumen. Man ſprach vom Frieden. Preußen mußte ihn ja unter jeder Bedingung annehmen und die Vor⸗ bereitungen zu demſelben, die ſchon aufs ernſtlichſte in Kydullen betrieben worden waren, wurden jetzt in Tilſit fortgeſetzt. Aber noch war er nicht abgeſchloſſen, noch brach⸗ ten die Franzoſen nicht ſelten gefangene preußiſche und ruſſiſche Soldaten und ſperrten ſie in den alten verfallenen Thurm des Schlößchens, der durch die Unmaſſe von Ratten und Schlangen, die in der Ruine hauſten, gar kein behaglicher Aufenthalt war. Für die Familie war der Anblick dieſer armen Landsleute, die waffenlos, zerlumpt, oft verwundet und elend hin und her geſchleppt wurden, ſtets eine bedeutende Verſchärfung der eigenen Leiden und ſie thaten was in ihren Kräften ſtand zur Erleichterung der Unglücklichen. Mehr als einem hatte Herr Wohlgemuth auch ſchon über die Memel geholfen, wo er auf ruſſiſchem Boden eine augenblickliche Zuflucht fand. Die langen Tage, die nordiſch hellen Nächte, die der ſtets Freu ſich am heim erzäh kleine zerlut Waff bewa die Achtſamkeit der franzöſiſchen Wachtpoſten und der ganze Charakter der Gegend machten dieß aber ſtets ſehr unſicher und gefahrvoll, und Gattin und Freunde warnten den wackern Mann und ängſtigten ſich bei jedem ſolchem Unternehmen nicht wenig.— Es war daher für alle kein kleiner Schreck, als am Johannisabende Herr Wohlgemuth vom Felde heimkehrend in ſeinem Familienzimmer leiſe flüſternd erzählte, daß er im nahen Wäldchen einen armen kleinen Preußen gefunden, der faſt verhungert und ganz zerlumpt, mitten durch die Feinde ſchleichend, ſeine Waffen, Patrontaſche, kurz ſeine ganze Armirung ſich bewahrt hatte. „Es gelang mir, das Bürſchchen in den Keller des alten Schloſſes zu verſtecken,“ fügte er hinzu, ſich freudig die Hände reibend,„und nun iſt's an Euch, Mädchen, dem armen Knaben, denn mehr iſt er nicht, Nahrungsmittel, reine Waͤſche und einige Kleidungsſtücke dorthin zu ſchaffen. Wir müſſen ihn zwei Tage mindeſtens da verſteckt halten, den der Ober⸗Zoll⸗Inſpector erwartet in dieſen Tagen noch eine Einzahlung in ſeine Kaſſe und mit dem kleinen Soldaten will ich in der erſten finſteren Nacht dann gleich das Geld zur Ablieferung an den König nach 170 Rußland ſchaffen. Wie viel, liebe Mutter, haſt Du jetzt bereits in Verwahrung?“ Radame Wohlgemuth ſchloß zuerſt die Thur des Zimmers und drehte den Schluͤſſel ſo, daß er das Schlüſſelloch verdeckte, dann hob ſie ihr Ober⸗ kleid auf und zeigte in ihrem ſaubern Unterrock die wohl zugeknöpften Oeffnungen großer Taſchen, aus denen ſie ſorgfältig drei, Rollen mit Friedrichsd'or hervor zog. „Es ſind tauſend Thaler,“ ſagte ſte flüſternd; „der Salz Controlleur brachte ſie mir in drei Rollen und Muhme Elsbeth hat in ihrer Taſche noch ſechs⸗ hundert Thaler.“ „Gut,“ ſagte der Hausherr,„immer etwas, das wir unſerm Monarchen retten und vor den Klauen dieſer franzöſiſchen Adler bewahren; wer von Euch geht aber nach den Kellern des alten Schloſſes?“ „Ich,“ ſagte Lydia,„ich gehe von Herzen gern, ich fürchte nur, daß irgend einer der Offtetere mir ſeine Begleitung anbietet.“ „Laß mich gehen, Papa,“ flüſterte Louiſe,„Vetter Wilhelm begleitet mich, die Wachen wiſſen ſchon, daß wir beide zu allen Tageszeiten ſpazieren gehen, und zwei Perſonen können zudem mehr tragen als eine.“ Man fand Louiſens Vorſchlag annehmbar. Ma⸗ dan ken, und ſo t Klei flaſc ein Hut Die lag von dame Wohlgemuth ließ von Muhme Elsbeth Schin⸗ ken, Brod und Bier aus Keller und Kammer holen, und ehe noch die Sonne unterging, brachte Louiſe ſo viel von den Vorräthen als möglich in ihrer eignen Kleidung unter, während Verter Wilhelm zwei Bier⸗ flaſchen in die Taſchen ſeines Fracks verſenkte und ein tüchtiges Stüͤck Schinken in die Krone ſeines Hutes verpackte. So machten ſie ſich auf den Weg. Die Ruine des alten Schloſſes, mit dem noch ziemlich erhaltenen Thurm, lag auf dem höchſten Punkt eines Hügels am Ende des Gartens; ein Eingang zu den unge⸗ heuern Kellern befand ſich aber faſt in der Mitte deſſelben und es führte kein ſichtbarer Weg dahin, denn ſo lange Herr Wohlgemuth das Gut beſaß, hatte man von demſelben keinen Gebrauch gemacht. Die mächtigen Gewölbe waren von dem Garten aus zugaͤnglich, waren zum Theile als Niederlagen für die Vorräthe der Bräuerei und Brennerei, zum Theil auch als Milch⸗ und Käſe⸗Keller benutzt worden. Jetzt ſtanden auch dieſe faſt gänzlich leer, denn der Betrieb lag ſeit Monaten darnieder und die Vorräthe waren von den Franzoſen theils verzehrt, theils fortgeführt worden. Dieſe Räume nun waren den feindlichen Sol⸗ 172 daten, ſo wie überhaupt jedermann ſehr wohl bekannt. Die Gewölbe aber, welche man nur vom Berge aus betreten konnte, kannte Niemand, außer Herrn Wohl⸗ gemuth, der bei einem Spaziergange in dem niedern Buſchwerk, das hier den Rücken des Hügels deckte, hinter einigen bemoosten Steinen und überrankt von Brombeergeſträuch eine eiſerne Fallthüre gefunden, deren verroſtetes Schloß einer von den alten ihm überlieferten Schlüſſeln öffnete. Die Gewölbe auf dieſer Seite enthielten da⸗ mals noch einen kleinen Vorrath ſehr alten Ungar⸗ weines, der jetzt auch ſchon bei fröhlichen Feſten aus⸗ getrunken war. Der Boden, mit weißem feinem Sande bedeckt, war trocken und reinlich und die Ratten, die hier keine Nahrung fanden, hatten ſich nach der an⸗ dern Seite der Gewölbe, in Milch⸗ und Käſekammern urückgezogen. Vetter Wilhelm und Louiſe gingen, wie das oft zu geſchehen pflegte, ruhig ſprechend an den franzö⸗ ſiſchen Wachtpoſten vorüber. Sie kletterten nicht ohne Beſchwerde zwiſchen Dor⸗ nen und Geſtruͤpp den Berg hinan, ſetzten ſich plaudernd auf den Steinhaufen, der die Thür verbarg, und nach einem Weilchen ſchlich ſich Louiſe zu der alten Thür, befreite ſie von dem Geranke der Dornen und Brom⸗ beeren und ſteckte den Schlüſſel ins Schloß. Der Kraft und Geſchicklichkeit des Blinden war es dann ein Leichtes zu öffnen, und ſo ſtieg das junge Mäd⸗ chen die feuchten Stufen hinab, während Wilhelm hinter ihr zumachte und ſich von Neuem auf den Steinen niederließ, um mit geſpanntem Ohr auf jedes fremdartige Geräuſch zu horchen. Er ſaß noch nicht lange, als er Tritte vernahm und bald unterſchied ſein ſcharfes Ohr die Stimme des franzöſiſchen Generals, der lachend und plau⸗ dernd mit mehreren andern Officieren des Weges kam. Sie hatten den Blinden erblickt und fragten ihn ſcherzend wo er ſeine Dame gelaſſen.„Sie glaubte jenſeits der Erlen da hinter dem Hügel Reiter zu ſehen, die ihr Preußen zu ſein ſchienen,“ entgegnete er beſonnen,„ich erwarte hier jeden Augenblick ihre Rückkehr und würde Ihnen dankbar ſein, meine Herren, wenn Sie die Gewogenheit hätten mich ihr entgegen zu führen— ſie ging über die Straße dorthin nach dem Erlenbuſche.“ Der Blinde war wegen ſeines vortrefflichen Franzöſiſch mit den Officieren ſehr wohl bekannt, auch machte die Verehrung für den Kaiſer, die er bei jeder Gelegenheit ausſprach, ihm unter ihnen Freunde. So reichte denn der General ihm ſelbſt den 174 Arm und dahin gingen ſie von tauſend Dingen plau⸗ dernd. Obgleich der Blinde nicht wie wir ſehende Menſchen die Kunſt verſtand, ſeine Geſichtszüge zu verſtellen, obgleich ein geübter Beobachter ihm an⸗ geſehen hätte, daß er ſehr aufgeregt ſeiz an dem Ton ſeiner Stimme, an der Art ſeines Scherzes konnte es Niemand erkennen. Die Geſellſchaft war noch nicht tauſend Schritt von dem Platze entfernt, doch verborgen die Erlen ſie den Blicken, als Magiſter Fiſch von der Garten⸗ ſeite des Weges daher kam. Er hatte ein Buch in der Hand und wandelte leſend nach dem Steinhaufen, wo er bisweilen zu ſitzen liebte, war aber in ſeine Lectüre vertieft und promenirte in einer etwas andern als der ihm ge⸗ wohnten Linie, ſo daß er ſich plötzlich in dem Ran⸗ kengewirre gefangen ſah, das zwiſchen den Steinen und der alten Mauer ſeine Netze zog, und von einer Brombeer⸗Staude eine Ohrfeige empfing, die ihn ziemlich empfindlich aus ſeinem philoſophiſchen Gedankengang zurück führte in die Wirklichkeit. Er blickte um ſich, es kam ihm wie ein Traum vor, daß er ſich an einer ihm völlig unbe⸗ kannten, außerordentlich verſteckten Stelle und einer alten eifernen Thür gegenüber befand, in der ein verrr Ang⸗ und vor und welch und räube Schl. drehe der G ken und verroſteter Schlüſſel ſteckte und um deren ſchwere Angeln und Riegel alles möglich Geranke niederhing, und zwar in einem Zuſtande, der bewies, daß hier vor kurzem jemand geweſen ſein müſſe. Magiſter Fiſch ſteckte ſein Buch in die Taſche und ſah ſich total verwirrt in dem Winkel um, in welchen er gerathen. Es dunkelte bereits ſtark, die Stelle war öde und abgelegen, und die alte Thür hatte ein verdammt räubermäßiges, ſpukhaftes Anſehen. Er faßte an den Schlüſſel und verſuchte, ob en ſich leicht im Schloß drehen laſſe, es ging und überdieß glitt er ihm in die Hand, ein ſchweres, altmodiſches, roſtiges Stück Schloſſerarbeit. „Ob wohl der Eigenthümer ſelbſt die Exiſtenz dieſes abgelegenen Fleckes kennen mag?“ dachte der gelehrte Mann, während er ſich aus den Ran⸗ ken heraus arbeitete.„Ich will nach Hauſe eilen und meine Entdeckung ſogleich Herrn Wohlgemuth mittheilen, und dann will ich einige Leute, Stan⸗ gen, Fackeln und alles Nöthige mitnehmen und wir wollen ſehen, was ſich hinter dieſer Thür befindet, in ſolchem alten Gemäuer entdeckt man nicht ſelten alterthümliche Geräthe, Götzenbilder, Waffen und dergleichen. Die Sache iſt intereſſant, ohne Zweifel, 176 aber der Fleck hier iſt höchſt unheimlich und allein gab hier zu ſtecken iſt gar nichts angenehmes.“ aufs Er wand ſich mit möglichſter Gewandheit aus den dem Strauchwerk hervor und machte ſich mit aller vom Eil auf den Weg nach dem Wohnhauſe, um ſeine ſo b⸗ außerordentlich wichtige Entdeckung an den Mann Rück zu bringen. zuckte Anders war es indeß in den Sternen beſchloſſen, Donꝛ die eben allmählig am tiefblauen Sommerhimmel aufleuchteten. feucht! Magiſter Fiſch war noch nicht zwanzig Schritte auf der Landſtraße, als er Pferdegetrappel hörte der 2 und ſich plötzlich einer kleinen Abtheilung Chevaurx⸗ ſie 7 legers gegenuͤber ſah, deren Anführer, ein ſchmucker mitge junger Lieutenant ihn in ganz gutem Deutſch befragte, wohinaus die Straße nach Schmalsninken läge. tigen Magiſter Fiſch bezeichnere den Weg mit großer Sand Genauigkeit.„Rechts, links, grad aus, an dem Sumpf Mäde vorbei, durch den kleinen Erlenwald ꝛc. 2c. „Entſchuldigen Sie, mein Herr,“ entgegnete auf der höfliche Franzoſe.„Es iſt Nacht und ein Ge⸗ die witter im Anzuge. Die Sümpfe und Moräſte dieſer ling, Gegend bilden höchſt unzuverläſſige Wege für Caval⸗ tiefſte lerie, ich erſuche Sie uns in Perſon zu begleiten.“ leiſen Dagegen war kein Proteſtiren. Der junge Officier 1856 177 gab einem Reiter den Befehl, den Magiſter zu ſich aufs Pferd zu heben und fort ging's dann der rücken⸗ den Abendröthe entgegen, und wie im Märchen vom Aſchenbrödel ‚vor mir Licht, hinter mir düſter,’ ſo ballten ſich auch hier wilde Wolken hinter dem Rücken des gezwungenen Reiters, die Blitze durch⸗ zuckten fahl den Himmel und von ferne begann der Donner zu grollen. Louiſe war unterdeſſen mit leichtem Schritt die feuchten mooſigen Kellerſtufen hinab geſtiegen. Sobald Vetter Wilhelm hinter ihr leiſe, damit der Wind ſie nicht zuwerfe, die Thüre ſchloß, ſchlug ſie Feuer und zündete eine Wachskerze an, die ſie mitgebracht. Das bleiche Licht derſelben erleuchtete die mäch⸗ tigen Gewölbe⸗Quadern, die ſtarken Pfeiler und den Sandboden des Kellers und zeigte dem jungen Mädchen den Gaſt, den ihr Vater hier verborgen. Sie ſah ihn, doch er ſah ſie nicht. Hingeſtreckr auf den harten kalten Boden, den Lockenkopf auf die Patrontaſche geſtützt, lag der knabenhafte Jüng⸗ ling, von dem Herr Wohlgemuth geſprochen, im tiefften Schlafe der Ermüdung und hörte nicht den leiſen Schritt des Mädchens. Er war bleich wie eine Leiche und die dichten 1856. XIX. Erinner. e. Großmutter. I. 12 178 ſchwarzen verwirrten Locken, die ſein wachsweißes Geſichtchen umkräuſelten, ließen ihn noch bleicher freur erſcheinen. des Um den halb geöffneten Mund lag Trotz und kens Muth, und die knabenhafte Hand hielt auch im dieſe Schlafe noch den Griff des entblößten Degens feſt. eben Der junge Menſch trug die Uniform der preu⸗ ßiſchen Infanterie, aber die Montirungsſtücke waren, ſich wahrſcheinlich in Folge langer Strapatzen, ſehr abge⸗ ſich 1 tragen und ſogar mehrfach zerriſſen; eine Haarſchnur ſchaute aus der feſt zugeknöpften Uniform hervor, empo und der äußere Ring eines Medaillons, wie man moiſe ſie zur Zeit trug, Haarlocken und Miniatur⸗Portraits geliebter Perſonen enthaltend. ein 1 Die Sohlen der Stiefel waren zerriſſen, die ſich g Hände des armen Jungen geſchunden, und man beim merkte an ſeinem feſten Schlaf, daß Ermüdung getu und Entkräftung bei ihm das äußerſte gethan. 4 Leiſe leerte Louiſe ihre Taſchen und ſetzte Speiſe und d und Trank ſo wie das brennende Licht auf den Verh Boden. Dann aber nahm ſie ihr Umſchlagetuch ſtalten von den Schultern, legte es mehrfach zu einem ſein ſ Kiſſen zuſammen und ſchob es unter den Kopf des Schläfers, der ſelbſt dadurch nicht geſtört wurde,„ich ſondern ruhig fortſchlummerte. thut — es her nd im eſt. eu⸗ ten, ge⸗ nur vor, nan aits die man ung peiſe den etuch inem des urde, ———“ 179 Etwas anderes aber als die Bemühungen des freundlichen Mädchens mochte ihn wecken. Der Duft des guten Brodes nämlich und des ſaftigen Schin⸗ kens; denn der junge Flüchtling war, als er ſich in dieſem alten Kellergewölbe hinlegte, zum mindeſten eben ſo hungrig als müde. Er öffnete die Augen, blickte ſchlaftrunken um ſich und ſah in das freundliche Geſicht Louiſens, das ſich mitleidig und liebevoll über ihn beugte. Im Nu war er völlig ermuntert, ſprang eilig empor und entſchuldigte ſich bei der ‚werthen De⸗ moiſelle“ mit vieler Artigkeit wegen ſeines Schlafens. In beſſern Zeiten hätten dieſe beiden Kinder ein prächtig Paar Spielkameraden abgegeben und ſich gewiß wacker mit einander auf Wieſe und Feld, beim Ballſchlagen, Haſchemännchen und Reifenſpiel getummelt. Jetzt ſtanden der ſiebenzehnjährige Fähnrich und die dreizehnjährige Louiſe einander in ſo ernſten Verhältniſſen gegenüber, daß ihre jugendlichen Ge⸗ ſtalten und kindlichen Geſichtchen eine Ironie zu ſein ſchienen. „Mein Vater ſchickt mich,“ ſagte die ſanfte Louiſe, „ich habe Ihnen Eſſen gebracht und gutes Bier, es thut mir nur ſo bitter leid, daß es ganz unmöglich 12* 180 iſt, Ihnen ein Paar Bettſtücke her zu ſchaffen, aber dieſe Franzoſen paſſen ſo abſcheulich auf.“ „Ja! ja, das thun ſie,“ entgegnete der Fähn⸗ rich, indem er ſich Brod ſchnitt, während Louiſe den Schinken und die Wurſt zertheilte,„ich weiß aus Erfahrung, daß ſie das thun! Aber, meine beſte Demoiſelle, Betten ſind für mich ganz überflüſſig, ſeit vierzehn Tagen, nach der Schlacht von Eylau, bin ich jetzt in keinem Bett geweſen, und— was thut's!“ Er ſah ſo blaß aus, während er das ſagte, daß Louiſe der Meinung war, ein Bett ſei für ihn wohl das allernothwendigſte; wie er aber aß, da erſchien er ihr ſo herzlich ausgehungert, daß ſie ſich zu der Anſicht bekehrte, Eſſen und Trinken ſeien ihm denn doch jedenfalls noch nöthiger geweſen. „Sie ſind die Tochter des vortrefflichen Herrn, der mich hier untergebracht hat, ich ſehe das an Ihrem ſchoͤnen guten Geſicht. Du lieber Himmel, was giebt's doch für prächtige Menſchen in der Welt. Gott, Gott, wenn meine Mama wüßte, daß ich hier ſo gut und ſicher im Keller ſitze und daß man mich pflegt und füttert, mich armen ausgehungerten Kerl, was würde die weinen, ei, und für Sie Alle be⸗ ten!— und das wird ſie auch ſpäter noch thun, wenn ich mich nach Rußland zu meinem Vetter durch geben „meit weil zum unter feucht eine die ſo ſie g Vater Treuf lieb dieſen haben ja un ſchreck er ü Napo viel 2 thun, Vetter durchſchleichen und ihr ſpäter Nachricht von mir geben kann.“ „Sie haben noch eine Mutter?“ fragte Louiſe, „mein Gott, wie mag ſie ſich Ihretwegen ängſtigen!“ Der junge Mann nickte bloß zur Bejahung, weil er den Mund im Moment beſſer gebrauchte als zum Sprechen. Sobald er aber den mächtigen Biſſen glücklich untergeſchluckt und ſeine Kehle mit etwas Bier be⸗ feuchtet hatte, ſagte er ſehr eifrig:„Ja, ja ich habe eine Mutter, lieber Gott, und was für Eine! Ja, die ſollten Sie kennen, beſte Demoiſelle, Sie würden ſie gleich lieb haben. Sie iſt eine Witwe, mein Vater war Major in der Artillerie und hieß von Treufeldt, ich bin ihr einziges Kind— ach und wie lieb hat ſie mich, wie wird ſie ſich meinetwegen in dieſen langen Wochen und Monaten abgeängſtigt haben, denn ihr Nachricht von mir zu geben war mir ja unmöglich.“ „Ach Du lieber Gott,“ entgegnete Louiſe,„wie ſchrecklich iſt doch der Krieg, wie viel Elend bringt er über die Welt und wie wird der ſchlimme Napoleon es einſt vor Gott verantworten, daß er ſo viel Menſchenblut hat fließen laſſen!“ „Freilich, freilich,“ meinte der junge Fähnrich 182 „der Krieg iſt ſchrecklich, beſonders ſolcher wie dieſer. Wenn man auf Schulen hört von den Kriegen der alten Zeit, oder wenn mein ſeliger Vater, der den ſiebenjährigen Krieg mitgemacht, uns erzählte von der Schlacht bei Roßbach und andern Siegen des großen Königs, da kam Einem der Krieg wie etwas Großes und Schönes vor. Aber ſo ein Krieg! bin ich doch ſeit Monaten nun gejagt und gehetzt wie ein armer Haſe. „s iſt gräulich nur daran zu denken. Ich will mich aber nicht fangen laſſen, durchaus nicht! viel lieber ſollen ſie mich todtſchießen, viel lieber will ich am Wege verhungern. Denn ſie ſchießen nicht auf mich, dieſe Franzoſen, weil ich ein Einzelner und ſo klein bin.“ „Wie ſind Sie denn hierher gerathen, Herr von Treufeldt?“ fragte Louiſe mit herzlichſter Theil⸗ nahme. „Ja ſehen Sie, liebe Demoiſelle, das will ich Ihnen erzählen. Nach der Schlacht von ECylau im Winter war ein Theil meines Bataillons ver⸗ ſprengt. Unſer Major von Pfuhl, ein ſehr braver Soldat, ſammelte uns bei einem kleinen Dörfchen, — ich weiß nicht mal wie es heißt— und ſo mar⸗ ſchirten wir in guter Ordnung auf abgelegenen Land⸗ komn wack ſagt Kaff Ich konn aber ſpätq ſchne aus. der den von des bas bin wie will viel ich auf d ſo Herr heil⸗ ich ylau ver⸗ aver chen, mar⸗ and⸗ wegen und wollten unſer Regiment aufſuchen. Ja! wo war das geblieben? wir fragten hier, wir frag⸗ ten dort, Franzoſen waren überall, einzelne arme Soldaten von unſern und andern Regimentern fan⸗ den wir auch, die ſchloßen ſich an uns an. Unſer braver Major hielt gute Mannszucht, unſre Offi⸗ ciere, die Paar, die bei uns waren, unterſtützten ihn. So kamen wir von Dorf zu Dorf und fanden uns endlich in der Nähe des Städtchens Bartenſtein.— Herr Gott, da waren noch keine Franzoſen, ſo durf⸗ ten wir etwas ruhen. Die Bürger und Bauern nahmen uns mit tauſend Freuden ins Quartier, pflegten und fütterten uns. Es ging uns drei Tage recht gut. Da kommt ein Bürger und bringt die Nachricht, daß ein Regiment Franzoſen anmarſchirt kommt und der Major läßt Appell ſchlagen. Meine wackere Wirthin, das war nun eine zu gute Frau, ſagt: Junker, ich backe Ihnen noch Flinzen zum Kaffee und gebe Ihnen auch noch was zu eſſen mit. Ich aß alſo die Flinzen und trank Kaffee, man konnte nicht wiſſen, wann's wieder ſo was Gutes gäbe; aber ich ließ mir's allzu wohl ſein, denn ich ver⸗ ſpätete mich etwas und lief zum Sammelplatz ſo ſchnell ich konnte, und wir rückten in guter Ordnung aus.— Wie wir in den Wald kommen, denken Sie, 184 greife ich in meine Taſche und ſehe, daß ich zwei Dinge vergeſſen habe. Meinen Geldbeutel, es wa⸗ ren zwar nur noch drei Thaler drin, aber das war auch alles, was ich hatte, und dann meiner guten Mama Portrait, ich hab's auf meinem Bett liegen laſſen, als ich mir ſo raſch das Collet zuknöpfte. Das mußte ich wieder haben, ich mußte! der Mutter Bild konnte ich dieſen Franzoſen nicht laſſen, und mein Bißchen Geld war mir auch ſehr nöthig. „Ich trete alſo gleich vor und bitte den Major um Erlaubniß zurück gehen zu dürfen, und wie ich ihm ſage, daß ich der Mutter Bild holen müſſe, ſagt er: Gehn Sie mit Gott, Treufeldt, und holen Sie Sich Ihr Amulet, aber ſehen Sie Sich vor, die Fran⸗ zoſen ſind uns dicht auf den Ferſen. „Ich lief was ich konnte, ich komme auch glück⸗ lich zu meiner guten Wirthin, die eine rechte Freude hatte, mich wieder zu ſehen. Sie hatte meine Sachen ſchon gefunden, band mir die Haarſchnur ſelbſt um den Hals und befeſtigte ſie hier an meinem Collet, ſteckte mir noch alle Taſchen voll Bratäpfel und meine Börſe zu Brieftaſche, Federmeſſer, Schnupftuch und Feuerzeug in die große Vordertaſche meines Mantels.'s war bitter kalt und ein rauher Wind, trotz dem aber zog ich den Mantel nicht an, ich wollt nur küßte fort Städ men Wint heuer der g mir ſe einen rief n gar n ein g drei Wege auf hohe Waſſe Wald heit u ſich n Seite feſt e mich wollte recht laufen können, ſo machte ich ihn mir nur mit einem einzigen Knopf am Hals zu und küßte meine alte liebe Wirthin vom Herzen und— fort geht's was die Füße tragen. Wie ich hinter das Städtchen komme, vielleicht tauſend Schritt, da kom⸗ men die Franzoſen, ihre Gewehre blitzten im kalten Winterſonnenſchein, wie die Schuppen einer unge⸗ heueren Schlange. Ich laufe was ich kann, aber ach der große Weg, der nach dem Walde führte, war mir ſchon abgeſchnitten, ſo biege ich denn ſeitwärts in einen Feldweg, aber man hatte mich geſehen und rief mir zu: aréte! aréte! das war aber ganz und gar nicht meine Abſicht, im Gegentheil, ich lief wie ein gejagtes Wild deſto ſchneller, ich merkte, daß drei bis vier hinter mir her waren und mir die Wege abzuſchneiden ſuchten, denn wir befanden uns auf einem häßlichen Terrain; breite Gruben und hohe Hecken durchzogen Wieſen, die faſt ganz unter Waſſer ſtanden, rechts ab lag die Stadt, links der Wald, den ich erreichen mußte, wenn ich meine Frei⸗ heit retten wollte. Ich fühlte, daß meine Verfolger ſich mir mehr und mehr näherten, und machte mein Seitengewehr in der Scheide locker, denn ich war feſt entſchloſſen nicht um Pardon zu bitten, ſondern mich wie ein Wolf ſo lange zu wehren, bis ſie mich 186 niedergehauen. Anfangs riefen ſie mir franzöſiſch zu, dann in ihrem verrückten Deutſch: Steh! ſteh! kleiner Kuckuck, ſie nannten uns Füſeliere nämlich Kuckuck, wegen des Adlers an unſeren Czakos, ſteh! brav Kerl, Pardon! ich lief aber fort und fort und fühlte Einen dicht hinter mir. Sehen Sie, beſte Demoiſelle, ſolche Franzoſen ſind immer etwas ritter⸗ lich, ſie hätten mich zehnmal niederſchießen können wie einen tollen Hund, denn obgleich ich lief, war ich ihnen gerade wie eine Scheibe in der weiten flachen Landſchaft; aber keiner ſchoß und da ich dem Walde näher und näher kam, wo ich die Meinen erwarten konnte, ſo hatte ich Kraft und Luft genug. Alſo wie geſagt, ich lief und lief bis Einer mir dicht auf den Hacken war und mich beim Mantel packte. Es ging ums Leben, das Bild meiner Mutter hatte ich im Collet, alſo ich mache im Laufe den Knopf meines Mantels auf und ſpringe mit einem mächti⸗ gen Satz über die Hecke vor mir, der Mantel blieb in des Franzoſen Händen und ich wie blind und toll lief immer vorwärts.— Sie ſchoßen nicht, ſie lachten aber laut und ſchrieen: Brav! Brav! Ka⸗ merad, klein Kuckuck, brav Kerl! und ſo kam ich in den Wald, ohne Mantel zwar, ohne Geld, ohne Brieftaſche, Federmeſſer und Bratäpfel, aber in Frei⸗ heit Bruf tur⸗L Loui blickt ſte ſchien Treu treuh nicht die von Treu ihr, 187 iſch heit und hier meines Mütterchens Bild auf meiner eh! Bruſt.“ lich Er hatte bei dieſen letzten Worten das Minia⸗ teeh! tur⸗Portrait hervor gezogen und zeigte ſeinen Schatz und Louiſen, die theilnehmend in ein ſanftes edles Geſicht eſte blickte, das bleich und traurig aber unſäͤglich lieblich ter⸗ ſie mit großen dunkeln Augen freundlich anzuſehen nen ſchien. ich„Und Sie fanden Ihre Kameraden, Herr von chen Treufeldt?“ fragte Louiſe nach einer Pauſe. alde Er ſchüttelte den Kopf und ſeine ſchwarzen rten treuherzigen Augen füllten ſich mit Thränen, die Alſo langſam über das blaſſe Geſicht herab rieſelten: auf„Ich fand ſie nicht mehr, aber ich hörte in Es nicht großer Entfernung heftiges Gewehrfeuer und Hatte am andern Tage— ich hatte die Nacht im Walde nopf unter einer alten Tanne campirt— kam ich an chti⸗ die Landſtraße, da lagen fünf bis ſechs Leichen blieb von unſern ehrlichen Soldaten, da lag auch der Pre⸗ und mier⸗Lieutenant von Mannteufel, er lebte noch, ob⸗ t, ſie gleich er aus vielen Wunden blutete, und als er Ka⸗ mich erkannte, ſagte er: Grüßen Sie meine Braut, n ich Treufeldt, wenn Sie davon kommen, und ſagen Sie ohne ihr, daß ich ſie bis zum Tode geliebt und daß ich Frei⸗— mehr kam nicht über ſeine blaſſen Lippen, ich gab 188 ihm noch ein Bißchen Waſſer aus dem nahen Graben zu trinken und legte ſeinen armen Kopf höher, und ſo ſtarb er.— Ich aber bin von da ab Kreuz und Quer durchs Land gezogen, der ruſſiſchen Grenze mich mehr und mehr nähernd und— da bin ich nun zwiſchen mir und der Freiheit liegt nur noch der Strom und Ihr würdiger Vater hat verſprochen mich ſo bald als möglich hinüber zu bringen.“ „Behalten Sie mein Tuch hier, Herr von Treu⸗ feldt,“ ſagte Louiſe, da er es von ſeiner Patrontaſche nehmend ihr überreichen wollte,„es iſt groß und weich, wickeln Sie Sich hinein und verſuchen Sie noch zu ſchlafen; ich werde jetzt gehen, mein blinder Vetter wird ſehr auf mich warten, wir haben, denke ich, allzulange geplaudert.“ „Aber ehe Sie gehen, ſagen Sie mir erſt, wie Sie heißen, beſte Demoiſelle, damit ich meiner Mutter einſt, wenn beſſere Zeiten kommen, auch von Ihnen erzählen und Sie aufſuchen kann, wenn ich einmal was Recht's geworden bin; denn das hab' ich mir feſt vorgenommen, bleib ich am Leben, ſo komm ich künf⸗ tig einmal und danke all denen, die mir jetzt ſo viel Gutes gethan.“ „Das Licht werde ich Ihnen laſſen, Herr von Treufeldt,“ ſagte Louiſe, indem ſie ſich zum Gehen anſe und hier Biße „Ih mein Glie Gott wert zum die l gege Arm ſein leide zog beide ihr es von bei, in d —.yy 189 en anſchickte,„ich heiße uͤbrigens Louiſe Wohlgemuth id und mein lieber Vater beſitzt das Gut Kydullen nd hier.“ ich„Ach! ach! da ſind wir wahrhaftig auch ein en Bißchen verwandt!“ rief der Fähnrich ſeelenvergnügt. nd„Ihre Mama iſt eine geborne von Itzſtein und die d meine iſt das auch, ſie ſind Couſinen im zweiten Gliede und hatten ſich als Mädchen ſehr lieb. Herr eu⸗ Gott, was das ſchön iſt! Grüßen Sie mir Ihren ſche werthen Papa, und nicht wahr, Sie geben mir jetzt und zum Abſchiede Ihr Händchen?“ Sie Louiſe reichte ihm die Hand und ſo ſtanden der die beiden Kinder einen Augenblick einander lächelnd enke gegenüber, bis plötzlich der Jüngling ſeine beiden Arme um den Nacken des Mädchens ſchlang, und wie ſein bleiches Geſicht auf ihre Schulter lehnte. tter Louiſe ſtreichelte, einem unwiderſtehlichen Mit⸗ nen leiden nachgebend, zärtlich ſeine dunkeln Locken. Er mal zog ſie dieß fühlend feſter und feſter an ſich und— feſt beide wechſelten verwirrt und befangen die erſten Küſſe inf⸗ ihres jungen Lebens. t ſo Es ſchien ihnen das ganz natürlich, ganz ſich von ſelbſt verſtehend, ſie fanden nichts Unrechtes da⸗ von bei, und blickten ſich noch zärtlich und unſchuldig ehen in die treuherzigen Augen. 190 Endlich aber beſann ſich Louiſe von Neuem auf die Nothwendigkeit des Scheidens. „Nun Adieu, nochmals Adieu, Herr von Treu⸗ feldt,“ ſagte ſie ihre Hände aus den ſeinen ziehend, „ich muß fort, ich muß jetzt wirklich und wahrhaftig fort, es kommt mir ſchon recht ſeltſam vor, daß mein Vetter Wilhelm noch nicht ungeduldig geworden iſt.“ „Denken Sie an mich, herzliebe Couſine!“ ſagte der Jüngling,„beten Sie für den Fritz; ich habe keine Schweſter, aber mir iſt zu Muthe, als ob ich Sie noch viel lieber hätte, als ich eine Schweſter haben könnte.“ Sie ging von ihm begleitet die Treppe hin⸗ auf und verſuchte die Thüre aufzuſchieben, wobei er ſie aus allen Kräften unterſtützte. Magiſter Fiſch aber hatte das zu einer Unmög⸗ lichkeit gemacht, ſie war feſt verſchloſſen, der Schlüͤſ⸗ ſel abgezogen, ſie konnte durch das Schlüſſelloch einen, wenn auch beſchränkten Blick hinaus in die Som⸗ mernacht thun. Unter andern Verhältniſſen würde Louiſe höchſt wahrſcheinlich ſich hier in dem düſtern abgelegenen Gewölbe recht ſehr gefürchtet haben, jetzt war das ganz und gar nicht der Fall, ſie war ja nicht allein, und in d ganz Vett Sie, umſel den Ihren finden wir t Licht, mir b wäre init Denke ein bier i ſung Wort 6 wie recht in der Gefellſchaft ihres neuen Vetters war es ihr ganz behaglich und heiter zu Muthe. „Nun da muß ich ſchon noch bei Ihnen bleiben, Vetterchen,“ ſagte ſie ganz vergnügt,„und wiſſen Sie, wir wollen uns einmal in dem alten Gewölbe umſehen, ob wir nicht einen andern Ausgang nach den Kellern des Schloſſes oder irgend etwas zu Ihrem Nutzen oder Ihrer Bequemlichkeit Dienendes finden können.“ „Ja, da haben Sie ganz Recht, das wollen wir thun,“ entgegnete der Fähnrich,„wir haben ja Licht, es iſt gar zu hübſch, daß Sie nun noch bei mir bleiben.“ „Aber Sie ſind müde, armes Vetterchen, Ihnen wäre der Schlaf nothwendiger als alles andere.“ „Ach behüte, ich könnte jetzt, da ich ſatt bin, mit Ihnen Koſak und Gott weiß was tanzen. Denken Sie, Louiſe, wir ſind ein Ritter und ein Fräu⸗ ein und ein böſer Zauberer habe uns zuſammen bier in den Berg eingeſchloſſen. Es kann uns Erlö⸗ ſung nur kommen, wenn eines von uns das rechte Wort ausſpricht. Wiſſen Sie es?“ Sie ſchüttelte lachend den Kopf.„So wenig wie Sie, Vetter, aber vielleicht finden wir, wenn wir recht ſuchen, eine goldene Thür, und wenn wir da 192 anklopfen, ruft eine ſchöne Stimme: Herein! und Ecke wir treten in ein Gemach ganz von Gold und Wein Edelſteinen ſtrahlend, und da liegt auf einem Bette von Roſen die ſchöne Prinzeſſin, die Sie erlöſen alter ſollen, und ſchläft, bis Sie ihr einen Kuß geben und und—“ „Ach dummes Zeug, die ſchönſte Prinzeſſin in Jüng der Welt das ſind Sie, Louiſe, Sie ſind bei mir wußte und— ſehen Sie Sich nur um, der Feenpalaſt iſt Stell. auch da, für mich wenigſtens, ich möchte mein gan⸗ zes Leben hier zubringen, wenn ich immer mit Ihnen durch ſein könnte, ich bin Ihnen ſo gut, ſo von ganzem patzen Herzen gut, ich wundere mich, daß ich geſtern und er kon vorgeſtern und alle die Zeit, wo ich Sie nicht kannte, Stim gelebt habe.“ durch Sie hatten bei dieſem Geplauder ſorglich die Wände und Pfeiler betrachtet, waren mit dem Licht Tuch in der Hand in das zweite Gewölbe getreten und ſchütt fanden hier etwas, das ihnen jedenfalls von Nutzen 8 ſein mußte: einen großen Haufen trockenen Mooſes Vetter nämlich, unter dem ſich auch viel blühendes Haide⸗ kraut befand, das einen angenehmen erquickenden meinte Waldduft aushauchte. Der alte Gottfried hatte das ſchwer jedenfalls hierher getragen, vielleicht für den Fall ein⸗ gen, mal einen Flüchtling hier zu verbergen. In einer I werde 1856. und und zette öſen eben n in mir ſt iſt gan⸗ ihnen nzem und unte, h die Licht und dutzen kooſes Haide⸗ enden e das l ein⸗ einer Ecke ſtanden auch noch fünf bis ſechs Flaſchen Wein. „Trinken Sie,“ ſagte Louiſe,„es iſt alter, ſehr alter Ungar, er liegt noch aus polniſcher Zeit hier und iſt geſund und erquicklich.“ „Sie trinken mir zu,“ entgegnete lachend der Jüngling, ihr das Glas hinhaltend und dann— kaum wußte er ſelbſt warum,— die Lippen auf dieſelbe Stelle drückend, an der ſie genippt hatte. Wie flüſſiges Feuer ging der edle Rebenſaft durch die matten Glieder des von tauſend Stra⸗ patzen und Entbehrungen erſchöpften Jünglings, aber er konnte ihn nur auf Momente in eine höhere Stimmung verſetzen. Bald äußerte er ſeine Kraft durch das Zunehmen des Bedürfniſſes nach Ruhe. Louiſe bemerkte dieß, ſie breitete ihr warmes Tuch über das Mooslager, das ſie ſorglich zurecht ſchüttelte und ſagte: „Nun werden Sie Sich hübſch hierher legen, Vetter, damit Sie ausgeruht ſind, wenn Papa kommt.“ „Ich glaube, ich werde das thun müſſen,“ meinte kopfſchüttelnd Treufeldt,„der Wein iſt mir ſchwer wie geſchmolzenes Blei in die Glieder gegan⸗ gen, aber ich werde nicht einſchlafen, gewiß, ich werde nicht, Sie ſetzen Sich zu mir, meine liebe Louiſe, 1856. XIX. Erinner. e. Großmutter. I. 13 194 und dann ſprechen wir zuſammen, bis Ihr Vater kommt.“ „Gut,“ ſagte ſie und deckte die Enden des großen Tuches über ſeine bereits hingeſtreckte Geſtalt, ſetzte ſich auf den bequemen Platz, den er ihr neben ſich einräumte, ja als er ſie gar ſo ſchön darum bat, legte auch ſie ſich auf das weiche Moosbett, denn mit dreizehn Jahren iſt man müde, wenn der Abend kommt. Der Engel der Unſchuld ſtand ſeg⸗ nend neben dem Lager der beiden Kinder, der Schlaf breitete ſeine dichteſten Wolken über ihre jungen Häupter und bunte Träume tanzten und flatterten um ihre Seelen.— Siebentes Capitel. 2 O Prieſter Tod, Du treuer, ächter! Du ſchmiedeſt feſt der Liebe Band, G Du mehr als Welt⸗ und Glückgerechter, Raſch einſt du Buſen, Mund und Hand. *. Kinkel. 1(Otto der Schütz.) Vetter Wilhelm ging mit den franzöſiſchen Offi⸗ cieren tief in die Erlen und wußte es dann zu ver⸗ anlaf woſel er da dem gehen träfe. Louiſe wenig hoch wurde ten C 2 ließ il zogen ſo lar Schlü wieden verneh man bängſt überſch erwach ſchick Zater des ſtalt, eben arum bett, der ſeg⸗ ſchlaf ngen erten ütz.) Offi⸗ n ver⸗ anlaſſen, daß ſie ihn nach dem Wohnhauſe brachten, woſelbſt er Louiſe unfehlbar zu finden erwartete; denn er dachte, daß ſie gewiß nach Hauſe und zwar auf dem nächſten und verborgenſten Wege nach Hauſe gehen wurde, wenn ſie ihn bei den Steinen nicht träfe. Dem war aber nicht alſo, niemand hatte von Louiſen etwas geſehen. Herr Wohlgemuth war nicht wenig des Kindes wegen in Sorgen und fühlte ſich hoch erfreut, als endlich um Mitternacht alles ſtill wurde, ſo daß er es wagen konnte nach dem verſteck⸗ ten Gewölbe zu gehen. Der Schlüſſel ſteckte nicht im Schloſſe und dieß ließ ihn vermuthen, daß Louiſe fortgehend ihn abge⸗ zogen habe. Um ſich davon zu überzeugen klopfte er ſo laut als möglich an der Thür und rief durch das Schluſſelloch ihren Namen, und als er das mehrmals wiederholt hatte und ſich innen im Gewölbe kein Laut vernehmen ließ, kam er auf den Gedanken, daß nie⸗ mant mehr darin ſein könne. Natürlich mußte das ſein Vaterherz mit den bängſten Sorgen überfüllen. Die ganze Gegend war üͤberſchwemmt mit franzöſiſchen Truppen, Louiſe ein faſt erwachſenes, liebliches Mädchen, welch grauenvollem Ge⸗ ſchick konnte ſie verfallen ſein, ward ſie vielleicht in 13 ¼ 196 Geſellſchaft des jungen Flüchtlings in die Hände zü⸗ gelloſer Soldaten gefallen. Auch Magiſter Fiſch wurde vermißt, aber dieſer kehrte am andern Morgen, zwar etwas durchnäßt und angegriffen, ſonſt aber ganz wohlbehalten, von ſeinem Wegweiſer⸗Amte zurück. Ueber Louiſe konnte er leider keine Auskunft geben, auf ſeinem Wege war ſie ihm nicht begegnet, das verſicherte er aufs beſtimmteſte; wenn man nach ihr forſchen wolle, ſo müſſe es auf der entgegenge⸗ ſetzten Seite geſchehen. Nachdem er dieſen Rath ertheilt, ging er auf ſein Zimmer, warf ſeine naſſen Kleidungsſtücke ab, trank Kaffee mit Rum, zog eine Schlafmütze über die Ohren, legte ſich zu Bett und ſchlief den Schlaf des Gerechten. Vetter Wilhelm befand ſich in einem Zuſtande, der an Wahnſinn grenzte.— Er machte ſich Vor⸗ würfe, Louiſe und ſeinen Platz auf den Steinen ver⸗ laſſen zu haben. Er malte ſich die gräßlichſten Mög⸗ lichkeiten aus, die das Mädchen getroffen haben könn⸗ ten, er ſah ſie für ſich verloren, er hätte ſie ſuchen mögen in allen Orten der Welt und war durch ſein trauriges Gebrechen an den kleinen Raum gefeſeelt, wo ſie eben nicht war. Wie raſend lief er durch die Zimmer, lief durch den C macht fen, bleich die 6 ſagte hätte und elend verthe ſten, Stück Leide Tage Boten ral 2 Wilhe Mädq der wache ciere Hüge Muhn Dien enge⸗ Rath naſſen eine und ande, Vor⸗ n ver⸗ Mög⸗ könn⸗ ſuchen h ſein feſſelt, durch den Garten, ſo weit ſeine Ortskenntniß ihm das möglich machte; ſeine ſchrecklichen Augen mit Blut unterlau⸗ fen, ſein lockiges blondes Haar verwirrt um ſeine bleichen Schläfen hängend, ſeine geballten Hände vor die Stirne ſchlagend, ſobald er ſich von Neuem ſagte:„Wäre ich an den Steinen geblieben, ich hätte es gewahr werden müſſen, wann ſie zurück kam, und was dann auch über ſte gekommen wäre, wie elend ich auch in meiner Blindheit bin, ich hätte, ſie vertheidigend mit meinen Zähnen, mit meinen Fäu⸗ ſten, mit meinen Nägeln vertheidigend, neben ihr in Stücke geriſſen werden müſſen, ehe ihr etwas zu Leide geſchehen konnte.“— Mit dem fortſchreitenden Tage ſchickte Herr Wohlgemuth nach allen Seiten Boten aus, die verlorene Tochter zu ſuchen. Gene⸗ ral Vattier, der die Sache ſo nahm, wie Vetter Wilhelm ſie ihm mitgetheilt, hielt dafür, daß das Mädchen irgend einer kleinen Abtheilung marodiren⸗ der Preußen in die Hände gefallen ſei, die Schild⸗ wachen wurden aufs genaueſte inſtruirt, die Offi⸗ ciere eilten mit Fernröhren bewaffnet auf alle nahen Hügel. Madame Wohlgemuth und Lyodia weinten, Muhme Elsbeth flüſterte betrübt mit dem andern Dienſtperſonal, und der Tag verging für die Familie 198 unter den fürchterlichſten Sorgen, die mit jeder Stunde eine ſchrecklichere Geſtalt annahmen. Daß Louiſe mit dem jungen Preußen das Kel⸗ lergewölbe verlaſſen haben müſſe, daran zweifelte Nie⸗ mand, und wenn ſie es verlaſſen, was war da wohl natüͤrlicher als daß ſie einer Bande umherſtreifender zügelloſer Soldaten in die Hände gefallen? Welches furchtbare Schickſal konnte das arme Kind bereits getroffen haben! Ein eiſiges Grauen ſchlich durch die Bruſt der Eltern, der Verwandten und Freunde bei dieſer Frage, ſelbſt die feindlichen Offieiere und Sol⸗ daten fühlten tiefes Mitleid mit dem verlorenen Kinde und der unglücklichen Familie, und thaten das Mögliche, um das arme Mädchen aufzuſuchen, oder mindeſtens ihr Schickſal zu ermitteln. Wer ſich um alle dieſe Vorgänge ganz und gar nicht bekümmerte, war der philoſophiſche Magiſter, der ruhig in ſeinem Bette lag und einen heftigen Katarrh pflegte, den er ſich auf ſeiner gezwungenen Reiſe geholt. Was ging's ihn auch an? er hörte kaum hin, als Vetter Wilhelm in ſeiner Verzweiflung ihm erzählte, Louiſe ſei verſchwunden, ſpurlos verſchwunden bei einem Spaziergang am ſpäten Abend.— Er hatte auch einen Spaziergang machen müſſen, der ihm ſchlecht genu des iſt ſi Bette und eine feſt i verſch auch aber hier in ih jeder Kel⸗ Nie⸗ wohl ender lches ereits h die e bei Sol⸗ renen das oder d gar giſter, ftigen genen n, als ählte, i bei hatte hlecht genug bekommen war, und der erſte Grundſatz von des Magiſters Philoſophie war die weiſe Regel: jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte. So blieb er denn auch über Nacht ruhig im Bette, die ausgeſendeten Boten kehrten von weit und breit zurück und von der Verlorenen brachte keiner eine Nachricht. Louiſe hatte indeß auf dem rauhen Mooslager feſt und ſanft geſchlafen. Sie erwachte früher als ihr jugendlicher, von langen Anſtrengungen auf den Tod ermüdeter Gefährte, und ſchlich leiſe an die Thür um zu hören, ob nun nicht bald Papa käme oder Vetter Wilhelm ein Lebenszeichen von ſich gäbe. Wie ſehr erſtaunte ſie indeß, als ſie den Strahl goldenen Lichtes gewahrte, der durch das große offene Schlüſſelloch in das Gewölbe zog und in dem Dun⸗ kel eine glänzende Linie bildete, auf welcher Son⸗ nenſtäubchen in allen Regenbogenfarben glänzten. Es war Tag draußen! kein Zweifel daran, ſie hatte mit ihrem Gefährten die Nacht verplaudert und verſchlafen, vielleicht den Vater nicht gehört, vielleicht auch war er abgehalten worden ſie zu holen. Wo aber war ihr blinder Vetter? Warum hatte er ſie hier eingeſchloſſen? allerlei ängſtliche Gedanken ſtiegen in ihrer Seele auf, zum Gluͤck aber war auch ihr 200 Gefährte erwacht und kam, heute ſchon etwas woh⸗ ſie ſ ler als geſtern ausſehend, mit dem Lichte in der Hand, und das faſt bis zur Neige verbrannt war, zu ihr. auch Sie ſprachen ſich gegenſeitig Troſt und gemein⸗ ſchaftlich den noch vorräthigen Speiſen zu. Ein wenig fragt von dem guten Ungarwein gab ihnen neuen Lebens⸗ muth, und ſo ſaßen ſie dann Arm in Arm auf den weil Kellerſtufen, ſich an dem ſparſamen Tageslicht erfreu⸗ ſie be end und plaudernd von ihrer kurzen Vergangenheit. meine Fritz Treufeldt beſchrieb ſeine Mutter mit all dem llüſſig Enthuſiasmus eines Jünglings, der in der Mutter ſelbſt noch allein die Verkörperung der Weiblichkeit liebt uns i und verehrt. Er malte der horchenden Louiſe ſein Kin⸗ beſch des⸗ und Knabenleben an der Seite dieſer trefflichen Mutter, ihre gemeinſamen Spaziergänge, ihre Ab⸗ hält, geſchloſſenheit von allem ſonſtigen Umgange wegen Blick ihrer Armuth, den Schmerz bei ihrer Trennung.„Sie Louiſe horchte mit höchſter Spannung auf ſeine ganze Schilderungen. Ihre Augen füllten ſich mit Thränen, die zum Theil die Rührung, zum Theil ein heißer nete ſehnſüchtiger Schmerz ihr erpreßte. kann „Worüber weinen Sie?“ fragte der Jüngling, wie e als er bemerkte, daß die Thränen ſeiner Gefährtin floßen. auch „O ich möchte ihre Mutter kennen!“ entgegnete als poh⸗ nd, ein⸗ ſenig ens⸗ den reu⸗ heit. dem utter liebt Kin⸗ ichen Ab⸗ ſegen eine nen, kißer ing, rtin nete ſie ſchluchzend,„ich möchte mich von ihr belehren laſſen und ſie ſo lieb, ſo lieb haben, daß ſie mich endlich auch lieb hätte.“ „Haben Sie denn nicht auch eine Mutter 2“ fragte Fritz erſtaunt. „Ja! ich habe eine, aber ſie liebt mich nicht, weil ich nicht ſchön bin wie meine Schweſter, und ſie belehrt mich auch nicht, weil ſie das alles, wonach meine Gedanken gehen, für ganz unnütz und über⸗ flüſſig hält und auch keine Zeit hat mich zu belehren, ſelbſt wenn ſie es für nothwendig hielte; denn bei uns iſt immer Geſellſchaft und ſie iſt ſtets dadurch beſchäftigt.“ „Aber daß Ihre Mutter Sie nicht für ſchön hält, iſt ganz unmöglich!“ ſagte Fritz, einen langen Blick auf Louiſens erröthendes Geſichtchen heftend, „Sie ſind das ſchönſte Mädchen, was ich in meinem ganzen Leben geſehen habe, gewiß das ſind Sie!“ „O Sie kennen meine Schweſter nicht,“ entgeg⸗ nete ſte treuherzig,„ich habe ja Pockennarben, wie kann man da ſchön ſein; Lydia iſt ſchön, ſie ſieht aus wie eine Roſe, ach noch ſchöner.“ „Das glaub ich nicht,“ ſagte Fritz,„und es iſt auch gewiß nicht wahr, daß ſie ſchöner ſein kann als Sie, denn das iſt gar nicht möglich; wenn Ihre 202 Mutter Sie weniger lieb hat als die Schweſter, ſo muß das an etwas anderm liegen, davon bin ich Nach überzeugt.“— verb⸗ So ſprachen die Kinder, nicht einen Moment meln ſtockte ihre harmloſe Unterhaltung, und als die Stun⸗ herat den des Tages entflohen waren, als die dunkle Nacht das das Gewölbe mit ihrer Finſterniß fuͤllte, als der Schl Hunger ſich bei ihnen einzuſtellen begann und ihre öffne Vorräthe erſchöpft waren, fanden ſie Troſt und Muth kleine im Geſpräch, das mehr und mehr einen ernſten Char⸗ wenn akter annahm. Fritz von Treufeldt, obgleich erſt 17 Jahre alt, hatte dem Tode ſchon in mancherlei Geſtalten in die Augen geſehen. Hier ſchien er ſich ihm in einer be⸗ ſonders ſchrecklichen zu nähern. Er fühlte den Hun⸗ ger bereits in ſeinen Eingeweiden wüthen, und er, der die Schrecken des Krieges kannte, war der Mei⸗ nung, daß Herr Wohlgemuth, Vetter Wilhelm und alle die Perſonen, die um ſeine und Louiſens An-⸗ weſenheit an dieſem abgelegenen und unheimlichen Orte wüßten, jedenfalls von den Feinden entweder I weggeführt oder getödtet ſein mußten, um ſie hier in dieſer troſtloſen Finſterniß ſo ganz und gar zu vergeſſen. Hier zu verhungern! der Gedanke war grauſig genug. ſo ich nent tun⸗ acht der ihre Nuth har⸗ alt, n die be⸗ HPun⸗ er, Mei⸗ und An⸗ ſichen eder r in eſſen. nuſig 203 „Wir wollen ſchlafen, Louiſe,“ ſagte Fritz, als die Nacht draußen wieder eingetreten zu ſein ſchien,„ſo verbringen wir wenigſtens einige Stunden und ſam⸗ meln Kräfte. Wir müſſen alles verſuchen um hier herauszufommen, vielleicht können wir morgen, wenn das Licht wieder durchs Schlüſſelloch ſcheint, das Schloß mit Hilfe meines Degens ſprengen oder öffnen; jetzt wollen wir ruhen, komm, meine arme kleine Gefährtin, Du biſt jetzt meine Schweſter, und wenn ich den Verſuch für mich ſelbſt aufgeben könnte mich zu retten— ein Soldat muß dem Tode in je⸗ der Geſtalt in die Augen ſehen können— für Dich muß ich mich ſchon bei Kräften erhalten und alles thun, um uns zu befreien.“ Das Maͤdchen ſchmiegte ſich bebend an ihn. „Ich habe keinen Bruder,“ ſagte ſie,„jetzt weiß ich erſt wie ſchön es iſt einen zu haben; aber lieber Fritz, unſer Lager finden wir in der dicken Finſterniß nicht mehr, vielleicht kommt auch in der Nacht je⸗ mand an dieſe abgelegene Stelle, und wenn wir Menſchentritte hören, ſo können wir rufen; es iſt jetzt wohl auch beſſer für Dich, Fritz, einer franzöſiſchen Wache in die Hände zu fallen, als hier zu verhun⸗ gern. O wenn wir nur noch etwas Licht hätten!“ Die beiden jungen Geſchöpfe kauerten ſich auf — — 204 der Treppe dicht aneinander. Der Jüngling ſchlang ſeinen Arm um das bebende Mädchen und ſo ſaßen ſie die langen langen Stunden der Nacht, bald vor Mattigkeit entſchlummernd, bald fröſtelnd aus dem leichten Schlaf auffahrend und ſich ihrer traurigen Lage bewußt werdend. Eines fand am Andern Troſt. Sie fühlten es als ein ſüßes Glück neben einander zu ſein, und wenn der Schlaf von ihnen wich, ſprachen ſie immer wieder liebevoll und herzlich mit einander. In dieſer Nacht war Herr Wohlgemuth in Be⸗ gleitung zweier franzöſiſcher Soldaten, die ihm der General als Sauvegarde mitgegeben, aufgebrochen, um in weiteren Entfernungen als bisher die Spur ſeines Kindes zu ſuchen. Vetter Wilhelm hatte mit einer Art von Raſerei anfangs darauf beſtanden, dieſe Reiſe mitzumachen, dann aber hatte er ſich ruhiger finden laſſen und den Vorſatz gefaßt, am fol⸗ genden Tage in Begleitung des Magiſters Garten, Wald und Feld in der Nähe noch einmal nach einer Spur des verſchwundenen Mädchens zu durchforſchen. Magiſter Fiſch hatte einen ſo ſchlimmen Schnup⸗ fen wie nie in ſeinem Leben, er blieb im Bett und trank Fliederthee, den ihm Muhme Elsbeth weinend brachte. Mittags erſt, als Wilhelm wie ein Raſen⸗ der den lich in S Hau Itzſte nach keine Frau zelnd bin i vielle davo war fürch ſehr ſeine das hafte Man gen vor dem gen es und mer Be⸗ der chen, Ppur mit den, ſich fol⸗ ten, iner hen. tup⸗ und end 205 der tobte, entſchloß er ſich aufzuſtehen und den Blin⸗ den zu begleiten. Allerdings mußte das an jenem Tage ein ziem⸗ lich unangenehmes Geſchäft ſein, denn es regnete in Strömen und ein eiskalter Wind pfiff um das Haus. „Sie ſind ein Toller, geradezu ein Toller, Herr Itzſtein!“ ſagte der Philoſoph,„hier in der Nähe nach dem Mädchen forſchen zu wollen, iſt ſie doch keine Stecknadel, ſondern ein großes, faſt erwachſenes Frauenzimmer, ein recht hübſches,“ ſetzte er ſchmun⸗ zelnd hinzu.„Daß wir die nicht mehr ſehen werden, davon bin ich ſo überzeugt als von meinem Leben, ſie iſt vielleicht ganz freiwillig mit einem hübſchen Franzoſen davon gegangen. Es wäre die Erſte nicht.“ Wilhelm knirſchte mit den Zähnen, auch ihm war dieſer Gedanke ſchon ein Paarmal aufgeſtiegen, fürchterlich, gräßlich! Er wußte, daß die Franzoſen ſehr beliebt waren bei den Damen, und ihm in ſeiner Finſterniß ſchien es keine Unmöglichkeit, daß das noch nicht dreizehnjährige Mädchen, deſſen leb⸗ haften Geiſt er kannte, den Schmeicheleien eines ſchönen Mannes nachgegeben haben könne. Jemand, das war kein Zweifel, mußte ja doch 206 das Gewölbe verſchloſſen und den Schlüſſel abgezo⸗ gen haben. Darnach wollte er forſchen, ſuchen und ſo ſchleppte er den Magiſter durch den Garten nach dem alten Schloſſe, wo er in jedem der ruinirten Gemächer umher horchte, an alle Wände pochte und unzählige Ratten und Blindſchleichen aus ihren Schlupfwinkeln verſcheuchte. Wie er, ſuchte ſchon ſeit der erſten Nachricht von dem ſchrecklichen Vorfalle ein anderer Freund Louiſens die Vermißte: Gottfried, der alte Schäfer. Er war mit einem ſeiner Hunde durch alle Wäld⸗ chen geſchweift, hatte in allen Hütten angefragt, und überall mit verſtändigem Eifer, unterſtützt von dem Inſtincte des klugen Thieres, nachgeforſcht. Nun entſchloß er ſich, heute mit ſeinem Hunde auf dem alten Schloßberge und da herum ſeine Nachforſchungen anzuſtellen, und er ging dorthin als bereits der Abend nahte, der an dem regneriſchen Tage früher und rauher als ſonſt ſich einſtellte. Mit feſtem Tritt ſtieg der Alte den Hügel hinan, blickte hinter jeden Buſch, hinter jeden Stein, und der Hund, dem ſein Herr eine Schürze Louiſens zu beriechen gegeben, ging wedelnd und die Naſe an den Boden druͤckend vor ihm her. der zes Dor Grei Stab ſchen dieſe Kind, „ſind Rette dem dieſe bene furcht ſagte heben jetzt, Wilhe wand zo⸗ ſo nach rten und hren richt eund äfer. äld⸗ ragt, von Nun dem ngen der rüher Tritt jeden ſein geben, ückend b b V V So kamen ſie an den Steinhaufen. Hier blieb der kluge Hund eine Weile ſtehen und ſtieß ein kur⸗ zes Geheul aus und dann drängte er ſich durch Dornen und Geſtrüpp, und ihm folgend kam der Greis an die Thür des alten Gewölbes. Sie war verſchloſſen, aber als er mit ſeinem Stabe daran klopfte hörte er deutlich, daß eine Men⸗ ſchenſtimme rief:„Wer auch da ſein mag, ſprengt dieſe Thür und rettet uns vor dem Verſchmachten!“ „Louischen, Mamſell Louischen, mein herzliebes Kind,“ ſchrie der Greis durch das Schlüſſelloch, „ſind Sie hier?“ „Ach ja, Gottfried, mein guter Freund und Retter, ja ich bin hier,“ antwortete eine bebende, dem Greiſe ſo bekannte und liebe Stimme,„o laß dieſe Thür ſprengen und bringe uns arme Begra⸗ bene an Gottes Licht.“ Heiße Thränen perlten über des Greiſes ge⸗ furchte Wangen.„Gelobt ſei der allmächtige Gott,“ ſagte er, die alten hagern Hände zum Himmel er⸗ hebend, über den ſchon wieder die Nacht, die vierte jetzt, ſeit Louiſens Verſchwinden, ihre Schleier breitete. Eine Viertelſtunde darauf, während noch Vetter Wilhelm mit dem Magiſter das alte Schloß durch⸗ wanderte, kam der alte Gottfried mit ſeinem Schlüſſel 208 zu dieſem Keller; denn er hatte bald nach ſeiner Ankunft in Kydullen dieſe Thür aufgefunden, ſich einen Schlüſſel dazu hergerichtet und benutzte an heißen Sommertagen bisweilen das Gewölbe zum Aufbewahren von allerlei kleinen Vorräthen, auch wohl zur Schlafſtelle, wenn eben ein zuverläſſiger Knecht bei der Heerde draußen bleiben konnte. Der Alte zitterte heftig, als er die Thür weit öffnete und dem Lichte ſo einen Weg in den Kerker der beiden armen Kinder bahnte, die, eines vom Arm des andern feſt umſchlungen und geſtützt, auf der feuchten Treppe ſaßen und kaum die Kraft hatten, ſich zu erheben und dem Greiſe ins Freie zu folgen. Die großen hohlen Augen des Jünglings ſchweif⸗ ten einen Moment im Lichte umher. „Sind noch Franzoſen hier in der Gegend?“ fragte er mit matter Stimme. Der alte Schäfer bejahte es. „So will ich lieber zurück in das Gewölbe als mich gefangen geben,“ ſagte er,„gebt mir ein we⸗ nig Waſſer und Brod und geſtattet mir dann, daß ich mich dort ſo lange verberge, bis ich entweder mich an ein preußiſches Corps anſchließen und im ehrlichen Gefecht mit dieſen Franzoſen ſterben kann, oder bis jemand mir ein Boot ſchafft, damit ich hinüb Vetter in ſeit „ t ſagte kein L gemach ſchreckl iſt dav aber, unter würde ſeiner und ei hätte. Paar thun u E den fa Drei a und lu Leidens friſchen 1856. 5 ner ſich an zum nuch iger weit erker Arm der tten, gen. veif⸗ d 2“ e als we⸗ daß weder d im kann, it ich hinüber nach Rußland flüchten kann, wo ich einen Vetter habe, der ſich meiner annehmen wird.“ Gottfried hatte indeß die ganz entkräftete Louiſe in ſeine Arme genommen. „Kommen Sie mit mir den Berg hinab, Junker,“ ſagte er ermuthigend,„die Franzoſen thun ſo Ihnen kein Leid's mehr, ſeit geſtern iſt der Frieden bekannt gemacht und nur weil alles in unſerm Hauſe in ſo ſchrecklicher Angſt und Sorge war wegen Louischen, iſt davon wenig oder nichts geſprochen worden. Sie aber, junger Herr, können jetzt ganz dreiſt mitten unter dieſe Franzoſen treten.“ Der junge Mann taumelte vor Schwäche und wuͤrde umgeſunken ſein, wenn nicht Gottfried aus ſeiner großen Taſche ein Stückchen Brod und Käͤſe und ein Fläſchchen echten Kümmelbranntwein gezogen hätte.„Da Junker,“ ſagte er,„nehmen Sie, ein Paar Biſſen und ein Schluck werden Ihnen gut thun und ein wenig auf die Beine helfen.“ Er hatte Recht, die Nahrungsmittel erkräftigten den faſt Verhungerten, und ſo gelangten denn die Drei an den Fuß des Hügels, wo ein Bach, klar und luſtig über Kieſel plätſchernd, Louiſen und ihrem Leidensgefährten die nothwendigſte Erquickung, einen friſchen und kühlen Trunk, bot. 1856. XIX. Erinner. e. Großmutter. I. 14 210 Hier legte der Schäfer das junge Mädchen auf den weichen Raſen, wuſch ihr Geſicht und Hände und eilte dann nach dem nicht ſehr entfernten Wohn⸗ hauſe, von dort nach kurzer Zeit mit der hocherfreuten Mutter und der alten Elsbeth zurückkehrend, die ſolche Nahrungsmittel brachten, wie ſie den faſt Ver⸗ hungerten jetzt zuträglich waren. Als am Abend Herr Wohlgemuth traurig von ſeinen vergeblichen Nachforſchungen heimkehrte, empfing ihn die troſtvolle Nachricht, daß Louiſe gefunden ſei, und es blieb ihm und dem Vetter Wilhelm überlaſſen, ſich die allerbitterſten Vorwürfe darüber zu machen, daß man beim Suchen nach der Vermißten nicht zuerſt den Ort durchforſcht, wo man ſie gelaſſen hatte, und Vermuthungen darüber anzuſtellen, wer wohl das Gewölbe verſchloſſen hätte; denn Magiſter Fiſch hielt es nicht für nothwendig ſeiner Mitwirkung dabei zu erwähnen, ja bei ſeinem nächſten einſamen Spaziergange warf er den roſtigen Schlüſſel in die Memel und ſchwieg weislich über ſeine Entdeckung. General Vattier und die ſämmtlichen franzöſiſchen Officiere hatten ihre Freude an dem jungen wackern Fähnrich, der, ſobald er ſich nur ein Bißchen von den Anſtrengungen und Entbehrungen ſeiner letzten Le⸗ benszeit erholt hatte, ſich als einen der hübſcheſten, kluͤgſt ſehen er im ſches Augen Gefül ungeh Leben⸗ die e vermo zu ber pulſirt erholt und hatte. Fieber ſo vi Pfleg ſagte ich u ſich a und ſ dchen dände Bohn⸗ euten die Ver⸗ * g von apfing ei ſei, laſſen, achen, nicht elaſſen „ wer agiſter dirkung ſamen in die eckung. ſiſchen vackern on den ten Le⸗ cheſten, ————õ——— 211 klügſten, munterſten jungen Burſchen zeigte, den man ſehen konnte. Er war klein für ſein Alter, hatte aber, obgleich er immer noch ziemlich bleich ausſah, ein gar hüb⸗ ſches Knabengeſichtchen, mit freundlichen dunkeln Augen, die, ſobald ſein Herz erregt wurde durch ein Gefühl oder einen Gedanken, lebhaft funkelten. Die ungeheuern Anſtrengungen der letzten Monate ſeines Lebens, dreitägiger Hunger und die bittre Angſt, die er in dem Gewölbe ausgeſtanden, hatten nicht vermocht die Jugendkraft zu brechen oder auch nur zu beugen, die in dieſem noch unentwickelten Körper pulſirte.— Ohne auch nur einen Tag krank zu ſein, erholte er ſich zuſehends, ſobald er wieder ordentliche und ausreichende Nahrung und ſein gutes Bett hatte. Louiſe dagegen verfiel in ein heftiges nervöſes Fieber, das ſie viele lange Tage an das Bett feſſelte. Fritz Treufeldt war während dieſer Leidenszeit, ſo viel ſich das nur irgend thun ließ, ihr treueſter Pfleger. Nur dann, wenn Muhme Elsbeth ihm ſagte:„Na Junker, nun machen Sie Sich hier fort, ich muß Mamſell Louischen umbetten,“ entfernte er ſich auf einige Zeit aus der kleinen Krankenſtube; und ſeine Nähe wirkte ſichtbar günſtig auf die Kranke, 14* 212 ſelbſt da, als die Beſinnung gänzlich von ihr gewichen zu ſein ſchien. Wenn Fritz ſich über die Phantaſirende beugte und mit ſeiner freundlichen Stimme ſagte: „Sei ruhig, Louiſe, wir ſind ja beiſammen,“ lächelte ſie, reichte ihm die kleine abgezehrte Hand und fand wenigſtens auf Momente die Kraft, ein Paar verſtändige zuſammenhängende Worte zu ſagen. Es ſchien übrigens, als ob Louiſens Abenteuer und die Angſt, welche man ihretwegen ausgeſtanden, einen bedeutenden Einfluß auf ihre Stellung in ihrem Familienkreiſe ausgeübt habe. Madame Wohlgemuth fühlte ihre ganze Mutterliebe erwachen, als ſie ihr jüngſtes Kind ſich entriſſen glaubte, und als ſie Louiſe wiederſah, leiſtete ſie ſich ſelbſt das Verſprechen, keinen Unterſchied mehr zu machen zwiſchen ihrer ſchönen und der minder ſchönen Tochter. Sie war auch viel, ſo viel als ihre Zeit es nur irgend erlaubte, an Louiſens Krankenbett und dieſe fühlte ſich unbeſchreiblich glücklich im Beſitz der mütterlichen Liebe. Der Friede hatte nun auch wieder den unter⸗ brochenen Verkehr zwiſchen den Nachbarn auf der ruſſiſchen und preußiſchen Seite der Memel hergeſtellt. Der Maler Treufeldt, eben der Vetter, welchen die der über neral an keine denn thum lichen folgle ſtenz freun bis und und Beſi 4 davo aufze denſe hätte mit g Louiſe echen, ihrer eit es t und Beſitz unter⸗ uf der geſtellt. oelchen —Q—C—QO—ꝑ——— 213 der kleine Fähnrich hatte aufſuchen wollen, kam her⸗ uͤber und malte die Porträts des franzöſiſchen Ge⸗ nerals und ſeiner Adjutanten.— Die Memel war an dieſem Orte ſeit dem unglücklichen Friedensſchluße keine Grenze mehr zwiſchen Preußen und Rußland; denn der ganze Landestheil war zum Großherzog⸗ thum Warſchau geſchlagen worden und die ſämmt⸗ lichen preußiſchen Beamten waren ohne Anſtellung und folglich viele hunderte von Familien ohne Subſfi⸗ ſtenzmittel. Herrn Wohlgemuths ſtets umfangreiche Gaſt⸗ freundſchaft ward jetzt wahrhaft großartig; denn drei bis vier Familien der Grenzbeamten wohnten ganz und gar in ſeinem Hauſe, aßen an ſeinem Tiſch und lebten nur von dem Ertrag ſeines ruinirten Beſitzthums. „Beſſer, daß meine alten Freunde noch etwas davon haben, als daß dieſe Franzoſen alles allein aufzehren!“ war dabei ſein Wahlſpruch und durch denſelben ward er der Wohlthäter vieler Familien, die in dieſer Schreckenszeit ohne ihn nicht gewußt hätten, wo ſie ihr Haupt hinlegen ſollten. Eine Sorge bedrückte das Herz Wohlgemuths mit ganz beſonderer Schwere. Er befand ſich immer 214 noch im Beſitz einer ſehr bedeutenden Geldſumme, die dem preußiſchen Staate angehörte. Durch ſeine Hände waren viele Tauſende wäh⸗ rend der Anweſenheit der Franzoſen an den General Miloradowitſch nach Rußland abgeliefert worden, da man ihm durch Vermittlung des Geheim⸗Staats⸗ Raths von Itzſtein das Vertrauensamt übergeben, die ſämmtlichen Kaſſen in Empfang zu nehmen. Alle die verſchiedenen Kaſſenbeamten hatten ſich nun ſchon ſeit längerer Zeit an ihn gewandt, hatten an ihn ihre Beſtaͤnde und laufenden Einnahmen gegen ſeine Quittungen bis zur Publication des Friedens⸗ ſchlußes gezahlt, nach welcher ſie ſämmtlich ihre Stellen verloren. Frau Wohlgemuth, Muhme Elsbeth, ſelbſt Lydia und Louiſe trugen bedeutende Summen in Gold Tag und Nacht auch jetzt noch bei ſich, und dieſes Geld war es eben, was Herrn Wohlgemuth ſo viele Sor⸗ gen verurſachte. Wenn die Franzoſen es entdeckten, ſo war es nicht nur ohne Frage verloren, ſondern eine unge⸗ heuere Strafe für die nicht erfolgte Auslieferung an den franzöſiſchen Schatz war ihm gewiß.— So be⸗ ſchloß er denn eine Reiſe nach Tilſit zu machen, wo ſich zur Zeit noch der Herr Miniſter von Stein auf⸗ hielt, des ſ Gelde ſens 6 wankt Garte ral n Kind ſie ſich 6 Reiſe dem Vattie von d Früͤhe Drei nme, väh⸗ neral rden, aats⸗ , die Alle nun n an gegen dens⸗ ihre Lydia Tag Geld Sor⸗ ar es unge⸗ ng an ho be⸗ en, wo n auf⸗ hielt, um in deſſen treue Hände die letzten Reſte des ſeiner Rechtſchaffenheit und Treue anvertrauten Geldes abzuliefern. Den Vorwand zu dieſer Reiſe lieferte ihm Loui⸗ ſens Krankheit. Das junge Mädchen verließ zwar das Bett, wankte aber noch bleich und matt in Haus und Garten umher, und ſo konnte der franzöſtſche Gene⸗ ral nichts Arges darin finden, daß der Vater das Kind in die nächſte bedeutende Stadt brachte, damit ſie ſich dort unter ärztlicher Pflege ſchneller erholen möge. Der junge Faͤhnrich von Treufeldt ſollte dieſe Reiſe mitmachen, um in Tilſit Erkundigungen nach dem Reſte ſeines verſprengten Regiments einzuziehen. Man rüſtete alſo einen guten Wagen, General Vattier borgte dem Gutsbeſitzer die Pferde, die ihm von den Franzoſen abgenommen waren, und in der Frühe eines bewölkten Auguſtmorgens machten die Drei ſich auf die Reiſe. 216 Achtes Cagitel. So der Und ſoll's denn ſein, dann mag ſie ſchlagen auß Die Abſchiedsſtunde bang und ſchwer, 55 Ich werde, ja ich werd' es tragen, faſt Erblick ich meinen Stern nicht mehr: muf In meiner Bruſt dann wird er ſcheinen, den. Hell leuchtend ewig, ewig rein: ſo Ich werde ſeufzen, werde weinen,. Und werde dennoch glücklich ſein. za Prutz. klein Und mußt Du auch ſieben Jahr wandern, noch So nehm' ich mir doch keinen Andern. den Altes Volkslied. Wahnſinnig ſei er! Sagt, was ihn umſpinnt Sei ein verworrner Traum des Orkus nur. Meißner. Von Kydullen nach Tilſit ſind zehn Meilen, ſolche Meilen, von denen die poetiſchen Lithauer ſagen, ein Paar Liebende hätten ſie gemeſſen, denen der Weg nicht lang geworden. Louiſe ſaß zwiſchen ihrem Vater und ihrem jun⸗ gen Freunde, eingehüllt in mancherlei warme, beſon⸗ ders aber ſchwere Kleidungsſtücke. In jedem Rock, in jedem Mantel des Mädchens war Gold eingenäht, eben ſo in die Kleider des Junkers von Treufeldt. Die Reiſe ging nicht übertrieben raſch von Statten, denn in jedem Dorf und Dörfchen gab es franzöſiſche ſolche u, ein Weg i jun⸗ beſon⸗ ock, in genäht, ufeldt. tatten, zoſiſche —õ——C—⸗—⸗—x—P—],— 217 Soldaten, bei denen man ſich durch die Päſſe, die der General Vattier gegeben hatte, legitimiren mußte; außerdem waren die Wege durch die großen Forſte faſt bis zur Unfahrbarkeit ſchlecht, und die Pferde mußten auf der ſtarken Tour dreimal gefüttert wer⸗ den. Jeder Weg nimmt indeß einmal ein Ende und ſo eerreichten denn auch die Reiſenden Tilſit und zwar um Mitternacht, und mußten deßhalb in dem kleinen Kruge in Bellgarden bleiben, wo man ihnen noch öffnete und es geſtattete, daß ſie im Wagen den Anbruch des Morgens erwarteten. Sobald es nur möglich war, einen Beſuch zu machen, brachte Herr Wohlgemuth ſeine Tochter zu einer Freundin der Familie, der Frau Juſtiz⸗Räthin Siere, in ein großes ſchönes Haus, damals das ſchönſte in der Stadt. Es war daſſelbe Haus, in dem die Königin Louiſe vor ganz kurzer Zeit eine Unterredung mit dem Kaiſer Napoleon gehabt, und mit ſchlagendem Herzen hörten Fritz und Louiſe die Erzählung der Hausfrau über dieſe ſo traurige, ſo demüthigende Epoche im Leben der unglücklichen Fürſtin. Herr Wohlgemuth lieferte die Geldſumme, de⸗ ren Anweſenheit in ſeinem von Feinden angefüllten Hauſe ihm ſo viel Sorgen gemacht hatte, glüͤcklich 218 an Herrn von Stein ab und erhielt von dieſem wa⸗ ckern Manne einen herzlichen Händedruck. „In Zeiten wie die jetzigen,“ ſagte der Freiherr, „lernt man die Menſchen kennen und überzeugt ſich, daß Redlichkeit und Treue nicht ſo ſelten in der Welt ſind, als die Peſſimiſten es uns glauben machen wollen. Ich ſage nicht, daß es eine großartige Hand⸗ lung iſt, wenn man fremdes Eigenthum ſich nicht aneignet, mein lieber Herr Wohlgemuth; jedenfalls aber iſt's redlich und rechtſchaffen, und Sie ſind nicht der einzige rechtſchaffene Mann, den ich in dieſen ſchlimmen Tagen kennen gelernt; ich werde übrigens mir Ihren Namen merken und hoffe, Sie in beſſeren Zeiten wieder zu ſehen.“ Für Louiſe verſchrieb der Tilſiter Doctor Arzenei, verordnete Salzbäder, Spaziergänge und leichte nahr⸗ hafte Diät, und da dieß alles in zwei Tagen beſorgt und beſprochen war, ſo hatte Herr Wohlgemuth in der Stadt nichts mehr zu thun und rüſtete ſich zur Heimreiſe für den nächſten Morgen. Fritz Treufeldt hatte Nachricht von ſeinem Re⸗ giment bekommen und mußte nun eilen, daſſelbe auf⸗ zuſuchen. Er ſchrieb von Tilſit aus an ſeine Mutter, denn der Poſtenlauf war wieder hergeſtellt, und als er dieſe Pflicht erfüllt, ging er, um die letzten Stunden mit Louiſe zuzubringen. Sie beſchloßen in der ſchönen Sommerabendluft noch einen gemeinſamen Spaziergang zu machen, und da Herr Wohlgemuth noch verſchiedene Wirth⸗ ſchaftseinkäufe zu beſorgen hatte, ſo waren ſie allein und gingen am Ufer der Memel hinauf bis zum Engelsberge. Die Sonne neigte ſich zum Untergange, und ihre letzten goldenen Strahlen tanzten als glänzende Sternchen auf dem Spiegel des Stroms. Mücken ſpielten in der warmen Luft und über ihnen am Himmel ſtand die weiße Mondſcheibe, wie ein zartes klares Wölkchen. „Du gehſt nun nicht mehr mit uns zurück, Du guter lieber Fritz,“ ſagte das Mädchen und Thräne um Thräne rann langſam über ihre bleiche Wange, „wie einſam wird mir's ohne Dich zu Hauſe ſein, wie werde ich Dich immer und überall vermiſſen!“ Der kleine Soldat verſuchte ſich ſtark zu zeigen. „Weine nicht, meine einzige Herzens⸗Louiſe, mein Engelchen!“ ſagte er und machte vergebliche Anſtren⸗ gungen, das Zittern ſeiner Stimme zu verbergen. „Wir werden uns fleißig ſchreiben und ſobald ich kann, ſobald ich Urlaub bekomme, komm ich zu Dir. 220 Du weißt, was wir uns verſprochen haben, und Du wirſt es nicht vergeſſen. Die Zeit vergeht, Du und ich werden mit jedem Tage älter, es giebt gewiß bald wieder Krieg und wenn ich Hauptmann bin, Louiſe, dann wirſt Du meine Frau, gieb mir noch einmal die Hand darauf.“ Sie reichte ihm ihr kleines noch kindiſches Händchen und der Knabe hielt es in ſeiner Hand feſt. „Wir dachten zuſammen zu verhungern,“ ſagte er,„und fürchteten uns nicht, weil Eins ſeinen Kopf an das Herz des Andern legen konnte. Ich habe Dich damals ſo lieb gewonnen, meine Louiſe, ſo übermenſchlich lieb, daß ich mir einbilden könnte, dieſer ganze Krieg und alles Elend, was er bereitet, ſei ein kleines Unglück zu dem unverhältnißmäßigen Glück, daß ich Dich gefunden. Ich bin nun bald achtzehn Jahre alt, in kurzem bin ich ein Mann, dann ſollſt Du auch ſehen, daß ich Deiner nicht un⸗ werth bin. Neben dem Bilde meiner Mutter trag ich jetzt Dein's auch auf meiner Bruſt, einen Talisman gegen alle Leiden und gegen alle Verſuchungen zum Böſen.“ Sie ſah ihm freundlich in die Augen.„Ich werde immer, immer an Dich denken, mein lieber Fritz, ich werd liebet und Brau denke Dich mehr ſag' licher dienen ihm G ich h wie ſe die S Mond hellen desma mich auch oder a ſicht ſo Du und bald zuiſe, nmal iſches Hand ſagte Kopf habe ſe, ſo zunte, reitet, ißigen bald Nann, t un⸗ ag ich isman n zum werde itz, ich werde Dich keinen Augenblick vergeſſen,“ ſagte ſie liebevoll,„da wir verſprochen haben, künftig Mann und Frau zu werden, ſo bin ich ja eigentlich Deine Braut und muß Dich lieb behalten und an Dich denken, und ich müßte es auch ohne dieß, weil ich Dich mehr lieb habe als alle andere Menſchen, ſelbſt mehr als Vater, Mutter und Schweſter.“ „Auch mehr als Deinen blinden Vetter Itzſtein? ſag' mir's aufrichtig, Louiſe.“ „Der Vetter Wilhelm iſt ein armer unglück⸗ licher Menſch, der mich braucht und dem ich gern dienen mag, aber ich habe mich ſonſt gräßlich vor ihm gefürchtet. Dich fürchtete ich keinen Augenblick, ich habe Dich bloß über alle Maßen lieb, ſo lieb wie ſonſt nichts auf der Welt.“ Die Sonnenſcheibe ſank unter den Horizont, die Sterne begannen am Himmel aufzublitzen und die Mondesſcheibe ging aus dem matten Silberweiß in hellen Goldglanz über. „Sieh Dir den Mond an,“ ſagte Fritz,„und je⸗ desmal, wenn Du ihn wieder ſtehſt, ſo denke an mich und bete für mich, verſprich mir das, Louiſe; auch ich werde, wenn der Mond in mein Fenſter, oder auf mein Lager im Bivouacg, oder auf mein Ange⸗ ſicht ſcheint, wenn ich ſterbend auf dem Schlachtfelde liege, N 22² an Dich denken, und jedesmal, wenn eins von uns den Mond ſieht, mag er es an das andre erinnern.“ Louiſe legte ihr Köpſchen auf ſeine Schulter, er drückte ſie heftig an ſich und bedeckte ihren Mund mit heißen Küſſen. In dieſem Augenblick floh die Kindheit aus den Herzen der beiden jungen Menſchen, ſte fühlten ſich Jüngling und Jungfrau, und wie Fittz leiſe in Louiſens Ohr flüſterte:„Schwöre mir, daß Du nie eines andern Mannes Frau wirſt als die Meine!“ klammerte ſie ſich feſt an ihn an und ſagte:„Ich ſchwöre Dir, es komme was mag wenn ich nicht Deine Frau werden kann, mein Fritz, ſo bleibe ich allein bis wir uns im Himmel zuſammenfinden.“ Wie ſehr die beiden jungen Menſchen auch die Trennungsſtunde hinaus zu ſchieben ſuchten, endlich mußte ſie ihnen doch ſchlagen. Fritz brachte Louiſe zu ihrem Vater zurück, und nachdem ihm Herr Wohl⸗ gemuth noch von Herzen die Hand geſchüttelt und den warmen Dank des Jünglings für alle ihm er⸗ zeigten Wohlthaten empfangen hatte, mußte er ge⸗ hen, denn es war Mitternacht geworden und Louiſe und ihr Vater wollten am folgenden Morgen um vier Uhr ſchon aufbrechen. Louiſe meinte, ſie wurde die ganze Nacht nicht ſchle Thr Fritz ſchat Vat Köp Mor Aug Schl rand Die dem rund betr Herr ein frühg einen Wolk mitä in pr Louiſe Wohl⸗ t und m er⸗ er ge⸗ Louiſe en um nicht 223 ſchlafen können, aber darin hatte ſie ſich geirrt; unter Thränen und heißen Gebeten für ihren guten lieben Fritz war ſie bald in feſten Schlaf geſunken und ſchaute verwundert und erſchrocken um ſich, als der Vater beim erſten Morgengrauen, die Hand auf ihr Köpfchen legend ſie erweckte. Es war ein wolkiger, mit Regen drohender Morgen. Die aufgehende Sonne blitzte nur wenige Augenblicke am Horizont, dann war ſie in den grauen Schleier gehüͤllt, an den ſie einen glänzenden Gold⸗ rand malte, der aber auch allmählig verſchwand. Die ganze Welt ſah grau und düſter aus, an je⸗ dem Blatt, an jedem Dorn hing nach kurzer Zeit ein runder Tropfen— es ſchien, als ob alles mit der betrübten Louiſe um den Abſchied trauerte. „Wir bekommen einen herrlichen Tag,“ ſagte Herr Wohlgemuth, heiter um ſich blickend,„ſolch' ein Auguſtmorgen iſt ein echtes Bild des Lebens: frühe Thränen bedeuten einen milden Mittag und einen ſonnigen Abend.“ In dieſem Moment brach die Sonne durch die Wolken und verwandelte alle die feuchten Perlen, mit denen Wald, Feld und Wieſe überſtreut waren, in prächtig funkelnde Brillanten. Es war wie Zauberei und das goldene Son⸗ 224 nenlicht ſiel verklärend und beglückend beſonders auch in Louiſens junges Herz. Sie ſah auf den Himmel, auf dem die Sonne zwiſchen drohenden Wolken hervorblitzte, die Erde ver⸗ klärte, und zum Erſtenmal in ihrem Leben ſchoß der Gedanke durch ihre Seele, daß alle auf der Erde geweinten Thränen, wie in dieſem Moment die Thautropfen, durch den ewigen vom Himmel ſtam⸗ menden Lichtſtrahl der Liebe erſt verklärt und dann verzehrt wuͤrden. Auch den Vater regte die ſchöne überraſchende Lichterſcheinung zu ähnlichen Gedan⸗ ken an: „Sieh, Louiſe,“ ſagte er laͤchelnd, indem er die Hand des jungen Mädchens in die ſeine nahm, „die Natur iſt doch wahrlich in mehr als einer Weiſe ein Spiegelbild des menſchlichen Daſeins. Wolken, Regen und Thau ſind der Erde, was der Kummer dem Herzen; das Gute in uns, die Saat, deren Frucht wir in unſern Handlungen zu Tage fördern ſollen, wird durch ſie genährt und erquicket. Der Sonnenſtrahl aber, das ewige, uns aus uner⸗ meßlichen Fernen zuſtrömende Licht iſt die Liebe Got⸗ tes, das belebende, beglückende, verklärende Prinzip, das dieſer dunkeln Erde nicht angehoͤrig, ſie doch ein⸗ zig und allein zu dem macht, was ſie iſt. Es giebt Blint es de jedem Blum daß den dem nie n Kind wahrf Vater ſtes ſie, d Mann ſtreitig mit 2 ches Wilhe dung wagt kindlic Abſch zu Th 1856. nuch onne ver⸗ choß der nent tam⸗ dann höne dan⸗ die ahm, einer eins. 3 der Saar, Tage iccket. uner⸗ Got⸗ inzip, hein⸗ giebt 225 Blinde— ſie ſehen das Licht nicht und läugnen es daher, aber ſeinen Einfluß empfinden ſie doch in jedem Athemzuge, der ihnen warme, erquickende, von Blumenduft durchwürzte Luft zuführt, ungerechnet, daß jede Frucht, die ſie genießen, jeder Gegenſtand, den ſie gebrauchen und benutzen, zuerſt nur unter dem Einfluß des Lichtes von oben entſtehen konnte.“ Herr Wohlgemuth hatte in dieſer Weiſe noch nie mit ſeiner jüngeren Tochter geſprochen, Vater und Kind hatten ſich bis jetzt ziemlich fern geſtanden, und wahrſcheinlich war Louiſe bis zu dieſem Tage dem Vater zu jung und einfältig erſchienen, um ein ern⸗ ſtes Geſpräch mit ihr anzuknüpfen. Wohl wußte ſie, daß ihr Vater ein ſehr guter, ein ſehr kluger Mann ſei, an deſſen Urtheil ſehr viele Perſonen in ſtreitigen Fällen appellirten, wohl hatte ſie bisweilen mit Befriedigung zugehört, wenn des Vaters einfa⸗ ches Wort den Geſprächen des Magiſters und Vetter Wilhelms mit einem Mal eine ganz andere Wen⸗ dung gegeben, ſie ſelbſt aber hatte es noch nie ge⸗ wagt ſich mit ihren Fragen, ihren Zweifeln, ihrer kindlichen Sehnſucht nach Gott an ihn zu wenden. Heute, wo ihr junges Herz vom Schmerz des Abſchiedes erfüllt, konnte ihr keine größere Freude zu Theil werden, als dieſe frommen verſtändigen Vater⸗ 1856. XIX. Erinner. e. Großmutter. I. 15 226 worte. Sie beugte leiſe ihr Koͤpfchen auf ſeine Hand und ſagte:„Du, Vater, Du, lieber guter Vater, wirſt mich belehren können, wirſt mit mir von Gott ſprechen und mir ſagen, wo und wie ich ihn am beſten finde?“ Herr Wohlgemuth legte ſeinen Arm um ihre feine Taille und zog ſie an ſein Herz. „Haſt Du denn das Bedürfniß darüber belehrt zu ſein?“ fragte er verwundert und erfreut.„Ich habe bis jetzt geglaubt— und darin bin ich wahr⸗ haftig ein Muhamedaner— Dein Geſchlecht, von der Natur beſtimmt für die Erfüllung kleiner und kleinlicher Pflichten, habe ſelten oder nie Sinn für etwas Höheres, und für die Religion eines Weibes und ihre geiſtigen Bedürfniſſe reiche das ſtriete Aus⸗ wendiglernen des lutheriſchen Katechiswus mit den Hauptſtücken, den zehn Geboten und dem überall dazu gehörigen: Was iſt das? vollkommen aus.“ Dann ſtreichelte er liebevoll ihre Wangen und ſagte lächelnd:„Deine Pockennarben, die jetzt freilich kaum noch Dein Geſichtchen entſtellen, ſind für Dich viel⸗ leicht etwas ſehr Nützliches geweſen, indem ſie Schmeichelei und die daraus folgende Eitelkeit von Dir fern gehalten.— Aber giebt denn der Magiſter Euch richt kann an e gieb jeder Stri iſt a Seit ange und imme zu ſe loſes geno Gede das mich ärgen möch richt da e herzi Hand ſater, Gott eſten ihre llehrt „Ich vahr⸗ von und für eibes Aus⸗ t den berall aus.“ ſagte kaum viel⸗ n ſie von giſter Euch nicht ordentlichen regelmäßigen Religions⸗Unter⸗ richt?“ „Ach Papa,“ entgegnete Louiſe traurig,„wie kann wohl ein Mann Religions⸗Unterricht geben, der an all das, was er lehrt, nicht glaubt! Der Magiſter giebt uns ſchon Religionsſtunden, aber ich bin nach jeder derſelben ſo müde, als hätte ich an einem Strick ziehen müſſen, den jemand anders, der ſtärker iſt als ich, unaufhörlich nach der entgegengeſetzten Seite zieht, und dabei habe ich dann noch das un⸗ angenehme Gefühl, trotz all meiner Anſtrengungen und den vielen Schritten, die ich vorwärts mache, immer ganz genau auf demſelben Punkte geblieben zu ſein. Es ſind mir dieſe Stunden etwas ſo Troſt⸗ loſes, ſo Peinigendes, daß ich mir ſchon oft vor⸗ genommen habe, gar nicht mehr zuzuhören und meine Gedanken für mich allein auf Gott zu richten. Aber das geht nicht, er ſpricht ſo klug der Magiſter, daß mich ſeine Worte intereſſiren, ſchon weil ſie mich ärgern und kränken und ich ſo gern ihm beweiſen möchte, daß er Unrecht hat.“ „Ich wollte, ich ſelbſt hätte Zeit Dich zu unter⸗ richten,“ ſagte Herr Wohlgemuth nachdenklich,„jetzt da ein Zufall mir Gelegenheit giebt mit Dir, Du herziges Kind, zu ſprechen, fühle ich, daß es eine 15*½ 228 der erſten Vaterpflichten iſt, die Herzen der Kinder zu Gott zu führen. Beſonders jetzt in dieſen Zeiten, wo Spott über das Heilige für Weisheit und Witz gilt. Leider ſind die Arbeiten für die Herbeiſchaffung des täglichen Brodes, das Nachdenken über die Mittel, eine Familie zu erhalten, ſo zeitraubend in dieſen kriegeriſchen und traurigen Verhältniſſen, daß ſie meine ganze Kraft in Anſpruch nehmen; aber ich will denn doch künftig daran denken, liebes Kind, und es möglich zu machen ſuchen, wenigſtens wöchent⸗ lich ein Paar Stunden auf einem Spaziergang mit Dir mich zu unterhalten und Dich zu lehren, Gott zu ſuchen wo er gewiß und unfehlbar zu finden iſt— in der Natur.“ „O Papa,“ rief Louiſe freudig,„wie glücklich machſt Du mich durch das Verſprechen, wie werde ich Dir dafür danken können! Ach ſo lange ich den⸗ ken kann, iſt mir zu Muthe, als ſei ich nur dazu auf der Welt um Gott zu ſuchen, als würde, wenn ich Ihn gefunden, kein Schmerz, kein Kummer, keine Sehnſucht mehr für mich exiſtiren und alles in mir und um mich Licht und Befriedigung ſein.“ Der Vater griff mit der Hand unter Louiſens Kinn, hob ihr Köpfchen in die Höhe und küßte ſie liebevoll auf die reine Stirn. uder ſiten, Witz fung ittel, ſieſen ſie ich Kind, hent⸗ mit Gott ſt— icklich verde den⸗ dazu wenn keine mir iſens e ſie —᷑—ÿ—ÿ—õõʒʒ9᷑— 229 „Dein ahnendes Herz mag hierin Recht haben,“ ſagte er innig;„Gott finden heißt den Frieden, die Ruhe, die innerliche Freudigkeit finden, die nichts aͤu⸗ ßerliches zu trüben und zu ſtören vermag. Was iſt Gott? die Ordnung, die Zweckmaͤßigkeit, die Schön⸗ heit, die Liebe, von der das Weltall erfuͤllt, durch die es beſeelt iſt. Die Ordnung, die Schönheit, die Geſetzmäßigkeit und Zweckmäßigkeit des Weltalls finden wir bei einigem Nachdenken in der erſchaffenen Natur, die Liebe aber finden wir in ihr weit ſchwerer; denn auch wir Menſchen gehören ja zum großen Ganzen dieſer ſichtbaren Welt, ja wir ſind gewöhnt uns als den Mittelpunkt derſelben anzuſehen. Schuld, Schmerz, Qual und Tod treten uns aber in der Menſchenwelt ſo oft und ſo fürchterlich entgegen, daß wir beim Anblick derſelben nicht den Begriff der Allmacht und Liebe Gottes vereinen können. Wer nicht in Demuth einſieht, daß er auf einem zu nied⸗ rigen Standpunkt der Erkenntniß ſteht, um das Ganze der Welt überſehen und beurtheilen zu können, der kann in dem Gott, den er aus der Betrachtung der Welt erkennt, nur die eiſerne liebeleere Nothwendig⸗ keit finden und die Nothwendigkeit iſt— furchtbar. Wir ſehnen uns nach dem liebenden Gott, ſeiner bedürfen wir in den Schmerzen und Kümmerniſſen 230 des Lebens, aber— eben darum, meine Louiſe, eben darum, weil wir ſeiner bedürfen, exiſtirt er auch. Wer ſelbſt liebt, aus Grund ſeiner Seele, bedarf keinen weitern Beweis für die Liebe Gottes, er trägt ihn in der eigenen Seele. Was kommen mag im Leben, das ſchlimmſte, furchtbarſte: das liebende Menſchenherz hat die Kraft jedem Leid zu widerſtehen. Es liegt ein tiefer Sinn in den chriſtlichen Lehren und keine davon iſt ſchöner und erhabener als die: Gott iſt die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ „Vater! Vater!“ ſagte Louiſe,„o Vater, wie machſt Du mich heute ſo glücklich! wie werde ich ſo lange ich lebe dieſes Tags gedenken, er iſt mir wie ein neuer Geburtstag, denn ein neues Leben und ein viel glücklicheres beginnt für mich mit ihm.“ „Auch für mich vielleicht, mein liebes Kind,“ ſagte Hert Wohlgemuth,„ich habe wohl auch bis⸗ weilen die Sehnſucht nach einem Weſen, das meine Gedanken verſteht und meine Gefühle theilt; heute habe ich es gefunden, gefunden in meinem Kinde.“ „Ich mochte Dir jetzt etwas ſagen, mein Vater, etwas, das ich ſonſt nie auszuſprechen gewagt hätte; darf ich, Vater?“ „Sprich, mein liebes Kind.“ —]————— 231 eben„Vater, ich bin noch ſo jung, an Jahren faſt auch. noch ein Kind und doch habe ich ohne Deinen Rath, ſedarf ohne Deine Billigung verſprochen, in Zukunft die Frau trägt des Fritz Treufeldt zu werden und nie einen andern im als ihn zu heirathen.“ bende„Du! Du mein Kind?“ lehen.„Ja Vater! biſt Du darüber erzürnt?“ hren„Nein, meine Tochter, aber ich fürchte, daß dieß die: Verſprechen ein kindiſches und voreiliges ſein dürfte. „ der Noch kennt Ihr beide ſo wenig vom Leben! Ihm und auch Dir kann das Glück in einer andern glänzenden wie Geſtalt entgegentreten; ihr ſeid beide den Jahren ch ſo nach Kinder, kennt nicht die Macht der Leidenſchaft, rwie den Einfluß von Rang, Reichthum und Verhältniſ⸗ und ſen. Eine Ehe, die vielleicht ſpäter nur geſchloſſen 4 wird, um ein kindiſches Verſprechen zu erfüllen, ind, dürfte Euch allzu ſchwere Pflichten auferlegen.“ bis⸗„Vater,“ ſagte Louiſe und legte ihren Kopf an neine Wohlgemuths Bruſt,„wir verſprachen uns, im Leben heute und Tode einander zu gehören, als wir dem Tode nde.“ ſehr nahe waren, als wir beide glaubten, daß er gater, in wenigen Stunden kommen müſſe; lieber Vater, ätte; jene Tage der Angſt haben mich älter gemacht, als die übrigen Jahre meines kurzen Lebens. Jetzt, da ich Dir geſagt habe, wie lieb wir uns haben, iſt 232 mir aber erſt recht wohl, mir iſt zu Muthe, als wenn ich von Fritz nicht getrennt ſei, als wenn ich ihm jetzt ganz und gar erſt gehörte; Du weißt von allem und haſt uns lieb.“ Herr Wohlgemuth ließ ſich von ſeiner Tochter jetzt alles erzählen, er durchlebte mit ihr und dem Jüngling die Stunden der Todesangſt und ſagte, als ſie zu ſprechen aufhörte, gerührt: „Wohl wohl, mein Kind, wenn Treufeldt Dich lieb behält, wenn er ſich in einigen Jahren eine Stellung erringt, die es ihm möglich macht, für eine Familie zu ſorgen, ſo wird er mir ein lieber Sohn ſein. Du aber, Louiſe, haſt jetzt doppelt Grund an Deiner Ausbildung zu arbeiten, lerne Alles was Du zu lernen nur irgend Fähigkeit und Gelegenheit haſt; ein gebildeter Geiſt bei einer Frau iſt ein weit grö⸗ ßerer Schatz für den Gatten als Schönheit, denn dieſe währt nur kurze Zeit, während jener das ganze Leben verſchönt und den Tod überdauert.“ Unter dieſen Geſprächen verging den beiden Reiſenden der Tag, der von Stunde zu Stunde ſchöner und klarer wurde. Um eilf Uhr Nachts langten ſie in der alten Heimath an, Vater und Tochter ſo heiter und glücklich, wie es nur Menſchen ſein können, die ſich in Liebe gefunden. wa ſiſch Me der und nich Geſ ſte ſiſch in i dem mit die benn ihm llem chter dem gte, Dich eine eine bohn an Du aſt; grö⸗ penn nze den ude gten hter ſein ——ᷣ—ꝛ—ꝛꝛ—, 233 Madame Wohlgemuth und Lydia waren noch wach und in eifriger Unterhaltung mit den franzö⸗ ſiſchen Officieren. Vetter Wilhelm war bereits mit dem Magiſter in ſein Zimmer gegangen, ſtatt ſeiner ſaß der Kantor neben Lydia und führte allerlei ſeltſame und zärtliche Reden. Louiſe war ſehr ermüdet und auch durchaus nicht in der Stimmung, unter fremden Menſchen Geſpräche über nichtige Dinge zu hören. Nachdem ſie alſo ihrer Mutter Hand geküßt und die franzö⸗ ſiſchen Gäſte artig begrüßt hatte, ging ſie hinauf in ihr Stübchen. Es war ſo ſtill und friedlich in dem kleinen Raum. Der abnehmende Mond ſtieg langſam am Himmelsgewölbe empor und uͤbergoß mit ſeinem trauten Lichte die liebe heimathliche Gegend. Sie ſtand am Fenſter, ſchaute hinaus in die liebe Sommernacht und betete. Nicht daß ſie Gott um irgend etwas bat, ſie vertraute trotz ihrer großen Jugend zu feſt auf die Weisheit, Allmacht und Güte des Ewigen und war auch im Grunde ihres Herzens bis zu dieſer Stunde ihres Lebens zu glück⸗ lich geweſen, ſo daß ſie die tiefe und heilige Be⸗ deutung jener Bitte: ‚Dein Wille geſchehe wie im Himmel alſo auch auf Erden, ſehr wohl faßte. Aber ſie dachte an Gott, ſie fühlte ſich und alle die, 234 welche ſie liebte, in ſeiner Obhut, und Ehrfurcht und Freude erfüllten ihr Herz bei dem Gedanken an den Ewigen. Mit dem leiſen ſeligen Bewußtſein, daß nur Gutes, nur das Beſte aus Gottes Vater⸗ händen kommen könne, mit Freude über die Liebe ihres Vaters und kindlicher Anhänglichkeit an ihren fernen jungen Freund, ſank ſie leiſe und allmählig in die Arme des Schlafes, den kein böſer Traum, kein ſchmerzlicher Gedanke ſtörte. Sie erwachte über einem eigenthümlichen Ge⸗ räuſche. Es war als höre ſie heftig und krampfhaft ſchluchzen. Es war dunkel im Zimmer, denn ſie hatte die Gardinen niedergelaſſen und ſelbſt dem bleichen Mondlicht den Weg in den friedlichen Raum verſperrt. „Wer iſt hier? wer weint hier?“ fragte ſie mit einiger Angſt. „Ich bin's, Louiſe, ich, o mein Gott!“ antwor tete Lydia unter heftigem Weinen. „Du weinſt, Schweſter, liebe Schweſter, was iſt Dir?“ „Gott! Gott! Louiſe, unſer Vater, unſer armer Vater, o und wir, was wird aus uns werden, wenn er hinweg geführt und vor Gericht geſtellt wird.“ Louiſe glaubte zu träumen.„Der Vater, unſer urcht n an tſein, Pater⸗ Liebe ihren ählig aum, Ge⸗ pfhaft n ſie eichen perrt. te ſie twor was armer wenn vird.“ unſer 235 Vater ſoll weggeführt werden? vor Gericht? liebſte Lydia, das kann ja gar nicht möglich ſein!“ „Doch, doch, ach Du mein Himmel, das kommt davon, daß er immer ſich um Dinge kümmerte, die ihn eigentlich gar nichts angingen. Er war es ſtets, der bei allen Gelegenheiten alles was gefährlich war auf ſeine Kappe nahm, aus Patriotismus— was man von dem hat, das ſehen wir nun. Ach der arme arme Vater. Er iſt in ſeiner Stube eingeſchloſſen und zwei Franzoſen ſind bei ihm, während er noch etwas in ſeinem Teſtament ändert und anders nie⸗ derſchreibt. Auch vor beiden Thuͤren ſtehen Wachen und unter ſeinem Fenſter ebenfalls.“ Louiſe war ſchon aus ihrem Bette geſprungen und hatte einige Kleider übergeworfen.„Aber was iſt deun geſchehen, was hat er denn verbrochen? oder vielmehr was wird ihm Schuld gegeben? denn ver⸗ brochen, das weiß ich wohl, hat unſer Vater nichts!“ „O doch, Louiſe, doch, das heißt in den Augen dieſer Franzoſen. Es iſt wegen des Geldes, das er nun ſchon ſeit längerer Zeit immer in Empfang nimmt und an die preußiſchen Behörden abliefert. Das darf er nicht. „Seit dem Augenblick, daß der erſte Franzoſe hier einrückte, waren die Kaſſen verpflichtet alle ihre Ein⸗ 236 V nahmen an den franzöſiſchen General zu zahlen, und gan zumal jetzt. Dieſer Ort iſt ja ſeit dem Frieden gar ſo nicht mehr Preußen, das Geld hat unſer Vater alſo nütz geradezu geſtohlen, den Franzofen freilich, oder den gött Polen— was weiß ich,— aber jedenfalls ge⸗ ſtohlen und dafür wird er nun in ein Gefängniß und gebracht werden, wohin, wiſſen wir alle noch nicht;„und der General ſagt es auch niemandem, er weiß es wo ſelbſt vielleicht noch nicht. Morgen ganz in der heit Frühe wird der arme Vater abgeführt, Gott, und lung was wird denn aus uns? Die Mutter ſagt, daß es Ster mit unſerm Vermögen ganz ſchlecht ſtände, daß wir eigentlich nichts mehr hätten als das Gut, auf dem ſo viel Schulden ſind und das jetzt in dieſen ſchlech⸗ ten Zeiten gar nichts werth iſt; mein Gott, mein Gott, was wird aus uns?“ Louiſe war ans Fenſter getreten. Ihr Herz zitterte bis in ſeine tiefſten Tiefen. Ihr Vater, ihr lieber Vater wurde von ihr geriſſen, der Vater, den ſie eigentlich jetzt erſt gefunden, jetzt erſt würdi⸗ gen gelernt hatte.„Gott will auch das! denn ohne ſeinen Willen fällt kein Vogel vom Himmel, kein Haar von unſerm Haupte,“ ſagte ſie ſich ſelbſt. Sie litt, ſie litt ſchmerzlich, aber es war keine Bitterkeit in dieſem Leiden, ſie konnte neben dem Schmerz —— ,— 237 ganz deutlich denken, daß auch dieß, was ihr jetzt ſo ſchrecklich, ſo traurig erſchien, nothwendig und nützlich, daß es mit einem Worte ein Ergebniß des göttlichen Willens ſei. „Unſer Vater hat ſeine Pflicht gethan als Mann und als Unterthan ſeines Königs,“ ſagte ſie ruhig, „und wir können ſtolz darauf ſein. In dieſen Zeiten, wo ſo viel Treuloſigkeit, ſo viel Verrath und Feig⸗ heit an allen Orten ſich gezeigt haben, iſt eine Hand⸗ lung wie die unſers Vaters wie das Aufblitzen eines Sternes in einer trüben Winternacht. Wenn er leidet und wenn wir mit ihm leiden, ſo liegt darin ein Troſt. Ich moͤchte nicht die Tochter eines der Feſtungs⸗ Commandanten ſein, welche die ihnen anvertrauten Plätze ohne Gegenwehr, ohne Schwertſchlag, abge⸗ geben haben; aber die Tochter unſeres Vaters bin ich mit ſtolzer Freude. Treffe uns was da will, ich werde es gern ertragen in dem Gedanken, daß ich wegen meines Vaters Tugend und Rechtſchaffenheit leide.“ „Du redeſt wie ein Kind, das Du auch noch biſt,“ ſagte Lydia bitter.„Du weißt nicht was Noth und Armuth iſt; wenn man nicht weiß, wovon man leben ſoll und wenn wir vielleicht für Geld nä⸗ hen müßten, wie ganz arme Mädchen, dann würde ſt 238 Du ſicherlich nicht ſo von Tugend und dergleichen ſprechen. Ich wollte, Vater hätte es gemacht, wie alle andern und könnte bei uns bleiben und nach ſeiner Wirthſchaft ſehen.“ Louiſe kannte den Ideengang ihrer Schweſter nur zu wohl, ſie machte alſo gar nicht mehr den Verſuch ſie auf andere Gedanken zu bringen, ſondern ſchwieg eine Weile und fragte dann:„Aber wie um Gottes Willen hat denn der General jetzt mit einem Male erfahren, wovon er ſo lange doch keine Ahn⸗ ung gehabt haben kann?“ „Ach Jeſus, das iſt auch etwas ganz ſonder⸗ bares, ganz erſchreckliches. Der Kantor hat es dem General verrathen, der Kantor, denke nur, mir iſt das ganz unbegreiflich.“ „Erzähle mir das,“ ſagte Louiſe ruhig und gefaßt. „Ja wie ſoll ich Dir das ſo genau erzählen; der Kantor iſt ſeit einiger Zeit ſchon ſo wunderlich, ſo ganz anders wie andere Leute. Er iſt in mich ver⸗ liebt, ſagt die Mutter, nun meinetwegen, das kann er ja ſein, aber ſtelle Dir vor, heute Nachmittag kommt der alte Prediger zur Mutter und bittet ſie um eine Unterhaltung unter vier Augen. Ich blieb aber im Nebenzimmer, ich wollte gern hören was der vorhatte. —— 239 So denke Dir, er ſagt: Aber meine beſte Madame Wohlgemuth, es iſt ja ganz unmöglich, daß ich meinen werthen Freund, den Herrn Wohlgemuth, und hre älteſte Demoiſelle Tochter künftigen Sonntag ſchon von der Kanzel als ein Brautpaar proclamiren ſoll, es geht durchaus nicht, denn die Demoiſelle iſt ja noch nicht confirmirt und ſo eigentlich noch als ein Kind zu betrachten.— Den Kantor und meine Lydia 2 fragt die Mutter ganz entſetzt und ich denke ich ſoll außer mir kommen, vor Lachen und auch vor Aerger; aber mein Himmel, Herr Prediger, wer hat denn das gewollt oder gewünſcht?— Nun ich denke doch, entgegnet der Alte ganz verdutzt, daß Ihr Herr Vetter mit Ihrer Billigung und Bewilligung eine Ehe mit der Demoiſelle zu ſchließen beabſichtigt, er ſelbſt beſtellte heut ganz in der Frühe die Aufbietung.— Da muß er geradezu verrückt geworden ſein, ſagte die Mutter, es iſt von dergleichen nie bei uns die Rede geweſen, und wenn auch meine Lydia erwachſen und eingeſegnet wäre, ſo könnte es uns doch wahr⸗ haftig nicht einfallen, ſie einem Manne zu geben, der ſo arm, ſo wunderlich und ſo wenig liebenswürdig iſt, wie der Kantor Wohlgemuth. Lydia iſt für andere Verhältniſſe erzogen und denkt nicht an den Narren. — Meine werthe Madame, ſagte der Alte, ich bitte 240 tauſendmal um Verzeihung; ich werde gleich mit meinem Freunde und Collegen Rückſprache nehmen. Es muß die ganze Sache wohl auf einem Irrthume beruhen, entſchuldigen Sie mich alſo, wenn ich bitten darf.— Damit ging er. Eine Stunde darauf kam der Kantor. Nun ſagen Sie mir, ob Sie toll ge⸗ worden ſind? fragte meine Mutter ärgerlich ſobald ſte ihn nur ſah; Sie haben Ihre Aufbietung mit Lydia beſtellt?— Ich? er erſchrack und wurde bleich. Ich Couſine, Sie ſcherzen, wann ſollte dieß geſchehen ſein?— Heute früh, wenn Sie es nicht gethan, ſo iſt wahrlich der alte Prediger verrückt ge⸗ worden.— Er ſtarrte vor ſich hin. Ja ja, ſagte er, einer iſt verrückt geworden, jedenfalls, Couſine! je⸗ denfalls, Gott ſteh uns bei.— Er ſetzte ſich dann zu uns und blieb eine lange lange Weile ſtumm wie ein Oelbild. Später kamen die Officiere in unſere Wohnſtube, da ſing er an zu ſprechen, er kam aus dem Hundertſten auf das Tauſendſte, es war gar kein Sinn und Verſtand in dem, was er zum Vor⸗ ſchein brachte, es klang ordentlich ängſtlich. Es ging den ganzen Abend ſo bis Vater endlich nach Hauſe kam. Sobald Du zu Bette gegangen, merkte der auf den Unſinn des Kantors und war förmlich er⸗ ſtaunt und erſchrocken. Wie er ſo recht tolles, närriſches Zer die den oder der um Der aber ich n Euch brav lebt Min Du den tung erha neral Offi Lum menh Das Frau, Welt ſchön 1856. mit hmen. thume bitten f kam Il ge⸗ ſobald mit wurde e dieß nicht kt ge⸗ zte er, el je⸗ nn zu n wie unſere n aus ar gar Vor⸗ 3 ging Hauſe ite der ich er⸗ riſches Zeug ſchwatzte, legte Vater ihm die Hand auf die Schulter und ſagte: Aber Kantor, was iſt Dir denn, was haſt Du denn, machſt Du thörichte Scherze oder biſt Du krank, Menſch?— So wie er das hört, der Kantor nämlich, ſteht er auf, fällt dem Vater um den Hals, weint und jammert und ſagt endlich: Denke nicht, daß ich toll bin, ich kann es werden, noch aber habe ich mein Bißchen Verſtand beiſammen; ſieh ich weiß alles, alles was um mich vorgebt, ich kenne Euch alle. Du biſt Anton, ein ſo herzensguter und braver Menſch als nur jemals einer auf Erden ge⸗ lebt hat. Du kommſt von Tilſit und haſt an den Miniſter Stein die letzte Geldſumme eingeliefert, die Du noch von den geretteten Kaſſenbeſtänden in Hän⸗ den hatteſt. In Deiner Bruſttaſche ſtecken die Quit⸗ tungen, die Du zu Deiner künftigen Legitimation erhalten. Dieſer Mann hier iſt ein franzöſiſcher Ge⸗ neral, halb und halb ein rechtſchaffener Kerl; dieſer Officier iſt ein elſaſſiſcher Hund, zu den deutſchen Lumpen gehörend, die mit dieſen Franzoſen zuſam⸗ menhalten und ihre Landsleute und Brüder ruiniren. Das hier iſt Deine Frau, Deine eitle und leichtſinnige Frau, und dieß iſt Lydia, das ſchönſte Geſchöpf auf Gottes Welt, ſchöner als die Königin Louiſe, ſchöner als das ſchönſte Marmorbild, die Engel können nicht ſchöner 1856. XIX. Erinner. e. Großmutter. I. 16 0 ‿ 42 ſein als dieß Mädchen, und im Vertrauen, wenn mir's gelänge eine Seele in ſie hinein zu bringen, eine Menſchenſeele, fähig zu denken und zu lieben, dann wäre ſie ein Engel, mein Engel, Anton! An⸗ ton! hilf mir dabei!— Kaum hatte er das geſagt, ſo ſchlägt er die Hände vors Geſicht, ſchreit überlaut und wirft ſich zu Boden. Hier iſt ein Unglück ge⸗ ſchehen, ein ſchreckliches Unglück, ſagte der Vater, der ſo bleich geworden war wie ein Tuch; mein armer Verwandter ſpricht irre, und wenn er nicht ein Nervenfieber hat, ſo iſt er wahnſinnig.— Der Kan⸗ tor lag indeß auf der Erde, ſchrie, ſtieß mit Händen und Füßen um ſich und der Schaum ſtand ihm vor dem Munde. Es war ganz gräßlich. Niemand konnte ihn beruhigen und bändigen, er war wie ein wildes Thier und ſo ließ der General, der immer ganz ru⸗ hig geblieben, ſechs franzöſiſche Soldaten herauf com⸗ mandiren, die haben ihn endlich überwältigt, feſtge⸗ halten, gebunden und in die Unterſtube gebracht; horch! Du kannſt ihn in der Nachtſtille toben und brüllen hören!“ „Und der Vater? der Vater?“ fragte Louiſe mit bitterer Todesangſt. „Herr Gott, ja, ich bin ſo erſchrocken, daß ich Alles und Alles vergeſſe. Ja nachdem der Tolle wenn ngen, ieben, An⸗ gt, ſo erlaut ge⸗ Pater, mein nicht Kan⸗ änden m vor konnte wildes 1z ru⸗ f com⸗ feſtge⸗ racht; und Louiſe aß ich Tolle hinweggebracht, wollte der General in ſein Zimmer gehen, der elſaſſer Officier aber, der Lieutenant Drei⸗ gart, ſagte: Ich glaube, daß es unſere Pflicht iſt uns nach dem zu erkundigen, was der erkrankte Mann in Bezug auf den Hausherrn ausgeſagt. Der Herr Ge⸗ neral ſpricht ſo wenig deutſch, daß er wohl die An⸗ ſchuldigung gegen denſelben nicht verſtanden.— O doch, doch! fällt ihm der in die Rede, ick mir denken was ein Raſender ſagt, iſt keine Anklage.— Dafür halte ich es auch nicht, entgegnet der abſcheuliche Dreigart, aber der Herr General wiſſen ſelbſt, daß von den Kaſſen in dieſer Gegend durchaus nichts in die Hände Sr. Majeſtät des Kaiſers gekommen iſt; jemand muß dabei ſeine Hand im Spiele haben, und wenn der Herr Wohlgemuth, wie ich gar nicht zweifle, unſchuldig iſt, ſo wird er uns gern die Pa⸗ piere zeigen, die Quittungen von dem Miniſter ſein ſollen, den Sr. Majeſtät des Kaiſers ausdruͤcklicher Befehl aus dem preußiſchen Cabinet entfernt hatte.— Der Vater ſtand auf, als er das hörte, auf ſeiner Stirn klopfte die volle Zornader, er trat an den elſaſſiſchen Officier hinan und ſagte: Deutſchland wird immer unter den Händen ſeiner Feinde bluten und verbluten, weil die Deutſchen ſelbſt ſich unter einander verrathen. Ich habe, als ich meinem Lande 16* 244 die königlichen Kaſſen rettete, meine Pflicht gethan, Herr General von Vattier hat dieß in ſeinem Herzen an⸗ erkannt und gethan, was in ſeinen Kräften ſtand, um mich zu retten, ich lege mein und meiner Familie Zukunft in die Hände dieſes Ehrenmannes, hier ſind die Papiere.— Damit kehrte er dem Dreigart den Rücken, trat zu dem General und überreichte dieſem die Quittungen. Der General war ganz betrübt, er verſicherte den Vater in den verbindlichſten Ausdrücken ſeiner Theilnahme, ſagte ihm aber auch, daß er nun nicht anders könne als ihn arretiren und bewachen laſſen. Ach, ich fürchte, es geht dem Vater ans Leben, und wir, was machen wir ohne ihn? Die Mutter iſt keine Landwirthin, das weißt Du, ſie iſt auch dazu gar nicht erzogen.“ So jammerte und klagte Lydia fort und fort, und während deſſen kleidete Louiſe ſich an, verließ das Zimmer und ging, um wenigſtens den Verſuch zu machen, zu ihrem Vater zu kommen. Die Wache an der Zimmerthür ließ ſie ohne Anſtand eintreten. Der General hatte befohlen, die Familie frei mit dem Gefangenen verkehren zu laſſen, jedoch ihm die Flucht unmöglich zu machen. „Du biſt's, Louiſe, mein liebes Kind,“ ſagte Herr Wohlgemuth, herzlich erfreut, als das junge Herr an⸗ „um milie ſind den eſem t, er ücken nun ichen eben, er iſt dazu fort, rließ rſuch ohne die iſſen, ſagte unge 245 Mädchen ſich zu ihm geſchlichen und neben ſeinem Stuhle hingekniet hatte,„aber Du ſollteſt eigentlich ſchlafen, um Kraft zu haben beim Abſchiede.“ „Ich bin ſtärker als Du denkſt, mein Vater,“ entgegnete ſie,„und vielleicht kann ich Dir jetzt in dieſer Leidenszeit nützlich ſein.“ „Gewiß, mein Kind, das kannſt Du. Es ſcheint mir, daß Du ruhig und gefaßt biſt, und hoffentlich wird es Dir trotz Deiner Jugend möglich ſein, meine Rathſchläge und Anordnungen zu faſſen und über ihrer Ausführung zu wachen. Deine arme Mutter iſt ſo vom Gram hingeriſſen, daß ſie unfähig iſt irgend etwas zu thun, und ſo iſt mir's denn lieb, daß ſie meinem ernſten Befehl folgend ſich niedergelegt hat, vielleicht giebt ihr Gott die Wohlthat des Schlafes. „Ich habe bei dem was ich that und was zu thun ich für meine Pflicht hielt, ſtets an die Mög⸗ lichkeit eines ſolchen Ausganges gedacht und daher meine Angelegenheiten geordnet. Der Vetter Deiner Mutter, Herr von Itzſtein, wird ſich, während ich von Euch getrennt bin, jedenfalls Eurer annehmen; auch Vetter Wilhelm, der viel Anhänglichkeit an Euch zeigt, wird Euch ſeinem Vater empfehlen. Eu⸗ ren Aufenthalt nehmt Ihr in der erſten Zeit in Elbing, meiner Vaterſtadt. Dort findet Ihr Anver⸗ 246 wandte, die Euch ſchützen werden, das Gut hier nimmt Fürſt Subow vor der Hand jedenfalls in Pacht und von dem Ertrage der Pachtgelder werdet Ihr zwar eingeſchränkt, aber ohne Noth leben können; der Fürſt hat mir das ſchon vor längerer Zeit verſpro⸗ chen. Mein Geſchick möge Euch keine zu große Sorge machen. Ich werde als Gefangener irgend eine franzöſiſche Feſtung vewohnen. Meine Kennt⸗ niß der Sprache wird mir dabei ſehr zuſtatten kommen, und ewig wird die Herrſchaft dieſer Fran⸗ zoſen auch nicht dauern. Vergiß nicht, meine Louiſe, daß, wenn das Vaterland einſt frei wird, auch ich es werde, hoffe auf Gott, der nichts geſchehen läßt, was nicht zu unſerem wahren Beſten dient, ſei eine Stütze Deiner Mutter, eine Freundin Deiner Schwe⸗ ſter und denke an Deinen Vater mit Liebe. Für den Fall, daß ich fern von Euch ſterben ſollte, habe ich ſchon vor längerer Zeit meinen letzten Willen aufgeſetzt, und Herr von Vattier, der ein Ehrenmann iſt, wird dafür ſorgen, daß derſelbe dem Kreisgericht in Tilſit übergeben wird. Eins beunruhigt mich nun ſchrecklich, und das iſt das Geſchick meines armen Verwandten, der mich im Zuſtande der Geiſteskrank⸗ heit verrieth; er iſt jedenfalls wahnſinnig, vielleicht für immer, ſein Amt, das ihn bisher ernährt, verliert nimmt t und zwar 6 der rſpro⸗ große irgend Kennt⸗ atten Fran⸗ Louiſe, ch ich i läßt, ei eine bchwe⸗ Für „habe Willen nmann gericht ch nun armen gkrank⸗ elleicht verliert er, in der Gegend hier iſt er fremd; es wäre mein Wunſch, daß der Unglückliche, der ſonſt betteln müßte, bei Euch bleibe, daß Ihr Euch ſeiner annähmt, jeder lichte Augenblick wird ihm durch die Erinnerung an das Elend, das er angerichtet, verbittert werden, und nur wenn er ſieht, daß Ihr ihm vergeben habt, daß Ihr ihn als Verwandten betrachtet, wird er ſich mit der Zeit beruhigen.“ „Ich werde den armen Kantor pflegen, Vater, verlaß Dich darauf,“ ſagte Louiſe,„er ſoll an meinem Thun niemals fühlen, daß er ſo unglücklich war, uns den Vater zu rauben.“ „So recht, mein Kind,“ ſagte Herr Wohlge⸗ muth, das leiſe weinende Mädchen in ſeine Arme ſchließend,„und nun hilf mir noch dieſe Papiere ordnen, ſuche die Wäſche und die nothwendigen Kleidungsſtücke zuſammen und beſorge für uns Kaffee. Es iſt drei Uhr, ſchon graut draußen der Tag, um acht ſpäteſtens werde ich von hier fortgeführt— ach wie lieb wäre es mir, wenn Deine arme Mutter in dieſem fuͤr ſie ſo ſchrecklichen Augenblick die Wohlthat des Schlafes genöße. Iſt es vorüber, wird die Zeit das ihre thun ſie zu beruhigen.“ Zum Erſtenmale in ihrem Leben empfand Louiſe, daß es kein Leid giebt, dem Liebe und Vertrauen 248 nicht eine Süßigkeit beimiſchen können, deren Da⸗ ſein man in den gewöhnlichen ſogenannten glückli⸗ chen Lebenstagen gar nicht ahnt. Sie erfüllte alle ihr gewordenen Aufträge mit einem Gefühl der Freude über die Liebe ihres Va⸗ ters, die ihre Seelenkräfte ſtärkte und erhöhte, und als der Sommermorgen golden in die Fenſter ſchien, ſaßen Vater und Tochter ruhig, faſt fröhlich, bei ihrem Frühſtück und ſprachen hoffnungsvoll von der Zeit des Wiederſehens. Um ſieben Uhr erſchien der franzöſiſche General bei dem Gefangenen und eine Viertelſtunde ſpäter ſaß Herr Wohlgemuth mit zwei franzöſiſchen Sol⸗ daten im Wagen, der ihn ins Hauptquartier nach Berlin führen ſollte. „Sei eine Stütze Deiner Mutter, mein ſtarkes, mein verſtändiges Kind!“ waren die letzten Worte des ſcheidenden Vaters geweſen, als er ſeine Hand ſegnend auf Louiſens jugendliches Haupt gelegt. Sie konnte nicht ſprechen, die Lippen bebten ihr und ihre Bruſt war wie von einer Bleilaſt ge⸗ drückt; aber ſie ſah ihn an und in ihrem Blick lag der Schwur, alle ihre Kraft aufbieten zu wollen, um das Vertrauen, das der Vater in ſie ſetzte, zu rechtfertigen. das einen mehr ſich wun ſie b reiſe ſchen bedin geſte! Verk Zim leer kehrte Kiſten elegt. 249 Neuntes Capitel. O ſelig, wer entbehren und dulden ſchon im Lenz des Lebens lernt, Er lernet früͤh des Herzens Blüthen pflegen, Die ihm des Lebens Dürre nicht gewährt. Zacharias Werner. Die Lage der Familie Wohlgemuth war durch das Unglück, das ſie getroffen, plötzlich und wie mit einem Zauberſchlage verändert. Madame Wohlgemuth war erkrankt und lag mehrere Tage in völliger Bewußtloſigkeit. Als ſie ſich erholte, war der heftigſte Trennungsſchmerz über⸗ wunden und ſie konnte ruhig von dem Unglück, das ſie betroffen, ſprechen und die Anſtalten zu ihrer Ab⸗ reiſe nach Elbing treffen. Der Maler Treufeldt war der Vermittler zwi⸗ ſchen ihr und dem Fürſten Subow, und die Pacht⸗ bedingungen wurden zur völligen Zufriedenheit feſt⸗ geſtellt, dann ging es ans Packen einiger, an den Verkauf anderer Möbel und Geräthſchaften. Die Zimmer, ſonſt der Sitz heitrer Geſelligkeit, wurden leer und ſahen unheimlich und verwüſtet aus; Stühle kehrten die mit Stroh bewickelten Beine gen Himmel, Kiſten und Kaſten ſtanden bald leer, bald gefüllt 250 auf den Dielen, die Uhren ſtanden, weil ſie ver⸗ packt werden ſollten, Stroh und Heu lag auf den Treppen und Gängen. Alles im Hauſe war ſo ver⸗ ändert, daß der Blinde keinen Schritt ohne Führer gehen konnte und daher mußte Magiſter Fiſch alle ſeine früheren Lieblingsbeſchäftigungen aufgeben und ſich ſeinem Zögling widmen; denn Louiſens Zeit war durch tauſend Arbeiten, die ſich in dieſer all⸗ gemeinen Unruhe für ſie fanden, vollſtändig in An⸗ ſpruch genommen. Louiſe, ſonſt im elterlichen Hauſe unbedeutend und für nichts geachtet, hatte jetzt in der Zeit der Noth und Anſtrengung plötzlich einen Wirkungskreis und einen Einfluß erlangt, der weit größer war als man es nach ihrer Jugend erwarten durfte. Madame Wohlgemuth, gewöhnt an die Bequemlichkeit, eine Autorität neben ſich zu haben, auf deren Ausſpruch ſie ſich in jedem Fall verlaſſen konnte, erhob, von ihrem Gatten getrennt, ihre jüngſte Tochter, die ihr ſonſt ſo fern geſtanden, plötzlich zu derſelben und legte auf die ſchwachen Schultern eines Kindes da⸗ durch die Laſt der Verantwortlichkeit, die bis dahin ein kluger und ſtarker Mann getragen. Louiſe fühlte dieß, ſie fühlte es oft mit See⸗ lenangſt. Sie mußte aus der Kaſſa die Zahlungen leiſt Bri Wo ſoll. and oder Abf noch zuge ten alle: ſchic cier und ihre uͤbe ſen. die mac die Toch rend ————ᷓ́ᷓ́ᷓ́ᷓ́ᷓ́ᷓ́ᷓ́ᷓ́ᷓ’ʒ— 251 ver⸗ leiſten, das einkommende Geld in Empfang nehmen, if den Briefe an Verwandte in Elbing ſchreiben wegen einer d. ver⸗ Wohnung, mit dem Schiffer, der die Möbel aufnehmen Führer ſollte, unterhandeln, Buch führen und noch tauſend Fiſch andere Dinge thun, die niemand anders thun wollte fgeben oder konnte. s Zeit Schon acht Tage nach Herrn Wohlgemuths er alla Abführung erhielt das franzöſiſche Armee⸗Corps, das in An⸗ noch in Neu⸗Oſtpreußen ſtand, den Befehl zum Ab⸗ zuge, und Herr von Vattier und ſeine Officiere trenn⸗ deutend ten ſich von der Familie mit dem feſten Verſprechen, eit der alles was nur irgend möglich zu thun, um das Ge⸗ gskreis ſchick des Vaters zu erleichtern. dar als Madame Wohlgemuth ſah die franzöſiſchen Offi⸗ adame ciere nicht mehr, ſie lag noch krank bei ihrem Abzuge, t, eine und die klingende Militärmuſik vermiſchte ſich mit sſpruch ihren Fieberträumen. bb, von Sie war nach der Trennung von ihrem Gatten die ihr überhaupt nicht mehr die Frau, die ſie früher gewe⸗ en und ſen. Eine Aengſtlichkeit hatte ſich ihrer bemächtigt, des da⸗ die ſie faſt zu jeder ſelbſtſtändigen Handlung unfähig dahin machte und nur Eins lag ihr noch ſehr am Herzen: die Freude und Bequemlichkeit ihrer älteſten ſchönen Tochter. Für Lydia dachte, ſorgte, ſchaffte ſie, wäh rend ſie es ganz in der Ordnung fand, daß die 252 zwei Jahre jüngere Louiſe Arbeiten übernahm, die die Kraft eines thätigen und intelligenten Mannes vollſtändig in Anſpruch genommen hatten. Vetter Wilhelm leiſtete ihr nach Kräften Beiſtand. Der Blinde war ein ausgezeichneter Kopf, die Natur hatte ihm, gleichſam als Erſatz für den ihm fehlenden Sinn, eine Verſtandesſchärfe, Aufmerkſam⸗ keit und Combinationsgabe verliehen, die faſt fähig waren ihm das Augenlicht zu erſetzen, und ſein Wunſch, ſich in der jungen Louiſe eine Gattin zu erziehen, machte ihn gegen dieſe gefällig und auf⸗ merkſam. Alle Geiſteskräfte des Blinden ſtanden gleichſam im Dienſte von Louiſens hellen Augen. Er erklärte ihr was ſie ſah und wußte ſtets ſeine Be⸗ merkungen ihrer Verſtandeskraft anzupaſſen. Sie traute daher auch in allen Dingen, die das gewöhn⸗ liche Leben betrafen, dem blinden Vetter vollkommen, die Gefühle ihres Herzens hielt ſie dagegen vor ihm ziemlich verborgen. Sie wußte aus Erfahrung, daß er es liebte, das kalte Waſſer ſeines Egoismus und ſeiner Zweifelſucht auf jede gen Himmel lodernde Flamme zu gießen. Es wurde Herbſt, ja der frühe Winter klopfte bereits mit bereiftem Finger an, ehe die verlaſſene Familie ſich zu ihrer Ueberſiedelung bereit gemacht. In zigen von krank herar ſer 1 ſchwa ließ ſchaͤft in die der a ſich n Bogen Actenf bewah Bau nähern Acten, cher J mögen könne, T ben il So lie n, die tannes iſtand. of, die n ihm rkſam⸗ fähig d ſein ttin zu d auf⸗ tanden n. Er e Be⸗ Sie wöhn⸗ mmen, dor ihm klopfte laſſene emacht. In dieſer traurigen Zeit hatten ſie nicht einen ein⸗ zigen Brief, keine, auch nicht die kleinſte Nachricht von dem abweſenden Vater erhalten. Die Geiſtes⸗ krankheit des armen Verwandten hatte ſich völlig herausgeſtellt. Kantor Wohlgemuth war ein harmlo⸗ ſer unſchädlicher Wahnſinniger geworden. Er ging ſchwatzend und geſtikulirend durch Garten und Haus, ließ ſich gern mit kleinen häuslichen Arbeiten be⸗ ſchaͤftigen, indem er auf Befehl Holz und Waſſer in die Küche trug, Schuhe und Meſſer putzte, Klei⸗ der ausklopfte, Holz ſägte und im Garten grub. War er in ſeinem Zimmer, ſo beſchäftigte er ſich mit Schreiben und zwar ſchrieb er Bogen nach Bogen und heftete ſpäter ſeine Seripturen in zierliche Actenſtücke, die er in einem kleinen Repoſitorium auf⸗ bewahrte. Da fanden ſich Acten, betreffend den Bau eines Proviant⸗Magazins, das man bei An⸗ näherung des Feindes unter Waſſer verſenken könne; Acten, betreffend die Gründung einer Bank, aus wel⸗ cher Jedermann ohne Anſehen von Stand und Ver⸗ mögen Anlehen bis zu 100000 Thaler erhalten könne, und ähnliches. Dieſe Beſchäftigungen zerſtreuten ihn und ga⸗ ben ihm das beglückende Gefühl eigner Wichtigkeit. So ließ man ihn denn gern gewähren und Madame — r— 254 Wohlgemuth war auch feſt entſchloſſen, ſich nie⸗ mals von dem Unglücklichen, der ihr den Gatten geraubt, zu trennen, wie es der Wunſch und Befehl dieſes theuren Gatten geweſen. An einem ſchönen klaren Octobertage verließ die Familie ihre alte Heimath. Fürſt Subow hatte den Abgehenden einen gro⸗ ßen Wagen und vier Pferde bis Tilſit gegeben. Madame Wohlgemuth und Lydia ſaßen auf dem Mittelſitze, Vetter Wilhelm und Louiſe rückwärts, Muhme Elsbeth beim Kutſcher und Magiſter Fiſch mit dem Kantor auf dem Hintergeſäße. Der alte Gottfried im blauen Mantel mit dem großen runden Hut auf dem ſchneeweißen Haar und ſeinem langen Stabe in der Hand begleitete den Wagen noch weit über Feld; Waſſer, ſein treuer Gehilfe, lief luſtig bellend nebenher. Silberne Gewebe, von Thautropfen glitzernd, überzogen weit und breit die Stoppelfelder. Diſtelflöckchen, zierliche vielſtrahlige Sternchen, flogen in der blauen Luft umher und hingen ſich an die dunkeln Kleider der Reiſenden. An den Bäumen der Landſtraße waren nur noch ſpärliche, bräunlich, röthlich und golden ſchimmernde Blätter, aber hin und wieder prangte eine Ebereſche mit dem korallenrothen Schmuck ihre nähe ämn wie her, zu das auf filben wäld maje fried Loui Abſc noch dahit das Vorſ man ein? reiſte ———— 25⁵ nie⸗ ihrer reifen Früchte, und wenn der Wagen ſich ihr zatten näherte, ſo flogen Sperlinge, Stieglitze und Gold⸗ Befehl ämmerchen zwitſchernd von ihren Zweigen auf und wie ein dunkles Wölkchen vor dem rollenden Wagen verließ her, bis ſie ſich allmählig zerſtreuten. Von Zeit zu Zeit erblickte man zwiſchen den Hügeln, durch gro⸗-⸗ das klar gewordene Laub der Bäume, den Strom, geben. auf deſſen kräuſelnden Wellen das Sonnenlicht in ff dem filbernen Sternen tanzte. wärts, Die Fahrt ging den großen prächtigen Tannen⸗ Fiſch wäldern zu, und ehe der mächtige Wagen in ihr majeſtätiſches Dunkel aufgenommen wurde, ſagte Gott⸗ t dem fried ſeiner früheren Herrſchaft„Lebe wohl,“ reichte Haar Louiſen noch einmal ſeine braune runzliche Hand zum gleitete Abſchiede und kehrte um. Louiſe konnte lange lange treuer noch die hohe Geſtalt des Greiſes auf der Landſtraße ſilberne dahin ſchreiten ſehen und in der herbſtlichſtillen Luft n weit das Gebell des Hundes vernehmen.— gierliche Da Fürſt Subow in der Mitte des Weges Luft Vorſpann für die Reiſenden geſtellt hatte, ſo erreichte der der man Tilſit nicht zu ſpät, am andern Morgen ſollte waren ein Frachtfuhrmann die Familie weiter befördern.— golden Im Jahre des Herrn achtzehnhundert und ſieben prangte reiſte man aber nicht wie heute zu Tage. Schmuck Von den Bequemlichkeiten einer Eiſenbahn träumte 256 damals ſelbſt der ausſchweifendſte Kopf noch nicht, auch gab es weder Chauſſeen noch Schnellpoſten.— Der Poſtwagen, ein rieſiges Gebäude in Form eines ungeheuren Sarges, bewegte ſich, auf vier Rädern und gezogen von ſo oiel Pferden als ihn fortzuſchlep⸗ pen fähig waren, mit majeſtätiſcher Langſamkeit durch Dick und Dünn dem erſehnten Ziele entgegen. Die Zeit, wann er daſſelbe erreichte, war ſtets unbeſtimmt und von Wind und Wetter abhängig. Ein Herbſt⸗ regen konnte die Poſt drei Tage, der Eisgang konnte ſie ſo viel Wochen aufhalten. Paſſagiere fuhren ſelten, Damen faſt nie mit der ſogenannten ordinären Poſt; wer es möglich machen konnte, kaufte einen eignen Wagen und nahm Extrapoſtpferde; wer die bedeutenden Koſten dieſes Reiſemittels nicht zu erſchwingen vermochte, benutzte Fuhrmannsgelegenheit. In dieſem Fall befand ſich auch die Familie Wohlgemuth. Louiſe hatte ſchon mehrere Wochen vorher ein ſchriftliches Uebereinkommen mit Meiſter Wieſe, dem beſten Fuhrmann zwiſchen Tilſit und Königsberg, getroffen und alle Plätze in ſeinem Wagen waren zur Dispoſition der Familie. Wir wollen den geneigten Leſer mit der aus⸗ führlichen Beſchreibung der achtzehn Meilen langen konnte ſie mit und drei und einen halben Tag währenden Reiſe nicht behelligen und begnügen uns mit der Bemer⸗ kung, daß das Wieſe'ſche Fuhrwerk an einem hüͤb⸗ ſchen ſonnigen October⸗Nachmittage durch das Kä⸗ nigsthor in der alten Hauptſtadt Preußens ſei⸗ nen Einzug hielt und daß Lydia ſowohl als Louiſe, die beiden Landmädchen, gar mächtig erſtaunten über die ſchönen großen Häuſer, die vielen Officiere und Soldaten, über die alten Kirchen, die ſchönen mit Bäumen bepflanzten Plätze, über die dreiſten Studen⸗ ten mit ihren Schlägern und Cerevis⸗Kappen, kurz über alles und jedes in der alterthümlichen Stadt.— Die reiſende Familie hatte in Königsberg ihre Gaſtfreunde, die ſie erwarteten. Der ältere Bruder des Herrn Wohlgemuth, der wie ſein Vater ſich dem Handelsſtande gewidmet, war ſchon vor dem Beginn des Krieges als Bank⸗ director in Königsberg angeſtellt, und erwartete ſeine Schwägerin und deren Anhang in ſeiner eleganten Wohnung. Es war drei Uhr, als der Wagen des Herrn Wieſe vor derſelben Halt machte und alsbald eilte der alte Diener Hausfeld die Treppe hinab und ſein Herr folgte ihm in großer Aufregung und Ge⸗ ſchäftigkeit. 1856. XIX. Erinner. e. Großmutter. I. 17 258 Der Bankdirector Wohlgemuth hatte große Aehn⸗ lichkeit mit ſeinem jüngeren Bruder, nur war er weniger blühend als dieſer, ein ſchlanker blaſſer Mann mit edeln Geſichtszügen und ſanften blauen Augen. Sein dunkelbraunes, leicht mit Silberfäden gemiſch⸗ tes Haar war ohne Zopf und Puder, ſein Anzug völlig modiſch und fein. „Erfreut, von ganzem Herzen erfreut, Sie, meine liebe Frau Schweſter, nach ſo langen Jahren wieder zu ſehen!“ ſagte er, indem er ſeine weißen ſchlanken Hände in den Wagen ſtreckte.„Sie haben ſchlimmes Reiſewetter gehabt, böſe Wege, ſchlechte Zeiten; ja ja ſchlechte Zeiten im Allgemeinen, dieſe Teufelsfranzoſen, ſie haben an allem Unheil in der Welt Schuld, ja ja!“ Während deſſen hatte er mit ſeinem Diener alles gethan, um den Reiſenden aus ihrer ſchwan⸗ kenden Arche auf die terra firma zu helfen und wirk⸗ lich gelang es ihrer vereinten Geſchicklichkeit, zu der ſich noch die Umſicht und Beihilfe Meiſter Wieſe's geſellte, Eines nach dem Andern aus den Mänteln, Fuß⸗ ſäcken, Rockelors und den übrigen zur Zeit gebräuch⸗ lichen Umhüllungen zu ſchälen. Eine wunderliche Geſellſchaft! Madame Wohlgemuth, die noch jugendliche ſehr hübſche Frau, zwiſchen ihren beiden Töchtern, von denen Aehn⸗ dar er Mann Augen. emiſch⸗ Anzug meine wieder lanken immes zja ja nzoſen, ja ja!“ denen die ältere eine blendende Schönheit, die jüngere trotz ihrer Pockennarben ein liebliches Geſchöpfchen, mach⸗ ten freilich einen ſehr angenehmen Eindruck auf den reichen Schwager und Onkel. Nun kam aber die dicke, grauhaarige, zahnloſe, unterthänig knixende Muh⸗ me Elsbeth in ihrer altmodiſchen elbinger Bürger⸗⸗ haube von ſchwarzem Moor mit weißen geſteiften Flügeln an jeder Wange, mit dem hundertfaltigen Rock und der Schößchenjacke, den Hackenſchuhen und den Filethandſchuhen mit eingeſtickten Blumen, die ſich wie ein Gebirg aus dem Winterſchnee aus einem ungeheuren weißen Kaninchenpelz entwickelte. Magi⸗ ſter Fiſch, lang, blaß, mit ſpitzen Zähnen, gepudertem Haar und loſer Halsbinde ſchälte ſich aus einem ungeheuren braunen Rockelor und half dem Blinden, den er unvorſichtig aufſtellte, ſo daß derſelbe ſich tief und gentil verneigte, indem er dem Wirth dabei den Rücken wendete. Als er die Stimme deſſelben mit einem artigen:„Seien Sie mir willkommen, Herr Vetter von Itzſtein!“ hinter ſich vernahm, wen⸗ dete er ſich raſch um und zeigte ſein furchtbar ent⸗ ſtelltes Geſicht zerfetzt, vernarbt, dabei finſter und vor Zorn glühend, wie jene ſchwarzrothen Ge⸗ witterwolken, deren Anblick auch wohl ein muthiges Herz mit Grauen erfüllen kann.. 17 260 Neben ihn ſtellte ſich, ein Lächeln über und über, der verrückte Kantor, er ſah rothwangig und dabei ſeltſam verſchmitzt aus, eine eigenthümlich un⸗ angenehme thieriſche Phyſiognomie. Der alte Hausfeld betrachtete ſich dieſe Geſell⸗ ſchaft mit ſichtbarem Erſchrecken. Er ſagte zwar nicht: Gott ſteh mir bei, aber es ſtand deutlich in ſeinem ehrlichen viereckigen Geſichte geſchrieben, und Louiſe ſah das und ſah auch, daß der Bankdirector zurück trat und ſich mit der Hand über die weiße Stirn fuhr, als wollte er von dort eine Muͤcke oder einen unheimlichen Gedanken verjagen. Dann aber bot er ſeiner Schwägerin den Arm und ſagte ſehr freundlich: „Folgt mir, meine lieben Mädchen, meine Frau er⸗ wartet Euch, bitte meine Herren, bitte, nach oben. Hausfeld, zeigen Sie den Herren ihre Zimmer, bringen Sie auch hier die Frau Elsbeth nach oben!“ und ſo ſetzte ſich der Zug in Bewegung, während Meiſter Wieſe die Koffer ſchulterte und einen nach dem andern auf den ſchwarz und weißen Flieſen des Hausflurs abſetzte. Es war Louiſen wie ein Traum, daß ſie nun ſo weit von ihrer lieben Heimath, unter Menſchen, die ſie noch nie geſehen, ſich zu Hauſe finden konnte. Die ganze Einrichtung bei ihrem Oheim glich der er und ig und ich un⸗ Geſell⸗ nicht: ſeinem Louiſe zurück Stirn r einen bot er undlich: rau er⸗ nach zimmer, oben!“ vährend en nach eſen des ſie nun enſchen, konnte. glich der im Vaterhauſe faſt eben ſo, wie der Oheim dem Vater. Stühle, Tiſche, Bilder, alles, alles war wie zu Hauſe. In einem hübſchen Saal ſaß auf dem Sopha, bedeckt mit allerlei Pelzen und eingehüllt in einen dick wattirten Seidenrock, eine kränklich ausſehende Dame, die ohne aufzuſtehen die Ankom⸗ menden bewillkommnete.„Sie müſſen mich ſchon ent⸗ ſchuldigen, werthe Schwäͤgerin,“ ſagte ſie dabei artig, „dieß Sopha iſt nun ſeit zwei Jahren meine Welt, ich kann es nicht verlaſſen. Ah meine Nichten, ein Paar ſchöne Mädchen und wie mir von vielen Sei⸗ ten geſagt worden iſt, auch talentvoll; eine ſoll eine wunderſchöne Stimme haben, nicht wahr, das iſt wohl dieß liebe Kind?“ ſie tippte dabei mit dem wachsbleichen Finger auf Lydia's ſchönes braunes Haar, und Louiſe dachte mit Lächeln an den Knaben in der Fabel vom Zeiſig und der Nachtigall, der auch den hübſchen Vogel für den beſſeren Sänger hielt. „Rein, meine beſte Schwägerin,“ entgegnete Madame Wohlgemuth,„meine jüngere Tochter ſingt ein Bißchen; freilich auf dem Lande hat man nicht Gelegenheit das zu pflegen und auszubilden, und neben Ihnen, einen berühmten Künſtlerin— u Die Kranke unterbrach ſie:„Das war ich einſt,“ ſagte ſie mit einer gewiſſen Heftigkeit,„das iſt vor⸗ ———— —— 262 bei, alles vorbei, meine Stimme liegt im Grabe bei meinem Sohn, und Gott Lob, bald werde auch ich da liegen! Aber ich liebe Muſtk, ich liebe beſon⸗ ders den Geſang, und meine liebe Nichte Louiſe wird mich erfreuen, wenn ſie mir etwas vorſingt, na⸗ türlich ſo bald Sie alle ſich erholt haben werden. Ihre Effekten ſind bereits in Ihren Zimmern, und— bitte, rückſichtigen Sie auf mich nicht, gehn Sie und machen Sie Sich's nach der anſtrengenden Reiſe be⸗ quem.“— Mit dem Eintritt in das Haus ihres Onkels begann für Louiſe ein ganz neuer und von der Ver⸗ gangenheit völlig verſchiedener Lebensabſchnitt. Körperlich erwachſen, hielt man ſie an dem frem⸗ den Orte allgemein für weit älter als ſie war und behandelte ſie dem gemäß. Ihre ſchöne Schweſter ward zwar hier wie überall mehr bewundert, doch war jedermann auch gegen ſie zuvorkommend und freundlich, und wenn Lydia von der Mutter vorge⸗ zogen ward, ſo hatte Louiſe dagegen an der kränkli⸗ chen Tante eine Freundin und Beſchützerin gefunden. Sie wünſchte, daß ihre Nichten ſie beim Vornamen, Tante Sophie, nennen möchten und daran gewöhnte Louiſe ſich in der erſten Stunde. 1 Tante Sophie war ihrer Zeit eine berühmte Con Kön ſte gehe Ver hatt des Wir Auc lebt ihre einl Tan Liel Jea ſich wie kran war Grabe auch beſon⸗ Louiſe „ na⸗ erden. nd— 2 und e be⸗ nkels Ver⸗ frem⸗ und Conzert⸗Sängerin geweſen, die Großen dieſer Welt, Koͤnige und Kaiſer hatten es ſich zur Ehre geſchätzt ſte zu hören. Dann hatte ſie einen reichen Mann geheirathet und in einer großen Stadt in großartigen Verhältniſſen gelebt. Die ſchöne junge Königin Louiſe hatte bei ihrem erſten Beſuch in Königsberg im Hauſe des Bankdirectors Wohlgemuth gewohnt und ihre Wirthin mit der höchſten Auszeichnung behandelt. Auch als ſie in dem Unglücksjahre in Königsberg lebte, erzeigte ſie der Frau Sophie Wohlgemuth und ihrem Gatten ſehr oft die Ehre, ſie zu beſuchen oder einladen zu laſſen, und der ſchönen Königin hatte Tante Sophie auch zum letztenmal geſungen, das Lieblingslied der erhabenen Frau, deſſen Text von Jean Paul, deſſen Muſik vom Kapellmeiſter Himmel, ſich bis auf unſre Tage erhalten hat: Namen nennen Dich nicht, Es bilden nicht Griffel und Pinſel Sterblicher Künſtler Dich nach— So wie Du lebeſt und biſt, So trage ich einzig im Herzen, Theure Geliebte, Dein Bild.— Tante Sophie liebte das einfache Lied eben ſo wie es die Königin geliebt, und Louiſe mußte es der kranken Frau vorſingen, ſo oft ſie allein miteinander waren. 264 Dann ſah das junge Mädchen wohl, daß heiße Thränen uͤber das bleiche Geſicht ihrer Tante rannen, und fühlte, daß eine ſchwere Kummerlaſt das Herz der Frau bedrücken müſſe, die in äußerlich ſo glän⸗ zenden Verhältniſſen lebte. Wie gern hätte ſie ſich in ſolchen Momenten an die Bruſt der Leidenden werfen, ſie liebevoll nach dem Grunde ihres Grames fragen und alles aufbieten mögen um ſie zu tröſten, aber wie konnte ſie das wagen, ſie faſt noch ein Kind, gegen Tante Sophie, die reiche kluge Frau, die be⸗ rühmte Künſtlerin, die von Kaiſern und Königen geehrt wurde? Freilich war Tante Sophie ſo ſanft, ſo beſcheiden und ſo freundlich, beſonders zu Loui⸗ ſen, daß die Liebe des jungen Mädchens täglich wuchs, auch fühlte Louiſe wohl, daß ihre verehrte Verwandte die Gelegenheit mit ihr allein zu ſein ſelbſt und häufig herbei führte. Weunn Beſuch im Hauſe war, erſchien Sophie Wohlgemuth immer nur auf wenige Minuten im Geſellſchaftszimmer, und ging dann, Allen einen vergnügten Abend wünſchend, nie in ihr einſames Stübchen zurück, ohne Louiſen ein Zeichen zu geben, daß ſie ihre Begleitung erwarte. Ach und wie gern folgte Louiſe dieſen leiſen Winken! Schon das Zimmer der Tante enthielt ſo vieles, das dem jungen Mädchen im höͤchſten Grade intereſſant war ſchle Art zart ſam die wen ſten Nier als Kön Red ſeine die für zu ſe ders den thäti fühle und zoſen heiße nnen, Herz glän⸗ e ſich enden ames öſten, Kind, ee be⸗ nigen ſanft, Loui⸗ glich rehrte war, ganz abgerechnet von der Perſönlichkeit der ſchlanken blaſſen Frau, für die Louiſe allmählig eine Art von anbetender Liebe zu fühlen begann. Der Bankdirector Wohlgemuth ſchien ſeine zarte und hilfsbedürftige Gattin nicht ſo aufmerk⸗ ſam und liebevoll zu behandeln als Louiſens Vater die ſeine. Oft ſah er ſie tagelang gar nicht, und wenn er mit ihr ſprach, ſo geſchah dieß mit der hoͤch⸗ ſten Gleichgiltigkeit. Ueberhaupt ſchien nichts und Niemand fähig den Mann zu intereſſiren, nichts als die Erinnerung an die Zeit, welche die ſchöne Königin Louiſe in ſeinem Hauſe zugebracht. Kam die Rede darauf, ſo röthete ſich ſein bleiches Geſicht, ſeine ſanften, faſt matten Augen wurden lebhaft und die Worte floßen ihm vom Munde. Es war natürlich, daß er bei dieſer Vorliebe für die Königin, die bei ihm eine Art von Cultus zu ſein ſchien, ein Feind der Franzoſen und beſon⸗ ders ein Feind ihres allmächtigen Kaiſers ſein mußte. Der Tugendbund, der ſich in jener Zeit zu bil⸗ den begann, hatte an ihm eines ſeiner eifrigſten und thätigſten Mitglieder, und es ſchien, als ob alle Ge⸗ fühle ſeines Herzens ſich concentrirten in dem Schmerz und Grimm über die dem Vaterlande von den Fran⸗ zoſen zugefügte Schmach. 266 Es war beſchloſſen worden, daß die Reiſenden bis zum Beginn des Fruͤhlings in Königsberg und im Hauſe des Bankdirectors verweilen ſollten, und ehe noch das Chriſtfeſt kam, hatte man ſich gewiſſer⸗ maßen in einen Familienkreis verwandelt. Frau Wohlgemuth hatte ihrer kränklichen Schwägerin als etwas, das ſich von ſelbſt verſteht, die Schlüſſel und die Sorgen für die Details des Haushaltes abge⸗ nommen. Muhme Elsbeth wuſch, ſtärkte und plät⸗ tete wieder ſo eifrig als in Kydullen, ſtopfte Tiſch⸗ tücher und Servietten, ſtrickte Strümpfe und Socken und verrichtete noch tauſend andere Geſchäfte, die darum nicht weniger dringend nothwendig ſind, weil ſie ſo klein und unbedeutend erſcheinen. Lydia machte Toilette, wozu ſie der Beihilfe der Mutter und Schwe⸗ ſter, der Nähnadel und des Bügeleiſens, der alten Elsbeth, zweier Spiegel und tauſend anderer Dinge gerade ſo wie zu Hauſe bedurfte. So war alles wie immer, nur in Louiſens Leben und Sein hatte ſich eine große Veränderung eingeſtellt. Tante Sophie hatte nämlich eine große Vor⸗ liebe für das Mädchen gefaßt, und ſie ſich von ihrer Schwägerin zu ihrer beſonderen Geſellſchafterin und Pflegerin erbeten. Madame Wohlgemuth konnte das natürlich nicht abſchlagen und ſo zog denn Louiſe in de dieſe kränk jeder Sop noch einen Bett vielkt ſie g ein Händ dem gierde theiln mit i wußte daß f da ſie gefͤh der I in das Schlafzimmer ihrer Tante und begann mit dieſem Moment ein neues Leben. Als ſie ſich zum Erſtenmal in Gegenwart der kränklichen Frau entkleidete, fühlte ſie, daß ſie in jeder Bewegung aufs ſchärfſte beobachtet werde. Tante Sophie beſah dann jedes Kleidungsſtück genau, ſchritt noch einigemal im Zimmer auf und ab, zog endlich einen Stuhl an Louiſens Bett und ſetzte ſich zu ihr. Die blaſſe Frau, gehüllt in einen weiten weißen Bettmantel, das Haupt bedeckt mit einer großen vielkrauſigen Haube von Muſſelin, ſah aus als ob ſie ganz körperlos, nur eine Erſcheinung, ein Geiſt, ein Hauch ſei. Sie nahm Louiſens roſiges warmes Händchen in ihre bleichen hagern Hände, und ſah dem Kinde, aus deſſen lebhaften Augen die Neu⸗ gierde und das Intereſſe den Schlaf vertrieben hatten, theilnehmend ins Geſicht. „Fühlſt Du Dich unglücklich?“ fragte ſie dann mit ihrer leiſen und ſüßen Stimme, und Louiſe wußte, daß die Tante es gut mit ihr meine, wußte, daß ſie mütterliche Theilnahme für ſie hege, und da ſie in ihrem ganzen Leben ſich nie ſo gluͤcklich gefühlt als in dem Augenblick, ſo zog ſie die Hand der Tante an die Lippen und ſagte:„Nein, o nein, 268 liebe Tante, ich bin ſehr glücklich, denn ich glaube, daß Du mich lieb haſt!“ „Armes Kind!“ entgegnete Sophie Wohlgemuth, indem ſie die reine Stirn des Mädchens ſtreichelte; „oder ſollte ich vielleicht ſagen: glückliches Kind! denn ſicherlich, meine gute Louiſe, gehören die Men⸗ ſchen zu den Auserwählten, die früh ſchon den Schmerz und vor allem die Sehnſucht kennen lernen.— Bangſt Du Dich ſehr nach Deinem Vater, liebes Herz?“ „Ach ja,“ ſagte Louiſe, die Hand der Tante unwillkürlich feſthaltend,„er war ſo gütig gegen uns Alle, und in der letzten Zeit, da er unter uns weilte, habe ich mehr als je eingeſehen, welch' ein herrlicher Mann mein Vater iſt.“ „Du warſt wohl des Vaters Liebling, mein Kind?“ „Ach nein, Tante, wie wäre das auch möglich geweſen! Er hatte mich lieb, von ganzem Herzen lieb, aber Lydia hatte er doch wohl lieber als mich, ſie iſt ſo ſchön, ſo klug, weiß ſich immer zu beneh⸗ men, es kann ſie wohl niemand anſehen, ohne ſie über alles zu lieben.“ „Nun einige Perſonen können das doch,“ ent⸗ gegnete Sophie lächelnd,„ich zum Beiſpiele; denn ich ſehe, daß Deine Schweſter ein zwar bildſchönes, aben von meit nie thät Deit ſie mich ſcle ſͤße glůc war Süf mit Lydi Hau und ihren dem ſchie Mäͤ auf, aube, nuth, helte; Kind! Men⸗ hmerz zangſt 2“ Tante en uns weilte, rlicher mein aber völlig verzogenes junges Geſchöpf iſt. Doch von ihr wollen wir nicht reden, ſondern von Dir, mein liebes Kind.— Ich habe keine Kinder, habe nie eine Tochter gehabt, Du mit Deinem ruhigen thätigen Weſen, mit Deinem ſeelenvollen Geſichtchen, Deiner ſüßen Stimme, wärſt eine Tochter wie ich ſie mir gewünſcht hätte; wird es Dir möglich ſein, mich wie eine Mutter zu lieben?“ Louniſe hatte ſich im Bette emporgerichtet und ſchlang die Arme um den Nacken der Tante, ein ſüßes wundervolles Gefühl floß erwärmend und be⸗ glückend durch ihre junge Seele, ſie weinte, aber es waren Thränen von einer ihr bisher unbekannten Süßigkeit.— Sophie Wohlgemuth begann nun, ſich täglich mit Louiſens Ausbildung zu beſchäftigen. Wäyrend Lydia mit der Mutter in den Geſellſchaften des Hauſes repräſentirte, Bälle beſuchte, Schlitten fuhr und Maskenſcherze vorbereitete, ſaß ſie in den Zimmern ihrer Tante, die an ein kleines Treibhaus ſtoßend, dem Winter zum Trotze wahre Blumengärten zu ſein ſchienen; dort ging dem wißbegierigen, denkenden Mädchen der ſchönſte Stern im menſchlichen Leben auf, die Erkenntniß der Liehe Gottes. Sophie Wohlgemuth trug in ihrer Seele ein 270 ſchweres Leid, Louiſe erkannte das in jeder Minute ihres Beiſammenſeins, aber ſie trug es mit einer Milde, einer Freundlichkeit und einer geiſtigen Kraft, die wohl niemand in dem ſchwachen Körper ge⸗ ſucht hätte. Sie unterrichtete ihre jugendliche Nichte in Mu⸗ ſik und Geſang, wie bildend dieſer Unterricht indeß auch für das junge Mädchen ſein mochte, die Ge⸗ ſpräche, die ſie mit einander führten, waren dieß noch in weit höherem Grade.— Seit Louiſe bei ihrer Tante weilte, ſuchte auch Wilhelm von Itzſtein ſich Zutritt in die Privatwoh⸗ nung ſeiner Wirthin zu verſchaffen und Tante Sophie hinderte ihn nicht darin. Sie emfing im Gegentheil den Blinden ſtets mit freundlicher Theilnahme, mu⸗ ſizirte mit ihm, lehrte ihn noch manche kleine Hand⸗ arbeiten, die er in ihrem Zimmer machen mußte, wenn er dort längere Zeit weilen wollte, und der ſo hochmüthige Mann war der ſanften zarten Frau gegenüber nachgiebig wie ein Kind. Ein Winter lag über der Erde, ſo unheimlich grau und regennaß, wie er dem Norden ſonſt nur ſelten zur Plage wird. Tante Sophie konnte bei ſo troſtloſem Wetter ihre Zimmer nicht verlaſſen, und gern ſaß ſie mit und lar wärt das nebe Fieb würf kalte ſich v ſchüt man geſu⸗ „hör einute einer Kraft, ge⸗ intheil mu⸗ Louiſe unter ihrem großen Orangenbaume und nähte oder ſtickte, während Louiſe ihr Herder und Jean Paul oorlas, oder ſang und Clavier ſpielte. Vetter Wilhelm war Näſſe unangenehmer als Froſt und Sturm. Nun war er ausgegangen und kehrte, von dem Magiſter begleitet, wüthend von einer Rundreiſe durch alle königsberger Buchhandlungen und Leihbibliotheken heim, wo er nach einem Exemp⸗ lar von Wielands Agathon, das er Louiſen zu ſchenken beabſichtigt, vergebens gefragt und geforſcht hatte. „Welch ein Wetter! welch eine garſtige wider⸗ wärtige Welt,“ ſagte er verdrießlich, indem er in das Zimmer der Damen trat und ſich einen Stuhl neben Louiſe zog.„Der ſchlimmſte Traum eines Fieberkranken könnte nichts abſcheulicheres zuſammen⸗ würfeln als dieſe jetzige ſchmutzdurchtränkte, naß⸗ kalte Jahreszeit. In der That man könnte in jeder Minute ſich veranlaßt finden, an eine höchſt bedächtige, die Welt ſchützende und liebende Vorſehung zu glauben, wenn man nur die Naſenſpitze zum Fenſter hinaus in dieſe geſunde und angenehme Luft ſtreckt.“ „Ach Tante,“ ſagte Louiſe, als er endlich ſchwieg, „hören Sie es jetzt? Sie glaubten mir nicht, als 272 ich Ihnen erzählte, wie beklagenswerth Vetter Itzſtein ſei.“ Das junge Mädchen hatte bei dieſen Worten die hellen Thränen in den Augen; dem Blinden die Ueberzeugung vom Daſein einer liebevollen Vorſehung zu geben, ihm das Walten derſelben durch Verſtandes⸗ gründe zu beweiſen, war ein Hauptſtreben ihres bis⸗ herigen Lebens geweſen, ein Streben, ſo würdig eines liebevollen jugendlichen Herzens als ſchwierig für einen wenig gebildeten Geiſt. „Aber Vetter,“ ſagte Louiſe, indem ſie ihre kleine warme Hand auf ſeine Hände legte,„warum nur gleich bei jeder kleinen Unannehmlichkeit mit Gott ſchelten und zürnen, warum bei jeder Kleinig⸗ keit mir wiederholen, daß Sie nicht an ihn glauben, daß Sie die Welt und das Menſchengeſchick für ein Spiel des blinden Ungefährs halten?“ Der Blinde lächelte, es lag etwas beſonders Liebliches in dieſem Lächeln, etwas das ſelbſt ſeinem fürchterlich entſtellten Geſicht einen angenehmen Aus⸗ druck gab.—„Warum?“ ſagte er,„je nun, Louiſe, wenn es nur vielleicht darum wäre, weil Deine Stimme, wenn Du mich zu bekehren ſtrebſt, ſo außer⸗ ordentlich hübſch klingt, oder darum, weil Dein ſich entwickelnder Verſtand täglich neue und manchmal mich Ther ſtoße in d Sop hinzu des I empo noch Ich ſ Geſpr geben ſteht will f beruht ausret kein E reiche dahin ſchütte 1 Sie n 1856. ſtzſtein Jorten en die ſehung andes⸗ 6 bis⸗ eines g für e ihre varum t mit leinig⸗ uben, für ein nders ſeinem mich ſelbſt überraſchende Gründe hervorſucht, um eine Theorie zu ſtützen, die freilich jeder Windhauch um⸗ ſtoßen muß, die aber dennoch recht liebenswürdig iſt in dem Herzen und in dem Munde eines Weibes.“ „Du ſiehſt, daß der Vetter ſcherzt,“ ſagte Tante Sophie zu Louiſe und ſetzte zu Itzſtein gewendet hinzu:„aber dieſe Scherze thun dem jungen Herzen des Mädchens weh, und Sie ſollten ſie unterlaſſen.“ Er ſchnippte mit dem Finger und hob die Naſe empor, in recht unangenehmer Weiſe. „Alſo auch Sie?“ ſagte er,„auch Sie ſind noch ſo weit zurück in Vernunft und Philoſophie? Ich ſcherze allerdings, inſoweit nämlich als ich häufig Geſpräche herbeiführe, welche Louiſen Gelegenheit geben in einen Eifer zu gerathen, der ihr allerliebſt ſteht und mir ſehr angenehm iſt, denn eigentlich will ſie ja nichts anders, als mich durch den Glauben beruhigen und beglücken, der zu ihrem eignen Frieden ausreichend iſt. Meine Anſichten aber ſind wahrlich kein Scherz und ich meine, Sie, Madame, eine geiſt⸗ reiche Frau, die das Leben kennt, ſollte endlich auch dahin gekommen ſein, die Heuchelei von ſich abzu⸗ ſchütteln.“. „Lieber Vetter,“ ſagte Tante Sophie,„glauben Sie wirklich ich heuchele, wenn ich Ihnen ſage, daß 1856. XIX. Erinner. e. Großmutter. I. 18 274 v der Troſt und die Stütze meines einſamen Lebens die feſte Ueberzeugung von der Güte Gottes iſt?“ Das Geſicht des Blinden nahm einen ſeltſamen, horchenden Ausdruck an.„Sie Madame, Sie glauben das?“ ſagte er unangenehm lächelnd.„Gott, was iſt Gott? wo iſt Gott? Der Menſch in dem Be⸗ wußtſein ſeiner eignen Kraft bedarf des Gottes nicht, zu welchem der Schwache zitternd aufblickt.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Vetter,“ ſagte Sophie, „wenigſtens kann ich Ihrem Ideengange nicht ſo ganz folgen. Sie läugnen das Daſein Gottes und glauben dadurch einen Beweis Ihrer eignen Kraft zu geben; was verſtehen Sie unter Ihrer eignen Kraft? Als Menſch mit Ihrem ganzen materiellen Sein an dieſe Erde gebunden, ſind Sie ein Theil, nicht nur ein Theil, ſondern ein Erzeugniß derſelben. Die Erde mußte exiſtiren und genau die Stellung im Weltenraum einnehmen, die ſie einnimmt, ſie mußte die Jahrtauſende langen Phaſen ihres Bil⸗ dungsprozeſſes durchmachen, um das menſchliche Ge⸗ ſchlecht hervorzubringen. Zu dieſem allen waren Kräfte erforderlich und wirkſam, die im All der Welt ſelbſt liegen, und geſetzmäßig, zweckmäßig, in Einfachheit und Ordnung ohne Aufhör fortwirken; dieſe Kräfte aber ſtehen unter ſich in Zuſammenhang, Lebens iſt?“ ſamen, lauben , was m Be⸗ Gottes ckt.“ ſie wirken ineinander, untereinander und zeigen ſich ſo als die Glieder der großen Urkraft, die die arme Sprache des kleinen Erdbewohners: Gott nennt. Daß in dieſer erhabenen Urkraft alles Große und Gute, alles Schöne und Nützliche des Weltganzen liegt, da dieſes aus jener hervorgegangen, kann ja wohl auch nicht geläugnet werden.“ „Nun ich gebe Ihnen auch dieſes zu,“ entgeg⸗ nete der Blinde,„wo eine Wirkung ſich zeigt, muß eine Urſache ſein, eine wirkende Kraft; wenn Sie dieſe wirkende Naturkraft Gott nennen, ſo haben wir nicht weiter zu disputiren. Reſpect vor Ihrer Phi⸗ loſophie,“ ſetzte er mit gewohntem Sarkasmus hinzu, ſich mit ſeinem räthſelhafteſten Lächeln vor der Spre⸗ cherin verneigend.„Für eine Dame iſt das fo übel nicht; aber verehrte Frau, verzeihen Sie mir, es iſt ein Wiß⸗ und Lernbegieriger, welcher fragt, wie reimen Sie die unleugbaren Unvollkommenheiten der Schöp⸗ fung mit der Weisheit, Güte, Liebe und Macht Ihres Gottes? warum ſchuf er die Welt nicht voll⸗ kommen, ihm konnte das ja, denk' ich, einerlei ſein und die Macht dazu fehlte ihm auch nicht, wie Sie mir zu beweiſen ſtreben.“ „Sie ſpotten, Vetter,“ entgegnete Tante Sophie; „ſpotten Sie immerhin über die mangelhafte Logik 18*¾ 276 einer Frau, das kann mich nicht kränken. Sie verlan⸗ gen eine vollkommene Welt! Was iſt Vollkommenheit? ich denke der Grad des Guten, Schönen und Zweck⸗ mäßigen, der den Fortſchritt unmöglich macht. Mit der Vollkommenheit müßte ein Stillſtand eintreten, oder ein Rückſchritt zur Unvollkommenheit, Stillſtand wäre Tod, und Rückſchritt der ewigen Macht ſowohl, als der ewigen Liebe unwürdig. Dieſe Welt mußte der Vervollkommnung fähig und bedürftig ſein, um der ewigen Liebe Gottes würdig und das zu ſein, was ſie iſt: ein Gewimmel von Leben, das heißt von Glück der Entwickelung und Vervollkommnung. Fortſchritt, Vervollkommnung iſt das höchſte Geſetz, das durch alle Himmel waltet und das iſt nur möglich bei dem Lebenden und Unvollkommenen.“ Herr von Itzſtein hatte den Elbogen auf ſeine Knie geſtützt und die Stirn in ſeine Hände gelegt, ſo ſaß er eine Weile da, gebückt und ſchweigend; dann erhob er ſein Geſicht, es ſah aus, als ob ein Licht es angeſtrahlt hätte. „Sie haben einen hübſchen Gedanken ausge⸗ ſprochen,“ ſagte er,„einen Gedanken, der wohl werth iſt, daß man ihn weiter ausbildet. In der That, Ihre Logik überraſcht und erfreut mich. Guten Abend, meine Damen; guten Abend! ich will einmal hinaꝛ ſchein alſo träur aus Harn wund des 4 hindu Tona von von 3 verlan⸗ nheit? Zweck⸗ Mit treten, illſtand ausge⸗ werth That, Guten einmal hinauf in mein Zimmer gehen und komme wahr⸗ ſcheinlich heute Abend nicht zu Tiſch, gute Nacht alſo auch, Louiſe, ſchlafe ſüß, liebes Mädchen, und träume etwas recht hübſches.“ Er ging und nach wenigen Minuten hörte man aus ſeiner Stube die Töne des neuen Inſtrumentes, Harmonica genannt, die in vollen Strömen und wunderbaren großartigen Melodien unter den Händen des Blinden hervorquollen, eine aber tönte durch alle hindurch und wiederholte ſich in den verſchiedenſten Tonarten, die feierliche Melodie des Liedes: Was iſt s, das unſterbliche Geiſter entzückt, Wenn Sie nieder blicken zur Welt? Ein Herz, welches Unglück nicht niederdrückt, Ein Muth, der im Kampfe ſich hält! Ein gläubiges Auge, das feſt und kühn Zum Himmel empor ſich rafft, Hoch oben wo ewige Sterne ziehn, Da wohnet die ewige Kraft.— Dieß ſchöne Lied, damals eben aus Mahlmanns Herzen gefloſſen, der zur Zeit Hauslehrer in einer reichen königsberger Kaufmanns⸗Familie war, wurde von Tante Sophie beſonders geliebt. „Hörſt Du, Louiſe!“ ſagte ſie freundlich,„Herr von Itzſtein ſagt mir Dank fuͤr unſere Unterhaltung, er ſpielt die herrliche einfache Melodie, um welche wir 278 ihn ſo oft ſchon vergeblich gebeten haben, das iſt lie⸗ benswürdig von ihm.“ Louiſe hatte ſich vor der Tante hingekniet und ordnete die Decken und Pelze um ihre Füße und ſchlang endlich leiſe ſchmeichelnd ihre Arme um die Knie der Verehrten, das jugendliche Geſichtchen in ihrem Schooße bergend. „Was haſt Du? was iſt Dir, mein liebes Kind?“ fragte die Leidende,„Du weinſt ja, wahr⸗ haftig, ich ſehe das am Beben Deiner Schultern!“ „Ich weine vor Glück,“ ſagte das junge Mäd⸗ chen, indem ſie das feuchte Auge erhob,„heute habe ich zu meiner höchſten ſeligſten Freude Das beweiſen hören, was ich als Wahrheit fühlte; o liebe liebe Tante Sophie, wie klug ſind Sie und wie gut!“ iſt lie⸗ et und ze und m die hen in liebes wahr⸗ ltern!“ Mäd⸗ e habe eweiſen e liebe ut!“ 279 Zehntes Capitel. O ſchlimmer Tag, o ſchlimme Stund'! Die uns für immer ſchied, Da ſind aus meines Herzens Grund Geflohen Freud und Fried'. Geibel. Drum die Ihr uns liebt, nicht geweint und geklagt, Das Land wird ja frei und der Morgen tagt, Wenn wirs auch nur ſterbend gewannen! Körner. Die Frühlingsſonne ſchien hell in die Zimmer der Frau Sophie Wohlgemuth. Orangen, Horten⸗ ſten, prächtige Roſen, Goldlack und Reſeda wiegten ſich in ihrem Strahl und verhauchten ihre Düfte in das Zimmer.— Die Dame ſaß auf dem Sopha, bleich wie ein Wachsbild in ihrem ſchwarzen Kleide, das, der fre⸗ chen Mode der Zeit Hohn ſprechend, hoch an den Hals hinaufging und die Arme bis an die Finger⸗ ſpitzen bedeckte. Ihr braunes Haar, ebenfalls der Mode der Zeit entgegen, welche kurze Löckchen ver⸗ langte, ſchlang ſich in einfachen Flechten um den Hin⸗ terkopf und ließ die edle Stirn frei. Louiſe, blühend wie eine Roſenknoſpe, ſaß neben ihr, und vor den beiden ſtand ein Mann in der 280 Uniform der preußiſchen Huſaren; er war nicht eben groß, aber von jener gedrungenen Geſtalt, die große Kraft verräth, ſein Geſicht erſchien mehr charaktervoll als ſchn, und in den mächtigen dunkeln Augen lag ein eigenthümliches Feuer. „Ich will, Sophie! ich will und ich werde!“ ſagte er mit einer tiefen klangvollen Stimme.„Glau⸗ ben Sie mir, theure Frau, es bedarf nur eines Schwertes, das ſich erhebt, nur eines wackern An⸗ führers, und ganz Deutſchland ſteht auf wie ein Mann gegen dieſen Corſen, der uns unerhörte Schmach anthut.“ „Sie täuſchen ſich, Herr von Schill,“ entgeg⸗ nete Sophie,„und Sie werden untergehen im un⸗ gleichen ruhmloſen Kampfe.“ „Möglich, daß ich untergehe, meine Freundin, möglich! der Kampf iſt ungleich, ruhmlos wird er nicht ſein. So lange man in deutſcher Zunge ſpricht, wird man meiner gedenken, auch wenn ich unter⸗ gehe. Meiner und meiner tapfern Schaar; aber ohne Ihren Segen, Sophie, mag ich nichts beginnen, Sie wiſſen das wohl und darum bin ich hier. „Ah und ich habe etwas bei mir, das, wenn ich nicht irre, der jungen Dame zukommt, die ich da neben Ihnen ſehe, meine Freundin; Sie heißen Louiſe Wohl⸗ gemuth, nicht wahr?“ Sophie bejahte für das erröthende Maädchen. „Gut,“ ſagte Major von Schill,„hier iſt was ich Ihnen bringe. Ein Brief und das hübſche wohl⸗ getroffene Bild eines meiner Cornets, des bravſten Burſchen im ganzen Heer. Er heißt Fritz von Treu⸗ feldt und hat mir, ſeinem Chef, Verwandten und Gönner, ſeine ganze Lebensgeſchichte erzählt. Er wußte, daß ich hierher ging zu meiner theuerſten Freundin, und wußte auch, daß eine gewiſſe junge Dame, die er im Herzen trägt und verehrt wie ein echter Ritter, jetzt hier weile.. Geh'n Sie, geh'n Sie, mein liebes Kind, geh'n Sie und leſen Sie Ihre Epiſtel.“ Louiſe ſchlüpfte hinaus, und kaum hatte ſie das Zimmer oerlaſſen, ſo ergriff der Major die Hand Sophiens und zog ſie an ſeine Lippen. „Du haſt mir vergeben, Sophie, ich weiß Du haſt es. Ich habe Deine Liebe verſchmäht und ver⸗ rathen, verloren hab' ich ſie nicht. Jahre ſind ver⸗ gangen, lange verhängnißvolle Jahre, aber kein Tag war in ihnen, da ich Deiner nicht gedachte, da ich meine Feigheit und Nichtswürdigkeit nicht verfluchte, die mich hinderte zu thun, was Pflicht und Liebe 282 mir zugleich geboten, indem ich Dich zu meiner Gattin machte.“ „Laſſen Sie die Vergangenheit ruhen,“ entgegnete Sophie,„waren wir doch beide Kinder und die Liebe der Jugend muß nur zu oft wie ein Traum zer⸗ flattern. Welche Hinderniſſe hätten Sie auch beſte⸗ gen müſſen, Sie ein Edelmann, ein Officier ohne Vermögen, um das mittelloſe bürgerliche Mädchen zu heirathen!— Es war alles gut, alles am beſten, ſo wie es war. Ich empfing, als Sie mir mein Gelübde zurückgegeben, aus der Hand meines Gatten mit dem Reichthum die Möglichkeit, meine wiſſens⸗ durſtige Seele nach allen Seiten hin auszubilden, und nur Eins ſchmerzt mich, daß Sie nicht eine Frau gefunden, die durch Liebe Ihren wilden Sinn gebändigt.“. „Liebe!“ ſagte der Major,„verdient Der Liebe, meine Freundin, der ſie verrieth? Nein! mir, dem Wilden, Hochmüthigen konnte nur ein Weib auf Erden Liebe ſpenden; ſeitdem ich dieſe weggeworfen, iſt das Schwert meine Braut. Aber ein Mann wie ich, den keine Familienbande feſſeln, iſt dieſer Zeit nothwendig, und Sophie, in dieſen beiden Kindern lebt unſere Vergangenheit auf, und es kommt mir vor, als waͤre es unſere Pflicht, die Zukunft dieſer jungen Herzen zu ſchützen. Kennten Sie doch mei⸗ nen Treufeldt, meinen wackern ſchlanken Cornet, kennten Sie ihn und die ritterliche Anbetung, die er dieſem hübſchen jungen Mädchen, das Ihre Ver⸗ wandte iſt, zollt, Sie würden wiſſen, wie ich den Jungen liebe.“ „Louiſe hat von dieſer Angelegenheit wie von einem Traum mit mir geſprochen. Treufeldt hat kaum einmal an ſie geſchrieben ſeit ihrem kindiſchen Verſprechen.“ „Um ſo mehr hat er ihrer gedacht,“ entgegnete Schill.„Er iſt nicht ein Menſch von vielen Worten, und, noch weniger ein Freund von Schreibereien. Er, das dürfen Sie glauben, wird feſt halten an dem Mädchen bis ans Ende ſeines Lebens und er wird ſie ſich erringen. Er iſt der Mann dazu.“ „Aber ob das Mädchen ihn liebt, das iſt die Frage!“ ſagte Sophie,„ich wenigſtens zweifle daran; ihr Herz liegt noch vollſtändig in der Knoſpe und außerdem hat Ihr Schützling einen gefährlichen Ne⸗ benbuhler an dem blinden Begleiter Louiſens, der ſeine Abſicht, ſich in ihr eine Frau zu erziehen gar nicht verbirgt. Es iſt ein Mann von Geiſt und ungewöhnlicher Willenskraft. Ein Mann, der mir 284 warmes Intereſſe einflößt, obgleich ſein ſarkaſtiſches Weſen nicht für ihn einnimmt.“ „Das Mädchen wird ihrer erſten Liebe treu bleiben,“ meinte Herr von Schill,„des Weibes Herz iſt treu, das liegt in der edlen und reineren Natur deſſelben.“ „Jeder Menſch, er ſei Mann oder Weibd, iſt ſeiner Liebe treu, ſobald er wirklich eine ſolche em⸗ pfindet; die Liebe exiſtirt wie die Sonne nur ein⸗ mal in der Wirklichkeit, alle Nebenſonnen ſind nur Scheinbilder,“ ſagte Sophie. Herr von Schill beugte ſich und küßte die blei⸗ che Hand der ſanften Frau, und dieſe flüſterte leiſe: „Gott ſegne Sie, Friedrich, bei allem, was Sie thun mögen, Gott laſſe Ihr Vorhaben gelingen!“ „Und wenn es nicht gelingt, wenn ich mein Leben einſetze für eine große Idee, die vielleicht noch nicht reif iſt, ſo werde ich ſterben mit dem Namen Sophie auf der Lippe und mit der Ueberzeugung, daß ich gethan was der Einzelne vermag.“ Sie legte ihre Hand auf ſeine dichten Locken und ſagte noch einmal:„Gott ſegne Sie!“ Unterdeſſen hatte Louiſe ihren Brief geleſen. Es war ein ſchöner lieber Brief. O welch ein guter rief als Dei imen ung, ocken eſeen. guter prächtiger Jüngling war Fritz Treufeldt, wie ſehr ver⸗ diente er es, daß man ihn werth hielt und lieb hatte. Herr Major von Schill hatte ſich lange von Tante Sophie entfernt, und war mit dem Bankdi⸗ rector in tiefem Geſpräch in deſſen Zimmer einge⸗ ſchloſſen, und Louiſe ſaß noch immer mit ihrem Brief in der Hand in der Orangerie und ſah hinaus nach dem Gärtchen, das vom lichteſten Frühlingsgrün geſchmückt, ein gar freundliches Plätzchen am Schloß⸗ teich bildete. Die Sonnenſtrahlen hüpften und tanzten auf den ſilbernen Wellen. Die Welt war ſo ſchön, ſo wunderſchön!— Louiſe hatte die Zeit vergeſſen und ſo erſtaunte ſie denn und erſchrack ein wenig, als Tante Sophie, ihr die Hand auf die Schulter legend, freundlich ſagte:„Da Du nicht mehr zu mir kommſt, ſo muß ich Dich wohl holen, liebes Herz.“ „Tante, liebe Tante, Sie werden ſich erkälten!“ rief das junge Mädchen erſchrocken. „Nicht doch, mein Kind. Es iſt eine Luft, als wären wir in Neapel, komm ſetz' Dich mit mir da unter die blühende Akazie und erzähle mir, was Dein junger Freund Dir ſchreibt.“ „Ich möchte Ihnen wohl den Brief vorleſen, 286 liebe Tante Sophie, wenn Sie mir das erlaubten. Ich habe niemanden, mit dem ich über den lieben Fritz und das, was wir uns in den Stunden der Todesangſt verſprochen haben, reden könnte, und manchmal drückt mich der Gedanke daran wie eine ſchwere Laſt.“ „Lies Deines Freundes Brief vor und ſei gewiß, daß ich Dir den beſten Rath geben werde, daß ich für Dich, mein Kind, das Herz einer Mutter habe.“ Louiſe begann: „Meine theure vielgeliebte meine ſchöne und gute Louiſe! Du weißt es, davon bin ich überzeugt, daß meine Gedanken immerfort bei Dir ſind, wenn ich auch nur ſelten die Gelegenheit habe Dir zu ſchrei⸗ ben. Meine Mutter, die Dich grüßt und ſegnet, weiß das auch. Sie ſagte zu mir, die Theure, als ich ihr von Dir erzählte: Fritz, mein Junge, es iſt etwas Großes, was Du auf Deine jugendlichen Schultern gelegt, das ganze Glück und die ganze Zukunft eines ſchuldloſen Mädchens. Du mußt jetzt dreifach an Dir arbeiten, mußt ein Mann werden im vollen Sinne des Wortes, denn nur den echten Mann kann ein edles Weib lieben, und ihm kann ſie ohne Zagen ihr Herz und Leben anvertrauen. i ich hrei⸗ gnet, als es iſt ichen ganze jetzt erden ichten kann en. 287 „Ich konnte darauf nichts antworten, ich gab nur meiner Mutter die Hand und ſah ſie an, ſie weiß ſchon an meinen Augen wie ich es meine, und ſie allein in der ganzen Welt weiß auch, wie ſehr ich Dich liebe. Jetzt biſt Du mir freilich fern, wie der ſchöne Stern, der dort oben am Himmel blitzt, aber— aber Louiſe, nur die Sterne ſind ſo treu und feſt, daß ſie untrügliche Wegweiſer ſein können auf dem wilden Meere der Welt.— Es wird eine Zeit kommen, wo ich die Wogen durchſchifft habe, wo ich angekommen in einem ſtillen Hafen, Dich nicht mehr wie meinen Leitſtern betrachten darf, ſondern wo Du die Blume ſein wirſt im Garten meines Lebens, meine Blume, mein Glück und mein Alles. Dieſen Brief, meine ſüße Lonuiſe, bringt Dir mein Verwandter und Goͤnner, mein Escadron⸗Chef, der Major von Schill, der in Geſchäften auf Urlaub nach Königsberg reiſt, wo Du wie ich weiß bei Dei⸗ nem Onkel biſt. Es iſt etwas ſehr wunderbares, das ich Dir erzählen kann von dieſem Mann, der wie ein wahres Ritterbild aus alten Zeiten vor mir ſteht. Major Schill war als Cornet verlobt mit Deiner Tante, die ein ſchönes aber armes Mädchen, ſich und eine alte Mutter von Muſik⸗Unterricht und von Conzerten, die ſie gab, erhielt. 288 „Sie liebten ſich, die beiden, von ihrer Jugend an, aber— mein Verwandter gerieth in ſchlechte und wilde Geſellſchaft, er lernte unwürdige und ver⸗ worfene Frauen kennen, es giebt ſolche in der Welt, mein heiliges und unſchuldiges Mädchen, und da fühlte er ſich ſeiner Jugendliebe nicht mehr würdig, er fühlte, daß er die Kraft verloren zu dem Kampfe mit dem Leben, die Wolken ſeiner eignen unreinen Leidenſchaften waren über ſeinen Stern gezogen. Ich kann mir das denken und erklären, meine Louiſe! Nur ſo lange ein Mann ſich der Reinheit ſeiner Braut würdig fühlt, kann er den Muth haben, den Kampf um ſie, für ſie zu wagen. Mein Vetter hatte ihn verloren und geſtand das offen ſeiner Geliebten, und gab ſie frei. „Es war ja das einzige, was er rechtſchaffener Weiſe thun konnte. Sie ward hernach die Gattin Deines Onkels, aber ſie behielt ſtets ein Mitleid und eine Vorliebe für den Freund ihrer Jugend. Ich bin überzeugt, daß ſie nach meiner Mutter die verehrungs⸗ würdigſte Frau auf der Welt iſt. „Ich, meine theure Louiſe, bin jetzt was ich ſo lange zu werden wünſchte, ein tüchtiger Reiter. Ach mein Pferd möcht' ich Dir zeigen können, mein ſchö⸗ nes Pferd Ajax, mein Major hat es mir geſchenkt, den 289 außer dieſem hab' ich noch ein königliches Dienſt⸗ pferd, auch ein ganz ſchönes Thier, aber Ajarx iſt verſtändig wie ein Menſch, treu wie ein Hund und ſtark und ausdauernd wie das Roß eines Arabers. Ajax iſt treu, hat Füßchen fein wie eine Dame, ei⸗ nen ſchlanken Hals, einen zierlichen Kopf und große braune feurige Augen. Er kennt mich, wenn ich nur in den Stall trete, und wiehert und frißt aus meiner Hand Brodt, Zucker und Hafer. Er folgt mir wie ein Hund, wenn ich ihn loshalftere, und küßt mich und legt ſeinen ſchönen Kopf an meine Wange, wenn ich mit ihm ſpreche. „Ich fuͤrchte mich nicht, meine liebe Freundin, daß Du es Unrecht findeſt, wenn ich ſo viel von meinem Pferde zu Dir ſpreche. Pferd und Reiter müſſen wie zwei Freunde mit einander ſein, und das Leben, ja die Ehre des Reiters hängt oft von ſeines Pferdes Klugheit und Treue ab; und nicht wahr, Du liebe Louiſe, alles das iſt Dir wichtig und in⸗ tereſſant, was für mich Wichtigkeit und Intereſſe hat? Zudem biſt Du ja ein Landmädchen und eine ſo große Thierfreundin. Kannten Dich doch alle Läm⸗ mer und alle Kälbchen auf Eurem ſchönen Gute.— O Du arme, arme Louiſe, das haſt Du alles ver⸗ laſſen müſſen, alles, auch Deinen alten Freund Gott⸗ 1856. XIX. Erinner. e. Großmutter. I. 19 290 fried, wie traurig magſt Du geweſen ſein! Dein Vater iſt franzöſiſcher Gefangener! ein Grund mehr für mich, ein tüchtiger Soldat zu ſein. Einmal wird doch das edle Volk der Deutſchen ſich erheben, dann wird Fritz Treufeldt nicht der Letzte ſein, und wenn ich kämpfen werde gegen dieſe Franzoſen, ſo kämpfe ich für unſern Vater, Louiſe, für unſern; denn wenn das Land frei, werde ich entweder todt ſein, oder Dir im freien Vaterlande eine Heimath bieten kön⸗ nen. Und das ſoll mein letzter Gedanke ſein in dieſem Briefe und in meinem Leben. Seiner Liebe eine Heimath in freiem Vaterlande, das iſt alles was der Mann braucht, alles was ich erſtrebe. Gott ſei mit Dir! Fritz von Treufeldt.“ Eine eigenthümliche Rührung hatte ſich, während das kindliche Mädchen dieſen Brief mit zzitternder Stimme las, Sophiens bemächtigt.— Sie ſah mit feuchtem Blick in Louiſens Augen, ſie waren klar und ruhig wie der Spiegel eines tiefen Sees. Noch, das erkannte die erfahrene Freundin deutlich, war im Herzen des jungen Mädchens keine Spur von Leidenſchaft erwacht, Louiſens Liebe für den Jüngling, dem ſie als Kind ihr Wort verpfändet, war eine rein geſchwiſterliche. ender ſah klar Noch, war von ling, rein 291 Sophie war damit zufrieden, aber ſie fühlte die Verpflichtung, Louiſe auf die Heiligkeit der Pflichten aufmerkſam zu machen, die ſie übernommen, ohne ihren Umfang zu kennen.„Das iſt ein wackrer, ein ſeelenreiner, ein edelherziger Junge, Dein Verlobter, mein herziges Kind!“ ſagte ſie liebevoll. „Ja, das iſt er, Tante, o gut, ſo gut und ſo muthig, ſo kräftig, und weißt Du, ſo Gott vertrauend, als wäre er ein Greis oder ein Weib. Ich habe das empfunden, als wir beide, ein Paar arme, von Allen vergeſſene Kinder, den grauſamen Hungertod zu ſter⸗ ben fürchteten. Mein Vater kennt Fritz auch, er weiß auch was wir uns verſprochen haben und hat uns geſegnet.“ „Weiß auch Deine Mutter davon?“ „Nein, Tante, ſie ahnet das nicht.“ „Und Dein Vetter Itzſtein?“ „Wie ſollte er? der Blinde wäre ſicherlich der letzte Menſch, dem man ſo etwas mittheilen könnte; er würde über die Möglichkeit, daß zwei Menſchen einander Jahre lang treu bleiben wollen, nur ſpotten und lachen.“ „Armer Mann, armer Blinder!“ dachte Sophie, während Louiſe dieß ſagte.„Ja, es giebt Menſchen, denen kein Lieblingswunſch in Erfüllung gehen ſoll, 19 292 denen keine Hoffnung zur heitern Wirklichkeit wird, und dieſer beklagenswerthe Blinde gehört zu ihrer Zahl!“ aber die verſtändige Frau ſprach das nicht aus, für Louiſe war die Unbefangenheit neben ihrem Vetter das beſte, wünſchenswertheſte Gut, und Sophie wollte ſie ihr nicht rauben.— Es kamen nun einige Tage, die beſondere Be⸗ wegungen im Hauſe des Bankdirectors hervor⸗ brachten. Major von Schill beſuchte mehrere Abende hin⸗ ter einander die Familie und ſchloß ſich dann Stun⸗ den lang mit dem Hausherrn ein. Auch andere Per⸗ ſonen kamen und gingen, die offenbar Geſchäfte von Wichtigkeit mit dem Hausherrn abzumachen hatten. In der Frühe eines Sonntags ſaß Wilhelm von Itzſtein eben neben dem Magiſter Fiſch, als er plötzlich zu dieſem ſagte:„Hören Sie doch einmal, unten im Flur, was für eine Stimme da nach dem Herrn vom Hauſe frägt; wenn wir hier in einer Zauberoper lebten, ſo würde ich ſagen, mein gnädi⸗ ger Papa erſcheine ſo eben als Deus ex machina, um mich aus der Geldklemme zu reißen, in der ich eben bis über die Ohren ſtecke. Die Weiber koſten mich, ſeit wir hier in Königsberg ſind, wahrhaftig allzuviel, und ich wollte, meine niedliche Louiſe wäre nur erſt ſechszehn Jahre alt und ein wenig reifer in ihrer Gefühlswelt, damit ich ſie heirathen und ſomit in Frieden leben könnte.“ Der Magiſter öffnete die Thür des Zimmers. „Auch mir ſcheint es, als höre ich eine bekannte Stimme,“ ſagte er, und Wilhelm, mit geſpanntem Ausdruck horchend, ſetzte hinzu:„kein Zweifel, mein Vater iſt hier, er kommt die Treppe herauf.“ Der Kammerpräſident von Itzſtein, denn er war es wirklich, trat in das Zimmer ſeines Sohnes, und Wilhelm ging ihm entgegen und reichte ihm ohne irgend ein Zeichen von Gemüthsbewegung die Hand. Es war ein ſchlanker Mann, mit feinen Zügen und unſteten braunen Augen. Man hätte ihn ſchön nennen können, wenn nicht tiefe ſeltſame Linien ſich entſtellend um ſeinen bleichen Mund gegraben hätten. Als er ſeinen Sohn erblickte, zuckte es auf ſei⸗ nem Geſicht. Es war der Ausdruck eines bittern Seelenſchmerzes, und er legte die Arme um den Nacken des Jünglings und zog ihn an ſeine Bruſt. „Du biſt kräftig und geſund geworden in der Landluft,“ ſagte er,„ich bin unſern Verwandten für die Gaſtfreundſchaft, die ſie an Dir geübt, zu hohem Dank verpflichtet und will alles thun, um ihnen dieſen 294 zu beweiſen. Jetzt aber, wo die Familie ſchutzlos iſt, thäteſt Du wohl beſſer mich nach Berlin zurück zu begleiten; man wird höheren Orts nichts dagegen haben, daß Du Dich wieder im Vaterhauſe aufhältſt, wenn Du mir nicht von Neuem öffentliches Aerger⸗ niß giebſt.“ „Danke für die Gnade, Papa,“ entgegnete der Blinde,„ich will bei meiner Couſine und ihren Kin⸗ dern bleiben, jetzt, da ſie eines Beſchützers bedürfen und da ſie bei ihren veränderten Verhältniſſen in der Penſion, die ich und der Magiſter zahlen, eine Unterſtützung finden können. Zudem, Papa, kennen Sie die Gründe, die mich an dieſe Familie feſſeln, ich habe ſte Ihnen auseinander geſetzt und Sie haben ihre Billigung gehabt. Ich, in meiner von allen übrigen Menſchen verſchiedenen Lage, bedarf vor allem eines Weibes, das mich liebt, und dieß ge⸗ denke ich mir hier ganz nach meinem Sinne zu er⸗ ziehen. Ich mag und ich will dieſen Plan nicht auf⸗ geben, jetzt, da ich ihn bald reifen ſehe.“ „Nun nach Deinem Willen, mein Sohn ſo herzlich ich mich freue, nach Jahre langer Trennung Dich wie⸗ der einmal zu ſprechen, ſo bin ich doch nicht Deinetwegen ſondern in Geſchäften hier, in Geſchäften, die von 29⁵ hoͤchſter Wichtigkeit ſind. Ich bin ein Agent Ihrer Majeſtät der Königin!“ en 38„Da wünſche ich Glück, Papa! Was Sie für ſt, Geſchäfte hier zu betreiben haben, darf man wohl er⸗. nie erfahren?“ b„Es iſt das tiefſte Geheimniß, ein Geheimniß, er das mich unter Umſtänden ins Grab begleiten wird; n⸗ aber ich hoffe denn doch bei dieſer Gelegenheit das ſen junge Mädchen kennen zu lernen, das Du zu unſrer in f Tochter beſtimmt haſt.“ ne„Ich höre ſie auf der Treppe; Magiſter, bitte, len 7 öffnen Sie die Thür und ſagen Sie der Manſell In, Louiſe, daß ich ſie in den Garten zu begleiten wünſche.“ en„Dann müſſen Sie raſch kommen, Vetter Wil⸗ en* helm,“ ſagte eine glockenreine Mädchenſtimme von or 4 draußen,„wir möchten ein wenig auf dem Schloß⸗ e⸗ 3 teich fahren, Lydia und ich, und der Kantor ſoll er⸗ rudern helfen.“ ff⸗.„Einen Augenblick nur, liebe Louiſe, Du wür⸗ 2. deſt mich ſehr erfreuen, wenn Du einträtes; mein ich Vater iſt hier und wünſcht Dich kennen zu lernen.“ tee Sie ſtand im Rahmen der Thuür, eine ſo zarte, en liebliche, jungfräuliche Geſtalt, daß der Kammerpräſi⸗ on dent einen Laut der Ueberraſchung nicht zurückhalten konnte. 296 „Ihr Vater? o Vetter Wilhelm, lieber Gott, wie müſſen Sie glücklich ſein!“ ſagte ſie und indem der ältere Itzſtein auf ſie zuging, um ſie mit hof⸗ männiſcher Galanterie zu begrüßen, ergoß ſich eine brennende Röthe über das jugendliche Geſichtchen. „In der That er hätte nichts ſüßeres, nichts holderes für ſich wählen können, wenn er ſehen könnte,“ dachte der Präſident, und in dem wärmſten Theil ſeines nicht ſehr warmen Herzens regte ſich ein Gefühl väterlicher Liebe und Theilnahme für das jugendliche liebliche Geſchöpf, deſſen Leben an das dunkle ſeines Sohnes geknüpft werden ſollte. Während dieſer Gedanken aber hatte er ſich niedergebeugt und einen Kuß auf Louiſens reine Stirn gedrückt, die nach der Sitte der Zeit die Hand ihres Verwandten ehrerbietig an ihre Lippen zog. Louiſe ging in das Gärtchen und der Präſident ſetzte ſich zu ſeinem blinden Sohne und dem Ma⸗ giſter und ſagte:„Wahrlich, das iſt eine Tochter, wie ich ſie mir nicht liebenswürdiger und reizender träumen könnte, und Du biſt ein Glücklicher, die fri⸗ ſche und frühe Liebe dieſes Herzens errungen zu haben.“ „Man meint ſie ſei häßlich,“ entgegnete Wil⸗ helm,„ich halte ſie nicht dafür, doch iſt das freilich — ₰—- 8—* ( S 2 297 das Urtheil eines Blinden und für mich iſt das auch jedenfalls gleichgiltig. Ihre Haut iſt weich wie Sammt, ihre Stimme ſüß und mild, ihre Bewegun⸗ gen ruhig und angenehm, mögen nun auch ihre Züge von den Pocken entſtellt ſein, ſo häßlich iſt ſie jedenfalls nicht, daß die Sehenden die Achſel zucken würden über die Wahl des Blinden.“ „Sie iſt ganz und gar nicht häßlich, dieſe ju⸗ gendliche Elfe,“ entgegnete der Präſtdent,„ſie iſt we⸗ niger ſchön, als lieblich und anmuthig, und das iſt für jeden Mann, nicht bloß für einen, der die For⸗ men nicht ſieht, wünſchenswerth und angenehm. Kurz, dieß junge Mädchen iſt eines der anziehendſten Geſchöpfe, das ich geſehen.“ „Sie ſchmeicheln mir, Papa,“ ſagte Wilhelm ſichtlich erfreut.„Doch kommen Sie, wir wollen ins Wohnzimmer, damit Sie den Herrn des Hau⸗ ſes ſprechen können.“— Am Abende dieſes Sonntages ſaß der Bank⸗ director auf ſeinem Zimmer mit dem Kammerpräſi⸗ denten und dem Major von Schill im ernſten Geſpräch. „Sie will es!“ ſagte Herr Wohlgemuth,„ſie will es, die erhabene, engelhafte Frau, dagegen ſchwinden alle Einwürfe; treffe mich denn jetzt oder — p 298 künftig was mag, ich ſtehe Ihnen zu Dienſten, meine Herren.“ „Sie ſind ein trefflicher Mann, mein lieber Wohlgemuth,“ ſagte der Präſident,„ein eben ſo lojaler Unterthan als Ihr Bruder, und Ihr Name wird neben dem Seinigen mit Dank von der Familie unſres erlauchten Fürſtenpaares, mit Dank von den Lippen unſrer erhabenen Königin genannt werden.“ „Ich thue, was mein Herz, was meine unbegrenzte anbetende Ehrfurcht für meine Königin mir befiehlt,“ entgegnete der Bankdirector.„Ich weiß, daß ich mein Vermögen, meine bürgerliche Ehre, meine ganze Exiſtenz aufs Spiel ſetze; aber ich zaudere nicht, ſeit Sie mir die Zeilen der königlichen Frau zeigten, die für mich Beweis genug, daß dieſe Expedition ihr Wille iſt.“ „Hat die Koͤnigin ſich herabgelaſſen, etwas Schriftliches zu geben? hat ſie das wirklich, endlich?“ fragte Herr von Schill mit flammenden Augen und zuckender Lippe. „Mußte ſie nicht, die edle Frau?“ antwortete der Praͤſident,„mußte ſie nicht, ſo ungern ſie es auch that, um dieſen Zweifler zu beruhigen und ſich ſeiner Mitwirkung zu verſichern bei dem großen Werk, das nun beginnen kann?“ 4 14 12 299 „Meiner Discretion, meiner tiefſten Verſchwie⸗ genheit kann meine angebetete Monarchin gewiß ſein,“ betheuerte Wohlgemuth,„die Hand auf dem Herzen. Schlaͤgt das Unternehmen fehl, ſei es darum, es begräbt unter ſeinem Zuſammenſturz meine Ehre, mein Vermögen; mein Bewußtſein aber wird mich, nachdem ich jene Zeilen geleſen, ins Gefängniß, an den Pranger begleiten, und keine Folter ſoll mir je das Geſtändniß entreißen, daß ich nach dem Befehl meiner vergötterten Königin handelte.“ „Wenn das Ihr Entſchluß iſt, trefflicher Mann, ſo kann ich Ihnen nun auch noch das letzte ſagen. Die Königin wuͤnſcht, daß die Legitimation, welche ich Ihnen gezeigt, ſobald Sie ſie geſehn, vernichtet werde.“ Herr Wohlgemuth konnte kaum noch bleicher werden, als er es während dieſes Geſprächs geweſen, aber bei dieſen Worten des Kammerpräſidenten zuckten ſeine Lippen ſchmerzlich. „Es ſei!“ ſagte er,„ich trete mit meiner Ehre, mit meinem Vermoͤgen und Leben auf den verlorenen Poſten; zerſtören Sie das Document, das mich allein retten könnte im Fall des Mißlingens. Ich beuge mich in Demuth!“ Herr von Schill war von ſeinem Sitze aufge⸗ 300 ſtanden und ging mit feſten Schritten im Zimmer auf und ab. Der Kammerpräſident ſaß zuſammen⸗ gekauert auf dem Rohrkanapee und hielt in der Hand eine Brieftaſche von rothem feinem Leder, an deren Schloß er neſtelte. Das Zimmer, nur von zwei Wachskerzen erhellt, war düſter und wurde es noch mehr durch die mächtigen Schränke von geſchnitztem Eichenholz, die an allen Wänden ſtanden und zwiſchen ſich kleine dunkle Verſteckwinkel hatten, die von hochlehnigen Stühlen ausgefüllt wurden. Vor einem dieſer Winkel blieb der Major plötzlich ſtehen und ſagte, einen Dolch ziehend, den er in der Bruſttaſche ſeines Huſaren⸗Dollmans trug: „Meine Herren, wir ſind hier nicht allein, unſre Unterredung hat einen Zeugen gehabt, der in die Verfaſſung gebracht werden muß nichts ausplaudern zu können.“ Bei dieſen Worten holte er aus dem Winkel einen Menſchen, der ohne ſich zu ſträuben zum Vorſchein kam. Das Licht fiel auf die verbogene lächerliche Geſtalt und auf das blaſſe verzerrte Geſicht des Kantors, deſſen dunkle Augen ſeltſam blitzten, während jedes Haar auf ſeinem Haupt ſich zu ſträuben ſchien. — —,— 2——,— ☛ 12&8᷑ ⏑△⏑ mer nen⸗ band eren erzen urch h olz, leine igen tajor den rrug: inſre die dern inen hein liche des rend hien. ——D ——— —— 30¹ „Was wollen Sie von mir, großer Krieger, er⸗ habener Feldherr?“ ſagte der Wahnſinnige in ſeiner ſeltſamen, halbklugen Weiſe.„Was wollen Sie von mir? halten Sie mich für einen Spion? für einen Verräther? mich, den treuſten Unterthan Sr. Majeſtät meines allergnädigſten Königs! Mich, den Erfinder des feuerfeſten waſſerdichten, fliegenden Magazins, das unſern braven Truppen Dienſte leiſten ſoll, wenn es nun wieder zum Kriege kommt!“ „Laſſen Sie ihn los, Major,“ ſagte der Bank⸗ director,„der Unglückliche iſt ein naher Verwandte von mir, ein harmloſer Wahnſinniger, den die Schmach des Vaterlandes und eine Leidenſchaft für die ſchöne Tochter meines Bruders um den wenigen Verſtand gebracht, den er beſaß.“ Der Major ſteckte ſeine Waffe ein und ließ den armen Kantor frei. Herr von Itzſtein aber ſprang von ſeinem Stuhle auf, ſteckte ſeine Brieftaſche ſorg⸗ lich in den Buſen und ſagte mit bebender Stimme: „Wahnſinnig oder nicht, dieſer Menſch hat Ohren und eine Zunge. Ein Wort und ich bin— wir ſind verrathen. Er muß unſchädlich gemacht werden, er muß— ſterben!“ ſetzte er mit fallendem Tone hinzu,„ſterben! die Todten plaudern nichts aus.“ 302 „Niemand wird auf das Wort eines notoriſch Wahnſinnigen Werth legen,“ ſagte Schill ruhig. „Seine Ausſagen werden immer nur in dieſelbe Kathegorie geſetzt werden, wie ſeine Pläne. Laſſen wir den armen Teufel in Gottes Namen gehen; zu⸗ dem, was haben wir denn heute von unſern Plänen geſprochen, das er verrathen könnte?“ „Der Name der Königin!“ ſagte Itzſtein ſehr erregt. „Iſt immer und immer auf ſeinen Lippen,“ entgegnete Wohlgemuth,„und wird keine Aufmerk⸗ ſamkeit erregen; zudem kommt er nirgend hin, als in unſer Haus, da könnte er getroſt den Untergang der Welt verkünden, keine Seele würde auf ihn achten.“ Herr von Itzſtein trocknete ſich die bleiche Stirn und ſetzte ſich auf den nächſten Stuhl, es ſah aus, als ob ſeine Knie ihm den Dienſt verſagten. „Bleibe hier, Kantor, rühre Dich nicht und ſprich kein Wort, es geht gegen die Franzoſen,”“ ſagte Herr Wohlgemuth freundlich zu dem armen Wahnſinnigen, der ſich gehorſam auf ein Bänkchen zuſammenkauerte, die Arme um ſeine Knie ſchlang, auf die er den Kopf ſtützte und die blitzenden Augen 2—,—— toriſch g. ieſelbe Laſſen ; zu⸗ länen ſehr pen,“ fmerk⸗ „als rgang if ihn Stirn aus, und ſſen,“ rmen ikchen Hlang, lugen 303 auf ſeinen Verwandten heftete, der ebenfalls wieder Platz nahm. „Laſſen Sie mich noch einmal das Blatt ſehen, das mir den Befehl der Königin giebt,“ ſagte der Bankdirector, ſich an den Präſidenten wendend. Herr von Itzſtein nahm ein zuſammengefaltetes Papier aus ſeiner rothen Brieftaſche. Wohlgemuth betrachtete die wenigen Zeilen, die es enthielt, mit feuchten Augen. Sie waren von einer feinen weiblichen Hand geſchrieben und laute⸗ ten alſo:„An den Bankdirector Herrn Anton Wohlgemuth in Königsberg! „Ich erſuche Sie, das Unternehmen des Major von Schill mit allen Ihnen zu Gebote ſtehenden Geldmitteln zu unterſtützen und alles zu thun, was der Kammerpräſident von Itzſtein Ihnen als meine Wünſche in dieſer Angelegenheit mittheilen wird. Louiſe.“ Die ſcharfen Augen des Kantors hatten feſt auf dem kleinen Papier geruht. Er zupfte an den Frackſchößen ſeines Gönners und guckte ſchlau empor, als Wohlgemuth ſich zu ihm wendete. „Hören Sie, mein verehrungswürdiger Herr Landes⸗Banko⸗Credit⸗Kaſſen⸗Aelteſter und Director,“ ſagte er flüſternd,„auf dem Stück Papier, das ich in Kydullen fand, Sie wiſſen, Verehrteſter, das was ich auf meinem Herzen trage, hat Ihre erhabene Majeſtät anders geſchrieben. Ihr Brief von der großen Königin iſt ein nachgemachter, nur ich bin im Beſitz des echten Documents.“ „Aber es iſt ſtörend,“ ſagte Herr von Schill, „daß dieſer arme Menſch hier mitredet, Sie thäten beſſer, ihn wieder in ſeinen Winkel zu bringen.“ Herr von Itzſtein warf einen Blick auf den Kantor, den keiner der Anweſenden bemerkte, obgleich er den armen Wahnſinnigen ſo einſchüchterte, daß dieſer in ſich ſelbſt zuſammenzukriechen ſchien und zitternd ſein Geſicht mit den Händen bedeckte. „Schweig, armer Kerl, ſchweig und geh in Dei⸗ . nen Winkel,“ ſagte der Bankddirector begütigend, — und der Wahnſinnige ſtand auf und ging in die Ecke, wo er geſeſſen hatte.— 4 Die drei andern ſetzten ihr Geſpräch fort, Herr Wohlgemuth verbrannte mit eigener Hand den V Settel und ſagte feſt:„Verfügen Sie über alle Mittel, 6 die mir zu Gebote ſtehen.“— Ende des erſten Bandes⸗ Prag 1856. Druck von Kath. Gerzabek. * —