deutſcher, engliſcher und rfranz' öſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 Leih- und JLeſebedingungen. . Offensein der Bibliothek. Die Bibliot hek ſteht zur Em⸗ pf fanguſehnde und Rückgabe der B ücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines helrhenen Buches wird von) jed em Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 5 den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſg prechende Summe ſ. hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8— 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und— beträgt: 6 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— ½ aif Monat: 4 Mk.— Pr 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. J 3 Auswärtige Aouuenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der, Vlcher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. 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Erſtes Capitel.... 4 Zweites Capitel.......... 26 Drittes Capitel......... 51 Biertes Capitel......... 75 Fünftes Capitel..........98 Sechſtes Capitel........137 Siebentes Capitel....... 167 Achtes Capitel.......... 201 Neuntes Capitel..........230 Zehntes Capitel......... 2260 Ein Zürgermeiſter. N wie ein Stiften Al der erſte indem ſi kein leb den Zol beladen liegt no die mar N Thier, r ſeiner 2 ſeines H A der gol menden Ein B. Erſtes Kapitel. Morgengrauen! Der Himmel iſt klar und wölbt ſich wie ein ſtählernes Schild, das von einzelnen goldenen Stiften verziert iſt, über der ſchlafenden feierlichen Erde. Auch der breite Nogatſtrom ſchillert wie Stahl in der erſten Tagesdämmerung und ſeine Wellen murmeln, indem ſie an die Pfeiler der Brücke ſchlagen, auf der noch kein lebendes Weſen ſich regt. Selbſt der Wächter, der den Zoll von allen Denen einzufordern hat, welche mit beladenen Wagen oder Schiebkarren die Brücke paſſiren, liegt noch träumend auf ſeinem Binſenlager und ſtreckt die markigen Glieder in feſtem Schlafe. Neben ihm liegt ſein Wolfshund Toktamiſch, ein Thier, rieſig wie ſein Herr, aber auch wie dieſer gutartig und ſeiner Wildheit entwöhnt. Er hat den zottigen Kopf auf ſeines Herrn Bruſt gelegt und Beide athmen tief und ruhig. Am Himmel droben erlöſchen indeß mehr und mehr der goldenen funkelnden Sterne vor dem überhand neh⸗ menden Lichte, das vom Saume des öſtlichen Horizonts Ein Bürgermeiſter. 1. 1 2 ausgeht, der ſich allmälig in Purpur, mit Gold durch⸗ ſchienen, taucht. Die weite flache Gegend, über welcher der Sonnenaufgang ſich verbreitet, gewinnt mit jedem Moment an Glanz und Leben. Die Dämme, die den ſtillen Strom einfaſſen, zeigen ihr vom Goldgelb der Butterblume durchſticktes Grün, die Weiden an den Wegen verlieren ihr grauenhaftes Anſehen, die knorrigen Wipfel ſehen nicht mehr aus, wie unförmliche, rauhhaarige Häupter, denn mit ihren grau⸗ grünen Zweigen ſpielt der Morgenwind; das Waſſer in den breiten Gruben, womit alle die im reichſten Grün prangenden Felder eingefaßt ſind, fängt an zu glitzern, die Saaten wogen vor dem Lufthauche, und jetzt ſchwingt ſich aus denſelben eine Lerche empor, und ihr lautes Trillern begrüßt den erſten Sonnenſtrahl, der plötzlich wie mit einem Zauberſchlage das Leben zu erwecken ſcheint. Rindvieh brüllt auf den Wieſen jenſeits des Nogatſtro⸗ mes, tauſend Vögel ſingen ihr Morgenlied, Fiſche ſchnel⸗ len ſich aus dem Strome empor, Mückchen ſpielen in der blauen Luft, und nun öffnet ſich auch die Thüre des Brückenwärter⸗Häuschens, und Toktamiſch kommt, ſein Fell ſchüttelnd, aus derſelben hervor und ſchaut nach allen vier Himmelsgegenden, als wolle er beobachten, welches Wetter der eben erwachende Tag verſpräche. Eine halbe Minute ſpäter folgt ihm ſein Herr. 5 dem d fällt ai Leib ei wärtig gekehrt. Aermel Rücken bis zur ſtecken und jed baſt ur Kleidu Geſicht ten; d Zähne, füglich blau un hat ein Merkm würde Manne gen ſeit 2 Ald durch⸗ r welcher nit jedem en, zeigen es Grün, muenhaftes aus, wie ren grau⸗ Waſſer in ſten Grün u glitzern, t ſchwingt hr lautes plötzlich en ſcheint. kogatſtro⸗ ſche ſchnel⸗ len in der Thüre des umt, ſein mach allen „welches fine halbe Das röthlichbraune Haar des Mannes fließt mit dem dichten Barte von gleicher Farbe zuſammen und fällt auf eine Bekleidung, die vor einem Jahre noch den Leib eines feiſten Widders bedeckte.— Auch der gegen⸗ wärtige Träger hat die krauſe grobe Wolle nach außen gekehrt. Das Widderfell iſt zu einer Art von Jacke ohne Aermel zuſammengefügt worden, von welcher Bruſt und Rücken bedeckt ſind und die auch über die ſehnigen Beine bis zur Hälfte der Schenkel herabhängt.— Die Füße ſtecn in Schuhen, künſtlich von Birkenbaſt geflochten, und jedes Bein iſt mit einem Stück Matte von Birken⸗ baſt umwickelt Es iſt eine furchtbare Geſtalt, die in dieſer rauhen Kleidung in den friſchen reinen Morgen hinaustritt; das Geſicht hat Züge, als wären ſie aus Eichenholz geſchnit ten; die Fauſt iſt hornhart und die blendend weißen Zähne, welche unter dem Bart hervorſchimmern, könnten füglich einem Panther angehören. Das Auge aber hell blau und etwas ſchräg geſchlitzt, groß und voll aufſchlagend, hat einen Ausdruck voll Sanftheit, der alle die andern Merkmale ſeines Aeußern gleichſam auflöſt; ein Kind würde vertrauend und ohne Furcht mit dem rieſigen Manne über die Brücke, ja durch Feld und Wald gegan⸗ gen ſein. Auch der Mann beſchaute, wie der Hund, den Him⸗ 1* 4 mel nach allen Seiten, und ſchien vollkommen zufrieden mit den Wetterzeichen, die er entdeckte. „Das wird ein Tag, ſo ſchön und klaräugig, wie die vornehme Frau, die heute weiter reiſen will,“ ſagte er leiſe vor ſich hin, in einer Sprache, die trotz gehäufter Conſonanten weich klang, und der Ton ſeiner Stimme war tief und rein. Sein Hund erhob den Kopf und drückte ihn ſchmeichelnd an ſeines Herrn Knie.„Du meinſt, ich rede mit Dir, Toktamiſch,“ ſagte dieſer, das Thier tätſchelnd,„weil ich in der Sprache meiner Väter rede, die hier Niemand verſteht, als Du allein. Ja ſieh, wenn die Sonne ſo hell ſcheint, wenn der Strom ſo hör⸗ bar rauſcht, dann kommen mir die Zeiten in den Sinn, da ich noch ein Knabe war, und fern von hier, meinen Kopf an meiner Mutter Knie duckte, wie Du, Toktamiſch, den Deinen an meines.“ Er wandte ſich dann ſo, daß er dem Strome den Rücken kehrte, und ſeine Augen ſchauten mit nachdenkli⸗ chem Ernſte auf die ſtolzen Zinnen einer mächtigen Burg, die auf dem hohen Ufer des Stromes ſtehend, ihre Schol⸗ len weit über die Gegend warf. Die Brücke über die Nogat war durch einen ge⸗ wölbten Gang mit einer Pforte dieſer gewaltigen Ge⸗ bäudemaſſe verbunden, und das Auge eines Kriegers hätte alsbald bemerkt, daß am jenſeitigen Ufer des Stro⸗ mes große von d konnt in al gen h koſtba die Z in ihr faſt w Feſtig Stell eine Stein weder lich u Ding ſes S ſo än den§ Hung zufrieden gig, wie M,“ ſagte gehäufter Stimme opf und ie.„Du eſer, das ter Väter Ja ſieh, n ſo hör en Sinn, meinen ktamiſch, rome den chdenkli⸗ en Burg, ke Schol⸗ inen ge gen Ge Kriegers es Stro⸗ mes ein Schanzwerk zur Vertheidigung dieſes Paſſes mit großer Kunſt angelegt war, und daß Brücke und Pforte von der Burg aus durch Schießſcharten beſtrichen werden konnten. Der Brückenwärter, der dieſe prachtvollen Gebäude in all ihrer Schönheit und Feſtigkeit tagtäglich vor Au gen hatte, war nicht geblendet durch den Glanz, der in koſtbarer Malerei prangenden Fenſter; nicht erfreut durch die Zartheit und Zierlichkeit der Bögen und Zinnen, die in ihrer luftigen Höhe nicht wie Mauerwerk, ſondern faſt wie aufrechtſtehendes Spitzengeflechte erſchienen. Auch war er nicht geängſtigt durch die Stärke und Feſtigkeit der Mauern, durch welche au vielen paſſenden Stellen die Läufe rieſiger Kanonen hervorſtarrten. Er wußte zwar, daß dieſe feuerſpeienden Drachen eine ganz andere viel mächtigere Wirkung hatten, als Steinſchleuder und Blenden; aber er war überhaupt weder der Furcht noch dem Erſtaunen beſonders zugäng lich und überdies ſeit Jahren an den Anblick all dieſer Dinge gewohnt. Einſt freilich hatte es eine Zeit gegeben, da er die ſes Schloß mit ſeinen Mauern und Schießſcharten eben ſo ängſtlich betrachtete, wie der wild eingefangene Falke den Käfig, in welchen man ihn ſteckt, um ihn durch Hunger und Blendung gelehrig und zahm zu machen; 6 aber das war lange her, mehr als zwanzig Mal hatte indeß der Winter ſeinen Eismantel über den Strom ge⸗ worfen, aus dem Knaben, der an ein Roß gebunden, blutend und keuchend durch die große Pforte in den Hof der Marienburg geſchleppt wurde, war ein N worden, der das, was ihm damals ſo gräßlich erſchien, zu oft ſich hatte wiederholen ſehen, um es ungewöhnlich zu finden.— Man hatte ihn getauft und ſeitdem Bruno genannt, doch gedachte er der Zeit noch gar oft, da ſeine Mutter ihn Sungalo gerufen, und der Laut der mütter lichen Stimme durchtönte ſeine Träume. Wie er ſo da ſtand, die Augen auf die mächtige Burg geheftet, die Gedanken in anderen grünen Fernen ſchweifend, an das Ufer des Swantowit, wo ſeines Va⸗ ters, des edlen Bojaren Sungelo Wohnung im Schatten ſtolzer Tannen gelegen, klang der Riegel der Brücken⸗ pforte und ein Reiter trabte aus derſelben hervor und hielt ſein Roß an, als er den Brückenwächter erreicht hatte. Zwei verſchiedenere Repräſentanten des menſch⸗ lichen Geſchlechts können kaum irgendwo ſich einander gegenüber befinden, als hier von der Morgenſonne am Ufer der Nogat beſchienen wurden. Der Reiter war vom Pferde ge Kann ge ſprungen und hatte den Zügel desſelben um die Hand geſchlungen. G neben Männ ges, ſehr n geweſe ſtark kleinen Kupfe ßigkeit kleiner beim nicht fleiſch aber ſchmal genſte Lacheg konnt ſprüht zend, ral hatte trom ge⸗ gebunden, den Hof 3 dann ge erſchien, ewöhnlich m Bruno „da ſeine r mütter mächtige in Fernen ines Va Schatten Brücken vor und erreicht menſch einander onne am und hatte 7 Für ſich allein ſchien er eher groß als klein zu ſein, neben dem Rieſen Bruno aber ſchrumpfte er zu einem Männchen zuſammen, deſſen feine Glieder etwas Winzi⸗ ges, Puppenhaftes hatten. Sein Haar, das ein Hut von ſehr merkwürdiger Form bedeckte, mußte einſt ſchwarz geweſen ſein, wie das Gefieder des Raben; jetzt war es ſtark mit grau untermiſcht, und ſein Geſicht von tauſend kleinen Fältchen durchzogen, war grünlich braun, faſt wie Kupferbronce. Seine Zähne konnten ſich an Glanz und Regelmä ßigkeit mit denen Bruno's wohl meſſen, nur waren ſie kleiner und feiner, und der aufgeworfene Mund, der ſich beim Sprechen weit nach oben und unten öffnete, ließ nicht nur ſie, ſondern auch das glänzend rothe Zahn⸗ fleiſch ſehen. Das ſeltſamſte an dieſem Geſichte waren aber die Augen; mandelförmig geſchnitten und nur ſchmal aufſchlagend, ließen ſie einen dunkelbraunen Au⸗ genſtern auf faſt blauem Grunde beim Geſpräch oder Lachen ſo außerordentlich grell blitzen, daß man wähnen konnte, ein Feuer brenne hinter denſelben und Funken ſprühten davon auf den Beſchauer. „Gelobt ſei Jeſus Chriſtus!“ ſagte er ſich bekreu⸗ zend, als Gruß zu dem auffahrenden Bruno. „In Ewiggkeit!“ entgegnete dieſer in deutſcher Mundart, die ſeit manchem Decennium nun ſchon die einzig gangbare in Preußen war. „Beim heiligen Jakob von Compoſtella! ich glaube das lithauiſche Nilpferd ſchläft wieder einmal mit offe⸗ nen Augen,“ ſchrie der Mohr, denn unter dieſem Namen begriff man ſeiner Zeit alle farbigen Menſchen, und dabei ſchüttelte er ſein Haupt und ließ dadurch die Glöckchen klingen, mit denen ſein wunderlicher Hut beſetzt war.. Toklamiſch ſchien das übel zu nehmen, denn er heulte laut auf; ſein Herr aber legte beſchwichtigend ſeine Hand auf des Hundes Kopf und ſagte ſehr ruhig: „Du weißt, daß ich nicht ſchlafe, Rolph, und wirſt trotz Deiner Jahre doch noch vielleicht zu Verſtande kommen und lernen, daß man denken kann, ohne die Gedanken als thörichte Worte über das Maul ſpringen zu laſſen.“ „Deine Gedanken ſind ſo ungeſchlachte Thiere, wie Du ſelbſt, glaub' ich, und können darum nicht durch die Pforte Deines Maules, das zwar große Klöße ein-, aber nicht auslaſſen kann,“ ſagte Rolph wegwerfend. „Der Mund eines Knechtes und Gefangenen darf große Gedanken nicht auslaſſen,“ entgegnete der Andere, „wenn gleich es bis jetzt noch keinem Gebieter gelun⸗ gen hege ben, Mu Du, ſagt Sie einer Bru eh' i Du Brü Bau das wir Süß word den Kuck dem ſeine daß ſchon die ch glaube mit offe m Namen jen, und durch die icher Hut denn er vichtigend hr ruhig: und wirſt Verſtande ohne die ſpringen Thiere, um nicht ar große te Rolph enen darf Andere, r gelun gen iſt, dem Hirn eines Selaven zu verbieten, ſolche zu hegen.“ „Ich wollt' eine Scholle meines Gutes darum ge ben, wenn mir dieſe Antwort zur rechten Zeit in den Mund gekommen wäre; möchte aber wohl wiſſen, wozu Du, Waſſerſchwein, den Witz und Verſtand brauchſt,“ ſagte Rolph, dem Lithauer lachend die Hand reichend. Sie war klein und ſchmal, der Form nach wie die Hand einer Dame und verſchwand in der ungeheuren Hand, die Bruno über ihr zuſammenſchloß.„Holla, Camerad! eh' ich's indeß vergeſſe, der Küchenmeiſter läßt Dir ſagen, Du möchteſt wohl aufpaſſen, und wenn Honig über die Brücke kommt, dafür ſorgen, daß die geſtrengen Herren Bauern ihn nicht etwa nach der Stadt, ſondern fein an das Küchenmeiſteramt zum Verkauf bringen. Seitdem wir Unterröcke auf Beſuch bei uns haben, iſt ſo viel Süßigkeit und Eingemachtes in der Küche verbraucht worden, daß unſere Honigtöpfe abſolut neu gefüllt wer den müſſen; denn mit ſüßen Worten kann man keine Kuchen backen und keine Bierſuppe kochen.“ „Gut!“ entgegnete der Lithauer. Der Mohr beſtieg nun ſein Pferd wieder, nickte dem Brückenwärter, der ruhig wie ein Steinbild neben ſeinem Hunde ſtand, noch einmal zu und ſprengte davon, daß die Schellen an ſeinem Hute klingelten und Tokta ’ 10 4 miſch in ein lautes Geheul ausbrach, bei dem ihm wider⸗ wärtigen Tone. tend Faſt im gleichen Momente, als das Pferd des Ab⸗ ziehenden den Landweg hinauf ſprengte, der über den ckeng Nogatdamm in das geſegnete Marſchland führt, das heute noch den Namen des Marienburgerwerders führt, nun, 8 und mit Recht für die Kornkammer Preußens gilt, kam ſonde den Weg hinab ein Leiterwagen, von zwei kräftigen Pfer⸗ den gezogen, und bis oben hin beladen mit allerlei grü⸗ entge ner Waare, wie ſie die noch frühe Jahreszeit hervorge⸗ und I bracht. wenn 3 Der Beſitzer des Fuhrwerkes ging, die Peitſche in dderd der Hand ſchwenkend, neben her und ſchaute gemüthlich Wen in die Morgenluft. l n Es war ein Mann mit breitem, rothem, lachenden erer Geſichte, ſeine nußbraunen Augen hatten einen ſchelmi⸗ ill 3 V ſchen Ausdruck, und um ſeinen Mund lagen die Fältchen, keit die häufiges Lachen zu ziehen pflegt. der I „Heda! Heda! Freund Bruno, Brückenwächter! tige wo ſeid Ihr denn?“ ſchrie er, ſchon in dem Augenblice, He! da ſeine Pferde ihre etwas plumpen Vorderbeine auf die Dich erſte Brückenplanke ſetzten;„kommt und nehmt Eueren Groſchen von mir, damit ich keinen Aufenthalt habe, und das der Erſte auf dem Markte bin.“ größ 1½ wider⸗ es Ab⸗ her den t, das führt, lt, kam n Pfer⸗ lei grü⸗ rvorge⸗ itſche in nüthlich chenden ſchelmi Fältchen, wächter! enblicke, auf die Eueren be, und 11 „Gelobt ſei Jeſus Chriſtus!“ grüßte der hinzutre⸗ tende Lithauer. „In Ewigkeit!“ dankte der Bauersmann, das Brü⸗ ckengeld hinreichend. „Habt Ihr Honig, Siegmund?“ ſagte der Andere nun,„ſo ſollt Ihr ihn nicht zum ſtädtiſchen Markte, ſondern gleich an's Küchenmeiſter⸗Amt bringen. „St! Bruno,“ wer wird jetzt noch Honig haben,“ entgegnete Jener,„außer zum Naſchen für die Kinder und zu den Johanniskuchen. Honig wird's wieder geben, wenn die Linden abgeblüht haben, und die Aepfel reif werden; aber wenn die Heireh ſchöne Butter haben wol len, goldgelb und friſch wie Nußkerne, die macht mein Weib am beſten im ganzen Dorfe, und wem würde ich ſie lieber verkaufen, als unſeren Herren auf d der Marien⸗ burg. Mein Großvater ſelig, hat mir's eingeb bläut, als ich noch ſo hoch war, daß wir im Werder in alle Ewig keit dankbar gegen die wackeren Herren ſein müſſen, weil der Boden, den wir bauen, und auf dem wir hundertfäl⸗ tige Frucht ernten, von ihnen erſt gemacht worden iſt. He! Hollah! Hollah! Ei Potz Satan von einem Pferde, Dich ſticht der Haber mehr als erlaubt iſt.“ Dieſer Zuruf galt dem kleineren der beiden Thiere, das der Neigung, ſeinen rauhen Kopf an dem Rücken des größeren zu reiben, nicht hatte widerſtehen können. Durch 12 dieſe zur unrechten Zeit angebrachte Liebkoſung war aber der Wagen in eine ſchlimme Lage verſetzt worden; das eine Rad war nämlich auf einen der Steine gekommen, die den Fußpfad an der Seite von dem Fahrwege in der Mitte der Brücke ſchieden. Die Töpfe, Käſtchen und Bün del unter den Körben mit Grünkohl, rothen Rübenblät⸗ tern, Lindenblüthen und in Häckſel wohlverpackten Ciern, hatten dadurch einen argen Stoß bekommen und eine Zer⸗ ſtörung, wie die von einem Erdbeben, drohte der ganzen Marktwaare des luſtigen Bauern. „Das kommt vom Lügen!“ ſagte Bruno mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe, während er behülflich war, das Un heil in Ordnung zu bringen. „Ich lüge nicht, lithauiſcher Bär,“ entgegnete der Eigenthümer des Wagens,„weißt Du es denn nicht, Du, der Du hier Tag und Nacht dicht an der Nogat ſitzeſt und in den Strom guckſt, daß die Dämme, die ihn ein⸗ engen, nicht daran gewachſen ſind? Es ſind noch nicht zweihundert Jahre her, da war dort auf der Seite des Waſſers, wo jetzt mein hübſches Haus mit grünen Fen⸗ ſterladen in meinem ſchönen Baumgarten ſteht, kein Land, ſondern ein tiefer ſchmutziger Sumpf, in welchem Dra⸗ chen hausten. Nur im Winter fand der Wolf ſeinen Weg über die ſchreckliche Einöde, der im Sommer ſtinkenden Brodem ausathmete, ſo daß die wenigen Menſchen, die breiten gehen Honi bring auf! ten, mußt furt me a⸗ ſend war o rief a Mein war e ſtattli den v muthi die T Beide lang, des ſch daß ſe Brück var aber hen; das kommen, ge in der nd Bün abenblät n Cßiern, ine Zer r ganzen nit ſeiner das Un guete der icht, Du, gat ſitzeſt ihn ein noch nicht Seite des nen Fen ein Land, em Dra nen Weg ſtinkenden ſchen, die 13 auf dem hochgelegenen Flecken ihr elendes Leben hinbrach ten, von Fiebern geplagt wurden und jämmerlich ſterben mußten. Da ließ der Landmeiſter Meinhard von Quer⸗ furt— Gott geb ihm die ewige Seligkeit!— die Däm⸗ me an Nogat und Weichſel ſchütten, es haben viele tau ſend Leute ſechs Jahre lang daran gearbeitet; aber da war auch ſchöner Boden trocken gelegt und der edle Herr rief aus allen deutſchen Landen Anſiedler in die Werder. Meines Großvaters Großvater war auch darunter. Er war eines Herrn Sohn, der am ſchönen Rheinſtrome ein ſtattliches Schloß hatte, aber es war niedergebrannt wor⸗ den von ſeinem Nachbarn und er beſaß nichts als ſein muthiges Herz, geſunde Hände und ein junges Weib, das die Tochter eines Lehensmannes geweſen ſein ſoll. Die Beiden zogen über Berge und Ströme, viele Wochen lang, und wie ſie hier ankamen, gab man ihnen ein Stück des ſchönen Bodens, und mein Großvater ſelig erzählte, daß ſein Ahn das erſte Beet von ſeinem Felde mit ſeinem breiten Schwerte umgegraben habe.“ „Nul in Gottesnamen,'s kann nun wieder vorwärts gehen. Hott, Lieſe! hott Kroll! Schade, daß ich keinen Honig habe, ich hätte ihn gerne auf's Küchenmeiſteramt bringen wollen. Behüt Dich Gott, Sungalo!“ Jetzt mit dem vorrückenden Tage, belebte ſich die Brücke mehr und mehr. Bauernwagen in großer Anzahl kamen mit Getreide, gewelktem Obſte, lebenden Hühnern und Enten; mit geſchlachteten Schweinen, Böckeln und Kälbern, mit Leinwand, gut geſponnenen Wollengarn; mit Flachs, Hanf, Hirſe und Erbſen beladen, zur Stadt, ja auch Honig ward noch zu Markte gebracht und Bruno ließ den Wagen ſogleich nach dem Brückenthore des Schloßes fahren, dem Thorwart durch einen Stoß in das am Pförtchen hängende Kuhhorn ein Zeichen gebend, daß das große Thor zur Einfahrt desſelben geöffnet werde.— Andere Wagen begehrten unaufgefordert die Einfahrt in den Burghof, um ihren Zins an Naturalien mancherlei Art dort abzuliefern, und allmählig ward die Brückenpaſſage auch durch andere Perſonen als Markt⸗ leute belebt. Zwei Pilgrimme mit Muſchelhüten und Wander⸗ ſtäben kamen aus der Burgpforte und gingen, ihre Ro⸗ ſenkränze betend, über die Brücke nach dem Werke. Ein junger ſchlanker Burſch mit fliegendem Lockenhaar und weißem Gewande eine kleine ſiebenſaitige Harfe am gol⸗ denem Bande über der Schulter tragend, ſchritt leicht⸗ füßig an dem rieſigen Wärter vorüber und redete ihn in einer Sprache an, die ſeinem Ohr vollkommen unver⸗ ſtändlich war, obgleich er aus langer Erfahrung wußte, daß es die Sprache vom Oe ſei, die ſolche fahrende Brü⸗ der von der edlen Sangeskunſt gewöhnlich ſprechen. Hühnern eln und lengarn; r Stadt, d Bruno pore des Stoß in gebend, geöffnet rdert die aturalien ward die 3 Markt⸗ Wander⸗ hre Ro rke. Ein haar und am gol⸗ itt leicht te ihn in n unver⸗ ig wußte, ende Brü⸗ chen. Auch Frauen kamen des Wegs daher. Zierlich mit Schneppenhauben angethane Bürgerstöchter aus der Stadt Marienburg, die mit ihren Mägden nach der Bleiche jenſeits des Stromes gingen, um Linnen, das ihre fleißigen Hände gewebt, dort der alten Trude zu übergeben, die in dem Ruf ſtand, daß ſie die Mondſtrah⸗ len auffangen und damit das bleichende Linnen ganz blendend weiß machen könne. Arme Bäurinnen, die den Ertrag ihres Landes auf dem eigenen Rücken zu Markte brachten, und Fiſcher⸗ frauen in Röcken von hochrothem Wollenſtoff mit großen ſchwarzen Gurten, die geräucherte Aale in großen Mul⸗ den von Pappelholz vor ſich hertrugen. Der Strom ſelbſt bot dem Auge ein nicht minder beliebtes Bild. Lange ſchmale Flußſchiffe mit einem ho hen Maſte, mit Talg und Leder, auch mit Kalkſteinen und gebrannten Ziegeln beladen, kamen und liefen unfern der Brücke am Schloßufer an. Fiſcherboote, voll gepackt mit Häringen und Flundern, die das nicht allzu ferne Meer geliefert hatte, und mit Wels, Stöhr, Lachs und all' den andern Fiſchſorten, die in den fiſchreichen Strömen Nogat, Weichſel und Elbing gefangen worden, ſuchten ſich einen Platz zum Verkauf ihrer Waare an dem Boll⸗ werk der Brücke. Holztrefflen aus den höher gelegenen waldigen Gegenden der Weichſel bei Culm und Schwetz, 16 ſchwammen ſtill auf dem ruhigen Waſſer. Ein Strohhüt⸗ chen, das zur Schlafſtätte des Lenkers dieſer einfachen Waſſergelegenheiten diente, befand ſich auf jeder derſelben und allmählig fing auf einem dicht davor liegenden klei⸗ nem Heerde von Lehm und Feldſteinen ein Feuer zu brennen an, das zur Zubereitung des einfachen Mittags⸗ mahles diente. Um dieſe Zeit öffneten ſich die Flügel des großen Waſſerthores der Marienburg nach beiden Seiten. Eine Hornfanfare klang von den Zinnen herab in die laue Luft, und endlich ritt ein ſtattlicher Zug aus der Burg hervor, an deſſen Spitze ſich auf einem ſchwarzen Roß, das offenbar arabiſches Blut in ſeinen Adern hatte, ein ſchlanker geharniſchter Ritter befand. Er trug das Viſir ſeines Helmes offen, eine Reiherfeder überwogte denſel⸗ ben und gab ſeinem ſchönen tief gebräunten Angeſicht durch ihre blendende Weiße einen eigenen Relief. Der weiße Mantel mit dem ſchwarzen Kreuz auf der rechten Schulter bezeichnete den noch jugendlichen Mann, als ein Glied jenes gewaltigen Bruderbundes, der ſeinen kleinen Anfang im fernen Oſt in Akon macht. Die Barmherzigkeit deutſcher Edler mit ihren kranken Landesleuten gründete ihn, und jetzt hatte er ſich durch die Kraft des Schwertes und die Regentenweisheit ſeiner über Häup Lande reich ſchwa Ziſter hager bezeich eine Geſta Samn geſtick ſicht n gen vo den B ihr au Trup Stah waffn wärte Ein trohhüt infachen erſelben een klei keuer zu Nittags großen u. Eine die laue er Burg en Roß, itte, ein as Viſir denſel Ungeſicht reuz auf endlichen rbundes, — macht. kranken ich durch eit ſeiner 17 Häupter, zu den Herrn eines großen und geſegneten Landes gemacht. Hinter dem deutſchen Ordensritter kam auf einem reich gezäumten weißen Maulthiere ein Mann in der ſchwarzen Ordenstracht mit dem weißen Skapulier der Ziſterzienſer Mönche, den die goldene Kette um den hagern Nacken, als einen Geiſtlichen höheren Ranges bezeichnete. Neben dieſem ritt auf einem ſchneeweißen Zelter eine Dame von hoher und wundervoll ebenmäßiger Geſtalt. Sie trug ein ſchönes Reitkleid von Florentiner Sammt, einen Biberhut mit einer Reiherfeder und gold geſtickte Handſchuhe vom feinſten Gemsleder. Ihr Ge ſicht war durch eine ſchwarze Maske vor den Einwirkun gen von Sonne und Luft geſchützt, zugleich aber auch vor den Blicken aller Neugierigen verborgen. Zwei Frauen, offenbar ihre Dienerinnen, folgten ihr auf reich geſchirrten, ſehr koſtbaren Pferden und ein Trupp von zehn rieſigen Knechten, in Lederwämſern und Stahlhauben und mit Schwert, Dolch und Armbruſt be waffnet, beſchloßen den Zug, der langſamen Schrittes über die dröhnende Brücke ritt. Der anführende Deutſchher ritt an dem Brücken⸗ wärter vorüber, ohne ihn und ſeinen Hund mehr eines Ein Bürgernmeiſter. I. 2 18 Blickes zu würdigen, als den Pfoſten des Geländers, an welches jener ſich lehnte. Der geiſtliche Herr machte das Zeichen des Kreuzes über ihm und grüßte ihn im Vorüberreiten mit einem Benedicite. die Dame aber neigte ſich nieder, dem Lithauer einen Silbergulden zu reichen, den ſie in ihrer Hand gehalten. In dem Mo⸗ mente riß das Band ihrer Sammtmaske, und dieſe, zu Boden ſinkend, zeigte das Geſicht von wunderbarer 8 Schönheit den Augen des Mannes, der wenig mehr als ein Leibeigner, es doch wagte, ſeine Blicke mit dem Aus⸗ druck einer tiefen Traurigkeit auf dieſem ſchönen Antlitze ruhn zu laſſen. Während die Augen dieſer beiden Menſchen ſich einen Moment lang begegneten, durchglitt ein gleiches Gefühl, von wildem bangem Schmerz die Herzen beider. Der arme Leibeigne ließ das ihm gegebene reiche Geſchenk achtlos am Boden liegen, und die vornehme Dame, ſchaute zwei, dreimal zurück, nach dem Halb⸗ wilden und ritt dann, nachdem eine ihrer Dienerinnen ihr die Maske wieder befeſtigt hatte, an die Seite des geiſtlichen Herrn. „Verzeiht, hochfürſtlicher Vater Abt,“ redete ſie des heidniſchen Gottes Thor an dem Brückenpfeiler lehnt 2 1 men de C Oliva, und di Ohre . könnte Stille meine Kloſter Brüder den ger des S Menſch Einwo ſanien ſeit län geſegne des He Pomm fruchttr Wortes Ritterb währen inders, an nachte das eihn im Dame aber gulden zu dem Mo dieſe, zu underbarer mehr als dem Aus⸗ en Antlitze nſchen ſich in gleiches zen beider. bene reiche vornehme dem Halb⸗ Hienerinnen Seite des redete ſie telleicht den e ein Bild ler lehnt? 19 Der Geiſtliche kreuzte ſich als die Dame den Na⸗ men des Götzen nannte. Es war Jacobus, fürſtlicher Abt des Kloſters Oliva, ein großer Gelehrter und ſtreuger Kirchenfürſt, und die Erinnerung an allen Götzendienſt war ſeinem Ohre ein Gräuel. „Nein! meine theure Tochter,“ entgegnete er,„wie könnte ich das? Nur der Zufall führte mich aus der Stille meines Kloſters hieher, der Zufall und natürlich meine Pflicht als Vorſteher und Vertreter des heiligen Kloſters Oliva. Dieſe Dienſtleute unſerer ritterlichen Brüder ſind indeß meiſtentheils in den heidniſchen Lan⸗ den gemachte, und zum wahren Glauben durch die Schärfe des Schwertes bekehrte Kriegsgefangene; ſo iſt dieſer Menſch wohl auch ein Samaite oder Lithauer, denn die Einwohner dieſer geſegneten Länder Pomerellen, Pome⸗ ſanien und Pogaſenien ſind, Gelobt ſei der Erlöſer, ſchon ſeit länger als zwei Jahrhunderten durch das Evangelium geſegnet, ja unſer heiliges Haus ſogar iſt ſchon im Jahre des Herrn 1170 von demſelben Subislav, Herzog von Pommern, zur Ehre Gottes geſtiftet worden, daß es ein fruchttragender OAlbaum ſei, den Samen des göttlichen Wortes in Frieden auszuſtreuen. Dieſe unſere frommen Ritterbrüder, wißt Ihr ja, bekehren mit dem Schwerte, während wir armen Mönche nichts haben als unſer 2* 2 — 20 Wort, unſeren Wandel und die Schönheit des Evange⸗ liums, die Heiden zu bekehren.“ Die Dame hatte den Reden des Papſtes anſcheinend mit Aufmerkſamkeit zugehört, als er ſchwieg, ſeufzte ſie tief auf; die Antwort aber, die ſie ihn gab bezog ſich gar wenig auf ſeine Worte. Dieſer Mann, den ich während meines kurzen Auf⸗ enthaltes unter dem gaſtlichen Dache des edlen Hochmei⸗ ſters Ulrich von Junzingen drei Mal ſah, trägt Züge, die einen furchtbaren Traum, den ich, ich weiß nicht ob ge⸗ träumt oder erlebt habe, ſo klar und tageshell in mein⸗ Gedächtniß zurück rufen,“ ſagte ſie und ihre Stimme klang dabei traurig und ſehnſüchtig. „Was könntet Ihr, edles Fräulein von Roſenberg, mit einem wilden Lithauer oder Samaiten auch nur im Traume zu ſchaffen gehabt haben?“ warf der Ordens⸗ ritter ein, der ſich ſeit einigen Minuten den beiden ge⸗ nähert hatte. „Ihr nennet mich mit einem Namen, der mir, wie Ihr wiſſet, beſtritten wird, Herr von Plauen,“ entgegnete das Fräulein. „Sagen wir: den Euch Neid und Habſucht beſtrei⸗ ten;“ ſprach der Abt ſehr eifrig;„die Beweiſe Eurer edlen Geburt liegen in den Archiven unſeres Kloſters und wer⸗ den Euch von mir mit Freuden ausgeantwortet we 5 4 den, m heiligſte der iſt i Fräulei rechtlich nes Vat die Reij Land ge Erbe, u ſo wird zweifelhe aufnehn Worts und bela D Spreche ſprühen daß ſie d miſchen Schönhe ter den Di bebender übrig?“ Evange⸗ ſſcheinend ſeufzte ſie g ſich gar rzen Auf Hochmei⸗ Züge, die cht ob ge⸗ ll in mein e Stimme Koſenberg, lich nur im r Ordens beiden ge mir, wie entgegnete cht beſtrei⸗ Furer edlen s und wer⸗ ortet wer⸗ 21 den, meine geehrte und vortreffliche Freundin. Wer den heiligſten Gebrauch von den zeitlichen Gütern machen will, der iſt ihrer auch am meiſten würdig.“ „Verzeiht hochfürſtlicher Vater Abt,“ entgegnete das Fräulein mit Feinheit,“ nicht als würdigſte, ſondern als rechtliche und natürliche Erbin möchte ich die Güter mei nes Vaters in Beſitz nehmen, und darum habe ich ſelbſt die Reiſe hieher in das ferne, nördliche, halb heidniſche Land gemacht, um mein natürliches Recht an das große Erbe, um das ich ſtreite zu erweiſen, kann ich dies nicht, ſo wird man mich, denke ich, als ein armes Mädchen von zweifelhafter Geburt in das ſchützende Aſyl eines Kloſters aufnehmen, ſpricht doch des Heilandes eigener Mund, die Worts aus; kommt her zu mir, alle die ihr mühſelig ſeid und beladen.“ Der Ritter von Plauen neigte ſein Geſicht zu der Sprecherin, ſeine dunklen Augen ſchienen Flammen zu ſprühen und in einer Sprache, von der er glauben durfte, daß ſie dem Abte Jacobus unverſtändlich ſei, in der böh⸗ miſchen Mutterſprache der Dame, ſagte er:„Und ſo viel Schönheit ſo viel Geiſt und Güte, ſoll verkümmern hin⸗ ter den Mauern eines Kloſters?“ Die Maske verbarg den Blick der Dame als ſie mit bebender Stimme antwortete:„Was bleibt mir anders übrig?“ 22 „Sie kennen einander wohl ſchon längere Zeit, meine theuren Reiſegefährten?“ warf der Abt mit einem zweideutigen Lächeln dazwiſchen. Ich habe nie geglaubt, daß unſer edler Bruder von Plauen die Sprache der Czechen verſtünde.“ „Ich erlernte ſie, als unſer Hochmeiſter Conrad von Junzingen, dem Gott eine ſeelige Urſtunde verleihe, mich nach Prag zum König Wenzel ſandte, die Hilfe und Unterſtützung Böhmens gegen dieſen falſchen Polenkönig Jagello zu erbitten. Wer die Sprache der Polen und Moskovier verſteht, erlernt auch wohl leicht die der Böh⸗ men, denn es ſind alle drei Zweige eines Stammes, ob⸗ gleich ein großer Unterſchied iſt zwiſchen den Völkern im Punkte der Biederkeit und Treue. Die böhmiſche Treue, ſagte der Abt, und klopfte den Hals ſeines Maulthieres, ſoll einige Aehnlichkeit mit der puniſchen haben, wie man erzählt.“ „Treue iſt Treue!“ rief der Ritter, Ein Gott, Ein Kaiſer und Eine Dame, das iſt der Wahlſpruch jedes Deutſchen! und auch der meine!“ „Ei! ei!“ meinte der Mönch,„Ihr, mein edlat Bruder vom Orden unſerer Frau zu Jeruſalem hebt frei⸗ lich Eure Treue der höchſten Dame, der Königin des Himmels und der Erde, verpfändet und haltet das Ge⸗ lübde— wie alle Welt weiß,— mit größter Feſtigkeit. JIhr 4 Deutſe Grund Deutſch Gott u C Tone, thun ko neigen, er:„F zuckte u 4½ Preuße züglichk. „Welch eine rei Wieſen und we gen hie meiner niger g Ritter lichen u 5 reich,“ Vetter ere Zeit, nit einem geglaubt, drache der Conrad verleihe, Hilfe und Volenkönig Volen und der Böh⸗ umes, ob⸗ Pölkern im klopfte den eit mit der Gott, Ein pruch jedes mein edleu hebt frei⸗ önigin des et das Ge⸗ ſtigkeit. Ihr 23 Deutſchen rühmt Euch Eurer Treue überhaupt nicht ohne Grund, und Ihr Herren, die Ihr Euch vorzugsweiſe Deutſche Herren nennt, ſeid Muſter in der Treue gegen Gott und Menſchen.“ Er ſagte dieß alles in einem ruhigen ſalbungsvollen Tone, daß Heinrich von Plauen, nicht wohl etwas anders thun konnte, als ſich zum Danke für das Lob ehrbar ver⸗ neigen, aber zwiſchen ſeinen weißen Zahnen murmelte er:„Falſcher Pfaffe!“ in ſich hinein und ſeine Hand zuckte unwillkürlich nach dem Schwerte „Welch' ein reiches und ſeltſames Land iſt dies Preußen,“ ſagte die Dame, das Geſpräch, deſſen An zůglichtei ihr nicht wohl entgehen konnte, un terbrechend. „Welche mächtige Breiten grüner Felder verſprechen hie eine reich geſegnete Ernte; wie hoch iſt das Gras dieſer Wieſen, wie groß und kräftig das weidende Rindvieh, und welche zierliche Häuſer von reinlichem Ausſehen lie gen h hier überall unter dichten Obſtbäumen verſ ſteckt. In meiner Heimat macht man ſich eine ganz andere, weit we niger günſtige Vorſtell ung, von dem Lande, das die edlen Ritter den Heiden entriſſen haben, um es zu ei inem chriſt lichen und deutſchen zu machen.“ „Das Land iſt nicht überall gleich geſegnet und reich,“ entgegnete Herr Heinrich von Plauen,„mein Vetter und Namensverwandter, Heinrich Reuß von 24 Plauen, Comthur von Schwez, hat eine minder geſegnete einer Gegend um ſich, und die deutſchen Einwanderer, welche von ſich dort angeſiedelt haben, müſſen dem ſandigen Boden verſel ihr Brot durch ſaure Arbeit abringen. Im Allgemeinen faſt aber iſt doch das Land wohl werth, daß man die wilden künſtl Wälder, mit denen es bedeckt war, vertilgt, die Götzen⸗ bilder, denen in ihrem Dunkel ſcheußliche Opfer ge⸗ Euch bracht wurden, von ihren Altären geſtürzt und den des Dame Anbaues fähigen Boden mit Einwanderern aus deutſchen Theil Landen, die den Pflug, wie das Schwert zu führen wiſ⸗ Höflie ſen, bevölkert hat.“ aan die „Und die Bewohner dieſes Landes, ſie, die darauf meine lebten, als die edlen Ritter den Entſchluß faßten, es Mohr für das Evangelium zu gewinnen?“ fragte das meiſte Fräulein. Reiſe „Dort kommt Einer derſelben uns entgegen,“ ſagte vorüb der Ritter, mit einer leichten Handbewegung die Dame ſamm auf eine Geſtalt aufmerkſam machend, der auf einem gen Seitenwege ſich zu Pferde den Reiſenden näherte. bereit Der Reiter hatte den Zug derſelben ſehr bald er⸗ Weich reicht. Es war ein ſchlanker Mann, der ſich ſtattlich und Eure ſtolz, wie ein echter Reiter zu Pferde hielt. Seine Klei⸗ gönn! dung beſtand aus einem weißlichen, von Wolle und Lin⸗ Himn uen gewebten Rocke, die Beinbekleidung war aus ähnli⸗ wird chem Stoffe gefertigt und kunſtreich an allen Nähten mit Dien geſegnete er, welche gen Boden Ugemeinen die wilden e Götzen⸗ Opfer ge⸗ d den des deutſchen ihren wiſ⸗ die darauf faßten, es ragte das gen,“ ſagte die Dame auf einem rte. r bald er⸗ attlich und beine Klei⸗ e und Lin⸗ aus ähnli⸗ Nähten mit einer Stickerei verſehen. Die Füße ſteckten in Stiefeln von braunem Leder und waren mit tüchtigen Sporen verſehen und den Kopf, den eine Fülle gelben Haares faſt wie eine Löwenmähne umwallte, deckte eine ſehr kkünſtlich geſtickte Mütze. „Ich grüße Euch, fürſtlicher Vater Abt, ſo wie Euch edler Ritter von Plauen und die ſchöne fremde Dame, die dieſem Lande die Ehre ihrer Gegenwart zu Theil werden läßt,“ ſagte er, ſich mit einer natürlichen Höflichkeit verneigend, die ihm ſehr wohl ſtand. Als ich an dieſem geſegneten Morgen in mein Feld ritt, nach meinen Arbeitern zu ſehen, traf ich auch Rolph den Mohren, den Leibdiener meines edlen Herrn, des Hoch meiſters, und er ſagte mir, daß dieſer Zug vornehmer Reiſender in der Mittagsſtunde nahe an meinem Hauſe vorüber reiten würde; laßt mich hoffen, daß Ihr Alle, ſammt Eurer wackern Dienerſchaft, mir die Ehre erzei gen werdet, em einfaches Mal, das mein Weib für Euch bereitet, einzunehmen.— Es iſt noch weit, bis Ihr die Weichſel erreicht und der Vogt von Dirſchau hat die Ehre Eurer Anweſenheit Abends und während der Nacht; gönnt ſie daher jetzt mir. Die Sonne ſteht brennend am Himmel, und eine Schale Milch im Schatten einer Erle wird beſonders dies edle Fräulein und ihre ermüdeten Dienerinnen erquicken.“ Zweites Kapitel. Eine halbe Stunde ſpäter befanden ſich die Reiſen⸗ den unter dem ſchützenden Dache des Mannes, der aus dem edelſten Blute der Ureinwohner Preußens ſtam⸗ mend, weit und breit als der Withing Gedete bekannt und hoch geachtet war. Das Haus des Gedete bewahrte, wie es Zeit und Ort forderte den Charakter einer Beſte. Es war von Backſteinen ſtattlich erbaut, hatte einen runden Thurm in der Mitte, an den ſich zwei Seitenflügel anſchloſſen und lag unter Bäumen dicht verſteckt, in deren Dunkel ſich mancherlei kriegeriſche Vorrichtungen, Wachthäuschen, Palliſaden, und tiefe ſumpfige Stellen zu befinden ſchie⸗ nen. Der Reitpfad, der durch dieſe Art von Labyrinth führte, war ein Steindamm und ſo ſchmal, daß nur ein Pferd hinter dem andern ihn beſchreiten konnte. Tieſe Gruben umgeben die Wohngebäude und den Obſtgarten und ſie hatten ſo künſtliche Schleußenwerke, daß durch Oeffnung derſelben, die das Be ſitzthum umgebende Er⸗ E Wit — Bau ren; ſich ihm Zuge nach Obſt e Reiſen der aus ns ſtam⸗ bekannt Zeit und war von Thurm in bſſen und unkel ſich häuschen, den ſchie Labyrinth z nur ein te. Tiefe böſtgarten daß durch bende Er— 26 „Das iſt ein Vorſchlag, der ſich hören läßt, edler Withing Gedete,“ entgegnete der Abt ſehr wohl gelaunt. —„Die Sonne brennt gewaltig und ich glaube, daß der Baumſchatten und etwas Speiſe ſo Menſchen als T. ren zu Gute kommen werde.“ „Folgt mir denn, meine Gäſte,“ rief der Withing ſich ehrerbietig vor dem Abt beugend, der leiſe murmelnd ihm ſeinen Segen ertheilte, und ſich an die Spitze des Zuges ſetzend, lenkte er in den Feldweg ein, der zunächſt nach einem dichten Gebüſche von Erlen, Weiden und Obſtbäumen zu führen ſchien. lenwildniß in einen vollſtändig unwegſamen Sumpf ver⸗ wandelt werden konnte. Das böhmiſche Fräulein fand an dieſen Vorrichtun⸗ gen zu Schutz und Trutz nichts auffälliges; ſie war ru⸗ hig hinter dem Abt Jacobus hergeritten, der ſeiner Seits auch ohne alle Beſorgniß dem wackern Withinge folgte. Der Ritter von Plauen hatte ſich ſo nahe als möglich hinter der Dame gehalten und die Knechte folgten ein⸗ zeln in einiger Entfernung. An der Thür ihres Heimweſens bewillkommnete eine ſtattliche Frau goldhaarig wie ihr Gatte die geehrten Gäſte und reichte ihnen in einem Becher von feinem Sil⸗ ber den Willkommentrank, ſüßen Meth, den ſie ſelbſt ge⸗ braut. Knechte in reinlichem Gewändern von gleichem Stoff und Schnitt wie das des Gebieters, nahmen die Pferde in Empfang und führten ſie in die Ställe und während Gedete den Ritter und den Abt in die Halle be⸗ gleitete, öffnete die Hausfrau eine Spitzbogenthür auf der entgegengeſetzten Seite des mit Birkenlaub und Kal⸗ mus überſtreuten Flures, und nöthigte die Dame und ihre Dienerinnen in ihr eigenes Gemach. Es war ein gewölbtes und für Zeit und Gegend mit allem Luxus ausgeſtattetes Zimmer. Ein Crucifix von Silber hing an der vollen Wand, rechts und links neben demſelben befanden ſich kleine Bündel geweihter L Weid ſonnt weiße eintre dasſel dieſe zu ber und C. Sachk ſchen ſich i darun war d ſie de welche lauern hatte, vertre von T fernen war, Helde mpf ver⸗ rrichtun⸗ war ru ier Seits ge folgte. 3 wöglich gten ein kommnete geehrten nem Sil ſelbſt ge⸗ gleichem hmen die tälle und Halle be ithür auf und Kal ame und Gegend Crueifix und links geweihter 29 Weidenzweige, die in dieſer nordiſchen Gegend, am Palm⸗ ſonntage die Stelle der Palmen vertreten mußten. Dicht neben der Thür hing eine kleine Schale von weißem Marmor, das Weihwaſſer enthaltend, und die eintretenden Frauen tauchten andächtig ihre Finger in dasſelbe und benetzten ſich Stirne und Bruſt. Das böhmiſche Fräulein konnte es nicht unterlaſſen, dieſe Schale von ungemeiner Schönheit einen Augenblick zu betrachten, ſie gehörte offenbar einer anderen Zeit und Gegend an, und war ſo kunſtvoll gearbeitet, daß ein Sachkenner heute ſie den ſchönſten Ueberbleibſeln griechi ſchen Alterthumes zuzählen würde. Weinranken ſchlangen ſich um dieſelbe und lachende Knabenköpfchen guckten darunter hervor. In der Familie des Withing Gedete war dieſe Schale ein beſonders geehrtes Heiligthum. Der edle Landmeiſter Conrad von Thierberg hatte ſie der Ahnfrau, der edlen Matrone Nomeda geſchenkt, welche, da ihre Veſte Beſelede von den heidniſchen Scha lauern belagert war, ihren Sohn Posdraugote angefeuert hatte, das wilde Geſindel durch einen kühnen Ausfall zu vertreiben. Der Handſtreich war gelungen und Conrad von Thierberg gab das ſchöne Weihbecken das ihm im fernen Italien von einem alten Mönch geſchenkt worden war, der es im Garten ſeines Kloſters ausgegraben, der Heldenmutter als Andenken. Seitdem war es in der 30 tapferen und treuen Familie, aus welcher Gedete ſtammte, fortgeerbt und ſtets als ein köſtliches Brautgeſchenk von dem Erben des Gutes ſeiner jungen Gattin am Hochzeit⸗ tage gegeben worden. Das übrige Geräth im Zimmer gehörte der Zeit, in der es gebraucht ward. Es ſtand da der Webeſtuhl, an welchem Nomeda, denn dieſen Namen führte auch die Gattin des Gedete, die meiſte Zeit ihres Lebens in fleißiger Arbeit hinbrachte.— Vier Mägdlein erhoben ſich von dem Binſenſeſſel, wo ſie fleißig geſpon⸗ nen und grüßten ehrfurchtsvoll die Eintretenden. Ein Spitzbogenfenſter mit farbigen Glasſcheiben geſchmückt, ein Zeichen des Reichthumes und Anſehens der Familie, goß ſein blaues Licht auf die glänzenden Fließen des Fuß⸗ bodens, die in gelb und ſchwarzer Farbe einen großen Stern bildeten, deſſen Strahlen nach allen Seiten des Zimmers ausgingen. Eine Bank ſehr kunſtreich aus Eichenholz geſchnitzt, ein paſſender Tiſch und eine rieſengroße Lade, deren Schnitzarbeit heut zu Tage das Entzücken jedes Alter⸗ thumsfreundes ausmachen würde, bildeten nebſt zwei eben ſo ſchönen und kunſtvollen Seſſeln, die Einrichtung des Frauengemaches der ſehr edlen Nomeda. Wolfs⸗ und Bärenfelle, wohlgegerbt und mit Augen von Rubin und ſilbernen Klauen verſehen, lagen auf den Sitzen und vor denſelben auf dem Fußboden, und ein 8 hoher tagen Kamit Somn und ne eingele Thüren mochte ̈ in wele Crueifi niſche, zum 2 früh un ten. F lein do Weber machte rinnen Spure Schön einem Plauen trug, z tammte, denk von Hochzeit Zimmer ſtand da Namen Zeit ihres Mägdlein g geſpon den. Ein eſchmückt, Familie, des Fuß in großen eiten des geſchnitzt, e, deren es Alter⸗ zwei eben htung des mit Augen en auf den und ein 31 hoher Ofen zeigte, daß das Gemach auch in den Winter⸗ tagen ſeinen wohnlichen Charakter behielt. Ein mächtiger Kamin mit Thüren von ſchön geſchnitztem Eichenholz, im Sommer verſchließbar, nahm die eine Wandhälfte ein und neben demſelben befand ſich ein großer in die Wand eingelaſſener Schrein, deſſen ebenfalls ſchön geſchnitzte Thüren die Prachtgewänder der Hausfrau verdecken mochten. An dieſes anſehnliche Zimmer ſtieß ein kleineres, in welchem das Bett des würdigen Ehepaares ſtand. Ein Crucifix von Bernſtein hing hier in der tiefen Fenſter niſche, zwei Fußpolſter lagen vor demſelben am Boden, zum Beweiſe, daß Gatte und Gattin an dieſem Platze früh und Abends ihre gemeinſchaftlichen Gebete verrichte ten. Frau Nomeda reichte hier ſelbſt dem reiſenden Fräu lein das Waſchwaſſer und ein Tuch von ihrer eigenen Weberei zum Trocknen der Hand. Die fremde Dame machte Gebrauch von dieſer Erfriſchung, eine der Diene⸗ rinnen ordnete dann ihr ſchönes Haar, und ſo von allen Spuren der Reiſe geſäubert, betrat ſie in leuchtender Schönheit die Halle, in welcher bereits alle Anſtalten zu einem Mittagsmahle getroffen waren. Der Ritter von Plauen, der hier an dem Pfeiler lehnte, der das Gebälke trug, zuckte zuſammen, als ſie grüßend an ihm vorbei zu dem Ehrenſitze ging, den der Herr Abt ihr frei gelaſſen hatte. Die ſtattliche Hausfrau nahm ihr zur Seite Platz und das Geſpräch, das die drei Männer geführt hatten, wurde fortgeſetzt, denn der Abt, der in Feuer gerathen war, ließ ſich nicht ſo leicht unterbrechen. „Dies Land, wie jedes,“ ſagte er,„gehört ur⸗ ſprünglich der Kirche!“ von wem beſitzen es die deutſchen Ritter? wer gab es dem Orden zum Lehen? doch der heilige Vater und kein anderer! Hat nicht der Hochmeiſter Hermann von Salza vom Papſte erſt die Erlaubniß er⸗ halten, ſein Schwert und die Schwerter ſeiner Brüder hier zu ziehen und nicht gegen die Heiden, in deren ver⸗ fluchten Händen ſich heute wieder die heilige Stadt und das heilige Grab befinden.“ Aus väterlicher Güte und Barmherzigkeit geſtattete es das Oberhaupt der Chriſtenheit dem Orden, einen Theil,— ich ſage ei nen Theil des Landes, das erobert wurde, für ſich zu behal⸗ ten, und aus demſelben die Mittel zu ſeiner Exiſtenz zu ziehen, das übrige Alles, iſt der Biſchöfe Eigenthum. Und wie iſt dies Gebot des heiligen Vaters bis auf den heutigen Tag verſtanden worden? Ich frage Euch ſelbſt mein Herr Ritter von Plauen iſt nicht dies Preußenland, ſo zu ſagen eine Art von —: König. nicht j Veſte u Euch, Abgabe meiſter Herre 3 hochfür Miene. nen Va der heil die Göt E Nogatſt eingeeng dem ich ſaß, be Eine A der Her riſſa, d einräun Kloſters ſelbſt h getauft Ein Bi i gelaſſen eite Platz rt hatten, gerathen ehört ur⸗ deutſchen doch der vochmeiſter aubniß er⸗ er Brüder deren ver⸗ Stadt und t geſtattete den, einen das exrobert ſelben die ge Alles, iſ ers bis auf on Plauen, ne Art von Königreich für den Hochmeiſter Eures Ordens? Herrſcht nicht jeder Vogt und Comthur nach Willkür in ſeiner Veſte und über das ihm untergebene Land?— Ich frage Euch, edler Withing an wen bezahlt ihr Steuern und Abgaben? wer iſt Euer Oberherr anders, als der Hoch meiſter des deutſchen Ritterordens, der ſich jetzt deutſcher Herren⸗Orden nennt? Ich bezahle an Niemanden Steuern und Abgaben hochfürſtlicher Vater Abt, entgegnete Gedete mit ſtolzer Miene. Ich ſitze als Withing frei auf dem Erbe das mei nen Vater gehörte, als ſie noch in Romowe, im Schatten der heiligen Eiche in welche St. Adalbertus die Axt ſchlug, die Götter der Vorzeit anbeteten. Es waren noch keine Ritter in dieſem Lande, der Nogatſtrom wälzte noch ſeine Fluten von keinen Dämmen eingeengt durch dieſe wilden Gegenden, als das Geſchlecht, dem ich angehöre ſchon den Grund auf dem ich ſtehe be⸗ ſaß, bebaute und ein edles war, weit und breit geehrt. Eine Ahnfrau meines Hauſes war Chriſtin, lange bevor der Herzog Grimislav ſeine Burg Stargard an der Vo⸗ riſſa, den Rittern vom Orden des heiligen Johannes einräumte, lange bevor Pubislav den Grundſtein Eures Kloſters legte. Hochfürſtlicher Vater Abt, St. Adalbert ſelbſt hatte ſie bekehrt und mit dem Waſſer der Sirguna getauft, und das Chriſtenthum, die Lehre vom Welterlöſer Ein Bürgermeiſter. l. 3 34 hatte ſich ſeidem ſtill fortgeerbt im Herzen der Frauen mei⸗ nes Hauſes. Als die Ritter ins Land kamen, fanden ſie daher in der Familie aus der ich ſtamme, eine freudige Aufnahme, mein Ahn Kereitis, war ihr treueſter Anhänger, ja er konnte ſich ſogar rühmen ein Freund des edlen Hoch⸗ meiſters Herrmann von Salza zu ſein, und das Andenken an Sirguna die erſte Chriſtin lebt in Liedern unter uns bis auf den heutigen Tag. Nur diejenigen ſind Zins⸗ pflichtige und Lehnsleute des Ordens, die aus dem fernen Deutſchland, aus Lübeck, vom Rhein von dem Gebirge des Schwarzwaldes hier einwanderten, das Land das ſie bebauen als Lehn aus der Hand der Ritter empfingen, welche es durch's Schwert eroberten. Die fremde Dame hatte mit großer Aufmerkſamkeit zugehört, ihre wunderſchönen Augen ſchienen an den Lippen des Sprechers zu hängen und mit einer Stimme die vor Aufregung zitterte, ſagte ſie als er endete: Ihr ſeid ſehr bewandert in den Geſchichten Eures Landes und indem man Euch ſprechen hört, fühlt man lebhafte Theil⸗ nahme mit den Schickſalen desſelben, könnt Ihr mir viel⸗ leicht auch ſagen, edler Withing was mit den Einwohnern des Landes geſchah, die ſich nicht wie ihr, freiwillig dem Schwerte der Ordensherren unterwarfen?“ Das Schickſel derſelben war ſehr verſchieden je nach dem Charakter der Herren und Meiſter in deren Hände ſie fiel das Be gen fäl aber di Heil de Grund den Ri pflichtig und, d die Hä Leibeign derjenig hier ei den en en mei⸗ nden ſie reudige hänger, n Hoch ndenken ter uns d Zins fernen Gebirge ind das pfingen, kſamkeit an den Stimme te: Ihr des und te Theil nir viel wohnern llig dem mje nach n Hände 35 ſie fielen. Im Kriege, edle Frau, kann der Meuſch nur das Beſitzthum ſein eigen nennen, was er zu vertheidi⸗ gen fähig iſt. Ihr Land und Gut verloren ſie wohl alle, aber die, welche die Gräuel der Schlacht überlebend, das Heil des Evangeliums gutwillig annahmen, erhielten den Grund und Boden ihrer Väter oft wieder als Lehn von den Rittern, ſie ſitzen als Freilehnsleute, oder als zins⸗ pflichtige Bauern auf ihrem Erbe, die Kriegsgefangenen und, die nach langem und oft wiederholtem Kampfe in die Hände der Herren und ihrer Söldner fielen, ſind Leibeigne, theils des Ordens, theils der Withinge und derjenigen freien Grundbeſitzer, die aus deutſchen Landen hier einzogen und ihr Land zum Lehn von dem Or⸗ den empfingen auf die Bedingung es gegen die Einfälle der Heiden zu vertheidigen. Dieſe bauten ſich Schlöſſer und Burgen auf dem Erbe der vertriebenen in der Schlacht gefallenen Preußen und ſind nun Adelige und Ritter.— Ja, edle Frau, ſie halten ſich für vornehmer als die echten Herrn des Landes, ſie die Eindringlinge, die nackt und bloß in das geſegnete Land kamen, und kein anderes Verdienſt um dasſelbe haben, als daß ſie jetzt die Früchte genießen, die auf den hundertfach mit Blut gedüngten Bo⸗ den wachſen.“ Der Withing ſchwieg, ſein Auge flammte, er war nicht mehr der Freund und Unterthan des deutſchen Herrn, 3* 36 er war der Sohn ſeines Landes und fühlte die Schmach, die demſelben wiederfahren. Die Dame aber ſchwieg auch, ihr Intereſſe an der Unterhaltung ſchien völlig erſchöpft und allen Anweſenden war es erwünſcht, daß die Diener und Mägde die Speiſen aufzutragen begannen. An dem langen Tiſche vom weißeſten Tannenholz ſaß aber die vornehme Geſellſchaft nicht allein; die Die⸗ nerſchaft des Hauſes, die Begleitung der Reiſenden, die Dienerinnen der böhmiſchen Dame und die Mägde der edlen Nomeda, fanden weiter unten ihre Plätze. Wäh⸗ rend indeß die Herrſchaft von Silber ſpeiſte und aus ſilberuen Bechern guten Wein aus Frankreich und vom Rhein trank, ward der Dienerſchaft auf Zinn ſervirt und ſie genoßen Meth oder Bier aus Trinkhörnern von Auer⸗ ochſen, und aus Bechern von Lindenholz geſchnitzt. Der fürſtliche Abt Jacobus ſprach das Gratias und der Haus⸗ herr vertheilte die Speiſen und verſorgte jeden der vor⸗ nehmen Anweſenden reichlich, während ein grauhaariger Hausdiener das Amt bei den Geringeren übernahm. Ich bat den Leibdiener Ralph, hier zu bleiben, ſagte der Wirth als er Zeit fand zu ſpeiſen und zu ſprechen, aber er ſagte dieß ſei nicht möglich, er ritt eines der Poſt⸗ ſchweiken des Hochmeiſter und empfing ein anderes von mir, denn er mußte noch vor Abend in Danzig ſein, dem Rathe, meiſter zugleich überall pfang troffen trefflich Lächeln der Br Mantel ſondern thung e werden und ſch Mönch „ gegen 1 Gelege! für zu! wie ein freundſe lichkeit 7 chmach, ean der beſenden Speiſen inenholz die Die⸗ den, die ägde der Wäh und aus zund vom virt und don Auer litzt. Der er Haus⸗ der vor⸗ rhaariger hm. pen, ſagte ſprechen, der Poſt⸗ eres von in, dem — 37 Rathe, oder wenn ich recht verſtand dem erſten Bürger⸗ meiſter der Stadt eine wichtige Nachricht zu bringen und zugleich die Annäherung dieſer vielgeehrten Reiſenden überall zu melden, damit die üthigen Anſtalten zum Em⸗ pfang der Dame, ſo wie des hochfürſtl ichen Vaters ge⸗ troffen werden. „Warum nennt Ihr den dritten Eurer Gäſte, den trefflichen Ritter von Plauen nicht?“ fragte der Abt mit Lächeln. „Erſtens, mein hochwürdigſter Vater, weil jeder der Brüder, die das ſchwarze Kreuz auf dem weißen Mantel tragen, in dem Hauſe des Gedete nicht Gaſt, ſondern Gebieter iſt, und dann auch, weil zur Bewir thung eines Kriegers keine beſonderen Anſtalten getroffen werden dürfen. Der Ritter ſpeiſt aus ſeinem Schilde und ſchläft auf ſeinem Mantel, anders iſt dies mit Mönch und Dame.“ „Der Hochmeiſter iſt ſehr gütig und aufmerkſam gegen mich,“ ſagte das Fräulein,„wollte Gott ich fände Gelegenheit und hätte die Kraft, ihm meinen Dank da⸗ für zu beweiſen. Er hat mich unter ſeinem eigenen Dach wie eine Tochter aufgenommen, und ſeine treffliche Gaſt⸗ freundſchaft erſtreckt ſich auch auf die Leute und Bequem⸗ lichkeit meiner Reiſe.“ „Ei! ei!“ ſagte der Abt und ein eigenes zweideu⸗ tiges Lächeln umſpielte ſeinen Mund, Ihr ſeid ein we⸗ nig unvorſichtig oder mit den Sitten unſerer Gegend und des heiligen Ordens, deſſen Haupt Herr Ulrich von Jun⸗ gingen iſt, nicht wohl bekannt. Keineswegs hat er Euch, ſchöne Dame, unter ſein eigen Dach aufgenommen. Eure Zimmer ſind dieſelben, die die Herzogin Alexandra von Maſovien auf ihrer Wallfahrt bewohnte, als ſie die Gemalin Witolds, dem früheren Freunde ihres Gatten, nachhing, und den Vorgänger und Oheim des gegenwärtigen Meiſters, Herrn Conrad von Jungingen, mit ihrem Beſuche beehrte. Sie wohnte mit ihren Frauen im alten Schnihauſe, neben dem Schnitztt hurme, dort hat ſpäter auch die Königin von Dänemark mit ihren Frauen gewohnt, und das iſt nicht gegen die Regel des heiligen Ordens, denn der Schnitzthurm und das Schnitz⸗ haus liegen außerhalb der Elanfur 4 Abermals zuckte ein gar nicht ſchönes Lächeln um die rothen Lippen des Abtes Jacobus, die Dame aber ſagte: „Es iſt eine Wohnung, ſo edler königlicher Gäſte 8 würdig, und viel zu prächtig und vornehm für ein armes Mädch hen, deſſen Namen und Erbe erſt noch Gegenſtand eines Streites iſt.“ „Der aber bald beendet ſein wird, edles Fräulein von Roſenberg, dafern mein Wort und die Kirchen⸗ büch Dan Böh dem werd zig, von dem ſiche Seli es iſ Dirf Bett woll ein we⸗ gend und von Jun⸗ er Euch, ten. Eure ndra von als ſie ide ihres heim des ungingen, en Frauen rme, dort mit ihren Regel des sSchnitz⸗ icheln um ame aber her Gäſte ein armes degenſtand Fräulein Kirchen⸗ bücher meines Kloſters noch einige Gültigkeit haben. Dann aber hoffe ich auch, daß Ihr nicht nach dieſem Böhmen zurückkehrt; ſondern Euer heiliges Gelübde in dem Lande ablegt, in welchem der Herr Euch geboren werden ließ. Die Priorin des Brigittenkloſters in Dan⸗ zig, zu der Ihr Euch begebt, iſt eine treffliche Freundin von mir und unter ihrem Schutze werdet Ihr nach all' dem Kummer, der Euer junges Leben ſchon bedrückt hat, ſicherlich irdiſchen Leiden Euch entringen und die ewige Seligkeit gewinnen.— Gratias indeß, meine Theuren, es iſt Zeit, daß wir aufbrechen, wenn wir heute noch Dirſchau erreichen, und zur Nacht ruhig in den guten Betten, die der Vogt uns bereit halten wird, ſchlafen wollen.“ Die Geſellſchaft erhob ſich alſo, der Abt ſprach das Dankgebet und nach einer Viertelſtunde ſaßen die Rei ſenden wieder zu Roße und Gedete begleitete ſeine Gäſte bis zu der Stelle, wo er ſie empfangen hatte. Die Hitze des Tages hatte indeß nachgelaſſen. Ein Lüftchen ſpielte in den Erlen und Weiden am Wege. Der Himmel war mit leichten, weißen Wölkchen eher geſchmückt als verdeckt, und Abt Jacobus empfand die angenehme Wirkung der kühlen Luft und der guten Speiſen. Ob auch der Rheinwein zu der Stimmung, 40 in die er allmälig gerieth, etwas beitrug, laſſen wir unerörtert. Beim Austritt aus der gaſtlichen Wohnung des Withings hatten die ſchwarzen Augen des Hochwürdigen im höchſten Glanze geſchimmert, allmälig aber begann derſelbe nachzulaſſen, eine gewiſſe wäſſerige Trübe ver⸗ breitete ſich über dem Augenſtern des Prälaten; der ſchlanke hagere Mann nickte mit dem Kopfe, und endlich ſchien es, als ob der ſanfte Schritt des Maulthieres die Wirkung einer Wiege auf ihn ausübte. Der Abt Jaco⸗ bus ſchlief zwar nicht, aber der Schlummer ſchien jeden Augenblick bereit, ſein Recht geltend zu machen, und den Kirchenfürſten vom Sattel leiſe und ſanft auf den Raſen am Wege zu verſetzen. Solche Zuſtände waren zur Zeit bei Prieſtern und Laien keine unerhörte Seltenheit. Der Ritter von Plauen winkte daher zweien der begleitenden Reiſigen, die das Maulthier des Hochwürdigen nun zwiſchen ſich nahmen, und der Zug ging ohne weitere Störung ruhig dem Weichſelſtrome entgegen, der in der Ferne ſilbern durch das Grün der Felder ſchimmerte. Jenſeits desſelben ſah man auf dem hohen Ufer die Thürme der Veſte und die Kirche von Dirſchau. Herr von Plauen und die Dame waren dem übri⸗ gen Zuge um viele Schritte voraus und der Ritter lenkte er da konnte der Lo Vlaſte dieſem rich,“ eich g und ic burt a und d 5 men H gin H Erbin die E derſtel theure derniſ meine ren S nichts ſchwa ſen wir uing des bürdigen begann ibe ver⸗ en; der endlich eres die t Jaco⸗ en jeden und den n Raſen tern und Plauen die das mnahmen, lben ſahr und die m übri⸗ Ritter 41 lenkte nun ſein Pferd dicht neben ihren Zelter, ſo, daß er das Geſpräch mit ihr faſt im Flüſtertone führen konnte, und in der That war Vorſicht bei demſelben, in der Lage der beiden Menſchen ſicherlich nicht unnöthig. „Vlaſta,“ ſagte der Ordensritter,„theure, theure Vlaſta, das ſind die erſten Worte, die ich unbehorcht an dieſem langen Tage zu Euch ſprechen kann.“ „Bedarfs der Worte zwiſchen mir und Euch, Hein⸗ rich,“ entgegnete ſie mit dem Tone tiefſter Innigkeit, „ich glaub' an Euch wie man an Gott glaubt; ich glaube und ich hoffe! Wenn dieſer Prieſter meine eheliche Ge burt als die Tochter Heinrich Pesko Wock von Roſenberg und der Samaltiſchen Fürſtin, die in der Taufe den Na⸗ men Hedwiga, nach ihrer Herrin und Pathe, der Köni gin Hedwig erhielt, erweiſen kann, ſo bin ich die reichſte Erbin Böhmens, und weiß, daß mein Gold die Feſſeln, die Euch wund drücken, löſen kann. Welches Schloß wi⸗ derſteht einem goldenen Schlüſſel?— Seid Ihr frei, theurer Heinrich, ſo ſteht unſerer Verbindung kein Hin⸗ derniß entgegen und, o Ihr wißt nicht, wie lieblich es in meiner Heimat iſt!“ „Vlaſta— ich bin der jüngere Sohn eines jünge ren Sohnes, aus dem edlem Hauſe der Plauen, ich nenne nichts mein als dieſen weißen Wedmel Mantel mit dem ſchwarzen Kreuze, denn ſelbſt mein Pferd und mein 42 Schwert kann der Hochmeiſter mir morgen nehmen, wenn es ihm beliebt beides einem andern zu geben. O meine Vlaſta, wird Euren reichen Verwandten der arme Edel⸗ mann, als Euer Gemahl recht ſein?— O Blaſta und wenn dieſer falſche Abt Euch täuſcht? wie es mir mein ſorgenſchweres Herz nur zu deutlich ſagt?— Er wird Euch die Beſcheinigung Eurer ehelichen Geburt ſchaffen, zweifelt nicht daran, wenn er Eure Perſon feſt hält im Banne eines Kloſters, dann müßt ihr den Schleier neh⸗ men und Eure Reichthümer, fallen in die Hände dieſes elenden Pfaffengezüchtes, das Gott verdammen möge. Wenn aber Euer Wille frei vom Kloſterzwange zu blei⸗ ben einmal bekannt wird, wenn die Pfaffen ſich keine Rechnung mehr machen können mit dem Gute Eurer Ahnen zu ſchalten nach ihrem Belieben, ja, wenn es be⸗ kannt wird, daß ein armer Edelmann, der als ein Knabe, nicht wiſſend was er that, ſeine Menſchen und Mannes⸗ rechte abſchwur, von Euch zum Gatten erleſen wurde, dann wird ſich in den alten ſtaubigen Pergamenten keine Beſcheinigung über die Vrrmählung Eurer Mutter fin⸗ den, und Ihr meine Blaſta, ſeid arm wie ich.“ „Arm und namenlos,“ entgegnete feufzend die Dame, kein Weib für den Sprößling eines edlen Hauſes, ſondern eine fahrende Dirne, die Abenteuer ſuchend, aus den wir wei Liel lieb Pri den ſtre unte über und t, wenn ſta und r mein chaffen, hält im ier neh⸗ be dieſes möge. zu blei⸗ ch keine te Eurer in es be⸗ n Knabe, Mannes⸗ n wurde, ten keine utter fin⸗ zzend die n Hauſes, hend, aus 22 dem fernen Böhmen kam. O Heinrich! Heinrich! was wird das Loos unſerer Liebe ſein?“ „Ich will es Euch ſagen Geliebteſte,“ entgegnete er weich.„Ihr werdet mir angehör⸗n, ſo oder ſo, denn die Liebe war eher auf Erden, als alle klöſterlichen Gelübde.“ „Als ich Euch noch nicht geſehen hatte, meine Ge⸗ liebte, hörte ich im St. Veits Dom den böhmiſchen Prieſter Hyronimus predigen und er erwies klärlich aus den heiligen Schriften, daß es gegen Gottes Gebote ſtreite, ein eheloſes Leben zu führen, und daß die Welt untergehen müſſe, wenn dieſe Ritter⸗ und Mönchorden überhand nehmen. Ihr ſollt mein Weib werden, Vlaſta, und müßte ich mit Euch hinziehen zu den Mohren in Granada. Glaubt nicht, daß es für mich einen Rücktritt gibt, in die engen Grenzen dieſes Gott verfluchten Ordens.“ „O, ſchweigt Heinrich,“ entgegnete die Dame trau⸗ rig,„verflucht nicht die heilige Verbindung, die vor Gott des Guten und Großen nun ſchon ſo viel gethan hat. Hat nicht Euer heiliger Orden viel tauſend Seeleu dem Chriſtenthume gewonnen? hat er nicht, wie er den Bo den auf dem die Füße unſerer Roſſe treten vom Sumpfe befreite, durch Nachdenken, Arbeit und Gebet das ganze Land mit allen, die es bewohnen der Verdammniß des Heidenthumes abgerungen.“ 44 „Blaſta!“ ſagte der Ritter, und um ſeinen ſchönen Mund zuckte ein wilder Schmerz,„ſo lange ich glaubte, es ſei ein Vortheil für das Land, daß es zum Chriſten⸗ thume bekehrt wurde, ſo lange konnte ich meine Augen ſchließen und blenden gegen den Gräuel dieſer Bekeh⸗ rung. Laßt mich ſchweigen meine holde Blume über alle die Gedanken, die im tiefen und wilden Schmerz meine Seele durchtoben, und ſprechen wir von der Möglichkeit, mich durch Eure Liebe und Großmuth von den Banden befreit zu ſehen, die mein Ich einſchnüren, daß ich die Schmerzen wie Schlangen ſich um mich winden fühle. O Blaſta! Freiheit und Euch als mein Weib an meiner Seite! Dann fort! fort! aus dieſem rauhen Lande und nach Prag!— Habt Ihr meine Geliebte einmal ſchon Johannes Huß, den berühmten Rector an der Hoch⸗ ſchule dort predigen gehört?“ „Ja!“ entgegnete ſie,„doch würde ich dies dem Abt Jacobus nur ungern eingeſteh'n, und er hält jenen from⸗ men Mann, aus deſſen Worten ſich ſo viele Menſchen Troſt holen, für einen Ketzer, der den Feuertod ſterben müßte.“ Heinrich von Plauen blickte rückwärts nach dem Zuge ſeiner Begleiter, der noch ziemlich fern war. „Der wird uns ſobald keinen Zwang auferlegen, wenigſtens für heute nicht mehr, er ſchläft, meine Vlaſta! thun mein uns klare dort ſchlu ſtehe aber theu ſoll erſt ende Nähl Str ſchönen glaubte, hriſten⸗ Augen Bekeh ber alle z meine gZlichkeit, Banden ich die n fühle. imeiner nde und al ſchon Hoch⸗ dem Abt len from⸗ MNenſchen d ſterben ach dem r. ferlegen, Blaſta! 45 und wird morgen über die Tugenden der Mäßigkeit und Nüchternheit predigen,“ ſagte er lächelnd,„benutzt die Zeit Theure, die uns kurz genug gemeſſen iſt, und um Alles zu ſagen, was mit den Prozeß den Ihr führen müßt Zuſammenhang in irgend einer Weiſe hat. Ihr wißt, ich gehöre einem beſonderem Zweige unſeres Ordens, dem Eidechſenbunde an, der feſt aneinander hängt und von Grundſätzen beſtellt iſt, die der Vernunft und Natur an gemeſſener ſind, als die allgemeinen Ordensregeln. Mit der Hülfe meiner Brüder kann ich vielleicht Manches thun, das unſern Hoffnungen förderlich iſt. Sprecht meine Geliebte, ſprecht jetzt, nehmt die Zeit wahr, die uns vielleicht nicht mehr wieder kommt, und gebt mir klare Einſicht in Eure Verhältniſſe. „Nicht jetzt, nicht hier Heinrich. Alle die Augen dort hinter uns, ſind, wenn auch die des trunkenen Abtes ſoſtnnnnern, offen genug um uns zu bewachen, auch ge⸗ ſtehe ich Euch, ich ſelbſt weiß dieſe Dinge nicht ſo genau, aber meine Begleiterin, die böhmiſche Amme meines theuren Vaters, ſie weiß den geringſten Umſtand und ſoll Euch Alles im Zuſammenhang mittheilen, wenn wir erſt Danzig erreicht haben. Jetzt laßt das Zwiegeſ ſpräch enden, ruft einen Shrer Leute, oder laßt mich in der Nähe meiner Frauen weilen, ſeht, dort liegt der glänzende Strom vor uns, den wir heute noch überſchreiten ſollen, 46 und Ihr wißt ja Heinreich, daß wir nichts ſo ſehr zu fürchten haben, als den Verrath unſerer Liebe. War es doch unvorſichtig genug, daß Ihr im Geſpräch mit mir Euch in Gegenwart des Abtes, der böhmiſchen Sprache bedientet, warum muß er, oder irgend ein Menſch ahnen, daß noch etwas anderes als der Wunſch meine Geburts⸗ rechte zu erweiſen, mich in dieſes Land zog?“ Der Ritter warf einen ſehnſuchtsvollen Blick gen Himmel.„O wenn es einen Gott gibt, der die Welt re⸗ giert,“ ſagte er,„wenn dieſer Gott barmherzig iſt, oder allmächtig, ſo wird mir die Möglichkeit, Euch mein nen⸗ nen zu können, von ihm ſelbſt geſchaffen werden. Blaſta! ich liebe Euch, ich liebe Euch, wie Worte es nicht aus⸗ zudrücken vermögen. O ich wollte Gott in Frieden die⸗ nen, Verzicht leiſtend, auf alles andere Erdenglück, wenn ich als Euer Gatte, wie dieſer Preuße Gedete in einer Wild⸗ niß mit Euch leben könnte, ja ich wollte freudig als ein Leibeigener einen Monat lang das Feld bauen, und ſelbſt den Pflug ziehen, wenn ich dann wieder einen Tag lang, neben Euch, mit Euch in Verhältniſſen, die Eurer wür⸗ dig und Eueren edlen Gewohnheiten angemeſſen ſind, lals Euer Gatte leben könnte.— Mein Gott! mein Gott! erbarme Dich mein,“ ſetzte er dann hinzu, ſich ſo heftig an die Bruſt ſchlagend, daß die Ringe des Panzer⸗ — hemd in Ve das 1 mehr Euch „um Hoffn wir j⸗ Mach Euere geriſſe Reiſeg kommt aus un Herzer uns in knirſch heit un zu krie um mi können jetzt un lenkt G gen re⸗ oder nen⸗ ſta! aus⸗ die venn Gild⸗ b ein ſelbſt lang, wür ſind, mein ich ſo nzer⸗ 47 hemdes klirrten, erbarme Dich mein und laß mich nicht in Verfuch ung fallen, Dir und meinem D Daſein zu fluchen.“ Die Dame blickte ihm voll Mitleid in das Geſicht, das von einer wilden Glut geröthet war.„Verlangt Ihr mehr als meine Liebe, Heinrich, als die Beweiſe, die ich Euch ſchon von derſelben gegeben habe,“ ſagte ſie ſanft, „um unſerer Liebe willen, mein Freund, um all ihrer Hoffnungen willen hütet unſer Geheimniß. Noch dürfen wir ja nicht verzweifeln, der heilige Vater hat ja die Macht, zu binden und zu löſen, und der Schlüſſel, der Euere Feſſeln löst, iſt ja noch nicht aus unſeren Händen geriſſen. Ha, ſeht, ſeht Ihr Heinrich, unſer ehrwürdiger Reiſegefährte hat den Schlaf von ſich geſchüttelt, dort kommt er in aller Eile daher, um Gotteswillen läßt ihn aus unſerem Zügen nicht errathen, welche Gefühle unſere Herzen bewegen, iſt es doch ſchon ſchlimm genug, daß er uns in ſo nahem Geſpräch beiſammen geſehen. „O Fluch! Fluch dieſer Heuchelei und Verſtellung,“ knirſchte der Ritter.„Fluch dieſer unmännlichen Falſch⸗ heit und Feigheit, die mich nöthiget, vor deſem Pfaffen zu kriechen. Vlaſta! Euere Liebe muß ſtark und feſt ſein, um mir all dieß Elend, alle dieſe Niedrigkeit verzeihen zu können. Ich kann ihn, den ich ſo oft als Heuchler erkannt, jetzt nicht mit heuchleriſcher Ruhe in die Augen blicken, okt Gheren Helte Rrum, ihm entgegen⸗ meine Ge⸗ 48 liebte, ich will vorausſprengen, es ſind von hier bis zum Baſſin kaum noch zweihundert Schritte, dort werde ich mich ſammeln und Euch und ihn erwarten können.“ Er gab ſeinem Roße die Sporen, das wie auf Win⸗ desflügeln ihn davon trug, während die Dame ihr Herz mit Frauenkraft bezwingend, dem Abte entgegenritt, und mit ihm vom Wege, vom Wetter und von der trefflichen Aufnahme im Hauſe des gaſtlichen Gedete ſprach, bis die Reiſegeſellſchaft ſich Angeſichts der Veſte Dirſchau an der Fähre befand, die ſie über den Weichſelſtrom ſchaffen ſollte. Heinrich von Plauen hielt hier ſchon ſeit einigen Minuten. Sein Blick ſchweifte über die breite Waſſer⸗ fläche, auf der das Abendgold ſchimmerte. Die Thürme der Veſte Dirſchau ſpiegelten ſich in dem Strome, auf deſſen höherem jenſeitigen Ufer viele luftige kleine Wohn⸗ häuſer mit ſpitzen Giebeln in baumreichen blühenden Gärten eingebettet lagen. Ein ſicheres Zeichen des lan⸗ gen Friedens, der dieſe Gegenden unter der Regierung des Hochmeiſters Conrad von Jungingen beglückt hatte. „Steigt ab, edles Fräulein, und laßt mich hier auf dem Fährboote die Dienſte Eueres Ritters verrichten, in⸗ dem ich Eueren Zelter, der unruhig zu ſein ſcheint, ſo lange halte, als wir das trügeriſche Element unter uns habe tern gegn Elen ſtützt, meine bei d dieſe aus il die vig mein noch v garten Euch niſche ſind ih und ſich hi Ein. nigen aſſer⸗ füürme „auf Vohn⸗ enden lan⸗ terung hatte. er auf en, in⸗ int, ſo er uns 49 haben,“ ſagte Herr von Plauen, als die Pferde mit Pol⸗ tern in das Boot geſchritten waren. „Seid meinetwegen unbeſorgt, edler Herr,“ ent⸗ gegnete ſie,„für mich iſt das Waſſer kein trügeriſches Element, ich kann ſchwimmen und mein Pferd kann es auch. Ich habe es gelernt als kleines, kleines Kind von einer ſchönen Dame, die wohl meine Mutter war, und ich habe es ſpäter oft geübt. O wie mir die Zeit in's Ge⸗ dächtniß zurückkehrt, da ich von dem Arme dieſer Dame — laßt mich immer ſagen meine Mutter— leicht ge⸗ ſtützt, luſtig wie ein Fiſchchen die glitzernden Wellen mit meinen kleinen Armen theilte. Iſt mir doch zu Muthe, bei der Erinnerung, als müßte ich gleich jetzt mich in dieſe ſilbernen Fluten hineinſtürzen und untertauchend aus ihrem Grunde die Abendröthe hervorholen.“ „Das rothe Gold lockte ſchon Manchen in Tiefen, die vielleicht noch tiefer waren, als die dieſes Stromes, mein edles Fräulein,“ ſagte der Abt Jacobus.„Aber noch verführeriſcher als ſein Schimmer iſt der des Nixen⸗ gartens dort unten. Gelt, edler Herr von Plauen, es iſt Euch doch bewußt, daß dort unten Frau Venus, die heid⸗ niſche Teufelin ihren Hof hält? allerlei ſchöne Damen ſind ihre Gefährtinnen, die ſingen und ſchlagen die Laute und wer ihre Muſik hört, der bekommt ein Verlangen, ſich hinab in den Strom zu ſtürzen, und wenn er nicht Ein Bürgermeiſter. I. 4 50 gleich drei Aves und drei Paters betet, ſo nimmt das Sehnen zu und endlich zieht es ihn hinab, wo er zeitlich und ewig zu Grunde geht. „Aber er ſieht die ſchöne Teufelin und darf ſich ihr ergeben,“ ſagte der Ritter, und ſetzte dann leiſe in böhmi⸗ ſcher Sprache hinzu:„Beſſer Vlaſta, die Hölle in Liebe, als den Himmel in ewiger Einſamkeit.“ Der Abt ſah ihn mit ſeinen kleinen glänzend ſchwar⸗ zen Augen feſt an, der Kahn aber ſtieß eben an das an⸗ dere Ufer, der hochwürdige Herr taumelte ein wenig und wäre faſt dem auf ihren Zelter feſtſitzenden Fräulein zu Füßen gefallen, wenn der Reiſige, der ſein Maulthier am Zügel hielt, ihn nicht gehalten hätte. „Laßt Euch das nicht erſchrecken, hochwürdigſter Herr,“ ſagte Heirrich von Plauen,„es iſt noch kein ſchlimmes Omen, daß Ihr hier im Fährboote ſtrauchelt, das wäre es nur, wenn es Euch beim Aufreiten auf den feſten Boden begegnet. Der Abt bekreuzte ſich eifrig, murmelte ein Gebet, und wenige Minnten darauf ritt der ganze Zug wohlbe⸗ halten in die Pforte der Veſte Dirſchau ein, wo der Vogt ſeine Gäſte und die Freunde ſeines Gebieters des Hoch⸗ meiſters, auf deren Ankunft Ralph ihn vorbereitet hatte, mit aller Höflichkeit bewillkommnete. — 2 4 chen es a reiſe Frä berg neri mer die b Licht ſtattl bung tet h den nun das tlich hihr hmi⸗ iebe, war-⸗ 3 au⸗ und in zu lthier igſter kein ichelt, f den Gebet, ohlbe⸗ Vogt Hoch⸗ hatte, Drittes In einem Gemache, das ſich auße chen Clauſur des Ordenshau es aber an nichts fehlte, w reiſenden vornehmen Dame nerinnen. Fräulein, das Heinrich von Plar berg genannt hatte, mit den beiden g Kapitel. rhalb der eigentli⸗ iſes von Dirſchau befand, dem as zur Bequemlichkeit einer ihrer Zeit gehörte, ſaß das ten Vlaſta von Roſen⸗ ſie begleitenden Die⸗ Das Tageslicht war in dem hohen gewölbten Zim⸗ mer bereits erloſchen, und n ur ein leiſer Schimmer, durch die bunten Bogenfenſter ſich hereinſtehlend, das kleine Licht des niederſinkenden Neumondes, erhellte dürftig den ſtattlichen Raum, an deſſen Wände bung die Nacht ihren ſch tet hatte. n und Spitzbogenwöl⸗ warzen Schleier ausgebrei⸗ Blaſta hatte das ſchwere Reitkleid, die Maske und den Reiſehut mit der wehende nun da, hoch, ſchlank und b n Feder abgelegt, und ſtand leich, und in ihrer Kleidung 4* — 52 von weißem feinem Linnen einer Statue von Marmor ähnlich. Die eine der Dienerinnen beſchäftigte ſich eben da⸗ mit, Feuer anzuſchlagen, um die auf den Tiſchen in ſilbernen Armleuchtern ſtehenden Wachskerzen anzu⸗ zünden, während die andere, zu den Füßen der Herrin knieend, dieſer die Bänder und Schnallen der Schuhe auf⸗ machte, die nach dem anſtrengenden Ritte der Dame wohl beſchwerlich ſein mochten. Jeder einzelne der ſprühenden Funken verbreitete einen Moment lang einen Blitz, der das ſchöne bleiche Geſicht Vlaſtas grell beleuchtete, und als die Kerzen brannten, da zeigte es ſich deutlich, das dies Geſicht von Thränen überſtrömt war. Die Dienerin, welche vor ihr kniete, ſah es zuerſt. Es war eine hochbejahrte Frau, mit ſilberweißem Haare und einem feinen von tauſend Fältchen durchzogenen Geſichte. „Weine nicht, mein Kind! mein Täubchen! Liebling meines Herzens!“ ſagte ſie ſchmeichelnd in ihrer ezechi⸗ ſchen Mutterſprache.„Dein Recht wird Dir werden und muß Dir werden! O, Blaſta, Tochter des Pesko von Ro⸗ ſenberg. Weine nur nicht, denn hier im fremden Lande mußt Du vor allem Muth behalten, um Dein Recht er⸗ 4 53 ſtreiten zu können. Mußt Du doch ſtreiten gegen ein ſtol⸗ zes Geſchlecht, das—“ „O, ich fürchte die Vettern meines armen Vaters nicht,“ entgegnete die Dame,„könnte ich Ihnen dieſe Reichthümer, dieſe Güter hinwerfen und nichts für mich behalten, als ein armes Haus, groß genug, um einer ar⸗ beitſamen Familie Raum zu geben, zu einem frommen und friedfertigen Leben; ich wollte gern wie dieſe Nomeda fern bleiben von aller Welt, nichts mehr hören von Macht und Reichthum und meine Lebenszeit hinbringen in Dank gegen den guten Gott und in raſtloſem Mühen für meine Familie.“ „Weine nur nicht, Püppchen!“ flüſterte die Alte, „es wird Dir ja alles Gute und Schöne zu Theil werden, was Du Dir wünſcheſt. Dieſer Ritter von Plauen, an den Du Dein Herz gehängt, wird Dispens von Rom erhalten und als Dein Gemahl mit Dir einziehen auf Schloß Krummau, und Johannes Huß, der Mann Got⸗ tes, wird ſelbſt den Segen über Euer Eheband ſprechen, und ich, Deine alte Anka, werde Dir den Brautkranz flechten und den Schleier über Dein ſchönes Haupt wer⸗ fen. Weine nur nicht, meine Vlaſta, Du machſt Deine ſchönen Augen roth und Deine Wangen bleich. Die Dame ſtrich mit der feinen Hand koſend über das weiße Haar ihrer Dienerin. 54 „Wenn es auf Dich ankäme, Anka,“ ſagte ſie ſanft, „ich weiß, Du würdeſt mir die goldenen Sterne vom Himmel herunter holen, um ſie als Kranz auf mein Haupt zu ſetzen. Auch ſchätze ich Deine Liebe und bin dankbar für dieſelbe, Dir, Du Treue und Gott, der mich doch nicht ganz allein, nicht ganz von Neid und Haß um⸗ geben, in dieſer öden Welt leben läßt.“ „Warum aber weinſt Du denn, mein Liebling? Du haſt einen jungen treuen Liebſten und eine treue alte Wärterin; Dein Recht wird Dir auch werden— und hat nicht ſelbſt der treffliche und würdige Herr Johannes Huß geſagt, es ſei die Ehe ein geſegneter Bund, keinem Menſchen vor Gott verboten und es ſei Recht und Pflicht eines jeden Mannes, ſich eine Gefährtin zu wählen, und ihr treu und in Züchten anzugehören? warum ſollte der heilige Vater zu Rom dieſen wackeren Herrn Heinrich von Plauen nicht ſeines Gelübdes entbinden? Iſt das nicht oft ſchon in der Chriſtenheit geſchehen?“ „Ich will auch nicht mehr weinen, meine treue Anka,“ entgegnete das Fräulein, ihre Thränen trocknend.„Ich habe keinen Vater, keine Mutter, keinen Bruder, keinen Verwandten, der es redlich mit mir meint, aber ich habe Gott, deſſen Sein und Weſen, deſſen Heiligkeit und Güte ich durch die Worte meines Lehrers deutlicher als viele Andere erkannte. Ich habe die Liebe eines edlen Mannes, die H Du l will! kein Klopf Gemẽ laß b ſpät n indeß die S hatte, Herrit fer ſp die An S trat de Stund hinter i ——— 5⁵ die Hoffnung auf eine Zukunft als ſein Weib und Dich, Du liebevolle Seele! Ich will mich zuſammen nehmen, will beten und dem Herrn vertrauen, ohne deſſen Willen kein Haar von unſerem Haupte fällt. Halt! was iſt das? Klopft da nicht Jemand an der äußern Thüre unſerer Gemächer, geh' Libuſſa, ſieh' nach, wer noch ſo ſpät Ein⸗ laß begehrt und weiſe Jeden ab, wer es auch ſei, es iſt ſpät und wir müſſen ruhen. Trotz dieſes gemeſſenen Befehles lauſchte die Dame indeß den Tritten der Dienerin mit ſchlagendem Herzen, die Stimme aber, die ſie vielleicht zu hören erwartet hatte, war es nicht, die jetzt in ihr Ohr klang. „Geh' zurück,2 P Radch en, un ſag' Deiner jungen Herrin, es ſei der bemüthige Abt Jacobus, der ſie in die⸗ ſer ſpäten Nachtſtunde durchaus noch ſprechen müſſe, und die Angelegenheit ſei für ſie von dringender Wichtigkeit.“ Blaſta öffnete ſelbſt die Thüre ihres Zimmers und trat dem Abte entgegen. „Euer hochfürſtliche Gnaden ſind mir zu jeder Stunde willkommen,“ ſagte ſie, ſich tief verneigend, und folgte dem Vortretenden in das innere Gemach, wohin er ſich mit ihr zu einer beſonderen Unterredung zu bege⸗ ben wünſchte. Auf einen Wink ihrer Gebieterin kam die alte Anka hinter ihr her und ſetzte ſich dicht an der Thür auf einen 56 Schemel, während der Abt und das Fräulein auf mächti⸗ gen Lehnſeſſeln Platz nahmen. „Ihr müßt mir verzeihen, meine theuere Tochter,“ begann Jacobns ſehr ſalbungsvoll,„daß ich Euch noch ſo ſpät in Euerer Ruhe, vielleicht in Euerem Gebete ſtöre. Ich geſtehe Euch aber, daß ich dem Anliegen meines ver⸗ ehrten Freundes, des ſehr edlen Hochmeiſters Ulrich von Jungingen nicht ganz und gar Verſtändniß abgewinnen kann, wollt Ihr mein liebes und vielgeehrtes Fräulein Euch nun wohl herablaſſen, mir genau zu erzählen, was Ihr ſelbſt über Euer Herkommen, auf welches Ihr Euer Anrecht auf das Erbe der Familie von Roſenberg grün⸗ det, wißt?“ „Ich ſtünde Euch, wie es meine Pflicht iſt, und mein eigener Vortheil erheiſcht, natürlich mit Freuden zu Befehl,“ entgegnete Vlaſta, es handelt ſich aber hier um Dinge, die vor meiner Geburt und in Gegenden geſcha⸗ hen, die ich nie ſah, geſtattet mir daher, daß ich ſtatt mei⸗ ner, Euch die nothwendigen Mittheilungen von einer Per⸗ ſon machen laſſe, die das Alles zum großen Theile ſelbſt mit erlebt hat, von meiner treuen Pflegerin und Freun⸗ din, der alten Amme meines Vaters.“ „Komm näher, Anka, und erzähle jetzt, was Du mir ſo oft erzählt, dieſem hochwürdigen Herrn, aus deſſen . Hät em Sit Her Nac furc eine dend alte latei woh Fra nich und ganz Sp nicht wir die rin lang —,,— 57 Händen ich die Beſtätigung meiner ehelichen Geburt empfangen ſoll.“ Die Alte erhob ſich langſam von ihrem vorderen Sitze. Es war eine Geſtalt, hoch und ſchlank wie ihre Herrin und noch hatte das Alter ihren ſtolz gehobenen Nacken nicht gekrümmt, noch flammte in dem feinen ge⸗ furchten Geſichte das Feuer ihrer dunklen Augen mit einer Glut, die man faſt jugendlich nennen mußte. „Ich will erzählen,“ ſagte ſie, ſich an den Abt wen⸗ dend.„aber Ihr? werdet Ihr verſtehen können, was die alte Czechin ſagt? ich kann Euch das weder deutſch noch lateiniſch vorſagen, obgleich ich von beiden Sprachen wohl ein wenig verſtehe.“ „Denkt Euch das ſo gut Ihr könnt, meine werthe Frau, ich werde um Erklärung bitten, wenn ich Euch nicht verſtehe, und hier das Fräulein hört ja auch mit zu und wird Euch und mich unterſtützen. Ein wenig, ein ganz klein wenig verſtehe ich auch von Euerer ſchönen Sprache und wo Ihr mit dem Deutſchen oder Lateiniſchen nicht fortkommt, da drückt Euch getroſt in derſelben aus, wir werden uns ſchon verſtändigen.“ „Wohl dem edlen und hochwürdigen Herrn,“ ſagte die Alte, indem ſie ſich dem Abte und ihrer jungen Her⸗ rin gegenüber ſetzte,„was ich Euch erzählen will, iſt eine lange und traurige Geſchichte!“ 58 „Von dem Geſchlechte der Roſenberge, der edelſten Wladiken Böhmens, werdet Ihr auch hier ſchon gehört haben. War doch ein Sohn des Zawiſch von Roſenberg und der Knuthe, Witwe des Königs Przemisl, mit Na⸗ men Johann Roſenberg, Bruder des deutſchen Ritter⸗ ordens und hat lange Jahre gegen die heidniſchen Preu⸗ ßen hier gefochten, und iſt als Comthur von Elbing ge⸗ ſtorben, aber das war ſchon im Jahre des Herrn 1286. Seit dem iſt das Geſchlecht immer größer und reicher geworden.“ „Im Jahre 1650 war das Haupt der Familie Herr Ulrich von Roſenberg, vermählt mit dem Fräulein Katharina aus dem edlen Geſchlechte der Werdenberge, und aus dieſer Ehe waren zwei Kinder entſproſſen, Herr Heinrich Pesko Wock von Reſenberg und deſſen einzige Schweſter Prichta.“ „Ich war die Amme des Knaben und eine ver⸗ traute Dienerin in der Familie. Ich war gegenwärtig, als Herr Ulrich ſtarb und ich drückte auch ſeiner Gat⸗ tin die Augen zu. Beide hatten es nicht erlebt, daß ihr Sohn eine Gattin nach ſeinem Herzen gefunden. Es war ein gar ſtolzer und kühner Jüngling, den nichts ſo ſehr reizte als Waffenruhm, und ich hörte oft wie er be⸗ dauerte, als einziger Erbe eines ſo großen Hauſes nicht ſeinen kühne ſein ſchließ früh n gar of ſchlage großen daß d ſeines das T Böhme ten der von M er vern er ſein der Ki herren hin zu Kreuz digen Kampf ſeinem Herzensdrange folgen zu können, und ſich den kühnen Rittern, welche gegen die Heiden kämpften, wie ſein Ohm und Verwandter Johann, als Bruder anzu⸗ ſchließen. Da hat ſein kluges Schweſterlein Prichta, die ſich früh mit einem Herrn von Lichtenſtein vermählte, ihm gar oft gerathen, ſolche Gedanken ſich aus dem Kopfe zu ſchlagen, zu überlegen, was er ſeinem Namen und ſeinen großen Beſitzungen ſchuldig ſei, und hat ihn belehrt, daß der Eheſtand auch ein heiliger Stand ſei. Der Drang ſeines Herzens aber überwog das Alles. Er hörte auf das Wort jedes Pilgers und Kaufmannes, der durch Böhmen zog und Nachricht brachte von den großen Tha⸗ ten der deutſchen Ritter und von des Hochmeiſters Conrad von Wellenrode Siegeu gegen die Heiden, und endlich als er vernahm, daß ein neuer Kriegszug beſchloſſen ſei, da hat er ſeinem Herzen ein Genüge thun müſſen und er hat in der Kirche des ſedletzer Kloſters, die einer ſeiner Ahn⸗ herren mütterlicher Seits erbaute, das Gelübde gethan, hin zu ziehen mit ſo vielen ſeiner Lehensleute als das Kreuz zu nehmen, ſich entſchließen würden und dem wür⸗ digen Hochmeiſter und den edlen Brüdern beizuſtehen im Kampfe gegen die wilden Heiden. Was ihn ganz beſonders zu dieſem Gelübde bewog, das ſeinen Lehensrittern zum großen Ergötz en, ſeiner ein⸗ 60 zigen Schweſter aber zur tiefſten Betrübniß gereichte, das war ſeine treue Freundſchaft für den Herzog Wilhelm von Oeſterreich. „Ihr wißt es, hochfürſtlicher Herr Abt, wie die⸗ ſem edlen Herrn gar arg mitgeſpielt worden war, von den Polen und Ungarn.“ „Er war verlobt mit der ſchönen Hedwig, der Tochter des Polen⸗ und Ungernkönigs Ludwig, die in Krakau zur Königin von Polen und Ungarn gekrönt worden war. Sie hatten einander in Treue geliebt, ja es wird geſagt, ſie ſeien ſchon ein Jahr lang insgeheim vermält geweſen, die ſtolzen polniſchen Magnaten aber forderten von ihrer jugendlichen Königin, daß ſie ſich mit Jagello, dem Großherzog von Lithauen, vermälen ſolle, der um ihretwillen die heilige Taufe verlangte und den Polen alle Verſprechungen gab, falls ſie ihm mit der Hand ihrer ſchönen Königin die Krone und Herr⸗ ſchaft über Polen und Ungarn zuſicherten.“ „Ich bin nur eine einfältige Frau, mein hochfürſt⸗ licher Herr, und verſtehe wenig von dem Argen dieſer Welt, aber das konnte ich nach meines tapferen Ziehſoh⸗ nes Reden und Erklärungen doch begreifen, daß der hei⸗ lige Ritterorden an dieſem Jagello einen ſteten bittern Feind habe, deſſen Macht ſich gar ſehr vergrößerte, wenn er drei Kronen auf ſeinem Haupte tragen dürfe, 1 1 und des wertl Käm Freut Hocht leute wolle, erkäm ohne Vorſit Pesko Gottes viele ich bli ihn be trübtes der La indeſſe ihres 2 G edle P als de — 61 und daß die Rechte des deutſchen Erzherzogs, des Freun⸗ des meines jungen Herrn, auf die Hand Hedwigas wohl werth ſein, daß er dafür Blut und Leben einſetzte. Kämpfte er doch für das Chriſtenthum, für ſeinen Freund und für die Minne. Zu dem Allen hatte der Hochmeiſter an alle Fürſtenhöfe und alle großen Edel⸗ leute die Kunde erlaſſen, daß er einen Ehrentiſch halten wolle, wenn der Sieg gegen dieſe heidniſchen Lithauer erkämpft ſein würde, und daß der tapferſte Kämpfer, ohne Anſehen, ob er aus fürſtlichem Blute ſtamme, den Vorſitz dabei führen ſollte, zu ſeiner ewigen Ehre.“ „Mein junger Herr, mein lieber Ziehſohn Heinrich Pesko von Roſenberg, ſah in dem allen einen Fingerzeig Gottes. Er zog aus mit 200 reiſigen Knechten, darunter viele von edlem Blute und Vaſallen der Roſenberge und ich blieb daheim in Trauer und Thränen, alle Tage für ihn betend.— Da ſind die Tage langſam für mein be⸗ trübtes Herz verfloſſen, und wie viele Nächte ſaß ich bei der Lampe mit meiner armen Herrin Frau Prichta, die indeſſen Witwe geworden war, und das Haus und Gut ihres Bruders behütete und bewahrte. Es war eine ſittſame, gar fleißige Hausfrau, die edle Prichta, und ſie hatte nichts, woran ihr Herz hing, als den abweſenden Bruder, denn ihre Ehe war kinder⸗ 2 62 los und unglücklich geweſen. Die Jahre der Trauer ver⸗ gingen langſam, aber ſie vergingen doch. Wir erfuhren, daß die junge Königin Hedwig den lithauen'ſchen Großherzog geheirathet hatte, wir erfuhren daß der Hochmeiſter Conrad von Wallenrode im Herrn entſchlafen ſei, daß an ſeiner Stelle der Bruder Con⸗ rad Zöllner von Rothenſtein zum Hochmeiſter erwählt worden ſei, daß er einen Ehrentiſch gehalten mit 14 edlen Herren, und daß unter denſelben auch Einer ge⸗ weſen, den ſie Pesko von Roſenberg genannt hatten. Ein Jahr nach dieſer Nachricht, die ein Bote un⸗ ſers jungen Herrn uns brachte, kehrte dieſer geſund und wohlbehalten, begleitet von denen ſeiner Getreuen, welche alle Schlachten und Gefahren wie er beſtanden, zu uns zurück.— Er kam aber nicht allein, ſondern brachte Etwas mit, das köſtlicher als alle Schätze der Welt iſt, ein gar liebliches Kind, ein Mägdlein zwar, das den ſtolzen Namen der Roſenberge nicht fortpflanzen konnte, das aber immer doch ſein Kind, ſein Blut war. Ich erzog die kleine Vlaſta und die edle Frau Prichta half mir dabei. Wer die Mutter ſei, erfuhren wir lange nicht, endlich aber ſagte er uns, es ſei eine ſamaitiſche Fürſtin, eine Verwandte der Königin Hed⸗ wiga und ihre Taufpathe, daher auch wie ſie Hedwiga genannt. Doch ſei ſie das einzige Weib, was er je ge⸗ lie riſ Er ſie, Gü ren, übe. Sc Jun Her Ver! ſagte Olir brach gena ſelbe das Frau war Herr mein Herr rigen ver⸗ den uhren Herrn Con⸗ wählt nit 14 ter ge⸗ n. tte un⸗ nd und welche u uns brachte e Frau rfuhren ſei eine 63 liebt habe, oder lieben werde, ihm durch den Tod ent⸗ riſſen und die kleine Vlaſta ſein einziges ihm gebliebenes Erdenglück. Ehe er ſtarb, machte er ein genaues Teſtament, das ſie, ſeine geliebte Tochter Vlaſta, zur Erbin all' ſeiner Güter einſetzte, ſo weit dieſelben nicht Mannlehen wä⸗ ren, ſeine Schweſter Prichta ſollte die Vormundſchaft über ſein geliebtes Kind haben und mir vertraute er ein Schreiben, gerichtet an deu Hochmeiſter Conrad von Jungingen, das die Tochter dem Schutze dieſes edlen Herrn empfahl, im Fall ſeine Vettern und Sippen ihr Vermögen oder ihre Geburtsrechte angreifen ſollten. Auch ſagte er ſelbſt noch dem Fräulein, daß in dem Kloſter Oliva die Beweiſe ihrer edlen Geburt in Sicherheit ge⸗ bracht waren, daß der Mönch Medardus alldort ihr genaue Auskunft aüer alles dieſes geben könne, falls der⸗ ſelbe noch lebe.“. So lange Frau Prichta lebte, ließen die Sippen das junge Fräulein ungekränkt, und das Recht der edlen Frau von Lichtenſtein auf das Kunkelerbe ihrer Familie war ja undetreibar Vor einem Jahre aber, rief der Herr ſie zu ſich, nun begannen die Verfolgungen gegen mein armes Fräulein, das geliebte einzige Kind meines Herrn und Ziehſohnes. Sie boten ihr an, dieſe geldgie⸗ rigen Verwandten ſich mit einem aus ihrer Zahl, einem 64 wüſten böſen Geſellen zu vermählen, dann wollten ſie deu Proceß fallen laſſen, aber darein mochte ſie nicht wil⸗ ligen, ſie iſt wie ihr Herr Vater ein ſtolzes Herz, das ſeine Freiheit liebt, und ſo traten wir denn unter dem Schutze Gottes dieſe Reiſe an, um uns die Beweiſe zu verſchaffen, daß Vlaſta von Roſenberg ein unbeſtreitba⸗ res Recht hat auf den Namen und das ihr zuſtehende Frauen⸗Erbe ihres edlen Geſchlechtes.“ Herr Conrad von Jungingen, der rechte erwählte Beſchützer meines edlen Fräuleins, iſt freilich todt und dahin, und Herr Ulrich, ſein Vetter und Nachfolger, kannte die Verhältniſſe nicht und konnte den Brief des ſelig verſtorbenen Herr von Roſenberg, den er auch von Perſon gekannt hatte, nicht wohl verſtehen, aber er nahm ſich der Pflegebefohlenen ſeines in Gott ruhenden Bru⸗ ders mit aller Güte an, er berief Euch nach Marien⸗ burg mein Herr Abt, und gab uns dieſen trefflichen Herrn von Plauen, den einzigen Bekannten meines Fräuleins als Beſchützer mit auf der Reiſe.“ Abt Jacobus hatte die Augen zu Boden geheftet und ſchien eifrig nachzudenken. Das iſt eine ſehr beſondere Geſchichte und wohl werth, daß man ſich mit allem Ernſte dem gekränkten Rechte einer Dame annimmt, die aus ſo großer Familie ſtammend ſo viel zu leiden hat, zumal das edle Fräulein durch ein Glau Scho zu fir zu 5 Oftm faſt dem; ten v⸗ Ich h Reiſe an m ten ge heilig alle n ſorgen Der K deſſen wiga terlich ter un Hedw jungen terbrü Ein ſie vil⸗ das dem zu tba⸗ ende amilie räulein 6 durch ihre Leiden ſchon eingeſehen hat, daß dieſe Welt ein Jammerthal iſt und daß die einzige Freiſtätte des Glaubens und Friedens, welche es hiernieden gibt, im Schoße der Kirche in den heiligen Mauern eines Kloſters zu finden. Der Vater Medardus lebt allerdings noch und zu Zeiten iſt auch ſein Gedächtniß noch ungeſchwächt. Oftmals aber iſt er in ſich verſunken, ſchweigſam und faſt unzugänglich, beſonders gegen Fremde, ſo daß ich dem Fräulein nur durch meine Vermittlung die Nachrich⸗ ten von ihm verſchaffen kann, die ſie zu erhalten wünſcht. Ich hoffe daher, meine theure Tochter und liebenswürdige Reiſegefährtin, Ihr werdet Euch mit allem Vertrauen an mich anſchließen. Ich habe in Danzig bereits Anſtal⸗ ten getroffen, daß Ihr liebvolle Aufnahme im Kloſter der heiligen Brigitta findet, dort kann ich Euch oft ſehen, Euch alle nöthigen Nachrichten geben und für Eure Sicherheit ſorgen. Die Zeiten ſind böſe in vielfacher Beziehung. Der König von Polen Wladislav, eben jener Jagello, von deſſen Vermälung mit der nun in Gott ruhenden Hed⸗ wiga Ihr, werthe Frau, ſprachet, rüſtet ſich zu einem fürch⸗ terlichen Kriege, und Witold von Lithauen, ſein Verwand⸗ ter und einſt ſein Todfeind, will ſich mit ihm verbinden. Hedwiga, die Freundin des Ordens, iſt längſt in ihren jungen Jahren geſtorben. Die Zeiten ſind für die Rit⸗ terbrüder auch nicht mehr dieſelben wie ſie waren als der Ein Bürgecmeiſter. I. 5 66 edle Hermann von Salza, der Freund und Bruder von Papſt und Kaiſer, in den Mauern von Akon zum Hoch⸗ meiſter gewählt wurde. Nicht nur daß Kaiſer und Papſt nicht mehr die große Freude haben an der Bekämpfung der Heiden; eigentlich ſind dieſelben ja durch Gottes Kraft und Macht ſchon ausgerottet und das chriſtliche Reich des Polenkönigs grenzt an die Eroberungen, die der Or⸗ den jetzt beherrſcht, und an das chriſtliche Reich des li⸗ thauiſchen Großherzogs, das auf der andern Seite auch wieder an ein chriſtliches Reich grenzt. Zwar iſt das mächtige ruſſiſche Reich jenſeits des Dnieper nicht dem Papſte unterthänig, ſondern bereits griechiſcher Ketzerei ergeben, Heiden zu bekriegen, gibt es aber hier herum nir⸗ gend mehr und ſomit dürften die Ritterbrüder ihrem Ge⸗ lübde nach auch hier nicht länger wirken, denn was in dieſem Lande nothwendig zu thun iſt, verſtehen ſie nicht, und ſind ſie auch zu thun nicht verpflichtet. Wäre dieſer Hochmeiſter Herr Ulrich von Jungingen was er ſollte, ein echter Kämpfer Chriſti, ſo würde er die Roſſe aller ſeiner Brüder ſatteln laſſen, würde die ſtolzen Bur⸗ gen, welche ſeine Vorgänger erbauten, an würdige Mönche abtreten, die in denſelben Schulen und Kranken⸗ häuſer und andere wohlthätige Anſtalten zum Beſten dieſer Länder gründeten, er ſelbſt aber würde mit ſeinen Brüdern nach dem heiligen Grabe ziehen, es endlich wie⸗ eſten ſeinen wie⸗ 67 der aus den Händen der Ungläubigen zu reißen; oder nach dem fernen Spanien, die geſegneten Gefilde desſel⸗ ben von den Saracenen zu befreien. Es iſt nicht ſein Amt, hier wie ein König das Land zu beherrſchen, mit Fürſten und Herren wie ſeines Gleichen zu verkehren, und ſich von Gottes Gnaden Hochmeiſter des deutſchen Ordens zu ſchreiben, als wäre er ein im Purpur gebore⸗ ner Herrſcher. Wer kann es dem mächtigen Polenkönig Wladislav verdenken, daß er den Orden als ſeinen Feind betrachtet der ihn, alser noch Jagello Großherzog von Lithauen war, ſo feindlich behandelte? Dieſe Länder hier, d. h. alle Bewohner derſelben, die als vernünftige Menſchen zu denken verſtehen, ſehen das auch gar wohl ein. Sie verlangen einen einzigen Herrſcher, einen wahren König, und der König von Po⸗ len iſt ihnen der nächſte. Jetzt iſt Jeder, der mit dem ſchwarzen Kreuz auf weißem Mantel in die Thore einer Stadt einreitet, befugt darin zu befehligen, glaubt we⸗ nigſtens, daß er dazu befugt ſei. Die Disciplin, die wahre geiſtliche Zucht erliſcht mehr und mehr in dem ſtolzen Orden, ſie ſind alle viel zu ſehr ritterliche Herren geworden, um ſich noch als demüthige Streiter Gottes zu fühlen. Böſe Zeiten werden kommen, müſſen kommen! Wladislav wünſcht die Schmach zu rächen, die der Or⸗ 5* 68 den dem Jagello anthat. Die Bürger wollen Friede und Ruhe, Handel und Wandel, die reichen Landbeſitzer wünſchen ihre Ernten bei gutem Wetter und in aller Ge⸗ mächlichkeit heimzubringen. Die Ritter wollen hoch zu Roſſe als Herren durch Stadt und Dorf ſprengen. Ja! das iſt nicht zuſammenzubringen, Krieg wird kommen, ſchwerer grauenvoller Krieg, wer da ſieget, weiß nur Gott der Herr! Conrad von Jungingen verſtand dieſen Polen zu ſänftigen, der Witold von Lithauen war ihm perſönlich gewogen und nannte ihn ſeinen Freund und Herrn, ja ſeine Gemalin war auf Beſuch bei ihm in der Marienburg. Conrad verſtand es, ſeine gefährl ichen Nachbarn durch koſtbare Geſchenke und ſchöne Worte in Zaum und Zühel zu halten, Falken und Pferde, bunte Bilder und goldene Zierrathen, Juwelen und geſtickte Gewänder hat er an den König von Polen, an den Her⸗ zog von Lithauen, an die Fürſtinnen und ihre Gürtel⸗ mägde geſpendet. Er war klug, da ſchadete es ihm weni⸗ ger, daß er ſchwach war. Darum aber wollte er auch nicht, daß ſein Neffe Ulrich nach ihm zum Hochmeiſter gewählt wurde. Er kannte ſeinen Stolz und ſein Kriegs⸗ gelüſte. „Ich kann die Weisheit oder Unweisheit Eueres hochfürſtlichen Herrn als einfäl tiges Mädcheu nicht wohl beurtheilen,“ unterbrach das Fräulein hier den lebhaften 69 Redefluß des Abtes,„Herr Ulrich von Jungingen hat freundlich Gaſtfreiheit an mir geübt und in meiner⸗An⸗ gelegenheit Alles was er vermochte, gethan. So bin ich ihm denn natürlich Dank ſchuldig, und darf kaum anhö⸗ ren, was Euer Verſtändniß ſeiner Lage Euch über ihn auszuſprechen erlauben mag. Ich bin ein verwaiſtes Mädchen, habe wenig Freunde und möchte gegen die, welche Gott mir gab, gern ein dankbares Herz beweiſen. Zu dem bin ich eine Fremde. Mein ſeliger Herr Vater ſprach mit großer Verehrung von den Ordensbrüdern und Gebietigern. Herr Ulrich von Jungingen, damals noch ein junger Rittersmann, war ſein Freund und Waffenbruder in mancher harten Schlacht, er ſelbſt ſaß an der Ehrentafel des Hochmeiſters Zollern von Wolfen⸗ ſtein, und ſo bin ich gewöhnt, den deutſchen Orden zu ehren wie mein Vater ihn ehrte.“ Der Abt warf wieder einen ſeiner ſchlauen Seiten⸗ blicke auf die Dame. „Das iſt auch nur löblich von Euch, meine ver⸗ ehrte Reiſegefährtin,“ ſagte er dann lächelnd.„Ihr ehrt und liebt dieſen geiſtlichen ritterlichen Orden, und auch ich, der demüthige Mönch, wünſche ihm allen Segen und alles Gute, wie dies meine Pflicht als Chriſt iſt, ich ſage Euch nur was wahr iſt, und was zu ändern weder in 70 Euerer noch in meiner Macht ſteht, und rathe Euch, was ich zu Euerem Heile für dienlich halte.“ „Im Ordenshauſe zu Danzig könnt Ihr, mein ſchönes, junges Fräulein, Euere Wohnung nicht aufſchla⸗ gen. Verwandte und Freunde habt Ihr dort nicht, die Euere Jugend beſchützen und Euch vor dem ſchlimmſten aller Uebel, vor böſem Leumund wahren möchten. Ihr bedürfet meiner Vermittlung, um zu den Euch nothwen⸗ digen Zeugniſſen zu gelangen. Im Brigittenkloſter ſeid Ihr ſicher und wohl behütet, ſteht unter meinem Schutze und könnt jeden Augenblick Nachricht von mir erhalten, darum wendet Euch dorthin, und ſeid gewiß, daß ich für Euch thun werde, was meine ſchwache Kraft nur vermag. Die alte Anka hatte ſich bei dieſer Rede des Abtes erhoben und ſtand in ihrer ganzen Größe vor ihm, eine gar ſtattliche imponirende Geſtalt. „Glaubt Ihr nicht, hochfürſtlicher Herr, ſagte ſie, daß mein Fräulein unter dem Schutze Ihrer alten Pfle⸗ ggerin und ihrer eigenen Ehre ſicher ſei, wo ſie ſich auch befinde?“ Der Abt lächelte wieder in ſeiner gewohnten Weiſe. Verzeiht mir, ſehr werthe Frau, entgegnete er dann, die Zei⸗ ten haben ſich in allen Beziehungen ſehr geändert. Herr Ulrich von Jungingen ſtellte Eure edle Pflegetochter, zu rei zig un die lich nu jun wie der 8 O ihr die Ic as ein a⸗ die ten Ihr en⸗ eid itze en, für nur otes eine ſie, ffle⸗ auch eiſe. Herr hter, 71 unter den Schutz eines ſeiner ritterlichen Brüder; heut zu Tage empfiehlt dieſer Umſtand in den Städten wo Bal⸗ leien und Comthureien der Deutſchherren ſind, eine junge reiſende Dame nich allzu ſehr.— Kommt nur nach Dan⸗ zig, hört was man in den Häuſern d der Bürger, der reichen und mächtigen Patrizi ier von den Rittern und den Damen, die mit ihnen reiſen, ſpricht. Dieſe hanſeatiſchen Kaufleute ſind ein eidenthüm⸗ liches und gar ſtreng richtendes Geſchlecht. Glaubt mir's nur in den ſchützenden Mauern eines Kloſters iſt Cur⸗ junge Herrin ſicher vor übler Nachrede und Beleidigung, wie ſie auch dort nur mit mir in Verbindung bleiben kann.— Ihr habt nun meinen Rath, den beſten den ich Euch geben kann, die Nacht iſt bereits weit vorgeſchritten, ich muß Euch verlaſſen, ügeder Per Euch in ſeinen gnä digen Schut nehmen. Nuht in Frieden, theures Fränlein, der Herr ſegne und behüte Euch!“ Er erhob ſich und ging, von Blaſta und ihrer alten Dienerin bis zur Thüre begleitet. So bald er außer dem Bereich ihrer Augen und Ohren war, wendete die Letztere ſich mit Entrüſtung zu Vhrr Dame.„O Odiejer Fuchs, dieſer Heuchler,“ ſagte ſie. die Hände über den Kopf zuſammenſchlagend.„O Meiſter Johannes Huß“ hätten wir Dich hier Deinen Rath zu hö 72 ren. Armes Kind, armes Kind, wo wirſt Dn einen Freund auf Erden finden!“ „Hab' ich nicht einen?“ entgegnete Vlaſta mit Faſ⸗ ſung.„Hab' ich nicht den Mann, den ich liebe, deſſen Weib ich werden will, ſo Gott mir hilft? O daß an dem Beſitz meines Erbes und Vermögens die Freiheit meines Heinrich hängt, wie gerne würde ich es ſonſt dieſen gie⸗ rigen Vettern hinwerfen und mich mit dem begnügen was ſie mir nicht rauben können, mit dem kleinen Erbe meiner vielgeliebten Tante Prichta, dieſes und die Juwe⸗ len, welche ich als Nachlaß von meiner Mutter beſitze, würden ausreichen unſere Zukunft zu ſichern. Anka, haſt Du auch die Edelſteine ſo verpackt, daß ſie ſelbſt für den Fall, uns“ egegneten Räuber, ur Hand wären.“ „Hier ſind ſie,“ entgegnete die Alte und zog aus einer genähten Falte ihres Gewandes ein kleines Käſtchen, kunſtreich mit Sammt überzogen und mit reichen goldenen Klammern verſchloſſen. Vlaſta öffnete es durch einen Fingerdruck und be⸗ trachtete mit ſinnendem Auge den Inhalt.— Auf dem dunklen Sammtgrund lag da zuerſt ein ſeltſam geformtes Halsband von Perlen. Die kleinſten derſelben waren von der Größe großer Erbſen, während die größten ſicherlich die der Haßelnüſſe erreichten, ein Kleinod, faſt wie eine menſchliche Figur geſtaltet, hing an demſelben. Der kleine und a ſſſen dem ines gie⸗ igen Erbe we⸗ ſitze, haſt den iner hen, enen be⸗ dem ites von rlich eine leine 73 Kopf vom reinſten Golde war nicht ohne Kunſt geformt, zwei Saphire bildeten die Augen und ein funkelnder Ru⸗ bin den Mund desſelben. Neben dieſem Halsbande lagen Ohrgehänge von un⸗ gemein großen Perlen, die eine davon faſt in Form und Größe einer Pflaume. Ein goldener gegliederter Reif, mit vielen Edelſteinen aller Farben verziert, und ein Fingerreif, geſtaltet wie eine ſich ringelnde Schlange, die einen glän⸗ zenden Diamanten im Munde hielt, dem freilich das Feuer abging, was noch im ſelben Jahrhundert dieſem edelſten aller Steine, durch Schleifung gegeben werden konnte*). „O meine Mutter! meine Mutter!“ flüſterte Vlaſta, dieſe todten Steine ſind Alles was mir von Dir übrig ge⸗ blieben, möchte doch Dein verklärter Geiſt Dein armes verwaiſtes Kind umſchweben, möchte Dein Rath mir nahe ſein, wenn ich ſeiner bedarf.“ Sie ſchloß das Käſtchen und übergab es ihrer alten Dienerin, trat dann au's Fenſter und ſchaute hinaus in die ſinſtere ſtille Nacht. Der Strom ſchimmerte im Sternenlichte, dicht an den Mauern des Gebäudes gingen Wachen mit geſchulter⸗ *) Ludwig Berquer in Brügge erfand die Kunſt, Dia⸗ manten zu ſchleifen 1475. ten Helebarden langſam auf und ab, und am Stamm einer mächtigen Weide, deren Zweige der Nachtwind leiſe regte, ſtand, eingehüllt in den weißen Wadmollmantel, eine ſchlanke Männergeſtalt. Erkennen konnte Blaſta die Ge⸗ ſichtszüge derſelben nicht, aber ihr Herz ſagte ihr, daß es Heinrich ſei, der dort das ſchimmernde Fenſter der Ge liebten bewache, und ſie kniete nieder und betete für ihn, für ſich und die Seelen ihrer dahin geſchiedenen Eltern. Die Mitternacht ſah mit tauſend Sternenaugen nie⸗ der zu dem verwaiſten einſamen Mädchen, und als ſie jetzt tönte endlich, von ihrer alten Dienerin geleitet, ſich zur Ruhe Son legte, ſchloß der Schlaf alsbald ihre müden Augen, und ſüße heitere Träume umgaukelten ſie bis der Roſenſchim⸗ ddeen, mer der Morgenröthe ſie erweckte. bare — imm leiſe eine Ge⸗ es Ge⸗ ihn, ern. nie⸗ jetzt tuhe und jim — Viertes Kapitel. Die Glocken der St. Katharinen⸗Kirche in Danzig tönten mit vollem hellen Klange durch die laue Luft des Sommer-⸗Abends. Sie zeigten die Stunde an, da alle Arbeit in den Bn⸗ den, an den Bauten, ja im Haus und Hof, bei den ehr⸗ baren Bürgern aufzuhören pflegte, die ſiebente Abend ſtunde. Auf den Straßen entblößten die Männer ihre Häupter und in den Häuſern knieten Eltern und Kinder nieder den Abendſegen zu beten, eine augenblickliche Stille lag heiligend über der ganzen Stadt. Wenige Minuten ſpäter, war von dem geſchäftigen Treiben der Tagesarbeit auf den Straßen, nichts mehr zu ſehen. Die Gewölbe, die Speicher, die Läden waren ge⸗ ſchloſſen, und nur noch Spaziergänger, nicht Arbeiter be⸗ lebten den langen Markt und drängten ſich beſonders um den Eingang der ſchönen Halle, die des Königs Artus 76 Hof genannt wird. Es war dieſe Halle zur Zeit noch nicht ſo glänzend ausgeziert als in unſern Tagen, dennoch war es ein gar ſchönes gothiſches Bauwerk, breite Stufen von behauenen Steinen führten zu der zierlichen Spitzbogen⸗ thüre, ein Geländer von Schmiedearbeit, das kunſtreiche Werk eines Schmiedemeiſters aus Chriſtburg, trennte den Vorplatz von der Straße und auf demſelben ſtanden im ernſten Geſpräch zwei ſtaatliche Männer, deren Art und Weiſe ſie als Väter der Stadt bezeichnete. Beide waren über die erſte Jugend hinaus. Der Aeltere mochte etwa 50 zählen, und der Jüngere viel⸗ leicht 10 Jahre weniger; aber ſie ſahen friſch und kräftig aus, und der Ausdruck ihrer Geſichter war männlich und kühn. „Man muß ſich dagegen ſtemmen, mein geehrter Herr Schwiegervater, das iſt meine Meinung,“ ſagte der Jüngere, und legte ſeine kräftige Hand auf das Eiſengitter,„man muß ſich nichts Ungebührliches und Unrechtes gefallen laſſen. Wir ſind Leute, die ihr Schwert ſo gut zu führen wiſſen als die Herren Ritter, und wir haben einen Hinterhalt an dem gnädige von Polen, an dem Herrn Biſchoſe und der Geiſtlichkeit.“ Der Aeltere ſchüttelte nachdenkend den Kopf, deſſen dunkles Haar ſchon leicht in's Grau ſpielte. ganze —₰ n König ganzen Ihre Grof wir, ches den iſ ſerm ſchuld Große Unſere und w von P Vieles rung Euch einget ger No ſinnig. Schiff Polen Linnen nicht unſere nicht )war n von ogen reiche e den en im ganze Der viel⸗ räftig inlich ehrter ſagte f das und e ihr titter, König anzen deſſen —? . 77 „Wißt Ihr, was es heißt, wenn Bürger ſich gegen Ihren Landesherrn ſtemmen, mein lieber Rathsherr Große?“ ſagte er ſehr ernſt,„Rebellion heißt das! und wir, die Obrigkeit einer mächtigen Stadt, ſollten ein ſol⸗ ches Wort gar nicht in unſeren Mund nehmen. Der Or⸗ den iſt unſer Gebieter und Lehnsherr, er hat uns zu un⸗ ſerm Wohlſtande verholfen, und wir ſind ihm Dank ſchuldig für vieles Gute.“ „Unſer Lehnsherr, der Orden—“, engegnete Große,„hm! ja! aber vergeßt nicht, wie er es wurde. Unſere Lehensherren waren die Herzoge von Pomerellen, und wer iſt der Erbe derſelben anders als der König von Polen?“ „Ihr, mein verehrter Herr Schwiegervater, habt Vieles gethan aus perſönlicher Freundſchaft und Vereh⸗ rung für den Herrn Conrad von Jungingen, und ich gebe Euch recht, er war ein edler Herr, ein großer Regent und ein getreuer Freund! Dieſe Dinge aber, die ſein hochmüthi⸗ ger Nachfolger von uns fordert, ſind ganz toll und wider⸗ ſinnig. Wir ſollen unſere Weichſel für die polniſchen Schiffe ſperren, ſollen kein Getreide, kein Holz mehr von Polen kaufen und unſere Tuche, unſern Wadmoll, unſer Linnen, unſere Bernſteinkleinodien und Silberarbeiten nicht mehr an Polen verkaufen? Das heißt nicht nur unſerem Danziger Handel mit einem Schlage den Gar⸗ 78 aus machen, es heißt auch alle Induſtrie in dieſem ge⸗ ſegneten Lande unterdrücken. Was meint Ihr wohl, wo⸗ von die Tuchweber in preußiſch Holland leben ſollen, wenn ihre Fabrikate nicht mehr durch unſere Hände nach Polen, Lithauen und zu den Moskowitern gehen? und dieſe gewerbfleißigen Leute hat der Orden ſelbſt, der edle Meiſter Siegfried von Feuchtwangen, aus ihrem fernen Vaterlande von den Küſten der Nordſee hierher gerufen.“ „Hier wenigſtens, Rathsherr Große, iſt wohl nicht der Ort, ſo laut über dieſe Dinge d verhandeln, ſagte beſchwichtigend der Aeltere. Ich glaube, man ſieht ſchon von allen Seiten nach uns, und 88 iſt niemals gut, vor der Schenkſtube Dinge zu verhandeln, die nur im ver⸗ ſammelten Rathe entſchieden werden können. Iſt es Euch gefällig, einzutreten?“ „Nach Euch, Herr Bürgermeiſter! mein geehrter Schweegerwter ſagte complimentirend der Rathsherr Große, und die Beiden ſchritten ſodann ehrbarlich in den Saal, der bereits trotz ſeiner Größe mit Bürgern ziem⸗ lich gefüllt war. Einige derſelben gingen in dem ſtattlichen Raume noch nlanrn auf und nieder, die Meiſten aber hatten bereits ihre Plätze auf den verſchiedenen Bänken ange⸗ nommen, und es eilten zwei Aufwärter mit weißen Sch geſe Ra hol gen Ehr Ge mit auf ſein und beei n ge⸗ wo⸗ ollen, nach und , der ihrem ierher nicht ſagte ſchon t, vor n ver⸗ 3Euch eehrter hsherr in den ziem⸗ Raume hatten einge⸗ weißen 79 Schürzen, große Krüge mit ſchäumendem Biere tragend, geſchäftig auf und ab, die Durſtigen zu erquicken. Die beiden Herren vom Rath gingen, wie es ihrem Nange geziemte, nach dem vornehmſten Sitze, die Rein⸗ holdsbank genannt, dicht neben dem einen der großen Bo⸗ genfenſter. Hier ſtand vor dem Tiſch ein Lehnſeſſel, der Ehrenplatz des erſten Bürgermeiſters, und die ſtattliche Geſtalt des Herrn Conrad Letzkau nahm auf demſelben mit ſo vieler Würde Platz, wie nur immer ein König auf ſeinem Thron.— Der Aufwärter brachte ihm und ſeinem Schwiegerſohne ſehr eilig die großen Zinnkrüge, und die Herren, die bereits vor ihnen Platz genommen, beeiferten ſich, ihrem Bürgermeiſter und ſeinem Schwie⸗ gerſohn alle Ehre anzuthun. „Und was ſagt denn Ihr zu dieſen Zeiten und den Anmuthungen des Ordens?“ flüſterte ein behäbiges Männchen mit lebhaften Augen dem ernſten Letzkau über den Tiſch zu. „Ich ſage, daß wir die Segnungen des Friedens die längſte Zeit genoſſen haben,“ entgegnete dieſer,„und daß der König von Polen und der Herzog von Lithauen nicht ſäumen werden, ſich feſt zu verbinden gegen den Orden, ihren alten Feind. Gott helfe dabei uns fried⸗ lichen Bürgern, denn von unſerm Gut und Blut werden doch die Kriege geführt.“ 80 „Der Herr Conrad von Jungingen war ein weiſer Herr, daß er ſeinen Bruderſohn nicht als Nachfolger haben wollte. Unter dieſem kriegsluſtigen Regenten wird das Land kein Fell anſetzen, und die Bauern im Werder werden die Tonnen voll Gold, die ſie geſammelt haben, ſchon wieder los werden.“ „Glaubt Ihr die Geſchichte von dem Reichthume des Freilehensmannes, mein werther Herr Collega?“ fragte der Bürgermeiſter Letzkau. „Ob ich ſie glaube? ſo gewiß ich Tiedemann Hux⸗ ter heiße und dritter Bürgermeiſter der edlen Stadt Danzig bin, ſo gewiß hat der alte Filz Sigmund eilf volle Fäſſer mit Gold, in allerlei Münzſorten, und das zwölfte zur Hälfte gefüllt um den Tiſch geſtellt, an welchem Herr Conrad von Jungingen, der Treßler, Herr Hein⸗ rich Reuß von Plauen nnd noch neun andere Ritter bei ihm ſpeiſten. Er ſelbſt ſaß auf dem halbgefüllten und bewirthete ſeine Gäſte mit Milch, Schwarzbrot und ge⸗ bratenem Schweinefleiſch.— Sein Sohn und Erbe iſt jetzt der reichſte Kautz auf zihn Meilen in der Runde und eben ſo ein Geizhals als der Vater war. Er arbeitet wie der geringſte Knecht und trägt keinen andern Rock, als den ſeine Frau oder ſeine Mutter ſelbſt geſponnen. Solche Bauern haben keine rechte Ehre im Leibe und —,— ſer ger drd der den, ume 12„ zux⸗ tadt eilf das hem ein⸗ bei und ge⸗ iſt und eitet Kock, nen. und —— 81 ſtreben nicht vorwärts, Geld iſt ihr Gott, und an ihr Feld ſind ſie ſo zu ſagen angewachſen.“ „Das iſt echte Weisheit von ihnen,“ entgegnete der Bürgermeiſter Letzkau, ihr Feld bringt ihr Geld und der junge Siegmund ſoll ein gar kluger Cumpan ſein und vielerlei wiſſen und verſtehen, auch bei dem Hochmeiſter und den Gebietigern auf der Marienburg ſehr wohl ge⸗ litten ſein. „Ja! was mir dabei einfällt,“ ſagt plötzlich Bürger⸗ meiſter Tiedemann Huxte,„es iſt geſtern Abend an meine Wenigkeit eine beſondere Botſchaft von Marienburg ge⸗ kommen. Der Ralph, der ſchwarze Narr, kam auf einem Poſtpferde des Meiſters und ſagte, es würde morgen, als an dieſem heutigen geſegneten Abend, ein böhmiſches Fräulein hier anlangen, eine vornehme Dame, Seiner Gnaden wohl bekannt. Die ſollte hier gut aufgenommen, ihr eine Wohnung bereitet und für ſie und ihre Diene⸗ rinnen von uns ſo geſorgt werden, als wäre ſie eine Blutsverwandte des Herrn!— Was ſagt Ihr dazu, mein geehrter Herr Vorgeſetzter?“ Conrad Letzkau ſchüttelte den Kopf mit ſehr ernſter Miene Herr Große aber ſpuckte aus und ſagte ein ver⸗ nehmliches:„Pfui!“ Huxter's Augen blitzten und um ſeinen Mund la⸗ gerte ſich ein Zug, der die tiefſte Verachtung ausdrückte. Cin Büngermeiſter. 1. 6 82 „Jal das ſind die Zeichen unſerer Zeit,“ ſagte er endlich, die Achſeln zuckend. Das ſind die Gelübde dieſer adeligen Herren! umherziehende Dirnen, fahrende Frauenzimmer nehmen ſie bei ſich auf, ſchicken ſie wieder und ſind nicht blöde, ehrbaren Bürgern zuzumuthen, daß ſie dieſelben etwa gar noch bei ſich beherbergen, mit ihren Töchtern ſpeiſen und ſich unterhalten laſſen, damit dieſe die guten Lehren annehmen und künftig fein zahm ſeien, wenn es den Herren Rittern belieben ſollte, mit ihnen ſich in allerlei Scherze einzulaſſen.“ „In mein Haus werde ich die Dame nicht kommen laſſen,“ meinte Conrad Letzkau,„aber ich werde ſorgen, daß man ihr etwa im Schießhauſe oder in der Herberge zum Mohren Nachtlager beſorge. Es iſt allerdings nicht fein, daß die geiſtlichen Herren ſolche Bekanntſchaften haben, aber darum haben wir Bürger noch nicht nöthig, ſie auch zu machen. Ehrbarkeit iſt die Zierde des Bürger⸗ ſtandes! und ſoll es hier in Danzig ſo Gott will blei⸗ ben, ſo lange Conrad Letzkau als Bürgermeiſter im Rathe ſitzt.“ „Die böhmiſche Dame iſt ſchon angekommen und auch ſchon untergebracht,“ entgegnete Huxter.„Sie kam in Begleitung des jungen Ritters Heinrich von Plauen, der ein tapferer Degen und auch ſonſt kein übler Herr iſt. ich, en! nen öde, twa iſen Fren den erlei men gen, verge nicht aften bthig, rger⸗ blei⸗ r im und e kam auen, err iſt. —— ———— 83 Der Herr Abt Jacobus war mit ihnen gereiſet, blieb aber vor dem Thore in dem ſchönen Landhauſe, was Herr Klaus Ferber ſich in den Bergen erbaut hat. Der Ritter von Plauen hat die Dame zu Urſel Wald ge⸗ bracht, ich ſah den Zug einreiten und war ganz ver⸗ wundert über das ſchöne ſchneeweiße Rößlein des böhmi⸗ ſchen Fräuleins. Der Ralph ritt ihnen entgegen, ich hatte ihm geſagt, er ſoll dem Herrn meinen demüthigen Gruß vermelden, und ich für mein Theil wolle für die Dame und ihre Begleitung thun was im meinen Kräften ſtände, dies ſei aber nicht viel, denn ich bin ein unver⸗ heirateter Mann, und könne ihr daher mein Haus und Herberge nicht anbieten. „Das ſei auch nicht nöthig,“ entgegnete mir der Mohr, bei Urſel Wald ſei eine ſchöne Wohnung für ſie hergerichtet, nur um den Schutz und die Wohlgewogen⸗ heit der Bürger und des löblichen Magiſtrates von Dan⸗ zig bäte der edle Meiſter für ſeine Pflegebefohlene, und vor Allem ſei ihm darum zu thun, daß kein ſchlimmes Vorurtheil ſie etwa ſchon empfange, denn es ſei eine Dame von edlem Blute und vornehmen Sitten, eine Waiſe dazu und fremd in dieſem Lande. „Da iſt die Herberge bei Urſel Wald der Hexe ge⸗ rade der rechte Ort für ſie, die Urſel wird ſie anlernen, 6 84 meinte der Rathsherr Große. „Man ſagt, daß auch Töchter aus anſtändigen wenn ſie noch nicht klug iſt, die verſteht die Sache,“ b wi V her da⸗ Bürgerhäuſern die Urſel beſuchen,“ warf Hurter ein. „Die fremde Dame wohnt übrigens nicht ſo eigentlich hal bei der Urſel, als vielmehr nur in deren Hauſe. Der Mohr V ſ Ri hat für ein großes Stück Geld die ſchmuck ausgebauten Oberſtuben der Urſel abgemiethet, aus dem Schloſſe gen ſind dann Stühle und Seſſel, Tiſche und Bettſtätten da⸗ hin gebracht wonden, auch hat der Tapezierer Rollen⸗ und hagen gar ſchöne Vorhänge an die Fenſter gemacht, und Zir 6 alle Raume mit Ampeln und Wandleuchtern verſehen, eine dann ſind vom Topfmarkte Schüſſeln und Töpfe, Pfan⸗ Kla nen und Krüge in Eile gekauft worden. Silbernes Ge⸗ jem remde Dame weſe räthe ward auch dahin gebracht und die f wird gleich ihre eigene Wirthſchaft mit zwei Dienerinnen führen, und die Urſel wird— ſo was wie ihre Hausmeiſterin oder dergleichen vorſtellen.“ „Das ſieht ja ganz großartig aus, und als ob die Fremde wirklich was Gewaltiges und Vornehmes ſei,“ meinte Große. „Ein vornehmes Schätzchen iſt auch ein Schätzchen,“ ſagte Huxter. Der Abt hat ſte in's Brigittenkloſter brin⸗ gen wollen, aber das hat weder ihr noch dem Ritter ge⸗ fallen, der ſie geleitet, wäre ſie eine ſittſame Perſon, die hier 1 e, gen ein. tlich Cohr uten loſſe da⸗ Ulen⸗ und ehen, ſterin pb die 8⁵ wirklich das Unglück hat, allein ſo weit, iu der Welt herum fahren zu müſſen, da würde ſie denn doch wohl das Anerbieten des hochwürdigen Herrn angenommen haben, wo wäre ſie beſſer aufgehoben, als in der Schwe⸗ ſterſchaft; aber ſolche Damen, im Geleite der Herren Ritter ankommend, bedürfen keinen Schutz von würdi⸗ gen Nonnen. „Fluch, dieſer Unzucht der Herren, die ſich geiſtliche und Ritterbrüder nennen, ſagte Conrad Letzkau ſeinen Zinnkrug ſo heftig auf den Tiſch ſetzend, daß es einen lauten hohlen Kl lang gab, aber Fluch auch den Kl latſchmäulern, die nur aufpaſſen, ob ein Birgersmädchen jemals mit einem Weißmantel ſpricht. Das iſt ein Un⸗ weſen, daß Hunderte, Tauſende von eheloſen Männern hier im Lande anſäßig ſind und das Recht haben, hier⸗ hin und dahin zu gucken und zu gehen, das gibt ſo vielen Mädchen und Weibern üblen Leumund; was geiſttlich iſt gehört in die Kirche und in's Kloſter, was weltlich in ein ehrbar Ehebett. Wer ſich aber allhier unterſteht, etwa zu ſticheln, dem ſch hlage ich, Conrad Letzkau mit dieſem Becher das Gehi irn ein, ſo wahr ich Bürgermeiſter von Danzig und ein getaufter Chriſt bin.“ Tr ſtand auf, ſch ob die Halskrauſe gerade und blickte un lammenden Augen um ſich.„Gott befohlen, Ihr Her⸗ ren,“ ſagte er, und etwas gefaßter, als er ſah, daß kein Blick 86 des Spottes auf ihn fiel,„es iſt SUhr vorüber und meine Hausfrau wartet mit dem Nachteſſen, zum Wiederſehen, morgen auf dem Rathhauſe, Herr Collega Tiedemann Huxter.“ Er ging.— Es war das Zeichen zum allgemeinen Aufbruche. die Bürger und Rathsherren verließen ehrbar in Mantel und Kappe gehüllt die ſchöne Halle. Die zwei Aufwärter liefen nach einer Weile hin und her, trugen die Zinnkrüge zuſammen und ſänuberten ſie, ließen die Bierreſte, welche beim Trinken vergoſſen, durch die Oeff⸗ nungen mit welchem der Deckel der Schenkbanken vorſich⸗ tig verſehen, in das mit Zinn ausgegoſſene Innere des⸗ ſelben gelaufen waren; durch eine kleine angelegte Rinne in Näpfe fließen, um ſie aufzuheben zum gelegentlichen Gebrauch in der Küche, kehrten den Fußboden des Arturs⸗ hofes und entfernten ſich dann mit dem jungen Bürger, der in jenem Monate das Recht und die Verpflichtung hatte, in dem Artushofe ſein Bier auszuſchenken. Nacht und Schweigen herrſchten bald in dem vor Kurzem noch ſo lichten, ſo lebhaftem Raume und das Bild des Rieſen Chriſtopherus, den kleinen Jeſusknaben auf der Schulter tragend, ſchien die einzige Menſchenge⸗ ſtalt zu ſein, die ſich noch in demſelben befand. Dem war aber nicht ſo! Als Alles ſich entfernt hatte, als die Thü⸗ ren des Gebäudes mit den mächtigen Schlüſſeln ver⸗ eine jen, ann inen rbar zwei ugen n die rſich⸗ des⸗ Kinne 87 ſchloſſen waren und tiefe Dunkelheit in der großen Halle herrſchte, bewegte ſich etwas, das Leben hatte, leiſe hu ſchend an den Wänden hin und her. Es tappte neben den großen eichenen Flügelthüren vorüber, nach dem Fenſter, an dem die Sitze der Reinholdsbank ſtanden. Dort ange⸗ kommen kroch es hinter den Stuhl, auf welchen Conrad Letzkau geſeſſen und hier von der breiten Lehne desſelben wie durch einen Schirm von dem Fenſter geſchieden, be⸗ gann es ſich als ein Weſen von Fleiſch und Blut auszu⸗ weiſen, denn es ſchlug mit dürren Händen Feuer an,— die Funken ſprühten auf und beleuchteten ein altes Ge⸗ ſicht, das auf dem Körper eines Weſens ſaß, von dem man ſchwer mit Beſtimmtheit hätte ſagen können, ob es ein Mann oder Weib ſei.— Jetzt hatte der ſeltſame Spuk ein kleines Licht angezündet, daß auf einem ſehr eigenthümlichen und ſehr häßlichen Leuchter ſtand. Es war eine Hand, von der das Fleiſch abgefallen war. Die Finger hatten ſich vielleicht im Todeskampfe, durch vielleicht gewaltiges Zuſammenbiegen nach dem Tode, zu einer Fauſt geballt und in dem fleiſchloſen gekrümmten Zeigefinger ſteckte das Licht, eine kleine gelbe Unſchlittkerze mit einem ſeidenartig glänzenden Dochte. Bei dem Schimmer dieſes Lichtes zeigte ſich das Geſicht der Perſon, wachsgelb mit den unheimlich blitzen⸗ den Augen, die man gewöhnlich nur bei Irrſinnigen fin⸗ det. Langes, rothes mit Grau untermiſchtes Haar, fiel in vollen Locken und Ringeln, um eine hohe, ſtark ausge⸗ prägte Stirn, Mund und Naſe mußten einſt von wun⸗ derbarer Schönheit geweſen ſein, und die Zähne in dem feinen Munde, waren noch wohl erhalten und blendend weiß, aber durch das Zurücktreten des Zahnfleiſches ſehr lang und wie bei Raubthieren einzeln ſtehend. Die Perſon hockte am Boden und beleuchtete mit ihrer häßlichen Kerze, nach allen Seiten den Ehrenſitz, auf dem noch vor Kurzem der erſte Bürgermeiſter Danzigs geſeſſen hatte. „Warte, Conrad Letzkau! warte!“ murmelte ſie, o wie ſchön verſtehſt Du es, den Tugendhelden, den ſittſa men Mann zu ſpielen. Fluch Dir! dreifacher, zehnfacher Verräther, und mögen Deine Gebeine auf dem Raben⸗ ſteine vermodern und Dein falſches Herz von Hunden zerriſſen werden. Du kennſt ſie nicht, die Urſel Wal ld, haſt keine Gemeinſchaft mit ihr gehabt ſie iſt eine Hexe, deren Gegenwart ſchon Unehre bringt. Hal! Fluch Dir! und Allem, was Deines Blutes iſt!“ Sie kniete dann neben dem Stuhle nieder, und legte den Kopf auf den Sitz desſelben.„Möge Ruhe und Frieden von Dir weichen, wie ſie von mir gewichen ſind,“ murmelte ſie leiſe und zog dabei aus dem Buſen eine Phiole, mit deren Inhalt ſie ihren Finger betupfte; mit eine mit 89 der Spitze desſelben malte ſie allerlei Zeichen auf das Holz des Stuhles, die alsbald in der Finſterniß ein blei⸗ ches bläuliches Licht und zugleich einen unangenehmen ſchwefelartigen Geruch verbreitete. Dann erhob ſie ſich plötzlich und ſtand eine hohe weibliche Geſtalt neben der Reinholdsbank, den dürren Arm empor zu der finſtern Decke des Gewölbes ſtreckend. „Ihr Götter meiner Väter, deren Namen mir zu nennen verboten ward, als man mich ein unwiſſendes Mägdlein taufte. Ihr, die man mich als böſe Geiſter fliehen und verachten lehrte, und zu denen mein verzwei⸗ feltes Herz zurückkehrte, als mir alles geraubt wurde, was ich liebte. Euch! Euch! weihe ich dieſes Mannes ſchuld⸗ beladenes Haupt!“ rief ſie, und die Wölbung des Saales ſchien von dem Laute ihrer mächtigen Stimme zu erdröh nen. Verrath ſoll ihn, der Verrath übte, tödten, und die er liebt, ſollen ihn vergeſſen und verlaſſen! miß ihm mit dem Maße wie er gemeſſen!—4 Bei dieſen wilden Worten blies ſie raſch das Licht aus, warf aber vorher noch einen Mantel von ſchwarzen Schaffell, in dem ſie gehüllt war, an den Boden, ſo daß ſie eine Secunde lang daſtand, nur bekleidet mit einem engen weißen Gewande, deſſen Säume mit Miſtelzweigen —— 90 beſetzt waren, während ein Gurt, von Menſchenhaar ge⸗ webt, es um die Taille ſchürzte. Tiefe Dunkelheit herrſchte jetzt in dem Saale, und die Stille der Nacht durchdrang der Laut troſtloſen Weinens. „Jungfrau!“ flüſterte dann plötzlich die Stimme des armen Weides,„gebenedeite Jungfrau! Die Prieſter lehren, daß Du Deinen Sohn am Kreuze ſterben ſahſt. Du kennſt, Du fühleſt den Schmerz einer Mutter! Gib mir mein Kind wieder, meinen ſchönen, holden Sohn, oder laß mich zum mindeſten wiſſen, wo ſein Gebein in der Erde ſchlummert, damit ich mein Haupt auch an den Platz legen und ſterben kann.“ „Gebt mir Rache, Ihr Götter meines Volkes, gib mir Hilfe, nucvereche Mutter des Heilandes. O, es ſind der Götter ſo viele in den glänzenden Himmelshallen, ſoll denn nicht bei Einem Troſt und Rath ſein für ein armes, gequältes Menſchenherz.“ In dieſem Augenblicke ward die Thüre der Halle, weich nach dem Schnüffelneant kt führt, leiſe geöffnet. Ein Licht blitzte durch die kleine Spalte und die Stimme Ralph's, des Mohren, rief leiſe:„Kommt nun, Urſel, Iör ſeid drei Stunden hier geblieben und Mitternacht iſt längſt vorüber, kommt! Thut dem Fräulein Gutes, der Meiſter wird es Euch vergelten und es ſoll Euch an nichts ent mer wa wel ſend ge⸗ und oſen mme eſter ahſt. Gib bohn, in in den —— 1 91 fehlen, was zu Euern Zauberwerken gehört, dafür werde ich ſorgen.“ Die Alte raffte ſich auf, hüllte ihren hagern Leib in die Falten des Pelzes und folgte dem Manne, der das 8 der Laterne mit ſeinem Gewande verdeckend, ſie leiſe hinausführte und mit ihr durch mehrere ſtille Stra⸗ ßen ſchreitend, ſie endlich an ein richt unanſehnliches Haus brachte, deſſen Thüre ſie öffnete und ihm voraus⸗ ſchritt. Sie gingen über einen gewölbten Flur⸗ Die Wände dusſelbe waren mit glänzenden Flieſen ausgetäfelt und mit ungeheuren Schränken von Eichenholz umſtellt. Tod⸗ tenſtille herrſchte im Hauſe und um ſo deutlicher hörte man unter dem Fußboden ein dumpfes gleichförmiges Sauſen, von welchem die Täfelung zu er zittern ſchien. Ein Arm des Radauer Fluſſes, denn der vorige Comthur von Danzig, über Tempe lburg zur Speiſung der Brun⸗ nen nach Danzig geleitet hatte, fiel hier von einer klei⸗ nen H5h e in den Mottlauſtrom. Das Haus der Urſel Wald, nur wenige Schritte entfernt von der ehemaligen Burg der Herzoge von ban merellen, welche jetzt der Sitz des Comthurs von Danzig war, ſtand über dem Fluſſe und eine Fallthüre im Flur, welche die Alte öffnete, zeigte plötzlich das ſauſende, brau⸗ ſende Waſſer. 92 „Fahr' hin,“ ſagte das Weib, indem ſie einen Ge⸗ genſtand aus ihrer geöffneten Hand in die Tiefe hinab gleiten ließ,„Du haſt mir genug gedient.“ „Was habt Ihr da hinabgeworfen, Alte?“ ſagte Ralph mit unterdrückter Stimme. „Die Hand meines Gatten, der am Galgen ſtarb,“ flüſterte die Frau.„Die Wellen ſollen ſie murmelnd in's Meer hinab tragen, aber mögen ſie nichts von dem er⸗ zählen, was geſchah, als aus dieſer dürren fleiſchloſen Hand das warme Leben zuckend entfloh.—„Tretet ein, Ralph! und nehmt einen Biſſen zu Euch, ehe Ihr ruht, es ſteht für Euch bereit.“ Der Mohr ging auf den Wink der Alten vorne in ein Zimmer zu ebener Erde, das für Zeit und Gegend mit großem Luxus ausgeſtattet war.— Auf einem Tiſche von Nußbaum, der mit einer reich geſtickten Decke bedeckt war, ſtand Wein in einem thönernen, mit zierlichem Flechtwerke umgebenen Kruge, daneben ein ſilberner Becher von feinſter Arbeit und auf ſilbernen Tellern lag Backwerk, Aal in Gallert eingekocht, weißes Brot und das köſtliche Fleiſch eines Bärenſchinkens. „Eßt und trinkt,“ ſagte die alte Frau,„und ſchlaft dann in Frieden, Ihr habt nichts auf dem Herzen, das Euch Schlaf und Appetit rauben könnte.“ „Ich laſſe mir Beides nicht ſo leicht rauben,“ ent⸗ ges M für im⸗ Fre in mel ma gen am die zend Rof dem was 93 gegnete der Mohr,„aber wo lebt wohl auf Erden ein Menſch, der nicht Diunde auf ſeinem Herzen hätte, die ihn für alle Ewigkeit um Beides bringen müßten, wenn er immer ſo daran dächte, wie Ihr an das was Euch drückt, Frau Urſel.— Jch mit meiner ſchwarzen Haut bin hier in dieſem kalten Lande ein Fremdl ling. Erde und Him⸗ mel, Menſchen und Thiere ſind in meiner ſchönen Hei⸗ mat anders als bei Euch. Da gibt es keine troſtlos lan⸗ gen Nächte, kein Strom und Bach erſtarrt da zu Eis; am ewig blauen Himmel lacht i in einer Hälfte des Tages die ewig heitere Sonne und in der anderen die ewig glän zenden Sterne. Dort hatte auch ich Freunde, Verwandte, Roß und Kameel, das luftige Dach eines Zeltes über dem Haupte; ich war ein freier, ein glücklicher Menſch; was bin ich jeot. 84 „Der Diener eines gütigen Herrn, der Euch liebt und vertraut,“ entgegnete die Alte. „Der Sklav' meines Todfeindes, der mich füttert und kleidet, über meinen Schmerz und meine Thränen lacht, und mir eine hohe Ehre zu erzeigen glaubt, wenn er zu mir ſagt: Mein treuer Schwarzer, geh' hin, horche an den Thüren, belauſche die Gedanken ehrliche er Leute, die ſich einſam wähnen, und erzähl' mir's wieder, ich vertraue Dir! Ich liebe meinen Herrn, jetzt lieb' ich ihn, denn er iſt gütig gegen mich; aber ich habe ihn einß ge⸗ 4 94 haßt, wie Ihr den Letzkau, ich denke Weiberhaß muß länger währen, als der in Mannes Bruſt. Haß zerſtört die Welt und ich will es Euch ſagen Frau, und glaubt dem Worte eines Narren. Dies Land wird mit Blut ge⸗ düngt werden, bis ſeine Bewohner Alle lernen ſich als Brüder erkennen, und wie Brüder mit einander leben. Jetzt iſt die Hand des Einen wider den Anderen, und an der Grenze ſteht mit gezücktem Schwerte der Pole, nur darauf lauernd alles deutſche Weſen hier auszurotten. Es iſt kein Volk hier, was dieſe nordiſchen Gauen be⸗ wohnt, ſondern ein buntes Gemengſel wie meine Narren⸗ jacke von allerlei Flecken und Lappen.— Der deutſche Ritterorden iſt der Laden, der die Lumpen nur mit Klug⸗ heit zuſammen hält.“ „Die alten Preußen, die hier herum und an den Küſten von Semland ihre Götter verehrten, ſind wie ihre heiligen Wälder gefallen, unter dem Mordbeil, das dieſe thörichten Chriſten an ihre Wurzel legten. Aus Deutſchland kam allerlei Volk, das daheim nichts zu beißen noch zu brechen, und nichts zu verlieren hatte. Die bauten Korn, wo früher der Wald rauſchte. Es kamen von den fernen Küſten der Nordſee die ſchlauen Holländer und brachten ihre Webeſtühle und Wollenſpin⸗ nereien hierher, aus Wälſchland fanden ſich ſolche Leute ein, die in Silber und Bernſtein zu arbeiten verſtehen, nuß tört ubt ge⸗ als ben. ban nur tten. lbe⸗ ren⸗ tſche lug⸗ den lauen liſpin⸗ Leute tehen, 95 Holzſchneider, Baumeiſter, Maler. Ein Jeder aber will nur ſeinen Vortheil und ſucht ihn auf Koſten der Andern; und hier in dieſem Lande am Ende der Erde, da kaun ſo Mancher noch finden, was ihn reich macht, und die Gier ſeines Herzens befriedigt, ohne die Nachbarn zu beein⸗ trächtigen. Haben doch ſelbſt auch aus dem Morgenlande dieſe Ritter mehr als einen gefangenen Mann, mehr als ein ſchönes Weib mitgebracht, die hier lebten und ſtar ben, freiten und Kinder zeugten, und eine Spur ihres ſüdlichen Blutes in ihren Nachkommen zurück ließen.— Ich freilich werde der Letzte ſein, der, dort geboren, wo der Samum über die Wüſte ſtreicht, ſein Haupt in dem Moorboden dieſes Landes zur Ruhe legt!“ Es regieren keine Chriſten mehr in Jeruſalem. Das Haupthaus des Ordens in Akon liegt in Trümmer und kein Hochmeiſter mehr wird dorthin ziehen und es eine Ritterthat nennen, einen armen fliehenden Sohn Arabiens zu fangen und aus ſeiner Heimat zu ſchleppen. Es wird eine Zeit kommen, kein Weißmantel wird ſie aber erleben, da all, die Einwanderer und Eingebornen in dieſem Lande ſich zu einem Volk vermiſcht haben, das eine Vormauer bildet gegen dieſe Polacken und Mosko⸗ witer. Es wird ein deutſches Volk ſein, aber gemiſcht mit dem Blute der alten Preußen, daß es heiter und ausdauernd, kühn und ſelbſtvertrauend macht, gemiſcht 8 96 mit dem Blute der Holländer, das es gewerbfleißig und gutmacht, gemiſcht mit dem Blute der Wälſchen, von denen es Kunſttrieb und Weisheit empfängt. Das wird das Volk Preußens in ſpäten Tagen ſein und nicht Mönchs⸗ ritter, ſondern wackere Herrſcher aus deutſchem Stamme werden es regieren, ſchöne Frauen, ſanft wie die Köni gin Hedwiga, aber treuer wie ſie, werden die Krone Preußens tragen, und das polniſche Weſen und der Uebermuth der Tartaren und Moskowiter wird in alle Ewigkeit zerſchellen an der Kraft und deutſchen Mann⸗ heit des Preußenvolkes.“ Der Mohr ſchwieg und ſtützte ſein Haupt in die Hand. Die alte Urſel aber blickte ihn ſinnend an und ſagte leiſe:„Amen!“ Und draußen graute der Morgen, der Wächter am Waſſer der Mottlau rief die dritte Stunde aus, und an dem Burgthore trat mit raſſelndem Schritte die Ab⸗ löſung vor, den Mann, der ſich dort verdroſſen auf ſeine Helebarde lehnte, von ſeinem Wächter⸗Amt befreiend, und es in die Hand eines anderen legend. Der Mohr verließ mit leiſem Schritte das Haus der Alten und betrat das Burgthor im Gefolge der Wache. Urſel aber ſchlich hinauf in ein Kämmerchen, ddas faſt an dem Zimmer ihres jugendlichen Gaſtes lag, legte das Ohr lauſchend an eine Spalte der Holztäfe⸗ lu V un „r ſet ab Eb bre Se der ſie und nen das ichs⸗ mme öni rone der alle ann in die und r am und e Ab⸗ ſeine eiend, Haus e der erchen, s lag, gtäfe⸗ 97 lung und blickte in den matt erleuchteten Raum, wo Vlaſta auf weichen Kiſſen ſchlief.„So jung, ſo ſchön und ſo verlaſſen,“ ſagte ſie mit einem tiefen Seufzer, „wo iſt Deine Mutter, armes fremdes Kind?“ und dann ſetzte ſie mit Zähneknirſchen hinzu;„Wo mein Sohn iſt? abgeſchlachtet wohl von wüthenden Böſewichtern, die zur Ehre ihres am Kreuze geſtorbenen Gottes, morden, brennen und das Kind vom Herzen der Mutter reißen. Schlaf in Frieden, armes Mädchen, unter dem Dache der Urſel Wald ſoll Dir nichts Böſes geſchehen, ſo lange ſie es hindern kann.“ Ein Bürgerm eiſter. J. 7 Fünftes Kapitel. Zwei Tage ſpäter ſtand Ralph, der Mohr, in Marienburg in einem kleinen Gemach von äußerſt zier⸗ licher Bauart, des Meiſters Stübchen genannt. Er hatte die Reiſekleider bereits abgelegt, und trug einen Rock ans Streifen von verſchiedenfarbigem Tuche ſehr künſtlich zuſammengeſetzt, Schuhe von gelbem Corduan und in der Hand einen mit ſilbernen Schellen verzierten Stab. Er war nicht allein in dem freundlichen Gemache und der Mann, in deſſen Gegenwart er ſich befand, war Niemand anders, als der derzeitige Gebieter von Preußen, Herr Ulrich von Jungingen, Hochmeiſter des deutſchen Ordens. Der bedeutende Mann war auch eine bedeutende und imponirende Perſönlichkeit. Groß, ſchlank und von edlem Gliederbau, ſchien er zum Herrſchen von der Natur beſtimmt zu ſein. Seine Kleidung war durch den weißen Watmollmantel, den er feſt um ſeine Schultern gezogen . in zier⸗ und igem lbem hellen nache war ißen, ſchen tende dvon datur eißen zogen 99 hatte, ganz und gar verdeckt, doch ſelbſt an dem Stiefel ſah man, daß er die ſtrengen Ordensgeſetze nicht ganz ſtreng befolgte, denn ſein Fuß ſteckte in einer Hülle von feinem Gemsleder; auch trug er hohe Haken an den Stieſeln und künſtlich gearbeitete goldene Sporen, Alles, den deutſchen Ritterbrüdern verbotene Luxusgegenſtände. Sein männlich ſchönes Geſicht von dunklem, locki⸗ gen Haar und einem weichen vollen Barte umrahmt, hatte einen Ausdruck von Stolz und Trauer, ſo daß, wenn er ruhte und ſich unbeachtet glaubte, tiefe Schwer⸗ muth ihren Schleier über die ſchönen Züge zu verbrei⸗ ten ſchien, während im Geſpräch meiſtens der Stolz die Oberhand behielt. „Alſo Gedete, der wackere Mann, iſt noch immer unſer treuer und ergebener Freund?“ ſagte der Meiſter, während ein ſehr angenehmes Lächeln über ſein ſchönes Geſicht glitt. „Ja, Herr! und einen treueren habt Ihr nicht in dieſem Lande,“ entgegnete der Mohr,„aber dieſen Dan⸗ zigern iſt einmal wieder eine Lehre nöthig, ſonſt ver⸗ geſſen ſie ganz und gar, daß ſie Unterthanen ſind, ſie gebehrden ſich gegenwärtig wenigſtens wie Herren, pochen auf ihre Rechte als Hanſeſtadt, und hätten nicht übel Luſt, ſich dem Polenkönig, als einem Verwandten und Erbvettern ihrer Mißwin und Subislave, der Caſſuben 7* 190 und Pommerellen Herzoze in die Arme zu werfen. Der Conrad Letzkau aber iſt ein getreuer Mann, Herr! und ein verſtändiger Mann dazu, warum wendet Ihr Euch nicht an ihn, ſtatt an Huxter, wenn Ihr irgend etwas von dieſen hartköpfigen Pfahlbürgern verlangt, was Ihr nicht direkt befehlen könnt?“ Der Meiſter ſchwieg und trat an das Fenſter, das eine weite freie Ausſicht über den Nogatſtrom und die flache Gegend des Werders gewährte. Die Gedanken, die ſeine Seele erſüllten, mußten tief traurig ſein und er ſeufzte und drückte ſeine Stirne an die mit Blei gefaßten runden Scheiben, auf denen in prächtiger Glasmalerei das Bilduiß des Ritters St. Georg prangte. „Und die Dame iſt gut aufgehoben, und gefällt ſich in der Wohnung, die Dein Witz für ſie auserſehen?“ fragte er endlich. „Ja, Herr! und mit der Zeit wird es ihr dort ganz heimlich und traulich werden. Die Urſel iſt bei all' ihrer Hexerei ein gutartig Weib, das junge Menſchen lieb hat und ihnen Guites gönnt. Sie iſt überdies von vornehmer Geburt, wie Ihr wißt, d. h. nicht vornehm nach Euerem Sinne, Herr, aber ſie gehörte einſt zum Hofhalt der Gemalin Witold's und hat wunderbare Dinge erlebt. Euer edler Vetter, Meiſter Conrad kannte ſie wohl.“ Ulrich von Jungingen warf einen ſtolzen Blick auf —,— — der ind uch vas vas das die die d er zten lerei mer rem der Fuer auf 101 den Mohren.„Du willſt mir einbilden, Ralph, daß mein Vetter Conrad überhaupt alle Leute in dieſem Lande kannte, ihre Lebensgeſchichten und Abenteuer wußte und wie der allwiſſende Herrgott überall wirken und eingrei⸗ fen konnte, wo ich als ein blinder Tapp ins Mus nur ſo auf's Ungefähr hin handle, da er mich ſeines Ver⸗ trauens niemals würdigte. Du ſiehſt ein, daß ich auch ohne ſein Vertrauen, und ſehr gegen ſeinen Willen auf derſelben Stufe der Ehre ſtehe, die ich mit all ſeiner ver⸗ wandtſchaftlichen Vermittlung hätte erreichen können. Jetzt danke ich mein Amt meinem Schwerte und meinem Eifer für das Chriſtenthum und der Sache meines heili⸗ gen Ordens. Meine Brüder erwählten mich zu meiner Würde, gegen Conrads ausdrücklichen Wunſch und ſie ſollen es, ſo lange ritterliche Herzen in ihnen ſchlagen, nicht bereuen. Wir ſind nicht hier, das Land als Herr⸗ ſcher und Potentaten im Frieden zu regieren, damit die Bauern das Geld tonnenweiſe ſammeln und die Kauf⸗ leute nach allen Himmelsgegenden ihre Waaren verſenden. Wir ſind geſchworne Krieger Gottes! das Schwert gegen die Heiden zu führen iſt unſer Beruf, und das Licht des heiligen, Glaubens Chriſti ſollen wir in die fernſten Winkel der Erde tragen.“ „Da müßt Ihr, Herr, heut zu Tage Euch Türken⸗ und Mohrenköpfe aus Holz drechſeln laſſen, und Euer 102 Schwert gegen dieſe führen, oder Ihr müßt, wie es wohl ſo Mancher meint, das Land ganz und gar ver⸗ laſſen und nach Syrien und Paläſtina ziehen, von wannen Ihr gekommen, hier herum gibt's keine Heiden und das gerade Kreuz der lateiniſchen Chriſten ſtößt an der Gränze Eures Landes an das ſchiefe des griechiſchen. „Hat nicht dieſer Wladislav Jagello, den dammen möge, einen Bund geſchloſſen, mit Batt dem Tataren?“ rief der Meiſter.„Ja, dieſer iſt ein Heide, trotz des Taufwaſſers, das man an r⸗ ſchwendet, und er iſt übermüthig geworden, weil Courad, mehr Regent als Ritter, nur an den Frieden für ſein Land, an Handel und Wandel, an Ackerbau und Gewerbe dachte.“ „Ja, Herr, da habt Ihr Recht!“ entgegnete der Mohr, und ſein dunkles Geſicht verzog ſich zu einer häß⸗ lichen Fratze,„und mögt Ihr es glauben oder nicht, es gibt Thoren i in Eurem Lande und auch anderwärts, die da meinen, die Welt könnte beſtehen ohne Ritter, ohne Schlachten, ja ſogar ohne Chriſtenthum, aber nicht ohne Ackerbau⸗ Gewerbe, Handel und Wandel.“ Der Meiſter wü einen Zornes blick auf den Moh⸗ ren, vor we ſchem ſ o manches kühne Herz erbebt wäre. „Du glaubſt mir bieten zu können, was Du meinem Vet⸗ ter zu bieten Dich gedreiſten durfteſt, Sclave!“ ſagte er ——— ver⸗ nen das der er⸗ han, llbſt er⸗ rad, ſein erbe der äß⸗ „es die hne hne oh⸗ üre. zet⸗ er ——— 103 mit Strenge,„hierin aber irrſt Du! Ich kann Dich be⸗ nützen wie Conrad Dich benützte, als Spion, aber ich be⸗ darf ſolcher Dienſte, Gott lob, weit weniger als er. Ich verlaſſe mich auf mein Schwert, nicht auf meine Schlau⸗ heit und fürchte weder rebelliſche Unterthanen, noch höh nende Nachbarn, und ich will nicht wie er, Frieden um jeden Preis! Geh' und laß Dich vor meinen Augen nicht wieder ſehen, abſcheulicher Heide, der da wagt, mit ſeinen ſchmutzigen Scherzen das Chriſtenthum ſelbſt anzu⸗ greifen.“ „Herr!“ entgegnete der Mohr, in anſcheinend ſehr demüthigem Tone,„ſchickt mich erſt von Euch, wer wird es denn wagen, Euch die Wahrheit zu ſagen, wenn das ſchwarze Geſicht in der bunten Jacke nicht mehr durch dieſe ſtolzen Säle ſchleicht und Fliegen mit den Händen und Wahrheit mit den Ohren fängt? Warum hört Ihr, geſtrenger Meiſter, immer aus meinen einfältigen Wor⸗ ten etwas heraus, das Euch beleidiget? bin ich doch nicht Euer Gewiſſen, wenn ich auch viel von Euch weiß. Ja! Euer Ohm Conrad kannte die Verhältniſſe, die Bedürfniſſe, die Wünſche und Befürchtungen ſeiner Un⸗ terthanen, würde Euch das kränken, wenn Ihr ſie auch kennen lerntet?— Helſ' Euch Gott, Meiſter Ulrich von Jungingen, wenn Ihr Euern Narren von Euch weiſet, werdet Ihr's zeitig zu bereuen haben, denn Ihr habt 104 keinen Spiegel in all' Eueren Gemächern, ſo will es die Ordensregel. Ulrich von Jungingen war während dieſer dreiſten Rede ohne Zorn im Zimmer auf⸗ und abgegangen. „So mäßige Dich denn künftig in Deiner Narrheit, Ralph,“ ſagte er endlich.„Du haſt mir das Leben ge⸗ rettet, als ich noch faſt ein Knabe an dieſen traurigen Ort kam, und weißt auch, wie viele Sorgen auf meinem Haupte laſten, wie viel Kummer mein Herz be⸗ drückt. Mache Du mir nicht Vorwürfe über Dinge, die ich nicht verſchuldet habe, denn Du weißt es ja, wie ſtreng mein Ohm mich fern hielt von allen Geſchäften des Regiments, von allen—“ Die Thüre, welche aus des Meiſters Stube nach dem großen Hauptgange des Schloſſes führte, ward in dieſem Augenblicke geöffnet, und ein ſehr junger Mann, im weißen Ordensmantel trat ein und blieb mit geſenk⸗ tem Haupte, und die Hand am Schwertgriff, wie es die Ordensregel befahl, ſchweigend in der Ferne ſtehen. „Was habt Ihr mir zu ſagen, Junker von Trothe?“ fragte der Hochmeiſter, ſich zu demſelben wendend. „Herr! es ſind Männer am Burgthore, die ſich Abgeſandte des Königs von Polen nennen, und ſie be⸗ gehren Einlaß, um Friedensunterhandlungen mit Euch zu pflegen.“ 105 „Es ſoll ihnen geöffnet werden,“ befahl der Meiſter mit Würde.„Mit⸗ und Nachwelt ſoll von uns nicht ſa⸗ gen können, daß wir billigen Friedeusbedingungen nicht gern und willig unſer Ohr geliehen. Die polniſchen Herren ſollen wohl empfangen und gut bewirthet wer⸗ den.“ Er machte ein Zeichen mit der Hand, das dem Junker die Erlaubniß gab, ſich zu entfernen. Dann aber ging er von Neuem mit großen Schritten auf und ab, und wandte ſich raſch an Ralph, der ſtill im Hintergrunde ſtand und mit ſeinen ſeltſam leuchtenden Augen jeder Vewendng ſeines Herrn folgte. „Rufe mir den Comthur von Schwetz, Alter,“ ſagte er ganz und gar begütiget„und ſorge Du dafür, daß unſer Geſpräch nicht geſtört werde. Der Mohr entfernte ſich, doch in der Thür kehrte er noch einmal raſch um, ergriff den Zipfel von Ulrichs weißem Mantel, und ihn an die Lippen ziehend, ſagte er leiſe:„Ich dank' Euch, mein großmüthiger Herr!“ „Nun, laß nur, alter Freund,“ entgegnete der Meiſter und ein Ton der Rührung zitterte offenbar in ſeinen Worten,„Du weißt ja doch, daß Ulrich von Jun⸗ gingen Dich weder verſtoßen, noch Dir lange zürnen kann.“ Als der Hochmeiſter ſich jetzt ganz allein in ſeinem Zimmer befand, warf er ſich mit dem Ausdruck tieſſter 106 Ermattung in einen Seſſel.— Friedensboten, von dieſem ind . F A.,,.. falſchen Polen, flüſterte er leiſe.— O der Friede weicht wol von dieſem Lande und die Kriegsfurie fährt auf ehernem mnei Fittig durch die Welt. Hanahf Kampf! mein Herrgott, Mi Kampf und Tod! das iſt alles warum ich Dich anſlehe. 6 wie Höllenfeuer brennt in meiner Seele, das Bewußtſein mei⸗ wan ner Falſchheit, meiner Schwäche und Schmach.— Ver zeu ruchtes, verfluchtes Loos, das man mir bereitet, als ich De noch ein unwiſſendes Kind war und nicht ahnte, was blei ich that, da ich dieſe drei Gelübde auf meine Seele nahm. wül Ach Heinrich! da ſeid Ihr, Grüß Cch. Gott Alter! mein wei He verlangt, bevor ich mit dieſen falſchen Polen ſpreche, 1 noch ein Wort von Cuch zu hören, ber Euern Neffen, dies ſeine Hoffnungen und ſeine Reiſe. erbe Der Eingetretene, Herr Heinrich Reuß von Plauen, Ne⸗ zur Zeit Comthur von Schwetz, war ein ſchlanker Mann mn der kaum 30 Jahre zählen mochte, und ein Ausdruck von Lin ganz ungewöhnlicher Kraft und Intelligenz charakteriſir⸗ nid ten ſeine Erſcheinung. am „Ulrich ſagte er,“ und ſeine tiefe Stimme war bis Sc zum Flüſtern gedämpft,„Ihr ſpielt ein gewagtes Spiel 5 Ju in dieſer Angelegenheit, und begünſtigt eine Sache die nar Verderben über uns alle bringen kann. Was gibt Euch Ih dies Intereſſe, an meines thörichten Neffen Wunſch aus Kö dem Orden zu treten und die Luſt des Fleiſches zu ſtillen, ich was ihm. nein eche, —,— indem er ſich mit einem Weibe vermählt das ſeinen Augen wohlgefällt?— Seit ich Euch mit den Lehren jenes Böh⸗ men bekannt gemacht, der die Eheloſigkeit der Prieſter, Mönche und Ordensritter ein Gräuel nennt, ſeid Ihr wie umgewechſelt. Meint Ihr denn wirklich die Welt um⸗ wandeln, gegen Papſt und Geiſtlichkeit, ja gegen die Ueber⸗ zeugung aller Menſchen kämpfen und ſiegen zu können 2 Der Orden wird lange noch vielleicht in alle Ewigkeit bleiben wie er iſt, und das Höchſte was Ihr erlangen würdet, wäre zumeiſt die Freiheit dieſes Jünglings, den weißen Mantel abzulegen.“ „Und habe ich nicht etwas Großes erlangt, wenn ich dies erlange? entgegnete der Hochmeiſter. O wenn eine erbarmende Seele für mich gethan, was ich für Euern Neffen zu thun beabſichtige, was ich thun werde, ſo wahr mir Gott helfe, ſo wäre jetzt mein armes Herz nicht mit einem todeswürdigen Verbrechen behaftet, ſo dürfte ich nicht mein Leben dahin ſchleppen, wie Lazarus, zwar nicht am Körper, aber an der Seele behaftet mit Wunden und Schwüren. Sprecht mir alter Freund von dem wackern Jungen und ſeinen Hoffnungen und erzählt mir auch ge⸗ nau die Geſchichte dieſes Mädchens, aber zuvor, hört Ihr, nennt mir den Namen der Abgeſandten des Polen⸗ Königs.“ 1 „Es iſt der Erzbiſchof von Gneſen, entgegnete der 108 Comthur und in der Wahl dieſes Mannes, der dem Or⸗ den ſo feindſelig iſt, liegt die Gewißheit des Krieges. Ihn würde Wladislav nicht geſchickt haben, wenn er noch einen Funken friedlicher Geſinnung in ſeiner falſchen Bruſt hegte.“ „Krieg alſo, Krieg!“ ſagte der Hochmeiſter, und das vergoſſene Blut komme über ſein. Haupßt, nicht über das meine, denn ſo heiß auch mein Herz den Krieg begehrt, ich bin es nicht, der ihn heraufbeſchworen.— Wir werden dieſen Biſchof Audienz bewilligen zur rechten Zeit, jetzt aber Heinrich ſprecht mir von dem Mädchen, das wie ein, aus dem Grabe erſtandenes Bild meiner Jugendträume vor mich trat, und die Wunden meiner Seele aufgeriſſen hat, daß ſie friſch bluten.“ „Ulrich,“ entgegnete der Comthur,„ich kann Euch und Euer ganzes Weſen nicht verſtehen, Ihr macht Euch Vorwürfe, weil Ihr einſt vor Jahren Euer Gelübde bra⸗ chet, weil Fleiſch und Blut in den Tagen der Jugend in einer unbewachten böſen Stunde einmal mächtiger waren, als menſchliche Vorſätze, und doch ſeid Ihr es, der in ſei⸗ nem Herzen den Vorſatz trägt, die Gelübde des Ordens gänzlich aufzulöſen und in ein weltliches Reich das Land zu verwandeln, das unſere geiſtliche Verbindung den Hei⸗ den entriß, doch ſeid Ihr es, der auf die Reden des böh⸗ miſchen Prieſters, wie auf ein neues Evangelium lauſcht, † und das alte ſich ben Sel eige den was voll dar und wei Jol aus möe fieh Jal noch Eu⸗ lef ein Litt Or⸗ Ihn neu ruſt und ber rieg 109 und der thörichten Verirrung eines heißblütigen Jungen, das Wort vedet. Wie paßt dieß Alles zuſammen mein alter Freund und Herr?“ Ulrich war von ſeinem Sitze aufgeſtanden, und ſich in ſeiner ganzen Höhe aufrichtend, ſagte er mit be⸗ bender Stimme:„Freund! weil ich die Schmerzen der Sehnſucht, weil ich die Gewalt der Leidenſchaft aus eigener Erfahrung kenne, darum habe ich Mitleiden mit denjenigen meiner Brüder, die für ſich auch begehren, was der ärmſte Leibeigene in ſeiner Hütte hat, ein liebe⸗ volles Weib! Weil ich die Gewalt der Verſuchung kenne, darum möchte ich meine jüngeren Brüder vor derſelben und vor Reue und Verzweiflung wahren, und weil ich weiß, daß Liebe und Ehe menſchliches Recht und gött⸗ liche Einſetzung ſind, und daß der würdige Mann, Johann Huß, der den Muth hat, dies vor aller Welt auszuſprechen, ein gottbegeiſterter Apoſtel iſt, darum möchte ich meine Brüder, die ich liebe, wie es Gott be⸗ ſehtt, aus dem Joche erlöſen, das Ihnen meiſtens in den Jahren auferlegt wird, da ſie die ganze Laſt desſelben noch nicht faſſen und begreifen.— Euch Heinrich! Euch, der Ihr, wie ich, die Lehren jener Männer Wik⸗ lef und Huß kennt, kann ich dieß Alles ſagen. O ein Sieg über dieſe Polen, Tataren, Samaiten und Lithauer, aber ein ſolcher, der dieſen falſchen Jagello de⸗ nur 110 müthiget bis in den Staub, und ſo mir Gott Leben und Kraft verleiht, ſoll das ſchöne und geſegnete Land ein echt chriſtliches werden, und dieſe geiſtlichen Ritter, die leider nur zu ſehr gegen ihre Gelübde ſündigen, ſollen von denſelben erlöst, freie Männer ſeien, die darum dem Lande nicht weniger eine Schutzmauer ſein werden, gegen die Anmiaßung der Tataren und Pollaken, weil ſie wie chriſt⸗ liche Männer in chriſtlicher Ehe leben, und Weib und Kind, Haus und Herdvertheidigen, gegenden Uebermuth unſerer gefährlichen Nachbarn. Dies Land, das deutſche Schwerter vom Gräuel des Heidenthumes befreiten, das die deutſche Pflugſchar urbar machte, das des deutſchen Handels⸗ mannes betriebſames Saumroß zuerſt durchzog, deſſen Fabrikfleiß des deutſchen Arbeiters Arm und Kopf be⸗ gründeten, ja deſſen Grund und Boden ſelbſt die deutſche Weisheit dem alten Sumpf entrang, iſt beſtimmt, von Gott dem Herrn, eine ewige Vormauer zu bleiben, gegen die Uebergriffe des Polen und Moskowiters. Er ſetzte den Fuß bei dieſen Worten kräftig auf die glänzenden Flieſen des Bodens, und den Arm, den ein koſtbares Sammtgewand verhüllte, zu dem ſchön gewölbten Bogen der Decke emporſtreckend, fügte er mit ſchimmerndem Auge hinzu:„Hier iſt Deutſchland! und deutſch wird, ſo Gott will, dies Land bleiben, bis der Himmel ver⸗ altet wie ein Kleid und die Erde vergeht vor dem Zorn⸗ t und d ein , die ſollen ndem en die criſt⸗ Kind, nſerer werter zutſche ndels⸗ deſſen pf be⸗ utſche von gegen ſetzte enden tbares Bogen rndem wird, l ver⸗ Zorn 111 des Allerhöchſten, aber es wird ſich der Ureinwohner Milde und Ausdauer einſt mit dem Volke dieſes Landes vereinen mit deutſcher Treue, Kraft und Weisheit. Deutſche Männer werden es beherrſchen, ritterlich ge⸗ ſinnt und väterlich zugleich.— Ich aber werde das nicht erleben, ich nicht! denn ich habe geſündiget vor dem Herrn! und bin ſeiner Gnade nicht werth.“ Er zog den Mantel vor ſein Angeſicht, und ſtand eine Minute lang ſchweigend und wie von Liebes⸗ ſchauern durchſchüttert, dann aber ſetzte er ſich von Neuem, richtete ſein ſchönes Haupt empor und flüſterte: willſt Du mich in einer Stunde in den Remter begleiten, mein alter Freund? den Geſandten zu empfangen, ſo laß an den Bruder Trappier den Befehl ergehen, daß Alles zu ihrem würdigen Empfang vorbereitet werde, jetzt aber verlaß mich, Heinrich, ich will beten.“ Der Comthur entfernte ſich und der Meiſter ging in ſeine, dicht neben ſeinem Stübchen befindliche Kapelle. Dort warf er ſich am Altare nieder vor dem Bilde des Gekreuzigten und Gebete heiß und innig, entrangen ſich ſeinem Herzen, das den bitteren Schmerz der Menſchheit, den Schmerz der Reue kannte. Die Audienz der polniſchen Geſandten endete wie der Comthur von Schwetz es voraus geſagt hatte, mit dem beſtimmten Ausſpruch, daß hinfüro Krieg ſein ſolle, 2 2 11 zwiſchen dem deutſchen Orden und Wladislav Jaggello, König von Polen, und ſeinem Verbündeten Withold, Großherzog von Lithauen. Der Hochmeiſter hatte, den Wünſchen ſeines Her⸗ zens entgegen, noch einen Friedensverſuch gemacht, in⸗ dem er an die Schweſter des Königs, die Fürſtin Ale⸗ xandra von Maſovien, ſeine perſönliche Freundin, ſchrieb und ſie um ihre Vermittlung, bat, aber auch dieß blieb vergebens, beide Fürſten Wladislav und Withold wünſch⸗ ten und wollten Krieg. So rüſtete denn auch Ulrich von Jungingen mit aller Macht.— Briefe wurden ausgeſchrieben nach den fernſten Balleien des deutſchen Ordens, daß auch dort die Ritter Reiſige werben möchten, zum Kampfe gegen den Polen und Lithauer. Der Treßler des Ordens griff tief in die aufgeſammelten Schätze, ſo tief, daß ſelbſt der große Reichthum, um deßwillen der deutſche Orden in allen Ländern Europas berühmt war, nicht ausreichen wollte. In anderen Zeiten hatte der Orden an Fürſten und Herren, die ihm Städte, Burgen und Ländereien zum Pfande gaben, ungeheure Summen verborgt, jetzt aber mußte Ulrich von Jungingen ſelbſt Schulden ma⸗ chen um die Koſten der Kriegsrüſtungen beſtreiten zu können und er wendete ſich dieſerhalb an die Konigin von Böhmen und Ungarn. — llo, old, Her⸗ in⸗ Ale⸗ rieb vlieb iſch⸗ mit den dort egen griff elbſt rden ichen rſten reien jetzt ma⸗ n zu igin 113 An den Grenzen des preußiſchen Ordensreiches in den Wildniſſen, die dasſelbe von Polen, Maſuren und Lithauen ſcheiden, ſtanden bereits die Wächter, die ſeit uralter Zeit verpflichtet waren, darauf zu achten, daß die Heiden nicht mit Brand und Mord das Land unvor⸗ bereitet⸗überſielen, und wirklich waren auch in dieſem Kriege Heiden unter den Feinden des Ordens, denn der Großherzog von Lithauen hatte den furchtbaren Tataren häuptling Babad Chan mit ſeinen Horden zu Hilfe ge rufen, der ihm ſeinen Feldherrn Toktauniſch mit 20,000 Reitern zuſandte. In der Stadt Marienburg herrſchte ein reges Le ben. Die Rüſtungen, welche Ulrich machte, brachten Geld in die Hände der gewerbfleißigen? Bürger und vor allem waren es die Stückgießer, die Tag und Nacht arbeitend, Werke lieferten, die noch jetzt als Curioſitäten die Be⸗ wunderung aller derer erregen, welche Gelegenheit haben ſie zu ſehen. Die Erfindung des Schießpulvers ſollte dem Kr egs⸗ weſen überhaupt’eine ganz andere Richtung geben. Der eigentlich ritterliche Kampf, der Einzelkampf Mann ge⸗ gen Mann, war, ſeit man das Feuerrohr gebrauchte, das auf weite Entfernungen Tod und Verderben ſchleuderte, eine Ausnahme geworden. Der Harniſch ſchützte nicht gegen die Macht der Ein Bürgermeiſter. I. 8 114 Kugel, und die alten Belagerungsgerät)e, Balliſten und Eatapulte waren unmöglich geworden. Aber mit der Erſindung dieſer mächtigen zerſtören den Kraft begann das Licht, das nach Jahrhunderten die Welt erhellen ſollte, das Licht der Naturwiſſenſchaften ſeine Strahlen dem Menſchengeſchlecht zuzuſenden. Das Schießpulver war es, das den Götzen der alten Welt, die Körperſtärke, von ſeinem Throne hob. Gegen eine Waffe, die wie Gottes Blitz aus der Ferne wirkte, ſchützte weder die Bärenkraft noch der Irokeſenmuth, welche man bis dahin als die höchſte Blüthe und Würde des Mannes verehrt hatte. Erſt als Mann und Mann ſich nicht mehr raufend gegen einander bewähren konnten, dachte man an die Macht des Wortes, an die Macht der Schrift. Buchdruckerkunſt würde vor der Erfindung des Schieß⸗ pulvers ſchwerlich Epoche gemacht haben in den Ländern Europas. Im Jahre des Herrn 1409 war das Wort ſchon eine Macht, die Kunſt zu ſchreiben ſchon ein Mittel zur Erreichung großer Zwecke der Menſchheit. Ulrich von Jungingen ſaß in dem Zimmer, das die Archive und Briefſammlungen der Marienburg enthielt. Die Sonnenſtrahlen ſielen durch die bunten Scheiben auf den getäfelten Boden. Ein Rothkehlchen, ein lieber hei⸗ terer Sommergaſt, ſaß auf der Schulter des mächtigen . Die —r— 5 Mannes. Der Meiſter liebte das harmloſe kleine Thier⸗ und chen und es ſtörte ihn nicht in ſeinem ernſten Nachdenken. gen Er ſchrieb ſein Teſtament. die„„Wenn ich denn alſo, wie ich glaube und zu Gott ften hoͤffe, in dieſem Kriege meinen Tod finde, und Du mich Das überlebſt, mein alter Freund Heinrich, begann derſelbe, die ſo iſt dies mein innigſter Wunſch und meine letzte Bitte — an Dich, daß Du alles thuſt, was in Deinen Kräften le. ſteht, um Deinem Neffen Heinrich den Dispens vom m bis heiligen Vater zu verſchaffen. Als ein Bruder des deut⸗ unes ſchen Ordens habe ich kein Eigenthum, ich kann alſo auch mohr— nicht Geldſummen feſtſtellen, welche Du verwenden ſollſt, nan den armen Knaben frei zu machen, aber ich bitte Dich Die · mein Bruder, wende Dich an Conrad Letzkau, erſten Bürgermeiſter von Danzig, an Gedete den Withing und an Sigmund den Beilehnsmann von Großlichtenau, ich weiß, alle drei werden um Ulrichs willen, Dir ſo viel geben, als Du zu dieſem Zwecke nur irgend bedarfſt, und Ralph der Narr wird gern Dein Bote ſein, er iſt treu, hieß⸗ dern zur klug und verſchwiegen.“ 1 § die*„Wenn ich es Dir denn nun im Angeſicht des Todes hielt. ſagen ſoll, weßwegen dieſe Liebesangelegenheit nur zur mauf Herzensſache geworden, ſo muß ich zurückgehen in die hei⸗ Jahre meiner Jugend, von der etzt mich eine Ewigkeit tigen zu trennen ſcheint, obgleich ich kein alter Maun bin.“ „ 8* 116 „Du weißt mein Freund und Waffenbruder, daß ſeit Hürei eine ſchwere Schuld mein Herz belaſtet. Ich habe ſie gebeichtet und gebüßt mit allen Strafen, die die Kirche auferlegen kann. Ich habe gefaſtet bis mein Leib anunminſante ich habe 4 glühenden Bußgebet viele Stunden land vor dem Bilde des Erlöſers auf kaltem Stein gelegen, ich habe meinen Leib gegeißelt, bis das wilde Blut aus hundert Wunden an meinen Lenden niederrann, aber nichts hat den nagenden Wurm der Reue tödten können. Dies alles hat meiner Seele auch die Gewißheit gegeben, daß Buße und Kaſteiung gethanes Böſe nicht gut machen können und daß es nur geſühnt wird durch gute Werke.“ „Höre denn, mein vielgeliebter Waffenbruder, die Geſchichte meines gottloſen Verbrechens, denn da dieſer mein letzter Wille, von Dir erſt geleſen werden ſoll, wenn ich wirklich hingetreten bin, vor das Angeſicht des ewigen Richters, ſo habe ich den Muth Dir alles zu offenbaren, alles was ich kaum in der Beichte dem Prieſter zu ver⸗ trauen wagte.“ „Du weißt, daß ich im Jahre des Herrn 1382 als ein junger Edelknecht durch meinen Ohm Conrad in den Orden eingeführt ward.“ „In jenem Jahre befand ſich Herzog Wilhelm von Lithauen in der Gefangenſchaft ſeines Vetters Jagello, —.4,— der vor jün Lu M rei Br gat ſte na der Ja wo far Ke ed. bei F mi fü , daß laſtet. n, die mein ßgebet s auf eißelt, neinen Wurm Seele ſteiung es nur r, die dieſer „wenn ſewigen baren, (u ver 1382 rad in m von agello, 5 —,— 117 der zur Zeit wohl noch nicht hoffen konnte, die Krone von Polen auf ſeinem Haupte zu tragen, Hedwig, die füngſte, ſchöne, holdſelige Tochter des verſtorbenen König Ludwig von Ungarn und Polen, war, ein zwölfjähriges Mägdlein, ſchon verlobt mit Herzog Wilhelm von Oeſter⸗ reich und hing mit großer Liebe an ihrem ritterlichen Bräutigam, der ein Jüngling von meinem Alter und mir gar wohlgewogen war.“ „Nun war der edle Hochmeiſter Conrad von Rothen⸗ ſtein, ein Mann, der den Unterdrückten gern in Schutz nahm und ſein ritterlicher Sinn nahm großen Anſtoß an der Gefangenſchaft Witholds, und er verwendete ſich bei Jagello mehrfach für ihn, obſchon vergebens. Alles, was er erwirken konnte, war, daß die Gemalin des Ge⸗ fangenen die Erlaubniß erhielt, ihren Gatten in ſeinem Kerker bisweilen zu beſuchen. Es hatte aber das Herz der edlen Fran den feſten Vorſatz gefaßt, den Gefangenen zu befreien, koſte es auch ihr eigenes Leben.“ „Dieſen Vorſatz theilte ſie ihrem Beſchützer und Freunde, dem wackeren Meiſter mit, und ſie beſprachen mit einander einen Plan, der in dem Haupte der Groß⸗ fürſtin entſtanden, und ſicherlich weiſe war.“ „Die Dame zog mit einem Gefolge von Jungfrauen, die zu ihren Dienſten ſein ſollten, gen Wilna und lebte 118 dort zwar ſtill wie eine Witwe, aber doch wie es Einer Fürſtin zukommt.“ „Ein männliches Gefolge, auch das kleinſte, war ihr verboten, ſo hatte ſie denn unter den Jungfrauen ihrer Bedienung vier verkleidete Zünglinge, die noch von kna⸗ benhaftem Aeußeren, aber ſtark, tüchtig zu Roß und im Kampfe wohlgeübt waren. Der Meiſter hatte ſie ihr ſelbſt aus der Zahl der jungen Edelknechte ausgeleſen, und ich war Einer davon.“ „Die Dienerinnen der Fürſtin waren zwar, wie es die Sittſamkeit gebot, von uns getrennt, aber in den langen Tagesſtunden, da unſere Gebieterin, von einem von uns Jünglingen begleitet, im Kerker ihres Gatten weilte, waren wir beiſammen in jugendlich heiterem Ge ſpräch, daß ein ſo unſchuldiges war, da jene uns für ihres Gleichen hielten.— Eine war darunter, ſchön wie eine Roſe und noch faſt ein Kind an Jahren, und mein Herz entbrannte in heißeſter Liebe zu ihr.“ „Sie war die jüngere Schweſter einer ſchönen ſtol⸗ zen Frau, der vornehmſten Dame im Gefolge der Für⸗ ſtin, der einzigen Chriſtin in der ganzen Zahl. Die hatte daheim einen Gatten und einen Knaben, nachdem ſie ſich oftmals gar ſehr ſehnte.“ „Sie ſprach zu mir und ihrer Schweſter, und die ——— —O————— 3 Einer war ihr it ihrer on kna und im ſie ihr geleſen, wie es in den einem Gatten m Ge uns für ön wie d mein en ſtol r Für lie hatte ſie ſich nd die 119 holde Jungfrau erzählte denn auch von dem Kinde und ihre Augen lächelten dabei gar lieb und holdſelig.“ „O ich liebte ſie, und meine Liebe war unſchuldig und rein, wie das Sonnenlicht, denn noch band kein Ge lübde mein junges Herz. Ich träumte glückliche Träume! Wenn unſer Plan gelang, wenn Fürſt Withold frei war durch unſere Beſtrebungen, ſo hatte auch ich wohl ein Recht auf ſeine Dankbarkeit. Dann wollte ich ihn um ſeine Vermittlung bitten und— was lag dem Orden an einem Knaben mehr oder weniger, da ſich ſo viele Hun derte drängten, das Gelübde zu leiſten.— Dann wollte ich vor die Jungfrau treten, und ihr ſagen, wie ſehr ich ſie geliebt, als ich noch im Frauengewand neben ihr geſeſſen und ich wollte ſie bitten mein treues Eheweib zu werden, und ich wollte mir in ihrem Vaterlande ein kleines Stück Boden kaufen und als ein redlicher Mann das Feld bauen und ein treuer Diener und Anhänger des Ordens auch im weltlichen Stande ſein.“ „So dachte ich, mein Bruder!— es waren Jüng lingsträume, doch ſie waren das Glück meines Lebens.“ „Zur Flucht des Herzogs war Alles ſehr wohl vor bereitet. Alltäglich ritt die Fürſtin mit vier ihrer Jung frauen eine weite Strecke ſpazieren, bis in die Wälder, durch welche die wilden Wege in ihre Heimat führen; ſie that dies allſogleich, wenn ſie aus dem Kerker ihres Gat⸗ 120 ten in ihre Wohnung kam. Die Roſſe waren vogel⸗ ſchnell, erſt in der Nacht kehrte der Zug gewöhnlich heim in die Thore Wilnas, das wußten die Wächter und merk ten kaum auf die fünf Frauengeſtalten, ſowohl beim Aus⸗ als beim Einritt in die Thore.“ „Der Herzog Withold war zu jener Zeit noch ein gar junger Mann, ſchlank von Figur, mit feinen Glie dern. Die Fürſtin aber trug die Tracht ihres Landes, das Haar mit dem weißen Kopftuche umbunden und dar⸗ über den langen, dichten Frauenſchleier, Mirginna ge⸗ nannt in der Landesſprache. Sie pflegte, wenn ſie in den Kerker ihres Gatten ging, oder ihn verließ, ſich feſt einzuhüllen in dies Gewebe, und ſo verhüllt auch ritt ſie zu den Thoren Wilnas tagtäglich hinaus ſich Bewegung zu machen in freier Luft.“ „Das Alles war aber wohl überlegt und ihr von großem Nutzen. Und als nun Alles zur Flucht vorbe⸗ reitet war, als Herzog Withold in den edelmüthigen Verſchlag ſeiner Gattin gewilligt hatte, da tauſchte ſie mit ihm die Kleider und ſtatt der edlen Dame erſchien der Herzog in dem Hauſe, das das Gefolge ſeiner Gat tin bewohnte. Die Pferde ſtanden zum gewöhnlichen Spezierritte geſattelt, die flüchtigſten und ausdauerndſten waren ausgeleſen worden, und wir hatten ſie ſorgfältig mit Allem verſehen, was zum weiten und eiligen Ritte ————ͤſooo durch ten Wec den den Gefi auf Mit da f und wie ſchm Verr auch zurü res das Mei Wie Ohn von Liebe gel⸗ heim nerk Aus jhein Hlie ides, dar⸗ ge⸗ e in feſt t ſie ung von rbe⸗ igen ſe ſie lhien zat ſchen ſten 121 durch die Wälder nothwendig, auch ſtanden an beſtimm⸗ ten Orten der Wildniß, bei treuen Leuten, Pferde zum Wechſeln bereit.“ „Ich hatte die Fürſtin auf ihrem letzten Gange in den Kerker begleitet, ich führte den befreiten Withold an den Wachen vorüber und durch die Stadt. Meine drei Gefährten ſtanden ſchon bei den Roſſen, wir warfen uns auf dieſelben und verließen, den Herzog in unſerer Mitte, Wilna, und als wir die Thore hinter uns hatten, da flog unſer Zug im ſauſenden Galopp durch Felder und Wälder. Das Werk war gelungen und dem Orden, wie wir meinten, ein dankbarer Freund gewonnen.“ „Zwar mußte die edle Fürſtin lange im Kerker ſchmachten, doch ſpäter gab der tückiſche Jagello ſie auf Vermittelung unſeres Meiſters gegen Löſegeld d frei, und auch ihre weiblichen Begleiterinnen kehrten in die Heimat zurück.“ „Ich aber hatte keinen anderen Wunſch, kein ande⸗ res Hoffen und Denken mehr, als das Band zu löſen, das mich an den Orden knüpfte, und das nach meiner Meinung ſo leicht und locker war.— O mein Bruder! Wie ſehr irrte ich! Zuerſt vertraute ich mich meinem Ohm, der damals ſchon das Ehrenamt des Comthurs von Thorn bekleidete. Ich ſagte ihm Alles; von meiner Liebe, von meinem feſten Vornehmen, dem Orden als 122 weltlicher Bruder, wie ſo viele adelige und unadelige Männer, in allen Gauen Deutſchlands in Treuen anzu⸗ gehören; von meinem Drange, als Haupt einer Familie ein einfaches menſchliches Glück zu finden.— In dem Herzen des ſtolzen Mönchritters floß kein Tropfen Blut! Er ſah mich an mit durchbohrenden Blicken, ſagte nachdem er ſeine kalte Bruſt bekreuzt hatte:„Und das Alles wagſt Du mir zu erzählen, wahnwitziger Knabe, mir, der ich die Bürgſchaft für Dich bei meinem heiligen Orden übernommen habe? Deine Fleiſchesluſt ſoll in meinen Augen ein Grund ſein, Dich in ein heidniſches Land ziehen und dort als Buhler eines heidniſchen Wei bes leben zu laſſen? Und ich ſoll der Vermittler ſolcher Gräuel ſein? ich! Conrad von Jungingen! der ſeine ritterliche Ehre bis auf dieſe Stunde rein erhielt, ich, der es wagen darf, nach den höchſten Ehren vor Gott und der Welt zu trachten, denn ich habe ſie verdient durch treues Kämpfen gegen die Verſuchung, die daher kommt, wie ein brüllender Löwe.— Oder wähnſt Du, junger Thor, daß der ritterliche Kämpfer Gottes ohne Anfechtungen ſeine rauhe Bahn gehe! daß das Kreuz auf unſerm Mantel ein Zeichen irdiſcher Luſt⸗ und Glückſeligkeit ſei?— Wir haben es auf uns genommen, dem Erlöſer nachzufolgen. Der Weltluſt entſagend wol⸗ len wir kämpfen den Glauben auszubreiten, und dienen —— den gla niet lan, von Die anf ätze Tag voll biſt wen un den ſan und me we der br un als du ma St elige inzu⸗ milie dem ppfen ſagte das nabe, ligen oll in iſches Wei blcher ſeine „ich, Gott dient daher Du, ohne Kreuz und men, wol⸗ enen 123 den Kranken zu helfen. Aber im Kampf gegen den Un⸗ glauben, müſſen wir bei uns ſelbſt beginnen und in uns niederringen die Selbſtſucht, die Fleiſchesluſt, das Ver langen nach irdiſchem Glücke und Gute; alles das kommt vom Teufel, dem erſten Gott des Heidenthums. Und im Dienſte der Krankenpflege müſſen wir auch bei uns ſelbſt anfangen und die Wunden und Schwären unſerer Seele ätzen und brennen, damit ſie heil werden, und wir am Tage der Rechenſchaft als Geſunde, wenn auch narben voll vor den Herrn und Heiland treten können. Du biſt jetzt krank und ich Dein nächſter Angehöriger, und wenn Du nun in Kurzem gewürdigt wirſt, ein Ritter und Streiter Chriſti in unſerm heiligen Orden zu wer den, Dein Pathe, will für jetzt Dein Arzt ſein.— Er ſandte mich dann in die Pönitenzkammer und acht Tage und Nächte lag ich auf eiskalter Diele, Brot und Waſſer meine Nahrung, damit der Fleiſchestrieb gedämpft werde. Sechsmal, bei Tag und Nacht, kam er ſelbſt, der ſtrenge Mann, und hielt mir die Größe meines Ver brechens vor.— Mein Bruder! ich war ein Jüngling, und mein Ohm Conrad war von meiner Jugend an, mir als das Muſter eines Ritters gezeigt worden. Es be durfte nichts mehr als ſeines ſtrengen Blickes, um alle meine Hoffnungen mir als Thorheiten, als ſchwere Sünde erſcheinen zu laſſen. Wie die bunten ſchönen Blät⸗ 24 2 4 ter des Waldes abfallen vor dem eiskalten Hauch des Novemberwindes, ſo fielen alle Glückeshoffnungen vom Baume meines Lebens, vor dem Worte meines Verwandten.“ „Ich verließ die ſrenge Haft, demüthig und zer knirſcht, ich that Buße und d r Tag kam heran, da ich die drei Gelübde ablegte, die micj vom allem Glücke der Menſchheit für immer ſcheiden.“— „Mein Bruder! man verſpricht uns, den Streitern Chriſti, nichts mehr als Brot und Waſſer und ein altes Kleid, wenn wir unſer Leben dem Orden ge loben, und der Orden deſſen unwürdiges Haupt ich jetzt bin, iſt reich und mächtig.— Der weiße Mantel mit ſchwarze Kreuz, öffnet jedem der ihn trägt die Thore der Fürſtenburgen, und der Herrenhäuſer. Große Ehre vor der Welt iſt des Ritters i dbeſtrilens Eigenthum und doch iſt er nur ein Zuſchauer beim Gaſtmahl des Lebens. Wer ein Herz hat, empfänglich für Liebe, ja wer nur Männerblut in den Adern trägt, denn wird der weiße Mantel das jammervolle Herz nur ſchlecht verhüllen.— Es gab eine Zeit, da die Kämpfe, die der Ritter kämg pfen mußte gegen ſich ſelbſt und gegen d die Heiden, ihren großen Zweck hatten, aber das Grab des Erlöſers iſt wieder in den Händen der Heiden, der Pilgrimme, die dahin ziehen, werden immer weniger, denn die Chriſtenheit kauft ſich m——— für Wa pfle Mö Blu und fen. Hät gen nockh dieſ zu Gr kan mei tern ltes und reich euz, gen, des nur Herz t in das gab ißte weck den jen, ſich für Silberpfennige von Rom Vergebung der Sünde.— 125 Was ſind alſo wir jetzt— Heidenbekehrer? Kranken pfleger? Mit nichten! wi ſind eine Verbindung von Mönchen, die dies Land, das ihre Vorfahren mit ihrem Blut erkämpften, regieren und ſich durch die Abgaben und Regalien die ſie beziehen ein bequemes Leben erkau⸗ fen. Dafür aber ſollte kein Jüngling das Glück der Häuslichkeit und den Frieden der Seele zu opfern gezwun⸗ gen oder überredet werden.— So lange unſer Orden noch beſteht, kann ihm nur eine edle Beſtimmung in dieſem Lande obliegen. Es iſt die, deutſche Art und Sitte zu feſtigen und zu beſchützen. Preußen ſei und bleibe die Grenzmacht auf die das deutſche Land ſich verlaſſen kann.“ „Aber höre wieder, mein Bruder, die Geſchichte meines Lebens, es iſt mir Noth, ſie ehe ich in Kampf und Tod gehe, deinem treuen Herzen zu vertrauen, damit Du wiſſeſt, wie es gekommen, daß mich die Lehre des Johann Huß, ſo tief ergriffen, und daß ich für die Liebe eines Jünglingsherzens, ſo treues Mitgefühl habe. Mehr vielleicht als es dem Hochmeiſter des deutſchen Ordens ziemen will.“ „Fürſt Withold war lange ein treuer und anſchei⸗ nend dankbarer Freund des Ordens und brachte ihm große Opfer. Jagello entließ auf Vermittlung des Hoch⸗ 126 meiſters die Herzogin von Lithauen aus ſeiner Gefangen⸗ ſchaft und erklärte ſich zu jedem Dienſte gegen den Orden bereit, weil er die Abſicht hatte, ſich die Gewogenheit desſelben oder doch mindeſtens Frieden mit ihm zu ſichern, während er ſich zum Kampfe gegen den Feldherrn Bela Chans, den Tartaren Toktamiſch rüſtete, und um die Hand Hedwigs, der jungen Königin von Polen warb, ohne zu berückſichtigen, daß dieſe in inniger Liebe die Verlobte Herzog Wilhelms von Oeſterreich fei.“ „Die Polen ſelbſt begünſtigten ſeine Werbung gar ſehr, denn ſie wollten lieber den Stammverwandten Ja gello, als einen Prinzen aus deutſchem Blute zu ihrem Könige und ſo entſchloß ſich die Königin Eliſabeth, von Ungarn, die Mutter der jungen Hedwig, den Wünſchen und Anforderungen ihrer Edeln zu genügen ob das Herz ihrer Tochter darob auch breche.— Jagello ging nach Krakau ſich dort taufen zu laſſen und die ſchöne Hedwig und mit ihr die Krone Polens am Traualtare zu empfan⸗ gen, und lud in einem höflichen Schreiben den Hochmeiſter und den oberſten Gebietiger des Ordens, dorthin als Taufzeugen und Hochzeitgäſte ein.— Conrad Zollner von Rothenſtein aber kannte gar wohl die Tücke und Falſchheit, die ſich hinter dieſer Freundlichkeit verbarg. Sollte der Hochmeiſter des deutſchen Ordens, Gaſt ſein bei einer Hochzeit, wo die Braut einem deutſchen Prinzen — ſchnö einer Dank die C anzun ſchwe und z Herze Brau ſam Spiel Mein die Li treue Jagel zog T viele Dame verlol wigs Dieſe ihren eingen ſie da gen⸗ rden iheit zu errn um arb, die gar Ja rem von chen Herz nach wig an⸗ ſter als ner ind rg. ein zen 127 ſchnöde geraubt war. Durfte er ſein Land verlaſſen zu einer Zeit, wo Withold die Maske der Freundſchaft und Dankbarkeit mehr und mehr abwarf? Der Meiſter lehnte die Einladung ab und verbot auch den Gebietigern ſie anzunehmen, aber er ſah nicht hin und geſtattete es ſchweigend, daß einige Ritter, die noch jung an Jahren und zu allen Abenteuern wohl aufgelegt waren, ſich zum Herzog Wilhelm begaben, ihm beizuſtehen ſich die geliebte Braut, deren man ihn wiederrechtlich beraubte, gewalt ſam zu entſühren. Ich, des Prinzen Freund und Spielgefährte aus den Kinderjahren war auch dabei. Mein trauerndes Herz, das immer noch blutete, weil es die Liebe geopfert hatte, fand Troſt und Freude daran, treue Liebe zu beſchützen und ſo zog ich denn, ehe noch Jagello ſich zu ſeiner Reiſe gerüſtet hatte, mit dem Her zog Wilhelm gen Krakau.“ „Die junge Königin Hedwig hatte an ihren Hof viele Herren aus Ungarn und Böhmen gezogen und Damen von ihrer Umgebung hatten ſich mit denſelben verlobt, ja! die erſte und vertrauteſte Geſpielin Hed wigs war bereits mit einem vornehmen Böhmen vermählt. Dieſe Dame ward die Vertraute Wilhelms. Hedwig von ihren polniſchen Unterthanen Jadwiga genannt, hatte eingewilligt ihrem deutſchen Verlobten zu folgen, obſchon ſie dadurch ſicherlich die Krone Polens verwirkte. Herzog ——— 128 Wilhelm war mit ſeinem kleinen Gefolge lange Tage in Krakau verſteckt. Im Hauſe der Vertrauten trafen ſich die Liebenden. Man ſagt, daß ein deutſcher Prieſter ihren Bund bereits geſegnet hatte; zur Flucht war alles vor⸗ bereitet und ich unterhandelte mit dem Gemahl jener Dame, der ein großer Herr aus Böhmen, hoch begütert und angeſehen, ſich in der Fremde mit einem Mädchen vermählt hatte, die ihm in ſeiner Heimath vielleicht nicht üenütid erachtet wäre. Sie ſelbſt ſah ich nie, ſie lebte zurückge⸗ zogen in ihren Kammergemächern, und pflegte ihr einzig Töchterlein ein gutes Kind von kaum 3 Jahren deſſen plötzliches Erkranken die Flucht der Königin und des Prinzen verhindert. Als aber das Kind geneſen, er ſchien Jagello, früher als man ihn hätte erwarten können, mit großem Pompe in Krakau.“ Es war ein ſchöner und ſtattlicher Mann, und er beſaß die Macht der Beredtſamkeit und die Kunſt des Schmeichelns, die den Männern ſeines Volkes angeboren iſt.— Er verſtand es, das Herz der jungen Hedwiga faſt zauberhaft zu berücken, ſo daß ſie ſich von dem frü⸗ heren Verlobten, den wir, ſeine vertrauten Begleiter wohl für ihren Gatten zu halten berechtigt waren, ab⸗ wendete. Der Tag, an welchem Jagello die Taufe und den Namen Wladislav annehmen ſollte, war beſtimmt zu Hedwiga's Flucht. Wenn ſie hinweg ging mit dem Her⸗ zog; und mach ware ziehe Könd zu je weißt von Boja mußt ander Freu gen l muth mit d digun men, ziehen Scha thend waren es un Ein ge in n ſich ihren vor⸗ jener zütert dchen nicht lebte flegte ahren und „ er inen, nd er t des voren wiga frü⸗ leiter ab⸗ und mmt Her⸗ 129 zog Wilhelm, ſo konnte nach unſern Begriffen von Ehre und Recht kein anderer Mann auf ihre Hand Anſpruch machen, und das Getümmel und der Pomp der Taufe waren geeignet, die Aufmerkſamkeit aller derer auf ſich zu ziehen, die ſonſt wohl ein wachſames Auge auf die junge Königin hatten.“ „Mein Bruder! Laß mich über die Vorbereitungen zu jenem gefährlichen Unternehmen hinweggehen, Du weißt, daß es ſcheiterte. Es hatte ſich zu Krakau das Gerücht von Herzog Wilhelms Anweſenheit verbreitet, die ſtolzen Bojaren forſchten nach den Verborgenen, ſein Plan mußte verrathen ſein, denn als er mit mir und noch zwei andern treuern Begleitern das Haus ſeines böhmiſchen Freundes betrat, wo Hedwiga ſeiner warten ſollte, dran⸗ gen bewaffnete Polen ein und drohten in frechem Ueber⸗ muth, den Fürſten, den ſie nicht zu erkennen vorgaben, mit der Peitſche zu ſchlagen, weil er ſich erkühnt, Belei⸗ digungen über ihre Königiu auszuſprechen, und ſich zu rüh⸗ men, daß ſie mit ihm zu dem anmaßenden Deutſchen hätte ziehen wollen, den ſie abgewieſen und mit Schimpf und Schande heimgeſchickt hätten.“ „Da wurden denn bald unſere Klingen bloß, und wü⸗ thend kämpften wir gegen eine Anzahl Pollaken, die fähig waren uns zu erdrücken, wenn nicht die Enge des Zimmers es unmöglich gemacht, daß ſie uns umringten. Ich lehnte Ein Bürgermeiſter. 1. 9 130 mich an die getäfelte Wand und mein Schwert deckte mei⸗ nen eigenen Leib und den des Herzogs, dem wir allmählig Platz bis zur Thür zu machen ſuchten, da öffnete ſich hin⸗ ter mir ein Fach der Wand, ein Frauenarm griff nach und zog mich, während das Gewühl des Kampfes tiefe Dunkelheit im Zimmer verbreitete in einen anderen eben⸗ falls dunklen Raum.— Haltet Euch ruhig Ritter, ſagte eine ſanfte— ach mir nur zu wohlbekannte Stimme— dem Herzog wird kein Leid geſchehen, mein Gemahl bringt ihn in Sicherheit, ihr bleibt bei mir bis man Euch, unge⸗ hindert ziehen laſſen kann. Sie war's; die Geliebte mei⸗ ner Iugend! der Traum meines Lebens und wie ſchön war ſie, als das Licht, daß ſie angezündet, ihre Züge er⸗ hellte.— Nebenan noch wüthete der Kampf, tiefe Ein⸗ ſamkeit umgab mich und ſie, mein Blnt tobte in allen Adern.— Auch ſie erkannte mich, ſie erröthete und er⸗ bleichte und wendete ihr Auge zitternd ab von dem mei⸗ nen.„Verzeiht Ritter, ſprach ſie endlich, aber ich hatte einſt in den Tagen der Jugend eine Gefährtin die mir theuer war, und Euere Züge mahnen mich an ſie.“— O ſagte ich, indem ich mein Auge feſt in das ihrige ſenkte, und Du haſt noch ſpäter, auch nach Herzog Witholds Flucht nie erfahren, daß dieſe Gefährtin ein Mann war und Dich liebte, mehr wie ſeiner Seele Seligkeit?“ „Ach, ſie kam nicht wieder uund ich ſrte nichts mehr 1 von reu, der und ren werd um! len, liebe rief um dern uns Gott ſond liebt Reli ſo ſe ges gelie fand Wil mei⸗ ählig hin⸗ nach tiefe eben⸗ ſagte ne— wingt unge⸗ mei⸗ ſchön ge er⸗ Ein⸗ allen id er⸗ mei⸗ hatte e mir 1 enkte, holds war mehr 131 von ihr,“ ſagte ſie ſeufzend,„obgleich ſie mir oft geſchwo⸗ reu, daß ſie mich ſuchen wollte und wäre es an den Enden der Erde.“ „Ich habe Dich ungeſucht gefunden,“ flüſterte ich, und mein Herz brannte, und möge jetzt die Erde aus ih⸗ ren Angeln fallen und der Himmel Kſamnen gerollt werden wie ein Kleid, möge die Flamme der Hölle ziſchend um mich aufſchlagen, ich will fühlen, einen Augenblick füh⸗ len, was Leben heißt, an der Bruſt des Weibes, das ich liebe.“ „Sie zitterte und krümmte ſich in meinen Armen, ſie rief die Götter ihrer Kindheit und die heilige Jungfrau um Schutz an, nicht gegen meine wilde Trunkenheit, ſon⸗ dern gegen ihr eigen fündiges Herz und als es ſtille um uns ward, da war ich der elendeſte der Elenden, und vor Gott klagte mich an, nicht nur mein gebrochenes Gelübde, ſondern das gebrochene Herz des Weibes, daß ich heiß ge⸗ liebt, das ich entehrt hatte. Ehebruch iſt Sünde in allen Religionen, die Götter ihres Landes verdammten ſie eben ſo ſehr, wie das Chriſtenthum, deſſen ſanftes barmherzi⸗ ges Wort, daß dem viel vergeben werden ſolle, der viel geliebt, noch kein Verſtändniß unter uns gefunden.“ „Ich ſah ſie niederſinken am Bette ihres Kindes, ich fand mich auf der Straße, fand mich in der Nähe Herzog Wilhelms, der ſich knirſchend vor Zorn und Gram 9* 9 132 zur Flucht von Krakau rüſtete, und ich zog mit ihm bis unſre Wege ſich trennten und kehrte heim ins Ordeus⸗ land, ein anderer, o wie ſehr ein anderer, als ich es ver⸗ laſſen.“ Bald tobte nun auch der Krieg gegen den durch Withold unterſtützten Samaiten; im Schlachtgewühle war mir am wohlſten! aber auch dem wildeſten Kriege folgt endlich Frieden. Hochmeiſter Conrad von Rothenſtein, gab zu Königsberg eine Ehrentafel und dort mit Ruhm gekrönt ſah ich den Gatten, nein, den Witwer des Wei⸗ bes, das meine wahnſinnige Leidenſchaft getödtet hatte.— Weh' mir! er überhäufte mich mit Freundlichkeit und Güte. Er kannte meinen Ohm Conrad, der Zeuge ſeiner Trauung in Oliva geweſen und ſein Freund war, Wie mir das Herz brannte, wenn er ſagte, das er mich liebe und ſchätze, wie ich mich krümmte in jammervoller ſchmach⸗ voller Scham, wenn er mich einlud, ſein Haus in Böh⸗ men freundlich zu beſuchen und ihm ein Freund auch in der Ferne zu ſein. Weh' dem, der ſich eines Verrathes bewußt iſt! Untreu ſchlägt den eigenen Herrn, und keine Verachtung brennt tiefer, als die wir ſelbſt gegen uns fühlen.— Weh mir! und tauſendmal weh' mir! ich hatte das Weib, das ich geliebt nicht bloß entehrt, ich hatte ſie auch ermordet, denn nach der Flucht Herzog Wil⸗ helms, ſo erzählte ihr Gatte, war ſie in unheilbares Siec Zuck gelaf zu für — zuſat bund ich n dieſe habe glau kämt Plar zu wert wäh mög meit das chen Blu und iner mir und ach⸗ Böh⸗ h in thes keine uns ich ich Wil⸗ ares 13 2 3 Siechthum verfallen und war geſtorben in gräßlichen Zuckungen.“ „Mein Bruder! Vlaſta von Roſenberg iſt die nach⸗ gelaſſene Tochter jener unglücklichen Frau.— Ihr Glück zu gründen wäre die einzige mir ſelbſt genügende Buße für mein Vergehen, aber, ich werde ſie nicht leiſten können. — Weltliche Ehren ſind auf meinem ſchuldigen Haupte zuſammengehäuft, aber mit ihnen ſind auch Pflichten ver⸗ bunden, die ich nicht verletzen darf.“ „Ich gehe zum Kampfe gegen dieſen Jagello, an dem ich noch die Schmach meines Freundes, zum Kampf gegen dieſen Withold, an dem ich die Undankbarkeit zu rächen habe.“. „Wäre ich ein ſchuldloſer Mann, ich würde faſt glauben an das Glück meiner Waffen; denn ich kämpfe für deutſches Recht und ein großer Plan, der Plan meinen Gefährten Freiheit vom mönchiſchen Joch zu ſchaffen, belebt meine Seele, aber ich bin nicht werth, daß der Herr mich zu ſeinem Rüſtzeuge er⸗ wähle. Nichts Großes geſchieht durch ſchuldige Hand, ſo möge denn mein Tod meine Schuld verſöhnen und Du, mein Freund und Waffenbruder! ſichre und beſchütze das Glück des Mädchens, deſſen Mutter mein Verbre⸗ chen mordete; Du ſicherſt zugleich das Glück Deines Blutsverwandten.— Aber bei dem Blute des Erlöſers, bei der Ehre Deines Namens bei Dei⸗ ner Hoffnung auf ewige Seligkeit beſchwöre ich Dich, verſchweige, was ich Dir hier vertraut. Ralph, mein armer Diener wird dieſen meinen letzten Willen in Deine Hand legen, wenn ich Erlöſung durch den Tod gefunden. Kein Zucken meiner Wimper hat der hold⸗ ſeligen Vlaſta verrachen daß ich ihre Mutter getödtet, kein Seufzer ſie ahnen laſſen, was ich litt, wenn ſie mich mit den Augen der Todten liebevoll und dankbar anblickte.“ „In Oliva müſſen und werden die Beweiſe ihrer ehelichen Geburt ſich finden, habe Acht auf den Abt Ja⸗ cobus, er iſt ein Prieſter u voll Habgier und geiſt⸗ lichem Stolz. Es lebt im Kloſter auch noch ein alter Ordens lruder, Pater Medardus, ein früh bekehrter Lithauer, der Vlaſta's Mutter gekannt hat, ja ihr, wenn ich nicht irre, Blutsverwandter iſt.— Suche ihn zum Sprechen zu bringen und wende Dich in allen Fällen, wo es nöthig iſt, an Conrad Letzkau, er iſt treu und dem Orden ergeben. Und nun wünſche ich⸗Dir, mein alter Freund, den Segen des allerhöchſten Gottes auf Deinen fernerei Wegen. Beherzige, wie Du es bisher thateſt, in Deinem Wandel und Werken die Lehren Johannes Huß's, des Mannes Gottes, und ſtrebe mit allem Ernſt, wenn Du, wie ich hoffe, mein Nachfolger wirſt, den Orden auf den führ inden fühle gime paßt laß Tate Deu mein kbar hrer Ja⸗ eiſt⸗ alter örter venn zum wo dem alter inen , in ß's, enn auf den Weg des Rechten und chriſtlicher Frömmigkeit zu führen. Iſt es möglich, ſo führe aus, wovon ich träumte, indem Du unſeren Brüdern, die Freiheit menſchlich zu fühlen wieder gibſt, und in dieſem Lande ein neues Re⸗ giment einführſt, das der Zeit, in der wir leben, ange⸗ paßt iſt. Halte feſt an deutſchem Wort und Weſen, und laß Preußen zu aller Zeit eine Mauer ſein, die Pollaken, Tataren und Moscowiter ferne zu halten vom Herzen Deutſchlands; das ſei das letze Wort, was ich Dir aus meinem Grabe zurufe.“ „Ulrich von Jungingen.“ Der Hochmeiſter hatte viele Stunden an dieſem langen Briefe geſchrieben. Die Sonne war darüber un⸗ tergegangen, er hatte die Schnabellampe die auf ſeinem Tiſche ſtand, angezündet, und Mitternacht breitete ihren braunen Mantel über die ſtolzen Hallen und Höfe der Marienburg, als er das Schreiben endlich feſt zuſam menband, mit Seidenfaden umwickelte, und ſein ſilber nes Siegel auf das Wachs drückte, womit er es verſchloſ ſen.— Sinnend haftete ſein Auge auf demſelben. „Welche Hand wird Dich zerſchlagen*), wenn die Zeit *) Das Siegel des Meiſters ward nach deſſen Tode zerſchlagen, 136 kommen?“ fragte er ſich leiſe, und dann ſtand er auf, zog den Mantel feſt um ſeine Schultern, und verließ das Gemach, in ſein Schlafſtübchen gehend, an deſſen Fenſter der Mond ſein bleiches Licht warf. vom ſchre⸗ ggieru ² Hau des zieher lichen gleich unbe doch Grä eine hafte leſen des dieſer für auf, 3 das enſter Sechstes Capitel. Im Jahre des Herrn 1409, war die Nachricht vom Ausbruche eines Krieges in Preußen nicht ſo ſchreckenerkegend als in unſeren Tagen unter der Re⸗ gierung des eben ſo wehrhaften als friedliebenden Hauſes Hohenzollern. Nicht etwa, daß die Schrecken des Krieges geringer waren, als jetzt, o nein! die ein⸗ ziehenden und fliehenden Heere hausten im feind⸗ lichen Lande mit fürchterlicher Grauſamkeit und ob⸗ gleich vor der Erfindung des Schießpulvers die Kriege unbedingt minder blutig waren, als jetzt, ſo hatten doch Bürger und Landmann unendlich mehr von den Gräueln des Krieges zu leiden. Gewohnheit iſt aber eine unwiderſtehliche Macht und ſelbſt an das grauen⸗ hafteſte gewöhnt ſich die menſchliche Natur.— Wir leſen in unſeren Tagen mit Entſetzen in den Büchern des Amerikaners Cooper, deſſen Vaterland zur Zeit dieſer Erzählung noch von Gottes Hand zugedeckt war für das Auge des Eucopäers, von der Grauſamkeit, 138 mit welchem die Ureinwoyner desſelben, ihre Kriege unter einander und gegen die europäiſchen Eindring⸗ linge führten, von der gräßlichen Standhaftigkeit, mit welcher ſie ſelbſt die ſchauderhafteſten Martern trugen und der Gefühlloſigkeit, mit welcher ſie ſie über An⸗ dere verhängten. Wenn wir aber die Blätter der Ge⸗ ſchichte umſchlagen, ſo finden wir in unſerem eigenen Vaterlande ganz ähnliche Vorfälle, und die Kriege der deutſchen Ritter gegen die heidniſchen Preußen wimmeln von Gemälden, die den Kämpfen der Irokeſen und Chip⸗ pewais nichts nachgeben. Hier hatten heidniſche Preußen den ausgeſchnitenen Nabel eines gefangenen Ordensritters an einen Baumſtamm genagelt und ihn dann ſo lange um denſelben herumgetrieben, bis ſeine Eingeweide aus dem Leibe gewunden waren; dort hatten ſie einen Andern auf ſeinem Roſſe im Harniſch feſtgebunden, die Füße des Pferdes dann an eingerannte Pfähle befeſtigt und Roß und Mann bei langſamen Feuer geröſtet. Aber das heid⸗ niſche Preußenvolk war in der Zeit unſerer Erzählung bereits gänzlich unterjocht, und das Chriſtenthum hatte ſeinen immer humaniſirenden Einfluß ſelbſt über die Grenzländer der Lithauer, Maſuren und Samajten ver⸗ breitet. Wie grauſam auch die Kriege waren, Gräuel wie die genannten kamen in denſelben nicht mehr vor. Das Feuergewehr wirkte in die Ferne, und der Ingrim, der in wildeſ leicht in der Wider ſchreit für de vier von2 bereit welch Kind Kern und nen dieſer verth ten, konnt Ritte liche And. Tarte riege ring⸗ mit ugen An⸗ Ge⸗ genen 2 der meln Chip⸗ lußen ſitters e um dem hatte die der im Einzelkampf ſich entwickelnd, den Menſchen zum wildeſten Thiere der Erde macht, loderte nicht mehr ſo leicht in der Bruſt der Kämpfenden auf. Man fing an, in dem Beſiegten den Menſchen zu achten und den zum Widerſtande Unfähigen zu ſchonen. Trotz dieſes Fort⸗ ſchreitens der Humanität, war der Krieg im Jahre 1409 für den Bürger und Landmann weit fürchterlicher, als vier Jahrhunderte ſpäter, wurde aber deſſen ungeachtet von Allen mit furchtloſerem Auge betrachtet. Man war auf den Schrecken desſelben ſtets vor bereitet, die Städte hatten Wall und Mauern, hinter welchen alle Bürger ihr Habe, ihren Herd, Weib und Kind vertheidigend, mannhaft fochten. Den innerſten Kern, gleichſam das Herz der Stadt, bildete die Burg und in Preußen war dieſe der feſte Aufenthalt der küh⸗ nen Ordensritter. Der Comthur war der Commandant dieſer Beſte, und ſie wurde ſtets mit Muth und Ausdauer vertheidigt. So lange noch ein Mann das Schwert hal⸗ ten, ein Weib ſiedendes Pech auf die Belagerer ſchütten konnte, war an Uebergabe meiſt nicht zu denken. Als der Krieg zwiſchen Polen und dem deutſchen Ritterorden erklärt war, rüſtete jegliche Burg und jeg⸗ liche Stadt ſich zum Widerſtande gegen den etwaigen Andrang der Polen, Lithauer und mit ihnen verbündeten Tartaren.— Bei den Rüſtungen der Städte zeigte ſich 140 aber eine ungewöhnliche und ſehr bedenkliche Lauheit. Vor Allem war dies der Fall bei den Städten, deren Bürgerſchaft ſich durch Reichthum auszeichnete und die reichſten des preußiſchen Ordenslandes, waren unzweifel⸗ haft zu jener Zeit Thoren und Danzig.— In den Ba gern Danzigs war ſchon ſeit längerer Zeit ein Geiſt der Unzufriedenheit mit dem Regiment des Ordens erwacht. Dieſe mächtige und reiche Stadt, einſt die Reſidenz der Herzoge von Pommerellen und Pome⸗ ſanien, war nicht durch Kriegsrecht in die Hand des deutſchen Ordem gefallen, ſondern denſelben halb und halb verpfändet worden.— An dieſen Umſtand knüpften dann die ſtolzen und reichen Danziger, denen das lateiniſche Recht, das ſie mit allen übrigen großen Städten des Ordensgebietes theilten, nicht genügte, ihre Ideen einer gänzlichen Befreiung von dr Ordensherrſchaft.— Der König von Polen, Wladislav Jagello, war zudem von mütterlicher Seite aus dem Blute der Herzoge von Pommerellen entſproßen und nannte ſich deswegen Erbe⸗ ling von Pommerellen, Pomeſanien und Caſuben, ein Titel der dem deutſchen Orden gegenüber, der ſich factiſch im Beſitz dieſer Länder befand, nichts anders als eine Anmaßung war.— In der Stadt Danzig aber hatte Wladislav nicht wenig Anhang unter den Bürgern ſo⸗ wohl, als auch unter dem mächtigen Magiſtrate, ja man hätte gar po der al Danzi richt in doß 1 eifrig ſelben ſo ſch. bruche ſeiner eine ſi des B beſond zu thr keit, — D Licht Kircht kau de ziehen des † theit. deren die eifel⸗ gerer t des einſt ome⸗ des und pften tiſche des ſeiner Der von von Erbe⸗ , ein tiſch eine hatte ſo⸗ man 141 hätte faſt behaupten können, daß der Letztere ganz und gar polniſch geſinnt ſei, wenn man den Mann ausnahm der an ſeiner Spitze ſtand, den erſten Bürgermeiſter Danzigs, Conrad Letzkau. In ſeinem Hauſe herrſchte, kurz nachdem die Nach⸗ richt von dem hereinbrechenden Kriege bekannt geworden, in doppelter Beziehung ein reges Leben. Einmal war Herr Letzkau als Haupt der Stadt eifrig beſchäftigt, alle Maßregeln zur Vertheidigung der ſelben mit Ernſt zu treffen, dann aber auch wollte er ſo ſchnell als möglich und jedenfalls noch vor dem Aus⸗ bruche des Krieges, die längſt beſchloſſene Verbindung ſeiner Tochter Marie mit dem Rathsherrn Große durch eine ſolenne Hochzeit zum Abſchluſſe bringen. Frau Margarethe Letzkau, die ehrſame Hausfrau des Bürgermeiſters und eine gar würdige Matrone, hatte beſonders wegen dieſes letzten Umſtandes alle Hände voll zu thun, und der frühe Morgen ſah ſie ſchon in Thätig⸗ keit, wenn auch das ganze Haus noch der Ruhe pflegte. — Die Sonne war eben aufgegangen und ihr goldenes Licht ſiel röthlich ſtrahlend auf die Giebeldächer und die Kirchthürme der alten Stadt, als Frau Margarethe Letz⸗ kau den Vorhang von grüner Scherge leiſe vor das Bett ziehend, worin ihr Eheherr noch ruhte, nach der Spitze des Pfarrthurmes ſah, den ſie aus ihrem Fenſter zu aller 142 Zeit erblicken konnte.— Das ſchöne neue Bauwerk, der Stolz Danzigs, erglänzte im Morgenlichte, und die wür⸗ dige Hausfrau freute ſich, daß es noch eine ſo frühe Stunde ſei, denn nun hatte ſie Zeit zu ihren vielen und manigfachen Tagesgeſchäften.—„Alles liegt auch auf mei⸗ nem Haupte,“ dachte ſie, nach Weiſe der Hausfrauen aller Zeiten, da ſie aus dem Schlafzimmer mit den Schuhen in der Hand ſchleichend, die eichene Thür hinter ſich zudrückte, und Frau Letzkau hatte zu dieſem Gedanken eigentlich mehr Grund, als viele andere Hausfrauen, denn ſo viel war ausgemacht, diejenige, um deretwillen ſie ſich den jetzigen Arbeiten unterzog, ihre verlobte Tochter, nahm an denſelben auch nicht den mindeſten Antheil. Es war derſelben ganz gleichgiltig, welche Wucht die Betten hatten, die hochaufgeſtapelt auf der Diele, dem ſpeicherartigen Bodenraum ihres Nebenhauſes, ſchon ſeit vielen Wochen lagen. Sie hatte zwar, wie das ihre Pflicht war, die Fäden zum Brautbette fein und zart geſponnen, ſie hatte auch ſeit Wochen und Monden früh und ſpät mitgeholfen beim Nähen des Weißzeuges, das zu ihrer Ausſtattung beſtimmt war. Sie hatte das Bräntigamshemd für ihren Verlob⸗ ten mit aller Kunſt gefertigt, aber ſie hatte an alledem nicht die rechte Freude. Ihr ſchönes, ſtolzes Geſicht hätte ſie an Tocht ſagen, noch! Ohr brann Schre mußte es wa Mäg das 2 aber was hatte. der b ältlich junge mit ſchmie „ der wür⸗ frühe und mei⸗ aller zuhen ſich anken denn ie ſich nahm iht die dem ſchon Fäden auch beim ledem beſicht 143 hätte nicht bleicher und feierlicher ausſehen können, wenn ſie an ihrem Leichentuch genäht hätte. Als die Mutter an der Thür des Zimmers ihrer Tochter vorbei ging, konnte ſie ſich den Wunſch nicht ver⸗ ſagen, ein wenig nachzuſchauen, ob ihr vielgeliebtes Kind noch der Ruhe pflege. Sie bog ſich daher nieder und legte lauſchend ihr Ohr au's Schlüſſelloch.— Aber als hätte ſie ſich ver⸗ brannt, ſo raſch fuhr ihr Kopf dann zurück und ein jäher Schreck durchzuckte ihre Glieder. Was geſchah in dem Zimmer ihrer Tochter? Sie mußte ſich getäuſcht haben, es war nicht anders möglich, es war ja ihre Tochter, ihre Marie, ihr ehrbar erzogenes Mägdlein! Jetzt beugte ſie ſich noch einmal nieder um durch das Auge ſich zu überführen, daß das Ohr ſie betrogen, aber auch das Auge beſtätigte nur zu furchtbar dasjenige, was das Mutterherz für eine Unmöglichkeit gehalten hatte. Marie war nicht allein in ihrem Gemach! Und der bei ihr war— ein Mann— war keineswegs ein ältlicher und ehrenhafter Verlobter, ſondern ein ſchlanker junger Mann, deſſen zierliche Glieder ein ſeidenes Wams mit Schlitzen eng umſchloß. Ein weicher voller Bart ſchmiegte ſich um ſein Geſicht und ein Stutzbärtchen, wie 144 es die Kriegsknechte und Ordensritter trugen, beſchattete ſeine Oberlippe. Der Fremde ſaß auf einem Stuhl und vor ihm auf den Knien lag ihr ſchönes ſtolzes Kind, und der Locken kopf Mariens ruhte an der Bruſt des Verruchten.—„O heilige Mutter Gottes!o Ihr 10,000 Jungfrauen,“ ſeufzte Frau Letzkau, bei dieſem Anblick ſo tief in den Staub ge⸗ beugt, als es immer nur eine Mutter ſein kann, die Zeu⸗ gin iſt, von der Schmach ihres Kindes. Sie kämpfte einen harten Kampf, ob ſie eintreten, ihr fallendes Kind aus den Armen des Böſewichts rei⸗ ßen und ihn dem Zorn ihres Gatten übergeben, oder ob ſie davon ſchleichen und das Gräßliche, das ſie leider ſehen mußte, mit dem tiefſten Mantel des Schweigens decken ſollte. Jetzt ſprach der Verführer. Die Mutter horchte mit bebendem Herzen, mit geſpanntem Ohr. „Meine ſchöne, meine füße, meine geliebte Marie,“ ſagte er und die Stimme der Schlange, welche Eva beredete, konnte nicht ſüßer geklungen haben, als die ſeine.—„Faſſe Dich und füge Dich in's Unabänderliche, dieſe Verheirathung muß ſein.— Nur als die Frau dieſes Pfahlbürgers kannſt Du mir angehören, nie würde Dein ſtolzer Vater es geſtatten, daß Du zu mir auf die Burg kämeſt, als das Liebchen eines Ordensherrn; auch würd Schri Spier Schri denn könne das renfer Men dem Kind Sitte ſagte Du ſo iſt ſtrafe Eheb Herz ſeit habe alle Ein attete in auf cken „O ſeufzte b ge⸗ Zeu⸗ reten, rei⸗ er ob leider eigens te mit arie,“ Eva s die rliche, Frau würde uſ die auch 4* 145 würdeſt Du ſelbſt nicht den Muth zu einem ſolchen Schritt haben? Bedenke Marie, daß Alles auf dem Spiele ſteht, wenn Dir der Muth gebricht, den letzten Schritt zu thun, der nun einmal nöthig i iſ, und der denn doch zu dem Glück führt, das wir allein erringen können.“ Jedes Glied der horchenden Mutter erzitterte und das Herz in der Bruſt krampfte ſich ihr zuſammen. Was mußte ſie hüren⸗ ſir die ehrbare Frau des eh renfeſteſten Mannes in Danzig! Alſo ſprach ein lebendigen Menſch zu ihrer Tochter, und dieſe geſtattete es! Frau Letzkau ſank in die Knie und horchte mit ſtocken dem Athem, denn jetzt antwortete ihm Marie, ihr theures Kind, das noch vor Kurzem ein Muſter der Reinheit und Sitte geweſen. „Nein, nein, verſtehe mich nicht alſo falſch, Huldrich,“ ſagte ſie,„wenn ich dieſem Manne angehören muß, wenn Du mich nicht retten kaunſt vor dieſem ſchrecklichen Leid, ſo iſt dieſe Zuſammenkunft unſere letzte. Möge Gott mich ſtrafen mit riwiger Feuerpein, wenn ich die Schuld des Ehebruchs, noch zu aller andern Schuld füge, die mein Herz belaſtet.— Ich trete zum Altar mit Große, dem ich ſeit meiner Kindheit verſprochen und verlobt bin, und habe in der Seele kein Fünkchen Liebe für ihn. Ich habe alle Sünden begangen, die die heilige Schrift verbietet, aus Ein Bürgermeiſter. 1. 10 146 Liebe zu Dir, denn ich habe das Gebot der Eltern ver⸗ achtend und verletzend Dich heimlich geſehen, ich habe— weh mir, mich an das Zauberweib gewendet und von ihr Erlöſung von meinem Elend durch Hilfe jener finſteren Mächte begehrt, vor denen das Herz der chriſtlichen Jung⸗ frau ſich zitternd abwendet. Ja! ich hätte meine theuren Eltern verlaſſen und wäre mit Dir gezogen zu den Moh⸗ ren nach Granada, wie Du mir einſt vorſchlugſt, wenn ich Dein Weib hätte werden können; aber ich kann nicht und ich werde nicht, am Altare einem Ehrenmanne Treue ſchwören, mit dem Vornehmen ihn zu betrügen. Muß ich Große'’s Weib werden, ſo werde ich es in Ehren und Treue ſein, bis der Tod mich erlöſet.B Dies iſt das letzte Wort, was ich Dir ſagen kann, mein Huldrich, wollte Gott, mein Vater geſtattete mir, warum ich ihn ſo oft bat, den Eintritt in's Brigitten⸗ Kloſter, ich Wude als eine fromme Nonne für Dich beten, bis an mein ſelig Ende. Als Große's Hausfrau, iſt mir ſelbſt das nicht einmal erlaubt.“ Der Fremde beugte ſich nieder indem ſie alſo unter heißen Thränen ſprach und verſuchte ſie zu ſich empor und auf ſeine Knie zu ziehen, aber ſie wehrte dem, und indem er leidenſchaftlich erregt ihren Mund zu küſſen fuchte⸗ machte ſie ſich von ihm los und lehnte 4 an die Füße des Erlöſers, deſſen Bild in Leben ᷑ — — — — ſchöne des V Mari „noch Narr Tag Straf nicht nichts Es l. Ausd Letzka Ausd ſelben ſehen von Stim nicht Dir. bei G Genq chen n ihr teren ung⸗ ruren Moh⸗ wenn nicht Treue Muß und t das vollte ſo oft de als ſelig nicht alſo ſich dem, üſſen Haupt ße in 147 ſchöner Schnitzarbeit an der Wand hinter dem Stuhle des Verſuchers hing. „Ich denke nicht, daß Du mich alſo entlaſſen wirſt Maria,“ ſagte der unheimliche Gaſt ſich jetzt erhebend, „noch daß dieſe Verſicherung, das treue Wei b eines alten Narren werden zu wollen, Dein letztes Wort iſt. Der Tag bricht an, nein er liegt ſchon hell und klar auf der Straße, mein Weg über die Dächer iſt gefahrvoll, und nicht machte ich ihn auf Deinen Ruf Mädchen, um hier nichts anderesßzu finden, als Thränen und Abſchiedsworte.“ Es lag als er alſo ſprach ein ſinſterer unangenehmer Ausdruck in dem ſonſt ſo ſchönen Geſichte, und als Marie Letzkau die Augen emporhebend, ihn anblickte, mit dem Ausdruck unendlicher Liebe, erſchrak ſie ſelbſt über den⸗ ſelben und erzitterte, daß die Mutter es zu ihrem Troſte ſehen konnte. „Iſt Dir das Lebewohl, das letzte Wort der Liebe von meinen Lippen nichts?“ fragte ſie mit zitternder Stimme. „Nein!“ entgegnete er,„denn das Lebewohl iſt nicht nothwendig, es iſt unnütz, und eine Thorheit von Dir. Du kannſt mir angehören, wenn Du willſt, und bei Gott Mädchen, Du ſollſt es auch, ich will nicht der Genarrte ſein in dieſem Liebesſpiele. Weun ein Mäd⸗ chen einen Liebhaber in ihre Kammer ruft, ſo weiß ſie 10* 148 wozu, und wäre ſie die unſchuldigſte der eilftauſend Jungfrauen.“ „Nicht i in meinem Haupte,“ entgegnete Marie, und ein wenig von ihrem alten Stolze machte ſich in ihren Worten hörbar,„nicht in meinem Haupte iſt der Ge⸗ danke an dieſen ſchweren und traurigen Abſchied entſtan⸗ den, Huldrich! Urſel ſagte mir, daß dies der rinzige Weg ſei, mein Herz und Deines zu beruhigen, ſie gab mir den Schlüſſel zu dem Hauſe, durch das Du get men, und ſie beſtimmte auch die Stunde, wenn Du Dich aufmachen ſollteſt. Ach, es iſt; nicht meine Schuld, wenn Du den Weg bereuſt, den ich Dich machen hieß, war mir es doch, als ob er für Dich leicht und nur für mich ge⸗ fahrvoll ſei, denn wenn ein Auge Dich erblickte, würd nicht alsbald Conrad Letzkau's Tochter einer verochtet und gemiedene Dirne ſein?“ Es lag in der Art, wie Marie dieſe Worte aus⸗ ſprach, ein En was, das die horchende Mutter tief aufath⸗ men ließ. Das war nicht der Ton einer verworfenen Dirne, das war nur der Klagelaut eines leidenden Her⸗ zens, und er brachte das Mutterherz zu einem Entſchluſſe. Mit feſter Hand drückte ſie auf das Thürſchloß, und ſagte laut:„Ich bin's Marie, Deine Mutter, öffne ohne Scheu, ich komme Dich zu retten und zu beſchützen.“ Auge fortg ſie ih überſ ſie, d ment meinf Tocht vor d gebli faßte ihres führt Hau wan ſchw Zeit und gleie ſeine iſend und ihren Ge⸗ iſtan⸗ nzige gab ekom Dich wenn r mir ch ge⸗ würde ichtete aus⸗ ufath rfenen Her hluſſe. ſchloß, Kutter, und zu 149 Was Innen vorging, konnte Frau Letzkan einen Augenblick nicht vernehmen, als aber Marie den Riegel fortgezogen hatte und die Mutter eingetreten war, fand ſie ihre Tochter allein, das bleiche Geſicht von Thränen überſtrömt, an allen Gliedern zitternd. „Marie, mein armes unglückliches Kind!“ ſagte ſie, die Mutterarme ausbreitend, und im nächſten Mo⸗ ment lag das bebende Mädchen an ihrer Bruſt, und ge⸗ meinſchaftlich floſſen die Thränen von Mutter und Tochter, die ſich, Eine von der Andern feſt umſchlungen, vor dem Kreuze des Erlöſers niedergeworfen hatten. „Wo iſt der Verſucher, der ſchändliche Verführer geblieben?“ fragte endlich Frau Letzkau, die ſich zuerſt faßte. Marie zeigte mit der Hand nach der kleinen Thür ihres Stübchens, die nach der Treppe zum Dachſpeicher führte, und die Hausfrau, jedes Fleckchen des eigenen Hauſes kennend, konnte ſich nun wohl erklären, von wannen der ſchreckliche Gaſt gekommen und wie er ver⸗ ſchwunden ſei. Die Bedürfniſſe der Familie erforderten zu jener Zeit nicht ſo große Räumlichkeiten, als in unſern Tagen, und das Haus eines Handel treibenden Bürgers war zu⸗ gleich ſeine Wohnung, ſeine Veſte, und der Speicher für ſeine Vorräthe. Die Vorderfronte der Wohnhäuſer hatte, 150 den Giebel nach der Straße kehrend, nur die Breite von drei Fenſtern, der Raum des mittleren aber wurde von der feſten, eichenen, mit Nägeln beſchlagenen und mit dicker Eiſenſtange und Ketten wohl verwahrten Thüre eingenommen. An jeder Seite derſelben befand ſich ein hohes Spitzbogenfenſter, das eine beleuchtete in ſeiner ganzen Höhe den gewölbten Flur, während das andere zwei über einander liegende kleine Zimmer erhellte. Das obere derſelben, die Hangelſtube, hatte auch an der Wand, die es vom Flur ſchied, Fenſter, ſo daß von ihm die Hausfrau, deren gewöhnlicher Aufenthalt es war, eben ſowohl den Flur, als die Straße überſehen konnte. Unten im Flur führte eine kleine Treppe in die Hinterzimmer, das erſte davon war das Comptoir, in welchem der Hausherr mit ſeinen etwa nöthigen Gehilfen die wenigen ſchriftlichen Arbeiten abmachte, die zu ſeinem oft ausgebreiteten Geſchäfte nothwendig waren. An die⸗ ſem großen, von einem ſehr breiten Fenſter erhellten Ge⸗ mach lag die gemeinſame Schlafkammer, die faſt kein anderes Geräth, als das vierpfoſtige Ehebett, den Bet⸗ ſchemel und den Tiſch enthielt, auf welchem die Waſch⸗ ſchale von Zinn ihren Platz hatte. Die Etage über dem hohen Flur enthielt meiſtens nur ein großes Gemach, das Staatszimmer des Hauſes, in welchem alle Feſte und Feierlichkeiten begangen wur⸗ ¹ den, lienbe Schü Lucken Schie verſel Wind laden die H ein † Fami ſenen den, mer lag u rend aller! Zier! Wer! geſch einan über doch von von mit hüre ein einer dere Das and, die eben die „, in 151 den, und in dem ſich auch die Prachtgeräthe des Fami⸗ lienbeſitzes befanden. Was über dieſer Etage lag, waren Schüttböden, ſtatt der Fenſter nach der Straße zu mit Lucken verſehen, die in gar manchen Fällen auch als Schießſcharten benutzt wurden. Alle Reihen dieſer Böden waren mit einer Klappe verſehen, und unter dem Dachfirſte befand ſich eine Winde, die Waarenballen, welche unten im Flur abge laden wurden, Flachs, Wachs, Hanf und Getreide in die Höhe und auf die Schüttböden zu winden. Ein oder ein Paar kleine Gemächer, je nach dem Bedürfniſſe der Familie, waren zu Schlafräumen für die herangewach ſenen Kinder, die ſich noch im elterlichen Hauſe befan den, abgeſchlagen, während das eigentliche Kinderzim mer neben der Schlafkammer der Eltern im Hinterhauſe lag und gewöhnlich auch als Küche benutzt wurde, wäh rend der eigentliche Küchenraum, ſtattlich aufgeputzt mit allerlei Geräth aus Blech, Zinn und Kupfer, mehr zur Zierde denn wirklich zum Kochen diente, die nächſt der Werkſtube der beſondere Stolz der Hausfrau war. Die Häuſer durch eine Brandmauer von einander geſchieden, auf welcher die Dachrinne lag, hatten unter einander oberwärts einen Zuſammenhang; man konnte über die Giebeldächer, wenn auch nicht gerade ſo bequem, doch eben ſo gut zu den Nachbarn gelangen, als über die 152 Straße, da jede Dachrinne von einem der Schüttböden aus zu betreten ſein mußte, damit man im Winter den ſchmelzenden Schnee hinweg ſchaffen könne. Die Wege über die Dachgiebel ſollen auch zu man⸗ chen Zeiten benützt worden ſein, wie die Sagen und alten Liebesgeſchichten erzählen. Frau Letzkau wußte dies wohl, und darum glaubte ſie nicht, daß der verſchwun⸗ dene gefährliche Gaſt ſich unſichtbar gemacht hätte, ſie drückte weinend ihr Kind an ihr Mutterherz, küßte es zu wiederholten Malen und flüſterte endlich:„Wer war der Mann? Wer war der Böſewicht, meine Tochter, der Dein unſchuldiges Herz verführt und Deine junge Seele vergiftet hat?“ „Scheltet ihn nicht, o ſcheltet ihn nicht, meine ge⸗ ehrte, geliebte Mutter,“ entgegnete Marie, nachdem ſie ſich einigermaßen gefaßt hatte,„iſt er doch, wie ich, un⸗ glücklich genug, da wir uns trennen müſſen; und er ſelbſt redet mir zu, Euch zu gehorchen, meine theuren Eltern! und die Hausfrau des Rathsherrn Große zu werden.“ Frau Letzkau, ſonſt wohl eine Hausfrau, die für alle Leibesnahrung und Nothdurft der Ihrigen recht⸗ ſchaffen Sorge trug, vergaß über der Flut von Gefühlen, die ihr Mutterherz beſtürmten, zum Erſtenmal in ihrem Leben, die Beſorgung des Frühſtückes. Sie legte den großen Schlüſſelbund, mit dem ſie die S ſetzte winkte nieder ſie, d hend, ſo bei Du au Dich Mutte wer w darf ie gut w denn handh⸗ ein, o Weibe die ei dern ſ ſtterte durch dden den an⸗ und dies pun⸗ ſie S zu der der 153 die Speicherthür geöffnet hatte, aus der zitternden Hand, ſetzte ſich auf den Stuhl am Bette ihrer Tochter und winkte dieſer, ſich auf dem Betſchemel zu ihren Füßen nieder zu laſſen. „Bleibe ſo bei mir, mein geliebtes Kind,“ ſagte ſie, das ſchöne Haupt der Tochter in ihren Schooß zie⸗ hend,„Du warſt ſonſt in den Tagen der Kindheit gern ſo bei mir, und was auch geſchehen ſein mag, wie viel Du auch gelitten und gefehlt haſt, vom Mutterherzen ſoll Dich nichts vertreiben.— Sei aufrichtig mit Deiner Mutter und glaube, daß ich nichts will, als Dein Glück; wer war der Mann, den Du bei Dir hatteſt?“ „Mutter,“ entgegnete Marie gefaßter,„ſprecht ſelbſt, darf ich ihn verrathen, da dieſer Weg zu mir, ihm ſo gut wie mir Unehre, ja vielleicht den Tod bringen kann? denn die Geſetze des Ordens werden jetzt ſtrenger ge⸗ handhabt, als ſeit langer Zeit; ſie mauern den Ritter ein, ohn' Erbarmen, der in der Schlafkammer eines Weibes getroffen wird.“ „O möchten ſie dieſen Schurken einmauern,“ dachte die empörte Mutter, aber ſie ſprach es nicht aus, ſon⸗ dern ſtreichelte das ſeidene Haar ihres Kindes und flü⸗ ſterte leiſe:„Fürchteſt Du, daß Deine Mutter Dich durch Verrath um Ehre und Achtung bringen würde?“ 154 „Es iſt Herr Huldrich von Sefeln, meine Mutter,“ ſagte Marie mit kaum hörbarer Stimme. „Armes Kind! armes Kind!“ jammerte die Mutter. „Wie biſt Du ehrbar und ſtreng erzogenes Mägd⸗ lein in die Schlingen dieſes wüſten Menſchen gefallen? O alle unſere Achtſamkeit, all' unſere Sorge hat nicht ausgereicht, Dich vor Elend und Verſuchung, vor der Tücke dieſes Böſewichts zu bewahren!“ „O ſcheltet nicht, meine Mutter,“ bat Marie wei nend,„gießet Euern ganzen Zorn aus, auf mein ſchuldi⸗ ges Haupt, aber ſcheltet ihn nicht, den Ihr nicht kennt.“ Frau Letzkau aber, ohne ihre Bitten zu beachten, richtete ſich hoch empor, und ihren Arm gegen Himmel erhebend, rief ſie mit bitterem Tone:„Fluch ihm, dem Meineidigen, dem Verräther, der mit teufliſcher Kunſt das Herz meines unſchuldigen Kindes berückte. Fluch ihm, der Unehre in eine ehrbare Familie trug, der zwi⸗ ſchen eine Tochter und ihre Eltern trat, und ihre Herzen von einander zu reißen ſuchte. Mein Kind! mein einziges Kind! oFluch ihm, der Dein Glück, und Deinen Lebens⸗ frieden ſtahl, und Deinem unſchuldigen Herzen das beſte Glück der Welt, das gute Bewußtſein raubte: denn hin⸗ fort, meine Tochter, iſt in Deiner Seele eine Stelle, wo⸗ hin D Du n wenn Du in und a wieder kunft i ſcheine macht: lorene gangen Mutte der Z ich we andere dieſer der in mein a ſten 1 Deine deſt, ſe zieht, treten. ägd⸗ llen? nicht der wei eildi nicht chhten, mmel dem dunſt Fluch zwi⸗ erzen ziges bens⸗ beſte hin⸗ wo⸗ 155 hin Du keines Menſchenaug' darfſt ſchauen laſſen, die Du mit ſiebenfachem Schleier wirſt verdecken müſſen, wenn Du einſt von Gott mit Kindern geſegnet wirſt, die Du in der Beichte zu offenbaren, Dich kaum getrauſt, und auf die doch Dein eigenes Auge immer und immer wieder ſchauen muß. Je ehrbarer Dein Wandel in Zu⸗ kunft iſt, deſto ſinſt'rer wird Dir der ſchwarze Fleck er ſcheinen, den jener Böſewicht Deinem Ehrenkleide ge⸗ macht: denn, ach meine Tochter, nur eine ganz Ver lorene ſöhnt ſich ſelbſt aus mit einer ſchuldvollen Ver⸗ gangenheit. „Laßt mich in's Brigittenkloſter gehen, meine theure Mutter,“ flehte das Mädchen, ihre Arme um die Knie der Zürnenden ſchlingend.„O ſeit ich ihn kenne, ſeit ich weiß, was minnige Liebe iſt, wünſche ich ja nichts anderes als dies, aber Ihr und mein Vater beſteht auf dieſer Heirat, vor der meine Seele ſchaudert.“ Frau Letzkau hatte ſich langſam und trauernd wie⸗ der in den Stuhl ſinken laſſen.„Erzähle mir jetzt Alles, mein armes Kind, verſchweige mir auch nicht den gering⸗ ſten Umſtand und iſt es möglich, daß Du mit Ehre Deines Verlöbniſſes mit Herrn Große entbunden wer⸗ deſt, ſo magſt Du, wenn dieſer Krieg, der drohend herein zieht, vorüber iſt, dein Probejahr im Brigittenkloſter an⸗ treten. Gottes Wille geſchehe! Bedenke aber, daß Du 156 Deinem Vater und der Stadt, deren hochgeehrtes Haupt er iſt, ſchul dig biſt, Deine weltliche Ehre zu wahren, auch wenn Dein Herz darüber blutet, oder zerbricht, Conrad Letzkau hat keinen Sohn und ſeine einzige Toch⸗ ter ſoll dnicht als eime ehrloſe Dirne, als das verlaſſene Schätzchen Heines wüſten Weißmäntlers gebrandmarkt er⸗ ſcheinen. Du biſt mein einziges, mein heißgeliebtes Kind, Marie, aber ich würde Dich lieber mit eigener Hand tödten, als Dich verachtet und verſpottet neben Deinem edlen Vater ſtehen ſehen. Ich mein Kind, bin freilich ein Weib und eine Mutter und würde Dich noch lieben und beſchützen, wenn auch alle Schande der Welt Dein armes Haupt niederbeugte. Vertraue mir darum, daß wir in Gemeinſchaft retten mögen, was irgend noch zu retten iſt.“ „Mutter,“ ſagte Marie,„iſt es denn eine S Schande, einen Mann zu lieben, der uns nicht heirat eu kann? an den Höfen, ſagt man, minnt jeder Ritter eine Dume, ohne daß es Einem oder dem Anderen irgend Schande bringt, im Gegentheil gereichen die Thaten ihres Ritters, die er in ihrem Nanden vollbringt, der Dame ſtets zu hoher Ehre, und ſelbſt Königinnen und Fürſtinnen ge⸗ ſtatten es den edlen Herren und Ritteru, ihre Farbe als Helmzier, als Feldbinde In kragen, erzühlt doch auch die Sage, daß die Königin Gienevra, des Konigs Arthur’s hohe C Ehren Hände Du U. ehrbart die für geſetzt 7 königli den R liche§ Armut Orden Lippen vor Z frau iſt abe⸗ dem T zoge v man il gern d Weißn Wie ter de aupt ren, icht, och ſſene er⸗ ebtes gener neben bin noch der mir was lande, linn? pume, hande ters, s zu ge⸗ als die hur's — 157 hohe Gemalin, des edlen Ritters Lanzelok Minne in Ehren annahm.“— Frau Letzkau, ſchlug voll Schreck und Staunen die Hände zuſammen.„Und woher weißt Du dies Alles, Du Unglüdskind? und wie paßt dies hierher in unſer ehrbares bürgerliches Haus? Wer hat Dir dieſe Dinge, die für ein Bürgermädchen ſo wenig paſſen, in den Kopf geſetzt?“ fragte ſie mit großem Ernſte. „Dieſe deutſchen Ritter, die das Land mit faſt föniglicher Macht beherrſchen, ſind nicht wie jene fahren⸗ den Ritter, die lieben und minnen dürfen, es ſind geiſt⸗ liche Herren, die vor Gott die drei heiligen Gelübde, Armuth, Keuſchheit und Gehorſam abgelegt haben. Ihre Ordensregel verbietet ihnen ſogar einen Kuß auf die Lippen ihrer Schweſtern und Mütter. Auch waren ſie vor Zeiten muſterhaft fromm und die Ehre einer Jung⸗ frau war ſicher unter ihrem ritterlichen Schutze. Das iſt aber vorüber und gar arge Dinge geſchehen unter dem Dache der Burg, die einſt die Wiege der edlen Her⸗ zoge von Pommerellen war. Wohl mag manches, was man ihnen nachſagt, Verläumdung ſein, die Welt glaubt gern das ſchlimmſte, doch gewiß iſt, daß die Liebe eines Weißmäntlers jedem ehrbaren Mädchen Schande bringt. Wie oder haſt Du nicht von Truden gehört, der Toch⸗ ter des Geſchützmeiſters Wolf aus Marienburg? ſie 158 war faſt noch ein Kind und ein ehrbar Mädchen, da ſah ſie auf dem Bleichplatz, wo ſie ihre Leinwand bleichte, einen ſtolzen und ſtattlichen Weißmäntler, der ſie be⸗ rückte; er nahm ſie mit in's Schloß und dort lebte ſie ein paar Jahr herrlich und in Freuden, man ſagt, daß ſie ein Kind hatte, und es in der Geburt erſtickte. Da kam der vorige Hochmeiſter, Herr Conrad von Jungin⸗ Schatz ſie bei ſich hielt. Der Meiſter liebte das Unweſen nicht, er trieb die Trude aus und der Ritter verfiel in ſtrenge Kirchenſtrafen.— Wie ſie herauskam aus dem Schloſſe hat der Büttel ihr ihr Recht angethan, ihren nackten Leib mit Theer beſtrichen und Federn auf ſie ge⸗ ſchüttet und dann haben die Buben ſie durch alle Stra⸗ ßen der Stadt getrieben.— Niemand weiß, wo die arme Elende hingeſtoben iſt, ſie wäre noch keine alte Frau, um fünf Jahre jünger als ich, wenn ſie lebte, und ſie könnte eine angeſehene Frau ſein, denn Herr Klaus Feber hatte ſie lieb, bevor ſie zu Unehre kam und hat ſich lange ihrethalben gegrämt.“ „Dieſe Weißmäntler benützten die Unwiſſenheit der jungen Mädchen, die von Vater und Mutter ſo ängſtlich bewahrt werden, daß ſie nicht einmal hören, was in der Welt vorgeht, und verſtricken ſie durch Schmeichelworte, ſetzen ihnen hohe Dinge in den Kopf, von ritterlicher gen, ein rechtſchaffener Herr nach Chriſtburg, wo ihr⸗ Minne und El Unterſe mit de hohen welchen fluche T ſtürzen eine Fi Achtung in Dein bensend N in troſt ſchluchz Vertrat als ich weiſe n Kinde, ich will 4 Tochter „wo un weſen? ſah chhte, be⸗ e ſie daß Da gin⸗ ihr heſen l in dem hren ge⸗ tra die alte und laus hat der ſtlich der orte, icher 159 Minne, bis ſie ſie dahin gebracht haben, daß ſie Pflicht und Ehre vergeſſen und dann einſehen, ein wie großer Unterſchied ſtattfindet, zwiſchen der ehrerbietigen Minne mit der die freien fahrenden Ritter ihre Thaten einer hohen Dame weihen und dem unreinen Gefühle, mit welchem ſie ein ehrbar Bürgermädchen betrügen.— Ver⸗ fluche Du meine Tochter den Mann, der Dich in's Elend ſtürzen wollte, freie den würdigen Herrn Große, werde eine Frau, auf deren Thun und Leben alle Welt mit hoher Achtung blickt, und geſtatte dem Böſewicht, den ich hier in Deiner Kammer fand, Deine Farben bis an ſein Le⸗ bensende zu tragen— ob er damit zufrieden ſein wird? Marie ſchlug die Hände vor das Geſicht und brach in troſtloſes Weinen aus. „O Mutter! Mutter, meine herzliebe Mutter ſchluchzte ſie endlich, wie ſehr habe ich gefehlt, daß ich mein Vertrauen nicht Euch meiner beſten Freundin ſchenkte, als ich dieſen Mann kennen lernte. Ihr ſeid ſo gütig und weiſe meine herzliebe Mutter. Rathet jetzt Euren verirrten Kinde, helft Eurer armen Marie in ihrer größten Noth, ich will Euch alles, alles ſagen.“ „Jetzt in dieſem Augenblick nur Eins, meine geliebte Tochter,“ flüſterte Frau Letzkau Mariens Stirn küſſend, „wo und wie oft biſt Du mit dieſem Manne allein ge⸗ weſen?“— 160 „Bei dem Blute des Erlöſers,“ entgegnete Marie, „dies iſt das erſte Mal und ich entſchloß mich dazu nur, als die Urſel Wald mir ſagte, erſt um 4 Uhr Morgens dürfe Huldrich den Weg über die Dächer zu mir machen, ich fürchtete mich ihn Abends und Nachts einzulaſſen; aber bei Tage, wo Gottes Sonne auf das Bild des Er⸗ löſers in meinem Stübchen ſchaut, da hatte ich Muth den letzten Abſchied von dem zu nehmen, dem ich ja nim⸗ mer anhören kann—“ Frau Letzkau kniete andächtig vor jenem Bilde des Erlöſers nieder und betete aus tiefſtem Mutterherzen. „Ich danke Dir mein Herr und Heiland, daß Du mein Kind vor Sünde und Schmach beſchützt haſt. Erbarme Dich ihres jungen Herzens und gib ihr Muth, Schmerz und Leiden mit Geduld zu ertragen.“— Dann erhob ſie ſich mit der Eile der Hausfrau, die der Obliegenheiten des Tages gedenkt, küßte ihrer Tochter bleiche Stirn und ſagte:„Rüſte Dich jetzt mein Kind, mit Ruhe vor das Auge Deines Vaters zu treten, der uns gewiß längſt zum Frühmale erwartet, Abends werde ich bei Dir ſein und ſo Gott will, Worte des Troſtes zu Dir ſprechen. Der Herr iſt bei denen, die ihm vertrauen.“— Sie ging. Auch Marie erhob ſich, ihr war ſeit ſie am Herzen der Mutter geweint, zu Muthe, als ſei ſie aus einem bangen Traum erwacht, und während Frau Letzkau gegeben, ſperrte, nen zu und Jed das ſcho He meiſter vorging, ſann, ab er nacht Stadt. in der ſich hin. zu verd ſeinen T das iſt das Fah das ſind Einer m 2 * arie, nur, gens chen, ſſen; Er⸗ Nuth nim⸗ des erzen. mein darme hmerz öb ſie heiten n und Auge zum n und Der eit ſie ſei ſie Frau 161 Letzkau die Dachlucken, die dem ſchlimmen Gaſte Einlaß gegeben, mit den feſteſten Stangen und Schlöſſern ver⸗ ſperrte, badete Marie ihre Augen, die Spuren der Thrä⸗ nen zu vertilgen, und ordnete in ihrem Stübchen Alles und Jedes mit mehr Aufmerkſamkeit und Vorliebe, als das ſchon ſeit langer Zeit geſchehen war. Herr Conrad Letzkau, der ehrſame Oberbürger⸗ meiſter Danzigs, ſtand, während dies Alles in ſeinem Hauſe vorging, an ſeinem Schreibetiſch, zählte, rechnete und ſann, aber es war nicht ſein Handelsgeſchäft, über das er nachdachte, noch auch eigentlich das Geſchäft der Stadt. „Hundert und fünzig wehrhafte Männer könnte man in der Rechtſtadt wohl zuſammenbringen,“ ſagte er für ſich hin.„Die Jungſtadt aber, die dem Ritterorden Alles zu verdanken hat, ſo wie auch dies Schottland*) mit ſeinen Tuchwebern würden zuſammen nicht ſo viel ſtellen, das iſt der Lauf der Welt! Schiffkinder**) möchte das Fahrwaſſer und der Holm an 300 aufbringen und das ſind brave Leute, wenns gilt, es ſchlägt ſich von ihnen Einer mit Dreien. „5— 600 Mann und mehr noch könnte ich dem *) Stadttheile des alten Danzigs. **) Matroſen. Ein Bürgermeiſter. I. 11 162 Meiſter zuführen, aber ich thue es nicht eher, bis es zur Verth heidigung des eenen rin und Bodens nöthig wird.— Wir haben unſere Privilegien und das culmiſche Recht, und ich darf d der Stadt davon nichts vergeben, wie gern ich auch dem Orden, und beſonders dem wackern Hochmeiſter und dem ſehr edlen Comthur Heinrich Reuß von Plauen dienſtlich ſein mag.“ „Euer Geſtrengen,“ ſagte in dieſem Augenblick ein Mann in hochrothem langen Rocke, der leiſe eingetreten war,„es iſt draußen der ſehr ehrenwerthe Herr Bürger⸗ meiſter Arnold Hacht der, von ſeiner Reiſe heimgekehrt, Euch zu ſprechen wünſcht.“ „Er ſoll tauſendmal und vom Herzen willkommen ſein,“ rief Conrad Letzkau, öffnete ſelbſt die Thür und reichte dem Eintretenden mit vieler Herzlichkeit die Hand. —„Seid gegrüßt in den Mauern der Vaterſtadt, mein werther Freund und College, ſeid mir von ganzem Her⸗ zen gegrüßt! Zu keiner Zeit können Männer wie Ihr in Danzig willkommner ſein, als eben jetzt, wo der Krieg auf ehenem Flügel zu uns heran rauſcht, wir bedürfen Eures Armes eben ſo ſehr als Eures Kopfes,“ rief er ihm ent⸗ gegen. „Ich bringe meiner lieben Vaterſtadt Beides und mein ganzes Herz dazu, und fühle mich nicht wenig er⸗ freut, d wieder b vorgeſtre Die Ber Leute vo Herrſcha ſich von aber Co Freund! ſchichte Schwert hatte, betrachte 2 Geld ge is es öthig niſche „wie ackern Reuß ck ein treten erger⸗ kehrt, mmen r und Hand. mein Her⸗ hr in ig auf Eures ment⸗ und ig er⸗ 163 freut, die alten Mauern, die alten Thürme und Hallen wieder begrüßen zu können,“ entgegnete freundlich Arnold Hecht. „Und was bringt Ihr uns, mein werther Freund von Königin Margaretha, der nordiſchen Semiramis?“ fragte Letzkau. „Geld! den Nerv des Krieges, mein geehrter Herr! Margaretha hat in meine Hand und auf meine Quittung die 9000 engliſchen Nobels abgezahlt, die der edle Meiſter Conrad dem König Albrecht von Schweden vorgeſtreckt, der ein Gothland dafür zum Pfande gab. Die Bewohner Gothlands und vor Allem die wackeren Leute von Wisby haben mit Schmerzen ſich unter die Herrſchaft der ſtolzen Königin begeben und nur ungern ſich von der milden Regierung des Ordens getrennt, aber Conrad Letzkau, mein wackerer Vorgeſetzter und Freund! Eines könnten wir Danziger aus dieſer Ge⸗ ſchichte lernen.“ „Und das wäre?“ fragte Letzkau, indem er ſein Schwert, das in der Ecke des Zimmers ruhig gehangen hatte, hervornahm, und deſſen wohlgehärtete Klinge betrachtete. „Wir ſind auch ein Pfand, auf das der Orden Geld geborgt hat, und wenn wires zahlen, ſo ſind wir frei.“ „Ja!“ entgegnete Letzkau, indem er die Klinge in 164 die Scheide ſtieß; wir ſind dann frei und dürfen uns dieſem Wladislav Jagello, dieſem Polen und halben Heiden übergeben, der ſich Erbeling von Pommerellen, Pomeſanien und Caſſuben ſchimpfen läßt. Wir mögen denn in Gottesnamen unſere deutſche Art und Sitte fahren laſſen und Pollaken werden. Die Freiheit haben wir verlangt Euch danach, Arnold Hecht?“ „Wir könnten uns auch unter den unmittelbaren Schutz des Reiches ſtellen, der Kaiſer würde—“ „Warum nicht lieber gleich unter den Schutz des Großtürken, der iſt uns bald eben ſo nahe als der Kaiſer.— Nein, Arnold! wenn auch die Herrſchaft des Ordens keine vollkommene iſt, ſo iſt ſie doch für uns gut und nützlich. Dieſe geharniſchten Ritter ſtehen als eine eherne Mauer an den Grenzen Deutſchlands, und wir ſind die Grundſteine, die ſie tragen ſollen. Feſt zu halten iſt unſere Pflicht als deutſche Männer, oder ſeid nicht Ihr wie ich aus deutſchem Blute? Zogen nicht unſere Väter aus Lübeck hierher, ſich ein Glück zu ſuchen und haben wir es nicht gefunden, und zwar gefunden un⸗ ter der Regierung des Ordens?“ „Beliebt's Euch, mein lieber Herr, das Frühſtück einzunehmen,“ fragte in dieſem Augenblicke Frau Letzkau, die leiſe eingetreten war? „Wenn es dieſem werthen Gaſte gefällig iſt, es zu 11* theilen, willkom weiten von den ward, n Brot, C Tagesſt A ſie war ten als ſtreuung Gaſt be licher,“ hatte,, Stadt, und wa frau d nimmt mäntle Weſen heute F Mann Er hatt ſchwarz n uns halben rellen, mögen Sitte en wir lbaren tz des ls der erſchaft ir uns en als s, und Feſt zu er ſeid — nicht ſuchen en un⸗ rühſtück Letzkau, es zu 165 theilen,“ entgegnete der Gatte, und Frau Letzkau be⸗ willkommnete mit aller Freundlichkeit den von ſeiner weiten und ehrenvollen Reiſe heimgekehrten Freund, der von dem Ehepaare alsbald in die Hangelſtube geführt ward, wo eine wohlſchmeckende Bierſuppe, feines weißes Brot, Eier und gekochtes Rindfleiſch, eine bei der frühen Tagesſtunde ziemlich ſubſtanzielle Mahlzeit bildeten. Auch Maria Letzkau war bei derſelben gegenwärtig, ſie war blaß, aber ernſtund ruhig und erfüllte ihre Pflich⸗ ten als Haustochter, ohne ſichtbare Zeichen von Zer⸗ ſtreuung, indem ſie Vater und Mutter, ſo wie auch den Gaſt bediente. „Das Mägdlein wird alle Tage ſchöner und lieb⸗ licher,“ ſagte Herr Arnold Hecht, als ſie ſich entfernt hatte,„ſie iſt ein Muſter für die Jungfrauen unſerer Stadt, in allen Tugenden ihres Geſchlechtes und Alters, und wahrlich es thut Noth, daß die vornehmſte Jung⸗ frau der Stadt auch die ehrbarſte iſt. Die Unzucht nimmt überhand unter uns und die gottloſen Weiß⸗ mäntler ſcheuen ſich nicht, am hellen lichten Tage ihr Weſen zu treiben. Stellet Euch vor, daß ich ſelbſt heute Früh aus dem Fenſter meines Hinterhauſes einen Mann wie einen Kater über die Dächer ſchleichen ſah. Er hatte zwar freilich den weißen Mantel mit dem ſchwarzen Kreuz abgelegt, aber trotz der dunklen Hülle, 166 in die er ſich vermummt, erkannte ich gar wohl einen der Verrufenſten dieſer hölliſchen Ordensherren, den von Sefeln. Ich ſchwieg, denn wer weiß, welches ehrli⸗ chen Mannes Weib oder Kind der Schandbub' eben be⸗ ſucht hatte, aber treffe ich ihn einmal, ſo werde ich's ihm eintreiben, ob er auch zehnmal ein Deutſchherr iſt.“ Frau Letzkau war bei dieſen Worten bleich wie eine Leiche geworden, und zitterte ſo heftig, daß ihr Gatte es bemerkte. „Gott ſteh uns bei, Gertrude,“ ſagte er lachend, „wäreſt Du nicht vierzig Jahre alt und von Kindheit an ein Muſter von Zucht und Sitte geweſen, man möchte meinen, Dein Gewiſſen ſchlüge Dich, Frau!“ „Scherze nicht,“ entgegnete die Beklommene, ſich zuſammenehmend,„wehe der Famillie, die da wieder üble Nachrede treffen wird.“ „Die Familie Conrad Letzkau's wird üble Nachrede nicht kränken und verunehren,“ entgegnete Conrad feſt, „denn ich würde alsbald dem, derſiezu verbreiten nwagte, das Gehirn einſchlagen. Auch habe ich üble Nachrede nicht verdient, denn ich wehre ihr, wo ich weiß und kann, es iſt genug mit dem Geklatſche über das Böſe, das wirklich geſchieht, man darf nicht noch ein neues und ſchlimmeres dazu erſinnen.“ . 3 beendig⸗ D betet we einen S und we Wahl i Abt Ja an eine les tru an ihm dem Ab then, th es anſa anſchlug den Au reits be einen , den ehrli⸗ in be⸗ ich's r iſt.“ h wie iß ihr ichend, deit an möchte te, ſich r üble achrede d feſt, wagte, achrede iß und ſe, das es und Siebentes Capitel. Im Kloſter zu Oliva war eben das Mittagsmahl beendigt. Die Mönche verließen, nachdem das Gratias ge⸗ betet worden, einzeln oder in Gruppen das Refectorium, einen Saal mit ziemlich gedrücktem Gewölbe und ſchwarz und weiß getäfeltem Fußboden, und gingen nach eigener Wahl ihren Geſchäften oder Vergnügungen nach. Der Abt Jacobus war der Letzte, welcher zurückblieb. Erſtand an einen der Pfeiler gelehnt, die die Wölbung des Saa⸗ les trugen, und ſchaute den Brüdern nach, die grüßend an ihm vorüber gingen. Es waren 26 Mönche, außer dem Abt, alle gar wohlgenährt, mit breiten, theils ro⸗ then, theils ſchwammig bleichen Geſichtern, denen man es anſah, daß ihnen das gute Danziger Bier auch gut anſchlug. Nur Einer war darunter, deſſen Phyſiognomie den Ausdruck wahrer Intelligenz trug. Es war ein be⸗ reits bejahrter Mann, obgleich weder altersſchwach noch hinfällig, im Gegentheil für ſeine Jahre rüſtig und kraftvoll. „Pater Medardus, mein geliebter Bruder,“ flü⸗ ſterte der Abt, als dieſer grüßend an ihm vorbei ſchritt, ihm zu,„ich habe ein nothwendig' Wort mit Euch zu ſprechen.“ „Befehlt, Hochwürdigſter,“ entgegnete Jener,„ich ſtehe Euch zu Dienſten.“ „So bleibt hier, mein werther Bruder, es handelt ſich um eine Sache, die ſchon vor langer Zeit vorfiel, und es iſt die Frage, ob ihr ſie noch in Eurem Gedächt⸗ niß habt.“ „Ich bin ein alter Mann, Hochwürdigſter, und mein Gedächtniß fängt an abzunehmen, mehr aber, wie das immer beim Alter zu ſein pflegt, für die Begeben⸗ heiten des heutigen Tages, als für das, was in meiner Jugend geſchah.“ „Wohlan denn, mein lieber Bruder, erinnert Ihr Euch, daß in dem Jahre, bevor der Hochmeiſter Conrad Zolner von Rotenſtein den Ehrentiſch in Königsberg gab, ein junger böhmiſcher Wladika in unſerer Kirche mit einer Jungfrau aus maſuriſchen oder lithauiſchem Blute getraut ward.“ *„Gewiß erinnere ich mich deſſen,“ ſagte Pater Me⸗ dardus, und ſeine großen dunkelblauen Augen erglänz⸗ ten, geſta gehör noch Neur chem ſich in Trau fragte nerun Buch Folio Abt, es n niß a nicht hinde wend ſeinen g und ¹ flü⸗ ſchritt, uch zu r,„ich handelt vorfiel, edächt⸗ er, und er, wie egeben⸗ meiner ert Ihr Conrad nigsberg Kirche miſchem tter Me⸗ erglänz⸗ 169 ten,„ein ſchöneres Menſchenpaar hat nie am Altare geſtanden.“ „Und die Trauung wurde in unſern Kirchenbüchern gehörig und in aller Ordnung regiſtrirt, ſo daß ſie heute noch zu erweiſen wäre?“ „Ganzſicherlich, Hochwürdigſter! Auch nahmen die Neuvermählten alle Beweiſe, daß ihre Ehe nach göttli⸗ chem und menſchlichem Geſetze geſchloſſen ſei, gleich mit ſich in die ferne Heimat des Ehemannes.“ „Getrauet Ihr Euch, mein lieber Bruder, das Trauzeugniß in unſeren Kirchenbüchern aufzufinden?“ fragte der Abt von Neuem. „Ich dächte, Hochwürdigſter! trügt mich die Erin⸗ nerung nicht, ſo muß es ſich in dem großen rothen Buche vorfinden, etwa auf der achten oder neunten Folioſeite.“ „Ich danke Euch, mein lieber Bruder,“ ſagte der Abt, und werde Eure Hilfe in Anſpruch nehmen, wenn es nothwendig werden ſollte, das fragliche Zeug⸗ niß aufzufinden; für jetzt bedarf ich Eurer Anweſenheit nicht mehr und will Euch daher auch nicht länger hindern Eure freie Zeit nach Eurem Belieben zu ver⸗ wenden.“ Der alte Mönch verneigte ſich, der Abt gab ihm ſeinen Segen, und Beide verließen nun das Refecto⸗ 170 rium, in welchem die dienenden Brüder die Tiſche ab⸗ räumten, um den mächtigen Saal der Einſamkeit und Stille zu überlaſſen. Kaum aber war der Letzte der Diener verſchwun⸗ den, als ſich die eichenen Flügelthüren ſehr eilig öffneten und der Pater Küchenmeiſter, gefolgt von zwei anderen Mönchen, mehr hinein ſtürzte als hinein trat. Der wa⸗ ckere dicke Mann keuchte und pruhſtete, heut zu Tage würde man ſagen, wie eine Locomotive, damals aber hätte Jemand, der von einem Dinge der Art als von etwas Wirklichem nur erzählte,halb und halb für einen Hexenmeiſter gegolten. Der würdige Pater Küchenmeiſter hatte aber von einem ſolchen nicht das Geringſte an ſich.—„Jetzt, nachdem vor einer Viertelſtunde abgeſpeiſt iſt, jetzt ge⸗ rade muß er daher kommen und noch dazu an einem Feſt⸗ tage,“ ſtieß er unter Keuchem hervor,„gerade jetzt! Das iſt eine Tücke von ihm, beim Leib der heiligen Dorothea und unſer Hochwürdigſter verlangt denn gleich einen Im⸗ biß für den geehrten Gaſt, wie er für Ort und Tag paſſend und unſeres Kloſters würdig iſt.“ „Er ſollte nur eine Stunde Küchenmeiſter ſein, der gewaltig kluge Herr, er würde einſehen, das befehlen oft⸗ mals leichter als gehorchen iſt.— Eine feine Haferſuppe mit Röſtbrot, nun das geht für den Faſttag, dann Krebſe mit Fiſchklößen. Einen gebratenen Biberſchwanz habe ich 6 Herr werde daun⸗ Torte ſahne heuer nicht denn Pater der k tuche ſo ko denn aus d Platz und n endete und g ein fector durfte ſtören Tiſche ab⸗ und un⸗ eten eren wa⸗ Tage hätte twas eiſter aber Jetzt, 171 ich Gottlob auch noch ſtehen, der würdige, vortreffliche Herr Klaus Ferber verehrte mir den Braten. Die Thiere werden ſelten, und auf ſeiner Beſitzung an der Ra daune, finden ſich manchmal noch vereinzelte.— Eine Torte mit Weinbeermuß und kleine Törtchen, mit Schaum⸗ ſahne gefüllt, können wir noch zufügen, die Beeren ſind heuer gar ſchön gerathen und unſer Hochwürdigſter liebt nicht den Wein vom eigenen Gewächſe, zum guten Glück! denn da bleiben die Trauben für die Küche.“ Während dieſes Selbſtgeſpräches des würdigen Pater Küchenmeiſters hatten ſeine beiden Gehilfen einen der kleineren Tiſche ſorgfältig mit einem weißen Tiſch tuche gedeckt, ſilberne Teller, feine Weinbecher von eben ſo koſtbarem Metall und Löffel und Gabeln aufgelegt, denn das Meſſer brachte ſich ein jeder ſelbſt zu Tiſche; aus dem Keller wurde Wein geſendet, der ſogleich ſeinen Platz in einem mit Waſſer gefüllten Weinkühler fand und nach wenigen Minuten erkannte der Pater das voll⸗ endete Werk des Tiſchdeckens für gut, ging in die Küche und ordnete an, daß die fertig gewordenen Speiſen auf ein Kohlenbecken geſtellt und in die Drehlade am Re⸗ fectorium geſetzt werde, ſo daß kein Diener eintreten durfte, um das Geſpräch des hochwürdigen Abtes zu ſtören, wenn dieſer ſich mit ſeinem geehrten Gaſte zu Tiſche geſetzt haben würde, 172 Wirklich war es auch Zeit geweſen zu all' dieſen Vorrichtungen, denn die Diener hatten kaum das Refec⸗ torium verlaſſen, als der Fürſt⸗Abt es betrat, einem ſchlanken Manne auf dem Fuße folgend, deſſen krebsro⸗ thes Gewand mit kleinem runden Kragen ihn als einen Geiſtlichen hohen Ranges documentirte. Es war der Biſchof von Gneſen, Herr Johannes. „In dieſer Zeit, mein ſehr vortrefflicher Freund,“ ſagte er, als er an dem gedeckten Tiſche Platz genommen, „müſſen die Klugen zuſammenhalten, und wir, mein theu⸗ rer Bruder in Chriſto, wir, die eigentlichen Hirten dieſer widerſpänſtigen Heerde, müſſen wie die ſieben weiſen Jung⸗ frauen die Lampen mit Oel gefüllthalten, denn der Bräu⸗ tigam kommt. Die Feindſeligkeiten zwiſchen dieſem unſinni⸗ gen Ulrich und dem edlen König von Polen haben bereits begonnen. Ulrich hat Dobryn beſetzt, man ſchlug ſich an der Dobiſſa, der König von Ungarn aber hat wieder einen Waf⸗ fenſtillſtand vermittelt, und ſo werden die Schwerter bis zum nächſten Jahre in der Scheide roſten, dann aber, mein Bruder, dann iſt die Zeit gekommen, und mit Gottes Beiſtand ſoll ein anderes und beſſeres Regiment dieſem Lande zu Theil werden.“ „Ihr ſprecht ſo ſicher, als ob der Sieg Wladislav Jagellos ſchon entſchieden ſei. Der Kluge mein Herr Biſchof, hält ſich einen doppelten Weg frei, denn un⸗ mögl gleich bilden ten S bieten Dafü weit! von T Muſit Bewes volk e der ſi Ulrich Feldh Hand ſchwa ihm ſe ſalbun Freun Kirch des de einen ſein L eſen fec⸗ nem Sro⸗ inen nes. nd,“ men, theu⸗ vieſer ſ-ung⸗ räu⸗ inni⸗ reits n der Waf⸗ s zum mein Pottes bieſem dislav Herr a un⸗ 173 möglich iſt es ja doch nicht, daß der Orden ſiegt, wenn gleich Polen, Lithauer und Tartaren ein mächtiges Heer bilden, das im Verein mit den ſtets zur Rebellion geneig⸗ ten Samaiten alle Streitkräfte, welche der Orden auf⸗ bieten kann, an Zahl ums Dreifache überſteigen wird. Dafür iſt es aber an Manneszucht und Kriegsgewohnheit weit hinter dem Ordensheere zurückſtehend. Ein Troß von Wegelagerern, von liederlichen Dirnen, Gauklern und Muſtkanten hindert bei den Polen jede rechte kriegeriſche Bewegung, während das von den Rittern geführte Kriegs⸗ volk einer eiſernen Schlange gleicht, deren einzelne Glie⸗ der ſich bewegen nach dem Willen des Hauptes, und Ulrich von Jungingen iſt— ein tapferer Mann und guter Feldherr, ſagte der Abt.“ Der Biſchof Johannes aber legte ſeine feine magere Hand, deren Zeigefinger der Fiſcherring zierte, auf den ſchwarzen Aermel von der Kutte ſeines Gefährten, und ihm ſcharf und ſchlau in die Augen ſehend, ſprach er ſalbungsvoll:—„Wahr! Alles ganz wahr mein ſehr lieber Freund, aber vergeßt nicht, daß Gott und die heilige Kirche wider dieſen Ulrich ſind, der ſich Hochmeiſter des deutſchen Herren⸗Ordens ſchelten läßt.— Hat er einen einzigen Freund in der Geiſtlichkeit?— Hatte ſein Oheim einen?“ „Mit nichten, mein Bruder in Chriſto! und Beide 174 haben den Schutz Gottes und der Kirche auch nicht verdient. Duldet es Ulrich nicht, daß ſein Freund der heilloſe Comthur von Schwetz, Heinrich Reuß von Plauen, die Geiſtlichkeit Lotterjlungen und Hundsbuben nennt?“ „Spricht er nicht ſelbſt davon, alle Klöſter, Pfarr⸗ herren, ja die ganze Geiſtlichkeit zu beſteuern? und mehr noch, weiß nicht die Welt, daß er den ſchändlichen fran⸗ zöſiſchen Ketzer Albans in ſeiner Hofburg geherbergt hat und in Briefwechſel ſteht mit dem böhmiſchen Böſewicht Johannes Huß?— Auch haben die himmliſchen Zeichen es ganz deutlich bewieſen, daß das Ende der Herrſchaft dieſer gottloſen Ordensritter vor der Thüre iſt. Hat doch im Todesjahr Conrad's ein Comet gleich einer feurigen Ruthe das Himmelsfeld gefegt, und früher ſchon hat, den Zorn Gottes verkündend, eine große Peſt das Land heim⸗ geſucht. „Misere, cordias Domine— wir leben in ver⸗ hängnißvollen Zeiten und wer klug iſt, ſichert ſich!“ „Der König von Polen iſt ein mächtiger Herr, ein frommer Sohn der heiligen Kirche, die er mit reichen Gaben bedenkt, er iſt zudem ein Verwandter der Herzoge von Caſſuben und Pommerellen und ſein Recht auf dieſe Länder ganz unbeſtreitbar. Er wird ehe noch der Weizen wieder gelb iſt, unſer Herr ſein und das Volk von Stadt und Land wird ihm entgegenjauchzen. Dieſe Ritterherr⸗ ſche gewor wegen abſche wieder ſchier würdig der A wir he denn I ſter ſo Schatt was iſt Herren meint e Hauſe, die Ho 175 ſchaft behagt weder den ſtolzen Städtern noch den reich gewordenen Bauern mehr, überall hört man Klagen wegen des Uebermuthes, des Stolzes, Geizes und der abſcheulichen Liederlichkeit der Weißmäntler. Hat doch jetzt wieder eine gar ſcandalöſe Geſchichte die Stadt Danzig ſchier in Aufregung verſetzt— doch das werdet Ihr, mein würdiger Bruder, genauer und beſſer wiſſen als ich.“ „Nicht im Geringſten, Hochwürdigſter,“ entgegnete der Abt,„ich bin lange Tage nicht in Danzig geweſen, wir haben Ablaſſe und großen Markt hier in Oliva, denn Ihrwißt ja Oliva fructifera, unſer geſegnetes Klo⸗ ſter ſoll ſein ein fruchtbarer Oelbaum, unter deſſen Schatten alles Gute erwächſt und erſtarkt; aber ſprecht was iſt in Danzig wieder geſchehen, daß der Haß, den die Bürger gegen den Orden hegen, auf's Neueſich vermehrt?“ „Es trifft in dieſem Falle einen, der all' ſein Leben lang des Ordens Freund und Diener war,“ ſagte der Bi⸗ ſchof Johannes mit falſchem Lächeln.— Ihr wißt doch, daß Conrad Letzkau, der würdige Mann, der im Namen des Hochmeiſters voriges Jahr mit der Königin von England unterhandelte, der überhaupt mit Königen nnd Herren als mit ſeines Gleichen umgeht, und der da meint ein jeder Ehrenmann ſei Fürſt und Herr in ſeinem Hauſe, jetzt kurz vor dem Ausbruche des Krieges, ſo ſehr die Hochzeit ſeines Töchterleins mit dem Rathsherrn Große 176 bereitet.— Nun, es iſt zu Tage gekommen warum er das thut— man hat in einer Sommer⸗Morgenſtunde einen ſchmucken Ordensritter aus dem Kämmerlein der Braut ſchleichen und ſich, dem lichten Morgen zum Trotze, über die Dächer nach einer ſichern Herberge begeben ſehen.“ „Der Herr bewahre uns in Gnaden!“ ſagte Abt Jacobus, mit Phariſäer⸗Demuth die Augen erhebend. „Wahrlich, ich glaube, Ihr habt Recht, mein ehrwürdigſter Freund, dieſer Orden iſt wegen der heilloſen Ausſchwei⸗ fungen ſeiner Glieder reif für die Ernte, und der Schnitter, der da kommen wird, ihn nieder zu mähen, wird eben der glorreiche, großmüthigſte König von Polen ſein. Auch ich mit meinen ſchwachen Augen und meinem einfältigen Herzen habe bei meiner letzten Anweſenheit auf der Marienburg ſo Manches bemerkt, was mir gar übel geſiel. Selbſt der, deſſen Amt es iſt Zucht und Ehre im Orden zu erhalten, der großmächtige Meiſter Ulrich, mußte es merken und wiſſen, aber er war blind auf beiden Augen; er leidet es, daß nicht 100 Schritte von ſeiner Burg, die doch nichts Anderes ſein ſoll als ein wohlbefeſtigtes Kloſter, ſich eine Herberge für wüſte Weiber und fahrende Dirnen befindet, ja und er leidet es, daß junge Rittersleute allerlei fahrendes Frauenvolk, das von den Enden der Welt kommt, auf ihren Reiſen begleiten.“ 3 ſpreche Order flüſter ich E lehrter „es ij biswei er in einem gen, de rückhal die kein der Ve gegen Schickf ſich be 7 Mann Freun wortete ſtörten Ehre Ein B das inen raut über Abt dend. gſter wei⸗ der äͤhen, Bolen einem enheit r gar und teiſter blind chritte ll als wüſte leidet nvolk, Reiſen 177 „Es muß zu Ende gehen mit der Herrſchaft dieſes Ordens, der ein Unerhörtes iſt in der Weltgeſchichte,“ flüſterte der Biſchof,„die Zeichen am Himmel ſtehen wie ich Euch ſage, was meint denn Euer würdiger und ge⸗ lehrter Bruder Medardus dazu, der glorreiche Aſtrologe?“ „Ach, mein ſchätzbarſter Freund,“ ſtöhnte der Abt, „es iſt mit dem Alten eine Noth! ich meine oft er litte bisweilen an ſchnöder Verſtandeszerrüttung, obgleich er in andern Dingen wieder wohl bei Sinnen und von einem ganz guten Verſtande iſt. Mit ſeinen Weisſagun⸗ gen, die ſonſt ſo trefflich waren, iſt er ganz und gar zu⸗ rückhaltend geworden; und er ſtellt Behauptungen auf, die keinen Sinn, noch Zuſammenhang mit der Natur und der Vernunft haben.— So behauptete er neuerlich noch gegen mich, die Sterne hätten nichts zu thun mit den Schickſalen des Menſchen, ihr Wandel ſei ein ganz für ſich beſtehender, der die Herrlichkeit Gottes allein predige.“ „Er iſt aber doch bei allem dem ein grundgelehrter Mann und ich würde mich freuen ihn ein Stündchen ſprechen zu können.“ „Er ſoll die Ehre genießen, mein hochwürdigſte⸗ Freund, in Ihrer Geſellſchaft zu Nacht zu ſpeiſen,“ ant⸗ wortete der Abt verbindlich, wenn ich erſt in dieſer unge⸗ ſtörten Zuſammenkunft erfahren habe, was mir die Ehre Ihres Beſuches verſchafft hat. Ein Bürgermeiſter. 12 178 1 Höret mich, Abt Jacobus,“ ſagte der Biſchof, indem er ſeine Stimme bis zum leiſeſten Flüſtern dn pfte.— „ Ihr wißt es, wie ich es weiß, daß Gott Deltem hilft, die ſich ſelbſt helfen. Ihr wißt es auch als ein kluger und ſich Freunde zu machen weiſer Mann, daß es gut iſt, mit dem MauinidNe Wie es mit der He errſchaft dieſer Ritter ſteht, kann Euch ſchier auch nicht unbekannt ſein. Sie muß zu Ende g 9 eher n! Haltet daher feſt mit mir zu⸗ ſammen, und thut, was der heiligen Kirche, deren Glie⸗ der wir ſind, nützt und frommt. Wladislav Jagello iſt freilich ein neuer Chriſt, aber er iſt ein frommer und getreuer Sohn der Kirche, unter ſeinem Scepter wird das Land erſt die Segnungen des geiſtlichen Regiments kennen lernen. In meiner Hand hat der König verſpro⸗ chen die Rechte der Geiſtl lickeit zu ſchützen, wenn dieſe ihm hilft und beiſteht bei der Eroberung des Landes.— Sindt wir nicht alle Brüder und d Glieder der Kirche Chriſti? was Deutſche, was P zolen? dieſes Land gehört weder dem einen noch dem andern, denn Deutſche ſind wie Polen nur Einwanderer auf dieſem Grund und Boden. Die Völker, die ihn einſt bewohnten, ſind untergegangen. Laſſet würdiger Freund, daher an dem Könige Worten und Werken und 1 uns, mein halten, ihn unterſtützen mit — er wird dankbar ſein und die erhöhen, die ihm zu ſei⸗ ner Erhöhung behilflich waren.— Ich habe aus meinen eigenen Herrn geſonne T der zah Deutſch Blicke. des An dünkt, Spiele „ der heil hung ur diger F und geä 4 gen kön meines Krieg u i*ſt der den Kö liiht. 1 ſes Lan ßen.— dem die und chen teeſer ſein. 1 zu⸗ Hlie⸗ lo iſt und wird nents ſpro⸗ dieſe ciſti? dem Bolen Die Laſſet önige h und —u ſei⸗ einen 179 eigenen ſchwachen Mitteln tauſend Schock Groſchen dem Herrn übergeben— Eure Abtei iſt reich, was ſeid Ihr geſonnen zu thun?“ Der Abt zuckte die Achſeln.„Zahlen, zahlen, o wie⸗ der zahlen! es iſt mir gleich, ob ich an Polen oder Deutſchherren zahlen ſoll,“ ſagte er mit einem finſteren Blicke.„Ich kaufe nicht die Freundſchaft des Einen noch des Andern früher als ich muß. Thut was Euch klug dünkt, Hochwürdigſter, aber laßt mich dabei am dem Spiele.“ „Und ſo wenig ſeid Ihr Freund und echter Sohn dei heiligen Kirche, daß Ihr kein Opfer für ihre Erhö⸗ hung und Ausbreitung zu bringen willig ſeid, mein wür⸗ diger Freund?“ entgegnete der Biſchof, ſichtlich erzürnt und geärgert. „Ich habe kein Privatvermögen, über das dich verfü⸗ gen könnte,“ meinte der Abt ſpitzig,„und das Vermögen meines Kloſters ſoll immerdar den Frieden, nicht den Krieg unterſtützen, denn der Oelbaum, wißt Ihr, Herr, iſt der Baum des Friedens.“ „Ich kann den Krieg nicht hindern, und ich werde den König von Polen, wenn Gott ihm den Sieg ver⸗ leiht, mit Freuden als den angeſtammten Erbherrn die⸗ ſes Landes Pommerellen in den Hallen von Olivia begrü⸗ ßen.— Aber die Ritter können auch ſiegen. Ulrich von 180 Jungingen iſt ein großer Feldherr, und jeder einzelne die⸗ ſer ſtählernen Mönche iſt, Gott weiß es, beſſer Soldat als Mönch.“ „Unſ're Pflicht, mein Bender: in Chriſto, iſt abwar⸗ ten und für den das Te Deum anzuſtimmen, dem der Herr den Sieg verleiht.“ Biſchof Johannes war bei dieſer Rede des Abtes un⸗ geduldig von ſeinem Sitze aufgeſprungen und ging im Refectorium auf und ab. „Ihr handelt wie die thörichten Jungfrauen, mein Herr Bruder Abt,“ ſagte er endlich,„und werdet es be⸗ reuen, wenn Wladislav Jagello als Sieger, nicht als Freund in Euer Kloſter einzieht.“ „Iſt 5 ein Chriſt,“ entgegnete Jener,„ſo wird er die heiligen Mauern ehren und mit Geſchenken begnadi⸗ gen, iſt er es nicht, je nun! ſo kann er aber auch nicht viel mehr als unſer drdes Haus um etliche tauſend Schock Groſchen brandſchatzen. Die Zeiten ſind ja doch wahl vorüber, wo man den Mönchen die Haut vom Kopfe abſtreifte, ſo daß die Tonſur ihnen in die Augen ſchlug. Es kämpfen Chriſten gegen Chriſten um den Beſitz die⸗ ſes geſegneten Preußenlandes und die Frage iſt nicht, ob hier das alte Heidenthum Platz nehmen, ſondern nur, ob das Flußgebiet des Weichſelſtromes deutſches oder pol⸗ niſches Gebiet ſein ſoll? Ich haſſe den Orden, ich mag 12* Eue geiſt ja ich Scht Kirch deus mach mein ſeine Ihr in ſei er es alle Eure mit Jage mein kann ich m mein ben die⸗ ldat vwar⸗ der 3 un⸗ g im mein s be⸗ ht als 181 Euch das wohl geſtehen, Herr Biſchof, denn er maßt ſich geiſtliche und weltliche Rechte zugleich an, und ich fürchte, ja ich weiß, daß nirgends lhr heimliche Keperelen im Laoungs ſind, daß nirgends die Macht und Gewalt der Kirche ſo wenig geachtet wird, als Wen unter den Or⸗ deusbrüdern. Möge der König von Polen dem ein Ende machen, das ſoll mir wohl gefallen, aber das V Vermögen meines armen Kloſters gebe ich freiwillig ſo wenig in ſeine als in des Hochmeiſters Hände.“ „Nein! nein! mein hochwürdigſter Herr, dazu könnt Ihr mich nie überreden. Wer Geld beſitzt, hat ein Schwert in ſeiner Hand, welches ſeine Feinde ſchlägt, ohne daß er es zu ſch wingen braucht. Ein gold'ner Schlüſſelſchließt alle Thüren, ja und alle Herzen.“ „Aber hochwürdigſter Herr und Freund, legt nicht Eure Hand auf den Becher, trinkt noch einen Tropfen mit mir auf das Wohl des großen Königs Wladislav Jagello. Er hat meinen Segen zu ſeiner lhitern hmun mein Gold aber bleibt in meiner Taſche und der nur kann es erhalten, der es mir nimmt; freiwillig trenne ich mich nicht davon.“ Der Biſchof ſtand auf. „Wenn dies Euer letztes Wort in dieſer Sache iſt, mein Bruder in Chriſto,“ ſagte er ſalbungsvoll,„ſo ha⸗ ben wir überhaupt nichts mehr mit einander zu beſpre⸗ 182 chen und unſere Wege gehen aus einander, ich ſchüttle den Staub von meinen Füßen, wennich morgen Früh Euer Klo⸗ ſter verlaſſe; eines nur bitte ich Euch noch, geſtattet, daß der gelehrte Aſtrologe, der Bruder Medardus, heute Nacht mit mir die Sterne beobachten und mich morgen eine Strecke Weges begleiten darf, ich möchte ein wenig Rath von ſeiner Weisheit empfangen.“ „Seine ganze Kunſt ſoll Euch zu Dienſten ſtehen,“ entgegnete der Abt mit vieler Höflichkeit,„laßt Euch über⸗ dies von ihm begleiten, ſo weit es Ench beliebt, ich bin meinen Freunden gern gefällig, wenn Klugheit und Schick⸗ lichkeit dies zulaſſen, aber über das geringe Vermögen dieſes armen Kloſters kann ich nicht ſchalten nach meinem Belieben, ſondern ich muß es verwalten nach meinem Gewiſſen. Der Herr geſegne Euch die Speiſen, die wir ſehr froh waren Euch vorſetzen zu können, mir erlaubt jetzt, daß ich meinen Amtspflichten nachgehen darf.“ Er entfernte ſich, und der Biſchof ſah ihm eine Weile nach, bis ſeine dünne Geſtalt um die nächſte Ecke des Kreuzganges bog, dann ging auch er, die Hände auf den Rücken gelegt, nach der entgegengeſetzten Seite und trat hinaus inden Kloſtergarten, der in buntem Schmucke des Herbſtes prangte. — Ddicht bewaldete Höhen ſchloſſen damals wie jetzt das tiefliegende Kloſter von zwei Seiten ein, während ein offen verd⸗ Stäl Eich durch ein n genar Recht reicht zierge ſchrit ſeine Halle ſchwa Schiſ Haup ſelben wählt dardu ſich en e den Klo⸗ „daß heute dogen venig hen,“ über⸗ h bin Schick⸗ nögen einem einem ie wir rlaubt 4 n eine e Ecke de auf te und hmucke ie jetzt ährend 183 ein weites ſandiges Feld die Ausſicht nach dem Meere offen ließ; die Thürme der nahen Stadt Danzig aber verdeckte ein Fichtenwald, zwiſchen deſſen ſchlanken Stämmen ſich hin und wieder die knorrigen Aeſte einer Eiche durch ihr lichtes Grün auszeichneten.. Der Weg nach Danzig führte faſt ununterbrochen durch dieſen Wald, bis nahe an das Weichſelufer, wo ſich ein neuer, reicher Stadttheil erhoben hatte, die Jungſtadt genannt, deren Exiſtenz den Bewohnern der Alt⸗ und Rechtſtadt Danzig zu einem ununterbrochenen Aerger ge reichte. Biſchof Johannes machte zwar einen weiten Spa⸗ ziergang in die Tiefen des Waldes hinein, aber er durch ſchritt ihn lange nicht, ſondern kehrte um, vertieft in ſeine Gedanken und Pläne und trat von Neuem in die Hallen des Kloſters als man zur Veſper läutete. Die Brüder in ihren weißen Gewändern mit den ſchwarzen Scapuliren durchſchritten eben das ſchöne Schiff der Kirche, als auch der Biſchof eintrat, ſich dem Hauptaltare näherte und zum Gebet auf den Stufen des⸗ ſelben niederkniete. Der Greis, an deſſen Seite er ſeinen Platz ge⸗ wählt hatte, war Niemand anders als Bruder Me⸗ dardus, und als der Gottesdienſt beendet war, und Alle ſich erhoben, um die Kirche zu verlaſſen, ſchritt Biſchof Jo⸗ 184 hannes neben demſelben durch die Kreuzgänge und redete ihn als einen alten Bekannten an. „Zu Euch, mein frommer und gelehrter Bruder, komme ich heute wieder, um zu hören, ob Euere Weisſagungen mit den meinen zuſammentreffen;“ ſagte er, in leiſem Flüſtertone;„ſeitdem Ihr aus der Stellung der Geſtirne die große Peſt und ſpäter aus der Erſcheinung des furchtbaren Cometen, den Tod des Hochmeiſters Conrad prophezeiet, iſt meine Seele erfüllt von Bewunderung Eurer hohen Weis⸗ heit, gebe Gott, daß Ihr auch in dieſen ſchweren Zeiten das Rechte zu treffen und Enern Schülern zu ſagen, Euch herbeilaſſen wolltet.“ Pater Medardus erhob ſeine Augen zu dem Sprecher, tiefe, freundliche, dunkelblaue Augen, deren Glanz die Jahre nicht gedämpft hatten, und die aus dem vom Alter gefurchten Geſicht wie zwei Sterne aus Nebelwolken hervor ſtrahlten. „Ihr ſeid's, mein hochwürdigſter Herr Biſchof von Gneſen,“ ſagte er,„ich bin hoch erfreut, Euch wieder in unſerem armen Kloſter zu ſehen, und es iſt viel⸗ leicht Gott ſelbſt, der auf mein heißes Gebet Euch ſendet, aus meinem Munde das Rechte zu hören, das ich armer ſündiger Menſch freilich nur muthmaßen, nur ahnen, doch nicht beweiſen kann, das aber dann der W den 6 kleiner ofen u Retor ſchließ und der, nere n;“ aus äter den neine Veis⸗ veren n zu dem deren aus Pterne f von wieder viel⸗ Euch , das raßen, dann 185 durch Eueren Mund der Welt verkündet werden ſoll.“ Das ſchlaue, leidenſchaftliche Geſicht des Bi⸗ ſchofs nahm einen Ausdrud höchſter Aufmerkſamkeit an.„Sprecht! ſprecht! mein werther Freund und Leh⸗ rer,“ ſagte er eifrig,„ſprecht! belehrt Euren Schü⸗ ler, der Eure Weisheit mit offenem Ohre zu ennufen gen trachtet.“ „Nicht hier und nicht jetzt,“ entgegnete der Pater, „„ſchaut auf, dieſer ſtille klare Her bſttag verſpricht Euch eine ſtille, klare Nacht, ſeid um die Mitiernachtsſtunde in meiner Zelle, ich werde Euch dann nach einem Orte führen, wo ich Euch den Beweis für meine Be⸗ hauptung zu geben hoffe.“ Sie trennten ſich und Pater Medardus ſchlich nach ſeiner Zelle, deren Fenſter die weite freie Aus⸗ ſicht nach dem Meere beherrſchte. Es war der Auf⸗ enthalt eines Gelehrten jener Zeit. Das Lager des Greiſes, in die fernſte Ecke der Wand gerückt, beſtand aus einem Strohſacke, über den eine reinliche wollene Decke gebreitet war. Ein kleiner eiſerner Ofen befand ſich nahe an dem Ziegel ofen und die Röhre von jenem war in dieſen geleitet, Retorten, Phiolen und allerlei langſchnabelige, feſt ver ſchließbare Gefäße von Thon, Eiſen und Silber ſtan⸗ ◻ . 186 den in der Nähe des Ofens auf Wandſimſen, aber ſie ſchienen lange nicht gebraucht zu ſein und keine Kohle glühte unter der Platte, die auch noch von einigen Retorten bedeckt war. An dem einen Fenſter ſtand ein Tiſch, zierlich auf einer geſchnitzten Säule ruhend, um welche ſich Laubwerk wand, eine ſchöne kunſtvolle Arbeit jener fleißigen Zeit, wo noch die Menſchenhand alles das machte, was jetzt von ſchnurrenden Maſchinen her⸗ vorgebracht wird. Gefäße mit blauer, rother und ſchwarzer Farbe, mit flüſſig gemachtem Gold⸗ und Silberſchaume, Pinſel von verſchiedener Größe und Pergamentblätter lagen dort; einige der Blätter waren beſchrieben, es war das Evangelium Johannes, was darauf ſtand, und jene Anfangsworte, die den Geiſt Fauſt's ſo lange be⸗ ſchäftigten:—„am Anfang war das Wort“ in ihrer griechiſchen Urſprache mit den ſchönſten glänzendſten Malereien verziert, ein wahrhaft vollkommenes Kunſt⸗ werk der Kalligraphie des Pater Medardus. Zwiſchen den beiden Fenſtern ſtanden und lagen — gen auf dem Fußboden mancherlei Werkzeuge zur Beob⸗ achtung des Sternenhimmels, die jetzt freilich nur als Erinnerungszeichen an jene Vorzeit für den Al⸗ terthumsforſcher Werth hätten, und am zweiten Fenſter 1 ſtand nen, nung, konnt weiß, chen i beſchr auf d offenb nen 2 neben daß n. Gott ſichtba heit, r Schöp der ein tes un der K Chriſt heurer Strön Waſſe aber keine von erlich ſich jener 3 das her farbe, Pinſel lagen r das jene e be ihrer undſten Kunſt⸗ lagen nur n Al Fenſter Beob⸗ 187 ſtand ein eigenthümlicher kleiner Bau von Ziegelſtei⸗ nen, der ſo errichtet war, daß man durch eine Oeff⸗ nung, die er hatte, genau auf den Polarſtern blicken konnte. Die Wände der Zelle waren von Haus aus weiß, aber der Bewohner hatte ſie mit mancherlei Sprü⸗ chen in griechiſcher, lateiniſcher und deutſcher Sprache beſchrieben. Meiſtens waren es Bibelſprüche, die ſich auf die Größe Gottes, welche ſich in ſeinen Werken“ offenbart, bezogen.— Da fanden ſich alle jene ſchö⸗ nen Worte des Pſalmiſten, welche den Herrn preiſen, neben jenem Spruch des Apoſtels, welcher ſagt:„denn daß man weiß, daß Gott ſei, iſt ihnen offenbart, denn Gott hat es ihnen offenbart, damit des Gottes un⸗ ſichtbares Weſen, das iſt ſeine ewige Kraft und Gott heit, wird erſehen an ſeinen Werken, nämlich an der Schöpfung der Welt.“— Auch war hin und wie⸗ der ein Ausſpruch des Pythagoras des Hipparch, Sokra⸗ tes und Plato darunter und wechſelte mit den Worten der Kirchenväter aus den erſten Zeiten des jungen Chriſtenthumes. Pater Medardus, der ein Mann von unge heurer Gelehrſamkeit, einer von jenen ſilberhellen Strömen menſchlicher Weisheit war, die das lebendige Waſſer der Wahrheit, durch die Felslabyrinthe der 188 alten Unwiſſenheit, durch die dichten Wälder des Irr⸗ thums leiteten, bis die Erfindung der Buchdrucker⸗ kunſt die Berieſelungsſchleuſſe ward, die es möglich machte, alle Menſchenherzen und Geiſter damit ſo zu erquicken, daß der Sand des Volkslebens grünte durch die Tropfen der Weisheit und Wahrheit, die bis in ſeine Dürre ſich ergoßen. Pater Medardus betrat ſein ſtilles Gemach mit jenem friedlichen Gefühl, das wohl jeder denkende Geiſt kennt, der bei ſich ſelbſt einkehrt.— Dieſer kleine Raum war ſeit känger als 40 Jahren ſeine Welt, und manchen harten Kampf hatte er hier gekämpft, manchen ſtillen ſeligen Sieg durch den Beiſtand des Erlöſers errungen. — Wie die meiſten für ſich allein lebenden Menſchen hatte er die Gewohnheit angenommen, mit ſich ſelbſt zu ſprechen, bisweilen nur leiſe murmelnd, oft aber auch ſeine ſchöne klangvolle Stimme bis zum vollſtändig lau⸗ ten Wort erhebend.— Er trat an den Tiſch, an welchem er die eiſerne Arbeit des Bücherabſchreibens mit jenem ungeheuren Fleiß und jener ſeltenen Geſchicklichkeit be⸗ trieb, die noch heut zu Tage die Bewunderung eines Je⸗ den erregt, der die Meiſter⸗Copien der Mönche, verziert mit ihren wunderſchönen Miniaturen, betrachtet; ſetzte ſich nieder und ſchrieb eine lange Weile ſchweigend weiter, ſeine Federn, Pinſel und Farben mit eben ſo großer Geſch ſich n⸗ macht auf ur das au gehan⸗ Vieles ſich an wieder Töne in die windt den de zu ihn nicht, auf ſe die er Stim Mutt ſetzun möcht, ſchlech und Irr⸗ ker⸗ glich b zu die ſeine mit Geiſt daum nchen ſtillen ugen. iſchen bſt zu auch g lau⸗ elchem jenem it be⸗ es Je⸗ geerziert ſetzte ſweiter, großer 189 Geſchicklichkeit als Eile gebrauchend.— Erſt als der Tag ſich neigte und die Dämmerung ſeine Arbeit unmöglich machte, ſtand er auf, ging ein paar Mal in ſeiner Zelle auf und nieder, und ergriff dann ein kleines Inſtrument, das an der Wand, in einer Ecke mit einem Tuch bedeckt, gehangen hatte.— Es war eine Art Harfe, nur um Vieles kleiner als man ſie heut zu Tage ſieht, und ſie ſich an ihrem Bande um den Nacken befeſtigend, ging er wieder auf und ab, und entlockte den zitternden Saiten Töne von wunderbarſtem Wohllaute. Allmälig begannen die Sterne mit goldenen Augen in die Zelle des einſamen Greiſes zu ſchauen. Der Abend⸗ wind trug die Düfte des Gartens, jenen ſüßen Geruch, den der Herbſt über das Land verbreitet, durch's Fenſter zu ihm hinein. Seine Gedanken bemerkten die Außenwelt nicht, aber durch die Sinne machte ſie ihr Recht geltend auf ſein Herz.— Er begleitete ſeine Muſik mit Worten, die er zwar nicht ſang, ſondern nur mit ſeiner tiefen Stimme ſprach, und ſie bildeten in ſeiner altpreußiſchen Mutterſprache prächtig rollende Verſe, die keine Ueber⸗ ſetzung in ihrer erhabenen Schönheit wiederzugeben ver⸗ möchte, dem Sinne nach lauteten ſie ungefähr ſo: „Ich bin allein übrig geblieben von meinem Ge⸗ ſchlechte. Die Zeit iſt über mein Haupt dahin geflogen, und hat mein Haar gebleicht, aber ſie hat auch mein 190 Herz getröſtet, ich weine nicht mehr über meine dahinge⸗ ſchiedenen Lieben; ich trauere auch nicht mehr über mein beſiegtes Volk, ich freue mich in Gott und bin beſeligt durch ſeine Werke! Jeder verrinnende Tag meines Le⸗ bens iſt mir eine Freude, denn jeder führt mich näher zum Tode, durch welchen ich zum Herrn eingehen werde. Erſt jenſeits der Pforten des Grabes wird es mir ver⸗ gönnt ſein, die Wunder ſeiner Schöpfung genauer zu betrachten.“ „Von Stern znu Stern ſich ſchwingend, wird meine Seele erkennen, was ſie hier ahnte, daß dieſe Erde nur ein kleiner Theil des großen Ganzen ſei, das Gott er⸗ ſchuf. Herr, ich beuge mich in demüthiger Freude vor Deiner Größe und Güte.— Mir, dem Einſamen, den Freundloſen nur, deſſen Volk Du untergehen ließeſt, ſenkteſt Du in's Herz einen Funken Deines Lichtes, daß ich in heiliger Ahnung Dich erkennen lernte.— Du führſt die Sterne wie Lämmer auf der Weide durch die Räume des Himmels. Du ſtellteſt die Sonne an ſeine Veſte, daß ſie ſcheine über Gerechte und Ungerechte.“ „Du ließeſt mich leiden, damit ich Dich erkennen lernte. Den Sohn des Götzenprieſters machteſt Du zum Bekenner Deiner Größe. Das Blut des Heilandes lie⸗ ßeſt Du auch für mich fließen. Ich preiſe Dich, o mein Gott, und freue mich Deiner, und ich werde in Ewigkeit ſoll da ließ au C zum le aus trä Licht, 1 Schritte näherte „ Gaſt, 1 würdige gang ve von Eu Zeiten 1 reitet ſic Streiten werde?“ M ſchof,“ ſichere2 berichten 2 2 heine nur er⸗ vor den unen zum lie⸗ mein igkeit 191 Dich preiſen, mehr und beſſer, als ich es in dieſem kurzen Erdenleben vermag.“ Nach bieſen Lobgeſange ſchwieg er eine Weile und ließ auch die S Saiten ausklingen. Es war indeß ſpät geworden, das Glöckchen, das zum letzten Gebeteder Nonne läutete, erweckte den Greis aus träumeriſchem Nachdenken, er rüſtete ſein kleines Licht, um ſeinen Weg zur Kirche anzutreten, als er die Schritte des Biſchofs erkannte, der ſich leiſe ſeiner Zelle dühert n u 1nd geräuſchlos eintrat. s iſt noch lange nicht Mitternacht,“ flüſterte der Gaſt,„aber meine Lo ernbegierde läßt mir nicht Ruhe, würdiger Bruder Medardus. Ich habe Euch de Aus⸗ gang verſchafft für die Noune, und komme nun früh, um von Euren Lippen Worte der Weisheit zu hören.— Die Zeiten werden immer bedenklicher, ein großer Krieg be⸗ reitet ſich vor, ja iſt ſchon ausgebrochen in dieſen Landen; ſoll da der Kluge nicht mit Ernſt forſchen, welchem der Streitenden der Herr die Krone des Sieges verleihen werde?“ Medardus ſchüttelte das Haupt.„Mein Herr Bi ſchof,“ ſagte er,„auf dieſe Frage kann ich Euch keine ſichere Antwort geben, aber ich möchte Euch Wichtigeres berichten als dies.“ „Wichtigeres?“ frag agte Johannes von Gneſen er⸗ 192 ſtaunt, was kann es Wichtigeres geben als die Entſchei⸗ dung des Kampfes, den wir beginnen? Polen und Deutſche ſtehen in großen Maſſen gerüſtet einander ge⸗ genüber, und die Kämpfe, die ſie kämpfen, werden ent⸗ ſcheiden, ob dies große und ſchöne Land polniſch oder deutſch ſein und für immer bleiben ſoll.“ „Für immer?“ entgegnete der alte Mönch,„ach, mein Herr Biſchof, wie kurz ſind die Ewigkeiten, für welche nach blutigen Kämpfen die Fürſten und Herren Frieden ſchließen! Ich bin geboren im Kriege; meine Jugend verfloß, während blutige Kriege über mein armes Vaterland hinbrauſten, wie Winterſtürme.“ „Bin ich doch der einzige übrig gebliebene Sohn des letzten Griwe*), des Samaitenlandes; als zwölf⸗ jähriger Knabe gefangen, ſah ich meine Eltern ſterben unter den Streichen der Söldner, welche der Hochmeiſter Dietrich von Altenburg in unſer Land geführt hatte. Ich ſah die heilige Eiche fällen, unter welcher mein Vater den Göttern geopfert hatte, ſah die Flammen lodern um die Stätte, wo meine Wiege geſtanden. Ein würdiger Prieſter nahm mich, den armen blühenden Hirtenknaben, zu ſich, er unterwies mich in den heiligen Lehren des Evangeliums, und noch ein Jüngling, lernte ich um des *) Heiden⸗Prieſter Weiſen Erlöſ det he begabt Grau lauten werbe niß ſe ſter zu wohin ſuchend 7 und die ſtudirt, ren, in uns ſo von der habe di wunde kenntni vor ihr Biſchof habt Il ben ver Ein 2 hei⸗ und ge⸗ ent⸗ oder ach, für erren neine rmes ohn wölf⸗ erben ſeiſter . Ich Vater en um rdiger naben, een des m des Weiſen ſuchen lehrt, mit Ernſt getrieben und die große 193 Erlöſers willen Denen vergeben, die die Meinen ermor det hatten. Aber die Welt hatte keinen Reiz für mich, begabt mit der Rieſenkraft meines Stammes, fühlte ich Grauſen vor Blutvergießen und nicht minder vor der lauten Luſt der Jugend, Abſcheu vor Handel und Ge⸗ werbe und nur Freude am Worte Gottes, in der Erkennt⸗ niß ſeiner Werke. Ich wählte, 20 Jahre alt, das Klo ſter zu meinem Lebensberufe, und hier in dieſen Hallen, wohin mein Retter mich brachte, habe ich gelebt, Gott ſuchend und dem Erlöſer dienend.“ „Ich habe die Worte der alten heidniſchen Griechen und die der heiligen Kirchenväter hier in ungeſtörter Muße ſtudirt, dem Erlöſer dankend, daß ich in einer Zeit gebo⸗ ren, in der durch frühere Kämpfe um das heilige Grab uns ſo manche Schätze der Wiſſenſchaft zugeführt wurden, von deren Daſein meine Väter keine Ahnung hatten. Ich habe die berühmte Wiſſenſchaft, welche uns den Stein der wunderbare Kunſt der Aſtrologie, o Herr, und eine Er⸗ kenntniß iſt mir geworden, ſo groß, daß mein enger Kopf vor ihr ſchwindelt.“ „Und was iſt dies für eine Erkenntniß?“ fragte der Biſchof eifrig,„verſteht Ihr die Kunſt Gold zu machen? habt Ihr das Arcanum gefunden, das das menſchliche Le⸗ ben verlängert?“ Ein Bürgermeiſter. 1. 13 194 Der Greis ſchüttelte mit mildem Lächeln das Haupt. „Wenig würde uns all dies erſehnte Wiſſen nützen,“ ſagte er ſanft,„aber was ich gefunden habe, iſt ein Schlüſſel, der uns die große Welt Gottes erſchließt, ein Spiegel, in dem wir das Bild des Herrn in ſeiner Erhabenheit ſchauen, ein Flügel, der unſere Seele emporführt zu den hen des Himmels.“ „Und dieſes Alles wollt Ihr mir mittheilen, Bruder Medardus?“ fragte der Biſchof vor Erwartung zitternd. „Ja! Euch, Herr, verfahrt damit nach Eurem Belieben.“ „Sprecht denn und ſeid meines ewigen Dankes gewiß.“ „Ich muß Euch, um mein Wort Euch deutlich zu ma⸗ chen, hinführen nach dem Weichſelſtrome, und das iſt ein weiter und rauher Weg.“ „Er ſoll mich nicht verdrießen, wenn ich ſo Großes dadurch erlangen kann.“ Leiſen Schrittes gingen die beiden Männer durch das Gebäude des Kloſters und verließen die Clauſur desſelben, wie dieſes dem Pater Medardus behufs ſeiner Studien ſeit vielen Jahren bei Tag und Nacht geſtattet war.— Der Weg von Oliva zum nächſten Punkte des Weich⸗ ſelufers war damals kürzer als jetzt, und der Strom ſelbſt hatte aus, Mon gend die B Heide Flede ſie git die S führte trotz d Leben Stron ſcholl Anker len de zu ſtei in die hig un Möndh pt. igte ſſel, „, in heit den uder rond. rem nkes ma⸗ t ein oßes durch auſur ſeiner tattet 2 195 hatte eine andere Richtung zu ſeinem Ausgange. Gerade aus, durch den dunklen Wald, in deſſen Zweigen das Mondlicht ſpielte, ſchritten die beiden Wanderer, ſchwei⸗ gend und rüſtig. Herbſtliche Nebel woben ihre Schleier um die Bäume, glitzernde Tropfen hingen an dem abgeblühten Heidekraut. Häschen huſchten über ihren Weg und Eule und Fledermaus ſchwirrten an ihren Häuptern vorüber. So raſch ſie gingen, ſo dauerte es doch eine halbe Stunde bis ſie die Stelle erreichten, zu welcher Medardus den Biſchof führte. Es war der Ladeplatz der Jungſtadt Danzig, und trotz der tiefen Nachtſtunde herrſchte hier noch Luſt und Leben, denn die Trinkhäuſer für den Schiffer waren am Stromufer noch hell erleuchtet und Geſang und Lachen ſcholl daraus hervor. Schiffe lagen in der Nähe der Ladebrücke an ihren Ankern, und mehre kleine Nachen waren an dem Pfäh⸗ len derſelben angeſchloſſen. In einen derſelben nöthigte Medardus den Biſchof zu ſteigen, ſprang dann ſelbſt nach und ließ das Fahrzeug in die Mitte des Stromes gelangen und hier in dem ru⸗ hig und gleichförmig ſtrömenden Waſſer forttreiben. „Gebt wohl Acht, mein Herr Biſchof,“ ſagte der Mönch nach einer Weile und ſeine Stimmezitterte hörbar, 13* 196 „gebt wohl Acht auf das Ufer des Stromes, was ſeht Ihr dort?“ „Nichts,“ entgegnete der Biſchof,„wenigſteus nichts von Bedeutung, ich ſehe nur die Bäume und Geſträuche am Ufer langſam an uns vorüber treiben.“ „Ihr ſeht's lauch Ihrſeht's,“ rief der Mönch mit hei⸗ liger Freude— O und war Euch dies nicht wie mir der Schlüſſel zu den Geheimniſſen des Himmels?“ „Wie meint Ihr das Bruder Medardus?“ „Ich meine, dachtet Ihr nie beim Auf⸗ und Unter⸗ gange der Sonne und der Sterne, daß nicht ſie ſich be⸗ wegen, ſondern daß wir es ſind, wir, die Erde mit ihren Bewohnern. Langſam dreht ſie ſich in dem Zeitraum eines Tages um ſich ſelbſt und wir wähnen in unſerer Kurzſich⸗ tigkeit das weite Himmelsgewölbe mit allen ſeinen Lich⸗ tern drehe ſich um uns.“ Es lag ein Ton des Entzückens in dieſen Worten des alten Mönches, der den enttäuſchten Biſchof nicht wenig erſchreckte. „Ich habees mit einem Beſeſſenen, mit einem Tollen zu thun,“ dachte er und ein Grauſen rieſelte über ſeine Haut. „Iſt das Alles was Ihr mir mittheilen wolltet, Pater Medardus?“ fragte er ängſtlich. „Es iſt der Schlüſſel zum Anblick der Herrlichkeit Got Euch über Einte nen L die g von( Herrn 6 blick ä Mönc ſinns ſagte lange ſich hi würde gehorſe auf de mild, der gr ein Se einen hei⸗ der ter⸗ be⸗ jren ines ich⸗ lich⸗ arten icht pllen eine tet, keit 197 Gottes,“ entgegnete der Mönch,„wendet ihn an wie es Euch gut däucht.“ „Und welche Weisſagungen ver künden die Sterne über den Ausgang dieſes Krieges?“ „Ihr ewiger Wandel hat nichts zu ſchaffen mit den Eintagsgeſchicken der Menſchen; jene beweglichen golde⸗ nen Lichter wandeln mit unſerer Erde, und wie ſie um die große Sonne. Welten, nach Gottes Willen bewohnt von Geſchöpfen, die wie wir Menſchen den Namen des Herrn zu preiſen fähig ſind.“ Dem Biſchof ward von Augenblick zu Augen⸗ blick ängſtlicher zu Muthe, in der Geſellſchaft des alten Mönchs, deſſen Ideen er für Ausgeburten des Wahn⸗ ſinns hielt.„Laßt uns heimkehren, Pater Medardus,“ ſagte er mit großer Beſtimmtheit,„es kann nicht lange mehr dauern bis der Morgen tagt; dann regt ſich hier auf dem Strome Handel und Gewerbe, was würde die Welt denken, wenn ſie uns wie zwei un⸗ gehorſame Knaben, die dem Lehrer entlaufen ſind, auf dem Kahn ſähe?“ „Der Pater Medardus,“ entgegnete der Alte mild,„iſt hier herum wohl bekannt. Seit den Zeiten der großen Peſt gibt's wenig Arme, denen ich nicht ein Scherflein gebracht hätte, wenig Reiche, die nicht einen Theil ihres Reichthumes in meine Hand gelegt 198 hätten zur Vertheilung an die, welche deſſen bedurften. O Biſchof Johannes, mein hochwürdigſter Gönner, wie reich, wie glücklich war mein Leben, ſeit ich durch Gottes Fürſehung im Schlachtgewühle in die Hände meines ehrwürdigen Lehrers ſiel.“ „Und was wird dieſer Krieg uns bringen 24 fragte der Biſchof wieder, mit erneuertem Eifer auf ſeinen brennenden Wunſch eine Weisſagung aus dem Munde des alteu Gelehrten zu hören, zurückkehrend. „Ich will Euch meine Gedanken darüber ſagen,“ entgegnete der Greis.„Betrachtet ſie nicht als Pro⸗ phezeiungen, es ſind nur die Gedanken eines einfachen alten Mannes, der lange genug gelebt hat, um nicht nur an der Schönheit der Natur, ſondern auch in den Geſchicken der Menſchen und Völker, die Güte und Gerechtigkeit Gottes ahnen und erkennen zu kön⸗ nen.— Es iſt möglich, daß dieſer polniſche König Wladislaw Jagello den tapferen deutſchen Orden be⸗ ſiegt. Er kommt mit großer Heeresmacht herangezogen, und in dem reich und mächtig gewordenen Orden iſt jetzt viel Uebermuth, viel Fleiſchesluſt, iſt Gottloſig⸗ keit mancherlei Art.— Der Herr züchtigt, die er liebt, und wohl wäre der chriſtlichen Verbindung, die ſich jetzt die deutſchen Herren nennen, eine Demüthigung nöthig und nützlich, aber, o Herr! das Land hier her Ch er ner, ver völt der Me und auf len lüſte erba ſeine ſtraf mern verg hat tet, nach Prei war derte Link ften. ner, urch ände n 2* auf dem rend. gen,“ Pro⸗ fachen nicht uch in Güte 199 herum, das Preußenland, das der deutſche Orden dem Chriſtenthume gewann, der alten Wildniß entriß, das er mit Schulen verſah, dies Land, das deutſche Män⸗ ner, ſich mit den nach heißen Schlachten vereinſamten, verwaisten eingebornen Jungfrauen vermälend, be⸗ völkerten, das wird deutſch ſein und bleiben, ſo lange der Himmel ſich über demſelben wölbt, ſo lange das Meer an ſeine flachen Küſten ſchlägt, ſo lange Korn und Obſt, die deutſcher Fleiß hier zuerſt wachſen ließ, auf ſeinem Boden gedeihen.— Der König von Po⸗ len möchte die Häfen am Oſtſeeſtrande beſitzen, es lüſtet ihn nach den feſten Burgen, die die Ritter hier erbauten. Möglich, daß Gott der Herr den Orden für ſeine Sünden durch Verluſte und Demüthigungen ſtraft, polniſch werden kann das Land und Volk nim⸗ mermehr! Was der Orden hier geſündiget, das wird vergehen und verweſen im Winde, denn das Böſe hat keinen Beſtand; was er Gutes gethan und geſtif⸗ tet, das wird daueru und Früchte bringen durch alle nachfolgenden Geſchlechter.“ Während dieſer Worte, die der alte bekehrte Preuße mit der Begeiſterung eines Sehers ſprach, waren die Beiden längſt am Ufer gelandet und wan⸗ derten mit eiligem Schritte dem Kloſter zu. Zu ihrer Linken hörten ſie den tiefen Athem des Meeres, deſſen 200 Silberſpiegel von Zeit zu Zeit durch die Baumſtämme ſchimmerte, zu ihrer Rechten verdichtete ſich der Wald, und das erſte Morgengrauen färbte bereits die ſchlan⸗ ken Stämme der Fichten, der Wind erhob ſeine Flü⸗ gel und jagte den nächtlichen Nebel aus einander, und als ſie ſich an der Pforte des Kloſters befanden, tönte ſo eben die Glocke, die die Brüder zur Früh⸗ meſſe rief. Es war vier Uhr Morgens und der Biſchof ſuchte frierend und ängſtlich ſein Lager, während Pa⸗ ter Medardus in die Kirche eilte, ſein Gebet mit dem ſeiner vieljährigen Gefährten zu vereinen. junge kleine ſpiele. Noga maue ten B auf de in ihr der E der he Straß Winte heizten und i Männ nicht mme Vald, Jlan⸗ Flü⸗ und nden, Früh⸗ iſchof Pa⸗ t dem Achtes Capitel. Im Conventsremter der Marienburg ſaßen zwei junge Ordensritter neben dem Mittelpfeiler an einem kleinen Tiſche, und erholten ſich beim erlaubten Brett⸗ ſpiele. Draußen heulte wilder Winterſturm und der Nogatſtrom leckte mit feuchten Zungen an den Grund⸗ mauern des mächtigen Bauwerkes. Die ſchön gemal⸗ ten Bogenfenſter klirrten und zitterten vor dem Winde, auf den Zinnen oben hüllten ſich die Wächter ſchauernd in ihre Mäntel, der Rauch, der aus den Schornſteinen der Stadt aufſtieg, konnte nicht luſtig emporwirbeln, der heulende Wind drückte ihn nieder auf die vereiſten Straßen. Es war eine entſetzlich rauhe, nordiſche Winternacht, hinter den dicken Mauern der wohlge⸗ heizten Burg aber, war es in allen Räumen behaglich und warm, und der Platz, den ſich die beiden jungen Männer zu ihrem Spiele ausgewählt hatten, war es nicht am wenigſten. 202 Trotz der Wärme des Saales waren aber ihre weißen Mäntel über der Bruſt dich geſchloſſen, der Befehl des Meiſters, der alle Regeln des Ordens auf's Strengſte wieder einſchärfte, war noch ganz neu, und die Regel, den Mantel ſtets geſchloſſen zu tragen, war wohl am leichteſten zu befolgen. Das Spiel der Beiden wurde nicht allzu eifrig be⸗ trieben, es ſchien ſogar als wäre es ein bloßer Vorwand zum Plaudern, denn die Steine lagen oft viele Mi⸗ nuten lang unberührt, während das Geſpräch keinen Moment ausging. Beide Sprecher waren noch in der kräftigſten Blüthe des Lebens, Jünglinge, ſich dem Mannesalter nähernd, Beide konnte man ſchön nennen, aber zwei verſchiedenere Menſchengeſichter würde man nichtoft ſo nahe bei einan⸗ der ſehen. Der ältere, Herr Heinrich von Plauen, mit dunklem Haar und Auge, groß, muskelkräftig und mit dem Aus⸗ druck des Muthes, ja des Stolzes in allen Zügen, hatte jetzt ein Etwas um den lebenvollen Mund, das wie ver⸗ biſſener Schmerz ausſah, während der Andere, Herr Huld⸗ rich von Sefeln, ſchlänk, gelenkig, fein, mit blondem Haar und nußbraunen Augen, luſtig, pfiffig und ziemlich ſpöttiſch drein ſah. „Ihr träumt ſchon wieder, mein lieber Bruder,“ ſagte Brett ein W zu ſit Locken Sefel denen ſter v⸗ enthal einem dig er „ſeid worde unzert vom h ſtreifen „ſcher ſchen die S frei w dem ie führe; ihre der dens neu, agen, ig be⸗ wand Mi⸗ keinen Blüthe hernd, denere einan unklem Aus⸗ hatte iee ver⸗ ſagte er lachend,„wollt Ihr ziehen oder ſetzen wir das Brett über Seite und plaudern ein wenig. Es iſt heute ein Wetter, um am Kamine zu Füßen einer ſchönen Frau zu ſitzen, und das Spiel ihrer feinen Finger in den Locken zu fühlen.“ „Sprecht nicht ſo unritterlich und ſo unchriſtlich Sefeln,“ entgegnete Plauen im ernſten Tone,„wir, denen ein Kuß auf die Lippen der Mutter oder Schwe⸗ ſter verboten iſt, wir ſollten uns wahrlich ſolcher Scherze enthalten, die einem Anbetex der heidniſchen Venus, nicht einem Ritter des deutſchen Ordens zu Jeruſalem anſtän⸗ 14 dig erſcheinen. „Pah! Pah! Bruder Plauen,“ ſagte der Andere, ſſeid Ihr ſo plötzlich ein ſo ſtrenger Sittenrichter ge worden, Ihr, von dem man ſagt, daß er Luſt hätte, die unzerbrechlichen Feſſeln des Ordens der deutſchen Herren vom heiligen Tempel zu Jeruſalem ganz und gar abzu⸗ ſtreifen?“ Plauen fuhr ſich mit der Hand über's Geſicht, „ſcherzt nicht Sefeln über Dinge, die einem andern Men ſchen durch Mark und Bein gehen,“ ſagte er.„Wenn ich die Feſſeln des Ordens abſtreife, ſo bin ich ein Mann, frei wie jeder Andere, und berechtigt Gott zu dienen, in⸗ dem ich ein ehrbares Leben als Gatte und Familienvater führe; aber als Ordensritter von den Freuden geſetzloſer 204 Minnen zu ſprechen, iſt eines deutſchen Mannes, ge⸗ ſchweige eines Ritters unwürdig.“ „Ihr ſeid doch, ſe viel ich weiß kein heuchelnder Pfaff,“ entgegnete Sefeln,„und doch ſind Eure Thaten ſo ganz anders als Eure Worte, Brnder von Plauen. Mein Thun und Reden iſt zum wenigſten aus einem Stück. Meint Ihr, ich wäre jemals in dieſen würdigen Orden getreten, wenn ich nicht genau gewußt hätte, daß ſeine Statuten, veraltet und vergeſſen, jetzt nur noch eine Re⸗ densart ſind? Wir entſagen ganz genau ſo aller welt⸗ lichen Luſt und Minne, wie wir den kranken Pilger in Jeruſalem pflegen. Mein lieber Plauen! Jeruſalem iſt weit ud die Haltung der drei Gelübde iſt ſchwer, wir fügen uns wie andere Leute auch in Zeit und Umſtände, pfl egen ſtatt der Pilgrime am helagen Grabe die Bettler an dem Thore der Marienburg, weil ja das Andere nicht möglich ii und entſagen ſtatt der Minne der Ehe, weil ja das Andere auch nicht möglich iſt.“ „Fluch dem O Drden, wenn dem alſo wäre!“ ſagte Plauen mit tiefer Bitterkeit,„aber Eure Worte ſind Thor⸗ heit. Ein Mann kann vic nur was er will, ſoundern er will auch was er ſoll. Es ſind viele Hunderte und Tau⸗ ſende unſerer Brüder keuſch und rein vor das Angeſicht Gottes getreten, und was Andere konnten, das muß ein rechter Mann auch können.“ haupte Ihr wi ich gegt Ich, ur derſchaf jetzt, d Beſitz ren na⸗ am wil da gab nen öde ßen Mo und ver Jetzt— den wel die Gel ren. Tr grime z Eintritt Jahrhu⸗ ſieht ihn ſorgung weißem Schlucke „ ge⸗ Inder ten ſo Mein Stück. Drden ſeine e Re⸗ welt⸗ ger in em iſt r, wir ſtände, ettler (uß ein 205 „Ihr vergeßt, mein lieber Bruder Plauen, daß über⸗ haupt ein Jeder erſtwollen muß, um zu köͤnnen. Meint Ihr wirklich, ich würde in den Orden getreten ſein, wenn ich geglaubt hätte, man müſſe ſein Gelübde halten wollen? Ich, und mit mir noch viele Andere. Als dieſe Ritterbrü⸗ derſchaft geſtiftet wurde, da waren andere Zeiten als jetzt, da ſtritt die Chriſtenheit mit den Heiden um den Beſitz des heiligen Grabes. Da zogen Pilger in Schaa⸗ ren nach den Gnadenorten und erkrankten und ſtarben am wilden Wege, wenn ihnen nicht Hilfe geleiſtet wurde, da gab es aber Heiden zu bekämpfen in dieſem entlege⸗ nen öden Lande, da brachten die Griven der alten Preu⸗ ßen Menſchenopfer im Schatten ihrer heidniſchen Eichen, und verbrannten Ritter und Roß zur Ehre ihrer Götter. Jetzt— warum kämpfen wir eigentlich jetzt?— um den weltlichen Beſitz dieſes Landes, das der Meiſter und die Gebietiger mit aller Macht weltlicher Fürſten regie⸗ ren. Treten wir etwa ein in den Orden, um kranke Pil⸗ grime zu pflegen und Heiden zu bekehren? Da wäre unſer Eintritt längſt unnöthig! Der Adel Deutſchlands, der ſeit Jahrhunderten dieſen Orden beſchenkte und reich machte, ſieht ihn als eine paſſende und feine Anſtalt an zur Ver⸗ ſorgung ſeiner jüngeren Söhne. Das ſchwarze Kreuz auf weißem Mantel iſt der Adelsbrief, den jeder arme Schlucker von Junker über ſein geflicktes Wams legen 206 und an den Hof des Fürſten oder Kaiſers damit gehen kann. Hat überdies Einer erſt das Ding um die Schultern, braucht ihm der Vater keinen Rock, die Mutter kein feines Hemdlein mehr zu geben. Das iſt der Sinn und die Bedeu⸗ tung des deutſchen Ordens heut zu Tage, und möge Zer⸗ nabog, Belzebub, Satanas, oder wer ſonſt von Teufeln darnach Belieben trägt, mich holen, wenn ich dafür ein Titelchen, ein Fünkchen meiner Jugendluſt hingebe!“ „Und Euer Eid? und die Strafen der Ewigkeit?“ fragte Plauen, indem er einen Blick voll Schreck und Ver⸗ wunderung auf den wüſten Sprecher warf. „Glaubt Ihr nicht an die Gnadenmittel der Kirche? wozu wäre die Vergebung der Sünden, wenn es keine Sünder gäbe?“ „Spottet nicht, den Spötter trifft mit Recht die ewige Verdammniß!“ „Es fällt mir nicht ein zu ſpotten, ich bin ein gläubiger Chriſt und noch dazu ein Feind aller Ketze⸗ reien, den Franzoſen St. Albaus, den Böhmen Huß, möchte ich nimmermehr predigen hören, wie es doch ſo Viele von unſerem Orden gethan haben.— Glaubt mir, Freund, wenn es gegen dieſen Polenkönig geht, werde ich fechten wie der Ritter St. Georg ſelbſt, ich verſäume überdies keine Beichte und bete manch' hundert Paterno⸗ ſter fü und wer T tiker, erwider E lich und nicht. C Euch, n Sefeln „ nend vo in Euer beſſeren gut ſein nen Se und ob Thaten kommt e ten Ande habt, da P an ſein „9 nem ehr ehen ern, ines deu⸗ Zer⸗ ufeln r ein 4ℳ eit?“ Ver⸗ erche? keine iht die in ein Ketze⸗ Huß, och ſo t mir, werde ſäume terno⸗ 207 ſter für das was Fleiſch und Blut ſündigen„ nun,— und wer ſich rein fühlt, werfe den erſten Stein auf mich.“ Der Ritter von Plauen war viel zu wenig Dialec tiker, um auf dieſe gewandte Rede etwas Ausreichendes erwidern zu können. Er fühlte, daß Alles was Sefeln ſagte, hohl, unſitt⸗ lich und irreligiös ſei, erweiſen konnte er ihm das aber nicht. Er ſagte daher nichts weiter, als:„Gott erleuchte Euch, mein Bruder, denn ich meine Ihr irret ſehr,“ und Sefeln erwiderte darauf lachend: „Den gutgemeinten Wunſch geb' ich Euch gutmei nend vom Herzen zurück; wenn ich ſo vor Euch ſitze und in Euer Geſich ſehe, iſt mir's ſchier, als gebe es keinen beſſeren, redlicheren Cameraden als Euch, ich muß Euch gut ſein, obgleich man niich vielfach vor Euch als ei⸗ nen Spion, Heuchler und Angeber gewarnt hat, und ob gleich ich weiß, daß Eure Worte und Eure Thaten zweierlei ſind. Redet einmal offen mit mir, wie kommt es, daß Ihr die kleinen Schwächen und Liebſchaf⸗ ten Anderer tadelt, während Ihr ſelbſt doch ein Schätzchen habt, das—* Plauen war aufgeſprungen und griff mit Wuth an ſein Schwert. „Nennet die Dame, an die Ihr jetzt denkt mit kei⸗ nem ehrenrührigem Namen, wenn Ihr nicht wollt, daß 208 ich Euch die Zunge aus dem Halſe reißen ſoll,“ ſagte er halb leiſe, denn ſie waren nicht mehr allein in dem ſtattlichen Saale, aber mit einem ſolchen Ausdruck von Zorn und Groll, daß das Lachen des Andern ſich in Erſtaunen verwandelte. „Verzeiht mir,“ ſagte dieſer endlich,„und belehrt mich, wie ich ſie denn nennen ſoll, mein lieber Bruder von Plauen, ich habe ganz und gar nicht die Abſicht Euch oder ſie zu beleidigen, mein Spruch in ſolchen Dingen iſt: leben und leben laſſen; ſo ſagt mir, was es mit die⸗ ſer vom Himmel gefallenen Dame auf ſich hat, die Ihr im Hauſe der Urſel Wald eingemiethet habt.“ „Hört auf mit Verläumdungen, um der Seele des Erlöſers willen,“ ſagte Herr von Plauen, halb im Tone des Befehls, halb in dringendſter Bitte. „Nicht ich habe die Arme, Verlaſſene, Verrathene dort eingemiethet.— Der Hochmeiſter ſelbſt zahlt für ſie Alles, was ſie braucht, ſeit es ſich ausgewieſen, daß die Anweiſungen auf Geld, welche ſie aus ihrer Heimat mit⸗ genommen, ſchwer zu verwerthen ſind in einem Lande, wo es keine Juden gibt.“ „Hört mich an, Sefeln! ich muß, ich muß einmal mit einer Menſchenſeele, die das Alter noch nicht vereiſt hat, von allen dieſen Dingen ſprechen; ich muß mein Herz ausſchütten, der Krieg iſt überdies vor der Thür, e er v in druck ch in Lehrt ruder Euch ingen t die⸗ e Ihr le des Tone athene für ſie aß die ſat mit⸗ de, wo einmal vereiſt ß mein Thür, 209 ich kann morgen von einer polniſchen Kugel, von einem Tartaren⸗Pfeil getroffen werden; den Hochmeiſter, der die Unglückliche außer mir allein noch kennt, kann glei⸗ ches Schickſal treffen, dann iſt ſie allein, ſchutzlos, ver⸗ läugnet und verlaſſen von ihren nächſten Verwandten in dieſem fremden, unwirthbaren Lande. Sefeln! bei der Liebe Eurer Mutter, bei Euerer Hoffnung auf die ewige Seligkeit beſchwöre ich Euch, verlaßt dann die arme Vlaſta nicht, und ſchützt ſie in Ehrbarkeit, wie ich es ge⸗ than habe und thun werde, ſo lange Gott es mir er⸗ laubt.“ „Dies ſcheint mir eine ernſthafte und traurige An⸗ gelegenheit“ entgegnete Sefeln,„und iſt gleich mein Leib eben wie der Eurige auch nicht hieb⸗ und kugelfeſt, ſo iſt es doch möglich, daß ich Euch überlebe und in dieſem Fall, mein Bruder, gebe ich Euch mein Ritterwort, die Dame als meine Schweſter zu betrachten und als ſolche nach Kräften für ſie zu ſorgen.“ „Ich danke Euch“, ſagte Plauen, dem Freunde die Hand hinſtreckend, in welche dieſer kräftig einſchlug. „Nun aber erleichtert Euer Herz,“ ſetzte er hinzu, „denn ſeht, ich muß doch wiſſen, was ich zu thun habe, wenn ich irgendwo beiſpringen ſoll. Ich habe zwar nicht ſehr viel Glauben an die Tugend, Rechtſchaffenheit und Ehrbarkeit fahrender Frauen; habe auch unter den ſeß⸗ Ain Bürgermeiſter. 14 210 haften, bei Bauern, Bürgern und Edelfrauen gar man⸗ cherlei Erfahrungen gemacht, aber ich habe eine fromme Mutter, ich habe wenigſtens ein Mägdlein kennen ge⸗ lernt, das die Minne nicht als einen bloßen Spaß be⸗ trachtete und um derethalben glaub' ich, daß es der Frauen, die aller Ehren werth ſind, wohl noch mehrere geben mag.“ „Hier kann ich Euch nichts mittheilen, Sefeln,“ ſagte Herr von Plauen mit einem Blick auf den ſich mehr und mehr mit den kühnen und kräftigen Geſtalten der jungen Ritter Marienburgs füllenden Saal, aber kommt mit mir auf die Zinnen, dort wird uns in dieſem Wet⸗ ter Niemand ſtören und behorchen.“ „Da laßt mich vorher einen anderen Mantel um⸗ thun und mein ſeidenes Wams mit einem von Barchent vertauſchen, mein Lieber,“ ſagte Sefeln. „Dieſer Mantel hier iſt von echtem flandriſchem Tuche und koſtet mich bare drei Goldgulden, er iſt nicht gemacht für den Schnee, der draußen eben niederzurieſeln beginnt. An der Ecke über dem Waſſerthore warten wir auf einander.“ Er ſtand auf und verließ eilig den Saal, auch Plauen verließ ihn, und ſtieg die zierlich gewundene Treppe hinauf, die nach den Zinnen der Burg führte. nenl und mals die G ſchö ſchen San mait hatte wäch Hein Ged Kon zum Die vor nan⸗ nme ge⸗ be⸗ uen, eben en,“ mehr n der ommt Wet⸗ um⸗ rchent ſchem nicht ieſeln wir auch ndene ührte. 211 Hier ſtand er ein Weilchen an die Brüſtung gelehnt und überſah die weite, flache, ſchneebedeckte Gegend. Das Eis hatte noch nicht die rauſchenden Wogen des Nogatſtromes in Feſſeln gelegt, er ſtrömte Schollen treibend am Fuße der Burg vorüber; die Brücke aber lag ſtill und unbelebt, und aus dem kleinen Fenſter des Wächterhäuschens ſtrahlte der Schimmer eines luſtig lodernden Feuers. Er dachte des Tages, da er hoffnungsvoll im Son⸗ nenlichte an Vlaſta's Seite über dieſe Brücke gezogen war, und ſeltſam, die Geſtalt des Brückenwärters, die er da⸗ mals ſo wenig beachtet hatte, trat ihm jetzt lebhaft vor die Seele. Wer mochte der Menſch ſein, deſſen kräftig ſchöne Geſtalt Vlaſta damals mit dem Bild des heidni⸗ ſchen Götzen Thor verglichen?— Ein Lithauer oder Samaite jedenfalls, auch Vlaſta ſtammte halb aus Sa⸗ maiten Blute und— kein Zweifel, Heinrich von Plauen hatte das ſpäter oftmals bemerkt— der rieſige Thor⸗ wächter und das ſchöne, ſo ſchnöde betrogene Weib, das Heinrich liebte, ſahen einander ähnlich.— Bunte, wilde Gedanken flogen durch den Kopf des jungen Mannes. Konnte nicht jener verachtete Leibeigene den Schlüſſel zum Schickſal der böhmiſchen Fürſtentochter kennen?— Die ſamaitiſchen Geißeln und Gefangenen waren aus vornehmem Geſchlechte und nach ihrer Gefangennahme 14* 212 gar ſchlecht vom Orden behandelt worden, es war mehr als ein Fürſten⸗ und Bojarenkind unter ihnen, das Schweine oder Pferde hütete, am Hofe irgend eines deutſchen angeſeſſenen Adeligen.— Dieſer Brückenwärter — er hatte wirklich trotz ſeiner Kleidung von Ziegenfell, etwas Königliches an ſich. O wenn hier, ſo ganzin ſeiner Nähe einer der wenigen Verwandten Vlaſta's zu finden wäre. Das Erſcheinen Sefeln's unterbrach dieſe Träume. Der junge Elegant des fünſzehnten Jahrhunderts war in einen gewöhnlichen Wadmolmantel gehüllt und hatte die Mütze von gegerbtem Biberfell über die Ohren ge⸗ zogen. Arm in Arm ſchritten die beiden Männer jetzt auf den vom Wetterſturm umtobten Zinnen umher, und Plauen erzählte: „So wißt, ich war in Prag bei König Wenzel als Abgeſandter des Meiſters, und am Hofe des Königs lernte ich einen Mann kennen, der dort einen gar großen Ruf als Gelehrter beſaß. Herr Johannes Huß war kurze Zeit vorher Rector an der Carlsſchule zu Prag gewor⸗ den und die Zuhörer drängten ſich zu ſeinen Reden.“ „Auch ich ging, ihn zu hören, mehr um mich in der Sprache der Czechen zu üben, als weil ich eben viel von ſei⸗ ner Weisheit zu erlernen hoffte. Aber ſchon als ich die erſte Predigt von ihm vernahm, feſſelte mich der Inhalt meh ich dem ſagt den Geſte lich fühlt der haltt Herz mir, die 1 hin glau gers getra hann wie ſo er oder nirge Gott mehr das eines wärter enfell, ſeiner finden räume. s war d hatte ren ge⸗ ter jetzt r, und zel als lernte en Ruf kurze ich die Inhalt 213 mehr als der Wortlaut und nachdenkend über das, was ich gehört hatte, kehrte ich in meine Wohnung heim!“ „Und ſo habt Ihr, mein weiſer Plauen, denn Euch in dem Netze eines berüchtigten Ketzers fangen laſſen?“ ſagte Sefeln mit einigem Spott,„ſeht! das würde mir, den Ihr leichtſinnig, den Ihr einen Weltling und wüſten Geſellen in Euern tugendhaften Stunden ſcheltet, ſicher⸗ lich nicht paſſirt ſein.“ „Ich glaub' Euch das,“ entgegenete Plauen,„Ihr fühlt nicht das Bedürfniß nachzudenken über die Lehren der Kirche, die Luſt am Leben, das Euch überall Unter⸗ haltung und Vergnügen bietet, füllt Eure Zeit und Euer Herz aus, ich bin eine andere Natur und Etwas iſt in mir, das mich zwingt, alle Worte, die ich höre, alle Lehren, die mir gegeben werden, zu überlegen, in meiner Seele hin und her zu wenden, und manchmal, Ihr mögt mir's glauben, hatte ich ſchon ohne die Worte des Ketzerpredi⸗ gers gar abſonderliche Gedanken. Nun hatte ſich's aber getroffen, daß ich eben in den Predigten des Rector Jo⸗ hannes Huß ein junges Fräulein ſah, ſo ſchön, ſo ſchön wie die friſch erblühte Roſe. Sie war ſo aufmerkſam, ſo erbaut und nachdenkend wie ich, eine alte Dienerin, oder eine bejahrte Verwandte begleitete ſie ſtets, und nirgends ſah ich ſie an einem andern Orte als in dem Gotteshauſe.“ 214 „Daß ich der Dame perſönlich bekannt wurde, war nur Zufall, oder vielmehr eine ſichtbare Fügung Gottes.— An einem Sonntage, da ſie mit ihrer Baſe und Diene⸗ rin aus der Thüre des Domes trat, ſtand ihre Caroſſe, mit vier ſtolzen Pferden beſpannt, nicht an dem gewöhnli⸗ chen Platze, Fondorn ein wenig ſeitab dan Harpteinaanae, einem ſteilen Bergabhange des Hradſchin, ſehr nahe, und da die Frauen eingeſtiegen, ſcheute das Huupferh die andern wurden unruhig, die Räder des Wagens kamen ins Rollen und ein fürchtlicher Unfall hätte das Fahr⸗ zeug und die darin ſaßen, betreffen können, wenn ich nicht dem böhmiſchen Kutſcher beihiſweungen wäre, der ſchier die Beſonnenheit und Ruhe verloren hatte, ohne welche der Menſch nimmermehr Herr der thieriſchen Kraft bleibt.“ „Die Sache ging undeß für mich nicht ganz ohne Gefahr ab. Eines der wild gewordenen Pferde biß mich in den Arm und das Rad der Caroſſe ſtreifte ziemlich ſchmerzhaft meinen Fuß. Als der Wagen zum Stehen, die Pferde völlig zur Ruhe gebracht, fing ich an, die Schmer⸗ zen jener beiden Verletzungen ſehr heftig zu fühlen, ſo zwar, daß mir's eine Minute lang ſchwarz vor den Au⸗ gen ward, ich mußte wohl erbleicht ſein, vielleicht auch war ich am Umſinken, als ich mich aber aufraffte, fühlte ich mich von den Armen der alten Dienerin gehalten, die Aug mir nich gege nern meit Pol Pra ein war ſche zige Er im gen rnur Augen der jungen Dame ſchwebten wie zwei Sterne über mir, ſie zogen mich gleichſam empor zu ſich, es bedurfte Hene⸗ nicht der Hand, welche die Baſe mir aus der Caroſſe da ent⸗ roſſe gegenſtreckte; ich befand mich, ich wußte nicht wie, im In⸗ huli⸗ nern des Fuhrwerkes, die Jungfrau knüpfte ihr Tuch um ange meinen blutenden Arm, mein Kopf lag weich auf den vn Polſtern, und dann war ich in dem glänzendſten Palaſte 4 die Prags, in dem Hauſe des Roſenberg, deſſen Vorfahren fauten ein Zweig der Urſini, einſt aus Italien hieher gekommen Tahr⸗ waren.“— Suh.„Das junge holdſelige Mädchen, die einfache be⸗ der ſcheidene Schülerin des Johannes Huß, war die ein⸗ uhnr zige Tochter des vornehmſten Wladiken, die reichſte tiſchen Erbin Böhmens, und wäre ich der reichſte Edelmann im deutſchen Reiche geweſen, ich hätte doch nicht wa⸗ ohne gen dürfen, meine Augen zu ihr zu erheben. Die nüch Liebe aber, die echte, wahre, frägt nicht nach Stand emlich und Reichthum, ſie erwacht, wenn Gottes Wille ſie en, die weckt in der Menſchenbruſt, wie der Waſſerſtrahl in jmer⸗ der Bruſt des Felſen und ſtrömt hervor, wenn unbe⸗ 7, ſo hindert als erquickender Quell, der klar und rein die n Au⸗ Bäume und Blumen an ſeinem Wege tränkt und ihr t auch Bild in ſeinem Spiegel trägt; wenn aber behindert, fühlte ſo ſammelt es ſich zum wilden Bergſee, der den tief⸗ n, die ſten Felsſchlund endlich ausfüllt und zuletzt, Alles mit 216 ſich reißend, was in ſein Bereich kouumt, überall Zer⸗ ſtörung bringend, ſich als ſchäumender Waſſerfall in's Thal ſtürzt. Sefeln! ſo wahr als Gott lebt, ſo gewiß ich das Glück meiner theuern, edelherzigen Vlaſta wünſche, ich habe wie ein Mann gegen meine unerlaubte Liebe gekämpft. Möge mein Auge für ewig erblinden, wenn es einen unreinen Blick auf die edle Geſtalt geworfen. Mein Mund hat noch keinen Kuß auf ihre reine Lippe zu drücken gewagt, und in ſo weit als menſchlicher Wille dies vermag, habe ich mein ritter⸗ lich' Gelübde gehalten, aber ich liebe ſie, ich begehre, ſie mein Weib zu nennen vor Gott und der Welt und werde alle Kräfte meines Lebens daran ſetzen, mein Gelübde zu löſen, wenn dieſer Krieg beendet iſt, und ich dies Leben, das nur durch ſie einen Werth für mich hat, nach Gottes Willen behalte. Ich habe der heiligen Dorothea das Gelübde gethan, mich allen Ge⸗ fahren ſo auszuſetzen, als ob ich den Tod ſuchte, wenn ich ihn aber nicht finde, wenn ich wiederkehre zu Blaſta, die meiner harren will, bis an's Ende, dann ſoll dies ein Zeichen von Gott ſein, daß er uns begnadigt und unſere Liebe ſegnet.“ Huldrich von Sefeln war während dieſer Worte ſeines Gefährten ernſthaft geworden, kein Schatten ſeiner leichtſinnigen Spottluſt ſpielte mehr auf ſeinem hübſch um d ſtehen Män hinter terlich der 2 dem und den( Licht ters danke freier ſcſch nach Orde wie C wohl den, wäre danke Eins mer Zer⸗ rfall ſo igen geine ewig edle Kuß weit itter⸗ e, ſie und mein und h für der Ge⸗ ichte, kehre Ende, uns Porte ſatten ſinem 217 hübſchen Geſichte. Der Wind ſchnaubte und brauſte um die beiden auf der hohen Zinne der Marienburg ſtehenden ritterlichen Geſtalten und wehte ihre weißen Mäntel von ihren Körpern ab, daß ſie wie Flügel hinter ihnen herflatterten. Schon deckte Nacht die win⸗ terliche Landſchaft zu ihren Füßen und bisweilen jagte der Wind die Wolkenſchleier von der Sichel des ſich dem Weſten zuneigenden Neumondes. Laut rauſchten und klirrten die auf dem wilden Strome dahin ſauſen den Eisſchollen, und wie ein Stern glänzte das ſtille Licht aus dem einſamen Häuschen des Brückenwäch⸗ ters zu ihnen empor, die, von ſehr verſchiedenen Ge⸗ danken bewegt, hinabſchauten von ihrem hohen und freien Standpunkt. „Das iſt eine traurige und eine ſchreckliche Ge⸗ ſchichte, mein lieber Bruder!“ ſagte Sefeln endlich nach Minuten langem Schweigen.— Der entflohene Ordensritter iſt geächtet in allen chriſtlichen Ländern, wie Ihr wißt, und eine Dispens vomheiligen Vater kann wohl nur in ſolchen Fällen verlangt und erlangt wer⸗ den, wo ein fürſtlich' Haus ohne denſelben erloſchen wäre.— Schlagt Euch, mein armer Bruder, die Ge⸗ danken daran aus dem Sinne, aber ſagt mir noch Eins, die Dame, welche Ihr in dieſem letzten Som⸗ mer von Marienburg nach Danzig geleitet, die ſeit 218 jener Zeit dort im Hauſe der alten Urſel Wald lebt, über deren Thun und Treiben ſo manche unheimliche Gerüchte umherſchleichen, iſt wirklich ein vornehmes böhmiſches Fräulein?“ „Sie iſt ſo gewiß die Tochter des edlen Wla⸗ diken Herrn Heinrich Pesko Work von Roſenberg als ich der Sohn meines Vaters bin, aber ſeit dem Tode ihrer Baſe Frau Prichta von Lichtenſtein machen geld⸗ gierige Vettern ihr das Erbe ſtreitig, und eben ſo⸗ wohl von ihrer Liebe, als von der Nothwendigkeit be⸗ ſtimmt, kam die Verwaiſte in das fremde Land, wo ſie keinen einzigen Freund hat als mich, deſſen Liebe ſie beſchimpfen würde, ſo lange noch das ſchwarze Kreuz auf meiner gemarterten Bruſt liegt. Im Klo⸗ ſter Oliva liegen die Beweiſe ihrer ehelichen Geburt, aber der einzige Menſch, der ſie auszumitteln und aufzufinden wüßte, ein alter, aus preußiſchem Blute ſtammender Pater, iſt ſeit dem Herbſte in Tollheit verfallen und liegt an Ketten, da er wie ein wildes Thier toben und raſen ſoll.— O das Gold meiner. Blaſta würde mir die Freiheit geben, aber auch wenn ſie arm bleibt, ſoll ſie mein Weib werden, wenn ich dieſen Krieg überlebe. Ich will ſie mir erſtreiten im ſiegreichen Kampfe gegen dieſen Heiden Jagello. Meine Thaten ſollen meine Banden löſen. Meiſter Ulrich wenn zeige Edel Frie Sefe auch nur ſie ſichen ein zu k bring und Mäd mern die d willig in di beſuc Auge lebt, mliche ehmes Wla⸗ g als Tode geld⸗ en ſo⸗ eit be⸗ nd, wo Liebe hwarze Klo⸗ beburt, und Blute ollheit ildes neiner. wenn n ich en im Meine Ulrich 219 ſelbſt und mein Ohm, der Comthur von Schwetz, un⸗ terſtützen mich und habe ich erſt die Dispens von Rom, die der Hochmeiſter mir wohl verſchaffen wird, wenn ich mich in der Schlacht ſeiner Güte würdig zeige, dann ſuche ich mir ein Plätzchen, wo ich, als Edelmann, mein Feld bebauend, mit meinem Weibe in Frieden und Ehren leben kann.“ „Gott helfe Euch dazu, Heinrich!“ entgegnete Sefeln mit einem leichten Seufzer.„Seid Ihr aber auch gewiß, daß die Dame Euch treu iſt, und Euch nur allein liebt! Dieſe Urſel Wald, in deren Hauſe ſie lebt, iſt ein böſes und verrufenes Weib, ganz ſicherlich eine Heidin, Hexe und Kupplerin, die ſich ein Geſchäft daraus macht, die Töchter ehrlicher Leute zu kirren und allerlei Liebſchaften, die ihr Geld ein⸗ bringen, zu fördern.“ „Ich hab' das ſelbſt erfahren, mein lieber Bruder, und ich möchte ſogar ſagen, daß ſie mich erſt auf ein Mädchen aufmerkſam machte, an das meine Seele nim⸗ mermehr gedacht hätte; denn ſie iſt von einer Familie, die den Tod der Unehre vorziehen würde, und es gibt der willigen Mägdlein genug, bei denen man nicht den Hals in die Schlinge ſteckt, wenn man ſie auf ihrer Kammer beſucht. That doch der ſtrenge Conrad von Jungingen die Augen zu, gegen die Wirthſchaft hier in Marienburg, wo —— — 220 feile Dirnen aus Frankreich, aus Böhmen und Ungarn, dle untermiſcht mit den verlorenen Töchtern dieſes Landes, le ihr Weſen treiben.“ ſage „O davon, hat der edle und keuſche Meiſter ſicher⸗ ſag lich kein Wiſſen gehabt,“ entgegnete Plauen mit großem Eifer,„und außerdem hat er vielleicht gemeint, daß der unnt Ritter, der das Kreuz, das heilige Zeichen der Erlöſung linn auf ſeinem Herzen trägt, durch dasſelbe geſchützt ſein zaub müſſe gegen die Verſuchungen zu ekler Luſt, die nur den enff rohen Knecht reizen kann.“ 8 „Ihr ſeid da, däucht mir, in einem großen Irrthume, Im mein Bruder,“ meinte Sefeln,„führten doch Teufelinnen, ü nicht edle Frauen, den heiligen Antonius in Verſuchung, 3 und daß Herr Ulrich, unſer jetziger Meiſter, die Wirth⸗ rülcl ſchaft da drüben und was ſie auf ſich hat, kennt, das weiß bin ich ganz genau, und er duldet ſie dennoch; aber mit dieſem und Volke hier iſt's ein Anderes als mit der Urſel Wald. Es werden da nicht ehrbare Mädchen hingelockt. Die Töchter 3 der Stadt fürchten das Unweſen mehr als die Peſt, und und. machen lieber einen Umweg von einer halben Stunde, ehe weiſ ſie an der Thür des verrufenen Hauſes vorübergingen. d Die alte Trude aber, die Wahrſagerin jenſeits des Stro⸗ un mes, auf deren grünen Wieſen die Mädchen aus Marien⸗ en burg ihre Linnen und ihre Wäſche bleichen, warnt vor dul der Schenke zum weißen Lamm, als vor dem reißendſten garn, undes, icher⸗ roßem aß der öſung t ſein ur den thume, innen, chung, Wirth⸗ weiß dieſem d. Es öchter „ und de, ehe ingen. Stro⸗ arien⸗ int vor dſten 221 aller Wölfe, und erhält alle die hübſchen Jungfrauen, die zu ihr kommen, in heilſamer Furcht davor.“ „Habt Ihr Euch ſchon von der Trude einmal wahr⸗ ſagen laſſen, Plauen?“ „Behüte!“ entgegnete der Gefragte.„Zauberei iſt immer Zauberei, auch wenn ſie nicht geradezu vom Teufel ſtammt. Gott verbietet uns auch bei ſeinem Namen zu zaubern, ich kenne die Trude nicht, und würde ſie nicht aufſuchen, um aus ihrem Munde zu hören, was mein Los ſein wird in dieſem Kriege. Der Herr hat uns die Zukunft weislich verborgen.— Aber horcht einmal, was iſt das für ein Geräuſch am Hauptthore?— Hal der Wächter ſtößt ins Horn. Se. Gnaden, der Meiſter iſt zu rückgekehrt!“ „Na, das trifft ſich trefflich!“ ſagte Sefeln lachend, „bin ich doch eben in der vorgeſchriebenen Ordenstracht, und kann gleich, ſo wie ich hier ſtehe, an den Convents⸗ remter treten, mich den Augen des Herrn als einen echten und gerechten Bruder des armen deutſchen Ordens, im weißen Wadmolmantel zu zeigen.“ Eilig verließen ſie die Zinnen und gingen mitein ander nach dem Gemache, das ſie in dem Theile der ge⸗ räumigen Burg, der zu 2 Bohnzimmern für die anweſen⸗ den Ritter beſtimmt war, ſeit ihrer Heimkehr von Danzig mit einander theilten. Eine Stunde ſpäter waren in dem ſchönen Con⸗ ertten. ventsremter alle in Marienburg auweſenden Gebietiger, grüßte Ritter und Prieſter, Brüder des Ordens, verſammelt, ſicht L eine große Zahl ſtattlicher Männer mit ſchölten echt deut⸗ offenb ſchen Angeſichtern. Der Prieſter Brüder waren nur we⸗.. nige; ſie trugen den weißen Mantel der Ritter, doch un⸗ in Go nur vr ter demſelben einfache ſchwarze Prieſterkleidung, während 1 die Ritterbrüder trotz des Geſetzes, das ihnen ſeidene geſegn Stoffe, Hermelin und köſtliches Pelzwerk verbot, unter die de dem einfachen weißen Mantel vielfärbige Wämſer von ſten, r Seide mit Marder und Weißfuchs, oder auch dem zarten feindli Dun des Schwanes verbrämt, und geſchlitzte Beinkleider de d bargen. in d Zwiſchen den drei Pfeilern und den Umfaſſungs⸗ dem T mauern des Saales hingen an glänzenden Metallketten fangen glänzende Reifen, fünf an der Zahl, herab, jede trug kriegte einen Kranz von 20 brennenden Wachskerzen, deren ruhi⸗ Freund ges Licht den Raum genug erhellte, um die Geſichter der. ernſten Männer, welche ihn erfüllten, deutlich erkennbar bin⸗ K zu machen.— 41 Euch 1 Alles ſchwieg erwartungsvoll, als der Thurm ſich oll 9 öffnete und Ulrich von Jungingen, gefolgt von ſeinem b21 e Secretär und vertrauten Freunde, den Ordensprieſter reien d Johannes Puſilie, genannt Lindenblatt, eintrat. nen Es lag etwas in den Zügen des Meiſters, der mit Con etiger, nmelt, tdeut⸗ ir we⸗ ch un⸗ ährend ſeidene unter r von zarten nkleider ſungs⸗ llketten de trug i ruhi⸗ ter der ennbar im ſich ſeinem rieſter er mit 223 einem lauten„Salve, meine Brüder,“ die Anweſenden grüßte, das faſt wie begeiſterte Freude erſchien; das Ge⸗ ſicht Lindenblatt's aber, zu jeder Zeit ernſt und ſtill, ſah offenbar trüb und feierlich aus. „Es iſt nun beſchloſſen,“ ſagte der Meiſter,„und in Gottes Rath beſtimmt, daß der Friede, der ſo lange, nur von kleinen Feindſeligkeiten unterbrochen, das Land geſegnet hat, ende!— Meine Brüder, nicht wir ſind es, die den Krieg beginnen, in welchem zwei chriſtliche Für ſten, vereint mit einem heidniſchen Tartarenführer, uns feindlich gegenüber ſtehe.“ „Wladislaw will ihn! und der undankbare Withold, dem der Orden Krone und Leben rettete, hat ſich mit dem Todfeinde, der ihn Jahre lang in ſchmählicher Ge⸗ fangenſchaft hielt, und den er Jahre lang wüthend be⸗ kriegte, vereint, um ſeine Wohlthäter, Schützer und Freunde, die Brüder des deutſchen Ordens, zu vernichten.“ „Gott und die heilige Jungfrau werden mit uns ſein, wenn mit dem Beginne des Lenzes der unheil volle Krieg von Neuem beginnt. Rüſte ſich ein Jeder von Euch auf's Beſte, die Mannen, die uns begleiten werden, ſollen wohl vertheilt werden und in allen Stückgieße⸗ reien des Landes, beſonders aber hier unter unſeren Au gen, in unſerer Marienburg, wird mit Fleiß und Eifer an den neuen Geſchützen gearbeitet. Jeder Ritter übe 224 und ſchule die ihm überwieſenen Leute, ſeien ſie zu Fuß oder zu Roß, auf's Beſte, jeder reinige aber auch vor Allem ſein Herz von weltlichen ſündlichen Gedanken und bereite ſich vor, in dem Kampfe, der nun unvermeidlich iſt, als ein Mann zu ſiegen, als ein Chriſt zu ſterben. Die zur Zeit hier anweſenden Comthuren von Schwetz, Bulga, Thorn, Chriſtburg, Golup, Engelsburg, Rog⸗ genhauſen, Rheden und Elbing werden morgen nach der Prime*) ſich in unſerem kleinen Remter zur näheren Berathung verſammeln, alsdann ſollen die Boten auf⸗ brechen nach allen Comthureien, Balleien und Conven⸗ ten dieſes Landes, die Befehle über das, was beſchloſſen iſt, an die Gebietiger unſerer Brüder in Eile zu überbringen.“ Als der Meiſter ſchwieg, verbreitete ſich jenes Mur⸗ meln durch den Saal, das leiſe Geſpräche vieler Men⸗ ſchen erzeugen. Herr Johannes Lindenblatt plauderte mit dem Comthur von Schwetz, dem älteren Plauen, und was er ſagte, ſchien dieſem nicht ganz lieb zu ſein. „Es iſt nicht anders, Herr Reuß von Plauen. Ihr bleibt nach des Meiſters Willen und Beſchluß in Eurer Comthurei. Den ſchwerſten und ruhmloſeſten Poſten, den tüchtigſten und ſchon mit Ruhm bedeckten,“ ſagte *) Das früheſte Kirchengebet. Hr. We Ihr ſer, zug Eur über zund den nen nicht Eud Ruh ihm älter heil. ſei. 1 Ritte derku einge ſchön Saal Ein zu Fuß uch vor ken und neidlich ſterben. Schwetz, g, Rog⸗ nach der näheren ten auf⸗ Conven⸗ oſſen iſt, ringen.“ es Mur⸗ r Men nit dem d was er en. Ihr in Eurer Poſten, « ſagte 225 Hr. Ulrich heute Morgens mir zu, als wir bei Sturm und Wetter durch die wilde Heide bei Fiſchhauſen ritten.— Ihr ſelbſt müßt es wiſſen, daß bei einem Kriege, wie die ſer, wo Zehn gegen Einen fechten, die Deckung des Rück⸗ zuges eine Sache von höchſter Wichtigkeit iſt, und nur in Eure Hand, meint unſer würdiger Meiſter, den Befehl über das was in ſeiner Abweſenheit geſchehen ſoll, was zunächſt vorzunehmen ſei, wenn es ſein Geſchick wäre, den Tod in dieſem Kriege zu finden und überhaupt ſei⸗ nen letzten Willen legen zu können. Weigert Euch daher nicht, Herr Emerich, das Amt zu übernehmen, das er Euch zugedacht, Ihr würdet ihn kränken und ihm ſeine Ruhe für die nächſten Arbeiten, die ſo dringend ſind und ihm ſo ſehr über den Kopf wachſen, rauben.“ „Es geſchehe nach ſeinem Willen,“ entgegnete der ältere Plauen nach langem, ernſten Schweigen,„und die heil. Jungfrau wolle geben, daß mein Poſten ein ruhmloſer ſei.“— In dieſem Momente ertönte das Hornſignal, das die Ritterbrüder zur Abendmahlzeit rief, die heute die Wie derkunft des Meiſters zu feiern in deſſen großen Remter eingenommen ward. Schweigend durchſchritten die ernſten Männer die ſchön gewölbten Gänge, welche zu jenem wundervollen Saale führten, deſſen herrliches Gewölbe, von einem Ein Bürge rineiſter. I. 15 226 einzigen Granitpfeiler getragen, dem Kelche einer eben er⸗ ſchloſſenen Roſe gleicht. Die Tafel war gedeckt, wie es eines großen Fürſten der werthe, brüderlich geliebte Gäſte bewirthet, würdig erſchien.— Koſtbare Geräthe von Gold und Silber zierten den Schenktiſch, edler Wein aus Frankreich, Spa⸗ nien, vom Rheine waren aufgetragen, Wildpret aus den Forſten Preußens, die damals noch das Elenn und je zuweilen an den einſamen Flußufern den ſcheuen Biber bargen, war, wohlſchmeckend bereitet, in reichlicher Menge vorhanden. Das Brot, weiß und locker, wuchs als präch⸗ tiges Getreide in den Werdern, jenen Deltas zwiſchen den Ausflüſſen der Weichſel und Nogat, und ſeine Gewürze aus dem fernen Indien, Roſinen und Feigen aus Griechenland und Cypern, ſchaffte der wachſende Handel der Städte Danzig, Thorn und Elbing auch für den Tiſch der ritterlichen Lardesherren. Herr Johannes Lindenblatt, der Secretär und Hauskaplan des Meiſters, ſprach mit lanter Stimme das Gratias und die Ritter ſetzten ſich zum Gaſtmahle, bei dem keines Vorleſers Stinume die Geſpräche unterdrückte, wie dies bei den gewöhnlichen Abendmahlzeiten die Regel erforderte. Sefeln und der jüngere Plauen ſaßen neben einan⸗ der, dem Hochmeiſter, der den Comthur von Schwetz zur Lin blat des dem Er weit beid und an d und zum heit ſeine und Gew zu b für Auf und gung ſich ſtern meiſt er⸗ iſten erdig ilber Spa⸗ den nd je Biber denge räch⸗ iſchen ſeine n aus ſandel r den und ie das lle, bei rückte, Regel ſeinan⸗ etz zur 227 Linken und ſeinen Geſchichtſchreiber, Johannes Linden⸗ blatt zur Rechten hatte, gegenüber.— Ueber dem Antlitz des Meiſters Ulrich lag ein Schimmer faſt wie der, von dem die Schriften bei Propheten und Heiligen erzählen. Er aß wenig und trank nur einen Kelch edlen Rhein⸗ weines, und als er die Tafel aufhob, drückte er ſeinen beiden Freunden die Hand mit ungewöhnlicher Wärme und ging nicht in ſein Kämmerlein, ſondern in die dicht an dasſelbe ſtoßende Kapelle. Ein ſchönes Muttergottesbild ſchmückte hier den Altar und Ulrich warf ſich in tiefer Demuth vor demſelben zum Gebete.. Als der nächſte Morgen in winterlicher Klar⸗ heit über der Marienburg tagte, war der Meiſter mit ſeinen Hauptbeamten, dem Treßler, der den Schatz und die Einkünfte verwaltete, dem Trappier, der die Gewandung der Brüder, der Novizen und Lanzknechte zu beſorgen hatte, dem Hauscomthur, der die Sorge für die Sicherheit des Platzes unter ſeiner beſonderen Aufſicht hatte, dem Karwansherrn, der alle Gemächer und Baulichkeiten des Schloſſes, ſo wie die Unterbrin⸗ gung aller Gäſte von fern und nah als Pflicht auf ſich hatte, den Fiſch⸗, Vieh⸗, Korn⸗ und Getreidemei⸗ ſtern, dem Pferdemarſchall und dem oberſten Büchſen⸗ meiſter ſchon ſeit Stunden in den untern Zimmern 15* 228 beſchäftigt, die ſpeciellſten Anordnungen für die Si⸗ cherheit der Marienburg, für die Verproviantirung des Heeres, die Geſtellung der Pferde für das berittene Volk und die Poſtverbindung, während der Dauer des nun unvermeidlich gewordenen Feldzuges zu treffen.— Aus den Balleien in Deutſchland, Ungarn, Böhmen und England waren die Nachrichten wie viel eine jede an Kriegern ſenden könne, bereits im Sommer eingetroffen, die Aufgebote an alle die Grundholde, welche ihre Lehensverträge verpflichteten, dem Heerbanne des Mei⸗ ſters in den Krieg zu folgen, wo auch ſein Schau⸗ platz ſein möge, waren ſchon erlaſſen. Jetzt. fertigte man die Befehle an alle Freilehensleute, Withinge und ſeßhafte deutſche Edelleute aus, ſich zum Schutze des Landes zu bewaffnen. Dann als der Tag hell auf die winterlich ſtillen Gärten, Höfe und Thier⸗ zwinger der Marienburg ſchien, durchſchritt der Mei⸗ ſter dieſelben und unterſuchte die Gießhäuſer, in wel⸗ chen viele Menſchen eifrig beſchäftigt waren, jene langen wunderlichen Geſchütze zu gießen, welche dem Feinde Steinkugeln von ungeheurem Gevicht zuſchleu⸗ dern konnten.— Von dort ging er an die Pulvermüh⸗ len, wo man die ſchwarze Todesfaat anfertigte, betrach⸗ tete und maß überſchläglich die aus Gothland erkauften und am Strome ſchon durch Danziger Schiffe herüber⸗ Si⸗ des tene des und an ffen, ihre Mei⸗ hau⸗ tigte inge qutze hell hier⸗ Mei⸗ wel⸗ jene dem leu⸗ müh⸗ rach⸗ ften ber⸗ 229 gebrachten Pulvervorräthe und war thätig vom Morgen bis zur Nacht. Wenn aber der Winterabend niederſank, wenn der letzte Gottesdienſt vorüber war und die Ritterbrüder in Gemeinſchaft oder für ſich allein ſich einige Zerſtreuung gewährten, ſaß er mit Johannes Lindenblatt in der Briefſtube, und niemals vor Mitternacht beſtieg der an⸗ geſtrengte Mann ſein hartes Lager, um der Ruhe zu ge⸗ nießen, welche die menſchliche Natur durchaus fordert.— So verſtrich der Winter, auf Sturmes Flügeln zog der Lenz über das nordiſche Land, das Heer des Hochmei⸗ ſters war wohl gerüſtet und Herzog Withold von Lithauen, der Polenkönig Wladislaw Jagello und der Tartarenfürſt Toktamiſch näherten ſich mit ungeheuren, einer Völker⸗ wanderung ähnlichen Zügen den Grenzen Preußens von drei Seiten; nur die Wildniß, jene unwegſamen Wal⸗ dungen, welche damals das von den Rittern eroberte und civiliſirte Land von den Gebieten jener Fürſten ſchied, lag noch zwiſchen ihnen und den Truppen des deutſchen Ordensheeres. — — — ’1 8 4* I Neuntes Capitel. Den Bewohnern Danzigs brachte der Lenz des Jahres 1410 trotz der kriegeriſchen Unruhen eine große, lang erwartete Feſtlichkeit, die Hochzeit der einzigen Toch⸗ ter des ehrenwerthen geſtrengen Oberbürgermeiſters Con⸗ rad Letzkau.— Zu jener Zeit war das Familienleben des Bürgers anders als in unſern Tagen. Der Winter verging damals nicht in wechſelvollen Zerſtreuungen. Theater und Concerte kannte man nicht, das was wir jetzt einen Ball nennen, exiſtirte durchaus nicht, auch gab es nicht Feſte und Schmauſereien ohne weitern äußern Anlaß. Eine Hochzeit aber, ein Kindelbier, ja das Be⸗ gräbniß eines Famlienmitgliedes, ward mit ſtattlichen Zuſammenkünften gefeiert. Bei ſolchen Gelegenheiten bewirthete auch der Aermere, ja der Arme, der Schulden machen mußte, um dem Herkommen zu genügen, Hunderte von Gäſten in ſeinem Hauſe.— Bei dem Benittelten wurden die Staatszimmer geöffnet, das Silbergeräth kan die fro zu⸗ W Be zur ger den war die gin auff ein hah ſol ein An Ja ſich ſch des roße, Toch⸗ Con⸗ leben Zinter ugen. s wir h) gab ußern 8 Be⸗ tlichen cheiten hulden underte ittelten rgeräth 231 kam aus den lange verſchloſſenen Truhen zum Vorſche in, die Prachtgewänder der Frauen von Brocat und ſteifer franzöſiſcher Seide wurden gelüftet, ausgebürſtet und zur rechten Stunde angelegt und was Wirth und Wirthin an Speiſe und Trank herbeiſchafften, um den Bedürfniſſen der Gäſte zu genügen, würde heut zu Tage zur Verproviantirung einer Feſtung ausreichen. Die Hochzeit der Maria Letzkau, hatte den Danzi⸗ gern ſchon ſeit längerer Zeit Stoff zum Gerede gegeben. — Die Braut war faſt 20 Jahre jünger als der Mann, dem die Eltern ſie ſeit ihrer Kindheit verlobt hatten. Sie war ſehr ſchön, die Tochter des Oberhauptes der Stadt, die einzige Erbin eines ihrer reichſten Männer. Zudem ging das Gerücht, daß ſie nicht blos Herrn Große einzig auf Befehl ihres Vaters heirate, ſondern daß ſie auch eine unerlaubte Liebſchaft und— Schande über Schande — einen jungen Weißmäntler zum begünſtigten Liebſten habe.— Es gab Leute, welche es beſchworen, daß ſie einen ſolchen aus der Dachlucke des Letzkau'ſchen Hauſes in einer hellen Sommermorgenſtunde ſteigen geſehen hätten, Andere wollten es für gewiß wiſſen, daß Marie ſchon ſeit Jahren die verrufene Urſel Wald heimlich beſuche und ſich von ihr aus der Hand, aus den Eingeweiden der ge⸗ ſchlachteten Hühner und ſonſt noch auf allerlei heidniſche ——— 232 Weiſe wahrſagen ließe.— Ja man flüſterte ſich ſogar in's Ohr, daß Marie, obgleich auf den Namen der Gottes⸗ gebärerin getauft und Tochter einer chriſtlichen Mutter, in Geſellſchaft der alten Urſel das heidniſche Bockheiligen mitgemacht habe. Inzwiſchen hinderte dieſe üble Nachrede es nicht, daß die halbe Stadt ſich zur Hochzeitsfeier der Geſchmäh⸗ ten rüſtete, und als die Hochzeitsbitter, zwei ſtattliche Junggeſellen, aus den Geſchlechtern*) der Herren Mathes Ferber und Balthaſar Uphagen herumritten, da ſchlug manches Herz in Spannung, ob ſie auch vor ſeinem Hauſe halten und den Einladungsſpruch herſagen wür⸗ den. Wenige wurden in ihren Hoffnungen, an dem großen Feſte Theil nehmen zu dürfen, getäuſcht. Das Haus des Bürgermeiſters Letzkau war groß genug, um der Gäſte viele aufzunehmen, und man trug daſelbſt Sorge, den unteren Schüttboden in Speiſegemächer, Tanzböden ꝛc. ꝛc. zu verwandeln, indem man alle dort befindlichen Vorräthe fortſchaffte, die Wände mit Fich⸗ tenzweigen, mit großen Büſcheln, Birkengrün, Maien genannt und Klumpen von allerlei haltbarem Wald⸗ laub ſchmückte.— Hier wurden hölzerne Tafeln der *) Familien, aus denen gewöhnlich nur die höheren Be⸗ amten der Stadt gewählt wurden. einfa ſpeiſe gäſte Conrc gerade los de gehen dem m ſoll me das K. immer ſitzen( und ha auch n Feind l jungen ten nich es gerr Der H gern, gello vo bei der für abe älteſten 233 einfachſten Art aufgeſchlagen, an denen das junge Volk ſpeiſen ſollte, während das Prachtgemach für die Ehren⸗ gäſte hergerichtet ward. „Die Hochzeit meines einzigen Kindes,“ ſagte Conrad Letzkau,„fällt zwar in eine ſchwere Zeit, aber gerade dann ſoll der Menſch die Gelegenheit ſich harm⸗ los des Lebens zu erfreuen, nicht ungenützt vorüber⸗ gehen laſſen, im Kriege aber bedarf das Weib außer⸗ dem mehr als ſonſt des ſchützenden Gatten, und darum ſoll meine Marie eines Ehrenmannes Frau ſein, bevor das Kriegsleid ſich in unſere Gegend zieht, was doch immer eine Möglichkeit iſt.— Wir Bürger Danzigs, ſitzen Gott Lob auf Lübeckiſchem Rechte in unſerer Stadt und haben nicht nöthig, dem Heerbanne des Meiſters auch nur bis an die Grenze zu folgen. Wenn aber der Feind bis an die Nogat käme, da müßten auch unſere jungen Burſche die Pickelhauben aufſetzen, und ſie müß⸗ ten nicht Danziger Blut in ihren Adern haben, ſie thun es gerne zur Vertheidigung von dem was recht iſt.— Der Herr Comthur von Danzig ſoll an uns alten Bür⸗ gern, wenn das Schlimmſte kommt und Wladislaw Ja⸗ gello vor den Thoren Danzigs ſtünde, treue Gehilfen bei der Vertheidigung der Stadt und Burg finden, da⸗ für aber mag er uns auch die Ehre anthun, mit den älteſten Rittern des Convents am Dienſtag nach Ju⸗ 1 —— bilate, am Tage des heiligen Athanaſius, als am zweiten des Maien, in meinem Hauſe Gaſt bei der Hochzeit meiner Tochter Maria zu ſein.“ Dieſe Einladung erging auch zur richtigen Zeit, das heißt acht Tage vor dem Feſte an die fünf Ritter. Die Hochzeitsbitter hielten am Waſſerthore der Burg mit ihren ſtattlichen Roſſen. Herr Balthaſar Uphagen klopfte mit ſeinem Stabe, den die Braut eigenhändig mit vielfarbigen Bändern und ſchönen Blumen geſchmückt, wie es der Brauch befahl, an die Pforte, und als ſie geöffnet war ſagte Herr Mathes Ferber den bräuchlichen Spruch, nur paßte die Einladung in dieſem Fall nicht recht in den Vers, welcher gewöhnlich von dem Herrn, der Frau und allen lieben Kinderlein, höchſtens von Vettern oder Baſen, ſpricht. Indeſſen machte Herr Ferber, einem klugen Geſchlechte angehörig, ſeine Sache ſo gut es ging, die Reime rollten nur ſo über ſeine Lippen und der greiſe Comthur trat ſelbſt hinaus und nahm in ſeinem und ſeiner Brüder Namen die Einladung des geſtrengen und ehrenfeſten Herrn Bürgermeiſters an. Am Morgen des Hochzeitstages war die Straße vor dem Feſthauſe ſo weit man ſehen konnte mit Kalmus, Fichtenzweigen und Birkenlaub beſtreut, das einen ſüßen Duft unter den Füßen der in Schaaren herbeiſtrömen⸗ den C ren w ſich de gefeie ſen D Scjif im Fl daß de bere 6 hatte. 5 zu Fu den P in Wä ähnli Hoſen Puffen gen K und b Halsk Hütche ſilber und feinſte derord Gam i der Zeit, eitter. g mit Stabe, rn und vefahl, Herr ßte die welcher lieben pricht. hlechte rollten r trat rüder nfeſten ße vor ſalmus, ſüßen römen⸗ 3 235 den Gäſte aushauchte.— Die großen eiſernen Hausthü⸗ ren waren gaſtlich geöffnet und die Straßenjugend, welche ſich damals wie jetzt ſchauluſtig einfand, wo ein Feſt gefeiert wurde, konnte in den weiten Flur ſehen, von deſ⸗ ſen Decke das Modell eines zierlichen, wohlgetakelten Schiffes an einer leichten Meſſingkette herabhing. Auch im Flur waren einige Tiſche gedeckt, doch ſtanden ſie ſo, daß der Weg zur Treppe nicht verſperrt war, deren ſau⸗ bere Stufen man mit brennend rothem Tuche bedeckt hatte. Paar nach Paar wanderten nun die Gäſte, die theils zu Fuß, theils in Sänften ankamen, in ihrem glänzen⸗ den Putze dieſe Treppe hinauf, die ſtattlichen Männer in Wämſern von Scharlach, von Utrechter Sammet und ähnlichen koſtbaren Stoffen, zu denen ſich die geſchlitzten Hoſen mit weißſeidenen, roſenrothen und himmelblauen Puffen gar gut ausnahmen; die ſchönen Frauen in lan⸗ gen Kleidern von Brocat, mit Perlenbörtchen geſtickt, und beſetzt, und geſchmückt mit goldenen Armſpangen, Halsketten und Ohrgehängen, die kleinen gebogenen Hütchen mit Perlen und Edelſteinen beſetzt, gold⸗ und ſilbergeſtickte Handſchuhe an den arbeitſamen Händchen, und die Füße mit Zwickelſtrümpfen und Schuhen vom feinſten Gemsleder bekleidet, deren Haken nach der Klei⸗ derordnung des Hochmeiſters Conrad von Jungingen nur 236 bei den Frauen und Töchtern der Schöffen, Rathsherren und Richter höher als einen Zoll ſein durften. Der alte Comthur, Herr Johann von Schönfeld, war einer der Erſten der anlangenden Gäſte. Er ſchrittzu Fuß die Straße hinauf, die vier geladenen Brüder mit ihm, alle fünf alte Herren von ehrwürdigem Anſehen, gar nicht an⸗ gethan, den Herzensfrieden der eben in ihre Nähe kom⸗ menden Jungfrauen zu ſtören, und das ſtimmte mit dem Willen des Conrad Letzkau ganz wohl überein. Die Braut ſah in ihrem Kleide von weißem Bro⸗ cat, in welches große Roſenſträuche eingewirkt waren, die Krone von Gold mit Roſen und Rosmarin umwunden in dem ſchönen Haar, zwar bleich, aber ausnehmend ſchön aus. Es war etwa zehn Uhr Vormittags, als der Braut⸗ zug ſich nach der nahen St. Marienpfarrkirche auf den Weg machte. Voran die Hochzeitsbitter mit ihren Stäben, denen die Marſchälle, ſechs an der Zahl, folgten. Hinter dieſen wanderten die Kranzjungfern, dann der Brautva⸗ ter, geführt von dem Comthur von Schönfeld und dem Herrn Bürgermeiſter Arnold Hecht, dann die Brautmut⸗ ter, geführt von den vornehmſten Frauen, dann das Brautpaar Arm in Arm zum erſten Mal in ihrem Leben, hinter demſelben alle Ehepaare und endlich die Jung⸗ frauen und Junggeſellen, die Erſteren voran, je zwei und zwei, die Letzten den Zug ſchließend, dem die roth ge⸗ kleideten nothwen tragend Ke welche d Aller Al an der b nicht me 2S Weißmãä ger Sche Schuſter „U drückt de gefallen⸗ „C Letzkau, Weibslei eigene S dem Gro ſeit Jahr als hätte an die aus der 4 der Letzka herren nfeld, ritt zu n, alle ht an⸗ kom⸗ t dem Bro⸗ n, die unden ſchön Braut⸗ 237 kleideten Stadtdiener, allerlei für die kirchlichen Ceremonien nothwendige Dinge, als Teppiche und dergleichen nach⸗ tragend, folgten. Kopf an Kopf ſtanden in allen Straßen, durch welche der prächtige Zug wanderte, die Zuſchauer und Aller Augen hingen theils neugierig, theils theilnehmend an der blaßen Braut, deren Ruf ſchon ſeit längerer Zeit nicht mehr ſo ſletenls war als es ihr Vater meinte. „Sie iſt hübſch genug, um den Teufel und die Weißmäntler in Verſuchung zu fuhren⸗, ſagte ein rieſi⸗ Schwertfegergeſelle zu einem neben ihm ſtehenden Schuſter. „Und da ſie viel tauſend Schock Groſchen hat, drückt der Bräutigam die Augen zu über Alles was vor⸗ gefallen“, entgegnete dieſer. „Es iſt eine eigene Sache mit der Familie von Letzkau,“ meinte eine ſpitznaſige alte Jungfrau.„Die Weibsleute ſind alle nicht ſo wie ſie ſein ſollen. Seine eigene Schweſter ſchier fünfzehn Jahre jünger als er und dem Große, der damals noch ein junger Bengel war, ſeit Jahren verlobt, war plötzlich we und Perſchuunden als hätte ſie die Erde verſchluckt, da ſagte die Urſel Wald an 3 ſich die Mutter wegen guten Rath wendete, ihr aus der Hand wahr, die Tochter ſei im Schloſſe, und als der Letzkau und der Große dahin gingen, fanden ſie ſie —— 238 auch, aber ſie hatte ſich mit ihrem Strumpfbande er⸗ würgt, und lag da, eine gräuliche Leiche.“ „Damals hat der Letzkau dem Große ſein eigen ein⸗ zig Kind, dieſe Marie hier, die ſchon ein ſtattlich Mägd⸗ lein von fünf bis ſechs Jahren war, verlobt, wenn er ſchwei⸗ gen wollte über die garſtige Geſchichte, und man ſprengte aus, die Letzkau ſei am Fieber geſtorben und ſie wurde mit allen Ehren begraben, aber ausgeſtellt war die Leiche nicht, denn das Fieber ſollte ein anſteckendes geweſen ſein. Nu, mit der Marie glückte es ihm eben ſo gut, die iſt mit Ehren unter die Haube, wie jene mit Ehren in's Grab gekommen.“ Die alte Dame hatte dies zu ihrer Nachbarin und ſeelenverwandten Freundin, einer Jungfrau in gleichfalls zweifelhaften Jahren, zu ſprechen geglaubt, als ſie aber ſich Zeit nahm, von dem verſchwindenden Zuge weg und neben ſich zu blicken, da ſtand an ihrer Seite nicht die ehrbare Jungfer Ziegenhagen, wie ſie gemeint hatte, ſondern eine hohe alte Frau, mit glänzend ſchwarzen Augen, mit röthlich grauem Haar, das ſich unter einer wunderlich geformten Mütze barg, und mit zuckenden Lippen, die in dem alten Munde, die immer noch blen⸗ dend weißen, jugendlich feſten Zähne ſehen ließen. In ganz Danzig gab es keinen Menſchen, der dieſe Alte nicht gekannt und gefür htet hätte, und doch wußte Nieman Urſel 2 D D „ L lederin, Schickſa dieſer L. über ſe Sta l, machtlos terherzer zweifelte kers ehr! kranze dieſer g was ihn nur leiſe ſie denn Alten ka ſprach. Narr d nach Da den war „ gütigend er⸗ ein⸗ ͤgd⸗ wei⸗ ngte urde eeiche veſen , die min's und hfalls aber g und tt die hatte, arzen einer fenden blen⸗ c dieſe wußte 239 Niemand etwas von dem Leben und der Herkunft der Urſel Wald. Die ſchreckliche Alte lachte. „Ilr habt ein guteh Gedächtniß, Jungfer Roh⸗ lederin,“ ſagte ſie,„wenigſtens für die Fehler und Schickſale Eurer Nebenmenſchen. Ja! Ihr habt Recht, dieſer Letzkau hat Glück, ungeheures Glück. Er trägt über ſeinem falſchen kalten Herzen einen Panzer von Sta)l, an welchem alle Pfeile, auch die vergifteten, machtlos abprallen. Oho! Er, der das Kind vom Mut⸗ terherzen reißen, der den Gatten vor den Augen des ver zweifelten Weibes morden laſſen konnte, durch des Hen⸗ kers ehrloſe Hand, er ſieht ſein Kind mit dem Braut⸗ kranze am Altare ſtehen, und iſt Gebieter und Haupt dieſer großen Stadt. Fluch! Fluch über ihn und Alles was ihm lieb und theuer iſt.“ Die letzten Worte hatte ſie nur leiſe vor ſich hin gemurmelt, ihr Nachbar aber hatte ſie dennoch gehört, vielleicht weil er die Geſinnungen der Alten kannte und mehr vermuthete als hörte, was ſie ſprach.— Es war Ralph, der Mohr, der broncefarbige Narr des Meiſters, der auch heute wieder als Bote nach Danzig an das böhmiſche Fräulein geſchickt wor⸗ den war. „Seid ruhig, Mutter Urſel,“ ſagte er leiſe im be⸗ gütigenden Tone,„ſeid ruhig und gönnt dem Manne das 240 Bischen Glück des heutigen Tages. Iſt es doch überdies nur ein ziemlich altes Glück, da es in Geſtalt eines vierzigjährigen Bräutigams zu ſeiner reichen, ſchönen Tochter kommt.“ „Ihr ſeid's Ralph Alteehrliche Seele,“ entgegnete Urſel Wald mit einem tiefen Seufzer, und wie aus einem Traume erwachend,„was führt Euch zu dieſer Stunde von der Marienburg hierher?“ „Kommt mit mir nach Hauſe Mutter,“ entgegnete Ralph,„der Meiſter ſendet an Euch, die er für redlich und treu hält, eine anſehnliche Summe zur Verpflegung ſeines Gaſtes, des böhmiſchen Fräuleins, kommt! Was wollt Ihr hier ſtehen, und dem Getreibe zuſehen, das Euch ja doch kein Vergnügen macht, ich habe Vieles mit Euch und dem Fräulein zu reden.“ Er faßte ſie dabei leiſe an dem dürren Arm, und zog ſie durch das Gedränge nach der nächſten ſtillen Querſtraße und von dort folgte ſie ihm ruhig und frei⸗ willig nach ihrem Hauſe. Das Verhältniß zwiſchen der häßlichen Alten und der jungen Fremden hatte ſich ſeit der Zeit von faſt einem Jahre, die ſie nun unter einem Dache gelebt hat⸗ ten, ſehr bemerklich verändert. b Urſel Wald gehörte offenbar zu dem Familienkreiſe, deſſ ihr ſtets war nehn ten fremt ihrem nach d große Stück reſte, ßes d hunde mers ruhte einem des M eine dennocd verlaſ ledigu Kin 2 erdies eines hönen egnete e aus dieſer egnete 3 lich legung Was 1s Euch tt Euch n, und 1 ſtillen. nd frei⸗ en und don faſt ebt hat⸗ enkreiſe, 241 deſſen Mittelpunkt die ſchöne Böhmin war, und ſchien ihr mehr noch als ſelbſt die alte Anka ergeben zu ſein. Wenn aber die alte Anka ihrer Herrin gegenüber ſtets ihre Stellung als Dienerin im Auge behielt, ſo war Urſel immer, auch ſelbſt neben ihrem ſchönen vor⸗ nehmen Gaſte, die Herrin des Hauſes und in ihren gu⸗ ten Stunden eine wahrhafte Mutter des verwaiſten fremden jungen Mädchens. Vlaſta ſaß, als die verrufene Frau heimkehrte, in ihrem hellen, freundlichen Zimmer, deſſen Fenſter hinab nach den Ufern der Mottlau ſahen.— Vor ihr ſtand ein großer Stickrahmen, in dem ſich das weit vorgeſchrittene Stück einer jener Tapeten befand, deren geringe Ueber⸗ reſte, den neueren Zeiten das Zeugniß des eiſernen Flei⸗ ßes der vornehmen Damen jener entſchwundenen Jahr hunderte aufbewahrt haben.— In einer Ecke des Zim⸗ mers ſaß Ludmilla am Spinnrädchen und die alte Anka ruhte mit gefalteten Händen und geſchloſſenen Augen in einem Lehnſtuhle. Die arme Alte konnte das rauhe Clima des Meeresufers nicht recht vertragen, auch hatte ſie eine bittere Sehnſucht nach ihren heimiſchen Bergen, dennoch aber war ſie weit entfernt, ihre junge Gebieterin verlaſſen zu wollen, die noch immer auf die endliche Er⸗ ledigung ihrer Angelegenheiten harrte.— Freilich hatt Ein Bürgermeiſter. 16 242 ſie wenig Hoffnung die Zeugniſſe der Trauung ihrer Eltern erlangen zu können.. Der Abt Jacobus hatte auf alle Anfragen von Seiten des Hochmeiſters geantwortet, daß ſich ohne die Beihilfe des Pater Medardus die alten Kirchenregiſter nicht auffinden ließen, und daß dieſer noch immer an Geiſteszerrüttung leide. Dem jungen Mädchen aber machte er von Woche zu Woche, von Monat zu Monat Hoffnung, daß das Gewünſchte ſich werde ermitteln laſſen. Er wollte die reiche Erbin für die heilige Kirche gewinnen und hielt es für ein Leichtes, das einſame freund⸗ und ſtützenloſe Mädchen nach ſeinem Willen zu lenken. Vlaſta war bleich und mager geworden, ſeit ſie in Danzig auf die Entſcheidung ihres Schickſals harrte.— Ihr Kleid ſchlug Falten um die einſt ſo ſchöne Büſte, und ihre dunklen, ſanften Augen ſchienen größer als ſonſt zu ſein. Als Urſula in Begleitung Ralph's in ihr Zimmer trat, ſprang ſie mit ſichtbarer Freude von ihrer Arbeit empor; dieſe aber winkte ihr mit der Hand ruhig zu bleiben, und ſetzte ſich dann ſelbſt ihr gegenüber. „Sagt mir jetzt noch einmal Ralph, welche Nach⸗ richt bringt ihr uns von Seiner Gnaden dem Meiſter?“ fragte ſie, und in dem Ton ihrer Stimme lag etwas ſel, Grof rend Pflic bring pfang ter m Hand Dan ſeines von Stat ihrer n von e die giſter er an Woche ß das tte die ielt es eenloſe zimmer Arbeit hig zu Nach⸗ 7 94 iſſter? g etwas 243 Stolzes, das man ſonſt ſchwerlich in ihr vermuthet hätte.“ „Meine Botſchaft an Euch, Frau Urſel, iſt eine andere, als die an das Fräulein,“ entgegnete der Mohr mit einiger Verlegenheit. „Sprecht nur immer,“ meinte dieſe,„das Fräu⸗ lein darf, ja es muß hören, was Ihr mir zu ſagen habt, damit ſie erfährt, daß ſie auch hier in dieſem Lande, ſo fern von ihrer Heimat, einen Freund hat, der es treu mit ihr meint.“ „Nun denn, auf Eure Verantwortung, Frau Ur⸗ ſel, der Meiſter ſendet Euch hundert Schock böhmiſche Groſchen als Zehrgeld für das Fräulein, wenn er wäh⸗ rend des Krieges nicht Gelegenheit haben ſollte ſeine Pflicht als Ihr Wirth und Beſchützer zu erfüllen. Ich bringe Euch auch zugleich die Quittung über den Em⸗ pfang dieſes Geldes. Ihr müßt mir drei Kreuze darun⸗ ter machen, und ich unterſchreibe, daß ſie Euer richtiges Handzeichen ſind; ſo iſt die ganze Sache in Ordnung. Dann läßt der Meiſter Euch auch ſagen, daß im Falle ſeines Todes, Herr Heinrich Reuß von Plauen, Comthur von Schwetz, die Sorge für das Fräulein an ſeiner Statt übernehmen werde.“ Blaſta trocknete ihre feucht gewordenen Augen. „Der Meiſter iſt voller Güte und Gnade gegen 16* ———— — — 244 mich,“ ſagte fie in einem Deutſch, das jetzt kaum die Aus⸗ länderin mehr verrieth,„doch glaube ich, wie dankbar ich ihm auch bin, ſeine Großmuth nicht annehmen zu dürfen, weil ich Aermere berauben würde. Noch bin ich nicht ganz mit meinem baaren Vorrath zu Ende, und wenn dieſer traurige Fall eintreten ſollte, bevor ich in meine Heimat zurückkehren kann, mit dem Zeugniß, das mir das Recht auf meinen Namen und das Frauen⸗Erbe meines Hauſes ſichert, ſo habe ich koſtbare Edelſteine bei mir, ein Andenken von meiner theuren Mutter, ſie ſollen, wie die jüdiſchen Juweliere in Prag mir verſichert haben, eines Königs Löſegeld werth ſein, ſo wird denn die Noth mir in der Fremde hoffentlich fern bleiben.“— „Das ſind Gedanken, Eurer würdig, meine liebe Tochter,“ ſagte Urſel,„dennoch werde ich das Geld aus den Händen des Meiſters annehmen, denn mir, nicht Euch ward es geſendet, und in der Fremde, in einem Lande zumal, deſſen Grenzen ein grauſamer Krieg naht, kann man nie wiſſen wie man des Geldes bedürftig wird.“ „Ihr thut Recht, Frau Urſel,“ meinte Ralph eifrig, „nehmt was der Meiſter aus gutem Herzen gibt, er raubt es nicht dem Orden, es iſt ſein Privatbeſitz, den er für des Fräuleins Ruhe und Bequemlichkeit opferte, das ein⸗ zige Kleinod was ich an ihm kenne; ſonderbar,“ ſetzte er dann hinzu und ſein dunkles glänzendes Auge blieb nach⸗ 245 denklich an einem Ringe haften, den Vlaſta auf einem ihrer Finger trug. „Was fällt Euch auf?“ fragte Urſel, die den Blick Ral ph's beobachtet hatte. „Ei nun,“ entgegnete er mit Ernſt,„ein Zufall, der vielleicht ſich nicht alle Tage ereignet, das Fräulein trägt an ihrer ſchönen Hand den Ring, den Se. Gnaden vor drei Tagen durch mich hier in Danzig auf der Jung⸗ ſtadt bei dem Schotten Lesley verkaufen ließ.“ „Habt Ihr den Ring gekauft, Vlaſta?“ fragte Urſel indem ſie ſich an der Lehne ihres Stuhles feſthielt, denn ſie zitterte heftig. „Gewiß nicht,“ entgegnete Vlaſta, mit einem trü⸗ ben Blick auf das Kleinod, ich beſitze ihn ſeit meiner aller⸗ früheſten Kindheit als ein Erbe meiner Mutter, bis ge⸗ ſtern trug ich ihn, wie ich es ſeit langen Jahren gewöhnt war, an einer Schnur von braunem Haar um den Nacken, aber geſtern riß dieſe Schnur, und da mein verſtorbener Vater es gewünſcht, daß ich das Kleinod nie von mir thue, ſo ſteckte ich ihn an den Finger.“ „Den Ring! 1 gebt mir den Ring, Vlaſta, mein Kind,“ ſagte Urſel, deren Gemüthsaufregung ſie am Sprechen hinderte, und Ihr Ralph, geht zu dem Schotten, nehmt das Geld des Hochmeiſters mit Euch und bringt mir um jeden Preis den andern. Nein! nein Mann! 246 denkt nicht ich rede irre, ich muß die beiden Ringe ſehen, neben einander ſehen, mein Leben hängt daran— was ſage ich— was iſt mir mein elendes Leben? Geht Ralph! Geht, holt den Ring! Erfüllt meine Bitte, beim Andenken an Eure Mutter, bei der Liebe, die ihr zu den Eurigen, zu Euern Geſchwiſtern jemals gefühlt habt, bitte ich Euch darum.“— „Nun ich will verſuchen ihn Euch zum Anſehen zu verſchaffen, wenn der Schotte ihn wirklich noch hat“— entgegnete der Mohr,„ich habe freilich weder eine Mutter noch Geſchwiſter mehr, aber ich kann mir denken wie dem zu Muthe iſt, der ſie beſitzt und lieb hat.“ Er ging hinaus. „Schickt Eure Dienerinnen weg, Vlaſta,“ ſagte Urſel mit einer Würde, die außer dem Fräulein Niemand an der verrufenen Alten kannte,„ich muß mit Euch allein ſprechen.“— Ludmilla erhob und entfernte ſich ſogleich. „Dieſe alte treue Frau mag bleiben,“ ſagte Urſel auf Anka deutend,„ſie kann hören was ich Euch ſagen möchte und kann vielleicht beſſer als Ihr auf die Fragen antworten, die ich Euch vorlegen muß. Ihr habt Eure Mutter nie gekannt? Beſitzt kein Bildniß von Ihr und keine eigene Erinnerung?“ „Nein,“ entgegnete das Fräulein traurig,„obgleich mir zuwei Frau ſo kar war y licher / „Dei doch i Götte nann Dir! das reichen hier ſchäur Mütt mern hörſt geweſ Leiden her, D nieder langer meine 247 zuweilen zu Muthe iſt, als umſchwebe mich ein ſchönes Frauenbild und neige ſich liebevoll und milde zu mir, ſo kann das doch kaum eine Erinnerung an ſie ſein, denn ich war wenig über ein Jahre alt, als ſie uns entriſſen wurde.“ Urſel breitete die Arme mit einem Ausdruck unſäg licher Bitterkeit zum Himmel empor. „O Gott der Chriſten!“ rief ſie mit dumpfer Stimme, „Deine Prieſter nennen Dich einen Gott der Liebe und doch iſt keinem Teufel, keinem Dämon, keinem der alten Götter, die von Deinen Bekennern falſche Götzen ge⸗ nannt werden, ſo viel Menſchenblut geopfert worden als Dir! Die Ströme des Blutes, die in Deinem Namenüber das unſelige Land ſich ergoſſen haben, müßten aus⸗ reichen alle ſeine Flüſſe zu röthen, und die Thränen, die hier gefloſſen ſind, könnten das Meer über ſeine Ufer ſchäumen laſſen. Mütter ohne Kinder, Kinder ohne Mütter, verwitwete Bräute, vaterloſe Säuglinge jam mern zu Dir empor ſeit Jahrhunderten ſchon und Du hörſt nicht auf ihre Stimme und doch biſt Du ein Menſch geweſen und haſt menſchlich gefühlt und gelitten, um die Leiden der Menſchheit würdigen zu können!— Komm! her, Vlaſta, mein Kind, ſetz' Dich hier zu meinen Füßen nieder, ich will Dir eine Mähr' erzählen, wie ich es vor langen, langen Jahren— oder waren es Jahrhunderte? meinem Knaben zu thun pflegte.“— — 248 Der Uebergang von wilder Aufregung zur ernſte⸗ ſten Ruhe, im Weſen der alten Frau, war ſeltſam und erſchreckend.— Vlaſta aber mochte an dergleichen im Zuſammenleben mit ihr ſchon gewöhnt ſein. Sie ſtand von ihrem Stickrahmen auf, ſchlang ihre Arme um den Hals der Leidenden und bat ſie mit wahrhaft töchterlicher Innigkeit, ſich zu faſſen.„Betet Mutter Urſula,“ ſagte ſie liebevoll,„ſagt doch Chriſtus zu ſeinen Jüngern: Bittet, ſo wird Euch gegeben,“ und zu ihrer Dienerin gewendet fügte ſie hinzu:„O, wenn hier der würdige Herr Johannes Huß mit ſeinen Troſtesworten, mit ſeinen Erklärungen der Wege Gottes eintreten und dieſer armen Seele den rechten Weg zeigen könnte. „Ich bedarf keines Prieſters, der mich tröſtet,“ ſagte Urſel finſter.„Sie haben mir Alles genommen, den Glauben, die Liebe und die Hoffnung! jetzt möch⸗ ten ſie mir auch das Letzte noch nehmen, die Rache! Aber die halte ich feſt, feſt wie mein höchſtes Kleinod! Ich lebe nur noch für ſie, ich ſinne Tag und Nacht auf ſie. Ich ſammle Schätze für ſie und bewache ſie wie die Zwerge die ihrigen bewachen, denn ich will dem heimtückiſchen Menſchengeſchlecht ſchaden, ſo lange noch Mark in dieſen Knochen, ſo lange noch Blut in dieſen Adern iſt. Du junges Mädchen mit Deinem ſanſt Dein genli haſt wenn Kom Füße mußt zu hi als e und ihr ſi druck junge in die beider von auch lichkei terin ſo gr. auf, tödtlie aſte⸗ und im ſtand den lcher te ſie ittet, endet unnes ingen e den ſtet,“ 249 ſanſten Angeſicht, mit Deinem liebevollen Herzen und Deiner einfachen Klugheit, die ſchon ſo oft die Schlan⸗ genliſt der Böſen vor meinen Augen zu nichte machte, haſt meinen Haß überwunden. O, wenn es möglich, wenn es wahr wäre, was dieſer Ring mir erzählte! Komm! komm! Blaſta! ſetz' Dich hier zu meinen Füßen nieder und höre die Mähre, die Du erfahren mußt, wenn das wahr iſt, was ich hoffe, und die Dir zu hören keinen Schaden bringt, wenn es nichts war als ein Traum.“ Sie ſetzte ſich in einen der geſchnitzten Stühle, und zog Vlaſta zu ſich, die auf einem Schemel vor ihr ſich niederkauerte, dann zog ſie mit einem Aus⸗ druck tiefer Innigkeit den ſchönen bleichen Kopf des jungen Mädchens in ihren Schooß und blickte ihr tief in die dunklen Augen. Und ſeltſam genug, wie die beiden Frauengeſichter ſo nahe bei einander und beide von dem Ausdrucke der Liebe verklärt waren, da hätte auch das Auge eines Unachtſamen eine große Aehn⸗ lichkeit zwiſchen ihnen gefunden. Die alte Anka aber, die immer für ihre Gebie⸗ terin lebte, und deren Blick für Alles, was ſie betraf, ſo große Schärfe hatte, ſprang von ihrem Ruheſitze auf, und die Hände in einander ſchlagend, rief ſie, tödtlich erſchrocken:„Heilige Mutter Gottes, was iſt 250 das? Wer ſeid Ihr, alte Frau? verſteht Ihr die Kunſt, Euer Geſicht zu verwandeln, daß es ein Spiegel Desjenigen erſcheint, neben dem Ihr ſitzt?“ „Ihr ſollt hören, wer ich bin,“ entgegnete Urſel mit Ruhe,„bis Ralph mit dem Ringe zurückkehrt, kann ich die Mähr' geendet haben, die ich Euch er⸗ zählen will. Hört!“ „Dort hinaus, weit dem Sonnenaufgang entgegen, liegt ein Land, in dem man vor achtzig Jahren noch nichts von Chriſtus wußte. Dennoch grünten dort die Bäume, reiften die Früchte und ein großer Fürſt be⸗ herrſchte es, Gedemin, der erſte Großherzog von Lithauen.— Bis an den Dnieper hatte ſein ſieg⸗ reiches Schwert alle Völker ſich unterthan gemacht und in ſeiner Familie war er ſo glücklich als in ſei⸗ ner glorreichen Regierung. Der Töchter hatte er vier, und verheiratete ſie nach der Wahl ihres Herzens an die Großen ſeines Reiches, die ihm als Söhne doppelt treue Unterthanen waren. Auch war Fürſt Gedemin mit zwei Söhnen geſegnet, ihm gleich an Heldenmuth und Haß gegen das Chriſtenthum; den Fürſten Olgjero und Kynſtutte. Er theilte ſein Reich zwiſchen ihnen als die Götter ihn riefen, und unter ihrem Scepter blühte Lithauen, trotz aller Anfälle, welche die aus dem fernen Süden hergekommenen Lithaue ihrer 2 den Al Haus ſiegten ja Für aber ei ſtand, feſten Beide an Söl mit ſei Marie, Chriſtit Auch Söhne Withold an Jag 8„ ſie ware geweſen 251 deutſchen Ritter, die ſich in dem Preußenland ſeſtge⸗ ſetzt hatten, auf das Nachbarland machten. „Sie fochten für ihren gekreuzigten, Gott! die Lithauee für die in Hain und Flur lebenden Götter ihrer Väter.— Sie fochten für ihre einſamen trauern den Altäre, der Lithauer für Weib und Kind, für Haus und Herd. Das Kriegsglück ſchwankte! Bald ſiegten die Fürſten Lithauens, bald ſiegten die Ritter, ja Fürſt Kynſtutte war ſogar eine Zeit lang gefangen, aber ein treuer Lithauer, der im Dienſte der Ritter ſtand, befreite ſeinen Herrn und floh mit ihm aus der feſten Marienburg nach den heimatlichen Wäldern. Beide Fürſten waren glückliche Gatten, reich geſegnet an Söhnen und Töchtern. Vier Söhne hatte Olgjero mit ſeiner erſten Gemalin, drei gab ihm die zweite, Marie, Tochter des Herzogs von Tover, eine griechiſche Chriſtin. Sie hießen Jagello, Skirgal und Switrigal. Auch Kynſtutt, der Herzog von Traken, hatte der Söhne viele und er hinterließ ſein Reich dem Herzog Withold, ſeinem Lieblingsſohne, wie Olgjero das ſeine an Jagello vererbte. „Die Kinder der Töchter Gedemin's hatten kein Anrecht an die Krone, und ſie wünſchten auch keines, ſie waren treue Unterthanen, wie es ihre Väter auch geweſen und noch waren, die Männer führten das —— 252 Schwert, bebauten mit ihren Angehörigen ihre Ländereien, und waren große Bojaren, aber nicht Fürſten, obglei man ſie alſo nannte. Die Jungfrauen vermählten ſich, und eine wenigſtens, die älteſte Tochter der jüngſten Tochter Gedemin's fand einen Gatten, den ſie von ganzer Seele liebte. Es war Sungalo, der reichſte und mächtigſte Bojar Lithauens, deſſen Vater in Kny⸗ ſtutte's Schlachten Ruhm und Ehre erworben. Es wa⸗ ren Chriſtenprieſter in das Land gekommen und hatten Viele zu ihrem Glauben bekehrt, auch eine Toch⸗ ter Gedemin's, die ſich und ihre Kinder, zwei Mädchen, wohl acht Jahre von Alter unterſchieden, taufen ließ; die älteſte derſelben, die man ſeit der Taufe Urſula genannt, war es, die ſich mit Sungalo, der noch dem Glauben ſeiner Väter anhing, vermälte. „Sungalo war ein Vaſall und treuer Freund Withold's, des jüngeren Fürſten von Lithauen und ſeine Güter lagen in dem Erbtheil desſelben. Da nun ſeine Gattin Urſula, dem Herzoge nahe verwandt war, ſo befanden ſich Beide oft an ſeinem Hofe zu Kauen und waren daſelbſt gerne geſehen und hochgeehrt. ¹ „Die Ehe Sungalo's und Urſulas blieb einige Zeit kinderlos, das war ihr einziger Kummer, doch nahm Urſula ihre jüngere Schweſter in ihr Haus, als Beide ſtorber gezieme arglos mein von d und de keit en Gaſtm Tafel furchtb Den 2 den Be reien, gleich ſich, ngſten von eichſte Kny⸗ 8 wa⸗ hatten Toch⸗ dchen, 1 ließ; Urſula ſeinem n und doch , als einige 2⁵3 Beider Mutter, die jüngſte der Töchter Gedemins ge⸗ ſtorben und durch das ſchöne, holdſelige Mägdlein, das noch nicht eigentlich in's jungfräuliche Alter getreten war, kam die Heiterkeit, die Kinder geben, in das Haus des Ehepaares.“— „Auch Herzog Withold, der Fürſt des Landes, hatte ſich vermält und ſeine ſchöne Gattin war die gnä⸗ dige Gebieterin und treue Freundin ihrer Baſe Urſula, der Gattin Sungalo's.“ „Da begab es ſich, daß ein Streit ausbrach zwi⸗ ſchen den Vettern Withold und Jagello, den beiden Enkeln Gedemin's, und auf Jagello's Vorſchlag, Alles in Güte und Freundlichkeit, wie es Blutsverwandten gezieme, mit einander zu beſprechen, ging Withold arglos mit wenigen Begleitern nach Wilna. Auch mein Gatte war dabei, und außer ihm kam keiner von dem Unglückstage zurück.“ „Der falſche, heimtükiſche Jagello, hatte ſeinen Vetter und deſſen wenige Begleiter, mit hinterliſtiger Freundlich⸗ keit empfangen und ihnen in ſeiner Burg ein glänzendes Gaſtmahl zugerichtet. Als ſie aber alle waffenlos bei der Tafel ſaßen, da drangen Reiſige in den Saal und ein furchtbarer Kampf entſpann ſich in dem engen Raum. Den Anhängern Withold's ward Alles zur Waffe, was in den Bereich ihrer Hand kam, ſie wehrten ſich mit Meſſern, mit Knitteln, mit den mächtigen in Silber gefaßten Hör⸗ nern des Ur, die als Trinkbecher gedient hatten, alle aber wurden getödtet und der Herzog Withold geknebelt in den feſteſten Kerker des Schloſſes geworfen. Nur derrge⸗ wandte und rieſenſtarke Sungalo hatte ſich durchgerun⸗ gen, die Thür erreicht und war durch den Graben, der die Burg umgab, ſchwimmend bei anbrechender Nacht ent⸗ kommen. Als Bettler, in Lumpen gehüllt, erreichte er ſeine Heimat, die Trauerkunde zu berichten.— Dort erwar⸗ tete ihn die höchſte Freude des Menſchenlebens, ich hatte ihm einen Sohn geboren!— Aber die Vaterfreude machte hn nicht kalt und gefühllos gegen das Elend ſeines Vetters und Lehnsherrn, auf das Haupt unſeres Kindes ſchwuren wir gemeinſam einen theuren Eid, die Banden Withold's zu löſen und müßten wir dabei untergehen.“— Vlaſta hatte der Rede der Alten, die immer leben⸗ diger, immer wärmer wurde, mit großer Aufregung ge⸗ lauſcht, ſie wollte durch keine Frage den Gedankengang der ſeltſamen Frau ſtören; doch der Eintritt Ralph's, der den Ring brachte, unterbrach ihn endlich. Urſel ergriff das Kleinod mit bebender Hand ließ ſich dann auch den Ring Vlaſta's reichen und legte noch einen dritten völlig gleichen, den ſie aus ihrem Buſen zog, zu den beiden.—„Ringe dieſer Art, einer wie der andere wurden gemacht, als die Gemalin Withold's den Vorfe⸗ ſelbſt die ſie und ze und de Gatte eine F ſchlech ſter.“ ihre§. ten un Urſel' minde ſprang wenig ihr Ha ſen ha und a ſanften Gema ihrer Vlaſta Höor⸗ aber elt in erige⸗ erun⸗ der die t ent⸗ ſeine rwar⸗ hatte nachte zetters vuren hold's leben⸗ ig ge⸗ ungang lph's, 255 Vorſatz faßte, ihren Gatten zu befreien, indem ſie ſich ſelbſt opferte,“ ſagte ſie dann:„Jede der acht Jungfrauen die ſie nach Wilna begleiteten, erhielt einen, den neunten und zehnten ſteckte ſie an meinen und Sungalo's Finger, und den eilften und zwölften behielt ſie für ſich und ihren Gatten.— Blaſta meine Tochter, Deine Mutter war eine Fürſtin aus lithauiſchem, nicht aus ſamaitiſchem Ge ſchlecht, und Du biſt die Tochter meiner einzigen Schwe ſter.— Die alte Frau ſank bei dieſen Worten zuſammen, ihre Kräfte verließen ſie, ihre Glieder zuckten und zitter ten und ihre Bruſt wog im furchtbarſtem Kampfe. Die junge Böhmin ſah zwiſchen dem Anfange von Urſel's Erzählung und ihren plötzlichen Schluß nicht den mindeſten Zuſammenhang.— Ueberraſcht, ja entſetzt, ſprang ſie von ihrem Sitze auf; der alten Frau, die ſie für wenig anders als wahnſinnig hielt, die aber ihr ſeit ſie ihr Haus betreten, unſäglich viel Liebes und Gutes erwie ſen hatte, alle in ihren Kräften ſtehende Hülfe zu leiſten und allmälig beruhigte ſich bei ihren Liebkoſungen und ſanften Worten die Leidende und ſank zuletzt in Vlaſta's Gemach in einen tiefen und ſanften Schlaf. Während die alte Frau auf eine kurze Zeit ſo aller ihrer Sorgen, Rachepläne und Hoffnungen vergaß, ſaß Vlaſta leiſe weinend an ihrem Stickrahmen. Vor ihr auf 256 der Stickerei lagen die drei Ringe, und ſie waren einan⸗ der ſo völlig gleich, daß ſie den ihrigen, das Andenken an ihre Mutter, nicht hätte herausſinden können, wenn er nicht mit einem Leder umwunden geweſen wäre, um ihn ihrem feinen hageren Finger paßend zu machen. Ein unſägliches Weh lag laſtend auf ihrem armen jungen Herzen. Ihr Vermögen befand ſich in den Händen der Lehns⸗ ritter, und ſie konnte die Mittel ihr Recht auf dasſelbe und auf ihren hohen Namen zu erweiſen, nicht ſchaffen. Der Abt Jacobus hatte ſie in der erſten Zeit ihres Aufent⸗ halts in Danzig ein paarmal mit großem Pompe beſucht, hatte ſeine Vorſchläge, daß ſie in das Brigittenkloſter als Koſtgängerin eintreten möge, dringend erneuert, und war dann weggeblieben. Der einzige Mann, der ſich ihrer auf Befehl des Hochmeiſters angenommen hatte, war der Comthur, Herr Johann von Schönfeld, ein würdiger und gütiger Greis und zugleich ſo ziemlich ihr nächſter Nachbar. Das Haus der alten Urſel lag nämlich noch im ſogenannten Burg⸗ frieden, wenige Schritte nur entfernt von den hohen feſten Mauern des früheren Schloſſes der Herzoge von Pomme⸗ rellen, das durch Pfand und Vergleich in die Hände des deutſchen Ordens übergegangen, und von dieſem in eine ſtarke Veſte verwandelt worden war. Schö Ruhe niſſe, ten, r lichen den L. Feind des S unbeſt fand, Herrn Andre ſchuler 8 ſoldat ſchen hinaus Karpf Arkebr kampfe nicht krieger thur d Ein an⸗ an n er ihn men hns⸗ und Der fent⸗ ucht, als und des Herr Hreis Haus urg⸗ ſeſten ume⸗ des eine 257 Seiner Jahre wegen hatte man den Comthur von Schönfeld in dieſen kriegeriſchen Zeiten in ſeiner gewohnten Ruhe gelaſſen.— Von Süden und Oſten, durch die Wild niſſe, die Polen und Lithauen von dem Ordensgebietetrenn⸗ ten, rückten die Feinde an, und Danzig, eine der nordweſt⸗ lichen Städte Preußens, war durch das ganze Land, durch den Lauf der Flüſſed Niemen, Pregel und Weichſel vor dem Peinde geſichert. Darum war auch ſowohl der Comthur des Schloſſes als der Gebieter der Stadt ruhig und ganz unbeſorgt, wenn gleich Herr Conrad Letzkau es paſſend fand, die Stadtmiliz von ihrem wackeren Hauptmann, Herrn Albrecht Mantell und ihren Fähnrich, Herrn Andreas Fechter in allen Kriegsdienſten tüchtig üben und ſchulen zu laſſen. Vlaſta konnte von ihrem Fenſter aus die Stadt⸗ ſoldaten, von ihren Offizieren geführt, mit dem kriegeri⸗ ſchen Klange der Zinken, Querpfeifen und Trompeten hinausziehen ſehen bis nach jenem Platze, hinter den Karpfenſeigen genannt, wo ſie ſich im Schießen mit Arkebuſen und Armbrüſten, ſo wie auch im Schwert⸗ kampfe und im Richten der Kanonen übten. Die Bürger Danzigs, an und für ſich Leute, die nicht wenig auf ſich hielten, waren ſehr ſtolz auf dieſe kriegeriſche Thätigkeit und ſchalten den gealterten Com⸗ thur von Schönfeld einen Feigling, der ſich trotz ſeiner Ein Bürgernmeiſter. I. 17 Ritterſchaft von Leuten beſchämen ließe, die ihr fried⸗ liches Handwerk zu treiben gewohnt waren. Selbſt am Hochzeitstage der Bürgermeiſtertochten hatte Herr Albert Mantell es für ſeine Pflicht gehalten, die kriegeriſchen Uebungen ſeiner Truppen nicht auszuſe⸗ tzen und ſo marſchirte denn der ganze Haufe, unter dem ſich mehr als ein Geſicht befand, das den Gurgelabſchnei⸗ der, den wüſten Schlemmer, den Raufbold und Reno⸗ miſten bezeichnet, an dem Fenſter Vlaſta's vorüber und der Klang der Muſik erweckte Urſel aus ihrem Schlafe. Sie ſchauderte, als ſie ſich emporrichtete. „Das ſind die Danaigele ſagte ſie.„Fluch ihnen! Sie nehmen mir meinen Sohn, ſie—— Dann beſann ſie ſich plötzlich,„ich träumte,“ ſagte ſie,„ich träumte von meinem Gatten, von meinem Kna⸗ ben, von meiner armen Schweſter und mir war, als hätte ich dieſe wiedergefunden, jung und ſchön, wie ich ſie verlor, aber keinen, keinen von den Meinen werde ich je⸗ mals wieder ſehen, und ich habe auf dieſer ſchrecklichen Welt nichts mehr zu thun, als das ſchmählich vergoſſene Blut der Meinen zu rächen.“ Wie ſie dann Blaſta ſah, deren mildes liebliches Geſicht noch von Thränen überſtrömt war, zog ſie ſie leiſe zu ſich und flüſterte tröſtend:„Weine nicht! es kann den Göttern gefallen, Dir Glück zu gewähren; biſt Du doch ſchön u das wa P Hand ſchmerz ja einen Jungin vergang ſeinem immer eine Gt Macht, erfüllen tretet teten W mein T Du in im kalte verjamn der alte los wie fried⸗ chter lten, zuſe⸗ dem hnei⸗ teno⸗ id der 259 ſchön und gut, und die Hoffnung ſchwindet nur, wenn das was wir lieben das kalte Grab verſchlungen hat. Plötzlich die Ringe erblickend, ſchlug ſie ſich mit der Hand vor die Stirn,„was hatte ich vergeſſen“, ſagte ſie ſchmerzvoll.„Nicht meine arme Schweſter allein bekam ja einen ſolchen Ring, aber wie, wie kommt Ulrich von Jungingen, der ſtolze Meiſter, zu dieſem Zeichen aus vergangenen Tagen?— Wer miteinem ſolchen Ringe an ſeinem Finger vor mich tritt, wo und zu welcher Zeit es immer ſei, ſagte der befreite Withold, der ſoll von mir eine Gnade erbitten können, und ſteht es in meiner Macht, bei meinem Fürſtenworte! ich werde ſeine Bitte erfüllen.— O Zeiten, die dahin ſind auf ewig, wie tretet Ihr vor die Gedanken des armen, alten, geäch⸗ teten Weibes. Und Du, Conrad Letzkau, mein Verderber, mein Todfeind! Während ich hier machtlos weine, ſitzeſt Du in Freude und Herrlichkeit und während mein Kind im kalten Grabe ſchläft oder als ein Sklave ſein Leben verjammert, ſteht das Deine am Traualtare. Die Zauber der alten Götter haben ihre Macht verloren, und frucht⸗ los wie einſt mein Flehen, iſt heute meine Rache!“ Zehntes Capitel. Die Hochzeitsfeierlichkeiten waren vorüber. An einer der großen Fackeln vor der Hausthüre zündeten die Sänf⸗ tenträger, welche im Flur geſpeiſt hatten, die ihrigen an. Die Gäſte zerſtreuten ſich, ihren Dank für die gute Bewir⸗ thung der Brautmutter mit vielen höflichen Worten aus⸗ ſprechend und ſchöne Empfehlungen an das junge Ehe⸗ paar beſtellend, welches, wie es die Sitte der Zeit er⸗ forderte, zuerſt und mit großem Gepränge das Haus der Eltern verlaſſen hatte. Die Nacht lag ſtill und warm über den Straßen der Stadt und ein dichter, dunſtiger Wol⸗ kenſchleier bedeckte den Himmel, an dem auch nicht ein. einziger Stern ſichtbar war. In dem ſchönen und wohleingerichteten Hauſe, das Maria am Arme ihres Gatten als Hausfrau betreten hatte, brannte aber noch nach Mitternacht ein helles Licht in dem Wohnzimmer und dort ſaß die Tochter Letzkau's dem Manne gegenüber, dem ſie vor wenigen Stunden in Gegenwart ihrer Eltern und Freunde, und vor Gottes Angeſt hatte. G ſihre T. weſen trauen⸗ in der wiß Al geſſener mit rul 7 wenn i ſchwieg Ir Marie riſche büßen, zähle n zu den Mädch die nich von ih 4 7 einer Hänf⸗ .Die ewir⸗ aus⸗ Ehe⸗ it er⸗ 1s der rüber Wol⸗ ht ein— , das treten §Licht Bkau's den in Gottes 261 Angeſicht das Verſprechen der Liebe und Treue gegeben hatte. Sie war todtenblaß und hatte heftig geweint, aber ihre Thränen ſchienen nicht bitter und Herz zernagend ge⸗ weſen zu ſein, denn jetzt lächelte ſie und ſah mit ver⸗ trauensvollen Augen ihren Gatten an, der ihre feine Hand in der ſeinen hielt. „Und das iſt Alles, Marie, mein liebes Kind, ge⸗ wiß Alles was zwiſchen Dir und dieſem jungen, ehrver⸗ geſſenen Herrn Ritter geſchehen iſt?“ fragte Herr Große mit ruhigem Tone. „Möge Gott mich in meiner Todesſtunde verlaſſen, wenn ich Euch, Herr, eine Silbe, ein Wörtlein ver⸗ ſchwieg, ſo ferne ich mich deſſen erinnere.“ „S'iſt auch ſo ſchon ſchlimm genug, meine liebe Marie und das gottverfluchte Heidenweib, dieſe kupple⸗ riſche Urſel Wald, ſoll es zur rechten Zeit und Stunde büßen, daß ſie Dich in ihre Satansſchlinge lockte. Er⸗ zähle mir das noch einmal, meine liebe Marie, wie Du zu dem Weibe kamſt.“ „Herr! Ihr ſeid über ein Ding böſe, das doch die Mädchen hier in der Stadt faſt alle thun. Es gibt wenige, die nicht einmal zu Urſel Wald gegangen wären, um ſich von ihr wahrſagen zu laſſen.“ „Deſto ſchlimmer, deſto ſchlimmer für die armen 262 Dinger! Sind Euch die Gebote Gottes ſo ſchlecht einge⸗ prägt, daß Ihr nicht wißt, daß Zaubern und Wahrſagen große Sünden ſind.“ „Ach Herr! wir zauberten auch dort nicht und tha⸗ ten auch ſonſt nichts Böſes, wir hörten nur zu was die Urſel uns prophezeite.“ „Und was prophezeite ſie Dir, Marie?“ „Ach etwas ſehr Schlimmes, ich mag nicht daran denken,“ entgegnete die zitternde junge Frau. „Hüte Dich, Tochter Conrad Letzkau's“ ſagte ſie „denn die Götter, die mit rechtem Maße meſſen, wer⸗ den Dir Alles nehmen, was Du liebſt. Dein Gatte wird einen gewaltſamen Tod leiden vor Deinen Augen, Dein Vater wird ſein Gebein in ein unehrlich' Grab legen, es werden Deiner Kinder Leiber von Adlern und Geiern zer⸗ riſſen werden, und was Du am neiſten liebſt, wird Dich verrathen und verachten.“ „Gott! ſei mir Sünder gnädiget ſagte Herr Große, ſich ſchnell bekreuzend,„das iſt ja aber fürch⸗ terlich, und wie war Dir zu Muthe, mein liebes Kind, als Du ſo böſe Worte hörteſt.“ „Herr! Ich ſah darin die Strafe meines ſündi⸗ gen Ungehorſames, denn gegen den Befehl meines Baters, hinter dem Rücken meiner Mutter, war ich mit Dorothea, der Jungmagd, in das Haus der Ur⸗ mänt der nen mir bes Juge würd wenn Mun ter, Dun ſo w ich a voll legt kalten ſprach ein ihre ich a einge⸗ ſagen dtha⸗ as die daran gte ſie „wer⸗ e wird „Dein legen, en zer⸗ wird Herr fürch⸗ liebes ſündi⸗ meines war ich er Ur⸗ 3 263 ſel gegangen. Seht, lieber Herr! Ich hatte den Ritter von Sefeln auf dem Schützengange geſehen und meine Gefährtinnen hatten mich geneckt, daß mir der Weiß⸗ mäntler von da ab nachginge. Da dachte ich mir von der Urſel Beſcheid zu holen, ob der Ritter, der mei⸗ nen Augen wohl gefiel— ach, lieber Herr, verzeiht mir die dumme Rede—“ „Siiſt gut ſo, ganz in der Ordnung, mein lie⸗ bes Kind! Du biſt jung und Einfalt ziert Deine Jugend, während ſie meinem Alter ſo lächerlich ſtehen würde, als Dein Sammthütchen mit der Reiherfeder, wenn ich es tragen wollte, rede jedoch weiter.“ „Ach Herr! Wie ich ſo böſe Worte aus dem Munde der Hexe hörte, und gar nichts von dem Rit⸗ ter, ward mir ſchwindlig, es war auch ein ſo arger Dunſt in dem Zimmer, und roch nach Schwefel, und ſo wußte ich denn eine Weile nicht, wo ich war, wie ich aber zu mir komme, war die Alte ganz liebe⸗ voll mit mir, hatte mich auf ein weiches Lager ge⸗ legt und meinen Kopf und meine Hände mit eis kaltem Waſſer gebadet, auch als ich mich erholt hatte ſprach ſie noch freundlich zu mir, und nannte mich ein armes Kind, und ſagte, ich hätte dagelegen wie ihre Schweſter, und gab mir Wein zu trinken. Wie ich aber die Treppe hinab gehe, ſo öffnete ſich im 264 Flur eine Thür und der Ritter von Sefeln kommt aus derſelben, und ſo gehen wir mit einander in eine ganz ſchöne Stube zu ebener Erde, und da ſagte er mir von ſeiner Liebe, und daß ich die ſchönſte Jung⸗ frau der Stadt ſei, und daß er ſein Leben lang mein getreuer Ritter ſein wolle, wie Percival der Ritter der Königin Ginevra war.“ „Ich werd' ihm den Hirnkaſten einſchlagen, da⸗ mit er inne wird, daß ich nicht Luſt habe, dem Dinge wie der König Arthurus zuzuſehen,“ murmelte Große. Marie hörte nicht dieſe nicht allzu wörtlich ge⸗ meinte Rede, ſie war in der Erinnerung ihres Fehlers vertieft, und ſaß ein Weilchen ſtumm und ängſt⸗ lich da. „Nun und was geſchah dann weiter?“ fragte endlich der neue Eheherr. „Ach Herr! etwas ſehr Grausliches! Die alte Urſel, trat plötzlich zu uns ein und lachte und ſagte, jetzt habe ſie den Weg gefunden, ihrem Todfeind ein ſcharfes Meſſer in's Herz zu bohren, das all' ſein Glück und ſein Leben mit zerſchneiden würde, und dann lud ſie mich ein, oft in ihr Haus zu kommen und ſie wolle Kuchen und Wein und Alles für mich und den edlen Ritter bei ſich bereit halten— aber Her da wen auch mir Urſe ſo g Mee Urſe redet Ritte Mar einge ſagte bei war ſie m nicht allein geſtich in S dami ginge eilte, 265 Herr! ſo wahr mir Gott helfe, ich bin nicht wieder da geweſen, den Ritter traf ich im Schießgange und wenn wir vor das Thor in unſeren Garten gingen, auch ſonntäglich in der Kirche. Die Dorothea brachte mir dann Grüße von ihm und l(nud mich ein, zur Urſel Wald mit ihm zu gehen, aber ich hatte Angſt, ſo große Angſt! Ich wäre eben ſo gerne zur Nixe in's Meer gegangen, als noch einmal in's Haus der Urſel.— Oft traf ich ſie auf der Straße und dann redete ſie mich an und ſprach von dem Kummer des Ritters, und als zuletzt es gewiß ward, er mußte nach Marienburg und dann in den böſen Krieg, da hab' ich eingewilligt, ihn eine Stunde in meiner Stube zu ſehen. Nicht in der Nacht, Herr! Die Urſel ſelbſt war's, die da ſagte, ich möchte daran denken, daß ein Mägdlein nur bei Nacht ihren Liebſten nicht bei ſich haben dürfe, auch war die Dorothea die ganze Zeit über in der Kammer, ſie meinte, ſie könne es vor Gott und meiner Mutter nicht verantworten, wenn ſie mich in ſo großer Gefahr allein ließe. Ich gab ihm alſo die Schärpe, die ich ihm geſtickt, und ein Fingerknöchelchen der heiligen Dorothea in Silber gefaßt, das gut ſein ſoll gegen Hiebwunden, damit er's um den Hals trage, wenn es zur Schlacht ginge, wie aber meine Mutter ſo unvermuthet kam, da eilte er durch die Kammer zur Lucke hinaus und die Do⸗ — 266 rothea verſteckte ſich auf der Rinne aus Angſt vor der Mutter, und da dieſe die Luckenthür verriegelte, ging ſie über Nachbar Huxter'’s Schüttboden und dort die Trep⸗ pen hinunter und kam von der Straße nach Hauſe, ſie hat gar ſchmähliche Angſt ausgeſtanden.“ „Na! ich auch,“ ſagte Große, als die junge Frau ſchwieg.—„Hör' Marie, mein liebes Kind, Du weißt, wir kennen einander ſeit vielen Jahren,“ ſetzte er dann freundlich mit einer faſt väterlichen Innigkeit hinzu, und da Du mir jetzt vor Gott verſprochen haſt, mein Weib zu ſein und mir offen und ehrlich den Fehler gegen Klugheit und Schicklichkeit eingeſtanden, den Du began⸗ gen, ſo will ich eben ſo ehrlich gegen Dich ſein! Sieh! Ich habe dies Alles gewußt!“ „Ihr Herr! o lieber Gott, wer konnte Euch das verrathen?“ „Nun herzliebe Marie, mein gutes Kind, kränke Dich nicht über das, was ich Dir ſagen werde, die ganze Stadt weiß, daß ein Weißmäntler in Deiner Kammer geweſen iſt.“ „O Jeſus! o Jeſus!“ jammerte das Mädchen, die Hände vor das Geſicht haltend. „Schau, Maria, die Thränen, die Du jetzt weinſt, kann ich Dir nicht ſparen. Als Du den Sefeln zu Dir einzulaſſen verſprachſt, haſt Du gewußt, daß Schande die mei als aus als Fre / 267 und Spott darauf ſteht, wenn es bekannt würde, nicht ſo, Kind?“ „Herr, aber die Urſel und Dorothea ſagten, das könne nicht bekannt werden, und der Abſchied eines Ritters von ſeiner Liebſten ſei doch das Einzige, was ihm Muth in Noth und Tod geben könne.“ „Der Teufel ſoll den Hexen das Licht halten, die ſolche Nichtswürdigkeiten den Töchtern ehrbarer Leute in den Kopf ſetzen,“ ſagte Große ſehr ärgerlich. „Dieſen Sefeln werde ich aber noch einmal unter meine Hände bekommen, und dann ſoll kein fürſtli⸗ cher Leibdiener ſeines Herrn Rock ſo wohl ausklopfen, als ich auf ſeinen Schultern ſeinen weißen Mantel ausklopfen will. Du aber, meine liebe Marie, mache jetzt als eine ehrbare, rechtſchaffene Fran gut, was Du als ein einfältig' Mädchen verſchuldet.“ „Ich bin viele Jahre älter als Du, bin ge⸗ wohnt Dich faſt wie mein eigen Kind zu betrachten, und meine es mit Dir doppelt gut, einmal als der Freund Deines Vaters, dann aber auch als Dein Ehe⸗ mann. Verſuche es nur, Vertrauen zu mir zu haben, und vor Allem, meine herzliebe Marie, nimm Dich meiner Hauswirthſchaft recht ernſtlich an.“ „Du findeſt meine Truhen und Laden nicht leer, aber es iſt Alles nicht ſo in Ordnung, als es wohl 268 ſein ſollte. Ein Mann kann zwar erwerben, aber nicht das Erworbene wohl und richtig vertheilen, dies iſt Sache der Frau! Arbeit iſt genug für Dich, liebe Frau, in Deiner neuen Wirthſchaft, und wer arbeitet kommt nicht ſo leicht auf böſe Gedanken.“ „Ich, der ich Dich ſeit Deiner Kindheit kenne, und ein Freund Deiner Eltern bin, habe immer ge⸗ glaubt, daß Du ein rechtſchaffenes Mädchen biſt, welches für eine Thorheit durch Verleumdung hart gezüchtiget wurde.— Wäre der Herr Huld⸗ rich von Sefeln ein ehrbarer Mann geweſen, der Dich hätte zu ſeinem Weibe nehmen können, ſo würde ich hingegangen ſein und ihm geſagt haben: Nehmt das junge Kind! es iſt an Jahren und an Schönheit für Euch paſſender als für mich. Da aber, wenn ich mein Verlöbniß gelöſet, Dir die üble Nach⸗ rede nur noch zehnmal ſchlimmer mitgeſpielt hätte, da ich auch Deinem Vater den Grund hätte ſagen müſſen, warum ich ein ſo langjähriges Verlöbniß bräche, ſo zog ich es vor, Dich ſelbſt, als meine Frau, vor allem Uebel zu ſchützen und zu bewahren. Marie, ich hatte überdies nur die Wahl, Deines Vaters Herz zu bre⸗ chen, indem ich ihm von allen den Dingen, die wir eben beſprechen, Mittheilung machte, oder zu verſu⸗ chen Dir die thörichten, unglücklichen Gedanken aus der Rer in ſieh nim uner Hau gute tung ten ich wo und nich ihr Mut mutl geke lang Liebe und ſehe 269 dem Kopf zu bringen, indem ich Dich nach Kräften glücklich machte, ohne alle Träumereien und ritterlichen Redensarten. Ein ehrbar' Weib, das ſeine Schuldigkeit in Haus und Hof thut, fleißig nach dem Ihrigen ſieht, und ihres Mannes Ehre und Vortheil wahr⸗ nimmt, kann nicht viel Zeit haben zu Gedanken an unerlaubte Liebeleien. Du warſt, meine liebe Marie, im Hauſe Deiner Eltern nicht genug beſchäftigt. Deine gute Mutter iſt noch jung und thätig ihrer Haushal⸗ tung ganz allein vorzuſtehen, da kamen Dir die Thorhei⸗ ten in den Kopf. Nun das wird anders werden und ich denke noch mit Gottes Hilfe den Tag zu erleben, wo Du Deinen alten Mann nicht mit dem jüngſten und ſchönſten Ritter vertauſchen möchteſt.“ Er ſchwieg; auch Marie ſchwieg, aber ſie war nicht auf dem Wege ſich glücklich zu fühlen; es war ihr bei den letzten Worten ihres Mannes bitter zu Muthe geworden und die Rührung, die ſeine Groß⸗ muth in ihr zu Anfang erweckt hatte, war durch die gek änkte Eitelkeit überwogen. Marie Letzkau war ein einziges Kind und ſeit lange gewöhnt ſich als der Gegenſtand der höchſten Liebe ihrer Angehörigen von allen ihren Bekannten und Untergebenen umſchmeichelt, nicht getadelt zu ſehen.——— 270 Als am Morgen nach der Hochzeit ſeiner einzi⸗ gen Tochter Herr Conrad Letzkau von ſeiner Haus⸗ frau zum Frühſtück gerufen ward, vermißte er recht ſchmerzlich das ſchöne Geſicht der Entfernten. „Die wird nun ihrem Manne den Frühtrunk ein⸗ ſchenken,“ ſagte tröſtend die Mutter,„und überdies in einer Stunde oder zwei ſind ſie hier, mit uns zur Meſſe zu gehen, es iſt ja nur ein Sprung über die Straße, und wir ſind bei unſerem Kinde!“ „Ja, Mutter! Du haſt Recht,“ entgegnete Letz⸗ kau gedankenvoll,„und Gott weiß! einem beſſeren Mann als dem Große hätte ich mein einziges Kind nicht geben können, auch war ich ihm wohl Troſt und Erſatz ſchuldig für das, was er erlitten. Ach, meine liebe Gertrud, die Welt nennt mich einen glücklichen Mann, und oft, wenn ich mein Leben überdenke, möchte ich ſelbſt mich auch ſo nennen, iſt mir doch faſt Alles geglückt, was ich jemals unternahm und doch, doch! wie viel Leid und Jammer liegt in mei⸗ ner Bruſt begraben!“ „Herzlieber Mann,“ entgegnete die Frau freund⸗ lich,„Du haſt mich gewöhnt über alle dieſe Dinge und Angelegenheiten ſelbſt nachzudenken und Dir meine Meinung unverholen zu ſagen; ſo weiß ich, Du nimmſt mir auch heute nicht übel, wenn ich ſage: Siel nen meinen „mein die oh meine 0 Ger Seele, und 2 Ehrgef angeric je ruhi deſto n Amte, Aufme gen⸗ un 271 Sieb, Du biſt ein glücklicher Mann, wenn Du Dei⸗ nen Verſtand und Dein gutes Herz ruhig walten läßt und ein ſehr unglucklicher, wenn Du Rath ſuchſt bei Deiner Heftigkeit und Deinem allzuſchnell verletzbaren Ehrgefühle. Nagte Dir nicht ſeit Deiner Schweſter Tod der Schmerz immerfort am Herzen, Du würdeſt viele Dinge mit andern Augen betrachten und ruhig über Manches wegſehen, was Dich jetzt kränkt und aufbringt.“ „Sprich mir nicht von dem Wurm, der ewig in meinem Innern nagt, Gertrud, entgegnete Letzkau, „meine Schweſter, meine arme unglückſelige Schweſter! die ohne Beichte an ihren Sünden ſtarb, die ich, mit meiner Hitze und Unverſöhnlichkeit in den Tod jagte, o Gertrud, Gertrud! ein Fluch liegt auf meiner Seele, gegen den keines Prieſters Segen, keine Beichte und Abſolution etwas fruchtet.“ Deine Heftigkeit oder Dein allzu empfindliches Ehrgefühl ſind der Fluch, der ſchon manches Unglüc angerichtet, mein lieber Eheherr, und je älter Du wirſt, je ruhiger Dein Blut, je demüthiger Dein Herz wird, deſto mehr wird Deine Thätigkeit in Deinem ſchönen Amte, Deine Treue gegen unſern Landesherrn, Deine Aufmerkſamkeit auf das Wohl unſerer 2 Nitbürger ſe⸗ gen⸗ und nutzbringend ſein. Iſt nicht Dein Wandel in 272 allen Stücken und nach allen Seiten hin ehrenhaft und ohne Tadel? Haſt Du je eigenen Vortheil geſucht, indem Du für das öffentliche Wohl ſorgteſt, haſt Du je, indem Du das Beſte dieſer Stadt verwaltet, die Dankbarkeit und Treue vernachläſſigt, die Du dem Orden, der Dich er⸗ zog und für Dein Fortkommen in der Welt ſorgte, ſchuldig biſt?“ „Gertrud!“ entgegnete Letzkau, indem er ſeine Le⸗ bensgefährtin an ſich zag und ihre Hand in der ſei⸗ nigen behielt,„und doch laſtet auf meinem Herzen das Bewußtſein einer böſen ſelbſtſüchtigen That, und ein ſchrecklicher Fluch, der einſt vor langen Jahren auf mein Haupt geſchleudert wurde, tönt noch in meinen Ohren wieder. Du weißt, meine liebe Hausfrau und treue Gefährtin etwas aus meinem Leben nicht, das meine Nächte jetzt wieder mehr als früher beunruhigt. „Etwa vor einem Jahre kam ich ſehr traurig Abends aus der Verſammlung in Arthurshofe heim, das war an dem Tage, da der Hochmeiſter mich be⸗ ſchickt hatte wegen des böhmiſchen Fräuleins.— Mir kam das, wie uns Allen damals, gar ſeltſam vor, und geſiel uns nicht. Was haben dieſe Ritter mit Weibern zu thun? Und müſſen fahrende Dirnen noch in unſere Stadt kommen und wir, der Rath ſelber, ſie in Schutz nehmen?— Wir fragten den Herrn Abt von Oliva, und dem dem keit er⸗ gte, Le⸗ ſei⸗ das ein „und ibern nſere Schutz 273 beſcheidentlich was er von der Dame meine. Er ver⸗ wahrte ſich feierlich nichts Boſes von ihr zu wiſſen um ſeinem edlen Freunde und Gönner nichts nachſagen zu wollen, doch ſei die Dame ihm auf dem Wege nicht gar wie ein züchtig ehrbar Mägdlein vorgekommen, ſondern ſie habe Liebesblicke und Liebesworte gewechſelt mit dem jungen Ritter von Plauen. Wenn ſie ein vornehmes Fräulein von edler Geburt ſei, ſo müſſe man ja das Trauzeugniß ihrer Eltern in den Kirchen⸗ regiſtern vorfinden. Uebrigens habe ſie ſich geweigert, im Kloſter ihre Wohnung zu nehmen und ſich zudem im Hauſe eines ſehr übel verrufenen Weibes einquar⸗ tiert, das ſo nahe an der Burg außer der Stadt, wie der ſchändliche Ketzerhein*), indem auch fremde fahren liederliche Dirnen ihr Weſen trieben, an der Marienburg. „Ich denke des Tages noch oft und am Abende desſelben geſchah, was ich Dir erzählen will. „Ich ging wie ſonſt nach Arthurshof mein Bier zu trinken und mich mit den Freunden zu beſp Du weißt, Gertrud, daß mir der Ehrenſitz an der Rein holdsbank zukommt. Wie ich von demſelben aufſtehe war es ſchier dunkel, mir war unwohl zu Muthe ge worden von einem ſchlimmen Geruch, der mich immier⸗ *) Name des berüchtigten Hauſes, das zu Ulrich von Jungingen's Zeiten in der Stadt Marienburg exiſtirte. Ein Bürgermeiſter. 1. 18 rechen. 274 fort umgab, und ich taumelte faſt als ich mich auf⸗ richtete. Da ſehe ich an der Lehne des Stuhles mit feu⸗ rigen Buchſtaben die Blauflimmern, von den Flammen der Hölle, ein Wort, ein Wort Gertrud! das mich gar herb erinnert an eine Stunde aus meinem Leben, die ich immer bereut habe.— Sungalo! und an meinem Wams blitzte und flammte es auch, nicht das Wort ſelbſt, aber doch ähnliche Zeichen wie die Buchſtaben, die es bilden. „Alle Anweſenden waren erſchrocken, der Herr Probſt von St. Marien hat den Seſſel excorcirt und allen Segen der Kirche darüber geſprochen, man hat ihn auch aus der Halle entfer t. Niemand weiß was jenes Wort bedeutet, nur ich weiß es, Gertrud! nur ich; der Fluch, der einſt auf mein Haupt geſchleudert wurde, iſt nicht machtlos geworden, und Alles was ich thue um ihn zu ſühnen, iſt umſonſt!“ „Mein lieber Eheherr,“ ſagte Gertrud, als Letzkau traurig und gedankenvoll ſchwieg,„wir ſind nun ſchon länger als 25 Jahre Mann und Frau und ich weiß nichts von dem, worauf jener heidniſche Name Bezug hat! ſo hat alſo während der ganzeu Dauer unſerer Ehe ein Geheimniß zwiſchen mir und Dir gelegen.“ „Schilt und verdamme mich nicht darum, Gertrud,“ entgegnete Letzkau raſch.„Nicht weil ich Dir nicht ver⸗ traute, hab' ich Dir dieſe Sache verſchwiegen, ſondern —— 275 weil mich ſtets, wenn ich ſpäter daran dachte, ein Grauſen, eine Furcht anwandelte, die alle meine Mannheit von mir nahm; aber heute, an dem erſten Tage da wir wieder allein mit einander ſind wie beim Anfang unſerer glückſeligen Ehe will ich Dir Alles er⸗ zählen.“— „Nicht jetzt,“ entgegnete die Hausfrau, ihres Gatten Hand Jan ihre Lippen ziehend,„dort kommen Große, und Marie, wir müſſen uns rüſten, in die Meſſe mit ihnen zu gehen.“ Gar ſtattlich ſahen die beiden Ehepaare aus als ſie nach einigen Minuten, jeder Gatte ſein Weib am Arme führend, die Straße hinauf nach der Marien⸗ kirche zuſchritten. Das wunderſchöne Gotteshaus war freilich noch nicht ganz vollendet, aber die begüterte Stadt ließ ohne Aufhören daran fortbauen, und luftige, jedoch feſte Gerüſte umgaben außen die oberen Theile, wäh⸗ rend Innen ſchon lange Gottesdienſt gehalten wurde. Die ſchöne Kirche, deren Bau der Stolz Danzig's, war zur Zeit innen noch mit wenigem Schmucke ver⸗ ſehen, um ſo mehr konnte Auge und Herz ſich an den Verhältniſſen derſelben erfreuen, und Conrad Letz⸗ kau blickte mit Stolz auf die Hallen, die er von ſeinem Sitze aus gar wohl überſehen konnte. 18* 276 Sieben und ſechzig Jahre baute Danzig nun ſchon an dem herrlichen Gebäude und Rath und Bürger⸗ ſchaft nahm Theil an den Fortſchritten desſelben. Der würdige Herr Andreas von Slomow, ein großer Ge⸗ lehrter, war zur Zeit Pfarrherr zu St. Marien, ein Prieſterbruder des deutſchen Ordens und gar wohl be⸗ freundet mit Sr. Gnaden dem Hochneiſter. Der hochwürdige Herr Andreas hatte geſtern die Trauung der ſchönen Marie vollzogen, und als das Ehe⸗ paar an dem Altare vorüberging, an dem er das heilige Opfer zu bringen bereit war, ſprach er noch einmal einen Segen über dasſelbe. Gertrud Letzkau, die Mutter war heute nicht ſo andächtig als ſonſt. Ihre Gadanken waren nicht nur bei ihrer Tochter, von deren Gefühlen ſie genug wußte, um für das Glück ihrer Ehe zu zittern, ſie dachte auch an das, was ihrem Manne ſeit ſo langer Zeit auf dem Herzen liegen mochte und ſie betete endlich mit heißeſter Inbrunſt für das Glück ihrer Lieben. Im Hauſe des neuen Ehepaares war, wie es die Sitte wollte, ein ſtattliches Mittagsmahl hergerich⸗ tet, zu dem alle verheirateten Hochzeitsgäſte ſich einfanden. Da hatte denn Herr Große nichts geſpart, um ſeinen Freunden und Mitbürgern ſeinen Wohlſtand zu zeigen, und das Tiſchgeräth von Silber und Zinn, das ſch Eie wu Un alle reit den ein der aus ver Rü dier wo Me˖ wer nac Bü hör ſtul zur ver ſo — 277 ſchöne Linnen und die reichen Möbel von geſchnitztem Eichen⸗ und Nußholz erregten nicht weniger die Be⸗ wunderung der Anweſenden als die feinen Weine aus Ungarn, Frankreich und vom Rheine, das ſüße Backwerk aller Art, die Braten, Schinken und Würſte, welche in reichlichſter Menge aufgetragen wurden. Der Abend war aber noch nicht auf die heiter wer⸗ dende Geſellſchaft niedergeſunken, als die Erſcheinung eines der rothgekleideten Stadtdiener die Fröhlichkeit derſelben unterbrach. Ein Botſchafter vom Hochmeiſter aus Marienburg verlangte noch an dieſem Tage mit dem verſammelten Rathe der Stadt Danzig eine nothwendige Rückſprache zu nehmen, und da das Sprüchwort:„Herren⸗ dienſt gehtüber Gottesdienſt“ ſeine Geltung in den Zeiten wo Krieg droht noch mehr als ſonſt hat, ſo war dieſe Meldung ein Zeichen, daß die Fröhlichkeit beſchloſſen werden müſſe. Die meiſten Frauen verfügten ſich allein nach ihren Wohnungen, denn auf die Anordnung des Bürgermeiſters Letzkau begaben ſich die zum Rathe ge⸗ hörigen anweſenden Männer ſogleich in die neue Raths⸗ ſtube, um dort den Boten des Meiſters zu empfangen. Auch das Rathhaus der reichen Stadt Danzig war zur Zeit noch im Bau begriffen. Die Stube der Raths⸗ verſammlung aber ſchon auf's Beſte ausgebaut und einer ſo blühenden Stadt als Danzig würdig ausgeſchmückt. 278 Die Bürgermeiſter, Rathsherren, Schöppen und Richter hatten ihre Plätze auf reich geſchnitzten und mit Sammtpolſtern verſehenen Bänken, und für den Boten des Meiſters war ein Stuhl von ſchöner Arbeit als Ehrenplatz vorhanden. Dieſer Bote war niemand anders als der Kaplan und Freund Herrn Ulrichs, Johannes Lindenblatt, ge nannt Puſilie, und er begrüßte die anweſenden Herren des wohledlen Danziger Rathes zum größten Theil als ſeine lieben und werthen Bekannten. „Einen ſchönen Gruß von dem ſehr edlen Mei⸗ ſter Ulrich von Jungingen an ſeine lieben Getreuen, die Herren vom Rathe der Stadt Danzig, ſo wie auch an alle getreuen Bürger ſeiner guten Stadt,“ ſagte Herr Lindenblatt, als Conrad Letzkau ihn nach den Befehlen des Meiſters gefragt hatte.„Der König von Polen Wladislaw Jagello und ſeine Verbündeten und Ritter, der ungetreue Withold, Großherzog von Lit⸗ thauen, ſammt Tocktamiſch, dem Tartarenfürſten, ziehen mit großer Heeresmacht heran, den Orden zu bekrie gen und das jetzt ſo glückliche und zufriedene Preu⸗ ßenland in Jammer und Noth zu bringen, nun iſt zwar Se. Gnaden unſer Hochmeiſter, wie es einem echten Ritter geziemet, zum Kampfe wohlgerüſtet und vorbereitet, alle Städte und Burgen des Landes ſind 279 mit Geſchütz und Proviant auf's Beſte verſehen, die edlen Comthuren und Ritter aus allen Balleien haben ihre Mannſchaften aufgeboten und wohlgeſchulet, alle Lehensmänner des Landes ſind verſammelt es zu ſchützen und treulich unter der bekannten Fahne St. Georgs für Haus und Herd und für die heiligſte Reli⸗ gion des Erlöſers gegen dieſe halben und ganzen Hei⸗ den zu kämpfen. Aber der Feinde ſind ſo viele wie Sand am Meerre, und da gebietet die Klugheit, daß man nichts verſäumt, ſie bald und auf's Haupt zu ſchlagen.— Es hat daher der Hochmeiſter beſchloſſen, alle Städte, welche ſich einer wohlbewehrten Miliz erfreuten, und nicht an dem Wege lagen, auf dem der Feind daher käme, zu erſuchen, dieſe Miliz in Bälde zu dem verſammelten Heere ſtoßen zu laſſen und zu⸗ vörderſt nach Marienburg zu ſenden, wo ſie dann ſogleich unter des Hochmeiſters Oberbefehl weiter zie⸗ hen ſollten, das Land zu ſchützen.“ Es war dies— und Herr Lindenblatt wußte es wohl— viel mehr ein Erſuchen als ein Befehl des Hochmeiſters. Die nach lübeckiſchem Recht be⸗ gabten Städte durften ihre Milizen erſt ziehen laſſen, wenn der Feind ſich der Grenze der eigenen Provinz näherte; Danzig hatte nicht eher nöthig einen Mann zu den Fahnen des Hochmeiſters zu ſtellen, als bis 280 an der Grenze Pommerellens, die der Nogatſtrom bil⸗ dete, der Kampf wüthete. Die Geſichter der anweſenden Mitglieder des Ra thes zeigten auch nicht viel Geneigtheit auf den Wunſch des Sprechers günſtig zu antworten, ja Herr Arnold Hecht ſtand ſogar auf, und von Große unterſtützt, ſprach er mit ziemlicher Entſchiedenheit: es ſei ſeine Meinung, daß Danzig, was zumal die alte und die Rechtſtadt anbeträfe, keinerlei Verpflichtungen habe von dem was Rechtens ſei abzuweichen.„Schon ſeit Jahren,“ ſagte er,„ iſt unſer Han⸗ del geſchwächt durch den Orden, indem derſelbe fremde Kaufleute, Engländer und Schotten nach Danzig geru⸗ fen, dieſen draußen ganz dicht am Weichſelufer Bau⸗ plätze eingeräumt und große Privilegien gegeben habe. Die Jungſtadt und Schottland,“ ſetzte er hinzu,„haben jetzt den Tuchhandel, der uns früher reich machte, faſt ganz an ſich geriſſen, ſeit den Mißhelligkeiten mit dem König von Polen kommt nur wenig polniſches Getreide und faſt gar kein lithau'ſches Holz die Bug und Narew hinab zu uns, die wir es nach Schweden und England zu verſchiffen pflegten. Der Orden hat uns in den letzten Zeiten viel mehr Grund zur Klage als zur Dankbarkeit gegeben und wenn wir als getreue Bürger auch feſt ent⸗ ſchloſſen ſind, Alles was unſere Pflicht heißt für unſern Landesherrn zu thun, ſo ſind wir doch gar nicht Willens und ſten, geme tige Geh Ratl Dan hier werd Ord Jahrl Stad dank traut meiſt pfing mein auf! aber, wir Nutz Weie Ord. 281 und haben auch gar keine Urſache mehr als das zu lei⸗ ſten, wozu wir verpflichtet ſind.“ Dieſe Worte des klugen Herrn Hecht ſchienen all gemeinen Anklang zu finden; nur Conrad Letzkau's mäch tige Stimme ſchaffte ſich ſelbſt in dem Beifallsgemurmel Gehör. „Meine werthen Collegen,“ ſagte er,„Bürgermeiſter, Rathsmänner, Schöffen und Richter der rechten Stadt Danzig! Was mein geehrter Freund und College Hecht hier ſagt iſt ſehr wahr und kann gar nicht mehr beſtritten werden, wohl aber möchte ich Einiges hinzuſetzen.— Der Orden, unter deſſen Herrſchaft Danzig nun faſt achtzig Jahre ſteht, hat zwar in letzter Zeit weniger für unſern Stadttheil, als für die neuentſtehenden geſorgt, aber dennoch danken wir ihm des Guten viel, zumal ich, der ich in den traurigen Kriegszeiten früh verwaiſt, von dem edlen Hoch meiſter Conrad von Wallenrode Erziehung und Alles em pfing, was ſonſt Eltern ihren Kindern geben. Zwar was meine Perſon allein betrifft, darf keinen Einfluß haben auf meine Pflichten als Oberhaupt der Stadt. Betrachtet aber, meine geehrten Collegen, den Stadttheil, in welchem wir wohnen und unſere Handthierung mit Ehre und Nutzen betreiben.— Wie die Niederungen zwiſchen Weichſel und Nogat iſt das Land hier erſt durch des Ordens Klugheit und große Baukunſt den Sümpfen des 282 Mottlaufluſſes abgerungen. Das wir hier leben können, das danken wir dem Orden. D'rum aber auch, meine ehrenwerthen Collegen, bewahre uns der Herr, daß der Feind jemals ſo weit vorrücken möge, unſeren Milizen dem Buchſtaben nach die Pflicht aufzuerlegen, ihm ent gegen zu ziehen.“ „Wir alle ſind Deutſche und unſer Feind iſt der Pole, der uns unſere Hafen, die Schiffahrt auf dem Weichſelſtrome, unſern ſchönen auswärtigen Handel nicht gönnt, denn er bedarf unſerer Vermittlung, um ſeine Produkte zu verwerthen. Der Herr bewahre unſern deut ſchen Sinn vor polniſchem Regiment.— Wollen wir die treue Sprache unſerer Mütter nicht mehr im Munde un ſerer Enkel und ſtatt deſſen das Schlangengeziſch des pol niſchen vernehmen? Wollen wir überwundene geduldete Knechte ſein auf dem Boden, den wir mit unſerem Blute erkauften, mit unſern Schweiß den alten Sumpf abran gen? Wollen wir warten bis es zu ſpät wird unſer Recht auf unſeren eigenen Herd zu behaupten? Denn zu ſpät iſt es dazu für uns, wenn das Heer des Hochmeiſters ſo geſchlagen würde, daß dieſe Polen bis an die Nogat rücken.“ Herr Johannes Lindenblatt nickte dem eifrigen Sprecher mit freundlicher Dankbarkeit zu und die Raths⸗ herren der Stadt Danzig waren in wenigen Minuten eini ſein Fah denl eine den, Frä krie Jen getr als zule und Ich ler, auf die gen Nac halt blat nacl dem mann Albertus Martell mit einig ihren Miliz⸗ Haupt en Marienburg unter die ſeinen wohlgeübten Truppen g. r Fahne des Hochmeiſters zu entſenden Als der Saal ſich zu leeren begann, trat Herr Lin n 4 denblatt dicht an den Oberbürgermeiſter.„Noch ein Wort, eine Bitte an Euch, Herr Letzkau, im Namen Sr. Gna er den,“ flüſterte er ihm zu.„Nehmt Euch des böhmiſchen Fräuleins an, das hier ſchutz⸗ und freudenlos in dieſen kriegeriſchen Zeiten in Danzig zurückbleibt.“ „Verzeiht Herr,“ entgegnete Letzkau ebenſo leiſe als ut Jener,„aber der Meiſter verkennt mich. Ich bin ein ge — getreuer Unterthan des Ordens ſo weit es meine Pflicht als deutſcher Mann erheiſcht und meine Ehre als ſolcher zuläßt. Zum Schutze und Aufenthalt ehrbarer Verweiſter ete und frommer Jungfrauen gibt es Klöſter und Stifte. lte Ich bin des Hochmeiſters Unterthan, aber nicht ſein Kupp n ler, und meine Hand möge verdorren, mein Haupt ehrlos cht auf dem Rabenſtein fallen, wenn ich einen Schritt thue, pät die Sünden und Verruchtheiten der Ritter zu begünſti Worten finſter wie die gen.“ Seine Stirn war bei dieſen Zat 4 Nacht geworden und es zuckte ein ſchrecklicher, ſchwer ver haltener Zorn um ſeinen Mund. Herr Johannes Linden en blatt faltete traurig die Hände, er als dem Weggehenden ſo⸗ nachſah und ein tiefer Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt, in⸗ So büßt die Unſchuld für die Schuld. en dem er leiſe flüſterte: 284 Als Conrad Letzkau in ſein Haus zurückgekehrt war, lag noch die finſtere Wolke auf ſeiner Stirn. Frau Ger⸗ trud hatte den Tiſch zur Abendmahlzeit ſo freundlich ge⸗ ordnet und ihre liebevollen Augen hingen ſo theilnehmend an dem Geſicht des Gatten, daß Letzkau ihr voll Herz⸗ lichkeit die Hand reichte und ſie zu ſich ziehend ſein Haupt an ihre Bruſt lehnte. „Bete für mich, herzliebe Frau“, ſagte er,„ich will Dir jetzt beichten.“ Die Matrone hielt den Gatten feſt umſchlungen und horchte mit Spannung dem, was er ihr erzählte. „Es war im Jahre 1383. Es war ein ſchweres und ſchreckliches Jahr, obgleich für mich dennoch ein Jahr voll Glück. Nun Gertrud, T Dr weiſt was ich meine, ich hatte Dich damals kennen gelernt und——* „Conrad, mein lieber Gatte“, ſagte die Frau,„ge⸗ wiß, ich werde jene Zeit nie vergeſſen, und oft hat unſere Marie mich gedauert, daß ſie das Glück der Liebe nicht wie wir kennen gelernt.“ „Ein Menſch kann nicht alles Glück der Welt be⸗ ſitzen, Gertrud“, entgegnete Letzkau.„Wir waren Wai⸗ ſen, ich von der Barmherzigkeit erzogen, Du zwar reich, aber ohne die Liebe von Vater und Mutter in einem fremden Hauſe. Gott gab uns Beiden zum Erſatz für unſer licher trud, füßen lernt ſein Grof lieber mang feſt durch brack ein W Neir chen vor richt ſind erlan war Woh Amt gomn Sta nicht — unſere freudenloſe Kindheit die Liebe, die unſere jugend⸗ lichen Herzen früh verband. Indeß meine herzliebe Ger⸗ trud, das Eine iſt gewiß, wenn Marie auch nicht die ſüßen Freuden ſolch' einer Liebe wie die unſere kennen lernte, ſo wird ihre Ehe darum nicht minder glücklich ſein als die unſere. Wir haben das Herz des wackern Große geprüft, und wiſſen wie redlich ehrenhaft und liebevoll es iſt. In zwei, drei Jahren wird ſie ihren Ehe mann eben ſo lieb haben wie Du mich, davon bin ich feſt überzeugt, und— er hat ſich die Braut errungen durch viel Gutes, das er that, und viele Opfer, die er brachte, während ich, liebe Gertrud, vielleicht— vielleicht ein Verbrechen beging, um die meine zu erwerben.—— Nein! Gertrud zittere nicht und ſieh' mich nicht mit ſol⸗ chen fragenden Augen an, ich werde Dir Alles ſagen: vor Menſchen war, was ich that, meine Pflicht; Gott richtet aber anders, und es heißt im Evangelium:„Selig ſind die Barmherzigen, denn ſie werden Barmherzigkeit erlangen.“— Der edle Meiſter Winrich von Knipprode war in Gott entſchlafen. Friede der Aſche meines theuern Wohlthäters! Conrad Zollner v. Rothenſtein hatte ſein Amt mit einem großen Kampf gegen die Samaiten be⸗ gonnen, und ich hatte als Hauptmann der Miliz unſerer Stadt unter ihm gefochten. Gertrud, eine Frau weiß nicht was ſo ein Krieg auf ſich hat.— Der Orden 28 2 6 hatte einen großen Sieg erfochten, und wir zogen heim, eine Schaar Gefangener, Männer und Greiſe, Weiber und Kinder mit uns führend.“ „Der Meiſter übergab mir und meinem Söhnlein die Bewachung einer großen Zahl Sainaiten, da er ſich an der Grenze der Graudener Wildniß von uns trennte. Höre, Letzkau, ſagte er zu mir, von ſeinem Roſſe mir zum Abſchied die Hand reichend; der in Gott ruhende Herr Winrich von Knipprode hat Dich immer als einen treuen und verläßlichen Mann gerühmt, und ich weiß Du biſt es. Man ſagt mir, Du freieſt um die ſchöne Tochter des Martin Uphagen, der im Kampfe gegen den Vitalienbruder fiel und ein ehrliches Seemanns⸗Begräb niß erhielt in den Wellen.— Schaffe dieſe hier durch die Wildniß und bringe ſie nach Marienburg, ſo wollen wir ſelbſt als Vormund der Jungfrau für Dich werben, und Dir, damit Du den vornehmen Verwandten recht biſt, die Stelle als Danziger Rathſchreiber geben. So eilt er davon mit dem großen Zuge. Ich und meine Sol⸗ daten, kaum ſiebzig Leute, mußten uns den kranken jam⸗ mernden Gefangenen anbequemen, und hinter uns, das wußten wir, waren noch genug bewaffnete Samaiten, die uns folgten.“ „Ich kannte Weg und Steg in der Wildniß, hatte 5 1 287 ich doch in meiner Knabenzeit mit einem Strutter*) dieſe Wälder oft durchſtreift, aber es war keine Klei⸗ nigkeit während der Wanderung durch die unwegſa⸗ men moraſtigen Sümpfe und Wälder die nöthigen 7 Nahrungsmittel für ſo viele Menſchen herbei zu ſchaf fen. Ein Theil unſerer Mannſchaften mußte ſtets 1 weite Tagemärſche machen oder in den fernen Häus chen der Grenzwächter und dun einzelnen zerſerent liegenden Banernhoftn dar Nöthigſte herbei zu ſchaffen.“ „Es war ein furch arn Weg! der Samniten waren ſo viele, daß ſie die zurückbleibenden ihrer Wächter hätten erdrücken können, wenn ſich unter ih⸗ nen ein muthiger Führer gefunden hätte,— und plötzlich ward ich gewahr, daß ſich ein ſolcher unter ihnen befand.— Es war bn rieſenſtarker Mann, der ein ſchönes, muthiges und geduldiges Weib und einen kräftigen Fuahen bei ſich hatte. Man nannte 6 ihn Sungalo. Um ihn ſchaarten ſich die Männer, die Frauen und fein Weih.— Ich Verſtand ihre Sprache wenig oder gar nicht, aber ich ſah, daß Sungalo viel zu den übrigen wredete und end l ſah *) Strutter waren eine Art unregelmäßige Truppen, die Guerillas jener Zeit, die an den Grenzen Preußens und in den Wildniſſen, die das Ordensland von den Nachbar ländern Litvauen, Maſuren und Samaiten ſchied, einen ſteten 1 Pläuklerkrieg mit den heidniſchen Bewohnern führten. — 288 ich, daß er unter ſeinen Kleidern Waffen trug, ein Schwert und eine Streitaxt. „Ich beobachtete ihn nun ſo viel als möglich, wir hatten noch zwei Tage angeſtrengten Wanderns vor uns, bis wir das Ende der Wildniß erreichten, Abends kamen die Soldaten, die ich ausgeſendet, mit wenig Speiſe zurück, und in der Nacht ſah mein ruheloſes Auge den Gefürchteten von einem der La⸗ gerfeuer zum andern gehen und Rückſprache halten mit den müden Gefangenen.“ „Am nächſten Morgen hatte er heftigen Streit mit einem unſerer Soldaten und ſchlug den Mann mit ſeiner Rieſenfauſt nieder. Das war das Sig⸗ nal! Die gefangenen Samaiten ſchaarten ſich zuſam men, ihr wildes Kriegsgeheul durchtönte den Wald. Wie die Tieger fielen ſie über uns her, und Sun⸗ galo ſtellte ſich an ihre Spitze.— Gertrud! Das war ein ſchrecklicher Kampf, die alten Bäume ſchüt⸗ telten ihre thaufeuchten Aeſte. Die Vögel flogen aus ihren Neſtern.— Die Samaiten fochten für ihre Freiheit, für ihre Weiber und Kinder, die ſie in ihre Mitte genommen hatten und mit ihren Leibern deck⸗ ten. Ich focht für Deinen Befitz!— Sie waren waffenlos bis auf Sungalo, nach einer ſchrecklichen Stunde waren alle Männer mit Stricken oder Wei⸗ denzweigen gebunden, und Sungalo wehrte ſich noch und ſein Weib und ſein Knabe ſtanden neben ihm.“ „Endlich ward auch er entwaffnet! Zu gut fühlte ich, daß dieſer Mann das Haupt der Empörung un⸗ ter den Gefangenen ſei.— Wir mußten noch zwei Tage durch die Wildniß ziehen. Noth hat kein Ge⸗ bot! Ich befahl ihn zu tödten.“ „Da trat ſein Weib zu mir, eine ſchöne, ſtattliche Frau, und ſie beſchwor mich, ihrem Gatten das Le⸗ ben zu laſſen. Er ſei gar kein Samaiter, ſondern ein vornehmer lithauiſcher Bojar, und durch Zufall in der Wildniß auf dieſe Truppen, die ich führte, ge⸗ ſtoßen, da er ſich auf der Flucht vor Withold be⸗ fand. Sie bot mir hohes Löſegeld, ſie verſprach, für den Gehorſam der Gefangenen ſtehen zu wollen.“ „Ach! ich ſehe ſie oft noch in meinen Träumen, wie ſie flehte, jammerte, wie ſie zu meinen Füßen lag!— Unterdeß hatten die Leute, denen ich es ſo befohlen, an einer nahen Eiche eine Schlinge gemacht und den ſtarken blühenden Mann gehängt.“— Letzkau hatte die Hand vor die Augen gehalten als er dieſe Worte ausſprach, er war todtenbleich, als er ſein Geſicht wieder erhob.— „Sungalo war lautlos geſtorben, ſein Weib ſah es plöͤtzlich und eine fürchterliche Veränderung trat bei 19 290 ihr ein.— Sie weinte nicht, ihr Fleh'n verſtunmte, aber ſie hob ihren Arm auf, ſchön und weiß, wie der Deine, Gertrud, und auf den Gerichteten zeigend, ſagte ſie mit gräßlichem Tone:„Fluch Dir! Fluch Dir, Conrad Letzkau, ſieh Alles, was Dir lieb iſt, eines ehrloſen Todes ſterben und ſtirb endlich ſelbſt durch Henkershand, Fluch Dir und jede Freude Deines Le⸗ bens werde Dir vergiftet.“— „Dann eilte ſie zu der Leiche, umklammerte ihre Füße und war nicht fortzureißen, noch durch Worte fortzubringen. Ich hatte indeſſen ihren Knaben zu mir genommen und ging ſelbſt hin ihr zuzureden, mit dem Zuge, der nun endlich aufbrechen mußte, zu gehen. „Laß mir mein Kind hier,“ ſagte ſie da,„daß es mit mir ſterbe!“ Ich glaubte in den Knaben das Mittel zu haben, das ſie zwingen follte, zu ihrem eigenen Beſten uns zu folgen. Ich nahm ihn daher mit mir, trotz ſeines Widerſtrebens——⸗ „Was ward aus der Mutter?“ fragte Gertrud leife. „Ich weiß es nicht! ſie blieb bei der Leiche ihres Gatten.“ „Und der Knabe, Conrad?“ „Meiſter Conrad Zollner ließ ihn mit den an⸗ dern ſamaitiſchen Kindern taufen, ſonſt hörte ich auch nichts mehr von ihm!“ ——,— —— imte, e der ſagte Dir, eines durch 3 8 Le⸗ ihre Vorte i mir dem „Und Du wardſt Stadtſchreiber in Danzig und ich Dein Weib!“ ſagte Gertrud endlich, ihr Geſicht an des Gatten Bruſt verbergend.„O mein theurer, theurer Eheherr! wir haben allen Grund zu wachen und zu beten, denn es liegt ein Fluch auf unſerem Glücke.“ „Bete, Gertrud! bete,“ entgegnete Letzkau— „wir leben in einer ſchweren Zeit, wo die Verſuchung leicht über des Menſchen Herz kommt; aber, herzliebe Frau, glaube mir, ich that nur wie ich mußte, wie es die Pflicht mir gebot!“— „Ich glaube Dir dies, mein theurer Herr“, ſagte die ſanfte Frau,„aber ich bitte Gott, daß Dir in Zukunſt es geſtattet ſein möge, die ſchweren Pflichten Deines Amtes mit Nachſicht üben zu können.“— v